ſcher, engliſche 3 don Eduard Olkmann in Gießen, ff Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.„ 3 1— Jeiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens hr bis Abends 8 Uhr offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſen angenommen. 4 T 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 3 V tterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mrk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „„„. 3„= u=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. † 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit upfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird —— beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Friedrich der Große ſein Hof. Von L. Mühlbach. Neue Folge: Kriedrich der Grusse und zeine Geschwister. Dritte Auflage. —— Verlin. Verlag von Otto Jank e. 1859. Friedrich der Große und ſeine Geſchwiſter. Von f. Mühlbach. Zweite Abtheilun g. Dritter Band. Dritte Auflage. ———— Berlin. Verlag von Otto Janke. 1859. Vorrede. Ich bin zu Ende, das heißt, ich muß zuletzt doch einmal ein Ende machen, und dieſe Arbeit aus dem Leben Friedrich's zu einem Abſchluß bringen. Aber indem ich's thue, indem ich mit dieſer letzten Abtheilung eine Arbeit ſchließe, die mich drei Jahre lang beſchäftigt, erfreut und belehrt hat, empfinde ich die tiefe und unaus⸗ ſprechliche Wehmuth, die man empfindet, wenn man nach langem und ſchönem Beiſammenſein von einem Freunde Abſchied nimmt und ſcheidend nur fühlt, wie viel Schönes und Erfreuliches man von dem Freunde empfangen, und wie wenig man ihm ſelber hat ſein können, wie viele Stunden der Erhebung, der inneren Samm⸗ lung, der Belehrung man ihm verdankt, wie arm und ſchweigſam man dem Gebenden gegenüber geſtanden,— mit leeren Händen, aber mit einem vollen Herzen! So iſt es mir ergangen mit dieſer Arbeit. Sie iſt mir in der That ein lieber und belehrender Freund geweſen, ich habe ihr viel zu danken, und fühle und habe es immer gefühlt, daß ich ihr nicht genügen konnte. Der rieſengroße, machtvolle Stoff hat mich oft überwältigt, oft bin ich zurückgebebt vor der Größe meines Vorhabens, und mochte nicht wagen weiter fortzufahren. Aber — VIII— dann erinnerte ich mich immer wieder jener allerliebſten Anecdote, wie einſt ein deutſcher Gelehrter Abends bei Friedrich dem Großen eine Audienz hatte. Es war dies das erſte Mal, daß der Ge⸗ lehrte dem großen Könige gegenüberſtand, und in dieſes große fun⸗ kelnde Feuerauge blicken durfte. Auch fühlte er ſich ganz verwirrt, ganz beklommen, und wenn der gewaltige Blick des Königs auf ihm ruhte, hatte der deutſche Gelehrte ein Gefühl, als ob er unter dieſen Blitzen des Zeusauges zu Staub zerfiele. Er gab nur ſtot⸗ ternde, verlegene Antworten, er hörte in ſeiner Verwirrung kaum, was ihn der König fragte. Friedrich aber hatte Mitleid mit ſeiner Verwirrung; mit einem ſanften Lächeln trat er zu dem Tiſch, und blies die Wachslichter auf dem Armleuchter aus. Sie waren jetzt im Dunkeln, aber der König ſetzte ruhig, als ſei nichts ge⸗ ſchehen, die Unterhaltung fort. Der Gelehrte, nicht mehr getroffen von den Blitzen des königlichen Auges, gewann ſeine Faſſung und Ruhe wieder und ging nun mit Lebhaftigkeit und Geiſt auf die Unterhaltung des Königs ein. An dieſe Anecdote, wie geſagt, erinnerte ich mich oft, wenn ich es wagte dem großen König gegenüber zu treten, und oft, wenn ich die Feder in die Hand nahm, habe ich ganz laut den Geiſt des großen Königs gebeten, das Licht auszublaſen, damit ich nicht geblendet würde von ſeinen Blicken, ſondern meinen Geiſt ſammeln und in meiner Unterhaltung mit Friedrich wenigſtens die beſte Kraft meiner Gedanken ausſprechen könnte. Aber das Lichtausblaſen hat mich doch immer noch nicht be⸗ fähigt, meinen Stoff ſo zu bewältigen, ſo ſeiner Herr zu werden, wie ich fühle, daß es ſein müßte. Ich habe leider noch niemals dieſes beſeligende Gefühl, dieſe ſich im eigenen Glanze ſonnende Selbſtgenügſamkeit gehabt, wie ſie heut zu Tage die meiſten unſerer jungen Dichter und Dichterlinge, unſerer Eintagsfliegen des Ruhms haben. Glückliche Leute, welche ſo klug, ſo ſtolz, ſo geiſtreich ge⸗ boren werden, daß ſie gar nichts zu lernen, gar nichts zu wiſſen brauchen, als ſich ſelber, welche gar keine Autoritäten, keinen Reſpect vor Anderen kennen, ſondern die ſich ſelber ihre einzige Autorität ſind, das einzige Weſen, vor dem ſie Ehrfurcht em⸗ pfinden— das einzige Weſen, mit dem ſie zufrieden ſind.— Ich, wie geſagt, kenne dies beſeligende Gefühl des Zufriedenſeins mit meinen Arbeiten nicht. Noch niemals haben dieſelben meinem Wollen, meinen Intentionen genügt, immer habe ich gefühlt, daß meine Kraft ſchwächer als mein Wille, daß ich immer und immer nur eine Strebende, eine Fortſchreitende, eine Wollende bin! So bitte ich meine Leſer um Nachſicht auch für die letzte Abtheilung dieſes Werkes, das jetzt in dreizehn Bänden geſchloſſen vor ihnen liegt. Ich habe wenigſtens ein ehrliches Streben ge⸗ habt, es iſt mir um die innere Characterentwickelung dieſes großen Mannes zu thun geweſen, den Viele nur als den kühnen Helden, Viele als den weiſen Geſetzgeber, den ſelbſtregierenden König, ſehr Wenige aber als den zartfühlenden, weichen Menſchen kennen, der er wirklich war. Ich wollte Friedrich als den Menſchen zeichnen und aus ſeiner Seele und ſeinem Herzen heraus ſein Leben ent⸗ wickeln. Das iſt mein Beſtreben geweſen, meine einzige Abſicht! Immer mein Ziel vor Augen habend, bin ich vorwärts geſchritten, nicht rechts noch links ſchauend, buhlend um keine Gunſt, um keinen Beifall, nur genügen wollend meiner eigenen Idee, und der hohen Begeiſterung, die ich für den großen Menſchen Friedrich den Zweiten empfinde, nur nachſtrebend dem großen Ziel, das ich mir ſelber geſteckt.— Der Beifall meiner Leſer iſt mir auf meinem ſchwierigen Wege ſtets als die einzig wünſchenswerthe und erfreuliche Auf⸗ munterung erſchienen und wird jetzt auch am Ende meines Weges für mich der einzig wünſchenswerthe Lohn ſein! Möchten ſie im Stande ſeien, ihn mir zu gewähren! Berlin, den 18. Oct. 1854. Clara Mundt. L. Mühlbach. Inhalt des dritten Bandes. Seite Kapitel I. Die Rückkehr des Königs...... 3 ⸗ II. Prinz Heinrich............... 21 III. Mutter und Tochter............. 30 ⸗ 1V. Der König in Sansſpuci............ 47 V. Der gravirte Becher........... 61 VI. Die Prinzeſſin und der Diplomat......... 73 ⸗ VII. Der königliche Hansſpion......... a... 82 ⸗ NIII. Das Unglück bricht herein............ 89 ⸗ IX. Bruder und Schweſter........... 100 ⸗ X. Der Kindeskalb............. 112 ⸗ XI. Die Entdeckung........... 1127 ⸗ XII. Ein Vormittag in Sansſonci......... 136 ⸗ XIII. Die Rache des Chemannes........... 155 XIV. Die Entſcheidnng.............. 166 — — Erſtes Buch. Nach dem ſiebenjährigen Nriege. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. III. 1 J. Die Rückkehr des Königs. Ganz Berlin prangte heute in glänzendem Feſtſchmuck; denn es war heute ein großer, ein freudenvoller Tag, der erſte nach langen Jah⸗ ren der Trübſal, der Bedrängniß und Noth. Der König wollte heute heimkehren nach Berlin, welches er ſeit ſieben Jahren nicht geſehen. Der Krieg war beendet, und in Hubertsburg hatten die Mächte endlich nach ſiebenjährigem Kampfe Frieden gemacht. Keiner hatte bei dieſem Frieden gewonnen; nicht eine der Städte und Feſtungen Schleſiens war dem König von Preußen wieder abgewonnen worden, aber er hatte ſich mit den früheren Eroberungen begnügen müſſen, und keine neuen Pro⸗ vinzen den ſchon früher gewonnenen hinzufügen können. Der Krieg war beendet, und jetzt war Alles wieder ſo, wie es vor dem Kriege geweſen; die Folgen des Krieges konnten nicht nach den Gewinnſten, ſon⸗ dern nach den Verluſten berechnet werden, Niemand wußte zu ſagen, was er gewonnen, aber Jedermann, was er verloren habe. Preußen hatte in dieſen ſieben Jahren an ſtreitbaren Männern ein⸗ hundertundachtzigtauſend, die Franzoſen zweimalhunderttauſend, die Ruſſen einhundertundzwanzigtauſend, die verbündeten Engländer und Deutſchen einhundertundſechzigtauſend, die Sachſen neunzigtauſend, und die Schwe⸗ den und die Reichsvölker endlich ſechzigtauſend verloren. Die ſieben Jahre hatten dem unglücklichen Europa faſt eine Million Männer gekoſtet, deren Blut den Boden Deutſchlands gedüngt hatte, deren Gebeine in deutſcher Erde gebettet waren, während in ganz Europa 1* 141— weinende Mütter, Weiber und Kinder mit gramumdüſterten Zügen ihr Antlitz dem Lande zukehrten, welches ihnen das Theuerſte geraubt, und ſie ſogar um das ſchmerzlich ſüße Glück gebracht alie auf den Grä⸗ bern ihrer Todten zu weinen und zu klagen. Aber nicht blos nach Menſchen berechneten die Staaten und Völker ihre Verluſte, nicht blos nach vergoſſenem Blut, ſondern auch nach dem, welches das Blut des Staatskörpers iſt, nach dem Gelde. England hatte während dieſes Krieges ſeine Schuldenlaſt um ſiebenzig Millionen Pfund Sterling vergrößert, ſo daß es jetzt jährlich an Zinſen ſeiner Schulden allein vier und eine halbe Million Thaler zu zahlen hatte; Oeſterreich berechnete jetzt ſeine Staatsſchulden auf fünfhundert Milllionen Gulden; Frankreich auf zweitauſend Millionen Livres; Schwe⸗ den war dem Bankbruch nahe, und das unglückliche Sachſen hatte während des Krieges an Kontributionen und Lieferungen über ſiebenzig Millionen Thaler an Preußen zahlen müſſen. Preußen hatte im ſtrengen Sinne des Worts keine Schulden gemacht, aber es war dennoch ebenſo ſchlimm daran, wie die Uebrigen, denn es hatte entwerthetes Geld, das nur der Zwang des Krieges im Cours erhalten, das jetzt aber Niemand anerkennen wollte. Mit dieſem entwertheten Gelde war ganz Preußen überſchwemmt, man hatte damit die Beamten bezahlt, die Zinſen entrichtet, die Geſchäfte an der Börſe gemacht, ſo daß es jetzt am Ende des Krieges allen Denen, welche in ihren Taſchen dieſes ſchöne, blinkende Geld Ephraims*) tru⸗ gen, erging, wie es den Reichen im Mährchen ergeht: die blinkenden Goldſtücke, welche ſie in der Nacht geſammelt, hatten ſich am Morgen in erloſchene Kohlen verwandelt.— An dieſem werthloſen Gelde allein war man reich; von dieſem Gelde allein fanden ſich in des Kriegszahl⸗ mneſſters Verwahrjem bei'm Ende des Krieges noch zweimalhunderttau⸗ 5) Der Iude Ephraim, dem Friedrich für eine hohe Summe die Münz⸗ prägung verpachtet hatte, ſchlug in den letzten Kriegesjahren ſo ſchlechtes und gehaltloſes, dabei aber ſo gut geſottenes und glänzend erſcheinendes Geld, daß der Volkswitz, der dieſe Thaler nur die Ephraimiten nannte, von ihnen ſagte: Von Außen ſchön, von Innen ſchlimm, Von Außen Friedrich, von Innen Ephraim. — 5— ſend Thaler, und der Privatſchatoulle des Königs noch achthundert Thaler vor. Das ſchlechte Geld überſchyemmte das Land, das gute aber ſchien wie verſch unden, es war zin Feindes Landen verausgabt, oder vonfihm aus deng Inland gewaltſam entführt, denn einhundertfünf⸗ undzwanzig Millfone Thaler Brandſchatzung hatten die Feinde in den Ländern des Königs von Preußen erpreßt. Und dazu fehlte es an Silber, um ſogleich neues Geld ſchlagen zu laſſen. Die Privatleute hatten längſt ſchon ihr Silber und Gold auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt, der König hatte nicht blos ſeine ganze Silberkammer, ſon⸗ dern ſogar das von ſeiner Mutter geerbte goldene Service hergegebens um daraus Geld für ſein Heer ſchlagen zu laſſen, und als dies nicht mehr genügte, hatte er die Brillanten ſeines Hausſchatzes, die berühmten Brillantknöpfe und den ganzen Schmuck des prachtliebenden erſten preu⸗ ßiſchen Königs demſelben Zwecke geopfert.— Die Kaſſen und Mittel des Königs waren daher für den Augenblick ebenſo erſchöpft, wie die ſeiner Unterthanen. Und wie die Menſchen und die Kaſſen, war auch der Boden Preußens erſchöpft. Die Felder lagen unbebauet, weil es an Vieh und an Saaten nicht allein, ſondern auch an Menſchenhänden, ſie zu beſtellen, fehlte, der Handel und die Induſtrie lagen ganz dar⸗ nieder, überall waren die Zuſtände zerrüttet, hoffnungslos und trübe, überall hatte man zu ringen mit Noth, zu lämpfen mit Entbehrung und Entmuthigung. Das allein waren die Früchte des Krieges, der ſieben Jahre hin⸗ durch wie eine Geißel die Völker Europa's blutig gepeitſcht und wie ein Würgengel umhergezogen war durch alle Länder, mit ſeinem Feuer⸗ odem alles Glück, allen Wohlſtand, alle Ruhe verſengend, und allen Lippen Klagen, allen Augen Thränen entlockend. Und dennoch hatte Preußen dieſem Kriege ſo Vieles und ſo Großes zu verdanken. Obwohl blutend aus tauſend Wunden, obwohl erſchöpft und todesmatt konnte man ihm doch ſchnelle und baldige Geneſung ver⸗ heißen. Dieſe Geneſung lag in ſeiner Jugend, in ſeiner friſchen, noch unverdorbenen Lebenskraft. Während alle die anderen Staaten die Wunden, die der Krieg ihnen geſchlagen, lange und ſchmerzlich an ihrem alten und abgenutzten Körper tragen mußten, durfte Preußen hoffen, ſie — 6— bald vernarben zu ſehen, denn es war, wie geſagt, kraft, es war moraliſch gewachſen während dieſer Jahre des Krieges, es war groß geworden unter deſſen Dra gſalen, und ſtellte ſich jetzt in die Reihe der Großmächte als die ju lebensvollſte.— Die Lorbeeren, welche das Ha warfen ihren Strahlenglanz über ganz Preußen hin, unter dieſem Sonnenſchein des Ruhms mußten die Wunden der Vergangenheit bald ſich ſchließen, die Geneſung bald mit roſigem Lächeln daher kommen, in ihrem Gefolge Wohlſtand und Glück mit ſich führend. Dieſe freudige Ueberzeugung, dieſes vielleicht unbewußte Gefühl durchdrang Aller Herzen, und darum trocknete man, ſobald die Kunde von dem abgeſchloſſenen Frieden ſich verbreitete, allüberall in Preußen die Thränen aus den Augen, darum riß man die Trauerflore von den Armen, um ſie in Vivatbänder zu verwandeln, und damit dem König und dem heimkehrenden Heer ſeine freudigen Grüße entgegen zu winken. Und deshalb hatte heut Berlin nach langen Jahren der Trauer wieder eine Feſttagsmiene angenommen, deshalb vergaß es heut alle ſeine vergangenen Leiden, all ſein Unglück und ſeine Noth, weil es nun hoffen durfte auf die Zukunft und auf das Glück. Berlin durfte es wagen mit heiterem Lächeln und reinem Gewiſſen ſeinem König gegenüber zu treten, denn es hatte ſich treu und tapfer bewährt in den Zeiten der Gefahr, es hatte ſich niemals kleinmüthig unterworfen, es hatte niemals, wie Königsberg das gethan, den ſiegreichen Feind, den es in ſeinen Mauern ſah, als ſeinen berechtigten Herrn anerkannt, und ſich ihm in Untertha⸗ nenpflicht gebeugt. Die Oeſterreicher und die Ruſſen waren Sieger ge⸗ weſen der Mauern und Straßen Berlins, aber den treuen und uner⸗ ſchütterlichen Muth ſeiner Bewohner hatten ſie nicht zu beſiegen gewußt. Ueberall hatte man ihnen einen trotzigen, unbeugſamen Widerſtand ent⸗ gegengeſetzt, und wenn in Königsberg die Prediger von den Kanzeln ſogar für die Kaiſerin von Rußland, als für ihre Kaiſerin und Herrin, beten konnten, ſo beteten ſie in Berlin nicht nur von allen Kanzeln wäh⸗ rend der Anweſenheit der Feinde für die Wohlfahrt und das Glück des Königs, ſondern die Voſſiſche und die Spenerſche Zeitung, welche in Berlin das Organ der öffeutlichen Meinung geweſen, enthielten ſo ener⸗ giſche und kühne Artikel, daß der Zorn der feindlichen Sieger dadurch auf's Höchſte gereizt ward, und die Verfaſſer dieſer Artikel nur mit Mühe ſchmachvoller Strafe entgehen konnten.*) Aber alle dieſe Noth und dies Unglück war jetzt vergeſſen; man ſah in Berlin heute nur freudige Geſichter, nur Lächeln und Heiterkeit. Die ganze Stadt ſchien unter den Sonnenſtrahlen des Glücks aufzu⸗ athmen, und es ſchien heute Niemand zu leiden, Niemand zu trauern. Und doch waren unter den achtundneunzigtauſend Einwohnern von Berlin über dreißigtauſend Menſchen, welche wöchentlich Almoſenbrod em⸗ pfingen, ſo daß faſt der dritte Theil ſeiner Einwohner Almoſenempfän⸗ ger war.**) Aber heute hungerte man nicht und durſtete man nicht, heute gab es keine leibliche Noth, heut war Jeder frohen Herzens und lächelnden Angeſichts. Der König wollte heute endlich nach ſieben Jahren der Ab⸗ weſenheit wieder nach Berlin zurückkehren, nachdem die königliche Familie ſchon vor einigen Tagen, von Magdeburg kommend, daſelbſt eingetrof⸗ fen war. Jedermann war daher auf die Straße hinausgeeilt, um den König zu ſehen, der bei ſeinem Auszug aus Berlin ſchon der Heldenkönig Preußens geweſen, und der jetzt wiederkehrte als der Heldenkönig Eu⸗ ropa's, dem alle Völker zujauchzten, deſſen Name in der Tartarei und in Afrika, in allen Theilen der civiliſirten und unciviliſirten Welt mit Bewunderung und Staunen genannt ward.**)— Auf allen Straßen war ein freudiges Gewoge. Alles drängte dem Frankfurter Thore zu, durch welches der König ſeinen Einzug halten mußte. Dort hatte man den größten der Triumphbogen, mit denen übrigens alle Straßen Berlins *) Wenn ich mich hier mit dieſen kurzen Andeutungen über Berlin und die Berliner während des ſiebenjährigen Krieges begnügen muß, ſo habe ich dieſe Zeit um ſo ausführlicher in einem früher erſchienenen Roman,„Johann Gotz⸗ kowsky, der Kaufmann von Berlin“(drei Bände), behandelt, und darf dieje⸗ nigen meiner Leſer, welche ſich dafür intereſſiren, un dieſes Buch verweiſen. **) Preuß. Friedrich der Große. Th. II. S. 348. e) Napoleon ſagt in den Memoiren ne Kammerherrn Las Caſas: „Nicht das preußiſche Heer hat ſieben Jahre lang Preußen gegen die drei größ⸗ ten Mächte Europa's vertheidigt, ſondern Friedrich der Große.“ 4 3 — 8— geziert waren, aufgeſtellt, dort flatterten die Fahnen und Standarten aller preußiſchen Provinzen von dem kunſtvollen, aus Blumengewinden und vergoldeten Säulen zuſammengeſetzten Bau hernieder, von dort aus bildete die berittene Bürgerſchaft Berlins ein Spalier bis weit hinaus auf die Landſtraße, welche der König zu paſſiren hatte, und Aller Blicke waren die Straße hinaufgewendet, und Jeder wartete mit hochklopfendem Herzen auf das Erſcheinen des Helden, deſſen Stirn ſo viele und koſt⸗ bare Lorbeern zierten. Aber Niemandes Herz klopfte ſo laut, Niemandes Blicke ſchauten mit ſolcher inbrünſtigen Sehnſucht die Straße hinauf, als die des Mar⸗ quis d'Argens, der an der Spitze der Bürgerſchaft, unmittelbar neben dem Triumphbogen hielt. Er war es geweſen, der die Berliner Bürger zu dieſem feſtlichen Empſang organiſirte, er hatte alle Veranſtaltungen angeordnet, allen Triumphbogen ihre Stelle und ihre ſinnigen Verzie⸗ rungen gegeben; für ſeinen geliebten königlichen Freund hatte er ſeine ſo geliebte Behaglichkeit aufgegeben, für ihn hatte er trotz ſeiner ſonſtigen ängſtlichen Beſorgniß für ſeine Geſundheit ſich hinaus gewagt in die harte und ſchneidende Luft dieſes rauhen Märztages, für ihn hatte er gethan, was er ſeit manchem Jahr nicht gethan, für ihn hatte er ein Pferd beſtiegen, und weil er an ihn dachte, fand er nicht einmal Zeit auf dem Rücken dieſes Thieres Beſorgniß zu hegen, oder ſeiner lebhaften Phantaſie alle Schreckniſſe vorzumalen, die einen, von einem durchgehen⸗ den Pferde abgeworfenen und geſchleiften Reiter bedrohten. Freilich bot ſein Pferd zu ſolchen Beſorgniſſen wenig Gelegenheit, es hatte längſt ſeine üppige Jugendgluth verloren, und ſtand mit lamm⸗ frommer Geduld ſtundenlang neben dem Triumphbogen; es ſtand auch noch dann geduldig, als ſein Reiter längſt die Geduld verloren hatte, und faſt zornig zu werden begann über das lange Ausbleiben des Kö⸗ nigs, und in ſeiner lebhaften, gasconiſchen Manier endlich in laute Klagen ausbrach über den hartherzigen Helden, der ſeinen Bewunderern nicht geſtatten wollte, wie es ſchien, ihn im Triumphe einholen zu können. Freilich hätte der Marquis ſehr gut wiſſen können, daß dem König nichts unbequemer ſei als ſolche öffentliche Schauſtellungen, daß er nichts lieber vermied, als dieſe officiellen Demonſtrationen, die für den Geber eine ebenſo große Laſt ſind als für den Empfänger. Aber das Herz des guten Marquis war heute voll, es ſprudelte über von Glück und Freude, es war ihm Bedürfniß, ſich auszujauchzen, und in die Welt hinein ſein Vivat, Vivat zu ſchreien. In dem Egoismus ſeiner Liebe und Begei⸗ ſterung vergaß er daher die Neigungen des Königs zu berückſichtigen, und folgte nur ſeinen eigenen. Vielleicht ahnte der König dieſen Triumph, den ihm die guten Ber⸗ liner bereiteten, und vielleicht ſchien es ſeinem edlen und zartfühlenden Herzen nicht angemeſſen, den heimkehrenden Lebenden zuzujauchzen, da man ſo viele Tauſende zu betrauern hatte, die nicht heimkehrten!— Vielleicht mochte er Berlin nicht im feſtlichen Schmucke ſehen, Berlin, in welchem während ſeiner Abweſenheit ſeine Mutter geſtorben war. Stunde nach Stunde verging, die Sonne begann zu ſinken, die aus den Treibhäuſern in die harte Märzluft entführten Blumen an den Triumphbogen ſenkten traurig ihre Häupter, der Wind raſchelte unge⸗ ſtüm durch die Draperien und verſchob ihren kunſtvollen Faltenwurf, die Bürger begannen trotz ihres Enthuſiasmus doch zu empfinden, daß ſie hungerten, und ſehnten ſich recht ſehr nach der Beendigung der Empfangs⸗ feierlichkeiten,— und der König kam noch immer nicht! Man harrte noch einige Zeit geduldig aus, dann begannen nach und nach einzelne Bürger den Zug zu verlaſſen, und wandten ihre Pferde, um in die Stadt zurückzukehren; das böſe Beiſpiel fand begierige Nach⸗ ahmer, und das Spalier der berittenen Bürgerſchaft verkleinerte ſich immer mehr. Als es zu dunkeln begann, waren nur noch einige hundert Bürger bei dem Triumphbogen zurückgeblieben, und auch die Geſichter dieſer ſpartaniſchen Männer zeigten nur noch wenig von der enthuſiaſti⸗ ſchen Freude des Morgens. Marquis d'Argens war in Verzweiflung, und wäre der König jetzt eben gekommen, würde er ſtatt der jubelnden Begrüßungsworte vielleicht, wie ſchon öfter geſchehen, von dem leidenſchaftlichen Marquis eine ernſte Philippica gehört haben. Aber der König gab ſeinem Freunde nicht einmal die Gelegenheit, mit derſelben ſein Herz zu erleichtern. Er kam noch immer nicht! Marquis d'Argens ſchlug daher den Bürgern vor, ſich Fackeln zu — 10— holen, um damit dem König den Pfad zu beleuchten, und ſeinem Ein⸗ zug trotz der Nacht ein feſtliches Ausſehen zu geben. Man ging bereit⸗ willig darauf ein, und die Meiſten beeilten ſich, nach der Stadt zu reiten, um Fackeln zu holen. Bald erglänzte nun die Straße vom blutrothen Schein der Fackeln, deren flackerndes Licht ſeine ſeltſamen Streiflichter über dieſes ſchwarze, wogende Menſchenmeer warf, das da den weiten Raum vor dem Triumph⸗ bogen erfüllte, und aus dem hier und da der Fackelglanz ein Menſchen⸗ antlitz, ein paar glühende Augen, oder einen lachenden Mund in heller Beleuchtung hervorhob. Und jetzt ſah man in der Ferne den Glanz zweier Lichter, welche raſch näher und näher kamen. Das waren die Lichter am Wagen des Königs! Jetzt hörte man von dem unteren Ende des Zuges her das Jauchzen und Vivatſchreien, es wälzte ſich wie eine Lawine näher und näher heran, es ſtürzte ſich jetzt unter die auf dem Platz verſammelten Maſſen des Volks, es erfüllte die Luft wie mit dem Donner von Ge⸗ ſchützſalven. Es lebe der König! Es lebe Friedrich der Große! Der Wagen kam näher und nüäher, jetzt umtanzten ihn ſchon hunderte von Lichtern, denn die Bürger mit ihren Fackeln ſchloſſen ſich ihm an, umringten ſeinen Wagen, ritten hinter ihm her, ſo daß der Wagen des Königs jetzt wie in einem Meer von Licht dahinrollte. Nun hielt er am Triumphbogen. Der König erhob ſich in ſeinem Wagen, und wandte ſein Antlitz dem Volk zu, das aus tauſend und aber tauſend Kehlen ihm entgegenjauchzte. Die Fackeln beleuchteten ſein An⸗ geſicht, und gaben mit ihrem röthlichen Schein ſeinen Zügen den friſchen, ſtrahlenden Ausdruck der Jugend wieder, und zeigten dem Volke das flammende, gewaltige Auge des Königs, in dem noch dieſelbe Energie, dieſelbe Herrſcherkraft wie früher blitzte, und zeigten ihm das ſanfte gütige Lächeln, das den ſchönen feinen Mund des Königs unſſpielte. Und ein unermeßlicher Jubel erfüllte bei dem Anblick dieſes lang⸗ entbehrten Angeſichts die Luft. Das Volk weinte, jauchzte, ſchrie und lachte vor Entzücken, es breitete die Arme aus, als wolle es den König, der da glänzend und ſchön über ihnen leuchtete, in einer einzigen Umar⸗ mung an ſich ziehen, es warf mit den Händen ihm Küſſe zu, und indem es ſeinen Namen nannte, ſchien es zu Gott zu beten für ſein Wohl. Aber Einer ſtand am Wagen, der ſprach nicht, und doch waren ſeine zitternden Lippen beredeter als alle Worte, denn welche Worte hätten das wohl auszuſprechen vermocht, was der Marquis d'Argens in dieſem Moment empfand, welche Worte hätten den Jubel, die Rührung und Freude zu ſchildern vermocht, die ſeine ganze Seele bewegten, und ſeine Augen mit Thränen füllten! Jetzt ſah ihn der König, und ihm ſeine Hand darreichend, lud er ihn ein, in ſeinem Wagen ihm gegenüber neben dem General Lentulus Platz zu nehmen. Er ſelbſt reichte dem Freunde die Hand, um ihm behülflich zu ſein, ſich vom Pferde in den Wagen zu ſchwingen. Dann grüßte er noch einmal mit dem Winken ſeiner Hand das jauchzende Volk. Und nun vorwärts, vorwärts, nach Charlottenburg, gerade durch Berlin! rief der König ſich in den Wagen zurücklehnend. In raſchem Trabe fuhr der Wagen in Berlin ein. Diejenigen, welche den Muth oder die Kraft verloren, den König da draußen zu erwarten, waren jetzt auf die Straße gekommen, ihn mit ihrem Vivat zu begrüßen. Aber der König richtete ſich nicht wieder aus der düſtern Ecke ſeines Wagens empor, er überließ es dem neben ihm ſitzenden Herzog Ferdinand von Braunſchweig dem Volk zu danken und es zu grüßen. Er ſelbſt aber blieb ganz unbeweglich, ganz theilnahmlos, er ſchien den Jubel des Volks, das Jauchzen und Rufen gar nicht zu hören, nicht ein Wort kam über ſeine Lippen, nicht einmal hob er die Hand zum Gruß empor. Nur wie ſie jetzt über die Königsbrücke auf den Schloß⸗ platz kamen, auf dem das Volk in dichtem Gewoge ſich drängte, da rich⸗ tete der König ſich empor. Aber nicht, um dieſe Häuſer rings um den Platz zu betrachten, welche man glänzend illuminirt hatte, und die in einem Lichtmeer funkelten, ſondern auf das Schloß allein richteten ſich die Blicke des Königs, auf dieſe ſchwarze, ſchweigende Steinmaſſe, welche ſich da zu ſeiner Rechten erhob und die im Gegenſatz zu den ſtrahlenden jauchzenden Häuſern ernſt und dunkel wie ein ungeheurer, von Lichtern umgebener Sarg erſchien. Auf das Schloß allein richteten ſich die Blicke des Königs, und jetzt hob er die Hand, aber nicht um das Volk zu grü⸗ Man hatte ſie zum Empfang des Königs gleichſam in einen Tempel — 12— ßen, ſondern um ſie über ſein Antlitz zu legen, und indem er es that, hörte der Marquis ihn ſeufzen:„oh meine Mutter! Meine Schweſter!“ Das Volk begrüßte mit lautem Jubel den König, welcher ihm wie⸗ derkehrte; aber der König begrüßte in dieſem Moment mit tiefem Schmerz⸗ gefühl nur Diejenigen, welche ihm niemals wiederkehrten, welche der Tod ihm auf ewig entriſſen hatte! Weiter ging es durch die feſtlich erleuchteten Straßen, durch die Reihen des jubelnden Volkes dahin. Alle Einwohner Berlins ſchienen ſich auf dem Wege des Königs zuſammen zu drängen, Jeder wollte dem heimkehrenden Helden ſein Vivat entgegenjauchzen! Es war ein unermeßlicher Triumph, wohl im Stande ſelbſt das Herz eines Königs mit ſtolzer Freude zu erfüllen, denn man konnte an dieſen freudeſtrahlenden Geſichtern, an dieſem aus voller Bruſt tönenden Jubelgeſchrei ſehr wohl erkennen, daß dies kein officieller, befohlener, ſondern ein aus dem Herzen kommender Empfang ſei.— Berlin jauchzte ſeinem Helden entgegen, es ſah nicht, daß dieſer kein Auge, keinen Blick mehr für ſein Volk hatte. Die Dunkelheit hatte ihren düſteren Schleier über das traurige Antlitz gelegt, und Niemand ahnte, daß der König, den man jubelnd durch die Straßen geleitete, in dieſer Stunde nur ein weinender Sohn, ein trauernder Bruder war. Endlich lag dieſe in Glanz und Freude ſtrahlende Stadt hinter ihnen, und der Wagen rollte auf der düſteren Allee durch den Thier⸗ garten nach Charlottenburg. Allmählig erſtarb hinter ihnen das Schreien und Jauchzen, und eine wohlthuende Stille umgab ſie jetzt. Der König ſprach noch immer nicht; Niemand wagte daher dieſes melancholiſche Schweigen zu unterbrechen. Der Triumphzug des Königs ſchien ſich jetzt in einen Trauerzug verwandelt zu haben, der Sieger ſo vieler Schlachten ſchien nun von ſeinen Erinnerungen beſiegt zu ſein. Jetzt hielt der Wagen vor dem erleuchteten Schloß zu Charlotten⸗ burg, deſſen weiter Vorhof mit den Bewohnern des kleinen Städtchens angefüllt war, die den König ſo enthuſiaſtiſch begrüßten, wie die Berliner es gethan. Der König grüßte ſie mit einem raſchen Winken der Hand, und trat dann ſchnell in die Vorhalle des Schloſſes ein. — 13— der Freude umgewandelt. Die Säulen, welche die Decke trugen, waren umrankt von köſtlichen Blumengewinden und zarten Draperieen; gold⸗ blitzende Fahnen und Embleme zierten und bargen die Wände, koſtbare türkiſche Teppiche bedeckten den Fußboden, von vergoldeten Candelabern warfen zahlreiche Kerzen ihr glänzendes Licht durch die Halle und be⸗ leuchteten die lächelnden Geſichter der glänzenden, mit blitzenden Ordens⸗ ſternen gezierten Hofcavaliere, die reiche Parure der Hofdamen, welche ringsum in der Halle an den Wänden ſtanden. In der Mitte des Raumes ſtanden zwei Frauen; die Eine im glänzenden Königsſchmuck, ſtrahlend im Glanz goldener Stickereien und flammender Brillanten, die Andere im düſteren Traueranzug, ſtatt der Brillanten nur mit Perlen, dieſen Symbolen der Thränen, geſchmückt. Die Eine mit heiterem glücklichen Geſicht, zu dem König hinüberſchauend mit ſtrahlenden Blicken und einem köſtlichen Lächeln. Die Andere mit düſterem Antlitz, durch welches der Gram, der Kummer und die Krank⸗ heit ihre unheilsvollen Linien gezogen, ihre großen Augen mit den gerö⸗ theten Lidern mit einem finſteren, zürnenden Ausdruck auf den König ge⸗ richtet, der jetzt dieſen beiden Frauen, der Königin und der Prinzeſſin Amalie, mit einem ſanften Neigen des Hauptes entgegenſchritt. Die Königin, bei dem Anblick dieſes geliebten, ſo lang entbehrten Angeſichts all ihre gewohnte Zurückhaltung und reſignirte Kälte ver⸗ geſſend, that einige Schritte vorwärts, und ſtreckte lebhaft dem Gemahl ihre beiden Hände entgegen. Ihre ganze Seele, die ganze lang verhal⸗ tene Gluth ihres Herzens lag in ihren zugleich feuchten und glühenden Blicken, ihr Mund, welcher ſo lange geſchwiegen, ſo lange ihr ſchmerzlich ſüßes Geheimniß bewahrt hatte, ſchien ſich endlich öffnen zu wollen, um die Worte der Liebe, der glühenden Hingebung, die in ihrem Herzen brannten, auszuſtrömen. Die Königin, obwohl jetzt nicht mehr jung, nicht mehr ſchön, obwohl vergrämt und verſchüchtert durch lange Jahre des Leidens und inneren Kämpfens, die Königin war in dieſem Moment wieder ſchön, lebensvoll und ſtrahlend, die ewige Jugend der Seele leuch⸗ tete von ihrer Stirn, die ſtrahlende Flamme des Glücks brannte in ihren Augen.. Aber der König ſah das Alles nicht, ſein Herz hatte kein Erbarmen — 14— mit dieſer Königin, welche da lebensvoll und heiter vor ihm ſtand, wäh⸗ rend die andere, die geliebtere Königin hinabgeſtiegen war in die öde, kalte Gruft. Mit einem kühlen Gruß nahm er einen kurzen Augenblick die beiden Hände der Königin in ſeine Rechte. Madame, ſagte er, dies iſt ein trauriges Wiederſehen für uns Beide, denn die Königin, meine Mutter fehlt an Ihrer Seite! Die Königin zuckte ſchmerzlich zuſammen, und ließ ihre Hände, welche der König jetzt wieder losgelaſſen, kraftlos und matt an ihrer Seite nie⸗ dergleiten. Dieſe ſo harten und grauſamen Worte des Königs hatten ihr Herz wie ein Dolchſtoß getroffen, und die Freudenthränen, welche in ihren Augen ſtanden, in Thränen des Schmerzes verwandelt. Die Königin hatte nicht die Kraft ihrem Gemahl zu antworten; Prinzeſſin Amalie that es für ſie. Wenn mein Bruder, ſagte ſie, indem er uns begrüßt, nicht uns ſieht, ſondern nur Diejenigen, welche nicht da ſind, ſo wird er neben den Prinzen vor allen Dingen auch meinen unglücklichen Bruder Auguſt Wilhelm ſehen, welcher ebenſo wie unſere Mutter geſtorben iſt vor Gram!— Der König ließ einen Moment ſeine großen, feurigen Augen mit einem ſeltſamen, wehmüthigen Ausdruck auf dem von Krankheit imd Schmerz durchwühlten Antlitz der Prinzeſſin ruhen. Nein, meine Schweſter, ſagte er dann mit ſeinem weichen, ſanften Lächeln, ich ſehe nicht blos Diejenigen, welche nicht da ſind, ſondern auch Diejenigen, welche mir geblieben ſind, und ich freue mich, Sie, meine Schweſter, heute wieder begrüßen zu können. Er reichte ihr freundlich die Hand dar, und dann die Hofgeſellſchaft mit einem ſtummen Neigen des Kopfes begrüßend, ſchritt er ſchweigend an ihnen vorüber, und trat in ſeine Gemächer ein, gefolgt allein von dem Marquis d'Argens, dem er durch einen ſtummen Wink ſeiner Hand befohlen hatte, ihm zu folgen. Die erſten Zimmer durchſchritt der König raſch, kaum einen flüch⸗ tigen Blick auf die neuen Gemälde werfend, welche die Wände zierten, und die Gotzkowsky im Auftrage des Königs erſt jüngſt von Italien heimgebracht. Aber wie er jetzt in ſein Studirzimmer trat, wie er die langen, ſinnenden Blicke im Zimmer umherſchweifen ließ, wo jedes Meuble und jedes Buch, wo jede Stelle ihn mit ſchönen und köſtlichen Erinnerungen begrüßte, wo Alles noch ſo ſtand, wie er es vor ſieben Jahren verlaſſen, da fühlte der König zum erſten Mal mit einem freu⸗ digen Schauer, daß er wieder heimgekehrt ſei, daß die Heimath ihn wie⸗ der aufgenommen, daß ſie ihn wieder umfangen halte mit ihren Liebes⸗ armen und ihren flüſternden Erinnerungen. Mit ſtrahlenden Blicken wandte er ſich zu dem Marquis um, der hinter ihm an der Thür lehnte, und ihn mit einem ſeligen Lächeln be⸗ trachtete. Oh, Marquis, ſagte er, es iſt doch etwas Schönes um die Heim⸗ kehr, und um den Frieden des eigenen Hauſes. Die alten Meubles hier ſcheinen mir zuzuwinken, wie alte Freunde; und ſtreckt nicht jener Arm⸗ ſtuhl dort mir ſeine Arme ſo ſteif und liebeſelig entgegen, als wolle er mich geradezu an ſeinen gepolſterten Buſen ziehen, damit ich in ſeiner Umarmung einſchlummere in ſeliger Luſt, und mir von ihm die Wiegen⸗ lieder ſüßer Erinnerungen ſingen laſſe? Marquis, ich muß meinem alten, treuen Lehnſtuhl den Willen thun, ich muß mich in ſeine Arme werfen! — Er trat zu dem Lehnſtuhl hin, und ließ ſich mit einem Ausdruck un⸗ endlichen Wohlbehagens in denſelben niedergleiten. Ach, ſagte er, jetzt fühle ich erſt, daß ich zu Hauſe bin. Und erlauben mir Eure Majeſtät zu ſagen, was der alte Lehnſtuhl, trotz ſeiner Liebeſeligkeit, doch nicht ſagen kann! rief der Marquis mit tief bewegter Stimme. Ich bin auch ein Stück Meuble aus dieſem Zimmer, und im Namen aller meiner ſtummen, gepolſterten Brüder hier rufe ich: Willkommen, Willkommen, mein König und mein Herr, will⸗ kommen in der Heimath. Größer noch als Sie gegangen, kehren Sie hierher zurück, die edle geliebte Stirn geſchmückt mit unvergänglichen Lorbeern, umſtrahlt von einem Ruhm, der wie eine Siegeshymne die ganze Welt durchbrauſt. Nun, nun, ſagte der König lächelnd, wenn man dieſem Ruhm ein bischen ſcharf in die Augen ſchaut, ſo verliert er gewaltig viel von ſeiner Pracht. Man ſieht dann, daß der Zufall eigentlich Alles gemacht hat, und daß ich den größten Theil meiner Erfolge mehr ihm, als all' meiner — 16— Kriegsweisheit und der Tapferkeit meiner Truppen zu verdanken habe.*) Der Zufall iſt mein beſter Bundesgenoſſe während dieſes ganzen Krieges geweſen, ohne ihn wäre ich nimmermehr aus dem Hungerlager bei Bun⸗ zelwitz herausgekommen, ohne ihn würde ich nimmermehr zum Siege über meine Feinde gelangt ſein. Sprechen Sie mir alſo nicht mehr von meinem Ruhm, Marquis, wenigſtens nicht hier in dieſen geheiligten Räumen, nicht hier, wo Cicero und Cäſar, Lukrez und Thucydides von den Wänden zu uns herniederſchauen, und wo die Bücher dort mit gol⸗ denen Lettern ihres Titels uns verkünden, daß die größten Geiſter aller Zeiten um uns verſammelt ſind! Sprechen Sie mir nicht von meinem Ruhm, wenn ich dort auf jenem Bücherrücken den Namen„Athalie“ bis zu mir herüberleuchten ſehe!— Ich will Ihnen etwas ſagen, Mar⸗ quis: ich würde mich ſtolzer und glücklicher fühlen, wenn ich Athalie ge⸗ dichtet hätte, als ich mich über den ganzen Ruhm dieſes Krieges fühle.*s) Daran erkenne ich den weichen, edlen Sinn meines Königs, rief d'Argens tief gerührt. Die Jahre der Schlachten und der Siege haben ihn nicht geändert, und der ſiegreiche Held iſt immer noch der weiſe Philoſoph geblieben! Ich wußte es wohl, ich kannte das ſchöne Herz meines Königs, und wußte, daß er nicht die Tage ſeiner blutigen Siege als die herrlichſten betrachtete, ſondern daß er den Tag, an welchem er ſeinem Volk ruhmvollen und ſiegreichen Frieden gab, daß er dieſen Tag den ſchönſten Tag ſeines Lebens nennen würde! Der König ſchüttelte leiſe ſein Haupt und heftete ſeine Blicke mit dem Ausdruck unendlicher Trauer auf des Freundes erregtes Angeſicht. Ach, mein Freund, ſagte er leiſe, der ſchönſte Tag des Lebens iſt der⸗ jenige, an dem man es verläßt.*) Und wie er jetzt das Auge wieder von dem Freunde abwandte, ſiel ſein Blick ganz zufällig auf die große Vaſe von japaniſchem Porzellan, welche dort neben ſeinem Schreibtiſch auf einem Marmorſockel ſtand. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes de d'Alembert. Vol. I. p. 197. 4 *—) Des Königs eigene Worte. *.) Des Königs eigene Worte. — 17— Der König erhob ſich haſtig von ſeinem Lehnſeſſel. Wie kommt dieſe Vaſe hieher? fragte er mit beklemmter, zitternder Stimme. Sire, ſagte der Marquis, die Königin Mutter befahl kurz vor ihrem Tode, dieſe Vaſe, welche eines ihrer Lieblingsſtücke und ein⸗ Geſchenk ihres edlen Bruders Georg des Zweiten war, hier in dieſem Zimmer aufzuſtellen, damit ſie Eure Majeſtät dereinſt bei Ihrer Heimkehr als eine Erinnerung an Ihre Mutter begrüßen möge. In ihrem Auftrag habe ich ferner jenes Paket Briefe dort auf dem Sockel der Vaſe nie⸗ derlegen müſſen, nachdem die Königin Mutter ſelbſt ſie mit ſterbender Hand verſiegelt und adreſſirt hatte! Der König erwiederte nichts. Er neigte ſeine Stirn an die Vaſe, als wolle er an ihrer kalten, glänzenden Fläche die Gluth ſeines Ant⸗ litzes kühlen, vielleicht aber auch um den Freund die beiden Thränen nicht ſehen zu laſſen, welche langſam über ſeine Wangen rollten, und auf die mit einem kreuzweis gebundenen ſchwarzen Bande zuſammenge⸗ haltenen Papiere niederfielen. Der König hob das Paket empor und betrachtete mit einem tiefen Seufzer die zitternden Schriftzüge der geliebten Hand, welche die Adreſſe geſchrieben.„An meinen Sohn, den König“, las er dann ganz leiſe; oh, meine theure Mutter, wie arm haſt Du mich gemacht, denn jetzt bin ich nicht mehr der Sohn, ſondern nur noch der König! Er neigte ſein Haupt tiefer auf das Papier und drückte einen heißen Kuß auf die Schriftzüge ſeiner Mutter, dann legte er das Paket ſtill wieder auf den Fuß der Vaſe nieder und blieb gedankenvoll vor der⸗ ſelben ſtehen.*) *) Dieſe Vaſe blieb viele Jahre lang an demſelben Platz im Studirzimmer des Königs ſtehen, auf dem Fußgeſtell hatte die Königin ſelbſt mit Tinte ihren Namen geſchrieben; damit derſelbe nicht verlöſcht werde, ließ der König eine ſilberne Kapſel über denſelben machen. Auch das Paket Papiere, welches die Correſpondenz der Königin mit ihrem Sohn und der Prinzeſſin Friederike zur Zeit ſeines unglücklichen Fluchtverſuchs nach England(der mit der Hinrichtung Katte's endigte) enthielt, blieb immer auf dem Fuß der Vaſe liegen. Der König, ſeinen Inhalt kennend, erbrach es nie, ſondern ließ das Paket ſo, wie die ſter⸗ bende Königin es zuſammengefaltet und geſiegelt hatte. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. III. 2 8 — 18— Eine lange Pauſe trat ein. Der König ſtand noch immer mit in⸗ einander geſchlagenen Armen, mit geſenktem Haupt vor der Vaſe; hinter ihm an der Thür lehnte der Marquis, mit vor Rührung zuckendem An⸗ geſicht zu dem König hinüberblickend. Auf einmal wandte der König ſein Haupt zu ihm um. Marquis, ſagte er, ich bitte Sie um eine Gefälligkeit. Eilen Sie noch heute nach Berlin und ſagen Sie Benda, daß er mir morgen um neun Uhr hier in der Schloßkapelle das Te Deum meines lieben Graun aufführen ſoll. Ich weiß, die Sänger und die Capelle können es executiren, denn ſie haben es ſchon einmal aufgeführt nach der Schlacht bei Liegnitz. Sagen Sie meinem Conzertmeiſter Benda, er ſolle keine Schwierigkeiten machen, denn es ſei mein ausdrücklicher Wunſch, die Muſik morgen zu hören. Ihnen, mein lieber Marquis, übertrage ich es, auf die Ausführung meines Wunſches zu beſtehen, und ich weiß, daß Ihr Eifer das Unmög⸗ liche möglich machen wird. Nennen Sie es immerhin eine Laune, daß ich dieſe Muſik ſo ſchnell zu hören wünſche, aber ich habe mich ſo lange von den Thatſachen müſſen beherrſchen laſſen, daß ich mir jetzt wohl auch einmal erlauben darf, einer Laune Gehör zu geben. Er reichte dem Marquis ſeine Hand, welche dieſer mit leidenſchaft⸗ licher Zärtlichkeit an ſeine Lippen drückte. Sire, ſagte er, morgen früh um neun Uhr ſoll das Te Deum in der Schloßkapelle aufgeführt werden, und ſollte ich die ganze Nacht umherlaufen und alle Sänger und Sän⸗ gerinnen und alle Muſikanten aus ihren Betten holen müſſen.— Der Marquis hielt Wort. Er hatte alle Schwierigkeiten zu über⸗ winden, alle Einwendungen zu beſeitigen gewußt. Vergebens hatte Benda erklärt, die Orgel in der Schloßkapelle ſei in Unordnung, und ohne dieſe ſei die Aufführung nicht möglich. Der Marquis war zum Organiſten geeilt, und dieſer hatte die Nacht dazu verwenden müſſen, das Noth⸗ wendigſte in Ordnung zu bringen; vergebens hatten die Sänger ſich geweigert, ſo ohne alle Vorbereitung und Probe das ſchwierige Muſik⸗ werk vor dem König zu ſingen. D'Argens hatte im Namen des Königs befohlen, in der Nacht noch eine Probe zu halten, er ſelbſt war umher⸗ geeilt, die Sänger und die Muſiker zuſammenzurufen, und Dank ſeiner kaſtloſen Thätigkeit, ſeinem herkuliſchen Eifer waren wirklich um die — 10.— Mitternachtsſtunde im Concertſaal des Opernhauſes die Sänger und Muſiker verſammelt, ſtand Benda vor ſeinem Notenpult, um dieſe ſo ſeltſame Generalprobe zu dirigiren. 3 Mit dem Schlage der neunten Stunde am andern Morgen waren alle Vorkehrungen beendet, alle Schwierigkeiten beſeitigt. Der Organiſt ſaß an ſeiner Orgel, welche vollkommen wieder fähig war, die ihr zu⸗ getheilte Partie auszuführen, die Muſiker ſtimmten ihre Geigen und In⸗ ſtrumente, vor ihnen am Rande des hohen Chors ſtanden die Sänger mit dem Notenblatt in der Hand und an ſeinem Pult in ihrer Mitte der Kapellmeiſter Benda mit dem Taktſtock. Aller Augen waren nach der dem Chor gegenüber befindlichen Thür gerichtet, durch welche der Hof eintreten mußte, jedes Herz klopfte in freudiger Erwartung dem König entgegen, Jedermann war begierig, ihn endlich wieder im Kreiſe der Seinen, im Kreiſe ſeiner Familie zu ſehen; Jedermann gönnte der Königin das lang entbehrte Glück, wieder von der Hand ihres Gemahls geleitet, ihrem Hof voranſchreiten zu können, und aus ihrer Wittwenſchaft und ihrer Vereinſamung wieder an der Seite des heimgekehrten Gemahls heraustreten zu können. Aller Augen, wie geſagt, waren auf jene Thür dort gerichtet, durch welche der Hof eintreten mußte, dem man mit ungeduldiger Erwar⸗ tung entgegenſchaute und den man in aller ſeiner Pracht zu ſehen hoffte. Endlich kffnete ſich die Thür,— in athemloſer Erwartung rich⸗ teten die Sänger und die Muſiker ihre Blicke hinüber.— Ja, da trat er ein, er, der König, da ſchritt er ruhig, das Haupt ein wenig vorn⸗ über geneigt, vorwärts, und in der tiefen Kirchenſtille hallte ſein Schritt feierlich laut durch den weiten Raum. Ja, es war der König, aber er ganz allein; Niemand begleitete ihn, kein glänzender Hofſtaat, kein reiches Gefolge umgab ihn, aber er war immer doch der König im Glanze ſeiner Majeſtät und ſeines Hel⸗ denthums, umleuchtet von dem herrlichſten Gefolge, von ſeinen Helden⸗ thaten und von ſeinen Siegen! Und jetzt, nachdem der König langſam in einem der im Schiff der . 9* — 20— Kapelle aufgeſtellten Seſſel Platz genommen, richtete er den raſchen, feurigen Blick zu dem Chor empor und winkte mit der Hand hinauf. Benda hob ſeinen Taktſtock und gab das Zeichen anzufangen und jetzt brauſte der Strom der Harmonieen in gewaltigen Jubelklängen durch die Kirche hin, jetzt ſetzte die Orgel mit ihren mächtigen, majeſtä⸗ tiſchen Tönen ein, die Pauken fuhren mit ihrem Donner darein, die Po⸗ ſaunen ſtimmten ihren ſchmetternden Jubelgruß an, und die zarten und ſchmelzenden Klänge der Violinen und Flöten miſchten ſich darein. Der König lauſchte mit emporgehobenem Haupt und geſpannten Mienen auf dieſe ſchöne und melodieenreiche Introduction. Er ſchien ganz Ohr zu ſein und ohne alle Nebengedanken nur dem Anhören dieſer Muſik, welche für ihn eine noch ganz neue, unbekannte war, ſich hinzu⸗ geben.— Jetzt, mit einem gewaltigen Accord, mit einer überraſchenden, kraftvollen Wendung verbanden ſich plötzlich mit den Klängen der In⸗ ſtrumentalmuſik die lauten, jubelnden Menſchenſtimmen, und der Sänger⸗ chor ſang im Uniſono ſein Te Deum laudamus weitſchallend dahin. Der König erblaßte, und wie der Geſang mächtig und voll immer weiter tönte und rauſchte, ſenkte das emporgerichtete Haupt des Königs ſich allgemach nieder, und auch ſeine großen, glänzenden Augen neigten ſich niederwärts. Weiter jubelte und tönte der Geſang, und aus dem vollen ſchmet⸗ ternden Chor hob ſich ein einzelner, ſanft ſchmelzender Tenor und ſang mit ſüßer, rührender Stimme: Tuba mirum spargens sonum! Der König ſenkte ſein Haupt tiefer auf ſeine Bruſt, und endlich, nicht mehr im Stande ſeine Thränen zurückzuhalten, legte er ſeine Hand über ſein Angeſicht. 3 Der Geſang tönte weiter; majeſtätiſch rauſchten die Klänge durch die einſame Kirche dahin, welche bis jetzt wie in graue Dämmerung gehüllt geweſen. Aber auf einmal drang die Sonne, die vorher von Wolken verhüllt war, mit ihren glänzenden Strahlen durch die Fenſter ein und erleuchtete den ganzen Raum mit goldigem Glanz. Der König, der bis dahin im Schatten geſeſſen, ſchien plötzlich wie in ein Meer von Licht getaucht, und Jedermann ſah jetzt, wie er gebeugten Hauptes da ſaß, das Antlitz in ſeine Hände verhüllend, und Jeder⸗ — 21— mann ſah die Thränen, welche langſam zwiſchen ſeinen Fingern hin⸗ durchquollen und welche die Sonnenſtrahlen in blitzende Diamanten ver⸗ wandelten. Es war ein Anblick, ſo erhaben und ſo rührend zugleich, daß Nie⸗ mand ſeiner ſtummen Gewalt zu widerſtehen vermochte. Die Augen der Sänger füllten ſich mit Thränen, und nur in leiſe gebrochenen, in Rüh⸗ rung ſchluchzenden Tönen hallte die Stimme des Sängers weiter. Aber Benda fand nicht die Kraft, ihm zu zürnen, er wagte nicht, ihn anzu⸗ ſchauen, damit man nicht ſehen möchte, daß ſeine ſonſt ſo trocknen, kalten Augen heute auch von einem glühenden Naß umdüſtert waren. Der König aber verſank tiefer und tiefer in ſich ſelbſt. Doch als das jubelnde Hoſianna ertönte und ihn weckte aus ſeinem Hinbrüten, erhob er ſich langſam von ſeinem Seſſel und verließ leiſe und ſtumm, wie er gekommen, die Kirche.*) II. Prinz Heinrich. Sieben Jahre waren vergangen, ſeit Prinz Heinrich als jugendlicher Held ſeine Gemahlin verlaſſen hatte, um ſeinen Bruder in dem Kampf gegen ſeine Feinde zu unterſtützen. Gleich dem König war auch er nicht ein einziges Mal während dieſer langen Jahre der Kämpfe nach Berlin zurückgekehrt; gleich dem König hatte er ſich auf dem Schlachtfeld Ruhm und Lorbeeren erworben, und glücklicher ſogar als ſein königlicher Bruder, hatte er viele kleine und größere Siege errungen, aber nicht ein einziges Mal mit ſeinem Armeekorps eine Niederlage zu erleiden gehabt. Glück⸗ *) Anekdoten und Charakterzüge aus dem Leben Friedrichs II. Von Nicolai. Heft I. S. 46. — 22— licher in allen ſeinen Unternehmungen, als Friedrich, vielleicht auch be⸗ ſonnener und ruhiger, hatte er immer die rechte Stunde erwählt, um den Feind anzugreifen, war er immer und überall mit ſeinem Heer zur rechten Zeit bereit geweſen, und ſeine klug berechneten Märſche, ſeine energiſche Entſchloſſenheit, ſeine beſonnene Ueberlegenheit hatten mehr als einmal den König aus den ſchwierigen und gefahrvollen Situationen erlöſt, in welche ein allzukühges Vorgehen, oder eine irrige Anſicht der Dinge den König verwickelt hatte. Nur dem meiſterhaften Marſch, durch welchen Prinz Heinrich nach der Schlacht bei Kunersdorf ſeine Armee mit der ſeines Bruders zu vereinigen gewußt, verdankte es der König, daß er damals ſeinen Feinden, welche ihn umzingelt hatten, entgehen konnte, und dem großen und glänzenden Sieg, welchen Prinz Heinrich bei Freiberg über die Reichstruppen und die Oeſterreicher errang,*) verdankte man zunächſt den glänzenden und ehrenvollen Frieden. Denn dieſe Schlacht bei Freiberg brach endlich den kecken Uebermuth der Oeſter⸗ reicher, und erfüllte die Feldherren der Reichstruppen mit einem ſo pa⸗ niſchen Schrecken, einer ſo vollkommenen Entmuthigung, daß ſie erklärten, nicht ferner an dieſem Kriege Theil nehmen zu wollen, ſondern mit ihren Schaaren heimkehrten in ihre Länder. Die Schlacht bei Freiberg war die letzte Schlacht des ſiebenjährigen Krieges; ſie brachte dem Prinzen Heinrich eben ſo ſchöne, ſo unvergäng⸗ liche Lorbeeren, wie der König ſie bei Liegnitz und bei Torgau errungen, ſie ſtellte ihn ſeinem Bruder ebenbürtig zur Seite. Der König ſah das ohne Neid und ohne Bitterkeit; mit der Ruhe einer wahrhaft großen Seele freute er ſich des Ruhms und der Lorbeeren ſeines Bruders. Als er nach dem ſiebenjährigen Kriege zum erſten Male im Schloſſe zu Berlin die Prinzen und die Generäle um ſich verſammelt hatte, ging er mit einem heitern Lächeln zu ſeinem Bruder hin, und ihm ſanft die Hand auf die Schulter legend, ſagte er laut: Sehen Sie da, Meſſieurs, dies i*ſt der Einzige von uns Allen, welcher während des ganzen Krieges nicht einen einzigen Fehler begangen hat! Sieben Jahre waren vergangen, ſeit Prinz Heinrich ſeine junge **) Die Schlacht bei Freiberg fand am 29. October 1762 ſtatt. Gemahlin, die Prinzeſſin Wilhelmine, zum letzten Male geſehen. Jetzt endlich konnte er heimkehren zu ihr, heimkehren zu ſeinem geliebten Rheins⸗ berg, um an dem Buſen der Geliebten auszuruhen von den Stürmen und Bedrängniſſen dieſer langen, ruheloſen Jahre. Er hatte die Prin⸗ zeſſin ſchriftlich gebeten, nicht zu ſeinem Empfange nach Berlin zu kom⸗ men, ſondern unter irgend einem Vorwand in Rheinsberg zu bleiben und ihn dort zu erwarten. Seine ſtolze und ehrgeizige Seele konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dieſe Frau, welche er liebte, welche ihm ſo ſehr geeignet erſchien, auf dem erſten Thron der Welt zu glänzen, daß dieſe Frau ſich an dem Hof zu Berlin mit der zweiten Stelle begnügen, daß ſie hinter der Königin zurückſtehen müſſe. Vielleicht hatte er den König niemals um die Krone beneidet und ſich niemals an ſeine Stelle gewünſcht, aber der Königin beneidete er dieſe Krone, von welcher er meinte, daß ſie viel ſchöner auf dem Haupt ſeiner Gemahlin erſcheinen würde, daß die Prinzeſſin ſich viel beſſer eigne, die Rolle einer Königin zu ſpielen, als die ſanfte, traurige und verſchüchterte Eliſabeth Chriſtine. Prinzeſſin Wilhelmine war alſo, dem Wunſch ihres Gemahls ent⸗ ſprechend, in Rheinsberg zurückgeblieben, ſich bei der Königin mit einem heftigen Unwohlſein entſchuldigend, das ſie in Folge des Umſturzes ihres Wagens auf einer Spazierfahrt betroffen habe. Es war Abend. Das Schloß in Rheinsberg ſtrahlte wieder im Glanz der Kerzen, mit denen man ſeine Facade geſchmückt hatte, um dem Prinzen ſchon weit in die Ferne hin die Grüße der Heimath ent⸗ gegen zu funkeln; alle Säle waren erleuchtet, und in ihren feſtlich ge⸗ ſchmückten Räumen bewegte ſich eine glänzende Geſellſchaft auf und ab. Denn Prinzeſſin Wilhelmine hatte alle Diejenigen, welche zu dem nähern Kreiſe des Prinzen gehörten, nach Rheinsberg eingeladen, um dieſes Feſt der Heimkehr durch ihre Gegenwart mitzufeiern und alle Freunde und Bekannte des Prinzen und ſeiner Gemahlin hatten ſich heute in Rheins⸗ berg verſammelt. Alles in dieſem Schloſſe trug das Anſehen des Glückes und der Freude, die Säle wie die Menſchen waren feſtlich geſchmückt, Alles ſchien zu lächeln, heiter und freudenvoll zu ſein. Doch gab es Ein Herz, —— welches bang und angſtvoll der kommenden Stunde entgegenklopfte; das war das Herz der Prinzeſſin Wilhelmine. Sie war herrlich ge⸗ ſchmückt, Brillanten funkelten auf ihrer Stirn und um ihren Hals, an ihrem vollen, wogenden Buſen prangten ſüß duftende Roſen, ein Lächeln ſpielte um ihre purpurrothen Lippen; aber Niemand wußte, was dieſes Lächeln ihrer geängſteten Seele koſtete. Niemand ahnte, daß dieſes Roth, welches auf ihren Wangen brannte, nicht von dem Herzklopfen der Freude, ſondern der Angſt hervorgerufen worden. Ja, ſie ängſtigte ſich! Sie ängſtigte ſich vor dieſem Wiederſehen mit dem Prinzen, den ſie empfangen ſollte als ihren geliebten Gemahl und der ihr in dieſen ſieben langen Jahren der Trennung ganz und gar ein Fremder, Unbekannter geworden, mit dem ſie keine Sympathieen, mit dem ſie nicht einmal die Gewohnheiten des täglichen Lebens verbanden, der ihr niemals etwas Anderes geweſen, als der von dem harten Geſetz der Convenienz ihr aufgedrungene Gemahl, welcher einſt ſie ſogar ver⸗ ſchmäht und ihr ſchüchternes, geängſtetes Herz, welches vielleicht bereit geweſen, ihm entgegen zu flattern, von ſich gewieſen hatte! Und dieſen fremden, ungeliebten Mann ſollte ſie jetzt mit allen Zeichen der Liebe empfangen, weil er eines Tages die Laune gehabt, die Prinzeſſin, welche er früher gar nicht beachtet hatte, ſeiner Beachtung, ſeiner Liebe werth zu finden. Jetzt ſollte es ihre Pflicht ſ ſein, ihn dafür wieder zu lieben und ihm die reichen Schätze dieſes Herzens zu weihen, das er früher nicht des Begehrens werth gefunden. Ihre Seele bäumte ſich empor bei dieſem Gedanken wie eine belei⸗ digte Löwin, und ſie empfand etwas von dem glühenden Haß, den die Löwin gegen ihren Herrn empfinden mag, der ſie bändigen will mit der eiſernen Ruthe der Pflicht. Für ſie war der Prinz nichts weiter, als nur ihr Herr, der ſie in Banden geſchlagen, der mit eiſernen Fäuſten ihr Herz feſthielt, damit es nicht entflattern könne.. Und es regte doch ſo mächtig ſeine Schwingen, es hatte jetzt in dieſen ſieben Jahren der Freiheit den ganzen, friſchen, kühnen Flügel⸗ ſchlag ſeiner Jugend wiedergefunden, es glühte und brannte von einem — 25— Feuer, das die Prinzeſſin vielleicht ſelber verdammte, das ſie aber nicht mehr zu löſchen vermochte. Ruhelos, in zitternder Angſt, ging ſie in den Sälen umher, lächelnd, während ſie hätte aufſchreien mögen vor Angſt und Pein, geſchmückt und in glänzender Parure, während ſie ihr Herz in Trauerſchleiern hätte be⸗ graben mögen. Jedes Geräuſch erfüllte ſie mit Entſetzen, denn es konnte ihr die Ankunft des Gemahls bedeuten, es konnte ſie verdammen zu der demü⸗ thigenden und ſchmachvollen Heuchelei, Freude zu zeigen, die ſie nicht empfand! O, wenn es ihr vergönnt geweſen, ihren Zorn, ihre Gleichgültigkeit frei und offen auszuſpechen zu dürfen! Aber die Geſetze der Etiquette, der Convenienz hielten ſie in ihren eiſernen Banden, und konnten ſie nimmer wieder los laſſen. Sie war eine Prinzeſſin, und durfte ſich den harten Nothwendigkeit ihres Standes nicht entziehen. Sie fand in ſich ſelber nicht den Muth dazu! Zuweilen wohl in ihren ſchwärmeriſchen Träumereien ſehnte ſie ſich weit, weit fort aus dieſem öden, lügneriſchen Glanz, weit fort in ein ſtilles Thal, wo ſie unbekannt und ungenannt an der Seite des Geliebten leben, wo keine Etiquette ihr beſeligendes Beiſammenſein ſtören könnte, wo ſie frei ſein wollte, wie der Vogel in der Luft, der ſich jauchzend zum Himmel empor⸗ ſchwingt, wie die Roſe, die dem Sonnenſchein ihren duftenden Kelch öffnet. Aber dieſe Träumereien verblaßten ſo ſchnell wieder, wenn die Wirklichkeit ſie mit ihren rauhen, erkältenden Fingern berührte; hinter der ſchwärmenden Liebenden richtete ſich immer wieder die ſtolze Prin⸗ zeſſin empor, welche des Glanzes und der Herrlichkeit, die ſie umgab, nicht entbehren konnte, welche nicht den Muth oder den Willen hatte, herabzuſteigen von ihrer Höhe, um als ein gewöhnliches Menſchenkind wie andere Menſchenkinder zu leben. Es war ein Zwieſpalt in ihrer Seele, ein Zwieſpalt zwiſchen der hochgebornen Frau und dem liebenden gluthvollen Weibe. Sie wäre im Stande geweſen, ihrer Liebe jedes Opfer zu bringen, ſogar für dieſelbe mit der Schmach der Sünde ihr Herz zu beladen, aber ſie hätte niemals dieſe Liebe öffentlich bekennen mögen, und niemals auch in ihren ſchwär⸗ meriſchen Träumen dachte ſie daran, daß ſie ihren Rang und Namen gegen den einfachen Namen ihres Geliebten umtauſchen möchte. Sie wäre wohl im Stande geweſen, mit ihrem Geliebten zu fliehen, ſich mit ihm zu retten in ein glückliches Thal, aber immer doch als die Prin⸗ zeſſin, welche ihrer Liebe Alles geopfert hatte und ihr mit jedem Tage neue Opfer brachte. 3 3 Vielleicht fühlte Prinzeſſin Wilhelmine dieſen Zwieſpalt ihres Weſens, vielleicht war es deshalb, daß ſie in zitternder Angſt der Wie⸗ derkehr ihres Gemahls entgegenſah. Dieſes Wiederſehen mußte über ihre ganze Zukunft entſcheiden, dieſes Widerſehen konnte ſie vielleicht noch retten! Der Prinz, im Glanze ſeines Ruhms und ſeiner Lorbeeren zu ihr zurückkehrend, konnte vielleicht im Stande ſein, ſich ihr Herz zu erobern und jedes andere Bild aus demſelben zu verdrängen. Aber wenn er deſſen nicht fähig war, wenn ſein Erſcheinen den Zauber nicht zu löſen vermochte, der ſie umfangen hielt, dann war ſie verloren, dann war ſie dieſer furchtbaren Macht verfallen, welche ſie ſchon mit ihren berauſchen⸗ den Zuflüſterungen bis zu dem blumenbekränzten Rande des Abgrunds verlockt hatte! Das war es, was Prinzeſſin Wilhelmine dachte, als ſie jetzt in der Fenſterniſche des glänzenden Ballſaals lehnte, in welche ſie ſich geflüchtet hatte, um einmal aufzuathmen, um einmal das Lächeln von ihrem Ant⸗ litz gleiten und die lange zurückgehaltenen Seufzer aus ihrer Bruſt her⸗ vorquellen zu laſſen. Sie hatte ſich dem Fenſter zugewandt und ſchaute hinaus in die dunkle Nacht, empor zu dem von Sternen beſäeten Himmel. Ihre Lippen bewegten ſich in leiſem Gebet, ihre geängſtete Seele flehte zu Gott um Hülfe und Beiſtand gegen ihre eigene Schwäche. O Herr, mein Gott, flüſterte ſie leiſe, ſtehe mir bei, hilf mir gegen dieſe ſündigen Gedanken, welche mein Herz bewegen! Gieb, daß ich meinen Gemahl lieben kann, damit meine Seele rein bleibe von Schuld und Sünde! 88 Ein ungewöhnliches Geräuſch, laute, lebhafte Stimmen im Saal ſtörten ſie in ihren Träumen; die Prinzeſſin wandte ſich haſtig um, ſiel 4 5 — 27— d ſah überall nur lächelnde, freudige Geſichter, und dort, dort nahte er ſich ihr, der Gemahl, der Prinz! Mit einem heitern, unbefangenen Lächeln ſchritt er auf ſie zu, und nicht achtend der Etiquette und der Ge⸗ ſellſchaft, ſchloß er die Prinzeſſin lebhaft in ſeine Arme und küßte ſie zärtlich auf beide Wangen. Prinzeſſin Wilhelmine zuckte zuſammen in tödtlichem Schreck und ein zorniger Unmuth regte ſich in ihr. Hätte ſie den Prinzen geliebt, ſo würde dieſe öffentliche und ungenirte Demonſtration ſeiner Zärtlichkeit ſie vielleicht entzückt, oder ſie würde ſie jedenfalls verziehen haben; ſo aber empfand ſie dieſe beiden ſchallenden Küſſe nur als eine Beleidigung, als eine Geringſchätzung, welche zu dulden nur der Zwang der Ehe ihr auferlegen konnte und für welche ſie ſich ſelber gelobte, Rache zu nehmen. Prinz Heinrich war ſo unbefangen in ſeiner Freude, ſo glücklich, ſeine Gemahlin endlich wiederzuſehen, daß er ihr verlegenes Schweigen, ihre zurückhaltende Kälte gar nicht bemerkte, ſondern arglos überzeugt war, daß ſie ſeine Freude und ſein Entzücken theile. Der Prinzeſſin erſchien dieſe Zuverſicht ſehr anmaßend und ver⸗ letzend, und ſie fand, daß der Prinz aus ſeinen Feldzügen ſehr ſchlechte und bürgerliche Manieren mit heimgebracht, welche ſehr die Lorbeeren auf ſeiner Stirn verdunkelten. Er nahm ganz vertraulich in echter Ehemannsart ihre Hand und geleitete ſie zu dem Divan, um ſich neben ihr niederzulaſſen; dann auf einmal ſprang er wieder empor, um ſie zu verlaſſen, und nach wenigen Minuten mit ſeinem Freunde, dem Grafen Kalkreuth an der Hand, zu der Prinzeſſin zurückzukehren. Erlauben Sie mir, meine geliebte Wilhelmine, ſagte der Prinz, Ihnen ſogleich auch meinen theuern Freund und Waffengefährten wieder zuzuführen. Die Menſchen ſagen, daß ich mir ein wenig Ruhm erwor⸗ ben, aber ich verſichere Sie, wenn dem ſo iſt, ſo hat Kalkreuth den größten Antheil daran, und er iſt der Gärtner geweſen, der mit geſchickter und kluger Hand meine Lorbeeren gepflegt hat. Ich empfehle ihn daher Ihrer Freundſchaft und Güte, Wilhelmine, und ich bitte Sie, auf ihn — 28— ein wenig von dieſer Zuneigung zu übertragen, welche Sie mir weihen und welche mich ſo glücklich macht. Es lag etwas ſo Edles, Offenes und Ritterliches in der Art des Prinzen, daß Graf Kalkreuth ſich davon tief ergriffen und beſchämt fühlte, und in einer beſſeren Aufwallung ſich ſelber gelobte, dieſes edle Vertrauen des Prinzen nicht zu täuſchen, und dieſe ſo reine, ſo zuver⸗ ſichtliche Freundſchaft nicht mit Treuloſigkeit und Verrath zu beflecken. Aber anders wirkten die Worte ihres Gemahls auf die Prinzeſſin. Seine edle Zuverſicht, ſtatt ſie zu rühren, beleidigte ſie. Sie fand, daß es ſehr viel Anmaßung, ſehr viel Eigendünkel verrathe, ſo gar nicht ängſtlich und beſorgt um ihre Liebe zu ſein, ſo gar keine Gefahr zu ſehen, ſondern ihr ſelber den Freund zuzuführen und ihn ihrer Neigung zu empfehlen. Es verletzte ſie, daß der Prinz ſo zuverſichtlich von ihrer Zuneigung ſprach, als von einer Sache, die zu verlieren ganz unmöglich ſei, und ſie nahm ſich vor, ihn dafür zu ſtrafen. Mit einem gütigen Lächeln ſtreckte ſie daher dem Grafen ihre Hand entgegen, und ſagte ihm einige freundliche Worte des Willkommens. Wie hatte ſie vor dieſem Wiederſehen gezittert, wie tief beſchämt hatte ſie ſich gefühlt, wenn ſie daran dachte, daß ſie dem Grafen wieder gegenüber⸗ ſtehen ſollte, wiſſend, daß er keins ihrer Worte vergeſſen, und daß das Geſtändniß ihrer Liebe, welches ſie damals dem Scheidenden, dem viel⸗ leicht dem Tode geweiheten Krieger gemacht, jetzt dem Heimkehrenden, dem Lebenden gehörte.— Aber das unglückliche Geſchick ihres Gemahls hatte ſie leicht über dieſes angſtvolle Begegnen hinübergeführt und ihr den Weg leicht gemacht, den ſie jetzt wandeln ſollte. ⁵ Der Graf neigte ſich vor ihr und drückte ſeine Lippen auf ihre Hand. Sie erwiderte leiſe den Druck der ſeinen, und wie er ſich empor⸗ richtete und ſeine faſt ſchüchternen Blicke auf das Antlitz der Prinzeſſin heftete, begegneten ihre Augen ihm mit einem ſchnellen, leuchtenden Blitz und ein verheißungsvolles Lächeln umſpielte ihre Lippen. Die Hofgeſellſchaft ſtand in einzelnen Gruppen umher und betrach⸗ tete mit kalten, neugierigen Blicken dieſe pikante Secene, welche die Harm⸗ loſigkeit und Unbefangenheit des Prinzen ihrer Bosheit und Neugierde ſ bereitet hatte, und welche für ſie Alle ein unvergleichlicher Spaß, ein — 29.— köſtliches Amüſement war. Sie Alle wußten, was der Prinz allein nicht ahnte, daß der Graf Kalkreuth die Prinzeſſin anbete, und ihrer lauern⸗ den Neugierde blieb nur noch übrig zu erſpähen, ob die Prinzeſſin dieſe Neigung theile als Weib, oder ſie nur dulde als Kokette. Niemand indeß hatte dieſer Scene mit ſo athemloſer Theilnahme, ſo grauſamer Freude zugeſchaut, als Madame du Trouſſel. Die Prin⸗ zeſſin hatte ſie, als zu dem vertrauteren Geſellſchaftskreiſe von Rheins⸗ berg gehörig, auch zu dieſem heutigen Feſt des Wiederſehens eingeladen, und Louiſe hatte es ſehr pikant gefunden, ihren eigenen Gatten nicht in ihrem Hauſe, ſondern hier im Schloſſe ihres einſtigen Geliebten zuerſt wiederzuſehen. Denn der Major du Trouſſel gehörte zu dem General⸗ ſtab des Prinzen und war jetzt in ſeinem Gefolge nach Rheinsberg ge⸗ kommen. Louiſe indeß hatte bis jetzt nicht Zeit gefunden, den Gatten zu be⸗ grüßen. Ihre Blicke waren unverwandt auf die Prinzeſſin gerichtet, ſie beobachtete jede ihrer Bewegungen, jede ihrer Mienen, ſie belauſchte jedes Lächeln, jedes Wort, jedes Zucken ihrer Lippen. Ihr Gatte ſtand lange ſchon an ihrer Seite und hatte ihr lange ſchon leiſe Worte der Begrü⸗ ßung zugeflüſtert, aber Louiſe hatte nicht darauf geachtet. Sie ſchien den Gemahl gar nicht geſehen zu haben, ihre ganze Seele lag in ihren Augen, und dieſe beobachteten unverwandt die Prinzeſſin. Jetzt auf ein⸗ mal wandte ſie ſich mit leuchtenden Augen zu ihrem Gemahl hin, und ihn mit einem leichten Kopfnicken begrüßend, flüſterte ſie mit einem bos⸗ haften Lächeln: Er iſt verloren! Die Lorbeeren werden nicht im Stande ſein, das andere Gewächs zu bedecken, welches von heute an mächtig aus ſeiner Stirn emporſchießen wird! Ihr Gemahl ſah ſie mit erſtaunten und fragenden Blicken an. Iſt das Dein Willkommengruß nach ſieben Jahren der Trennung, Louiſe? fragte er ſchmerzlich. Sie legte haſtig ihre Hand auf ſeinen Arm und flüſterte: Still! Still! Dann lauſchte ſie wieder hinüber nach der Prinzeſſin, welche ſich eben lebyaft mit ihrem Gemahl uas Kalkreuth unterhielt. Wie ihre Wangen glühen 1 den Blicke ſie auf ihn — 30— wirft, murmelte Louiſe. Ach, ach, der unglückliche Prinz iſt ſeinem Ge⸗ ſchick verfallen. Er preiſt ihr wahrhaftig ſchon wieder mit wahrem En⸗ thuſiasmus die Verdienſte ſeines Freundes. Er erzählt ihr, wie Kalkreuth ihn vom Tode errettet und für ihn den Hieb aufgefangen hat, der ſein Haupt treffen ſollte. Armer Prinz, Du wirſt dieſe Wunde, welche Kalkreuth für Dich empfing, theuer bezahlen müſſen! Ich ſage und wiederhole es: Er iſt verloren! Ihr Gemahl ſah ſie an, als fürchte er, Madame du Trouſſel habe in dieſen langen Jahren der Trennung und der Trauer etwas zu viel von der Kraft ihres Geiſtes eingebüßt. Aber Louiſe, flüſterte er leiſe, von wem ſprichſt Du? Und was bedeutet dies Alles? Willſt Du mich nicht endlich willkommen heißen und mir ſagen, daß Du mich auch wirklich erkennſt und daß ich Dir nicht, wie es ſcheint, ganz und gar ein Fremder geworden bin? Eben erhob ſich die Prinzeſſin, und auf den Arm ihres Gemahls gelehnt, ging ſie durch den Saal dahin, während Graf Kalkreuth an ihrer andern Seite ging und ſie lebhaft zu unterhalten ſchien. Sie gehen in die Treibhäuſer, ſagte Louiſe, indem ſie haſtig den Arm ihres Gemahls ergriff. Wir wollen auch dahin gehen, und dort werden wir wohl irgend ein ſtilles, verſchwiegenes Plätzchen finden, wo wir ungeſtört mit einander plaudern können. III. Mutter und Tochter. Leuiſe du Trouſſel zog ihren Gatten mit ſich fort und Beide folg⸗ ten jetzt ſchweigend dem Eelellſchaft, welcher ſich in die herr⸗ lichen, glänzend erleuch, pegab. Es war ein prachtvoller — — 31— Anblick, der ſich hier dem Auge darbot. Wie durch Zauberei fühlte man ſich aus dem parquettirten, ſteifen Hofſalon plötzlich in die freie, duf⸗ tende und blühende Natur verſetzt; mit Entzücken athmete man den Duft dieſer wundervollen, ſeltenen Blüthen ein, die in maleriſcher Anordnung zwiſchen dem Grün der hohen Myrthen und Orangen hervorquollen, welche die Fenſter und das Dach der Halle ganz überdeckten und die Illuſion gewährten, als wandle man wirklich in einer offenen, freien Blumenallee dahin. Bunte chineſiſche Ballons, welche an feinen Keiten von der Decke herniederhingen und wie gaukelnde Schmetterlinge zwiſchen den Blüthen und Bäumen zu ſchweben ſchienen, warfen ihr mattes, in allen Farben ſpielendes Licht durch dieſe reizende Halle, an deren Seiten man hier und dort aus Myrthen, Palmen und duftenden Gewächſen kleine Grotten gebildet hatte. Dieſe Grotten enthielten kleine, ſchwellende, grüne Divans, wie Raſenbänke anzuſchauen, und waren ſo arrangirt, daß die Zweige der Palmen ſich tief herabneigten über den Sitz, und Diejeni⸗ gen, welche da ruhten, wie mit einem Schirm einhüllten und ver⸗ bargen. Zu einer dieſer Grotten führte Louiſe du Trouſſel jetzt ihren Ge⸗ mahl hin. Hier wollen wir ein wenig bleiben, ſagte ſie. Dieſe Grotte hat den Vortheil, daß ſie an der Ecke der Wand liegt, alſo nur eine offene Seitenwand hat, und dieſe iſt mit dichtem Geſträuch gruppirt. Wir haben alſo hier keine Lauſcher zu fürchten und können uns ganz offen und harmlos mit einander unterhalten. Vor allen Dingen alſo: Will⸗ kommen, mein Herr Gemahl, willkommen in der Heimath! Gott ſei Dank, Louiſe! ſagte der Major tief aufathmend, Gott ſei Dank, daß Du endlich ein inniges Wort zu ſagen weißt und mich will⸗ kommen heißt an Deiner Seite. Glaube mir nur, daß ich alle dieſe Jahre hindurch mich jeden Tag auf dieſen Moment gefreut habe, daß dies mein Troſt und meine Erquickung war. Ich glaube wahrhaftig, daß dieſe Gedanken an Dich und dieſe herzliche Sehnſucht nach Dir der Talisman geweſen, der den Tod von mir fern gehalten. Mir ſchien immer, es ſei ganz unmöglich zu ſterben, bevor ich Dich wiedergeſehen, und ich war ganz trotzig überzeugt davon, daß ich den Krieg überdauern, — 32— und zu Dir zurückkehren würde. Dieſer Trotz hat mir geholfen und die Kugeln von mir fern gehalten, und ſo kehre ich denn zu Dir zurück, um an Deinem Herzen auszuruhen, mein geliebtes Weib, von all dieſen Stürmen und Kämpfen, Dich feſt in meine Arme zu ſchließen und Dich nie wieder zu verlaſſen. Er legte ſeine Arme innig und feſt um ihre Geſtalt und preßte ſeine Lippen lange und mit einem herzlichen Kuß auf ihre Lippen. Louiſe duldete einen Moment ſeine Zärtlichkeit, dann ſchlüpfte ſie leiſe unter ſeinen Armen fort und trat einen Schritt von ihm zurück. Wiſſen Sie wohl, mein Herr, ſagte ſie mit einem leiſen Lachen, daß das ein echter Ehemannskuß war? So ohne alles Feuer und ohne Energie? Nicht zu kalt und nicht zu warm, ſo recht von der lauwar⸗ men Zärtlichkeit eines Ehemanns, der ſeine Frau von Herzen lieb hat und ganz vernarrt in ſie ſein würde, wenn ſie nicht eben das Unglück hätte, ſeine Frau zu ſein. Ach, ſie iſt immer noch die Alte, ſagte der Major fröhlich. Immer noch meine heitere, kokette, flatternde Libelle, die mit ihren hellen, bunt⸗ ſchillernden Flügeln immer wieder zu entſchlüpfen weiß, wenn man auch meint, ſie recht feſt gefaßt zu haben. Ich liebe Dich ſo, wie Du biſt, Louiſe, ich freue mich, Dich eben ſo wiederzufinden, wie ich Dich ver⸗ ließ. Du ſollſt mich wieder jung machen, Kind, ich will an Deiner Seite wieder das Lachen und die Fröhlichkeit lernen, denn das Alles haben wir da draußen bei unſern Feldzügen, unſern Strapatzen und Kämpfen ganz und gar verlernt.— Ja, ja, ſagte Louiſe, wir haben Euch als ſchöne, wohlgeſchulte Ca⸗ valiere entlaſſen, und Ihr kehrt als täppiſche, brummende Bären zu uns zurück, als ſo recht gutmüthige, verwilderte Petze, die aber gar zu gerne wieder tanzen lernen möchten. Es fragt ſich nur, ob die Frauen ſich dazu hergeben wollen, Bärenführer zu werden und die Tanzlehrerinnen der Herren Petze zu ſein. Nun, ſie werden es wohl thun müſſen, ſagte ihr Gemahl lachend, es iſt ja ihre Pflicht. Lieber Freund, wenn Ihr ſchon damit beginnt, uns an unſere Pflicht zu mahnen, dann, fürchte ich, ſeid Ihr ganz und gar verloren! Komm, — 33— ſetzen wir uns hier ein wenig auf dieſe Pſeudo⸗Raſenbank und plau⸗ dern wir! Ja, ſetzen wir uns, nur ſehe ich nicht ein, warum wir plaudern wollen. Ich möchte Dir lieber den ſchönen, lachenden Mund mit Küſſen verſchließen. Er zog ſie wieder an ſeine Seite und wollte eben ſeine Worte zur That machen. Aber Louiſe wehrte ihn zurück. Wenn Sie nicht ganz ruhig und ernſthaft neben mir ſitzen wollen, mein Herr, ſagte ſie, ſo entfalte ich ſogleich meine Libellenflügel, von denen Sie vorher ſprachen, und flattere von Ihnen fort. Nun denn, ich werde ruhig und ernſthaft ſitzen. Aber wird meine ſpröde Gebieterin mir ſagen, warum ich das ſoll? Darum, weil ich meinem guten heimkehrenden Petz die erſte Lection geben will. Dieſe Lection lautet alſo: Wenn ein Mann ſieben Jahre von ſeiner Gemahlin fern geweſen iſt, ſo muß er nicht als ruhiger, ſiegesgewiſſer Ehemann mit ſeiner Portion hausbackener Zärtlichkeit zurück⸗ kommen, ſondern einzig und allein als zarter und aufmerkſamer, ver⸗ liebter Cavalier, der um die Geliebte wirbt, ſich ihr demüthig, ſchüchtern und unterwürfig naht und in ihr nicht ſeine Frau, ſondern die Dame ſieht, deren Liebe er erringen möchte. Aber weshalb ſollten wir zu ſolcher Verſtellung unſere Zuflucht nehmen müſſen, da wir doch wiſſen, daß Ihr uns liebt? Nichts wißt Ihr! Wie könnt Ihr Euch einfallen laſſen, zu glau⸗ ben, daß dieſe ſieben Jahre ſpurlos an uns vorübergegangen ſind und daß wir heute noch ſo fühlen, wie wir es damals gethan? Wenn man den Vogel, den man im Käfig zahm gemacht und ihm die Flügel be⸗ ſchnitten, wieder freigiebt und ihn aus ſeinem Käfig entläßt an die friſche, freie Gotteswelt, und in die jauchzende und lachende Natur, wird er dann nach Jahren, wenn es Euch einfällt, ihn wieder in Euern Käfig einſperren zu wollen, wieder freiwillig und freudig ſogleich zurückkehren? Ich glaube, Ihr werdet ihn erſt lange locken, ihm erſt mit vielen ſchönen Worten ſchmeicheln und ihm köſtliche Leckerbiſſen in Euern Käfig legen müſſen, ehe er ſich bequemt, ſeine goldene Freiheit wieder aufzugeben und Euch wieder zu ſeinem Herrn anzunehmen. Wenn Ihr's aber mit Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2 Abthl. III. 3 * — 34— Drohungen und Schelten, mit weiſen Redensarten von Pflicht und Treue verſuchen wollt, ihn einzufangen, ſo ſchwingt er ſich auf einen Baum⸗ zweig, ſo hoch, daß Ihr ihm nicht folgen könnt und lacht Euch aus. Du haſt Recht, glaube ich, ſagte ihr Gatte ſinnend. Du lehrſt mich heute ſogleich eine neue Eigenſchaft an Dir kennen, Du biſt Philo⸗ ſophin geworden. Ja, und ich habe Luſt, ein wenig von meiner Weisheit an den Mann zu bringen, ſagte Louiſe lächelnd, damit Du davon profitiren möchteſt. Vielleicht wird es Dir dann beſſer gelingen glücklich zu werden, und Deinen Vogel wieder einzuſperren, und Du wirſt nicht an dieſen Klippen ſcheitern, an welchen der gute Prinz ſich heute den Kopf ſchon ſo blutig geſtoßen hat, daß er immer ein Wahrzeichen davon auf ſeiner Stirn tragen wird. Aber was hat er denn gethan, daß Du ihm ein ſo ſchlimmes Prognoſtikon ſtellſt? Was er gethan hat? Er iſt nicht als Liebhaber, ſondern als Ehe⸗ mann zu ſeiner Gemahlin zurückgekehrt! Er hat ihr nicht demüthig die Hand geküßt und ſchüchtern und flehend in ihren Blicken zu forſchen geſucht, ob ſie ihm noch gewogen ſei, ſondern er iſt mit zuverſichtlicher Siegermiene zu ihr getreten, und hat ihr vor der ganzen Welt ſeine lauten, ſchallenden Küſſe gegeben, die wie Siegestrompeten ſchmetterten. Der gute Prinz denkt, weil da draußen der Krieg zu Ende iſt, und Ihr Frieden mit Euren Feinden geſchloſſen habt, hat aller Krieg überhaupt aufgehört, die Epoche der ewigen Glückſeligkeit iſt angebrochen, um an der Seite Euerer liebenden treuen Frauen Euere Friedenspfeifen zu rauchen. Aber das iſt ein großer und ſchwerer Irrthum, den die Männer ſehr theuer werden büßen müſſen. Denn ich ſage Dir, mein Freund, der Krieg, den Ihr da draußen geführt, war weniger ſchwierig und weniger gefährlich, als diefer Krieg es ſein wird, den Ihr jetzt im Innern Euerer Familien führen müßt. Der böſe Feind hat Euch das Schlachtfeld überlaſſen, aber er hat ſich jetzt niedergeſetzt am häuslichen Heerd, und er erwartet Euch an der Seite Euerer Frauen und Euerer erwachſenen Töchter. Wahrlich, Louiſe, unterbrach ſie ihr Gemahl, es wird mir ganz 1 7. — 35— ſchauerlich bei Deinen Worten, und mein Herz, welches vorher ſo freudig klopfte, ſcheint jetzt ganz ſtill zu ſtehen, als fürchte es ſich, weiter zu ſchlagen. Louiſe achtete gar nicht auf ſeine Worte, ſondern fuhr fort: Der Krieg iſt zu Ende, ſagt Ihr, ich aber ſage, er fängt jetzt erſt an. In jedem einzelnen Hauſe, in jeder Familie wird er fortgeführt, und noch viele Herzen werden brechen, viele Wunden werden ausgetheilt, viele Thränen werden fließen, bevor es Friede werden kann in den Familien. Alle dieſe Bande, welche Weiber und Männer, Aeltern und Kinder mit einander vereinten, ſind in dieſen ſieben Jahren gelockert und zerriſſen, alle Verhältniſſe ſind zerrüttet und unterhöhlt. Um dieſe fürchterlichen Jahre ertragen und überdauern zu können, mußte Jedermann ſich dem Leichtſinn ergeben; die Folge davon iſt, daß Jedermann wirklich leicht⸗ ſinnig geworden, und das Leben mit ganz anderen Augen anſieht wie früher. Man will nur noch den Moment genießen, nur noch von der flüchtigen Stunde das Glück erhaſchen, von dem man nicht weiß, ob es nicht in der nächſten Stunde ſchon geſtorben und vernichtet iſt. Die Liebe iſt ein Amüſement, die Treue ein Phantom geworden, an das Niemand mehr glaubt, von dein nur noch in den Ammenmährchen der Kinderſtuben die Rede iſt. Die Frauen haben die Erfahrung gemacht, daß ihre Männer nicht geſtorben ſind vor Sehnſucht nach ihnen, daß ſie ſelber, nachdem die Thränen des Abſchieds, wenn auch etwas lang⸗ ſam getrocknet waren, doch auch recht gut allein weiter leben konnten, und daß die Unabhängigkeit doch auch manches Bequeme und Angenehme habe! Die Geſchichte von der Wittwe von Epheſus wiederholt ſich alle Tage, mein Freund. Die Frauen haben, nachdem ſie von ihren Männern getrennt worden, lange geweint und getrauert, aber endlich konnten ſie ihr Ohr den ſüßen Troſtworten nicht mehr verſchließen, welche man ihnen zuflüſtertete, endlich ſahen ſie ein, daß das Trauern doch auch ſeine langweilige und eintönige Seite habe, und daß die Zeit viel raſcher dahineile, wenn man ſich zu amüſiren und glücklich zu ſein verſuche. Sie ließen ſich von ihren Courmachern über die Abweſenheit ihrer Männer tröſten, und ihr Gewiſſen machte ihnen dabei gar keine Vor⸗ würfe, denn ſie waren überzeugt, daß ihre geliebten Männer es ebenſo 3* — 36— machten, und ſich auch bei anderen Schönen über die Trennung von ihren geliebten Frauen tröſten würden. Haſt Du das auch gedacht, Louiſe? fragte Major du Trouſſel mit traurigem, angſtvollem Ton, indem er ſeiner Gattin feſt in das Auge ſchaute. Aber Louiſe lächelte ganz unbefangen. Mein Freund, ſagte ſie, würde ich Dir denn dieſes Alles ſagen, wenn ich eben in dieſen Fehler verfallen wäre, den ich an Anderen rüge? Statt zu handeln, habe ich beobachtet, das iſt mein Amüſement, meine Zerſtreuung geweſen, und meine Beobachtungen haben mich oft mit ſolchem Entſetzen und ſolchem Abſcheu erfüllt, daß ich daraus tiefe und philoſophiſche Lehren für mich ſelber ſchöpfen konnte. Ich habe die Menſchen beobachtet und ſtudirt, mein Freund, und darum kann ich Dir jetzt mit voller Ueber⸗ zeugung ſagen: der Krieg iſt noch nicht zu Ende und ſtatt der Palmen des Friedens wird die Zwietracht noch lange ihre Sicheln ſchwingen. Die Menſchen glauben nicht mehr an Treue und Redlichkeit, Jeder beargwöhnt den Andern, und hält ihn für ſchuldig, wie er ſelber iſt. Jede Frau belauſcht mit boshafter Neugierde die Handlungen der anderen Frauen, es ſcheint ihr, daß ſie ſelber weniger ſchuldig iſt, wenn ſie ſieht, daß alle Anderen nicht beſſer ſind wie ſie ſelber, und wenn es ihr unglücklicher Weiſe nicht gelingen ſollte, an ihrer Freundin eine Schuld und eine Treuloſigkeit aufzufinden, ſo wird ſie eine ſolche erfinden, und ſtatt der Wahrheit die Verleumdung zum Deckmantel ihrer eigenen Sünde machen. Niemals iſt ſo viel gelogen und betrogen, ſo viel verläſtert und verleumdet worden, wie jetzt. Die Verleumdung ſteht vor jeder Thür und wird jedem heimkehrenden Manne ſo ſchlimme und fürchterliche Dinge in's Ohr flüſtern, daß er raſend werden muß vor Zorn, und ſeiner Gattin mißtrauen wird, wie unſchuldig ſie immer ſein möge. Nun, ich werde nicht in dieſen Fehler verfallen, ſagte Major du Trouſſel, und wenn ich die Verleumdung vor meiner Thür finden ſollte, ſo werde ich ſie mit einem Fauſtſchlag von mir ſtoßen, und ruhig und lächelnd zu Dir eintreten, ohne auf ihre Zuflüſterungen zu hören, oder wenn ich ſie wider Willen gehört hätte, ohne an ſie zu glauben. Nun, ſo wird es mindeſtens Ein Haus in Berlin geben, wo wirklich Friede iſt, ſagte Louiſe lächelnd, und dieſes Haus wird das unfrige ſein, mein Freund. Ich heiße Dich willkommen im Namen unſerer Laren, die Dir ſchon längſt entgegenlächeln, und Dir eine angenehme Ueber⸗ raſchung vorbehalten haben. Und was für eine Ueberraſchung, Louiſe? Sagteſt Du mir nicht öfter, daß meine Tochter Camilla Dich ſtöre in Deinem Glück? Daß ſie wie der dunkle Schatten meiner Vergan⸗ genheit, welche Dir nicht gehört, zwiſchen uns ſtände? Es iſt wahr! Ich habe mein Herz nicht zwingen können, ſie zu lieben, denn ſie erinnerte mich immer daran, daß Du vor mir einen Andern geliebt, einem Andern angehört, und durch dieſen viel Unglück und viel Leid erfahren habeſt. Nun denn, mein Freund, dieſer Schatten wird nicht mehr zwiſchen uns ſtehen, und das iſt die Ueberraſchung, die ich Dir für Deine Heimkehr aufbewahrt habe: Camilla iſt ſeit einem Jahre ſchon verhei⸗ rathet. Verheirathet! rief ihr Gemahl freudig. Und wer iſt der Glückliche, der es verſtanden hat, dieſes eigenſinnige Kind zu zähmen und ihr kaltes Herz zu erwärmen. Frage vielmehr, wer iſt der Unglückliche, der ſich in dieſes ſchöne Angeſicht verliebt hat, und den Dämon für einen Engel hält, ſeufzte Louiſe traurig. Es iſt ein junger, vornehmer, reicher Engländer, Lord Elliot, der hier als Attaché den Geſchäften der engliſchen Geſandſchaft vorſtand, während der Geſandte, Herr Mitchel, bekanntlich immer im Hauptquartier beim König war. Lord Elliot iſt übrigens ein junger, liebenswürdiger, geiſtvoller Mann, der Camilla mit der glühenden Schwärmerei einer erſten Liebe wahrhaft anbetet. Und Camilla? Liebt ſie ihn? Louiſe zuckte die Achſeln. Sie hat ſich, wie er ihr ſeinen Antrag machte, ſofort bereit erklärt, ihn zu heirathen, obwohl ich glaube, daß ſeine Perſon ihr bei dieſer Gelegenheit weniger intereſſant war, als die koſtbaren Geſchenke, die er ihr zur Morgengabe darbrachte. Aber es war ihre freie Wahl ſich mit ihm zu vermählen? Du haſt — 38— ſie nicht überredet, Du haſt nicht, um meiner Schwäche gefällig zu ſein, ſie durch Bitten und Vorſtellungen gezwungen, wider Willen ſich zu ver⸗ heirathen? Mein Freund, ſagte Louiſe mit dem Stolz gekränkter Mutterliebe, wie ſehr ich Dich immer liebe, würde ich doch nicht im Stande ſein, Dir das Glück meines einzigen Kindes zu opfern. Camilla bat mich um meine Einwilligung und ich gab ſie ihr, nachdem ſie auch die Einwilli⸗ gung ihres Vaters vorher ſchon erhalten hatte. Drei Tage ſchon nach der Verlobung fand die Vermählung ſtatt, und das junge Paar machte eine Hochzeitsreiſe nach England, von welcher es erſt ſeit einigen Mo⸗ naten zurückgekehrt iſt. Und wo befinden ſie ſich jetzt? Sie wohnen in Berlin in einer reizenden Villa in der Do⸗ rotheenſtraße, die der Lord für ſeine junge Gemahlin in ein wahres Zauberſchloß hat umwandeln laſſen. Uebrigens kannſt Du ſie heute Abend noch begrüßen, denn ſie ſind Beide hier, und— Louiſe verſtummte, und horchte auf die Stimmen, welche plötzlich die Stille unterbrachen, und immer näher und näher herankamen. Ach, flüſterte ſie leiſe, das Sprichwort bewährt ſich:„wenn man vom Wolf ſpricht, ſo iſt er nicht weit.“ Es iſt Lord Elliot und Ca⸗ milla, welche da ſo lebhaft ſprechend herankommen. Horchen wir ein wenig. 4 Das Paar hatte ſich ihnen mehr genähert, und ſtand jetzt dicht vor der Grotte, in welcher ſich Louiſe mit ihrem Gemahl befand. Aber ich finde es grauſam, ſehr grauſam, mir jedes unſchuldige Vergnügen verſagen zu ſollen, hörte man Camilla jetzt mit harter, un⸗ williger Stimme ſagen. Ich muß leben wie eine Nonne, welche ihr Ge⸗ lübde abgelegt hat, und Alles dies um eines Geſchöpfes willen, das ich nicht kenne, und deſſen Daſein mir nur eine Laſt und eine Beſchwerde iſt. Alles dieſes um eines Engels willen, mit dem Gott unſere Liebe ſegnen will, erwiederte die ſanfte, wohlklingende Stimme ihres Gemahls. Alles dies für ein ſüßes, kleines Geſchöpf, das bald meine Camilla mit ihren kleinen Aermchen umranken und ſie ſeine Mutter nennen wird. Oh, meine liebe Camilla, wie kannſt Du Dich nur ſelber ſo verläſtern, zu —-— — 39— ſagen, daß Dir dieſe glücklichen Ausſichten, welche mich mit Entzücken erfüllen, ganz gleichgültig ſind. Ich kenne meine Camilla beſſer als ſie ſich ſelber kennt; Dein Herz, welches ſo durchſichtig und klar wie ein Cryſtall iſt, liegt immer unenthüllt vor mir da, und ich lauſche mit an⸗ dächtiger Liebe auf jeden ſeiner Schläge. So weiß ich auch, daß es nur die jungfräuliche Scham iſt, welche meine Camilla ſich ſo rein und keuſch bewahrt hat, die Dich jetzt veranlaßte, dieſe Aufforderung anzunehmen. Weil Du nicht willſt, daß irgend Jemand Dein ſüßes Geheimniß kenne, willſt Du heute tanzen, wie ein junges Mädchen. Ich will tanzen, weil es mir Freude macht! rief Camilla unwillig. Weil Du biſt wie die Kinder und wie die Engel, ſagte ihr Gemahl innig, ſo heiteren und unſchuldigen Herzens, ſo wie ein flatternder Amor, der in Blumenkelchen ſchlummert, von Sternen und Sonnenſtrahlen träumt, und gar keine irdiſchen, proſaiſchen Gedanken kennt. Aber i mein holder Amor, ich muß Dir jetzt ſchon die leuchtenden Schmetter⸗ lingsflügel feſſeln, und Dich ein wenig feſthalten in dem Staub und der Unbehaglichkeit dieſer armen, niedrigen Welt. Doch warte nur, warte, meine holde Libelle, nur noch kurze Zeit, dann wirſt Du erlöſt ſein von dieſen Feſſeln und ſtatt eines Engels werde ich deren zwei an meiner Seite haben. Dann, wenn Du geneſen biſt, will ich Dich entſchädigen für die jetzigen Entbehrungen, und jeder Tag ſoll Dir neue Feſte, neue Freuden bringen, und Du ſollſt tanzen auf Blumenteppichen und Roſen, wie eine Elfenkönigin. Verſprichſt Du mir das? rief Camilla ſchnell erheitert. Willſt Du mich auch dann nicht hindern, zu tanzen, ſo viel ich mag, und ſo luſtig zu ſein, wie's nur irgend möglich iſt? Ich verſpreche es Dir, meine Camilla. Opferſt Du mir dafür Deinen heutigen Tanz? Nun ja, ich will es thun, ſeufzte ſie, obwohl ich fürchte, daß mein Vetter Herr von Kindar es ſehr übel nehmen wird, wenn ich jetzt plötzlich ihm den Tanz abſchlage, den ich ihm vorher zugeſagt habe. Er wird Dich ſchon entſchuldigen, mein ſüßes Herz, wenn ich ihn darum bitte, ſagte ihr Gemahl mit einem ſanften Lächeln. Auch währt es noch eine Zeitlang, bevor der Tanz beginnt, und ich werde ſogleich — 410— zu ihm gehen und ihm Deinen Entſchluß anzeigen. Habe die Güte mich hier zu erwarten, ich kehre ſogleich zu Dir zurück. Er küßte ſie zärtlich auf die Stirn und entfernte ſich mit eiligen Schritten. Camilla blickte ihm ſeufzend nach, und dann die langen Blätter der Palme zurückſchlagend, trat ſie in die Grotte ein. Bei dem Anblick des Paars, welches da auf der Raſenbank ſaß, ſchrak ſie zuſammen, und wollte eilends entfliehen, aber ihre Mutter hielt ſie zurück, indem ſie Ca⸗ milla mit herzlichen Worten begrüßte. Camilla lachte laut auf. Ach, meine Mutter, ſagte ſie, es ſcheint, ich bin Dir immer noch im Wege, und obwohl ich nicht mehr in Deinem Hauſe wohne, ſtöre ich immer noch Deine Rendezvous. Aber fürchte nichts, ich bin diseret. Möge ſich Dein Freund da ruhig entfernen, ich will ihn gar nicht ſehen, und ſeinen Namen gar nicht wiſſen, und wenn mein höchſt tugendhafter Gemahl zurückkehrt, wird er nichts finden als zwei ehrbare ſchüchterne Frauen. Gehen Sie, mein Herr, ich werde mich umwenden, damit ich Sie nicht ſehe. Und ich bitte, meine liebe Camilla, mir vielmehr Ihr Antlitz recht zuzuwenden, und mich freundlich zu begrüßen, ſagte Herr du Trouſſel, indem er aus dem Schatten der Palme hervortrat und Camilla mit einem herzlichen Gruß die Hand darreichte. Sie ſah ihn erſtaunt und fragend an, und dann, als ſie ihn er⸗ kannt hatte, brach ſie in ein lautes fröhliches Lachen aus. Wahrhaftig, ſagte ſie, meine Mutter hat ſich ein Rendezvous mit ihrem Herrn Ge⸗ mahl gegeben, und ich habe hier ein bezauberndes Ehegezwitſcher geſtört. Ihr dagegen habt unſer Ehegezwitſcher belauſcht, und alſo die ganze Geſchichte erfahren, die mein Herr Gemahl immer ſein ſüßes Geheimniß zu nennen beliebt. Nun, was ſagen Sie dazu, mein theurer Stiefvater, daß die Maman mich ſo ſchnell und ſo früh unter die Haube gebracht, und aus Ihrer kleinen tollen Camilla ſchnell die Gemahlin eines Lords gemacht hat? Ich wünſche Ihnen von ganzer Seele Glück, liebe Camilla, und freue mich, von Ihrer Mutter zu hören, daß Sie eine ſo glückliche Wahl — getroffen, und die Gemahlin eines ſo liebenswürdigen und geiſtvollen Mannes geworden ſind. So? Hat Maman Ihnen geſagt, daß Lord Elliot das iſt? Sie mag recht haben, ich verſtehe das nicht. Ich weiß nur, daß ich mich über die Maaßen langweile bei Seiner Lordſchaft, und daß ich von all ſeinen geiſtreichen Reden gar nichts verſtehe, obwohl mein Herr Gemahl be⸗ hauptet, daß ich Alles weiß, und Alles verſtehe, und von Allem das höchſte und tiefſte Verſtändniß habe. Ach Gott, Stiefväterchen, es iſt ein ſchreckliches Unglück, ſo angebetet und angeſtaunt zu werden, wie ein Engel des Himmels, der nur ganz aus Verſehen auf die Erde gefallen iſt. Wahrhaftig, ein Unglück, um das Sie alle Frauen beneiden werden! rief der Major lachend. Dann wiſſen Sie nicht was Sie ſagen, ſeufzte Camilla. Ich meines⸗ theils habe dieſe Anbetung ſatt. Ich will durchaus kein überirdiſcher Engel ſein, ſondern ich will als ſchöne, reiche junge Frau mein Leben genießen. Aber ich mag beginnen, was ich will, mein Herr Gemahl weiß all meinem Thun immer eine ideale Seite abzugewinnen, und neuen Stoff zur Anbetung darin zu finden. Er wird es noch dahin bringen, daß ich recht tolle und unſinnige Streiche mache, um ihm zu beweiſen, daß ich kein Engel, ſondern ein Menſchenkind bin. Nun heute Abend warſt Du ja ſchon im Begriff einen ſolchen Streich zu begehen, ſagte ihre Mutter ſtreng, und Dich Deinem Gemahl als höchſt leichtſinniges Menſchenkind zu declariren. Ach, Du meinſt, daß ich tanzen wollte! Aber bedenke, Maman, mit wem ich tanzen wollte. Mit meinem Vetter, den alle Welt nur „den ſchönen Kindar“ nennt, und der ſo wundervoll tanzt, daß es eine Luſt iſt, mit ihm dahin zu ſchweben. Er iſt auch erſt heute Abend zurückgekehrt, und als er mich ſah, kam er gleich auf mich zu, und be⸗ grüßte mich ſo herzlich und zärtlich, denn Du weißt wohl, Maman, wir haben uns immer lieb gehabt, und wie ich ihm jetzt ſagte, daß ich ver⸗ heirathet ſei, ward er ganz blaß und ſah mich ſo traurig, ſo traurig an, daß mir die Thränen in die Augen traten. Ach, Maman, warum mußte ich denn den Lord heirathen, der ſo ernſthaft, ſo klug, ſo gelehrt und tugendreich iſt, und bei dem ich ſo viel Langeweile empfinde. Warum — — 42— 6 konnten wir nicht warten bis Kindar zurückkehrte, der ſo ſchön, ſo luſtig und ungelehrt iſt, vor dem ich niemals nöthig gehabt hätte zu er⸗ röthen, wenn ich auch noch ſo dumme Streiche gemacht, und mit dem ich mich niemals würde gelangweilt haben! Aber Du weißt ja nicht einmal, ob der ſchöne Kindar Dich hätte heirathen mögen! rief ihre Mutter lachend. Oh doch, Maman, das weiß ich. Er hat’s mir oft geſagt, ſchon als ich noch ein kleines Mädchen und er noch Cadet war. Der leidige Krieg iſt an Allem Schuld, der hat gemacht, daß mein ſchöner Vetter ſo ſchnell Officier ward und zum Regiment abgehen, und daß ich wäh⸗ rend der Zeit mich an einen Andern verheirathen mußte. Aber an einen edlen, geiſtvollen und ehrenhaften Cavalier, der Ihrer Wahl Ehre macht, ſagte du Trouſſel ernſt. Lord Elliot hat rothes Haar, ſchielt mit beiden Augen, und iſt ſo lang und dürr, daß er mehr wie ein Gedankenſtrich, als wie ein Menſch ausſieht. Wenn er in ſeinem gelbgrauen Reitcoſtüm erſcheint, muß ich jedes Mal an das große Windſpiel denken, das Sie mir einſt ſchenkten, Stiefväterchen, und das ſo lange und hohe Beine hatte, daß ich immer unter ihm durchkriechen konnte. Und wenn der Lord, juſt wie jenes Windſpiel, zu meinen Füßen liegt, und mich ſo anſieht, ſo ſchlagen ſeine Augen ſich förmlich zu einem Knoten zuſammen, und ich weiß niemals, ob er mich anſieht, oder eben im Begriff iſt, in Ohnmacht zu fallen, und darum die Augen ſo verdreht. Finden Sie nun noch, daß Lord Elliot meinem Geſchmack Ehre macht? Gewiß, und das um ſo mehr, da Sie durch Ihre Wahl bewieſen, daß Sie im Stande ſind, die wahre Liebenswürdigkeit und Schönheit eines Mannes zu ſchätzen, und daß Ihnen das Aeußere ganz unbedeu⸗ tend und nebenſächlich erſcheint. Ach, ach, jetzt fangen Sie auch an, mir großartige und erhabene Motive unterzuſchieben, rief Camilla lachend. Nein, nein, Stiefväter⸗ chen, ich bin wirklich nicht ſo erhaben, wie Sie denken, und ich hätte den Lord nicht geheirathet, wenn Maman und ich nicht Beide den ſehnlichen Wunſch gehegt hätten, von einander befreit zu ſein, weil wir uns Beide herzlich zur Laſt waren. Maman iſt noch viel zu ſchön und zu jung, — 43— um eine erwachſene Tochter, die nicht häßlich iſt, neben ſich haben zu können, und ich war ſchon viel zu alt, um mich noch länger in die Kin⸗ derſtube einſperren zu laſſen. So ging ich denn aus der Kinderſtube zum Traualtar, und ward die Gemahlin des Lords. Damit waren Ma⸗ man und ich von einander erlöſt, und ich dachte, jetzt würde für mich auch die Zeit der Freude und der Freiheit angehen, aber ach, ich habe meinen Käfig nur vertauſcht! Früher war ich in die Kinderſtube einge⸗ ſperrt, weil Maman ſagte, ich ſei ein tolles und ungezogenes Kind, jetzt bin ich in einem Tempel eingeſperrt, weil mein Gemahl ſagt, ich ſei ein erhabener unſchuldsvoller Engel, der mit der niedrigen, gemeinen Welt gar nicht in Berührung kommen dürfe. Ach, und ich ſehne mich doch ſo ſehr nach der Welt, und bin ſo durſtig nach ihren Genüſſen, und möchte ſo gerne mit vollen Zügen aus dem goldenen Becher der Freude trinken. Aber mein Gemahl bietet mir immer nur eine Cryſtallſchaale mit Him⸗ melsthau und Aetherſtaub dar, wie es ſich für einen überirdiſchen Engel geziemt, und er merkt es gar nicht, daß ich ich mich dabei zu Tode hungere und durſte, wie der unglückliche König Midas, vor deſſen dur⸗ ſtenden Lippen ſich Alles in Gold verwandelte, und der verhungern mußte in aller ſeiner Herrlichkeit. Oh, ich bitte Sie, Stiefväterchen, übernehmen Sie doch die Rolle des Barbiers, bohren Sie ein Loch und rufen Sie hinein, daß ich Eſelsohren habe, Eſelsohren ſo lang wie nur je König Midas ſie beſeſſen. Vielleicht wächſt da auch Schilf, und ver⸗ kündet meinem Lord das Geheimniß, das er mir nicht glauben will, und er wird endlich einſehen lernen, daß ich kein Engel bin, und er wird dann aufhören mich anzubeten und mir geſtatten, ſo gut vergnügt und luſtig auf Erden zu ſein, wie jede andere Frau. Aber kommen Sie, kommen Sie, Stiefväterchen, ich höre da meinen geſtrengen Herrn Ge⸗ mahl im Geſpräch mit meinem ſchönen, luſtigen Vetter herankommen. Laſſen Sie uns ihnen entgegen gehen, und gönnen Sie mir das Ver⸗ gnügen, Ihnen meinen Gemahl nicht hier, ſondern im Saal bei voller Beleuchtung der Kronleuchter vorzuſtellen; dann will ich Sie nachher auf Ihr Ehrenwort fragen, ob Sie noch finden, daß ich eine glückliche Wahl getroffen, und daß mein Windſpiel von Gemahl mehr werth iſt als mein ſchöner Vetter Kindar? = 44— Sie nahm mit einem fröhlichen Lachen den Arm des Majors, und wollte ihn vorwärts ziehen. Aber Ihre Mutter, fragte du Trouſſel. Vergeſſen Sie denn Ihre Mutter? Höre nur, Maman, wie grauſam er iſt, rief Camilla, Dich immer⸗ fort daran zu erinnern, daß Du meine Mutter biſt, was mit andern Worten ſo viel heißt, als Dir ſagen, daß Du bald Großmutter ſein wirſt. Ach, Maman, iſt es nicht zum Kranklachen, Dich als Großmutter zu denken? Ich verſichere Dich, Maman, bei all meinen Leiden und Unbequemlichkeiten iſt es das Einzige, was mich beluſtigt und ergötzt, zu denken, daß ich Dich bald zu einer ehrbaren Großmutter machen werde. Sage, Großmutter, willſt Du mit uns kommen? Nein, ich werde hier bleiben, ſagte ihre Mutter. Deine luſtigen Re⸗ den haben mich traurig gemacht, und ich paſſe jetzt nicht für die Geſell⸗ ſchaft. Ich werde hier die Rückkehr meines Gemahls erwarten, um dann mit ihm nach Berlin zu fahren. Adieu, Maman, ſagte Camillla lachend, indem ſie den Major haſtig mit ſich vorwärts zog. Louiſe du Trouſſel blieb allein in der Grotte zurück Sie lehnte ihr Haupt an den Stamm der Palme und blickte ſtarr und mit trauri⸗ gem Kopfſchütteln der enteilenden Geſtalt ihrer Tochter nach. Es zog wie ein Schauder durch ihre Seele, es war ihr, als ob eine kalte Tod⸗ tenhand ſich auf ihr Herz lege, als ob ein Schatten ſich zu ihr dränge, als ob eine Stimme flüſtere: das iſt Dein Werk! Fluchwürdige Mutter, Du allein biſt Schuld an dem Verderben Deiner Tochter. Durch Dich iſt dieſe Seele verloren gegangen, welche Gott Dir anvertraut hatte, und in welche er die Keime zu ſo großen, ſo ſchönen und herrlichen Ei⸗ genſchaften gelegt, damit Du ſie pflegen und bilden möchteſt. Gott wird eines Tages Rechenſchaft von Dir fordern für dieſe Seele, welche Du vergiftet haſt mit Deinem böſen Beiſpiel, welche durch Dich verloren gegangen iſt, durch Dich allein! Louiſe ſchauderte in ſich zuſammen und ſchüttelte ſich, als wollte ſie die ſchlimmen Gedanken von ſich abwehren, und ſich frei machen von dieſen Stimmen, welche ſie marterten mit ihrem Geflüſter. Sie hatte — 45— ſie ſchon oft vernommen, ſie hatten ſie ſchon oft inmitten der Nacht ge⸗ weckt, und den Schlaf von ihrem Lager getrieben, und ihr Herz gemar⸗ tert mit bitteren Vorwürfen und Anklagen. Sie kannte ſehr wohl dieſes graue Geſpenſt, das immer hinter ihr herſchlich, das immer an ihrer Seite war, das ſie immer mit finſteren, todesernſten Mienen anſtarrte, ob ſie auch lachen und heiter ſein mochte, das oft ſo laut ſprach, daß Louiſe davon wie betäubt ward, und gar nicht die Klänge der Freude und Luſt zu hören vermochte, die ſie umrauſchten. Sie wußte, daß dieſes graue Geſpenſt das Gewiſſen war, welches immer wieder zu ihr her⸗ anſchlich, wie oft ſie es auch zurückgedrängt hatte. Aber ſie wollte es nicht hören, ſie ſtürzte ſich immer wieder in neue Zerſtreuungen, in neue Genüſſe, ſie betäubte das mahnende Gewiſſen unter den Jubelliedern der Freude, ſie rettete ſich vor dieſem grauen Geſpenſt in die Arme des Leichtſinns und der Weltluſt, und oft gelang es ihr, Monate lang dieſen finſteren Schatten nicht zu fehen, der mit aufgehobenem Finger drohend hinter ihr ſtand, und vor dem ſie immer wieder ſich flüchtete in neue Sünde und neue Schuld. Zuweilen hatte ſie ein Gefühl, als ob der Tod ſie in ſeinen Armen halte, als ob er mit wildem Jauchzen im raſenden Tanze ſie umwirble, nicht achtend ihres Flehens und ihrer keuchenden Bruſt. Sie hätte gern geruht, gern in einen ſtillen Winkel ſich gebettet vor dieſer wilden Luſtigkeit, aber ſie konnte den unheimlichen Armen nicht mehr entfliehen, welche ſie wie mit eiſernen Klammern umfangen hielten und mit ihr den Todtentanz der Sünde durch das Leben dahinbrauſten. Sie mußte vorwärts, immer vorwärts auf dieſer Bahn des Laſters, ſie mußte immer wieder ſich be⸗ rauſchen mit dem Opium der Sünde, um ſich zu retten vor der kahlen, farbloſen Nüchternheit, welche ſie bedrohte mit dem furchtbarſten Uebel, mit der Langenweile, welche der alternden Coquette die Schreckniſſe einer Zukunft vormalte, in welcher ſelbſt die Sünde ſie nicht mehr trö⸗ ſten, in welcher das Alter mit grauſamer Hand die Blumen aus ihrem Haar und die Röthe von ihren Wangen fortſchleudern würde, um der hohnlachenden Welt die Runzeln auf ihrer Stirn und die Aſche auf ihrem Haar zu zeigen. Es iſt kalt hier, flüſterte Louiſe, in ſich zuſammenſchaudernd und — 46— raſch von der Raſenbank ſich erhebend. Es iſt kalt hier und einſam, ich will in die Säle zurückkehren. Vielleicht— Eben nahten ſich eilige Schritte, und eine Stimme flüſterte leiſe ihren Namen. 4 Madame du Trouſſel ſchreckte zuſammen, und ein glühendes Roth bedeckte ihre Wangen. Wie ſie jetzt mit haſtigem Schritt aus der Grotte hervortrat, war ſie wieder die heitere, ſtrahlende, übermüthige Coquette, die ſchöne Frau mit der klaren wolkenloſen Stirn und den glänzenden Augen, welche niemals von einer Thräne getritbt worden. Die von Gewiſſensbiſſen, von peinigenden Selbſtvorwürfen gemarterte Mutter hatte ſich wieder in die coquette Weltdame verwandelt. Die Stimme flüſterte zum zweiten Male Louiſens Namen, und ihr Herz erbebte und zitterte bei dieſem Klang, ſie wußte nicht, ob vor Freude oder vor Entſetzen. Um Gotteswillen, wie dürfen Sie es wagen, mich hier aufzuſuchen? flüſterte ſie leiſe. Wiſſen Sie nicht, daß mein Gemahl hier iſt und jeden Moment hier eintreten kann? Ihr Gemahl unterhält ſich ſo eben mit dem Prinzen Heinrich, während die Prinzeſſin mit dem Grafen Kalkreuth den erſten Walzer tanzt, ſagte der junge Mann, der Louiſen mit glühenden Blicken gegen⸗ überſtand. Alle Welt iſt in den Sälen mit Tanzen, Spielen, Mediſiren und Plaudern beſchäftigt, und hat, indem ſie die Prinzeſſin und ihren Gemahl beobachtet, ſogar auf einen Augenblick die ſchöne und bezaubernde Louiſe du Trouſſell vergeſſen können. Ich allein vermochte das nicht, und da ich von Lady Elliot, Ihrer Tochter, erfuhr, daß Sie hier ſeien, wagte ich es, Sie hier aufzuſuchen, um mich durch einen Blick, einen Hände⸗ druck zu entſchädigen für das lange Entbehren, zu dem ich heute ver⸗ dammt bin. Ach, ſagen Sie, angebetete Frau, wird denn das nun im⸗ mer ſo bleiben, ſoll ich nun immer dazu verdammt ſein, Sie nur aus der Ferne zu bewundern, ohne jemals wieder in Ihrer beglückenden Nähe aufathmen und mich ſonnen zu dürfen an Ihren Blicken? Dieſe Worte des jungen Mannes, ſo geziert und künſtlich ſie jedem unbefangenen Ohr klingen mochten, erfüllten das Herz der Madame du Trouſſel mit einer ſtolzen Freude, denn ſie gaben ihr die Gewißheit, daß — 47— ſie immer noch ſchön, immer noch im Stande ſei, die Bewunderung und Anbetung der Männer zu erregen. Es wird Alles gut gehen, Emil, ſagte ſie mit cinem triumphirenden Lächeln. Laſſen Sie uns nur noch eine kurze Zeit geduldig und vor⸗ ſichtig ſein. Mein Gemahl ahnt nichts, ich habe zu ihm geſprochen ſo weiſe wie Cato, und ſo tugendreich wie Lucretia. Er glaubt an mich, und hegt nicht den geringſten Zweifel; die Verleumdung will er von ſei⸗ ner Thür weiſen, und dadurch wird ſie offen bleiben, und Sie können ſicher hinein gehen, und ſich präſentiren. Er wird Sie unter ſeine Pro⸗ tection nehmen, und Sie als Hausfreund arglos anerkennen, denn er iſt zum Ehemann prädeſtinirt.— Aber vorſichtig, Emil! Das Geheimniß iſt der Genius des Glückes! Bleiben Sie hier und laſſen Sie mich allein zu der Geſellſchaft zurückkehren! Au revoir, mon ami! Sie warf ihm leicht mit den Fingerſpitzen einen Kuß zu, und eilte von dannen. IV. Der König in Sansſouci. Die Empfangsfeierlichkeiten und Feſte waren vorüber, und endlich durfte der König ſich der Ruhe und Stille überlaſſen, welche ſein Herz ſo lange und ſo vergeblich erſehnt hatten Endlich durfte er, welcher ſeit ſo vielen Jahren nur ſeinen Königspflichten und ſeinem Vaterlande ge⸗ lebt, daran denken, auch ſich ſelbſt wieder leben zu dürfen, und nach ſo vielen Sorgen und Mühen auszuruhen. Endlich durfte der Krieger und Held ſich wieder verwandeln in den Philoſophen, der mit ſeinen Freunden und ſeinen Büchern den heiteren und heiligen Genüſſen der Wiſſenſchaf⸗ ten und Künſte leben mochte. Mit einem frohen, ſtrahlenden Antlitz beſtieg der König den Wagen, um nach Sansſouci zu fahren, nach dieſem geliebten Sansſouci, das ihm in den Kriegsjahren immer wie ein goldener Traum, wie ein leuch⸗ — 48— tendes Ziel vorgeſchwebt hatte, an das zu denken oft ſein Troſt und ſeine Stärkung geweſen. Jetzt ſollte er es wiederſehen, jetzt ſollten dieſe ſchö⸗ nen ſtillen Räume ihn wieder aufnehmen, und die Vergangenheit wieder zur Wirklichkeit werden. Mit welchen entzückten Blicken ſchaute er umher auf der Straße, die ihn nach Sansſouci führte; jeder Baum, jeder Stein, an dem ſie vorüberfuhren, ſchien ihm den Willkommengruß zuzuwinken, und wie jetzt inmitten des Kranzes grüner Bäume das Schloß von Sansſouci ſicht⸗ bar ward, da lehnte der König ſich wie überwältigt in den Wagen zu⸗ rück und ſchloß die Augen, als ſeien ſie geblendet von dem was ſie geſchaut. Marquis d'Argens aber, der Einzige, der den König auf dieſer Fahrt hatte begleiten dürfen, ſprang von ſeinem Sitz empor, und mit aller Lebhaftigkeit ſeines feurigen Naturells ſeine beiden Arme erhebend und ſeinen Hut zum Gruße ſchwenkend, rief er: Sei gegrüßt, Sans⸗ ſouci, gegrüßt du Tempel der Weisheit und des philoſophiſchen Glücks. Oeffne Deine Pforten weit, weit, denn Dein Herr will wieder einziehen! Laß Deine Mauern klingen und tönen, wie die Memnonsſäule, wenn der Sonnenſtrahl nach langer Nacht ſie trifft. Auch Deine Nacht iſt vorüber, Sansſouci, und die Sonnenſtrahlen werden Dich wieder treffen aus den Augen Deines Herrn. Klingt alſo, klingt ihr Mauern, ruft und ſingt: Heil unſerem königlichen Philoſophen, welcher heimkehrt, um in unſeren Armen auszuruhen auf ſeinen Lorbeern! Heil dem gro⸗ ßen Friedrich! 1 Der König zog den enthuſtſtiſchen Freund lächelnd auf ſeinen Sitz zurück. Sie ſind und bleiben doch immer ein Kind, ſagte er, ein großes Kind. Sire, rief d'Argens, das kommt daher, daß ich fromm geworden bin. Es ſteht geſchrieben:„So Ihr nicht werdet, wie die Kinder, wer⸗ det Ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Nun aber iſt Sansſouci mein Himmelreich, ich bin alſo geworden wie die Kinder, um an der Seite meines Königs darin aufgenommen zu werden, und die Tage der Glückſeligkeit wieder beginnen zu können. Der König ſchüttelte ſanft ſein Haupt. Ach, ich fürchte ſehr, Freund, — 49— dieſe Tage der Glückſeligkeit werden ſich nicht wieder erneuern, und die Sonne, welche einſt über Sausſouci geleuchtet, iſt untergegangen. Unſere Lippen haben das Lächeln verlernt, und in unſeren Herzen iſt die Freu⸗ digkeit für immer erſtorben! Wie viel Illuſionen, wie viel Hoffnungen, wie viel Wünſche hatte ich noch, als ich zum letzten Male dieſe Stufen von Sansſouci hinabſtieg, wie arm und ernüchtert, wie ermattet und ſchwach werde ich jetzt wieder hinanſteigen. Wie, Eure Majeſtät nennen ſich arm? und Sie kehren doch wieder, ſo reich an Ruhm, das Haupt bekränzt mit unvergänglichen Lorbeern! Ah, Marquis, dieſe Lorbeern ſind indeß mit vielem Blut getränkt, und bitter und ſchmerzlich erkauft mit dem Leben vieler Tauſende meiner Unterthanen. Noch bluten die Wunden, welche der Krieg meinem armen Lande geſchlagen, und es wird vieler Jahre der Ruhe bedürfen, um ſie zu heilen. Reden Sie mir alſo nicht von meinen Lorbeern, und was meinen Ruhm anbetrifft, ſo iſt das eine kalte und nüchterne Speiſe, ein jammervolles Surrogat des Glückes. Um den Ruhm für etwas Be⸗ gehrenswerthes zu halten, muß man vor allen Dingen noch auf das Urtheil der Menſchen Gewicht legen und an ſie glauben. Ich aber, Marquis, ich habe dieſen Glauben für immer verloren. Zu viele und zu bittere Erfahrungen haben mein Vertrauen und meinen Glauben endlich für immer vernichtet, ich kann die Menſchen nicht mehr lieben, denn ich habe ſie immer nur klein, nur erbärmlich und hinterliſtig gefunden. Gerade Diejenigen, welchen ich am meiſten wohl gethan, die haben mich am ärgſten getäuſcht und hintergangen. ken Sie nur an Schafgotſch, den ich meinen Freund nannte, und der ich verrieth in der Stunde der Gefahr. Denken Sie nur an Warkotſch, den ich bevorzugte vor ſo vielen Anderen, den ich überhäufte mit Beweiſen meiner Zuneigung, und der dafür mich verrathen und tödten wollte, denken Sie an die wieder⸗ holten Mordverſuche, die man auf mich gemacht, und die immer von Solchen unternommen worden, denen ich vertraute und denen ich Gutes gethan! Denken Sie an Alles dies, Marquis, und dann ſagen Sie mir, ob ich die Menſchen noch lieben, ob ich ihnen noch vertrauen kann! Es iſt wahr, Sire, ſagte der Marquis traurig, Eure Majeſtät haben ſchlimme Erfahrungen gemacht, und die Menſchen mußten Ihnen Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. III. 4 — 50— um ſo kleiner erſcheinen, weil Sie ſelber ſo groß ſind. Dem Adler, welcher ſich ſiegreich und ſtolz zur Sonne emporſchwingt, muß wohl die Welt, je höher er ſteigt, um ſo kleiner erſcheinen, und er muß das Alles für nichtige Armſeligkeit und elenden Tand halten, was uns arme Erden⸗ würmer entzückt, die wir im Staube umherirren, und das in der Sonne ſchillernde Atom für die Sonne ſelber halten. Schmeicheln Sie mir nicht, Marquis, laſſen Sie unter uns Beiden ein wenig von der Wahrheit walten, welche ſo ſelten bei den Menſchen zu finden iſt, und welche die Könige kaum dem Namen nach kennen! Sie ſchmeichelten mir eben, weil Sie nicht den Muth hatten, mir auf meine Frage zu antworten, und mir Recht zu geben, wenn ich ſagte, daß ich die Menſchen nicht mehr lieben und ihnen nicht mehr vertrauen kann. Sie fühlen aber, daß ich Recht habe, und Sie wenigſtens werden mich zu entſchuldigen wiſſen, wenn ich vor der Welt jetzt als ein harter, kaltherziger Egoiſt erſcheinen ſollte. Es iſt wahr, mein Herz iſt geſtählt in den Feuern vieler und qualvoller Leiden, und die Kümmerniſſe und Enttäuſchungen dieſer Jahre haben ſich wie ein Panzer um meine Seele gelegt, daß der Sonnenſchein der Liebe ſie kaum zu wärmen vermag. Ich habe die Menſchen ſehr geliebt Marquis, vielleicht iſt es deshalb, daß ich ſie jetzt ſo ſehr verachte, weil ich einſehe, daß ſie meiner Liebe nicht werth waren! Und dennoch, Sire, dennoch lieben Sie ſie, denn Ihr Herz hat dieſe göttliche Kraft des Erbarmens, welche die Kleinlichkeit der Men ſchen überwindet und ihren F erzeiht, eben weil ſie Menſchen ſind! Die Intoleranz liegt nicht in erhabenen Weſen meines Königs, und auf ſeinen Lippen wird immer nur Vergebung und Erbarmen ſein. Nun, ich werde mich bemühen, Ihre Worte zur Wahrheit zu machen, ſagte der König, dem Freunde die Hand darreichend, und wenn es mir zuweilen nicht gelingen ſollte, ſo haben Sie Nachſicht mit mir, Freund, und entſchuldigen Sie mich, indem Sie daran denken, wie viel ich ge⸗ litten habe, und daß es nur vernarbte Wunden ſind, von denen mein Herz hart geworden iſt. Aber ſtille jetzt mit dieſen trüben Gedanken. Sehen Sie, da leuchtet uns Sansſouci entgegen, und jedes Fenſter, das da in der Sonne blinkt, ſcheint mich mit glänzenden Augen zu grüßen — 51— und die Bäume rauſchen mir Willkommen zu. Sehen Sie, da ſind die Fenſter meiner Bibliothek und hinter ihnen harren die großen Geiſter meiner unſterblichen Freunde und ſchauen mich an und ſchütteln ihre greiſen Häupter über das ſchwache Menſchenkind, das alt und gebeugten Hauptes zu ihnen zurückkehrt und Cäſar blickt lächelnd auf die dürren Lorbeeren, die ich heimgebracht, und Virgil ſchüttelt ſein lockiges Haupt und ſummt leiſe eins ſeiner göttlichen Lieder, die unſterblicher und größer ſind, als alle meine Siege! Kommen Sie, Marquis, kommen Sie, wir wollen in Demuth und Beſcheidenheit den großen Götterſöhnen unſere Huldigung darbringen und ſie bitten, uns nicht zu verachten, weil wir ihnen ſo wenig gleichen können. Wie der Wagen jetzt an der unterſten Terraſſe anhielt, ſprang der König mit der elaſtiſchen Leichtigkeit eines Jünglings heraus und begann ſo raſch und leichtfüßig die hohen Terraſſen hinaufzuſchreiten, daß der Marquis ihm kaum zu folgen vermochte. Zuweilen aber blieb der König ſtehen und ſchaute um ſich, und dann flog ein glückſeliges Lächeln durch ſeine Züge und ſein Auge blitzte im Glanz der Freude. Dann ſchritt er haſtig weiter und wandte das Haupt empor zu dem Hauſe, das da oben ſo ſtill und friedlich erglänzte und deſſen geöffnete Pforten ihn mit Liebesgrüßen zu bewillkommnen ſchienen. Jetzt hatte er die Höhe erreicht, jetzt ſchaute er mit leuchtenden Augen um ſich her und grüßte mit ſeinem Lächeln die liebliche Landſchaft, die ſich in lachender Ueppigkeit zu ſeinen Füßen ausbreitete, dann ſchritt er raſch vorwärts hinein in das Haus, in den ſchönen Salon, in wel⸗ chem er oft mit ſeinen Freunden ſo heitere und glückliche Stunden bei'm duftenden Mahl durchlebt hatte. Jetzt hallte ſein Schritt wieder in dem einſamen Raum und keiner von den Freunden war da, den heimkehrenden König zu begrüßen, keiner als d'Argens, der treueſte und zuverläſſigſte von ihnen Allen! Zu dieſem wandte der König ſich jetzt um und es flog wie eine Wolke über ſein vorher ſo ſonniges Antlitz hin. D Argens, ſagte er, wir ſind ſehr arm geworden und die meiſten unſerer Freunde ſind von uns gegangen und haben uns für immer verlaſſen. D'Argens, der 4* — 52— Prior von Sansſouci kehrt zurück, aber ſeine Mönche ſind Alle davon gelaufen, Alle, außer Ihnen, Marquis. Und wollen Eure Majeſtät den edeln Mylord Marſßhall vergeſſen, den geiſtreichſten und liebenswürdigſten Ihrer Mönche? Es bedarf gewiß nur Eines Winkes ſeines geliebten Priors, um Mylord aus ſeinem Gouvernement Neufchatel zurückzurufen. Es iſt wahr! rief der König lächelnd, ich bin doch nicht ſo ver⸗ waiſt, als ich dachte. Mylord Marſhall muß zu uns zurückkehren und er ſoll gleich Ihnen hier in Sansſouci wohnen. Ich muß mich umge⸗ ben mit Denen, welche es verdienen, daß ich ihnen vertraue, vielleicht vergeſſe ich dann die Anderen, welche mich ſo bitter getäuſcht haben. Kommen Sie, Marquis, geben Sie mir Ihren Arm und laſſen Sie uns eine Rundſchau durch dieſe Zimmer halten. Er legte ſeine Hand auf den Arm des Marquis und ging mit ihm durch die ſchweigenden, öden Zimmer, welche den König mit tauſend Erinnerungen zu grüßen ſchienen. Vielleicht war es geweſen, um das Flüſtern dieſer Erinnerungen deſto deutlicher zu vernehmen, daß der König befohlen hatte, Niemand ſolle ihn in Sansſouci empfangen, keiner der Hausdiener ſolle ungerufen vor ihm erſcheinen. Ohne alles Ge⸗ räuſch und ohne alle Ceremonie wollte er wieder Beſitz nehmen von dieſem Hauſe, in welchem er nicht der König, ſondern der Philoſoph und der Dichter war, ſtill und ohne Aufſehen wollte der Abt zurückkeh⸗ ren in ſein Kloſter. Hier wenigſtens wollte er heimkehren, als habe er geſtern erſt dieſes Haus verlaſſen. Aber die ſieben Jahre der Trübſal und Enttäuſchungen gingen doch mit ihm, ſie ſchlichen hinter ihm her durch die ſchweigenden öden Gemächer, ſie ſchauten ihn traurig an von den verblichenen Meubles und den beſtäubten Wänden, von den verblaßten Gobelins und den ge⸗ dunkelten Gemälden; ſie waren nicht bloß um ihn, ſondern auch in ihm, und er fühlte es wieder mit traurigem Seufzen, daß er heimkehre ganz ein Anderer, als wie er gegangen. Wie ſie jetzt die Zimmer betraten, in welchen Voltaire gewohnt, erheiterte ſich Friedrichs Antlitz wieder zu einem Lächeln, während der Marquis eine finſtere und verdrießliche Miene annahm. — 535— Ah, Marquis, ich ſehe an Ihren Mienen, daß Sie alle die kleinen Affenſtreiche meines unſterblichen Freundes kennen, ſagte der König heiter, und es verdrießt Ihre ſchöne Seele, daß ein ſo großer Geiſt wie Vol⸗ taire zugleich eine ſo erbärmliche, kleinliche Seele ſein konnte. Sie finden es ſehr perfide, nicht wahr, daß Voltaire ſich meinen Feinden beigeſellte, wenn es mir ſchlecht ging und mir ſeine Glückwünſche entgegenjubelte, wenn ich zufällig eine Schlacht gewonnen hatte. Eure Majeſtät wiſſen das alſo? fragte der Marquis erſtaunt. Lieber Marquis, wann gäbe es nicht bereitwillige, gute Freunde und Diener, welche ein Vergnügen daran finden, Einem das Schlimme zu erzählen und Einem die Dinge dienſteifrig mitzutheilen, von denen ſie wiſſen, daß ſie uns wehe thun? Auch die Könige haben ſolche guten Freunde, und die haben mir eifrig hinterbracht, wie Voltaire ſeinem guten Freunde Luec, wie er mich zu nennen beliebt, alles mögliche Schlimme und Ueble wünſchte. Hat er nicht einmal an d'Argental geſchrieben,„er wünſche nichts ſehnlicher, als meine gänzliche Demüthigung und die gründlichſte Beſtrafung meiner Sünden“ und das an demſelben Tage, an welchem er mir eine begeiſterte Ode zur Feier meines Sieges bei Leuthen geſchrieben? Hat er nicht ein anderes Mal an Richelieu ge⸗ ſchrieben, der glücklichſte Tag ſeines Lebens würde der ſein, an welchem die Franzoſen ſiegreich in Berlin einzögen und die Hauptſtadt dieſes ver⸗ rätheriſchen Königs zerſtörten, der es wagte, ihm allmonatlich zwei Mal die zärtlichſten und ſchmeichelhafteſten Dinge zu ſchreiben, ohne dennoch ſein Verbrechen gegen ihn wieder gut zu machen und ihm den Kammer⸗ herrnſchlüſſel und die Penſion von ſechstauſend Thalern wieder zu er⸗ ſtatten.*) Hat er mir nicht la damnation éternelle gewünſcht und ſtolz hinzugefügt:„Vous voyez, que dans la tragédie je veux toujours que le crime soit puni.“ —— *)„Je n'aime point Luc, il s'en faut beaucoup, je ne lui pardonne- rai jamais ni son infame procédé avec ma nièce, ni la hardiesse, qu'il a de m'Gerire deux fois par mois des choses flatteuses sans avoir jamais réparòé ses torts. Je désire beaucoup sa profonde humiliation, le chatiment äu pécheur. Oeuvres de Voltaire. Vol. 85. p. 465. Ja, rief d'Argens, und zur ſelben Zeit hat er hieher an Formey geſchrieben:„Votre Roi est toujours un homme unique, étonnant, in- imitable; il fait des vers charmants dans des temps, oùð un autre ne pourrait faire une ligne de prose, il mérite d'être heureux.“ Der König lachte laut auf. Nun, und was beweiſt das weiter, als daß Voltaire der genialſte und närriſcheſte Affe, der größte und vor⸗ urtheilsfreieſte Dichter iſt, den die Sonne jemals beſchienen hat! Das beweiſt, Sire, daß er ein doppelzüngiger, perfider Menſch, ein undankbarer, treuloſer Freund, ein Mann ohne Wort und Glauben iſt. Alle ſeine großen Dichtergaben wiegen dieſe Schwäche und Erbärmlich⸗ lichkeit ſeines Charakters nicht auf, und ich meinestheils kann ihn als Dichter ſelbſt nicht mehr bewundern, weil ich ihn als Menſch zu ſehr verachte. Sie ſind in der That zu ſtrenge, Marquis, ſagte Friedrich lächelnd. Voltaire hat einen großen Geiſt, aber ein kleines Herz, und das iſt am Ende doch mehr die Schuld Deſſen, der ihn ſchuf, als ſeine eigene. Warum wollen wir ihn alſo entgelten laſſen, woran er doch unſchuldig iſt? Warum wollen wir von einem großen Dichter auch verlangen, daß er ein guter Menſch ſei? Ich meinestheils habe dieſe übertriebenen An⸗ ſprüche längſt aufgegeben, und ich verzeihe Voltaire von ganzer Seele ſolche Seiltänzerkünſte ſeines Genies. Laſſen Sie ihn immer ein ſchlech⸗ tes Herz haben, das mag er vor der Madame Denis verantworten, uns kann es genügen, daß er ein großer Dichter iſt, und wenn wir ihn nicht lieben können, dürfen wir ihn doch bewundern. Man darf den Menſchen überhaupt ſehr viel Schlechtigkeit zu Gute halten, wenn ſie uns dafür nur durch große Eigenſchaften entſchädigen. Ach, Sire, das iſt ein trauriges Wort! rief d'Argens, ein Wort, welches nur die höchſte Menſchenliebe oder die tiefſte Menſchenverachtung ſprechen kann. Vielleicht iſt von Beiden Etwas in mir, ſagte der König mit einem ſanften Lächeln. Wie Chriſtus von der Magdalena ſagt:„ſie hat viel geliebt, darum wird ihr viel vergeben werden,“ ſo laſſen Sie uns von Voltaire ſagen:„Er hat viel geleiſtet und gedichtet, darum ſoll ihm viel vergeben werden.“— Und er hat ſich in neueſter Zeit wieder ein un⸗ — 55— ſterbliches Verdienſt erworben, für welches ich ihn faſt wieder lieben könnte, wenn's möglich wäre, ihn überhaupt zu lieben. Er hat mit küh⸗ nem Muth die Vertheidigung des unglücklichen, von fanatiſchen Prieſtern Frankreichs gemordeten Jean Calas übernommen, er allein hat ſich dieſen elenden Prieſtern gegenübergeſtellt. Während man in Toulouſe durch Prachtaufzüge und Freudenfeuer das Andenken des Tages ver⸗ herrlichte, an welchem vor zweihundert Jahren viertauſend Hugenotten ebenſo ſchmachvoll für die chriſtliche Religion hingeſchlachtet worden waren, wie heut Jean Calas, hat Voltaire allein ſeine Stimme erhoben und ſeine meiſterhafte Abhandlung:„sur la Tolérance“ geſchrieben. Die Prieſter und die Frommen mögen ihn dafür verdammen, wir aber wollen ihn dafür verehren. Und haben nicht Eure Majeſtät daſſelbe gethan? fragte d'Argens. Haben Sie nicht ebenſo gut wie Voltaire ſich der unglücklichen Familie des Jean Calas erbarmt? Haben Sie ihnen nicht bedeutende Geld⸗ unterſtützungen geſandt und ihnen in Ihren Landen ein Aſyl anbieten laſſen? Das habe ich freilich gethan, aber was iſt das im Vergleich zu Dem, was Voltaire gethan hat? Er gab ihnen ſeine Geiſteskraft und ſeine Arbeit, ſein ſchönſtes Eigenthum, ich konnte nur von dem geben, was das ſchmutzigſte und gemeinſte Eigenthum iſt, nur Geld! Voltaire alſo gab Beſſeres und Schöneres, und dafür wollen wir ihm dankbar ſein, und dafür will ich ihm hier geloben, den Verfolgten und Unter⸗ drückten in meinen Landen ſtets Schutz und Beiſtand zu gewähren und die Freiheit des Geiſtes heilig zu halten in meinen Staaten, ſo lange ich lebe. Mögen ſie ſich zu mir flüchten, alle Diejenigen, welche der Fanatismus der Prieſter und der Unverſtand blödſinniger Regierungen verfolgt und brandmarkt, in Preußen ſollen ſie Schutz und Beiſtand finden! Frei zu denken ſei das Recht aller meiner Unterthanen, und wenn der Fanatismus heuchelnder Prieſter ſein Pereat ſchreit über die Freidenker, ſo will ich ſie zu mir rufen, dieſe Freidenker, und zu ihnen ſagen:„ſeid mir willkommen in meinen Landen, denn die Freiheit der Gedanken allein ſchafft die Freiheit des Willens, und lieber iſt es mir zu regieren über ein Volk, welches denkt, als über eine Heerde gedanken⸗ — 56— loſer Selaven, welche mir nur folgen aus ſtupidem Gehorſam. Preußen ſoll das Land der Geiſtesfreiheit und der Aufklärung ſein. Gleich be⸗ rechtigt ſeien die Gläubigen und die Ungläubigen, mit demſelben Rechte ſollen die Pietiſten wie die Atheiſten ſprechen dürfen, und der Geiſt der Verfolgung ſei für immer aus Preußen verbannt!“ Amenl! rief d'Argens feierlich, indem er freudeſtrahlend in das er⸗ regte, leuchtende Antlitz des Königs ſchaute. Der Geiſt der Welt, der Liebe und der Freiheit hat Ihre Worte gehört, mein König, und er wird ſie mit diamantener Schrift in den Büchern der Geſchichte ver⸗ zeichnen, daß ſie wie Sternenglanz über Preußen ſtrahlen! Und jetzt, Marquis, ſagte der König lächelnd, jetzt laſſen Sie uns meiner Bibliothek noch einen Gruß darbringen, dann wollen wir ruhen und uns ſammeln, um mit heiterem und wohlthuendem Gleichmuth unſer Mahl einzunehmen. Am Abend aber lade ich Sie zum Concert ein. Meine Muſiker werden von Berlin herüberkommen und wir wollen ein⸗ mal ſehen, ob meine Lippen, welche ſo lange nur rauhe Commandoworte gerufen, noch im Stande ſind, der Flöte einige ſüße und ſchmelzende Töne zu entlocken.. So ſprechend nahm der König wieder den Arm des Marquis und durchwanderte langſam mit ihm die Zimmer, deren ödes Schweigen ſie Beide traurig und ſtill machte. Die Welt iſt doch zuletzt weiter nichts als ein großes offenes Grab, an deſſen Rande wir mit tollkühnem Muthe hingehen, ſagte der König leiſe, wie zu ſich ſelber. Alle Augenblicke ſtrauchelt Einer neben uns und fällt hinunter in die Tiefe, und wir haben doch den Muth, weiter zu ſchreiten, bis auch unſer Fuß ſtrauchelt und wir auf den Andern hinabſinken in den ſchauerlichen Abgrund, um Anderen Platz zu machen. Alle Diejenigen faſt, die in dieſen Zimmern wandelten, ſind ſchon in der Tiefe verſchwunden. Wie lange noch, und ich werde ihnen folgen! Möge dieſer unglückliche Moment zum Heil der Welt noch fern ſein, rief d'Argens mit zitternder Stimme. Eure Majeſtät ſind noch ſo jung und lebensvoll, Sie haben noch nichts mit dem Tode zu ſchaffen. Nein, ſagte der König kopfſchüttelnd, ich bin ſehr alt, denn ich bin — gleichgültig gegen die Welt geworden. Dinge, welche mich ſonſt würden tief ergriffen haben, gleiten jetzt machtlos an meiner Seele vorüber. Ich verſichere Sie, Marquis, ich habe bedeutende Fortſchritte in der prakti⸗ ſchen Philoſophie gemacht. Ich bin wirklich alt, ich ſtehe an den Gren⸗ zen des Lebens und meine Seele löſt ſich allgemach von dieſer Welt ab, welche ich hoffentlich bald verlaſſen werde! Und wer möchte denn auch für immer ſich in dieſer erbärmlichen Welt umhertreiben? Ich habe oft ſchon ein Gefühl von Dégout vor ihr. Die Senſibilität meiner Seele iſt erſchöpft, und es hat ſich in ihr ein wahrhaftes Geſchwür von Gleich⸗ gültigkeit und Unempfindlichkeit gebildet, ſo daß mir ſcheint, ich ſei zu zu nichts mehr gut als nur zum Sterben.*) Ach, Majeſtät, ſagte d'Argens lächelnd, Sie ſind zehn Jahre jünger als ich, und darum bin ich jedes Mal, wenn Sie mir von Ihrem vor⸗ geblichen Alter ſprechen, ganz verwirrt und frage mich, wie es möglich iſt, daß ein Mann, der zwei Luſtra weniger zählt als ich, ſich über Alter beklagen kann. Warten Sie nur, Sire, hier in der Ruhe von Sans⸗ ſouci werden Sie in wenigen Monaten um zehn und ich um funfzehn Jahre jünger werden. In der Freude und Behaglichkeit dieſes Daſeins werden Sie ſo lange wie Abraham und ich ſo lange wie Jakob leben. Sansſouci wird für uns das Clima Arabiens haben.**) Aber ich bin weit älter wie Sie, Marquis, ſagte der König lächelnd. Ich habe während dieſer letzten ſieben Jahre nichts gehabt als zerſtörte Hoffnungen, unverſchuldetes Unglück, kurz Alles, was die Bizarrerie der Spiele und Capricen des Zufalls nur erſinnen konnte, um mich zu quälen. Nach ſolchen Erfahrungen iſt es wohl erlaubt, wenn man funfzig Jahre zählt, zu ſagen, daß man alt iſt, daß man nicht mehr ein Spielzeug des Glückes ſein will, daß man dem Ehrgeiz und allen den Thorheiten entſagt, die nur zu ſehr die Illuſion einer erfahrungsloſen Jugend und der Vorurtheile ſind, welche die Welt nährt und fort⸗ pflanzt.*ws) Aber jetzt fort mit dieſen trüben Gedanken, denn hier ſtehen *) Des Königs eigene Worte. Siehe Oeuvres. Vol. 19. p. 353. *) D Argens eigene Worte. Siehe Oeuvres. Vol. 19. p. 345. *wn) Des Königs eigene Worte. Siehe Oeuvres. Vol. 19. p. 337. 4 — 58— wir endlich vor der Pforte meines Tuskulums. Falten Sie Ihre Hände, ungläubiger Sohn der Kirche, die Götter und Heroen erwarten uns in ihrem Tempel, und an dieſe wenigſtens werden Sie glauben! Sie traten jetzt in die Bibliothek ein, und wie die Thür hinter ihnen zugefallen war und ſie nun abgeſchloſſen ſchienen von der ganzen Welt, wie ſie in der Mitte dieſes Gemachs ſtanden, deſſen einziger Schmuck nur die in den Schränken aufgeſtellten Reihen der Bücher waren, deren goldene Lettern die Namen der großen Geiſter aller Zeiten ausſtrahlten, deſſen einzige Pracht in den Marmorbüſten Cäſar's und Virgib's, Cicerv's und Alexanders beſtanden, da ſagte der König mit leuchtenden Augen: Nun bin ich endlich wieder in der Republik der Geiſter angelangt und nahe mich als demüthiger Bürger den hohen Präſidenten, die da mir ihr erhabenes Antlitz zeigen und ſo gnädig zu mir herniederſchauen! Und indem der König ſich jetzt in ſeinen Lehnſtuhl vor dem Schreib⸗ tiſch niederließ, fand er all' ſeine gute Laune, ſeinen heitern Witz, ſeinen ſprudelnden Humor wieder, und mit freudigem Lächeln und ſtrahlenden Augen erzählte er dem Marquis, wie er ſich vorgenommen, jetzt fleißig zu arbeiten und vor allen Dingen die Geſchichte dieſes Krieges zu ſchreiben, den er eben beendigt, und wie er gedenke, in Sansſouci für immer zu wohnen, deſſen Ruhe und Stille ihm behaglicher dünke, als das laute Getreibe der großen Stadt. Dann verabſchiedete er den Marquis auf kurze Zeit, um zu ruhen, bevor ſie zur Tafel gingen. Aber er ſelber, der König, ruhte nicht. Zu viele, zu mächtige Ge⸗ danken beſtürmten ſeine Seele. Zurückgelehnt in ſeinem Fauteuil über⸗ dachte er die Zukunft, überlegte er mit feſtem und kühnem Blick ſein eige⸗ nes Leben und ordnete und bahnte in ſeinen Gedanken ſich die Wege, welche er fortan wandeln wollte. Wie er lange ſo geſeſſen, da richtete er auf einmal ſich empor, mit ſtrahlendem Angeſicht und mit feſtem, energiſchem Ausdruck. Ja, ſo ſoll es ſein, ſagte er laut. Der Vater will ich ſein meines Volkes, mich ſelber aufgebend, nur meinem Volke lebend, will ich die Bosheit der Menſchen vergeſſen, oder nur mit kleinen Nadelſtichen mich an ihnen rächen. Ich habe keine Familie, ſo ſoll denn mein Volk meine Familie — 59— ſein, ich habe keine Kinder, ſo ſoll denn Jeder, welcher meiner Hülfe bedarf, mein Kind werden, und ich will Vaterpflichten an ihm üben. Mein Land blutet aus tauſend Wunden, und dieſe Wunden zu heilen ſei die Aufgabe meines ganzen Lebens! Und getreu dieſem Vorſatz, berief der König in der Frühe des näch⸗ ſten Tages ſchon ſeine Miniſter nach Sansſouci und forderte ſie auf, ihm genaue Berichte zu erſtatten über alle Provinzen ſeines Landes, ihm ihre Schäden und Mängel mitzutheilen und von Sachverſtändigen Vor⸗ ſchläge zur Abhülfe und Linderung zu machen.— Getreu ſeinem Vor⸗ ſatz, war der König unermüdlich in der Arbeit für das Wohl ſeines Volkes. Er ſelber wollte Alles ſehen, Alles prüfen und erwägen, er ſelber wollte die Quelle ſein, aus welcher ſeine Unterthanen ſich Kraft und Lebensmuth, Beiſtand nnd Hülfe holen durften. Darum mußte er alle ihre Klagen kennen, allen ihren Bitten ein offenes Ohr leihen. Sein erſter Befehl war daher, Jedermann, welcher ihn zu ſprechen begehre, vorzulaſſen, und als einer ſeiner Miniſter ihm darüber ſein Erſtaunen zu äußern wagte und auf das Läſtige und Zeitraubende ſolcher täglichen, unbehinderten Audienzen hindeutete, erwiderte der König:„Es iſt für einen König Pflicht, daß er Jedermann, auch den Geringſten ſeiner Un⸗ terthanen, ſelbſt anhört. Ich bin darum Regent, um mein Volk glück⸗ lich zu machen; ich darf mich daher ihren Klagen nie entziehen, noch mich vor ihnen verſchloſſen halten.“*) Und er hörte mit theilnehmendem Ohr die Klagen ſeines Volks, und ſein einzig Denken und Sinnen war darauf gerichtet, ihnen Linde⸗ rung zu ſchaffen. Ueberall war der König ſelber bereit, mit ſeinem Rath, mit ſeiner Kraft zu helfen. Unermüdlich in der Arbeit, las er ſelbſt jeden Brief, jede Bittſchrift, und prüfte jedes der Antwortſchreiben, welche ſeine Cabinetsräthe geſchrieben. Er, und er allein war die Seele ſeiner ganzen Regierung, von ihm ging alles Leben, alle Bewegung aus. Die wohlthätigen Hülfsleiſtungen, welche er jetzt ſeinem unglücklichen Lande angedeihen ließ an Geld, an Saat⸗ und Brodkorn und an Zug⸗ vieh, entriſſen viele Unterthanen der Verzweiflung. Das Leben war *) Nicolai. Anekdoten und Charakterzüge. Heft 7. S. 4. — 60— gefriſtet und das Feld wurde wieder gebaut; aus der Aſche erhoben ſich Dörfer und Städte, das Gewerbe gewann neuen Muth; Ordnung und Sicherheit begleiteten den Handelsverkehr, und im Gefolge aller Frie⸗ denskünſte fanden allmählig auch Zucht, Redlichkeit und Sitte die alte Stelle.*) Ein neues Leben begann ſich zu regen in allen Zweigen der Ver⸗ waltung, und der König war die Seele dieſes Lebens. Mehr als alle ſeine Miniſter und Diener arbeitete er ſelber, und die Muſik und die Wiſſenſchaften waren die einzigen Erholungen und Freuden des Königs, welcher ebenſo ſehr im Frieden, als im Kriege ein ruhmreicher Held war. Nicht wie Andere bedurfte Friedrich der Zerſtreuungen und Luſtbarkeiten, die Wiſſenſchaften waren ſeine ſchönſten Zerſtreuungen, die Unterhaltung mit ſeinen Freunden die beſte Luſtbarkeit und ſelbſt die Jagd, dieſes ſogenannte„ritterliche Vergnügen,“ reizte den Kö⸗ nig nicht. Die Jagd, ſagte der König, iſt eine der ſinnlichſten Vergnügungen, die zwar den Leib in ſtarker Bewegung erhält, aber das Gemüth leer läßt. Es iſt eine heftige Begierde, ein Thier zu verfolgen, und eine grauſame Freude, es zu tödten. Es iſt ein Zeitvertreib, der zwar den Körper abhärtet, hurtig und gelenk macht, aber den Kopf leer läßt. Ich weiß gar wohl, daß wir grauſamer und wilder als reißende Thiere ſind und daß wir ſehr tyranniſch mit dieſer uns verliehenen Herrſchaft über dieſe armen Creaturen verfahren. Wer mit kaltem Blut ein unſchuldiges Thier morden kann, der wird unmöglich mit dem Schickſal ſeiner Neben⸗ menſchen Mitleid haben. Iſt daher die Jagd wohl für ein denkendes Weſen eine anſtändige Beſchäftigung? Daß ein Landesherr auch jagen mag, iſt ihm nur dann zu verzeihen, wenn es nur ſelten geſchieht und wenn er es nur deshalb thut, um ſich von ſeinen ernſten und oft trau⸗ rigen Geſchäften zu erholen. Es wäre unbillig, einem Regenten alle Vergnügungen zu unterſagen. Aber giebt es wohl für einen Monarchen *) Preuß: Friedrich der Große. Th. III. S. 4. — 61— ein größeres Vergnügen, als: gut zu regieren, ſeinen Staat blühend zu machen, den Fortgang aller nützlichen Künſte und Wiſſenſchaften zu be⸗ fördern und zu unterſtützen? Wer anderer Vergnügungen bedarf, iſt zu bedauern.*) V. Der gravirte Becher. Prinzeſſin Amalie war allein in ihrem Cabinet, allein wie immer! Sie lag auf dem Divan und ſtarrte zur Decke empor, in tiefer Troſt⸗ loſigkeit ihr elendes Geſchick überdenkend. Mit welcher Sehnſucht hatte ſie nicht Jahre lang auf das Ende dieſes unſeligen Krieges gehofft, der Oeſterreich und Preußen ſich als Feinde gegenüberſtehen ließ und da⸗ durch Trenck gewiſſermaßen zu einem Kriegsgefangenen machte. Wenn der Krieg zu Ende iſt, hatte ſie zu ſich ſelber geſagt, dann werden die Kriegsgefangenen ausgelöſt, dann wird Maria Thereſia auch die Aus⸗ löſung ihres Rittmeiſters Friedrich von Trenck fordern, dann endlich wird er frei ſein! Aber der Friede war ſeit vier Monaten ſchon geſchloſſen und Trenck ſaß immer noch in ſeinem unterirdiſchen Kerker zu Magdeburg. Ganz Europa war befreit von den Feſſeln des Krieges,— Trenck allein trug noch die Ketten der Gefangenſchaft! Das war es, was die Prinzeſſin Amalie traurig machte bis zum Tode, was den Schlaf von ihrem Lager verbannte und ſie am Tage ruhelos und in Verzweiflung umhertrieb. Jetzt hatte ſie keine Hoffnung mehr, jetzt war der letzte Strahl erloſchen! Der Friede war geſchloſſen und Trenck war vergeſſen wor⸗ **) Des Königs eigene Worte. — 62— den. Gott, welcher ihr das Glück verſagt hatte, daß er durch ihre Hand die Freiheit wieder erlangt hätte, Gott wollte ihr nicht einmal den Troſt gönnen, ihn durch Andere befreit zu ſehen. Seit neun Jahren ſchmachtete Trenck im Kerker, ſeit neun Jahren hatte Amalie keinen anderen Gedanken, keine andere Hoffnung, keinen anderen Wunſch gehabt, als ihn befreien zu können. Ihr ganzes Leben war dieſem Beſtreben geweiht geweſen. Sie dachte nicht daran, wie viele Tauſende ſie in dieſem Beſtreben hingegeben, daß ſie zur Errei⸗ chung deſſelben nicht bloß ihr ganzes Privatvermögen geopfert, ſondern auch Schulden gemacht, die ſie jetzt kaum im Stande war, von ihren Einkünften abzuzahlen.— Das Geld hatte für ſie, dieſem Einen großen Ziel ihres Lebens gegenüber, gar keinen Werth— ſie dachte nur daran, daß ihr Herz zerbrochen ſei in eitlem, nutzloſem Bemühen, daß ihre Hoffnungen in Staub zerfallen und ihr Daſein werthlos geworden! Der Friede hatte überall die Herzen mit neuer Zuverſicht, mit neuen Hoffnungen gegrüßt, ſie allein hatte er mit Verzweiflung, mit Troſt⸗ loſigkeit erfüllt. Während Jedermann wieder heiteren und friſchen Muthes hinaus⸗ trat in das Leben, verbarg Prinzeſſin Amalie allein ſich gramvoll und voll finſteren Mißmuths in ihren Gemächern, alle Diejenigen haſſend, welche lachten und heiter waren, mit finſterem, zornigem Neid alle Die⸗ jenigen verabſcheuend, welche glücklich und zufrieden waren. Für ſie war die Welt nichts als ein großes, ſchauerliches Grab, und ſie haßte Jeden, der den tollen und frevelnden Muth hatte, am Rande dieſes Grabes tanzen und glücklich ſein zu wollen. Sie rächte ſich an den Menſchen, welche ſie flohen, indem ſie ſie mit bitteren Sar⸗ kasmen, mit boshaften Spötteleien verfolgte, um ſie dadurch immer mehr von ſich zu entfernen!— Sie wollte allein ſein, ganz allein. Oede war es in ihr, öde ſollte es um ſie ſein! Für ſie gab es keine Freuden, keine Zerſtreuungen mehr, wie eine Gefangene lebte ſie in dem Innern ihrer Gemächer, und wenn ſie genöthigt war, zu irgend einem großen Hoffeſte aus ihrer Einſamkeit hervorzutreten und in der Geſellſchaft zu erſcheinen, ſo rächte ſie ſich dafür durch bittere Sarkasmen und ſchnei⸗ dende Scherzworte, die ſie gewiſſermaßen wie Balſaͤm auf die brennen⸗ —— — = 63— den Wunden ihres Herzens legte und an denen ſie ihre eigene Schmer⸗ zen kühlte. Sie war alſo auch heute, wie immer, allein. Ihre Hofdame, welche ihr heute eine von Molière's beißenden, ſatyriſchen Comödien, welche die Prinzeſſin beſonders liebte, vorgeleſen, hatte jetzt auf einige Stunden bis zur Tafel Urlaub erhalten und war ausgefahren, um Be⸗ ſuche zu machen und ſich in der Unterhaltung mit ihren Freundinnen von dem läſtigen Zwange ihres Dienſtes zu erholen. Auch ihrem Kammerherrn hatte die Prinzeſſin ſagen laſſen, ſie be⸗ dürfe heute bis zur Tafel ſeiner nicht, und auch er hatte das Schloß verlaſſen; nur die beiden Pagen warteten im Vorzimmer, welches durch zwei Gemächer von dem Cabinet der Prinzeſſin entfernt war. 3 Amalie hatte alſo das volle Gefühl des wirklichen, ungeſtörten Alleinſeins, ſie durfte laut jammern und ſeufzen, ſchelten und klagen, ſie durfte ihrem Zorn, wie ihrem Schmerz Worte verleihen, ohne fürchten zu müſſen, von Anderen belauſcht zu werden, als von dieſen todten, ſchweigenden Wänden, welche lange ſchon allein die Vertrauten ihres Kummers geweſen. Auf einmal ward dieſe Stille um ſie her durch ein leiſes Klopfen an ihrer Thür unterbrochen, und auf ihren Ruf trat einer ihrer Pagen herein. Mit ängſtlicher Miene um Verzeihung bittend, daß er es ge⸗ wagt, die Prinzeſſin zu ſtören, berichtete er ihr, daß draußen an der Thür ein fremder Mann ſei, welcher dringend bitte vorgelaſſen zu werden. Und was will er von mir? fragte die Prinzeſſin rauh. Ich habe keine Stellen zu vergeben, keine Würden zu verleihen, kein Geld zu ver⸗ ſchenken! Sagen Sie ihm das, dann wird er ſchon wieder gehen. Er ſagte, er ſei ein fremder Juwelier, erwiederte der Page, und es ſei für ihn von höchſter Wichtigkeit, daß Eure Königliche Hoheit ihm die Gnade erzeigten, ſeine Koſtbarkeiten und Seltenheiten anzuſchauen, denn er hoffe, daß dieſelben Eurer Königlichen Hoheit gefallen, und Sie dann die Gnade haben würden, einige Einkäufe zu machen, und ihn ſo hier in Berlin in die Mode zu bringen. Er iſt ein Narr, ſagen Sie ihm das, rief Amalie mit einem heiſe⸗ ren Lachen. Ich will nichts wiſſen von ſeinen Koſtbarkeiten und Schätzen, 5 V b —— Er ſoll gehen und es nicht wieder wagen, mich zu beläſtigen. Nun, Sie gehen noch immer nicht, weshalb zögern Sie? Königliche Hoheit, der Mann bat gar zu dringend und flehentlich. Er ſagt, Eure Königliche Hoheit kennten ihn ſchon von Magdeburg her, und der Herr Gouverneur von Magdeburg, der Herr Landgraf von Heſſen, habe ihm ausdrücklich aufgetragen, zu Eurer Königlichen Hoheit zu gehen und Ihnen ſeine Koſtbarkeiten zu zeigen. Prinzeſſin Amalie war bei dieſen Worten wie durch einen Zauber⸗ ſchlag aus ihrer Apathie aufgeweckt worden, ſie hatte ſich mit einer ſchnellen Bewegung von dem Divan aufgerichtet, ihr ganzes Weſen hatte wieder Leben, Bewegung gewonnen. Sie machte raſch einige Schritte vorwärts, der Thür zu, dann blieb ſie, ſich beſinnend, ſtehen. Rufen Sie mir den Fremden herein, ſagte ſie dann, ich will ſeine Schätze ſehen! Als der Page das Zimmer verlaſſen hatte, ſchaute ſie athem⸗ los, mit hochklopfendem Herzen nach der Thür hin. Es ſchien ihr eine Ewigkeit, bis dieſe ſich öffnete und der Fremde eintrat. Es war ein hoher, ſchlanker Mann in einfacher, aber eleganter Civilkleidung, der jetzt ihr Gemach betrat, und in der Thür ſtehen blei⸗ bend die Prinzeſſin ehrfurchtsvoll begrüßte. Amalie heftete auf ihn ihre ſcharfen, durchbohrenden Blicke, dann ſeufzte ſie tief auf. Sie kannte dieſen Menſchen nicht, ihre Hoffnungen hatten ſie wieder getäuſcht. Sie haben geſagt, der Herr Landgraf von Heſſen ſende Sie zu mir? fragte ſie rauh. Ich habe es geſagt, und ſo iſt es, erwiederte der Mann. Er hat mir ſogar befohlen, ſobald ich in Berlin ankäme, ſofort und zuerſt mit meinen Schätzen zu Eurer Königlichen Hoheit zu gehen, und Ihnen dieſelben zu zeigen, damit Sie das Vorkaufsrecht vor allen Uebrigen hätten. Prinzeſſin Amalie heftete wieder ihre ſcharfen, forſchenden Blicke auf ihn, aber der Mann blieb ganz unbefangen, ganz gleichgültig. Zeigen Sie mir Ihre Sachen, Herr Juwelier! befahl Amalie. Er verbeugte ſich und öffnete die Thür, um bald darauf mit einer — — — — 65—P ziemlich großen Caſſette zurückzukehren, die er auf dem in der Mitte des Zimmers befindlichen Tiſch aufſtellte. Dann ſchloß er dieſelbe auf und ſchlug den Deckel zurück. Da lagen in den Fächern herrliche Schmuck⸗ ſachen von ſeltener Schönheit und Arbeit, Ringe, Nadeln, Armſpangen und Halsgeſchmeide. Brillanten! ſagte Amalie verächtlich, nichts weiter als Brillanten! Aber Brillanten von ſeltenem Feuer und wundervoll gefaßt, be⸗ merkte der fremde Juwelier. Eure Königliche Hoheit ſollten doch die Gnade haben, Sich dieſelben näher zu betrachten. Ich mag ſie nicht, ich trage keine Brillanten, ſagte Amalie. Wenn Sie nur ſolche Dinge haben, ſo machen Sie den Deckel wieder zu, ich kaufe nichts davon. Ich habe noch einige andere und ſeltene Schätze, einige herrliche Ciſelirarbeiten von Cellini, einige Elfenbeinſchnitzwerke aus dem Mittel⸗ alter, einige ſehr ſchöne antike Cameen, die Eurer Königlichen Hoheit vielleicht beſſer gefallen mögen. Er hob das erſte Fachwerk aus ſeiner Caſſette hervor, und nahm aus dem Grunde eine Menge koſtbarer Sachen, die er auf dem Tiſch ausbreitete, indem er der Prinzeſſin dabei den Werth jedes Stückes erklärte, und ſie auf die Schönheit deſſelben aufmerkſam machte.— Prin⸗ zeſſin Amalie hörte zerſtreut auf ſeine Worte, und alle dieſe koſtbaren und ſeltenen Dinge intereſſirten ſie wenig. Ihre Blicke richteten ſich immer wieder auf denſelben Gegenſtand hin, auf dieſes, in Papier ge⸗ wickelte runde Paket, das der Juwelier mit den anderen Koſtbarkeiten aus der Caſſette hervorgehoben hatte. Es mußte dies ein beſonders koſt⸗ barer Gegenſtand ſein, denn dies allein war ſorgſam in Seidenpapier eingehüllt, während alle übrigen Gegenſtände frei übereinander lagen, und doch ſchien der Juwelier gerade dies Stück ihr nicht zeigen zu wol⸗ len. Aber Amalie glaubte bemerkt zu haben, daß er mehrmals, als ſei dieſes geheimnißvolle Paket ihm im Wege, daſſelbe aufgehoben, und auf eine andere Stelle gelegt hatte, aber immer näher nach der Prinzeſſin hin, ſo daß es jetzt ganz dicht vor ihr lag. Was haben Sie denn in dieſem Papier? fragte ſie jetzt. Oh, das iſt nichts für Eure Königliche Hoheit, ſagte der Juwelier Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. III. 5 * — 66— lächelnd. Ein ganz werthloſer Gegenſtand. Haben Eure Königliche Ho⸗ heit die Gnade, dieſes Petſchaft zu betrachten. Es ſtellt den heiligen Michael dar, der den Drachen unter ſeine Füße tritt, und iſt eine der gelungenſten Ciſelirarbeiten von Benvenuto Cellini. Er reichte ihr das Petſchaft dar, aber Amalie achtete nicht darauf. Ihre Hand ſtreckte ſich nach dem geheimnißvollen Paket aus, das vor ihr lag, mit einem ſcharfen Blick auf den Juwelier hob ſie es empor und öffnete es. Ein Becher, ein zinnerner Becher! rief ſie erſtaunt. Wie ich Eurer Königlichen Hoheit ſagte, eine ganz werthloſe Sache, es müßte denn ſein, daß man die Schönheit der Arbeit als einen Werth wollte gelten laſſen. Dieſe Arbeit iſt freilich bewunderungswürdig, und um ſo bewunderungswürdiger, wenn man bedenkt, daß ſie nur mit einem einfachen Brettnagel ausgeführt iſt, und zwar nicht einmal bei hellem Tageslicht, ſondern in der Finſterniß eines unterirdiſchen Kerkers. Amalie zuckte ſo heftig zuſammen, daß der Becher faſt ihrer Hand entfiel. Der Zuwelier achtete nicht darauf, er fuhr ruhig fort: Und bemerken Eure Königliche Hoheit nur, wie fein und correct bei alle⸗ dem die Contouren gezeichnet, die Linien gezogen ſind. Es iſt ſo kunſt⸗ voll ausgeführt, wie die Platte irgend eines großen Kupferſtechers, und es iſt in der That ſchade, daß man nicht im Stande iſt, von dieſem zinnernen Becher Abdrücke zu machen, man würde ſonſt wirklich aller⸗ liebſte Bilder gewinnen, denn die Zeichnungen ſind nicht bloß ſchön ausgeführt, ſondern auch ſinnig und zart gedacht; und mit ſchönen Verſen darunter geziert, die man in jedes Stammbuch ſchreiben könnte. Wenn Eure Königliche Hoheit ſich für ſolche Dinge intereſſiren, ſo haben Sie doch die Gnade, dieſes Stück näher am Licht zu betrachten, es iſt wirklich eine meiſterhafte Arbeit. Prinzeſſin Amalie antwortete nicht, ſie trat nur haſtig zum Fenſter hin, und dem Juwelier den Rücken zuwendend, betrachtete ſie den zin⸗ nernen Becher. Er war allerdings mit ſtaunenswürdigem Fleiß, mit ſeltener Kunſtfertigkeit ausgeführt. Die ganze Fläche war durch zierliche kleine Arabesken in zehn Felder eingetheilt, deren jedes ein kleines Bild von — 60— allerliebſter Zeichnung und feinſter, ſauberſter Durchführung enthielt. Kein Grabſtichel konnte die Linien feiner und correcter ziehen oder künſt⸗ licher und effectvoller durch ihre Lage Schatten und Licht hervorheben. Unter jedem dieſer Bilder waren einige Verſe angebracht, deren Schrift ſo fein, daß man ſie nur mit äußerſter Anſtrengung leſen konnte.— Aber Amaliens Augen ſchienen heute die Kraft und Stärke früherer Tage wieder gewonnen zu haben, ihre ganze Seele lag in ihren Blicken, die ſie mit einer ſchmerzvoll ſüßen Freude auf den Becher heftete. Sie konnte Alles ſehen, Alles verſtehen. Da auf dieſem Felde war ein Vogel in einem Käfig dargeſtellt, darunter ſtanden die Verſe: Ce n'est pas un moineau Gardé dans cette cage; C'est un de ces oiseaux Quis chantent dans l'orage! Ouvrez, amis des sages! Brisez fers et verroux! Ses chants dans vos bocages Rejailleront pour vous! Dicht daneben, in dem nächſten Felde war wieder ein Vogel im Käfig ſitzend dargeſtellt, während auf einem Zweige des Baumes, unter welchem der Käfig ſtand, ein anderer Vogel mit flatternden Flügeln und geöffnetem Schnabel ſaß. Darunter ſtand: Le rossignol chante; voici la raison Pourquoi il est pris: pour chanter en prison! Voyons le moineau qni fait tant de dommage, Jouir de la vie, sans craindre la cage. Voilà un portrait, Qui montre l'effet Du bonheur des fripons, du désastre des sages.*) **) Siehe Memoiren Friedrich's von Trenck, Th. II. S. 136, wo Trenck einige dieſer Becher genau ſchildert und auch die Schickſale derſelben erzählt. Einer derſelben, den er für den Landgrafen von Heſſen gearbeitet, kam durch dieſen in die Hände Kaiſer Joſephs II., der ihn in ſeinem Kunſteabinet aufbewahrte, einen anderen, den die Gemahlin Friedrichs des Großen beſeſſen, . 5* — 68— Amalie mußte innehalten, ſie war nicht im Stande, weiter zu ſchauen, ihre Augen, welche ſo ſelten weinten, waren jetzt von Thränen umdüſtert; ſie fielen nieder auf den Becher, als wollten ſie die Schrift⸗ züge küſſen, die Amalien mit ſo viel ſchönen und traurigen Erinnerungen grüßten. Aber ſie wollte nicht weinen, ſie wollte weiterleſen. Sie ſchüttelte mit einer unwilligen Bewegung die Thränen aus ihren Augen fort, und drehte den Becher weiter um. Da war ein anderes Bild. In einem Kerker lag eine Menſchengeſtalt, mager und abgezehrt, wie ein Knochen⸗ gerippe, an Händen und Füßen mit ſchweren Ketten belaſtet. Die Ge⸗ ſtalt hatte ſich halb aufgerichtet von dem Stroh, auf welchem ſie lag, und blickte mit jammervoller Geberde zu dem in der Mauer befindlichen Gitter, hinter welchem das grimmige Antlitz eines bärtigen Soldaten zu ſehen war, der mit zornigen Mienen und weit geöffnetem Munde dem Gefangenen etwas zuzurufen ſchien. Darunter ſtanden wieder Verſe, diesmal deutſche, welche ſo begannen: Weckt mich nur, Ihr meine Wächter, Wenn die Viertelſtunde ſchlägt: Treibt mit mir ein Spottgelächter, Lauſcht nur, ob mein Fuß ſich regt! Um den grauſam ſtarren Willen Eurer Obern zu erfüllen. Weckt mich alle Viertelſtunden! Ruft nur meinen Namen laut. Ritzt mir ſtets die alten Wunden, Wenn Euch ver der That nicht graut. Doch ſo oft Ihr mich hier ſtört, Glaubt, daß Gott Eu'r Brüllen hört! Allen, die in Feſſeln liegen. Wird der Schlaf ja noch erlaubt. Niemand ſtört dem ſein Vergnügen, Der ſich träumend glücklich glaubt. ———. fand Trenck ſpäter in Paris wieder. Noch jetzt zeigt man in einigen Kunſt⸗ cabinetten Deutſchlands Exemplare dieſer Trenckſchen Becher. Auch das Kunſt⸗ cabinet zu Berlin enthält einen ſolchen. * — 69— Mir allein wird es verhindert, Daß der Schlaf mein Leiden lindert! Jeder Ruf, der hier erſchallet, Spricht: Menſch, denk dem Schickſal nach! Und wenn mir das Herzblut wallet, Regt den Schmerz die große Schmach. Kaum erquickt der Schlaf die Glieder, Weckt mich ſchon die Schildwacht wieder.*) Oh, furchtbar, furchtbar! ſtöhnte Amalie leiſe, indem ſie ganz über⸗ wältigt ihr Haupt auf ihre Bruſt niederſenkte. Was kümmerte es ſie, daß der fremde Juwelier da war, daß er ihre Thränen ſehen, den ver⸗ zweiflungsvollen Schrei ihres Herzens hören konnte. Sie fürchtete nichts, ſie hatte nichts mehr zu verlieren, die ganze Welt durfte ihren Jammer ſehen!— Aber nein, nein, man konnte ſeine Marter noch vergrößern, man konnte ſeine Qualen noch ſteigern, um durch ihn, ſie zu ſtrafen. Sie durfte alſo nicht weinen, nicht klagen! Noch lebte Trenck, ob⸗ wohl in Ketten und im Kerker, aber er lebte doch noch! So lange er lebte, mußte ſie ihre Verzweiflung in ihr Herz zurückdrängen, durfte ſie nicht jammern und klagen! Wie ſie das dachte, verſiegten die Thränen in ihren Augen, und ſie richtete ihr Haupt wieder entſchloſſen empor. Sie wollte gefaßt und ruhig ſein; vielleicht war dieſer Mann, welchen der Landgraf ihr ge⸗ ſandt, noch mit beſonderen Aufträgen für ſie verſehen. Sie wandte ihr Haupt halb zu ihm um. Er ſchien gar nicht auf ſie zu achten, ſondern war eifrig damit beſchäftigt, ſeine Kleinodien wie⸗ der in die Caſſette zu packen. Können Sie mir ſagen wer dieſen Becher gemacht hat? fragte ſie. Oh, gewiß, Königliche Hoheit, kann ich das, ſagte der Juwelier gleichgültig. Ein Gefangener, welchet ſeit neun Jahren in einem unter⸗ irdiſchen Gefängniß in der Feſtung Magdeburg ſchmachtet, hat ihn ge⸗ macht. Er heißt Friedrich von Trenck. Eure Königliche Hoheit werden vielleicht den Namen nie gehört haben, aber in Magdeburg kennt jedes *) Wem es daran liegt, das Gedicht ganz zu leſen, der findet es in Trenck's Memoiren Th. II. S. 129. — 710— Kiind dieſen Namen, und ſpricht ihn mit Bewunderung aus. Niemand in der Stadt hat ihn geſehen, aber Jedermann weiß von ſeinen Helden⸗ thaten, ſeiner Kühnheit, ſeinem unerſchütterlichen Muth, ſeiner herculi⸗ ſchen Kraft, ſeinen fabelhaften Fluchtverſuchen zu erzählen. Er iſt der Held ſowohl der Kinderſtuben, als der Salons geworden, und obwohl keine der Damen von Magdeburg ihn kennt, ſo ſchwärmen ſie doch Alle für ihn. Die Officiere aber in der Feſtung, wele e ihn kennen, lieben ihn, und Viele von ihnen, ſagt man, ſind bereit, für ihn ihr Leben zu wagen. Prinzeſſin Amalie athmete hoch auf, es flog wie ein goldener Schim⸗ mer der Freude über ihr Antlitz hin, und mit angehaltenem Athem lauſchte ſie wieder den Worten des Juweliers, die ihren Ohren wie die herrlichſte Muſik erklangen. Der Juwelier fuhr fort: Vor einiger Zeit begann Trenck, um die Langeweile aus ſeinem Kerker zu vertreiben, mit einem Nagel, den er in ſeinem Kerker bei ſeinem letzten Ausbruchverſuch zwiſchen der Erde ſeines von ihm unterminirten Fußbodens fand, auf ſeinem Trinkbecher kleine Figuren und Sinngedichte zu zeichnen. Bei einer Viſitation entdeckte der Commandant dieſen Becher. Die Zeichnungen gefielen ihm. Er nahm den Becher mit und ſandte Trenck einen anderen, damit er in ſeiner Kunſt weiter fortfahre. Trenck that es mit Freuden, und ſeitdem hat er nicht aufgehört Becher zu graviren. Jeder Major, jeder wachhabende Officier will von ihm einen ſolchen Becher zum Andenken haben, jede Dame in Magdeburg ſehnt ſich darnach, wie nach einem koſtbaren Kleinod. Dieſe Becher ſind die neueſte Mode, ja ſie ſind ſogar ein bedeutender Handels⸗ artikel geworden, denn man zahlt zwanzig Louisd'or und mehr dafür, wenn man irgend einen Officier bereden kann, ſeinen Becher zu ver⸗ kaufen*). Freilich bekommt der arme Trenck nichts von dieſem Gelde, aber die Becher haben ihm doch einen anderen Vortheil gebracht. Sie haben dem Gefangenen Gelegenheit gegeben, der Welt ſeinen Jammer zu zeigen, ſie haben ihm die Sprache wiedergegeben, ſie erſetzen ihm die Schreibmaterialien, die ihm zu geben ſtreng verboten iſt. Sie haben *) Trenck's Memoiren Th. II. S. 134. — 11— ihm aber noch einen größeren Vortheil gebracht, fuhr der Fremde leiſer fort, ſie haben ihm Luft und Licht verſchafft! Denn, damit er am Tage ſehen kann, laſſen die Officiere ihm die beiden Thüren nach dem erſten Corridor auf, wo ein großes Fenſter ſich befindet, deſſen oberſte kleine Scheibe jeden Morgen geöffnet wird, und weil die Tage in den Kaſe⸗ matten nur kurz ſind, ſieht der Kommandant durch die Finger, wenn die Officiere dem Gefangenen Licht bringen, ſo daß er wenigſtens jetzt nicht mehr im Finſtern ſitzt, und daß ſich ſein einſamer troſtl ſere Kerker in das Atelier eines Künſtlers verwandelt hat. Amalie erwiederte nichts, aber ſie hob den Becher, den ſie noch immer in ihrer Hand hielt, empor an ihre Lippen und küßte ihn.— Der Juwelier hatte das gewiß gar nicht bemerkt, denn er fuhr ganz gelaſſen fort: Ein Officier von der Garniſon ſelbſt hat mir das Alles erzählt, als er mir dieſen Becher verkaufte. Die Herren machen überhaupt gar kein Geheimniß daraus, daß ſie Trenck ſehr zugethan ſind, und obwohl ſie wiſſen, daß ſie in ſchwere Strafe kommen, wenn man höheren Orts erfährt, daß ſie Trenck ſolche unerlaubte Erleichterungen verſchaffen, ver⸗ rühmen ſie ſich doch deſſen, wie einer guten That! Und Gott möge es ihnen lohnen! murmelte Amalie leiſe in ſich hinein. Laut ſagte ſie dann: Ich kaufe Ihnen dieſen Becher ab, mein Herr! Ich will nicht zurückſtehen hinter den Magdeburger Damen, und da es einmal Mode iſt, einen ſolchen Becher zu beſitzen, ſo will ich auch einen haben. Sagen Sie mir alſo Ihren Preis, mein Herr! Der Juwelier ſchwieg einen Moment. Verzeihung, Königliche Ho⸗ heit, ſagte er dann, ich darf Ihnen dieſen Becher nicht verkaufen, oder ich bitte Sie vielmehr, es nicht zu verlangen. Der Becher ſoll, wenn möglich, zu Trenck's Befreiung verwandt werden. Und wie wollen Sie das anfangen? fragte Amalie athemlos. Ich will mit dieſem Becher zu dem General Riedt gehen, dem neuen öſterreichiſchen Geſandten hier. Da alle Welt ſich für den unglücklichen Trenck intereſſirt, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich es nicht auch thun, und warum ich mich nicht auch bemühen ſollte, ihm womöglich ſeine Frei⸗ heit zu verſchaffen. Ich werde alſo zu dem General Riedt gehen, und ihm dieſen Becher zeigen. Der General Riedt, ſagt man, iſt ein edler 1 1 4 — 72— Mann, und außerdem ein weitläuftiger Verwandter des Herrn von Trenck. Wenn er dieſen Becher ſieht, kann es nicht fehlen, daß er ſich für das Schickſal ſeines unglücklichen Vetters intereſſirt; wenn er von ſeiner traurigen grauſamen Gefangenſchaft hört, muß er den lebhaften Wunſch hegen, ihn zu befreien. General Riedt aber iſt wohl der Mann dazu, ſeine Wünſche zu verwirklichen. Er kennt am Wiener Hof alle Mittel und Wege, die zum Ziele führen können, alle Hinterpforten und Sih gaſi ihm offen, und die Kaiſerin Maria Thereſia zählt ihn zu ihren Ver jetzt mit dem General Riedt verſtändigen und ihn gewinnen. So allein wird es möglich ſein, auf die Kaiſerin zu wirken, und ſie zu veranlaſſen, daß ſie ſich für Trenck verwendet. Prinzeſſin Amalie hob raſch ihr Haupt und ſah zu dem Fremden empor, deſſen Augen mit einem forſchenden, vielſagenden Ausdruck auf ihr ruhten. Ihre Blicke begegneten ſich, und bohrten ſich einen Moment feſt ineinander. Dann flog ein unmerkliches Lächeln über ſein Angeſicht und die Prinzeſſin nickte leiſe mit dem Kopf. Beide fühlten ſie, daß ſie einander verſtanden hatten. 2 Weiter haben Sie mir nichts zu ſagen? fragte Amalie nnſ einer Pauſe. Nein, Königliche Hoheit. Ich habe nur noch um Verzeihung zu bitten, daß ich Ihnen dieſen Becher nicht verkaufen kann, weil ich, wie geſagt, damit zum General von Riedt gehen will. Laſſen Sie mir dieſen Becher hier, ſagte Amalie nach kurzem Be⸗ ſinnen. Ich ſelbſt werde ihn dem General von Riedt zeigen, und ihn für das Schickſal ſeines unglücklichen Verwandten zu intereſſiren ſuchen. Gelingt es mir, dann iſt der Becher mein, und Sie haben nicht nöthig ihn dem General zu verkaufen, ſondern Sie willigen darein ihn mir zu laſſen. Kehren Sie morgen früh um dieſe Stunde hierher zurück, dann will ich Ihnen das Geld für dieſen Becher zahlen, oder Ihnen denſelben zurückerſtatten, wenn es nicht anders ſein kann. Der Juwelier verbeugte ſich ehrfurchtsvoll. Ich werde die Befehle Eurer Königlichen Hoheit pünktlich erfüllen, ſagte er, morgen um dieſe Stunde bin ich wieder hier. auten und Freunden. Wer Trenck befreien will, muß ſich 4 — 3— Er nahm ſeine Caſſette und verließ das Gemach.— Prinzeſſin Amalie ſchaute ihm nach, bis die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte. Das iſt ein ebenſo verſchwiegener, als discreter Mann! murmelte ſie. Ich glaube, daß man ihm vertrauen kann. Jetzt aber vor allen Dingen will ich an den General von Riedt ſchreiben. Er muß ſogleich zu mir kommen.— VI. Die Prinzeſſin und der Diplomat. Eine Stunde ſpäter meldete der Page der Prinzeſſin den General von Riedt, den öſterreichiſchen Geſandten am Berliner Hofe. Amalie ging ihm lebhaft entgegen, und betrachtete mit ſcharfen, durchbohrenden Blicken den General, der ſich lächelnd und ehrfurchtsvoll vor ihr ver⸗ neigte. Ich habe Sie zu mir bitten laſſen, General, weil ich ein Unrecht wieder gut machen wollte, ſagte die Prinzeſſin. Sie haben ſich zwei Mal bei mir melden laſſen, und ich habe Sie beide Male abgewieſen. Das war kein Unrecht, Königliche Hoheit, erwiederte der lächelnde Diplomat. Ich wagte es, Ihnen meinen Beſuch zu machen, weil es der Etiquette gemäß iſt, daß die neu accreditirten Geſandten den Mitgliedern des Königlichen Hauſes ſich vorſtellen. Eure Königliche Hoheit wieſen mich ab, weil es Ihnen ſo bequem ſchien, und Sie waren damit voll⸗ komnnen in Ihrem Recht. Und jetzt wundern Sie ſich ohne Zweifel, daß ich nachträglich Sie um Ihren Beſuch bitte? Ich erlaube mir niemals mich zu wundern. Ihr Befehl, hierher zu kommen, hat mich glücklich gemacht, das iſt Alles! Und Sie ahnen nicht, weshalb ich Sie gebeten, zu mir zu kommen? CEare Königliche Hoheit hatten ja ſchon die Gnade es mir zu iazen — 4— Weil Sie gnädigſt mich entſchädigen wollten, für zweimaliges Fehlſchlagen meiner Hoffnungen! Ah, Sie ſind ein gewandter Diplomat, Sie drehen ſich geſchickt im Kreiſe herum, und ſind glatt wie ein Aal! rief die Prinzeſſin. Man kann Sie nirgends halten und faſſen, Sie entſchlüpfen Einem unter den Händen. Ich bin aber gewohnt gerade auf mein Ziel loszugehen, und gar nicht zu diplomatiſiren. Sehen Sie da, weshalb ich Sie rufen ließ. Ich wollte Ihnen dieſen Becher zeigen. Sie nahm mit einer raſchen Bewegung den Becher von dem Tiſch, und reichte ihn dem Geſandten dar. Dieſer betrachtete ihn lange und aufmerkſam. Er drehte ihn in ſeiner Hand und beſchaute jedes Bild, und las jeden Vers. Amalie beobachtete ihn mit prüfenden, durchbohrenden Blicken; aber ſeine Mienen verriethen nichts. Auch nicht die kleinſte Veränderung ging mit ihnen vor; ſie waren ebenſo lächelnd, ebenſo unbefangen, wie zuvor. Nachdem er Alles beſchaut, ſtellte er ihn mit einer tiefen Verbeugung wieder auf den Tiſch. Nun, was ſagen Sie zu der Arbeit? fragte Amalie haſtig. Sie iſt ausgezeichnet, eines Künſtlers würdig, Königliche Hoheit. Und wiſſen Sie, wer der Künſtler geweſen, der das geſchaffen? Ich ahne es, Königliche Hoheit. Nennen Sie ſeinen Namen. Ich glaube, er heißt Friedrich von Trenck! So iſt es, und wenn ich nicht irre, iſt er Ihr Verwandter? Mein weitläuftiger Verwandter, ja, Königliche Hoheit! Und Sie können es ertragen, Ihren Verwandten ſo in Ketten und Banden zu wiſſen? Ihr Herz leidet nicht bei dem Gedanken an ſeine Marter und ſein Elend? Ich denke mir, daß er gerechte Strafe duldet, ſonſt würde man ihn nicht dazu verurtheilt haben! Mein Herr, und möchte er das Schwerſte verbrochen haben, es bleibt dennoch ewig eine Sünde ihn zu martern, wie man es ihm thut. Der Schlaf des Menſchen iſt heilig, ſ ſelbſt wenn dieſer Menſch ein Ver⸗ brecher, ja ein Mörder wäre. Möge man den Verbrecher tödten, aber V V —— 75— man ſoll ihm ſeinen Schlaf nicht morden! Sehen Sie aber dieſes Bild, General, dieſen auf dürrem Stroh ſchlafenden Gefangenen, den die rauhe Stimme des Soldaten dort aus ſeinem Schlaf, aus ſeinen Träu⸗ men von Glück und Freiheit vielleicht weckt. Leſen Sie dieſe Verſe, welche darunter ſtehen. Iſt es nicht, als ob jedes Wort in Thränen ge⸗ badet ſei, geht nicht ein Schrei des Entſetzens durch ſie hin, ſo furchtbar, ſo unerhört, daß er in jedes Menſchen Bruſt wiederhallen muß? Und Sie, ſein Verwandter, Sie wollen ihn nicht hören? Sie thun nichts, um dieſen unglücklichen Mann aus ſeinem Kerker zu befreien? Sie, der Geſandte Oeſterreichs, Sie dulden es, daß man einen Officier Ihrer Kaiſerin wider alles Völkerrecht, ohne Urtheil und Verhör in einem fremden Lande gefangen hält? Meine Kaiſerin hat mir, als ſie mich hierher ſandte, beſtimmte In⸗ ſtructionen ertheilt, ſie hat mir den Bereich und Umfang meiner Ge⸗ ſchäfte genau abgezeichnet und vorgeſchrieben. Für die Befreiung dieſes unglücklichen Gefangenen mich zu bemühen, hat ſie mir nicht aufgetragen; das liegt alſo ganz außer meinem Wirkungskreis, und ich muß mich beſcheiden! Sie müſſen ſich beſcheiden, und es handelt ſich um einen Menſchen, um einen Verwandten. Sie haben alſo gar kein Mitleid für ihn? Ich beklage ihn tief tief, Königliche Hoheit, aber ich kann nichts für ihn thun! Sie nicht, fragte Amalie haſtig, aber vielleicht ein Anderer? Viel⸗ leicht ich? Ich weiß nicht, ob Eure Königliche Hoheit ſich ſo ſehr für den Ge⸗ fangenen intereſſiren, um für ihn handeln zu wollen! Sie wiſſen nicht, ob ich mich ſo ſehr für Trenck intereſſire, um für ihn handeln zu wollen! rief Amalie mit einem rauhen Lachen. Sie wiſſen es, alle Welt weiß es, Niemand wagt es, laut davon zu ſprechen, weil man den Zorn des Königs kennt und fürchtet, aber Einer ſtüſtert es dem Andern in's Ohr, weshalb Trenck im Kerker ſchmachtet, und Sie ſollten es nicht wiſſen? Nun, wenn Sie es nicht wiſſen, ſo will ich es Ihnen ſagen! Trenck ſchmachtet im Kerker, weil ich ihn liebe! Ja, General, ich liebe ihn! Warum lachen Sie nicht, mein Herr? Iſt — 76— es nicht luſtig, ein altes, zerfallenes, verwittertes Geſchöpf zu ſehen, welches von Liebe ſpricht? Eine zerbrochene zitternde Geſtalt, welche ſich auf die Liebe wie auf einen Stab ſtützt, an welchem ſie dem Grabe zuwankt? Sehen Sie doch mein entſtelltes ſchaudervolles Antlitz, hören Sie doch dieſe rauhe Unkenſtimme, die es wagt, von Liebe zu ſprechen, und dann lachen Sie, lachen Sie, General, denn ich ſage Ihnen, ich liebe Trenck! Ich liebe ihn mit der Kraft und Gluth eines jungen Mädchens; das Unglück und das Alter haben eine ſchaudervolle Maske über mein Antlitz gelegt, aber ich bin doch jung geblieben, in meinem Herzen glüht ein unvergängliches, heiliges Feuer, meine Gedanken, meine Wünſche ſind glühend und jung, und mit allen meinen Gedanken, meinen Wünſchen liebe ich Trenck! Ich könnte Ihnen erzählen von allen Qua⸗ len und Leiden, die ich um dieſer Liebe willen erduldet, aber was nützt es? Es handelt ſich ja nicht um mich, ſondern um ihn, um ihn, welcher durch mich leidet, durch mich um ſeine Jugend, ſein Lebensglück betrogen worden. Neun Jahre ſchmachtet er im Kerker, neun Jahre habe ich keinen anderen Wunſch, keine andere Lebensaufgabe, als ihn zu retten, ihn zu befreien! Mein Daſein, meine Seele, mein Herz, Alles das iſt zerſchmettert an den rauhen Mauern ſeines Kerkers! Ich lebe nur noch, weil ich ihn aus demſelben befreien muß, weil ich, wenn auch nicht mehr an das menſchliche Mitleid, doch noch an das göttliche Erbarmen glaube, und meine, es muß mir einen Weg zu ſeiner Befreiung zeigen! Wenn Sie einen ſolchen Weg kennen, General, zeigen Sie ihn mir, und ich will ihn wandeln, nackten Fußes, ob er auch mit Dornen und glühenden Nägeln beſäet ſei, denn es gilt ihn zu befreien! Sie ſtreckte ihre beiden gefaltenen Hände mit einem flehenden Aus⸗ druck zu dem General empor, welcher unbeweglich, geſenkten Hauptes ihr zugehört hatte. Als ſie jetzt ſchwieg, richtete er ſein Haupt empor und ſah die Prinzeſſin an. Amalie hätte laut aufſchreien mögen vor Freude, denn ſie ſah, wie zwei Thränen über des Generals Wangen nieder⸗ rollten. Ach! rief ſie, Sie weinen nun auch. Sie haben alſo Mitleid! Der General nahm ihre Hand, und indem er es that, beugte er ehrfurchtsvoll vor ihr das Knie. Ja, ſagte er, ich weine, aber nicht um —— ———— — 77— Sie, und nicht aus Mitleid, ich weine nur aus Rührung über Ihre große ſelbſtopfernde Seele. Ich bemitleide Sie nicht, denn Ihr Unglück iſt ſo groß und ſo heilig, daß es über alles Mitleid erhaben iſt. Ich beuge in Ehrfurcht meine Kniee vor Ihnen, denn Ehrfurcht verdient Ihr gramvolles Leiden, und ſchöner erſcheinen Sie mir in demſelben, als alle dieſe lächelnden Frauen, welche in leichtſinniger Heiterkeit durch das Leben tänzeln. Es iſt nicht der Diplomat, ſondern der Menſch, welcher ſich vor Ihnen beugt und Ihnen in tiefſter Ehrfurcht ſeine Huldigung darbringt! Amalie hob ihn mit einem Lächeln empor, das ſo ſanft und lieblich war, wie man es ſeit langen Jahren nicht an ihr geſehen. Stehen Sie auf, General, ſagte ſie milde, laſſen Sie uns wie gute Freunde zu ein⸗ ander ſtehen, und beweiſen Sie mir Ihre Theilnahme, indem Sie mir rathen und helfen, ihn zu befreien. Der General ſchwieg lange Zeit und blickte nachdenkend vor ſich hin. Man muß auf die Kaiſerin wirken, ſagte er dann, ſie muß ſich bei König Friedrich für Trenck verwenden. Er wird Maria Thereſia ihre erſte Bitte nicht abſchlagen. Wollen Sie es übernehmen, auf die Kaiſerin zu wirken? fragte Amalie haſtig. Wollen Sie bei ihr für Ihren unglücklichen Vetter ſprechen? 1 Wäre das möglich geweſen, ſo hätte ich es längſt gethan, ſagte der General achſelzuckend. Allein ich durfte das nicht wagen. Trenck iſt mein Verwandter und meine Bitte würde daher nicht als unparteiiſches Mitleid, ſondern als ein eigennütziges Begehren erſchienen ſein; meine erhabene Kaiſerin beſitzt aber ein ſo ſtrenges Gerechtigkeitsgefühl, daß es bei ihr zu einem unerſchütterlichen Grundſatz geworden, niemals, auch ſelbſt nicht Denen, die ihr nahe ſtehen und Denen ſie vertraut, ſolche Bitten zu erfüllen, welche Verwandte und Angehörige Derer, die da bitten, an⸗ betrifft. Die Kaiſerin würde mich ſelbſt alſo entſchieden abgewieſen haben, wenn ich bei ihr für Trenck geſprochen hätte. Außerdem würde ich mich dadurch mit einer mächtigen und einflußreichen Partei am Hofe der Kaiſerin verfeindet haben, mit einer Partei, welche durchaus nicht wünſcht, daß Trenck jemals befreit werde, weil er alsdann kommen würde, —„ — 789— Rechnung zu fordern über ſein Vermögen und die von ſeinem Oheim, dem Pandurenobriſt, ererbten Schätze und Güter, und weil eine ſolche Forderung vielen, ſogar ſehr hochgeſtellten Perſonen ſehr unbequem und läſtig ſein würde. Dieſe Perſonen würden das Ohr der Kaiſerin bela⸗ gern mit Anklagen gegen dieſen Unglücklichen, von dem ſie wohl wiſſen, daß er nicht frei iſt, um ſich zu rechtfertigen. Man muß ſich alſo den Anſchein geben, als habe man gleich ihnen den armen Trenck vergeſſen, der im Kerker ſchmachtet, während ſeine Erbſchaft durch eine Commiſſion verwaltet wird, die ſich für ihre viele Mühe und Arbeit mit den Gütern des Pandurenhäuptlings bezahlt macht. Es iſt ſehr gefährlich, in dieſes Wespenneſt zu greifen, man würde leicht von dieſen tückiſchen Wespen getödtet werden können.— Will man daher für Trenck wirken, ſo muß es auf eine ganz unſcheinbare, unmerkliche Weiſe geſchehen, durch einen Menſchen, der ſo harmlos und unbedeutend iſt, daß Niemand es der Mühe werth hält, ihn zu beachten, daß die Feinde Trencks ihm gar keine Hinderniſſe in den Weg legen, weil ſie nicht ahnen, daß er ihnen zu ſchaden vermöchte. Giebt es einen ſolchen Menſchen? fragte die Prinzeſſin. Es giebt einen ſolchen, Königliche Hoheit. Und wo iſt er? Wie heißt er? Was iſt er? Er iſt der Ofenheizer und Frotteur in den Zimmern der Kaiſerin. Ein armer Savoyarde, ohne Bedeutung, ohne Namen, ohne Rang und Stand, aber nicht ohne Credit und Einfluß. Ein Ofenheizer? rief die Prinzeſſin ſtaunend und zweifelnd. Ein häßlicher, alter, verwachſener Kerl, den die anderen Diener den Gnomen nennen, weil er immer verdrießlich und ſchweigſam iſt, mit Keinem von ihnen Gemeinſchaft hält, rauh von Sitten und von Stimme iſt und ſich um nichts kümmert, als um ſeinen Dienſt, dem er mit ma⸗ ſchinenartiger Genauigkeit vorſteht. Jeden Tag tritt er früh um ſechs Uhr bei Ihrer Majeſtät ein, macht Feuer im Kamin an, öffnet die Vor⸗ hänge, damit ein wenig Tageshelle eindringe, ordnet die Meubles und zieht ſich ohne Geräuſch wieder zurück. Und das Alles geſchieht oyyne das geringſte Zeichen von Indiseretion, immer gleichmäßig, niemals langfamer, niemals ſchneller. Er iſt eine Uhr, die immer dieſelbe Be⸗ —— 5* — 19— wegung, denſelben Klang hat. Die Kaiſerin, ſeit dreißig Jahren ge⸗ wöhnt, ihn ſo alle Tage in ihr Zimmer eintreten zu ſehen, hat ſich an ſeine Perſon gewöhnt und in ihrer Leutſeligkeit ſich öfter in ein Geſpräch mit ihm eingelaſſen. Seine Antworten ſind immer lakoniſch, oft mit dem Tone vollkommener Gleichgültigkeit, oft brusque und rauh geweſen, aber ſie haben immer einen geſunden Sinn, oft ein tieferes Verſtändniß be⸗ wieſen. Wenn die Kaiſerin mit ihm ſpricht, hält er deshalb nicht einen Moment inne in ſeiner Arbeit, und wenn ſie vollendet iſt, bleibt er nicht eine Minute länger, ſondern geht hinaus, ohne zu fragen, ob die Kai⸗ ſerin noch Luſt habe mit ihm zu ſprechen. Seit dreißig Jahren iſt er auf demſelben Poſten und erfüllt ihn in derſelben Weiſe. Wie oft iſt er nicht auf die Probe geſtellt, ohne daß man es wollte, nur durch die Umſtände ſelbſt. Aber niemals hat man ihn eines Fehlers überführen können, niemals hat man ihm Neugierde oder Intrigue vorzuwerfen gehabt. So hat die Kaiſerin endlich ein großes, unerſchütterliches Zu⸗ trauen zu ihm gefaßt. Sie iſt von ſeiner Treue, Uneigennützigkeit und Redlichkeit ſo feſt überzeugt, daß er dadurch ſogar einen Schimmer von Einfluß auf die Kaiſerin gewonnen hat, und da ſie weiß, daß er weder durch Geld noch durch Schmeicheleien, weder durch Verſprechungen noch durch Ehrenſtellen zu gewinnen iſt, ſo fragt ſie ihn oft ſelbſt in den iicchtigſten Dingen um ſeine Meinung, und ſein ſtets geſundes und un⸗ parteiiſches Urtheil hat bei ihr eine Art von Gewicht. Aber wenn dieſer Mann ſo redlich und uneigennützig iſt, wie werden wir ihn dann gewinnen können? Wir müſſen ſuchen, ſein Herz und ſeinen Kopf für uns zu gewin⸗ nen. Er muß ſich für das Schickſal des unglücklichen Gefangenen in⸗ tereſſiren und den Wunſch hegen, zu ſeiner Befreiung beitragen zu kön⸗ nen. Dann, wenn man das erreicht hat, darf man daran denken, auch ſeinen Eigennutz ein wenig in das Intereſſe zu ziehen und ihm Geld anzubieten. 4 Geld? Dieſes Wunder von Redlichkeit und Treue iſt alſo für Geld empfänglich? Er war es nie und wird es vielleicht nie wieder ſein. Er ſelbſt 1 ——————————— — 80— hat gar keine Bedürfniſſe, keine Wünſche, aber er hat eine einzige Nei⸗ gung, die Neigung zu ſeiner Tochter. Das iſt ein junges, ſchönes Mäde⸗ chen, welches er, da er ein finſteres Mißtrauen gegen Alles hegt, was 8 mit dem Hofe zuſammenhängt und Männerkleidung trägt, fern von Wien in einem Kloſter hat erziehen laſſen. Dann hat er ſie in Wien einer 8 ehrbaren Bürgerfamilie in Penſion gegeben, aber ſie darf ihn nie beſfi-⸗ chen, nie ins Schloß kommen, um nach ihm zu fragen, damit keiner der Hofleute ſie ſehe. Jetzt hat dies Mädchen ein Liebesverhältniß mi einem jungen Arzte angeknüpft. Sie möchten ſich gerne heirathen, abe er hat keine Praxis und ſie kein Geld, und ihr Vater hat nichts geſam⸗ melt, er hat ſeinen ganzen Lohn immer für ſeine Tochter hingegeben und nicht einmal eine Ausſteuer für ſie kann er anſchaffen. Und er denkt nicht daran, ſich an die Kaiſerin zu wenden, um ſn um eine Ausſteuer zu bitten? Wenn ihm dieſer Gedanke käme, würde er ihn mit Verachtung von 8 ſich weiſen, denn ſein einziger Ehrgeiz beſteht darin, niemals etwas von der Kaiſerin bitten zu wollen, niemals Gnadenbezeugungen von ihr an⸗ zunehmen. Bloß um des Geldes willen würde er auch jetzt nichts thun, was gegen ſeine Ueberzeugung wäre, und wenn ſeine Tochter ſtürbe vor Gram. Man muß alſo, wie geſagt, zuerſt ſein Herz und ſeinen Kopf gewinnen, und dann erſt darf man es wagen, mit ihm von Geld zu ſprechen. O, rief die Prinzeſſin, wenn dieſer Mann ein Herz hat, ſo werden wir es gewonnen haben, ſobald wir ihm erzählen, was Trenck gelitten hat und wie furchtbar er jetzt leidet. Der Jammer und die Qual, die auf das Haupt dieſes Unglückſeligen gehäuft ſind, müſſen ihn rühren und ſein Herz wie ſeinen Kopf gewinnen. Dann, wenn wir das er⸗ reicht haben, werden wir ihm Gold, Schätze, o, Alles, was ich beſitze, anbieten, werden wir ſeiner Tochter eine Ausſteuer, eine reiche Mitgift verſprechen. Gott hat es gewollt, daß ich eben reich bin und im Stande, ſolche Verſprechungen auch zu erfüllen. Mein Jahrgeld als Aebtiſſin, ſo wie meine Prinzeſſinnen⸗ Appanage ſind mir geſtern ausgezahlt wore⸗ den. Ein kleines Vermögen iſt da in meinem Secretair, ich werde noch * — 1 Muühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. III. mehr hinzufügen. Glauben Sie wohl, daß viertauſend Louisd'or ge⸗ nügen werden, um das Herz des Savoyarden zu gewinnen. 3 Ach, Königliche Hoheit, bei jedem Andern würde es zu viel ſein, aber um dieſes redliche Herz zu gewinnen, bedarf es großer Verlockun⸗ gen und deshalb ſage ich nicht, daß Ihr Anerbieten zu groß iſt. Aber es genügt doch, nicht wahr? Vollkommen! Nun fehlt nur noch ein ſicherer, gewandter und verſchlagener Mann, den wir zu dieſem Frotteur der Kaiſerin ſenden. Ein Mann, welcher Herz und Kopf, Liebe und Hingabe an die Sache hat, die wir ihm übertragen wollen. O, General, wo finden wir einen ſolchen Mann? Herr von Riedt lächelte. Ich glaubte, Eure Königliche Hoheit hätten ihn ſchon gefunden. Die Prinzeſſin ſah ihn erſtaunt an. Ahl rief ſie dann, der Juwe⸗ lier! Der Mann, der mir den Becher brachte und mich auf ſo geſchickte und discrete Weiſe an Sie verwies. Ich glaubte gehört zu haben, daß Sie ihn auf morgen früh wieder zu ſich beſtellt hätten. Sie wiſſen das? Sie kennen ihn alſo? Herr von Riedt verneigte ſich lächelnd. Ich erlaubte nüite ihn an Eure Königliche Hoheit zu ſenden. Ah, jetzt begreife ich Alles, und ich muß bekennen, daß dieſer Mann ein ebenſo geſchickter Unterhändler iſt, wie Sie ein gewandter Diplomat ſind; der Becher, den ich Ihnen zeigte, kam mir von Ihnen? Ich erhielt ihn von dem Gouverneur von Magdeburg, dem Herrn Landgrafen von Heſſen, und da ich ſelber es nicht wagen darf, han⸗ delnd aufzutreten, wagte ich es, mich an Eure Köhigliche Hoheit zu wenden. Ich danke Ihnen, daß Sie es thaten, General, und ich muß Ih⸗ nen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß Sie es auf ſehr discrete und vorſichtige Weiſe gethan. Vielleicht gelingt es uns, die Sache ſo geheim zu halten, daß mein Bruder nichts davon erfährt und nicht gegen uns wirken kann. Eilen Sie jetzt, mein Herr, ertheilen Sie dem Herrn Ju⸗ — 82— welier, oder was er ſonſt ſein mag, ſeine Inſtructionen, und morgen früh ſenden Sie ihn zu mir, damit ich ihm das Geld einhändige und mit ihm über ſeine eigene Belohnung ſpreche.*) VII. Der königliche Hausſpion. Am Morgen des nächſten Tages hielt eine Equipage vor dem Garten von Sansſouci und ein Herr in glänzend geſtickter Hofuniform kroch mühſam aus derſelben hervor. Huſtend und verdrießliche Worte vor ſich hinmurmelnd, ſchlich er die zu den Terraſſen führende Allee hin⸗ auf, ſein Rücken war gebeugt, und unter dem dreieckigen, mit goldenen Treſſen gezierten Hütchen kamen nur ſpärlich hier und da einige weiße n, emi Wer hätte in dieſer zuſammengedrückten, zerfallenen Ge⸗ ſtalt, einſt ſo heiteren, ſo ſorgloſen und unbekümmerten Ober⸗Ceremonien⸗ meiſter Baron von Pöllnitz wiedererkannt? Wer hätte meinen mögen, daß dieſes alte, verwitterte, von tauſend Runzeln entſtellte Geſicht dem einſt ſo glänzenden Hofcavalier angehöre? Und doch war es ſo! Herr von Pöllnitz war alt geworden, auch ſein Rücken hatte ſich beugen müſſen unter dieſes furchtbare Joch, mit dem das ſiegreiche Alter jeden Menſchen belaſtet. Aber ſein Geiſt war noch unverändert geblieben, er hatte ſich noch dieſelbe Lebhaftigkeit, dieſelbe Bosheit, denſelben Egois⸗ 8.*) Der Abgeſandte der Prinzeſſin fand bei dem Ofenheizer ein williges Gehör, und dieſer übernahm es, bei der Kaiſerin für Treuck zu wirken. Wie ihm dies gelang und wie er in ſechs verſchiedenen Morgenunterredungen mit der Kaiſerin endlich ſeinen Zweck erreichte, kann man nachleſen in Thiébault: Souvenirs de vingt ans. Vol. IV. p. 220 folg. 3 mit ſchlotternden Knieen jetzt die Terraſſen hinaufkeuchte, den f — 83— mus bewahrt. Herr von Pöllnitz hatte immer noch dieſelbe Leidenſchaft, Geld, viel Geld zuſammenzuraffen, nicht aber um es zu beſitzen, ſon⸗ dern um es zu vergeuden. Sein Leben war noch immer getheilt zwi⸗ ſchen niedrigem Geiz und unſinniger Verſchwendung, und wenn er die erſten Tage jedes Monats ſelig durchſchwelgt hatte, ſo war er dafür die letzten Wochen jedes Monats darauf angewieſen, entweder zu hungern und zu darben, oder von Denjenigen zu borgen, welche noch gutmüthig oder leichtgläubig genug waren, dem Herrn von Pöllnitz borgen zu wollen. Auch gab es für ihn noch einige andere Erwerbsquellen, die der gewandte Hofcavalier mit vielem Glück zu benutzen wußte. Er war ein ausgezeichneter Ecarts⸗Spieler, und da er als Ober⸗Ceremonien⸗ meiſter die Vergnügungen des Hofes zu ordnen und auch die Plätze an den Spieltiſchen zu beſtimmen hatte, ſo wußte er es jedes Mal ſo ein⸗ zurichten, daß er ſelbſt mit reichen und paſſionirten Spielern zuſammen⸗ kam, von Denen er einige Louisd'or gewinnen und einige andere bor⸗ gen konnte. Außerdem hatte Herr von Pöllnitz ſeit der Rückkehr des Königs wieder ſeine Functionen als Beobachter und Spion des Königs freiwillig aufgenommen, und was er am Hofe erſpähte und erlauſchte, das hinterbrachte er dem König, um dafür dann und wann ei kleine beſondere Belohnung zu empfangen. 1 Seltſame Idee, murmelte er, während er puſtend und ſch aufend die Terraſſe hinaufkletterte, ſeltſame Idee, hier in dieſer langweiligen Einöde zu wohnen, während man doch einige anſtändige und comfor⸗ table Schlöſſer inmitten der Stadt und auf ebener Erde hat. Man ſollte wahrhaftig meinen, der König habe eine ſolche Sehnſucht nach dem Himmel, daß er ſchon auf Erden ihm näher zu ſein wünſche, als den Menſchenkindern, von denen er ſich zurückziehe, um zu beten und ſich auf den Himmel vorzubereiten. G Der Baron lachte laut auf; es kam ihm gar ſo drollig vor, ſich den König als betenden Einſiedler zu denken. Dieſe Vorſtellung ver⸗ ſetzte ihn in eine ſo heitere Stimmung, daß er dadurch die Kraft ge⸗ wann, etwas raſcher zu gehen und ſich bald auf der oberſten Abplat⸗ tung der Terraſſen und vor dem Schloſſe befand. Ohne Hinderniſſe gelangte er bis in das Vorzimmer des Königs, 6 — 84— dort aber ſtand Deeſen, der Kammerlakai des Königs, und wehrte dem Herrn Ober⸗Ceremonienmeiſter den Eintritt in das Gemach des Königs. Se. Majeſtät arbeitet mit den Cabinetsräthen ſagte er. Sie ſind heute ſehr beſchäftigt und es iſt ausdrücklicher Befehl, Niemand vorzu⸗ laſſen. Aber ich muß Se. Majeſtät ſprechen, ich habe ihm Dinge von der höchſten Wichtigkeit mitzutheilen. Sie werden am Ende doch nicht wichtiger ſein als die Dinge, mit denen ſich Se. Majeſtät jetzt beſchäftigen, ſagte der unerſchütterliche Deeſen. Der König hat befohlen, Niemand vorzulaſſen, und alſo laſſe ich Niemand vor. So werde ich mir alſo mit Gewalt den Eingang erzwingen müſſen, rief Pöllnitz überlaut, indem er gerade auf die Thür zuſchritt. Aber Deeſen kam ihm zuvor und richtete ſeine breite Geſtalt drohend und kampfbereit vor der Thür auf. Ein heftiger Wortwechſel entſpann ſich nun, bei welchem Herr von Pöllnitz ſeine kreiſchende Stimme ſo mächtig erſchallen ließ, daß er wohl hoffen durfte, von dem König gehört zu werden. a Hoffnung hatte ihn nicht getäuſcht. Die Thür ward plötzlich geöffnet und der König erſchien auf der Schwelle. Pöllnitz, ſagte der König, Er iſt und bleibt ein unverſchämter Narr. Schreit Er da ſo laut wie der galliſche Hahn, der meinem ganzen Hauſe den Krieg erklären möchte. Ich habe Friede gemacht mit dem galliſchen Hahn, merke Er ſich das, und wage Er es nicht wieder, hier ſo laut und unverſchämt zu krähen. Was will Er von mir, Pöllnitz? Wollen Seine Gläubiger ihn einſtecken, oder kommt Er, um mir anzuzeigen, daß Er jetzt Jude geworden iſt, um irgend eine einträgliche Rabbinerſtelle anzunehmen? Nein, Sire, ich bin noch immer ein reformirter Chriſt und meine Gläubiger denken nicht daran, mich einſtecken zu wollen, denn ſie wiſſen ſehr wohl, daß das ihnen nichts hilft. Ich komme in ganz ernſten und dringenden Angelegenheiten und bitte Eure Majeſtät, mir ſofort eine geheime Audienz ertheilen zu wollen. — 85— Der König ſah ihn mit durchdringenden Blicken an. Höre Er, Pöllnitz, ſagte er, Ceih immer noch ein windiger Geſelle, trotz ſeiner ſiebenzig Jahre. Ueberlege Er es ſich noch einmal! Wenn das, was Er mir zu ſagen hat, nicht wirklich wichtig und eilig iſt, ſo werde ich Ihn bitter dafür ſtrafen, daß Er es gewagt hat, mich in meinen Ar⸗ beiten mit den Cabinetsräthen zu ſtören. Ich werde Ihm Sein Gehalt für den nächſten Monat nicht auszahlen laſſen. Majeſtät, die Angelegenheit iſt dringend und eilig. Ich wage mein Gehalt daran. So komme Er in mein Cabinet. Aber mache Er es kurz, ſagte der König, indem er das Vorzimmer durchſchritt und in die gegenüber⸗ liegende Thür eintrat. Jetzt rede Er, Pöllnitz, fuhr der König fort, als ſie das Cabinet erreicht hatten. Sire, zuerſt bitte ich um Verzeihung, daß ich es wagen will, von einer Sache zu reden, welche ſchon ſo alt iſt, daß ihr die Zähne wackeln und ihr Geſicht runzlig geworden iſt. Er will alſo von ſich ſelber reden? unterbrach ihn der König. Nein Sire, ich will von einer Sache reden, die vor d Kriege ihre Blüthe hatte und die ſeitdem in einem unterirdiſchen r ver⸗ welkt und verdorrt iſt. Aber dieſe Sache droht wieder neue Keime empor⸗ zuſchießen und neue Blätter zu entfalten, und ich fürchte, daß Eure Majeſtät das nicht wünſchenswerth finden. Rede Er deutlich und ohne Umſchweife und Bilder. Er will irgend eine Verleumdung, eine Klatſcherei vorbringen, das merke ich wohl, Er kommt als mein wohl beſtallter Familienſpion, und Er hat irgend einen fetten Biſſen erſchnappt, denn Seine Augen leuchten ſo boshaft ver⸗ gnügt, wie ſie es immer thun, wenn er einen ſchlechten Streich vorhat. Nun alſo, heraus damit. Von wem will Er reden? Von Prinzeſſin Amalie und von Trenck, flüſterte Pöllnitz. Der König ſtarrte ihn mit flammenden Blicken einen Moment an, dann drehte er ſich um und ging ſchweigend einige Male auf und ab. Nun, was iſt's mit der Geſchichte? fragte der König dann, indem A△ . — 6— er, Pöllnitz den Rücken zukehrend, in die Fenſterniſche trat und zum Fenſter hinauszublicken ſchien. Sire, wenn Eure Majeſtät es nicht hindern, wird Prinzeſſin Amalie heute noch einen Unterhändler nach Wien abſenden, welcher es unter⸗ nehmen ſoll, die Kaiſerin anzugehen, daß ſie ſich bei Eurer Majeſtät für die Freilaſſung Trencks verwende. Dieſer Unterhändler iſt mit Geld und Inſtructionen reichlich verſehen und der öſterreichiſche Geſandte hat der Prinzeſſin einen ſichern Weg angegeben, das Geſuch zu den Ohren der Kaiſerin zu bringen und ihm einen Fürſprecher zu gewinnen. Sie wollen ſich an den Ofenheizer der Kaiſerin wenden, und dieſer einfluß⸗ reiche Mann ſoll es übernehmen, Maria Thereſia zu veranlaſſen, bei Eurer Majeſtät die Freilaſſung Trencks zu erflehen. Wenn Eure Ma⸗ jeſtät den Unterhändler aufhalten und dieſe Intrigue hindern wollen, ſo muß das ſogleich geſchehen, denn vor einer Stunde hat er ſeine In⸗ ſtructionen vom General Riedt, vor einer Viertelſtunde von der Prin⸗ zeſſin viertauſend Louisd'or erhalten, womit der Ofenheizer beſtochen werden ſoll, und für ſich ſelbſt die Verſprechung, daß, wenn die Intrigue gelingt, der Unterhändler von der Prinzeſſin tauſend Louisd'or zu for⸗ dern h 4 rief der König, als Pöllnitz jetzt ſchwieg. eiter? wiederholte Pöllnitz verblüfft. Weiter habe ich nichts zu melden. Aber mir ſcheint, die Geſchichte war wichtig genug. Und mir ſcheint, daß Er mir da ein albernes Mährchen erzählt hat! rief der König, indem er ſich umwandte und dem Oberkammerherrn ſein zürnendes Antlitz zeigte. Wenn Er meint, mit ſolchen fabelhaften und ſinnloſen Geſchichten von mir Geld zu erpreſſen, ſo iſt Er in einem großen Irrthum befangen. Nicht einen Heller gebe ich Ihm für dieſe albernen Lügen. Denkt er denn, daß Oeſterreich an die Tartarei grenzt? Dort iſt ein Barbier Miniſter, und Er will gar einen Ofenheizer zum Vertrauten der Kaiſerin machen! Das iſt ja noch ärger wie ein Bart⸗ putzer, und Schehezerade würde nicht einmal wagen, ihrem ſchlaftrun⸗ kenen Sultan ein ſolches Mährchen aufzuheften, wie der Herr von Pöllnitz es mir thun möchte. 1 Aber, Sire, es iſt kein Mährchen! rief Pöllnitz eifrig. Es iſt die — 8— reine Wahrheit. Der eine Page der Prinzeſfin hat gehorcht und hat mir die Geſchichte ſogleich hinterbracht. Hat Er ihn ſchon belohnt und bezahlt für dies Mährchen, das der Page vorgiebt erlauſcht zu haben?— Nein, Sire! So eile Er raſch nach Berlin zurück, belohne Er den Pagen für ſeine albernen Lügen mit einem Paar tüchtigen Ohrfeigen, und dann lege Er ſich ſelber zu Bett und laſſe Er ſich Kamillenthee kochen, denn mir ſcheint, Sein Kopf iſt ſchwach. Aber, Sire, es iſt wirklich die volle Wahrheit, die verhält ſich in der That ſo, wie fabelhaft ſie auch klingen mag. Des Königs Augen trafen ihn mit einem zornigen Blitz. Es iſt ein albernes Mährchen! rief er mit lauter, gebieteriſcher Stimme. Rede Er mir kein Wort weiter davon und wage Er es nicht, etwa Andern davon zu erzählen. Gehe Er jetzt und vergeſſe Er die ganze Dummheit. Pöllnitz ſchlich ſeufzend und mit gebeugtem Haupte der Thür zu. Aber bevor er ſie öffnete, wandte er ſich noch einmal nach dem König um. Sire, ſagte er, es ſind die letzten Tage des Monats, und dieſer unglückliche October hat noch dazu einunddreißig Tage. Eur ajeſtät ſollten wenigſtens meinen Eifer anerkennen, wenn auch die wie die Weisheit des Königs entſcheidet, unwahr iſt. Ich ſoll Ihn belohnen für ſeinen Eifer, Böſes zu thun? ſagte der König kopfſchüttelnd. Aber freilich, es iſt ſo in der Welt! Das Böſe wird belohnt und das Gute tritt man unter die Füße. Er iſt es nicht werth, einen Fußtritt zu erhalten, gehe Er alſo hin und laſſe Er ſich belohnen! Mein Kämmerer ſoll Ihm zehn Friedrichsd'or auszahlen, aber unter Einer Bedingung! Und dieſe iſt? fragte Pöllnitz freudig. Er geht, ſo wie Er in Berlin ankommt, in's Schloß, läßt ſich den Pagen der Prinzeſſin rufen und giebt ihm ein Paar tüchtige Ohrfeigen zur Strafe dafür, daß er Ihm ſolche Albernheiten vorgelogen hat. Geh' Er jetzt mit Gott! Adieu! Lange noch, nachdem Pöllnitz das Cabinet verlaſſen, ſtand der König ſ 8 — 88— in tiefe Gedanken verſunken in der Fenſterniſche. Er ſchien es ganz ver⸗ geſſen zu haben, daß ſeine Cabinetsräthe warteten und die Miniſter zur Conferenz beſchieden waren. Er dachte an ſeiner Schweſter langes und trauriges Leiden, an ihre Treue und Reſignation, und ein tiefes, ſchmerz⸗ liches Mitleiden erfüllte ſein Herz. Ich darf ihr endlich wohl den armſeligen Troſt gönnen, zu ſeiner Befreiung beigetragen zu haben, ſagte er leiſe zu ſich ſelber. Sie iſt ſo hart und ſo lange für dieſe unſelige Liebe beſtraft worden, daß ich ihr wohl jetzt die traurige Genugthuung gewähren darf, von dem Grabe dieſer Liebe einige duftloſe Blüthen zu pflücken. Möge ſie ſich alſo im⸗ merhin an den Ofenheizer der Kaiſerin wenden, auf daß er der frommen Frau Muhme etwas einheize mit Vorſtellungen und Bitten. Ich will's nicht hindern, und wenn Muhme Thereſia ſich bei mir für Trenck ver⸗ wendet, ſo will ich nicht daran denken, daß er ein rebelliſcher Unterthan, ja ein Verräther geweſen iſt, der den Tod verdient hat, ſondern ich werde mich nur erinnern, daß Amalie um ſeinetwillen unausſprechlich gelitten hat, daß ihr Leben öde und vereinſamt iſt, eine ſchauerliche Nacht, in welche man wohl einen Sonnenſtrahl darf fallen laſſen. Arme Amalie, ſie liebt ihn noch! nſigen der König aus der Fenſterniſche hervortrat und lang⸗ ſam das Cabinet durchſchritt, um in ſein Arbeitszimmer und zu ſeinen Cabinetsräthen zurückzukehren, murmelte er leiſe: Es iſt doch etwas Schönes um ein großes, reiches Menſchenherz. Beſſer, wenn der Schmerz es tödtet, als wenn die Verachtung es unempfindlich macht und es zu Stein verhärtet. — 89— VIII. Das Unglück bricht herein. Während der König einſam und ſtill in Sansſouci lebte, nur be⸗ ſchäftigt mit ſeinen Studien und ſeinen ernſten Regierungsangelegenheiten, dauerten in Rheinsberg die Feſte und Luſtbarkeiten ununterbrochen fort. Es ſchien, als habe Prinz Heinrich gar keine andere Gedanken, keine anderen Wünſche, als ſeiner Gemahlin immer neue Ueberraſchungen zu bereiten, ihr immer neue Huldigungen darzubringen. Hatte er ſo viele Jahre dem Ernſt und den Mühſalen des Lebens opfern müſſen, ſo wollte er ſich jetzt dafür durch einen ununterbrochenen Genuß der lange ent⸗ behrten Freuden entſchädigen und ſeine Zeit ebenſo beeifert dem Ver⸗ gnügen und den Zerſtreuungen widmen, wie er ſie ſonſt den Strapatzen und Gefahren des Krieges dargebracht. Feſte folgten daher auf Feſte, und alle Diejenigen des eleganten und vornehmen Berlin, welche auf Jugend, Schönheit, Geiſt und Lie⸗ benswürdigkeit Anſprüche zu machen hatten, waren ſtets willkommene Gäſte in dem Schloſſe des Prinzen, das ſich in einen glänzenden Tempel der Freude ſchien verwandelt zu haben. Es war jetzt im Spätherbſt, und Prinz Heinrich hatte beſchloſſen, mit einem eigenthümlichen und phantaſtiſchen Feſte die lange Reihe der ſonnigen und duftenden Wald⸗ und Gartenfeſte abzuſchließen. Bevor man in die Salons, in die Winterquartiere des Vergnügens ſich zurück⸗ zog, wollte man in einer feierlichen Weiſe Abſchied nehmen von der Natur. Die Nymphen des Waldes und der Quelle, die Hamadryaden der Bäume, die Faunen und Satyrn, die Götter des Waldes und der Flur ſollten noch einmal den Wald beherrſchen, Fevor ſie das Scepter in die rauhen Hände des Winters niederlegten. Die Gäſte von Rheins⸗ berg ſollten noch einmal in ungebundener, ſorgloſer Heiterkeit einen Tag des Glückes genießen, bevor ſie in die Winterſalons ſich zurückziehen mußten, auf deren Schwelle die Etiquette ſie mit ihrem gezwungenen Hoflächeln, ihren ſteifen Prunkgewändern, ihren Orden und Titeln empfing. — 90— Die Damen und Herren hatten ſich daher in Götter und Göttin⸗ nen, in Nymphen, Hamadryaden, Faunen, Satyrn und Waldgeiſter ver⸗ wandelt. Das Hüfthorn Diana's hallte wieder durch den Wald, den die Göttin mit ihren reizenden Jägerinnen durchzog, begleitet von En⸗ dymion, der den Actäon verfolgte. Da war Apoll und die reizende Daphne, Echo und der eitle Narciſſus, und an dem Rande des See's, der in der Mitte des Waldes ſein funkelndes Auge öffnete, tanzten die Nymphen der Quellen mit den Tritonen den luſtigen Ringeltanz. Es war, wie geſagt, ein phantaſtiſches, ſeltſames Feſt, das der Prinz da veranſtaltet hatte. Er ſelber hatte dazu alle Anordnungen getroffen, er ſelber hatte die Rollen vertheilt und Jedem ſeinen Platz angewieſen, und damit dem heitern und phantaſtiſchen Feſt auch das Gepräge voll⸗ kommener Ungenirtheit und Natürlichkeit nicht fehle, ſollte Jeder nach Belieben ſeinem Amüſement nachgehen, Abenteuer und Vergnügungen ſuchen, oder in die Einſamkeit ſich zurückziehen können, um zu leſen, nachzudenken, zu träumen, und zu ſchlafen. Nur zur Mittagszeit ſollten Alle, ſobald der Ruf des Hüfthorns der Göttin Diana erſchallte, auf der großen Ebene am See ſich ſammeln, wo man unter einzelnen kleinen Zelten, auf dem grünen Raſen, oder an der großen Tafel, die dort unter dem von Blumengewinden und luſtigen Draperien gebildeten Zelt aufgeſtellt war, ein ebenſo gediegenes als üppiges Mahl einnehmen ſollte. Die ganze übrige Zeit war, wie geſagt, dem freiwilligen Vergnügen, welches Jeder ſich ſelber zu ſchaffen und zu ſuchen hatte, beſtimmt, und der Geiſt der Cavaliere und die Muthwilligkeit der Damen zeigte ſich heute erfinderiſcher als je. Ueberall ſah man ſchäkernde Göttinnen, welche in das Gebüſch ſchlüpften, entweder um den Nachſtellungen irgend eines Gottes zu entgehen, oder um zu einem erwünſchten Rendezvous ſich zu verirren. Am Ufer des Sees lagen reizende Gondeln bereit für Diejenigen, welche auf den ſchaukelnden Wellen ſich erholen und ausru⸗ hen wollten. Für die Jäger und Jägerinnen waren hier und dort an den Bäumen Scheiben aufgeſtellt, und allerlei Schießgeräthe, Armbrüſte und Köcher mit leicht befiederten Pfeilen lagen daneben. Außerdem aber wa⸗ ren durch den ganzen Wald einzelne kleine Hüttchen vertheilt, von außen nur mit Baumrinde bekleidet, und anzuſchauen wie ein Haufen gefälltes 91— Holz, innen aber mit Ruheſitzen und einer ebenſo behaglichen als ele⸗ ganten Einrichtung verſehen.*) Jede dieſer Hüttchen war mit einer Nummer verſehen, und beim Beginn des Feſtes hatte jede Dame aus einer Urne ſich ein Loos gezogen, deſſen Nummer die Hütte bezeichnete, welche ihr gehörte. Der Zufall allein hatte dabei entſchieden, und Jede hatte ihr Götterwort verpfänden müſſen, an Niemand die Nummer ihrer Hütte zu verrathen. Dadurch entſtand ein heiteres Suchen und Spä⸗ hen, ein luſtiges Haſchen und Verfolgen, welches dem ganzen Feſt einen eigenthümlichen Reiz verlieh. Jede der Nymphen und Göttinnen konnte ſich vor ihren Verfolgern in ihre Hütte retten, und ſie hatte alsdann nur nöthig, über derſelben den Kranz von grünen Eichenblättern, den ſie in der Hütte fand, aufzuhängen, um ſich vor jedem weiteren Vordringen ihres Verfolgers zu ſichern, denn dieſer Kranz ſollte Jedem der Cava⸗ liere das Zeichen ſein, daß die Herrin der Hütte ſich in dieſelbe zurück⸗ gezogen habe, und ihre Einſamkeit nicht geſtört ſehen wolle. Damit nichts die Harmonie und den Einklang dieſes Feſtes ſtöre, hatten der Prinz und ſeine Gemahlin ſelbſt ſich der übrigen Geſellſchaft vollkommen gleichgeſtellt, und auf den ausdrücklichen Wunſch der Prinzeſſin hatte ſie in dieſem Götterſpiel keine hervorragende Rolle einzunehmen, ſondern durfte in dem einfachen und reizenden Coſtüm einer Waldnymphe ſich in das frohe Gewühl mengen, während der Prinz ein ideales und phantaſtiſches Jägercoſtüm für ſich gewählt hatte. Auch bei der Wahl der Waldhütten hatte Prinzefſin Wilhelmine jede Bevorzugung von ſich zurückgewieſen, und gleich den anderen Damen hatte ſie durch das Loos ſich ihre Hütte gewählt, deren Nummer ſie ſelbſt den dringenden Bitten ihres Gemahls verweigert hatte. So ſchien denn dieſer Tag nur der Freude und dem Glück geweiht, Jedermann zeigte ein lächelndes, heiteres Angeſicht, frohes Jauchzen und luſtiges Lacheln erſchallte durch den Wald, und dazwiſchen hörte man das Klingen der Hüfthörner, das Knallen der Geſchoſſe, das Bellen der Hunde, welche die Göttin Diana in ihrem Gefolge hatte, oder den Klang ſüßer Lieder, wie Virgil ſie für die arkadiſchen Schäferinnen gedichtet. *) Thiébault. Mes souvenirs de vingt ans etc. Vol. II. p. 139. * 3 — — 92— — Und doch, auf wie vielen dieſer Geſichter mochte das Lächeln nur ein erkünſteltes ſein, wie viele Seufzer mochten ſich miſchen in dieſe Klänge der Freude, wie viel Sorge und Beängſtigung mochte das Innere dieſer Götter erfüllen, die außen ſo voll göttlicher Heiterkeit erſchienen. Selbſt auf der hehren Stirn der Göttin Diana thront nicht dieſe erhabene Ruhe, von welcher Homer uns ſo viel erzählt, ſelbſt ihr Antlitz iſt unruhig und ſorgenvoll, und in ihren großen ſchwarzen Augen flackert ein unſtätes, glühendes Feuer, wie es nimmer in den Augen der keuſchen Göttin zu ſchauen geweſen. Seht, da drüben tritt ſie aus dem Wald, die Göttin Diana, athem⸗ los und haſtig, vorwärts ſchauend mit bangem Blick, als fürchte ſie das Nahen irgend eines Verfolgers, dann, als ſie ſieht, daß Niemand hinter ihr iſt, eilt ſie mit raſchen Schritten vorwärts, jener Hütte zu, welche da im Gebüſch hervorſcheint. Der Eichenkranz iſt an dieſer Hütte auf⸗ gehängt, aber Diana achtet nicht darauf, ſie weiß, was das bedeutet, und außerdem iſt Niemand berechtigt in dieſe Hütte einzutreten, als ſie allein, denn es iſt ihre Hütte, durch das Loos ihr zuerkannt, und billig ſollte ſie allein die Nummer derſelben kennen. Aber wie ſie jetzt in die Hütte eintritt, regt ſich etwas im Hinter⸗ grunde derſelben, und Endymion, der ſchöne Jäger, tritt ihr mit lächeln⸗ dem Gruß entgegen. Endlich kommen Sie, Camilla, flüſterte er leiſe, endlich gönnen Sie mir das Glück, Sie allein und ohne Zeugen zu ſehen. Oh mein Gott, es iſt eine Ewigkeit her, ſeit ich Sie nicht geſehen. Sie ſind ſehr grau⸗ ſam gegen mich, mir ſo jedes Zuſammenſein mit Ihnen zu verſagen, und mich immer in weiter Ferne nach einem Ihrer Blicke ſchmachten zu laſſen. Als ob es von mir abhinge, Sie näher kommen zu laſſen, ſagte Camilla mit einem höhniſchen Lächeln. Als ob ich nicht immer mit Ar⸗ gusaugen bewacht würde, wie eine Gefangene, von der man jeden Augen⸗ blick erwartet, daß ſie ausbrechen und davon laufen wird. Wie viel Mühe, wie viel Gewandtheit und Liſt habe ich anwenden müſſen, um hierher zu kommen. Es war ein abſcheulicher Einfall von dem Prinzen, mir die Rolle der Diana zu ertheilen, denn dadurch habe ich eine ganze — 93— Bande von Aufpaſſerinnen und Spioninnen hinter mir, und ich verſi⸗ chere Sie, meine holden Jägerinnen ſind von einer ſo furchtbaren Keuſchheit, daß ſchon der Anblick eines Mannes ſie mit Entſetzen erfüllt, und ſie vor ihm in das wildeſte Dickicht des Waldes fliehen. Vielleicht weil ſie in dieſem Dickicht einen Liebhaber verſteckt wiſſen, ſagte Endymion leichtfertig. 2 Camilla lachte laut auf. Sie mögen Recht haben, ſagte ſie. Aber wenn meine Jägerinnen fliehen, ſo bleibt mir immer noch dieſer abſcheu⸗ liche Argus, der mich wirklich mit tauſend Augen bewacht, und gar nicht von meiner Seite weicht. Es iſt eine bloße Malice von dem Prinzen, daß er meinem unleidlichen, ſittenrichterlichen Stiefvater dieſe Rolle zuer⸗ theilt, und ihn dadurch förmlich auf mich gehetzt hat. Und wie iſt es Ihnen gelungen, der Wachſamkeit Ihres Argus zu entgehen, und hierher zu kommen? Ich bin ihm entſchlüpft in dem Augenblick als die Prinzeſſin ihn anredete, und meine holden Jägerinnen eben eine kleine Jagd auf den luſtigen Actäon machten, den der Herr von Kaphengſt wirklich mit köſt⸗ lichem Humor darſtellt. Ich mußte Sie durchaus ſprechen, denn ich habe Ihnen ſo Vieles zu erzählen, und muß durchaus vor Ihnen mein ge⸗ quältes, unglückliches Herz ausſchütten. Sie ſind ja mein lieber treuer Couſin Kindar, und ſo hoffe ich, Sie werden Ihre arme Couſine nicht verlaſſen, ſondern nach beſten Kräften ihr Ihren Rath und Ihre Hülfe ertheilen. Herr von Kindar neigte ſich auf Camillens dargereichte Hand, und preßte ſeine glühenden Lippen auf dieſelbe. Rechnen Sie auf mich als auf Ihren treueſten Selaven, der glücklich wäre wenigſtens für Sie ſterben zu dürfen, da er nicht für Sie leben darf. Nun alſo hören Sie, beau cousin, flüſterte Camilla lächelnd. Sie wiſſen, daß mein ehrenfeſter, geſtrenger Herr Gemahl Berlin verlaſſen hat, um den ihm ertheilten Geſandtſchaftspoſten in Kopenhagen einzu⸗ nehmen. Ich konnte ihn nicht ſogleich begleiten, weil ich jeden Tag der Geburt meines Kindes entgegenſah, und dieſes kleine Geſchöpf die ver⸗ nünftige Idee hatte, nicht eher auf die Welt zu kommen, bevor ſein Herr Vater nicht glücklich abgereiſt war, nachdem er mir noch eine große Vor⸗ —— — 94— leſung über ſeine Treue und Zärtlichkeit und über meine Pflichten als einſame Gattin und junge Mutter gehalten hatte. Ich mußte ihm nun unter anderem auch ſchwören, niemals meinen beau cousin in meinem Hauſe empfangen zu wollen. Und Sie leiſteten dieſen Schwur? unterbrach ſie Kindar vorwurfs⸗ voll. Ich mußte ihn wohl leiſten, ſonſt wäre er entweder gar nicht ab⸗ gereiſt, oder er hätte mich mit fortgeſchleppt. Außerdem hat er ſeinen alten Vertrauten, den Haushofmeiſter, bei mir zurückgelaſſen, und dieſem den ſtrengen Befehl ertheilt, Sie niemals bei mir anmelden zu laſſen. Um ſeiner tyranniſchen Eiferſucht aber noch die Krone aufzuſetzen, hat er meinen Stiefvater auch noch in das Geheimniß ſeiner Eiferſucht ein⸗ geweiht, und von ihm den Freundſchaftsdienſt begehrt, mich zu allen Feſten und Geſellſchaften an ſeiner Statt zu begleiten, und immer zu verhindern, daß Sie mir nicht zu nahe kommen. Mein Gott, ſagte Herr von Kindar mit einem faden Lächeln, bin ich denn ſo gefährlich? 4 Dieſe Herren ſcheinen es wenigſtens zu glauben, und wenn ich Ihnen nicht ſo ſehr gut wäre, ſo müßte ich Sie wahrlich haſſen, ſo viel habe ich um Ihretwillen leiden müſſen. Herr von Kindar bedeckte ſtatt jeder Antwort ihre Hand, die noch immer in der ſeinigen ruhte, mit glühenden Küſſen. Seien Sie vernünftig, beau cousin, und hören Sie mir zu, ſagte Camilla, indem ſie lächelnd ihre Hand zurückzog. Mein Gemahl befindet ſich alſo, wie ich Ihnen ſagte, ſeit acht Wochen in Kopenhagen, und hat mich ſchon mehrmals gebeten, ihm jetzt, da ich ganz wieder hergeſtellt bin, mit dem Kinde dahin nachzufolgen. Der Barbar! Der Unmenſch! murmelte Kindar. Ich habe es jedes Mal unter irgend einem Vorwand abgelehnt ſchon jetzt zu kommen. Denken Sie aber, geſtern Morgen erhielt ich einen Brief, worin mein Herr Gemahl nicht mehr bittet, ſondern ſich unterſteht, mir, wie er ſich ſelber ausdrückt,„den ſtrengen Befehl“ zu ertheilen, zwei Tage nach Empfang ſeines Briefes von Berlin aufzu⸗ brechen und zu ihm zu kommen.* —— — 95— Aber das iſt ja eine Tyrannei, welche alles Maaß überſchreitet! rief Kindar empathiſch. Wie? Glaubt denn dieſer hochtrabende weiſe Lord, daß ſeine Gemahlin ihm gehorchen muß, wie eine Sclavin, die er für ſeine Pfunde in Amerika kaufen kann? Ach Camilla, Sie ſind es Ihrer eigenen Ehre ſchuldig, ihm zu beweiſen, daß Sie ein freigebornes, edles Weib ſind, dem Niemand Befehle ertheilen kann, Niemand, ſelbſt nicht Ihr Gemahl! Und wie ſoll ich ihm das beweiſen? fragte Camilla. Indem Sie hier bleiben, flüſterte Herr von Kindar, ſo dicht an ihr Ohr geneigt, daß ſie ſeinen glühenden Athem auf ihrer Wange fühlte. Theuerſte, geliebteſte Camilla, Sie können, Sie dürfen nicht daran denken, Berlin verlaſſen zu wollen, denn Sie wiſſen wohl, daß die Stunde Ihrer Abreiſe die Stunde meines Todes ſein würde. Sie wiſſen das, denn Sie wiſſen es ja ſchon lange, daß ich Sie grenzenlos liebe, und Sie ſind mir wohl einige Entſchädigung ſchuldig für den grauſamen Schmerz, den Sie mir durch die Vermählung mit einem Anderen bereitet haben. Und worin ſoll dieſe Entſchädigung beſtehen? fragte Camilla mit einem coquetten Lächeln. 4 3 Herr von Kindar wagte es ſeinen Arm leiſe um ihre Taille zu legen. Darin ſoll ſie beſtehen, angebetete Camilla, daß Sie hier bleiben. und daß Sie es für mich thun! Darin, daß Sie Ihrem verhaßten Ge⸗ mahl entſchieden erklären, Sie würden keiner Bedingung Berlin verlaſſen; ſeinem brutalen Befehl gegenüber erfordere es Ihre Ehre, ihm zu beweiſen, daß es für Sie keine Befehle gäbe, und daß Sie nur Ihrer eigenen Neigung und Ihrem eigenen Willen folgten. Deshalb würden Sie in Berlin bleiben. Wollen Sie mir dieſen Brief ſchreiben? fragte Camilla. Wenn ich es thue, willigen Sie dann ein, hier zu bleiben, und mir, trotz der Befehle Ihres Gemahls, und der Argusaugen Ihres Stief⸗ vaters, nicht mehr Ihre Thür zu verſchließen? Schreiben Sie mir erſt den Brief, das Uebrige wird ſich fnde,. ſagte Camilla leichtfertig. 1 — 96— Ich ſchreibe ihn dieſe Nacht, darf ich ihn dann morgen früh ſelbſt zu Ihnen bringen, und ihn zu Ihren Füßen niederlegen? Wenn ich Nein ſage, werden Sie dann die Güte haben, ihn meiner V Kammerjungfer zu übergeben? Ich ſchwöre bei meiner Ehre, daß ich den Brief nur Ihnen ſelber übergeben werde. Nun alſo, mein tyranniſcher Herr Vetter, ſo zwingen Sie mich ja, Ihnen meine Thür zu öffnen, trotz des Gemahls und des Stiefvaters, und dieſes Cerberus von⸗Haushofmeiſter, der meine Schwelle bewacht. Der Brief, den Sie mir ſchreiben wollen, iſt ein Talisman, der Ihnen alle verſchloſſenen Pforten meines Hauſes öffnet. Aber was helfen mir alle dieſe geöffneten Pforten, da mir doch die Pforte Ihres Herzens immer noch verſchloſſen bleibt, Camilla. Ah, Sie lachen, Camilla, Sie verhöhnen und verſpotten meine Leiden. Mein Gott, Sie ſind alſo ganz ohne Mitleid, ohne Erbarmen! Sie ſehen, was ich leide, und Sie lachen! Camilla neigte ſich zu ihm. Ich lache, flüſterte ſie, weil Sie gar ſo dumm ſind, beau cousin. Aber horch, da ertönt das Hallali meiner Zägerinnen. Ich muß eilen zu ihnen zu kommen, ſonſt umringen ſie * ne Hütte, und wären im Stande hier einzudringen! Leben Sie alſo wohl! Morgen erwarte ich Sie mit dem Briefe! Adieu, beau cousin. Siie warf ihm mit den Fingerſpitzen einen Kuß hin, und verließ dann raſch die Hütte. I Herr von Kindar blickte ihr mit einem ſeltſamen Lächeln nach. 1 Sie iſt mein, flüſterte er leiſe. Wir werden da in der That einen aller⸗ liebſten kleinen Roman durchleben, nur daß er nicht mit einer Heirath, ſondern mit einer Scheidung endigen wird. Es fällt mir aber gar nicht ein, auf dieſe Scheidung dann eine Heirath folgen zu laſſen! Gott bewahre mich davor, dieſes ſchöne, eigenſinnige, wetterwendiſche und coquette Weib heirathen zu müſſen!— Wihrend ſich dies in dem einen Theil des Waldes begab, hatte das Feeſt ſeinen heiteren Fortgang genommen. Man ſang und lachte, man ſcherzte und jauchzte, und Niemand ahnte, daß über dieſes ſonnige Feſt, die finſtere hohnlachende Sünde ihre dunklen erkältenden Schatten gewor⸗ 8* — g,— fen, daß das feige Verbrechen des Verraths mit ſeinem Gifthauch die reine Luft dieſes Waldes ſchon verpeſtet habe. Niemand ahnte das weniger, als Prinz Heinrich ſelber. Er war glücklich und zufrieden, daß dieſes Feſt ſo wohlgelungen, daß der ſonnige Herbſttag ſeinen Veranſtaltungen ſo köſtlich zu Hülfe gekommen. Die Sonne da draußen leuchtete bis in ſein Herz hinein, und machte es warm und freudenvoll. Er hatte eben mit einigen Cavalieren ſeines Hofes eine kleine Tour durch den Wald gemacht, und kehrte jetzt zu dem Zelt am Ufer des See's zurück. Dort hatte er die Prinzeſſin vorhin im Kreiſe der Nymphen zuletzt geſehen, aber jetzt war ſie nicht mehr dort, und keine der Damen wußte ihm zu ſagen, wohin ſie ſich gewendet. Sie wird ſich in ihre Hütte zurückgezogen haben, ſagte der Prinz zu ſich ſelber, indem er lächelnd wieder dem Dickicht des Waldes zuſchritt. Es kommt alſo nur darauf an, ihre Hütte zu finden, denn ohne Zweifel iſt ſie dort, und erwartet, daß ich ſie ſuche. Nun alſo, Ihr holden Kobolde des Zufalls, ſteht mir bei, und zeigt mir die Hütte, wo meine Geliebte ſich verborgen hat. Ich will und muß ſie finden, und wär' auch nur, um ihr zu beweiſen, daß meine Liebe ſo ſtark und mächtig i um jedes Hinderniß überwinden zu können, und jedes Geheimniß zu durchbrechen!— Es ſind vierundzwanzig Hütten errichtet, und ich weiß von Jeder ihren Platz. Ich werde alſo alle dieſe Hütten beſuchen, und es wäre doch wunderbar, wenn ich meine geliebte Wilhelmine nicht ent⸗ decken ſollte! Er ging mit haſtigen Schritten vorwärts, der Richtung nach, in welcher die Baumhütten aufgeſtellt waren. Ein ſeltſamer Zufall wollte, daß alle dieſe Hütten leer waren, daß an keiner derſelben der verhäng⸗ nißvolle Kranz aufgehangen war, und der Prinz daher wagen durfte, in dieſe Hütten einzutreten, und ſich zu überzeugen, daß Niemand darin ſei.— Dreiundzwanzig dieſer Hütten hatte der Prinz jetzt ſchon geſehen, ohne Diejenige zu finden, welche er ſo ſehnſuchtsvoll ſuchte. Ich werde auch noch zu der letzten Hütte gehen, ſagte der Prinz heiter, vielleicht haben die Götter mich nur ſo weit in der Irre umher getrieben um mich am Ende meines Wegcs das Glück endlich finden zu laſſen. Muühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. III. 7 8* — gs— Da in der Ferne ſah er ſie ſchon ſich entgegenleuchten, dieſe letzte Hütte. In der Mitte buſchigen niederen Geſträuches lag ſie lauſchig und ſtill da, und wie der Prinz jetzt näher kam, ſah er mit herzklopfender Freeude, daß wirklich der Eichenkranz über der Thür der Hütte aufge⸗ hangen war. Sie iſt da, ich habe ſie alſo gefunden, murmelte der Prinz mit freu⸗ digem Lächeln in ſich hinein, indem er mit beflügeltem Schritte der Hütte zueilte. Auf einmal blieb er ſtehen. Nein, ſagte er, ich darf es nicht wagen, ſie zu überfallen. Ich muß das Geſet, welches ich ſelbſt gegeben, heilig halten; der Eichen⸗ kranz hängt vor dieſer Hütte, Niemand darf es alſo wagen, die Thür zu öffnen. Aber ich werde mich wie ein treuer Hund vor der Thür niederlegen, hinter welcher meine Geliebte weilt, und wenn ſie endlich heraustritt, muß ſie entweder über meinen Körper fortſchreiten, oder in meine Arme ſinken. Leiſe, ſorgſam bemüht, jedes Geräuſch zu vermeiden, ſchlich der Prinz jetzt der Hütte zu. Dann, als er ſie erreicht hatte, ließ er ſich langſam in das Gras niedergleiten, die lächelnden Blicke der Thür ugewandt, hinter welcher ſeine Geliebte ſich verborgen hielt. Tiefe Stille herrſchte jetzt ringsumher. Es war ein köſtlicher, lau⸗ ſchiger Platz, ganz geeignet zu einem zärtlichen Rendezvous, und voll jenes ſüßen Schweigens, welches ſo laut und ſo beredt zu den Herzen der Liebenden ſpricht. In weiter Ferne vernahm man den Klang des Jagdhorns, und die heiteren Lieder der fröhlichen Jäger tönten nur in einzelnen Accorden herüber, während die großen Bäume ringsum dann und wann höher aufrauſchten, als wollten auch ſie ihre Lieder in dieſe Klänge der allgemeinen Freude niſchen. Hier und dort in den Zweigen ließ irgend ein verſpäteter Waldvogel ſeine melodiſche Stimme mit irgend einem ſehnſuchtsvollen Ruf erſchallen, der von einem anderen Baume her ſeine Erwiederung fand. Zuweilen raſchelte es in dem gelben Laub, welches der Herbſt ſchon zu den Füßen der Bäume niedergeweht hatte, und ein Eichkätzchen ſchlüpfte mit zierlich gehobenem Schweif über das Laubwerk dahin, um mit fliegender Eile an einem anderen Baume hinaufzuklettern, oder ein Froſch kam langſam und mit komiſchen Sprün⸗ — 999— gen aus den gelben Blättern hervor, vielleicht auf der Jagd nach irgend einem Käferchen, das vor ihm auf der Flucht war. Der Prinz gab ſich eine Zeitlang mit füßem Behagen dieſer Wald⸗ einſamkeit hin, er athmete zuweilen hoch auf, als wolle er dieſe köſtliche Waldluft in ſich hineinſaugen, ſeine lächelnden Blicke ſchweiften ringsumher, bald hinauf zum Himmel, wo einzelne weiße Wölkchen vorüberflatterten, bald zur Erde hin, wo irgend ein glänzendes Inſect ſeinem Auge begegnete. Aber,— was war es, was ihn plötzlich, wie mit einem tödtlichen Schreck durchzuckte, warum erblaßte er auf einmal, und wandte ſeine flammenden Blicke mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Entſetzen nach der Hütte hin? Warum richtete er aus ſeiner ruhenden Stellung halb ſich empor, wie ein Jäger, der die Beute heranſchleichen ſieht, welche er tödten will? Was war es, welches machte, das ſeine Lippen ſich feſt aufeinander preßten, als wollten ſie einen Schrei des Entſetzens oder eine Verwünſchung des Zorns zurückdrängen? Und warum lauſchte er jetzt mit angehaltenem Athem, die Blicke ſtarr nach der Hütte hinge⸗ wandt, die beiden zur Fauſt zuſammengeballten Hände vorſtreckend, als hebe er ſie drohend gegen einen nahenden Feind? Auf einmal ſprang er empor, wuthflammend, zitternd ſtürzte er nach der Thür hin, aber, ſchon im Begriff ſie mit einem Fauſtſchlag zu treffen, ſchwankte er zurück; todesbleich, ächzend, als habe ſein Fuß da, an der Schwelle dieſer Thür auf eine giftige Schlange getreten. So, immerfort rückwärts ſchreitend, mit weitaufgeriſſenen, entſetzten Augen, mit halbgeöffneten Lippen, die in einem Schrei ſchienen erſtarrt zu ſein, ſchwankte er immer weiter zurück von der Hütte, und dann auf einmal, als wäre er nicht länger im Stande das Entſetzliche zu ſchauen, wandte er ſich um, und in raſendem Lauf, wie ein von Furien Verfolgter, ſtürzte er von dannen. Weiter, immer weiter fort, bis ſeine Kraft, bis der Athem in ſeiner Bruſt erſchöpft war. Dann ſank er keuchend zuſammen. Es war feig, zu entfliehen, murmelte er leiſe vor ſich hin. Aber ich fühlte, daß ich ſie Beide würde ermordet haben, wenn ſie vor meinen Augen aus der Hütte getreten wären. Eine Stimme in mir flüſterte:„entflieh, oder 7*† — 100— Du wirſt zum Mörder werden.“ Ich bin ihr gefolgt, faſt wider meinen Willen! Es war eine Feigheit, ein unverzeihlicher Fehler, aber ich werde ihn wieder gut machen. Ich werde zu der Hütte zurückkehren! CEr ſprang empor, wie ein Tiger, der bereit iſt, ſich auf ſeine Beute zu ſtürzen. Seine Hand faßte unwillkührlich nach ſeiner Seite, um den Dolch oder das Schwert zu faſſen. Ach, ich habe nicht einmal Waffen! ſagte er dann zähneknirſchend. Ich werde ſie alſo mit meinen Händen tödten müſſen! Nun ſchritt er hochaufgerichteten Hauptes vorwärts, ſtolz wie ein Sieger, oder wie Einer, der den Tod überwunden hat und nichts mehr fürchtet, immer raſcher, immer eilender, als beſorge er, das Unheil, welches er jetzt wie eine Schlange unter ſeinen Füßen zertreten wollte, könnte vor ihm in das Gebüſch entfliehen. Da lag ſie wieder vor ihm, die unſelige Hütte, aber nicht mehr, wie vorher, lächelte ſie ihm entgegen, ſondern ihr Anblick erfüllte ihn mit Entſetzen und wildem Zorn. Jetzt hatte er ſie erreicht, mit einem Ruck ſtieß er die Thür auf, aber— die Hütte war leer. Der Prinz hatte nicht bemerkt, daß der Eichenkranz nicht mehr an der Thür hing und der Eintritt daher Jedem erlaubt war. Sie ſind fort, murmelte der Prinz. Dies Mal ſind ſie noch der Strafe entgangen, denn ich kann ſie nicht überführen! Aber ich werde warten, ich werde ſie beobachten, und wehe ihnen, wenn ich ſie ſchuldig finde! IX Bruder und Schweſter. Ein Monat war vergangen, ſeit Prinzeſſin Amalie ihren Unter⸗ händler an den Ofenheizer der Kaiſerin abgeſandt, und noch immer war ſie ohne eine entſcheidende Nachricht. Nur ein Mal war der General — — 101— von Riedt zu ihr gekommen, um ihr zu ſagen, daß es glücklich gelungen ſei, den Savoyarden für Trencks Schickſal zu intereſſiren, und daß er es übernommen habe, die Kaiſerin an den unglücklichen Gefangenen zu erinnern. Aber er habe die Bedingung hinzugefügt, daß Niemand wieder zu ihm käme, um mit ihm von dieſer Angelegenheit zu reden, daß die⸗ ſelbe überhaupt als ein ſtrenges und unverbrüchliches Geheimniß bewahrt werde. Erſt wenn Trenck wirklich frei ſei, ſolle man wieder zu ihm kommen, entweder, wenn er das Ziel erreicht, um ihm die zweite Hälfte der verſprochenen Summe zu geben, oder, wenn er es verfehlt, die erſte Hälfte, welche er ſchon erhalten, wieder zu empfangen.*) Das war, wie geſagt, die einzige lachricht, welche die Prinzeſſin von Wien erhalten hatte, ihr Herz war aher kummervoll und verzagt. Trenck ſaß noch immer in ſeinem unterirdiſchen Gefängniß in Magde⸗ burg und Amalie wagte kaum noch auf eefreiung zu hoffen. Es war ein ſtürmiſcher und finſtere Novembertag. Die Prinzeſſin ſtand am Fenſter und ſchaute den wirbeln n Schneeflocken zu und horchte auf das pfeifende Geheul des Sturmes, das ihr wie die grimmigen Ge⸗ ſänge hohnlachender Geiſter erſchien und ſie mit einer Art boshafter Freude erfüllte.*4 Heute werden wieder viele Schiffe auf dem Meere zu Grunde gehen und viel Hab und Gut der Menſchen wird zerſtört werden! mur⸗ melte ſie mit einem heiſern Lachen vor ſich hin. Gott ſendet einmal wieder ſeine Lieblingstochter, die heulende Windsbraut, damit ſie den Menſchen ein Lied vorſinge von ihrer Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit und ſie ein wenig ſtrafe an Dem, worin ſie allein empfindlich ſind, an ihrem Eigenthum. Darum freut mich das Pfeifen und Brüllen des Sturmes, es iſt die Stimme des großen Weltgeiſtes, der im Donner dahinfährt und die feigen Menſchen erzittern macht. Sie verdienen es nicht beſſer, denn ſie ſind gar ſo nichtswürdig und verächtlich. Ich ver⸗ achte ſie, ich haſſe ſie Alle, Alle, und nur wenn ich ſie leiden ſehe, fühle ich mich ihnen verſöhnt. Ah, da hat der Sturm drüben auf der Straße eine ſchöne geputzte Dame erfaßt. Hei, wie er ſie umherwirbelt, wie er *) Thiébault. Vol. IV. p. 219. —— — — 102— ihre Kleider hoch aufbauſcht und ihrer erlogenen und⸗ erkünſtelten Sitt⸗ ſamkeit ſpottet. Elender, ſchillernder Schmetterling, glaubteſt vielleicht, Du ſeieſt eine Göttin an Schönheit und Anmuth, jetzt lehrt Dich der Sturm, daß Du nur ein armſeliges Inſect biſt, ein machtloſes Atom, das in das Weltall zerwirbelt wird, wie irgend ein anderes elendes Inſect! Und der Sturm nimmt doch nur erſt Deine Kleider und Dei⸗ nen koſtbaren Hut! Aber warte nur, eines Tages wird er auch Dein Herz nehmen und wird es umherwirbeln und zerſchellen und Niemand wird Mitleiden mit Dir haben, ſondern Jedermann wird Dich verſpotten und verhöhnen. Denn das Unglück iſt eine Schande, welche man den Menſchen niemals verzeiht! Möge man immerhin ein Verbrecher, ein Mörder und Dieb ſein, die Welt wird Einem das verzeihen, wenn man Glück dabei hat und es verſtand, ſeinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Die Welt verzeiht den Verbrechern, aber ſie verzeiht niemals den Unglücklichen! O, es iſt eine ſo tolle, luſtige Welt, und Thoren ſind Diejenigen, welche die Welt ernſthaft nehmen und nicht mit ihr lachen, lachen, wie ich es thue! Sie lachte laut auf, aber es war ein hartes, rauhes Lachen, vor dem Amalie ſelber erſchrak. Es iſt kalt hier, ſagte ſie, in ſich zuſammenſchauernd, ich glaube, ich werde niemals wieder warm werden. Mich friert immer, und dieſer abſcheuliche Froſt hat auch meine Seele und mein Herz ſchon ganz er⸗ ſtarren gemacht. Ich möchte wohl wiſſen, ob ich im Grabe wieder auf⸗ „thauen werde. Sie trat langſam von dem Fenſter zurück und ſchlich durch das weite, einſame Gemach nach dem Kamin hin, in welchem große Holz⸗ ſcheite brannten und bald mit hellen Flammen aufloderten, bald in leuch⸗ tender Gluth zuſammenſanken. Amalie nahm die eiſerne Stange und beluſtigte ſich damit, in dem Feuer umherzubohren und die tanzenden und ziſchelnden Flammen zu beobachten. Das Feuer warf über ihre ganze Geſtalt ſeine glühenden Streiflichter und beleuchtete mit einem röthlichen Schimmer ihr einge⸗ fallenes, lleiches Antlitz. Sie ſtarrte in die Gluthen und murmelte ein⸗ — 1 rren — 103— zelne abgebrochene Worte vor ſich hin; zuweilen zuckte ein ſpöttiſches Lächeln um ihre Lippen, dann wieder rangen ſich ſchwere Seufzer aus ihrer Bruſt hervor. Erzählte ſie dem Feuer vielleicht von den grauſa⸗ men Flammen, die ihr Inneres durchwühlten, oder war ſie eine Zau⸗ berin, welche die Sprache der flackernden Feuerzungen verſtand und ihnen Antwort gab auf ihre brennenden Fragen? Das heftige Oeffnen der Thür weckte ſie aus ihren Träumen. Ihre Pagen erſchienen in derſelben und riefen mit lauter, feierlicher Stimme: Se. Majeſtät der König! Prinzeſſin Amalie neigte zuſtimmend ihr Haupt und ſchritt langſam und mit faſt ſtrengem Angeſicht dem König entgegen, welcher eben auf der Schwelle der Thür erſchien. Darf ich eintreten, meine Schweſter, oder befehlen Sie mir, wiedet zu gehen? fragte der König lächelnd. Der König hat niemals um Erlaubniß zu fragen, erwiderte Amalie ernſt. Er iſt überall der Herr und vor ihm öffnen ſich die Thüren aller Gefängniſſe, alſo auch die meinen! Friedrich winkte den Pagen hinauszugehen und die Thür zu ſchließen, dann ſchritt er lebhaft zu ſeiner Schweſter hin und ihr die Hand rei⸗ chend, geleitete er ſie zu dem Divan, auf welchem er neben ihr Platz nahm. Sie betrachten mich alſo wie eine Art Kerkermeiſter? fragte er dann mit dem Ausdruck ſanfter Liebe, an ihre Worte anknüpfend. Iſt ein König denn etwas Anderes, Sire? rief Amalie mit einem, rauhen Lachen. Diejenigen, welche ihm mißfallen, läßt er in die Gefäng⸗ niſſe werfen und keiner ſeiner Unterthanen iſt ſicher, daß er ihm nicht eines Tages mißfallen könne. Nun, meine Schweſter, Sie wenigſtens haben das nicht zu be⸗ fürchten, und doch nannten Sie vorher auch dieſes Zimmer ein Ge⸗ fängniß. Es iſt auch eins, Sire. Und ich bin auch hier der Kerkermeiſter? Nein, mein Bruder, das Leben iſt mein Kerkermeiſter. Da haben Sie recht, Amalie, ſagte der König traurig. Das Leben ——— Erieeeee — 104— iſt unſerer Aller Kerkermeiſter, von welchem der Tod allein uns befreien kann. Die Welt iſt wirklich nichts als ein großes Gefängniß, und nur die Thoren dünken ſich frei zu ſein. Aber da ſind wir ſchon zu einem ernſten philoſophiſchen Geſpräch gekommen, und ich kam doch zu Ihnen, meine Schweſter, um mich bei Ihnen ein wenig auszuruhen von allen Geſchäften, um mit Ihnen heiter zu plaudern, wie in früheren glücklichen Tagen. Plaudern wir alſo! Erzählen Sei mir ein wenig von Ihrem Leben, von Ihrem Wohlergehen, von Ihren Beſchäftigungen, von Ihren Freunden! Das iſt leicht und kurz abgethan, ſagte Amalie rauh. Von meinem Leben habe ich Ihnen ſchon geſagt, was ſich davon ſagen läßt, es iſt mein Kerkermeiſter, und ich erwarte mit Sehnſucht, daß mich der Tod davon befreit. Von meinem Wohlergehen läßt ſich nichts ſagen, denn es ergeht mir nicht wohl, ſondern übel genug. Was meine Beſchäfti⸗ gungen anbelangt, ſo ſind die eintönig genug. Ich ſchlafe immer, Nacht und Tag, und wozu ſollte ich auch wachen? Es giebt für mich nichts zu thun und nichts zu leiſten, ich bin ein ganz überflüſſiges Stück Meuble dieſes Schloſſes, und Ihr Alle werdet froh ſein, wenn ich eines Tages in die Rumpelkammer geſtellt werde. Ich bin eine alte Jungfer, oder wenn Sie wollen, eine alte Mauerkröte, welche weiter nichts zu thun hat, als in ihrem Mauerloch zu hocken, und keine andere Freude, als zuweilen, wenn ihr recht wohl iſt, ihr Gift auf die Vorübergehenden auszuſpritzen. Und was zuletzt meine Freunde anbetrifft, ſo kann ich nichts davon erzählen, denn ich habe keine Freunde. Ich haſſe alle Menſchen und ſie haſſen mich, und wenn ſich Einer den Anſchein giebt, mich zu lieben, ſo bin ich jedes Mal auf meiner Huth, denn ich weiß dann, daß ich es mit einem Böſewicht oder Verräther zu thun habe, den irgend eine eigennützige Abſicht zu mir führt. Arme Schweſter, ſagte der König traurig, wie unglücklich müſſen Sie ſein, um ſo ſprechen zu können! Und kann ich nichts thun, Ihr Unglück zu mildern? Amalie lachte laut auf. Verzeihen Sie, ſagte ſie dann, aber die Frage erinnert mich an ein allerliebſtes, luſtiges Mährchen, das ich neulich las. Es handelt ſich darin um einen Menſchenfreſſer, der eben — 105— im Begriff iſt, ein junges Mädchen zu verſpeiſen. Das arme Kind flehte jammervoll um ſein Leben, aber das war natürlich vergeblich. Das Leben kann ich Dir nicht ſchenken, ſagte der Menſchenfreſſer, aber eine Gnade will ich Dir bewilligen. Beſinne Dich alſo raſch auf eine Bitte und ſei gewiß, daß ich ſie Dir erfüllen will. Das arme Mädchen konnte aber vor Angſt und Schmerz nicht ihre Gedanken ſo raſch ſam⸗ meln. Da ſagte der Menſchenfreſſer:„ich kann nicht länger warten. Mich hungert ſehr! Aber um Dir Zeit zu laſſen, noch länger über die Gnade, welche Du von mir fordern willſt, nachzudenken, will ich nicht, wie ich es ſonſt gewohnt bin, zuerſt den Kopf verzehren, ſondern ich werde bei den Beinen anfangen.“ So ſagend hieb er die Beine ab und aß ſie, und bei jedem Glied, welches er weiter abhieb, fragte er das arme, wimmernde Geſchöpf:„ſo beſinne Dich doch! Giebt es denn keine Gnade, welche ich Dir bewilligen kann?“ Sagen Sie ſelbſt, Sire, war das nicht ein ſehr großmüthiger Menſchenfreſſer? Der König lachte ganz unbefangen und ſchien die bittere Anſpielung ſeiner Schweſter gar nicht verſtanden zu haben. Sie haben Recht, ſagte er, das iſt ein luſtiges Mährchen, bei welchem Einem die Thränen in die Augen treten, man weiß nicht, ob vor Lachen oder vor Weinen. Wo haben Sie denn dies Mährchen geleſen? Die Feuermännchen, welche da im Kamin auf⸗ und niederhüpfen, haben es mir erzählt. O, das ſind luſtige Geſellen, Sire, und oft, wenn es hier recht einſam iſt und ich da auf dem großen Lehnſeſſel am Kamin ſitze, neigen ſie ſich zu mir und plaudern mit mir von vergan⸗ genen Zeiten und von Tagen, welche da kommen werden. Ich fürchte, daß ſie Ihnen alsdann nicht viel Luſtiges zu erzählen haben, ſagte der König ſeufzend, kaum noch viel Intereſſantes. Wer, wie wir Beide, die Höhe des Lebens überſchritten hat und bergab ſchreitet, für den plattet ſich die Gegend immer mehr ab und er hat keine großen Ueberraſchungen mehr zu erwarten. Je weiter er kommt, deſto einſamer und ſtiller wird es um ihn her und er iſt zuletzt froh, wenn er im Thal angekommen iſt, wo ein ſtilles Grab ihn erwartet. Aber, ſo lange man noch auf der Wanderung iſt, ſoll man nicht die Hände in den Schooß 8 —— — —y———————* — 9 — 106— legen, ſondern wirken und ſchaffen! Und wirken und ſchaffen ſollen auch Sie, meine Schweſter. Die Gelegenheit dazu bietet ſich Ihnen jetzt noch mehr wie ſonſt dar, denn die Aebtiſſin von Quedlinburg iſt geſtorben und Sie, die bisherige Coadjutorin, treten nun an die Stelle der⸗ ſelben ein. Und Eure Majeſtät meinen, daß es ein würdiger Beruf für mich iſt, nach Quedlinburg zu gehen, um die Hirtin zu werden dieſer fürch⸗ terlichen Heerde von alten Jungfern, die in das Stift gelaufen ſind, weil ſich außerhalb deſſelben kein Mann hat für ſie finden wollen? Nein, Sire, verdammen Sie mich nicht dazu, nach Quedlinburg zu gehen. Um die edeln Stiftsdamen zu Heiligen heranzubilden, bin ich ſelber noch zu unheilig, und um ſie von ihren Laſtern zu entfühnen, fühle ich keine Neigung in mir. 2 Auch möchte das eine ſehr ſchwierige Aufgabe ſein, ſagte der König lächelnd, und Sie würden ſich wenigſtens nicht beliebt dadurch machen. Denn die Menſchen lieben gemeinhin nichts inniger als ihre Laſter, und ſie haffen Den, der ſie davon befreien will. Bleiben Sie alſo immer⸗ hin in Berlin, aber nehmen Sie nichtsdeſtoweniger dieſe Stelle an, welche einſt die ſchöne Aurora von Königsmark ſo ruhmvoll bekleidet hat. König Auguſt hatte ihr wenigſtens auf dieſem Wittwenſitz ſeiner Liebe ein ziem⸗ lich reiches Wittwengehalt ausgemacht, und ſo werden auch Sie noch die Früchte dieſer Liebe genießen, welche einſt ganz Europa zu reden gab. Ihr Gehalt als Aebtiſſin beträgt ſiebenzehntauſend Thaler, und ich denke, dieſer Zuwachs Ihrer Kaſſe wird Ihnen willkommen ſein, ſo daß Sie jetzt alſo eine Jahresrente von vierzigtauſend Thalern haben. Außerdem noch freie Wohnung und freies Holz, ſagte Amalie mit einem ſchneidenden Lachen. Sie ſehen alſo, Sire, ich habe mich über nichts zu beklagen, meine Hoſpitalſtelle iſt recht glänzend dotirt, und wenn ich vielleicht einſt noch dazu gelangen ſollte, geizig zu werden, ſo könnte es wirklich möglich ſein, noch einige Thaler jährlich zuſammenzu⸗ ſcharren und zurückzulegen. Ich möchte gern dafür ſorgen, daß Sie alsdann mehr als nur einige Thaler zurücklegen könnten, und ich bitte Sie deshalb, mir zu er⸗ — 107— lauben, daß ich von jetzt an Ihre Prinzeſſinnen⸗Appanage noch um weitere ſechstauſend Thaler jährlich erhöhe.*) Prinzeſſin Amalie ſah ihn mit einem mißtrauiſchen, ſtechenden Blick an. Sie ſind heute ſehr gnädig gegen mich, mein Bruder, ſagte ſie. Sie bewilligen, bevor ich gebeten habe. Ich geſtehe Ihnen, daß das mich ängſtigt. Haben Sie mir vielleicht irgend eine ſchlimme Nachricht zu bringen, und fürchten Sie, dieſe könnte mich ſo ſehr zerſchmettern, daß Sie ihr zuvorkommen und vorher ſchon Balſam auflegen wollen? Der König betrachtete ſie mit einem Blick voll traurigen Mitgefühls. Arme Amalie, Sie glauben alſo niemals an meine wirkliche Zuneigung, ſagte er milde. Sie mißtrauen Allen, ſelbſt mir, Ihrem Bruder? Ach, Amalie, wie hat doch die Zeit und das Leben uns Beide verhärtet und erſtarrt. Mit welchen großen Jlluſionen ſind wir Beide nicht hinaus⸗ getreten in die Welt, die uns ſo göttlich ſchön dünkte, und die wir jetzt mit entnüchterten Augen betrachten. Wo ſind unſere Ideale geblieben, Amalie, und was iſt aus den Träumen unſerer Jugend geworden? Der Sturmwind hat ſie zerſchellt, rief Amalie lachend, der böſe Feind iſt darüber hingefahren und hat das Ackerland unſerer Jugend in einen Aſchenhaufen verwandelt. Es iſt mir recht, daß es ſo iſt, denn es iſt mir lieber, unter wirklichen Trümmern und Ruinen umher zu gehen, als unter Gebäuden, deren Riſſe und Sprünge ich nicht ſehe, und die doch jeden Tag über mir zuſammenſtürzen können. Wenn man unter Trümmern wandelt, iſt man wenigſtens ſicher nicht zerſchmettert zu werden. Aber dies ſage ich nur von mir ſelber, Sire, nicht von Ihnen, nicht von dem ruhmgekrönten König, der die Welt in Erſtaunen geſetzt hat durch ſeine Siege, und der ſie jetzt in Erſtaunen ſetzt durch die Weisheit, mit welcher er ſein Land und ſeine Unterthanen regiert. Mein Kind, ſagte der König müde, der Ruhm hat für mich keine Reize mehr. Nero iſt auch ein berühmter Mann geworden, obwohl er Städte und Tempel verbrennen ließ, und den Seneca zu Tode marterte. Und Heroſtratus iſt es auch gelungen, ſeinen Namen unſterblich zu machen. Ob die Welt über meine Weisheit und Regierungskraft in Erſtaunen *) König. Schilderung von Berlin. V. 2. S. 43. —————— — 108— geräth, iſt mir auch ganz gleichgültig. Ich thue nur meine Pflicht als König. Aber ich will Dir ſagen, Kind, in einem Winkel ſeines Weſens bleibt auch der König immer noch ein Menſch, und zuweilen ſchreit die arme Creatur noch in ihm auf, und verlangt für ſich ſelber ein wenig perſönliches Glück und Befriedigung. Man kann ſehr reich ſein als König, und doch recht arm ſein und darben als Menſch. Aber— nichts mehr von dieſen trüben Gedanken. Wir ſprachen von Ihren Geldan⸗ gelegenheiten, Amalie. Laſſen Sie uns zu dieſem Thema zurückkehren. Ich kann nicht verhindern, daß Ihr Herz nothleidet, aber ich will we⸗ nigſtens nicht, daß Sie äußerlich darben. Ihre Einnahmen ſind bis jetzt gering geweſen. Sagen Sie mir alſo, wie viel Schulden Sie gemacht haben, ich will ſie bezahlen. Aber Sire, Sie fallen wahrlich in dies Gemach wie der goldene Regen, rief Amalie. Doch iſt keine Danae hier, ſondern nur die Alte, welche aber ſehr bereit iſt, den goldenen Regen aufzufangen. Indeß Eure Majeſtät trauen mir ein zu gutes Gedächtniß zu, wenn Sie meinen, ich ſollte die Summe meiner Schulden ſo aus dem Kopfe wiſſen. Ich weiß nur die Summe, welche wirklich in meinem Kaſten iſt. Und wie hoch beläuft ſich dieſe? Auf eine Null, Sire, denn Eure Majeſtät wiſſen ohne Zweifel nicht, daß wir am Ende des Monats ſind. 1 Ich weiß es, Amalie, und eben deshalb will ich Sie bitten, heute von mir einen kleinen Vorſchuß anzunehmen. Ich träumte dieſe Nacht, Sie hätten in irgend einer Angelegenheit kürzlich viertauſend Louisd'or ausgegeben. Der Traum ſchien mir bedeutungsvoll, er kam mir vor wie eine Mahnung, Ihnen dieſe Summe zu geben, deshalb habe ich ſo⸗ gleich meiner Staatskaſſe Anweiſung gegeben, Ihnen dieſe viertauſend Louisd'or auszuzahlen. Amalie ſah ihn mit ſtaunenden, entſetzten Blicken an. Und wiſſen Sie auch, wozu ich dieſe Summe verwandt habe? fragte ſie zitternd. Davon hat mir mein Traum nichts erzählt, ſagte der König, indem er aufſtand. Er ſagte mir nur, daß Sie dieſe Summe gebraucht hätten, nichts weiter. Wäre ich neugierig, ſo hätte ich vielleicht Ihren Pagen * — 109— „ fragen können, der ein ſehr feines Gehör hat, und für den kein Schlüſſel⸗ loch zu klein iſt. g Ah, der alſo verräth mich, murmelte Amalie in ſich hinein. Der Könignachtete nicht darauf. Er nahm ſeinen Hut und reichte ſeiner Schweſter Abſchiedsgruß die Hand dar. Amalie ſchien das nicht zu ſehen, ſie ſtand wie erſtarrt in der Mitte des Zimmers, und ſchlich dann, als der König der Thür zuſchritt, langſam und wie mecha⸗ niſch hinter ihm her. Plötzlich, als er faſt ſchon die Thür erreicht hatte, blieb der König ſtehen, und wandte ſich noch einmal zu ſeiner Schweſter um. Ah, faſt hätte ich vergeſſen, Ihnen noch eine Neuigkeit mitzutheilen, ſagte er nach⸗ läſſig. Eine Neuigkeit, die Sie vielleicht intereſſiren wird, Amalie. In eben dieſer Stunde, in der wir jetzt ſprechen, wird ein 34 ger aus ſeinem Kerker entlaſſen, und der Freiheit wiedergegeben. Die Kaiſerin Maria Thereſia hat ſich bei mir für ihn verwandt, und wie man ſagt, iſt ſie dazu von ihrem Ofenheizer beredet worden. Prinzeſſin Amalie ſtieß einen lauten Schrei aus, und zu dem König hinſtürzend, packte ſie mit ihren beiden zitternden Händen ſeine Arme. Bruder, ſagte ſie, ſei barmherzig, treibe kein grauſames Spiel mit mir. Ich habe mich an den Ofenheizer der Kaiſerin gewandt, ich habe ihm viertauſend Louisd'or geboten, wenn er bei ihr ſich für Trenck verwenden will. Ich ſehe, daß Du Alles weißt, und es hilft alſo nichts, es zu leugnen. Ja, ich habe das gethan, und wenn das ein ſtrafbares Ver⸗ brechen iſt, nun, ſo verurtheile mich zum Tode, aber laß mich nicht vor⸗ her ſo furchtbare Martern dulden. Verhöhne nicht mein Leiden, ſondern habe endlich ein wenig Mitleiden mit mir. Sieh mich an, Bruder! Sieh meine vertrockneten Glieder, mein entſtelltes Angeſicht. Ach, ich bin geſtraft genug, martere mich nicht länger! Du giebſt mir die Summe wieder, welche ich nach Wien geſandt. Das heißt alſo, daß Du meinen Unterhändler entdeckt und ſeine Pläne vernichtet haſt. Iſt es ſo, Bru⸗ der? Haſt Du den Muth, dieſen grauſamen Scherz mit mir zu treiben, und mir nun, nachdem Du meinen letzten Verſuch vereitelt haſt, zu ſagen, daß Trenck frei iſt? —*110— Sie hielt immer noch die Arme des Königs feſt, und ſo vor ihm halb in die Kniee ſinkend, ſtarrte ſie athemlos zu ihm empor. Nein, Amalie, ſagt der König, und ſeine Stimme zitterte vor Rüh⸗ rung, nein, ich habe nicht dieſen grauſamen Muth. Ich ſagte Dir die Wahrheit! Die Uhr auf Deinem Kamin zeigt auf zwölf. In dieſem Moment verläßt Trenck in einer verſchloſſenen Kutſche, mit zwei Gens⸗ d'armen an ſeiner Seite, Magdeburg. Uebermorgen wird er in Prag anlangen, dann kann er den Wagen verlaſſen und gehen, wohin er will, nur nicht in meine Staaten. Trenck iſt frei! Trenck iſt frei! wiederholte Amalie, und mit einem lauten Jubel⸗ ſchrei ſprang ſie von ihren Knieen empor, um den König feſt in ihre Arme zu ſch. ießen, um an ſeinem Halſe zu weinen, ſolche Thränen, wie Amalie ſie 5 vielen Jahren nicht geweint, Thränen der Freude, des Glückes, des ſeligſten Entzückens. Dann auf einmal wieder ließ ſie ihn los und rannte heftig im Zimmer auf und ab, mitten im Weinen in lautes Lachen ausbrechend, in ein Lachen, das ſo friſch und köſtlich klang, wie ein Echo aus den Tagen ihrer Jugend. 9 g Trenck iſt frei! rief ſie dann wieder, und ich bin es, die ihn befreit hat. Nein, nicht ich, ſondern ein armer Savoyarde, der es nur that, weil er ſeine Tochter verheirathen wollte. Ah, Ihr Großen der Erde, redet mir nicht mehr von Eurer Macht und Herrlichkeit, ein armer Sa⸗ voyarde war mächtiger, als wir Alle. Aber nein, nein, was ſage ich denn da! Du, mein Bruder, Du biſt es, der ihn befreit hat. Dir dankt Trenck jetzt ſein Leben, ſeine Freiheit, Dir danke ich es, daß dieſe fürchterlichen Ketten, welche meine Seele in Banden hielten, von mir abgefallen ſind, daß ich wieder frei aufathmen kann, und nicht denken muß, daß Jeder meiner Athemzüge in einem tiefen Kerker ſein Echo findet. Du haſt mich erlöſt, mein Bruder, und dafür will ich Dich jetzt lieben mit aller Kraft, die mir noch geblieben iſt. Ja, ich will Dich lieben, fuhr ſie heftiger fort, Dich lieben und an Dir hangen mit unver⸗ änderlicher Treue. Bei Allem, was Du thuſt, ſollſt Du an mir eine treue Bundesgenoſſin finden. Und ich kann Dir auch nützen, Bruder! Ich will Dein Spion werden, Friedrich, ich kann nicht für Dich handeln, aber ich kann für Dich horchen und lauern, und das will ich! Ja, Dein — L Familienſpion will ich werden, und Alles, was ſie ſagen, will ich Dir wiedererzählen, und jeden ihrer Gedanken will ich Dir verrathen. Und gleich jetzt, Friedrich, will ich Dir Etwas ſagen: Traue Deinen Brüdern nicht! Traue vor allen Dingen nicht dem Heinrich. Er haßt Dich um unſers Bruders willen, von dem er ſagt, daß er aus Gram um Dich geſtorben iſt! Traue ihm nicht, er iſt ehrgeizig und beneidet Dir die Krone!l Er haßt Dich, und mich haßt er auch. Ich weiß es wohl, daß er mich niemals anders als die„fée malfaisante“ nennt.*) Er ſoll Recht haben, ich will für ihn eine fée malfaisante ſein! Ich will ihn ſtrafen für ſeinen Haß! Ha, ha, er wird ohnedies bald genug beſtraft werden, ſeine ſchöne Wilhelmine wird es übernehmen, mich an ihm zu rächen! Sie brach in ein wildes convulſiviſches Lachen aus, und wisderholte mit frohlockender Stimme: Die ſchöne Wilhelmine wird ihn dafür ſtrafen, daß er mich eine alte Hexe nennt! Dem König ward es unheimlich und traurig in ihrer Nähe, es ſchauderte ihn bei ihrem Hohngelächter, das ihm trauriger erſchien, als lautes Weinen. Er nickte ſeiner Schweſter einen ſtummen Abſchieds⸗ gruß zu, und wie vor einem Schreckniß fliehend, enteilte er aus dem Gemach. Prinzeſſin Amalie hielt ihn nicht zurück. Sie war auf einen Seſſel niedergeſunken, und ſtarrte vor ſich hin, und ihre zitternden Lippen murmelten leiſe: Trenck iſt frei! Das Leben gehört ihm wieder. Trenck iſt frei! Ich will und werde leben, bis ich ihn wieder geſehen habe.*) *) Thiébault. Vol. II. p. 311. *) Dieſer Wunſch der Prinzeſſin ſollte ſich erfüllen. Nach dem Tode Kö⸗ nigs Friedrichs erhielt Trenck von deſſen Nachfolger Friedrich Wilhelm II. die Erlaubniß, nach Berlin zurückzukehren. Trenck ging ſogleich dahin und ward bei Hofe ſehr zuvorkommend aufgenommen. Sein erſter Beſuch, bevor er ſich dem König vorſtellte, galt der Prinzeſſin Amalie. Sie empfing ihn in demſel⸗ ben Gemach, in welchem ſie vor ſieben und vierzig Jahren ſo ſelige Stunden mit einander durchſchwärmt hatten. Auf derſelben Stelle, wo ſie ſich damals ewige Liebe und Treue geſchworen, ſtanden ſie ſich jetzt im hohen Greiſenalter gegenüber, in ihren zerfallenen und verwitterten Zügen vergebens das jugendliche ſchöne Antlitz wieder ſuchend, das ſie einſt ſo geliebt hatten. Trenck blieb meh⸗ rere Stunden bei ihr. Er hatte ihr ſo Vieles zu erzählen, er mußte ihr ſein 8 — 112— Dann, wenn meine Augen ihn nech einmal geſchaut haben, dann kann ich ſterben. „Auf einmal, nachdem ſie lange ſo geſeſſen, ſprang ſie haſtig empor. Ich muß wiſſen, wie es Trenck ergehen wird, ſagte ſie. Wir müſten ihm ſein Horoſkop ſtellen, auch müſſen wir die Karten fragen, wie ſeine Zukunft ſein wird, und ob ihm Glück oder Unglück bevorſteht. Ja, ja, meine Wahrſager und Propheten müſſen heute kommen, ſie müſſen mir ſagen, wie Trenck's ferneres Schickſal ſich geſtalten wird! Der Kindesraub. Es war eine finſtere ſtürmiſche Dezembernacht. Durch die langen, öden Straßen Berlins trieb der Sturm große Wolken Schnee's, die er von den Straßen und den Dächern aufgewühlt. Eine tiefe Oede herrſchte auf den Straßen, deren tiefes Dunkel nur von Zeit zu Zeit durch eine matte, im Winde flackernde Oellampe mit einem ſchmalen brennenden Streiflicht durchleuchtet ward. Bei dem Schein einer dieſer Lampen ganzes phantaſtiſches und abenteuerliches Leben beichten, und Amalie hörte ihm zu mit einem milden Lächeln, und ihre Blicke entſühnten ihn von allen Verir⸗ rungen und aller Sünde. Beim Abſchied mußte er der Prinzeſſin verſprechen, ihr ſeine älteſte Tochter zuzuführen, für welche Amalie mütterlich zu ſorgen ver⸗ hieß.— Aber der Tod verhinderte die Erfüllung dieſes Verſprechens. Es ſchien, als habe dieſes Wiederſehen die letzten Kräfte dieſes erlöſchenden Daſeins auf⸗ gezehrt. Wenige Tage nach ihrer Zuſammenkunft mit Trenck ſtarb Prinzeſſin Amalie(1786). Trenck überlebte ſie um einige Jahre. Er ging nach Frank⸗ reich, und ſtarb dort 1793 unter der Guillotine. Als er mit ſeinen Leidensge⸗ fährten auf dem Karren ſaß, und zum Richtplatze fuhr, ſagte er zu der gaffenden Menge:„Eh bien, eh bien! de quoi vous émerveillez vous? Ceci n'est qu'une comédie à la Robespierre“.— Das waren ſeine letzten Worte. Wenige Minuten ſpäter fiel ſein Haupt von der Guillotine in den verhängnißvollen Korb. (Thiébault. Vol. IV. p. 236.) Glieder erſtarren und ſeine Zähne auf einander klappern, aber er wußte — 113— konnte man einen Mann ſehen, der, ſeine hohe ſchlanke Geſtalt tief in einen langen Reiſemantel gehüllt, den Hut tief in die Augen gedrückt, an der Mauer eines Hauſes lehnte, und hinüberſtarrte zu dem gegen⸗ überliegenden Hauſe. Der Sturm trieb ihm die Schneeflocken in's Ge⸗ ſicht, aber er achtete nicht darauf, die ſtrenge Winterkälte machte ihm die es gar nicht. Seine ganze Seele, ſein ganzes Leben war nur von Einem Gedanken erfüllt, von Einem Wollen, was kümmerte es ihn daher, ob ſein Körper litt, und vielleicht zu Grunde ging! Als jetzt dort drüben ein dunkler Schatten in der Hausthür erſchien, kam Leben und Bewegung in die verhüllte Geſtalt des Mannes, und er trat einige Schritte vorwärts, dem Manne entgegen, der jetzt von da drüben auf ihn zuſchritt. Nun, Doctor? fragte er leiſe. Was haben Sie erfahren?— Es iſt ſo, Mylord, wie Ihr Diener meldete. Lady Elliot, Ihre Gemahlin, iſt nicht zu Hauſe. Sie iſt auf einem Ball beim Grafen Werther, und wird erſt nach Mitternacht zurückerwartet. Aber das Kind, meine Tochter? fragte Lord Elliot mit zitternder Stimme. Die natürlich iſt zu Hauſe, Mylord. Sie iſt in dem Zimmer neben Ihrem früheren Schlafzimmer, Mylord, Niemand als Ihre Amme iſt bei ihr! Es iſt gut, ich danke Ihnen, Doctor! Jetzt haben Sie nur noch die Güte, meinem Diener, welchem ich geſagt, daß er mich in Hauſe erwarten ſoll, zu ſagen, daß er mit meinem wenigen Reiſege nach der Poſt kommen ſoll. Leben Sie wohl, Doctor! Er wollte vorwärts ſchreiten, aber der Doctor hielt ihn zur Mylord, ſagte er leiſe und eindringlich. Ueberlegen Sie no 5 mal, bevor Sie handeln. Bedenken Sie, daß ganz Berlin auf dieſe Weiſe die traurige Geſchichte Ihres ehelichen Unglücks erfahren wird, daß Sie, Mylord, ſich dem Hohn, den boshaften Bemerkungen der gan⸗ zen, ſogenannten guten Geſellſchaft Preis geben, und die Tragödie Ihres Hauſes zu einem Stadtgeſpräch erniedrigen! Mag es ſo ſein, ſagte der Lord ſtolz, ich habe nichts zu fürchten. g ſtolz zu Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. III. N— — 114— Meine Ehre iſt befleckt, die ganze Welt weiß das, und darum will ich ſie auch öffentlich vor der ganzen Welt rein waſchen. Aber indem Sie das thun, überliefern Sie Ihre Gemahlin der Schande, Mylord. Und Sie meinen, daß ich ſie nicht dieſer öffentlichen Strafe mit gutem Recht Preis gebe? fragte Lord Elliot rauh. Aber Sie ſollten Mitleid haben mit ihrer Jugend. Doctor, wenn man gelitten hat, wie ich, ſo hat man in ſeinem ver⸗ wüſteten Herzen keinen Raum mehr für das Mitleid. Da drinnen in meiner Bruſt iſt Alles todt, Alles ausgebrannt. Da ich nicht geſtorben bin vor Schmerz, will ich ſuchen mich wieder geſund zu machen durch die gerechte Rache. Meine Entſchlüſſe ſtehen feſt und ſind unabänder⸗ lich. Um ſie auszuführen bin ich mit Courierpferden von Kopenhagen hierhergekommen. Ich will mein Kind wiederhaben, ich will es den böſen Einflüſſen ſeiner Mutter entreißen, und dann will ich die Schuldigen ſtrafen! Und dennoch wage ich es, meine Bitte zu wiederholen: Warten Sie noch, Mylord! Ueberlegen Sie es nur noch dieſe Nacht! Sie kommen eben von einer eiligen und anſtrengenden Reiſe, welche Ihr Blut bis zur Fieberhitze aufgeregt hat, und ohne Ihren überreizten Nerven nur eine kurze Erholung zu gönnen, wollen Sie, da Sie kaum vor einer Stunde den Wagen verlaſſen haben, Ihr trauriges Werk beginnen? Ich will mein Kind haben, Doctor, und Sie wiſſen, daß ſie, als M das Recht hat mir daſſelbe ſtreitig zu machen, weil es ein iſt, und die Geſetze dieſes Landes in geſchiedenen Ehen die den Müttern belaſſen. Ich aber will es nicht ihrer Mutter So ſollten Sie auf gütlichem Wege zu demſelben zu gelangen ſuchen! Und wenn Camilla es mir nicht geben will, wenn ſie, ſe's auch nur, um mich zu kränken und zu martern, es mir verweigert, was dann? Ah, Sie ſchweigen, Doctor! Sie ſehen, daß ich nicht anders kann. Aber noch Eins, Mylord! Ich fürchte, man wird Ihnen das Kind nicht gutwillig überliefern. Lady Elliot hat in letzter Zeit die ganze von Ihnen eingeſetzte Dienerſchaft entlaſſen, und nicht ein Einziger von ihnen. — 115— hat hier zurückbleiben dürfen. Es iſt möglich, daß Keiner von dem neuen Dienſtperſonal Eure Lordſchaft kennt, und daß man Ihnen daher den Gehorſam verweigern wird. Man wird mir denſelben nicht verweigern, denn ich werde meine Vorkehrungen zu treffen wiſſene Aber wenn man Ihnen überhaupt den Eintritt wehrt? Ah, den wird man mir nicht wehren, denn ich habe als ein guter, ſorglicher Hausherr die nöthigen Schlüſſel meines Hauſes bei mir. Als ich abreiſte, hat ſie mir Camilla ſelbſt aus Scherz in meinen Koffer ge⸗ legt, jetzt habe ich ſie mitgebracht, aber nicht zum Scherz! Sie ſehen, alle Ihre Einwendungen ſind widerlegt! Alſo noch ein Mal, Doctor, leben Sie wohl! Wenn Sie mir aber einen Freundſchaftsdienſt erzeigen wollen, ſo ſeien Sie in einer Stunde im Poſtgebäude. Sie werden mich dort mit meinem Kinde treffen! Er drückte dem Doctor noch einmal flüchtig die Hand und ſchritt dann eiligſt und mit feſter Entſchloſſenheit in das Haus. Geräuſchlos eilte er die Treppe empor. Jetzt ſtand er vor der hohen verſchloſſenen Glasthür, welche in ſeine Wohnung führte. Einen Moment lehnte er ſich athemlos, hochklopfenden Herzens an die Wand, einen Moment überkam ihn ein Zaudern und Zweifeln, und wie ein Schatten ſchwebte Camilla's reizendes Bild an ſeinem inneren Auge vorüber, als wolle ſie ihn um Erbarmen, um Mitleid anflehen. Nein, nein, kein Erbarmen! murmelte er dann leiſe. Vorwärts! Vorwärts! 12532 Er zog den Schlüſſel hervor und öffnete die Thür, die er leiſe wie⸗ der hinter ſich in's Schloß gleiten ließ. Drinnen im Corridor brannte— eine Lampe; hinter den geſchloſſenen Thüren hörte man das laute Sprechen und Lachen der Dienerſchaft, dazwiſchen Kindergeſchrei und einlullenden Geſang. Niemand hörte oder ſah dieſe dunkle Geſtalt des heimkehrenden Hausherrn, wie er jetzt leiſe auf den Zehen den Corridor hinunterſchlich, und dann geräuſchlos den Schlüſſel in die letzte Thür dort unten gleiten ließ. Niemand ſah, wie er dieſe Thür öffnete, und in das Gemach ein⸗ trat, welches ſonſt ſein Wohn⸗ und Arbeitszimmer geweſen. Er wußte genau Beſcheid in dieſem Zimmer, und ohne Schwierigkeit fand er im — 116— Dunkeln den Weg zu ſeinem Schreibtiſch hin. Mit tappenden Fingern erfaßte er endlich das auf demſelben ſtehende Feuerzeug mit dem Licht daneben. Mit einem raſchen Druck machte er Feuer und zündete das Licht an. Dann ließ er ſeine finſteren Blicke in dem Gemach umher⸗ gleiten. Alles in demſelben war noch ſo wie ſonſt, nicht ein Meuble war verrückt, nicht ein Stuhl war auf eine andere Stelle geſchoben. An der Erde neben ſeinem Schreibtiſch lagen noch die einzelnen Stücke der Papiere, welche er am Tage ſeiner Abreiſe vernichtet und zerriſſen hatte. Selbſt das Buch, in welchem er an jenem Tage geleſen, lag noch auf⸗ geſchlagen auf dem runden Tiſch vor dem Divan, und auf dieſem Tiſch ſtanden die beiden großen ſilbernen Armleuchter mit den halbabgebrann⸗ ten Kerzen. Alles war unberührt geblieben, Alles unverändert, nur ihn, den Herrn dieſes Zimmers, hatte das Unglück mit ſeiner brennenden Hand berührt, nur Er war verändert und umgewandelt! Mit einem bitteren, höhniſchen Lächeln ſchauete er umher auf alle dieſe Gegenſtände, welche ſonſt Zeuge ſeines Glückes geweſen, und die ihn jetzt um ſo furcht⸗ barer an ſeine Schande und ſein Elend mahnten. Dann nahm er das Licht und ſchritt zu dem Tiſch hin, auf welchem die Armleuchter ſtanden; ein Licht nach dem andern entzündete ſich, immer heller ward es in die⸗ ſem großen, ſchweigenden Gemach, immer blitzender traten die vergolde⸗ ten Rahmen der Gemälde an den Wänden, die goldenen Quaſten an den ſchweren ſeidenen Fenſtervorhängen, die ſchweren bronzenen Arme des großen Kronleuchters hervor, immer ſtrahlender ſah man alle den reichen, glänzenden Schmuck, die koſtbaren Meubles, die reichverzierten Tiſche mit den koſtbaren und ſeltenen Nippes darauf, die Vaſen von Japan, welche auf dem Kaminſims zu beiden Seiten der ſchönen, rieſen⸗ großen Uhr ſtanden. Alles hatte ein heiteres, feſtliches Ausſehen, welches den unglücklichen Mann, der da in der Mitte dieſes Zimmers ſtand, ſchaudern machte, und den Zorn, der in ſeinem Buſen brannte, nur noch ſteigerte. Er hatte ſein Auge überall hingewandt, aber nicht Ein Mal, nicht ein einziges Mal hatte er es emporgerichtet nach der Wand dort, nach jenen beiden Bildern, welche über dem Divan hingen. Das Eine ſtellte ihn ſelber dar, ihn mit heiterem Geſicht, mit lächelnden Zügen, mit offenem, ſtrahlendem Blick, ſo wie er einſt, wie er immer geweſen, — 117— und jetzt doch nimmer wieder ſein konnte. Das andere Bild ſtellte Ca⸗ milla dar, Camilla im Brautanzug, ſo ſchön, ſo wunderhold und lieblich wie eine Fee, mit jenem wunderbaren, unſchuldsvollen Kinderlächeln, an das er ſo lange geglaubt, um deſſentwillen er ſie ſo unſäglich geliebt, weil es ihm nur als der Wiederſchein ihrer reinen, ſonnenhellen Seele erſchienen war. Dieſen beiden Bildern hatte er den Rücken zugekehrt, und auch nicht Ein Mal, wie er jetzt trübe und gedankenvoll das Zim⸗ mer muſterte, ſchauete er zu ihnen um. Auf einmal richtete er ſich ſtolz und kräftig empor, und ſein Antlitz, welches eben traurig und matt geweſen, nahm jetzt einen kühnen, energi⸗ ſchen Ausdruck an. Es iſt Zeit, murmelte er, und mit feſter Hand griff er nach der gol⸗ denen Klingel, die als ein Stück von auserleſener Arbeit auf dem Tiſch zwiſchen den beiden Armleuchtern ſtand. Mit einem lauten ſchrillenden Ton unterbrach die Glocke die tiefe Stille, und machte das Herz Lord Elliots erbeben in bangem Weh.— Aber Alles blieb ſtill. Nichts regte ſich draußen auf dem Corridor.— Lord Elliot horchte eine Zeitlang, dann ging er zu der auf den Corridor führenden Thür hin und öffnete ſie. Jetzt werden ſie mich wohl hören müſſen, ſagte er, zu dem Tiſch zurückkehrend, um die Klingel noch lauter und heftiger erſchallen zu laſſen. In dem Corridor öffneten ſich die Thüren, verwunderte Geſichter ſchauten hervor, und verſchwanden dann wieder, wie von Entſetzen er⸗ griffen von dieſem wunderbaren, unerklärlichen Anblick, der ſich ihnen da ſo unerwartet dargeboten. Lord Elliot ſchellte zum dritten Mal. Jetzt kam ein Diener eilig und mit faſt zürnendem Antlitz herbeigerannt, und wie die Glocke immer⸗ fort tönte, folgte ein Zweiter, dann öffnete ſich eine andere Thür, und eine zierliche Kammerjungfer kam herbei getänzelt, dann eine andere Magd, und noch eine, ſogar die Köchin mußte dem Ruf dieſer ſeltſamen, nie gehörten Klingel folgen, und kam mit geröthetem Geſicht den Corridor herauf, und alle dieſe verſchiedenen Geſtalten ſtürzten der Thür zu, welche ſonſt niemals geöffnet geweſen, und welche zu ihrer größten Verwunde⸗ rung offen war, und Alle ſtarrten ſie, auf dem Corridor vor dem Zim⸗ mer ſtehen bleibend, ganz verblüfft dieſen fremden Herrn an, der inmitten 3 — — 118— dieſes ſo feierlich erleuchteten Gemachs hochaufgerichtet und ſtolz daſtand, und ſie mit ſo ernſten gebieteriſchen Blicken anſchauete. Wie ſie ihn ſprachlos und unſchlüſſig noch immer betrachteten, trat der Lord ihnen einen Schritt näher. Kennt Ihr mich, Ihr Leute? fragte er. Nein, wir kennen Sie nicht, ſagte nach einigem Zögern der zuerſt herbeigeeilte Kammerdiener, wir kennen Sie nicht, und wir wünſchten zu wiſſen, mit welchem Recht— Es handelt ſich hier nicht um Enere Wünſche, unterbrach ſie der Lord, ſondern um die Befehle, die Ihr von mir empfangen werdet! Kennt Ihr das Bild dort über dem Sopha neben dem Bilde Euerer Herrin? Man hat uns geſagt, daß es das Bild unſeres Herrn, Lord Elliot's iſt! Der Lord trat einige Schritte zurück nach dem Bilde hin, aber auch jetzt nicht ſchaute er zu demſelben empor, ſondern rückwärts gehend, ſtellte er ſich unter daſſelbe, ſo daß das Kerzenlicht ſein Antlitz traf. Kennt Ihr mich jetzt? fragte er dann. Die Dienerſchaft blickte ihn eine Zeitlang prüfend an, dann ſchienen ſie ſich leiſe mit einander zu berathen und nickten zuſtimmend mit den Köpfen. Kennt Ihr mich jetzt? wiederholte der Lord. Wir denken, daß wir die Ehre haben, Sr. Gnaden Lord Elliot vor uns zu ſehen, ſagte der Kammerdiener mit einer ehrfurchtsvollen Ver⸗ beugung, und der Livréediener, die Zofe, das Hausmädchen und die Köchin wiederholten: Ja, das iſt Sr. Gnaden, der Lord Elliot! Er winkte ihnen mit der Hand, näher zu treten, und ſie folgten zitternd ſeinem ſtummen Befehl und traten in das Zimmer. Iſt dies die ganze neue Dienerſchaft, oder giebt es deren noch mehr? fragte der Lord. Nein, Euer Gnaden, antwortete der Kammerdiener, es iſt Niemand weiter da, außer der Amme, welche bei dem kleinen Fräulein, und dem Kutſcher, welcher im Stall bei den Pferden iſt. Gut alſo! Tretet Alle ein, näher, noch näher in's Zimmer!— — 119— 8 Als ſie es gethan, ſchritt der Lord nach der Thür hin und ließ ſie in's Schloß fallen, dann ſchloß er ſie ab und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Die Dienerſchaft ſchaute ihm mit ſtaunenden, entſetzten Blicken zu und wagte kaum zu athmen. Obwohl ſie den Lord niemals geſehen, konnten ſie doch in ſeinem ausdrucksvollen, energiſchen Antlitz leſen, daß hier etwas Außerordentliches vorgehe, und da ihnen, wie allen Dienern, die Geheimniſſe und Verhältniſſe ihrer Herrſchaft ſehr wohl bekannt waren, ahnten ſie ſehr wohl, daß es ſich hier um ihre Herrin handele. Niemand wage es, ſich von der Stelle zu bewegen oder irgend einen Laut von ſich zu geben! befahl der Lord, indem er einen der Arm⸗ leuchter von dem Tiſch nahm und damit zur zweiten Thür hinſchritt. Ihr bleibt alle hier, ich werde Euch rufen, wenn ich Eurer bedarf. Die Diener und Dienerinnen ſtanden noch dicht aneinander gedrängt in der Mitte des Gemachs, als Lord Elliot ſchon in das anſtoßende Gemach eingetreten war. Er warf noch einen flüchtigen Blick auf ſie zurück, dann zog er die Thür nach ſich, und indem er ſie ſchloß, ſchob er zugleich haſtig den Riegel vor. G So, ſagte er leiſe vor ſich hin, jetzt habe ich ſie eingefangen, jetzt kann Niemand von ihnen entlaufen, Niemand Camilla warnen und ſie hierher holen! Mit dem Leuchter in der Hand ſchritt er vorwärts, nicht zur Rechten, nicht zur Linken ſchauend, vielleicht um nicht zu ſehen, daß er ſich in dem Zimmer Camilla's befände, in dieſem Zimmer, in welchem er ſonſt ſo glücklich geweſen und das ihn mit ſo viel tauſend ſchmerzlichſüßen Erinnerungen begrüßte. Jetzt trat er in ein zweites Gemach ein; raſcher eilte er vorwärts, raſcher, wie von hohnlachenden Geiſtern verfolgt, vor⸗ über an dieſen beiden großen, mit ſeidenen Vorhängen verhüllten Betten; aber der Leuchter zitterte in ſeiner Hand und ein leiſes Aechzen drang aus ſeiner Bruſt hervor. Jetzt ſtand er vor der Thür zu dem nächſten Zimmer. Hier hielt er einen Augenblick inne, um Athem zu ſchöpfen, um Kraft zu ſammeln. Dann mit einem raſchen Griff ſtieß er die Thür auf und trat in das Gemach. Aber gleichſam gefeſſelt von dem Bilde des Friedens und der Ruhe, welches ſich ihm jetzt darbot, blieb er auf der Schwelle ſtehen. 8 4* — 120— Es war ein behagliches, kleines Zimmer, in welchem er ſich jetzt befand. Ein dunkler, prunkloſer Teppich bedeckte den Fußboden, die Fenſter waren mit grünen, einfachen Vorhängen verſehen; an den mit einer leichten Tapete bekleideten Wänden hingen keine koſtbaren Gemälde, kein glän⸗ zender Kronleuchter hing von der Decke nieder, keine prunkenden Meubles ſtanden an den Wänden, und doch enthielt dieſes Zimmer einen wunder⸗ baren Schmuck, einen köſtlichen Schatz, denn da in dieſer Wiege, welche auf einer kleinen Eſtrade in der Mitte des Zimmers ſtand, da lag ſein Kind, ſein erſtgebornes, das Kind ſeiner Liebe und ſeines kurzen Glücks! Er fühlte an dieſem unnennbaren, ſekigen Gefühl, das auf einmal ſein ganzes Weſen durchſtrömte, an dieſem lauten Klopfen ſeines Herzens, an dieſem Lächeln, das wider ſeinen Willen auf ſeine Lippen trat, an dieſen Thränen, die ſeine Augen umdüſterten, er fühlte es, daß dies ſein Kind war, und wie er an der Thür ſtehend die Arme zu ihm hinbreitete, ſegnete er es mit ſeinen Gedanken und ſchwur ihm ewige und unverän⸗ derliche Liebe. Allmälig erholte er ſich von dieſer tiefen Erregung, welche ſeine ganze Geſtalt erzittern gemacht, allmälig fand er die Kraft, vorwärts zu ſchreiten zu dieſem kleinen, ſchlummernden Weſen hin, deſſen Nähe ihn mit ſüßer Wonne erfüllte, ohne daß er nur ſein Antlitz geſehen. Die Amme ſaß neben der Wiege und war feſt eingeſchlafen. Sie ſah es nicht, wie der Lord jetzt neben der Wiege niederkniete, wie er mit zitternden Händen jetzt die Kiſſen zurückbog, um dieſes kleine ſchlum⸗ mernde Antlitz mit ſeligen Blicken anzuſchauen, ſie ſah es nicht, wie er einen Kuß auf dieſe kleine Stirn drückte, wie er dann die kleine Hand des Kindes nahm, und ſich niederbeugend, dieſelbe auf ſein eigenes Haupt legte, als wolle er, daß ſein Kind ihn ſegne und durch ſeine Berührung ihm Kraft verleihe.— Aber auf einmal fühlte ſie ſich von einer kräfti⸗ gen Hand gerüttelt, und eine fremde, gebieteriſche Stimme befahl ihr zu erwachen und die Augen aufzuſchlagen. Entſetzt fuhr ſie empor, vermeinend, ein böſer Traum habe ſie ge⸗ ängſtigt. Aber da ſtand er immer noch vor ihr, dieſer fremde Mann, und mit lauter, gebieteriſcher Stimme wiederholte er: Stehen Sie auf und machen Sie ſich bereit, denn wir werden ſogleich abreiſen. — 121— Sie wollte ſchreien, um Hülfe rufen, aber wie ſie den Mund öffnete, legte er ſeine Hand ſchwer und gewaltig auf ihren Arm. Wenn Sie einen Laut von ſich geben, ſo laſſe ich Sie hier zurück und nehme nur das Kind mit mir. Ich habe das Recht, hier zu ge⸗ bieten, denn ich bin der Vater dieſes Kindes! Lord Elliot! rief die Amme verwundert. Der Lord lächelte. Dieſe unwillkürliche Anerkennung ſeiner Vater⸗ ſchaft that ihm unendlich wohl und machte ihn milder und weicher. Haben Sie keine Furcht, ſagte er freundlich, es ſoll Ihnen nichts Böſes, ſondern, wie ich denke, nur Gutes geſchehen. Ich nehme Sie und das Kind mit mir. Wenn Sie es lieben und gut für daſſelbe ſorgen, werden Sie von mir eine lebenslängliche Penſion erhalten; vor⸗ läufig erhöhe ich Ihr Gehalt um das Doppelte. Dafür verlange ich nichts, als daß Sie jetzt ohne ein Wort oder eine Frage Ihre nothwen⸗ digſten Kleidungsſtücke und die des Kindes zuſammenraffen und in ein Bündelchen ſchnüren. Wenn Sie in einer Viertelſtunde fertig ſind, er⸗ halten Sie von mir dies Goldſtück. Er ſchaute nach der Wanduhr hinüber und zog eine Börſe hervor, aus welcher er ein Goldſtück nahm, deſſen Anblick eine wunderbare Zauberkraft auf die Amme ausübte und ihre Füße in Flügel zu ver⸗ wandeln ſchien. Haben Sie alle Sachen, deren Sie bedürfen, hier in dieſem Zim⸗ mer? fragte der Lord, und als die Amme bejahte, nahm er wieder den Armleuchter und verließ das Zimmer. Bevor er das aber that, ver⸗ ſchloß er die nach dem Corridor führende Thür in dem Zimmer ſeines Kindes, und dann erſt, nachdem er ſicher war, daß die Amme nicht ent⸗ fliehen könne, kehrte er zurück in die Zimmer, welche er vorher ſo eilig durchwandert hatte. Wie er jetzt in das Boudoir Camillens eintrat, hatte ſein Antlitz wieder ſeinen düſtern, gehäſſigen Ausdruck angenommen und alle die milderen und verſöhnenden Gefühle, welche der Anblick ſeines Kindes in ihm erweckt, waren wieder in ſein Herz zurückgetreten.— Jetzt war er nichts mehr als der beleidigte Gemahl, der in ſeiner Ehre gekränkte E. 8— 122— Mann, welcher kam, um zu ſtrafen und Rache zu üben, welcher die Be⸗ weiſe der Schuld ſuchte, um dieſe Schuld alsdann zu ſtrafen. Ere ſtellte den Armleuchter auf den Schreibtiſch ſeiner Gattin und nahm die Schreibmappe, welche dort lag, und in der ſie ſonſt immer den Schlüſſel zu den Chatoullen des Tiſches zu verwahren pflegte. Sie war auch dies Mal ihrer Gewohnheit gefolgt, der Schlüſſel war da.— Lord Elliot erſchrak faſt, als er ihn erfaßte, es war ihm, als brenne er wie Feuer in ſeinen zitternden Händen, als fielen Blutstropfen von ſeinem blinkenden Griffe nieder.. Es iſt der Schlüſſel zu einem Grabe, murmelte er erſchauernd in ſich hinein. Was der mir jetzt aufſchließt und enthüllt, ſchließt auch den Sarg meines Feindes auf! Mit entſchloſſener Hand ſchob er jetzt den Schlüſſel in das Schloß und öffnete es und nahm die Papiere und Briefe, welche in der Cha⸗ toulle lagen, hervor. Da waren ſeine eigenen Briefe, dieſe Briefe voll Zärtlichkeit und Liebe, welche er ihr aus Kopenhagen geſchrieben und zwiſchen dieſen, mit ihnen untermiſcht, fand er andere Briefe, fand er die glühenden, unreinen Bekenntniſſe einer verbrecheriſchen, ehrloſen Liebe, welche er zu ſtrafen gekommen war. Camilla hatte nicht einmal ſo viel Zartgefühl gehabt, die Briefe ihres Gemahls und ihres Liebhabers zu trennen, ſie hatte ſie achtlos und gedankenlos in dieſelbe Chatoulle gelegt, wie ſie vielleicht ebenſo ſorglos die Gedanken an die beiden Männer, welche die Briefe geſchrieben, in ihrem Herzen vermiſchte. Lord Elliot lachte laut auf, als er das ſah, ein Gefühl unaus⸗ ſprechlicher Verachtung bemächtigte ſich ſeiner Seele und machte den nagenden Schmerz faſt verſtummen. Er konnte Diejenige nicht mehr lieben, welche nicht bloß ihn treulos verrathen, ſondern nicht einmal mehr das Zartgefühl für ihre ſchuldige Liebe bewahrt hatte. Nur einen dieſer Briefe des„beau Cousin“ las der Lord, dann warf er die andern achtlos bei Seite. Es gelüſtete ihn nicht, die gecken⸗ hafte Sprache dieſes faden Liebhabers noch weiter zu leſen, die Be⸗ theuerungen dieſer oberflächlichen, gehaltloſen Liebe noch weiter zu ver⸗ folgen. — 123— Er ſuchte nur nach Einem Papier, er wollte nur das Original dieſes letzten Briefes haben, den Camilla ihm geſchrieben. Denn er kannte ſie zu gut, um nicht zu wiſſen, daß dieſer Brief nicht in ihrem Kopfe entſprungen, daß ſie nicht dieſe Worte voll ſo kalten Hohnes, voll ſo männlicher Entſchloſſenheit und ſo willenskräftiger Bosheit geſchrieben habe. Er wollte alſo den Urheber dieſes Briefes kennen, von dem jedes Wort ſein Herz wie mit Dolchſtößen verwundet hatte und der ihn an⸗ fangs faſt wahnſinnig gemacht vor Schmerz und Entſetzen. Jetzt ſtieß er einen wilden, triumphirenden Schrei aus, der grauſig wiederhallte in dem einſamen, tonloſen Gemach. Er hatte es gefunden, das Original dieſes Briefes, da, da hielt er es in ſeinen krampfhaft zitternden Händen und las mit einem wilden, grimmigen Lachen die erſten Zeilen. Er war dieſelbe Handſchrift wie die der anderen Briefe,— es war die Handſchrift ſeines Nebenbuhlers, des Herrn von Kindar, des beau cousin! 3 Lord Elliot faltete das Papier ſorgfältig zuſammen und verbarg es in ſeinem Buſen, dann warf er die Briefe wieder in die Chatoulle, verſchloß dieſelbe und legte den Schlüſſel wieder an ſeinen Ort. Es iſt gut ſo, ſagte, ich habe jetzt Alles, was ich bedarf. Dieſer Brief iſt ſein Todesurtheil. Er nahm das Licht und verließ wieder das Gemach. Genau eine Viertelſtunde war vergangen, als er wieder die Thür zu dem Zimmer ſeines Kindes öffnete. Die Amme trat ihm vollſtändig gerüſtet mit dem in Betten dicht eingehüllten Kinde entgegen und empfing dafür von dem Lord das verſprochene Goldſtück. Jetzt laſſen Sie uns eilen, ſagte er, auf den Corridor hinaustre⸗ tend. Sie gingen ſchweigend über den Flur, die Treppe hinunter, und wandten ſich dann dem Hof zu. Lord Elliot durchſchritt ihn raſch und die Amme folgte ihm neugierig und verwundert, wie er nach dem Pferde⸗ ſtalle ging, um mit lautem Rufen den Kutſcher zu wecken und ihm zu befehlen, daß er anſpanne. Der Kutſcher, welcher um zwölf Uhr ſeine Herrin abzuholen hatte, war in voller Livrée und hatte ſich nur zu kurzem Schlummer nieder⸗ — 124— gelegt. Die Pferde waren angeſchirrt und auf dem Hofe ſtand ſchon die Kutſche bereit. Spannen Sie ein, wiederholte der Lord ſeinen Befehl. Der Kutſcher hob ſeine trübe Stalllaterne empor und beleuchtete damit das Antlitz dieſes Mannes, den er nicht kannte und der ihm zu befehlen wagte. Ich kenne Sie nicht, ſagte er mürriſch, und ich habe von Niemand Befehle zu empfangen als von meiner Herrin. Lord Elliot ließ ſtatt aller Antwort ſeine Hand in ſeinen Buſen gleiten und zog ſie mit einem Taſchenpiſtol wieder hervor. Wenn Ihr nicht in fünf Minuten angeſpannt habt, ſo ſchieße ich Euch eine Kugel durch den Kopf, ſagte er ganz gelaſſen, indem er den Hahn aufzog. Um Gotteswillen, Johann, gehorche doch, rief die Amme, es iſt ja Seine Herrlichkeit, der Lord Elliot, welcher es befiehlt. In fünf Minuten war wirklich angeſpannt, aber ohne Zweifel war dazu die geladene Piſtole, welche der Lord noch immer in der Hand hielt, mehr die Veranlaſſung als die Ueberzeugung, daß dieſer fremde, zornig und wild dareinſchauende Mann Seine Herrlichkeit, der Lord Elliot ſei. Zur Poſt! befahl der Lord, nachdem er die Amme und das Kind ſorgfältig in den Wagen gehoben und jetzt ſelber einſtieg. Zur Poſt, und zwar ſo ſchnell als möglich! 1 Der Kutſcher hieb auf die Pferde ein und der Wagen brauſte von dannen. In einigen Minuten war das Poſtgebäude erreicht. Dort ſtanden ſchon die Pferde bereit und daneben der Diener des Lords mit ſeinem Reiſegepäck. Lord Elliot ſprang aus dem Wagen, und indem er dem Kutſcher befahl, die Pferde auszuſpannen und mit denſelben heimzukehren, reichte er ihm ein anſehnliches Douceur dar. Aber Euer Gnaden, ſtammelte der Kutſcher, wie ſoll ich es nun machen, Mylady abzuholen, wenn Sie den Wagen nehmen? Mylady wird ſich bequemen zu warten, ſagte der Lord mit einem * — 125— ſpöttiſchen Lächeln. Wenn ſie heimkehrt und Dir Vorwürfe macht, ſo ſage ihr dies: Lord Elliot ließe ſich ihr empfehlen und er würde in acht Tagen wiederkommen, um ihr den Wagen wiederzubringen. Aber Mylady wird mich aus dem Dienſt jagen, Mylord! So wirſt Du geduldig acht Tage warten und in meinen Dienſt treten! Eile Dich jetzt! Der Kutſcher wagte nicht mehr zu widerſprechen und entfernte ſich mit ſeinen Pferden. Die Poſtpferde wurden vorgelegt und der Diener ſchwang ſich auf den Bock. Lord Elliot ſtand an der Thür des Poſtgebäudes und neben ihm ſein Freund, der Doctor Belitz. Es iſt Alles genau ſo gegangen, wie ich es wünſchte, ſagte der Lord. Ich führe meine Tochter mit mir fort, und ſo Gott will, ſoll ſie niemals erfahren, daß es nicht der Tod geweſen, welcher ihr die Mutter entriſſen hat. Armes Kind, ſie wird niemals eine Mutter haben, aber ich will ſie lieben mit der Strenge eines Vaters und mit der Zärtlichkeit einer Mutter, und ich habe eine edle Schweſter, welche es übernehmen will, die Pflegerin meines Kindes zu ſein. Sie erwartet mich in Kiel. Bis dahin werde ich mein Kind geleiten; dann aber, wenn ich das Kind den ſicheren Armen meiner Schweſter übergeben, wenn ich ſie auf das engliſche Schiff gebracht habe, welches ſie nach Kopenhagen führen ſoll, dann kehre ich hierher zurück. Aber wozu wollen Sie zurückkehren, Mylord? fragte der Doctor entſetzt. Iſt es nicht genug der Rache und der Strafe, nicht genug, daß Sie der Mutter ihr Kind nehmen, daß Sie die Frau vor aller Welt brandmarken und beſchimpfen? Was ſoll es noch weiter, Mylord? Der Lord legte ſeine Hand mit einem ſeltfamen Lächeln auf des Doctors Schulter. Mann, ſagte er, fließt denn in Ihren Adern Milch ſtatt des Blutes? Oder haben Sie vergeſſen, daß ich von einem ver⸗ gifteten Pfeil getroffen bin, und daß ich ihn herausziehen und zerbrechen muß, wenn ich nicht daran ſterben ſoll? Laſſen Sie Ihre Wunde bluten, Mylord, jemehr ſie blutet, deſto leichter wird ſie heilen. Aber wozu den Pfeil zerbrechen, der ſie ver⸗ — 126— wundete? Werden Sie davon wieder geneſen, wird Ihre Wunde wenigjet ſchmerzen? 5 Mann, ich frage Sie noch einmal, ob Sie in Ihren Adern Milch ſtatt des Blutes haben? Meine Ehre iſt befleckt, ich muß ſie rein waſchen mit dem Blut meines Feindes! 3 Sie wollen alſo ein Duell, Mylord. Sie wollen den dlenden Zufall, das hirnloſe Ungefähr über Ihre heiligſten und theuerſten Intereſſen, über Ihre Ehre und Ihr Leben entſcheiden laſſen? Und wenn dieſer Zufall nun gegen Sie entſcheidet? Wenn Sie ſtatt zu tödten, getödtet werden? Dann, mein Freund, hat Gott entſchieden und ich werde ihm dan⸗ ken, daß er mich von einem Leben befreit, welches mir fortan doch immer nur eine Laſt ſein wird! Leben Sie wohl, Doctor. In acht Tagen werde ich wieder bei Ihnen ſein, und dann werde ich Sie bitten, mich zu einem ernſten Gange zu begleiten. Es iſt alſo unwiderruflich, Mylord? Unwiderruflich, Doctor! Nun denn, Mylord. Sie werden mich bereit ſinden, und wenn doch das Ende dieſes traurigen Drama's ein blutiges ſein muß, ſo gebe nur Gott, daß es nicht Ihr Blut iſt, welches vergoſſen wird! Die beiden Männer ſchüttelten ſich noch einmal herzlich die Hände, dann ſprang Lord Elliot in den Wagen, der Poſtillon ſchlug auf die Pferde ein und der Wagen, in welchem ſich der unglückliche Mann mit ſeinem geraubten Kinde befand, rollte bei dem luſtigen Schmettern des Poſthorns durch die verödeten Straßen. XI. Die Entdeckung. Prinz Heinrich ſtand am Fenſter und ſchaute hinunter in den Garten. Er ſah da unten ſeine Gemahlin, welche den hellen, ſchönen Wintertag benutzte, um mit ihren Damen einen Spaziergang im Park zu machen. Er hörte bis hier in ſeinem Zimmer ihr fröhliches Lachen und Plau⸗ dern, und doch eilte er nicht hinunter, um ihre Fröhlichkeit zu theilen und mit ihnen zu ſcherzen und zu lachen. Seit jenem Tage im Walde war mit dem Weſen des Prinzen eine Veränderung vorgegangen. Ein finſterer, verzweiflungsvoller Trübſinn war in ihm, und doch wagte er nicht ihn zu zeigen, doch zwang er ſich zu einer Heiterkeit, die um ſo geräuſchvoller erſchien, je weniger ſie na⸗ türlich war, doch ſchien er ſeiner Gemahlin gegenüber derſelbe zärtliche, ergebene, zuvorkommende Liebende zu ſein.— Aber die Maske, unter welcher er ſeinen Zorn und ſeinen Gram verbarg, war für ihn ſelbſt eine grauſame Marter, eine entſetzensvolle Qual. Wenn er ſie lachen horte, fühlte er ſich wie von einem Dolchſtoß verwundet, wenn er der Prinzeſſin Hand berührte, hatte er ein Gefühl, als müſſe er laut auf⸗ ſchreien vor Schmerz nnd Zorn. Und doch überwand er ſich, doch zwang er den Gram und Zorn hinunter in ſein Herz, denn— es war ja möglich, daß er ſelber in einem Irrthum befangen, es war ja mög⸗ lich, daß ſeine Gemahlin unſchuldig, daß ſein Freund ihm treu! Sein eigenes Herz wünſchte es ſo ſehr, ſeine edle, großmüthige Seele ſehnte ſich ſo ſehr, Diejenigen nicht verachten zu müſſen, welche er ſo lange vertrauensvoll geliebt! Er wollte lieber glauben, daß er nur einen böſen Traum gehabt, daß ein augenblicklicher Wahnſinn ſein Gehirn umnachtet habe, er wollte lieber allen ſeinen Sinnen mißtrauen, als annehmen, daß dieſe Frau, welche er geliebt mit aller Kraft ſeines Gemüthes, daß dieſer Freund, dem er ſo rückhaltlos vertraut, daß dieſe Beiden ihn verrathen konnten. Es war ſo entſetzlich, das Edelſte und Schönſte, das Heiligſte und Reinſte anzweifeln zu müſſen, ſo irre zu — 128— werden an ſeinen beſten und reinſten Gefühlen. Und doch wollte der Zweifel immer nicht aus ſeinem Herzen weichen, doch bohrte er Tag und Nacht darin wie ein Todtenwurm, der ſeine innerſte Lebenskraft aufzehrte, doch vergiftete er ihm jede Stunde des Tages und warf in ſeine Träume hinein noch ſeine durchbohrenden, entſetzlichen Hohnes⸗ worte. Er hatte ſie ſeit jenem Waldfeſt immerfort beobachtet, er hatte jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte belauſcht. Aber er hatte nichts entdecken können! Sie ſchienen Beide ganz harmlos und unbefangen. Aber vielleicht ſtellten ſie ſich nur ſo, vielleicht hatten ſie ihn an jenem Tage, wo er vor der Waldhütte lag, bemerkt, vielleicht wußten ſie, daß er ſie beobachte und verfolge und wollten jetzt durch ihre Unbefangenheit ſeinen Argwohn entkräften, ſein Mißtrauen in Schlaf einlullen. Das war es, was er dachte, das war es, was ihn immer auf der Huth ſein ließ. Er wollte, er mußte es wiſſen, ob er verrathen und betrogen ſei, er wollte endlich Gewißheit haben! Da ſtand er hinter den Vorhängen ſeines Fenſters verborgen und ſchaute hinunter in den Garten. Seine Blicke waren mit einem glühen⸗ den, verzehrenden Ausdruck auf die Prinzeſſin gerichtet, welche jetzt eben wieder mit einer ihrer Damen unter ſeinem Fenſter vorüberging und zu ihm emporſchaute. Aber ſie konnte ihn nicht ſehen, er hatte ſich ganz hinter den ſchweren, ſeidenen Vorhängen verborgen und ſeine Augen ſchauten nur durch die Spalte an der Seite des Fenſters hervor. Die Prinzeſſin ging alſo vorüber, überzeugt, daß ihr Gemahl nicht in jenem Zimmer ſei, denn ſonſt würde er hervorgetreten ſein, ſie zu begrüßen. Das war es, was der Prinz gewollt hatte. Jetzt fühlte ſie ſich ſicher, jetzt glaubte ſie ſich nicht von ihm beobachtet, meinte er. Jetzt end⸗ lich konnte er vielleicht Gelegenheit finden, Gewißheit zu erlangen. Denn auch Graf Kalkreuth war da, auch er war hinuntergegangen in den Garten. Da, da drüben trat er der Prinzeſſin entgegen, da begrüßten ſie ſich, aber ganz in der gewohnten, hergebrachten Weiſe, er, der Graf, ehrfurchtsvoll und förmlich, ſie, die Prinzeſſin, vornehm nachläſſig und herablaſſend gütevoll. 4 Jeetzt gingen ſie nebeneinander, plaudernd, lachend, anmuthig belebt — 9— und angeregt von ihrem Geſpräch.— Der Prinz ſtand hinter ſeinem Vorhang mit hochklopfendem Herzen, athemlos vor innerer Angſt.— Sie kamen näher zu ihm heran. Sie ſchlugen den Weg ein zu dem kleinen Teich, deſſen glatte, gefrorene Eisoberfläche wie ein Spiegel leuchtete. Der Graf ſtreckte die Hand nach dem Teich aus und ſchien an die Prinzeſſin eine Frage zu richten. Sie nickte zuſtimmend mit dem Kopf und wandte ſich rückwärts zu ihrer Hofdame, welcher ſie einige Worte ſagte, dieſe verbeugte ſich und eilte von dannen. Sie will Schlittſchuh laufen, murmelte der Prinz. Sie ſchickt die Gräfin fort, unter dem Vorwand, daß ſie ihre Schlittſchuhe holen ſoll. Sie will alſo mit dem Grafen allein ſein. Athemlos, in wahrer Todesangſt, ſchaute er zu ihnen hinunter, ſie ſtanden noch immer an dem Ufer des Teichs und ſchienen ſich ruhig zu unterhalten. Der Ausdruck ihrer Züge war unverändert, ruhig und freundlich, ſie ſprachen gewiß von gleichgültigen Dingen. Der Prinz athmete erleichtert auf. Es war ihm, als ſei eine Laſt von ſeiner Seele gefallen, als würde er befreit von einer grauſamen Marter. Sie waren gewiß unſchuldig, er hatte gewiß nur geträumt. Denn ſie waren jetzt allein und doch war ihr Weſen ſo ganz unverän⸗ dert und ruhig. Aber was war das? Die Prinzeſſin ließ, anſcheinend achtlos, ihr Taſchentuch fallen, der Graf hob es auf und reichte es ihr dar. Sie dankte ihm lächelnd und nahm das Tuch. Dann, nach einigen Minuten, ſteckte ſie ihre Hand mit einer raſchen Bewegung unter die mit Pelz be⸗ ſetzte Sammetcontouche, welche ihre Geſtalt umhüllte. Der Prinz ſchrie laut auf. Er hatte in ihrer Hand etwas Weißes geſehen, das ſie in ihrem Buſen verbarg. Ein Brief! Ein Brief! rief er mit herzzerreißendem Ton, und wie ein Raſender, von Furien Verfolgter, ſtürzte er von dannen.— Prinzeſſin Wilhelmine war eben im Begriff, ſich von ihrer Hof⸗ dame die Schlittſchuhe befeſtigen zu laſſen, als Prinz Heinrich mit haſti⸗ gen, eiligen Schritten die Allee, welche zum Teich führte, heraufkam.— Graf Kalkreuth eilte ihm entgegen, um ihn mit einem heitern Scherz⸗ wort zu begrüßen, aber der Prinz hatte für ihn kein Wort der Erwi⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I. 9 — 130— derung, er ging ſtumm, mit einem verächtlichen Blick an ihm vorüber und ſchritt gerade auf die Prinzeſſin zu, welche ihm mit einem freund⸗ lichen Lächeln entgegenſah. Madame, ſagte er, es iſt heute zu kalt und rauh, um Schlittſchuh zu laufen. Ich werde die CEhre haben, Sie in Ihre Gemächer zu führen. h Prinzeſſin Wilhelmine lachte laut auf. Es iſt ja ein wundervoller, friſcher Wintertag, mein Gemahl, ſagte ſie, und wenn Sie frieren, ſo trägt daran nicht das Wetter die Schuld, ſondern Ihre eigene leichte Bekleidung, Prinz. Ich bitte Sie, laſſen Sie ſich Ihren Pelz holen und dann wollen wir um die Wette über das Eis hinlaufen, damit Sie warm werden! Der Prinz erwiderte nichts, er nahm mit einer haſtigen Bewegung den Arm der Prinzeſſin und ſchob ihn unter den ſeinen. Kommen Sie, Madame, ſagte er, ich wünſche Sie in Ihre Gemächer zu begleiten! Die Prinzeſſin blickte ihn erſtaunt an, aber ſie las in ſeinen auf⸗ geregten Zügen, daß ſie es nicht mehr wagen dürfe, ihm zu wider⸗ ſprechen. So erlauben Sie, daß ich mir wenigſtens erſt den Schuh los⸗ ſchnallen laſſe, ſagte ſie kurz, indem ſie ihrem Hoffräulein einen Wink gab. Dieſe kniete vor ihr nieder, um die Schnallen, welche den Schlitt⸗ ſchuh hielten, zu löſen. Der Prinz ſtand neben ſeiner Gemahlin, unfern von ihnen Graf Kalkreuth. Keiner von ihnen unterbrach mit einem Wort die unheimliche Stille. Auf einmal ſtieß der Prinz einen haſtigen, zornigen Schrei aus. Er hatte den Blick geſehen, welchen die Prinzeſſin eben mit dem Grafen gewechſelt, den Blick voll Einverſtändniß und verſteckter Warnung. Aber was fehlt Ihnen, Prinz? fragte die Prinzeſſin entſetzt. Mich friert, ſagte er rauh, während der Schweiß in hellen Tropfen auf ſeiner Stirn ſtand. Als die Hofdame ihre Arbeit beendet hatte, zog der Prinz ſeine Gemahlin mit ſich fort, ohne auch nur einen Gruß, einen Blick für ſeinen Freund zu haben.— Dieſer ſtand bleich und entſetzt auf derſelben Stelle und ſtarrte gedankenvoll auf die glänzende Eisfläche hin. V — 131— Ich fürchte, er weiß Alles, murmelte er. Oh, mein Gott, mein Gott, warum öffnet ſich nicht die Erde mich zu verſchlingen. Ich bin ein Elender, und vor ſeinen Blicken mußte ich ſchmachvoll die Augen niederſchlagen. Ich habe ihn verrathen und betrogen, und doch liebe ich ihn! Wehe mir! Er ſchlug die Hände vor ſein Angeſicht, als wolle er die Sonne und das Tageslicht nicht die Röthe der Scham ſehen laſſen, die auf ſei⸗ nen Wangen brannte, und verließ langſam, geſenkten Hauptes den Garten. Der Prinz war indeſſen, ſeine Gemahlin am Arm, haſtig vorwärts geſchritten. Kein Wort war zwiſchen ihnen gewechſelt worden, nur ein⸗ mal, als der Prinz fühlte, wie ihr Arm auf dem ſeinen erzitterte, wandte er ſich zu ihr hin. Warum zittern Sie? fragte er rauh und hart. Es iſt kalt, ſagte ſie tonlos.* Ihr Gemahl lachte laut. Und doch iſt es ein ſo ſchöner Winter⸗ tag, ſagte er ſpöttiſch.— Dann gingen ſie weiter. Schweigend und ſtumm traten ſie in's Schloß, gingen ſie die Treppe hinauf zu den Ge⸗ mächern der Prinzeſſin. Da waren ſie in ihrem Cabinet, in dieſem traulichen, ſtillen Gemach, in welchem der Prinz ſonſt ſo glückliche Stunden neben ſeiner geliebten Wilhelmine hingebracht. Jetzt ſtand er ihr mit kaltem, faſt geringſchätzendem Blick gegenüber, nach Athem ringend, und vor ungeheurer Aufregung nicht im Stande zu ſprechen. Prinzeſſin Wilhelmine ſah bleich aus, und aus ihren Blicken ſprach ein angſtvolles Entſetzen. Sie wagte nicht das Schweigen zu unter⸗ brechen, und ſchien nur damit beſchäftigt ihre Toilette zu ordnen. Sie legte den Hut ab, und ließ die Sammetcontouche zur Erde niedergleiten. Madame, ſagte der Prinz endlich haſtig, jedes Wort hervorſtoßend, ich bin hieher gekommen, um Ihnen eine Bitte vorzutragen. Die Prinzeſſin verneigte ſich kalt und förmlich. Sie haben zu be⸗ fehlen, mein Gemahl. Nun denn! rief er, nicht mehr im Stande ſeine erkünſtelte Ruhe zu 9* — 132— bewahren, nun denn ſo befehle ich Ihnen mir das Billet zu geben, wel⸗ ches Sie da in Ihrem Buſen verborgen haben! Welches Billet, Prinz? ſtammelte ſie entſetzt zurücktretend. Das Billet, welches Ihnen der Graf vorhin im Garten gegeben! Leugnen Sie nicht, Madame, wagen Sie es auch nicht, es mir zu ver⸗ weigern, denn bei Gott, Sie ſehen es wohl, ich bin in einer Stimmung, welche keine Rückſichten mehr kennt. Wie er ihr ſo gegenüber ſtand mit funkelnden Augen, mit bebenden Lippen, mit drohend gehobener Hand, fühlte die Prinzeſſin, daß hier wirklich jeder Widerſtand gefährlich und unmöglich ſei. Sie ward ſich bewußt, daß ſie Beide zu dem entſcheidenden Moment gelangt ſeien, wo alle Schleier fallen, und kein Trug und kein Verhüllen mehr möglich iſt. Das Billet, geben Sie mir das Billet! ſchrie der Prinz mit dro⸗ hender Stimme, dicht zu ihr herantretend. Sie ſah ihn mit funkelnden Blicken voll Zorn und Haß an.— Hier iſt es, ſagte ſie dann, indem ſie das Billet aus ihrem Buſen nahm, und es dem Prinzen darreichte. Er ſtürzte ſich auf daſſelbe, wie ein Tiger, der im Begriff iſt ſeine Beute zu zerreißen. Aber wie er es dann geöffnet hatte, wie er es vor ſich hin hielt, zitterte das Blatt in ſeinen Händen, und ſeine wirren Blicke waren kaum im Stande die Schriftzüge zu leſen. Einmal murmelte er. Ah, er wagt es Du zu ihr zu ſagen. Er nennt ſie ſeine angebetete Wilhelmine! Dann las er weiter, ächzend, zuweilen laut aufſchreiend, oder eine wilde Verwünſchung ausſtoßend. Die Prinzeſſin ſtand ihm gegenüber, todesbleich, an allen Gliedern bebend. Ihre Zähne ſchlugen auf einander wie im Fieberfroſt, und ſie mußte ſich auf die Lehne eines Stuhls ſtützen, um nicht umzuſinken. Als der Prinz den Brief zu Ende geleſen, zerknitterte er das Pa⸗ pier in der Hand, und verbarg es in ſeinem Buſen. Dann richtete er ſeine Augen auf ſeine Gemahlin mit einem Blick ſo voll unendlichen Schmerzes, ſo unausſprechlichen Jammers, daß die Prinzeſſin ſich da⸗ von im Tiefſten ihres Herzens bewegt fühlte. &8 — 133— Oh, mein Gemahl, ſagte ſie, ermorden Sie mich, verfluchen Sie mich, aber ſehen Sie mich nicht mit dieſen Blicken an! Und wie ſie das ſagte, ſank ſie, wie von einer unſichtbaren Hand niedergedrückt, auf ihre Kniee und hob die Hände flehend zu ihm empor. Er lachte laut auf, und trat einen Schritt zurück. Stehen Sie auf, Madame, ſagte er, wir ſind hier nicht im Comödienſaal und nicht in unſerem Liebhabertheater. Es iſt hier nur Ihr Gemahl, der mit Ihnen ſpricht! Stehen Sie auf, und geben Sie mir den Schlüſſel zu Ihrem Secretair. Denn Sie werden es begreiflich finden, Madame, daß, nach⸗ dem ich dieſes Billet geleſen, ich auch die anderen Briefe zu leſen wünſche. Als Ihr Gemahl habe ich wenigſtens das Recht zu wiſſen, wie weit die Vertraulichkeiten mit Ihrem Liebhaber gegangen ſind, und welche An⸗ ſprüche er an Ihre Perſon hat. Ah, Sie verachten mich! rief die Prinzeſſin mit hervorſtürzenden Thränen. Ich meine, daß ich wohl ein Recht dazu habe, ſagte er kalt. Ste⸗ hen Sie auf und geben Sie mir die Schlüſſel. Sie erhob ſich, und ſchwankte zu dem Tiſch hin. Hier ſind die Schlüſſel, ſagte ſie, ihm dieſelben darreichend. Er ging zu dem Schrank hin und ſchloß ihn auf. Und wo ſind die Briefe, Madame? In der oberen Chatoulle links!. Ah, ſagte er mit einem rauhen Lachen, nicht einmal in einem ge⸗ heimen Fach haben Sie dieſe koſtbaren Schriftſtücke aufbewahrt. Sie waren alſo meines Zutrauens ſehr gewiß, da Sie nicht einmal Ihre Kleinodien vor mir verſteckten! Prinzeſſin Wilhelmine antwortete nicht. Als der Prinz jetzt die Briefe nahm, und einen nach dem andern las, ſank ſie wieder auf ihre Kniee nieder. Mein Gott, mein Gott, murmelte ſie, habe Erbarmen mit mir! Sende einen Blitz hernieder, daß er mich zerſchmettere! Oh, mein Gott, warum kann ich mich nicht in die Erde verbergen, nur um ſeinen Blicken nicht mehr zu begegnen! Bäche von Thränen entſtürzten ihren Augen, und die Arme zum „ — 134— Himmel erhebend, murmelte ſie leiſe Gebete der Angſt und der Reue zu Gott empor. Der Prinz las weiter, immer weiter in dieſen unſ eligen Briefen. Auf einmal ſchrie er laut auf, und ſtürzte mit einem Brief in der Hand zu der Prinzeſſin hin. Iſt das wahr? fragte er. Iſt das wahr, daß Sie ihm das ge⸗ ſchrieben haben? Was dennd fragte ſie, ſich langſam von ihren Knieen erhebend. Er dankt Ihnen da in dieſem Brief, daß Sie ihm geſchrieben haben, Sie hätten auf Erden noch Niemand geliebt, Niemand als Kalkreuth allein! Iſt das wahr, haben Sie ihm das geſchrieben? Ich habe es geſchrieben, und es iſt die Wahrheit! ſagte die Prin⸗ zeſſin, welche jetzt ihre Energie und Ruhe wiedergefunden hatte. Ja, mein Herr, ich habe Niemand geliebt, als ihn allein. Ich konnte mein Herz nicht zwingen, Sie zu lieben, Sie, welcher mich anfangs verſchmähte, und dann eines Tages die Lanne hatte, mich zu lieben, und mir das Schnupftuch ſeiner Gunſt hinzuwerfen. Ich war keine Sclavin, die man bei Seite ſtehen läßt, die ſich beſeligt fühlen muß, wenn man ſie zuletzt doch noch eines Blickes würdigt. Ich war ein freigebornes Weib, und da ich dem, welchen ich liebte, meine Hand nicht geben konnte, ſo gab ich ihm wenigſtens mein Herz. Meine Perſon gehörte Ihnen, mein Herz aber nicht! Aber Sie liehen mir zuweilen Ihr Herz, welches ihm gehörte, und liehen ihm zuweilen Ihre Perſon, welche mir gehörte! rief der Prinz mit einem wilden Lachen. Sie ſchrie laut auf, als habe ein Dolchſtoß ſie getroffen, und eine dunkle Röthe brannte auf ihren Wangen. Sie haben das Recht mich zu tödten, aber nicht mich zu beſchimpfen! ſagte ſie. Oh, Sie nennen das eine Beſchimpfung, wenn ich die Wahrheit ſage! rief der Prinz. Nein, es iſt nicht die Wahrheit, mein Prinz. Ich habe mich ſchwer an Ihnen verſündigt, denn ich habe Ihre Liebe geduldet, obwohl ich ſie nicht erwiedert. Ich habe nicht den Muth gehabt, Ihnen, als Sie zu V V V V V meinen Füßen niederſanken, und mir, welche Sie ſo lange verſchmäht hatten, ſagten, daß Sie mich liebten, Ihnen damals zu bekennen, daß ich nie und nimmermehr dieſe Liebe theilen könnte, weil mein Herz nicht mehr frei iſt. Das iſt mein Verbrechen, aber das allein. Ich konnte mein Herz nicht zwingen, Sie zu lieben, aber ich konnte meinen Pflichten getreu bleiben, und das habe ich gethan! Ich habe nicht nöthig, mein Gemahl, vor Ihnen zu erröthen und die Augen niederzuſchlagen, denn meine Liebe iſt rein von der Sünde geblieben, und meine Perſon und meine Tugend iſt unbefleckt. Ich bin meinem Geliebten nie etwas An⸗ deres geweſen als ſeine reine Freundin, ich habe Ihnen niemals die Treue als Gattin gebrochen. Elendes, jammervolles Spiel mit Worten! ſagte der Prinz. Wenn dem ſo iſt, wie Sie ſagen, und nach den Briefen hier ſcheint es ſo, dann iſt Ihr Verbrechen ein zwiefaches, denn Sie ſind alsdann auch eine Heuchlerin gegen ſich ſelber und gegen Ihre Liebe, eine feige Memme, welche nicht einmal den Muth gehabt hat, dem Gefühl Ihres Herzens ſich hinzugeben. Sie ſind alsdann eine elende Buhlerin, die ihre Gunſt⸗ bezeugungen abzumeſſen verſteht, und ſich immer nur ſo weit hingiebt, als es ihren Berechnungen aßt. Sie machen Ihre Pflicht zum Ablaß⸗ geld Ihrer Sünde, und ſind nicht einmal unſchuldig genug, um fallen zu können mit dem, welchen Sie lieben. Die Freundin Ihres Geliebten! Was iſt das für ein elender, feiger Gedanke, eine verächtliche Ausflucht, mit welcher Sie ſich gegen Ihr eigenes Gewiſſen verſchanzen möchten. Und was heißt das, Sie haben mir niemals die Treue als Gattin ge⸗ brochen? Hätten Sie es lieber gethan, wären Sie, hingeriſſen von Ihrem heißen Blut und einer unbewachten Stunde, mir ungetreu geweſen mit Ihrer Perſon, es wäre Ihnen bei Gott leichter zu verzeihen, als dieſe fortgeſetzte Heuchelei und Lüge! Wenn man liebt, ſo liebt man ganz mit Leib und Seele, Eins iſt nicht zu trennen von dem Anderen, der Leib geht auf in der Seele, und die Seele verliert ſich in dem Leibe. So, Madame, ſo habe ich Sie geliebt. Aber Sie, was haben Sie da⸗ für gethan? Sie haben mit ſich geſchachert, wie ein elender Wucherer! Wenn Sie in meinen Armen lagen, ganz hingegeben meiner Zärtlichkeit, ſo haben Sie ſich Ihre Seele reſervirt, und Ihre Untreue gegen mich — 136— damit bemäntelt, daß nur Ihr Körper mir gehörte. Wenn Sie ihm gegenüberſtanden, und dieſen glühenden Bekenntniſſen ſeiner verbrecheri⸗ ſchen Liebe zuhörten, ſo haben Sie ſich damit entſchuldigt, daß Sie mir nicht die Treue brächen, weil Sie Ihre Perſon Ihrem Liebhaber nicht überließen, ſondern nur Ihr Herz und Ihre Seele! So ſind Sie eine zwiefache Ehebrecherin geworden. Sie haben die Ehe der Seelen und die Ehe der Körper gebrochen! Und mich, mich haben Sie um das Weib, welches ich liebte, um den Freund, welchem ich vertraute, betrogen! Möge Jott Sie verfluchen, wie ich es thue. Möge die Strafe des Himmels Sie treffen, wie die meine Sie treffen ſoll! Und indem er ſeine beiden geballten Fäuſte über ſie erhob, als wolle er ſeinen Fluch auf ihr Haupt herabſchleudern, wandte er ſich um und verließ das Zimmer. XII. Ein Vormittag in Sansſouci. Es war Morgens fünf Uhr. Tiefe Stille herrſchte ringsum, die Dunkelheit der Nacht lag noch über der Welt ausgebreitet, und Jeder⸗ mann durfte noch ſchlafen und ruhen; das Leben hatte noch nirgends begonnen,— nirgends als auf Sansſouci, nirgends als in den Zimmern des Königs. Während ſein ganzes Volk noch ſchlief, wachte der König, wachte er, um für ſein Volk zu arbeiten und zu denken.— Draußen heulte der Wind und trieb große Schneeflocken an ſein Fenſter, und machte ſelbſt das Feuer in ſeinem Kamin unruhig flackern und brennen, der König achtete auf das Alles nicht. Er hatte ſeine Toillette beendet und ſeine Chocolade getrunken, jetzt arbeitete er. Was kümmerte es ihn, daß es noch ſo kalt war in ſeinem Zimmer, daß die Kerzen auf ſeinem Tiſch nur ein trübes Licht durch das dunkle Zimmer warfen, und die kalte Unbehaglichkeit deſſelben noch vermehrten, ſie brannten hell genug, — 137— um dieſe Maſſe von Briefen zu leſen, welche da auf dem Tiſch vor ihm lagen, und die alle im Laufe des vorigen Tages eingelaufen waren. Mochten ſeine Miniſter und Kabinetsräthe immerhin noch ſchlafen, der König wachte und arbeitete; er bereitete die Arbeiten vor, die er nach⸗ her„ſeinen Schreibern“, das heißt ſeinen Miniſtern und Kabinetsräthen übertragen wollte. Er las alle dieſe eingelaufenen Briefe und Bitt⸗ ſchriften und ſchrieb an den Rand jedes derſelben die Quinteſſenz der Antworten, welche entweder die Miniſter in ihren Reſſorts, oder die Kabinetsräthe zu ertheilen hatten. Dann erſt, nachdem er dieſe geſchäftlichen Briefe und Schriften alle geleſen und geprüft, dann erſt nahm der König die Briefe in die Hand, die Briefe, die an ihn perſönlich gerichtet waren und von den fernen Freunden kamen.— Sein Antlitz, welches vorher ernſt und ſtrenge ge⸗ weſen, nahm jetzt einen ſanften, freundlichen Ausdruck an, und ein mildes Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Die Ausbeute des heutigen Tages war indeſſen nur gering. Es waren nur wenige Briefe da, und die meiſten derſelben kamen von Ver⸗ wandten des Königs oder von entfernter ſtehenden Bekannten. Kein Brief von d'Argens, ſagte der König lächelnd. Mein erzbi⸗ ſchöfliches Schreiben wird alſo wohl ſeine Wirkung gethan haben, und der gute Marquis wird vielleicht noch heute hier eintreffen, um mich tüchtig auszuzanken und mir dann zu vergeben.— Ach, da iſt aber ein Brief von d'Alembert! Nun das iſt ohne Zweifel ein angenehmer Brief, denn er wird mir die Nachricht bringen, daß d'Alembert meinen Vor⸗ ſchlag annimmt und ſich entſchließt, Präſident meiner Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften zu werden. 3 Er erbrach haſtig das Siegel, und während er dann las, zog eine finſtere Wolke über ſeine Stirn. Er ſchlägt mein Anerbieten aus, ſagte er unmuthig. Er ſetzt ſeinen Stolz darin, daß er Fürſten entbehren kann, und hofft, die Nachwelt werde ihn für ſeine Uneigennützigkeit ſchad⸗ los halten. Oh, da kennt er die Nachwelt noch nicht! Entweder ſie wird ganz davon ſchweigen, oder, wenn ſie es erwähnt, wird ſie nur davon ſprechen, als wie von einem dummen Streich, den d'Alembert in ſeinem — 138— Leben gemacht hat.*) Er iſt ein hochmüthiger und ſtolzer Menſch, er iſt wie ſie Alle. Er nahm den Brief wieder zur Hand, und las ihn noch einmal, dies Mal langſamer und beſonnener wie zuvor; allgemach ſchwand die finſtere Wolke von ſeiner Stirn, und ſeine Augen ſtrahlten in einem hellen Freudenglanze. Nein, ſagte er, ich habe d'Alembert Unrecht gethan. Der Unmuth über eine fehl geſchlagene Hoffnung hatte mich verblendet. d'Alembert iſt kein kleinlicher, eitler Menſch, ſondern eine freie, ſtolze Menſchenſeele. Er ſchlägt meine Präſidentenſtelle mit ſechstauſend Thaler Gehalt aus, wie er im vorigen Jahr die Stelle als Erzieher des ruſſiſchen Thron⸗ erben mit einem Gehalt von hunderttauſend Francs ausgeſchlagen hat.*) Er zieht es vor, arm und dürftig fünf Treppen hoch zu wohnen und ſein eigener Herr zu ſein, ſtatt in einem glänzenden Palais als Diener eines Fürſten zu leben. Wahrlich, ich kann ihm darum nicht böſe ſein, denn er hat gehandelt und gedacht, als ein Weiſer, und wenn ich nicht Friedrich wäre, ſo möchte ich wohl d'Alembert ſein! Ich will ihn des⸗ halb nicht weniger lieben, weil er mir einen Korb gegeben hat. Ach, es iſt ein wahres Glück, wenn es noch Menſchen giebt, welche unabhängig und klar genug denken, um einem König gegenüber einen freien Willen ſich bewahren zu können. Die Fürſten würden beſſer ſein, wenn dieje⸗ nigen, mit denen ſie verkehren, weniger klein und erbärmlich wären. D'Alembert ſoll mir eine Lehre und ein Troſt ſein: es giebt alſo doch noch Menſchen, welche nicht Heuchler und Schmeichler, Narren und Be⸗ trüger ſind, ſondern wirklich Menſchen! Er faltete den Brief ſorgſam zuſammen und nickte ihm, bevor er ihn in ſeine Correſpondenzmappe ſchob, ſo freundlich lächelnd zu, als ſei es d'Alembert ſelber, den er zu begrüßen habe. Dann nahm er einen andern Brief zur Hand. Dieſe Schriftzüge kenne ich nicht, ſagte er, indem er die Adreſſe *) Des Königs eigene Worte. ur) Preuß. Friedrich der Große mit ſeinen Verwandten und Freunden. S. 304. 3 — 139—. betrachtete. Er kommt aus der Schweiz und iſt ganz perſönlich an mich gerichtet. Von wem denn? Er öffnete den Brief und ſah zuerſt nach der Unterſchrift. Ah, ſagte er dann, von Jean Jacques Rouſſeau! Es iſt wahr, ich habe ihm ja ein Aſyl verſprochen. Die freien Schweizer verfolgen den unglücklichen Philoſophen, und mein guter Lord Marſchal bat für ihn bei mir. Jetzt iſt Lord Marſchal in Schottland, und er wird nichts mehr davon haben, daß ſein Freund hierher kommt. Nun vielleicht treibt es ihn zurück, wenn Jean Jacques hier eine Freiſtatt findet, und er kommt von Schottland hierher um mit ihm im Park von Schönhauſen zu wandeln.*) Leſen wir, was der Philoſoph ſchreibt: Der Brief enthielt nur einige Zeilen, die der König mit ſteigender Verwunderung und einem ſtolzen Befremden las. Vraiment! rief er dann laut, die Philoſophen ſind alle des Teufels! Dieſer Jean Jacques begnügt ſich nicht, meinen Vorſchlag zurückzuweiſen, ſondern er thut es auf eine gar ſeltſame und unerhörte Manier. Es iſt ein wunderbares Opus, und ich muß es mir wahrhaftig ſelber noch einmal vorleſen! Und mit lauter pathetiſcher Stimme las der König: Votre Majesté m'offre un asyle, et m'y promèt la libertée. Mais Vous avez une *) Lord Marſchal hatte dem König geklagt, daß Rouſſeau in der Schweiz bitteren Verfolgungen ausgeſetzt ſei, und nicht wiſſe, wohin er ſich wenden ſolle, da man ihn auch aus Frankreich vertrieben hätte. Der König antwortete ihm darauf:„Schreiben Sie Ihrem Freund, daß er zu mir kommen ſoll. Ich will ihm ein ſicheres Aſyl und eine Penſion von zweitauſend Franes jährlich geben. Er ſoll in Pankow, dicht bei dem Schloßgarten von Schönhauſen, eine Stunde von Berlin, ein geräumiges Haus mit Garten und Wieſe haben, ſo daß er dort eine Kuh füttern, ſich hinlänglich Federvieh, halten und Gemüſe bauen kann. Dort kann er in Ruhe und ohne Nahrungsſorge leben, und ſeine Einſamkeit wird nichts ſtören. Von ſeinem Garten kann er in den Garten von Schön⸗ hauſen gehen, und in den ſchattigen Gängen deſſelben herumwandeln, denn die Königin hält ſich nur wenige Monate des Jahres dort auf.“ Lord Marſchal ſandte das Einladungsſchreiben, welches er alsdann an Rouſſeau ſchickte, dem König zur Durchſicht, und dieſer fügte eigenhändig hinzu: Venez, mon cher Rousseau, je vous offre maison, pension et liberté.. 3 — 140— épée, et Vous êtes Roi! Vous m'offrez une pension, à moi, qui n'ai rien fait pour vous? Mais, en avez vous donné à tous les braves gens, qui ont perdu bras et jambes en vos services? Nun, ſagte der König lachend, das iſt ein Brief wie ein Naſen⸗ ſtüber, und wenn man Philoſoph iſt, weil man ein Grobian iſt, ſo hat Jean Jacques Rouſſeau das Recht, ſich den erſten Philoſophen der Welt zu nennen! Wahrhaftig, der Zufall ſpielt mir heute ſeltſame Streiche, und ſcheint ſehr die Abſicht zu haben, meinen königlichen Hochmuth ein wenig zu dämpfen. Zwei Abſagebriefe auf einmal, zwei Philoſophen, die ich zu mir eingeladen habe, und von Beiden ein refus. Ah, nicht zwei Philoſophen! D'Alembert iſt ein Philoſoph! Aber Jean Jacques Rouſſeau, der iſt in Wahrheit ein Narr!*) Er zerriß den Brief, und warf die einzelnen Stücke in den Kamin. Dann griff er nach einem andern Brief, aber noch bevor er ihn geöff⸗ net, legte er ihn wieder hin. Er hatte gehört, wie eben die große Wand⸗ uhr da draußen im Vorſaal die achte Stunde geſchlagen hatte. Das war das Zeichen, daß die Geſchäfte des Tages, die er mit ſeinen Die⸗ nern theilte, zu beginnen hatten, und daß der König jetzt nicht mehr Zeit hatte, ſich mit ſeiner Privatcorreſpondenz zu beſchäftigen. Der letzte Schlag der Glocke war kaum verhallt, als auch ſchon ein leiſes Klopfen an der Thür gehört, und dieſelbe auf den Ruf des Königs geöffnet ward. Der König hatte gar nicht nöthig ſich nach ihm umzuſchauen, er wußte, daß der Eintretende Niemand Anderes ſei, als Herr von Kirch⸗ eiſen, der Stadtpräſident von Berlin, welcher heute, als am letzten Tage der Woche kam, um ſeinen Bericht abzuſtatten.— Er empfing denſelben indeß heute nicht mit ſeiner gewohnten Leutſeligkeit, ſondern erwiederte ſeinen ehrerbietigen Gruß nur mit einem finſteren Seitenblick, und hörte, in dem Zimmer auf⸗ und abgehend, mit ſichtbarem Mißmuth d dem Vor⸗ trag des Berliner Stadtpräſidenten zu. Und das iſt Alles, was Er mir zu berichten hat? fagte der er König, *) Das gewöhnliche Epitheton, welches der König nach dieſer Zeit immer dem Namen Jean Jacque's hinzuzufügen pflegte. — 141— als Herr von Kircheiſen ſeinen Vortrag beendet hatte. Er iſt der Vor⸗ ſteher der ganzen Berliner Polizei, und Er weiß mir von einer ganzen Woche nichts weiter zu berichten, als was mir jeder Thorſchreiber und jeder Viertelspolizeidiener auch ſagen kann. Er erzählt mir, wer in Ber⸗ lin angekommen und abgereiſt iſt, wie viel Leute geſtorben und geboren, wie viele Diebſtähle vorgekommen ſind, und damit iſt Sein Bericht zu Ende. Aber ich kann Eurer Majeſtät doch nichts weiter berichten, als was vorgefallen iſt? bemerkte Herr von Kircheiſen ſchüchtern. So! Weiter iſt in Berlin nichts vorgefallen? Berlin iſt alſo eine äußerſt ſtille, ſittſame, friedliche und unſchuldige Stadt, in der man ein⸗ trächtig lebt, wie im Paradieſe, und wo man höchſtens von einigen be⸗ mitleidenswerthen Individuen, die irrthümlich das Eigenthnm Anderer für das ihre angeſehen haben, aus ſeinem Schlaf der Gerechten für einen Moment aufgeſtört wird? Er weiß gar nichts, ſage ich Ihm! Er weiß nicht, daß Berlin die Stadt des Leichtſinns, der Narrheit, der Putzſucht, der aufgeblaſenen, windigen Dummheit, der Immoralität und der Heu⸗ chelei iſt. Er weiß mir nichts zu ſagen von dieſen Verbrechen, die aller⸗ dings nicht ſo offen zu Tage liegen, daß die Geſetze ſie ſtrafen könnten, die aber verheerend von Haus zu Haus ſchleichen, ganze Familien ver⸗ giften, und Unglück und Schande durch ganze Schichten der Geſellſchaft verbreiten. Er weiß nichts von den vielen Ehebrüchen, von dem Zwieſpalt der Familien, von dem Leichtſinn der jungen Leute, die ſich dem Spiel ergeben. Und doch könnte manches Unglück verhütet werden, wenn Er beſſer aufpaßte, und die Leute zur rechten Zeit warnte! Sire, halten zu Gnaden, das iſt nicht die Aufgabe der gewöhnli⸗ chen Polizei, ſondern dazu bedarf es einer geheimen Polizei! Nun, warum hat Er keine geheime Polizei? Warum nimmt Er nicht ein Beiſpiel an dem neuen Polizeiminiſter von Paris, Herrn ven Sartines? Der Mann weiß Alles, was in Paris geſchieht, er kennt die Geſchichte jedes Hauſes, jeder Familie, jedes Individuums. Er warnt zuweilen heimlich die Männer, wenn ihre Frauen ihnen entlaufen wollen, und flüſtert den Frauen die Namen Derer zu, welche ihnen ihre Männer abwendig machen. Er zeigt den Aeltern an, wo ihre leichtſin⸗ — 142— nigen Söhne ihr Vermögen an der Spielbank durchbringen, und hilft, je nachdem es ihm beliebt, den Verzweifelten zu einem Strick, um ſich aufzuhängen, oder reicht ihnen die Hand zur Rettung dar. Das iſt eine gute tüchtige Polizei, und man muß geſtehen, daß die Seine wenig Aehn⸗ lichkeit damit hat. Wenn Eure Majeſtät es befehlen, kann ich auch eine ſolche Polizei in Berlin einrichten wie der Herr von Sartines ſie in Paris eingerichtet hat. Nur müſſen mir Eure Majeſtät dazu zweierlei geben. Erſtens eine Million Thaler jährlich! Ah, eine Million! Seine geheime Polizei iſt ein wenig theuer. Fahre Er fort, was verlangt Er noch außer der Million? Zweitens die Erlaubniß, das Glück der Familien, das Glück Ihrer Unterthanen zu ruiniren, den Sohn zum Spion ſeines Vaters, die Mut⸗ ter zur Angeberin ihrer Tochter, die Dienſtboten zu Aufpaſſern ibrer Herrſchaften, den Lehrburſchen und Geſellen zum Beobachter und Ver⸗ räther ſeines Meiſters zu machen. Wenn Eure Majeſtät mir das be⸗ willigen, wenn ich das Vertrauen des Menſchen zum Menſchen, des Bruders zu ſeiner Schweſter, des Vaters zu ſeinen Kindern, des Gatten zu ſeiner Gattin, des Freundes zu ſeinem Freunde untergraben darf, indem ich die Leute mit Geld erkaufe, wenn ich Einen zum Spion des Andern mir anwerben, wenn ich den Verrath bezahlen und den Angeber belohnen darf, dann, Eure Majeſtät, werden wir auch eine ſo gute ge⸗ heime Polizei haben, wie der Herr von Sartines in Paris, nur glaube ich nicht, daß dadurch die Sittliichkeit gefördert und das Verbrechen gehin⸗ dert werde. Der König hatte ihm mit ſteigendem Intereſſe zugehört, ſeine Stirn hatte ſich immer mehr aufgehellt und ſeine Blicke hatten ſich mit ſicht⸗ barem Wohlwollen auf den kühnen Sprecher gerichtet. Als dieſer jetzt geendet, blieb der König, der immerfort auf⸗ und abgegangen war, vor Herrn von Kircheiſen ſtehen, und ſah ihm feſt und lange in das erregte Angeſicht.„ Es iſt alſo Seine feſte und gewiſſe Ueberzeugung, daß eine geheime Polizei ſolche Uebel nach ſich zieht, wie Er da geſchildert hat? Ja, Eure Majeſtät, es iſt meine feſte Ueberzeugung! — 143— Er kann Recht haben, ſagte der König ſinnend. Nichts demoraliſirt die Menſchen mehr als das Spions⸗ und Denunciantenweſen, und eine gute, noble Regierung müßte ſolche elende Spione und Denuncianten, welche ihre Mitmenſchen für elendes Geld und aus niedriger boshafter Abſicht angeben und in's Unglück bringen, ſtrenge beſtrafen, ſtatt ſie zu belohnen, und ſich ihrer zu ihren Zwecken zu bedienen. Eine gute Re⸗ gierung muß niemals dem jeſuitiſchen Grundſatz folgen, daß der Zweck die Mittel heilige. So wollen mich Eure Majeſtät in Gnaden davon dispenſiren, eine geheime Polizei einzuführen? Nun ja, es ſoll Alles ſo bleiben, wie es iſt, und der Herr von Sartines mag ſeine Polizei für ſich behalten. Sie paßt nicht für uns, und Berlin ſoll mir nicht durch ſolches Spions⸗ und Denunciantenweſen noch mehr ruinirt werden, als es ohnedies ſchon iſt. Alſo nichts mehr von geheimer Polizei! Wenn ſich das Verbrechen bei Tage zeigt, ſo wollen wir es ſtrafen; wo es im Dunkeln ſchleicht, müſſen wir es der Vorſehung überlaſſen, es an's Licht zu ziehen. Berichte Er mir alſo nach wie vor, wer geboren und geſtorben, wer gekommen und abgereiſt iſt, geſtohlen oder gute Geſchäfte gemacht hat! Ich will mich damit begnü⸗ gen, und nicht mehr verlangen, als eine gute Polizei zu leiſten vermag. Uebrigens bin ich heute ſehr mit Ihm zufrieden! Er hat tapfer und friſch weggeſprochen, und mir offen und frei geſagt, was Er denkt. Das gefällt mir! Ich mag es gern, wenn meine Beamten den Muth der Wahrheit haben, und auch gelegentlich mir zu opponiren wagen! Bleibe Er dabei! Er nickte dem erfreuten Stadtpräſidenten freundlich zu und reichte ihm ſeine Hand dar. Dann verabſchiedete er ihn, und hieß die Miniſter eintreten, um ihre Vorträge und Berichte zu halten.— Nach dieſen ka⸗ men die Kabinetsräthe, und erſt nachdem der König mit ihnen Allen drei Stunden ununterbrochen und angeſtrengt gearbeitet hatte, dachte er daran ſich ein wenig zu erholen und auszuruhen von allen dieſen Ar⸗ beiten, die ihn jetzt von ſechs Uhr Morgens bis faſt zur Mittagsſtunde beſchäftigt hatten. — 144— Er war eben im Begriff ſich in ſein Bibliothekzimmer zu begeben, als ein lautes Geſpräch im Vorzimmer ihn aufmerkſam machte. Aber ich ſage Ihnen, daß der König heute keine Audienzen giebt, bürke er die Stimme eines der Lakayen ſagen. Der König hat geſagt, daß Jeder, der ihn zu ſprechen habe, bei ihm Gehör finden ſoll! rief eine andere Stimme. Ich muß den König ſprechen, und er muß mich anhören! 4 Wenn Sie ihn ſprechen wollen, ſo müſſen Sie ſchriftlich darum ein⸗ kommen, dann werden Sie vorgelaſſen, denn der König giebt Jedem Audienz, der darum bittet, aber er beſtimmt die Stunde. 2 Das Unglück und die Verzweiflung kann nicht auf eine beſtimmte Stunde warten! rief der Andere. Wenn der König das Unglück nicht hören will, ſobald es um Rettung ſehreit, ſondern nur dann, wenn es ihm beliebt, dann iſt er kein guter König! ft Der Mann hat Recht, ſagte der König leiſe. Ich will ihn ſogleich anhören.— Er ſchritt raſch nach der Thür hin und öffnete ſie.— Draußen ſtand ein ältlicher Mann in ärmlicher Kleidung, mit bleichem, abgemagertem Geſicht, aus deſſen Zügen Verzweiflung und Kummer deutlich genug ſprach, um von Jedermann verſtanden zu werden. Als ſeine großen tiefliegenden Augen jetzt den König gewahrten, rief er freu⸗ dig: Gott ſei Dank, da iſt der König! Der König winkte ihm ſtumm näher zu treten, und der Mann ſtürzte mit einem Ausruf der Freude zu ihm hin. Komme Er hier in's Zimmer, ſagte der König, und jetzt ſage Er, was will Er von mir? Gerechtigkeit, Majeſtät, rief der Mann, Gerechtigkeit, weiter nichts. Ich habe den Krieg mitgemacht, und bin jetzt außer Brod. Ich habe nichts, wovon ich leben ſoll, und habe Eure Majeſtät zwei Mal ſchrift⸗ lich um eine Stelle bei der Steuerkammer gebeten, welche eben va⸗ cant iſt. 21 Und ich habe ſie Ihm verweigert, weil dieſe Stelle ſchon einem Andern verſprochen iſt. Man hat mir geſagt, daß Eure Majeſtät mir dieſe Stelle verwei⸗ gern! rief der Mann verzweiflungsvoll. Aber ich kann es nicht glauben, — 145— denn Eure Majeſtät ſind ſie mir ſchuldig, und Sie ſind ja ſonſt ein ge⸗ rechter König. Eilen Sie alſo, Majeſtät, das zu thun, was gerecht und was Pflicht iſt, und ſich zu rechtfertigen wegen eines Verdachtes, der Ihrem königlichen Ruhm nur nachtheilig iſt! Der König maß ihn mit einem flammenden Zornesblick, den indeſſen der bleiche, verzweiflungsvolle Supplicant mit kühner Gelaſſenheit ertrug. Wer giebt Euch das Recht, fragte der König mit donnernder Stimme, indem er mit drohend gehobenem Arm auf den Mann zutrat, wer giebt Euch das Recht, in ſolchem Ton zu mir zu ſprechen, und worauf grün⸗ det Ihr Eure unverſchämten Forderungen? Darauf, Majeſtät, rief der Mann, darauf, daß ich verhungern muß, wenn Sie mir meine Bitte abſchlagen. Das iſt der geheiligteſte aller Anſprüche. Und an wen auf Erden ſoll ich mich denn damit wen⸗ den, wenn nicht an meinen König? Es lag ein ſo herzzerreißender Jammer, eine ſolche verzweiflungs⸗ volle Klage in den Worten, in der Stimme des armen Supplicanten, daß der König ſich wider ſeinen Willen davon ergriffen fühlte. Er ließ ſeinen erhobenen Arm ſinken, und der Ausdruck ſeines Angeſichts ward immer milder und weicher. Ich ſehe wohl, Er iſt ſehr unglücklich und voll Verzweiflung, ſagte er gütig, Er hat alſo Recht gethan, ſich an mich zu wenden. Er ſoll die Stelle haben, um welche Er bittet, ich werde dafür ſorgen. Melde Er ſich nur morgen hier beim Kabinetsrath Müller. Damit Er aber bis dahin nicht verhungere, will ich Ihm ein bischen Taſchengeld geben. Er lehnte die lauten jubelnden Freudenbezeugungen des überglück⸗ lichen Mannes mit einem Wink ſeiner Hand von ſich ab, und ſchellte heftig, um ſeinen Kammerhuſaren Deeſen, welcher die kleine Kaſſe des Königs führte, herzurufen, damit er dem Manne ein Goldſtück auszahle. Aber Deeſen erſchien nicht, und der zweite Kammerhuſar meldete mit einem verlegenen Geſicht, daß er gar nicht im Schloß anweſend ſei. Der König befahl ihm, dem Mann das verſprochene Taſchengeld zu ge⸗ ben und dann zu ihm zurückzukehren. Wo iſt Deeſen? fragte der König, als der Kammerhuſar wieder⸗ kehrte. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. III. 10 — 146— Sire, ich weiß es nicht! ſtammelte der Diener, vor den durchboh⸗ renden Blicken des Königs die Augen niederſchlagend. Du weißt es, ſagte der König ernſt. Deeſen hat von mir ſtrengen Befehl, immer im Vorzimmer zu ſein, weil ich ihn gebrauchen könnte. Wenn er es wagt, gegen meine Befehle zu handeln, ſo muß das einen wichtigen Grund haben, und Du kennſt ihn. Heraus damit alſo, ich will ihn wiſſen!. Wenn Eure Majeſtät befehlen, muß ich freilich gehorchen, ſeufzte der Kammerhuſar. Eure Majeſtät wollen es nicht leiden, daß wir Kam⸗ merhuſaren uns verheirathen, aber wir können doch nichts dafür, daß wir auch ein Herz haben und zuweilen verliebt ſind. Deeſen iſt alſo auch verliebt? fragte der König lächelnd. Ja, Majeſtät, er liebt ein wunderſchönes Mädchen in Potsdam, Namens Maria Siegert, und da er ſie nicht heirathen darf, ſo hat ſie darein gewilligt, ſeine Liebſte zu ſein. Er hat ihr eine allerliebſte Woh⸗ nung in der Junkerſtraße eingerichtet, und ſie leben glücklich und in Freuden. Weil heute Morgen nun großer Vortrag war, glaubte Dee⸗ ſen, daß Eure Majeſtät ihn nicht rufen würden, und daß er genug Zeit 3 hätte, einen kleinen Abſtecher nach Potsdam zu ſeiner Liebſten zu machen. Er hat ſich aber doch verſpätet, wie es ſcheint. Das iſt der Grund, Majeſtät, warum Deeſen nicht im Vorzimmer iſt. Es iſt gut, ſagte der König, ſobald Deeſen kommt, ſoll er zu mir in's Bibliothekzimmer kommen. Ich befehle Dir aber, ihm mit keiner Sylbe zu verrathen, was wir eben geſprochen haben. Ach Gott, Majeſtät, ich bin froh, wenn ich das nicht nöthig habe, denn Deeſen iſt ſehr heftig, und wenn er erführe, daß ich ſein Geheim⸗ niß verrathen habe, wäre er im Stande, mir ein paar Ohrfeigen zu geben! indem er den Weg nach ſeinem Bibliothekzimmer einſchlug. Eine Viertelſtunde ſpäter trat Deeſen mit erhitztem, angſtvollem Geſicht in das Bibliothekzimmer ein. Der König, welcher auf⸗ und niedergehend mit der Lectüre ſeines geliebten Lucretius beſchäfligt ge⸗ Die Dir vielleicht ſehr geſund ſein würden, ſagte der König lachend, — 1 — 147— weſen, heftete ſeine großen, durchdringenden Augen mit einem fragenden Ausdruck auf des Kammerhuſaren ängſtliches Angeſicht. Ich habe Dich gerufen und Du warſt nicht da, ſagte der König. Ich bitte Eure Majeſtät, mir gnädigſt zu verzeihen, ſtammelte Deeſen. Wo warſt Du denn? Ich war auf meinem Zimmer und ſchrieb einen Brief, Sire. So, einen Brief! Vermuthlich ſchriebſt Du an die übermüthige ſchöne Magd im Gaſthof zum ſchwarzen Raben in Amſterdam, welche den Bedienten des Herrn Zollern nicht zu ihrem Liebhaber nehmen wollte? fragte der König. Deeſens Antlitz erheiterte ſich ein wenig. Dieſe Anſpielung auf die Reiſe nach Amſterdam zeigte ihm, daß der König nicht im Ernſt ſehr böſe ſei. Er wagte es daher, ſeinen Blick zu dem König zu erheben und ihn flebend anzuſehen. Setze Dich, ſagte der König, auf den Schreibtiſch deutend. Ich rief Dich, weil ich Dir auch einen Brief dictiren wollte. Setze Dich alſo und nimm die Feder! Deeſen gehorchte und richtete ſich vor dem Schreibtiſch ein. Der König begann, die Hände mit dem Buch auf dem Rücken, wieder im Zimmer auf⸗ und abzugehen. Biſt Du bereit? fragte der König. Ich bin bereit, Sire, erwiderte der Kammerhuſar, die Feder ein⸗ tauchend.* Schreibe alſo! befahl der König, indem er ſich Deeſen gerade gegen⸗ über ſtellte. Schreibe alſo. Zuerſt die Ueberſchrift:„Mein Schatz!“ Deeſen ſtutzte und blickte fragend zu dem König empor. Der König ſah ihn ernſt und ſtarr an und wiederholte:„Mein Schatz!“ Deeſen ſtieß einen leiſen Seufzer aus und ſchrieb. Haſt Du's? fragte der König. Ja, Sire, ich hab's!„Mein Schatz!“ Nun alſo ſchnell weiter!„Mein Schatz, der alte Brummbär, der König“— ſchreibe, unterbrach ſich der König, als er ſah, wie Deeſen 10*. 4 — 148— bleich und entſetzt zuſammenſchauderte und kaum im Stande war, die Feder zu halten. Schreibe, ohne Dich zu beſinnen, ohne zu zaudern, oder erwarte eine ernſte und nachdrückliche Strafe. Haben Eure Majeſtät die Gnade, zu dictiren, ich bin bereit, Alles zu ſchreiben, ſtöhnte Deeſen, indem er ſich den Angſtſchweiß von der Stirn trocknete. Alſo raſch und ſchnell jetzt, befahl der König, und indem er wieder auf⸗ und abging, dictirte er:„Der alte Brummbär, der König, zählt mir jede Stunde nach, die ich bei Dir ſo reizend zubringe. Damit nun meine künftige Abweſenheit deſto kürzer und von dem großen Zänker deſto weniger bemerkt werde, ſo miethe Dir hier in der Brandenburger Vorſtadt nahe bei uns ein Stübchen, wo wir uns mit mehr Bequem⸗ lichkeit als in der Stadt ſehen und herzen können. Ich verbleibe bis in den Tod Dein herzlich getreuer Deeſen.“ Biſt Du fertig? fragte der König. Ja, Sire, ich bin fertig, ächzte Deeſen. So falte den Brief und ſiegele ihn, und jetzt ſchreibe die Adreſſe: „An die unverehelichte Marie Siegert. Junkerſtraße in Potsdam.“ Gnade, Sire, Gnade!l rief Deeſen aufſpringend und ſich dem König zu Füßen werfend. Ich ſehe wohl, Eure Majeſtät wiſſen Alles, man hat mich bei Ihnen verrathen und angeklagt. Du ſelbſt haſt Dich verrathen und angeklagt, denn es iſt heute das zehnte Mal, daß ich Dich rufe und Du nicht da biſt. Jetzt ſende den Brief ab und ſorge dafür, daß die Siegerten ſich hier einmiethet. Wenn Du aber dann wieder einmal nicht im Vorzimmer biſt, ſo ſchicke ich die ſchöne Marie nach Spandau und Dich jage ich fort. Nun marſch und beſorge ſogleich Deinen Brief! 3 Deeſen eilte von dannen und der König ſchaute ihm lächelnd einen Augenblick nach, dann wollte er ſich wieder ſeiner Lectüre zuwenden, als das laute Heranrollen eines Wagens ihn aufmerkſam machte. Ach, murmelte er leiſe und faſt ängſtlich, ich fürchte, da werde ich ſchon wieder geſtört und einer meiner Vettern oder Baſen kommt mir meine Zeit mit unnützen Liebesheucheleien zu vergiften. — 149— Er blickte angſtvoll nach der Thür hin. Dieſe ward bald bufae und der eintretende Lakai meldete den Prinzen Heinrich. Des Königs Geſicht erhellte ſich und mit einem freudigen Lächeln ging er ſeinem eintretenden Bruder entgegen. Aber dieſer erwiderte ſeinen Gruß kaum und ſchien es gar nicht zu ſehen, daß der König ihm ſeine Hand darreichte. Eine ſchwere Wolke lag auf ſeiner Stirn, ſeine Wangen waren bleich und farblos, ſeine Lippen feſt aufeinander ge⸗ preßt, als wollten ſie die zornigen und unmuthigen Worte zurückdrän⸗ gen, deren Sinn doch aus ſeinen finſter dareinſchauenden, blitzenden Augen ſprach. Ach, mein Bruder, ſagte der König traurig, es ſcheint, Sie kommen, mir ein Unglück zu verkünden. Nein, ſagte der Prinz, ich komme nur, um Eure Majeſtät an eine Unterredung zu erinnern, welche wir vor zehn Jahren mit einander ge⸗ habt, hier in demſelben Zimmer, hier auf derſelben Stelle. Vor zehn Jahren, ſagte der König. Das war alſo um die Zeit Ihrer Verheirathung, Heinrich? Ja, es handelte ſich um meine Verheirathung, Sire. Sie hatten mich ſo lange verfolgt, gemartert und gequält, bis ich endlich matt ge⸗ hetzt und außer mir gebracht von ſo viel Widerwärtigkeiten, mich ent⸗ ſchloß, nachzugeben und mich in das Joch zu ſchmieden, um nur von dieſen unwürdigen und demüthigenden Tracaſſerieen, denen Sie mich ausſetzten, befreit zu werden! Ich finde, daß Sie Ihre Worte beſſer wählen ſollten, mein Bru⸗ der! rief der König mit flammenden Zornesblicken. Sie vergeſſen, daß Sie zu Ihrem König ſprechen! Aber ich entſinne mich, daß ich zu meinem Bruder ſpreche, zu mei⸗ nem Bruder, welcher wohl die Pflicht hat, mich anzuhören und die Klagen zu vernehmen, welche ich gegen den König auszuſprechen habe! Sprechen Sie, ſagte der König nach einer kleinen Pauſe. Der Bruder allein wird Sie hören! Ich komme, um Sie an jene Stunde zu erinnern, ſagte der Prinz mit feierlichem Ton, an jene Stunde, als ich hier in dieſem Zimmer Ihnen meine Einwilligung gab, mich zu vermählen. Indem ich es that, — 150— Sire, ſagte ich zu Ihnen, daß ich Sie verantwortlich mache für dieſe Ehe, welche nicht die Liebe, ſondern die Politik geſchloſſen, daß ich Sie dereinſt vor dem Throne Gottes zur Rechenſchaft ziehen und Sie dort fragen würde, mit welchem Recht Sie mich meiner Freiheit beraubt, mit welchem Recht Sie an mein Herz und meine Hand eine Kette gelegt, welche mir die Liebe nicht tragen hülfe. Ich ſagte Ihnen ferner, Sire, daß ich, wenn die Laſt dieſer Kette mir zu ſchwer würde und dieſes unnatürliche Verhältniß einer Ehe ohne Liebe und ohne Uebereinſtim⸗ mung mich zermartern und zur Verzweiflung treiben ſollte, ich auf Ihr Haupt dann den Fluch meines Unglücks ſchleudern und Sie verantwort⸗ lich machen würde für mein zerbrochenes Daſein und meine zerſchellten Hoffnungen. Und ich, ſagte der König feierlich, ich nahm dieſe Verantwortung auf mich. Als Ihr König und Ihr älterer Bruder erinnerte ich Sie an Ihre Pflicht, dem Staat eine Familie, ihm Söhne zu geben, welche den Männern voranleuchteten als Muſter der Tapferkeit und der Ehre, Töchter, um den Frauen ein Beiſpiel zu ſein der Geſittung und Tugend. Kraft dieſer Ihrer Pflichten als Königsſohn und als Mann forderte ich von Ihnen, daß Sie ſich vermählten! Und ich komme jetzt, Sie zur Rechenſchafl zu ziehen für dieſen un⸗ natürlichen Zwang! rief der Prinz feierlich. Ich komme, Ihnen zu ſagen, daß mein Herz zerriſſen iſt von Qual und Schmerz, daß ich der unglückſeligſte der Menſchen bin und daß Sie mich dazu gemacht haben, Sie, welcher mich zu dieſer Ehe zwang, obwohl Sie ſelber die Ver⸗ zweiflung und die Schmach einer ſolchen Ehe ohne Liebe kannten! O, Sie hatten durch dieſe Ihre eigene Ehe ſchon eine ſchwere Verantwor⸗ tung auf ſich geladen, und wenn Sie ſie erdulden mußten, ſo lange unſer Vater lebte, ſo hätten Sie dieſelbe muthig abwerfen müſſen, ſo⸗ bald Sie frei, das heißt König wurden! Aber Sie zogen es vor, Ihr unnatürliches Verhältniß weiter zu ſchleppen, oder vielmehr, Sie ſtreiften nur die Ketten von Ihrer Hand und ließen ſie achtlos zu Ihren Füßen liegen. Um der Welt durch Ihre Scheidung kein Aergerniß zu geben, gaben Sie ihr durch Ihre unnatürliche Ehe ein böſes Beiſpiel. Sie machten nur ſich frei und machten dadurch Ihre arme Gemahlin zu einer Scla⸗ — 151— vin Ihrer Laune, zu einer Märtyrerin Ihrer Grauſamkeit. Sie ent⸗ heiligten durch Ihre Ehe das ganze Inſtitut der Ehe, Sie gaben allen Ihren Unterthanen ein böſes und gefährliches Beiſpiel, und böſe und gefährlich hat es gewirkt. Schauen Sie ſich um in Ihren Landen, Sire, überall werden Sie unglückliche, von ihren Männern verlaſſene Frauen, gebrandmarkte, von ihren treuloſen Weibern geſchändete Männer finden. Schauen Sie ſich um in Ihrer eigenen Familie, Sire. Unſere Schweſter von Bayreuth iſt geſtorben aus Gram über die Demüthigungen, welche ſie von der Maitreſſe ihres Gemahls erdulden mußte, unſer Bruder Auguſt Wilhelm iſt einſam geſtorben. Er hatte ſich mit ſeinem Gram nach Oranienburg zurückgezogen und ſeine Gemahlin blieb in Berlin. Sie war nicht einmal bei ihm, als er ſtarb, Fremde haben ſeinen letzten Seufzer empfangen, Fremde haben ihm die Augen zugedrückt. Unſere Schweſter, die Markgräfin von Anſpach, hat ſich ſo lange mit ihrem Manne geſchlagen, bis ſie endlich nachgegeben und die Maitreſſen ihres Mannes zu ihren Freundinnen angenommen hat. Und ich endlich, Sire, ich endlich ſtehe vor Ihnen mit dem Brandmal der Schande auf meiner Stirne, denn auch ich bin verrathen und betrogen! Und dieſes Alles iſt Ihr Werk, Sire. Ihr böſes Beiſpiel hat gewirkt in Ihrem Land und in Ihrer Familie! Wenn der König der Ehe und ihrer heiligen Pflich⸗ ten ſpottet, wie kann er da fordern, daß ſeine Familien und ſeine Unter⸗ thanen Ehrfurcht vor derſelben haben. Es iſt Mode geworden in Ihrem Lande, daß die Ehegatten einander täuſchen und verrathen, und Sie ſind es, welcher uns dieſe Mode gegeben hat! Ich habe Sie zu Ende reden laſſen, Heinrich, ſagte der König, als der Prinz jetzt ſchwieg, und ſeine Augen begegneten mit einem ſanften, mit⸗ leidsvollen Ausdruck den finſtern, zürnenden Blicken ſeines Bruders. Ich habe Sie zu Ende reden laſſen; aber alle Ihre gehäſſigen und ungerechten Vorwürfe habe ich nicht gehört. Ich habe nur gehört, daß mein Bruder Heinrich unglücklich iſt, und den Unglücklichen iſt es eigen, daß ſie in anderen Menſchen und nicht in ſich ſelber die Quelle ihrer Leiden ſuchen. Ich vergebe Ihnen alſo Alles, was Sie gegen mich geſagt haben, und wenn Sie die unſeligen Folgen dieſes Krieges, der Jahre lang die Mähnner fern hielt und die Bande der Familien lockerte, wenn Sie dieſes .= w auch mir zuſchreiben wollen, ſo zeigt das eben, daß Ihr Blick umdüſtert iſt und nicht klar zu unterſcheiden vermag. Ich habe den Krieg nicht leichtſinnig begonnen, ſondern ich habe ihn über mich genommen als eine ſchwere Laſt. Er hat aus mir einen alten Mann gemacht, die Kraft meines Lebens vor der Zeit aufgezehrt. Ich ſehe alle ſeine ſchlimmen Folgen und ich habe es mir zu einer heiligen Aufgabe gemacht, dieſe Wunden meines Landes, welche der Krieg ihm geſchlagen, zu heilen. Ich arbeite daran Tag und Nacht, ich habe dieſem Beſtreben alle meine Gedanken hingegeben und meine perſönlichen Neigungen zum Opfer dar⸗ gebracht. Aber ich muß mich vorläufig darauf beſchränken, die Wunden zu verbinden, ich kann das Unglück und die Noth nicht verſchwinden machen, nicht ſogleich es in Glück verwandeln. Wollen Sie mich des⸗ halb zur Rechenſchaft ziehen, mein Bruder? Ah, Sire, Sie wollen von der Frage abweichen, und ſtatt auf mein beſonderes Unglück einzugehen, ſprechen Sie von dem allgemeinen. Nicht deshalb will ich Sie zur Rechenſchaft ziehen, ſondern deshalb, daß Sie mich gezwungen haben, eine Gemahlin zu nehmen, ein Weib, wel⸗ ches ich nicht kannte und welches mich nicht kannte, ein Weib, welches mich zum unglücklichſten Menſchen gemacht hat, welches meine Ehre ge⸗ kränkt und mein Herz verrathen hat. O, Sire, Sire, was haben Sie gethan? Sie haben mir eine Gemahlin gegeben, welche mich jetzt um Alles betrogen hat, was ich auf Erden geliebt und hochgehalten habe, denn ſie nahm mir das Weib, welches ich liebte und den Freund, dem ich wie einem Bruder vertraute! Und mit einem lauten Aechzen ſchlug der Prinz ſeine Hände vor ſein Angeſicht und weinte laut. Der König ſtand neben ihm mit bleichem, traurigem Angeſicht. Ar⸗ mer Bruder, ſagte er leiſe, Du duldeſt ein wenig von den Qualen, die ich geduldet habe, ehe mein Herz ſo verhärtet ward, wie es jetzt iſt. Ja, ja, es iſt ein furchtbarer Schmerz, den Freund verachten zu müſſen, dem man vertraute, verrathen zu werden von Denen, welche man liebt. Ich habe das Alles auch erduldet! Der Menſch in mir hat viel gelitten, ehe er ſein ganzes Daſein hingeben konnte an den König. Sire, ſagte der Prinz, indem er mit einer raſchen Bewegung die — 183„ Thränen aus ſeinen Augen trocknete und ſein Haupt wieder emporrich⸗ tete. Sire, ich komme zu Ihnen, um Gerechtigkeit und Strafe zu for⸗ dern. Sie haben dies Unglück meines Hauſes veranlaßt, und damit haben Sie auch die Verpflichtung, es, ſo viel noch an Ihnen iſt, zu lindern. Ich klage vor Eurer Majeſtät meine Gemahlin, die Prinzeſſin Wilhelmine, der Treuloſigkeit und des Verrathes an, ich klage vor Eurer Majeſtät den Grafen Kalkreuth an, daß er es gewagt hat, mit meiner Gemahlin ein Liebesverhältniß zu unterhalten, wodurch er zum Hoch⸗ verräther an Ihrem eigenen königlichen Hauſe geworden iſt. Ich fordere von Eurer Majeſtät, daß Sie mir die Scheidung von meiner Gemahlin bewilligen und den Verräther ſtrafen, wie es ihm gebührt. Das iſt die Genugthuung, Sire, die ich von Ihnen fordere für das Unglück meines Lebens, welches Sie veranlaßt haben! Sie wollen mich alſo verantwortlich machen für den Wankelmuth der Weiber und die Treuloſigkeit der Männer? fragte der König mit einem traurigen Lächeln. Sie wollen das thun, weil ich Sie eines Tages kraft meiner Königspflicht veranlaßt habe, Sich zu vermählen. Es iſt wahr, Sie liebten ſie damals nicht, weil Sie ſie nicht kannten. Aber Sie lernten ſie lieben, als Sie ſie kennen gelernt. Das beweiſt alſo, daß ich keine ſchlechte Wahl getroffen. Selbſt ihr jetziger Schmerz iſt eine Rechtfertigung für mich. Denn Sie ſind unglücklich, weil Sie die Frau, die ich Ihnen gegeben, mit aller Kraft Ihres Weſens geliebt haben. Für die Wankelmüthigkeit der Frauen aber können Sie mich nicht verantwortlich machen, und den Freund, der Sie ſo nichtswürdig und auf ſo ehrloſe Weiſe verrathen, den habe ich Ihnen nicht gewählt. Sie fordern jetzt von mir, daß ich Beide beſtrafe? Haben Sie ſich das wohl überlegt, mein Bruder, haben Sie daran gedacht, daß, indem ich dieſe Beiden ſtrafe, ich Ihre Schande und Ihr Unglück der Welt kund thue, daß wir hinausſchreien in die Welt, was bis jetzt nur das Geheim⸗ niß unſeres Hauſes iſt, daß wir die traurige Todtenklage Ihres Glücks zu einem gemeinen Gaſſenhauer erniedrigen, den die Buben auf der Straße mit Hohnlachen ſingen und an dem dieſe ganze elende, nichts⸗ würdige Welt kleiner Menſchenſeelen ſich ergötzen wird. Glauben Sie nur nicht, Heinrich, daß die Menſchen Mitleid haben mit unſern Schmer⸗ — 154— zen und unſerm Unglück. Indem Sie uns zu beklagen ſcheinen, fühlen ſie doch ein inniges Behagen, indem ſie eine Thräne des Mitgefühls zu zerdrücken ſcheinen, frohlockt ihr Herz, und das um ſo mehr, wenn Der⸗ jenige, welcher leidet, ein Fürſt iſt! Es thut den Menſchen wohl, daß das Schickſal, welches uns eine Ausnahmeſtellung gegeben, uns doch nicht ausgenommen hat von den gewöhnlichen Leiden der Menſchen, und daß wir weinen, darben und entbehren müſſen, wie der Geringſte der Menſchen. Noch giebt es Niemand, Heinrich, der das Recht hat, Sie zu bemitleiden oder ſich über Ihr Unglück zu freuen, Niemand, der das Recht hat, Sie zu verhöhnen, weil Sie die göttliche Dummheit der Engel beſeſſen, an die Liebe zu glauben und der Freundſchaft zu ver⸗ trauen! Sie verweigern mir alſo meine Bitte? fragte der Prinz lebhaft. Sie wollen nicht in meine Scheidung willigen, nicht den Verräther be⸗ ſtrafen? Nein, ich verweigere Ihnen Ihre Bitte nicht, aber ich bitte Sie, noch drei Tage lang Ihre Forderung zurückzunehmen und zu überlegen, was ich Ihnen geſagt habe. Wenn Sie nach drei Tagen noch derſelben Meinung ſind und hierher kommen, um mir dieſelbe Bitte vorzutragen, dann werde ich ſie erfüllen. Das heißt, ich werde Sie öffentlich und gerichtlich von Ihrer Gemahlin ſcheiden laſſen, ich werde den Grafen Kalkreuth als einen Ehebrecher beſtrafen und werde den Menſchen das Recht geben, ſich zu Tode zu lachen über den Helden von Freiberg, den ſeine Gemahlin zu einem Hahnrei gemacht und deſſen ruhmgekröntes Haupt ein verrätheriſcher Freund mit einem gar ſeltſamen Schmuck ver⸗ ſehen hat. Wenn Sie das wollen, ſo kommen Sie, wie geſagt, nach drei Tagen wieder hierher und wiederholen Sie Ihre Forderung. Ich gebe Ihnen mein königliches Wort, daß ich bewilligen werde, was Sie nach drei Tagen von mir bitten wollen. Es iſt gut, Sire, ſagte der Prinz gedankenvoll. Ich werde kom⸗ men, Sie an das Verſprechen zu mahnen, und ich bitte Sie, mich jetzt zu entlaſſen, denn Sie ſehen wohl, ich bin heute nicht würdig, der Ge⸗ ſellſchafter von Sansſouci zu ſein; ich bin ein armer kranker Mann und weiß nichts von Philoſophie! 8* — 155— Er verneigte ſich vor dem König, der ihm ein herzliches Lebewohl ſagte, und verließ dann ſchweigend das Gemach. Der König ſchaute ihm mit einem Blick unendlichen Mitgefühls nach. Drei Tage ſind eine lange Zeit, ſagte er leiſe vor ſich hin. Sie werden ſeinen Schmerz abkühlen, und wenn er vernünftiger Ueberlegung erſt wieder Gehör giebt, wird er andere Entſchlüſſe faſſen! XIII. Die Rache des Ehemaunes. Camilla ſaß auf dem Divan in ihrem Cabinet und hörte mit athem⸗ loſer Aufmerkſamkeit der Erzählung zu, welche ihr der beau cousin, Herr von Kindar, von den Abenteuern und Begegniſſen in den letzten acht Tagen machte. Sie ſah ihn mit ſtrahlenden Blicken an, als er ihr in ſeiner komiſchen, witzelnden Weiſe, die ihr ſo wohlgefiel, und die ſie außerordentlich geiſtreich nannte, ſein Duell mit dem Lord Elliot ſchil⸗ derte. Sie fühlte ſich wahrhaft ſtolz auf ihren ſchönen Geliebten, als er ihr ausführlich ſchilderte, wie er Lord Elliot, der ihm immerfort aus⸗ gewichen und vor ihm geflohen ſei, endlich zu einem Duell genöthigt und ihn gezwungen habe, knieend zu bekennen, daß er ſeiner Gemahlin das ſchreiendſte Unrecht gethan, und er es bereue, den Herrn von Kindar ſo ſchwer beleidigt zu haben, indem er ihn für den Liebhaber ſeiner reinen tugendhaften Frau hielt. Und er hat das gethan? rief Camilla frohlockend. Er hat vor Dir geknieet und Dich um Verzeihung gebeien? Er hat das gethan, beſtätigte Herr von Kindar. Dann iſt er noch elender und erbärmlicher, als ich geglaubt hätte, ſagte Camilla, dann bin ich in den Augen aller Welt gerechtfertigt, wenn ich ihn haſſe und verachte. Denn was giebt es wohl Verächtlicheres, — 156— als einen Mann, welcher um Verzeihung bittet, welcher, um einem Duell zu entgehen und ſein elendes Leben zu retten, vor einem andern Manne niederknieet! Ich würde das nicht thun, obwohl ich nur eine Frau bin, und wenn ich einen Mann, der ſo handelte, geliebt hätte, ſo würde ich ihn von dem Augenblick an verachten! Camilla hatte ſo eifrig und erregt geſprochen, daß ſie gar nicht ſah, wie Herr von Kindar zuſammenzuckte, wie er erblaßte und die Augen niederſchlug. Sie war ſo erfüllt von dem Heldenmuth und der Tapfer⸗ keit ihres beau cousin, daß ſie ſich ganz glückſelig und ſtolz davon fühlte. Ihr leichtfertiges, oberflächliches Gemüth hatte wenigſtens dieſen Inſtinct des Weibes, daß ſie an dem Manne vor allen Dingen den perſönlichen Muth und die tapfere Kraft hochſchätzte und ſeine Würde wenigſtens von ſeiner Körperſtärke verlangte, da ihr die Geiſtesſtärke ein Etwas war, welches ſie nicht zu ſchätzen vermochte. Sie legte jetzt mit einem liebevollen, innigen Ausdruck, wie er ihr ſonſt niemals eigen geweſen, ihre beiden Hände auf die Schultern ihres Couſins und ſah ihn mit leuchtenden Blicken an. Du biſt ſchön wie ein Gott und wie ein Held, ſagte ſie, und wie mir ſcheint, liebe ich Dich erſt recht heute, wo Du vor mir ſtehſt, als der ſtolze Beſteger meines feigherzigen Gemahls. Ach, ich hätte Dich ſehen mögen, wie Du ſtolz und groß vor ihm ſtandeſt, und Er, dieſes häßliche, zitternde Windſpiel, zu Deinen Füßen knieete und die Worte der Buße und Reue wiederholte, welche Du ihm vorſagteſt! Es war ein prachtvoller Anblick, ſagte der beau cousin mit einem erzwungenen Lächeln, aber laß uns jetzt von etwas Wichtigerem ſprechen, Camilla. Du mußt heute noch Berlin verlaſſen und auf einige Wochen wenigſtens auf Dein Gut Dich zurückziehen, bis der erſte Sturm ſich hier gelegt hat. Wir ſind jetzt, wie Du Dir denken kannſt, die Fabel von ganz Berlin, und wenn es auch für mich ſehr ſchmeichelhaft und angenehm iſt, mit einer ſo ſchönen, jungen Frau, wie Du biſt, zuſammen genannt und als das furchtbare und gefährliche Schreckbild aller Ehe⸗ männer bezeichnet zu werden, ſo iſt es doch für Dich nicht angenehm, ſo von jeder Läſterzunge zerfleiſcht zu werden und jeder alten Jungfer, jeder prüden Heuchlerin und vorſichtigen Kokette(denn das ſind doch die Ele⸗ — 157— mente, aus denen die Frauenwelt zuſammengeſetzt iſt), eine willkommene Gelegenheit darzubieten ihre eigene Tugend und Ehrbarkeit zu preiſen und Dich zu verdammen. Verlaſſe alſo ſchleunigſt Berlin, mein ſchönes Liebchen, nimm, ſo lange Du hier biſt, gar keine Beſuche an, damit dieſe boshaften Weiber gar keine Gelegenheit haben, Dich, wenn auch nur mit einem Wort, zu beleidigen. Nein, ſagte ſie ſtolz, ich werde bleiben! Ich habe den Muth, der ganzen Welt Trotz zu bieten um Deinetwillen, ich werde bleiben, um ihnen zu zeigen, daß ich mich meiner Liebe nicht ſchäme, ſondern daß ich es die ganze Welt will wiſſen laſſen, daß der ſchöne Kindar, den alle Frauen lieben, mein Geliebter iſt. O, ich bin Dir wohl dieſe Genug⸗ thuung ſchuldig, Dir, meinem Ritter, welcher meine Ehre gegen meinen Gemahl ſo tapfer vertheidigt und ihn zu ſo ſchimpflichem Widerruf ge⸗ zwungen hat. Hat ſich deſſen der Herr von Kindar verrühmt? fragte eine Stimme hinter ihr, und als Camilla mit einem leiſen Schreckensruf ſich um⸗ wandte, ſah ſie ihren Gemahl, welcher in der geöffneten Thür ſtand und mit einem ſeltſamen, kalten und verächtlichen Blick ſie anſchaute, mit einem Blick, wie ſie ihn nie zuvor geſehen und der ſie tiefer verletzte wie eine ausgeſprochene Beleidigung. Was wollen Sie hier, mein Herr! rief ſie aufſpringend, mit wel⸗ chem Recht wagen Sie es noch, ſich in meine Nähe zu drängen? Lord Elliot brach in ein kaltes, ſchneidendes Lachen aus, welches Thränen der Wuth in Camilla's Augen trieb. Mein Couſin, rief ſie, ſich zu Kindar umwendend, befreien Sie mich doch von dieſem Ueberläſtigen, der mich zu beleidigen und zu— auf einmal verſtummte ſie und blickte ihren ſchönen Vetter erſtaunt an. Er war in dieſem Moment gar nicht ſchön, denn ſein Antlitz hatte eine fahle Bläſſe angenommen und er ſtand da, zitternd und mit niedergeſchlagenen Augen. Nund fragte Lord Elliot, indem er ſein Haupt mit einem Ausdruck ſtolzer Verachtung zu Herrn von Kindar umwandte, nun, Herr von Kindar? Hören Sie nicht, was Ihre Couſine von Ihnen fordert? Wollen — 158— Sie den Ueberläſtigen nicht entfernen, der hier ein zärtliches Ren⸗ contre ſtört? Ich bin es, der ſich zu entfernen hat, ſtammelte Herr von Kindar. Ich bin der Ueberläſtige, der hier unbefugt die Unterhaltung zwiſchen Lord Elliot und ſeiner Gemahlin ſtört. Ich entferne mich alſo! Er nahm ſeinen Hut und wollte eiligſt an Lord Elliot vorüber und zur Thür hinausſchlüpfen. Aber die nervige Fauſt des Lords hielt ihn zurück. Nicht doch, mein ſchöner Herr, ſagte er mit einem heiſern Lachen, Sie ſind hier durchaus nicht überflüſſig. Ich wünſche vielmehr, daß Sie hier bleiben und die heitere und luſtige Geſchichte mit anhören, welche ich der Lady Elliot erzählen will. Ich bin gekommen, Madame, um Ihnen eine Geſchichte zu erzählen! Die Geſchichte einer Hetzjagd, eines Treibjagens, nur daß es ſich dabei nicht um Hirſche und Rehe, ſondern um einen ſchönen, äußerſt angenehmen Cavalier handelte, welcher indeß von dem Hirſch die ſchnellen Füße und von dem Haſen die Feig⸗ heit geborgt zu haben ſchien, um vor mir ſich zu retten und mir zu ent⸗ fliehen! Vor mir, ſage ich, denn Sie haben es gewiß längſt begriffen, Madame, daß ich von mir und von dem beau cousin, dem bezaubern⸗ den Cavalier dort, erzählen will. Camilla hatte, während er ſprach, immerfort wie in athemloſer Angſt zu ihrem Couſin hingeſtarrt. Es ſchien, als ſuche ſie auf ſeinem bleichen Antlitz die Enthüllung eines furchtbaren Räthſels, als warte ſie in zitternder Todesangſt darauf, daß er endlich ihrem Gemahl Schwei⸗ gen gebieten und ihn auf's Neue demüthigen werde. Als aber Herr von Kindar noch immer ſchwieg, faßte Camilla einen letzten, verzweifelten Entſchluß, ſie wollte wiſſen, weshalb er ſo bleich und entſtellt ſei, ſie wollte ihn zu einer Erklärung zwingen. Sie haben nicht nöthig, Mylord, ſagte ſie daher jetzt in ſtolzem, hochfahrenden Ton, Sie haben gar nicht nöthig, mir dieſe Geſchichte zu erzählen. Ich kenne ſie! Ich weiß, daß Sie vor Herrn von Kindar ſich gedemüthigt, daß ſie ihn knieend um Verzeihung angefleht haben, als er kam, Sie zur Rechenſchaft zu ziehen. Ah, ich ſehe, der beau cousin hat mir die Rolle zugetheilt, die er geſpielt! rief der Lord. Das iſt überaus gütig, denn da Ihr Liebhaber — 4159— gewiß immer nur die wichtigſte Rolle ſpielen kann, ſo meint er gewiß mich ſehr zu ehren, daß er mir ſeine Handlungen unterſchiebt. Dies Mal aber wünſche ich nicht mit ihm verwechſelt zu werden, und ich werde Ihnen daher einige kleine Fehler in ſeiner Erzählung corrigiren müſſen. Reden Sie, reden Sie, Mylord, ſagte Camilla athemlos, die Blicke ſtarr auf ihren Liebhaber gerichtet. Da Sie es mir gnädigſt erlauben, Madame, will ich Ihnen die Geſchichte unſerer Hetzjagd erzählen. Zuerſt aber muß ich mich in Ihren Augen von einem Verdacht reinigen, Madame. Von dem Verdacht näm⸗ lich, als habe ich Herrn von Kindar zum Duell gefordert, weil er der Liebhaber meiner Frau geweſen. Nein, Madame, das war ein Zufall, weiter nichts. Dieſer Herr war zufällig der Erſte, welcher dem liebe⸗ ſehnenden Herzen meiner Frau entgegentrat, und ſo nahm ſie ihn, weil er eben da war. Er wird aber nicht der Letzte ſein!— Es geſchah nicht aus Eiferſucht, daß ich den beau cousin verfolgte. Ich bin ein Sohn dieſer aufgeklärten Zeit, das heißt, ich bin Philoſoph genug, um die Vorurtheile der alten Zeit zu verachten und nicht gleich den Himmel ſtürmen zu wollen, weil meine Gemahlin ſich einen Liebhaber hält. Vielleicht wäre ich es würdig geweſen, einem edeln Weibe zu begegnen, welches mich durch ihre Liebe beſeligt hätte. Da ich aber nur an eine kleine herzloſe Närrin verheirathet war, ſo wäre es thöricht geweſen, mir um ihretwillen mit einem hirnloſen Gecken den Hals zu brechen. Ah, Couſin, rief Camilla außer ſich vor Zorn, indem ſie zu Herrn von Kindar hinſtürzte und ihre beiden Hände auf ſeine Schultern legte, ſo reden Sie doch! Hören Sie denn nicht, daß dieſer Mann wagt, Sie und mich auf das tödtlichſte zu beleidigen? Herr von Kindar murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte und machte eine Bewegung, als wollte er Camillens Hände von ſeinen Armen fortſchütteln. Er hört es wohl, ſagte Lord Elliot, aber er iſt höflich genug, zu ſchweigen, da ich reden will! Er wird auch die Güte haben, mich noch länger ſchweigend anzuhören! Camilla ließ ihre Hände langſam von dem Arm Kindars herab⸗ gleiten und wandte ſich, zähneknirſchend vor zornigem Schmerz, von ihm — 160— ab, um ſich wieder auf den Divan zu ſetzen. Die beiden Männer ſtan⸗ den vor ihr, der Eine wie ein zerbrochenes Rohr, zitternd, zurückgelehnt an die Wand, der Andere ſtolz aufgerichtet, frei und im vollen Bewußt⸗ ſein ſeiner Würde. Ich ſagte, daß ich nicht daran gedacht haben würde, fuhr Lord Elliot fort, mich um einer herzloſen Thörin willen mit einem hirnloſen Gecken zu ſchlagen. Aber dieſer Geck hatte etwas Anderes verſchuldet, er war nicht bloß der Verführer meiner Frau, ſondern er war der Ver⸗ faſſer eines ſchmachvollen und beleidigenden Briefes, den Madame die Unverſchämtheit gehabt, mir zu ſchreiben. Woher wußten Sie, daß er dieſen Brief geſchrieben? fragte Camilla. Daher, Madame, daß Sie nicht im Stande ſind, auch nur einen ſolchen Brief zu ſchreiben! Ich erlaubte mir aus Ihrem Schreibtiſch da, Madame, das Original dieſes Briefes zu nehmen, und mit dieſem Original bewaffnet, wollte ich den beau cousin aufſuchen, um ihn wegen ſeiner Frechheit zur Rechenſchaft zu ziehen. Ein früherer Freund dieſes ſchönen Herrn, der Lieutenant von Kaphengſt, begleitete mich, denn Sie begreifen, wenn man mit ſolchem Herrn, wie dieſer da, zu verhan⸗ deln hat, muß man Zeugen haben, ſonſt leugnet er nachher die ganze Sache oder verwechſelt die Rollen. Wir fanden den Herrn von Kindar nicht daheim, er war nach Mecklenburg verreiſt. Ohne Zweifel ahnte er nicht, daß ich nach Berlin gekommen war, nur um ihn aufzuſuchen, denn ſonſt würde er gewiß die Courtoiſie gehabt haben, zu bleiben und meinen Beſuch zu erwarten. Meine Sehnſucht nach ihm war aber ſo groß, daß ich ſeine Rückkehr nicht abwarten mochte. Ich verfolgte ſeine Spur wie eine zärtlich Liebende, wie Herr von Kindar die Ihre verfolgt hat, Madame. Endlich in dem Gaſthof einer kleinen Stadt hatte ich das Glück, ihn zu treffen. Er hatte, wie alle ſchwärmeriſche Liebende, die Einſamkeit geſucht und ſogar alle Zimmer des kleinen Hötels für ſich gemiethet, um ſicher zu ſein, in ſeinen ſüßen Träumen nicht geſtört zu werden. Aber ich war dreiſt genug, dennoch zu ihm zu gehen und ihm Degen und Piſtolen mitzubringen, um ihm die Wahl zu laſſen, mit welcher Waffe er ſich mit mir meſſen wollte. Herr von — 161— Kindar wollte weder Degen noch Piſtolen nehmen, und da griff ich denn zu meiner dritten Waffe, zu meinem Stock. O, es war ein ſchönes Bambusrohr und es zerſprang nicht, obwohl ich herzhaft auf den Rücken des ſchönen Cavaliers einhaute. Ja, Madame, ich ſchlug ihn, wie man einen Hund ſchlägt, der ſich unterſtehen will, ſeinem Herrn nicht zu folgen, ich ſchlug ihn ſo lange, bis er um Gnade bat! Das iſt nicht wahr, das iſt eine Lüge! ſchrie Camilla außer ſich. Lord Elliot hob langſam den Arm und deutete auf Herrn von Kindar hin. Fragen Sie ihn doch, Madame, ob es eine Lüge iſt, was ich da geſagt habe? Camilla wandte ſich lebhaft zu ihm, aber wie ſie ihn anſah, fühlte ſie, daß es keiner weiteren Frage bedürfe. Herr von Kindar lehnte bleich, mit ſchlotternden Knieen, ein widriges Bild der feigen Angſt, des zitternden Entſetzens, an der Wand. Camilla ächzte laut auf und wandte ihre Blicke mit einem Ausdruck unausſprechlichen Widerwillens von ihm ab und wieder zu ihrem Gemahl hin. Zum erſten Mal heute fand ſie, daß ihr Gemahl durchaus nicht ſo häßlich ſei, wie ſie früher gemeint, zum erſten Mal imponirte er ihr durch ſeine hohe, ſtolze Haltung, durch den Geiſtesadel und die männliche Würde, welche über ſeine ganze Er⸗ ſcheinung ausgebreitet war. Sie hatte ihn immer nur als zärtlichen, weichen Liebenden geſehen, jetzt zum erſten Mal ſah ſie ihn als ſtrengen, zürnenden Mann, und ſo gefiel er ihr— beſſer als Kindar, der ſonſt ſo ſchön geweſen und heute ſo häßlich ausſah. Reden Sie weiter, murmelte Camilla leiſe, indem ſie ganz zerbrochen in die Kiſſen zurückſank. Ich ſchlug den beau cousin ſo lange, bis er einwilligte, ſich mit mir zu ſchießen, fuhr Elliot fort. Wir hatten indeß unſere zärtliche Wiedererkennungsſcene ein wenig zu laut geſpielt, ſo daß die Leute des Hotels ein Unglück fürchteten und zur Rettung hereinſtürzten, und dann, gleichſam zur Schutzwehr des ſchönen Herrn da, bei ihm blieben. Wir beſchloſſen alſo, das Duell bis am andern Morgen zu vertagen, aber — am andern Morgen war der beau cousin abgereiſt. Ohne Zweifel hatte er unſere Verabredung vergeſſen, und vielleicht trug die Sehnſucht nach Ihnen, Madame, die Schuld daran, denn er war gerades Weges Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. III. 11 4 — 162— * nach Berlin zurückgekehrt.— Wir waren Barbaren genug, ihm auch dahin zu folgen, und ich ſchwur ihm, ihn niederzuſchießen wie einen tollen Hund, wenn er ſich nicht mit mir ſchlagen wolle. Dieſes Gleich⸗ niß, Madame, beleidigte ihn ohne Zweifel und er zog es vor, wie ein tapferer Mann zu handeln. Er nahm alſo das Duell an. Ah, er nahm es anl wiederholte Camilla hoch aufathmend und ihr Auge wandte ſich mit einem milderen Ausdruck zu Herrn von Kindar. Aber wie ſie ihn anſah, ſchien es ihr, als ſei er noch häßlicher, noch kleiner und erbärmlicher geworden, ſie ſchloß die Augen, um ihn nicht mehr zu ſehen, und als ſie dieſelben dann wieder aufſchlug, hefteten ſie nur noch auf ihrem Gemahl. Wir reiſten alſo ab, fuhr Lord Elliot fort, wir begaben uns mit den Zeugen und unſeren Waffen in das kleine ſächſiſche Grenzſtädtchen Bernau, wo das Duell ſtattfinden ſollte. Aber, Madame, ich hatte ſehr wohl geſehen, daß Herr von Kindar immer noch keine beſondere Nei⸗ gung für dieſes Duell hege. Außerdem dachte ich an Sie, und welcher Schmerz es für Sie ſein würde, wenn ich ihn todtſchöſſe und Sie dieſes allerliebſten Spielzeuges beraubte, bevor Sie es noch durch ein neues erſetzt hätten. Sie wiſſen, mein Herz hat ſich immer zu einer gewiſſen weichen, erbarmenden Dummheit hingeneigt, und ſo wollte ich auch jetzt mit dem beau cousin und mit Ihnen Erbarmen haben. Auf dem Kampf⸗ platz angekommen, ſchlug ich dem Herrn von Kindar vor, ſtatt ſich mit mir zu ſchießen, lieber eine Erklärung zu unterzeichnen, welche ich auf⸗ geſetzt hatte und in welcher er mich um Verzeihung und um Gnade bat, in welcher er ſich für einen nichtswürdigen Schurken und Lügner erklärte und feierlich gelobte, daß Alles, was er in jenem Brief, den er Ihnen aufgeſetzt, über mich geſagt, durchaus erlogen ſei, daß er mich vielmehr für einen untadelhaften Cavalier anerkenne, der von ihm und Lady Elliot auf das Schmachvollſte betrogen ſei. Herr von Kindar fand, daß dieſe Erklärung in etwas ſtarken Ausdrücken abgefaßt war und zog es daher vor, ſtatt ſie zu unterzeichnen, ſich mit mir zu ſchießen. Gott ſei gelobt! murmelte Camilla leiſe. Wir ſchoſſen uns alſo, fuhr der Lord fort, und ich war gefällig genug, Herrn von Kindar den erſten Schuß zu laſſen. Er nahm es 8 3 — 163— an, und ich muß geſtehen, daß er ſehr ſcharf zielte, aber— ſeine Hand zitterte doch ein wenig, er ſchoß zu hoch, gerade über meinen Kopf weg. Jetzt war an mir die Reihe; ich hob den Arm mit dem Piſtol empor, und ich ſchwöre es Ihnen, Madame, meine Hand zitterte nicht. Vielleicht bemerkte das Herr von Kindar, vielleicht dachte er an Sie und wünſchte zu leben, um in Ihren Armen Entſchädigung zu finden für die Angſt der letzten Tage. Genug, er rief mir zu, inne zu halten, weil er bereit ſei, zu unterzeichnen. Und er that es, Madame, er unterzeichnete meine Erklärung, welche ihn zu einem ehrloſen Schuft, zu einem gemeinen Lügner ſtempelte, er unterzeichnete ſie, zu meinen Füßen knieend und mich um Verzeihung bittend. Nachdem er das gethan, gab ich ihn frei, er⸗ laubte ich ihm zu Ihnen zurückzukehren. Ich aber fuhr zum König nach Sansſouci und bat ihn, ſofort in meine Scheidung zu willigen, und da ich, wie Sie wiſſen, ein weiches Herz habe und Ihnen niemals einen Wunſch verweigern konnte, bat ich den König, auch ſeine Einwilligung zu geben, daß Sie ſich mit dem Herrn von Kindar vermählen. Nie, nie wird das geſchehen! rief Camilla von dem Divan auf⸗ ſpringend und zu ihrem Couſin mit dem Ausdruck tiefſten Abſcheues hinblickend. Es wird geſchehen, Madame, ſagte der Lord feſt und gebieteriſch. Sie werden ihn heirathen, denn Sie lieben ihn ja! Sie haben um ſeinetwillen mich verrathen. Er iſt ein Feigling, eine Memme, jeder Mann verachtet ihn! Aber Sie werden ihn heirathen, denn der König hat dazu ſeine Einwilligung gegeben und er hat unſern Scheidebrief unterzeichnet. Hier iſt eine Abſchrift deſſelben. Wir haben nichts mehr mit einander zu ſchaffen, Madame, Sie ſind von dieſem Augenblick an die Braut des Herrn von Kindar, und als Brautgeſchenk erlaube ich mir, Ihnen hier die von Herrn Kindar unterzeichnete Erklärung, welche ihm das Leben gerettet hat, zu überreichen. Er legte das Papier auf den Tiſch, dann verneigte er ſich tief vor Camillen, die bleich und entſetzt ihn anſtarrte und deren Zähne aufein⸗ anderſchlugen wie im Fieberfroſt. Madame, ſagte er, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen und wünſche Ihnen eine lange und glückliche Ehe! 11* — 164— Dann wandte er ſich ab und ſchritt gerade auf die Thür zu. Ohne nur noch ein einziges Mal zurückzublicken, ging er hinaus; hochgehobenen b Hauptes, ſtolz aufgerichtet ſchritt er durch die Gemächer dahin, nach jenem Zimmer, welches früher das ſeine geweſen. Jetzt hatte er Alles, was in demſelben ſich befunden, fortſchaffen laſſen; das ſonſt ſo glän⸗ zende Gemach war öde und leer, die ſchönen Meubles waren verſchwun⸗ den, und auch die Bilder von den Wänden. Nur Ein Bild hing noch dort, das Bild, welches Camilla im Brautanzug darſtellte. Vor dieſem Bilde blieb Lord Elliot ſtehen. Lange und unverwandten Blickes ſchauete er zu ihm empor, als wolle er dieſes Bild tief in ſeine Seele prägen, als nehme er vor demſelben Abſchied von ſeiner Jugend, von ſeinem Glück, von allen Illuſionen ſeines Lebens. Lebewohl! ſagte er dann ganz laut, lebewohl, Camilla, meine Braut! Der Traum iſt zu Ende, lebewohl! Er zog ein kleines Stilet hervor und durchſchnitt das Bild, daß es von oben bis unten in zwei Hälften auseinander klaffte, dann wandte er ſich ab, und ſchritt langſam wieder hinaus, über den Corridor und ddie Treppe hinunter zu ſeinem bereitſtehenden Wagen, in welchem ſein 3 Sreund, der Doctor Belitz, ihn erwartete. Jetzt, Doctor, ſagte er, bin ich fertig. Und jetzt bitte ich Sie, mir 4 auf einige Tage ein Bett in Ihrem Hauſe zu leihen, denn ſeit zehn Ta⸗ gen durchraſt mich ein hitziges Fieber!*) Während der Lord mit dem Doctor zu deſſen Wohnung fuhr, ſtan⸗ den Camilla und der beau cousin ſich noch immer ſchweigend gegenüber. Keiner von ihnen wagte die Stille zu unterbrechen, Keiner von ihnen mochte die Augen zu dem Andern erheben, um ihn anzuſehen. Auf ein⸗ mal unterbrach ein Geräuſch draußen an der Thür dieſes ſchauerliche Schweigen; die Thür ward geöffnet und der General von Saldern, der Generaladjutant des Königs, erſchien in derſelben. Camilla hatte nicht die Kraft ihm entgegen zu gehen, ſie erwiederte mit einem matten Neigen des Kopfes den Gruß des Generals, der den ») Thiébault. Vol. III. p. 290— 310. — 165— Herrn von Kindar gar nicht zu bemerken ſchien, und ſeine tiefe, ehr⸗ furchtsvolle Verbeugung gar nicht erwiederte. Madame, ſagte der General feierlich, ich komme im Auftrage und Befehl Seiner Majeſtät des Königs. Er hat kraft ſeiner Machtvoll⸗ kommenheit als König und Richter, als Oberherr der Kirche, ohne Pro⸗ zeß Ihre Ehe mit Lord Elliot gelöſt, er hat das gethan, um dem Lord einen Beweis ſeines Wohlwollens zu geben, und aus Rückſicht für Ihre eigene Familie. Aus dieſer ſelben Rückſicht willigt Seine Majeſtät auch darein, daß Sie ſofort ſich dem Herrn von Kindar, der indeſſen aus dem Militairdienſt des Königs entlaſſen iſt, wieder vermählen. Nein, nein! rief Camilla entſetzt, ich will mich nicht vermählen. Laſſen Sie mich! Ich werde nie die Frau dieſes Menſchen werden! Es iſt Seiner Majeſtät ausdrücklicher Befehl, daß Sie ſich in dieſer Stunde noch mit Herrn von Kindar vermählen, ſagte General von Saldern. Ferner hat mir Seine Majeſtät befohlen, Ihnen zu ſagen, daß er nicht wolle, daß dieſe ärgerliche, die guten Sitten beleidigende Geſchichte noch länger von ſich reden mache. Er befiehlt daher, daß Sie Beide gleich nach der Trauung Berlin verlaſſen und es nicht wieder wa⸗ gen, ſich hieſelbſt zu zeigen. Der König verbannt Sie Beide von ſeinem Hofe, ſowie aus Potsdam und Berlin überhaupt, und will, daß Sie ſich auf Ihr Gut begeben, um da einſam und ſtill zu leben. Dies iſt in⸗ deß die einzige Strafe, welche er Ihnen auferlegt, und weiter habe ich Ihnen nichts zu melden. Wenn es Ihnen alſo jetzt gefällig iſt, Ma⸗ dame, ſo gehen wir! Wohin? rief Camilla, vor dem General, welcher ſich ihr näherte, entſetzt zurückweichend. In das nächſte Zimmer, Madame, wo der Prediger, den ich auf den ausdrücklichen Befehl Seiner Majeſtät des Königs gleich mitgebracht habe, bereit ſteht, um ſogleich die Trauung zu verrichten. Camilla ſtieß einen Schrei aus, und ſank dem beau cousin, welcher auf einen Wink des Generals zu ihr getreten war, ohnmächtig in die Arme.. Als ſie erwachte ſtand der Prieſter vor ihr, und Herr von Kindar befand ſich an ihrer Seite. 8 e — 166— Die Trauung ward vollzogen, und noch in derſelben Stunde ver⸗ ließ das unglückliche junge Ehepaar Berlin, um niemals wieder dahin zurückzukehren, ſondern in der Einſamkeit und Stille des Landlebens hinzuſiechen in Reue, Schmerz und Selbſtverachtung. XIV. Die Entſcheidung. Die drei Tage, welche der König ſeinem Bruder beſtimmt hatte, um nachzudenken, und einen entſcheidenden Entſchluß zu faſſen, waren ver⸗ floſſen. Prinz Heinrich hatte ſeinen Entſchluß gefaßt. Am Abend des zweiten Tages ſchon hatte er zwei Couriere abgefertigt. Den Einen nach Sans⸗ ſouci zum König, den Anderen nach Rheinsberg an ſeine Gemahlin. Er ſelber war in Berlin zurückgeblieben und hatte Beſitz genommen von dem neuen prachtvollen Palais, welches der König am Opernplatz, dem Opernhauſe gegenüber, für ſeinen Bruder hatte bauen und einrichten laſſen. 8 Er hatte ſeinen Haushofmeiſter beauftragt, ein glänzendes Diner zu veranſtalten, weil er zur Feier ſeines Einzuges in das neue Palais ſeinem Hofe und dem ganzen hoffähigen Berlin ein Feſt bereiten wollte. Dieſes Feſt ſollte heute, an dem dritten Tage nach des Prinzen Unterredung mit dem König, ſtattfinden, und der Courier, welchen der Prinz am vorhergehenden Tage nach Rheinsberg geſandt, ſollte der Prin⸗ zeſſin Wilhelmine ein Schreiben bringen, in welchem ihr Gemahl ſie mit kurzen und förmlichen Worten, ganz in dem Styl eines gewöhnlichen Einladungsſchreibens, aufforderte, mit ihrem Hofe nach Berlin zu kom⸗ — 167— men, und dem Diner, ſowie dem darauf folgenden Concert zu prä⸗ ſidiren.. Dieſe Aufforderung war für die Prinzeſſin ein Befehl geweſen, dem ſie ſich nicht zu entziehen gewagt. Sie war in der Frühe des Morgens abgereiſt, und eine Stunde vor der von dem Prinzen zum Diner anbe⸗ raumten Zeit hielten die Equipagen vor dem neuen Palais an. Der Prinz empfing ſeine Gemahlin in der großen Vorhalle des Frontgebäudes. Er ſchritt ihr mit einem lächelnden Gruß entgegen, reichte ihr, welche bleich und mit niedergeſchlagenen Augen ihm gegen⸗ überſtand, den Arm, und führte ſie die große breite Treppe hinauf, in⸗ dem er ſie aufmerkſam machte auf die Einzelheiten des Baues, und die Einrichtungen ihrer neuen Wohnung. Er ſprach laut und heiter, und ſchien abſichtlich langſam zu gehen, damit das ganze Gefolge, welches noch theilweiſe bei den Wagen beſchäftigt geweſen, ſich um das prinzliche Paar ſammele, und Zeuge des guten Einvernehmens ſein könne, welches zwiſchen dem Prinzen und ſeiner Gemahlin herrſchte. Auf der letzten Stufe der Treppe angekommen, deutete der Prinz lächelnd nach den beiden Corridoren, welche ſich zu beiden Seiten der Treppe hinzogen. Hier Madame, ſagte er, beginnt die Scheidung unſerer Wohnungen, zu welcher die Treppen ſogar verſchiedene Wege hinauf⸗ führen. Ihnen gehört der rechte, mir der linke Flügel des Palais. Ich bitte Sie aber, mir zu erlauben, daß ich Sie heute auf Ihren Flügel begleiten, und Sie durch Ihre Gemächer führen darf, welche Sie von heute an als gebietende Herrin bewohnen werden. Die Prinzeſſin warf einen fragenden, ſchüchternen Blick zu ihm em⸗ por. Sie war ſo überzeugt geweſen, daß ihr Gemahl eine Scheidung von ihr fordern werde, ſie hatte ihre Gedanken ſo ganz auf dieſe, wie ihr ſchien, einzig mögliche Löſung gerichtet, daß ſie vor den Worten des Prinzen wie vor einem ſchauerlichen Räthſel zurückbebte. Vielleicht, ſagte ſie leiſe zu ſich ſelber, während ſie am Arm des Prinzen den langen Corridor hinunterging, vielleicht will er mich ermor⸗ den, wie es der Herzog von Orleans mit ſeiner Gemahlin gethan, weil ſie den Grafen Guiche liebte. — 168— d Sie zögerte daher, als der Prinz jetzt die letzte Thür des Corridors öffnete, und ſie bat einzutreten. Mit einem angſtvollen Blick ſchaute ſie zurück nach ihrem Gefolge, welches zögernd am Ausgange des Corridors zurückgeblieben war. Werden Sie nicht erlauben, daß meine Damen uns folgen? fragte ſie leiſe. Nicht doch, Madame, ſagte der Prinz rauh, wir werden allein gehen. Er ſchob ſie faſt gewaltſam hinein in das Zimmer, und indem er hinter ihr eintrat, riegelte er die Thür ab. Prinzeſſin Wilhelmine ſtieß einen lauten Schrei aus und wich ent⸗ ſetzt von dem Prinzen zurück. Warum ſchließen Sie die Thür zu? fragte ſie bebend. Wollen Sie mich ermorden, mein Gemahl? Der Prinz lachte laut auf. Ah, Sie wollen alſo ein tragiſches Ende Ihres Romans, Madame, ſagte er. Nicht doch, es wird ſich Alles ganz gewöhnlich und proſaiſch enden, und Sie werden weder die Rolle einer Heldin noch einer Märtyrerin zu ſpielen haben. Ich will Ihnen weder Vorwürfe machen, noch will ich Sie ſtrafen. Ich überlaſſe das Gott und Ihrem eigenen Gewiſſen! Ich will nur mit Ihnen unſere Zukunft regeln, und die Bedingungen feſtſetzen, unter denen unſer Leben ſich fort⸗ führen wird. Deshalb ſchloß ich die Thür ab, damit Niemand uns ſtören kann. Und welches ſind Ihre Bedingungen? fragte Prinzeſſin Wilhelmine tonlos.. Wir werden nachher davon ſprechen, Madame. Zuerſt haben Sie wohl die Gnade, dieſes Billet zu leſen, das ich ſo eben als Antworts⸗ ſchreiben von dem König erhalten habe. Haben Sie die Güte, mir den Inhalt deſſelben laut vorzuleſen, damit wir zu gleicher Zeit jedes Wort deſſelben hören. Die Prinzeſſin nahm das Papier, welches der Prinz ihr mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung darreichte, und las:„Mein Bruder! Ihr Brief hat mir einen großen Troſt gewährt, denn er beweiſt mir, daß Sie wieder ein Mann geworden ſind, und den Schmerz überwunden — 169— haben. Sie ſind nicht bloß dazu da, um den zärtlichen, oder auch den rächenden Eheherrn zu ſpielen, Sie ſind vor allen Dingen ein Prinz und ein Mann, und beide Eigenſchaften legen Ihnen die Pflicht auf, Sich der Welt zu erhalten, und Sich Ihrer würdig zu zeigen. Es giebt für uns Beide auf Erden noch viel zu thun, und ein rechter Mann läßt ſich auf ſeinem Wege nicht aufhalten durch ein leichtſinniges Weib, welches ihm einige Dornen unter die Füße wirft. Er ſchreitet über die Dornen hin, verbeißt den Schmerz und geht weiter. Es freut mich, daß das auch Ihre Meinung iſt, und daß Sie den Gedanken an einen öffent⸗ lichen Scandal und ein öffentliches Aergerniß ganz aufgegeben haben. Da dem ſo iſt, gebe ich Ihnen Vollmacht, Ihr Verhältniß zu der Prin⸗ zeſſin ganz nach Ihrem Gutdünken zu ordnen, und Beſtimmungen zu treffen, wie ſie Ihnen angemeſſen erſcheinen. Was Ihre Bitte wegen des Grafen und Obriſtlieutenants von Kalkreuth anbetrifft, ſo iſt Ihnen die⸗ ſelbe bewilligt. Ich ernenne den Grafen zum commandirenden General des dritten Armeekorps, welches in Preußen ſteht. Er wird unverzüglich dahin abgehen. Sie, mein Prinz, ermächtige ich, ihm ſeine Ernennung mitzutheilen, und ihm zu ſagen, daß er, ſobald er von Ihnen entlaſſen worden, nach Sansſouci komme, um ſich bei mir zu verabſchieden. Sie ſchreiben mir, daß Sie ein Feſt geben wollen. Das iſt ſchön. Es iſt immer beſſer ſeinen Schmerz mit Blumen und heiteren Geſängen zu er⸗ ſticken, ſtatt ſich das Haar abzuſcheeren, die Mönchskutte überzuhängen und fromme Litaneien hören zu laſſen. Möge Ihr Feſt ein heiteres ſein, und möge es dauern ſo lange als Sie leben. Friedrich.“ Die Prinzeſſin hatte die Lectüre beendet, und reichte ihrem Gemahl das Billet wieder dar. Ich ſehe, flüſterte ſie kaum hörbar, ich ſehe, daß Sie ſehr großmüthig geweſen ſind, mein Gemahl. Sie wollen mit Wohlthaten ſtrafen, ſtatt mit gerechtem Zorn. 3 Ich will weder das Eine, noch das Andere, ſagte der Prinz kalt, ich will einfach meinem Leben Ruhe und Frieden wiedergeben, und vor allen Dingen will ich nicht, daß die Welt das Recht habe, mich als einen — 170— Unglücklichen zu beklagen, denn ich bin nicht unglücklich und will es nicht ſein! Die Prinzeſſin hob ihre Augen mit einem ſcheuen Blick empor zu ſeinem Antlitz, welches ſo ſehr ſeinen Worten widerſprach, und in welchem dieſe drei Tage eine furchthare Veränderung hervorgebracht. Seine Wan⸗ gen waren eingefallen und bleich, ſeine Stirn tief bewölkt und düſter, und um ſeinen Mund hatte der Kummer jene ſeigenthümlichen, ſcharfen Züge angeſetzt, mit denen das Unglück ſeine Opfer zeichnet, jene Züge, welche niemals wieder verwiſcht werden können, ſelbſt wenn das Glick wieder einen Sonnenſchein über das ſo gezeichnete Antlitz wirft. Als Prinzeſſin Wilhelmine dieſe Veränderung ſah, welche wenige Tage auf dem Antlitz ihres Gatten hervorgebracht, fühlte ſie ihr Herz von einem unausſprechlichen, reuevollen Jammer erfaßt. Mein Gemahl!, ſagte ſie leiſe, indem ſie ihre Hände flehend zu ihm emporhob, haben Sie Erbarmen mit Sich und mit mir. Bevor Sie entſcheiden, hören Sie mich an. Ich fühle es, daß ich mich ſchwer an Ihnen verſündigt habe, aber ich will verſuchen, wieder gut zu machen. Indem ich Sie anſehe und in Ihrem Antlitz leſe, was Sie gelitten ha⸗ ben, fühle ich an dem Schmerz, der bei dieſem Anblick meine ganze Seele wie ein ſchneidendes Schwert durchreißt, wie theuer Sie mir ſind! Ich bereue und will wieder gut machen, mein Gemahl. Ich will mein Herz bezwingen, ich will Sie lieben und nur Sie allein! Ich will Ihnen fortan eine treue Gattin ſein, und das Beſtreben meines ganzen Lebens ſoll ſein, Sie glücklich zu machen. Ich gelobe hier, wie vor Gottes Altar, Sie zu lieben und Ihnen zu gehorſamen, als meinem Herrn und Gemahl. Wollen Sie mein Herz, welches reuevoll Ihnen entgegen⸗ kommt, wollen Sie es annehmen, Heinrich? Sie reichte ihm mit einem vollen, ſtrahlenden Blick ihre Hand dar, aber er nahm ſie nicht. Nein, ſagte er, es iſt zu ſpät. Ich bauete Ihnen einen Tempel in meinem Herzen. Sie haben ihn zertrümmert, und wollen jetzt aus dem zerbröckelten Geſtein ein Wohnhaus bauen? Nein, Prinzeſſin. Laſſen wir in Trümmern liegen, was der Blitz zerſchlagen hat. Ich würde —— —— — 171— doch niemals an die Haltbarkeit Ihres Hauſes glauben, ſondern jede Stunde gewärtigen, daß es über mir zuſammenbricht. Wir wollen an unſerem Verhältniß nichts flicken und zuſammenkleiſtern, und mit ſchönen Redensarten nicht übertünchen, was der Blitz ſchwarz gemacht. Ich ver⸗ gebe Ihnen, was Sie mir gethan, aber ich kann Sie nicht mehr lieben. Wir ſind geſchieden vor Gott und vor unſeren Herzen. Aber vor der Welt ſind und bleiben wir vermählt. Wir werden gemeinſchaftlich dieſes Palais bewohnen, aber wir werden uns bemühen, uns niemals in dem⸗ ſelben zu begegnen; Sie werden die eine Hälfte bewohnen, ich die andere, wir werden an großen Gallatagen, wo es die Etiquette erfordert, zu⸗ ſammen diniren, aber wir werden dann an verſchiedenen Tafeln präſi⸗ diren, und Sie werden mir verzeihen, wenn ich niemals das Wort an Sie richte. Wir ſind für einander todt, und die Todten ſprechen nicht zu einander. Im Sommer werde ich in Rheinsberg wohnen. Es ge⸗ hört mir, der König hat es mir geſchenkt zu meiner Vermählung mit Ihnen, und mir ſcheint, ich habe es theuer genug erkauft, um es ganz allein für mich beanſpruchen zu können. Sie werden mir nicht nach Rheinsberg folgen, ſondern hier in Berlin zurückbleiben, oder, wenn es Ihnen beliebt, irgend eine Reiſe machen. Nehnien Sie dieſe Bedingun⸗ gen an, Madame? 6 Ich nehme ſie an, mein Herr, ſagte die Prinzeſſin ſtolz. Ich werde nicht das kleinſte Wort daran ändern und verwiſchen. Wir werden neben einander hergehen, wie ein paar Galeerenſclaven, die durch kein inneres Band, durch keinen Gedanken und kein Gefühl aneinander gebunden ſind, ſondern nur durch eine eiſerne, unzerreißbare Kette, welche ſie zwingt nebeneinander zu gehen. Es iſt eine harte Strafe, welche Sie da für mich erſonnen haben, mein Prinz, nur fürchte ich, daß nicht ich allein es ſein werde, welche darunter leidet, ſondern daß auch ein Theil derſelben Sie ſelber trifft. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich Niemand ſtrafen, ſondern daß ich mir nur Ruhe und Frieden ſchaffen will, und Beides wird mir durch Ihre Gegenwart in dieſem Palais nicht gefährdet werden, denn Sie, Madane, ſind ſehr gnädig gegen mich geweſen, Sie haben mir nicht blos die Liebe getödtet, ſondern ſogar die Erinnerungen an dieſelbe!— — 172— Und jetzt, Madame, da Sie meine Bedingungen angenommen haben und die Verhältniſſe geregelt ſind, unter denen wir nebeneinander herge⸗ heu wollen, jetzt haben wir uns nichts mehr zu ſagen, als ein Lebe⸗ wohl bis zum Tode! Leben Sie alſo wohl, Madame, und möge Ihr Daſein ein glückliches ſein! Leben Sie wohl, Prinz, flüſterte die Prinzeſſin mit leiſer, von Thrä⸗ nen faſt erſtickter Stimme, leben Sie wohl, und möge Gott Ihr Herz lenken, daß Sie mir eines Tages erbarmungsvoll verzeihen. Madame, ſagte der Prinz, ſich tief verneigend, jetzt haben Sie die Gnade Ihre Toilette ein wenig zu ordnen, und alsdann mit Ihrem Ge⸗ folge in den großen Empfangsſaal ſich zu begeben. Wir werden heute ein großes Galadiner geben, und mit dieſem Feſt Abſchied nehmen von unſerer Vergangenheit. Es wird heute das letzte Mal ſein, daß wir an derſelben Tafel ſpeiſen! Ich erwarte Sie alſo, Madame! Leben Sie wohl!*) 3 *) Der Prinz blieb ſeinem Vorſatz getreu. Er ſprach niemals wieder mit ſeiner Gemahlin, ſie ſchien wirklich für ihn geſtorben zu ſein. Im Sommer lebte er in Rheinsberg, wohin ſeine Gemahlin niemals kam, im Winter lebten ſie Beide in Ber⸗ lin in ihrem Palais(dem jetzigen Univerſitätsgebäude), aber niemals betrat der Prinz die von der Prinzeſſin bewohnte Hälfte des Palais, und ebenſo wenig kam die Peinzeſſin jemals nach der von dem Prinzen bewohnten Seite hinüber. Die eigenthümliche Bauart der Treppe erleichterte dieſe Trennung ſehr, und befreite den Prinzen wenigſtens von der Unannehmlichkeit, ſeiner Gemahlin jemals zu begegnen. In Bezug darauf ſagte der Graf von Lehndorf einmal zu dem Prin⸗ zen:„Monſeigneur, der König hat Ihnen wirklich ein bewunderungswürdiges Palais bauen laſſen, man kann ſein ganzes Leben darin zubringen, ohne jemals zu riskiren, daß man einem Frauenzimmer begegnet.“— Der Prinz liebte indeß ſolche Anſpielungen auf ſein trauriges Eheverhältniß nicht, und als einmal die Gräfin Kameke es wagte mit ihm davon zu reden, und einen Vermittelungsverſuch zwiſchen den beiden Gatten machen wollte, wies der Prinz ſie mit harten und ſtren⸗ gen Worten zurück.— Die Prinzeſſin ſchien für ihn ganz und gar nicht mehr zu exiſtiren. Selbſt in ſeinem Teſtamente gedachte er ihrer mit keinem Wort, und hinterließ ihr nicht das kleinſte Andenken, während der König ihr in ſeinem Te⸗ ſtament ſechstauſend Thaler vermachte, aber nicht außer dem irgend ein Andenken, wie er ſonſt für jeden ſeiner Angehörigen ein ſolches beſtimmt hatte. Prinzeſſin Wilhelmine führte überhaupt, ſeit ihrem Bruch mit dem Prinzen ein trauriges und vereinſamtes Leben. Sie kam ſelten mit den übrigen Mitgliedern der — 173— Er verneigte ſich noch einmal vor ihr, und wandte ſich dann der Thür zu. Die Prinzeſſin ſah ihm athemlos nach, und die Thränen, welche ſo lange in ihren Augen geſtanden, rannen jetzt langſam über ihre Wangen nieder. Auf einmal, wie der Prinz ſchon auf der Schwelle ſtand, rief ſie mit lautem, flehendem Ton: Heinrich! Oh, Heinrich! Aber der Prinz wandte ſich nicht nach ihr um. Er öffnete nur etwas haſtiger die Thür und trat hinaus.— Eine Viertelſtunde ſpäter war in dem großen Empfangsſaal eine glänzende Geſellſchaft verſammelt. Der Prinz empfing ſeine Gäſte ganz in der heiteren, liebenswürdigen Weiſe, wie er es ſonſt zu thun pflegte. Aber an der Prinzeſſin wollte die lauernde, immer beobachtende Hof⸗ geſellſchaft heute eine Veränderung bemerken. Die Prinzeſſin, fanden ſie, ſei heute einſylbiger, ſtiller als ſonſt, ihre Augen hatten nicht den gewohnten heiteren Glanz, ihre Wangen waren bleich, trotz der Schminke, welche ſie aufgelegt, ſelbſt ihre Stimme war verändert, klanglos und matt, und das Lächeln, welches ſie auf ihre Lippen bannte, war doch nur immer ein kaltes und gezwungenes.— Noch auffallender ſchien Allen die Veränderung, welche mit dem Grafen Kalkreuth vorgegangen. Er, welcher ſonſt immer von Heiterkeit und Witz überſprudelte, deſſen muntere Scherze ſonſt immer das Ergötzen des ganzen Hofes geweſen, er, welcher wie der Schatten des Prinzen immer an ſeiner Seite zu ſein pflegte, oder der Prinzeſſin als ihr aufmerkſamſter Cavalier folgte, er war heute ſprachlos und ſtill, er ſtand einſam und verlaſſen in einer Fenſterniſche da, und ſchaute mit traurigen Blicken hinüber zu dem Prin⸗ zen, welcher mehrmals ſchon lachend und plaudernd im Geſpräch mit Anderen an ihm vorübergegangen war, ohne ihn begrüßt oder nur ein einziges Mal angeſehen zu haben.— Und doch ſahen die Hofleute, wel⸗ chen des Grafen verändertes Weſen auffiel, nur die äußeren Spuren königlichen Familie zuſammen, und als die Königin von Schweden 1770 zum Be⸗ ſuch an den Hof ihres Bruders kam, war Prinzeſſin Wilhelmine die einzige, welche die Königin weder aufſuchte noch zu ſich einlud. Doch erreichte die Prin⸗ zeſſin ein ſehr hohes Alter und überlebte ihren Gemahl, welcher 1804 ſtarb, noch um einige Jahre.(Thiébault. Vol. II. p. 139— 144.) — 174— dieſer Pein, welche das Innere des Grafen durchwühlte, doch ahnten. ſie nichts von dieſem verzweiflungsvollen Schmerz, welcher ihn ſeit vier Tagen ruhelos umhertrieb! Seit vier Tagen, ſeit jenem letzten Begegnen im Garten zu Rheins⸗ berg, hatte der Graf den Prinzen nicht geſprochen. Vergeblich hatte er ihn ſchriftlich um eine Audienz gebeten, der Prinz hatte ihm ſein Schrei⸗ ben uneröffnet zurückgeſchickt. Vergeblich hatte er zu den verſchiedenſten Zeiten dieſer martervollen Tage ſich bei dem Prinzen melden laſſen, Prinz Heinrich hatte ihn niemals angenommen, ſondern ſich immer unter irgend einem Vorwand entſchuldigen laſſen. Uud doch fühlte es der Graf als eine unabweisbare Nothwendigkeit, mit dem Prinzen eine Erklärung zu haben, doch ſchrie ſein Herz darnach, wie ein Sterbender nach den letzten Tröſtungen ſeiner Religion ſchreit. Denn dieſe Freund⸗ ſchaft zu dem Prinzen, wie er ſie auch immer verläſtert und betrogen hatte, ſie war dennoch des Grafen innerſte und heiligſte Religion ge⸗ weſen, er hatte gegen ſie geſündigt im Leichtſinn und Uebermuth, aber er war jetzt zum Bewußtſein ſeiner Schuld gelangt und bereute ſie tief. Nicht ein Gedanke an die Prinzeſſin war mehr in ſeinem Herzen; auf den Prinzen war all' ſeine Sehnſucht, ſein Verlangen hingerichtet, Ihn mußte er ſprechen, Ihn mußte er verſöhnen. Ihn liebte er jetzt glühen⸗ der als je zuvor, und jetzt, wo der Prinz ſich vielleicht von ihm abge⸗ wendet hatte, fühlte er erſt, was er an ihm verlor!— Er hatte immer noch nicht die Hoffnung auf eine Unterredung mit dem Prinzen aufge⸗ geben, und nur um dieſe zu erlangen, war er bei dem Feſt erſchienen. — Aber, ſo oft er es auch verſucht, ſich dem Prinzen zu nahen, immer war dieſer ihm ausgewichen, immer hatte er einen der zunächſt Stehen⸗ den in das Geſpräch hineingezogen. Jetzt aber, in dieſem Moment, ſtand der Prinz allein dort drüben in jener Fenſterniſche, jetzt oder nie mußte es dem Grafen gelingen, ihn zu ſprechen. Mit haſtigen Schritten eilte er durch den Saal, und ehe noch Prinz Heinrich Zeit hatte, aus der Niſche hervorzutreten, ſtand Graf Kalkreuth vor ihm. 1 Mein Prinz, flüſterte der Graf leiſe, haben Sie Erbarmen! O, ich beſchwöre Sie, bewilligen Sie mir eine Viertelſtunde Gehör! —— — 175— Der Prinz heftete ſeine großen, durchdringenden Augen mit einem unausſprechlichen Ausdruck auf des Grafen bleiches, erregtes Angeſicht, — aber er ſprach kein Wort. Mit ſtolzer Ruhe ſchritt er vorwärts, vorüber an dem Grafen, um dann mit einem heitern Scherzwort den eben ſich ihm nähernden Prinzen Friedrich Wilhelm zu begrüßen. Und jetzt wurden die Thüren zu dem großen Speiſeſaal geöffnet und man begab ſich zu der reich beſetzten Tafel, an deren oberem Ende der Prinz neben ſeiner Gemahlin ſaß. Unfern von ihnen Beiden fand der Graf ſeinen Platz. Mehr als zwei Stunden hatte er die Marter auszuſtehen, dem Prinzen ſo nahe zu ſein und nicht ein einziges Mal das Wort an ſich gerichtet zu ſehen, mehr als zwei Stunden fühlte er ſich den neugierigen, beobachtenden, boshaft lächelnden Blicken der Hof⸗ leute ausgeſetzt, welche mit ſtiller Wonne dieſe ſtumme Scene zwiſchen dem Prinzen und ſeinem einſtigen Freunde, dieſe Demüthigung des ſtolzen Grafen wahrzunehmen ſchienen. Endlich ſollte dieſe Marter zu Ende gehen, endlich war man beim Deſſert angelangt, und man erwartete nur noch das Zeichen des prinz⸗ lichen Paares, um ſich von der Tafel zu erheben. Aber bevor der Prinz daſſelbe gab, nahm er ſein Glas, und indem er ſich erhob, ſagte er mit lauter Stimme: Jetzt habe ich meinen Gäſten noch eine angenehme Nach⸗ richt zu ſagen, denn da Sie Alle des Grafen Kalkreuth Freunde ſind, wird es Sie intereſſiren, eine für ihn freudige Nachricht zu vernehmen. Seine Majeſtät der König hat den Obriſtlieutenant Grafen Kalkreuth zum commandirenden General des Cavallerie⸗Regiments Prinz Friedrich, welches in Preußen ſteht, ernannt, und mir hat der König aus beſon⸗ derer Gunſt, und weil er meine innige und treue Freundſchaft für Sie kennt, mir hat der König erlaubt, Ihnen dieſe Ernennung zu verkündi⸗ gen; nur werden wir Sie durch dieſe Rangerhöhung verlieren, denn Sie ſollen heute noch zu Ihrem Armeecorps abgehen, und Se. Majeſtät be⸗ fiehlt, daß, ſobald wir hier die Tafel verlaſſen haben, Sie ſich zu ihm nach Sansſouci verfügen, um ſich von Sr. Majeſtät zu verabſchieden und dann ſogleich abzureiſen. Und jetzt, meine Herren, nehmen Sie Ihre Gläſer und laſſen Sie uns anſtoßen auf das Wohl des Herrn Generals von Kalkreuth! — 176— Alle Herren erhoben ſich und nahmen ihre Gläſer; nur Graf Kalk⸗ reuth ſelber fühlte nicht die Kraft dazu. Er ſaß ganz zuſammengeſun⸗ ken, das Haupt vornüber geneigt, da, als ſchäme er ſich, ſein bleiches, entſtelltes Antlitz zu zeigen. Das Klirren der Gläſer klang in ſeinen Ohren wie das Hohngelächter ſpottender Geiſter, und er hätte ſterben mögen, um ihm zu entgehen. Ihm gegenüber ſaß Prinzeſſin Wilhel⸗ mine; ſie hatte ihn bis jetzt nicht ein einziges Mal angeſehen, aber jetzt ſchaute ſie zu ihm hin, mit einem Blick voll unausſprechlichen Jammers, dann hob ſie raſch ihr Glas empor, aber es war nicht Wein, was ſie trank, ſondern es waren ihre eigenen Thränen, die niederfielen in das leere Glas. Der Prinz hob die Tafel auf und führte ſeine Gemahlin wieder in den großen Saal zurück. Er ſtand noch neben ihr, als Graf Kalkreuth ſich ihnen näherte. Ringsum ſtand die Hofgeſellſchaft und Aller Blicke waren mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf dieſe Gruppe gerichtet, welche in der Mitte des Saals ſtand. Graf Kalkreuth war noch immer bleich und faſt haltungslos, er näherte ſich mit ſchwankenden, unſicheren Schritten dem fürſtlichen Paar. Prinz Heinrich lachte laut auf, und ſich halb umwendend zu den übrigen Gäſten, rief er: ſehen Sie nur, welche ſeltſame Wirkungen die Freude auszuüben vermag. Sie hat unſern heitern Grafen ganz ver⸗ wandelt und er iſt plötzlich ernſt geworden, als wäre ſeine Ernennung nicht eine neue Würde, ſondern eine Degradation! Niemand hatte ein Wort der Erwiderung auf die Bemerkung des Prinzen, und inmitten der allgemeinen, tiefen Stille ſagte der Graf end⸗ lich: Ich komme, mich bei Ihren Königlichen Hoheiten zu verabſchieden und in das Exil zu gehen, in welches mich die Gnade Sr. Majeſtät verbannt hat. Denn, obwohl es eine Rangerhöhung iſt, mein Prinz, werden Sie mir wohl erlauben müſſen zu ſagen, daß ich ins Exil gehe, da ich in Königsberg Sie, mein Prinz, nicht mehr ſehen werde. Ich werde indeſſen Ihr Bild in meinem Herzen mit mir forttragen und dort wird es ewig leben! Wir wollen uns den Abſchied nicht ſchwer machen durch ſchöne Worte, ſagte Prinz Heinrich, das letzte Wort betonend. Küſſen Sie — 177— meiner Gemahlin zum Abſchied die Hand und dann Gott mit Ihnen! — Die Prinzeſſin reichte mit einigen leiſe gemurmelten Worten, die ſelbſt der Graf nicht verſtand, ihm ihre Hand dar, welche kalt und farb⸗ los war, wie die einer Leiche. Der Graf neigte ſein Haupt über die⸗ ſelbe hin und berührte ſie mit ſeinen Lippen, deren Eiſeskälte die Prin⸗ zeſſin durchſchauerte, als habe der Tod ſie geküßt. Das was ihr letztes Begegnen. Ein kaltes, ſchauerliches Lebewohl für das Leben! Jetzt wandte der Graf ſich zu dem Prinzen hin und dieſer reichte ihm lächelnd die Hand. Leben Sie wohl, Graf, ſagte er, und indem er ſich zu ihm neigte und ihn leicht umarmnte, flüſterte er in ſein Ohr: Sie haben mir einſt das Leben gerettet, Graf, jetzt ſind wir quitt, denn jetzt haben Sie mir mein Herz getödtet! Leben Sie wohl! Er ließ ihn aus ſeinen Armen, und Graf Kalkreuth, nicht mehr im Stande ſeine Thränen zu unterdrücken, ſchlug ſeine Hände vor ſein An⸗ geſicht und ſchwankte aus dem Saal.*) Einige Stunden ſpäter ſtand der Graf in Sansſouci im Vorſaal des Königs, bei welchem er ſich zu einer Audienz hatte melden laſſen. Er mußte lange warten, Niemand kam, ihn zum König zu führen, alle Thüren blieben geſchloſſen. Ringsumher war alles öde und ſtill. Draußen war es dunkel geworden, der ſcharfe Aprilwind ſchlug und klirrte gegen die Fenſterſcheiben und pfiff in dem dunkeln, ausgebrannten Kamin. Dem Grafen ward es ſchauerlich in dieſem öden, lautloſen Gemach, es war ihm, als ſchlichen Geiſter hinter ihm und flüſterten ihm bittere und trau⸗ *) Ueber das Verhältniß des Grafen Kalkreuth zur Prinzeſſin Wilhelmine findet man Notizen in:„Retzow, Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges.“ Ferner im„Leben des Prinzen Heinrich von Preußen.“ Am ausführlichſten berichtet darüber Thiébault, welcher den Grafen als einen ſehr ſchönen, geiſtvollen und liebenswürdigen Mann ſchildert, der bei den Frauen wie bei den Männern in hoher Gunſt ſtand und der mit äußerer Liebenswürdigkeit die höchſten Geiſtes⸗ gaben verband. Er hat ein ſehr hohes Alter erreicht; er ſtarb 1818 als Feld⸗ marſchall in ſeinem zweiundachtzigſten Lebensjahr, und iſt einer der wenigen Helden des ſiebenjährigen Krieges, welcher auch noch den Befreiungskrieg von 1814 mit erlebt hat. u Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw 2. Abth. III. 12 — 178— rige Vorwürfe ins Ohr. Er konnte es nicht mehr ertragen, er war ſchon im Begriff, den Saal zu verlaſſen, als eine Thür ſich öffnete und der Adjutant eintrat, um ihn in das Zimmieer des Königs zu führen. Der König war in ſeinem Wohnzimmer. Als Graf Kalkreuth zu ihm eintrat, legte er das Buch bei Seite, in welchem er eben geleſen, und ſtand auf. Mit ſtrengen Zügen und finſtern Blicken ſchritt er auf Graf Kalk⸗ reuth zu. Ich habe Sie auf den Wunſch meines Herrn Bruders zum General des dritten Armeecorps ernannt, ſagte der König laut und ſtreng. Sie werden ſogleich nach Königsberg abgehen. Sie kennen Ihre Pflichten! Gehen Sie und denken Sie daran, dieſelben zu erfüllen.*) Sire, ſagte der Graf leiſe, Sire— Kein Wort weiter, gehen Sie! Graf Kalkreuth hatte kaum ſo viel Kraft, eine letzte militairiſche Verbeugung zu machen, und verließ langſam, ſeine Wuth in ſich hinein⸗ würgend, den Saal. Der König ſchaute ihm ſinnend nach. Armer Heinrich, ſagte er leiſe, haſt Du auch den Judaskuß eines Freundes empfangen müſſen? Du fühlteſt Dich ſo glücklich, armer Bruder, warum mußte das Schickſal Dich aus Deinen ſüßen Illuſionen wecken. Es iſt immer noch Etwas, in ſeiner Einbildung glücklich zu ſein. Es giebt auf Erden, wie ich glaube, keine andere Art des Glückes. Und was liegt auch daran, ob es die Lüge oder die Wahrheit ſei, welche uns Befriedigung giebt, wenn nur unſer Leben angenehm dabei verfließt.**)— Ich bin ſo arm, daß *.) Des Königs eigene Worte.(Siehe Thisbanlt. Vol. II. p. 163.) Graf Kalkreuth mußte ſofort nach Königsberg abreiſen, und als kurze Zeit darauf Prinz Heinrich auf ſeiner Reiſe nach Petersburg durch Königsberg kam, mußte Graf Kalkreuth vor dem Prinzen die Truppen manoeuvriren laſſen. Der Prinz verweilte indeß nur einen Augenblick bei dem Manoeuvre, um nicht mit dem Grafen ſprechen zu müſſen, und dieſer erlitt dadurch die Demüthigung, daß er dem zurückbleibenden Adjutanten des Prinzen, Herrn von Kaphengſt, dem perſönlichen Feinde des Grafen, gewiſſermaßen die militairiſchen Ehren allein erzeigte.(Thiébault. Vol. II. p. 163). **) Des Königs eigene Worte.(Siehe Oeuvres. Vol. 19. p. 369.) — 179— ich nicht einmal mehr die Lüge des Glückes mein nennen kann! Und die Menſchen beneiden mich doch! Das heißt, ſie beneiden einen armen, entnüchterten, von allen Illuſionen geheilten, einſamen Mann, ſie benei⸗ den ihn, weil er eine Krone trägt! Was habe ich aber von meinem Daſein? Mein Leben iſt Arbeit und Plage, weiter nichts! Ich arbeite für mein Volk, welches es mir nicht dankt und einſt meinem Nachfolger, ſei er noch ſo klein und erbärmlich, zujauchzen wird, wie es mir jetzt zujauchzt. Denn die Liebe des Voltes zu ſeinem König iſt eine Liebe des Egoismus und der ganz nackten, erbärmlichen Berechnung. Wer hat mich denn jemals anders geliebt? Ich trug den Freunden ein volles Herz entgegen, ich vergaß bei ihnen, daß ich König war, ſie aber haben es nie vergeſſen, und Keiner von ihnen, Keiner von ihnen Allen hat in mir den Menſchen geliebt! Die thörichte, dumme Menge nennt mich einen Helden nnd ſpricht von Lorbeern, die meine Stirn krönen, aber von den Dornen, welche die Menſchen mir hineingeflochten, weiß man nichts! Ah, ich mag nichts mehr wiſſen von den Menſchen, es ſind niedere Sclavenſeelen, weiter nichts! Sie betrügen ſich untereinander und mich betrügen ſie Alle.*) Wie der König ſo ſprach, fühlte er leiſe ſeinen Fuß berührt. Ein wenig erſchreckend wandte er ſeinen Blick nieder. Es war ſein Windſpiel Diana, welche ſich zu ſeinen Füßen niedergelegt hatte und mit großen, glänzenden Augen zu ihm emporſchaute. Ueber des Königs Antlitz flog ein ſanftes Lächeln, und indem er ſich niederbeugte, das Thier, welches ihm freundlich entgegenwedelte, zu ſtreicheln, ſagte er: Du kommſt, mich daran zu erinnern, daß es doch noch Liebe und Treue auf Erden giebt, nur muß man nicht ein ſolcher Nanr ſein, ſie bei Menſchen zu ſuchen. Komm her, Diana, komm, meine kleine Geſellſchafterin. Ich that ſehr unrecht, mich einſam zu nennen, denn Du biſt da, und dann— habe ich nicht noch meine Flöte? Das iſt auch ſo eine liebe, verſchwiegene Freundin, der man Alles anvertrauen kann und die nichts verräth! Ihr Beide ſollt heut Abend meine Ge⸗ ſellſchafter ſein. *) Des Königs eigene Worte. 12* — 180— So ſprechend nahm der König die Flöte von ſeinem Tiſch und be⸗ gann, im Zimmer auf⸗ und abgehend, leiſe zu ſpielen. Diana folgte ſeinen Schritten und ſchien andächtig dieſen langen, klagenden Tönen zu lauſchen, welche der König ſeiner Flöte entlockte. Gar wunderſam und traurig klang dieſe Muſik des einſamen Königs, gleich heimlichem Seufzen und Schluchzen, und wie der Wind jetzt pfei⸗ fend gegen die Fenſter fuhr, ſchien es, als wolle auch er ſeine klagende Stimme in das Klagelied des großen Friedrich miſchen! Ende. Druck von Jacoby& Steinthal in Berlin. ₰ „ 1 rrunnur 17 3 8 4 H 8⁸ 3