pfangnahme und R 7 Uhr bis Abends jedem Tag 5 Pf. b en angenommen. 3. Caution. Un eines Buches, eine hinterlegen, welch wird. 4. Abonnement. beträgt; V für wöchentlich auf 1 Monat: 7 54; 5. Auswärtige lorene oder defeete beſonders darauf ſelben von mir ge defecte Bücher(namentlich bei Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage chloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. S Leih- und Leſe ebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Kückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ bekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme dem Werthe deſſelben entſprechende Summe e bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 25 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „—» 3„,—„ Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt aufmerkſam gemacht, daß liehen, auch dafür zu ſtehen haben. feſtgeſetzt und wird 8 1 1 das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 1. ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otktmann in Gießen, uee 8 8 5 I I. Die intriguirenden Höflinge. Sie haben Recht, ſagte der Baron Pöllnitz, ja Sie haben Recht, lieber Fredersdorf, auf dieſem Wege iſt dieſer Hercules nicht zu bezwingen und können wir nicht zur Herrſchaft gelangen. Er hat kein Herz und iſt keiner Liebe fähig, ich glaube wahrhaftig, er ver⸗ achtet die Frauen. 3 Er verachtet ſie vielleicht nicht, erwiderte Freders⸗ dorf lächelnd, aber er iſt jedenfalls ihrer überdrüſſig und das iſt noch ſchlimmer, als wenn er ſie verachtete. Die Frauen ſind ihm zu bereitwillig entgegen ge⸗ kommen und haben ihm immer ihr Herz zu ſchnell entgegen getragen, als daß er ihrer noch begehren ſollte. Eine Frau wird daher niemals Gewalt über ihn haben. 8 4 Aber was denn, theuerſter Freund? fragte Pöllnitz entſetzt. Es giebt doch für jedes lebende Geſchöpf ein Mittel, wodurch es gezähmt wird. Selbſt der Löwe kann in geiſtige Bande geſchlagen werden und der Friedrich der Große. III. 1 8 — 2— mächtige Coloß, der Elephant, ſelbſt kann gedemüthigt und bezwungen werden, daß er ſanft wird und furcht⸗ ſam und geduldig. Wie? Sollte es denn kein Mittel geben, dieſen jungen königlichen Löwen zu zähmen und ihn ein wenig in Banden zu ſchlagen? Mein Gott, was ſind wir denn, wenn er frei bleibt? Dienſtthuende Laſtthiere ſeiner willkührlichen Launen, weiter nichts; verdammt, gehorſam den Willen unſeres Herrn auszu⸗ führen und ſelber gar keinen Willen zu haben. Ge⸗ ſtehen Sie, lieber Freund, daß das eine ſehr beklagens⸗ werthe Rolle iſt und daß das ſehr wenig den kühnen und ehrgeizigen Hoffnungen entſpricht, die wir Beide ſchon ſo lange genährt haben. Mein Gott, ſollte es möglich ſein, daß wenn der Kämmerer des Königs und ein ſo alter erfahrener Hofmann, wie ich es bin, ſich mit einander verbinden, dieſes königliche Wild, auf welches ſie Jagd machen, ihren künſtlichen und wohl aufgeſtellten Netzen immer entgehen könnte? Lieber Freund, das darf nicht ſein, das kann nicht ſein, es wäre eine ewige Schande für uns Beide. Es iſt ein ganz unerhörter Fall, daß ein König keine einflußreichen und mächtigen Günſtlinge haben ſollte, Friedrich ſoll und muß ſie haben, ſo gut wie jeder Andere, und da dieſe Stellen noch vacant ſind, nun, ſo iſt es in der Ordnung und ganz natürlich, daß wir ſie einzunehmen trachten. Wir werden ſie auch einnehmen und behaupten, ſagte Fredersdorf lächelnd. Sie nannten vorhin den Kdbnig einen jungen Hercules. Nun, wodurch ward denn der Hercules gezähmt? Durch die Liebe zur Omphale, dächte ich. Nicht doch! Dadurch, daß die Omphale ihn in ein es, ſchwelgeriſches, verweichlichendes Leben hintin, barkeiten. Entſinnen Sie Sich außerdem wohl, wie der römiſche Kaiſer Heliogabal es anfing die ſtolzen, ehrgeizigen und herrſchſüchtigen Senatoren, welche ſeine unumſchränkte Herrſchaft beeinträchtigen wollten, zu tödten? Ich bin nicht ſo gelehrt, wie Sie, theuerſter Freund und ich geſtehe ohne Erröthen, daß ich nichts vom Heliogabal weiß. Hören Sie alſo. Heliogabal war es überdrüſſig, der nur ausführende und gehorchende Beamte des decretirenden Senats zu ſein, er wollte ſelbſt herrſchen, er wollte die Macht haben, welche der Senat für ſich beanſpruchte. Aber er verbarg ſeine Gedanken in ſeinem Innern und zeigte den Senatoren ein unter⸗ würfiges, zufriedenes Geſicht. Er lud ſie zu einem feſtlichen Mahl auf ſeine Villa ein, er entzückte ſie durch die köſtlichſten Speiſen, den auserleſenſten Wein, und wie ſie noch glückestrunken und ſinnverwirrt an dieſer ſchwelgeriſchen Tafel ſaßen, ſtand Heliogabal auf und ſagte mit einem köſtlichen Lächeln: Jetzt gehe ich, meinen werthen Gäſten eine kleine Ueberraſchung. zu bereiten und ihnen einen Scherz zu machen, wie ſie ihn wahrlich noch niemals erlebten. So ſprechend ging er hinaus und die von Wein und Genüſſen trunkenen Senatoren hörten nicht, wie man draußen die Riegel vor die Thüren ſchob und ihnen alſo den Ausgang ſperrte. Sie tranken und jubelten weiter fort. Da öffnete ſich plötzlich über ihnen die ganze Decke des hohen Saals und ſie hörten Heliogabals Stimme, welche rief: Ihr könnt niemals Ehre und Anſehen genug haben, Ihr trachtet immer nach neuen Lorbeerkronen. Nun wohl, heute ſollt Ihr genng da⸗ von haben. Heute will ich Euch ſättigen mit Chren⸗ bezeugungen. Und wie er das geſagt, ergoß ſie ein 1* — 14— Regen von Lorbeerzweigen und Kränzen über die Häupter der Senatoren. Anfangs lachten ſie und griffen ſchäkernd nach den fliegenden Kränzen. Aber dieſer Regen wollte gar nicht enden; jetzt kamen Maſſen von den herrlichſten Blumen, welche indeſſen einen betäubenden, ſinnverwirrenden Duft ausſtrömten. Die Senatoren ſchrieen, daß es genug ſei der Ehre, genug der Ueberraſchung. Aber der Blumenregen rauſchte mächtiger und mächtiger, in immer dickeren Wellen, in immer unaufhaltſameren Strömen auf ſie hernieder. Schon war die Tafel hoch davon über⸗ deckt, ſchon war der Fußboden nur noch ein hoher, weicher Blumenteppich. Da endlich wollten die entſetzten Senatoren fliehen, da ſtürzten ſie zur Thür, aber dieſe Thür war ver⸗ ſchloſſen und widerſtand ihrem Drängen. Und von oben herab ſtrömte der Blumenregen immer gewaltiger hernieder. Von der Thür wateten die Senatoren durch ein Blumenmeer, das ſie ſchon bis über die KLrice hin umfluthete, zu den Fenſtern. Aber der Saal lag zwei Stockwerk hoch, ein Abgrund zeigte ſich ihren Blicken und unten ſtanden dicht aneinander gedrängt die römiſchen Legionen, ihre ſcharfen, ſchneidenden und ſpitzen Waffen hoch empor haltend. Es war alſo un⸗ möglich zu entfliehen. Und die Senatoren baten und flehten, den Blumenregen enden zu laſſen, aber er floß unerbittlich weiter, er überſchüttete ſie immer höher hinauf und endlich konnten ſie nicht mehr ſprechen und nicht mehr weinen, denn die Blumen bedeckten ihnen ſchon das Haupt und verbargen ſie Alle unter ihren duftenden, herrlich ſchimmernden Maſſen und endlich ſah man nichts mehr als eine unbewegte glatte Blumenfläche, in deren Innern alles lautlos war und ill. Heliogabal hatte die Senatoren nicht ermordet, er hatte ſie nur mit Blumen erſtickt, weiter nichts*)! Nun, was ſagen Sie zu meiner Geſchichte? Ich ſage, daß ſie pikant und hübſch iſt und daß Heliogabal ein ſehr poetiſcher Kaiſer geweſen, nur ver⸗ ſtehe ich nicht recht den Zuſammenhang zwiſchen dem Kaiſer Heliogabal und uns. Ah, Sie verſtehen nicht, flüſterte Fredersdorf ge⸗ heimnißvoll. Machen wir es doch wie Heliogabal. Berauſchen wir den mächtigen Rieſen mit köſtlichen Genüſſen, betäuben und erſticken wir den willens⸗ kräftigen Geiſt mit Blumen, ſtürzen wir ihn in ein Meer von Freuden und verweichlichen wir ihn mit köſt⸗ lichem Sinnenrauſch. 3 Nur, daß er keine Sinne hat, ſeufzte Pöllnitz. Keine Sinne für die Schönheit der Frauen, aber andere Sinne. Er hat kein Herz, aber er hat einen Gaumen, er hat keinen Sinn für die Liebe, aber für die Tafel. Das iſt das Eine Häkchen, womit wir ihn halten können. Das Andere iſt ſeine Prunkſucht und ſeine Luſt an verſchwenderiſcher Pracht. Er iſt ſo lange genöthigt geweſen, ein ſparſames, unſcheinbares Daſein zu führen, daß es ihn jetzt wohl gelüſtet, ſich als den freien, glänzenden Fürſten, den goldregnenden Zeus zu fühlen. Sein Vater hat Millionen aufge⸗ ſpeichert, helfen wir doch dem Sohn ſie auszuſtreuen, das wird eine angenehme, zeittödtende Arbeit ſein, zu der Niemand ein beſſerer Rathgeber ſein kann, als Sie, Herr Baron. Während Sie aber mit dem König neue Feſte erſinnen, neue goldſtrahlende Paläſte und Märchen entwerfen, werde ich regieren und dem König die Laſt der Staatsgeſchäfte tragen helfen. Sie helfen *) Gibbon. Hiistory of the decline and fall of the Roman empire. dem König Millionen ausſtreuen, ſein, immer neue einzuſammeln. Und hoffentlich werden einige Tropfen dieſes Gold⸗ regens immer auch in meine Kaſſe fallen, ſeufzte Pöll⸗ nitz. Ich bin deſſen gar ſehr benöthigt und harre des Goldregens mit einer heißeren Ungeduld als nur jemals die Danae es vermochte. Meine Finanzen ſind ſehr zerrüttet und mein Hauswirth droht ſchon, mir mein Mobiliar und meine wenigen Koſtbarkeiten zu verkaufen, weil ich ihm ſeit einem Nähr den Mieths⸗ zins nicht zahlte. Sie ſehen alſo, daß es für mich eine Art Nothwendigkeit iſt, das Hans in der Jäger⸗ ſtraße zu bekommen, auch habe ich ſo feſt darauf ge⸗ rechnet, daß ich bereits einige Hypotheken darauf auf⸗ genommen und mir von edlen gläubigen Seelen, welche überzeugt ſind, daß dieſes Haus mir ſchon gehört, einige Tauſend Thaler geliehen habe. Sie werden dieſes Haus haben, ſagte Fredersdorf zuverſichtlich. Der König wird es Ihnen geben als Belohnung für die Pläne und Entwürfe, die Sie für den neuen Haushalt des Königs gemacht haben. Sie haben ihm alſo dieſe Entwürfe ſchon mit⸗ getheilt? Der König hat ſie bereits Alle geleſen und iſt mit ihnen zufrieden. Die Papiere liegen in ſeinem Ka⸗ binet und bedürfen nur noch der Königlichen Unter⸗ ſchrift. Ah, wären ſie doch erſt unterzeichnet, ſagte Pöllnitz lächelnd. Welch' ein himmliſches Leben aus Tauſend und Eine Nacht wird dann hier beginnen und wie wird dann ganz Enropa ſtaunen über die Pracht und 4 Herrlichkeit, die wir hier entwickeln werden.— wie wird der Finanzminiſter Boden ſich ärgern, 3 weicher mit dem verſtorbenen Könige Mil⸗ ich werde bemüht lionen zuſammengeſcharrt hat, jetzt genöthigt iſt, ſie wieder herauszugeben und die Befehle und Unterſchriften des jungen Königs reſpectirend, zu unſern Feſten und Vergnügungen die Kaſſen zu leeren, welche er zu ganz anderen Zwecken gefüllt hat. Dieſer Boden, ſagte Pöllnitz nachdenklich, dieſer Boden iſt unſer gefährlichſter Gegner, glauben Sie das mir, welcher ſich ein wenig auf die Phyſionomieen verſteht. Ich habe ſein Antlitz ſtudirt. Er iſt ein entſchloſſener, küͤhner Mann, der, wenn er gereizt wird, ſogar im Stande wäre dem König Trotz zu bieten. Wir haben wohl alle übrigen Miniſter gewinnen und unſern Plänen geneigt machen können. Keiner von den Andern wird uns im Wege ſtehen, keiner wird Feindſchaft gegen uns üben, und vorausgeſetzt, daß wir ſie nicht beſeitigen, werden ſie uns nicht hindern zu thun, was wir wollen. Ich habe eine Art Com⸗ promiß mit ihnen abgeſchloſſen. Wir werden ihre Wünſche und ihre Wohlfahrt beim König vertreten, ſie werden uns dafür frei walten laſſen und Alles gut heißen, was wir thun*). Nur den Finanzminiſter Boden habe ich nicht zu gewinnen vermocht. Er hat meine Anſpielungen nicht verſtehen, meine Schmeicheleien und verſtohlenen Winke nicht begreifen wollen, ich habe ihn weder mit Drohungen, noch mit Freundſchaftsver⸗ ſicherungen gewinnen können und alle meine noch ſo geſchickt gezielten Pfeile ſind an dem harten Panzer ſeiner dickhäutigen Ehrlichkeit abgeprallt. Ah, um Boden dürfen Sie nicht Sorge tragen, rief Fredersdorf lachend. Er iſt ein verlorner Mann, der ganz von ſelber fällt, ohne daß wir nöthig haben *) König. Hiſtoriſche Schilderung von Berlin. Vol. V. Bd. 2. pag. 7.( 3 ihm einen Stoß zu geben. Der König haßt ihn und wartet nur auf eine Gelegenheit, ihn zu entfernen. Sehen Sie denn nicht, wie er ihn abſichtlich vernach⸗ läſſigt, wie er ihn niemals zu bemerken ſcheint, nie⸗ mals das Wort an ihn richtet und niemals mit ihm Conferenzen hält, wie er es doch ſonſt ſo häufig mit den übrigen Miniſtern thut*)? Er hat ihn nicht ſo⸗ gleich aus dem Amte entfernt, weil der König, wie Sie wiſſen, eine große Pietät hegt für ſeinen verſtor⸗ benen Vater und weil er dieſem ein Dementi gegeben haben würde, wenn er den Finanzminiſter Boden, von dem man weiß, daß er des Hochſeligen vertrau⸗ teſter Rathgeber war, und daß der König kein Ge⸗ heimniß vor ihm hatte, ſogleich verabſchiedet hätte. Aber beſchloſſen iſt ſein Untergang, deſſen können Sie gewiß ſein. Der König, der ihn gar nicht zu beachten ſcheint, hängt doch mit ſeinem Blick über ihm, wie der Adler über dem Lamm, das er verſchlingen will; eine einzige unvorſichtige Bewegung und er packt es mit ſeinen mächtigen Fängen. Und das kann vielleicht heute noch geſchehen. Heute noch? fragte Pöllnitz verwundert. Fredersdorf nickte bejahend. Der König hat heute den Bauplan, welchen Knobelsdorf auf ſeine Anord⸗ nung für das neue Palais der Königin⸗Mutter ent⸗ worfen hat, genehmigt. Es ſoll ein coloſſales Wunder⸗ werk werden, wie die Welt vielleicht kein zweites aufzuweiſen hat, ein Capitol des Nordens, zu deſſen Bau indeſſen vier Millionen erforderlich ſein werden e). Nun, der König hat dieſe Millonen auf zwei verſchie⸗ *) Ebendaſelbſt pag. 6. **) Rödenbeck. Tagebuch aus Friedrich des Großen e Lentenleben. Erſte Abtheilung pag. 15—16. ————— —.— —— 83— 9— dene Kaſſen angewieſen, auf die General⸗Kriegskaſſe 1 und auf die allgemeine Landesbaukaſſe, und Boden wird genöthigt ſein, dieſe Königlichen Anweiſungen zu reſpectiren. Thut er das, ſo iſt er freilich ein ge⸗ wiſſenloſer Beamter und der König wird ihn nicht 7 länger im Amte dulden können, thut er es nicht, ſon⸗ dern wagt es, dem Königlichen Machtgebot zu oppo⸗ niren, ſo iſt er ein Hochverräther, und der König, welcher, wie Sie wiſſen, unbedingten und ſchweigenden 8 Gehorſam von allen ſeinen Dienern und Beamten verlangt, wird ihn nicht länger um ſich dulden können. Der König fühlt das ſelber und als er mir vorher die unterſchriebenen Documente zur Beförderung an den Finanzminiſter gab, ſagte er mit einem eigen⸗ thümlichen Lächeln:„Das iſt eine neue Pille für den Miniſter Boden. Wir wollen doch ſehen, ob er dieſe auch noch wird verſchlucken können.“ Sie ſehen alſo, 3 der gute Mann befindet ſich jetzt zwiſchen zwei Klip⸗ pen, aus denen er lebendig nicht wieder hervorgehen wird. Ah, wenn es ſo iſt, ſagte Pöllnitz ſich vergnügt die Hände reibend, dann ſind wir unſeres Erfolges ſicher, dann gehört mir das Haus in der Jägerſtraße, dann ſind Sie allmächtiger Miniſter, wenn auch ohne Portefeuille, dann beherrſchen wir den Herrſcher Preu⸗ ßens und ſind die Mächtigſten und Gefürchtetſten in dieſem Lande. Ah, mein Freund, zu denken, wie alle dieſe Höflinge und Schmeichler ſich vor uns beugen werden, zu denken, daß wir Beide allein das Ohr des Königs beherrſchen und daß er nichts thun wird ohne uns. Feſte will ich erſinnen, größer und glän⸗ zender als die Feſte, welche der große Fouquet in Vaux ¹ zu Ehren Ludwigs des Vierzehnten gab und bei wel⸗ chen jeder Tag ihm vier Millionen koſtete, nur werde — 10— ich dieſe Feſte nicht in meinem, ſondern in des Königs Namen arrangiren, denn er wird es ſein, welcher alle dieſe Feſte bezahlt und nebenher auch alle meine Schul⸗ den. Denn ich werde immer wieder neue Schulden machen. Ich werde großmüthig ſein, wie Fouquet, verſchwenderiſch und üppig wie Lucull, und zuletzt, wenn ich mir eines Tages nicht mehr zu helfen weiß, werde ich wenigſtens es machen, wie der gute Heliogabal, von dem Sie mir vorher erzählten, ich werde meine Gläubiger, wenn ſie unverſchämt werden, nicht um ihr Geld betrügen, ſondern ich werde ſie nur mit Blumen erſticken. Und ich, der Niedriggeborne, der verlachte Kam⸗ merdiener, ſagte Fredersdorf mit glühenden Augen, aus denen ein dunkles unheimliches Feuer blitzte, ich, welcher ſo lange der Diener und der Knecht war, ich werde der Herr ſein. Der König liebt mich und er wird an mir immer einen ergebenen, treuen Diener finden, aber durch ihn werde ich ein unerbittlich ſtrenger Herr ſein und dieſe hochmüthigen Vaſallen, dieſe Grafen und Barone, welche achtlos an mir vorübergingen, ſie ſollen ſich jetzt vor mir in den Staub werfen und mich um Gnade anflehen. Aber ich werde unerbittlich ſein. Meine Rache wird ſie treffen und ſie zerſchmettern, denn ich beſitze das Herz des Königs und ſein Mund wird der meine ſein.. Auf goldenem, ſternenfunkelnden Wagen wollen wir dieſen gezähmten Löwen umherziehen, ſagte Pöllnitz,. mit Blüthenhonig wollen wir ihn tränken, mit Nachti⸗ gallenzungen ihn füttern, mit Lacrimae Chriſti ſeine Füße waſchen, und was die kühnſte Phantaſie und der grandioſeſte Verſchwender nur erſinnen kann, um den Gaumen zu litzeln, das wollen wir auf ſeine Tafel ſetzen. Ah, dieſe guten Römer, welche junge lebendige Pat — 11— Mädchen in ihre Teiche warfen, damit ſie Futter ſeien für ihre Aaale und das Fleiſch derſelben deſto ſaftiger und weicher würde, dieſe guten Römer ſollen ſpieß⸗ bürgerliche, empfindſame und geizige Tugendnarren geweſen ſein gegen mich! Ich werde— 3 Plötzlich verſtummte Pöllnitz und ſtarrte nach der Thür hin. In dieſer geöffneten Thür des Vorſaals erſchien ſoeben der Finanzminiſter von Boden, der ge⸗ haßte Feind, der gefürchtete und jetzt, wie man meinte, zu Grunde gerichtete Gegner. Ohne Gruß niäherte ſich dieſer Mann mit den ernſten, ehernen Zügen den beiden Freunden, welche ihn erſtaunt und mit faſt unverſchämten Blicken an⸗ ſtarrten. 3 Haben Sie die Güte, mich Sr. Majeſtät anzu⸗ melden, ſagte er mit kalter Ruhe zu Fredersdorf. Hat Se. Majeſtät Sie zur Audienz befohlen? fragte Fredersdorf nachläſſig. Der König hat mich nicht befohlen, aber ich bin gekommen, um in wichtigen Geſchäftsangelegenheiten den König zu ſprechen. Sagen Sie das Sr. Ma⸗ jeſtät. Fredersdorf ging in das anſtoßende Kabinet, in welchem der König ſich befand. Mit einem trium⸗ phirenden, boshaften Blick auf den Finanzminiſter kehrte er zurück. Der König läßt Ihnen ſagen, wenn er mit Ihnen ſprechen wollte, würde er Sie rufen laſſen! Das ſind die eigenen Worte des Königs*)! Richten Sie Sich alſo künftig darnach. Das Antlitz des Miniſters blieb vollkommen kalt *) König. Hiſtoriſche Schilderung de. Theil V. Band 2.— g. 9. — 12— und ruhig, nur ſeine Lippen zitterten ein wenig, als er mit feſter Stimme ſagte: es iſt möglich, daß der König mich nicht ſprechen will, ich aber habe die dringendſte Veranlaſſung, ihn zu ſprechen, und ich be⸗ harre darauf, den König um eine Audienz zu bitten, ich verlange es als vereideter Beamter und Miniſter. Gehen Sie und ſagen Sie das Sr. Majeſtät. Das ſind ſehr unehrbietige und ſtolze Worte, ſagte Pöllnitz mit ſeinem ſüßlichen Lächeln. Die ich indeſſen getreulich Sr. Majeſtät referiren werde, ſagte Fredersdorf, wieder in das Kabinet des Königs gehend. Ich fürchte, Excellenz, Sie werden dieſe kühne Sprache theuer büßen müſſen, flüſterte Pöllnitz. Fürchten Sie nichts, ſagte der Miniſter mit einem verächtlichen Lächeln, ich bin ein zu guter Finanzmann, um nicht vor einer theuren Buße mich bewahren zu wollen. Fredersdorf kehrte mit finſterem Geſicht zurück. Der König erwartet Sie, Herr Miniſter, ſagte er, an der geöffneten Thür ſtehen bleibend. Der Miniſter ging ſtolz und aufgerichteten Hauptes durch den Saal zu der Thür hin. An Fredersdorf vorübergehend, warf er auf dieſen einen Blick ſtolzer Verachtung, den dieſer mit einem ſchadenfrohen, höh⸗ niſchen Lächeln erwiderte. Der Fuchs iſt gefangen, flüſterte Fredersdorf, als er die Thür des Königlichen Kabinets hinter Boden ſchloß. Sie glauben? ſeufzte Pöllnitz. Es beunruhigt mich ein wenig, daß der König ihn angenommen hat. Fürchten Sie nichts. Es iſt ohne Zweifel geſchehen, um ihn ſofort ſeines Amtes zu entſetzen. Des Königs Augen ſchoſſen Blitze und ſeine Stirne, welche ſonſt — 13— immer ſo klar und heiter iſt, war bewölkt. Das be⸗ deutet ein nahendes Unwetter. Möge es ſich alſo über Bodens Haupt ergießen. Ja, möge es das. Kommen Sie und laſſen Sie uns ein wenig den Verlauf des Gewitters beobachten. Es giebt nichts Lehrreicheres, als ſolches Studium eines Königlichen Unwetters. Nun denn! Studiren wir es! Und die beiden Hofleute ſchlichen leiſe auf den Zehen, zu der Thür des Kabinets hin und ſchoben leiſe und vorſichtig die Falten der Portièére ein wenig auseinander, um nicht blos hören, ſondern auch ſehen zu können. II. Der Rönig und der Finanzminiſter. Der König empfing den eintretenden Finanzminiſter mit einem ſtummen, ernſten Kopfneigen. Er ſtand an ſeinen Schreibtiſch gelehnt, mit ineinander geſchlagenen Armen und ſeine großen Augen waren mit einem ſcharfen, durchbohrenden Ausdruck auf das Antlitz des Herrn von Boden gerichtet. Aber Boden wich dem Königlichen Adlerblicke, der wohl im Stande war, den Kühnſten zu verwirren, nicht aus, er ſchlug ſeine Angen nicht nieder und nichts an ihm verrieth Verwirrung oder Angſt. Sie haben darauf beſtanden, mich zu ſprechen, ſagte der König mit ſtrengem Ton, laſſen Sie alſo jetzt hören, was Sie mir zu ſagen haben. 8 — 14— Sehr viel, Ew. Majeſtät, und ich werde die Ge⸗ duld und Nachſicht meines Königs ſehr zu beanſpruchen haben, denn ich fürchte, daß das, was ich zu ſagen habe, Ew. Majeſtät etwas trocken und langweilig er⸗ ſcheinen möchte. Reden Sie. Ich werde ſelber ermeſſen, wie weit ich Ihnen meine Geduld und Nachſicht bewilligen kann. Ew. Majeſtät ſind ein edler, feuriger, gelehrter Herr. Ew. Majeſtät ſind außerdem jung und die Jugend hat immer den ſchönen und kühnen Willen, auch das Alte, Beſtehende zu verjüngen und die Welt einen Schritt vorwärts zu rücken. Ew. Majeſtät will das, kann das und— muß das thun. Denn Gott hat Ihnen nicht allein die Macht, ſondern auch den Geiſt und die Kraft dazu verliehen. Ew. Majeſtät werden daher Vieles ändern, Vieles neugeſtalten wollen, die alte Zeit wird der neuen, glanzſtrahlenden weichen müſſen. Ich begriff das, als ich meinem jungen König zuerſt in's Auge ſchaute, in dieſes Auge, in welchem für Preußen eine große und glorreiche Zukunft ge⸗ ſchrieben ſteht. Ich begriff, daß wir alle, die wir dem hochſeligen König gedient, vielleicht nicht würdig und nicht jung genug erſcheinen möchten, um die Umwand⸗ lungen und Veränderungen auszuführen, welche der Königliche Nachfolger Friedrich Wilhelms des Zweiten beſchließen möchte. Ich erwartete alſo meine Ent⸗ laſſung,— aber ſie kam nicht. Ew. Majeſtät ent⸗ ſetzten mich nicht meines Amtes, und ich geſtehe Ew. Majeſtät, ich empfand eine lebhafte Freude dar⸗ über. Ich ſagte zu mir ſelbſt: Der König will alſo nicht umſtoßen, ſondern nur verbeſſern, nnd wenn er glaubt, das mit uns zu können, nun ſo wollen wir mit heiligem Eifer ihm dienen und ſeinen Willen voll⸗ führen. Ich kenne die geheime Maſchinerie des Staats⸗ — 15— haushaltes, der hochſelige König hatte kein Geheimniß vor mir. Ich werde dem jungen König dieſe Geheim⸗ niſſe ſagen, ich werde ihn vertraut machen mit dieſer ſo complicirten, ſo weitverzweigten Maſchinerie, ich werde die Ehre haben, ihm meine Kenntniß der Ver⸗ wendung aller Staatseinkünfte mitzutheilen, alſo das Glück haben, meinem König und meinem Vaterlande noch einige nützliche Dienſte zu erweiſen. Das ſind ſehr freundliche und vielleicht auch gut gemeinte Anerbietungen, welche Sie mir da machen, ſagte der König mit einem leichten Lächeln. Indeſſen bedarf ich zum Glück derſelben nicht. Ich weiß bereits Alles, was ich wiſſen muß, und da ich unter den Papieren meines Vaters alle General⸗Etats der Staats kaſſen gefunden habe, ſo geht daraus hervor, daß ich ſehr genau weiß, was ich einzunehmen, aber auch was ich auszugeben habe. Außerdem aber iſt dieſe ganze Sache nicht ſo wichtig, daß ich mich darüber in weit⸗ läufige Details einlaſſen will, zudem iſt meine Zeit beſchränkt und ich habe Wichtigeres und Beſſeres zu thun, als über die Finanzen zu ſprechen. Nein, Majeſtät, rief der Miniſter lebhaft, Ew. Ma⸗ eſtät haben nichts Wichtigeres und auch— nichts Beſſeres zu thun. Die Finanzen, das ſind die Pulsadern in dem Körper des Staats und der ganze Organismus wird erkranken und abſterben, wenn dieſe keinen ſtockenden und unregelmäßigen Schlag haben. Nun, ſo muß man ihnen zur Ader laſſen, rief der König lachend, und das werde ich thun. Ich bin der Arzt dieſes Staatskörpers, Sie ſind weiter nichts als mein Chirurg; wenn ich alſo einen Aderlaß nöthig halte, ſo werden Sie die Ader ſchlagen und ſo viel goldenes Blut heraus fließen laſſen, als mir gut dünkt und als ich bedarf. 8 — 16— Nein, das werde ich nicht thun, Majeſtät, ſagte Boden feſt. Ew. Majeſtät kann mich alsdann fortjagen, aber Sie können mich nicht zwingen, zu thun, was wider mein Gewiſſen iſt. Boden! rief der König mit ſo gewaltigem, zürnen⸗ dem Ton, daß ſelbſt die beiden horchenden Höflinge erbebten und ſich erblaſſen fühlten. 3 Dieſer Mann iſt ſchon eine Leiche, flüſterte Pöllnitz. Ich rieche ſchon bis hierher den erfreulichen Duft ſeiner Leiche. Wir werden ihn begraben und ſeine lachenden Erben fein. Sehen Sie nur, ſehen Sie nur dieſe fürchterlichen Blicke des Königs, flüſterte Fredersdorf. Seine Augen zerſchmettern dieſen Uebermüthigen, wie der Blitz des Zeus die Titanen zerſchmetterte. Ja, Sie haben Recht, der Herr von Boden iſt ein todter Mann; der König iſt in ſo fürchterlichem Zorn, daß er nicht die Kraft hat zu ſprechen. Doch, er öffnet eben den Mund. Hören wir. Boden, ſagte der König nach einer langen Pauſe, Sie vergaßen, daß Sie mit dem Sohn und nicht mit dem Vater ſprachen. Sie waren der Liebling Fried⸗ rich Wilhelms, aber Sie ſind der meine nicht und ich werde daher eine ſo rückſichtsloſe und vertrauliche Weiſe nicht dulden. Vergeſſen Sie das nicht und jetzt reden Sie weiter.— So lange ich noch im Amte bin, ſagte der Mi⸗ niſter mit einer leichten Verbeugung, ſo lange iſt es meine erſte und heiligſte Pflicht, Ew. Majeſtät frei und offen meine Meinung zu ſagen, und verzeihen Ew. Majeſtät, Ihnen nach meinen beſten Kräften und Einſichten meinen Rath zu ertheilen; nachher ſteht es in dem Ermeſſen Ew. Majeſtät, ihn zu verwerfen und anders zu verfahren und zu handeln, als es der 8. — 17— bisherigen Verfaſſung der Staatsverwaltung ange⸗ mmeſſen iſt. Die erſte und nächſte Pflicht eines Dieners iſt, ſeinen Rath nur dann zu ertheilen, wenn ſein Herr denſelben verlangt. Ich aber habe denſelben nicht be⸗ ggehrt und Sie hüätten ſich daher dieſer unnützen Mühe überheben können. Ew. Majeſtät haben meinen Rath nicht begehrt, das iſt wahr, ſagte der Finanzminiſter mit einem bit⸗ teren Lächeln. Ew. Majeſtät haben ſich nur dann mmeiner erinnert, wenn es galt, mir Befehle zu geben zur Ausleerung irgend einer Königlichen Kaſſe. Ew. Ma⸗ jeſtät vermeinten des Finanzminiſters nicht zu bedürfen, da Sie die General⸗Etats beſaßen. Aber dieſe kennt jeder der übrigen Miniſter auch und doch wären ſie nicht im Stande, darnach die Verwendung der König⸗ lichen Einkünfte zu beurtheilen und zu ſagen, nach welchen Verhältniſſen dieſe, den Kräften des Staats gemäß, zu verwenden ſind. Dies, mein König, be⸗ Qdarf noch einer beſonderen Kenntniß, einer beſonderen Einſſicht und ich als Finanzminiſter darf mich rühmen, ddieſe vor den andern Miniſtern voraus zu haben. Des Königs Stirn legte ſich in immer drohendere Faalten, ſeine Geſtalt richtete ſich immer ſtolzer, gebie⸗ tender empor. 4 1 Das Alles mag ſein, ſagte er ungeduldig. Aber ich bin nicht Willens, mir für meine Handlungen ein⸗ ſchränkende Geſetze vorſchreiben zu laſſen. Auch werde ich nicht, wie mein Vater, glanzlos und ſparſam leben und nur darauf bedacht ſein, Millionen zuſammen zu ſcharren. Das that der König nicht, rief der Miniſter leb⸗ haft. Der König ſparte, aber er ſcharrte nicht zu⸗ ſammen, und wo es Noth that, wußte er wahrhaft Friedrich der Große. III. 2 — 18— Königlich und mit vollen Händen zu geben. Das be⸗ weiſen die lithauiſchen Provinzen, das beweiſen die Städte und Dörfer, welche er dort aus Schutt und Trümmern wieder erbauen ließ, das beweiſen dieſe halbe Million glücklicher Menſchen, welche in Frieden und Freudigkeit jetzt dort lebt, wo vormals eine von Peſt und Noth verheerte Wüſte war. Mehr als drei Millionen Thaler hat der König für Litthauen ausge⸗ geben, indeß er freilich hier in ſeinem eigenen Schloſſe mit ängſtlicher Sorgfalt den Küchenzettel ſeiner eigenen Königlichen Tafel überwachte. Nein, der König hat nicht nur Millionen zuſammengeſcharrt, er hat ſie auch würdig auszugeben verſtanden. Dieſer Menſch muß wahnſinnig ſein, flüſterte Pöll⸗ nitz faſt mitleidig. Er wagt es, den verſtorbenen König auf Koſten ſeines Nachfolgers dieſem in’'s Angeſicht zu loben. Das iſt eine Tollkühnheit und Dummheit, die ihm den Hals brechen muß. Der König hat ſich von ihm abgewendet, ſagte Fredersdorf, ſehen Sie, er geht zum Fenſter hin und ſchaut hinaus. Er will offenbar ſich ſelber Zeit geben, ſeinen Zorn zu bemeiſtern und die Luſt zu bezwingen, dieſen Unverſchämten mit eigenen hohen Händen zur Erde zu ſchleudern. Wiſſen Sie, ſagte Pöllnitz lachend, daß ich im Stande wäre, dieſem Boden Hundert Flaſchen Cham⸗ pagner aus dem Keller meines Hauſes in der Jäger⸗ ſtraße zu geben, wenn ich dafür die Freude haben könnte, zu ſehen, daß der König ihn mit eigener Hand beſtrafte? Der König wandte ſich jetzt wieder dem Miniſter zu, welcher ruhig und wie ein Mann, hper auf Alles gefaßt, zu Allem reſignirt iſt, ihm entgegen ſah. Wie die Höflinge da draußen, glaubte auchter, daß des Königs Zorn ihn jetzt zerſchmettern werde. ——. Aber Friedrichs Antlitz war ruhig, faſt heiter, und ein wunderbarer, milder Glanz leuchtete aus ſeinen Augen. Nun, ſagte er ſanft, wenn Sie meinen Vater ſo ſehr loben, weil er es auch verſtand Millionen aus⸗ zugeben, ſo werden Sie auch mit mir zufrieden ſein. Denn ich werde ihm darin nacheifern. Ich werde damit anfangen, meinen Hofſtaat auf einen wahrhaft Königlichen Fuß zu ſetzen und ſo zu leben, wie es eines Königs von Preußen würdig iſt. Schon ſind die nöthigen Vorkehrungen dazu getroffen und auch ein detaillirter Plan iſt ſchon dazu bereit. Dort auf dem Tiſche liegt er und ich werde ihn noch heute un⸗ terzeichnen. Darf ich ihn leſen, Majeſtät? fragte Boden, zu dem Schreibtiſch tretend. Der König nickte. Boden nahm das Papier und überflog es mit haſtigen Blicken, während der König, die Hände auf dem Rücken gefaltet, mit haſtigen Schrit⸗ ten auf⸗ und abging. Ich finde, daß der König merkwürdig langmüthig und geduldig iſt, murmelte Fredersdorf. Es iſt ſonſt mit dem er zerſchmettern will.*.—* er. Und mit welchem unverſchämten Lächeln dieſer Menſch da meinen Plan lieſt, ſagte Pöllnitz zähneknirſchend. Wahrhaftig, man ſollte glauben, daß er es wagt, ihn zu verſpotten. Haben Sie geleſen? fragte der König, vor dem Miniſter ſtehen bleibend und ihn mit ſcharfen Blicken beobachtend. Ja, Majeſtät, ich habe ihn geleſen. Nun und was halten Sie davon? B Daß nur der Herr von Pöllnitz, welcher bekanntlich nicht in ſeiner Weiſe, den Blitz ſo lange zurückzuhalten, — 20— kein Geld, ſondern nur Schulden kennt, einen ſolchen Plan entwerfen konnte, einen Plan, zu deſſen Reali⸗ ſirung es nicht blos preußiſchen Geldes, ſondern einer Goldquelle aus Tauſend und eine Nacht bedürfe. Ah, ich werde dieſem Unverſchämten den Hals brechen, das ſchwöre ich, murmelte Pöllnitz. Ueber des Königs Antlitz war ein unmerkliches Lächeln geflogen. Sie billigen dieſen Plan alſo nicht? fragte er. 3 Ew. Majeſtät, wir haben keine Kaſſen, auf welche dieſe Gelder angewieſen werden könnten, und wenn Ew. Majeſtät ſich auch entſchließen wollen, die zu einem ſolchen Hofſtaat nothwendigen Summen aus dem Staats⸗ ſchatz zu entnehmen, ſo würde auch dieſer ſchon binnen des erſten Jahres erſchöpft ſein. Nun, laſſen wir jetzt den Plan und ſagen Sie mir zuvörderſt, wie ſteht es mit den Anweiſungen zu „dem Schloßbau für die Königin⸗Mutter? Sie haben meine Inſtructionen erhalten? Ich habe ſie erhalten. Und Sie haben die Gelder angewieſen? Nein, Majeſtät, ich kann es nicht. Wie? Sie können es nicht, wenn ich, Ihr König und Ihr Herr es gebiete? rief Friedrich mit donnern⸗ der Stimme. 3 Boden verneigte ſich ehrfurchtsvoll. Majeſtät, es giebt noch einen höhern Herrn, das iſt mein Gewiſſen. Mein Gewiſſen aber verbietet mir, dieſe Summen aus den, von Ew. Majeſtät bezeichneten Kaſſen zu entnehmen. Es ſind vier Millionen, welche Ew. Majeſtät fordern, und Sie verlangen, daß dieſe von Kaſſen geliefert werden, welche zur Erhaltung der ganzen Armee und zur Unterſtützung nothleidender und von Unglück gee troffener Städte und Ortſchaften beſtimmt ſind. Ich — erkenne es an, daß der Hof des hochſeligen Königs ein wenig zu dürftig eingerichtet war und daß Ew. Ma⸗ jeſtät hier Aenderungen für nothwendig erachten mögen, wenn aber dazu ſolche zu andern Zwecken beſtimmte Fonds verwandt werden ſollen, ſo werden Ew. Majeſtät entweder Ihre Unterthanen mit neuen Steuern belaſten, oder die Armee vermindern müſſen. Meine Armee vermindern! rief der König lebhaft. Nimmermehr wird das geſchehen. So geruhen Ew. Majeſtät, wenn durchaus der Bau eines Schloſſes nothwendig iſt, die Summen dazu aus der Königlichen Schatzkammer zu entnehmen. Sie enthält, wie Ew. Majeſtät wiſſen, ſieben Millionen preußiſche Thaler, und da kein Krieg in Ausſicht ſteht, ſo dürfen Ew. Majeſtät es wohl wagen vier Mil⸗ lionen von dieſen ſieben zu einem Schloßbau zu ver⸗ wenden. 3 Nein, das geht nicht an, mein Herr. Dieſe Mil⸗ lionen ſind ſchon zu anderen Zwecken beſtimmt. Sie ſollen aus den von mir bezeichneten Kaſſen entnommen werden. Ich hatte ſchon die Ehre Ew. Majeſtät die Folgen eines ſolchen Verfahrens zu bezeichnen. Da Ew. Ma⸗ jeſtät aber erklären, die Armee nicht verringern zu wollen, ſo bliebe denn nur noch übrig, dem Volke neue Steuern aufzuerlegen. Nun, thun wir das, ſagte der König nachläſſig. Sie geben mir das Geld aus den bezeichneten Kaſſen, dann ſchreiben wir eine neue Steuer aus, und dieſe möglichſt einträglich zu erſinnen, das iſt Ihre Sache! Der Miniſter ſah den König mit einem ſchmerz⸗ lichen Erſtaunen an und ein tiefer Kummer malte ſich in ſeinen Zügen. 3 Wenn es ſo iſt, Ew. Majeſtät, ſagte er mit zit⸗ ternder, tiefbewegter Stimme, dann iſt für mich die Stunde der Entſcheidung gekommen und ich weiß, was ich zu thun habe. Ich bin nicht mehr jung genug, Majeſtät, um die Laſten eines Portefeuilles zu ertragen; ich gehöre noch der alten ſteifen Zopfzeit an und meine Ideen ſind nicht die Ideen dieſer neuen, jungen Zeit. Ich bitte alſo Ew. Majeſtät in Demuth und Ergebenheit, mich aus meinem Dienſte zu entlaſſen. Hier ſind die Papiere, welche die Anweiſungen für den Schloßbau enthalten. Ew. Majeſtät wird leicht einen Andern finden, welcher Ihre Befehle vollführt. Ich bin dieſem Poſten eines Finanzminiſters nicht mehr gewachſen. Ich bitte alſo um meinen Abſchied, Majeſtät. Endlich! rief der König mit ſtrahlenden Augen. Endlich! wiederholte Pöllnitz. Ja, wahrhaftig, es hat lange gedauert, ehe dieſer zähe Menſch ſich dazu entſchließen konnte. Nun, ſagte ich Ihnen nicht, daß der König durch⸗ aus eine Gelegenheit ſuchte, Boden los zu werden? fragte Fredersdorf triumphirend. Aber hören wir weiter. Nicht doch, mein Freund. Wozu noch Weiteres hören. Boden hat ſeinen Abſchied gefordert und der König hat ihn angenommen, das wiſſen wir. Ich geſtehe, daß mir der Rücken weh thut von dieſer ewig gekrümmten Stellung. Ich bedarf der Erholung und werde hingehen, eine Flaſche Cham⸗ pagner auf das Wohl des neuen Finanzminiſters zu leeren. Sie und ich hier im Vorſaal bleiben und warten Nicht doch. Der König fragte nach Ihnen, als ich Boden zum zweiten Male meldete. Er befahl, daß — a ollen, bis er rufen würde, da er Wichtiges mit Ihnen zu reden habe. Ohne Zweifel will er mir heut die Schenkungs⸗ acte meines Hauſes übergeben, ſagte Pöllnitz lächelnd. Warten wir alſo hier. Sehen Sie, dort in der letzten Fenſterniſche ſtehen ein Paar ſehr einladende Lehnſtühle. Exrgreifen wir Beſitz von ihnen. Er nahm den Arm des Geheimen Kämmerers und ging mit ihm zu den bezeichneten Sitzen hin. Endlich! hatte der König geſagt, als der Finanz⸗ miniſter von Boden ſeinen Abſchied forderte, dann nach einer kleinen Pauſe fügte er hinzu: mir ſcheint, Sie haben ein wenig lange gezögert, Ihren Abſchied zu fordern. Es iſt wahr, ſagte Boden traurig, ich hatte wohl ſchon Veranlaſſung dieſen Schritt früher zu thun. Aber ich hoffte immer noch, meinem König nützlich zu ſein. 3 Und dieſe Hoffnung ſoll Sie nicht betrogen haben, ſagte der König, auf Boden zuſchreitend und ihm die Hand auf die Schulter legend. Ich kann Ihnen den geforderten Abſchied nicht bewilligen. Der Miniſter blickte erſtaunt zu dem König empor. Das Antlitz Friedrichs war jetzt von einer wunder⸗ baren Schönheit. Ein Ausdruck tiefer Rührung und ſanfter Güte ſprach aus ſeinen edlen Zügen, ſeine großen, lichtblauen Augen ſtrahlten in einem milden, wohlthuenden Glanz und ein ſanftes, gütevolles Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Wie? Ew. Majeſtät wollen mir meinen Abſchied nicht geben? fragte Boden. Nein, denn es wäre ſehr thöricht, mich eines ſo edlen und treuen Dieners berauben zu wollen, ſagte der König mit dieſem milden und innigen Ton, der niemals verfehlte die Herzen Derer, die ihn hörten, zu treffen, und der jetzt Thränen der Rührung in des Miniſters Augen drängte. Sehr thöricht wäre es, fuhr der König fort, einem Miniſter ſeinen Abſchied zu geben, weil er gethan, was ich gefordert, weil er die Intereſſen meiner Unterthanen über meinen eigenen Willen geſtellt, weil er ſelbſt meinem Zorn getrotzt hat, um ſeinem Gewiſſen Genüge zu thun. Nein, Boden, ich bin nicht ein ſo großer Verſchwender, um einen ſolchen Schatz von mir werfen zu wollen. Aber damit Sie Ihren König auch recht erkennen, will ich Ihnen jetzt ein Geſtändniß machen. Man hatte Sie bei mir verleumdet und mich mißtrauiſch gegen Sie gemacht. Man ſchrieb es Ihnen wie Eckardt zur Laſt, daß das Volk hungerte, während der Staats⸗ ſchatz gefüllt war, man nannte Sie einen käuflichen Schmeichler, der unbedingt, um in ſeinem Amte zu bleiben, den Willen des Königs vollführte, wie unge⸗ recht dieſer immer ſein möchte. Ich wollte Sie alſo prüfen, Sie auf die Probe ſtellen, um zu ſehen, ob man Recht gehabt, oder ob man Sie verleumdet habe. Ich behandelte Sie daher geringſchätzig, ich gab Ihnen Aufträge, deren Erfüllung Sie bedrücken mußte, ich belaſtete Ihre Kaſſen auf eine ungebührliche Weiſe. Ich wollte wiſſen, ob Sie nur mein gehorſamer Diener, oder ein redlicher Mann ſind. Nun, Sie haben mich lange auf dieſes Wiſſen warten laſſen und Ihre Langmuth und Geduld iſt groß geweſen. Heute wagte ich den letzten Schritt und bei Gott, hätten Sie auch dies Mal meine ungerechten und unweiſen In ſtructionen vollführt, ſo würde ich Sie nicht allein Ihres Amtes entſetzt, ſondern ich würde Sie ſtreng zur Rechenſchaft gezogen haben, denn Sie wären dann ein unredlicher Beamter geweſen, und um dem König —— 7 ſchmeichleriſch zu dienen, würden Sie Sich verſündigt haben an meinem Volk, an meinen Unterthanen, deren Wohl mir heilig iſt und welche nicht mit neuen Ab⸗ gaben belaſtet werden ſollen. Gelobt ſei Gott, daß ich ſagen kann, ich habe meine Beſtimmung erkannt! Möchten es alle Fürſten thun! Möchten ſie auf den Zweck ihrer Einſetzung zurückgehen, ſo würden ſie dann ſehen, daß dieſer Raug, auf welchen ſie ſo eiferſüchtig ſind, daß ihre Erhebung nur das Werk der Völker iſt; daß dieſe Tauſende von Menſchen, die ihnen anvertraut ſind, ſich durchaus nicht zu Sclaven eines einzigen Menſchen geſtempelt haben, um ihn deſto furchtbarer und mächtiger zu machen, daß ſie ſich durchaus nicht einem Bürger unterworfen haben, um die Märtyrer ſeiner Launen und der Spielball ſeiner Einfälle zu ſein, ſondern, daß ſie ſich denjenigen unter ihnen er⸗ leſen haben, den ſie für den Gerechteſten gehalten haben, um ſie zu regieren, für den Beſten, um ihnen Vater zu ſein, für den Menſchenfreundlichſten, um bei ihrem Unglück mitzufühlen und ſie aufzurichten, für den Muthigſten, um ſie gegen ihre Feinde zu ver⸗ theidigen, für den Weiſeſten, um ſie nicht zu unge⸗ legener Zeit in verheerende und verderbliche Kriege zu verwickeln. Den Mann endlich, der ihnen am geeig⸗ netſten ſchien, den Staatskörper zu vertreten und dem die ſouveraine Macht zur Stütze der Geſetze und der Gerechtigkeit dienen ſollte, nicht aber zum Mittel, um ungeſtraft Verbrechen zu begehen und unwürdige Ty⸗ rannei auszuüben*).— Das iſt meine Anſicht von dem Beruf eines Fürſten, ſo will ich ihn erfüllen und darin ſollen Sie mir beiſtehen, Boden! *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres Posth. 5 4 7 T. 6. pag. 48. — 26— In des Miniſters Augen ſtanden Thränen freudiger Rührung, edler Begeiſterung. Er neigte ſich über die dargereichte Königliche Hand und küßte ſie. Oh, ſagte er mit Innigkeit, wie gnädig iſt Gott meinem Vater⸗ lande geweſen, daß er ihm einen ſolchen Fürſten ge⸗ geben hat. Sie wollen alſo nicht mehr Ihren Abſchied? fragte der König lächelnd, Sie ſind es zufrieden, mir noch länger zu dienen, vorausgeſetzt, daß ich meine Armee nicht verringere und meinen Unterthanen keine neuen Steuern auferlege? Ich werde glücklich und ſtolz ſein, meinem Könige noch länger dienen zu dürfen, ſagte Boden tief gerührt. Aber ich ſage Ihnen, es wird dies kein leichter Dienſt ſein und auch kein ſo bedeutſamer und wich⸗ tiger, wie die Herren Miniſter vielleicht gedacht haben. Ich werde alle meine Miniſter ſehr in Anſpruch neh⸗ men, ſehr viel Arbeit von ihnen verlangen, aber auch ich ſelbſt werde ſehr viel arbeiten, denn ein müßiger Fürſt, dünkt mich, iſt ein Geſchöpf, das der Welt ſehr wenig nützt. Ich will meinem Jahrhundert wenigſtens ſo viel dienen, als ich irgend kann*). Aber ich will es allein, unabhängig, ſelbſtſtändig thun. Meine Mi⸗ niſter werden daher nur die ausführenden Werkzeuge meines beſtimmenden und lenkenden Willens ſein. Sie werden ſehr viel Arbeit, aber wenig Einfluß haben, denn ich werde niemals einen Günſtling haben und niemals einem Willen folgen, außer dem meinen. Aber ich werde immer fordern, daß ſie mir ihrer Ueber⸗ zeugung gemäß auf meine Fragen antworten und daß ſie mich darauf aufmerkſam machen, wenn ich aus avec Voltaire. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Correspondance Uebereilung oder aus Irrthum in einen Fehler ver⸗ fallen möchte. Ich werde das thun, ſo wahr mir Gott helfen und die Kraft verleihen wird, meinem König und meinem Vaterlande treu und erfolgreich zu dienen, rief Boden tiefbewegt. Wir ſind alſo einig, ſagte der König freundlich. Sie bleiben mein Finanzminiſter. Hätten Sie Ihre Entlaſſung nicht gefordert, ſo würde ich ſie Ihnen ge⸗ geben haben, denn ich würde dann geſehen haben, daß Diejenigen, welche Sie verleumden, Recht hatten, und daß Ihnen nur daran lag, um jeden Preis Miniſter zu bleiben. Sie haben mir aber bewieſen, daß Sie ein redlicher Mann ſind und darum bleiben Sie, was Sie ſind, mein Finanzminiſter. Aber, fuhr der König fort, und jetzt nahm ſein leicht bewegliches Geſicht wieder einen eigenthümlichen, innigen und erhabenen Ausdruck an, ich habe Sie nicht blos als einen red⸗ lichen Beamten erkannt, ſondern auch als einen uner⸗ ſchrockenen, kühnen und wahrheitsliebenden Mann, als einen treuen Freund, als einen Unterthanen, der für empfangene Wohlthaten dankbar iſt und ſeinen König nicht aufhört zu lieben, ſelbſt wenn dieſer ſchon ge⸗ ſtorben iſt. Sie haben den Muth gehabt, den ver⸗ ſtorbenen König zu vertheidigen, als ſein Nachfolger ihn zu tadeln ſchien. Dafür kann Ihnen der König nicht danken, ſondern nur der Sohn, indem er zu Ihnen ſagt: komm an mein Herz, Du treuer und edler Diener meines Vaters. Komm und laß Dich um⸗ armen! Wir Könige ſind zu arm, um die Treue und die Liebe anders zu belohnen, als mit Liebe. Der König breitete ſeine Arme aus. Boden warf ſich mit einem Ausruf des Entzückens an ſeines Königs Herz und weinte laut. — 28— Nun, ſagte Friedrich nach einer langen Pauſe, wir kennen uns alſo jetzt und wiſſen, was wir von einander zu halten haben, und das iſt immer ſchon ein großer Gewinn in dieſer Welt voll Verſtellung, Heuchelei und Tücke. Auch will ich Ihnen ſogleich einen Beweis geben, daß ich mein Ohr nicht den ver⸗ nünftigen Rathſchlägen meiner Miniſter verſchließen will, und ihren begründeten Vorſtellungen ſogar meine perſönlichen Wünſche zu opfern bereit bin. Ich werde dieſes Palais für die Königin⸗Mutter nicht bauen laſſen. Sie haben mir bewieſen, daß keine unſerer Kaſſen mit dieſen Ausgaben belaſtet werden kann, und ich kann nicht vier Millionen zu einem Schloßbau aus dem Staatsſchatz entnehmen, der bald zu ganz anderen und wichtigeren Zwecken gebraucht werden wird.— Aber in dem Königlichen Haushalt werden einige Aenderungen nothwendig ſein, und wünſche ich ihn glänzender, mehr der Würde eines Königs angemeſſen. Nehmen Sie alſo dieſe Entwürfe und Pläne mit ſich. Streichen Sie davon das Ueberflüſſige, ſehen Sie zu, wie viel davon bleiben kann und ſagen Sie mir, auf welchen Etat wir dieſe Mehrausgaben ſetzen können*). . III. Die enttäuſchten Höflinge. Während der König ſeinem Miniſter die köſtlichen Entwürfe des Baron Pöll nitz übergab, ſaß dinſer pag. 15. **) Könis. Schilderung vo Berlin. Theil V. Bt. 2 — in lächelnder Sicherheit mit ſeinem Freunde Freders⸗ dorf draußen im Vorſaal und unterhielt ſich mit ihm von der herrlichen, freudvollen und goldſtrahlenden Zu⸗ kunft, und von den Feſten insbeſondere, welche er in ſeinem Hauſe in der Jägerſtraße geben werde. Aber jetzt endlich öffnete ſich die Thür des König⸗ lichen Kabinets und der Finanzminiſter trat wieder in den Vorſaal. Pöllnitz und Fredersdorf ſtanden auf, aber nicht um ihn zu begrüßen, ſondern um mit einem kalten und geringſchätzenden Lächeln an ihm vorüberzugehen und ſich dem Kabinet des Königs zu nähern. Plötzlich erſtarb das Lächeln auf Pöllnitz Lippen, ſein Auge ward ſtarr und er blieb mitten im Saal, gerade vor dem Miniſter ſtehen. Was ſind das für Papiere, welche Sie da haben? fragte er athemlos, ſeine Hand haſtig ausſtreckend, als wolle er dieſe Papiere den Händen des Finanzminiſters entreißen. Boden wehrte ihn mit verächtlichem Achſelzucken zurück. Es ſind Papiere, welche mir Se. Majeſtät übergeben haben, damit ich ihren Inhalt prüfen und ermeſſen ſoll, ob Vernunft darin, oder ob nur der Unverſtand und die Thorheit ſie beſchrieben haben. Mein Herr! rief Pöllnitz außer ſich, dieſe Papiere — aber er verſtummte, denn eben öffnete ſich wieder die Thür des Kabinets und der König ſelber trat in den Vorſaal. Sein Auge überflog wie ein flackernder Blitz die drei Herren; er ſchien in ihren Mienen die Gedanken ihrer Seele geleſen zu haben, denn er lächelte und warf einen ſpöttiſchen Blick auf Pöllnitz, welcher mit Mühe ſeinen Zorn hinunter würgte. 3 Noch Eins, Herr Miniſter, ſagte der König, ich abe noch vergeſſen, daß ich Ihnen eine kleine Ueber⸗ raſchung zugedacht habe. Sie ſind, wie ich weiß, nicht reich, obwohl Sie Finanzminiſter ſind, und man hat mir geſagt, daß Sie nur beſchränkt und kaum Ihres Ranges würdig wohnen. Wir müſſen das ändern und ich weiß glücklicher Weiſe ein Haus, von dem mir ſogar der Baron von Pöllnitz geſagt hat, daß es anſtändig und eines Edelmannes würdig ſei. Ich ſchenke Ihnen dies Haus mit ſeinem ganzen In⸗ halt. Von dieſer Stunde an gehört es Ihnen, und Sie, Herr von Pöllnitz, werden jetzt mit Boden gehen, ihm ſein Haus zu zeigen, ihn in demſelben umherzu⸗ führen und ihm alle Vorzüge und Annehmlichkeiten deſſelben ſo auseinanderzuſetzen und zu rühmen, wie Sie es mir ſo oft gethan. Herr von Pöllnitz ſtand bleich, zitternd und ganz verwirrt da. Ich weiß nicht, von welchem Hauſe Ew. Majeſtät ſprechen, ſtammelte er, und von welchem Hauſe ich geſagt haben kann, daß es des Finanzminiſters von Boden würdig ſei. Nicht des Finanzminiſters, aber eines Edelmannes, und Boden iſt ein Edelmann nicht blos dem Namen, ſondern auch der Geſinnung und der That nach, er iſt es alſo ganz werth jenes Haus zu beſitzen, welches ich ihm hiermit ſchenke. Sie kennen es ſehr wohl, Pöllnitz, es iſt das Haus, welches mein Vater für Eckardt bauen ließ, das ſchöne Haus in der Jägerſtraße, Pöllnitz. Das Haus in der Jägerſtraße, ſchrie Pöllnitz außer ſich, aller Haltung und Rückſicht vergeſſend, welche die Gegenwart des Königs ihm auferlegte. Nein, nein, Ew. Majeſtät belieben zu ſcherzen. Sie meinen nicht das Haus in der Jägerſtraße, dieſes Haus, welches— ſtammelte Pöllnitz, ich verſtehe nicht, welches Vergehens 6 9 t geh und die Möglichkeit zu haben, es Ihnen wiederzuerſtatten. Dieſes Haus, unterbrach ihn der König mit zür⸗ nendem und ſtrengem Ton, dieſes Haus, welches Ihnen ſelber ſo wohl gefiel, daß Sie, wie zuweilen thörichte Kinder es thun, die Wirklichkeit mit ihren Träumen verwechſelten und ſich alles Ernſtes ein⸗ bildeten, dieſes Haus gehöre Ihnen ſchon, blos, weil Sie wünſchten, es möchte Ihnen gehören. Ich würde über dieſe kindiſche Thorheit lächeln, wenn ſie eben nur ein Spiel Ihrer müßigen Phantaſie geblieben wäre, aber Sie haben damit nicht nur ſich ſelber, ſondern auch Andere betrogen, und das iſt ein Ver⸗ gehen, welches unverzeihlich iſt und welches Sie noch heute wieder gut machen werden, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie ſofort aus meinem Dienſt ent⸗ laſſe. Ich weiß nicht, was Ew. Majeſtät ſagen wollen, ich beſchuldigt werde und wodurch ich die Gnade meines Königs verwirkt haben ſoll. Der König trat heftig einen Schritt auf ihn zu und ſein flammendes, zornblitzendes Auge ſchien den bleichen, zitternden Höfling zerſchmettern zu wollen. Sie wiſſen ſehr wohl, Herr Kammerherr von Pöll⸗ nitz, von welchem Vergehen unter den vielen, die Sie täglich und ſtündlich ausüben, ich eben ſpreche, rief er mit donnernder Stimme. Sie wiſſen ſehr wohl, daß ich davon ſpreche, daß es Ihnen beliebt hat, dieſes Haus in der Jägerſtraße, welches ich eben Boden ge⸗ ſchenkt, für das Ihrige auszugeben und daß Sie be⸗ reits leichtgläubige Leute gefunden haben, welche Ihnen auf dieſes Beſitzthum geborgt haben, und denen Sie alſo auf eine ſchnöde und hinterliſtige Weiſe ihr Geld abge⸗ ſchwindelt haben, ohne nur im Mindeſten den Vorſatz Wollen mir Ew. Majeſtät eine Bitte erlauben? e der Miniſter Boden, indem er einen gütevollen und mitleidigen Blick auf Pöllnitz warf, der ganz zer⸗ ſchmettert, kaum ſeiner Sinne mächtig, neben ihm ſtand. Als der König mit einem ſtummen Kopfneigen bejahete, fuhr der Miniſter fort: Ew. Majeſtät haben mich eben ſo überreich und durch Ihre Gnade ſo glücklich gemacht, daß ich wohl die Verpflichtung und das Recht habe, von meinem Reichthum und meinem Glück Andern zu geben. Der Herr Baxron von Pöllnitz hat früher auf Befehl des verſtorbenen Königs den Bauplan jenes Hauſes, welches Ew. Majeſtät eben die Gnade gehabt, mir zu ſchenken, entwerfen müſſen, er hat feruer die ganze innere glänzende und geſchmackvolle Einrichtung deſſelben nach ſeinem Ermeſſen und ſeinen Wünſchen gemäß, zu beſorgen gehabt, und ſo mag es gekommen ſein, daß der Herr Baron glaubte, dieſes Haus, welches nach ſeinem Geſchmack und ſeinen Anordnun⸗ gen eingerichtet worden, könne nun auch für ihn beſtimmt ſein. Jedenfalls aber bin ich dem Herrn von Pöllnitz Dank ſchuldig, denn ich, als ein einfacher und ſchlichter Mann, würde es nicht verſtanden haben, dieſes Haus ſo ſchön und ſo geſchmackvoll einzurichten. Erlauben Ew. Majeſtät alſo, daß ich meinen Dank dadurch abtrage, daß ich jetzt die kleinen Hypotheken, welche der Herr von Pöllnitz auf dieſes Haus ausge⸗ ſcchrieben, reſpectire, und ſie auf meinen Namen über⸗ tragen laſſe. Der König heftete ſeine durchdringenden Blicke auf den Kammerherrn, der jetzt ſchon wieder ſich zu erholen begann und das Haupt mit neuem Muth wieder empor richtete. miniſters zu erwidern? 2 fragte der König.. Was haben Sie auf dieſen Vorſchlag des Finanz⸗ — 33— Daß ich, wenn Ew. Majeſtät es erlauben, mit Freuden bereit bin, denſelben anzunehmen und daß ich den Herrn Finanzminiſter nur fragen will, ob er nur diejenigen Gläubiger, die ich ſchon auf das un⸗ ſelige Haus angewieſen habe, anerkennen will, oder auch diejenigen, welche ich noch anzuweiſen gedachte? Oh, rief der König lachend, Sie ſind und bleiben ein Narr und zwar ein unverbeſſerlicher! Wenn der arme Boden auch diejenigen Gläubiger, die Sie noch Ihren alten Gläubigern hinzufügen möchten, befriedigen ſollte, ſo würde dieſes Geſchenk, welches ich ihm eben gemacht habe, ihn wahrſcheinlich in einigen Monaten an den Bettelſtab bringen. Nein, nein, laſſen Sie es genug ſein an dieſen Hypotheken⸗Gläubigern, welche ſchon vorhanden ſind und welche, da ſie nur einige Tau⸗ ſend Thaler zu fordern haben, ich Ihnen, Herr Miniſter, geſtatten will, abzufertigen, aber nicht aus Ihrer, ſon⸗ dern aus meiner Kaſſe! Und damit an dem Geſchenk, welches ich Ihnen gemacht, kein Makel hafte, möge der Herr von Pöllnitz ſich damit für bezahlt halten für die Mühe, welche er, wie Sie ſagen, mit dem Bau und der Einrichtung diefes Hauſes gehabt hat. Aber wehe Ihnen, Pöllnitz, wenn Sie mich noch öfter von ſolchen Thorheiten und Betrügereien hören laſſen, wenn Sie nicht endlich dieſes leichtfertige, allen Geſetzen und aller Sitte hohnſprechende Betragen aufgeben und ſich ent⸗ ſchließen, ein ehrbares, würdiges und meinem Diener und Kammerherrn angemeſſenes Leben zu führen. Es iſt das letzte Mal, daß ich für Ihre Thorheit Nachſicht üben will. Laſſen Sie mich wieder dergleichen hören, ſo werde ich unerbittlich und nur ein ſtrenger Richter und König ſein! Ew. Majeſtät ſtürzen mich in einen Abgrund der Friedrich der Große, III. 3 — 2— Verzweiflung, ſagte Pöllnitz händeringend. Ew. Ma⸗ jeſtät verlangen, daß meine Zukunft rein ſei und ſchul⸗ denhell, während die Vergangenheit doch wie ein Alp auf ihr laſten und einen dunklen Schatten über ſie ausbreiten wird. Denn wie kann ich es vermeiden,„ neue Schulden zu machen, wenn ich nicht einmal Geld genug habe, die alten zu bezahlen? Wenn Ew. Ma⸗ jeſtät daher mir gnädigſt behülflich ſein wollen, ferner keine Schulden mehr zu machen, ſo müßten Sie die Gnade haben, meine jetzt beſtehenden Schulden, die leider, nur zum kleinſten Theil auf das Haus in der Jägerſtraße eingetragen waren, zu bezahlen. Der König ging ſchweigend einige Male auf und ab, dann blieb er vor Pöllnitz ſtehen und ſagte mit einem feinen Lächeln: Er iſt ein ſo unverſchämter und närriſcher Menſch, daß man Ihn entweder fortjagen,. oder über Ihn lachen muß. Ich will mich aber nur erinnern, daß ſchon mein Vater und mein Großvater über Ihn gelacht haben und will vorläufig auch nur über Ihn lachen, wie ich über die närriſchen Capriolen des luſtigen Herrn Raths, meines Affen, lachen muß. Aber ſelbſt der Herr Rath hat geſtern Schläge bekom⸗ men und iſt geſtraft worden, weil er mit ſeinen Affen⸗ künſten gar zu übermüthig wurde. Merke Er ſich das, mein Herr Rath Pöllnitz. Seine Schulden will ich dies Mal noch bezahlen, aber wenn es Ihm einfallen ſollte, neue zu machen, ſo werde ich vergeſſen, daß 4 Er ſchon der Spaßmacher meines Großvaters und Vaters geweſen, und mich nur daran erinnern, daß ein ſo leichtſinniger Schuldenmacher nicht mein Kam⸗ merherr und Ober⸗Ceremonienmeiſter ſein kann. Ge⸗ denken Sie alſo daran, Herr Baron von Pöllnitz, und jetzt gehen Sie mit dem Finanzminiſter nach der Jäger⸗ — 35— ſtraße, um ihm ſein Haus zu zeigen*). Sie ſind ent⸗ laſſen, meine Herren. Als die beiden Herren den Saal verlaſſen hatten, blieb der König eine Zeitlang ſinnend und in Gedanken verloren ſtehen. Er ſchien es gar nicht zu wiſſen, daß er nicht allein ſei, daß Fredersdorf dort drüben in der Fenſterniſche ſtand, wohin er ſich gleich bei dem Erſcheinen des Königs zurückgezogen hatte, und ein verzweifelnder, zitternder Zuſchauer der ganzen Scene, welche auch ſeine Hoffnungen und Pläne zerſtörte, ge⸗ weſen war. Plötzlich durchſchritt der König ſchnell den Saal und blieb gerade vor Fredersdorf ſtehen. Seine ſonſt ſo leuchtenden und flammenden Augen waren jetzt wie von einer Wolke umſchleiert, und ein Ausdruck ſtiller Schwermuth beſchattete ſein edles, ſchönes An⸗ geſicht. 1 Fredersdorf, ſagte er mit einer ſo ſanften, milden Stimme, daß das Herz des Angeredeten davon erbebte und eine tiefe Bläſſe ſeine Wangen überzog, Freders⸗ dorf, iſt es denn wirklich wahr, daß Ihr Alle niemals den Menſchen in mir ſeht, ſondern immer nur den König? Daß Ihr niemals ein Herz für Euren Fürſten habt, ſondern immer nur Neid, Haß und Zorn, immer nur Böswilligkeit und Hinterliſt. Und auch Du, Fre⸗ dersdorf, auch Du willſt ſo denken, Du, welchen ich geliebt habe, nicht wie ein Herr ſeinen Diener, ſondern wie einen Freund, dem gegenüber ich oft vergeſſen habe, daß ich ein Fürſt war, um nur daran zu denken, daß ich einem Menſchen gegenüber ſtand, der ein menſchtic fühlend Herz für meine Sorgen und Schmer⸗ *) Dieſes Haus iſt das jetzige Gebaude der Königlichen Bank in der Jägerſtraße. 3* — 36— zen hätte und ein wenig Liebe nicht für den Fürſten, ſondern für den Menſchen in mir hegte? Ach, wollt Ihr denn Alle mich mißtrauiſch und kaltherzig machen, wollt Ihr denn Alle daran arbeiten, mein Herz zu Stein zu verhärten, und meine Seele dem Zutrauen und der Liebe zu verſchließen? Oh, ein Tag wird kommen, wo ſie mich kaltherzig und hart, mißtrauiſch und liebeleer nennen werden, und Niemand wird dann ſagen, daß Diejenigen, welche ich liebte und denen ich vertraute, mich ſo gemacht haben! Erbarmen, Erbarmen, mein König, flehte Freders⸗ dorf, zu des Königs Füßen niederſinkend. Tödten Sie mich, zermalmen Sie mich mit Ihrem Zorn, nur ſein Sie nicht gütig, nicht liebevoll zu mir. Oh, Ew. Majeſtät wiſſen nicht, wie ich Sie liebe, wie mein ganzes Leben nur aufgeht in Ihnen, aber ich habe ein wildes und ehrgeiziges Herz, und in dem Durſt meines Ehrgeizes genügte es mir nicht, der Diener meines Königs zu ſein, ich wollte auch ein mächtiger, einflußreicher Herr ſein, ich wollte hoch ſteigen, um Diejenigen tief unter mir zu ſehen, welche jetzt glauben auf mich herabſehen, mich verachten zu dür⸗ fen, weil ich nur ein Kammerdiener und kein vor⸗ nehmer Herr bin. Das, mein König, iſt mein ganzes Verbrechen, das ganze reuevolle Bekenntniß meiner Schuld. Ich weiß es, ſagte der König, Du wollteſt Deinen Herrn nicht verrathen, Du wollteſt nur der Herr Deines Herrn ſein. Du wollteſt durch mich regieren. Armer Fredersdorf, glaubſt Du denn, daß es ein ſolches Glück iſt, König zu ſein? Weißt Du denn nicht, daß dieſe Königskrone, welche Euch Allen ſo leuchtend er⸗ ſcheint, doch nur eine Dornenkrone iſt, welche man mit ein wenig Rauſchgold und Flitterwerk überhangen, und — 37— verziert hat mit Brillanten, die freilich wie Sterne leuchten, aber doch nur Kieſelſteine ſind? Armer Fre⸗ dersdorf, Du biſt ehrgeizig. Nun, ich will dieſer Schwachheit zu Hülfe kommen, ſo viel ich kann, aber das gieb auf, meinen Willen beherrſchen und Einfluß üben zu wollen auf meine Beſchlüſſe. Ein König iſt nur Gott verantwortlich, fuhr der König fort, und nur von Gott kann er daher Rath⸗ ſchlüſſe und Befehle empfangen, und nur ihm kann er ſich unterordnen. Das iſt mein Glaube und meine Religion. Ich bin der Diener Gottes, aber der Men⸗ ſchen Herr, und kein Menſch wird Gewalt über mich haben, ſondern nur Gott allein. Aber Du ſollſt mich dennoch lieben, Fredersdorf, und ich will Deinem Ehr⸗ geiz helfen. Ich will Dir einen Titel geben, Du ſollſt nicht mehr der Kammerdiener, ſondern der Geheime Kämmerer ſein, und damit Du nicht blos Diener ſeieſt, ſondern auch Herr, ſchenke ich Dir das Gut Czernikow bei Rheinsberg*). Da wirſt Du der Herr Deiner Bauern und Tagelöhner ſein und erfahren können, ob es ein dankbares Geſchäft iſt, zu regieren. Biſt Du nun zufrieden, armer Fredersdorf? Fredersdorf vermochte nicht zu antworten. Er preßte ſeine Lippen auf die dargereichte Hand des Königs und weinte laut. *) Rödenbeck. Tagebuch ꝛc. pag. 15 Ein Brautpaar. Jubel und Freude herrſchte im Hauſe des reichen Fabrikanten Orguelin. Die ſtolze Tochter hatte ein⸗ gewilligt, die Gemahlin des Grafen Rhedern zu werden, ſie hatte ihm endlich ihr Jawort gegeben, und der glückliche Vater, ganz entzückt darüber, nun bald der Schwiegervater eines Grafen zu werden, war jetzt damit beſchäftigt, die Vorbereitungen zu einem Hoch⸗ zeitsfeſt zu treffen, das in ſeiner Großartigkeit und ſeiner verſchwenderiſchen Pracht ganz Berlin ſollte von ſich reden machen. Es ſollte ein Feſt werden, bei dem die künftige Gräfin Rhedern ſich zum letzten Male im Kreiſe ihrer ehemaligen Freunde zeigte, um auf ewig von ihnen Abſchied zu nehmen, denn es verſtand ſich von ſelbſt, daß die Gräfin Rhedern andere Geſell⸗ ſchaftskreiſe auffuchen, andere Freundſchaften ſchließen mußte, als es die Mamſell Orguelin gethan. Herr Orguelin aber wollte ſeinen Collegen, den Fabrikanten und Kaufleuten, dieſen vornehmen und prächtigen Herren zeigen, wer jetzt ſein Sohn geworden, er wollte den Neid ſeiner Freunde erregen und ihnen imponiren durch die fürſtliche Pracht ſeines Hauſes. Aber dieſes Alles paßte ſehr wenig in die Pläne des Grafen Rhedern. Er hatte ſich, Dank ſeinen Gläubigern und ſeiner Armuth, wohl dazu entſchließen müſſen, die reiche Kaufmannstochter zu heirathen, aber zer hatte nicht die Abſicht und den Willen, in irgend eine Verbindung, einen noch ſo entfernten Verkehr mit den Freunden und Verwandten ſeiner Gemahlin zu —— — 39— treten, und wenn er ſich auch entſchließen mußte, den reichen Schwiegervater anzuerkennen und ihm die Ehr⸗ furcht und Liebe eines Sohnes zu zeigen, ſo war da⸗ mit noch nicht geſagt, daß er bei ſeinen Feſten erſchei⸗ nen wollte, um gewiſſermaßen als prunkender und koſtbarer Tafelaufſatz dieſen Feſten erſt ihren Glanz zu verleihen. Er zitterte, wenn er an die Spöttereien und das Hohngelächter der Hofeavaliere dachte, für die es ein unerſchöpflicher Gegenſtand der Neckereien ſein würde, daß er, der Hofmarſchall der Königin, der Cavalier von altem Adel, auf einem Feſt der Bourgeoiſie die Hauptrolle geſpielt und mit Fabrikanten und Kaufleuten gegeſſen und geſprochen, gejubelt und getanzt habe. Das konnte, das durfte nicht ſein. Ein Edelmann konnte ſich wohl, um der Ehre ſeines Hauſes willen, entſchließen, eine Bürgerliche zu heirathen, wenn dieſe eine Million beſaß, aber er durfte ſich nicht ſo weit erniedrigen, ſich nun auch als das angeworbene Mitglied ihrer Familie zu betrachten und Notiz zu nehmen von der Verwandtſchaft mit dieſem oder jenem Bourgeois. Der Graf Rhedern ſann alſo auf einen Plan, dieſes Hochzeitsfeſt, das ihn in ſo viele unerwünſchte und unbequeme Berührungen mit Leuten„unter ſeinem Stande“ bringen konnte, zu hintertreiben und den Eclat bei ſeiner Mesalliance möglichſt zu vermeiden. Mit lächelndem Geſicht und zärtlichem Gruß trat er daher eines Morgens in das glänzende und ſchöne Boudoir ſeiner Verlobten, welche eben damit beſchäftigt war, mit ihrem Vater die Liſte der Hochzeitsgäſte auf⸗ zuſetzen und die Zahl derſelben zu beſtimmen. Graf Rhedern ſetzte ſich ſtill neben ſeiner Braut nieder und hörte mit innerem Grauen alle dieſe hor⸗ riblen, barbariſchen Namen, welche da auf die Liſte — 40—. geſetzt wurden, und deren Inhaber niemals bei einem Rittertournier oder einem Königlichen Hoffeſt erſcheinen konnten, die alſo ausgeſchloſſen waren von den Freuden und Ehren der Welt. Nun? fragte ſein Schwiegervater mit triumphi⸗ render Miene: Was ſagen Sie zu unſerm Feſt? Nicht* wahr, es wird glänzend und herrlich werden? Die reichſten und angeſehenſten Kaufleute von ganz Berlin werden dabei gegenwärtig ſein, und wenn man uns nach unſerm Vermögen abſchätzen wollte, ſo würde man finden, daß da mehr Millionen Thaler beiſammen wären, als ganz Deutſchland Einwohner zählt. Sie begreifen alſo, mein verehrter Herr Sohn, daß, um ſolchen Gäſten Ehre zu machen, es beſonderer Vorkeh⸗ rungen, beſonderer Maßregeln bedarf, denn es iſt nicht ſo leicht, dieſen ſtolzen Herren zu imponiren und ihr Erſtaunen und ihre Verwunderung zu erregen. Mein Gott, Einen von Euch Baronen oder Grafen zu über⸗ raſchen, das iſt ſehr leicht und Ihr ſeid glücklich, wenn man Euch mit Champagner bewirthet, oder Euch von den köſtlichen holſteinſchen Auſtern vorſetzt, aber ſo ein reicher Kaufmann wendet ſich noch mit einem verächt⸗ lichen Naſerümpfen ab, wenn man ihm Schildkröten⸗ ſuppe oder indianiſche Vogelneſter präſentirt. Und doch will ich meine ſtolzen Gäſte überraſchen, doch ſollen ſie ein Diner finden, wie ſie noch Keines gehabt. Ich habe mir dazu zwei der erſten Köche aus Paris ver⸗ ſchrieben, ſie werden in einigen Tagen hier ſein, aber ſie haben mir geſchrieben, daß ſie zu den nothwendigſten Vorbereitungen zu dem Hochzeitsdiner wenigſtens vier⸗ zehn Tage Zeit bedürfen. Ich zahle ihnen für diem vierzehn Tage ein Honorar, das vielleicht ſo hoch iſt wie das halbjährliche Gehalt eines Königlichen Hof marſchalls oder Kammerherrn. Außerdem werden wir — — Aau— Feuerwerke haben, Gartenillumination, herrliche Muſik, ja, ich habe ſogar daran gedacht, eine Bühne auf⸗ ſchlagen zu laſſen und eine franzöſiſche Schauſpieler⸗ geſellſchaft zu engagiren, damit ſie uns einige Luſtſpiele vorſpiele. Nur fürchte ich, rief ſeine Tochter lachend, daß wenige unſerer Gäſte von dieſen franzöſiſchen Luſtſpielen ein Wort verſtehen werden. Das mag ſein, aber das franzöſiſche Weſen iſt jetzt einmal Mode, und es wird Aufſehen machen, wenn bei uns franzöſiſches Theater iſt. Aber Sie ſagen kein Wort, mein Herr Sohn? Sie ſeufzen und machen faſt ein verdrießliches Geſicht? Ich ſeufze, weil Sie dieſes Hechzeitaieſaſ weit hinausſchieben wollen. Ah, das iſt eine Schmeichelei für Dich, meine Tochter. Mein Gott, die Berliebten ſind immer un⸗ geduld dig. Aber ich ſeufzte nicht blos deshalb, weil ich noch auf ſo lange des Glückes beraubt werden ſoll, meine 8 Caroline als meine Gemahlin in mein Haus einzuführen, ſondern weil ich dadurch auch der Freude verluſtig gehe, ſie bei einem der größten und glän⸗ zendſten Hoffeſte, mit welchem die Saiſon eröffnet erden ſoll, dem Hofe als meine Gemahlin vorzu⸗ ſtellen. Ein Hoffeſt ſoll ſtattfinden? fragte Caroline Or⸗ guelin lebhaft. Der König iſt, denke ich, noch immer auf ſeiner Reiſe begriffen. Der König. kehrt in einigen Tagen zurück und dann wird, da die Hoftrauer jetzt zu Ende geht, der König ſeinem Hofe eine glänzende Maskerade geben, die aber zugleich wahrſcheinlich die einzige in bieſemn Winter ſein wird. Eine Maskerade! rief ſeine Braut. Mein Gott, ich habe noch niemals einer Maskerade beigewohnt. Und Sie würden hier eine ſehr glänzende ſehen. Auch hatte mir die Königin⸗Mutter bereits eine Ein⸗ ladung für meine Gemahlin zugeſagt und mich aufge⸗ fordert, dieſelbe an dieſem Tage dem ganzen Hofe zu präſentiren. Und es iſt ganz unmöglich, die Hochzeit ein wenig zu beſchleunigen? fragte Caroline ungeduldig. Ganz unmöglich, ſagte Herr Orguelin feierlich. Und weshalb unmöglich? fragte der Graf mit ein⸗ ſchmeichelndem Ton. Könnten wir nicht die Hochzeit früher und das Feſt ſpäter haben? Könnten wir nicht, wie daf. ſo Sitte und Brauch iſt in der vornehmen Welt, unſere Vermählung ganz in der Stille begehen, und dann ſpäter ſie mit einem glänzenden Feſte feiern? Dieſe geräuſchvollen Hochzeitsfeſte ſind zudem ein wenig aus der Mode und man würde bei Hofe denken, der reiche und hochgebildete Herr Orguelin mißachte die Gebräuche des jungen, modernen Hofes und wolle ihm opponiren, indem er die Sitten des vorigen Regime mit Eclat beibehalte. Da ſei Gott vor, daß ich das thun möchte, rief Herr Orguelin entſetzt. Vater, ſagte Caroline entſchloſſen, ich haſſe die tobenden Luſtbarkeiten, ich verlange eine ſtille Vermäh⸗ lung. Man ſoll bei Hofe nicht ſagen können, daß die Mamſell Orguelin mit all ihren Bekannten gejubelt habe über das ungeheuere Glück, die Gemahlin eines Grafen zu werden. Ich will ganz in der Stille ver⸗ mählt werden. Später mag dann der Herr Graf ein glänzendes Feſt geben zur Feier ſeiner Vermählung, und Du, mein Vater, magſt es erwidern, aber meine — — 13— Vermählung ſoll ſtill und geräuſchlos ſein, wie es ſich ziemt und wie es Mode iſt. Herr Orguelin war, wie immer, einverſtanden mit dem Willen ſeiner Tochter, man kam überein die Trauung ſchon in den nächſten Tagen ganz in der Stille ſtatt⸗ finden zu laſſen und ſie ſpäter im Hauſe des Schwieger⸗ vaters durch ein luculliſches Feſt zu feiern. Bei dem ich alsdann keinenfalls gegenwärtig ſein werde, dachte Graf Rhedern, indem er laut ſeine Zu⸗ ſtimmung äußerte. Mamſell Orguelin ſollte alſo ihre ſtolzeſten Wünſche erfüllt ſehen, ſie ſollte feierlich bei Hofe eingeführt werden und bei dem glänzenden Maskenfeſte hatte die Königin⸗Mutter ſich bereit erklärt, ſie ſelber dem Könige vorzuſtellen. Es fehlte nun nur noch Eins. Es fehlte nur noch eine glänzende Hoftoilette zu dieſem wichtigen Tage, und der Graf Rhedern verſicherte ſeufzend, daß es ſehr ſchwer werden würde, dieſelbe noch rechtzeitig zu erlangen, nicht wegen der zu der Robe erforder⸗ lichen goldbrokatenen Schleppe, ſondern wegen eines Saneidens der dieſelbe noch anzufertigen übernehmen önnte. Peliſſier, der neue franzöſiſche Schneider, hat es mir abgeſchlagen, nur noch ein Mäntelchen für mich zu machen, ſagte der Graf Rhedern, und ſeine Damen, die jetzigen geſuchteſten Kleidermacherinnen, ſind ſchon ſeit acht Tagen taub für alle Bitten. Sie nehmen keine neuen Beſtellungen mehr an zu dem Maskenfeſt, denn ſie ſind überhäuft, die Gräfin Haake ging zur ſelben Zeit zur ſchönen Blanche, als ich zu ihrem Vater ging, und ich begegnete ihr nachher händeringend und in Thränen zerfließend auf der Treppe, denn die ſtol⸗ zen Kleidermacherinnen hatten ihren Bitten und ihrem — 14— Flehen immer nur ein grauſames: Unmöglich! entgegen⸗ geſetzt. Ich weiß aber, daß Herr Pricker, der Hofkleider⸗ macher der beiden Königinnen, mir nicht ſo antworten wird, ſagte Caroline Orguelin ſtolz, ſondern daß er mir die nöthigen Kleider machen wird, und müßte er dazu noch einige Gehülfen annehmen. 1 Fahren wir alſo zu Herrn Pricker, ſagte ihr Ver⸗ lobter lächelnd, fahren wir aber ſogleich, denn die Sache hat Eile, und Sie begreifen, daß ich troſtlos ſein würde, wenn wir vermählt wären und ich Sie nicht fofort und bei der erſten geeigneten Gelegenheit dem Hofe als meine Gemahlin präſentiren könnte. a, die Sache hat Eile, wiederholte Caroline, indem ſie klingelte und das Anſpannen des Wagens befahl. Als die beiden Verlobten ſich wenige Minuten ſpäter allein im Wagen befanden, wandte ſich Caroline Orguelin mit einem ſpöttiſchen Lächeln an den Grafen Rhedern: die Trauung wird alſo übermorgen ſtattfinden? fragte ſie.. Ja wohl, meine theuerſte Caroline, übermorgen werde ich der gläcklichſte der Menſchen ſein. Sie zuckte leicht die Achſeln. Ihre Gläubiger wurden alſo ſchon ſehr dringend, daß Sie plötzlich eine ſo glühende Sehnſucht nach meiner Mitgift be⸗ kamen?. Meine Gläubiger? fragte der Graf erſtaunt. Ich verſtehe Sie nicht, theuerſte Caroline.— Sie verſtehen mich ſehr wohl, ſagte ſie mit ſchnei⸗ dender Kälte, es iſt überhaupt Zeit, daß wir uns ein für alle Mal verſtändigen. Wiſſen Sie alſo, mein Herr, daß ich mich weder von Ihren zärtlichen Be⸗ theuerungen, noch von Ihrer, übrigens vollkommen gut geſpielten Rolle eines ungeduldig Liebenden habe täuſchen laſſen. Ich bin weder jung noch ſchön genug, um die Paſſion eines ſo ausgezeichneten und noblen Cavaliers, wie es der Graf Rhedern iſt, erwecken zu können. Sie ſind arm und nur reich an Schulden, Sie bedurften alſo durchaus einer reichen Gemahlin, und da ich zufällig mehr Geld beſaß, als alle die ſchönen und vornehmen Fräulein von Adel, ſo ent⸗ ſchloſſen Sie Sich einen Querbalken in Ihr Wappen aufzunehmen und ihn mit meiner Million Mitgift zu⸗ zudecken. Mit Einem Wort, Sie wählten mich, weil Sie es überdrüſſig ſind von Ihren Schuldnern ge⸗ drängt zu werden und in einem heimlichen glänzenden Elend zu leben, und ich— ich kaufte mir ſür meine Million den Grafen Rhedern, weil ich dadurch hoffähig ward. Nun wahrlich, ſagte Graf Rhedern mit einem er⸗ zwungenen Lächeln, dies ſind höchſt ſeltſame, höchſt originelle Geſtändniſſe. Die indeſſen nothwendig ſind, damit wir uns in der Zukunft nicht mit unnützem Komödienſpiel abmühen und heucheln, was wir Beide nicht empfinden. Ich bin Ihnen noch ſchuldig zu ſagen, weshalb ich ſo ſehr wünſchte eine ſogenannte vornehme, das heißt, eine hoffähige Dame zu werden, denn für ſo albern werden Sie mich hoffentlich nicht halten, daß ich mir blos deshalb einen Grafen gekauft hätte, um Frau Gräfin titulirt zu werden. 3 Ich würde dieſen Wunſch für keine Albernheit ge⸗ halten haben, murmelte der Graf. Nein, fuhr ſeine Braut fort, ich wollte Gräfin werden, um dadurch an den Hof zu kommen, um da⸗ durch befähigt zu werden, ein Glück zu genießen, um das mich Tauſende beneiden werden, um, gleich der — 46— armen bethörten Motte, ſo lange das ſtrahlende und glänzende Licht zu umflattern, bis ich mich zu Tode daran verbrannt hätte. Oh, ich ſagte Ihnen, daß ich nicht mehr jung ſei. Ich habe indeß ein junges Herz, ein jüngeres vielleicht als alle Ihre ſchönen Hofdamen und Edelfräulein, denn das meine iſt nicht abgenutzt und verbraucht worden, das meine iſt rein und hart und klar geweſen wie Bergcryſtall, bis— Nun, vollenden Sie, ſagte der Graf, als ſie ſtockte, fahren Sie fort in dieſen allerliebſten Bekenntniſſen, die man ſich freilich ſelten vor, ſondern gewöhnlich erſt nach der Ehe zu machen pflegt. Sie ſprachen deſ Jhram Herzen, welches wie Bergeryſtall geweſen, bis— Bis ich den König geſehen hatte, fuhr ſeine Braut hocherglühend fort, bis ich in dieſe wunderbaren ſtrah⸗ lenden Augen geſchaut, bis ich dieſes ſtolze und zugleich ſo gütige und milde Lächeln geſehen, mit welchem er vom Balkon herab ſein Volk begrüßte. Ach, es war alſo am Huldigungstage, als Sie den genialen Entſchluß faßten, den König zu lieben. Ja, es war am Huldigungstage, als ich zum erſten Male begriff, wie hoch und ſtolz, wie ſtrahlend, überwältigend und herzbezwingend ein wahrer Mann ſei. Und meine Seele beugte ſich in Demuth und Gehorſam vor dieſem Titanen mit dem weltgebietenden Blick, und mein Herz ſchmiegte ſich in Anbetung dieſem Manne zu Füßen, der ſo wunderbar zu lächeln und mit ſeinen Augen ſo große Dinge zu ſprechen wußte. Ach, wäre ich damals, wie Sie, in ſeiner Nähe ge⸗ weſen, ſo würde ich zu ſeinen Füßen niedergeſunke ſein und zu ihm geſagt haben: ich nehme Dich an meinem Herrn und zu meiner Gottheit. Du biſt mich das Ideal des Mannes und als ſolches will ich . . * — — 47— Dich lieben, rein, groß und wünſchelos. Aber ich war fern, ich konnte nur in meinen Gedanken zu ihm beten. Aber ich beſchloß, daß ich eines Tages ihm nahe ſein wollte und ich, welche niemals hatte heirathen wollen, ich faßte in dieſem Moment den Entſchluß, mich zu vermählen,— aber nur an einen hoffähigen Cavalier. Und ich fragte meine Begleiter um die Namen der Cavaliere, welche hinter dem König und den Prinzen ſtanden. Die meiſten derſelben waren vermählt, aber Sie waren es nicht, und man ſagte mir, daß Sie ſehr viel Schulden beſäßen und ſehr wenig Mittel, dieſe Schulden zu tilgen. An dieſem Tage ſagte ich zu meinem Vater: ich will den Grafen Rhedern heivathen. Kaufe ihn mir, wie Du mir jüngſt dieſes wundervolle goldene, mit Brillanten verzierte Nürnberger Spielzeug gekauft haſt. Wirklich, eine ſehr ſchmeichelhafte und ſinnige Art der Anſchauung, ſagte der Graf mit einem erzwungenen Lachen. Caroline fuhr fort: mein Vater übergab das Ge⸗ ſchäft ſeinem Mäkler, der ſchon ſonſt für ihn in aller⸗ hand Artikeln Geſchäfte gemacht hatte, und ſich auch dies Mal als ein geſchickter Commiſſionair bewährte, denn Sie ſehen, er hat uns die Waare gekauft, nach welcher wir Verlangen trugen und das Geſchäft iſt abgeſchloſſen. Jetzt, Herr Graf, werden Sie begreifen, warum ich Ihnen die Bedingung ſtellte, mir den Zutritt bei Hofe und die Aufnahme als Gräfin zu verſchaffen, bevor ich mich entſchließen konnte, Ihre Gemahlin zu werden. Ah, ich begreife vollkommen, ſagte der Graf mür⸗ riſch, Sie benutzen mich als Brücke, um aus dem Kaufladen in das Königsſchloß zu gelangen, ſo wie ich Sie benutze, um meine Schulden zu bezahlen und ſein anſtändiges, eines Grafen würdiges Leben zu führen. 1. — 48— Ah, jetzt, da wir uns ſo gut verſtändigt haben, werden wir uns Beide nicht weiter unbequem ſein und ein recht freies und ungezwungenes Leben führen, ohne Einer den Andern im Mindeſten zu geniren. Doch, mein lieber Graf, Sie werden zuweilen eine kleine Géne durch mich erfahren, ſagte die Mil⸗ lionairin, ihre Hand ſacht auf die Schulter des Grafen legend. Sie ſollen ſehen, daß ich Sie durchſchaut habe. Es war nicht blos wegen Ihrer Gläubiger, daß Sie eine ſo ſchnelle Vermählung wünſchten, ſon⸗ dern mehr noch, weil der Herr Graf es unter ſeiner Würde hielt, mit Fabrikanten und Kaufleuten ein Feſt zu begehen und der Genoſſe der Bourgeois zu ſein. Aber ich ſage Ihnen, lieber Graf, ich werde es nie vergeſſen, daß mein Vater ein Kaufmann iſt und daß alle meine Freundinnen die Töchter von Fabrikante und Kaufleuten ſind, ich werde eine dankbare Tochter, eine treue Freundin ſein, und ich werde Sie zwingen, meinem Vater Ehrfurcht, meinen Freunden dieſelbe Achtung zu beweiſen, die ich den Ihrigen niemals verſagen werde. 4 Zwingen! rief der Graf, Sie wollen mich zwingen! So ſagte ich, und Sie werden einſehen, daß ich es kann. Hören Sie nur. Mein Vater hat Ihnen verſprochen, mir eine Million mitzugeben, wovon in⸗ deſſen Ihre Schulden und meine Ausſteuer zuerſt be⸗ zahlt werden ſollten. Nun belaufen ſich Ihre Schulden,. eingerechnet die Hypothekenablöſung auf Ihren Gütern, auf zweimalhunderttauſend Thaler, meine Ausſteuer beträgt mit der Einrichtung meines Palais und mit meinen Brillanten ebenſoviel. Es bleiben uns alſo nur noch ſechsmalhunderttauſend Thaler, von denen 4 Sie, unſerm Heirathscontract gemäß, den Mitgennß haben. Aber Sie begreifen, daß die Zinſen diie) K 7 3 . 1 A — 49— kleinen Capitals für die Tochter eines reichen Kauf⸗ mannes nicht genügend ſind, um davon anſtändig leben zu können, und daß, wenn ich den kühnen Wunſch hege, den König in meinem Hauſe bewirthen zu wollen, ich dazu vielleicht an Einem Abend die Hälfte unſeres ganzen Jahreseinkommens bedarf. Der Graf betrachtete ſeine Braut mit bewundernden, faſt mit ehrfurchtsvollen Blicken. Sie meinen alſo, daß man mit den Zinſen von ſechsmalhunderttauſend Tha⸗ lern nicht leben kann? fragte er. Ich meine das nicht, ich weiß das ganz gewiß, denn ich habe als Mädchen faſt ſo viel gebraucht. Ah, mein lieber Graf, man bedarf ſehr vielen Geldes, um alle ſeine Launen und Wünſche zu befriedigen. Mein Vater ſieht das auch ein und hat mir daher als Nadelgeld eine zweite Million Thaler geſchenkt, die indeſſen in ſeinem Geſchäft verbleibt und von denen ich nur die Zinſen in Monatszahlungen erhalte. Dieſe Zinſen aber, merken Sie ſich das wohl, gehören nicht zu meinem Heirathsgut, ſondern ſind mein perſönlicher Beſitz und ich kann damit machen, was ich will, ich kann damit, wenn ich will, Feſte arrangiren, Ihre Schulden bezahlen, Ihnen Equipagen und Pferde kaufen, oder ich kann ſie meinem Vater ſchenken, der ſie ſehr wohl in ſeiner Handlung benutzen kann. Nun, geben Sie wohl Acht, ſo oft es Ihnen belieben möchte, die nöthigen und pflichtgemäßen Rückſichten gegen Ihre Gemahlin, deren Vater, oder deren bürgerliche Freunde zu vernachläſſigen, werde ich mein Nadelgeld meinem Vater überlaſſen, und Ihnen bleibt dann die Sorge der nöthigen Zahlungen.— Aber ich werde immer ein zärtlicher und dankbarer Gemahl, ein ergebener Sohn Ihres Vaters ſein, rief Friedrich der Große. III. 4 — 50— der Graf, ganz entzückt durch die Ausſicht auf eine zweite Million. Sie werden wohl daran thun, ſagte ſeine Braut ganz ernſthaſt, denn Sie werden dadurch monatlich eine Mehreinnahme von viertauſend Thalern haben. Sie ſehen, ich bin eine echte Kaufmannstochter und verſtehe mich ſehr gut auf die Berechnungen. Ich habe mir Sie gekauft und weiß Ihren Werth zu ſchätzen, aber ich will auch von Ihnen richtig geſchätzt und gewürdigt werden, Sie ſollen niemals denken, daß Sie mir eine Ehre erzeigten, indem Sie mich zur Gräfin machten, ſondern ſich immer erinnern, daß mein Vater ein Millionair iſt, deſſen einzige Tochter und Erbin Sie für Ihre Liebenswürdigkeit, Ihren Grafentitel und Ihren Zutritt bei Hofe bezahlt. Und nun genug von dieſen langweiligen Dingen. Sehen 5 Sie, der Wagen hält, wir ſind zur Stelle. Nehmen wir alſo Beide unſere Masken wieder vor, ſeien wir wieder das ſchwärmeriſche Brautpaar, das ſich aus reiner Liebe und Zärtlichkeit vermählen will. Und in der That, Sie verdienen es, daß man Sie liebt, rief der Graf, ihre Hand an ſeine Lippen drückend. Sie ſind das klügſte, geiſtvollſſte und pikan⸗ teſte Weib, das ich jemals geſehen, und ich zweifle gar nicht, daß ich mich eines Tages noch bis zur glühendſten Leidenſchaft in Sie verlieben werde. Armer Graf, ſagte ſie lachend, an dieſem Tage werden Sie ſehr zu beklagen ſein, denn ich, ſehen Sie, ich werde mich niemals in Sie verlieben. Ein Herz, wie das meine, liebt nur Ein Mal und ſtirbt an ſenne erſten Liebe. Möge dies wenigſtens ein recht langſamer Tod ſagte der Graf aus dem Wagen ſwuingend ſein, und ſeiner Verlobten beim Ausſteigen hülfreiche Hand leiſtend.— V. Die Schneiderfamilien, oder die Capuleti und Montecchi von Berlin. Herr Pricker ſtand am Fenſter und ſchaute hinüber nach jenem Hauſe auf der anderen Seite des Platzes, nach jenem Hauſe, vor welchem ſich ein buntes Ge⸗ dränge von Wagen, Lakaien, Livreebedienten, ſchönen Damen und vornehmen Cavalieren befand, die ſich Alle mit haſtiger Eile und wichtigen, ernſten Mienen in jenes Haus begaben, während die ſtampfenden Pferde, die glänzenden Caroſſen, die ſchwatzenden Jockeys und Lakaien der Rückkehr ihrer Herrſchaft harrten. In dieſem Hauſe da drüben wohnte Herr Peliſſier, der neue franzöſiſche Schneider, und nur um ſeinetwillen war da drüben das Gedränge, nur um ſeinetwillen kamen alle dieſe vornehmen Cavaliere, nur um ſeiner Frau und Tochter willen betraten alle dieſe vornehmen Damen das Haus. Herr Pricker, welcher am Fenſter ſtand und dem Gedränge da drüben zuſchaute, fühlte es wie einen tödt⸗ ichen Dolchſtoß in ſeinem Herzen, denn Niemand kam zu ihm und nicht vor ſeiner Thür ſah man ſolch Ge⸗ dränge von Equipagen. Seit der Ankunft des franzöſiſchen Schneiders war Herr Pricker ein verlorner, ein unglücklicher Mann, ge⸗ kränkt in ſeinem Ehrgeiz, in ſeinen heiligſten Gefühlen, 8 — 52 in ſeinen gerechten Anſprüchen an die Dankbarkeit der Menſchen. Was half es ihm, der anerkannte Hofſchneider zweier Königinnen zu ſein. Der Hof ließ doch nicht mehr bei ihm arbeiten, ſeit er ſich geweigert hatte, franzöſiſche Geſellen zu engagiren, und keine von all' den Damen, die ihm ſonſt willig die Geheimniſſe ihrer Toilette und ihrer Geſtalt anvertraut hatten, erinnerte ſich jetzt ſeiner Discretion und ſeiner Gewandtheit das Fehlerhafte zu verhüllen, das Mangelhafte zu erſetzen. Die undankbare und wetterwendiſche Welt hatte ihn verlaſſen, die Familie Hohenzollern hatte kein Ge⸗ dächtniß mehr für all' die Großthaten und guten Dienſte der Familie Pricker, ſie wußte das wahre Verdienſt nicht mehr zu ſchätzen, ſie ſprach der edlen guten Sitte Hohn und trotzte den Jahrhundertlangen Gewohnheiten! 4 Seit Herr Peliſſier ſeinem Nebenbuhler gegenüber wohnte, war Herr Pricker ein Mann mit gebrochnem Herzen, welcher zehrte von ſeiner Qual und nagte an ſeinen Schmerzen Tag und Nacht. Aber er that es ſchweigend und ohne Klage, er that es, wie ein Held mit lächelndem Munde und den Mantel über die Wunde ſchlagend, an welcher er verblutete. Aber Ein Auge gab es doch, welches er nicht täuſchen konnte, Ein Herz, welches ihn errieth. Fran Pricker verſtand ſeinen Gram und ſie härmte ſich ab in ſtummen Schmerzen, weil ſie ihren Gatten immer ſchweigſamer, immer leiden⸗ der werden ſah und es doch nicht wagte, ihn zu tröſten, oder ihm Muth einzuſprechen. Zuweilen wohl in dem Uebermaß ſeiner Pein hatte Herr Pricker daran gedacht, ſein Haus zu verkaufen und in eine andere Gegend der Stadt zu ziehen Aber in der nächſten Minute ſchämte er ſich dann — 53— dieſer unmännlichen Schwäche, und beſchuldigte ſich ſelber der Feigheit, den Kampfplatz verlaſſen und ſeinem Gegner das Feld räumen zu wollen. Ihm zum Trotz, ihm zum Aerger hatte der franzöſiſche Schneider ſich gerade ihm gegenüber niedergelaſſen, es war ein Duell auf Leben und Tod, welches ihm Herr Peliſſier angeboten, und es ſollte nicht geſagt werden, daß Herr Pricker es ausgeſchlagen hätte. Er hatte ein Princip zu vertreten, ein heiliges und ehrwürdiges Princip, es galt die gute alte deutſche Sitte aufrecht zu halten gegen die leichtfertige ſchlechte, ſtets wechſelnde, ſtets wankende franzöſiſche Mode, es galt, der Welt zu zeigen, daß es doch noch Leute gäbe, welche die Neue⸗ rungsſucht verachteten und feſt hielten an den Gebräuchen ihrer Väter..— Herr Pricker mußte daher auf dem Kampfplatz bleiben, er mußte der Kühnheit, ſeines Gegners Trotz bieten, er durfte es nicht zugeben, daß der deutſche Meiſter von dem franzöſiſchen Pfuſcher beſiegt werde. Er blieb alſo mit ſeiner Familie in ſeinem Hauſe, in dieſem alten, ehrwürdigen Hauſe, das ſchon ſo lange die würdigen Hofſchneider der preußiſchen Fürſten be⸗ herbergt hatte, er blieb, aber er trug den Tod im Herzen. Er ſtand am Fenſter und ſtarrte hinüber nach dem Hauſe ſeines gehaßten Feindes, da ſah er mit innerem Grollen eben wieder eine Equipage daher rollen. Aber nein, dieſe Equipage hielt nicht dort drüben an, ſie lenkte hinüber nach dieſer Seite der Straße, ſie hielt vor ſeiner Thür. Herr Pricker hätte in der erſten Freude ſeines Herzens ſelber hinunterſtürzen mögen, um den Schlag zu öffnen und der Dame beim Aus⸗ ſteigen behülflich zu ſein, aber er beſann ſich noch zur rechten Zeit, daß dies der Würde ſeines Hauſes zu⸗ 54— wider geweſen wäre und blieb und wartete, bis ſeine Frau mit freudvollem, verklärtem Angeſicht hereinkam und ihm meldete, daß die reiche Demoiſelle Orguelin mit ihrem Bräutigam ihn zu ſprechen verlange. Herr Pricker ſchritt ihnen mit ſtolzer Ruhe ent⸗ gegen, aber er konnte doch ſeine Augen nicht ver⸗ hindern, ein wenig heller zu leuchten, nicht dieſes freudige Lächeln zurückdrängen, das ſeine bleichen Lip⸗ pen umſpielte. Sie werden erſtaunt ſein, mein lieber Hofkleider⸗ macher, ſagte Graf Rhedern, daß wir zu Ihnen kom⸗ men, ſtatt Sie rufen zu laſſen. Aber das würde nur zeitraubend geweſen ſein und unſere Angelegenheit er⸗ fordert die größte Eile. Herr Pricker machte eine leiſe, ſtolze Verbeugung. Mein Haus iſt es gewohnt, vornehme Perſonen zu empfangen, ſagte er. Mein Urgroßvater hatte ſogar das Glück hier den Churfürſten ſelber willkommen zu heißen. Laſſen Sie mich hören, womit ich Ihnen dienen kann. 3 Ich bedarf zweier vollſtändiger Hoftoiletten, ſagte Demoiſelle Orguelin mit einem ſtolzen Lächeln. Einen Anzug zur erſten Präſentation und den zweiten zu einem großen Hoffeſte. Alſo eine Robe mit Brocatſchleppe und ein Stoff⸗ kleid, ſagte Herr Pricker feierlich. Ich würde dafür ſein, die Robe von blauem Sammt zu wählen, welches Blondinen ſehr gut ſteht und einen Himmelsſchein über ihr ganzes Weſen ausbreitet.. Nehmen wir alſo Himmelblau, ſagte die Millionairin, und dazu ein Schleppe von Silberbrocat. Was das Kleid zu dem Hoffeſte anbetrifft, ſo hat mir mein Vater einen ſehr ſchönen Stoff geſchenkt, aus Sammt und Gold gewirkt, wie man ihn allein in Indien zu wirken verſteht. ——— Wir werden alſo eine durchaus würdige und noble Toilette haben, ſagte Herr Pricker, und ich darf ſagen, daß die Gräfin Rhedern bei ihrem Erſcheinen bei Hofe dem Hauſe Pricker Ehre machen wird. Und ich zweifle nicht, daß Ihre Arbeit wiederum auch meinem gräflichen Hauſe Ehre machen wird, rief der Graf lachend, nur müſſen Sie Sich verpflichten, mein lieber Meiſter, in acht Tagen fertig zu werden. In vier Tagen, wenn es ſein muß, ſagte Herr Pricker, indem er gravitätiſch das lange gelbe Papier⸗ maß nahm, welches ihm ſeine Frau darreichte, und ſich der Dame näherte. Die Anordnung und Garnirung überlaſſe ich ganz Ihrem Geſchmack und Ihrer Einſicht, ſagte dieſe, nur verſteht es ſich von ſelbſt, daß das Kleid nach dem neueſten franzöſiſchen Schnitt gemacht werde. Herr Pricker zog das Maß, welches er eben um die ſchlanke Taille des Fräuleins gelegt hatte, mit einem heftigen Ruck zurück und blickte ſie entſetzt an. Nach dem franzöſiſchen Schnitt ſollen Ihre Kleider gemacht werden? fragte er rauh. Nun, ich denke, daß ſich daß von ſelbſt verſteht, ſagte die gräfliche Braut lachend. Kein anſtändiger und vornehmer Schneider wird doch nach dem ver⸗ alteten deutſchen Schnitt arbeiten. Ach, es wäre köſt⸗ lich, bei Hofe mit dem weiten, mit Falbeln beſetzten Rocke und der Cartouche darüber zu erſcheinen. Nein, mein Lieber, Sie machen mir das enganſchließende, franzöſiſche Leibchen, vorne mit der langen Schneppe, ſpitz und tief ausgeſchnitten, die engen Aermel bis zum Ellenbogen reichend und hier mit reicher Spitzergarnitur verſehen, dazu den Reifrock, kurz, eine Robe, ganz nach: der franzöſiſchen Mode. 8 und legte es auf den Tiſch hin. Dieſe Robe wird nicht in meinem Hauſe gemacht, ſagte er beſtimmt.. Wie? fragte die Orguelin erſtaunt. Sie wollen nicht für mich arbeiten? Mit Vergnügen, aber nur nicht nach dem fran⸗ zöſiſchen Schnitt. Das wäre eine Verhöhnung meines ganzen Lebens, eine leichtſinnige Verſpottung meines Hauſes und meiner Ahnen. Sie waren Alle deutſche Männer und nur nach deutſchem Schnitt haben ſie ihre Meiſterwerke geliefert. Ich bin der Sohn meiner Väter und bleibe der deutſchen Sitte und dem deutſchen Schnitt getreu. Aber bedenken Sie, ſagte der Graf Rhedern, daß dieſe Weigerung Ihnen unendlichen Schaden zufügt. Sie verlieren dadurch nicht blos die Kundſchaft meiner zukünftigen Gemahlin, ſondern auch die aller übrigen Damen des Hofes, denn Niemand wird mehr bei Ihnen arbeiten laſſen, wenn Sie Sich nicht entſchließen, der neuen, franzöſiſchen Mode zu dienen. Niemand wird mehr bei mir arbeiten laſſen, da haben Sie recht, ſagte Herr Pricker, und indem er an's Fenſter trat und mit erhobenem Arm hinüber deutete nach dem Hauſe des franzöſiſchen Schneiders, fuhr er fort: ſehen Sie da alle dieſe Equipagen. Einſt ſtanden ſie vor meiner Thür und ich kleidete alle dieſe hohen Herrſchaften. Ein Wink von mir würde ge⸗ nügen, um ſie Alle wieder zu mir zurückzurufen, ich dürfte nur zu ihnen ſagen: ich will dem Geiſte meiner Väter untreu werden, ich will den Schwur der Er⸗ gebenheit brechen, welchen ich dem König Friedrich Wilhelm dem Erſten, dem deutſchen Manne, darge⸗ bracht, ich will die alte brave deutſche Sitte abſchwören Herr Pricker faltete entſchloſſen das Maß zuſammen. — und dem Zeitgeiſt gehorchen, der das Einheimiſche ver⸗ achtet und das Ausländiſche allein hochſchätzt. Ich will mir franzöſiſche Geſellen halten und nach franzö⸗ ſiſcher Mode arbeiten laſſen. Wenn ich ſo ſpräche, ſo würden alle dieſe Equipagen, welche jetzt da drüben halten, zu mir herüberrollen und Niemand würde mehr daran denken, bei Peliſſier arbeiten zu laſſen, denn der Name Pricker iſt berühmt genug, um die Wageſchaale dieſes unbekannten Schneiders hoch in die Höhe fliegen zu machen, wenn Er ſeinen Namen in die andere Wageſchaale legen will. Aber ich will das nicht. Ich halte das Schickſal dieſes Franzoſen in meiner Hand, ein Wink von mir und er iſt ein ruinirter Mann, ich könnte ihn ſtürzen, aber ich will es nicht. Mag er leben zur Schmach der Deutſchen, welche in undank⸗ barem Selbſtvergeſſen ſich abwenden von den ehrwür⸗ digen Gebräuchen ihres Vaterlandes und in elender Kriecherei dem neuen Zeitgeiſt huldigen. Ich werde meinen Principien getreu bleiben und ſterben, wie ich gelebt habe, ein deutſcher Mann und ein deutſcher Schneider. Der Graf bot ſeiner Verlobten den Arm und ſagte lachend: ich danke Ihnen für Ihre wundervolle Rede, die mir indeſſen immer noch nicht bewieſen hat, daß ein deutſcher Schneider nicht auch zugleich ein ausge⸗ machter Narr ſein kann. Und was Ihr Deutſchthum anbetrifft, ſo vergeſſen Sie, daß Friedrich Wilhelm nicht mehr lebt, um ſich über ſolche Bornirtheit zu freuen, daß aber unſer junger König franzöſiſch ſpricht, ſich franzöſiſch kleidet und an ſeinem Hofe mehr Fran⸗ zoſen als Deutſche zu finden ſind. Kommen Sie, liebe Caroline, wir wollen zu Herrn Peliſſier gehen. Er wird nicht ſo albern ſein, Ihre Kundſchaft auszuſchlagen. Leben Sie wohl, Herr Pricker. 3 Und mit einer ſpöttiſchen Verbeugung führte der Graf ſeine Braut hinweg, gefolgt von Madame Pricker, die ſich in demüthigen Entſchuldigungen über die Hals⸗ ſtarrigkeit ihres Gatten erſchöpfte. Herr Pricker blieb allein. Groß und ſtolz aufge⸗ richtet ſtand er in der Mitte des Gemaches und blickte mit einem triumphirenden Lächeln zu den Bildern ſeiner Ahnen empor. Ihr könnt mit mir zufrieden ſein, flüſterte er, ich habe Eurem Geiſt ein neues Opfer dargebracht, ich habe wiederum mein Haus gereinigt von dem fremden, ausländiſchen Weſen. Mein Haus iſt ein deutſches und wird es bleiben immerdar. Und wie er ſo ſprach, erhob ſich in dem anſtoßen⸗ den Zimmer der volle, ſchmetternde Geſang ſeiner Tochter, welche eben mit Quanz, dem Liebling des Königs, eine italieniſche Arie einſtudirte. Nel tue giorni felice, ricordati da mel ſang die ſchöne Anna und Herr Pricker rannte wie raſend im Zimmer auf und ab und hielt ſich die Ohren zu, um nicht dieſe Schande ſeines Hauſes zu hören und verwünſchte ſich ſelber, daß er ſo ſchwach geweſen, dieſes Unweſen in ſein Haus kommen zu laſſen und ſeiner Tochter dieſe unſeligen Muſikſtunden bewilligt zu haben. Ich habe dem böſen Feind mein eigenes Herz ver⸗ ſchloſſen, aber über meine Kinder wird er Gewalt 4 haben, rief Herr Pricker ganz verzweiflungvoll. Er wird ſe loßreißen von meinem Herzen und ſie werden nicht meine Wege wandeln wollen. Drinnen trillerte Anna Pricker mit ſilberheller Stimme ihre italieniſche Arie weiter und dann hörte man ihren entzückten Geſangmeiſter Brava! Brava rufen. * 1 — 59— Sie morden mich, ſie ſtoßen mir einen Dolch in's Herz! murmelte Herr Pricker, indem er ganz erſchöpft auf einen Stuhl ſank und ſein Haupt an die Lehne deſſelben zurück warf, wobei der ſteife eingezwängte kleine Zopf von der Stuhllehne empor gedrückt, wie ein großes Ausrufungszeichen über ſeinem bleichen, zitternden Haupte ſchwebte. Drinnen in der anderen Stube war jetzt Alles ſtill; Anna ſang nicht mehr, man hörte die Abſchieds⸗ worte ihres Lehrers, der ſeine Schülerin verließ, dann öffnete ſich die Thür zu dem Gemach des Herrn Pricker, und ſeine ſchöne Tochter trat mit blitzenden Augen und hochrothen Wangen herein. Vater, ſagte ſie haſtig, mein glühendſter Wunſch ſoll ſich endlich erfüllen. Dieſer edle, liebe Quanz, der, da Graun auf Befehl des Königs mit der Com⸗ poſition einer Oper beſchäftigt iſt, meinen Geſangsun⸗ terricht übernommen hat, dieſer liebe Quanz hat es mir ausgewirkt, daß ich in dem nächſten Hofconcert ſingen werde. In acht Tagen kehrt der König zurück, dann wird ein Hofconcert arrangirt werden und ich, mein Vater, ich, Deine glückſelige Tochter, werde dabei eine große italieniſche Arie ſingen. Italieniſch, ſie wird italieniſch ſingen, murmelte der Alte ganz entſetzt. Sie wird öffentlich auftreten und Jedermann geſtatten ſie auszulachen, oder ihr nichtsnutzige Schmeicheleien zu ſagen. Aber ich werde das nicht erleben, ich werde ſterben, ehe das ge⸗ ſchieht. Anna achtete nicht auf ihn, ſie ging in heftiger Erregung im Zimmer auf und ab, und als jetzt ihre Mutter hereintrat, eilte ſie ihr entgegen, um ſie mit Ungeſtüm in ihre Arme zu ziehen. Mutter, liebe Mutter, ſagte ſie, das Ziel iſt er⸗ — 66— reicht. Quanz hat mich für würdig erklärt, in dem Hofconcert zu ſingen. Oh Mutter, ich werde eine be⸗ rühmte Sängerin werden, ich werde meinen Namen mit Ehre und Glanz verklären und die Tochter des Schneiders wird bald ganz Deutſchland mit ihrem Ruhm erfüllen. Unglückliches Kind, flüſterte ihre Mutter, weißt Du denn nicht, daß Dein Vater da iſt, und daß er Dich hört?. Oh, mein Vater wird ſtolz auf mich werden müſſen, rief Anna triumphirend, während die Alte, erſchreckt von der Bläſſe ihres armen Gatten, zu ihm hineilte und ihm leiſe zärtliche Worte zuflüſterte. Aber Anna achtete nicht darauf, ſie trat dicht vor ihre Aeltern hin und ſagte faſt trotzig: jetzt aber, Vater, iſt es die höchſte Zeit, an meine Garderobe zu denken. Ich muß ein neues und prächtiges Kleid haben, um vor dem König und ſeinem Hof erſcheinen zu können. Du ſollſt es haben! rief ihr Vater feierlich. Vor dem König zu ſingen, das iſt allerdings eine Ehre, von der ich Dich nicht zurückhalten darf, denn immer iſt er doch unſer angeſtammter Herr, und wenn er auch nicht die edlen, deutſchen Sitten ſeines Vaters geerbt hat, ſo iſt er doch immer der König und wir ſind ihm Ehrfurcht und Gehorſam ſchuldig. Du ſollſt alſo vor dem König ſingen und ich werde Dir ein neues Kleid anfertigen, ich ſelber werde es zuſchnei⸗ 7 den. Der Stoff dazu iſt ſchon bereit und aus dem Bra tkleid Deiner Mutter werde ich Dir ein Staats⸗ kleid machen. Anna lachte laut auf. Nein, mein Vater! Die Zeiten ſind Gott ſei Dank vorüber, wo man es wagen durfte, die Kleider ſeiner Mutter und Großmutter an⸗ zulegen und wo es zu einer Ehre gereichte, in ſolchen Familienkleidern umherzuſtolzieren. Ah, was würden dieſe vornehmen Damen vom Hofe lachen, wenn ich in dem altmodiſchen, großgeblümten Brautkleide meiner Mutter vor dem Hofe erſcheinen wollte. Auch iſt dies ja ganz unthunlich, denn nicht blos, daß der Stoff altmodiſch iſt, wird es auch ganz unmöglich ſein, dar⸗ aus ein modernes Kleid zu machen. Der Rock iſt viel zu eng, um daraus einen Reifrock zu machen, wie es jetzt die Mode erfordert. Einen Reifrock, ſchrie ihr Vater entſetzt, ſie will einen Reifrock tragen! Nun, und warum ſollte ich das nicht? fragte Anna erſtaunt. Trägt nicht die ſchöne Blanche da drüben ſchon ſeit vier Wochen dieſe neue franzöſiſche Mode und haben nicht alle Damen vom Hofe dieſe Mode nachgeahmt, und beſtürmen ſie nicht Blanche und ihre Mutter mit Anforderungen, ihnen ſtatt der alten un⸗ modiſchen Kleider neue, moderne zu machen? Keine auf Eleganz Anſpruch machende Dame darf es jetzt noch wagen, ohne Reifrock zu erſcheinen, hat mir Blanche geſagt. Wer iſt Blanche? fragte Herr Pricker, ſich von ſeinem Seſſel aufrichtend und ſeiner Tochter mit dro⸗ henden Blicken gegenüberſtehend. Wer iſt Blanche? Wer Blanche iſt? fragte Anna erſtaunt. Du weißt es nicht, Vater? Oh, Du willſt Dir nur den Anſchein geben, die ſchöne Tochter des Herrn Peliſſier nicht zu kennen, dieſe liebe Blanche, welche ich ſo ſehr liebe, wie meine Schweſter, und die ich doch immer nur verſtohlen ſehen kann, denn ihr Vater iſt wüthend dar⸗ über, daß Du den Beſuch, den Dir Herr Peliſſier gemacht hat, nicht erwiderteſt und er hat verboten, daß — 62— irgend ein Mitglied ſeiner Familie die Schwelle unſeres Hauſes überſchreiten ſollte. 3 Daran hat er ſehr wohl gethan, ſagte Herr Pricker, und es iſt das erſte Mal, daß ich mit ihm Einer An⸗ ſicht bin. Auch ich verbiete Dir das Haus jenes Mannes zu betreten, obwohl ich nimmer geglaubt hätte, daß meine Tochter ſo wenig Ehrgefühl, ſo wenig Be⸗ wußtſein ihrer Stellung hätte, daß ſie das Haus des Feindes ihres Vaters betreten, oder mit ſeiner Tochter auch nur Ein Wort ſprechen könnte. Anna zuckte ſchweigend die Achſeln, als man draußen auf dem Flur lebhafte Schritte vernahm. 4 Oh quel plaisir d'étre amoureux! ſang eine friſche männliche Stimme. Franzöſiſch! rief Herr Pricker, außer ſich vor Wuth, Wilhelm ſingt franzöſiſch. Eben ward die Thür heftig aufgeriſſen und Wil⸗ helm, der Erbe des Hauſes Pricker erſchien auf der Schwelle. Er war in dem untadelhafteſten modernſten Coſtüme, wie nur die vornehmſten und eleganteſten Cavaliere es zu tragen vermochten. Der eng anſchlie⸗ ßende Rock mit der kurzen Taille und den langen Schößen, den breiten Aermeln und den großen Perle⸗ mutterknöpfen war von dem modernen Bleumourant, das erſt durch Herrn Peliſſier nach Berlin gebracht worden, die Schöße mit hochrothem Seidenfutter ver⸗ ſehen, die Aermelaufſchläge und der kleine hochſtehende Kragen mit koſtbarer Silberſtickerei verziert; unter der kurzen Taille des Rockes kam die langſchößige Atla⸗ weſte von„Couleur de chair“, mit reicher Silb ſtickerei verſehen, hervor und bedeckte bis über die Häl das ſchwarze ſeidene Beinkleid, das unter dem Knie von ſilbernen Schnallen zuſammen gehalten wurde, welche zugleich den roth und weiß geſtreiften Strumpf befeſtigten, der das Beim umhüllte und ſich in einem mit breiten Schnallen verzierten Lederſchuh verlor. Statt des Zopfes hatte der junge Pricker ſein Haar hinten in einen Haarbeutel zuſammengefaßt, während es an beiden Seiten in mehreren fliegenden Locken herabwallte und ſtark gepudert war. Am Ende des Haarbeutels ſah man ein breites ſchwarzes Band be⸗ feſtigt, das um den Hals gelegt und vorn an dem breiten Spiben hnbean befeſtigt war, das aus der Weſte hervorquoll. Den Kopf bedeckte ein kleines, dreieckiges Hütchen, welches nach Soldatenmanier keck nach der rechten Seite ins Auge gedrückt war. Dieſes Hüt⸗ chen war mit Silber geſtickt, mit reichen ſilbernen Treſſen verſehen und an der Seite mit einer ſchwar⸗ zen Feder verziert. An der rechten Hüfte des jungen Mannes ſteckte ein kleiner Galanteriedegen, an deſſen Gefäß eine groß e Kokarde von dunkelblauem, mit Gold geſtickten Bändern befeſtigt war und in der Hand hielt er ein kleines Mignonſtöckchen mit Bernſtein⸗ knopf, mit dem er luſtig und graciös in der Luft focht) So, das vollendete Bild eines Stutzers nach der neuen franzßſichen. Mode, erſchien Wilhelm vor ſei⸗ nem Vater, der ihn mit entſetzten Blicken anſah und keines Wortes mächtig war, um ſeinen Zorn auszu⸗ ſprechen. Nun? fragte Wilhelm. Gefalle ich Euch nicht? Iſt das nicht ein Anzug, des ſchönſten Edelmannes werth? Nur daß ich nicht, wie dieſe hochmüthigen . Cavaliere, eine weiße Feder tragen darf, weil ſie ſagen, Eine ausführlichere Beſchreibung der damaligen ERüide findet ſich in Königs Schilderung von Berlin. Vol. V. pag. 291— 33 — 64— daß dies ein Vorrecht ihres Standes ſei. Aber ſonſt iſt mein Anzug untadelhaft, und wie ich damit durch die Straßen ging, riſſen alle Damen die Fenſter auf und ſchauten mir nach. 1 4 Woher haſt Du dieſen Anzug? fragte ſein Vater, indem er ſich erhob und langſam auf ſeinen Sohn zuſchritt. Wer hat Dir das Geld gegeben zu dieſem ſchimpflichen Narrencoſtüm, und wer hat ihn Dir an⸗ gefertigt?. 4 Nun, das Geld haſt Du mir gegeben, mein theurer Vater, ſagte Wilhelm lachend, oder vielmehr wirſt Du mir geben, denn bis jetzt iſt dieſe Toilette nicht bezahlt. Ah, der Name Pricker hat einen guten Klang, und ſelbſt Herr Peliſſier weiß das und hat mir gern ge⸗ borgt, obwohl er zuerſt gar nicht für mich arbeiten laſſen wollte. Nur den Bitten ſeiner Tochter Blanche verdanke ich es, daß ich mich rühmen kann, einen An⸗ zug aus des großen und berühmten Herrn Peliſſier's Werkſtatt zu tragen. Der alte Pricker ſtieß einen dumpfen Schrei des Zorns aus und mit ſieberhafter Heftigkeit einen der langen Rockſchöße ſeines Sohnes ergreifend und ihn hin und her rüttelnd, ſchrie er: Herr Peliſſier hat das gemacht? Dieſer elende Pfuſcher hat ſich unterſtanden, meinen Sohn, den Sohn und Erben des Hauſes Pricker ſo lächerlich herauszuputzen? Und Du, Wil⸗ helm, Du warſt ſchamlos genug von dem Feinde. Deines Vaters dieſes Kleid anzunehmen? Du fürch⸗ teteſt nicht, daß Deine Ahnen in ihren Gräbern er⸗ ſchaudern würden über ihren Enkel, der ihnen unge⸗ treu geworden und im franzöſiſchen Mummenſchanz zum Geſpötte der Welt umherläuft? Oh, oh, meine fürchterlichen Ahnungen ſollen ſich erfüllen. Die Kin⸗ der verlaſſen ihre Aeltern und werden ungetren der 4 4* 4½ Zucht und Sitte und verhöhnen, was ehrbar iſt und keuſch und rein. Aber, lieber Vater, ſagte Wilhelm bittend, es iſt indeß nur ein Anzug, von dem Sie ſprechen und un⸗ möglich können Sie meinen, daß derſelbe unſer ganzes Weſen verändere. Nein, es iſt nicht ein Anzug, ſondern ein Princip, von dem ich rede, rief Herr Pricker leidenſchaftlich. Wir ſtehen an einem Scheidewege, wo die alte gute Zeit und die neue leichtſinnige Zeit ſich trennen, wo Jeder ſich zu entſcheiden hat, ob er die Wege ſeiner Väter gehen, oder dieſe neue Straße einſchlagen will, die zu Ueppigkeit und Luſt, aber auch zu Schande und Verderben führt. Wer daher den alten ehrbaren Trachten getreu bleibt, der zeigt dadurch, daß er nicht abfallen will von ſeinen Vätern, ſondern daß er ge⸗ treu bleiben will der alten ehrbaren Sitte und ſein Leben ſo beſchließen möchte, wie es ihm von ſeinem König Friedrich Wilhem vorgezeichnet worden und in welchem er ihm mit einem guten Beiſpiel vorangegan⸗ : gen. Wer aber im Stande iſt, dieſes leichtfertige, üppige und prahleriſche Coſtüm anzulegen, der beweiſt, daß er kein Gefühl hat für Ehrbarkeit, Zucht und Sitte, keine Liebe zu ſeinem Vaterland, deſſen ehrbaren Brauch er mit ausländiſchem Weſen vertauſcht, kein Bewußtſein ſeiner eigenen männlichen Würde, die es . ihm verbieten würde, ſich in ſolchem Affenanzug zu zeigen. Nein, nein, nimmermehr werde ich es dulden, daß mein Sohn mir alſo verloren gehe, und wenn er in blindem Uebermuth ſich verirrt hat, ſo werde ich, 4 wenn es ſein muß, ihn mit Gewalt auf die rechte Straße zurückführen. Herunter alſo mit dieſem bunten, lächerlichen Rock, herunter mit dieſem närriſchen Hute, herunter, herunter ſage ich mit dieſem Flittertand. Ich Friedrich der Große. III. 5 8 — 66— will meinen Sohn wieder haben, meinen guten, ehren⸗ feeſten, deutſchen Sohn. Und Herr Pricker begann mit einer wahnſinnigen Haſt an den Kleidern ſeines Sohnes zu zerren und zu reißen. Er ſtieß ihm den Hut ab und zertrat ihn. unter ſeinen Füßen, er griff mit beiden Fäuſten in das Spitzenjabeau ſeines Sohnes und lachte laut auf, als er die Fetzen davon in ſeinen Händen be⸗ hielt. Wilhelm war anfangs ſtarr geweſen vor Schreck, die ungewohnte krankhafte Heftigkeit ſeines Vaters hatte ihn betäubt und ſeine Thatkraft gelähmt. Das laute Lachen ſeiner Schweſter, welche dieſe Scene ungemein ſpaßhaft fand, das laute Weinen ſeiner Mutter, welche für den Verſtand und das Leben ihres Gatten fürchtete, gab ihm ſeine Beſonnenheit 4 wieder. Mit einem wilden Ungeſtüm ſtieß er ſeinen Vater zurück und wehrte den immer wieder auf ihn Eindringenden von ſeinem Anzug fort. 44 Vater, rief er wüthend, ich bin kein Knabe mehr, ich will daher dieſe unwürdige Behandlung nicht dulden, ich werde mich Deinem lächerlichen Despotismus nicht fügen, ſondern einen Rock tragen, wie es mir beliebt, und mich kleiden, wie es die Mode erfordert. 5 Recht geſprochen, mein Bruder, ſagte Anna, in⸗ dem ſie lachend an ſeine Seite hüpfte. Wir Beide 3 ſind Kinder der neuen Zeit, und wir wollen uns alſo 4 kleiden, wie die neue Zeit uns befiehlt. Warum haben uns unſere Aeltern eine moderne Erziehung geben laſſen, warum hielten ſie uns Lehrer, von denen wir alle die neumodiſchen Künſte lernten, wenn wir doch jetzt altmodiſcher Ehrbarkeit und Dummheit unſere verſeufzen ſollen. Jeder hat ein Recht auf ſein it., alſo wir auch auf die unſrige, und dieſes Recht wollen † — 6— wir uns nicht nehmen laſſen. Die Jugend kann nicht beſchränkt und dumm ſein, wie das Alter, und daher müſſen die Alten nicht verlangen, daß wir uns ihnen unterordnen und glauben ſollen, daß ihre Anſichten beſſer ſind, als die unſrigen. Ehret Vater und Mutter, auf daß es Euch wohl ergehe auf Erden! rief Frau Pricker feierlich. Anna lachte. Schon wieder ein Bibelſpruch. Mein Gott, auch das iſt aus der Mode. Kein Menſch lieſt heutzutage noch in der Bibel. Das iſt ein veraltetes Buch und durchaus nicht ſo amüſant wie Voltaire, den jetzt alle Welt verſchlingt. Genug, rief Herr Pricker, hört jetzt mein letztes Wort, meinen letzten Entſchluß. Ich befehle Euch, ich fordere von Euch als Vater und als Haupt der Familie, daß Ihr Euch meinem Willen unterordnet, die Sitten Eurer Väter heilig haltet und ihnen folgt. Ich gebiete Euch zu leben und Euch zu kleiden, wie Eure Väter und Mütter gelebt und ſich gekleidet haben. Wehe Euch, wenn Ihr meine Befehle mißachten könntet, wehe Euch, wenn Ihr es wagen wollt, Eurem Vater zu trotzen. Ihr werdet alsdann aufhören meine Kinder zu ſein, ich werde Euch nicht mehr anerkennen, ich werde Euch enterben und mein Fluch wird Euer einziges Erb⸗ theil ſein. Das überlegt Euch wohl und darnach han⸗ delt. Wenn Ihr es wagt, jenes Haus dort drüben zu betreten, oder mit den franzöſiſchen Verführern, welche es bewohnen zu ſprechen, wenn ich Dich wieder in dieſer franzöſiſchen Windbeuteltracht ſehe, Wilhelm, wenn Du, Anna, vor mir im Reifrock und Toupée erſcheinſt, ſo habt Ihr aufgehört meine Kinder zu ſein und Ihr könnt hingehen in die Welt und Euch ſelber Euer Brod verdienen, denn von mir habt Ihr dann nichts mehr zu hoffen. — 68— Er faßte pathetiſch den Arm ſeiner weinenden Gattin und zog ſie mit ſich fort aus dem Zimmer. Die beiden Geſchwiſter blieben allein zurück. Nun? fragte Anna nach einer langen Pauſe. Wirſt Du dem Befehl folgen, wirſt Du wieder den Zopf an⸗ legen und den engen groben Tuchrock? Ah bah, damit alle Welt mich auslacht, damit Blanche mich verhöhnt? Ah, dieſe liebe gute Blanche, Du weißt gar nicht Anna, wie ſehr wir Beide uns lieben. Oh, wir haben uns ſchon ewige Liebe und Treue geſchworen, und ſie hat mir gelobt mein Weib zu werden. Du wirſt Dich alſo entſchließen, Dich dem Willen unſeres Vaters zu fügen und ein ehrbarer Schneider zu werden, wie alle Deine Ahnen. Wilhelm lachte laut. Ich ein Schneider? Ich ein elendes Gewerbe treiben, während mein Vater mir die Erziehung eines Edelmannes hat geben laſſen? Nein, nein, Anna, es kann Dein Ernſt nicht ſein zu denken, daß ich ein Schneider werden könnte. Aber es iſt Vaters Ernſt, denn Du weißt wohl, daß die guten Prickers ſeit Jahrhunderten Schneider waren, ich warne Dich, mein Bruder, ſei vorſichtig und bedächtig, reize unſern Vater nicht zu ſehr, er wäre wirklich im Stande, Dich zu enterben. Oh, er wird ſich eben ſo gut in das Nothwendige fügen müſſen, wie Herr Peliſſier es thun wird und muß. Auch er wird wüthend ſein, wenn er erfährt, daß ich ſeiner Tochter Mann bin, auch er hat Blanche mit ſeinem Fluch gedroht, wenn ſie alles Ernſtes mich lieben und heirathen wollte, auch Er haßt unſern Vater und würde nie einwilligen in eine Verbindung mit dem Hauſe Pricker. Aber all dieſen Chicanen zum Trotz werden wir uns heirathen, und ſie werden dann — 69— zuletzt Alle ſchon ihre Einwilligung geben müſſen. Ah, Blanche iſt ein Engel an Liebenswürdigkeit und Schönheit. Sie iſt indeſſen immer nur eine Schneiderstochter, ſagte Anna achſelzuckend. Wie meine ſchöne und liebenswürdige Schweſter Anna. Ja, aber ich werde bald eine berühmte Sängerin und die Frau eines vornehmen Herrn ſein. Nun, und wer ſagt Dir, daß Blanche nicht wenig⸗ ſtens auch die Frau eines berühmten und angeſehenen Mannes werden wird, daß Ihr nicht alle ſtolz auf mich ſein werdet? Wirſt Du Damen⸗ oder Herren⸗Kleidermacher? fragte Anna ſchnippiſch. Weder das Eine noch das Andere. Ich werde Schauſpieler. Aber ſtill davon, Anna. Es iſt mein Geheimniß und Du mußt es bewahren. VI. In Rheinsberg. Das ſtille Schloß von Rheinsberg war wieder froh und lebendig geworden. Luſt und Jubel ertönte wie⸗ der überall, man begegnete nur frohen Geſichtern, man hörte nur heitere Scherzworte und fröhliches Lachen. Die ſchönen, gemüthlichen und ungezwungenen Tage der früheren Zeit, als Friedrich noch Kronprinz war, ſchienen ſich erneuern zu wollen, dieſelbe Geſellſchaft wie damals bewohnte wieder das Schloß in Rheins⸗ berg, es waren dieſelben Freuden und Vergnügungen. Alles war ſich gleich geblieben, wie es ſchien, und doch war Alles verändert und umgeſtaltet. Faſt alle Diejenigen welche früher Rheinsberg mit ſo ſtolzen Hoffnungen, ſo großen Wünſchen verlaſſen, waren jetzt wieder dahin zurückgekehrt, aber mit ent⸗ täuſchten und entnüchterten Hoffnungen, mit gelähmtem Flügelſchlag; ſie hatten Alle gehofft zu regieren, ſie hatten Alle für ſich Macht und Ehre in Anſpruch ge⸗ nommen und der junge König hatte Keinem von ihnen Allen aus dieſer Schale des Ruhms und der Macht zu koſten gegeben, welche der königliche Adler ſich ſelber vorbehalten hatte. Sie waren Alle nur willkommene Geſellſchafter, geliebte Freunde geblieben, aber Keiner hatte die Grenze dieſes Kreiſes der Abhängigkeit, der Unterwürfigkeit und Machtloſigkeit überſchreiten dürfen, welche der König um ſich gezogen und in deſſen Mitte er allein ſtand, ſich ſtützend nur allein auf ſeine eigene Kraft, ſeinen eigenen Willen. Sie hatten alſo Alle nichts gewonnen durch die Krone, welche das edle Haupt Friedrichs jetzt bedeckte, aber Keiner von ihnen hatte indeß etwas verloren. Sie kehrten zurück nach Rheinsberg, wie ſie es vor dem Regierungsantritt des Königs verlaſſen hatten, nicht größer geworden, aber auch nicht kleiner, nicht erhöht, aber auch nicht erniedrigt. Nur Ein Herz war gebrochen, nur Ein Herz ver⸗ blutete ſich ſtill und ſanft an ungeſehenen Schmerzen, an hoffnungsloſer Reſignation. Das war das Herz Eliſabeths, das Herz dieſer armen verwittweten, ver⸗ ſtoßenen Frau, welche man dennoch die regierende Kö⸗ nigin, die Gemahlin Friedrichs nannte. Der König, von ſeiner luſtigen Fahrt nach Straß⸗ 3 — 721— burg zurückgekehrt, hatte ſie an ihr Verſprechen erinnern laſſen, ihn nach Rheinsberg mit ihrem Hofe begleiten zu wollen, und die arme Dulderin hatte, obwohl ſie wußte, daß die Nähe des Königs für ſie nur eine fortgeſetzte Qual, eine ſtündlich ſich erneuernde Ent⸗ ſagung ſein würde, dennoch nicht die Kraft gehabt, der Sehnſucht ihres eigenen Herzens zu widerſtehen. Sie war der Einladung ihres Gemahls gefolgt, indem ſie mit einem ſchmerzlichen Lächeln zu ſich ſelber ſagte: ich werde ihn mindeſtens ſehen. Und wenn er auch nicht mit mir ſpricht, ſo werde ich doch ſeine Stimme hören. Meine Schmerzen werden größer ſein, aber auch meine Freuden. Dulden wir alſo die Schmerzen um der Freuden willen. Soffri e taci. Und Eliſabeth Chriſtine hatte ganz Recht gehabt. Der König ſprach niemals mit ihr; niemals heftete er dieſe glänzenden blauen Augen, welche für ſie die ganze Unermeßlichkeit und Tiefe des Himmels hatten, auf ihr ſtets mehr und mehr erbleichendes Angeſicht. Mit ſtummem Gruß hieß er ſie jeden Mittag an der Tafel willkommen, aber nicht wie ſonſt ſaß er neben ihr, nicht wie ſonſt führte er ſie zur Tafel. Die An⸗ weſenheit des Markgrafen und der Markgräfin von Baireuth ſchien dem König die Pflicht aufzuerlegen, ſeine geliebteſte Schweſter, welche als Gaſt bei ihm war, noch höher zu ehren ſelbſt als ſeine Gemahlin, die Königin. Sowohl an der Mittags⸗ wie an der Abendtafel ſaß der König daher zwiſchen ſeiner Schweſter und deren Gemahl, dem Markgrafen, und neben dieſem hatte dann die Königin ihren Platz. Er ſprach nicht zu ſeiner Gemahlin, aber ſie ſah ihn doch, ſie hörte doch dem ſternfunkelnden perlenden Strom ſeiner Rede zu, ſie ſtärkte doch ihr Herz an dem Anſchauen ſeines edlen, ſtolzen Angeſichtes, auf — 72— welchem ſtets ein Wetterleuchten von wechſelnden Ge⸗ danken und Empfindungen ſich zeigte. Sie ſchwieg alſo und duldete. Sie verhüllte ihre Schmerzen unter einem ſanften Lächeln, ſie verbarg die Bleiche ihrer Wangen unter dem Schleier künſtlicher Röthe, ſie legte über dieſe Furchen, welche der Kummer ſchon durch ihr jugendliches, ſchönes Antlitz zu ziehen begann, dieſe kleinen ſchwarzen Schönpfläſterchen, welche die franzöſiſche Mode mit der Schminke und dem Reif⸗ rock von Frankreich herübergebracht. Niemand ſollte ahnen, daß ſie litt, Niemand ſollte Mitleid für ſie haben, ſelbſt der König nicht. Eliſabeth Chriſtine nahm alſo Theil an all dieſen Freuden und Zerſtreuungen, denen man ſich in Rheins⸗ berg jetzt wieder ſo harmlos und ungezwungen hingab, wie in früheren Tagen. Sie lachte wieder über Biel⸗ felds heitere Scherze und über Pöllnitzens luſtige und pikante Anecdoten, ſie ließ ſich mit ſtrahlenden Augen von Knobelsdorf alle dieſe großen Pläne und Bauten erzählen, mit welchen der König ſeine Reſidenz ver⸗ ſchönern wollte, ſie horchte mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit, wenn ihr Jordan mit ſeiner begeiſterungsvollen Beredtſamkeit die Fürſorge ſchilderte, welche der König für die Armen und Bedürftigen ſeines Landes hegte, ſie nahm ſogar thätigen Antheil an den Vorbereitungen zu einer dramatiſchen Aufführung. Voltaire's„Tod Cäſar's“ und„der Franzoſe in London“ von Boiſſy waren von dem König für das in Rheinsberg ſchnell errichtete Liebhabertheater ausgewählt, und in beiden Stücken hatte der König ſelber eine der Hauptrollen zu ſpielen. Die junge Königin war ſeitdem, wie es ſchien, zu einer enthuſiaſtiſchen Liebhaberin des Theaters geworden, ſie fehlte bei keiner Probe, ſie half ihren ſchönen Hofdamen, denen man Rollen zuerkannt hatte, — 73— bei der Auswahl und dem Arrangement ihres Coſtüms, ſie beſichtigte täglich die Arbeiten der Maler, welche die Decorationen anzufertigen hatten. Indeß erſchien der König jetzt ſeltener als ſonſt in dem Kreiſe ſeiner Freunde und Genoſſen, und ſeltener als ſonſt hörte man aus ſeinen Zimmern den Ton ſeiner Flöte erklingen. Der König war den ganzen Tag in ſeiner Bibliothek beſchäftigt, Niemand durfte ihn dort ſtören, ſelbſt Quanz nicht, ſelbſt ſeine Flöte nicht. Frau von Brandt, welche den Hof nach Rheins⸗ berg begleitet hatte, ſagte ſeufzend in einer ihrer heim⸗ lichen Zuſammenkünfte zu Herrn von Maunteuffel: Der König iſt ſeiner letzten Geliebten untreu geworden, er hat ſogar ſeine Flöte verlaſſen und aufgegeben. Aber womit beſchäftigt ſich denn der König den ganzen Tag? fragte der Graf. Was iſt es, das ihn ſogar von ſeinen Freunden entfernt hält und ſeine ganze Zeit ausfüllt? 4 Wiſſenſchaftliche Studien, nichts weiter, ſagte Frau von Brandt achſelzuckend. Fredersdorf hat mir er⸗ zählt, daß der König ſich den ganzen Tag mit Land⸗ karten und Plänen beſchäftige, daß er umgeben ſei von militäriſchen Büchern und wie ein Ingenieur ſich mit Höhenmeſſern und Feldmeſſern beſchäftige. Sie ſehen alſo, daß dies eine durchaus unſchuldige und unge⸗ fährliche Beſchäftigung iſt, die auf unſere Angelegen⸗ heiten gar keinen Einfluß üben kann. Der König, das verſpreche ich Ihnen, läßt ſich von ſeiner Gemahlin äußerlich nicht mehr ſcheiden, als er ſchon von ihr ge⸗ ſchieden iſt, und was die Vermählung des Prinzen Auguſt Wilhelm anbelangt, ſo ſind meine Minen alle ſo gelegt, daß ſie zu rechter Zeit losplatzen und die Amour der guten armen Laura von Pannewitz in die Luft ſchleudern werden. Sie ſehen alſo, daß Alles gut geht und daß wir des Königs unſchuldige Studien gar aiht zu fürchten haben. Ah, Sie nennen das unſchuldige Studien! ſagte der Graf achſelzuckend. Ich verſichere Sie indeß, daß dieſe Studien den öſterreichiſchen Hof ſehr beunruhigen werden und ich meinem Freunde Seckendorf ſogleich Anzeige davon machen werde. Oh, Sie verſtehen es, ſich aus einem Sandkorn einen Berg aufzubauen, lachte Frau von Brandt. Ich verſichere Sie, daß Sie nichts zu fürchten haben. Es iſt wahr, der König iſt den Tag über in ſeinem Stu⸗ dirzimmer, aber niemals fehlt er in den Abendgeſell⸗ ſchaften und da iſt er ſo heiter, ſo ungezwungen, ſo voll ſprudelnden Witzes und ſanglanten Humors, wie nur je in ſeinen fröhlichſten Kronprinzentagen. Nun und vielleicht benutzt er die Einſamkeit ſeines Studir⸗ zimmers auch dazu, um ſich ſeine Rolle einzuſtudiren, denn Sie wiſſen, daß wir morgen den Tod Cäſars aufführen wollen und daß der König den Brutus dar⸗ ſtellen wird. Ja, ja, es ſcheint mir, daß der König die Rolle des Brutus ſpielt, ſagte Graf Mannteuffel nachdenklich, außen erſcheint er harmlos, heiter und unbefangen, und wer weiß, welche düſtere und unheilſchwangere Ge⸗ danken er in ſeiner Seele birgt. Sie ſehen immer Geſpenſter, rief Frau von Brandt ungeduldig. Ich ſage Ihnen, der König ſpielt nur den Brutus, aber er iſt Keiner. Aber hören Sie nur, die Schloßuhr ſchlägt die ſechſte Stunde an. Es iſt alſo für mich die höchſte Zeit, ins Schloß zurückzu⸗ kehren, denn um ſieben Uhr beginnt die Generalprobe und ich habe noch Toilette zu machen. Und Frau von Brandt nahm eiligen Abſchied von ihrem Verbündeten und hüpfte fröhlich dem Schloſſe zu. — Aber es war für heute unnöthig, daß Frau von Braudt ſich zur Generalprobe ankleidete. Der König war heute außer Stande, den Brutus zu ſpielen, der mächtige königliche Geiſt war heute beſiegt worden von einem Feinde, der vor Niemand Ehrfurcht hat, ſelbſt nicht vor einem Könige, von einem Feinde, der ſelbſt den ſiegreichſten Feldherrn zu bezwingen vermag,— der König war krank. Das dreitägige Fieber, welches ihn ſchon den ganzen Sommer hindurch von Zeit zu Zeit geplagt, welches ihn verhindert hatte, dieſen Sommer nach Amſterdam zu gehen und ihn ſogar auf Schloß Moyland an ſein Bett gefeſſelt hatte, während der langerſehnte Voltaire ihm ſeinen Beſuch machte, dieſes Fieber hatte ihn jetzt wieder mit furchtbarer Gewalt heimgeſucht, und hatte aus dem König einen bleichen, zitternden, zähneklappernden Menſchen gemacht, welcher ſich ächzend und froſtbebend auf ſeinem Lager wälzte und den vor ihm ſtehenden Arzt Ellert ver⸗ höhnte, weil er kein Mittel wußte, dieſe Krankheit zu vertreiben. Es giebt vielleicht ein Mittel, ſagte Ellert achſel⸗ zuckend, aber das darf ich Ew. Majeſtät nicht geben. Und warum nicht? fragte der König, den eben wieder ein Froſtſchauer durchrüttelte. Weil wir ſeine Kraft erſt erproben müſſen, um zu wiſſen, ob wir es ohne Gefahr anwenden können, weil wir erſt bei andern Patienten, deren Leben nicht das Heil von Millionen Anderer bedingt, Verſuche anſtellen müſſen über die behauptete Heilkraft dieſes Mittels. Ein Menſchenleben iſt immer heilig, ſagte der König, und wenn Ihr Eures Mittels nicht gewiß ſeid, ſo iſt es eben ſo ruchlos, es einem Bettler, als einem König zu geben. u— 16— Ich glaube indeß an dieſes Mittel, ſagte Ellert, wie Ludwig der Vierzehnte daran glaubte, der es als ein Arcanum von dem Engländer Talbot für hundert Louisd'or das Pfund kaufte. Ich glaube daran, wie ſchon die Spanier vor hundert Jahren daran glaubten, nachdem die Gemahlin des Vicekönigs von Peru, Grafen del Chinchon, durch dieſes Mittel geheilt worden.* Geben Sie mir dieſes Mittel, ſtammelte der König zähneklappernd. Verzeihen Ew. Majeſtät, ich darf dies nicht thun, obwohl ich eine kleine Quantität bei mir habe, welche ich mitbrachte, um es Ew. Majeſtät als eine Selten⸗ heit, die mir ein befreundeter Arzt aus Paris geſandt, zu zeigen. Sehen Sie da, Majeſtät, dieſe kleinen braunen Pulver ſind eine Arzenei, welche wenigſtens nicht von dem Apotheker, ſondern von der Natur ſelber gebraut werden. Dann habe ich auch Vertrauen zu derſelben, ſagte der König, die Natur iſt der beſte Arzt und der beſte Apotheker, und was ſie gebraut, das iſt voll göttlicher Heilkraft. Wie heißt denn Euer Mittel? 3 Es iſt die Chinarinde, Ew. Majeſtät, oder wie die Peruaner es nennen, die Quinquina, die Rinde aller Rinden, welche die allweiſe und gütige Natur gerade in Peru, dem Lande der Fieber, wachſen ließ, und alſo neben der Krankheit gleich das Heilmittel hinlegte. 3— Aber der König hatte kaum noch die Kraft auf ihn zu hören. Er lag jetzt in der Gluth des Fiebers, ſeine vorher ſo bleichen Wangen waren jetzt von einem dunklen Purpur überzogen, und ſeine Augen, die vor⸗ her ſo glanzlos und trübe geweſen, ſprühten jetzt und flammten. 1 —— Der König, überwältigt von der Gewalt der Krank⸗ heit, ſchloß die Augen, und ſeine glühenden trocknen Lippen murmelten zuweilen einzelne Worte ohne Zu⸗ ſammenhang und Sinn. Da öffnete ſich die Thür und Fredersdorf trat herein, während man durch die offene Thür die neu⸗ gierigen, beſorgten und forſchenden Geſichter von Pöll⸗ nitz, Bielfeld, Jordan und Kaſerling gewahrte. Ellert folgte dem Wink des Geheim⸗Kämmerers und ſchlich leiſe auf den Zehen zu Fredersdorf hin. Wie geht es dem König? fragte dieſer haſtig. Iſt er im Stande eine wichtige Nachricht zu erfahren? Jetzt nicht. Warten wir damit noch eine Stunde, dann wird der König ſeine Beſinnung wieder erlangt haben und vom Fieber frei ſein.. Warten wir alſo, ſagten die vier übrigen Cava⸗ liere, welche jetzt auch leiſe auf den Zehen in das Krankenzimmer geſchlichen waren und das Bett des Königs umſtanden. Iſt es eine unglückliche Nachricht? fragte der Arzt. In dieſem Falle möchte ich rathen, ſie bis morgen zu verſchieben. Nun ich glaube nicht, daß der König ſie für un⸗ glücklich halten wird, ſagte Graf Kaiſerling lächelnd. Sie, Herr von Bielfeld, als angehender Diplomat, müßten uns am Beſten darüber Auskunft geben können. 85 Ich meinestheils glaube, daß der König dieſe Nachricht für eine glückliche halten wird, ſagte Biel⸗ feld. Ich glaube das, nicht, weil ich ein Diplomat bin, ſondern weil der König ein ſchlummernder Held iſt, welcher darauf wartet, geweckt zu werden. Wenn Sie ſo laut ſprechen, flüſterte Pöllnitz, ſo werden Sie es ſein, welcher den ſchummernden Helden — 58— weckt und der Kanonendonner ſeines Zornes wird ſich auf Ihr Haupt richten. Herr von Pöllnitz hat Recht, ſagte Jordan, ſchwei⸗ gen wir und warten wir auf das natürliche Erwachen des Königs. Und die Cavaliere umſtanden mit Fredersdorf und dem Arzt das Lager des Königs, welcher lautathmend mit hochfliegender Bruſt und glühenden Wangen in den heißen Umſtrickungen des Fiebers da lag. Niemand von ihnen wagte mehr ein Wort zu ſprechen, ſie hielten Alle ihre Blicke auf das Antlitz des Königs geheftet, und ihre eigenen Mienen waren ernſt, gedankenvoll und ſorgenſchwer. Endlich ſchlug der König die Augen auf und ſchaute verſtändnißvoll um ſich. Ein ſanftes Lächeln durchflog ſeine Züge, als er dieſe ſechs Herren gewahrte, welche ſein Bett umſtanden. Ihr ſteht da wie die Klageweiber, ſagte er, und wenn man Euch anſieht, ſollte man meinen, Ihr kämt als Leichenbitter zu mir her. Oh, Sire, man ſtirbt glücklicher Weiſe nicht am Fieber, wie man am Schlagfluß ſtirbt, ſagte Jordan, ſich ſeinem königlichen Freunde nähernd und die dar⸗ gereichte Hand zärtlich in der ſeinen drückend. Ew. Majeſtät nannten uns Leichenbitter, ſagte Pöll⸗ nitz lachend, der prophetiſche, göttliche Geiſt unſers Königs trifft immer das Rechte. Es iſt allerdings Leichenduft an uns. Aber der Himmel verhüte uns, deshalb zu Klage⸗ weibern zu werden, rief Bielfeld, wir ſind diel lieber bereit Schlachtlieder anzuſtimmen. Der Leibarzt hatte indeſſen die Hand des Königs genommen, und zählte ernſtprüfend die Schläge ſeines Pulſes, während Fredersdorf mit ſorgſamer Zärtlichkeit — ,— — 79— bemüht war, die Kiſſen unter dem Haupt des Königs ein wenig zurecht zu legen. Der König ſah ihn mit ſeinen großen durchboh⸗ renden Augen fragend an. Höre, Fredersdorf, ſagte er, was wollen denn alle dieſe räthſelhaften Worte ſagen, und warum ſchneidet Ihr Alle ſo ernſthafte Geſichter. Iſt etwa einer von meinen Hunden ge⸗ ſtorben, oder ſeid Ihr nur ſo verdrießlich, daß dieſes abominable Fieber Euch heute um die Generalprobe gebracht hat? Nein, Majeſtät, es iſt Keiner von den Hunden ge⸗ ſtorben! Und was die abgeſagte Generalprobe anbelangt, ſagte Jordan, ſo hat Gott ſtatt unſerer den Tod des Ciſaren in Scene geſetzt, ohne Generalprobe, gleich in der Hauptaufführung. Der Puls des Königs iſt vollkommen ruhig, ſagte Ellert, Sie dürfen Sr. Majeſtät Ihre Nachricht mit⸗ theilen. Jetzt trat der Baron von Pöllnitz in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Ober⸗Ceremonienmeiſter näher zu dem Lager des Königs heran. Sire, vor einer Stunde iſt ein Courier ange⸗ kommen, welcher der Ueberbringer wichtiger Nachrich⸗ ten iſt. 2 Von wem kommt der Courier? fragte der König vollkommen ruhig. Von Ew. Majeſtät Geſandten in Wien, dem Herrn von Borcke. Er hat ſeinen eigenen Kammerdiener als Courier geſandt. Oh, ſagte der König, ſollte etwa die Kaiſerin, unſere erhabene Tante, wieder leidend ſein? Die Kaiſerin iſt vollkommen wohl, aber ihr Ge⸗ 2 mahl, der Kaiſer— — 80— Nun, warum fahren Sie nicht fort? rief der König ungeduldig. Wollen Ew. Majeſtät nicht zuvor etwas zur Stär⸗ kung nehmen? fragte Fredersdorf. Aber der König wehrte ihn ungeduldig zurück. Vollenden Sie Ihren Satz, Pöllnitz. Was iſt mit dem Kaiſer von Oeſterreich? 4 Sire, der Kaiſer Carl VI. iſt nicht mehr, er iſt am 20. October geſtorben. Nun wahrlich, ſagte Friedrich, indem er ſein Haupt langſam in die Kiſſen zurückſinken ließ, es verlohnte ſich auch der Mühe, um ſolcher unbedeutenden Nach⸗ richt willen ſo viel Aufhebens zu machen. Wenn der Kaiſer todt iſt, ſo wird Maria Thereſia Kaiſerin von Deutſchland werden. Das iſt Alles. Uns kümmert das nicht. Er ſchwieg und ſchloß die Augen. Der Leibarzt unterſuchte den Puls. Er geht vollkommen ruhig, ſagte er leiſe. Die ungeheuere Nachricht hat auch nicht die kleinſte Bewegung und Abweichung verurſacht. Da hat Er Recht, ſagte der König, ſeine Augen wieder groß und leuchtend aufſchlagend, auch nicht die kleinſte Abweichung wird der Tod des Kaiſers auf dem von uns vorgezeichneten Wege herbeiführen. Aber da⸗ mit ich dieſen Weg, welchen ich mir auserkoren, auch ſicher und ungeſtört weiter wandeln kann, muß ich voll⸗ kommen geſund ſein. Es darf nicht geſagt werden, daß eine elende Krankheit mich in meinen Vorſätzen hemmte und mich zur Unthätigkeit verdammte. An dem Tage, an welchem ich die Nachricht von dem Tode des Kaiſers erhalten, darf ich kein Fieher haben, man möchte ſonſt in Wien glauben, der Schreck habe mich krank gemacht. Gebe Er mir alſo Sein China⸗ pulver, Ellert, ich will es gebrauchen. — 88— Aber ich ſagte Ew. Majeſtät ſchon, daß ich dies nicht kann, nicht darf. Daß ich die Wirkungen dieſer Arzenei noch nicht genug ſelbſt geprüft habe, um ihre Heilkraft ermeſſen zu können. Nun, ſo ſollt Ihr ſie an mir prüfen, ſagte der König entſchloſſen. Gebt her das Pulver! Vergebens war es, daß Ellert die Cavaliere des Königs zu ſeinem Beiſtand herbeirief, vergebens baten und beſchworen ſie ihn Alle, von ſeinem Vorhaben ab⸗ zuſtehen und ſein Leben nicht muthwillig in Gefahr zu bringen. Mein Leben ſteht in Gottes Hand, ſagte der König feierlich, und Gott, welcher mich ſchuf, hat auch die Chinarinde geſchaffen. Ich glaube mehr an die Ar⸗ zenei Gottes, als an die der Menſchen. Gebe Er mir alſo ſchnell das Pulver!— Und als Ellert noch zögerte, fuhr der König in ſtrengem Tone fort: ich befehle es Ihm, als Sein König und Sein Herr! Auf mich allein komme die Verantwortung. Her mit dem Pulver! Wenn es Ew. Majeſtät beſehlen, ſo muß ich ge⸗ horchen, ſagte Ellert, aber ich nehme dieſe Herren zu Zeugen, daß ich nur gezwungen nachgab. Er nahm eines der Pulver und ſchüttelte es in den von Fredersdorf dargereichten Löffel. Unter dem athemloſen Schweigen der Anweſenden nahm der König die Arzenei. Jetzt aber müſſen Sie ruhen, Majeſtät, ſagte der Arzt, 1 or allen Dingen dürfen Sie gar nicht nach Berlin zurückzukehren. In meiner ge als Arzt habe ich das Recht, dies Ew. Majeſtäk zu verbieten.. uns in unſern Vergnügungen und unſern harmloſen Freuden ſtören laſſen? Haben wir nicht den Plan, hier Voltaires Tragödie„den Tod Cäſars“ aufzu⸗ führen? Daß Gott inzwiſchen eine kleine Nachahmung dieſes unſterblichen Meiſterwerks aufgeführt hat, das darf uns nicht hindern und uns unſern Plänen nicht abwendig machen. Nein, ich werde nicht nach Berlin gehen. Eine Kleinigkeit, wie der Tod des Kaiſers iſt, fordert keine große Regungen*). Wir werden hier bleiben, um unſere Kronprinzlichen Tage zu erneuern, und zu vergeſſen, daß wir andere Pflichten haben, als diejenigen, uns zu ergötzen. Jetzt geht hinaus, meine Herren, ich fühle mich geſund, Er ſieht alſo wohl, Ellert, daß ich recht daran gethan, dieſes Pulver zu nehmen. Es hat mich geſund gemacht und ich will aufſtehen. Fredersdorf, Du bleibſt, um mich anzu⸗ kleiden, und Du, Jordan, rufſt mir wohl meinen Ca⸗ binetsrath Eichel, damit ich ihm einige nothwendige Briefe dictire, und dann, meine Herren, treffen wir uns im Muſikſaal, wo Quanz heute mit mir ein Duo 8 ſpielen wird, zu welchem ich Sie als Zuhörer ein⸗ lade. Und der König entließ ſeine Freunde mit einem gnädigen Lächeln. Er ſcherzte heiter und ungezwungen mit Fredersdorf, während er ſich ankleiden ließ, dann berief er den im Vorzimmer wartenden Cabinetsrath 4 und dictirte ihm drei Briefe. Der eine war an den Feldmarſchall von Schwerin, der zweite an den Fürſten von Anhalt⸗Deſſau, der dritte an den Miniſter von Podewils. Dieſe Briefe enthielten alle nur die⸗ ²*⁵¹) Des Königs eigene Worte. Siehe: Correspondance ayec Algarotti. ——xV — 83— ſelben Worte, nur den Befehl unverzüglich aufzubrechen und zum König nach Rheinsberg zu kommen. Dann, als dies geſchehen, ging der König hin⸗ unter in den Muſikſaal zu ſeinem harrenden Hofe, und niemals war Friedrich heiterer und witziger, un⸗ gezwunger und lebhafter, niemals ſpielte er die Flöte ſchöner, als an dieſem Tage, wo er die Nachricht von dem Tode des Kaiſers von Oeſterreich empfangen hatte. Am andern Morgen trafen die drei befohlenen Herren aus Berlin in Rheinsberg ein und wurden ſo⸗ fort in das Bibliothekzimmer des Königs berufen. Friedrich ging ihnen mit einem ſtolzen, freudigen Lächeln entgegen, ſein Auge ſtrahlte in einem unge⸗ wohnten Glanz, ſeine Stixn war heiter und ſorgenfrei, ſein ganzes Weſen war wie von einer freudigen Be⸗ geiſterung gehoben und getragen. Der Kaiſer von Oeſterreich iſt todt, ſagte er, in⸗ dem er den drei Herren winkte, auf den bereit ge⸗ ſtellten Seſſeln neben ihm Platz zu nehmen. Der Kaiſer von Oeſterreich iſt todt und ich habe Sie deshalb be⸗ rufen, um mit Ihnen zu berathen, welchen Nutzen wir aus dieſem Todesfall ziehen können. Oh, Ew. Majeſtät werden ohne Zweifel nicht daran denken, Nutzen aus einem Todesfall ziehen zu wollen, welcher ein nahe verwandtes Fürſtenhaus in tieſe Trauer verſetzt, und die regierende Königin von Preußen ihres Oheims beraubt, rief der alte Fürſt von Deſſau mit Wärme. Ah., man weiß wohl, daß Ihr kaiſerlich geſinnt ſeid, ſagte der König lächelnd. Nicht kaiſerlich, Majeſtät, ſondern königlich preußiſch, rief der alte Fürſt, eine Entzweiung mit Deſßetreich wäre ein Unglück für Preußen.. 6 6 — 31— Friedrich zuckte leicht die Achſeln und wandte ſich an die beiden andern Herren. Ich wünſche auch Ihre Meinungen zu hören, meine Herren, ſagte er, Sie ſind alle drei erfahrene Männer, Kriegshelden und Staatsmänner, Sie dürfen alſo meiner Jugend und Unerfahrenheit Ihren Rath nicht entziehen. Mit lächelnder Ruhe hörte er dann den friedlichen nud weisheitsvollen Vorſchlägen des Feldmarſchalls und des Miniſters zu, in welche der Fürſt von Anhalt bereitwillig mit einſtimmte. Sie bezweifeln alſo meine Anſprüche auf Schleſien, ſagte der König dann nach einer kleinen Pauſe. Sie bezweifeln, daß ich berechtigt bin, dieſes Schleſien zu⸗ rückzufordern, welches meinen Ahnen unrechtmäßiger Weiſe von den Habsburgern entriſſen ward? Doch haben Ihre Ahnherren den Frieden deshalb nicht gebrochen, ſagte der Fürſt von Anhalt, doch haben ſie das öſterreichiſche Kaiſerhaus im ungeſtörten Beſitz Schleſiens gelaſſen. Aber indem ſie's thaten, rief der König mit mäch⸗ tiger Stimme, indem meine Ahnherren ſich in die Noth⸗ wendigkeit fügten, indem ſie ſich überliſten ließen von den Ränken und Intriguen des Oeſterreichiſchen Kai⸗ ſerhauſes, indem ſie für geleiſtete Dienſte mit ſchnödem Undank belohnt, mit müßigen und inhaltloſen Ver⸗ ſprechungen bei Seite geſchoben wurden, riefen ſie ihre Nachkommen ſchon zur Rache ſolcher Unbilden und ſolcher Kränkungen an ihrer Ehre und ihrem Rechte auf. Friedrich Wilhelm, der große Kurfürſt rief, als das Haus Oeſterreich ihn treulos verließ und die beſchworenen Verſprechungen ableugnete, mit prophetiſchem Munde: „ein Rächer wird aus meinem Staub erſtehen”*). ——. 1 *) Friedrichs Leben des großen Kurfürſten. * — 8— Als dann ſein Sohn, der erſte König Preußens, durch Oeſterreichiſche Intriguen überliſtet, die Stadt Schwie⸗ bus wieder an Oeſterreich zurückgeben mußte, ſagte er zu ſeinen Miniſtern: das Recht in Schleſien auszu⸗ führen, will ich meinen Nachkommen überlaſſen, als welche ich ohnedem, bei dieſen widerrechtlichen Um⸗ ſtänden, weder binden kann, noch will. Giebt es Gott und die Zeit nicht anders, ſo müſſen wir zufrieden ſein, ſchickt es aber Gott anders, ſo werden meine Nachkommen ſchon wiſſen und erfahren, was ſie des⸗ falls dereinſt zu thun und zu laſſen haben mögen“). — und als zuletzt mein Vater die Intriguen und Un⸗ dankbarkeit des Oeſterreichiſchen Hofes in ſeinem vollen Maße erkannt hatte, da fühlte er, daß zwiſchen dem Hauſe Oeſterreich und Brandenburg kein Friede mehr möglich ſei, da übertrug er mir die heilige Miſſion der Strafe und Demüthigung des ſtolzen und einge⸗ bildeten Hauſes Habsburg, da zeigte. er mich ſeinen Miniſtern und ſprach: Da ſtehet Einer, der mich rächen wird**).— Sie ſehen alſo, daß meine Ahnen mich rufen, daß mein Ahnherr, mein Großvater und mein Vater mich auserſehen haben zu ihrem Kämpfer und zu ihrem Rächer, daß ſie von mir fordern zu thun, was ſie ſelber, gehemmt von den Umſtänden, damals nicht vermochten, und auf eine ſpätere Zeit vertagen mußten. Die Stunde, auf welche meine Ahnen hin⸗ gedeutet haben, iſt da, die Stunde der Genugthuung und der Ehrenrettung iſt gekommen. Die Zeit iſt da, wo das alte politiſche Syſtem eine gänzliche Aenderung erfahren muß; der Stein iſt losgeriſſen, welcher auf Nebukadnezars Bild von vielerlei Metallen rollen und *) Von Ludewig. Rechtsgegründetes Eigenthum. S. 38. **) Seckendorf. Journal secret. pag. 139. P ½ es zermalmen wird*). Die Zeit iſt da, wo ich dem Hauſe Habsburg die Augen öffnen muß, um ihnen zu zeigen, daß dieſer kleine Marquis von Brandenburg, von dem ſie ſagen, daß er die Pflicht hat, dem Kaiſer nach der Mahlzeit die Serviette und das Waſchbecken zu reichen, daß dieſer Marquis ſich in einen ebenbür⸗ tigen, freien und ſelbſtſtändigen König verwandelt hat, der ſich von Oeſterreich weder knechten, noch demüthigen läßt und Niemand als ſeinen Herrn anerkennt, außer Gott allein. Wollt Ihr dazu mir behülflich ſein und mir beiſtehen in meinem Werk mit Euren Erfahrungen und Eurem Rath? Ja, das wollen wir, riefen alle drei mit freudiger Begeiſterung, ganz durchglüht und hingeriſſen von der edlen Gluth des Königs. Unſer Blut und Leben ge⸗ hört dem König und dem Vaterlande. Friedrich reichte ihnen lächelnd die Hand dar. Ich rechnete auf Euch; auch Ziethen und Winterfeldt werden uns nicht fehlen, und nicht voreilig und unvorbereitet werden wir in den Kampf ziehen. Alles war vorher⸗ geſehen, Alles vorbereitet, und es handelt ſich nur um die Ausführung der Entwürfe, die ich ſeit langer Zeit in meinem Kopfe bewegt habe*). Sehen Sie, hier ſind die Pläne zu unſerm Feldzuge, hier ſind die Marſchrouten, die Angriffspläne. Wir werden alſo endlich ſchlagfertig dieſen Oeſterreichern gegenüberſtehen, und wenn man gewagt hat, von meinem Vater zu ſagen, daß er den Hahn immer geſpannt hatte, aber ihn niemals abdrückte, ſo ſollen ſie ſehen, daß wir *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Correspondance avec Voltaire.. **) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres Vol. XVIII. pag. 20. — — 87— jetzt bereit ſind, abzudrücken, und den Doppeladler von ſeiner ſtolzen Zinne herabzuſchießen. Unſere Pläne ſind, wie Sie ſehen, meine Herren, wohlerwogen, und damit auch mein Volk erfahren möge, daß ſein König nur einen Krieg eröffnet, um ſein ihm beſtrittenes gutes Recht ſich von Oeſterreich wieder zu erobern, ſo habe ich den Kanzler von Ludewig beauftragt, eine Schrift zu veröffentlichen, in welcher er den Völkern unſere rechtsbegründeten Anſprüche auf die Herzog⸗ und Fürſtenthümer Jägerndorf, Liegnitz, Brieg, Wohlau und die dazu gehörigen Herrſchaften in Schleſien aus⸗ einanderſetzen ſoll⸗). Der Kampf iſt beſchloſſen und unabänderlich, laßt uns aber vorſichtig ſein und ver⸗ ſchwiegen, damit Niemand vor der Zeit Etwas von unſern Plänen erfahre und wir die Oeſterreicher über⸗ raſchen können. Und jetzt, meine Herren, laſſen Sie uns auf die näheren Details unſerer Pläne eingehen unns prüfen Sie mit mir dieſe Entwürfe und Schlacht⸗ pläne. 8 1 VII. Der Rönig und der Kreund. Mehrere Stunden blieb der König in ernſter Be⸗ rathung mit ſeinen Vertrauten eingeſchloſſen, dann als ſie ihn verlaſſen hatten, berief er Jordan zu ſich und ihm mit von Begeiſterung verklärtem Angeſicht ent⸗ *) Preuß, Friedrich d. Gr. Vol. I. pag. 165. — 38— gegengehend, reichte er dem Freunde ſeine beiden Hände dar. MNun, Jordan, freue Dich mit mir! Die Zeit der trägen Ruhe iſt vorüber, und es wird endlich Leben und Bewegung in dieſe roſtige und knarrende Maſchine der Staaten kommen. Du nannteſt mich oft einen küh⸗ nen Adler! Jetzt wollen wir ſehen, ob meine Flügel die Kraft haben mich zu kühnen Thaten empor zu tragen und ob meine Fänge ſcharf genug ſind dieſem feindlichen Doppeladler einige ſeiner beſten Federn aus⸗ zurupfen. Ah, meine Ahnungen werden ſich alſo erfüllen, rief Jordan, gegen Oeſterreich richtet ſich der erſte kühne Waffengang meines Königs. 3 Ja, gegen Deſterreiche gegen dieſen ſtolzen Wider⸗ ſacher, der mit neidiſchem und eiferſüchtigem Auge jeden meiner Schritte überwacht, gegen Oeſterreich, dem es beliebt Preußen als einen unterthänigen Va⸗ ſallen betrachten zu wollen, gegen Oeſterreich, deſſen Kaiſer es unter ſeiner Würde hielt, meinem Vater die Hand zur Begrüßung darzureichen und ihm einen Seſſel anzubieten. Ah, jetzt werde ich es ſein, welcher Oeſter⸗ reich die Hand verweigert und es aus ſeiner behag⸗ lichen Ruhe aufſchreckt. Aber auch für Sie, mein König, wird es vorbei ſein mit der Ruhe, vorbei mit der heiligen Dichter⸗ muße, mit den Studien und Künſten. Der Liebling Apollos wird ſich in einen Sohn des Mars umwan⸗ deln, und trauernd werden wir Alle dem Enteilenden nachſchauen und nichts für ihn thun können, ſelbſt nicht einmal mit unſerer Bruſt ihn ſchützen gegen Gefahr und Tod. Weg mit den trüben Gedanken, miein Freund, rief der König mit einem ſtrahlenden chein. V — V — 89— Tod erwartet uns Alle, und wenn er mich in der Schlacht aufſuchen ſollte, nun, ſo falle ich auf dem Bette der Ehre und meine Freunde und mein Volk und die Geſchichte werden mich nicht vergeſſen. Das iſt auch ein Troſt und eine Hoffnung! Und dann, mein Freund, Du weißt es, ich glaube und baue auf dieſes großes, erhabene und unfaßbare Weſen, welches die Welten regiert, ich glaube an Gott und lege mein Geſchick getroſt in ſeine Hand. Die Kugel, welche mich treffen ſoll, kommt von Gott*), und wenn ſie mich nicht auf dem Schlachtfelde träfe, ſo könnte ſie mich in meinem Zimmer, von mörderiſcher Hand gezielt, ereilen, und das wäre ein minder ehrenvoller und rühmlicher Tod. Ich muß aber etwas Großes, Ent⸗ ſcheidendes und Ruhmwürdiges thun, damit mein Volk mich lieben, damit das ganze Publikum Zu⸗ trauen zu mir faſſen und mir vertrauen kann. Es iſt nicht genug, König zu ſein durch Erbfolge und Ge⸗ burt, man muß auch durch ſeine Thaten verdienen, es zu ſein. Dieſes Schleſien bietet mir dazu die ſchönſte Gelegenheit dar, und zwar unter Umſtänden, die eine feſte und ſolide Baſis meines Ruhms begründen können**). Ah, ich ſehe es wohl, ſeufzte Jordan, es genügt Ew. Majeſtät nicht an der Liebe Ihrer Unterthanen, nicht an der begeiſterungsvollen und ergebenen Zärt⸗ lichkeit Ihrer Freunde. Ein Anderes iſt es, was Sie begehren, der Ruhm iſt es, dem Sie nachſtreben. Ja, Du haſt Recht, rief Friedrich lächelnd, dieſes glänzende Phantom, genannt Ruhm, erſcheint mir alle Tage. Ich weiß, daß es eine Thorheit iſt, aber eine **) Des Königs eigene Worte. *n) Des Königs eigene Worte. Oeuvres Vol. 17. pag. 73. — 90— Thorheit, von der man ſich ſchwer losmacht, wenn man einmal von ihr beſeſſen iſt. Rede mir alſo nicht von Gefahren, nicht von Strapazen und Sorgen, was iſt dieſes Alles im Vergleich mit dem Ruhm. Er iſt eine ſo tolle Leidenſchaft, daß ich nicht begreifen kann, daß ſie nicht Jedermann den Kopf verdreht). Oh Majeſtät, Tauſenden hat dieſe Leidenſchaft nicht blos den Kopf verdreht, ſondern auch den Kopf ge⸗ koſtet, ſagte Jordan traurig. Das Schlachtfeld iſt frei⸗ lich das goldene Buch der Helden, aber nur mit Blut werden ihre Namen in demſelben verzeichnet. Es iſt wahr, ſagte der König ſinnend, ein Schlacht⸗ feld iſt ein trauriges Bild für einen Poeten und Phi⸗ loſophen. Wäre ich nicht als Fürſt geboren, ſo würde ich nur Philoſoph ſein wollen. Nun aber muß Jeder⸗ mann in dieſer Welt ſein Handwerk treiben, und ich gedenke nichts halb zu thun. Ich liebe den Krieg um des Ruhmes willen. Beklage mich alſo nicht, mein Freund, daß dieſe Tage der Muße, des Friedens und der heiteren Freuden vorüber ſind, daß ich im Felde ſtehen muß, während Du Dich mit Horaz amtſirſt, den Pauſanias ſtudirſt und mit Anakreon jubelſt und lachſt. Ich beneide Dich nicht, mein Freund, denn mir winkt ein hohes, ein ſtrahlendes Ziel, das iſt der Ruhm. Meine Iugend, das Feuer der Leidenſchaften, die Begierde nach Ruhm, ſelbſt, um Dir nichts zu verhehlen, die Neugierde, und endlich ein geheimer, unwiderſtehlicher Trieb haben mich dieſer ſanften Ruhe meines Lebens entriſſen, und das glühende Verlangen meinen Namen in den Zeitungen und künftig auch in den Büchern der Geſchichte zu leſen, treibt mich hinaus *) Des Königs eigene Worte. Vol. 17. —õ— — 991— auf den Kampfplatz“*). Dort will ich mir die Lorbeer⸗ kränze verdienen, die ſogar ein König nicht von ſelbſt in ſeiner Wiege und auf ſeinem Throne findet, ſon⸗ dern die er ſich als Menſch und als Held erkämpfen muß. Und die einſt ſtrahlend und für alle Zeiten die Stirne meines Helden, die Stirne Friedrichs des Ein⸗ zigen umkränzen werden, rief Jordan mit Thränen in den Augen. Oh, ich ſehe für Euch eine glänzende ruhmesſtrahlende Zukunft vor mir. Mag ſein, daß ich dann nicht mehr bin. Aber wo auch mein Geiſt,— und wenn ich Ihnen gegenüber ſtehe, mein König, fühle ich, daß der Geiſt unſterblich iſt,— wo auch mein Geiſt dann weilen mag, immer wird er in ſeinem edelſten und göttlichſten Theil bei meinem König und bei meinem Herrn ſein, und ob todt oder lebendig, werde ich immer bei Ihnen ſein, Sie zu lieben als meinen Freund, Sie zu verehren als meinen Herrn, Sie zu bewundern als den einzig begabten, von gött⸗ lichem Feuer durchglühten Genius. Oh rede nicht vom Sterben, rief der König und ſein brennender Blick ward jetzt von einer ſanften Rührung umſchleiert. Nein, mein Freund, rede nicht vom Sterben. Ich bedarf Deiner, und ich meine, die wahre Freundſchaft müßte ſo ſtark ſein, daß ſie ſelbſt den Tod überwindet. Wir, mein Jordan, wir dürfen einander nicht verlaſſen, denn wir gehören zu einander, und es wäre wahrlich grauſam von Dir, mich eines Beſitzes zu berauben, deſſen die armen Könige ſich ſo ſelten rühmen dürfen, mich in Dir eines treuen und wahrhaften Freundes zu berauben. Nein, Jordan, Du wirſt mir nicht ſterben und wenn ich auch in den *) Des Königs eigene Worte. Ebendaſelbſt. — 92— Krieg gehe, ſo werde ich doch auch Dir nicht ſterben, ſo werde ich doch auch dort Deiner bedürfen. Du ſollſt mein Cicero ſein, wo es die Vertheidigung der Gerechtigkeit meiner Sache anbetrifft, ich werde Dein Cäſar ſein, was die glückliche und ſiegreiche Aus⸗ führung derſelben anbelangt*). Jordan war keiner Antwort mächtig; es arbeitete und kämpfte in ſeinen Zügen, und indem er leiſe und traurig ſein Haupt ſchüttelte, rollten zwei große Thrä⸗ nen langſam über ſeine Wangen hin. Der König betrachtete ihn mit zärtlichen, aber auch zugleich mit angſtvollen Blicken. Er ſah ſehr wohl dieſe tiefen fieberhaften Purpurflecken, dieſe Roſen des Grabes, welche auf den eingefallenen, durchſichtigen Wangen ſeines Freundes ſtanden, er ſah, daß ſeine Geſtalt täglich ſchwächer und zuſammengefallener er⸗ ſchien, er hörte den Athem, welcher heiß und keuchend aus ſeiner Bruſt hervorging. Eine trübe Ahnung beſchlich das Herz des Königs, das Lächeln erſtarb auf ſeinen Lippen, und unfähig, ſeine Bewegung noch länger zu verbergen, durchſchritt er das Gemach und trat zum Fenſter, ſeine heiße Stirn an die Scheiben lehnend und die Thränen nicht mehr zurückhaltend, die er, außer Gott, Niemand wollte ſehen laſſen. Mein Gott, mein Gott, murmelte er leiſe, wie arm iſt doch ein Fürſt. Ich habe nur ſo wenige Freunde und auch dieſe werden mir vielleicht nur noch kurze Zeit gehören. Suhm liegt krank in Warſchau darnieder, und wer weiß, ob ich ihn jemals wiederſehe. Jordan iſt neben mir, aber ich ſehe ſchon den Tod, *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres Vol. 47. pag. 84. 3— 93— welcher ſein Leben unterwühlt und ihn vielleicht ſchon bald von meiner Seite reißen wird*). Jordan ſtand unbeweglich und blickte hinüber auf den König, der noch immer das Haupt an das Fenſter „ lehnte. Er wagte es nicht den König zu ſtören, und doch hatte er ihm eine wichtige, aber auch eine traurige Nachricht zu melden. Als der König ſich noch immer nicht zu ihm um⸗ wandte, ging Jordan endlich zu ihm hin, und legte leiſe die Hand auf die Schulter ſeines königlichen Freundes. Verzeihung, mein König, ſagte er mit zärtlichem bebendem Ton, Verzeihung, daß ich Ihr Sinnen zu unterbrechen wage. Aber ein Held vor der Schlacht darf ſich keinem traurigen Sinnen überlaſſen, und *) Jordan ſtarb im Jahre 1745 an der Schwindſucht, deren Keime er ſchon Jahre lang in ſich getragen. Schon mehrere Monate vor ſeinem Tode war er nicht mehr im Srande au gehen. Der König beſuchte ihn aber faſt täglich. Als er das erſte Mal, ohne Pagen oder ſonſtige Begleitung kam, ſagte er zu den Verwandten und Pflegern des Kranken, die ſein Lager umſtanden: Ich bitte Sie, mich ganz allein mit ihm zu laſſen. Ich werde ihn pflegen und ihm Alles geben, deſſen er bedarf; ich werde mir Mühe geben, es ſo gut zu machen, als wenn Sie ſelber ihm beiſtänden.— So oft der König dann ſpäter kam, . gingen alle Anweſende ſchon von ſelbſt hinaus, und Friedrich blieb oft Stunden lang mit dem kranken Jordan allein. Als Jordan die Nähe ſeines Todes fühlte, nahm er von dem ig, der ihn am Nachmittag zu der gewohnten Stunde beſuchte, den zärtlichſten Abſchied und empfahl ihm ſeine beiden kleinen mutter⸗ loſen Töchter und ſeinen armen treuen Bedienten. Der König — verließ ihn tief traurig. In der Nacht ſtarb Jordan, und als am andern Morgen ſein Bruder zum König kam, fand er ihn vor dem Bilde des Verſtorbenen ſtehen und es mit inniger Rüh⸗ rruug hetrachten. Er erzählte dem König auf deſſen ausdrück liches Verlangen die letzten Momente ſeines Bruders, und der König, der ihn etwas fragen wollte, konnte nicht ſprechen, ſeine . Stimme erſtickte in Thraͤnen. Thiébault, Vol. V. pag. 229. — 94— wenn er an den Tod denkt muß er ihn mit Lächeln begrüßen, denn der Tod iſt ſein Verbündeter geworden und ſein Adjutant, und wenn er ſelbſt nach den lieb⸗ ſten und theuerſten Freunden ſeine Hand ausſtreckt und ſie begehrt, ſo muß der Held und Krieger ſie ihm geben als ein Opfer, das er ſeinen Siegen dar⸗ bringt. Der König wandte ſich raſch zu dem Sprechenden um und ſein ſcharfer, durchbohrender Blick ſchien bis in das Innerſte ſeines Freundes dringen zu wollen. Du haſt mir eine Todesnachricht zu bringen, Jor⸗ dan? fragte er kurz, vom Fenſter zurücktretend und ſich auf die hohe Lehne eines Fauteuils ſtützend, als fühle er, daß er eines Anhalts bedürfe, um nicht zu⸗ ſammen zu ſinken. Du haſt mir eine Todesnachricht zu bringen, Jor⸗ dan, wiederholte er heftiger, als Jordan noch immer ſchwieg. Ja, eine Todesnachricht, mein König, ſagte dieſer endlich tiefbewegt. Das Schickſal will Ew. Majeſtät an ſolche traurige Kunde allgemach gewöhnen, damit Ihr Herz nicht wanke, wenn in der Schlacht noch mehrere Ihrer Freunde fallen werden. Es iſt alſo ein Freund, der mir geſtorben iſt? rief der König erbleichend. Ein Freund, Sire, und zwar der geliebteſten einer.. Der König antwortete nicht ſogleich. Er ließ ſich in den Fauteil niedergleiten und lehnte das Haupt zu⸗ rück, indem er mit den Händen feſt und krampfhaft die Seitenpolſter umklammerte. Dann fragte er mit lauter, tonloſer Stimme: Iſt es Suhm? Ja, es iſt Suhm, mein König. Er iſt in War⸗ 1 ſchau geſtorben. Hier iſt ſein letzter Brief au Ew. Majeſtät. Sein Bruder hat ihn mir geſandt, damit ich ihn in die Hände Ew. Majeſtät niederlege. 1 Der König ſtieß einen Schrei aus und ſchlug die beiden Hände vor ſein erbleichendes Angeſicht. Große Thränen rannen zwiſchen ſeinen ſchlanken, weißen Fin⸗ gern hervor, glänzender und ſchöner als die Diamanten, welche ſeine Hände ſchmückten, ſtrahlender und koſt⸗ barer als die Edelſteine einer ganzen Welt. Dann ließ er ſeine Hände herabgleiten, und mit einer haſtigen Bewegung die Thränen aus ſeinen Augen fortſchüttelnd, erbrach er den Brief und las ihn, zuweilen hoch auf⸗ ſeufzend und ächzend und in ſich erſchauernd. Nun ließ er langſam die Hand mit dem Briefe fallen und ſtarrte vor ſich nieder. Suhm iſt todt, murmelte der König dann leiſe, und mit einer ſo klagenden und weichen Stimme, daß Jordan ſein Herz erzittern fühlte in unbeſchreiblicher Rührung. Suhm iſt todt, dieſer Freund, der mich ſo aufrichtig liebte, wie ich ihn, dieſer edle Mann, der mit ſo viel Geiſt, ſo viel Aufrichtigkeit und Ge⸗ fühl vereinigte. Ach, ich möchte lieber Millionen ver⸗ loren haben als ihn. Suhm iſt todt! Mein Herz wird um ihn trauern, tiefer, als man um die meiſten Verwandten trauert. Sein Andenken wird ſo lange währen, als ein Tropfen Blutes in meinen Adern rinnt, und ſeine Familie ſoll die meine ſein! Ach, das Herz blutet mir, und dieſe Wunde iſt ſo tief, tiefer als eine Kugel oder ein Schwert ſie zu ſchlagen vermag*).. Und der König, ganz überwältigt vor Schmerz, *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuyres Vol. 18. Pg 25 gs eig SE. 25. 4. — 96— legte ſein Haupt in ſeine Hände und weinte laut. Dann, nach einer langen Pauſe richtete er ſich plötzlich aus ſeinem Seſſel empor und ſtand hoch und ſtolz und er⸗ hobenen Hauptes vor Jordan da. Seine Züge hatten einen feſten, faſt ehernen Ausdruck angenommen, ſeine Augen glühten wieder wie zwei Schwerterſpitzen. Jordan, ſagte er mit lauter voller Stimme, jetzt kann der Tod mir nichts mehr anhaben und mein Herz nicht mehr treffen. Er hat einen eiſernen Panzer um mein Herz gelegt, und wenn ich jetzt in den Kampf gehe, ſo werde ich ſiegen über alle meine Feinde, denn meinen Freund hat der Tod als Siegesopfer ſich hin⸗ weggenommen, und weil er mich in der Schlacht nicht treffen wollte, ſo traf er mich vorher in meinem Freunde! Jordan, Jordan, dieſe Wunde blutet ſehr! Aber wir wollen ſie verbinden, und Niemand ſoll die blutge⸗ tränkten Tücher ſehen, mit welchen wir ſie verhüllen. Ich habe den Tod überwunden, jetzt will ich kämpfen und ſiegen als ein Held und als ein König. Was kümmerts die Welt, ob ich dabei leide. Die Welt ſoll nichts davon wiſſen. Eine Maske vor unſer Angeſicht. Eine Larve über unſere Schmerzen. Lachen wir wieder und ſcherzen wir, indeß wir trauern über den Freund, indeß wir uns rüſten wider den Feind. Spielen wir alſo hier ganz ſtill den Cäſar und Antonius, bis wir ſie einſt reeller nachahmen können). Komm, Jordan, komm, wir wollen hingehen und„Cäſar's Tod“ probiren. *.) Oeuvres Vol. 18. pag. 20- —,— — 97— VIII. Abſchiedsaudienz des öſterreichiſchen geſandten, Marquis von Botta. Jubel und Luſt herrſchte heute im Königſchloß zu Berlin. Beim König fand ein glänzendes Diner ſtatt, dann ſollte der Hof in den neueingerichteten Zimmern der Königin⸗Mutter den Caffee einnehmen, und Abends war ein Maskenball angeſagt, zu dem der Hof, der Adel und die höheren Beamten geladen waren. Die officielle Trauer um den Kaiſer war zu Ende und man durfte ſich nun ungeſtört den Freuden und Vergnügungen des beginnenden Carnevals überlaſſen. Niemals hatte der Hof ein glänzenderes und üppigeres Leben geführt, als jetzt, Feſte folgten auf Feſte, und ſelbſt die altfränkiſcheſten und philiſterhafteſten Bürger der guten Stadt Berlin fingen an ſich mit dieſer neu⸗ modiſchen Regierung zu befreunden, welche ſo viel Geld unter die Leute brachte und den Handwerkern und Ge⸗ werbtreibenden ſo viel Verdienſt und Nahrung zuführte. Man hatte ſich berechnet, daß ein luxuriöſer und ver⸗ ſchwenderiſcher Hof den Bürgern mehr einbringe, als ein ſparſamer und unſcheinbarer, und man war es da⸗ her jetzt ſchon zufrieden, daß dieſe Schaar der König⸗ lichen Lakayen ſtarrte von Goldtreſſen, daß das König⸗ ſchloß mit einer ungeheuren Pracht ganz neu ausgeſtattet worden, daß die daſelbſt befindlichen neuen Zimmer der Königin⸗Mutter nicht blos von einem nie geſehenen Luxus zeugten, ſondern ſogar ein Gemach enthielten, in welchem alle Verzierungen und alle Geräthſchaften „aus maſſivem Golde beſtanden, daß man da goldene Friedrich der Große. III. 7 8 Kronleuchter, Wand⸗ und Armleuchter und Gueridons ſah, daß ſogar die Tafeln und Brandruthen des Kamins aus purem Golde beſtanden*). Man erzählte ſich mit einem ſtolzen Lächeln, daß ſogar der Engliſche und der Franzöſiſche Geſandte erſtaunt geweſen über dieſes „goldene Kabinet“ der Königin⸗Mutter, und daß ſie Beide erklärt hätten, in den Königſchlöſſern von Paris und London, vielleicht in der ganzen Welt, ſei nicht eine ähnliche Pracht und Herrlichkeit zu finden. Die Berliner, wie geſagt, fingen an ſtolz auf ihren Hof und ihren König zu werden, und ſie fanden es ganz natürlich, daß der junge achtundzwanzigjährige Herrſcher ſich gar wenig um die Staatsgeſchäfte zu be⸗ kümmern, ſondern ſeine ganze Zeit der Freude und dem Vergnügen zu widmen ſchien. Der König hatte alſo ſeinen Zweck erreicht. Nie⸗ mand ahnte den tiefen Ernſt, den er hinter müßigem Spiel verbarg, Niemand dachte daran, daß dieſer ſtets heitere, lächelnde Fürſt, auf deſſen Lippen immer ein geiſtreicher Scherz, ein ſanglantes Bonmot ſchwebte, der jeden Abend ein Concert veranſtaltete, in welchem er ſelber die Flöte blies, der ſich umgab mit Künſt⸗ lern, Dichtern und lebensluſtigen Cavalieren, und mit ihnen manche Nacht in toller übermüthiger Luſt durch⸗ jubelte, Niemand ahnte, daß dieſer ſo unbefangene und harmloſe junge Fürſt in Begriff ſtand die ganze bis⸗ herige Politik der europäiſchen Staaten umzuſtoßen und 3 Deutſchland eine neue Geſtalt zu geben. Der König hatte nicht einen Moment die Maske von ſeinem Ant⸗ litz gleiten laſſen, und unter den Schleiern unverbrüche lichen Geheimniſſes waren ſeine Pläne gediehen und *) König. Siſtoriſche Schilverung ꝛc. Theil V. Bv. A. pag. 20. — 90— zur Reife gelangt. Jetzt war der Moment ihrer Aus⸗ führung gekommen und heute Abend noch, heute wäh⸗ rend des Maskenballs, der mit ſo viel Pomp und Pracht veranſtaltet ward, wollte der König mit ſeinen Regimentern Berlin verlaſſen, um ſich gleich nach Schleſien zu begeben. Aber ſelbſt ſeine Truppen kann⸗ ten nicht das Ziel ihres Marſches. Die Zeitungen hatten verkündet, daß die Truppen Berlin verlaſſen ſollten, um neue Winterquartiere zu beziehen, und man hatte arglos genug dieſem Märchen überall Glauben geſchenkt. Nur einige wenige Vertraute und die ihn beglei⸗ tenden Generale wußten um das Geheimniß, und mit dieſen Letzteren hatte der König nach der heutigen glänzenden Mittagstafel eine letzte Unterredung in ſeinem Arbeitskabinet. Er ertheilte ihnen ihre nöthigen Ordres, er gab ihnen ihre letzten Verhaltungsbefehle, und indem er ihnen die Stunde der Abreiſe beſtimmte, befahl er ihnen die Officiere aller marſchirenden Re⸗ gimenter zu dieſer Zeit auf dem Schloßplatz zu ver⸗ einigen. Und nun, meine Herren, ſagte der König dann, nun, da wir mit den Geſchäften fertig ſind, laſſen Sie uns nur noch an unſer Vergnügen denken und uns der Freude hingeben, von der wir nicht wiſſen, wie lange ſie uns nachher fern bleiben wird. Ich ſehe Sie heute Abend auf dem Maskenball, dort wollen wir mit den Damen tanzen, bevor der Waffentanz beginnt. Als die Generale ihn verlaſſen hatten, kamen die Kammerdiener um die Königliche Toilette zu beſorgen, zu der Peliſſier heute Abend einen neuen prächtigen Anzug nach der neueſten Pariſer Mode geliefert hatte. Der König wollte ſich ſeinem Hofe noch einmal in allem 7* — 100— 4. Glanze zeigen, bevor er den Salon mit dem Feld⸗ lager vertauſchte, er wollte noch einmal der elegante Cavalier ſein, bevor er der rauhe Krieger ward. Nie⸗ mals hatte er daher mehr Sorgfalt auf ſeine Toilette verwandt, niemals hatte er geduldiger ſich den Händen des Friſeurs überlaſſen, wie heute, ja, als ſeine Toi⸗ lette vollendet war, ging er ſogar zu dem großen Spiegel hin, um mit prüfendem Blick ſeine ganze Geſtalt zu betrachten und ſeine koſtbare Toilette anzu⸗ ſchauen. Nun, ſagte er leiſe, wenn der Marquis Botta von dieſem Modenarren, den ich da im Spiegel ſehe, nicht hintergangen wird, ſo iſt das wahrhaftig nicht meine Schuld. Dieſer gute öſterreichiſche Geſandte müßte wahrlich eine ſehr feine Naſe haben, wenn er hinter dieſer ambraduftenden, mit Spitzen und Schleifen aus⸗ ſtaffirten Salonpuppe den Kriegsmann wittern wollte. Ich denke, er wird meiner guten Muhme der Maria Thereſia weiter nichts zu ſagen haben, als daß der König von Preußen ſich ſehr gut anzukleiden ver⸗ ſteht und ein vollendeter Modeheld, aber kein Kriegs⸗ held iſt. Und der König begab ſich lachend hinüber in die Gemächer der Königin⸗Mutter, wo der ganze Hof ver⸗ ſammelt war, und wo Friedrich dem Marquis von Botta, dem Abgeſandten der jungen Kaiſerin von Oeſter⸗ reich eine Abſchiedsaudienz ertheilen wollte. Friedrich hatte ganz Recht gehabt, der Marquis war getäuſcht worden von dieſer Maske harmloſer Luſtigkeit und gedankenloſer Freuden, welche der König ſich und ſeinem ganzen Hofe angeheftet hatte. Er war von der Kaiſerin mit der geheimen Inſtruction abgeſandt worden, die Abſichten des preußiſchen Kö⸗ nigs zu ſondiren, währeud er offieiell nur den Auf⸗ — 101— trag hatte, zu danken für die Glückwünſche, welche der König der Kaiſerin zu ihrer Thronbeſteigung ge⸗ ſandt hatte.— Der Marguis von Botta, wie geſagt, hatte ſich täuſchen laſſen von dieſer anſcheinenden Harmloſigkeit des Königs und die Warnungen und Andeutungen Mannteuffels waren bis jetzt vergeblich geweſen. Ich gehe mit der feſten Ueberzeugung, ſagte er zu dem Grafen Mannteuffel, mit dem er, das Kommen des Königs erwartend, ſich in eine Fenſterniſche zurück⸗ gezogen hatte, während der Hof ſich plaudernd, ſchä⸗ kernd und lachend in den Sälen auf und ab bewegte, und die beiden Königinnen in dem goldenen Kabinet der Königin⸗Mutter mit ihren vertrauteſten Damen eine Partie Quadrupel ſpielten, ich gehe mit der feſten Ueberzeugung, ſagte der Marquis, daß der König durch⸗ aus nur friedliche Abſichten hegt und gar nicht daran denkt, den Frieden ſtören zu wollen. Graf Mannteuffel zuckte die Achſeln. Sie werden morgen ſchon in dieſer Ueberzeugung wankend gemacht werden, denn dieſe Nacht noch verläßt der König Berlin, um mit ſeiner Armee nach Schleſien zu gehen. In dieſem Moment erſchien dort drüben in der Thür des goldenen Kabinets die von Brillanten fun⸗ kelnde Geſtalt des Königs. Eine plötzliche Stille trat ein, das Plaudern und Lachen verſtummte, und Jeder⸗ mann beugte ſein Haupt nieder und verneigte ſich ehr⸗ furchtsvoll vor dieſer glänzenden, lichtvollen Erſcheinung des jugendlichen Königs. Friedrich neigte lächelnd ſein Haupt, aber er blieb in der geöffneten Thür ſtehen und ſeine flammenden Blicke überflogen prüfend den ganzen Saal. Es ſchien ihm Vergnügen zu machen, ſo gewiſſermaßen vor ſeinem ganzen Hofe dazuſtehen und ſich dem Anſchauen aller — 102.— dieſer bewundernden, neugierigen, forſchenden Augen darzubieten. Wie ein köſtliches lebensvolles Bild der Jugend, Schönheit und Männlichkeit ſtand er da in dieſem Rahmen der Thür, ſtrahlend wie in einem Meer von Licht und Glanz, von hinten beleuchtet durch den goldenen Kronleuchter des Kabinets der Königin, während die großen Lüſtres des Saals vor ihm ihre Lichtmaſſen gerade auf ſeine Geſtalt zu concentriren ſchienen, und ſein blaues, mit koſtbarer Silberſtickerei verziertes Sammetkleid und die Silberbrocatweſte mit den großen Knöpfen von Brillanten funkeln und leuchten machten. Sehen Sie nur dieſen wundervollen geputzten, ſchönen jungen Mann, flüſterte Marquis Botta. Sehen Sie dieſes jugendliche von Luſt und Freude ſtrahlende Angeſicht, dieſe mit Brillantringen geſchmückten, von koſtbaren Spitzenmanſchetten eingefaßten Hände, die ſo zart, weiß und fein ſind, daß ſie der zierlichſten Dame Ehre machen würden, ſehen Sie dieſes zierliche, ſchlanke, von weiß ſeidenen Strümpfen umhüllte Bein, und dieſen kleinen zarten Fuß, der ſich jungfräulich verbirgt in dem glänzenden Schuh, der mit hohen rothen Hacken und diamantenen Schnallen verziert iſt. Ah, und Sie wollen mich glauben machen, daß dieſer kleine zierliche Fuß ſoldatiſch marſchiren will, ſtatt in zierlicher Menuett über den parquettirten Fußboden zu tänzeln, daß dieſe kleine durchſichtige zarte Hand, die nur das Riech⸗ fläſchchen oder die Schreibfeder zu halten vermag, das Schwert und den Commandoſtab führen will. Ach, ach, mein lieber Graf, Sie machen mich lachen mit Ihren düſtern Prophezeihungen. Und doch beſchwöre ich Sie, glauben Sie mir, und eilen Sie, ſobald dieſe Audienz zu Ende iſt, nach Ihrem Hotel, kehren Sie mit Courierpferden nach — 103— Wien zurück, gönnen Sie Sich keine Stunde Schlaf, keine Minute der Erholung, bis Sie Wien erreicht, bis Sie Ihre Kaiſerin bewogen haben, ſofort alle Ihre Regimenter, ja, Ihre ganze Armee in Eilmärſchen nach Schleſien, nach Breslau zu ſenden. Wenn Sie es nicht thun, wenn Sie meinen Rath mißachten, ſo wird der König von Preußen früher in Breslau ſein, wie Sie in Wien, und Ihre Kaiſerin wird von den fliehenden Einwohnern der ohne Schwertſtreich beſiegten Provinz die Nachricht erhalten, die Sie heute nicht glauben wollen. Der tiefe Ernſt des Grafen hatte etwas ſo Ueber⸗ zeugendes, Eindringliches, daß der Marquis von Botta ſeine Argloſigkeit und ſein Vertrauen doch davon erſchüttert fühlte, und mit ſtaunender, zweifelnder Miene hinüber blickte nach dem jungen Monarchen, der ſich eben lächelnd und heiter mit einigen Damen unterhielt. 3 3 Aber während er ſprach, hatte der König nicht einen Moment dieſe beiden Herren aus dem Geſicht verloren, die da in der Fenſterniſche lehnten und deren Gedanken er in ihren Mienen las. Er begegnete jetzt mit feſtem Blick den auf ihn gerichteten Augen des Marquis und winkte ihn mit einer leichten Kopfbedeckung zu ſich. Der Marquis nahm eine feierliche Miene an, und näherte ſich dem König, der in der Mitte des Saales ſtand, umgeben von ſeinen Generälen und Vertrauten. Eine tiefe Stille trat ein. Aller Augen richteten ſich mit geſpannter Erwartung auf dieſe glänzende Gruppe, aus welcher der junge Monarch als der glänzende, lichtſtrahlende Mittelpunkt hervorragte; für Diejenigen, denen die Abſichten und Pläne des Königs bekannt waren, war dieſe Sckene ein intereſſantes Schau⸗ — 104— ſpiel, ein pikanter Scherz, während ſie für Diejenigen, welche nicht zu den Eingeweihten gehörten, ſondern nur eine dunkle, unbeſtimmte Ahnung hatten von dem, was geſchehen ſollte, ein wichtiger, inhaltsreicher Moment der Beobachtung war, um vielleicht eine Beſtätigung oder Verneinung ihrer Ahnung zu erhalten. Der öſterreichiſche Geſandte, Marquis von Botta, ſtand jetzt dem König gerade gegenüber und machte ihm ſeine ceremoniellen, ehrerbietigen Verbeugungen. Der König nickte leicht mit dem Kopf. Sie kommen alſo wirklich, um Abſchied zu nehmen, Herr Marquis, ſagte er leichthin. Sire, Ihro Majeſtät, meine erhabene Kaiſerin ruft mich zurück, und ich muß ihren Befehlen Folge leiſten, ſo glücklich ich mich auch preiſen würde, wenn es mir noch länger vergönnt wäre, mich in dem An⸗ ſchauen eines ſo edlen, erhabenen Monarchen zu ſonnen. Nun, es iſt wahr, ſagte der König, ein wenig Sonne würde Ihnen ſehr wohlthätig ſein, Herr Mar⸗ quis. Sie werden eine kalte Rückreiſe haben. Oh, Majeſtät, die Kälte wäre noch ein leicht zu er⸗ tragendes Uebel, ſeufzte der Diplomat. Es giebt alſo da noch andere Uebel, welche Ihre Reiſe beängſtigen? Ja, Sire, es giebt da dieſe fürchterlichen Wege durch die beklagenswerthe öſterreichifche Provinz Schle⸗ ſien. Ach, Majeſtät, das ſind Landſtraßen und Wege, von denen Ew. Majeſtät in Ihren glücklichen und ge⸗ ſegneten Landen gar keine Vorſtellung haben kann und die glücklicher Weiſe auch in den andern öſterreichiſchen Provinzen eine Unmöglichkeit ſind. Dieſes arme Schle⸗ ſien iſt das Schmerzenskind meiner erhabenen Mo⸗ narchin, es macht ihr nur Sorgen und Kummer, aber -—— — 105— vielleicht gerade deshalb liebt ſie es ſo ſehr und möchte ihm ſo gerne hülfreich ſein. Indeß die Natur ſelber ſcheint der Kaiſerin edle und wahrhaft ritterliche Ab⸗ ſichten verhindern zu wollen. Furchtbare Regengüſſe haben neuerdings wieder die Landſtraßen, welche erſt mit großen Koſten paſſirbar gemacht worden, verheert, und wie ich zu meinem Schrecken erfahre, wird es kaum für einen einzelnen Reiſenden möglich ſein, dieſe ſchleſiſchen Landſtraßen zu befahren, ohne in die äußerſte Gefahr zu gerathen. Ei nun, ſagte der König gelaſſen, das Schlimmſte, welches Demjenigen begegnen kann, der dieſe Wege zu paſſiren hat, iſt doch nur, ſich zu beſchmutzen. Verzeihung, Sire, rief der Marquis lebhaft, man riskirt ſeine Geſundheit, ja ſogar ſein Leben auf dieſen, von tiefen, unſichtbaren, mit ſtehendem Waſſer ange⸗ füllten Sumpflöchern unterbrochenen Wegen, man kann da in dieſen Schmutzregionen, wie in den reinen Schnee⸗ regionen der Alpen in Abgründe hinunterſtürzen, von deren Exiſtenz man keine Ahnung hatte, bevor man den halsbrechenden Weg in die Tiefe gemacht. Oh, beneidenswerth ſind alle Diejenigen, welche nicht nöthig haben, ſich in dieſe Gefahren zu ſtürzen. Der König war jetzt dieſes liſtigen diplomatiſchen Spieles überdrüſſig, er war es müde, die forſchenden, beobachtenden Blicke des Geſandten in ſeinem Antlitz ſpähen zu ſehen; in ſeiner Siegesgewißheit und dem edlen Stolz ſeiner unverhüllten, wahrheitsliebenden Natur gelüſtete es ihn endlich die Maske fallen zu laſſen, welche dem Marquis ſein ſtolzes, heldenkühnes Antlitz verborgen gehalten. Der Moment der That war gekommen, es war alſo nicht mehr ni ſie in die Schleier des Geheimniſſes einzuhüllen. Nun, mein Herr, ſagte der König mit lauter, — 106— feſter Stimme, wenn Sie denn wirklich ein fo fürchter⸗ liches Grauen vor den ſchleſiſchen Landſtraßen haben, ſo rathe ich Ihnen, lieber hier in Berlin zu bleiben. Ich werde ſtatt Ihrer nach Schleſien gehen und meiner erhabenen Muhme, der Kaiſerin Maria Thereſia durch die Stimme meiner Kanonen ſagen laſſen, daß die 5 ſchleſiſchen Landſtraßen für einen Oeſterreicher zu lebens⸗ gefährlich und gewagt, für den König von Preußen aber gerade bequem und geeignet ſind, um auf ihnen nach Breslau zu marſchiren. Wie? Ew. Majeſtät wollen nach Breslau mar⸗ ſchiren? fragte der Marquis entſetzt. Ja, mein Herr, nach Breslau! Und da, wie Sie ſelber vorher bemerkten, dieſe ſchleſiſchen Landſtraßen füfr einen einzelnen Reiſenden zu gefährlich ſind, nun, ſo werde ich meine Armee mit mir nehmen, da⸗ mit ſie meinen Wagen vor dem Umſturz beſchütze. Oh, rief der Marquis traurig, Ew. Majeſtät will alſo einen Einfall in die Lande meiner erhabenen Monarchin machen? Der König ſchleuderte auf ihn einen Blick voll zorniger und ſtolzer Verachtung. Unter den Hofleuten erhob ſich ein unwilliges Gemurmel, man ſah die Ge⸗ neräle ihre Hände an ihre Schwerdter legen, und ihre Blicke mit einem ſtolzen, herausfordernden Ausdruck auf dieſen übermüthigen Oeſterreicher richten, der es wagte, dem König von Preußen einen Vorwurf zu machen.. Der König winkte ſeinen Generälen lächelnd mit der Hand, und ſich wieder an den Marquis wendend, ſagte. Sie drücken ſich falſch aus, Herr Marqu Ich will keinen Einfall in die Lande der Kaiſerin bon Oeſterreich machen, ſondern ich will mir wieder holen, was Mein iſt, Mein durch anerkanntees — 107— Recht, durch Erbſchaft und geheiligte Verträge, deren Urkunden nur unter dem Wuſt und Staub der öſter⸗ reichiſchen Staatskanzlei vergraben liegen. Wir wollen mit den guten Lungen unſerer Soldaten dieſen Staub ein wenig hinwegblaſen, damit die Kaiſerin dieſe Ur⸗ kunden wieder leſen und ſich von meinem guten Recht auf die Provinz Schleſien überzeugen könne. Sie wiſſen es ja, mein erhabener, in Gott ruhender Vater hat den Hahn geſpannt, ich drücke los, das iſt das Ganze. Aber Ew. Majeſtät laufen dabei Gefahr, ſich ſelber zu verwunden, rief der Marquis; es iſt gefährlich, alte verroſtete Gewehre abzuſchießen, ſie können leicht platzen und diejenigen zerſchmettern, welche ſie auf Andere richten.. Nun, ſo werde ich ſie erſt mit Oel ſchmieren laſſen, bevor ich los drücke, ſagte der König lächelnd. Ew. Majeſtät werden das Haus Oeſterreich viel⸗ leicht zu Grunde richten, ſagte der Marquis. Sich ſelbſt aber ganz gewiß auch. Es hängt ja nur von der Kaiſerin⸗Königin ab, die Anerbietungen anzunehmen, welche ich ihr eben jetzt durch meinen Geſandten in Wien machen laſſe, rief der König. 3 Der Marquis ſeufzte, und ſenkte traurig ſein Haupt auf ſeine Bruſt, dann als er es wieder emporrich⸗ tete, zeigten ſeine Züge einen lächelnden ironiſchen Ausdruck. Sire, ſagte er, ich muß es geſtehen, Ihre Truppen ſind ſchön; die öſterreichiſchen Truppen aben nicht das glänzende Aeußere, aber ſie haben ſich im ſucht, ſie haben oft ſchon im Feuer geſtandern 4 Der König trat ihm lebhaft einen Schritt näher, und ſeine glühenden Blicke richteten ſich jetzt wie zwei Dolchſpitzen auf das lächelnde Antlitz des öſterreichiſchen Abgeſandten. Sie finden, daß meine Truppen ſchön ſind, ſagte er ungeſtim. Eh bien, ich werde Sie überführen, daß ſie auch brav ſind. So ſprechend nickte er dem öſterreichiſchen Geſandten leichthin einen Abſchiedsgruß zu. Die Audienz war zu Ende, der öſterreichiſche Geſandte machte ſeine offi⸗ ziellen Verbeugungen und verließ unter dem tiefen Schweigen des ganzen Hofes den Saal*). Kaum hatte ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen, als das edle Antlitz des Königs wieder ſeinen gewöhn⸗ lichen ſanften und erhabenen Ausdruck annahm. Mit einem lächelnden Gruße ſich verneigend, ſagte er frohmüthig: Mesdames et Messieurs, es wird Zeit ſein, die Toilette für den Maskenball zu beginnen. Wir haben unſere Maske ein wenig abgeworfen, Sie aber werden es wohl an der Zeit finden, die Ihrigen anzulegen. Leben Sie wohl bis dahin. IX. Der Maskenball. eſchmückten Königshallen bewegte ſich der glänzend g after, phantaſtiſcher Geſtalten in buntem Zug f *) Dieſe ganze Unterredung iſt hiſtoriſch. Siehe: Preuß⸗ Friedrich der Große. Vol. I. pag. 171. Die Säle ſtrahlten im Lichterglanz, und durch die — — 109— Gemiſch auf und ab. Die Repräſentanten aller Na⸗ tionen, ſo ſchien es, hatten ſich heute im Königſchloß zu Berlin zuſammengefunden, um dem jungen Helden⸗ könig ihre Grüße darzubringen. Man ſah da Griechen und Türken in ihren goldgeſtickten, mit Brillanten be⸗ ſetzten Gewändeyn, Spanierinnen, Odalisken, Ruſſinnen und deutſche Vnerinnen jeglicher Art und Tracht, wunderbare Märchengeſtalten, goldflimmernde Feen, Zauberinnen und Zigeunerinnen, ernſte Mönchsgeſtalten, altdeutſche Ritter in ſilbernen Panzern, züchtige Burg⸗ fräulein und verſchleierte Nonnen. Es war ein über⸗ aus prächtiger, bezaubernder Anblick, dieſe mit ſo vielen verſchiedenen Geſtalten angefüllten, glänzend erleuchteten, prachtvoll decorirten Säle zu ſehen, dieſe herrlichen Coſtüme, dieſe geſchmackvollen Trachten zu beobachten, und wären dieſe todten, lebloſen, grinſenden, verzerrten, ſtieren Geſichter nicht geweſen, ſo würde man geglaubt haben, ſich in dem lichtſtrahlenden Elyſium zu befinden, wo alle Völker und alle Stämme ſich einten zum ſeligen, ungetrübten Genuß.— Aber dieſe kalten glän⸗ zenden Larven, hinter denen ſich die von Lebensfreude, Uebermuth und Luſt ſtrahlenden Geſichter verbargen, ſtörten ein wenig den herrlichen Anblick und riefen den verzückten Beſchauer in die Gegenwart und die irdiſche Wirklichkeit zurück. Nur in dem letzten dieſer Säle befand ſich eine Gruppe, welche unmaskirt war. Dort ſaßen die bei⸗ den Königinnen, ſtrahlend von Gold und Cdelſteinen, denn Sophie Dorothea hatte jetzt nicht mehr nöthig, ihre wundervollen Brillanten zu verbergen, ſie durfte ſich ungeſcheut mit denſelben vor ihrem ganzen, nei⸗ diſchen und erſtaunten Hofe ſehen laſſen, und Eliſabeth Chriſtine, welche wußte, daß ihr Gemahl bei feſtlichen Gelegenheiten es liebte, daß die Königin von Preußen — 110— auch in ihrer Erſcheinung ihre Größe und Würde repräſentire, hatte ihren wundervollen aus Smaragden und Brillanten zuſammengeſetzen Schmuck angelegt, der ſtets die Bewunderung des ganzen Hofes erregte, und den der Baron von Bielfeld für ein wahres Wunderwerk von Schönheit und Reichthum erklärt hatte*). Neben den beiden Königinnen und den Prinzeſ⸗ ſinnen Ulrike und Amalie befand ſich der König, wel⸗ cher ſein glänzendes Ballcoſtüm beibehalten hatte, und hinter den königlichen Herrſchaften ſtanden die Damen und Cavaliere des Hofſtaates, Alle demaskirt, die Larven in der Hand haltend, denn Niemand durfte es wagen, mit der Maske dieſen Saal zu betreten, in welchem die beiden Königinnen und die königliche Fa⸗ milie verweilten. Der König und die Königin⸗Mutter wollten ſoeben das Verſprechen erfüllen, welches ſie ſich gegenſeitig gegeben hatten; Sophie Dorothea wollte ſich den Grafen Nal vorſtellen laſſen, während der König die junge, ſeit einigen Tagen vermählte Gräfin Rhedern an ſeinem Hofe willkommen hieß. Soeben verkündete die laute ironiſche Stimme des Ober⸗Ceremonienmeiſters Baron von Pöllnitz den kö⸗ niglichen Herrſchaften die Ankunft des Grafen und der Gräfin Rhedern, ſo wie des Grafen von Néal, und die ſo feierlich Annoncirten traten jetzt in dieſen Saal ein, in dieſes Sanctuarium, das nur den Bevorzugten und Berechtigten, nur denen, welche durch hervor⸗ ragende Geburt oder Gunſt, oder durch den Hofdienſt der Königsfamilie näher ſtanden, ſich öffnete, und das *) Bielfeld. Lettres, Vol. I. pag. 83. —..— — 111— außer dieſen Niemand ohne beſondere Einladung oder Erlaubniß betreten durfte. An der Hand ihres Gemahls, des Grafen Rhedern, betrat die neugeſchaffene Gräfin Rhedern, geborne Or⸗ guelin, dieſen Saal. Ihr Antlitz war vollkommen ruhig, kalt und ernſt, ein Ausdruck feſter Entſchloſſenheit ſprach aus ihren Zügen, welche weder den Reiz der Schönheit noch der Jugend mehr beſaßen, aber den⸗ noch nicht ohne Intereſſe und Bedeutung waren. Eine feſte, energiſche Seele verkündete ſich in e Ange⸗ ſicht, ein Ausdruck tiefer Güte umſpielte dieſen etwas großen aber nicht übel geformten Mund, und aus dieſen großen dunklen Augen, die nicht ſchüchtern geſenkt, ſondern ruhig und feſt auf die Königs⸗ familie hingewandt waren, ſprach ſo viel Geiſt, Kühn⸗ heit und Leidenſchaft, daß man wohl ſah, dies ſei kein gewöhnliches Weib, ſondern eine ſtarke, feurige und entſchloſſene Frau, welche Muth genug beſaß, das Schickſal herauszufordern, und es ſich nöthigen Falls nach ihrem eigenen Willen zu formen und zu modeln. Aber die ſtolze und herrſchſüchtige Königin Sophie Dorothea fühlte ſich unangenehm berührt von dieſen gerade auf ſie gerichteten ernſten Blicken der Gräfin. Sie würde, wenn die Gräfin zitternd und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, ganz zerſchmettert von dieſem un⸗ geheuren Gewicht der unerhörten, königlichen Gnade ſich ihr genähert hätte, vielleicht geneigt geweſen ſein, ihr den Mangel an Geburt und Herkommen gnädigſt zu verzeihen, und den Makel einer namenloſen Her⸗ kunft zu vergeſſen, aber dieſe ruhige, ernſte und unge⸗ zwungene Haltung der neucreirten Gräfin empörte ſie und machte ihr ſtolzes, leicht gereiztes Blut höher auf⸗ wallen. Zudem fühlte ſie ſich beleidigt durch die glanzvolle, prächtige Toilette der Gräfin. Dieſe ſilber⸗ — 112— durchwirkte lange Mantelſchleppe, welche mit großen Brillantagraffen an ihren Schultern befeſtigt, zur Erde niederwallte, war von koſtbarerem und ſeltenerem Stoff als ſelbſt die Robe der Königin, dieſes Diadem, dieſes Collier und dieſe Bracelets von Brillanten durften ſo⸗ gar mit dem Schmuck der Königin rivaliſiren, und dieſer große ungeheure Fächer, den die Gräfin halb geöffnet in der Hand hielt, war von echt chineſiſcher Arbeit und verziert mit ſo unvergleichlicher Elfenbein⸗ ſchnitzeren und künſtlicher Malerei, daß die Königin, bei dem Anblick dieſes koſtbaren und ſeltenen Kunſtwerkes, dem ſie kein ähnliches an die Seite zu ſtellen hatte, faſt eine Art Neid empfand. Sie erwiderte daher die ehrerbietige und nach allen Regeln der Etiquette ausgeführte dreimalige Ver⸗ neigung der Gräfin Rhedern mit einem kurzen, raſchen Kopfneigen, während die Königin Eliſabeth Chriſtine, welche neben ihr ſaß, mit einem huldvollen Lächeln ſie begrüßte. Der König, welcher die Wolke gewahrte, die ſich auf der Stirn ſeiner Mutter zuſammenzog und deren Urſprung er ſehr gut erkannte, der König fand Ergötzen an dieſer pikanten Scene, es amüſirte ihn, die Königin⸗Mutter, welche ſich ſo lebhaft für die Aufnahme der Gräfin Rhedern verwandt hatte, jetzt dieſelbe ſo hart und ſchroff empfangen zu ſehen, er wollte ſeine königliche Mutter ein wenig necken mit ihrer ſo ſchnell verdampften Neigung für die namenloſe Gräfin, welche kein anderes Anrecht auf die Gunſt bei Hofe zu erſcheinen hatte, als die Schuldenlaſt ihres gräflichen Gemahls, und ihre Millionen. Er begrüßte daher die junge Gräfin mit gnädigen und gütevollen Worten, und ſich dann an die Königin⸗ Mutter wendend, ſagte er halbleiſe: in der That, Ma⸗ jeſtät, Sie thaten ſehr wohl, die Gräfin Rhedern an ——ÿ—— — 113— unſern Hof zu laden. Sie wird eine ganz beſondere Zierde deſſelben abgeben. Ja, eine ganz beſondere Zierde, wiederholte So⸗ phie Dorothea, welche jetzt ſchon dahin gekommen war, die ruhige, würdige und ungezwungene Haltung der Gräfin als unverſchämt und reſpectwidrig zu betrachten, und feſt entſchloſſen war dieſe Eindringlingin zu ſtrafen. Sie heftete daher ihre ſtolzen Blicke, während ſie die Worte des Königs wiederholte mit einem ſpöttiſchen, faſt verächtlichen Ausdruck auf die Gräfin, und ſie mit jenem ſcharfen, prüfenden und ruhigen Auge betrachtend, wie nur die Fürſten es ſich erlauben dürfen, ſagte ſie: Welch' eine ſeltſame und abenteuerliche Schleppe Sie da tragen, Gräfin.. Es iſt indiſches Fabrikat, erwiderte die Gräfin voll⸗ kommen ruhig, mein Vater ſteht mit einigen großen holländiſchen Häuſern in Handelsverbindungen, und durch eins derſelben bekam er dieſen ſeltenen Stoff, welcher die Ehre hat, die Aufmerkſamkeit Euer Ma⸗ jeſtät zu erregen. Sophie Dorothea war erröthet vor Scham und Entſetzen. Dieſe, kaum aus dem Staube und der Niedrigkeit hervorgegangene Gräfin hatte die Unver⸗ ſchämtheit ſich ihrer Vergangenheit nicht zu ſchämen, ſie nicht mit einem undurchdringlichen Schleier zu ver⸗ hüllen, ſie wagte es, in dieſer glänzenden Geſellſchaft, in Gegenwart zweier Königinnen von den Handels⸗ verbindungen ihres Vaters zu ſprechen, während die Königin die Großmuth hatte haben wollen, dieſen Makel ihrer Geburt mit ewigem Vergeſſen und Schwei⸗ gen zu bedecken. Ah, ſagte die Königin⸗Mutter jetzt laut, Sie tragen da einen Handelsartikel Ihres Vaters. Dies iſt in der That eine ſehr bequeme und ſinnreiche Art die Frledrich der Große. III. 8 114 Handelsartikel Ihres Vaters anzupreiſen, und wenn wir künftighin die Toilette der Gräfin Rhedern anſehen, ſo werden wir und der ganze Hof ſogleich wiſſen, welches der neueſte Artikel iſt, womit Ihr Vater, der Herr Orguelin, handelt.. Ein kaum unterdrücktes Lachen der Damen und Herrren des Hofes, welche die Worte der Königin ge⸗ hört hatten, war der Lohn dieſes grauſamen Scherzes. Aller Augen richteten ſich mit ſpottendem Ausdruck auf die Gräfin hin, deren Gemahl zitternd und todesbleich an ihrer Seite ſtand, und nicht den Muth hatte ſeine Blicke vom Boden zu erheben. Nur die junge Gräfin Rhedern blieb vollkommen ruhig, vollkommen unbefangen. 3 Ew. Majeſtät verzeihen, ſagte ſie mit voller klarer Stimme, wenn ich Ihnen zu widerſprechen wage. Das Geſchäft meines Vaters iſt zu bekannt, als daß man annehmen dürfte, es ſei irgend Jemandem unbekannt, womit er handelt. Nun, rief die Königin zornig, womit handelt denn Ihr Vater? 3 Die Gräfin verneigte ſich tief und ehrfurchtsvoll. Majeſtät, ſagte ſie, mein Vater handelt beſtändig mit Verſtand, mit Würde, Großmuth und Beſcheidenheit. Die Augen der Königin ſchoſſen Blitze. Eine Krä⸗ merstochter wagte es, der Königin eine Zurechtweiſung zu geben, ſie hatte den Muth ihr zu trotzen, und ihrem Zorn Hohn zu ſprechen. Sophie Dorothea richteté ſich in der ganzen Ma⸗ jeſtät ihrer Königswürde empor; ſie war im Begriff dieſe hochmüthige,„neugeborne“ Gräfin mit dem gan⸗ zen Hohn ihrer Verachtung zu zerſchmettern, ſie hatte ſchon den Mund geöffnet zu einer jener ſarkaſtiſchen, ſanglanten Bemerkungen, welche um ſo furchtbarer und ——yy— ——y— zermalmender wirken, wenn ſie von königlichen Lippen geſprochen werden, weil dann keine Genugthuung und keine Zurechtweiſung möglich iſt. Aber der König ſah das aufſteigende Gewitter auf der Stirn ſeiner könig⸗ lichen Mutter, und er wollte dem Ausbruch deſſelben zuvorkommen. Seine großmüthige und erhabene Natur ſträubte ſich dagegen, ein armes wehrloſes Weib ſo gemartert zu ſehen, auch war der König zu vorurtheils⸗ frei und hochgeſinnt, als daß dieſe ruhige und würdige Haltung der armen Gräfin ihm hätte mißfallen ſollen. Gerade durch das, wodurch ſie den Zorn der Königin⸗ Mutter erregte, hatte ſie ſich das Wohlwollen des Königs gewonnen, und er verzieh ihr ihre namenloſe Geburt zu Gunſten ihres Verſtandes und der Ueberlegenheit ihres Geiſtes.. Er legte ſanft die Hand auf die Schulter ſeiner Mutter, und dem Ausbruch ihres Zornes zuvorkommend, ſagte er mit einem gütevollen Lächeln: Finden Sie nicht, Majeſtät, daß die Gräfin Rhedern ihrer Geburt Ehre macht? Ihr. Vater handelt mit Verſtand, mit Würde, Großmuth und Beſcheidenheit. Nun, mir ſcheint, daß die Gräfin das Geſchäft ihres Vaters fortſetzt und ſeine Handlung als ſelige und ehrenwerthe Erbin weiter führt. Ach, meine liebe Gräfin, ich ver⸗ ſpreche Ihnen meine treue Kundſchaft und werde Ihrem ſchätzenswerthen Hauſe ſtets ein dankbarer und erge⸗ bener Kunde ſein, vorausgeſetzt, daß Sie mir ver⸗ ſprechen, auch als Gräfin Rhedern nicht zu vergeſſen, womit Ihr Vater, wie Sie ſagen, handelt, und Ihr gräfliches Haus zu einem würdigen Filial Ihres Vater⸗ hauſes zu machen. Ich verſpreche es Euer Majeſtät, ſagte die Gräfin, ſich tief verneigend, während ein Ausdruck reinen und ſtolzen Entzückens ihr Antlitz überſtrahlte und es faſt 8 † — 116— ſchön erſcheinen ließ. Möchten Ew. Majeſtät auch einmal die Gnade haben, fuhr ſie fort, indem ſie die Hand ihres Gemahls nahm, möchten Ew. Majeſtät auch einmal die Gnade haben ſich ſelber zu überzeugen, daß das Haus Rhedern und Compagnie dem erhabenen König, der ihm ſo großmüthig ſeine Kundſchaft zugeſagt, 5 Ehre macht, und im Stande iſt, Ihren Anforderungen zu genügen. 4 Die Königin⸗Mutter unterdrückte nur mit Mühe einen Ausruf des Zorns und Entſetzens. Die Gräfin Rhedern wagte es, den König einzuladen. Das war ein Verſtoß gegen das Ceremoniell und die Hofetiquette, wie ihn nur die größte Unwiſſenheit oder die über⸗ müthigſte Inſolenz begehen konnte, und wofür ohne Zweifel der König das hochmüthige Weib ſogleich mit ſeiner ſtolzeſten Verachtung ſtrafen würde. Aber dies Mal hatte Sophie Dorothea ſich geirrt. 3 Der König lächelte, und ſich mit dieſem unnachahm⸗ lichen Ausdruck von Güte, Erhabenheit und Milde, welcher nur ihm allein eigen war, vor der Gräfin leicht verneigend, ſagte er: Madame, ich werde ſehr bald kommen, um zu ſehen, ob meine Hoflieferantin, die Gräfin Rhedern, meiner Kundſchaft Ehre macht. 3 Sophie Dorothea fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Sie war nicht mehr im Stande, dieſe Scene zu er⸗ tragen, und ſich ganz ihrer ſtürmiſchen Heftigkeit über⸗ laſſend, beging ſie in ihrem Ungeſtüm denſelben Fehler, den die Gräfin Rhedern aus Unwiſſenheit begangen 2 hatte.— ſie machte einen Verſtoß gegen die Etiquette, ſie that, was nur ihrem Sohn dem König, oder der regierenden Königin zuſtand, ſie hob die ceremonielle Vorſtellung auf. Sich mit ungewohnter Schnelligkeit von ihrem Fauteuil erhebend, ſagte ſie ungeduldig: ich denke, es wird Zeit ſein, ein wenig dem Tanze im — — 117— großen Tanzſaal beizuwohnen. Hören Euer Majeſtät nur, wie lockend und luſtig die Muſik zu uns herüber⸗ ſchallt. Laſſen Sie uns gehen. Der König aber legte lächelnd ſeine Hand auf den Arm der Königin. Madame, ſagte er, Sie vergeſſen, daß da noch Ein Glücklicher iſt, welcher ſich ſehnt, von der gnaden⸗ ſpendenden Sonne Ihres Blickes beleuchtet zu werden. Sie vergeſſen, daß Sie dem Grafen von Naal eine Präſentation zugeſagt haben. Die Königin ſchleuderte auf ihren Sohn einen jener ſtolzen vorwurfsvollen und reſignirten Blicke, wie ſie ſie in ihrer Ehe mit Friedrich Wilhelm dem Erſten ſo vielfach hatte gebrauchen müſſen. Sie fühlte ſich beſiegt, gedemüthigt und machtlos, der Strahl der Hoheit war von ihrer Stirn gewichen und hatte nur noch in ihren kühnen und zerſchmetternden Augen eine Zuflucht gefunden. Auch das noch, murmelte ſie leiſe, während ſi ganz überwältigt in ihren Fauteuil zurückſank. Sie hörte kaum die feierliche Präſentation des Grafen Naal, ſie erwiderte nur mit einem kurzen, ſtummen Kopf⸗ neigen den ehrerbietigen Gruß des armen Grafen, der vor Luſt und Wonne ſtrahlte, endlich ſein Ziel er⸗ wzich⸗ endlich von der Königin⸗Mutter empfangen zu ein. Der König war heute in der Laune, immer den großmüthigen Vermittler abzugeben, er mußte daher jetzt dem zornigen Schweigen ſeiner Mutter wiederum zu Hülfe kommen. Madamo,, ſagte er, der Graf Néal iſt in der That ein beneidenswerther Mann. Er hat geſehen, was wir Beide wahrſcheinlich niemals ſehen werden, er iſt in dem glanzſtrahlenden, märchenhaften, üppigen und — 118— 2 träumeriſchen Süden geweſen, er hat die Sonne In⸗ diens geſehen, und war in dem ſchönen und reichen Surinam als Gouverneur. Verzeihung, Majeſtät, ich war nicht blos Gou⸗ verneur, ich hatte den Titel eines Vicekönigs, ſagte der à Graf mit einem ſtolzen Lächeln. 3 Ah, Er war Vicekönig, warf der König leichthin. Nun, worin beſtanden denn die Ehren und Würden Ihres Vicekönigthums? Ich war dort eben ſo angeſehen, wie Ew. Ma⸗ jeſtät es hier iſt, rief der Graf, der Vicekönig von Surinam wird mit derſelben Unterwürfigkeit, Demuth und Ergebenheit behandelt, er genießt dieſelben Ehren⸗ bezeugungen und Huldigungen wie der König von Preußen. Ah, in der That, ſagte der König lächelnd, Sie ſtanden dem König von Preußen gleich. Und indem er ſich zu dem naheſtehenden Ober⸗Ceremonienmeiſter Baron von Pöllnitz wandte, fuhr er fort: Sie haben einen großen Fehler gegen die Etiquette begangen, Baron Pöllnitz. Sie haben vergeſſen, meinem Halb⸗ bruder, dem Vicekönig von Surinam einen Fauteuil zu geben*). Sie müſſen heute ſchon Nachſicht haben, mein lieber Stiefbruder, bei dem nächſten Maskenball aber wollen wir nicht vergeſſen, daß Sie der Vicekönig von Surinam ſind, und wehe alsdann dem Baron, wenn er Ihnen keinen Fauteuil giebt. So ſprechend reichte er der Königin⸗Mutter ſeinen Arm, und gab dem Prinzen Auguſt Wilhelm einen 55 4 *) Was vie Vorſtellung der Gräfin Rhedern und des Grafen Néal anbetrifft, ſiehe: Thiébault. Vol. I. pag. 83 und Vol. II. pag. 57. Wink ihm mit der regierenden Königin zu folgen, um ſich in den großen Tanzſaal zu begeben. Die von Goldborten und Stickereien funkelnden Pagen eilten herbei den beiden Königinnen die Schleppe zu tragen, der Ober⸗Ceremonienmeiſter trat mit ſeinem goldenen Stabe dem Königspaar voran, und ſo im feierlichſten Ceremoniell begab ſich der Hof in den großen, prachtvoll erleuchteten Tanzſaal. Die Muſik ſtimmte einen dreimaligen, ſchmetternden Tuſch an, und alle dieſe ſchönen, herrlich geputzten, von Luſt und Freude ſtrahlenden Masken, welche ſich da eben noch im bunten Gemiſch im Tanze bewegt hatten, ſtanden ſtill und verneigten ſich tief und ehrfurchtsvoll vor dem König und ſeiner erhabenen Familie.—— Wenn es Ihnen jetzt genehm iſt, Madame, ſagte der König, indem er den Arm ſeiner Mutter losließ, ſo vergeſſen wir auf eine halbe Stunde, die Etiquette, und miſchen uns fröhlich unter die Zahl dieſer bunten, phantaſtiſchen Geſellſchaft. Und ohne eine Antwort der Königin abzuwarten, verneigte ſich der König vor ihr, und eilte, gefolgt vom Baron Pöllnitz durch den Saal in das anſtoßende Kabinet, wo ein Domino und eine Halbmaske für ihn bereit lag. Der ganze Hof folgte dem Beiſpiel des Königs, die Prinzen und Prinzeſſinnen, ia ſelbſt die regierende Königin machten von der ertheilten Erlaubniß, auf eine halbe Stunde die Etiquette vergeſſen zu dürfen, Ge⸗ brauch, und zerſtäubte nach allen Seiten hin. Die Königin⸗Mutter befand ſich plötzlich inmitten des großen Saals allein und von ihrem ganzen verlaſſen. Nur ihr Hofmarſchall, der Graf Rhedern mit ſeiner Gemahlin ſtand hinter ihr, und die Pagen waren da, welche die Schleppe trugen. 3 Sophie Dorothea ſtieß einen tiefen Seufzer aus, ſie fühlte einmal wieder, daß ſie doch nicht mehr die Königin, ſondern nur die Königin⸗Wittwe ſei, herab⸗ geſtiegen von dem Thron auf die zweite Stufe deſſelben, eine machtloſe Wittwe, wenn auch eine Königin. Sie ſah ſich verlaſſen, unbeachtet und allein. Zum Glück war die Gräfin Rhedern, die Gemahlin ihres Hofmarſchalls da, um ihrem feuerflammenden Zorn eine willkommne Gelegenheit zu geben, ſeine Lava über ſie auszugießen. Madame, ſagte ſie, mit einem zerſchmetternden Blick auf die Gräfin, Madame, Ihre Schleppe iſt in der That viel zu lang. Sie hätten ſich einige Ladendiener Ihres Vaters mitbringen ſollen, die Ihnen als Pagen die Schleppe oder vielmehr den Handelsartikel Ihres Vaters nachtragen könnten. Man hätte dann den Vor⸗ zug, den Stoff beſſer in Augenſchein nehmen zu können. Die Gräfin verneigte ſich. Ihro Majeſtät mögen mir verzeihen, wenn ich Ihre Befehle dies Mal nicht erfüllen kann. Ich habe nicht das Recht die Laden⸗ diener meines Vaters zu meinem Dienſt zu verwenden. Aber vielleicht ließe ſich da ein Auskunftsmittel treffen, und wenn Euer Majeſtät wirklich vermeinen, daß ich einiger Schleppenträger bedarf, ſo möchte ich mir er⸗ lauben, vorzuſchlagen, daß wir dazu einige der Haupt⸗ ſchuldner meines Vaters nehmen. Oh, ich glaube, dieſe Herren würden ſehr gern bereit ſein, mir die Schleppe zu tragen, vorausgeſetzt, daß mein Vater ihnen dafür wiederum eine neue Friſt bewilligte. Ew. Majeſtät dürfen überzeugt ſein, daß, wenn Sie auf meinen Vor⸗ ſchlag einzugehen geruhten, ich ſofort mir einige Ihrer vornehmſten Cavaliere zu meinen Schleppträgern er⸗ wählen könnte, und alſo dem glänzenden Hofhalt Ihro Majeſtät Ehre machen würde. ———— ——— —— Leichen? Die Königin erwiderte nichts. Sie ſchleuderte nur einen zornigen Blick auf dieſe kampfbereite, uner⸗ ſchütterliche Frau, welche mit ihrem unveränderlichen, ruhigen Gleichmuth neben ihr ſtand, und ging dann feſten und ſtolzen Schrittes nach der für die König⸗ liche Familie unter einem Thronhimmel errichteten Tribune. Xl. Die Masken. Der König hatte inzwiſchen mit Hülfe des Barons von Pöllnitz ſeine Toilette vollendet, und ſich in eine jener Masken verwandelt, wie ſie deren zu Hunderten in den Sälen umherſtreiften. Sie glauben nicht, daß man mich erkennen wird? fragte der König, ſeine Maske vorlegend. Scire, es iſt unmöglich! Nur müſſen Ew. Majeſtät die Gnade haben, dieſe Maske ein wenig über die Augen zn ſchieben, damit ſie ein bischen beſchattet ſind. Ohne dieſe Vorſichtsmaßregel würde Jedermann Ew. Majeſtät erkennen, es giebt kein menſchliches Auge, welches dem Ihren lleioßt. Nun, ich denke, daß dieſe Augen bald auch einige Dinge ſehen ſollen, die nur von wenigen menſchlichen Augen geſehen werden, ſagte der König lächelnd. Sahen Sie ſchon ein von fliehenden Feinden bedecktes Schlachtfeld, und ſtanden als Sieger inmitten von Der Himmel bewahre mich davor, Sire! Die Feinde, welche ich geſehen, ſind niemals vor mir ge⸗ flohen, ſondern ſie haben mich in die Flucht gejagt, und es iſt in der That ein Wunder, daß ich ihnen noch immer entronnen bin! Wer ſind dieſe Ihre ſiegreichen Feinde? Sire, es ſind meine Gläubiger, und Ew. Majeſtät können mir glauben, daß dieſe für mich ein fürchter⸗ licherer Anblick ſind, als ein Schlachtfeld voll Leichen, denn unglücklicher Weiſe ſind ſie nicht todt, ſondern leben, um mich zu quälen. Der König lachte. Vielleicht gelingt es Ihnen, noch einmal in zu tödten, ſagte er. Sobald ich mein Schlachtfeld, ſo wie ich es Ihnen ſchilderte, geſehen habe, ſobald ich ſiegreich heimgekehrt bin, wollen wir daran denken, auch Ihre Feinde zu tödten. Bis da⸗ hin halten Sie ſich nur tapfer in der Defenſive! Und jetzt kommen Sie. Laſſen Sie uns in den Saal gehen. Ich habe nur noch eine halbe Stunde für das Ver⸗ gnügen übrig! Er öffnete die Thür des Kabinets und trat in den Saal, ſich mit heiterem Scherzwort unter die Masken miſchend, während Pöllnitz neben der ge⸗ ſchloſſenen Thür des Kabinets ſtehen blieb, und ſeine Blicke ſuchend und fragend, als erwarte er Jemand, in der Menge umherſchweifen ließ.— Jetzt überflog 3 ein ſpöttiſches Lächeln ſein Geſicht, und er murmelte leiſe: da, da ſind ſie alle Drei ſchon! Da iſt dieſe züchtige, verhüllte Nonne, in der kein Menſch die Frau von Morien erkennen ſollte. Da iſt dieſer Kartenkönig, dieſer Quinze vingt Mannteuffel, der noch gar nicht ahnt, daß er die Partie, welche er ſpielt, ſchon ver⸗ loren und ſeine Trümpfe nutzlos ausgeſpielt hat, und da endlich iſt dieſe Zigeunerin, die Frau von Brandt, welche Jedermann ſein Schickſal aus der Hand prophe⸗ zeit, und doch, wie ich vermuthe, keine Ahnung hat von ihrem eigenen, das ihr ſo nahe bevorſteht. Ach, ach, ein Stückchen Papier mit einigen Zeilen beſchrieben, kann genügen, drei Menſchen zu entlarven, und ihnen den hübſchen Flittertand und den glänzenden Masken⸗ putz, mit dem ſie ſich umhüllt haben, abzureißen. Nun, Herr von Pöllnitz, flüſterte die Nonne, welche jetzt dicht zu ihm herangetreten war, werden Sie jetzt mir das gegebene Verſprechen erfüllen? Theuerſte Frau von Morien, erwiderte der Baron achſelzuckend, der König hat nir ſtreng verboten, ihn zu verrathen. Se. Majeſtät wollen unerkannt bleiben! Pöllnitz, flüſterte die Nonne mit bebender, in Thrä⸗ nen zitternder Stimme. Haben Sie Erbarmen mit mir! Sagen Sie mir die Maske des Königs, und Sie können meiner ewigen Dankbarkeit verſichert ſein! Ich weiß, Sie lieben Brillanten. Sehen Sie da, dieſe koſtbare Nadel, welche ich mitgebracht habe, um ſie Ihnen als Gegengeſchenk für Ihre noch viel koſtbarere Nachricht zu geben! Laſſen Sie uns alſo dieſen Tauſch machen, geben Sie mir die verſprochene Nachricht und nehmen Sie dafür die Nadel! Es iſt unmöglich, Ihnen zu widerſtehen, rief der Baron, indem er die Hand nach der funkelnden Nadel ausſtreckte. Sie beſitzen eine ſo überzeugende Bered⸗ ſamkeit, daß man Ihnen nachgeben muß. Hören Sie alſo! Der König trägt einen himmelblauen Domino, der ſich dadurch auszeichnet, daß er mit einer ganz ſchmalen Silberborte geſtickt iſt! An ſeinem Hute iſt die weiße Feder mit einer Rubinnadel befeſtigt und von Rubinen und Brillanten ſind die Schnallen an ſeinen Schuhen. Ich danke Ihnen! flüſterte die Nonne, indem ſie — 124— ihm haſtig die Nadel darreichte und dann wieder in das Gewoge der Masken hineineilte. Pöllnitz war noch damit beſchäftigt, die Nadel in ſeinem Spitzenchabot zu befeſtigen, als der Kartenkönig ſchon neben ihm ſtand und ſeine Hand auf des Barons Schulter legte. Nun, Herr Baron, Sie ſehen, daß ich pünktlich bei unſerm Rendezvous bin, und ganz bereit, unſere beiden Geheimniſſe mit einander auszutauſchen. Sie beantworten mir die Frage, die ich geſtern mir erlaubte Ihnen vorzulegen, und ich gebe Ihnen dafür eine Nach⸗ richt, welche Ihnen eine reiche und glückliche Zukunft ſichert! Ich nehme den Tauſch an, Herr Graf, Sie wünſchten von mir zu wiſſen, welche Marſchroute der König zu nehmen gedenkt, und wie ſtark die Zahl ſeiner Truppen iſt? Nehmen Sie hier die genau de⸗ taillirte Ueberſicht der Truppen und hier den Plan der Marſchroute. Ich habe Beides von einem mächtigen Freunde erhalten, der zugleich der vertrauteſte Diener des Königs iſt. Nur mußte ich dieſem Freunde tau⸗ ſend Dukaten für dieſe beiden Papiere zahlen, wie ich Ihnen das ſchon vorher ſagte. Hier haben Sie eine Anweiſung auf vier Tauſend Thaler, ſagte der Graf, ihm ein Papier darreichend. Sie ſehen, ich habe den Kaufpreis nicht vergeſſen. Und das wichtige Geheimniß? Hier iſt es! Hören Sie! In Nürnberg lebt eine mir befreundete Familie, die nur eine einzige Tochter beſitzt, die Erbin einer Million. Die Famillie iſt bür⸗ gerlich, wünſcht aber die Tochter an einen preußiſchen Cavalier zu verheirathen! Ich habe Sie vorgeſchlagen und man hat Sie angenommen. Sie haben weiter nichts nöthig als hinzureiſen, dieſen Empfehlungsbrief 5 — 125— hier zu überreichen und Ihren Antrag zu machen. Mau wird Ihnen das Jawort geben, und nach der gleich zu machenden Hochzeit ſind Sie der Beſitzer einer Million! Hm, eine Million iſt nicht ſo gar viel! ſagte Pöllnitz achſelzuckend. Wenn ich durchaus eine Bür⸗ gerliche heirathen muß, um zu einer Million zu ge⸗ langen, ſo weiß ich hier ein Mädchen, die vielleicht nicht weniger hat, und von der ich wenigſtens ſchon aus Erfahrung weiß, daß ſie jung und ſchön, und ſehr verliebt in mich iſt, welches Alles bei Ihrer Nürn⸗ bergerin nicht der Fall iſt! Nun, nehmen Sie immerhin meinen Brief, ſagte der Graf lachend, und überlegen Sie ſich meinen Vor⸗ ſchlag. Sie werden mir wenigſtens zugeſtehen müſſen, daß mein Geheimniß ſeinen Preis werth war. Auf Wiederſehen mein lieber Baron! Und der Graf war ſchon im Begriff fortzugehen, als er ſich noch einmal umwandte. Noch eins, mein lieber Baron! Ich vergaß auch noch eine kleine Be⸗ dingung, welche ſich an die Vermählung mit der ſchönen Nürbergerin knüpft. Die Familie iſt ſtreng proteſtan⸗ tiſch und verlangt durchaus einen proteſtantiſchen Ge⸗ mahl für die reiche Tochter. Wenn Sie dieſelbe alſo heirathen wollten, ſo müſſen Sie die Güte haben, ſich umtaufen zu laſſen, denn wenn ich nicht irre, ſind Sie augenblicklich katholiſch? Ja, augenblicklich bin ich katholiſch; daß iſt indeſſen kein Hinderniß. Ich war früher auch ſchon einmal proteſtantiſch, und befand mich. ebenſo gut und ebenſo ſchlecht dabei, wie jetzt als Katholik. Der Graf lachte und ſchlüpfte wieder in das Ge⸗ dränge hinein, während Herr von Pöllnitz gedankenvoll auf das Papier ſchaute, welches der Graf ihm gegeben, — 126— und welches der Empfehlungsbrief an die reiche Braut in Nürnberg war. Ich glaube, daß Anna Pricker wenigſtens auch eine halbe Million Thaler hat, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, und eine halbe Million Thaler iſt faſt ebenſo viel, als eine Million dieſer leichten Nürnberger bSnſo den! Der alte Pricker liegt tödtlich krank darnieder aus Gram über den plötzlichen Tod ſeiner Frau. Stirbt er, ſo wird Anna eine reiche Erbin, ſo gut, wie dieſe Nürnbergerin. Gelingt außerdem unſer Plan, und ſie wird wirklich eine große Sängerin, wie Quanz meint, ſo wird ſie dadurch viel Einfluß auf den König gewinnen, und man wird es vergeſſen, daß ſie eine Schneiderstochter iſt. Ich glaube, daß ich die Anna Prickerin lieber nehme, wie die Mürnbergerin, die ich wie eine Katze im Sack kaufen muß! Aber jedenfalls wollen wir ſie uns als Reſerve aufbewahren, und ſollte Anna's Vermögen nicht ſo groß ſein, als ich vermuthe, ſo werde ich proteſtantiſch und nehme die Nürnbergerin! So weit war Herr von Pöllnitz eben in ſeinem Nachſinnen gekommen, als die Zigeunerin vor ihm ſtand und ihn mit ſchalkhaften Worten begrüßte. Pöll⸗ nitz war ſogleich wieder der heitere, lächelnde Cavalier, und erwiderte den Scherz der Zigeunerin mit keckem Uebermuthe und Witz. Aber Frau von Brandt in der Ungeduld ihrer weiblichen Neugierde entſagte bald die⸗ ſem heitern Wortgefecht. Sie verſprachen, mir Auskunft zu geben über den Brief, welchen ich neulich bei dem Hoffeſte verloren habe, ſagte ſie. Ah, dieſer wichtige, inhaltsreiche Brief, der wohl im Stande war, zwei Damen und einen Herrn auf das Aeußerſte zu compromittiren, und denen dahe — 127— Alles daran gelegen ſein mußte, dieſen Brief wieder zu haben, wenn es auch nur mit Opfern geſchehen könnte. Ja, ja, mit Opfern! rief Frau von Brandt un⸗ geduldig. Sie forderten für den Brief hundert Dop⸗ pellouisd'or. Ich habe ſie mitgebracht! Haben Sie den Brief? k Ja, ich habe ihn! So nehmen Sie ſchnell dieſe Geldrollen, die mich ohnedies faſt ſchon erdrückt haben, ſo! Jetzt geben Sie mir raſch den Brief! Der Baron ſteckte die Geldrollen in ſeinen Buſen. Nun, den Brief, geben Sie ſchnell den Brief! mahnte Frau von Brandt. Pöllnitz durchſuchte eben ſeine Buſentaſche. Mein Gott, ſagte er, dieſer Brief ſcheint Flügel zu haben und immer dann zu entſchweben, wenn man ihn am dringendſten braucht! Ich weiß gewiß, daß ich dieſen Brief in meine Bruſttaſche ſteckte, und jetzt iſt er ver⸗ ſchwunden! Vielleicht aber habe ich ihn auch im Saal wie Sie damals verloren, laſſen Sie mich alſo eilen, ihn zu ſuchen! Herr von Pöllnitz wollte ſich eiligſt entfernen, Frau von Brandt aber hielt ihn zurück. Haben Sie die Güte, mir mein Geld ſo lange wieder zu geben, bis Sie den Brief gefunden haben, ſagte ſie bebend vor Zorn. Ihr Geld? fragte Pöllnitz mit dem Scheine der Verwunderung. Ihr Geld? Ich kann mich nicht ent⸗ ſinnen, daß Sie mir jemals Geld zum Aufbewahren gegeben haben. Laſſen Sie mich jetzt eilen, den Brief zu ſuchen! Er riß ſich haſtig los und eilte mitten hinein in das Gedränge der Masken, während Frau von Brandt — 128— ihm ſprachlos vor Zorn nachſchaute und ſich halb be⸗ ſinnungslos an die Wand lehnen mußte, um nicht um⸗ zuſinken. Pöllnitz aber eilte lachenden Muthes vorwärts, und während er ſich eifrig Bahn machte durch das Gewoge der plaudernden, lachenden, hin und her wan⸗ delnden, tanzenden Menge, ſagte er vergnügt zu ſich ſelber: Dieſer Abend hat mir dreitanſend Ducaten, zweihundert Louisd'or, die Ausſicht auf eine reiche Braut und eine Brillantnadel eingetragen. Ich denke alſo, daß ich zuſrieden ſein kann, und mindeſtens wie⸗ der für einige Monate zu leben habe. Auch ſtehe ich durch alle dieſe Intriguen ſehr in Gunſt bei dem Kö⸗ nig, und wer weiß, ob er mir nicht am Ende auch noch ein Haus ſchenkt, wenn auch leider das Eckard“ ſche nicht mehr vacant iſt! Ach, da ſehe ich den Kö⸗ nig mitten im Gedränge der Masken. Eilen wir alſo, um— Plötzlich hörte er leiſe ſeinen Namen flüſtern, und ſich umwendend gewahrte er eine tief in einen ſchwar⸗ zen Domino verhüllte Dame, die ſchwarze Kaputze tief über den Kopf gezogen, das Antlitz verhüllt von einer doppelten, undurchdringlichen Spitzenmaske. Herr von Pöllnitz, auf ein Wort, wenn ich bitten darf, ſagte die Dame, ihm leicht mit der Hand winkend, und vor ihm her durch das Gedränge ſchreitend. Pöllnitz folgte ihr, mit neugierigen Blicken ihre Geſtalt prüfend, um nach einem Merkmal zu ſpähen, an welchem er dieſe unbekannte Erſcheinung erkennen möchte. Aber dieſer ſchwarze Domino mit der hoben Kaputze verhüllte die ganze Geſtalt, und gab nirgends Anhalt zu irgend einer Vermuthung, einem ſpähenden Blick. 4 — — — 129— Sie waren jetzt zu einer Fenſterniſche gelangt, welche leer war. Dorthin wandte ſich die Dame, in⸗ dem ſie Pöllnitz einen Wink gab, ihr zu folgen. Herr Baron von Pöllnitz, ſagte ſie mit leiſer, ſchüchterner Stimme, man nennt Sie einen der nobel⸗ ſten und gewandteſten Cavaliere. Sie werden daher einer Dame eine Gefälligkeit nicht abſchlagen, wenn ſie um eine ſolche bittet! Befehlen Sie über mich, Gnädigſte, ſagte Pöllnitz mit ſeinem nie verſiegenden Lächeln. Was in meiner Macht ſteht, werde ich thun. Sie wiſſen ohne Zweifel den Maskenanzug des Königs. Sagen Sie ihn mir! Herr von Pöllnitz trat erſtaunt einen Schritt zurück. „das nennen Sie eine Gefälligkeit, meine ſchöne Maske? Ich ſoll Ihnen den Auzug des Königs ver⸗ rathen! Se. Majeſtät hat mir ſtreng verboten, irgend Jemand ſein Coſtüm zu verrathen, und wenn ich es Ihnen beſchriebe, ſo wäre das nicht, wie Sie zu ſagen belieben, eine Gefälligkeit, ſondern eine Majeſtätsbe⸗ leidigung. Sie werden alſo nicht verlangen wollen, daß ich ein ſolches Verbrechen begehe.— Und dennoch beſchwöre ich Sie, erfüllen Sie meine Bitte! rief die Maske lebhaft. Oh glauben Sie mir, es iſt nicht bloße Neugierde, welche mich zu dieſer Bitte veranlaßt, es iſt das glühende und vielleicht auch gerechtfertigte Verlangen, dem König, bevor er Berlin verläßt, noch einige Worte zu ſagen, ihn noch einmal zu ſprechen, bevor er, vielleicht um niemals wiederzu⸗ kehren, hinauszieht in den Krieg. Die Dame hatte, hingeriſſen von der Lebhaftigkeit und Gluth ihres Gefühls mit lauter, unverſtellter timme geſprochen, es waren in dieſer Stimme Laute geweſen, welche Pöllnitz bekannt zu ſein ſchäenen. Eine Friedrich der Große. III.— — 130— dunkle, unbeſtimmte Ahnung tauchte in ihm auf und machte ihn ſtutzen. Aber bevor er ſprach, mußte er Gewißheit haben. Er näherte ſich daher der Dame noch mehr, und ſeine 1 feſten und prüfenden Blicke auf ſie heftend, fragte er: Sie ſagen, daß es keine eitle Neugierde iſt, welche Sie veranlaßt, nach dem Coſtüm des Königs zu fragen. Wer bürgt mir dafür, daß es nicht ſchlimmere und gefährlichere Abſichten ſind, welche Sie hegen? Wer bürgt mir dafür, daß Sie nicht eine von Oeſterreich beſtochene Feindin ſind, welche den König, weiß Gott, zu welchen Gefahren verlocken möchte? Dafür bürgt Ihnen das Wort einer Dame, welche noch niemals eine Unwahrheit geſagt hat, rief die Dame lebhaft. Nein, Herr von Pöllnitz, Gott, wel⸗ cher uns hört, Gott, welcher das theure Leben unſeres Königs beſchützen und behüten wird, Gott weiß es, daß in meinem Herzen kein Gedanke, keine Regung i*ſt, welche dem König Gefahr und Verderben wünſchen möchte. 3 Wollen Sie mir das ſchwören? Ich ſchwöre es Ihnen, ſo wahr ein Gott im Himmel iſt! rief die Dame, indem ſie feierlich den Arm gen Himmel hob. Pöllnitz ſolgte mit neugierigen Blicken jeder ihrer Bewegungen. Er ſah, wie der lange weite Aermel des Domino's von dem erhobenen Arm der Unbekannten bis zum Ellenbogen hinunter⸗ glitt, er ſah dieſes wundervolle Bracelet von Sma⸗ ragden und Brillanten, welches um den weißen, ent⸗ blößten Arm der Dame befeſtigt war, und welche vielfarbigen Wunderflammen funkelte und glänzt Herr von Pöllnitz wußte jetzt, was er iſſen wollte, ſeine Vermuthung hatte ihn nicht getäuſcht, er* kannte die Dame, welche vor ihm ſtand. Es gab am preußiſchen Hofe nur Eine Dame, welche ein ſo wun⸗ dervolles Kleinod, wie dieſes Bracelet war, beſaß! Dieſe Dame war die regierende Königin Eliſabeth Chriſtine.. Herr von Pöllnitz war indeß ein zu ſehr gewandter Hofmann, um ſeine Ueberraſchung und ſein Staunen zu verrathen. Er verneigte ſich vollkommen ruhig vor der Dame, die, erſchrocken über ihre eigene Un⸗ vorſichtigkeit den Arm geſenkt, und den verrätheriſchen Aermel wieder über den blitzenden Schmuck gezogen hatte. Madame, ſagte er, Sie haben mir einen feierlichen Schwur geleiſtet, der mich vollkommen beruhigt. Ich bin jetzt bereit, Ihren Wunſch zu erfüllen, wie das einem Cavalier, einer Dame gegenüber geziemt. In⸗ deß, da ich mein Wort gegeben, Niemandem von dem Coſtüme des Königs zu ſagen, ſo muß ich es er⸗ füllen. Ich werde mich daher begnügen müſſen, Ihnen den König zu zeigen. Haben Sie alſo die Güte, mir zu folgen. Ich gehe eben, den König aufzuſuchen, und ich werde mit Niemandem ſprechen, außer mit ihm. Der Domino alſo, welchen ich zuerſt anreden und vor dem ich mich verbeugen werde, das iſt der König. Haben Sie alſo die Gewogenheit, mir zu folgen, der König erwartet mich! Ich danke Ihnen, flüſterte die Dame, ſich enger in ihren Domino einhüllend. Ich werde dieſer Stunde gedenken, und wenn es einmal in meiner Macht ſteht, Ihnen einen Dienſt zu erzeigen, ſo werde ich es thun. Verlaſſen Sie ſich darauf! In der That, ein ſehr glücklicher Abend, dachte Pöllnitz, während er gefolgt von dem Domino wieder in den Tanzſaal zurücktrat, ein ſehr glücklicher und ergiebiger Abend, denn ich habe nicht Pids Geld und — 132— Brillanten verdienk, ſondern auch die Gunſt der Kö⸗ nigin, welche mir bisher immer abgeneigt und faſt feindlich war. Aber da iſt der König! Eilen wir zu ihm!— Er gab der Dame einen Wink und nüäherte ſich dem König, welcher Pöllnitz erkennend, ſofort auf ihn zuſchritt. Pöllnitz verneigte ſich, die verhüllte Dame ſtand hinter ihm und verſchlang mit ihren Blicken die Geſtalt, das Coſtüm des Königs. Sie haben lange auf ſich warten laſſen, ſagte der König leiſe. Sire, ich mußte warten auf unſere drei Masken. Sie ſind alſo alle drei gekommen? Alle drei, Majeſtät! Frau von Morien, Graf Mannteuffel und Frau von Brandt. Graf von Mann⸗ teuffel bleibt ſeinem Charakter getreu; er iſt immer der harmloſe Quinze vingt, den Niemand zu fürchten hat, und um das auch heute ſymboliſch anzudeuten, iſt er im Coſtüm eines Kartenkönigs hier! Ah, ich werde dieſem Kartenkönig heute ein Paroli biegen, murmelte der König, ein Paroli, an das er ſeine ganzeZukunft in Preußen verlieren ſoll!— Und die Frau von Morien? Iſt als Nonne hier, und glüht vor Sehnſucht, Ew. Majeſtät zu ſprechen. Sie flehte ſo lange, bis ich ihr das Coſtüm Ew. Majeſtät bezeichnete, und wenn Sie ſich nachher in den dunkeln Saal begeben wollen, den der Tapezier und der Gärtner in einen dunklen Hain mit Lauben und Grotten verwandelt hat, ſo wird die bußfertige Nonne Ihnen ohne Zweiſel dort⸗ hin nachfolgen, Sire!* Es iſt gut. In welchem Coſtüm iſt die Frau von Brandt? 3 In dem Coſtüm einer Zigeunerin, Sire. Gelber — 133— 2 Rock mit ſchwarzelt Hferoglophen, vothes goldgeſticktes Leibchen, ein kleines Barret mit Brillanten geſtickt auf den wallenden Locken, ein großes Schönpflaſter in der rechten Schläfe neben der Larve. Sie wollte von mir den bewußten Brief haben, und ich verkaufte ihr den⸗ ſelben für zweihundert Louisd'or. Die Sie ſich indeſſen nicht verdienen konnten, da Sie den Brief nicht hatten. Verzeihung, Majeſtät, die ich mir verdiente, indem ich die Louisd'or nahm, dann aber erklärte, den Brief verloren zu haben und ihn ſuchen zu wollen. Der König lachte. Pöllnitz, Pöllnitz, ſagte er, es iſt wahrlich ein Glück, daß Sie nicht verheirathet ſind! Was für Galgenſtricke würden Ihre Söhne werden! Gaben Sie dem Grafen Mannteuffel den bewußten Plan und die Truppenüberſicht? Ich that es, Sire, und der gute Graf war ſo erfreut darüber, daß er mir ein Geſchenk von vier⸗ tauſend Thalern machte. Ich nahm ſie zum Schein, aber Ew. Majeſtät haben zu beſtimmen, was damit geſchehen ſoll. Behalten Sie immerhin Ihren Raub. Sie beſitzen ein herrliches Beutelſchneidertalent, und ich will lieber, daß Sie das an den Oeſterreichern, ſtatt an mir üben. Auch ſchadet es gar nicht, daß der edle Graf für ſeine falſchen Nachrichten noch viertauſend Thaler in den Kauf geben muß. Für ſeine falſchen Pläne iſt es genug, für die echten würde es ein lächerlicher Spott⸗ preis ſein! Gehen Sie jetzt, Baron, aber ſorgen Sie aſ daß ich in dem Kabinet dort meine Uniform nde! Der König miſchte ſich wieder in das Gedränge. Niemand achtete auf ihn, Niemand erkannte ihn, und dieſes Incognito, dieſes Unbeobachtetſein war es, welches — 134— der König liebte. Er konnte ſich unbehindert unter die Menge miſchen, er konnte Menſch mit Menſchen ſein, und unbefangen mit ihnen plaudern und lachen. XII. Vergeltung und Skrafe. Aber plötzlich verſtummten des Königs heitern Scherze und ſein fröhliches Lachen. Er hatte auf einen Augen⸗ blick vergeſſen, daß er hier noch ein anderes Geſchäft habe, als das, ſich zu amüſiren, er hatte vergeſſen, daß er da ſei, um zu richten und zu ſtrafen. Jetzt aber erinnerte er ſich wieder daran, denn er ſtand eben neben dem Kartenkönig, dem einſt ſo ſehr geliebten Grafen Mannteuffel. Oh, ich ſuchte Sie, Herr Kartenkönig, ſagte er leiſe, indem er die Hand auf die Schulter des Grafen legte. Sie fehlten mir zu meinem Spiel, da ich Sie jetzt aber endlich in meiner Hand halte, werde ich ge⸗ winnen. Der Graf beſaß ein zu feines Ohr, um nicht ſo⸗ fort, trotz der Verſtellung, die Stimme des Königs zu erkennen, aber er war ein zu gewandter Diplomat, um das Incognito des Königs lüften zu wollen, welches dem König beliebte über ſein Antlitz zu legen. Und was für ein Spiel wollen Sie mit mir ſpielen, Maske? fragte er, indem er dem König ſolgte, der raſch den Saal durchſchritt, um in einen der ſtillen, weniger beſuchten Nebenſäle zu gelangen. — 135— Ein ganz neues Spiel, das Kriegsſpiel will ich mit Ihnen ſpielen, mein Herr Kartenkönig, ſagte der König rauh, indem er jetzt, gefolgt von dem Grafen, in dieſen kleinen Saal eintrat, der eben ganz einſam und ſtill war. Das Kriegsſpiel? wiederholte der Graf. Ich kenne dieſes Spiel nicht. Der König antwortete nicht ſogleich, er ging haſtig auf und ab, und nur im Vorübergehen warf er auf den Grafen ſeine Blicke, die trotz der Maske, wie Blitze funkelten und leuchteten. Herr Graf, ſagte er endlich, vor Mannteuffel ſtehen bleibend, ich bin Ihr Freund, und möchte Ihnen daher als ſolcher einen guten Rath geben. Verlaſſen Sie noch in dieſer Nacht Berlin und kehren Sie niemals dahin zurück. 3 Und weshalb rathen Sie mir das, Maske? fragte der Graf, anſcheinend ganz unbefangen. Weil Sie ſonſt in Gefahr ſind, hier, als Verräther gefangen, als Spion gerichtet zu werden! Antworten Sie mir nicht, vertheidigen Sie ſich nicht! Ich ſage Ihnen, daß ich Ihr Freund bin, aber ich bin auch der Freund des Königs, und wie ich Sie vor einer, wenn auch gerechten Strafe, ſo will ich Ihn vor einem unausbleiblichen Aergerniß und Kummer be⸗ wahren. Der König weiß es nicht, daß Sie ein öſterreichiſcher Spion ſind, daß Sie im Dienſte Sek⸗ kendorfs und des Kaiſerhofes ſtehen! Möge er es nie erfahren, denn ſein Zorn würde um ſo furchtbarer ſein, weil er Sie einſt geliebt hat. Ja, Graf, es iſt wahr, dieſer arme Fürſt war jung, unerfahren und leichtgläubig genug an Ihre Liebe zu glauben und Ihnen ſein Herz zu ſchenken. Schonen wir alſo ſeiner Jugend, erſparen wir ihm die Demüthigung, den Mann verachten und ſtrafen zu müſſen, den er einſt geliebt 136— hat. Oh mein Gott, es thut ſo weh, ein Weſen ver⸗ achtungsvoll unter ſeine Füße treten zu müſſen, das man einſt nicht ſorgſam und liebevoll genug an ſeinem Herzen betten konnte. Der König hatte, wie Sie wohl wiſſen, ein weiches Herz, und noch iſt es nicht ver⸗ härtet genug, um ohne Schmerzen dieſe Hiebe zu er⸗ tragen, welche ſeine verrätheriſchen Freunde auf daſſelbe richten. Ein Tag wird kommen, wo Euer Werk voll⸗ endet ſein wird, wo der König Friedrich einen aus Mißtrauen und Menſchenverachtung gewebten Panzer um ſein Herz tragen wird, einen Panzer, der undurch⸗ dringlich ſein wird, vielleicht ſogar gegen die wahre Liebe. Aber noch, wie geſagt, iſt dieſe Zeit nicht ge⸗ kommen! Warten Sie dieſelbe nicht ab, Graf, denn alsdann würde der König unerbittlich gegen Sie ſein, alsdann würde er in Ihnen nicht mehr den einſtigen Freund, ſondern nur noch den Verräther, den Spion ſehen! Eilen Sie alſo, eilen Sie von hinnen, damit keine Strafe Sie treffe, keine andere, als mit welcher einſt Ihr böſes Gewiſſen Sie martern wird. Wie aber, wenn ich bleibe, wenn ich verſuchte, mich vor dem König zu rechtfertigen? fragte der Graf ſchüchtern. Verſuchen Sie das nicht, denn dieſer Verſuch würde vergeblich ſein! In demſelben Augenblicke, wo Sie dieſen Entſchluß zur Ausführung bringen wollten, würde der König alle Ihre Ränke, Ihre Intriguen, Ihre Be⸗ ſtechungen, Ihre Verräthereien erfahren, würde er wiſſen, daß Sie mit ſeinem Koch correſpondirten, daß die Frau von Brandt für Sie ein Tagebuch führte, welches durch Sie an den öſterreichiſchen Hof geſandt ward, und wofür Sie der Frau von Brandt bedeutende Sum⸗ men zu zahlen hatten, würde er wiſſen, daß Sie jeden ſeiner Schritte, jedes ſeiner Worte belauerten, um, was — 137— Sie erlauſcht, für öſterreichiſches Gold zu verkaufen! Nein, nein, wagen Sie es nicht zum König zu gehen, denn eine Rechtfertigung iſt unmöglich! Ihre eigenen Thaten würden vor Ihnen aufſtehen, und wider Sie zeugen. Reiſen Sie ſtill ab, und wagen Sie es nie⸗ mals wieder die Lande des Königs von Preußen zu betreten. Das iſt der Rath, den ich Ihnen als Ihr Freund zu geben habe. Und rathen Sie mir, zu gehen, ohne mich von Sr. Majeſtät beurlaubt zu haben? fragte der Graf ganz betäubt und verwirrt. Ich rathe es Ihnen nicht, ich befehle es Ihnen! rief der König ſeiner angenommenen Maske vergeſſend. Ich befehle Ihnen ſofort dieſes Schloß zu verlaſſen, ohne ein Wort, ohne einen Gruß, ſchweigend, wie es einem überführten Verbrecher geziemt. Ich befehle Ihnen in dieſer Nacht noch abzureiſen, gleichviel wo⸗ hin, in die Hölle ſelbſt, wenn Sie Luſt, dazu haben! Gehen Sie!— Der Graf gehorchte. Schweigend verneigte er ſich vor dem König, und verließ alsdann ſchwankenden Schrittes, gebeugten Hauptes, und innerlichſt gebrochen und tief beſchämt, den Saal*). Der König ſchauete ihm nach, bis er ſich im Ge⸗ dränge verlor. Und um ſolcher Menſchen willen muß man ſeinen Glauben und ſein Vertrauen hingeben, um ſolcher Menſchen willen, muß man ſein Herz verhärten, ſagte *) D — eer Graf von Mannteuffel verließ der königlichen Wei⸗ ſung zufolge Berlin und die preußiſchen Staaten für immer. Er wandte ſich zuerſt nach Dresden, und ging dann mit ſeiner Gemahlin auf ſein Landaut Kummerfrei, wo er ohne Erben verſtarb, der letzte Sprößling des gräflich Mannteuffel'ſchen Hauſes. Siehe Rödenbeck. Tagebuch I. pag. 27.. — 138— er leiſe zu ſich ſelber. Iſt es denn wahr, was die Weiſen aller Zeiten geſagt haben, daß die Fürſten dazu verurtheilt ſind ein einſames, kaltes, freudloſes Leben zu führen, daß ſie niemals einen Freund haben können, der uneigennützig und großmüthig genug iſt, ihrer Krone und ihrer Macht zu vergeſſen, und ſie nicht als Fürſten, ſondern als Menſchen zu lieben! Wenn es ſo iſt, warum denn ſein Herz an die Menſchen hängen, warum nicht ſtatt ihrer die Hunde lieben, welche treu und ehrlich ſind, und ihren Herren lieben, gleich⸗ viel, ob er ein Fürſt oder ein Bettler iſt?— Ah, da ſehe ich dieſe coquette Zigeunerin, welche Pöllnitz mir bezeichnet hat, die edle Freundin Mannteuffels. Wir wollen einmal die Rollen umkehren, und ſtatt mir wahr⸗ ſagen zu laſſen, werde ich ihr wahrſagen. Und der König eilte haſtigen Schrittes zu der Zi⸗ geunerin hin, welche eben in den dargereichten Händen einiger Cavaliere geleſen und ihnen ihre ſarkaſtiſchen, ſcherzhaften und witzigen Prophezeihungen gemacht hatte. Der König trat dicht zu ihr heran, und flüſterte: Pöllnitz hat den bewußten Brief gefunden und brennt vor Verlangen, Ihnen denſelben wieder zu geben. Wo iſt er? fragte die Zigeunerin lebhaft. Folgen Sie mir? ſagte der König, indem er ſich in eine Fenſterniſche begab. Frau von Brandt folgte ihm mit ungeduldiger Haſt. 3 Hier ſind wir allein, hier können wir unbemerkt plaudern, ſagte der König. Frau von Brandt lachte. Zum Plaudern gehören Zweie! Und wer ſagt Ihnen denn, Maske, daß ich geneigt bin, mit Ihnen zu plaudern? Sie haben mich hieher geführt, indem Sie von einem Briefe ſprachen, welchen Herr von Pöllnitz mir zu übergeben hätte, aber ich ſehe hier weder Pöllnitz noch den Brief! * — 139— Pöllnitz hat mir den Brief übergeben, damit ich Ihnen denſelben einhändige. Aber bevor ich das thue, wollen wir einmal verſuchen, ob ich ſchon etwas von Ihnen gelernt habe, und ob ich vielleicht eben ſo gut zu prophezeihen verſtehe, wie Sie ſelber. Geben Sie mir Ihre Hand her, ich will Ihnen wahrſagen. Frau von Brandt reichte zitternd und keines Wortes mächtig, ihre Hand dar. Sie hatte die Stimme er⸗ kannt, welche ſo gebieteriſch zu ihr ſprach, ſie wußte, daß es der König ſei, welcher neben ihr ſtand. Der König betrachtete dieſe Hand, ohne ſie indeß zu berühren. Es ſind wunderbare Dinge, welche ich in Ihrer Hand leſe. Da, in dieſen Linien ſteht ge⸗ ſchrieben, daß Sie eine gefährliche Intriguantin, eine verrätheriſche Unterthanin, eine grauſame Coquette ſind. Sie glauben das? fragte die Zigeunerin mit einem gezwungenen Lächeln. Ich glaube das nicht, ich weiß es, denn das Schick⸗ ſal lügt nie, und das Schickſal hat unvergängliche Schriftzüge in Ihre Hand und auf Ihre Stirn ge⸗ ſchrieben. Sehen Sie! Dort ſteht geſchrieben, daß Sie aus einem fremden Lande für verrätheriſche Dienſte eine hohe Summe Goldes bekamen, hier ſehe ich einige Brillanten, mit denen man Sie beſtach, und dort drüben leſe ich ſogar, daß man Ihnen zwanzigtauſend Thaler verſprochen hat, wenn Sie dahin wirkten, daß eine gewiſſe Ehe ſich nicht löſte. Mein Gott, Sie zittern, und Ihre Hand zuckt ſo ſehr, daß ich kaum noch weiter zu leſen vermag. Halten Sie Ihre Hand ruhig, Madame, damit ich Ihnen nicht blos Ihre Bergungeuhet, ſondern auch Ihre Zukunft wahrſagen ann.. Ich werde gehorchen, flüſterte Frau von Brandt ganz tonlos. 3 — 140— Hier leſe ich von einem gefährlichen Brief, der durch Ihre eigene Unvorſichtigkeit in falſche Hände ge⸗ rieth. Wenn der König dieſen Brief leſen ſollte, ſo iſt Ihr Verderben unvermeidlich. Er wird Sie als⸗ dann als eine Landesverrätherin ſtrafen, er wird Sie nicht blos vom Hofe verbannen, ſondern Sie auch in eine Feſtung einſperren müſſen, wie das Recht und in Ordnung iſt, wenn in Kriegszeiten einer ſeiner Unter⸗ thanen mit dem Feinde conſpirirt.— Freuen Sie ſich daher, denn wenn Sie klug ſind und beſonnen, wird der König nichts erfahren, und Sie werden gerettet ſein! Und was ſoll ich thun, um mein Unglück zu ver⸗ meiden? fragte Frau von Brandt athemlos. Sie ſollen ſich ſelber vom Hofe verbannen! Sie ſollen unter irgend einem Vorwand ſich vom Hofe und aus Berlin entfernen, Sie ſollen ſich auf das Gut Ihres Gemahls zurückziehen, um dort in der Einſamkeit und Stille über ſich ſelber und Ihr Vergehen nachzu⸗ denken, Sie ſollen thun, was die Magdalena that. Nachdem Sie wie dieſe, lange genug gelebt, geliebt, hintergangen und betrogen haben, ſollen Sie Ihre Buße beginnen, und ſehen, ob der liebe Gott ebenſo leichtgläubig iſt, wie die Menſchen, und ob Sie ihn mit Ihren Thränen und Ihrer Reue betrügen können, wie einſt die Menſchen mit Ihrer Liebe, Ihrer Treue und Ihrer Freundſchaft. Gehen Sie, verſuchen Sie es mit Gott, da es mit den Menſchen nicht mehr gehen will. Aber beginnen Sie dieſen Verſuch allſogleich. Verlaſſen Sie morgen ſchon Berlin, und wagen Sie es nicht, dorthin zurückzukehren, bevor der König ſelber Sie gerufen hat.— Ich gehe! murmelte Frau von Brandt unter Seuf⸗ zern und Thränen. Ich gehe, aber ich trage den Tod im Herzen, nicht weil ich verbannt bin, ſondern weil —— 141— ich meine Strafe verdiene, weil ich das edle, groß⸗ müthige und erhabene Herz meines Königs wider mich erzürnt habe, weil ich ſeinen Zorn, ſeine Verachtung verdient habe, weil— Magdalena! unterbrach ſie der König achſelzuckend. Wahrlich, Sie ſind ein großes Schauſpielertalent. Man übergiebt Ihnen kaum eine Rolle, und ſofort ſpielen Sie ſie als Meiſterin. Verſuchen Sie indeß nicht vor dem Könige die Magdalena zu ſpielen. An Ihre Thränen und Ihre Reue würde er nicht glauben, aber er würde ſich Ihrer Verbrechen erinnern und Sie ſtrafen müſſen! Eilen Sie, Magdalena, eilen Sie in Ihre Bußhöhle. Dort mögen Sie der eitlen Welt fluchen, und ſich zu einer Heiligen umwandeln. Hier, dieſen Brief gebe ich Ihnen zurück. Legen Sie ihn als Geißel an Ihren Buſen, und möge er zuweilen Ihr Gewiſſen mit einigen Ruthenſtreichen wecken. Leben Sie wohl! 3 Der König verließ die Fenſterniſche, in welcher Frau von Brandt weinend vor Zorn, Demüthigung und Beſchämung zurückblieb, und raſch durch den Saal ſchreitend, ging er zu jenem dunklen Saal hin, der ver⸗ mittelſt Blumengeſträuchen und Feſtons zu dem heutigen Feſttage in einen dunklen Hain mit Lauben und Grotten verwandelt war. Der König ſah ſehr wohl dieſe Nonne, welche ihm folgte, und ſchüchtern ſich an ſeine Seite drängte, er ſah, wie ſie hinter ihm in den Grottenſaal eintrat, wie ſie ihm nachſchlich zu dieſer Laube, welche er eben betrat. Er zog mit einer heftigen Bewegung die Maske von ſeinem Angeſicht fort, und ſich haſtig umwendend zu der Nonne, welche bebend und athemlos an dem Eingang der Laube lehnte, fragte er mit rauhem Ton: was wollen Sie von mir? Ihre Liebe will ich! rief die Nonne, indem Sie auf ihre Knie niederſank, und die gefalteten Hände flehend zu dem König emporhob. Ihre Liebe will ich, welche Sie mir einſt gelobt haben, Ihre Liebe, welche mein Glück, meine Seligkeit iſt, Ihre Liebe, ohne welche ich ſterben werde, ohne welche ich das Leben einer Ver⸗ dammten, einer im Fegefeuer Gemarterten dulden muß! So gehen Sie hin, und ſeien Sie verdammt! rief der König rauh, indem er die Arme, welche ſich flehend nach ihm ausſtreckten, unwillig zurückſtieß, und einen Schritt von der Knieenden zurücktrat. Gehen Sie hin, und ſeien Sie verdammt! Dulden Sie die Qualen des Fegefeuers, Gott wird Sie nicht daraus erlöſen, und ich werde es auch nicht thun! Oh, oh, ich höre das, und ich ſterbe nicht! mur⸗ melte Frau von Morien unter Thränen. Oh mein König, haben Sie Erbarmen! Gedenken Sie dieſer ſo ſchönen, ſo glutvollen, himmliſchen Vergangenheit. Ge⸗ denken Sie, welch' ein berauſchendes Gift Sie mit Ihren Worten, Ihren Blicken, Ihren Küſſen durch meine Adern ergoſſen haben, und ſtrafen Sie mich nicht, weil ich von dieſem ſüßen Gift jetzt bis zum Tode, bis zur Raſerei erkrankt bin. Sehen Sie, was dieſes Gift aus mir gemacht hat, ſehen Sie, wie die arme Leontine ſich verändert hat, ſeit ſie nicht mehr an der Sonne Ihrer Liebe ſich erwärmen durfte. Sie riß mit zitternden Händen die weißen Schleier zurück, welche ihr Antlitz verhüllt hatten, und ließ den König ihr von Thränen bethauetes, bleiches, einge⸗ fallenes, gramdurchfurchtes Antlitz ſehen. Der König betrachtete ſie mit ruhigem, ſtrengem Blick. Sie ſind alt geworden, Madame, ſagte er kalt. Alt genug, um ohne Anfechtung die neuen Wege be⸗ treten zu können, welche Sie ſo weiſe ſich vorgezeichnet —j— —— . — 143— haben, alt genug, um jetzt eine Tugendheldin zu werden, da Sie ſo lange eine Heldin der Liebe geweſen. Neh⸗ men Sie alſo immerhin dieſen Orden der Tugend und Sittſamkeit, welchen die Kaiſerin von Oeſterreich Ihnen verſprochen hat, denn der König wird ſich nicht von ſeiner Gemahlin ſcheiden laſſen, und da dies lediglich Ihr Werk iſt, denke ich, wird die Kaiſerin Ihnen den verſprochenen Orden nicht vorenthalten können. Er weiß Alles, und er verachtet mich, jammerte Frau von Morien laut ſchluchzend, indem ſie ihre Hände vor ihr Antlitz ſchlug. Ja, er verachtet Sie! wiederholte der König. Er verachtet Sie, und alſo hat er kein Mitleid mit Ihnen. Leben Sie wohl! Ohne einen Blick auf die zitternde, in Thränen zerfließende Geſtalt, welche da am Boden kniete zu werfen, verließ der König die Laube, und trat in den dunklen Saal zurück, um ſich wieder in den Tanzſaal zu begeben. Aber plötzlich fühlte er eine Hand, welche ſich ſanft auf ſeine Schulter legte, und ſich umwendend, ſtand er einer ſchwarz verhüllten, weiblichen Geſtalt gegenüber. 3 Ptne Wort, König Friedrich, flüſterte die Ver⸗ üllte. Reden Sie, was wollen Sie von mir? fragte der König gütevoll.— Was ich von Ihnen will? fragte ſie mit zitterndem weichen Ton. Ich will nichts, als Sie noch emmal hören, noch einmal Ihr Antlitz ſehen, bevor Sie hin⸗ ausgehen in Krieg und Todesgefahr. Ich will nichts, als Sie anflehen, ein wenig Sorgfalt, ein wenig Scho⸗ nung mit ſich ſelber zu haben. Oh mein König, denken Sie daran, daß Ihr Leben ein unſchätzbares Kleinod iſt, für welches Sie nicht nur Gott allein, ſondern — 14— auch Millionen Ihrer Unterthanen verantwortlich ſind. Oh mein König und mein Herr, ſtürzen Sie ſich nicht muthwillig in Gefahr, erhalten Sie ſich Ihrem Lande, Ihrem Volke, Ihrer Familie, welchen Allen Sie un⸗ entbehrlich ſind. Der König wiegte lächelnd ſein Haupt. Niemand kann ſagen, daß er unentbehrlich iſt, ſagte er. Der Menſch iſt wie der Stein, den man in das Waſſer wirft. Einen Augenblick entſteht eine kleine Lücke, wirbeln ſich die Waſſer, dann iſt Alles verſchwunden, und das Waſſer fließt wieder ruhig und glatt über den ſpurlos Verſchwundenen dahin. Ich aber will nicht ſpurlos verſchwinden! Iſt es mir beſtimmt in dieſem Kampfe, zu welchem ich ausziehe, zu fallen, ſo will ich, daß mein Tod ruhmvoll, daß mein Grab zu finden ſei, und daß man wenigſtens hingehe, es mit Lorbeern zu ſchmücken, wenn auch freilich Niemand kommen wird, ihm den Zoll der Liebe und Thränen zu weihen, denn ein König, das wiſſen Sie wohl, ein König wird nie geliebt, und wenn er todt iſt, nie be⸗ weint, denn man hat alsdann zu viel zu thun, ſeinem Nachfolger entgegen zu jauchzen! 3 Sie aber, Sie werden geliebt, rief die Verhüllte außer ſich vor Bewegung. Ich kenne ein armes Weib, welches nur lebt von Ihren Blicken, Ihrem Anſchauen, ein Weib, welches vielleicht ſterben würde vor Glück, wenn es von Ihnen geliebt würde, welches gewiß ſterben wird vor Gram, wenn der Tod Sie, ihren jugendlichen Helden, ihren Gott und ihr Ideal, dahin raffte. Oh, um dieſer Frau willen, welche Sie anbetet, deren Glück, deren qualvolles Entzücken Sie ſind, um dieſer Frau willen, die demuthsvoll und wünſchelos ihre Liebe zu Ihren Füßen niedergelegt hat, und lächelnd jeden Tag ihr Herz ertödtet, Gott dankend, daß ſie wenigſtens zu 8 Ihren Füßen ſterben darf, um dieſer Frau willen flehe ich Sie an, Erbarmen zu haben, Ihres Lebens zu ſchonen, ſich nicht muthwillig in Gefahr zu ſtürzen, und Preußen ſeinen König, Ihrer armen Königin aber den Gemahl zu erhalten, den ſie liebt, den ſie anbetet, für den ſie in jeder Stunde bereit iſt, ihr Leben, ihr Herzblut hinzugeben, wenn der König ſie würdigt, es von ihr zu fordern. Der König legte leiſe die Hand auf die gefaltenen Hände der verhüllten Dame, die er indeſſen nur zu wohl erkannte. Kennen Sie die Königin ſo genau, daß Sie wiſſen können, was in ihrer Seele vorgeht? Ja, ich kenne die Königin, flüſterte ſie, und ich darf in ihrem Herzen leſen, denn ſie hat nur eine ver⸗ traute Freundin ihrer Schmerzen und ihres gramvollen Glückes, das bin ich, und nur ich allein weiß, was ſie leidet, und wie ſie liebt! B 3 Nun, wenn es ſo iſt, ſo bitte ich Sie, gehen Sie zur Königin, und bringen Sie ihr meine Abſchieds⸗ grüße. Sagen Sie ihr, daß der König kein Weib mehr verehrt, wie ſie, daß er ſie hoch genug achtet, um ſie den edlen Weibern des Alterthums an die Seite zu ſtellen, daß er überzeugt iſt, ſie werde zu dem in den Kampf ziehenden Gemahl ſagen, was die alten Römerinnen zu ihren Vätern, Gatten und Söhnen ſprachen, wenn ſie ihnen den Schild darreichten: Mit ihm, oder auf ihm! Eliſabeth Chriſtine denkt und fühlt wie eine Römerin, ſie weiß, daß der König von Preußen nur als Sieger, oder als Leiche wiederkehren darf aus dieſem Kampfe, den er jetzt gegen ſeinen Erb⸗ feind, gegen das übermüthige Haus Oeſterreich unter⸗ nimmt. An dem Leben liegt wenig, die Ehre iſt ihm Alles, dieſe muß er ſich erhalten, und müßte er ſie. auch mit ſeinem Blute bezahlen. Das ſagen Sie der Friedrich der Große. III. 10 Königin Eliſabeth Chriſtine, und ſagen Sie ihr auch, daß ihr Bruder und ihr Freund am Tage der Schlacht ihrer gedenken wird, nicht um ſeiner zu ſchonen, ſon⸗ dern um ſich zu erinnern, daß in jenen Stunden eine edle Seele für ihn zu Gott beten wird. Und damit laſſen Sie uns ſcheiden! Ich muß zu meinen Soldaten! Gehen Sie zur Königin! 3 Er verneigte ſich tief vor dem armen, leiſe ſchluch⸗ zenden Weibe, und eilte haſtigen Schrittes vorwärts, hinein in den glänzenden duftenden Tanzſaal, wo eben die Muſik eine luſtige, frohlockende Weiſe begann. Die Königin blickte ihm mit weit aufgeriſſenen, in Thränen ſchwimmenden Augen ſo lange nach, als ſie ſeine Geſtalt im Gewühle der Tanzenden erkennen konnte, dann ſchob ſie die Kaputze feſt über ihr Antlitz und ihren Mund, um ihr Schluchzen und ihre Thränen zurückzudrängen, und eilte durch eine geheime Thür des Grottenſaals in den Corridor, der zu ihren Ge⸗ mächern führte. Während die Königin ſich in ihrem Kabinet ein⸗ ſchloß, um zu weinen und zu beten, während der König damit beſchäftigt war, haſtig ſeine Toilette zu ändern und ſeine Uniform anzulegen, während unten auf dem Schloßplatz, dem erhaltenen Befehle gemäß, die Offiziere ſich verſammelten, verweilte der Prinz „Auguſt Wilhelm noch immer in dem Tanzſaal; aber er tanzte nicht, auch ahnte Niemand, daß er dort ſei, denn man hatte ihn einige Stunden dort in glänzendem Maskenanzug, aber ohne Larve geſehen, dann hatte er den Saal verlaſſen, um, wie er ſagte, die letzten Vor⸗ bereitungen zu ſeiner Abreiſe zu treffen. Aber in einem unſcheinbaren Domino, mit einer Maské vor dem An. geſicht war er wieder gekehrt. Niemand wußte das, Niemand außer ſeiner Laura, mit welcher er jetzt da — 147— drüben in der Fenſterniſche ſtand, hinter den ſchweren Damaſtgardinen, welche das liebende Paar den Blicken der im Saal Anweſenden verhüllte. Es war für ſie Beide ein ſchmerzlich ſüßes Glück, noch einmal ſo neben einander zu ſtehen, noch einmal ſich Auge in Auge zu ſehen, noch einmal den warmen Druck der Hand zu fühlen, und ſich dieſe ſo heiligen, ſo keuſchen und reinen Liebesgeſtändniſſe zu widerholen, welche ihre vor Glück und Rührung zitternden Lippen ſchon ſo oft geſprochen, und welche ihnen immer neu, immer eine wunderbare Mufik däuchten, ſo oft ſie ſie erneuerten. Jetzt war der Moment des Abſchieds gekommen. Schon begannen da unten auf dem Schloßplatz die Offiziere ſich aufzuſtellen, ſchon hörte man von den angrenzenden Straßen her lautes Trommelwirbeln und das Geſchmetter der Fanſaren, welche die perſchiedenen Truppentheile zuſammen riefen, während da oben im Königsſaal die Tanzmuſik ihre luſtigen Weiſen ſpielte und die Tänzer und die geputzten, von Brillanten fun⸗ kelnden Tänzerinnen zu ihrem heitern Reigen und Tou⸗ ren vereinte. Ich muß jetzt fort, Geliebteſte, flüſterte der Prinz, die ſtill weinende Geliebte noch einmal in ſeine Arme ſchließend. Fort, um vielleicht niemals wiederzukehren, ſeufzte Laura. 1 Ich werde wiederkehren, Laura, ſagte er mit einem matten Lächeln. Ich bin nicht dazu geboren, als Held auf dem Schlachtfeld zu fallen, das weiß ich, das fühle ich, und dennoch würden mir vielleicht viel Schmerzen und viel Kummer erſpart, wenn es alſo wäre, denn was iſt der ſchnelle und unerwartete Tod gegen dies langſame Hinſiechen und Vergrämen, gegen 10z 148 dieſes tägliche Sterben an Kummer und Leid, das uns indeſſen doch nicht tödtet! Oh Laura, ich habe oft trübe und unheilsvolle Stunden, in denen mir meine ganze Zukunft in ſchwarze Trauerſchleier eingehüllt erſcheint, in denen ich ſelbſt Deine Lichtgeſtalt nicht mehr ſehe, und ganz allein, ganz troſtlos und einſam bin! Sie ſchildern da meine Leiden, meine qualvollen Befürchtungen, flüſterte Laura, ſich angſtvoll an ihn ſchmiegend. Oh dieſe Zukunftsträume ſind ſo fürchter⸗ lich, daß ich darüber nicht einmal des Glückes der Gegenwart mich zu freuen vermochte, daß, wenn ich Sie anſah, mein Herz nicht mehr vor Wonne pochte und hämmerte, ſondern vor verzweiflungsvollem Wehe, denn es ſchien mir, daß ich immerfort Sie nur ſah, um von Ihnen Abſchied zu nehmen für immerdar. Oh glauben Sie mir, dieſe traurigen Ahnungen, welche uns Beide foltern, das ſind die Stimmen des Schick⸗ ſals, das uns mahnen will, uns loszureißen von dieſem zauberhaften Traum, mit dem wir unſere Seelen in Schlaf eingelullt haben, damit ſie ihrer Pflicht ver⸗ geſſen könnten, und dieſer harten Nothwendigkeit zu ge⸗ denken, welche doch eines Tages uns trennen wird! 4 Nichts ſoll uns trennen, rief der Prinz ungeſtüm, nichts auf Erden ſoll ſich ſcheidend zwiſchen uns ſtellen. Dieſe heutige Trennung, welche die Ehre von mir fordert, ſoll und wird die Letzte ſein. Wenn ich wie⸗ derkehre, werde ich Dich an Dein Wort, werde ich Dich an dieſe heiligen Schwüre mahnen, welche Gott gehört und angenommen hat, denn unſere Liebe iſt von Gott und in Gott, und nichts Unedles haftet an ihr. Gott wird ſie alſo auch beſchützen, Gott wird ihr ſeinen Segen geben, wenn die hartherzigen und kalten Men⸗ ſchen ihr denſelben verſagen ſollten, Gott wird mit uns ſein, wenn die ganze Welt auch wider nns iſt, — 4 — 149— und mit Gott werden wir alle Schwierigkeiten, die ſich vor Deinen Blicken, meine Laura, nicht vor den meinen aufthürmen, beſiegen und unſere Liebe und unſer Glück verklärt aus allen dieſen Stürmen hervor⸗ gehen ſehen. Laura wiegte traurig lächelnd ihr Haupt. Ich habe nicht dieſe freudige Zuverſicht es zu hoffen, und doch auch wieder nicht die Kraft, den Gedanken einer Trennung von Dir ertragen zu können, flüſterte ſie. Zuweilen, wenn ich recht inbrünſtig gebetet habe, ſcheint es mir, daß Gott mir beiſtehen und mich ſtärken will zu dem Entſchluß, mich willig und gehorſam den Be⸗ fehlen der Königin⸗Mutter zu unterwerfen, und die Hand dieſes Grafen Voß anzunehmen, den Gott viel⸗ leicht mir gezeigt hat, als das Mittel, welches mich wieder auf den Weg der Pflicht und des Gehorſams zurückführen ſoll. Aber ſobald ich das entſcheidende Wort ausſprechen will, ſind meine Lippen wie von 8 dhhrnen Banden geſchloſſen, und es iſt mir, als ob ſie ſich nur öffnen könnten, um einen Schrei auszuſtoßen, der mit ſeiner Verzweiflungsgewalt mein ganzes Weſen zerſchmettern und mich in Staub auflöſen müßte. Der Prinz ſchloß ſie mit leidenſchaftlicher Gewalt in ſeine Arme. Schwöre mir, daß Du nimmer ſo feig und ſo treulos ſein willſt, von den Drohungen und den Scheltworten meiner Mutter Dich unterjochen zu laſſen, ſagte er faſt zürnend. Schwöre mir, daß Du treu bleiben willſt Deinem Schwur, dieſem Schwur, durch welchen Du mein biſt, mein für alle Ewigkeit, durch welchen Du Dich mir zu meiner Braut und zu meiner Gattin angelobt haſt! Ich ſchwöre es Dir! ſagte ſie, ihm mit Augen voll Zärtlichkeit und Liebe in das erregte, glühende Ange⸗ ſicht ſchauend. 4 X Sie werden meine Abweſenheit benutzen, Dich zu martern und zu quälen, fuhr er fort. Meine Mutter wird in dem Ungeſtüm ihres heftigen Naturells Dich mit Vorwürfen, mit Bitten, mit Drohungen beſtürmen, aber wenn Du mich liebſt, wirſt Du die Kraft finden, ihr zu widerſtehen und nicht wankend zu werden in Deiner Treue. Noch weiß meine Mutter nicht, daß ich es bin, den Du mit Deiner Liebe beglückſt, daß ich es bin, welcher Dich anbetet, und welcher kein ſchöneres und ſtolzeres Glück erſtrebt und kennt, als Dein Gemahl zu ſein, noch glaubt ſie, daß, wenn nicht der König, einer der Markgrafen, oder der junge Prinz von Braunſchweig es iſt, welcher Dein Herz beſitzt, und die Schuld trägt an Deiner Weigerung, Dich dem Grafen Voß zu vermählen. Aber irgend ein Zufall kann ihr unſere Liebe verrathen, und dann wird ihr Zorn fürchterlich ſein, dann wird ſie Alles daran ſetzen, uns zu trennen, dann wird ſie kein Mittel, keine Intrigue verſchmähen, um ihren Zweck zu erreichen. Bleibe alsdann ſtandhaft, meine Laura, ſtandhaft, treu und beſonnen! Glaube und traue keinem Gerücht, kei⸗ nem Briefe, keiner Botſchaft, ſondern glaube nur an mich allein, nur meinem eigenen Wort! Ich werde Dir nicht ſchreiben, denn meine Briefe könnten aufgefangen werden, ich werde keinen Boten an Dich ſenden, denn man könnte ihn beſtechen, und er könnte uns verrathen; nur wenn ich fallen ſollte in der Schlacht, werde ich, ſo Gott mir gnädig iſt, noch ſo viel Kraft finden, um einem mitleidigen Freunde meine Grüße an Dich auf⸗ zutragen, und er wird ſie Dir hinterbringen, denn als⸗ dann hat unſere Liebe nicht mehr das Auge der Welt, nicht mehr den Zorn des Königs und meiner Mutter zu fürchten.— Ich werde Dir nicht ſchreiben, aber —,— — 151— ich werde immer an Dich denken, mein Geiſt wird immer bei Dir ſein! Und wenn Du fallen ſollteſt, wird Gott mir gnädig ſein, und auch mich aus dieſer Welt erlöſen, welche für mich ein Grab iſt ohne Dich, flüſterte ſie mit leuch⸗ tenden Augen, ſich innig an ihn ſchmiegend. Der Prinz küßte ſie leiſe und ehrfurchtsvoll auf die Stirn, und zog dann einen Ring von ſeinem Finger, den er an dem ihren befeſtigte. Das iſt unſer Verlobungsring, ſagte er. Jetzt biſt Du Mein, jetzt trägſt Du meinen Ring, die erſte Schake dieſer Kette, mit welchem ich Dein ganzes Leben an mich feſſeln will. Jetzt biſt Du meine Ge⸗ fangene, und nichts kann Dich mehr von mir erlöſen! Aber horch! Hörſt Du da unten die Fanſaren ſchmet⸗ tern und die Trommeln wirbeln? Hörſt Du dieſes Hurrah der Offiziere? Der König iſt auf den Schloß⸗ platz getreten, und ſchon wird er verwundert nach mir umher ſchauen! Ich muß fort, ich muß zum König! Horch, ſie ſchreien ſchon wieder! Lebe wohl, meine Ge⸗ liebte, Lebe wohl! Gott und ſeine Engel mögen Dich ſchützen! Er ſah ſie nicht mehr an, er hatte die Kraft, ſie nicht zu umarmen, ſich nicht zurückhalten zu laſſen von ihren Seufzern, ihren Thränen. Er trat langſam, um kein Aufſehen zu erregen, hinter den Gardinen hervor, und ſchloß ſie ſorgfältig wieder, um Laura den Blicken der Menge zu entziehen, dann ging er langſam durch die Reihen der Masken, welche, dem ausdrücklichen Befehl des Königs gemäß, durch den ſoldatifchen Lärm da unten ſich nicht in ihren Tanzbeluſtigungen durften unterbrechen laſſen, und eilte in das daneben befind⸗ liche Kabinet. Hier warf er raſch die Maske und den Domino ab, welcher ſeine Uniform bedeckt und verhüllt —— ———— hatte, und den bereit liegenden Helm ergreifend, eilte er raſch durch die Gemächer, über die Treppen hin⸗ unter in den Schloßhof. Dort ſtand der König inmitten ſeiner Generäle und Offiziere. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, jeder Gedanke, jeder Wille, jedes Wünſchen hatte ſich ihm untergeordnet, ſein Geiſt hatte den ihren gefangen genommen und bewältigt, und nur Ein Gedanke, nur Ein Wille lebte und herrſchte in ihnen Allen, der Ge⸗ danke und der Wille ihres Königs und ihres Herrn, deſſen Blick wie das Auge des Adlers über ihnen ſchwebte, und ſie Alle beherrſchte und bezauberte. Groß und heldenkühn ſtand er da in ihrer Mitte, ſein ſchönes Antlitz leuchtend in einer wunderbaren Majeſtät und Begeiſterung, ſeine Augen ſtrahlend in einem Feuer und einer Gluth, welche ſich an ſeinen eigenen heldenkühnen und hochherzigen Gedanken ent⸗ zündet hatte, den feingeſchnittenen Mund umſpielt von jenem milden, zauberhaften, gütevollen Lächeln, das ihm ſtets alle Herzen gewann, und Jedermann zugleich erfreute und rührte. Hinter ihm ſtanden die Prinzen und Generäle, der Fürſt von Anhalt⸗Deſſau, der alte Ziethen, der General von Winterfeldt und die Adju⸗ tanten, und über ihnen allen ragten leuchtend und majeſtätiſch die, vom Glanz der zu beiden Seiten des Platzes in unüberſehbarer Reihe aufgeſtellten Fackeln hell beleuchteten neuen koſtbaren Fahnen empor, deren goldgeſtickte neue Inſchrift: pro Gloria et Patria ſternengleich aus dem Dunkel des Hintergrundes her⸗ vorblitzte*). „ *) Die frühere Inſchrift der preußiſchen Fahnen war: Pro Deo, Gloria et Patria. Friedrich der Große ließ aber neue Fahnen für ſeine Armee anfertigen mit dem ſchwarzen Adler, — 153— Friedrich hob den Arm mit dem entblößten Schwert und grüßte dieſe flatternden Fahnen mit der goldglän⸗ zenden Inſchrift, dann begann er zu reden, und ſeine Stimme hallte wie Glockenklang ſo metallreich und voll⸗ tönend über den Platz dahin. Meine Herren, ſagte der König, ich unternehme einen Krieg, worin ich keine andern Bundesgenoſſen habe, als Ihre Tapferkeit und Ihren guten Willen. Meine Sache it krecht, und meinen Beiſtand ſuche ich bei dem Glück. Erinnern Sie ſich beſtändig des Ruhmes, den Ihr Vorfahren auf den Schlachtfeldern bei Warſchau, bei Fehrbellin und bei dem Zuge nach Preußen ſiharze Ihr Schickſal iſt in Ihren eigenen Händen. Ehrenzeichen und Belohnungen warten nur darauf, durch glänzende Thaten von Ihnen ver⸗ dient zu werden. Aber ich habe nicht erſt nöthig, Sie zur Ehre anzufeuern; nur ſie ſteht Ihnen vor Augen, nur ſie iſt ein würdiger Gegenſtand für Ihre Be⸗ mühungen. Wir werden Truppen angreifen, die unter dem Prinzen Eugen den größten Ruf hatten. Zwar iſt dieſer Prinz nicht mehr; aber unſer Ruhm wird beim Siegen deſto größer ſein, da wir uns gegen brave Soldaten werden zu meſſen haben. Adien! Reiſen Sie ab. Ich werde Ihnen ohne Verzug zu dem Sammelplatz der Ehre folgen, die uns erwartet*)! der in der einen Klaue den Degen, den Scepter in der andern hielt, und die Umſchrift trug:„Pro Gloria et Patria.“ Das frühere„Deo“ befahl der König fortzulaſſen, indem er ſagte, man müſſe den Namen Gottes nicht entweihen, indem man ihn mit weltlichen Dingen vermiſche.— *) Rödenbeck Tagebüch I, pag. 28. XIII. Die Rückkehr. Es war ein ſehr unblutiger Feldzug geweſen, dieſer erſte Feldzug des jungen breußiſchen Königs nach Schleſien. Kein Tropfen Blutes war dabei vergoſſen worden, kein anderer Angriff war gemacht worden, als der, welchen einer der Generäle an die Wange einer an dem Thore von Breslau ſtationirten Schildwache machte, die ihm den Eintritt in aahither verva⸗ gern wollte. Der General ſtrafte ihn mit einer ſchal⸗ kenden Ohrfeige für ſeine Kühnheit und der beſiegte Soldat taumelte zurück, den General mit ſeinem Stabe unbehindert in die überwundene Hauptſtadt Schle⸗ ſiens einziehen laſſend. Ja, dieſe Hauptſtadt einer Pro⸗ vinz, welche nur an den zahlreich ihnen auferlegten Abgaben wußte, daß es Oeſterreich unterthänig ſei, und weiche ſeit mehr als hundert Jahren nicht mehr von einem Mitgliede des öſterreichiſchen Herrſcherhauſes be⸗ treten worden war. Auch weigerte ſich Breslau gar nicht, dieſen ſchönen jungen König aufzunehmen, welcher, indem er in die Stadt einmarſchirte, überall ſie ſo freundlich grüßte, für jede dieſer Damen, die reich ge⸗ ſchmückt an den Fenſtern ſtanden, ein gewinnendes Lächeln hatte, welcher in einer eigenhändig geſchriebenen Proclamation den Schleſiern betheuerte, daß er nicht in feindſeliger Abſicht gekommen, und daß alle Ein⸗ wohner in ihren Rechten, Privilegien und Freiheiten, in ihrer Religion, ihren Würden und Aemtern erhalten werden ſollten. Die Bande, welche die ſchöne und fruchtbare Provinz Schleſien an Oeſterreich feſſelten, — 155— waren lange ſchon ſehr locker geweſen, und die Pro⸗ phezeihung des Königs von Preußen hatte ſchnell genug ihre Beſtätigung gefunden, dieſe Prophezeihung, welche der König in Kroſſen gemacht. Als er mit ſeinem Heer von Berlin kommend, in Kroſſen einmarſchirte, fiel die große Glocke des Hauptkirchthurms mit don⸗ nerndem Geräuſch aus dem Dachſtuhl herunter, und zerſchmetterte in ihrem Fall einen Theil der alten Kirche. Und ein ahnungsvolles Grauen durchlief das preußiſche Heerr, ſelbſt die alten krieggewohnten Generäle machten ein ſorgenſchweres Geſicht, und deuteten dieſen Glocken⸗ ſturz als ein böſes Omen für die preußiſchen Truppen. Der König allein lächelte, und wie Cäſar, als er bei der Landung in Afrika fiel, geſagt hatte:„Ich halte Dich, Afrika,“ ſagte Friedrich:„Dieſer Glockenſturz be⸗ deutet, daß das Hohe, das Haus Oeſterreich nämlich, wird erniedrigt werden*)! 3 Schnell genug war dieſe Prophezeihung jetzt in Erfüllung gegangen, das Haus Oeſterreich war raſch und ohne Widerſtand gedemüthigt worden, und in die Hauptſtadt Schleſiens war das preußiſche Heer ein⸗ gezogen, freudig willkommen geheißen, nicht bloß von den proteſtantiſchen Einwohnern, welche ſo lange unter dem härteſten Glaubenszwang hatten dulden müſſen, und denen der König von Preußen jetzt Glaubensfrei⸗ heit und ungehinderte Ausübung ihrer Religion zu⸗ ſicherte, ſondern willkommen geheißen auch von den katholiſchen Einwohnern, von den Prieſtern und Jeſuiten ſogar, welche der König durch ſeinen Geiſt und ſeine Liebenswürdigkeit überwunden hatte. Niemand hatte ein Bedauern mehr für die verlorene öſterreichiſche Ober⸗ *) Histoire de mon temps. pag. 185.— Preuß, Friedrich d. Gr. Vol. I, pag. 164. ———— ———— ——— herrſchaft, und die Preußen wurden bald genug die Lieblinge des ſchleſiſchen Volkes, beſonders der Frauen, welche mit zuvorkommender Bereitwilligkeit den ſchönen und kernigen preußiſchen Kriegern ihre Herzen entgegen trugen und in angſtvoller Liebeshaſt eilten, den raſch⸗ geſchloſſenen Bund der Herzen durch die Hand des Prieſters dauernd und unauflösbar zu machen. Hun⸗ derte von Ehen wurden in dieſen ſechs Wochen, welche der König in Schleſien verweilte, zwiſchen den preußi⸗ ſchen Soldaten und den ſchleſiſchen Landestöchtern ge⸗ ſchloſſen, und die preußiſchen Krieger, welche eben erſt als Fremdlinge den feindlichen Boden betreten hatten, gründeten ſich ſchnell genug dort den heimiſchen Heerd, und die Familie, ihrem König dadurch ein verdoppeltes Anrecht auf den Beſitz dieſer Provinz gebend, in der Frauen und Jungfrauen den preußiſchen Kriegern ſo ſchnell ſich unterworfen, und ſie zu ihren Herren ge⸗ macht hatten. Bald war es Mode geworden, daß die Frauen und Mädchen einen dieſer ſtattlichen preußiſchen Soldaten ihren Geliebten nannten, und je größer und ſtattlicher derſelbe war, deſto ſtolzer und freudiger fühlte ſich die glückliche Beſitzerin. Begegnete doch einſt dem Baron von Bielfeldt, welcher den König nach Breslau begleitet hatte, auf der Straße eine junge, ſchöne Bür⸗ gersfrau, welche laut weinte und klagte, uud jammernd ihre Hände rang. Als Bielfeldt ſie nach dem Grund ihrer Thränen fragte, ſagte ſie ganz naiv: ach Gott, ich bin gewiß eine beklagenswerthe Frau. Ich habe mich heut vor acht Tagen mit einem preußiſchen Gre⸗ nadier verlobt, welcher fünf Fuß neun Zoll maß, und ich war ſehr glücklich und ſtolz auf ihn. Heute aber hätte ich einen Gardiſten bekommen können, welcher ſechs Fuß und zwei Zoll mißt! Muß ich da alſo nicht klagen und weinen, da ſich mir ein ſo ſchöner Rieſe, — 131— ein ſo ſeltenes Exemplar anbietet, und ich es doch nicht mehr bekommen kann 2)2 Der König von Preußen gewann ſich die Frauen des Volks durch ſeine ſchmucken Soldaten, die Damen der Ariſtokratie durch ſeine eigene Schönheit, Liebens⸗ würdigkeit, ſeine Grazie, Anmuth und ſeinen eminenten Geiſt. Als er der Ariſtokratie von Schleſien im Loka⸗ telliſchen Hauſe in Breslau einen Ball gab, eilten die vornehmſten und dem Hauſe Oeſterreich früher am innigſten ergebenen hochadligen Familien, der Ein⸗ ladung des Königs zu folgen, und Jedermann drängte ſich dazu, dieſen liebenswürdigen König zu ſehen, welcher zugleich ein Held und ein Dichter, ein Cavalier und ein Krieger, ein Jüngling und ein Weiſer war, welcher ſchön war und jung und lebensluſtig, und nicht ſich einhüllte in ſteife ceremonielle Formen, der den Damen gegenüber ganz zu vergeſſen ſchien, daß er ein König ſei, welcher gebieten konnte, ſich nur darſtellend als ein Cavalier, der, wenn er eine der Damen zum Tanz auf⸗ forderts, ſich dies von ihr als eine ſchmeichelhafte Gunſt erbat. Und wie der König ſich die Damen der Ariſtokratie durch ſeine eigene Liebenswürdigkeit und Schönheit er⸗ oberte, gewann er ſich die Herren durch die Orden und Titel, welche er mit vollen Händen ausſtreuete. „Mir träumte dieſe Nacht, ſagte er lächelnd zu dem Baron von Pöllnitz, mir träumte, daß ich hier in Breslau einige Fürſten, Grafen und Barone ſchuf. Helfen Sie mir, daß mein Traum Wahrheit werde, indem Sie mir etliche Namen angeſehener Familien nennen, welche ich fürſten, grafen und baroniſiren kann.“— Pöllnitz nannte die Namen und die Fürſten — *) Bielfeld. Lettres. Vol. I. pag. 160. —-—yy— ——— — ——— — 158— X. von Pleß, die Grafen von Hochberg und viele Andere gingen aus dieſem Schöpfungsprozeß des Königs hervor. Schleſien und Breslau waren jetzt alſo für den Moment unbeſtrittenes Eigenthum Preußens. Der König konnte nach Berlin zurückkehren, um ſich wieder den Studien, den Vergnügungen, den Freunden und ſeiner Familie zu widmen. Das Vorſpiel dieſes großen Drama's, genannt der ſiebenjährige Krieg, war jetzt zu Ende geſpielt, und während des Entre⸗Actes konnte der König ſich bei den Künſten und Viſſenſchaften, im behaglichen Genuß geſelliger Freuden ausruhen, und ſich ſtärken zu dem bald beginnenden erſten Akt, deſſen Acteur und Held er zu ſein vorhatte. Berlin empfing den wiederkehrenden König mit lautem Jubelgeſchrei, es begrüßte mit ſtolzem Jauchzen ſeinen Herrſcher, der jetzt in den Augen des über⸗ müthigen, ahnenſtolzen Oeſterreichs nicht mehr der kleine Markgraf von Brandenburg war, welcher dem Kaiſer von Oeſterreich bei der Tafel das Waſchbecken halten mußte, ſondern der ſich empor geſchwungen hatte zu einem ſelbſtſtändigen König, zu einem König, welcher von Oeſterreich keine Geſetze mehr annehmen wollte, ſondern im Begriff war der Tochter der Cäſaren ſelbſt Geſetze vorzuſchreiben. Und mit leuchtenden, freudeſtrahlenden Blicken ging die Königin⸗Mutter mit ihren Prinzeſſinnen den wieder⸗ kehrenden, ſiegreichen Söhnen bis an die äußere Schloß⸗ pforte entgegen, mit von Thränen des Entzückens ver⸗ ſchleierten Augen empfing die Königin Eliſabeth Chriſtine den heimkehrenden Gemahl, welcher indeß für ſie nur einen ſtummen Gruß, eine kalte ceremonielle Ver⸗ beugung hatte. Aber ſie ſah ihn doch wieder, ſie konnte doch ihre ganze Seele verſenken in dieſe ſtrah⸗ lenden Augen, in denen ſie für ſich die zauberhafteſten — Wundermärchen las, er konnte es ihr mindeſtens in dieſen Tagen des Ceremoniells nicht verwehren an ſeiner Seite zu ſein, neben ihm zu ſitzen an der Feſt⸗ tafel und in dem Concert, mit welchem die königliche Kapelle und die neuangeworbenen italieniſchen Sänger die Wiederkehr des Königs begrüßten. Graun hatte zu dieſem Tage eine eigne Feſtcantate componirt, und nicht allein die eben erſt angelangte italieniſche Sängerin Laura Farinella, ſondern auch die Schülerin von Graun und Quanz, die deutſche Sän⸗ gerin Anna Prickerin, ſollte in dieſem Hofconcert ſich hören laſſen. Es war dies für Anna ein entſcheidender, be⸗ deutungsreicher Tag. Sie ſtand an der Eingangs⸗ pforte eines neuen Daſeins, eines Daſeins voll Glanz, Ruhm, Ehre und Anſehen. Was kümmerte es alſo ſie, daß ihr Vater ächzend und todeskrank auf ſeinem Lager ſtöhnte, was kümmerte es ſie, daß ihr Bruder Wilhelm ſeit drei Tagen nicht das väterliche Haus be⸗ treten hatte, und daß Niemand wußte, wo er war. Sie fragte nichts nach ihrem Vater und ihrem Bruder, ſie trauerte nicht um die jüngſt verſtorbene Mutter. Sie hatte nur einen Gedanken, nur eine Sehnſucht und ein Ziel, ſie wollte eine berühmte Sängerin wer⸗ den, nicht blos um ihrer ſelbſt willen, ſondern auch um damit ſich endlich die Hand dieſes Mannes zu gewinnen, den ſie weder liebte noch achtete, der aber den großen Vorzug beſaß, ein Baron und ein einflußreicher Herr bei Hofe zu ſein. Anna Prickerin hatte es ſich daher uu einer Lebensaufgabe gemacht, die Gattin von Pöllnitz zu werden, nicht weil ſie ihn liebenswerth fand, ſon⸗ dern weil er ein Baron war, weil er ihr eignes dunkles Herkommen mit dem Glanz ſeines Namens überſtrahlen ſollte, weil es für eine Sängerin ſchöner und empfehlens⸗ — 160— werther ſchien, die Gemahlin eines Barons als nur die Tochter eines Schneiders zu ſein, mochte derſelbe auch immerhin ein Hofkleidermacher und ein Mil⸗ lionair ſein. Seit zwei Tagen erſt war der König von Breslau zurückgekehrt, und ſchon hatte Herr von Pöllnitz ſeiner ſchönen Anna einen Beſuch gemacht. Noch niemals war er ſo zuvorkommend, ſo zärtlich geweſen wie dies Mal, denn noch niemals hatte er das, was ihm früher unmöglich geſchienen, ſo ſehr als eine wünſchenswerthe Möglichkeit erachtet, noch niemals hatte er ſich ſo ernſt⸗ haft mit dem Gedanken befreundet, Anna Prickerin, die Schneiderstochter, zu ſeiner Gemahlin zu machen. Jetzt aber dachte er daran. Das Beiſpiel des Grafen Rhe⸗ dern hatte ihm Muth gemacht; was der König der Tochter des Kaufmanns und Fabrikanten bewilligt hatte, würde er auch der Tochter des königlichen Hof⸗ kleidermachers nicht verweigern wollen, vorzüglich wenn ſich dieſe durch ihr eigenes Verdienſt, durch ihre glän⸗ zende Begabung die Pforten des Königsſchloſſes, welche ihr ſonſt für immer geſchloſſen ſein würden, geöffnet hatte, wenn ſie durch die Gewalt ihrer Sirenenſtimme die Barriéren erbeben und niederſtürzen gemacht, welche die Schneiderstochter von der eigentlichen Geſellſchaft trennten. Wenn Anna Prickerin eine berühmte Sän⸗ gerin war, wenn es ihr gelang den Beifall des Königs zu gewinnen, ſo war ſie damit in den Adelſtand er⸗ hoben und Niemand durfte es anſtößig finden, daß der Baron von Pöllnitz dieſe gefeierte Sängerin zu ſeiner Gemahlin erheben wollte. Wenn alſo Anna's Geſang dem König gefiel, wenn er ihr Lob ſpendete, war Pöllnitz feſt entſchloſſen, ſich ſofort zu ihrem Ritter zu bekennen, und ſie bald möglichſt zu ſeiner Gemahlin zu erheben. Baldmöglichſt! denn die Gläubiger drängten ſo ſehr und verfolgten den armen Baron auf allen ſeinen Wegen, drohten ſchon ſogar mit der Juſtiz und dem Kerker. Pöllnitz hatte es daher ſchon gewagt, den König daran zu erinnern, daß er ihm nach ſeiner Rück⸗ kehr aus Schleſien Hülfe verſprochen habe. Aber auch dies war vergeblich geweſen. Der König hatte ihm erwidert: ich habe nicht mein Schlachtfeld geſehen und ſtehe nicht am Ende, ſondern am Anfang eines Krieges, M zu dem ich mehr Geld gebrauchen werde, als in meinen Chatoullen vorhanden iſt. Warten Sie alſo, bis der Tag gekommen iſt, den ich Ihnen verheißen habe, denn alsdann erſt kann ich daran denken, mein Verſprechen zu erfüllen! Es war alſo für Herrn von Pöllnitz eine Noth⸗ wendigkeit nach einem rettenden Faden zu ſuchen, der ihn aus dieſem Labyrinth ſeiner Schulden erlöſen 1 konnte, und mit ängſtlich klopfendem Herzen ſtand er daher am Abend des Concertes hinter dem Stuhl des Königs, um jede ſeiner Bewegungen, jedes ſeiner Worte zu belauſchen und den Eindruck zu erſpähen, den der Geſang der ſchönen Anna Prickerin auf das Ohr des Königs machen werde.— Der König war heute ungewöhnlich heiter und auf⸗ geräumt. Er fühlte ſich ganz erquickt von dieſen ruhigen, geiſtig belebten Tagen, welche er jetzt nach Wochen unruhigen und wüſten Daſeins wieder in Berlin genießen konnte. Er hatte ſeine Bücher, ſeine Flöte mit einer wahren Wiederſehensfreude begrüßt und in ſeine Bibliothek eintretend, war es ihm geweſen, als kehre er eben heim in ſeine eigenſte Heimath. Mit — einem köſtlichen Wonnegefühl hatte er das Schwert mit der Feder vertauſcht, und ſtatt der Schlachtpläne machte er jetzt Verſe, ſchrieb er begeiſterungsvolle Briefe 4 an Voltaire, den er noch immer verehrte und ge⸗ Friedrich der Große. III. 1 S — 162— wiſſermaßen anbetete, obwohl der ſechstägige Aufent⸗ halt Voltaire's in Rheinsberg, wohin derſelbe vor dem Marſche nach Breslau gekommen war, die Vergötterung des Königs für den franzöſiſchen Dichter ſehr gedämpft hatte. Der König, welcher nach ſeinem erſten Begegnen mit Voltaire auf Schloß Moyland von Voltaire ſagte: „Er iſt ſo beredt, als Cicero, ſo angenehm, als Pli⸗ nius und ſo weiſe wie Agrippa; mit einem Wort, er vereinigt in ſich alle Tugenden und alle Talente der b drei größten Männer des Alterthums*),“ der König nannte jetzt den Dichter der Henriade einen„Fou.“ Es empörte und betrübte ſein Gemüth zu ſehen, daß dieſer große Dichtergeiſt im Grunde ein ſehr gemeines, ſchmutziges und kaltes Herz habe. Er, welcher Voltaire wahrhaft als Freund geliebt hatte, er mußte jetzt mit Schmerz erkennen, daß Voltaires Freundſchaft ein Beſitzthum ſei, welches man mit Geld und nicht mit Liebe bezahlen müſſe, wenn man es nicht verlieren wollte. Der König, welcher ihn vor wenigen Monaten noch mit Cäſar, Plinius und Agrippa verglichen hatte, der König ſagte jetzt zu Jordan:„Dein Geizhals Voltaire ſoll die Hefen ſeiner unerſättlichen Habgier trinken, und noch dreizehnhundert Thaler bekommen. Von den ſechs Tagen, die er ſich gezeigt hat, koſtet mich jeder fünfhundert und funfzig Thaler. Das nenne ich einen Fou theuer bezahlen; wohl niemals 3 hat ein Hofnarr bei irgend einem großen Herrn ſolche„ Bezahlung gehabt**).“ — *) Correspondance ayec Jordan. **J) Der König hatte Voltaire das Manuſeript des Anti⸗Mac⸗ chiavelli geſchenkt, und dieſer hatte ſich von dem Verleger van Dü⸗ ren in Amſterdam eine bedeutende Summe dafür zahlen laſſen. Nichtsdeſtoweniger aber übergab er dem König füe die mit dem Druck des Manuſcripts gehabten Unkoſten eine Rechnung von —— — 163— Und heute ſtand dem König ein neuer Lebensgenuß bevor, denn heute ſollte er zum erſten Male die neuen italieniſchen Sänger hören, ſeine italieniſchen Sänger. Er hatte jetzt alſo nicht mehr nöthig, ſich wie bei der Begräbnißfeier ſeines Vaters italieniſche Sänger aus Dresden zu leihen. Er hatte ſeine eigenen Sänger. Dieſes heutige Hofconcert verſprach daher dem Kö⸗ nig einen beſonderen Genuß, und mit der Ungeduld eines Jünglings harrte er dem Anfang des Concerts entgegen. Endlich gab Graun der Kapelle das Zeichen die Introduction zu ſpielen. Der König war ſo geſpannt auf den nachfolgenden Geſang, daß er gar kein Ohr hatte für dieſe einfach ſchöne, gefühlvolle Muſik ſeines Hofcomponiſten, und daß ſogar Quanzens meiſterhaft ausgeführtes Flötenſolo ihm nur ein lautes Bravo ent⸗ locken konnte. Endlich kamen die Sänger und Sän⸗ gerinnen und der Chor begann. 3 Das Herz des hinter dem König ſtehenden Ober⸗ Ceremonienmeiſter von Pöllnitz klopfte laut, als er hinüber ſchaute zu Anna, welche ernſt und ſtolz im herrlichſten modernſten franzöſiſchen Anzug unweit der Farinella ſtand, und ſo ruhig und unbefangen nach der Hofgeſellſchaft hinüber ſchaute, als ſei ihr das ein langgewohnter, gar nicht überraſchender Anblick. Der Chor war zu Ende. Laura Farinella hatte die erſte Arie zu ſingen. Anna Prickerin hätte ſie mit ihren zornigen Blicken ermorden mögen für dieſe An⸗ maßung früher als ſie zu ſingen, die italieniſche Sän⸗ gerin, im vollen Gefühl ihrer Herrſcherwürde erwiderte zweltauſend Thalern, nnd forderte außerdem für ſeine Hin⸗ und Rückreiſe noch die Summe von vierzehnhundert Thalern, welche der König indeß auf dreizehnhundert Thaler redueirte. 3 11* — 164— Anna's Blicke nur mit einem halb ſpöttiſchen, halb ver⸗ ächtlichen Lächeln, dann heftete ſie ihre großen, durchdrin⸗ genden Augen auf das Notenblatt und begann zu ſingen. Anna Prickerin hätte laut aufſchreien mögen vor Zorn, denn ſie ſah, wie der König wohlgefällig mit dem Kopf nickte, wie ein heiteres Lächeln ſein Geſicht überflog, ſie ſah, wie ſofort die ganze Hofgeſellſchaft entzückte Geſichter machte, wie ſogar Pöllnitz eine ganz glückliche, begeiſterte Miene annahm. Aber die Fari⸗ nella ſah es ebenſowohl, und dieſer königliche Beifall entflammte ſie immer mehr. Ihre volle ſchöne Stimme flatterte und jauchzte in den künſtlichſten Fiorituren und Rouladen auf und ab, ruhte ſich dann in den getragenen empfindungsvollen, ſchmelzenden Tönen, um wieder ſich empor zu ſchwingen und zu wirbeln in den künſt⸗ lichſten gewagteſten Verzierungen der einfachen, lieb⸗ lichen Melodie. Deliciös! Süperb! ſagte der König ganz laut, als die Farinella geendet, indem er ſich ein wenig zu Pöll⸗ nitz hinwandte. Erhaben, Göttlich! rief Pöllnitz mit entzücktem Augenverdrehen, und da er einmal das Zeichen ge⸗ geben, wagte es der ganze Hof ſeinem Beiſpiel zu folgen, und leiſe, halb unterdrückte Ausrufe des Bei⸗ falls, der Bewunderung zu murmeln. Anna Prickerin fühlte wie ſie erblaßte, wie ihre Füße unter ihr zitterten; ſie hätte dieſe italieniſche Sängerin mit ihren Händen erwürgen können, dieſe ſtolze Farinella, welche ihr jetzt einen ſo herausfor⸗ dernden, beleidigenden Blick hinüberwarf, als ob ſie ſie mit ihren Augen fragen wollte: wirſt Du es noch wagen zu ſingen, nachdem ich geſungen habe? Aber Anna fühlte den ſtolzen Muth in ſich, es zu wagen. Sie ſagte zu ſich ſelber: ich werde ſie den⸗ — 165— noch beſiegen, denn ſie iſt eine elende Charlatanin;— ihre Stimme iſt dünne, wie ein Zwirnsfaden, und ſpitz, wie eine Nähnadel, während die meine ſo voll und mächtig wie eine Orgel daher brauſt, und was ihre Fiorituren anbelangt, ſo verſtehe ich mich darauf eben ſo gut wie ſie. Mit ſolchem Bewußtſein nahm ſie das Notenblatt zur Hand und wartete auf den Moment, wo das Ritornell beendet ſein würde. Mit vollkommen ruhiger Miene blickte ſie auf den Tactirſtock des Kapellmeiſters hin und lächelte, als ſie den angſtvollen Blick gewahrte, den ihr Lehrer Quanz auf ſie heftete. Das Ritornell war beendet, Anna Prickerin be⸗ gann ihren Geſang. Ihre Stimme übertönte voll und mächtig das Orcheſter, aber der König ſaß ſtumm und unbeweglich da, er machte nicht das kleinſte Zeichen des Beifalls. Anna ſah das und ihre Stimme, welche nicht vor Angſt gezittert hatte, bebte jetzt vor Zorn. Aber ſie wollte durchaus die Bewunderung des Königs erregen, ſie wollte ihm imponiren durch die Kraft und Gewalt ihres Organs, ſie wollte ihn zwingen ihr zu applaudiren, wie er es der Farinella gethan. Sie nahm daher jetzt die ganze Fülle ihrer Stimme zu⸗ ſammen, ſie ließ die Töne mit übermäßiger Kraft aus ihrer Bruſt emporſteigen, ſie machte eine ſo gewaltige Anſtrengung, daß ſie ein Gefühl hatte, als ob jeder Ton ihr den Bruſtkaſten zerſprengen müßte. Aber jetzt hatte ſie doch den Triumph, zu ſehen, daß der König lächelte.— Ja, der König lächelte, aber es war nicht jenes Lächeln, mit welchem er zuvor die Farinella gegrüßt hatte, es war das Lächeln des Spottes, der Verachtung faſt. Er wandte ſich an Pöllnitz. Wie heißt denn dieſes Frauenzimmer, welches da ſo abſcheulich brüllt? fragte der König. 3 — 166— Pöllnitz zuckte die Achſeln. Er hatte ein Gefühl, als ob in dieſem Moment ſeine Gläubiger ihn erfaßten und ihm die Kehle zuſchnürten. Sire, flüſterte er tonlos, ich glaube es iſt die Anna Prickerin. Die Tochter des Hofkeidermachers? fragte der König mit einem raſchen Auſblitzen ſeiner Augen. Ich glaube, daß ſie es iſt, Majeſtät, hauchte Pöllnitz. Jetzt lächelte der König nicht mehr, ſondern er lachte, ja er lachte, trotz der Fiorituren der wüthenden Sängerin, welche ſehr wohl Pöllnitzens Achſelzucken geſehen hatte und ihm im Geiſt dafür eine blutige Rache ſchwur. Er lachte, aber wie ſehr Anna Prickerin auch immer ſchrie und ſich abmühen mochte, der König applaudirte nicht. Jetzt hatte ſie den letzten Ton ihrer Arie geſungen, und mit athemloſer, hochklopfender Bruſt wartete ſie auf ein Beifallszeichen des Königs. Aber es kam nicht. Eine tiefe Stille trat ein. Niemand äußerte nur das leiſeſte Zeichen des Beifalls, der Bewunderung, ſelbſt Pöllnitz blieb ſtumm. Wiſſen Sie gewiß, daß dieſe brüllende Signorina die Tochter unſeres Schneiders iſt? fragte der König jetzt, und als Pöllnitz es mit blutendem Herzen be⸗ jahete, fuhr der König lachend fort: ich habe ſchon gehört, daß man den Schneider einen nannt hat, aber ſeine Kinder ſind darum immer noch keine Nachtigallen, und eher kann der Schneider Pricker ein Kameel durch ein Nadelöhr ziehen, als er aus ſeiner Tochter eine Sängerin macht. Die Deutſchen verſtehen überhaupt nicht zu ſingen, und es iſt ein un⸗ begreiflicher Mißgriff von Graun, eine ſolché Sängerin vor uns ſingen zu laſſen. 1 Ziegenbock ge⸗ — 167— Sire, ſie iſt eine Schülerin von Quanz, ſagte Pöllnitz, und Quanz hat mir ſelber oft verſichert, daß dieſe Anna Prickerin einſt eine große Sängerin werden würde. Ah, ſie iſt eine Schülerin von Quanz, wiederholte der König, indem er ſeine Blicke hinüberſchweifen ließ nach Quanz, der mit furchtbar verdrießlichem Antlitz, mit finſter zuſammengezogenen Augenbraunen vor ſeinem Notenpulte ſaß. Wenn er ein ſolches Geſicht macht, murmelte der König, brummt er immer ein paar Tage mit mir, und iſt niemals mit meinem Flötenſpiel zufrieden. Wir müſſen ihn daher zu beſänftigen ſuchen, und wenn dieſe Mamſell Pricker wieder ſingt, werde ich Quanz den Gefallen thun, ein wenig zu applaudiren.. Aber Anna Prickerin ſang nicht wieder. Sie war wie zerbrochen auf ihren Seſſel zurückgeſunken, ein un⸗ geheurer Zorn ſchoß wie ein Strom von Feuer durch ihre Adern hin, ſie fühlte ſich dem Erſticken nahe. Sie fühlte wie die Thränen in ihre Augen ſchoſſen, wie es vor ihren Ohren wirbelte und brauſte, und als ſie jetzt ihre wirren, entſetzten Blicke umherſchweifen ließ, begegnete ſie den ſpöttiſchen, ſiegreichen Augen der Fa⸗ rinella, welche ihr das lachende, ſtolze Antlitz zugewandt hatte. Anna fühlte es wie ein Schwerdt durch ihr Herz fahren. Sie ſtieß einen Schrei aus und ſank bewußtlos zuſammen. Was war das für ein Schrei und was bedeutet die unruhige Bewegung dort im Sängerchor? fragte der König, ſich in ſeinem Geſpräch mit dem General Nothenburg unterbrechend und Pöllnitz zu ſich winkend. Sire, es ſcheint, als ob die Sängerin Anna Pricker in Ohnmacht gefallen iſt, ſagte Pöllniitzä. Der König dachte, daß dies eine gute Gelegenheit — 168— ſein möchte, Quanz ein wenig zu beſänftigen, indem er ſeiner Schülerin Theilnahme bewieſe. Das iſt in der That ein ſehr beklagenswerther Un⸗ fall, ſagte der König laut. Eilen Sie, Pöllnitz, ſich in meinem Namen nach dem Befinden dieſer talent⸗ vollen jungen Sängerin zu erkundigen. Sollte ſie noch leidend ſein, ſo nehmen Sie einen Wagen und fahren Sie dieſelbe in ihre Wohnung zurück, und kehren Sie nicht eher wieder, bis ſie mir beruhigende Nachrichten über das Wohlergehen von Quanzens Schülerin geben können. 3 So ſprechend ſchaute der König verſtohlen hinüber nach dem gefürchteten Quanz, deſſen Geſicht ſich jetzt ſchon ein wenig aufgekärt hatte, und der minder finſter drein ſchaute. Wir werden vielleicht mit einem Tag verdrießlichen Brummens davon kommen, flüſterte der König, und Quanz wird dies Mal bald beſänftigt ſein. Er ſetzte ſich und gab das Zeichen fortzufahren, denn er ſah, daß die ohnmächtige Sängerin unter dem Beiſtand des Barons von Pöllnitz war hinausgetragen worden. XIV. Der Tod der alten Zeit. Die Muſik rauſchte weiter, während Pöllnitz ganz entſetzt und voll heimlichen Grauens eine Hofeqnipage herbei vief, und dem erhaltenen königlichen Befehl ge⸗ mäß mit der ohnmächtigen Sängerin von dannen fuhr. —On — 169— Der König weiß nicht, welche furchtbare Botſchaft er mir da gegeben, dachte Pöllnitz, während er mit Anna Prickerin durch die Straßen fuhr, und in wahrer Todesangſt ihr Antlitz beobachtete. Wenn ſie jetzt er⸗ wacht, wird ſich der ganze Orkan ihres Zorns über 85 mich ergießen, und ich bin ein verlorener Mann. Sie, iſt im Stande, mir die Augen auszukratzen, mich zu erwürgen, und ſie macht aus mir eine Leiche, bevor wir noch den Wagen verlaſſen haben. Aber ſeine Furcht war unbegründet. Anna regte ſich noch immer nicht. Sie war noch bewußtlos, als ſie ſchon vor dem Hauſe des Herrn Pricker hielten. Aber Niemand kam ihnen aus dieſem Hauſe entgegen, obwohl Pöllnitz dem Lakayen befahl, die Hausthür zu öffnen, und obwohl die Klingel mächtig und gellend durch das Haus ſchallte. Niemand kam ihnen ent⸗ gegen, als Pöllnitz mit Hülfe des Lakayen die immer noch Ohnmächtige aus dem Wagen hob, und ſie in das Haus und über die Treppe hinauf in ihr Zimmer trug.— 3 Aber als der Baron ſie jetzt langſam und vor⸗ ſichtig auf den Divan gleiten ließ, machte Anna eine leiſe Bewegung, und ein tiefer Seufzer drang aus ihrer Bruſt hervor. Jetzt wird der Sturm lostoben, dachte Pöllnitz ganz angſtvoll, und er befahl raſch dem Lakayen, hin⸗ abzugehen zu dem Wagen, und dort ſeiner Wiederkehr zu harren. Er wollte wenigſtens keinen Zeugen haben bei der Scene, welche ihn jetzt erwartete, und bei wel⸗ cher er, wie er Grund hatte zu fürchten, eine ſehr lei⸗ dende Rolle ſpielen würde. Anna Prickerin ſchlug jetzt die Augen auf; ihr erſter Blick fiel auf Pöllnitz, welcher ſich über ſie ge⸗ neigt hatte und ſie mit einem zärtlichen Lächeln anſah. — no— Welch ein Glück, meine theuerſte Anna, flüſterte er, daß Sie endlich Ihre ſchönen Augen wieder öffnen. Ich glaubte ſchon zu ſterben vor Angſt. Anna Prickerin antwortete nicht ſogleich. Ihre Augen waren mit einem träumeriſchen Ausdruck auf das lächelnde Antlitz des Hofcavaliers gerichtet, und während er ihr immerfort erzählte von ſeiner zärtlichen Sorge, von der gnädigen Theilnahme des Königs für ihren Unfall, ſchien Anna mühſam aus ihren Träumen und aus ihrer Beſinnungs⸗ loſigkeit ſich empor zu raffen. Jetzt ſchoß es wie ein Blitz über ihr Antlitz hin, jetzt glänzte der Strahl des Bewußtſeins, des erwachten Geiſtes in ihren Augen auf, und mit einer blitzartigen Bewegung ihren Arm emporſchleudernd, traf ihre Hand voll und mächtig die Wange ihres zärtlich lächelnden Anbeters, der entſetzt zurück taumelte, und leiſe wim⸗ mernd vor Schmerz ſich die Wange hielt. Warum haben Sie die Achſeln gezuckt? fragte Anna mit zornbebenden Lippen, ſich von dem Divan empor ſchwingend und mit einer drohenden Bewegung auf Pöllnitz hinſchreitend, der angſtvoll und ſcheu, eine zweite Exploſion fürchtend, vor ihr zurück wich. Warum haben Sie mit den Achſeln gezuckt? wie⸗ derholte Anna drohender. Ich weiß nicht, daß ich es gethan habe, meine Anna! ſtammelte Pöllnitz. Sie ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Nennen Sie mich nicht Ihre Anna! ſagte ſie heftig. Sie ſind ein treuloſer, verrätheriſcher Menſch, und ich verachte Sie aus tiefſter Seele, denn Sie ſind feig und haben nicht einmal den Muth, Diejenige zu vertheidigen, der Sie tauſend Mal Ihre Liebe zuge⸗ ſchworen haben. Als ich aufgehört hatte zu ſingen, und Niemand mir applaudirte, da gerade hätten Sie —e „ applaudiren müſſen, da hätten Sie den Muth haben müſſen, für mich in die Schranken zu treten und laut und öffentlich Ihre Geliebte zu vertheidigen, welche man durch eine elende Hofkabale, der Italienerin zu Gefallen, ſtürzen wollte. Aber theuerſte Anna, ſagte Herr von Pöllnitz, Sie kennen die Hofetiquette nicht, Sie wiſſen nicht, daß es bei Hofe nur dem König erlaubt iſt, Beifall zu äußern! Und doch brachen Sie in einen Beifallsſturm aus, als die Farinella geſungen hatte. Weil der König das Zeichen dazu gegeben hatte! Anna zuckte verächtlich die Achſeln und ging mit haſtigen Schritten auf und ab. Zu denken, daß alle meine Hoffnungen, alle meine ſtolzen Zukunftsträume zerſtörk ſind, murmelte ſie mit zitternden Lippen, wäh⸗ rend einzelne Thränen langſam über ihre Wangen niederrollten. Zu denken, daß der König, daß der ganze Hof gelacht hat, während ich ſang, und daß dieſe ſtolze Italienerin mit ihrem übermüthigen Ge⸗ ſicht dies gehört und geſehen hat. Oh, oh, ich werde ſterben, ich werde erſticken vor Zorn. Mein ganzes Leben iſt vernichtet, meine ganze Zukunft iſt in den Staub getreten. Sie ſchlug ihre Hände vor ihr Angeſicht und weinte und ſchluchzte laut. Pöllnitz hatte kein Mitleid mit ihren Thränen, aber er dachte gerührt an ſeine Gläu⸗ biger, und dieſer Gedanke fachte die erloſchene Zärt⸗ lichkeit in ſeinem Herzen zur hellen Flamme an. Er näherte ſich ihr, und legte ſanft einen Arm um ihren Nacken. Theuerſte Anna, flüſterte er, warum weinſt Du, und wie kann dieſer kleine Unfall Dich ſo unglücklich machen? Lieben wir uns nicht? Biſt Du nicht immer noch meine geliebte Auna, meine ſchönſte — 172— angebetete Geliebte? Haſt Du mir nicht geſchworen, daß auch Du mich liebſt, und daß Du kein höheres Glück verlangſt, als unzertrennlich mit mir vereint zu ſein? 4 Anna ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten, und trocknete die Thränen aus ihren Augen fort, um Pöllnitz, den lieben, lächelnden, zärtlichen Pöllnitz beſſer ſehen zu können. Es iſt wahr, fuhr Pöllnitz fort, Du haſt heute Abend nicht den Triumph gefeiert, wie ihn Dein herr⸗ liches Talent verdient, die Farinella ſtand Dir im Wege. Der König hat einmal ein Vorurtheil gegen deutſche Sängerinnen, er behauptet, die Deutſchen ver⸗ ſtänden nur Muſik zu ſchreiben, nicht aber ſie zu ſingen, das ſei ein Vorzug der Italiener. Hätteſt Du einen italieniſchen Namen, ſo würde der König entzückt ge⸗ weſen ſein von Deiner wundervollen Stimme, Deiner ſtaunenswerthen Fertigkeit, aber da Du unglücklicher Weiſe eine Deutſche biſt, verſagt er Dir ſeinen Beifall. Aber was Du hier nicht erhalten haſt, wirſt Du an⸗ derswo Dir mit Leichtigkeit erobern können. Laß uns vereint dieſes undankbare, kalte Berlin verlaſſen, meine Geliebte, laß uns in die Fremde gehen und dort ein neues, ſchönes und köſtliches Leben beginnen. Wir geben Dir einen italieniſchen Namen, ich mache mich zu Deinem Cavalier, und da ich an allen Höfen die bedeutendſten Verbindungen habe, wird es leicht ſein, Dir überall ein Gaſtſpiel auszuwirken. Du wirſt Dir Ruhm und Geld erſingen, and wir werden als ein ſeliges, unzertrennliches Liebespaar mit einander leben. Oh, ſagte Anna kopfſchüttelnd, es iſt mir nicht um das Geld zu thun. Ich bin reich, reicher als ich ſelber glaubte. Mein Vater hat mir ſelber heut geſagt, daß er gegen ſiebenmalhunderttauſend Thaler beſitzt, und — — 13— daß er meinen Bruder, welcher ſeit drei Tagen Berlin verlaſſen hat, enterben will. Ich werde alſo ſeine alleinige Erbin ſein, und das wird bald ſein, denn mein Vater iſt unrettbar verloren, der Arzt giebt ihm nur noch einige Tage zu leben. Die Augen des Barons blitzten höher auf. Hat Dein Vater ſchon ſein Teſtament gemacht? Hat er Dich zu ſeiner Erbin eingeſetzt? Heute wollte er das thun. Er hatte die Gerichts⸗ beamten hierher beſtellt, und ich glaube, daß ſie bei ihm waren, als ich zu dieſem unſeligen Concert fuhr. Es iſt alſo nicht um des Geldes willen, daß ich eine Sängerin werden ſollte, ſondern nur um des Ruhmes willen! Aber jetzt entſage ich dieſem Vorſatz; der heutige Abend hat mir gezeigt, daß es auch Dornen giebt auf dieſer Künſtlerbahn, welche ich nur mit Roſen beſtreut glaubte. Ich entſage dem Ruhm und, der Ehre, und will und verlange nichts mehr, als glücklich zu ſein, glücklich durch die Liebe. Ja, Pöllnitz, Sie haben Recht, fliehen wir dieſes treuloſe, kalte Berlin, gehen wir in ſchönere Gegenden. Dort wollen wir uns Villen, Schlöſſer und Landgüter kaufen, dort wollen wir ein glückliches Liebesleben führen, und die Welt ſoll kein glücklicheres Paar kennen, als den Baron und die Baronin von Pöllnitz. Dies Mal empfand Herr von Pöllnitz keinen Widerwillen bei dem Gedanken, daß die Tochter des Schneiders den kühnen Gedanken faſſen konnte, ſeine Gemahlin werden zu wollen. Um ihrer ſiebenmal⸗ hunderttauſend Thaler willen verzieh er ihr dieſen Uebermuth, fand er, daß es gar kein ſo demüthigendes Geſchick ſei, der Gatte der ſchönen Anna Prickerin zu werden. 1 Er betheuerte ihr alſo in leidenſchaftlichen Worten — —— ———— — — 174— ſeine Liebe, und Anna hörte ihm zu mit ſtrahlenden Augen und einem glücklichen Lächeln, als ſie plötzlich durch ein lautes Klagen und Wimmern, welches aus dem anſtoßenden Gemach ertönte, unterbrochen wurde. Mein Vater! Es iſt mein Vater! rief Anna ent⸗ ſetzt, indem ſie raſch nach der Thür, und in den an⸗ ſtoßenden Ahnenſaal eilte, wohin Pöllnitz ihr nach⸗ folgte. Dort, inmitten ſeiner Ahnen, der würdigen und angeſehenen Hofkleidermacher, lag der Hofkleidermacher zweier Königinnen, der Abkömmling und Erbe eines ſo glorwürdigen Geſchlechtes, auf ſeinem Schmerzens⸗ lager. Bleich und farblos, wie die Ahnenbilder, war auch das Antlitz des Herrn Pricker, aber nicht ſtier und glanzlos war ſein Auge, wie bei dieſen, ſondern leuch⸗ tend in einer wilden, fieberhaften Gluth. Als er Anna in ihrem glänzenden franzöſiſchen Hofcoſtüm, das ſie noch nicht abgelegt hatte, erblickte, tönte von ſeinen Lippen ein ſo wildes, ſchauerliches Lachen, daß ſelbſt Pöllnitz ſein Herz erbeben fühlte. 4 Komm her zu mir, Du würdige Schweſter Deines Bruders, ſagte der Alte mit lallender Stimme, indem er mit ſeiner gelben abgezehrten Hand ſeine Tochter an ſein Lager winkte. Komm her, und höre, was ich Dir zu ſagen habe. Du und Dein Bruder, Ihr habt mein Herz gebrochen, Ihr habt mir täglich einen Tropfen Gift gegeben, und ich bin langſam, Tag für Tag daran geſtorben. Dein Bruder hat wie der verlorene Sohn das Haus ſeines Vaters verlaſſen, aber nicht wie dieſer iſt er reuevoll zurückgekehrt, ſondern mit keckem Ueber⸗ muth rühmt er ſich ſeines Verbrechens und wirft mir ſeine Schmach hohnlachend ins Angeſicht. Sieh, da iſt der Brief, welchen ich heute von ihm empfing, und — 125— in welchem er mir ſchreibt, daß er mit der Tochter meines zweiten Mörders, des Franzoſen Peliſſier, ent⸗ flohen iſt, um Schauſpieler zu werden, um den alten ehrwürdigen und angeſehenen Namen ſeiner Väter in den Schmutz zu treten und ihn zum Geſpött der Gaſſen⸗ buben zu erniedrigen. Zu dieſem edlen Werk fordert er von mir das Erbtheil ſeiner Mutter. Er ſoll es haben, ja, er ſoll es haben, es ſind fünftauſend Thaler, aber von mir bekommt er nichts, nichts weiter als meinen Fluch, von dem ich Gott bitte, daß er ewig vor ſeinen Ohren wiedertönen möge. Der Alte ließ erſchöpft ſein Haupt auf das Lager zurückſinken und ächzte laut. Anna ſtand mit thränenloſen Augen an dem Lager ihres ſterbenden Vaters, und dachte nur an dieſe glanzvolle und köſtliche Zukunft, welche mit jedem Moment einen Schritt näher zu ihr heran rückte. Pöllnitz hatte ſich in eine der Fenſter⸗ niſchen zurückgezogen, und überlegte eben, ob es beſſer ſei, den Tod des Alten abzuwarten, oder ob er jetzt zum König zurückkehren ſollte. 1 Plötzlich ſchlug Herr Pricker die Augen wieder auf, und ſein Blick ruhte mit einem zornigen und hämiſchen Ausdruck auf dem Antlitz ſeiner Tochter. Welch eine ſchöne vornehme Dame Du jetzt biſt, ſagte er mit einem unheimlichen Grinſen. Ganz nach der neueſten Mode angeputzt, dazu eine große Sän⸗ gerin, welche vor dem König und dem Hofe ſingt. Eine ſo vornehme Dame muß ſich ſchämen, daß ihr Vater ein Schneider iſt. Ich begreife das und gehe alſo ins Grab, um meine vornehme, ſchöne Tochter nicht zu geniren. Ja, ich gehe, und nichts ſoll die ſtolze Sängerin mehr an mich erinnern, nichts, ſage ich, weder mein Haus, noch mein Geld. Oh, eine Sängerin kann nicht die Erbin eines Schneiders ſein, —— ——QOQC————;;— eine Dame, welche franzöſiſche Kleider trägt, kann nicht das Geld nehmen, welches ihr Vater mit den alt⸗ modiſchen Trachten verdient hat. Und der Alte brach in ein wildes, wahnſinniges Lachen aus, während Anna eutſetzt auf ihn hinſtarrte und Pöllnitz aus ſeinem Verſteck hervor an das Lager trat, um beſſer hören und beobachten zu können. Ich verſtehe Dich nicht, mein Vater, ſagte Anna zitternd und angſtvoll. Du wirſt mich bald verſtehen, lallte der Alte mit einem heiſeren Lachen. Wenn ich todt bin und die Gerichtsbeamten kommen und mein Teſtament, das ich ihnen heute übergeben habe, Dir vorleſen werden, dann wirſt Du mich verſtehen, dann wirſt Du wiſſen, daß ich mein Hab' und Gut den Armen dieſer Stadt ver⸗ macht habe, und nicht der vornehmen Sängerin, welche mein Geld nicht bedarf, da ſie eine Million in ihrer Kehle hat. Mein Sohn ein Schauſpieler, meine Tochter eine Sängerin, ſo iſt es recht, ſo kann man mit Freuden in die Grube fahren und Gott danken, daß man ſtirbt. Ach, ach, Ihr ſollt an den alten Vater Pricker denken, Ihr ſollt mir fluchen, wie ich Euch geflucht habe, und da Ihr über meinen Tod nicht weinen werdet, ſo ſollt Ihr wenigſtens ihn als ein ſchweres Unglück betrachten. Enterbt ſeid Ihr, Beide enterbt, die Armen ſind meine Erben und Ihr Beide bekommt nichts, als das Erb⸗ theil Eurer Mutter, welches ich Euch leider nicht ent⸗ ziehen konnte. Vater! Vater! Das iſt nicht möglich, das kann nicht Dein Ernſt ſein, ſchrie und jammerte Anna. Es iſt nicht möglich, daß ein Vater ſo grauſam, ſo un⸗ natürlich handeln kann, ſeine Kinder zu enterben. Habt Ihr nicht auch grauſam, nicht auch unnatürlich an mir gehandelt? fragte der Alte grinſend. Habt Ihr — 177— mich nicht gemartert und gequält, habt Ihr mich nicht mit lachendem Munde ermordet, wie Ihr Eure Mutter ermordet habt, Eure Mutter, welche vor Gram über Euch geſtorben iſt? Nein, nein, kein Mitleid mit den unnatürlichen Kindern. Sie ſind enterbt, enterbt, enterbt! Und mit einem lauten Kreiſchen ſank der Alte auf ſein Lager zurück, laut äichzend und ſtöhnend, während ſeine Züge jenen eigenthümlichen, ſtarren und ehern⸗ gefurchten Ausdruck annahmen, wie er das menſchliche Antlitz überſchleicht, ein grauſiger Herold des Todes, der kommt, ſein Opfer zu empfangen. Er ſtirbt! Er ſtirbt! ſchrie Anna, ſich über das Bett ihres Vaters werfend. Er ſtirbt, und er hat mich enterbt. Ja, enterbt! lallte die ſchwere Zunge des Ster⸗ benden. Pöllnitz fühlte ſein Herz erbeben bei dieſem An⸗ blick, mit haſtigen Schritten floh er aus dieſem un⸗ heimlichen Gemach, ſtürzte er die Treppe hinunter, die Hausthür ſo heftig aufreißend, daß die Klingel mit einem lauten, wilden Gekreiſch durch das ſtille Haus ertönte. Erſt als er in ſeinem Wagen ſaß und wieder dem Schloſſe zueilte, fand er ſeine Ruhe und Gelaſſenheit wieder und ſich gemächlich in die ſeidenen Polſter zu⸗ rücklehnend, ſagte er: ich werde. beim König um meine Entlaſſung einkommen, ich werde proteſtantiſch werden und dann nach Nürnberg eilen, um die reiche Patri⸗ zierin zu heirathen. Friedrich der Große. II. 12 XV. Die Entdeckung. —— Sie ſaßen wieder vereint in dem ſtillen, ſüßduf⸗ tenden Blumenhaus, ſie ruhten wieder Herz an Herzen, nach langer Trennung ſchauten ſie ſich wieder in die von ſeligen Thränen verdunkelten Augen, und fragten ſich lächelnd und glückestrunken, ob das Alles nicht ein Traum ſei, ein köſtlicher, wonniger Traum? Es war das erſte Mal ſeit ſeiner Rückkehr aus 4 Schleſien, daß der Prinz Auguſt Wilhelm ſeine Laura 1; allein und ohne Zeugen wiederſah, und ihr erzählen konnte von ſeiner Sehnſucht und ſeinen Schmerzen, das erſte Mal, daß ſie ihm die ſüßen und heiligen Bekenntniſſe ihrer Liebe ins Ohr flüſtern konnte, dieſe Bekenntniſſe, welche außer ihrem Geliebten Niemand hören ſollte, als Gott allein. Aber da waren doch vier Ohren, welche Alles hörten, vier Augen, welche Alles ſahen, was in der Lorbeerlaube geſchah, da war Louiſe von Schwerin, und ihr Liebhaber, der ſchöne Fritz Wendel, welche in der Felsgrotte ſaßen, und Arm in Arm geſchmiegt, dem holden Geplauder des Prinzen und ſeiner Braut zuhörten. Wie glücklich dieſe Beiden ſind! flüſterte Louiſe ſeufzend..— 3 Sind wir es nicht auch? fragte Fritz Wendel zärt⸗ lich, indem er ſeinen Arm feſter um ihre Geſtalt lehnte.. Lieben wir uns nicht eben ſo heiß, eben ſo leidenſchaftlich und rein, wie Jene dort.. Und doch würde wan für jene Beiden Thränen des Mitleids weinen, während man uns Beide nur verlachen und verſpotten würde, ſeufzte Louiſe. Es iſt wahr, der arme Gärtner iſt nur ein be⸗ lachenswerther Liebhaber für das ſchöne Fräulein von Schwerin, murmelte Fritz Wendel. Aber das ſoll und wird anders werden, und bald werde ich die neue Car⸗ rière einſchlagen, welche ich mir vorgezeichnet habe. Meine Louiſe ſoll nicht mehr zu erröthen haben vor ihrem Geliebten, und nicht länger ſoll es für ſie eine Schmach und Erniedrigung ſein, von mir angebetet zu werden. Ich habe ein Mittel in Händen, mit welchem ich mir Rang und Anſehen erkaufen kann, ich werde es anwenden. Sage mir ies Mittel, laß mich Deine Pläne kennen, bat Lonſſe. Er deutete mit einem grauſamen Lächeln hinüber nach dem Prinzen und ſeiner Geliebten. Dort iſt mein Kaufpreis, flüſterte er, ich werde hingehen und ſie dem König verrathen, der mir für dies Geheimniß Rang und Reichthum bewilligen wird, denn von dieſem Geheimniß hängt die Zukuuft Preußens ab. Hören wir alſo, was ſie ſprechen, damit— Nein, hören wir nicht, unterbrach ihn Louiſe leb⸗ haft. Es iſt grauſam und unedel, mit Anderer Un⸗ glück ſich ſelber das Glück erkaufen zu wollen, es iſt— Fritz Wendel legte ihr leiſe die Hand auf die zür⸗ nenden, glühenden Lippen. Um Gotteswillen, ſchweige jetzt und höre. Das Geſpräch des Liebespaares in der Lorbeerlaube hatte jetzt eine andere Wendung genommen. Ihre Augen leuchteten nicht mehr vor Entzücken, ſie waren trübe und glanzlos, und ein tiefer Kummer ſprach aus ihren Zügen. Es iſt alſo wirklich wahr, flüſterte Laura 180 Sie ſind verlobt, Sie ſind der Bräutigam der Prin⸗ zeſſin von Braunſchweig? Es iſt wahr, ſagte der Prinz tonlos. Es gab kein anderes Mittel unſer Geheimniß zu ſichern und zu be⸗ wahren, als daß ich mich anſcheinend ruhig und ge⸗ laſſen dem Befehl des Königs fügte, und in dieſe Verlobung willigte. Sie wird ſo lange der Deck⸗ mantel unſerer Liebe ſein, bis wir ſie frei und unver⸗ hüllt der ganzen Welt zeigen und offenbaren können. Und dies, meine Geliebte, hängt nur von Dir ab. Gedenke jetzt der Schwüre ewiger Liebe, ewiger Treue, welche wir einander dargebracht, gedenke, daß Du mir gelobt, Mein zu ſein für alle Ewigkeit, und mir Dein ganzes Leben zu weihen. Gedenke, daß Du meinen Verlobungsring am Finger trägſt, und alſo meine Braut biſt. Und doch ſind Sie der Verlobte einer Anderen, und einen anderen Verlobungsring tragen Sie an Ihrem Finger! Aber dieſe Prinzeſſin, welcher man mich verlobt hat, weiß, daß ich ſie nicht liebe, ich habe ihr mein ganzes Herz geöffnet. Ich habe ihr geſagt, daß ich nimmer ein anderes Weib lieben werde, als Sie allein, daß ich nimmer eine andere Frau meine Gemahlin nennen werde, als Laura von Pannewitz, und ſie war großmüthig und edel genug, einzugehen auf dieſes Maskenſpiel, und ſo lange als meine Braut zu gelten, bis unſer Bund dieſes Schutzes nicht mehr bedarf. Jetzt alſo, meine Laura, jetzt beſchwöre ich Dich bei unſerer Liebe, bei dem Glück unſeres ganzen Lebens, gieb endlich meinem heißen Flehen nach, erfülle meine inbrünſtigen Bitten, habe den Muth, der Welt zu trotzen, und ihren Vorurtheilen mit der Tapferkeit eines edlen und reinten Bewußtſeins die Stirn zu bieten. Folge — — 181— mir, meine Geliebte, entfliehe mit mir, entſchließe Dich, mein Weib zu werden! Er ſah ſie mit ſo flehenden, liebeſtrahlenden Blicken an, daß Laura ihr Herz erbeben fühlte, und nicht den Muth fand ihm entſchieden zu widerſtreben. Ihr eigenes Herz ſprach für ihn, und jetzt, da ſie im Be⸗ griff ſtand, ihn zu verlieren, wenn ſie ihm noch länger widerſtand, jetzt, wo er der Verlobte einer Andern war, jetzt erfüllte dieſer Gedanke ſie mit einer qual⸗ vollen Eiferſucht, jetzt war ſie ſich bewußt, daß es leichter ſei, in den Tod zu gehen, als ihrem Geliebten zu entſagen. Aber ihr edles, jungfräuliches Bewußtſein gab ihr dennoch die Kraft mit ihrem eigenen, ſchwachen Herzen kämpfen, die lockenden, verführeriſchen Stimmen nicht hören zu wollen, welche in ihrer eigenen Bruſt er⸗ tönten. Wie Odyſſeus wollte ſie ihr Ohr verſtopfen vor den zauberhaften Syrenenſtimmen, welche ſie ver⸗ locken wollten. Aber ſie hörte ſie doch immerfort, und obwohl ſie die Kraft gefunden die Wünſche des Ge⸗ liebten zu verneinen, und ſeine Bitte, mit ihm zu fliehen, abzulehnen, wehrte ſie ihm doch nicht, als er mit immer glühenderer Leidenſchaft, mit immer heftigeren Worten ſie beſchwor, ihm zu folgen, ſein Weib, ſeine Gemahlin zu werden. Es war eine ſo ſüße, ſo köſtliche Muſik, es war ein ſo berauſchendes Glück, das Haupt an ſeine Schulter gelehnt, zu ihm emporzublicken, in ſein ſchönes, erregtes Antlitz zu ſchauen, und mit ihren Blicken dieſe Worte glühender Liebe, ſchmerzlicher Sehnſucht von ſeinen Lippen zu trinken, zu wiſſen: was er leidet, leidet er um Dich! Du kannſt ihn beſeligen, oder ihn in Ver⸗ zweiflung ſtürzen. Sie wußte nicht, daß dieſe Worte 8 —,— — 182— trank, ſich wie ein verzehrendes Feuer durch ihre eigenen Adern ergoß, welche ihre eigenen Entſchlüſſe ertödtete und ihre Kraft in Aſche verwandelte. Als er, zur Verzweiflung gebracht von ihrem Schweigen, ihrem Widerſtreben, endlich in Thränen 8 ausbrach, als er ſie der Grauſamkeit, der Liebloſigkeit 1 anklagte, als ſie ſein edles Antlitz voll Schmerz und Jammer ſah, fand ſie nicht mehr den Muth, ihm zu widerſtehen, und ſich mit einem köſtlichen Erröthen in ſeine Arme ſchmiegend, flüſterte ſie: nimm mich hin, denn von nun an bin ich auf ewig Dein! Ich nehme Dich an zu meinem Herrn und Gemahl, Dein Wille ſoll der meine ſein, was Du beſchließt, das f ſoll geſchehen, wohin Du mich rufſt, dahin werde ich gehen, bis an's Ende der Welt will ich Dir folgen, und nichts ſoll uns mehr trennen, nichts als der 4 Tod!— 5 Der Prinz drückte ſie feſt und innig in ſeine Arme, und küßte ihre reine, hohe Stirn. Gott ſegne Dich, meine Geliebte, Gott ſegne Dich für dieſen Entſchluß, ſagte er, und ſeine Stimme war jetzt wieder mächtig und voll, und ſein Antlitz hatte jetzt wieder einen feſten, energiſchen Ausdruck angenommen. Er war nicht mehr der klagende, verzweifelnde Liebhaber, ſondern der feſte. entſchloſſene Mann, welcher wußte, was er wollte, und welcher Energie und Muth genug beſaß, ſeinen Willen zur That werden zu laſſen. Fritz Wendel legte ſeine Arme feſter um Louiſens Geſtalt, und ſie inniger an ſich drückend, flüſterte er: Louiſe, Du ſagſt, daß Laura ein Engel an Tugend und Sittſamkeit iſt, und doch hat ſie nicht den grau⸗ ſamen Muth, ihrem Geliebten länger zu widerſtehen, doch ergiebt ſie ſich ſeinem Flehen, und iſt entſchloſſen mit ihm zu fliehen. Willſt Du minder weich und — 183— menſchlich ſein, als dieſe zarte, ſittſame Laura? Oh, Louiſe, folge doch auch Du Deinem zärtlichen, echt weiblichen Herzen, fliehe mit mir, werde heimlich mein Weib, und dann verberge ich Dich, und gehe hin, um Denen Bedingungen vorzuſchreiben, welche jetzt meine Werbung um Dich mit ſtolzem Hohn zurückweiſen würden. — Ich werde thun, was ſie thut, flüſterte Louiſe mit glühenden Wangen. Was Laura thun darf, werde auch ich thun. Flieht ſie mit ihrem Geliebten, ſo fliehe auch ich mit Dir, wird ſie ſein Weib, ſo werde ich die Deine. Jetzt aber laß uns ſchweigen und hören. Und nun, meine Laura, höre mir zu, und merke ſagte Prinz Auguſt Dir jedes meiner Worte wohl, ſ Wilhelm ernſt. Ich habe alle Vorbereitungen, alle Maßregeln getroffen, und in acht Tagen ſchon wirſt Du meine Gemahlin ſein. Ich habe auf einem der mir zugehörigen Güter einen guten, frommen Prediger, welcher mir ganz ergeben iſt. Er hat mir zugeſagt, f unſere Trauung zu vollziehen. Zu ihm alſo werden wir zuerſt eilen, wenn wir Berlin verlaſſen haben, 4 und wenn dort, zur Nachtzeit in der Dorfkirche der Bund unſerer Herzen den Segen der Kirche empfangen 1 hat, wenn Du mein Weib geworden, dann erwartet uns vor der Kirche ein Wagen, welcher uns mit Cou⸗ rierpferden über die preußiſche Grenze bringt. Ich habe ſchon von dem engliſchen Geſandten, welcher mein 6 ergebener Freund iſt, eiinen Paß erhalten, der uns unter fremdem Namen ſicher und ungefährdet nach England bringt. Dort wird uns mein Oheim, der König von England, ſeinen Schutz und Beiſtand nichf verſagen, und mit ſeiner Vermittelung werden wir uns mit meinem Bruder, dem König verſöhne — 184— ſieht, daß unſere Verbindung unauflöslich geſchloſſen iſt, wird er den nutzloſen Verſuch aufgeben müſſen, ſie zerreißen zu wollen. Aber er kann und wird Dich ſtrafen für Dein frevelhaftes Beginnen, er wird Dich der Thronfolge für verluſtig erklären, und um meinetwillen wirſt Du Deiner ſtolzen, glanzſtrahlenden Zukunft entſagen müſſen. Mag dem ſo ſein, ſagte der Prinz lächelnd. Ich . ſehne mich nicht nach der Krone, und um dieſen eitlen Flittertand irdiſcher Herrlichkeit iſt mir mein Glück und meine Liebe nicht feil. Ich habe vielleicht auch nicht die Kraft, das Talent und die Geiſtesſtärke ein Herr⸗ ſcher zu ſein, mir genügt es, in Deinem Herzen zu herrſchen, und ein König zu ſein im Reiche der⸗Liebe. Wenn ich mir alſo den unbeſtrittenen Beſitz meiner Geliebten dadurch erkaufen kann, daß ich dem Thron entſage, ſo werde ich das mit Freuden thun, und nicht das mindeſte Bedauern wird in mir ſein. Aber wie werde ich, ein armes, unbedeutendes ſchwaches Mädchen, wie werde ich Dir erſetzen können, was Du um meinetwillen aufgiebſt? fragte Laura zagend. Du wirſt mich lieben, und das iſt mehr als Er⸗ ſatz, das iſt Lohn. Jetzt darfſt Du nicht mehr zwei⸗ feln und zagen, jetzt muß Alles unter uns entſchieden und feſt ſein. Du kennſt unſern Zukunftsplan. Von meiner Seite ſind alle Vorkehrungen getroffen, thue Du nun auch Deinerſeits, was nöthig. Der Pre⸗ diger Hartwig in Oranienburg iſt es, der uns ver⸗ mählen wird. Dorthin ſende, was Du an den nö⸗ thigſten Kleidungsſtücken und Dingen bedarfſt, ſende es ohne ein Wort, eine Bemerkung hinzuzufügen. Der Prediger iſt durch mich im Voraus von dieſer Sendung unterrichtet, und er wird die Koffer uner⸗ — 4 +— — 185— öffnet ſtehen laſſen. Am nächſten Dienſtag, gerade heute über acht Tage, giebt der König einen Ball. Du wirſt ſchon zwei Tage vorher Dein Zimmer hüten, und ein bedeutendes Unwohlſein vorſchützen, welches für Dich eine hinlängliche Entſchuldigung iſt, die Kö⸗ nigin nicht zu dem Ball begleiten zu dürfen. Ich werde die Einladung annehmen, aber dennoch nicht erſcheinen, ſondern Dich vor dem Schloßthor von Monbijou erwarten. Um acht Uhr beginnt der Ball. Um neun Uhr verläßt Du Deine Zimmer und das Schloß, vor deſſen Thor ich Dich empfange. Hun⸗ dert Schritte davon ſteht der Wagen, der uns ſofort nach Oranienburg fährt. Vor der Dorfkirche halten wir ſtill. Dort finden wir ſchon den Prediger vor dem Altar, bereit uns den Segen zu ertheilen, und ſobald dies geſchehen, beſteigen wir den andern Wa⸗ gen, der uns ohne Aufenthalt von dannen trägt, bis wir Hamburg erreicht haben, wo ſchon ein vom eng⸗ liſchen Geſandten gemiethetes Schiff bereit liegt, wel⸗ ches uns aufnimmt, und uns nach England bringt. Du ſiehſt, Theuerſte, es iſt Alles wohl überlegt und geordnet, und nichts wird unſern Plan nun noch hin⸗ dern können, da wir Beide einig ſind. In acht Ta⸗ gen alſo, nicht wahr, meine Laura? In acht Tagen, flüſterte ſie. Ich habe keinen Willen mehr, außer dem Deinen. Bis dahin wollen wir uns weder ſehen, noch ſprechen, ſagte der Prinz, damit nicht irgend ein un⸗ überlegtes Wort Verdacht errege, und damit die Späher⸗ augen, von denen wir Beide überall umgeben ſind, keinen Zuſammenhang finden zwiſchen Deinem und meinem Thun. Kein Wort, keine Botſchaft, kein Brief, kein Zeichen wird uns von einander Kunde geben, aber am nächſten Dienſtag ſchlag neun Uhr erwarte ich Dich — 186— vor dem Schloßthor, und Du wirſt mich nicht verge⸗ bens warten laſſen. Nein, ich werde Dich nicht vergebens warten laſſen, flüſterte Laura, mit einem köſtlichen Lächeln, ihr er⸗ röthetes Antlitz an dem Buſen des Geliebten bergend. Und Du, wirſt Du mich vergebens warten laſſen? fragte Fritz Wendel, indem er Louiſens Haupt von ſeiner Bruſt empor hob, und ihr feſt in das glühende, träumeriſche Antlitz ſchaute. Nein, ich werde Dich nicht vergebens warten laſſen, ſagte Louiſe von Schwerin. Auch wir werden unſern Wagen haben, nur werden wir einige Stunden früher fahren als der Prinz und ſeine Laura. Auch wir werden nach Oranienburg fahren, und vor der Thür der Kirche werden wir den Prinzen erwarten. Wir werden ihm ſagen, daß wir ſein Geheimniß kannten, und es nicht verriethen. Wir werden ihm unſere Liebe geſtehen, Laura wird für uns bitten, und der Prediger wird ſtatt Eines Liebespaares, Zweie zu trauen haben. Dann werden wir vereint mit dem Prinzen und ſeiner Gemahlin weiter fliehen und ſie nach England begleiten, und wie der Prinz von dort aus den König, ſo werden wir meine Familie um Verzeihung anflehen. Oh, das iſt ein herrlicher, ein wundervoller Plan. Ich werde eine Flucht, eine Entführung, eine nächtliche Trauung, eine große Reiſe haben. Es wird ſein wie in dieſen köſtlichen Romanen, welche ich ſo gerne leſe, und phantaſtiſch und abenteuerlich wie dieſe, wird auch mein Leben ſein. Aber was iſt das? unterbrach ſie ſich ſelber. Hörteſt Du nichts? Mir war's, als hörte ich Geräuſch, als würde die äußere Thür des Treib⸗ hauſes geöffnet. Still, ſtill, murmelte Fritz Wendel. Auch ich habe es gehört, laß uns alſo auf der Huth ſein. ————— — 187— Auch der Prinz nnd Laura hatten das Geräuſch gehört, und ſie lauſchten in athemloſer Angſt und blickten unverwandt nach der Thür dort drüben hin. Vielleicht war es nur der Wind geweſen, welcher die äußere Thür der Vorhalle bewegt hatte, vielleicht— aber nein, da öffnete ſich leiſe die Thür des Salons, da ſah man eine hohe weibliche Geſtalt vorſichtig und leiſe durch dieſelbe eintreten. Die Königin! flüſterte Laura in ſich erſchauernd. Meine Mutter, murmelte der Prinz, indem ſein angſtvoller Blick rettungſuchend überall umher ſpähete. Jetzt haftete er auf der dunklen Felsgrotte, und raſch mit dem Finger nach ihr hindeutend, flüſterte er: eile, eile! Dort verbirg Dich! Ich bleibe, und erwarte meine Mutter. Schon ſah man zwiſchen Zweigen und Blumen⸗ gehängen die hohe Geſtalt der Königin näher und näher heran ſchreiten, ſchon konnte man ihr blitzendes Auge, ihr ſtolzes, zürnendes Antlitz erkennen. Eile, eile, flüſterte der Prinz, verbirg Dich, oder wir ſind verloren. Laura ſchlüpfte leiſe und tief gebückt hinter dem Lorbeer und Myrthengeſträuch dahin, jetzt hatte ſie ungeſehen von der Königin den ſicheren Schlupfwinkel, die Felsgrotte, erreicht, und lehnte ſich zitternd, todes⸗ bleich an die innere Wand an, ihr Auge noch geblendet von der plötzlichen Dunkelheit, nicht ſehend, nichts denkend, zitternd in tödtlicher Angſt. Plötzlich hörte ſie neben ſich eine leiſe, flüſternde Stimme. Laura, liebe Laura, fürchten Sie nichts. Wir ſind treue Freunde, welche Ihr Geheimniß kennen und Sie retten wollen. 1 Folgen Sie mir, mein Fräulein, flüſterte eine an⸗ dere Stimme. Vertrauen Sie uns, wie wir Ihnen vertrauen. Wir kennen Ihr Geheimniß! Sie ſollen das unſere kennen lernen. Geben Sie mir Ihre Hand. Ich führe Sie unbemerkt von hier fort und ungeſehen können Sie in das Schloß zurückkehren. Laura war wie betäubt, kaum ihrer Sinne mächtig. Sie fühlte ſich ſanft vorwärts gezogen, ſie ſah neben ſich ein lächelndes freundliches Mädchenangeſicht und 1 jetzt erkannte ſie das kleine Hoffräulein Louiſe von Schwerin. Louiſe, fragte ſie leiſe. Was bedeutet dies Alles? Still, flüſterte ſie. Folge ihm. Steige die Stu⸗ fen hinab. So, Gott mit Euch! Ich bleibe hier und decke den Rückzug. Jetzt war Fritz Wendel mit Laura in der Tiefe verſchwunden. Louiſe ließ eilig die Maſchinerie ſpielen und den Lorbeerbaum ſich über die Oeffnung ſchieben. Dann ſchlüpfte ſie leiſe hinter das. Farrenkraut am Eingang der Grotte, um zu ſehen und zu beobachten, was da draußen geſchah. Die Königin Sophie Dorothea war es in der That, welche zu dieſer ungewöhnlichen Stunde allein und ganz ohne Begleitung in das Gewächshaus ge⸗ kommen war. 3 Es war die Zeit, in welcher die Hofdamen der Königin ſonſt jeden Tag vollkommene Freiheit und Muße hatten, die Zeit der Mittagsruhe. Die Köni⸗ gin pflegte dann ihre Damen zu beurlauben, und ihnen einige Stunden der freien Selbſtbeſtimmung zu gönnen, während ſie ſelber den Schlaf, der ſie ſeit einiger Zeit Nachts zu fliehen ſchien, ſich am Tage zu erobern ſuchte. Indeſſen heute hatte ſie auch am Tage die gewohnte Ruhe nicht finden können; mißmuthig da⸗ rüber war die Königin, auf⸗ und abwandelnd, an's Fenſter getreten, und hatte träumeriſch hinab geſchaut 1 — 189— in dieſen ſtillen öden Garten, den der Winter jetzt noch mit einem glänzenden Leichentuch eingehüllt hatte. Da war es ihr, als ſähe ſie dort eine weibliche Ge⸗ ſtalt eilig den Gang hinab gehen. Es war nicht eine der Dienerinnen des Schloſſes, das erkannte die Kö⸗ nigin an dem Anzug der räthſelhaften Erſcheinung, es war eine ihrer Hofdamen, und obwohl Sophie Dorothea ihr Antlitz nicht erkennen konnte, war ſie doch ſofort überzeugt, daß das Niemand Anders ſei, als Laura von Pannewitz, und daß ſie jetzt zu einem Rendezvous mit dem unbekannten Liebhaber gehe, welchen die Königin, trotz aller ihrer Bemühungen noch nicht hatte erſpähen können. Der Entſchluß der Königin war ſchnell gefaßt. Sie rief ihre Kammerfrauen, ließ ſich ihren Pelz und ihre Capuze geben, erzählte, daß ſie eine plötzliche Neigung zu einem einſamen Spaziergang in ſich ver⸗ ſpüre, befahl keine ihrer Damen zu rufen, ſondern ſie ihrer gewohnten Muße zu überlaſſen, und eilte dann hinunter in den Garten, denſelben Weg einſchlagend, welchen ſie zuvor die verhüllte Dame hatte gehen ſehen. Sie konnte ganz deutlich die Spur friſcher Fußtritte im Schnee verfolgen, und dieſe Spur leitete ſie bis zu dem Gewächshaus hin. Ohne zu zaudern trat die Königin ein, feſt entſchloſſen endlich das Ge⸗ heimniß ihrer Hofdame kennen zu lernen, und als ſtrafende Richterin vor ſie zu treten. Ein Glück war es für die armen Liebenden, daß die mit jedem Tage wachſende Corpulenz der Königin und ihr kranker rechter Fuß ſie am raſcheren Gehen verhinderte; als ſie endlich daher den unteren Theil des Treibhauſes erreichte fand ſie Niemand dort, als ihren Sohn Auguſt Wilhelm, der ſie indeß mit ſo verlegener und befangener Miene empfing, daß die — 190— Königin ſehr wohl begriff, ihr Erſcheinen ſei ihm nicht blos überraſchend, ſondern auch unerwüuſcht ge⸗ kommen. Sie fragte daher den Prinzen mit ſtremgem Ton um die Urſache dieſes unerwarteten und ungewohnten Beſuchs ihres Treibhauſes, und als Auguſt Wilhelm lächelnd erwiderte, er habe hier das Erwachen der Königin abwarten wollen, um ihr dann ſeinen Beſuch zu machen, fragte die Königin mit Heftigkeit: und wer, mein Sohn, leiſtete Ihnen bei dieſem langwei⸗ ligen Geſchäft des Erwartens Geſellſchaft? Niemand, meine theure Mutter, ſagte der Prinz, aber er wagte es nicht dem forſchenden Auge ſeiner Mutter zu begegnen.. Niemand? wiederholte ſie. Ich hörte Sie indeß reden, als ich das Gewächshaus betrat. Sie wiſſen wohl, Majeſtät, daß ich die Gewohn⸗ heit meines Vaters geerbt habe, und zuweilen mit mir ſelber rede, erwiderte der Prinz mit einem er⸗ zwungenen Lächeln. Der König mein Gemahl verſtummte aber nicht in ſeinen Selbſtgeſprächen, wenn ich zu ihm trat, rief die Königin heftig, er hatte keine Geheimniſſe vor mir, wenn ich kam fuhr er fort in ſeinem lauten Selbſt⸗ geſpräch und ließ mich alſo Theil nehmen an ſeinen innerſten Gedanken. Der König, mein erhabener Vater hatte immer auch große und thatenreiche Gedanken, welche der Theilnahme der Königin Sophia Dorothea würdig waren, ſagte der Prinz, ſich ehrfurchtsvoll verneigend. Gott verhüte, daß die Gedanken ſeines Sohnes anderer, und minder würdiger Art ſeien„rief die Kö⸗ nigin mit flammenden Augen. Meine Söhne ſollten mindeſtens zu ſtolz ſein ihre Lippen mit einer Lüge zu —— a — 191— beſudeln, und wenn ſie den Muth haben, ein Unrecht zu begehen, ſo ſollten ſie auch den Muth haben, es einzugeſtehen. Ich verſtehe Sie nicht, meine theure Mutter, ſagte der Prinz, und dem ſtolzen, durchbohrenden Blick der Königin mit ruhiger Faſſung begegnend fügte er hinzu: ich bin mir keines Unrechts bewußt, und habe daher auch keins einzugeſtehen. Nun beim Himmel, dies iſt eine Vermeſſenheit, welche es verdient, daß man ſie entlarvt, rief die Kö⸗ nigin, welche jetzt nicht mehr die Kraft in ſich fühlte, ihren aufwallenden Zorn zu beſänftigen. Wiſſen Sie alſo, Prinz, daß ich mich von Ihrer Unbefangenheit und Ihrem Jugendſtolze nicht täuſchen laſſe. Ich weiß, daß Sie nicht allein waren, ich ſelber ſah die Dame hierher gehen, welche Ihnen bis zu meinem Erwachen Geſellſchaft leiſtete, und ich bin ihr hierher gefolgt. So ſind Ewe Majeſtät, wie es ſcheint, einer Fata Morgana gefolgt, ſagte der Prinz mit einem erzwun⸗ genen Lächeln, denn wie Sie ſehen, bin ich allein, und Niemand, außer mir iſt in dieſem Blumenſalon gegen⸗ wärtig. Aber indem der Prinz ſo ſprach, gleitete ſein Blick ganz unwillkührlich nach der Grotte hinüber, welche ſein Geheimniß verbarg. Die Königin Sophie Dorothea fing dieſen Blick auf, und verſtand ſofort deſſen Bedeutung. Es iſt Niemand in dem Salon, wir wollen indeß ſehen, ob auch in der Grotte Niemand iſt, ſagte ſie, indem ſie haſtig einige Schritte vorwärts that. Der Prinz faßte ihre Hand und hielt ſie zurück. Ich beſchwöre Sie, meine Mutter, ſagte er dringend, gehen Sie nicht zu weit in Ihrem Verdacht und in Ihren Nachforſchungen. Bedenken Sie immer, daß Ihr Verdacht mich kränkt, und Ihre Nachforſchungen mich zu einem Knaben erniedrigen. Die Königin warf auf ihn einen ſtolzen zornigen Blick. Ich bin hier in meinem Eigenthum, ſagte ſie, ſeine Hand zurückdrängend, Niemand darf mir hier wehren, oder mich in meinem Willen beſchränken wollen. Nun denn, Madame, ſo folgen Sie Ihrem Willen, ſagte der Prinz entſchloſſen. Ich wollte Ihnen ein Aergerniß erſparen, aber Sie haben es nicht gewollt. Komme dann über uns Alle Unfriede und Kummer, Ew. Majeſtät wollen es nicht anders, und da Sie unerbittlich ſind, ſo werden Sie mich auch entſchloſſen und ſtandhaft finden. Laſſen Sie uns alſo immerhin in die Grotte gehen.. Er reichte der Königin den Arm und führte ſie ſelbſt zu der Grotte hin. Sophie. Dorothea fühlte ſich entwaffnet von der Enſchloſſenheit ihres Sohnes, ſie war faſt ſchon überzeugt, daß ſie ihm in der That Unrecht gethan, daß Niemand in dieſer Grotte ver⸗ borgen ſei. Mit einem gütigen Lächeln wandte ſie ſich ſchon zu ihrem Sohn hin, um ihm einige be⸗ ſänftigende Worte zu ſagen, als ſie plötzlich hinter dem Farrenkraut das leiſe Rauſchen eines Gewandes zu vernehmen glaubte, und einen weißen Schimmer durch das Laubwerk hervorblitzen ſah. Und Sie ſagen, daß eine Fata Morgana mich getäuſcht habe, mein Sohn, rief die Königin haſtig vorwärts ſchreitend, und ihre Hand gebieteriſch aus⸗ ſtreckend, rief ſie laut: Kommen Sie hervor, mein Fräulein, erſparen Sie Sich ſelbſt und uns die Be⸗ ſchämung Sie mit Gewalt aus Ihren Verſteck her⸗ vorziehen zu müſſen.. Die Königin hatte ſich nicht getäuſcht, es regte — 193— ſich wirklich hinter dem Farrenkraut, und jetzt trat eine weiß gekleidete, weibliche Geſtalt hervor, und warf ſich zu den Füßen der Königin nieder.. Gnade, Majeſtät, Gnade! Ich bin unſchuldig an dieſer Störung. Ich bin in dieſer Grotte einge⸗ ſchlafen und erſt erwacht, als es ſchon zu ſpät war, als Ew. Majeſtät ſchon in die Grotte eingetreten waren, und ich alſo nicht mehr entfliehen konnte. So bin ich eine unfreiwillige Zeugin Ihrer Unter⸗ redung geworden. Das iſt mein ganzes Vergehen. Die Königin hörte mit einem ſeltſamen, erſtaun⸗ ten Ausdruck zu, während der Prinz mit wahrhaftem Entſetzen auf dieſe knieende Geſtalt hinblickte, welche hier auf eine ſo räthſelhafte und unerklärliche Weiſe ſtatt ſeiner Geliebten gefunden ward. Das iſt nicht die Stimme des Fräuleins von Pan⸗ newitz, ſagte die Königin erſtaunt, und indem ſie an der Knieenden vorüber in den helleren Blumenſalon zurück trat, ſagte ſie: ſtehen Sie auf und kommen Sie hierher, damit ich Ihr Antlitz ſehen kann. Die Dame erhob ſich und trat vor. Louiſe von Schwerin! riefen die Königin und der Prinz zu gleicher Zeit, während das kleine Hoffräulein ihre gefaltenen Hände flehend zu der Königin erhob, und mit dem Ausdruck kindlicher Unſchuld ſagte: oh, Majeſtät, haben Sie Erbarmen mit mir! Ich war ſo ſehr müde von dem geſtrigen Ball, und da Ew. Majeſtät ſchliefen, ging ich hierher, um auch ein wenig zu ſchlafen ob⸗ wohl ich nicht vergeſſen hatte, daß Ew. Majeſtät es nicht gern ſehen, wenn wir dieſes Treibhaus allein beſuchen. Sophie Dorothea würdigte ſie kein Blickes; ihre Augen ruhten mit einem ſtrengen, verachtungsvollen Ausdruck auf ihrem Sohn.. Friedrich der Große. III.. 13 Ich habe wahrlich beſſer von Ihnen gedacht, ſagte ſie. Ein Kind zu verführen iſt in der That eine ſehr leichte, aber auch eine ſehr verachtungswürdige That für einen königlichen Prinzen. Meine Mutter, rief der Prinz entſetzt, Sie glauben doch nicht— Ich glaube, was ich ſehe, unterbrach ihn die Kö⸗ nigin. Enden Sie jetzt daher mit Ihren Betheuerungen und Unſchuldsverſicherungen, und beugen Sie Sich der ſtrengen Wahrheit, welche trotz Ihres Leugnens Sie gerichtet hat. Und was Sie anbetrifft, mein Fräulein, ſo gebiete ich Ihnen, mir zu folgen, und ſich ſchwei⸗ gend und ohne Widerrede und Entſchuldigungen meinen Befehlen zu fügen. Kommen Sie, und nehmen Sie gefälligſt eine heitere und unbefangene Miene an. Ich will nicht, daß mein Hof von dieſem Scandal erfahre, und in Ihren entſetzten Mienen Ihre Schuld und Ihr Verbrechen leſe. Daß Sie nicht durch Worte ſich ver⸗ rathen, das wird meine Sorge ſein. Kommen Sie. Sie faßte gebieteriſch den Arm des kleinen Hof⸗ fräuleins und ging mit ihr die Halle entlang. Der Prinz blickte ihnen erſtaunt und verwirrt nach. Nun, wie auch immer dies Räthſel ſich löſen möge, murmelte er, als die Königin mit ihrer Hofdame das Treibhaus verlaſſen hatte, Laura iſt jedenfalls gerettet, und in acht Tagen werden wir fliehen. * 4⁴ — 195— XVI. Enthüllungen. Drei Tage waren ſeitdem vergangen und noch immer wartete Fritz Wendel vergeblich auf irgend ein Zeichen, eine Botſchaft von ſeiner Geliebten, noch immer ging er vergeblich jeden Tag auf ſeinem unterirdiſchen Wege nach der Grotte hin, noch immer ſtand er die Nacht vergeblich unter ihrem Fenſter und hoffte auf ein Zeichen, einen Ruf von ihr. Ihre Fenſter blieben verhangen, ſchweigſam und ſtill, und Niemand von dem Hofgeſinde konnte dem armen Gärtner Nachricht geben über das Schickſal der armen Louiſe von Schwerin, welche indeß in ſtrengem Gewahrſam in ihrem Zimmer gehalten wurde, und der ſpeciellen Aufſicht der vertrauten Kam⸗ merfrau der Königin übergeben war. Die Königin hatte ihren Hofdamen geſagt, das Fräulein von Schwe⸗ rin leide an einer anſteckenden Hautkrankheit, der Leib⸗ arzt der Königin hatte dieſen Ausſpruch beſtätigt, und die Damen vor jeder Gemeinſchaft mit der Kranken gewarnt. Es bedurfte alſo keines ſpeciellen Verbots, um die Damen von dem Zimmer der armen Gefan⸗ genen fern zu halten, Louiſe war eine aufgegebene, verlaſſene Perſon, vor deren Thür alle Damen mit ängſtlicher Sorge vorüberflohen, immer fürchtend, dieſes gefährliche Scharlachfieber möge auch ſie ereilen und auf das Krankenbett werfen. 4 Aber die Königin, wie es ſchien, fürchtete keine Anſteckung. Man ſah ſie jeden Tag in das Zimmer des kranken Hoffräuleins gehen, und dor t lange Zeit verweilen. Niemand ahnte, welche peinli che und ent⸗ ſetzensvolle Geſühle dieſe zürtliche Thenln ahme der 13 — 196— Königin, um welche der ganze Hof die kleine Louiſe von Schwerin beneidete, dieſer ſelber erregte, und welch' eine folternde Angſt das Herz der armen Gefangenen ergriff, ſo oft die Königin in ihr Gemach eintrat. Niemand hörte die ſtrengen, zürnenden, drohenden Worte der Königin, Niemand ahnte, daß die Königin nicht kam, um Louiſe zu pflegen, ſondern nur um ſie einem ſtrengen, unerbittlichen Verhör zu unterwerfen. Indeß hatte Louiſe den Drohungen, den Schelt⸗ worten der Königin noch immer widerſtanden. Sie hatte noch immer den Muth gefunden zu ſchweigen und ſich vollkommen unſchuldig, vollkommen unbefangen zu zeigen. Sie wußte ſehr wohl, daß ſie das Geheimniß Laura's nicht verrathen könne, ohne ſich ſelber zu com⸗ promittiren, und daß, wenn die Königin die geheim⸗ nißvolle Flucht Laura's erführe, ſie zugleich Kunde erhalten müſſe von dem Liebesverhältniß Louiſen's mit dem armen Gärtner Fritz Wendel, und von dieſen heimlichen Zuſammenkünften, welche der unterirdiſche Gang vermittelt hatte. Louiſe fürchtete durch die Entdeckung ihrer erſten Abenteuer lächerlich vor dem ganzen Hofe gemacht zu werden, und dieſe Furcht machte ſie ſtandhaft und ent⸗ ſchloſſen, ließ ſie ſogar muthig die Langeweile der Gefangenſchaft ertragen. Die Gefangenſchaft kann doch nicht ewig dauern, ſagte Louiſe zu ſich ſelber. Wenn ich nichts bekenne und alſo auch nicht überführt werden kann, muß die Königin ſich doch von meiner Unſchuld überzeugen und mich freigeben. 3 Aber Fritz Wendel war minder geduldig, als ſeine kluge Geliebte. Er vermochte die Qual und Angſt nicht mehr zu ertragen, und als der vierte Tag ihm noch keine Nachricht und keine Kunde von Louiſen brachte, war er entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen, und wie Alexander, den gordiſchen Knoten zu zerhauen, den er nicht zu löſen vermochte. Mit kecker Entſchloſſenheit begab er ſich daher in das Schloß und verlangte den König zu ſprechen, da er ihm wichtige Entdeckungen zu machen habe. Der König ließ ihn ſogleich vor ſich kommen, und entfernte auf Fritz Wendel’s Wunſch ſeine Adjutanten. So, jetzt ſind wir ganz ohne Zeugen, jetzt rede Er, ſagte der König. Ich kenne ein Geheimniß, Majeſtät, ſagte Fritz Wendel, welches die Ehre und die Zukunft der könig⸗ lichen Familie betrifft. Ew. Majeſtät werden daher gnädigſt verzeihen, wenn ich ein ſolches Geheimniß nur für einen hohen Preis verkaufen will. Des Königs große glänzende Augen ruhten mit einem vernichtenden Ausdruck auf dem kecken Antlitz Fritz Wendels. Nenne Er Seinen Preis, ſagte er, aber bedenke Er wohl, daß wenn Sein Geheimniß des geforderten Preiſes nicht werth iſt, Er vielleicht mit Seinem Kopf, gewiß aber mit Seiner Freiheit dafür wird büßen müſſen. Mein Geheimniß iſt des größten Preiſes werth, denn es rettet die Dynaſtie des erhabenen Hauſes der Hohenzollern, ſagte Fritz Wendel, welcher den Muth hatte, den zornigen Blicken des Königs nicht auszu⸗ weichen. Ich will es Ew. Majeſtät verkaufen, aber ich werde erſt ſprechen, wenn Ew. Majeſtät die Gnade gehabt haben, mir meinen Preis zu bewilligen. Ehe ich das thue, muß ich Seine Forderungen zuvor kennen, ſagte der König, ſeinen Zorn nur mit Mühe noch zurückhaltend.. Ich fordere für mich ein Majorspatent und die Hand des Hoffräuleins Loniſe von Schwerin. Der König ſah den kecken Sprecher anfangs faſt entſetzt an, dann flog ein ſanftes Lächeln durch ſeine Züge, und ſein Blick war jetzt weich und mitleidsvoll. Ich habe es alſo mit einem Wahnſinnigen zu thun, dachte er, ſchonen wir ſeiner, und geben wir ſeiner Laune nach!— Sein Preis iſt Ihm bewilligt, ſagte er daher laut, rede Er jetzt alſo! Und Fritz Wendel begann zu reden. Er enthüllte dem König das Liebesverhältniß des Prinzen, er theilte ihm den Plan zur Flucht des Prinzen mit, er war ſo genau und beſtimmt in allen ſeinen Angaben und Auseinanderſetzungen, daß der König ſehr wohl einſah, er habe es nicht mit einem Wahnſinnigen zu thun, und dieſes Geheimniß ſei kein Gebilde ſeiner Phan⸗ taſie, ſondern eine drohende, ſchreckensvolle Wahrheit. Als Fritz Wendel daher geendet, ging der König die Hände auf dem Rücken gefaltet, mit raſchen Schrit⸗ ten einige Male im Zimmer auf und ab. Dann blieb er plötzlich vor Fritz Wendel ſtehen, und ſchien mit ſeinen ſcharfen, durchbohrenden Blicken auf dem Grunde ſeines Herzens leſen zu wollen. Kann Er ſchreiben? fragte der König. Ich kann deutſch, franzöſiſch, engliſch und lateiniſch ſchreiben, ſagte Fritz Wendel ſtolz. Setze Er ſich dorthin, und ſchreibe Er deutſch, was ich Ihm dictiren werde. Kennt das Fräulein von Schwerin Seine Handſchrift? Sie hat wenigſtens zwanzig Briefe von mir empfangen, Sire! So ſchreibe Er ihr jetzt den einundzwanzigſten, aber ich will Ihm dictiren. Es war ein kurzer, lakoniſcher, aber ſehr zärtlicher und dringender Liebesbrief, welchen der König ihm dictirte. Fritz Wendel forderte darin ſeine Geliebte — 199— auf, ihr Wort zu halten, an demſelben Tage, wie der Prinz mit ſeiner Laura, mit ihm zu entfliehen, um, wie ſie es verabredet hatten, in Oranienburg den Bei⸗ ſtand des Prinzen zu erflehen, und durch ſeine Ver⸗ mittelung von dem Prediger dort getraut zu werden. Er beſtimmte ihr Zeit und Stunde der Flucht, und forderte ſie auf, zu der feſtgeſetzten Zeit das Schloß zu verlaſſen, und ihm, welcher ſie vor dem Schloßthor erwarten werde, zu folgen. Jetzt unterzeichne Er! befahl der König, und mache Er den Brief ſo zu, wie Er es gewohnt iſt! So! Gebe Er her den Brief, ich ſelber werde ihn an ſeine Adreſſe befördern! Und mein Preis, Majeſtät? fragte Fritz Wendel ſchüchtern, denn des Königs hohe, bewölkte Stirn drohte mit einem nahen Ungewitter. Er ſoll den Preis haben, welcher Seiner Ver⸗ rätherei und Seinem Wahnſinn gebührt, ſagte der König mit jenem fürchterlichen Ton, welcher Alle die zittern machte, die ihn jemals gehört. Ja, Er ſoll haben, was Er verdient, und was Seiner Frechheit und Seinem Uebermuth zukommt. Wären alle dieſe Dinge, welche Er mir da mit ſo frecher Stirn erzählt hat, wären ſie Alle wahr, ſo verdiente Er gehangen zu werden, denn alsdann hätte Er ſich eines zweifachen Verbrechens ſchuldig gemacht; Er wäre zum Verräther geworden an einem königlichen Prinzen, deſſen Ge⸗ heimniſſe er behorcht und ausſpionirt hatte, um ſie zu verkaufen, und mit dem Unglück zweier edler Menſchen ſich ſelber Sein Glück zu erh andeln; Er hätte das ſchmachvollere und unverzeihlichere Verbrechen began⸗ gen, ein unſchuldiges Kind, das durch Geburt, Rang und Bildung weit über ihm ſtand, verführt, und der Schande Preis gegeben zu haben. Aber zu Seinem — 200— Glück ſind alle dieſe Dinge nur Ausgeburten Seiner kranken Phantaſie, und ich werde Ihn nicht ſtrafen, ſondern curiren laſſen, wie es den Wahnwitzigen und den Narren gebührt. Ich werde Ihn in ein Irren⸗ haus ſperren laſſen, bis Er Vernunft genug hat, alle Seine Ausgaben, als Ausgeburten Seiner kranken Phantaſie zu erkennen, und ſie als tollſinnige Lügen abzuſchwören! Dem Gebeſſerten wird alsdann meine Verzeihung werden, dem Beharrenden nimmermehr! So ſprechend klingelte der König, und an die beiden eintretenden Adjutanten ſich wendend, ſagte er: führen Sie dieſen Menſchen da hinaus, und übergeben Sie ihn dem nächſten Wachtpoſten, der ihn ſofort in das Militair⸗Lazareth abzuliefern hat, wo man ihn in die Abtheilung für Wahnſinnige aufnehmen ſoll. Niemand ſoll mit ihm ſprechen, und wenn er wieder mit ſeinen tollen und wahnwitzigen Reden beginnt, ſo ſoll man mir ſofort davon Nachricht geben! Gehen Sie! Majeſtät, Gnade, Gnade! ſtammelte Fritz Wendel. Laſſen Sie mich nicht in ein Irrenhaus ſtecken! Ich will widerrufen, ich will glauben, daß alles dies nicht wahr iſt, daß ich nur geträumt habe, daß— Der König winkte den Adjutanten, und ſie führten den weinenden, zitternden und in Thränen ausbrechen⸗ den Gärtner Fritz Wendel binaus, um ihn draußen der Wache zu übergeben. Der König ſah ihnen mit einem tief traurigen Blicke nach. Und ſolcher Menſchen bedient ſich die Vorſehung, um die Schickſale ganzer Nationen zu len⸗ ken, ſagte er leiſe. Ein elender Gärtnerburſche und ein verbuhltes Hoffräulein ſind dazu auserſehen, die Dy⸗ naſtie der Hohenzollern vor einem Unheil zu bewahren, und den Kronprinzen von Preußen ſeines Glückes zu berauben. An wie feinen und leicht zerreißbaren Fäden —— 201— hängt doch die Hoheit und die Würde der Könige, und wie oft ſchaut unter dem Purpur das elende, macht⸗ loſe Menſchenkind hervor. Trotz all' meiner Macht und Größe, und trotz meiner Armee wäre der Prinz Auguſt Wilhelm entflohen, um ein Verbrechen zu be⸗ gehen, das ihm wohl Gott und ſein Gewiſſen, aber nimmermehr der König verzeihen kann! Armer Wil⸗ belm! Du wirſt den kurzen Traum Deines Liebes⸗ glückes theuer bezahlen müſſen, und man wird Deine Illuſionen und Dein Herz zertreten, wie man einſt das Meine zertreten hat. Einſt! Es ſind kaum neun Jahre her, und doch ſcheint mir, daß ich ſeitdem um ein Jahrhundert gealtert bin, und daß eine unzerſtörbare Eisrinde ſich um mein Herz gelagert habe! Ich weiß es, dieſe Eisrinde wird mit jedem Tage härter wer⸗ den, und die Menſchen werden das ihre dazu thun, dieſe Menſchen, welche ich ſo gerne lieben möchte, und die ich doch täglich mehr verachten lerne!. Er ging traurigen, geſenkten Hauptes langſam auf und ab. Sein edles, ſchönes Angeſicht war wie mit einem düſtern Trauerſchleier verhüllt, und ſeine Züge zuckten in heftiger, ſchmerzvoller Aufregung. Das dauerte nur kurze Zeit, dann nahmen ſie wieder ihren ge⸗ wohnten heitern und erhabenen Ausdruck an. Der König richtete den Blick wieder empor, und ſeine Augen ſtrahlten jetzt von einem edlen Feuer. Ich will nicht grauſam ſein, ſagte er. Muß ich ſchon ſein Glück zerſtören, ſo will ich es doch nicht in den Staub und den Schmutz der Gemeinheit binabziehen, wie man es mir gethan hat, als man den Freund auf das Blutgerüſt führte, und ein armes, unſchuldiges Kind mit Geißelhieben durch die Stadt peitſchte, weil ſie es ge⸗ wagt hatte, den Kronprinzen von Preußen zu lieben! dein, nein, das Fräulein von Pannewitz ſoll nicht das Schickſal von Doris Ritter theilen, und muß ich des Kronprinzen Glück zerſtören, ſo will ich es doch nicht mit Schmutz bewerfen. So ſprechend ergriff der König haſtig die Klingel und ſchellte. Dem eintretenden Kammerdiener befahl er den Wagen vorfahren zu laſſen, dann ſteckte er den Brief, den er Fritz Wendel dictirt hatte, zu ſich, und begab ſich hinunter zu dem bereitſtehenden Wagen. Zur Königin⸗Mutter, befahl er, und in raſchem Trabe jagten die Pferde von dannen.. Es war eine ſehr lange, ſehr geheime Unterredung, welche der König mit ſeiner Mutter hatte. Oft hörten die im Nebenſaale harrenden Hoſdamen die laute, haſtige Stimme der Königin, welche indeß ſchuell wie⸗ der ſich dämpfte, und es ihnen unmöglich machte, irgend etwas zu erlauſchen; oft glaubten ſie ſogar die Königin weinen zu hören, aber wie es ſchien, nicht vor Schmerz und Kummer, ſondern vor Zorn und Wuth, denn ſie ſtieß dabei einzelne Worte der Drohung und des Zor⸗ nes aus, und ihre Stimme war hart und rauh. Endlich erſchallte die Klingel in dem Gemach der Königin, und der herbeiſtürzende Lakay erhielt den Be⸗ fehl, das Hoffräulein Laura von Pannewitz fofort zur Königin zu beſcheiden. Aber der Lakay kehrte aus dem Zimmer des Hof⸗ fräuleins mit der Nachricht zurück, das Fräulein ſei nicht dort, ſondern habe ihren Wagen befohlen, und ſei hinausgefahren nach Schönhauſen zur Königin Eli⸗ ſabeth Chriſtine. 1 So werde ich ſelber dorthin fahren, ſagte der König, und ſeien Ew. Majeſtät überzeugt, daß die Königin mir beiſtehen wird, dieſes arme unglückliche Liebespaar auf ſanfte Weiſe zu trennen.. Ach, Sie bedauern ſie noch, mein Sohn, rief die Königin achſelzuckend. Madame, ich bedaure immerhin Diejenigen, welche ihrer Fürſtenpflicht ihre edelſten und beſten Menſchen⸗ gefühle zum Opfer darbringen müſſen. Ich bedauere ſie, aber ich kann ſie ihren Pflichten dennoch nicht entziehen, ſagte der König, indem er ſich von ſeiner Mutter beurlaubte. Laura von Pannewitz hatte ſeit jener letzten Un⸗ terredung mit dem Prinzen traurige und ſchmerzvolle Tage durchlebt. Der kurzen Exaltation und Begeiſte⸗ rung war bei ihr ſchnell genug die Reue und die Ent⸗ nüchterung gefolgt. Nicht mehr unter dem Zauber ſeines Blickes, ſeines Anſchauens ſtehend, hatten des Prinzen Worte für ſie die Kraft der Ueberredung, der überzeugenden Gewalt verloren. Er war nicht mehr da, um die Zweifel, die Befürchtungen aus ihrer Seele zu verbannen, und ſie an die Berechtigung ihrer Liebe glauben zu machen. Laura war ſich jetzt nur noch bewußt, daß ſie im Begriff ſtehe, ein großes Unrecht zu begehen, daß ſie in der Schwäche und Nachgiebigkeit ihrer Liebe den Geliebten einer glorreichen und glanzvollen Zukunft beraube. Sie ſagte ſich, daß es ein geößrer und edlerer Beweis ihrer Liebe ſein würde, wenn ſie ſich ſelbſt und ihr Glück dem Prinzen zum Opfer darbringe, als wenn ſie ſeine Zukunft zum Opfer ihres eigenen Glückes annehmen wolle. Aber inmitten dieſer Vorwürfe und dieſer Reue war es ihr immer, als ſähe ſie dicht neben ſich das flehende ſchmerzvolle Antlitz ihres Geliebten, als höre ſie ſeine liebe Stimme, welche ſie beſchwwvor, ihm zu folgen und die Seine zu werden. Laura, in der Qual und Angſt ihrer Liebe und — 204— ihres Gewiſſens, wollte ſich zu dieſer ſanften, edlen Königin retten, welche ihr einſt für die Tage der Schmerzen und des Kummers ihren Troſt und ihre HSülfe zugeſagt hatte. Sie war heute nicht im Dienſt, und ihre Freiheit benutzend, war ſie daher hinaus⸗ geeilt nach Schönhauſen, um in die theilnehmende Bruſt ihrer königlichen Freundin ihre Klagen und ihre Leiden auszuſtrömen. „Eben als der Wagen des Hoffräuleins vor dem Schloßportal hielt, langte der König an der äußerſten Grenze des Gartens an. Er ließ den Wagen hier halten, befahl dem Kutſcher langſam den Weg zur Stadt auf⸗ und alhufahren. und trat dann allein und ungeſehen in den Garten ein.— Mit haſtigen Schrit⸗ ten durcheilte er den Park, und näherte ſich der kleinen Seitenpforte des Schloſſes, durch welche man, wie er wußte, über einſame und unbewohnte Corridore zu den Zimmern der Königin gelangen konnte, und wel⸗ cher ſich ſeine Gemahlin zu bedienen pflegte, wenn ſie allein, und ohne die läſtige Hofbegleitung in dem Park ſich ergehen wollte. Der König, welcher wünſchte, den läſtigen und verwunderten Blicken des Hofgeſindes auszuweichen und ſeine Gemahlin mit dem Fräulein von Pannewitz zu überraſchen, der König trat durch dieſe Seitenpforte in das Schloß ein, und gelangte, von Niemand geſehen in die Gemächer der Königin. Ueberzeugt, ſie in ihrem Boudoir zu treffen, wollte er ſich dorthin begeben, und war ſchon im Begriff die Portière aufzuheben, welche ihn von dem Boudoir trennte, als er in demſelben weibliche Stimmen vernahm, eine, welche klagte, und von Thränen erſtickt zu ſein ſchien, die andere, welche ſie zu tröſten und aufzurichten ſuchte,. Der König ließ die ſchon erhobene Hand von der — 205— Portiére zurückgleiten, und ſetzte ſich geräuſchlos auf den neben der Thür befindlichen Seſſel. Horchen wir ein wenig, dachte der König. Die Frauen coquettiren immer, wenn ſie Männern gegen⸗ über ſtehen; belauſchen wir ſie alſo einmal, wenn ſie allein ſind. Ich werde dadurch dieſe gefährliche Laura beſſer kennen lernen, und beſſer erfahren, wie ich auf ſie zu wirken habe, als durch eine lange Unterredung mit ihr. Und der König, ſich auf den goldgezierten Krück⸗ ſtock lehnend, richtete ſeine glänzenden blauen Augen nach dieſer dunklen Sammetportiére, hinter welcher zwei Frauen vielleicht ſo eben über das Schickſal der Dynaſtie Hohenzollern entſcheiden ſollten. Madame, ſagte Laura, Ihre Prophezeihungen ſind frühe genug eingetroffen. Die Blüthen unſers Glückes ſind ſchon verwelkt und verdorrt, und unſere Liebe ſteht ſchon am Rande ihres Grabes! Arme Laura, ſagte die Königin mit einem matten Lächeln, es bedurfte keiner prophetiſchen Gabe, um dies vorherzuſehen. Am Rande des Thrones wachſen keine Blüthen, ſondern nur Dornen, und Ihre Augen wa⸗ ren von einem Zauber geblendet, daß Sie die Dornen für Blüthen anſahen.. Ich habe mir indeß mein Herz daran wund ge⸗ riſſen und ich hoffe, daß es verbluten wird. Oh, Königin, wenn Sie meine Qualen und meine Ver⸗ zweiflung kennten, Sie würden Mitleid und Erbarmen haben, Sie würden nicht ſo grauſam ſein, mir zu ſagen, daß ich meinem Glück und meiner Liebe ent⸗ ſagen ſoll, denn mein Glück iſt das Seine, und meine Liebe iſt ja nur ein Wiederhall der Seinigen. Käme es nur darauf an, mich ſelber und meine thörigten Wünſche zum Opfer darzubringen, ſo würde ich nicht 8 — 206— hören auf den Schrei meiner Seele, ſo würde ich meiner Schmerzen nicht achten, ſondern hingehen und thun, was alsdann meine unabweisbare Pflicht wäre! Aber der Prinz liebt mich! Oh, Madame, bedenken Sie wohl, wie ſtark und groß dieſe Liebe ſein muß, wenn ich den Muth habe, mich ihrer zu rühmen. Ja er liebt mich, und wenn ich ihn verlaſſe, ſo werde nicht ich allein unglücklich, ſondern auch Er wird es ſein, und ſeine Thränen und ſeine Verzweiflung wer⸗ den mich anklagen, denn ich werde es alsdann ſein, welche ihn um ſein Glück betrogen hat! Oh, Königin ich ertrage es nicht, zu denken, daß ſeine Lippen mir fluchen könnten. Wenn ſie es jetzt thäten, ſo werden ſie eines Tages dafür Sie um deſto inbrünſtiger ſegnen, ſagte die Königin, denn eines Tages wird er erkennen müſſen, daß Sie ihn jetzt nur betrübt haben, weil Ihre Liebe groß und heilig genug war, um ſich ſelber freudig das Opfer darzubringen, und ſich frei und ſelbſtbewußt hinzugeben an das Unglück, um dem Geliebten das Unglück ſpäterer Tage zu erſparen. Denn wie ſehr er Sie auch jetzt lieben mag, ein Tag wird kommen, wo er von Ihnen ſeine Zukunft, ſeine Größe, und ſeine Anſprüche auf einen Königsthron zurückfordern wird, welches Alles er Ihnen geopfert hat. Dieſes Opfer wird er alsdann Ihnen zu einem Vorwurf machen, und dann wird er es Ihnen nie verzeihen, daß Sie ſchwach genug geweſen, ſeinen Wünſchen nachzugeben! Denn glauben Sie mir nur, in dem Herzen der Männer giebt es nur Eine dauernde Lei⸗ denſchaft, das iſt der Ehrgeiz! Die Liebe iſt für ſie nur die Unterhaltung einer vorübergehenden Stunde, nichts weiter! 3 Oh Königin, wenn es ſo iſt, ſo laſſen Sie mich hingehen und ſterben, denn das Leben iſt alsdann nicht der Mühe werth, rief Laura, in Thränen ausbrechend. Das Leben, mein armes Kind, iſt nicht eine Freude, welcher wir ausweichen dürfen, ſondern eine Pflicht, welche wir geduldig ertragen müſſen. Auch Sie dürfen Sich dieſer Pflicht nicht entziehen, und wenn Ihr Schmerz auch groß iſt, muß Ibr Wille doch größer ſein! Was ſoll ich thun? Wie heißt die Pflicht, welche ich auf mich nehmen ſoll? fragte Laura mit bebenden Lippen. In Ihre Hände lege ich mein Geſchick. Sagen Sie, was ich thun ſoll. Sich ſelbſt überwinden, Laura, Ihrer Liebe ent⸗ ſagen, der Stimme folgen, welche in Ihrem Innern ſprach, und welche Sie zu mir getrieben hat! Oh, Madame, Sie wiſſen nicht, was Sie von mir fordern, klagte Laura. Ihr klares reines Herz kennt die Liebe nicht! 4 Sie ſagen, ich kenne die Liebe nicht, rief die Kö⸗ nigin leidenſchaftlich. Sie glauben das, und ahnen nicht, daß mein Leben ein fortgeſetztes Leiden, ein fort⸗ geſetztes Entſagen iſt! Ja, ich kenne die Liebe, eine traurigere und unheilsvollere Liebe als Sie, Laura, Sie jemals kennen werden. Denn ich, ich liebe, und werde nicht geliebt. Ich ſage Ihnen, was außer Gott Niemand auf Erden weiß, und ich ſage es Ihnen, um Sie zu tröſten, und Ihnen Kraft zu geben, Ihr eige⸗ nes Unglück auf ſich zu nehmen! Auch ich leide, auch ich bin unglücklich, obwohl ich eine Königin bin. Ich liebe meinen Gemahl! Ich liebe ihn mit der Leiden⸗ ſchaft eines jungen Mädchens, mit der Qual, welche die Verdammten empfinden mögen, wenn ſie dicht vor ſich das Paradies ſehen, und es nie betreten dürfen! Ich bin ganz Sein, mit allen meinen Gedanken und meinen Sinnen, und Er, ach Er iſt nicht mein. Er ſteht mit kaltem Herzen meiner glühenden Bruſt gegen⸗ über, und während ich mich jauchzend vor Liebe und Entzücken an ſeine Bruſt werfen möchte, muß ich meine Arme in einander preſſen, daß ſie ſich nicht regen, und muß nach einem kalten und eiſigen Blicke ſuchen, um damit den ſeinen zu erwiedern. Sehen Sie, es gab eine Zeit, da hielt ich es für unmöglich, all dieſe Leiden und dieſe Folterqual zu erdulden, eine Zeit, in welcher ſich meine Jugend ſträubte, wie Tantalus zu dulden und zu leiden, eine Zeit in welcher mein Stolz ſich dagegen auflehnte, die Schmach und Demüthigung dieſer Liebe noch länger zu ertragen, wo ich meine Krone hingeben wollte, um mir dafür das Recht zu erkaufen, in der Einſamkeit zu klagen, und. meine Thränen fließen zu laſſen. Aber der König wollte es nicht. Er forderte von mir, daß ich an ſeiner Seite bliebe, nicht als ſeine Gemahlin, ſondern nur als ſeine Königin, an ſeiner Seite lebend, und doch auf ewig von ihm getrennt, unbeklagt, und unverſtanden, be⸗ neidet von den Thoren, glücklich geprieſen von der Welt. Und ich, Laura, ich liebte ihn ſo ſehr, daß ich die Kraft fand, ihm dieſes furchtbare Opfer darzu⸗ bringen, und ihn nicht ahnen zu laſſen, es ſei mein eigenes Herz, welches er unter den Füßen ſeines Thro⸗ nes zertrat. Ich ſchlug den königlichen Purpurmantel über meine ſchmerzzerriſſene Bruſt, aber es hat mir zuweilen geſchienen, als ſei es mein eigenes Herzblut, das dieſen Mantel ſo purpurroth gefärbt. Nun, Laura, wollen Sie nun noch ſagen, daß ich die Liebe nicht kenne, nicht weiß, welches Opfer ich von Ihnen fordere? Die Königin, ihr Antlitz von Thränen überſtrömt, breitete ihre Arme nach Laura aus, das junge Mäd⸗ chen warf ſich laut weinend an ihre Bruſt, und ihre Thränen, und ihre Seußzer miſchten ſich. —— — 209— Drinnen im Vorzimmer ſaß der König. Sein Antlitz war bleich, und ſein Auge war minder hell und leuchtend als ſonſt. Er neigte ſich tiefer auf den goldenen Knopf ſeines Stockes nieder, und auf dem Golde deſſelben ſtrahlte plötzlich ein hellleuchtender Brillant, funkelnd und hell wie ein Stern, koſtbarer und edler, wie alle Edelſteine der Welt. Wahrlich, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, es iſt etwas Großes und Erhabenes um ein Frauenherz. Ich neige mein Antlitz in Demuth vor ſeiner Größe, aber ich kann leider mein Herz nicht mehr zwingen, es zu lieben. Das Erſtorbene läßt ſich nicht wecken, und was ein⸗ geſargt iſt, erſteht nimmermehr zum Leben! Sie haben mich beſiegt, Königin, ſagte Laura jetzt nach einer langen Pauſe, und ein edles Feuer leuchtete aus ihren Blicken. Ich will Ihrer Achtung und Ihrer Freundſchaft werth ſein! Ich will nicht, daß mein Geliebter mich eines Tages anklage, und mich Nicht ſo, nicht ſo, meine Laura, ſagte die Königin mit einem traurigen Lächeln. Sie dürfen nicht ein halbes Opfer bringen. Es iſt nicht genug, dem Ge⸗ liebten zu entſagen, Sie müſſen eine ewige Scheidewand zwiſchen ihm und Ihnen aufbauen. Sie müſſen dieſe Mich vermählen, ſeufzte Laura. Oh, Königin, Friedrich der Große. I. 44 — 210— es iſt ein fürchterliches Opfer, das Sie von mir for⸗ dern! Ich ſoll mich vermählen ohne Liebe, und indem ich es thue, wird mich der Prinz der Treuloſigkeit und der Verrätherei anklagen, und ich werde es ſchweigend dulden müſſen! Aber ich werde nicht ſchweigen, ſagte die Königin. Ich werde ihm von Ihren Schmerzen und von Ihrer Seelengröße erzählen, und wenn er aufhören muß, Sie als ſeine Geliebte zu lieben, wird er Sie doch verehren können, als den Schutzengel ſeines eigenen Daſeins! Sie verſprechen mir das? Sie wollen ihm ſagen, daß ich nicht treulos war? Daß ich mich ihm nur entzog, weil ich ihn mehr liebte, als mich ſelbſt.? Nur treulos ward, weil ich ſein Glück erſtrebte? 3 Ich verſpreche Ihnen das, Laura!. Nun denn, ſo beuge ich mein Haupt unter das Joch und nehme mein Schickſal an. Ich werde die Hand annehmen, welche der Graf Voß mir bietet, und ich verlaſſe Sie, um zur Königin⸗Mutter zu gehen, und ihr zu ſagen, daß ich mich Ihrem Willen fügen, und die Gemahlin des Grafen Voß werden will! Und ich werde Sie zur Königin und zum Altar begleiten, ſagte der König, indem er die Portiére zu⸗ rückſchlug und zu den Damen eintrat, welche in athem⸗ loſem Staunen ihn anſtarrten.— Der König näherte ſich Laura, und ſich tief vor ihr neigend, ſagte er: wahrlich, mein Bruder iſt zu beklagen, daß er nur ein Prinz iſt, und nicht ein freier Mann, der unbehindert ſeinem Herzen leben kann. Für eine armſelige Krone muß er die edelſten und heiligſten Güter, muß er ein edles Frauenherz und eine große Liebe hingeben. Und die Menſchen vermeinen noch, daß wir Großen der Erde zu beneiden ſind! Sie ſehen nur die Krone, aber — 211 4. ſie ſehen die Dornen nicht, mit denen ſie an unſerm Haupt befeſtigt iſt! Sie, mein Fräulein, werden Nie⸗ mand von uns mehr beneiden; wenn Sie aber eines Tages meinen Bruder mit dem Purpurmantel und der Krone ſehen, wenn ſein Volk ihm, als ſeinem König entgegenjauchzt, ſo können Sie zu ſich ſelber ſagen: ich bin es, die ihn zu einem König gemacht hat! Mit meinen Thränen habe ich ihn geſalbt, und wenn ſeine Völker ihn lieben und ihn ſegnen werden, ſo iſt das die Opferkraft meiner Liebe, welche ich über ihn aus⸗ gegoſſen habe! Kommen Sie, mein Fräulein, ich ſelber werde Sie zu meiner Mutter führen, und ich werde ihr ſagen, daß wir uns glücklich preiſen dürften, wenn wir Sie unſere Schweſter nennen dürften. Ich werde ihr auch ſagen, fuhr er fort, indem er ſich zu der Königin wandte, ich werde ihr auch ſagen, daß es nicht unſer Wille und unſer Befehl war, welcher das Fräulein von Pannewitz beſtimmte, ſondern die edle Ueberredungskraft der Königin Eliſabeth, welche das Volk von Preußen ſchon ſeine Heilige und ſeinen Schutzengel nennt, und welche es jetzt auch für das Königshaus von Preußen geworden iſt! Er ſtreckte der Königin ſeine Hand entgegen, aber ſie nahm ſie nicht an, ſie ſah ihm zitternd und todes⸗ bleich ins Angeſicht, und nach der Portiére hindeutend, fragte ſie athemlos: Sie waren dort? Sie hörten Alles, was wir ſprachen? Der König trat mit einem edlen wahrhaft erha⸗ benen Ausdruck zu ihr hin, und indem er ſeinen Arm um ihren Nacken legte, flüſterte er: ich war dort und ich hörte Alles! Ich hörte, daß ich ein armer Blinder bin, dem man ein Königreich anbietet, und der es doch nicht annehmen kann, weil ſeine Augen geblendet ſind, und er nicht ſehen kann. 14* Die Königin ſtieß einen Schrei aus, und lehnte ihr Haupt matt und kraftlos an die Schulter des Königs. Oh, Sie werden mich verachten, und meiner ſpotten, ſtammelte ſie. Der König ſah ihr tief und ſchweigend in das bleiche, ſchmerzdurchzuckte Angeſicht, und ein Strahl unendlicher Liebe, unendlichen Erbarmens leuchtete aus ſeinen Augen. Ich habe heute ein erhabenes und edles Geheimniß erfahren, ſagte er, ein Geheimniß, das eigentlich nur werth war, von Gott vernommen zu werden. Von heute an üble ich mich als der Prieſter des Aller⸗ heiligſten, und werde Ihr Geheimniß büten, wie meinen höchſten Schatz. Das ſchwöre ich Ihnen; und das beſiegele ich Ihnen mit dieſem Kuß, den ein Mund auf Ihre Lippen drückt, welcher niemals mehr eines Weibes Mund berühren wird. Er neigte ſich nieder und preßte einen innigen Kuß auf die Lippen der Königin. Eliſabeth, welche ſo oft dem Unglück ihre klare Stirn geboten, fand nicht die Kraft, dem ſchmerzvoll ſüßen Glück dieſes Augenblickes zu widerſtehen. Sie ſtieß einen leiſen Schrei aus, und in ſich er⸗ ſchauernd, ſank ſie ohnmächtig zuſammen. Als ſie erwachte, war ſie allein. Der König hatte ihre Frauen zur Hülfe herbeigerufen, dann hatte er dem Fräulein von Pannewitz ſeine Hand gereicht, und ſie ſelber zu ſeinem Wagen geleitend, war er mit ihr nach Berlin zurückgekehrt. 3 Eliſabeth Chriſtine war alſo wiederum allein! Allein mit ihren Gedanken, ihren Schmerzen und ihrer Liebe. Aber ein ſeliges Feuer leuchtete aus ihren Blicken, und das ſtrahlende Auge zum Himmel empor⸗ richtend, flüſterte ſie, ich danke dir, mein Gott, für das Glück dieſer Stunde! Ich fühle ſeinen Kuß auf meinen Lippen, und mit dieſem Kuß hat er ſie geweiht, daß ſie keine Klage mehr ausſtoßen, und nicht mehr murren ſollen!— Sie erhob ſich groß und ſtill, und kehrte in ihr Cabinet zurück. Mit einem ſanften Lächeln trat ſie zu dem im Fenſter ſtehenden Tiſch, auf welchem eine glänzende Kupfertafel und ein Grabſtichel lagen, vor einem hinter dem Tiſch aufgeſtellten Gemälde, welches eine Landſchaft darſtellte. Er ſoll wenigſtens zuweilen an mich denken, flüſterte ſie, ich werde für ihn eine Schriftſtellerin und eine Künſtlerin werden, damit ich doch mehr bin, als nur eine verſtoßene Königin! Er ſoll auf ſeinem Tiſche meine Bücher, und an ſeinen Wänden meine Bilder finden. Werde ich ihn dann nicht zwingen, zuweilen freundlich meiner zu gedenken*)? *) Die Königin Eliſabeth Chriſtine war nicht nur ausge⸗ zeichnet durch Liebenswürdigkeit, Anmuth und echte Frömmig⸗ keit, ſondern ſie war auch eine geiſtreiche, ſogar gelehrte Frau und eine nicht unbedeutende Künſtlerin in der Radirkunſt. Es eriſtiren noch jetzt einige ſehr fleißig und ſauber gearbeitete Radirungen von ihr. Außerdem war ſie eine ſehr fleißige Schriftſtellerin, wenn auch nicht eine ſelbſtſchöpferiſche, doch eine reproducirende. Sie überſetzte von Gellert, ihrem Lieblings⸗ Schriftſteller, die moraliſchen Vorleſungen, die Oden und Le⸗ der in's Franzöſiſch, ebenſo von Hermes das„Handbuch der Religion,“ von Crugott„Chriſten in der Einſamkeit,“ von Spal⸗ ding,„Beſtimmungen der Menſchen,“ ſechs Predigten von Sack und einige andere ähnliche Schriften. Sie ließ dieſelben drucken und ſandte regelmäßig ein Exemvlar ihrer Arbeiten nach Sans⸗ vuci zum König, der wiederum ihr von allen ſeinen Schriften ein Exemplar ſandte, obwohl ſeine Schriften eben ſo ſehr der Eigenthümlichkeit und Geſinnung der Königin widerſprachen, als die ihrigen dem freiſinnigen und zur äußerlichen Frömmig⸗ keit nicht hinneigenden Geiſte des Konigs. Außerdem hat die 214 XvII. Die Aeberraſchungen. Am Tage nach der Unterredung der Königin⸗Mutter mit dem König war der Hofſtaat der Königin plötz⸗ lich durch die Nachricht überraſcht, daß der Arzt ſich über die Krankheit des Fräuleins Louiſe von Schwerin getäuſcht habe, daß dieſelbe nicht an dem Scharlach⸗ fieber, ſondern nur an einem Nefſſelfieber gelitten habe, von dem ſie indeß jetzt ſchon völlig wiederher⸗ geſtellt ſei. Das kleine Hoffräulein erſchien daher wieder im Kreiſe der Hofdamen, und außer einer leichten Bläſſe konnte man in der That durchaus keine Veränderung in ihrer äußeren Erſcheinung wahrnehmen. Niemand indeß war mehr überraſcht und erſtaunt über dieſes plötzliche Verſchwinden ihrer Krankheit als das kleine Hoffräulein ſelber. Mit einer Art Entſetzen und Grauen gewahrte ſie, daß die Königin jetzt wieder durchaus eine gnädige und gütevolle Miene gegen ſie angenommen, daß ſie die Begebniſſe der letzten Tage ganz und gar vergeſſen zu haben ſchien, und wie durch einen Zauberſchlag ihren frühern Argwohn und ihre Königin auch kinzelne kleine Abhandlungen und Brochüren felbſt verfaßt und drucken laſſen, in denen ſie zur Frömmigkeit und zur Anhänglichkeit und Treue an den König ermahnt. Sie hatte auch eine ſehr tüchtige und auserwählte Bibliothek, und lud gern und oft Gelehrte bei ſich zur Tafel. Der König, ihr Gemahl, gab ihr in ſeinem Teſtament das Zeugniß„einer unerſchütterlichen Tugend,“ und machte es ſeinem Nachfolger zur Pflicht, ihr das große Jahrgeld, welches ſie als Königin bekommen, auch als Wittwengehalt zu laſſen.— Siehe: Preuß, Friedrich d. Große. Vol. I. Pägyl 133. Neueſtes gelehrtes Berlin von Schmidt und Möhring h. I. pag. 1—2. Beſchuldigungen aufgegeben habe. Anfangs glaubte Louiſe, dies Alles ſei nur eine Falle, in welche man ſie verlocken wolle, und ſie war daher auf ihrer Huth, ſie vermied es, allein in den Garten hinabzugehen, 4 und ſie war es ſehr zufrieden, daß auch Fritz Wendel 4 die Vorſicht gebrauchte, niemals vor ihrem Fenſter 1 vorüberzugehen, und nicht, wie ſonſt jeden Morgen einen Blumenſtrauß unter ihrem Fenſter niederzulegen. Indesßs bemerkte Louiſe gar bald, daß ſie gar keiner Beaufſich⸗ tigung, keiner Spionage unterzogen ward, daß man ſie ganz frei und unbehindert laſſe. Sie überließ ſich daher bald wieder ihrem ſorgloſen Sinn und ihren kindiſchen Träumereien, und fing ihre Gartenprome⸗ naden und Spaziergänge nach dem Treibhaus wieder an. Nirgends indeß fand ſie ihren ſchönen Gärtner Fritz Wendel, nirgends ſah ſie ſeine hohe, ſchöne Ge⸗ ſtalt, begegnete ſie ſeinen feurigen, beredten Blicken. Dieſes plötzliche Verſchwinden ihres Liebhabers machte ſie beſorgt und unruhig, fachte ihre Liebe, ihre Gluth und Sehnſucht auf's Neue an. Louiſe von Schwerin, welche in der Einſamkeit und Stille der letzten Tage faſt ſchon dahin gekom⸗ men war, ſich ihres Verhältniſſes mit dem armen Gärtner Fritz Wendel zu ſchämen, und ihre thörichte Liebe zu ihm zu bereuen, fühlte jetzt wieder die ganze Kraft und Gluth ihrer früheren Leidenſchaft, und war in ſich ſelber wieder von der Dauer und Stätigkeit ihrer Liebe überzeugt. Ich will und werde alle Hinderniſſe beſiegen, ſagte das junge Mädchen, ich will meinen Roman zu Ende ſpielen, und nichts ſoll mich daran hindern. Fritz Wendel liebt mich heißer und leidenſchaftlicher, wie mich jemals ein Graf oder ein Baron lieben wird, und wenn ich ihn jetzt nicht ſehe, ſo iſt es, weil — 216— er um ſeiner Liebe willen zu leiden hat, weil man ihn gewiß gefangen genommen hat. Aber ich werde ihn retten und ihn befreien, und dann werde ich mit ihm fliehen, weit, weit hinaus in die Welt, wo Nie⸗ mand unſerer Liebe ſpotten ſoll. Unter ſolchen Gedanken kehrte ſie heute wieder heim von ihrem vergeblichen Gartenſpaziergang, als ſie, in ihr Zimmer eintretend, auf ihrem Tiſch eins jener herrlichen Blumenbouquets gewahrte, wie ſie ihr der ſchöne Gärtner ſonſt täglich darzubringen pflegte. Louiſe ſtürzte mit einem lauten Freudenſchrei zu dem Tiſche hin, ſie ergriff mit freudeſtrahlenden Blicken das Bouquet und drückte es an ihre Lippen, dann ſuchte ſie in ſeinem Grunde nach dem Briefchen, welches ſonſt immer in den Blumen verborgen zu ſein pflegte. Richtig, auch heute enthielt dieſes Bouquet einen Brief, einen ſehr zärtlichen, glühenden Liebesbrief, in welchem Fritz Wendel ſie aufforderte mit ihm zu fliehen, ihren frühern Plan auszuführen, und mit ihm nach Oranienburg zu fahren, wo der Prieſter, welchen der Prinz gewonnen hatte, auch ſie trauen werde. Heute noch, heute Abend um die neunte Stunde ſollte die Flucht ſtattfinden. Louiſe zanderte keinen Augenblick, ſie war ganz entſchloſſen, dem Ruf des Geliebten zu folgen und mit ihm zu fliehen. Es war heute beim König ein Hofball angeſagt, und Louiſe von Schwerin ſollte im Gefolge der Königin⸗Mutter bei demſelben erſcheinen. Sie mußte alſo jetzt ein Mittel finden, dieſem auszuweichen und zurückbleiben zu dürfen. Als daher die Stunde der Morgenpromenade der Königin gekommen war, empfand Louiſe ein ſo plötzliches Un⸗ wohlſein, daß ſie die Hofdamen bitten mußte, ſie bei der Königin zu entſchuldigen, und ſich in ihr Gemach zurückzog, um ſich zu Bette zu begeben.— Die Königin kam ſelber, um ſich nach dem Wohlergehn ihres kleinen Hoffräuleins umzuſehen; ſie äußerte ihr ſo viel Theil⸗ nahme, ſo viel Mitgefühl, daß Louiſe ſich vollkommen ſicher fühlte, und es ganz freudig und arglos annahm, als die Königin ihr vorſchlug, heute Abend nicht auf den Hofball zu gehen, ſondern ruhig und unbehindert in ihren Zimmern zu bleiben. Louiſe hatte alſo jetzt gar keine Hinderniſſe mehr zu fürchten. Sie konnte ſich ruhig mit den Vorbe⸗ reitungen zu ihrer Flucht beſchäftigen. So kam der Abend heran; jetzt hörte ſie die Equipagen abfahren, welche die Königin mit ihrem Gefolge nach dem Hof⸗ ball führten.. Eine unbeſchreibliche Bangigkeit überfiel das junge Mädchen; der Entſcheidung ſo nahe, fühlte ſie ein angſtvolles Zagen, ein jungfräuliches Erbeben über ihre eigene, unbedachtſame und verwegene That. Aber da ſchlug die entſcheidende Stunde, die Stunde der romantiſchen Flucht, des erſehnten Wiederſehens. Es war ihr, als ſähe ſie die flehenden Augen des Ge⸗ liebten vor ſich, als hörte ſie ſeine liebe, bittende Stimme. Aller Rückſichten, aller Schüchternheit ver⸗ geſſend, hüllte ſie ſich in ihren Mantel, und die Ka⸗ puze feſt über den Kopf ziehend, eilte ſie mit fliegenden Schritten den Corridor und die Treppe hinunter zu dem Ausgangsportal des Schloſſes. Bebenden Herzens trat ſie hinaus auf die Straße. Eine unbeſchreibliche Angſt überfiel ſie; wenn er nun nicht da war, wenn dies Alles nur eine Täuſchung, ein ihr gelegter Fallſtrick wäre. Aber nein, nein, dort ſah ſie eine hohe dunkle verhüllte Geſtalt, welche über den weiten Platz her, gerade auf ſie zuſchritt. Sie konnte ſein Antlitz nicht ſehen, aber er war es ganz gewiß. Jetzt war er ihr ganz nahe, jetzt flüſterte er „ * —— — leiſe das beſtimmte Loſungswort. Louiſe gab zitternden Herzens die Antwort. Der verhüllte junge Mann ſtreckte die Hand aus und faßte ihre bebende Rechte. Eilig zog er ſie vorwärts um die Ecke des Platzes. Dort ſtand der Wagen bereit; der junge Mann hob ſie in ſeine Arme, und trug ſie in den Wagen, dann ſprang er ihr nach und ſchlug den Schlag zu. Vorwärts! Der Wagen rollte von dannen, wie von Windes⸗ flügeln getragen. Jetzt lag die Stadt ſchon hinter ihnen, in raſendem Lauf ging es vorwärts, immer vorwärts. Neben Louiſen ſaß der tief in ſeinen Mantel gehüllte junge Mann, ihr Geliebter, bald ihr Gemahl. Beide ſprachen ſie kein Wort; Beide ſaßen ſie befangen, angſt⸗ klopfenden Herzens nebeneinander. Aber Louiſe fand dieſes Schweigen ihres Geliebten unheimlich und pein⸗ voll, ſie begriff nicht, daß er, ſonſt ſo zärtlich und leiden⸗ ſchaftlich, jetzt ſo ſtumm und kalt neben ihr ſitzen könne. Sie hatte ein Gefühl, als müſſe ſie fliehen, weit, weit fort von dieſem theilnahmloſen Liebhaber, der für ſie gar keine Worte, keine Liebesbetheurungen mehr hatte, gewiß verachtete er ſie, weil ſie ihm gefolgt war, hielt er es nicht mehr der Mühe werth, ſie ſeiner Liebe zu verſichern. Wie ſie das dachte, entfuhr ein Schrei ihren Lippen, ſie ſprang von ihrem Sitz empor, um den Wagen⸗ ſchlag zu öffnen, und hinauszuſpringen. Die kräftige Hand ihres ſtummen Liebhabers hielt ſie zurück. Wir ſind noch nicht zur Stelle, mein Fräulein, flüſterte er. 1 B* Louiſe fühlte einen kalten Schauer durch ihre Glie⸗ deer durchrieſeln; Fritz Wendel nannte ſie„mein Fräu⸗ lein“ und ſeine Stimme klang ihr ganz kalt und fremd⸗ Angſtvoll, ſchweigend lehnte ſie ſich zurück in die Kiſſen des Wagens; ihre entſetzten Blicke richteten ſich — — nach ihrem Begleiter hin, aber die Nacht war finſter, Louiſe konnte nichts ſehen, als die dunklen, ungewiſſen Umriſſe einer Geſtalt. Sie ſtreckte, gleichſam hülfe⸗ flehend, ihre Hand nach ihm aus, ihr Geliebter fühlte dieſe Hand auf ſeiner Schulter, und faßte ſie, um ſie an ſeine Lippen zu drücken, aber er blieb ſtumm, er zog ſie nicht wie ſonſt in ſeine Arme, er flüſterte ihr nicht wie ſonſt ſeine zärtlichen, leidenſchaftlichen Liebes⸗ betheuerungen ins Ohr. Eine tödtliche, entſetzensvolle Angſt überfiel das junge Mädchen, ſie ſchlug ihre Hände über ihr Antlitz und weinte laut. Der junge Mann neben ihr mußte wohl ihr Weinen und Schluchzen hören, aber er blieb ſtumm, er ſuchte ſie nicht zu tröſten. Vorwärts, immer vorwärts ging es in raſendem Lauf; zwei Mal wurden die Pferde gewechſelt, um deſto ſchneller das Ziel zu erreichen; Louiſe weinte immerfort, ſie fühlte ſich dem Tode nahe vor Angſt und Entſetzen; drei Mal hatte ſie, von dieſem ewigen Schweigen gefoltert, es gewagt, ihren Begleiter leiſe und ſchüchtern anzureden; aber er hatte ihr nicht ge⸗ antwortet.. Jetzt endlich hielt der Wagen. Wir ſind zur Stelle, flüſterte Louiſens Begleiter, aus dem Wagen ſpringend, und ſie ſelber heraushebend. 8 Wo ſind wir? fragte ſie zitternd und ganz über⸗ zeugt, daß ſie vor irgend einem Gefängniß, einem heimlichen Verbannungsort ſich befänden. Wir ſind in Oranienburg, und dort iſt die Kirche, wo uns der Prediger erwartet. Er nahm haſtig ihren Arm und führte ſie der Kirche zu. Die Thür derſelben war geöffnet, und wie Louiſe an der Hand ihres Begleiters eintrat, fühlte ſie ihr Auge geblendet von dem Glanz der Kerzen, die am Altar und auf dem großen Kronleuchter brannten. Sie ſah vor dem Altar den Prediger mit dem geöff⸗ neten Geſangbuch ſtehen, die Orgel ſetzte mit feier⸗ lichem Schall die erſten Töne eines Chorals ein. Der junge Mann nahm Louiſens Arm und führte ſie vorwärts, aber nicht zum Altar, ſondern zuerſt in die ſeitwärts von demſelben befindliche Sakriſtei. Dort 4 auch brannten Kerzen, und auf dem Tiſche lag ein Myrthenkranz und ein Spitzenſchleier. Das iſt Ihr Brautſchmuck, ſagte der junge Mann, der noch immer die Capuze ſeines Mantels feſt über ſein Geſicht gezogen hatte. Er löſte Louiſens Mantel los, und reichte ihr den Kranz und den Schleier dar. Dann endlich ließ er die Capuze zurückfallen, und nahm den Mantel. Louiſe ſtieß einen Schrei des Staunens und der Angſt aus. Der, welcher vor ihr ſtand, war nicht ihr Geliebten nicht der Gärtner Fritz Wendel, ſondern ein ihr ganz fremder junger Offtzier in voller Parade⸗Uniform. Verzeihen Sie, ſagte er, daß ich Ihnen heute ſo viel Angſt und Schrecken verurſachen mußte. Aber der König hatte mir befohlen ſtumm zu ſein, und ich that 9 es. Auf Befehl des Königs ſind wir hier, und auf 41 Seinen Befehl ſoll ich Ihnen vor unſerer Trauung dies Billet überreichen. Es iſt von des Königs eigener Hand. Louiſe ergriff haſtig das königliche Handſchreiben und öffnete es. Es war ein ſehr kurzer, ſehr lakoniſcher Brief, der indeß das Herz des kleinen Hoffräuleins mit Furcht und Entſetzen erfüllte. Der Brief lautete: 3 Da Sie durchaus ſich zu vermählen wünſchen, will ich aus Rückſicht für Ihre Familie, Ihren Wunſch erfüllen. Aber der ſchmucke Gärtnerburſche Fritz Wendel iſt außer Stande Ihr Gemahl zu 9 werden, da er im Irrenbauſe ſitzt. Ich habe Ihnen daher einen hübſchen Offizier von guter Familie und mit bedeutendem Vermögen ausgeſucht, und ihm befohlen, Sie zu heirathen. Gefällt er Ihnen, ſo wird der Prediger Sie ſogleich copuliren, und Sie folgen Ihrem Gemahl ſofort in ſeine Garniſon nach Brandenburg; gefällt er Ihnen nicht, ſo hat der Offizier von Kleiſt Befehl mit Ihnen wieder den Wagen zu beſteigen, und Sie zu Ihrer Frau Mutter zu bringen, wo Sie Zeit haben werden über Ihre Unbeſonnenheit und Tollkühnheit nachzudenken. Friedrich. Louiſe hatte den Brief des Königs wieder und immer wieder geleſen; jetzt hob ſie den Blick von dem⸗ ſelben empor, und richtete ihn auf den jungen Mann, der ihr gegenüberſtand, und ſie mit lächelnden, fra⸗ genden Blicken anſah. 3 Sie fand, daß er ſehr ſchön, ſehr jung und lie⸗ benswerth erſcheine; ſie geſtand ſich, daß dieſe glän⸗ zende Uniform viel hübſcher anzuſchauen ſei, als der ſchlichte dunkle Rock des armen Gärtners, daß Fritz Wendels Augen nicht glühender und beredter geweſen, als die Augen des ſchönen jungen Cavaliers. Nun, fragte er lächelnd, haben Sie entſchieden, mein Fräulein? Wollen Sie mich des Glückes wür⸗ digen, der beneidete und ſelige Gemahl des ſchönen und lieblichen Fräuleins Louiſe von Schwerin zu wer⸗ den, oder wollen Sie mich verdammen, und mich des ſchönſten Glückes berauben? Sie ſah ihm tief in die Augen, und lauſchte mit angehaltenem Athem ſeinen Worten. Seine Stimme hatte einen ſo weichen, angenehmen Klang, ſie war nicht hart und rauh, wie Fritz Wendels Stimme, ſondern ſanft und milde, wie Muſik traf ſie Louiſens Herz. Nun, wiederholte der junge Offtzier ſeine Frage, wollen Sie mich begnadigen, und zu Ihrem Gemahl annehmen? Würden Sie mich wohl heirathen mögen, auch wenn der König es Ihnen nicht befohlen hätte? fragte Louiſe lächelnd. Ich würde Sie heirathen, dem König und der ganzen Welt zum Trotz, ſagte der junge Offizier, denn ſeit ich Sie geſehen, liebe ich Sie. Louiſe reichte ihm lächelnd die Hand. Wohl denn, ſagte ſie. Laſſen Sie uns die Befehle des Königs erfüllen. Er hat befohlen, daß wir uns heirathen; fangen wir alſo damit an. Nachher wollen wir ver⸗ ſuchen, ob wir uns lieben können, auch ohne königlichen Befehl. Der junge Hauptmann von Kleiſt küßte ihre Hand, und drückte Louiſe den Myrthenkranz in's Haar. Kommen Sie, der Prieſter wartet, und ich ſehne mich, Sie meine Gemahlin nennen zu können. Er führte das junge vierzehnjährige Hoffräulein zum Altar hin; der Prediger öffnete das heilige Buch und verrichtete den Akt der Trauung.— Um dieſelbe Stunde fand in der Kapelle des Königsſchloſſes zu Berlin eine andere Trauung ſtatt. Dort ſtand vor dem Altar das Fräulein Laura von Pannewitz und der Graf Voß. Der König ſelber hatte Laura zum Altar geführt, die Königin Eliſabeth hatte dem Grafen Voß ihre Hand geboten, der ganze Hof war in feierlichem Zuge dem Brautpaar gefolgt, der ganze Hof war Zeuge der feierlichen Vermählung. Nur Einer fehlte, nur der Prinz Auguſt Wilhelm war nicht da. Während Laura von Pannewitz oben in der Königlichen Schloßkapelle dem Grafen Voß ewige Treue ſchwur, ſtand der Prinz unten am Schloßportal — 223— und harrte ihres Herabſteigens. Aber die feſtgeſetzte Zeit war längſt vorüber und ſie kam nicht; eine qual⸗ volle Angſt, eine unerklärliche Furcht befiel ihn. Hatte der König vielleicht ihren Plan entdeckt, war Er es, der Laura zurück hielt, oder hatte ſie ſelber ihre Ver⸗ abredung vergeſſen, war ſie ihren Schwüren untreu geworden? Die Zeit verging, und ſie kam noch immer nicht. Zitternd vor Zorn, Angſt und Zweifeln, ſtieg der Prinz die Schloßtreppe wieder hinauf, er wollte in die Säle zurückkehren, er wollte um jeden Preis ſich ſeiner Geliebten nähern, er war in dem Zorn ſeiner Liebe ſogar entſchloſſen, ſie mit Gewalt mit ſich ſort zuführen. Den Mantel abwerfend, trat er in den 2 orſaa ein. Niemand achtete ſeiner, aller Blicke war dem großen Hauptſaal gerichtet. Dorthin begab der Prinz; die ganze glänzende Hofgeſellſchaft, in den Nebenſälen zerſtreut, drängte ſich jetzt in die⸗ ſem Saal zuſammen; es flimmerte und blitzte von Brillanten, Ordensſternen, und Gold⸗ und Silberſticke⸗ reien. Der Prinz ſah das Alles nicht. Er ſah nur dieſe bleiche, hohe Frauengeſtalt mit dem langwallenden Braut⸗ ſchleier, und dem Myrthenkranz im Haar, welche in der Mitte des Saales ſtand. Das war ſie, das war Laura von Pannewitz, und neben ihr dieſer junge ſüß lächelnde Mann, das war der Graf Voß. Was bedeutete dies Alles? Warum umſtand die ganze königliche Familie die ſo ſeltſam geſchmückte Ge⸗ liebte des Prinzen Auguſt Wilhelm? Warum küßte eben die Königin Eliſabeth Chriſtine die ſchöne Laura von Pannewitz, und reichte ihr ein funkelndes Brillant⸗ diadem? Warum ſtreckte der König dem Grafen Voß — 224— mit einem gnädigen Lächeln die Hand entgegen, welche dieſer ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen preßte? Der Prinz Anguſt Wilhelm begriff nichts von dieſer ganzen Scene; er fühlte ſich wie verzaubert, wie von böſen Traumbildern geängſtigt. Mit weitaufgeriſſenen gläſernen Augen ſtarrte er hinüber zu dem vermählten Paar, das ſo eben die Glückwünſche des Hofes empfing. Aber eben hatte des Königs ſcharfer Blick ihn ge⸗ wahrt, und raſch das Gedränge der Hofleute, welche ſich ehrfurchtsvoll zur Seite ſchoben, durcheilend, näherte er ſich dem Prinzen. ℳ Auf ein Wort, mein Bruder! flüſterte der König. den Arm des Prinzen nehmend. Kommen Sie, laſſen Sie uns in mein Kabinet gehen. 3 Der Prinz folgte ihm, ganz betäubt, kaum ſeiner inne mächtig. Jetzt, mein Bruder, ſagte der König, als er die Thür des Kabinets hinter ſich geſchloſſen hatte, jetzt zeigen Sie Sich Ihres königlichen Berufes und Ihrer Ahnen werth. Zeigen Sie, daß Sie es verdienen, dereinſt der Beherrſcher eines ganzen Volkes zu ſein. Zeigen Sie das, indem Sie Sich ſelber beherrſchen. Das Fräulein Laura von Pannewitz kann nimmermehr die Ihrige werden. Sie iſt die Gemahlin des Grafen Voß. Der Prinz ſtieß einen ſo durchdringenden, herzzer⸗ reißenden Schrei aus, daß der König ſelber erbleichte, und ein unausſprechliches Mitleid ſeine Seele erfüllte. Seien Sie ſtandhaft, mein armer Bruder, ſagte er milde. Was Sie leiden, habe auch ich gelitten, leidet mehr oder weniger Jeder, den das Geſchick berufen hat, vor der Welt eine erhabene und hervorragende Stellung einzunehmen. Ein Fürſt hat nicht das Recht ſeinem Herzen und ſeinen Neigungen zu leben. Er — 225— gehört dem Volke, der Weltgeſchichte an, und ihnen Beiden muß er ſich ſelber unterordnen. Es iſt nicht wahr, es iſt nicht möglich, ſtammelte der Prinz. Laura kann niemals eines Andern ſein. Laura iſt mein, mir verlobt mit den heiligſten Schwü⸗ ren, und ſie ſoll mein werden Euch und der ganzen Welt zum Trotz. Ich begehre keine Krone und keinen Fürſtentitel, ich will nur ſie, nur meine Laura! Es iſt nicht wahr, ſage ich, daß ſie ſich dem Grafen Voß vermählt hat. Es iſt wahr! flüſterte eine leiſe, von Thränen er⸗ ſtickte Stimme hinter ihm. Der Prinz wandte ſich haſtig um; ſein wilder Blick begegnete den ſanften, traurigen Augen Laura's, die mit einem Ausdruck un⸗ beſchreiblicher Liebe auf ihm ruhten. Die Königin Eliſabeth hatte, der Verabredung mit dem König gemäß, die junge Gräfin Voß hierher ge⸗ führt, und hatte ſich dann leiſe in das anſtoßende Gemach zurückgezogen. 6 Ich will Ihrer untergehenden Liebe ein letztes Abendroth gönnen, mein Bruder, ſagte der König ſanft. Nehmen ſie Abſchied von Ihrer verſcheidenden Sonne, aber vergeſſen Sie nicht, daß wenn die Sonne auch untergegangen, immer noch die Sterne da ſind, welche auch leuchten und glänzen, wenn ſie auch keine Blüthen und keine Wärme erzeugen können. Er nickte ſeinem Bruder freundlich zu und folgte dann ſeiner Gemahlin in das Nebengemach. Der Prinz blieb mit Laura allein. Was ſie dort geſprochen und einander zugeſchwo⸗ ren, hat Niemand Jemals erfahren. Anfangs hörte der im Nebengemach verweilende König die laute zür⸗ nende Stimme des Prinzen, welche ſich in Verwün ſchungen und bittern Klagen erging. Dann ward Friedrich der Große. III. 15 — 226— dieſe Stimme immer weicher und zarter, ſänftigte ſich zu immer milderen Tönen. Nach einer halben Stunde öffnete der König die Thür, und trat wieder in das Kabinet ein. Der Prinz ſtand in der Mitte des Zimmers, Laura ihm gegenüber, Beide ſahen ſie ſich feſt und thränen⸗ los einander in das bleiche, ſtille Angeſicht; ihre Hände ruhten ineinander. Leben Sie wohl, mein Prinz, ſagte Laura fefſt. Ich reiſe mit meinem Gemahl ſogleich ab. Leben Sie wohl. Wir werden uns niemals wiederſehen. Wir werden uns wiederſehen, ſagte der Prinz mit einem matten Lächeln. Wir werden uns wiedex⸗ ſehen, aber das wird in einer anderen, in einer beſ⸗ ſeren Welt ſein. Ich werde zuerſt dort ſein, Sie zu erwarten, Laura!*) Sie drückten ſich noch einmal die Hände. Dann *) Der Prinz Auguſt Wilhelm ſtarb im Jahre 1756 nach traurigen und ſchmerzvollen Jahren der Einſamkeit und des Kummers, zerfallen mit ſeiner Familie und dem Könige. Nie⸗ mand von ſeiner Familie war während ſeiner letzten Krank⸗ heit in Oranienburg bei ihm, auch ſeine Gemahlin nicht, welche in Berlin mit ihren Kindern wohnte, und lange ſchon in ſtill⸗ ſchweigender Scheidung von ihrem Gemahl lebte.— Der Sohn des Prinzen Auguſt Wilhelm, der nachherige König Fried⸗ rich Wilhelm der Zweite, die unglückliche Liebe ſeines Vaters zu dem Fräulein von Pannewitz kennend und ehrend, rief die Gräfin von Voß an ſeinen Hof zurück und ernannte ſie zur Oberhofmeiſterin ſeiner Gemahlin. Die Gräfin Voß, welche bis dahin niemals wieder bei Hofe erſchienen war, folgte in⸗ deſſen dem Rufe des Sohnes dieſes einſt ſo heißgeliebten Prin⸗ zen Auguſt Wilhelm. Sie kehrte nach Berlin zurück, und ihre Anmuth, Grazie, Hoheit und Würde erregte die Bewunderung des ganzen Hofes. Lord Elgin, der engliſche Geſandte adreſ⸗ ſirte einen Brief an ſie folgendermaßen: An die Gräfin Voß. Phoxne Oberhofmeiſterin. Thiébault, Vol. II, pag. 63 ort findet man auch nahere Notizen uüber das Liebesverhält⸗ niß des Prinzen und des Fräulein von Pannewitz. — 227 wandten Beide ſich um. Laura kehrte in den Neben⸗ ſaal zurück, wo der Graf Voß ſie erwartete. Kommen Sie, mein Gemahl, ſagte ſie. Ich bin bereit, Ihnen zu folgen, und ſein Sie gewiß, daß ich Ihnen immer eine treue und ergebene Gattin ſein werde. Mein Bruder, ſagte der Prinz Auguſt Wilhelm, dem König die Hand darreichend, ich ſträube mich nicht mehr. Treffen Sie immerhin Ihre Vorbereitun⸗ gen. Ich werde mich, wie Sie es wünſchen, der Prinzeſſin von Braunſchweig vermählen. XVIII. Der Abſchied des Herrn von Pöllnitz. Am Morgen nach dem Balle trat der Baron von Pöllnitz in das Kabinet des Königs ein. Sein Ge⸗ ſicht war verlegen und niedergeſchlagen, und es ge⸗ ſchah ihm, was ihm noch niemals geſchehen war, er konnte keine Worte finden für das, war er zu ſagen hatte. Des Königs blitzende Augen ruhten mit einem ver⸗ achtungsvollen und ironiſchen Ausdruck auf ihm. Pöllnitz, ſagte er, Er iſt im Begriff, glaube ich, mich zu Seinem Beichtvater zu machen, und mir ir⸗ gend eine Sünde zu beichten. Sein Geſicht hat ganz und gar eine arme Sünder⸗Phyſionomie. 8 Majeſtät, ich würde nichts dawider haben, ein Sünder zu ſein, wenn ich nur nicht Hwitklic auch ein armer Sünder wäre, erwiderte Pöllnitz achſel⸗ zuckend. Ah, alſo wieder Schulden, wieder Gläubigernoth, rief der König. Wahrlich, ich bin dieſer ewigen Litanet müde, und ich verbiete Ihm, mir ſeine jammervolle Noth wiederum zu klagen. Was man ſelbſt verſchuldet hat, das muß man tragen, und wer eine Gefahr herauf⸗ beſchwor, muß ſie auch zu bekämpfen wiſſen. Ew. Majeſtät will alſo nicht die Gnade haben, mir beizuſtehen? Ew. Majeſtät will mir nicht hülf⸗ reiche Hand leiſten, um aus dieſem Abgrund hervor⸗ zuſteigen, in welchen meine Gläubiger mich geſtürzt haben? Da ſei Gott vor, daß ich das Geld, welches ich jetzt zu Soldaten und Kanonen gebrauche, für einen Pöllnitz hingeben ſollte, rief der König ernſt. Dann, Majeſtät, ſagte der Baron leiſe und zag⸗ haft, dann bin ich gezwungen, Ew. Majeſtät um die Gnade anzuflehen, mir meinen Abſchied zu geben. Seinen Abſchied! Hat er vielleicht im Monde einen närriſchen Fürſten entdeckt, welcher Seine elenden Späße und boshaften Verleumdungen und Klatſche⸗ reien noch höher bezahlen will, als der König von Preußen? Nicht im Monde, Sire, giebt es ſolch ein när⸗ riſches Individium, ſondern im Deutſchen Reich, aber es iſt kein Fürſt, ſondern ein ſchönes junges Mäd⸗ chen, welches ſich glücklich ſchätzt, die Baronin von Pöllnitz werden zu können, und meine Schulden zu bezahlen. Und man ſperrt dieſes Mädchen nicht in ein Toll⸗ haus ein? rief der König. Nun, vielleicht hält man das Haus des Barons von Pöllnitz für eine Straf⸗ . anſtalt, und bringt ſie hinein, um ſie für ihre Sünden zu ſtrafen. Hat das Mädchen, die reich genug iſt, eines Pöllnitzens Schulden zu bezahlen, keine Verwandte? Sie hat beide Aeltern, Sire, und Beide heißen mich mit Freuden als ihren Sohn willkommen. Meine Braut wohnt in Nürnberg und iſt die Tochter einer angeſehenen Patrizierfamilie. Und ſie kauft Sie, weil ſie den Baron von Pöll⸗ nitz für allerliebſten Nürnberger Tand hält, ſagte der König lachend. Nun, ich habe nichts dawider. Und was Seinen Abſchied anbetrifft, ſo will ich Ihm den ſelben aus vollem Herzen bewilligen. Setze Er Sich, ich will Ihm ſeinen Abſchied ertheilen, und Er ſelber ſoll die Abſchiedsordre, die ich ihm dictiren werde, ſchreiben.— Er winkte nach dem Schreibtiſch hin. Pöllnitz begab ſich dorthin, und dem königlichen Befehl fol⸗ gend, nahm er Platz, und griff nach Feder und Papier. Der König, die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging langſam im Zimmer auf und ab. Sein edles ſchönes Angeſicht war ernſt und gedankenſchwer, und ſeine großen blauen Augen ſchoſſen ironiſche Blicke auf Pöllnitz hin. Schreibe Er alſo, ſagte er, ich will Ihm ſeinen Abſchied und ſein Ehrenzeugniß geben. 1 Und der König dictirte dem zitternden, in heim⸗ licher Wuth erbebenden Baron von Pöllnitz ſolgenden Abſchied: Wir Friedrich ꝛc. thun kund und zu wiſſen, daß der Baron von Pöllnitz, aus Berlin gebürtig, und ſo viel Uns bekannt, von ehrlichen Eltern abſtammend, Kam⸗ merjunker bei Unſerem Hochſeligen Großvater, preis⸗ würdigen Andenkens, wie auch in Dienſten der Her⸗ zogin von Orleans in der nämlichen Eigenſchaft, Oberſter — — 230— in ſpaniſchen Dienſten, Rittmeiſter in der Armee des verſtorbenen Kaiſers, Kämmerer des Papſtes, Kammer⸗ herr des Herzogs von Braunſchweig, Fähndrich in Dienſten des Herzogs von Weimar, Kammerherr in Dienſten Unſeres Höchſtſeligen Vaters, hochbeglückten Andenkens; endlich und zuletzt Ober⸗Ceremonienmeiſter in Unſern Dienſten, da er ſich von dem Strom der eehrenvollſten Militärwürden und der höchſten Hofbe⸗ ddienungen, die nach und nach über ſeine Perſon aus⸗ geſchüttet worden, ganz überſchwemmt geſehen, dadurch dder Welt müde geworden, und verführt durch das ſchlechte Beiſpiel des Kammerherrn Montaulieu, der kurz vor ihm aus dem Hofdienſt gelaufen, bei Uns, nämlich beſagter Baron von Pöllnitz, nachgeſucht und unterthänigſt gebeten, ihm zur Aufrechthaltung ſeines guten Rufs und Namens, einen ehrlichen Abſchted in Guaden zu ertheilen. 3 3 Da Wir, mit Berückſichtigung ſeiner Bitte, es nicht für gut finden, ſeiner guten Aufführung das Zeugniß zu verſagen, um das er gebeten hat, wegen der höchſt wichtigen Dienſte, welche er Unſerem königlichen Hofe durch ſeine Späße und Schwänke geleiſtet, und des Zeitvertreibs, welchen er neun Jahre lang Unſerem Höchſtſeligen Herrn Vater bereitet hat; ſo nehmen Wir keinen Anſtand, zu erklären: daß während der ganzen Zeit, die er in Unſeren Dienſten geſtanden, er weder Straßenräuber, noch Beutelſchneider und Giftmiſcher geweſen; daß er weder Jungfern geraubt, noch ihnen Gewalt angethan, noch die Ehre irgend Jemandes gröb⸗ lich verletzt, ſondern ſich ſtets wie ein galanter Mann, ſeiner Abkunft gemäß, betragen, und ſtets von den Gaben, welche ihm der Himmel verliehen, einen geziemenden Gebrauch gemacht hat; nämlich den Zweck zu erreichen, der bei der Schaubühne zum Grunde liegt, und der —— darin beſteht: das Lächerliche der Menſchen auf 8 luſtige und gefällige Art darzuſtellen, um ſolche daduau zu beſſern.* Eben ſo hat er den Rath des Bachus, in Anſehung der Mäßigkeit und Enthaltſamkeit ſtets. ſehr treulich 3 befolgt und die chriſtliche Liebe ſo weit getrieben, daß 1 er den Bauern die Vorſchrift des Evangeliums: geben iſt ſeliger als nehmen, ſtets überlaſſen hat. Er weiß 4 noch ganz genau die Anekdoten von Unſern Schlöſſern 9. und Luſtörtern, beſonders aber hat er ein vollſtändig 1 Verzeichniß Unſers alten Hausgeräths ſich tief ins Gei dächtniß eingeprägt; übrigens verſtand er es, ſich bei Denen angenehm und brauchbar zu machen, welche die Bosheit ſeines Geiſtes und ſeinen Mangel an gutem Herzen kannten. Ferner geben Wir auch dem beſagten Baron das Zeugniß, daß er Uns nie zum Zorn gereizt, als nur, wenn er durch ſeine Unverſchämtheit alle Grenzen der Ehrfurcht überſchreitend, auf eine unwürdige und un⸗ erträgliche Weiſe die Aſche Unſerer glorreichen Vor⸗ fahren zu entweihen und zi entehren ſuchte. Da man aber in den ſchönſten Gegenden unfrucht⸗ bare und wüſte Stellen findet, die ſchönſten Körper ihre Unförmlichkeiten haben und die Gemälde der 4 größten Maler nicht ohne Fehler ſind, ſo wollen Wir mehrgedachtem Baron ſeine Gebrechen und Fehler zu Gute halten, und ertheilen ihm, obgleich ungern, den nachgeſuchten Abſchied, und wollen übrigens das ihm anvertraute Amt gänzlich aufheben und abſchaffen, um dadurch das Andenken daran unter den Menſchen gänzlich zu vertilgen, dafürhaltend, daß nach beſagtem Baron kein Menſch würdig ſei, es ferner zu bekleiden. Friedrich. ——— Druck von W. Pormetter in Berlin. 2 o S 2 I 8 Vnnnnnnnnmanmnennnnnſſſihſüiif 12 13 14 15 1 1 10 11 7 18 19 6