P 2 — — 2 A„„„ O Nt G 6/2 —--——= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 2„„ 3„ 3„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefayr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der König mit ſeinen alten und ſeinen neuen Feinden. Drei Jahre, drei lange, ſchreckensvolle Jahre waren vergangen ſeit dem Beginn dieſes furchtbaren Krieges, in welchem König Friedrich von Preußen allein und ohne weitere Verbündete, als das ferne England dem ganzen, kampfgerüſteten Europa gegenüberſtand. Dieſe drei Jahre hatten indeß die ſtolzen und ſiegesgewiſſen Feinde Friedrich's überzeugen müſſen, daß der König, den der Papſt noch immer den„Marquis de Brandebourg“ nannte, gegen den er ſeinen Bannſtrahl geſchleudert, und den der deutſche Kaiſer in die Reichsacht erklärt, daß der König trotz der Widerwärtigkeiten, die ihn von allen Seiten bedrohten, dennoch immer ein muthiger und unverzagter Gegner blieb, den man jetzt beinahe anfing zu fürchten, nachdem man ſo lange vermeint hatte, ihn ganz und gar vernichten und den König von Preußen wieder zu dem kleinen Churfürſten von Brandenburg zurückführen zu können. Aus allen Schlachten, aus allen Mühen und Drangſalen war der König immer mit leuchtender Stirn, mit ſtrahlendem Auge und mit unerſchüttertem Muthe hervorgegangen, und ſelbſt die verlorenen Schlachten hatten nicht den Glanz der gewonnenen Schlachten trüben können, denn in dieſen wie in jenen, hatte ſich der König als ein Held bewieſen, größer noch nach der Schlacht durch ſeine Ruhe und Entſchloſſenheit, durch die un⸗ beugſame Energie, durch die klare Beſonnenheit, mit welcher er ſeine 1* Lage überſchaute und das Böſe zum Guten zu wenden verſtand. Seine Feinde konnten daher nach einer gewonnenen Schlacht wohl ſagen, daß ſie den König von Preußen beſiegt, aber niemals, daß ſie ihn Überwunden hätten. Denn immer wieder ſtand der König gerüſtet und kampfbereit ihnen gegenüber, ſie angreifend, wenn ſie es am wenigſten vermutheten, jede ihrer Schwäche benutzend, aus jedem ihrer Fehler Vortheil ziehend. Die fallenden Reihen ſeiner Soldaten ſchienen nur die Drachenzähne zu ſein, welche der König in die Erde ſäete, neue gewappnete und kampf⸗ bereite Krieger daraus emporwachſen zu laſſen, und während in den Heeren der verbündeten Oeſterreicher, Sachſen und Ruſſen Hunger und Krankheit herrſchten, während man in Wien, Petersburg und Dresden begann, die Koſten des Krieges als eine drückende, kaum noch aufzu⸗ treibende Laſt zu empfinden, war die preußiſche Armee geſund und wohl verſehen mit Vorräthen, und die Kaſſen des Königs, Dank den engliſchen Subſidien und dem leichten Gelde, ſchienen unerſchöpflich zu ſein. So waren, wie geſagt, jetzt ſchon drei Jahre des nie raſtenden Krieges vergangen. Sie hatten die Heldenſtirn des Königs mit neuen Lorbeern umwunden und dieſe waren ſo voll und glänzend, daß die verlorenen Schlachten nicht im Stande waren, einen Schatten auf die⸗ ſelbe zu werfen. Die Schlachten von Lowoſitz, von Roßbach, von Leuthen und von Zorndorf waren ſo glänzende Siege geweſen, daß ſie nicht durch die Niederlagen von Collin und Hochkirch verdunkelt werden konnten, wie ſehr auch ſeine Feinde bemüht waren, ihren Siegesjubel durch ganz Europa zu ſchmettern, ihre Siege als entſcheidende zu preiſen und alle Mittel anzuwenden, um ihre Armeen und ihre Völker das glauben zu machen. Dieſen Feinden des Königs, welche mit dem Schwerte gegen ihn kämpften, hatte ſich jetzt noch ein furchtbarer Feind hinzugeſellt, welcher mit den heiligen Worten der Bibel gegen ihn losging. Dieſer neue Feind war der Papſt Clemens der Dreizehnte, der ſeit dem Mai des Jahres 1758 den apoſtoliſchen Thron beſtiegen hatte, und ſich laut und ohne Rückhalt zu dem unverſönlichen Feind dieſes kleinen Marquis von Brandenburg erklärte, der es wagte, in ſeinen Landen Aberglauben und Frömmelei dem Geſpött und Gelächter Preis zu geben, der die geheiligte Finſterniß der Kirche mit dem grellen Licht der Aufklärung, vielleicht ſogar der Freigeiſterei durchleuchtet hatte, der die Prieſter mißachtete, und oft ſogar ſchon Diejenigen, welche die heilige katholiſche Mutterkirche wegen Ketzerei und Unglauben verbannt hatte, in ſeinen Landen aufge⸗ nommen und ſie unterſtützt hatte. Benedict der Vierzehnte, der Vorgänger des jetzigen Papſtes, hatte ſich wohl auch zu den Feinden des Königs bekannt, aber er war weiſe genug geweſen, zu ſchweigen, um den vielen katholiſchen Unterthanen des Königs, den vielen Klöſtern und Collegien nicht den Zorn des Königs zuzuziehen. Aber Clemens in ſeinem fana⸗ tiſchen Eifer genügte das nicht. Er wollte mit Hand und Mund kämpfen gegen den ketzeriſchen König, er erhob gegen ihn den Bannſtrahl der Kirche, er ſchleuderte gegen ihn Worte der Verwünſchung und ſpendete Denen, welche gegen ihn kämpften, Worte des Segens und des Heils. Dieſem fanatiſchen Haß des Papſtes verdankte Oeſterreich eine neue Würde, einen neuen Titel, denn Dank ſeiner Feindſchaft gegen den ketze⸗ riſchen König von Preußen, und zum Lohne für die großen und vor⸗ trefflichen Verdienſte, welche Oeſterreich in dieſem Kriege gegen den „Ketzerfürſten“ ſich um den römiſchen Stuhl erworben, legte der Papſt der Kaiſerin von Oeſterreich für ſich und ihre Nachkommen den Titel und die Würde einer„Apoſtoliſchen Majeſtät“ bei.— Aber nicht bloß das Kaiſerhaus Oeſterreich, ſondern ſeine Feldherren und die ganze Armee der gläubigen und frommen Chriſten ſollten es inne werden, daß der Segen des Papſtes auf ihren Waffen ruhe, und ſie feie gegen alles Ungemach und alle Niederlagen. Der glänzende Siegestag von Hochkirch mußte daher von dem Papſt noch beſonders gefeiert werden, und die Armee der Verbündeten zu neuen ruhmvollen Waffenthaten anſpornen. Deshalb ſandte der Papſt dem Feldmarſchall Daun, welcher die Schlacht bei Hochkirch gewonnen, einen geweihten Hut und Degen, und machte damit den politiſchen Krieg zu einem religiöſen, bei dem es ſich nicht mehr bloß um Länderbeſitz, ſondern um den heiligen Kampf gegen den drohenden ketzeriſchen Feind der katholiſchen Kirche handelte, und wobei der fanatiſche Prieſter gar nicht in Betracht nahm, daß einem alten hiſtoriſchen Gebrauch gemäß die Päpſte dieſe Weihgeſchenke immer nur an ſolche Generäle verliehen, welche entweder die Ungläubigen beſiegt oder barbariſche Völker unterjocht hatten.*) Aber der König Friedrich von Preußen lächelte nur zu dieſen widerſinnigen Angriffen des Statthalters Gottes. Für ſeine mit dem Schwert umgürteten Feinde hatte er das Schwert, für ſeine mit der Zunge und der Feder wider ihn kämpfenden päpſtlichen Feinde bediente er ſich derſelben Waffen: der Zunge und der Feder. Und wenn er den Erſteren im offenen Felde gegenüberſtand, bekämpfte er die Anderen von ſeinen Winterquartieren aus mit dieſen beißenden, ſanglanten und höh⸗ nenden„fliegenden Blättern“, welche damals ganz Europa lachen machten und die Großthaten des Papſtes unter dem Fluche der Lächerlichkeit zerbröckelten. Denn der geweihete Hut und Degen des Feldmarſchalls Daun verlor ſeine Weihe durch dieſen„Dankſagungsbrief des Feld⸗ marſchalls Daun an den Papſt“, welchen der König verfaßte, und der ſelbſt in Oeſterreich ſeine Lacher und Bewunderer fand, ebenſo durch das„Glückwunſchſchreiben des Prinzen Soubiſe an den Feldmarſchall Daun.“ Und wenn der Papſt den preußiſchen König als den ketzeriſchen „Marchese di Brandenburgo“ bezeichnete, ſo nannte ihn der König da⸗ für in ſeinen Briefen Phihihu's„den Groß⸗Lama“ und ergoß ſich in beißender Satyre über die dem Statthalter Gottes zugeſtandene Unfehl⸗ barkeit. Aber nicht den Papſt allein geißelte die ſatyriſche Feder des Königs; ſanglanter noch traf ſie die keuſche und ſittenſtrenge Kaiſerin Maria Thereſia in dem„Briefe der Marquiſe von Pompadour an die Königin von Ungarn“, in welchem das unerhörte Freundſchafts⸗ bündniß zwiſchen der tugendhaften Kaiſerin und der üppigen Maitreſſe arg genug gegeißelt ward.**) Und man las nicht allein dieſe Briefe, die in *) Oeuvres posthumes Vol. III. p. 344. *.) In dieſem Briefe beſchwert ſich die Marquiſe, daß die Kaiſerin es ihr unmöglich gemacht habe, zu ihr zu eilen, und ihr in Wien die Huldigungen ihrer Liebe und Freundſchaft darzubringen, weil Maria Thereſia in Wien den Gerichts⸗ hof der Tugend eingeführt habe, und dieſer ſchwerlich ſie begnadigen könne. Die Marquiſe beſchwört daher die Kaiſerin, ihre Strenge fahren zu laſſen, dieſe fürchterlichen Tugendtribunale abzuſchaffen und ſich der Allgewalt der herrlichen Göttin Venus zu beugen. Alle dieſe„Briefe und Sendſchreiben“ ſinden ſich geſammelt in den Suppléments zu den Oeuvres posth. Vol. III. p. 222— 365. ſo vielen tauſend Exemplaren verbreitet waren, ſondern man war ſogar naiv genug, an die Aechtheit derſelben zu glauben, ſo daß der öſterrei⸗ chiſche Hof ſich zu der öffentlichen Erklärung veranlaßt ſah, alle dieſe Briefe ſeien untergeſchoben, der Feldmarſchall Daun habe vom Papſt nicht eine geweihte Perrücke, ſondern einen geweihten Hut erhalten, und niemals habe die Kaiſerin von der Marquiſe von Pompadour einen auch nur annäherungsweiſe ähnlichen Brief erhalten.*) Dieſe„fliegenden Blätter“ wie geſagt, das waren die Waffen, mit welchen der König ſeine Feinde bekämpfte, wenn die rauhe Jahreszeit es unmöglich machte, ihnen im offenen Felde gegenüber zu ſtehen. In dem Winterquartier von 1758 entſtanden die meiſten dieſer fliegenden Blätter, und Niemand, außer dem vertrauteſten Freunde des Königs, dem Marquis d'Argens, ahnte, wer der Verfaſſer dieſer gehaßten und gefürchteten Satyren ſei. Auch die Feinde des Königs benutzten die Winterruhe zu allerlei Angriffen und Feindſeligkeiten. Ihre Spione und Kundſchafter ver⸗ theilten ſich durch ganz Deutſchland, unter den verſchiedenſten Masken und Geſtalten wußten ſie ſich überall, ſelbſt in Berlin in den höchſten geſellſchaftlichen Kreiſen Eingang zu verſchaffen. Mit allen Mitteln der Schmeichelei, der Beſtechung, der glänzenden Verſprechung wußten ſie ſich Anhänger und Freunde, und dem Wiener Hofe inmitten der preußiſchen Hauptſtadt Kundſchafter und Berichterſtatter zu erwerben. Aber ſie begnügten ſich nicht damit allein, ſondern ihre hochfliegenden und kühnen Pläne wollten in dem Innern des Landes ſelbſt ſich Bundes⸗ genoſſen und Streiter werben, und den Krieg auf verrätheriſche Weiſe in die Feſtungen und die Ringmauern der Städte hineinſpielen. Den in den preußiſchen Feſtungen befindlichen öſterreichiſchen und ruſſiſchen Gefangenen wußte man heimlich den Plan einer Verſchwörung mitzutheilen, welche die preußiſche Feſtung Küſtrin in den Beſitz der Feinde bringen, und den Heeren derſelben neue Streitkräfte zuführen ſollte. Freilich war die Zahl der in Küſtrin gefangenen Ruſſen, welche man nach der Schlacht von Zorndorf dorthin geführt, der Beſatzung der Feſtung faſt *) Lebensgeſchichte Laudon's von Johann Pezzl, S. 102. um die Hälfte überlegen, und wenn es ihnen gelungen wäre, ſich der bei Zorndorf eroberten einhundert und drei Kanonen zu bemächtigen, welche auf dem Marktplatz als leuchtende Siegestrophäen aufgeſtellt waren, ſo wäre es wohl ein Leichtes geweſen, die preußiſche Beſatzung zu überfallen und zu bewältigen und ſich zum Herrn der Feſtung zu machen. Das war der Plan, welchen man erſonnen hatte, und den man auszuführen im Begriff war. Aber am Tage vor dieſer Aus⸗ führung ward er entdeckt; der preußiſche Commandant ließ die Wachen vor den Kaſematten, in welchen dreitauſend ruſſiſche Soldaten gefangen lagen, verdoppeln, und die ruſſiſchen Ofſiciere in Arreſt bringen. Der Anführer derſelben, Lieutenant von Lüders aus Kurland, ward angeklagt, vom Kriegsgericht verurtheilt und auf Befehl des Königs gerädert.— Aber dieſes abſchreckende und fürchterliche Beiſpiel hatte dennoch nicht ſeine Früchte getragen. Immer neue Verſuche wurden gemacht, immer neue Verſchwörungen der Gefangenen entdeckt, und wenn die Heere der verbündeten Feinde Preußen von Außen angriffen, ſo führten die Ge⸗ fangenen im Innern Preußens einen nicht minder gefährlichen kleinen Guerillakrieg, der um ſo bedrohlicher war, da er nicht mit offenem Viſir und bei Tage, ſondern nur in dem Schatten der Nacht und unter dem Schleier der Verſchwörung geführt werden konnte. Nirgends ward dieſer kleine Guerillakrieg indeß in größerem Maß⸗ ſtab getrieben, als in Berlin ſelbſt. Hierher hatte der König alle die bei Roßbach gefangenen franzöſiſchen, alle die bei Leuthen gefangenen öſterreichiſchen und die bei Zorndorf gefangenen höheren ruſſiſchen Offi⸗ ciere bringen laſſen. Sie durften frei umhergehen, die ganze Stadt war ihr Gefängniß, und nur ihr Ehrenwort verpflichtete ſie, die Ring⸗ mauern dieſes großen Gefängniſſes nicht zu überſchreiten. Außerdem beeiferte ſich Jedermann, den„armen Gefangenen“ ihre Qualen zu er⸗ leichtern, und ſie durch Feſte und geſellige Zerſtreuungen die Leiden der Gefangenſchaft vergeſſen zu machen. Die Thüren aller der erſten und beſten Häuſer waren dieſen fremden Herren geöffnet, überall waren ſie willkommene Gäſte, und ſelbſt am königlichen Hofe fanden keine Feſte und Geſellſchaften ſtatt, zu denen ſie nicht geladen worden. Denn man gab Feſte und Geſellſchaften bei Hofe, man verbarg ſeine trauernden und angſtvollen Geſichter unter heiteren Masken, man übertönte ſeine Seufzer und Klagen mit dem lauten Schall der Tanzmuſik, und während in der Ferne vielleicht die Oeſterreicher, Ruſſen und Preußen in blutiger Schlacht ſich gegenüberſtanden, tanzten die Berliner Damen mit den gefangenen öſterreichiſchen und ruſſiſchen Officieren die anmuthigen franzöſiſchen Tänze, wie ſie am feindlichen Hofe zu Verſailles jetzt Mode waren. Freilich gab es Traurige und Unglückliche genug in dieſem an⸗ ſcheinend ſo heiteren und luſtigen Berlin, aber ſie verbargen ſich mit ihren Thränen und ihrem Kummer in ihrem ſtillen Kämmerlein, und ihre gramumdüſterten Geſichter warfen keine düſteren Schatten auf die heiteren und lebensfrohen Geſichter der ſchönen Damen, welchen der Krieg die Brüder, Geliebten und Gatten entführt, und denen er dafür in den gefangenen Officieren, wenn nicht Stellvertreter, doch eine Zer⸗ ſtreuung geſandt hatte. Zudem iſt es unmöglich, immer zu trauern, immer zu klagen, immer in klöſterlicher Stille zu leben. Man hatte damit angefangen, die Schwüre der Treue, welche man beim Abſchied geleiſtet, halten zu wollen, und Berlin hatte anfangs ganz die Phy⸗ ſiognomie einer ſchönen, trauernden Wittwe gehabt, welche nichts mehr wiſſen will von der Luſt des Lebens. Aber allgemach hatte man doch dem Geſetz der Natur, welche das Vergeſſen lehrt, folgen müſſen. Die Thränen waren allmählig verſiegt, die Seufzer waren verſtummt; man hatte gelernt ſich einzurichten mit dem Leben und begierig nach jedem Sonnenſtrahl zu haſchen, der dieſe kalte Oede der Hoffnungsloſigkeit ein wenig durchleuchten könnte; man hatte eingeſehn, daß man immerhin ganz behaglich leben könne, wenn auch der Krieg da draußen tobe und wüthe, und daß es der ſchwachen Menſchennatur verſagt ſei, immer in Spannung und Aufregung, immer in der Erwartung großer Dinge, welche da draußen geſchehen könnten, zu exiſtiren; das Leben ſelbſt, die Gegenwart ſelbſt machten ihre Anforderungen, und man mußte ſich ihnen wohl fügen. Man lernte im Laufe der Jahre wieder ſcherzen und lachen und heiter ſein trotz der draußen tobenden Kriegeswuth, und wie ſehr man auch ſein Vaterland liebte, und die Siege des Königs mit Jubel, ſeine Niederlagen mit Trauer aufnahm, ſo konnte doch die Ani⸗ moſität gegen die Feinde des Vaterlandes nicht ſo weit gehen, daß man dieſelbe auch ausdehnte auf die gefangenen Officiere, die in Berlin ihren gezwungenen Aufenthalt genommen. Man hatte ſich ſo lange bemüht, ſie nicht entgelten zu laſſen, daß ſie Feinde ſeien, bis man wirklich da⸗ hin gekommen war, es zu vergeſſen, und dieſe ſchönen, lebensluſtigen und unterhaltenden Herren nicht mehr als Gefangene betrachtete, ſondern als Reiſende, die freiwillig nach Berlin gekommen waren, und denen man daher mit Freundlichkeit und Zuvorkommenheit die Honneurs der Stadt zu machen habe.*) Uebrigens hatte der König ſelber befohlen, daß man in Berlin die gefangenen Officiere mit außerordentlicher Höflichkeit auf⸗ nehme, und wenn man daſelbſt bei Hofe Feſte gab, ſo geſchah das auch nur auf den ausdrücklichen Willen des Königs, welcher der Welt be⸗ weiſen wollte, daß ſeine Familie durchaus nicht verzagt und kummervoll, ſondern heiter und getroſten Muthes ſei. II. Die drei Officiere. Es war im Frühling des Jahres 1759. Die Winterruhe war zu Ende, und man erzählte ſich, der König ſei ſchon wieder aus ſeinen Winterquartieren in Breslau aufgebrochen, und ziehe den Feinden wieder muthvoll entgegen. Auch enthielten die Berliner Zeitungen ſchon wieder die Nachrichten von einzelnen Scharmützeln und Gefechten, die hier und dort zwiſchen den preußiſchen und den feindlichen Truppen vorgefallen, und in denen, wie es ſchien, Preußen immer unglücklich geweſen. *.) Den Kriegsgefangenen, ſchreibt Sulzer, begegnet man hier, als wenn ſie fremde Reiſende wären. Sie ſind beim ſchönen Geſchlecht außerordentlich wohl gelitten.(Siehe: Briefwechſel der Schweizer Sulzer, Bodmer, Gleim ec.) 1 — 11— Von dieſen Neuigkeiten unterhielten ſich die drei Officiere, welche da in dieſem eleganten Zimmer in einem Hauſe an der Schloßfreiheit ſaßen, und auf die Zeitung hinſtarrten, welche vor ihnen auf dem Tiſche lag. Ich bitte Sie, ſagte der Eine von ihnen in franzöſiſcher Sprache, ich bitte Sie, Monſieur, haben Sie die Güte und überſetzen Sie mir dieſe Stelle hier. Es iſt, glaube ich, von dem Prinzen Heinrich die Rede, aber es iſt mir unmöglich, dieſes barbariſche Kauderwelſch zu entziffern. Er reichte ſeinem Nachbar zur Rechten das Blatt und deutete mit ſeinem von Brillantringen ſtrahlenden Finger auf eine Stelle der Zeitung hin. Da ſteht allerdings etwas von dem Prinzen Heinrich, erwiederte dieſer mit dem eigenthümlichen Accent, welcher den Ruſſen verrieth, und zwar ſteht da Etwas, was Sie, Monſieur de Belleville, ganz außer⸗ ordentlich intereſſiren wird. Oh, ich bitte, leſen Sie es uns, rief der Franzoſe ungeduldig, aber ſich dann mit einer anmuthigen Verbeugung an den dritten Herrn wendend, welcher gleichgültig und ſtumm neben ihnen ſaß, fügte er hin⸗ zu: aber es fragt ſich zuförderſt, ob unſer freundlicher Herr Wirth, Monsieur le Comte de Ranuzi, auch Theil daran nimmt und dieſe Lectüre erlaubt? Ich nehme an Allem Theil, Meſſieurs, ſagte der italieniſche Graf nachläſſig, und Alles iſt mir intereſſant, was von anderen Dingen handelt, als von dieſem langweiligen und öden Berlin. Vraiment, Sie haben Recht, ſeufzte der Franzoſe. Es iſt ein langweiliger, ſteifer Ort. Man iſt hier ſo unerhört tugendhaft und prüde, von ſo altmodiſchen Scrupeln und ſo ganz befangen in kleinlichen Vorurtheilen, daß ich wirklich darüber lachen müßte, wenn ich nicht täglich unter dieſer Eintönigkeit und Langeweile zu leiden hätte. Gott, was würde die reizende Gebieterin von Frankreich, was würde die Marquiſe von Pompadour ſagen, wenn ſie mich, den heiteren, lebens⸗ luſtigen Belleville, den ſie ſo oft in ihrer ſcherzhaften Laune mit dem Titel eines Hofnarren beehrt hat, wenn ſie mich, ſage ich, hier ſehen könnte, wie ich mich ganz ernſthaft mit dieſer armen Königin von Preußen un⸗ terhalte, welche ein ernſthaftes Geſicht macht, wenn man von der Pucelle d'Orleans ſpricht, und ſich den Anſchein giebt, als habe ſie Crebillon gar nicht geleſen. Sagen Sie doch, Herr von Giurgenow, geht es an Ihrem Hof zu Petersburg auch ſo ſteif und gemeſſen zu, wie hier an dem preußiſchen? Herr von Giurgenow lachte laut auf. Unſere Kaiſerin Eliſabeth iſt ein Engel an Schönheit und Güte, ſagte er dann, großmüthig und milde gegen Jedermann, ſich ſelbſt ſtets opfernd, um Anderen Freude zu machen. Im vorigen Jahre gab ſie ihrem Leibregiment einen Ball. Sie tanzte mit jedem der Soldaten, und nippte aus jedem Glaſe, und wenn die von ſo viel Huld begeiſterten Soldaten etwas freie Scherze wagten, ſo lächelte die gütige Kaiſerin dazu und verzieh es ihnen. Sie tanzte die ganze Nacht hindurch und bezauberte Jedermann durch ihre Leutſeligkeit und Grazie, und von dieſem Tage an wandte ſie ihre Gnade dem glücklichen Ruſtuſchew zu, welcher bis dahin ein armer Unterofficier geweſen, und jetzt ein Fürſt und der reichſte Herr in ganz Rußland iſt. Oh, es ſcheint, Ihr Rußland hat etwas Aehnlichkeit mit meinem ſchönen Frankreich, rief der Herr von Belleville freudig. Aber wie ſteht es mit Ihnen, Herr Graf Ranuzi. Gleicht der öſterreichiſche Kaiſerhof dem unſrigen, oder dieſem langweiligen preußiſchen? Er gleicht nur ſich ſelber, rief der Italiener ſtolz. Wir haben in Wien einen Gerichtshof der Keuſchheit und Tugend, und die Kaiſerin Maria Thereſia iſt die erſte Präſidentin deſſelben. Diable, rief der Franzoſe, wie würde es Ihrer ruſſiſchen Kaiſerin und meiner ſchönen Marquiſe ergehen, wenn dieſe Beide vor dem Tu⸗ gendgerichtshof ihrer edlen Bundesgenoſſin erſcheinen müßten. Aber, Herr von Giurgenow, Sie vergeſſen, daß Sie uns Etwas aus dieſer Zeitung mittheilen wollten über den Prinzen Heinrich. Es iſt indeſſen nichts von Belang, ſagte der Ruſſe gleichgültig. Der Prinz Heinrich, heißt es da, iſt jetzt ganz wieder von ſeinen Wun⸗ den geneſen und hat ſich im Winterlager zu Dresden mit der Darſtellung von franzöſiſchen Bühnenſpielen beluſtigt. Ja, er ſelber iſt darin als Acteur aufgetreten, und hat in Voltaire's enfant prodigue die Rolle des — 13— verſchwenderiſchen Sohnes ſelbſt agirt. Jetzt aber ſteht da ferner, iſt er ausgezogen, um nach dem heitern Bühnenſpiel wieder das ernſte Waffenſpiel zu verſuchen. Wenn er nur nicht die Rolle verwechſelt, rief Herr von Belleville lachend, und das enfant prodigue ſpielt, wenn er den Helden ſpielen ſoll. In welcher Rolle mag er denn größer ſein? Wiſſen Siess nicht, Herr von Ranuzi?— Dieſer zuckte lächelnd die Achſerln. Man müßte ſeine Gemahlin hier darum fragen, ſagte er. Oder den Herrn von Kalkreuth, der ſeit ſieben Monaten ſchon ſeiner Wunde wegen hier verweilt, ſagte Herr von Giurgenow mit einem lauten Lachen. Uebrigens, Meſſieurs, iſt der Prinz Heinrich in ſeinem Herzen dieſem Krieg ſehr abhold und alle ſeine Sympathien ſind auf unſerer Seite. Wenn das Geſchick des Krieges dem jetzigen König von Preußen das Leben koſtete, ſo würden wir Alle bald Frieden haben, und dieſes abſcheuliche Berlin, dieſe todte Sandwüſte verlaſſen können, wo wir jetzt als Kriegsgefangene ſchmachten müſſen. Aber der Gott des Krieges iſt nicht immer ein gefälliger Gott, rief der Franzoſe düſter. Er tödtet nicht alle Mal Diejenigen, welche wir fallen ſehen möchten, und die Kugeln gehen oft an ihrem Ziel vorbei. Freilich, ein Dolch trifft ſicherer, bemerkte der Graf Ranuzi voll⸗ kommen gleichgültig. Der Ruſſe warf ihm einen ſchnellen, lauernden Seitenblick zu. Auch nicht immer, ſagte er. Man erzählt ja, daß ſchon zweimal mit Dolchen bewaffnete Männer in's preußiſche Lager geſchlichen und im Zelte des Königs gefunden worden ſind. Ihre Dolche hatten die Bruſt des Königs ſo wenig getroffen, wie die Kugeln. Diejenigen, welche die Dolche trugen, waren Deutſche, ſagte Ranuzi kalt, und die verſtehen ſich nicht auf dieſes Handwerk. Man muß das in meinem Vaterland gelernt haben. Haben Sie's gelernt? fragte Giurgenow ſcharf. Rannzi lachte. Ich habe Alles ein wenig gelernt, und dilettire in Allem, ſagte er. Aber in Ihren Liebſchaften ſind Sie Meiſter, rief Herr von Belle⸗ ville lachend. Man erzählt ſich ſehr viel von Ihren Liebesintriguen, Monſieur. Da erzählt man ſich Unwahrheiten, ſagte der italieniſche Graf ruhig. Ich liebe gar keine Intriguen, am allerwenigſten aber die Liebesintriguen, während Sie, mein Herr, als ein wahrer Don Juan bekannt ſind. Hat man mir nicht geſagt, daß ſie ſterblich verliebt ſind in das ſchöne Hof⸗ fräulein der Prinzeſſin Heinrich? Ah, Sie meinen das ſchöne Fräulein von Marſchall? fragte Herr von Giurgenow lachend. Man hat auch mir davon erzählt, und ich habe den Geſchmack des Herrn von Belleville bewundert und ihn beneidet. Mein Gott, ſagte dieſer leichthin, die Kleine iſt hübſch, das iſt wahr, und ich beluſtige mich ein wenig damit, ihr den Hof zu machen. Wir müſſen doch dieſe guten deutſchen kleinen Mädchen auch einmal kennen lehren, was wahre Galanterie iſt. Das iſt alſo der einzige Grund, weshalb Sie dem ſchönen Fräͤnlein den Hof machen? fragte Giurgenow mit einem lauernden Blick. Ich verſichere Sie, der Einzige, rief Herr von Belleville lachend, indem er aufſtand und ſich dem Fenſter näherte. Aber ſehen Sie nur, rief er dann haſtig, ſehen Sie nur, welch' eine Menſchenmaſſe die Straße anfüllt, und wie die Leute geſticuliren und ſchreien, als ob ein Unglück geſchehen ſei.— Die beiden anderen Herren eilten an ſeine Seite, und die Fenſter öffnend blickten ſie hinunter auf den Platz, auf dem allerdings eine große Maſſe Volks ſich verſammelt hatte. Und immer mehr Leute noch ſtrömten aus den angrenzenden Straßen herbei und ſammelten ſich auf dem weiten Platze, in deſſen Mitte ſich auf einer von Steinen raſch zuſam⸗ mengetragenen Erhöhung eine ſeltſame Gruppe zeigte. Da ſtand ein hoher hagerer Mann im ſchwarzen Talar, mit langen grauen Locken, die von ſeinem Haupt herniederfloſſen und wie Schlangen ſein bleiches fa⸗ natiſches Antlitz umringelten. In ſeiner Rechten hielt er eine Bibel, die er mit erhobener Hand der Volksmenge zeigte, während ſeine großen, tief in ihren Höhlen liegenden Augen zum Himmel emporgerichtet waren, und — 15— ſeine Lippen leiſe unverſtändliche Worte murmelten. Ihm zur Seite ſtand eine Frau in ſchwarzer Kleidung, mit aufgelöſtem Haar, das lang über ihren Rücken herniederfloß. Ihr Antlitz war farblos und bleich, wie das einer Leiche, und feſt geſchloſſen, wie bei einer Todten, waren ihre ſchmalen, blutleeren Lippen. Aber in ihren Augen war noch Leben, aus ihnen flammte eine düſtere, wilde, fanatiſche Gluth, und ihre Blicke, die wie Irrlichter umherflackerten, erfüllten alle Diejenigen, auf welchen ſie ruhten, mit einem fröſtelnden, unheimlichen Gefühl des Grauſens.— Wie ſie jetzt ganz zufällig nach dem Fenſter emporſchaute, an welchem die drei Herren ſtanden, flog der Schatten eines Lächelns über ihr Antlitz hin und ſie nickte leiſe mit dem Kopf. Niemand achtete vielleicht darauf, Niemand ſah, daß Herr von Giurgenow dieſen Gruß erwiederte, und dieſem ſeltſamen, räthſelhaften Weibe da unten wie im Einverſtändniſſe zulächelte. Wiſſen Sie, Meſſieurs, was das Alles bedeutet? fragte der fran⸗ zöſiſche Offizier verwundert. Das bedeutet, ſagte der Ruſſe lachend, daß das Volk da von ſeinem großen Propheten den Ausgang, oder vielmehr das Ende des Krieges erfahren will. Dieſes gute Volk ſehnt ſich, wie es ſcheint, nach Ruhe, und möchte wiſſen, wann es dieſelbe erlangen wird. Der Mann da weiß das, denn er iſt, wie geſagt, ein großer Prophet und alle ſeine Verkün⸗ digungen ſind wahr geworden. Und Sie vergeſſen ganz die Frau zu erwähnen? fragte Ranuzi mit einem eigenthümlichen Lächeln. Die Frau iſt, glaube ich, eine Kartenſchlägerin, welche bei der Prin⸗ zeſſin Amalie viel gilt, ſagte Herr von Giurgenow gleichgültig. Aber hören wir doch, was der Prophet eben ſagt. Sie ſchwiegen und lauſchten mit geſpannter Aufmerkſamkeit hin⸗ unter. Und jetzt erhob ſich über der lauſchenden Menge die Stimme des Propheten; ſchmetternd und ſchallend wie eine Trompete war ſie anzuhören, und Niemanden entging ein Wort von dem, was ſie ſprach. Brüder, rief der Prophet, warum haltet Ihr mich auf, und was ſtört Ihr mich in meinem friedlichen Gange? Mich und dieſes Weib, — 16— welche mit mir dieſe Nacht in den Sternen geleſen hat, und deren Seele noch traurig iſt, gleich der meinen, von dem, was ſie geſehen. Und was habt Ihr geſehen? ſchrie man aus der Menge. Bleiche, geſpenſterhafte Schatten, die in blutigen Gewändern ein⸗ herzogen, klagend und jammernd ſich niederſetzten an tauſend geöffneten Gräbern, um ein Klagelied zu ſingen, das hieß:„Krieg! Krieg! Weh' dem Krieg! Er tödtet unſere Männer, er verſchlingt unſere Jünglinge. Er macht unſere Frauen zu Wittwen und unſere Mädchen zu Nonnen! Weh' dem Krieg!“— um ein Gebet zu Gott emporzukreiſchen, das hieß: „Friede! Friede! Schenke uns, o Gott, den Frieden, damit dieſe offenen Gräber ſich ſchließen, damit wir unſere Wunden heilen und unſerer Leiden Ende ſehen können!“ Der Prophet faltete die Hände und blickte flehend zum Himmel empor. Aber jetzt erhob das Weib ihre Stimme. Doch der Himmel, ſagte ſie, verfinſterte ſich, als die Geiſter ſo beteten und ein blutrother Strom ſchoß über ihn hin, färbte die Sterne blutig und machte aus dem Mond eine dunkle Blutlache, und jammernde Stimmen riefen aus den Wolken und in der Luft:„Kämpft weiter und ſterbt, denn Euer König will es ſo! Ihm gehört Euer Leben! Ihm gehört Euer Blut!“— Und zwiſchen dieſen blutrothen Bächen tauchten plötzlich rieſengroße weiße durchſichtige Geſtalten hervor, und an dem Haupt der erſten las ich die Zahl 1759. Und dieſe Geſtalt öffnete ihre Lippen und ſagte:„Krieg bringe ich, Krieg und immer neues Blutvergießen! Euer König fordert das Blut Euerer Söhne, gebt es ihm, er fordert Euer Geld, gebt es ihm! Denn der König iſt der Herr Eueres Leibes und Euerer Seele, und wenn er gebietet, ſo müßt Ihr gehorchen!“ Das iſt faſt ein wenig zu ſehr ruſſiſch gedacht, ſagte Herr von Ranuzi halblaut. Es ſollte mich wundern, wenn die Polizei nicht dieſen Prophezeihungen, welche ein wenig nach Aufregung riechen, ein Ende machen ſollte. Dieſe Scene iſt ſo unterhaltend, ſagte Herr von Giurgenow lebhaft, daß ich ſie wohl in der Nähe anſchauen möchte. Sie verzeihen daher, Meſſieurs, wenn ich Sie verlaſſe und hinuntergehe auf den Platz. Es iſt immer intereſſant, zu hören, was das Volk ſagt, und wie es dieſe —— Prophezeihungen ſeiner Propheten aufnimmt. Wir können darnach er⸗ meſſen, ob wir Ausſicht haben, bald Frieden und Freiheit zu erlangen, denn die Stimmung des Volkes iſt in der Politik doch immer eine ent⸗ ſcheidende. 1 Er nahm ſeinen Offiziershut und die Herren mit einem Kopfnicken begrüßend, verließ er eilig das Zimmer. III. Rannzi. Der Graf Ranuzi ſah dem Ruſſen mit einem ſpöttiſchen Lächeln nach. Wiſſen Sie, Monſieur de Belleville, wohin er geht? fragte er dann. Nun, ich denke, auf den Platz da unten, wie er geſagt hat. Ja, er hat uns aber nicht geſagt, was er da will, indeß ich errathe es. Er will hinunter gehen, um ſich der Wahrſagerin zu nähern, und dieſer ein Zeichen zu geben, daß ſie zu weit gegangen iſt in ihrem Eifer, und daß ſie leicht dadurch ihr Spiel verrathen könnte. Ah, Sie meinen alſo, daß Herr von Giurgenow die Wahr⸗ ſagerin kennt? Ich bin deſſen ganz gewiß! Herr von Giurgenow hat dieſe beiden Charlatans gedungen, damit ſie das Volk aufregen und es gegen den Krieg ſtimmen ſollen. Indeſſen iſt das ein ziemlich gewöhnliches, und auch ſchon ziemlich verbrauchtes Mittel, das namentlich hier in Preußen gar nicht fruchten kann. Denn hier macht das Volk nicht die Politik, ſondern der König, und das Volk iſt nichts, als eine Maſſe von Unter⸗ thanen, welche gehorſam das thut, was ſein König befiehlt, ſelbſt wenn ſie wiſſen, daß ſie dabei zu Grunde gehen. Herr von Giurgenow hat da weit fehlgegriffen, und er hätte das berechnen können. Wenn Sie, Monſieur, dieſes Mittel ergriffen hätten, ſo wäre das begreiflich geweſen, Mühlbhach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I. 2 — 18— denn bei Ihnen in Frankreich ſpielt das Volk eine Rolle mit in der Po⸗ litik, und um da die Regierung zu bekämpfen, muß man auf das Volk wirken. Ihnen alſo hätte man dieſen Fehler verzeihen können, Herrn von Giurgenow nicht. Sie glauben alſo, daß er hier in Berlin für ſeine Regierung thätig iſt? fragte Herr von Belleville erſtaunt. Graf Rannzi lachte. Das iſt eine ſehr feine und diplomatiſche Be⸗ zeichnung ſeines Thuns, ſagte er. Ja, er iſt hier für ſeine Regierung thätig, aber wenn die hieſige Regierung es erfährt, wird ſie ſagen: er habe ſeiner Regierung als Spion gedient. Wenn er entdeckt wird, ſo wird man ihn aufhängen, wenn er unentdeckt und wieder frei wird, ſo hat er von ſeiner Regierung Dank und Belohnung zu erwarten. Aber ſehen Sie nur, wie richtig ich prophezeiht habe. Da ſteht Herr von Giurgenow ganz nahe bei der Prophetin, und ich meine bis hierher die Worte zu hören, welche er ihr leiſe zuflüſtert. Sie wird nun wieder anfangen zu prophezeihen, aber in einer minder fanatiſchen und aus⸗ ſchreitenden Weiſe. Doch nein, ſie wird nicht wieder anfangen, denn ſehen Sie nur die geharniſchten Männer, welche ſich da ſo gewaltſam Bahn brechen durch die Menge, und gar nicht auf die Wehklagen Derer, welche ſie höchſt unſanft bei Seite ſtoßen, achten. Das ſind die Diener der Polizei, und ſie werden den Prophezeihungen raſch ein Ende machen. Schon ſtiebt das Volk nach allen Seiten auseinander. Ah, wie geſchickt Herr von Giurgenow da im Gedränge von dannen ſchlüpft, und gar keinen Blick mehr hat für die armen Propheten, die er doch zu ihrer Gottbegeiſterung inſpirirt hatte. Mein Gott, und dieſe rohen Polizei⸗ männer haben gar keinen Reſpekt vor den gottbegeiſterten Propheten. Sie packen ſie mit rauher Gewalt und ſchleppen ſie fort. Die armen Leute werden wenigſtens mit vierundzwanzigſtündigem Arreſt dafür büßen, daß ſie prophezeiht haben, denn hier in Preußen ſind die Volksaufläufe verboten. Kommen Sie, Monſieur, laſſen Sie uns das Fenſter ſchließen, das Schauſpiel iſt zu Ende; man führt die Propheten auf die Wache! Und ihre Rolle iſt wahrſcheinlich für immer zu Ende geſpielt, ſagte Herr von Belleville lachend, indem er vom Fenſter zurücktrat. — 19— Nicht doch, ſie werden ſie morgen wieder aufnehmen, denn dieſe Propheten haben hier hohe und mächtige Beſchützer, und man wird es nicht wagen ſie länger feſtzuhalten, da Prinzeſſin Amalie nach ihrer Kartenſchlägerin Verlangen tragen könnte. Vraiment, Monsieur le Comte, rief der Franzoſe verwundert, Sie wiſſen außerordentlich genau Beſcheid mit den Intriguen, welche hier geſpielt werden. Ich beobachte viel, ſagte Herr von Ranuzi mit einem feinen Lächeln, und da ich viel ſchweige, ſo höre ich viel, und habe deſto mehr Zeit zu beobachten. Nun, ich rathe Ihnen nicht, au 1 mir die Ehre Ihrer Beobachtungen zu Theil werden zu laſſen, rief Herr von Belleville lachend. Denn meine Eriſtenz bietet durchaus keine Gelegenheit dazu dar. Ich lebe, eſſe, ſchlafe, ſchwatze, liebele, und ſuche mich, ſo gut es hier gehen will, zu amüſiren. Zuweilen atrappire ich mich ſogar darauf, daß ich bete, und Gott weinerlich um Frieden anflehe, und zwar nicht aus politiſchen Rück⸗ ſichten, ſondern nur in dem egoiſtiſchen Gedanken, von hier erlöſt zu werden. Sie ſehen alſo, ich bin ein ganz harmloſes, unſchuldiges bon enfant, das ſich nicht um die Politik bekümmert. Nein, ſagte Ranuzi mit einem feinen Lächeln, Sie lieben Fräulein von Marſchall durchaus nicht aus politiſchen Gründen, ſondern allein wegen ihrer Schönheit, ihrer Anmuth und Lieblichkeit. Das iſt das Re⸗ ſultat meiner Beobachtungen. 3 Ah, Sie haben mich alſo doch auch beobachtet, rief Herr von Belle⸗ ville erröthend. Ich ſagte Ihnen ſchon, ich beobachte immer. Es iſt das hier meine einzige Zerſtreuung und Erheiterung, und ich wüßte in der That nicht, was ich hier mit meiner Zeit anfangen ſollte, wenn ich ſie nicht auf dieſe Weiſe todt zu ſchlagen verſtände. Nun, Sie bedienen ſich dazu doch auch noch einiger anderer Mittel, ſagte der Franzoſe leichthin. Die Liebe iſt für Sie doch ein angenehmer Zeitvertreib, und Sie wiſſen ihn wohl zu benutzen. Ah, es ſcheint, Sie beobachten auch, rief Herr von Ranuzi mit einem ironiſchen Lachen. Nun ja denn, die Liebe iſt ein füßer Zeitver⸗ 2* — 20— treib, und vielleicht, wenn ich mich ihren Träumen erſt ganz und gar hingebe, werde ich aufhören zu beobachten. Aber wie, Herr von Belle⸗ ville, Sie nehmen Ihren Hut; Sie wollen mich alſo auch ſchon ver⸗ laſſen? Ich muß. Denn über unſerem angenehmen Geplauder hätte ich faſt vergeſſen, daß ich dem Fräulein von Marſchall verſprochen habe, heute mit ihr ſpazieren zu reiten. Und Sie wiſſen wohl, man muß den Damen immer Wort halten, wenigſtens ſo lange man noch nicht Beweiſe hat, von ihnen geliebt zu werden. Er reichte dem Grafen lachend die Hand dar und verließ dann, eine franzöſiſche Chanson leiſe vor ſich hinſummend, das Zimmer. Herr von Ranuzi ſah ihm mit einem langen, finſteren Blick nach. Armſeliger Narr, murmelte er dann, glaubt ein ſo feines Spiel zu ſpielen, daß er ſelbſt mich zu täuſchen vermöchte. Aber dieſe Maske des Leichtſinns und der Flatterhaftigkeit, welche er über ſein Geſicht gelegt hat, iſt doch dünn und durchſichtig genug, daß ich ſehr wohl dahinter ſein wahres Antlitz erkennen kann. Es iſt das Antlitz eines ziemlich ſchlau berechnenden Intriguanten. O, o, ich kenne ſein Spiel auswen⸗ dig, ich verſtehe jede Zuckung ſeines Herzens, und weiß ſehr wohl, was es mit ſeiner Liebe zu der ſchönen Marſchall zu ſagen hat. Sie iſt die Ehrendame der Prinzeſſin Heinrich,— das iſt das Geheimniß dieſer Liebe. Sie iſt außerdem die Vertraute der Prinzeſſin Heinrich, und da dieſe jede Woche von ihrem zärtlichen Gemahl aus dem Feldlager Briefe erhält, lange, zutrauliche Briefe, ſo kennt Fräulein von Marſchall natür⸗ lich den Inhalt derſelben. Gewiß ſpricht der Prinz aber in dieſen Briefen neben ſeiner Zärtlichkeit auch ein wenig von ſeinen und ſeines Bruders Schlachtplänen, und Fräulein von Marſchall kennt dieſe daher. Wenn alſo Herr von Belleville im Stande wäre, ſich ihre Liebe und ihr Vertrauen zu erobern, ſo würde er ohne alle Frage auf dieſem Wege immer ziemlich genaue Kunde von dem erhalten, was im Feldlager vor⸗ geht und im Rath des Königs beſchloſſen wird, und ſomit hätte er allerdings ziemlich wichtige Depeſchen an ſeine Marquiſe von Pompa⸗ dour abzuſenden, Depeſchen, welche man ihm eines Tages ſehr dankbar mit Ehrenſtellen und Reichthümern lohnen würde.— Das iſt der ganze — 21— Plan des Franzoſen. Ich durchſchaue ihn ſowohl als den des Ruſſen Giurgenow. Sie ſind beide von ihrer Regierung bezahlte Subjecte, Spione und Kundſchafter, weiter nichts. Man wird ſie bezahlen, oder ſie aufhängen, je nachdem der Zufall ihnen günſtig iſt oder nicht. Er ſchwieg und ging haſtig im Zimmer auf und ab. Auf ſeiner hohen, bleichen Stirn ſtanden düſtere Gedanken und wie Blitze des Zorns flammte es in ſeinen Augen auf. Und ich, ſagte er nach einer langen Pauſe, bin ich denn etwas An⸗ deres als dieſe Beiden? Wird man mich nicht auch eines Tages einen erkauften Spion, einen elenden Kundſchafter nennen und meinen Namen brandmarken mit dieſem Titel? Nein, nein, hinweg mit dieſem finſtern Geſpenſt, das ſich wie eine ſchwarze Wolke zwiſchen mir und meinem Ziel aufſtellen will. Mein Ziel iſt der Himmel, und was ich thue, ich thue es im Namen der Kirche, im Dienſte dieſer großen göttlichen Kirche, deren Knecht und Prieſter ich bin. Nein, man wird mich nicht einen Spion nennen, man wird meinen Namen nicht brandmarken, denn Gott wird meine Thaten ſegnen, wie der heilige Vater zu Rom ſie geſegnet hat, und ich werde mein Ziel erreichen! Er ſah ſchön aus mit dieſem ſtrahlenden, begeiſterungsvollen Aus⸗ druck, welcher ſein edles, charaktervolles Antlitz durchleuchtete und ver⸗ klärte, ſchön wie der Engel der Finſterniß, wenn ein Strahl des gött⸗ lichen Lichtes ihn trifft. Es iſt ein erhabenes, ein großes Ziel, welches ich mir geſteckt habe, fuhr er nach einiger Zeit fort, ein Werk, welches die heiligen Väter mir anvertraut haben! Ich muß und werde es erreichen zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau. Dieſer gottesläſterliche Krieg muß enden, und gedemüthigt und klein muß der ketzeriſche und freigeiſtige König von dem Schauplatz zurücktreten, den er mit ſo viel prahleriſcher Großſpre⸗ cherei betreten hat. Schleſien muß den Händen dieſes ruchloſen Räu⸗ bers wieder entriſſen werden und der Krone unſerer apoſtoliſchen Ma⸗ jeſtät von Oeſterreich wieder einverleibt werden. Die heilige Kirche darf keine ihrer Provinzen verlieren, und Schleſien müßte verloren gehen, wenn es in den Händen dieſes gottesleugneriſchen Königs bleibt. Und dann, er muß geſtraft werden für den Uebermuth und Hohn, mit dem — 22— er es gewagt hat, dem heiligen Vater zu Rom gegenüberzutreten. Die Beleidigungen, welche er der Königin von Polen zugefügt, müſſen ge⸗ rächt werden, und nicht eher wollen wir ruhen, als bis wir ihn zerbrochen und gedemüthigt um ſchmachvollen Frieden ſo betteln ſehen, wie einſt Heinrich der Vierte zu Canoſſa im Büßergewand um Gnade flehte. Aber wo ſind die Mittel, ſo große Zwecke zu erreichen, wo? Er ging wieder haſtig und ſchweigend auf und ab, das Haupt zu⸗ rückgelehnt, den trotzigen kalten Blick aufwärts gerichtet. Ihn zu tödten? fragte er plötzlich, als antworte er den Stimmen, welche in ſeinem Innern flüſterten. Das wäre ein elendes und ſchwäch⸗ liches Mittel, und es würde uns nicht zum Ziel führen, es würde ihn nicht demüthigen, ſondern ſeinen Lorbeeren noch die Märtyrerkrone hin⸗ zufügen. Oder mindeſtens iſt jetzt nicht die Zeit dazu. Wenn er aber gedemüthigt iſt, wenn wir dieſer Schlacht von Hochkirch neue Siege über ihn hinzugefügt haben, wenn wir ihm Schleſien genommen, und Sachſen gerächt haben, dann mag es geſchehen. Dann werden wir eine ſichere Hand ſuchen, welche einen Dolch zu führen verſteht, und dann werden wir ſie finden. Bis dahin Schweigen und Vorſicht. Bis dahin muß dieſer Kampf fortgeſetzt werden mit allen Waffen, welche Klugheit und Liſt uns in die Hände ſpielen. O, und ich meine doch, daß meine Waffen ſcharf und gut ſind und wohl im Stande, einen tüchtigen Stoß zu führen. Und ſie ſind dabei ſo unſcheinbar, fuhr er lachend fort, eine verſchmitzte Kartenſchlägerin, eine verliebte Närrin, eine vornehme Co⸗ quette und ein armer Gefangener, das ſind meine Waffen, und mit dieſen will ich es verſuchen, gegen den Mann zu kämpfen, den ſeine Schmeichler den Heldenkönig von Preußen nennen! Er lachte laut auf, aber es war ein grimmiges, drohendes Lachen, das ihn ſelber erſchreckte. Hinunter, hinunter, Ihr böſen Geiſter, ſagte er, drängt Euch nicht ſo keck auf meine Lippen, welche jetzt nur ſanfte Worte und zärtliche Seufzer kennen dürfen. Schweigt, Ihr Dämonen, kriecht zurück in mein Herz, und da, in einem Winkel zuſammengekauert, mögt Ihr zuhören und prüfen, ob ich meine Rolle gut ſpiele. Es iſt Zeit! Es iſt Zeit! Ich muß einmal wieder meine Waffen vrüien⸗ ob ſie noch gut ſind. — 23— Er trat zum Spiegel und betrachtete aufmerkſam ſein eigenes Antlitz und prüfte ſeine Augen und ſeine Lippen, ob ſie nichts verriethen von dem, was in ſeiner Seele vorging, und legte ſein ſchwarzes, glänzendes Haar in ſanften Wellenlinien über ſeine hohe Stirn. Dann klingelte er ſeinem Bedienten und ließ ſich von ihm ſeine öſterreichiſche Hauptmanns⸗ Uniform anlegen und den Degen umſchnallen, denn die allzugroße Güte des preußiſchen Königs hatte den gefangenen Officieren, welche er nach Berlin geſandt, das Tragen ihres Degens geſtattet und ihnen nur das Ehrenwort abgenommen, ſich deſſelben in dieſem Kriege nicht ferner be⸗ dienen zu wollen. Nachdem der Graf Ranuzi, der gefangene öſterrei⸗ ſche Hauptmann, ſeine Toilette beendet hatte, nahm er ſeinen Federhut und ging hinunter auf die Straße. Sein Antlitz hatte jetzt einen ſorgloſen, gleichgültigen Ausdruck an⸗ genommen; mit freundlichem Lächeln begrüßte er die Bekannten, welche ihm begegneten und denen er vorüberſchreitend einige freundliche Worte, einen harmloſen Scherz zurief. So gelangte er endlich bis zu jenem kleinen, unſcheinbaren Häus⸗ chen in der Friedrichsſtraße, welches diesmal das Ziel ſeiner Wanderung ſein ſollte. Langſam öffnete er die nur angelehnte Hausthür und trat in den Hausflur ein. Aber jetzt öffnete ſich haſtig eine Seitenthür und eine Dame ſtürzte mit ausgebreiteten Armen auf den Grafen zu. O, mein Engel, ſagte ſie in dieſer ſanften italieniſchen Sprache, welche ſo ſehr geeignet iſt, die Seufzer der Liebe in Worte zu kleiden, mein Engel, biſt Du endlich da! Vom Fenſter aus ſah ich Dein ſchö⸗ nes, edles Angeſicht, und da ſchien es mir, als durchleuchte es mein Gemach wie ein Sonnenglanz, und mein Herz ward wieder warm und glühend.. Ranuzi erwiderte nichts auf dieſe glühenden Worte, er ließ ſich ſchweigend von der Dame in das Zimmer ziehen, und dann erſt beant⸗ wortete er ihre heißen Liebesverſicherungen mit einigen freundlichen, kühlen Worten. Du biſt alſo heute allein zu Hauſe, Marietta, ſagte er, und Dein Mann wird uns nicht ſtören? Mein Mann? rief ſie vorwurfsvoll. Tagliazuchi iſt nicht mehr — 24 mmein Mann, ſeit Du da biſt. Ich kenne ihn nicht mehr, ich weiß nichts mehr von ihm, und es iſt mir ganz gleichgültig, ob er das weiß und meine Liebe erräth! O, Weiber, Weiber, ſagte Ranuzi lächelnd, wie gefährlich iſt es doch, mit Euch ſich einzulaſſen. Wenn Ihr liebt, ſeid Ihr wie die Ana⸗ konda, deren giftigen Biß man nur dann nicht zu fürchten hat, wenn ſie geſättigt iſt und kein Verlangen trägt nach neuer Nahrung, und wenn Ihr aufgehört habt zu lieben, gleicht Ihr der Tigerin, welche aus dem Schlaf erwacht, um Denjenigen zu erwürgen, der ſie im Schlaf geſtört hat. Komm, meine Anakonda, komm, und da Du jetzt ſatt biſt, laß uns ein wenig plaudern und träumen. Er zog ſie mit zärtlichem Gekoſe zum Divan hin und ſetzte ſich. Aber ſie nahm nicht neben ihm Platz, ſondern ſie ließ ſich ſanft zu ſeinen Füßen niedergleiten. Laß mich ſo, ſagte ſie, laß mich zu Deinen Füßen liegen, Dich an⸗ beten und in Deinem Antlitz die Geſchichte dieſer fürchterlichen drei Tage leſen, in denen ich Dich nicht geſehen! Wo warſt Du denn, Carlo, und weshalb vergaßeſt Du mich? Ah, rief er lachend, meine Anakonda beginnt ſchon ſich zu regen und Hunger nach meinem Herzblut zu fühlen. Wie lange, und ſie wird bereit ſein, mich zu verſchlingen oder zu ermorden. Nenne mich nicht Deine Anakonda, ſagte ſie mit leiſem Kopfſchütteln, denn Du ſagſt, nur wenn wir ſatt ſind in Liebe, gleichen wir Frauen der ruhenden Anakonda. Ich aber, mein Carlo, ich werde niemals ſatt. Wenn ich Dich anſehe, ſo dürſtet mich nach Deinen Blicken, Deinem Worten, Deinen Liebesbetheurungen. Und iſt's nicht ſo geweſen mein ganzes Leben lang? Habe ich Dich nicht geliebt, Carlo, ſo lange ich denken und empfinden kann? O, erinnere Dich doch ein wenig unſerer ſchönen Jugendzeit, Carlo, dieſer Tage voll Sonnenſchein, Blumenduft und Kinderunſchuld. Weißt Du noch, wie wir da oft Hand in Hand durch die Campagna dahinſtreiften, plaudernd von Gott, den Sternen, den Engeln und den Blumen, träumend von einer Zeit, in welcher die Engel und die Sterne vom Himmel herniederflattern ſollten in unſere Herzen, um uns die Welt zu einem Paradieſe umzuſchaffen? * — 235.— Aber es war ein bitteres Erwachen aus, unſeren Träumen, ſagte Ranuzi gedankenvoll. Mein Vater ſchickte mich in's Jeſuiter⸗Collegium und Deine Mutter Dich in das Kloſter, um Dich bei den Nonnen zur Sängerin auszubilden. Wir ſollten Beide Carriére machen, Marietta, Du auf den Brettern und ich im Beichtſtuhl. Wir waren ja Beide armer Leute Kind, und ſo wäre uns die Welt für immer verſchloſſen geweſen, wenn wir nicht Beide die einzige Straße einſchlugen, welche uns in dieſelbe hineinführte, die Straße, welche durch die Kirche und über die Bühne führt. Hinter Beiden lag für uns die Welt, und unſere klugen Verwandten wußten das!. Und ſie trennten uns, ſeufzte Marietta, ſie zerdrückten die erſten, keuſchen Flammen unſerer Herzen und machten aus uns die Rechen⸗ exempel ihrer Habgier⸗ Ach, Carlo, Du weißt nicht, wie viel ich um Dich geweint und gelitten habe, denn obwohl ich damals erſt zwölf Jahre zählte, liebte ich Dich doch ſchon mit der ganzen Kraft eines Weibes und ſehnte mich nach Dir, wie nach dem verlorenen Paradieſe. Die Nonnen lehrten mich ſingen, und wenn meine Stimme ſchmetternd durch die Hallen der Kirche erſchallte, ſo ahnte wohl Niemand, daß nicht Gott, ſondern nur Dein Bild in meinem Herzen war, und ich Dich pries mit meinen Lobgeſängen und meiner frommen Liebesinbrunſt. Da ich wußte, daß wir auf immer getrennt waren und niemals einander an⸗ gehören konnten, ſo bat ich immer nur Gott, der Zeit Flügel zu leihen, damit wir Beide ſelbſtſtändig und frei würden, ich eine Sängerin, Du ein geweihter Prieſter, dem es Niemand verwehren konnte, zu mir zu kommen und mein Beichtvater zu ſein, da er nicht mein Gatte hatte ſein dürfen. Ranuzi lachte laut auf. Mir ſcheint, ſagte er, dieſes ſo fromme Gebet hatte indeß ſeinen etwas gefährlichen Nebengedanken, und ich. glaube kaum, daß wir uns immer erinnert haben würden, daß ich Dein frommer Beichtvater ſei. Aber das Schickſal wollte uns vor ſolcher zweideutigen Gefahr bewahren. Die frommen Väter machten die Ent⸗ deckung, daß ich zum Prieſter zu wenig Beredtſamkeit habe, aber viel⸗ leicht deſto beſſer geeignet ſei, der heiligen Kirche auf dem Schlachtfeld zu dienen. Sie verſchafften mir daher, als ich erwachſen und gelehrt — 26—. genug war, eine Stelle als Officier bei der Leibgarde des Papſtes und ließen mich das ſchwarze Ordenskleid mit dem goldgeſtickten Waffenrock vertauſchen. Und Du vergaßeſt mich, ſagte Marietta vorwurfsvoll. Du ließeſt mich nicht einmal wiſſen, wo Du ſeieſt, und erſt nach fünf Jahren, als ich in Florenz als Sängerin angeſtellt war, erfuhr ich, was aus Dir geworden ſei. Ich liebte Dich noch immer, aber was hätte es mir ge⸗ holfen, es Dir zu ſagen? Wir waren einander ſo fern und die Armuth trennte uns noch immer. Ich mußte erſt reich werden, Du erſt Carrière machen, dann erſt durften wir daran denken, uns wieder einander anzu⸗ gehören! Ich ſchwieg alſo und wartete. Du warteteſt und ſchwiegſt ſo lange, bis Du mich vergaßeſt, rief Rannzi, indem er nachläſſig eine ihrer langen ſchwarzen Locken durch ſeine Finger gleiten ließ. Und als Du mich vergeſſen hatteſt, da fandeſt Du, daß Signor Tagliazuchi ein ziemlich hübſcher Mann ſei, den man wohl lieben könnte. Tagliazuchi verſtand es, meiner Eitelkeit zu ſchmeicheln, ſagte ſie düſter. Er ſchrieb zu meinem Ruhm ſchöne und gluthvolle Gedichte, die ganz Florenz, ja ganz Italien las, denn er ließ ſie in der Zeitung von Florenz drucken und ſchrieb dort auch über meinen Geſang und und mein Spiel. Als er mir ſeine Liebe geſtand und mir ſeine Hand anbot, dachte ich, wenn ich ihn ausſchlüge, würde er mich mit ſeinem Haß verfolgen, und Italien, welches jetzt ſeine begeiſterten Hymnen auf mich las, würde dann auch die Spottgedichte und Anklagen auf mich leſen, und Tagliazuchi würde mich dann eben ſo ſehr tadeln, wie er mich jetzt lobte. Ich war zu ehrgeizig, um das ertragen zu können, und hatte nicht den Muth, mich ihm zu verweigern. So ward ich ſeine Gattin, aber indem ich es ward, verabſcheute ich ihn und ſchwur mir, es ihn büßen zu laſſen, daß er mich gezwungen, ſein Weib zu werden. Dieſer Zwang beſtand indeß nur in den Lobgedichten und Kritiken, die er auf Dich gemacht hatte, rief Ranuzi leicht hin. Ich habe meinen Schwur gehalten, fuhr Marietta fort, ich habe es ihn büßen laſſen, was er an mir gethan, und ich denke oft, wenn er ſpäter gezwungen war, auf mich eines ſeiner ſchwungvollen Lobgedichte — 27— zu machen, hat er mich dabei in ſeinem Herzen verwünſcht, und er würde mich nimmer wieder beſungen haben, wenn nicht mein Ruhm für ihn eine Geldquelle geweſen wäre, die man nicht erſchöpfen noch verſtopfen durfte. Aber meine Stimme war den vielen Anſtrengungen nicht ge⸗ wachſen, ſie fing an ſich leiſe zu umſchleiern, und ſo mußte ich es faſt für ein Glück betrachten, daß mir der Graf Algarotti den Antrag machte, als zweite Sängerin nach Berlin zu gehen, und ich mußte das um ſo mehr, als der Graf gleichzeitig Tagliazuchi die Stelle eines Opern⸗ dichters bei der Berliner Oper antrug. So verließ ich mein ſchönes Italien, ſo verließ ich Dich, um in dem kalten Norden Geld zu verdie⸗ nen. Und jetzt bereue ich es nicht mehr, daß ich es that, denn hier ſollte ich Dich wiederfinden, Dich, den Geliebten meiner Jugend, Dich, meine Jugend ſelber. O, mein Gott, nimmer werde ich den Tag vergeſſen, wo ich Dich vorübergehen ſah. Ich erkannte Dich trotz der Uniform und trotz der vielen Jahre, in denen ich Dich nicht geſehen, ich erkannte Dich, und es waren nicht meine Lippen, nein, es war mein Herz, welches dieſen lauten Schrei ausſtieß, der machte, daß Du emporblickteſt und zu mir hinſahſt. Und nun erkannteſt auch Du mich und ſtreckteſt die Hände zu mir empor, und ich wäre aus dem Fenſter geſprungen, um in Deine Arme zu eilen, hätte mich Tagliazuchi nicht zurückgehalten. Ich aber ſchrie: Es iſt Ranuzi! Es iſt Carlo! Ich muß zu ihm hin!— Da öff⸗ nete ſich die Thür, da trateſt Du herein, ich ſah Dich an, ich hörte Deine Stimme, und niemals iſt ein Menſchengeſchöpf ſeliger in Ohnmacht ge⸗ fallen, als ich es in jenem Moment that. Und Tagliazuchi ſtand dabei und lächelte, ſagte Ranuzi lachend. Es war auch wirklich eine recht hübſche Scene für einen Operndichter, und das mochte er wohl denken und ſie gleich aufzeichnen wollen, denn er ging hinaus und ließ uns allein, und Du erwachteſt in meinen Armen. Und ſeitdem erwache ich immer nur, wenn ich in Deinen Armen ruhe, rief Marietta leidenſchaftlich. Wenn Du nicht bei mir biſt, ſchlafe ich, Du biſt die Sonne, welche mich weckt, und wenn Du fortgehſt, wird es Nacht, finſtere Nacht um mich, und traurige und finſtere Ge⸗ danken beſchleichen mich dann. — 28— Was für Gedanken, Marietta? fragte er, ſeine Hand ſanft unter ihr Kinn legend und ihr Haupt leiſe emporrichtend. Sie ſah zu ihm empor mit einem ſeltſamen, träumeriſchen Lächeln, aber ſie ſchwieg. Nun, was für Gedanken haſt Du, wenn ich nicht bei Dir bin? wie⸗ derholte Ranuzi ſeine Frage. Ich denke daran, daß ein Tag kommen könnte, an welchem Du auf⸗ hören mögteſt, mich zu lieben. Und Du denkſt, daß Du Dich dann bei Tagliazuchi zu tröſten ſuchen wirſt? fragte Ranuzi lachend. Nein, ſagte ſie langſam, ich denke, oder vielmehr ich fürchte, daß ich mich dann rächen, an Dir rächen würde für Deine Untreue. O, meine Tigerin droht, rief Ranuzi. Nun, Marietta, Du weißt wohl, daß ich niemals aufhören werde, Dich zu lieben. Aber doch wird ein Tag kommen, an dem wir uns trennen müſſen. Sie ſprang mit einem wilden Schrei empor und ſchloß ihn ſtür⸗ miſch in ihre Arme. Nein, rief ſie glühend und zitternd, nein, Nie⸗ mand ſoll es wagen, Dich mir zu entreißen. Wir werden uns niemals wieder trennen! Du meinſt alſo, daß ich nicht bloß Dein Gefangener auf Lebens⸗ zeit ſein ſoll, ſondern auch der Gefangene des Königs von Preußen? fragte Ranuzi, indem er ſie ſanft an ſich zog. Nein, Du ſollſt frei ſein, frei, aber ich will es mit Dir ſein, Carlo. Wenn Du Berlin verläſſeſt, gehe ich mit Dir, und Nichts ſoll im Stande ſein, mich hier zu halten und zu binden. Tagliazuchi wird mich nicht zurückholen, vorausgeſetzt, daß ich ich ihm mein kleines Vermögen laſſe; und ich werde das thun, ich werde nichts mit mir nehmen; arm und ohne Hab' und Gut werde ich Dir folgen, und nichts verlangen und nichts for⸗ dern, als bei Dir zu ſein. Sie preßte ihn feſt in ihre Arme, und ſo groß war ihre Aufre⸗ gung, daß ſie gar nicht die ſinſtere Wolke ſah, welche ſeine Stirn über⸗ flog, als ſie ſo ſprach. Auch verſchwand dieſe ſchnell genug wieder und ſeine Züge nahmen wieder ihren glänzenden und leuchtenden Aus⸗ druck an. — 29— So ſoll es ſein, Marietta, ſagte er. Die Freiheit ſoll uns auf ewig vereinen, und nur der Tod kann uns alsdann wieder trennen. Aber wann wird dieſe große, dieſe göttlich ſchöne Zeit kommen? Wann wird dieſer geſegnete Tag aufleuchten, wo ich Dich in meine Arme nehmen und zu Dir ſagen kann: Komm, Marietta, komm! Die Welt gehört uns und unſerer Liebe! Laß uns ausziehen, unſer Glück zu genießen! O, meine Geliebte, wenn Du mich wahrhaft liebſt, ſo hilf mir, dem Schickſal dieſen glücklichen Tag abringen. Stehe mir bei mit Deiner Liebe, damit ich frei werde. Sage, was ich thun kann, und ich werde es thun, rief ſie ent⸗ ſchloſſen. Es giebt nichts, was ich nicht für Dich wagen und unter⸗ nehmen könnte. Er nahm ihr Geſicht in ſeine beiden Hände und ſah ihr lange und lächelnd in das erglühte Angeſicht. Iſt das gewiß? fragte er. Es iſt gewiß, Carlo! Sage mir, was ich thun ſoll und ich thu's! Und wenn es gefahrvoll wäre, Marietta? Ich kenne nur eine Gefahr! Und dieſe iſt? Deine Liebe zu verlieren, Carlo. Dann giebt's für Dich keine Gefahr. Sprich, Sprich, Carlo, worin kann ich Dir beiſtehen. Womit kann ich Dir helfen, Deine Freiheit zu erlangen? Rannzi warf einen ſchnellen, forſchenden Blick im Zimmer umher, als wolle er ſich überzeugen, daß ſie wirklich allein ſeien. Dann neigte er ſich dichter an ihr Ohr. Höre alſo, flüſterte er, ich kann nur frei werden, wenn der König von Preußen für immer unterdrückt und be⸗ ſiegt wird, und nur, wenn ich dazu nach meinen Kräften das Meinige beigetragen habe, darf ich hoffen, daß ich nicht bloß frei, ſondern auch zu Ehrenſtellen befördert werde. Der König von Preußen iſt mein Feind, denn er iſt ein Feind der Kirche, ein Feind meiner Herrin, der Kaiſerin von Oeſterreich, der ich den Eid der Treue geleiſtet. Seine Feinde muß man ſuchen mit allen Waffen zu bezwingen, auch mit denen der Liſt. Willſt Du mir darin beiſtehen? Ich will es. — 30— So beobachte, höre und forſche überall. Und Alles, was Du hörſt und erfährſt, das hinterbringe mir. Gieb Dir den Anſchein, als ſeieſt Du eine glühende Anhängerin des preußiſchen Königs, man wird Dir dann um ſo mehr vertrauen, und Du wirſt um ſo leichter erfahren, was vorgeht. Zeige Dich liebevoll und mittheilend gegen Deinen Mann, denn er iſt ein wirklicher Anhänger des Königs und verkehrt viel mit bedeutenden Perſonen, auch iſt er am Hofe wohlgelitten. Er erfährt daher ſehr viel und wird es Dir mittheilen, wenn Du Dir den Anſchein giebſt, als ob Du ſeine Geſinnungen theilſt. Wenn Du zu den Con⸗ certen des Königs an den Hof kommſt, ſo betrachte Alles, jedes Lächeln, jeden Blick, jedes unbekannte Wort, und berichte mir Alles, was Du hörſt und ſiehſt. Verſtehſt Du mich, Marietta, und willſt Du das thun? Ich verſtehe Dich, Carlo, und ich will es thun. Und weiter haſt Du mir nichts zu ſagen? Dies iſt das Einzige, worin ich Dir helfen kann?. Nein, Marietta, es giebt noch etwas Anderes, aber es iſt ſchwie⸗ riger und gefahrvoller. Um ſo beſſer! Alsdann, Carlo, wird es mehr dazu dienen, Dir meine Liebe zu beweiſen. Sprich! Es iſt den gefangenen Officieren unterſagt, verſiegelte Briefe von hier aus an ihre Verwandte oder Freunde zu ſchicken. Alle unſere Briefe müſſen offen ſein, und wenn nur ein Wort von politiſchen Din⸗ gen darin ſteht, werden ſie caſſirt. Aber alle anderen Privatperſonen haben das Recht, überall hinzuſchreiben, und zwar verſiegelte Briefe zu ſchreiben; Niemand denkt daran, ſie zu leſen, und unerbrochen be⸗ fördert die Poſt ſolche Briefe an ihren Beſtimmungsort. Haſt Du nicht auch Verwandte, denen Du ſchreibſt? Ich habe Verwandte und Freunde, mit denen ich correſpondire, Carlo, und von jetzt an werden auch Deine Freunde die meinen werden und ich will mit ihnen correſpondiren. Wie ſie mit einem ſchelmiſchen Lächeln ſo ſprach, leuchtete ein Strahl der Freude in Ranuzi's Augen auf, und er drückte Marietta zärtlich in ſeine Arme. Du haſt mich verſtanden, meine Geliebte, ſagte er. O, Dein Geiſt — 31— iſt ebenſo ſcharf, als Dein Herz edel iſt. Aber bedenke wohl, was Du thun willſt und welche Gefahren Dich bedrohen. Denn ich ſage Dir, Marietta, es handelt ſich hier nicht um gewöhnliche Freundſchaftsbriefe, ſondern um ernſte, wichtige Angelegenheiten. Sie neigte ſich dichter an ſein Ohr und flüſterte: Alles, was Du hier erſpäheſt, das wirſt Du dieſen Briefen anvertrauen. Du wirſt ferner in denſelben Verabredungen treffen mit Deinen Freunden, Pläne entwerfen und vielleicht Verſchwörungen machen. Und ich werde dieſe Briefe adreſſiren und auf die Poſt geben, und Niemand wird ihnen miß⸗ trauen, denn meine Briefe werden an irgend eine meiner Freundinnen in Wien, oder wohin Du ſonſt willſt, gerichtet fein. Habe ich Dich ver⸗ ſtanden, und iſt es ſo recht, Carlo? Diesmal drückte ſie Ranuzi mit wirklichem, ungekünſteltem Entzücken in ſeine Arme, und die Worte zärtlicher Dankbarkeit, welche er jetzt zu ihr ſprach, entbehrten in dieſem Moment nicht ganz der Wahrheit und Aufrichtigkeit. Marietta lag lächelnd vor Glück und ſtolzer Seligkeit in ſeinen Armen und lauſchte mit ſtrahlenden Blicken ſeinen heißen Liebesverſiche⸗ rungen. Als Ranuzi aber dann, nach langem ſüßen Beiſammenſein, auf⸗ brach und ihr Lebewohl ſagte, hielt ſie ihn zurück. Ihre beiden Hände auf ſeine Schultern legend, ſchaute ſie ihm mit einem ſeltſamen Ausdruck halb lächelnd und halb drohend in's Geſicht. Noch ein letztes Wort, Carlo, ſagte ſie. Ich liebe Dich grenzenlos. Um Dir meine Liebe zu beweiſen, werde ich jetzt zur Verrätherin werden an dieſem König, welcher mir ſtets ein gütiger Herr geweſen, deſſen Brot ich eſſe und der mich erhält und ernährt. Um Dir meine Liebe zu be⸗ weiſen, werde ich zur Spionin und Kundſchafterin. Die Menſchen ſagen, das ſei ein ehrloſes Handwerk, aber ich fühle mich ſtolz und glücklich, es für Dich übernehmen zu können, und nicht für alle Schätze und Reichthümer der Welt würde ich Dich verrathen. Aber, Carlo, wenn Du einſt aufhören könnteſt, mich zu lieben, wenn Du mich täuſchen, mir untreu werden und mich verrathen könnteſt, dann, ſo wahr mir Gott helfe, dann verrathe ich Dich und mich!— — 32— Und ich glaube wahrhaftig, ſie wär's im Stande, murmelte Ra⸗ nuzi, als er Marietta verlaſſen und die Straße erreicht hatte. Sie iſt ein gefährliches Weib und hat in ihrer Liebe wie in ihrem Haß wirklich etwas von einer Tigerin an ſich. Ich werde alſo mit ihr ſehr auf mei⸗ ner Hut ſein müſſen, und wenn ſie wüthend wird, ihr entweder die Zähne ausreißen, daß ſie nicht beißen kann, oder vor ihrem wüthenden Anſpringen entfliehen. Doch, das iſt noch lange hin. Die Hauptſache iſt, daß ich mir den Weg zu einer Correſpondenz nach Wien eröffnet habe, und daß das für meine Pläne ein ungeheurer Fortſchritt iſt, für welchen ich meiner zärtlichen Marietta wohl mit einigen Liebkoſungen danbar ſein muß! IV. Loniſe du Tronſſel. Madame du Trouſſel ging unruhig in ihrem Zimmer auf und ab. Sie horchte auf jeden Glockenſchlag und jedes Geräuſch machte ſie erbeben. Er kommt nicht, er kommt nicht, murmelte ſie leiſe vor ſich hin. Er hat alſo meine geſtrigen Spöttereien für Ernſt gehalten und iſt wirklich empfindlich geworden. O, ich werde alſo ſchon alt! Ich beſitze nicht mehr die Kraft, die Männer an mich zu feſſeln. Mein Gott, iſt es denn wirklich wahr, bin ich ſchon alt und häßlich? Nein, nein, ich bin kaum vierunddreißig Jahre, das iſt für eine verheirathete Frau immer⸗ hin noch kein Alter, und was die Häßlichkeit anbetrifft, ſo— Sie unterbrach ſich ſelbſt und eilte haſtig zum Spiegel hin, um lange und mit prüfenden Blicken ihr Antlitz zu betrachten. Ja, ſie mußte es ſich geſtehen, ihre Schönheit war im Verblühen, mehr im Verblühen, als es ihrem Alter nach nothwendig geweſen. Schon zeigte ſich um ihren Mund dieſer welke, verrätheriſche Zug, mit welchem das Alter die — 33— entſchwindenden Jahre in unſer Antlitz kerbt, ſchon begann ihre Stirn ſich mit leiſen Linien zu markiren, und in ihrem Haar glänzte es hier und dort wie ein Silberfaden. Madame du Trouſſel ſeufzte. Man hat mich zu früh verheirathet, ſagte ſie, und zudem war ich unglücklich verheirathet. Und dann bin ich mit achtzehn Jahren ſchon Mutter geweſen. Das Alles macht alt, und es ſind nicht die Jahre, ſondern die Stürme des Lebens, welche dieſe fürchterlichen Linien durch mein Antlitz gezogen. Und dann, wie ſoll man noch Intereſſe für mich haben können, wenn man neben mir eine faſt erwachſene Tochter ſieht. Ah, es iſt wirklich empörend, noch nicht vierunddreißig Jahre alt zu ſein und neben ſich eine faſt heirathsfähige Tochter zu haben, welche bald mit mir um die Huldigungen der Männer ſtreiten und meine Nebenbuhlerin ſein kann. O, mein Gott, mein Gott, es kann ein Tag kommen, an welchem ich eiferſüchtig auf meine eigene Tochter bin. Verhüte das, mein Himmel! Gieb, daß ich mich immer ihrer aufblühenden Schönheit ohne Groll freue, gieb, daß ich Camilla's Glück höher halte, als meine Eitelkeit! Und gleichſam, als wolle ſie ſich in dieſen guten Vorſätzen ſtärken, verließ Louiſe du Trouſſel ihr Gemach und eilte in das Zimmer ihrer Tochter. Camilla lag auf dem Divan. Ihre ſchlanke, wundervoll gebaute Geſtalt war von einem faltigen, weißen Gewande umfloſſen, ihr ſchwar⸗ zes Saar wallte in langen Locken an beiden Seiten ihres roſigen Antlitzes nieder und ringelte ſich ſchlangengleich über dieſe vollen entblößten Schul⸗ tern, mit deren Weiße es noch ſtärker contraſtirte. Camilla war damit beſchäftigt, zu leſen, und ſo ganz war ſie mit ihrer Lectüre beſchäftigt, daß ſie gar nicht gehört hatte, wie ihre Mutter eingetreten war. Louiſe du Trouſſel näherte ſich leiſe dem Divan und ſtand dann, gleichſam in Bewunderung verloren, ſtill, um dieſes ſchöne und liebliche Bild, dieſe ruhende Hebe, mit Muße zu betrachten. Camilla, fragte ſie dann mit zärtlichem Ton, was lieſt Du denn ſo eifrig? Camilla ſchrak zuſammen und blickte raſch empor. Dann lachte ſie laut auf. Ach, Mama, ſagte ſie mit ihrer ſilberhellen, weichen Stimme, Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I.„ 3 — 34— wie Du mich erſchreckt haſt. Ich glaubte wirklich, meine Tyrannin von Gouvernante ſei ſchon wieder heimgekehrt von ihrer Promenade, und ſie wäre es, welche mich hier bei dieſer Lectüre überraſchte. Ohne Zweifel hatte ſie Dir dieſelbe verboten? fragte ihre Mutter ſtrenge, indem ſie die Hand nach dem Buch ausſtreckte. Aber Camilla entzog es ihr haſtig. Ja, gewiß, ſagte ſie, hat mir Mademoiſelle Brunon verboten, dies Buch zu leſen, aber das iſt doch kein Grund, Mama, daß Du deshalb es mir fortnimmſt. Du wirſt doch hoffentlich nicht auch die ſtrenge Ty⸗ rannin gegen Deine arme Camilla ſpielen? Aber ich will nur wiſſen, was Du lieſeſt, Camilla? Nun, Voltaire's Pucelle d'Orleans, und ich verſichere Dich, Mama, es gefällt mir außerordentlich. Mademoiſelle Brunon hat ganz Recht, dieſe Lectüre zu verbieten, rief Madame du Trouſſel haſtig, und ich verbiete Dir dieſelbe auch! Und wenn ich nicht gehorche, Mama? O, man wird Dich wohl zwingen können, zu gehorchen! rief ihre Mutter ſtrenge. Hat man Dich zwingen können, Deiner Mutter zu gehorchen? fragte Camilla mit ſchnell aufflammendem Zorn. Wie, oder gab Deine Mutter ihre Einwilligung, als Du mit dem Gärtnerburſchen davon liefſt? Du biſt immer Deine eigenen Wege gegangen und ich will ſie auch gehen. Ich will's nicht mehr leiden, Mama, daß man mich wie ein kleines Kind behandelt, ich bin dreizehn Jahre alt, Du warſt nicht älter, wie Du die Affaire mit dem Gärtner hatteſt und Dich meinem Vater mußteſt an⸗ trauen laſſen. Warum willſt Du mich denn noch immer in Zwang und Abhängigkeit halten und mich behandeln wie ein Kind, da ich ſchon ein erwachſenes Mädchen bin? Du biſt kein erwachſenes Mädchen, Camilla, rief ihre Mutter ſtrenge, denn wärſt Du es, ſo würdeſt Du nicht wagen, ſo zu Deiner Mutter zu reden, weil Du dann wiſſen würdeſt, daß ſich das nicht ziemt, ſon⸗ dern daß Du vor allen Dingen Deiner Mutter Ehrfurcht und Gehor⸗ ſam beweiſen müßteſt. Nein, Camilla, Gott ſei Dank, Du biſt noch — 35— kein erwachſenes Mädchen, ſondern ein thörichtes Kind, und deshalb ver⸗ zeihe ich Dir. Sie trat dicht zu ihrer Tochter heran und wollte ſie zärtlich in ihre Arme ſchließen. Aber Camilla ſträubte ſich unſanft dagegen. Du ſollſt nicht ſagen, daß ich ein Kind bin, rief ſie heftig. Ich will's nicht mehr hören, es ärgert mich, und wenn Du's wieder thuſt, Mama, ſo ſage ich zu Jedermann, ich ſei ſchon ſechszehn Jahre alt!— Und warum willſt Du das ſagen, Camilla? Camilla ſchaute mit einem ſchelmiſchen Lächeln zu ihr empor. Warumd fragte ſie. Ach, Du denkſt wohl, ich weiß es nicht, weshalb ich immer ein Kind bleiben ſoll? Damit Du noch immer eine junge Frau bleiben kannſt. Darum ſagſt Du auch immer zu Jedermann, ich ſei erſt zwölf Jahre alt. Aber es glaubt's Dir Keiner, Mama, es glaubt's Dir Keiner! Sie lachen darüber, Du ſiehſt es nur nicht, und Du denkſt, Du bleibſt ſelber jünger, wenn Du mich jünger machſt. Ich ſage Dir aber, ich wilbs nicht mehr leiden! Ich will eine erwachſene Dame ſein, ich will mich auch putzen und in Geſellſchaft gehen können. Ich will nicht mehr im Kinderzimmer mit der Gouvernante eingeſchloſſen ſitzen, während Du im Salon brillirſt und Deine Anbeter entzückſt durch Deine Schönheit. Ich will auch meine Anbeter und meine Courmacher haben, ich will auch Liebesbriefe ſchreiben und bekommen, wie alle an⸗ deren Mädchen, und endlich will ich auch meine kleinen Liebſchaften haben, wie jedes andere Mädchen, und wie Du ſie von Deinem zwölften Jahre an gehabt haſt und noch haſt! Camilla, ſchweig, oder ich laſſe Dich fühlen, daß Du noch ein Kind biſt, rief Madame du Trouſſel, mit erhobenem Arme auf ihre Tochter hinſtürzend. Aber dieſe wich mit einer raſchen Wendung der niederfallenden Hand ihrer Mutter aus und ſprang mit zornſprühenden Augen von dem Di⸗ van empor. Wollteſt Du mich ſchlagen, Mutter fragte ſie mit bebenden Lippen. Ich rathe Dir, thu's noch einmal, hebe die Hand noch einmal gegen mich auf, aber dann bedenke, was folgen wird. Dann laufe ich fort, dann gehe ich zu meinem armen lieben Vater, den Du unglücklich, den — 36— Du zu einem Trunkenbolde gemacht haſt. Dann bleibe ich bei ihm, denn er liebt mich zärtlich, und wenn ich bei ihm wäre, ſo würde er nicht mehr trinken, ſondern er würde wieder ein ordentlicher Mann werden. 3 O, mein Gott, mein Gott, rief ihre Mutter unter ſtrömenden Thrä⸗ nen, er iſt es geweſen, der ihr dieſen Haß in's Herz gepflanzt hat! Er trägt die Schuld an meinem fürchterlichen Unglück. Sie liebt ihren Vater, der ihr nie etwas Gutes gethan, und ſie haßt ihre Mutter, welche ihr ſtets nur Liebe bezeigt hat. 5 Mit einem lauten Wehelaut ſchlug ſie ihre Hände vor ihr Angeſicht und weinte bitterlich. Camilla trat dicht zu ihr heran, zog mit feſter Entſchloſſenheit die Hände ihrer Mutter von ihrem Angeſicht und ſchaute ſie mit tiefen, zornigen Blicken an. Sie war wirklich kein Kind mehr, wie ſie jetzt ſo bleich und groß, mit ſo tief erregtem Antlitz ihrer Mutter gegenüberſtand. Aus ihren dunkeln Augen leuchtete geiſtiges Verſtändniß, um ihren Mund zuckte ein tiefes Schmerzgefühl, das nichts mehr mit dem Kinde zu ſchaffen hatte. Du ſagſt, Du habeſt mir ſtets nur Liebe bezeigt? fragte Camilla mit einem ſchneidenden kalten Ton. Mutter, wann hätteſt Du das gethan? Du haſt meinen Vater unglücklich gemacht und meine erſten Kinderjahre ſind unter dem Fluch einer unglücklichen Ehe dahingegangen. Ich habe meinen Vater weinen ſehen, während Du lachteſt, ich habe ihn trunken und zu einem Thier entwürdigt vor mir auf der Erde liegen ſehen, während Du in unſeren geſchmückten Geſellſchaftsjimmern mit heiterer Unbefangenheit Deine Gäſte empfingſt! Du ſagſt, Du habeſt mir ſtets Liebe bezeigt?— Du haſt mich niemals geliebt, Mutter, nie⸗ mals! Denn hätteſt Du's gethan, Du würdeſt Mitleid gehabt haben mit meiner Zukunft, Du würdeſt mir nicht einen Stiefvater gegeben, mich nicht gezwungen haben, einen fremden Mann Vater zu nennen, während ich doch meinen armen, lieben Vater hatte, der nichts auf der Welt weiter beſitzt, als mich allein. Denn Du meinſt wohl, Mutter, ich ſei nicht unglücklich, Du meinſt wohl, weil ich lache und tolle Streiche — 37— angebe, ſei ich glücklich und zufrieden. Ach, Mutter, ich habe eine innere Angſt vor der Zukunft, welche mich nie verläßt. Es iſt mir, als ob mich finſtere Geiſter umkreiſten, als ob ſie mich bezauberten mit ſeltſamen lockenden Liedern. Ich weiß, daß ſie mich verderben wollen, aber ich kann ihnen doch nicht widerſtehen, ich muß ihnen zuhören, ich werde ihnen unterliegen. Ich möchte gern anders und beſſer werden, ich möchte gern ein tugendhaftes und ſittſames Mädchen werden, aber ich kann nicht mehr heraus aus dieſem Zauberkreis, in welchen meine Mutter mich gebannt hat. Ich habe zu Vieles erlebt, zu Vieles erfahren, ich bin kein Kind mehr, ſondern ein erfahrungsreiches Weib. Die Welt ruft mich mit tauſend verlockenden Stimmen, ich werde ihr folgen, und ich werde verloren gehen, wie meine Mutter verloren gegangen iſt, denn ich bin ihre unglückliche Tochter und ihr Blut iſt in meinem Herzen! Und faſt ohnmächtig, ganz zerbrochen von ſo viel Aufregung und Gluth, ſank Camilla zur Erde nieder. Ihre Mutter blickte mit kalten, thränenloſen Augen zu ihr nieder. Es war ihr, als ob ihr Haar ſich vor Entſetzen emporſträube, als ob eine kalte Todtenhand ſich auf ihr Herz legte und es ſtillſtehen machte. Ich habe das verſchuldet, murmelte ſie, und Gott ſtraft mich in meinem Kinde für den Leichtſinn meiner eigenen Jugend.— Dann neigte ſie ſich nieder zu ihrer Tochter und zog ſie ſanft zu ſich empor. Komm, mein Kind, ſagte ſie zärtlich, wir wollen dieſe Stunde ver⸗ geſſen, und verſuchen, in Liebe und Einigkeit miteinander zu leben. Du haſt Recht, Du biſt kein Kind mehr, und ich werde daran denken, Dich in die Welt einzuführen. Und Du wirſt dieſe Mademoiſelle Brunon abſchaffen? fragte Ca⸗ milla mit ſchnell erheiterten Mienen. Oh, Mama, Du glaubſt gar nicht, wie ſie mich martert und quält mit ihren Argusaugen, und Tag und Nacht mir auflauert. Nicht wahr, Du läſſeſt ſie gehen und nimmſt keine Gouvernante wieder an? Ich werde darüber nachdenken, ſagte ihre Mutter traurig. Jetzt aber— Ein Diener trat ein und meldete den Grafen Ranuzi. — 38— Madame du Trouſſel erröthete leicht, und befahl, ihn in den Salon zu führen. Als der Diener wieder hinausgegangen war, blickte Camilla ihre Mutter mit einem ſchelmiſchen Ausdruck an. Wenn Du mich wirklich als erwachſenes Mädchen betrachten willſt, ſo nimm mich mit Dir in den Salon, ſagte ſie. Madame du Trouſſel verweigerte es. Du biſt nicht angekleidet, und dann— ich habe mit dem Grafen Ranuzi von Geſchäften zu reden. ² Camilla wandte ihr mit einem höhniſchen Lachen den Rücken. Geſchäfte! rief ſie. Ich möchte wiſſen, ob mein Herr Stiefvater mit dieſer Ant⸗ wort zufrieden wäre. Es iſt ein rechtes Glück für Dich, Mama, daß dieſer Krieg ihn von Dir fern hält. Ihre Mutter antwortete nicht, ſondern verließ ſchweigend das Zimmer ihrer Tochter.— Camilla kehrte wieder zu ihrem Sopha und zu ihrer Lectüre zurück.— Madame du Trouſſel aber begab ſich in den Salon. Beide hatten ſie bald in dem Leichtſinn ihres Herzens dieſe traurige Scene aus dem Drama eines entſittlichten Familienlebens ver⸗ geſſen, und übrigens wiederholten ſich dieſe Scenen auch zu oft, um noch irgend einen dauernden Eindruck in ihren Gemüthern zurückzulaſſen.— Madame du Trouſſel, wie geſagt, war in den Salon zurückgekehrt, wo der Graf Ranuzi ſie erwartete. Er kam ihr mit ſo freudiger Begrüßung entgegen, daß ſie ſich davon geſchmeichelt fühlte und ihm lächelnd ihre Hand darreichte, indem ſie ſich triumphirend ſelber ſagte, daß die Macht ihrer Reize gewiß noch nicht im Abnehmen begriffen ſei, da der ſchöne und vielbegehrte Graf Rannzi von denſelben gefeſſelt ſei. Der Graf hatte ſie geſtern um eine Unterredung gebeten, und er hatte das mit ſo geheimnißvoller und trauriger Miene gethan, daß die heitere und ſpottſüchtige Louiſe du Trouſſel ihn den Ritter Toggenburg genannt, und ihn gefragt hatte, ob er vielleicht nur zu ihr kommen wolle, um zu ihren Füßen zu ſterben? Vielleicht, hatte er ganz ernſthaft erwiedert, vielleicht, wenn Sie nämlich grauſam genug ſein könnten, mir die Bitte, welche ich Ihnen vortragen möchte, zu verweigern. Dieſe Worte hatten der koquetten Frau viel zu denken gegeben, und ſie die ganze Nacht hindurch beſchäftigt. Sie war überzeugt, Ra⸗ nuzi wolle, gereizt von ihrer Schönheit, ihr eine ganz ernſthafte Liebes⸗ erklärung machen, und ſie hatte lange überlegt, ob ſie ihn abweiſen oder ermuthigen wolle. Aber wie er ihr jetzt ſo lächelnd und ſchön gegenübertrat, war ſie feſt entſchloſſen, ihn zu ermuthigen und den Spott und Hohn ſchwinden zu laſſen. Vielleicht hätte Ranuzi das in ihren Blicken leſen können, aber er achtete nicht darauf. Er hatte ſein Ziel erreicht, er hatte dieſe geheime Unterredung, welche er begehrte, erhalten, und er wollte jetzt grade auf ſein Ziel losgehen.— Madame, ſagte er, ich komme, um Ihnen Abbitte zu thun und zu Ihren Füßen mir Vergebung zu erflehen. Er beugte leicht ein Knie vor ihr und blickte flehend zu ihr empor. Louiſe du Trouſſel fand, daß ſeine zugleich ſchmachtenden und feurigen Augen ſehr ſchön ſeien, und war ganz bereit, ihm die erflehte Vergebung zu bewilligen, obwohl ſie nicht wußte, was er gegen ſie ver⸗ brochen habe. Stehen Sie auf, Graf, ſagte ſie, und laſſen Sie uns vernünftig miteinander reden. Was haben Sie verbrochen, und was ſoll ich Ihnen vergeben? Oh, Sie vernichten mich durch Ihren Edelmuth, ſeufzte Ranuzi. Sie ſind edel genug, meine Kühnheit zu vergeſſen, und nicht mehr daran denken zu wollen, daß der arme gefangene Soldat, bezaubert von Ihrer Schönheit, hingeriſſen von Ihrer Anmuth und Liebenswürdigkeit, es gewagt hat, Sie zu lieben und es Ihnen zu geſtehen.— Aber ich ſchwöre es Ihnen, Madame, ich werde dieſe Kühnheit nicht wiederholen, Ihr geſtriger ſcharfer Spott, der graciöſe Hohn, mit dem Sie mich ſtraften, hat mich tief erſchüttert, und ich verſichere Sie, Madame, Sie haben mehr damit gefruchtet, als die Prüden mit ihren tugendhafteſten Straf⸗ 20— predigten es vermocht hätten. Ich habe mein Verbrechen eingeſehn, und niemals wieder ſollen meine Lippen wagen, zu geſtehen, was da in meinem Herzen lebt und glüht! Er nahm ihre Hand und küßte ſie ehrfurchtsvoll.— Louiſe du Trouſſel fühlte ſich ſeltſam überraſcht, und es ſchien ihr, als habe der Graf gar nicht nöthig gehabt, ſeiner Liebe ein ſo unverbrüchliches Schweigen aufzulegen. Aber ſie mußte ſich ſchon den Anſchein geben, zufrieden zu ſein, und ſie that das auch mit der ganzen Grazie und Leichtigkeit ihres Weſens. Ich danke Ihnen, ſagte ſie lächelnd, daß Sie mich von einem Lieb⸗ haber befreit haben, den jedenfalls die Gemahlin des Majors du Trouſſel aus ihrem Hauſe hätte verbannen müſſen, während ſie jetzt den Grafen Ranuzi mit Vergnügen willkommen heißen darf, und zu jeder Zeit bereit ſein wird, ihm zu dienen und gefällig zu ſein.* Er ſah ihr tief in die Augen. Wollen Sie das wirklich? fragte er dann ſeufzend. Wollen Sie ſich für einen armen Gefangenen intereſ⸗ ſiren, der Niemand hat, dem er ſeinen Kummer und ſeine Leiden klagen kann? Louiſe reichte ihm ihre Hand dar. Klagen Sie ſie mir, Graf, ſagte ſie mit einem Aufwallen ihres beſſeren Naturells. Theilen Sie mir Ihren Kummer mit und ſeien Sie gewiß, daß ich Theil daran nehme. Da Sie ſo vernünftig ſind, und nicht mein Anbeter ſein wollen, ſo will ich Ihre Freundin ſein. Hier meine Hand, ich biete Ihnen meine Freundſchaft an. Wollen Sie ſie? Ob ich ſie will! rief er entzückt. Sie bieten mir das Leben an, und Sie fragen mich, ob ich will? Louiſe lächelte fein. Sie fand, daß der Graf ſeine Freundſchaft auf eine glühende Art äußere, und daß er für dieſelbe einen ebenſo be⸗ geiſterten Ton habe, wie früher für ſeine Liebe. Sie haben alſo Kummer? fragte ſie. Sie haben Leiden, welche Sie Niemand klagen dürfen? Ja, aber mein Kummer betrifft nicht mich, und wenn ich leide, ſo iſt es für Andere und nicht für mich. — 41— Das klingt räthſelhaft! rief Loniſe lächelnd. Für wen leiden Sie denn? Für einen armen Gefangenen, der fern von der Welt, fern von den Menſchen in Ketten und Elend ſchmachtet, und den nicht blos die Menſchen, ſondern auch Gott verlaſſen, denn er ſendet ihm nicht ein⸗ mal den Tod, um ihn aus ſeinem Jammer zu erlöſen. Ich darf, ich kann Ihnen nicht mehr ſagen, denn es iſt nicht mein Geheimniß, und ich habe geſchworen, es Niemand zu verrathen, Niemand, außer einer einzigen Perſon. Und dieſe iſt? Es iſt die Prinzeſſin Amalie von Preußen, flüſterte Ranuzi. Louiſe du Trouſſel erſchrak und blickte den Grafen forſchend an. Die Schweſter des Königs? Und Sie ſagen, Ihr Geheimniß betreffe einen armen Gefangenen? fragte ſie athemlos. Ich ſage das, und es iſt ſo. Oh, meine edelmüthige Freundin, fordern Sie nicht, daß ich Ihnen mehr ſage. Ich darf es nicht. Aber ich beſchwöre Sie, helfen Sie mir, ſtehen Sie mir bei! Ich muß die Prinzeſſin Amalie ſprechen. Sie ſind die Vertraute, die Freundin der Prinzeſſin, Sie allein können mich zu ihr führen! Das iſt unmöglich! Unmöglich! rief Madame du Trouſſel, indem ſie aufſtand und haſtig im Zimmer auf⸗ und abging. Ranuzi folgte ihr mit den Augen und beobachtete jede ihrer Bewegungen, und las in ihrem Antlitz jede Regung ihrer Seele. Ich werde ſiegen, ſagte er zu ſich ſelber, und ein ſtolzes Triumph⸗ gefühl ſchwellte ſeine Bruſt.. Madame du Trouſſel näherte ſich ihm jetzt und blieb vor ihm ſtehen. Hören Sie, ſagte ſie leiſe, es iſt ein gefährliches und gewagtes Unter⸗ nehmen, in welches Sie mich da verwickeln wollen, doppelt gefährlich für mich, denn der König beargwöhnt mich, und er würde es mir nie⸗ mals verzeihen, wenn er erführe, daß gerade ich es gewagt, gegen ſeine Befehle zu handeln, und daß ich der Prinzeſſin Amalie beigeſtanden in ihrem Bemühen, einen Unſeligen zu retten, den doch der Zorn des Königs rettungslos zerſchmettert hat. Denn ich weiß ſehr wohl, welches der Gefangene iſt, von dem Sie reden. Nennen Sie mir ſeinen Namen — 412— nicht, ich will ihn nicht wiſſen, nicht erfahren. Es iſt gefährlich, ihn nur auszuſprechen, nur zu denken. Ich gehöre nicht in dieſer Angele⸗ genheit zu den Vertrauten der Prinzeſſin, und ich wünſche es auch nicht. Reden wir nicht mehr von dieſem Gefangenen, ſondern reden wir von Ihnen. Sie wünſchten der Prinzeſſin vorgeſtellt zu werden. Warum wenden Sie Sich nicht an den Ober⸗Kammerherrn von Pöllnitz? Ich habe nicht genug Geld, ihn zu beſtechen, und außerdem iſt er ſchwatzhaft und käuflich. Er würde mich morgen vielleicht verrathen. Sie haben Recht, und dann freilich könnte der Ihnen ſchwerlich eine ganz geheime Unterredung verſchaffen, denn das Ceremoniell er⸗ fordert, daß wenigſtens die Hofdame gegenwärtig iſt, und die Prinzeſſin iſt von zu vielen Spionen des Königs umgeben, um nicht immer Ver⸗ rath fürchten zu müſſen. Aber es giebt dennoch ein Mittel, Ihnen die Unterredung mit der Prinzeſſin allein und ohne Zeugen zu verſchaffen, und dies Mittel liegt in meiner Hand! Hören Sie! Louiſe du Trouſſel neigte ſich dicht an ſein Ohr und flüſterte lange mit ihm; der Graf hörte ihr mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu und ſein Antlitz leuchtete vor Freude. Als Ranuzi ſich dann nach dieſer langen geheimen Unterredung von ihr empfahl, flüſterte er: auf morgen alſo, meine edle Freundin! Auf morgen! ſagte ſie. Erwarten Sie mich vor dem Schloßportal, und ſeien Sie pünktlich. VW. Der Wahrſager. Die Vorhänge waren heruntergelaſſen, und ein düſteres Dämmer⸗ licht herrſchte in dieſem großen ſchweigenden Gemach, deſſen öde Stille durch nichts unterbrochen ward, als durch den eintönigen Schlag der großen Pendeluhr, die dort auf dem Sims des vergoldeten Kamins ſtand, und durch die Seufzer und leiſen Klagen, die von der anderen Seite — 143— des Gemaches von jenem Divan her ertönten. Dort in der Ecke zu⸗ ſammengekauert, unbeweglich und regungslos lag eine Frauengeſtalt. Die Hände über die Bruſt gefaltet, die Augen zum Himmel emporge⸗ richtet, lag ſie unbeweglich da, nur zuweilen aufächzend in Qual, oder einzelne Worte des Zorns und Unmuths flüſternd. Sie war allein mit ihrer Qual und ihren Schmerzen, ſie war immer allein; ſie war es ſeit vielen Jahren ſchon geweſen, und all⸗ gemach hatte der Kummer ihr Herz verhärtet und es erſtarren gemacht gegen alle anderen Leiden, als gegen die ihrigen. Sie haßte die Menſchen, ſie haßte die ganze Welt, ſie zürnte Denen, welche heiter waren und glücklich, und ſie hatte kein Mitleid mit Denen, welche weinten und traurig waren. Denn ſie, ſie hatte noch mehr gelitten, als alle Dieſe, ſie litt noch immer, und wer hatte denn Mitleid mit ihr, wer erbarmte ſich ihrer Qual? Seht ſie nur an, dieſe arme, ächzende Frau! Erkennt Ihr dieſe von Gram und Krankheit entſtellten Züge, dieſe blutunterlaufenen Augen, dieſe farbloſen ſchmalen Lippen, die immer krampfhaft zuſammen⸗ gepreßt ſind, als wollten Sie den Aufſchrei der Qual zurückhalten, und die ſich nur öffnen, um kalte und harte Worte zu ſprechen?— Erkennt Ihr ſie? Hat dieſes arme, unglückliche, entſtellte Weſen da wohl Aehn⸗ lichkeit mit der heiteren, ſchönen und geiſtvollen Prinzeſſin Amalie, welche wir einſt gekannt haben? Und doch iſt ſie es, doch iſt es die Prinzeſſin Amalie. Aber was hat der Gram, was haben die Jahre aus ihr gemacht! Die Schweſter des mächtigen Heldenkönigs, was iſt ſie jetzt weiter, als ein armes ſieches Geſchöpf, das die Menſchen flieht und von ihnen gemieden wird. Und ſie weiß, daß man ſie meidet, und ſie will es ſo! Sie will einſam und allein daſtehen inmitten der Welt, ſo einſam und allein, wie Er es iſt in ſeinem düſteren Kerker. Sie nennt die ganze Welt ihren Kerker, und ſie ſagt oft zu ſich felber, ihre Seele ſei hinter dem Eiſengitter ihres Körpers eingeſchloſſen, und könne nimmer erlöſt und befreit werden, ihr Herz liege auf dem brennenden Roſt der Welt, und ſie könne es nicht befreien, denn es ſei mit Ketten da angeſchmiedet, mit denſelben Ketten, welche man Ihm angelegt und die ſeine Geſtalt umfangen hielten. — 44— Aber ſie ſagt das zu Niemand Anders, als zu ſich ſelbſt. Sie will von Niemand bedauert werden, und ſie weiß auch, daß Niemand den Muth haben würde, ſie zu bedauern. Ihr Schickſal hat ſie auf eine einſame Höhe geſtellt, und einſam will ſie bleiben, denn ihre Klagen würden vielleicht Dem nur neue Gefahr bringen, den allein ſie liebt, an den allein ſie denkt, um den allein ſie das Leben erträgt. Ja nur für Ihn allein lebt ſie, aber was iſt das für ein Leben! Ein beſtändiges Hoffen, und doch ſo hoffnungslos, ein beſtändiges Spähen und Lauern nach einem glücklichen Moment, der niemals kommt! Sie hat nicht für ihn leben dürfen, ſie hat nicht ohne ihn ſterben wollen, denn ſo lange er lebt, kann er ihrer bedürfen, und ſie ſtirbt nicht, weil er eines Tages ſie rufen und ihrer Hülfe bedürftig ſein könnte. Sie ſtirbt nicht, aber ihre Jugend, ihr Herz, ihre Freudigkeit, ihre Illuſionen, ihre Hoffnungen ſind geſtorben. Sie hat einen Widerwillen gegen Alles was lebt, gegen die ganze Welt, gegen alle Menſchen! Sie liebt auf der Welt nur zwei Menſchen, den Einen, welcher im Kerker ſchmachtet, und durch ſie unglücklich geworden, das iſt Friedrich von Trenck,— den Andern, durch den ſie unglücklich geworden, aber der die Macht hat, Trenck zu befreien und ſie Beide zu erlöſen, das iſt der König. Sie hat vielleicht auch ihre Mutter geliebt, aber die iſt todt, der Gram um die Schlacht von Collin hat ſie getödtet. Sie hat auch ihre Schweſter geliebt, aber die Markgräfin von Baireuth iſt todt, der Gram um die Schlacht von Hochkirch hat ſie getödtet, wie der Gram um den Zorn des Königs ihren Bruder, den Prinzen von Preußen Auguſt Wilhelm, getödtet hat. Sie iſt daher allein, ganz allein, denn ihre beiden Schweſtern, welche noch leben, ſind fern ven ihr, ſind glück⸗ lich, und mit den Glücklichen hat Amalie nichts zu ſchaffen, mit ihnen kann ſie nicht ſympathiſiren. Ihre drei Brüder ſtehen im Felde, und Keiner von ihnen denkt an ſie. Nur Einer denkt an ſie, und der liegt unter der Erde, und doch iſt er nicht todt, der iſt begraben, und doch lebt er. Finſterniß und Nacht umgiebt ihn, und doch iſt er nicht blind, und die Sonne ſcheint Tag um Tag, aber er kann ſie nicht ſehen! Um dieſen fürchterlichen Gedanken hat Amalie ihre Jugend, ihr — 45— Leben, ihre Gedanken zerbröckelt, und ſie ſteht nur noch wie eine öde Ruine unter den Trümmern ihrer Vergangenheit. Der Sturm des Lebens pfeift um ſie her und ſie lacht dazu, denn ſie hat ihn nicht mehr zu fürchten, ſie nicht, und wenn er hier eine Eiche fällt und dort eine Blume knickt, ſo freut ſich deſſen ihr Herz, denn ihr Unglück hat ſie ſchadenfroh gemacht, oder vielleicht birgt ſie nur ihr Mitgefühl unter dieſer anſcheinenden Härte, vielleicht giebt ſie ſich den Anſchein, die Menſchen zu fliehen, weil ſie weiß, daß ſie von ihnen geflohen wird. Denn wer ihr naht, wird beobachtet, wird beargwohnt. Die Späher des Königs umgeben die Prinzeſſin und halten Jedermann von ihr fern. Vielleicht würde Amalie weniger unglücklich ſein, wenn ſie ihre Zu⸗ flucht zu Dem genommen hätte, welcher Aller Herzen Zuflucht iſt, wenn ſie ſich zu Gott gewendet hätte. Aber ſie war nicht ſo frommen und gläubigen Gemüthes, wie es zum Beiſpiel die edle Dulderin Eliſabeth Chriſtine, die verſchmähte Gemahlin Friedrichs des Großen, war. Prin⸗ zeſſin Amalie war die echte Schweſter des Königs, die Schülerin Vol⸗ taire's, welche der Kirche ſpottete und die Tröſtungen der Religion ver⸗ ſchmähte. Aber ſie mußte doch dem Geſchlecht, welchem ſie angehörte, ihren Tribut zahlen, es fehlte ihr die ſtarke und ſelbſtgewiſſe Geiſtes⸗ unabhängigkeit des Königs, ſie hatte nicht die Kraft, ſich auf ſich ſelber zu ſtützen, und da ihre Hände, welche zitternd umhergriffen, nicht den Glauben fanden, um ſich an ihm aufzurichten, fanden ſie den Aber⸗ glauben. Das Unglück hatte die arme Prinzeſſin nicht fromm gemacht, wie die Königin, aber es hatte ſie abergläubiſch gemacht. Während Eliſa⸗ beth Chriſtine betete, legte Amalie Karten, während die Königin fromme Gottesgelehrte und Prediger um ſich verſammelte, berief die Prinzeſſin Kartenſchläger und Wahrſager, während Eliſabeth Chriſtine Troſt fand in dem Leſen der heiligen Schrift, fand Amalie wenigſtens Zerſtreuung in dem Ausdeuten dieſer myſtiſchen und räthſelhaften Worte, welche ihre Propheten ihr geſagt. Während die Königin Predigten in's Franzöſiſche überſetzte und fromme Lieder dichtete, ſchrieb Amalie ſorgfältig alle die Prophezeihungen der Karten, des Kaffeeſatzes und der Sterne auf, und — 46— ſowohl ihre Manuſcripte, als die der Königin, wanderten zu dem König.— Der König empfing Beide mit einem gütigen, mitleidsvollen Lächeln, die frommen Manuſcripte der Königin legte er ungeleſen bei Seite, aber die von Aberglauben und Prophezeihung angefüllten Manuſcripte der Prinzeſſin las er. Vielleicht that er es nur aus Mitleid mit dieſem armen, gramum⸗ düſterten Geiſt, der ſeine Linderung und Zerſtreuung in ſolchen myſti⸗ ſchen Spielereien fand; gewiß iſt, daß der König, wenn er an die Prin⸗ zeſſin ſchrieb, ihr immer für ihre Prophezeihungen dankte und ſie auf⸗ forderte, mit denſelben fortzufahren.*) Aber indem er es that, verlangte er für dieſe ſeltſame Correſpondenz die größte Verſchwiegenheit, denn er wollte nicht, daß ſeine Feinde ſeine Nachſicht gegen die Schwäche der armen Prinzeſſin falſch ausdeuten und vielleicht vermeinen könnten, er brauche zum Siegen ſeine Propheten, wie ſeine Gegner ihren geweihten Degen.— Es war heute wieder einer von den Tagen, an welchen Prinzeſſin Amalie ihre Wahrſager empfing, und ſie hatte daher mit großer Erbit⸗ terung erfahrrn, daß man ihre Kartenſchlägerin geſtern verhaftet hatte. Weder ſie noch der Prophet waren bis jetzt aus ihrer Haft entlaſſen, und ſelbſt die Fürbitte der Prinzeſſin hatte ſie nicht zu befreien vermocht. — Die Prinzeſſin wäre alſo heute faſt dazu verurtheilt geweſen, ihren Abend ohne Propheten hinzubringen, wenn ihr nicht Madame du Trouſſel ganz zufällig zu Hülfe gekommen wäre. Am Morgen hatte ſie der Prinzeſſin geſchrieben und ſie um Erlaub⸗ niß gebeten, ihr heute einen Wahrſager zuführen zu dürfen, deſſen Pro⸗ phezeihungen alle Welt in Erſtaunen ſetzten, weil ſie immer einzutreffen pflegten und ſich immer bewahrheiteten. Amalie hatte dieſen Vorſchlag mit Freuden angenommen und er⸗ wartete jetzt mit Ungeduld den neuen Propheten, den Madame du Trouſſel ihr zuführen würde. Aber ſie war jetzt noch allein, ſie hatte alſo noch nicht nöthig, ihre *) Thiébault. Vol. II. p. 279 fol. — 47— . Schmerzen zu verbergen und dem Klagegeächze Stillſchweigen aufzuerle⸗ gen, welches langſam und dumpf wie Todesſeufzer aus ihrer Bruſt her⸗ vordrang. Denn Amalie litt nicht bloß an geiſtigen Schmerzen, ihr Körper war krank wie ihre Seele, und der Wurm, der an ihrem Herzen nagte, er nagte auch an ihrem Leibe. Aber für ihren Körper ſo wenig als für ihre Seele wollte ſie einen Arzt annehmen, und weder für ihre geiſtigen noch für ihre phyſiſchen Schmerzen wollte ſie bemitleidet werden. Sie litt alſo und ſchwieg, und nur, wenn ſie, wie jetzt, gewiß ſein konnte, nicht belauſcht zu werden, ließ ſie ihrem Jammergeſtöhn freien Lauf. Als jetzt leiſe an die Thür geklopft ward, verſtummte es ſofort und Amalie richtete ſich auf. Es war ihre Hofdame, welche eintrat und ihr meldete, daß Frau Majorin du Trouſſel angelangt ſei und den Wahr⸗ ſager mit ſich bringe. Laſſen Sie ſie eintreten, ſagte die Prinzeſſin mit dieſer dumpfen, grabesähnlichen Stimme, welche ſie von jenem unſeligen Trank behalten hatte, und um derentwillen man ſie am Hofe„die Grabesunke“ nannte. Laſſen Sie ſie eintreten und bleiben Sie heute auch hier, Fräulein von Lettrow, der Prophet ſoll Ihnen auch prophezeihen. Das Hoffräulein verneigte ſich und öffnete dann die Thür, um Ma⸗ dame du Trouſſel einzulaſſen. Sie kam heiter und ſchön wie immer und näherte ſich mit einem anmuthigen Lächeln der Prinzeſſin. Dieſe nickte ihr langſam ihren Gruß entgegen. Wie viele Stunden haſt Du heute bei Deiner Toilette zugebracht, ſagte ſie rauh, und wo haſt Du die Schminke her, mit der Du Deine Wangen bemalt haſt? Königliche Hoheit, ſagte Louiſe lachend, die Natur ſelber iſt ſo gütig geweſen, ſie auf meine Wangen zu malen. Dann iſt die Natur mit Dir im Bunde, und ſie hilft Dir lügen, daß Du noch jung ſeieſt, murmelte die Prinzeſſin rauh. Aber man ſagt mir, daß Deine Tochter ganz erwachſen und wunderſchön iſt, und die Leute behaupten, wenn Du neben ihr ſtehſt, würde man erſt an ihrer Schönheit und Jugend gewahr, wie alt und häßlich Du ſeieſt. Madame du Trouſſel kannte die ſeltſame Weiſe der unglücklichen Prinzeſſin, ſie wußte, daß Niemand ſich ihr nahen konnte, ohne zuvör⸗ 48— derſt von ihren Stacheln verwundet zu werden, und daß der finſtere Wurm, der an ihrer Seele nagte, gleichſam erſt beſänftigt werden müſſe mit dem Blut, welches ſie fließen gemacht. Die harten Worte der Prinzeſſin verwundeten ſie daher nicht. Wenn ich wirklich alt werde, ſagte ſie, ſo lebe ich alſo in meiner Tochter wieder auf, denn man ſagt, daß ſie mein Ebenbild ſei, und man lobt mich alſo mit, wenn man ſie lobt. Und man wird Dich eines Tages auch mit tadeln, wenn man ſie tadelt, murrte Amalie. Dann nach einer Pauſe fragte ſie: und Du haſt mir erſt heute einen Betrüger hergebracht, der ſich für einen Propheten ausgiebt? Ich glaube nicht, daß er ein Betrüger iſt, Hoheit. Er hat mir ſehr überzeugende Proben ſeiner Wahrhaftigkeit gegeben. Was für Proben? Wer kann dieſen Leuten, welche uns die Zukunft wahrſagen, ſogleich beweiſen, daß ſie uns belügen? Ich habe mir daher auch nicht die Zukunft, ſondern die Vergan⸗ genheit von ihm wahrſagen laſſen. Und er hat den Muth gehabt, Dir ein Stückchen aus Deiner Ver⸗ gangenheit vorzuſetzen? fragte die Prinzeſſin mit einem rauhen Lachen. Viele und recht luſtige Stückchen, Königliche Hoheit, und ſie waren leider alle wahr, ſagte Louiſe mit einem komiſchen Jammergeſicht. Die Prinzeſſin winkte lebhaft nach der Thür hin. Laſſen Sie dieſen Propheten eintreten, Fräulein von Lettrow. Er ſoll vor allen Dingen Ihnen prophezeihen, denn ich denke, Sie haben nicht, wie Madame du Trouſſel, Ihre Vergangenheit zu fürchten. Das Hoffräulein öffnete die Thür und der Wahrſager trat ein. Seine Geſtalt war eingehüllt in ein langes ſchwarzes Gewand, das um die ſchlanke Taille von einem breiten, mit ſeltſamen Figuren bemalten Ledergürtel zuſammengehalten war. Um ſein bleiches, ſchmales Angeſicht floſſen rabenſchwarze Locken wie zuckende Schlangen nieder, ſeine Augen brannten mit einem düſtern Feuer und flackerten wie Blitze im Zimmer umher. Mit aufgerichtetem Haupt und ſtolzer Miene näherte er ſich der Prinzeſſin, und erſt, als er ihr ganz nahe war, verneigte er ſich und — 49— fragte ſie mit ſanfter, melodiſcher Stimme um ihr Begehren und wes⸗ halb ſie ihn habe rufen laſſen. Wenn Sie wirklich ein Prophet ſind, ſo wiſſen Sie das, ſagte die Prinzeſſin. Sie wollen zuerſt von mir die Vergangenheit erfahren, ſagte er feierlich. Und warum nicht zuerſt die Zukunft? Weil Eure Königliche Hoheit mißtrauiſch ſind, weil Sie mich erſt prüfen wollen. Haben Sie alſo die Gnade, mir zu geſtatten, daß ich meine Karten nehme, ich will mit Ihrer gnädigen Erlaubniß dem Hof⸗ fräulein zuerſt wahrſagen. Er zog eine Maſſe ſchmutziger, ſeltſam bemalter Kartenblätter her⸗ vor und breitete ſie vor ſich auf dem Tiſch aus. Dann nahm er die Hand des Hoffräuleins und ſchien emſig darin zu leſen. Und nun be⸗ gann er mit leiſer, melodiſcher Stimme ihr einzelne Züge aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Es waren ziemlich pikante kleine Geſchichten, wie man ſie ſich wohl heimlich am Hofe von dem Fräulein von Lettrow erzählte, welche aber doch Niemand laut zu ſagen wagte, weil Fräulein von Lettrow für ein Muſter ſtrenger Tugend und Frömmigkeit galt. Das Hoffräulein nahm daher dieſe Enthüllungen des Propheten mit ziemlich ſichtbarem Zorn auf; ſtatt zu lachen nnd durch ihre Gleich⸗ gültigkeit die Wahrheit derſelben in Abrede zu ſtellen, ärgerte ſie ſich und bereitete ſomit der Prinzeſſin einen heitern und vergnüglichen Moment. 3 Ich wage nicht zu entſcheiden, ſagte die Prinzeſſin, als der Wahr⸗ ſager jetzt ſchwieg, ob das, was Sie da erzählt haben, Wahrheit enthält oder nicht. Fräulein von Lettrow allein kann das wiſſen. Aber Sie werden nicht ſo grauſam ſein, ihn einen Lügner zu ſchelten, denn Sie würden mich dann verhindern, mir auch von ihm wahrſagen zu laſſen. Erlauben Sie mir alſo deshalb zu glauben, daß er Wahrheit geſagt hat. Und jetzt nehmen Sie Ihre Karten und miſchen Sie dieſelben. Befehlen Eure Königliche Hoheit, daß ich Ihnen auch etwas von der Vergangenheit erzähle? fragte der Wahrſager mit ſcharfem Ton. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. I. 4 — 50— Prinzeſſin Amalie ſtutzte. Ja, ſagte ſie, von meiner Vergangenheit, oder nein, ich will lieber erſt noch ein Bischen aus dem Leben meiner keuſchen du Trouſſel hören. Nun, nun, Louiſe, Du haſt nichts zu fürchten, Du biſt unſchuldig und rein, und bei dieſen Erzählungen aus Deiner Ver⸗ gangenheit wird uns ſein, als ob wir ein Kapitel aus der Pucelle d'Orléans leſen. Aber ich wage es, mich dieſer Vorleſung zu widerſetzen, rief Ma⸗ dame du Trouſſel lachend. Es giebt Bücher, welche man nur allein leſen kann, und dahin gehören die Bücher unſerer Vergangenheit ganz entſchieden. Ich bin bereit, mir in Gegenwart Eurer Hoheit meine Zu⸗ kunft prophezeihen zu laſſen, aber von meiner Vergangenheit mag ich nichts mehr hören. Ich weiß davon mehr als genug. Wäre ich mit Fräulein von Lettrow allein geweſen, ſagte der Wahr⸗ ſager, ſo würde ich ihr noch ganz andere Dinge erzählt haben, und dann würde ſie haben zugeſtehen müſſen, daß ich die Wahrheit ſage! Denn nur wenn vier Augen allein ſich auf dieſe Karten heften, iſt mein Geiſt klar. Demzufolge müßte ich, um die ganze Wahrheit von ihnen zu erfah⸗ ren, auch allein ſein? fragte die Prinzeſſin. Der Prophet verneigte ſich ſtumm. Die Prinzeſſin ließ ihre ſcharfen Blicke lange auf ihm ruhen, dann winkte ſie den Damen. Gehen Sie in's Nebenzimmer, ſagte ſie, aber ſobald ich rufe, treten Sie wieder ein. Die Damen verneigten ſich und gingen hinaus. Und jetzt, ſagte die Prinzeſſin, jetzt fangen Sie an! Aber der Wahrſager, ſtatt die Karten zu nehmen, beugte vor der Prinzeſſin ehrfurchtsvoll ein Knie und küßte den Saum ihres Kleides. Ich flehe um Gnade und Vergebung, ſagte er, denn ich bin nichts als ein armer Betrüger. Um zu der Perſon Eurer Königlichen Hoheit zu gelangen, habe ich mich in dieſe Maske geſteckt, welche allein es mir möglich machte, unbemerkt hieher zu gelangen. Aber ich ſchwöre Ihnen, Prinzeſſin, Niemand ahnt das Geheimniß dieſer Verkleidung und Nie⸗ mand wird es verrathen können. Ich habe Alles allein vorbereitet und ich allein bin der Schuldige. Gnade alſo, Prinzeſſin, Gnade für dieſes kühne Wagniß. Aber ich mußte zu Ihnen, mußte Ihre Kniee umklam⸗ mern und Sie anflehen, mit Ihrer Großmuth und Ihrem Erbarmen mir beizuſtehen, ich mußte es, denn ich hatte mit einem fürchterlichen Eide gelobt es zu thun! Wem hatten Sie das gelobt? fragte die Prinzeſſin ſtrenge. Wer ſind Sie und was wollen Sie von mir? Ich bin der Graf Ranuzi, kriegsgefangener öſterreichiſcher Haupt⸗ mann. Eure Hoheit fragen, was ich will? Ich will die edle Prinzeſſin anflehen um Erbarmen mit einem hülfloſen, einſamen, in Schmerz und Gram ſich verzehrenden Gefangenen. Gott und die Welt haben ihn verlaſſen, aber er hat dennoch einen Schutzengel, auf welchen er hofft, zu dieſem Schutzengel allein betet er, und er nennt ihn: Amalie!— Man hat ihn in Ketten geſchmiedet, wie ein wildes Thier, ein harter Stein iſt ſein Lager, und unter dieſem Stein wölbt ſich ſein Grab. Er iſt ein lebendig Begrabener, aber ſein Herz lebt noch, und dieſes Herz ſchreit zu Ihnen, Prinzeſſin, ſchreit um Rettung! Prinzeſſin Amalie war zitternd und ächzend in die Kiſſen des Di⸗ vans zurückgeſunken und ſtarrte halb ohnmächtig mit weit geöffneten Augen empor. Dann nach einer langen Pauſe ächzte ſie: Nennen Sie mir ſeinen Namen! Friedrich von Trenckl flüſterte Ranuzi leiſe. Sie zuckte zuſammen und ſtieß einen leiſen Schrei aus. Trenck! wiederholte ſie dann leiſe, o, welche traurige Melodie liegt in dieſem Wort, es iſt wie die Todtenklage meiner Jugend, und ich meine, die Luft ſelbſt müßte weinen, wenn dieſer Name ſie durchzittert. Trenck! Wie ſchön das klingt und wie lieblich. Es iſt ein holdes, ſchönes Lied. Es ſingt von dem einzigen Glück meines Lebens! Ach, wie lange, lange war mir dies Lied verſtummt, und darum war's ſo öde in mir, alle Saiten meines Herzens zerriſſen, alle! O, ſo tonlos, ſo fürchterlich Alles! Sie hatte ganz leiſe, in ihre eigenen Gedanken verloren, ſo geſpro⸗ chen, ſie hatte ganz vergeſſen, daß ſie nicht allein war mit ihren Erin⸗ nerungen, welche ſich wie eine Wolke über ſie gelegt und ihr alles 4 ⁸½ V V ————————— —————:r— Andere verhüllt hatten. Ranuzi wagte es nicht, ſie daran zu mahnen, er kniete noch immer zu ihren Füßen und wartete. Plötzlich flog ein Zucken durch ihre ganze Geſtalt und ſie richtete ſich kraftvoll auf. Mein Gott, ſagte ſie, und ich träume, während er mich ruft, ich bleibe müßig, während er meiner bedarf. Reden Sie, mein Herr, ſprechen Sie! Was wiſſen Sie von ihm? Haben Sie ihn geſehen? Hat er Sie zu mir geſandt? Er hat mich geſandt, Königliche Hoheit, aber ich habe ihn nicht geſehen. Wollen Eure Hoheit die Gnade haben, mich anzuhören? In⸗ dem ich jetzt zu Ihnen ſpreche, lege ich das Leben und die Sicherheit ehrenwerther Freunde und Kameraden zu Ihren Füßen nieder. Ein Wort von Ihnen und ſie werden als Verräther dem Kriegsgericht über⸗ antwortet und man wird ſie erſchießen. Aber Eure Königliche Hoheit werden dies Wort nicht ſprechen, denn Sie ſind großmüthig wie ein Engel und Sie werden Erbarmen haben. Reden Sie, reden Sie, ſagte Amalie athemlos. Mein Gott ſehen Sie denn nicht, daß ich ſterbe vor Erwartung? Prinzeſſin, Trenck lebt; er iſt in Ketten geſchmiedet, aber er lebt, er wohnt in einer Höhle unter der Erde, aber er lebt! So lange er lebt, hofft er auf Sie, denkt er an ſeine Befreiung und ſeine Freunde hoffen und denken mit ihm. Er hat Freunde, welche bereit ſind, für ihn ihr Leben zu wagen. Einer dieſer entſchloſſenen Freunde iſt in der Feſtung Magdeburg ſelbſt, es iſt einer der wachthabenden Lieutenants, ein zweiter Freund lebt ihm unter den kriegsgefangenen Officieren, es iſt ein Haupt⸗ mann Kimsky, und der dritte Freund bin ich. Ich kenne Trenck ſeit meiner Jugend, und in einer ſchönen und ſchwärmeriſchen Stunde haben wir geſchworen, einander beizuſtehen in jeder Gefahr und jeder Noth. Jetzt iſt für mich der Moment gekommen, meinen Schwur zu löſen. Trenck iſt gefangen und ich muß helfen ihn zu befreien. Aber unſere Kräfte ſind geringe und vereinzelt. Es fehlt uns der Mittelpunkt, es fehlen uns Bundesgenoſſen in der Feſtung, und noch mehr in der Stadt ſelbſt. Es fehlen uns Mittel und Wege, ihn fortzuſchaffen und zu ver⸗ bergen. Wir bedürfen eines mächtigen Beiſtandes, und Niemand als Eure Königliche Hoheit iſt vermögend, uns denſelben zu gewähren. Ich habe in Magdeburg ſichere und zuverläſſige Freunde, auf die ich mich verlaſſen kann, ſagte die Prinzeſſin. Sie werden auf meinen Wink bereit ſein, ihm beizuſtehen, ſie— Plötzlich ſchwieg die Prinzeſſin und blickte Ranuzi mit ſcharfen, durchbohrenden Blicken an. Sie war ſchon zu oft getäuſcht, zu oft hin⸗ tergangen worden, man hatte zu oft ſchon ihr Netze geſtellt und ſie um⸗ garnt, als daß ſie nicht hätte mißtrauiſch werden ſollen. Nein, ſagte ſie endlich rauh und hart, ich laſſe mich auf dieſe Thor⸗ heiten nicht mehr ein. Gehen Sie, mein Herr, Sie ſind ein ſchlechter Wahrſager und ich will nichts mehr davon hören. Ranuzi lächelte und zog ſchweigend ein zuſammengefaltetes Papier hervor, das er nach einer tiefen Verneigung der Prinzeſſin darreichte. Sie entfaltete es mit zitternden Händen. Das Papier enthielt nichts als die Worte: Graf Ranuzi iſt ein ehrlicher Mann, dem man unbe⸗ dingt vertrauen kann.“ Darunter ſtand: nel tue giorni felice, ricor- dati da me.“ Die Prinzeſſin blickte lange und hochathmend auf die Schriftzüge hin, und endlich füllten ſich ihre Augen mit Thränen, endlich mußte ihr Herz überſchwellen von dieſen ſchmerzvollen und leidenſchaftlichen Gefüh⸗ len, welche ſie ſo lange und mit ſo bitterer Qual verborgen gehalten. Sie drückte das Papier, welches ſeine Schriftzüge, ſeine mit ſeinem Blut geſchriebenen Schriftzüge enthielt, an ihre Lippen und heiße Thränen⸗ ſtröme entſtürzten dieſen Augen, welche lange Jahre nicht mehr hatten weiſten können. Jetzt, mein Herr, ſagte ſie dann, jetzt ſind Sie beglaubigt. Ich vertraue Ihnen, und nun ſagen Sie mir, was ich zu thun habe. Uns fehlen drei Dinge, Prinzeſſin. Erſtens: ein Haus in Magde⸗ burg, wo Trencks Freunde ſich verſammeln und zu jeder Zeit die nöthi⸗ gen Verabredungen treffen, und wo wir nach ſeiner Befreiung ihn ver⸗ bergen können. Zweitens: einige ſichere und unverfängliche Freunde, welche ſich mit uns verbinden und uns beiſtehen, und Drittens: fehlt uns Geld.— Wir müſſen die Wachen beſtechen, Pferde kaufen, wir müſſen Trenck Helfershelfer in der Feſtung ſelbſt verſchaffen, und end⸗ lich müſſen wir ihm Kleider ſchaffen. Außerdem aber bedarf es für — 54— mich der Erlaubniß, auf einige Tage nach Magdeburg reiſen zu dürfen, um dort an Ort und Stelle ſelbſt die nöthigen Verabredungen treffen zu können. An einem Vorwand dazu ſoll es nicht fehlen. Der Haupt⸗ mann Kimsky iſt mein naher Verwandter. Er wird tödtlich erkranken und dann als letzte Bitte den Wunſch äußern, mich vor ſeinem Tode noch ſehen zu dürfen. Dieſen Wunſch wird einer ſeiner Kameraden hie⸗ her berichten und dann werde ich mich hülfeflehend an Eure Königliche Hoheit wenden. Und ich werde einen Paß verſchaffen, ſagte Amalie entſchloſſen. In Magdeburg werde ich dann ſelbſt alle Vorbereitungen zur Flucht leiten. Und Sie glauben, daß diesmal die Flucht gelingen wird? fragte die Prinzeſſin mit einem Lächeln, welches ihr armes verzerrtes Antlitz wie ein Sonnenſtrahl durchleuchtete. Ich glaube es nicht, ich bin deſſen gewiß, vorausgeſetzt, daß Eure Königliche Hoheit uns hülfreich ſein wollen! Die Prinzeſſin antwortete nicht. Sie durcheilte mit jugendlicher Leichtigkeit das Gemach und trat zu ihrem Schreibtiſch hin, aus dem ſie einige Geldrollen hervornahm. Dann ſetzte ſie ſich und ſchrieb mit raſcher Hand auf ein Papier:„Sie dürfen dem Ueberbringer dieſes voll⸗ kommen trauen. Er iſt mein Freund. Stehen Sie ihm bei in Allem, was er unternimmt.“ Sodann faltete ſie das Papier zuſammen und verſiegelte es. Ranuzi folgte jeder ihrer Bewegungen mit flammenden Augen und hochklopfendem Herzen. Als ſie die Feder nahm, um die Adreſſe zu ſchreiben, leuchtete ein Strahl wilden Triumphes in ſeinem Antlitz auf und ein ſtolzes Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Aber als Amalie ſich zu ihm umwandte, war es ſchon wieder verſchwunden und ſein Geſicht war ſo ehrerbietig und ernſt wie zuvor. Nehmen Sie, mein Herr, ſagte ſie, ihm das Papier darreichend. Sie ſehen, daß ich Ihnen vertraue, denn ich überliefere Ihnen da einen treuen Freund, und wenn Sie ihn verrathen, iſt er verloren. Sobald Sie nach Magdeburg kommen, gehen Sie zu ihm und er wird Sie mit — 55— andern Freunden und Verbündeten bekannt machen, die in der Feſtung ſelber ſind, wie er. Und darf ich mich dieſer Adreſſe bedienen, um unter derſelben an meinen Freund Kimsky zu ſchreiben? Sie dürfen das ohne Gefahr. Ich werde heute ſchon auf anderm Wege ihn benachrichtigen laſſen, daß er dergleichen Briefe zu erwarten hat.— Hier iſt Geld, fuhr die Prinzeſſin fort, es ſind zwei Rollen, jede mit fünfhundert Ducaten. Es iſt vorläufig Alles, was ich habe. Sobald dieſe Summe aber erſchöpft iſt, wenden Sie ſich an mich, und ich werde dann ſchon wieder im Stande ſein, Anderes herbeizuſchaffen. Sie reichte ihm die beiden Geldrollen und Ranuzi ſteckte ſie in ſeinen Buſen, indem er lächelnd ſagte: es iſt das Zaubermittel, mit dem wir ſeine Ketten ſprengen wollen. Dann nahm Amalie eine koſtbare Brillantnadel, die auf ihrem Tiſche lag, und gab ſie Ranuzi, indem ſie auf das mit Blut beſchriebene Papier deutete, das ſie immer in der Hand behalten hatte. Sie haben mir da ein köſtliches Juwel gegeben, ſagte ſie, laſſen Sie uns tauſchen und nehmen Sie dies von mir an. Ranuzi ließ ſich vor ihr auf ein Knie nieder und küßte die Hand, welche ihm das blitzende Geſchenk darreichte. Und jetzt, mein Herr, gehen Sie, ſagte die Prinzeſſin dann. Meine Hofdame iſt ein beſoldeter Spion, und ein längeres Alleinſein mit Ihnen könnte ihr leicht verdächtig ſein. Man würde Sie dann beobachten und vielleicht Alles entdecken. Gehen Sie alſo! Wenn ich an die Kraft des Gebetes glaubte, ſo würde ich von jetzt an Tag und Nacht auf meinen Knieen liegen und zu Gott flehen, daß er ihr Werk ſegnen möge. So aber kann ich nur mit meinen Gedanken und meiner Sorge Ihnen folgen. Leben Sie wohl! Und Eure Königliche Hoheit geben mir gar keine Antwort auf jene Zeilen, die Trenck mit ſeinem Herzblut geſchrieben? Amalie trat wieder zu ihrem Schreibtiſch und, wieder die Feder nehmend, ſchrieb ſie einige flüchtige Zeilen auf ein Stückchen Papier, das ſie alsdann Ranuzi hinreichte. Dieſe Zeilen lauteten: ovunque tu sei, vicina ti sono. Geben Sie ihm das! ſagte die Prinzeſſin. Es iſt nicht mit meinem Herzblut geſchrieben, aber mein Herz blutet doch um ihn, nur blutet es nach innen!— Und jetzt nehmen Sie Ihre Rolle wieder auf. Ich muß die Damen rufen! Am Abend dieſes Tages ſchrieb Ranuzi an ſeinen Freund, den in Magdeburg gefangenen Hauptmann Kimsky:„Der Plan iſt gemacht und wird glücken. Wir werden die Feſtung in unſere Gewalt bekommen. Es iſt doch ein gut Ding um ein romantiſches Weiberherz, und es läßt ſich ſehr kühn r intrigniren. Bald wird Magdeburg in unſerer Ge⸗ walt ſein! Bereite Alles vor und dann werde krank und rufe mich! Ich werde einen Paß bekommen, denn ich habe eine mächtige Gönnerin, und damit, weißt Du wohl, kann man auf der Welt Alles erlangen.“ Dieſen Brief ſandte er indeß nicht durch die von der Prinzeſſin ihm angegebene Adreſſe, ſondern durch die ſchöne Tagliazuchi, welche ihn an eine harmloſe Freundin poste restante nach Magdeburg adreſſirte. IV. Ein Courtag in Berlin. Es war heute der Geburtstag des Prinzen Heinrich, und der Kö⸗ nigliche Hof wollte, auf den ausdrücklichen Wunſch des Königs, der darüber ein eigenes Handbillet an den Ober⸗Ceremonienmeiſter Herrn von Pöllnitz geſchrieben, dieſen Tag auf ganz ſolenne Weiſe feiern. Herr von Pöllnitz war daher ſchon von der Frühe des Morgens an ſelbſt außerordentlich thätig, und kein Feldherr konnte die Vorbereitungen zu einer Schlacht mit mehr Ernſt und Wichtigkeit betreiben, als der Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter und Ober⸗Kammerherr die Vorbereitungen zu dieſem Feſt, das der Hof heute Abend in den großen Apartements des Königlichen Schloſſes zu Berlin begehen wollte. Und allerdings war das eine ſehr wichtige Angelegenheit, denn man wollte heute nicht bloß große Galacour halten, ſondern nach derſelben ſollte ein Concert ſtatt⸗ finden, zu welchem die wenigen, noch in Berlin anweſenden italieniſchen Sänger und Sängerinnen befohlen worden. Wenn man auch dies ge⸗ noſſen, ſollte man zu einem noch andern Genuß ſchreiten, zu einem feinen und mit allem Luxus ausgeſtatteten Souper, an dem nicht bloß der Hof, ſondern auch alle fremden kriegsgefangenen Officiere Theil nehmen ſollten.. Dies Souper war für Herrn von Pöllnitz der Mittelpunkt und die Hauptangelegenheit des Feſtes, denn ein ſolches gehörte jetzt zu den Sel⸗ tenheiten des Berliner Hofes, und es konnten Monate vergehen, ehe die Königin daran dachte, zu einem ihrer Courtage ein Souper zu befehlen. — Herr von Pöllnitz mußte alſo jetzt, wenn es ihn nach irgend einem exquiſiten Mahl gelüſtete, ſich ſolches auf ſeine eigenen Koſten verſchaffen, und das war ein Gedanke, welcher ihn ſchaudern machte. Denn der würdige Ober⸗Kammerherr war zugleich verſchwenderiſch und geizig; er hatte in jedem Vierteljahr drei bis vier köſtliche Tage des Genuſſes, wo er als grand Seigneur lebte und ſich alle erdenklichen Freuden und Ge⸗ nüſſe bereitete. Das waren die erſten drei bis vier Tage jedes begin⸗ nenden Quartals, wo der Herr von Pöllnitz ſein Gehalt empfing, mit vollen Händen den Reſt ſeines Geldes, welchen er den gierigen Händen ſeiner Gläubiger hatte abzuliſten gewußt, um ſich warf und ſich wieder jung, glücklich und reich fühlte. Aber nach dieſen Tagen ſtolzer Herrlichkeit kamen dieſe Wochen und Monate trauriger Ein⸗ geſchränktheit, in denen Herr von Pöllnitz daran denken mußte, die Rolle dieſer leichten und anmuthigen Schmarotzerpflanzen zu ſpielen, die ſelber haltlos und ſchwankend, ſich irgend einem feſten Stamm anſchließen und ihm das Mark und die Kraft ſeines Lebens ausſaugen. In dieſen Monaten pflegte Herr von Pöllnitz wie ein Pirat Denen aufzulauern, welche im Stande waren, eine gute Tafel zu führen, und ſobald er erlauert hatte, daß man irgend ein Diner beabſichtige, wußte er ſich einen Platz an demſelben zu erobern. Auch pflegte der würdige Hofherr in dieſer Zeit ein leidenſchaftlicher Kartenſpieler zu ſein, und der größte — 58— Beweis ſeiner Gewandtheit und Geſchicklichkeit war, daß es ihm immer gelang, ſeine Partie zu Stande zu bringen, obwohl Jedermann wußte, daß es immerhin Geld koſte, mit Pöllnitz zu ſpielen. Denn der Ober⸗ Ceremonienmeiſter hatte ganz die erhabenen Grundſätze des Königs Lud⸗ wigs des Funfzehnten von Frankreich, welcher auch ein leidenſchaftlicher Kartenſpieler war, und für jeden Abend eine Summe von tauſend Louis⸗ d'ors zum Gewinnen oder Verlieren ausgeſetzt hatte. Gewann der König, ſo floß das Geld in ſeine Privat⸗Chatoulle, verlor er, ſo ward der Verluſt aus der Staatskaſſe entnommen. Ganz dieſem königlichen Bei⸗ ſpiel folgend, pflegte Herr von Pöllnitz auch nur das Geld, was er gewann, in ſeine Taſche fließen zu laſſen, verlor er aber, ſo borgte er das Geld, aber nicht von Demjenigen, an den er es verloren, ſondern von einem der andern Mitſpieler, und dann vergaß er nicht nur dieſe geliehene Summe für ſein Spielunglück auszuzahlen, ſondern ließ den Ueberreſt auch in ſeine Taſche gleiten. So war Herr von Pöllnitz ſicher, bei jedem Kartenſpiel zu gewinnen, und dieſe Gewinnſte bildeten ſein Taſchengeld. Heute aber ſollte er nicht nöthig haben, an irgend einer fremden Tafel ſich zu erfreuen, ſondern er ſelbſt hatte die Honneurs der Tafel zu machen, und er hatte die Arrangements des Soupers mit einer Ge⸗ lehrſamkeit und Sachkenntniß geleitet, welche ſogar dem Herzog von Richelien würde Bewunderung abgenöthigt haben.— Er hatte dies Mal durchaus nicht nöthig, ſeinem erfinderiſchen Genie Beſchränkungen auf⸗ zuerlegen und Sparſamkeit walten zu laſſen, vielmehr forderte es die Ehre, daß heute der Hof ſich in ſeinem vollen Glanze zeige und der Welt beweiſe, wie die Laſten des langdauernden Krieges weder den könig⸗ lichen Schatz noch die königliche Silberkammer erſchöpft hätten, und daß man ſehr gut den Krieg noch fortſetzen könnte, ohne die Privatſchätze des königlichen Haushaltes anzugreifen. Es waren daher ausnahms⸗ weiſe zu dem heutigen Souper aus dem kkniglichen Tréſor alle die gol⸗ denen Geſchirre entnommen, welche nach der Theilung des Nachlaſſes der Königin⸗Mutter von deren berühmtem goldenen Cabinet auf den Antheil des Königs gekommen waren. Dieſer Antheil hatte ſich in jüng⸗ ſter Zeit noch durch eine traurige Veranlaſſung gemehrt, durch den Tod — 59— nämlich der Markgräfin von Baireuth, welche ihren Erbſchaftsantheil an dem goldenen Geſchirr ausdrücklich ihrem Bruder, dem König, ver⸗ macht hatte.*)— Auch wollte der Hof heute en grande parure, die Königin und Prinzeſſinnen in vollem Schmucke ihrer Brillanten erſchei⸗ nen, und durch auserleſene Pracht wollte man dieſen ſtolzen und hoch⸗ müthigen Officieren imponiren, welche das Schickſal des Krieges als Gefangene in Berlin zurückhielt, und welche nicht ermangeln würden, an ihre Höfe Alles zu berichten, was ſie hier erlebt und geſehen.— Dieſes Feſt ſollte alſo gewiſſermaßen eine Demonſtration ſein, welche der König von Preußen gegen ſeine übermüthigen Feinde machte und durch welche er ihnen beweiſen wollte, daß, wenn er den Frieden wünſchte, dies nicht geſchah, weil es ihm an Geldmitteln zur Fortſetzung des Krieges fehlte, ſondern weil er dem ächzenden und aus tauſend Wunden blutenden Europa die Ruhe wiederzugeben wünſchte, deren es ſo ſehr bedurfte, um wieder zu geneſen. Außerdem aber hatte der König durch ſeine feſtliche Begehung des Geburtstages ſeines Bruders ſeinen eigenen Unterthanen den Beweis liefern wollen, wie hoch er ſelber den Prinzen ſtelle und wie ſehr bereit er ſelber ſei, dieſen Feldherrn zu ehren und zu lieben, der während der ganzen Dauer des Krieges noch nicht eine Schlacht verloren hatte, aber faſt immer durch ſeine meiſterhaften Operationen und Schlachtpläne dem Könige in ſeinen ſchwierigſten und gefahrvollſten Momenten rettend zu Hülfe gekemmen war. Dieſes Feſt ſollte alſo gewiſſermaßen eine Wider⸗ legung der Gerüchte ſein, welche die Feinde des Königs verbreiteten, und welche von dem Neid und der Eiferſucht erzählten, mit denen der König die Erfolge, das Schlachtenglück und die Feldherrntalente ſeines Bruders betrachtete. Es waren alſo ſehr viel Gründe, um derentwillen Herr von Pöllnitz *) Als der Hof nach der Schlacht bei Kunersdorf nach Magdeburg floh, ward das goldene Service des Königs, welches er von ſeiner Mutter geerbt, mit dahin genommen. Der Erbſchaftsantheil der Markgräfin von Baireuth blieb in Berlin, von wo ihn die Ruſſen im folgenden Jahre(1760) als Beute mit nach Petersburg nahmen.(König: Geſchichte Berlins Theil V. S. 2.) — 60— heute Sorge tragen mußte, das Familienfeſt des königlichen Hauſes mit allem Glanz und Luxus des Königthums auszuſtatten, und es ward dies um ſo mehr für ihn eine wichtige Angelegenheit, als er annehmen durfte, daß der Prinz Heinrich eine ſehr genaue und detaillirte Beſchreibung dieſes Feſtes erhalten würde, denn der Adjutant des Prinzen, der Graf von Kalkreuth, der zur Heilung ſeiner Wunden einige Monate in Berlin verweilt hatte, war jetzt geneſen und wollte heute nach dem Feſte noch Berlin verlaſſen, um zu der Armee zurückzukehren. Jetzt war die wichtigſte Stunde des Feſtes herangekommen. Herr von Pöllnitz durchwanderte noch einmal mit prüfendem Feldherrnblick die Säle und ſah mit ſtiller Befriedigung, daß Alles gut war. Ueberall verbreiteten Guéridons und Kronleuchter eine glänzende Tageshelle, überall herrſchte Glanz und Luxus, und wenn man den Speiſeſaal be⸗ trat, ſo ward man faſt geblendet von dem Glanz der goldenen und ſilbernen Geſchirre, die da auf dem koſtbaren Buffet aufgeſtapelt waren, und in deren glänzenden Flächen die Lichter der Kronleuchter ſich ſpie⸗ gelten. Allgemach auch begannen die Säle ſich zu füllen, und bald flim⸗ merte und blitzte es überall von goldgeſtickten Gewändern, von Ordens⸗ ſternen und Brillanten, und ein buntes und ſeltſames Gewoge war in den, von tauſend Lichtern erhellten, von Blumenduft durchzogenen Sälen. Neben der reichen, phantaſtiſchen Uniform des ruſſiſchen Boja⸗ ren ſah man die leichten und gewandten Geſtalten der franzöſiſchen Chaſ⸗ ſeurs; hier prangte die reichgeſtickte Uniform des ungariſchen Huſaren, deſſen bunte und geſchmackvolle Tracht ſeltſam contraſtirte zu der ein⸗ fachen, dunkeln Uniform des Spaniers, welcher neben ihm ſtand und ſich leiſe mit dem Italiener unterhielt, der das weiße geſchmackvolle Kleid eines öſterreichiſchen Officiers trug.— Es ſchien, als hätten alle Na⸗ tionen Europa's ſich heute in dieſem Königsſchloß zu Berlin Rendez⸗ vous gegeben, oder der König habe ſeinem Hofe einige Proben von allen dieſen Völkern geſandt, gegen welche er den Rieſenkampf unternommen hatte und die er ſeine Feinde nannte. Da waren nicht bloß Deutſche aus allen Provinzen und Ländern der deutſchen Fürſten, ſondern es waren da Italiener, Spanier, Ruſſen und Schweden, Schweizer und — 61— Ungarn, Niederländer und Franzoſen, und alle dieſe waren Kriegsgefan⸗ gene, und die Schwerter, welche an ihrer Seite hingen, waren gefärbt geweſen von dem Blut der Preußen, bis das Kriegsgeſchick ſie jetzt in die Scheide gebannt und die Feinde des Königs in die Gäſte ſeines Hofes verwandelt hatte.— Aber während die Zahl der gefangenen, feindlichen Officiere, die da in den Königsſälen der Ankunft der Königin harrten, mehr denn hundert betrug, war das preußiſche Heer nur gering vertreten. Die ſtreitbaren Officiere ſtanden im Felde, und nur Inva⸗ liden oder vom Alter gebeugte Krieger waren in der Hauptſtadt zurück⸗ geblieben, denn ſelbſt die Jünglinge, welche noch nicht das zum Militair⸗ dienſt beſtimmte Alter erreicht hatten, waren zu den Heeren geeilt, durch ihren Muth und ihren Enthuſiasmus über ihre Jahre ſich erhebend, und früh gereift durch das Beiſpiel ihrer Väter. Die blitzenden Uniformen der gefangenen Officiere waren es daher zumeiſt, welche dieſe in den Königsſälen verſammelte Geſellſchaft ſo glänzend erſcheinen ließen, und dieſe bildeten den eigentlichen Contingent der Männerwelt, die ſonſt nur von einigen alten preußiſchen Generälen und von den Kammerherren und Hofleuten vertreten ward, welche ihr Dienſt und Beruf verhinderte, Hel⸗ den zu ſein. Auch Herr von Giurgenow und ſein Freund, der Hauptmann von Belleville waren zu dieſem Hoffeſt geladen, und hatten ſich bereitwillig eingefunden, der preußiſchen Majeſtät ihre Huldigungen darzubringen, und nebenher ihre wichtigen Beobachtungen anzuſtellen. Der Graf von Rannzi, der ſchweigend und zurückhaltend, wie immer, die Säle durchwanderte, hatte ſich zu ihnen geſellt, und war jetzt mit den beiden Herren in eine Fenſterniſche des großen Courſaals getreten, um von dieſem Standpunkt aus das bunte Gewoge, das ſich da vor ihnen entfaltete, mit Ruhe zu beſchauen. Wiſſen Sie, ſagte der Graf Ranuzi lachend, daß mir dieſe Scene hier erſcheint, wie das tolle Gewirr in der Vorhölle, welche uns Dante ſo meiſterhaft geſchildert hat. Wir tragen Alle noch unſere glänzenden Masken und Larven, unter denen indeß nur unſere Leichname verborgen ſind. Ein Wort unſeres Herrn, und dieſe Gewänder fallen ab und die Todtenköpfe grinſen einander an. Es hängt von dem Willen des Königs — 62— von Preußen ab, dieſes Wort zu ſprechen, denn er iſt in der That unſer Herr, und wenn er will, müſſen wir unſere Schwerter abliefern, und unſere ſchönen Uniformen mit dem Armenfündergewand vertauſchen. Er wird aber nicht wagen, dies zu wollen, ſagte Herr von Giurgenow. Ganz Europa würde ihn dafür einen Barbaren ſchelten, und ihn zur Rechenſchaft ziehen für dieſen Uebermuth. Dann müßte ganz Europa vor allen Dingen erſt in der Lage ſein, ihn zur Rechenſchaft ziehen zu können, bemerkte der Graf Ranuzi lachend, und leider hat das noch immer nicht den Anſchein darnach. Nicht den Anſchein? fragte Herr von Belleville. Sie wiſſen alſo wohl noch nichts von dem herrlichen Sieg, den unſer heldenmüthiger Feldherr Broglie bei Bergen über den Herzog Ferdinand von Braun⸗ ſchweig erfochten hat? Ganz Frankreich jubelt über dieſes frohe Er⸗ eigniß, und die Marquiſe, oder vielmehr der König Ludwig hat unſeren zweiten Turenne, den edlen Broglie, dafür zum Marſchall ernannt. Ich weiß davon, ſagte Ranuzi, aber ich weiß auch, daß das Glück der Schlachten wandelbar iſt, ſonſt wären wir Alle nicht hier. Aber wir werden hoffentlich nicht mehr lange hier ſein, erwiederte Giurgenow unwillig. Und ſagen Sie doch, liegt es nicht in unſerer Ge⸗ walt, ſchon heute von hier fortzugehen? Was meinen Sie? Haben wir nicht unſere Schwerter? Man hat nicht gewagt, ſie uns abzunehmen, denn man zittert immer noch vor uns, und will in unſeren Perſonen die Völker ehren, die wir vertreten. Sehen Sie doch nur an dieſer Zuvor⸗ kommenheit und Achtung, mit der man uns begegnet, wie ſehr der König von Preußen ſeine mächtigen Feinde fürchtet, und wie er Alles vermeiden möchte, ſie zu beleidigen. Nun denken Sie, was daraus entſtehen würde, wenn wir heute, ſobald die königliche Familie hier in unſerer Mitte er⸗ ſchienen iſt, Alle unſere Schwerter zögen und den ganzen preußiſchen Hof gefangen nehmen? Ich denke doch, wir ſind in dieſer Geſellſchaft die Mehrzahl, und es würde für uns ein leichter Sieg ſein. Wir wür⸗ den uns alsdann in dem Schloß wie in einer Feſtung vertheidigen, und man würde gar nicht einmal wagen, uns ernſthaft anzugreifen, weil wir die Königin und die Prinzeſſinnen in unſerer Gewalt hätten. Was meinen Sie zu dieſem Plan, Herr Graf Ranuzi? — 63— Ranuzi begegnete den ſcharfen und forſchenden Blicken des Ruſſen mit vollkommener Ruhe. Ich meine, daß das ein kühner Plan iſt, ſagte er, der leider nur an der Unausführbarkeit krankt. Wir würden unſeren Sieg nicht eine Stunde behaupten können, denn die Garniſon von Berlin iſt immer noch groß genug, um uns zu bewältigen, und es giebt hier nicht, wie in Küſtrin, tauſende von ruſſiſchen Gefangenen in den Kaſematten, auf deren Beiſtand wir hoffen dürfen. Der Graf hat Recht, ſagte Belleville heiter. Es nützt nichts, hier eine ſolche grandioſe und kriegeriſche Verſchwörung zu machen. Wir müſſen ſchon auf eine andere Art Rache nehmen an dieſer Langeweile, die man uns hier erdulden läßt, und ich und meine Freunde wir ſind feſt entſchloſſen dazu. Wir wollen dieſe Feſſeln der Etiquette, welche man uns hier auferlegt, nicht länger tragen, wir wollen uns frei machen von dem läſtigen Zwang, mit dem man hier jede unſerer Be⸗ wegungen hemmt. Die Damen hier wollen uns glauben machen, daß ſie tugendhaft und keuſch ſind, weil ſie ein erhabenes Weſen haben, und zu jeder Equivoque ein ernſthaftes Geſicht machen, aber wir wollen ihnen zeigen, daß wir uns von dieſem Anſchein nicht blenden laſſen, und nicht geſonnen ſind, wie deutſche ſeufzende Ritter zu den Füßen unſerer unerbittlichen Schönen zu ſchmachten. Unſere tapferen Brüder haben die preußiſchen Männer bei Hochkirch und jetzt bei Bergen beſiegt, und da wir nicht neben ihnen im Felde ſtehen können, wollen wir wenigſtens hier die preußiſchen Frauen beſiegen und demüthigen. Ah, ich glaube wohl, flüſterte Herr von Giurgenow, daß Sie es zufrieden wären, das ſchöne Fräulein von Marſchall beſiegen zu können. Ach, Monſieur, ſagte Ranuzi lachend, Sie berühren da die Wunde unſeres armen Freundes. Sie wiſſen alſo nicht, daß Fräulein von Marſchall es iſt, welche dieſen Zorn des Herrn von Belleville verſchuldet hat? Sie iſt in der That eine ſtolze und übermüthige Schönheit, denn ſie hat es gewagt, nicht allein die Liebeserklärungen des Herrn von Belleville zurückzuweiſen, ſondern ſie hat ihn auch an ihrer Thür ab⸗ weiſen laſſen, und als er ihr darauf ein ſehr zärtliches und leidenſchaft⸗ liches Billetdoux geſandt, hat ſie ihm durch ihren Bedienten ſagen laſſen, — 64— ſie werde das Billet an ihre Kammerzofe geben, für die es doch ohne Zweifel beſtimmt ſei. Eh bien, was ſagen Sie zu dieſem Uebermuth? fragte der Fran⸗ zoſe zornig. Aber ſie wird es zu büßen haben, und ich habe ſchon mit meinen Freunden die nöthigen Verabredungen getroffen. Denn dies iſt nicht bloß eine perſönliche Affaire, ſondern ſie betrifft unſerer Aller Ehre. Die ganze franzöſiſche Armee, ja ganz Frankreich iſt in meiner Perſon beleidigt worden, und es iſt daher nothwendig, daß wir Genugthuung nehmen, nicht bloß an dieſer übermüthigen Dame allein, ſondern an allen Damen, an dem ganzen Hof hier. Und das ſoll noch heute Abend geſchehen. Wir wollen es dieſen langweiligen Damen beweiſen, was wir von ihrer Prüderie halten, und die Frau Königin ſoll ſehen, daß wir ganz und gar nicht geſonnen ſind, uns dieſer Etiquette zu fügen, welche ſie beobachtet wiſſen will. Sie iſt in unſeren Augen keine Königin, ſondern nur die Frau unſeres Feindes, über den wir bald triumphiren werden. Ich rathe Ihnen indeſſen doch, mit Ihrer Rache zu warten, bis wir vollſtändig geſiegt haben, ſagte Ranuzi leiſe. Denn Ihr Vorhaben könnte für uns Alle von den ſchlimmſten Folgen ſein. Der König von Preußen iſt niemals unſchädlich, es ſei denn, daß er todt iſt, und er würde eine Beleidigung ſeiner Gemahlin an uns Allen ſtrafen. Sie haben eine perſönliche Affaire mit dem Fräulein von Marſchall, nun wohl, machen Sie ſie perſönlich ab, aber ziehen Sie uns nicht mit hinein in Ihre Angelegenheiten, man könnte uns ſonſt leicht noch dieſen An⸗ ſchein von Freiheit nehmen, den man uns jetzt noch gelaſſen. Der Graf hat Recht, ſagte Giurgenow ernſt. Man könnte uns von Berlin entfernen, und das wäre ein bitteres Schickſal für uns Alle! Aber ſehen Sie nur, die Thüren zu den Zimmern der Königin werden geöffnet. Der Hof wird erſcheinen. Und Sie werden demzufolge das Glück haben, Ihre grauſame Schöne zu ſehen, flüſterte Ranuzi dem Franzoſen zu. Sie ſoll ihre Grauſamkeit heute noch bereuen, das verſichere ich Sie, ſagte Herr von Belleville zähneknirſchend, und indem er mit eini⸗ gen unfern von ihnen ſtehenden franzöſiſchen Officieren einen Wink des — 65— Einverſtändniſſes wechſelte, trat er weiter in den Saal vor, bis an die äußerſte Reihe dieſes Spaliers, welches man zu beiden Seiten des Saals gebildet hatte und durch welches der Hof hindurchſchreiten mußte. Jetzt erſchien auf der Schwelle der Thür der Ober⸗Ceremonien⸗ meiſter mit dem goldenen Stabe, und hinter ihm trat die Königin an der Seite der Prinzeſſin Amalie in den Saal. Beide erſchienen ſie im vollen Glanze ihres Ranges; eine kleine Krone von Brillanten glänzte in dem blonden Haar der Königin, und ihren blendendweißen, ſchön ge⸗ formten Hals umſchlang das wundervolle Halsband von Diamanten und Smaragden, von dem Baron von Bielefeld einſt ſagte, daß man ſich für daſſelbe ein ſouveraines Fürſtenthum würde kaufen können. Ein ſilberdurchwirktes weißes Gewand, über welches ein dunkelrother, mit Hermelin beſetzter Sammetſhawl herniederfiel, umhüllte die ſchlanke und edle Figur der Königin, deren ſtille und beſcheidene Miene, deren demü⸗ thig geneigtes Haupt indeſſen ſeltſam contraſtirte zu dem Glanz, der ſie umgab. Einen andern Contraſt zu dieſer beſcheidenen und ſtillen Köni⸗ gin bildete die neben ihr erſcheinende Prinzeſſin Amalie. Gleich ihrer königlichen Schwägerin war ſie im vollen Glanz ihres Schmuckes und in herrlicher untadelhafter Toilette erſchienen. Ihre Arme und ihr Hals, ihr Haar und ihre Hände flimmerten von Brillanten, und mit Knöpfen von Brillanten waren die Feſtons ihres Kleides von Silbergaze auf⸗ genommen, um darunter das grüne, ſilbergeſtickte Unterkleid hervorſchauen zu laſſen. Aber die Prinzeſſin wußte ſehr wohl, daß dieſe Kleiderpracht und die funkelnden Juwelen nur noch ſchärfer ihre unglückſelige, gebeugte, ſieche Geſtalt, ihr armes verzerrtes Antlitz hervorheben würden, ſie wußte, daß die Blicke Aller auf ihr mit einem höhniſchen Lächeln, einem kalten, ſchadenfrohen Spott ruhen würden, daß man ihre Erſcheinung als ein allerliebſtes Amüſement begrüßen, und wenn man ihr den Rücken ge⸗ wandt, von ganzem Herzen darüber lachen würde. Sie hatte deshalb ihre ſchneidende und kalte Miene angenommen, ſie wollte dem Spott durch ihren eigenen beißenden Spott zuvorkommen und ſich mit ſan⸗ glantem Witz wenigſtens rächen für die hohnlächelnden Blicke, die ſehr deutlich ausſprachen, was die Lippen nicht zu ſagen wagten. Sie war daher kaum in den Saal getreten, als ſie hier und dort ihren Bekann⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I. 5 — 66— ten Worte der Begrüßung zurief, denen jedes Mal ein giftiger Stachel, eine bittere Ironie beigemiſcht war, und die daher diejenigen, welche ſie trafen, bitter verwunden mußten. Und wenn Amalie dann in den Ge⸗ ſichtern der Angeredeten ſah, daß ihre ſcharfen Pfeile getroffen hatten, ſo blitzte ein boshaftes Feuer in ihren Augen auf und ein bitteres Lächeln umſpielte ihre ſchmalen Lippen. Hinter der Königin und der Prinzeſſin ſah man die Prinzeſſin Hein⸗ rich erſcheinen; auch ſie in blendender Toilette und ſtrahlend von Bril⸗ lanten, aber wenn man ſie anſchaute, dachte man nicht an ihre Pracht, ſondern fühlte ſich nur erquickt durch ihre ſo jugendfriſche, heitere und naturvolle Schönheit, durch die Güte und Unſchuld, die aus ihrem roſigen Antlitz ſprach. Heute indeß war der Prinzeſſin Auge minder klar und leuchtend, ein trüber Schimmer beſchattete ihre hohe reine Stirn und um ihre vollen purpurrothen Lippen zuckte es wie ein leiſes Schmerzgefühl. Vielleicht waren es die Erinnerungen an die ſchönen und glücklichen früheren Tage, welche ſie die Einſamkeit des heutigen ſo bitter empfinden ließen, und machten, daß ſie ſo zerſtreut und gedankenvoll vorwärts ſchritt und gar nicht achtete auf dieſes glänzende Spalier zu beiden Seiten des Weges, auf dieſe zahlreiche, von Blumen, Stickereien, Ordensbändern und Gold ſtrahlende Geſellſchaft, welche mit ehrfurchtsvoller Verneigung und ge⸗ ſenkten Hauptes die Prinzeſſin begrüßte. Aber jetzt hoben ſich die geſenkten Häupter wieder, denn der Hof war vorüber, und mit kecken und faſt herausfordernden Blicken ſchauten die jungen franzöſiſchen Officiere auf die Hofdamen der Königin und der Prinzeſſinnen, welche jetzt ſich näherten und hier und dort mit einem verſtohlenen Lächeln, einem leiſen Gruß den bewundernden Blicken ihrer Anbeter begegneten. Nur Fräulein von Marſchall ſchien gar nicht zu ahnen, daß die Blicke dieſer kecken und übermüthigen Officiere auf ihr ruhten. Stolz und mit hochgehobenem Haupt ſchritt ſie vorwärts, die großen himmel⸗ blauen Augen gerade auf die Prinzeſſin gewandt, welche vor ihr ging, mit keinem Lächeln, keinem Blick irgend Jemand begrüßend. Ihr edles, ſchönes Antlitz hatte einen faſt ſtrengen, entſchloſſenen Ausdruck, ihre 65— Lippen waren leicht und kühn aufgeworfen und in ihren ſonſt ſo ſanften Augen leuchtete es zuweilen wie ein zorniger Blitz ihrer Seele. Es war etwas Junoniſches in ihrer Erſcheinung; ſchön und lieblich war ſie an⸗ zuſchauen und kalt und ſtrenge war doch ihre Schönheit. Wie ſie jetzt an Herrn von Belleville vorüberging, ſagte dieſer ſeuf⸗ zend zu ſeinem Nachbar: Ah, ſehen Sie nur dieſe ſchöne Galathea, dieſe ſchöne Marmorſtatue, welche man durch Küſſe erſt zum Leben erwecken kann. Fräulein von Marſchall zuckte zuſammen; ein glühendes Roth be⸗ deckte ihr Antlitz und überflog ſogar ihre Schultern und ihren Nacken, aber ſie wandte ſich nicht um, ſie ging ruhig weiter, obwohl ſie hörte, wie die Officiere lachten und ziſchelten, obwohl ſie die frechen Blicke fühlte, mit denen ſie ſie verfolgten. Die Königin und die Prinzeſſinnen machten die grande tournée durch den Saal, dann miſchten ſie ſich unter die Geſellſchaft. Der ſtrenge Zwang der Etiquette hatte jetzt aufgehört und man überließ ſich bis zum Beginn des Concerts einer heiteren und ungezwungenen Unterhaltung. Aber bald ſchien dieſe bei den franzöſiſchen Officieren in eine rückſichts⸗ loſe, tolle Fröhlichkeit ausarten zu wollen. Sie lachten und ſprachen ungewöhnlich laut, man ſah ſie Arm in Arm an den Damen vorüber⸗ gehen und hörte, wie ſie ſich über dieſelben Bemerkungen mittheilten, die oft ein glühendes Roth, oft ein ſchnelles, erſchrecktes Erblaſſen zur Folge hatten. Selbſt die Königin gewahrte dieſe ſeltſame und ungewöhnliche Auf⸗ regung der fremden Gäſte, und um derſelben ein Ende zu machen, ver⸗ fügte ſie ſich mit dem Hof in den Concertſaal und befahl, die Muſik anfangen zu laſſen. Aber auch dieſes Mittel ſchien heute ohne Erfolg bleiben zu ſollen. Die königliche Kapelle ſpielte mit meiſterhafter Präciſion eine vom König componirte Ouvertüre; die Sänger wetteiferten im kunſtvollen Vortrag italieniſcher Arien; das Alles machte die laut und lebhaft geführte Unter⸗ haltung der Franzoſen nicht verſtummen. Sie planderten lachend und ungenirt weiter, und weder die erſtaunten Blicke der Prinzeſſinnen, noch 5* — 68— die Winke des Ober⸗Ceremonienmeiſters ſchienen Eindruck auf ſie zu machen. Plötzlich, während eben eine Pauſe eingetreten war, hörte man die Prinzeſſin Amalie, welche ſich von ihrem Fauteuil aufgerichtet und den Herrn von Pöllnitz mit ihrem Fächer zu ſich gewinkt hatte, mit ſchneidender und lauter Stimme ſprechen. Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter, ſagte ſie, ich erſuche Sie, dieſe ſchreienden Papageyen der Marquiſe von Pompadour zum Schweigen zu bringen. Man kann vor ihrem Gekreiſch die ſchöne Muſik nicht hören. Dergleichen Vögel paſſen wohl in das galante Boudoir einer gewiſſen Marquiſe, nicht aber in das Königsſchloß zu Berlin! Herr von Pöllnitz ſchrak zuſammen vor Entſetzen, und heftete einen flehenden Blick auf die Prinzeſſin; in der Gruppe der franzöſiſchen Officiere aber erhob ſich ein unwilliges Gemurmel, das immer lauter anſchwellte, immer drohender ward, und faſt die eben wieder beginnende Muſik übertönte. Die Königin neigte ſich mit einem ſanften Lächeln zu der Prinzeſſin hin. Ich bitte Sie, meine Schweſter, ſagte ſie, denken Sie daran, daß wir arme, ſchutzloſe Frauen ſind und wenig im Stande uns zu vertheidi⸗ gen. Geben wir uns den Anſchein, dieſe Ungezogenheit nicht zu bemerken, und vergeſſen wir nicht, daß der König es uns zur Pflicht gemacht hat, dieſe franzöſiſchen Herren freundlich und mit Auszeichnung an unſerem Hofe zu empfangen. Und Sie freilich ſind immer eine Sclavin der Befehle des Königs, den Sie beſſer und richtiger Ihren„Herrn“, als Ihren„Gemahl“ nennen können! rief die Prinzeſſin erzürnt. Ueber das ſtille Antlitz der Königin flog ein ſanftes Lächeln. Sie haben Recht, ſagte ſie, ich bin ſeine Selavin, und meine Seele hat ihn zu ihrem Herrn angenommen. Laſſen Sie mich alſo gewähren, und tadeln Sie mich nicht, wenn ich ihm gehorſam bin. Das heißt, Sie wollen die Grobheiten der übermüthigen Herren Franzoſen ungeſtraft dulden? Das heißt, ich werde mir Mühe geben, ſie nicht zu bemerken, ſagte die Königin, indem ſie ihre Aufmerkſamkeit wieder der Muſik zuwandte. — 69— Hinter dem Fräulein von Marſchall ſtand indeß der Herr von Belleville, und während das Concert ſeinen Fortgang nahm, neigte er ſich zu ihr und ſprach lange und angelegentlich.— Aber Fräulein von Marſchall antwortete ihm nicht; weder ſeine heißen Liebesbetheurungen, noch ſeine glühenden Vorwürfe, weder ſein leidenſchaftliches Flehen, noch ſein kecker und beleidigender Uebermuth war im Stande ihr ein Wort, einen Blick abzugewinnen. Als aber das Concert beendet war und man ſich in den Tanzſaal verfügte, wo bis zum Souper getanzt werden ſollte, wandte ſich das ſchöne Hoffräulein mit vollkommener Ruhe und Gleichgültigkeit zu dem Herrn von Belleville um. Mein Herr, ſagte ſie, ich verbiete Ihnen, mich länger mit Ihrer Nähe zu beläſtigen, und ich rathe Ihnen, nicht noch länger meine Ohren mit dieſen unanſtändigen Romanzen, welche Sie vielleicht auf den Gaſſen von Paris gelernt haben, zu beleidigen. Wenn Sie es dennoch wagen ſollten, weil Sie mich vielleicht ohne Beiſtand glauben, ſo benachrichtige ich Sie, daß mein Vater eben angelangt iſt und daß er wohl geneigt ſein wird, mir eine mir läſtige und unangenehme Geſell⸗ ſchaft abzuwehren. Sie hatte das mit ſo lauter, voller Stimme geſagt, daß nicht blos Herr von Belleville, ſondern die ganze Gruppe der franzöſiſchen Officiere, welche hinter ihm ſtanden, ihre Worte vernommen hatten. Jetzt ging ſie vollkommen gelaſſen und ruhig vorüber und ſchritt zu jenem großen und ältlichen Herrn hin, der dort am Spiegelpfeiler lehnte und ihr lächelnd ſeine Hände entgegenſtreckte. Mein Vater, ſagte ſie, Gott ſelber hat Ihnen heute den Gedanken eingegeben, zur Stadt zu kommen. Nun Sie da ſind, fürchte ich nichts mehr, denn ich weiß, daß Sie mich beſchützen werden. Inzwiſchen hatten die Muſiker die ernſte und zugleich coquette Weiſe einer Menuette angeſtimmt, und die Tänzer näherten ſich den Damen, um ſie zum Tanz aufzufordern. Aber ſie thaten das in ſo zwangloſer Manier, mit einer ſo ſichtbaren Nonchalance, ſie fügten ihrer Aufforderung ſo leichtfertige, und wenig reſpectvolle Worte hinzu, daß die Damen entſetzt zurückwichen und nur ſchweigend und ſcheu ihren Tänzern folgten. — 70— Prinzeſſin Amalie hatte indeß das Fräulein von Marſchall zu ſich gerufen. Sie hatte die Worte des Hoffräuleins vernommen, und war, während die Königin und die Prinzeſſinnen ſich zum Spiel niedergeſetzt hatten, im Tanzſaal geblieben, um ihre Beobachtungen zu machen und den ferneren Verlauf dieſer Affaire des Fräuleins zu überwachen. Sie reichte der Hofdame mit einem gütigen Lächeln die Hand. Mein Kind, ſagte ſie, ich freue mich, daß Sie den Muth beſitzen, dieſen unverſchämten Gecken zu trotzen. Fahren Sie nur fort, und Sie dürfen auf meinen Schutz und Beiſtand zählen. Warum tanzen Sie nicht? Sie ſehen wohl, daß man mich nicht auffordert, ſagte die Hofdame lächelnd. In der That ſah man einige der Officiere mit gefliſſentlicher Haſt ſich dem Fräulein nähern, um ſie zum Tanz zu führen; dann, indem ſie ſchon im Begriff waren, ihr die Hand zu bieten, machten ſie eine Ge⸗ berde, als ob ſie jetzt erſt die Dame erkannt und im Irthum geweſen wären, und ihr den Rücken zuwendend, entfernten ſie ſich ohne ein Wort der Entſchuldigung. Der Prinzeſſin Augen blitzten vor Zorn. Ich verſpreche Ihnen, ſagte ſie, daß ich dieſe Unverſchämtheit ſtrafen werde. Dann wandte ſie ſich an Herrn von Marſchall, welcher hinter ſeiner Tochter ſtand. Herr Baron, ſagte ſie, wenn es hier zum Duell kommt, werde ich Ihr Secundant ſein! VII. In der Fenſterniſche. Während dies im Tanzſaal geſchah, und während die Königin ſich an den Spieltiſch begeben hatte, ſtand die Prinzeſſin Wilhelmine, die Gemahlin des Prinzen Heinrich, in einer großen Fenſterniſche des Ball⸗ ſaals, und unterhielt ſich mit dem Grafen von Kalkreuth, dem Freund und Adjutanten ihres Gemahls, zu dem der Graf jetzt im Begriff war —— zurückzukehren, da ſeine Wunden geneſen waren und er ſich wieder her⸗ geſtellt fand. Sie ſprachen lebhaft und angelegentlich miteinander, aber die Muſik übertönte ihre Worte und machte ſie ſelbſt den Naheſtehenden unver⸗ ſtändlich. Was ſprachen ſie zueinander? Es waren anſcheinend kleine und gleichgültige Dinge, ſie hatten vielleicht einen tieferen und geheimnißvolleren Sinn, denn ſowohl das Antlitz der Prinzeſſin, wie das des Grafen war ernſt und düſter, und das Lächeln war aus dem reizenden Antlitz der Prinzeſſin verſchwunden. Sie ſprachen von gleichgültigen Dingen, weil ſie beide nicht den Muth hatten, das große Wort, das Wort des Ab⸗ ſchieds zu ſprechen. Eure Königliche Hoheit haben mir alſo keine weiteren Aufträge an den Prinzen mitzugeben? fragte der Graf jetzt nach einer Pauſe. Nein, ſagte die Prinzeſſin leiſe, ich habe ihm erſt geſtern geſchrieben und meinen Brief durch den Courier geſandt. Schildern Sie dem Prinzen das heutige Feſt, und ſagen Sie ihm, wie Sie uns Alle, wie Sie mich gefunden haben. Dann werde ich ihm auch erzählen dürfen, daß Euere Königliche Hoheit ſich vollkommen heiter, vollkommen glücklich, ſtrahlend in Ge⸗ ſundheit und Schönheit befanden, als ich Sie verließ! ſagte der Graf. Das waren ganz einfache und dem Moment angemeſſene Worte, und doch wurden ſie in einem harten, bittern Ton geſprochen, und doch heftete die Prinzeſſin ihre großen Augen mit einem faſt flehenden Aus⸗ druck auf den Grafen. Dann löſte ſie mit einer raſchen Bewegung das Bouquet weißer Roſen, das ſie an ihrem Buſen trug, aus der Brillant⸗ agraffe los, und reichte es dem Grafen. Als ein Zeichen, wie glücklich und heiter Sie mich gefunden haben, ſagte ſie, mögen Sie meinem Gemahl dieſe Blumen bringen, und ihm ſagen, daß ich mich mit denſelben zu ſeinem Feſte geſchmückt hatte. Der Graf preßte die Lippen heftig aufeinander, als wollte er einen Aufſchrei des Zornes zurückhalten, und ſeine Blicke hefteten ſich mit einem flammenden Ausdruck auf die Prinzeſſin. Aber er hob die Hand — 2— nicht zu den Blumen empor, und ſchien gar nicht zu bemerken, daß ſie ihm dieſelben noch immer entgegenhielt. Nun, mein Herr, fragte die Prinzeſſin Wilhelmine, Sie nehmen meine Blumen nicht? Nein, ſagte er ſtürmiſch, ich nehme ſie nicht! Die Prinzeſſin zuckte zuſammen, und blickte angſtvoll umher, als fürchte ſie, es möchte noch Jemand außer ihr dieſes ſtürmiſche Nein gehört haben. Aber hochaufathmend überzeugte ſie ſich, daß kein Lau⸗ ſcher in ihrer Nähe geweſen. Ihre Hofdame, Fräulein von Marſchall, befand ſich noch immer in der Nähe der Prinzeſſin Amalie, und ihr Kammerherr unterhielt ſich mit einem der fremden Officiere. Außerdem hielt die Ehrerbietung einen ziemlichen Raum um die Prinzeſſin frei, und iſolirte ſie genug, um die Fortſetzung ihres Geſprächs wagen zu können. Weshalb nehmen Sie meine Blumen nicht? fragte ſie ſtolz. Der Graf trat näher zu ihr heran. Ich will es Ihnen ſagen, Prinzeſſin, flüſterte er, ich muß es Ihnen ſagen, wenn dieſer zornige Schmerz, welcher wie Feuer in meiner Bruſt brennt, mich nicht tödten ſoll. Ich nehme Ihre Blumen nicht, weil ich nicht der Liebesbote zwiſchen Ihnen und Ihrem Gemahl ſein will, weil ich die Entwürdigung und die Schmach, die für mich in einer ſolchen Botſchaft liegt, nicht annehmen kann. Denn, Prinzeſſin, Sie haben es vergeſſen, aber ich entſinne mich noch jener wundervollen Zeit, in welcher ich, und nicht der Prinz, von J ſien mit einer ſo köſtlichen Gabe begnadigt ward. Damals ließen Sie mich hoffen, daß dieſes glühende und unvergängliche Gefühl, welches meine ganze Seele, mein ganzes Herz bewegt, in Ihnen wenig⸗ ſtens einen Anklang fände, daß Sie mich wenigſtens nicht dazu ver⸗ dammen wollten, ungehört und unverſtanden zu ſterben. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Gemahl mich liebte, mur⸗ melte die Prinzeſſin. Ich glaubte mich frei und wohl berechtigt, mein Herz, welches Niemand beanſpruchte, zu verſchenken, an wen ich wollte. Aber nicht ſobald hatten Sie erfahren, daß der Prinz Sie liebe, als Sie ſtolz und kalt ſich von mir wandten, fuhr der Graf mit Bitter⸗ keit fort. Ohne Erbarmen, ohne Mitleid und ohne Schonung traten ————— — — — 73— Sie mein Herz unter Ihre Füße, und nicht Ein Blick, nicht Ein Wort hat mir jemals gezeigt, daß Sie Sich auch nur der Vergangenheit er⸗ innerten. Oh, ich will Ihnen ſagen, was ich damals gelitten. Sie haben ein kaltes Herz, und würden Sich meiner Qualen daher nur freuen. Aber ich ſage Ihnen, ich liebte Sie ſo ſehr, daß ich Sie faſt haßte, daß ich in der Raſerei meiner Schmerzen Sie verwünſchte und Ihnen fluchte, daß ich Gott dankte, als der Krieg kam und mich zwang zu thun, wozu ich bis dahin nicht den Muth und die moraliſche Kraft gefunden: mich von Ihnen zu entfernen, um nicht mehr täglich Ihr be⸗ zauberndes, Ihr verhaßtes Antlitz zu ſehen, nicht dazu verurtheilt zu ſein, ein täglicher Zeuge zu ſein, wie Ihr Gemahl Sie anbetete, und wie Sie mit lächelnder Huld ihn ermuthigten. Ja, ich dankte Gott für dieſen Krieg, denn nun durfte ich hoffen, zu ſterben, ohné meinen Namen durch einen Selbſtmord zu entehren. Ich war tapfer, weil ich das Leben verachtete, ich ſtürzte mich in die Reihen der Feinde, weil ich unter ihnen den Tod ſuchte. Aber der heilige Friedensengel des Todes verſchmähete mich, wie Sie mich verſchmähet hatten. Man trug mich noch lebend vom Schlachtfelde, man transportirte mich nach Berlin um hier Heilung zu ſuchen. O, man wußte nicht, daß ich hier täglich nur immer neue und bittere Wunden empfangen ſollte. Denn Sie ſind grauſam geweſen, grauſam bis zu dieſem letzten Moment. Sie haben geſehen, was ich litt, aber Sie waren unerbittlich. Oh, Prin⸗ zeſſin, es wäre beſſer geweſen, Sie hätten mir den Eintritt in Ihre Gemächer verſagt, Sie hätten mich aus Ihrer Nähe verbannt, beſſer, tauſend Mal beſſer, als daß Sie mich verdammten, das Paradies Ihrer Nähe als eine Hölle zu empfinden, und mein Herz erſtarren zu laſſen unter Ihren freundlichen, kalten Blicken, die mich immer zu ſich lockten, und mich doch immer in ehrerbietige Entfernung bannten. Oh, Prin⸗ zeſſin, Sie haben ein grauſames Spiel mit mir getrieben, und Sie wollen es fortſetzen bis zum letzten Moment. Sie wollen mich zum Ueberbringer Ihrer Liebesbotſchaft an den Prinzen machen. Sie wiſſen ſehr wohl, daß ich mein Herzblut darum geben würde, eine dieſer Blumen zu beſitzen, und Sie geben ſie mir, damit ich ſie einem Anderen bringe. Prinzeſſin, hier endet meine Demuth und Unterwürfigkeit: Sie — 474— haben Sich an mir als Frau verſündigt, und ich habe daher auch wohl ein Recht, Ihnen als Mann zu antworten: Ich nehme dieſe Blumen nicht, und ich werde ſie nicht Ihrem Gemahl bringen. Und jetzt, Prin⸗ zeſſin, da ich Ihnen Alles geſagt habe, jetzt bitte ich Sie mich zu ver⸗ abſchieden! Die Prinzeſſin hatte ihm bebend zugehört, ihr Antlitz war immer bleicher geworden, und ganz ermattet lehnte ſie ſich zurück an die Wand der Niſche. Als der Graf jetzt ſchwieg, richtete ſie ſich mühſam wieder empor. Bevor Sie jetzt gehen, flüſterte ſie leiſe, hören Sie noch ein Wort von mir. Es könnte ſein, daß der Tod, von dem Sie ſagen, daß Sie ihn ſuchen, ſich von Ihnen auf dem Schlachtfeld finden ließe, und dann wäre dies unſere letzte Unterredung auf dieſer Welt. In ſolchem Moment darf man wöhl die Wahrheit zu einander ſagen, und die Seelen, welche ſonſt mit dichten Schleiern verhüllt ſich gegenüberſtehen müſſen, dürfen wohl für einen Augenblick ſich unverhüllt zeigen. Was ich Ihnen jetzt ſagen will, das ſollen Sie, wenn Sie fallen, als mein Geheimniß mit in Ihr Grab nehmen, aber wenn Gott meine Gebete erhört, und Sie einſt heimkehren läßt, ſo fordere ich von Ihnen, daß Sie es ver⸗ geſſen, und mich niemals daran erinnern!— Sie haben geſagt, daß ich ein kaltes Herz habe, aber ich erſtickte nur die Flammen, welche in mir tobten, weil ich nicht wollte, daß ſie mit ihrer Gluth meine Ehre und meine Pflicht zu Aſche verbrennten. Sie haben geſagt, daß meine Augen niemals trübe geweſen, daß ich niemals geweint habe. Ach, glauben Sie mir, ich habe innen geweint, und die Thränen, die man ungeſehen in ſein Herz zurückfließen läßt, ſind bitterer, als diejenigen, welche man nach außen weint. Sie machen es mir zum Vorwurf, daß ich jetzt, während Sie hier verwundet und krank zu mir kamen, Sie nicht von mir geſtoßen, Ihnen nicht meine Thür verſchloſſen habe. Ach, ich wußte wohl, daß dies meine Pflicht war, ich habe Gott tauſend Mal auf den Knieen angefleht, mir die Kraft zu verleihen, dies zu thun, aber Gott hat vielleicht meine Bitte nicht gehört, oder er wollte ſich nicht meiner erbarmen. Ich konnte Sie nicht gehen heißen, denn hätten meine Lippen es gethan, ſo würde der laute Verzweiflungsſchrei meines Herzens Sie zurückgerufen haben, meine Hand hatte nicht die Kraſt, Ihnen meine Thür zu ſchließen, denn meine Seele bannte ſie, und hielt ſie gelähmt. Meine Lippen konnten wohl Ihnen die Antwort auf die Frage verweigern, welche ich in Ihrem Antlitz, in Ihrer Schwermuth las, aber mein Herz hat Ihnen dennoch geantwortet, denn ach, gleich Ihnen habe ich nicht vergeſſen können, gleich Ihnen, erinnerte ich mich dieſer ſchönen und zauberhaften Vergangenheit und werde es nimmer meinem Gemahl verzeihen können, daß er ſich trennend zwiſchen mich und Sie geſtellt. Jetzt wiſſen Sie Alles, jetzt gehen Sie, und da Sie dieſe Blumen nicht meinem Gemahl geben wollen, nun ſo nehmen Sie ſie für Sich, denn, ich will es Ihnen geſtehen, für Sie hatte ich dieſe Blumen beſtimmt, und ich habe ſie mit meinen Thränen getauft. Leben Sie wohl! Sie reichte ihm die Blumen dar, und dann, ohne ihn nur noch anzuſehn, ohne ihm Zeit zu einer Erwiederung zu laſſen, trat ſie aus der Fenſterniſche und winkte ihren Kammerherrn zu ſich. Herr von Saldow, ſagte ſie, begleiten Sie gefälligſt den Herrn Grafen, und übergeben Sie ihm die Bücher und Schriften, welche mein Gemahl befohlen hat! Dann ging ſie weiter, ſtolz und ruhig, und mit einem Lächeln auf den Lippen, von dem Niemand ahnte, was es ihrem Herzen koſtete. Nicht ein einziges Mal ſchauete ſie zurück, und doch hätte Graf Kalk⸗ reuth ein Jahr ſeines Lebens darum gegeben, nur noch mit einem Blick von dieſem ſchönen, edlen Antlitz Abſchied nehmen, mit einem Blick Abbitte thun zu können für die harten und rauhen Worte, welche er gewagt hatte, zu ihr zu ſprechen. Aber Prinzeſſin Wilhelmine hatte mit Abſicht die Scheidewand, welche die Welt zwiſchen ihnen aufgerichtet, und welche die Liebe für einen kurzen Moment verſchwinden gemacht, wieder zwiſchen ſie Beide geſtellt. Ihr Herz hatte noch die ſchamhafte Scheu der Tugend, und nach dem Bekenntniß, welches ſie dem Grafen gemacht, wagte ſie es nicht, ihn wieder anzuſehen. Der Graf mußte ſich fügen, er mußte dem Kammerherrn folgen und ſich zur Abreiſe rüſten, aber er that das Alles in einer Art Be⸗ täubung, in einem zugleich dumpfen und entzückenden Taumel, und wie er das Schloß verließ, und von ſeinem Wagen aus zum letzten Mal — 76— zu den erleuchteten Fenſtern emporſchaute, hinter denen ſie weilte, flüſterte er leiſe: Ich werde nicht ſterben, ich werde zurückkehren und ſie an dieſe Stunde mahnen. Dann drückte er das Bouquet, das er bis dahin an ſeiner Bruſt unter ſeinem Gewande verborgen hatte, an ſeine Lippen und lehnte ſich träumend zurück in die Kiſſen des dahinrollenden Wagens. VIII. Die Nußſchalen hinter dem Fautenil der Königin. Prinzeſſin Wilhelmine, wie geſagt, ſchaute nicht ein einziges Mal zu dem Grafen um, ſie durchſchritt ſchweigend den Tanzſaal, um zu der Prinzeſſin Amalie zu gehen, und ſtand noch einen Moment neben den Paaren, die eben eine Francaiſe tanzten, welche die franzöſiſchen Offi⸗ ciere den Damen als neueſten Pariſer Tanz gelehrt. Es war ein gra⸗ ciöſes und koquettes Begegnen und Fliehen, ein Annähern und Meiden in dieſem Tanz, in dem die Damen ihren Cavalieren gegenüberſtanden, und bald in anmuthigen Wendungen ihnen entgegenſchritten, bald in zierlicher Haſt vor ihnen zu fliehen ſchienen, dann von ihnen in kunſt⸗ vollen Touren verfolgt wurden, bis zu Ende des Tanzes die Hände der Tänzer und ihrer Damen ſich ineinander fügten und die Paare in graciöſem Menuettſchritt den Saal durchzogen. Prinzeſſin Wilhelmine hatte ſchweigend, und ohne den Tanz zu beachten, dageſtanden. Sie ſah kaum, daß der Tanz jetzt beendet war, ſie hörte kaum, daß die Muſik jetzt verſtummte. Vor ihren Ohren tönte eine andere, eine ſchönere Melodie, ſie glaubte immer noch ſeine Stimme zu hören, welche zu ihr Worte zorniger Liebe, verzweiflungsvoller Aufregung ſpreche. Aber die Stille, welche dem Tanz und der Muſik folgte, weckte ſie aus ihren Träumen und ſie ſchritt weiter. Plötzlich ward dieſe — u,— Stille indeſſen von der wohlbekannten, ſchneidenden Stimme der Pin⸗ zeſſin Amalie unterbrochen. Wie gefällt Ihnen dieſer Tanz, Herr Baron von Marſchall? ſagte ſie. Die franzöſiſchen Herren Officiere haben ihn unſeren Damen gelehrt als Gegengeſchenk zu dem andern Tanz, den dieſe Herrn von den Männern dieſer Damen bei Roßbach gelernt haben. Bei Roßbach aber ging der Tanz in einem viel raſcheren und flüchtigeren Tempo, und wenn die Herren Franzoſen immer ſo viel en avant commandirten, ſo kommt das daher, weil ſie bei Roßbach ſchon genug en arrière ge⸗ ſchrien hatten! Eine Todtenſtille folgte dieſen beißenden Worten der Prinzeſſin, und man konnte in jedem Winkel des Saales das heiſere, höhniſche Lachen hören, mit dem ſie ihre Rede ſchloß. Dann ſtand ſie auf, und ſich auf den Arm des Barons von Marſchall lehnend, ging ſie der Prin⸗ zeſſin Wilhelmine entgegen, indem ſie ihre ſcharfen, ſtechenden Blicke auf die Gruppe der Officiere heftete, welche hier und dort zuſammen⸗ getreten waren, und leiſe und angelegentlich ſich miteinander beſprachen. Plötzlich trat der Herr von Belleville am Arm eines Officiers aus einer dieſer Gruppen hervor und ging lachend und plaudernd, und ohne die Gegenwart der Prinzeſſinnen zu beachten, mit ihm auf und ab. Dann näherte er ſich dem Orcheſter, und rief mit fröhlichem Ton: Meſſieurs, haben Sie die Güte und ſpielen Sie einen deutſchen Walzer, aber in dem raſchen Tempo, wie ihn die Oeſterreicher bei Hochkirch geſpielt, als ſie die Preußen vor ſich her trieben, oder auch in dem Tempo, wie ihn Feldmarſchall Broglio bei Bergen geſpielt, als er die Preußen jagte. Spielen Sie, Meſſieurs, ſpielen Sie! Und nachdem er ſo geſprochen, eilte er in tänzelndem Schritt zu Fräulein von Marſchall hin, die an der Seite ihres Vaters ſtand. Ohne ſich zu verneigen, faßte er mit einem raſchen Griff ihre Hand. Kommen Sie, ma toute belle, ſagte er. Sie haben heute wieder lange genug Marmorſtatue geſpielt. Jetzt iſt es Zeit, daß Sie in meinen Armen zum Leben erwachen. Kommen Sie alſo, und tanzen wir Ihren unzüchtigen deutſchen Walzer, den bei uns kein anſtändiges Frauenzimmer wagen würde zu tanzen! Kommen Sie! — 78— Er wollte das Fräulein mit ſich fortziehen, aber plötzlich legte ſich ein Arm ſchwer und gewichtig auf ſeine Hand und ſchleuderte ſie zurück. Ich habe Sie zu Ende reden laſſen, ſagte die kalte und ironiſche Stimme des Barons von Marſchall. Ich wollte von Ihnen ein bischen von der gerühmten Galanterie lernen, auf welche die Herren Franzoſen ſo ſtolz ſind. Indeſſen ſcheint es, als ob jetzt zu Paris ein ſeltſamer Ton herrſchte, ein Ton, wie er wohl für die Boudoirs der Maitreſſen, nicht aber für die Ohren anſtändiger Damen paſſend und geeignet iſt. Ich erſuche Sie alſo, hier dieſen Ton nicht anzuſtimmen, weil ich feſt entſchloſſen bin das nicht zu leiden! Herr von Belleville lachte laut auf und ſah dem Baron mit einem inſolenten Blick ganz nahe in's Geſicht. Und wer ſind Sie denn, Mon⸗ ſieur, fragte er und wie kommen Sie zu der Freiheit, mich, der die Ehre hat, Sie nicht zu kennen, mich um Etwas zu erſuchen? Ich bin der Baron von Marſchall, der Vater dieſer Dame, die Sie zu beleidigen gewagt! Herr von Belleville lachte noch lauter, als vorher. Ah, das iſt ein hübſches Märchen, das Sie mir da erzählen, ſagte er. Wie, mein Herr, Sie, der von einem Pavian die Häßlichkeit und von einem Iltis die kleinen Augen geborgt haben, Sie wollen der Vater der ſchönen Galathea Marſchall ſein? Ach, mein Herr, bilden Sie das einem Ande⸗ ren ein. Ich glaube nicht an eine ſolche Verirrung der Natur, und ich wiederhole meine Frage: wer ſind Sie, und wie iſt Ihr Name, mein Herr? Und ich wiederhole Ihnen, ich bin der Baron von Marſchall, der Vater dieſer Dame. Herr von Belleville verneigte ſich ſpöttiſch. Nun wohl, mein Herr, ſagte er lächelnd. Wenn die Frau von Marſchall im Stande geweſen iſt, Sie das glauben zu machen, ſo iſt das ein Beweis, daß ſie eine ſehr geiſtreiche und redegewandte Dame iſt, und daß Sie ein ſehr guter, leichtgläubiger Mann ſind. Vielleicht bin ich weniger leichtgläubig, als Sie denken, ſagte Herr von Marſchall ruhig. Es würde mir zum Beſpiel ſchwer, ja unmöglich ſein, zu glauben, daß Sie ein wirklicher Edelmann ſind, während ich — 79— Ihnen von mir verſichern kann, daß ich nicht bloß ein Edelmann, ſondern ein Mann von Ehre bin. Herr von Belleville war im Begriff eine zornige und herausfor⸗ dernde Antwort zu geben, als die Thüren zu dem Speiſeſaal geöffnet wurden, und ein Meer von Lichterglanz und Wohlgerüchen in den Saal ergoſſen. Zur ſelben Zeit trat die Königin mit den Prinzeſſinnen und ihrem Hofſtaat aus der Thür des Spielzimmers in den Saal, und machte durch ihr Erſcheinen jedes Geſpräch und jede laute Aeußerung verſtummen. Schweigend und mit einem ſanften Lächeln durchſchritt die Königin den Saal, um ſich zur Tafel zu begeben, und vor ihrer ſtillen und reinen Hoheit neigten ſich alle Häupter, ſenkte ſich jeder Blick zu Boden. Dann, als die Königin ſich niedergelaſſen, gab der Ober⸗Ceremo⸗ nienmeiſter das Zeichen, daß es auch allen Uebrigen geſtattet ſei, ſich zu ſetzen, und jetzt ſchmetterten die Fanfaren, jetzt flogen die Bedienten in ihren goldenen Livréen auf und ab, um auf ſilbernen Tellern den Gäſten der Königin die auserleſenen, duftenden Speiſen darzureichen, welche der erfinderiſche Kopf des Herrn von Pöllnitz für den heutigen Abend ausgewählt. Nichts iſt ſo im Stande, die Gemüther zu beruhigen, als ein koſt⸗ bares und ausgeſuchtes Mahl, und die übermüthigen Herrn Franzoſen hatten bald bei den exquiſiten Speiſen ihren Zorn und ihre gekränkte Eitelkeit vergeſſen, und ließen es ſich wohlſchmecken an der Tafel des Königs, und aßen und tranken zu Ehren des kühnen und tapferen Prinzen, der ſie von Roßbach hierher geſandt.— Aber wenn die ſchönen Speiſen ſie ihres Zornes vergeſſen machten, ſo belebte der feurige Wein bald nur noch mehr ihren leichtſinnigen Uebermuth, und ließ ſie vergeſſen, daß ſie ſich an der Tafel einer Königin befanden. Immer lauter und ausgelaſſener ward ihre Fröhlichkeit, immer tobender und rückſichtsloſer ihr ungenirtes Lachen, und in ihrer tollen ungebundenen Luſtigkeit wagten es ſogar einige von ihnen, halblaut dieſe kleinen pointirten und zwei⸗ deutigen Chanſons anzuſtimmen, welche das Volk in Paris zu ſingen pflegte, und welche die Marquiſe von Pompadour, wenn ſie dieſelben von ihren Hofherren ſingen hörte, weinen machten vor Lachen. — 30— Vergebens war es, daß der Hofmarſchall ſie leiſe und mit allen Formen der Hhöflichkeit erſuchte, nicht bei Tafel zu ſingen. Wir haben ſo lange dem unangenehmen und langweiligen Gekrächze Ihrer Sänger zuhören müſſen, ſagten ſie, daß wir uns wohl ein wenig dafür entſchä⸗ digen können. Ueberdies, ſagte Herr von Belleville ganz laut, überdies gehört es jetzt zum bon ton, bei Tafel zu ſingen, und die Herrſchaften müſſen es uns Dank wiſſen, wenn wir hier die neuen Moden von Paris einführen. 3 Sie ſangen, plauderten und lachten weiter, und übertönten mit ihrer lauten Unterhaltung faſt die Muſik, die in ſchmetternden Klängen den Saal durchrauſchte. Je länger die Tafel dauerte, deſto mehr ſteigerte ſich der Uebermuth der franzöſiſchen Officiere, und ſelbſt ihre Leidens⸗ genoſſen, die öſterreichiſchen und ruſſiſchen Officiere, blickten mit Entſetzen auf ſie, und baten ſie endlich faſt laut, ihrer tollen und ungeeigneten Luſtigkeit Zügel anzulegen. Aber die Franzoſen achteten nicht darauf, ja, Herr von Belleville und einige ſeiner Freunde wagten es, während des Deſſerts ſich von ihrer Tafel zu erheben, und zu der Tafel zu gehen, an welcher die Königin mit den Prinzeſſinnen ſaß, und die von den übrigen Tafeln ge⸗ ſondert in der Mitte des Saals ſtand. Mit kecken und übermüthigen Blicken betrachteten ſie die Prinzeſſinnen, und hinter dem Seſſel der Königin ſich aufſtellend, begannen ſie mit lautem Gekrach ſich mit ihren Zähnen Nüſſe aufzuknacken, deren Schalen ſie achtlos neben der Königin auf den Boden fallen ließen.*) 4 Die Königin ſprach lächelnd und ſanft mit der neben ihr ſitzenden Prinzeſſin Wilhelmine weiter und ſchien durchaus keine Ahnung zu haben von dieſen Unziemlichkeiten, die ſich hinter ihr begaben, nur war ihr Antlitz noch bleicher als gewöhnlich und ihre Augen waren wie von einer Thräne umſchleiert. Ich bitte Sie, Majeſtät, haben Sie die Gnade, die Tafel aufzu⸗ heben, flüſterte Prinzeſſin Wilhelmine. Denn ſehen Sie nur das zorn⸗ *) Thiébault. Vol. II. p. 90. —&— flammende Antlitz der Prinzeſſin Amalie. Es ſteht ein Gewitter auf ihrer Stirn und es iſt ſchon im Begriff loszubrechen. Sie haben Recht, es iſt das beſte Mittel, dieſe Folter zu beenden, ſagte die Königin ſanft, indem ſie ſich von der Tafel erhob und damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch gab. Während die Königin mit dem Hof den Saal verließ, näherte ſich der Baron von Marſchall dem Herrn von Belleville. Mein Herr, ſagte er, ich habe Ihnen ſchon vorher bemerkt, daß ich meine Leichtgläubigkeit nicht ſo weit treibe, Sie für einen Edelmann zu halten. Während der Tafel haben Sie bewieſen, daß ich ſehr wohl daran that, zu zweifeln, denn Sie und Ihre Freunde haben es genugſam bewieſen, daß Ihnen die Pflichten eines Edelmannes und Cavaliers fremd ſind, und daß es Ihnen durchaus unbekannt iſt, wie man ſich in der Geſell⸗ ſchaft zu benehmen hat. Ah, rief Belleville zitternd vor Zorn, dieſe Beleidigung fordert Ge⸗ nugthuung. Und ich bin ſehr bereit, ſie Ihnen zu geben, ſagte Herr von Mar⸗ ſchall. Haben Sie die Güte, mir Zeit und Ort unſerer Zuſammenkunft zu beſtimmen. 3 Ah, Sie wiſſen wohl, rief Herr von Belleville, daß ich ein armer Gefangener bin, welcher ſein Ehrenwort gegeben, ſein Schwert nicht ge⸗ brauchen zu wollen.. Und ſie waren ſo übermüthig und frech, ſagte Herr von Marſchall, weil Sie das demzufolge in vollkommener Sicherheit wagen konnten, da Sie wußten, daß man Sie, Dank Ihrem Ehrenwort, nicht zu züchtigen vermöchte? Mein Herr, ſchrie Belleville, Sie vergeſſen, daß Sie nicht bloß mit einem Edelmann, ſondern mit einem Soldaten ſprechen. Nun, ich weiß, daß ich mit einem franzöſiſchen Soldaten von Roß⸗ bach ſpreche, der dort ſeinen Pudermantel und ſeine Pomadendoſen ver⸗ loren hat! Belleville, außer ſich vor Zorn, griff nach ſeinem Schwert, das er halb aus der Scheide zog. Gott ſei Dank, ich habe ein Schwert, Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I. 6 ſolche Beſchimpfung zu rächen, ſchrie er. Ich habe mein Ehrenwort ge⸗ geben, meinen Degen nicht in der Schlacht gegen die Preußen zu ziehen, aber hier werden wir Mann gegen Mann und nicht in einer Schlacht gegenüberſtehen, und ich werde alſo mein Wort nicht brechen. Ich for⸗ dere Sie, mein Herr, ich fordere Sie! Ich will Genugthuung haben für dieſe Beleidigung. Sie haben mich beleidigt als Edelmann, als Soldat und als Franzoſe, Sie ſind mir Genugthuung ſchuldig und keine Rückſichten ſollen mich mehr binden. Ich darf mein Schwert nicht führen, nun wohl, ſo ſchießen wir uns mit Piſtolen, und was Ort und Zeit anbelangt, ſo werde ich Sie morgen früh acht Uhr im Thiergarten er⸗ warten. Ich nehme Ihre Bedingungen an und erwarte Sie mit Ihrem Se⸗ cundanten, ſagte Herr von Marſchall ſich verneigend. Und wenn der Herr Baron noch keinen Secundanten gewählt haben, ſagte eine ſanfte Stimme hinter ihm, ſo bitte ich, mich zu demſelben an⸗ zunehmen. Herr von Marſchall ſah ſich um und ſah vor ſich einen Officier in der öſterreichiſchen Uniform. 2 Der Graf Rannzil! rief Belleville erſtaunt. Wie, Monſieur, Sie bieten ſich meinem Gegner als Secundanten an, während ich daran dachte, Sie um dieſen Dienſt zu bitten? Ich vermuthete das wohl, ſagte Ranuzi mit ſeinem gewohnten fei⸗ nen und ruhigen Lächeln, deshalb wollte ich Ihnen zuvorkommen. Das Recht iſt durchaus auf der Seite des Herrn Barons von Marſchall, und wenn ich mich demſelben als Secundanten anbiete, ſo thue ich das im Namen aller hier anweſenden öſterreichiſchen Officiere, welche gleich mir mit ſchmerzlicher Empörung die Auftritte dieſes Abends geſehen haben; und da ohne Zweifel die Welt von denſelben erfahren wird, ſo möchten wir durch eine offene Demonſtration beweiſen, daß wir das Betragen der Herren Franzoſen durchaus nicht billigen. Die Nußſchalen hinter dem Fauteuil der Königin haben uns zu Ihren Widerſachern und Gegnern gemacht, Herr von Belleville. Aber wir ſchlagen uns nicht wegen dieſer, ſondern wegen der Be⸗ — 33— leidigungen, welche ſich Herr von Marſchall gegen mich erlaubt hat! rief Herr von Belleville. Werden Sie nun noch der Secundant meines Gegners ſein wollen? Ich mußte Sie wohl beleidigen, ſagte Herr von Marſchall, weil Sie mir wegen der Nußſchalen keine Genugthuung geben wollten, aber ſeien Sie überzeugt, daß ich mich nicht mit Ihnen ſchieße, damit Sie mit meinem Blut dieſe Beleidigung auslöſchen können, ſondern nur einzig und allein deshalb, damit Ihr Blut die Nußſchalen von dem Fauteuil der Königin abwaſche. Und indem der Baron ſich ſodann an den Grafen Ranuzi wandte, ſagte er: Ich nehme Ihr Anerbieten an, mein Herr, und freue mich, in Ihnen die Bekanntſchaft eines wirklichen Edelmannes zu machen. Haben Sie die Güte, mit dem Secundanten des Herrn von Belleville die nö⸗ thigen Verabredungen zu treffen, und erlauben Sie mir, Sie morgen früh abzuholen. Nur das ſage ich ſogleich, daß, wenn es den Herrn belieben ſollte, Friedensverſuche zu machen, ich nicht geneigt ſein werde, auf dieſelben einzugehen. Preußen und Frankreich ſind im Krieg be⸗ griffen, und da mein König noch keinen Frieden gemacht hat, ſo will ich auch nichts davon hören. Die Nußſchalen liegen noch hinter dem Fau⸗ teuil der Königin und nur das Blut des Herrn von Belleville kann die Spuren dieſer unſaubern Beleidigung hinwegſpülen. Er verneigte ſich lächelnd vor Ranuzi und entfernte ſich dann, um zu ſeiner Tochter zu gehen, welche ihn bleich und zitternd in dem näch⸗ ſten Saal erwartete. O, mein Vater, ſagte ſie mit hervorſtürzenden Thränen, um mich wollen Sie Ihr Leben in Gefahr ſetzen, um mich dem Tode entgegen⸗ treten? Ihr Vater legte mit einem ſanften Lächeln ſeinen Arm um ihre Schulter. Nein, mein Kind, ſagte er, nicht um Dich! Dein Name, Gott ſei Dank, wird in dieſer Affaire nicht genannt werden, und wenn ich ein Duell habe, ſo biſt Du nicht die Veranlaſſung dazu und Niemand wird ſagen können, daß der gekränkte Vater eine Beleidigung ſeiner Tochter zu rächen habe. Die Welt wird nichts von dieſen Dingen er⸗ 6* fahren. Wenn ich mich morgen mit Herrn von Belleville ſchieße, ſo geſchieht das durchaus nicht wegen Deiner, ſondern wegen der Nuß⸗ ſchalen hinter dem Fauteuil der Königin. M. Das Duell und ſeine Folgen. In der Frühe des nächſten Morgens ſprengten zwei Reiter die Linden hinunter, und ihre laute Unterhaltung, ihr keckes und luſtiges Lachen weckte die Neugierde der Portiers, die gähnend in den Hausthüren ſtanden, und machte, daß die mit dem Reinigen der Zimmer beſchäftigten Hausjungfern die Fenſtern öffneten, um mit ſtaunender Bewunderung den beiden ſchönen und geputzten franzöſiſchen Officieren nachzuſehen, welche zu einer ſo ungewohnten frühen Stunde ſchon einen Spazierritt nach dem Thiergarten unternahmen. Herr von Belleville warf den Mädchen, wenn ſie jung und leidlich hübſch waren, im Vorüberreiten zärtliche Kußhändchen hin und rief ihnen zu, ſie möchten dieſe Küſſe mit den zärtlichſten Grüßen an ihre ſchönen Herrinnen abgeben. Nun, glücklicherweiſe, ſagte ſein Begleiter lachend, verſtehen dieſe guten Berlinerinnen unſere Sprache nicht genug, um ihren Herrinnen dieſe neueſte Inſolenz des Herrn von Belleville berichten zu können. Sie nicht, aber ihre Herrinnen, und Sie meinen doch wohl nicht etwa, daß dieſe heute morgen noch ſchlafen? Nein, ich bin feſt überzeugt, daß ſie heute früh genug aufgeſtanden ſind, um, hinter ihren Dienerinnen verſteckt, uns vorüberreiten zu ſehen. Denn Sie wiſſen wohl, hier in dieſer Straße und in dieſen Häuſern wohnt das, was ſich hier vornehme Geſellſchaft nennt, und dieſe Leute waren natürlich geſtern im Schloß und wiſſen daher von unſerm Duell. O, ich denke, unſere gute Mar⸗ — — 85— quiſe wird mich eines Tages glänzend belohnen für dieſes Duell, und wenn ich ihr erzähle, daß ich hinter dem Fauteuil der Königin wie ein Gamin im Palais royal Nüſſe geknackt habe, und daß ich mich wegen dieſer Nußſchalen geſchoſſen habe, ſo wird ſie Thränen lachen, Thränen, die ich mich beſtreben werde, für mich in Brillanten umzuwandeln! Sie ſind alſo ganz ſicher, dieſes Duell unbeſchädigt zu überſtehen? fragte ſein Secundant.. Ah, wie könnte ich daran zweifeln? Ich, der bei jedem unſerer reizenden Scheibenſchießen in Verſailles den Preis davongetragen hat! Und dann dieſer dumme deutſche Landjunker, der ohne Zweifel ſchon entſetzt iſt über den Gedanken, nicht nach Spatzen, ſondern nach einem Menſchen ſchießen zu ſollen. Nein, vraiment, ich zweifle gar nicht an meinem Siege und freue mich wahrhaft auf das déjeuner dinatoire, mit dem meine Freunde unſern Sieg zu feiern gedenken. Aber, ſagte ſein Secundant zögernd, laſſen Sie uns den unglück⸗ lichen Fall annehmen, daß Sie nicht Sieger würden. Man muß ja in dieſer ſchlimmen, vom Zufall regierten Welt auch immer auf das Schlimme vorbereitet ſein,— würden Sie in dieſem Fall mir gar keine Aufträge zu ertheilen haben? Herr von Belleville hielt ſein Pferd an, das eben im Begriff war, durch das Thor in den Thiergarten einzulenken. Sie beſtehen alſo durchaus darauf, mich begraben zu wollen? Nun, ich will Ihnen für dieſen Fall meinen letzten Willen kund thun. Sie verfügen ſich ſodann in mein Quartier, öffnen mit dieſem Schlüſſel mein Schreibpult, ziehen die un⸗ terſte Chatoulle links hervor und drücken an dem kleinen Knopf, den Sie da bemerken werden. Dann werden Sie eine Chatoulle hervorſpringen ſehen und in dieſer Briefe und Papiere finden. Dieſe packen ſie ſorg⸗ fältig zuſammen und ſchicken dieſelben auf dem Ihnen bekannten Wege an den Grafen Bernis nach Paris.— Was meinen Nachlaß anbetrifft, ſo wiſſen Sie, daß ich niemals Geld, aber immer Schulden habe. Meine Kleider und Effecten kann mein treuer Diener Frangois bekommen, dem ich ſeit einem Jahr keine Gage mehr bezahlte. Damit iſt mein Teſta⸗ ment gemacht. Aber halt, die Hauptſache hätte ich faſt vergeſſen. Sollte der unmögliche und undenkbare Fall eintreten, daß dieſer deutſche Dorf⸗ — 86— teufel mich erlegte, ſo vermache ich den franzöſiſchen Officieren die Pflicht, mich zu rächen und meine Rache an der übermüthigen Tochter meines Gegners, an allen dieſen prüden und langweiligen Schönheiten hier zu der ihrigen zu machen. Sie müſſen dann das ausführen, was ich heute thun wollte und wovon ich Ihnen den Plan geſtern Abend mittheilte. Ich habe dieſe Nacht das Verzeichniß entworfen und meine Notizen hin⸗ zugefügt. Es ſind nur noch ſo viele Abſchriften davon zu machen, als erforderlich ſind, um dieſelben dann an die geeigneten Plätze zu kleben. Falle ich, ſo muß das in der nächſten Nacht geſchehen, damit meine irrende Seele in dem Bewußtſein der gelungenen Rache ihre Ruhe finde. Sollte wirklich die Kugel meines Gegners mich treffen, ſo eilen Sie ſo⸗ fort zu mir, und bevor irgend Jemand es wagen darf, Hand an mich zu legen, nehmen Sie zuerſt aus meiner Bruſttaſche das Papier, welches Sie darin finden werden, und ſtecken es zu ſich. Es iſt das Verzeichniß, und alſo mein Vermächtniß an meine Kameraden. Schwören Sie mir genau ſo zu handeln, wie ich Ihnen geſagt habe? 1 Ich ſchwöre es Ihnen. Und nun, mon ami, laſſen Sie uns dieſe langweiligen Todesgedan⸗ ken vergeſſen und dem Leben luſtig und keck in's Antlitz ſchauen, denn das Leben wird nicht den Muth haben, mit einem tapfern Sohn der belle France zu brechen! Er zog den Zügel ſeines Pferdes ſtraffer an und ſprengte durch das Thor in den Thiergarten ein. Sich dann zur Rechten wendend ritt er mit ſeinem Begleiter eine Zeit lang im Schatten der Bäume hin und bog dann in eine Seitenallee ein, die hier zu einem rings von hohen Eichen umgebenen freien Platz führte. Wie er jetzt hinter ſich das Rollen eines Wagens vernahm, wandte er ſich um und begrüßte mit einem heitern Lachen die beiden Herren, welche in der offenen Caleſche dahergefahren kamen. Er hielt ſein Pferd an, um an ihrer Seite zu reiten und dann das ſtolze und ſchöne Thier durch die eingedrückten Sporen reizend, ließ er es allerlei ſchwierige und kunſtvolle Evolutionen ausführen, welche den kühnen Reiter in aller Grazie ſeines faden Uebermuthes bewähren konnten. —— Auf dem Platz des Rendezvous angelangt, ſchwang er ſich leicht aus dem Sattel und band ſein Pferd an einem der Bäume feſt. Dann näherte er ſich dem Baron von Marſchall, welcher eben hinter dem Grafen Ranuzi aus dem Wagen ſtieg. Man kann in der That nicht vorſichtiger ſein, als Sie es ſind, mein Herr, ſagte er lachend. In einem Wagen ſich zum Duell verfügen, wirklich, das iſt eine ſehr weiſe und in dieſem Fall begründete Vorſorg⸗ lichkeit. Eine Vorſorglichkeit, die ich um Ihretwillen geübt, ſagte Herr von Marſchall ernſt. Sie werden eines Wagens benöthigt ſein, und da ich mir denken konnte, daß Sie als Fremder keinen Wagen in Berlin haben, ſo brachte ich den meinen. Er ſteht Ihnen nachher zur Verfügung! Ah, wirklich? Sie ſind allzugütig, nur hoffe ich von dieſer Güte keinen Gebrauch machen zu können. 3 Jetzt näherte ſich Ranuzi dem Baron, um der Sitte gemäß einen letzten Sühneverſuch zu machen. Herr Graf, ſagte dieſer ernſt, Sie wiſſen wohl, daß nicht ich der Schuldige bin, und daher keinen Schritt zu einer Verſöhnung thun kann, und ich denke, der Herr von Belleville wird das ebenſowenig thun wollen. Ich denke dem Herrn Baron zu beweiſen, daß ich ein Edelmann bin, und zwar ein tapferer, ſagte Herr von Belleville lachend, und was die Nüſſe anbetrifft, die ich hinter dem Fauteuil der Königin geknackt habe, ſo bedaure ich nur deshalb es gethan zu haben, weil ſie, wie Alles hier in Ihrem abſcheulichen Berlin, hohl waren. Nein, mein Herr, ſie waren nicht alle hohl, ſagte Herr von Mar⸗ ſchall, den Hahn ſeiner Piſtole aufziehend. In einer dieſer Nüſſe ſaß der Todtenwurm, welcher ſich jetzt bald in Ihr Fleiſch einbohren wird. Er verneigte ſich leicht gegen Herrn von Belleville und nahm dann den von ſeinem Secundanten ihm bezeichneten Platz ein. Alsdann näherte ſich der Secundant dem Herrn von Belleville und führte ihn weit hinüber nach der äußerſten Spitze des Platzes. Der Franzoſe lachte laut auf. Wie? ſagte er. Wollen Sie mich — 88— an das äußerſte Ende der Welt ſtellen, um vor der Kugel meines Geg⸗ ners geſichert zu ſein? Mein Herr, rief die ernſte und feierliche Stimme des Herrn von Marſchall, Sie werden mir immer noch zu nahe ſein! Nun denn, Herr Baron, ſagte Belleville, ſich lächelnd auf dem Abſatz drehend, ich laſſe Ihnen den Vortritt, obwohl ich glaube, daß ich Sie zuerſt gefordert habe. Aber dem Alter gebührt der Vorzug. Schießen Sie! Nein, junger Mann, ſagte Herr von Marſchall faſt traurig, ich will Ihnen noch einen Moment den Anblick der Sonne und der friſchen Natur gönnen. Sie ſollen alſo den erſten Schuß haben, und ich rathe Ihnen, geben Sie Ihren Leichtſinn auf, laſſen Sie Ihre Hand feſt ſein und zielen Sie gut, denn wenn Sie mich verfehlen, ſo ſind Sie verloren. Ich bin ein guter Schütze, und ich ſage Ihnen, ich werde ohne Erbar⸗ men ſein! Es lag etwas ſo Ueberzeugendes und Düſteres in ſeinem Ton, daß Herr von Belleville ſich unwillkürlich davon ergriffen fühlte. Zum erſten Mal bewölkte ſich ſeine Stirn und eine leichte Bläſſe flog über ſein Antlitz hin. Aber er bezwang dieſen ahnungsvollen Schauer ſchnell wieder und hob mit feſter Hand ſein Piſtol empor. 5 Weithin durch den ſtillen Park tönte der Knall ſeines Schuſſes, aber drüben an der andern Seite des Platzes ſtand ſein Gegner feſt und gerade wie zuvor, und die ernſten Blicke auf ihn hingerichtet. Herr von Belleville warf ſein Piſtol zur Erde, und mit einem hei⸗ teren Lächeln ſeine goldene Tabatiére aus ſeiner Buſentaſche hervorzie⸗ hend, ſpielte er mit ſeinen weißen, von Spitzenmanſchetten umgebenen Händen auf dem goldenen Deckel der Doſe. Dann öffnete er ſie, und langſam und zierlich eine Priſe nehmend, ſagte er: Ich erwarte Ihre Kugel! Herr von Marſchall hob die Piſtole empor und zielte gerade auf das Haupt ſeines Gegners, der ihm feſt entgegenſah. Aber der Anblick dieſes jungen, friſchen und kühnen Angeſichts erweichte wider ſeinen Willen das edle und großmüthige Herz des deutſchen Mannes. Er ließ den Arm wieder ſinken. Mein Herr, ſagte er, Sie ſind — 89— noch ſo jung, das Leben kann Sie noch beſſern; ich werde Sie daher nicht tödten. Indeſſen, da Sie für dieſes Leben einer durchgreifenden Lehre und einer Mahnung bedürfen, ſo werde ich Ihnen dieſelbe geben. Ich werde Sie durch das rechte Bein oberhalb des Knies ſchießen.*) Sodann hob er raſch das Piſtol und drückte los. Als der Pulverdampf ſich verzogen hatte, ſah man drüben Herrn von Belleville blutend am Boden liegen.— Herr von Marſchall hatte Wort gehalten, nur war ſein Schuß nicht in das Bein oberhalb des Knies gegangen, ſondern durch das Knie ſelbſt und hatte die Knieſcheibe zerſprengt. Wie ſein Secundant ſich über ihn neigte, flüſterte Herr von Belle⸗ ville mit brechenden Augen und verſagender Lippe: Das Vermächtniß! Vergeſſen Sie mein Vermächtniß nicht; denn ich glaube, daß ich ſterbe! Dieſe Schmerzen ſind fürchterlich. Der Franzoſe nahm das Papier aus der Bruſttaſche des Verwun⸗ deten und ſteckte es zu ſich. Ich werde gerächt werden! murmelte Belleville mit einem convul⸗ ſiviſchen Lachen; dann ſank er bewußtlos zuſammen. Man trug ihn in den Wagen des Herrn von Marſchall und fuhr ihn in die Stadt zurück. Herr von Marſchall aber begab ſich ſofort zum Commandanten von Berlin, um ihm Anzeige von dem Geſchehenen zu machen und ſich als Arreſtant zu ſtellen. Der Commandant reichte ihm lächelnd die Hand. Die Geſetze ver⸗ bieten das Duell, ſagte er, und ich muß Sie allerdings bis auf weitere höhere Ordre als Arreſtant annehmen. Das heißt, ich gebe Ihnen Hausarreſt und Sie verſprechen mir auf Ehrenwort, Ihr Haus vor⸗ läufig nicht zu verlaſſen. Indeſſen werde ich mit einem eigenen Courier einen Bericht unmittelbar an den König ſelbſt ſenden. Ich war geſtern im Schloß Zeuge der Veranlaſſung dieſes Duells, Zeuge des Betragens *) Die eigenen Worte des Barons von Marſchall. Siehe Thiébault. Vol. III. p. 259. — 90— dieſer Herren Franzoſen, und ich darf nur ſagen, daß ich an Ihrer Stelle ebenſo gehandelt haben würde. Die franzöſiſchen Officiere erfüllten das Gelübde, welches ſie ihrem verwundeten Kameraden gegeben hatten. Er hatte ihnen als ſein Ver⸗ mächtniß die Pflicht auferlegt, ſeine Rache an Fräulein von Marſchall und den übrigen Damen des Hofes und der Geſellſchaft zu übernehmen, und ſie thaten es. Am Morgen nach dem Duell ſah man an allen Ecken der Haupt⸗ ſtraßen von Berlin große beſchriebene Placate angeklebt, die bald Menſchen⸗ maſſen verſammelten, welche mit Staunen und Unwillen, mit höhnendem Lachen, mit flammendem Zorn oder ſchadenfrohem Behagen die uner⸗ hörten Dinge laſen, welche auf dieſen Placaten geſchrieben ſtanden. Dieſe Placate enthielten ein vollſtändiges Regiſter aller jungen und ſchönen Damen des Hofes und der Stadt; dem Namen und der üppigen und frivolen Perſonalbeſchreibung jeder Dame waren andere Namen hin⸗ zugefügt— die Namen derjenigen franzöſiſchen Officiere, welche ſie mit ihrer Gunſt beglückt hätten; und weiter war der Preis angegeben, für den dieſe Damen den Franzoſen ihre Gunſt verkauften.*) Ein Schrei der Wuth und des Zorns ging durch ganz Berlin. Jedermann war empört über dieſen Frevel, dieſe maßloſe Unverſchämt⸗ heit der franzöſiſchen Gefangenen, und ſelbſt das Volk nahm diesmal Partei für Diejenigen, welche es ſonſt gemeinhin zu haſſen und zu be⸗ neiden pflegt, für die Vornehmen und Reichen. Selbſt das Volk fühlte ſich beleidigt von der Schmach, welche die Franzoſen den edeln Töch⸗ tern preußiſcher Männer angethan, und es bedurfte keiner Polizei, um die Placate von den Mauern zu entfernen. Das Volk ſelbſt riß ſie herab und trat ſie zürnend unter die Füße, oder riß ſie mit vor Wuth zitternden Händen in kleine Stückchen, die es in alle Winde ſtreute.— Wo irgend einer der Franzoſen es wagte, ſich auf der Straße zu zeigen, ward er vom Volk mit Verwünſchungen und drohenden Schimpfreden verfolgt, und im Intereſſe der franzöſiſchen Offiriere ſelbſt war es, daß man ihnen auf einige Tage das Erſcheinen auf der Straße und an *) Thiébault. Vol. II. p. 90. — 91— öffentlichen Orten unterſagte, um ſie vor den Ausbrüchen des öffentlichen Unwillens zu ſchützen. Außerdem hatte ihre Unziemlichkeit den Fran⸗ zoſen die Thüren all dieſer Häuſer geſchloſſen, in denen ſie mit ſo viel Gaſtlichkeit und Zuvorkommenheit waren aufgenommen worden. Die franzöſiſchen Officiere hatten ihrem verwundeten Kameraden Wort gehalten, aber der Commandant von Berlin hatte dem Baron von Marſchall auch Wort gehalten. Er hatte einen detaillirten und von der allgemeinen Empörung gefärbten Bericht über das Betragen der fran⸗ zöſiſchen Gefangenen an den König geſandt, und die Antwort war ſo⸗ gleich erfolgt. Es waren kaum acht Tage vergangen, ſeit das Volk jene Placate der franzöſiſchen Officiere von den Straßenecken geriſſen hatte, als man in der Frühe des Morgens an denſelben Ecken, und genau an der Stelle der vorigen, neue große Placate angeheftet fand, vor denen das Volk ſich bald wieder zu ſammeln begann.— Aber diesmal erfüllte die Lectüre ſie nicht mit Unwillen und Zorn, ſondern mit Genugthuung und Freude, und auf allen Geſichtern ſah man ein zufriedenes Lächeln und von allen Lippen vernahm man Worte des Beifalls und der Ueber⸗ einſtimmung. Dieſe Placate waren aber nicht von den franzöſiſchen Officieren angeheftet, ſondern es war ein Gruß des Königs an ſeine Berliner nicht allein, ſondern an ſein ganzes Volk, an ganz Europa, welches der große König ſchon ſo weit gebracht, daß es zuhörte, wenn er ſprach. Dieſer Gruß des Königs lautete: „Dem ganzen Europa iſt es bekannt, daß Ich allen gefangenen Officieren, ſowohl Schweden, Franzoſen und Oeſterreichern, als auch Ruſſen alle mögliche Bequemlichkeiten verſchafft habe. Zu dem Ende habe Ich ihnen erlaubt, die Zeit ihrer Gefangenſchaft in meiner Reſi⸗ denz zuzubringen. Da indeſſen verſchiedene unter ihnen die ihnen zuge⸗ ſtandene Freiheit theils durch einen unerlaubten Briefwechſel, theils durch ein freches, unanſtändiges Betragen, welches Mir mißfallen mußte, gröb⸗ lich gemißbraucht haben, ſo habe Ich Mich genöthigt geſehen, ſie nach der Stadt Spandau zu ſchicken, welche Stadt man nicht mit der Feſtung gleichen Namens, die ganz von einander unterſchieden ſind, verwechſeln muß, woſelbſt ſie ebenſowenig als zu Berlin eingeſchränkt, und nur mehr — 92— beobachtet werden. Dieſes iſt eine Entſchließung, die Niemand wird tadeln können. Sowohl das Völkerrecht, als das Beiſpiel der wider Mich verbündeten Mächte, berechtigt Mich hinlänglich dazu. Der Wie⸗ ner Hof hat keinem von Meinen Officieren, die ihm in die Hände ge⸗ fallen, erlaubt, nach Wien zu kommen; der ruſſiſche hat ſogar einige derſelben nach Kaſan geſchickt. Indeſſen, da Meine Feinde keine Gele⸗ genheit entweichen laſſen, wobei ſie Meinen unſchuldigſten Handlungen einen falſchen Anſtrich geben könnten, ſo habe Ich für gut erachtet, Euch die Urſache bekannt zu machen, die Mich bewogen hat, dieſe Veränderung mit den kriegsgefangenen Officieren vorzunehmen. Friedrich.“ Indeſſen waren zwei von den kriegsgefangenen Officieren, die wir kennen, nicht in dieſes Verbannungurtheil mit eingeſchloſſen. Der Eine war der Baron von Belleville, der an dem Tage, an welchem ſeine Kameraden, denen man jetzt auch ihre Degen genommen hatte, Berlin verließen, auch aus dem Thore zog, aber als Leiche. Der unglückliche Schuß des Herrn von Marſchall hatte eine Amputation zur Folge gehabt, deren Ausgang der Tod des Unglücklichen geweſen. Wäh⸗ rend ſeine Freunde, deren Verbannung er zumeiſt verſchuldet hatte, traurig und niedergeſchlagen nach Spandau zogen, trug man ihn hinaus auf den Friedhof, und der Leiche hatte man bewilligt, was man den Lebenden genommen, man hatte ihr das Schwert gelaſſen, um damit noch ihren Sarg zu ſchmücken. Der Zweite war der öſterreichiſche Officier, Graf Ranuzi, dem es, wegen ſeines klugen und ausgezeichneten Benehmens und des Beiſtandes, den er dem Herrn von Marſchall geleiſtet, geſtattet ward, noch ferner in Berlin zu bleiben. Ranuzi empfing dieſe Erlaubniß mit einer triumphirenden Freude, und wie er von ſeinem Fenſter aus die nach Spandau abmarſchirenden Gefangenen ſah, ſagte er mit einem ſtolzen Lächeln zu ſich ſelber: Es ſteht geſchrieben:„ſeid klug wie die Schlangen.“ Die armen Tollköpfe da haben dieſes weiſe Wort der heiligen Schrift nicht beachtet und des⸗ halb ſtraft ſie das Schickſal, während es mich ſegnen wird. Ja, mein Werk wird gelingen und Gott giebt mir ſeinen ſichtbaren Segen. Geduld — 93— alſo, Geduld! Ein Tag wird kommen, wo ich Rache nehme an dieſem übermüthigen Feind der Kirche! An dieſem Tage werde ich die Fahne der apoſtoliſchen Majeſtät von Oeſterreich auf den Wällen von Magde⸗ burg aufpflanzen! X. Die fünf Conriere. Es war am Morgen des dreizehnten Auguſt. Die Straßen Ber⸗ lins waren noch öde und ſtill, und nur hier und dort ſah man irgend einen Geſchäftsmann langſam und träge ſeinem Comtoir zuſchleichen, einen Arbeiter mit dem Beil auf der Schulter nach ſeinem Arbeitsplatz gehen, oder die Bedienten und Mägde aus den Bäckerläden das Früh⸗ ſtück für ihre Herrſchaft holen. Das vornehme und behagliche Berlin ſchlummerte noch, es erholte ſich noch in behaglicher Gemächlichkeit von den Anſtrengungen und Gemüthsbewegungen des geſtrigen Tages. Denn der geſtrige Tag war ein Feſttag geweſen; er hatte den Berlinern die Kunde gebracht von dem großen und herrlichen Siege, den der Erbprinz Ferdinand von Braunſchweig bei Minden über das franzöſiſche Heer unter Broglio und Contades gewonnen hatte. Der Erbprinz war ein⸗ gedenk geweſen jenes großen Moments beim Beginn des Krieges, wo ſeine Mutter von ihm Abſchied nahm, und im Angeſicht des Braun⸗ ſchweigiſchen Garderegiments ihn zum letzten Male umarmend zu ihm ſagte:„Ich verbiete Dir, wieder vor mein Angeſicht zu kommen, wenn Du nicht Thaten gethan haben wirſt, die Deiner Geburt und Deiner Verwandtſchaft würdig ſind.“*) Ihr Sohn, der würdige Neffe Friedrichs hatte ſich bei Minden *) Briefe der Schweizer: Bodmer, Sulzer, Geßner ꝛc. S. 306. — 94.— jetzt das Recht erkauft, ſeiner Mutter„wieder vor ihr Angeſicht zu kom⸗ men.“ Er hatte durch die Schlachten bei Gohfeld und bei Minden die Niederlage von Bergen wieder ausgeglichen, und der Lorbeer, welchen Briſſac ſich dort erworben, welkte jetzt wieder dem Tode entgegen. Berlin, wie geſagt, hatte geſtern erſt dieſe Freudenbotſchaft erhalten; nach ſo vielen Trauerkunden, nach ſo vielen Demüthigungen und Schmer⸗ zen hatte es ſich jetzt auch einmal wieder einen Tag des Feſtes und der Freude gönnen, und in öffentlichen Demonſtrationen und feierlichen Kund⸗ gebungen der ganzen Welt beweiſen wollen, wie theuer ihm dieſe Siege ſeines Königs und ſeiner Feldherren und wie tief und innig ſein Antheil an denſelben ſei. Man hatte daher nicht gearbeitet, ſondern gefeiert, das Volk war in ganzen Schaaren hinausgezogen in die Haſenheide und den Spreewald, um dort zu jubeln und zu jauchzen, zu ſpielen und zu tanzen, und die Reichen und Vornehmen hatten ſich ihnen zugeſellt, um der ganzen Welt zu beweiſen, daß in ſo großen Momenten jeder Unter⸗ ſchied der Stände aufhöre und jeder Einzelne ſich nur als ein Glied des Volks und in ſeinen Freuden und ſeinen Leiden ſich zu ihm ge⸗ hörig fühle. Man ſchlummerte alſo heute länger, weil man ſich erſchöpft fühlte von der freudigen Aufregung des geſtrigen Tages. Die Straßen waren noch leer, die Fenſter noch geſchloſſen. Doch ſeht, da ſprengt durch das Frankfurter Thor ein Reiter herein, ſtaubbedeckt und athemlos, aber das glühende Angeſicht ſtrahlend vor Freude. Und wie er durch die Straßen dahinſprengt, ſchwingt er ein weißes Tuch hoch in die Luft, und mit lauter, machtvoller Stimme ruft er: Sieg! Sieg! Und wie ein Zauberſchlag wirkt dies Wort, die Fenſter fliegen klir⸗ rend auf, die Hausthüren öffnen ſich und jauchzend und ſchreiend ſtür⸗ men die Menſchen dem Reiter nach. Da an der Ecke halten ſie ihn an, da umringen ſie ſein Pferd. Wer hat geſiegt? ſchreit es durcheinander. Der König hat geſiegt! Der König hat bei Kunersdorf die Ruſſen geſchlagen! — 95— Und ein einziger Schrei des Entzückens tönt von Aller Lippen. Der König hat geſiegt! Der König hat die Ruſſen geſchlagen! Weiter fliegt der Courier dem Schloſſe zu. Ihm nach ſtürmt das jauchzende Volk. Die Tage der Trauer ſind vorüber. Das Blut unſerer Männer und unſerer Söhne iſt nicht umſonſt, nicht ruhmlos vergoſſen. Sie haben mit ihrem Tode ihrem Vaterlande den Sieg erkauft, ſie haben mit dem Blut des fremden, des barbariſchen Feindes den Boden unſeres Landes getränkt! Wir haben die Franzoſen bei Minden, die Ruſſen bei Kuners⸗ dorf geſchlagen, und jetzt werden wir auch die Oeſterreicher ſchlagen und ihnen die bei Hochkirch erbeuteten Siegestrophäen wieder abnehmen! So jauchzt und triumphirt das Volk und umlagert das Schloß, denn dort hinein iſt der Courier gegangen, um der Königin, welche geſtern von Schönhauſen gekommen iſt und im Schloſſe übernachtet hat, die erſte Freudenbotſchaft zu bringen. Und bald fliegen königliche Cou⸗ riere nach allen Ecken und Enden der Stadt, die Miniſter und hohen Beamten auf das Schloß zu beſcheiden. Zu Fuß und zu Wagen eilen ſie herbei, und das Volk empfängt ſie mit Jubel und ſchreit ihnen ent⸗ gegen: Der König hat geſiegt! Die Ruſſen ſind geſchlagen! Oben öffnet ſich jetzt die Thür zu dem Balcon nach dem Schloß⸗ platz hinaus. Miniſter von Herzberg tritt hinaus und grüßt mit fröh⸗ lichem Hutſchwenken das Volk, das ihm wie ein jauchzender Löwe ſeine Grüße entgegenbrüllt. Dann gebietet er mit einem Wink ſeiner Hand Schweigen und eine Todtenſtille tritt ein. Der Löwe ſchweigt und ſchaut horchend empor. Der Miniſter ſpricht. Er erzählt den Berlinern, wie der König mit ſeinem Heer geſtern unweit Frankfurt den Ruſſen eine Schlacht an⸗ geboten. Die Ruſſen, an Zahl dem preußiſchen Heer weit überlegen, empfingen die Preußen mit furchtbarem Feuer, aber unaufhaltſam, der Kugel und des Todes nicht achtend, ſtürzten die Preußen vorwärts, ſtürmten alle Feſten und trieben das ruſſiſche Fußvolk unter entſetzlichem Blutvergießen bis an den Kirchhof von Kunersdorf zurück.„Um fünf Uhr,“ ſo ſchloß der Miniſter ſeine Rede,„ſandte der König den Courier hierher ab. Der Sieg war geſichert!“ — 96— Der Sieg war geſichert! tönte das Echo des Volks ihm nach, und mit freudeſtrahlenden Blicken ſchaute Einer den Andern an, reichten ſich Menſchen, die ſich nicht kannten, die ſich nie einander geſehen, aber ſich heute als Brüder Eines Volkes, als Söhne Eines Vaterlandes fühlten, die Hände und beglückwünſchten einander. Auf einmal ſchrie und jauchzte das Volk wieder höher auf, und am Ende des Platzes ſah man über den Häuptern dieſer ſchwarzen wogen⸗ den Menſchenmaſſe die Geſtalt eines Reiters erſcheinen. Er kommt näher und näher, ein zweiter Courier iſt's, ein zweiter Bote des Königs an ſeine Familie und ſeine Reſidenz! Das Volk betrachtet ihn mit mißtrauiſchen, ängſtlichen Blicken. Was bedeutet dieſer zweite Courier? Was kann er bringen? Aber ſein Antlitz iſt heiter und klar, mit ſtrahlendem Lächeln grüßt er das Volk, denn er bringt Sieg, vollſtändigen Sieg! Gleich dem erſten Courier reitet er in's Schloß ein, der Königin und den Miniſtern ſeine Botſchaft zu bringen.— Das Volk umlagert das Schloß, freudetrunken, ſelig. Von allen Seiten rollen jetzt die Equi⸗ pagen des Adels heran, denn Jeder, den ſein Rang und ſeine Stellung nur irgend dazu befähigt, will der Königin perſönlich ſeine Glückwünſche darbringen. Und jetzt naht ſich von der Konigsſtraße her ein ehrwür⸗ diger Zug. Es iſt der Magiſtrat von Berlin. Voran die beiden Bür⸗ germeiſter von Berlin mit den feierlichen Allongeperrücken und den gol⸗ denen Ketten, hinter ihnen die Reihe der ehrwürdigen Stadträthe. Auch der Magiſtrat will der Königin ſeine Glückwünſche darbringen, auch er eilt auf's Schloß, um im Namen der Stadt ſeine Freude kund zu geben. Die Menſchenmaſſe weicht ehrerbietig zurück vor den ehrwürdigen Vätern der Stadt und öffnet ihnen eine Bahn durch das Gewühl. Aber dann richten ſich wieder alle Blicke empor zu dem Balcon, denn dort oben iſt der Miniſter von Herzberg erſchienen und winkt dem Volk Schweigen zu. Er bringt die Nachrichten des zweiten Couriers.— „Der Sieg iſt unfehlbar. Die Ruſſen ſind überwunden. Sie hatten ſich in tapferer Gegenwehr bis nach Kunersdorf zurückgezogen und beab⸗ — 92— ſichtigt, in dieſem Dorf ſich zu halten. Aber unaufhaltſam drangen die Preu⸗ ßen ihnen nach. Sieben Redouten, der Kirchhof, der Kuhgrund, der Spitz⸗ berg und ein hundert und achtzig Kanonen waren genommen. Der Feind hatte ungeheuere Verluſte gehabt, und war in großer Verwirrung. Das Geſchick des Tages ſchien erfüllt zu ſein, und dies blos durch den Hel⸗ denmuth des Fußvolkes, welches weder die unerhörte Blutarbeit, noch die brennend heiße Sonne zurückzuhalten vermocht.*) Um ſechs Uhr Abends, als der König dieſen Courier abſandte, hatte der Feind hinter ſeiner letzten Schanze auf dem Judenberg ſeine Zuflucht geſucht!“ Ein lautes Hurrah ertönt aus den Maſſen des Volks, als der Miniſter geendet, und wieder den Balcon verläßt. Nun giebt es gar kein Zweifeln mehr. Der Feind iſt vollſtändig beſiegt! Hinter ſeiner letzten Schanze hat er eine Zuflucht geſucht! Wird ihn der König dort laſſen? Wird er den verhaßten Feind auch von dort vertreiben? Während ſich hier und dort Gruppen des Volks bilden, um dieſe wichtige Frage zu discutiren, während einige Männer in begeiſterter Rede, ganz berauſcht und trunken vor Freude, von der Herrlichkeit dieſes Sieges über den ruſſiſchen Erbfeind zu dem Volk ſprechen, kommt ein dritter Courier dahergeſprengt. Die Menge, athemlos vor Erwartung, gönnt ihm nicht die Zeit zum Schloß zu gelangen. Man muß erſt wiſſen, welche Nachricht er bringt! Heute giebt es kein Zaudern, kein Geheimhalten! Das Volk iſt eine große Familie, und ſie erwartet die Botſchaft ihres Vaters, ſie erwartet Nachricht von ihren entfernten Söhnen und Brüdern! Nur erneuerte Freudenbotſchaft bringt der Courier.„Die Ruſſen ſind vollſtändig geſchlagen. Der König will ihnen auch in ihrer letzten Verſchanzung keine Ruhe gönnen. Mit ſeinem ganzen Heer, mit Rei⸗ terei und Fußvolk, mit allen Kanonen war er eben im Begriff, die letzte Schanze auf dem Judenberg zu ſtürmen.“ Das iſt die Botſchaft des dritten Couriers, den man jetzt befriedigt in's Schloß entläßt. *) Preuß: Friedrich der Große Th. II. S. 212. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I. 7 — 98— Das Volk iſt trunken vor Freude, Stolz und Seeligkeit. Niemand denkt daran, heimzukehren in ſeine Wohnung; man hat heute keine andere Wohnung, als dieſen Platz; jedes andere Haus würde zu klein ſein für dieſe große Familie die ſo ſehr das Bedürfniß fühlt, einander ihre Freude, ihr Entzücken auszuſprechen. Und dann— wer könnte nach Hauſe gehen, während es möglich wäre, daß der König noch neue Couriere abgeſandt hätte? Wer könnte nach Hauſe gehen, bevor er die gewiſſe Nachricht erhalten, daß der Feind auch aus ſeiner letzten Schanze vertrieben worden, daß der Judenberg getränkt iſt mit Ruſſenblut! Niemand zweifelt daran, daß dieſe Nachricht kommen wird, kommen muß; auch nicht das kleinſte Zagen, die leiſeſte Unruhe trübt die reine, die ſtolze Freude dieſer Stunde!— Der Sieg iſt gewiß, aber es iſt ſo ſchön, es immer wieder zu hören, immer neue Beſtätigung dieſer himm⸗ liſchen Botſchaft zu erlangen! Jederman blieb daher und wartete. Immer mehr füllte ſich indeß der Platz mit Menſchen. Jedermann wollte ſelbſt ſehen, ſelbſt hören; Niemand dünkte ſich heute zu vornehm zu zart, zu ſchwach, um Stundenlang in der brennenden Sonnenhitze, auf dem harten Steinpflaſter im wogenden Gewühl der Menſchen zu ſtehen. Neben dem Arbeiter im grauen Leinwandrock ſah man elegante Damen in ſeidenen Gewändern, neben dem Bettler in zerlumpter Jacke den beſternten Rock des höheren Beamten, das feine Kleid des reichen Banquiers. Mehr denn funfzigtauſend Menſchen waren jetzt auf dem Schloß⸗ platz verſammelt und warteten. Worauf ſie warteten, das wußten ſie ſelber nicht. Auf neue Siegesnachrichten, auf neue Couriere, welche die Details des herrlichen Sieges brächten. Es war nicht genug zu wiſſen, daß der König geſiegt habe, man wollte auch die Höhe und Bedeutung des Sieges kennen, und endlich wollte man auch die blutigen Opfer wiſſen, welche dieſer Sieg gekoſtet habe. Die Mittagsſtunde war längſt vorüber. Was kümmerte das dieſes glückſelige Volk! Es hungerte nicht nach leiblicher Nahrung, es dürſtete nicht nach irdiſchem Trank. Es wollte nichts weiter genießen, als die erhabene Freude des gewonnenen Sieges. — 99— Die Glocke ſchlug drei Uhr. Da, da kommt abermals ein Reiter dahergeſprengt, mit verhängtem Zügel, ſtaubbedeckt. Aber wie? Was iſt das? Sein Antlitz iſt bleich wie der Tod, ſeine Augen ſind trübe und blicken faſt ſchamvoll und geängſtigt umher, und keine glückliche Nach⸗ richt ſteht auf dieſer finſter beſchatteten Stirn. Was will dieſer Todesbote inmitten der Freude, des Triumphes, der ſtolzen Siegesherrlichkeit?— Man will ihn anhalten, ihn fragen, aber er giebt keine Antwort, er ſpornt ſein Roß, daß es hochaufbäumt, und die Menſchen in jähem Schrecken auseinanderſprengen. Er giebt keine Antwort. Schweigend reitet er dahin durch die jauchzende, lachende, plaudernde Menge. Aber wo er vorüberkommt, da verſtummt das Lachen und Jauchzen, da ſchweigt das frohe Geplauder. Es iſt, als habe der Engel des Todes ſeine Stirn berührt, und als ſchaudere es den Glück⸗ lichen in ſeiner unheimlichen Nähe. Jetzt hat er das Schloßthor erreicht, jetzt ſteigt er vom Pferde. In athemloſen Schweigen, bleich und zitternd, ſie wiſſen ſelbſt nicht warum, ſchauen Diejenigen, welche den unheimlichen ſtummen Boten ge⸗ ſehen haben, zum Balcon empor.— Endlich, nach langem Harren, wird ihre Erwartung befriedigt. Der Miniſter von Herzberg erſcheint wieder auf dem Balcon. Aber wie? Sein Antlitz iſt bleich und von Thränen überfluhtet; wie er den Mund öffnet um zu ſprechen, verläßt ihn die Kraft, und er muß ſich an dem Gitter des Balcons halten, um nicht hinzuſinken. Endlich rafft er ſich empor. Diesmal hat er nicht nöthig, Stille zu ge⸗ bieten, denn das Schweigen des Todes ruht über der erſtarrten Menge. Als er aber dann ſpricht, iſt ſeine Stimme ſo ſchwach, und zittert ſo ſehr, daß nur Wenige, nur die in den vorderſten Reihen Stehenden ihn vernehmen. Die Schlacht iſt verloren! hallt es in dumpfem Ton vom Balcon herab, die Ruſſen haben geſiegt, denn die Oeſterreicher ſind ihnen zur Hülfe gekommen. Die Oeſterreicher, deren Nähe die Unſrigen nicht ahnten, hatten ſich im hohlen Grunde gelagert. Als unſer Fußvolk heranſtürmte, die letzte Schanze auf dem Judenberg, von welcher es nur — 100— noch hundert Schritte entfernt war zu nehmen, trat den erſchöpften und übermäßig Angeſtrengten Loudon mit ſeinen friſchen Schaaren entgegen, und empfing die Preußen mit mörderiſchem Feuer, bis ihre Reihen wankten, und ſie in wilder Flucht auseinanderſtoben, gefolgt von dem wüthenden kampfesdurſtigen Feind. Das Glück des Tages hat ſich ge⸗ wendet, die Unſrigen haben die Schlacht verloren. Noch aber ſind wir nicht verloren, denn der König lebt. Er i*ſt leicht verwundet, drei Pferde ſind ihm unter den Leib erſchoſſen, aber er lebt! Und ſo lange er lebt, iſt nicht alle Hoffnung verloren! Auch in der Ferne und inmitten dieſes furchtbaren Unglücks, das ihn und ſeine Armee betroffen, denkt er an ſeine Berliner. Er ſendet Euch ſeinen väterlichen Gruß, und ermahnt einen Jeden von Euch, an die Rettung ſeines Hab' und Gut und ſeines Vermögens zu denken. Denen, welchen es in Berlin nicht ſicher genug ſcheint, und welche den anmarſchirenden Feind fürchten, räth der König ſich nach Möglichkeit mit ihrem Vermögen zu entfernen, und vielleicht nach Magdeburg ſich zu wenden, wohin auch die königliche Familie heute Abend noch abreiſen wird! Als der Miniſter jetzt ſchwieg, brach das Volk, welches bis dahin ſtumm geweſen war vor Entſetzen, in lautes Klagegeſchrei, in verzweif⸗ lungsvolles Jammern aus. Schrecken und Entſetzen lag jetzt auf allen dieſen Geſichtern die vorher ſo heiter und ſtrahlend geweſen, Thränen entſtrömten den Augen, die vorher geleuchtet vor Freude, Wehklagen tönte von den Lippen, die vorher nur Worte des Nachiodens und der ſtolzen Genugthuung geſprochen. Und gleichſam, als könnte man noch nicht an das Rrerhörke, das Unbegreifliche glauben, als bedürfe es noch einer weiteren Beſtätigung dieſer furchtbaren Nachricht, forderten Einige den Courier zu ſprechen, der die Botſchaft gebracht, und die Menge, wie von einer neuen Hoff⸗ nung beſeelt, ſchrie und brüllte laute und immer lauter: Der Courier! Der Courier! Wir wollen den Conurier ſelbſt ſprechen! Das Geſchrei und Rufen ward ſo laut, daß man endlich ihm willfahren mußte. Der Miniſter trat wieder hinaus auf den Balcon und verkündete, daß der Courier ſogleich hinunter kommen würde auf den Platz. — 101— Nun trat eine athemloſe Stille ein. Aller Augen waren nach dem Portal des Schloſſes hingewandt, durch welches der Courier kommen mußte. Wie man ihn jetzt in demſelben erſcheinen ſah, drängte und wogte die Maſſe in raſender Eile ihm entgegen. Geſchrei der Angſt und des Entſetzen, Wehklagen und Jammern ertönte. Das Volk, raſend vor Schmerz, außer ſich gebracht durch dieſen verzweiflungsvollen Wechſel von ſtolzen Siegesjubel zu demüthiger und ſchmachvoller Niederlage, das Volk kannte kein Mitleid, kein Erbarmen mit ſich ſelber mehr. Raſend ſtürmte es dem Boten des Unglücks entgegen, nicht achtend Derer, die es im wilden Getümmel unter ſeine Füße trat, und die laut jammernd um Hülfe und Erbarmen flehten. Jetzt näherten zwei ſtarke entſchloſſene Männer ſich dem Courier. Leicht wie eine Feder hoben ſie ihn empor, und ſetzten ihn auf ihre Schultern. Dann geboten ſie ihm zu reden, und dem Volk von dem unerhörten Unglück zu erzählen. Und der Bote des Schreckens und Entſetzens begann ſeinen traurigen Bericht. Er wiederholte alles das, was der Miniſter von Herzberg ſchon zuvor dem Volke verkündet. Er erzählte von dem mörderiſchen Gefecht, von dem wüthenden Vordringen der Oeſterreicher, dem Rachegebrüll der wieder ſich ſammelnden Ruſſen. Er erzählte, wie die Kugeln der Feinde ganze Reihen der Preußen niedergeſchmettert hätten, wie mehr denn zwanzigtauſend Todte und Verwundete der Preußen das Schlachtfeld bedeckten, wie alle Kanonen und Fahnen in die Gewalt des Feindes gerathen! Und das Volk empfing jede dieſer Nachrichten mit lautem Jammern und Wehklagen, mit Weinen, Schreien und Jammergeſtöhn! Und auch von dem König erzählte der Courier. Er ſelber hatte zu des Königs Bedeckung gehört, er war dem König immer ganz nahe ge⸗ weſen. Er hatte geſehen, wie der König mitten im dichteſten Kugelregen geſtanden, als ſeine beiden Flügeladjutanten an ſeiner Seite fielen. End⸗ lich war eine Kugel gekommen, und hatte das Pferd des Königs, den „Vogel“ ſo ſchwer verwundet, daß das Thier ſofort zuſammengeſtürzt war. Der König hatte ein anderes Pferd beſtiegen und war auf der⸗ ſelben Stelle geblieben, und als eine zweite Kugel auch dieſes Pferd — 102— traf, hatte der König ruhig das Pferd ſeines Flügeladjutanten, des Hauptmann von Götzen beſtiegen. In demſelben Moment aber traf eine Flintenkugel den König vor die Bruſt, aber das goldene Etui, daß der König in der Taſche trug, hatte die Kugel unwirkſam gemacht, und ohne ſich beirren zu laſſen, war der König auf derſelben gefährlichen Stelle ge⸗ blieben. Vergeblich hatten die Generäle und Adjutanten des Königs ihn beſchworen, dieſen Ort zu verlaſſen, und an ſeine eigene Sicherheit zu denken. Der König hatte ihnen erwiedert:„Wir müſſen hier Alles ver⸗ ſuchen, um die Bataille zu gewinnen, und ich muß hier ſo gut wie jeder Andere meine Schuldigkeit thun.“*) Als der Courier in ſeiner von Jammern und Wehklagen oft unter⸗ brochenen Rede ſo weit gekommen war, fragten mehrere Stimmen: Und wo iſt der König jetzt? Wo iſt der König geblieben? Der Courier antwortete nicht, aber als dieſe Frage immer ängſt⸗ licher, immer ſtürmiſcher wiederholt ward, erzählte er weiter, wie der König mitten in der Verwirrung und dem Entſetzen der Flucht ihn zu ſich gewinkt, und ihm befohlen habe, ſofort nach Berlin zu jagen, und die Tranerkunde und die mündliche Botſchaft des Königs, welcher der⸗ ſelben noch ein mit Bleiſtift beſchriebenes Zettelchen an den Miniſter von Herzberg hinzugefügt, dahin zu bringen. Alsdann ſei der König an ihm vorübergejagt den Feinden grade entgegen, als wünſche er, daß ihre Kugeln ihn treffen möchten. Eine kleine Schaar ſeiner Getreuen war ihm gefolgt. Der König iſt verloren! Der König iſt gefangen! Verwundet, vielleicht ſogar todt! ſchrie und wimmerte das Volk in verzweiflungs⸗ voller Wehklage. Auf einmal ward dieſes Jammergeſchrei von lauten Freudenrufen, von Vivatgeſchrei und Jauchzen unterbrochen, das ſich lawinenartig, immer mächtiger, immer donnernder anſchwellend, von der anderen Seite des Platzes daherwälzte. Ein neuer, ein fünfter Courier war gekommen— er hatte die Nachricht von einer vollſtändigen Niederlage 2₰ *) Des Königs eigene Worte. Siehe Preuß Th. II. S. 214. * — 103— der Ruſſen, von dem glänzenden Siege des Königs und ſeiner Armee gebracht!*) Nun ereignete ſich eine dieſer wunderbaren, unerhörten und majeſtä⸗ tiſchen Scenen, wie keine menſchliche Phantaſie ſie zu erfinden und vor⸗ zubereiten, wie nur die Vorſehung ſie hervorzurufen und zu geſtalten vermag. Wie vom Sturmwind der verſchiedenſten, der gewaltigſten Leidenſchaften gepeitſcht, wogte die Maſſe des Volkes auf und ab. Wäh⸗ rend man hier noch klagte um die Nachrichten, die man von dem Un⸗ glücksboten empfangen, jubelte und jauchzte man dicht daneben über die frohe Kunde, welche der fünfte Courier gebracht. Während Diejenigen, welche dem vierten Courier nahe genug geſtanden, um ſeine Worte zu vernehmen, ſich umwandten, um den entfernter Stehenden die Trauer⸗ kunde zu bringen, kamen von der anderen Seite des Platzes ihnen jauchzende Volksmaſſen entgegengezogen, welche mit Jubelgeſchrei die Siegesnachrichten des fünften Couriers meldeten. Hier ſah man Männer die Arme zum Himmel erheben, und Gott danken für den gliücklich errungenen Sieg, unweit von ihnen Andere, die wie erſtarrt vor ſich hinblickten, und bewegungslos, tief gebeugt da ſtanden, hier jubelten Frauen mit freudeſtrahlendem Antlitz über den Heldenkönig, dort klagte und jammerte das Volk, der König ſei verſchwunden, gefangen oder todt. Wie bei dem Turmbau zu Babel ſprach und jammerte das Volk in tauſend Zungen, und Niemand achtete des Anderen, ſondern war verſenkt nur in ſeine eigenen leidenſchaftlichen Gefühle.— Gleichſam in zwei Heeresmaſſen getheilt, wogte das Volk gegen einander auf und ab, und jede dieſer Heeresmaſſen hatte ihren Anführer, der ſie lenkte und beſtimmte. Und wie dieſe Tauſende einander näher rückten, wie ſie anfingen ſich zu verſtändigen und ihre wiederſtreitenden Gefühle mit einander auszutauſchen, da riefen ſie ihre Anführer, dieſe beiden Couriere, zur Entſcheidung auf, da trugen Männer der verſchiedenen Parteien auf ihren Schultern mitten durch das Gedränge hindurch die beiden Boten zueinander hin. Als ſie ſich dicht einander gegenüberſtanden, trat eine tiefe, eine ent⸗ ſetzensvolle Stille ein. Das Schreien und Klagen, das Jauchzen und *) Briefe der Schweizer. zc. S. 317. — 104— Vivatrufen verſtummte. Jedermann fühlte, daß man dem furchtbaren oder herrlichen Moment der Entſcheidung gegenüberſtehe, und athemlos wie gebannt, ſtanden mehr als funfzigtauſend Menſchen da. Es war ein kurzes, ein entſetzlich lakoniſches Geſpräch, das dieſe beiden Soldaten, welche da auf den Schultern der Männer des Volkes ſtanden, mit einander führten. Wann biſt Du vom König abgeſchickt? fragte der vierte Courier den fünften. Um ſechs Uhr Abends, ſagte dieſer. Der König hat mir ſelbſt die Botſchaft übertragen. Wo ſtanden damals die Unſrigen? fragte der vierte Courier. Sie ſtanden damals vor dem hohlen Grund und die Ruſſen hatten ſich hinter die letzte Schanze auf dem Judenberg zurückgezogen. Die Schlacht war gewonnen. Wir hatten hundert und zwanzig Kanonen erbeutet, und ſchon ſpazierten viele der Unſrigen auf dem Schlachtfeld umher, und beſahen ſich die erbeuteten Batterien.*) Ja, ſagte der vierte Courier traurig. Das was um ſechs Uhr. Aber um ſieben Uhr waren wir auf der Flucht, denn Loudon war aus dem hohlen Grund hervorgebrochen und die Ruſſen hatten ſich wieder geſammelt. Du biſt um ſechs Uhr von der Armee fortgeritten, und ich um halb acht Uhr, und ich bin raſcher geritten wie Du. Unglücklicher⸗ weiſe habe ich Recht, die Schlacht iſt verloren! Die Schlacht iſt verloren! ſchrie und heulte das Volk. Der König iſt verloren! Wehe! Wehe! In dieſem Augenblick ſah man mitten durch die Volksmenge hin⸗ durch die Vorreiter der königlichen Equipagen ſich mühſam Bahn machen, indem ſie die Leute baten, bei Seite zu treten und die Straße frei zu laſſen, damit die Reiſewagen des königlichen Hofes zum Schloſſe ge⸗ langen könnten. Dieſe Worte verbreiteten neues Entſetzen. Wir ſind verloren! ſchrie Alles. Laſſet uns fliehen, fliehen! Auch der Hof, auch die Königin und die Prinzeſſinnen fliehen. Suche Jeder ſich zu retten, denn die *) Briefwechſel der Schweizer: Bodmer, Sulzer, Geßner. S. 318. — — 105— Ruſſen werden nach Berlin kommen und ſie werden uns Alle vernichten. Wir ſind verloren und verlaſſen und Niemand weiß, wo der König iſt! Und wie vom Wahnſinn getrieben ſtürzten die Maſſen auseinander, wie ein Meer, das ſich zertheilt und in wogenden Strömen ſich hier und dorthin ergießt; und der Jammeer, der erſt nur auf dem Schloßplatz ertönt, er fand bald einen Wiederhall in allen Straßen und in allen Häuſern! Zweites Buch. — — η — M — — — — — η — — 8 S 22 — — = J. Nach der Schlacht. Der Donner der Kanonen war verſtummt, das Praſſeln der Pelo⸗ tonfeuer hatte aufgehört. Ruhig und ſtill war es auf der großen Ebene bei Kunersdorf, wo vor einigen Stunden noch die mörderiſche Schlacht gewüthet. Aber welche Ruhe war dies, und wie grauſig dieſe Stille, welche über dem blutdampfenden Schlachtfeld lagerte! Die Ruhe des Todes war es, und die Stille, welche dieſer ſchauerliche Bote des Him⸗ mels als Siegel ſeiner Liebe auf die bleichen Menſchenlippen drückt!— Wohl denen, welche dieſer Kuß gleich ſchnell von hinnen geführt hat, welche nicht ſo zu leiden haben, wie Dieſe, die dort lebend noch und doch dem Tode angehörend, noch unter den Tauſenden der Leichen zerſtreut umher liegen. Der kalte Leichnam ihres Nachbars iſt das Kiſſen, auf welches allein ſie ihr blutiges Haupt betten, das Geſtöhne der Ster⸗ benden iſt die ſchauerliche Melodie geweſen, die ſie aus ihrer Betäubung weckte, und der ſternenbeſäete Himmel dieſer hellen, durchſichtigen Som⸗ mernacht iſt das einzige Auge der Liebe, das ſich über ſie neigt. Wohl Denen, welche das mörderiſche Schwert und die zerſchmetternde Kugel gleich von hinnen geführt hat! Wehe dieſen, welche da in ihren Schmerzen und ihrer Qual, lebend, athmend, ihrer Leiden und ihres Unglücks ſich bewußt, auf dem Schlachifelde liegen, denn jetzt iſt es um ſie geſchehen, jetzt vernimmt man das Stampfen und Wiehern von Pfer⸗ den, es kommt näher und näher. Der Mond wirft die langen Schatten — 110— einherjagender Reiter über das Schlachtfeld hin. Unheimlich iſt es an⸗ zuſchauen, wie ſie raſch daherſprengen, hinwegſetzend über die hingeſtreckten Schaaren der Leichen, nicht achtend der Sterbenden, die unter den Hufen ihrer kleinen Pferde den letzten Seufzer verhauchen! Aber der Koſack hat kein Mitleid, und ihn graut und ſchaudert es nicht inmitten dieſes ungeheuern offenen Grabes, welches Tauſende von Menſchen wie eine eine einzige Leiche in ſich aufgenommen hat. Der Koſack iſt gekommen, um zu plündern und zu rauben, und ihm gilt's gleich, ob Freund oder Feind. Er iſt der Erbe der Geſtorbenen ſowohl, wie der Sterbenden, und er iſt da, ſich ſeine Erbſchaft zu holen. Wo ein Ring an der Leichen⸗ hand blitzt, da ſpringt der Koſack vom Pferde und reißt ihn ab und läßt ihn in den Abgrund ſeiner Taſche fallen. Wo eine reichgeſtickte Uniform ſein Auge reizt, da reißt er ſie dem, welcher ſie trägt, gleichviel ob er ſchon geſtorben iſt oder noch athmet und röchelt, von dem bluten⸗ den, wundenzerfetzten Leibe. Seht da dieſen Krieger, welcher ächzend vor Schmerzen, mit zer⸗ ſchoſſenen Gliedern, blutend aus vielfachen Wunden, im Graben liegt. Er iſt auf den Tod verwundet, aber das Schwert hält er noch in ſeiner Hand— in ſeiner linken Hand, denn ſeine rechte Hand iſt ihm von einer Kugel fortgeriſſen worden. Ein Kartätſchenſchuß hat ihm die Glieder zerſchmettert, und da haben ihn ſeine Soldaten in dieſen Graben getra⸗ gen, damit er nicht von den Hufen der Pferde zertreten werde. Da haben ſie ihn der Gnade Gottes nicht allein, ſondern auch der Gnade der Menſchen übergeben. Aber der Koſack weiß nichts von Gnade! Das iſt ein Wort, wel⸗ ches er in ſeinem ruſſiſchen Heimathslande nimmer gehört hat. Er fürchtet ſeinen Gott, er fürchtet ſeinen Czaaren und ſeinen Hauptmann, er fürchtet die Knute vor allen Dingen. Er weiß nichts von Gnade! Sie iſt an ihm niemals geübt, wie ſoll er ſie an Andern üben.— Wie der Koſack den preußiſchen Officier in der goldgeſtickten Uniform ſieht, ſpringt er vom Pferde und wirft ihm die Zügel über. Ein ſchriller Pfiff be⸗ lehrt das kluge Thier, des Koſacken beſſere Hälfte, daß es da ruhig ſtehen bleiben ſoll. Der Koſack ſteigt hinunter in den Graben, auf deſſen moraſtigem Grunde der preußiſche Krieger— der deutſche Dichter— — 111— gebettet iſt!— Denn ein deutſcher Dichter iſt es, der da liegt, ein Dichter von Gottes Gnaden. Ganz Deutſchland kennt ihn, den Sänger der Frühlings, ganz Deutſchland hat ſeine herrlichen Lieder geleſen und ſich an ihnen begeiſtert. Den preußiſchen Major Ewald von Kleiſt nennt der Sachſe und der Oeſterreicher ſeinen Feind, aber den deutſchen Dichter Ewald von Kleiſt bewundert und liebt er, denn dem Dichterwerk gegen⸗ über giebt es keine Feindſchaft der Völker und die Politik ſchweigt vor der melodiſchen Stimme der Poeſie. Da liegt er, der tapfere preußiſche Major, der edle deutſche Dichter, das gebrochene Auge zum Himmel emporſtarrend, die bläulichen, kalten Lippen geöffnet und mühſam einzelne Worte ſtammelnd. Vielleicht ge⸗ denkt er in dieſer Stunde der letzten Worte ſeines letzten Gedichts, viel⸗ leicht murmeln ſeine erſtarrenden Lippen dieſe Worte, welche ſeine jetzt zerſchmetterte Hand vor der Schlacht noch geſchrieben: „Der Tod für's Vaterland iſt ewiger Verehrung werth! Wie gern ſterb' ich ihn au Den edlen Tod, wenn mein Verhängniß ruft!“ un n Der Tod wäre ſchön geweſen, aber das Schickſal iſt niemals mit Dichtern, zumal mit deutſchen Dichtern, milde geweſen. Schön wäre es geweſen, im Gewühl der Schlacht, unter dem Schmettern der Trom⸗ peten, unter dem Siegesjauchzen der Freunde zu fallen und ſo mit einem Lächeln auf der Lippe ſeinen Geiſt aufzugeben. Aber das Schickſal iſt niemals milde mit den deutſchen Dichtern geweſen! Ewald von Kleiſt, der deutſche Dichter, hat auf dem Schlachtfelde ſeine Todeswunde empfangen, aber er iſt nicht daran geſtorben! Er lebt und weiß, daß die Schlacht verloren, daß ſein Blut umſonſt ge⸗ floſſen iſt! Der Koſack iſt zu ihm hinabgeſtiegen in den Graben. Mit gierigen Blicken betrachtet er die reiche Beute. Denn dieſer blutende, zerfetzte Mann, das iſt für ihn kein Menſch, ſondern nur eine Uniform, welche er erbeuten will und die noch an einem läſtigen und nutzloſen Körper haftet.— Mit vor Habgier zitternden Händen reißt er das goldgeſtickte — ——;— — — 1 Kleid von der blutenden, zuſammengeſunkenen Geſtalt. Nicht achtend ſeines Wimmerns, ſeines Todesgeſtöhns, ſeiner ſchmerzzuckenden Glieder, beraubt der Koſack den edeln preußiſchen Krieger, ſelbſt das bluttriefende Hemde noch reizt die Habgier des Barbaren und auch dieſe letzte Hülle noch des todeswunden Körpers entreißt er ihm.*) Dann ſteigt er hei⸗ teren Sinnes wieder aus dem Graben empor, und indem er ſeinen Raub in den großen, am Sattelknopf befeſtigten leinenen Beutel ſchiebt, erzählt er ſeinem Pferde, welches mit geſpitzten Ohren ihm zuhört, von der reichen Beute, die er ſo eben gemacht. Das kleine Pferd wiehert auf, als hätt' es ihn verſtanden, ſein Herr ſchwingt ſich auf ſeinen Rücken, und vorwärts geht es in raſendem Lauf, neuem Raub und neuer Beute nach. Und der preußiſche Dichter, der preußiſche Held lag da, nackt und jeder anderen Hülle beraubt, außer derjenigen, welche das Blut ſeiner Wunden über ſeine entblößten, zitternden Glieder deckt. Sein Blut allein umhüllt ihn mit einem Purpurmantel, würdig der Krone, welche die Dichtkunſt um ſeine Stirn gelegt! Aber Ewald von Kleiſt iſt zu dieſer Stunde nicht mehr der Dichter und nicht mehr der Held; ein armes, elendes Menſchenkind, liegt er im Staub, wimmernd vor Qual, flehend um einige Lumpen, damit ſeine Wunden zu bedecken, in welche das ſchmutzige Waſſer des Grabens ein⸗ dringt. Und diesmal iſt das Schickſal ihm günſtig. Einige ruſſiſche Huſa⸗ ren reiten vorüber und es erbarmt ſie des jammernden nackten Mannes mit den klaffenden Wunden. Sie werfen ihm einen alten Soldatenmantel, ein Stück Brod und einen halben Gulden zu.**) Der deutſche Dichter nimmt dankbar das Almoſen des ruſſiſchen Soldaten an, er hüllt ſeine Glieder in den Mantel ein und dann ver⸗ ſucht er das Stück Brod zu eſſen, das die Mitleidigkeit des ruſſiſchen Soldaten dem deutſchen Dichter zugeworfen hat. *) v. Archenholtz. Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 363. *n) Ebendaſelbſt S. 263. — 113— Aber das Schickſal iſt niemals milde mit den deutſchen Dichtern geweſen. Die Koſacken ſchwärmen immer noch auf dem Schlachtfelde umher, und wieder naht ſich einer dem armen ächzenden Krieger, der da im Graben liegt. Er hat keine glänzende Uniform mehr, aber der Koſack nimmt Alles, was er bekommen kann, und auch der alte zerriſſene Soldatenmantel noch reizt ſeine Habgier. Er entreißt ihn dem wider⸗ ſtandsloſen Verwundeten, und wie er ſeine geſchloſſenen Hände unter⸗ ſucht, findet er auch den halben Gulden— das Almoſen, das Ewald von Kleiſt von dem ruſſiſchen Huſaren bekommen. Wieder liegt der deutſche Dichter, der preußiſche Held, nackt und entblößt da, das Waſſer des moraſtigen Grundes dringt in ſeine Wun⸗ den ein und ſtachelt mit grauſamer Folter den Sterbenden zu neuem Schmerzensdaſein empor! So liegt er da bis zum anderen Tage, bis der Feind ſich ſeiner erbarmt nnd ihn als Gefangenen nach Frankfurt bringt.*) Wohl denen, welche ein gütiges Geſchick gleich auf dem Schlacht⸗ feld getödtet hat! Glücklicher waren ſie als diejenigen, welche zurück⸗ geblieben, und wenn anch nicht Alle das grauſame Schickſal des edeln Dichters zu dulden hatten, ſo hatten doch alle dieſe Tauſende, welche man blutend von dem Schlachtfeld trug, das Bewußtſein ihrer Schmer⸗ zen und ihrer Niederlage. Das ganz nahe bei Kunersdorf belegene Dorf Oetſcher war in ein Lazareth umgewandelt. Lange ſchon während der Schlacht waren die Bewohner geflüchtet. Jetzt hatten die Verwundeten von den leerſtehenden Hütten Beſitz genommen, und mit geſchäftiger Haſt eilten die Chirurgen von Haus zu Haus, denen Hülfe zu bringen, bei welchen dieſelbe noch möglich war.— Aber Keiner von ihnen ging hinein in dieſe Hütte, *) Ewald von Kleiſt ſtarb wenige Tage nach ſeiner Gefangennehmung in Frankfurt a. d. O. am 24. Auguſt.— Die Ruſſen gaben ihm ein ehrenvolles Begräbniß, und weil auf ſeinem Sarge der Degen fehlte, nahm der Oberſt von Bülow, Chef eines ruſſiſchen leichten Dragonerregiments, den eigenen Degen von der Seite und legte ihn auf den Sarg,„damit,“ wie er ſagte,„ein ſo würdiger Ofſicier nicht ohne dieſes Ehrenzeichen begraben werde.“ Siehe v. Archenholtz. Th. I. S. 262. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. I. 8 — 114— welche dort ein wenig abgeſondert von den übrigen am Ende des Dorfes lag. Und doch befanden ſich auch in dieſer zwei Verwundete. Sie waren ſchon vor dem Ende der Schlacht hierhergebracht, damals hatte der Chirurg ihre Wunden unterfucht und dann war er ſchweigend hinaus⸗ gegangen, um nicht wiederzukehren.— Schweigend, dann und wann nur hoch aufächzend, lagen dieſe beiden Verwundeten auf dem Stroh, auf das man ſie gebettet hatte, ihre Augen ſtarr nach der Thür gerichtet, ſehnſuchtsvoll ausſchauend nach dem Chirurgus, der ihnen Hülfe, oder wenigſtens doch Linderung, bringen ſollte.— Und jetzt öffnete ſich wirklich die Thür, und ein Officier trat ein. War es das Dämmerlicht des Abends, oder hatten das Blut und die Schmerzen die Augen der armen Verwundeten geblendet, daß ſie den Eintretenden nicht erkannten? Freilich zeigte ſein ſonſt ſo heiteres, edles Antlitz heute einen ungewöhnlich ernſten, finſteren Ausdruck, ſeine Wangen waren todesbleich, und ſelbſt der Glanz ſeiner großen Augen war heute minder leuchtend und hell wie ſonſt. Aber es lag doch etwas Unausſprechliches, Ehrfurchtgebietendes, Ungewöhnliches in ſeiner Erſchei⸗ nung. Obwohl geſchlagen und kummervoll, war er noch immer der Held, der König, noch immer Friedrich der Große! Er war hierher gekommen, um in dieſem einſamen, abgelegenen Hauſe ſein Quartier zu nehmen, um hier allein zu ſein mit ſeinen Schmerzen. Aber als er die beiden Verwundeten erblickte, nahmen ſeine kummervollen Züge ſchnell einen theilnehmenden Ausdruck an. Mit haſtigen Schritten näherte er ſich dem armſeligen Lager ſeiner Officiere, und wie er ſich jetzt über ſie neigte und nach ihrem Ergehen fragte, da erkannten ſie ſeine Stimme, dieſe Stimme, welche ſie ſo oft begeiſtert hatte zu todesmuthigem Vorwärtsdringen, und die jetzt ſo milde und theilnahmsvoll war. Der König! riefen ſie Beide freudig überraſcht, und ihre Wunden und ihre Hülfloſigkeit vergeſſend, verſuchten ſie ſich aufzurichten, aber dann ſanken ſie mit dumpfem Schmerzgeſtöhn wieder zuſammen und das Blut ſtrömte auf's Neue aus ihren Wunden hervor. — 115— Der König neigte ſich über ſie. Arme Kinder, ſagte er, Ihr ſeid wohl ſchwer verwundet? Ja, ächzte der Lieutenant von Grabow, ſchwer verwundet. Aber dies iſt das Wenigſte. Wenn wir nur wüßten, ob Sie geſiegt hätten, Majeſtät? Wir hatten ſchon zwei Redouten hinter uns und waren bei der dritten, als uns das Unglück traf. O, ſagen Sie uns, Majeſtät, nicht wahr, der Sieg iſt unſer geblieben? Ein dunkler Schatten flog über das Antlitz des Königs hin, aber er verſchwand bald wieder. Ihr dürft jetzt nur an Euch denken, ſagte er, Ihr habt bewieſen, daß Ihr brav ſeid, das Uebrige iſt Zufall! Verliert nicht den Muth; es wird Alles gut werden, und auch Ihr werdet geneſen.— Seid Ihr ſchon verbunden? Hat man Euch ſchon zur Ader gelaſſen? Ach, Sire, kein Teufel will uns verbinden! ſtöhnte der zweite Ver⸗ wundete, der Lieutenant von Stubenfall. Wie, rief der König heftig, man hat Euch hier ſo ohne Pflege und Beiſtand liegen laſſen? Ja, Sire, es wird wohl für uns keine Rettung mehr ſein! Der König war im Begriff zu antworten, als die Thür ſich öffnete und mehrere Leute mit einer Tragbahre, begleitet von einem Chirurgus, hereintraten. Was wollt Ihr hier? fragte der König heftig. Sire, erwiderte der Chirurg, wir wollen die Verwundeten hier fort⸗ bringen, weil Eure Majeſtät hier Ihr Nachtquartier nehmen wollen. Der König warf ihm einen zornigen Blick zu. Und Er meint, daß ich das erlauben werde? fragte er. Die Verwundeten bleiben hier, ich werde ſchon anderswo Unterkommen finden! Vor allen Dingen ſorge Er mir für dieſe beiden Officiere und verbinde Er ſie ſogleich. Der Chirurgus trat näher zu ihnen und beſichtigte ſie ſorgfältig, dann näherte er ſich wieder dem König. Majeſtät, ſagte er achſelzuckend, da hilft kein Verbinden mehr. Dem Einen hat eine Kanonenkugel den ganzen rechten Arm fortgeriſſen, und der Brand wird ihn tödten. Der Andere hat eine Kartätſchenladung 8 ⅔ — 116— von gehacktem Eiſen in's Geſicht und in den Leib bekommen. Es iſt unmöglich, alle dieſe Wunden zu verbinden! Der König antwortete ihm nicht, er ging haſtig zu dem Lager hin und faßte Jeden der beiden Verwundeten bei der Hand; ſich dann zu dem Arzt wendend, ſagte er: Seh' Er nur, ſie ſind Beide noch ſo jung und lebenskräftig; auch haben ſie Beide noch kein Fieber. Bei ſolchem jungen Blut und friſchem Herzen pflegt die Natur Wunder zu thun. Laſſe Er ſie zur Ader und verbinde Er ihnen die Wunden! Und dann vor allen Dingen ſorgt für einige Erfriſchungen, denn ſie werden deren bedürfen. Ach ja, Majeſtät, wir hungern und dürſten ſchon ſo lange! flüſterte Lieutenant von Grabow. Der König lächelte. Sieht er wohl, ſagte er. Er meinte, ſie ſind verloren, und ſie haben noch einen geſunden Magen! Man ſtirbt nicht, wenn man noch hungern kann. Der Chirurgus erwiderte nichts, ſondern öffnete ſein Beſteck und zog die nöthigen Bandagen und Inſtrumente hervor, um die Officiere zu verbinden. Der König ſchaute ihm eine Zeit lang zu. Dann neigte er ſich über die Verwundeten, die nur mit Mühe die Schmerzensſchreie unter⸗ drückten, welche ihnen die Anlegung des Verbandes verurſachte. Kinder, ſagte er liebevoll, verzagt nur nicht! Es mag mit Euch werden, wie es will, ich werde es erfahren, und wenn Ihr nicht mehr dienen könnt, ſo werde ich für Euch ſorgen. Glaubt nur, Ich werde Euch nicht ver⸗ geſſen!*) Er nickte ihnen freundlich zu und verließ dann das Gemach. Vor der Thür der Hütte ſtand einer ſeiner Adjutanten und erwartete ihn. Der *) Des Königs eigene Worte, wie denn überhaupt dieſe ganze Scene ſtreng hiſtoriſch iſt. Die beiden Officiere, welche der König auf dieſe Weiſe vom Tode errettete, genaſen wirklich. Nach ihrer Wiederherſtellung nahmen ſie Beide wieder am Kampfe Theil, wurden bei Kolberg nochmals ſchwer verwundet und noch⸗ mals geheilt. Beide dienten ſie bis zum Frieden, dann invalide erklärt, erhielten ſie auf ausdrücklichen Befehl des Königs ſehr gute Verſorgungen. Siehe Nikolai Charakterzüge und Anekdoten. — 117— König gab ihm ſchweigend das Zeichen, ihm zu folgen, und ſchritt weiter durch das Dorf dahin, vorüber an dieſen Hütten, aus deren Innerem man lautes Klagegeſchrei und Wimmern vernahm. Ach, murmelte der König leiſe vor ſich hin, Dante hat nicht alle Qualen der Hölle gekannt, oder er hat vergeſſen, dieſe zu ſchildern, die ich jetzt erleide! Er ſchritt haſtiger vorwärts, hinaus in die dämmernde Sommer⸗ nacht, immer verfolgt von dem Klagegeſchrei, dem Aechzen und Jammern ſeiner verwundeten Soldaten. Eine tiefe, unermeßliche Traurigkeit lagerte auf ſeinem Antlitz, ein ſchmerzliches Zucken ſtand auf ſeiner Lippe, ſeine bleiche Stirn war von kaltem Schweiß bedeckt, ſeine großen Augen ſtarr⸗ ten hinüber zu dem Schlachtfeld, dann zum Himmel empor mit einem fragenden, vorwurfsvollen Blick. Schon lag das Dorf hinter ihm, aber der König ſchritt immer weiter. Er dachte gar nicht an den Zweck ſeines Wanderns, er wollte nur dieſer Hölle, dieſem Klagegeſchrei der Verdammten entfliehen!— Sein Adjutant wagte es endlich, dicht zu ihm heranzutreten und ihn aus ſeinem traurigen Sinnen zu erwecken. Sire, ſagte er, die Koſacken ſchwärmen umher, und wenn ſich Eure Majeſtät noch weiter wagen, könnte leicht daraus das fürchterlichſte Unglück entſtehen. Die Koſacken ſchießen auf Jeden, der einen guten Rock trägt. Der Kbnig ſchüttelte traurig ſein Haupt. Für mich haben ſie keine Kugel, ſagte er leiſe vor ſich hin. Ich habe den Tod vergeblich gerufen, ich habe um die Gnade einer Kugel gefleht; ſie kam, aber nur um meine Bruſt zu ſtreifen. Für mich giebt es keine Kugel! Er ſchritt weiter. Aber der Adjutant wagte es noch einmal, ihn anzureden. Sire, ſagte er, wollen Eure Majeſtät ſich nicht nach einem Nacht⸗ quartier umſehen? Der König hob unwillig das Haupt empor und war im Begriff, eine heftige Antwort zu geben. Dann aber beſann er ſich und ſein Antlitz nahm wieder ſeinen gütigen Ausdruck an. — 118— Es iſt wahr, ſagte er, ich bedarf eines Nachtquartiers!— Er blieb ſtehen und ſchaute ringsum. Dann heftete ſein Blick ſich auf jenes ein⸗ ſame, verödete Bauernhaus, das da am Wege ſtand, und zu dieſem ſchritt er jetzt hin. II. Eine Heldenſeele. Dort will ich übernachten, ſagte er, denn es ſcheint, als ob dieſe Baracke ganz leer iſt, und wir werden alſo ſicher ſein, dort Niemand zu ſtören. Der König hatte Recht. Dieſes elende, von den Koſacken zerſtörte Haus war leer; Niemand kam ihm entgegen, Niemand empfing ihn, als er in das Zimmer trat. Die Fenſter, deren zerſchlagene Scheiben im Zugwind klirrten, waren geöffnet, und in dem kleinen ſchmutzigen Zim⸗ mer war nichts enthalten als ein wenig Stroh, ein geflochtener Binſen⸗ ſtuhl und ein roher hölzerner Tiſch. Der König ſagte mit einem trüben Lächeln: das iſt genug für mich. Hier will ich übernachten. Hat er meine Schreibmaterialien mitge⸗ bracht? Adjutant von der Goltz bringt ſie, Sire, ich wollte nicht noch ein⸗ mal umkehren, ſie zu holen, ſondern Eure Majeſtät begleiten. Eben trat der zweite Adjutant ein und brachte die Schreibmappe des Königs, indem er zugleich meldete, daß er zwei Grenadiere mitge⸗ bracht habe, vor der Thür Wache zu halten. Ach, flüſterte der König mit zitternder Stimme, habe ich noch Gre⸗ nadiere?— Er neigte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſtand lange ge⸗ dankenvoll da. Meine Herren, ſagte er dann nach einer langen Pauſe, ſehen Sie — 119— ſich im Hauſe um, ob es hier noch irgend ein Zimmer giebt, wenn nicht, werden wir uns ſpäter hier ſchon einrichten können. Jetzt muß ich allein ſein, ich habe zu arbeiten. Einer von den Grenadieren ſoll mir einige Huſaren ſuchen, die ich als Staffette fortſchicken kann. Die Adjutanten entfernten ſich, der König war allein. Endlich jetzt konnte er ſich ſeiner Verzweiflung, ſeinem maßloſen Gram hingeben, endlich durfte er horchen auf dieſe Stimmen, welche in ſeiner Seele flüſterten und welche zu ihm ſo traurige, unheilsvolle Worte ſprachen. Es iſt Alles verloren! Alles! murmelte der König, und die Stim⸗ men in ihm flüſterten: wenn Alles verloren iſt, ſo iſt der Tod die ein⸗ zige Rettung! Unwürdig iſt es, ein ruhmloſes Leben noch weiter zu führen. Das Grab allein bietet Ruhe gegen ein ſchmachvolles, gede⸗ müthigtes Daſein. Der König hörte auf dieſe Stimmen. Er hatte bis hieher Alles muthvoll ertragen und geduldet, er hatte mit unerſchüttertem Muth Jahre der Sorge, der Entbehrungen, der raſtloſen Anſtrengungen durchlebt, aber den Untergang ſeines Landes, den wollte er nicht überleben. Und ſein Land war verloren! Es gab kein Mittel mehr es zu retten. Sein eigenes Heer war aufgerieben, getödtet oder in wilder Flucht ausein⸗ andergeſprengt. Rings umher hatte der ſiegreiche Feind die Provinzen beſetzt. Jetzt konnten die Ruſſen ungehindert bis nach Berlin marſchiren, und auch dort war kein Widerſtand möglich, denn die Garniſon beſtand nur noch aus Invaliden und Krüppeln. Berlin war verloren, ganz Preußen war verloren! Der König wollte alſo ſterben, denn er war ein König ohne Krone, ein Held ohne Lorbeer! Er wollte ſterben, denn er wollte den Unter⸗ gang ſeines Landes nicht überleben. Gleich einem treuen Schiffscapitain wollte er das Staatsſchiff, das er bis dahin ſo klug und geſchickt durch die Brandung geführt, jetzt, da es geſtrandet war, nicht verlaſſen, ſon⸗ dern mit ihm untergehen. Aber bevor er daran denken durfte zu ſterben, mußte er erſt ſeine Angelegenheiten ordnen, mußte er erſt ſein Teſtament machen und Ab⸗ ſchied nehmen von ſeiner Welt, das heißt von ſeinen Freunden. Wie der König das dachte, trat er raſch zur Thür und rief hin⸗ — 120— aus, daß man ihm Licht bringen ſolle.— Das war allerdings eine ſehr ſchwierige Aufgabe in dieſem öden, verlaſſenen Dorfe, aber endlich ge⸗ lang es den Adjutanten, von einer Marketenderin einige elende kleine Talglichte zu erhalten, die ſie auf Flaſchen, ſtatt der Leuchter, ſteckten und dann zu dem König hineintrugen.— Der König achtete nicht auf ſie; er ſtand mit übereinandergeſchlagenen Armen und ſtarrte zu dem ſternenbeſäeten Himmel empor. Der helle Lichtſchein weckte ihn aus ſeinen Gedanken, er wandte ſich um und trat wieder zu dem Tiſch. Die letzten Briefe! murmelte er, indem er ſich auf den Binſenſtuhl niedergleiten ließ und ſein Portefeuille auseinanderſchlug. Was würden ſeine Feinde gejubelt haben, wenn ſie einen Blick hätten in dieſes Gemach werfen können, in dieſes wüſte Gemach mit den beſchmutzten, halb abgefallenen Kalkwänden, auf dieſen wackelnden, knarrenden Tiſch, an welchem der König ſaß, vor ſich dieſe beiden auf Flaſchen geſteckten Talglichte, die ihm das Papier beleuchteten, auf wel⸗ chem er ſeine letzten Anordnungen niederſchreiben wollte. Zuerſt ſchrieb er an den General Finck, dem er das Heer übergeben wollte. Denn bevor er an ſeine Freunde denken, bevor er ſeinen Em⸗ pfindungen als Menſch ſich hingeben durfte, wollte er zuerſt als treuer Diener des Staats ſeine Pflichten erfüllt haben. Er ſchrieb alſo keinen Brief, ſondern nur eine„Inſtruction für den General Finck,“ und dieſe lautete: „Der General Finck bekommt eine ſchwere Commiſſion. Die un⸗ glückliche Armee, welche ich ihm übergebe, iſt nicht mehr im Stande, ſich mit den Ruſſen zu ſchlagen. Haddeck wird nach Berlin eilen, vielleicht Loudon auch. Geht der General Finck dieſen Beiden nach, ſo kommen die Ruſſen ihm in den Rücken; bleibt er an der Oder ſtehen, ſo hat er den Haddeck dieſſeits. Indeß glaube ich, daß, wenn Loudon nach Berlin wollte, ſo könnte er dieſen unterwegs attaquiren und ſchlagen. Dies, wenn es gut ginge, könnte dem Unglück einen Anſtand geben und die Sachen aufhalten. Zeit gewonnen iſt ſehr viel bei dieſen deſperaten Umſtänden. Die Zeitungen aus Torgau und Dresden wird ihm der Köper, mein Secretair, geben. Er muß meinem Bruder, den ich zum Generaliſſimus bei der Armee ernenne, von Allem Bericht erſtatten. — 121— Indeſſen, was mein Bruder befehlen wird, das muß geſchehen! An mei⸗ nen Neffen muß die Armee ſchwören! Dies iſt der einzige Rath, den ich bei dieſen unglückſeligen Umſtän⸗ den zu geben im Stande bin. Hätte ich noch Reſſourcen gehabt, wäre ich dabei geblieben! Friedrich.“*) Ja, ich wäre dabei gebleiben, flüſterte der König, indem er das Papier zuſammenfaltete und adreſſirte. Ich hätte dies Leben der Drang⸗ ſale und Entbehrung noch länger ertragen um der Ehre willen, aber jetzt muß ich ſterben um der Ehre willen! Er nahm ein anderes Blatt Papier; aber jetzt war es keine In⸗ ſtruction, ſondern ein letztes Lebewohl, das er ſeinem Freunde, dem General Finkenſtein, ſchrieb. Dieſen Morgen um elf Uhr, ſchrieb der König, habe ich den Feind angegriffen. Wir hatten ſie ſchon bis zum Iudenberg zurückgetrieben und alle meine Leute hatten Wunder der Tapferkeit geübt, aber die Er⸗ ſtürmung des Judenbergs koſtete uns eine große Menſchenmaſſe, meine Leute geriethen darüber in Verwirrung, und obwohl ich ſie drei Mal wieder vereinigte, löſte ſich doch zuletzt die ganze Armee in der Flucht auf; ich ſelbſt war nahe daran, gefangen zu werden und mußte das Schlachtfeld dem Sieger überlaſſen. Mein Gewand iſt von Kugeln durchlöchert, zwei Pferde ſind mir unter dem Leibe getödtet worden, aber ich ſelbſt habe den Tod nicht finden können, mein größtes Unglück iſt, daß ich noch lebe! Unſer Verluſt iſt beträchtlich! Von einer Armee von achtundvierzigtaufend Mann habe ich in dieſem Augenblick kaum noch dreitauſend, und noch flieht Alles, und ich bin nicht mehr der Herr meiner Leute. Es iſt ein furchtbares Unglück, und ich will es nicht überleben. Die Folgen dieſer Schlacht werden noch furchtbarer ſein, als dieſe Schlacht ſelbſt. Ich habe gar keine Hülfsquellen mehr, und um *) Dieſe„Inſtruction für den General Finck“ hat der König ausnahms⸗ weiſe deutſch geſchrieben, und ich habe mir nur erlaubt, einige orthographiſche Fehler daran zu ändern. Wem es daran liegt, die Orthographie des Königs einzuſehen, der findet dieſes Aktenſtück bei Preuß, der daſſelbe„diplomatiſch genau nach der Urſchrift“ abgedruckt hat. Th. II. S. 215. „ — 122— die Wahrheit zu ſagen, ich halte Alles für verloren. Ich werde und will aber den Untergang meines Vaterlandes nicht überleben. Leben Sie alſo wohl für immer.*) Nachdem der König auch dieſen Brief adreſſirt und geſiegelt, ſagte er leiſe: Ich bin zu Ende! Die irdiſchen Geſchäfte ſind abgethan! Jetzt ſtehe ich am Ende meiner Leiden und darf endlich Anſpruch machen auf dieſen langen und tiefen Schlaf, den die Natur uns Allen an ihrem Buſen gewährt! Ich habe genug gethan, genug gelitten, und wenn ich jetzt nach ſo viel Stürmen auch ein wenig auf meine Ruhe bedacht bin und mit meinem Unglück mich in's Grab zurückziehen will, ſo darf doch Niemand ſagen, daß ich feig und muthlos dem Leben entflohen bin. Nein, das Leben hat ſich mit ſeiner ganzen Laſt auf mich gewälzt, und mich ſo hinabgedrückt auf die Erde, welche zu meinen Füßen auseinander⸗ ſpaltend ſich zu einem Grab geöffnet hat! Ich habe lange gehofft, ach, und wie lange ſchon hat der Stern des Glücks ſich mir verdunkelt, wie lange habe ich nur trauervolle Tage und Nächte gekannt! Wie lange hat mir der anbrechende Morgen immer nur neue Wolken und neues Unheil gebracht! Ich habe es muthig ertragen, weil ich dachte, auch das Unglück muß ſich erſchöpfen, die Stürme müßten endlich austoben, und ein wolkenloſer Himmel müßte endlich mir ſtrahlen. Ich habe mich bitter getäuſcht und meine Leiden ſind immer noch gewachſen! Jetzt iſt das Schlimmſte geſchehen, mein Vaterland iſt verloren! Wer kann ſagen, daß ich dieſen Verluſt überleben muß?***) Zu rechter Zeit zu ſterben iſt auch eine Pflicht. Die großen Römer wußten das, und ſie ſtarben, wenn das Leben vor ihnen in Trümmer zerfiel! Ich bin ein *) Des Königs eigene Worte. Siehe Preuß. Lebensgeſchichte Th. II. S. 216. **) Du bonheur de l'etat la source s'est tarie; La palme a disparu, les lauriers sont fanés. Mon ame de soupirs et de larmes nourrie, De tant de pertes attendrie, Pourra-t-elle survivre aux jours infortunés, Qui sont près d'éclairer la fin de ma patrie? Epitre de Frédéric au Marquis d'Argens. Oeuvres Vol. VII. p. 179. — 123— Schüler der Alten und ich will mich ihrer würdig zeigen. Wenn einem Alles genommen iſt, muß Einem wenigſtens die Freiheit gelaſſen werden, ſterben zu können. Die Welt hat nichts mehr mit mir zu ſchaffen, und ich ſpotte ihrer ſchwachen vorurtheilsvollen Geſetze. Wie Tiberius will ich leben und ſterben!— Lebewohl denn, du lügneriſches Daſein, lebt wohl, Ihr feigen Menſchenſeelen! Ach, es giebt ſo viele Narren, und ſo wenig Menſchen unter Euch; ich habe ſo viele treuloſe Freunde, ſo viele Verräther und wenig aufrichtige Menſchen gefunden! In der Stunde des Unglücks haben ſie mich Alle verlaſſen, Alle!— Aber nein, fuhr der König fort, und jetzt zuckte der Strahl eines Lächelns über ſein Antlitz hin, Einer iſt mir treu geblieben. d'Argens hat ſich nie ver⸗ leugnet, und von dieſem Abſchied zu nehmen, hätte ich faſt vergeſſen! Nun, der Tod muß noch eine Stunde auf mich warten, ich habe noch an d'Argens zu ſchreiben. Und wie der König jetzt wieder die Feder zur Hand nahm, leuch⸗ tete ſein Antlitz wie in himmliſcher Begeiſterung und ſeine Augen flammten wie Sterne. Die heilige Muſe war hernieder geſchwebt, den verzweifelnden Helden zu tröſten, und ihm ſchöne und köſtliche Worte zuzuflüſtern. An den Pforten des Todes ſtehend ſchrieb Friedrich an d'Argens ſein ſchönſtes und ſchwungvollſtes Gedicht, die Epiſtel:„Ami, le sort en est jeté.“ Seine ganze Seele ſtrömte ſich aus in Klagen, und die Schmerzen und Kümmerniſſe, die er bis dahin Niemanden ver⸗ rathen hatte, die geſtand er jetzt in rührend ſchönen Worten dem fernen Freund. Er ſchilderte ihm, wie er gelitten und gerungen, gehofft und gekämpft, und wie er endlich nach ſo langer Mühſal entſchloſſen ſei, zu ſterben.“*) Und nachdem er ihm mit den glühendſten Farben dieſes *) Pour moi, que le torrent des grands évènemens Entraine en sa course facheuse: De ses rapides mouvements Vaincu, persécuté, fugitif dans le monde, Trahi par des amis pervers Jéprouve en ma douleur profonde Plus de maux dans cet univers Que dans la fiction dont la fable est feconde N'en a souffert jamais Prométhée aux Enfers. — 124— Alles geſchildert, nachdem er ihm ſeine offenen und blutenden Wunden gezeigt, fügte er ein letztes rührendes Lebewohl für den Freund hinzu: Adieu d'Argens; dans ce tableau De mon trépas tu vois la cause. Au moins ne pense pas du néant du caveau Que j'aspire à l'apothéose. Tout ce que l'Amitié par ces vers propose C'est que tant qu'ici-bas le céleste flambeau Eclairera tes jours tandis que je repose Et lorsque le printems paraissant de nouveau De son sein abondant t'offre les fleurs Gcloses, Chaque fois d'un bouquet de myrthes et de roses Tu daignes parer mon tombeau. Ach, flüſterte der König mit einem tiefen Seufzer, indem er auch dieſen poetiſchen Brief adreſſirte, wie ſchön muß es ſein in meinem lieben Sansſouci. Nun, ich werde dort wenigſtens ein Grab finden, und d'Argens, ja d'Argens wird meinen Wunſch erfüllen, er wird mein Grab mit Blumen ſchmücken. Und dann,— habe ich nicht noch einige treue Freunde in Sansſouci? Sind da nicht meine alten lieben Hunde, die alten Invaliden, die mich nicht mehr begleiten konnten? Nun komme ich zu ihnen, und ich weiß, wenn ſie den Tod für ſich kommen fühlen, ſo werden ſie auf mein Grab gehen, um dort bei ihrem Herrn zu ſterben! Dann ſtand der König auf und mit ruhigem Schritt zur Thür ge⸗ hend, öffnete er ſie und fragte den Adjutanten, ob die Ordonnanzen bereit wären. Als das bejahet ward, übergab der König dem Adjutanten die Ainsi pour terminer mes peines Comme ces malheureux au fond de leurs cachots Las d'un destin barbare, et trompant leurs bourreaux D'un noble effort brisent leurs chaines, Sans m'embarrasser des moyens Je romps les funestes liens Dont la subtile et fine traine A ce corps rongé de chagrins Trop long-temps arracha mon Ame. (Epitre de Frédéric au Marquis d'Argens. Oeuvres Vol. VII. p. 179.) — 125— drei Briefe, und befahl ihm, dieſelben durch die Ordonnanzen an ihre Adreſſe befördern zu laſſen. Und nun iſt mein Tagewerk vollbracht, ſagte der König, als er wieder allein war, nun darf ich ſterben! Er nahm aus ſeiner Buſentaſche das goldene Etui hervor, welches er immer bei ſich trug und welches vor wenig Stuuden ſeiner Bruſt als Schild gedient und die feindliche Kugel abgewehrt hatte. Die Kugel hatte auf die Oberfläche des Etuis eine tiefe Grube gegraben und es zuſammengedrückt, und ſeltſam, dies Etui, welches den Tod von dem König ferngehalten, ſollte ihn jetzt dem König bringen, denn in demſelben war ein kleines Fläſchchen verborgen, welches drei Giftpillen enthielt, und welches er ſeit dem Beginn des Krieges immer bei ſich führte.*) Der König betrachtete das Etui mit ſinnenden Blicken. Der Tod hat hier gegen den Tod gekämpft, ſagte er, und doch, wie ſchön wäre es geweſen auf dem Schlachtfelde zu fallen, während ich noch glaubte, daß ich der Sieger ſei! Er nahm das Fläſchchen aus dem Etui hervor, und hielt es gegen das Licht, dann ſchüttelte er es gedankenvoll, und wie dieſe drei ſchwar⸗ zen unheimlichen Pillen auf⸗ und niederſprangen, ſagte er mit einem traurigen Lächeln: Der Tod iſt luſtig! Er will mit ſeinen fröhlichen Sprüngen mich zum Tanz auffordern. Nun ja, mein luſtiger Cavalier, ich bin bereit zum Tanz! Er öffnete das Fläſchchen und goß die Pillen in die Fläche ſeiner linken Hand. Dann ſtand er auf und trat an's Fenſter, um noch einmal den Himmel anzuſchauen mit ſeinen flimmernden Sternen und ſeinem hellleuchtenden Mond, um noch einmal hinüberzublicken nach dem Schlacht⸗ feld, auf welchem Tauſende ſeiner Unterthanen heut den Tod gefunden. Dann hob er die Hand mit den Pillen empor. Was war's, das ihn ſtutzen machte? Was war's, das ſeine Hand ſich wieder ſenken machte, warum ſtarrten ſeine Augen ſo glühend und unbeweglich in *) v. Retz ow. Characteriſt. Th. I. S. 363. Preuß Lebensgeſchichte. Th. II. S. 175. Dieſes Fläſchchen mit den drei Giftpillen ward noch nach dem Tode des Königs unter ſeinem Nachlaß gefunden. — 126— die Ferne, wie zwei Adler, die im Begriff ſind ſich auf ihre Beute nie⸗ derzuſtürzen? Nicht zum Himmel ſchaute der König empor, nicht zu den Sternen und nicht zum Mond, ſondern da drüben blickte er hin, nach der äußer⸗ ſten Grenze des Horizontes, nach dieſen dunkelroth glühenden Punkten, die wie vom Himmel gefallene Sterne auf der Erde glühten.— Das waren die Lager der Oeſterreicher und der Ruſſen! Dort ſtanden die Sieger des Königs, dort ſtanden Soltikow und Loudon mit ihren Schaaren. Der König hatte dieſe Feuer dort ſchon geſehen, ehe er die Hütte betrat. Jetzt hatte ihre Zahl ſich noch vergrößert, ein Zeichen, daß der Feind noch nicht weiter gegangen, daß er dort zu raſten gedachte! Wie? Sollte das möglich ſein? Sollten die Sieger ſo wenig ihren Sieg nutzen, daß ſie jetzt den beſiegten Feind nicht weiter verfolgten, ſondern ihm Zeit gönnten, ſich wieder zu ſammeln und mit Eilmärſchen den Siegern zuvorzukommen, vielleicht die Spree, vielleicht ſogar Berlin zu erreichen? Wie der König das dachte, flog es wie ein heller Sonnenſtrahl über ſein Antlitz hin, und mit lauter Stimme rief er: Wenn der Feind es jetzt verſäumt mir den Gnadenſtoß zu geben, dann iſt noch nicht Alles verloren! Dann darf ich nicht ſterben, dann bin ich meinem Vaterland noch nothwendig, denn alsdann iſt noch Rettung möglich, und meine Pflicht iſt es ſodann, Alles zu verſuchen, ihm dieſe zu gewähren. Er ſchaute wieder hinaus nach den Lagerfeuern, er ſah, wie hier und dort ſich neue entzündeten, und wie er das ſah, begann ein ſanftes Lächeln ſeine Lippen zu umſpielen. Wenn jene Feuerzeichen Recht haben, ſagte er dann, ſo ſind meine Feinde großmüthiger— oder dümmer, wie ich geglaubt habe, und dann laſſen ſich ihnen noch allerlei Vortheile abgewinnen. Dann muß ich zurückkehren zu meinem alten Wahlſpruch:„Das Leben iſt eine Pflicht!“ Und ſo lange es für den Menſchen noch tüchtige und ehren⸗ volle Arbeit giebt, hat er nicht das Recht, ſich in die faule Ruhe des Todes zurückzuziehen!— Ich muß mir über die Abſicht des Feindes Ge⸗ — 127— wißheit verſchaffen! Der Tod hat immer noch Zeit, ein wenig auf mich zu warten, und ihm kann's gleich ſein, ob er mich eine Stunde früher oder ſpäter in ſeine Knochenarme ſchließt. So lange es noch nöthig iſt zu leben, darf ich nicht ſterben! Er ließ die drei Pillen wieder in das Fläſchchen gleiten und ver⸗ barg dies wieder mit dem goldenen Etui in ſeinem Buſen. Dann durchſchritt er haſtig das Gemach und die Thür aufſtoßend, eilte er hinaus vor die Hüttenthür. Seine beiden Adjutanten ſaßen nebeneinander auf der Bank vor der Hütte und waren eingeſchlafen. Die beiden Grenadiere gingen mit ruhigem gleichmäßigem Schritt, in einiger Entfernung, vor der Hütte auf und ab, tiefe Stille herrſchte ringsum, das wüſte Lärmen und Treiben, das dumpfe Jammern war jetzt verſtummt, gleichſam in ehrfurchts⸗ voller Scheu vor dieſer hehren, göttlich erhabenen Königin der Nacht, die im funkelnden Sternenmantel, das ruhig ſtille Antlitz mit dem gol⸗ denen Mond gekrönt, dahergewallt war, um allen dieſen tauſend ſchmerz⸗ beladenen Seelen ein wenig Frieden und Ruhe zuzulächeln. Der König ſtand auf der Schwelle der Thür und blickte wie ſtau⸗ nend auf dieſe glänzende Mondlandſchaft hinaus. Mit Entzücken ath⸗ mete er die laue Sommerluft ein, es ſchien ihm, als ſei ſie nie ſo bal⸗ famiſch, ſo voll ſtärkender Kraft geweſen, mit faſt andächtiger Verwun⸗ derung blickte er empor zu dem ſternfunkelnden Himmel, indem er ſich ſagte, daß er den Himmel nie mit ſo hellen Sternen, nie ſo erhaben und ſchön geſehen; mit einem ſüßen Schauder fühlte er das Wehen des Nachtwindes, der koſend mit ſeinem Haar ſpielte und auf ſeine Stirn gleichſam den erſten Gruß und Kuß des wiedergeſchenkten Lebens preßte!— Der König konnte nicht ſatt werden dies Alles zu betrachten, es war ihm, als ob er plötzlich einen theueren Freund, den er lange für todt gehalten, wieder lebensvoll und blühend vor ſich ſtehen ſähe, als ob er ihm die Arme entgegenbreiten und zu ihm ſagen müßte, ſei mir willkommen, Du Wie⸗ dergefundener! Das Schickſal hat uns getrennt. Jetzt, da wir uns wiedergefunden haben, jetzt wollen wir einander nimmer verlaſſen, ſondern unſere Hände ineinanderlegen und treu zu einander halten in Noth und Tod, in Glück und Unglück! Ja, das Leben war dieſer wiedergefundene Freund, der dem 1 — 128— König gegenüberſtand, und jetzt erſt fühlte er, wie ſehr er ihn geliebt. In einer Art Extaſe die Arme gen Himmel erhebend, flüſterte der König: Ich ſchwöre, nur dann den Tod zu ſuchen, wenn es kein Mittel, kein ein⸗ ziges mehr giebt, der ſicheren Gefangenſchaft zu entfliehen! Ich ſchwöre, zu leben und zu leiden, ſo lange ich meiner Perſon die Freiheit be⸗ wahren kann! Wie er dann die Arme ſinken ließ, athmete er hoch auf und ein köſtliches Wohlgefühl durchzog ſeine Bruſt. Es war ihm als ſeien die Bande, welche ihn feſſelten, von ihm abgefallen. Er hatte den Harniſch des Lebens wieder angelegt, er war wieder bereit als muthiger Streiter zu kämpfen. III. Die beiden Grenadiere. Mit einem Lächeln auf der Lippe und mit elaſtiſchem Schritt ging er zu den beiden Grenadieren hin, die bei ſeiner Annäherung wie ange⸗ wurzelt ſtehen blieben. Grenadiere, ſagte der König, warum ſeid dbr nicht bei Eueren Kameraden geblieben? Weil unſere Kameraden geflohen ſind, ſagte der Eine. Weil es ehrlos iſt, zu fliehen, ſagte der Andere. Der König ſtutzte. Dieſe Stimmen kamen ihm ſo bekannt vor, er mußte ſie ſchon einmal vernommen haben. Ich ſollte Euch kennen, ſagte er, und das iſt heute nicht das erſte Mal, daß wir einander ſprechen. Wie heißt Du, mein Sohn? Ich heiße Fritz Kober, ſagte der Grenadier. Und Du? 1 Mein Name iſt Karl Heinrich Buſchmann, ſagte der Zweite. Und Sie irren Sich nicht, Herr König, wir haben uns früher ſchon — 129— einmal geſprochen, und war auch in der Nacht, aber es war eine beſſere Nacht wie die heutige. Wo war denn das? fragte der König. Es war in der Nacht vor der großen und ſchönen Schlacht bei Leuthen, ſagte Fritz Kober ernſt. Damals ſaßt Ihr, Herr König, bei uns am Lagerfeuer und aßt mit von den Klößen, die der Karl Heinrich ſo ſchön zu kochen verſteht. Ach, jetzt entſinne ich mich, rief der König lächelnd. Ich mußte auch meinen Antheil an der Zeche bezahlen! Und Ihr thatet das wie ein echter König, ſagte Fritz Kober. Nach⸗ her kamt Ihr wieder an's Lagerfeuer und da mußte Euch der Karl Heinrich Buſchmann Märchen erzählen. Kein Menſch verſteht das ſo gut und ſo ſchön als der Karl Heinrich, und Ihr ſchlieft auch richtig dabei ein. Nein, nein, Grenadiere, ſagte der König ernſthaft, ich ſchlief nicht ein, denn ich weiß heute noch, was mir der Karl Heinrich erzählt hat. Nun, und was war's? fragte Fritz Kober vergnügt. Der König ſann einen Augenblick nach, dann ſagte er mit weicher Stimme: Er erzählte mir von einem König, den eine ſchöne Fee ſo ſehr liebte, daß ſie, als der König in den Krieg zog, ſich in ſein Schwert verwandelte und ihm half alle ſeine Feinde zu beſiegen. War's nicht ſo? Ungefähr ſo war's, ſagte Fritz Kober. Ich wollte, Herr König, Ihr hättet heute auch ſo eine Fee an Euerer Seite gehabt! Still, Fritz, flüſterte Karl Heinrich. Unſer König braucht nicht den Beiſtand der Feen. Unſer König ſteht ſich ſelber bei und in ſeinem Schwert iſt Gott! Meinſt Du das wirklich, mein Sohn? fragte der König gerührt, habt Ihr noch dies gute Zutrauen zu mir, daß ich mir ſelber bei⸗ ſtehen kann, und Gott mit uns iſt? Wir haben's noch und werden's nie verlieren! rief Karl Heinrich lebhaft. Die da drüben haben keinen Friedrich, der ſie anführt, keinen Feldherrn, der mit ihnen Hunger und Noth, Gefahr und Mühſal theilt und darum können ſie auch ihre Feldherren nicht ſo lieben, wie wir den unſrigen. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I. 9 — 130— Und dann, ſagte Fritz Kober nachſinkeend, dann denke ich immer, es iſt mit dieſem Krieg, wie wenn Katz' und Hund miteinander kämpfen. Manchmal ſieht's wohl ſo aus, als ob die kleine Katze den großen Bullenbeißer beſiegen könnte, das macht, ſie hat ſo ſcharfe Krallen, und haut damit dem Bullenbeißer eins in's Geſicht, daß ihm Hören und Sehen vergeht und er retirirt. Aber wenn er ſich dann tüchtig geſchüt⸗ telt hat und die Augen wieder aufreißen kann, dann wird er vor Wuth noch einmal ſo ſtark, und wird vorwärts ſpringen und die Katze in's Genick packen und ſie mit ſeinen großen, ſchönen Zähnen doch todtbeißen, wenn ſie auch noch immer mit ihren Krallen haut. Nein, nein, Herr König, auf die Länge kann's die Katze doch nicht gegen den Hund aus⸗ halten, die Krallen ſind doch nicht ſo dauerhaft, wie die Zähne. Ja, ſagte der König lächelnd, wie weißt Du denn aber, daß nicht die dort drüben der Hund, und wir die Katze ſind. Wass? ſchrie Fritz Kober wüthend, wir ſollten die Katz' ſein? Mit nichten, Herr König, wir ſind der Hund! Aber womit willſt Du das beweiſen? Womit ich das beweiſen will? fragte Fritz Kober verlegen. Dann nach einer Weile rief er vergnügt: Ich hab's! Ich will's beweiſen! Die dort drüben ſind die Katzen, denn es ſind Ruſſen und Oeſterreicher, und ſie dienen keinem König oder Kaiſer, wie wir, ſondern ſie haben zwei Kaiſerinnen, zwei Frauenzimmer. Nun, Herr König, hab' ich nun nicht Recht? Frauenzimmer und Katzen, das bleibt ſich gleich, und alſo ſind die dort drüben die Katz' und wir der Hund. Der König lachte laut auf. Du, nimm Dich in Acht, ſagte er, daß die da drüben nicht hören, daß Du ihre Kaiſerinnen mit Katzen vergleichſt! Und wenn ſie auch Kaiſerinnen ſind, rief Fritz Kober trocken, ſie bleiben doch immer Frauenzimmer, und Frauenzimmer ſind Katzen. Der König achtete nicht mehr auf ihn. Er blickte wieder hinüber nach den Lagerfeuern, die unverrückt am Horizont leuchteten. Wie weit mag's ſein von hier bis da drüben nach jenen Feuern? fragte er dann. Nun, eine Stunde Weg's, ſagte Karl Heinrich, nicht weiter. — 131— Eine Stunde Wegs, wiederholte der König leiſe. In einer Stunde alſo könnte ich mein Schickſal wiſſen! Hört, Kinder, ſagte er dann haſtig, wer von Euch Beiden will für mich da hinübergehen? Beide riefen ſie zu gleicher Zeit: Ich will's thun! Aber es iſt ein ſchlimmer Weg, fuhr der König fort. Die Koſacken ſchwärmen umher, und wenn Ihr ihnen entgeht, ſo riskirt Ihr noch, daß ſie Euch im Lager erkennen und todtſchießen. Ich werde alſo ſorgen, daß ſie mich nicht als Feind erkennen, ſagte Karl Heinrich ruhig.. Ich auch, rief Fritz Kober eifrig. Du bleibſt hier, Karl Heinrich. Wir dürfen den König nicht Beide verlaſſen, denn Du weißt doch, daß wir uns erſt heut Abend, als wir hier auf Wache zogen, geſchworen haben, unſeren König nicht zu verlaſſen, und wenn die ganze feindliche Armee hier gegen uns aufmarſchirte, hier auf unſerem Poſten zu ſtehen, ſo lange noch ein Blutstropfen in unſeren Adern und ein Athemzug in unſerer Bruſt iſt. Der König legte ſeine beiden Hände auf die Schultern der beiden Soldaten und ſah ihnen lange und mit einem Ausdruck tiefer Rührung in's Angeſicht. Der Mond, welcher groß und voll am Himmel ſtand, beleuchtete dieſe Gruppe und warf die drei langen, ſchwarzen Schatten ihrer Geſtalten über die helle Ebene hin. Das alſo habt Ihr geſchworen, meine Kinder? fragte der König nach einer langen Pauſe. Ach, wenn ſie Alle ſo gedacht hätten wie Ihr, ſo würden wir heute nicht beſiegt worden ſein! Herr König, ſie denken Alle ſo wie wir, ſagte Karl Heinrich feierlich. Das Glück war aber gegen uns. Es war, wie ich ſagte, rief Fritz Kober lachend, die Katze hat uns heute eins ausgewiſcht, aber wir wollen ſie's nächſte Mal tüchtig dafür beißen. Und nun ſagt mir, Herr König, was ſoll ich drüben im Lager thun? Bevor aber der König antworten konnte, legte Karl Heinrich ſeine Hand haſtig auf des Königs Arm. Laßt mich gehen, Herr König, ſagte er flehend, der Fritz iſt immer ſo tollkühn und unverzagt, und geht 9* — 132— immer ſo gerade drauf los. Sie werden ihn gewiß todtſchießen, und dann fehlt Ihnen der beſte Soldat in Ihrer Armee. So, und an Dir iſt wohl weniger gelegen? rief Fritz Kober heftig. Dich kann der König wohl eher miſſen als mich? Hört Kinder, ſagte der König, das Beſte iſt, Ihr geht alle Beide, ſo kann Einer den Andern ſchützen, und vier Ohren hören auch immer mehr, wie zwei Ohren! Der König hat Recht, das iſt das Beſte, ſagte Fritz Kober. Wir gehen alle Beide. Und laſſen den König hier ganz allein und unbewacht? fragte Karl Heinrich ſinnend. Nun, ſagte der König, indem er lächelnd auf die beiden Schlafenden hindeutete, ich habe da noch meine beiden Adjutanten, die werden mich bewachen. Jetzt hört, was ich Euch zu ſagen habe! Dort drüben ſteht der Feind, und es iſt mir wichtig zu wiſſen, was er jetzt thun, und wohin er ſich wenden will. Geht alſo hinüber und horcht ein wenig. Ihre Feldherren und Generäle werden wohl dort Quartier im Dorf genommen haben. Ihr müßt das zu erfahren und dann Euch dem Quartier zu nähern ſuchen. Alles, was Ihr dort hört und ſeht, das berichtet Ihr mir, und kehrt ſo ſchnell als irgend möglich hier⸗ her zurück. Das iſt Alles? fragte Fritz Kober. Das iſt Alles, ſagte der König, aber nun geht, und hört einmal, wenn Ihr Eure Sachen klug macht, und kehrt geſund und friſch zu mir zurück, ſo ſollt Ihr Beide Unterofficiere werden! Fritz Kober lachte laut auf. Na, ſagte er, Herr König, das kennen wir ſchon! Auch iſt es gar nicht nöthig, daß Ihr uns ſo etwas verſprecht, Majeſtät, ſagte Karl Heinrich, wir thun's nicht um den Lohn, ſondern aus Reſpect und aus Liebe zu unſerem König. Aber ſag' mir erſt, warum Du lachteſt? fragte der König. Nun, weil's nicht das erſte Mal iſt, daß Eure Majeſtät uns den Unterofficier verſprochen haben. Vor Leuthen ſagten Sie auch, wenn wir brav wären, und recht viel Heldenthaten ausübten, ſo ſollten wir 4 ½ — 133— Unterofficiere werden. Na, brav ſind wir geweſen, der Karl Heinrich hat neun, und ich ſieben Gefangene gemacht, aber Unterofficiere ſind wir doch noch nicht geworden. Morgen ſeid Ihr's, ſagte der König. Jetzt eilt Euch und kehrt mir bald zurück. Unſere Gewehre laſſen wir hier, ſagte Karl Heinrich, denn mit preußiſcher Montur dürfen wir nicht da hinüber gehen. Sie ſtellten Beide ihre Gewehre an die Hüttenthür und dann ſich einander die Hände reichend, und den König militairiſch grüßend, eilten ſie Beide von dannen. Der König blickte ihnen ſinnend nach, bis ihre beiden ſchlanken Ge⸗ ſtalten ſich in der Ferne verloren. Mit funfzigtauſend ſolcher Soldaten würde ich die ganze Welt erobern, murmelte er. Das ſind echte Sol⸗ datenherzen! Dann wandte er ſich um und ſchritt zu den beiden Schlafenden hin. Wie er ſie leicht an der Schulter faßte, fuhren ſie auf, und ſprangen entſetzt empor, als ſie den König erkannten. Entſchuldigen Sie ſich nicht, ſagte der König gütig, Sie haben am Tage Strapatzen genug erduldet, und es iſt begreiflich, daß Sie ermattet ſind! Kommen Sie herein, Meſſieurs. Die Nachtluft könnte Ihnen ſchaden. Wir wollen da drinnen zuſammen ſchlafen. Aber wo ſind die beiden Grenadiere? fragte Herr von der Goltz. Ich habe ſie mit Aufträgen fortgeſchickt. Dann erlauben mir Eure Majeſtät, daß ich hier bleibe und den Wachtdienſt übernehme. Ich habe geſchlafen, und bin jetzt wieder ganz munter. Ich ebenſo, ſagte der zweite Adjutant. Geruhen Euer Majeſtät, ſich zur Ruhe zu verfügen. Wir werden Wache halten. Nicht doch, ſagte der König lächelnd, der Mond hält Wache für uns Alle. Kommen Sie herein! Aber es iſt doch unmöglich, daß Eure Majeſtät hier ſo unbewacht ſchlafen wollen. Der erſte, beſte Koſack, der hier vorüberkommt, könnte ſein Piſtol durch's Fenſter auf Eure Majeſtät abdrücken. Der König ſchüttelte ernſt das Haupt. Die Kugel, die mich treffen — 134— ſoll, kommt von Oben*), ſagte er. Auch würden Sie das kaum hindern können. Nein, es iſt beſſer, keine Wache vor der Thür zu haben, und die Aufmerkſamkeit der Umherſchwärmenden gar nicht auf dies Haus zu lenken. Und ich denke, ohne äußere Veranlaſſung wird Niemand gerade vermuthen, daß dieſe ſchlechte, verfallene Baracke, durch die der Wind heult, die Reſidenz eines Königs iſt! Kommen Sie alſo, Meſſieurs. Er ſchritt in die Hütte, und die beiden Adjutanten folgten ihm, nicht mehr wagend, ihm zu widerſprechen. Löſchen Sie die Lichter, ſagte der König. Der Mond iſt unſere Fackel, und beleuchtet ganz coquett unſer lockendes Strohlager hier. Er zog ſeinen Degen, und ihn feſt in die rechte Hand nehmend, legte er ſich nieder auf das Stroh. Da iſt noch Platz für Sie beide, ſagte er, legen Sie ſich alſo nieder. Gute Nacht meine Herren. Er hob leicht den dreieckigen Hut zum Gruß empor und legte ihn dann als Schutz gegen das Mondlicht und die Nachtkälte über ſein Geſicht. Die Adjutanten legten ſich ſchweigend zu ſeinen Füßen nieder, und bald hörte man in dem Zimmer nichts mehr, als das laute Athmen der Schlafenden. IV. Die nächtliche Berathung. Hand in Hand ſchritten die beiden Grenadiere vorwärts, gerade auf das Schlachtfeld zu, denn bevor ſie daran denken konnten, ſich in's feind⸗ liche Lager zu wagen, mußten ſie erſt von zweien der Todten des Schlachtfeldes ſich öſterreichiſche Uniformen geliehen haben. Es war nicht ſchwer, unter den vielen Leichen, die hier das Schlachtfeld bedeckten, **) Des Königs eigene Worte. Siehe Nicolai: Characterzüge und Anecdoten. Heft V. S. 118. zwei öſterreichiſche Officiersuniformen herauszufinden, und die beiden preußiſchen Grenadiere gingen ſchnell daran, die beiden Todten ihres Ueberkleides zu berauben, um ſich daſſelbe anzulegen. Aber mitten in der Arbeit hielt Karl Heinrich inne. Ich weiß nicht, ſagte er ſchaudernd, mich überläuft's ganz kalt, wenn ich denke, daß ich den Rock anziehen ſoll, den ich von einer Leiche genommen habe. Mir ſcheint, die Leichenkälte wird in meine eigenen Glieder ziehen, und ich werde nie wieder warm werden. Fritz Kober ſah ihn mit weit aufgeriſſenen Augen an. Ich weiß nicht, ſagte er, was Du immer für Gedanken haſt, auf die kein an⸗ derer Menſch kommt. Aber Recht haſt Du, Karl Heinrich, es iſt ein froſtiges Ding. Er war jetzt mit ſeiner Arbeit fertig, und mit ſeltſamer Haſt ſeine eigene Jacke ausziehend, zog er ſchnell den weißen Officiersrock des Oeſterreichers an. Ein Glück iſt's, daß wir nicht nöthig haben, die Beinkleider zu wechſeln, ſagte er, ein bischen dunkler oder heller grau, das macht in der Nacht keinen Unterſchied.— Eben war Karl Heinrich auch mit ſeiner Arbeit fertig geworden und ſchickte ſich an, gleichfalls den Rock eines Todten anzulegen, als Fritz Kober plötzlich ſeinen Arm faßte und ihn zurückhielt. Halt einmal, ſagte er, Du mußt mir einen Gefallen thun, Du mußt mit mir tauſchen. Der Rock hier iſt mir zu eng und kneift mich fürch⸗ terlich. Du biſt viel ſchlanker, als ich, und ſo wird er Dir paſſen. Nimm ihn und gieb mir Deinen! Er zog haſtig den Rock wieder aus und reichte ihn ſeinem Freunde hin. Aber dieſer wehrte ihn ſanft zurück. Nein, Fritz Kober, ſagte er mit einer ſo ſanften und weichen Stimme, daß Fritz ſich ganz verwirrt und gerührt davon fühlte, nein, Fritz, ich verſtehe Dich ganz gut. Du haſt ein Herz wie ein Engel, und Du thuſt nur ſo, als ob Dir der Rock zu enge iſt, weil Du mir den geben willſt, den Du ſchon durch⸗ gewärmt haſt. Ein Glück war's, daß Fritz Kober eben dem Mond den Rücken zugekehrt hatte, ſonſt würde ſein Freund geſehen haben, daß eine tiefe — 136— Röthe ſein Geſicht überzog, als ob er auf einer böſen That ertappt worden ſei. So aber riß er dem Freunde faſt unſanft die andere Uni⸗ form weg und beeilte ſich, ſie anzuziehen. Unſinn, ſagte er. Der Rock kneift mich, das iſt Alles! Und übri⸗ gens iſt's nicht klug, die Zeit mit Redensarten zu verbringen. Komm, laß uns vorwärts gehen! Gerade über das Schlachtfeld hin? fragte Karl Heinrich zögernd. Gerade über das Schlachtfeld hin, denn das iſt der nächſte Weg. So komm, ſagte Karl Heinrich, indem er dem Freunde die Hand reichte. Ein ſchauerlicher Weg war es allerdings, den ſie zu wandern hatten. An Schaaren von Leichen kamen ſie vorüber, an ächzenden Sterbenden, an weniger ſchwer Verwundeten, die mit jammerndem Geſchrei die Vor⸗ übergehenden um Erbarmen, um Hülfe anflehten. Oft zögerte Karl Heinrich's Fuß, und er wollte ſtillſtehen, die Unglücklichen zu tröſten. Aber Fritz Kober zog ihn weiter.— Helfen können wir ihnen doch nicht, ſagte er, und unſer Weg iſt weit. Oft näherten ſich den Wandernden auch die umherſchwärmenden Koſacken auf ihren kleinen, behenden Pferden und riefen den Beiden ſchon von Weitem in ihrer barbariſchen Sprache ein lautes Werda! zu. Aber wenn ſie näher heranſprengend die öſterreichiſche Uniform erkannten, ließen ſie die Wandernden ruhig ziehen und wunderten ſich nicht mehr, daß ſie nicht Antwort gegeben. Und endlich war das Schlachtfeld überſchritten, und ſie kamen nun auf die freie Ebene, an deren Ende man die Lagerfeuer der Oeſterreicher und Ruſſen gewahrte. Je näher ſie kamen, deſto lebendiger ward es hier. Jubel und Lachen, Rufen und Schreien, dazwiſchen einzelne mili⸗ tairiſche Commandoworte erſchallten hier, und zwiſchen dem tollen Ge⸗ wirr hier und dorthin rennender Soldaten, ſchreiender Marketenderinnen, die ihre Waare feilboten, und jubelnder Soldaten, die ſich um ihre Lagerfeuer ſchaarten, hörte man zuweilen den taktmäßigen Schritt der Patrouillen, die das Lager durchzogen und überall hin ein ſorgſames Auge werfen mußten. So viel iſt gewiß, ſagte Fritz Kober leiſe zu ſeinem Freunde, wie ſie Arm in Arm und unbeachtet durch das Lager dahinſchlenderten, ſo viel iſt gewiß, daß die hier gar nicht daran denken, die Nacht weiter zu marſchiren, ſondern bei ihren Lagerfeuern auf eine ruhige Nacht hoffen. Ich glaub's auch, flüſterte Karl Heinrich. Aber laß uns vorſichtig weiter gehen und horchen, ob wir nicht erfahren können, wo ihre Ge⸗ neräle Quartier haben. Sieh, ſieh, dort drüben wird's ſein, ſagte Fritz Kober haſtig. Da brennen keine Lagerfeuer, aber in den Bauerhütten iſt helles Licht, und mir ſcheint, ich ſehe einige Schildwachen dort auf⸗ und niedergehen. Dort werden die Generäle ihr Quartier haben! So laß uns dorthin gehen, ſagte Karl Heinrich, aber laß uns einen Umweg machen, damit wir den Schildwachen nicht gerade entgegen⸗ gehen, ſondern uns hinterwärts den Häuſern nähern. Mit haſtigen Schritten eilten ſie vorwärts, in einem großen Bogen ſich den Bauerhütten nähernd, die das Ziel ihrer Forſchungen ſein ſollten. Vor derſelben herrſchte tiefe Stille und Ruhe, aber es war jene Stille und Ehrfurcht der Subordination, wie ſie die Anweſenheit höherer Officiere bei ihren Untergebenen hervorzurufen pflegt. Da ſtan⸗ den Gruppen von Officieren leiſe flüſternd nebeneinander, dort führten Soldaten die Reitpferde ihrer Herren auf und nieder, Ordonnanzen zu Pferde hielten unfern von ihnen, und mit geſchultertem Gewehr gingen Schildwachen auf und ab. Aller Aufmerkſamkeit ſchien indeß auf die beiden Bauerhäuſer gerichtet, und jeder Blick und jedes Ohr wandte ſich in lauſchender Spannung immer wieder den hell erleuchteten Fenſtern zu. Wir haben's richtig getroffen, flüſterte Fritz Kober, dem es gelungen war, mit ſeinem Freunde ſich zwiſchen dieſen dunkeln Zwiſchenraum, der die beiden Hütten trennte, hinzuſchleichen. Wir ſind hier beim Quartier der Generäle. Sieh nur, hier geht eine öſterreichiſche Schildwacht mit der Bärenmütze. Sie ſind Beide hier, der öſterreichiſche und der ruſ⸗ ſiſche General. Laß uns verſuchen, dem Ruſſen ein wenig in die Fenſter zu ſchauen, flüſterte Karl Heinrich, vorwärts ſchleichend. Aber wie ſie eben vorſichtig — 138— um die Ecke ſchlüpften, von dem Stamm eines Baumes geborgen, der hier die Hütte beſchattete, machte lautes Commandowort und eine allge⸗ meine Bewegung in den Reihen der auf dem Platze verſammelten Sol⸗ daten ſie ſtillſtehen. Die Officiere ſtellten ſich in Reihen, die Schildwachen ſchulterten, die Soldaten traten unter's Gewehr, denn aus dieſer Hütte links war ſo eben der öſterreichiſche General Loudon, umgeben von ſeinen Stabs⸗ officieren, auf den Platz hinausgetreten. Freundlich grüßend ſchritt er an den Officieren vorüber und näherte ſich mit ſeinen Begleitern dem zweiten Hauſe. Die Koſacken, welche vor der Thür an der Erde kauer⸗ ten, richteten ſich auf und präſentirten das Gewehr. Der General aber blieb ſtehen und der Mond, der eben hell und voll ſein Antlitz beleuch⸗ tete, ließ ſehr deutlich die finſtere Wolke erkennen, welche die Stirn des öſterreichiſchen Generals beſchattete, der es als eine Demüthigung em⸗ pfand, daß Er es ſein mußte, der dem ruſſiſchen Bundesgenoſſen die Honneurs machte. 3 Während Loudon wartete, waren die beiden preußiſchen Grenadiere vorſichtig zu der zweiten Hütte herangeſchlichen. Laß uns nach der Hinterſeite gehen, flüſterte Karl Heinrich. Da ſtehen keine Schildwachen und vielleicht finden wir eine Thür, durch welche wir in's Haus ſchleichen können. Die Hinterſeite der Hütte war mit einem kleinen Garten umgeben, deſſen dichtes Geſträuch den beiden Grenadieren hinlänglichen Schutz gewähren konnte. Leiſe und geräuſchlos ſprangen ſie über den niedrigen Bretterzaun, der das Gärtchen umfaßte, und im nächſten Geſträuch ſich verbergend, recognoscirten ſie das Terrain. Keine einzige Schildwacht ſtörte ſie in ihren Betrachtungen, und ungeſehen und ungefährdet konnten ſie es wagen, ſich dem Hauſe noch mehr zu nähern. Wie ſie jetzt aus dem Gebüſch hervortraten, faßte Fritz Kober heftig ſeines Freundes Arm, und nur mit Mühe unterdrückte er den Freuden⸗ ruf, der ſich aus ſeiner Bruſt hervordrängte.— Und allerdings, der Anblick, der ſich ihnen jetzt darbot, war wohl geeignet, das Herz der beiden tapfern Soldaten zu erfreuen, denn ſie hatten ihr Ziel erreicht und waren jetzt im Stande, die Wünſche ihres Königs zu erfüllen. — 139— Sie befanden ſich wirklich vor dem Quartier des ruſſiſchen Gene⸗ rals. Dort in dieſem großen Zimmer, das offenbar der Tanzſaal der Dorfſchenke war, und den Bauern als Verſammlungsort gedient hatte, dort an dieſem langen eichenen Tiſch in der Mitte des Zimmers ſaß der General Soltikow, und um ihn her ſaßen und ſtanden die ruſſiſchen Generäle und Officiere in ihren reichen, maleriſchen Trachten, während an der Thür ein halbes Dutzend Koſacken an der Erde kauerten und mit ſchläfrigen Blicken zu dem Tiſch hinſtarrten. Auf dieſem ſtanden meh⸗ rere ſilberne Armleuchter mit Wachskerzen, welche das Gemach bis zur Tageshelle erleuchteten und den beiden preußiſchen Grenadieren den vollen Einblick in den ganzen Raum geſtatteten. Aber das Schickſal ſchien ſie in jeder Weiſe begünſtigen und ihnen die Gelegenheit geben zu wollen, nicht bloß zu ſehen, ſondern auch zu hören.— Die nach dem Garten führenden Fenſter waren geöffnet, um in dieſes ſchwüle, dumpfe Gemach ein wenig von der friſchen Kühle der Nacht einziehen zu laſſen, und dicht neben dem einen der Fenſter befand ſich ein hohes Geſträuch, in dem man ſich leicht verbergen konnte. Geh Du dorthin, flüſterte Karl Heinrich, ich will mich dort drüben hinter jenem Baumſtamm verbergen, wir wollen von verſchiedenen Stand⸗ punkten unſere Beobachtungen anſtellen. Vielleicht hört oder ſieht der Eine von uns, was dem Andern entgeht. Laß uns genau aufpaſſen, damit wir dem König Alles erzählen können. Ohne des Freundes Antwort abzuwarten, ſchlüpfte Karl Heinrich von dannen. Fritz Kober ſchlich leiſe zu dem Geſträuch hin, einen Mo⸗ ment hörte man noch das Raſcheln der Zweige, das leiſe Knarren von Fußtritten, dann war Alles ſtill. Niemand in dem Zimmer konnte ahnen, daß da in dieſem ſchweigenden kleinen Garten vier glänzende Augen beobachteten, was hier geſchah. An dem Tiſche, wie geſagt, ſaß der ruſſiſche Feldherr im Kreiſe ſeiner Generäle und Officiere. Vor ihm lagen Papiere und Briefſchaften, Landkarten und Pläne, in welche er zuweilen hineinſchaute, während er dem ihm gegenüberſitzenden Ofſicier den Schlachtbericht dictirte, den er an ſeine Gebieterin, die Kaiſerin Eliſabeth, ſogleich abſenden wollte. Einige Schritte von ihm ſtanden in ſteifer militairiſcher Haltung diejeni⸗ — 140— gen Officiere, welche dem Feldherrn Rapport abgeſtattet hatten, und deren Bericht ſo eben eine trübe Wolke auf der Stirn des ſiegreichen Feldherrn hervorgerufen hatte. Mit einer haſtigen Kopfbewegung ſich an dieſen kleinen Herrn im goldgeſtickten Gewande, mit der ſteifen, ſchön friſirten Allongenperrücke, wendend, ſagte der General achſelzuckend: haben Sie gehört, Herr Mar⸗ quis? Zehntauſend meiner Tapfern liegen auf dem Schlachtfeld und eben ſo viele ſind verwundet! Daraus folgt, ſagte der Marquis Montalembert, der franzöſiſche Geſchäftsträger und Unterhändler zwiſchen den Höfen von Wien, Pe⸗ tersburg und Paris, daraus folgt, daß der König von Preußen vielleicht vierzigtauſend Todte und Verwundete haben wird, und daß demzu⸗ folge ſeine kleine Armee faſt ganz aufgerieben und vernichtet iſt. Wer weiß, rief Soltikow, der König von Preußen pflegt ſeine Nie⸗ derlagen immer ſehr theuer zu verkaufen, und es ſollte mich daher gar nicht wundern, wenn er weniger Soldaten verloren als wir.*) Nun, er wird jetzt nichts mehr zu verkaufen haben, ſagte der Mar⸗ quis lächelnd. Es hängt nur von Ihnen ab, dem flüchtigen und beſieg⸗ ten König den Gnadenſtoß zu geben und ihn für immer zu verrichten, denn— Das Eintreten eines Officiers unterbrach den Marquis. Der Herr General von Loudon, meldete der Officier. Soltikow ſtand auf und ſchritt der Thür zu, den Eintretenden will⸗ kommen zu heißen. Ein ſtolzes Lächeln ſtand auf ſeinem Antlitz, und wie er dem öſterreichiſchen General die Hand entgegenſtreckte, that er das mit einer ſolchen Miene, mit der etwa ein gnädiger Vorgeſetzter ſeinem Untergebenen huldvoll ſich erweiſt. Der ſchnelle, feſte Blick Loudon's ſchien indeß die ſtolzen und über⸗ müthigen Gedanken des Bundesgenoſſen auf ſeinem Geſicht geleſen zu haben, und ohne allen Zweifel geſchah es deshalb, daß er die Hand Soltikow's kaum berührte und mit ſtolz gehobenem Haupt in die Mitte des Zimmers vorſchritt. *) Soltikow's eigene Worte. Siehe v. Archenholtz. Th. I. S. 206. — —— — 141— Ich habe es vorgezogen, zu Ihnen zu kommen, Excellenz, ſagte Loudon mit etwas ſcharfem, gereizten Ton, Sie haben hier ein größeres Zimmer, während ich in meiner Hütte kaum Raum gefunden hätte, Sie mit Ihren Adjutanten willkommen zu heißen. Auch kommen Sie gerade zur gelegenen Stunde, Herr General, ſagte Soltikow mit einem ſtolzen Lächeln, denn Sie ſehen wohl, wir wollten eben einen Kriegsrath halten und überlegen, was jetzt ferner zu thun ſei. Ueber Loudon's Antlitz flog ein düſterer zorniger Ausdruck und ein Blick ſeiner Augen traf das lächelnde Antlitz Soltikow's. Unmöglich, General, konnten Sie Kriegsrath halten wollen ohne mich! ſagte er haſtig. O, ſeien Sie unbeſorgt, General, rief Soltikow lächelnd, ich würde Sie ohne Zweifel von unſeren Beſchlüſſen ſofort in Kenntniß geſetzt haben! Nur meine ich, daß Sie gar keine Beſchlüſſe ohne mich faſſen konnten, ſagte Loudon, deſſen Stirnader ſchon zu ſchwellen begann. Soltikow verneigte ſich mit ſeinem unveränderten, übermüthigen Lächeln. Streiten wir uns nicht, Excellenz, über Dinge, die noch nicht geſchehen ſind, ſagte er. Der Kriegsrath hatte noch nicht angefangen, aber jetzt, da Sie da ſind, General, kann er ohne Zweifel beginnen. Nur erlauben Sie mir zuvor, dieſe Depeſche zu unterzeichnen, in welcher ich meiner gnädigen Kaiſerin ſo eben den Sieg gemeldet habe, den die ruſſiſchen Truppen heute über die Armee des preußiſchen Königs erfochten. Ah, General, da bin ich Ihnen alſo zuvorgekommen, rief Loudon ſtolz, die Depeſche iſt ſchon abgegangen, in welcher ich meiner Kaiſerin den Sieg melde, den die öſterreichiſchen Truppen heute über die Armee des preußiſchen Königs erfochten haben. Soltikow warf das Haupt ſtolz zurück und ſeine kleinen grauen Augen ſchoſſen zornige Blitze hinüber nach dem öſterreichiſchen General. Aber dieſer begegnete denſelben mit einem lächelnden, ruhigen Blick und fuhr fort: ich verſichere Sie, Excellenz, die Begeiſterung über unſeren glorreichen Sieg hat diesmal meine ungelenke Zunge förmlich beredt gemacht, und ich habe meiner Kaiſerin maleriſch den Moment geſchildert, — 142— wie die ſiegreichen Preußen vorwärts ſtürmten, um die von den flüch⸗ tenden Ruſſen verlaſſenen Batterien im Kuhgrund zu beſetzen, und wie nun plötzlich die öſterreichiſchen Reiter aus dem Kuhgrund hervorſtürzten, den Sieger aufhielten und zurückdrängten und durch ihre Löwentapferkeit das Schickſal des Tages entſchieden. Während Loudon, anſcheinend ganz ſorglos, ſo ſprach, war das Antlitz des ruſſiſchen Generals erblaßt vor Zorn, und mühſam nach Athem ringend, preßte er ſeine zuſammengeballte Rechte auf den Tiſch, daß die Papiere unter ſeiner nervigten Fauſt ſich kniſternd zuſammen⸗ bogen. Jedermann blickte in athemloſer Spannung und wahrem Ent⸗ ſetzen auf Soltikow hin, deſſen raſch aufwallenden und rückſichtsloſen Zorn man kannte. Aber der Marquis von Montalembert beeilte ſich, dem Ausbruch dieſes Zorns zuvorzukommen, und bevor noch Soltikow Athem gefunden, um zu ſprechen, wandte er ſich mit ſeinem heitern, verbindlichen Geſichts⸗ ausdruck an Loudon. Wenn Sie die heutige Schlacht ſo draſtiſch und en détail gemalt haben, ſagte er, ſo werden Sie gewiß auch nicht ver⸗ geſſen haben, die glorreiche Tapferkeit der ruſſiſchen Truppen zu erwäh⸗ nen und den wahrhaft erhabenen Moment zu ſchildern, wo die Ruſſen vor den heranſtürmenden Preußen ſich reihenweiſe wie todt zur Erde niederwarfen, die Preußen über ſie hinwegziehen ließen und dann raſch aufſpringend ihnen in den Rücken feuerten.*) Gewiß habe ich das nicht vergeſſen, ſagte Loudon, deſſen edles Herz ſchon die augenblickliche Aufwallung des Zorns zu bereuen anfing, gewiß werde ich nicht ſo feig und gewiſſenlos ſein, den großen und überwiegenden Antheil zu leugnen, den die ruſſiſche Armee an der Ehre des heutigen Tages hat, aber Sie werden es begreifen, daß ich auch meinen Antheil mir nicht ganz und gar verkümmern laſſen will. Wir haben zuſammen gekämpft, zuſammen geſiegt, laſſen Sie uns jetzt auch zuſammen des glücklichen Erfolges uns freuen! Er reichte Soltikow mit einem ſo freundlichen Ausdruck die Hand, daß dieſer nicht zu widerſtehen vermochte. Sie haben Recht, wollen wir *) v. Archen holtz. Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 257. — 143— uns zuſammen des glücklichen Erfolges freuen! rief er. Wein her, wir wollen zuerſt dem Sieg des Tages ein Glas darbringen und auf die Freund⸗ ſchaft Oeſterreichs und Rußlands eine Flaſche Eures ſchönen deutſchen Rheinweins leeren. Wein her! Die Nacht iſt noch lang genug zur Berathung, laßt uns erſt den Sieg feiern. Die Koſacken waren auf den Wink eines der Adjutanten Soltikow's vom Boden aufgeſprungen und ſchleppten jetzt mit luſtiger Behendigkeit aus der Ecke des Gemaches das große Reiſeneceſſaire des Generals herbei, das eine hinlängliche Anzahl gefüllter Flaſchen und ſilberner Becher enthielt, die ſie mit geſchäftiger Eile auspackten und auf dem Tiſch aufzuſtellen begannen. Der Secretair war nicht minder eilfertig bemüht, die Papiere und Briefſchaften haſtig zuſammenzuraffen, und der Tiſch, welcher eben noch ein ſehr geſchäftsmäßiges Anſehen gehabt, hatte ſich ſchnell genug in ein anmuthiges Büffet, geſchmückt mit einer Batterie Flaſchen und ſilberner Becher, verwandelt. Während Soltikow ganz vergnügt dieſer Verwandlung zuſchaute, warf der Marquis dem öſterreichiſchen General einen angſtvollen und beredten Blick zu, den dieſer mit einem leiſen Achſelzucken erwiderte.— Beide wußten ſie, daß der tapfere General Soltikow nächſt dem Donnern der Kanonen und dem Gewühl der Schlachten nichts ſo ſehr liebte, als das Springen der Pfropfen, den Duft den Weins, daß der General ein eben ſo tapferer und unverwüſtlicher Soldat, als ein tapferer und unver⸗ wüſtlicher Trinker war, welcher beim Wein ſehr geneigt ſchien, alles Andere zu vergeſſen, um nur der Wonne des Genuſſes ſich zu überlaſſen. Der Marquis wollte daher noch einen ſchwachen Verſuch machen, den ruſſiſchen General an ſeine ernſteren Pflichten zu erinnern. Sehen Sie da, Excellenz, ſagte er, Ihr Herr Secretair ſieht ganz traurig und melancholiſch aus, weil er vor dieſer Batterie von Flaſchen ſich mit ſeinen erhabenen Schreibereien zurückziehen ſoll. Wollen Euere Excellenz ihn nicht erſt abfertigen und den angekündigten Kriegsrath abhalten, damit wir deſto ungeſtörter nachher der Freude uns hingeben können? Wozu bedarf es indeſſen des Kriegsraths, fragte Soltikow, indem er ſich auf einen Seſſel niedergleiten ließ und dem hinter ihm ſtehenden — 144— Koſacken den ſilbernen Becher darreichte, damit er ihn zum zweiten Mal fülle. Wozu die Geſchäfte und die Schreibereien. Die Depeſche an meine Kaiſerin iſt vollendet! Siegeln Sie dieſelbe, Pietrowitſch, und ſenden Sie den Courier ſogleich mit derſelben ab. Alles Uebrige hat Zeit bis morgen! Kommen Sie, Herr General, laſſen Sie uns anſtoßen auf das Wohl unſerer erhabenen Kaiſerinnen. Loudon nahm den dargereichten Becher und that dem Feldherrn tapfer Beſcheid. Dann, nachdem er den Becher geleert, ſagte er: ich meine, Excellenz, wir ſollten unſeren erhabenen Kaiſerinnen nicht bloß die Nachricht von dem heutigen Siege ſchicken. Es liegt in unſerer Hand, ihnen die Nachricht von der vollſtändigen und unwiderruflichen Bezwin⸗ gung des Feindes zu geben. Wie das? fragte Soltikow, indem er ſich ſeinen Becher auf's Neue füllen ließ. Nur wenn wir jetzt, ſtatt hier in behaglicher Ruhe zu ſitzen und dem Feinde Zeit zu gönnen, ſeine zerſtreute Armee wieder zu ſammeln, mit unſeren Truppen an die ernſtliche Verfolgung der Preußen gingen, wenn wir dem König den Rückzug abſchnitten und ihn hinderten, wieder über die Oder zu gehen und ſein altes Lager von Reitwen wieder zu beziehen, nur ſo würden wir im Stande ſein, den Feind ganz und gar aufzureiben und dieſem Kriege auf Einen Schlag ein Ende zu machen. Ach, Sie meinen, wir ſollen gleich wieder aufbrechen? fragte Sol⸗ tikow. Wir ſollen unſeren erſchöpften Truppen nicht einmal eine Stunde Schlaf gönnen, ſondern ſie gleich wieder hinaushetzen in's Schlachtge⸗ wühl und in den Tod? Nein, nein, Herr General, das Blut meiner tapfern Ruſſen iſt ebenſo viel werth, als jedes andere Menſchenblut, und ich will nicht, daß ſie die Mauer ſein ſollen, hinter denen die guten edeln Deutſchen ſich in gemächlicher Sicherheit aufſtellen, während wir für ſie unſer Blut und Leben einſetzen. Ich denke, wir Ruſſen haben jetzt genug gethan und wir bedürfen keines neuen Sieges mehr, um zu beweiſen, daß wir tapfer ſind. Wenn ich noch einen ſolchen Sieg erfechte, wie den heutigen, ſo werde ich mit meinem Stabe in der Hand allein die Nachricht davon nach Petersburg bringen können, denn es werden mir — 145— keine Soldaten mehr übrig geblieben ſein.*) Ich ſpreche hier nicht gegen Sie, Herr General Loudon, denn Sie ſind mir heute ein treuer Bun⸗ desgenoſſe geweſen und wir haben zuſammen geblutet und zuſammen geſiegt, obwohl wir nicht mit einem geweihten Hut und Degen geſchützt waren, wie es der Feldmarſchall Daun iſt, der von uns immer Siege fordert, während er ſelber unentſchloſſen und unthätig ſtehen bleibt. Eure Excellenz ſcheinen wirklich erbittert auf den Feldmarſchall Daun zu ſein? ſagte Loudon mit einem Lächeln, das er nicht ganz zu unter⸗ drücken vermochte. Ja, rief Soltikow, ich bin erbittert auf dieſen modernen Fabius Cunctator, dem es ſo leicht geworden, berühmt zu werden, und der in Wien Ehren erndtet, die nicht ihm, ſondern Ihnen, Herr General Lou⸗ don gebühren. Denn Sie handeln, während er zögert, Sie ſind immer ſchlachtbereit und thatkräftig, während Daun immer abwartet, immer ſäumig iſt, immer nachdenkt, ob er zuſchlagen ſoll und darüber die Ge⸗ legenheit, es zu thun, vorübergehen läßt. Die Kaiſerin, meine erhabene Gebieterin, hat ihn indeſſen mit ihrem beſondern Zutrauen beehrt, ſagte Loudon leiſe, und alſo wird er es auch wohl verdienen. Ja, und Sie und uns hat man in Wien mit beſonderem Mißtrauen beehrt, rief Soltikow ſtürmiſch, indem er einen Becher voll Wein hin⸗ unterſtürzte. Ihnen, ich weiß es, ſpendet man nur ſeltenes und kärgli⸗ ches Lob, denn man muß Alles für Daun reſerviren, und uns betrach⸗ tet man immer mit feindlichen, ſcheelen Blicken, und iſt immer bemüht, uns zu verdächtigen und unſern Eifer und unſern guten Willen anzu⸗ klagen. Es iſt wahr, ſagte Loudon lächelnd, es wird uns immer ſchwer, an die Aufrichtigkeit der ruſſiſchen Freundſchaft zu glauben, vielleicht aber nur deshalb, weil wir dieſelbe ſo ſehr wünſchen und erſehnen. Worte, ſchöne Worte, rief Soltikow hitzig. Der Deutſche hat immer ein heimliches Grauen vor dem Ruſſen, und es iſt Euch immer zu Muth, *) Soltikow's eigene Worte. Siehe von Tempelhof: Geſchichte des ſieben⸗ jährigen Krieges. Th. III. S. 194. Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I. 10 146— als wären wir verkleidete Tigerkatzen, die jeden Augenblick bereit wäven, Euch Eure herrliche Cultur und Eure feine Bildung zu rauben und aufzufreſſen. Deshalb möchtet Ihr gern immer eine Glasglocke drüber ſtülpen, wenn wir in Eurer Nähe ſind, und uns Eure Herrlichkeit immer nur hinter einer durchſichtigen Mauer zeigen, damit wir Euch bewun⸗ dern und beneiden ſollen. Wenn Ihr in Frieden und in ſchönſter Ein⸗ tracht lebt, da vermeidet Ihr uns, da dünkt ſich der Deutſche viel zu fein gebildet und zu hoch über dem barbariſchen Ruſſen, aber wenn Ihr Euch unter einander zankt und nicht mehr wißt wo aus noch ein, dann entſinnt Ihr Euch plötzlich, daß der Ruſſe Euer Nachbar iſt und daß er eine gute Klinge führt und tapfer einzuhauen verſteht. Dann ruft Ihr ihn zu Hülfe und bietet ihm Eure Freundſchaft an, das heißt aber imm er nur auf ſo lange, bis Ihr Eure anderen Feindſchaften beendet habt und unſerer nicht mehr bedürft. Aber ſelbſt, während Ihr uns Eure Freunde nennt, mißtraut Ihr uns und beargwöhnt unſern guten Willen. Führt man in Wien nicht beſtändig Klagen über uns? Apraxin ſchmachtet in Ketten und Banden, weil Oeſterreich ihn des Verrathes und des ſchlechten Dienſteifers anklagt; auch über Fermor und Butturlin hat man von Wien aus große Klage geführt und vor unſerer Kaiſerin bald ihren guten Willen, bald ihre Fähigkeiten zu verdächtigen geſucht und ihnen Verweiſe zugezogen, die ſie wahrlich nicht verdient hatten. Auch über mich, ich weiß es, hat man ſich bereits beſchwert und mich der Unthätigkeit, der Abneigung die Bundesgenoſſen zu unterſtützen, und überhaupt eines geringen Eifers für die gemeinſchaftliche Sache angeklagt. Das macht uns böſes Blut, Ihr Herren, und hättet Ihr nicht einen ſo vortrefflichen Wein in Eurem ſchönen Deutſchland, ſo könnte unſere Freundſchaft ſich wahrlich nicht lange geſund und kräftig auf den Füßen erhalten. Des⸗ halb, Herr General, nehmen Sie Ihren Becher und laſſen Sie uns zu⸗ ſammen trinken von Ihrem ſchönen deutſchen Wein, auf das Wohl un⸗ ſerer Freundſchaft! Stoßen Sie Alle mit an, meine Herren, und damit der Herr General ſieht, daß wir es ehrlich meinen mit unſerm Toaſt, leeren Sie Ihre Becher auf einen Zug! S ie thaten Alle, wie ihnen Soltikow geheißen, und tranken in lan⸗ gen Zügen von dem feurigen alten Rheinwein, den Soltikow ſo ſehr — 147— liebte, und ihre Augen glühten höher auf und ihre Wangen färbten ſich mit dunklerer Gluth.— Loudon ſah das mit Entſetzen und ſeine be⸗ ſorgten Blicke wandten ſich hinüber zu dem Marquis Montalembert, der dieſelben mit einem traurigen Achſelzucken erwiderte. Und jetzt, Excellenz, da wir getrunken haben von unſerem deutſchen Wein, ſagte Loudon, jetzt laſſen Sie uns noch ein wenig an Deutſch⸗ land denken und an den Feind, der Deutſchlands Ruhe nicht mehr be⸗ drohen ſoll, wenn wir's nicht wollen. Unſere Truppen haben jetzt einige Stunden der Ruhe genoſſen und werden wohl im Stande ſein, wieder aufzubrechen. Immer noch daſſelbe Lied, rief Soltikow mit einem heitern Lachen. Aber es ſoll mich nicht mehr aus meiner behaglichen Ruhe wecken. Ich habe genug gethan und meine Truppen auch. Ich erhielt ſo eben einen Courier von Daun, ſagte Loudon leiſe. Er macht es mir zur Pflicht, Eure Excellenz zu beſchwören, daß wir jetzt auf das Nachdrücklichſte unſern Sieg verfolgen, um den geſchlagenen Feind nun vollends zu zerſchmettern. Und das wird eine ſehr leichte Arbeit ſein, ſagte Montalembert mit ſeinem einſchmeichelndſten Ton. Die Armee des Königs iſt zerſtreut und auf der Flucht. Man muß ſie verhindern, ſich wieder zu ſammeln, man muß die zerſtreuten Schaaren immer mehr auseinander hetzen und dem König jeden Rückzug abſchneiden. Nun, wenn das ſein muß, ſagte Soltikow gleichgültig, indem er ſeinen auf's Neue gefüllten Becher wieder an den Mund ſetzte, wenn das ſein muß, ſo kann ja der Herr Feldmarſchall Daun die Sorge übernehmen. Ich meinestheils werde mich ganz ruhig verhalten. Ich habe zwei Schlachten gewonnen, und warte jetzt nur noch, um weitere Bewegungen zu machen, auf die Nachricht zweier Siege von Daun, denn es iſt nicht billig, daß die Truppen meiner Kaiſerin allein handeln ſollen.*) Aber, ſagte der Marquis Montalembert leiſe, und indem er ſich *) Soltikow's eigene Worte. Siehe v. Archenholtz, Th. I. S. 263. 10* „ — 148— den Anſchein gab, nicht von Loudon gehört werden zu wollen, aber wenn Eure Excellenz jetzt unthätig bleiben und nicht vorwärts rücken, ſo werden Sie den Oeſterreichern ganz allein die Früchte Ihrer Siege überlaſſen! Darauf bin ich gar nicht eiferſüchtig! rief Soltikow lachend. Ich wünſche den Oeſterreichern von ganzem Herzen noch mehr Glück, als ich gehabt, ich habe aber für mein Theil genug gethan.*) Und damit genug für heute von Geſchäften! Schenk ein, Iwan, und Sie, meine Herren, füllen Sie Ihre Gläſer. Wir haben der Göttin Bellona heute eine Stunde des Glücks abgewonnen, wollen wir dieſelbe alſo genießen und aller Sorgen vergeſſen! Trinken wir noch einmal, meine Herren! Es lebe unſere liebreizende Herrin, die Kaiſerin Eliſabeth! Sie lebe hoch, rief der Chor der ruſſiſchen Officiere ihm nach, und die Gläſer klangen und der duftende Rheinwein perlte wie ſchäumendes Gold in den ſilbernen Bechern. Soltikow und ſeine Generäle ſchlürften ihn mit immer wachſendem Behagen ein und ihre Heiterkeit ſteigerte ſich immer mehr. Mit glühenden Geſichtern ſaßen ſie um den Tiſch und hörten ihrem angebeteten Feldherrn zu, der ihnen in harmloſer Fröh⸗ lichkeit einige luſtige Scenen aus ſeiner Jugend erzählte und ſeine Zu⸗ hörer ſo laut und entzückt lachen machte, daß die Wände dröhnten, und daß Fritz Kober, welcher da draußen im Gebüſch kauerte, nicht umhin konnte, ein wenig mitzulachen. Immer ſtürmiſcher, immer ungebundener ward jetzt die Heiterkeit der Ruſſen. Sie träumten ſich zurück in ihre Heimath, hier und dort fing einer der weinſeligen Herren an, irgend ein ruſſiſches Lieblingslied⸗ chen zu ſingen, und die Koſacken, welche an der Thür kauerten, grinzten vor Vergnügen, wie ſie das hörten und ſummten leiſe den Refrain nach. Der Wein begann ſchon ſeine Freiheits⸗ und Gleichheitsprinzipien auf die Gemüther auszuüben und die Unterſchiede des Ranges und der Stellung aufzuheben. Aller Geſichter ſtrahlten vor Vergnügen, Jeder⸗ mann lachte und ſcherzte, trank und ſang, und Niemand gedachte jetzt noch des Königs von Preußen und ſeiner zerſprengten Armee. Man er⸗ *) Soltikow's eigene Worte. Siehe v. Archenholtz, Th. I. S. 263. —— ——— ——— ——4—. — 149— innerte ſich nur noch des Sieges, den man erfochten, aber bei dem köſt⸗ lich duftenden Wein vergaß man des Beſiegten.*) Nur Montalembert und Loudon nahmen nicht Theil an der allge⸗ meinen Fröhlichkeit. Sie hatten ſich bald von dem Tiſch mit ſeinem fröhlichen Gelage zurückgezogen und ſtanden jetzt, die wildbewegte Gruppe vor ihnen betrachtend, zuſammen an einem der geöffneten Fenſter. Es i*ſt vergeblich, flüſterte Loudon, wir werden ihn nicht bewegen können, aufzubrechen. Der deutſche Wein liegt Soltikow mehr am Herzen, als ſeine deutſchen Bundesgenoſſen. Aber Sie, Herr General, flüſterte Montalembert, Sie ſollten thun, was Soltikow verabſäumt. Sie ſollten von dieſer Saumſeligkeit des ruſſiſchen Generals Vortheil ziehen und den König verfolgen. Als ob ich noch hier wäre, wenn ich das thun könnte, ſagte Lou⸗ don ſchmerzvoll. Man hat mir die Hände gebunden und ich darf nichts unternehmen, was nicht im Einverſtändniß mit unſerem Verbündeten iſt. Wenn Soltikow nicht will, kann ich allein nicht aufbrechen, ſondern muß mich fügen, denn ſobald wir vereint ſind, ſollen und können wir nur gemeinſam handeln! Ein lautes, brüllendes Lachen der fröhlichen Tiſchgenoſſen machte jetzt die beiden Herren verſtummen. Soltikow hatte eben eine ſo luſtige Geſchichte erzählt, daß ſelbſt die Koſacken laut gelacht hatten, und einer der ruſſiſchen Generäle, der das bemerkt, hatte ſie dafür belohnt, indem er von einem Armleuchter zwei ſchöne Talglichter abzog und ſie den Koſacken hinwarf, die den duftenden Leckerbiſſen mit freudigem Jauchzen empfingen. Laſſen Sie uns gehen, flüſterte Montalembert, die Scene wird doch gar zu ruſſiſch! Ja, laſſen Sie uns gehen, ſeufzte Loudon, wenn wir denn doch hier unthätig liegen bleiben müſſen, ſo können wir doch wenigſtens die Zeit zum Schlafen benutzen. Niemand achtete darauf, daß die beiden Herren ſich entfernten, das **) Siehe Preuß, Friedrich der Große, Th. II. S. 217.— Gebhard's Ver⸗ theidigung Fr. d. Gr. S. 73. — 150— fröhliche Lachen, das Trinken und Singen ging ungeſtört weiter und verwandelte ſich bald in ein verworrenes Durcheinander, in ein ſeliges, trunkenes Lachen und Jauchzen. Jetzt können wir auch abziehen, flüſterte Karl Heinrich, der ſich leiſe zu Fritz Kobers Verſteck hingeſchlichen hatte. Komm, komm, Du weißt, wir werden erwartet! Fritz Kober ſchlüpfte aus dem Gebüſch hervor und mit möglichſter Vorſicht eilten die Beiden von dannen. Eſſt, als die jetzt ſchweigende und ſtille Lagerſtätte der Oeſterreicher und Ruſſen hinter ihnen lag, und ſie wieder das Schlachtfeld überſchritten, brach Fritz Kober das Schwei⸗ gen, das ſie bis dahin, aus Furcht einen oder den andern dieſer an den verglimmenden Lagerfeuern ſchlafenden Soldaten zu wecken, beobachtet hatten.— Na, fragte Fritz ſeufzend, was werden wir dem König nun ſagen? Nun, Alles, was wir gehört haben, ſagte Karl Heinrich lachend. Ja, aber wir haben ja nichts gehört, murrte Fritz. Ich hab' meine Ohren ſo weit aufgeriſſen, als ich nur immer konnte, aber ich hab' doch nichts verſtanden. Iſt's nicht eine Niederträchtigkeit, nach Deutſch⸗ land zu kommen und ſo'n abſcheuliches Kauderwelſch zu reden, daß man kein Wort verſtehen kann? Wenn man in Deutſchland iſt, muß man deutſch ſprechen und nicht ruſſiſch. Sie haben nicht ruſſiſch geſprochen, ſondern franzöſiſch, ich habe Alles recht gut verſtanden, ſagte Karl Heinrich. Fritz Kober bliebſt ſtehen und ſtarrte ſeinen Freund faſt entſetzt an. Du verſtehſt franzöſiſch? Ich bin an der franzöſiſchen Grenze zu Hauſe, ſagte Karl Heinrich, und meine Mutter war eine Elſaſſerin, daher lernte ich franzöſiſch. Du verſtehſt Alles! rief Fritz Kober kopfſchüttelnd. Aber ich,— ich bin ein ausgemachter Dummkopf, und der König wird mich aus⸗ lachen, denn ich habe ihm nichts zu berichten. Es wird wieder nichts ſein mit dem Unterofficier. Wenn Du's nicht wirſt, werde ich's auch nicht, Fritz. Und übri⸗ gens, was das Erzählen anbetrifft, ſo wirſt Du dem König ebenſo viel zu ſagen wiſſen, als ich. Du haſt mit den Augen gehört und ich mit ——— ———:—— — 151— den Ohren, und die Hauptſache, worauf es ankam, die kannſt Du ſo gut berichten wie ich. Die Hauptſache iſt, daß die Ruſſen und Oeſter⸗ reicher ſchlafen und gar nicht daran denken, uns zu verfolgen! Ja, das iſt wahr, das kann ich dem König auch berichten, rief Fritz Kober, und das wird ihm das Liebſte ſein. Sieh, Karl Heinrich, der Morgen dämmert ſchon herauf, laß uns eilen, daß wir zum König kommen. Wenn er hört, daß die Oeſterreicher und Ruſſen ſchlafen, ſo wird er ſagen, daß es für die Preußen gerade Zeit iſt, um zu wachen. V. Ein Held im Unglück. Glücklich und ungefährdet kamen die beiden Grenadiere nach dem Dorfe zurück, in welchem ſich jetzt das Hauptquartier des Königs be⸗ fand. Der erſte Strahl der Morgenſonne beleuchtete die elende, ver⸗ fallene Hütte, in welcher der König ſein Lager aufgeſchlagen. Ringsum war Alles ſtill, nicht das leiſeſte Geräuſch unterbrach die friedliche Mor⸗ genſtille; gleichſam, als habe die Natur ſelber Ehrfurcht vor dem Schlum⸗ mer des Helden, ſchienen ſelbſt die Vögel zu ſchweigen und der Morgen⸗ wind rauſchte nur mit leiſem Säuſeln an die kleinen Fenſter, als wolle er dem König ein friedliches Schlummerlied ſingen. Da die Wachen vor der Thür des Königs fehlten, ſchien die Sonne die Wache überneh⸗ men zu wollen und beleuchtete und grüßte mit ihrem erſten Strahl die heilige Stätte, wo ein vom Mißgeſchick verfolgter Held ruhte. Leiſe und mit angehaltenem Athem ſchlichen die beiden Grenadiere in die offene Hütte. Dieſes tiefe Schweigen, dieſe von keinem Laut un⸗ terbrochene Stille ängſtigte ſie. Es ſchien ihnen ganz unmöglich, daß ſie hier, in dieſem elenden Hauſe, ſo ganz allein und unbewacht den König finden würden. Sie dachten an die umherſchwärmenden Koſacken; zwölf von ihnen würden genügt haben, dieſe kleine Hütte zu umſtellen und den König mit ſeinen beiden Adjutanten gefangen fortzuführen. Ich weiß nicht, flüſterte Fritz Kober, als ſie auf dem Flur der Hütte ſtanden, ich hab' nicht die Courage, die Thüre zu öffnen. Der König iſt gewiß nicht mehr darin. Die Koſacken haben ihn fortge⸗ ſchleppt. Das wird Gott nicht gelitten haben, ſagte Karl Heinrich feierlich. Gott hat mit ſeinem Mond und ſeinen Sternen den König bewacht, als wir nicht da waren, das glaube ich. Komm, laß uns zum König gehen! Leiſe öffnete er die Thür und ſie traten ein. Aber dann blieben ſie Beide, wie von ſcheuer Ehrfurcht gefeſſelt, ſtehen und wagten ſich nicht weiter hinein in das Zimmer. Dort auf dem Stroh, das nur ſpärlich den ſchmutzigen Lehmboden der Hütte beſtreute, dort lag der König, den Hut halb über's Geſicht gedrückt, den bloßen Degen in der Rechten, lag er und ſchlief ſo feſt und ruhig, als ſei er daheim in ſeinem ſchönen und prachtvollen Sans⸗ ſouci; zu ſeinen Füßen lagen die beiden Adjutanten und ſchnarchten. Siehſt Du, flüſterte Karl Heinrich leiſe, ſo ſchlummert ein König, den Gott bewacht! Aber jetzt müſſen wir ihn wecken. Er ſchritt vorwärts zu dem König hin, und indem er neben ihm niederkniete, flüſterte er: Herr König, wir ſind wieder da! Wir bringen Nachricht von den Ruſſen und den Oeſterreichern! Der König richtete ſich langſam empor und ſchob ſeinen Hut von ſeiner Stirn zurück. Gute oder ſchlimme Nachrichten? fragte er. Gute Nachrichten, ſagte Fritz mit einem glückſeligen Grinſen. Die Oeſterreicher haben ſich zu Bett gelegt und die Ruſſen auch. Sie wollen ſchlafen! Ja, und ſie denken gar nicht daran, Eure Majeſtät verfolgen zu wollen, fügte Karl Heinrich hinzu. Loudon wollte es wohl, aber Sol⸗ tikow nicht, der will gar nichts thun, ehe Daun nicht etwas gethan hat. So, Ihr habt wohl mit im Kriegsrath geſeſſen? fragte der König lächelnd. —— — 153— Beinahe haben wir's, ſagte Fritz Kober vergnügt. Ich habe den Kriegsrath geſehen, und der Karl Heinrich hat ihn gehört. Der König ſtand auf. Ihr ſprecht zu laut, ſagte er, Ihr werdet die beiden Herren hier wecken, und ſie ſchlafen ſo ſchön. Kommt, laßt uns vor die Thür gehen und da draußen ſollt Ihr mir Alles erzählen. Leiſe auf den Zehen durchſchritt er den Raum, und ging hinaus vor die Thür. Dort ſetzte er ſich auf die kleine Bank, und ließ ſich von den vor ihm ſtehenden Grenadieren ganz genau und umſtändlich Alles was ſie gehört und geſehen hatten, erzählen. Lange noch als ſie geendet, ſaß der König ſchweigend und in tiefen Gedanken verloren da. Das große, feurige Auge zum Himmel empor⸗ gerichtet, ſchien er in heiligem Zwiegeſpräche mit Gott ſeine Zukunft zu bedenken und zu erwägen. Wie er dann langſam den Blick ſenkte, traf er auf die beiden Gre⸗ nadiere, die in ſchweigender Ehrfurcht vor ihm ſtanden. Ich bin mit Euch zufrieden, Kinder, ſagte er, und dies Mal wird Wort gehalten. Ihr werdet beide Unterofficiere. Aber doch in Einer Compagnied fragte Fritz Kober haſtig. In Einer Compagnie; das heißt, fügte der König leiſe und mit ſchmerzlichem Seufzen hinzu, wenn ich überhaupt noch wieder Compagnieen und Regimenter formiren kann!— Oh, es ſieht noch lange nicht ſo ſchlimm aus, als Eure Majeſtät denken, ſagte Fritz Kober beherzt. Unſere Truppen haben ſich ſchon wieder erholt von ihrem erſten Schreck, und wir haben ſie vorher in großen Schaaren hier in's Dorf einrücken ſehen, als wir von dort drüben herkamen. In einigen Stunden wird die Armee ſich wieder ordnen können.. Nun, Gott gebe, daß Du Recht haſt, mein Sohn, ſagte der König gütig. Geht jetzt in's Dorf, und erzählt nur immerhin den Soldaten, was Ihr dort drüben gehört habt. Es wird ihnen Muth machen, wenn ſie hören, daß der Feind ſchläft und nicht daran denkt, uns zu verfolgen. Und was Euere beiden Unterofſicierspatente anbelangt, ſo werde ich ſie Euch heute noch ausfertigen laſſen! Lebt wohl, meine Kinder! Er nickte ihnen zu und kehrte in die Hütte zurück, um ſeine beiden Adjutanten zu wecken. Mit vollkommen ruhiger Stimme befahl er ihnen, in's Dorf zu gehen, und alle höheren Officiere und Generäle aufzu⸗ fordern, ihre Truppen zu ſammeln, und mit denſelben auf der Ebene die vor der Hütte ſich ausbreitete, aufzumarſchiren. Die Trompeter ſollen blaſen, die Trommeſchläger ſollen General⸗ marſch wirbeln, ſagte der König. Die friſche Morgenluft wird den Schall hinaustragen in die Luft; wenn meine Soldaten ihn hören, kehren ſie vielleicht zu ihren Fahnen zurück. Gehen Sie alſo, meine Herren! Dann, als die beiden Adjutanten ihn verlaſſen, ging der König, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam und gedankenvoll auf und ab. Es iſt Alles verloren, Alles, murmelte er, aber doch muß ich noch ausharren und warten! Wenn die Dummheit oder der Uebermuth des Feindes eine Maſche offen läßt in dieſem Netz, mit welchem ſie mich umſponnen haben, ſo iſt es meine Pflicht, meine Armee da hindurch⸗ ſchlüpfen zu laſſen, und an ihrer Spitze auszuharren! Ach, ach! Aber wie ſchwer drückt dieſe Krone auf meinem Haupte, dieſe Krone, die mir nicht einmal erlaubt, mein armes Haupt zur Ruhe zu legen! Welch eine ſchwere Pflicht iſt das Leben, und wie bitter enttäuſcht es uns von den köſtlichen Illuſionen, mit denen wir es begonnen haben! Von draußen vernahm man jetzt das Schmettern der Trompeten, und das Wirbeln der Trommeln. Der König ſchreckte zuſammen, und in ſich erſchauernd, flüſterte er: Vraiment, ich fühle jetzt, was ich noch niemals gefühlt habe! Ich habe Furcht, und mein Herz erzittert nach dieſer Schlacht, wie es nie vor einer Schlacht erzittert hat! Die Trompeten und die Trommeln rufen meine Soldaten, aber ſie werden nicht kommen! Sie liegen entweder da draußen auf dem Schlachtfeld, oder ſie irren flüchtend umher! Sie werden nicht kommen, und die Sonne wird meine Schmach und mein Unglück beleuchten! Und ganz überwältigt, ganz zerbrochen, ſank der König auf einen Seſſel nieder, und ſchlug ſeine beiden Hände vor ſein Angeſicht. So ſaß er lange, lange da.— Draußen vor der Hüttenthür ward es immer lebendiger und lauter. Der König achtete nicht darauf. Er hielt immer noch die Hände vor ſein Geſicht gelegt, er ſah nicht wie da draußen —— vor dem Fenſter ein buntes Gewirr von Uniformen und glänzenden Epaulettes ſich zeigte, er ſah nicht, wie von allen Seiten die Soldaten herbeiſtrömten, er hörte nicht das Trommeln und Blaſen, die Comman⸗ dorufe und die militairiſchen Signale. Er hörte auch nicht, wie die Thür jetzt leiſe geöffnet ward und ſeine Adjutanten in derſelben erſchienen, während draußen, auf dem kleinen dunklen Flur, die Generäle und Stabsofficiere dicht aneinander gedrängt, ſo ehrfurchtsvoll und ſchweigend daſtanden, als befänden ſie ſich in dem glänzendſten Vorſaal eines Königſchloſſes. Sire, flüſterte endlich einer der beiden Adjutanten, die Befehle Eurer Majeſtät ſind erfüllt. Die Generäle wünſchen Eurer Majeſtät ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Der König ließ die Hände langſam von ſeinem Antlitz gleite Und die Truppen? fragte er. Sie beginnen ſo eben ſich auf der Ebene zu formiren! Auch ſind wir eben beſchäftigt, ſagte der zweite Adjutant, unſere Kanonen aufzufahren.* Der König wandte ſich heftig und mit faſt zornigem Geſicht zu ihm um. Herr, Er lügt! rief er laut, ich habe keine Kanonen mehr!*) Eure Majeſtät hat, Gott ſei Dank, noch mehr als funfzig Kanonen, ſagte der Adjutant feſt, und ich laſſe ſie eben auffahren. Ueber des Königs Antlitz flog es wie ein Lichtſtrahl hin, und ſeine bleichen Wangen färbten ſich mit einem roſigen Schimmer. Er ſtand raſch auf, und dem Adjutanten freundlich zunickend, trat er hinaus auf den Flur, wo die Generäle ehrfurchtsvoll ſich vor ihm neigten und mühſam ſich zuſammendrängten, um dem König einen Weg zu öffnen. Der König ſchritt mit hochgehobenem Haupt, aber ſchweigend durch ihre Reihen hin und trat vor die Hausthür. Meſſieurs, ſagte er dann, das Haupt rückwärts wendend, laſſen Sie uns ſehen, was der geſtrige Tag uns noch übrig gelaſſen hat! Muſtern wir unſere Truppen! Die Generäle und Stabsofficiere eilten ſchweigend von dannen, um *) Hiſtoriſch. Siehe: v. Retzow. Th. II. S. 117. ſich an die Spitze ihrer Regimenter zu begeben und ſie dem König vorzuführen. Der König lehnte ſich an die Hüttenthür und nahm den Degen wie zur feierlichen Staatsparade in die Hand. Der Vorbeimarſch der Trup⸗ pen begann. Aber es war ein trauriger Anblick, und ein herzzerſchnei⸗ dendes Weh durchfuhr bei demſelben die Bruſt des Königs!— Wie wenig war ihm geblieben von dieſer ſchönen, kampfesmuthigen Armee die er geſtern in die Schlacht geführt. Mehr als zwanzigtauſend Mann waren theils getödtet, theils verwundet! Zerſtreut und flüchtig trieben ſich andere Tauſende umher, mühſam hatte man nur aus dem bunten Gewirr der vermiſchten Soldaten einzelne Regimenter wieder formiren önnen, und kaum fünftauſend Mann waren es, die jetzt vor dem König rbei defilirten.*) Der König ſah ſie vorübermarſchiren mit feſtem Auge, mit ruhigen Mienen. Nur hatte er ſeine Lippen feſt aufeinandergepreßt und ſein Athem ging ſchwer und fieberhaft aus ſeiner Bruſt hervor. Plötzlich wandte er ſich an den neben ihm ſtehenden Grafen Dohna, den Adjutanten des Herzogs Ferdinand von Braunſchweig, der vor einigen Tagen in's Lager des Königs gekommen war, um ihm die Nach⸗ richt von einem neuen Siege bei Minden zu überbringen. Der König hatte ihn eingeladen bei ihm zu verweilen.„Ich bin im Begriff,“ hatte er geſagt,„die Ruſſen anzugreifen; bleiben Sie alſo ſo lange hier, bis ich Ihnen das Gegencompliment mitgeben kann.“**) Daran erinnerte der König ſich jetzt, wie er den Grafen neben ſich ſah. Ah, ſagte er mit einem mühſamen Lächeln, Sie warten noch immer auf das Gegencompliment, das ich Ihnen verſprochen habe? Es thut mir leid, daß die Antwort auf eine ſo gute Botſchaft nicht beſſer hat gerathen wollen. Wenn Sie aber auf Ihrem Rückweg noch gut durchkommen, und Daun nicht ſchon in Berlin und Contades in Magdeburg finden, ſo können Sie alsdann dem Herzog Ferdinand von mir verſichern, daß nicht viel verloren iſt. Leben Sie wohl, Monſieur.*) *.) v. Retzow. Th. II. S. 116. ) Preuß: Friedrich der Große. Th. II. S. 118. ) Des Königs eigene Worte. Er nickte ihm leicht den Abſchiedsgruß zu und ſchritt dann mit feſtem ſtolzen Gang zu den Generälen hin, die in ehrerbietiger Entfernung von ihm ſich aufgeſtellt hatten. Sein Auge glühte und flammte jetzt wieder, und ſein ganzes Weſen hatte wieder ſeinen energiſchen und kühnen Ausdruck angenommen. Meſſieurs, ſagte er mit klarer voller Stimme, das Schickſal iſt uns geſtern nicht günſtig geweſen. Aber es iſt deshalb doch kein Grund zu verzagen, und ich denke, es ſoll ein Tag kommen, wo wir dem Feind mit blutigen Zinſen zurückgeben wollen, was er uns geſtern gethan hat. Ich wenig⸗ ſtens hoffe auf dieſen Tag, ich will leben, um ihn zu erwarten, und alle meine Gedanken, meine Pläne und Beſtrebungen werden darauf ge⸗ richtet ſein, ihn herbeizuführen. Ich ſtrebe nach keinem andern Ruhm, als nach dem, Preußen zu erretten von dieſer Verſchwörung, welche ganz Europa wieder daſſelbe angezettelt hat. Ich will meinem Vaterlande den Frieden erobern, aber es ſoll und darf nur ein ehrenvoller, mächtiger Frieden ſein, welcher Preußen zugleich geehrt und groß daſtehen läßt. Einen anderen Frieden kann und werde ich niemals annehmen, und lieber werde ich mich unter den Trümmern meiner letzten Kanone begraben laſſen, als einen Frieden eingehen, der meinem Vaterlande keinen Vor⸗ theil, und uns Allen keinen Ruhm bringt! Die Ehre iſt doch das höchſte und heiligſte Gut der Individuen, wie der Völker; und Preußen welches ſeine Ehre in unſere Hand gelegt, muß dieſelbe von uns rein und fleckenlos wiedererhalten. Wenn das auch Ihre Meinung iſt, Meſ⸗ ſieurs, ſo rufen ſie mit mir: Es lebe Preußen! Es lebe Preußens Ehre! Es lebe Preußen! Es lebe Preußens Ehre! riefen die Generäle und Officiere mit begeiſtertem Ruf, und wie eine Lawine wälzte der Ruf ſich weiter von Mund zu Mund, und die zerſtückelten und zerbröckelten Regimenter hatten ihn gehört, und riefen ihn nach, und die Feldmuſik ſtimmte einen ſchmetternden Toaſt an, und die Trommeln wirbelten drein. Die Fahnenträger entfalteten ihre Fahnen, und ließen die zerſchoſſenen und zerfetzten preußiſchen Adler im Morgenwind flattern, und aus tauſend Kehlen ſich einigend in einen einzigen Orgelton, drang der Ruf durch — die Luft und zum Himmel empor: Es lebe Preußen! Es lebe Preu⸗ ßens Ehre! Der König ſtand da mit ſtrahlendem Angeſicht, und in ſeinen großen wundervollen Augen ſchimmerte es wie eine Thräne. Er hob den Blick zum Himmel empor, und leiſe murmelten ſeine Lippen: Ich ſchwöre es, zu leben, ſo lange noch Hoffnung iſt! Ich ſchwöre zu leben, ſo lange ich noch frei bin! Ich ſchwöre nur dann den Tod zu ſuchen, wenn Gefangenſchaft mich bedroht!— Langſam wandte ſein Blick ſich wieder der Erde zu, und mit lauter machtvoller Stimme rief er jetzt: Vorwärts! Vorwärts! Das iſt immer das Loſungswort der Preußen geweſen, und ſoll es auch immer bleiben. Vorwärts, meine Herren! Wir haben ein großes Ziel vor uns, wir müſſen ſuchen, es zu erreichen. Wir müſſen den Feind, welcher uns umzingelt hat, auseinander ſprengen. Wir müſſen Alles daran ſetzen, um die Ruſſen von Berlin zurückzuhalten. Dies Palladium unſeres Glückes darf nicht in Feindes Hände fallen. Wir müſſen die Reichsarmee aus Sachſen vertreiben, und vor allen Dingen müſſen wir die Oeſterreicher wie die Ruſſen von der Spree fern halten, und ihnen den Weg über die Oder abſchneiden! Vorwärts alſo, vorwärts! Laſſen Sie uns aufbrechen, wir gehen zuerſt über die Oder in unſer Lager nach Reitwen zurück. Die Oder und die Spree müſſen unſer bleiben, und was der Feind uns geſtern genommen, das wollen wir ihm morgen wieder ent⸗ reißen! Vorwärts, vorwärts! Vorwärts! Vorwärts! riefen und brüllten die Schaaren ihm nach und überall hin trugen die Worte des Königs wieder Muth und Begeiſte⸗ rung. Jeder hoffte wieder und war freudig bereit, dem König zu folgen, denn wie dunkel und umwölkt ſich auch ringsum der Horizont zeigte, Jeder glaubte wieder an den Stern des Königs, und wußte, daß er nimmer erlöſchen könne! Ende des erſten Bandes. Druck von Jacoby& Steinthal in Berlin. — Kapitel I. II. III. Inhalt des ersten Pandes. Seite Der König mit ſeinen alten und ſeinen neuen Feinden.. 3 Die drei Officiere.............. 10 Ranuzi................. 17 Louiſe du Trouſſel.............. 32 Der Wahrfager........... 142 Ein Courlag in Berlin............. 56 In der Fenſterniſche.......... 70 Die Nußſchalen hinter dem Fauteuil der ioi... 76 Das Duell und ſeine Folgen........... 84. Die fünf Couriere............ 93 Nach der Schlacht.............. 109 Eine Heldenſecle............... 118 Die beiden Grenadiere............. 128 Die nächtliche Berathung............ 134 Ein Held im Unglick.......... 151 — 3 uaanuuwawmunuuamuun anuuxunwmwEEEERENEEEERVV 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17