—— Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und frauzöſiſcher Literatur von 5, Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ucpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— un Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 5„—„ 5„—„ u.— ⸗ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Tereſiani und Pruſſiani. Vor dem großen und prächtigen Hôtel„zum weißen Löwen“ am Canale grande zu Venedig legte ſoeben eine Gondel an. Der Portier ließ die große Hausglocke ertönen, und ſofort eilte der Wirth ſelber herbei den Fremden zu begrüßen, der rüſtig aus der Gondel auf die kleine Treppe von weißem Marmor geſtiegen war, die in das ſchöne und pracht⸗ volle Veſtibule des Hötels führte. Der Fremde erwiederte die tiefen und ehrfurchtsvollen Verbeugungen des Wirthes mit einem ſteifen und militairiſchen Kopfnicken, und fragte in etwas gezwungenem und fremdartig klingendem Italieniſch, ob er noch einige Zimmer erhalten könne. Signor Montardo ſah den Frager mit etwas zweifelndem und un⸗ gewiſſem Blick an, und ſtatt ihm ſeine Frage zu beantworten, fragte er: Signor ſind, wie es ſcheint, ein Ausländer? Ja, erwiederte der Fremde lächelnd, mein Italieniſch hat es Ihnen verrathen. Ich bin ein Ausländer. Aber ich hoffe, daß das nicht ver⸗ hindert, mir einige Zimmer anzuweiſen, in denen es ſich bequem und angenehm leben läßt? Oh, gewiß nicht, Signor, und wir haben die ſchönſten und die prachtvollſten Zimmer zu Euer Gnaden Befehl, ſagte der Wirth mit dem einſchmeichelndſten Lächeln, während er ſich indeſſen nicht von der Stelle bewegte, ſondern bald den Fremden, bald ſeine großen Koffer, 1* welche die Gondolieri ſoeben aus der Gondel hoben, mit verlegenen und ängſtlichen Blicken betrachtete. Nun denn, ſo geben Sie mir endlich Zimmer! rief der Fremde ungeduldig, indem er weiter in die Halle vorſchritt. Der Wirth ſeufzte tief auf, und warf einen ſchmerzlich fragenden Blick auf ſeinen Oberkellner, den dieſer mit einem Achſelzucken erwiederte. Ich werde ihn zuerſt in den Speiſeſaal führen, flüſterte der Wirth, und dann eilte er dem Fremden nach, der eben unwillig ſich umgewandt hatte und mit faſt zornigen Blicken nach dem Wirth hinſchaute. Belieben Sie hier einzutreten, Eccellenza, ſagte der Wirth, indem er mit unterwürfiger Demuth die große Flügelthür, vor welcher ſie ge⸗ ſtanden, aufſtieß und den Fremden in den großen und prachtvollen Saal führte, der zugleich als Speiſeſaal und Ballſaal diente. Und nun, Eccellenza, fuhr der Wirth fort, indem er die Thür hinter ſich zudrückte, und mit einem raſchen Blick ſich überzeugte, daß er mit dem Fremden allein war, nun verzeihen Sie meiner Neugierde, wenn ich, bevor ich die Ehre habe, Ihnen Zimmer anzuweiſen, mir zwei Fragen erlaube. Gedenken Eccellenza länger hier zu verweilen? Einige Tage, mein Herr! Nun, Ihre zweite Frage? Der Wirth zögerte ein wenig, dann fragte er mit niedergeſchlagenen Augen: ECccellenza ſind ein Deutſcher? Ja, ein Deutſcher, ſagte der Fremde ungeduldig. Dachte ich mir's doch, ſeufzte der Wirth. Wollen Sie mir jetzt Zimmer anweiſen oder nicht? rief der Fremde. Entſcheiden Sie ſich raſch, denn es giebt, ſo viel ich weiß, noch einige andere ſtattliche Hôtels am Canale grande, und ich denke überall willige Aufnahme zu finden. Der Wirth verneigte ſich mit einer traurigen Geberde. Signor, ſagte er, ich werde Ihnen Zimmer anweiſen! Haben Sie die Gnade zu folgen! Er durchmaß, wie Jemand, der einen verzweifelten Entſchluß ge⸗ faßt hat, den Saal, und ſtieß die andere Thür auf, die auf einen langen Corridor führte, an deſſen Seiten ſich numerirte Thüren befanden. Der Wirth ſchritt indeß an allen dieſen Thüren haſtig vorüber und trat in — Begleitung des Fremden in einen kleinen finſteren Seiten⸗Corridor, der wenig von der Eleganz des übrigen Gebäudes an ſich trug. Die Wände waren hier nicht, wie in dem großen Corridor, mit ſeidenen Tapeten behangen, ſondern zeigten eine ſchmutzige Kalkübertünchung. Den Fußboden bedeckte kein Teppich, und die Thüren, welche von hier aus in die Zimmer führten, waren klein und niedrig. Der Wirth ſtieß indeß eine dieſer Thüren auf, und führte den Fremden in ein kleines, einfach möblirtes Zimmer, neben dem ein kleines, düſteres Schlafcabinet ſich befand. Signor, ſagte er mit einer Verbeugung, dies ſind leider die beiden einzigen Zimmer, die ich Euer Gnaden noch anzubieten vermag. Sie ſind klein und ſchlecht, rief der Reiſende verdrießlich. Aber ſie liegen ſtill und abgeſondert, ſagte Signor Montardo raſch, und Sie haben den Vortheil, heute Abend durchaus nicht von dem Ball⸗ feſt geſtört zu werden, das der Clubb der Pruſſiani heute in meinem großen Saal veranſtaltet hat. Er warf bei dieſen letzten Worten einen raſchen und forſchenden Blick auf das Antlitz des Fremden, um zu ſehen, welchen Eindruck dieſe Worte auf denſelben hervorbringen würden. Dieſer machte allerdings ein ſehr erſtauntes und faſt verlegenes Geſicht. Der Clubb der Pruſſiani? fragte er. Giebt es hier denn ſo viele Preußen? Und feiern dieſe hier fröhliche Feſte, während ſie, wie ich meine, doch allen Grund hätten, um das Unglück ihres Königs zu trauern? Jetzt war es der Fremde, welcher den Wirth mit forſchenden Blicken betrachtete, und begierig ſeiner Antwort entgegen ſah. Sie fragen, Signor, ob es hier viele Preußen giebt? rief der Wirth pathetiſch. Ja, Signor, ſehr viele Preußen giebt es in der bella Venezia, denn, Eccellenza,„chi non é buon Prussiano, non é buon Ve- neziano.“ Sie meinen ferner, die Preußen hätten keinen Grund fröhliche Feſte zu feiern, ſondern ſollten um das Unglück ihres Königs trauern? Nein, Eccellenza, die Pruſſiani haben niemals Grund, verzagt zu ſein, denn ein Held wie der große Federigo kann niemals erliegen! Die Sonne ſeines Glückes hat ſich einen Moment bewölkt, das iſt Alles, aber ſie wird wieder ſiegreich und ſtrahlend aus den Wolken hervor⸗ brechen, und wird alle ſeine Feinde erblinden machen! Deshalb gerade i*ſt es, daß die Pruſſiani heute ein Feſt geben, um den Tereſiani zu trotzen. Dieſe haben dort drüben im Hôtel zum goldenen Vließ ihren Clubb, und dort haben ſie geſtern ein großes Ballfeſt gegeben, zu Ehren des Sieges, den die Oeſterreicher leider bei Maxen*) über den Heldenkönig erfochten haben. Es iſt freilich wahr, der König hat jetzt zwei Schlachten, bei Kunersdorf und bei Maxen, verloren, aber das iſt immer noch kein Grund für die Pruſſiani verzagt zu ſein, denn hat der König zwei Schlachten verloren, ſo wird er dafür vier Schlachten gewinnen, und die Oeſterreicher, Ruſſen und Franzoſen werden vor ihm laufen, wie ſie bei Leuthen, bei Zorndorf und Roßbach gelaufen ſind. Deshalb, wie geſagt, wollen die Pruſſiani heute ein Feſt geben; ſie wollen den Tereſiani beweiſen, daß das anſcheinende Unglück des Königs ſie gar nicht beunruhigt, ſondern daß ſie ſchon jetzt die Siege feiern, die der große König nächſtens erkämpfen wird. Des Fremden Antlitz ſtrahlte vor Vergnügen, und er war ſchon im Begriff eine zuſtimmende Antwort zu geben, aber er hielt ſie zurück. Das iſt in der That eine gute Zuverſicht, welche die Pruſſiani haben, ſagte er mit erzwungener Ruhe. Aber Sie haben mir immer noch nicht geſagt, woher es kommt, daß ſich hier ſo viele Preußen aufhalten? Der Wirth lachte. Mein Herr, ſagte er, beſchäftigen Sie ſich nie⸗ mals mit Politik? Nein, Signor, erwiderte der Reiſende zögernd. Nun, ſonſt würden Sie wiſſen, daß es jetzt in der Welt viele Preu⸗ ßen giebt, und daß die ganze Welt Partei nimmt für dieſen Krieg, in welchem ein einzelner Held gegen ſo viele mächtige und verbündete Feinde kämpft. Ja, ja, es giebt jetzt im ganzen Europa Pruſſiani, und überall jauchzt man dem großen Federigo freudig entgegen. Nirgends aber *) Den 21. November 1759. Bei dieſer Niederlage erlitten die Preußen dieſelbe Schmach, welche ſie einſt bei Pirna der ſächſiſchen Armee angethan. Zwölftauſend Preußen mit neun Generalen mußten die Waffen ſtrecken, und ſich von den Oeſterreichern zu Kriegsgefangenen machen laſſen. mehr, als in unſerem ſchönen Italien, und nirgends in Italien mehr als in unſerer ſchönen Venezia. Hier nimmt der Nobile wie der Gondoliere für oder wider Partei, und Venedig iſt in zwei große Feld⸗ lager getheilt, in die Pruſſiani und die Tereſiani. Die Erſten ſchwärmen für den König von Preußen, die Letzten halten es mit der öſterrei⸗ chiſchen Kaiſerin Maria Thereſia. Aber ich verſichere Sie, es ſind elende, erbärmliche Geſellen, erkaufte Enthuſiaſten und feige Narren, dieſe The⸗ reſiani, weiter nichts! Demzufolge alſo gehören Sie nicht zu ihnen, Signor? fragte der Fremde lächelnd, ſondern Sie ſind ein guter Pruſſiano? Das will ich meinen, rief der Wirth ſtolz. Ich bin ein guter Pa⸗ triot, und ich ſagte Ihnen ſchon zuvor unſer Loſungswort: chi non ε buon Prussiano, non è buon Veneziano! Nun, wenn es ſo iſt, rief der Fremde heiter, indem er dem Wirth freundlich die Hand darreichte, dann wünſche ich mir Glück, bei Ihnen abgeſtiegen zu ſein, und dieſe kleinen erbärmlichen Zimmer ſollen mich nicht hindern, bei Ihnen zu bleiben! Auch ich bin ein buon Prussiano, und gleich Ihnen ſage ich: was kümmern uns die Schlachten von Ku⸗ nersdorf und von Maxen, Friedrich der Große wird doch über alle ſeine Feinde triumphiren! Ah, Signor, Sie ſind ein Prussiano, rief der Wirth mit einem echt italieniſchen Ausbruch der Freude. Dann ſeien Sie von Herzen willkommen in meinem Hötel, und ſeien Sie gewiß, daß ich Alles thun werde, Ihre Zufriedenheit zu verdienen. Kommen Sie, mein Herr, für einen Anhänger des großen Friedrich ſind dieſe Zimmer viel zu klein und armſelig. Ich werde die Ehre haben, Ihnen im erſten Stock zwei ſehr ſchöne Salons mit der Ausſicht auf den Canale grande zu öffnen, und Sie werden nicht mehr dafür zahlen, als für dieſe Kammern hier. Kommen Sie, mein Herr, und verzeihen Sie mir nur, daß ich Sie nicht gleich würdig bediente, aber ich wußte ja nicht, daß Sie ein Pruſſiano ſind, und es wäre für mich ſehr gefährlich und ſehr unpolitiſch geweſen, einen Fremden, der ja vielleicht ein Tereſiano ſein konnte, in meinem Hôtel aufzunehmen. Das wäre im Stande geweſen, mir die ganze — 8— Kundſchaft der Pruſſiani zu entziehen! Haben Sie die Güte, mir zu folgen. Er ſchritt in ſeiner lebhaften, geſticulirenden Weiſe voran und führte den Fremden wieder über die Corridore durch den großen Saal in die Vorhalle. Dort ſtand der Oberkellner ſammt den Garcons in lebhaf⸗ tem Geſpräch mit den Gondolieren, welche die Koffer des Reiſenden in der Halle niedergeſetzt hatten und fluchend und ſchreiend ihre Bezahlung verlangten, während der Oberkellner ihnen verſicherte, es ſei noch nicht ausgemacht, ob der Fremde hier bleibe und ob ſie nicht vielleicht ſeine Koffer noch weiter transportiren müßten. Der Wirth nickte dem Oberkellner indeß lächelnd zu, und auf den Fremden deutend, ſagte er ſtolz: Eccellenza iſt nicht bloß ein Deutſcher, ſondern ein Pruſſiano. Und ſofort erhellten ſich die düſteren Angeſichter der Kellner und der Gondolieri, und mit wohlwollendem Lächeln blickten ſie Alle auf den Reiſenden hin, der indeſſen an der Seite des Wirthes die breite pracht⸗ volle Treppe hinaufſchritt. Er iſt ein Preuße! riefen die Gargons. Evviva il Re di Prussia! brüllten die Gondolieri, indem ſie den Koffer auf die Schultern luden und ſie leicht und behende die Treppe hinauftrugen. Die Salons, in welche der Wirth jetzt ſeinen Gaſt führte, waren allerdings ſehr verſchieden von den kleinen unſaubern Kammern, welche er ihm zuvor angewieſen. Hier herrſchte die größte Eleganz, und mit einem ſtolzen Gefühl der Freude führte der Wirth den Fremden hinaus auf den großen Balcon, von welchem man eine wundervolle Ausſicht über das impoſante herrliche Baſſin des Canale grande mit ſeinen ſtolzen Kirchen und Paläſten genoß. Und jetzt, Signor, ſagte der Wirth dann unterwürfig, jetzt gebieten Sie über mich. Kann ich Ihnen in irgend einer Weiſe nützlich ſein, ſo geſchieht es mit Freude! Jede Auskunft, die Sie verlangen, bin ich bereit, Ihnen zu geben! Vielleicht haben Eure Eccellenza hier Geſchäfte und ich kann Ihnen behülflich ſein. Allerdings habe ich hier Geſchäfte, ſagte der Reiſende, aber ſie ſind nicht bedeutender Art. Ich habe nur einen Empfehlungsbrief zu beſor⸗ gen, und zwar an den Prior des Kloſters von San Giovanni e Paolo. Ah, ah, er iſt ein echter Pruſſiano, rief der Wirth ſich vergnügt die Hände reibend, und es iſt ein Jammer, daß ihm die Ordensregel verbietet, an einem Ballfeſt Theil zu nehmen, ſonſt würde er gewiß bei unſerem heutigen Feſt erſcheinen. Wenn Euer Gnaden an den Herrn Prior von San Giovanni gewieſen ſind, ſo haben Sie ohne Zweifel eine politiſche Miſſion, und ich bin doppelt ſtolz, Sie meinen Gaſt zu nennen. Nicht doch, ſagte der Fremde raſch, ich habe keine politiſche Miſſion und mein Empfehlungsbrief an den Herrn Prior iſt ganz unverfängli⸗ cher Natur. Ich bin ein Kaufmann, und da ich durch Zufall im Beſitz mehrerer koſtbarer Reliquien bin, ſo hoffe ich, daß der würdige Herr Prior mir dieſelben vielleicht für ſein Kloſter abkauft. Ach, Reliquien, ſagte der Wirth mit verächtlichem Achſelzucken. Wiſſen Sie, mein Herr, man iſt jetzt nicht ſehr enthuſiaſtiſch für der⸗ gleichen Dinge! Die Politik läßt uns keine Zeit übrig fromm zu ſein, und ſelbſt der Papſt hat keinen Einfluß mehr über die Gemüther. Selbſt die Römer ſind buoni Prussiani, und fragen nichts darnach, daß der große Friedrich ein Ketzer iſt. Der Papſt ſegnet die Waffen ſeiner Feinde, und⸗ feiert ihre Siege mit prunkreichen Meſſen und koſtbaren Weihge⸗ ſchenken. Aber der Römer kehrt ſich nicht daran, ſondern betet für den Heldenkönig, den großen Friedrich, und wünſcht ſeinen Waffen Glück und Segen, dem Papſt zum Trotz.*) Ach, ſagte der Reiſende mit anſcheinender Traurigkeit, dann werde ich freilich ſchlechte Geſchäfte machen mit meinen Reliquien, aber hoffent⸗ lich deſto beſſere hier in der Stadt mit meinen Fächern, und dabei, mein Herr bedarf ich Ihres Rathes. Sie haben vielleicht die Güte, mir einige große Handelshäuſer zu nennen, die mir einige meiner ſchönen Fächer abkaufen könnten. Aber es müſſen gute Pruſſiani ſein, wie Sie gleich ſehen werden. Er trat zu einem der Koffer hin, ſchloß ihn auf und nahm aus demſelben ein Etui, in welchem mehrere Fächer ſich befanden. *) v. Archenholz: Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 241. — 10— Sehen Sie da, mein Herr, ſagte er, dieſe Fächer ſah ich in Genf, und da ich mir dachte, daß man vielleicht in Italien ein gutes Geſchäft damit machen könnte, kaufte ich einige Dutzend davon. Sehen Sie nur dieſe ſchöne und ſinnige Malerei! Er ſchlug den Fächer auseinander. Auf demſelben befand ſich auf weißem Atlas, ziemlich kunſtvoll gemalt, ein großer preußiſcher Adler, im Begriff eine weiße Lilie zu verzehren. Der Wirth klatſchte entzückt in die Hände. Delicioso! rief er lachend. Der preußiſche Adler, welcher die franzöſiſche Lilie verſpeiſt! Das iſt eine köſtliche Prophezeihung, eine wundervolle Satyre. Und dieſe Fächer haben Sie in Genf gekauft? Man iſt alſo in Genf auch Pruſſiano? Es giebt in Genf keine Dame, welche nicht einen ſolchen Fächer trüge, ſagte der Reiſende, und in Berlin kann man nicht preußiſcher ſein, als man es in Genf iſt.*) Das freut mich, das freut mich wahrhaft, rief der Italiener enthu⸗ ſiaſtiſch. Es wird noch dahin kommen, daß alle Völker Europa's zu Pruſſiani werden und nur die Fürſten Tereſiani ſind. Aber nichts deſtoweniger werden dieſe Völker doch ihren Fürſten gehorchen, ſagte der Fremde mit einem lauernden Blick, und wenn dieſe es befehlen, werden ſie gegen den großen König zu Felde ziehen. Nicht wir, nicht die Italiener, rief der Wirth heftig. Unſer Doge wird es nicht wagen, für die Tereſiani Partei zu nehmen, oder gar ſich mit ihnen zu verbünden, denn er weiß ſehr wohl, daß das hier in Ve⸗ nedig eine Revolution geben würde, bei der ſein eigener Thron vielleicht gefährdet würde. Nein, nein, Signor, unſere erhabene Regierung iſt *) Voltaire, der damals heimlich gegen Friedrich agitirte, während er zu⸗ gleich doch in lebhaftem Briefwechſel mit dem König ſtand, ſchrieb bald nach der Schlacht von Maxen an den Kardinal Grafen von Bernis:„Je ne suis pas comme les trois quarts des Allemands: j'ai vu partout des éventails où l'on a peint l'aigle de Prusse, mangeant une fleur de lis. Mes nièces m'auront pas assurément de tels éventails. On est Prussien à Géenève comme ailleurs, et plus qu'ailleurs.“(Oeuvres complètes de Mr. de Vol- taire. Vol. 85 p. 370). 5 ₰ — — — 11— zu klug, um nicht öffentlich eine neutrale Stellung zu behaupten, während ſie in'sgeheim ſo gut preußſich geſinnt iſt, wie wir Alle. Aber die Lombarden und Sardinier? fragte der Fremde erwar⸗ tungsvoll. Auch die ſind gut preußiſch geſinnt, und wenn auch der König von Sardinien, wie man ſagt, ein Tereſiano iſt, ſo iſt ſein Volk preußiſch wie wir Alle. Und die Neapolitaner? Nun, die Neapolitaner, rief der Wirth lachend, die Neapolitaner ſind, wie Sie wiſſen, eben nicht bekannt wegen ihrer Tapferkeit, und wenn ſie alſo den großen Friedrich nicht lieben, ſo fürchten ſie ihn wenigſtens. Die Neapolitaner ſind die Kinder Italiens, ſie wiſſen nichts weiter, als daß Neapel eine ſchöne Stadt iſt, und zittern immer, daß irgend ein Barbar kommen, und ſie verſchlingen könnte. In ihrer Angſt vergeſſen ſie ganz, daß Niemand an ſie denkt, und daß ganz Italien und die Alpen ſie von den kriegführenden Völkern trennen. Der König von Neapel hielt es für möglich, daß der König von Preußen eines Tages mit ſeinem ſiegreichen Heer den Veſuv erſteigen, und Neapel in Beſitz nehmen könnte. Seit den letzten Siegen des Königs hat König Ferdinand von Neapel daher die Zahl ſeiner Truppen vermehrt, und die Wachen in der Haupt⸗ ſtadt verdoppelt.*) Der Wirth lachte bei dieſer Erzählung ſo herzlich, daß der Fremde unwillkürlich in ſein Lachen mit einſtimmen mußte. Nun, der König von Neapel iſt freilich auch nur ein Knabe von neun Jahren, ſagte er dann. Aber er hat Miniſter, die älter ſind als er, und wohl ein wenig mehr von der Geographie wiſſen ſollten, Signor. Aber, Corpo di bacco, ich ſchwatze und ſchwatze hier von Politik und vergeſſe ganz, daß Eccellenza ohne Zweifel hungrig ſind und nach einer ſtärkenden Mahlzeit verlangen werden. Es iſt wahr, mich hungert ein wenig, ſagte der Fremde lächelnd. Und in einer Viertelſtunde ſoll das glänzendſte Diner, das der welt⸗ *) v. Archenholtz. Geſch. des ſiebenj. Krieges. Th. I. S. 20. — 12— berühmte weiße Löwe nur herzuſtellen vermag, für Euer Gnaden bereit ſein! rief der Wirth, indem er ſich haſtig zur Thür hinauswirbelte. Der Fremde blickte ihm gedankenvoll nach. Es ſcheint, flüſterte er, daß der Zufall mich ſehr glücklich geführt hat, denn dieſer gute kanne⸗ gießernde Wirth ſcheint wirklich ein echter Pruſſiano zu ſein, und ich habe in einer Viertelſtunde mehr von ihm erfahren, als ich auf einer langen Reiſe durch ganz Italien vielleicht von der Geſinnung der Ita⸗ liener erlauſcht haben könnte; das iſt mir ſehr nützlich und kommt mir außerordentlich gelegen. Ich werde nun mit mehr Nachdruck und Energie auftreten und handeln können. Vor allen Dingen darf ich aber meine Rolle nicht vergeſſen! Ich bin ein Kaufmann, handle mit Fächern, Reliquien, Raritäten und Curioſitäten, und bin ſehr begierig, meine Waare an den Mann zu bringen! Und während der Fremde ſo ſprach, lachte er laut auf und ging mit haſtigen Schritten auf und ab. Dann nach einer langen Pauſe blieb er wieder ſtehen und blickte gedankenvoll zur Erde nieder. Und iſt es denn nicht die Wahrheit? ſagte er ernſt. Bin ich nicht in der That ein Kaufmann, welcher umherreiſt, Geſchäfte zu machen und be⸗ gierig iſt ſeine Waaren los zu werden? Nur daß ich ſtatt mit Seide und Bändern mit Purpur, mit Kronen und Ländern handle, nur daß die Firma, für die ich reiſe, nicht blos bei dem Kaufmannsſtand, ſondern in der ganzen Welt einen guten Klang hat. Ja, ja, meine Firma für die ich reiſe, heißt Hohenzollern, und ſie wird länger dauern und einen glänzenderen Credit ſich bewahren, als alle Firmen der Fuggers und der Hanſa überhaupt. Das heißt, fuhr er feierlich fort, das heißt, wenn das Schickſal uns den großen Handelsherrn, für den ich jetzt reiſe und für deſſen Firma ich Länder und Kronen ausbieten ſoll, noch lange erhält und ihn ſiegen läßt über alle ſeine Feinde. Ja, wahrlich, die Firma Hohenzollern iſt ruhmvoll und herrlich, aber der König Fried⸗ rich hat ſie dazu gemacht, und wenn ſie es bleiben ſoll, müſſen ſeine Nachkommen ihm gleichen! Das Eintreten der Kellner, welche kamen den Tiſch zu ſerviren, unterbrach ihn in ſeinem Selbſtgeſpräch, und bald luden die dampfenden Schüſſeln und Speiſen den Reiſenden zu erquicklichem Genuſſe ein. II. Friedrich der Große als Heiliger. Und jetzt zu den Geſchäften! ſagte der Reiſende lächelnd, nachdem er mit ſeinem Diner zu Ende war. Es iſt die höchſte Zeit meinen Weg anzutreten, damit ich wo möglich noch heute weiterreiſen kann. Er eilte zu ſeinem Koffer und nahm daraus verſchiedene Pakete und Rollen hervor, die er theils in die Taſchen ſeines Rockes verſenkte, theils wie ein echter Handelsmann unter den Arm nahm. Dann ſetzte er ſeinen breitgekrempten, ſchwarzen Filzhut auf und ſchickte ſich an zu gehen. Aber wie er vor dem großen Spiegel vorüberkam, blieb er ſtehen, und betrachtete ſich ſelber mit einem lauten und fröhlichen Lachen. Wahrhaftig, ſagte er, ich habe durchaus das Anſehen eines echten Spießbürgers und Krämers, und wer mich für etwas Anderes hält, als für einen ehrbaren Handelsmann, der muß eine noch politiſchere Naſe haben, wie mein Herr Wirth, Signor Montardo, der Pruſſiano! Er drehte ſich lachend auf dem Abſatz herum und verließ das Zimmer, um hinunter zu gehen und den Wirth um einige kaufmänniſche Adreſſen und einen Wegweiſer zu bitten. Signor Montardo ließ es ſich indeſſen nicht nehmen, ſeinen Gaſt ſelber zu geleiten und ihm perſönlich bei ſeinen Geſchäftswegen hülfreich zu ſein. Es könnte ſonſt leicht irgend ein Kaufmann Sie anreden und zu ſich rufen, ſagte er, der nicht von unſerer Partei iſt, und wenn Sie dem Ihre Fächer zeigen wollten, ſo würde das einen raſenden Scandal geben, denn die Tereſiani ſind eben ſo hitzig, wie wir, und es ſind hier ſchon manche Schlägereien und Kämpfe unter den Tereſiani und Pruſſiani vorgefallen. Kommen Sie alſo, mein Herr, ich geleite Sie! Wir wollen nicht durch die Kanäle fahren, ſondern durch die kleinen Calli gehen, die uns ſchnell zur Riva di Schiavoni und auf den Rialto führen, denn das iſt unſer Ziel. — 14— Führt uns das weit ab von dem Kloſter San Giovanni und Paolo? fragte der Fremde indem ſie an der Hinterſeite des Hötels hinaustraten in dieſe engen, kleinen, dunklen Gaſſen, die in Venedig hinter den Häu⸗ ſern hinlaufen und eine ziemlich beſchwerliche Paſſage für Fußgänger bilden. Ah, Sie bleiben alſo immer noch dabei, dem Herrn Prior Ihre Reliquien anbieten zu wollen? fragte der Wirth lachend. Ich bleibe dabei, und hoffe, daß er ſie kauft. Nun, Ich wünſche Ihnen Glück. Jedenfalls haben Sie vom Rialto nicht weit dahin. Ich geleite Sie bis in die Nähe des Kloſters, aber nicht weiter! Und warum nicht? Weil der Bruder Pförtner ein wüthender Tereſiano iſt, nnd Ihnen ohne Zweifel die Thür vor der Naſe zuſchlagen würde, wenn er Sie an meiner Seite erblickte. Aber ſagten Sie mir nicht, der Herr Prior ſei ein Pruſſiano? Ja, der Prior wohl, aber der Pförtner nicht, uud leider muß ich ſagen, auch viele Mönche nicht. Alſo ſelbſt die Herren Kloſterbrüder beſchäftigen ſich mit Politik? Signor, rief der Wirth pathetiſch, Jedermann beſchäftigt ſich hier mit Politik, und wenn ich Ihnen ſage, daß ſelbſt unſere kleinen Kinder ſich ſchon in Tereſiani und Pruſſiani theilen, ſo werden Sie wohl be⸗ greifen, daß hier Jedermann politiſch iſt. Geſtern haben wir in der Riva Peschiera eine kleine Revolte gehabt, ſie kam daher, daß eine der Fiſchfrauen ſich weigerte, meinem Koch eine wundervolle Lachsforelle zu verkaufen, weil ſie behauptete, der liebe Gott habe die Fiſche nicht für diejenigen geſchaffen, welche Pruſſiani, das heißt, Ketzer und Ungläubige wären. Mein Koch beſtand darauf, den Fiſch zu haben, und da un⸗ glücklicher Weiſe ſich unter den Fiſchhändlerinnen auch viele Pruſſiani befanden, ſo kam es bald zu einem heftigen Zank und Gefecht, bei welchem ſtatt der Kanonenkugeln faule Fiſche gegen die Köpfe flogen, und der damit endigte, daß die Sbirren die Hauptkämpfer in's Gefängniß führten. Sie traten eben um eine Ecke der kleinen Gaſſe, in welcher ſie bis — dahin gegangen waren, in die große und prächtige Riva di Schiavoni ein, und der geſchwätzige Signor Montardo wollte eben in ſeinen luſtigen Erzählungen fortfahren, als ein lautes Schreien, Rufen, Lachen und Schelten ihn unterbrach und ein mit jeder Minute ſich vergrößerndes Gewühl von Menſchen ihnen den Weg abſchnitt. Nun zum Glück ſind wir hier am Ziel unſeres Weges, ſagte Signor Montardo, denn das iſt das Haus meines würdigen Freundes, des Galanteriewaarenhändlers Ciceruachi, zu dem ich Sie führen wollte. Drängen wir uns ein wenig vorwärts, zu ſehen, was es giebt, denn mir ſcheint, mein Freund Ciceruachi hat wieder dem guten Volk von Ve⸗ nedig eine Ueberraſchung bereitet. Er ſchob ſich mit ſeinen breiten Schultern energiſch in dieſer be⸗ weglichen Menſchenmaſſe vorwärts, und führte den Fremden durch die ſo machtvoll gebildete Gaſſe bis in die erſten Reihen der den Laden umdrängenden Menſchen vor. Auf einmal ſtieß der Fremde einen leiſen Schrei aus und deutete nach dem Eingang des Ladens hin. Sehen Sie da, ſagte er, das iſt das ſprechend ähnliche Portrait des großen Friedrich. Wirklich, dort an der Eingangsthür des Ladens dieſer ſchöne, in einen prachtvollen Goldrahmen eingefaßte Kupferſtich, das war das Bild des preußiſchen Heldenkönigs, das Bildniß Friedrich des Großen, und unter demſelben war eine brennende Lampe angebracht, deren flak⸗ kerndes Licht das ſchöne, edle Antlitz Friedrichs mit roſigem Schimmer gleichſam belebte. Ah, nun begreife ich, flüſterte der Wirth. Ciceruachi legt es darauf an, die Tereſiani wüthend zu machen. Sehen Sie doch nur, er hat, um ſeine grenzenloſe Ehrfurcht vor dem König zu bezeigen, eine ewige Lampe vor ſeinem Bilde aufgehängt, eine Ehrfurcht, wie man ſie bei uns nur Heiligen vom erſtem Range erzeigt.*) Hören wir ein wenig, was die Leute dazu ſagen. Eben war ein Bruder Karthäuſer, angelockt von dem Menſchengewühl, in die vordere Reihe getreten und begann jetzt mit heftigen Geſticula⸗ *) v. Archenholtz. Th. I. S. 214. tionen und wüthender Geberde eine eifernde Rede gegen dieſe Verhöh⸗ nung der heiligen Kirche. Wie könnt Ihr es dulden, daß man Euch dieſen Ketzer als einen Heiligen darſtellt, ſchrie er wüthend. Wißt Ihr denn nicht, daß der Papſt den ketzeriſchen König von Preußen in den Bann gethan hat? Wißt Ihr denn nicht, daß er der Feind iſt Gottes, der Kirche und der frommen katholiſchen Chriſtenheit? Fort alſo mit dieſer Lampe, das Feuer der Hölle wird den Ketzer verzehren, aber keine ewige Lampe des Heils darf ſeine finſtere Seele erleuchten! Er hat Recht, er hat Recht, ſchrieen einige aus der Menge. Löſcht die Lampe aus! Schlagt dem Ciceruachi die Fenſter ein, denn er iſt ein Pruſſiano! Er macht einen Ketzer zu ſeinem Heiligen! Löſcht die Lampe aus! Und mit drohend erhobenen Fäuſten ſtürzten einige Männer vor⸗ wärts. Aber ſofort ſtellten ſich ihnen Andere entgegen und drängten ſie mit ihren nervigten Armen zurück. Niemand ſoll es wagen, dieſe Lampe auszulöſchen, ſchrieen ſie. Zurück, zurück, oder unſere Fäuſte ſollen Euch die Augen verblenden, daß Ihr weder die Lampe noch den großen Federigo mehr ſehen ſollt! Löſcht die Lampe aus, im Namen Gottes! ſchrie der wüthende Bruder Karthäuſer, und eine Schaar fanatiſcher Tereſiani ſchrie es ihm nach, indem ſie mit wüthender Gewalt der Thür zudrängten. Aber vor derſelben hatten die Pruſſiani, unter ihnen Signor Mon⸗ tardo und der Fremde, ſchon eine Schutzmauer gebildet und wehrten mit wüthendem Geſchrei und drohend erhobenen Fäuſten die Herandrän⸗ genden zurück. Nun entſtand einer jener Tumulte, wie ſie nur bei dem leidenſchaftlichem Volk der Italiener möglich ſind. Man hörte nichts als wüſtes Geſchrei, wilde Flüche, drohende Verwünſchungen, man ſah nichts als wuthflammende Augen, geballte Fäuſte, und hier und da blitzte ſchon die Klinge eines Dolches oder eines Meſſers. Auf einmal, wie von einem Zauberſpruch gebändigt, verſtummte das wüſte Geſchrei und eine tiefe Stille trat ein. Alle dieſe ſchreienden heulenden Menſchenmaſſen ſtanden plötzlich ſchweigend und ruhig da, oder wichen ſcheu und angſtvoll zurück vor den finſteren, ſtummen — 17— Geſtalten, die plötzlich in ihrer Mitte, gleichſam wie aus der Erde, auf⸗ tauchten. Niemand hatte ſie kommen ſehen, die hohen in lange ſchwarze Mäntel gehüllten Männergeſtalten, deren Antlitz von dem breitkrämpigen Hut ganz und gar beſchattet war, Niemand hörte von ihnen ein Wort der Drohung, und doch wich Jedermann ſcheu und ängſtlich vor ihnen zurück, und doch genügte ihre bloße, ſchweigende Gegenwart, um dieſe wüthenden Maſſen zu beſänftigen und ihren Zorn verſtummen zu machen. Selbſt Signor Montardo hatte ſchnell ſeine drohende und herausfor⸗ dernde Stellung vor dem Bilde mit der Lampe aufgegeben, und blickte ſcheu den ſchwarzen Geſtalten nach, die langſam und ſchweigend durch die zurückweichende Menge dahinſchritten. Die Sbirri! murmelte er dem Fremden zu. Die Diener vom Rath der Zehn! Wen werden ſie mit ſich nehmen? Aber es ſchien, dieſe gefürchteten Geſtalten wollten die Menge nur an ſich erinnern, nur drohen, ſtatt zu ſtrafen. Sie wollten dem Volk nur zeigen, daß das Geſetz über ihm wache und jeden Augenblick bereit ſei, ſeine drohenden Fänge nach ihm auszuſtrecken. Tief in ihre Mäntel gehüllt und ohne nur ein einziges Mal die Hand aus denſelben hervor⸗ zuſtrecken, ſchritten ſie geſenkten Hauptes durch die Menge hin. Ohne Jemand anzureden oder zu beachten, verloren ſie ſich dort drüben in der kleinen Gaſſe, welche nach der Piazetta führte. Wie der letzte von ihnen hinter der Ecke der Straße verſchwand, ſchien der Zauber, welcher bis dahin die Menge gebannt hatte, ſich zu löſen. Jedermann athmete auf, wie von einer drückenden Laſt befreit, die erblaßten Wangen rötheten ſich wieder, die zuſammengepreßten Lippen lächelten wieder und hier und da begann man ſchon wieder zu plaudern und ſich über den modernen Heiligen zu beſprechen, den Ciceruachi da ausgeſtellt. Sie ſehen, flüſterte Montardo aufathmend, auch unſere Regierung verhält ſich neutral. Sie will weder die Tereſiani, noch die Pruſſiani beſtrafen, ſie will uns nur warnen, nicht zu weit zu gehen in unſerem Eifer, uns nur daran erinnern, daß die Dolche und Meſſer auf der Straße verboten ſind. Aber laſſen Sie uns jetzt in den Laden gehen, damit ich Sie dem Ciceruachi vorſtellen kann! Mühlbach, Friedr. d. Gr, u. ſ. Geſchw. 2, Abthl. II. 2 — 18— Er nahm ſeines Begleiters Arm und ging mit ihm in den Laden, in welchem ein großer, ſchlanker Mann ihnen entgegentrat. Sein ſchwarzes Haar hing wie eine wilde Mähne zu beiden Seiten ſeines bleichen, ausdrucksvollen Geſichtes hernieder, ſeine Augen ſprühten Flammen, und auf ſeinen vollen, dunkelrothen Lippen ſtand ein ſtolzes, triumphirendes Lächeln. Nun, Montardo, ſagte er, Ihr kommt ohne Zweifel, um mir zu meinem Sieg über dieſe elenden Tereſiani Glück zu wünſchen? Gewiß, Ciceruachi, deshalb komme ich, rief Montardo lachend. Ihr habt da eine verzweifelt originelle Idee gehabt. Eine ewige Lampe vor dem Bilde des Königs von Preußen anzuzünden, iſt in der That eine wundervolle Demonſtration. Wißt Ihr, warum ich's gethan habe? fragte Ciceruachi. Die Tere⸗ ſiani haben geſtern vor der Thür ihres Kaffehauſes die Bulle des Papſtes Clemens des Elften, welche jetzt der Papſt Clemens der Dreizehnte be⸗ ſtätigt und erneuert hat, mit großer Pracht ausgeſtellt. Sie haben dieſe Bulle auf weißem Atlas drucken und in einen prächtigen Goldrahmen einfaſſen laſſen, und unter derſelben brannte eine ewige Lampe. Und wie lautete denn dieſe Bulle? fragte Montardo. Ich werde Euch den Anfang ſagen, rief Ciceruachi heftig, denn das Ganze habe ich nicht behalten. Der Anfang der Bulle lautete: Ihr habt längſt vernommen, daß Friedrich, Marggraf von Brandenburg, mit Verachtung der Autorität der Kirche Gottes, ſich öffentlich den Namen und die Inſignien eines Königs von Preußen angemaßt hat; ein wahhaft profaner und bei den Chriſten ganz unerhörter Brauch. Somit hat er ſich unvorſichtig genug der Zahl Derer beigeſellt, von Denen es in der Schrift heißt:„Sie haben regiert, aber nicht durch mich; ſie waren Fürſten, aber ich kannte ſie nicht.“*)— Begreift Ihr jetzt, Montardo, warum ich das Bildniß des Königs ausgeſtellt, und es mit einer Lampe geſchmückt habe? Ich meine doch, dies ſchöne Portrait verdient wohl eher eine ewige Lampe als die unſinnige Bulle des Papſtes!— *) Eiſenſchmid: Römiſches Bullarium, oder Auszüge der merkwürdig⸗ ſten päpſtlichen Bullen, aus authentiſchen Quellen überſetzt. Bd. 2. S. 305. — — 19— Und gewiß habt Ihr Recht, Signor, ſagte der Fremde lebhaft, indem er auf Ciceruachi zuſchritt, und ihm ſeine Hand darreichte. Erlaubt, daß ich Euch danke im Namen meines edlen und großen Königs, den Ihr heute ſo tapfer und auf eine ſo feine und ſinnige Weiſe gegen die hämiſchen Angriffe ſeiner Feinde vertheidigt habt. Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß der König durch mich von Euerer ſchönen und ſinnigen Handlung erfahren ſoll, und daß er ſich derſelben von ganzem Herzen freuen wird. Ach, Signor, rief Montardo lachend und mit feinem Spott, Sie vergeſſen, daß Sie Sich durchaus nicht um Politik bekümmern, ſondern ein ehrbarer, reiſender Kaufmann ſind. Aber ich vergeſſe nie, daß ich ein Preuße bin, ſagte der Reiſende mit ſchnell erzwungener Ruhe. Und wie könnte ich das auch vergeſſen, fuhr er lachend fort, da ich mit echt preußiſchen Handelsartikeln Geſchäfte machen will. Und einen ſehr ſchönen Handelsartikel führt der Signor bei ſic, ſagte Montardo, mit den Augen ſeinem Freunde zublinzelnd. Ich ſage Euch, Ciceruachi, Ihr werdet entzückt davon ſein, und es iſt Euch eine neue Gelegenheit geboten, den Tereſiani einen empfindlichen Streich zu verſetzen. Betrachtet Euch einmal die Fächer des Herrn Kaufmanns! Der Fremde öffnete einen ſeiner Fächer, und Ciceruachi's Augen leuchteten vor Entzücken bei dem Anblick der Malerei. Wie viele ſolcher Fächer habt Ihr, Signor? fragte er. Ich habe deren zwölf. Ich behalte ſie alle, und bedauere, daß Ihr deren nicht mehr habt. Aber, Ciceruachi, rief Montardo, Ihr verleugnet ganz Euere kaufmän⸗ niſche Klugheit. Ihr habt ja noch nicht einmal nach dem Preiſe gefragt. Oder denkt Ihr, daß dieſer Herr ſie Euch umſonſt laſſen wird? Nicht doch, ich vergaß es wirklich, ſagte Ciceruachi, mit ſichtbarem Entzücken ſich die Fächer, die der fremde Kaufmann eben einen nach dem anderen vor ihm ausbreitete, betrachtend. Sagen Sie mir Ihren Preis, Signor. Der Fremde ſchwieg einen Moment, dann ſagte er zögernd und 2* — — 20— mit niedergeſchlagenen Augen: Ich zahlte in Genf zwölf Franks für jeden dieſer Fächer. Ich gebe Ihnen das Doppelte, ſagte Ciceruachi ruhig. Der Fremde ſchreckte zuſammen, und blickte erröthend vor Unwillen zu ihm empor. Mein Herr, ſagte er heftig, ich nehme von Niemanden höhere Preiſe an, als ich fordere! Signor, Signor, Sie vergeſſen wieder, daß Sie ein Kaufmann ſind, rief Montardo lachend. Kein Kaufmann verkauft ſeine Waare zu dem Preis, den er ſelber dafür gezahlt hat, merken Sie Sich das! Und übrigens gedenke ich immer noch ein gutes Geſchäft mit dieſen Fächern zu machen, ſagte Ciceruachi. Ich zahle Ihnen vierundzwanzig Franks und werde fünfzig dafür fordern. Denn die Damen unſerer Nobili, welche meiſt alle Pruſſiani ſind, werden entzückt ſein, ihre Gegner auf ſo elegante Weiſe ärgern zu können. Sie ſind alſo zufrieden, mein Herr, mit dem gebotenen Preis? Ich bin zufrieden, ſagte der Fremde verlegen und erröthend. Und iſt das der einzige Gegenſtand, den Sie mir anzubieten haben? Nicht doch, ich habe noch einiges Andere, ſagte der Fremde lächelnd, indem er ein neues Paket öffnete. Da Sie Pruſſiano ſind, ſo werden Ihnen hoffentlich dieſe allerliebſten Denkmünzen und Schauſtücke gefallen, welche in Holland erſchienen ſind, und auf denen ſich geiſtreiche Sa⸗ tyren auf die Feinde des großen Königs befinden.*) Ah, laſſen Sie ſehen, Signor, riefen die beiden Italiener. Dann betrachteten ſie mit ſichtbarem Behagen und vergnügtem Lachen dieſe holländiſchen Denkmünzen, welche allerdings ſehr derbe und draſtiſche Satyren auf die Feinde Friedrichs enthielten, und auf denen ſich in gar komiſchen Situationen und Stellungen die wohlgetroffenen Figuren der Kaiſerinnen Maria Thereſia und Eliſabeth, wie der„Couſine Pom⸗ padour“ und des Fürſten von Soubiſe befanden. Ich behalte alle dieſe Denkmünzen, alle! rief Ciceruachi entzückt. Der Fremde lachte. Nicht doch, ſagte er, ich kann doch nicht mein ganzes Geſchäft verkaufen, ſondern muß noch etwas übrig behalten! *) v. Archenholtz. Th. I. S. 240. — 21— Ich werde Ihnen von jeder dieſer Denkmünzen ein Exemplar geben, und dieſe müſſen Sie von mir als ein Zeichen meiner Achtung annehmen und mich nicht dafür bezahlen wollen. Signor, rief Montardo mit flehendem Ton, bleiben Sie in meinem Hötel ſo lange es Ihnen gefällt, und wenn ich Ihnen alsdann die Rechnung bringe, ſo legen Sie mir ein Exemplar von jeder dieſer Denk⸗ münzen auf dieſelbe, und ich werde überreich bezahlt ſein. Der Fremde verſprach es lächelnd, und nachdem er dann mit ſicht⸗ barer Beklommenheit von Ciceruachi das Geld für die Fächer genommen, entfernte er ſich mit ſeinem Begleiter, um dem Prior des Kloſters von Giovanni e Paolo ſeinen Beſuch zu machen. III. Die Kloſterbrüder von San Giovanni e Paolo. Der Herr Prior des Kloſters San Giovanni e Paolo kehrte ſoeben von der zweiten Meſſe, die er in der herrlichen Kirche ſeines Kloſters, dem Begräbnißplatz des großen Titiano Vicelli, abgehalten, in ſein Zimmer zurück. Die Hände auf dem Rücken gefalten, ging er langſam und tiefſinnend auf und ab, und blieb dann und wann vor dem großen Tiſch ſtehen, neben welchem ein Mönch damit beſchäftigt war, einige Land⸗ charten und Papiere auszubreiten. Dies hier, Hochwürden, ſagte der Mönch, indem er eben ein neues Papier entfaltete, dies hier iſt ein genauer Plan der Gegend von Maxen, wir haben ihn heute Morgen erſt erhalten, und es ſind auf demſelben ſehr genau die Stellungen der verſchiedenen Heere bezeichnet. Wenn es Eurer Hochwürden gefällig iſt, leſe ich Ihnen die Bülletins noch einmal vor, und Sie verfolgen die Märſche auf dem Plan hier. Der Prior ſchüttelte leiſe das Haupt. Nein, Bruder Anſelmo, ſagte er ſanft, leſen Sie mir die Siegesbülletins der Oeſterreicher und Ruſſen — 22— nicht noch einmal! Sie thun meinen Ohren und meinem Herzen weh! Laſſen Sie uns lieber auf dieſer Charte hier die jetzigen Stellungen der Heere und die Hoffnungen, die man darauf bauen kann, betrachten. Ich habe mit Nadeln genau die Poſitionen abgegränzt, ſagte Pater Anſelmo. Die ſchwarzen Nadeln bedeuten die Heere der Verbündeten, die weißen das Heer des Königs von Preußen. Der Prior neigte ſich über die Charte und verfolgte mit ſinnendem Blick die Linien, welche Pater Anſelmo mit haſtigem Finger ihm be⸗ zeichnete. Ihre Nadeln ſind ein trauriges Omen, ſagte er dann kopfſchüttelnd, ſie umzingeln ringsum wie eine Kirchhofsmauer dieſe wenigen weißen Nadeln, die ſich da wie Grabkreuze in der Mitte der ſchwarzen Umzäu⸗ nung erheben. Und die weißen Nadeln werden doch dieſe Umzäunung durchbrechen, ſagte Pater Anſelmo zuverſichtlich. Der große König— Pater Anſelmo verſtummte, denn eben hatte ſich die Thür geöffnet, und der Pater Guardian fragte, ob er eintreten dürfe. Der Prior erröthete leicht und trat von dem Tiſch zurück, während das ſcharfe und ſtechende Auge des Paters rings im Zimmer umherflog und mit ſarkaſtiſchem Ausdruck auf dem Tiſch mit den Charten verweilte. Sie ſind willkommen, Bruder Theodor, ſagte der Prior mit einem leiſen Neigen der Hauptes. Doch ſtöre ich Euer Hochwürden in Ihrer Lieblingsbeſchäftigung, ſagte der Pater Guardian ſcharf, indem er auf die Charten deutete. Eure Hochwürden überlegten eben die mißliche Stellung des Ketzerkönigs, den Gott, wie es ſcheint, jetzt bald in den Staub ſchleudern und zu den Füßen der triumphirenden Kirche zerſchmettert niederfallen laſſen wird. Dieſe Entſcheidung müſſen wir allerdings Gott überlaſſen, ſagte der Prior ſanft. Er hat dem König von Preußen indeſſen ſchon ſo oft und ſo ſehr ſeinen Beiſtand verliehen, daß ich nicht weiß, ob man ſeines Unterliegens ſo ſicher ſein darf! Der heilige Vater zu Rom hat die Waffen ſeiner Gegner geſegnet, und folglich werden ſie triumphiren! rief Pater Theodor ſalbungsvoll. Aber verzeihen mir Eure Hochwürden! Ich vergaß, was mich her⸗ — 23— geführt. Ein Fremder wünſcht den Herrn Prior unſeres Kloſters zu ſprechen. Er hat ſeltene und ſchöne Reliquien zu verkaufen, die er in⸗ deſſen, wie er mir ſagte, nur Euer Hochwürden ſelber zeigen will. Unſere Kirche iſt reich genug an Reliquien, rief der Prior kopf⸗ ſchüttelnd. Und Eure Hochwürden legen keinen beſonderen Werth auf dieſelben, bemerkte der Pater Guardian mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Doch möchte ich mir erlauben, zu erinnern, daß der heilige Vater zu Rom noch jüngſt in einem Rundſchreiben an alle Kloſtervorſteher das Anſchaffen ſchöner und ſeltener Reliquien zur Erweckung des wahren Glaubens em⸗ pfohlen hat. Das muß der Bruder Guardian freilich am Beſten wiſſen, ſagte Bruder Anſelmo, indem er vier neue Nadeln in ſeine Landcharte bohrte. Der Bruder Theodor war es ja, der dieſes Breve mitbrachte, als er vor einem halben Jahr aus Rom hierhergeſandt ward, um die Stelle eines Guardians einzunehmen. Der Pater war im Begriff eine heftige Antwort zu geben, aber der Prior kam ihm zuvor, und leiſe nach der Thür hinwinkend, ſagte er: führen Sie den Fremden mit den Reliquien herein! Wenige Minuten ſpäter trat der Reiſende aus dem Hötel des Signor Montardo in das Zimmer des Priors ein.— Der Prior hieß ihn freundlich willkommen, und forderte ihn auf, ihm ſeine Reliquien zu zeigen. Der Fremde zögerte und blickte bedeutſam auf die beiden Mönche hin. Ich hatte gebeten, Eurer Hochwürden allein meine Reliquien zeigen zu dürfen, ſagte er. Die beiden Patres ſind geweihete Prieſter, und alſs wohl befähigt, ihre Augen auf die heiligſten Reliquien zu wenden, entgegnete der Prior mit einem unmerklichen Lächeln. Doch habe ich Demjenigen, der mir dieſe Reliquien verkaufte, mit einem feierlichen Gelübde verſprechen müſſen, nur den höchſten und oberſten Würdenträgern der Klöſter meine Reliquien zu zeigen. Er war ein frommer Mann, und als ihn die bittere Noth zwang, ſeine heiligſten Kleinodien zu verkaufen, weinte er, und flehte zu Gott, ſeinen Schätzen — 24— eine würdige Stätte zu geben, und ſie niemals von unheiligen Augen und Händen entweihen zu laſſen. Da aber zu dem erſten Beamten der Klöſter immer die würdigſten und heiligſten Brüder erwählt werden, ſo ließ er mich ſchwören, nur dieſen die Reliquien zu zeigen! Eure Hoch⸗ würden werden nicht wollen, daß ich meinen Schwur breche. Der Prior winkte ſtatt aller Antwort den beiden Mönchen zu, und dieſe verließen ſchweigend und langſam das Zimmer. Jetzt, mein Herr, laſſen Sie mich Ihre Reliquien ſehen, ſagte der Prior, als ſich die Thür hinter den Mönchen geſchloſſen. Eure Hochwürden, ſagte der Fremde jetzt leiſe und raſch, ich habe nichts als einen Brief von dem Herrn Abbé Baſtiani, den ich in Ihre Hände niederlegen ſoll. Er zog einen Brief aus ſeinem Buſen hervor und reichte ihn dem Prior dar. Dieſer nahm den Brief mit einer ängſtlichen Haſt, und ver⸗ barg ihn in ſeinem Gewande, dann durchſchritt er mit raſchen aber un⸗ hörbaren Schritten das Gemach und ſtieß mit einem ſchnellen Ruck die Thür auf. Ein leiſer Schrei ertönte, und eine ſchwarze Geſtalt taumelte von der Thür zurück.. Ach, Sie ſind es Pater Guardian, ſagte der Prior mit dem Ton des Bedauerns. Ich fürchte, ich habe Ihnen wehe gethan! Nicht doch, Hochwürden! Ich kehrte nur zurück, um Eurer Hoch⸗ würden zu ſagen, daß die Stunde des Mittageſſens gekommen iſt, und daß die frommen Brüder ſich ſchon im Eßſaal zu ſammeln beginnen. Und ich öffnete die Thür um nach Ihnen zu rufen, Pater Guardian, und Sie zu bitten, bei der Tafel heute meine Stelle zu vertreten. Da ich im Begriff bin, heilige Reliquien zu betrachten, und mit meinen Händen zu berühren, darf ich nicht nachher mit thieriſcher Nahrung meine Hände beſudeln. Sie werden mich alſo beim Mahl vertreten, Bruder Guardian, und erſt bei der Abendtafel werde ich Speiſe zu mir neh⸗ men. Gehen Sie alſo, hochwürdiger Bruder, und möge der Herr Ihr Mahl ſegnen! Er neigte ſein Haupt und machte mit ſeiner erhobenen Rechten das Zeichen des Kreuzes, während der Pater Guardian langſam und mit gerunzelter Stirn durch das weite Vorzimmer dahinſchritt. An der entgegengeſetzten Thür deſſelben angelangt, wandte er ſich um, aber als er ſah, daß der Prior noch immer mit erhobenem Arme auf der Schwelle ſeines Zimmers ſtand und ihm nachſchaute, ſtieß er die Thür auf und verſchwand aus dem Vorſaal. Jetzt, mein Herr, ſagte der Prior, indem er in ſein Zimmer zurück⸗ trat und die Thür deſſelben ſorgfältig hinter ſich verſchloß, jetzt ſind wir allein, und ich bin bereit, Sie anzuhören. Dann bitte ich Eure Hochwürden zuerſt, den Brief des Herrn Abbé Baſtiani,— Ihres Bruders, zu leſen, ſagte der Fremde leiſe. Ah, er hat Ihnen geſagt, daß ich ſein Bruder bin! rief der Prior lebhaft. Er vertraut Ihnen alſo ſehr! Nun, erlauben Sie, daß ich zuerſt ſeinen Brief leſe! Er öffnete den Brief und überflog ihn mit heißen ungeduldigen Blicken. Das iſt indeſſen ein ziemlich lakoniſches und räthſelhaftes Schreiben, ſagte er dann. Mein Bruder verweiſt mich ganz an Sie, und indem er mir ſchwört, daß ich Ihrer Discretion und Verſchwie⸗ genheit gewiß ſein kann, bittet er, Ihnen beizuſtehen zur Erreichung Ihres Ziels. Signor, wollen Sie mir alſo ſagen, womit ich Ihnen dienen kann, und worin das Ziel beſteht, welches Sie erreichen wollen? Zuvörderſt will ich Eurer Hochwürden den Beweis geben, daß ich Ihnen vollkommen und unbedingt vertraue, indem ich Ihnen ſage, wer ich bin, und welches meine Ziele ſind. Eure Hochwürden werden dann ſelber ermeſſen und beſtimmen, inwiefern Sie mir Ihren Rath und Ihre Hülfe wollen angedeihen laſſen! Laſſen Sie uns hier in die Fenſterniſche treten, ſagte der Prior, dort finden wir Seſſel und ſind ſicher, nicht gehört zu werden. Er ſchritt voran zu der tiefen Niſche des hohen Bogenfenſters und deutete dem Fremden an, ihm gegenüber in dem lederbezogenen Lehnſtuhl mit den kunſtvoll aus Holz geſchnitzten Seitenlehnen Platz zu nehmen. Jetzt, Signor, bin ich bereit, Sie anzuhören, ſagte er. Der Fremde verneigte ſich. Zuerſt muß ich Eure Hochwürden um Verzeihung bitten, daß ich es gewagt habe, Sie zu hintergehen. Ich bin kein Kaufmann und handle nicht mit Reliquien, ſondern ich bin ein — 26— Soldat, heiße von Cocceji und habe die Ehre, der Flügeladjutant des Königs von Preußen zu ſein. Mein königlicher Herr hat mich mit einer geheimen nnd wichtigen Sendung betraut, und zu dieſer ſoll ich Eure Hochwürden im Namen und Auftrag Ihres Herrn Bruders Abbé Baſtiani, um Ihren Beiſtand bitten. Und worin beſteht Ihre Sendung? fragte der Prior ruhig. Der Baron von Cocceji lächelte. Es iſt ſchwer, ja faſt unmöglich, ſagte er, das in einige Worte zuſammenzufaſſen. Eure Hochwürden müſſen mir daher ſchon erlauben, zu meiner eigenen Orientirung etwas weitläufiger und umſtändlicher mich äußern zu dürfen. Sprechen Sie, ſagte der Prior mit einem leiſen Neigen des Kopfes. Eure Hochwürden kennen, wie ich aus den Charten und den einge⸗ ſteckten Nadeln erſehe, ganz genau die Lage und Stellung meines könig⸗ lichen Herrn, den ganz Europa bewundert, und den ſeine Feinde am meiſten fürchten, wenn ſie ihn beſiegt haben, weil ſie wiſſen, daß der König niemals größer, niemals energiſcher und kühner im Handeln iſt, als wenn er anſcheinend im Nachtheil, und vom Unglück betroffen iſt! Denn der kühne Blick des Königs weiß immer neue Hülfsquellen zu entdecken, er ſchöpft aus ſich ſelbſt ſeine Kraft und ſeine Stärke, und wenn ſeine Feinde meinen, den kühnen Löwen in ihrem Netz gefangen zu haben, ſo hat er ſchon mit ſeinem Blick die Stelle entdeckt, wo das Netz ſchadhaft iſt, und dort zerreißt er es mit Einem kühnen Ruck und arbeitet ſich hervor, um ſeine vor Schrecken und Erſtaunen betäubten Feinde vor ſich fliehen zu machen. Es iſt wahr, der König hat jetzt ſchon drei Schlachten verloren. Die Oeſterreicher und Ruſſen haben ihn bei Hochkirch, bei Kunersdorf und bei Maxen beſiegt. Aber was haben ſie dadurch gewonnen? Sie haben in dieſen Schlachten mehr verloren als der König, ſie haben ihre Hülfsquellen erſchöpft, ihre eigenen, und die Länder ihrer Bundesgenoſſen ausgeſogen. Der König aber ſteht ebenſo mächtig und in ungeſchwächter, voller Kraft ihnen gegenüber. Sein Heer iſt ergänzt, denn von allen Seiten und aus allen Provinzen ſtrömen jubelnde Schaaren zu den Fahnen ihres Königs herbei. Die Begeiſterung macht die Greiſe zu Jünglingen, die Knaben zu Männern. Jeder von ihnen will ſeinen Theil haben an dem Ruhm und den Ge⸗ — 22— fahren des Königs und fordert das von ihm als ein heiliges Recht. Die Kaſſen des Königs ſind nicht erſchöpft, denn ſein Volk hat mit freudiger Bereitwilligkeit ſein Hab' und Gut, ſeine Juwelen und Schätze, ſeine goldenen Kleinodien auf dem Altar des Vaterlandes geopfert, und unter⸗ zieht ſich mit Begeiſterung jeder Einſchränkung und Entbehrung, welche der Krieg ihm auferlegt. Es will nichts als ſeinen König ſiegen ſehen, und ihm dazu zu helfen, iſt es mit ſeinem Hab' und Gut, ſeinem Leben und Blut bereit. Dieſe begeiſterungsſtarke Liebe ſeines Volkes, das iſt es, was den König ſeinen Feinden furchtbar macht, das iſt es aber auch, was den König wie mit einem diamantenen Panzer umgiebt, ihn ſtählt gegen die Kugeln ſeiner Gegner, und ſeine ſtolze, edle Heldenſeele mit ſiegesfreudiger Begeiſterung erfüllt. Und ganz Europa theilt dieſe Begei⸗ ſterung und dieſe Siegesgewißheit des preußiſchen Volkes und ſeines Königs, ganz Europa jauchzt dem Helden zu, der ſo vielen, ſo mächtigen Feinden nicht allein Trotz bietet, ſondern ſie ſchon oft beſiegt hat und dem ſie noch nichts haben abgewinnen können, nicht Eine Strecke dieſes Landes, das ſie mit ihrem Blut gedüngt haben, und auf dem ſich die Rieſengräber ihrer gefallenen Schaaren erheben. Das hat ihm die Sym⸗ pathien von ganz Europa und die Liebe und Bewunderung ihrer eigenen Völker abgewonnen. In Frankreich ſelbſt, dieſem Frankreich, deſſen Krieger eine ſo ſchimpfliche Niederlage bei Roßbach erlitten, und deſſen Regierung voll Wuth und Rache gegen den Heldenkönig erfüllt iſt, in Frankreich ſelbſt wird Friedrich bewundert und angebetet. Ja, ſelbſt bis in den Palaſt des Königs iſt ſchon die nicht mehr abzuweiſende Aner⸗ kenntniß ſeines Heldenſinnes gedrungen, denn als jüngſt der Herzog von Velleisle die Marquiſe von Pompadour ermahnte, bei König Ludwig darauf zu dringen, daß der Krieg mit Nachdruck fortgeſetzt werde, ſonſt möchte König Friedrich mit ſeiner Armee nächſtens in Paris einrücken, da rief die Marquiſe lächelnd:„Gut! Dann werde ich doch endlich einen König ſehen.“— In Deutſchland ſucht man vergebens den Glau⸗ bens⸗Fanatismus der Völker gegen den Ketzerkönig zu wecken. Die katholiſchen Baiern, die Pfälzer, die Mainzer ziehen nur noch murrend und widerwillig in den Krieg gegen den proteſtantiſchen König, obwohl ſie den Roſenkranz in der Taſche und das Scapulier über die Schulter — 28— gehängt tragen. Mag Friedrich der Zweite jetzt eben von ſeinen Feinden beſiegt worden ſein, in der öffentlichen Meinung iſt er der Sieger ge⸗ worden, und in der ganzen Welt ſympathiſirt man mit ihm. Aber— die öffentliche Meinung iſt ſein einziger Bundesgenoſſe, und die Sym⸗ pathien der Völker ſind, außer den Hülfsgeldern der Engländer, die „vielleicht bald verſiegen werden, die einzigen Subſidien des Königs. Friedrich muß ſich daher nach anderen Bundesgenoſſen, nach anderen Freunden umſehen, nach Freunden, die ihm wenigſtens inſofern Beiſtand leiſten, als ſie nicht wider ihn das Schwert ergreifen, und als ſie im Stande ſind, ſeinen Gegnern einige Schwierigkeiten zu bereiten, und ihre Aufmerkſamkeit zu beſchäftigen. Solche Freunde hofft der König in Italien finden zu können, und dazu ſoll ich mir den Rath und den Beiſtand Eurer Hochwürden erbitten. Und inwiefern meint man, daß ich in dieſer Angelegenheit nützlich ſein könnte? fragte der Prior ſinnend. Eure Hochwürden haben noch einen zweiten Bruder, welcher Mi⸗ niſter des Königs von Sardinien, und wie man weiß, des Königs be⸗ ſonderer Vertrauter und Günſtling iſt. Und mein edler Bruder Giovanni verdient dieſe Gunſt ſeines Königs vollkommen, ſagte der Prior innig. Er iſt der edelſte, pflichtgetreueſte, großſinnigſte Diener ſeines Herrn. Er gleicht in allen ſeinen guten und großen Eigenſchaften ſeinem hochehrwürdigen Bruder, dem Herrn Prior von San Giovanni e Paolo; auch darin, hoffe ich, daß er ein Freund des Königs von Preußen iſt. Aber ich fürchte, weder die Freundſchaft meines Bruders Giovanni, noch die meine werden dem König von Preußen nützen können. Ich bin ein armer, machtloſer Mönch, den man beargwöhnt und beaufſichtigt, obwohl er nichts weiter gethan hat, als daß er dem großen Friedrich nicht, wie die fanatiſchen Prieſter und Laien unſerer Kirche, Vernichtung und Tod wünſcht. Mein Bruder aber iſt der Miniſter eines Königs, deſſen Land nicht reich genug iſt an Gold, um Subſidien zu zahlen, an Menſchen, um ein Hülfsheer in's Feld zu ſtellen. Man muß alſo darauf bedacht ſein, das Land des Königs von Sar⸗ dinien zu vergrößern, ſagte der Baron von Cocceji ſchnell. Man muß — 29— ihm ſo großen Länderbeſitz verſchaffen, daß er ein gefährlicher Nachbar Frankreichs und Oeſterreichs wird. Dies gerade iſt der Plan und die Abſicht meines Königs, und darauf beziehen ſich die Vorſchläge, die ich in Turin machen, und um deren Befürwortung ich Sie bitten ſoll.— Der König von Sardinien hat begründete, durch den Aachener Frieden ihm zu⸗ erkannte Rechte auf die Mailändiſchen, Mantuaniſchen und Bologneſiſchen Lande. Warum macht er ſich nicht zum König der Lombardei? Das unglück⸗ liche Italien iſt, wie das unglückliche Deutſchland, zerfetzt und zerriſſen in viele kleine einzelne Länder; ſtatt Einem Herrn zu gehorchen, muß es Vielen ſich unterordnen. Die Bewohner Italiens, ſtatt ſich Italiener nennen zu können, nennen ſich Mailänder, Venetianer, Sardinier, Tos⸗ kaner, Römer, Neapolitaner, und was weiß ich, wie ſonſt noch! Das ſchwächt das Nationalgefühl und nimmt dem Volk das freudige Be⸗ wußtſein ſeiner Größe. Italien muß Eins ſein in ſich ſelber, um wieder groß und mächtig zu werden. Bemächtige der König von Sardinien ſich daher Oberitaliens, und er wird als König der Lombardei und ſeiner Erbſtaaten ein mächtiger Fürſt ſein, gefürchtet als Feind, will⸗ kommen als Bundesgenoſſe. Und meinen Sie, daß Neapel dieſer Ländervergrößerung Sardiniens ſo ruhig zuſehen werde? fragte der Prior lächelnd. Man muß Neapel gleichfalls Gelegenheit geben, ſich zu vergrößern. Der junge König von Neapel hat Energie; er hat das bewieſen, indem er ſich, da ſein Vater, Don Karlos von Neapel, durch das Succeſ⸗ ſionsrecht auf den erledigten ſpaniſchen Thron gerufen ward, zum König von Neapel gemacht hat, nicht achtend der Rechte des Herzogs von Parma, dem nach den Aachener Vorträgen die erledigte neapolitaniſche Krone gebührt. König Ferdinand iſt ſchon ein Uſurpator; möge er alſo fortfahren auf dieſem einmal, und mit ſo vielem Glück betretenen Wege. Er hat ſich Neapel genommen, möge er ſich Toskana und den Kirchenſtaat dazu nehmen, und er wird als König von Unteritalien ein ebenſo mächtiger König ſein, als der König von Sardinien, wenn er ſich zum Herrſcher von Oberitalien macht. Damit Beide aber ungefährdet und ungehindert ſich in den Beſitz dieſer Länder ſetzen können, wird König Friedrich von Preußen die Häuſer Oeſterreich und Frankreich in — 30— Deutſchland und in Flandern ſo beſchäftigen, daß es ihnen nicht möglich ſein ſoll, Neapel und Sardinien in ihren Unternehmungen zu hindern.*) Bei Gott, ein großer und kühner Plan, ganz dem energiſchen Geiſt Friedrichs angemeſſen! rief der Prior begeiſtert aus. Wenn die beiden kal een Könige dem großen Friedrich gleichen, ſo müßten ſie dieſen zlan mit Enthuſiasmus aufnehmen! — Er war aufgeſtanden und ging mit haſtigen Schritten auf und ab, dann und wann einzelne Worte vor ſich hin murmelnd, oder mit ernſter Aufmerkſamkeit vor dem Tiſch mit den Landkarten ſtehen bleibend. Herr von Cocceji wagte nicht durch irgend ein Wort, einen Laut das tiefe Nachſinnen, die haſtigen, unverſtändlichen Selbſtgeſpräche des Priors zu unterbrechen, ſondern ſchaute ihm ſtill und mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu, wie er immer und immer wieder haſtig auf⸗ und nieder rannte. Endlich aber ſchien dieſer innere Kampf des Priors beendet zu ſein. Er ſtand vor dem Baron von Cocceji ſtill, und ſeine großen dunklen Augen mit ſinnendem, ernſtem Ausdruck auf ihn heftend, ſagt er leiſe und haſtig: Sie haben mich da zum Vertrauten eines großen und ge⸗ fährlichen Planes gemacht. Wenn ich meiner Pflicht als unmittelbarer Untergebener des Papſtes zu Rom, als Prieſter der heiligen Kirche, deren Widerſacher König Friedrich iſt, genügen wollte, ſo müßte ich Sie als einen gefährlichen Unterhändler und Feind hier feſthalten, und dem Oberhaupt unſerer Kirche ſchleunige Nachricht geben von dieſen Plänen, die nicht allein Clemens als Fürſt der Kirche, ſondern auch als Fürſt des Kirchenſtaates bedrohen. Aber, was wollen Sie, ich bin nicht als Prieſter geboren, und mein Herz und mein Geiſt haben ſich den Regeln und der Zucht des Ordens nicht ganz fügen wollen.— Ich bin, fuhr er mit einem anmuthigen Lächeln fort, immer noch ein wenig der rechte Bruder meines freigläubigen Bruders, des Abbé Baſtiani geblieben, und wie es ſcheint, liegt es in unſerem Blut, daß wir den großen und geiſt⸗ vollen König von Preußen lieben und anbeten müſſen.— Ich will alſo der Stimme meines Blutes und meines Herzens folgen, und ein wenig *) Preuß: Geſchichte Friedrichs des Großen. Th. II. S. 232. vergeſſen, daß ich ein Prieſter der alleinſeligmachenden Kirche bin! Ich werde, ſo viel es in meinen Kräften ſteht, Ihre Pläne unterſtützen. Ich werde Ihnen Briefe und Empfehlungen nach Turin geben, nicht bloß an meinen Bruder Giovanni, ſondern auch an Pater Tomaſeo, den Beichtvater des Königs. Er iſt mein vertrauteſter Freund und theilt meine Sympathien. Wenn Sie ihn und meinen Bruder Giovanni ge⸗ winnen können, ſo haben Sie damit den Willen des Königs gewonnen, und er wird Ihren Vorſchlägen ein williges Ohr leihen. Ihre Pläne ſind kühn, aber mein Bruder und Pater Tomaſeo ſind zwei kühne Männer, denen das Wohl Italiens und die Größe ihres Königs am Herzen liegen. Sie geben Beide etwas auf mein Wort und mein Ur⸗ theil, und wenn Sie ihnen Briefe von mir bringen, werden Sie ihnen wenigſtens ein willkommener Gaſt ſein. Er reichte dem Baron die Hand dar und horchte mit einem wohl⸗ gefälligen, ſanften Lächeln auf die lauten und enthuſiaſtiſchen Dankes⸗ äußerungen des überglücklichen Soldaten, deſſen erſte diplomatiſche Miſſion einen ſo günſtigen und troſtreichen Anfang genommen. Seien Sie aber immer noch vorſichtig und beſonnen, Signor, ſagte der Prior lächelnd. Spielen Sie Ihre Rolle als Kaufmann weiter und laſſen Sie ſie auch in Turin nicht einen Augenblick von Ihrem Antlitz gleiten. Verlaſſen Sie Venedig ſobald als möglich, denn ohne Zweifel iſt der Bruder Guardian, der mir von Rom geſetzte Spion und Beauf⸗ ſichtiger aller meiner Handlungen, meiner Worte und meiner Gedanken, ſchon aufmerkſam und argwöhniſch geworden durch unſer langes Ge⸗ ſpräch; er wird Sie auf jedem Schritt beobachten laſſen, und da er eine feine Naſe hat, möchte er bald einen Theil Ihres Geheimniſſes ent⸗ decken. Kehren Sie auch nicht hierher ins Kloſter zurück. Ich werde Ihnen durch einen vertrauten Bruder noch im Laufe dieſes Tages die verſprochenen Briefe ſenden, und ſobald Sie dieſelben haben, reiſen Sie ab! Meine Wünſche und Gebete begleiten Sie! Ohne Zweifel ſind Sie gleich Ihrem großen König ein Ketzer, und ich darf Sie daher nicht dem Schutz der Mutter Maria und der Heiligen empfehlen, aber ich werde Gott bitten, daß er Sie behüte und— Der Prior ſchwieg betroffen ſtill und horchte. Lautes Geſchrei und r — 32— wüſter Lärm drang an ſein Ohr. Es ſchien gleichſam unter ſeinen Füßen wie aus einem Grabe hervorzudringen und ſchwoll mit jedem Moment zu immer lauteren, wüthenderen Accorden an. Es iſt im Speiſeſaal, ſagte der Prior erſtaunt. Folgen Sie mir, mein Herr, vielleicht können wir Ihrer Hülfe bedürfen. Es klingt, als ob eine Mörderſchaar meine Mönche tödtet. Sehen wir, was es giebt. Er eilte haſtig aus dem Gemach und winkte Cocceji, ihm zu folgen. Mit beflügelten Schritten gingen ſie durch den Vorſaal und den langen Corridor dahin. Wie ſie dann die Treppe hinuntereilten, ward das Geräuſch, das Schreien und Toben, das Heulen und Schelten immer deutlicher und heller. Ich irrte mich nicht, murmelte der Prior, es iſt im Speiſeſaal. Kommen Sie, mein Herr, man mordet meine Mönche, ſtehen wir ihnen bei. Er ſtürzte zu der Thür des Speiſeſaals hin und ſtieß ſie auf. Dann blieb er wie gebannt auf der Schwelle ſtehen und ſtarrte mit entſetzten Blicken auf dieſes wüſte und unerhörte Schauſpiel hin, das ſich ihm darbot. 31 Es waren keine Mörder da, welche die Mönche mordeten, ſondern die ehrwürdigen Väter allein hatten dieſen wüſten Tumult verurſacht, der den Prior mit Entſetzen erfüllt hatte.— Der Saal glich nicht mehr dem ernſten ascetiſchen Speiſeſaal friedlicher Kloſterbrüder, er hatte ſich in einen Schlachtplan verwandelt, auf dem zwei kampfesdurſtige Par⸗ teien einander gegenüberſtanden. Man hatte die Tiſche, auf welchen die Flaſchen und Gläſer, die Teller und Schüſſeln in wilder Unordnung durcheinander gerüttelt waren, bei Seite geſchoben, und in dem dadurch entſtandenen freien Raum des Saals ſtanden die Mönche mit drohender Stellung, mit wuthblitzenden Augen, Flüche und Verwünſchungen aus⸗ ſtoßend, einander gegenüber. Keiner von ihnen hatte bemerkt, daß die Thür des Saals ſich ge⸗ öffnet hatte, Keiner achtete darauf, daß der Prior und Cocceji als ſtau⸗ nende Zuſchauer des unerhörten Schauſpiels daſtanden, welches die Mönche eben im Begriff waren, anszuführen. Schweigt, ſage ich, ſchrie ſoeben der Pater Guardian, mit wüthen⸗ — 33— der Geberde hinüberdrohend nach den Mönchen, die ihm und den Seinen gegenüberſtanden. Schweigt! Niemand wage es in dieſen geheiligten Kloſterräumen den Namen des preußiſchen Ketzerkönigs anders als mit einer Verwünſchung auszuſprechen. Wer ſeinen Waffen Glück wünſcht, der iſt ſelber ein Abtrünniger, ein Verräther und Ketzer. Gott hat das Schwert ſeines Zorns ſchon gegen ihn erhoben, und wird ihn zerſchmet⸗ tern, und wird ſegnen die Waffen ſeiner Gegner, wie es Clemens ſchon gethan hat. Es lebe die Kaiſerin Thereſia, die apoſtoliſche Majeſtät! Mit lautem Gebrüll ſchrieen die auf ſeiner Seite befindlichen Mönche ihm nach: Es lebe die Kaiſerin Thereſia, die apoſtoliſche Majeſtät! Sie wird nicht Siegerin werden über Friedrich von Preußen! rief Pater Anſelmo, der Anführer der Gegenpartei. Der Papſt hat die Waffen Daun's geſegnet, aber die Waffen Friedrich's hat Gott ſelber geſegnet. Es lebe der König von Preußen! Es lebe der große Friedrich! Es lebe der große Friedrich! ſchrieen und brüllten ſeine Mönche ihm nach. Die Mönche der Gegenpartei antworteten nur mit einem Schrei der Wuth, und mit drohend gehobenen Fäuſten drangen ſie auf ihre Gegner ein. Dieſe folgten ihrem Beiſpiel, und gleich ihnen traten ſie mit geho⸗ benen Fäuſten vor. Es lebe Thereſia! ſchrieen die Einen. Es lebe Federigo! brüllten die Anderen, und ihre Fäuſte fielen nieder auf die Schultern ihrer Gegner, und von dieſen empfingen ſie in reichlicher Fülle die Hiebe und Stöße zurück, die ſie in verſchwenderiſcher Freigebigkeit austheilten. Vergebens war es, daß der Prior unter ſie trat und mit lauter Stimme ſie zur Ruhe und zum Frieden ermahnte, ſie achteten nicht auf ihn. Sie hörten gar nicht, was er ſprach, in ihrem wilden Ungeſtüm drängten und ſchoben ſie ihn hierhin und dorthin, und in der Hitze des Gefechts traf ihn ein mächtiger Fauſtſchlag ſo heftig auf die Bruſt, daß der Prior, in ſich zuſammenſinkend, wieder nach der Thür hinflüchtete und neben Cocceji, der mit fröhlichem Lachen dem bunten Getümmel zuſchaute, wieder Platz nahm. Und während die frommen Mönche ihre, ſonſt nur zum Gebet ge⸗ Muͤhlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. II. 3 — 34— faltenen Hände zu tüchtigen Fauſtſchlägen durch die Luft ſchwangen, brüll⸗ ten die Einen dabei: Es lebe Thereſia!— Die Anderen: Es lebe Fe⸗ derigo! 4 Und dies Geſchrei war für beide Parteien, was die Trompete für das Schlachtroß iſt. Es befeuerte immer auf's Neue ihren Muth und hieß ſie mit gleicher Gewalt auf den Feind eindringen. Es lebe der große Friedrich! ſchrie eben der Pater Anſelmo. Es lebe der Sieger von Leuthen und Zorndorf! Der Pater Guardian ſtieß einen Schrei der Wuth aus, und ſein flammendes Auge fuhr im Zimmer umher, nach einer Waffe ſuchend, den Verräther zu züchtigen. Es haftete auf den blitzenden Zinnbechern, die neben ihm auf der Tafel ſtanden. Mit einem wilden Fluch hob er einen derſelben empor und ſchleuderte ihn gerade in Pater Anſelmo's An⸗ geſicht, daß ihm das Blut aus der Naſe hervorſtürzte. Das war das Signal zu einem neuen Kampf. Aber dieſer ward jetzt nicht mehr mit der Zunge und mit der Fauſt geführt, ſondern mit den Waffen, die dort auf der Tafel lagen. Alles ſtürzte mit wüthendem Geſchrei zu der Tafel hin, um ſich Waffen zu holen, die Becher ſchwirr⸗ ten wie blitzende Kugeln hier⸗ und dorthin durch die Luft, und trafen im⸗ mer ſicher und ſchmerzhaft genug die Köpfe, auf die ſie gezielt waren. Hier und da vernahm man ſchon lautes Wehklagen und Jammern, unter⸗ miſcht mit wilden Verwünſchungen und dem raſenden Schlachtruf: Es lebe Thereſia! Es lebe Federigo!— Hier und da ſah man ſchon einen Verwundeten aus dem Getümmel ſich in irgend eine Ecke flüchten, um das Blut ſeiner Wunden zu ſtillen und dann mit erneuter Wuth weiter zu kämpfen. Einige Feiglinge aber ſuchten unter dem Tiſch ſich zu bergen vor dem wüthenden Becherſpiel und den machtvollen Hieben. Pater Anſelmo bemerkte ſie, und mit lautem Hohngelächter auf ſie deutend, ſchrie er: Es leben die Thereſiani unter dem Tiſch! Kein Pruſ⸗ ſiano hat ſich verkrochen, wie es die Thereſiani gern Alle thun möchten und ſchon oftmals gethan haben! Ein wüthendes Spottgelächter der Pruſſiani begleitete dieſe Worte ihres Anführers. Der Pater Guardian zitterte vor Wuth. Mit beiden Händen nahm — 35— er die große Bratenſchüſſel von der Tafel und ſchleuderte ſie nach An⸗ ſelmo hin. Aber dieſer hatte die mächtige Waffe durch die Luft fliegen ſehen, er wich ihr aus, und flog dann nach dem Tiſch hin, um auch eine Schüſſel zu nehmen, und ſie mit mächtiger Gewalt ſeinem Gegner zuzuwerfen. Es war ein gut gezielter Wurf, und die ſchwere zinnerne Schüſſel traf den Pater Guardian ſo herzhaft in den Rücken, daß er das Gleichgewicht verlor und zur Erde niederfiel. Ein Triumphgeſchrei der Pruſſiani begrüßte dieſe Heldenthat ihres Chefs. So werden alle Thereſiani fallen! jauchzten ſie ſiegesfroh. Aber die wüthenden Thereſiani ſuchten die Niederlage ihres Anführers zu rächen. Sie griffen nach den Tellern und Schüſſeln und ſchleuderten ſie als Wurfgeſchoſſe auf den Feind, und deckten das Antlitz mit den Schüſ⸗ ſeln wie mit einem Schild, um den von den Pruſſiani geſchleuderten Bechern zu entgehen. Sie werden ſich ermorden, rief der Prior, ſich mit entſetzten Blicken an den Baron von Cocceji wendend, der neben ihm ſtand. Nicht doch, Hochwürden, ſie werden ſich einige blaue Flecke und ge⸗ ſchwollene Naſen holen, weiter nichts! ſagte Cocceji lachend. Ach, Sie lachen, junger Mann, Sie lachen zu dieſem traurigen Schauſpiel! Verzeihen Euere Hochwürden, aber ich ſchwöre Ihnen, daß ich nie⸗ mals leidenſchaftlichere Krieger geſehen habe, wie dieſe hier, und nie auf den Ausgang einer Schlacht begieriger geweſen bin, wie auf dieſe. Aber Sie ſollen ihn nicht ſehen, Signor, ſagte der Prior entſchloſſen, indem er auf den Vorplatz zurücktrat, und Herrn von Cocceji mit ſanf⸗ ter Gewalt von der Thür zurückziehend, dieſelbe hinter den noch immer⸗ fort mit Tellern, Schüſſeln und Bechern kämpfenden Mönchen zudrückte. Nein, Signor, fuhr er fort, Sie ſollen dieſem unwürdigen und ſchmachvollen Betragen meiner fanatiſchen Mönche nicht länger zuſchauen. Ich bitte Sie vielmehr, ſich jetzt ſogleich zu entfernen. In einigen Stun⸗ den ſende ich Ihnen die verſprochenen Briefe. Wenn Sie aber glauben, daß ich Ihnen mit denſelben einen kleinen Dienſt erwieſen habe, ſo for⸗ 3* dere ich dafür als Gegendienſt, daß Sie Niemand erzählen, was Sie hier eben geſehen haben. Ich verſpreche es Euerer Hochwürden, ſagte Herr von Cocceji mit erzwungener Ernſthaftigkeit. Wenn die Leute da draußen mich fragen ſollten, was dies Geſchrei bedeutet, ſo würde ich ſagen: die frommen Väter im Kloſter San Giovanni und Paolo ſingen ihre Hora.*) „ Er verneigte ſich tief vor dem Prior, der ihn mit frommem Gruß entließ, und kehrte heiter und mit ſiegesgewiſſen Zukunftsgedanken in das Hôtel zum weißen Löwen zurück.— Der Prior von San Giovanni e Paolo hielt Wort. Einige Stun⸗ den ſpäter erſchien ein Mönch im Gaſthof des Signor Montardo und verlangte den fremden Kaufherrn zu ſprechen, um noch einmal wegen der Reliquien mit ihm zu unterhandeln. Cocceji erkannte in dem frommen Mönch, der ihm die Briefe des Priors übergab, den würdigen Pater Anſelmo, den Beſieger des Pater Guardian. Wollt Ihr mir einen Gefallen erzeigen, ehrwürdiger Vater? fragte er, und als der Mönch ſich freundlich dazu bereit erklärte, fuhr er fort: ſo ſagt mir, wer von Euch vorher in der großen Schlacht Sieger ge⸗ blieben iſt? Ein Ausdruck ſtolzer Freude blitzte in Pater Anſelmo's Augen auf. Die Pruſſiani ſind Sieger geblieben, ſagte er, und ich denke, die There⸗ ſiani werden es nicht wieder wagen mit uns Streit anzufangen, denn vier ihrer Mönche liegen mit zerſchlagenen Naſen in ihren Zellen und der Pater Guardian wird die erſten Wochen nicht fähig ſein, wieder ſei⸗ nen Spionirdienſt zu vertreten. Er iſt ganz zerſchlagen und ſteif, und ſein Mund iſt um einige Zähne ärmer geworden. Möge es ſo allen *) Der Baron von Cocceji muß indeſſen doch nicht Wort gehalten haben, oder die frommen Väter haben ſelber geplaudert, denn dieſer Kampf iſt kein Geheimniß geblieben, ſondern iſt aufgezeichnet worden in den Büchern der Ge⸗ ſchichte. Am ausführlichſten erzählt Archenholtz von dieſem Kampf, den die frommen Kloſterbrüder mit Tellern, Schüſſeln und Bechern zu Ehren der Maria Thereſia und des Königs von Preußen geführt haben. Siehe: von Archen⸗ holtz Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 241. — 37— Feinden des großen Friedrich ergehen, und möge Gott dem preußiſchen König und allen ſeinen Freunden hülfreich und gnädig ſein! Er grüßte den Baron mit dem Zeichen des Kreuzes, und entfernte ſich, um in ſein frommes Kloſter, das ſich eben jetzt in einen Janus⸗ tempel verwandelt zu haben ſchien, zurückzukehren. Der Baron von Cocceji aber, eingedenk der Ermahnungen des Priors, beeilte ſich, ſeine Abreiſe von Venedig zu beſchleunigen, und ſchon am anderen Morgen befand er ſich wieder auf der Landſtraße, die gen Turin führt.*) IV. Die Heimkehr von der Armee. Es war ein ſonniger, warmer Sommertag, einer jener Tage, welche das Herz mit Andacht und die Augen mit Thränen der Freude und der *) Dieſe diplomatiſche Sendung, mit welcher der König ſeinen Flügeladju⸗ tanten Baron von Cocceji betraut hatte, mißglückte indeſſen an der Zaghaftig⸗ keit des Königs von Sardinien, und ſeiner Umgebung. Obſchon der engliſche Geſandte in Preußen, Sir Mitchell, dem Herrn von Cocceji auch ein ſehr warmes Empfehlungsſchreiben an den engliſchen Geſandten Lord Mackenzie mit⸗ gegeben hatte, in welchem er demſelben den Plan des unter der Maske eines ſächſiſchen Kaufmanns reiſenden preußiſchen Diplomaten mittheilte und auf das Wärmſte empfahl, ſo wollte doch Lord Mackenzie, der zu den Gegnern des Kö⸗ nigs gehörte, dieſen Plan nicht unterſtützen, und er ſcheiterte, wie geſagt, außer⸗ dem an der Zaghaftigkeit des Königs von Sardinien. Derſelbe verwarf die kühnen Vorſchläge Friedrichs ganz und gar, indem er zu ſeiner Rechtfertigung ſagte:„er habe ſeit der Verbindung der beiden Mächte Frankreich und Oeſter⸗ reich den Kopf gleichſam in einer Zange ſtecken, die ſich immer zuzumachen, und ihn zu zerquetſchen drohe.“— Nicht glücklicher war der Baron von Cocceji mit ſeinen Vorſchlägen in Neapel, und mußte alſo gänzlich unverrichteter Sache nach vielen vergeblichen Anſtrengungen wieder heimkehren.(Dutens: Memoiren eines Gereiſeten, der ausruht. Aus dem Franz. überſetzt von Joh. Friedrich von Meyer. Kapitel 97. S. 131.) 38— Rührung füllen. In den Städten freilich giebt es ſolche Tage nicht, und wer ſie genießen will, der muß hinausziehen auf's Land, der muß ſie aufſuchen in den friedlichen Thälern, den duftenden Wäldern, deren Schweigen nur von dem Rauſchen der Bäume und dem Geſang der Vögel unterbrochen wird. Wer die heilige Sabbathſtille eines ſchönen Sommertages genießen will, der muß das beredte Schweigen der Natur verſtehen, und den ſüßen und erhabenen Geheimniſſen, die ſie aus dem Kelche der Blumen duftet, die mit dem Wehen des Windes ſäuſelt, mit dem Rauſchen der Bäume flüſtert, und mit dem Schmettern der Vögel ſingt, zu lauſchen wiſſen. Wenige können das, Wenige mögen das, Wenigen hat Gott die Au⸗ gen des Herzens ſo weit geöffnet, daß ſie ſehen, was für die Meiſten mit einem undurchdringlichen Schleier bedeckt iſt, daß ſie ſehen die keuſche und göttliche Schönheit der Natur, und die Mährchen verſtehen, welche ſie erzählt. Es ſind ſanfte, idylliſche Mährchen; nichts von dem Bücher⸗ ſtaub der Gelehrten, nichts von dem Stirnrunzeln der Politiker haftet daran. Die Landſchaft erzählt von den Käfern, von den Roſen, von den tanzenden Elfen, den klagenden Grillen, den wéinenden Wolken, den träumenden Veilchen und den tanzenden Irrlichtern. Wohl Denen, welche auf dieſe Mährchen horchen können, und welche die Noth des Lebens nicht mit ihren ernſten, mahnenden Worten zu ſich ruft, denen der Donner der Kanonen und das Geſchrei des Krieges nicht alle dieſe ſüßen und heiligen Lieder und Märchen der Natur übertönt! Der Krieg, der Alles zerſtörende Krieg, hielt noch immer ſeine Brandfackel über das unglückliche Deutſchland ausgeſtreckt, er verwüſtete Städte und Dörfer, er nahm nicht blos den Menſchen, ſondern er nahm auch der Natur ihren Frieden!— Durch die ſonſt ſo ſtillen Thä⸗ ler ertönte jetzt oft genug der Donner der Kanonen, der Acker blieb un⸗ bebaut, die Wieſe ungemäht, denn es fehlte an arbeitskräftigen Händen, es fehlte an Männern und Jünglingen, und nur die Greiſe mit den Weibern waren daheim geblieben in den Dörfern, und unter ihren zit⸗ ternden Händen wollte die Arbeit nicht raſch mehr gedeihen. Unglück und Noth, Sorge und Kummer war auf dem Lande, wie in den Städ⸗ — 39— ten, der Krieg hatte nicht blos den Menſchen, ſondern auch der Natur ihren Frieden genommen. Auch in dem einſt ſo friedlichen und glücklichen Dorfe Brünen am Rhein, unweit Cleve, war jetzt das Unglück heimiſch geworden, ſaß die Sorge und der Gram mit den verwaiſten Müttern, den verlaſſenen Bräuten, den ſchwachen Greiſen, den als unbrauchbare Krüppel wieder heimgekehrten Kriegern vor der Thür ihrer Hütten, und erzählte ihnen von den ſchweren Zeiten, die ſie ſchon durchſeufzt, von den noch ſchwe⸗ reren, welche die Zukunft ihnen noch aufbehalten haben mochte, erzählte ihnen von den fernen Vätern, Söhnen und Männern, welche vielleicht jetzt ſchon mit zerſchoſſenen Gliedern auf dem Schlachtfeld lagen, viel⸗ leicht ſchon hinabgeſenkt waren in die blutgetränkte Erde. Es war ein ſonniger, warmer Sommertag, aber Niemand achtete darauf, denn ein neuer Gram belaſtete die Herzen der armen und un⸗ glücklichen Bewohner von Brünen, der Gram, nicht einmal mehr) die Unterthanen dieſes großen Heldenkönigs ſein zu ſollen, den ſie Alle ſo ſehr liebten, und unter deſſen Fahnen ihre Väter und Söhne kämpften!— Die franzöſiſche Armee, unter Anführung des Herzogs von Broglio und des Grafen von St. Germain, hatte den ganzen Niederrhein und den ganzen Cleveſchen Kreis im Namen ihres Königs beſetzt, und mit Be⸗ ſchlag belegt. Das ganze Cleveſche Land war jetzt zu einer franzöſiſchen Provinz erklärt, und wie unbeſtreitbare und berechtigte Beſitzer hauſeten die Franzoſen in den deutſchen Provinzen, deren Bewohner zähneknir⸗ ſchend, aber ſchweigend dem neuen Herrn ſich fügen mußten, denn ſie waren hülflos und verlaſſen, ſie konnten nur heimlich in ihrem Herzen dem Preußenkönig die Treue bewahren, und mußten ſich mit anſcheinen⸗ der Ergebung darein fügen, dem Franzoſen die Steuern zu zahlen und ihn als ihren Herrn anzuerkennen. Aber es war eine bittere und troſtloſe Nothwendigkeit! Niemand empfand das ſchmerzlicher als der alte Schäfer Buſchmann, der Vater Karl Heinrich's!— Er ſaß wie damals, als wir ihn zuerſt kennen lern⸗ ten, am Abhang einer grünen Wieſe, auf welcher ſeine Heerde weidete, die wie damals von dem vielgetreuen Phylax in ſtrenger Zucht und Ord⸗ nung erhalten ward. Aber nicht, wie damals, war ſein Auge klar und heiter, ſondern trübe und ſorgenvoll, und ein tiefer Gram ſprach aus ſeinem alten, ehrwürdigen Angeſicht. Und er hatte Niemand, dem er ſeinen Gram klagen, Niemand, der ihn tröſten und erheitern konnte! Er war allein, ganz allein. Auch ſein jüngſter Sohn, auch Karl Heinrich, der wirkliche Karl Heinrich Buſch⸗ mann, hatte ihn jetzt verlaſſen müſſen! Die Werber des Königs waren vor einigen Monaten, als die Franzoſen noch nicht die Provinz beſetzt hatten, in's Dorf gekommen, und hatten von den armen Brünern ihre letzten ſtreitbaren Männer, ihre letzten Söhne gefordert. Aber dies Mal hatten die Brüner nicht mehr freudig und bereitwillig dieſer Forderung Genüge geleiſtet, und ſelbſt der alte Buſchmann hatte gewünſcht, ſich ſeinen Sohn, ſeinen Karl Heinrich zu erhalten. Hatte er doch ſechs Söhne dem König in's Feld geſtellt, und waren doch alle ſechs den Hel⸗ dentod auf dem Schlachtfeld geſtorben. Karl Heinrich war ſein letztes Kleinod, ſein letztes Kind! An ihn klammerte ſich das ſchmerzzerriſſene Vaterherz mit allen zuckenden Faſern ſeiner Liebe an, um neue Lebens⸗ kraft, neuen Lebensmuth von ihm zu empfangen. Von ihm zu laſſen, ſchien ihm jetzt bitterer als der Tod, und mit Schauern dachte er an die troſtloſe Einſamkeit, an die langen, kalten, ſchweigenden Winterabende, die ihn jetzt erwarteten, wenn Karl Heinrich ihm entriſſen würde. Deshalb, als der Werbeofficier in die Hütte des alten Buſchmann trat, und Karl Heinrich aufforderte, als Soldat unter die Fahnen des Königs zu gehen, füllten ſich die Augen des alten Mannes mit Thränen, und mit einer angſtvollen Geberde, als fürchte er, der Sohn würde ihm jetzt ſchon entriſſen, legte er ſeine beiden Hände auf Karl Heinrich's Arm. Herr Hauptmann, ſagte er mit bebender Stimme, Herr Hauptmann, ich habe dem König ſchon ſechs Söhne geſchickt, und ſie ſind Alle für ihn geſtorben. Sagen Sie mir alſo aufrichtig, brennt es dem König auf die Nägel? Wenn's ihn brennt, ſo nehmen Sie meinen Sohn und mich auch dazu; brennt's ihn aber noch nicht, ſo laſſen Sie mir meinen Sohn.*) Der Officier lächelte und reichte dem alten Mann gerührt die Hand. *) Thomas Abt. Vom Heldentode für das Vaterland. S. 33. Nun denn, ſagte er, behaltet Eueren Sohn. Wenn Ihr ſchon ſechs Söhne durch den Krieg verloren habt, ſo iſt es billig, daß man Euch den ſiebenten läßt. Der alte Buſchmann ſtieß einen Freudenruf aus, und wollte den wiedergeſchenkten Sohn umarmen. Aber Karl Heinrich wehrte ihn ſanft zurück, und aus ſeinem Antlitz ſprach eine Entſchloſſenheit und Energie, wie ſein Vater ſie kaum noch an ihm geſehen hatte. Nein, Vater, ſagte er, laß mich gehen, laß mich Soldat werden, wie meine ſechs Brüder es geweſen ſind. Ich hätt's ſchon vor vier Jahren thun ſollen, damals, als man mich wieder zurückſtellte und die Anna Sophie— laß mich Soldat werden, Vater, unterbrach er ſich ſelbſt. Alle jungen Männer aus dem Dorf gehen fort, und ich ſchäme mich, allein zurückzubleiben. Der alte Mann ſenkte traurig ſein Haupt. So gehe denn, mein Sohn, ſagte er, und möge Gott Dich ſegnen! Und Karl Heinrich war gegangen, nicht aus Begeiſterung für das Soldatenleben, nicht aus Liebe zu ſeinem König, er war gegangen, weil er ſich ſchämte, allein zurückzubleiben! Jetzt alſo ſtand er ſchon mehrere Monate im Felde, und der alte Buſchmann hatte immer noch keine Kunde von ihm erhalten. Aber die Nachricht von jüngſt verlorenen Schlachten war in's Dorf gekommen, und man erzählte ſich, daß der Erbprinz von Braunſchweig, bei deſſen Armeekorps Karl Heinrich ſtand, gegen die Franzoſen unter dem Mar⸗ quis von Caſtres eine Schlacht verloren habe. Daran dachte der alte Schäfer Buſchmann, als er heute an dem hellen, duftenden Sommermorgen am Rand der Wieſe ſaß, nicht achtend der Schönheit der Natur, nicht achtend der glänzenden Sonne, die ſeinen kahlen Scheitel traf. Seine Gedanken waren fernab bei dem Sohn, und wenn er den Blick zum Himmel erhob, geſchah es nicht um ſeine glänzende Bläue, ſeine tiefe Unermeßlichkeit zu bewundern, ſondern um Gott zu fragen, ob er ihm auch dieſen letzten, dieſen ſiebenten Sohn entriſſen habe? Aber nichts gab ihm Antwort auf dieſe ſo oft, ſo ſchmerzlich wie⸗ derholte Frage. Der Himmel ſchaute blau und glänzend wie vorher zu ihm nieder, die Landſchaft hatte denſelben lieblichen, ſanften und heiteren Ausdruck, die Vögel ſchmetterten ihre Lieder fort, und jubelnd ſchwang die Lerche vom nahen Kornfeld ſich in die Luft empor. Dieſe heitere, ruhige Stille der Natur ängſtigte den alten gram⸗ erfüllten Mann. Dies Schweigen kam ihm ſo öde, ſo troſtlos vor, denn die Natur ſpricht nur zu Denen, welche ein Ohr haben zu hören, und wer ihr nicht ein ganzes Herz entgegen trägt, dem ſagt ſie nichts. Der Greis erhob ſich und ſchritt dem Dorfe zu. Er ſehnte ſich Menſchen zu ſehen, einen Blick der Liebe, der Theilnahme von Menſchen zu erhalten, die ſeinen Kummer verſtänden, die gleich ihm litten, gleich ihm bangten und zagten, und nicht ewig lächelten, ewig ihre Heiterkeit zur Schau trugen, wie die Natur! Er ging alſo in's Dorf und überließ Phylax die Sorge, ſeine Heerde zu bewachen. Und wie wohl that es ſeinem Herzen, als er da⸗ hin ſchritt in die große Straße von Brünen, überall aus den Hütten freundlichen Zuruf und herzlichen Gruß zu empfangen. Wie fühlte er ſich getröſtet und glücklich, wenn hier und dort die Bauern(denn es war Mittagszeit, und ſie waren alle daheim, um zu eſſen und auszuruhen von der Arbeit), aus ihren Hütten ihm entgegeneilten, und ihn dringend baten, zu ihnen einzutreten, ſich an ihren Tiſch zu ſetzen und mit ihnen zu eſſen, und es faſt übelnahmen, wenn er es verweigerte, weil ja da⸗ heim ſein Mittageſſen ihn erwartete, welches ihm jeden Tag vom Päch⸗ ter des Dorfes geſchickt ward. Dieſe Menſchen liebten ihn, ſie hatten Mitleid mit ſeiner Einſam⸗ keit, ſie erzählten ihm von ihren eigenen Sorgen, ihren eigenen Befürch⸗ tungen, und indem er ſie tröſtete und ihnen Muth zuſprach, fühlte er ſich ſelber mehr erkräftigt, mehr befähigt zu hoffen und zu tragen, was Gott ſchicken möchte. Und ſo erzählten ſie ſich von den fernen Söhnen und Freunden, deren Heimkehr ſie Alle mit ſo viel Sehnſucht erwarteten, ſo klagten ſie einander ihren Kummer, jetzt den übermüthigen Franzoſen unterthan zu „ ſein, und nicht mehr den großen Friedrich ihren König nennen zu ſollen, und nicht mehr ihm ihr ſauer erworbenes Geld zahlen zu dürfen, ſondern — 43— es dem, den ſie nur äußerlich ihren Herrn, im Herzen aber ihren Feind nannten, es dem Franzoſen geben zu müſſen. So laßt uns wenigſtens zuſammenhalten, in Liebe und Eintracht, ſagte Bater Buſchmann, laßt uns gemeinſchaftlich tragen, was wir tragen müſſen. Morgen iſt Sonntag, und wenn wir am Morgen in der Kirche Gott unſere heimlichen und ſtillen Gebete, die wir Niemand außer Ihm dürfen hören laſſen, zugeflüſtert haben, dann wollen wir uns am Nach⸗ mittag Alle verſammeln auf dem Platz unter der großen Linde, und da wollen wir uns erzählen von vergangenen Zeiten, und von Denen, die nicht mehr ſind. Wißt Ihr wohl, unter der großen Linde erfuhren wir des Königs erſten Sieg in dieſem ſchrecklichen Krieg, unter der großen Linde las uns Anna Sophie Detzloff die Zeitungen vor, und wir jubel⸗ ten über die Schlacht von Lowoſitz, und ich jubelte mit, und dankte Gott, obwohl mir dieſe Schlacht zwei meiner Söhne gekoſtet hatte. Aber ſie waren den Heldentod geſtorben, und ich durfte ſtolz ſein auf ihren Tod, und Anna Sophie las uns aus den Zeitungen ihr Lob vor. Ach, wenn Anna Sophie noch lebte, dann hätte ich wenigſtens eine Tochter, die— Er konnte nicht weiter ſprechen, die Rührung erſtickte ſeine Worte. Er nickte den Freunden den Abſchiedsgruß zu, und ging weiter, ſeinem einſamen, kleinen Hauſe entgegen. Dort war für ihn ſchon der Tiſch gedeckt, das kleine Mädchen, das der Pächter ihm zur Bedienung gegeben, und die Nachts auch in der Hütte des Greiſes ſchlafen mußte, kam ſoeben mit der Schüſſel voll dampfender Speiſen vom Pachthof daher. Der Greis ſetzte ſich nieder zu ſeinem einſamen Mahl und ver⸗ zehrte es ohne Freudigkeit und ohne Luſt, er aß nur, weil ſein Körper Nahrung begehrte, aber ſeine Gedanken waren nicht dabei, und er aß, ohne zu wiſſen, was er aß. Aber mitten aus ſeinem Sinnen ſchreckte er empor; es war ihm, als ſei ein Schatten an dem Fenſter vorüber gekommen, als hätten zwei Augen, zwei liebe wohlbekannte Augen mit einem ſchnellen Blitz in's Zimmer hineingeleuchtet.— Der alte Mann ließ, wie von einem jähen Freudenſchreck gelähmt, den Löffel ſinken, und ſtarrte nach der Thür hin. — Ja, die Klinke bewegte ſich, die Thür ging auf, und in derſelben er⸗ ſchien die ſchlanke Geſtalt eines preußiſchen Soldaten. Der Greis ſtieß einen Schrei aus, und ſtreckte ihm ſeine beiden Arme entgegen. Oh, mein Sohn, mein geliebter Sohn, biſt Du wie⸗ der da! Ja, Vater, da bin ich wieder, und nun, will's Gott, werden wir uns nicht wieder trennen! Und Karl Heinrich eilte in die geöffneten Arme ſeines Vaters und küßte ihn zärtlich, und drückte ihn feſt und innig an ſein Herz. Dein Bild, Vater, hat mich wieder hierhergeführt, ſagte Karl Hein⸗ rich, und wärſt Du nicht geweſen, ſo würde ich nimmer wieder nach Brünen gekommen, ſondern hinausgewandert ſein in die Welt, von der ich mein Lebtag nicht geglaubt hätte, daß ſie ſo groß und ſchön ſei. Aber Deine alten lieben Augen ſchauten mich immer an, immer war's mir, als hörte ich Deine Stimme, welche mich rief, welche zu mir ſagte: Karl Heinrich! Komm nach Hauſe! Ich bin allein und ſehne mich nach Dir! Karl Heinrich, komm nach Hauſe! Und ſo kam ich denn und ſo bin ich da! 3 Und gelobt ſei Gott, daß Du da biſt! ſagte ſein Vater, die Hände faltend und mit dankbarem Blick zum Himmel emporſchauend. Ach, wie gnädig und gut iſt Gott doch gegen mich alten Mann, daß er mir den einzigen, den letzten Sohn, die Stütze meines Alters, die Freude meiner alten Augen, wiedergiebt! Denn nicht wahr, Karl Heinrich, jetzt gehſt Du nimmer wieder hinaus? Du kommſt nicht bloß auf Urlaub, ſondern Du haſt Deinen Abſchied bekommen? Der König hat Friede gemacht, und dieſer Krieg iſt endlich zu Ende? Die Augen des alten Hirten waren von Thränen der Freude um⸗ ſchleiert, er ſah daher nicht, wie Karl Heinrich zuſammenzuckte, und ein tiefes Roth über ſein Antlitz dahinfuhr. Nein, Vater, ſagte er mit niedergeſchlagenen Augen, ich verlaſſe Dich nun nimmermehr, ich bleibe nun bei Dir! Wir ſind Alle wieder heimgekehrt, alle die Burſche, welche bei der letzten Aushebung unter die preußiſchen Fahnen mußten. Es wird nun wieder luſtig und munter werden im Dorfe, und auch die Arbeit wird wieder raſch und kräftig — 45— befördert werden, denn es iſt immer ein Unterſchied, ob zwölf junge Burſche ſie angreifen, oder nur die älteren Männer. Aber Noth that es auch, daß wir wiederkehrten, das haben wir geſehen, als wir auf unſere Aecker kamen. Das Korn iſt überreif und müßte ſchon längſt in Garben ſtehen. Nun, wir werden uns dranhalten, und die verſäumte Arbeit bald wieder nachholen. Und morgen, Vater, morgen wollen wir dem ganzen Dorf einen luſtigen Tag machen, die ganze Gegend ſoll's merken, daß die zwölf Burſche aus Brünen wieder da ſind. Unterwegs iſt uns ein Fiedler begegnet, den haben wir gleich herbeſtellt zu morgen. Auf dem Platz unter der großen Linde ſoll er uns aufſpielen, und da wollen wir unſere Väter und Mütter, unſere Bräute und Schweſtern einladen, und da ſoll getanzt und geſungen, gegeſſen und getrunken wer⸗ den, und wir wollen Euch Alle freihalten und Ihr ſollt Alle unſere Gäſte ſein! Nun, wie ſich das trifft, ſagte der alte Schäfer mit einem glückſe⸗ ligen Lächeln. Wir hatten uns Alle ſchon vorgenommen, morgen Nach⸗ mittag unter der großen Linde zuſammenzukommen, wir Väter und Greiſe. Wir wollten da beieinander ſitzen, um uns unſer gemeinſchaft⸗ lich Leid zu klagen, uns von den Söhnen zu erzählen und einander zu tröſten. Jetzt freilich wird's beſſer kommen, und ſoll getanzt und geſun⸗ gen werden, und wer weiß, ob wir Alten in der Freude unſeres Herzens nicht ſelber noch einen Zweitritt riskiren. Ich fordere Dich auf, Vater! rief Karl Heinrich lachend, wahrhaf⸗ tig, ich fordere Dich auf, und Du darfſt mir keinen Korb geben! Ich thu's auch nicht, mein Junge, ich thu's auch nicht. Die Freude hat mich wieder jung gemacht, und wenn's der Phylax, der alte Gries⸗ bart, nicht übel nimmt, denn Du weißt, er iſt immer eiferſüchtig auf Dich, wenn er's erlaubt, ſo tanze ich mit Dir, und das ganze Dorf wird Dich beneiden um Deine ſchmucke und flinke junge Tänzerin. Wie vergnügt der Alte jetzt lachte, wie wenig dieſes ſonnenhelle, glückſtrahlende Geſicht dem trüben und umdüſterten Greiſenantlitz von vorhin glich! Aber jetzt, mein Sohn, ſagte er dann, wieder ernſthaft werdend, jetzt erzähle mir von unſerem König und wie's kommt, daß er auf einmal Frieden gemacht, und ob er dabei gewonnen, oder verloren hat? Von unſerem König weiß ich nichts zu erzählen, ſagte Karl Hein⸗ rich ausweichend. Ich bin ja nicht in ſeiner Nähe geweſen, ſondern bei dem Armeecorps des Herzogs von Braunſchweig. Ich weiß wohl, mein Sohn. Aber der Herzog wird doch natürlich nicht eher Frieden machen, bis der König es ihm erlaubt und es auch thut. Ah, Vater, ſie werden den König von Preußen ſchon zwingen, Frieden zu machen, rief Karl Heinrich nachläſſig, und was den Herzog Ferdi⸗ nand von Braunſchweig anbetrifft, ſo hat er jetzt die Belagerung von Weſel nicht allein aufgegeben, ſondern hat ſich mit ſeinem Armeecorps nach Weſtphalen zurückgezogen, während die Franzoſen jetzt Herren des ganzen Niederrheins ſind und es hoffentlich auch bleiben werden. Hoffentlich? fragte ſein Vater mit erſtauntem Geſicht. Nun ja, Vater, der Franzoſe iſt ja jetzt und vielleicht für immer Herr des Cleve'ſchen Landes, und als ſeine Unterthanen müſſen wir ihm doch Glück und Gedeihen wünſchen, und hoffen, daß er gegen den Kö⸗ nig von Preußen Sieger bleiben möge. Was redeſt Du da, mein Sohnl! fragte der Alte mit ganz verwirr⸗ ten Blicken. Aber freilich, Du haſt Recht, die Franzoſen ſind jetzt unſere Herren, und da unſer König jetzt Frieden mit Frankreich geſchloſſen hat, ſo trifft uns am Ende das Unglück, daß wir franzöſiſche Unterthanen bleiben. Aber das wolle der liebe Gott nicht! Es wäre doch traurig und fürchterlich, wenn wir nicht mehr den Stolz haben ſollten, den gro⸗ ßen Heldenkönig unſeren König nennen zu dürfen, und wenn wir viel⸗ leicht einſt ſogar es erleben müßten, daß unſere Söhne als franzöſiſche Soldaten gegen ihren König in's Feld rücken müßten. Denke Dir doch, Karl Heinrich, ſie würden Dir ja nicht einmal mehr erlauben, an Sonn⸗ tagen Deine hübſche preußiſche Uniform da anzulegen, und das wäre doch wahrhaftig ein Jammer, denn ſie ſteht Dir prächtig und iſt noch ſo gut wie neu. Aber wie geht es zu, mein Sohn, daß man Dir die Uni⸗ form gelaſſen hat, da ſie doch ſonſt immer den verabſchiedeten Soldaten abgenommen, und in den königlichen Kleidermagazinen aufbewahrt wird. — 3 — 47— Wir ſind alle Zwölf in unſerer preußiſchen Uniform in's Dorf ge⸗ kommen, ſagte Karl Heinrich, aber es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir ſie gleich heute ausziehen werden. Warum denn gleich heute? Nun, weil wir ja franzöſiſche Unterthanen ſind, und weil's ſich doch für die nimmermehr ziemt, die Uniform des Feindes, des Königs von Preußen zu tragen. Das iſt ja auch der Grund, warum wir zwölfe wieder heimgekehrt ſind. Da wir erfuhren, daß das Cleveſche Land jetzt franzöſiſch geworden, ſo waren wir nicht mehr Unterthanen des Königs von Preußen, und durften nicht mehr unter ſeinen Fahnen gegen den Franzoſen fechten, deſſen Unterthanen wir geworden. Das überlegten wir uns wohl, und wir bedachten, wie ſehr es Euch Allen hier in Brü⸗ nen bei dem neuen Herrn ſchaden könnte, wenn es hieße, daß Euere Söhne noch bei der Armee des Königs von Preußen ſtänden. Deshalb zumeiſt beſchloſſen wir heimzukehren, und ſo verließen wir denn geſtern Morgen das Regiment, bei dem wir ſtanden, und das eben nach Min⸗ den abmarſchirte, ſo wanderten wir den ganzen Tag und die halbe Nacht, ſchliefen ein paar Stunden in einem Walde und wanderten dann bei Sonnenaufgang weiter, bis wir hier ankamen. Und jetzt, Vater, da wir uns begrüßt haben, und Du Alles weißt, jetzt will ich zuerſt auf meine Kammer gehen, und die Uniform ausziehen, und mich wieder in einen Bauerburſchen verwandeln. Er wollte ſich raſch entfernen, denn der ſtarre, entſetzte Blick, mit welchem der Alte ihn anſah, ängſtigte ihn und war ihm unbequem. Aber ſein Vater legte ſeine Hand mit ſo kräftigem Druck auf ſeinen Arm, daß er wohl da bleiben mußte. Sage, daß Du Spaß gemacht haſt, Karl Heinrich, rief der Greis mit haſtigem, aufgeregtem Ton, denn es iſt ja nicht möglich, nein, nicht möglich, daß mein Sohn, der Bruder meiner ſechs Heldenſöhne, ſo ſpre⸗ chen könnte! Nicht wahr, Karl Heinrich, das war nur ein Spaß, Du wollteſt Deinen alten Vater nur necken. Es iſt nicht wahr, daß Du die Fahnen unſeres Königs verlaſſen haſt, es iſt nicht wahr, daß Du ge⸗ kommen biſt, weil jetzt der Franzoſe das Cleveſche Land beſetzt hält, und uns zwingt, ihm unſere Steuern zu zahlen, es iſt nicht wahr, daß Du — 48— die preußiſche Uniform ausziehen willſt, ohne von Deinem Regiment entlaſſen oder verabſchiedet zu ſein. Mach' dem Spaß ein Ende, Karl Heinrich, zeig' mir ſchnell den Entlaſſungsſchein, den jeder ehrliche Sol⸗ dat bekommt, wenn er aus dem Kriegsdienſt ausſcheidet. Hörſt Du, Karl Heinrich, ſchnell zeige mir den Entlaſſungsſchein! Er ſtreckte ſeinem Sohn die dürre zitternde Rechte entgegen, wäh⸗ rend ſeine linke Hand noch immer mit gewichtiger Kraft auf Karl Hein⸗ richs Arm ruhte und ihn feſthielt. Vater, ſagte Karl Heinrich finſter, ich habe keinen Entlaſſungsſchein. Es iſt ſo, wie ich Dir ſage, wir haben die preußiſche Armee verlaſſen, weil wir jetzt nicht mehr Unterthanen des Königs von Preußen ſind, und alſo nicht mehr nöthig haben, im Kriegsdienſt zu ſtehen, ſondern wieder Bauernburſche ſein durften. Du lügſt, Du lügſt! rief ſein Vater. Du biſt kein Deſerteur, es iſt nicht möglich, daß mein Sohn ein Deſerteur ſei! Nein, Vater, ich bin auch kein Deſerteur, rief ſein Sohn faſt trotzig, indem er ungeſtüm ſeinen Arm von der Hand ſeines Vaters befreite, ich bin kein Deſerteur, ſondern ich habe nur redlich meine Pflicht gethan als Unterthan des Königs von Frankreich, ich habe die Fahnen des Feindes verlaſſen, und bin jetzt da, ganz bereit und willig, meinem neuen Herrn als treuer Unterthan zu gehorchen. Das iſt Alles, was ich zu ſagen weiß, Vater, und ich denke, wenn Du's Dir überlegſt, ſo wirſt Du ein⸗ ſehen, daß ich Recht habe, und wirſt es zufrieden ſein, daß ich die preu⸗ ßiſche Uniform ausziehe, um wieder bei Dir zu bleiben! Er wartete die Antwort ſeines Vaters nicht ab, ſondern verließ haſtig, und als fürchtete er noch einmal von dem Alten zurückgehalten zu werden, das Zimmer. Der Greis erhob ſich, um ihm nachzueilen, aber ſeine Füße ver⸗ ſagten ihm den Dienſt. Mit einem lauten Aechzen ſank er auf ſeinen Seſſel zurück, und indem heiße Thränenſtröme ſeinen Augen entſtürzten, murmelte er leiſe: oh, mein Gott, mein Sohn iſt ein Deſerteur? Warum läſſeſt Du mich dieſe Schmach erleben, mein Gott, warum haſt Du meine alten Augen nicht geſchloſſen, damit ſie die Schande nicht zu ſehen brauchten! V. Die tapferen Väter und die feigen Sühne. Es läutete zur Meſſe; weithin durch das Dorf Brünen ſchallte die helle Glocke der Dorfkirche, und rief die frommen Bewohner zur Sonn⸗ tagsfeier in den Tempel des Herrn. Ueberall öffneten ſich die Thüren der Hütten, und die Frauen und Männer traten in ihrem Sontagsſtaar, mit dem Gebetbuch in der Hand, auf die Straßen, um in feierlicher Stille den Weg nach der Kirche einzuſchlagen. Ihnen folgten ihre Kinder, die jungen, erwachſenen Mädchen mit züchtig niedergeſchlagenen Augen, mit andächtiger Geberde, die Knaben mit hellen, fröhlichen Blicken um ſich ſchauend, und ganz ſtolz in dem Gedanken, ſchon groß genug zu ſein, um zur Kirche gehen zu können. Die Glocke läutete noch immerfort. Von dem fernen Pachthof kamen die Knechte und Mägde, je Zwei und Zwei hintereinander, die breite Kaſtanienallee herunter und begrüßten hier und dort die ihnen be⸗ gegnenden Kirchengänger, und gingen in leiſe geflüſtertem Geſpräch mit ihnen weiter. Dann blieben ſie Alle noch ein wenig auf dem Platz unter der großen Linde ſtehen, um zu warten, bis die Glocke ausgetönt habe, bis die Kirchenpforte dort drüben ſich öffnen, bis der Herr Pfarrer mit dem Sacriſtan und den vier Chorknaben kommen würde. Erſt wenn dieſer in die Kirche gegangen, durften auch ſie in das Gotteshaus eintreten. Es war ein buntes Gewimmel auf dem Platz unter der großen Linde, alle Bewohner des Dorfes, ſo ſchien es, waren dort verſammelt, Alle hatten ſie heute das Bedürfniß gefühlt, das Haus Gottes zu be⸗ ſuchen. Vielleicht wollten ſie Gott danken für die glückliche Heimkehr der theuren Söhne, der Brüder und Geliebten, vielleicht bedurfte ihr übervolles Herz erſt des Zwiegeſpräches mit Gott, ehe ſie auch den Menſchen ihre Freude ausſprechen, und diejenigen von Herzen will⸗ kommen heißen konnten, für die ſie erſt Gottes Segen erflehen wollten. Da ſtanden ſie unter der Linde, die zwölf heimgekehrten Burſchen, da ſtanden ſie in ihrem ſchönſten Sonntagsſtaat. Aber warum ſtanden Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. II. 4 — 50— ſie ſo allein? Warum hatte man einen ſo großen Raum zwiſchen ihnen und den übrigen Kirchgängern frei gelaſſen? Warum mieden es die Männer, den Blicken der Burſchen zu begegnen, warum wichen die Mädchen ſcheu zurück, und antworteten nicht, wenn Einer von den Burſchen ſich ihnen nahte und ſie anzureden verſuchte? Warum flüſterten ſie Alle untereinander und zeigten mit Fingern nach den Burſchen hin, und wandten ihnen den Rücken, wenn ſie zu ihnen treten wollten? Laſſen wir ſie doch in Ruhe, flüſterte einer der Burſchen den Uebrigen zu. Heute Nachmittag, wenn die Fiedel tönt, und der Wein und Kuchen duftet, werden ſie ſchon freundlicher werden! Aber da iſt mein Vater! Dem muß ich entgegengehen! ſagte Karl Heinrich, indem er vorwärts eilte dem Greiſe entgegen, der eben auf den Platz gekommen war. Jedermann wich dem Karl Heinrich aus, nnd wie er jetzt ſeinem Vater gegenüberſtand, befanden ſich Beide, wie die Schauſpieler auf der Bühne, allein inmitten der Zuſchauer, die in athemloſer Erwartung, mit neugierigen Blicken ſie anſtarrten. Guten Morgen, Vater, ſagte Karl Heinrich mit erzwungener Fröh⸗ lichkeit, indem er ſeinem Vater die Hand entgegenſtreckte. Haſt heute lange geſchlafen, und biſt geſtern doch ſo früh zu Bette gegangen, daß ich Dich weder geſtern noch heute, ſeit unſerer erſten Begrüßung, wieder ſehen und ſprechen konnte. Guten Morgen alſo, Vater! Der Greis ſah ihn ruhig an, aber er legte ſeine Hand nicht in die dargereichte Hand des Sohnes, und wollte an ihm vorübergehen. Vater, fuhr Karl Heinrich fort, Du mußt ermüdet ſein, denn unſere Hütte liegt am Ende des Dorfes, und das iſt ein weiter Weg für Deine alten Beine. Stütze Dich alſo auf mich, mein Vater, und erlaube, daß Dein Sohn Dich in die Kirche führt. Er ſtreckte ſeine Hand aus, um den Arm des Greiſes zu ſtützen, aber der alte Buſchmann wehrte ſie zurück und ſchritt vorwärts, an dem Sohn vorbei, ohne ihn nur anzuſehen, ohne nur ein Wort an ihn ge⸗ richtet zu haben. Karl Heinrich ſtürzte ihm nach. Vater, rief er, hörſt Du mich nicht, kannſt Du— — 51— Der Alte ſchien ihn wirklich nicht zu hören, denn er ging mit ruhigem, unbewegtem Geſicht weiter, er ging gerade auf den Dorfſchulzen zu, der ihm raſch einige Schritte entgegentrat. Freund, ſagte der alte Buſchmann mit lauter, feſter Stimme, ich bin ermüdet vom weiten Weg. Wollt Ihr mir nicht Eueren Arm geben, daß ich mich darauf ſtützen kann? 1 Er lehnte ſich feſt, feſt auf den dargereichten Arm und ſchritt raſch vorwärts. Jedermann hatte ſeine Worte gehört, aber Niemand außer dem Schulzen ſah die zwei Thränen in ſeinen Augen, die jetzt langſam über die eingefallenen, bleichen Wangen des Greiſes niederrollten. Ihr ſeid ſehr hart geweſen, Vater! flüſterte der Schulze, wie ſie raſch vorwärts ſchritten. Seid Ihr milder geweſen? fragte der Greis mit zitternder Stimme. Stand Euer Sohn nicht auch da unter den zwölf Burſchen, ohne daß Ihr ihn anſaht, oder zu ihm ſprachet? Er hat die Nacht nicht in meinem Hauſe geſchlafen, ich habe ihn fortgewieſen, ſagte der Schulze düſter. Ach, ach, ſeufzte der Greis, welch' ein bitterer Kummer iſt dies! Und wie grenzenlos lieben wir unſere Kinder, juſt wenn ſie uns am meiſten betrüben! Aber es muß ſein, Freund, wir können und dürfen nicht anders handeln. Laßt uns in die Kirche gehen, um Gott zu bitten, daß er uns Kraft gebe zu thun, was wir thun müſſen! An dem Arm des Dorfſchulzen trat der Greis in das Kirchhoftsthor ein, während von der anderen Seite des Kirchhofs ſoeben der Geiſtliche, gefolgt von dem Sacriſtan und den beiden Chorknaben, daherkam. Ach, ſeht nur, flüſterte der Schulze. Unſer alter, guter Herr Pfarrer kommt heute nicht ſelbſt, den Gottesdienſt zu halten, er ſendet uns ſeinen Adjunctus. Gewiß giebt's wieder eine ſchlimme Verordnung des Herrn Erzbiſchofs vorzuleſen, und Ihr wißt wohl, das thut unſer Herr Pfarrer nicht gern, denn er iſt gut Preußiſch geſinnt und liebt gleich uns den großen König.. Der junge Geiſtliche ſchritt mit lächelndem Geſicht gerade auf die beiden Männer zu, die jetzt in der Mitte des Kirchhofes angelangt waren, 4* — 52— während die übrigen Dorfbewohner ſich eben durch das Thor herein⸗ bewegten. 5 Nun, meine guten Freunde, ſagte der Geiſtliche mit ſalbungsvoller Freundlichkeit, indem er den beiden Männern die Hand reichte, ich bringe Euch meine beſten Glückwünſche dar. Wozu? fragten Beide erſtaunt. Nun, zu der großen Freude, die Euch geſtern geworden. Denn was kann es für Euch Väter für eine größere Freude geben, als wenn Euere Söhne aus dem Getümmel der Schlacht geſund und unverletzt zurückkehrten. Eure Söhne ſind heimgekehrt! In treuer Pflichterfüllung gegen ihren neuen Herrn, die rechtgläubige, katholiſche Majeſtät von Frankreich, haben ſie die Fahnen des Ketzerkönigs verlaſſen, ſeine Uni⸗ form ausgezogen, um wieder als einfache, ſchlichte Bauern ihren Vätern bei der Arbeit zur Seite zu ſtehen! Ach, da ſind ſie ja, dieſe edlen braven Burſchen, da treten ſie eben in das Thor ein! Kommt her, meine jungen Freunde, daß ich Euch das Lob der Kirche bringe für Euere entſchloſſene Pflichterfüllung. Er ſtreckte den Burſchen, welche eben mit düſteren, verlegenen Ge⸗ ſichtern den Kirchhof betraten, beide Hände entgegen, und ſie folgten ſeinem Ruf um ſo bereitwilliger, als er zu ihnen den erſten Willkommen⸗ gruß, die erſten freundlichen Worte, die ſie ſeit ihrer Rückkehr vernommen, geſprochen hatte. Aber ſo wie die jungen Burſchen ſich dem Geiſtlichen näherten, traten die übrigen Männer zurück und gingen, gefolgt von ihren Weibern und Kindern, haſtig in die Kirche. Ihr ſollt ſehen, Vater, flüſterte der Schulze, als ſie ſich nebenein⸗ ander in dem Kirchſtuhl niederließen, Ihr ſollt ſehen, daß es heute eine Botſchaft giebt! Wenn der Herr Adjunctus ſo vergnügt und freundlich iſt, dann iſt's immer nicht richtig, dann gilt's immer einen ſchlechten Streich gegen den König Friedrich auszuführen, und darum iſt auch der Herr Pfarrer nicht hier!— Der Dorfſchulze hatte richtig prophezeiht, der Herr Adjunctus hatte wirklich einen Streich gegen den König zu führen. Nachdem der Gottes⸗ dienſt beendet war, und die Gemeinde ſich anſchickte die Kirche zu ver⸗ laſſen, betrat er noch einmal die Kanzel, und forderte die Gemeinde auf noch zu verweilen und anzuhören, was er ihnen im Namen ihres oberſten Kirchenherrn, des Erzbiſchofs von Köln, Herrn Klemens Auguſt, Herzog von und in Baiern, weiteres zu melden und vorzutragen habe!— Der hochehrwürdige Erzbiſchof Eminenz Herzogliche Gnaden, ſagte er, ent⸗ bietet Euch, ſeinen lieben, getreuen Kindern, der hochheiligen Kirche Segen und Gruß, und alſo lauten ſeine Worte:„Wir Klemens Auguſt, Erz⸗ biſchof von Köln, entbieten und befehlen unſern Kindern in Chriſto, daß ſie treu ſein ſollen ihrer neuen Regierung, und ihrem neuen Herrn, dem König Ludwig dem Funfzehnten von Frankreich, der Apoſtoliſchen Ma⸗ jeſtät, welche das Schwerdt des Herrn unſerer Kirche in die geſegnete Hand genommen hat, um den Feind der Kirche, den abtrünnigen Ketzer⸗ fürſten, welcher ſich eigenmächtiger Weiſe König von Preußen nennt, zu züchtigen und zu ſtrafen. Der Zorn Gottes iſt wider ihn und wird dieſen Uebermüthigen zerſchmettern, dieſen Spötter des Herrn zermalmen. Wehe alſo Denen, welche die Stimme Gottes nicht hören wollen, und in toller Verblendung dem Ketzerfürſten anhangen. Wehe Euch Allen, wenn Ihr in der Verblendung Enres Herzens ihm noch anhangen wollt in Liebe und Treue. Ihr ſeid Euerer Unterthanenpflicht gegen ihn ent⸗ bunden, und die Kirche giebt Euch ihren Segen dazu. Ich als Euer vom heiligen Papſt zu Rom Euch eingeſetzter Oberhirte uud Herr ge⸗ biete Euch daher: Seid treu Eurem neuen Herrn! Bittet Gott, daß er ſeine Waffen ſegnen, und ihnen auch hinfürder noch den Sieg ver⸗ leihen möge über den gottloſen Feind! Wer aber von Euch dieſem Gebot zuwider handelt, den wird mein Zorn treffen, und meine Strafe ereilen. Wer es wagt, dem Keetzerkönig anzuhangen, der iſt ſelber ein Ketzer, ein Abtrünniger der Kirche! Hüttet Euch alſo; ſchwere Strafe wird den ereilen, der Worte der Freude über den ſogenannten Ruhm und die Größe Friedrichs des Zweiten zu äußern wagt, denn ſolche Freude wäre ein Hohn gegen die heilige Mutterkirche, welche ihn ausgeſtoßen hat. Wagt es alſo nicht, ſich ſeiner Siege zu freuen, denn mein ſtra⸗ fender Zorn iſt bereit Euch zu treffen. Im Uebrigen bleiben wir Euer — 54— wohlgewogener Herr, und ſenden Euch, meinen lieben Kindern in Chriſto, unſeren gnädigen chriſtlichen Gruß der Liebe.*)— Mit düſteren Geſichtern, mit niedergeſchlagenen Augen hatten die Männer dieſe Botſchafl des fanatiſchen Erzbiſchofes von Köln angehört, nur die zwölf Burſchen, welche bis dahin allein und abgeſondert in dem Zwiſchengange geſtanden, und nicht gewagt hatten, ſich zu den Uebrigen in die Kirchſtühle zu ſetzen, nur dieſe ſchauten jetzt keck und wohlgemuth um ſich, und ihre triumphirenden Blicke ſchienen die anderen zu fragen, ob ſie jetzt einſähen, daß ſie recht gehandelt, und daß ſie ganz recht gethan, zurückzukehren? Mit wiedererwachtem Muth, mit ſtolzem Selbſtgefühl verließen ſie daher jetzt zu allererſt die Kirche, und ſich in zwei Reihen zu beiden Seiten der Kirchthüren aufſtellend, ſo daß die aus der Kirche Kommenden durch dieſelben hindurchpaſſiren mußten, baten ſie,„ihre lieben Verwandten und Freunde“ heute Nachmitttag auf den Platz unter der großen Linde zu kommen, wo ſie zur Feier ihrer glücklichen Wiederkehr ein kleines Feſt veranſtalten wollten. Wir werden kommen! erwiederten die Männer mit ernſter, faſt feierlicher Stimme. Wir werden kommen! ſagten die Frauen mit trau⸗ rigen, von Thränen umdüſterten Blicken, wie ihre Augen ſich auf die *) Herr Klemens Auguſt von Baiern, Erzbiſchof von Cöln, der in ſeinen Landen die Freude über Friedrichs Ruhm und Größe bei ſchwerer Strafe verbot, wie ſolches König Friedrich ſelbſt erzählt:(Oeuvres posthumes. Vol. VII. p. 346), mußte aber auch dafür„ſchwere Strafe“ vom König hinnehmen, denn als Herzog Ferdinand von Braunſchweig die Rheinlande bald darauf dem König wiedergenommen und die Franzoſen vertrieben hatte, ſchrieb ihm der König: Comme aussi les Electeurs de Cologne ct Palatin ontfait voir dans tous les cours de la présente guerre une animosité déraisonnable et très déplacée contre moi et même contre le Roi d'Angleterre, en usant de tous les mauvais procédes contre nous, dont ils ont été capables, et qu'ils méritent bien de sentir à l'occasion présente notre ressentiment, je Vous prie bien, que dès que Vous serez approché des environs du Pays de Bergues et de celui de la domination de lElecteur de Cologne, d'y détacher alors mes hussards et mes dragons pour rafler ces pays là.(Wagners Denkwür⸗ digkeiten. Heft 6. S. 72.) — 55— lachenden, triumphirenden Geſichter ihrer Söhne richteten, und die jungen Mägde, welche die Burſchen zu Tanz einluden, gingen ſchweigend, mit niedergeſchlagenen Augen und ſchmerzlich aufſeufzend, vorüber. Nur der alte Buſchmann erwiederte nichts auf die Einladung des Sohnes, nur er ſchlug nicht, wie alle die Uebrigen, den Weg nach dem Dorfe ein, ſondern er wandte ſich nach der Seite des Kirchhofs hin, wo das Grab ſeines Weibes ſich befand. Auf ihren Grabhügel ſetzte er ſich nieder, mit gefaltenen Händen, das Haupt zum Himmel empor ge⸗ wandt, mit zitternden Lippen leiſe Worten flüſternd, und dann wieder zu tiefem Nachſinnen in ſich ſelber verſinkend. Zuweilen kam es aus ſeiner Bruſt hervor wie ein leiſes Schluchzen, und dann rannen die Thränen langſam und einzeln aus ſeinen Augen nieder, zuweilen rang er die Hände zu Gott empor, als wollte er ihm ſeinen Jammer klagen, und ihn um Gnade anflehen, dann wieder wiſchte er mit einer unwilligen Bewegung die Thränen aus ſeinen Augen, als zürne er ſich ſelber, daß er ſo weich geweſen. So ſaß er lange, lange da, ringend mit ſeinem Schmerz und Gott bittend um Kraft, das Schwere zu vollbringen. So ſaß er viele Stunden einſam und ſchweigend, allein mit ſeinem Gott und ſeinem Kummer. Das Nahen menſchlicher Schritte weckte ihn aus ſeinem Sinnen, und er blickte empor. Vor ihm ſtand der Dorfſchulze, und nickte ihm mit wehmüthigem Lächeln zu. Ich wußte wohl, daß ich Euch hier finden würde, Vater Buſchmann, ſagte er, und ich komme Euch abzuholen. Es iſt Zeit! Wir ſind Alle auf dem Platz verſammelt und erwarten nur noch Euch! So kommt denn! ſagte der Greis entſchloſſen, indem er aufſtand und mit einem letzten Liebesblick Abſchied nahm von dem Grabe ſeines Weibes. Diesmal hatte der alte Mann nicht nöthig, ſich auf des Freundes Arm zu ſtützen. Sein Schritt war kräſtig und männlich, ſeine Geſtalt hoch aufgerichtet und ungebeugt, und von ſeinem ehrwürdigen Antlitz leuchtete eine tiefe Entſchloſſenheit und Energie. So ſchritt er an der Seite des Dorfſchulzen dahin, ſo trat er auf den Platz unter der großen Linde. Dort ſah es jetzt heiter und luſtig — 36— genug aus. Die jungen Burſche hatten die Mittagsſtunden benutzt, um die Vorbereitungen zu ihrem Feſt der Wiederkehr auf eine würdige Weiſe zu treffen. Sie waren in den Wald gegangen, und hatten dort von friſchem Laubwerk dicke Guirlanden gewunden, die jetzt in zierlichen Feſtons von Baum zu Baum um den Platz rankten. Auch den Fuß⸗ boden hatten ſie mit Blumen und Blättern gar zierlich beſtreut, und um die Bank unter der Linde zog ſich eine zierliche Guirlande von ſchönen Feldblumen hin. An der einen Seite des Platzes waren mehrere Tiſche aufgeſtellt, auf denen Flaſchen mit Wein und Bier, und Teller mit Brod und Kuchen aufgereiht waren, und unweit davon, auf einer großen mit Blumenguirlanden umrankten Tonne, ſaß der Fiedler mit ſeiner Geige, und blickte ſtolz umher, wie ein König, der da weiß, daß er der Mittel⸗ punkt und die Krone des Feſtes iſt. Und freilich, es war lange her, das in dem Dorfe Brünen der luſtige Klang einer Fiedel gehört war, lange her, ſeit man zuletzt nach ihren heitern Melodien unter der großen Linde getanzt hatte. Es umſtanden daher die kleinen Knaben und Mädchen den Thron des Fiedlers mit ſtaunender Verwunderung und horchten entzückt auf die leiſen vereinzelten Töne, die er dann und wann den Saiten entlockte.— Aber die erwachſenen Mägde ſtanden fernab und blickten nicht ein ein⸗ ziges Mal hinüber nach dem lockenden Fiedler, ſondern bargen ſich ſcheu hinter den Frauen und Müttern, die mit ernſten Mienen daſtanden und ihre Blicke auf die Gruppen der Männer gerichtet hielten, die dort drüben in erwartungsvoller Stille neben einander ſtanden. Dieſe Stille und dieſes allgemeine bewegungsloſe Schweigen fing endlich doch an, die jungen Burſche, die Veranſtalter des Feſtes, zu ängſtigen. Sie hatten vergebens verſucht, die Männer zu einem Geſpräch zu veranlaſſen, man hatte ihnen auf ihre Fragen keine Antwort gegeben, und als ſie ſich dann an die Frauen und Mädchen gewandt, waren auch dieſe ſtumm und ſchweigſam geblieben. So hatten die jungen Männer ſich dann auf die andere Seite des Platzes begeben, zu dem Fiedler und den Kindern. Aber als ſie mit dieſen zu ſchäkern und zu plaudern begannen, hörte man die ernſten Stimmen ihrer Mütter und Väter, —— welche die Kinder zu ſich riefen und ihnen befahlen, an ihrer Seite zu bleiben. Die jungen Burſche ſahen ſich fragend und verwundert an. Ich bin nur neugierig, was daraus endlich werden ſoll, und ob wir bis zur Nacht hier umherſtehen werden? brummte der Eine. Es ſcheint, ſie erwarten Jemand, flüſterte der Andere. Sie erwarten meinen Vater, ſagte Karl Heinrich. Und ſeht nur, da kommt er vom Kirchhof her. Der Dorſſchulze hat ihn geholt. Wie der Greis jetzt auf den Platz trat, gingen die Männer ihm entgegen und führten ihn in feierlichem Schweigen nach der Bank unter der großen Linde hin und hoben ihn auf dieſelbe empor, daß er auf der Bank ſtehend die Häupter Aller überragte, und überall ſein ehrwürdiges, bleiches, von ſpärlichem grauen Haar umflattertes Antlitz geſehen werden konnte. Aller Augen wandten ſich nach ihm hin, ein tiefes, athemloſes Schweigen trat ein. Der Greis hob ſeinen Arm empor und winkte nach der Seite hin, wo die zwölf Burſche ſtanden. Karl Heinrich Buſchmann, ſagte er feierlich, komme her zu mir! Und als ſein Sohn mit raſchen Schritten zu ihm trat, fuhr er fort: Ich frage Dich im Namen Gottes, iſt es wahr, was Du mir geſtern geſagt haſt? Iſt es wahr, daß Du Dich heimlich von den Fahnen Deines Königs, unſeres Herrn, des Königs Friedrichs von Preußen entfernt haſt! Iſt es wahr, daß Du in der preußiſchen Uniform heim⸗ lich Dein Regiment und die Fahne verlaſſen haſt, zu der Du geſchworen? Es iſt wahr, ſagte Karl Heinrich mit erzwungenem Trotz. Aber wir waren nicht blos berechtigt, ſondern verpflichtet das zu thun, denn wir ſind nicht mehr preußiſche Unterthanen, ſondern die Unterthanen des Königs von Frankreich. Ihr habt Alle gehört, was unſer Herr Geiſt⸗ liche uns heute in der Kirche vorgeleſen, und wie der Herr Erzbiſchof befohlen hat, daß wir unſerm neuen Herrn ſollen treu und gehorſam ſein. Wir durften nicht mehr die preußiſche Uniform tragen, nicht mehr preußiſche Soldaten ſein, und alſo kamen wir zurück in unſer Dorf. Ihr kamt zurück als ehrvergeſſene, treuloſe Soldaten, rief der Greis mit einem flammenden Zornesblick auf ſeinen Sohn. Ihr kamt zurück als ſchmachbeladene, elende Deſerteure, Ihr kamt zurück zur Schande Eures Dorfes, zur Schande Eurer Väter und Mütter, Eurer Brüder und Schweſtern, Eurer Bräute und Freunde. Ihr kamt zurück, indem Ihr von den Fahnen deſertirtet, von den Fahnen Eures rechtmäßigen Königs, dem Ihr, wie wir Alle, den Eid der Treue geſchworen, den Eid, welchen Gott empfangen und den keines Menſchen Wort von Euch nehmen kann! Männer von Brünen, wollen wir dieſe Schmach dulden, welche unſere Söhne auf uns bringen? Wollen wir es dulden, daß alle Welt mit Fingern auf uns zeigen und ſagen kann: ſie ſind die Väter der Soldaten, welche von ihrem Regiment eute ichan und ihrem König den Eid der Treue brachen? Nein! riefen die Männer wie aus einem Munde, nein, wir wollen das nicht dulden, wir wollen keine Deſerteure zu unſern Söhnen haben! Der Greis nickte ihnen ſchweigend zu und wandte ſein Haupt dann langſam nach der Seite hin, wo die Frauen und Mädchen ſtanden. Ihr Frauen und Jungfrauen von Brünen, wollt Ihr es dulden, daß Eure Söhne und Brüder mit Schmach und Schuld beladen unter Euch wandeln? Wollt Ihr die Deſerteure in Euerm Hauſe und an Eurem Tiſch wieder aufnehmen, wollt Ihr den Deſerteuren Eure Arme öffnen und ſie wieder Eure Söhne und Brüder nennen? Nein, nein! riefen die Frauen und Mädchen wie aus einem Munde, nein, wir wollen das nicht dulden! Wir wollen die Deſerteure nicht wieder in unſerem Hauſe und an unſerem Tiſch aufnehmen. Unſere Söhne und Brüder ſollen keine Deſerteure ſein! Der Greis richtete ſich höher auf, und wie von mächtiger Begeiſte⸗ rung erfaßt, hob er die Arme zum Himmel empor und ſein Antlitz leuch⸗ tete in heiliger Verklärung. Sie ſollen zurückkehren zu ihren Fahnen! rief er mit gebieteriſcher Stimme. Sie ſollen mit ihrem Blut die Schande von ihrer Stirn und von der unſrigen wieder fortwaſchen, und wenn ſie Gott dann erhält, und wenn ſie ihre Ehre reingewaſchen als tapfere Soldaten des Königs von Preußen, erſt dann wollen wir ſie wieder bei uns aufnehmen, erſt dann ſollen ſie wieder unſere Söhne und in unſerem Hauſe willkom⸗ men ſein! — 669— So ſoll es ſein! riefen die Männer, und die Frauen und Mädchen ſprachen und flüſterten es ihnen nach. Der Greis ſtieg jetzt von der Bank hernieder und ſchritt langſam vorwärts, langſam hinüber nach der Seite des Platzes, wo die zwölf jungen Männer mit erbleichtem Antlitz, mit entſetzten Blicken ſtanden und ihn angſtvoll anſtarrten. Kehrt zurück, woher Ihr gekommen! rief der Greis, die Arme gegen ſie ausſtreckend. Kehrt zurück zu den Fahnen Eures Königs! Wir wollen keine Deſerteure unter uns dulden! Fort mit Euch! Fort mit Euch! riefen die Männer, hinter dem Greiſe einherſchrei⸗ tend, die Arme gegen die Jünglinge ausſtreckend. Wir wollen keine De⸗ ſerteure unter uns dulden! Fort mit Euch! Fort mit Euch, riefen die Frauen und Mädchen, hinter den Män⸗ nern und zu ihrer Seite daherkommend. Fort mit Euch aus unſerem Dorf! Und die Kinder, angeſteckt von dieſem allgemeinen Ruf, ſchrieen mit ſchmetternder Stimme es nach: Fort mit Euch aus unſerm Dorf! Die Burſche ſtanden anfangs wie gelähmt vor Entſetzen da. Mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrten ſie auf dieſe, aus zürnenden Geſichtern, aus blitzenden Augen, aus verwünſchenden Lippen, aus erhobenen Armen zuſammengeſetzte Woge hin, die immer näher und näher kam, die ſie zu verſchlingen, zu zermalmen drohte, wie die auf einem einſamen Felſenriff Geſtrandeten von der donnernden Woge verſchlungen und zermalmt werden. Dann, wie von Grauen ergriffen, wandten ſie ſich, um zu entfliehen. Fort mit Euch! Fort mit den Deſerteuren! donnerte es hinter ihnen. Fort mit Euch! riefen und ſchrieen ihre Väter und Mütter, ihre Brüder und Schweſtern, ihre Bräute und Freunde. Dieſer furchtbare Ruf traf ihre Ohren jetzt, wie der Donner des Weltgerichts. Mit todesbleichen Angeſichtern, mit zitternden Knieen eilten ſie vorwärts, die große Straße des Dorfes hinunter. Aber hinter ihnen her kamen ſie Alle, Alle. Hinter ihnen her, wie das Heulen des Sturmes, ertönte es immer wieder: Fort mit Euch! Fort mit Euch! Fort mit den Deſerteuren! — 60— Und weiter rannten ſie, wie von Furien verfolgt, weiter, immer weiter die Straße hinunter. Aber ſie blieben immer hinter ihnen. Die zürnende, donnernde Woge wälzte ſich ihnen nach. Einmal nur wagte es Karl Heinrich, ſich umzuſchauen nach den Verfolgern. Es war ein fürchterlicher Anblick, dieſe Menge zürnender Geſichter mit den wuthblitzenden Augen zu ſehen. Und allen Uebrigen voraneilend, ſah er ſeinen greiſen Vater mit leichenblaſſem Antlitz, das weiße Haar flatternd im Winde, die Arme drohend gegen ihn erhoben, und mit ſchmetternder Stimme rufend: Fort mit Euch! Fort mit den Deſerteuren! Karl Heinrich wandte ſich ab, von tiefem Grauen ergriffen, ein Schrei des Entſetzens ertönte von ſeinen Lippen und wie ein Wahnſin⸗ niger ſtürzte er vorwärts. Die Kameraden ihm nach und hinter ihnen her das ganze Dorf, ſchreiend und brüllend: Fort mit Euch! Fort mit den Deſerteuren! Schon lag das Dorf hinter ihnen, aber immer weiter und weiter ging die wilde Jagd, immer weiter und weiter ging es in raſendem Lauf die Straße hinunter. Da gab es kein Ruhen und Stillſtehen, kein Aufathmen und Schweigen. Sie mußten fliehen, vorwärts, immer vorwärts. Jetzt hatten ſie in ihrem Lauf die Grenze des Dorfes längſt über⸗ ſchritten. Hinter ihnen war es ſtiller geworden. Sie wagten es, ſich umzuſchauen. Sie waren allein. Dort hinten aber an dem Graben, der die Grenze des Dorfes Brünen bezeichnet, dort ſtanden ſie Alle, Alle, die Geſichter den Fliehenden zugewandt, und wie fernes Raben⸗ gekrächze tönte es durch die Luft: Fort mit Euch! Fort mit den Deſerteuren! Keuchend, mit ſchlotternden Knieen ſanken die Burſche zuſammen, mit hohlen Augen einander anſtarrend, ſprachlos vor Wuth, Schmerz und Demüthigung. Aber in's Dorf wagten ſie nicht mehr zurückzukehren, und ſo thaten ſie denn, was man von ihnen verlangt hatte. Vielleicht um den Zorn der Ihrigen zu ſühnen, vielleicht von eigener Reue er⸗ griffen, kehrten ſie zu ihrem Regiment zurück, um freiwillig ihre Schuld zu bekennen, und Vergebung zu erflehen und zu erhalten. So ſtraften die tapferen Väter des Dorfes Brünen ihre feigen — 6ʃ— Söhne, und jagten die Ehrvergeſſenen, die Treuloſen, zu ihrer Pflicht zurück, vielleicht dem Tode in die Arme.*) *) Zur Erinnerung an dieſe hochherzige That der Bewohner von Brünen ließ im Jahre 1791 der Generallieutenant von Schlieffen in der Kirche des Dorfes ein Denkmal errichten, das folgende Inſchrift trägt: Ehre ſei den wackern Brünern. Denn als im ſiebenjährigen Kriege die Franzoſen das Cleve'ſche einnahmen und ausgeartete Söhne jener Rechtſchaffenen ſich nicht ſchämten Friedrich's Fahnen, bei welchen ſie geſchworen hatten, „ ſchändlich zu verlaſſen und rühmlichen Gefahren treulos in der auch unter feindlichem Joche getreuen Heimath ausweichen zu wollen, während ihre beſſeren Brüder für's Vaterland als Helden fochten, als Helden ſtarben, da fühlten die Hausväter, die Hausmütter Brünen's nur die Größe des Schimpfes, nur Eifer für den König, nicht Liebe für ſolche Kinder, und trieben die Feigen zum Dorfe hinaus. Unvergeßlich bleibe eine That, Womit das Alterthum geprahlt haben würde. Ihr weihete im Tempel des Orts dieſen Stein zum Denkmal Schlieffen als Befehlshaber von Weſel 1791 am Geburtstag Friedrich Wilhelms. Bei dieſer Gelegenheit hielt Schlieffen an die in ihrer Kirche verſammelten Brüner folgende Anrede: Freunde! Dieſes Denkmal heilige ich Euerer in einem vergangenen Kriege bewieſenen Vaterlandsliebe. Fahrt fort, es auch fernerhin zu verdienen, und lehret Euere Kinder das Gleiche zu thun.— Ihr aber, ehr⸗ würdige Greiſe, die Ihr aus den damals für's Vaterland kämpfenden Helden Euerer Gemeinde noch lebend ſeid: Schabes, Hoddick, Thalmann, kommt, theuere Waf⸗ fenbrüder, helft mir das Denkmal aufſtellen und vergönnt Einem von Eueren alten Führern auf der Bahn des Ruhm's, dem einzigen hier gegenwärtigen, dem von Spitael, mit uns Hand ans Werk zu legen.(Preuß: Friedr. d. Gr. Th. II. S. 318.) Des Verräthers Verrath. Der Graf Ranuzi war allein in ſeinem Zimmer. Er ſaß an ſei⸗ nem Schreibtiſch und überlas noch einmal die beiden Briefe, die er ſo⸗ eben geſchrieben, und dabei flog ein triumphirendes Lächeln über ſein Antlitz hin. Alles wird gut gehen, flüſterte er leiſe zu ſich ſelber, wir werden dieſes Magdeburg ohne einen Schwertſtreich erobern, und dem König von Preußen ſeine beſte Feſtung abgewinnen! Der Plan kann gar nicht mißglücken, denke ich, und es kommt nur darauf an, meinen Oberen und der Kaiſerin zu beweiſen, daß ich die Seele dieſes Unternehmens war, daß ich dieſe ganze Intrigue geleitet habe. Oh, ich werde eines Tages doch noch mein Ziel erreichen! Ich werde die Stelle einnehmen, die mir gebührt, und als General unſeres Ordens werde ich die ganze Welt beherrſchen! In Magdeburg will ich mir den Generalstitel verdienen, dort will ich mir den Thron aufrichten, der dann die ganze Welt über⸗ ragen und beherrſchen ſoll!— Aber überlegen wir noch einmal, ob ge⸗ wiß kein Rechenfehler in dieſem Exempel unſerer Herrlichkeit vorgekom⸗ men, ob Alles ſo zutreffen muß, wie ich es mir gedacht! Ich habe mich zuerſt mit dem kriegsgefangenen öſterreichiſchen Officier von Kimsky in Verbindung geſetzt, weil dieſer mir den Vortheil bot, zu⸗ gleich durch ihn Verbindungen in der Stadt und in der Citadelle Magde⸗ burg anzuknüpfen. Kimsky mußte auf meinen Befehl in der Stadt Freunde ſuchen, und ſich mit den Officieren der Citadelle befreunden. Dann kam es vor allen Dingen darauf an, dieſen uns gewonnenen Freunden ein Ziel anzudeuten, das ihnen unverfänglich und unverdächtig erſcheinen, und ihnen einen wahren Plan verbergen möchte. Ich wählte alſo Trenck zum ſchützenden Schilde für meine Unternehmungen. Um ihm Vertrauen zu meinen Agenten einzuflößen, wußte ich mir von der Prinzeſſin Amalie eine Art Beglaubigungsſchreiben für Trenck zu ver⸗ ſchaffen, und ſie für meine Sache zu intereſſiren. Sie verſah mich mit Geld und gab mir außer dem Brief an Trenck noch ein Empfehlungs⸗ ſchreiben an einen ſicheren und zuverläſſigen Freund in Magdeburg. Dadurch war ich meinem Ziel um ein Bedeutendes näher gekommen, und unter dem Vorwand, nur für Trenck zu agiren, agirte ich für mich, für meine Stelle als Jeſuitengeneral, für meine Kaiſerin, der ich eine Feſtung erobern wollte. Und meine Pläne ſind Alle reüſſirt. Trenck hat ſich in Einvernehmen mit drei preußiſchen Officieren der Citadelle geſetzt. Dieſe, von Mitleid ergriffen mit der unſeligen Lage des unglück⸗ lichen Gefangenen, wollen Alles daran ſetzen zur Errettung des Un⸗ glücklichen und haben ſich deshalb in Beziehung mit Denen geſetzt, welche Trenck ihnen als ſeine Freunde bezeichnete. Dieſes aber ſind meine Agenten und Untergebenen, ſie handeln für mich, indem ſie für Trenck zu handeln ſcheinen; die preußiſchen Officiere ahnen nicht, daß, indem ſie Trenck zu ſeiner Freiheit verhelfen, ſie der Kaiſerin von Oeſterreich eine Feſtung erobern helfen! So aber iſt es! Es iſt kein Rechenfehler in meinem Exempel, es wird reüſſiren. Auf Trenck kann ich bauen, er iſt ein Unterthan Maria Thereſia's, und der Durſt nach Rache iſt mächtig in ihm. Er wird Magdeburg für ſeine Kaiſerin er⸗ obern. Aus der Tiefe eines unterirdiſchen Kerkers wird der Rächer her⸗ vorſteigen, den ſich Gott auserſehen, um durch ſeine Hand den Uebermuth des Ketzerkönigs zu ſtrafen und ſeine Macht zu brechen.— Es kommt alſo jetzt Alles darauf an, daß wir die Kunde von dieſem Unternehmen nach Wien bringen, damit von dort aus dafür geſorgt werde, daß einige öſterreichiſche Regimenter zur rechten Zeit in der Gegend von Magde⸗ burg lagern, und auf ein von uns gegebenes Zeichen die Stadt beſetzen, damit der König von Preußen uns nicht durch Waffengewalt wieder ab⸗ jage, was wir durch Liſt erobert haben. Und zu allen dieſen Dingen iſt jetzt der günſtigſte Zeitpunkt gekommen. Denn Friedrich, der vielfach gedemüthigte, geſchlagene König, iſt weit von Magdeburg zurückgedrängt, er hat die Belagerung von Dresden aufgeben müſſen, und öſterreichiſche Truppen lagern dort, wie ruſſiſche Truppen bei Frankfurt. Auch die Franzoſen ſind nicht weit, und alle dieſe verſchiedenen Armeen werden bereit ſein, zu unſerm Beiſtand herbeizueilen. Alles kommt darauf an, die Kunde von unſerem Unternehmen ſicher und ungefährdet nach Wien — 64— zu bringen. Aber dies freilich iſt ein ſchwieriger Punkt. Am beſten wär's, ich ginge ſelber. Aber ich bin Kriegsgefangener, und bis nicht Magdeburg in unſere Gewalt gegeben, klirrt dieſe Kette an meinem Fuß. Es muß alſo ein anderer dorthin geſandt werden, ein vertrauter Bote, der Muth, Entſchloſſenheit und Todesverachtung beſitzt.— Das habe ich in dieſem Briefe hier dem Hauptmann von Kimsky geſchrieben; er ſoll unter den dortigen Verſchwornen einen ſolchen Mann ausfindig machen und ihm dann dieſes kleine Blättchen, das ich ihm ſende, übergeben. Ach, wie harmlos und kindlich dieſes Blättchen ausſieht und doch würde es dem König von Preußen, wenn es in ſeine Hände fiele, eine ſchöne Fe⸗ ſtung und mehrere Millionen erhalten, denn die Kriegskaſſe iſt von Dresden nach Magdeburg gebracht, und die wird auch unſer werden. Ach, ach, wie viel der König von Preußen wohl zahlen möchte für dieſe zwei Zei⸗ len Chiffreſchrift, und wie er Denjenigen wohl belohnen möchte, der ihm den Schlüſſel zu dieſer Schrift brächte!— Dieſen Schlüſſel will ich wiederum durch einen anderen Boten nach Wien ſenden; dazu dient dieſer zweite Brief hier! Damit wir aber ganz ſicher gehen, und in jedem Fall, ſelbſt wenn meine beiden Boten verunglückten, ungefährdet ſind, habe ich Trenck veranlaßt, ſich auch ſeinerſeits nach Wien zu wenden, und dort um Beiſtand und Geld zu bitten. So muß er immer der Schild ſein, welcher uns deckt, und hinter dem wir uns verſchanzen! Mißglückt das ganze Unternehmen, ſo ſchieben wir es dem thörichten Tollkopf Trenck in die Schuhe, glückt es aber, ſo iſt es mein Verdienſt, und ich werde nicht ſäumen, meinen Lohn einzucaſſiren. Der General unſeres Ordens iſt alt, und ſollte er deſſenungeachtet noch lange leben wollen, ſo muß man der zähen Natur mit— Er wagte nicht ſeinen Satz zu vollenden, aber ein wildes, dämo⸗ niſches Lächeln flog über ſein Antlitz hin, und ergänzte die Worte, welche ſeine Lippen nicht zu ſprechen wagten.— Er ſtand auf und ging heftig und hochaufathmend einige Male auf und ab, ganz verloren in die ehr⸗ geizigen Träume ſeiner Zukunft, zu deren Verwirklichung er als echter Jeſuit kein Mittel ſcheute, eingedenk des Wahlſpruchs ſeines Ordens: „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Er ſah ſich ſelbſt mit dem bedeutungsvollen Ring an ſeiner Hand, — 65— mit dieſem Ring, vor dem ſich Könige oft genug gebeugt, und der für den Jeſuitenorden das war, was die Krone für den König: das heilige Zeichen der Macht und Herrlichkeit, das unbeſtreitbare Zeichen einer un⸗ ſichtbaren, die ganze Welt beherrſchenden Gewalt!— Er ſah ſich mit dieſem Ring am Finger daherſchreiten, um Völker zu unterjochen, Throne zu zerbrechen und neue aufzurichten.— Aber plötzlich ſchreckte er empor aus dieſen Träumereien, und erinnerte ſich mit einem matten Lächeln wieder der Gegenwart. Ah, ſagte er aufathmend, man muß über den Träumen einer herrli⸗ chen Zukunft nicht die Gegenwart aus den Augen verlieren, welche dieſe Zukunft vorbereiten ſoll! Und es ſind wichtige Dinge, welche ich heute noch zu thun habe! Ich muß dieſe Briefe zu Marietta bringen, damit ſie dieſelben adreſſirt, und zur Poſt befördert, dann aber muß ich zur du Trouſſel gehen, und ſie zu überreden ſuchen, daß ſie mir die Erlaubniß erwirkt, auf einige Tage nach Magdeburg zum Beſuch eines kranken Freundes reiſen zu dürfen. Das wird freilich ein ſchwieriges Unterneh⸗ men ſein, denn ſie wird ungern in eine Trennung willigen, aber ich werde ſie zu überreden wiſſen. Meine Worte beſitzen viel Gewalt über ſie, und einem verliebten Weibe iſt es unmöglich, dem Gegenſtand ihrer Zärt⸗ lichkeit etwas abzuſchlagen. Ich werde alſo durch Madame du Trouſſel, der nahen und einflußreichen Verwandten des Herrn Kommandanten von Berlin, die Erlaubniß zu dieſer Reiſe nach Magdeburg erhalten, und ebenſo werde ich durch Marietta Tagliazuchi meine beiden wichtigen Briefe befördern! Er lachte laut auf, als er dieſer beiden Frauen gedachte, welche ihm Beide ſo zärtlich ergeben, Beide ſo gern bereit waren, ſich von ihm täuſchen zu laſſen. Indeſſen lieben mich doch Beide auf ſehr verſchiedene Weiſe, ſagte er lachend, indem er ſeine Toilette ordnete und ſich zum Ausgehen an⸗ ſchickte. Maria Tagliazuchi liebt mich mit der Demuth einer begeiſterten Sclavin, Louiſe du Trouſſel mit der dankbaren Gluth einer alternden Coquette. Es wäre eine gute Aufgabe für einen Rechnenkünſtler zu be⸗ rechnen, welche Art dieſer beiden Lieben ſchwerer in's Gewicht fällt! Jedenfalls iſt Marietta's Liebe angenehmer und bequemer, weil ſie Mühlbach, Friedr. d. Gr, u. ſ. Geſchw. 2, Abthl. 11. 5 — 66— demüthiger iſt. Gleich einem treuen Hunde legt ſie ſich zu meinen Füßen nieder, und wenn ich ſie von mir ſtoße, ſo kriecht ſie immer wieder de⸗ müthig zu mir heran, und leckt die Füße, die ſie traten! Fort zu ihr, zu meiner zärtlichen Marietta! Er ſteckte die beiden Briefe zu ſich, nahm ſeinen Hut, und auf die Straße hinuntereilend, ſchlug er den Weg zu Marietta's Wohnung ein. Sie empfing ihn mit der gewohnten, leidenſchaftlichen Gluth, ſie war beredt wie immer in der Schilderung ihrer Zärtlichkeit. Sie klagte ihm, was ſie gelitten durch dieſe ewig lange Trennung von ihm, und mit welcher entſetzensvollen Qual der Gedanke ſie erfüllt habe, er möchte ihr ungetreu ſein, und eine Andere lieben! Ranuzi lachte. Immer noch das alte Lied, Marietta, ſagte er, immer noch Zweifel und Mißtrauen? Dürſtet die Tigerin immer noch nach meinem Blut, und möchte mein ungetreues Herz zerfleiſchen? Sie kniete, wie ſie das ſo oft zu thun pflegte, zu ſeinen Füßen, und ihre beiden Arme auf ſeine Kniee geſtützt, das Haupt auf die gefalteten Hände gelehnt, blickte ſie zu ihm empor. Kannſt Du mir ſchwören, daß Du mir treu biſt? fragte ſie mit einem ſeltſamen, ſcharfen Ton. Kannſt Du mir ſchwören, daß Du kein Weeib liebſt außer mir? Ja, das kann ich Dir ſchwören, ſagte er lachend. So thue es! rief ſie ernſt. Sprich mir ſelber den Schwur vor, ich will ihn Dir nachſagen! Sie ſah ihm einige Minuten ſchweigend und feſt in's Antlitz, und wunderbare Schatten zogen über ihr bewegliches Antlitz dahin. Ranuzi achtete nicht darauf, er war zu ſorglos, zu ſiegesgewiß, um Zweifel und Mißtrauen zu hegen. Höre den Schwur, ſagte ſie nach einer Pauſe. Ich, der Graf Carlo Ranuzi, ſchwöre, daß ich kein anderes Weib liebe, außer Marietta Tagliazuchi allein, ich ſchwöre, daß, ſeit ich ſie liebe, meine Lippen den Mund keines anderen Weibes geküßt, keiner Anderen Worte der Liebe geſagt haben und nie ſagen werden. Möge Gottes Zorn mich ſtrafen, wenn mein Schwur eine Unwahrheit enthält! — 67— Sie ließ die Worte dieſes Schwurs langſam und einzeln von ihren Lippen fallen, und ſah Ranuzi dabei mit ſtarren glühenden Blicken an. Keine Muskel ſeines Antlitzes zuckte, kein Zug deſſelben veränderte ſich. Lächelnd und unbefangen ſprach er ihr die Worte nach, dann neigte er ſich zu ihr nieder und küßte ihr ſchwarzes glänzendes Haar. Thörin, ſagte er heiter, biſt Du nun zufrieden und beruhigt? Ich bin zufrieden, denn Du haſt geſchworen, ſagte ſie, ſich von ihren Knieen erhebend. Du wirſt alſo jetzt für immer beruhigt ſein, Marietta? Ja, für immer! Nun denn, ſo laß uns jetzt einen Moment von Geſchäften ſprechen! Hier ſind zwei wichtige Briefe, mein holdes Kind. Du ſiehſt, wie gren⸗ zenlos meine Liebe zu Dir iſt, denn ich vertraue Dir dieſe Briefe an, und bitte Dich, ſie unter der gewohnten Adreſſe nach Magdeburg zu be⸗ fördern. Du haſt mein Herz, wie meine Geheimniſſe in Deinen ſchönen Händen. Er küßte ihre Hände, indem er ihr die Briefe übergab. Marietta zuckte leiſe zuſammen und ſah mit einem ſcheuen, entſetzten Blick auf die beiden Briefe hin. Sie enthalten alſo gefährliche Geheimniſſe? fragte ſie. Sehr gefährliche, mein holdes Kind. Wenn man ſie auffinge, wärſt Du verloren, würde man Dich tödten? fragte ſie mit einem kreiſchenden Aufſchrei. Ranuzi hörte in dieſem Schrei nur die Angſt ihrer zärtlichen Liebe. Allerdings wäre ich verloren und dem Tode verfallen, ſagte er, wenn man dieſe Briefe entdeckte. Aber fürchte nichts, meine holde Marietta, man wird nichts entdecken, und Niemand wird auf den Einfall kommen, dieſe harmloſen Briefe, welche Du auf die Poſt trägſt, und welche an Deine Freundin in Magdeburg adreſſirt ſind, zu erbrechen. Zudem ahnt ja Niemand irgend eine nähere Verbindung zwiſchen uns. Wir haben das heilige Geheimniß unſerer Liebe ſo ſorgfältig gehütet, wie die Prieſterinnen der Veſta das heilige Feuer behüteten, und ſo wird es denn auch ſicher und ungefährdet ſein. Wenn Dein Gatte von ſeiner Reiſe nach Italien zurückkehrt, ſo wird ihm die böſe Welt keine ſchlimmen Ge⸗ 5* — 68=— rüchte von uns Beiden zu erzählen haben, und er wird Dich als ſein treues Weib in ſeine Arme ſchließen. Wann kommt er? In drei Wochen erſt erwarte ich ihn. Ah, wir werden bis dahin noch manchen herrlichen ſtillen Abend genießen können, Marietta, und um ſo weniger mache ich mir Vorwürfe, daß ich Dich heute bald verlaſſen muß. Du willſt mich verlaſſen? Ich muß, Marietta! Und wohin gehſt Du? fragte ſie, ihm tief und ſtarr in's Antlitz ſchauend. Schon wieder eiferſüchtig? fragte er lachend. Beruhige Dich, Ma⸗ rietta. Ich gehe zu keiner Frau, und dann, haſt Du nicht meinen Schwur, und muß Dich der nicht ganz ſicher machen? Wohin gehſt Du? wiederholte ſie mit ihren ſcharfen, forſchenden Blicken. Ich gehe zu einer Zuſammenkunft mit einigen Freunden, ſagte er, und dieſe Zuſammenkunft wird im Hauſe des Geiſtlichen der katholiſchen Kirche ſtattfinden. Biſt Du nun zufrieden, Marietta? Und fürchteſt Du nun nicht mehr, daß irgend ein gefährliches Rendezvous mich von Dir ruft? Ich fürchte nichts mehr, ſagte ſie lächelnd. Du haſt mich über Alles beruhigt. Dann, meine Geliebte, bitte ich Dich, mich gehen zu heißen, und mir zu befehlen, Dich zu verlaſſen, denn wenn Du's nicht befiehlſt, ſo wird es mir unmöglich, obwohl ich weiß, daß ich gehen muß! Aber nein, erſt laß mich ſehen, wie Du meine Briefe adreſſiren wirſt! Du ſollſt es ſehen, ſagte ſie, zu ihrem Schreibtiſch tretend und die Adreſſen ſchreibend.— Ranuzi nahm die Briefe und las die Aufſchrift. Siehſt Du, Marietta, ſagte er dann, dieſe kleinen flüchtigen Schrift⸗ zeichen ſind der Talisman, welcher mich behütet, und mein Geheimniß birgt. Und das danke ich Dir, meine Geliebte, Dir allein! Aber wirſt Du nun das Werk Deiner Güte vollenden, und die Briefe ſogleich zur Poſt tragen? Ich werde es thun, Carlo, und ſogleich. Du ſchwörſt es mir? fragte er ſcherzend. Schwörſt es mir bei un⸗ ſerer Liebe? Ich ſchwöre es Dir! Schwör's bei unſerer Liebe! Und nun lebewohl, Marietta, lebewohl für heute. Morgen ſchon hoffe ich Dich wiederzuſehen. Und er zog ſie in ſeine Arme und küßte ſie innig, und flüſterte ihr Worte der Liebe, der glühenden Zärtlichkeit in's Ohr, und merkte in ſeiner Ungeduld, fortzukommen, gar nicht darauf, daß ſie kalt und ſtumm in ſeinen Armen lag. Dann nahm er ſeinen Hut und ihr noch einmal zärtlich zunickend, verließ er das Gemach. Sie blieb mitten im Zimmer ſtehen, ihre Arme hingen ſchlaff an ihrer Geſtalt hernieder, ihr Haupt war auf ihre Bruſt geneigt. So lauſchte ſie auf ſeine ſich entfernenden Schritte, ſo horchte ſie auf jede Stufe der Treppe, die er langſam hinunterſtieg. Jetzt berührte er die letzte Stufe, jetzt war er auf dem kleinen Vorplatz, wenn er den über⸗ ſchritten, war er an der Hausthür!— Mit einem wilden Aufſchrei ſtürzte ſie jetzt aus dem Zimmer und eilte der Treppe zu. Carlo, Carlo, warte noch einen Moment! Er hatte eben die Hand auf die Klinke der Hausthür gelegt, jetzt blieb er ſtehen und ſchaute zurück.— Da kam ſie, bleich, mit flammenden Augen, mit zitternden Lippen die Treppe hinuntergeflogen, da ſtürzte ſie mit geöffneten Armen zu ihm hin und ſchloß ihn mit leidenſchaftlicher Gluth in ihre Arme. Lebewohl, mein Carlo, lebewohl, Du Geliebter meiner Seele! Licht meiner Augen, lebewohl! Sie küßte ſeinen Mund, ſeine Augen, ſeine Hände, ſie preßte ihn ſo feſt an ſich, daß er zu erſticken meinte; dann auf einmal ſtieß ſie ihn von ſich und ſagte rauh und kalt: Geh'! Geh' fort! Und ohne ihn nur noch einmal anzuſehen, wandte ſie ſich um und eilte die Treppe hinauf, während Ranuzi kopfſchüttelnd und lachend über die leidenſchaftliche Thörin das Haus verließ. VII. Die Anklage. Diesmal rief Marietta ihn nicht wieder zurück, ſchaute ſie nicht, wie ſie ſonſt zu thun pflegte, ihm von ihrem Fenſter aus nach. Sie ſtand mitten in ihrem Zimmer, bleich, mit hochfliegendem Athem, mit blitzenden Augen, bewegungslos, mit geſpannten Mienen, als horchte ſie auf Etwas! Worauf horchte ſie? Vielleicht auf ſeinen, in der einſamen, ſtillen Straße verhallenden Schritt, vielleicht auf ihre Erinnerungen, die jetzt wie krächzende Todesvögel ihr Haupt umſchwirrten und ihr geſtorbenes Glück zu zerfleiſchen kamen! Vielleicht horchte ſie auch auf dieſe flüſtern⸗ den Stimmen, welche in ihrer Bruſt ertönten, und welche Ranuzi des Verrathes und der Treuloſigkeit anklagten! Und war er denn wirklich ſchuldig, hatte er wirklich ein todeswür⸗ diges Verbrechen begangen?— Sie ſtand noch immer bewegungslos da, und horchte auf die flüſternden Stimmen in ihrer Bruſt. Ich will es mir noch einmal überlegen, flüſterte ſie, indem ſie lang⸗ ſam durch das Zimmer ſchritt, und ſich auf den Divan niedergleiten ließ. Ich will noch einmal über ihn zu Gericht ſitzen, und mein Herz, welches in der Wuth ſeiner Schmerzen ihn noch immer liebt, mein Herz ſoll der Richter ſein. Und jetzt rief ſie ſich Alles noch einmal in's Gedächtniß zurück. Jetzt zog noch einmal wie ein goldener Sonnenſtrahl ihre Jugendzeit an ihr vorüber, und die köſtlichen, ſeligen Tage ihrer erſten unſchuldsvollen Liebe. Jetzt erinnerte ſie ſich all' der Schmerzen, die ſie um dieſer Liebe willen erduldet, zu der ſie immer wieder zurückgekehrt war, die ſie nimmer in ihrem Herzen hatte ertödten können. Dann dachte ſie daran, wie ſie Rannzi hier in Berlin wiedergeſehen, wie ihre Herzen ſich wiedergefun⸗ den, wie die alte Liebe wieder, einem ſtrahlenden Phönix gleich, ſich aus der Aſche der Vergangenheit erhoben habe, um ihnen beiden den Himmel oder die Hölle zu öffnen. Sie erinnerte ſich mit einem zornigen Erbeben dieſer glücklichen Tage ihrer wiedergefundenen Jugendliebe, ſie — —— wiederholte ſich die heißen Schwüre ewiger Liebe und Treue, welche Ranuzi ihr ungefordert dargebracht. Sie erinnerte ſich, wie ſie ihn ge⸗ warnt, wie ſie ihm geſagt, daß ſie ſeine Untreue und ſeinen Verrath rächen werde an ihm ſelber, und wie er ſorglos dazu gelacht, und ſie ſeine Tigerin, ſeine Anakonda genannt habe.— Dann dachte ſie daran, wie ſie allmählig das Erkalten ſeiner Liebe gefühlt, wie ſie angſtvoll umher geſchaut, zu ſehen, was ihn plötzlich ſo verändert habe! Sie hatte nichts entdecken können! Aber ein Zufall war ihr zu Hülfe gekommen, ein böſer, tückiſcher Zufall. Da es ſeit dem Kriege in Berlin keine Oper mehr gab, und Marietta daher ganz unbeſchäftigt war, hatte ſie ſeit einiger Zeit angefangen, Geſangunterricht zu geben, vielleicht um ſich zu zerſtreuen, vielleicht, um ihre Einnahme zu vergrößern. Ihrem Geliebten aber hatte ſie das ſorgfältig verſchwiegen, weil ſie in der Uneigennützig⸗ keit ihrer Liebe nicht wollte, daß er glauben möge, ſie bedürfe des Geldes, und daß er ihr zu Hülfe kommen möchte. Eine ihrer erſten Schülerinnen war die Tochter der Madame du Trouſſel, die junge Camilla von Kleiſt geweſen, und bald waren Lehrerin und Schülerin näher befreundet ge⸗ worden. Camilla, von ihrer Mutter immer noch in das Kinderzimmer und die Einſamkeit zurückgedrängt, hatte ihrer neuen Freundin die Leiden ihrer Häuslichkeit und die Langeweile, die ſie zu erdulden habe, geklagt. Dann, von Marietta's Theilnahme und ſchmeichleriſcher Freundſchaft immer mehr hingeriſſen, hatte das junge Mädchen nicht geſcheut, zu der Fremden über ihre eigene Mutter zu klagen. Sie hatte, in dem Be⸗ ſtreben ſich als das intereſſante Opfer mütterlicher Tyrannei darzuſtellen, ihre eigene Mutter ſchonungslos preisgegeben. Sie hatte der Madame Tagliazuchi erzählt, daß ſie nur deshalb immer noch als ein Kind von ihrer Mutter behandelt würde, weil dieſe ſelber noch jung zu erſcheinen wünſche, daß ſie nur deshalb niemals in den Salon und bei den Abend⸗ geſellſchaften erſcheinen dürfe, weil ihre Mutter fürchte, ihre Tochter möge ihr ihre Anbeter und Liebhaber entführen. Und einmal ſo weit gekommen in ihren Confidenzen, hatte Camilla, die beklagenswerthe Toch⸗ ter ihrer leichtſinnigen Mutter, ſich nicht geſcheut, ihrer Freundin von den Anbetern ihrer Mutter zu erzählen. Als den letzten, den gefährlich⸗ ſſten dieſer Anbeter, als denjenigen, den ſie am meiſten haſſe, weil er am — 72— häufigſten komme, und ihre Mutter am meiſten beſchäftige, nannte Camilla zuletzt den Grafen Ranuzi. Das war der Anfang dieſer furchtbaren Qualen, die Marietta Tagliazuchi ſeit einigen Wochen erduldet, Qualen, die ſich immer mehr ſtei⸗ gerten, je mehr ſie ſich hatte überzeugen müſſen, daß wirklich ein innigeres Verhältniß zwiſchen Ranuzi und der Madame du Trouſſel exiſtire, und daß, wenn Ranuzi, unter dem Vorwand mit dringenden Geſchäften überhäuft zu ſein, es Marietten verweigerte, den Abend bei ihr zuzu⸗ bringen, er dies nur that, weil er regelmäßig jeden Abend zur Madame du Trouſſel ging. Marietta hatte dieſe Qualen ſtill in ſich hineinfreſſen laſſen. Sie hatte ſich den Troſt verſagt, irgend Jemand ihre Leiden klagen zu können, ſie hatte ſogar den Muth gefunden, mit lachendem Munde der kleinen Camilla die Wahrheit ihrer Erzählung zu beſtreiten, und ſie der Ver⸗ leumdung zu beſchuldigen. Sie wollte Gewißheit, ſie verlangte Beweiſe, und Camilla, von ihrem Widerſpruch gereizt, verſprach ſie ihr zu geben. Eines Tages überreichte ſie Marietten mit triumphirendem Geſicht ein Billet, das ſie von dem Schreibtiſch ihrer Mutter entwendet hatte. Es war ein in franzöſiſcher Sprache geſchriebenes Gedicht, in welchem Ranuzi voll demüthigſter Liebe, voll glühendſter Zärtlichkeit die ſchöne Louiſa bat, ihm zu geſtatten, daß er den Abend zu ihr kommen, zu ihren Füßen knieen, und ſie anbeten dürfe, wie der Gläubige das ſchöne Muttergottes⸗ bild anbete. Marietta las das Gedicht mehrmals und gab es dann mit voll⸗ kommener Ruhe Camillen zurück. Aber ihre Wangen waren leichenblaß, und ihre Lippen zuckten zuweilen ſo heftig, daß Camilla ſie theilnehmend fragte, ob ſie Schmerzen habe. Sie erwiederte, daß ſie allerdings leide, und es beſſer ſei, die Geſangſtunde auf den andern Tag zu verlegen. Sie wolle nach Hauſe und zu Bette gehen. Aber Marietta war nicht nach Hauſe gegangen. Außer ſich, faſt ſinnlos vor Schmerz und Zorn, war ſie in den Straßen umhergeirrt, grübelnd nur und ſinnend, wie ſie ſich rächen wolle für dieſe ihr angethane Schmach, für dieſe Treuloſigkeit ihres Geliebten!— Und endlich hatte ſie ein Mittel gefunden, und mit entſchloſſenem Schritt, mit glühenden Wangen und einem ſeltſamen — 73— Lächeln auf den feſt zuſammengepreßten Lippen war ſie dem Schloſſe zugewandert.— Dort hatte ſie nach dem Marquis d'Argens gefragt, und Ranuzi's böſes Geſchick hatte gewollt, daß derſelbe wirklich ſich in Berlin befand, während er ſonſt gewöhnlich in Sansſouci ſich aufzuhalten pflegte. Marietta kannte den Marquis nicht perſönlich, aber ihr Gatte, welcher ſeit einigen Monaten verreiſt war, hatte ihr oft von dem geiſt⸗ vollen und liebenswürdigen Provengalen erzählt, mit welchem Taglia⸗ zuchi in ſeiner Eigenſchaft als Operndichter des Königs vielfach in Be⸗ rührung gekommen. Marietta wußte, daß der Marquis dem König innig befreundet ſei, und auch jetzt im lebhafteſten Briefwechſel mit dem König ſtehe. Deshalb hatte ſie ſich an den Marqnis d'Argens gewandt, weil ſie wußte, daß das der leichteſte und ſchnellſte Weg ſei, um ihre Mit⸗ theilungen unmittelbar an den König ſelbſt zu bringen. Marquis d'Argens nahm ihren Beſuch an, und fragte ſie freundlich nach ihrem Begehr. Anfangs war Marietta ſtumm, und einen Moment hatte ſie ein Gefühl, als bereue ſie, was ſie thun wolle, als ſei es beſſer zu ſchweigen und wieder von dannen zu gehen. Aber dann ward der Zorn wieder in ihr wach, und wappnete ſie mit dem Muth der Verzweiflung. Mit fliegendem Athem, mit einer ſeltſamen wirren Haſt ſagte ſie dem Marquis, daß ſie komme, um ihm ein Geheimniß mitzutheilen, ein Geheimniß, welches den König betreffe! Der gute Marquis war erblaſſend einen Schritt zurückgetreten, und hatte angſtvoll gefragt, ob es ein Attentat gegen das Leben des Königs betreffe, was ſie ihm zu ſagen habe. Sie hatte ihm erwiedert, daß es nicht ſein Leben betreffe, aber doch ein Geheimniß von der größten Wichtigkeit ſei. Dann aber, während der Marquis ſie aufforderte, ihm weitere Mittheilungen zu machen, war es ihr plötzlich geweſen, als ſähe ſie Ranuzi's ſchönes Antlitz vor ſich, als ſchaue er ſie an mit den großen, tiefen Augen, deren Blick ſie immer bis in die Tiefe ihres Herzens empfunden hatte. Sie erſchauerte in ſich, die alte Liebe ward wieder wach in ihr, und drängte die Rache noch einmal aus ihrem Herzen fort. Ein angſtvolles Zaudern und Zagen überkam ſie, und ſtockend und verwirrt ſagte ſie jetzt: ſie könne ihr Ge⸗ — 74— heimniß nur dem König ſelber anvertrauen, oder derjenigen Perſon, welche der König ausdrücklich dazu beſtimmen würde. Als der Marquis mit Fragen in ſie gedrungen war, als er in ſeiner lebhaften Weiſe ſeine Vermuthungen über die Art ihres Geheim⸗ niſſes ausgeſprochen und Marietta in ein Netz von Fragen und ſich widerſprechenden Antworten eingefangen, hatte fie ſich endlich ſcheu und angſtvoll in ein vorſichtiges Schweigen zurückgezogen, und dem Marquis geſagt, ſie werde in acht Tagen wiederkehren, um dann von ihm zu erfahren, wen der König dazu auserſehen, ihre Mittheilungen zu empfangen.*) Dieſe acht Tage waren heute vergangen. Marietta hatte während derſelben oft genug mit ihrem Herzen gerungen, ihre immer wieder er⸗ wachende Liebe hatte ſie oft genug bereden wollen, die Rache anfzugeben und zu verzeihen. Faſt ſchon war ſie entſchloſſen geweſen, gar nicht wieder zu dem Marquis hinzugehen, oder, wenn er zu ihr käme, zu ſagen, ſie habe ſich geirrt, und ihr Geheimniß ſei nichts weiter geweſen, als eine Myſtification, mit der man ſie geneckt. Aber jetzt, jetzt waren alle dieſe weicheren, dieſe milderen Gefühle *) Der Marquis d'Argens ſchilderte dem König dieſen Beſuch der Madame Tagliazuchi in einem ſeiner Briefe auf eine ſehr ausführliche und lebhafte Weiſe und theilte demſelben ſeine Vermuthungen mit, die allerdings der Wahrheit ziemlich nahe kommen, und beweiſen, daß der Marquis ein guter Inquiſitor ſein konnte, wenn es ſich um das Intereſſe eines angebeteten Königs handelte. Er beſchwört den König, die Sache nicht leicht zu nehmen, denn es handle ſich hier wahrſcheinlich um eine Verrätherei, die bis nach Wien hin ihre Zweige ausdehne. Madame Tagliazuchi habe in Berlin viel mit ihren Landsleuten, den gefangenen italieniſchen Officieren verkehrt, und es könne leicht ſein, daß einer dieſer Ofſiciere durch dieſe Frau eine gefährliche Correſpondenz mit Wien geführt habe. Enfin, Sire, ſchließt der Marquis ſeinen Brief, quand il seroit vrai, que tout ceci ne fut qu'une téête italienne, qui se serait échauffée et qui aurait pris des chiméères pour des vérités, ce qui pourrait encore bien étre, cette femme ne parait rien moins que prudente et tranquille, je crois cependant que la peine, qu'on aurait prise de savoir ce qu'elle veut déclarer, serait si legèére, qu'on ne la regretterait pas, quand mèême on découvrirait que cette femme n'est qu'une folle.(Oeuvres de Frédéric le Grand. Vol. 19. p. 91.) verbrannt in dem wilden Feuer der Rache und des Zorns, das ihr ganzes Weſen durchloderte, und mit ſchmerzenden Flammen über ihrem Haupt zuſammenſchlug. Er iſt ein Verräther, ein ſchmachvoller Lügner, ſagte ſie, die Zähne feſt und zornig aufeinanderpreſſend. Er iſt ein Feigling, welcher nicht einmal den Muth beſitzt, einer Frau in's Antlitz zu ſchauen, und ihr die Wahrheit, die ſie von ihm fordert, zu bekennen. Er iſt ein Mein⸗ eidiger, denn er hat den Schwur geleiſtet, den ich von ihm forderte. Er hat geſchworen, nur mich, mich allein, und kein anderes Weib zu lieben. Er hat den frechen Muth gehabt, die Strafe Gottes heraufzubeſchwören, wenn er die Unwahrheit ſage! Was zaudere ich noch länger! rief ſie, plötzlich emporſpringend und ſich aufrichtend, der treuloſe, der meineidige Verräther verdient es, daß mein verrathenes, zertretenes Herz ſich an ihm räche. Er hat die Strafe Gottes heraufbeſchworen, und ſie ſoll ihn zerſchmettern! Jetzt war Alles Entſchloſſenheit und Muth, Energie und Beſon⸗ nenheit in ihr. Sie nahm die beiden Briefe, welche ihr Ranuzi zur Beforgung übergeben, und verbarg ſie in ihrem Buſen, dann kleidete ſie ſich an und verließ ihre Wohnung, ſie der Beaufſichtigung ihrer Magd übergebend. Mit feſtem Schritt, mit vollkommen ruhiger Haltung ging ſie die Straßen dahin, die zum Schloſſe führten, und doch,— als ſie jetzt vor dem Hauſe der Madame du Trouſſel vorüberkam,— doch ſtockte ihr Fuß und ſie ſtand ſtill um zu ihren Fenſtern emporzuſchauen. Wenn er diesmal ſie nun doch nicht betrogen, wenn er nicht bei ihr war, wenn er ihr die Wahrheit geſagt? Sein Antlitz war ſo offen und ruhig lächelnd geweſen, als er ihr ſagte, er habe bei dem katholiſchen Geiſtlichen eine Zuſammenkunft mit einigen Freunden, mit ſo viel an⸗ muthiger Schelmerei hatte er ſie gefragt, ob ſie auch darauf eiferſüchtig ſein könne? Nein, nein, es war nicht möglich, er konnte ſo nicht lügen, mit ſolcher lächelnden Ruhe ſie nicht betrügen!— Kaum wiſſend, was ſie that, trat Marietta Tagliazuchi in's Haus ein, und ſtieg die Treppe hinauf zu der Wohnung der Madame du Trouſſel. Den eben zufällig — 76— heraustretenden Bedienten fragte ſie, ob Fräulein Camilla zu Hauſe ſei, und da dieſer bejahte, eilte ſie den Corridor hinunter nach der Thür welche zu Camilla's Zimmer führte. Das junge Mädchen kam ihr mit einem lauten Willkommengruß entgegen. Es iſt gut, daß Sie kommen, Marietta, ſagte ſie. Denn ohne Sie würde ich wieder dazu verdammt ſein, den ganzen Abend hier in meinem Zimmer eingeſchloſſen zu ſitzen, und mich mit meinen Büchern zu ennuyiren. Aber ich weiß ſchon, was ich thue. Wenn Mama darauf beſteht, daß ich immer noch ein Kind ſein und nicht in den Salon kommen ſoll, wenn Geſellſchaft da iſt, ſo laufe ich davon, oder lade mir heimlich auch Geſellſchaft ein, mit der ich mich auch amüſiren kann. Mein Couſin, der Lieutenant Kienhaus, iſt wieder in Berlin. Er iſt am rechten Arm verwundet worden, und der König hat ihn daher auf Urlaub ent⸗ laſſen, damit er ſich kuriren laſſe. Den werde ich mir einladen, und er ſoll mir Geſellſchaft leiſten, wenn Mama im Salon iſt. Sie lachte laut auf und zog Marietta tänzelnd vorwärts. Jetzt habe ich Geſellſchaft, rief ſie, jetzt wollen wir fröhlich ſein und ſingen und plaudern! 3 Wer iſt denn aber im Salon, fragte Marietta, um weſſentwillen hat Ihre Mutter Sie für heute wieder verbannt? Nun, um weſſentwillen anders als um des italieniſchen Grafen, um dieſes unleidlichen Grafen Ranuzi willen. Er iſt ſeit einer Stunde da, und Mama befahl, Niemand vorzulaſſen, denn ſie habe wichtige Geſchäfte mit dem Herrn Grafen. Und Sie glauben, daß er den ganzen Abend bleibt? fragte Marietta. Ich weiß es ganz gewiß, denn er thut es jeden Abend. Marietta fühlte, wie ein kalter Schauer ihre Glieder durchrieſelte, aber ſie blieb äußerlich vollkommen gleichgültig. Armes Kind, ſagte ſie, es iſt wahr, Sie ſind zu beklagen, und wenn Sie mich haben wollen, werde ich Ihnen Geſellſchaft leiſten. Aber vorher habe ich noch einen Geſchäftsgang zu beſorgen, dann will ich noch einige Noten von meinem Clavier holen, um mit Ihnen zu ſingen, und mit denſelben kehre ich zu Ihnen zurück. 7 — 77— Sie küßte Camilla leicht auf die Stirn und ging. Die letzte Friſt war abgelaufen; für Ranuzi gab es jetzt keine Gnade mehr in Marietta's Herzen! Haſtig vorwärts eilend hatte ſie bald das Schloß erreicht, und ließ ſich dem Marquis melden. Der Marquis ließ ſie in ſein Studirzimmer kommen, und trat ihr mit einem offenen Briefe in der Hand lächelnd entgegen. Sie kommen zu rechter Zeit, Madame, ſagte er. Vor einer Stunde empfing ich dieſen Brief von Sr. Majeſtät dem Könige. Und hat der König eine Perſon beſtimmt, der ich mein Geheimniß anvertrauen könnte? fragte ſie haſtig. Ja, Madame, Se. Majeſtät haben geruht, mich zu dieſer Ver⸗ trauensperſon zu ernennen. Laſſen Sie mich den Brief ſehen! rief Marietta, die Hand nach dem Brief ausſtreckend. Der Marquis zog ihn zurück. Erlauben Sie, ſagte er, ich laſſe die Briefe des Königs nie aus meinen Händen, und Keiner außer mir lieſt ſie. Aber ich werde mir erlauben, Ihnen die auf unſere Angelegenheit bezüglichen Worte des Königs vorzuleſen, und Sie werden mir wohl auf mein Ehrenwort glauben, daß ſie ſo geſchrieben ſtehen. Hören Sie alſo, was Se. Majeſtät ſchreibt:„Soyez, Marquis, le dépositaire de mes secrets, le confident des mystères de madame Tagliazuchi, Y'oreille du trône et le sanctuaire où s'annonceront les complots des mes ennemis.*)— Madame, Sie ſehen alſo, daß mich der König bevoll⸗ *) Die Fortſetzung dieſes Briefes, die der höfliche Marquis der Madame Tagliazuchi nicht vorlas, lautet: Pour quitter le style oriental, je vous aver- tis, que vous aurez l'oreille rebatue de miséres et de petites intrigues de prisonniers obscurs, et qui ne vaudront pas le temps, que vous perdrez à les entendre. Je connais ces espèces de personnes du genre de madame Tagliazuchi: elles envisagent les petites choses comme tréès importantes; elles sont charmées de figurer en politique, de jouer un rôle, de faire les capables, d'étaler avec faste le zèle de leur fidélité. J'ai vu souvent, que ces beaux secrets révélés, n'ont été que des intrigues pour nuire au tiers ou an quart, à des gens, auxquelles ces sortes de personnes veulent du mal. Ainsi, quoique cette femme vous puisse dire, gardez vous bien d'y — 28— mächtigt, Ihr Vertrauen entgegen zu nehmen, und ich bin bereit zu hören, was Sie die Güte haben wollen, mir zu ſagen. Er führte Madame Tagliazuchi zum Divan hin, und ſetzte ſich auf den Fauteuil ihr gegenüber. Ich habe dem König zu ſagen, daß er auf ſeiner Huth ſei, ſagte Marietta feierlich. Eine große, weitverzweigte Verſchwörung bedroht ihn. Man hat mich zu dem Werkzeug derſelben gemacht, unter falſchen Vorſpiegelungen, unter Lug und Betrug hat man mein Vertrauen er⸗ ſchlichen. Oh, mein Gott, rief ſie plötzlich aufſchreiend und emporſprin⸗ gend, jetzt wird mir Alles klar! Ich war nichts als ein Werkzeug ſeiner Intriguen, nichts als das Mittel, deſſen er ſich zur Erreichung ſeiner Zwecke bediente! Er ſtahl meine Liebe, und machte ſich daraus ein be⸗ quemes Kleid, mit dem er ſeine Politik umhüllte! Ach, ach, ich bin ſein postillon de politique geweſen. Und mit einem lauten, wilden Lachen ſank ſie in den Divan zurück, während heiße Thränen ihren Augen entſtürzten. Der Marquis war entſetzt aufgeſprungen und näherte ſich ein wenig der Thür. Er war jetzt vollkommen überzeugt, daß es eine Wahnſinnige ſei, welche er da vor ſich habe. Madame, ſagte er, erlauben Sie, daß ich Jemand zu Ihrem Bei⸗ ſtand herbeirufe. Sie ſcheinen mir wirklich in einem ſehr leidenden und aufgeregten Zuſtand zu ſein, und es wäre für Sie ohne Zweifel beſſer, wenn Sie alle dieſe politiſchen Dinge vergäßen, und ein wenig an Ihr phyſiſches Wohlergehen dächten! Marietta indeſſen hatte ſchon ihre Ruhe und Beſonnenheit wieder⸗ gefunden, und blickte mit einem matten Lächeln in das angſtvolle Antlitz des Marquis d'Argens. Fürchten Sie nichts, mein Herr, ſagte ſie, ich bin nicht wahnſinnig! Kehren Sie daher immerhin auf Ihren Platz zurück, ich habe keine Waffe bei mir, und ich will Niemand verwunden. Der Dolch, den ich bei mir trage, der ſitzt in meinem eigenen Herzen, und die Wunde ſchmerzt zuweilen, das iſt Alles! Ich verſpreche Ihnen ajouter foi; et que votre cervelle provençale ne s'échauffe pas au premier bruit de ces récits.(Oeuvres. Vol. 19. Page 92.) — 79— aber, jetzt dieſen Schmerz zu unterdrücken, und ganz ruhig und ſanft zu ſein. Kommen Sie alſo! Der Marquis kehrte ſcheu und ängſtlich zu ſeinem Lehnſtuhl zurück, den er indeſſen etwas weiter von der Signora fortrückte. Ich ſagte Ihnen alſo, fuhr Marietta nach Athem ringend fort, daß man meine Leichtgläubigkeit benutzt, und mich zum Werkzeug dieſer po⸗ litiſchen Intrigue gemacht hatte, dieſer Intrigue, welche, wenn nicht das Leben, doch die Länder des Königs bedroht. Es handelt ſich darum, eine der wichtigſten Feſtungen in die Hände der Oeſterreicher zu bringen. Und Sie ſind davon überzeugt, daß dies keine Chimaire iſt? fragte der Marquis mit einem ungläubigen Lächeln. Ich bin davon überzeugt, und habe den Beweis dafür bei mir! Sie zog die beiden Briefe, die ihr Ranuzi übergeben, aus ihrem Buſen und gab ſie dem Marquis. Nehmen Sie dieſe Papiere und über⸗ ſenden Sie dieſelben dem König, aber nicht morgen, nicht gelegentlich, ſondern heute, in dieſer Stunde noch. Wenn Sie es nicht thun, Herr Marquis, wird der König in acht Tagen um eine Feſtung ärmer ſein. Sagen Sie außerdem Sr. Majeſtät, er möge auf ſeiner Huth ſein vor den gefangenen Officieren in Berlin, in Huth beſonders vor meinem Landsmann, dem Grafen Ranuzi. Er iſt die Seele dieſer ganzen Ver⸗ ſchwörung, von ihm geht dieſes ganze, gefährliche Unternehmen aus, und wenn dies ſcheitert, wird er ein anderes erſinnen. Er iſt ein gefährli⸗ cher Feind, eine Schlange, deren Gift man am meiſten fürchten muß, wenn ſie am friedfertigſten und ſtillſten zu ſein ſcheint. Sagen Sie dem König, er möge ſich vor dem Verräther, dem öſterreichiſchen Spion Ra⸗ nuzi hüten! Senden Sie dem König dieſe Papier, und er wird ſehen, daß meine Worte Wahrheit enthalten. Sie ſtand auf, und ſich leicht vor dem Marquis verneigend, ſchritt ſie der Thür zu.— Der Marquis hielt ſie zurück. Madame, ſagte er, wenn dieſe Dinge ſich wirklich ſo verhalten, wie Sdiie ſagen, ſo iſt dieſer Graf Ranuzi alſo ein ſehr gefährlicher Menſch, deſſen man ſich vergewiſſern müßte? Ja, er iſt ein ſehr gefährlicher Menſch, ſagte Marietta mit einem — 80— ſeltſamen Lächeln. Fragen Sie darnach die ſchöne Madame du Trouſſel. Sie wird es Ihnen beſtätigen. Die ſchwarzen, glänzenden Augen des Marquis hefteten ſich mit einem forſchenden Ausdruck auf das Antlitz der Signora. Er erinnerte ſich, daß ihm der König geſchrieben, er möge bei den Confidenzen der Madame Tagliazuchi auf ſeiner Huth ſein. Oft wären ſolche enthüllte Geheimniſſe nichts weiter als erdichtete Intriguen, mit denen ihre Er⸗ finder einem Dritten ſchaden wollten. Ah, Signora, jetzt begreife ich, rief der Marquis. Sie kamen hier⸗ her nicht aus Patriotismus für den König von Preußen, ſondern aus Eiferſucht, nicht um dem König zu nützen, ſondern um dieſem Herrn Ranuzi zu ſchaden! Sie zuckte mit einem faſt verächtlichen Ausdruck die Achſeln. Ich bin eine Italienerin, ſagte ſie lakoniſch. Und die Italienerinnen lieben es ſich zu rächen! rief der Marquis. Wenn man es wagt, ſie zu beleidigen, ja! Dieſer Graf Ranuzi hat es gewagt, Sie zu beleidigen? Ein Blitz des Zornes flammte einen Moment in ihren Augen auf und verſchwand dann ſchnell wieder. Würde ich ihn ſonſt verrathen? fragte ſie. Ich bin eine Italienerin, und Sie können daher nicht for⸗ dern, daß ich für den König von Preußen Patriotismus fühle. Der Graf Ranuzi iſt mein Landsmann, urtheilen Sie alſo, wie tief er mich beleidigt hat, da ich ihn verrathe, und ihn dem Tode überantworte! Dem Tode! Es iſt alſo ein todeswürdiges Verbrechen, welches der König in dieſen Papieren entdecken wird? Sie täuſchen ſich nicht? Ihre Begierde, ſich zu rächen, läßt Sie die Dinge nicht ſchwärzer und ge⸗ fährlicher ſehen, als ſie ſind? Nein, ich täuſche mich nicht, und meine Worte enthalten die Wahr⸗ heit. Aber dann, rief der Marquis entſetzt, dann iſt es ja gefährlich, die⸗ ſen Ranuzi frei und ungehindert umhergehen zu laſſen! Dann werde ich mich an den Commandanten von Berlin wenden, und von ihm for⸗ dern, dieſen Ranuzi ſofort und auf meine Verantwortung zu verhaften! Marietta ſtand ſchon an der Thür um hinauszugehen, aber dieſe —— — 81— Worte des Marquis bannten ſie. Die Hand auf die Klinke der Thür gelehnt, blieb ſie ſtehen und wandte ihr bleiches Antlitz zu d'Argens zurück. Gewiß wäre es das Beſte und Sicherſte, ihn ſogleich zu verhaften, ſagte ſie, und ihr Herz hüpfte hoch vor Freude, denn ſie ſagte ſich ſelber mit einer grauſamen Luſt: Wenn er gefangen iſt, wird er nicht mehr zu Madame du Trouſſel gehen können. Der Marquis antwortete nicht. Er ging gedankenvoll und haſtig im Zimmer auf und nieder. Marietta's Augen folgten jeder ſeiner Be⸗ wegungen mit raſchen, feurigen Blicken. Endlich ſagte der Marquis, vorx ihr ſtehen bleibend: ich mag nicht die Verantwortung auf mich nehmen, dieſen Menſchen verhaften zu laſſen, denn ich weiß nicht, ob dieſe Papiere, die ich dem König übergeben ſoll, wirklich ſo gefährliche Dinge enthalten, wie Sie ſagen. Der König ſelbſt muß darüber entſcheiden, und ich werde ihm dieſe Papiere durch den heute abgehenden Courier überſenden. Aber jedenfalls muß dieſer Ranuzi beobachtet und bewacht werden, und Sie ſollen ſein Wächter ſein! Sie müſſen dafür ſorgen, daß er nicht entflieht. Sie mache ich dafür ver⸗ antwortlich, daß Ranuzi Berlin nicht verläßt, und wir, wenn die Ant⸗ wort des Königs eintrifft, ihn finden können.*) Sie ſollen ihn bei mir finden, ſagte ſie, und wenn er nicht bei mir iſt, werde ich Ihnen wenigſtens ſagen können, wo er iſt. Fürchten Sie nichts, er ſoll nicht entfliehen können, denn ich werde ihn bewachen! Sobald die Antwort des Königs eingetroffen iſt, haben Sie die Güte mich davon zu benachrichtigen. Das iſt die einzige Belohnung, die ich mir erbitte. *)„Si votre Majesté,“ ſchreibt d'Argens an den König,„ne m'avoit point écrit en propres termes: Quoique cette femme puisse vous dire, gardez- vous bien, d'y ajouter foi, j'aurai prié le commandant de faire arrêter le nommé Ranuzi, jusqu'à ce qu'elle eut mandé ce quelle veut qu'on en fasse, cet homme me paraissant un espion de plus avérés. Mais je me suis con- tenté de dire à madame Tagliazuchi que si cet homme sortait de Berlin avant la réponse de Votre Majesté, elle en répondrait, et elle m'a assuré, qu'elle le retiendrait.“(Oeuvres. Vol. 19. p. 93.) Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. II. 6 — 82— Ich werde Sie benachrichtigen, Madame, ſagte der Marquis, ihr die Thür öffnend, und was den Grafen Rannzi anbetrifft, ſo leſe ich in Ihren Zügen, daß Sie ihn wirklich genug haſſen, um ihn nicht ent⸗ fliehen zu laſſen! VIII. Vendetta. Fünf Tage waren ſeit dieſer Unterredung Marietta's mit dem Mar⸗ quis vergangen. Sie hatten in Marietta's Herzen keine Aenderung hervorgebracht, und nicht einen Moment hatte der Durſt ihrer Rache ſich gekühlt. Vielmehr ſchien ihr Haß gegen Ranuzi noch glühender, noch leidenſchaftlicher geworden zu ſein, ſeit ſie ſeine Pläne begriff, ſeit ſie ein⸗ ſehen gelernt hatte, daß ſie ihm weiter nichts geweſen, als das Werkzeug ſeiner Intriguen, daß er ſie niemals geliebt, ſondern immer nur benutzt habe.— Seit ſie zu dieſer Erkenntniß gekommen war, hatte ſie ſeinem ganzen Thun und Handeln aufgelauert, hatte ſie ſich bemüht, ſogar ſeine geheimſten Gedanken zu erſpähen, und allen ſeinen Plänen auf die Spur zu kommen. Sie hatte dazu kein Mittel verſchmäht, und eines Tages ſogar, während er bei ihr war, während ſie mit anſcheinender Gluth ihn umarmte, und lange an ſeinem Herzen ruhte, und ihm glühende Worte der Liebe in's Ohr flüſterte, hatte ſie dabei leiſe und verſtohlen aus der Taſche ſeines Rockes ein zuſammengefaltetes Papier hervorgezogen, das er kurz zuvor von einem fremden Diener, der ihn vergeblich in ſeinem Hauſe aufgeſucht, und ihm dann hieher gefolgt war, erhalten hatte. Dann hatte ſie unter irgend einem Vorwand das Zimmer verlaſſen, um den Inhalt des Papiers zu unterſuchen, aber als ſie mit demſelben ſich entfernte, ſchloß ſie erſt vorſichtig und leiſe die Thür des Zimmers zu, in welchem — 33— Ranuzi ſich befand. Darauf unterſuchte ſie das Papier, und ein grim⸗ miges Lächeln ſtand auf ihren Lippen, als ſie es geleſen. Mit ſchneller Entſchloſſenheit zog ſie aus ihrer Kleidertaſche ihr Portefeuille hervor, und ein Blatt aus demſelben reißend, ſchrieb ſie mit Bleiſtift darauf:„Wenn Sie nicht wollen, daß er entfliehen ſoll, ſo eilen Sie. Er hat heute durch die Vermittelung der Madame du Trouſſell die Erlaubniß und den Paß zu einer Reiſe nach Mageburg erhalten. Jetzt werde ich nicht mehr die Macht haben, ihn zurück zu halten, was alſo geſchehen ſoll, muß bald geſchehen.“— Nun faltete ſie das Papier zuſammen, und flog unhörbar und leiſe durch das Vorzimmer hin, und nach der Küche, wo ihre Magd ſich befand. Höre, Sophie, ſagte ſie haſtig, nimm dieſes Billet und laufe damit ſo raſch Du kannſt auf das Schloß, und frage nach dem Marquis d'Argens. Du mußt ihm perſönlich das Billet übergeben, und wenn Du in einer Stunde mit einer Antwort zurückgekehrt biſt, werde ich Dich dafür belohnen, als ob ich eine Königin wäre. Sage kein Wort weiter und eile. Die Magd huſchte die Treppe hinunter, und Marietta kehrte mit einem frohen Lächeln in das Zimmer zurück, in welchem Ranuzi war, und ſie mit zärtlichen Vorwürfen über ihre lange Abweſenheit empfing. Ich habe für uns ein kleines Souper angeordnet und die Magd abgeſandt, das Nöthige einzuholen, ſagte ſie lächend. Denn Du wirſt mich doch heute nicht, wie immer, verlaſſen, um zu Deinen hochwichtigen Conferenzen zum katholiſchen Pfarrer zu gehen? Ich will nicht, Marietta, aber ich muß, ſeufzte Ranuzi. Glaube mir, mein Kind, wenn ich meinem Herzen folgte, verließe ich niemals die⸗ ſes Zimmer, welches ich immer in meinen Gedanken mein Paradies nenne, und in welchem ich meine einzigen ſchönen und glücklichen Stun⸗ den durchlebe. Aber, was willſt Du, mein Engel, es iſt dem Menſchen nicht beſchieden, ungeſtört die Wonnen des Paradieſes zu genießen. Mut⸗ ter Eva hat uns das verſchuldet, und wir müſſen es ſühnen. So muß ich denn auch heute dich verlaſſen, und zu jenen Zuſammenkünften gehen, die Dir ſo verhaßt ſind. 6* — 84— Aber noch bleibſt Du bei mir, nicht wahr? fragte ſie zärtlich, ihn mit ihren beiden Armen umſchlingend. Noch wirſt Du mich nicht ver⸗ laſſen? Er verſprach es ihr mit den innigſten Liebesausdrücken, und er blieb. Niemals war er liebenswürdiger, geiſtvoller, aufmerkſamer und zärtlicher geweſen, niemals war Marietta lebhafter, angeregter, zuvorkommender und hingebender geweſen, als heute. Beide hatten ſie ihre Gründe dazu, Beide hatten ſie ihre Abſichten! Die Liebe lächelte von ihren Lippen, aber ſie war nicht in ihren Herzen, und Beide wollten ſie ſich täuſchen. Ranuzi wollte durch ſeine Zärtlich⸗ keit ihr jeden Argwohn benehmen, und ſie nicht ahnen laſſen, daß dies heute ihr letztes Begegnen ſei, und daß er in dieſer Nacht noch Berlin auf immer zu verlaſſen gedenke. Marietta wollte durch ihre zärtliche Gluth ihn an ſich feſſeln, und ihn verhindern ſie zu verlaſſen. So unter heiteren Geſprächen, unter zärtlichen Scherzen verging die Zeit und jetzt hörte Marietta unten die Hausthür öffnen, jetzt kamen leiſe, flüchtige Schritte die Treppe herauf. Es war die Magd, welche zurückgekehrt war! Marietta's Herz klopfte ſo ungeſtüm vor Erwartung, daß ſie kaum im Stande war, ihre Unruhe zu verbergen. Die Magd iſt mit ihren Einkäufen wieder da, ſagte ſie haſtig. Ich will nur hinausgehen und ihr ſagen, daß Du auch heute wieder nicht bei mir bleiben willſt. Sie nickte ihm zu und ging hinaus. Draußen trat ihr Sophie, noch ganz außer Athem vom eiligen Lauf, entgegen, und reichte ihr ein Billet dar. Marietta erbrach es mit zitternden Händen. Es enthielt nichts als dieſe Worte:„Halten Sie ihn nur noch einige Minuten zurück, dann werden diejenigen kommen, welche Sie in der Bewachung Ihres Gefangenen ablöſen und Sie für immer von ihm befreien werden, indem ſie ihn in's Gefängniß führen. Die Antwort Deſſen, dem ich Ihre Papiere geſandt habe, iſt gekommen. Er hat ihn verurtheilt.“ Es iſt gut, Sophie, ſagte Marietta, das Papier in ihrem Buſen verbergend, ſobald der Graf fort iſt, ſollſt Du Deine Belohnung empfangen. Jetzt höre: es werden Soldaten und Polizeileute kommen. Sobald ſie — 385— die Treppe heraufſchreiten, klopfe an meine Thür, damit ich weiß, daß ſie da ſind. Sie eilte wieder zurück zu Ranuzi, aber jetzt lächelte ſie nicht mehr, jetzt trat ſie nicht mit den weit geöffneten Armen zu ihm hin, ſondern bleich, hochaufgerichtet, die Arme über die Bruſt gefaltet, die Augen flammend vor Zorn, ſo ſchritt ſie auf ihn zu. Ranuzi, ſagte ſie, die Stunde der Vergeltung iſt gekommen. Du haſt mich ſchmachvoll hintergangen und betrogen. Du haſt mein Herz hohnlachend unter Deine Füße getreten, und meiner Liebe geſpottet. Lüge war auf Deinen Lippen, Lüge war in Deinem Herzen, und während Du mir ſchwurſt, daß Du kein anderes Weib liebteſt außer mir, hatteſt Du mich längſt ſchon an ein anderes Weib verrathen. Ich kenne Madame du Trouſſel und ich weiß, daß Du jeden Abend zu ihr gehſt; das ſind die Zuſammenkünfte mit Deinen Freunden beim katholiſchen Geiſtlichen, um Deretwillen Du mich verläſſeſt. Oh, ich weiß Alles, Alles! Ich will Dir keine Vorwürfe machen, ich will Dir nichts erzählen von den Martern, die ich erduldet, von den qualvollen Nächten, den jammernden Tagen, die ich durchſeufzte und durchweinte, bis es mir gelang, mit meinen verſiegenden Thränen die Liebe zu Dir in meinem Herzen zu ertödten. Das iſt jetzt Alles vorüber und ausgelitten. Aber erinnere Dich, daß ich Dir eines Tages ſagte, wenn Du mich verließeſt, und Dich treulos von mir wendeteſt, ſo würde ich mich rächen! Ich erinnere mich deſſen, ſagte Ranuzi ruhig, und ich weiß auch daß Du Wort halten wirſt. Aber bevor Du das thuſt, bevor Du hin⸗ gehſt, um mich vielleicht dem hieſigen Gouvernement als einen gefähr⸗ lichen Spion anzuzeigen, wirſt Du wenigſtens meine Vertheidigung an⸗ hören, und erſt, wenn Dir dieſe nicht genügend erſcheint, erſt dann wirſt Du mich verdammen und dich rächen. Sie ſchüttelte haſtig ihr Haupt. Ich habe genügende Beweiſe, ſagte ſie. Ich habe ſie Tag um Tag, Stunde um Stunde in mich hinein⸗ geſchlürft, wie der Verurtheilte den Giftbecher trinkt, an dem er ſterben ſoll. Meine Liebe iſt geſtorben und mein Glück, aber auch Du ſollſt ſterben, auch Du ſollſt leiden, wie ich gelitten habe, und da meine Liebe nicht genügte, um mein Gedächtniß in Deinem Herzen lebendig zu — 86— erhalten, will ich verſuchen, ob die Rache es vermag. Wenn Du leideſt und unglücklich biſt, ſo wirſt du meiner gedenken, ſo wirſt Du bereuen! Was denn bereuen? fragte er ſtolz. Ich that nichts, deſſen ich mich zu ſchämen, das ich zu bereuen hätte. Ich habe mein ganzes Leben, mein ganzes Sein und Denken einem heiligen und erhabenen Princip dargebracht; dies allein beſtimmt meine Handlungen und mein Thun. Ihm müſſen ſich alle meine Gefühle, meine Wünſche und Hoffnungen unterordnen, und wenn es gebeut, ſo werde ich ihm das Liebſte was ich habe, ohne Thränen und ohne Klage zum Opfer darbringen! Eines Tages forderte dieſes große Princip, dem ich lebe, dem ich gehorche, daß ich anſcheinend mich an meiner Liebe zu Dir verſündigte. Es galt die Erfüllung eines Planes, zu der nur dieſe Frau, die Du vorher genannt, mir behülflich ſein konnte. Ich durfte mein Herz nicht fragen, was es litt, denn mein Kopf ſagte mir, daß ich ihrer bedürfe und daß ich daher verpflichtet ſei, mit allen Mitteln mich um ihre Hülfe zu be⸗ werben. So ward ich der tägliche Geſellſchafter der Madame du Trouſſel, ſo— Ein leiſes Klopfen an der Thür unterbrach ihn, und machte ihn in unerklärbarem Schrecken erbeben. Was bedeutet das? fragte er erbleichend. Marietta lachte laut auf. Das bedeutet, ſagte ſie langſam und mit ſprühenden Zornesblicken, das bedeutet, daß du morgen nicht nach Magdeburg reiſeſt, daß Du nicht von dem Paß Gebrauch machſt, den Dir Deine Geliebte Madame du Trouſſel erwirkt hat. Ach, Du wollteſt mich heimlich verlaſſen, Du wollteſt mich deine Abreiſe nicht ahnen laſſen. Du haſt Dich geirrt, Ranuzi, Du wirſt in Berlin bleiben, aber Du wirſt nie wieder zu ihr gehen, denn ich will es nicht! Eben ward laut und heftig an die Thür geklopft, und ohne ein Herein abzuwarten, traten zwei Polizeibeamte in das Zimmer, während man durch die offen gebliebene Thür in den Vorſaal ſchauen und dort die Soldaten gewahren konnte, die mit geſchultertem Gewehr den Aus⸗ gang bewachten. Ranuzi war anfangs bei dem Anblick dieſer Diener der Gerechtigkett — 86— tief in ſich zuſammengeſchauert, und eine tödtliche Bläſſe hatte ſein Ant⸗ litz überzogen. Aber wie ſie näher und näher zu ihm heranſchritten, gewann er raſch ſeine gewohnte Ruhe und Faſſung wieder, und trat ihnen ſtolz und kalt entgegen. Sind Sie der Graf Ranuzi? fragte der Eine der Polizeibeamten. Ich bin es, ſagte er gelaſſen. Dann verhaften wir Sie im Namen des Aönigs. Sie ſind unſer Gefangener, und werden uns ſogleich folgen. Und weſſen bin ich angeklagt? fragte Ranuzi, indem er langſam die rechte Hand in ſeinen Buſen ſchob. Das Kriegsgericht wird Ihnen darüber Auskunft geben. Ah, ich werde alſo vor ein Kriegsgericht geſtellt werden! Ja, man ſtellt die gefangenen Officiere, welche Spione ſind und Complotte machen, immer vor das Kriegsgericht. Deſſen alſo bin ich angeklagt! rief Rannzi, und ſich dann langſam zu Marietta umwendend, fragte er: und dies iſt Dein Werk? Ja, es iſt mein Werkl ſagte ſie triumphirend. Kommen Sie jetzt, mein Herr! rief der Polizeibeamte rauh, indem eer Ranuzi näher trat, und ſeinem Gefährten einen Wink gab, daſſelbe zu thun. Kommen Sie jetzt ſogleich und gutwillig. Zwingen Sie uns nicht Gewalt zu gebrauchen! Gewalt! rief Ranuzi achſelzuckend, indem er die Hand aus ſeinem Buſen hervorzog und den Häſchern ein Piſtol entgegenſtreckte, vor welchem ſie entſetzt zurückwichen. Sie ſehen wohl, daß ich die Gewalt nicht zu fürchten habe, fuhr er fort. So wie Sie es wagen, ſich mir zu nähern, und die Hand nach mir auszuſtrecken, werde ich Sie Beide niederſchießen, denn zum Glück hat mein Piſtol mehr als einen Lauf, und es verſagt nicht. Sie ſehen, wir ſpielen hier ein gefährlich Spiel, bei dem es ſich eben ſo gut um Ihr Leben, als um das meine handelt. Ich kann Sie erſchießen, wenn ich Luſt dazu habe, ich kann auch gegen meine eigene Stirn dieſe Waffe richten, wenn ich der Unterſuchung und der Gefan⸗ genſchaft entgehen möchte. Aber ich verſpreche Ihnen, weder das Eine noch das Andere zu thun, wenn Sie mir nur ſo viel Zeit gönnen, dieſer Dame noch einige Worte zu ſagen. So machen Sie es kurz, rief der Polizeibeamte, oder bei Gott, ich rufe die Soldaten herein, und laſſe Sie erſchießen, ſo gut wie Sie uns erſchießen wollten. Ranuzi zuckte die Achſeln. Sie werden ſich wohl hüten, mich er⸗ ſchießen zu laſſen. Der Todte könnte nichts mehr ausſagen, und es wird meinen Herren Richtern doch ſehr darauf ankommen, mich auszu⸗ forſchen.— Gehen Sie voran bis zu jener Thür, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen ſogleich folge. Er hob wie zur Bekräftigung ſeiner Worte die Hand mit der Piſtole wieder empor, und die beiden Männer zogen ſich murrend und mit dro⸗ henden Blicken bis an die Thür zurück. Nun wandte ſich Ranuzi wieder an Marietta, die mit einem ſeltſamen Gemiſch von Zorn und Staunen, von Haß und Bewunderung immer ihre großen, glühenden Augen auf ihn gerichtet hatte. Marietta, ſagte er ſanft und leiſe. Sie ſchreckte zuſammen bei ſeinem Ruf, und ein Zittern durchflog ihre Glieder. Er ſah es und lächelte. Marietta, fuhr er fort, Du haſt mich alſo verrathen, Du haſt Deine Liebe an mir gerächt. Ich mache Dir darüber keine Vorwürfe, meine Anakonda, aber ich bitte Dich, ſage mir nur dies Eine: haſt Du die Briefe, welche ich Dir zuletzt gab, haſt Du dieſe wenigſtens noch zur Poſt befördert? Nein! rief ſie mit gewaltſamer Kraftanſtrengung, ihre Augen zwin⸗ gend, daß ſie es wagten den ſeinen zu begegnen. Unglückliche, und was haſt Du mit ihnen gemacht? Ich habe ſie dem König von Preußen geſandt. Ranuzi ſtieß einen Schrei aus und taumelte einen Schritt zurück. Dann bin ich verloren, murmelte er, und mit mir iſt es jener Unglückliche, der unter der Erde ſchmachtet nach Freiheit und Licht. Armer Trenck! Arme Amalie! Alles iſt verloren, Alles durch die Eiferſucht dieſes un⸗ ſeligen Weibes! Ich ſage Dir, Marietta, fuhr er lauter fort, indem er ſeine Hand ſchwer auf ihre Schulter legte, ich ſage Dir, ich habe nicht nöthig, Dich zu verfluchen, denn Du wirſt es ſelber thun. Dieſe Stunde wird in Deinem Herzen wirken wie ein tödtliches Gift und Du wirſt daran 1 ſterben. Es iſt wahr, Du haſt Dich gerächt; heute freueſt Du Dih g. — 89— deſſen noch, denn Du glaubſt noch, daß Du mich haſſeſt, aber morgen ſchon wirſt Du es bereuen, morgen ſchon wird der Jammer über Dich 3 kommen, und er wird wachſen mit jedem Tage, denn Du wirſt fühlen, daß Du mich immer und ewig lieben mußt, gerade deßhalb lieben mußt, weil Du mein Unglück verſchuldet haſt. Ja, Du haſt Recht, Du haſt ein Mittel gefunden, mich ewig an Dich zu erinnern. Ich werde im Kerker Deiner gedenken, ich werde es thun, indem ich Dir fluche; aber auch Du wirſt meiner gedenken, und indem Du es thuſt, wirſt Du die Hände ringen und Dich ſelber verfluchen, denn die Rache wird die Liebe nicht in Deinem Herzen ertödten können! Das ſei Deine Strafe! Lebewohl! Er ging an ihr vorüber und näherte ſich ruhig und gelaſſen den Polizeibeamten. Kommen Sie, meine Herren, ich bin bereit zu folgen, und damit Sie ganz ruhig und ſorglos ſein können, will ich mein Piſtol hier zurücklaſſen. Es iſt mein Vermächtniß an jene Dame dort, mein letztes Andenken. Sie wird es vielleicht einmal brauchen können! Er legte das Piſtol leiſe auf ihren Schreibtiſch, und ſchritt dann raſch der Thür zu. Kommen Sie meine Herren, ich bin Ihr Ge⸗ fangener! Er winkte ihnen, ihm zu folgen, und ſchritt ſtolz durch den Vor⸗ ſaal dahin. Marietta ſtand da, zitternd, todesbleich; die Augen weit aufgeriſſen, die Lippen geöffnet, wie zu einem Schrei, ſo ſtarrte ſie ihm nach, athemlos, gebannt vor Entſetzen. Nun ſah ſie ihn die Thür des Vorſaals öffnen, nun wandte er ſein bleiches, ſtolzes Antlitz noch einmal zu ihr zurück, nun ſchaute er ſie an mit einem kalten, flammenden Zornesblick, dann trat er hinaus, die Polizeibeamten und die Soldaten folgten ihm, die Thür ward geſchloſſen.*) *) Ranuzi, oder, wie Andere ihn nennen, Renazi, ward nebſt ſeinem Be⸗ dienten gefangen nach Spandau geführt, wo er in ſchwerer Kerkerhaft ſaß, und auch dann noch verblieb, als der Krieg beendet war. Erſt im Jahre 1787 gelang es den dringenden und ſo lange wiederholten Fürbitten des öſterreichiſchen Kaiſerhofes, Ranuzi die Freiheit wieder zu verſchaffen, alſo nach ſiebenundzwan⸗ iiglühriger Gefangenſchaft.(Preuß: Th. II. S. 156.) 90 Er iſt fort, er iſt fort, murmelte ſie, wie in einer Art Betäubung. Sie führen ihn in's Gefängniß, vielleicht zum Tode! Oh, zum Tode! Und ich bin es, die ihn gemordet hat! Er hat Recht! Ich bin eine Verdammte, Fluchbeladene! Ich habe ihn gemordet und— ich liebe ihn! Und mit einem wilden Aufſchrei ſank ſie ohnmächtig zuſammen. V. Dreuck. Er lebte immer noch. Weder die Ketten, noch die Jahre der Ein⸗ ſamkeit hatten ſeine Kraft gebrochen, ſeinen Geiſt gebeugt. Seine hohe Rieſengeſtalt war zu einem Skelett zuſammengeſchrumpft, ſein Haar war gebleicht, und hing um ſein hageres Geſicht wie ein aus Aſche gewebter Schleier nieder. Schwere Ketten hingen an ſeinen Füßen und an ſeinem Halſe, ein breiter Eiſengürtel umfaßte ſeine Taille, und war mit einer kurzen Kette an der Wand befeſtigt, eine dicke Eiſenſtange, mit eiſernen Ringen an den Handſchellen, hielt ſeine Arme auseinander,— aber er lebte immer noch! Seit Jahren war er mit dieſem kurzem, unruhigen Schritt, wie ihn die Gefangenen und die gefeſſelten Thiere in der Wüſte haben, auf der Steinplatte hin⸗ und hergegangen, welche ſein Grab be⸗ deckte, aber er hatte dieſem Grabe, das ſich unter ihm wölbte, Hohn ge⸗ ſprochen,— er lebte immer noch! Er lebte immer noch! Er lebte, weil er ein beſtimmtes Wollen, ein großes Ziel hatte. Dieſes Wollen und dieſes Ziel war die Freiheit! Trenck konnte nicht ſterben, denn da draußen war die Freiheit, die Sonne, das Leben und die Ehre. Er konnte nicht ſterben, denn um ſterben zu können, mußte er erſt gelebt haben! Er hatte noch ſo wenig gelebt! Einige kurze Jahre der Jugend, des Strebens, des Genuſſes; ein flatternder Traum, aus Liebe, Ehrgeiz und Leichtſinn gewebt, das war ſein Leben geweſen! Er hatte ihn mit ſchwerer, jahrelanger Kerkerhaft gebüßt! Das Leben, welches er nicht mehr kannte, war doch zu ihm in den Kerker ge⸗ krochen, und hatte mit grauſamer Hand die Jahre, die er nicht durchlebt, ſondern nur durchlitten, auf ſeiner Stirn verzeichnet und in ſeinem zer⸗ fallenden Antlitz eingegraben. Und doch war er jung geblieben in ſich ſelber, trotz ſeines vor der Zeit ergrauenden Haares, trotz der Runzeln und Falten ſeines Angeſichtes. Er war jung geblieben, weil die Hoffnung ihn durchglühte, weil ſie Tag um Tag ſein von der dumpfen Kerkerluft erſtarrendes Blut mit neuer Erwartung und neuen Ausſichten erwärmte, und ihm wundervolle Bilder der Zukunft und des Glücks malte. Und dieſe Hoffnung blieb immer jung und lächelnd. Wie oft ſie auch getäuſcht worden, wie viel vergebliche Verſuche zu entfliehen Trenck auch ſchon gemacht, er hoffte immer noch auf die Freiheit. Wie oft man auch ſchon ſeine unterirdiſchen Gänge, die er mit ſeinen Händen ſich ge⸗ graben, ſeine Mauerbrüche, bei denen ihm die Eiſenſtange, die ſeine Arme auseinanderhalten ſollte, als Mauerbrecher gedient, wie oft man auch ſchon ſeine Fluchtverſuche entdeckt hatte, er fing immer wieder von Neuem an! Wenn man ſeine unterirdiſchen Gänge verſchüttete, ſo grub er ſich neue, wenn man ſeine durchlöcherten Wände vermauerte, ſo bohrte er an anderen Stellen an, wenn man die Schildwachen, die er ſich durch Geld und Schmeicheleien, durch große Verſprechungen ge⸗ wonnen, und deren Einverſtändniß man entdeckte, beſtrafte, ſo ſann er nur darauf, mit neuen Mitteln ſich neue Freunde zu erwerben. Und wahrlich, es fehlte ihm nicht an Freunden. Der lebendig begrabene, der aufgegebene, der in Ketten geſchmiedete Gefangene, er hatte Freunde, welche ihn nimmer verließen, welche mit ſtets ſorgender hülfreicher Liebe nahe waren, welche für ihn ihr Leben wagten. Sein Unglück war der beredte Anwalt, welcher ihm Freunde warb. Die Soldaten, welche in ſeinen Kerker kamen, um ihn zu bewachen, wurden von ſchauerndem Mitleid ergriffen bei dem Anblick dieſes jungen Greiſes, deſſen hagere Geſtalt ſie an die Bilder des Todes erinnerte, an den ſchauerlichen Knochenmann mit der Hippe, der auf dem Bild in ihrer Dorfkirche das Stundenglas hielt, und Trenck wußte dieſes Mittel zu benutzen und auszubeuten.— Die Officiere, welche jeden Tag in ſeinen Kerker kamen und Nachſuchung halten mußten, wurden gefeſſelt von ſeiner Geiſtesfriſche, ſeinem heiteren Geſpräch, ſeinen pikanten Bemer⸗ kungen; die Unterhaltung mit ihm unterbrach auf eine anziehende Weiſe das ewige Einerlei ihres langweiligen Garniſonlebens; ſie flüchteten ſich zu ihm, um ſich bei ihm zu erheitern; ſie brachten ihm Licht, um nicht bei ihm im Dunkeln zu ſitzen, ſie öffneten die Thüren ſeines Kerkers, um nicht bei ihm in der dumpfen, verpeſteten Luft ſein zu müſſen. Sie be⸗ wunderten ſeine Standhaftigkeit und ſeinen Muth, ſie beklagten ſeine Jugend, ſeine Verlaſſenheit, und das Mitleid machte aus ihnen begei⸗ ſterte, dienſtbereite Freunde, die für den Gedanken ſchwärmten, Trenck's immer erneuerte Fluchtverſuche endlich von einem glücklichen Erfolge be⸗ lohnt zu ſehen, und ihm zu helfen, die Freiheit wieder zu erlangen! Er ſtand wieder am Vorabend eines großen Tages! Morgen, ja morgen ſollte er hinaustreten in das Leben, morgen ſollte er frei ſein! Und dies Mal war es keine Chimaire, keine Täuſchung, dies Mal mußte ſein Plan gelingen! Ja, mein Plan muß gelingen! flüſterte Trenck, wie er jetzt auf ſeinem ſteinernen Sitz ſaß, und nach der ſchweren eiſernen Thür hin⸗ ſtarrte, die ſich eben hinter dem Kommandanten Bruckhauſen geſchloſſen hatte. Dies Mal hat mein grauſamer Kerkermeiſter nichts entdecken können, wie genau er auch meinen Kerker unterſucht hat, denn dies Mal habe ich keine Minen gegraben, und keine Mauern durchbrochen, dies Mal werde ich durch jene Thür dort hinausgehen, und jubelnd werden mich die Kameraden begrüßen, und der arme Gefangene wird der mäch⸗ tige Kommandant einer Feſtung werden! Nur noch eine Nacht, eine einzige Nacht Geduld, und das Leben, die Welt, die Liebe gehört mir wieder! Oh, oh, ich fühle, daß die Freude im Stande wäre, meinen Geiſt zu verwirren! Ich habe die Kraft gehabt, das Unglück zu er⸗ tragen, aber ich werde vielleicht nicht mehr die Kraft haben, das Glück zu ertragen. Mein Gott, mein Gott, wenn ich wahnſinnig würde, wenn das Licht der Sonne mein Gehirn verſengte, und das Gewühl der Welt meinen Geiſt betäubte! Er fuhr ſich mit der Hand entſetzt nach ſeinem Kopfe; es war ihm, als ob er in Flammen ſtände, als ob Feuer aus ſeinem Gehirn empor⸗ loderte. Die Ketten klirrten und rauſchten um ihn mit unheimlichem Getöſe, und riefen das Echo des Gewölbes wach, daß es mit dumpfen Seufzern Antwort gab. Ich will ruhig, ich muß ruhig ſein, murmelte er. Das kleinſte Verſehen, die geringſte Vergeßlichkeit wäre genügend, meinen ganzen Plan zu vereiteln, ich will ruhig ſein. Um es zu werden, will ich mir noch einmal Alles wiederholen, wie es verabredet iſt!— Aber erſt fort mit Euch Sleavenketten, morgen bin ich ein freier Mann, und ich will es auch heute ſchon ſein! Und mit behender Geſchicklichkeit ſtreifte er ſeine Hände durch die Handſchellen und löſte dann mit der befreiten Rechten von ſeinem Leibe den Eiſengürtel, an dem der Schloſſer, der ihm denſelben umgeſchmiedet, ihm die Stelle gezeigt, wo er durch den Druck einer Feder ſich öffnen ließ. Auch aus dem breiten Halseiſen zog er den Stift hervor, der ſeine Schienen zuſammenkhielt, die zu durchfeilen ihm Jahre lange Arbeit und Mühe gemacht. Nun war er frei, nun dehnte und ſtreckte er ſeine dürre, von der Kerkerluft, den Entbehrungen und den innern Stürmen ausgedörrte Ge⸗ ſtalt, nun hob er mit einem unendlichen Wohlbehagen ſeine Arme empor und ließ ſie frei in der Luft umherſchweifen, als wolle er die Kraft ihrer Muskeln prüfen.. O, dies war ein ſüßes, ein wundervolles Vorſpiel der Freiheit! Viele Monate und Wochen hatte er daran gearbeitet, dieſe Ketten zu durchfeilen, den Moment der Freiheit vorzubereiten. Jetzt waren die Ketten von ihm abgefallen! Er war jetzt ſchon ein freier Mann. Was kümmerten ihn dieſe feuchten düſteren Kerkerwände! Er ſah ſie nicht, er war ſchon da draußen, wo die Sonne ſcheint, wo die Vögel ſingen, wo der Himmel ſich blau und glänzend über der grünenden, blühenden Erde wölbt! Was kümmerte ihn die grabesähnliche Stille, die ihn umgab. Er hörte ſchon das Geräuſch der Straße, er ſah die Menſchen in ge⸗ ſchäftiger Eile hin und wieder wandern, er hörte ihre heiteren Geſpräche, ihr frohes Lachen, er wandelte unter ihnen mit munterem Gruß und theilte ihren Frohſinn und ihre Sorgen. Auf einmal faßte er wieder angſtvoll nach ſeiner Stirn und rief wieder: ich werde wahnſinnig werden! Das Leben umſchwirrt mich ſchon mit tauſend durcheinander tanzenden Bildern und Geſichtern! Ich werde wahnſinnig werden! Aber nein, ich will's nicht werden, ſagte er dann, und hob ſein Haupt wieder mit dem gewohnten Trotz empor. Ich will der Freiheit gerade in's Antlitz ſchauen, und meine Wimper ſoll nicht zucken und mein Herz ſoll nicht höher klopfen! Ich will ruhig und beſonnen ſein, und damit ich's werde, will ich mir noch einmal Alles überlegen. Höre Du mich an, Du Freund, der alle meine Seufzer, meine Verzweiflung, meinen Jammer kennt, höre Du mich an, mein düſterer Kerker, Du biſt mir immer treu geblieben, Du haſt mich niemals aufgeben und verlaſſen wollen, und wenn ich Dir entfliehen wollte, haſt Du mich immer wieder zu Dir zurückgerufen. Aber heute werden wir zum letzten Male bei einander ſein, und Du ſollſt jetzt meine letzten Bekenntniſſe vernehmen, und ich will Dir erzählen, wie ich es machen will, von hier fort⸗ zukommen und Dich zu verlaſſen, mein allzugetreuer Freund, mein ſchwarzer Kerker! Zuerſt mußt Du wiſſen, daß die ganze Garniſon von Magdeburg nur aus neunhundert Soldaten beſteht, die überdies Alle mißvergnügt ſind, denn ihr Sold wird nur ſpärlich und in leichtem Gelde ausgezahlt. Es wird nicht ſchwer halten, ſie zu gewinnen, beſonders wenn man ſie gut bezahlt. Außerdem ſind zwei ihrer Majors und zwei Lieutenants mit mir im Einverſtändniß, und werden ihren Soldaten befehlen, was ſie zu thun haben. Die Wache an der Sternſchanze beträgt nur funf⸗ zehn Mann, und wenn dieſe mir nicht gutwillig folgen wollen, ſo wer⸗ den wir ſie ſchon zu zwingen wiſſen. Am Ende der Sternſchanze liegt das Stadtthor, und dies iſt ſogar nur von zwölf Mann und einem Unterofficier beſetzt. Wir werden ſie leicht bewältigen, denn von der an⸗ dern Seite, dicht am Thore, wartet auf mich der öſterreichiſche Haupt⸗ mann von Kimsky in einem ſicheren und zu dieſem Zweck eigens von ihm gemietheten Hauſe mit den übrigen kriegsgefangenen Officieren, die alle ſich verbunden und geeinigt haben, mein Unternehmen zu unter⸗ ſtützen. Auf meinen erſten Ruf werden ſie aus dem Hauſe hervor⸗ ſtürzen und über die Wache herfallen. Sodann, wenn wir dieſe über⸗ wältigt haben, werden wir in die Stadt einziehen. Dort erwarten uns — 95— andere Freunde; einer derſelben hält in ſeinem Quartier, unter einem falſchen Vorwand, Gewehr und Patronen für ſeine Compagnie in Be⸗ reitſchaft, und wird auf meinen Ruf mit ſeiner bewaffneten Mannſchaft zu mir ſtoßen. Ueberhaupt kann ich mit Sicherheit auf vierhundert Ge⸗ wehre rechnen, und das iſt mehr als genügend zur Ausführung meines Planes. O, mein Gott, mein Gott, ich ſehe Alles klar und deutlich vor mir, ich ſehe mich ſelber in jubelnder Siegesluſt durch die Straßen da⸗ hineilen, ich ſehe, wie ich in die Kaſematten ſtürze, wo neuntauſend Kroaten gefangen ſitzen. Ich rufe ihnen zu'„Auf Kameraden! Auf! Ich bin Euer Trenck, Euer Hauptmann und Anführer. Nehmt Eure Gewehre und folget mir!“ Ich höre, wie ſie mir jauchzend entgegen⸗ rufen und wie ſie ſchreien:„Es lebe Trenck!“— Und ſie nehmen ihre Ge⸗ wehre, und wir ſtürmen hinaus! Hin nach den andern Kaſematten, wo noch ſiebentauſend öſterreichiſche und ruſſiſche Gefangene ſitzen. Wir be⸗ freien auch dieſe, und ich ſtehe an der Spitze einer kleinen Armee von ſechszehntauſend Mann. Magdeburg iſt mein, die Feſtung, das Magazin der Armee, die königliche Schatzkammer, das Zeughaus, Alles geräth in unſere Gewalt, Alles werde ich für Maria Thereſia erobern*) O, König Friedrich, König Friedrich, ich werde an dir gerächt werden für die Qual langer Jahre, für die Marter dieſer furchtbaren Gefangenſchaft. Trenck wird nicht mehr nöthig haben aus Magdeburg zu entfliehen, denn er wird die Preußen daraus verjagen und er wird ſich zum Herrn von Magdeburg machen! Er lachte ſo lant, daß die Wände dröhnten und es wie ein leiſes Kichern und Seufzen an dem Gewölbe hinſchlich.— Trenck ſchauerte in ſich zuſammen und blickte ſcheu und ängſtlich umher. Ich bin doch allein, murmelte er, Niemand hat meine Worte gehört? Nein, Niemand, fuhr er dann fröhlicher fort, Niemand als Du, mein alter ſchweigſamer Freund, Niemand als Du, mein treues Ge⸗ fängniß! Morgen früh werde ich Dich verlaſſen. Morgen früh tritt der wachthabende Officier zu mir herein und befiehlt den beiden außen im Corridor ſtehenden Schildwachen, in meinen Kerker zu treten, um *) Memoiren Friedrich von Trenck's. Th. II. S. 145. — 96— das Bett hinauszutragen. So wie die Schildwachen drin ſind, ſpringe ich hinaus und ſchließe die Thür hinter ihnen ab. Nun ſind die Schild⸗ wachen eingeſperrt und ich lege die Kleider an und nehme die Waffen, die im zweiten Corridor bereit liegen. Und vorwärts geht's, vorwärts zu meinen Kroaten.— Ich werde Geld mit vollen Händen unter ſie ausſtreuen, denn heute Abend muß der Freund, den ich nach Wien ge⸗ ſandt, um der dortigen Regierung meinen ganzen Plan mitzutheilen und von ihr Unterſtützung zu fordern, heute Abend muß er zurückkehren. Im Hauſe des Hauptmanns von Kimsky wartet er auf mich, dort wird er mir das Geld übergeben, und wenn er nichts bringt von der Regierung, ſo muß er doch die zweitauſend Ducaten bringen, die ich von den Ver⸗ waltern meiner Trenckſchen Erbſchaft gefordert habe. Und dann, habe ich nicht noch außerdem viel Geld? Hat Amalie mich nicht wieder reichlich mit Geld verſehen? Kommt hervor, Ihr meine geheimen Schätze, kommt hervor aus Euerm Grabe. Er kauerte ſich nieder an der Mauer und nahm vorſichtig den Mörtel und Kalk fort, den er mit geknetetem Brod angeklebt hatte. Dann zog er einen Stein hervor und nahm aus der Höhlung, die er hinter demſelben gemacht hatte, eine volle Börſe mit Goldſtücken hervor. Seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen ſahen das Gold zwi⸗ ſchen dem Netz hervorblicken, und er nickte ihm zu und lachte vor Ver⸗ gnügen, wie er es jetzt in ſeinen Schooß ſchüttete und mit ſeinen Händen darin wühlte. Aber plötzlich war ſein Geſicht ernſt und nahm einen traurigen Ausdruck an. Arme Amalie, flüſterte er leiſe, Du haſt mir Dein Leben, Deine Schönheit, Deine Jugend geopfert. Du haſt mit nie wankender Treue als mein ſchützender Engel über mir geſchwebt, und wie werde ich es Dir jetzt danken? Indem ich Deinem Bruder, dem König Frie⸗ drich, ſeine ſchönſte Feſtung, ſein Geld, ſeine Vorräthe nehme, indem ich Dich und die Deinen zwinge, einer Stadt zu entfliehen, die nicht mehr Euch, ſondern der Kaiſerin von Oeſterreich gehört, Eurer Feindin, für welche ich ſie mit Deinem Gelde, Amalie, erobert habe! Du weißt es nicht, und wenn Du es erfährſt, wirſt Du mir vielleicht fluchen und die Liebe verwünſchen, welche Dein ganzes Leben vergiftet hat. O, Amalie, — 97=— Amalie, verzeihe mir, daß ich auch an Dir zum Verräther werden muß! Mein unglückliches Schickſal treibt mich vorwärts und ich muß ihm folgen. Ja, ſagte er aufſpringend, ich muß ihm folgen, denn ich muß wieder frei, ich muß wieder ein Menſch ſein! Ich kann nicht länger wie ein wildes Thier in einem Käfig ſitzen und meinen Jammer in thatenloſem Gebrüll den kalten Wänden ſtöhnen. Ich muß mir das Leben wieder erobern, ich muß die Sonne wieder ſehen und die Welt und die Men⸗ ſchen, ich muß wieder leben, handeln, leiden und ſchaffen! Er ging mit heftigen Schritten auf und ab, oft leiſe Worte vor ſich hinmurmelnd, oft wieder in ungeſtümer Haſt, wild mit den Armen um ſich greifend und hoch auflachend über die entzückenden Bilder und Geſichte, die vor ſeinem innern Auge vorüberrauſchten.— Sein ganzes Weſen war in einer fieberhaften Spannung, einer unheilsvollen Auf⸗ regung, und er fühlte das wohl ſelber; denn auf einmal blieb er ſtehen, und die beiden Hände gegen ſeine klopfenden Schläfen drückend, mur⸗ melte er wieder: ich werde wahnſinnig! Die Freude über meine nahe Befreiung verwirrt meinen armen Kopf!— Ich will verſuchen, zu ſchlafen, damit mein Kopf ſich beruhige, damit ich Kräfte ſammle für morgen! Er legte ſich auf ſein elendes Lager und zwang ſich ruhig da zu liegen, zwang ſich zu ſchweigen und nicht mehr, wie er ſich das in ſeinem öden Kerker angewöhnt, laut mit ſich ſelber zu unterhalten. Und all⸗ mälig ließ die wilde Spannung ſeiner Nerven nach, allmälig ſenkte ſich der Schlaf auf ſeine Augen nieder und eine wohlthätige Ruhe über⸗ kam ihn. Nun ward Alles ſtill in dem düſtern Kerker, man hörte nichts mehr als die lauten Athemzüge des Schlafenden; aber ſelbſt im Schlafe noch mußten ihn ſelige Bilder des kommenden Tages erfreuen, denn ein Aus⸗ druck himmliſcher Freude ſprach aus ſeinen Zügen, und mit einem ſeli⸗ gen Lächeln flüſterte er: Ich bin frei! Endlich frei! Die Stunden vergingen. Immer noch lag Trenck ſchlummernd auf ſeinem Lager, immer noch umgab ihn tiefe, ſchweigende Stille, und doch mußte die Welt da draußen ſchon längſt erwacht, doch mußte die Sonne Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. II. 7 — 98— ſchon längſt aufgegangen ſein, denn ſelbſt in dieſen öͤden und troſtloſen Raum ſandte ſie durch das kleine, mit dicken Eiſenſtäben verſehene Fenſter einen hellen Schein ihrer Herrlichkeit und verwandelte die Dunkelheit in ein mattes, trübes Dämmerlicht. X. Treuck, biſt Du da? Trenck ſchlief noch immer. Schlafe, ſchlafe weiter, unglücklicher Gefangener, denn im Schlaf biſt Du frei, biſt Du glücklich und freu⸗ denvoll! Wenn Du erwachſt, werden die entzückenden Träume von Dir weichen und das alte Unglück und die alte Verzweiflung werden wieder Deine einzige Geſellſchaft ſein! Horch! Da tönen Schritte im Corridor! Trenck hört es nicht. Er ſchläft ruhig weiter. Aber jetzt, wie es am Schloſſe raſchelt, wie die Thür ſich öffnet, jetzt ſpringt er empor. Seid Ihr da meine Freunde? Iſt Alles bereit? Aber nun ſpringt er mit einem lauten, fürchterlichen Aufſchrei zu⸗ rück und ſeine Augen ſtarren entſetzt nach der Thür hin. Dort ſteht der Kommandant von Bruckhauſen und neben ihm noch einige andere Officiere, und hinter ihm in dem Corridor, Kopf an Kopf gedrängt, eine ganze Schaar Soldaten. Dieſer Anblick ſagt Trenck Alles, Alles! Er ſagt ihm, daß ſein Plan vereitelt, daß wieder Alles umſonſt geweſen! Er ſagt ihm, daß er bleiben wird was er war, ein armer, unglückſeliger Gefangener. Unglückſeliger noch, als er geweſen, denn jetzt mußte man auch ent⸗ decken, daß er es verſtand, ſich von ſeinen Feſſeln zu befreien, und wenn er allein war, die Laſt dieſer Ketten abzuwerfen. Jetzt mußte man das — 99— Gold finden, das er vorher aus ſeinem Verſteck hervorgezogen und das er ſorglos am Boden hatte liegen laſſen! Ich bin verloren! ächzte Trenck, und die Hände vor ſein Antlitz ſchlagend, taumelte er auf ſein Lager zurück. Ein ſchadenfrohes Lächeln erhellte die düſteren Züge des Komman⸗ danten Bruckhauſen, wie er auf die an der Erde liegenden Ketten, die verſtreuten blinkenden Goldſtücke und den in Schmerz und Verzweiflung zuſammengeſunkenen Gefangenen hinſchaute. Mit einem ſtummen Wink befahl er einigen der hinter ihm ſtehen⸗ den Soldaten die Ketten aufzuheben und ſie dem Gefangenen wieder anzulegen. Trenck wehrte ſich nicht. Er ließ es ruhig geſchehen, daß man den eiſernen Gürtel wieder um ſeinen Leib, das Eiſen wieder um ſeinen Hals legte. Er war wie vernichtet und zerbrochen, er hatte keine Kraft, keine Beſinnung mehr. Dieſer ungeheuere Schlag hatte ihn ganz und gar zerſchmettert, und den Rieſen, welcher kurz zuvor noch die Welt zu er⸗ obern vermeinte, in ein wehrloſes, ſchwaches und zitterndes Kind ver⸗ wandelt! Als man ihm befahl, aufzuſtehen, damit die Kette ſeines Leib⸗ gürtels wieder in die Wand eingehenkt werden könne, that er es; als man ihm gebot, ſich die Ketten und die Eiſenſtangen wieder an den Ar⸗ men befeſtigen zu laſſen, ſtreckte er gehorſam ſeine beiden Arme aus und ließ dann die gefeſſelten Arme kraftlos an ſeinem Körper hinabſinken. Jetzt erſt wagte es der Kommandant Bruckhauſen vorwärts zu ſchreiten und ſich Trenck zu nähern. Der gefeſſelte Löwe flößte ihm keine Furcht mehr ein, er durfte ihn ungeſtraft höhnen und ſchelten. Und er that das mit dem Zorn einer mitleidsloſen, harten Seele, er that das mit dem ganzen, tiefen Haß eines unverſöhnlichen Feindes. Denn Trenck war ſein Feind, ſein gefürchteter Feind. Er vertrieb den Schlaf von ſeinen Augen und verfolgte ihn ſelbſt noch in ſeinen Träumen. Oſt, inmitten der Nacht, ſchreckte Bruckhauſen von ſeinem Lager empor, weil er geträumt, Trenck habe ſich aus ſeinem Kerker befreit, und Er müßte jetzt hinunterſteigen in dieſes dunkle, fürchterliche Grab. Oft inmitten einer fröhlichen Geſellſchaft griff es wie eine kalte Leichenhand an ſein Herz, und ein heimliches Zittern überkam ihn, denn konnte nicht in dieſer 7* Stunde Trenck entflohen ſein, für den er dem König mit ſeinem Kopfe haften mußte, deſſen furchtbarer Kerker für ihn beſtimmt war, wenn es Trenck gelang, zu entfliehen?— Dieſe ewige Angſt und Sorge machte, daß der Kommandant in Trenck nicht mehr den Gefangenen des Königs, ſondern nur noch ſeinen eigenen Feind ſah, gegen den er kämpfen mußte mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Waffen, mit allem Haß und Zorn ſeiner geängſtigten Seele. Mit zorniger Stimme und mit bittern Schmähungen überhäufte der Kommandant Bruckhauſen den wieder gefeſſelten Gefangenen. Mit einem kalten, ſchadenfrohen Lachen erzählte er ihm, daß ſein ganzes Komplott entdeckt ſei, daß man ſeinen wahnſinnigen Plan kenne, daß man wiſſe, er habe Magdeburg erobern und auf der Citadelle der preußiſchen Feſtung die öſterreichiſche Fahne aufpflanzen wollen. Mit höhnenden Blicken hielt er ihm den Brief entgegen, mit dem Trenck ſeinen Freund nach Wien geſandt, und in dem er, ohne freilich die Namen zu nennen und das Nähere ſeines Plans anzugeben, die Er⸗ oberung von Magdeburg in Ausſicht geſtellt. Wollen Sie es leugnen, daß Sie das geſchrieben haben? rief der Kommandant im drohenden Ton, indem er Trenck ein Papier ent⸗ gegenhielt.. Trenck antwortete nicht. Er hatte das Haupt auf die Bruſt ge⸗ ſenkt und ſtarrte ſchweigend vor ſich nieder. O, man wird Sie ſchon zu zwingen wiſſen, Ihre Mitverſchworenen zu nennen, ſchrie der Kommandant, wüthend gemacht durch ſeines Fein⸗ des Schweigen, gegen den Verräther giebt es keine Rückſichten mehr, und wenn Sie nicht gutwillig bekennen wollen, nun wohl, ſo werde ich Sie züchtigen laſſen! Ein wilder Schrei tönte von Trencks Lippen, und wie er jetzt das Haupt emporwarf, trug ſein Antlitz den Ausdruck eines ſo wilden, flam⸗ menden Zorns, daß Bruckhauſen ganz unwillkürlich einen Schritt zurück⸗ wich.— Trenck war aus ſeiner Lethargie erwacht, er hatte ſeine Kraft, ſeine Energie wiedergefunden, er war wieder Trenck, der Trenck, den Bruckhauſen fürchtete, obwohl er in Ketten lag, der Trenck, den nichts zu beugen, nichts zu entmuthigen vermochte. — 101— Denjenigen, der es wagen wollte mich zu züchtigen, ermorde ich! ſagte Trenck mit flammenden Blicken, die geballten Fäuſte gegen den Kommandanten ausſtreckend. Mit meinen Nägeln, mit meinen Zähnen zerfleiſche ich ihn! Nennen Sie Ihre Mitſchuldigen! ſchrie Bruckhauſen, wild mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend. Jetzt war es Trenck, welcher lachte. Ach, ſagte er, Sie meinen, daß Sie mir Furcht einflößen wollen mit Ihrer Stimme, wie man die kleinen Kinder mit dem Knecht Ruprecht graulich macht? Sie meinen, Ihr Kommandowort genügt, um aus mir herauszulocken, was ich nicht ſagen will? Sie meinen, ich werde Ihnen meine Freunde verrathen? Ach, ſehen Sie nur, welch ein kleines, ohnmächtiges Menſchenkind Sie ſind, denn nichts von alle dem, was Sie wollen, wird geſchehen. Nein, ich werde nicht ſo erbärmlich ſein, meine Freunde zu verrathen! Thäte ich's, dann wäre ich ein Verräther, dann verdiente ich hier in dieſem elenden Kerker, in dieſen furchtbaren Feſſeln wie ein wildes Thier ange⸗ kettet zu liegen, denn die erſte, die heiligſte Tugend der Menſchen, die Dankbarkeit wäre mir fremd! Aber ich thue es nicht! Unſchuldig bin ich in Feſſeln geſchmiedet, unſchuldig will ich darin bleiben! Unſchuldig, rief der Kommandant, Sie, welcher den wahnwitzigen Gedanken gefaßt, eine Feſtung Ihres Landesherrn an den Feind zu verrathen, Sie nennen ſich unſchuldig? Trenck richtete ſich höher auf und warf ſein Haupt ſtolz zurück. Ich bin nicht mehr der Unterthan des Königs von Preußen, ſagte er, er iſt nicht mehr mein Landesherr. Ich bin ohne Verhör noch Kriegs⸗ recht, noch legale Procedur, vor Jahren nach Glatz als Gefangener ge⸗ bracht. Als ich entfloh, hat der König mich kaſſirt und mein Vermögen mit Beſchlag belegt. Ich hätte verhungern und zu Grunde gehen müſſen, wenn ich nicht anderswo mir Brod und Ehre geſucht hätte. Ich fand aber Beides in Oeſterreich. Maria Thereſia ernannte mich zum Ritt⸗ meiſter in ihrer Armee, und ihr habe ich den Eid der Treue geſchworen. Sie allein iſt meine Herrin! Dem König von Preußen bin ich keine Treue, keine Pflicht ſchuldig, er hat mich ungehört verdammt, er hat durch einen tyranniſchen Machtſpruch mir Brod, Ehre, Vaterland und — 102— Freiheit entriſſen, er hat mich wie einen überwieſenen Verbrecher in Feſ⸗ ſeln werfen laſſen und auf meine Stirn das Brandmal der Schande gedrückt! Er hat mich zu einem Thier erniedrigt, das brüllend in ſeinem Käfig liegt, und nur lebt, um zu eſſen, nur ißt um zu leven! Ich ſage das nicht zu Ihnen, Herr Kommandant, fuhr er fort, ich ſage das zu Euch, Soldaten, zu Euch, die Ihr einſt meine Kameraden und Waffengefährten geweſen. Ich will nicht, daß Ihr den Trenck einen Verräther nennt. Seht mich an, ſeht, was der König aus mir gemacht hat, und dann ſagt mir, ob ich nicht berechtigt war, dieſen Martern ent⸗ fliehen zu wollen, dann ſagt mir, ob ich ein Verräther bin, wenn ich mich befreien wollte um jeden Preis, und wenn auch Magdeburg dabei zu Grunde ginge, und wenn tauſend Menſchen dabei ihr Leben verlö⸗ ren?*) Sagt, ob ich ein Verräther bin, weil ich mir erobern will, was Ihr Alle, was jeder Menſch von Gott als ſein heiliges Menſchenrecht erhalten, weil ich ein freier Menſch ſein will? Und während er ſo ſprach, leuchtete ſein zerfallenes Antlitz vor Be⸗ geiſterung und eine erhabene Energie lag in ſeinem ganzen Weſen. Selbſt die gemeinen Soldaten wurden davon ergriffen und hingeriſſen. Ein dumpfes Gemurmel des Beifalls ertönte aus ihren Reihen und belehrte den Kommandanten, daß er einen Fehler begangen, das Verhör des allgemein bewunderten Gefangenen in Gegenwart ſo vieler Zeugen vorzunehmen. Sie wollen mir alſo Ihre Mitſchuldigen nicht nennen? fragte er. Nein, ſagte Trenck, ich will Ihnen meine Freunde nicht verrathen. Und was würde es Ihnen auch helfen, wenn Sie ihre Namen wüßten? Sie würden dieſe ſtrafen, und Sie würden damit doch nur Drachen⸗ zähne ſäen, aus denen neue geharniſchte Freunde für mich emporwachſen. Denn das unverdiente Unglück und die unverſchuldete Schmach weckt ſich im Himmel und auf Erden Freunde und macht mit dem Zauber⸗ ſtab des Mitleids Herzen lebendig, die ſonſt in hartem Starrſinn ge⸗ legen. Sehen Sie ſie an, Herr Kommandant, ſehen Sie Ihre Sol⸗ *) Trenck's eigene Worte. Siehe Memoiren Friedrich von Trenck's Th. II. S. 151. — 103— daten an. Sie ſind gekommen als gleichgültige Menſchen, ſie gehen fort als meine Freunde, und wenn ſie nichts weiter thun können, ſo werden ſie wenigſtens für mich beten! Es iſt genug, genugl ſchrie der Kommandant wüthend. Schweigen Sie! Und Ihr Alle, hinaus da! Der Schmidt ſoll vortreten und die durchgefeilten Ketten wieder löthen und dieſe Eiſen wieder zuſammen⸗ ſchmieden. Tretet zurück in den zweiten Corridor und laßt den Schmidt allein eintreten. Die Soldaten traten zurück und der Schmidt mit ſeinem dampfen⸗ den Kohlenbecken, ſeinem glühenden Eiſen, ſeinem in der Pfanne ſiedenden Blei trat herein. Der Kommandant lehnte ſich an die Thür des Gefängniſſes und mit ineinander geſchlagenen Armen ſchaute er der traurigen Arbeit des Schmidts, während Trenck gleichgültig zu der finſtern Decke ſeines Kerkers emporſtarrte und ſich des flammenden Lichtſcheins erfreute, den die glühenden Kohlen auf das Gewölbe zeichneten. Das ſind die Irrlichter meiner Freiheit, ſagte er mit einem matten Lächeln. Es iſt ſchon das vierte Mal, daß ſie da oben an der Decke tanzen, denn zum vierten Mal ſchon ſteht das Kohlenfaß hier und werden meine Ketten wieder angeſchmiedet. Und ich ſage Ihnen, Herr Kommandant, ich werde meine Ketten doch wieder zerreißen, und die Irrlichter meiner Freiheit, die da oben an meinem Kerker flattern, ſie werden ſich doch eines Tages in die Sonne der Freiheit umwandeln, ſie wird meinen Kerker durchſtrahlen mit ihrem reinen Gotteslicht und wird mir leuchten auf den unterirdiſchen Pfaden, auf denen ich dieſem Kerker entfliehen will, in dem ich nichts zurücklaſſen werde, als meinen Fluch für Sie, meinen grauſamen Kerkermeiſter! Sie geben es alſo noch immer nicht auf, ſagte der Kommandant mit einem grimmvollen Lachen, Sie wollen noch immer neue Verſuche machen zu entfliehen? Trenck heftete ſeine kühnen, flammenden Augen mit einem vollen und feſten Blick auf das Antlitz Bruckhauſens, und indem er dem Schmidt den Fuß hinſtreckte, um daran die Kette wieder feſt zu ſchmieden, ſagte er: Hören Sie, Herr Kommandant, was ich Ihnen jetzt ſagen will, und — 104— mögen meine Worte wie tödtendes Gift in Ihre Adern ſchleichen! Hören Sie, ſobald Sie meinen Kerker verlaſſen, ſobald Sie jene Thür da hinter ſich geſchloſſen haben, ſo beginne ich von Neuem das Werk meiner Be⸗ freiung. Sie haben mich in einen Kerker unter der Erde geworfen, Sie haben den Fußboden, deſſen Bretter ich einſt durchſchnitten hatte, jetzt mit Steinplatten pflaſtern laſſen. Sie kommen alle Tage meine Höhle zu durchſuchen, ob ſich da nicht irgend ein Loch, irgend ein Werkzeug finden möchte, mit dem ich meine Rettung verſuchen könnte. Aber ich werde dennoch entfliehen. Gott hat den Maulwurf geſchaffen, und von ihm will ich lernen, wie man die Erde durchgräbt und aus ſeiner Tiefe ſich emporwühlt an das Licht. Sie werden wohl dafür ſorgen, daß ich keine Werkzeuge und keine Waffen habe, aber Gott hat mir gegeben, was er dem Maulwurf gab, er hat meinen Fingern Nägel und meinem Munde Zähne gegeben, und wenn mir kein anderes Mittel zur Befreiung bleibt, ſo werde ich mit meinen Nägeln, meinen Zähnen mich befreien! Ah, es iſt wenigſtens ſehr gütig, daß Sie mich davon benachrich⸗ tigen! rief der Kommandant mit einem boshaften Lachen. Seien Sie gewiß, ich werde Ihre Worte nicht vergeſſen und mich darnach richten. Verſuchen Sie, zu entfliehen, ich werde verſuchen, Sie feſtzuhalten, und ich glaube wohl, daß mir das gelingen und daß mir ein Mittel einfallen wird, mich in jeder Viertelſtunde zu überzeugen, daß Ihre Nägel und Ihre Zähne Sie noch nicht befreit haben!— Der Schmidt iſt, wie ich ſehe, jetzt fertig, und ſo werden wir vorläufig wohl noch die freudige Ueberzeugung hegen dürfen, daß Sie bei uns bleiben. Es müßte denn ſein, daß Sie ſogleich mit Ihren Zähnen dieſe Ketten wieder durch⸗ beißen! Gott gab dem Simſon Kraft, daß er mit ſeinen Armen die Säulen durchbrach und den Tempel zerſchmetterte! ſagte Trenck, dem Schmidt nachſchauend, der eben mit ſeinem Kohlenbecken den Kerker verließ. Sehen Sie nur, die Irrlichter verſchwinden aus meinem Kerker, aber ich ſage Ihnen, bald wird die Sonne darin ſcheinen. Trenck, ſeien Sie vernünftig, ſagte Bruckhauſen jetzt mit faſt bitten⸗ dem Ton. Vergrößern Sie nicht muthwillig Ihr Elend, zwingen Sie mich nicht, immer grauſamere Mittel anzuwenden! Verſprechen Sie mir, — 105— keine Fluchtverſuche mehr zu machen, und ich gebe Ihnen dafür mein Wort, daß nichts in Ihrer Lage ſich verſchlimmern ſoll, daß ich Sie nicht ſtrafen will für Ihren frevelhaften Plan. Trenck lachte laut auf. Sie geben mir Ihr Wort, daß nichts ſich verſchlimmern ſoll in meiner Lage? Und wie wollten Sie es denn an⸗ fangen, ſie noch zu verſchlimmern? Hat Ihre Grauſamkeit nicht für mich Ketten und Ringe geſchaffen, um deren Erfindung Sie der Teufel beneiden könnte? Lebe ich nicht in dem ſchlechteſten und tiefſten Grabes⸗ kerker, den es in dieſer Feſtung giebt? Iſt nicht Brod und Waſſer meine Nahrung? Laſſen Sie mich nicht in Finſterniß und Unthätigkeit meine fürchterlichen Nächte, meine gräßlichen Tage hinbringen? Was wollen Sie mir noch Schlimmeres thun, und womit könnten Sie mich ſtrafen für meine Befreiungsverſuche? Nein, nein, Herr Kommandant, ich ſage Ihnen, ſobald die Thür ſich hinter Ihnen geſchloſſen hat, fängt der Maulwurf an zu graben und eines Tages wird er Ihnen trotz all' Ihrer Vorſicht doch entwiſcht ſein. Das iſt Ihr letztes Wort? rief Bruckhauſen glühend vor Zorn. Sie wollen mir nicht verſprechen, alle Fluchtverſuche aufzugeben? Sie wollen mir die Mitverſchworenen Ihres verbrecheriſchen Complotts nicht nennen? Nein, und abermals nein! Nun, ſo leben Sie wohl! Sie werden an dieſe Stunde gedenken, und ich verſpreche Ihnen, daß Sie dieſelbe bereuen werden! Und mit einem ſtechenden Blick voll Zorn und Bosheit auf den Gefangenen, der da lachend und mit ſeinen Ketten klirrend an der Wand lehnte, verließ der Kommandant den Kerker. Die eiſerne Thür fiel krachend hinter ihm in's Schloß, die Riegel klirrten, dann durchtönten den Corridor die taktmäßigen Schritte der ab⸗ marſchirenden Soldaten, jetzt ſchloß ſich hinter ihnen die entgegengeſetzte Thür des Corridors! Grabesſtille herrſchte jetzt wieder in dem Kerker des Gefangenen, kein Laut des Lebens unterbrach mehr dieſe furchtbare, entſetzliche Ruhe! — Trenck ſchauderte in ſich zuſammen und ein Gefühl unendlichen Jam⸗ mers, troſtloſer Verzweiflung überkam ihn. Und jetzt durfte er ſich dem⸗ 2 — 106— ſelben überlaſſen, Niemand war mehr da, vor dem er ſeinen Kummer zu verbergen hatte, Niemand, der mit ſchadenfroher Luſt ſich an ſeinem Elend weiden mochte! Jetzt durfte er die Seufzer nicht mehr zurückhalten, die ſo lange ſeine Bruſt beengt hatten, jetzt durfte er ſie ausſchreien, ausſtöhnen, jetzt konnte er den Thränen freien Lauf laſſen, die ſo lange wie glühendes Feuer in ſeinen Augen gebrannt hatten, jetzt konnte er auf ſeine Kniee ſinken und ſich winden in ſeiner Qual, der Wundmale nicht achtend, welche die Ketten und die Eiſen in ſein Fleiſch einpreßten.— Fürchter⸗ licher als alle anderen Schmerzen waren die Schmerzen ſeiner Seele, und wie der Menſch ſonſt erſchauernd zurückbebt vor dem Tode, ſo er⸗ bebte jetzt Trenck vor dem Leben, vor dem Grabesleben, das ihn wieder in ſeine kalten Arme geſchloſſen. Wie lange er ſo geweint und geklagt, geſchrieen und gejammert, das wußte er nicht. Für ihn gab es ja keine Zeit und keine Stunde, keine Nacht und keinen Tag, langſam, im ewigen Einerlei krochen ſeine Tage dahin. Und dennoch, ja dennoch gab es für den Gefangenen Stunden des Genuſſes, der Seligkeit! Das waren die Stunden des Schlafes, die Stunden der Träume! Glücklicher wie mancher König und mancher noch ſo mächtige Herr⸗ ſcher, glücklicher wie tauſende dieſer reichen Leute, die in glänzenden Pa⸗ läſten wohnen und auf ſeidenen Betten ruhen, war der Gefangene dieſes Grabes auf ſeinem harten Strohlager. Er konnte ſchlafen! Sein Geiſt, welcher den ganzen Tag raſtlos arbeitete und Gedanken und Pläne ſeiner Befreiung hin⸗ und herwarf, bedurfte und fand die Ruhe des Schlafes; ſein Körper, dem er, obwohl in Ketten geſchmiedet, Bewegun⸗ gen zu ſchaffen wußte, indem er ſtundenlang die zwei Schritte Raum durchmaß, die ſeine Ketten ihm geſtatteten, ſtundenlang in künſtlichen Schwenkungen und Biegungen ſich hin⸗ und herbewegte, ſein Körper bedurfte der Erholung und fand ſie. Ja, er konnte ſchlafen! Die Menſchen waren hart und grauſam gegen ihn, aber Gott hatte ihn noch nicht verlaſſen, denn er hatte ihm in die Nacht ſeines Kerkers einen Engel geſandt, der ihn tröſtete und erquickte.— Dieſer Engel war der Schlafl — 107— Und auch heute, nach ſo viel Stunden des Jammers und der Qual, nach ſo viel Verzweiflung und dumpfem Hinbrüten, auch heute, wie die Nacht kam, flatterte der tröſtende Engel hernieder in den Kerker und ſetzte mit einem holden Lächeln ſich an das Lager des Gefangenen, der da zerbrochen und matt zuſammengeſunken war. Auch heute küßte er ſeine Augen und legte ſeine ſanften Flügel auf des Gefangenen Herz, damit es ruhiger ſchlage, auch heute flüſterte er dem Gefangenen heitere Träume in's Ohr und zeigte ſeinen geſchloſſenen, nach innen ſchauenden Augen reizende Bilder aus der ſchönen, der lang entbehrten Welt. Und die Wange des Schlummernden röthete ſich und auf ſeinen Lippen, welche, wenn er erwachte, immer ernſt waren, ſtand jetzt ein heiteres, ein ſon⸗ niges Lächeln. Still alſo, Ihr Schildwachen da draußen, ſtill! Der Gefangene ſchläft! Heilig iſt der Schlaf des Menſchen, am heiligſten der des Un⸗ glücklichen. Wage es alſo Niemand ihn zu ſtören, ſchleicht leiſe auf Euern Zehen an ſeinem gegittertem Kerkerfenſter vorüber, Ihr Schild⸗ wachen da draußen, ſchleicht leiſe den Corridor auf und ab, Ihr Schild⸗ wachen da drinnen! Leiſe, leiſe, der Gefangene ſchläft! Habt Ehr⸗ furcht vor ſeinem Schlummer! Aber plötzlich unterbrach dieſe Stille ein lauter Ruf. Trenck, Trenck, rief eine ſchmetternde Stimme, Trenck ſchläfſt Du? Er fuhr auf aus ſeinen ſüßen Träumen und richtete ſich erſchreckt empor. Es war ihm geweſen, als habe die Stimme des jüngſten Ge⸗ richts ihn gerufen, als ſchmettere ſie noch mit Drommetenton vor ſeinem Ohr. Ergrauend und in ſich ſelber erſchauernd lauſchte er, ob ſich dieſer fürchterliche Ruf wiederholen werde. Ja, zum zweiten Male erſchallte es laut und ſchmetternd, zum zweiten Male rief es: Trenck, biſt Du da? Er fuhr ſich entſetzt mit ſeiner Hand an die fieberhaft brennende Stirn. Ich bin wahnſinnig, murmelte er. Ich höre da in meinem Hirn eine Stimme, welche mich ruft, eine Stimme— Die Riegel ſeiner Gefängnißthür raſſelten, und der Kommandant Bruckhauſen, gefolgt von dem eine Fackel tragenden Schließer, erſchien auf der Schwelle. — 108— Warum haben Sie nicht geantwortet, Trenck? fragte er. Geantwortet? Worauf geantwortet? Nun, auf den Ruf der Schildwachen! Da Sie mir geſchworen haben, immer wieder neue Fluchtverſuche zu machen, mußte ich wohl meine Vorkehrungen treffen, und ich hab's gethan. Die Schildwachen vor Ihrer Thür haben Befehl, Sie jede Viertelſtunde der Nacht anzu⸗ rufen; wenn Sie nicht ſofort Antwort geben, werden ſie zu Ihnen ein⸗ treten, und ſich durch den Augenſchein überzeugen, ob der Maulwurf noch da iſt, oder ob er in der Erde wühlt. Richten Sie ſich alſo dar⸗ nach, Trenck! Wir werden ja nun ſehen, ob Ihre Nägel und Zähne dennoch im Stande ſind, Sie zu befreien! Er trat wieder hinaus, und die Thür ſchloß ſich wieder hinter ihm. Nacht war es wieder im Kerker des Gefangenen. Aber er ſchlief nicht mehr. Er ſaß auf ſeinem Lager und fragte ſich, ob es wirklich Wahr⸗ heit geweſen, oder ob nur ein böſer Traum ihn geneckt und ihm eine ſo ſchauerliche Viſion vorgemalt?— Nein, nein, es war ja nicht möglich, daß dieſes Wirklichkeit geweſen, nicht möglich, daß man ihm noch den letzten, den einzigen Genuß, daß man ihm ſeinen Schlaf rauben wollte! Aber horch! Da rief es ſchon wieder da draußen: Trenck, biſt Du da? Er antwortete mit einem fürchterlichen Schrei, und fuhr von Grauen gepackt, von ſeinem Lager empor. Ich habe nicht geträumt! Es iſt Wahrheit! Sie wollen mir mein letztes Glück, meinen Schlaf nicht mehr gönnen! Feige Räuber, möge Gott Euch verfluchen, wie ich Euch verfluche, möge er kein Mitleid mit Euch haben, wie Ihr keins mit mir habt! Oh, Ihr elenden grauſamen Menſchen, Ihr wollt meinen Jammer um ein Jahrtauſend vermehren! Ihr wollt mir ſogar den Schlaf noch ermorden! Fluch über Euch! XI. Der König und der deutſche Gelehrte. Es war im Winter des Jahres 1760. Deutſchland, das unglück⸗ liche, aus tauſend Wunden blutende Deutſchland war auf einige Monate wieder von der Geißel des Krieges befreit, und konnte aufathmen von ſeinen Sorgen und Laſten, aufathmen, um neue Kräfte zu neuem Kriege zu gewinnen. Denn der Winter mit ſeiner Kälte und Strenge allein war es geweſen, welcher den Völkern auf kurze Zeit den Frieden ge⸗ geben. Die Fürſten dachten und wollten noch immer den Krieg, und ihre Winterruhe war nur eine Zeit der Rüſtung zu neuem Krieg. Denn immer noch hatte es nicht gelingen wollen, den kleinen König von Preu⸗ ßen zu überwinden. Wie viel Widerwärtigkeiten ſich um ihn häuften, wie ſehr das Glück ihn auch für immer ſchien verlaſſen zu haben, der König blieb ſtandhaft und unverzagt, und ſein Muth und ſeine Zuver⸗ ſicht ſchien mit der Größe der Gefahr nur zu wachſen. Und doch ſchien ſeine Lage ſo trauriger und verzweifelnder Art, daß ſelbſt ein Held, wie des Königs Bruder, Prinz Heinrich, verzwei⸗ felte, obwohl der König die Unglückstage bei Kunersdorf und Maxen durch die großen Siege bei Liegnitz und dann bei Torgau wieder aus⸗ geglichen hatte. Aber ſo traurig und tief bedroht von allen Seiten war die Lage des Königs, daß ſelbſt die Siege, welche indeß ſeine Feinde aus Sachſen vertrieben, und dem König mindeſtens ſeine Winterquar⸗ tiere ſicherten, ihm keine weſentlichen Vortheile weiter brachten, und die Gefahr ſeiner Lage nicht verminderten. Ringsumher ſtanden Feinde, die vor Verlangen und Wuth brannten, den König, der es verſtand ihnen immer wieder die erworbenen Lorbeeren zu entreißen, endlich zu vernichten, und mit ſeiner völligen Beſiegung endlich die glühende Begeiſterung zu erſticken, welche die Völker von ganz Europa ihm entgegenjauchzten. Die Ruſſen hatten zum erſten Male in Pommern Winterquartiere be⸗ zogen, die Oeſterreicher lagen in Schleſien und Böhmen, am Rhein ſtand die neu ergänzte franzöſiſche Armee und die Reichsarmeen. Und während — 110— ſo die Bundesgenoſſen Oeſterreich treu ergeben blieben im Kampf gegen Friedrich, hatte dieſer jetzt ſeinen einzigen und letzten Bundes⸗ genoſſen verloren. König Georg der Zweite von England war geſtorben, und der ſchwache Georg der Dritte mußte ſich in den beherrſchenden Willen ſeiner Mutter und des Lord Brute fügen, das Bündniß mit Preußen löſen, und die bis dahin gezahlten Subſidien aufhören laſſen. So ſtand Preußen allein, ohne Geld, ohne Soldaten, ohne Freunde, inmitten ſeiner mächtigen und kampfesdurſtigen Feinde, allein und an⸗ ſcheinend hoffnungslos ſo vielen Gegnern gegenüber. Das war es, was ſelbſt den Prinzen Heinrich verzagt und un⸗ glücklich machte, was ſeinen Muth lähmte, und ihm den Wunſch eingab, die Armee zu verlaſſen, und in die Einſamkeit zu fliehen, um dort über das Unglück ſeines zerrütteten Vaterlandes trauern zu können. Er ſchrieb an den König und bat um ſeinen Abſchied. Der König antwortete ihm:„Es iſt nicht ſchwer, mein Bruder, in glücklichen und heiteren Zeiten Menſchen zu finden, welche dem Staat dienen wollen. Aber gute Bürger ſind nur Diejenigen, welche dem Staat bereitwillig in der Zeit der Kriſen und des Unglücks dienen; der wahre Ruf eines Menſchen begründet ſich dann, wenn man ihn unver⸗ zagt ſchwierige Dinge ausführen ſieht, und je ſchwieriger ſie ſind, deſto mehr Ehre bringen ſie. Ich glaube daher auch nicht, daß es Ihr Ernſt iſt, was Sie mir da ſchreiben. Es iſt gewiß, daß weder Sie noch Ich ſelber für den glücklichen Ausgang der Begebenheit und unſerer jetzigen Lage einſtehen können, aber ſobald wir alles gethan haben, was in un⸗ ſerer Macht ſtand, wird unſer Gewiſſen und die öffentliche Meinung uns Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Wir kämpfen für das Vaterland und die Ehre, und wir müſſen das Unmögliche möglich zu machen ſuchen um zu reüſſiren. Die Menge meiner Feinde erſchreckt mich nicht, je größer ihre Zahl, deſto größer auch der Ruhm, ſie beſiegt zu haben.“*) Prinz Heinrich, beſchämt über ſeine eigene Verzagtheit, gab ſeinem Bruder auf dieſen Brief die Antwort eines Helden: er eilte den Ruſſen nach, trieb ſie von Schleſien zurück, und erlöſte das von den Oeſter⸗ *) Preuß: Geſchichte Friedrichs des Großen. Th. II. S. 246. — 111— reichern unter Loudon belagerte Breslau, in welchem Tauentzien mit dreitauſend Preußen ſich mit der Energie eines Helden gegen den über⸗ mächtigen Feind verſchanzt hatte. So war beim Beginn der Winterruhe auch die Hauptſtadt Schleſiens wiedergenommen, und bei Torgau hatte der König die zwölfte Schlacht um den Beſitz Schleſiens ſeiner mächtigen unverſönlichen Feindin ab⸗ gewonnen. Und alles dieſes vergeblich und reſultatlos; die Ausſichten auf Frieden blieben immer noch in weite Ferne gerückt, und damit für Fried⸗ rich auch die Ausſichten auf Glück. Aber jetzt war der Winter da, jetzt hatte dieſer rauhe Friedensengel die Schwerter in die Scheide geſchoben, und den Krieg beendet.— Wäh⸗ rend die fromme Maria Thereſia mit ihren Hofdamen in ihren glän⸗ zenden Gemächern Charpie zupfte für die verwundeten Soldaten und dadurch in ganz Wien für dieſen Winter das Charpiezupfen zu einer Mode erhob*), während der ruſſiſche Feldherr Soltikow ſein Winter⸗ quartier in Poſen nahm und dort herrliche Gelage und Gaſtereien ver⸗ anſtaltete, zog König Friedrich nach Leipzig, nach der Stadt, wo damals deutſche Wiſſenſchaft und Gelehrſamkeit am ſchönſten blühte, und das ſich rühmte, der Kunſt und Poeſie ein Aſyl gegeben zu haben. Der Kriegsheld verwandelte ſich auf einige ſchöne glückliche Monate wieder in den Philoſophen, den Dichter und Gelehrten; die von Sorgen gefurchte Stirn des Königs glättete ſich, ſein Auge nahm wieder ſein gewohntes ſtrahlendes Feuer an, ſein Mund lächelte wieder. Die Hand, welche ſo lange das Schwert geführt, nahm jetzt wieder die Feder, die Lippen, welche ſo lange nur Kommandoworte und Schlachtrufe geſprochen, neigten ſich jetzt über die geliebte Flöte, und wußten ihr die ſchmelzend⸗ ſten und zarteſten Töne und Melodieen zu entlocken. Auch die Abend⸗ konzerte wurden wieder in freudiger Andacht abgehalten, denn die muſi⸗ kaliſchen Freunde und Genoſſen des Königs waren auf ſeinen Ruf aus Berlin gekommen, und damit nichts dem Herzen des Königs mangele, *) v. Archenholtz: Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. II. S. 246. — 112— hatte er auch den treueſten und bewährteſten ſeiner Freunde, den Marquis d'Argens an ſeine Seite gerufen. D'Argens mußte dem König von der Belagerung Berlins durch die Ruſſen, von der ſtandhaften Gegenwehr der Bürger, von ihrem Patrio⸗ tismus und ihrem Muth erzählen, und des Königs Augen glänzten vor Freude und Rührung, und in der Ueberfülle ſeines dankbaren Herzens gelobte er den treuen Berlinern, ihnen beizuſtehen mit Geld und Hülfe. Als aber dann d'Argens dem König erzählte von den Verwüſtungen, welche die Ruſſen an den Kunſtſchätzen in Charlottenburg angerichtet, wie ſie in ihrer rohen Wuth Alles zerſtört und vernichtet hatten, da verfinſterte ſich die Stirn des Königs, und mit tiefem Unwillen ſagte er: „ah, die Ruſſen, das ſind die Barbaren, welche am Untergang der Menſch⸗ heit arbeiten.*) Wenn es uns nicht gelingt, ſie zu beſiegen, und ihre rohe Macht zu brechen, ſo werden ſie Europa wieder und immer wieder beunruhigen! Indeß, fügte der König mit einem ſanften Lächeln hinzn, der Vandalismus der Ruſſen ſoll uns die ſchöne Winterruhe nicht ver⸗ kümmern. Wenn ſie mir meine Gemälde zerſchnitten, meine Statuen zerſchlagen haben, ſo müſſen wir dafür ſorgen, neue Kunſtſchätze zu ſammeln. Gotzkowsky hat mir erzählt, daß er in Italien, dieſer uner⸗ ſchöpflichen Fundgrube der Kunſt, noch viele herrliche Gemälde großer Meiſter weiß, die ſoll er mir anſchaffen, und ich werde mich dann be⸗ mühen, den Krieg recht bald zu beendigen, um meine neuen Gemälde wiederzuſehen und in meinem ſchönen Sansſouci ausruhen zu dürfen von dieſem entſetzlichen Kriege. Ach, Marquis, ſprechen wir nicht mehr von ihm, ſuchen wir ihn hier in dieſem Zimmer mindeſtens zu vergeſſen! Er hat mein Haar gebleicht, und mich vor der Zeit in einen Greis ver⸗ wandelt. Mein Rücken iſt gekrümmt, meine Zähne fallen aus, mein „Geſicht iſt faltig, wie das Falbelas an einem Weiberrock. Das Alles hat der Krieg mir zu Wege gebracht. Aber mein Herz und meine Nei⸗ gungen ſind unverändert geblieben, und ich darf mir wohl erlauben, denen jetzt auch ein wenig genug zu thun.**)— Kommen Sie, Marquis, *) Des Königs eigene Worte. Siehe: v. Archenholtz Th. I. S. 282. **) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres T. 18, p. 103. „ — 113— ich habe da ein neues Gedicht von Voltaire, das er mir vor einigen Tagen geſandt; wir wollen ſehen, ob es vor Ihrem ſtrengen Richterſtuhl Gnade finden kann!— Auch habe ich Ihnen noch einige meiner neueſten Sünden zu bekennen, das heißt, Ihnen die Arbeiten und Poeſieen mit⸗ zutheilen, die ich in den Stunden der Muße während des Feldzugs ge⸗ macht. Sie ſind einmal mein literariſcher Beichtvater und wir wollen ſehen, ob Sie gnädig genug ſind, mir Abſolution zu ertheilen.“— Aber nicht bloß der Muſik, den franzöſiſchen Dichtern, der heiteren Unterhaltung mit ſeinen Freunden, oder dem ernſten Studium der Alten war dieſe Wintermuße des Königs gewidmet. Zum erſten Mal war der König bemüht, auch der deutſchen Gelehrſamkeit, und den Beſtrebungen der deutſchen Gelehrten und Dichter ſeine Theilnahme zuzuwenden.— Quintus Icilius, der gelehrte Geſellſchafter des Königs, hatte ihm ſo oft wiederholt, daß die Gelehrſamkeit, der Witz und die Poeſie jetzt in Deutſchland am meiſten in Leipzig ihre Vertreter hätten, daß der König endlich neugierig ward, dieſe großen Männer zu ſehen, von denen Quin⸗ tus Icilius behauptete, daß ſie an Gelehrſamkeit die Franzoſen weit überragten, an Verſtand und Witz ſich ihnen kühn an die Seite ſtellen dürften. Der König hatte dazu freilich lächelnd die Achſeln gezuckt, aber er hatte doch Quintus aufgefordert, einige der Leipziger Gelehrten und Dichter zu ihm zu führen. Ich werde Euerer Majeſtät den berühmteſten Leipziger Gelehrten und Sprachforſcher, den Profeſſor Gottſched und den größten Dichter, den Gellert vorſtellen, ſagte Quintus Icilius hocherfreut. Welchen von Beiden befehlen Euere Majeſtät zuerſt zu ſehen? Bringen Sie mir zuerſt den Gelehrten und Sprachforſcher, ſagte der König lächelnd. Vielleicht hat der Mann an der barbariſchen deut⸗ ſchen Sprache ſchon einige ſanftere Laute und Wendungen entdeckt, und die zu hören, wäre ich ſehr begierig. Gehen Sie alſo, und holen Sie mir den Profeſſor Gottſched her. Ich habe ſchon oft von ihm gehört, und weiß, daß ſogar Voltaire an ihn eine Ode gerichtet hat. Ich will indeſſen ein wenig im Lukrez leſen, und meine Seele vorbereiten auf die Erſcheinung dieſes großen deutſchen Mannes! Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. II. 8 ——ᷣ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ñ— — 114— Und Quintus Jcilius eilte von dannen, den berühmten Profeſſor Gottſched zum Könige zu beſcheiden. Gottſched, dem damals ganz Deutſchland huldigte, und der den ganzen Stolz und Hochmuth eines deutſchen Gelehrten beſaß, fand den Wunſch des Königs, ihn kennen zu lernen, ſehr natürlich, und nahm die Einladung deſſelben mit einem huldvollen Lächeln entgegen. In dem innigen, vollen Gefühl ſeiner Herrlichkeit, in dem ſteifſten Putz einer herr⸗ lichen Allongenperücke, begab ſich der deutſche Profeſſor zu dem König, der ihn in ſeiner einfachen, prunkloſen Weiſe empfing, und mit einem leiſen Lächeln dem ſtolzen Gebahren des berühmten Mannes zuſchauete. Sie ſprachen zuerſt von den Fortſchritten der deutſchen Philoſophie, und der König hörte mit ernſter Aufmerkſamkeit den gelehrten Deductio⸗ nen des deutſchen Profeſſors zu, aber er ſagte ſich ſelber, daß Gottſched es wenig verſtände, ſeine Wiſſenſchaft genießbar zu machen, und daß er vielleicht ein ſehr gelehrter, aber jedenfalls ein wenig intereſſanter Mann ſei.— Indeſſen belebte ſich die Unterhaltung mehr und mehr, als man von der Poeſie und Geſchichte ſprach, und der König ging mit Lebhaf⸗ tigkeit und Intereſſe auf dieſes Thema ein. In der deutſchen Geſchichte, glaube ich, iſt noch gieles verborgen, ſagte der König, und manche wichtige Dokumente mögen noch in den Klöſtern verſteckt ſein. Gottſched ſah ihn mit einem ſtolzen Blick an. Verzeihung, Sire, ſagte er in ſeiner ſteifen, pedantiſchen Weiſe, ich glaube, daß das nur unwichtige Dokumente ſein können. Mir wenigſtens iſt kein Moment in der deutſchen Geſchichte unklar und verborgen, und ich meine, über Alles Auskunft geben zu können. Der König neigte mit einem ſpöttiſchen Lächeln ſein Haupt. Sie ſind eben ein großer Gelehrter, mein Herr, ſagte er, ein Vorzug, deſſen ich mich nicht rühmen kann. Ich kenne von Büchern über die Reichs⸗ hiſtorie nur den Pére Barre. — Er hat die deutſche Geſchichte geſchrieben, wie eben Ausländer ſie zu ſchreiben verſtehen, rief Gottſched achſelzuckend. Er hat ſich dazu eines von Stuve in Jena geſchriebenen lateiniſchen Werkes über die deut⸗ ſche Geſchichte bedient, und dies überſetzt, weiter nichts. Hätte Barre — 115— deutſch verſtanden, ſo würde ſeine Arbeit beſſer geworden ſein, denn er hätte dann beſſere Quellen benutzen können. Aber Barre war ein Elſaſſer und er verſtand deutſch, ſagte der König lebhaft. Aber ſagen Sie mir, Sie, welcher ein Gelehrter, ein Dichter und ein Sprachforſcher ſind, ſagen Sie mir, ob aus der deut⸗ ſchen Sprache etwas werden kann? Nun, ich denke, wir haben ſchon Vieles und Schönes aus ihr ge⸗ macht! rief Gottſched in dem ganzen Vollgefühl ſeines Ruhmes. Aber Sie haben ihr noch immer keine Melodie, keine Grazie geben können, fuhr der König lebhaft fort. Die deutſche Sprache iſt eine Reihe von barbariſchen Klängen und Lauten, aber es iſt keine Muſik darin. Es klingt Alles rauh und hart, und die vielen widrigen Klänge machen ſie ganz unbrauchbar für die Poeſie und Beredtſamkeit. Da nennen Sie alſo zum Beiſpiel einen rival auf Deutſch: Nebenbuhler! Welcher fatale, widerliche Ton: Buhler.*) Ah, Majeſtät, ſagte Gottſched heftig, das iſt indeſſen ein Ton, den die franzöſiſche Sprache auch hat, und Euere Majeſtät ſollten das am beſten wiſſen, denn Niemand weiß wohl beſſer und energiſcher mit den boules umzugehen, als eben Sie. Der König lächelte, und dieſe leichte Wendung des gelehrten Pro⸗ feſſors verſöhnte ihn ein wenig mit ſeinem aufgeblaſenen Stolz. Es iſt wahr, ſagte er, ich muß Ihnen dies Mal Recht geben, aber im Ganzen werden Sie mir es zugeben müſſen, daß die franzöſiſche Sprache viel weicher und angenehmer klingt. Ich gebe das durchaus nicht zu, ſagte Gottſched ungeſtüm. Ich behaupte vielmehr, daß die deutſche Sprache viel ſchöner klinge. Wie hart und abſcheulich klingt zum Beiſpiel das franzöſiſche amour, wie weich und zart, ja ich möchte ſagen: charakteriſtiſch, das Wort: Liebe! Ah, ſagte der König, Sie ſind gewiß ſehr glücklich verheirathet, daß Sie ſo für die deutſche Liebe ſchwärmen, welche freilich eine ganz andere Sache iſt, als das franzöſiſche amour! Im Uebrigen laſſe ich es mir nicht nehmen, daß die franzöſiſche Sprache noch viele Vorzüge vor der *) Des Königs eigene Worte. Siehe Preuß: Th. II. S. 272. 8*† — 116— deutſchen habe. Man kann zum Beiſpiel im Franzöſiſchen oft ein Wort in mehrfachem Sinne gebrauchen, während man im Deutſchen dafür oft mehrere Ausdrücke zuſammenſuchen muß. Das iſt wahr, darin haben Euere Majeſtät Recht, ſagte Gottſched gedankenvoll, dieſen Vorzug hat die franzöſiſche Sprache. Indeſſen, das ſoll nicht lange dauern! Wir wollen das noch machen! Ja, ja, wir wollen das noch machen! Und er rieb ſich vergnügt die Hände und warf das Haupt ſtolz zurück, indem er zum dritten Mal verſicherte: wir wollen das noch machen! Der König blickte ihn zugleich erſtaunt und beluſtigt an. Dieſe Anmaßung des gelehrten Mannes,„das noch machen zu wollen“, imponirte ihm faſt durch ihre Ungeheuerlichkeit.*) Machen Sie das, mein Herr, ſagte der König heiter, ſchwingen Sie Ihren Feldherrnſtab und geben Sie der deutſchen Sprache, was ſie nicht hat, geben Sie ihr Grazie, Vieldeutigkeit und Leichtigkeit. Hauchen Sie ihr außerdem auch die Fähigkeit ein, ſanfte Leidenſchaften und zärtliche Gefühle auszudrücken, und Sie werden für die deutſche Sprache das ſein, was Julius Cäſar für die Deutſchen war, Sie werden ihr Be⸗ ſieger ſein und das Barbarenthum cultivirt haben. Gottſched merkte nicht den tiefen Spott, der in den Worten des Königs lag, ſondern nahm dieſelben mit lächelndem Kopfneigen als eine angenehme Schmeichelei hin. Uebrigens iſt die deutſche Sprache ſehr wohl geeignet, ſanftere Ge⸗ fühle auszudrücken, ſagte er. Ich mache mich anheiſchig, jedes franzö⸗ ſiſche Gedicht getreu und melodiſch ſchön zu überſetzen. Ich werde Sie auf die Probe ſtellen, rief der König, indem er haſtig ein Buch von ſeinem Tiſch nahm und es aufſchlug. Sehen Sie da, es ſind die Oden Rouſſeau's, und wir wollen nehmen, was der Zufall uns bringt. Hören Sie dieſe Strophe: *) Noch nach Jahren erzählte der König der Herzogin von Gotha dieſe Aeußerung Gottſcheds, und wiederholte mehrmals:„wir wollen das noch machen.“ — 117— „Sous un plus heureux auspice La Déesse des amours Veut, qu'un nouveau sacrifice Lui consacre vos beaux jours. Déja le bucher s'allume. L'autel brille, l'encens fume, La victime s'embellit, L'amour même la consume, Le mystère s'accomplit! Halten Sie es wirklich für möglich, dieſe herrliche Strophe zu über⸗ ſetzen? fragte der König, als er geendet. Wenn Euere Majeſtät es erlauben, will ich es ſogleich thun, ſagte Gottſched pathetiſch. Ich bitte nur um ein wenig Papier und Bleiſtift, und ich werde die Ueberſetzung aufſchreiben. Der König reichte ihm Beides mit dem Buche dar. Nehmen Sie, ſagte er, wir wollen uns damit beluſtigen, einen Sängerkampf aufzu⸗ führen. Während Sie die Verſe des franzöſiſchen Dichters in deutſche Verſe überſetzen, will ich verſuchen, das Lob des deutſchen Dichters in franzöſiſche Reime zu bringen. Stören wir einander nicht! Er trat in eine Fenſterniſche zurück, und warf eilig und ohne Be⸗ ſinnen und Zögern einige Verſe auf's Papier. Dann wartete er lächelnd, bis er ſah, daß der Gelehrte auch aufgehört hatte zu ſchreiben. Ich bin fertig, mein Prir, ſagte der König, wieder aus der Fenſter⸗ niſche hervortretend. Und ich auch, ſagte Gottſched feierlich. Hören Euere Majeſtät nur, und nehmen Sie, um zu vergleichen, gefälligſt das Buch zur Hand. Er reichte es dem König dar und las dann mit lauter, näſelnder Stimme: „Mit ungleich glücklicherm Geſchicke Gebeut die Göttin zarter Pein, Ihr Deine ſchönen Augenblicke Zum Opfer noch einmal zu weih'n. Der Holzſtoß hebt an aufzugehen, Der Altar glänzt, des Weihrauchs Düfte Durchdringen ſchon die weiten Lüfte, — 118— Das Opfer wird gedoppelt ſchön; Durch Amor's Gluth iſt es verflogen, Und das Geheimniß wird vollzogen.“ Nun, Majeſtät, fragte Gottſched ſtolz, finden Sie nun noch, daß die deutſche Sprache nicht ſchön und kurz franzöſiſche Verſe wiedergeben kann? Der König lächelte. Ich bin erſtaunt, ſagte er, daß Sie dieſe ſchöne Strophe von Rouſſeau haben überſetzen können. Ich bedaure überhaupt, daß ich ſchon zu alt bin, noch deutſch zu lernen, und beklage wirklich, daß ich in der Jugend dazu weder Ermunterung noch Anleitung gehabt habe; ich würde gewiß viele meiner Nebenſtunden auf gute deutſche Ueber⸗ ſetzungen römiſcher und franzöſiſcher Schriftſteller verwendet haben.*)— Aber man kann das Verlorene nicht wieder einholen, und muß eben zu⸗ frieden ſein mit dem, was man hat. Wenn ich ſelbſt kein deutſcher Dichter ſein kann, ſo ſoll es mir wenigſtens vergönnt ſein, den großen und gelehrten Regenerator der deutſchen Sprache in franzöſiſchen Verſen beſingen zu können. Während Sie überſetzten, habe ich verſucht, Sie zu beſingen. Hören Sie alſo! Und der König las dem entzückten Profeſſor einige Verſe vor, deren überſchwengliches Lob ihn bezauberte, und deren feine Jronie er in der Sicherheit ſeines Stolzes nicht merkte. Mit erhöheter Stimme und einem anmuthigen neckenden Lächeln ſchloß der König: C'est à toi, Cygne des Saxons, D'arracher ce secrèt à la nature avare: D'adoucir dans tes chants d'une langue barbare Les durs et détestables sons.**) Ah, Majeſtät! rief Gottſched, bei dem die Freude über das ihm geſpendete Lob dies Mal den Zorn über die„langue barbare“ überwog; wie grauſam und wie gütig Sie in einem Moment ſind! Sie ſchmähen unſere arme Sprache und ertheilen mir zugleich ein ſo feines und echt königliches Lob. Cygne des Saxons! Das iſt ein Epitheton ornans, *) Des Königs eigene Worte. **) Oeuvres posthumes Vol. VII. p. 216. — 119— welches eben ſo ſehr Ihnen, dem königlichen Spender, als mir, dem glücklichen Empfänger, Ehre macht, und welches, ſo hoffe ich, uns Beiden zur Verherrlichung dienen wird. Denn für einen König und Helden giebt es keinen höheren Ruhm, als wenn er Ehrfurcht hat vor den Männern der Wiſſenſchaft, vor den auserleſenen Söhnen Apollo's und der Muſen, und den Gelehrten, Künſtlern und Dichtern wiederum ge⸗ reicht es zum höchſten Ruhm, die Anerkennung der Könige und Helden verdient zu haben!— Sire, ich mache Ihnen in tiefſter und dankbarſter Ehrerbietung mein Compliment: Sie haben da ein meiſterhaftes kleines Gedicht geſchaffen, und wenn einſt der Cygne des Saxons ſein Schwa⸗ nenlied ſingt, ſo wird er es ſingen zum Ruhm und Preis des großen Friedrich, des Cäſars ſeiner Zeit!— Nun, mein lieber Quintus, ſagte der König lachend, als er Gott⸗ ſched entlaſſen hatte, ſind Sie zufrieden mit ihrem großen deutſchen Ge⸗ lehrten? Quintus zuckte ſeufzend die Achſeln. Sire, ſagte er, ich muß leider bekennen, daß der große Gottſched ein wenig zu ſehr mit dem Staub der Gelehrſamkeit ſein Haupt bedeckt hat, und mehr Pedant als Lebe⸗ mann iſt. Er iſt ein aufgeblaſener Narr! rief der König unwillig. Und nun glaube ich auch nimmermehr, daß er ein ſo großes Genie iſt, wie Sie mich glauben machen wollten. Das wahre Genie iſt beſcheiden, und weil es ein hohes Ziet vor Augen hat, thut es ſich ſelber nie genug, und iſt nie zufrieden mit ſich ſelber. Aber Leute, wie dieſer Gottſched, die ſich ſelbſt auf den Altar ſtellen und vor ſich niederfallen, um ſich anzubeten, die haben ihren Lohn dahin und werden niemals etwas wahr⸗ haft Großes leiſten. Aber Gottſched hat wirklich große und unvergängliche Verdienſte, ſagte Quintus Jcilius eifrig. Er iſt wirklich der Regenerator der deut⸗ ſchen Sprache, er hat ſie in der That erlöſt aus dem Barbarenthum, und ſie zur Sprache der Cultur und Wiſſenſchaft erhoben. Ganz Deutſch⸗ land verherrlicht ihn dafür, und wenn der Weihrauch, den man ihm aller Orten ſpendet, dem Gelehrten ein wenig in den Kopf gefahren iſt, ſo iſt das bei ſeinen ungeheuren Verdienſten wirklich zu verzeihen! — 120— Und ich glaub's doch nicht, daß dieſer Gottſched ein großer Mann, und am allerwenigſten, daß er ein Dichter iſt, ſagte der König lächelnd. Oder wenigſtens, wenn ſo die deutſchen Dichter und Gelehrten aus⸗ ſehen, ſo darf man es Niemanden verdenken, wenn man ſich nicht unter die Traufe ihrer Gelehrſamkeit ſtellen mag. Hat dieſer Mann nicht die Vermeſſenheit gehabt, von einer goldenen Zeit der Literatur, die in Deutſchland ſchon unter meinem Großvater König Friedrich dem Erſten geblüht haben ſoll, mir zu erzählen, und war er nicht ſo verwegen, einige deutſche Scribler jener Zeit, deren barbariſche Namen Niemand kennt, und die ich heute zum erſten Male gehört habe, mit Corneille, Racine, ja ſogar mit Virgil zu vergleichen. Wiederhole Er mir doch die Namen dieſer unbekannten Größen noch einmal, damit ich doch die Nebenbuhler der großen Dichter kenne! Er ſprach von Beſſer und Neukirch, ſagte Quintus etwas kleinlaut, und ich muß bekennen, daß es freilich ein wenig kühn iſt, dieſe mit Racine und Corneille vergleichen zu wollen. Aber vielleicht that er es nur, um die Aufmerkſamkeit Euerer Majeſtät auf dieſe Art zu erregen, denn es i*ſt leider bekannt, daß der große Friedrich, der dem ganzen Deutſchland als ein Heros voranleuchtet, und den ganz Deutſchland anbetet, den Deutſchen vielleicht alles mögliche Gute, aber gewiß ſehr wenig Geiſt, Gelehrſamkeit und Witz zutraut. Der König wollte eben eine Antwort geben, als ein Lakay hereintrat und dem König einen Brief überreichte, den der Profeſſor Goltſched ſo eben überſandt. Der König nahm den Brief und ſagte lächelnd zu Quintus: ich finde, daß Gottſched, mein Bruder in Apollo, mir wenigſtens die Ehre erzeigt, mich vertraulich zu behandeln. Wahrhaftig, wäre ich anmaßend, ſo könnte ich mir zuletzt noch einbilden, ſeines Gleichen zu ſein. Nun, ſehen wir einmal, mit welcher Zuſchrift uns der Cygne des Saxons beehrt hat. Er öffnete den Brief und las, und während des Leſens erhellte ſich ſein Antlitz zu einem immer heiterern und ſpöttiſcheren Lächeln, und endlich brach er in ein lautes und frohes Lachen aus. — 121— Guichard, ſagte er, ich muß Ihnen ſelber dieſes Poem des großen deutſchen Sprachreinigers, Dichters und Gelehrten vorleſen. Sie ſollen mir dann ſagen, ob das nun gereinigtes edles Deutſch, ob das wirkliche Poeſie iſt! Hören Sie einmal! Und der König trat mit affectirter heroiſcher Haltung, in der Art der heldenſpielenden Schauſpieler, einige Schritte vor, und las mit pa⸗ thetiſcher, näſelnder Stimme, ganz in der Weiſe, wie Gottſched ſelbſt vorher geleſen, das folgende Gedicht: Den Cäſar dieſer Zeit, im Siegen wie im Schreiben, Ehrt längſt der deutſche Muſenchor, Sein eig'ner Werth hebt ihn empor, Wie könnt' ihr Pindus ihm die Lorbeern ſchuldig bleiben? Monarch, den Deines Vaters Knecht Auch ungenannt durch manches Lied erhoben, Iſt Dir kein deutſcher Reim zu ſchlecht, So wird er Dich gewiß bei ſpäter Nachwelt loben. Doch Helden pflanzen Lorbeer⸗Haine; Der Dichter blöde Hand bricht Zweige für ihr Haupt. Dein ſiegreich Schwert iſt längſt umlaubt, Und Dein Bewund'rer bleibt der Deine G. Bemerken Sie gefälligſt, fuhr der König mit angenommenem Ernſt fort, daß Herr Gottſched ſich hier als den Pindus des deutſchen Muſen⸗ chors vorführt, und daß er die Güte haben will, mich der ſpäten Nach⸗ welt für ihre Reime zu empfehlen.— Und jetzt ſagen Sie mir, Quintus, ob das echte deutſche Poeſie iſt, und ob Sie auch recht in innerſter Seele erwärmt ſind von dieſem erhabenen Gedicht? Er ſah Quintus dabei mit einem ſo neckiſchen Ausdruck an, daß dieſer nicht länger im Stande war, ſeinen Ernſt zu bewahren. Sire, ſagte er lachend, ich muß Ihnen meinen berühmten deutſchen Gelehrten Preis geben, und es freimüthig bekennen, daß Euere Majeſtät leider Recht haben. Er iſt ein unausſtehlicher Narr und ein aufgebla⸗ ſener Schwachkopf. Nicht doch, er iſt ein deutſcher Gelehrter! rief der König pathetiſch. — 122— Eine der großen Säulen, die den Tempel der deutſchen Wiſſenſchaft und Poeſie tragen! Sire, ich opfere Ihnen den deutſchen Gelehrten, ſagte Quintus, ich lege ihn nieder auf dem Altar Ihrer gerechten Spottſucht. Möge Ihr ſcharfer Witz ihn zerreißen! Ich opfere Euerer Majeſtät den Gelehrten, aber ſeien Sie dafür gnädig, Sire, und verſprechen Sie mir, den deut⸗ ſchen Dichter gütig aufzunehmen!. „ Ich will's thun, ſagte der König. Laſſen Sie mich auch dieſes Exemplar kennen lernen. Aber Guichard, verſprechen Sie mir Eins: wenn der deutſche Dichter dem deutſchen Gelehrten gleicht, dann machen Sie mir keine Vorwürfe mehr, wenn ich von dem ganzen deutſchen Ge⸗ lehrten⸗ und Dichterkram nichts mehr wiſſen will! XII. Gellert. Gellert kam ſo eben aus der Univerſität zurück, wo er in dem gro⸗ ßen Hörſaal ſeine Vorleſungen„über die Moral“ eröffnet hatte. Ein überaus zahlreiches Publikum hatte ſich auch dies Mal wie immer zu dieſen Vorleſungen eingefunden, und war dem hinreißenden Vortrage des geliebten Meiſters mit geſpannter Aufmerkſamkeit gefolgt.— Als er den Katheder verließ, war die Verſammlung, ganz wider die ſonſtigen aka⸗ demiſchen Gewohnheiten, in ein lautes: Lebehoch! ausgebrochen, und Alle hatten ſich herbeigedrängt, um den geliebten Lehrer, der eben erſt von einer Krankheit erſtanden war, auf ſeinem Lehrſtuhl und in ihrer Mitte willkommen zu heißen. Dieſe vielen Beweiſe der Liebe hatten Gellert, den zarten, empfin⸗ dungsvollen deutſchen Dichter tief ergriffen, und ſein ſchwaches, ſtets leidendes Nervenſyſtem ſo mächtig erſchüttert, daß er ganz bleich und mit — 123— zitternden Knieen in ſeiner Wohnung anlangte, und ſich erſchöpft auf den ledernen Lehnſtuhl im Fenſter, dem einzigen Luxusmeuble ſeiner überaus einfachen Studirſtube, niederließ. Der alte Mann, der in dem anderen Fenſter des Zimmers ſaß, und eifrig mit Leſen beſchäftigt war, achtete gar nicht auf ihn, und ob⸗ wohl Gellert mehrmals ſich räuſperte und dann bedeutungsvoll zu ihm 3 herüberblickte, ſo ſchien dieſer ſeine Gegenwart durchaus nicht bemerkt zu haben, ſondern las ruhig weiter. Conrad! rief Gellert endlich mit ſehr freundlichem, bittendem Ton. Herr Profeſſor? fragte der Alte, indem er mißmuthig von ſeinem Buch emporſchaute. Conrad, mir ſcheint, Du könnteſt wohl aufſtehen, wenn ich komme. Nicht ſo ſehr aus Reſpect vor Deinem Herrn, ſondern weil er ſchwäch⸗ lich und kränklich iſt, und Deiner Hülfe bedarf. Herr Profeſſor, ſagte der Alte gelaſſen, ich wollte nur erſt das Capitel, das ich eben angefangen, zu Ende leſen, und dann wollte ich auch aufſtehen, Sie kamen nur ein bischen zu früh. Es iſt alſo Ihre eigene Schuld, wenn ich noch weiterleſen mußte. Gellert lächelte. Und was für ein Buch lieſeſt Du denn ſo eifrig, mein alter Freund? Die ſchwediſche Gräfin, Herr Profeſſor. Sie wiſſen wohl, es iſt mein Lieblingsbuch, ich leſe es jetzt zum zwölften Male, und ich meine immer noch, daß ich niemals etwas ſo Schönes, Rührendes und Kluges geleſen habe. Es iſt mir vollkommen unbegreiflich, Herr, wie Sie das gemacht haben, und wie Sie alle die ſchönen Geſchichten in Ihrem Kopf behalten konnten. Wer hat Ihnen denn eigentlich das Alles erzählt? Es hat's mir Niemand erzählt, ich habe es aus meinem eigenen Kopf und Herzen genommen, ſagte Gellert freundlich. Aber nein, das iſt ein ſehr anmaßender Gedanke! Ich habe es nicht von mir ſelber empfangen, ſondern von dem großen Geiſt, der den Dichtern gnädig iſt, und ihnen zuweilen einen Funken ſeines göttlichen Lichtes gnädig verleiht, damit ſich unſer Herz und unſere Phantaſie daran erwärmen. Jetzt verſtehe ich Sie wieder nicht, Herr Profrſſor, ſagte Conrad unwillig. Warum reden Sie denn nicht ſo wie's da in dem Buch ſteht? — 124— Was die ſchwediſche Gräfin ſagt, das verſtehe ich Alles ganz gut, denn ſie ſpricht ſo wie jeder andere Menſch. Es iſt überhaupt ein allerlieb⸗ ſtes ſchönes und kluges Weib, und ich habe manchmal gedacht, Herr Profeſſor— Der alte Conrad zögerte und blickte ſeinen Herrn verlegen an. Nun, Conrad, was haſt du gedacht? Ich habe manchmal gedacht, Herr, es wäre das Beſte, wenn Sie die ſchwediſche Gräfin heiratheten. Gellert zuckte zuſammen und ein leichtes Roth überflog ſeine Wangen. Ich, heirathen? rief er entſetzt. Der Himmel möge mich behüten, daß ich mich in ein ſolches Joch ſchmiede, und mein Haupt unter die Bot⸗ mäßigkeit eines ſo launigen, eitlen, wetterwendiſchen, hochfahrenden, eigen⸗ ſinnigen, putzſüchtigen, kaltherzigen Geſchöpfs lege, als da iſt ein Weib. Conrad, wie kommſt Du auf den wahnwitzigen Gedanken, mich verhei⸗ rathen zu wollen, da Du doch weißt, daß ich die Weiber haſſe, nein, nicht haſſe, aber ſo ſehr fürchte, wie etwa ein Lamm den Wolf fürchtet, der es verſchlingen möchte. Na, Herr! rief Conrad ärgerlich, war denn etwa Ihre Mutter nicht auch ein Weib? Ja, ſagte Gellert nach einer Pauſe leiſe, und mit tief innigem Ton. Ja, ſie war ein Weib, ein hochherziges, edles Weib. Sie war der gol⸗ dene Stern meiner Kindheit, das heilige Ideal des Jünglings, wie ſie jetzt da droben im Himmel der Schutzengel des Mannes iſt. Es giebt kein Weib, welches ihr gleicht, Conrad. Sie war die Liebe, die Auf⸗ opferung, die Güte und Entſagung ſelber. Es iſt wahr, flüſterte Conrad leiſe, ſie war eine brave Frau, die Frau Paſtorin. Das ganze Städtchen liebte und verehrte ſie, weil ſie ſo gut, mildthätig und fromm war, und als ſie ſtarb, da war es, als ob wir alle eine Mutter verloren hätten. Als ſie ſtarb, ſagte Gellert mit vor Rührung zitternder Stimme, da war mit ihr mein Glück und meine Jugendluſt geſtorben, und als ich die erſte Scholle Erde auf ihr Grab warf, da hatte ich ein Gefühl, als ob da drinnen in meinem Herzen etwas zerſpränge, und dies Gefühl hat mich nie wieder verlaſſen. — 125— Sie haben Ihre Mutter zu ſehr geliebt, Herr Profeſſor, ſagte Conrad, und es kommt gewiß daher, daß Sie keine andere Frau lieben und heirathen wollen! Herr Gott, Menſch, ſo rede mir doch nicht ſchon wieder vom Hei⸗ rathen, rief Gellert entſetzt. Was hat denn dies fatale Wort hier in meinem Studirzimmer zu thun? Viel hat's darin zu thun, Herr, denn ſehen Sie Sich nur um, wie kahl und elend es hier ausſieht. Gar nicht ein bischen ſauber, nett und zierlich, wie's bei einem ſo gelehrten und berühmten Herrn ausſehen muß, und wie's ausſieht, wenn eine junge nette Frau im Hauſe iſt, die hübſche Meubles und ſchönes Leinenzeug mitbringt. Sie müſſen gewiß heirathen, Herr, und zwar eine reiche Frau! So geht's nicht mehr, und ſo ſoll's nicht mehr gehen! Sie müſſen eine Frau nehmen, denn von Ihrer Be⸗ rühmtheit können Sie nicht leben. Aber doch von meiner Stelle, Conrad, ſagte Gellert faſt ängſtlich. Habe ich als außerordentlicher Profeſſor nicht ein Gehalt von zweihun⸗ dert und fünfzig Thalern? Bedenke doch, zweihundertundfünfzig Thaler! Das iſt ſehr viel für einen deutſchen Dichter, und ich ſage Dir, Conrad, ich kann mich ſehr glücklich damit preiſen. Es reicht ja hin, um meine Bedürfniſſe zu beſtreiten und ſchützt mich vor Elend und Noth. Es könnte hinreichen, Herr Profeſſor, wenn wir nicht gar ſo ver⸗ ſchwenderiſch und übermüthig wären. Ich bin ein alter Mann, und mir können Sie ſchon ein Wort zu Gute halten. Ich habe fünfzehn Jahre bei Ihrem Herrn Vater, unſerem Herrn Pfarrer, als Kuecht gedient, und Sie haben mich von ihm gewiſſermaßen geerbt. Ich darf alſo ſchon mitſprechen! Wenn's drauf ankommt, will ich mit Ihnen hungern und durſten, aber mich ärgert, daß wir hungern und durſten, ohne daß es nöthig iſt. Haben Sie zum Beiſpiel heute ſchon zu Mittag gegeſſen? Nein, Conrad, ſagte Gellert verlegen. Ich hatte zufällig kein Geld bei mir, als ich aus der Vorleſung kam, und Du weißt, ich gehe nicht gern in's Speiſehaus, wenn ich nicht gleich bezahlen kann. Zufällig hatten Sie kein Geld? Sie hatten's wohl hier zu Hauſe vergeſſen? Ja, Conrad, ich hatt's hier zu Hauſe vergeſſen! — 126— Nein, Herr, Sie haben heut Morgen Ihren letzten Thaler dem Studenten gegeben, der hieher kam, und Ihnen ſeine Noth klagte, und Ihnen erzählte, er habe ſeit drei Tagen nichts Warmes mehr gegeſſen, und ſo jämmerlich flennte und klagte. Dem haben Sie Ihr Geld ge⸗ geben, und das war ſehr Unrecht, denn jetzt haben wir ſelber nichts. Nein, Conrad, das war nicht Unrecht, ſondern es war meine Pflicht. Er hungerte und ich war ſatt, er war arm und in Noth, und ich hatte Geld und ſaß in meinem warmen und bequemen Zimmer, folglich mußte ich ihm helfen. Ja, das ſagen Sie immer, Herr, und ſo geht immer all unſer Geld zum Teufel, ſchmollte Conrad. Womit wollen wir uns nun zum Beiſpiel heute ſatt machen? Nun, ſagte Gellert nach einer Pauſe, wir werden Kaffee trinken und etwas Butterbrod dazu eſſen. Kaffee iſt ein vortreffliches Getränk, und beſonders Dichtern ungemein zuträglich, denn er belebt die Phantaſie. Und läßt den Magen leer! ſchaltete Conrad ein. Um den zu füllen, haben wir Brod und Butter! Ach, Conrad, ich verſichere Dich, wir wären manchmal zu Hauſe im Pfarrhofe meines Vaters ſehr froh geweſen, wenn wir Kaffee und Butterbrod zu unſerm Mittagseſſen gehabt hätten. Wir waren unſer dreizehn Geſchwiſter, dazu Vater und Mutter, und das Gehalt meines Vaters betrug nicht mehr als zweihundert Thaler. Conrad, er hatte weniger als ich, und hatte davon noch dreizehn Kiuder zu ernähren. Als ob Sie ſich nicht ſchon von Ihrem eilften Jahre an ſelbſt er⸗ nährt hätten, als ob ich nicht immer geſehen hätte, wie Sie die Nächte hindurch abſchrieben, um ſich Geld zu verdienen, und das zu einer Zeit, wo andere Kinder kaum wiſſen, was Geld, und noch weniger, was Arbeit iſt! Aber wenn ich meiner guten Mutter nachher das Geld brachte, das ich durch meine Abſchriften verdient hatte, küßte ſie mich ſo zärtlich, und nannte mich ihren tapfern und braven Sohn, und das war ein beſſerer Lohn für mich, als alles Gold der Welt. Und dann, als das nächſte Weihnachtsfeſt kam, und wir Alle dreizehn ſo froh und glücklich um den Tiſch mit dem Tannenbaum ſtanden, und uns des Tellers mit Aepfeln — 127— und Nüſſen und kleinen Geſchenken, den Jeder bekam, ſo recht von Her⸗ zen freueten, da lag auf meinem Platz ein funkelnagelneuer Rock. Es war das erſte Mal, daß ich einen Rock von neuem Tuch, und nicht aus den alten Talaren meines Vaters bekam. Und das Zeug zu dieſem Rock hatte meine Mutter von dem Geld gekauft, das ich mir verdient. Sie hatte es immer geſammelt und geſpart, und jetzt hatten ſich die Abſchriften in ein ſchönes Kleid verwandelt, das ich mit Stolz und Freude tragen konnte. Kein Rock ſitzt ſo warm, als der, den man durch ſeine Arbeit verdient hat. Das ſelbſtverdiente Kleid iſt der Purpurmantel der Armen!. Aber wir hätten's nicht nöthig, arm zu ſein, brummte Conrad. Und das iſt's ja eben was mich kränkt. Wenn wir ordentlich Haus hielten, könnten Sie mit Ihren zweihundertfünfzig Thalern bequem und ſorgenfrei leben. Aber Alles wird fortgegeben, und für Andere verthan, bis dann zuletzt für uns ſelber nichts übrig bleibt. Wir ſind aber noch niemals hungrig zu Bett gegangen, Conrad, und was unſeren heutigen Tag anbetrifft, ſo werden wir auch nicht zu hungern brauchen. Kaffee, Brod und Butter iſt da und morgen früh bekomme ich von meinem Buchhändler das Honorar für die vierte Auf⸗ lage meiner Fabeln. Es iſt nicht viel, aber ich denke, es werden doch gegen zwanzig Thaler ſein, und damit werden wir eine Zeit lang leben können. Sei alſo nun wieder heiter, Conrad, und hörſt Du, geh' in die Küche und beſorge Kaffee, mich hungert wirklich ein bischen! Nun, Con⸗ rad, Du ſiehſt noch immer verdrießlich aus. Haſt Du noch einen Aerger im Hinterhalte? Ja, Herr Profeſſor, es muß heraus, ich habe noch einen Aerger! Der Pedell hat mir erzählt, daß die Univerſität Ihnen noch eine höhere Profeſſorſtelle angeboten hat, iſt das wahr? Ja, Conrad, es iſt wahr! Sie wollten mich zum ordentlichen Pro⸗ feſſor machen. Und Sie haben's nicht angenommen? Nein, Conrad, ich hab's nicht angenommen. Ich hätte dann mehr Collegia leſen, den Profeſſorenſitzungen beiwohnen müſſen, hätte viel Laſt gehabt, und wenn nun eines Tages ſogar mich das Unglück ge⸗ — 128— troffen hätte, Rector zu werden, ſo wäre ich ein verlorener Mann ge⸗ weſen, denn da muß man Gaſtereien geben, die Würde der Univerſität repräſentiren, und ſogar, wenn fürſtliche Perſonen herkommen, ſie im Namen der Univerſität begrüßen und ihnen Reden halten! Nein, ich danke für ſolche Ehre! Mit großen Herren zu verkehren, darnach gelüſtet es mich nicht, und ich ziehe es vor, als außerordentlicher Profeſſor mit einem geringen Gehalt hier behaglich und ungenirt in meinem Studir⸗ zimmer zu ſitzen, denn als ordentlicher Profeſſor mit hohem Gehalt in den Vorzimmern der Großen ſcharmutziren zu müſſen. Zudem bin ich kränklich, und meine Kränklichkeit würde mich verhindern, ſo viel Vor⸗ leſungen zu halten, als die Regierung es von einem ordentlichen, hoch⸗ beſoldeten Profeſſor verlangen kann. Man muß aber niemals Geld annehmen für das, was man nicht geleiſtet hat und nicht leiſten kann. — Siehſt Du, Conrad, das ſind meine Gründe, warum ich die ange⸗ tragene Stelle zum zweiten Male ausgeſchlagen habe, und ich denke, Du wirſt nun zufrieden ſein, und mir nun eine recht ſchöne Taſſe Kaffee kochen! Eine Schande bleibt es doch immer, brummte Conrad, daß man von Ihnen ſagt, Sie wären kein ordentlicher Profeſſor. Aber das kommt Alles davon, daß Sie keine Frau haben! Wäre die ſchwediſche Gräfin hier, dann würde es hier gewiß prächtig und ſchön ausſehen und Ihr Studirzimmer würde ſo ſchön aufgeräumt und Sie ſelber würden immer ſo hübſch und ſauber angekleidet ſein, daß kein Menſch ſich unterſtehen ſollte zu ſagen, ſie wären kein ordentlicher Profeſſor. Aber das iſt doch keine Beleidigung, Conrad! rief Gellert lachend, und in Deinem Sinne bin ich ja jetzt mehr, als ich ſein würde, wenn ich die Stelle angenommen hätte. Denn jetzt bin ich und heiße ich ja ein„außerordentlicher“ Profeſſor. Na, es iſt mir lieb, daß die Leute wenigſtens einſehen, daß Sie wirklich ein außerordentlicher Profeſſor ſind, ſagte Conrad beſänftigt. Nun will ich auch in die Küche gehen und Kaffee kochen. Aber halt, da fällt mir ein, daß ich Ihnen noch einen Brief zu übergeben habe, den vorher ein Bedienter gebracht hat. Er nahm von dem Tiſch einen Brief, und reichte ihn ſeinem Herrn — 129— dar; während dieſer ihn erbrach, ging Conrad langſam und zögernd der Thür zu, offenbar begierig, von ſeinem Herrn den Inhalt des Briefes zu erfahren. Er war auch noch nicht bis zur Thür gelangt, als ein Ruf Gellert's ihn zu ſich zurückrief. Conrad, ſagte Gellert mit zitternder Stimme, Conrad, höre einmal, was dieſer Brief enthält! 84 Na, ich bin wirklich neugierig darauf, ſagte Conrad mit freundli⸗ chem Grinſen. Leſen Sie doch! Gellert nahm den Brief und begann: Mein lieber und verehrter Herr Profeſſor! Erlauben Sie es einem Ihrer— Hier ſtockte er, und ein tiefes Roth bedeckte ſeine Wangen. Nein, ſagte er leiſe, ich kann das nicht leſen, es iſt zu viel und zu über⸗ ſchwängliches Lob für mich darin. Lies Du ſelber! Dummes Zeug, ſagte Conrad, den Brief nehmend, der Herr Pro⸗ feſſor iſt wahrhaftig ſo verſchämt wie eine Jungfer. Sein Lob zu leſen iſt doch wahrhaftig keine Schande! Jetzt hören Sie zu: „Mein lieber und verehrter Herr Profeſſor! Erlauben Sie es einem Ihrer begeiſterten und Sie grenzenlos verehrenden Schüler, Ihnen eine Bitte vorzutragen, und Sie um eine Gefälligkeit zu erſuchen. Ich bin äußerlich reich; Sie hat Gott mit den reichſten und herrlichſten Ga⸗ ben des Geiſtes und Herzens ausgeſtattet, aber weil er Sie ſo reich im Geiſt gemacht, hat er es verſäumt, Ihnen äußern Reichthum zu geben. Ihr Gehalt iſt nicht groß, aber Ihr Herz iſt ſo groß und edel, daß Sie das Wenige, was Sie haben, noch den Armen und Leidenden geben, und Andere pflegen, während Sie ſelbſt der Pflege bedürfen. Gönnen Sie, mein angebeteter Lehrer, auch Andern das Glück, was Sie ſich ſelber ſo reichlich ſchaffen, das Glück, hülfreich zu ſein, gönnen Sie mir die Freude, Ihnen, welcher mit den Armen ſein Brod und mit den Lei⸗ denden ſeinen letzten Thaler theilt, eine kleine Beiſteuer zu Ihrem Ge⸗ halt anzubieten, und Sie um die Erlaubniß zu erſuchen, Ihnen, ſo lange der gütige Gott Ihnen zur Freude Ihrer Schüler, und zum Stolz von ganz Deutſchland, das Leben läßt, eine jährliche Penſion von zweihundert Thalern zu zahlen. Der Banquier Farenthal iſt angewieſen, Ihnen Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. II. 9 — 130— daſſelbe vierteljährlich auszuzahlen, und wird morgen damit den Anfang machen. Ihr dankbarer und Sie tief verehrender Schüler.“*) Vivat hoch, vivat hoch! jubelte Conrad, das Papier hoch empor⸗ ſchwenkend. Jetzt ſind wir reich, jetzt können wir flott leben, und etwas darauf gehen laſſen. Oh, jetzt will ich Sie ſchon pflegen, und Sie ſollen mir alle Tage ein Glas Wein trinken, damit Sie wieder geſund werden, und im beſten Speiſehaus abonnire ich für Sie, und hole Ihnen alle Tage das Eſſen hierher, damit Sie es in Ruhe und im Schlafrock verzehren können. Gemach, gemach, Conrad! rief Gellert lachend. Vor lauter Freude über das Geld vergißt Du ganz den edlen Geber. Wer kann das ſein? Wer unter meinen Schülern iſt reich, hochherzig und zartfühlend genug, um ſo Viel und ſo zu geben? Es iſt Einer, der nicht will, daß Sie ſeinen Namen wiſſen, Herr Profeſſor, rief Conrad fröhlich, zerbrechen wir uns alſo nicht den Kopf darüber! Aber jetzt, Herr, iſt's nichts mit dem Kaffee und dem Butter⸗ brod. Wir ſind jetzt reich und brauchen nicht ſo jämmerlich zu leben. Ich gehe in's Speiſehaus und hole Ihnen ein recht ſchön gebratenes Hühnchen, und dazu etwas gekochtes Obſt und ein Glas Wein. Es iſt wahr, ſagte Gellert vergnügt, ein Hühnchen möchte meinem ſchwachen Magen ganz gut thun, und ein Glas Wein— Aber nein, Conrad, laß es bei'm Kaffee, wir haben kein Geld ein ſolches Mittags⸗ eſſen zu bezahlen. Nun, ſo borgen wir's. Morgen kommt das erſte Quartal von Ihrer neuen Penſion, und dann trage ich das Geld für das Eſſen hin. Nein, Conrad, nein, ſagte Gellert feſt. Man ſoll niemals eſſen, was man nicht ſogleich bezahlen kann. Geh' in die Küche und koche uns Kaffee. Conrad war eben im Begriff, brummend und verdrießlich dem Be⸗ *) Es war der Graf Moritz von Brühl, Gellert's geliebteſter Schüler, welcher demſelben dieſe Penſion von 1759 bis zu Gellert's Tode auszahlte, ohne daß Gellert jemals erfahren hat, von wem ihm dieſelbe kam. — 131— fehl ſeines Herrn zu genügen, als ein lautes und heftiges Klingeln an der Vorthür der beſcheidenen Profeſſorwohnung ertönte. Vielleicht ſchickt der Banquier das Geld ſchon heute! rief Conrad fröhlich, und mit haſtigem Schritt eilte er von dannen, während Gellert den Brief nahm, und die Handſchrift prüfend betrachtete. Aber jetzt kehrte Conrad mit höchſt wichtiger Miene zurück. Der preußiſche Major Quintus Jcilius wünſcht den Herrn Profeſſor im Na⸗ men des Königs von Preußen zu ſprechen, ſagte Conrad feierlich. Im Namen des Königs von Preußenl! rief Gellert entſetzt zurück⸗ tretend. Was kann denn der große Kriegsheld von dem armen Gellert wollen? Das will ich mir erlauben, Ihnen zu ſagen, mein Herr, rief eine Stimme von der Thür her, und als Gellert ſich umwandte, ſtand die hohe und glänzende Geſtalt des preußiſchen Majors Quintus Jcilius vor ihm. Verzeihen Sie, daß ich ohne Ihre Erlaubniß hier eintrete, allein Ihr Diener hatte die Thüren aufgelaſſen und da dachte ich— Da dachten Sie, hoffe ich, daß Gellert ſich freuen würde, einen Major des Königs, der noch dazu einen ſo ſchönen und berühmten Na⸗ men führt, in ſeiner armſeligen Wohnung empfangen zu können, ſagte Gellert freundlich, indem er Conrad winkte, das Zimmer zu verlaſſen, ein Wink, dem dieſer nur zögernd und mit dem feſten Vorſatze, draußen zu horchen, Genüge that. Zuvörderſt erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, wie ſehr ich mich freue, die Bekanntſchaft eines ſo gelehrten und berühmten Mannes zu machen, wie der Profeſſor Gellert es iſt, ſagte Quintus mit einer ehr⸗ furchtsvollen Verbeugung vor dem Dichter, deſſen kleine und ſchmächtige Geſtalt dem Herrn Major kaum bis an die Schulter reichte. Sodann habe ich Ihnen den Grund meines Kommens zu melden. Se. Majeſtät der König von Preußen wünſcht Sie kennen zu lernen, und ſendet mich her, Sie ſogleich zu ihm zu führen. Sogleich! rief Gellert entſetzt. Aber mein Herr, Sie müſſen es mir anſehen, daß ich krank und ſchwach bin. Es wird dem König an einem kranken Mann, der nicht reden kann, nicht viel gelegen ſein. Quintus zuckte die Achſeln und blickte den armen Profeſſor theil⸗ 9* — 132— nehmend an. Es iſt wahr, ſagte er, Sie ſehen nicht wohl aus, und ich kann Sie natürlich nicht zwingen, heute gleich mit mir zu gehen. Aber erlauben Sie mir nur dieſe Eine Bemerkung, daß wenn Sie ver⸗ meinen, ſich mit der heutigen Entſchuldigung ganz von dem Gange los⸗ zumachen, dies Ihrerſeits ein Irrthum iſt. Der König hegt den Wunſch Sie zu ſprechen, und es iſt meine Aufgabe, Sie ihm zuzuführen. Kön⸗ nen Sie alſo heute nicht, ſo muß ich morgen wiederkommen, und wenn Sie dann noch krank ſind, übermorgen, und ſo alle Tage, bis Sie mit⸗ gehen können. Aber das iſt ja entſetzlich! rief Gellert angſtvoll. Quintus zuckte lächelnd die Achſeln. Entſchließen Sie ſich alſo, mein Herr, ſagte er. Ich laſſe Ihnen eine Stunde Zeit! Um vier Uhr werde ich wiederkommen und bei Ihnen anfragen, ob Sie heute oder ein ander Mal gehen wollen! Ja, thun Sie das, Herr Major, ſagte Gellert aufathmend. Ich werde während der Zeit mein Mittagseſſen nehmen und dann ſehen, wie mir zu Muthe iſt. Conrad, Conrad, rief Gellert, als Quintus Icilius ihn verlaſſen hatte und ſein Diener zu ihm eintrat. Conrad, haſt Du die ſchlimme Botſchaft gehört? Ich ſoll zum König von Preußen kommen! Ich hab's gehört, ſagte Conrad, und ich finde, daß das keine ſchlimme Botſchaft iſt, ſondern vielmehr eine große Ehre. Der König hat vor einigen Tagen auch den Profeſſor Gottſched zu ſich kommen laſſen und ſich lange mit ihm unterhalten. Seitdem thut ſein ganzes Haus, als ob Herr Gottſched der liebe Gott ſelber wäre, und als wenn ſie Alle wenigſtens die heiligen Erzengel wären. Drum iſt's mir lieb, daß der König Ihnen auch die Ehre anthut und Sie kennen lernen will. Ach was, Ehre! murrte Gellert. So ein hoher Herr will ſich einmal die deutſchen Gelehrten anſehen, wie Andere in eine Menagerie gehen und ſich die Affen betrachten, um an ihren wunderlichen Sprün⸗ gen ſich zu ergötzen. Es iſt eine rein äußerliche Neugierde, welche dieſe Herren treibt, auch einmal ſo ein wunderliches Profeſſorthier vor ſich — 133— ſpringen zu laſſen; von unſerem Geiſt wiſſen ſie nichts. Es genügt ihnen, uns angeſehen zu haben. Conrad, ich gehe nicht hin, ich werde heute und alle Tage krank ſein! Wir wollen doch einmal ſehen, ob die⸗ ſer moderne Quintus IJcilius nicht am Ende nachgeben muß! Und der ſonſt ſo ſanfte und nachgebende Dichter ging in heftiger Aufregung mit flammenden Augen und hochgerötheten Wangen in ſeinem Zimmer auf und ab und wiederholte immer wieder: Ich gehe nicht! Ich gehe nicht! Sie gehen doch, Herr Profeſſor, ſagte Conrad, ſich ſeinem Herrn gerade in den Weg ſtellend und ihn halb bittend, halb drohend an⸗ ſehend. Sie gehen doch! Sie werden Ihrem alten Conrad die Freude gönnen, dem aufgeblaſenen Bedienten des Herrn Gottſched ſagen zu können,„mein Herr iſt auch beim König von Preußen geweſen.“ Sie werden mir nicht die Beleidigung anthun, daß ich einem Herrn dienen muß, der nicht bei dem König war, während Herr Gottſched da war. Aber, Conrad! rief Gellert kläglich, wozu nützt es mir denn, daß ich es ausgeſchlagen habe, ordentlicher Profeſſor zu ſein, um damit der Gefahr zu entgehen, Rector zu werden und eines Tages veranlaßt zu ſein, Königen und Fürſten Reden zu halten? Das nützt dazu, ſagte Conrad feierlich, das nützt dazu, der Welt zu zeigen, daß ein ordentlicher Dichter gar nicht nöthig hat auch ordent⸗ licher Profeſſor zu ſein, um zu Königen und Fürſten gerufen zu werden! Herr, Sie müſſen gehen, der König erwartet Sie, und wenn Sie nicht kommen, ſo ſieht's aus, als wenn Sie's wie die Oeſterreicher machen, und ſich vor dem König von Preußen fürchten! Es iſt wahr, ſagte Gellert, deſſen heftige Aufwallung ſchon den ermahnenden Worten Conrad's gewichen war. Es ſieht wirklich ſo aus, als ob ich mich fürchtete. Und ein berühmter Mann muß ſich vor Nichts fürchten, rief Con⸗ rad, ſelbſt nicht vor einem König! Nun, ſo ſei es denn, ſagte Gellert lächelnd. Ich will Dir den Gefallen thun, ich will ſchon heute zum König gehen. Aber vorher muß ich Kaffee trinken und Butterbrod eſſen. Denn wenn ich ſo mit nüch⸗ — 134— ternem Magen zum König gehe, ſo könnte ich leicht ohnmächtig werden, und das wäre doch wahrhaftig eine Schande für Dich, Conrad. Ich laufe ſchon und hole den Kaffeel rief der alte Diener, vergnügt der Küche zueilend. XIII. Der Dichter und der König. Gellert hatte kaum ſein frugales Mittagsmahl verzehrt und ſeine Toilette ein wenig geordnet, als der Major Quintus ſchon wieder da war und den Dichter fragte, ob er noch immer zu unwohl ſei, um ihn zum König begleiten zu können. Unwohl bin ich noch immer, erwiderte Gellert mit einem traurigen Lächeln. Aber da mein Unwohlſein leider von der Art iſt, daß es mich auch morgen und übermorgen und alle Tage nicht verlaſſen wird, und Sie alle Tage wiederkommen wollen, ſo iſt es beſſer, gleich heute dem Befehl des Königs zu genügen. Ich bin alſo bereit, Sie zu begleiten, mein Herr, laſſen Sie uns gehen! Er nahm den dreieckigen Hut, den Conrad ihm mit einem ſeligen Schmunzeln darreichte und folgte dem Major nach dem prachtvollen Apel'ſchen Hauſe, wo der König für dieſen Winter ſein Quartier ge⸗ nommen hatte. Hören Sie, mein Herr, ſagte Quintus, als ſie jetzt die Treppen hinaufſchritten. Verzeihen Sie mir eine Bitte! Der König hat Vor⸗ urtheile gegen die deutſchen Dichter und Gelehrten, und es wäre doch gewiß für die deutſche gelehrte und dichteriſche Welt von dem unberechen⸗ barſten Nutzen, wenn dieſe Vorurtheile ſchwänden und der große König den Deutſchen die Theilnahme und Aufmunterung zuwendete, die er bis jetzt den Franzoſen und Italienern geſchenkt. Bedenken Sie das, mein Herr, und ſuchen Sie durch Ihr gefälliges und einnehmendes Weſen den König zu gewinnen. Ach mein Gott, ſeufzte Gellert, ich verſtehe durchaus nicht die Kunſt mit den Großen dieſer Erde umzugehen, zu ſchmeicheln und von Lob und Bweunderung überzufließen. Mein Herz und meine Manieren ſind einfältiglich und ſonder Prunk. Und das gerade iſt ſchön, ſagte der Major lächelnd. Der König kann das aufgeſpreizte prahleriſche Gelehrtenthum nicht leiden. Seien Sie ganz Sie ſelber. Bilden Sie ſich ein, in Ihrer Studirſtube zu ſein und offen und frei mit einem hochgeſtellten Freunde, dem man einige Rückſichten der Höflichkeit ſchuldig iſt, zu plaudern.— Der König ging, auf ſeiner Flöte phantaſirend, in ſeinem Zimmer auf und ab, als die Thür ſich öffnete und der Major Quintus mit Gellert eintrat. Sofort legte der König die Flöte bei Seite und ging mit ſeinem ſchönen und einnehmenden Lächeln dem Dichter entgegen, deſſen ſanftes und kluges Geſicht den Ausdruck vollkommenſter Ruhe und Beſonnenheit zeigte und ſich auch vor den ſtrahlenden und durch⸗ dringenden Augen des Königs nicht verwirrte. Iſt Er der Profeſſor Gellert? fragte der König mit einem leichten Neigen des Kopfes. Ja, Eure Majeſtät, der bin ich, ſagte Gellert ſich tief verbeugend. Der engliſche Geſandte hat mir viel Gutes von ihm geſagt, warf der König hin. Er hat viele von Seinen Schriften geleſen. Das beweiſt, daß er ein ſehr nachſichtiger und wohlwollender Herr i*ſt, der ſogar auf die deutſchen Schriftſteller noch Hoffnungen ſetzt, erwi⸗ derte Gellert mit einem leichten Spott. Der König lächelte, und vielleicht um ihn noch mehr zu reizen, fragte er raſch: Sage Er mir doch, wie geht es zu, daß wir keine guten deutſchen Schriftſteller haben? OQuintus ſah die Röthe, welche die blaſſen Wangen des Dichters überhauchte, und wollte einer vielleicht gereizten und unwilligen Antwort deſſelben zuvorkommen. O Majeſtät, ſagte er, Sie ſehen hier eben einen deutſchen Dichter — 136— vor ſich, den die Franzoſen ſogar überſetzt haben und ihn den deutſchen La Fontaine nennen! Das iſt viel, ſehr viel, rief der König, deſſen große Augen ſich jetzt noch aufmerkſamer auf das ſanfte und ausdrucksvolle Geſicht Gellerts hefteten. Den deutſchen La Fontaine alſo nennt man Ihn! Hat Er den La Fontaine geleſen? Ja, Eure Majeſtät, aber ich habe ihm nicht nachgeahmt, ſagte Gellert unbefangen. Ich bin ein Original! 1 Der König nickte lebhaft. Dieſer ruhige Freimuth Gellerts gefiel ihm ungemein. Gut, ſagte er, das iſt alſo Ein guter Dichter. Aber warum haben wir deren nicht Mehrere? Gellert zuckte leicht die Achſeln. Eure Majeſtät ſind einmal gegen die Deutſchen eingenommen! Nein, das kann ich nicht ſagen! rief der König lebhaft. Wenigſtens gegen die deutſchen Schriftſteller! ergänzte Gellert. Ja, das iſt wahr, das kann ich nicht leugnen! Warum haben wir keine guten Geſchichtſchreiber? Es fehlt uns auch daran nicht, Sire, ſagte Gellert mit einem edeln Stolz. Wir haben einen Maskow, einen Kramer, der den Boſſuet fort⸗ geſetzt hat. Wie? rief der König erſtaunt, den Boſſuet? Ach mein Herr, wie iſt das möglich, daß ein Deutſcher den Boſſuet fortgeſetzt hat? Kramer hat's gethan, und noch dazu mit großem Glück, ſagte Gellert lächelnd. Einer von Eurer Majeſtät gelehrteſten Profeſſoren der Aka⸗ demie hat geſagt, daß Kramer den Boſſuet mit eben der Beredtſamkeit und mit tieferer hiſtoriſcher Richtigkeit fortgeſetzt habe. Der König ſchien wirklich erſtaunt und ging einige Male gedanken⸗ voll in ſeinem Zimmer auf und ab. Dann blieb er gerade vor Gellert ſtehen und ſah ihn ſcharf an. Hat's der Mann, der das geſagt hat, auch verſtanden? fragte er. Die Welt glaubt es, Majeſtät! Aber warum macht ſich Keiner an den Tacitus? Den ſollte man gut überſetzen. — 137— Tacitus iſt ſchwer zu überſetzen, ſagte Gellert lächelnd. Es giebt auch ſchlechte franzöſiſche Ueberſetzungen dieſes Autors. Da hat Er Recht! rief der König. Und überhaupt, fuhr Gellert fort, überhaupt laſſen ſich verſchiedene Urſachen angeben, weshalb die Deutſchen noch nicht in allen Arten guter Schriften ſich hervorgethan haben! Als die Künſte und Wiſſenſchaften bei den Griechen blühten, führten die Römer noch Kriege. Vielleicht iſt jetzt das kriegeriſche Säculum der Deutſchen. Vielleicht hat es ihnen auch an Auguſten oder an einem Ludwig dem Vierzehnten gefehlt, der die Gelehrten und Dichter ſeines Landes begünſtigte und unterſtützte. Das war eine kühne und ziemlich derbe Anſpielung, welche der König indeſſen lächelnd aufnahm.— Er hat zwei Auguſte in Sachſen gehabt, ſagte er. Und wir haben auch in Sachſen einen guten Anfang gemacht! Es fehlt uns nur für ganz Deutſchland ein Auguſtus. Wie? rief der König lebhaft und mit blitzenden Augen. Will Er denn Einen Auguſtus für ganz Deutſchland haben? Nicht eben das, ſagte Gellert, aber ich wünſchte, daß ein jeder deutſche Herr in ſeinem Lande die guten Genies aufmuntern möge. Das Genie bedarf der Aufmunterung, und wenn es die nicht in ſeinem Lande und von ſeinem Fürſten findet, wie ſoll es da die freudige Kraft des Schaffens ſich bewahren? Der König erwiderte nichts und ging nachdenklich einige Male auf und ab, von Zeit zu Zeit einen ſchnellen und forſchenden Blick auf Gellert heftend, der in ruhiger Gelaſſenheit ihm gegenüberſtand. Iſt er gar nicht aus Sachſen fortgekommen? fragte der König endlich. Doch, Sire, ich war ein Mal in Berlin. Er ſollte wieder dahin kommen! rief der König, und dann, gleich⸗ ſam als bereue er es, dem deutſchen Dichter ſo viel Entgegenkommen bewieſen zu haben, fügte er hinzu: Er ſollte überhaupt reiſen. Eure Majeſtät, dazu fehlt mir Geſundheit und Vermögen. Er iſt krank? fragte der König mit weichem theilnehmenden Ton. Was hat Er denn für eine Krankheit? Etwa die gelehrte? — 138— Gellert lächelte. Da Eure Majeſtät ſie ſo nennen, ſo mag ſie ſo heißen, ſagte er. In meinem Munde würde ſie zu ſtolz geklungen haben. Ich habe dieſe Krankheit auch gehabt, rief der König lachend. Ich will Ihn kuriren. Er muß ſich Bewegung machen, alle Tage ausreiten und alle Woche einmal Rhabarber nehmen. Ach, Sire, dieſe Kur möchte für mich leicht eine neue Krankheit werden, ſagte Gellert entſetzt. Wenn das Pferd geſünder wäre, als ich, ſo würde ich es nicht reiten können, und wenn es eben ſo krank wäre, ſo würde ich nicht von der Stelle kommen. So muß Er fahren! warf der König lachend hin. Dazu fehlt mir das Vermögen, Sire. Ja, das iſt wahr, rief der König, das fehlt immer den Gelehrten in Deutſchland! Es ſind jetzt wohl böſe Zeiten? Ja wohl, böſe Zeiten, aber es liegt in Eurer Majeſtät Händen, ſie zu beſſern! Möchten doch Eure Majeſtät Deutſchland den Frieden geben. Kann ich's denn? rief der König heftig. Hat Er's denn nicht ge⸗ hört, es ſind ja Dreie wider mich! Ich bekümmere mich mehr um die alte, als um die neue Geſchichte, erwiderte Gellert, der es nicht wagen mochte, dem König auf das Glatt⸗ eis der Politik zu folgen. Er kennt alſo die Alten wohl ſehr genau? fragte der König. Was meint er denn, welcher iſt ſchöner in der Epopöe, Homer oder Virgil? 1 Homer ſcheint wohl den Vorzug zu verdienen, weil er Original iſt. Aber Virgil iſt viel polirter und feiner. Gellert ſchüttelte heftig den Kopf. Der deutſche Gelehrte hatte jetzt, da es ſich um die Alten handelte, alle Scheu überwunden. Wir ſind viel zu weit vom Virgil entfernt, als daß wir von ſeiner Sprache und ſeinen Sitten richtig genug ſollten urtheilen können, ſagte er leb⸗ haft. Ich traue dem Quinctilian, welcher dem Homer den Vorzug giebt. Man muß aber auch nicht ein Sclave von den Urtheilen der Alten ſein! rief der König gereizt. — 139— Das bin ich auch nicht, Sire, ich folge ihnen nur dann, wenn ich wegen der Entfernung ſelbſt nicht urtheilen kann. Und daran thut Er denn allerdings recht, ſagte der König freund⸗ lich. Er ſcheint mir überhaupt ein ſehr verſtändiger, kluger Mann. Ich höre, Er hat viel für die deutſche Sprache gethan. Hat Er denn nichts gegen den Stylum Curiä geſchrieben? Ach ja, Majeſtät, aber es iſt leider umſonſt geweſen. Warum wird denn das nicht anders? fragte der König. Ihr wollt Alle, daß ich mich für das Deutſche intereſſiren ſoll, und das iſt eine ſo barbariſche Sprache, daß ich oft ganze Bogen Geſchriebenes bekomme, wovon ich kein Wort verſtehe. Das iſt eben im Stylo Curiä geſchrieben. Aber warum wird das nicht anders? Wenn Eure Majeſtät das nicht ändern können, ſo kann ich es gewiß nicht, ſagte Gellert lächelnd. Ich kann nur rathen, wo Sie befehlen. Aber Seine Gedichte ſind nicht in dieſem ſteifen, abſcheulichen Deutſch geſchrieben, nicht wahr? Kann Er nicht eine von Seinen Fabeln auswendig? Ich zweifle, Majeſtät. Mein Gedächtniß iſt mir ſehr ungetreu. Nun, beſinne Er ſich ein wenig, ſagte der König. Ich will unter⸗ deſſen hier auf⸗ und abgehen!— Nun, hat Er Eine? Ja, Eure Majeſtät, ſagte Gellert nach kurzem Beſinnen, ich glaube, ich habe Eine! Laſſe Er hören, ſagte der König, ſich auf ſeinen Fauteuil ſetzend und ſeine Augen unverwandt auf Gellert heftend, der in freier, anmu⸗ thiger Haltung mitten im Zimmer ſtand und ſeine hellen Blicke auf den König gewandt jetzt begann: Ein kluger Maler in Athen, Der minder, weil man ihm bezahlte, Als weil er Ehre ſuchte, malte, Ließ einen Kenner einſt den Mars im Bilde ſeh'n, Und bat ſich ſeine Meinung aus. Der Kenner ſagt' ihm frei heraus, 4 — 140— Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte Und daß es, um recht ſchön zu ſein, Weit minder Kunſt verrathen ſollte. Der Maler wandte Vieles ein: Der Kenner ſtritt mit ihm aus Gründen, Und konnt' ihn doch nicht überwinden. Gleich trat ein junger Geck herein Und nahm das Bild in Augenſchein. O, rief er bei dem erſten Blicke, Ihr Götter, welch ein Meiſterſtücke! Ach, welcher Fuß! O, wie geſchickt Sind nicht die Nägel ausgedrückt! Mars lebt durchaus in dieſem Bilde. Wie viele Kunſt, wie viele Pracht Iſt in dem Helm und in dem Schilde Und in der Rüſtung angebracht. Der Maler ward beſchämt, gerühret, Und ſah den Kenner kläglich an. „Nun, ſprach er, bin ich überführet! Ihr habt mir nicht zu viel gethan!“ Der junge Geck war kaum hinaus, So ſtrich er ſeinen Kriegsgott aus. Und die Moral, fragte der König lebhaft, als Gellert jetzt einen Augenblick ſchwieg. Hier iſt die Moral, Sire: Wenn Deine Schrift dem Kenner nicht gefällt, So iſt das ſchon ein böſes Zeichen, Doch wenn ſie gar des Narren Lob erhält, So iſt es Zeit, ſie auszuſtreichen. Das iſt ſchön, ſehr ſchön! rief der König lebhaft. Er hat ſo etwas Galantes in ſeinem Weſen, und was Er ſagt, verſtehe ich Alles. Da hat man mir aber eine Ueberſetzung der Iphigenie von Gottſched ge⸗ bracht und der Quintus hat ſie mir vorgeleſen! Ich habe das Fran⸗ zöſiſche dabei gehabt und kein Wort verſtanden. Sie haben mir auch einen Poeten, den Pietſch, gebracht, den habe ich weggeworfen. Eure Majeſtät, den werfe ich auch weg, ſagte Gellert lächelnd. — 141— Der König nickte ihm mit einem wohlwollenden Lächeln zu. Wenn ich hier bleibe, ſagte er, ſo muß Er öfter wiederkommen und ſeine Fabeln mitbringen und mir daraus vorleſen. Gellert's Stirn umwölkte ſich leicht. Ich weiß nicht, ob ich ein guter Vorleſer bin, ſagte er verwirrt, ich habe ſo einen ſingenden gebir⸗ giſchen Ton. Ja, wie die Schleſier! rief der König lächelnd. Aber es klingt ganz gut. Er muß ſeine Fabeln ſelbſt leſen, ſie verlieren ſonſt. Beſuche Er mich alſo bald wieder und bringe Er ſeine Fabeln mit!— Vergeſſen Sie nicht die Bitte des Königs, ſagte Quintus Icilius, als er Gellert wieder heimwärts geleitete. Beſuchen Sie ihn bald wie⸗ der und ſeien Sie überzeugt, daß Sie niemals vergebens gehen ſollen. Ich werde ſchon Sorge tragen, daß der König Sie jedesmal empfängt, wenn Sie kommen. Gellert ſchaute lächelnd zu dem Major empor. Lieber Herr, ſagte er, ich bin in vielem Betracht ein recht altmodiſcher Mann und leſe zum Beiſpiel zu meiner Belehrung viel in der heiligen Schrift. Im Jeſus Sirach habe ich geleſen:„Dränge dich nicht zu den Königen,“ und dieſes Wort kommt mir ſo weiſe vor, daß Sie mir ſchon erlauben müſſen, es wörtlich zu nehmen und mich danach zu richten. Er verabſchiedete ſich haſtig und eilte ſeiner Wohnung zu, während der Major langſam, und in ſeinem Innerſten Gellert faſt beneidend um ſein ſchönes und zugléich beſcheidenes Unabhängigkeitsgefühl zu dem König zurückkehrte. Quintus, ſagte der König freundlich, diesmal bin ich Ihm dankbar für eine neue deutſche Bekanntſchaft. Der Dichter war beſſer wie der Gelehrte. Gellert iſt der vernünftigſte von allen deutſchen Gelehrten und Dichtern. Ein ganz anderer Mann als Gottſched, der mit ſo vie⸗ lem Prunk des Wiſſens auftritt. Und doch wird Gellert ihn weit über⸗ dauern und vielleicht der einzige Deutſche aus dieſer Zeit ſein, der auf die Nachwelt kommt. Er arbeitet zwar nur in einem kleinen Genre, aber in dieſem mit vielem wirklichen Glück und Geſchick.*) Des Königs eigene Worte, wie denn überhaupt die ganze Unterredung mit Gellert genau hiſtoriſch iſt. XIV. Der König und der Dorſſchulze. Im Dorfe Woiſelwitz, unweit des ſchleſiſchen Städtchens Strehlen, war heute eine lebhafte und ganz ungewöhnliche Bewegung. Die Fou⸗ riere der königlichen Armee waren in's Dorf gekommen und hatten die nahe Ankunft des Königs verkündet. Dann waren ſie weiter gegangen, um auf den nächſten Dörfern Quartier zu machen für die Armee, welche nach ſo vielfachen Strapatzen und Leiden wohl der Ruhe und Erholung bedurfte. Denn allerdings hatte ſie ſchwere und troſtloſe Zeiten durch⸗ lebt und in dem Hungerlager von Bunzelwitz war dem Stärkſten der Muth gebrochen, war der Geduldigſte verzagt geworden. Nur der König allein hatte ſeinen Muth, ſeine Beſonnenheit, ſeine Thätigkeit und Ener⸗ gie bewahrt, er allein hatte ohne Klage die härteſte Noth, die bitterſten Entbehrungen erduldet. Von übermächtigen Feinden rings umſtellt, hatte ſein großer und kühner Geiſt dieſe Verſchanzungen erſonnen, mit denen er ſein weites Lager umgab, und die den Feind mit ſtaunender Verwun⸗ derung erfüllten. Weder Daun noch Loudon, noch Tſchernitſchew und Butturlin hatten es gewagt, dieſes verſchanzte Lager anzugreifen, das ſich unmittelbar unter ihren Augen plötzlich zu ihrem Staunen zu einer unnahbaren Feſtung verzaubert hatte. Müßig und bewundernd ſtanden ſie dieſem kühnen, nie zu bezwingenden Feind gegenüber, den ſie ſo oft ſchon vermeint hatten, vernichten zu können und der immer wieder mit Löwenkühnheit die Netze zerriß, die ſie um ihn geſpannt.— Aber wenn die Verbündeten es nicht wagen mochten, den König in ſeiner Verſchan⸗ zung anzugreifen mit ihren Kanonen und ihren Schwertern, ſo verſuchten ſie es, ihn anzugreifen mit einer anderen, einer furchtbareren Waffe, mit dem Hunger. Ein Rieſenkranz von geharniſchten Feinden umgab alſo rings und in nächſter Nähe das verſchanzte Lager von Bunzelwitz, machte es dem König unmöglich, ſeiner Armee neue Zufuhr an Nah⸗ rung zu verſchaffen und lauerte mit nie ermattender Wachſamkeit auf jede — 143— Bewegung der Umlagerten, bereit, jedes Verſehen zu benutzen, von jedem Fehler Vortheil zu ziehen. Aber auch der König war wachſam und kampfgerüſtet, er verwan⸗ delte die Nacht in Tag, den Tag in Nacht, um immer bereit, immer gerüſtet zu ſein. Denn da man am Tage genau die Bewegungen im Lager der Verbündeten beobachten konnte, genügten einige an dem äußer⸗ ſten Rande der Verſchanzungen aufgeſtellte Schildwachen, um den Feind zu beobachten, und die preußiſche Armee konnte ſich alsdann ſorglos dem Schlummer und der Ruhe überlaſſen. Aber bei Nacht mußte man wachen: ſobald der Abend hereinbrach, wurden die Zelte abgebrochen, das Gepäck unter die Kanonen von Schweidnitz geſchickt, und hinter ihren Verſchanzungen ſtellten ſich alle Regimenter in Schlachtordnung unter's Gewehr, in athemloſer Spannung auf jedes Geräuſch horchend, ob es vielleicht das Nahen des heranrückenden Feindes ihnen bedeute. Fuß⸗ volk, Reiterei und Geſchützmacht ſtanden bereit, ihn zu empfangen, und Jedermann war feſt entſchloſſen, den ruhmvollen Tod in der Schlacht der Unterwerfung und Ergebung vorzuziehen. Und trotz dieſer Stra⸗ patzen und Kriegesnoth blieb das Heer unverzagt, denn der König theilte ihre Gefahr und ihre Noth, er wachte die Nächte mit ihnen,*) er war immer unter ihnen, er hungerte und darbte mit ihnen. Wenn die Sol⸗ daten der warmen Speiſen und des Fleiſches entbehren mußten, ſo hatten ſie wenigſtens den Troſt, daß der König es mit ihnen entbehrte, daß er nicht an wohlbeſetzter Tafel ſchwelgte, während ſie darbten, und das ſtärkte ihr Bewußtſein und machte ſie ſtandhaft und freudig im Ent⸗ behren. Aber wenn die Preußen den Heroismus des Duldens hatten, ſo beſaßen ihre Gegner nicht den Heroismus der Geduld und des Aus⸗ harrens. Butturlin, der neuernannte ruſſiſche Heerführer, zog ſich, des *) Der König brachte jede Nacht in einer der Schanzen bei einer der Haupt⸗ batterieen zu, ohne alle Bequemlichkeit, der Kälte und dem Nachtfroſt ausgeſetzt, wie der geringſte Soldat. Nur einmal, wie er eben im Begriff war, Abends in eine der Verſchanzungen zu reiten, hörte man ihn zu einem ſeiner Diener ſagen:„nimm heute ein Bund Stroh mit, damit ich nicht wieder auf der naſſen Erde liegen muß.“— Preuß II. S. 288. 4½ — 144— langen Wartens müde, von Bunzelwitz mehr rückwärts nach Polen hin, und Loudon, ſich jetzt in ſeiner iſolirten Stellung nicht mehr ſicher genug haltend, verließ dieſelbe und zog ſich in's Gebirge zurück. Nach vierwöchentlicher Qual und Noth war das preußiſche Heer wieder erlöſt und konnte die Verſchanzungen verlaſſen, es konnte aus⸗ ruhen von ſeinen Strapatzen. Dazu ſollte es die Kantonnirungen in der Nähe von Strehlen beziehen, und dazu begab ſich der König mit ſeinem Generalſtab nach Woiſelwitz. Das Haus des Schulzen von Woiſelwitz war dazu auserſehen, den hohen Gaſt aufzunehmen und der Schulze, ſtolz auf dieſe ungemeine Ehre, ſchmückte mit geſchäftiger Eile ſeine Zimmer und trieb ſeine Mägde ſcheltend und bramarbaſirend hin und her, um Alles ſo ſchön und ſtatt⸗ lich wie möglich für den königlichen Gaſt herzuſtellen. Bedenkt nur, ſagte er zu ihnen, daß es der König iſt, welcher hier wohnen ſoll, und daß der wüthend wird, wenn die Dielen nur irgend einen Schmutzfleck, die Fenſterſcheiben irgend eine trübe Stelle haben. Denn er trägt natürlich wundervolle Kleider, ganz überſäet mit Perlen und Brillanten, und mit Gold und Silber geſtickt. Was wäre das nun alſo für ein fürchterlicher Schade, wenn er ſich hier ſo ein Kleid ruinirte und ſtaubig machte, oder wenn er ſeine goldgeſtickten Seiden⸗ ſchuhe auf dem unſaubern Fußboden beſchmutzte. Er würde natürlich wüthend werden, denn das Geld iſt ihm heuer auch ein bischen knapp, und die Schneiderrechnungen ſind ihm daher juſt ebenſo unbequem, wie uns anderen Erdenwürmern. Endlich, Dank ſeinem Schelten und Treiben, war das Haus des Schulzen ganz würdig und bereit, den König und Helden zu empfan⸗ gen. Das Vorderzimmer war friſch geſcheuert und mit weißen, ſchön gewaſchenen Gardinen verſehen. Der geſcheuerte Tiſch war zierlich genug mit einem weißen Damaſttuch überdeckt, und in dem mit einigen Blumentöpfen gezierten Fenſter prangte ſogar ein mit Leder bezogener Großvaterſtuhl, den der Schulze mit pathetiſchem Ernſt„den Königs⸗ thron“ nannte. Die weißgeſtrichenen Wände waren verziert mit einigen Portraits der preußiſchen Königsfamilie, und das unähnliche Bildniß des Königs hatte der Schulze in ſinniger Aufmerkſamkeit mit einem * — 145— Kranz von Immergrün und Aſtern, den letzten Blumen des tiefen Herbſtes, geſchmückt. Im Alkoven neben dem Zimmer aber ſtand das großmächtige Himmelbett mit friſchen Gardinen und weißen ſchwellenden Betten verſehen, ganz bereit, den König aufzunehmen. Nachdem der Schulze noch einmal prüfend dieſe glänzende Woh⸗ nung überſchaut und geſehen, daß Alles gut war, ſtellte er ſich unter die Thür ſeines Hauſes und ſchaute mit geſpanntem Blick die Straße hinauf. Sein Herz klopfte hoch vor Erwartung und Frende, ſein gan⸗ zes Weſen war in Aufruhr und Bewegung, denn er ſollte heute zum erſten Male in ſeinem Leben einen König ſehen, und in der Neugierde ſeines Herzens fragte er ſich: wie mag denn ein König nur ausſehen? Wie groß und mächtig müſſen ſeine Augen wohl ſein! Ich denke mir, er muß ausſehen wie eine Sonne, und ſo flimmern und blitzen vor lauter Herrlichkeit, daß Einem die Augen übergehen, wenn man ihn anſieht! Ganz in dieſe Gedanken vertieft, achtete er gar nicht auf die kleine Cavalcade, die eben die Landſtraße dahergeritten kam und aus drei Reitern beſtand. Derjenige, welcher den beiden anderen voranritt, war eng in einen alten, faſt abgeſchabten blauen Mantel eingehüllt. Der abgegriffene dreieckige Hut war tief über die Stirn gedrückt und beſchat⸗ tete ſeine Augen und ſein bleiches, eingefallenes Antlitz. Die Füße, welche er loſe und nachläſſig durch die Steigbügel geſteckt, waren mit Stiefeln bekleidet, welche ſehr der Ausbeſſerung bedurften, und kraus und ſchlotterig über die Wade hingen. Seine beiden Begleiter bildeten indeß einen angenehmen Contraſt zu dieſer unſcheinbaren Geſtalt. Sie trugen die glänzende Uniform preußiſcher Stabsofficiere, Alles an ihnen war daher ſauber und elegant, und gefiel dem Schulzen gar wohl. Dieſe drei Männer machten jetzt vor dem Hauſe Halt, und zu der größten Verwunderung des Bauern ſchwangen ſich die beiden ſtattlichen Officiere raſch von ihren Pferden und eilten zu dem Mann im blauen Mantel hin, um ihm beim Abſteigen behülflich zu ſein. Aber er winkte ihnen mit der Hand zurückzutreten und ſchwang ſich leicht aus dem Sattel, dann ſchritt er ruhig, und wie Einer, der das Recht dazu hat, auf die Hausthür zu. Der Schulze aber verſperrte ihm den Weg, und Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl.) II. 10 — 146— den Fremden mit vornehmen Blicken muſternd, ſagte er ſtolz: vermuth⸗ lich gehört Ihr zu den Bedienten des Königs und wollt deshalb ſo dreiſt in mein Haus eintreten? Das geht aber nicht an, denn hier bei mir wohnt der König ganz allein. Wenn Ihr zu den Bedienten gehört, ſo müßt Ihr weiter hinauf zu meinem Nachbar gehen, dort iſt für dieſe Quartier gemacht. Der Fremde lächelte, und wie er jetzt ſeine großen Augen mit einem flammenden Blick auf den Schulzen heftete, trat dieſer faſt erſchrocken einen Schritt von der Hausthür zurück, und es war ihm wirklich, als habe die Sonne ihn geblendet. Ich gehöre nicht zu den Bedienten des Königs, ſagte der Fremde heiter, aber er hat mich zu Tiſch geladen. Dann iſt's gut, ſagte der Schulze. Dann geht in'’s Haus, aber nicht in das Prachtzimmer, ſondern hier links in dieſe Kammer, und da bürſtet Euch die Stiefeln ab, denn der König würde gewiß ſehr böſe werden, wenn Ihr mit den ſtaubigen Stiefeln zu ihm kämt! Der Fremde lachte laut auf und trat in das Haus ein. Erlaubt mir, daß ich in das Prachtzimmer gehe, ſagte er, der König wird mir meine beſtaubten Stiefel ſchon verzeihen.. Er winkte den beiden Officieren, ihm zu folgen und ging in das Zimmer, deſſen Thür weit geöffnet blieb. Der Schulze achtete nicht weiter auf ihn, er trat in die Hausthür zurück und ſchaute die Straße hinab nach dem König, auf deſſen Pracht er ſo begierig war und deſſen Herrlichkeit ihn verblenden ſollte wie die Sonne. Indeß der König kam noch immer nicht, ſein Glanz leuchtete noch immer nicht die Straße daher. Statt ſeiner aber kamen Generäle mit goldenen Epauletts, mit glänzenden Ordensſternen auf der Bruſt, und ſie traten in das Haus ein und ſchritten, ohne den Schulzen um Er⸗ laubniß zu fragen, in das Prachtzimmer hinein. Sie erwarten Alle den König, murmelte der Bauer in ſich hinein, ich werde ihn aber zuerſt ſehen. Wie herrlich und glänzend dieſe Herren Alle anzuſchauen ſind, und wie wundervoll muß nun alſo der König ausſehen, da er doch der Vornehmſte von ihnen Allen iſt.— Der König — 147— kommt noch immer nicht, ſo weit ich auch die Landſtraße hinaufſchaue. So will ich mir zum Zeitvertreib die vornehmen geputzten Herren in der Stube anſchauen. Er ſchlich leiſe nach der Thür und blickte um die Ecke in das Zimmer hinein. Dann zuckte er wie in jähem Schreck zuſammen und ſchaute mit ſtarren Augen auf die wunderbare Scene, welche er da vor ſich ſah. Er ſah da dieſe vornehmen Herren in den goldgeſtickten Uniformen mit entblößtem und ehrfurchtsvoll geneigtem Haupt an den Wänden um⸗ herſtehen; in der Mitte des Zimmers aber ſtand der Fremde mit den beſtaubten Stiefeln. Er allein hatte den Hut auf dem Kopf, er allein trug keine Epauletts und keine Ordensſterne; ſein Uniformrock war ganz einfach und ohne alle Verzierung, und doch,— es war merkwürdig und ganz unbegreiflich, doch ſchien es dem Schulzen jetzt, als ob dieſer Fremde der vornehmſte und herrlichſte von allen Andern ſei. Er war kleiner wie ſie Alle und ſchien doch viel größer zu ſein, denn ſie Alle ſtanden gebeugt um ihn her, er allein ſtand ſtolz aufgerichtet und gerade. Es lag etwas Herrliches, Prächtiges in ſeinem Angeſicht, und wie jetzt ſein flammendes Auge im Zimmer umherleuchtete, da war es dem Schulzen wieder, als habe ihn die Sonne geblendet, und er wollte erſchrocken und mit niedergeſchlagenen Augen von der Thür zurückſchleichen. Aber des Fremden Auge ruhte jetzt auf ihm und bannte ihn feſt. Bleibt doch ſo lange hier, bis der König kommt, ſagte der Fremde lächelnd. Der Bauer erwiderte dieſes Lächeln mit einem verlegenen Grinſen. Ich ſehe wohl, Herr, ſagte er, Sie wollen mich zum Narren halten. Der Herr iſt wohl gar der König ſelbſt. Der König nickte und wandte ſich lächelnd zu dem neben ihm ſtehen⸗ den Fürſten von Anhalt. Sehen Sie da, ſagte er, was es mit der Gottähnlichkeit und der leuchtenden Glorie der Könige von Gottes Gna⸗ den für eine precaire Sache iſt. Der Mann hielt mich für einen Be⸗ dienten des Königs und ſeine blöden Augen wurden nichts gewahr von meiner angeborenen Herrlichkeit. 10* — 148— Eure Majeſtät haben ganz Recht, erwiderte der Fürſt lächelnd, dieſer Bauer hat eben blöde Augen, die nicht zu ſehen vermögen. Der König nickte ihm freundlich zu und begann dann ein ernſtes Geſpräch mit ihm und die Generäle ſtanden geneigten Hauptes umher und lauſchten mit ehrfurchtsvoller Aufmerkſamkeit auf jedes ſeiner Worte. Der Schulze ſtand noch immer an der Thür, und es ſchien ihm jetzt, als habe er wirklich niemals etwas Prächtigeres geſehen, als dieſen Mann mit den beſtaubten Stiefeln, dem einfachen Rock und dem abge⸗ griffenen Hut, deſſen Antlitz aber ſo herrlich war und deſſen Augen ſo glänzend wie funkelnde Sterne. Ach, ſagte er zu dem königlichen Lakayen, der eben zu ihm trat, das iſt alſo wirklich der König? Der König von Preußen, der uns der Kaiſerin abgewinnen will und nun ſchon fünf Jahre um uns kämpft? Ja, das iſt der König. Von heute an bin ich gut preußiſch geſinnt, fuhr der Schulze ent⸗ ſchloſſen fort. Ja, wahrhaftig, gut preußiſch geſinnt. Der König von Preußen geht ſehr ſchlecht angezogen, das iſt wahr, aber ich denke mir, er thut's, um ſeine Bauern nicht zu drücken und ihnen nicht ſo viele Steuern aufzulegen.*) Er wiſchte ſich mit dem Rockärmel eine Thräne der Rührung aus den Augen und folgte dann dem Lakayen in die Küche, um ihm beim Auftragen der Speiſen behülflich zu ſein. *) Nicolai. Anekdoten und Charakterzüge. Heft 11. S. 86. Der Heirathsantrag. Einige Tage waren ſeit dem Einrüaken des Königs in Woiſelwitz vergangen. Der König wohnte noch immer in dem Hauſe des Schulzen, und die Generäle waren in den Bauerhäuſern des Dorfes einquartirt oder cantonirten mit ihren Regimentern auf den benachbarten Dörfern. Der König lebte ſtill und abgeſchloſſen in ſeinem Hauſe, ſeinen Sorgen und ſeinem Gram hingegeben; er ſpeiſte ganz allein in ſeinem Zimmer und ſprach mit Niemand, oder wenn er es that, ſo waren es nur ein⸗ zelne ernſte Bemerkungen. Der Scherz war auf ſeinen Lippen ver⸗ ſtummt, und niemals mehr ſah man ihn lächeln, niemals hörte man ihn die Flöte ſpielen. Der Gram, welcher das Herz des Königs bedrückte, war zu herber und finſterer Art, als daß er ihn den weichen und ſchmel⸗ zenden Tönen ſeiner Flöte hätte anvertrauen mögen, als daß ſie ihm hätte Troſt gewähren können. Eine furchtbare, eine entſetzliche Nachricht war dem König hierher nach dem Lager Strehlen gefolgt. Sie hatte ihm dieſe ſo lange ent⸗ behrten Tage der Ruhe vergiftet, ſie hatte ihm die düſtere Zukunft mit noch düſterern Trauerſchleiern umhüllt. Schweidnitz, die ſtarke, ſo lange mit ſo viel Anſtrengung bewahrte Feſtung Schweidnitz, der Schlüſſel von Schleſien war gefallen, hatte den Oeſterreichern ſich übergeben und damit war dem König die wichtigſte Errungenſchaft der letzten Jahre, damit war ihm Schleſien wieder ſtreitig gemacht. Er blickte trauernd zurück auf all das vergeblich vergoſſene Blut, auf die vergeblich gewonnenen Schlachten, er blickte trauernd vor⸗ wärts auf die Jahre des Blutes und der Schlachten, die nun nachfol⸗ gen mußten. Und er ſehnte ſich ſo ſehr nach Ruhe, nach Frieden, er war des Blutvergießens und des Krieges überdrüſſig; wie ein ſtrah⸗ lendes Bild der Seligkeit ſchwebte zuweilen ſein geliebtes Sansſouci an ſeiner Seele vorüber und er träumte von ſeiner ſtillen Bibliothek und den ſchönen Gemälden ſeiner Gallerie. Aber dennoch blieb ſein Muth ungebeugt, dennoch wollte er lieber ſterben und die Qual dieſer ruhe⸗ — 150— loſen Tage noch länger erdulden, als den ungünſtigen und demüthigenden Frieden eingehen, den ſeine ſtolzen und von ihren letzten Erfolgen über⸗ müthig gemachten Feinde ihm zu bieten wagten. Sie ſtanden ihm machtvoll und in ungeheurer Ueberlegenheit gegen⸗ über, aber der König blieb unerſchüttert. Mit weniger eigenem Volk und Bundesgenoſſen zerſtörte Alexander den perſiſchen Staat, ſagte er, aber zum Glück ſteht an der Spitze meiner Feinde kein Alexander! Er verzagte nicht, und doch glaubte er nicht mehr an den Sieg,— aber er wollte einen ehrenvollen Tod einem demüthigenden Frieden vorziehen. Er wollte lieber mit dem ruhmvollen Preußen, welches er groß gemacht, in Trümmer zuſammenfallen, als mit ihm wieder zu der früheren Kleinheit und Unbedeutendheit zurückkehren.— Man bot ihm den Frieden, aber einen Frieden, bei dem er die eroberten Lande wieder herausgeben, den ſiegreichen Feinden die Koſten des Krieges erſetzen ſollte. Der König hielt dieſe demüthigenden Anerbietungen nicht einmal einer ablehnenden Antwort würdig, ſondern befahl dem Geſandten, welchen er dazu ernannt hatte, in Augsburg mit den Geſandten ſeiner Feinde über die Friedensbedingungen zu unterhandeln, ſofort die Rück⸗ reiſe anzutreten. Es iſt wahr, ſagte der König zu ſeinem Vertrauten La Catt, ganz Europa hat ſich wider mich verbündet, alle großen Mächte haben meinen Untergang beſchloſſen, und der einzige Freund, welchen ich in Europa noch beſaß, England, hat ſich auch mir abgewendet. Aber einer iſt mir treu geblieben, das iſt mein Degen, und wenn die erhabenen Kaiſerinnen nicht meine Freundinnen ſind, ſo iſt doch die Ehre dafür meine treue Freundin, welche mich niemals verlaſſen, welche mich in's Grab begleiten ſoll! Und dann, wenn mir in Europa keine Freunde und Bundesgenoſſen geblieben ſind, ſo mag ich deren vielleicht in anderen Welttheilen finden und Aſien mag mir die Hülfstruppen zuſenden, die Europa mir verſagt. Wenn Rußland mein Feind iſt, ſo kann die Türkei dafür meine Freundin werden, und wer weiß, ob ein Bündniß mit den ſogenannten Ungläu⸗ bigen für Preußen nicht mehr werth iſt, als ein Bündniß mit den recht⸗ gläubigen Ruſſen ſein würde! Dieſe nennen ſich Chriſten und ſind rohe Barbaren, die ebenſo ſehr mit Lüge, Intrigue, Hinterliſt und Verrath, — 151— als mit den Waffen kämpfen. Der Moslem aber iſt wenigſtens ein ehrlicher Mann und ein tapferer Soldat dazu. Wenn er ſeinen Gott Allah und ſeinen Chriſtus Muhamed nennt, ſo mag Gott darüber mit ihm rechten, ich hab's nicht nöthig, denn was hat der Glaube mit den Dingen dieſer Welt zu thun! Uebrigens ſind die Türken und Tartaren vielleicht beſſere Chriſten als die Ruſſen! Eure Majeſtät denken alſo allen Ernſtes an ein Bündniß mit den Türken und Tartaren? fragte Le Catt verwundert. Ich denke ſo ernſt daran, ſagte der König feurig, daß ich ſeit Jahr und Tag auf ein ſolches Bündniß hinarbeite und keine Koſten, kein Gold, keine Mühe geſcheut habe, um es zu erreichen. Einmal ſchon war es mir faſt gelungen; die Pforte war einem ſolchen Bündniß geneigt und mein Geſandter, der Rexin, war mit Bewilligung des Groß⸗Vezirs Muſtapha und auf ſeinen Rath verkleidet und heimlich nach Konſtanti⸗ nopel gekommen. Die Unterhandlungen waren faſt ſchon beendet, als die Geſandten von Frankreich und Rußland meinen Plan entdeckten und ihn durch unerhörte Beſtechungen, durch Lügen und Intriguen aller Art zu hintertreiben wußten. Muſtapha nahm ſeine Verſprechungen zurück, und mir ward nur die Antwort,„daß die hohe Pforte zur Befeſtigung des guten Einvernehmens mit dem König von Preußen ein anderes glück⸗ licheres Jahr abwarten werde, ſo Gott der Allmächtige wolle.“*)— Es hat lange gedauert, bis dieſes Jahr gekommen, aber jetzt hoffe ich, iſt es da, und dieſes lang erſehnte Bündniß wird endlich geſchloſſen werden. Die letzten Berichte meines Geſandten in Konſtantinopel lauten günſtig; der weiſe und energiſche Groß⸗Vezier Raghib, der erſte ſelbſtdenkende und neue Bahnen brechende türkiſche Staatsmann, hat Rexin verſprochen, dieſes Bündniß bei dem Sultan durchzuſetzen, und jetzt darf ich täglich einem Courier entgegenſehen, der mir entſcheidende Botſchaft ſowohl vom Sultan als vom Tartarenchan bringt. Le Catt blickte mit ehrfurchtsvollem Staunen in das edle, erregte Antlitz des Königs. O, Sire, ſagte er tief gerührt, verzeihen es mir Eure Majeſtät, wenn mein übervolles Herz einmal überwallt in Freude *) Hammer: Geſchichte des Osmaniſchen Reiches. VIII. 190. — 152— und Entzücken, wenn ich es einmal wage, Ihnen meine Liebe, meine Be⸗ wunderung in Worten auszudrücken. Es iſt ein ſo göttlich ſchönes Schau⸗ ſpiel, im Brauſen des Sturmes die ſtolze Eiche zu ſehen, welche uner⸗ ſchüttert und feſt daſteht und ihre Krone nicht beugt unter dem Zorn der Elemente, ſondern ihnen Trotz bietet mit ihrer Hoheit und Ruhe. Aber ein noch erhabeneres, noch größeres Schauſpiel iſt es, einen Men⸗ ſchen zu ſehen, der mit leuchtenden Augen den Stürmen des Unglücks Trotz bietet, der, im Bewußtſein ſeiner eigenen Kraft, allein auf ſich ſelber geſtützt, dem Schickſal ſich entgegenſtellt und dem Unglück Aug' in Auge ſchaut. Das Unglück aber iſt wie der wüthende Löwe der Wüſte. Wenn ein Menſch mit klarem Auge und feſtem Herrſcherblick ihm gegen⸗ übertritt, ſo verſtummt es und ſchmiegt ſich demüthig zu den Füßen des Menſchen hin, in deſſen Blick es den Gott erkannt hat!— Solch ein erhabenes Schauſpiel des Menſchengottes, der den Löwen Unglück be⸗ zwingt, bietet mein König der ſtaunenden Welt! Was Wunder, daß ich, der es in der Nähe erſchaue, von Andacht und Anbetung erfüllt, endlich meiner Begeiſterung Worte, meinem Entzücken Ausdruck geben muß! Ich habe Eure Majeſtät inmitten der ſiegreichen Schlacht und im Vollgefühl der Siege geſehen, aber niemals haben die Lorbeeren auf Ihrer Stirn in ſo göttlichem Glanze geſtrahlt, als in den Tagen des Unterliegens und des Unglücks. Niemals iſt der König von Preußen ein größerer Held, ein herrlicherer Sieger geweſen, als in dieſen letzten Wochen des Unglücks und der Bedrängniß, wo er mit den Hungernden hungerte, mit den Frierenden fror, wo er die Nächte auf einer Kanone oder auf der Erde zubrachte, wo er den letzten Tropfen Wein mit ſeinen Soldaten theilte. Denn das haben Sie gethan, Sire. Ich war in Ihrem Zelt zugegen, als Sie es thaten, ich allein. Sie ſaßen bei Ihrem Mittags⸗ mahl, das aus nichts Anderem beſtand, als aus einem Stück Brod und einem Gläschen Ungarwein, dem letzten, welches im Lager war. Da trat ein Officier mit einem Rapport herein und Eure Majeſtät fragten ihn, ob er ſchon gegeſſen habe. Er antwortete Jal aber ſein bleiches Antlitz ſagte Nein! Da brachen Sie die Hälfte von Ihrem Brod ab, da tranken Sie die Hälfte von Ihrem Wein und das Andere reichten Sie dem Officier dar, indem Sie faſt entſchuldigend ſagten:„es iſt Alles was ich habe!“— Sire, an jenem Tage that ich, was ich ſeit meiner Jugend nicht gethan, an jenem Tage weinte ich wie ein Kind, und als ich Sie anſchaute, ſchien es mir, daß meine Blicke Gebete wären. Schwärmer! unterbrach ihn der König, indem er ihm mit einem gütigen Lächeln die Hand darreichte, die Le Catt an ſeine Lippen drückte. Schlimm genug, daß die Welt ſchon ſo verderbt iſt, daß das Nächſte und Natürlichſte den Menſchen als etwas wunderbar Großes und Hohes erſcheint, und daß Ihr darüber ſtaunt, wenn man gerade nur menſchlich iſt!— Aber ſehen Sie nur, da kommt eben ein Courier, er hält vor der Thür unſeres Bauernpalaſtes! Schnell, Le Catt, ſchnell! Laſſen Sie mich wiſſen, was er bringt. Le Catt eilte hinaus und kehrte ſofort mit der Depeſche, die der Courier ihm gegeben, zurück. Der König erbrach dieſelbe mit ungedul⸗ diger Haſt, und während er dann las, erheiterte ſich ſein Antlitz mehr und mehr, und ein lange nicht geſehenes, glückliches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Ah, Le Catt! rief er freudig, ich bin wahrlich ein guter Prophet geweſen und meine Hoffnungen werden ſich erfüllen. Da Europa wider mich iſt, werde ich mich mit Aſien verbünden, und wenn die barbariſchen Ruſſen meine Feinde ſind, ſo muß ich mich wohl mit den Türken und Tartaren befreunden. Dieſe Depeſche iſt von meinem Geſandten Rexin. Er kommt in Begleitung eines Tartarenabgeſandten hierher in's Lager und kann in wenigen Stunden ſchon hier ſein. Aber wo werden ihn Eure Majeſtät alsdann empfangen? fragte Le Catt. Der König blickte lachend in dem kleinen Zimmer mit den weißen Kalkwänden auf dem nicht ganz ſaubern Fußboden umher. Ich werde ihn hier empfangen, ſagte er dann. Hier in meinem Königsſchloß zu Woiſelwitz, denn ich ſollte doch meinen, ein rechter und echter König müſſe durch ſeine Anweſenheit jede niedrige Hütte zu einem Palaſt verklären, und wenn er darauf ſitzt, muß jeder Stuhl ein Thron ſein. Aber freilich, die Augen des tartariſchen Geſandten könnten leicht ſo blöde ſein, wie die des würdigen Eigenthümers meines jetzigen Pa⸗ laſtes, und es mag ſein, daß er mich nicht gleich erkennt als das ſicht⸗ — 154— bare Ebenbild Gottes, als den König von Gottes Gnaden. Wir müſſen daher ſeiner Kurzſichtigkeit ein wenig zu Hülfe kommen und uns im Glanze unſerer Herrlichkeit zeigen. Wir müſſen hier einen Thron impro⸗ viſiren, und wie mir ſcheint, iſt jener lederne Großvaterſtuhl dort ſehr geeignet dazu. Er iſt eine würdige Anſpielung auf meinen Thron, der auch ein Großvaterſtuhl iſt, denn mein Großvater hat ihn gebaut und ich habe ihn von ihm geerbt. Schieben wir alſo meinen Thron in die Mitte des Zimmers, befeſtigen wir über demſelben dort hinten an der Wand einige der ruſſiſchen Fahnen, die wir bei Zorndorf erbeutet, und breiten wir über den Fußboden meinen Zeltteppich hin, und mein Thron⸗ ſaal iſt fertig. Schnell, Le Catt, beſorgen Sie mir das. Wir ſind hier im Feldlager und müſſen uns ſelber Rath zu ſchaffen wiſſen. Rufen Sie die Lakayen und weiſen Sie dieſelben an, was ſie zu thun haben. Ich will indeß Toilette machen, um dem würdigen Geſandten des Chans nicht in ſo ganz unwürdiger Geſtalt gegenüber zu treten. Der König klingelte heftig und ſein Kammerdiener Deeſen eilte herbei. Deeſen, ſagte der König heiter, wir wollen uns heute einmal einbilden, daß wir in Sansſouci ſind und große Cour halten müſſen. Laß mich daher einmal thun, was ich ſeit langer Zeit nicht gethan, laß mich grande toilette machen. Ich will die große Generalsuniform an⸗ legen und den ſchwarzen Adlerorden umhängen. Auch wollen wir mein Haar ein wenig friſiren und uns einen würdigen Zopf andrehen. Nun, Deeſen, was ſtehſt Du und ſiehſt mich ſo erſtaunt an? Sire, ſtammelte der Kammerdiener, der Generalsrock iſt da, aber— Nun, was aber? rief der König ungeduldig. Aber es fehlen die Beinkleider, ſtammelte Deeſen erbleichend. Sie ſind alle zerriſſen, und das da, welches Eure Majeſtät trägt, iſt Ihr letztes und einziges. Nun denn! rief der König lächelnd, ſo werde ich mein letztes und einziges behalten und die Generalsuniform anziehen, voilà tout! Aber dies iſt ganz unmöglich, Sire! rief Deeſen die Hände ringend. Wenn Eure Majeſtät große Cour halten wollen, ſo können Sie dies Beinkleid nicht anlegen. Warum nicht, warum nicht? fragte der König heftig. — 155— Sire, murmelte Deeſen zitternd, Sire, weil es Ihrem Beinkleid er⸗ geht, wie es Ihnen bei Torgau ergangen iſt! Was heißt das? fragte der König verwundert. Das heißt,— daß es verwundet iſt! ſeufzte Deeſen. Der König ſah ihn erſtaunt an und folgte dann den Blicken des Kammerdieners, die ſtarr auf ſeine Kniee gerichtet waren. Deeſen, ſagte er lächelnd, Du haſt Recht, es iſt meinem Beinkleid ergangen, wie es mir bei Torgau erging. Es iſt verwundet und bedarf der Hülfe eines Chirurgen. Eure Majeſtät werden alſo die Gnade haben müſſen, die große Cour auf morgen zu vertagen. Vielleicht gelingt es mir, in einem der nächſten Dörfer unter den Soldaten einen Schneider aufzutreiben, er muß dann während der Nacht arbeiten, und morgen früh iſt Alles wieder in Ordnung. Es muß durchaus ſchon heute, es muß gleich in Ordnung gebracht werden! rief der König. In einigen Stunden muß der Schade aus⸗ gebeſſert und mein Beinkleid wieder geſund ſein. Aber Sire, flüſterte Deeſen erbleichend, wie ſoll das möglich ge⸗ macht werden? Eure Majeſtät haben nur dies Eine Beinkleid, und wenn es genäht werden ſoll, müſſen Sie es ausziehen. So werde ich es ausziehen, ſagte der König. Geh' nur und ſuche einen Schneider, ich werde mich allein auskleiden und ſo lange im Bett ausruhen, bis das wichtige Werk vollbracht iſt. Eile nur, denn es iſt nöthig, daß mein Beinkleid bald wieder geſund werde. Deeſen lief hinaus, und während der König ſich entkleidete, hörte er lächelnd zu, wie Deeſen draußen auf der Straße mit Stentorſtimme rief: ein Schneider!— Iſt hier unter den Soldaten ein Schneider? Ein Schneider!— Der König hatte kaum ſo viel Zeit gehabt, ſich in ſein Bett zurück⸗ zuziehen, als auch ſchon Deeſen mit freudeſtrahlendem Geſicht wieder zu ihm eintrat. Sire, ſagte er, ich habe ſchon einen Soldaten gefunden, der uns helfen kann. Er iſt zwar kein Schneider, aber er ſchwört, daß er ſehr — 156— gut nähen und flicken kann, und will es übernehmen, das Beinkleid des Königs auszubeſſern. Und da ſage man noch, daß eine höhere Macht die Welt regiere, murmelte der König, als er wieder allein war, der Zufall, der Zufall iſt es, der Alles beſtimmt. Wäre unter meinen Soldaten jetzt kein Flick⸗ ſchneider, ſo würde der König von Preußen heute nicht den Geſandten des Tartarenchans empfangen können, und daran möchten leicht die ganzen Unterhandlungen ſcheitern. Eben öffnete ſich die Thür und Le Catt trat ein, gefolgt von eini⸗ gen Lakayen, welche Fahnen und Teppiche hereinſchleppten. Als er den König im Bette liegen ſah, blieb er erſtarrt ſtehen und ſchaute mit fra⸗ genden und beſorgten Blicken ihn an. Euer Majeſtät ſind doch nicht plötzlich unwohl geworden? fragte er. Nein, ſagte der König, ich mache nur eben meine Tollette! Ihre Toilette, Sire? Ja, Le Catt! Haben Sie nicht draußen einen Soldaten bemerkt? Ja, Sire! Was thut er? Er ſchien zu nähen, Majeſtät. Er näht wirklich, und iſt für heute mein erſter Kammerdiener und kleidet mich an! Ach, ach, dieſem Flickſchneider gegenüber, welcher mein Beinkleid ausbeſſert, erinnere ich mich, daß ein ſehr weiſer Mann geſagt hat: ſeinem Kammerdiener gegenüber iſt jeder König nur ein Menſch!— Aber laſſen Sie ſich durch meine Anweſenheit nicht hindern, mir meinen Thron zu bauen. Ich werde in behaglicher Ruhe Ihnen zuſchauen. Während der König ſo im Bett lag und der Wiederherſtellung ſei⸗ nes Gewandes entgegen harrte, ſaß draußen vor der Hausthür auf der Bank der Soldat, welchem die Ausbeſſerung deſſelben übertragen war. Er hatte ſich in regem Eifer tief über ſeine Arbeit geneigt, er ſchaute nicht ein einziges Mal von derſelben empor, und blickte nicht ein einzi⸗ ges Mal zu ſeinem Kameraden hin, der dicht neben ihm an der großen Eiche, welche vor dem Hauſe ſtand, lehnte, und ganz ſtarr und unver⸗ wandt zu ihm hinblickte. Aber in ſolchen ſtarren, unverwandten Blicken liegt eine ſeltſame, — 157— anziehende Kraft, der auch der Soldat nicht zu widerſtehen vermochte. Er richtete ſein Haupt einen Augenblick empor, und nun erkannte man das ſanfte und edle Geſicht Karl Heinrich Buſchmann's. Fritz Kober, ſagte er, warum ſiehſt Du mich immerfort ſo an, und warum biſt Du mir hierher gefolgt? Ich bin's ſo gewohnt, da zu ſein, wo Du biſt, ſagte Fritz Kober ruhig. Als ich daher den Deeſen rufen hörte nach einem Schneider, und Du antworteteſt: Hier! Hier! ſo trat ich auch aus meiner Hütte und ging hin, wo Du hingingſt. Weiter nichts! Warum ich Dich jetzt aber anſehe, willſt Du wiſſen? Darum, weil es mir ſo gefällt, Dich ſo nähen zu ſehen, und weil ich mir allerlei dabei dachte. Und was dachteſt Du Dir, Fritz? fragte Karl Heinrich, indem er ſich wieder über ſeine Arbeit neigte und eifrig weiter nähte. Ich dachte mir, ſagte Fritz mit zitternder Stimme, ich dachte mir, daß wenn ich jemals in meinem ganzen Leben eine Frau nehmen ſollte, ſie gerade ſo ausſehen müßte, wie Du, und gerade ſolche netten kleinen Hände haben müßte, die ſo flink die Nadel zu führen verſtänden, wie Du. Dann dacht' ich mir ferner, daß es auf der Welt keinen Men⸗ ſchen giebt, der ſo gut und brav, ſo ſanft und verſtändig iſt, wie Du, und ich überlegte, was aus mir werden ſollte, wenn der Krieg nun zu Ende und Du mich wieder verließeſt, um in Dein Dorf zurückzukehren. Ich nahm mir vor, Dir nachzugehen durch die ganze Welt, und nicht eher nachzulaſſen mit Bitten, bis Du mir verſprochen hätteſt mit mir zu kommen auf meinen Bauernhof, und Alles zu nehmen, was mein iſt, und mir zu erlauben, daß ich Dir mein ganzes Eigenthum verſchreibe, aber unter der Bedingung, daß Du mich immer bei Dir behielteſt, zum wenigſten als Deinen Knecht, und mir verſprichſt, mich niemals zu ver⸗ ſtoßen. Dann ferner dacht' ich, wenn Du Nein ſagteſt, und nicht mit mir kommen wollteſt in mein Haus, nein in Dein Haus, ich dann in Verzweiflung fortgehen, und gewiß in meiner Herzensangſt ein ganz ſchlechter und erbärmlicher Menſch werden müßte, weil es ohne Dich doch auf Erden für mich kein Glück und keine Freude mehr geben könnte, weil Du mein guter Engel biſt. Karl Heinrich Buſchmann, willſt Du, daß ich ein ſchlechter Menſch, vielleicht ein wüſter Trunkenbold werde? — 158— Wie kann ich's wollen, Fritz Kober? flüſterte Karl Heinrich ganz leiſe. Aber Du kannſt auch nimmer ein ſchlechter Menſch werden, denn Du haſt das beſte und edelſte Herz, und keinen Menſchen möchteſt Du be⸗ leidigen, und wer Dich um etwas bittet, dem giebſt Du, und wer leidet, dem hilfſt Du, wer in Noth iſt, dem ſtehſt Du bei. Und dabei biſt Du doch ein rechter und ein ganzer Mann! Weißt Deinen Mann zu ſtehen in allen Fällen, und wer Dir zu nahe treten will, den weißt Du in Reſpect zu halten, und nimmermehr wird's Einer wagen, den Fritz Kober beleidigen zu wollen. Du biſt ſtark wie ein rechter Mann, und gut wie ein unſchuldiges Kind, und das freut mich an Dir! Was Gutes an mir iſt, kommt mir von Dir, ſagte Fritz Kober. Ich war ein ganz einfältiger Kerl, der an nichts dachte, und nur ſo dumm in den Tag hinein lebte. Aber ſeit ich Dich kenne, habe ich von Dir gelernt, meine Augen aufzuthun, und um mich zu ſchauen, und ein bischen nachzudenken. Aber das wird Alles wieder vergehen, wenn Du mich verläſſeſt, Karl Heinrich, wenn Du mich fortſtößt. Und ich merke wohl, daß Du's willſt, und daß Du mich verlaſſen willſt. Seit drei Wochen bekümmerſt Du Dich gar nicht mehr um mich, wollteſt im Bun⸗ zelwitzer Lager nicht mehr mit mir in meinem Zelte wohnen, ſondern haſt campirt ohne Zelt, wollteſt hier im Dorf nicht mit mir in Einer Hütte wohnen, ſondern haſt Dich bei einer alten Bauersfrau einquartirt. So bin ich Dir denn heute nachgegangen und wollte Dich fragen, ob Du das Herz haſt, mich zu verlaſſen, und ob Du mich verſtoßen willſt? Sieh mich an, Karl Heinrich, ſieh mich an, und ſage mir, ob Du aus mir einen elenden und unglücklichen Menſchen machen willſt? Karl Heinrich ſchaute empor von ſeiner Arbeit, und blickte in des Freundes bleiches, erregtes Antlitz, und wie er das that, floſſen zwei helle Thränen langſam über ſeine Wangen nieder. Da ſei Gott vor, Fritz Kober, flüſterte er leiſe, daß ich Dich un⸗ glücklich machen wollte. Ich möchte viel lieber mein Herzblut hingeben, um Dich glücklich zu machen. Hurrah! rief Fritz Kober laut aufjauchzend. Nun wenn's ſo iſt, ſo hör' mich an und antworte mir! Karl Heinrich Buſchmann, willſt Du meine Frau werden? — 159— Eine glühende Röthe bedeckte Karl Heinrichs Geſicht, und er neigte ſich über ſeine Arbeit und nähte mit ungeheurer Haſt. Fritz Kober trat dichter zu ihm heran, und bückte ſich ſo tief zu ihm nieder, daß er faſt neben ihm kniete. Karl Heinrich Buſchmann, wiederholte er noch einmal, willſt Du meine Frau werden? Aber Karl Heinrich antwortete nicht. Thränen und Schluchzen er⸗ ſtickten ſeine Stimme, und ganz erzitternd vor Bewegung neigte er ſein Haupt an Fritz Kober's Schulter. Heißt das Ja? fragte dieſer athemlos. Jal flüſterte ſie ganz leiſe. Nun ſtieß Fritz einen Jubelſchrei aus, und ſchlang ſeine beiden Arme feſt um des Soldaten Hals und küßte ihn mit herzhaftem Unge⸗ ſtüm. Gott ſei Dank, daß es heraus iſt, ſagte er, Gott ſei Dank, daß ich mich nicht getäuſcht habe, daß Du wirklich ein Mädchen biſt. Vor drei Wochen, als Du krank warſt und der Chirurg Dir zur Ader ließ, da hab' ich's gemerkt, da ſagte ich zu mir: Das iſt nicht der Arm eines Mannes! Und nun paßt' ich auf, und am Abend beteteſt Du, und wußteſt nicht, daß ich im Zelt war, und ſagteſt:„Ihr lieben Eltern im Himmel, erbarmet Euch Eurer armen Tochter!“ Ich hätte aufſchreien mögen vor Glück und Entzücken, aber ich hielt an mich, und wollte erſt noch warten und ſehen, ob Du mir auch wirklich gut ſeieſt. Aber Deine Augen ſchauten mich ganz anders an, wie ſonſt, flüſterte Karl Heinrich, und ich mußt' immer die Blicke wegwenden, wenn Du mich anſahſt. Daran merkt' ich, daß Du mein Geheimniß kannteſt, und darum vermied ich es mit Dir zuſammen zu ſein. 1 Unteroffizier Buſchmann, rief jetzt Deeſens gebieteriſche Stimme aus dem Innern des Hauſes, iſt die Arbeit fertig? Gleich, ich habe nur noch einige Stiche zu machen, rief Karl Hein⸗ rich zurück, und dann flüſterte er: Jetzt ſchweig' und laß mich nähen. Aber Fritz Kober ſchwieg nicht. Er hockte neben dem Unteroffizier Buſchmann nieder, und flüſterte ihm viele und ganz neue Dinge in's Ohr, und Karl Heinrich, welcher eifrig fortnähte, erröthete oft, und ant⸗ wortete ganz leiſe und verlegen. Endlich war das Werk vollbracht, und das Beinkleid des Königs an den Knieen mit zwei würdigen und verſchiedenen Flicken verſehen. Jetzt will ich ſelbſt das Beinkleid zum König tragen, und ihn dabei um etwas bitten, ſagte Fritz Kober, indem er das Gewand nahm, und entſchloſſen der Thür zuſchritt. Du kommſt mit mir, Karl Heinrich, denn Du mußt hören was der König, ſagt. Er nahm Karl Heinrichs Hand, und ging gerade auf die Thür des Königs zu. Aber dort ſtand Deeſen und verwehrte ihm den Eingang, und befahl, ihm das Gewand zu geben, damit er es zum König trage. Nein, wir tragen's ſelbſt hinein, ſagte Fritz Kober entſchloſſen. Wir haben dem König eine große Bitte vorzutragen, und er hat uns ein für alle Mal erlaubt, uns mit unſeren Bitten immer an ihn ſelbſt zu wenden. Er ſchob Deeſen entſchloſſen von der Thür fort, und trat mit Karl Heinrich in das Gemach ein. Der König ſaß in ſeinem Bette und las, und ſo vertieft war er, daß er das Eintreten der Beiden gar nicht be⸗ merkte. Aber Fritz Kober ſchritt muthvoll zu dem Bett hin, und legte das Gewand auf den Stuhl vor demſelben. Herr König, hier iſt das ge⸗ flickte Beinkleid, ſagte er. Haſt Du's geflickt, mein Sohn? fragte der König. Nein, der dort, der Karl Buſchmann. Aber ich komme mit hier⸗ her, weil ich Euerer Majeſtät etwas zu ſagen habe. Sie entſinnen ſich wohl noch, was Sie ſagten, als wir damals von dem Gange in's Fein⸗ deslager nach der Kunersdorfer Schlacht zurückkamen, und der Karl Heinrich Ihnen ſo ſchön berichtete, was wir gehört? Sie ſagten: Ihr ſeid von heute an Beide zu Unterofſizieren avancirt, und wenn Ihr ſonſt eines Tages Meiner bedürft, ſo wendet Euch an Mich. Und das wollt Ihr heute thun, nicht wahr? fragte der König. Ja, Majfeſtät, ich will Sie um etwas bitten. Um was denn? Fritz Kober richtete ſich ſteif und förmlich empor. Ich will Euere Majeſtät bitten, mir zu erlauben, daß ich den Unteroffizier Karl Hein⸗ rich Buſchmann heirathen darf, und zwar gleich heute. Heirathen! rief der König erſtaunt. Iſt denn der Unteroffizier— — 161— Eine Frau, Majeſtät, unterbrach ihn Fritz Kober in ſeinem freu⸗ digen Ungeſtüm, ja er iſt eine Frau, und heißt Anna Sophie Detzloff, aus Brünen gebürtig. Des Königs ſcharfes, durchdringendes Auge ruhte einen Moment fragend auf Karl Heinrich's Angeſicht, dann nickte er lächelnd mehrmals mit dem Kopfe. Nun, ſagte er, Deine Braut iſt ein ſchmucker Burſche und ein tapferer Unteroffizier dazu, und weiß noch zu erröthen im Sol⸗ datenrock. Unteroffizier Karl Heinrich Buſchmann, willſt Du die Frau des Unteroffiziers Fritz Kober werden? Wenn es Euere Majeſtät erlaubt will ich's werden, flüſterte Anna Sophie. So geht zum Feldprediger und laßt Euch trauen, ſagte der König lächelnd. Sagt ihm nur, daß ich meinen Conſens ſchon gegeben habe. Und nun hinaus mit Euch, ich will mich ankleiden! Am Ende, ſagte der König, als Le Cat zu ihm kam, am Ende wird mir das Glück doch noch wieder günſtig werden! Es geſchehen Zeichen und Wunder, es geht mir, wie es Karl dem Siebenten von Frankreich erging. Als er in größter Noth und vom Feinde ganz umzingelt war, da ſandte ihm der Herr die Jungfrau von Orleans und ſie errettete ihn. Auch mir hat der Herr jetzt eine Jeanne d'Are geſandt, eine Jungfrau von Brünen, und mit ihrer Hülfe werde ich wohl Herr werden aller meiner Feinde!*) *) Anna Sophie Detzloff war in der That ein tapferer Soldat; ſie focht unter dem Namen Karl Heinrich Buſchmann in den Schlachten von Leuthen, Kunersdorf und Torgau mit. Der König ſchrieb über ſie an Voltaire:„Ich werde aus dem Allen um ſo ſicherer herauskommen, als ſich in meinem Lager eine wahre Heldin, ein Mädchen befindet, die noch tapferer iſt, als Jeanne d'Arc.“ Siehe Preuß: Lebensgeſchichte Friedrichs des Großen. Th. II. S. 316. Muhlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. II. 11 Der Geſandte des Tartarchans. Die Vorbereitungen waren beendet. Das Zimmer des Königs war, Dank dem erfinderiſchen Geiſte des Königs, in einen Thronſaal umge⸗ wandelt. Der mit Teppichen drapirte Großvaterſtuhl bot unter ſeinem Baldachin von erbeuteten ruſſiſchen Fahnen einen ganz ſtattlichen An⸗ blick dar, der unſaubere Fußboden war unter einem koſtbaren türkiſchen Teppich verborgen, die nach dem Flur führende Thür war ausgehoben, und die Oeffnung mit Fahnen drapirt, der Flur ſelbſt durch Teppiche, Fahnen und Standarten in ein ganz geſchmackvolles Vorzimmer ver⸗ wandelt worden. Der König hatte die große Generalsuniform und die Kette des ſchwarzen Adlerordens angelegt, und um ihn her ſtanden die Generäle und Stabsoffiziere in ihren glänzenden Uniformen. Das Zimmer des Schulzen hatte ſich wirklich in einen Königsſaal verwandelt und ſtrahlte wieder von Glanz und Herrlichkeit. Und jetzt nahte ſich dieſem improviſirten Königspalaſt ein gar ſtatt⸗ licher Zug. Zuerſt kamen zwei Reiter in goldgeſtickten Gewändern, die bis auf ihre Füße herabwallend den zie lichen Leib der kleinen arabiſchen Pferde ganz überdeckten, und nur den ſchlanken von wilden Mähnen ge⸗ zierten Hals und die feinen zierlichen Beine ſichtbar werden ließen. Dieſe Reiter würden auch ohne den rothen Fez, der ihr Haupt bedeckte, an ihrer gebräunten Haut, an ihren glühenden, wildblickenden Augen, an dem ganzen Schnitt ihres Antlitzes als Ausländer, als die Kinder des Südens, die Söhne der Steppe zu erkennen geweſen ſein. Aus den koſtbaren türkiſchen Shawls, die ihre ſchlanke Taille als Gürtel umga⸗ ben, blickte der mit Diamanten verzierte Griff eines Dolches und der Schaft einer Piſtole heraus, die rothſammetne, mit Edelſteinen und Gold verzierte Scheide eines türkiſchen Säbels hing an ihrer Seite, während ſie die feine damascener Klinge in der Rechten hielten, und ſie ſalutirend ſchulterten. Dieſen beiden türkiſchen Kriegergeſtalten folgten zwei andere — 163— Reiter, in ähnlichem, minder reichem Koſtüm, hinter ihnen ritten vier Männer in langen ſchwarzen Talaren, mit geſchloſſenen Augen, in ihrer Rechten ein in Gold und Sammet gebundenes Buch tragend, das ſie andächtig an ihre Bruſt drückten. In ihrem Gürtel ſteckte, ſtatt der Waffen, eine goldene Feder, an ihrem Fez prangte ſtatt der Reiherfeder das von Edelſteinen kunſtvoll zuſammengeſetzte Auge eines Pfau's. Nun folgten zwei andere Reiter, aber dieſe waren nicht wie die Vorderen ſich gleich, ſondern bildeten den ſeltſamſten und auffallendſten Contraſt zu einander. Der eine von ihnen war ganz nach der neueſten franzöſiſchen Mode gekleidet; er trug einen blauen, mit Silber geſtickten Sammet⸗ frack, dazu ähnliche kurze Pantalons, die ſich am Knie mit dem weißſeidenen Strumpf durch ein mit einer Diamantſchnalle geſchloſſenes Knieband vereinten. Die Füße bedeckten glänzende Schuhe mit rothen Hacken und mit Diamantſchnallen geziert. Auf dem Haupte trug er einen mit einer weißen Feder verzierten dreieckigen Hut, der loſe und zierlich auf der ſtattlichen, ſchöngepuderten, ſteiflockigen Perrücke ſchwebte. Ein Jabot mit prachtvollen Spitzen bedeckte die Bruſt, und aus den Rockärmeln quollen breite Spitzenmanchetten hervor, und überdeckten die mit weißen Handſchuhen verhüllte Hand. Es war ein vollkommener, untadelhafter Salonanzug, wie man ihn damals an den Höfen trug, und wie ihn daher auch die nicht militairiſchen Geſandten bei den feierlichen Audien⸗ zen vor den Souverainen anlegten. Neben dieſem Manne in der zier⸗ lichen und luftigen Hoftracht, ſah man einen Reiter, der ganz und gar das Gegenbild zu demſelben abgab. War jener wie für einen heißen Sommertag gekleidet, ſo ſchien dieſer auf den rauheſten Wintertag ſich vorbereitet zu haben, war jener für den Salon, ſo war dieſer für die öden Steppen Sibiriens, wo der Nordwind mit den Wölfen um die Wette heult, am meiſten geeignet. Seine lange dürre Geſtalt bedeckte ein weiter Pelz aus lappländiſchem weißem Wolfsfell, mit braunem Pelz gefüttert und geſäumt; die Taille umſchloß ein koſtbarer golddurchwirkter Shawl, aus welchem nicht Waffen, ſondern ein kleines goldenes Becken und ein zuſammengeſchlagenes, in goldener Scheide ſteckendes Barbier⸗ meſſer zur Hälfte hervorſchauten. An ſeiner Seite hing ſtatt des türkiſchen Säbels eine mit Gold und Perlen geſtickte und in goldene Ketten 11* 164— hängende Taſche, ſein Haupt bedeckte ein Fez, an welchem über der hohen, ſchmalen, gelbbraunen Stirn ein kleines goldenes Becken geſtickt war. Hinter dieſen ſeltſamen Reitern kam eine Schaar türkiſcher, tartariſcher und europäiſcher Diener in Livreen mit goldenen Treſſen, in Kaftans von Seide, in Pelze von Wolfsfell gekleidet, und dieſen wiederum folgte eine vergoldete Kutſche, deren Fenſter mit grünen Jalouſieen dicht ver⸗ ſchloſſen waren, und jedem neugierigen Blick das Einſchauen in das Innere der Kutſche verwehrten. Zu beiden Seiten dieſer Kutſche ritten vier Tartaren in langen weißen Pelzen, mit geſchultertem Säbel, die funkelnden Blicke unverwandt auf die Kutſche geheftet, und hinter der Kutſche folgte eine unabſehbare Schaar Neugieriger, beſtehend aus preu⸗ ßiſchen Soldaten jedes Regimentes und jeder Uniform, aus Bauern und Bäuerinnen, aus Greiſen und Kindern, die Alle ſtumm vor Staunen und Verwunderung dieſe ſeltſame und fremdartige Cavalcade anſtarrten, die eben vor dem Hauſe des Königs hielt. Die Schildwachen vor demſelben traten in's Gewehr, und aus dem Innern des Hauſes kamen die Generäle und Stabsofffziere hervor und naheten ſich ſchweigend und mit ehrfurchtsvollen Grüßen dieſen beiden vorher beſchriebenen, ſo ſeltſam contraſtirenden Reitern, welche offenbar die Hauptperſonen des ganzen Zuges bildeten. Sie ſchwangen ſich Beide leicht vom Pferde, und erwiederten die höflichen Begrüßungen der Ge⸗ neräle, der Eine in ſehr leichtem fließenden Deutſch, der Andere in viel⸗ leicht ebenſo fließender Sprache, nur daß dieſelbe Niemand verſtand, und daß man ſich begnügen mußte, ihm mit einigen gemurmelten Worten, einem Lächeln und einigen hieroglyphiſchen Händedrücken zu antworten. Der Erſte war der Baron von Rexin, der Geſandte, den der Kö⸗ nig an den Großſultan und den Tartarchan geſandt, und der das ſeltene Glück gehabt, von einem Handlungsdiener Namens Hauden, welcher beim Kaufmann Hübſch in Breslau diente, ſich durch gutes Glück und ſeltenes Geſchick in den Bevollmächtigten des Königs von Preußen und in einen Herrn von Rexin umzuwandeln. Der Zweite war der Geſandte des Tartarchans Krimgirai, der edle und große Muſtapha Aga, der Liebling und Vertraute ſeines Herrn, von — 165— dieſem abgeſchickt, dem König von Preußen die Grüße und Wünſche ſeines Herrn darzubringen. Sobald ſie vom Pferde geſtiegen, näherte ſich ihnen ein Page des Königs, ſie einladend in das Haus zu treten, wo Seine Majeſtät der König bereit ſei, ihnen ſogleich Audienz zu ertheilen. Herr von Rexin, der während ſeines langen Aufenthalts in der Türkei Gelegenheit gehabt, die türkiſche Sprache zu erlernen, theilte das dem tartariſchen Geſandten mit, und ſofort flog ein Lächeln durch das bleiche, hagere Geſicht Mu⸗ ſtapha Aga's, er wandte ſich um nach den vier Männern in den ſchwar⸗ zen Talaren, mit den vergoldeten Schreibfedern im Gürtel, und bedeutete ſie, ihm zu folgen, dann nahm er den Arm des Herrn von Rexin, und trat mit ihm in das Haus ein; hinter ihm her ſchritten die vier tarta⸗ riſchen Geſchichtsſchreiber und Dolmetſcher, bei den Tartaren die Sprach⸗ knaben genannt, dann folgten die Generale und Stabsoffiziere des Königs, ſich je nach ihrem Range zu beiden Seiten des Throns, oder im Vor⸗ ſaal aufſtellend. Der König empfing die Geſandtſchaft auf ſeinem Thron ſitzend. Sein flammendes Auge ruhte mit einem lächelnden Blick auf der ſelt⸗ ſamen Geſtalt Muſtapha Aga's, der ſich eben vor ſeinem Thron zur Erde niederbeugte, und indem er ſich dann wieder erhob, einem der vier Sprachknaben winkte, vorzutreten. Dieſer öffnete das koſtbare Buch, welches er in der Hand hielt, und reichte dem Geſandten ein großes mit vielen Siegeln verſehenes Schreiben dar, das Muſtapha Aga ehrfurchts⸗ voll an ſeine Lippen drückte und es dann knieend dem Könige darreichte. Muſtapha Aga, der Geſandte des hohen und mächtigen Chans der Tartarei, Krimgirai, hat die unermeßliche Ehre, dem hohen und mäch⸗ tigen König von Preußen ſein Beglaubigungsſchreiben zu überreichen, ſagte der Sprachknabe in reinem und fließendem Franzöſiſch. Der König erbrach die Siegel und überflog das Schreiben mit einem raſchen Blick. Muſtapha Aga, ſagte er dann mit einem freundlichen Neigen des Kopfes, ich heiße Sie willkommen und begrüße in Ihnen Ihren Herrn, den Helden Krimgirai, den ich ſtolz bin, meinen Freund nennen zu können. Muſtapha Aga warf ſich, nachdem der Sprachknabe ihm die Worte — 166— des Königs wiederholt hatte, nach morgenländiſcher Art vor dem Thron nieder und ſprach raſch und in flehendem Ton einige Worte. Muſtapha Aga, der hohe Geſandte des hohen Chans, ſagte der Sprachknabe, erſucht Euere Majeſtät, demſelben das höchſte Zeichen ſeiner Ehrfurcht zu verſtatten, Sie begrüßen zu dürfen, wie Er allein im gro⸗ ßen und ſchönen Tartarenreich berechtigt iſt, den Chan zu begrüßen. Ich bewillige ſeine Bitte, ſagte der König. Sofort zog Muſtapha Aga das goldene Becken aus ſeinem Gürtel hervor, dann öffnete er die Taſche, die an ſeiner Seite hing, nahm daraus eine goldene Flaſche, aus der er eine Flüſſigkeit in das Becken goß, und alsbald verbreitete ſich ein lieblicher und berauſchender Duft in dem ganzen Gemach. Sodann zog Muſtapha Aga eine goldene Büchſe aus ſeiner Taſche, nahm mit den Fingerſpitzen daraus etwas von dem weißen Pulver, mit dem es angefüllt war, und ſtreuete es in das Becken. Dann nahm er einen kleinen Pinſel aus ſeiner Taſche, deſſen Griff mit drei Solitairs von ſeltener Größe verziert war, und rührte damit den Inhalt des Beckens durcheinander; nun ſchäumte die Maſſe hoch auf, und ſtieg empor zu einem glänzenden, milchweißen Schaum. Der König hatte ihm anfangs neugierig zugeſchaut, und wandte ſich jetzt zu ſeinem Geſandten hin. Was bedeutet dies Alles? fragte er ihn in deutſcher Sprache, viel⸗ leicht um nicht von dem Sprachknaben verſtanden zu werden. Sire, ſagte Rexin lächelnd, das bedeutet, daß der edle Muſtapha Aga Euerer Majeſtät die höchſte Ehrenbezeigung gewähren, daß er Euere Majeſtät raſiren will! Raſiren! rief der König erſtaunt. Wer und was iſt denn der edle Muſtapha Aga? Sire, er iſt einer der erſten Großwürdenträger der Tartarei, er iſt der Bartputzer des Chans. 3 Der König konnte ſich trotz des feierlichen und großen Moments eines Lächelns nicht erwehren. Nun, ſagte er, die Idee iſt nicht ganz übel, einen Barbier zum Diplomaten und Geſandten zu machen. Ihr Herren von der Diplomatie barbiert die Politik oft genug auf wunder⸗ bare Weiſe und ſchmiert ihr Seife in die Augen. — 1674— Muſtapha Aga näherte ſich jetzt mit feierlichen Schritten dem Kö⸗ nig, und ſich raſch vorwärts beugend, ſenkte er ſeinen langen Zeigefinger in den Schaum des goldenen Beckens, und ſtrich mit dieſem Schaum dann leicht über das Kinn des Königs hin. Nun zog er das goldene Raſirmeſſer aus ſeinem Gürtel. Aber ehe er es öffnete, richtete er das Auge mit einem andächtigen Blick gen Himmel, indem er laut und feier⸗ lich einige Worte ſprach. Allah iſt das Licht des Himmels und der Erden!*) Möge er mir leuchten zu meinem großen Werk! ſagte der Sprachknabe, die Worte Muſtapha's überſetzend. 1 Und nun begann der Geſandte ſein erhabenes Werk, nun führte er die blitzende Klinge ſeines Meſſers an das Kinn des Königs und nahm mit raſchem und gewandtem Strich den Schaum wieder von demſelben fort. Der König war kaum im Stando, dieſe ſeltſame Ceremonie mit ern⸗ ſter Würde zu ertragen, und hier und da ſah man die Generale ſich lächelnd abwenden und den Blick zu Boden ſenken, um nicht mehr dieſe für die Lachmuskeln ſo gefährliche Scene anſchauen zu müſſen. Nachdem Muſtapha Aga ſein Werk vollendet, winkte er mit ſteifer Gravität einen ſeiner vier Sprachknaben zu ſich, und als dieſer vor ihm niedergeknieet war, wiſchte er an dem Rücken ſeiner emporgehobenen Hand den Schaum von ſeinem Meſſer wieder ab. Dann ſteckte er das⸗ ſelbe wieder in ſeinen Gürtel, und machte dem König eine tiefe, feierliche Verbeugung. Möge Allah ſtets die Seele dieſes Königs rein erhalten, wie ich es ſeinem Kinn gethan, ſagte er, mögen die Meſſer, mit welchen Allah das Leben dieſes Königs von ſeinen Auswüchſen befreit, ſo ſanft und ohne Schmerzen und ohne Blutvergießen über daſſelbe hinfahren, wie dieſes Meſſer Eures unwürdigen Dieners und Knechtes!— Großmäch⸗ tiger König und Herr! Der allgewaltige Chan Krimgirai, der Löwe der Wüſte, der Schrecken ſeiner Feinde, ſendet mich zu Dir, und bietet *) Einer der Hauptſätze des Korans, der auch in der Kuppel der großen Moſchee in Konſtantinopel angebracht iſt. — 168— Dir durch mich ſeine Freundſchaft und Hülfe an. Der Ruf Deiner Thaten iſt zu ihm gedrungen, und er iſt in Erſtaunen verloren, daß ein Fürſt, von deſſen Daſein und von deſſen Reiche der große Chan keine Ahnung gehabt, deſſen Namen und Exiſtenz nie den Völkern des Orients zu Ohren gekommen, daß der es wagen darf, der großen deut⸗ ſchen Sultanin, deren Macht wir kennen, ohne ſie zu fürchten, ſo lange Widerſtand zu leiſten, ohne von ihr beſiegt zu werden. Mein erhabener Herr Krimgirai aber iſt froh, daß er jetzt weiß, was er früher nicht gewußt. Denn ſteht nicht im Koran, dem heiligen Buche der Bücher, geſchrieben:„Sag', ſind denn gleich Diejenigen, die etwas wiſſen, und Diejenigen, die nichts wiſſen.“*) Und ſingt nicht Waſſif der große Dichter,„Wiſſenſchaft iſt Licht, den Geiſt zur Wahrheit leitend. Wie das Licht der Augen, Klarheit verbreitend.“*) Klar alſo ſieht jetzt das Adlerauge meines Herrn, und es ſieht, daß Derjenige ein großer Mann iſt, der ſo klein war, daß man ihn nicht ſah, und jetzt ſo groß iſt, wie ein Rieſe, ſo groß, daß er das Land der großen deutſchen Sul⸗ tanin überſchattet, und die ſtolze und unbeugſame Czarin des Nordens erzittern macht. Er ſendet mich zu Dir, ſeiner Bewunderung Worte zu geben, und zu allererſt, und bevor noch die Worte des Ernſtes geſpro⸗ chen worden, Dir die Geſchenke ſeiner Freundſchaft zu Deinen Füßen niederzulegen. Willſt Du mir geſtatten, Adlerkönig des Nordens, daß ich dies thue? Ich werde mich dieſer Geſchenke freuen, ſagte der König lächelnd, denn ſie ſind mir Zeichen der Freundſchaft des großen Chans. 6 Muſtapha Aga winkte nach der Thür und rief laut einige Worte. Sofort erſchienen in der Thür die beiden nach türkiſcher Art reich und prachtvoll gekleideten Begleiter des Geſandten, welche vorher dem Zug vorangeritten waren und ſtellten ſich, ihre Säbel ſchulternd, neben den beiden Seiten der Thür auf, alsdann kamen je zwei und zwei, die Die⸗ ner und unteren Beamten der Geſandtſchaft, in zierlich geflochtenen, mit Teppichen behangenen Körben die Geſchenke herbeitragend. *) Worte des Korans. Hammer. Bd. 8. S. 136. **) Ebendaſ. S. 343. — 169— Muſtapha Aga winkte den beiden Erſten, zu ihm zu treten, und bevor er dann den Korb öffnete, wandte er ſich wieder dem König zu. Sire, ſagte er, wenn der Tartar ſich Jemand in Liebe und Freund⸗ ſchaft verbündet, ſo ladet er ihn in ſein Haus, und bittet ihn, mit ihm zu eſſen von ſeinem Bkod, ſeinem Fleiſch und ſeinen Früchten, mit ihm zu trinken von ſeinem Wein. Sire, mein großer und erhabener Fürſt bedient ſich meines unwürdigen Mundes, um Eure Majeſtät zu bitten, herabzuſteigen von Ihrem Thron und zu ihm zu treten in ſein Haus, in welchem er im Geiſt gegenwärtig iſt, und mit frohem Herzen den Adlerkönig des Nordens willkommen heißt. Ich wäre gern bereit, die Bitte des hohen Chans zu erfüllen, er⸗ widerte der König lächelnd, nur daß es ein wenig weit iſt von meinem Hauſe bis zu dem Hauſe des Chans. Sire, das Haus meines hohen Herrn ſteht vor der Thür, ſagte Muſtapha Aga ſich tief verneigend. Am Tage unſerer Abreiſe betrat es der Chan und grüßte die Wände mit dem Gruß der Liebe und rief in alle Weltgegenden:„ſei mir gegrüßt, hoher, königlicher Bruder! Sei mir gegrüßt, Adler des Nordens! Meine Seele neigt ſich zu Dir und giebt Dir den Bruderkuß. Sei mir gegrüßt, Du Heldenkönig, Du ver⸗ haßter Feind der Czarin, Krimgirai bietet Dir ſein Herz und ſeine Seele an und will Dein Freund ſein für alle Zeiten.“— Sire, ſo ſprach mein Herr, der Chan, und die Luft ſeines Hauſes iſt voll von ſeinen Worten, ſie haften noch an den Wänden und ſeine Blicke leuchten von der Decke hernieder. Sire, wollen Eure Majeſtät geruhen herabzuſteigen von Ih⸗ rem Thron und meinem hohen Herrn, dem Chan Krimgirai, dem Löwen der Steppe, Ihren Gegenbeſuch zu machen? Der König erhob ſich lebhaft von ſeinem Sitz. Ich bin ganz bereit dazu, ſagte er. Führen Sie mich in das Haus des Chans. Gehen Sie voran und zeigen Sie mir den Weg. Muſtapha Aga winkte den Korbträgern und Dienern und Beamten hinauszugehen, dann ſprach er raſch und dringend einige Worte mit den Sprachknaben, und auch dieſe entfernten ſich. Nun verneigte er ſich bis zur Erde vor dem König, und ſich dann hoch und ſtolz aufrichtend, — 170— ſchritt er ihm voran durch das Zimmer über den Flur bis vor die Haus⸗ thür hin. Draußen vor der Thür bot ſich den verwunderten Blicken des Königs ein überraſchendes Schauſpiel dar. Gerade dem Hauſe gegen⸗ über, auf dem freien Platz, erhob ſich ein hohes Zelt von bedeutendem Umfang, ringsum eingefaßt von einer Art Mauer von Filz, wohl ge⸗ eignet, das Eindringen der Luft und den Zugwind abzuwehren. Von der jetzt noch geſchloſſenen Thür des Zeltes führte ein koſtbarer Teppich bis nach dem Hauſe des Königs hin und aus dem Innern des Zeltes vernahm man leiſe Töne einer in ihrem Rhythmus und ihren Tönen ganz fremdartigen Muſik. Wahrhaftig, ſagte der König, ſich lächelnd an ſeinen Geſandten Herrn von Rexin wendend, es kommt mir vor, als ob ich hier ein Mähr⸗ chen aus Tauſend und Einer Nacht erleben ſoll. Es fehlt nur noch, daß die ſchöne Schehezerade drin auf dem Divan ſitzt und Meiner wartet. Sire, vielleicht thut ſie es, ſagte Rexin. Es iſt uns auf unſerm Wege eine verſchloſſene Kutſche gefolgt, von vier Eunuchen des Chans bewacht. Der König lachte. Nun, ſagte er, ſehen wir zu. Und er ſchritt raſch auf das Zelt zu. So wie er daſſelbe erreicht hatte, flog die Zeltthür auf und Muſtapha Aga empfing den König mit einer Kniebeugung, während die Leute ſeines Gefolges neben der Zelt⸗ thür ſich zur Erde geworfen hatten und mit der Stirn den Boden be⸗ rührten. Der König trat ein und ſchaute neugierig und forſchend ſich um „im Hauſe des Chans.“ Das Innere dieſes rieſengroßen Zeltes war ganz mit purpurrothem Tuche behangen, deſſen Draperien nur unter⸗ brochen waren von zwanzig vergoldeten Stangen, welche das Zelt trugen, und an denen oberhalb eine andere goldene Stange rings um das Zelt herlief. An dieſer Stange waren unterhalb mit goldenen Ringen die rothen Draperien befeſtigt, oberhalb zwanzig andere goldene Stangen angebracht, die, ſchräg zuſammenlaufend, ſich in der Mitte zu einer Spitze vereinigten und ſo den Dom des Zeltes bildeten. Von der Kuppel — 171— hing ein goldenes Rauchfaß nieder, ſüße Wohlgerüche verbreitend, die in bläulichen Wölkchen durch den Raum ſchwebten. Den Fußboden be⸗ deckte ein ungeheurer türkiſcher Teppich und an den Wänden umher ſtanden einige dieſer viereckigen türkiſchen Divans, welche ein Haupt⸗ meuble in den Häuſern der türkiſchen und tartariſchen Großen ſind. In der Mitte des Zelts ſtand ein vergoldeter, niedriger Tiſch, mit einer Platte von glänzendem Porphyr verſehen. Die eine Seite des Zeltes war durch einen ſchweren Vorhang von koſtbarem Gewebe abgetheilt und hinter demſelben ertönte die Muſik, welche jetzt mit lauten, ſchmetternden Klängen den König empfing. Der König trat mit raſchen Schritten bis in die Mitte des Zeltes vor, während ſein Gefolge ſich an den Wänden deſſelben ordnete und Muſtapha Aga mit ſeinen Beamten und den vier Sprachknaben ſich unfern von dem König auffſtellten. Jetzt nahm Muſtapha den Säbel, der auf dem Tiſche gelegen, und nachdem er ihn geküßt, reichte er ihn dem König dar. Sire, ſagte er, der erhabene und große Chan der Tartarei, Krim⸗ girai, ſendet zuerſt Dir ſein Schwert als Zeichen ſeltener Liebe und Ergebenheit. Er bittet Dich am Tage der großen Schlacht, welche Ihr Beide, ſo Allah es gnädigſt geſtattet, der verhaßten Czarin des Nordens mit vereinten Kräften abgewinnen werdet, dieſes Schwert um Deine Hüfte zu gürten. Ein gleiches Schwert, gehärtet in demſelben Feuer und verziert mit demſelben Spruch, trägt der Chan, und wenn dieſe beiden Säbel die Luft durchſchneiden, wird ganz Rußland erbeben, und wie bei einem göttlichen Erdbeben wird es in Trümmer zerfallen. Der König nahm den Säbel, welchen ihm Muſtapha Aga knieend überreichte, und betrachtete ihn aufmerkſam. Dann deutete er auf die vergoldeten Buchſtaben, die ſich durch die reizenden Ornamente der koſt⸗ baren Damascenerklinge der Länge nach hinzogen. Was beſagt dieſer Spruch? fragte er. Sire, erwiderte Muſtapha feierlich, es ſind die Worte, mit welchen der Tartar in die Schlacht zieht, um die Ehre ſeines Hauſes und ſeine Familie zu vertheidigen und zu rächen, um ſein Land gegen den Feind und die bedrohende Knechtſchaft zu ſichern. Der Schlachtruf des Tar⸗ — 172— taren, er lautet alſo:„Den Brand, den Brand, nur nicht die Schand'! Die Rach', die Rach', nur nicht die Schmach!“*) Ich nehme das Schwert, rief der König lebhaft, denn dieſes Motto gefällt mir wohl. Es enthält in wenigen Worten eine ganze Kriegs⸗ geſchichte und ſagt zugleich mehr von der Barbarei des Krieges, als alle gelehrten und frommen Auseinanderſetzungen. Ich ſage dem Chan meinen Dank für ſein ſchönes Geſchenk. Der Chan hört Ihre Worte, Sire, denn ſein Geiſt iſt unter uns, rief Muſtapha Aga, und indem er dann den König bat, auf dem Haupt⸗ divan Platz zu nehmen, trat er zu der Thür des Zeltes und öffnete dieſe. Nun erſchienen wieder die Diener mit den verdeckten Körben und ſtellten ſich je Zwei und Zwei in einer doppelten Reihe in dem Zelte auf.— Muſtapha Aga nahm den erſten Beiden den Korb ab und ſchlug den Teppich zurück. Sire, ſagte er, Du willſt die Gnade haben, mit dem Chan zu eſſen von ſeinem Fleiſch, ſeinem Brod und ſeinen Früchten, zu trinken von ſeinem Liebestrank und ſeinem Wein, auf daß das Band Eurer Freundſchaft unauflöslich werde. Der Chan ſendet Dir hier einen koſt⸗ baren Schinken, einen Beweis ſeiner hingebenden Freundſchaft. Denn, um Dir dieſen Schinken ſenden zu können, hat er ſein Lieblingspferd, das er ſeit manchen Jahren geritten, hat er„den Hirſch der Steppe“ tödten laſſen, damit Dir von dieſem Pferde unvermiſchter, edelſter Race in den Kammern ſeines Hauſes der Schinken geräuchert worden. Als der Sprachknabe dieſe Worte Muſtapha's franzöſiſch wieder⸗ holte, ſah man die preußiſchen Generäle und Herren lächeln und ſich einander ſpöttiſche und entſetzte Blicke zuwerfen. Der König allein blieb ernſt, und ſich zu den Generälen wendend, ſagte er deutſch:„Ach, meine Herren, wie würden wir uns gefreut haben, wenn man uns im Lager von Bunzelwitz dieſen Schinken gebracht *) Dieſer Schlachtruf der Tartaren lautet in der Urſprache: En-nar, en- nar, we la el aar, et thar, et thar, we la el aar! Siehe Hammer: Ge⸗ ſchichte des Osmaniſchen Reiches. Th. 8. S. 123. — 173— hätte, und mit welcher Begier würden wir Alle denſelben gegeſſen haben.“ Dann wandte er ſich wieder mit heiterm Blick dem Geſandten zu, der ihm jetzt aus den anderen Körben Kaviar, Butarga und Zibeben, Datteln und Mandeln in ſilbernen Schalen darreichte und dieſelben zu den Füßen des Königs niederſetzte. Nun ließ er einen lauten, gebieteriſchen Ruf vernehmen, ſofort öffnete ſich die Thür des Zelts, und es erſchien ein Tartar in weißem Wolfspelz, eine goldene Schale in der Hand haltend, in der ſich eine weiße dam⸗ pfende Flüſſigkeit befand. Muſtapha nahm ſie und kniete mit derſelben vor Friedrich nieder. Sire, ſagte er, mein erhabener Gebieter Krimgirai bittet Dich, mit ihm zu trinken von ſeinem Lieblingstrank. Er hat, bevor er Dir dieſe Schale ſandte, mit den Lippen den Rand derſelben geküßt, und wenn Du jetzt die Deinen an die Schale hefteſt, ſo findet der große Adler und Held des Nordens da den Bruderkuß des Adlers und Helden des Süden. Was iſt das? fragte der König leiſe Herrn von Rexin, der zur Seite des Divans ſtand. Sire, es iſt Pferdemilch, flüſterte Rexin. Der König zuckte leicht zuſammen, und faſt wäre der Inhalt der Schale, die er eben von Muſtapha angenommen hatte, verſchüttet wor⸗ den. Aber dann überwand der König dieſes Erſchrecken und hob ruhig und lächelnd die Schale empor. Nachdem er ſeine Lippen an den Rand derſelben gelegt, reichte er ſie wieder dem Geſandten dar. Ich habe von dem Rande der Schale den Kuß meines Freundes getrunken, ſagte er. Möge unſerer Freundſchaft eine lange Dauer ge⸗ währt ſein! Allah gewähre dieſen Wunſch! rief Muſtapha emphatiſch. Sire, mein hoher Chan ſendet Dir ſeine Grüße, und da er hoffen darf, daß Dir wie ihm das berauſchende Lieblingsgetränk jedes ächten Tartaren wohlſchmeckend erſcheinen werde, ſendet er Dir das edle, feurige Thier, die arabiſche Stute, die im Stande iſt, Dir dieſen Trank zu bieten. Er ſchlug die Thür des Zeltes auf; draußen ſtand ein Pferd edel⸗ ſter, arabiſcher Race aufgeſchirrt und gezäumt mit koſtbarem Sattelzeug — 174— und unter dem Sattel geziert mit einer Purpurdecke, die mit Edelſteinen und ächten Perlen geſtickt war. Des Königs Augen glänzten vor Freude, und wie er lebhaft jetzt das Zelt durcheilte und zu dem Pferde hinſchritt, ſchien das Thier ſeinen neuen Herrn begrüßen zu wollen, denn es wieherte laut auf und ſcharrte mit dem niedlichen Fuß im Sande. Der König ſtreichelte wohlgefällig ſeinen glänzenden, ſchlanken Hals und ſtrich ihm die volle, flatternde Mähne und ſchaute ihm in die großen, blitzenden Augen. Sei mir willkommen, mein Schlachtroß, ſagte er, mögteſt du mich in nächſter Schlacht dem Siege oder dem Tode entgegentragen! Dann ging er wieder in das Zelt zurück, um ſich wieder auf den Divan zu ſetzen und die übrigen Geſchenke des Chans, beſtehend in koſt⸗ baren Waffen und Pelzen, entgegenzunehmen. Und jetzt Sire, ſagte Muſtapha dann, jetzt bittet Dich der Chan auszuruhen in ſeinem Zelt, und anzuhören die Muſik, welche er liebt, und anzuſchauen die Tänze, welche ſein Auge erfreuen. Mein Gebieter weiß, daß der große König von Preußen die Muſik gleich ihm liebt und daß der Geſang Dein Herz erfreut wie das ſeine. Wenn er auszieht zum Kriege, will heißen zum Siege, nimmt er ſeine Muſikbande und Sänger mit und ſeine Baladinen müſſen vor ihm die Tänze des Sieges tanzen. Auch liebt er, gleich Dir, das Schauſpiel, an den Abenden müſſen ſie vor ihm ihre luſtigen Poſſen aufführen.*) Der Chan bittet Dich, ſeinen Sängern und Muſikern zu erlauben, vor Dir zu ſingen, ſeinen Tänzerinnen, vor Dir zu tanzen. Wird Eure Majeſtät ſeiner Bitte Gewährung verleihen? Ich bin bereit zu hören und zu ſehen, ſagte der König. Sofort öffnete ſich auf einen Wink Muſtapha's der im Zelt angebrachte Vor⸗ hang und vier Mädchen in leichten, durchſichtigen Gewändern, ſchön und lieblich von Angeſicht, mit Augen, leuchtend wie Flammen, mit Lippen, glühend wie Purpurroſen, ſchwebten hervor, und führten zum Klange der Mandoline grazieuſe, menuetartige Tänze auf. *) Hammer: Geſchichte des Osmaniſchen Reiches. Bd. 8. S. 14. — Nachdem ſie dieſe geendet, kauerten ſie ſich ſtill neben dem Vorhang nieder und ſchauten mit großen, ſtaunenden Blicken hinüber nach den preußiſchen Kriegern. Sodann traten hinter dem Vorhang vier Jünglinge hervor und ſetzten ſich den Mädchen gegenüber. Die Muſik hinter dem Vorhang ſtimmte eine neue zarte Weiſe an und nun begann der Wechſelgeſang der Mädchen und Jünglinge. Zuerſt ſang der Vorſänger jeden Vers des Liedes, und dann wiederholten ihn Alle im Chor, den Geſang mit Händeklatſchen und allerlei ſchaukelnden Bewegungen des Körpers be⸗ gleitend. Dann erhoben ſich zwei der Mädchen, und den zurückgewor⸗ fenen Hauptſchleier über ihr Antlitz ziehend, ſo daß nur die flammenden Augen ſichtbar blieben, ſchwebten ſie leiſe bis an das Ende des Zeltes und tanzten dann den Jünglingen entgegen, die jetzt den Geſang der Liebe begannen, mit niedergeſchlagenen Augen, demüthig und ſcheu, nicht wagend, den ſchönen Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit bei ſeinem Namen zu nennen, ſondern ihn anredend als„das junge Kameel,“„das Schiff der Herzenswüſte,“ und dann anſtimmend den Nachtgeſang der Liebe:„Die Reiter kommen, o Dieba, die Reiter kommen, wie Diebe, die Reiter von Dieba, o Liebe.“— Aber dann nach derſelben Melodie ſtimmten ſie an das Schlachtlied des Tartaren: „Ihr Vögel mit dem kahlen Kopfe, Du Geyer und Du Weihe, Daß Menſchenfleiſch den Hals Euch ſtopfe, Miſcht Euch in Schlachtenreihe.“*) Dieſem erſten Vers folgten dann Schilderungen der Schlachten und Kämpfe, man hörte das Geheul der Krieger, den Schlachtruf der Tar⸗ taren und endlich nach erfochtenem Siege das lautſchallende, machtvolle Lili der Weiber(das Hallelujah der Lilith). Nachdem der Geſang beendet, neigten ſich die Sänger und Sänge⸗ rinnen tief bis zur Erde nieder und verſchwanden dann wieder hinter dem Vorhang. Die Muſik verſtummte; der König erhob ſich von dem Divan, und *) Mémoires du Baron de Tott. Vol. II. p 112. * — 176— ſich an Muſtapha wendend, ſagte er: Ich verdanke dem Chan, Deinem mächtigen Gebieter, eine ſchöne Stunde, und indem ich ſein Haus ver⸗ laſſe, um in das meine zurückzukehren, nehme ich eine angenehme Erin⸗ nerung mit mir. Sire, ſagte Muſtapha, der Chan bittet Dich, dieſes Zelt das Deine zu nennen und es anzunehmen als ein Zeichen ſeiner Freundſchaft. Der König neigte lächelnd das Haupt und verließ dann das Zelt, indem er Rexin beauftragte, jetzt mit dem Tartarengeſandten zu ernſter Beſprechung in ſein Haus zu kommen. Alsdann entließ der König, vor der Thür ſeines Hauſes angelangt, die Generäle und ſein ganzes glänzendes Gefolge, und trat, nur von Rexin, dem tartariſchen Geſandten und deſſen Dolmetſcher begleitet, wieder in ſein Gemach ein. Und jetzt laſſen Sie uns von Geſchäften ſprechen, ſagte der König. Welche Nachrichten bringen Sie mir von dem Tartarenchan, welche Ant⸗ wort ſendet er mir auf meinen Vorſchlag? Sire, er iſt bereit, Alles zu erfüllen, was Deine Majeſtät wünſchen kann und Dir jede Hülfe zu leiſten, vorausgeſetzt, daß Du nicht Friede machen willſt mit unſerem verhaßten Feinde, mit Rußland, ſondern un⸗ ermüdet und unaufhaltſam den Krieg ſo lange fortſetzen willſt, bis Ruß⸗ land gedemüthigt zu unſern Füßen liegt. Ah! rief der König, der Chan der Tartarei kann die Kaiſerin von Rußland nicht glühender haſſen, wie dieſe mich haßt; er hat alſo nicht nöthig, ein Freundſchaftsbündniß zwiſchen mir und Rußland zu fürchten. Auch gelüſtet mich nicht nach einer Freundſchaft mit dieſen rohen Barbaren. Wenn die Kaiſerin von Rußland Deine Majeſtat haßt, ſo thut ſie Dir daſſelbe, was ſie Krimgirai thut. Rußland haßt Alles, was hoch⸗ herzig, edel und freiſinnig iſt, Rußland haßt die Aufklärung und die Cultur, denn die Aufklärung iſt das Licht, die Cultur die Freiheit, und Beides ſind die Erbfeinde Rußlands. Rußland haßt Krimgirai, weil er ſein Volk zu einem geſitteten gemacht hat, weil er die rohen Horden ſeiner ſtreitbaren Männer in ein Heer kräftiger, kühner und gebildeter Krieger umgewandelt hat, weil er mit Menſchlichkeit ſeine Unterthanen — 177— regiert, und dieſem ein Vater, dem Feinde aber ein Schreckniß iſt.— Krimgirai haßt Rußland, wie er alles Böſe und alles Gemeine und Rohe haßt, und darum iſt er bereit, Dir beizuſtehen gegen Rußland und mit einem Heer von ſechszehntauſend Mann zu Dir zu ſtoßen, auch wenn Du es willſt, in Rußland einzufallen. Und was für eine Bedingung ſtellt der Chan für dieſe Hülfs⸗ leiſtung?. Er bittet, daß Du ſeinen Truppen den Sold geben mögeſt, den Du Deinen eigenen Soldaten giebſt. Und für ſich ſelber? Für ſich ſelber bittet er. Dich, ihm einen geſchickten Arzt zu ſenden, der ihn von ungefährlichen, aber ſchmerzhaften Leiden zu heilen ver⸗ möge.— Weiter bittet er Dich um Dein Vertrauen und Deine Freund⸗ ſchaft! 3 Die ich ihm gern gewähre! rief der König heiter. Aber jetzt ſagt mir noch Eins. Hat ſich der Chan noch immer nicht mit ſeinem Ober⸗ herrn, dem Großſultan der Türkei, verſöhnt? Sire, der Großſultan fühlte, daß er ſeines tapfern Chans nicht entbehren könne. Er rief ihn alſo, ihm ſeine Gnade kündend, und Krim⸗ girai's edles Herz, welches keinen Groll kennt, vernahm den Ruf und folgte ihm. Eine Woche, bevor wir unſere Abreiſe antraten, hat der große Chan im Serai des Großherrn ſeinen feierlichen Aufzug gehalten. Als beſondere Auszeichnung hatte man dazu vor dem Serai vierzig eben angekommene Köpfe der rebelliſchen Montenegriner aufgeſteckt, und im Beiſein des Großherrn ſelbſt ward der Chan auf's Neue mit Säbel und Gürtel, mit Köcher und Bogen, Kalpak und Reiger und ſtattlichem Pferd als Chan wieder inſtallirt. Auch gab ihm der Großherr ſelber in einer Brieftaſche ein Ehrengeſchenk von vierzigtauſend Ducaten.*) Du ſiehſt alſo, Sire, daß auch der hohe Großherr die Tugend Deines Verbündeten ſchätzt und anerkennt! *) Hammer: Geſchichte des Osmaniſchen Reiches. Bd. 8. S. 315. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. II. 12 — 178— Und wie ſtehen wir denn mit der Pforte? fragte der König, ſich an Herrn von Rexin wendend. Sire, es iſt mir gelungen, im Namen Eurer Majeſtät einen Freund⸗ ſchaftsvertrag mit der Pforte abzuſchließen, ſagte Rexin. Ich werde die Ehre haben, denſelben Eurer Majeſtät zur Unterſchrift vorzulegen. Des Königs Augen ſtrahlten vor Vergnügen und ein heiteres Lächeln verklärte ſein Antlitz. Endlich! rief er freudig. Das Ziel jahrelanger Mühen iſt endlich erreicht und ganz Europa zum Trotz habe ich jetzt auch meine Bundesgenoſſen! Dann wandte er ſich wieder an Muſtapha Aga, um ihn für heute zu entlaſſen und ihm zu erlauben, während ſeiner Anweſenheit im Lager das ſchöne Geſchenk des Chans, das Zelt als eine Erinnerung an die Heimath zu bewohnen. Muſtapha Aga zog ſich mit dem Sprachknaben zurück und der König blieb allein mit dem Herrn von Rexin, der ihm jetzt die Papiere über dieſen, ſeit zehn Jahren erſtrebten und wieder vereitelten Freund⸗ ſchaftsvertrag mit der Türkei vorlegte und ſeine Einwilligung und Unter⸗ ſchrift für denſelben erbat. Dieſer Vertrag ſicherte Preußen alle die Vorrechte zu, welche die Türkei den andern europäiſchen Mächten ge⸗ währte: freie Schifffahrt, die Rechte der Geſandten und Conſuln, die Gerichtsbarkeit in den Sachen preußiſcher Unterthanen und die perſön⸗ liche Freiheit aller preußiſchen Unterthanen, die auf keinem Borde zu Sclaven gemacht werden konnten.*) Der König verlieh dieſem Vertrage die Unterſchrift und ernannte Herrn von Rexin zu ſeinem bevollmächtigten Miniſter, den er damit beauftragte, mit dem Geſandten des Tartarenchans wieder abzureiſen und dem Großſultan in feierlicher Audienz die unterſchriebene Beſtäti⸗ gungsurkunde zu überreichen.**) *) Hammer: Geſchichte des Osmaniſchen Reiches. Bd. 8. S. 241. *) Herr von Rexin hatte in der That mit großen Widerwärtigkeiten und Hinderniſſen zu kämpfen gehabt, bevor es ihm gelang, dieſen Freundſchaftsver⸗ trag mit der Pforte zu Stande zu bringen, und nur durch Beſtechung war es ihm endlich gelungen. Durch den Arzt des Großveſirs, Namens Ypſilanti, und — 179— So möge denn der Kampf auf's Neue beginnen, ſagte der König als er wieder allein war. Ich werde ihn mit dem neuen Jahr wieder auf⸗ nehmen und werde kämpfen, wie ich gekämpft habe, das Eine nur im Auge habend, meine Ehre und die Ehre Preußens! Nie werde ich den Augenblick ſehen, der mich zu einem nachtheiligen Frieden nöthigen könnte. Es giebt keine Ueberredung, keine Beredtſamkeit, die mich dahin bringen könnte, meine Schande zu unterzeichnen. Ich werde mich entweder unter den Trümmern meines Vaterlandes begraben, oder ich werde, wenn dieſer Troſt dem mich verfolgenden Geſchicke noch zu ſüß iſt, meinem Unglück ein Ende zu machen wiſſen. Die Ehre allein hat meine Schritte bis hierher geleitet und ſoll ſie auch ferner leiten! Ich habe meine Zu⸗ gend meinem Vater, mein Mannesalter meinem Vaterlande geopfert und werde doch nun wohl das Recht haben, über mein Alter zu gebieten. Es giebt Leute, die gegen das Geſchick folgſam ſind, aber das iſt meine Sache nicht! Habe ich für Andere gelebt, ſo will ich wenigſtens für mich ſterben können, unbekümmert, was man davon ſagen wird. Nichts den Secretair des Großveziers, Ali, gelangte er endlich zu ſeinem Ziel, aber es koſtete dem König die bedeutende Summe von achtzigtauſfend Piaſtern.— Der ruſſiſche Geſandte zu Konſtantinopel und der öſterreichiſche Internuntius, als ſie von dieſem Freundſchaftsvertrag der Pforte mit Preußen endlich Kunde er⸗ hielten, ſchlugen ihren Höfen vor, hunderttauſend Ducaten daran zu ſetzen, um den Tractat noch vor der Beſtätigung umzuſtoßen, aber ehe noch die Höfe etwas darüber entſchieden hatten, waren die Urkunden ausgewechſelt, obwohl der die türkiſche Nachricht überbringende preußiſche Courier von dem ihn begleitenden Janiſcharen zu Aidos erſchoſſen worden, weil dieſem, wie er behauptete, Rexin neunhundert Piaſter ſchuldig geblieben.(v. Hammer: Geſchichte des Osmani⸗ ſchen Reiches. Bd. 8. S. 241.) Indeſſen kam der Vertrag doch nicht zu ſeiner Ausführung, denn der freiſinnige nnd großdenkende Großvezier Raghib ſtarb bald darauf und ſein Nachfolger Hamet Hamſa wußte den Sultan Muſtapha III., der überdies einem Frieden mit Oſterreich mehr geneigt war, zu bereden, den Friedensvertrag als ungeſetzlich und nur durch Beſtechung erlangt wieder auf⸗ zuheben. Ypſilanti ward unter dem Vorwand, weil er zwei ſeiner Sclavinnen geprügelt, erhängt, und Ali„wegen zu großer Gefälligkeit“ nach Cypern ver⸗ bannt.(v. Hammer: Bd. 8. S. 266). 12* ſoll mich zwingen, einem ſchnellen und entſchloſſenen Tode ein kraftloſes Alter vorzuziehen, voller Verdruß und Schmach, voll Betrübniß über vergangenes Glück und voll Beleidigungen!— Ich werde Alles wagen, ich werde zur Erreichung meiner Pläne die kühnſten Dinge unternehmen oder einen ehrenvollen Tod ſterben!*) Aber nein! nein! fuhr der König nach einer kurzen Pauſe lächelnd fort. Ich will nicht mehr ſo trübe und verzweifelte Gedanken an einem Tage hegen, der mir nach ſo langen Gewitterſtürmen den erſten Strahl der Sonne zeigt. Vielleicht mag das Jahr zweiundſechzig ein glückliche⸗ res ſein, wie das verfloſſene.**) Schon ſtehe ich nicht mehr allein; auch ich habe jetzt meine Freunde und Bundesgenoſſen. Was kümmert es mich, daß die Welt meine neuen Freunde Ungläubige nennt und mit ſtolzem Chriſtendünkel zu ihnen herniederſieht. Ich habe Chriſten ſich untereinander zerfleiſchen, ſich höhnen und verrathen, ſich morden und **) Die ganze Rede enthält nur des Königs eigene Worte. Siehe Oeuvres de Frédéric le Grand. Vol. 19. p. 130. *) Dieſe Ahnung des Königs betrog ihn nicht. Denn ſchon im Beginn des Jahres 1762 ſtarb die Kaiſerin Eliſabeth von Rußland, und ihr Nachfolger, Peter III., ein leidenſchaftlicher Verehrer Friedrich des Großen, ward jetzt Preußens Bundesgenoſſe, und ſeine Truppen, die bisher gegen den König ge⸗ kämpft, mußten jetzt für ihn in's Feld ziehen. Katharina veränderte dieſe Anord⸗ nungen ihres Gemahls nicht, ſondern blieb Preußens Bundesgenoſſe, und da auch Frankreich vom Kriegsſchauplatz zurückgetreten war, ſah Oeſterreich ſich endlich im Jahre 1763, weil ſeine Kaſſen ganz erſchöpft waren, genöthigt, den Frie⸗ den mit Preußen abzuſchließen.— Wegen der veränderten Zuſtände in Rußland bedurfte Friedrich nun auch des Tartariſchen Bundesgenoſſen nicht mehr und Krimgirai, der ſchon auf dem Marſch geweſen, kehrte mit ſeinem Heer in die Heimath zurück. 1769 aber viefen die Polen ihn zur Hülfe wider Rußland auf, Krimgirai zog mit einem bedeutenden Heer zu ihnen, ward aber unterwegs von dem im ruſſiſchen Solde ſtehenden griechiſchen Arzt Siropulo vergiftet. Als er ſich ſterben fühlte, befahl er ſeinen Muſici zu ſpielen, damit er, wie er zum Baron von Tott ſagte,„heiter und ſüß einſchlafen könne.“ Dies geſchah. Unter den ſchmelzenden Tönen hinſterbender Muſik hauchte Krimgirai ſein Leben aus, Ende Februar 1769.(Siehe Mémoires du Baron de Tott sur les Turcs et les Tartares. Vol. II. p. 206.) — 181— betrügen ſehen. Vielleicht ſind die Ungläubigen beſſere Chriſten, als die Gläubigen! Verſuchen wir es mit ihnen! Da Alles mich verläßt, bieten ſie mir ihre Freundeshand. Das iſt der erſte Sonnenſtrahl, der mir leuchtet. Der Himmel ſei mir geſegnet dafür. Vielleicht folgen den wüſten Stürmen jetzt die ſchönen Tage! Möge Gott es geben!*) *) Des Königs eigene Worte. Ende des zweiten Bandes. Druck von Jacoby& Steinthal in Berlin. Kapitel I. II. Inhalt des zweiten Pandes. Die Tereſiani und Pruſſiani.......3 Friedrich der Große als Heiliger...... 13 Die Kloſterbrüder von San Giovanni e Paolo.....21 Die Heimkehr von der Armee....... 37 Die tapferen Väter und die feigen Söhne...... 49 Des Verräthers Verrath........... 62 Die Anklage................ 70 Vendetta.............. 822 Trenck.... ö Trenck, biſt Du da⸗...... 928 Der König und der deutſche Gelehrte.. 1100 Gellert.......... 122 Der Dichter und der König.......... 134 Der König und der Dorfſchnlze......... 142 Der Heirathsantrag............. 149 Der Geſandte des Tartarenchans. —— ——“ .——— —— “ —