Leihbiblioth deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von— 4 Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 5 a. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Menat: 1 Mr. Pf. 1 Nk. 50 Ff. 2 Nk. Pf. 1 11— 2—„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4— eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe —, —— — —η½ ein ☛ ₰¼ 2 8 —= — .— —B½ 0 fFriedrich der große und ſein Hof. Von L. Mühlbach. Fünfte Auflage. Erſter Band. Berlin, 1858. Verlagvon Otto Janke. Druck von Trömner& Dietrich(früher Hotop) in Caſſel. 1 Sr. Herzoglichen gnaden dem Berrn Gerzog von Argnyll, 7 Lordkanzler der Univerſität von Glasgow, 3 Pair von Großbritannien. 9 ——— — Mylord Herzog! Ew. Gnaden haben mir in ſo huldvollen Worten geſagt, „daß es Ihnen Vergnügen machen würde, die Zueignung dieſes Werkes anzunehmen“! Von dieſer gnädigen Erlaubniß Ge⸗ brauch machend, ſetze ich heute Ihren erlauchten Namen dieſem Werk über Friedrich den Großen vor. England war, als das ganze übrige Europa wider ihn in Feindſchaft ſtand, des großen Königs einziger und wahrhaft getreuer Bundesgenoſſe. Mit Hülfe Englands ſiegte Friedrich, den der edle William Pitt als„the truly great and wonderful man“ bezeichnete, damals über alle ſeine Feinde. Einem eng⸗ liſchen Fürſten eigne ich dies Werk daher zu; ich ſtelle es für England, das beneidete Schweſterland Germania's, unter Ew. Gnaden Schutz, unter den Schutz des großſinnigen, auf den Höhen des engliſchen Staatslebens mit den Gaben des Genius geſchmückten und alle Schöpfungen der Wiſſenſchaft und der Muſen fördernden Herzogs von Argyll! Berlin, den 6. Mai 1855. G Clara Mundt. L. Mühlbach. 4 Sahaltsverzeichniß. 3 I. Die Königin Sophie Dorothea............ 1 II. Friedrich Wilhelm I............... III. Das Tabackscollegium............... 14 IV. Spaniſche Luftſchlöſſer.............. 24 V. Vater und Sohn................ 30 VI. Im weißen Saale............... 39 VII. Das Hoffräulein und der Gäriner.......... 77 VIII. Der Diplomat von Mantenffel........... 53 IX. Der Kronprinz Friedrich.............. 65 7 X. Der Kronprinz und der Jude.. 75 XI. Die Kronprinzeſſin Eliſabeth Chriſtine......... 86 XlI. Das Gedicht.................. 94 XIII. Das Banquet............... 1702 XIV. Le roi est mort. Vive le roi!........ 117 XV. Wir ſind König................ 127 XVI. Der Tag der Ungnade und der Gnade...... 138 o 8 2 3 4 8 * 4 8 4 J. Die Rönigin Sophie Dorothea. Die Säle ſtrahlten wieder im Glanz der Lichter, die Lakaien liefen hin und her, und ordneten hier und dort die Seſſel und Ta⸗ bourets; der Hofgärtner warf einen letzten prüfenden Blick auf dieſe Blumengruppen, welche er in den Sälen aufgeſtellt, und in der Bildergallerie ordnete der Haushofmeiſter die Tafel, welche die Gäſte der Königin heute mit reicheren Genüſſen als ſonſt beglücken ſollte. Alles hatte heute ein glänzenderes, üppigeres und köſtlicheres Anſehen, als dies ſonſt im Königsſchloſſe zu Berlin der Fall zu ſein pflegte, alle Geſichter waren vergnügter, unbefangener wie gewöhnlich, die Lakaien ſelber lächelten und waren guter Dinge, denn ſie wußten, daß ſie heute einen Abend ohne Schläge und Fußtritte, ohne grim⸗ mige Scheltworte und zitternde Angſt zu erwarten hatten, da der König nicht bei dieſem Feſte erſcheinen konnte, das er ſeiner Gemahlin aufgetragen dem Hofe und dem Adel zu⸗ geben.. Der König war krank! Das Podagra feſſelte ihn an ſeinen Rollſtuhl und ſeine Zimmer, und in ſchlafloſen Nächten war in dem Herrſcher Preußens eine dumpfe Ahnung aufgeſtiegen, daß es bald zu Ende ſein mögte mit der Herrſchaft Friedrich Wilhelms des Erſten, daß die Pforten des königlichen Erbbegräbniſſes ſich bald öffnen mögten, um eine neue königliche Leiche aufzunehmen, daß bald ein neuer König den preußiſchen Thron beſteigen mögte. Dieſer letzte Gedanke erfüllte das Herz des Königs mit Zorn und Bitterkeit. Friedrich Wilhelm wollte nicht ſterben, damit nicht Friedrich der Große. I. 1 — 2— ſein Sohn Friedrich König würde. Damit nicht dieſer ſchwache, tän⸗ delnde Jüngling, welcher in Rheinsberg ſchwärmte mit den Poeten und Muſikern, und Blumen ſäete und Melonen zog, damit nicht Er die Stelle einnehmen ſollte, welche Friedrich Wilhelm der Erſte ſo lange Zeit mit ſo viel Glück und Erfolg ausgefüllt hatte! Was ſollte Preußen mit dieſem empfindſamen Knaben Friedrich, mit dieſem Modehelden, der wie ein franzöſiſcher Stutzer ſich kleidete, mit dieſem Weichling, dem das ſybaritiſche Leben in ſeinem romantiſch gelegenen Schloſſe lieber war als das Feldlager und die Wachtparade, der die Töne ſeiner Flöte ſchöner fand als die Trompeten und den Trommel⸗ wirbel, der behauptete, daß es nicht blos Könige von Gottes Gnaden, ſondern auch Könige von Gottes Geiſt gäbe, und daß Voltaire ſo gut ein König ſei und ein größerer vielleicht, als alle Könige, welche der Pabſt geſalbt!— Was ſollte Preußen mit einem ſolchen König? Nein, Friedrich Wilhelm wollte nicht ſterben, damit nicht Frie⸗ drich König würde in Preußen, damit er nicht zerſtöre, was ſein Vater aufgebaut, damit Preußen nicht zerfalle unter den ſchwachen Händen des ſchwärmeriſchen Poeten! Niemand ſollte daher ahnen, daß Friedrich Wilhelm krank ſei, Niemand ſollte glauben, daß ihn noch andere Schmerzen plagten als das Podagra und die Gicht. Das waren ſo unſchuldige, ungefähr⸗ liche Schmerzen. Man kann achtzig Jahre alt werden beim Podagra und die Gicht iſt wie eine treue Frau, welche mit uns lebt und alt wird, und mit der man ſeine goldene Hochzeit feiern kann. Der König geſtand daher ein, daß die Gicht ihn einmal wieder in ihre zärtlichen Umarmungen geſchmiegt, aber das Volk und der Kronprinz ſollten nicht hoffen, daß dieſes Leiden die Tage des Königs bedrohe. Deshalb eben mußte Sophie Dorothea ein Feſt geben, deshalb ſollte der Hof und der Adel ſehen, daß die Königin und ihre Töchter heiter ſein und lächeln könnten, und daß alſo keine Gefahr für den König zu fürchten ſei. In der That, die Königin fühlte ſich heute wirklich hefter, denn ſie fühltegſich h frei! Es war ihr, als ob die Kette, welche ſie fiſeir, einen Moment von ihr abgeſunken, als ob die Laſt, welche ihre — 3.— Nacken beugte, von ihr gewälzt ſei! Ja, ſie durfte heute einmal ſtolz und frei ihr Haupt erheben, wie eine Königin, ſie konnte ſich ſchmücken, wie es einer Königin geziemt! Weg für heute alſo mit den dunklen Gewändern und der ſchmuckloſen Coiffüre! Den König feſſelt die Gicht an ſeinen Lehnſtuhl, die Königin darf es daher ſchon einmal wagen, eine glänzende, wahrhaft königliche Toilette zu machen. Mit einem Lächeln ſtolzer Befriedigung legte ſie as ſilberdurch⸗ wirkte Seidengewand an, das ſie heimlich für dieſen Abend ſich aus ihrer Vaterſtadt Hannover hatte kommen laſſen, und ihre Augen blitzten vor Freude, als ſie endlich die ſilberbeſchlagene große Caſſette öffnen und ihre Brillanten, welche ſeit manchem Jahrzehend das Tageslicht nicht geſehen, aus ihrer Gefangenſchaft für einige Stunden befreien konnte. Mit freudigem Lächeln verweilten ihre Blicke auf den funkelnden Steinen, welche wie vom Himmel herniedergefallene Sterne flammten und leuchteten und ihr Herz höher klopfen machten vor Entzücken. Denn eine Königin bleibt immer doch ein Weib, und Sophie Doro⸗ thea hatte ſo oft und ſo viel von den Leiden und den Schmerzen eines Weibes erfahren und erlitten, daß ſie ſich ſehnte, auch einmal wieder das ſtolze Glück einer Königin zu empfinden. Sie legte daher heute ihren ganzen Brillantſchmuck an, ſie be⸗ feſtigte ſelbſt das ſtrahlende Diadem auf ihrer Stirn, ſie legte um Hals und Arme die prächtigſten Spangen und ſchmückte ihre Ohren mit den langen Gehängen, welche mit ihrer coloſſalen Schönheit ihre Ohren erglühen und ſchmerzen machten. Dann trat ſie, mit lächelnder Befriedigung die ſtaunenden Aus⸗ rufungen ihrer Kammerfrauen anhörend, zu dem großen, venetianiſchen Spiegel und muſterte ihre Toilette. Za, Sophie Dorothea konnte heute zufrieden ſein. Das war in der That eine königliche Toilette! Millionen Thaler, welche ihre Tage in zinsloſer Ruhe verpraßten, und die müßig und verachtungsvoll den ſchweißgebadeten Menſchen zuſchauen durften, welche ſich abmühten um ihre arme, kummervolle, bedrückte Exiſtenz..„ Sophie Dorothea dachte nicht daran, ſie ſchauete nur ſinnend 8 1 1* 1 — 4— in den Spiegel und dachte an vergangene Tage, an begrabene Hoff⸗ nungen und verwehete Träume! Dieſe Brillanten hatte ihr erhabener Vater ihr gegeben, als ſie mit Friedrich Wilhelm ſich verlobte; dieſes Diadem hatte ihre Stirne geſchmückt, als ſie ſich ihm vermählte. Das Collier hatte ihr Bruder ihr geſandt, als ſie das erſte Kind geboren, dieſes Bracelet hatte ihr Gemahl um ihren Arm ge⸗ legt, als endlich nach langem Harren, Beten und Wünſchen der Kron⸗ prinz Friedrich geboren ward. Jedes Einzelne dieſes Schmuckes war Meine ſtolze Erinnerung an ihre Vergangenheit, ein Stern aus ihrer Jugendzeit!— Ach, die Brillanten hatten ſich ihr Schimmern und Leuchten bewahrt, ſie waren immer noch Sterne und blitzten immer noch, wie damals ſo hell, aber alles andere war geſchwunden und geſtorben, ihre Jugend und ihre Träume, ihre Hoffnungen und ihre Liebe! Sophie Dorothea hatte zu oft gezittert vor ihrem Gemahl, als daß ſie ihn noch hätte lieben können. Bei ihr hatte nicht die Liebe die Furcht ausgetrieben, ſondern die Liebe war von der Furcht ausgetrieben worden und ſie konnte den Gemahl nicht lieben, der für ſie und ihre Kinder immer nur der Tyrann und der Deſpot geweſen, der immer ihren Willen gebrochen, ihre Hoffnungen geknickt, der nicht blos in ihr die Königin und das Weib, ſondern auch die Mutter tödtlich getroffen hatte. Als ſie auf das funkelnde Armband blickte, das ſo alt wie ihr Lieblingskind, wie der Sohn Friedrich war, da gedachte ſie ſeufzend, wie wenig ſein Leben dieſem Glanz und dieſer Herrlichkeit der Steine geglichen, wie dunkel und trübe ſeine Jugend geweſen, wie farblos und thränenreich. Sie küßte das Bracelet und ſandte dem Sohn ihre Grüße, als ſich plötzlich die Thür öffnete und die beiden Prinzeſſinnen Ulrike und Amalie zu ihr eintraten. Die Königin wandte ſich zu ihnen und der wehmüthige Aus⸗ druck ſchwand ſchnell aus ihren Zügen, als ſie ihre Blicke auf die ſchönen und lieblichen Geſichter ihrer Töchter heftete, die im reizenden und geſchmackvollen Ballanzug ſich ihr präſentirten. 4 Ach, wie prächtig Sie ausſehen, gnädigſte Mamal rief die ſieb⸗ zehnjährige Prinzeſſin Amalie, indem ſie die hohe und edle Geſtalt der Königin umhüpfte, und mit kindlicher Lebhaftigkeit ſich der fun⸗ kelnden Brillanten freute. Der Himmel mit all ſeinen Sternen hat ſich auf Sie herniedergeſenkt und Ihr Antlitz ſtrahlt daraus hervor wie die ſchönſte Sonne. Schmeichlerin! ſagte die Königin lächelnd. Wenn Dein Vater Dich hörte, würde er zürnen, denn wie willſt Du ihn beézeichnen, wenn Du mich ſchon die Sonne nennſt? Nun, er iſt Phöbos, welcher die Sonne lenkt und mit ſeinen goldſtrahlenden Roſſen ihr ihre Bahnen bezeichnet! Du haſt Recht! ſeufzte die Königin. Er ſchreibt ihr ſeine Bahnen vor und was Er will, das muß ſie thun. Arme Sonne, arme Kö⸗ nigin, welche nicht einmal das Recht hat, ihre Strahlen zu ſenden, wohin ſie will! Welche ſich indeſſen doch das Recht nimmt, gnädigſte Mama, rief Amalie lachend, indem ſie auf das funkelnde Diadem von Brillanten deutete. Denn ich vermuthe ſehr, daß unſer gnädigſter König und Vater gerade nicht befohlen hat, daß Ihro Majeſtät in ſo glänzender Pracht erſcheine! Ob er's befohlen hat! rief die Königin erbebend. Er würde in raſenden Zorn gerathen, wenn er mich ſehen könnte, denn Ihr wißt wohl, wie ſehr er das eitle Gepränge und den Putz verachtet! Er würde ſogleich überlegen, daß ſich mindeſtens eine ganze Straße von dieſem Diadem bauen ließe, daß man wenigſtens zehn Rieſen für die Garde für dieſes Collier kaufen könnte, ſagte Amalie, und indem ſie ſich an ihre Schweſter wandte, welche ſchweigend in die Fenſterniſche ſich zurückgezogen, fuhr ſie fort: und Du, Ulrrike, Du ſagſt gar nichts? Hat Dich der Glanz Ihrer Majeſtät ganz und gar verblendet und der Sprache beraubt, oder denkſt Du daran, wen Du heute Abend zum Tanze auffordern willſt? Nicht doch, ſagte Prinzeß Ulrike ernſt, ich dachte darüber nach, daß, wenn ich einſt Königin ſein würde, ich es meinem Gemahl zur Bedingung machen würde, daß er mir vollkommen freie Wahl über meine Toilette laſſen müſſe und mir niemals wehren dürfe, Brillanten zu tragen. Denn, wenn ich Königin bin, will ich alle Tage Brillan⸗ —. ten tragen! Es iſt ein wahrhaft königlicher Schmuck, und niemals war unſere allergnädigſte Mama mehr Königin, als eben heute! Da hören Sie dieſe ſtolze, ſiegesgewiſſe Prinzeſſin, welche da⸗ von ſpricht, Königin zu werden, wie von einer Sache, die ſich ganz von ſelbſt verſteht und an der gar nicht zu zweifeln iſt! rief Amalie lachend. Weißt Du denn, ob der König, unſer Vater, Dich dazu beſtimmt hat? Ach, vielleicht hat er Dir auch ſchon irgend einen kleinen Markgrafen oder einen unbekannten, appanagirten Prinzen ausgeſucht, wie unſerer armen Schweſter von Baireuth! Ich würde einem Solchen meine Hand nicht geben! rief Prinzeß Ulrike heftig. Du würdeſt es thun müſſen, wenn Dein Vater es befiehlt, ſagte . die Königin ernſt. Nein, ich würde lieber ſterben, als mich zu ſolcher Ehe zwingen laſſen! Sterben! ſagte die Königin ſeufzend. Man ſehnt ſich oft nach dem Tode und er kommt nicht. Unſere Seufzer haben nicht die Kraft ihn herbeizuwehen und unſere Hände ſind zu ſchwach, um ihn an unſer Herz zu drücken. Du würdeſt Dich Deinem Vater fügen, wie wir Alle uns ihm gefügt haben, wie es ſelbſt Dein Bruder, der Kronprinz, hat thun müſſen. Armer Bruder! ſeufzte Amalie. Gefeſſelt zu ſein an eine Frau, welche er nicht liebt. Welch ein Unglück das ſein muß! Prinzeß Ulrike zuckte die Achſeln. Iſt das nicht die Beſtimmung aller Prinzen und Prinzeſſinnen? fragte ſie. Sind wir nicht alle dazu da, wie eine Waare verhandelt und an den Meiſtbietenden losgeſchlagen zu werden? Nun, ich meinestheils will mich ſo theuer wie möglich verkaufen laſſen, und da ich keine beglückte Schäferin ſein kann, will ich wenigſtens eine machtvolle Königin werden. Und ich, rief Amalie ſchwärmeriſch, würde lieber den ärmſten und niedrigſten Mann heirathen, wenn ich ihn liebe, als den reichſten Königsſohn, der mir gleichgültig iſt. Töhörinnen ſeid Ihr alle Beide, ſagte die Königin lächelnd. Wohl Euch, daß der König Euch nicht hört, ſein Zorn würde Euch zerſchmettern und er würde noch heute für Dich, Amalie, einen König, und für Dich, Ulrike, einen appanagirten kleinen Markgrafen ſuchen. Aber horcht, meine Damen, ich höre die Stimme unſers Oberhof⸗ meiſters. Er wird kommen, uns anzuzeigen, daß die Gäſte verſam⸗ melt ſind. Nehmt alſo Beide eine heitere Miene an; der König will, daß wir lachen und fröhlich ſind. Seid alſo fröhlich, aber er⸗ innert Euch, daß Seine Majeſtät überall ſeine Spione hat und wenn Ihr mit Pöllnitz ſprecht, vergeßt niemals, daß er jedes Eurer Worte dem König hinterbringt! Seid alſo freundlich gegen ihn und vor allen Dingen, wenn er das Geſpräch auf den Kronprinzen leitet, ſprecht von ihm mit der unbefangenſten Gleichgültigkeit, zeigt ſo wenig als möglich Intereſſe und Liebe für ihn, ſpottet vielmehr über ſein romantiſches Leben in Rheinsberg; das iſt das beſte Mittel, Euch und ihn beim Könige beliebt zu machen. Und nun, meine Töchter, kommt, laßt uns zur Geſellſchaft gehen! Eben öffnete der Ober⸗Ceremonienmeiſter von Pöllnitz die Thüren, um Ihrer Majeſtät zu verkündigen, daß die Geſſellſchaft verſammelt ſei, und aus dem Nebengemache traten die dienſtthuenden Hoffräuleins der Königin und der Prinzeſſinnen. Sophie Dorothea winkte ihren beiden Töchtern, ſich an ihre Seite zu ſtellen und unter Vortritt des Ceremonienmeiſters und des Hofmarſchalls durchſchritt ſie inmitten der beiden Prinzeſſinnen die Säle, um hier und dort ein Lächeln oder ein gnädiges Wort hin⸗ zuſpenden und ihre Blicke wie den Goldregen des Gottes über dieſer beglückten, ſich neigenden, eianderäna murmelnden Danaés⸗Hofge⸗ ſellſchaft auszuſtrömen. Ach, es war eine ſtolze Seligkeit, welche das Herz der Königin ſchwellte, als ſie unter dem Geſchmetter der Muſik, welche auf der Tribüne aufgeſtellt war, in den Thronſaal trat, als ſie all' dieſe beſternten Cavaliere, dieſe ſchimmernden, ſtolzen Frauen ſich demuths⸗ voll vor ihr neigen ſah, als ſie fühlte, daß ihr Wille mächtiger ſei, als der Wille aller Dieſer zuſammengenommen, daß ein Lächeln ihres Mundes mehr werth ſei und freudiger empfangen ward, als das Lächeln der geliebteſten Braut, daß ihr Blick Glanz und Freude — 8— ausſtrahle wie die Sonne, daß, während vor ihr ſich Alles beugte, es Niemand gebe, vor dem ſie ihr Haupt zu beugen habe. Nie⸗ mand! Denn der König, ihr Gemahl, war nicht neben ihr! Der König feſſelte ſie heute nicht mit ſeiner Gegenwart und ſeinem rauhen Weſen. Sie war heute kein zitterndes, beengtes Weib, ſondern eine ſtolze Königin, wie Friedrich Wilhelm heute kein König war, ſondern ein armer, gichtgeplagter, fluchender, betender, zähneknirſchender, wim⸗ mernder Menſch! Nichts weiter! — II. friedrich Wilhelm I. Hier auf dieſem Flügel des Schloſſes Lichterglanz, Leben und Luſt, dort drüben auf jenem, wo die Gemächer des Königs liegen, tes Einſamkeit und mürriſche Stille; hier hört man die luſtigen Klänge der Muſik, dort drüben nur das eintönige Klopfen des Ham⸗ mers, das wie das Klopfen des Todtenwurmes die Stille allein unterbricht.— Dieſes Klopfen und Hämmern kam unmittelbar aus dem Zimmer des Königs, und Friedrich Wilhelm ſelber war es, welcher den Hammer in ſeiner Hand hielt und das dumpfe, ſchallende Geräuſch verurſachte, welches zu entſtehen pflegt, wenn man in eine hohle Kiſte Nägel einſchlägt oder ihr Fugenwerk in einander häm⸗ mert und ſchlägt. Der König, welcher, wenn er geſund war, es liebte, den Krück⸗ ſtock zu ſchwingen und ihn ſchallend niederfallen zu laſſen auf irgend einen Rücken, ſei es der eines Lakaien, eines Staatsminiſters oder einer Frau, der König mußte, wenn er krank war, ſich ſchon damit begnügen, an dem empfindungsloſen Holz ſeinen Zorn auszutoben und ſtatt des Krückſtockes den Hammer zu ſchwingen und die Kneif⸗ N zange zu führen. Die Gicht machte aus dem ſtolzen, ſelbſtherrſchen⸗ den König einen armen, demüthigen Tiſchler, und wenn ſeine ge⸗ ſchwollenen Füße ihn an den Rollſtuhl feſſelten und die Schmerzen ihn hinderten, die Maſchine des Staats zu regieren und nach Be⸗ lieben zu drehen, begnügte er ſich damit, Kaſten und Kiſten aus Lindenholz zu fertigen*). Oft, wenn man in der Stille der Nacht an dem Schloſſe vorüberging, konnte man noch das Hämmern und Klopfen hören, welches gewiſſermaßen die wortloſen Bülletins über das Befinden des Königs waren. Wenn der König in der Nacht arbeitete und Tiſchler war, ſo bewies das den geängſteten Berlinern, daß der König leide, daß er nicht ſchlafen könne, und daß es daher ſehr gefährlich ſein würde, ihm am andern Tage auf ſeinem Spa⸗ ziergange durch die Straßen zu begegnen, weil man entweder durch ſeine Größe oder durch ſeine Kleinheit, durch den Schnitt ſeines Kleides, durch irgend ein geſprochenes Wort, das bis zu den Ohren des Königs gedrungen, ſeinen Zorn erregen, und ſich, wenn nicht einige wohlgeführte Hiebe, ſo doch eine donnernde Strafpredigt zu⸗ ziehen konnte. Hatte König Friedrich Wilhelm doch erſt kürzlich zwei junge anſtändige Damen verhaften und nach Spandau führen laſſen, weil er, in den Schattengängen des Parks von Schönhauſen wan⸗ delnd und das Geſpräch dieſer Beiden belauſchend, vernehmen mußte, wie ſie dieſen königlichen Garten„charmant, ganz charmant“ fanden. Dieſes eine franzöſiſche Wort hatte genügt, um die armen jungen Mädchen dem Könige zu verdächtigen und ſie ihm als loſe üppige Schönheiten zu bezeichnen, weshalb er ſie nach Spandau in die Feſtung ſchickte, von wo ſie erſt nach langem Flehen ihrer troſtloſen Familie befreit wurden*—⸗). Hatten doch die wohlgewachſenen Leute, *) Mémoires pour servir à l'histoire des quatre derniers souverains de la maison de Brandenbourg royale de Prusse. Par Charles Louis Baron de Poellnitz. Vol. II. pag. 359. **) Frédéric le Grand, sa famille, sa cour, son gouvernement et autres souvenirs de vingt ans de séjour à Berlin. Par Dieudonné Thiébault. Quatrième Edition. T. 3. p. 73. 3 — 10— die jungen Burſche immer zu fürchten, daß der König wegen ihrer Geſtalt ſie ergreifen und irgend einem Regimente einverleiben ließ, oder ſie ausſchalt wegen ihres müßigen Umhertreibens auf der Straße. Deshalb, ſobald der König das ſtolze Schloß ſeiner Ahnen verließ und auf die Straße ging, flüchtete Jeder angſtvoll in irgend ein Haus, eine abgelegene Gaſſe, um nicht dem Könige zu begegnen. Aber jetzt freilich hatte man nichts zu fürchten von dem gefeſ⸗ ſelten König; die Königin durfte ſonder Angſt ihre Brillanten anlegen, die Berliner durften, ob groß ob klein, ungefährdet durch die Straßen gehen, denn der König war leidend, gefeſſelt an ſeinen Rollſtuhl und hämmerte und hobelte an ſeinen Käſtchen von Lindenholz. Indeß dieſe Beſchäftigung hatte auch ihre wohlthuende, mediciniſche Seite und das Arbeiten zerſtreute den König nicht blos in ſeinen Schmerzen, ſondern es curirte ihn zuweilen auch von denſelben. Das raſche und unaufhörliche Bewegen der Hände und Arme theilte dem ganzen Kör⸗ per eine wohlthuende Wärme mit, verſetzte die Haut in eine gelinde Tranſpiration, die beruhigend auf die Nerven wirkte und ihn auf Stunden ſeiner Schmerzen vergeſſen machen konnte. Auch heute übte das Hobeln ſeine Heilkraft auf den König, auch heute konnte er ſich auf einige glückliche Momente einbilden, daß die Gicht, dieſer böſe Teufel den Beſchwörungen der Arbeit nachgegeben und ſeinen Körper verlaſſen habe. Er erhob ſich von ſeinem Rollſtuhl und ſtreckte mit einem ent⸗ zückten Ausruf die Arme weit aus, als wolle er die ganze Welt in ſeine Arme ſchließen, welche jetzt ihre Muskelkraft und ihre Lebens⸗ ſtärke wieder gewonnen, er rief mit mächtiger Stimme die im Neben⸗ zimmer harrenden Diener und befahl ihnen, eilig die Herren vom Tabackscollegium zuſammen zu rufen und Alles zu einer Sitzung zu ordnen. Aber dieſe Herren ſind drüben auf dem Ballfeſt der Königin, ſagte der erſtaunte Kammerdiener. So ſoll man ſie von dorther rufen, befahl der König. Es ſind glücklicher Weiſe keine Tänzer unter ihnen, ſondern ihre Glieder ſind ſteif und ungeſchmeidig und die ſchönen Fräulein würden einen Schreck bekommen vor den Bockſprüngen dieſer Cavaliere, wollten dieſe es verſuchen, mit ihnen zu tanzen. Hole ſie alſo! Der Pöllnitz ſoll kommen und der Eckert, der Baron von Gotter und der Hake, der Herzog von Holſtein und der General Schwerin. Schnell! ſchnell! In zehn Minuten müſſen ſie Alle hier ſein, aber Niemand von ihnen darf wiſſen, weshalb ſie gerufen werden. Du flüſterſt jedem Ein⸗ zelnen in's Ohr, daß er ſofort zu mir ſich zu verfügen habe, aber ohne irgend Jemand zu ſagen, wohin er gehe. Ich will nicht, daß das Feſt der Königin geſtört werde! Jetzt eile, und wenn alle dieſe Herren nicht in zehn Minuten hier ſind, ſo ſoll mein Stock auf Deinem Rücken ein Ballfeſt arrangiren, zu dem Du ſelber die Muſik heulen kannſt. Das war eine Drohung, welche die Füße des Kammerdieners ſeltſam beflügelte und ihn wie einen Wirbelwind durch die Vorſäle trieb, wo er im Vorüberfliegen mit keuchender Eile dem zweiten Kam⸗ merdiener befahl, ſchnell die Pfeifen, den Taback und die Bierkrüge in das Schlafgemach des Königs zu tragen und dann weiter eilte nach dem andern Flügel des Schloſſes, wo in den erleuchteten Feſt⸗ ſälen das Ballfeſt der Königin ſtattfand. Das Glück war dem armen geängſtigten Kammerdiener günſtig, in einigen Minuten hatte er die bezeichneten Herren ausfindig gkmacht, in zehn Minuten ſtanden ſie alle ſechs im Vorzimmer des Königs und fragten mit verwirrten und bleichen Geſichtern ſich untereinander nach dem Grund dieſer ſeltſamen und unerwarteten Berufung. Der Kammerdiener zuckte ſchweigend die Achſeln und begab ſich ſtumm in das Gemach des Königs. Se. Majeſtät ſaß in voller Uniform ſeines geliebten Garderegi⸗ ments an dem runden Tiſche, auf welchem bereits die Pfeifen und die mit ſchäumendem Bier angefüllten Krüge ſtanden. Se. Majeſtät hatte geruht, ſich mit eigenen hohen Händen eine Pfeife zu ſtopfen und war eben im Begriff, ſich dieſe an dem einzigen dampfenden, ſchwälenden und übelriechenden Talglicht anzuzünden, welches das Gemach des Königs erleuchtete. Sire, ſagte der Kammerdiener, die befohlenen Herren warten im Vorzimmer. Wiſſen ſie, weshalb ich ſie rufen ließ? fragte der König, eine große Rauchwolke aus ſeinem Munde blaſend. Majeſtät hatten mir verboten, es ihnen zu ſagen. So gehe jetzt zu ihnen und ſage ihnen, ich ſei heute ſo grimmig, wie Du mich lange nicht geſehen. Ich ſtände mit dem Krückſtock an der Thür und habe befohlen, daß ſie nur einer nach dem andern zu mir eintreten ſollten. Der Kammerdiener eilte hinaus zu den wartenden Cavalieren und wie er die Thür öffnete, ſahen dieſe den König, welcher mit dem drohend gehobenen Stock neben der Thür ſtand. Was iſt's? Warum zürnt der König? Was für Befehle bringt Ihr uns von Sr. Majeſtät? fragten die Herren angſtvoll und haſtig durcheinander. Der Kammerdiener nahm eine entſetzlich ſchauerliche Miene an. Se. Majeſtät iſt heute ſehr zornig, ſehr übler Laune. Wehe dem, über den die Wolke ſeines Zornes ſich entladen wird. Sie iſt zum Platzen voll! Er befahl mir, den Herren hier zu ſagen, daß Jeder von Ihnen einzeln, nicht Alle auf einmal zu ihm eintreten ſollten. Gehen Sie alſo. Laſſen Sie um's Himmelswillen den König nicht warten! Die ſechs Cavaliere ſchauten einander bleich und unſchlüſſig an. Jeder von ihnen hatte das drohende Bild des mit, erhobenem Stock an der Thüre ſtehenden Königs geſehen, Keiner wollte der Erſte ſein, unter dieſem Joch hindurch zu gehen. 4 Ew. Durchlaucht haben den Vortritt, ſagte der Ober⸗Kammer⸗ herr von Pöllnitz, ſich vor dem Herzog von Holſtein tief verneigend. Nicht doch, ſagte dieſer, Sie wiſſen es wohl, daß Se. Majeſtät nichts von der Etiquette hält und es ſehr übel aufnehmen würde, wenn wir eine ſolche beobachten wollten. Gehen Sie ſelber zuerſt hinein, mein lieber Pöllnitz. Oh, nicht ich, Durchlaucht. Ich würde es nicht wagen, vor Ihnen Allen den Vortritt zu nehmen. Wenn Sie dieſe Ehre ab⸗ — 13— lehnen, gebührt ſie dem General von Schwerin. Er muß die Schlacht anführen. General, ſondern möglicher Weiſe vom Geſchlagenwerden, und dar⸗ auf verſteht der Herr von Pöllnitz ſich beſſer als ich. 4 Meine Herren, ſagte der Kammerdiener, Se. Majeſtät wird ungeduldig werden und dann wehe uns Allen. Aber mein Gott, wer von uns wird denn gehen? fragte der Graf von der Goltz unſchlüſſig. Ich werde gehen, ſagte der Geheimrath Eckert vortretend, ich danke Sr. Majeſtät Alles, was ich bin, es iſt alſo ſehr natürlich, daß ich ihm meinen Rücken, ja, wenn es ſein muß, mein Leben zur Verfügung ſtelle. Und er näherte ſich mit feſtem Schritt der Thür, die er mit einem raſchen Druck öffnete. Man ſah den König, welcher mit blitzenden Augen ſeinen Stock höher erhob, man ſah Eckert, welcher gebeugten Hauptes eintrat,— dann ſchloß ſich die Thür wieder. Alles blieb ſtill. War Er es, den der Zorn des Königs bedrohete? fragte Pöllnitz ſchüchtern. Der Zorn des Königs bedroht heute Jeden! ſagte der Kammer⸗ diener mit einem unheilsvollen Seufzer. Weer wird jetzt gehen? fragten die fünf Cavaliere ſich wieder, und erſt nach einem harten Kampfe entſchloß ſich diesmal der Ober⸗ Kammerherr von Pöllnitz, den harten Gang zu wagen. Und wieder ſah man, als die Thür ſich öffnete, den König mit ſeinem erhobenen Stocke daſtehen, und wieder ſchloß ſich die Thür, ohne daß man etwas Weiteres gewahr ward. Viermal noch erneuerte ſich dieſelbe Scene, viermal noch ſah man das ſchreckensvolle Bild des Königs. Aber als der General von Schwerin, der letzte der ſechs Cavaliere, endlich in das königliche Gemach eintrat, ſtand der König nicht mehr an der Thür, ſondern er lag in ſeinem Lehnſtuhl und lachte, daß ihm die Augen übergingen, während Herr von Pöllnitz vor ihm ſtand und ihm in ſeiner kecken, humoriſtiſchen Weiſe die Angſtſcene Aber es handelt ſich hier nicht um eine Schlacht, murrte der — 14— im Vorzimmer ſchilderte und, die Stimme jedes Einzelnen der Herren nachahmend, ihre Unterhaltung im Vorzimmer wiederholte. Ihr glaubtet alſo Alle an meinen Zorn? fragte der König athemlos vor Lachen. Der Spaß iſt alſo vollſtändig gelungen und Enre Herzen haben gezittert vor Angſt? Auch das Seine, alter Schwerin? Nun hat Er alſo jetzt endlich erfahren, was es heißt, ſich zu fürchten, Er, welcher auf dem Schlachtfelde und im Kugel⸗ regen noch niemals eine Anwandlung empfunden hat? Ja, Sire, eine Kugel iſt auch ein erbärmlicher Wicht gegen das Zornesblitzen Eurer Augen. Wenn die Kanonen donnern, hüpft mein Herz vor Freude, während es vor dem Donner Eurer Stimme ſich ſcheu in meiner Bruſt verkriechen möchte. Ich fürchte den Tod nicht, aber ich fürchte den Zorn und die Ungnade meines Königs. — Ach, Du biſt ein braver Kerl, ſagte der König freundlich, dem General ſeine Hand darreichend. Und jetzt, meine Herren, fort mit allem Zwang und aller Etiquette. Der König iſt drüben auf dem Ball und Euer Gevatter Friedrich Wilhelm eröffnet hiermit das Tabackscollegium. Er nahm ſeine Pfeife und ſetzte ſie wieder an dem Lichte in Brand. Dann ließ er ſich auf einen der Stühle, die um den run⸗ den Tiſch geſtellt waren, niedergleiten, die übrigen Herren folgten ſeinem Beiſpiel und das Tabackscollegium nahm ſeinen Anfang. III. Das Tabacks⸗Coſſegium. Anfangs trat eine Pauſe ein. Jeder war damit beſchäftigt, ſeine Pfeife in Brand zu ſetzen, bald wirbelten ſich von Aller Lippen große Rauchwolken empor, die mit ihren bläulichen Dünſten das ganze. — — 15— Zimmer wie in einen Schleier einhüllten, aus deſſen Mitte das Talg⸗ licht mit einem trüben gelben Schein, nicht wie Feuer, ſondern nur wie mattgeſchliffenes Gold hervorblickte. Zünde noch einige Lichter an, befahl der König dem Kammer⸗ diener. Unſer Tabackscollegium ſoll heute auch einen glänzenden und ſchönen Anblick darbieten, damit es nicht zu ſehr contraſtire gegen das Ballfeſt da drüben. Sage mir, Pöllnitz, wie ſieht's da drüben aus? Iſt es eine ſchöne Geſellſchaft? Iſt man vergnügt? Iſt die Königin heiter und ſpringen die Prinzeſſinnen tüchtig herum? Majeſtät, ich ſah niemals ein glänzenderes Feſt als das heutige, ſagte Pöllnitz, und niemals waren Ihro Majeſtät ſchöner, ſtrahlender und auch heiterer anzuſehen, wie heute! Sie glänzte und funkelte wie eine Sonne unter all' den Damen hervor, ſo ſchön geputzt und behangen dieſe auch immer waren. So! Sie hat ſich alſo ſehr geputzt? fragte der König, und eine Wolke zog über ſein Antlitz hin. Sire, ich habe nicht gewußt, daß die Königin einen ſolchen wahrhaft fürſtlichen Schatz von Brillanten beſäße! Ah, ſie hat alſo ihre Brillanten angelegt? Man macht ſich alſo meine Abweſenheit ſehr zu Nutze, wie es ſcheint? Man iſt ſehr vergnügt und guter Dinge, während ich mich auf meinem Schmer⸗ zenslager winde? rief der König, welcher in ſeinem ſchnell gereizten Unmuth gar nicht daran dachte, daß er ſelber das Feſt befohlen und von ſeiner Gemahlin verlangt hatte, daß ſie ganz heiter und ſorglos erſcheine. Sire, glücklicher Weiſe ſind Ew. Majeſtät nicht krank und nicht auf einem Schmerzenslager, ſagte der Herzog von Holſtein, die Kö⸗ nigin hatte alſo wohl Urſache, heiter zu ſein.. Der König antwortete nicht. Er that einen langen Zug aus ſeinem Bierkrug und ließ dann mit einer zornigen Bewegung den Deckel auf den Rand des Kruges zuſchlagen. Es ſollte mich nicht wundern, wenn auch der Fritz heimlich zu dieſem Balle herüber gekommen wäre, murmelte der König, ſie wagen Alles, wenn ſie nicht fürchten, daß ich ſie überraſchen kann. — 16— Aber Ew. Majeſtät verſtehen ſich auf die Ueberraſchungen wie kein Anderer! rief der Graf Hake, bemüht, dem Geſpräche eine an⸗ dere Wendung zu geben. In meinem Leben habe ich mein Herz nicht ſo klopfen gefühlt, als indem ich heute die Schwelle dieſes Ge⸗ maches überſchritt. Der König, ſchnell beſänftigt, lachte laut. Und ich habe in meinem Leben nicht ſo bleiche Geſichter geſehen als die Euren! Wahrhaftig, wären meine Finger nicht juſt ſo ſteif und ungelenkig von den Gichtſchmerzen, ſo würde ich Euch ein Bild dieſer Scene malen, das ein prächtiges Gegenſtück zu meinem Bilde vom Tabacks⸗ collegium abgeben ſollte, und nennen wollte ich es: die ſechs Schnei⸗ dergeſellen, weiche Furcht vor dem blauen Montag haben! Ach, ſeht einmal, wir werfen uns jetzt auch auf die Poeſie und Kunſt und unſer gelehrter und phantaſtiſcher Herr Sohn wird bald gar keinen Vorzug mehr vor uns haben! Spielt er die Flöte, nun ſo malen wir, ſchreibt er empfindſame Gedichte, nun, ſo wollen wir Spott⸗ gedichte ſchreiben, und während er die Sonne und den Mond an⸗ ſingt, thun wir es den Göttern gleich und hüllen uns wie Jupiter in eine Wolke ein. Verſteht ſich aber, daß es nicht geſchieht, um eine Semele oder irgend ein anderes Weib zu bethören, denn Wir ſind Unſerer Gemahlin immer und aller Orten treu geweſen und ich denke wohl, daß ſich der Kronprinz in dieſem Punkte an ſeinem Vater ein Beiſpiel nehmen könnte. In allen Dingen könnte er das, Majeſtät! bemerkte Graf Goltz, eine große Rauchwolke von ſich blaſend. Ach, er denkt dereinſt den Staat mit ſeiner Bücherweisheit und ſeinen Gedichten zu regieren, ſagte der König lachend. Statt ſich mit nützlichen Dingen zu beſchäftigen, Rekruten einzuexerciren, Pläne zu zeichnen und die Kriegskunſt zu ſtudiren, verwendet er ſeine Zeit auf den unnützen Flittertand oberflächlicher Gelehrſamkeit, die Nie⸗ mandem Etwas nützt und ihm ſelber nur zum größten Schaden ge⸗ reicht. Denn um ein guter König ſein zu können, darf man kein träumeriſcher Gelehrter ſein, und wer ſtatt des Scepters und der — 17— Fuchtel den Fiedelbogen und den Taktirſtock in der Hand hält, kann nimmermehr ein guter General ſein und werden. Doch war bei der letzten Parade das Regiment des Kronprinzen das ſchönſte und geſchickteſte, ſagte der Herzog von Holſtein. Der König warf ihm einen mißtrauiſchen Blick zu und murrte einige Worte vor ſich hin, die Niemand verſtand. Er liebte es nicht, wenn man ihm gegenüber den Kronprinzen vertheidigte, und jedes Lob deſſelben machte ihm denjenigen, welcher daſſelbe äußerte, verdächtig. Ew. Majeſtät vergeſſen, daß wir hier im Tabackscollegium und nicht im Staatsrath ſitzen, ſagte Pöllnitz mit ſchmeichleriſcher Stimme. Wenn Ew. Majeſtät ſich ärgern wollen, war's nicht nöthig, die Pfeife anzuzünden und den Bierkrug zu füllen, denn die Pfeife geht aus, weil Sie nicht rauchen und das Bier verſchäumt, weil Sie nicht trinken. Es iſt wahr, ſagte der König, und indem er den Bierkrug erhob, fuhr er fort: Ich trinke das Glas auf das Wohl deſſen, der zuerſt ſein Haſenherz überwand und es wagte zu mir einzutreten. Wer war's doch? Ich hab's vergeſſen! Es war der Geheimerath von Eckert, Majeſtät! ſagte Graf Hake mit einem ironiſchen Lächeln, während Eckert ſich lächelnd verneigte. Und er ging in das Zimmer, als ob es zu einer Schlacht ginge, rief Herr von Pöllnitz lachend. Er nahm im Geiſte Abſchied von all ſeinen ſchönen Brauereien und kunſtvollen, nie rauchenden Kaminen, die er gebaut, Abſchied auch von den Börſen der Städte, die er noch nicht mit königlichen Commiſſarien verſehen, um ſie von ihren Reich⸗ thümern zu befreien, Abſchied von ſeinem Orden der Großmuth und ſeinen eigenen Geldſäcken und mit einer Thräne im Auge ausrufend: „Ich verdanke dem Könige Alles was ich bin, es iſt daher natürlich, daß ich ihm auch meinen Rücken und mein Leben zur Verfügung ſtelle,“ marſchirte er todtesmuthig in das königliche Gemach. Wirklich, that er das? Sagte er das? rief der König. Das gefällt mir von Dir, Eckert, und ich werde Dich dafür belohnen. Friedrich der Große. I. 2 — 1— Es iſt wahr, ich habe Dich aus dem Schmutz erhoben und aus dem Kaminfeger einen vornehmen Mann gemacht, aber es iſt ſelten, daß die Menſchen dankbar ſind und ſich empfangener Wohlthaten erinnern. Weil Du's thuſt, haſt Du ein edles Herz und das weiß ich zu ſchätzen. Das neue Haus, welches ich in der Jägerſtraße bauen laſſe, ſoll Dir gehören, und ich will Dir nicht blos die kahlen Wände ſchenken, ſondern es ſoll Dir auf meine Koſten mit ſchönen Meubles und allem ſonſtigen nöthigen Hausrath ausgeſtattet werden*). O, Ew. Majeſtät ſind der gnädigſte, der gütigſte Monarch, rief Eckert, zu dem Könige hineilend und deſſen Hand an ſeine Lippen drückend. Ja, Ew. Majeſtät haben wohl Recht zu ſagen, daß Sie mich aus dem Schmutz emporgezogen haben, aber mein Herz min⸗ deſtens war immer rein und fleckenlos, und ſo will ich es mir erhal⸗ ten und ſo ſoll es bleiben. Aus der Hefe des Volkes haben Sie mich errettet; wie die edlen Römer ihren Sclaven die Freiheit ſchenkten, wenn ſie durch ſchöne Thaten ſich dieſer Gnade würdig gemacht, ſo hat auch mein König mich erlöſt von der Sclaverei der Armuth und Niedrigkeit und mir die Freiheit geſchenkt, aber auch ich werde ſuchen durch ſchöne und große Thaten mich dieſer Gnade würdig zu machen! Und dazu bietet Ihnen Berlin die beſte Gelegenheit, ſagte Pöllnitz, denn es ſind noch ſehr viel rauchende Kamine und ſehr viel ſchlechte Bierbrauereien dort. Der Herr Geheime Finanzrath von Eckert kann alſo noch viel gloriöſe Thaten ausüben; ehe er zu ſeinen Ahnen verſammelt wird. Alle lachten und ſelbſt der König konnte ſich eines leiſen Lächelns nicht erwehren. Nur des Herrn von Eckerts Geſicht war bleich und finſter geworden, und indem er dem Kammerherrn von Pöllnitz einen zornigen Blick zuſchleuderte, ſagte er mit einem erzwungenen Lachen: In der That, Sie ſind heute von einem blendenden Witz und Ihre Scherze entzücken mich ſo ſehr, daß, wenn Ihnen Ihr Weinhändler einmal wieder den verlangten Wein verſagen ſollte, weil Sie Ihre *) Pöllnitz Vol. II. pag. 342. — 19— alten Rechnungen noch nicht bezahlten, ich gerne bereit bin Ihnen einige Flaſchen aus meinem Keller zu ſenden, damit Ew. Gnaden auf meine Geſundheit trinken können. 4 Das werde ich thun, ſagte Pöllnitz freundlich. Ja, auf Ihre lange und dauernde Geſundheit werde ich trinken, denn je länger Sie leben, deſto mehr Zeit haben Ihre Ahnen, auch ein wenig zu wachſen und ſich zu mehren, und da Sie, wie es ſcheint, nicht dazu beſtimmt ſind, der Stammbaum eines kommenden Geſchlechtes zu werden, ſo müſſen Sie Sich wenigſtens bemühen, der Stammvater Ihrer Ahnen und der Vater Ihrer Väter zu werden. Sie erzeugen Ahnen, wie Andere Kinder und wenn ich nicht irre, beſitzen Sie jetzt deren drei. Das iſt aber für einen reichen und vornehmen Mann ſehr wenig. Ich werde alſo auf Ihre Geſundheit trinken, damit Sie noch viele Ahnen erzeugen können, und ich ſchlage Ew. Majeſtät vor, ihm für jeden vom Rauch befreiten Kamin einen Ahnherrn zu ſchenken. Ruhig, ruhig, Pöllnitz! rief der König lachend. Laß Deine Bosheiten und hört mir einmal ernſthaft zu. Ich habe dem Eckert das neue Haus geſchenkt, und da ich ihm den Adelstitel verliehen, iſt es auch ziemlich, daß wir ein adeliges Wappen über ſeiner Thür an⸗ bringen. Meine Herren, laßt uns alſo überlegen, wie das Wappen des Herrn von Eckert zuſammengeſetzt ſein ſoll. Jeder von Euch ſoll mir der Reihe nach ſeine Meinung ſagen. Ihr, Herr Herzog, fangt an. Mit ſehr ernſthaften und ſehr gelehrten Mienen begannen jetzt die Herren über das Wappenſchild des Herrn von Eckert zu berathen, und Jeder, die Gunſt, in welcher Eckert beim Könige ſtand, berück⸗ ſichtigend, war bemüht, ein möglichſt prächtiges und ſchönes Wappen⸗ ſchild vorzuſchlagen. Aber dem König gefielen dieſe ernſten und ge⸗ lehrten Wappenſchilde, welche man vorſchlug, gar nicht; es wider⸗ ſtrebte ihm, dem neugeſchaffenen Baron ein Wappen zu geben, das eines altadeligen Hauſes würdig geweſen, und das ihn in eine Linie ſtellte mit den älteſten Reichsfreiherren und Baronen. Wenn ich ein Haus bauen laſſe, ſagte er kopfſchüttelnd, ſo will ich, daß man ſehe, daß es neu iſt, ich gebe ihm daher einen hübſchen 2* — 20— weißen Anſtrich und nicht eine alte graue Steinfarbe, um es ausſehen zu machen wie eine alte Ritterburg. Der Eckert muß alſo auch einen neuen Anſtrich für ſein neues Adelshaus haben, ein funkelnagelneues Wappenſchild. Ew. Majeſtät ſind da ganz meiner Meinung, rief Pöllnitz feierlich, und wie jedes adelige Geſchlecht in ſeinem Wappen irgend ein Zeichen und eine Erinnerung an die Thaten und Ereigniſſe trägt, durch welche es groß geworden, ſo muß auch das adelige Geſchlecht derer von Eckert ſolche Erinnerungszeichen in ſeinem Wappen haben. Ich ſchlage alſo vor, dieſes Wappen in vier Felder zu theilen. Das erſte Feld zeigt auf ſilbernem Grund einen ſchwarzen Rauchfang, womit wir zugleich die preußiſchen Farben angedeutet haben. Das zweite Feld iſt blau mit einer goldenen Kufe darin, in Bezug auf Eckerts großes Bierbrauertalent; das dritte Feld iſt grün mit einem goldenen Faſan in der Mitte, als Hindeutung auf Eckerts früheres Geſchäft als Faſanenwärter in Braunſchweig, und das vierte Feld zeigt auf rothem Grunde einen Hahn und ein Meſſer, zur Erinnerung an jene ſchöne Zeit, wo der Herr Geheime Finanzrath von Eckert in Baireuth Kapaunen machte und ſie mäſtete. Ein ſchallendes Gelächter des ganzen Tabackscollegiums belohnte den Herrn von Pöllnitz für ſeinen Vorſchlag, der übrigens dem Könige ſo wohlgefiel, daß er alles Ernſtes beſchloß, ihn anzunehmen und dem Hauſe in der Jägerſtraße über der Thür ein Wappenſchild mit den von Pöllnitz vorgeſchlagenen Emblemen zu geben*). Die Heiterkeit der Herren vom Tabackscollegium nahm nun einen feurigen, energiſcheren Ausdruck an, und Jeder war bemüht, durch derbe Scherze die Laune des Königs immer auf's Neue anzu⸗ fachen, ihn immer neuen Stoff zum Lachen und zur Luſtigkeit zu geben. Der Heiterſte von Allen aber war der Oberkammerherr von Pöllnitz; ſeine Scherze ſprudelten wie ein friſcher Quell von ſeinen Lippen und wenn ſie einmal zu verſiegen drohten, ſo genügte es *) Pöllnitz II, pag. 342. V- — 21— dem boshaften Kammerherrn einen Blick auf das blaſſe, von ver⸗ haltenem Zorn zuckende Antlitz des Herrn von Eckert zu werfen, um ſich zugleich zu neuer Luſtigkeit und neuem Scherze begeiſtert zu fühlen. Als der König mit Eckert von der Einrichtung ſeines neuen Hauſes ſprach, neigte Pöllnitz mit einem ſchadenfrohen Lächeln ſich zu ſeinem Nachbar hin. Geſtehen Sie, Herr Graf, daß ich meine Ungeſchicklichkeit wieder gut gemacht habe, ſagte er. Ich war es, der jenem heuchleriſchen Menſchen vorher durch meine unbeſonnene Wie⸗ derholung ſeiner Worte die Schenkung jenes Hauſes verſchaffte, aber ich habe ihm jetzt auch dafür ſein adeliges Wappen verſchafft, und ich wette, der Herr Geheimrath gäbe gern ſein Haus hin, könnte er dafür nur ſein Wappen wieder los werden. Warum ſiehſt Du eben ſo ernſthaft aus, Pöllnitz? fragte in dieſem Moment der König über den Tiſch hin. Ich wette, Du ärgerſt Dich, daß ich nicht Dir das hübſche Haus in der Jägerſtraße geſchenkt habe. Nicht doch, Majeſtät. Ich könnte jenes daus gar nicht gebrauchen, ſo hübſch es immer ſein mag. Ach ja, Du haſt Recht, es wäre für Dich viel zu groß! ſagte Friedrich Wilhelm lachend. Nein, Majeſtät, es wäre für mich viel zu klein, denn wenn ſich ein Cavalier meiner Art einmal entſchließt, ein Haus zu machen, ſo muß er es ſeinem Stande und ſeinem Range angemeſſen halten, und das koſtet viel Geld, leider ſehr viel mehr, als ich jemals beſeſſen habe. Freilich hatte ich ein Vermögen von ungefähr zwei Mal hun⸗ derttauſend Thalern, als mein Vater ſtarb, aber was ſollte ein Edel⸗ mann mit einer ſolchen Lumperei anfangen? Es war zu wenig, um davon anſtändig leben zu können, zu viel, um auf ſeine Armuth betteln zu können. Ich berechnete mir alſo, wie lange dieſe Summe genügen könnte, um davon einigermaßen anſtändig zu leben, und da ich fand, daß ſie bei einiger Sparſamkeit vielleicht vier Jahre ge⸗ nügen könnte, ſo habe ich denn vier Jahre wie ein nobler und frei⸗ gebiger Cavalier gelebt und das Glück gehabt, während dieſer vier Jahre die zärtlichſten Freunde und die treueſten Geliebten zu haben, —,—.— — ꝗͦ————— 3 — — — 22— die mich nicht eher verließen, als bis der letzte Thaler meines Ver⸗ mögens verausgabt war und ich ausziehen mußte, mein Glück auf's Neue zu gründen. So alſo haſt Du in vier Jahren zwei Mal hunderttauſend Thaler verausgabt? fragte der König. Ja, Majeſtät, und ich verſichere Ihnen, daß ich dabei nur äußerſt ſparſam und in gewiſſem Betracht dürftig leben konnte. Friedrich Wilhelm ſah ihn mit erſtaunten, faſt bewundernden Blicken an. Es lag etwas in dem Weſen des Kammerherrn, welches dem König imponirte. Die großartige Verſchwendungsſucht des Barons, welche ſo ſehr zu der Sparſamkeit des Königs contraſtirte, übte gernde durch dieſen Contraſt einen ſo großen Einfluß auf den König aus, und ließ ihn dieſen leichtfertigen, gewandten, ſtets heitern, ſtets witzigen Höfling anſtaunen und bewundern. Alſo fünfzigtauſend Thaler Rente genügen nicht, um anſtändig leben zu können? fragte der König. Majeſtät, wenn man nur einigermaßen den Anforderungen, welche man an einen Sdelmann machen kann, genügen joll, kann man dabei verhungern. Ach, erkläre uns das! Sage uns eimmal, wie viel Du alſo bedarfſt, um eines Edelmannes würdig zu leben? Pöllnitz ſchwieg einen Augenblick und ſtarrte nachdenkend vor ſich hin, während er große Rauchwolken durch ſeine Naſe blies, die ſich in wirbelnden Strömen um ſeine Stirne kräuſelten. Majeſtät, um einigermaßen anſtändig zu leben, würde ich jährlich vier Mal hunderttauſend Thalar hedürfen, ſagte er dann nach einer Pauſe. Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich! rie der König. Das iſt ſo ſehr möglich, mein Amnig⸗ daß ich kaum weiß, ob ich damit auskommen werde. Glaubt Ihr das, meine Herren?— der König. Ich meinestheils habe nicht den vierten Theil dieſer Einnahme, ſagte der Herzog von Holſtein lächelnd. Ich nicht den zehnten Theil! rief der Graf von der Goltz. N — 23— Ich nicht den zwanzigſten Theil! riefen d General von Schwerin und der Graf Hake zu gleicher Zeit. Und doch, ſagte der König, doch lebt Ihr Alle als anſtändige Cavaliere und geachtete Herren meines Hofes. Laßt uns alſo hören, wie der Pöllnitz es machen will, ſo viel Geld auszugeben. Schnell, Jochen, ſchnell! Gieb uns einen Bogen Papier und Bleifeder her. Der Kammerdiener eilte mit dem Befohlenen herbei und reichte dem König das Papier und den Crayon dar. Schenke die Krüge wieder voll, Jochen, befahl der König und dann ſetze Dich dort auf Deinen Platz zu unterſt des Tiſches und horche wohl auf, was uns der Pöllnitz Alles erklären wird. Es verlohnt ſich immer der Mühe zu wiſſen, wie man auf eine anſtändige Manier jährlich vier Mal hunderttauſend Thaler ausgeben kann. Fange alſo an, Pöllnitz. Ich ſelber will Dein Sekretair ſein und Du ſollſt mir dictiren. Wehe Dir aber, wenn Du Dein Wort nicht löſeſt und weniger gebrauchſt. Für jedes Tauſend Thaler weniger mußt Du zehn Krüge Bier trinken und eine Pfeife von dem ſtarken 4 Havannataback rauchen, den mir kürzlich der Statthalter von Hoßiand zugeſchick. Was aber, fragte Herr von Pöllnit lachend, was Lckommt ich für jedes Tanſend Thaler, welches ich mehr gebrauche? Ah. bah, es iſt unmöglich, daß ein Edelmann mehr gebrauchen kann, vorausgeſetzt, daß er es nicht auf eine närriſche Manier wie ein Verrückter vergeuden will.— 8 Und wenn ich, nur um anſtändig und eines Edelmannes würdig zu leben, dennoch mehr gebrauchte, Majeſtät, was bekomme ich dann für jedes Tauſendnd Nun, dann werde ich Dir für jedes Tauſend ein Perrder von Deinen älteſten Schulden bezahlen, ſagte der König. Nun aber fange au. Und Ihr, meine Herren, trinkt und raucht und merket wohl auf! ———— IV. Spaniſche Luftſchlöſſer. Ich fange an, ſagte Pöllnitz. Zuerſt bedarf ich natürlich eines 3 Hauſes und zwar eines anſtändigen, in welches ich meine Gäſte auf⸗ 1 nehmen, meine Sammlungen aufſtellen, meine Freunde bewirthen, 1 ohne von irgend einem Geräuſch geſtört zu werden, meinen Studien obliegen kann, in welchem meine Gemahlin ihre eigenen Empfang⸗ 3 6. Zimmer und Salons hat, denn da ich zuweilen rauchen und einige andere rauchende Freunde bei mir haben werde, ſo müſſen die Em⸗ pfang⸗Zimmer meiner Gemahlin abgeſondert von den meinigen liegen. Nun, Deine Gemahlin wird es Dir wohl geſtatten, in ihrem Salon zu rauchen, rief der König lachend. Und wenn ſie es mir erlaubte, Majeſtät, ſo würde ich es nicht annehmen, denn es ziemt ſich nicht für einen Cavalier im Zimmer einer Dame zu rauchen. Der König erröthete ein wenig und ſetzte den Krug an die . Lippen, um ſeine Verlegenheit zu verbergen, denn er dachte daran, wie oft er, nicht achtend der Seufzer der Königin, in ihren Gemächern geraucht habe. 3 Pöllnitz fuhr ruhig fort: Ich muß alſo verſchiedene Salons und Empfang⸗Zimmer haben. Da es aber ferner ſehr häufig vor⸗ kommen wird, daß meine Gemahlin und ich mit einander uneins ſind, und uns demgemäß nicht zu begegnen wünſchen, ſo müſſen in meinem Hauſe zwei ganz von einander getrennte Treppen ſein, wie auch zwei Auffahrten, damit meine Gemahlin und ich niemals in die Gefahr kommen, uns zu begegnen, wenn wir es nicht wollen. 5* Ach, Du wirſt alſo in einer ſchlechten Ehe mit Deiner Gemahlin leben, und ihr werdet zuweilen mit einander zanken? Nicht doch Majeſtät, wir werden uns niemals zanken, denn es wuüre für einen Cavalier höchſt unziemlich zu zanken und mit ſeiner Gemahlin eine Scene zu haben.— 2 V — 25— Der König erröthete wieder, dies Mal aber vor Zorn. Dieſe Auseinanderſetzungen über das Weſen eines wirklichen Cavaliers be⸗ gannen ihn zu beleidigen und ihm wie eine boshafte Satyre auf ihn ſelber zu erſcheinen, denn unglücklicherweiſe rauchte der König nicht nur in den Zimmern ſeiner Gemahlin, ſondern alle Welt wußte, daß er ſeiner Gemahlin und ſeinen Kindern gegenüber nur zu oft ſich den Ausbrüchen ſeines heftigen und rückſichtsloſen Naturells überließ und ſelbſt die Königin mehr als einmal durch ſeine donnernden Scheltworte und ungebührlichen Drohungen in Angſt und Schrecken verſetzt hatte. Ew. Majeſtät ſehen alſo, daß mein Haus ſehr groß ſein muß, fuhr Pöllnitz fort, und da es ſehr groß iſt, wird es viel Erhaltungs⸗ koſten und eine hinlängliche Anzahl von Dienern erfordern. Doch davon ſpäter! Bleiben wir zuerſt bei meinen Häuſern, denn es ver⸗ ſteht ſich wohl von ſelbſt, daß ich auch ein Landhaus haben muß, um darin die Sommermonate hinzubringen. Ja, das iſt eine billige Forderung, ſagte der König, indem er das Landhaus auf ſeinem Papier verzeichnete. Aber man geht nicht in ein Landhaus, um daſelbſt nur in ſeinen Zimmern zu leben, wie in ſeiner Stadtwohnung, ſondern man will dort der Natur und des Sommers genießen. Ich werde alſo einen Garten haben müſſen mit Treibhäuſern und ſchönen Anlagen und zu deren Erhaltung bedarf es natürlich mehrerer, und zwar geſchickter Gärtner. Da ich ferner nicht verlangen kann, daß meine Freunde blos zu mir kommen, um meine Blumen zu riechen und meine Me⸗ lonen und Pfirſiche zu eſſen, welches Alles ſie eben ſo gut von einem Handelsgärtner kaufen können, ſo muß ich darauf denken, meinen Freunden andere und ſeltenere Vergnügungen zu bereiten. Ich muß alſo vor allen Dingen einen Wald haben, um darin jagen, einen See, um darin fiſchen zu können. Ja, das iſt wahr und wohl begründet, ſagte der König, den Wald und See auf ſeinem Papier notirend. 8 Nun kommen wir zu dem Wichtigſten, zu der Küche und dem Weinkeller. Auf beide muß ich eine beſondere Sorgfalt verwenden, — 26— denn es wäre eines Cavaliers durchaus unwürdig, ſeinen Freunden nur ſolche Schüſſeln vorzuſetzen, wie man ſie täglich in ſeinem eigenen Hauſe haben kann. Nein, wenn ich meine Freunde einlade, müſſen ſie alle Mal gewiß ſein, bei mir Dinge zu eſſen, welche ſie nirgends ſonſt bekommen können und die ihrem Gaumen wie nie gekoſtete BPBunder und Mährchen erſcheinen. Da bin ich ganz Deiner Meinung, rief der König, deſſen Antlitz freudig erglänzte bei dem Gedanken an all' die Herrlichkeiten und köſtlichen Speiſen, welche der reiche Pöllnitz ſeinen Freunden vorſetzen würde. Höre einmal, zuweilen kannſt Du mir alsdann auch die herr⸗ liche Schinkenpaſtete machen laſſen, die ich einmal bei Grumbkow ge⸗ geſſen. Ach, das war in der That, wie Du ſagſt, ein nie geahntes Mährchen für meinen Gaumen und mein Koch mußte ſich ſogleich von Grumbkow's Koch das Recept dazu geben laſſen. Aber, was denkt Ihr, es bedurfte dazu dreier Flaſchen Champagner, in denen der Schinken drei Tage liegen mußte, und dreie ſchen Burgunder, in denen er ſchmoren ſollte. Da mußte ich denn die Abſicht aufge⸗ ben, mir eine ſolche Paſtete backen zu laſſen, und habe dem Grumb⸗ kow geſagt, daß ich, wenn ich einmal Luſt habe, wieder eine ſolche Paſtete zu eſſen, mich bei ihm zu Gaſt bitten werde*). Du kannſt mir alſo auch zuweilen eine ſolche Paſtete mach en kaſſen, denn ſie iſt wirklich ſchön. Ich werde Eure Befehle erfüllen, Majeſtät, ſagte Pöllnitz ganz ernſthaft, indem er ſich verbeugte. Fahren wir zuerſt fort, mein Haus einzurichten, nachher wollen wir die Schinkenpaſteten anfertigen laſſen. Da wir von der Jagd geſprochen haben, ſo müſſen wir nun auch von den Pferden reden, denn ich werde von meinen Freunden nicht verlangen können, daß ſie zu Fuß auf die Jagd, zu Fuß zu meinen See gehen ſollen, in welchem wir fiſchen werden. Ich muß alſo für ſchöne und edle Pferde und für elegante Wagen Sorge tra⸗ gen, und da die Pferde ſich nicht allein putzen und zur Tränke führen *) Thiébault II, pag. 89. 27— und die Wagen ſich nicht von ſelber lenken können, ſo werde ich einer hinlänglichen Anzahl von Stallbedienten, Reitknechten und Jockeys bedürfen. Das Alles iſt wahr, ſagte der König, indem er die Rubrik Pferde und Equipagen unter die„Küche und Weinkeller“ ſchrieb, das Alles iſt wahr, nur finde ich, daß Du viel an Deine Freunde und gar nicht ein wenig an Dich ſelber denkſt. Alles iſt bei Dir nur auf Deine Güſte berechnet. Majeſtät, die Gaſtfreundſchaft iſt auch eine der edelſt n Tugenden jedes Cavaliers, man kann darin niemals zu viel, ſehr leich t aber zu wenig thun. Der König runzelte die Stirn und ſah finſter vor ſich hin, während die übrigen Herren mit wachſendem Erſtaunen auf den Kammerherrn blickten, der ſo kühn war, dem König auf dieſe mittel⸗ bare Weiſe alle ſeine Fehler und Schwächen vorzuhalten. Pöllnitz allein blieb ganz unbefangen und heiter. Jetzt, da ich mich hinlänglich mit meinen Freunden beſchäftigt und für ſie geſorgt habe, ſagte er, jetzt wird es wohl Zeit ſein, auch ein wenig an mich zu denken. Ich bitte alſo Ew. Majeſtät, ſelber feſtzuſetzen, wie viel ich jährlich zu meiner Garderobe bedarf, wie viel Trinkgelder und Almoſen, wie viel endlich für das Spiel und zu Geſchenken für meine Geliebte. Ach, Du nennſt Deine Gemahlin Deine Geliebte? Es ſcheint alſo, daß Du ein ſehr zärtlicher Ehemann ſein wirſt, obwohl Du zweier Treppen und zweier Auffahrten bedarfſt. Majeſtät, es würde ſich für einen Cavalier wenig ſchicken, Ge⸗ mahlin und Geliebte in Einer Perſon zu beſitzen. Man hat ſeine Gemahlin, um zu repräſentiren, ſeine Geliebte, um ſich zu amüſiren, man giebt ſeiner Gemahlin Namen und Rang, ſeiner Geliebten Herz und Liebe. Ein wahrer Cavalier liebt ſeine Gemahlin nicht, aber er verlangt von aller Welt, daß man ſie hochſchätze als die Dame, welche ſeinen Namen trägt. Pöllnitz! Pöllnitz! ſagte der König, ſeine Hand drohend gegen ihn erhebend. Nimm Deinen Cavalier wohl in Acht, daß ich ihm —444444— — 238— nicht begegne und in meinem Hauſe Niemand finde, der ihm gleiche. Ich würde kein Erbarmen mit ihm haben, ſondern ihn zerſchmettern mit meinem königlichen Zorn. Pöllnitz fuhr leicht zuſammen und hüllte ſich in eine Dampf⸗ wolke ein, um den König die Betroffenheit nicht ſehen zu laſſen, die ſich in ſeinen Zügen malte. Weiter! ſagte Friedrich Wilhelm nach einer Pauſe. Ich habe Dir für jeden einzelnen Satz ein beſonderes Jahrgehalt ausgeſetzt, weiter alſo. Aber freilich hoffe ich, daß Du am Ende biſt und daß der Dämon, der in Dir wohnt und Dich martert, Deiner eben ſo reichen als tollen Phantaſie jetzt keine weiteren Vorſtellungen machen wird. Ja, Majeſtät, ich bin fertig und bitte daher Ew. Majeſtät, zu berechnen, wie viel die Totalſumme dieſer verſchiedenen Ausgaben beträgt. Der König rechnete, ſeine Geſellſchafter rauchten und tranken in tiefem Schweigen, Pöllnitz horchte aufmerkſam nach den Fenſtern hin, welche auf den innern Schloßhof hinausführten und von wo er das Geräuſch von Stimmen und Hufſchlägen gehört hatte. Plötzlich ſtieß der König einen Fluch aus und ſchlug mit der Fauſt auf das vor ihm liegende Papier. So wahr mir Gott helfe, der Pöllnitz hat Recht, ſagte der König. Vier Mal hunderttauſend Thaler genügen nicht für einen Cavalier von ſeiner Erfindung. Die Summe hier beläuft ſich auf vier Mal hundertfünfzigtauſend Thaler. Und Ew. Majeſtät geſtehen zu, daß ich durchaus nichts Ueber⸗ flüſſiges und Uebertriebenes gefordert habe? Das geſtehe ich zu. Demzufolge werden Ew. Majeſtät die Güte haben, mir fünf Tauſend Thaler auszuzahlen. Den Teufel auch! Wie ſollte ich mich dazu verſtehen können? Ew. Majeſtät vergaßen, daß Sie mir verſprochen haben, für jedes Tauſend, welches die Summe von vier Mal hunderttauſend Thaler überſtiege, mir hundert Thaler zu bewilligen. — 29— Habe ich das geſagt, meine Herren? fragte der König, und als alle Anweſenden es beſtätigten, fuhr Friedrich Wilhelm mit einem lauten Lachen fort: Nun ſehe ich doch, daß Ihr Alle den Pöllnitz nicht kennt, und doch ſind das ſehr verſchiedene Subjecte. Ich habe nicht geſagt, daß ich Pöllnitz das Geld geben wollte, ſondern daß ich für jedes Tauſend Einhundert ſeiner älteſten Schulden bezahlen wollte und das iſt, bei Gott, eine ganz andere Sache! Wenn ich ihm das Geld gäbe, ſo könnt Ihr gewiß ſein, daß ſeine Gläubiger keinen Groſchen davon bekommen würden. Aber was ich verſprochen, das werde ich halten. Du kannſt mir morgen ein Verzeichniß Deiner älteſten Schulden geben und ich werde fünftauſend Thaler davon bezahlen. Majeſtät, aber meine Rechnung iſt noch nicht fertig; ich habe erſt das Dringendſte und Nothwendigſte angegeben, und wieviel habe ich ſelbſt dabei nicht vergeſſen. Ich habe nicht einmal einige Wald⸗ hüter verlangt, um die Wilddiebe aus meinem Forſt zu verjagen, einige Nachtwächter, um die Räuber von meinem Landhauſe abzu⸗ halten, die Fiſche in meinem Teiche zu hüten und mit großen Stöcken in das Waſſer ſchlagend, die Fröſche zum Schweigen zu bringen, die ſonſt auf unangenehme Weiſe meinen und meiner Freunde Schlaf ſtören möchten. Mach, daß Du fortkommſt mit Deinen ſpaniſchen Luftſchlöſſern, Narr der Du biſt! rief der König halb erzürnt, halb beluſtigt. Suche Dir einen andern König, der reich genug iſt, Deinen Tollheiten zu genügen. Majeſtät, erlauben Sie, daß ich nirgends etwas anderes ſuche, ſagte Pöllnitz, ſich tief verneigend. Ich habe einen ſo gnädigen und edlen Monarchen gefunden, daß ich vollkommen befriedigt bin, nur wollte ich Ew. Majeſtät und dieſen Herren da, welche mir die Ehre erzeigen, mich für einen Verſchwender zu halten, beweiſen, daß ſelbſt ohne große Ausſchweifungen und Tollheiten zu begehen, man ein ziemlich großes Vermögen mit Leichtigkeit verbrauchen kann. Jetzt werden Sie begreifen, daß ich eigentlich einen Beweis merkwürdiger Sparſamkeit gegeben, da ich mit der kleinen Summe von zwei Mal 4 — 30— hunderttauſend Thalern vier Jahre ausgekommen bin, ſtatt ſie in einem halben Jahre zu verbrauchen*). Der König lachte und hob den Bierkrug in die Höhe, indem er die Herren aufforderte, mit ihm auf die Geſundheit des„Geizhalſes“ Pöllnitz anzuſtoßen. Alle hoben die Krüge in die Höhe und ſtießen ſie mit lautem Lachen und Jubeln aneinander, aber plötzlich ſchien es, als wenn ein elektriſcher Schlag ſie Alle gleichmäßig getroffen hatte, Alle mit Aus⸗ nahme des Königs. Dieſe erhobenen Arme der ſechs Cavaliere ſenkten ſich, um die Bierkrüge auf den Tiſch hinzuſtellen, während die Herren zugleich mit eilfertiger Haſt ſich von ihren Sitzen erhoben, um ſich tief und demuthsvoll zu verneigen. V. Vater und Sohn. Der König war erſtaunt und ſprachlos in ſeinen Seſſel zurück⸗ geſunken. Er begriff immer noch nicht, welch' ein Zauber dieſe Herren plötzlich ergriffen, der ſie, den Regeln des Tabackscollegiums zuwider, ſich von ihren Sitzen erheben machte.— Der König ſah nicht, daß ſich hinter ihm die Thür geöffnet hatte, daß inmitten des Rauches und Dampfes, der das ganze Zimmer mit ſchwebenden, zitternden Wolken anfüllte, ein junger Mann ſichtbar ward, deſſen Erſcheinen dieſen ſchnellen und bewältigenden Eindruck auf die ſechs Cavaliere des Königs hervorgebracht. Und allerdings lag etwas Er⸗ habenes und Imponirendes in ſeiner Erſcheinung, es war ein wunder⸗ barer Glanz von Schönheit, Seelenadel, Jugend, Hoheit und Me⸗ *) Thiébault, Vol. III, pag. 65. — 31— lancholie über dieſes Antlitz ausgebreitet, deſſen ſcharfe und markirte Linien von herbem Schmerz und bittern Erfahrungen ſprachen, wäh⸗ rend ſeine ſchmalen, purpurrothen Lippen von einem ſo ſanften, ſo weichen und friſchen Lächeln umſpielt waren, daß man wohl ſah, das Herz, welches dieſes Lächeln auf ſeine Lippen ſende, müſſe noch ſehr jung, ſehr glaubensvoll und eindrucksfähig ſein. Aber wunderbar contraſtirten zu dieſem gütevollen, feinen, jugendlichen Munde die Augen, welche wie große, geheimnißvolle, unergründbare Sterne aus dem Rahmen dieſes ſchmalen, zartgerötheten Antlitzes hervorleuchteten, und in denen es zugleich flammte und blitzte wie Dolchesſpitzen und Diamantenfunkeln, die in dieſem Moment ſprühten von jugendlichem Uebermuth und in jenem Moment den feſten, ſtätigen, durchbohrenden Blick eines ſtrengen, beobachtenden Weiſen annahmen. Die etwas zurückgebogene Stirn, die mit der geraden, feingeſpitzten Naſe eine ununterbrochene ſchräge Linie bildete, zeigte ſchon die wunderbaren, Ehrfurcht gebietenden Erhöhungen, die andeuten, daß der Geiſt, wel⸗ cher hinter dieſer Schädeldecke eingefangen ſitzt, mächtig arbeitet und wühlt, und ſein Gefängniß von Knochen untergräbt und aushöhlt, um hinauszugelangen zur Freiheit des Gedankens.— Es war das Auge, der Kopf eines Heros, und hätte er einer Geſtalt angehört, welche der kühnen Rieſenkraft dieſes Blickes entſprochen hätte, ſo wäre er ein Titane geweſen, welcher mit ſeiner körperlichen Rieſenkraft und Gewalt die Welt wie ein Spielwerk in ſeinen Händen zerdrücken konnte. Aber ſeine ſchlanke, ebenmäßig gebaute, anmuthige Geſtalt war indeß mehr zart als kräftig, mehr jungfräulich weich als mannhaft und heroiſch. Dennoch fühlte man, daß das Haupt dieſer Geſtalt Rieſenkräfte verleihen würde, und daß, wenn der Titane nicht ſiegen könnte mit der phyſiſchen Kraft ſeines Armes, er herrſchen und ſiegen würde mit der gebieteriſchen Kraft ſeines Geiſtes*). *) Ein franzöſiſcher Reiſender, Namens Birré, der eigens die Reiſe von Paris nach Berlin gemacht hatte, um dort Friedrich den Großen zu ſehen, ſchildert ihn ſo: Buste admirable et vraiment royal, mais pauvre et misé- rable piédestal. Sa tête et sa poitrine sont au dessus des éloges, le train d'en bas au-dessous de la critique. Siehe Thiébault IV. pag. 163. —y———ÿÿ—— Das war die unerwartete Erſcheinung, welche plötzlich die Herren vom Tabackscollegium erſchreckt und von ihren Sitzen emporgeſchnellt hatte, und vor deren leuchtenden, die Dampfwolken durchblitzenden Augen ſich die Blicke der Cavaliere ſcheu und unterwürfig zu Boden ſenkten. Der König ſaß noch ſprachlos und erſtaunt auf ſeinem Seſſel als der junge Mann ſchon dicht hinter ihm ſtand. Ich erlaube mir Ew. Majeſtät einen guten Abend zu wünſchen, ſagte er mit ſeiner vollen, klangreichen Stimme. Der König zuckte zuſammen, und eine glühende Röthe flog über ſein Antlitz hin. Fritz! murmelte er leiſe. Fritz! wiederholte er lauter, und ſchon hörte man es in ſeiner Stimme wie das Grollen eines fernen, raſch heranziehenden Ungewitters. Ich komme von Ruppin, wo ich mein Regiment beſichtigt habe! ſagte der Kronprinz ruhig und freundlich und gleichſam eine Bitte um Entſchuldigung und Vergebung ſeines unerwarteten Kommens ausſprechend. Der König achtete nicht darauf. Sein Mißtrauen loderte ſchon in hellen Zornesflammen empor, er dachte daran, daß die Königin ihn krank und leidend und an ſein Zimmer gefeſſelt wähnte, er zwei⸗ felte nicht einen Augenblick, daß ſie den Kronprinzen veranlaßt zu kommen, und daß dieſer da ſei, um zu ſehen, ob das Leben des Königs in Gefahr und ob nicht vielleicht bald der Thron von Preußen leer ſei, um ſeinen Nachfolger zu empfangen. Dieſe finſteren Vermuthungen waren es, welche den ſchnellen Zorn des Königs erregten und ſein Herz mit bitterem Mißmuth er⸗ füllten. Mit einer heftigen Bewegung ſchob er die dargereichte Hand des Kronprinzen zurück und erhob ſich von ſeinem Sitze. Sein zorn⸗ blitzendes Auge überflog den ganzen Kreis ſeiner Geſellſchafter, welche noch immer in ehrfurchtsvollem Schweigen den Tiſch umſtanden. Weshalb ſeid Ihr von Euren Stühlen aufgeſtanden? ſchrie der König mit zitternder Stimme. Wie dürft Ihr es wagen, meinen Befehlen zuwider zu handeln und Euch alſo aufzulehnen gegen mein 7 — 35.— königliches Machtgebot? Kennt Ihr die Geſetze des Tabackscollegiums nicht mehr? Wißt Ihr nicht, daß dieſe Geſetze Euch ausdrücklich verbieten, Eure Seſſel zu verlaſſen und ſtehend Jemand zu begrüßen? Ihr ſchweigt Alle? Elende Memmen ſeid Ihr Alle, die nicht einmal ſich zu vertheidigen wagen, die immer den Mantel nach dem Winde drehen und mit Jedermann buhlen und heucheln und ſchmeicheln möchten. Antworte mir, Pöllnitz, kannteſt Du das Geſetz des Tabacks⸗ collegiums nicht, welches Dir das Aufſtehen verbietet? Ich kannte es, Sire, aber ich glaubte bei der Begrüßung des Kronprinzen eine Ausnahme machen zu dürfen. So glaubten wir Alle, ſagte der General von Schwerin mit feſter Stimme. Der König ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Tiſch, daß die Krüge und Flaſchen klirrten. Das dachtet Ihr, ſchrie er, und wußtet doch, daß Ihr ſelbſt um meinet⸗, um des Königs willen, keine Ausnahme machen dürft! Aber freilich, das iſt wichtiger als der König! Der Kronprinz, das iſt der König der Zukunft, das iſt die Sonne kommender Tage! Was der König nicht hat gewähren kön⸗ nen, das kann dereinſt der Kronprinz geben, von dem König hat man nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu fürchten, deshalb wendet man ſich dem Kronprinzen zu, deshalb ſpottet man der Geſetze des Vaters, um dem Sohn zu ſchmeicheln und ſchön zu thun. Der Sohn iſt ein ſo feiner, franzöſiſcher Cavalier, der geziertes Weſen und höfiſches Schönthun liebt, für den die edle Frage der Etiquette ein wichtiges Ding iſt! Man ſteht alſo auf, wenn der Kronprinz in's Zimmer tritt, obwohl man weiß, daß hier in dieſem Zimmer Niemand mehr iſt und bedeutet als der Andere, und obwohl man hier oft genug vergeſſen hat, daß ich der König bin! Ja aber den König kann man vergeſſen, wenn man nur nicht des Kronprinzen vergißt, des Kron⸗ prinzen, welcher vielleicht bald König ſein wird! Gott ſchenke Ew. Majeſtät ein langes und glückliches Leben, ſagte der Kronprinz, welcher während der heftigen Rede des Königs ſchweigend und unbeweglich hinter dem Stuhl des Königs geſtanden. Wer ſpricht mit Ihm? Wer heißt Ihm reden, ohne daß ich Friedrich der Große. I. 3 1 V —— üüäü, — 32— Ihn gefragt? rief der König, deſſen ganze Geſtalt erbebte vor Zorn. Er, welcher die Etiquette ſo genau kennt, Er ſollte doch wiſſen, daß man zu dem König nicht anders ſpricht, als wenn dieſer gefragt hat? Aber freilich, Er denkt auch, daß der König nichts davon verſteht, denn der König iſt ein altmodiſcher Mann, der nicht einmal weiß, wie ein wahrer Cavalier leben und ſich darſtellen muß. Nun, Pöllnitz, da ſiehſt Du einen Cavalier, nach Deiner Zeichnung, ein wahres Muſterbild eines Cavaliers! Oh, Du glaubteſt vielleicht, ich merke nicht, was für ein Geſicht hinter Deinem Bilde ſteckte, Du meinteſt, ich hätte den Cavalier nicht erkannt, den Du mir mit ſo hinreißenden Farben ſchilderteſt, um mir zu beweiſen, daß er, wenn er nicht Schulden machen ſolle, viermalhunderttauſend Thaler jährlich beſitzen müſſe. Geduld, Geduld! Noch ſind meine Augen offen und ich ſehe! Wehe, wehe aber Euch Allen, wenn ich ſehe, daß Ihr dem König zu trotzen wagt, um dem Kronprinzen gefällig zu ſein! Ich werde Euch beweiſen, daß ich noch lebe und daß ich allein der Herr bin. Damit ſchließe ich das Tabackscollegium und Ihr könnt Euch Alle zum Teufel ſcheeren! Da ich den Weg zu demſelben nicht kenne, ſo erlauben mir wohl Ew. Majeſtät, daß ich ſtatt deſſen nach Rheinsberg gehe, und mich hiermit ſogleich beurlaube, ſagte der Kronprinz, indem er ſich ehrfurchtsvoll vor dem Könige verneigte. Friedrich Wilhelm würdigte ihn keines Blickes, er wandte das Haupt ab und ſagte nichts als das eine Wort: gehel! Der Kronprinz verneigte ſich abermals mit derſelben Ehrfurcht und Förmlichkeit, dann wandte er ſich zu den Cavalieren und ihnen leicht mit dem Kopfe zunickend, ſagte er: guten Abend, meine Herren! Ich bedaure aufrichtig, den Unwillen des Königs gegen Sie erregt zu haben. Doch iſt dieſer Unwille gegen Sie vollkommen gerecht, denn gegen ein vom König gegebenes Geſetz darf man niemals ſün⸗ digen, ſelbſt nicht, wie Sie es thaten, aus Gutmüthigkeit und groß⸗ müthiger Geſinnung! Und der Kronprinz, welcher mit dieſen Worten ſich ſelber ganz aus dem Bereich des königlichen Zorns geſtellt und zu gleicher Zeit — 35— Allen genug gethan, dem König, indem er die Gerechtigkeit ſeines Zorns anerkannte, den Cavalieren, indem er ihre Geſinnung lobpries, machte ſich damit zugleich zum Herrn der Situation, aus welcher er nicht als ein geſcholtener und gedemüthigter Sohn, ſondern als der triumphirende Sieger aus einem heftigen Gefecht hervorging. Mit leichtem, feſtem Schritt, mit ſtolz gehobenem Haupt ging er der Thür zu, während der König, trotz ſeines Zornes, eine Art Be⸗ ſchämung empfand und ſich innerlichſt nicht verhehlen konnte, daß er auch diesmal wieder gegen den Kronprinzen gefehlt habe. Aber gerade dies Bewußtſein machte ihn noch heftiger und ſtachelte ſeinen Zorn noch höher auf. Er ſtieß einen wilden Fluch aus und ließ ſeine Blicke mit drohenden Blitzen auf den ſchweigenden, erblaßten, zitternden Cavalieren ruhen. Heuchler und Augendiener ſind ſie Alle, murmelte er zwiſchen den zuſammengepreßten Zähnen hervor, indem er langſam an ihnen vorüberſchritt. Haake, gieb mir Deinen Arm und führe mich in das andre Zimmer. Ich mag dieſe Menſchen nicht mehr ſehen! Graf Haake ſtürzte herbei, und auf ſeinen Arm gelehnt wankte der König in das anſtoßende Gemach. Als ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen, ſchienen die zurück⸗ bleibenden Cavaliere aus ihrer Erſtarrung zu erwachen. Sie er⸗ hoben die geſenkten Häupter und ſahen einander an mit halb be⸗ ſchämten, halb zornigen Blicken. Sie waren geſcholten worden wie die Kinder und fühlten doch, daß ſie Männer waren. Ihre Ehre hatte eine empfindliche Wunde erhalten, aber die Ehrfurcht vor dem König hinderte ſie doch, eine Genugthuung zu fordern. Wie das edle, aber ſeiner Freiheit beraubte Roß biſſen ſie in die Zügel, welche ihr Herr ihnen angelegt, und fühlten ſich von dieſem Zügel unterjocht und zum Gehorſam gezwungen. Als Graf Haake kam, um den Herren im Namen des Königs zu befehlen, ſofort das Schloß zu verlaſſen, fanden ſie nicht den Muth, dieſer Aufforderung genug zu thun, ſondern machten den Grafen zu ihrem Abgeſandten, um den König in den ehrfurchtsvollſten und demüthigſten Worten um ſeine Verzeihung und ſeine Gnade zu 3* ———y — 36— bitten, um ihn zu verſichern, daß ſie Alle ihm bis in den Tod er⸗ geben ſeien, daß ihr Betragen gegen den Kronprinzen nur die Folge einer unwillkürlichen Unbeſonnenheit geweſen, und daß ſie damit durch⸗ aus nicht gegen die Sr. Majeſtät allein ſchuldige Ehrfurcht hätten fehlen wollen*). Graf Haake übernahm es ſeufzend, dem König dieſe Botſchaft auszurichten, und begab ſich wieder zu ihm, während die beſtürzten und tief betrübten Hofleute in bangem, athemloſem Schweigen ſeiner Wiederkehr harrten. Endlich öffnete ſich wieder die Thür, und Graf Haake kehrte zurück. Nun, was ſagte der König? Hat er uns verziehen? Will er uns wieder zu Gnaden aufnehmen? Zürnt Se. Majeſtät nicht mehr? Glaubt er wieder ſeinen treuen, demüthigen und gehorſamen Dienern? Graf Haake erwiederte alle dieſe auf ihn einſtürmenden Fragen mit einem icheepritiden Kopfſchütteln. Eine Pauſe athemloſer Er⸗ ein wartung trat ein. Alle richteten ihre Blicke auf den Grafen, deſſen Lippen für ſie das Wort der Verdammniß oder der Gnade aus⸗ ſprechen ſollten. Meine Herren, ſagte der Graf endlich, und ſeine Stimme klang den zitternden Hofleuten hohl und ſchauerlich wie das unheilvolle Ge⸗ krächze des Todesengels, meine Herren, der König läßt Ihnen ſagen, daß wenn Sie ſich nicht augenblicklich entfernten, Se. Majeſtät der König ſchon Mittel finden würden, Sie mit Gewalt fortzuſchaffen*). Dcas war eine Drohung, welche den Füßen der angſtzitternden Hofleute ſchnell ihre Muskelkraft wiedergab. Stumm, mit traurigen Mienen und angſtvoll ſcheuen Blicken eilten ſie von dannen und erſt, nachdem ſie das große Portal des Schloſſes durchſchritten und auf die Straße gekommen waren, athmeten ſie beruhigt und glücklich auf, denn ſie waren nun befreit von der Furcht vor dem Gefängniß oder dem königlichen Corporalſtocke*e). *) Pöllnitz, Vol. II. pag. 36. **) Pöllnitz, Vol. II. pag. 37. Ta) Es vergingen indeß mehrere Tage, ehe der König ſeinen Hofherren Der Zorn des Königs war indeß immer noch nicht verſiegt, er lechzte noch nach einem neuen Opfer, um ſich zu kühlen, einer neuen Nahrung, um mit ſeinen lodernden Flammen empor zu ſchlagen. Aber ſelbſt die Diener hielten ſich ſcheu und ängſtlich fern aus dem Bereich des königlichen Krückſtocks, und auch ſeinen letzten Geſell⸗ ſchafter, den Grafen Haake, hatte des Königs Zornwort aus ſeiner Nähe verbannt. f Der König war alſo allein, ganz allein in dieſem öden finſtern Gemach, deſſen troſtloſe Stille ihn ſchon zu beängſtigen begann. Er ließ ſich auf einen Lehnſeſſel niedergleiten und ſchaute mit trüben Blicken ſich in dieſem Gemache um, das von dem Kronleuchter, an welchem, der Erſparung wegen, nur vier Lichter angezündet waren, nur trübe erleuchtet ward.— Nichts unterbrach dieſe Stille, und nur zuweilen hörte man vom jenſeitigen Flügel des Schloſſes herüber einzelne grelle oder dumpfe Töne der heitern Tanzmuſik, die noch immer fortdauerte in den Gemächern der Königin. Dieſe Töne machten den König erſeufzen und erfüllten ſein Herz mit Wehmuth und Zorn zugleich. Die Königin war heiter, während ihr Gemahl litt, ſein ganzer Hof freute ſich und war guter Dinge, während er einſam, verlaſſen, zähneknirſchend in dieſem dunklen freudenloſen Ge⸗ mache ſaß. Und doch war er der König, der machtvolle Herrſcher über Millionen ſeiner Unterthanen, die alle vor ihm zitterten, von denen aber vielleicht Keiner ihn liebte, die Alle ihre Augen hinrich⸗ teten auf die aufgehende Sonne, auf den Sohn, welcher dem Vater und Genoſſen des Tabackscollegiums dieſes Vergehen gegen die Geſetze des Tabackscollegiums verzieh, und dieſe Herren wieder in ſeine Geſellſchaft auf⸗ nahm. Der Herzog von Holſtein war der Letzte, welchem der König verzieh und ihn wieder zum Tabackscollegium einlud, aber als der König ihn das erſtemal wieder ſah, ſagte er zu dem Herzog: er ſolle ſich nicht einbilden, daß er mehr Vorrechte habe, als Andere, weil er ein Fürſt ſei, ſein Kopf würde eben ſo gut fliegen, wie der irgend eines andern Privatmannes, wenn er fort⸗ führe, der aufgehenden Sonne zu huldigen.— Der Herzog bat um Gnade und erhielt ſie. Nur der Kronprinz konnte keine Verzeihung erlangen und erſt drei Tage vor ſeinem Tode verſöhnte ſich der König mit ihm.— Pöllnitz, Vol. II. p. 363. — 38— ſo wenig glich, ſo wenig der Sohn ſeines Herzens war!— Als der König das dachte, überkam ihn finſtere Trauer, eine nie gefühlte ahnungsvolle Schwermuth. Er dachte daran, daß er vielleicht bald ſterben möchte, und daß dann Niemand ihn betrauere, daß Jeder dem Sohn zulächeln und zujauchzen würde! Der König faltete die Hände und betete, in der Angſt ſeines Herzens wandte er ſich zu Gott, mit ſeinem Gebete übertäubte er die Stimme, welche in ſeiner Bruſt zu flüſtern begann und ihn plagte mit Vorwürfen und Anſchuldigungen. 18 Der König betete; erſchöpft von Zorn überkam ihn ſeine fromme Zerknirſchung, ſeine weltverachtende Gottſeligkeit. Wie die Töne der Tanzmuſik jetzt zu ihm herüberſchallten, empfand er eine fromme Empörung über dieſe unheilvolle Luſtbarkeit, eine freudige Genug⸗ thuung mit ſich ſelber, weil er nicht zu den Gottloſen gehörte, welche der weltlichen, eitlen Luſt fröhnten, ſondern allein und einſam in ſeinem Kämmerlein war und betete. Wie klein, wie erbärmlich und jammer⸗ voll erſchienen ihm nun Diejenigen, welche da drüben tanzten und ſich freuten, wie zufrieden war er mit ſich ſelber und ſeinem heiligen Wandel! Juſt in dieſem Moment öffnete ſich die Thür und des Kammer⸗ lakaien ſcheues und ängſtliches Geſicht erſchien in demſelben. Ew. Majeſtät hatten befohlen, es ſofort anzuzeigen, wenn die Särge, welche geſtern angekommen und im weißen Saal aufgeſtellt ſind, ausgepackt ſein würden, ſagte der Diener. Daſſelbe iſt jetzt ge⸗ ſchehen, und wenn Ew. Majeſtät befehlen, können die Särge in Augenſchein genommen werden. Ach, mein Sarg iſt bereit! murmelte der König, unwillkürlich ſchaudernd. Mein Sarg und der Sarg der Königin. Und die Kö⸗ nigin giebt einen Ball und tanzt vielleicht, ſtatt im Gebet ihre Seele zu zerknirſchen und Gott zu dienen. Ich will ſie wecken aus dieſer unheiligen Sinnesluſt. Es war ein Wink Gottes, daß gerade jetzt* die Särge fertig ſind. Die Königin ſoll ſie ſehen! Er rief ſeine beiden Kammerlakaien und befahl dem einen, ihn hinüber zu führen in den Ballſaal, dem andern, den Saal zu er⸗ leuchten, in welchem die Särge aufgeſtellt waren.— VI. Im weißen Saal. Die Königin hatte keine Ahnung von Allem, was in den Ge⸗ mächern des Königs geſchehen war. Treu dem vom Könige geſandten Befehle hatte keiner der zu ihm gerufenen Herren verrathen, wohin. er gehe, und die Königin hatte ihre Abweſenheit nicht bemerkt. Sie hatte, nachdem ſie die grande tournée durch die Säle vollendet, ſich zum Spiel niedergelaſſen, und unter denen, welche ſie zu ihrem Spiel befahl, war keiner von den Herren, welche der König vom Balle hatte abholen laſſen. Die Königin ahnte alſo nicht, daß ihr Gemahl auf einige Stur⸗ den von ſeinen Schmerzen geneſen ſei und den Rollſtuhl verlaſſen hatte. Sie war demgemäß heiter und ſorgenlos, und ganz im Ge⸗ fühl ihrer Freiheit und Herrſcherwürde, denn das Auge ihres Gemahls drückte ſie nicht nieder und legte ſich nicht wie ein demüthigender Schleier über das funkelnde Diadem, das auf ihrer Stirn thronte. Nein, ſie war heute ganz ſie ſelbſt, ganz Königin! Stolz und glücklich, lächelnd und hoheitsvoll, ganz durchdrungen von ihrer eignen Größe und Herrlichkeit, und daher gütevoll und herablaſſend gegen die Schaar der ergebenen, unterwürfigen, ſchmeichelnden, lächelnden Menſchen, welche ſie umgaben. Niemals hatte man die Königin ſo freundlich geſehen, niemals ſo königlich und ſtrahlend. Ihre Brillanten funkelten an ihr wie ein Heer von Sternen, ihre Augen ſtrahlten von Hoheit und Stolz und jedes Wort, welches ſie ſprach, träufelte wie Manna in den glücklich lächelnden Mund Deſſen, an den es gerichtet war. Die Königin alſo hatte ſich niedergeſetzt zum Spiel, an dem die Markgräfin Maria Dorothea, ſo wie die Geſandten von England und Frankreich Theil nehmen durften. Hinter dem Stuhl der Kö⸗ nigin ſtanden die beiden Ehrenfräulein der Königin, an welche dieſe zuweilen einige Worte richtete, oder ſie ausſandte, um ſich nach den — 410— Prinzeſſinnen zu erkundigen, welche im anſtoßenden Tanzſaal ſich be⸗ fanden, und in jugendlicher Fröhlichkeit der Freude des Tages ſich hingaben. Plötzlich verſtummte die Muſik, und eine ſeltſame, ungewohnte Stille trat in dem Tanzſaal ein. Die Königin, welche eben die aus⸗ getheilten Karten mit ihren von Brillanten blitzenden Fingern ordnete“ wandte ſich lächelnd an eins der Hoffräulein und befahl ihr, wenn der Tanz beendet ſei, die beiden Prinzeſſinnen zu ihrer Mutter zu rufen, dann lenkte ſie wieder ihre Aufmerkſamkeit dem Spiel zu, als plötzlich Prinzeß Amalie bleich und ſchreckensvoll hereinſtürzte und zu der Königin hineilte, welcher ſie raſch einige Worte in's Ohr flüſterte. Sophie Dorothea ſtieß einen leiſen Schrei aus und zuckte zu⸗ ſammen in jähem Schreck. Der König! Mein Gott, der König! murmelte ſie. Er ſcheint ſehr zornig, flüſterte Prinzeß Amalie. Laſſen Sie ihn Ihre Brillanten nicht ſehen! Die drei Spielgenoſſen der Königin ſaßen in ehrfurchtsvollem Schweigen, die Karten in der Hand, um den Tiſch und warteten auf die Karte der Königin. Aber plötzlich legte die Königin alle ihre Karten auf den Tiſch und mit einer heftigen Bewegung das Collier von ihrem Halſe und die Bracelets von ihren Armen ablöſend, nahm ſie die funkelnden Geſchmeide und verbarg ſie in der großen Taſche ihres Kleides*). Söſe mir jetzt noch raſch die langen Ohrgehänge aus, Amalie! flüſterte ſie, und während die Prinzeſſin dieſem Befehl folgte, hob die Königin ihre Karten wieder vom Tiſche auf. Der Glanz war von ihr gewichen, die Brillanten hatten ſich ſcheu in ihrer Kleidertaſche verkrochen, das Feuer ihrer Augen war erloſchen. Der König war da, Sophie Dorothea war alſo keine ſtrahlende Königin mehr, ſondern ein ſcheues, demuthsvolles, abhän⸗ giges und den Zorn ihres Gemahls fürchtendes Weib! Die Spielgenoſſen der Königin ſaßen noch immer mit nieder⸗ *) Thiébault, Vol. II. pag. 54. — 1 — 41— geſchlagenen Augen und ſchienen gar nichts gewahr geworden zu ſein von dem raſchen Toilettenwechſel der Königin. Sie harrten noch immer auf die Karte der Königin. Sophie Dorothea hatte ihre Karten wieder aufgehoben und ſpielte eine Dame aus. Lord Haſtings überſchlug ſie mit dem König. Verloren! ſagte die Königin mit einem traurigen Seufzer. Die Damen verlieren immer, wenn der König kommt! Aber immer bleibt es ein Troſt, wenn man nur durch den König geſtürzt wird, fügte ſie mit einem Lächeln hinzu, welches die ſtolze Königin dem gedemüthigten Weibe abzuringen vermochte. Dann ſpielte ſie ruhig weiter, obwohl ſie ſehr wohl bemerkt hatte, daß der König bereits in der Thür des Tanzſaals ſtand und ſie beobachtete. Als der König auf ſie zuſchritt und ihren Namen nannte, wandte die Königin ſich mit dem Ausdruck freudiger Ueberraſchung zu ihm hin und ſtand auf, um ihm entgegen zu gehen. Ah, mein König, welch' eine große Freude Sie uns da be⸗ reiten! ſagte ſie lächelnd. Es iſt ſehr liebenswürdig von Ew. Ma⸗ jeſtät, dieſes Feſt mit Ihrer Gegenwart zu verherrlichen. Doch komme ich, um dieſes glänzende Feſt auf einige Augenblicke zu verdunkeln, ſagte der König mit rauhem ſtrengem Ton, indem er den Arm der Königin heftig unter den ſeinigen ſchob. Es iſt wohl gut und nothwendig, ſich inmitten der rauſchenden Erdenfreuden ein wenig an die Vergänglichkeit und Eitelkeit alles Irdiſchen zu erinnern und die üppige Muſik mit einem Gebet zu unterbrechen. Ich bin gekommen, um Eurer an Eitelkeit kranken Seele dieſe Arznei einzugeben. Kommt alſo mit mir, Königin! Ihr da, fuhr der König fort, indem er den Kopf rückwärts wandte zu der Hofgeſellſchaft, welche in ſchweigenden, erſtaunter Gruppen ſich zuſammenzedrängt hatte, Ihr da könnt uns begleiten! Er zog die Königin mit ſich fort; lautlos ordnete ſich hinter ihnen der Zug der feſtlich geſchmückten Gäſte, welche, dem königlichen Befehl gehorchend, dem Königspaare folgten. Wohin? Niemand — 42— wußte das. Selbſt die Königin hatte ihren Gemahl vergeblich darum gefragt und von ihm keine Auskunft erhalten. Dieſer lange Zug geputzter, von Blumen, Brillanten, Uniformen und Ordenskreuzen ſtrahlender Menſchen bot indeß einen ſehr glän⸗ zenden, ſehr heitern und feſtlichen Anblick dar; man hätte glauben mögen, es ſeien die Hochzeitsgäſte, welche in feierlicher Prozeſſion ſich nach der Kirche begaben, um dort der Trauung eines glücklichen Brautpaares beizuwohnen. Aber die Beiden, welche dem Zuge voran ſchritten, ſahen nicht aus, wie ein glückliches Brautpaar. Der König blickte mit gerunzelter Stirn, mit feſt aufeinandergepreßten Lippen ſtarr „ vor ſich hin. Die Königin ſah bleich und erſchrocken aus und ihre Augen irrten unſtät umher, als ſuchten ſie überall irgend eine Ge⸗ fahr, ein nahendes Schreckniß. So ging der Zug ſchweigend und ernſt durch den von Blumen duftenden Tanzſaal und die glänzend erleuchteten Vorzimmer. So ging es weiter über den Corridor und die breite, mit Teppichen be⸗ legte Treppe hinauf und wieder jetzt den Corridor entlang bis zu jener großen Thür dort, die zu dem von Friedrich Wilhelm ange⸗ legten und ausgeſchmückten„weißen Saal“ führte. Wir ſind zur Stelle! ſagte der König, indem er ſelber die Thür öffnete und die Königin in den Saal führte. Aber plötzlich ſtieß Sophie Dorothea einen Schrei aus und tau⸗ melte einige Schritte rückwärts, während man hinter ihr die neugie⸗ rigen, erſtaunten und erſchrockenen Geſichter der Hofleute ſah, welche ſich eiligſt durch die Thür in den Saal vordrängten. Zwei Särge, murmelte die Königin entſetzt, indem ſie ihre ſcheuen Blicke bald auf die ernſten, prunkenden Särge richtete, bald in dem großen Saal umherſchweifen ließ und angſtvoll auf die hohen ernſten Geſtalten der marmornen Churfürſten heftete, die in feier⸗ licher Ruhe in dieſem Saale des Todes Wache hielten bei den Sär⸗ gen der Lebendigen. Ja, zwei Särge! ſagte der König rauh und ſtrenge. Unſere Särge, Sophie! Und in dieſer Stunde wollte ich ſie Dir und dem verſammelten Hofe zeigen, damit ihr Anblick Euch Alle aufrüttle aus —-— — — 413— Eurer unheiligen und ſinnlichen Luſt. Der Tod mußte an Euer Herz klopfen, damit es erwache aus ſeinem wollüſtigen Schlafe und in ſich gehe! Ja, in dieſen Särgen werden wir dereinſt ruhen und mit allem Flittertand und aller Herrlichkeit wird es ein Ende ſein! Niemand wird mehr Furcht haben vor meinem Blick und meinem Stock. Niemand wird ſich mehr freuen über den ſchönen Putz der Königin und über die prächtigen Brillanten. Der Staub wird zum Staube zurückkehren, und der König und die Königin werden nichts mehr ſein, als Würmerfraß! Doch! rief Sophie Dorothea, deren edles und ſtolzes Herz ſich tief gedemüthigt fühlte von dieſer frömmelnden Zerknirſchung ihres Gemahls. Doch, wir werden mehr ſein als nur Staub und Wür⸗ merfraß. Den Staub gemeiner Sterblichen wird die mächtig wal⸗ tende Hand der Zeit in alle Winde zerſtreuen und über ihre Gräber wird die Geſchichte mit vernichtendem Fuß hinſchreiten, aber an den unſern wird ſie ſtehen bleiben und unſern Staub wird ſie ſammeln, um uns daraus ein Denkmal zu errichten; wenn man unſern Leib von Fleiſch und Blut einſenkt in die Gruft unſerer Ahnen, ſo wird aus derſelben unſere Geſtalt doch wieder emporſteigen, wenn auch nur mit Gliedern von Stein und mit einer Bruſt ohne Herz! Sehet da, mein Gemahl, dieſe edlen und erhabenen Gebilde Eurer Ahnen. Auch ſie ſind hinabgeſtiegen in die Gruft, aber ihre Geſtalten von Marmor ſind doch die Treppen wieder hinaufgewallt und in unſern herrlichſten Sälen nehmen ſie die erſten Plätze ein, um unſern Worten zuzuhören und unſere Thaten anzuſchauen. Und während die Königin ſo ſprach, leuchtete ihr Antlitz in einer wahrhaft erhabenen Energie und Schönheit; ſie war jetzt in Wahr⸗ heit hoheitsvoll und ſtrahlend, auch ohne den Glanz ihrer Brillanten. Die Königin hatte ſich ſelber wieder gefunden, und das angſtvolle, zagende Weib war von ihr beſiegt worden. Sie war nicht mehr blos die Gemahlin Friedrich Wilhelms, ſie war die Schweſter des Königs von England, die Mutter des Königs der Zukunft, ſie war die Königin! 8 8 Aber Friedrich Wilhelm in ſeiner gottſeligen Zerknirſchung nahm — 44— Aergerniß an ihren leuchtenden Blicken, ihrem ſtolz zurückgeworfenen Haupte. Er fühlte, daß dieſe Seele ſich eben frei gemacht von dem Drucke eines fremden, ſie belaſtenden Willens, daß ſie ein von ihm abgelöſetes eigenes, freies Daſein in ſich trüge. Aber ſie ſollte ihn wieder anerkennen als ihren Herrn, ſich wieder bußfertig beugen unter das Joch! Die Königin ſollte wieder das Weib werden, das dem Manne gehorſamt, weil die Bibel befiehlt:„Und er ſoll Dein Herr ſein!“ 1 So mögen denn unſere Ahnen zuſchauen, wie wir jetzt vor ihnen unſere Särge probiren! ſagte der König, ſeine Hand feſt und ſchwer auf die Schulter der Königin legend. Wir wiſſen, daß Dich die Brillanten herrlich kleiden, und daß ich kein ganz übler Mann in meiner Uniform bin, jetzt laß uns einmal ſehen, wie uns unſer Sarg kleiden wird. Was wollen Sie damit ſagen, mein König? fragte Sophie Do⸗ rothea, ihre angſtvollen, zitternden Blicke auf den Gemahl heftend. Ich will damit ſagen, daß wir zuſehen wollen, ob wir dereinſt mit Anſtand und Würde unſere Plätze in unſern Särgen einnehmen werden, daß wir uns heute einmal zum Scherz in unſere Särge legen wollen, wie wir es dereinſt in allem Ernſte thun müſſen! Aber dies wäre ein grauſamer Scherz! rief die Königin. Oh ja, den Kindern dieſer Welt erſcheint Alles grauſam, was ſie an den Tod und die Vergänglichkeit aller Freude gemahnt, ſagte der König mit Emphaſe. Aber⸗ ſolch' Mahnen iſt doch gut und heil⸗ ſam, und wenn wir uns daran gewöhnten, zuweilen den Feſtſaal zu verlaſſen, um in unſerm Sarge auszuruhen von den Freuden des Lebens, ſo würden wir ohne Zweifel ein viel gottſeligeres und ernſteres Leben führen! Lege Dich alſo immer in den Sarg, Sophie Do⸗ rothea, Deine Seele wird Vortheil davon haben und meine Augen werden ein Bild ſehen, welches ſie, gelobt ſei Gott, doch nimmer ſchauen können, ſie werden Dich im Sarge ſehen. Oh, Sie ſind jünger als ich, mein Gemahl, rief die Königin, Sie werden mich einſt begraben und es wird alſo nicht nöthig ſein, mich zur Probe in den Sarg zu legen! — 45— Zwinge Deine Seele und mache ſie demüthig und ſtille, ſagte der König, welcher heute eine fieberhafte Anwandlung von Frömmig⸗ keit hatte. Wir ſind hierher gegangen, um unſere Särge zu probiren. Wir wollen es alſo thun! Ich wäre nicht gekommen, wenn ich die Abſicht Eurer Majeſtät gekannt hätte, ſagte die Königin in ſich erſchauernd. Du wärſt gekommen, weil ich es will, murmelte der König, dem die Röthe des Zorns ſchon die Wangen erglühen machte und deſſen Augen ſchon wüthende Blitze ſchoſſen. Sophie Dorothea ſah dieſe Symptome des aufſteigenden Ge⸗ witters, und ſie wußte, daß, wenn dieſes einmal zum Ausbruch gekommen, es tobend alle Dämme und alle Schranken durchbrechen würde. Sie mußte alſo dieſem Ausbruch zuvorkommen, dieſe Zornes⸗ bäche hemmen, bevor ſie entfeſſelt herabſtürzten. Sie rief mit einer gebieteriſchen Handbewegung eine ihrer Hof⸗ damen herbei und ſagte ſtolz und ruhig: Reichen Sie mir die Hand, Gräfin! Ich bin müde und will einmal ausruhen auf dieſem Lager von neuer und ungewöhnlicher Form. Und mit dem Anſtand und der Erhabenheit einer wahrhaft könig⸗ lichen Seele hob ſie ihr Gewand ein wenig empor, um den Fuß über den Rand des Sarges zu heben und ihn auf den Boden deſſelben zu ſetzen. Jetzt ſtand ſie in dem Sarge, groß, ſtolz aufgerichtet, ge⸗ bieteriſch und majeſtätiſch anzuſchauen. Dann, mit einer unnachahm⸗ lichen Grazie, neigte ſie ſich und ließ ſich langſam niedergleiten auf den Boden. 4 Der Sarg ächzte und edröhgte leiſe, unter den Hofleuten ent⸗ ſtand ein ungewöhnliches Gemurmel des Unwillens und Entſetzens. Der König ſtand neben dem Sarge und Sophie Dorothea heftete auf ihn ihre Blicke mit einem ſo ſeltſamen, flammenden, durchboh⸗ renden Ausdruck, daß der König unwillkürlich die Augen zu Boden ſenkte und nicht den Muth fand, ihren Blicken zu begegnen. Sophie Dorothea ſah es und lächelte. Dann hob ſie ſich lang⸗ ſam wieder ennpor und ſtand wieder ſtolz und ruhig da. — 16— Gräfin Haake wollte ihr die Hand darreichen, um ihr beim Aus⸗ ſteigen behülflich zu ſein. Die Königin wehrte ſie ſtolz zurück. Nicht doch! ſagte ſie. Die Könige und Königinnen verlaſſen ihr Grab nur durch ihre eigene Kraft und Größe und geſtützt auf die Hand der Geſchichte. Dann überſchritt ſie den Rand des Sarges und ſich tief vor dem Könige verneigend, ſagte ſie: Jetzt iſt an Ihnen die Reihe, mein Gemahl! Der König zuckte zuſammen und warf einen finſtern, mißtraui⸗ ſchen Blick auf die Königin; ihre ſo einfach gemeinten Worte hatten für ihn dennoch einen prophetiſchen unheimlichen Sinn, und ein leiſes Grauen überſchlich ihn, als er ſich dem Sarge näherte. Aber mit einer gewaltigen Kraftanſtrengung ſich ſelber überwindend, ſtieg er in den Sarg und winkte einen Hofherrn herbei, ihm beim Niederlegen behülflich zu ſein. Ach, es ruht ſich gut auf dieſem Lager, ſagte Friedrich Wilhelm, indem er mit Behagen ſeine Glieder ſtreckte. Hier alſo werde ich einſt ſchlafen, bis es Gott gefällt, mich wieder aufzuwecken. Möge dieſes Einſt noch ferne von uns ſein, mein Gemahl und König! rief die Königin feierlich. Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu reichen, um Ihnen beim Emporſteigen aus dem Sarge be⸗ hülflich zu ſein. Sie reichte dem König die Hand dar und dieſer, ſie mit Leb⸗ haftigkeit ergreifend, war eben im Begriff, ſich emporzurichten, als draußen ein ſeltſames, ungewöhnliches Geräuſch ſich vernehmen ließ. Man hörte einen lauten, durchdringenden Schrei, der ſich mehrmals wiederholte, dann den Schall eiliger Schritte, die ſich dem Saale näherten. Die Hofleute murmelten und flüſterten untereinander, man ſah ihre Geſichter erbleichen und ihre Mienen einen erſchrockenen Ausdruck annehmen. Was giebt's? fragte der König, der noch immer im Sarge ſaß. Niemand antwortete, man ſah ſich ſcheu untereinander an, man flüſterte ſich einander unverſtändliche Worte zu, aber Niemand wagte zu reden. — 475— Ich befehle, daß man mir ſagt, was da vorgeht, rief der König, indem er mühſam verſuchte, ſich aufzurichten. Der Ober⸗Hofmeiſter trat vor. Ew. Majeſtät, draußen ſtehen zwei Soldaten, welche im Corridor die Wache hatten. Sie behaupten Beide, daß eben eine lange, weiße Geſtalt mit verſchleiertem Antlitz und ſchwarzen Handſchuhen langſam an ihnen vorüber, den Corridor entlang, hierher gegangen ſei. Da ſie glaubten, daß irgend Jemand ſich in einer unziemlichen Vermummung Ew. Majeſtät hier nahen wolle, folgten ſie der Erſcheinung und ſahen ſie eben in den Saal hier treten. Deshalb kamen ſie herbeigerannt, um ſie aufzuhalten, aber Ew. Majeſtät ſehen wohl, daß Niemand hier iſt. Die weiße Frau! murmelte der König entſetzt, indem er ganz kraftlos, ganz zerbrochen in den Sarg zurück ſank. Die weiße Frau, ganz verſchleiert und mit ſchwarzen Handſchuhen, das bedeutet meinen nahen Tod! Die weiße Fraul flüſterten die Hofleute erſchauernd und unwill⸗ kürlich von der Thür zurückweichend, durch welche die unheilsvolle Erſcheinung in ihre Mitte getreten ſein ſollte. Die Königin allein ſchwieg. Sie blickte mit einem ſeltſamen, forſchenden Ausdruck hinüber nach den ernſten Marmorgeſtalten der Churfürſten und ihre Seele war fernab bei dem geliebten Sohn Friedrich. VII. Das Hoffräulein und der gärtner. Es war ein köſtlicher Maientag. Der Flieder blühte, die Vögel ſangen und ſanft ſchaukelten ſich die Schwäne auf dem glatten Spiegel des von blühenden Waſſerlilien und duftigem Geſträuch umgebenen Teiches, der ſich inmitten des Kronprinzlichen Gartens in Rheinsberg befand. Es war in der Frühe des Morgens. Die Bewohner des Schloſſes, das dieſen Garten begrenzte, ſchienen noch zu ſchlummern. Die Fenſter waren noch geſchloſſen und verhangen und noch hörte man nichts von dem Geräuſch des frohen und ungebundenen Lebens, das ſonſt die Bewohner dieſes heitern und reizenden Schloſſes erfreute und ergötzte.— Keine andere Muſik ließ ſich vernehmen, als der ſchmetternde Geſang der Nachtigallen, die fröhlichen Jubellieder der Lerchen und Finken, die in den Laubdächern der hohen Bäume, welche dort drüben den Garten begrenzten, ſich verborgen hielten. Der Kronprinz alſo ſchlummerte noch, denn ſeine Flöte ſchwieg, und das war für alle Schloßbewohner immer ein ſicheres Zeichen, daß der Schloßherr noch nicht erwacht ſei oder daß er mindeſtens noch nicht ſeinen Tag beginnen wollte. Die Muſik ſeiner Flöte war das Mor⸗ genopfer, mit welchem der junge Fürſt jeden Tag begrüßte, und die, gleich der Memnonsſäule, welche erklang, wenn der Strahl der Sonne ſie berührte, den ſchmeichelnden Hofleuten verrieth, daß auch ihre Sonne erſtanden ſei. Aber die Flöte ſchwieg; die Sonne war alſo noch nicht aufge⸗ gangen, obwohl ſie hier draußen im Park ſchon ihre goldenen Streif⸗ lichter durch das Laubwerk und die duftenden Geſträuche zog, und ſchon den Thau aus dem Kelche der Blumen aufgetrunken hatte. Es war überhaupt eine heiße Nacht geweſen, und der Thau hatte die Pflanzen und Blüthen nur ſpärlich erquickt. — Fritz Wendel, der Gärtner, war daher ſchon beſchäftigt, mit der großen Gießkanne die Blumen zu tränken und den Staub von den Geſträuchen fortzubrauſen. Aber indem er's that, wählte er zugleich die ſchönſten Blumen aus und pflückte ſie ab, indem er ſorgfältig und angſtvoll bemüht war, ſie hier und dort unter den Geſträuchen zu verbergen, vielleicht um ſie vor der Gluth der Sonne zu ſchützen, vielleicht aber auch um ſie vor den Augen neugieriger Beobachter zu ſichern. Und doch waren ſolche Augen ſchon da und beobachteten ihn, und ruhten auf ihm mit ſo zärtlichem und lachendem Ausdruck, daß man wohl ſah, das junge Mädchen, welchem dieſe Augen angehörten, müſſe ein beſonderes Intereſſe hegen an dem ſchönen hochgewachſenen — 49— Gärtner, der in ſeiner einfachen und beſcheidenen Tracht, und mit ſeiner auffallenden und imponirenden Schönheit die alten Fabeln von den verkleideten Göttern wieder zur Wahrheit zu machen ſchien. Man konnte verſucht ſein, ihn für den Gott Apoll zu halten, der von irgend einer Daphne gereizt, ſich in Knechtsgeſtalt gehüllt, um der Hirtin zu nahen, welche er liebte.— Vielleicht dachte das auch dieſes liebreizende junge Mädchen, das deshalb hinter dem Fliederbuſche verborgen ihm zuſchaute und ihre lachenden Blicke auf ihn gerichtet hatte, oder vielleicht hielt ſie ihn für einen gebornen Prinzen und harrte nur ſehnſüchtig des Moments, wo er ſeine Verkleidung ab⸗ werfen und ihr ebenbürtig ſein würde. Denn ſie war, wenn nicht eine Prinzeſſin, doch das Hoffräulein einer Prinzefſin, und ſelber von vornehmer Geburt. Aber was kümmert ſich die Jugend um den Stammbaum und die Wappenſchilder, und was hatte dieſes dreizehn⸗ jährige Kind darnach zu fragen, ob Fritz Wendel der Sohn eines Fürſten oder eines Bauern wäre. Er gefiel ihr, denn er war ſchön und jung, und— er hatte noch einen ſehr großen Vortheil für ſich— er war ihr erſter Anbeter. Die ganze Welt ſonſt nannte das Fräu⸗ lein von Schwerin noch ein Kind und ſchäkerte mit der kleinen Louiſe. Die Kronprinzeſſin hatte ſich dieſelbe von ihrer Mutter als eine Art Spielzeug erbeten zur Unterhaltung ihrer einſamen Stunden, und der Titel„Hoffräulein“, den man dem dreizehnjährigen Kinde gege⸗ ben, war auch nur ein Scherz, den man belachte, und der nur dazu dienen ſollte, dem kleinen Fräulein von Schwerin zu jeder Stunde des Tages eine ungehinderte Entrée bei der Prinzeſſin zu ſichern. Aber die kleine Louiſe war nur den Jahren nach ein Kind, ſie hatte ſchon das Herz und die Gedanken einer Erwachſenen, ſie war ſchon mit ihrem Empfinden, ihrer Phantaſie, ihren lebhaften Wün⸗ ſchen ein Weib, und zwar ein feuriges, liebeglühendes. Nichts ver⸗ letzte daher mehr ihren Stolz, als wenn man ſie ein Kind nannte, und nie fühlte ſie ſich glücklicher, als wenn man zu Gunſten ihres Verſtandes, ihrer Schönheit und ihres gereiften Geiſtes ihrer Jahre zu vergeſſen ſchien. Fritz Wendel, der junge Gärtner, hatte das Glück gehabt, dieſe Friedrich der Große. I. 4 gar nicht zu wiſſen. Für ihn war ndas kleine Fräulein von Schwerin“ eine durchaus erwachſene Dame, mehr als das, ſie war die Göttin, welche er anbetete, die Fee, deren Blicke genügten, um ſeine Blumen blühen und ſein Herz klopfen zu machen. Für ſie allein pflegte er die Blumen, ſorgte er für die Pfirſiche und Melonen an den ſonne⸗ glühenden Spalieren, für ſie allein hatte Gott die Welt geſchaffen, denn ſie war die Königin der Welt, und es war daher ſo natürlich, daß auch der arme Fritz Wendel ihr zu Füßen lag und ſie zur Ge⸗ bieterin ſeines ganzen Daſeins machte. Das kleine Fräulein hatte ihren ſtummen, ſchwärmeriſchen verſten Liebhaber“ jetzt lange genug beobachtet, um dieſes unnatürlichen Schweigens überdrüſſig zu ſein, und eben, wie Fritz Wendel eine prächtige Narziſſe pflückte, trat Fräulein Louiſe hinter dem Flieder⸗ buſch hervor und wünſchte ihm lächelnd einen guten Morgen. Fritz Wendel zuckte zuſammen und eine glühende Röthe fuhr über ſein Antlitz hin. Er war ſo verlegen, daß er ganz vergaß, den Gruß des Fräuleins zu erwiedern, und ſich nur tiefer herniederbeugte zu den Blumen, mit denen er eben beſchäftigt war. Für wen ſollen die Blumen? fragte Louiſe, welche jetzt dicht neben ihm ſtand. Und warum haſt Du juſt die ſchönſten und beſten verſteckt, und willſt ſie nicht zu dem Bouquet hinzufügen, welches Du für die Prinzeſſin jeden Morgen pflücken mußt? Man hat mir nicht befohlen, daß ich für die Kronprinzeſſin immer die ſchönſten Blumen pflücken muß, ſagte Fritz Wendel, der noch immer nicht wagte, das Fräulein anzuſehen. Der Kronprinz hat mir nur befohlen, jeden Morgen neue Blumen in die Vaſen der Kronprinzeſſin zu thun, das iſt Alles! Das iſt, wie mir ſcheint, nicht Alles! rief Louiſe lachend. Denn Ihr habt noch Blumen gepflückt außer dieſen. Für wen ſollen denn dieſe ſein, wenn ſie nicht für die Fürſtin beſtimmt ſind? Fritz Wendel wagte es, das Auge zu erheben und das junge Mädchen, welches ſo liebreizend und lächelnd vor ihm tand mit ſchüchternen Blicken anzuſehen. — 51— Sie ſind auch für eine Fürſtin beſtimmt, ſagte er ganz leiſe, für meine Fürſtin! Ach, Ihr habt alſo noch eine beſondere Fürſtin, für die Ihr Blumen pflückt? Ja, ich habe noch meine Fürſtin, der ich diene, die über mich zu gebieten hat, für die ich bereit bin, mein Leben hinzugeben, für die ich Räuber, Mörder und Wegelagerer werden kann, wenn ſie's will und wenn ſie mir einen Wink giebt, es zu thun! rief der feu⸗ rige junge Mann mit aller Energie eines leidenſchaftlichen, ungebän⸗ digten Naturells.. Fräulein von Schwerin ſpielte nachläſſig mit dem Fliederbüſchel, das ſie in der Hand hielt. Sie pflückte die einzelnen kleinen Blüthen davon ab und warf ſie in die Luft und blies ſie, ſich auf die Spitzen ihrer niedlichen Füßchen erhebend und hin und her tänzelnd, immer wieder empor, wenn ſie herabflatterten. Ich möchte wohl wiſſen, ſagte ſie dann lächelnd, woher es kommt, daß ich alle Morgen einen ſo prächtigen Blumenſtrauß in meinem Zimmer finde, und wer ſo kühn iſt, mir ein Bouquet zu pflücken, das ſchönere Blumen enthält, als alle Vaſen in den Zimmern der Kronprinzeſſin. Sicher iſt es Jemand, der das gnädige Fränulein anbetet, ſagte der junge Gärtner mit niedergeſchlagenen Augen und über ſeine eigene Kühnheit erröthend. Dann muß es alſo ein vornehmer Herr ſein, einer von den Hofcavalieren des Kronprinzen vielleicht, rief Fräulein von Schwerin mit einem neckiſchen Seitenblick auf ihren verlegenen Anbeter. Wer anders könnte es wagen, mich zu lieben und mir Blumen zu ſchenken! Ja, Ihr habt Recht, wer könnte es wagen, murmelte Fritz Wendel traurig. Aber Fräulein, haben Sie niemals gehört von ſolchen Wahnſinnigen, die ganz das Bewußtſein deſſen verlieren, was ſie ſind, und ſich für Könige und Kaiſer halten und ſelber Gott ſich gleichzuſtellen wagen? Vielleicht iſt derjenige, welcher Euch die Blu⸗ men bringt, ein ſolcher Wahnſinniger, und eben weil er toll iſt, hielt er ſich für Ihresgleichen! 3 — 52— Mein Gott! wie blaß Ihr eben ſeid, rief Louiſe, welche den jungen Mann jetzt mit unverſtellter Zärtlichkeit anblickte. Und warum weint Ihr denn, Fritz? S iee nahm ſeine Hand und ſah ihm feſt mit einem ſeltſamen, halb neugierigen, halb herausfordernden Ausdruck in die Augen. Fritz Wendel zuckte bei ihrer Berührung zuſammen wie in ſchau⸗ derndem Entzücken, und riß faſt ungeſtüm ſeine Hand zurück. Ich weine, weil ich nur ein elender Gärtner bin, murmelte er, ich weine, weil ich nicht vornehm und reich und glänzend bin, wie Eure Hof⸗ herren! Geſtern bei Tafel erzählte der Herr von Kaiſerling von einem öſterreichiſchen General, der nur eines armen Bauern Sohn, und einſt ein Kuhhirt geweſen, ſagte Louiſe bedeutungsvoll. Jetzt iſt er General und hat die Tochter eines Grafen geheirathet! Fritz Wendels Antlitz ſtrahlte vor Energie und Muth. Mein Gott, warum haben wir keinen Krieg, rief er ganz begeiſtert, ich würde auch General werden, denn ich würde kämpfen wie ein Löwe. Ach, Ihr wollt General werden, um dann auch eines Grafen Tochter zu heirathen? Nicht eines Grafen Tochter, Fräulein, aber— Fritz Wendel! Fritz Wendel! ließ ſich in der Ferne eine rufende Stimme vernehmen. Es iſt der Obergärtner, ſagte der arme Gärtner traurig. Lebt wohl, Fräulein! Seid gnädig und erbarmungsvoll und geht morgen wieder im Garten ſpazieren. Er nahm ſeinen Korb mit Blumen und eilte haſtigen Schrittes die lange Allee hinunter. 1 Fräulein von Schwerin ſah ihm mit zürnenden Blicken nach. Wieder keine Liebeserklärung! murmelte ſie, mit dem Trotz eines zor⸗ nigen Kindes auf den Boden ſtampfend. Er ſoll mir aber eine Lie⸗ beserklärung machen. Frau von Morien hat mir erzählt, daß es kein ſchöneres und himmliſcheres Gefühl giebt, als wenn man zum erſten Mal eine Liebeserklärung bekommt. Auch hat ſie mir geſagt, daß man immer am klügſten thut, wenn man ſeine Liebhaber nicht 1 — 53— unter Seinesgleichen wählt, ſondern entweder höher oder niedriger, weil man dann gewiß ſein kann, nicht von ihnen verrathen zu wer⸗ den. Geſtern erzählte ſie mir, daß Niemand ſie ſo angebetet habe, wie der Jägerburſche, der bei ihrem Vater diente, als ſie in meinem Alter war, und daß kein anderer Mann ſie jemals wieder ſo geliebt und bewundert habe, wie dieſer. Nun, Fritz Wendel betet mich auch an, und ich will, daß er mir eine Liebeserklärung macht, und ich muß endlich wiſſen, ob das wirklich ein ſo herrliches Gefühl iſt. Morgen ſoll er's thun, morgen will ich ſo freundlich und ſo zärtlich ſein, daß er gar nicht umhin kann, mir ſeine Liebe zu geſtehen. Aber jetzt fort in's Schloß, damit mich Niemand hier findet! Und das junge Mädchen hüpfte leicht wie eine Gazelle von dannen. VIII. Der Diplomat von Manteuffel. Der Garten war jetzt wieder einſam. Nur die Vögel ſangen und flatterten hin und wieder, nur der Morgenwind ſäuſelte in den Bäumen, ſonſt war Alles lautlos und ſtill. Aber das dauerte nicht lange. Bald hörte man wieder das Geräuſch nahender Schritte, und eine neue Geſtalt zeigte ſich am Eingang der großen Allee. Es war wieder eine Dame, wenn auch nicht ſo ſchön und jung wie das Fräulein von Schwerin, doch immer noch ſchön genug, um darauf Anſprüche machen zu können, zu dem ſchönen Geſchlecht ge⸗ rechnet zu werden. Sie war in einem überaus reizenden und ge⸗ ſchmackvollen Morgenanzug, der ganz dazu geeignet war, die edlen Formen ihrer ſtolzen, hohen Geſtalt noch mehr hervorzuheben, deſſen keuſche Züchtigkeit indeß ſehr wenig zu ihren ſtrahlenden, heraus⸗ — 54— fordernden Blicken, zu dem reizenden, lockenden Lächeln ihrer Lippen paßte. Sicher war auch ſie nicht gekommen, um nur die Schönheit und Friſche der Morgenluft einzuathmen und an der Pracht der Blumen ſich zu erfreuen. Ihr Auge ſchweifte theilnahmlos darüber hin und achtlos eilte ſie vorüber an den Fliederbüſchen und dem duftenden Jasmin. Jetzt, am Ende der langen Allee blieb ſie einen Moment ſtehen und warf ihre ſpähenden Blicke nach allen Seiten umher. Als ſie ſah, daß Niemand in ihrer Nähe und ſie ganz allein, ganz unbe⸗ obachtet war, ſchlüpfte ſie zur Seite in das dichte Bosket und gelangte endlich, auf einem engen und überwachſenen Pfade weiter gehend, zu der Ringmauer des Gartens. Vor einer, in derſelben angebrachten Pforte blieb ſie ſtehen und lauſchte mit angehaltenem Athem. Als Alles ſtill blieb, klatſchte ſie dreimal in die Hände, dann lauſchte ſie wieder.— Jetzt ließ ſich jenſeits der Mauer daſſelbe dreimalige Hände⸗ klatſchen vernehmen. 3 Die Dame lächelte zufrieden und rief mit lauter, ſilberheller Stimme: Guten Morgen im Namen Gottes! Und des Teufels! erwiederte eine tiefe männliche Stimme von der andern Seite der Mauer. 3 Er iſt's! flüſterte die Dame, indem ſie raſch aus ihrer Kleider⸗ taſche einen Schlüſſel hervorzog und die Thür in der Mauer öffnete. Sofort ſchlüpfte der Mann, welcher draußen geſtanden, herein, und ſich tief vor der Dame verneigend, küßte er ehrfurchtsvoll ihre dargereichte Hand. Guten Morgen, Graf Manteuffel, ſagte die Dame lächelnd. Sie ſind in der That ſo pünktlich, als ob Sie zu einem verliebten Stelldichein gekommen wären. Tempi passati! ſeufzte der Graf. Ich bin verheirathet! Ich auch! lachte die Dame. Das hindert indeß nicht, daß— Daß Sie noch immer feurige Bewunderer und ſchmachtende Lieb⸗ haber finden, unterbrach ſie der Graf. Aber Sie ſind noch immer jung und ſchön, während ich alt geworden bin! Sagen Sie mir, Gnädigſte, wie Sie es angefangen haben, immer noch ſich dieſe rei⸗ „ 2 zende Jugendfriſche zu bewahren und dieſe köſtlichen glänzenden Augen, die mich, als ich noch ein Herz hatte, ſo ſehr in ihren Zaubernetzen gefangen hielten. Die Dame ſah ihn mit einem ſcharfen, ſpöttiſchen Blicke an. Graf Manteuffel, ſagte ſie, ohne Zweifel wollen Sie etwas ganz Beſonderes von mir, da Sie heute ſo überaus freundlich und an⸗ betungsvoll ſind! Aber kommen Sie. Gehen wir erſt bis zu dem kleinen Pavillon, der hier in der Nähe iſt. Dort finden wir bequeme Sitze und ſind ſicher, nicht behorcht zu werden. Sie gingen ſchweigend an der Mauer hin, bis zu dem Pavillon, zu deſſen Thür derſelbe Schlüſſel paßte, welcher die Gartenpforte geöffnet hatte. So, hier ſind wir ſicher, ſagte die Dame, indem ſie den Spitzen⸗ ſchleier zurückſchlug, den ſie leicht um ihr Haupt gelegt hatte. Kom⸗ men Sie, Graf, ſetzen wir uns Beide auf dieſen Divan und nun ſagen Sie, weshalb Sie mich heute um dieſe Zuſammenkunft bitten ließen, und wie es kommt, daß Sie nicht wie ſonſt Ihren Kammer⸗ diener ſandten, damit er meine Briefe empfange und Ihnen bringe? Ich hatte eine unbezwingliche Sehnſucht, Sie zu ſehen, einmal wieder in Ihr holdes Antlitz zu ſchauen, ſeufzte der Graf. Und doch ſagten Sie vorher, daß Sie kein Herz mehr haben? fragte die Dame lachend. Sie ſind die Zauberin, welche es wieder zum Leben erweckt. Sie machen in der That Ihrem Namen Ehre, und Dank der Frau von Brandt, brennt mein Herz wieder in hellen Flammen. Graf, man ſieht es wohl, daß Sie ſich da auf einem Ihnen nicht mehr bequemen Wege befinden! rief Frau von Brandt lachend. Sie werden fade, wenn Sie den Courmacher ſpielen wollen und ſind doch anerkanntermaßen ſonſt einer der ſchlaueſten und geiſtreichſten Diplomaten. Aber ich bitte Sie, nur mit mir keine diplomatiſchen Schleichwege! Halten wir uns nicht bei der Schale auf, ſondern gehen wir gerade auf den Kern los! Was wollen Sie von mir? Ich habe Ihnen in meinem letzten Briefe ganz genauen Bericht ab⸗ geſtattet über die hieſigen Zuſtände und Verhältniſſe, und auch über den Stand meiner Finanzen, die in der That denen des Kronprinzen gleich ſind, das heißt, ſeine Kaſſe iſt ſo leer, wie die meinige. Und Sie Beide haben eine Kaiſerin, welche glücklich iſt, dieſe Leere wieder ausfüllen zu können, ſagte Graf Manteuffel, indem er eine gefüllte Börſe, durch deren große ſeidene Maſchen man das Gold hervorleuchten ſah, aus ſeinem Buſen zog und ſie der Dame lächelnd darreichte. Nur daß es leider verſchiedene Kaiſerinnen ſind, welche ſo glücklich ſind, dem Kronprinzen und der Frau von Brandt hülfreich ſein zu dürfen! Was wollen Sie damit ſagen, Graf? Wir verſtehen uns ſchon nicht mehr, und ich bitte Sie, nicht in Räthſeln zu ſprechen, denn ich fürchte alle Anſtrengungen für meinen Kopf. Ich will damit ſagen, daß der Kronprinz ſich in ſeinen Geld⸗ verlegenheiten nicht mehr an die Kaiſerin von Oeſterreich wendet. Und doch hat dieſe, als die nächſte Verwandte, als die leibliche Tante der Frau Kronprinzeſſin wohl das erſte und nächſte Recht auf das Vertrauen des Kronprinzen. Vielleicht aber iſt ſeine Schuldenlaſt größer als die Börſe der Kaiſerin von Oeſterreich, ſagte Frau von Brandt. Er hätte das erſt verſuchen und die Börſe der Kaiſerin auf die Probe ſtellen ſollen, wie er es doch in früheren Jahren oftmals ge⸗ than, in Jahren, wo nicht nur der Kronprinz, ſondern auch die Mark⸗ gräfin von Baireuth die Freigebigkeit ihrer kaiſerlichen Tante kennen gelernt*). Aber der Kronprinz hat ein treuloſes Herz und er ver⸗ gißt empfangene Wohlthaten ſehr leicht. Ja, das thut er, ſeufzte Frau von Brandt. Wir armen Weiber haben darunter zu leiden. Er hat uns Alle geliebt und Alle ver⸗ geſſen. Alle? fragte Graf Manteuffel lebhaft. Alle, Graf! Wir ſind ihm Alle nichts weiter als das Spiel⸗ zeug einer Stunde, dann aber wird er unſerer überdrüſſig und wirft *) Mémoires de Fréderique Sophie Wilkelmine, Markgrave de Baireuth. T. II. pag. 84— 85. 1 1 1 — 57— uns bei Seite. Es giebt nur eine Dame, welche er treu und un⸗ erſchütterlich liebt. Und dieſe Dame heißt? Die Flöte, Graf! Ach, Sie machen ein trauriges Geſicht? Ja freilich, dieſe Dame läßt ſich nicht beſtechen, weder von dem öſterreichiſchen Golde, noch von den Schmeicheleien des klugen Grafen Manteuffel, ſie bleibt immer verſchwiegen, immer geheimnißvoll, ſie verräth ihren Geliebten nicht. Ach, Graf, wir könnten Beide lernen von dieſer edlen Flöte. Ja, glauben Sie mir, ich würde verſuchen, ihr zu gleichen, wenn ich unglücklicherweiſe nicht ſo vielerlei Dinge gebrauchte, welche eine Flöte nicht gebraucht, und wenn nicht die Goldſtücke Oeſterreichs einen ſo verführeriſchen Glanz hätten. Aber Sie, Graf Manteuffel, weshalb gleichen Sie nicht der Flöte? Wes⸗ halb haben Sie überall Ihre Spione und Horcher? Weshalb machen Sie ſich am preußiſchen Hofe zum Spion des öſterreichiſchen, Sie, welcher doch Gold, Rang und Ehre genug beſitzt, um dieſen gewöhn⸗ lichen Beſtechungsmitteln widerſtehen zu können? Graf Manteuffel's Stirn umwölkte ſich ein wenig und er preßte unwillig ſeine Lippen auf einander. Aber er bezwang bald dieſe augenblickliche Aufwallung und war wieder der freundliche, gelaſſene und aufmerkſame Diplomat. Ich diene dem öſterreichiſchen Hofe aus Neigung, ſagte er, aus Liebhaberei, und jedenfalls aus redlicher Geſinnung. Ich diene ihm, weil es einmal meine innigſte Ueberzeugung iſt, daß Oeſterreich dazu berufen iſt, ein einiges Deutſchland zu bilden, alle anderen deutſchen Fürſten zu verjagen und Oeſterreich zu Deutſchland zu machen, indem es Deutſchland zu Oeſterreich macht. Preußen alſo muß aufgehen in Oeſterreich und ſich vor ihm beugen als der Vaſall vor dem Lehnsherrn. Das iſt meine politiſche Ueberzeugung und darnach handle ich. Und für dieſe politiſche Ueberzeugung empfangen Sie öſterreichi⸗ ſches Geld und öſterreichiſche Orden, rief Frau von Brandt lachend. Dieſer politiſchen Ueberzeugung zu Liebe haben Sie überall Ihre Spione, am Hofe zu Potsdam, am Hofe zu Dresden, ſo wie hier — 58— an dem kleinen Hofe zu Nheinsberg. Nicht genug, daß Sie den Koch des Kronprinzen gewonnen haben, daß er für Sie ein Tage⸗ buch ſchreibt*), iſt es Ihnen auch gelungen, die Frau von Brandt, meine kleine beſcheidene und demüthige Perſon, in Ihr Intereſſe zu ziehen, und ich ſelber weiß am beſten, daß Ihnen das eine ziemliche Summe Geldes koſtet. Und jetzt wollen Sie mich glauben machen, daß Sie das Alles um Ihrer politiſchen Ueberzeugung willen thun? Oh, oh, mein theuerſter Graf, ich bin auch eine kleine Diplomatin und ich habe auch meine Ueberzeugungen. Eine von dieſen iſt, daß der Graf Manteuffel, dieſer harmloſe Quinze vingt, eigentlich auf der Welt nur Eine Leidenſchaft hat: eine politiſche Rolle zu ſpielen und nebenbei ſo viel Geld als möglich zu verdienen. Und ob dieſes Geld preußiſchen oder öſterreichiſchen Urſprungs ſei, das iſt dem guten Manteuffel ganz gleichgültig. Und wozu ſoll dieſer liebenswürdige Scherz dienen? fragte Graf Manteuffel mit einem erzwungenen Lachen. Dazu, mein lieber Graf, daß wir einander kein müßiges Spiel vormachen, ſondern wahr und aufrichtig miteinander handeln und Beide die Maske abnehmeu, wenn wir, wie eben jetzt, allein ſind. Ich diene Ihnen, weil Sie mir dafür Geld geben, Sie dienen Oeſterreich, weil es Ihnen dafür Geld giebt. Ich würde aufhören, Ihnen zu dienen, wenn Sie mir nicht mehr, wie heute, in kritiſchen Momenten eine gefüllte Börſe brächten, und Sie würden nicht mehr für Oeſterreichs Oberherrſchaft ſchwärmen, wenn eines Tages unglück⸗ licherweiſe Ihnen die öſterreichiſche Geldquelle nicht mehr fließen *⁴) Preuß in„Friedrich des Großen Ingend und Thronbeſteigung“ ſagt vom Grafen Manteuffel, daß er für den Kronprinzen zu den Verdächtigen gehörte, daß er überall ſeine Horcher hatte und was er in Berlin oder aus Dresden erfuhr, für baares Geld nach Wien berichtete. Nicht genug, daß jedes Geſpräch mit Friedrich Wilhelm, jede Unterhaltung mit dem Kronprinzen dorthin in Briefen geſchrieben wurde, ſuchte er die Handlungen und den Charakter Beider und der Ihrigen zu erſpähen, und ſo wie er einen Geheimen Sekretair in Dresden monatlich mit 60 fl. Kaiſergeld zu ſolchem Zweck beſoldete, ſo diente ihm auch Friedrich's Koch Duval als Zwiſchenträger. Preuß pag. 182. wollte. Nun, mein lieber Graf, denke ich, daß wir uns verſtehen, und jetzt ſagen Sie mir ohne Umſchweife: was wollen Sie von mir? Was haben Sie mir zu ſagen? Oh, ſehr Vieles und ſehr Wichtiges! Ich wußte es! lächelte Frau von Brandt. Ihre Schmeicheleien verriethen Sie. Zur Sache alſo. Fangen wir an! Zuvörderſt alſo, theuerſte Baronin, müſſen Sie wiſſen, daß der Kronprinz in wenig Tagen König ſein wird. Nicht doch, Graf, der Kronprinz bekam geſtern Abend einen Courier, der ihm von dem beſſern Befinden des Königs Nachricht gab. Der Kronprinz war ſichtlich erfreut darüber und hat befohlen, daß das für heute beſtimmte Feſt zum Namenstage der Frau von Morien ſtatthaben ſoll. 8 So beſitzt dieſe alſo immer noch die Liebe des Kronprinzen? Frau von Brandt zuckte die Achſeln. Liebe! Ich ſagte Ihnen ſchon zuvor, der Prinz liebt nur ſeine Flöte. Auch die Kronprinzeſſin nicht? Auch dieſe nicht! Und vielleicht würde er die Prinzeſſin nicht lieben, ſelbſt wenn ſie ſich in eine Flöte verwandeln könnte. Sie iſt aus keinem guten Holz geſchnitzt und giebt keinen ſchönen Ton von ſich, würde er zu Quantz ſagen, und damit würde er ſie für immer in ihr Futteral einſchließen. Und glauben Sie, daß er es auch mit der Prinzeſſin ſo machen wird, obwohl ſie nicht Flöte iſt? Glauben Sie, daß er ſie bei Seite wirft? Die Kronprinzeſſin fürchtet es. Und auch die Kaiſerin! Aber warum gab man auch einem ſo muſikaliſchen Prinzen eine Frau, welche nicht blos gar nichts von der Muſik verſteht, ſondern ſogar eine durchaus heiſere, krächzende Stimme hat und ſo undeutlich ſpricht, daß der Kronprinz ſie nicht verſtehen würde, ſelbſt wenn ſie die geiſtreichſten Dinge ſagte. Mein Gott, man nimmt doch eine Frau nicht blos, um ſie anzuſehen, ſondern auch, um mit ihr zu ſprechen. ——— ———;—xxxxõööõonſAQQQQQQQQn—— — 60— Sie glauben alſo, daß der Kronprinz, ſobald er zur Freiheit ge⸗ langt, das heißt König wird, ſich von ſeiner Gemahlin ſcheiden läßt? fragte Graf Manteuffel nachdenklich. Niemand kann das wiſſen, Graf! Der Kronprinz ſpricht zu den vertrauteſten Freunden niemals über ſeine Gemahlin, und ſelbſt in den zärtlichſten Momenten hat die Morien vergeblich verſucht, hierüber etwas von ihm zu erfahren. Der Kronprinz iſt ſehr vorſichtig und ſehr mißtrauiſch. Frau von Morien muß gewonnen werden, murmelte Graf Manteuffel. Das iſt eine ſehr ſchwierige Arbeit, ſagte Frau von Brandt. Denn unglücklicher Weiſe iſt ſie reich und legt wenig Werth auf das Geld. Es giebt nur ein Mittel. Verſchaffen Sie ihr einen Lieb⸗ haber, der noch ſchöner, noch leidenſchaftlicher und feuriger iſt, als der Kronprinz, und ſie wird ſich gewinnen laſſen. Denn Sie wiſſen wohl, daß die gute Morien ein ſehr empfängliches Herz hat. Ich bitte Sie, Baronin, laſſen Sie uns errſthaft bleiben. Es ſind ſehr wichtige und folgenreiche Dinge, welche wir beſprechen und unſere Zeit iſt gemeſſen: Frau von Morien muß gewonnen werden. Sie allein hat jetzt Einfluß auf das Herz des Kronprinzen, ſie muß ihren Einfluß dahin anwenden, daß der Kronprinz ſich nicht von ſeiner Gemahlin ſcheiden läßt! Sie, meine theuerſte Baronin, müſſen die Frau von Morien dahin bringen, daß ſie das thut, Sie mit Ihrer hinreißenden und bezaubernden Beredtſamkeit müſſen der Frau von Morien begreiflich machen, daß dies allein eine Sühnung ihres ſtraf⸗ würdigen Wandels ſei, daß dadurch allein ſie ſich den Himmel ver⸗ ſöhnen kann, wenn ſie den treuloſen Gemahl in die Arme ſeiner edlen Gemahlin zurückführt. Sie kann ihn nicht dahin zurückführen, wo er niemals ge⸗ legen hat. Aber ſie kann ihn verhindern, die Kronprinzeſſin und den kaiſer⸗ lichen Hof durch eine Scheidung zu entehren. Die Kronprinzeſſin muß die Gemahlin des Königs bleiben. Das iſt das einzige Band, welches den König noch wieder mit Oeſterreich vereinigen kann! Denn . — 61— Oeſterreich hat viele und mächtige Feinde in der Umgebung des Kron⸗ prinzen, der gefährlichſte von ihnen Allen iſt Suhm. Nun, der gehört mindeſtens nicht zu der Umgebung des Kron⸗ prinzen, denn Sie wiſſen wohl, daß er als außerordentlicher Geſandter Sachſens in Petersburg iſt. Das eben iſt das Unglück! Der Kronprinz vertraut ihm unbe⸗ dingt, ſie ſchreiben ſich in Ziffern, die man, trotz aller Anſtrengung bis jetzt nicht hat ergründen können, deren Reſultate aber ſind, daß Suhm dem Kronprinzen ſchon einmal vom Herzog von Curland ein Darlehn von zehntauſend Thalern angeſchafft und daß er ihm jetzt von der Kaiſerin Anna ein Jahrgeld von vier und zwanzig Tauſend Thalern bis zu ſeiner Thronbeſteigung geſichert hat*). Die erſte Jahreszahlung hat der Kronprinz jetzt eben empfangen. Das iſt ein Mährchen, rief Frau von Brandt lachend. Der Kronprinz iſt arm wie Hiob und wird von ſeinen Gläubigern ſeit einiger Zeit wahrhaft belagert. Kein Tag vergeht, ohne daß irgend einer dieſer Vampyre kommt ihn heimzuſuchen, ſei es mit Briefen oder in eigener Perſon. Und Rußland muß es ſein, welches ihm in dieſer Verlegenheit Hülfe bringt! rief Graf Manteuffel ganz verzweiflungsvoll. Aber wir müſſen Alles aufbieten, dieſem gefährlichen Feinde entgegen zu wirken und Preußen für Oeſterreich zu gewinnen. Deutſchland be⸗ darf der Ruhe, und Preußen darf Oeſterreichen aicht feindlich gegen⸗ überſtehen. Preußen gegen Oeſterreich in Waffen hieße das Gleich⸗ gewicht von ganz Europa erſchüttern und einen Krieg hervorrufen, der vielleicht Jahre lang Deu in Blut und Thränen badete. Oeſterreich will Alles thun, au vermeiden, wir Beide, meine edle Freundin, werden Oeſterrei zundesgenoſſen ſein, viderdan ihm helfen, ſo viel wir vermög Rußland hat Preußen Geld ge⸗ geben, es iſt wahr. Aber ſolche Verpflichtungen hören in der Stunde auf, wo man dies Geld zurückerſtattet. Wenn der Kronprinz den *) Oeuvres de Frèderic le Grand. Vol. XVI, Correspondonce avec Mr. de Suhm pag. 340, 356, 360, 384. Thron beſteigt, wird er ſeine Schulden an Rußland bezahlen, und Alles iſt abgethan. Wir werden alſo ein anderes Band ſuchen müſſen, welches Preußen mit Oeſterreich auf dauerndere Weiſe ver⸗ einigen kann. Sie müſſen mir helfen es zu weben. Der Kronprinz darf ſich von ſeiner Gemahlin nicht ſcheiden laſſen. So wird die künftige Königin von Preußen die Nichte der Kaiſerin ſein, und das legt auch dem König einige verwandtſchaftliche Pflichten auf. Damit ſich dieſe aber noch ſteigern, damit die Verwandtſchaft der beiden Häuſer noch inniger und enger werde, müſſen wir noch eine Heirath im öſterreichiſchen Intereſſe zu Stande bringen. Der Prinz Auguſt Wilhelm, der wahrſcheinliche Nachfolger des jetzigen Kronprinzen muß, wie dieſer, eine braunſchweigiſche Prinzeſſin heirathen! Eine Schweſter der Kronprinzeſſin. Das iſt unmöglich! rief Frau von Brandt lebhaft. Unmöglich? Warum unmöglich? Weil der Prinz Auguſt Wilhelm auf dieſen Plan nicht eingehen wird, weil er eine leidenſchaftliche, große Liebe im Herzen trägt, eine Liebe, welche ſelbſt Sie rühren würde, wenn Sie überhaupt noch ein Herz hätten oder Mitleid empfinden könnten. 33 Mein Gott, wir ſprechen von Staatsangelegenheiten und Sie miſchen die Liebe hinein, rief Graf Manteuffel mit einem kalten, verachtenden Lächeln. Was hat denn die Politik mit der Liebe zu thun? Mag der Prinz lieben, wen er will, vorausgeſetzt, daß er nur die Prinzeſſin von Braunſchweig heirathet. Aber dies iſt ſeine edle und große, eine wirkliche Liebe, Graf. Eine Liebe, über welche wir k cht haben, denn der Teufel hat nicht dabei ſeine Hand im Sp ſie iſt rein wie der Himmel und diine für ſich den Seg nels. Sie müſſen dies auf⸗ geben, Graf, der Prinz Auguſt Wilhelm wird dieſe Prinzeſſin nicht heirathen. Sein Herz gehört der ſchönen Laura von Pannewitz und er iſt viel zu edel, viel zu hochherzig, um ſeine Hand ohne ſein Herz hinzugeben. Graf Manteuffel lachte laut. Ein königlicher Prinz, welcher ein kleines Hoffräulein liebt und ſie heirathen will. Wie romantiſch das iſt, wie erhaben! Welch' ein köſtlicher Stoff zu einem empfind⸗ ſamen Roman. Ah, meine liebe Baronin, ich gratulire Ihnen! Dieſe Erfindung macht Ihrem Dichteramt alle Ehre, und ich ſehe noch die Zeit kommen, wo man Sie als eine berühmte Romanſchriftſtellerin preiſen wird. Spotten Sie immerhin, Graf. Ich wiederhole Ihnen dennoch: Prinz Auguſt Wilhelm wird die Prinzeſſin von Braunſchweig nicht heirathen, denn er liebt das ſchöne Hoffräulein der Königin und iſt feſt entſchloſſen, ſie zu ſeiner Gemahlin zu machen. Man wird dieſe Entſchloſſenheit zu brechen wiſſen, ſagte der Graf Manteuffel lächelnd. Der Kronprinz ſelber wird uns dabei behülflich ſein, glauben Sie mir. Er iſt kein verliebter Schwärmer wie Prinz Auguſt Wilhelm und er wird niemals darein willigen, daß ſein Bruder eine Mesalliance mache. Und der Prinz, ſage ich Ihnen, wird lieber ſterben, als der ſchönen Laura entſagen. Nun, wenn er ihr nicht entſagen will, ſo muß ſie es thun, ſagte Graf Manteuffel mit einer grauſamen Ruhe.. Arme Laura, ſeufzte Frau von Brandt, ſie liebt ihn ſo glühend. Ihr Herz wird brechen, wenn ſie ihn aufgeben muß. Ah bah, das Herz jeder Frau iſt ein oder mehrere Male ge⸗ brochen, aber es heilt immer wieder zuſammen, und wenn es von der Sonne einer neuen Liebe beſtrahlt wird, verſchwinden ſelbſt die frühe⸗ ren Wundmaale und Narben. Sie ſelbſt, theuerſte Baronin, haben das an ſich erfahren! Erinnern Sie ſich noch der ſchönen Tage unſerer ſo heißen, ſo leidenſchaftlichen und großen Liebe? Glaubten wir nicht Beide zu ſterben, als wir uns trennen mußten, rangen wir nicht die Hände zu Gott empor und baten ihn um den Tod, als um den willkommenen Erlöſer? Und leben wir nicht heute noch, um die Schmerzen von damals mitleidig zu belächeln und uns zu erinnern, wie oft wir ſeitdem noch dem Glück entgegengejauchzt und der Liebe einen Triumphbogen in unſerem Herzen erbaut haben? Es iſt wahr, ſeufzte Frau von Brandt, man überlebt ſeine Schmerzen, und das Herz des Weibes hat viel Aehnlichkeit mit dem Regenwurm, es lebt und zuckt weiter, wenn es auch in Stücke zer⸗ ſchnitten iſt. Graf Manteuffel lachte. Nun, ſagte er, das Herz der ſchönen Laura von Pannewitz iſt eben auch nur ein Regenwurm, und wir dürfen uns nicht ſcheuen, es in Stücke zu zerreißen, denn es wird dennoch fröhlich weiter leben. Sie, meine theuerſte Freundin, ſollen„ das Meſſer ſein, welches die Operation vollführt. Willigen Sie ein? Frau von Brandt ſchwieg und blickte traurig und wie in Ge⸗ danken verloren vor ſich nieder. Es iſt wahr, flüſterte ſie dann, man überlebt es, aber unſer beſtes Sein ſtirbt doch daran! Ich wäre niemals geworden, was ich jetzt bin, wenn man nich nicht gewaltſam aus dem Traum meiner erſten Liebe emporgeriſſen hätte. Wir werden Laura von Pannewitz niiht tödten an ihrem Leibe, ſon⸗ dern an ihrer Seele. Und da wir glücklicher Weiſe keine Seelſorger ſind, ſo dürfen wir uns deshalb nicht beunruhigen. Die Politik hat nichts darnach zu fragen, und die Politik will, daß der Prinz Auguſt Wilhelm. ſich der Prinzeſſin von Braunſchweig vermähle. Die Politik verlangt ferner, daß der Kronprinz ſich von ſeiner Gemahlin nicht ſcheide, ſondern, daß die Nichte der Kaiſerin den Thron Preußens beſteige. Zu beiden Dingen müſſen Sie uns helfen! Sie müſſen den Prinzen und ſeine Geliebte überwachen und die rechte Zeit und Stunde ab⸗ warten, um es zu einem Eclat zu bringen, Sie müſſen durch Ihre hinreißende Beredtſamkeit die Frau von Morien dahin bringen, daß ſie den Kronprinzen beſtimmt, ſich nicht von ſeiner Gemahlin zu trennen. Das iſt Ihre Aufgabe, eine ſchöne und edle Aufgabe, denn ſie ſoll den Frieden einer Ehe hüten, ſoll zwei edle Herzen zu ihren Pflichten gegen die Welt zurückführen und ſoll endlich ein neues Band zwiſchen den beiden mächtigen Fürſtenhäuſern in Deutſchland knüpfen. Auch wird die Gemahlin Kaiſer Karls VI., die edle Kai⸗ ſerin, nicht undankbar ſein gegen ihre Bundesgenoſſin, die Frau von Brandt. An dem Tage, an welchem der Prinz Wilhelm ſich ne — 65— von Brandt von der Kaiſerin ein Geſchenk von zwanzigtauſend Thalern, um ſich dafür einen Brillantſchmuck zu kaufen. Das Antlitz der Frau von Brandt ſtrahlte vor Vergnügen und Luſt. Der Prinz ſoll und wird die Prinzeſſin Louiſe Amalie hei⸗ rathen, ſagte ſie. Ich bürge Ihnen dafür! Von heute an werde ich der böſe Dämon ſein, welcher dieſe ſo romantiſche, ſo empfindſame Liebe mit der ſchönen Laura mit ſeinem Gifthauch verpeſtet und ſie zu Tode hetzt. Mein Gott, weshalb ſoll ich auch Mitleid mit ihr haben? Sie leidet eben das Schickſal aller Frauen, mein Schickſal! Wer hat denn Mitleid mit mir gehabt, wer hat mich errettet? Nie⸗ mand hörte auf mein Jammergeſchrei, und Niemand ſoll hören auf das Klagegeſchrei der ſchönen Laura von Pannewitz! Sie iſt ver⸗ urtheilt, Graf. Aber horch! Hören Sie da dieſen leiſen, ſchwebenden Ton, welcher zu uns herüberdringt? Der Kronprinz iſt erwacht, er hat ſein Fenſter geöffnet und ſpielt die Flöte. Wir müſſen uns alſo trennen, denn der Garten wird ſich jetzt beleben. Wir haben heute früh eine Waſſerfahrt auf dem See und dann wird Chaſot uns hier im Pavillon Voltaire's neueſtes Drama vorleſen.* . * 3* Der Rronprinz Friedrich. Frau von Brandt hatte ſich nicht getäuſcht. Der Kronprinz war erwacht, und ſeine Flöte brachte der ſchönen ſonnigen Natur, welche ihm durch die geöffneten Fenſter ihre duftigen Blüthengrüße ſandte, ſein muſikaliſches Morgenopfer dar. Mit der Flöte an den Lippen ſtand er da und blickte ſtrahlenden Auges und heiteren Ange⸗ ſichtes hinaus in die ſchöne, lachende Gotteswelt. Eine freudige Nuhe, ein heiliger Friede ſtrahlte von ſeinem ſchönen Angeſicht, ſein Friedrich der Große, I. 5 8 5 4 — 66— ganzes Innere ſchien heute in der ſchönſten Harmonie, der durchſich⸗ tigſten Zufriedenheit ſich zu baden, und die ſanften, ſchmelzenden Töne ſeiner Flöte waren nur der Widerklang ſeiner eigenen Gedanken und Empfindungen. Plötzlich hielt der Kronprinz inne und neigte ſein Haupt mit dem Ausdruck geſpannter Aufmerkſamkeit ſeitwärts, gleich⸗ ſam als wolle er die eben verklungenen Töne, von denen die Luft noch erzitterte, noch einmal erklingen hören. 8 Das war gut, ſagte er lächelnd, und ich denke, dieſes Adagio darf ich niederſchreiben, ohne Quantzens Zorn zu erregen. Er nahm ſeine Flöte wieder auf und leiſe das eben Geſpielte noch einmal rezitirend, ging er im Zimmer auf und ab. Ich will es jetzt ſogleich aufzeichnen und heute im Abend⸗Concert werde ich es meinen geſtrengen Herren Muſikern vortragen. So ſprechend verließ der Kronprinz ſein Toilettenzimmer und ging hinüber in ſeine„Bibliothek“. Wie er in dies Gemach eintrat, überflog ein liebliches Lächeln des Kronprinzen Züge und er neigte, wie zum Gruße, ſein Haupt. Aber man konnte auch in der That nichts Reizenderes und Geſchmackvollexes ſehen, als dieſe Bibliothek. Angelegt nach des Kronprinzen eigenen Angaben, trug ſie ganz den Charakter und war gewiſſermaßen ein treues Portrait des Kron⸗ prinzen. Kunſt und Natur, die Einfachheit des Gelehrten, der Luxus des Fürſten, der geläuterte Geſchmack eines Kunſtkenners, die Empfind⸗ ſamkeit und Schwärmerei des Jünglings und der Ernſt des von bitteren Erfahrungen und Schmerzen früh gereiften Königsſohnes, Alles das konnte man in dieſem Gemache wiederfinden, und Alles das hatte zuſammengewirkt, um es zu einem Tempel der Muſen und Wiſſenſchaften, der Kunſt und der Freundſchaft zu gleicher Zeit zu machen. Das Gemach, wie geſagt, befand ſich in dem neuen Thurme, den Knobelsdorf als Gegenſtück des ſchon vorhandenen bei der Vergrößerung des Schloſſes aufgeführt hatte. Seine runde Form ſchon gab ihm etwas Eigenthümliches, Originelles und machte den Vergleich mit einem Tempel zu einem ganz natürlichen, ungezwunge⸗ nen. Rings an den Wänden ſtanden in hohen Glasſchränken die Meiſterwerke der Dichter aller Zeiten, Voltaire, Racine, Moliére, — 6— Corneille neben dem Livius, Homer, Cäſar, Cicero, Terenz, Ovid, denen ſich die Dichter des neuen Italiens, Dante, Petrarca und Macchiavelli geſellten. Alles, was nur einen Namen und einen guten Klang hatte in der Literatur der Völker, das fand ſeinen Weg in dieſe Bibliothek des Kronprinzen, Alles, mit Ausnahme der Werke deutſcher Autoren.— Zwiſchen den Bücherſchränken, deren Geſimſe hier und da mit den Büſten berühmter Schriftſteller verziert waren, ſtanden in den Niſchen kleine, mit blaßrothem Seidenzeug überzogene Divans, über denen in ſchwer vergoldeten Rahmen wohlgetroffene Portraits berühmter Zeitgenoſſen und Freunde des königlichen Prinzen aufgehangen waren. Das größte und ſchönſte derſelben war das Portrait Voltaire's; ihm war der Ehrenplatz geworden, und wenn der Kronprinz, an ſeinem Schreibtiſch ſitzend, den Blick emporſchlug von der Arbeit, ſo traf er jedesmal auf dieſes lächelnde, von Geiſt, Schönheit, Grazie und Bosheit leuchtende Antlitz des franzöſiſchen Dichters, den der jugendliche Kronprinz ſich zu ſeinem Liebling er⸗ wählt hatte, und mit dem er ſeit Jahren ſchon in einem vertrauten, aber vor dem König ſorgſam verſchwiegen gehaltenen Briefwechſel ſtand.— Die hohen Bogenfenſter der Bibliothek waren geöffnet, und durch dieſelben hatte man die herrlichſte Ausſicht auf den Garten und den im Sonnenglanze wie flüſſiges Silber ſtrahlenden See*). Der Kronprinz ging mit haſtigen Schritten zu ſeinem Schreib⸗ tiſch, und ohne die unerbrochenen Briefe, welche dort lagen, zu beobachten, nahm er haſtig eins der liniirten Notenpapiere zur Hand und begann zu ſchreiben, indem er zugleich leiſe vor ſich 5 die Me⸗ lodie ſummte, welche er da ſo eben aufzeichnete. Zuweile auch warf er die Feder bei Seite und griff nach der Flöte, welche er neben ſich gelegt, um einzelne Accorde und Paſſagen noch einmal zu prüfen, bevor er ſie niederſchrieb. Es war ein ſchönes Bild, dieſen jungen Mann inmitten dieſes edlen, einfachen und geſchmackvollen Gemaches, voll ſo lächelnder, friedlicher Ruhe zu ſehen, ſein Antlitz zu beob⸗ achten, welches von edler Begeiſterung, von einer höheren Majeſtät *) Bielfeld, lettres familibres. Vol. 1. pag. 78. 5* .* ſtrahlte, als wie ſie irgend ein brillantfunkelndes Diadem, oder eine Königskrone zu verleihen vermag, von der Majeſtät des poetiſchen Schaffens und Empfindens. Dieſer junge Mann da mit dem Be⸗ geiſterung flammenden Antlitz war zu dieſer Stunde nicht der Fürſt, nicht der Erbe eines Königthums, er war ein Dichter und Künſtler, welcher unter Schauern des Entzückens die erhabenen und geheimniß⸗ vollen Zuflüſterungen ſeines Genius empfängt und in andächtigem Gehorſam aufzeichnet, was ihm ein Gott vertraut. So, das wäre vollendet, ſagte der Kronprinz, endlich die Feder bei Seite legend. Ich habe mein Adagio fertig, und ich denke, Quantz wird heute nichts zu brummen haben, er wird ſich auch ein⸗ mal entſchließen müſſen, mit ſeinem Schüler zufrieden zu ſein, denn dieſes Adagio iſt gut, ich fühle es und weiß es, und wenn die Benda's heute wieder ihre ſtumpfnäſigen, verzopften Kunſtrichtermienen anlegen wollen, ſo werde ich ihnen ſagen— Nichts werde ich ihnen ſagen, unterbrach ſich der Prinz lächelnd, indem er das Notenblatt bei Seite ſchob. Nein, nichts werde ich ihnen ſagen! Ach, es verlohnte ſich wohl der Mühe, dieſen Herren zu zeigen, daß mir an ihrer Zu⸗ friedenheit etwas gelegen iſt, und daß ich buhle um ihren Beifall!- Man muß das die Menſchen niemals ſehen laſſen, denn es iſt eine elende, kleinliche Race, dieſe Menſchheit, und wer ihnen vertraut, der hat auf Sand gebaut, und wer ſich ihnen hingiebt und ſie liebt, der iſt verloren. Oh, ich ſehe noch eine Zeit kommen, wo ich die ganze Menſchheit verachten, der ganzen Welt mißtrauen werde! Und doch iſt mein Herz ſo weich und ſchlägt ſo menſchlich warm allem Höhern und Schönern entgegen, doch würde es mich ſo glücklich machen, die Menſchen lieben und ihnen vertrauen zu können! Aber ſie wollen's nicht, ſie vertragen's nicht. Bin ich nicht umgeben von Spionen, die jede meiner Mienen beobachten, jedes meiner Worte belauſchen, um es dann getreulich nach Berlin zu referiren und es als ein ätzendes Gift dem König in die Ohren zu träufeln? Oh mein Gott, mein Gott, was habe ich nicht Alles ſchon erfahren und gelitten! Mit welchen grauſamen Hammerſchlägen hat man nicht auf meine Bruſt geſchlagen, als ob mein Herz der Ambos wäre, auf welchem — 69— man mein Glück, meine Liebe und mein Vertrauen zu den Menſchen als glühendes Eiſen verarbeiten müßte, um daraus Nägel zu ſchmieden für meinen Sarg!— Bah, welch ein Unſinn iſt dies Alles, fuhr der Prinz dann nach einer Pauſe fort. Die Maienluft, ſcheint es, macht mich ſchwermüthig. Fort mit dieſen Spinnengeweben der Me⸗ lancholie! Ich habe nicht Zeit zu ſeufzen und zu träumen. Er ſtand auf und ging einige Male haſtig im Zimmer auf und ab. Dann trat er wieder zum Schreibtiſch und griff nach den Briefen. Wie er den Blick auf die erſten dieſer Adreſſen heftete, flog ein ſtolzer, glücklicher Ausdruck über ſein Antlitz hin. Von Voltaire! murmelte er leiſe, indem er haſtig das Siegel erbrach, und mit ungeduldiger Eile das Papier öffnete, welches zwei Briefe und einige loſe, bedruckte Papiere enthielt. Der Prinz ſtieß einen Schrei freudiger Ueberraſchung aus, und die beiden Briefe kaum beachtend, hefteten ſeine Augen ſich mit einem unausſprechlichen, halb zärtlichen, halb neugierigen Ausdruck auf die gedruckten Bogen hin, die er in der Hand hielt. Endlich, endlich alſo! rief der Kronprinz freudig. Endlich wird ſich mein Wunſch erfüllen, und der erſte Schritt zum Ruhm und zur Größe iſt gethan. Ich werde kein unbedeutender, ungekannter Menſch mehr ſein, der kein anderes Verdienſt hat, als daß er der Sohn ſeiner Väter, der Erbe eines Thrones iſt! Ich werde einen Namen haben, ich werde mir Ruhm erwerben, denn ich werde ein Schriftſteller und ein Dichter ſein, ein Autor, der ſeine Stelle ein⸗ nimmt in der Republik der Geiſter und keiner Königskrone bedarf, um in den Büchern der Geſchichte verzeichnet zu werden. Der erſte Schritt iſt gethan. Der Anti⸗Macchiavelli wird gedruckt. Ich werde dies Ungeheuer hämiſcher und dämoniſcher Staatsweisheit unter meine Füße treten, und ganz Europa ſoll ſehen, daß ein deutſcher Fürſt der Erſte iſt, welcher eine Lanze bricht gegen dieſes Ungethüm Macchiavelli, der die Menſchen zu den Sklaven der Fürſten machen, und ſie einſchmieden will in das Joch zitternden gedankenloſen Ge⸗ horſams, der aus den Fürſten Ungeheuer machen will, denen die Menſchheit fluchen, die ſie bis in das innerſte Mark ihrer Seele -——— — 70— verachten muß.— Und indem der Prinz ſeine Blicke wieder auf das Papier in ſeiner Hand heftete, las er mit erhobener, von edlem Unwillen zitternder Stimme: „Wenn es ſchon ein Vergehen iſt, die Unſchuld einer Privat⸗ perſon zu zerſtören, die doch nur einen unbedeutenden Einfluß auf das Ganze hat, ſo iſt es um ſo verwerflicher, Fürſten geiſtig zu verderben, Fürſten, welche ihre Völker regieren, Recht und Gerech⸗ tigkeit handhaben, durch ihr eigenes Beiſpiel auf ihre Unterthanen wirken und ſich durch ihre Herzensgüte, Seelengröße, Menſchenliebe und Milde als ſichtbare Stellvertreter Gottes bethätigen ſollen. Die Plagen des Himmels ſind immer nur vorübergehend, verwüſten nur einige Gegenden, und dieſe wenn auch traurigen Unfälle laſſen ſich wieder gut machen, aber die Verbrechen der Könige ſchaffen unheil⸗ bares Ungemach, und zwar für ganze Volksſtämme. Wie treulos und bedauernswürdig iſt die Lage der Nationen, die von dem Miß⸗ brauch der höchſten Gewalt Alles zu befürchten haben, wenn ihre Güter der Habſucht der Fürſten, ihre Freiheit ſeinen Launen, ihre Ruhe ſeinem Ehrgeiz, ihre Sicherheit feiner Treuloſigkeit und ihr Leben ſeiner Grauſamkeit ausgeſetzt ſind“*). Der Kronprinz ſchwieg und blätterte weiter in den Druckbogen ſeines Anti⸗Macchiavelli, dann flog ein heiteres Lächeln über ſein ſchönes Angeſicht, und mit erhobener, faſt ſchalkhafter Stimme las er wieder: —„Macchiavelli ſpricht in ſeinen Principi von dieſen Miniatur⸗ Souverainen, welche, da ſie nur kleine Staaten haben, keine Armeen in's Feld ſchicken können. Der Autor räth ihnen ſehr, ihre Haupt⸗ ſtadt zu befeſtigen und in Kriegszeiten ſich mit ihren Truppen in der⸗ ſelben einzuſchließen.— Die italieniſchen Fürſten, von denen Mac⸗ chiavelli ſpricht, ſind eigentlich nichts weiter als Hermaphroditen von Souverainen und Particuliers; ſie ſpielen die Rolle eines großen Herrn nur vor ihren Bedienten. Mir ſcheint, es wäre für ſie ein beſſerer Rath, ein wenig die hohe Meinung, welche ſie von ſich *) Oeuvres publiées. Vol. II. p. 67. — 71— ſelber, die außerordentliche Verehrung, die ſie für ihre alte und er⸗ habene Race, und den außerordentlichen Eifer, den ſie für ihre Wappenſchilder haben, zu verringern. Die vernünftigen Perſonen ſollten ihnen ſagen, daß ſie beſſer thäten, in der Welt nur als Herren zu leben, die ihr gutes Auskommen haben, die Höhe zu ver⸗ laſſen, auf welche ihr Stolz ſie geſtellt, ſich höchſtens eine Garde zu halten, welche genügen könnte, die Diebe von ihren Schlöſſern zurück zu treiben, im Falle dieſe Diebe ſo ausgehungert ſein möchten, ſich bei ihnen Nahrung holen zu wollen, und die Wälle und Mauern und Alles wegzuraſiren, was ihren Reſidenzen das Ausſehen eines befeſtigten Platzes geben könnte. Dies ſind die Beweggründe dazu: die Mehrzahl dieſer kleinen Fürſten, und beſonders die in Deutſch⸗ land, ruiniren ſich durch die, im Verhältniß zu ihren Revenuen un⸗ erhörten Ausgaben, welche dieſer Rauſch ihrer eitlen und erträumten Größe ihnen koſtet; ſie richten ſich zu Grunde, um die Ehre ihres Hauſes aufrecht zu erhalten, und aus Eitelkeit ſchlagen ſie den Weg zum Elend und zum Hospital ein; ſelbſt der jüngſte Sprößling der jüngſten apanagirten Linie bildet ſich immer noch ein, eben ſo viel zu ſein als Ludwig XIV., er baut ſein Verſailles, hat ſeine Mai⸗ treſſen und erhält ſeine Armee.— Es giebt in der That einen ge⸗ wiſſen apanagirten Prinzen eines großen Hauſes, der, in einem Raffinement der Größe, genau in ſeinem Dienſte alle die Truppen⸗ körper hält, welche das Haus eines großen Königs formiren, aber natürlich in ſo verkleinertem Maßſtab, daß man eines Mikroſkops bedarf, um jeden einzelnen Truppenkörper zu erkennen; ſeine Armee wäre vielleicht ſtark genug, um eine Schlacht auf dem Theater zu Verona darzuſtellen“*). Prinz Friedrich lachte laut. Nun, mein würdiger Vetter Ernſt Auguſt von Sachſen⸗Weimar wird, denke ich, dieſe Anſpielung ver⸗ ſtehen, rief er fröhlich, und vielleicht wird er aus Dankbarkeit dafür, daß ich ſeine Großthaten in meinem Anti⸗Macchiavelli verewige, mir das Räthſel löſen, wie man es anfängt, bei einer Jahresrente von *) Oeuvres de Fréderic le Grand. Vol. VIII. pag. 94. vierhundert Thalern ſich ein Bataillon von ſiebenhundert Mann, eine Lehr⸗Eskadron von hundert und achtzig Mann und eine Kompagnie berittener Cadetten zu halten?*) Wenn er das vermag, ohne ſich in ein Meer von Schulden zu ſtürzen, dann allerdings iſt er mein Herr und Meiſter, und ich könnte viel, ſehr viel von ihm lernen. Ich könnte von ihm lernen, dieſer Plagen los zu werden, von welchen ich jetzt Tag um Tag, und Stunde um Stunde umhergehetzt werde, fuhr der Prinz fort, indem er mit ſchnell verfinſterten Mienen langſam auf⸗ und niederging. Ach, welch' eine größere Plage kann es für einen ehrliebenden Mann geben, als ſein Auge niederſchlagen zu müſſen vor irgend einem elenden Wucherer, den man mit dem Fuße von ſich ſtoßen würde, wenn man unglücklicherweiſe ſeines, vielleicht Wittwen und Waiſen erpreßten Geldes nicht bedürfte! Und zu denken, daß ich, ein Königsſohn, der Erbe eines Thrones, in ſolcher Lage bin! Zu denken, daß ich mit Wucherern mich zanken und ſtreiten, mich bis zu Bitten vor ihnen erniedrigen muß, während in den Kellern des Königsſchloſſes zu Berlin Millionen aufgehäuft liegen, welche mein Vater geſammelt hat, indem er ſeinen Thron⸗ folger darben läßt. Aber wie? Habe ich ein Recht, ſo zu klagen? Bin ich es denn allein, der Noth leidet durch dieſe Sparſamkeit des Königs? Schreit nicht das Volk in Berlin vergeblich nach Brod, während die königlichen Speicher gefüllt ſind? Sieht man da nicht Schaaren von Bettlern, welche einem die Hand entgegenſtrecken und heulen und winſeln um Brod?**) Und der König hält in unge⸗ rührten Händen die Schlüſſel der Speicher wie der Schatzkammer feſt. Aber Geduld, Geduld! Ein Tag wird kommen, wo dieſe Schlüſſel mir gehören! An dieſem Tage werde ich die Speicher öffnen und dem Volke geben, was ihm gebührt, das Brod, an dieſem Tage werde ich die Schatzkammer aufſchließen und alle die ge⸗ *) Macchiavelli und der Gang der europäiſchen Politik. Von Theodor Mundt, pag. 160. **) H. König: Hiſtoriſche Schilderungen von Berlin. Bd. V., Theil I., pag. 4. — 73— fangenen Millionen aus ihrer Kerkerhaft befreien, damit ſie als die Propheten einer neuen Zeit hinausgehen in alle Welt, damit— Aber wie, welch' ein Lärm iſt dies? unterbrach ſich der Prinz jetzt ſelber, indem er ſich der Thür näherte, welche in das Vorzimmer führte. Wirklich vernahm man da draußen heftige aufgeregte Stimmen, es war offenbar, daß ſich dort mehrere Parteien im heftigen Wort⸗ wechſel mit einander befanden. Ich ſage Ihnen, mein Herr, ich muß und will heute endlich den Kronprinzen ſelber ſprechen! rief eine ſchnarrende, kreiſchende Stimme. Ich habe ſeit Monaten vergeblich gewartet, vergeblich meine aller⸗ reſpectvollſten und beſcheidenſten Briefe an den Kronprinzen gerichtet, man hat mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Nun will ich mir dieſe Antwort perſönlich holen, und bei Gott ſei's geſchworen, ich gehe nicht vom Fleck, bevor mir der Kronprinz ſelber Aufklärungen über dies Verfahren gegeben hat. Es iſt Ephraim! murmelte der Kronprinz und ſeine Stirn ver⸗ finſterte ſich noch mehr. Nun, ſo können Sie hier auf dem Fleck ſtehen bleiben, bis Sie zur Salzſäule erſtarren, wie weiland Ihre Urgroßmutter! rief eine andere Stimme. 3 Knobelsdorf! flüſterte der Kronprinz, und der Strahl eines Lächelns begann ſchon ſein Antlitz zu erhellen. Der Vergleich iſt gut! ſchrie der Erſte. Denn wahrlich, an Sodom und Gomorrha gemahnt es mich hier. Aber ich will doch nicht zu einer Salzſäule erſtarren, ſondern Andere ſollen es vor Schreck und Graus, wenn ich komme mit dem rächenden Schwert in der Hand. Denn Gerechtigkeit will ich endlich haben und mir ſchaffen, und wenn ich ſie hier nicht finde, werde ich hingehen und ſie vom Könige fordern. Vom König? rief eine andere Stimme mit dem Ausdruck des Entſetzens. Sie wiſſen alſo nicht, daß Se. Majeſtät krank iſt bis zum Tode? —y ————— Nicht doch, nicht doch! Wenn dem ſo wäre, würde ich nicht — 274— hier ſein, dann würde ich ruhig gewartet und ſpäter von dem Ge⸗ rechtigkeitsſinn des neuen Königs erwartet haben, was mir der Kron⸗ prinz verſagt. Aber der König hat ſich erholt, und ich ſelber habe ihn geſtern geſehen, wie er im Garten von Potsdam auf ſeinem Roll⸗ ſtuhl ſich umherfahren ließ. Der König wird alſo geneſen, und des⸗ halb bin ich hier, und deshalb beſtehe ich darauf, den Kronprinzen ſelber zu ſprechen.. Aber wenn ich Ihnen ſage, daß Se. Königliche Hoheit noch ſchläft. 1 So antworte ich Ihnen, daß das nicht wahr iſt, denn ich habe den Kronprinzen die Flöte blaſen hören. Das wird Quantz geweſen ſein. Ach was Quantz! Wie wäre Quantz im Stande, ein ſolches Adagio zu blaſen, wie ich gehört habe? Nein, nein, nur der Kron⸗ prinz kann das! Ah, dieſer Menſch will mich beſtechen mit ſeiner Schmeichelei, ſagte der Prinz lächelnd. Aber es wird ihm nicht gelingen, mich glauben zu machen, daß er mich für einen Orpheus hält. Orpheus zähmte mit ſeiner Muſik die Löwen und die Tiger, und meine Flöte ſiſt nicht einmal im Stande, einen Gläubiger zahm zu machen. Aber ich wiederhole Ihnen, es war Quantz, welcher die Flöte blies, rief draußen der arme, geängſtigte Herr von Knobelsdorf. Der Kronprinz ſchläft noch, oder er liegt wenigſtens noch im Bett, denn er iſt unwohl und hat heut Befehl gegeben, Niemand vor⸗ zulaſſen. Ach, ich kenne das, die vornehmen Herren ſind immer unwohl, wenn ſie Eine Luft mit ihren Gläubigern einathmen ſollen, rief Ephraim mit einem ſpöttiſchen Lachen. Aber ich ſage Ihnen, ich bleibe hier, bis ich den Prinzen geſprochen habe, bis er mir meine viertauſend Thaler, die ich ihm ohne Zins und ohne Garantie ſchon vor einem Jahre geliehen habe, wieder giebt. Ich will mein Geld wieder haben, ich muß es wieder haben, wenn ich nicht ſelbſt zu Grunde gehen ſoll. Und das kann der Kronprinz nicht wollen, ſo — 75— ſchwer kann er mich nicht ſtrafen wollen für meine Weichherzigkeit und für mein Mitleid mit ſeiner traurigen Lage. Nun bei Gott, das iſt zu viel! ſchrie Knobelsdorf. Wiſſen Sie, mein Herr, daß Sie ein Unverſchämter ſind? Sie, Sie wagen es, von Ihrem Mitleid mit dem Prinzen, dem Thronerben zu ſprechen? Sie wagen es, ſich zu rühmen, daß Sie dem Kronprinzen Geld ge⸗ liehen haben, während Sie es doch nur gethan haben, weil Sie ſehr gut wiſſen, daß der Kronprinz es Ihnen mit Wucherzinſen zurück⸗ geben kann und wird. Nun, wenn der Ephraim das weiß, ſo iſt er freilich klüger als ich, ſagte der Kronprinz mit einem traurigen Lächeln. Denn ſo ſehr ich immer Thronerbe bin, weiß ich zur Stunde doch nicht, wo ich dieſe elende Lumperei von viertauſend Thalern hernehmen ſoll, um dieſen Unverſchämten zu befriedigen. Aber ich darf den armen Kno⸗ belsdorf nicht länger in dieſer Lage laſſen, ich muß dieſes Unkenge⸗ ſchrei des Wucherers zum Schweigen bringen. Der Kronprinz legte entſchloſſen die Hand auf die Thürklinke, während draußen der Wortwechſel immer lauter und heftiger zu wer⸗ den begann. X. Der Rronprinz und der Jude. Als eben Knobelsdorf dem Juden Ephraim gedroht hatte, die Lakaien zu rufen und ihn vor die Thür werfen zu laſſen, ſtieß der Kronprinz die Thür auf und zeigte den beiden Streitenden ſein ſchönes, ſtolzes und ruhig lächelndes Angeſicht. Treten Sie ein, mein Herr, ſagte der Kronprinz mit einem leiſen Kopfnicken, ich bewillige Ihnen dieſe Audienz, um welche Si⸗ ſo inſtändigſt gebeten haben. Und der Prinz trat mit der Hoheit und der ſtolzen Ruhe eines Königs in ſein Gemach zurück, während Ephraim verwirrt und ganz gedemüthigt von der erhabenen Würde des Prinzen mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und gebeugten Hauptes in das Zimmer trat, an deſſen Thür er demuthsvoll und beſcheiden ſtehen blieb. Lieber Knobelsdorf, ſagte der Prinz, ſich lächelnd zu dem dicken, keuchenden Herrn wendend, der erſtaunt und fragend hinter Ephraim ſtand, lieber Knobelsdorf, ich bitte Sie, alle Herren und Damen im Gartenſalon zu vereinigen. Wir wollen eine Waſſerfahrt machen. In fünf Minuten bin ich bei Euch. Fünf Minuten! ſagte Ephraim zu ſich ſelber, während Knobels⸗ dorf ſich entfernte. Alſo für jedes Tauſend Thaler kaum mehr als eine Minute Audienz. Bei Gott, das iſt ein ſehr ſtolzer Schuldner, und ich hätte beſſer gethan, mich nicht mit ihm einzulaſſen. Aber ich will mich nicht ſchrecken laſſen, ich will ihm kühn entgegentreten. Und jetzt, was hat Er mir zu ſagen? fragte der Prinz, ſeine großen, leuchtenden Augen auf Ephraim richtend. Was ich Ew. Königlichen Hoheit zu ſagen habe? rief Ephraim erſtaunt. Ich habe Ew. Königlichen Hoheit vor einem Jahre vier⸗ tauſend Thaler geliehen und bis jetzt weder Zinſen noch Kapital zurück erhalten. Nun, und weiter? Weiter? fragte Ephraim erſtaunt. Ja, weiter! Denn unmöglich iſt Er blos von Berlin nach Rheins⸗ berg gekommen, um mir zu erzählen, was ich ſeit einem Jahre ſo gut wie Er ſelber weiß! Ich glaubte, Ew. Königliche Hoheit hätten es vergeſſen, rief Ephraim, den Blick zu dem Kronprinzen erhebend, aber ihn ſchnell wieder zu Boden ſenkend, als er den flammenden, durchdringenden Blicken des Prinzen begegnete. Vergeſſen! ſagte dieſer achſelzuckend. Ich habe ein gutes Ge⸗ dächtniß für jede Freundlichkeit, aber auch für jeden Verſtoß gegen die Ehrfurcht, welche man dem Sohne des Königs ſchuldet. Seine Stimme war jetzt ſo drohend und hart geworden, daß 77— Ephraim bis in's Innerſte ſeines Herzens erbebte und zitternd einige Worte der Entſchuldigung ſtammelte. Mein Prinz, ſagte er dann muthiger, ich bin ein Jude, das heißt, ein geächteter, geſchmäheter und verfolgter Menſch, oder viel⸗ mehr kein Menſch, ſondern ein Geſchöpf, welches man wie einen Hund mit Füßen ſtößt, wenn es arm und elend iſt, welchem man kaum Menſchenrechte zugeſteht, wenn es Geld und Schätze beſitzt. Der Hund hat's beſſer, wie der Jude in preußiſchen Landen. Die Hündin darf ihre Jungen haben, und wenn ſie die Schmerzen an die Natur abgetragen hat, ſo freut ſie ſich ihrer. Aber die Jüdin, wenn ſie unter Schmeerzen geboren, darf ſich ihres Kindes nicht freuen, denn die Geſetze des Landes hangen wie ein Schwert über ihr, und es kann ſein, daß ſie vertrieben wird, weil ſie ein Kind geboren hat, wodurch vielleicht die Zahl der erlaubten Juden überſtiegen iſt, es kann ſein, daß der Vater nicht reich genug iſt, um die tauſend Tha⸗ ler zu bezahlen, mit denen er vom Staat ſich jedes Mal das Recht erkaufen muß, Vater zu ſein). Deshalb iſt Geld und wiederum Geld die einzige Schutzmauer, welche der Jude zwiſchen ſich und dem Unglück aufrichten kann. Das Geld iſt unſere Ehre, unſere Heimath, unſere Familie, unſer Rang und unſer Schickſal! Wir ſind nichts ohne Geld, und nur, wem wir eine vergoldete Hand entgegenſtrecken, der reicht uns die ſeine und fühlt ſich nicht beſchmutzt von der Be⸗ rührung eines Juden. Urtheilen alſo Ew. Königliche Hoheit, wie ſehr wir Den lieben und hochachten müſſen, dem wir einen Theil unſeres Glücks und unſerer Ehre, einen Theil unſeres Geldes geben! Was ich für Niemand auf der ganzen Welt gethan, das habe ich für Ew. Königliche Hoheit gethan, denn ich gab Ihnen ohne Schuld⸗ verſchreibung und ohne Zins viertauſend Thaler, ich borgte dem Herrn von Knobelsdorf für den Kronprinzen auf ſein ehrlich Wort mein ehrlich Geld. Und was habe ich jetzt davon? Man antwortet mir nicht auf meine Briefe, in denen ich demüthiglich um Bezahlung dieſer *) König's Annalen der Juden in den preußiſchen Staaten, beſonders in der Mark Brandenburg Schuld bitte, man ſchmäht und verſpottet mich und will mir verächt⸗ lich die Thür verſchließen, welche man mir doch ſo bereitwillig öff⸗ nete, als ich kam, Geld zu bringen. Ein ſolches Verfahren iſt aber weder gerecht, noch iſt es weiſe, denn wie der Wurm ſich krümmt, wenn er getreten wird, bäumt auch der Jude zuletzt ſich empor unter den Fußtritten der Menſchen und erinnert ſich zuletzt, daß er doch auch ein Geſchöpf Gottes iſt und daß Gott das Gefühl der Rache wie der Liebe in ſeine Bruſt gelegt hat. Der Jude, wenn er zu lange gemißhandelt worden, rächt ſich zuletzt an ſeinen Peinigern, und das werde auch ich thun, wenn Ew. Königliche Hoheit mir nicht jetzt Gerechtigkeit widerfahren laſſen, das werde auch ich thun, wenn Sie ſich weigern, mir heute mein Geld wiederzugeben. Ephraim ſchwieg und lehnte ſich hochathmend an die Thür zu⸗ rück, während der Kronprinz mit haſtigen Schritten und mit allen Zeichen tiefſter, innerſter Erregung im Zimmer auf⸗ und niederging. Seine Augen flammten und ſchoſſen, wenn er im Auf⸗ und Nieder⸗ wandeln an Ephraim vorüberkam, ſo heftige Zornesblitze auf ihn, daß dieſer zuſammenzuckend ihre Gluth und Kraft empfand, obwohl er das Auge zu Boden geſchlagen hatte. Mehrmals öffnete er den Mund, um zu ſprechen, aber ſei es, daß die Gewalt ſeines Zornes ihn der Sprache beraubte, oder daß er überlegend die lauten Aus⸗ brüche deſſelben zurückhielt, er ſchwieg immer wieder und ſetzte ſein Auf⸗ und Niederwandeln fort. Plötzlich haftete ſein umherflammen⸗ des Auge auf der Flöte, welche auf ſeinem Schreibtiſche lag. Er nahm ſie mechaniſch empor und ſetzte ſie an die Lippen, ihr leiſe erſt einige klagende, ſehnſuchtsvolle, zerriſſene Töne entlockend, dann mit halbem Athem eine einfache, kleine Melodie blaſend. Während er das that, ſchwand die zornige Spannung aus ſeinen Zügen und machte wieder einem ruhigen, heitern Ausdruck Platz. Er legte die Flöte wieder fort und ſchritt gerade auf Ephraim zu, welcher, athem⸗ los lauſchend und in einer ſeligen Verzückung, dem kleinen Concert zugehört hatte. Er hat mir da eine ziemlich lange und ziemlich unverſchämte Rede gehalten, ſagte der Kronprinz. Er hat ſogar gewagt, mir zu ₰ —— drohen. Aber ich will Ihm verzeihen, weil Er ein Jude iſt und weil ein Jude keine andere Waffe hat und zu führen verſteht, als ſeine Zunge.— Aber jetzt rathe ich Ihm, ſteck' Er ſein Schwert in die Scheide und höre Er mich ruhig an. Er hat mir viertauſend Thaler geliehen und zwar ohne Schuldverſchreibung und Zins, Deſſen aber hat Er ſich nicht zu rühmen, denn Er weiß wohl, daß der Kron⸗ prinz von Preußen nicht dazu gemacht iſt, den geringſten und elendeſten ſeiner zukünftigen Unterthanen zu bedrücken, noch ihm ſein Recht vor⸗ zuenthalten. Wenn Er das aber weiß, weshalb beruhigt Er ſich nicht dabei und wartet, bis ich Ihn rufe? Ich kann nicht länger warten, Hoheit! rief Ephraim leidenſchaft⸗ lich. Mein Credit, meine Ehre ſteht auf dem Spiel. Herr von Knobelsdorf hatte mir das feierliche Verſprechen gegeben, daß ich das Geld ſammt Zinſen in einem halben Jahre wieder haben ſollte, und ich glaubte ihm, weil er im Namen des Kronprinzen kam. So habe ich denn in meinem Geſchäft dies Geld nöthig und darf es nicht länger entbehren und muß es heute noch wieder haben. So, Er muß! Und wenn ich Ihm ſage, daß Er heute keinen Pfennig bekommen wird? Daß ich Ihn nicht heute, nicht morgen, nicht in Wochen befriedigen kann? Wenn Sie mir das im Ernſte ſagen, Königliche Hoheit, ſo muß ich gehen, mir anderswo Recht zu ſuchen. Das heißt, Er will zum König gehen? Ja, das will ich und das werde ich! Er kennt alſo das Geſetz nicht, welches verbietet, den Prinzen des Königlichen Hauſes Geld zu leihen? Ich kenne das Geſetz wohl, aber ich weiß auch, daß der König in dieſem Falle eine Ausnahme machen wird und muß, und daß er das Geld bezahlen wird, welches ich dem Thronfolger geliehen. Es iſt möglich, daß dabei ſein Krückſtock auf meinem Rücken umhertanzt, aber ich werde das betrachten als die Zinſen zu meinem Capital und die Schläge erniedrigen mich nicht, denn der Inde iſt gewohnt, ge⸗ ſchlagen und getreten zu werden. Ob der König mich auch ſchlägt, — 80— er wird mir doch meine Ehre wieder geben, denn er wird mir mein Geld geben. Und wenn er's nicht thut? So werde ich meine Stimme erheben vor dem ganzen Lande und ſchreien, daß die Mauern einſtürzen und die Herzen der Men⸗ ſchen erzittern ſollen! rief Ephraim mit der ganzen heftigen Geſtiku⸗ lation ſeines Volkes. Nun, ſo erhebe Er ſie und ſchreie Er. Denn ich ſage Ihm, ich kann Ihm heute kein Geld geben. Kein Geld! ſchrie Ephraim außer ſich. Ich ſoll alſo wieder be⸗ zahlt werden mit ſchnöden Worten und von der Thür gewieſen wer⸗ den mit verächtlichem Lachen? Man will mir meine Rechte vorent⸗ halten und mein Geld, und weil man mächtig iſt und ein großer Herr, denkt man den armen Juden ungeſtraft ſchinden und bedrücken zu können. Aber es lebt ein Gott für die Gerechten und die Unge⸗ rechten, es— Ephraim verſtummte, denn vor ihm ſtand der Kronprinz, glühend vor Zorn, mit bleichen, bebenden Lippen, mit flammenden Augen, mit erhobenem Arm ihm drohend, glühend und majeſtätiſch, wie der zür⸗ nende Donnergott, wenn er ſeine Blitze ſchleudert auf das kleinliche Menſchenvolk. 3 Schlagen Sie zu, Hoheit. Schlagen Sie zu! ſagte Ephraim ganz zerknirſcht und verzweiflungsvoll, ich verdiene es, geſchlagen zu werden, denn ich war ein Thor und ließ mich blenden von dem Glück, einem ſo edlen, erhabenen und unglücklichen Prinzen mein Geld borgen zu können. Schlagen Sie zu, denn ich ſah nicht, daß der Prinz auch nur ein Menſch iſt, wie alle Andern und daß er den Juden auch unter ſeine Füße tritt. Der Kronprinz ließ ſeinen Arm leiſe an ſeiner Seite niederſinken und ein unbeſchreiblich mildes und ſanftes Lächeln flog durch ſeine Züge. Nein, ſagte er, Er ſoll ſich doch geirrt haben, Ephraim, und Er ſoll doch erkennen müſſen, daß der Prinz Friedrich kein Menſch iſt, wie alle andern Menſchen. Er ſoll noch heute ſein Geld haben A* — 81— und kann ich's ihm nicht zahlen in Gold, ſo werde ich ihm Brillanten geben, Brillanten und Pferde aus dem Trakehner Geſtüt, welches der König mir kürzlich geſchenkt hat. Alſo Ew. Königliche Hoheit haben wirklich kein Geld? fragte Ephraim ſinnend und faſt gerührt. Es geſchah alſo nicht, um den armen Juden zu ängſtigen und zu quälen, daß man mir mein Geld verweigerte? Es geſchah, weil der große und ſchöne Prinz Friedrich, auf den die Völker hoffen und dem heimlich ſchon jetzt die Herzen aller ſeiner Unterthanen entgegenjauchzen, es geſchah, weil der Kron⸗ prinz kein Geld hatte, weil er, ſo gut wie irgend ein Anderer, Men⸗ ſchennoth und Menſchenſchmerz erleiden muß. Mein Gott, wie ſind wir ſtolz und weshalb klagen wir, wenn doch der Erbe eines Thrones leidet von unſern Schmerzen und duldet von unſerer Entbehrung und Pein! Der Prinz achtete nicht auf ihn. Er hatte einen der Schränke gebffnet und aus demſelben eine Caſſette hervorgenommen, deren ſilber⸗ beſchlagenen Deckel er jetzt zurückſc=hlug und deren Inhalt er mit einem kalten prüfenden Blick überſchauete. D in nahm er ein großes irs hervor und näherte Brillantenkreuz und einige ungefaßte Sol Juden. h denke, wohl ihre ſich mit ihnen dem gedankenvoll zur Erd Da, hier hat Er Brillanten denen Er ſich bezahlt funkelnden Steine dar⸗ viertauſend Thaler werth ſein möge machen kann, ſagte der Kronprinz, ihm reichend. Ephraim ſchob ſanft die Hand des Prinzen zurück und ſchüttelte das Haupt. Nein, ſagte er, ich habe Geld geliehen, und nur Geld kann und will ich wieder haben. Der Kronprinz ſtampfte wild mit dem Fuß auf den Boden. Aber wenn ich Ihm doch ſage, daß ich kein Geld habel So folgt daraus, daß ich keins bekommen werde, ſagte Ephraim gelaſſen; ſo folgt daraus, daß der arme Jude Ephraim noch länger warten muß; ſo folgt daraus, daß er dem Kronprinzen Friedrich geben muß, was dieſer nicht hat und wovon der arme Ephraim doch noch ein weniges beſitzt; ſo folgt daraus, daß ich Ew. Königliche Friedrich der Große. I. 6 — 82— Hoheit fragen muß, ob Sie von mir noch ein Tauſend Thaler bor⸗ gen wollen? Das heißt, ich knüpfe eine Bedingung daran. Nun, und dieſe Bedingung iſt? Daß Ew. Königliche Hoheit mir ſogleich jetzt die Zinſen meines Kapitals von viertauſend Thalern in klingender Münze auszahlen wollen. Verſtehen wir uns recht, Königliche Hoheit! Sie wollten mit Diamanten und Pferden mir mein Kapital bezahlen, warum wollen Sie mir nicht jetzt als Zinſen einige köſtliche Perlen geben? Perlen, wie ſie jene Flöte dort birgt und wie ſie gleich flüſſigem Golde von Ihren Lippen träufeln, wenn Sie dieſe an das Mund⸗ ſtück der Flöte legen! Der Kronprinz trat dicht zu Ephraim heran und ſeine großen Augen feſt und durchdringend auf ihn richtend, fragte er: Will Er mich verhöhnen? Will Er aus dem Kronprinzen einen fahrenden Mu⸗ ſikus machen, welcher vor dem Juden ſpielen ſoll, um ſein Herz zu er⸗ weichen? Will Er— Ah, Fredersdorf! unterbrach ſich der Kronprinz, als ſich die Thür eben öffnete und ſein Kammerdiener im beſtaubten Reiſeanzug haſtig hereintrat. Biſt Du ſchon wieder aus Berlin zurück? Ja, Königliche Hoheit, und da ich hörte, wer ſo eben Ew. Kö⸗ nigliche Hoheit zu beläſtigen wagte, bin ich im Reiſeanzug gleich hier eingetreten, um w. Königlichen Hoheit dies Packet einzuhändigen, welches mir der Banquier Splittgerber zur ſchleunigen Beſorgung an Ew. Königliche Hoheit übergeben hat, und welches, wie ich glaube, aus Petersburg gekommen iſt. Von Suhm! rief der Kronprinz mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht, indem er haſtig die Siegel erbrach und die Bänder zerſchnitt, mit welchen das Packet umwickelt war. Dann zog er aus den Um⸗ hüllungen einen Brief und einige Bücher hervor. Auf den Brief einen zärtlichen, glücklichen Blick heftend, als ob er ihn mit ſeinen Augen küſſen wolle, legte er ihn leiſe und ſorgſam auf den Schreib⸗ tiſch und ſich dann abwendend, ſo daß Ephraim nicht zu ſehen ver⸗ mochte, was er that, nahm er die beiden Bücher zur Hand und prüfte mit forſchendem Auge ihren dicken ſchwervergoldeten Deckel. Plötzlich lächelte er und ein Federmeſſer nehmend, ſchnitt er haſtig den Buch⸗ —— — 183— deckel los, wo er an den Rücken des Buches befeſtigt war. Eine Maſſe zuſammengefalteter Papiere kam zum Vorſchein, und wie der Kronprinz ſie nahm und entfaltete, flog ein Strahl ſtolzen Triumphes über ſein Antlitz. Zehntauſend Thaler! flüſterte er leiſe in ſich hinein. Die Kaiſerin und der Herzog von Biron haben alſo Wort gehalten. Dann nahm er einige dieſer Papiere und ging mit ihnen zu Ephraim hin. Da, hier hat Er ſeine viertauſend Thaler und hier ſind noch hundert Thaler als Zins. Iſt Er jetzt zufrieden? Nein, Königliche Hoheit. Ich bin befriedigt, aber nicht zufrieden, nicht zufrieden mit mir ſelbſt! Mir ſcheint, ich habe ein Unrecht an Ew. Königlichen Hoheit begangen, während es mir, als ich kam, nur ſchien, als ob man an mir ein Unrecht begehen wollte. Laß Er das! ſagte Friedrich milde. Die Fürſten müſſen immer die Sündenböcke der Völker ſein und um Alles, was Ihr leidet, macht Ihr uns verantwortlich, ohne jemals darnach zu fragen, wie viel wir ſelber leiden.— Ich bin Ihm nichts mehr ſchuldig, geh' . Er alſo.— Ephraim verneigte ſich ſtumm und wandte ſich langſam der Thür zu. Des Kronprinzen große glänzende Augen folgten ihm mit einem gütevollen, ſinnenden Ausdruck. Dann trat er raſch zu dem Tiſch und nahm die Flöte. Ephraim war ſchon durch die offene Thür in das Vorzimmer eingetreten, als er hinter ſich die leiſen, ſchmelzenden Töne der Flöte vernahm. Auf den Zehen durchſchlich er das Vorzimmer, aber drüben an der Ausgangsthür blieb er ſtehen und lauſchte. Des Kronprinzen durchdringender Blick hatte Alles wohl bemerkt und ſah ſehr wohl den Lauſcher, der ſich drüben hinter der Thür zu verbergen ſuchte, aber er ſpielte doch weiter, eine ſo ſchmelzende, ſo empfindungsvolle, ſo zarte Muſik entlockte er ſeiner Flöte, daß Ephraim, von Entzücken und Wehmuth durchſchauert, ſeine Hände faltete wie zum Gebet und daß ſelbſt Fredersdorf, obwohl ein täglicher Zuhörer des Kronprinzen, doch mit ſichtlichem, athemloſem Staunen ihm zu⸗ hörte. 6* —— „ Dann, als das Adagio beendet war, legte der Kronprinz die Flöte bei Seite und winkte Fredersdorf, die Thür nach dem Vor⸗ zimmer zu ſchließen. Er wollte Ephraim Gelegenheit geben, unbe⸗ merkt von dannen zu gehen. Sahen Ew. Königliche Hoheit, daß der Jude horchte? fragte Fredersdorf. Ich ſah es! Aber ich war dem armen Teufel dieſe Genug⸗ thuung ſchuldig. Er wollte mir ungefordert noch einmal tauſend Thaler leihen. Eines Tages werde ich ſeiner gedenken. Und jetzt, Fredersdorf, jetzt ſage mir ſchnell, wie ſteht es in Berlin, wie geht es dem König? Es geht beſſer, Königliche Hoheit. Der König iſt vor einigen Tagen nach Potsdam abgereiſt, und die reine, friſche Luft dort hat ihm ſehr wohl gethan. Er zeigte ſich täglich in vuüler Uniform auf dem Balkon des Schloſſes und läßt ſich ſtundenlang in den Gärten umherfahren. Die Aerzte machen zwar ein bedenkliches Geſicht, aber alle Welt ſonſt glaubt, daß der König ſich auf dem Wege der Beſ⸗ ſerung befinde. Und Gott gebe, daß die Aerzte dies Mal wieder, wie ſo oft, zu Lügnern werden! rief der Kronprinz. Möge der König noch lange und glückliche Jahre regieren! Wenn er mich nach meiner Weiſe leben läßt, möchte ich einen Arm hingeben, wenn ich dadurch das Leben des Königs verlängern könnte*). Wir wollen alſo heute fröh⸗ lich ſein, Fredersdorf, und in Luſt und Fröhlichkeit die Beſſerung des Königs feiern! Triff deshalb die nöthigen Anordnungen, gieb in der Küche die nöthigen Ordres, und vor allen Dingen ſage den Damen und Herren, welche im Gartenſalon meiner harren, daß ich ſehr bald bei ihnen ſein würde. Dann, als er wieder allein war, nahm der Kronprinz den eben mit dem Gelde empfangenen Brief und erbrach ihn. Mit einem liebevollen Lächeln betrachtete er die Schriftzüge ſeines fernen Freun⸗ *) Des Kronprinzen eigene Worte. Siehe Friedrich des Großen Angend von Preuß, pag. 309. — 85— des, mit ſtrahlendem Angeſicht las er dieſe Worte voll Liebe, Be⸗ wunderung und Freundſchaft, wie ſie ihm Suhm aus Petersburg geſchrieben. Wahrlich, ſagte er dann, ſeine großen Augen andächtig zum Himmel erhebend, wahrlich, ein treuer Freund iſt mehr werth, als alle Königskronen. Was wäre trotz all' meiner glänzenden Ausſichten für die Zukunft wohl aus mir geworden, wenn nicht Suhm heute zum zweiten Male mir beigeſtanden und für mich in Rußland die Gelder aufgetrieben hätte, die ich in den Erblanden meines Hauſes vergeblich ſuchte. Ein Menſch, der den Händen der Seeräuber ent⸗ ſchlüpft iſt, kann nicht ſchlimmer daran ſein, wie ich heute, und das verdoppelt und verdreifacht noch meine Erkenntlichkeit für Suhm*). Mein Herz drängt mich, ihm gleich einige Worte zu ſagen, ihn gleich meiner fortdauerden Liebe, meiner unerſchütterlichen Freundſchaft zu verſichern. Er ſetzte ſich an den Schreibtiſch und ſchrieb mit raſchen Zügen einen dieſer ſchönen, köſtlichen, herzgewinnenden Briefe an Suhm, in denen der Kronprinz immer ſeine ganze Seele, ſein ganzes innerſtes Leben und Empfinden auszuſtrömen pflegte, und deſſen Schluß dies⸗ mal alſo lautete: „In kurzer Zeit wird ſich mein Schickſal entſcheiden, mein theuer⸗ ſter Diaphane. Sie können leicht denken, daß ich ziemlich gemartert werde von der Lage, in der ich mich gegenwärtig befinde. Man läßt mir wenig Ruhe, aber mein Inneres iſt friſch und ich kann Sie verſichern, daß ich niemals mehr Philoſoph war, als bei dieſer Ge⸗ legenheit. Ich ſehe mit gleichgültigen Augen auf Alles, was kommen wird, ohne das Glück zu erſehnen, noch zu fürchten, voll von Mit⸗ gefühl für die, welche leiden, voll Achtung für die redlichen Menſchen, voll Zärtlichkeit für meine Freunde! Sie, den ich zur Zahl der Letzteren rechne, Sie ſollen ſich immer mehr und mehr überzeugen, daß Sie immer in mir finden ſollen, was Oreſt jemals in ſeinem *) Friedrichs eigene Worte: Correspondence avec Mr. de Suhm. Oeuvres de Fréderic le Grand. Vol. XVI. pag. 360. — 86— Pylades fand, und daß Niemand Sie mehr achten und lieben kann als Ihr treuer Frederic*). u Sol ſagte der Kronprinz, als er geendet hatte. Und nun fort mit den Sorgen und dem Ernſt des Lebens. Nun komme über mich, Genius der Freude und der Luſt. Wir wollen Dir heute ein Feſt feiern, Du glanzſtrahlende Göttin der Freude. Komme, Frau Venus, komme und bringe uns gleich Deinen Sohn mit, den Amor, denn Euch Beiden wollen wir heute huldigen, Euch gehöre der Tag, Euch gehöre die Nacht! Ihr habt mir die kleine Morien geſandt, dieſe flatternde, leichte Gazelle, dieſes übermüthig jauchzende Frühlingsleben, dieſen Tourbillon von Liebe, Herz, Leidenſchaft, Leichtſinn und Ueber⸗ muth u). Da, da iſt dieſe poetiſche Epiſtel, welche ich für ſie be⸗ ſtimmt habe. Die Brandt ſoll ſie ihr bringen, die Brandt ſoll mir meinen Tourbillon hineinrufen in den Tempel des Glücks und der Liebe. Weg alſo mit dem ernſten Geſicht und der Weisheit der Thoren. Komme über mich, Weisheit der Liebe, ſchenke mir eine Stunde des Glücks, eine Stunde des ſeligen Vergeſſens! Er klingelte ſeinem Kammerdiener und befahl ihm, ihn prächtig zu ſchmücken und die ſchönſten und neueſten ſeiner franzöſiſchen Kleider für den heutigen Tag hervorzuholen; dann ging er ihm voran in das Toilettenzimmer, um mit dem Ernſt eines Jupiters und der un⸗ geduldigen Haſt eines Liebenden die. großen Künſte der Toilette an ſich vollführen zu laſſen. XI. Die Nronprinzeſſin Eliſabeth Chriſtine. Die Kronprinzeſſin hatte ihre Gemächer noch nicht verlaſſen. Sie harrte noch immer ihres Gemahls, daß er, wie er es zu thun *) Correspondence avec Mr. de Suhm. Oeuyres de Frédcric le Grand. Vol. XVI. pag. 390. *r) Tourbillon war der Beiname, den Frau von Morien in Rheinsberg vom Kronprinzen bekam. —— 8 87—. 3 pflegte, ihr den Arm reiche, um ſie in den Salon zu führen. Dies war jeden Morgen und jeden Tag die einzige Gelegenheit, wo die Kronprinzeſſin Eliſabeth ihren Gemahl, wenn auch nur einen flüchtigen Moment, allein ſehen konnte, die einzige Gelegenheit, warer direct an ſie einige Worte richtete, wo ſie ſeine Hand berühren, ſich auf ſeinen Arm lehnen konnte. Ein ſüßes und trauriges Glück für dieſes arme, junge Weib, das nur lebte vom Anſchauen ihres Geliebten, das keinen andern Wunſch, kein anderes Gebet, keine andere Hoffnung hatte, als ihm zu gefallen, und welches doch noch niemals dieſes Ge⸗ heimniß hatte ergründen können, welches noch niemals die Augen ihres Gemahls mit einem andern Ausdruck, als dem kalter Freundlichkeit, gelaſſener Gleichgültigkeit hatte auf ihr ruhen gefühlt! Eliſabeth Chriſtine hätte ihr Herzblut darum geben mögen, auch nur einen Tag, nur eine kurze ſelige Stunde von ihm geliebt zu werden, in ſeinen Armen zu ruhen, nicht aus Convenienz, aus Zwang und Etiquette, ſondern ſich an ſein Herz zu lehnen wie ein Weib, welches liebt, in ihrem Ohr das ſüße Geflüſter ſeiner Zärtlichkeit, ſeines Entzückens zu vernehmen. Eliſabeth Chriſtine würde Jahre ihres Lebens darum gegeben haben, hätte ſie ſich damit dieſen Mann er⸗ kaufen können, den ſie ſo grenzenlos liebte, der ihr der zur Erde herniedergeſtiegene Gott, das zur Wahrheit und Wirklichkeit gewordene Ideal ihrer Mädchenträume war. Und dieſer Mann war ihr Ge⸗ mahl, er gehörte ihr, er war an ſie gebunden durch die heiligſten Bande, und dennoch war eine unüberwindliche Kluft zwiſchen ihnen Beiden, und ihre Liebe, ihr Gebet, ihre Seufzer, ihre Hingebung ver⸗ mochte dieſe Kluft nicht auszufüllen. Der Kronprinz liebte ſie nicht, und niemals hatte der leiſeſte Schlag ſeines Herzens ihr gehört. Er duldete ſie nur, er duldete ſie nur an ſeiner Seite, wie der Gefan⸗ gene den Schließer ruhig an ſeiner Seite gehen läßt, wenn er dafür ſich einige Stunden des Genuſſes der Freiheit, der heitern, ſonnigen Gotteswelt erkaufen kann. Ein Gefangener war der Kronprinz, ein Gefangener der Ehe. Nicht die Liebe, ſondern der Zwang hatte an ſeine Hand dieſen goldenen Reifen gelegt, der nur das erſte Glied dieſer langen, unſichtbaren, ſchweren Kette war, die er ſeitdem an 5 2 — 88— ſeinen Füßen, an ſeiner Seele, an ſeinen Gedanken ſchwerlaſtend mit umherſchleppte. Eliſabeth Chriſtine war für ihren Gemahl eine be⸗ ſtändige, immer mahnende, immer verbitternde Erinnerung an ſeine traurigen, zertretenen, zerfetzten und gedemüthigten Jünglingsjahre, eine ſtete Mahnung an den edlen Freund ſeiner Jugend, deſſen Blut für ihn verſpritzt worden und deſſen letzten Todesſchrei der Kronprinz mit ſchmerzgefoltertem Herzen vernommen hatte, eine ſtete Mahnung an den Zorn und Groll, den Haß und Widerwillen ſeines Vaters, an die vielfach von ihm erduldete Härte, an die Beleidigungen und Krän⸗ kungen, die Demüthigungen und— Schläge ſogar, welches alles end— lich den ſtolzen und edlen Sinn des Prinzen gebeugt und ihn dahin gebracht hatte, dieſe Sclaverei der Ehe auf ſich zu nehmen, um ſich damit loszukaufen von dem väterlichen Zorn und der väterlichen Grauſamkeit. Aus dem Gefängniß in Ruppin war er in das Ge⸗ fängniß der gezwungenen Ehe gegangen. Wie hätte er das ſeiner Gemahlin jemals verzeihen, wie hätte er jemals dieſes Weib lieben können, das ihm war aufgedrungen worden wie der bittere Wermuths⸗ tropfen, den man nur deshalb vielleicht trinkt, weil geſagt worden, daß man dadurch ſich von tödlicher Krankheit und peinigenden Schmer⸗ zen erretten kann. Er hatte es ſeine Gemahlin indeß niemals entgelten laſſen, daß er nur gezwungen ihr ſeine Hand gereicht, er war ihr immer rück⸗ ſichtsvoll und freundlich, aber auch immer kalt und fremd begegnet. Eine einzige, vertrauliche Stunde der Unterredung hatte ſie mit ihm gehabt, und in dieſer Stunde hatte er ihr geſagt, was ſie Beide ſo gewaltſam zuſammengebunden, ſo gewaltſam für immer getrennt habe, denn niemals würde er die ihm aufgedrungene Gemahlin lieben kön⸗ nen, wie er auch überzeugt ſei, daß ſie niemals für den aufgedrun⸗ genen Gemahl, der ſie nicht liebte, etwas Anderes als kalte Gleich⸗ gültigkeit, rückſichtsvolle Achtung empfinden könne. Er hatte nicht geahnt, mit welchen tödtlichen Dolchſtößen dieſe Worte das Herz ſeiner Gemahlin getroffen, denn ſie hatte die Kraft gehabt, alle dieſe Qualen unter einem Lächeln zu verſchleiern und in ihrem keuſchen, jungfräulichen Stolz ſie einzuſargen in ihrem Herzen. — 89— Seit jener Unterredung waren Jahre vergangen, und in dieſen Jahren war die Liebe der Kronprinzeſſin zu ihrem Gemahl immer höher und gewaltiger emporgeblüht, ſeine Augen waren die Sonne geweſen, welche dieſe Wunderblume beſtrahlte und kräftigte, ihre Thränen waren der Thau geweſen, der ſie tränkte und ihr neue Lebenskräfte zuführte. Eliſabeth Chriſtine hoffte immer noch, eines Tages ſich das Herz ihres Gemahls zu erobern, ſie glaubte immer noch, ihre große, reſignirte, demuthsvolle, ſtolze und ſchüchterne Liebe werde eines Tages ſeine Kälte beſiegen und aus dem erzwungenen Gemahl den zärtlichen Geliebten machen. Und dennoch, trotz dieſer Hoffnung, trotz dieſes Zukunfttroſtes zitterte Eliſabeth jetzt mehr wie ſonſt. Sie ahnte, daß die Stunde der Entſcheidung herannahe, ſie fühlte mit dem Inſtinct einer Lieben⸗ den, daß ein neues Gewitter emporſteige an dem immer umwölkten Horizont ihrer Ehe und daß der Blitz herabzucken könne, um ſie zu zerſchmettern. Gezwungen hatte Prinz Friedrich ſich ihr vermählt. Wie nun, wenn dieſer Zwang aufhörte, wenn ihr Gemahl König ward, von Nie⸗ mand gehalten, von Niemand gebunden, frei ſich ſelber und der Welt Ge⸗ ſetze zu geben und Niemand als Richter über ſich erkennend, Niemand außer ſeinem Gewiſſen! Möchte nicht ſogar ſein Gewiſſen ihm rathen, alsdann dieſe unnatürliche Ehe zu zerreißen, welche keinen Funken der göttlichen Wahrheit in ſich trug, keinen Strahl der göttlichen Segnung? Möchte nicht ihr Gemahl vielleicht dann ſie von ſich ſtoßen, um ſich ein Weib zu wählen nach eigener Wahl, um dieſe engliſche Prin⸗ zeſſin zu ſeiner Gemahlin zu machen? Hatte ſich nicht König George, obwohl zu ſpät, bereit erklärt, die Prinzeſſin dem Kronprinzen zu verheirathen? Hatten ſie ſich nicht Beide geliebt mit allem En⸗ thuſiasmus der Jugend, obwohl ſie ſich niemals geſehen? Hing nicht Sophie Amaliens Portrait in des Kronprinzen Bibliothekzimmer, trug die engliſche Prinzeſſin nicht ſein Miniatur⸗Portrait beſtändig — 90— an ihrem Herzen und hatte geſchworen, es niemals abzulegen und niemals eines andern Mannes Weib zu werden?*) Wenn Eliſabeth daran dachte, zitterte ihr Herz vor Gram und Weh und es war ihr, als müßte ſie ihr ganzes Leben ausſtrömen in einem Schrei der Angſt und des Entſetzens. Nein, ſie konnte es nicht ertragen ein Leben ohne ihn. Sie würde niemals darin willigen, von ihm zu gehen. Er konnte ſie tödten, aber er konnte ſie nicht zwingen, ihre geheiligten, vor Gottes Altar beſchworenen Rechte aufzugeben; er konnte ſie nicht, wie Abraham die Hagar, in die Wüſte verſtoßen, um ſich ein anderes Weib zu wählen. Er konnte ſie nicht zwingen, von ihm zu gehen, aber er konnte ſie darum bitten, und Eliſabeth wußte ſehr wohl, daß es nichts auf der Welt gäbe, was ſie ihrem Gemahl abſchlagen könnte, wenn er ſich ſo weit herabließe, ſte darum zu bitten. Für ein liebevolles, dankbares Wort von ſeinem Munde würde ſie ihr Herzblut tropfen⸗ weiſe vergoſſen haben, für eine zärtliche Umarmung, für einen auf⸗ richtig gemeinten Kuß würde ſie jauchzend ihr Leben hingeſchleudert haben! Aber noch wollte ſie nicht glauben an das Unglück und die Trennung, noch wollte ſie verſuchen, dies unſelige Schickſal abzu⸗ wenden und ſich ſein Herz, ſeine Theilnahme, mindeſtens ſein Mit⸗ leid zu erwerben. Es war ein Kampf um ihre Exiſtenz, um ihr Glück, ihre Zu⸗ kunft, ihre Ehre ſogar. Denn eine geſchiedene Frau, und ſei ſie immerhin eine Fürſtin, trägt immer doch einen Makel auf ihrer Ehre und geht einſam, unbeklagt, verachtet durch die Welt. Seit einiger Zeit hatte die arme Kronprinzeſſin daher ihre Be⸗ mühungen, ihrem Gemahl zu gefallen, verdoppelt, ſeit einiger Zeit hatte ſie mehr wie ſonſt ſich dem heitern Treiben der Geſellſchaft hingegeben und es nicht verſchmähend, zuweilen ſelber einzugehen auf *) Rödenbeck: Beiträge zur Bereicherung und Erläuterung der Lebens⸗ beſchreibung Friedrich Wilhelm I. und Friedrich des Großen. Tom. I, pag. 199. N8— 91— die etwas leichtfertigen Scherze der heitern und ungenirten Abendge⸗ ſellſchaften ihres Gemahls, war es ihr zuweilen ſogar ſchon gelungen, ihm ein Lächeln, einen beifälligen Blick abzugewinnen. Das waren für Eliſabeth Edelſteine in der Märtyrerkrone ihrer Liebe und ſie hielt ſie für einen größeren Schmuck, als alle Brillanten und Perlen. Heute alſo ſollte eine jener heitern, ungebundenen Abendgeſell⸗ ſchaften ſein, welche der Kronprinz ſo ſehr liebte und in denen er ſelber ſtets der bezauberndſte, witzigſte, geiſtvollſte und zwangloſeſte Geſellſchafter war. Prinzeß Eliſabeth wollte heute keine müßige Theil⸗ nehmerin des Feſtes ſein; ſie wollte ihren Gemahl zwingen, ſie anzu⸗ ſehen, ja ſie zu bewundern. Sie wollte ſchöner ſein, wie alle die übrigen Damen, ſchöner wie die heitere, geiſtvolle, coquette Frau von Brandt, ſchöner wie der geniale Tourbillon Frau von Morien, ſchöner noch wie die junge Schwerin mit ihren glänzenden Augen und ihren jugendſtrahlenden Wangen. Auch ſie war ja noch jung und auch ſie hatte wohl Anſprüche, gefeiert, bewundert und geliebt zu werden, nicht blos weil ſie eine Fürſtin, weil ſie die Gemahlin des edelſten, ſchönſten und genialſten Prinzen war, ſondern bewundert und geliebt um ihrer ſelbſt willen. Sie hatte ihre Kammerfrau entlaſſen, denn ihre Toilette war vollendet und ſie wartete des Kronprinzen, daß er ſie in den Salon führe. Sie trat zum Spiegel und betrachtete ſich ſelbſt, nicht bewundernd und erfreut, ſondern neugierig und forſchend. Dieſe Geſtalt da im Spiegel war eine ganz von ihr abgelöſte, fremde, ſie beobachtete und prüfte ſie ganz kalt, ganz ſtrenge, denn ſie wollte wiſſen, ob dieſes Weib da im Spiegel wohl im Stande ſein könnte, den ſchönen Kron⸗ prinzen zu feſſeln. Es iſt wahr, flüſterte ſie mit einem traurigen Lächeln, dieſe Figur iſt ſchlank und nicht ganz ohne Anmuth. Das weiße Atlas⸗ gewand fließt in vollen, majeſtätiſchen Falten von dieſer zarten Taille über die vollen Hüften nieder; es contraſtirt gut zu dieſen entblößten Schultern, von denen mir meine Hofdamen oft genug geſagt haben, daß ſie weiß ſind wie Alabaſter, zu dieſem Halſe, den Frau von ——EEEEEE— Morien noch geſtern einen Schwanenhals nannte. Dieſer Fuß, wel⸗ cher da unter dem Silberſaum des Kleides hervorſchaut, iſt ſchmal und klein genug, und dieſe Hand iſt ſo weiß und klein und wohlge⸗ formt, daß ich dem Maler Pesne erſt geſtern verſprechen mußte, ſie an ſeiner Göttin Aurora abkonterfeien zu laſſen. Und dieſes Geſicht? Iſt denn das häßlich? Sie neigte das Haupt näher an den Spiegel und betrachtete ſich mit ſcharfen, kalten Blicken. Nein, ſagte ſie, dieſes Geſicht iſt nicht häßlich, es iſt vielleicht ſogar hübſch zu nennen. Das iſt eine ziemlich hohe freie Stirn, die Augenbraunen ſind ſchön geſchweift und gut placirt, die Augen ſind groß und nicht ohne Glanz, die Naſe iſt klein und geſpitzt, aber edel geformt, der Mund iſt nicht groß und die Lippen purpurroth*). Ja, es iſt ein hübſches Geſicht! Mein Gott, warum kann es denn dem Kronprinzen niemals gefallen, warum ſieht er es niemals mit Freude und Bewunderung an? 1 Sie ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt und verlor ſich in traurige, ſchwermüthige Träumereien. Zwei Thränen, welche langſam und kalt. aus ihren Augen über ihre Wangen niederrollten, weckten ſie. Mit einer raſchen Bewegung hob ſie das Haupt empor und ſchüttelte die Thränen von ihren Wangen fort. Dann ſchaucte ſie wieder in den ℳ₰h Spiegel. 4 Warum liebt mich der Kronprinz nicht? flüſterte ſie wieder mit zitternden Lippen und einem gramvollen Lächeln. Ach ich ſehe es, ich weiß es wohl, es ſteht mit unheimlichen, traurigen Zügen in mei⸗ nem Antlitz geſchrieben, ich weiß, warum er mich nicht liebt! Dieſe großen blauen Augen ſind ohne Seele und ohne Feuer, dieſem Munde fehlt das anlockende, bezaubernde, verführeriſche Lächeln, es iſt eine ſchöne Form, aber es fehlt ihr die Seele, eine ſchöne Natur, aber 5* ohne Geiſt. Mein Gott, mein Gott, ich ſchlafe, meine Seele liegt todt und erſtarrt in dem Sarge meiner geheimen Schmerzen, er könnte *) Dieſe Schilderung der Prinzeſſin iſt nach den: Lettres familidres et autres. De Monsieur le Baron de Bielfeld. Tom. I, pag. 81. 1 — 93— ſie wecken mit ſeinen Küſſen, er könnte ihr Leben einhauchen mit ſeinen Blicken. Sie ſtreckte die Arme empor und mit vor Sehnſucht und Schmerz zitternden Lippen flüſterte ſie: Pygmalion, warum kommſt Du nicht, Deine Galathea zu wecken. Warum willſt Du das Marmorbild nicht in ein Weib mit Fleiſch und Blut, mit Seele und Herz verwandeln. Dieſe Lippen ſind bereit zu lächeln und ihn auszuſtoßen, den Schrei des Entzückens und der Wonne, und hinter den Schleiern meiner Augen liegt eine Seele, welche Du nur anrühren darfſt, um ſie zu wecken. Oh Friedrich, Friedrich, warum marterſt Du mich ſo? Fühlſt Du denn nicht, daß Dein Weib Dich liebt, daß ſie Dich anbetet, daß Du ihre Seligkeit, ja ihr Gott ſelber biſt? Oh ich weiß es wohl, das ſind unheilige, ſündige Worte, aber was thut's, ich bin eine Sünderin, denn ich bin bereit, meine Seeligkeit hinzugeben um Dich. Friedrich, Friedrich, warum hörſt Du mich nicht, warum haben meine Seufzer, meine Thränen nicht die Kraft, Dich zu mir zu rufen! Und das arme, ſchmerzzitternde junge Weib ließ ſich auf einen Seſſel niedergleiten und die Hände vor ihr Antlitz legend, weinte ſie bitterlich. Fröhliche Stimmen und lautes Gelächter, welches dicht unter ihren Fenſtern vom Garten her ertönte, weckte ſie aus ihren Schmerzen und Thränen.. Das iſt Frau von Brandt und der Herzog von Braunſchweig, flüſterte Eliſabeth hochaufathmend, indem ſie ſich emporrichtete und an's Fenſter eilte, um hinter den Vorhängen verborgen in den Garten zu blicken. Ja, dort ſtand der Herzog auf der Terraſſe im lebhaften, eifrigen Geſpräch mit den Freunden, mit Jordan, Kaiſerling, Chazot und dem heute erſt angekommenen Bielfeld. Aber die Damen waren nirgends zu ſehen und die Prinzeſſin ſchloß daraus, daß ſie ſich ſchon in den Vorſaal begeben hätten und daß alſo der Prinz bald kommen würde, ſeine Gemahlin abzuholen. Er darf nicht ſehen, daß ich geweint habe, Niemand darf das ſehen, flüſterte Eliſabeth, indem ſie in ihr Taſchentuch hauchte und ———Iſͤſͤſſſ— — 94 es an ihre Augen drückte. Nein, ich will lächeln und heiter ſein wie Frau von Brandt und die Morien, ich will lachen und ſcherzen und Niemand ſoll ahnen, daß mein Herz ſich verblutet und hinſtirbt an unverſtandenen Schmerzen. Ja, heiter will ich ſein und lachen, denn nur alsdann kann ich meinem Gemahl gefallen. Indem ſie ſo ſprach, lachte ſie, aber es war ein trauriges, herz⸗ erſchütterndes Lachen, das indeſſen draußen im Vorſaal ein lauteres, fröhlicheres Echo fand. XII. Das gedicht. * Im Vorſaal waren, wie die Kronprinzeſſin ſchon vermuthet hatte, die Hofdamen ſowohl, wie die in Rheinsberg zum Beſuch anweſenden Damen aus Berlin, unter denen Frau von Brandt und Frau von Morien, verſammelt und warteten der Prinzeſſin. Während die Ober⸗ hofmeiſterin Frau von Katſch mit einigen Damen ſich in eine Fenſter⸗ niſche zurückgezogen hatte und dort ein halblautes Geſpräch führten, gingen Frau von Brandt und Frau von Morien im eifrigen, leiſen Geſpräch im Salon auf und ab. Frau von Morien horchte in ſichtlicher Spannung auf die Worte ihrer Freundin und ihr ſchönes, lebhaftes Angeſicht ſpiegelte deutlich alle die verſchiedenen Regungen ihrer Seele wieder. Bald flog ein glückliches Lächeln über ihre lieblichen Züge, bald lagerte ſich eine Wolke auf dieſer reinen, klaren Stirn und verdüſterte einen Moment ihre ſchwarzen, glanzvollen Augen. 4 Wie ich Ihnen ſage, flüſterte Frau von Brandt, die Kaiſerin ſelber läßt Ihnen ſagen, daß Sie auf ihre Dankbarkeit rechnen dürfen, falls Sie geneigt ſind, den Wünſchen der Kaiſerin Ihren Beiſtand — — 95— zu leihen. Sie müſſen alle Ihre Beredſamkeit, all' Ihre Macht darauf verwenden, den Kronprinzen von dem Gedanken abzuwenden, daß er ſich, wenn der König todt iſt, von ſeiner Gemahlin ſchei⸗ den laſſe. Die Kaiſerin will, daß ihre Nichte Königin von Preußen werde. Ich verdenke dies der Kaiſerin gar nicht, ſagte Frau von Morien mit ihrem ſchelmiſchen Lächeln. Es fragt ſich nur, ob der Wille des Kronprinzen mit dem der öſterreichiſchen Kaiſerin übereinſtimme. Denn Sie wiſſen wohl, daß Prinz Friedrich nicht der Mann iſt, ſich von anderm Willen als dem ſeinigen beſtimmen zu laſſen. Nicht von dem Willen der Kaiſerin, aber von dem Ihren, Theuerſte! Und womit gedenkt die Kaiſerin meinen Willen zu beſtechen? Denn ich hoffe nicht, daß dieſe gute Kaiſerin mich für ſo albern und kindiſch hält, daß ihre Wünſche mir Befehle wären, bloß weil ſie von den Lippen einer Kaiſerin kommen? Nein, die kleine Morien iſt in dieſem Augenblick für die Kaiſerin eine wichtigere Perſon, als die Kaiſerin es für mich iſt, und es iſt daher ſehr natürlich, daß ich meine Bedingungen ſtelle. Sagen Sie nur dieſe Bedingungen, theuerſte Freundin, und ich kann Sie im Voraus verſichern, daß ſie erfüllt werden, es müßte denn ſein, daß Sie die Sterne oder den Mond verlangen wollten, welche Ihnen die Kaiſerin freilich nicht geben kann. Und doch haben Sie meine Bedingung errathen, ſagte Frau von Morien lächelnd. Ich verlange einen Stern, aber freilich nicht einen von den kleinen dort droben, einen größern, ehrenvollern und ſchönern Stern, den mir die Kaiſerin geben kann. Ich verſtehe Sie nicht, ſagte Frau von Brandt ganz erſtaunt. 2 Ach, Sie werden mich bald verſtehen, hören Sie nur! Haben Sie nicht vernommen, daß die öſterreichiſche Kaiſerin einen Orden ſtiften will, einen Orden der Tugend und Sittſamkeit? 8 Frau von Brandt brach in ein lautes, ſilberhelles Lachen aus. Und in dieſen Orden möchten Sie aufgenommen werden? ˙ 6 Ja, das möchte ich, und wenn mich die Kaiſerin nicht zur Groß⸗ —— — 96— kreuzdame dieſes Ordens macht, laſſe ich mich in gar keine weitere Verhandlungen ein. Frau von Brandt lachte immer noch. Das iſt eine zu erhabene, zu geniale Idee, ſagte ſie. Le tourbillon will Großkreuzdame des Tugendordens werden! Die ſchöne Morien, deren größter Stolz es ſonſt war, die Tugendprüden zu verachten und der Morol ein Schnipp⸗ chen zu ſchlagen, die ſchöne Morien will jetzt der Sittſamkeit die Schleppe tragen! Liebe Freundin, ſagte Frau von Morien mit einem bezaubernden Lächeln, welches zwei Reihen der köſtlichſten weißen Zähne ſichtbar werden ließ, liebe Freundin, man muß ſich immer zur rechten Zeit den Rückweg offen halten, und wie Aeſop bergabſteigend ſich nicht des bequemen und ſchönen Pfades freute, ſondern ſchon ſeufzte über die kommenden Beſchwerden des Bergaufſteigens, ſo müſſen auch die Frauen niemals befriedigt ſein mit den ſchönen Pfaden der Gegen⸗ wart, ſondern ein wenig auch an die beſchwerlichen der Zukunft ſich erinnern. Ein Tag kommt doch, wo wir die blumigen Pfade der Liebe und Luſt mit einem Gitter, den das Alter davor geſperrt, ab⸗ geſchloſſen finden und dann gezwungener Weiſe auf den langweiligen und duftloſen Wegen der Tugend luſtwandeln müſſen. Es iſt daher gut und weiſe, wenn man ſich ſchon früh mit einem Paß für dieſen Spaziergang verſieht und ſich die rauhen Wege, welche ſo gewiß kom⸗ men, wie das Alter, ein wenig ebnet. Heute bin ich der Tourbillon und werde es noch einige Jahre bleiben, aber wenn die Roſen und Lilien meiner Wangen gewelkt ſind, dann werde ich das Ordenskreuz der Tugend an meinen welken Buſen heften und eine ſehr gottes⸗ fürchtige, ſehr keuſche, ſehr ſtrenge Tugendritterin werden. Beide Damen lachten und es war ein Lachen ſo fröhlich und ſilberhell, ſo klar und unſchuldig wie Lerchenjubel und Kindergeſang. Dann nahm der Tourbillon ſchnell wieder eine ernſthafte, pathetiſche Miene an und ſagte mit näſelnder predigender Stimme: Und ver⸗ diene ich es alſo nicht ſehr wohl, mit dem Ordensſtern der Tugend verklärt zu werden? Iſt mir nicht die erhabene heilige Beſtimmung zugedacht, die Herzen zweier Ehegatten wieder einander zu vereinigen — 97— und was Gott ſo ſchön zuſammengefügt hat, mit meinen ſchwachen, aber ſchönen Händen noch enger zu verknüpfen? Soll ich nicht als eine Prieſterin Veſta dieſen heiligen Kronprinzlichen Ehebund ſegnen, um die heiligen Flammen keuſcher Gattenliebe wieder auf's Neue auf⸗ lodern zu machen? Ich ſage Ihnen alſo, ſchaffen Sie mir dieſen Orden, machen Sie, daß ich eine der erſten Ritterinnen dieſes Ordens werde, oder ich nehme dieſe Rolle nicht an, welche man mich da ſpie⸗ len laſſen will! 3 Ich verbürge Ihnen, daß Ihre Launen erfüllt und daß Sie Ordensdame werden ſollen, ſagte Frau von Brandt ernſthaft. Verzeihen Sie, Theuerſte, aber dies genügt mir nicht! Ich ver⸗ lange, daß die Kaiſerin von Oeſterreich, die erhabene Tante unſerer Kronprinzeſſin, mir ſelber in einem eigenhändigen Handbillet die Zu⸗ ſicherung giebt, daß dieſer Orden in's Leben tritt, und daß ich Ordensritterin werde. Es ſchadet nichts, wenn die erhabene Kaiſerin außerdem noch einige Worte der Zärtlichkeit und Hochachtung hinzu⸗ fügt und mich ihrer Werthſchätzung verſichert. Ich werde noch heute Ihre Bedingungen nach Berlin berichten und ſie werden ſofort durch einen Courier der Kaiſerin mitgetheilt werden, welche ohne Zweifel bereit ſein wird ſie zu erfüllen, denn die Gefahr iſt dringend und Sie ſind eine mächtige Bundesgenoſſin. Gut, ſo weit wären wir einig und es fehlt weiter nichts als die Hauptſache, ſagte Frau von Morien mit einem neckiſchen Lächeln, weiter nichts, als daß ich wirklich Ihre Vorausſetzungen erfülle und daß ich wirklich für den Kronprinzen ein wenig mehr bin, als nur der Tourbillon, die hübſche Morien, die türkiſche Muſik, die er klin⸗ geln läßt, wenn er luſtig iſt. Es fehlt weiter nichts, als daß mich der Kronprinz nun auch wirklich liebt. Er macht mir den Hof, das iſt wahr, er drückt mir zuweilen verſtohlen die Hand, er flüſtert mir dann und wann einige zärtliche, ſehnſuchtsvolle Worte in's Ohr, er hat mich geſtern, als ich ihm zufällig ganz allein im dunklen Corridor begegnete, ſehr feurig umarmt und meine Lippen mit ſo glühenden und ſtürmiſchen Küſſen bedeckt, daß ich faſt erſtickte. Aber das iſt Alles, das iſt der ganze Roman meiner Liebe. Friedrich der Große. I. 7 — 98— Nein, das iſt nicht Alles! Dieſer Roman hat eine Fortſetzung, ſagte Frau von Brandt mit triumphirenden Blicken, indem ſie einen verſiegelten Brief aus ihrem Buſen hervorzog und ihn der ſchönen Morien darreichte. Da nehmen Sie dieſes Schreiben, es iſt ein neues Capitel Ihres Romans. Dieſer Brief hat keine Adreſſe, ſagte Frau von Morien lächelnd. An wen iſt er? Er iſt an Sie. Nein, er iſt an mich! rief plötzlich eine Stimme hinter ihnen, und eine raſche Hand fuhr wie der Blitz empor und entriß der Frau von Morien das verſiegelte Papier. Mein, dieſer Brief iſt mein! jubelte das kleine Hoffräulein Louiſe von Schwerin, welche unbemerkt zu den beiden Damen her⸗ angeſchlichen war und gerade im entſcheidenden Moment ſie erreicht und den Brief erfaßt hatte, den ſie jetzt mit erhobenem Arm hoch emporſtreckte. Der Brief gehört mir, er iſt mein! wiederholte das übermüthige junge Mädchen, mit fröhlichem Lachen vor den beiden entſetzten, ſchreckensbleichen Damen umhertänzelnd. Wer wagt es zu behaupten, daß dieſer Brief, welcher keine Adreſſe hat, nicht an mich gerichtet iſt? Louiſe, geben Sie mir den Brief wieder, bat Frau von Morien mit zitternder, angſtgedämpfter Stimme. Aber Louiſe fand ein Ver⸗ gnügen daran, ihre ſchöne Freundin ein wenig zu martern und zu ängſtigen und ſich ein wenig zu rächen dafür, daß dieſe ſie immer noch ein Kind nannte und ſie auslachte, wenn Louiſe von ihrem Herzen ſprach und irgend eine geheimnißvolle, große, unglückliche Liebe ahnen ließ. Louiſe wollte ſich jetzt rächen, indem ſie wirklich die Vorrechte eines Kindes beanſpruchte und den neckiſchen Uebermuth eines Kindes entfaltete. Nehmen Sie den Brief, wenn Sie ihn bekommen können! rief das Hoffräulein, indem ſie wie eine Gazelle durch den Saal ſprang und den Brief wie eine Fahne emporſchwenkte. Nehmen Sie doch den Brief. Frau von Morien eilte ihr nach, und nun begann ein luſtiges — 699— Jagen und Hetzen durch den Saal, begleitet von dem fröhlichen Bei⸗ fallsgelächter der Damen, die mit lebhafter Theilnahme dieſem Wett⸗ lauf der Schönen zuſchaueten. Und in der That, es war ein reizen⸗ des Bild, dieſe beiden ſchönen Geſtalten zu ſehen, wie ſie, zwei Ata⸗ lanten gleich, durch den Saal flogen, ſtrahlend vor Eifer und Luſt, mit glühenden Wangen und lächelnden Lippen, mit weithin flattern⸗ den Locken, mit hochwallendem Buſen. Das junge Mädchen behielt noch immer den Vorſprung, ſie tän⸗ zelte noch immer jubelnd und lachend vor der ſchönen Morien einher, während dieſe ſchon ein wenig zu ermatten begann. Dieſer Brief iſt mein! jubelte das kleine, übermüthige Hoffräu⸗ lein, und Niemand ſoll ihn mir entreißen. Aber Frau von Morien, von Angſt beflügelt, machte jetzt eine letzte verzweifelte Anſtrengung, wie ein Pfeil flog ſie hinter Louiſen her. Jetzt war ſie dicht hinter ihr, jetzt fühlte Louiſe ſchon den heißen, keuchenden Athem an ihren Wangen, ſah ſie ſchon den geho⸗ benen Arm, der ſich nach dem Briefe emporſtreckte,— da öffnete ſich plötzlich die Thür, vor welcher Louiſe eben angelangt war, und die Kronprinzeſſin erſchien in derſelben. Das kleine Hoffräulein ſank mit einem lauten Gelächter zu ihren Füßen nieder und hauchte athemlos: Gnädigſte Prinzeſſin, retten Sie mich! Frau von Morien war bei dem Erſcheinen der Kronprinzeſſin ſtehen geblieben, athemlos vom raſchen Wettlauf nicht allein, ſondern athemlos auch vor Angſt und Entſetzen, während Frau von Brandt, ihre eigne Beſtürzung unter einem Lächeln verbergend, ſich ihrer Freundin näherte, um ſie nicht ohne Beiſtand und Hülfe in dieſem kritiſchen Moment zu laſſen. Die übrige Geſellſchaft ſtand ſchweigend und in ehrfurchtsvoller Entfernung und ſchaute nur mit neugierigen, forſchenden Blicken auf die ſeltſame Scene dort drüben hin. Nun, und wovon ſoll ich Sie erretten, kleine Louiſe? fragte die Kronprinzeſſin, indem ſie ſich lächelnd zu dem athemloſen Hof⸗ fräulein niederbeugte. Louiſe ſchwieg einen Augenblick. Sie fühlte, daß die Kronprin⸗ 4 7* zeſſin ihr zürnen werde wegen ihrer Unart; ſie wollte dem ganzen Hof gegenüber nicht wieder wie ein Kind behandelt werden. Sie faßte alſo einen raſchen Entſchluß, ſie mußte die Wahrheit dieſer Behauptung feſthalten, ſie mußte darauf beharren, daß der Brief an ſie gerichtet geweſen. Frau von Morien wollte mir einen Brief entreißen, der mir gehört, ſagte Louiſe von Schwerin mit einem trotzigen Blick auf dieſe. Ich hoffe, Ew. Königliche Hoheit kennen dieſes junge übermüthige Kind zu wohl, um ihren Worten Glauben zu ſchenken, ſagte Frau von Morien ausweichend, nicht wagend, den Brief als ihr Eigen⸗ thum einzufordern. Kind! Sie nennt mich wieder ein Kind, murmelte Louiſe außer ſich vor Zorn und nun feſt entſchloſſen, dieſe Scene, welche Anfangs Scherz geweſen, jetzt bis auf's Aeußerſte fortzuführen und ſich an Frau von Morien zu rächen, indem ſie ſie compromittirte. Alſo der Brief iſt nicht an Louiſe? fragte die Kronprinzeſſin, ſich an Frau von Morien wendend. Nein, Königliche Hoheit, er iſt nicht an ſie. Er iſt an mich, betheuerte das kleine Hoffräulein. Ew. König⸗ liche Hoheit mögen ſich ſelber davon überzeugen. Hier iſt der Brief, wenn Sie die Gnade haben wollen, die Adreſſe zu leſen. Aber dieſer Brief hat keine Adreſſe! ſagte die Kronprinzeſſin ver⸗ wundert, auf den von Louiſen erhaltenen Brief deutend. Und doch behauptet Frau von Morien, daß er an ſie gerichtet ſei! rief Louiſe boshaft. Und doch ſagt Fräulein von Schwerin, daß er ihr gehöre! rief Frau von Morien, Louiſen einen wüthenden Blick zuſchleudernd. Ich bitte Ew. Königliche Hoheit, Schiedsrichterin zu ſein, ſagte Louiſe von Schwerin. Wie kann ich das? Wie kann ich wiſſen, wem der Brief gehört, da er keine Aufſchrift trägt? fragte die Prinzeſſin lächelnd. Indem Ew. Königliche Hoheit die Gnade haben, ihn zu öffnen und zu leſen, ſagte das tolle junge Mädchen ganz zuverſichtlich und mit dem vollſten Schein der Aufrichtigkeit. Der Brief iſt von meiner —,— — 101— Mutter, und ich habe nicht nöthig, Ew. Königlichen Hoheit ein Ge⸗ heimniß daraus zu machen, weil ich überhaupt gar keine Geheim⸗ niſſe habe. Sind Sie einverſtanden, Frau von Morien? fragte die Kron⸗ prinzeſſin. Soll ich dieſen Brief öffnen und als Schiedsrichterin ent⸗ ſcheiden? Aber ehe das geängſtigte und entſetzte junge Weib Zeit zu einer Erwiderung fand, trat Frau von Brandt vor und näherte ſich der Kronprinzeſſin mit lächelnder, zuverſichtlicher Miene. Sie hatte in dieſer äußerſten Gefahr einen verzweifelten Entſchluß gefaßt. Der Kronprinz hatte ihr geſagt, daß dieſes Papier ein Gedicht enthalte. Warum konnte dieſes Gedicht nun nicht ebenſogut für die Prinzeſſin, als für Frau von Morien beſtimmt ſein? Ohne Zweifel enthielt es eine Liebeserklärung, und Liebeserklärungen eignen ſich für jede Frau und ſind Jeder willkommen. Wenn Ew. Königliche Hoheit erlauben, bin ich bereit, Aufklä⸗ rung über dieſes Räthſel zu geben, ſagte Frau von Brandt voll⸗ kommen ruhig und ſicher. Die Kronprinzeſſin nickte zuſtimmend. Dieſer Brief gehört weder der Frau von Morien, noch dem Fräulein von Schwerin, fuhr Frau von Brandt fort. Nun, Sie verſprachen Aufklärungen! rief die Prinzeſſin lachend, und mir ſcheint, daß Sie das Räthſel immer undurchdringlicher machen. Der Brief gehört weder der Morien, noch der kleinen Louiſe? Wem gehört er denn? Er gehört Ew. Königlichen Hoheit. Wie? fragte die Prinzeſſin verwundert, während Frau von Morien mit ſprachloſem Entſetzen ihre Freundin anſtarrte und Fräu⸗ lein von Schwerin in ein fröhliches Gelächter ausbrach. Ja, dieſer Brief gehört Ew. Königlichen Hoheit. Der Kron⸗ prinz übergab ihn mir vorher mit dem Befehl, ihn auf die Toilette Ew. Königlichen Hoheit zu legen, bevor Dieſelben in Ihr Ankleide⸗ zimmer gingen. Aber ich kam zu ſpät und vernahm, daß Hoheit ſchon mit Ihrer Toilette beſchäftigt ſeien. Ich wagte es daher nicht — 102— zu ſtören und behielt den Brief, um ihn jetzt abzugeben. Wie ich ihn in der Hand hielt und mit Frau von Morien darüber ſcherzte, daß der Kronprinz vergeſſen, eine Adreſſe zu ſchreiben, kam Fräu⸗ lein von Schwerin, um mir auf eine höchſt ungebührliche Weiſe den Brief zu entreißen und zu behaupten, daß er ihr gehöre. Frau von Morien eilte ihr nach, um ihr denſelben zu entreißen. Das iſt der ganze Hergang. Und Sie ſagen, der Brief ſei an mich? fragte die Kronprin⸗ zeſſin ſinnend. An Sie, und er enthält ein Gedicht von Sr. Königlichen Hoheit. So bin ich alſo berechtigt, das Siegel zu erbrechen, ſagte die Prinzeſſin, indem ſie den Brief öffnete und das darin enthaltene Papier entfaltete. Dann rief ſie mit einem freudigen Lächeln: In der That, es iſt ein Gedicht von meinem Gemahl!— Und hier kommt Se. Königliche Hoheit ſelbſt, um die Wahrheit meiner Ausſage zu beſtätigen! rief Frau von Brandt, zur Seite tretend. † XIII. Das Banguet. Frau von Brandt hatte Recht, es war der Kronprinz, welcher, umgeben von ſeinen Cavalieren, gerade in dem Moment, in welche 8 die Kronprinzeſſin das Gedicht zu leſen begann, in den Saal na. Ein Gemurmel des Beifalls erhob ſich bei ſeinem Erſcheinen, und das Antlitz ſeiner Gemahlin ſtrahlte vor Freude und Entzücken bei dem Anblick dieſes ſchönen, ſtrahlenden, anmuthigen jungen Fürſten, 4 den ſie in dieſein Moment, wo ſie das erſte, an ſie gerichtete Liebes⸗* — 103— gedicht von ihm in Händen hielt, mit einer freudigen Zuverſicht ihren Gemahl nannte. Der Kronprinz erſchien heute nicht, wie gewöhnlich, in der Uniform ſeines Regiments, ſondern er hatte eine franzöſiſche Toilette nach der neueſten Mode gemacht. Er trug einen ſeladon⸗ farbenen Rock von ſchwerem Seidenmoirée, auf den Schultern ver⸗ ziert mit großen Spitzenſchleifen, deren Enden mit ſilbernen Franzen eingefaßt waren. Die kurzen ſeladonfarbenen Beinkleider reichten bis an das Knie und waren hier mit ſpaniſchen Silberſpitzen verziert, welche weit über den ſeidenen Strumpf herabfielen. An den mit hohen rothen Abſätzen verzierten Schuhen prangten Schnallen mit Diamanten von ungeheurer Größe, die indeß noch überſtrahlt wur⸗ den von den Brillantknöpfen, welche die lange, ſilberbrokatene Weſte zuſammenhielten*). Aehnlich, aber minder reich war das Coſtüm der Cavaliere des Kronprinzen, und wie die Schaar dieſer auserleſenen, ſchönen, geiſtvollen, reichgeſchmückten Cavaliere in den Saal trat, glänzten die Augen der Damen höher auf und ein lebhaftes Roth färbte ihre Wangen. Am ſchönſten ſtrahlte das Antlitz der Kronprinzeſſin; nie hatte ſie den Gemahl ſo ſchön geſehen, nie war er ihr in dieſer Verklä⸗ rung der Liebe, des Glückes erſchienen. Und das Alles galt ihr, ihr, der Auserleſenen, Beſeligten, welche er jetzt liebte. Ja, er liebte ſie! Sie hatte nur erſt den Anfang dieſes Gedichtes geleſen, das er ihr geſchrieben, aber dieſer Anfang ſchon enthielt Worte der Zärtlichkeit, der glühenden Liebe.. Während ſie in ſtummer Seligkeit hinüberblickte zu dem Gemahl, näherte ſich Frau von Brandt dem Kronprinzen, und indem ſie ihm leicht und graziös die eben erlebte Scene erzählte, bat ſie ihn um die Beſtätigung ihrer Ausſage. Des Kronprinzen raſcher Blick war einen Moment von der ſchönen, in Verwirrung und Furcht zitternden Morien zu ſeiner Ge⸗ mahlin hinübergeſchweift, und aus ihrem ſtrahlenden heitern Geſicht hatte er geſchloſſen, daß ſie wirklich noch glaubte, dieſes Gedicht ſei *) Bielfeld, Vol. II. pag. 82. an ſie gerichtet. Sie hatte alſo daſſelbe noch nicht zu Ende geleſen, ſie war noch nicht bis zu jener Strophe gelangt, welche eine unmit⸗ telbare Anrede an den ſchönen Tourbillon, die bezaubernde Leontine enthielt. Man mußte ſie alſo verhindern, dieſes Gedicht zu Ende zu leſen! Das war das Ganze. Der Kronprinz näherte ſich daher ſeiner Gemahlin mit einem Lächeln, wie ſie es niemals an ihm geſehen und welches ihr Herz erzittern machte vor Wonne. Ich bitte Sie um Verzeihung, ſagte er, für mein armes kleines Gedicht, das Ihnen auf eine ſo ſtürmiſche und eclatante Weiſe über⸗ geben worden, und es in der That wenig verdient, daß man ihm ſo viel Worte gönnt. Leſen Sie es in einer einſamen Stunde, wo vielleicht die Langeweile Sie heimſuchen will, und dann mag es eine kleine Zerſtreuung ſein für einen müßigen Moment. Aber leſen Sie es nicht jetzt. Heute wollen wir uns nicht mehr mit Verſen und Gedichten plagen, heute wollen wir lachen und froͤhlich ſein. Das heißt, wenn es Ihnen ſo gefällt, Madame! Die Kronprinzeſſin murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte, und während ihr Herz voll war von Gedanken der Liebe, der Freude und des Entzückens, fand ſie, wie immer, keine Worte für ihre Ge⸗ danken. Dieſe keuſche Schüchternheit ihrer Lippen, dieſe Armuth an Worten bei dem tiefinnerſten Reichthum an Gefühlen, das war das Unglück der armen Kronprinzeſſin. Das war es, was ſie ſchwer⸗ fällig, befangen und geiſtlos erſcheinen ließ, das war es, was ihren Gemahl verſtimmte und ihn ihr entfremdete, und weil ſie das fühlte, ward ſie in ſeiner Nähe um ſo befangener und ängſtlicher, fand ſie um ſo weniger Kraft, ihren Gedanken Ausdruck zu geben. Hätte ſie in dieſem Moment den Muth zu einer geiſtreichen, pikanten Antwort gefunden, ſo würde das ihrem Gemahl ſehr ge⸗ fallen haben, während ihr Schweigen ihn verſtimmte und ſeine Stirn bewölkte. Stumm wie ſie ſelber, reichte er ihr jetzt den Arm, und Frau von Morien mit einem verſtohlenen Wink der Augen begrüßend, führte er ſeine Gemahlin in den Eßſaal zu der glänzend ſervirten, — 105— von Blumen und Frlchten duftenden, von reichem Silbergeſchirr 2 ſtrahlenden Tafel. Der Gärtner von Rheinsberg, mit Namen Friedrich von Hohen⸗ zollern, ladet ſeine Freunde ein, zu koſten, was er zu Stande ge⸗ bracht hat! ſagte der Kronprinz, auf die große, duftende Melone deu⸗ tend, welche vor ſeinem Teller ſtand. Setzen wir uns alſo und ſeien wir heiter und luſtig. Denn zum Glück iſt der Kronprinz nicht zu Hauſe und wir dürfen alſo Alle ganz sans géne ſein und uns ganz unſerer Laune überlaſſen, wie es die Mäuschen thun, wenn die Katze nicht zu Hauſe iſt. Er ſetzte ſich neben ſeiner Gemahlin nieder und winkte dann Frau von Morien an ſeine linke Seite, indem er mit einem be⸗ zaubernden Lächeln halb leiſe zu ihr ſagte: Sie müſſen heute meine Retterin ſein, ſchönſter Sturmwind. Mein Herz ſteht in Flammen und bedarf der Abkühlung. Blaſen Sie alſo, blaſen Sie, damit es kühl werde und ſich nicht verzehre in ſeinen eigenen Flammen. Oh, dieſes Herz iſt ein Phönix, flüſterte Frau von Morien, 4 aus der Aſche ſteigt es immer wieder neuverjüngt empor. Aber nur um ſich auf's Neue zu verzehren in ſeinen Gluthen, ſagte der Prinz leiſe. Dann nahm er das Glas zur Hand, und mit ſeinen leuchtenden Blicken die ganze reiche feine Tafelrunde muſternd, ſagte er: Der erſte Toaſt gilt heute der Jugend! Dieſer ſüßen Thorheit, um welche uns die Alten beneiden und von welcher wir leider mit jedem Tage mehr geheilt werden. Der Jugend und 5 der Schönheit, welche beide heute hier ſo glänzend vertreten ſind, daß man meinen ſollte, Frau Venus habe uns alle ihre Töchter und Geſpielinnen, aber auch alle ihre Liebhaber geſandt, ſowohl die ab⸗ geſetzten und verlaſſenen, als auch die, welche ſie erſt noch zu ver⸗ 4 laſſen gedenkt und die ſie augenblicklich noch begünſtigt und ihnen ſchön thut. Alle lachten und ſtießen fröhlich mit den Gläſern an und aßen mit ſichtlichem Behagen von dieſen köſtlichen, duftenden Speiſen, welche die Meiſterhand Duvals, des franzöſiſchen Koches, bereitet 1 hatte und welche der Kronprinz würzte mit pikanter Unterhaltung und dem attiſchen Salz ſeines allzeitig ſchlagfertigen, niemals ver⸗ ſagenden Witzes.— Bald ſtrahlten alle Geſichter in Heiterkeit und Luſt, bald glänzte die Freude aus Aller Blicken. Der dicke Knobelsdorf erzählte mit ſeiner lauten, ſchallenden Stimme ein wenig von der ehronique scandaleuse ſeines Reiſelebens, der kleine zierliche Jordan mit den funkelnden Augen und dem gutmüthigen Lachen unterhielt, dem Kron⸗ prinzen gegenüberſitzend, mit dieſem eines jener launigen, geiſtvollen, pikanten Geſpräche, wie nur dieſe Beiden, in langer inniger Freund⸗ ſchaft vereint, es zu führen vermochten; der muntere, ritterliche Chazot rezitirte einige draſtiſche Strophen aus Voltaire's kürzlich er⸗ ſchienener Pucelle; der ſchöne eitle Graf Kaiſerling ließ in jeder Minute eine neue Rakete des Witzes, der Gelehrſamkeit, der Em⸗ pfindſamkeit emporſteigen und unterhielt die Damen, welche neben ihm ſaßen, mit einem wahren Feuerwerk von Geiſt und Wiſſen, bald einige Verſe aus der Henriade recitirend, dann wieder einige der eben Mode werdenden Gellert'ſchen Fabeln declamirend, dann mit dem unweit von ihm ſitzenden Maler Pesne ein geiſtreiches Geſpräch über die Malerei beginnend, und dann wieder ſeiner Nachbarin, dem Hoffräulein von Schwerin, ein bezauberndes Bild von der Zukunft entwerfend. Von dieſer Zukunft, wo man in Berlin ein franzöſiſches Theater und eine italieniſche Oper, vor allen Dingen ein franzöſiſch⸗ italieniſches Ballet haben würde, bei welchem die ſchönſten Tänzerinnen und die berühmteſten Tänzer engagirt ſein würden, und welches an Pracht und Glanz Alles überſtrahlen ſollte, was es jemals Aehn⸗ liches im ganzen deutſchen Reiche gegeben habe und noch geben werde. Weiter abwärts am Tiſche aber ſaßen die beiden Benda's, die beiden Graun's und Quantz, der vielvermögende und vielgefürchtete Flötenvirtuos und Lehrer des Kronprinzen, der Jedermann imponirte durch ſeine Grobheit, und vor dem ſelbſt der Kronprinz eine Art Scheu empfand, weil ſelbſt Er nicht ſicher war vor irgend einer brusquen abweiſenden Antwort. Aber heute war ſelbſt Quantz freundlich und ſtill, und ſein Antlitz trug den halb gutmüthigen, halb grollenden Ausdruck einer Bulldogge, die von zarter, weicher Hand — 107— geſtreichelt wird und eigentlich zürnen möchte, aber vor Behagen nicht dazu kommen kann. Immer lauter, immer ſtürmiſcher und ungebundener wurde die Fröhlichkeit der Geſellſchaft, immer höher ſtrahlten die Wangen der Damen, immer zärtlicher und kühner wurden die Worte der Männer. Nur die Kronprinzeſſin ſaß ſchweigend und trübe neben ihrem Ge⸗ mahl, nur ihr Herz war wieder kummervoll und ſchwer. Sie hatte die vorhin erlebte Scene noch einmal überlegt und erwogen, und das Reſultat davon war geweſen, daß ſie jetzt überzeugt war, das Ge⸗ dicht, welches ſie erhalten, ſei nicht an ſie gerichtet geweſen, ſondern an irgend eine Andere, daß ſie ſich ihrer Leichtgläubigkeit ſchämte und erröthete über ihre eigene Eitelkeit. Denn wie wäre es auch möglich, daß Er, dieſer ſchöne, ſtrahlende Mann, der da an ihrer Seite ſaß, deſſen Lippen ſprudelten von Geiſt und Witz, deſſen Stirn leuchtete wie die eines Jupiters, der eben ſo gelehrt als geiſtreich, eben ſo erhaben als liebenswürdig, eben ſo jung und heiter als weiſe und tiefernſt war, wie wäre es möglich, daß Er ſie lieben ſollte, ſie, welche weiter nichts war als jung und ſchön, und außerdem den großen, den unverzeihlichen Fehler hatte, ſeine Gemahlin, und zwar ſeine aufgedrungene Gemahlin zu ſein.— Nein, dieſes Gedicht war 1 nicht an ſie gerichtet! Aber an wen denn? Wer war die Glück⸗ liche, welche das Herz des Kronprinzen beſaß, vor dem ſeine edle, ſtolze Seele ſich in Liebe beugte? Ihr Herz bäumte ſich, wenn ſie — daran dachte, daß eine Andere, nicht ſie dieſes Glück ihr Eigen 4 nannte, und doch, in ihrem edlen und ſanften Sinne zürnte ſie dieſer Anderen nicht. Aber ſie glühete, ihren Namen zu wiſſen, doch, wenn ſie ihn wußte, wollte ſie nicht Rache an ihr nehmen, ſondern für ſie beten, für ſie, welche der Kronprinz liebte, der er vielleicht einige Tage des Glückes, der Seligkeit verdankte. Aber wer war ſie? Mit prüfendem Blick ließ die Kronprin⸗ zeſſin ihr Auge an all' den Damen vorübergleiten, welche an der Tafel ſaßen. Es waren viel ſchöne, anmuthige Geſichter unter ihnen, Manche von ihnen hatte Geiſt, Lebhaftigkeit, Witz, aber Keine von ihnen war würdig, von dem Kronprinzen geliebt zu werden. Eben ——— V . ——õÿ— — 108— neigte ſich ihr Gemahl mit einem bezaubernden Lächeln zu ſeiner Nachbarin, eben flüſterte er ihr einige Worte zu, und Frau von Morien erröthete und ſchlug die Augen nieder und hob ſie dann wieder, um ihn mit flammenden Blicken anzuſchauen und mit zittern⸗ den Lippen einige Worte zu flüſtern, die ſo leiſe waren, daß nur der Kronprinz ſie verſtehen konnte. Wie? Sollte ſie es ſein?— Aber nein! Das war ja unmöglich! Dieſes leichtfertige, koquette, oberflächliche Weib konnte unmöglich den edlen, großſinnigen, genialen Kronprinzen gefeſſelt haben, nicht ſie konnte Eliſabeths beglückte Ri⸗ valin ſein! 1 Wer war ſie denn? Ach, wäre doch erſt dieſes ewig lange Mahl zu Ende! Könnte ſie doch erſt allein ſein in ihren Gemächern, um das Gedicht zu leſen, welches ohne Zweifel eine Löſung dieſes Räthſels, welches den Namen der Geliebten enthalten mußte. Aber es ſchien, als ob der Kronprinz dieſen Wunſch ſeiner Ge⸗ mahlin errathen hätte und ihn ſofort hintertreiben wollte. Man war heute ſehr ſpät, erſt um ſechs Uhr zur Tafel gegangen, jetzt war es dunkel geworden und man brachte hohe Armleuchter mit Wachskerzen, welche die Tafel erleuchteten. Die Lichter brennen! rief der Kronprinz. Wir wollen uns nicht eher von der Tafel erheben, als bis die Lichter erloſchen ſind und dafür eine leichte Champagner⸗Illumination in unſeren Köpfen be⸗ gonnen hat!*) Und man ſprach und lachte, und flüſterte und declamirte, und trank und jubelte weiter, und das Herz der Kronprinzeſſin ward immer ſchwerer, immer trauriger. Plötzlich wandte ihr Gemahl ſich zu ihr hin. Die Eitelkeit eines Autors regt ſich ein wenig in mir, ſagte er lächelnd, und ich erlaube mir daher die Frage, ob Sie gar nicht neugierig ſind, das Gedicht zu kennen, welches ich die Ehre hatte, Ihnen heute durch Frau von Brandt zu ſenden? *) Des Kronprinzen eigene Worte. Bielfeld Vol. I., pag. 84, dem auch theilweiſe die ganze Schilderung dieſes Bankets entlehnt iſt. — 109— Doch, mein Gemahll rief die Kronprinzeſſin lebhaft. Ich glühe vor Verlangen, es kennen zu lernen. So erlauben Sie mir, daß ich ſofort Ihr Verlangen befriedige, ſagte der Kronprinz, ſeine Hand hinreichend, um das Gedicht zu empfangen. Die Prinzeſſin zögerte, aber als ſie ihren Gemahl anſah, be⸗ gegnete ſie ſeinen Augen, die mit ſo kalten, gebieteriſchen Blicken auf ſie gerichtet waren, daß ſie erbebte und es wie eine eiſige Hand über ihr Herz rieſeln fühlte. Sie zog das Gedicht aus ihrer Kleidertaſche hervor und reichte es ſchweigend ihrem Gemahl dar. Jetzt, mein kleines Hoffräulein von Schwerin, ſagte der Kron⸗ prinz lachend und mit erhobener Stimme, jetzt ſoll dieſe ganze hoch⸗ weiſe, hochehrbare und hochwürdige Geſellſchaft als Richter zwiſchen mir und Ihnen zu Tiſche ſitzen und entſcheiden, ob dieſes Papier, wie das höchſt ſittſame und zärtliche Kind behauptet, ein Brief von ihrer lieben Mutter ſei, oder, wie ich behaupte, ein Gedicht, welches ein gewiſſer Prinz geſchrieben, der zuweilen an der Krankheit des Verſemachens leidet und dann allerlei Jmaginationen und Phantaſien hat. Hören Sie alſo, meine Herren und Damen, und ſeien Sie Richter zwiſchen uns. Aber damit Niemand glaube, daß ich etwas Anderes leſe, als was daſteht, und die zärtlichen Worte mütterlicher Liebe in die noch zärtlicheren Gefühle eines Liebhabers überſetze, ſoll Frau von Morien mit mir in dieſes Papier ſchauen und bezeugen, daß ich die Wahrheit leſe. Er reichte Frau von Morien das Papier hin und das Haupt leicht zu ihr hinneigend, begann er zu leſen. Die erſten Verſe ſo, wie ſie da geſchrieben ſtanden, dann aber, übergehend in eine freie Improviſation, recitirte er ein von Uebermuth, Geiſt, Laune und Witz ſprudelndes Gedicht, das eben ſo ſehr eine Huldigung für ſeine Gemahlin war, als es reich war an pikanten Beziehungen und An⸗ ſpielungen und ſanglanten Scherzen, die Jedermann verſtand, und die dann und wann ein Jauchzen des Beifalls bei der Tiſchgeſell⸗ ſchaft hervorriefen. Während er las, was nicht daſtand, hatte Frau — 110— von Morien Zeit zu leſen, was daſtand, und ihr Herz klopfte vor Luſt, ihr Buſen wogte und ihre Wangen glühten, als ſie dieſe ſo glühende Liebeserklärung, dieſe halb demuthsvolle, halb gebieteriſche Einladung zu einem Rendezvous las. — Die Lectüre war beendet, lautes Lachen und ſtürmiſche Lob⸗ preiſungen ertönten von allen Seiten. Der Kronprinz faltete das Papier zuſammen, indem er ſich an ſeine Gemahlin wandte und ſie lächelnd fragte, ob ſie zufrieden ſei mit dem Gedicht? Ich bin es ſo ſehr, ſagte ſie, daß ich Sie bitten wollte, mir das Gedicht wiederzugeben. Ich möchte es aufbewahren zum An⸗ denken an dieſe Stunde. Aufbewahren? Nicht doch! Ein Gedicht iſt wie eine Blume. Es gehört der Gegenwart, und nur ſo lange es friſch, iſt es ſchön. Wenn man die Blume in ein Herbarium legt, iſt's vorbei mit ihrer Schönheit und ihrem Duft. Auch ein Liebesgedicht ſoll man nicht in ein Herbarium legen. Der Moment hat es gegeben, der Moment ſoll es wieder nehmen, und den Göttern wollen wir opfern, was wir den Göttern verdanken. So ſprechend, zerriß der Kronprinz das Papier in kleine Stück⸗ chen, die er dann auf ſeiner flachen Hand zu einem kleinen Haufen aufſchichtete. Gehet hin in alle Winde und lehret alle Völker, daß Nichts unſterblich iſt, auch die Gedichte eines Fürſten nicht, ſagte er, auf die Papierſchnitzel blaſend, daß ſie wie leichte Schneeflocken empor wirbelten und herüber und hinüber flatterten. Nun entſtand ein ſtiges Jagen und Hetzen mit dieſen Papierſchnitzeln, Jeder blies ſie weiter, Jeder machte aus ſeinen Lippen einen kleinen Blaſebalg, der mit ſeinem Luftzug die Schnitzel immer wieder emporwirbelte, Jeder bemühte ſich, den Streiſchen eine beſondere Richtung, ein be⸗ ſtimmtes Ziel zu geben, indem man ſie jener Schönen in's Antlitz oder auf die weißen Schultern, oder dieſem Herrn gerade in's Auge oder in den lachenden Mund blies. Es war ein luſtiges Schäkern und Jauchzen, ein harmloſes Koſen und Scherzen. Nur die Kronprinzeſſin ſaß immer noch trübe 1 — 111— und ſtill. Dann und wann fiel eins der Papierſtreiſchen vor ihr nieder; ſie ſammelte ſie mechaniſch auf, aber blies ſie nicht weiter, ſondern betrachtete ſie mit trüben, ſchmerzvollen Blicken. Plötzlich zuckte ſie zuſammen und ein glühendes Roth überflog ihr Antlitz. Sie hatte da auf einem dieſer Papierſtreifen zwei Worte geleſen, welche ihr Herz erbeben machten vor Zorn und Schmerz. Dieſe 1 beiden Worte hießen:„Bezaubernde Leontinen. Das Geheimniß war alſo enthüllt! An Leontine war dieſes Gedicht des Kronprinzen gerichtet, an eine bezaubernde Leontine, und nicht an Eliſabeth! Aber wer war ſie? Wer von dieſen Damen hieß Leontine? Sie mußte, ſie wollte das wiſſen. Sie raffte all' ihren Muth zuſammen, ſie ſtachelte mit ihren eigenen Schmerzen ihr Herz empor zu wilder, trauriger Luſtigkeit, ſie begann plötzlich einzuſtimmen in die allgemeine Fröhlichkeit, und fing an zu lachen und zu ſcherzen und fröhlich zu plaudern, mit dem Kronprinzen ſowohl und der Frau von ¹. Morien, als auch mit dem jungen Baron von Bielfeld, der ihr gegen⸗ über ſaß. Niemals hatte man die Kronprinzeſſin ſo heiter, ſo ungezwungen und witzig geſehen. Niemand ahnte, daß dieſe Scherze und dieſes Lachen nichts weiter ſeien als die maskirten Schmerzen, die ihre Seele folterten, und daß ſie den Klageſchrei ihres Herzens nur unter dem Lachen ihrer Lippen verhüllte! Die Lichter waren halb ſchon herunter gebrannt, und ſchon be⸗ gann bei Einigen dieſer heitern Tafelrunde die Champagner⸗Illumi⸗ nation, welche der Kronprinz prophezeit hatte, ihre erſten Lichterchen anzuzünden. Chazot declamirte nicht mehr, ſondern er ſang ſchon einige jener reizenden Chanſons, wie er ſie in ſeinem Vaterlande, der Normandie, oft den ſchmucken lebensluſtigen Bäuerinnen abgelauſcht, Jordan improviſirte eine Predigt, in der Art der fanatiſchen, heuch⸗ leriſchen und ſcheinheiligen Prieſter, wie ſie ſeit einiger Zeit in Berlin ihr Weſen trieben, Kaiſerling hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben und machte eine Attitüde, wie er ſie in Paris von dem berühmten Lagièére in dem Ballet die Syrene geſehen. Knobelsdorf erzählte ſeine pikan⸗ 1 3 12 13 112 teſten italieniſchen Abenteuer und Quanz fand ſogar den Muth, des Kronprinzen Lieblingshund, die Biche, welche er als ſeine Rivalin haßte und die eben ſeine Füße beſchnüffelte, mit einem kräftigen Fuß⸗ tritt von ſich zu ſtoßen. Der Kronprinz allein hatte ſeine edle, freund⸗ liche und würdige Haltung bewahrt. Inmitten dieſer allgemeinen Aufregung war er, wie der ſtarke Mann des Horaz, der, Zeuge des Zuſammenſturzes der ganzen Welt, mit ruhigem und heiterm Auge die entſtehenden Ruinen betrachtet*). Die Kerzen waren tief ſchon hinabgebrannt und höher ſchon leuchtete die Champagner⸗Illumination in den Köpfen der Männer empor. Nur der Kronprinz und der junge Baron Bielfeld waren noch frei davon.— Auch der Bielfeld muß ſeinen Theil haben an der allgemeinen Jllumination, ſagte der Kronprinz lächelnd, zu ſeiner Gemahlin, indem er ihn zu ſich winkte, um mit ihm anzuſtoßen auf das Wohl ſeiner in Hamburg zurückgelaſſenen Braut. Während Bielfeld ſeinen Platz verlaſſen hatte, und zu dem Kron⸗ prinzen herübergekommen war, gab die Kronprinzeſſin leiſe und eilig einem der Bedienten ihre Befehle. Sie hatte geſehen, daß Bielfeld, um ſein heißes Blut zu kühlen, ganze Gläſer Waſſer aus der vor ihm ſtehenden Waſſerkaraffe ge⸗ trunken hatte. Sie ließ alſo dieſes Waſſer ausgießen und ſtatt deſſen die Waſſerflaſche mit Silleri füllen, der ſo weiß und klar war, wie Waſſer aus einer Felſenquelle. Der arme Bielfeld auf ſeinen Platz zurückkehrend und ſein Blut noch mehr erhitzt fühlend von der Er⸗ innerung an ſeine Braut, füllte den großen Waſſerkrug bis zum Rande, und trank, ohne es zu bemerken, ſtatt des kühlen Waſſers den glutvollen Silleri**). Die Kronprinzeſſin, welche noch immer daſſelbe Ziel verfolgte und nur zu wiſſen ſtrebte, wer von den Damen die bezaubernde Leontine ſei, wollte jetzt einen letzten entſcheidenden Schlag wagen. *) Bielfeld, Vol. I, pag. 87. **) Ebendaſelbſt pag. 85. — 113— Mit einem anmuthigen Lächeln ſich zu Bielfeld hinüberneigend fragte ſie: Der Kronprinz ſprach von Ihrer Braut. Man darf Ihnen alſo gratuliren? Bielfeld, welcher nicht zu ſagen wagte, daß er im Begriff ſtehe, dieſe Braut treulos zu verlaſſen, verneigte ſich ſtumm. Darf man den Namen Ihrer Braut wiſſen? fragte die Kron⸗ prinzeſſin. Fräulein von Randau! murmelte Bielfeld und trank, um ſeine Verlegenheit zu cachiren, ein zweites Glas Waſſer⸗Silleri hinunter. ne Fräulein von Randau! wiederholte die Kronprinzeſſin lächelnd. Wie kalt, wie ceremoniös das klingt, wie phyſiognomielos. Um eine Dame ſich vorſtellen und vergegenwärtigen zu können, muß man vor allen Dingen ihren Vornamen wiſſen, denn die Vornamen ſind immer gewiſſermaßen ein Theil ihres Characters. Wie heißt Ihre Braut? Regina, Königliche Hoheit. Regina! Das iſt ein ſchöner Name! Eine ganze Prophezeihung des Glückes! Denn ſie wird immer die Königin Ihres Herzens „ bleiben! Ach, ich verſtehe mich auf die Bedeutung der Namen, und daheim im Vaterhauſe nannte man mich deshalb immer die Shbille, denn meine Vorherſagungen trafen immer ein! Ich will Ihnen jetzt Allen aus Ihren Vornamen ein Prognoſticon ſtellen und Ihnen Ihre Zukunft prophezeihen, meine Damen! Fangen wir an! Wie heißen Sie, liebe Oberhofmeiſterin? Und während die Kronprinzeſſin, anſcheinend ganz harmlos, ſo ſprach, lächelte ſie und ſpielte nachläfſig mit dem ſchönen venetianiſchen Glaſe, welches vor ihr ſtand. Der Kronprinz allein ſah, was Nie⸗ mand außer ihm beachtete, er ſah, daß dieſe Hand, welche ſo arglos mit dem Glaſe zu ſpielen ſchien, heftig zitterte, daß, während ſie 8 lächelte, ihre Lippen bebten und ihr Athem keuchend und ſieberhaft aus ihrer Bruſt hervorquoll. Er begriff, was dieſe Prophezeihung aus den Vornamen zu be⸗ deuten habe, er begriff, daß die Prinzeſſin den Inhalt des Gedichtes kannte. Verſchweigen Sie Ihren Namen! flüſterte er raſch der Frau Friedrich der Große. I. 8 — 114— von Morien zu. Dann wandte er ſich wieder ſeiner Gemahlin zu, welche eben der Frau von Katſch aus ihrem Namen ein langes und glückliches Alter prophezeiht hatte. 5 Wie heißen Sie, Fräulein von Schwerin? fragte die Kronprin⸗ zeſſin weiter. 8 Louiſe! Ach, Louiſe! Nun, ich prophezeihe Ihnen, daß Sie glücklicher ſein werden, als Ihre Namensſchweſter, die ſchöne La Valliére. Sie werden niemals Gewiſſensbiſſe über ein Liebesverhältniß haben und niemals in ein Kloſter gehen! Dafür werde ich aber auch wahrſcheinlich niemals das Glück haben, von einem Könige geliebt zu werden! ſagte das kleine Hof⸗ fräulein mit einem traurigen Seufzer. Ein fröhliches Gelächter der Geſellſchaft war die Antwort auf dieſen naiven Stoßſeufzer. Die Kronprinzeſſin fuhr in ihren Prophezeihungen fort. Sie hatte für Alle ein pikantes und ſcherzhaftes Wort, eine ſchmeichelhafte Wendung. IJetzt wandte ſie ſich an Frau von Morien, immer noch lächelnd, immer noch mit dem Glaſe ſpielend. Nun, und Ihr Vorname, meine liebe Frau von Morien? fragte ſie, das Glas mit ihren Fingern umſpannend und tief in ſeinen Kelch hineinſchauend. Le Tourbillon heißt ſie! rief der Kronprinz lachend. Antoinette, Louiſe, Albertine heiße ich! ſagte Frau von Morien zögernd. Die Kronprinzeſſin athmete erleichtert auf und hob den ſtrah⸗ lenden Blick von dem Glaſe zu der ſchönen Morien empor. Das ſind zu viel Namen, um daraus prophezeihen zu können, ſagte ſie. Mit welchem Namen werden Sie genannt? Frau von Morien zögerte, die übrigen Damen, beſſer in die kleinen Geheimniſſe des Tourbillons eingeweiht, als die Kronprinzeſſin, erriethen, daß, ſich etwas Außergewöhnliches an dieſe Frage der Prin⸗ „ — 115— zeſſin und die Verlegenheit der Frau von Morien knüpfte, und horchten daher aufmerkſam der Antwort der ſchönen Frau entgegen. Eine augenblickliche Pauſe trat ein. Plötzlich brach Fräulein von Schwerin in ein fröhliches Lachen aus. Nun, ſagte ſie, haben Sie Ihren Namen vergeſſen, Frau von Morien? Wiſſen Sie nicht mehr, daß Sie Leontine genannt werden? Leontine! rief die Kronprinzeſſin heftig, und ihre Finger ſchloſſen ſich ſo krampfhaft um das Glas, daß es klirrend und mit einem ſchneidenden Wehelaut in ihrer Hand zerbrach. Der Kronprinz ſah die erſtaunten, fragenden Blicke der Geſell⸗ ſchaft ſich auf ſeine Gemahlin heften, er fühlte, daß er der allge⸗ meinen Aufmerkſamkeit eine andere Richtung geben, daß er die That der Prinzeſſin in einen Scherz verwandeln müſſe. Sie haben Recht, Eliſabeth! ſagte er daher lachend. Die Lichter ſind herabgebrannt, die Illumination hat begonnen, das Feſt iſt zu Ende, und wie wir vorher den Göttern mit dem Gedicht ein Opfer gebracht, ſo müſſen wir es jetzt mit den Gläſern thun, aus denen wir uns einige Stunden des Glückes, des Frohſinns und des Ver⸗ geſſens getrunken haben! Den Göttern opfere ich daher dieſes Glas! Ihr Alle folgt meinem Beiſpiel! Er hob ſein Glas empor und warf es über ſeine Schulter auf den Boden, daß es klirrend zerbrach. Alles folgte laut jubelnd und lachend dem Beiſpiel des Kron⸗ prinzen und ſeiner Gemahlin. Jauchzend hob Jeder ſein Glas und warf es zur Erde. Das war ein Klirren und Klingen, ein Schreien und Lachen ohne Ende. In wenigen Minuten waren alle dieſe leuchtenden kryſtallhellen Gläſer nichts mehr als funkelnde Scherben, die zerbrochen und zerſtreut den Fußboden bedeckten. Aber die von Wein und Luſt trunkene Geſellſchaft war noch nicht befriedigt mit dieſem erſten, den Göttern dargebrachten Opfer. Sie durſtete nach einer Fortſetzung deſſelben, das Zerſtören war zu einer raſenden Luſt, einem wilden Entzücken geworden. Man hatte damit angefangen, die Gläſer zu zerbrechen, man 8* — 116— ergriff jetzt die Vaſen, die Schalen von Kryſtall und Porzellan und ſchleuderte Alles mit wildem Jauchzen zu Boden*). Aber mitten in dieſer allgemeinen Verwirrung öffnete ſich plötz⸗ lich die Thür und Fredersdorf, einen Brief in der Hand haltend, erſchien auf der Schwelle. Sein ungerufenes Erſcheinen in dieſem Saal war etwas ſo Außergewöhnliches, Unerhörtes, daß es nur durch etwas Ueber⸗ raſchendes, Außerordentliches konnte gerechtfertigt werden.— Das fühlten Alle trotz ihrer wilden Aufgeregtheit, ihrer brauſenden Fröh⸗ lichkeit. Es trat daher augenblickliche Stille ein und Jeder blickte er⸗ wartungsvoll und geſpannt auf den Kronprinzen, der ſoeben den Brief aus Fredersdorfs Händen empfangen und ihn erbrochen hatte. Jetzt erblaßte der Kronprinz und das Papier zitterte in ſeinen Händen. Haſtig erhob er ſich von ſeinem Sitz. Meine Freunde, ſagte er feierlich, das Feſt iſt zu Ende! Ich muß ſogleich nach Potsdam. Der König iſt gefährlich erkrankt! Leben Sie wohl! Und ſeiner Gemahlin den Arm bietend, verließ er mit ihr den Saal. Schweigend erhoben ſich die eben noch ſo heiteren Gäſte, ſchweigend ſchlich Jeder in ſein Gemach, und nur hier und da hörte man verſtohlenes Flüſtern, begegnete man bedeutungsvollen, fragenden Blicken. Bald herrſchte eine tiefe, ſchauerliche Stille im Schloſſe zu Rheinsberg. Jedermann ſchlief, oder er gab ſich doch den Anſchein, zu ſchlafen. *) Bielfeld, pag. 86. —— XIV. Le roi est mort. Vive le roi! Es ging zu Ende mit dem Leben König Friedrich Wilhems des Erſten! Vorbei war es mit der Macht und Größe, vorbei mit aller erträumten Herrlichkeit! Der Geiſt hatte lange gekämpft gegen den Körper, jetzt, nach qualvollen Monden heimlicher Schmerzen, ver⸗ ſchwiegener Pein mußte er ſich für überwunden erklären, für beſiegt von dem Tode. Die ſteife Uniform paßt nicht mehr für die ver⸗ fallende Geſtalt, die Etiquette und das Ceremoniel ſind von dem großen und allgebietenden Herrſcher, dem Tode, zurückgedrängt wor⸗ den. Das iſt kein König mehr, ſondern ein ſterbender Menſch, nichts weiter! Ein Vater, welcher Abſchied nimmt von ſeinen Kindern, ein Gatte, welcher zum letzten Male ſein Weib umarmt, auf ihre thrä⸗ nenfeuchten Wangen die letzten Küſſe preßt und heimlich in ihr Ohr die Bitte um Vergebung für manche erduldete Härte, manche erlittene Grauſamkeit flüſtert. Friedrich Wilhelm hat ſeinen Frieden gemacht mit Gott und der Welt. Sein ſtolzer Sinn iſt gebrochen, ſein hartes Herz iſt erweicht! Er hatte ſich lange genug in dem Hochmuth ſeines Herzens geſträubt gegen die Erkenntniß ſeiner eigenen Sünden! Aber ein tapferer und beherzter Prieſter, der Probſt Roloff, war an ſein Lager getreten, und das ſchlummernde Gewiſſen des Monarchen hatte er erweckt mit ſeinen Vorwürfen und Beſchuldigungen. Vergebens hatte der König auf alle dieſe Anſchuldigungen des Prieſters anfangs immer mit ſtolzem Selbſtbewußtſein geantwortet:„Ich habe doch niemals das ſechſte Gebot verletzt! Ich bin meiner Frau niemals untreu ge⸗ weſen!“*) Roloff ſprach immer wieder von ſeinen Sünden und Vergehen, von ſeinen Erpreſſungen und Bedrückungen, von dem Menſchenhandel, den er für ſeine geliebte Garde getrieben, und end⸗ — *) Thiébault, Vol. II., p. 44. lich mußte Friedrich Wilhelm ſich für überwunden erklären, endlich mußte er die Krone von ſeinem Haupte nehmen und als Menſch ſich beugen in reuevoller Zerknirſchung, um Gott anzuflehen um Er⸗ barmen und um Gnade! Er hatte ſeinen Frieden mit Gott gemacht. Es blieb ihm nichts mehr übrig, als die letzten irdiſchen Angelegenheiten zu ordnen und ſeinen Frieden zu machen auch mit der Welt, Abſchied zu nehmen von ſeiner Gattin, ſeinen Kindern, ſeinen Freunden und Dienern. Er hatte ſie Alle in ſeinem Sterbezimmer verſammelt, um ihnen Lebewohl zu ſagen. Neben ſeinem Rollſtuhl, auf dem der König ſaß, eingehüllt in einen weiten ſeidenen Mantel, ſtanden ſeine Gemahlin und der Kronprinz. Seine Hände ruhten in den ihren, und wenn er die ſchweren, müden Augen zu ihnen erhob, begegnete er immer ihren von Thränen umdüſterten Blicken, welche mit unendlicher Liebe, unendlicher Theilnahme auf ihm ruhten. Der Tod, welcher ſie bald für immer trennen ſollte, hatte den Vater und den Sohn zuvor in Liebe vereint. Friedrich Wilhelm hatte den Kronprinzen laut weinend in ſeine Arme geſchloſſen, und mit von Thränen erſtickter Stimme gerufen:„Hat mir Gott nicht eine große Gnade erzeigt, daß er mir einen ſo edlen Sohn gegeben?— Der Kronprinz hatte das von Thränen überfluthete Antlitz an die Bruſt des ſterbenden Vaters ge⸗ ſchmiegt und aus tiefſter und aufrichtigſter Seele hatte er zu Gott gebetet um die Erhaltung und Geneſung des Vaters, des jetzt regie⸗ renden Königs. Aber es ging zu Ende. Der König wußte und fühlte das! Er hatte ſich ſeinen Sarg von Eichenholz, in den er vor einigen Monaten ſich zur Probe gelegt, jetzt in ſein Zimmer bringen laſſen, und auf dies traurige und wehmuthsvolle Ruhelager blickend, ſagte er mit einem zufriedenen Lächeln:„In dieſem Lager werde ich ruhig ſchlafen!“ — Dann winkte er ſeinem Kabinets⸗Sekretair Eichel, und befahl ihm die Verordnung für ſein Leichenbegängniß, welche der König ſelber ihm dictirt, jetzt vorzuleſen. „ Es war eine ſchauerliche herzzerreißende Lectüre. Ein grauſiges Bild, dieſen König zu ſehen neben ſeinem Sarge, umgeben von ſeinen —— „ — 119— Kindern und Dienern, ſein mattes Haupt gelehnt an die Schulter ſeiner Gemahlin, und aufmerkſam der Lectüre zuhörend, welche von ihm, dem noch lebenden, denkenden, empfindenden Weſen, als von einer erkalteten, todten, gefühlloſen Maſſe ſprach, einem weſenlofen verächtlichen Etwas, das man wäſcht und ankleidet und in einen Kaſten einſperrt, um es der eklen Verweſung, dem wüſten Fraß raub⸗ gieriger Würmer zu übergeben!— Nicht wie von einem Trauerfeſt, ſondern nur wie von einer vor ſeinem Sarge gehaltenen Parade, hatte der ſterbende König in dieſer letzten Verordnung geſprochen, und eine zugleich ſchauerliche und tragikomiſche Wirkung machte es, daß der König ausdrücklich verfügte, es ſolle nach ſeiner Beiſetzung im großen Saale für Alle, welche der Ceremonie beigewohnt, glänzende Tafel ſein, und dabei ſollte nicht allein das beſte Faß Rheinwein aus des Königs Keller, ſondern überhaupt vieler, aber nur guter Wein getrunken werden*). Und nachdem Friedrich Wilhelm ſo für ſeine Leiche geſorgt, wollte er zuletzt noch von ſeinen Freunden Jedem ein Andenken hin⸗ terlaſſen, ſeinen Lieblingen, dem Fürſten von Deſſau und dem Grafen Haake das Beſte, was er ihnen geben konnte, ein Pferd. Er befahl, ſeine Pferde aus den Ställen in den Hof fi zu laſſen, und bat die beiden Herren hinunter zu gehen, und ſich jeder eins dieſer Pferde auszuſuchen. Dann ließ er ſich in einem Roll⸗ ſtuhl an eines der Fenſter rollen und es öffnen. Von hier aus konnte er den ganzen Hof überſchauen, und jedem dieſer Thiere, die ihn ſo oft zu Feſten und Paraden getragen, einen letzten Abſchiedsblick geben! Ach welche köſtliche, glanzvolle Tage waren das geweſen, wenn der König, leicht ſich emporſchwingend auf eins dieſer ſtolzen, ſcharrenden Thiere, hinausgeritten war in die friſche freie Gottesluft, überall demüthig gegrüßt von ſeinen Unterthanen, überall empfangen von Trommelwirbel und Trompetenſchall, und in jedem Moment ſeiner Größe und Herrlichkeit ſich bewußt werdend durch die Kleinheit, die Demuth alles deſſen, was ihn umgab. *) Pöllnitz, Vol. II, pag. 370. — OQ—— — 120— Und das war jetzt Alles abgethan und zu Ende! Nie mehr wird ſein Fuß ſich in die Steigbügel ſchwingen, nie wird er mehr durch die Straßen ſeiner Stadt Berlin reiten, um ſich zu erfreuen an den ſtattlichen Häuſern und Palläſten, die ſein gefürchteter Wille in's Leben gerufen, nie mehr wird die demuthsvollen Grüße ſeiner Unterthanen empfangen, und wenn die Trommeln wirbeln und die Kanonen donnern, ſo werden ſie damit nicht mehr ihn, den König, ſondern nur noch ſeine Leiche begrüßen! Oh, und das Leben iſt doch ſo ſchön, die Luft iſt ſo balſamiſch und friſch, der Himmel iſt von einem ſo klaren, durchſichtigen Blau! Und das Alles ſoll er verlaſſen, vor dem Allen ſoll er ſeine Augen ſchließen, um hinabzuſteigen in den öden dunklen Sarg! Der König ſchüttelte verſtohlen eine Thräne aus ſeinem Auge fort, und zwang ſeinen Blick, ſich von dem Himmel und der ſchönen Gottesluft auf die Pferde zu lenken, welche von den Reitknechten ge⸗ führt, ſtolz und majeſtätiſch im Hof auf⸗ und abgingen. Wie er das that, belebten ſich ſeine Züge und nahmen wieder einen friſcheren, lebendigeren Ausdruck an. Er vergaß für einen Moment, daß der Tod hinter ihm ſtand, und blickte mit geſpannter Aufmerkſamkeit hin⸗ unter in den Hof, um zu ſehen, welche Pferde die beiden Herren wilſen widen Als er das Pferd ſah, welches der Fürſt von Anhalt⸗Deſſau ſich gewählt, lächelte er mit der überlegenen mitleidigen Miene eines Kenners. Das iſt ein ſehr ſchlechtes Pferd, mein lieber Fürſt, rief er hinunter in den Hof, und die Indignation des erfahrenen Pferde⸗ kenners gab ſeiner Stimme ihre gewohnte Kraft und Energie. Neh⸗ men Sie jenes dort; ich ſtehe Ihnen dafür, daß es ein gutes Pferd iſt!— Als der Fürſt das vom Könige bezeichnete und Graf Haake ſich ein anderes Pferd gewählt, befahl der König, daß man den bei⸗ den Thieren ihr ſchönſtes und prachtvollſtes Sattelzeug anlege, und während dies geſchah, blickte er mit theilnahmsvoller Neugierde immer hinunter in den Hof.— Hinter ihm ſtand der Miniſter von Podewils und die Geheimen Staats⸗Sekretaire, denen der König befohlen, zu — 121— erſcheinen, um die Abdankungsurkunde aufzuſetzen, durch welche er ſeine königliche Macht auf den Kronprinzen ſchon jetzt übertragen wollte, hinter ihm ſtand der Kronprinz und die Königin, die Generale, Adjutanten und Prieſter.— Der König achtete nicht auf ſie, der König hatte ganz vergeſſen, daß er ein Sterbender ſei, er dachte nur an ſeine Pferde, und eine finſtere Zorneswolke zeigte ſich auf ſeiner Stirn, als er ſah, daß der Reitknecht dem Pferde des Fürſten von Anhalt über die gelbſeidene Schabracke einen mit blauem Sammet überzogenen Sattel geſchnallt. Ah, wenn ich nur geſund wärel rief er laut und drohend hin⸗ unter, wie wollte ich dieſe dummen Stallknechte durchprügeln! Haake, thut mir den einzigen Gefallen, und prügelt dieſe Elenden an meiner Statt!*) Und die Pferde ſpitzten die Ohren und wieherten laut, und die Stallknechte erzitterten vor der Stimme ihres Herrn, welche ihnen noch einmal ſo drohend und zürnend wie ſonſt und doch ſo dumpf und grabesähnlich ertönt war. Aber jetzt war dieſe Aufregung des Zornes vorüber, der König ſank in ſeinen Stuhl zurück, hochathmend, zerbrochen! Er fand nicht mehr die Kraft, die Abdankungsurkunde zu unterzeichnen und nur mit ſtummen Winken konnte er befehlen, daß man ihn von ſeinem Roll⸗ ſtuhl auf ſein Lager trage. Da lag er ſtarr, unbeweglich, mit halbgeöffneten Augen, mit bläulichen Lippen, ächzend und ſtöhnend. Eine furchtbare Stille herrſchte in dieſem Gemach des Todes. Jeder hielt ſeinen Athem an und lauſchte, Jeder wollte den letzten Todesſeufzer des Königs ver⸗ nehmen, Jeder wollte Zeuge ſein dieſes erhabenen, geheimnißvollen und unerforſchlichen Moments, wo die Seele ſich ablöſt von ihrer irdiſchen Hülle und als ein freies, unſichtbares aber unzerſtörbares Atom der Gottheit wieder emporſteigt zu den Quellen ſeines Lebens und ſeines Lichtes!— Bleich und zitternd neigte der Kronprinz ſich über das ſchweißbethaute Antlitz ſeines Vaters, leiſe betend kniete die *) Pöllnitz, pag. 374. —— · — 122— Königin an der andern Seite des Lagers, und mit ernſten wehmuth⸗ voollen Geſichtern ſchauten die Generale und Cavaliere, die Aerzte und Prieſter auf dieſe bleiche, geſpenſterhafte Weſen da hin, welches eben noch ein König war, und jetzt ſchon— ein Nichts iſt! Aber nein, Friedrich Wilhelm war noch nicht geſtorben, der Athem, welcher geſtockt, kehrte noch einmal in ſeine Bruſt zurück. Der König ſchlug die Augen noch einmal empor und ſie waren wieder groß, geiſtvoll, gebieteriſch. Er befahl, ihm einen Spiegel zu geben und betrachtete ſich lange mit aufmerkſamen, forſchenden Blicken. Ich ſehe nicht ſo hinfällig aus, als ich glaubte! ſagte er mit dem letzten Aufflackern menſchlicher Eitelkeit. Fühlen Sie meinen Puls, Doctor, und ſagen Sie mir, wie lange ich noch zu leben habe. Ew. Majeſtät will es wiſſen? Ich befehle es! Nun denn, Majeſtät, ſagte Ellert feierlich, Sie ſind im Begriffe zu ſterben! Kein Zug in dem Geſichte des Königs veränderte ſich. Wovon weiß Er das? fragte er ruhig. 2 Ihrem Puls, Sire, welcher ſchon zu ſtocken beginnt. Der König hob den Arm in die Höhe und bewegte die Hand hin und her. Nicht doch, ſagte er, wenn mein Puls ſchon ſtockte, würde ich nicht die Hand bewegen können, wenn— Plötzlich verſtummte er und ein gellender Schrei rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Der erhobene Arm ſank ſchwer und geräuſchvoll nieder, als ob der Tod ſeinen Schlagbaum niederlaſſe auf dem Lebens⸗ pfade des Königs. Jeſus, Jeſus! ächzte der König. Ich lebe und ſterbe in Dir! Du biſt meine Zuverſicht, Du— Auch das letzte, angſtvolle Gebet erſtarb auf ſeinen erſtarrenden Lippen. Der Geiſt war entflohen, was da noch ſtöhnte und ächzte, das war nicht mehr ein Menſch, nicht mehr ein denkendes, empfinden⸗ des Weſen, das war nur noch ein gefühlloſer, thieriſcher Körper, der 7 V b — 123— ſeine electriſchen Funken, das letzte Lebensgas ausſtrömte, das ſich hier und da noch in ſeinen keuchenden Lungen verfangen hatte. Der Kronprinz führte die weinende Königin hinaus, der Schwarm der Hofleute blieb zurück, aber ihre Geſichter waren nicht mehr traurig und kummervoll, ſondern geſpannt, lauernd, gedankenvoll.— Die Tragödie hier war zu Ende geſpielt; man war jetzt nur begierig auf das Drama, zu welchem der Vorhang dort drüben ſich erheben ſollte! Dort drüben in den Gemächern des Kronprinzen,— jetzt des Königs! Denn Friedrich Wilhelm der Erſte hatte eben ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht und war ſtarr geworden und kalt. Es war nur noch eine Leiche da, mit der man nichts mehr zu ſchaffen hatte, die nur noch eine Arbeit für die Aerzte und Leichenbeſchauer war! In ungeduldiger Haſt drängten ſich Alle fort aus den weitge⸗ öffneten Flügelthüren des Sterbezimmers, in ungeduldiger Haſt drängte ſich Alles hinein in die weitgeöffneten Flügelthüren des Vorſaals, welche zu den Gemächern des jungen Königs führen. Wen wird er zuerſt rufen? Wer wird der Glückliche ſein, den der erſte Strahl der neu aufgehenden Sonne trifft? Sie ſehen Alle eine ſonnige, goldene Zukunft vor ſich, denn eine neue Zeit wird be⸗ ginnen, eine Zeit des Glanzes, der Ueppigkeit, des Ueberfluſſes und der Freude! Der König iſt ſo jung, ſo lebensvoll, er liebt den Glanz, den Prunk, die heitern Feſte! Er iſt kein Soldatenkönig, kein Mann des Stockes und des Zopfes! Er iſt ein Cavalier, ein Dichter, ein Gelehrter. Die Wiſſenſchaften und Künſte werden blühen, die Galanterie und Mode wird herrſchen und ihre Geſetze ſchreiben. Der Corporalſtock iſt zerbrochen, die Flöte beginnt ihre ſüße, melodiſche Herrſchaft! Das dachten ſie, dieſe lauernden, athemloſen Höflinge, welche da im Vorzimmer des jungen Königs ſtanden, das dachte der Ober⸗ Ceremonienmeiſter von Pöllnitz, der zunächſt an der Thür ſtand, welche zu den innnern Gemächern führte. Ja, auch für ihn mußte eine neue Zeit beginnen, eine glanzvolle bedeutungsreiche, mächtige Zeit! Der Kronprinz hatte ſich ihm immer gnädig und liebevoll ge⸗ zeigt, und der junge König mußte ſich jetzt erinnern, daß Pöllnitz allein es zuweilen geweſen, welcher Friedrich Wilhelm durch ſein Zu⸗ reden und Bitten dahin gebracht, die Schulden des Kronprinzen zu bezahlen, daß Pöllnitz den König vermocht, ſeinem Sohne das Tra⸗ kehner Geſtüt zu ſchenken. Daran mußte der König ſich jetzt erinnern, und die geleiſteten Dienſte mußten Pöllnitz jetzt zu Ehren und Würden emportragen! Er mußte der Günſtling werden, der beneidete, gefürchtete, machtvolle Günſtling, vor dem ſich Alles beugte, der mächtig war, wie der König ſelber! Denn der König war ja ſo jung, ſo unerfahren, ſo leicht zu täuſchen, er hatte ein ſo warmes Herz, eine ſo rege Phantaſie, einen ſo glühenden Hang zu Vergnügungen, zu Prunk und Glanz. Man mußte dieſen Eigenſchaften ſchmeicheln, ſie mußten das Gängelband ſein, an welchem man den König lenkte! Man mußte ihn trunken machen mit glänzenden Feſten, ihn berauſchen mit pikanten Genüſſen, man mußte aus ihm einen Sardanapal machen, für den das ganze Leben nur ein blumengeſchmücktes, berauſchendes Feſt war, nichts weiter! Und während dann der junge, von Freuden und Genüſſen trunkene König auf duftendem Lager ausruhte, um ſich zu ſtärken zu neuen Genüſſen, da war Pöllnitz der Herrſcher, der König. Oh, er mußte das erreichen! Dies war keine Chimäre, kein willkürlicher Traum, es war ein wohlüberlegter Plan, bei dem Pöllnitz einen kräftigen Bundesgenoſſen hatte, für den der Kammerdiener des jungen Königs, Fredersdorf, gewonnen war, Fredersdorf, welcher ſeinem Freunde Pöllnitz verſprochen hatte, daß er der Erſte ſein ſollte, welchen der junge König zu ſich rufen würde. Deshalb ſtand der Ober⸗Ceremonienmeiſter von Pöllnitz ſo nahe an der Thür, welche zu den innern Gemächern des Königs führte, deshalb ſah er mit ſo ſtolzen Blicken hinüber nach all dieſen Höf⸗ lingen, welche in athemloſer Spannung das Oeffnen jener Thüre dort erwarteten. 8 Da! Da öffnet ſich die Thür, und das Antlitz des Kammer⸗ dieners Fredersdorf wird ſichtbar. Der Herr Baron von Pöllnitz! Hier bin ich! ſagte Pöllnitz, einen triumphirenden Blick auf die — — 125— Hofleute werfend und dann Fredersdorf in die Königlichen Zimmer folgend. Nun, habe ich Wort gehalten? flüſterte Fredersdorf, während ſie die erſten Zimmer durchſchritten. Sie haben Wort gehalten, und auch ich werde Wort halten! Gemeeinſchaftlich werden wir herrſchen! Treten Sie ein, dort iſt der König! ſagte Fredersdorf, Pöllnitz verlaſſend. 1 Der junge König ſtand am Fenſter, die heiße Stirn an die Scheiben gelehnt und zuweilen ſchwer aufathmend und ſeufzend wie in innerer Bedrängniß. Als er ſich jetzt zu Pöllnitz umwandte, ſah dieſer, daß ſeine Augen geröthet waren von Thränen und ein Schau⸗ der lief über das kalte Herz des Hofmannes hin. Ein junger, eben zur Macht gelangender König, welcher nicht berauſcht war von dieſem glänzenden Glück, ſondern weinte um den Tod ſeines Vaters! Wie wenig entſprach das den Vermuthungen und Wünſchen des Ober⸗Ceremonienmeiſters. Heil und Segen für Ew. Majeſtät! rief Pöllnitz mit anſcheinen⸗ der Begeiſterung, indem er ſich niederbeugte, das Gewand des Königs zu küſſen. Aber dieſer trat einen Schritt zurück und wehrte ihm. Laſſen wir dieſe Ceremonien für den Huldigungstag, ſagte er mit einem matten Lächeln. Jetzt bedarf ich Ihrer zu andern Dingen! Sie ſind ein Meiſter und Weiſer in den Sachen der Etiquette und des Cere⸗ moniels, Sie werden daher ferner die Leitung dieſer Dinge an meinem Hofe übernehmen und Sie werden damit beginnen, das Leichenbe⸗ gängniß des Königs zu arrangiren. Nach der von dem hochſeligen König feſtgeſetzten einfachen Norm? fragte Pöllnitz lauernd. 2 Nein! Ich muß leider mein Regiment mit einem Ungehorſam gegen die letzten Anordnungen meines Vaters beginnen! Ich darf dieſes einfache, prunkloſe Leichenbegängniß, welches er fordert, nicht ſtatt haben laſſen! Die Welt würde es falſch deuten und mir eine Unehrerbietigkeit gegen die Königliche Leiche vorwerfen! Sie muß mit — 126— allen, einem Könige ſchuldigen Ehren beſtattet werden! Das iſt mein Wille! Richten Sie ſich danach! Die näheren Anordnungen über⸗ laſſe ich Ihnen und Ihrer Weisheit! Gehen Sie alſo an's Werk! Kaufen Sie Alles, was an Trauergegenſtänden nöthig iſt, und reichen Sie mir die Rechnungen ein. Ich werde ſie bezahlen laſſen. Der Ober⸗Ceremonienmeiſter war entlaſſen, und durchwandelte nachſinnend und in Gedanken an kommende Herrlichkeit und Macht ſchwelgend die Königlichen Gemächer. Da hörte er ſich beim Namen gerufen, und ſich eilig umwendend, gewahrte er den König auf der Schwelle des Zimmers. Noch Eins, Pöllnitz! ſagte der König, und ſeine klaren, flammen⸗ den Augen ruhten mit einem durchbohrenden Ausdruck auf dem lächelnden, demuthsvollen Antlitz des Hofherrn. Noch Eins, Pöllnitz! Vor Allem keine Betrügereien, keine ſchlimmen Streiche, keine Ueber⸗ theuerungen und mit doppelter Kreide geſchriebenen Rechnungen! Ich werde dergleichen niemals verzeihen! Merken Sie ſich das, Baron!*) Und ohne eine Antwort abzuwarten, wandte der König ſich um und kehrte in ſeine Gemächer zuück. Baron Pöllnitz aber ſtarrte ihm nach mit weitaufgeriſſenen, ent⸗ ſetzten Blicken. Es war ihm, als habe er ein Geſpenſt geſehen, als ſei der Blitz vor ihm niedergeſchlagen und habe ſeine ganze Zukunft, ſein ganzes glänzendes Glück zerſchmettert. Das war nicht der junge, verſchwenderiſche, üppige, vertrauens⸗ volle Herrſcher, welchen Pöllnitz erwartet hatte. Das war ein nüch⸗ terner, ernſter, ſparſamer König, der ſogar ihn, den alten gewiegten, klugen Hofmann durchſchauete, und ihm mißtrauete. *) Thiébault, Vol. II, pag. 49. XV. Wir ſind Rönig! Zwei Tage, zwei Nächte waren vergangen und noch immer keine Kunde von dem Kronprinzen. Noch immer lebt der König Friedrich Wilhelm der Erſte, und der kleine Hof in Rheinsberg verzehrt ſich in Ungeduld und Erwartung. Man hat alle Mittel der Zerſtreuung erſchöpft, man hat Waſſerfahrten und Promenaden gemacht, muſicirt, ſich vorgeleſen, mediſirt und empfindſam geſchwärmt. Es iſt Alles vergeblich geweſen. Die Zeit hat ihre Schwingen abgeſtreift und ſich dafür Schuhe von Blei angelegt. Die Zeit fliegt nicht mehr. Sie ſchleicht langſam wie ein altes Weib vorwärts. Wie ewig lang doch eine Stunde iſt, wenn man ihre Sekunden zählt, wie fürchterlich ein Tag ſich dehnt, wenn man mit wachenden, und doch müden Augen ſein Ende erſehnt! Wo iſt Kaiſerling's Witz und Chazot's muntere Laune geblieben? Weshalb iſt Bielfeld's fröhliches Lachen und Quantzen's Flötenblaſen verſtummt?— Alles iſt ſtumm, Alles ſchweigt und wartet, und träumt von der Seligkeit der Zukunft, von den Tagen des Glanzes, der Macht und Herrlichkeit, welche für alle ſeine Lieblinge und Freunde hereinbrechen werden, wenn der Kronprinz erſt König geworden. Mein Gott, iſt dies nicht ein Glück, welches man wohl mit herzklopfender Angſt erſehnen kann, der Freund, der Vertraute, der Genoſſe eines Königs zu ſein? Mit einem König zu wühlen in ſeinen Schätzen und ſeinen Reichthümern, mit ihm zu theilen die Anbetung und das Zujauchzen eines ganzen Volkes? Bis jetzt ſind ſie nur geduldete, angſtvolle, heimlich herbeigerufene Freunde des Kronprinzen geweſen, welche immer zu zittern hatten vor dem Zorn des Königs, welche jeden Tag erwarten konnten, von einem Machtſpruch des Königs verwieſen, aus dieſer bezaubernden prinzlichen Idylle verbannt zu werden. Aber wenn der Kronprinz König iſt, daun ſind ſie ſeine mächtigen einflußreichen Lieblinge, und Jedermann wird buhlen um ihre Gunſt. Dann ſind ſie ſeine Mit⸗ regenten und ſchreiben mit ihm ſeinen Völkern Geſetze vor, und herrſchen und glänzen und gebieten mit ihm! Iſt's alſo ein Wunder, daß ſie ihrer Thronbeſteigung mit klopfendem, ungeduldigem Herzen entgegen ſehen, ein Wunder, daß ſie dieſe träge dahinſchleichenden Stunden verwünſchen, und ſchlafen möchten, immer nur ſchlafen bis zu jenem großen, beſeligenden Mo⸗ ment, wo der Courier ſie weckt, der Courier, welcher die Jubelbot⸗ ſchaft verkündet, daß der Kronprinz den Thron ſeiner Väter einnimmt und König geworden in Preußen? Nur die Kronprinzeſſin allein ſchien ruhig und unbefangen in⸗ mitten dieſer allgemeinen Aufregung, dieſer qualvollen Erwartung. Sie ſchien ruhig und doch wußte ſie, daß die nächſten Tage über ihr ganzes Leben entſcheiden würden, daß mit dem Lebensfaden des ſter⸗ benden Königs auch ihr Glück zerreißen, auch ihr Herz eingeſargt werden könne! Aber Eliſabeth Chriſtine hatte ein ſtarkes Herz und eine große Seele. Sie hatte eine ganze Nacht auf den Knieen gelegen und gebetet und geweint, und ihr Herz zerriſſen gefühlt von Jammer und maßloſem Weh. Jetzt war ſie ruhig, heiter, gefaßt auf Alles, ſelbſt auf eine Trennung von ihm. Wenn Friedrich nur den leiſeſten Wunſch äußerte, war ſie entſchloſſen, zu gehen. Wohin? Gleichviel! In die Fremde, in die Ferne! Welchen Weg ſie auch wandelu mochte, immer war ſie gewiß, ihr Ziel bald zu erreichen, dieſes Ziel war das Grab. Konnte und durfte ſie nicht mit ihm leben, ſo würde ſie ſterben. Das wußte ſie, und weil ſie das wußte, war ſie ruhig, gewann ſie es über ſich, ſogar heiter zu ſein. Ich lade die Damen und Herren heute in meine Gemächer, ſagte ſie am Nachmittag des zweiten Tages dieſer peinlichen Erwartung. Wir wollen uns einmal einbilden, daß wir das Glück hätten, den Kronprinzen in unſerer Mitte zu ſehen und die Stunden in ſeiner Weiſe und ſeinem Sinne hinbringen. Zuerſt machen wir eine Spa⸗ zierfahrt auf dem See, dann nehmen wir bei mir den Thee und dabei lieſt uns Herr von Bielfeld einige Capitel aus der Henriade, Sie einverſtanden, meine Damen und Herren? Allle murmelten einige Worte des Dankes, der Freude, doch waren ihre Mienen ernſt, befangen und eine Wolke lagerte ſich auf jeder Stirn. Die Kronprinzeſſin bemerkte es. Es ſcheint, ich habe Ihre Wünſche nicht getroffen, ſagte ſie, und Sie ſind nicht zufrieden mit meinen Vorſchlägen. Selbſt das kleine Fräulein von Schwerin macht ein verdrießliches Geſicht, und ſelbſt meine gute Oberhof⸗ meiſterin hat ihr freundliches Lächeln verloren. Nun, was iſt's? Ich will es wiſſen! Herr von Bielfeld, ich ernenne Sie zum Redner dieſer kleinen unzufriedenen Gemeinde. Sprechen Sie! Herr von Bielfeld lächelte und ſeufzte. Ew. Königliche Hoheit hatten wohl Recht vor einigen Tagen von Ihrer Gabe der Prophe⸗ zeihung zu ſprechen, denn Sie ſind in der That eine Prophetin und Zeichendeuterin, und Ew. Königliche Hoheit haben ganz richtig in unſern Mienen geleſen! Gewiß iſt es für uns Alle ein außerordent⸗ liches Glück, eine ſchmeichelhafte Ehre, wenn wir den Vorzug genießen ſollen, den heutigen Abend in den Gemächern der Frau Kronprin⸗ zeſſin zuzubringen und mit Ihrer hohen und ſegenbringenden Gegen⸗ wart begnadigt zu werden. Aber wenn Ew. Königliche Hoheit uns wirklich geſtatten wollen, Sie um eine Gnade zu bitten, ſo wäre es dieſe: daß unſere erhabene Herrin geruhen möchte, uns vielleicht im Gartenſalon, oder im Muſikzimmer zu empfangen, und nicht in Ihren Privatgemächern. Denn dieſe Privatzimmer, Ihro Königliche Hoheit, ſo ſchön und herrlich ſie immer ſind, haben doch einen großen, einen entſetzlichen Fehler! Nun? fragte die Kronprinzeſin, als Bielfeld jetzt ſchwieg. Sie machen mich in der That neugierig. Ich glaubte bisher, meine Zim⸗ mer ſeien ſehr ſchön und ſehr anmuthig, auch hat der Kronprinz ſelber das Arrangement derſelben angeordnet, und Pesne und Buiſſon haben ſie mit ihren ſchönſten Malereien geſchmückt. Sagen Sie alſo ſchnell, welches iſt der große Fehler meiner Zimmer? Friedrich der Große. I. 9 alsdann ſpielen wir Karten und ſpät am Abend wird muſicirt. Sind 130— Es iſt dieſer, Königliche Hoheit, daß ſie auf dem rechten Flügel des Schloſſes liegen. Die Kronprinzeſſin ſah ihn erſtaunt und fragend an, dann flog ein Lächeln über ihr Antlitz hin. Ach, ſagte ſie, jetzt begreife ich! Meine Zimmer liegen auf dem rechten Flügel des Schloſſes, das heißt, Sie können alsdann dieſe große Brücke nicht beobachten, welche hinüber führt auf die Straße und welche alle Diejenigen paſſiren müſſen, die von Berlin oder Potsdam kommen. Sie haben Recht, dies iſt ein großer Fehler meiner Zimmer. Aber der Muſikſaal liegt auf dem linken Flügel und Sie können von dort aus die Brücke und die ganze Straße beobachten. Gehen wir alſo in den Muſikſaal zur Vorleſung, und erſt, wenn es dunkel geworden, und Sie die Brücke nicht mehr ſehen können, werden wir zum Kartenſpiel hinüber gehen in meine Zimmer. Man folgte der Kronprinzeſſin in den Muſikſaal, an deſſen Wänden ringsherum kleine, mit blaßrothem Atlas bezogene Divans ſtanden. Sei's Zufall oder Neckerei, die Kronprinzeſſin wählte den von den Fenſtern entfernteſten dieſer Divans, und nöthigte dadurch die Geſellſchaft, dort ſich um ſie zu ſchaaren. Aber indem man ihr folgte, warf Jeder einen ſehnſuchtsvollen, neugierigen Blick nach dem Fenſter hin und nach der Brücke, über welche der Bote des Glückes in jedem Moment ſeinen Einzug halten konnte. Herr von Bielfeld nahm indeſſen das Buch zur Hand und be⸗ gann die von der Kronprinzeſſin geforderte Lectüre. Aber welch eine Folter war dies, zu leſen, während draußen in jedem Moment der erwartete Courier die Brücke paſſiren konnte, zuzuhören dieſen pathe⸗ tiſch und gemeſſen einherſchreitenden Alexandrinern der Henriade, während in Potsdam vielleicht eben ein neuer Alexander die Krone auf ſein jugendliches, ſchönes Haupt ſetzte! Auch hörte man in der That wenig von dieſen Verſen, und achtete wenig auf ihre harmoniſchen Klänge. Jeder blickte verſtohlen hinüber nach den Fenſtern, und lauſchte athemlos auf jeden Ton, der von der Straße herüber tönet. — Plötzlich hielt Bielfeld inne in ſenner Lectüre und ſtarrte nach dem Fenſter. Nun, weshalb leſen Sie nicht nnchr⸗ fragte die Kronprinzeſſin. Verzeihung, aber mir ſchien, als ob ich drüben an der Brücke eben einen Pferdekopf geſehen. Sofort, wie auf ein gegebenes Zeichen, erhoben ſich Alle von ihren Sitzen und ſtürzten nach den Fenſtern, ſelbſt die Kronprinzeſſin hatte ſich von der allgemeinen Bewegung hinreißen laſſen und war an eins der Fenſter geeilt. Richtig! Da drüben zwiſchen den Bäumen regt ſich etwas! Jetzt kommt es auf die Brücke! Jetzt— Ein allgemeines Gelächter ertönte. Ein Ochſe! Der Courier des Barons von Bielfeld hat ſich in einen Ochſen verwandelt! Beſchämt ſchlich die Geſellſchaft wieder zu ihren Sitzen zurück und die Vorleſung begann auf's Neue. Aber dies dauerte nicht lange. Bald ließ Bielfeld das Buch wieder ſinken. Verzeihung, Königliche Hoheit, aber diesmal iſt es ganz beſtimmt ein Pferd, wel⸗ ches da auf die Brücke zutrabt! Und wieder eilte Alles den Fenſtern zu und blickte in geſpannter Erwartung hinüber. Allerdings! Es war ein Pferd, aber der Reiter, welcher darauf ſaß, war kein königlicher Bedienter, ſondern ein einfacher Bauersmann. Ich ſehe, ſagte die Kronprinzeſſin lächelnd, wir müſſen die Lec⸗ türe aufgeben. Laſſen Sie uns eine Promenade in den Garten machen, aber wohlverſtanden, auf dem linken Flügel des Gartens und mög⸗ lichſt nahe am Gitter. Die Sonne will immer noch nicht untergehen! flüſterte Baron Bielfeld dem Grafen Wartensleben zu, als ſie im Garten auf⸗ und abwandelten. Ich fürchte, ein neuer Joſua hält ſie in ihrem Laufe zurück.*) Aber endlich mußte ſie doch hinabſinken, dieſe träge, langſam *) Bielfeld, Vol. I. pag. 106. 9* — 132— ſchleichende Sonne, endlich war es doch Abend geworden, und immer noch hatte kein Courier die Brücke paſſirt. Man mußte ſich alſo entſchließen, der Einladung der Kronprin⸗ zeſſin zu gehorchen und zum Kartenſpiel in ihre Gemächer gehen. Und dieſes Kartenſpiel hatte heute, wie immer, für die Bewohner von Rheinsberg eine magiſche Gewalt, denn es galt, etwas von dem zu gewinnen, woran nicht blos der Kronprinz, ſondern auch ſeine Cavaliere immer Mangel litten, es galt etwas Geld zu gewinnen. Graf Wartensleben war ſeit einigen Tagen da, und er hatte eine wohlgefüllte Börſe mitgebracht, welche Baron Bielfeld, Kaiſerling und Chazot ſehr zu erleichtern wünſchten. Die Kronprinzeſſin ſpielte in ihrem Cabinet mit ihren Damen eine Partie Triſſet, während die übrige Geſellſchaft im Vorſaal, an verſchiedenen Tiſchen, ſich mit dem damals ſo geliebten Kartenſpiel Quadrille vergnügte. Plötzlich öffnete ſich die Thür und der Kammerdiener der Prin⸗ zeſſin trat herein. Wie er an dem Tiſch vorüberging, an welchem Graf Wartensleben und Baron Bielfeld mit einigen Damen ſpielten, zeigte er ihnen verſtohlen einen großen, ſchwarzgeſiegelten Brief, den er im Begriff war, zu der Prinzeſſin zu tragen. Der König iſt alſo todt, ziſchelte und murmelte man unter einander, und Bielfeld und Wartensleben und ihre Damen warfen eilig ihre Karten auf den Tiſch; die Matadore verwirrten ſich unter einander, aber man ſah das mit Verachtung an. Was kümmerten ſie die Matadore und einige verlorene Groſchen jetzt, wo ihr Kronprinz König geworden war? Graf Wartensleben ſtand auf und nahm ſeinen Hut und ſagte mit feierlicher Miene: ich will der Erſte ſein, die Prinzeſſin als Kö⸗ nigin zu grüßen, und ich werde alle Schwingen meiner Beredſamkeit anſchwellen laſſen, um das Wort Majeſtät recht voll und majeſtätiſch ausſprechen zu können.*) Ich folge Ihnen! flüſterte Bielfeld feierlich, und Beide näherten *) Bielfeld, Vol. I. pag. 106. — 133— ſich der geöffneten Thür, durch welche man die Kronprinzeſſin ge⸗ wahren konnte, welche noch mit dem Leſen ihres Briefes beſchäftigt war. Sie ſah ungewöhnlich heiter und zufrieden aus, und ein glückliches Lächeln ſchwebte um ihre Lippen. Wie ſie zufällig den Blick empor⸗ ſchlug, gewahrte ſie die beiden Cavaliere, welche feierlich und langſam ſich ihr nahten. Ach, Sie wiſſen alſo ſchon, daß jetzt wirklich ein Courier die verhängnißvolle Brücke paſſirt hat? Und jetzt möchten Sie gern er⸗ fahren, wie es meinem Gemahl, dem Kronprinzen ergeht? Dem Kronprinzen? wiederholte Graf Wartensleben erſtaunt. Er iſt alſo immer noch Kronprinz? Sie glaubten, er ſei ſchon König, rief die Prinzeſſin, und Sie kamen, mich als Königin zu begrüßen? Ja, Königliche Hoheit, ſagte Bielfeld lachend, das Wort Majeſtät ſaß ſchon auf unſern Lippen, wie ein Pfeil, der eben von der Sehne fliegen will. Die ganze Geſellſchaft brach in ein fröhliches Gelächter aus, in das die Kronprinzeſſin ſelber mit einſtimmte, und man ſcherzte und lachte, und war heiter und guter Dinge, und dankte doch Gott, als endlich die Stunde zum Schlafengehen gekommen war, und man ſich in ſeine Gemächer zurückziehen konnte. Als die Kronprinzeſſin ſich endlich ganz allein in ihrem Schlaf⸗ zimmer befand, zog ſie den vorher empfangenen Brief aus ihrem Buſen, um ihn noch einmal zu leſen. Mit liebevollen zärtlichen Blicken ſchaute ſie auf dieſe Zeilen, welche ſeine Hand ihr geſchrieben, und als ihre Augen jetzt auf ſeine Namensunterſchrift fielen, hob ſie das Papier zu ihren Lippen empor und küßte es. Frederic! flüſterte ſie. Mein Frederic! Oh mein Gott, ich liebe Dich ſo ſehr, daß ich dieſes Papier beneide, welches von Deiner Hand berührt worden, und auf dem Deine wundervollen, leuchtenden Augen geruht haben! Dann las ſie den Brief noch einmal mit geſpannter, kritiſirender Aufmerkſamkeit, und ein glückliches Lächeln durchſtrahlte ihr Angeſicht. — 134— Nein, ſagte ſie, nein, er will mich nicht verſtoßen. Da ſteht es geſchrieben.„Nur noch wenige Tage, und ich und das Land werden Sie als Königin begrüßen!“ Nein, er wird nicht ſo grauſam ſein, mir erſt die Krone auf's Haupt zu ſetzen, um es nachher mit Aſche zu beſtreuen! Wenn er mich vor ſeinem ganzen Volke, vor ganz Deutſchland als ſeine Gemahlin, ſeine Königin anerkennt, dann hat er auch den ernſtlichen Willen, mich niemals zu verſtoßen, ſondern mich immer an ſeiner Seite zu laſſen. Oh, er weiß gewiß, wie ſehr ich ihn liebe, obgleich ich niemals den Muth gehabt, es ihm zu ſagen! Meine Augen, meine Seufzer haben es ihm geſagt, und er hat Mit⸗ leid mit einem armen Weibe, welches ja nichts weiter verlangt, als ihn anſchauen, ihn lieben, ihn anbeten zu dürfen! Und wer weiß, ob nicht doch eines Tages dieſe große, wünſcheloſe, reſignirte Liebe ſein Herz rührt, ob er nicht eines Tages doch ſich bücken, und dieſes arme Herz, das zu ſeinen Füßen zuckt, aufheben und an ſeinen Buſen drücken wird. Gieb das, mein Gott, gieb das, und dann laß mich ſterben! Sie ſank auf ihr Lager und drückte das Papier an ihre Lippen und flüſterte ganz leiſe: gute Nacht, Frederie! Mein Frederic!— Ein ſeliges Lächeln ſtand noch auf ihren Zügen, als ſie ſchon ſchlief, — vielleicht träumte ſie von ihm. Bald herrſchte eine tiefe Stille in dem Schloſſe. Die Lichter erloſchen hier und da, die Fenſter wurden dunkel. Der Schlaf breitete ſeine Schwingen über alle dieſe ſo ungeduldig und erwartungsvoll klopfenden Herzen und fächelte ſie zum Vergeſſen und zur friedlichen Ruhe ein. Sie ſchlafen Alle! Und doch kommt gerade jetzt der lange er⸗ wartete Courier auf der Straße daher geſprengt. Jetzt paſſirt er die Brücke. Ihr hölzerner Boden erdröhnt unter dem Hufſchlag des Pferdes, und doch hört ihn Niemand. Sie ſchlafen Alle ſo feſt! Da klopft er an's Thor, laut, weithin hallend! Das iſt der Bote der neuen Zeit, welche eben ihre erſten Strahlen der Morgenröthe über den dunklen Trauerflor der begrabenen Zeit ergießt! Das iſt — 1 der Herold, der den Anfang einer neuen Sonne, eines neuen Zeit⸗ alters, eines neuen Preußens verkündet. Jetzt wird es wieder lebendig im Schloß, jetzt ſieht man wieder Licht hinter den Fenſtern erſcheinen, jetzt rennt Alles hierhin und dorthin, über Treppen und Corridore. Jeder will der Erſte ſein, welcher es dem Freunde verkündet, Jeder brennt vor Begierde, ſie auszuſchreien, dieſe Jubelbotſchrift:„Friedrich iſt nicht mehr der Kronprinz! Friedrich iſt König und Herrſcher in Preußen!“ Da klopft es an Bielfeld's Thür, da weckt es ihn mit lautem Pochen und Dröhnen, und er ſpringt empor, um dem Freunde Kno⸗ belsdorf die Thür zu öffnen. Auf, auf, mein Freund! ſagte der dicke Knobelsdorf, laut ächzend hereinſtürzend. Kleide Dich an, ſo raſch Du kannſt! Wir müſſen Alle hinunter zur Königin und ihr gratuliren, wir müſſen uns Alle bereit halten, ſie ſofort nach Berlin zu begleiten! Friedrich Wilhelm der Erſte iſt todt, und wir ſind jetzt König in Preußen! Ach, das iſt wieder ein Mährchen, ſagte Bielfeld, eilig ſich an⸗ kleidend. Ein Mährchen, mit dem ir armen, verzagten Kinder ſchon zu oft eingewiegt ſind, um es no r Wahrheit halten zu können. Nicht doch. Diesmal iſt es Wahrheit! Der König iſt todt, ganz todt! Jordan hat Befehl, die Leiche öffnen und einbalſamiren zu laſſen! Und Du begreifſt, daß, wenn der ihn erſt einmal unter Händen hat, er nicht wieder aufleben wird.*) Und Knobelsdorf lachte ſo herzlich über ſeinen Witz und warf ſich dann ſo erſchöpft auf einen Stuhl, daß er dabei den kleinen Tiſch gar nicht gewahrte, der dicht daneben ſtand und der jetzt mit einem lauten Gepolter umfiel und zu Boden ſtürzte. Ach, was thuſt Dul rief Bielfeld ängſtlich. Du haſt all' mein geſtern gewonnenes Geld verſchüttet und auf die Erde verſtreut! Das i*ſt aber eine zu koſtbare Saat, als daß ich ſie dürfte liegen laſſen! 4 *) Bielfeld. Vol. I. pag. 106. F— 136— Und er kniete ſich nieder und kroch im Zimmer umher, um all' dieſe kleinen verſtreuten Silbermünzen vom Boden aufzuleſen. Knobelsdorf riß ihn gewaltſam empor. Iſt es erlaubt, ſagte er faſt zornig, in einem ſolchen erhabenen Moment an dergleichen Lap⸗ palien zu denken? Einige Zweigroſchenſtücke aufzuraffen, während es jetzt Ducaten auf uns herniederregnen wird?*) Er zog den Freund mit ſich fort und ſie eilten hinunter in den Vorſaal, der zu den Gemächern der Kronprinzeſſin führte. Der ganze Hofſtaat der Königin war dort ſchon verſammelt, und Jeder hatte ſeinem Geſicht einen möglichſt ernſten und feierlichen Aus⸗ druck gegeben, und ſich bemüht, ſeine innere Freude der Wichtigkeit des Moments zu Ehren ein wenig zu cachiren. Alles flüſtert und murmelt untereinander, denn das Schlafcabinet der Kronprinzeſſin befindet ſich nahe an dem Vorſaal und ſie ſchläft noch. Ja, die Kronprinzeſſin ſchläft noch, aber wenn ſie erwacht, wird ſie eine Königin ſein! Man muß ſie wecken, um ihr das Schreiben des Gemahls zu übergeben.. Die Oberhofmeiſterin von atſch, begleitet von den beiden Hof⸗ damen Eliſabeths, begiebt ſich feierlichen Schrittes in das Schlaf⸗ zimmer, wohl bewaffnet mit Riechfläſchchen und krampfſtillenden Salzen. Eliſabeth Chriſtine lag noch immer ſchlummernd und lächelnd auf ihrem Lager. Aber in ſolchem gewichtigen Moment durfte man ſelbſt den Schlaf einer Fürſtin nicht heilig halten! Die Oberhofmeiſterin zog die Vorhänge auf und das eindrin⸗ gende, helle Licht weckte die Kronprinzeſſin. Sie ſchaute verwundert und fragend auf die Oberhofmeiſterin, die ſich mit tiefen, feierlichen Verneigungen dem Bette näherte. Verzeihung, daß ich es wagte, Ew. Majeſtät zu wecken— Majeſtät, warum nennen Sie mich Majeſtät? rief die Kron⸗ prinzeſſin lebhaft. Iſt wieder ein Ochſe oder ein Pferd über die erhingnißvolle Brücke gegangen? *) Bielfeld. Vol. I. pag. 106. Ja, Majeſtät, aber dies Mal war es das Pferd des Barons von Willich, welcher die Nachricht brachte, daß der König Friedrich Wilhelm geſtern in Potsdam geſtorben iſt.— Hier, Majeſtät, iſt ein Riechfläſchchen— erlauben Sie, daß ich dieſes flüchtige Salz— Die junge Königin wehrte Beides zurück, ſie fühlte durchaus nicht die Anwandlung einer Ohnmacht. Ihr Herz ſtand nicht ſtill, ſondern hämmerte und pochte mit glühender Gewalt in ihrer hochath⸗ menden Bruſt. Und hat der Baron von Willich keinen Brief für mich? fragte ſie athemlos. Doch, Majeſtät! Hier iſt er! Die junge Königin ſtieß einen Freudenſchrei aus und zerbrach mit ungeſtümer Haſt das Siegel des ihr dargereichten Briefes. Er enthielt nur wenige Zeilen, aber ihr Gemahl ſelber hatte ſie geſchrieben und ſie waren für ſie bedeutungsreich und inhaltsſchwer. Eine Zukunft voll Glanz und Glück, voll Liebe, Hingebung und Entſagung lag für ſie in dieſen Zeilen.— Der König rief ſie an ſeine Seite, damit ſie mit ihm zugleich die Huldigungen und Glück⸗ wünſche ihrer Unterthanen empfange. Es iſt wahr, der Brief ent⸗ hielt kein einziges zärtliches oder liebevolles Wort, keinen einzigen warmen Herzſchlag des Gefühls, aber der König rief ſie doch zu ſich, er nannte ſie doch:„meine Gemahlin.“ Er dachte alſo nicht daran, ſich von ihr zu ſcheiden, ſie hinaus zu ſtoßen in Verbannung und Schmach. 4 Fort alſo, fort nach Berlin, wo ihr Gemahl ſie erwartet, wo das Volk ſie begrüßen wird als Königin, wo eine neue Welt, ein neues Leben ſich vor ihr entrollen wird, eine Welt des Glanzes, der Pracht, ein Leben voll ſtolzer Genüſſe und verſchwiegener Seligkeit. Denn Eliſabeth wird Königin ſein und die Gemahlin Friedrichs, des ſchönen, des glänzenden und bezaubernden Friedrichs! Auf denn nach Berlin! Die Equipagen ſtehen ſchon im Hof⸗ die Pferde ſcharren und wiehern, die Dienerſchaft läuft hierhin und dorthin, die ſonſt ſo ſtillen Säle hallen wieder vom Geräuſch der Stimmen, Alles iſt Bewegung, Unruhe und wilder Haſt. — 138— Im Muſikſaal empfängt die Königin die begeiſterten Glückwünſche ihres Hofes. Alle Geſichter ſtrahlen vor Entzücken und Wonne. Jeder ſieht eine glanzvolle Zukunft vor ſich, jedes Herz klopft in Hoffnung und Erwartung. Fort alſo, fort nach Berlin, wo eine neue Sonne aufgegangen iſt, fort zu dem Gemahl, dem König Friedrich dem Zweiten! XVI. Der Cag der Angnade und der gnade. Die Kanonen donnerten, die Glocken läuteten. Die Garniſon von Berlin leiſtete den Eid der Treue, wie es die Garniſon von Potsdam ſchon am Tage zuvor geth an. Der junge König empfing im weißen Saale die erſte große Cour. Aus allen Provinzen, aus allen Städten, von allen Corpo⸗ rationen waren Deputationen herbeigeeilt, um den König zu ſehen, den lang Erſehnten, den lang Erhofften, den Befreier von Bedräng⸗ niß, Knechtſchaft und Noth.— Entzücken und reine, ungetheilte Freude herrſchte überall, und wer dieſes ſtrahlende, von reiner Be⸗ geiſterung leuchtende Antlitz des jungen Königs ſah, der fühlte, daß für Preußen in der That eine neue Zeit beginnen werde.— Aber wer war berufen, das Rad dieſer neuen Zeit mit in Bewegung zu ſetzen? Wen wird der König auserwählen zu ſeinen Freunden und Dienern, wen wird er verſtoßen, an wem wird er ſich rächen? Denn Viele ſind da in dieſem weißen Saale, welche dem Kron⸗ prinzen, ſei's auch auf Befehl des Königs, oft bitteres Leid und bittere Kränkung zugefügt, Viele ſind da, welche ihn gedemüthigt, ſein Vertrauen gemißbraucht, ihn verleumdet und oft genug den Zorn ſeines Vaters gegen ihn aufgeſtachelt haben. — — Wird der König deſſen gedenken, jetzt, da er die Macht hat, z ſtrafen und Rache zu üben? Viele waren zitternd vor Angſt in den weißen Saal getreten, ſcheu und ſchüchtern hielten ſie ſich in der Ferne, froh, wenn das Auge des Königs ſie nicht traf und ſie unbemerkt in irgend eine ſen. ſterniſche ſich zurückziehen konnten. Aber dem ſcharfen Blicke des Königs entging nichts, er hatte ſehr wohl die Gruppe dort drüben im Fenſter bemerkt, er hatte ſehr wohl ihre unruhigen, verſtörten, angſtvollen Blicke geſehen. Ein mitleidsvolles, gütiges Lächeln glitt über ſeine edlen Züge hin und ein Ausdruck unendlicher, erhabener Milde ſtrahlte von ſei⸗ nem Antlitz, als er jetzt mit hochgehobenem Haupte ſich dieſen Män⸗ nern näherte, welche mit dem Inſtinct einer gemeinſamen Gefahr ſich einander genähert hatten, und ſchweigend, dicht zuſammengedrängt ihr Schickſal erwarteten. Wer wohl hatte Friedrich ſo oft und ſo ſchwer gekränkt, als der Oberſt von Derſchau? Wer hatte in den Tagen ſchweren Leides und herben Wehes ſo oft ihn verhöhnt, ſo bitter ihn verfolgt, mit ſo ſchonungsloſer Härte die Befehle des Königs gegen ſeinen Sohn aus⸗ geführt? Derſchau war es geweſen, welcher mit Grumbkow zuſam⸗ men das erſte grauſame Verhör mit dem„Hauptmann Fritz“ vorgenommen und ohne Mitleid ihm die harten und drohenden Worte des Königs hinterbracht hatte. Derſchau war es geweſen, der am Abend in das Gefängniß des Kronprinzen eintrat, mit einem kalten Lächeln ihm das Licht auslöſchend, bei welchem der arme Gefangene eben las, und ohne ein einziges kleines Wort der Entſchuldigung nur geſagt hatte: nder König will es ſo haben! Der König hat es be⸗ fohlen!“ Damals hatte der„Hauptmann Fritz“ geweint vor Zorn und Schmerz, damals hatte er geſchworen, Rache zu nehmen an dieſem grauſamen Manne. Ob der König jetzt deſſen gedenken wird, was der Hauptmann Fritz geſchworen? Er ſtand jetzt dicht vor dem Oberſten. Sein klares Auge war — 140— mit einem ſeltſamen, traurigen und liebevollen Blick zugleich auf dieſen Mann gerichtet, der ihm ſo viel Weh bereitet, ihm ſo viel Qual auferlegt und der jetzt geſenkten Hauptes mit niedergeſchlagenen Augen und hochklopfendem Herzen vor ihm ſtand. Plötzlich, mit einer raſchen Bewegung ſtreckte der König ſeine Hand aus und ſagte milde: guten Tag, Derſchau! Es war das erſte Mal ſeit ſieben Jahren, daß Friedrich zu ihm ſprach, und dieſer ſanfte und milde Gruß rührte und erſchütterte des Oberſten Herz. Er neigte ſich nieder auf die dargereichte Hand, und indem er ſie küßte, fiel eine heiße, brennende Thräne aus ſeinen Augen auf dieſe Hand nieder. Oberſt von Derſchau, ſagte der König, Sie ſind meinem Vater ſtets ein treuer und gehorſamer Diener geweſen, Sie haben in Allem pünktlich ſeinen Willen befolgt und ihm einen willenloſen Gehorſam dargebracht. Dem Sohne ſteht es zu, die treuen Diener ſeines Va⸗ ters zu belohnen. Sie ſind von heute an General⸗Major! Dann wandte der König ſich um und wie ſein Blick ſich jetzt auf den Geheimrath von Eckert richtete, war er nicht mehr milde und verſöhnend, ſondern hart und ſtrenge.„ Iſt das Wappen ſchon über dem Hauſe in der Jägerſtraße auf⸗ gerichtet? fragte er ſtrenge, und als Eckert verneinte, fuhr der König fort: ſo rathe ich Ihm, daſſelbe nicht aufrichten zu laſſen! Dieſes Haus iſt königliches Eigenthum und ich will nicht, daß es durch eine ſolche Albernheit verunſtaltet werde. Geh' Er nach Hauſe. Ich werde Ihn meine Befehle wiſſen laſſen! Bleich, zerbrochenen Herzens ſchlich der Geheimrath von Eckert ſich fort, Hohngelächter und halblautes Gemurmel begleiteten ihn auf ſeinem Wege durch die Säle, Keiner hatte für ihn ein Wort des Bedauerns, des Mitleids. Keiner erinnerte ſich jetzt noch der ſo oft beſchworenen Freundſchaft, der ſo dringend wiederholten Zuſicherungen der Ergebenheit und Dankbarkeit. So durchſchritt er die Säle, gebeugten Hauptes, zerknirſcht und zitternd. Wie er ſich der Ausgangsthür nahete, trat der Baron von Pöllnitz zu ihm heran. Ein wildes, höhniſches Lächeln ſchwebte um — 441— ſeine Lippen und ſeine Blicke verriethen jetzt all' den Haß, den er ſ oft hatte verſchleiern und verbergen müſſen. Nun, ſagte er langſam, werden Sie mir jetzt den verſprochenen Wein aus Ihrem Keller ſenden? Sie wiſſen doch? Aus den Kellern Ihres Hauſes in der Jägerſtraße, zu welchem ich Ihnen das Wappen erfinden mußte? Ach, das waren ſchöne Tage, mein lieber Geheimrath! Sie haben mir oft ein Paroli gebogen, mich oft ver⸗ leumdet und mir Scheltworte vom König zugezogen. Aber ich habe doch Grund, Ihnen dankbar zu ſein. Denn dieſes Haus, welches Sie da in der Jägerſtraße gebaut haben, iſt ſehr ſtattlich und hübſch, groß genug, ſelbſt für einen Cavalier, wie ich es bin. Sie haben es außerdem auf Rechnung des Königs ſo glänzend und mit wahr⸗ haft fürſtlicher Eleganz eingerichtet, daß es ſelbſt für einen Cavalier ganz paſſend und bequem iſt. Erinnern Sie ſich noch meiner Be⸗ ſchreibung von dem Hauſe eines Cavaliers? Der König nannte es damals ein ſpaniſches Luftſchloß, aber Sie, lieber großmüthiger Mann, haben aus meinem Luftſchloß eine Wirklichkeit gemacht, und jetzt, da es vollendet und Alles eingerichtet und bereit iſt, jetzt wollen Sie in Ihrem Edelmuth dieſes ſchöne Haus mir überlaſſen und mich zu Ihrem Erben einſetzen? Denn Sie wiſſen doch, mein lieber Eckert, daß der Geheimrath Eckert geſtorben iſt und nur der Kaminbauer Eckert noch lebt? Ach, aber ſelbſt der geſchickte Kaminbauer darf in Berlin nicht weilen und muß zwanzig Meilen von der ſchönen Reſidenz entfernt bleiben. Aber nicht wahr, wenn einer meiner Kamine raucht, dann darf ich Ihnen einen Boten ſenden, und dann kommen Sie, den Schaden wieder gut zu machen? Verſprechen Sie mir das? Eckert murmelte einige dumpfe unverſtändliche Worte und ſuchte Pöllnitz von der Thür fortzudrängen, vor welcher der grauſame, un⸗ erbittliche Hofherr ſich wie der Engel mit dem rächenden Schwert auf⸗ geſtellt hatte. Sie wollen gehen? ſagte er freundlich. Ohne Zweifel ſind Sie neugierig auf das königliche Schreiben, welches zu Hauſe Ihrer war⸗ tet? Aber ich kann Ihnen den Inhalt deſſelben ganz genau angeben. — 142— Sie werden Ihrer Aemter und Würden verluſtig erklärt und aus Berlin verbannt, das iſt das Ganze. Der König hat Sie alſo be⸗ gnadigt, wie Sie ſehen! Er hätte Sie hinrichten oder auf Lebens⸗ lang nach Spandau ſchicken können, aber er wollte ſeine Thron⸗ beſteigung nicht mit Ihrem Blute entweihen, deshalb hat er Sie be⸗ gnadigt. Laſſen Sie mich fort, ich erſticke ſonſt! keuchte Eckert, zitternd und leichenblaß. Pöllnitz hielt ihn noch immer zurück. Aber wiſſen Sie denn nicht, guter Mann, daß drunten auf dem Schloßhof Tauſende von Menſchen ſtehen? Können Sie nicht bis hierher ihr Jauchzen und Schreien vernehmen? Nun, dieſes Jauchzen und Hurrahrufen würde ſich in ein Gebrülle der Wuth verwandeln, wenn das Volk Sie ſähe, mein lieber Eckert, und in ſeinem Zorn möchte es Sie als einen guten Braten betrachten, um damit ſeinen Hunger zu ſtillen. Denn Sie wiſſen doch, daß das Volk hungert, Sie, welcher die königlichen Kornſpeicher füllte und dann große Schlöſſer und Riegel vor die Thüren legte, damit das Volk in ſeines Hungers Verzweiflung dieſe Thüren nicht ſprengen ſollte. Sie, welcher dennoch dem König immer ſchwur, daß das Volk genug habe um zu leben und ſeines Korns nicht bedürfe und ſeiner Hülfe. Ach, hören Sie, das Volk jauchzt ſchon wieder! Ich halte Sie nicht mehr zurück. Gehen Sie hin und ſehen Sie, wie glücklich das Volk iſt, denn der junge König hat befohlen, die Kornſpeicher zu öffnen, der König hat unter die Soldaten, welche ſchon ſeit drei Tagen kein Brot mehr gehabt, Brot vertheilen laſſen und die Acciſe für Mehl auf einige Monate aufgehoben*). Gehen Sie, Eckert, gehen Sie, um zu ſehen, wie glücklich das Volk iſt! 1 Mit einem wilden Fluch ſtürzte Eckert von dannen. Pöllnittz blickte ihm mit einem ſpöttiſchen Lachen nach. Die Rache iſt doch ſüß, ſagte er dann hoch aufathmend. Er hat mich oft gekränkt, jetzt habe ich es ihm mit Wucherzinſen zurückgegeben. Er iſt hin und —— 3 *) König: Hiſtoriſche Schilderungen von Berlin. Theil 5. Bd. I, pag. 4. —+—— — 143= verloren! Wäre nur erſt ſein Haus gewonnen! Ich muß es haben, ich will es haben. Oh, und ich werde mich dem König unentbehrlich zu machen wiſſen! Ich werde ſchmeicheln und lobpreiſen, ich werde die geheimſten ſeiner Wünſche belauern und unausgeſprochen ſie er⸗ füllen, ich werde ihn zwingen mich zu ſeinem Vertrauten, ſeinem maitre de plaisir zu machen. Ja, ja, das ſchöne Haus in der Jägerſtraße wird mir gehören! Das habe ich mir geſchworen und Fredersdorf hat mir ſeinen Beiſtand zugeſichert. Und jetzt zum König! Ich muß ſehen, ob dieſes junge Königskind wirklich, wie der Herkules in der Wiege, ſchon am erſten Tage ſeiner Geburt Schlangen zu zer⸗ reißen verſteht, oder ob er nicht auch nur eben ein König iſt, wie alle Könige. Das heißt, der Schmeichelei zugänglich, eitel und ſtolz, und kein Geſetz über ſich wiſſend und anerkennend als ſeinen eigenen Willen, und ſein bon plaisir? Aber horch, iſt das nicht die Stimn des Königs? Zu wem ſtpricht er denn jetzt? Herr von Pöllnitz eilte weiter in den nächſten Saal. Da ſtand der König in der Mitte ſeiner Miniſter und einer Deputation des Magiſtrats von Berlin, im Begriff ſie zu entlaſſen. Ich befehle Ihnen, ſchloß der König ſo eben ſeine Anrede an die Miniſter, ich befehle Ihnen, ſo oft Sie es nöthig halten, gegen meine Befehle und Anordnungen, Einwendungen und Vorſtellungen zu machen, und bei deren Wiederholung nicht zu ermüden, wenn ich jemals unglücklicherweiſe das Wohl meiner Unterthanen aus den Augen verlieren ſollte! Denn ich will, daß künftig, wofern etwa mein beſonderes Intereſſe dem allgemeinen Beſten meiner Lande zu⸗ wider erſcheinen möchte, alsdann dieſes Letztere jederzeit vor dem Erſtern den Vorzug erhalten ſoll!*) Ah, es wird ſehr ſchwer ſein, dieſes Herkuleskind zu zähmen, murmelte Pöllnitz, dem König nachblickend, welcher eben den Saal verlaſſen hatte. Die Schlangen, mit denen wir ihn umwickeln wollen, *) Des Königs eigene Worte. Preuß, Jugezogeſchichte Friedrich des Großen, pag. 325.. 4 3 — 144— müſſen ſehr ſtark und ſehr verführeriſch ſein, wenn er ſie nicht zer⸗ reißen ſoll! Nun, glücklicher Weiſe kennen Fredersdorf und ich einige dieſer Schlangen, und wir werden Sorge tragen, daß er ſie auf ſei⸗ nem Wege findet!— Der König indeſſen hatte die großen Empfangsſäle verlaſſen und ſich in ſeine Privatzimmer zurückgezogen, wo die Freunde und Ver⸗ trauten ihn erwarteten und mit hochklopfendem Herzen ſeines Kommens harrten. Sie waren Alle bereit, den goldenen Regen aufzunehmen, der ſich ohne Zweifel jetzt über ſie ergießen mußte, ſie waren Alle überzeugt, daß der junge König ein wenig von dem Purpurmantel, der jetzt ſeine Schultern bedeckte, auch auf ihre Schultern legen würde, daß er ſie allein dazu auserſehen, ihm die Laſt ſeiner Königskrone und ſeines goldenen Scepters tragen zu helfen; ſie träumten Alle von Miniſterportefeuilles und Geſandtſchaften, von Generals⸗Epauletten und Prüſidentſchaften.. Als der König jetzt in ihre Mitte trat, empfingen ſie ihn mit lauten Freudenrufen, eilte Markgraf Heinrich, der oftmalige Genoſſe der zwangloſen Feſte in Rheinsberg, auf den König zu, um ihm beide Hände entgegenzuſtrecken, und mit frohen, heitern und witzigen Worten als den lieben Gärtner von Rheinsberg zu begrüßen. Aber Friedrich reichte ihm nicht ſeine Hand dar, er lächelte nicht. Den Markgrafen mit ſtrengen Blicken anſehend, trat er einen Schritt zurück und ſagte ernſt:„Monſieur, jetzt bin ich König“*)! Und wie er das Erſtaunen und die Ueberraſchung in den Mienen all' dieſer eben noch ſo zuverſichtlichen und lächelnden Freunde las, fuhr er mit einem freundlichen Lächeln fort: wir ſind jetzt nicht mehr in Rheinsberg! Dort gilt der ſchöne Spruch des Horaz:„ſüß iſt albernes Thun zur Zeit!“ Dort bin ich der Gärtner und Freund! Hier aber bin ich der König, und hier müſſen wir Alle arbeiten und ſchaffen, und ein Jeder muß ſeine Kräfte anſtrengen, und in den Dienſten, die er dem Staate leiſtet, ein Zeugniß ablegen vor dem *) Preuß, Jugendgeſchichte Friedrich des Großen, pag. 321. — — Volke, damit es ſehe, weshalb der König ihn zu ſeinem Freunde erwählte! Und werde auch ich der Gnade theilhaftig werden, mich zu den Freunden des Königs zählen zu dürfen? fragte der alte Fürſt von Anhalt⸗Deſſau, welcher eben mit ſeinen beiden Söhnen in den Saal getreten war und die letzten Worte des Königs gehört hatte. Wird Ew. Majeſtät auch mir und meinen beiden Söhnen die Gunſt erhal⸗ ten, welche der hochſelige König mir ſo lange und glückliche Jahre be⸗ wieſen hat? O, Majeſtät, ich flehe um Ihre Gnade, ich beſchwöre Sie, mir und meinen Söhnen gnädig zu ſein, und uns das Anſehen und den Einfluß zu laſſen, deſſen wir bisher genoſſen! So ſprechend, beugte der alte Fürſt laut weinend ſein Knie vor ——— und ein Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Er reichte dem Fürſten ſeine Hand dar und hieß ihn aufſtehen. Ich werde Ihnen gerne Ihre Aemter und Stellen laſſen, ſagte der König, denn ich bin gewiß, daß Sie mir ebenſo treu und eifrig dienen werden, wie Sie es meinem Vater gethan! Was aber das Anſehen und den Einfluß betrifft, den Sie zu haben wünſchen, ſo will ich Ihnen Allen ſagen, daß unter meiner Regierung Niemand Anſehen haben wird als ich allein, und daß Niemand, ſelbſt mein beſter Freund nicht, Einfluß auf mich haben wird*). Die Freunde aus Rheinsberg ſahen ſich verſtohlen und erbleichend e einander an und ſenkten traurig ihre Häupter. Niemand lächelte mehr, Niemand hatte noch Luſt zu ſcherzen. Eine kalte eiſige Hand war über ihre hochklopfenden Herzen hingefahren und hatte die Schwin⸗ gen ihrer Hoffnung gelähmt! Der König ſchien es nicht zu bemerken. Er näherte ſich ſeinem * Freunde Jordan, und ſeinen Arm nehmend, zog er ihn in eine Fenſter⸗ niſche, wo er lange und angelegentlich mit ihm ſprach. Die Höflinge und Günſtlinge ſahen mit neidiſchen Blicken hin⸗ über nach dem bevorzugten, glücklichen Freunde, und beobachteten jede ——᷑—V—ꝛ—ꝛx—4— *) Des Königs eigene Worte. Friedrich der Große. I. 10 ſeinem jugendlichen Monarchen. Der König wiegte ſinnend ſein Haupt, — — 146— Miene, jede Nüance in dem Mienenſpiel des Königs und ſeines Freundes. Aber des Königs Geſicht blieb immer nur ruhig und gleichmäßig, und auf Jordan's Antlitz ſtrahlte nicht die Verklärung der Freude, ſondern eine leiſe, ſchmerzliche Verwunderung zog wie eine Wolke darüber hin. Jetzt trat der König aus der Fenſterniſche zurück und winkte Bielfeld zu ſich. Auch mit ihm ſprach er lange und angelegentlich, um ihn dann zu entlaſſen und mit Chazot ſich zu unterreden. Zuletzt nahm er den Arm des Grafen von Wartensleben und ging plaudernd mit ihm auf und ab.— Des Grafen Antlitz ſtrahlte vor Vergnügen, aber die Geſichter der übrigen Höflinge waren ernſt und finſter. Mit Keinem von ihnen hatte er ſo lange geſprochen, wie mit dem Grafen, Keinen von ihnen hatte er ſo am Arm gefaßt und ſo vor Aller Augen ſeine Zärtlichkeit und Liebe gezeigt. Es war alſo klar, der Graf von Wartensleben war von heute an der erklärte Liebling des Königs, er hatte ſie Alle aus dem Felde geſchlagen. Der junge König hatte alle dieſe Empfindungen, alle dieſe Re⸗ gungen des Neides, der Bosheit, der Trauer und des Zornes in den Mienen ſeiner Freunde geleſen. Er kannte ſie Alle zu gut, er hatte ſie Alle zu lange beobachtet, um nicht auf ihren Geſichtern ihre Ge⸗ danken leſen zu können. Es hatte ihn ergötzt, ein wenig zu ſpielen mit den kleinlichen, in Eigenſucht, Neid und Haß befangenen Menſchen⸗ ſeelen; er hatte den Freunden eine Lehre geben, ſie von ihrer erträum⸗ ten Höhe ein wenig zu der Wirklichkeit herniederziehen wollen. Jetzt aber, nachdem der Graf ihm als Werkzeug gedient, jetzt mußten auch ihm die Flügel gelähmt, auch ſeine hochbrauſenden Wellen des Ehr⸗ geizes mit dem Oel der Enttäuſchung gedämpft werden. Ja, ich bin jetzt der Herr eines Königreichs, ſagte der König jetzt. Ich habe eine ſchöne Armee und einen wohlgefüllten Schatz. Sie zweifeln gewiß nicht, daß es mein höchſtes Beſtreben ſein wird, mei⸗ nen Staat blühend zu machen, den guten Ruf meiner Armee zu er⸗ halten und einen guten Gebrauch von meinen Reichthümern zu machen. Das Geld iſt da, um zu circuliren und angewandt zu werden. Das⸗ Geld iſt da, um Diejenigen zu belohnen, welche dem Vaterlande gute Dienſte leiſten, aber es iſt auch vor allen Dingen für Diejenigen da, welche wahrhaft meine Freunde ſind! Das Antlitz des jungen Grafen ſtrahlte vor Entzücken. Ueber des Königs Geſicht fuhr, als er dies ſah, ein ſpöttiſches Lächeln und ſeine Augen blitzten höher auf. Aber ich werde natürlich darin zu unterſcheiden wiſſen, fuhr der König fort, und wer von meinen Freunden des Geldes nicht bedarf, wird es nicht bekommen. Sie, zum Beiſpiel, mein lieber Graf, Sie, der Sie außerordentlich reich, und dabei ſo außerordentlich ſparſam ſind, Sie werden ſich immer an meiner Liebe genügen laſſen müſſen, denn Sie werden von mir natürlich niemals auch nur einen Thaler bekommen*). So ſprechend nickte er dem Grafen freundlich zu und ging in das nächſte Zimmer, deſſen Thüre er hinter ſich ſchloß. Stumm und ſtaunend ſahen ſich die Freunde an, nachdem der König ſie verlaſſen hatte. Jeder betrachtete den Andern als den beglückten, bevorzugten Rivalen, Jeder glaubte in dem Andern z. ſehen, was er ſelber nicht geworden: machtvoller Günſtling, Miniſter oder General. Jeder fühlte daher die Liebe zu dem Andern ein wenig erkaltet, und verwünſchte den Freund, der ihm hindernd im Wege geſtanden. Jordan war der Erſte, welcher das Schweigen brach. Mit einem wehmüthigen Lächeln reichte er Bielfeld die Hand dar. Es ſoll nicht geſagt werden, ſagte er, daß getäuſchte Hoffnungen auch die Enttäuſchung der Herzen nach ſich ziehen müßten und daß der Neid uns blind machen könnte gegen die Vorzüge unſerer Freunde. Ich liebe Sie gerade um Ihrer Vorzüge und Talente willen, und ich begreife es daher vollkommen, daß der König Sie mir vorzieht! Nehmen Sie alſo meinen Glückwunſch und ſeien Sie gewiß, daß ich Ihnen Ihr Glück von Herzen gönne. Bielfeld ſah ihn erſtaunt an. Mein Glück? fragte er lächelnd. Theuerſter Freund, an dieſem Glück iſt nichts zu beneiden, und was *) Thiébault II, pag. 50— 51. 10* 4 meine Erhöhung anbetrifft, ſo iſt ſie in der That ſo unmerklich, daß man ſie kaum gewahr werden kann. Der König hat mir geſagt, daß er mich für die diplomatiſche Carriere beſtimmt hätte, allein daß ich dazu erſt einiger Lehrjahre bedürfe. In dieſer Abſicht habe er mich auserſehen, den Geſandten, Grafen Truchſeß, nach Hannover zu be⸗ gleiten. Wenn ich von dort zurückkäme, würde er mich weiter be⸗ fördern. Das iſt meine ganze Erhöhung, und Sie müſſen geſtehen, das heißt einen etwas kleinen Anfang machen!*)— Aber Sie, lieber Jordan, welche wichtige Stelle haben Sie erhalten? Denn ohne Zweifel hat der König Sie, ſeinen liebſten Freund, vor uns Allen bevorzugt, und das mit vollem Recht! Sagen Sie alſo, was ſind Sie? Ja, was ſind Sie? fragten und riefen die andern Cavaliere eifrig durcheinander. Sind Sie Staatsrath geworden? Sind Sie Miniſter der geiſtlichen Angelegenheiten? 3 Was ich bin? fragte Jordan lächelnd. Ich will es Ihnen ſagen, meine Freunde, ich bin nicht Miniſter der geiſtlichen Angelegenheiten geworden und nicht Staatsrath, ich bin,— ach, Sie errathen es nimmermehr, was ich geworden— ich bin— Director der Armen⸗ polizei geworden. Ich ſoll die Straßen Berlins von dem läſtigen Bettelvolk reinigen, und ein Arbeitshaus für die Armen und Bet⸗ telnden anlegen.**) Nun, meine Freunde, finden Sie mich noch be⸗ neidenswerth? Alle ſchwiegen, und wiegten ſinnend und trübe das Haupt. Dann richteten ſich Aller Blicke auf den Grafen Wartensleben. Alſo Sie, lieber Graf, Sie ſind der Beglückte? Sie haben den goldenen Apfel abgeſchoſſen? *) Bielfeld. Vol. I. pag. 129. **) Preuß, Jugendgeſch. 323.„Jordan miethete für dieſes vom König befohlene Armeninſtitut ein Haus am Platz von Belle⸗Alliance, welches dem Fleiſchergewerk angehörte und als Zeichen deſſen einen Ochſenkopf führte, wel⸗ cher Name durch den Volkswitz gleichbedeutend mit Arbeitshaus blieb, ſelbſt dann noch, als dieſe Anſtalt aus dieſem Hauſe verlegt, und für dieſelbe auf dem Alexanderplatz ein eigenes Gebäude errichtet ward.“ — 149— Sie halten das erſehnte Portefeuille in Händen? Ich? rief der Graf halb ärgerlich, halb beluſtigt. Ich halte gar nichts in Händen und werde niemals etwas in Händen halten. Wollen Sie wiſſen, was mir der König geſagt hat? Er hat mir höchſt ernſtlich und feierlich verſichert, daß ich reich genug wäre, und eer mir daher niemals auch nur einen Thaler geben würde! Jetzt brachen Alle in ein fröhliches Gelächter aus. Geſtehen wir, ſagte Baron Bielfeld lachend, geſtehen wir, daß wir da heute ein wundervolles Luſtſpiel aufgeführt haben, ein Luſtſpiel, welches Molière geſchrieben haben könnte, und welches den Titel führen müßte: la Journée des Dupes.— Nun, da wir Alle nichts Be⸗ ſonderes geworden ſind, ſo wollen wir Alle zufrieden ſein, und uns recht herzlich liben.— Aber hören Sie nur! Der König ſpielt die Flöte! Ah, wie weich und ſchön das klingt! Laſſen Sie uns zu⸗ hören! Ja, der König blies die Flöte. Er verjagte mit dieſen harmo⸗ niſchen Klängen die böſen Geiſter der Langeweile, und der zwang⸗ vollen Etiquette, welche ihn heute heimgeſucht. Er blies die Flöte, um wieder Er ſelbſt zu werden, um wieder eine heitere Stirn, und ein heiteres Herz zu haben. Bald aber legte er die Flöte bei Seite. Denn ſein Auge heftete ſich auf jenen mit uneröffneten Briefen und Papieren bedeckten Tiſch dort. Er mußte alle jene Briefe und Papiere noch ſelbſt leſen, ſelbſt beantworten. Er allein. Denn Niemand ſollte für ihn arbeiten, ſondern Jeder nur durch ihn, Niemand ſollte an ſeiner Statt de⸗ cretiren und befehlen. Von ihm ſollte Alles ausgehen, er wollte die Seele und das Herz ſein ſeines Staates. Er hatte alſo nicht mehr Zeit, die Flöte zu blaſen, er mußte arbeiten, denn er war ein König, das heißt der erſte Diener, der erſte Arbeiter und Verwalter eines Volkes und eines Landes. Er erbrach die Briefe und las ſie und ſchrieb die Antwort an den Rand jedes dieſer Papiere, damit die Kabinetsſecretaire ſie weiter ausführen und der Forin gemäß ſchreiben ſollten. 3 8 150— Jetzt war die Arbeit bald zu Ende. Dieſes Papier mit dem großen Siegel, das er jetzt öffnete, das war für heute das letzte. Es war ein Schreiben vom geiſtlichen Departement, welches be⸗ richtete, daß durch die, in Berlin geduldeten römiſch⸗katholiſchen Schu⸗ len viele Einwohner Berlins vom Proteſtantismus zum Katholicismus verleitet würden. Das geiſtliche Departement fragte alſo an, ob es nicht beſſer ſei, die katholiſchen Schulen aufzuheben und zu ſchließen? Ein mitleidiges Lächeln flog durch die Züge des Königs, als er das las. Und ſie ſagen, ſie glauben Alle an einen Gott, ſagte er, und ihre Pfaffen predigen chriſtliche Duldung und chriſtliche Liebe und wiſſen doch ſelber nichts davon. Sie haben Alle nicht Gott, ſondern nur die Kirche vor Augen. Unduldſam ſind ſie in ihrem Herzen, hochmüthig und voll Tücken. Aber ich werde ſie beugen und ihre angemaßte Macht brechen. Mein ganzes Leben wird ein Kampf ſein mit den Pfaffen. Sie werden mich verhöhnen und verketzern, immerhin! Mag die Kirche wider mich ſein, wenn nur mein Gewiſſen mich frei ſpricht! — Nun, wir wollen den Krieg beginnen, und was ich jetzt ſchreibe, wird wie ein Lärmſignal mitten in das fromme Pfaffenlager hinein⸗ fahren! 3 Er nahm die Feder wieder zur Hand und ſchrieb als Antwort an das geiſtliche Departement an den Rand des Papiers:„Die Re⸗ ligionen müſſen alle tolerirt werden, und muß der Fiscal nur das Auge darauf haben, daß keine der an⸗ dern Abbruch thue, denn in meinen Landen muß ein Jeder nach ſeiner Fagçon ſelig werden.“*). *) Büſching: Charakter Friedrich des Zweiten, pag. 152. Ende des erſten Bandes. enrsezo-