Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Biüliathet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uh offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für gchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 NMk. 50 Pf. 2 Nk. Pf. 2— I A—, u 1I.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, vex⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Friedrich der Große und ſein Hof. Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach. Vierte(Supplement⸗) Abtheilung. Johaun Gotzkowsky. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Dritter Band. Berlin, 1858. Verlag von Otto Janke. 9 Johaun Gotzkowsky 8 oder Friedrich der Große und ſein Kaufmann. Von L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Dritter Band. Berlin, 1858 Verlag von Otto Janke. — 1 J. Friedrich der Große in Meißen. Die große Schlacht von Torgau war geſchlagen, und nach ſo vielen Hämpfen und nach ſo blutigem Siege ruhte das Pr ißiſche Heer und träumte mit inniger Befriedigung von ſeinen Winterquartieren, welche es diesmal in Sachſen zu finden hoffte. Das preußiſche Hauptquartier befand ſich vorläufig in Meißen, und im dortigen Schloß wohnte für einige kurze Tage der Ruhe der König, welcher ſeit man⸗ chem Jahr von der Größe und Macht ſeiner Stellung nur die Drangſalen und Gefahren empfunden, der König, welcher oft mit Hunger und Sorge, mit täg⸗ licher Entbehrung und Todesgefahr kämpfte, und wel⸗ cher eines Tages, ermüdet von dem nächtlichen Schla⸗ fen auf dem kalten Erdboden, ſeinem Adjutanten auf⸗ trug, ein Bund Stroh zum Nachtlager für ſeine Per⸗ ſon mitführen zu laſſen. Gozkowoky III. 1 Der König hatte Sachſen lange geſchont, es jam⸗ merte ihn dieſes ſchönen, von Drangſalen heimgeſuch⸗ ten Landes,*) aber Sachſen mußte endlich auch als feindliches Land behandelt werden, da es die edle und ſchonende Milde Friedrichs nicht anerkennen wollte und ſich mit fanatiſchem Eifer zu ſeinen Fein⸗ den geſellte. Nun zeugten bald ſeine zerſtörten Saat⸗ felder, ſeine ſtillſtehenden Fabriken, ſeine verarmten Städte und ſeine verlaſſenen Dörfer von ſeiner Noth und von dem Jammer des Krieges. In dieſem Augenblick aber herrſchte Ruhe und Stille in den feindlichen Lagern. Man war auf bei⸗ den Seiten zu ermattet, um einen neuen Kampf wagen zu können, und beide Theile mußten ſich, aus 1 eigener Erſchöpfung aller Kräfte, ein wenig Zeit und 3 Ruhe gönnen. Zudem war der Winter mit unge⸗ wöhnlicher Strenge frühzeitig hereingebrochen und hatte dem Feldzug für das Jahr 1760, wie es ſchien,. ein Ende gemacht. Man ſtritt ſich nur noch um die Zinterquartiere, und es war daher nach dem Siege ei Torgau des Königs erſtes Bemühen geweſen, den —— 4— *) In einem Brief an Algarotti, datirt aus Freiberg,+₰ den 10. März 1760, ſchreibt der König: Cette cam- agne vient d'abimer la Saxe. J'avais ménagé ce ean pays autant que la fortune me l'avait permis; mais à present la desolation est partout et sans Patlen du mal moral que cette guerre pourra faire, 6, mal physique ne sera pas la moin re, et nous P'échapperons bien si la Peste ne s'en suit pas. 4‿ * Oeſterreichern den Rückzug nach Dresden abzuſchnei⸗ den, oder ſie mindeſtens aus dieſer Stadt zu ver⸗ treiben.„Aber ſie haben uns von der Höhe ihrer Berge ausgelacht, ſchreibt der König an die Gräfin Camas. Ich bin ſtehenden Fußes wieder zurück⸗ gegangen und habe mich, wie ein kleiner Junge, vor Verdruß in eins der verwünſchten ſächſiſchen Dörfer verſteckt. Ich verſichere Sie, ich führe ein wahres Hundeleben, das, Don Quixote ausgenommen, Nie⸗ mand noch außer mir geführt hat.“ Indeß hatte Friedrich dieſes„verwünſchte ſächſiſche Dorf“(Neuſtadt) verlaſſen, und war nach Meißen gegangen, womit denn des Königs„Hundeleben“ auf einige Zeit der Behaglichkeit und Ruhe hatte weichen müſſen. König Friedrich hatte alſo für einige ſtille Wochen das Schwert bei Seite gelegt und der Feldherr hatte ſich wieder in den königlichen Dichter und Gelehrten verwandelt, welcher ſeine Zeit zwiſchen Muſik und Poeſie, zwiſchen ernſten Studien und dem Schreiben an ſeine Freunde theilte, denen er Briefe ſchrieb, in— welchen ſich ſeine erhabene, große Denkungsart, ſeine von allen Vorurtheilen geläuterte Seele in ihrer gan⸗ zen Schönheit und Kraft offenbarte. Der König war allein in ſeinem Arbeitszimmer. Er hatte eben einen Brief an den Marquis d'Argens vollendet, den er aufgefordert, ihm von ſeiner Gallerie in Sansſouci Nachricht zu geben, und ihm von den Fortſchritten derſelben zu erzählen. 1 Der König legte die Feder nieder und lehnte ſich einen Moment in ſeinen Seſſel zurück. Sein ſonſt ſo glühendes, ſcharfes Auge hatte jetzt einen milden ſanften Ausdruck und ein leiſes Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen, edel geformten Lippen. Er hatte einen Augen⸗ blick des Kriegsgetümmels und der Sorge vergeſſen, und träumte ſich hinüber in ſein geliebtes Para⸗ dies, in ſein Sansſouci, wo es dem Helden vergönnt war, Dichter zu ſein, und wo der König ſich auf einige genußreiche Stunden ſeiner Wür⸗ den entäußern konnte, um ſtatt des thronenden errſchers und Regierers der heitere Weiſe, der lä⸗ chelnde Sohn der Muſen zu ſein. Der König, angelächelt von dieſen Erinnerungen glücklicher Tage, erhob ſich und griff nach ſeiner Flöte, welche, einem ausdrücklichen Befehl gemäß, immer auf ſeinem Schreibtiſch liegen mußte. Er ſetzte ſie an die Lippen und begann ein Adagio zu ſpielen, in en Vortrag er bekanntlich einer der größten Vir⸗ ſen ſeiner Zeit geweſen. Und der Zug der Töne rauſchte auf und es klagte und flötete und umwogte ihn mit bezaubernden Melodieen. Niemand konnte dieſe ſo edel vorgetragene, ſo tief empfundene Muſik in ſeiner innerſten Seele getroffen und ſein Herz von ſanfter Rührung geſchwellt zu fühlen. Generäle und di heldenhaften Krieger, da war der Ziethen und der tapfere Schwerin und der General des königlichen Künſtlers vernehmen, ohne ſich davon Drinnen ſtanden ſie im Vorzimmer, die ernſten. b⸗ — — von Saldern, und ihre narbendurchfurchten, ſtrengen Züge hatten einen weichen, rührenden Ausdruck, als ſie, an die Wand gelehnt, in athemloſem Schweigen dem Flötenſpiel ihres Königs zuhörten. Aber plötzlich verſtummten dieſe Töne. Ihnen, dieſen tapfern, wenig verwöhnten Kriegern, hatte dieſes Spiel ſo herrlich gedünkt, aber der König war nicht zufrieden mit demſelben; er, welcher den königlichen Tonkünſtler von Sansſouci im Gedächtniß hatte, ver⸗ langte von dem durch Kriegsnoth und Ungemach um⸗ hergetriebenen König, daß er nichts verloren haben ſolle an der Fülle des Tons, an der Kraft und Energie des Vortrages. Es verdroß ihn, daß dieſe Töne nicht mehr ſo rein hervorquollen, es ärgerte ihn, dieſen ſcharfen, ſpitzen Windlaut zu hören, welcher die Me⸗ lodieen wie mit ſchmerzvollen Seufzern begleiten wollte. Er warf die Flöte bei Seite und trat zu einem Spiegel hin, den er mit einem unwilligen Aus⸗ druck vor ſich aufnahm. 3 Es war ſehr ſelten, daß der König es der Mühe werth hielt, den Spiegel um ſein? usſehen und ſeine körperliche Erſcheinung zu befragen, und wenn er es that, ſo geſchah es, um an ſich einem Uebel oder einem Zuge der Hinfälligkeit nachzuſüren, wodurch er ſich in der Freiheit ſeines Weſens beeinträchtigt gefühlt.“ Und während der König ſich ietzt betrachtete, ſtand ein melancholiſcher Ausdruck auf ſeinem Antlitz, und ſeine Augenbrauen umwölkten ſich. Was war es, was den tapfern Helden, den ſieg⸗ gewohnten König ſo verſtimmte? Er hatte gewahrt, daß ſchon der zweite Vorder⸗ zahn abgebrochen. Die dadurch entſtandene Lücke war die natürliche Erklärung ſeines unreinen Flötenſpiels. Er warf unwillig den Spiegel bei Seite und ging mit gerunzelter Stirn und haſtigen Schritten einige Male im Zimmer auf und ab. Aber allgemach trat ein anderer Ausdruck in ſeine Züge, und ein ſarkaſtiſches Lächeln umſpielte ſeinen Mund. Er trat wieder zum Schreibtiſch, auf wel⸗ chem immer mehrere angefangene Briefe lagen, und indem er unter denſelben das an die Gräfin von Camas angefangene Schreiben hervornahm, ſagte er leiſe: die gute Gräfin hat mich nach meinem Aus⸗ ſehen und meiner Perſon gefragt. Nun wohl, ich bin ganz in der Laune, ihr mein Portrait zu zeichnen! Er nahm noch einmal den Handſpiegel und ſchaute lange und aufmerkſam hinein, diesmal nicht mit Un⸗ muth und Aerger, ſondern mit dem heitern Lächeln und der erhabenen Ruhe eines Weiſen. Dann ſetzte er ſich und ſchrieb:„Sie fragen um mein Ausſehen, meine liebe Mutter? Dieſe Unord⸗ nung des Krieges hat mich ſo alt gemacht, daß Sie mich kaum mehr kennen würden! An der rechten Seite des Kopfes iſt mir das Haar ganz grau ge⸗ worden, meine Zähne brechen ab und fallen aus; mein Geſicht iſt faltig wie das Falbala an einem Weiberrock, der Rücken gekrümmt wie bei einem „ Mönch von La Trappe. Nur das Herz bleibt mir unverändert, und wird, ſo lange ich athmen werde, die Geſinnungen der Hochachtung und der zärtlichſten Freundſchaft für Sie, gute Mama, bewahren!”*) Und indem der König jetzt dieſe Schilderung ſei⸗ ner Perſönlichkeit noch einmal durchlas, brach er in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Dann ſchob er den Brief bei Seite und griff nach einem andern Stück Papier und einem Crayon. Stille herrſchte jetzt in dem Kabinet des königlichen Herrn. Draußen vernahm man das einförmige Auf⸗ und Abgehen der Schildwachen, zuweilen irgend einen Trompetenſtoß, ein Pferdegewieher, oder das Kom⸗ mandowort irgend eines Offiziers. Der König achtete auf dieſes Alles nicht. Er war all dieſes Getöſes ſo gewohnt geworden, daß es jetzt faſt klanglos an ſeinem Ohr vorüberrauſchte, und diesmal war er ſo vertieft in ſeine Arbeit, daß er ſogar das ungewohnte Geräuſch, welches jetzt eben die Stille unterbrach, nicht hörte, und es gar nicht beach⸗ tete, daß ein Wagen unter dem ſ chmekternden, luſtigen Klang des Poſthorns in den Schloßhof rollte. 3 Die im Vorſaal ſich befindenden Generäle und Hofherren waren aber um ſo mehr dadurch aufmerk⸗ ſam gemacht worden. Denn für ſie hatte es allgemach *) Lettres inédites ou Correspondance de Fred. II. avec Mr. et Madume de Camas. A Berlin 1802. pag. 120. etwas Anziehendes gewonnen, irgend eine Unter⸗ brechung der ſie umgebenden Friedensſtille eintreten zu ſehen, denn die Gewöhnun an das bunte Hand⸗ werk des Krieges hatte ihnen hald Alles, was davon abwich, als unerträgliche Langeweile erſcheinen laſſen. Sie näherten ſich daher den Fenſtern und betrach⸗ teten mit Vergnügen dieſe beſtäubte und beſchmutzte Reiſekaleſche mit den keuchenden vier Poſtpferden, welche eben am Schloßportal till hielt und aus der jetzt eine hohe männliche Geſtalt ſich herauswickelte und in das Schloßthor eintrat. Die Herren im Vorſaal ergingen ſich noch in Ver⸗ muthungen, wer dieſer angekommene Fremde ſein möchte, und ſie ſchienen ſich eben in der Ueberzeugung geeinigt Mharnui daß es Niemad anders ſein könne, als der Marquis d'Argens, als ſich die Thür des Saales öffnete und der Fremde eintrat. Er fragte nach dem dienſethuenden Adjutanten, und als man ihm denſelben bezeichnet, ſchritt er mit ruhigem, würdigem Ausdruck u demſelben hin. Ich bitte, melden Sie mic) ſofort Sr. Maieſtät. Haben Sie die Güte, ihm zu ſagen, daß ich nicht in eigenen Angelegenheiten, ſondern als Abgeſandter der Stadt Berlin, mit Vollmachten von dem Magiſtrat und der Bürgerſchaft verſehen hierhergekommen bin, um die Ehre einer Audienz bei dem König zu erlan⸗ gen, und daß ich ſobald als möͤglich wieder nach Ber⸗ lin zurückkehren muß. 4 Ihr Name, mein Herr? — Ich bin der Kaufmann Johann Gotzkowsky. Die ernſten und ſtolzen Züge des gräflichen Ad⸗ jutanten veränderten ſich ſofort und nahmen einen weichen, gefälligen Ausdruck an. Ah, Gotzkowsky, der reiche und großmüthige Kauf⸗ mann von Berlin, der beſondere Schützling des Königs! Ich eile, Sie Sr. Majeſtät zu melden! Und der Adiutant durchſchritt raſch den Saal und trat in das Boudoir des Königs. Die Generäle indeß näherten ſich Gotzkowsky und ließen ſich von ihm die Belagerung Berlins und das grauſame und ſchonungsloſe Verfahren des Feindes ſchildern und beſtürmten ihn mit Fragen, ob er auf ſeiner Reiſe irgendwo feindlichen Schaaren begegnet oder in ihre Nähe gekommen ſei. Ihr werdet den König heute ſehr verſtimmt fin⸗ den, ſagte der General von Saldern, er hat heute Morgen ſein Kabinet noch nicht verlaſſen, und ohne Zweifel iſt er mit ſehr ernſten Plänen beſchäftigt! Vielleicht ſogar mit dem Plan zu einer Schlacht, ſagte einer der andern Herrn. Denn, wie man ſagt, hat Lacy ſeine Armee vorwärts geſchoben, und ſelbſt Laudon ſoll Dresden verlaſſen haben. Wir werden daher vielleicht noch eine Schlacht haben, und gewiß entwirft der König den Plan zu derſelben! Eben öffnete ſich die Thür des Kabinets und der Adiutant winkte Gotzkowsky einzutreten.. Und während Gotzkowsky den Vorſaal durchſchritt, ſpäheten die Generäle mit ſcharfem Auge durch die — 10— geöffnete Thür, begierig, das Angeſicht des Königs zu ſehen und in dem Ausdruck ſeiner Mienen zu forſchen, ob nicht endlich dieſe unleidliche Waffenſtille durch das thatkräftige Geräuſch des Krieges ſollte unter⸗ brochen werden. Gotzkowsky trat indeß in das Gemach des Königs ein, die Thür ſchloß ſich hinter ihm. Er war jetzt allein mit dem Monarchen, welcher noch immer an ſeinem Schreibtiſch ſaß und den Crayon in raſchen Zügen über das Papier gleiten ließ. Er ſchreibt, ſagte Gotzkowsky zu ſich ſelber, er entwirft vielleicht in der That den Schlachtplan, den die Generäle da draußen mit ſo freudiger Ungeduld erwarten, ja, er ſchreibt, und jeder dieſer flüchtigen Schriftzeichen mag vielleicht viel hundert Menſchen⸗ leben koſten. Und er wagte nicht, durch irgend ein Wort, einen lauten Athemzug auf ſeine Anweſenheit aufmerkſam zu machen. Der König hatte ihm bei ſeinem Eintreten nur flüchtig einen jener ſcharfen und glühend durchboh⸗ renden Blicke zugeworfen, vor deſſen imperatoriſcher Gewalt ſchon mancher Feldherr und mancher Tapfere erbebt war, dann hatte er das Haupt wieder auf das Papier geſenkt. Ein lautloſes Schweigen herrſchte jetzt eine Zeit lang. Plötzlich unterbrach der König dieſe Stille und rief Gotzkowsky mit einem Wink ſeiner Hand an ſeine Seite. 5 — — 11— Seh Er einmal, ob Ihm das gefällt, ſagte er freundlich. Man kennt Ihn ja auch als einen kunſt⸗ verſtändigen Mann, und Er hat mir bewieſen, daß Er Etwas verſteht von der Malerei. Schau er ein⸗ mal dies an und ſage Er, ob es Ihm gut dünkt? Und er reichte Gotzkowsky mit einem freundlichen Neigen des Kopfes das Papier dar, an welchem er bis jetzt gearbeitet hatte. Was war es, was der König mit ſeinem Crayon auf das Papier gezeichnet? War es wirklich, wie ſeine tapfern Generäle wünſchten, ein Plan zu einer bald zu ſchlagenden Schlacht, war es eine philoſophiſche Abhandlung, eine dieſer geiſtreichen und pikanten Epiſteln, mit denen der König ſeine Freunde beglückte? Nichts von dem Allen! Ein Blumenbouquet! rief Gotzkowsky, indem er mit unverhohlenem Erſtaunen bald das Papier, bald den König anblickte. Ew. Majeſtät zeichnen einen Blumenſtrauß und draußen haben die Herren mir anvertraut, daß Se. Majeſtät ſich vermuthlich mit einem Schlachtplan beſchäftige und daß die Oeſter⸗ reicher im Anzug wären. Unſinn! ſagte der König achſelzuckend. Das wilde Volk da draußen will immer Krieg und immer drein hauen. Hör' Er nicht auf ſie und ſag' er mir lieber, ob Ihm dieſe Zeichnung gefällt? Meint Er, daß dieſe Roſen, mit Lilien untermiſcht, ſich gut ausnehmen werden? Ah, ich ſehe, Er will wiſſen, wozu es beſtimmt iſt? Nun, zu einem Porzellanſervice, das — 12— ich für den Marquis d'Argens hier malen laſſen will. Und als er jetzt Gotzkowsky's Blicken begegnete, fuhr der König mit einem anmuthigen Lächeln fort: Ja, ſieht Er, Er iſt reich, Er kann andere Geſchenke machen. Aber der König von Preußen iſt ein armer Mann, er beſitzt nur noch den Rock, den Degen und Porzellan!*) Und das, fügte der König mit einem leiſen Stirnrunzeln hinzu, das mu ich mir auch noch aus Meißen holen. Das ſollt Ihr künftig nicht mehr nöthig haben, Majeſtät! rief Gotzkowsky. Will's Gott, ſo ſoll Ew. Majeſtät Ihr Porzellan in Ihren eigenen Landen prodnciren. Will Er dafür einſtehen? fragte der König gütig. Will Er's beſorgen? Ich will es. Und hör' Er, Er iſt ganz der Mann dazu, ſeinen Willen durchzuſetzen, ſagte der König. Ich bin ſehr mit Ihm zufrieden, Er hat das Vertrauen, das ich ſchon als Kronprinz in Ihn geſetzt, gerechtfertigt und das Wort gelöſt, welches Er mir damals gab. Ich ſchwur Ew. Majeſtät, dem Vaterlande mit Gut und Blut treu zu ſein, rief Gotzkowsky mit edlem Feuer. Und Er hat Wort gehalten! Es iſt nicht ſchwer, *) Des Königs eigene Worte. Siehe die Lettres in- édites etc. S. 124. — 13— Leute zu finden, welche dem Staat in leichten und glücklichen Zeiten dienen, aber die guten Bürger ſind Diejenigen, welche dem Staat in den Zeiten des Unglücks und der Kriſen dienen.*) Er iſt ein guter Bürger! Und indem er Gotzkowsky einen offenen Brief, welcher auf ſeinem Schreibtiſch gelegen, darreichte, ſagte er: Leſe Er einmal! Es iſt ein Brief vom Marquis d'Argens. Leſe Er laut, ich will's auch noch einmal hören! Und Gotzkowsky las mit zitternder Stimme, die Wangen geröthet von edler Scham, die folgende Stelle aus dem Briefe des Marauis, welche der Fin⸗ ger des Königs ihm bezeichnete:„Gotzkowsky iſt in der That ein trefflicher Mann und ein würdiger Bürger. Ich wünſche Ihnen eine Menge, wie Er. Das größte Geſchenk, welches das Glück einem Staat machen kann, iſt ein Bürger, der voll Eifer für das Wohl des Staates und ſeines Fürſten iſt! Und in dieſer Hinſicht muß ich der Stadt Berlin zum Ruhme nachſagen, daß ich in den kritiſchſten Zeiten viele ihrer Einwohner geſehen habe, Gotzkowsky an ihrer Spitze, deren Tugenden die alten Geſchichtsſchreiber Roms, wenn ſie zu ihren Zeiten gelebt hätten, ver⸗ ewigt haben würden.**) *) Des Königs eigene Worte. **) Corréspondance entre Fr. et Mr. d'Argens. Thl. I. pag. 228.. — 14— Iſt Er zufrieden? fragte der König, als Gotz⸗ kowsky geendet und ihm das Papier darreichte. Oh, ich ſehe, Er iſt ein ſehr beſcheidener Mann, und Er wird roth, wie ein junges Mädchen. Aber jetzt ſage Er mir einmal, was führt Ihn her? Was will die Stadt Berlin? Majeſtät, ſagte Gotzkowsky ernſt, die Stadt Ber⸗ lin will ihr gutes Recht. Und wer will es ihr verkümmern? Ew. Majeſtät! Der König runzelte die Stirn und ein zorniger Blitz ſeines Auges traf den kühnen Frevler. Gotz⸗ kowsky fuhr ruhig fort: Ew. Majeſtät, ſage ich, will uns unſer gutes Recht verkümmern, indem Sie uns verhindern will, ehrliche Leute zu ſein, und unſer Wort heilig zu halten. Oh, jetzt verſtehe ich Ihn, ſagte der König lächelnd. Er ſpricht von der ruſſiſchen Kriegscontribution.— Berlin wird ſie nicht bezahlen. Berlin wird ſie bezahlen, damit Ew. Majeſtät ihm in Gnaden gewogen bleiben, Berlin wird ſie be⸗ zahlen, damit der große Friedrich nicht zu erröthen habe vor dieſer wortbrüchigen und ehrloſen Stadt, welche es nicht werth iſt, daß ſie die Reſidenzſtadt der Könige heißt! Oder wie? Möchten Ew. Majeſtät noch dieſen Männern vertrauen, welche ihr verpfän⸗ detes Wort einzulöſen ſich weigerten, welche beſchworne Verträge nur wie eine Maufefalle betrachteten, der man entſchlüpfen kann, ſobald die Gelegenheit gün⸗ — 15— ſtig und die gefährliche Katze nicht mehr vor dem Loche ſitzt? Berlin wird bezahlen, damit unſere Söhne nicht vor ihren Vätern zu erröthen haben, damit die Nachwelt nicht von uns ſagen könne, daß Berlin ſich ſelber das Brandmal der Ehrloſigkeit auf⸗ gedrückt habe. Wir haben unſer Wort verpfändet und wir müſſen es einlöſen? Das müßt Ihr nicht, denn ich will es nicht! rief der König mit zornblitzenden Augen. Ich will Re⸗ preſſalien gebrauchen. Das Reichshofgericht hat mir die Zahlung der Bamberger und Würzburger Wechſel verweigert. Und Ew. Majeſtät haben das höchſt unehrlich und widerrechtlich gefunden, unterbrach ihn Gotzkowsky, und weil Sie das wortbrüchige Reich ſtrafen wollen, ſoll das arme Berlin doppelt geſtraft werden, indem man es noch um das Letzte, was ihm in ſeinen Nöthen und ſeinem Unglück geblieben, indem man es um ſei⸗ nen ehrlichen Namen bringt. Dies kann nicht Ihr Ernſt ſein, Majeſtät. Strafen Sie immerhin den Reichshofrath, aber machen Ew. Majeſtät Berlin nicht zu dem ehrloſen Büttel, der die Strafe zu voll⸗ führen hat. Aber gelüſtet es Euch denn ſo ſehr, Euer Geld los zu werden? fragte der König. Wieviel beträgt die Summe, welche Ihr noch ſchuldet? Anderthalb Millionen, Majeſtät. Der König trat einen Schritt zurück und ſah Gotz⸗ — 16— kowsky erſtaunt an. Und das wollen die Berliner Bürger durchaus bezahlen? Ja, weil ſie ihr Wort verpfändet haben, Majeſtät! Der König ſchüttelte nachdenklich ſein Haupt. Höre Er einmal, ſagte er dann, Er ſcheint mir ein gefährlicher Agitator, der aus meinen friedlichen Ber⸗ liner Bürgern wahre Haimonskinder machen will! Als ich vor einigen Wochen, nach der unglücklichen Kunersdorfer Schlacht, einen expreſſen Courier nach Berlin ſandte, und dem Magiſtrat aufgab, allen Wohl⸗ habenden und Reichen den Rath zu geben, mit Hab und Gut aus Berlin zu retiriren, da iſt mein Rath auch nicht befolgt worden, da hat Er ſelbſt den Ma⸗ giſtrat zum Ungehorſam gegen mich angereizt. In Seiner eigenwilligen Verſtocktheit hatte Er ſogar den kecken Muth, ſich mitten durch die vom Feinde mo⸗ leſtirte Gegend hindurch zu ſchlagen, und hätte Ihn mein Obriſtlieutenant von Prittwitz nicht in jenem Wald gefunden und zu mir in's Dorf gebracht, ſo würde ſich Sein eigenſinniger Kopf vielleicht recht hübſch auf der Lanze irgend eines Koſacken ausge⸗ nommen haben. Und weshalb kam Er? Bloß um mir anzuzeigen, daß die wohlhabenden Berliner lieber zu Hauſe bleiben, und nicht flüchten wollten!*) Ja, wahrhaftig, Er iſt ein ſeltſamer Diplomat, er ſtürzt ſich kopfüber in Lebensgefahr und Drangſal, *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 27. 1 4 1 9 — 172— bloß um Seinem König anzuzeigen, daß ſeine Bür⸗ ger ihm nicht mehr gehorchen wollen! Der König hatte mit anſcheinendem Unwillen ſo geſprochen, aber ſeine Lippen umſpielte ein leiſes Lächeln und ſeine großen blauen Augen waren mit einem Ausdruck unbeſchreiblicher Güte auf Gotzkowsky gerichtet. Sie wollen in dieſem Fall Ew. Majeſtät nicht gehorchen, ſagte Gotzkowsky, juſt, weil ſie's werth bleiben wollen, die Bürger und Unterthanen Ew. Ma⸗ jeſtät zu ſein! Der König ging einige Male mit ineinandergefal⸗ teten Armen auf und ab, dann blieb er vor Gotz⸗ kowsky ſtehen und ſah ibm feſt in die Augen. Jetzt ſage Er mir einmal, wie hat Er's angefan⸗ gen, die Berliner ſo obſtinat und ſo verſchwenderiſch zu machen? Gotzkowsky lächelte. Ew. Majeſtät, die Berliner ſchätzen ihre Ehre höher, als ihr Leben. Der König ſchüttelte haſtig mit dem Kopf. Das red' Er einem Andern vor! Sag' Er's mir, wie hat Er meine Berliner dahin gebracht? Die Wahrheit aber, ſag' Er mir die Wahrheit! Nun wohl, Ew. Majeſtät ſoll die Wahrheit wiſſen, ſagte Gotzkowsky nach einer Pauſe. Ja, ja, die Wahrheit, rief der König, haſtig mit dem Kopfe nickend. Ich will wiſſen, wie Er'’s an⸗ gefangen, den Berlinern ſo viel verwegenen Muth einzublaſen? 3 Gotzkowsky II. 2 — 18— W Die Wahrheit iſt, Majeſtät, daß dies nur der Muth der Feigheit war und daß der wohlweiſe Ma⸗ giſtrat und die Kaufmannſchaft von Berlin ganz ent⸗ zückt war von dieſem Befehl Ew. Majeſtät, die Wech⸗ ſel nicht zu bezahlen und daß ich mir vergeblich Mühe gab, ſie an ihr gegebenes Wort und ihre gefährdete Ehre zu erinnern. Oh, ich wußte es ja! ſagte der König. Meine guten Berliner lieben das Geld ſo gut, wie alle an⸗ dern nichtsnutzigen Menſchenkinder! Weiter! Nun, als ich ſah, daß ſie taub waren für die Stimme der Ehre, da habe ich ſie die Stimme feiger Klugheit vernehmen laſſen! Da habe ich ihnen die Schreckniſſe ausgemalt, wenn der Feind vielleicht noch einmal als Sieger zurückkehrte und dann eine wü⸗ thende Rache nähme an der wortbrüchigen Stadt, da habe ich ſie daran erinnert, daß der Feind ſofort Be⸗ ſchlag legen würde auf alle unſere Effecten in Dan⸗ zig, Kurland und Liefland, und daß man mir im ruſſiſchen Hauptquartier gedroht, unſere Namen als falſche Wechſelſchmiede an allen freien Handelsplätzen anſchlagen zu laſſen.*). Ihr waret alſo auch im ruſſiſchen Lager? Vor vierzehn Tagen, Majeſtät. Der Magiſtrat von Berlin bat mich dieſe Reiſe zu unternehmen, um die durch den ſchnellen Abmarſch des Generals Tott⸗ leben unerledigt gebliebenen Geſchäfte zu Ende führen. *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. S 82. 4 — 19— Und ſind ſie erledigt? Ich habe dem General von Tottleben einen Re⸗ vers ausſtellen müſſen, daß ich in vier Wochen in's ruſſiſche Lager zurückkehren und im Namen der Kauf⸗ mannſchaft weiter mit ihm unterhandeln wolle.*) Man hat mir geſagt, daß der ruſſiſche General die Wechſel über die Kriegscontribution nur anneh⸗ men wolle, wenn Er dafür gut ſagte. Iſt das auch wahr? Es iſt wahr! Und Er hat's gethan? Ich hab's gethan. Des Königs Auge leuchtete in Wohlwollen und Güte. d'Argens hat Recht, ſagte er, Titus Livius und Cornelius Nepos würden von Euch geſchrieben haben! 7 Und er ging wieder nachdenklich im Zimmer auf und ab. Eine lange Pauſe trat ein. Gotzkowsky war kühn genug, ſie endlich zu unterbrechen. Und die Contribution, Majeſtät? Dürfen wir ſie bezahlen? Der König blieb grade vor ihm ſtehen. Die Contribution ſoll bezahlt werden! ſagte er kurz, aber als Gotzkowsky in laute Dankesworte aus⸗ brechen wollte, winkte ihm der König abwehrend mit der Hand. Das heißt, ſagte er gebieteriſch, ich ſelbſt werde dieſe Contribution bezahlen, wenn es nicht *) Ebendaſelbſt S. 74. 3 2* = 20— anders ſein kann. Gehe Er alſo, wie Er's verſprochen hat, in's ruſſiſche Lager zurück, verſuche Er, ob Er eine Verminderung der Summe oder ſonſt einen Vortheil erlangen kann, geht es aber nicht, nun ſo werde ich dieſe anderthalb Millionen für die Stadt Berlin bezahlen! Aber Er muß mir dafür einen Dienſt erzeigen! Welchen, Majeſtät? Was es auch ſein möge, rief Gotzkowsky glühend, ich bin bereit zu jedem Dienſt. für Ew. Majeſtät, und müßte ich ſelbſt mein Leben hingeben! 3 Der König lächelte. Nun, ſo ſchlimm iſt's nicht, obwohl ich etwas von ihm fordern will, was den meiſten Menſchen noch ſchwerer wird, als das Ster⸗ ben,— ich meine das Schweigen! Und indem er ſeine Hand mit einem wohlwol⸗ lenden und liebreichen Ausdruck auf Gotzkowsky's Schulter legte, fuhr er fort: Er ſoll Niemand ver⸗ rathen, was ich Ihm eben geſagt habe, und nur ganz zuletzt, wenn es durchaus Noth thut, ſoll Er den Magiſtrat in's Vertrauen ziehen. Wie, Maieſtät, rief Gotzkowsky ſchmerzlich, Sie wollten Ihren Berliner Bürgern das Glück entziehen, Ew. Majeſtät ihre Dankbarkeit, ihre grenzenloſe Liebe auszudrücken? Berlin ſoll nicht einmal erfah⸗ ren, wie gnädig und gütevoll Ew. Majeſtät ſich ihm beweiſen will? Ich liebe nicht das viele Wortgeklingel und das Kränzewerfen, ſagte der König. Die Leute, welche — 21— uns Lorbeerkränze werfen, würden herzensfroh ſein, wenn ſie mit dem Lorbeerkranz, den ſie werfen, uns zugleich den Kopf blutig ſchmeißen könnten! Er bezahlt die Kriegs⸗Contribution, das heißt, er legt es aus und ich geb's Ihm wieder!*) Das iſt das Ganze, und nun kein Wort mehr davon! Und gleichſam, als fürchte er, Gotzkowsky möge es dennoch wagen, ſeinem Wunſche zuwider zu handeln, fuhr er raſcher fort: Jetzt erzähle Er mir auch ein wenig von Berlin, und vor allen Dingen von unſerer Gallerie in Sansſouci. Wie ſteht'’s damit? Sie iſt vollendet, Majeſtät, und Alles ſtrömt ſchaarenweiſe dahin, ſie zu ſehen. Nur ich muß wie ein Flüchtling und Don Qui⸗ rote mich umher treiben, ſagte der König leiſe in ſich hinein, und kann nicht einmal mein eigenes Haus betreten! Und das nennen ſie„das Glück der Kö⸗ nige!“ ſagte er dann laut, indem er ſich wieder zu Gotzkowsky wandte. Hat Er die Gallerie geſehen, ſeit der Feind darin hauste? Ja, Maieſtät, Fürſt Eſterhazy war dieſer edle Feind. Er hat Sansſouci gehütet, wie ein Heilig⸗ thum, und als er es verließ, hat er nur ein ein⸗ *) Leben eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 85.„Der König bezahlte die Contribution in der That, ganz im Stillen, man weiß kaum, wann und wo.“ Preuß. Ge⸗ ſchichte Friedrich des Gr. Thl. II. S. 256. 3 — 22— ziges kleines Bild als Angedenken mit hinweg ge⸗ nommen!*) Der König nickte freundlich. Ich weiß es, und das iſt die einzige Freude, die ich ſeit langer Zeit ge⸗ habt. Ich werde meine Titians und Correggio's, meine Rubens und Van Cyck's, die Er mir gekauft, einſt wiederſehen!— Aber jetzt erzähle Er mir von Charlottenburg! Wie ſteht's damit? Aber hör' Er! Die Wahrheit! Ich merk's wohl, daß Niemand dar⸗ über mit der Sprache recht heraus, Niemand mir die Wahrheit ſagen will! Sie fürchten meinen Zorn! Aber Er iſt ein tapferer Mann, Er fürchtet ſelbſt die Koſacken nicht, Er wird alſo auch den Muth haben, ſeinem König die Wahrheit zu ſagen! Wie ſteht es mit Charlottenburg? Ich will es wiſſen! Die Sachſen hausten dort? Was thaten ſie? Und jetzt erzählte Gotzkowsky, oft unterbrochen von des Königs heftigen und zornigen Ausrufungen, von dem barbariſchen und grauſamen Vandalismus, den die Sachſen am Schloſſe zu Charlottenburg geübt, von ihrer wilden Zerſtörungswuth und ihrer ſchonungs⸗ loſen Grauſamkeit. Und die Polignac'ſche Sammlung? fragte der König athemlos. Sie iſt faſt ganz vernichtet worden! Der König ſprang von ſeinem Lehnſeſſel empor, und ſeine Augen ſchoſſen zornige Blitze. Jetzt war *) Leben eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 254. — 23— er nicht mehr der Philoſoph von Sansſouci, nicht mehr der Dichter, ſondern der flammende Kriegsheld, den es gelüſtete nach Kampf und blutiger Rache! Erzähle Er! Erzähle Er! Ich will Alles wiſſen! ſagte der König, jedes Wort mühſam hervorſtoßend, und mit großen Schritten auf⸗ und abgehend. Als aber dann Gotzkowsky ihm genaueren Bericht abſtattete, als er ihm von der frevelhaften Barbarei erzählte, welche ſelbſt der Heiligthümer der Kunſt nicht geſchont hatte, da verfinſterte ſich des Königs Angeſicht immer bedenklicher, und einen Moment ſchoß eine glühende Zornesröthe über ſeine etwas blaſſen Wangen hin. Einmal ſtreckte er den Arm drohend empor, als wolle er die Blitze des Himmels herab⸗ ſchleudern auf ſo viel Ruchloſigkeit und Entartung. Als Gotzkowsky geendet, ſagte der König kurz und heftig: Es iſt gut! Sehr gut! Und mit haſtigen Schritten das Zimmer durch⸗ ſchreitend, ſtieß er die Thür auf, welche in den Vor⸗ ſaal führte, und rief: Saldern! Sofort erſchien der General von Saldern in der geöffneten Thür. Der König befahl ihm einzutreten, und die Thür zu ſchließen, dann ſagte er mit kurzem, entſchiedenem Ton:„Er geht morgen mit einem De⸗ taſchement Infanterie und Kavallerie in aller Stille nach Hubertsburg, beſetzt das Schloß, läßt alle geld⸗ werthen Meubles ſorgſältig aufſchreiben und einpacken. Ich will nichts davon haben, ich werde das daraus — 24— gelöſte Geld dem Lazareth aſſigniren, und Ihn auch nicht vergeſſen! Eine Pauſe trat ein. General von Saldern blieb unbeweglich, in ſteifer, militäriſcher Haltung an der Thür ſtehen. Der König ſah ihn erſtaunt an. Nun, hat Er's gehört? Ich hab's gehört, Majeſtät! ſagte der General. Aber Ew. Majeſtät halten zu Gnaden, dies iſt wider meine Ehre und meinen Eid! Der König zwang ſich ſichtlich gelaſſen zu ſein, denn er liebte den General Saldern als einen tapfern und edlen Offizier. 4 Er würde Recht haben, ſagte er, wenn ich dieſes desperate Mittel nicht zu einem guten Zweck ge⸗ prauchen wollte. Aber, höre Er einmal: der Kopf der großen Herrn fühlt es nicht, wenn den Unter⸗ thanen die Haare ausgerauft werden; man muß ſie da angreifen, wo es ihnen ſelbſt wehe thut! Und das will ich! Der Churfürſt von Sachſen ſoll erfahren, wie es thut, wenn Einem das liebſte Eigenthum zer⸗ ſtört wird! Wir wollen ihn lehren, menſchlich und geſittet zu ſein! Er geht daher nach Hubertsburg und thut, wie ich Ihm geſagt habe! General Saldern's Antlitz war bleich geworden, und ein tiefer Schmerz ſprach aus ſeinen Zügen, als er ernſt und feſt erwiderte: Ew. Majeſtät ſchicken mich ſtehenden Fußes, den Feind und deſſen Bat⸗ terieen anzugreifen, ſo werde ich herzhaft gehorchen; 1 — 25— aber wider die Ehre, Eid und Pflicht kann ich nicht, darf ich nicht! Der König ſtampfte wild mit dem Fuße, und ſeine Augen flammten in drohendem Zorn. Er wird ge⸗ horchen, wie es Seine Pflicht iſt! Er hat auf keine andere Stimme zu hören, als auf die befehlende Stimme ſeines Königs, ſagte er mit donnerndem Ton. General Saldern erwiderte ruhig: Doch, Majeſtät, ich muß der Stimme meiner Ehre gehorchen! Ew. Majeſtät werden dieſe Commiſſion leicht einem An⸗ dern übertragen können! Der König wandte ſich mit unwilligem Stirn⸗ runzeln ab und ging haſtigen Schrittes auf und nieder. Dann blieb er neben Saldern ſtehen und legte ihm ſanft die Hand auf die Schulter. Höre Er, Saldern, gehorche Er! Gehe Er nach Hubertsburg. Ich kann nicht, Majeſtät! Er will alſo nicht reich werden! ſagte der König, indem er ſich abwandte. Er wird ſeinen Abſchied nehmen! Ich kann keine Soldaten gebrauchen, welche nicht den Gehorſam als ihre erſte Pflicht betrachten! Ich will hiermit um meinen Abſchied gebeten haben, Majeſtät! Er hat ihn! Gehe Er!*) *) Dieſe Unterredung des Königs mit dem General von Saldern iſt hiſtoriſch und wortgetren. Siehe darüber: General von Saldern machte eine militairiſche ſtumme Verbeugung, und verließ das Gemach. Gehe Er auch! ſagte der König zu Gotzkowsky, welcher ein ſchweigender, unfreiwilliger Zeuge dieſer Scene geweſen war. Gehe Er und ſage Er meinem Adiutanten, er ſolle mir ſogleich den Quintus Icilius holen!. Wenige Minuten ſpäter trat der Major Quintus Jcilius zum König ein. Er geht nach Hubertsburg mit einem Detaſche⸗ ment Infanterie und Kavallerie, und räumt das Schloß aus, ſagte der König mit barſchem Ton. 5 Der Major Quintus Jcilius hütete ſich wohl, dem Könige zu widerſprechen. Er hatte ſchon im Vorzimmer von Saldern's Schickſal erfahren, zudem widerſprach dieſer Auftrag ſeinen Neigungen ganz und gar nicht. Er liefert nur hunderttauſend Thaler für das Laza⸗ reth ab, das Uebrige kann Er für ſich behalten! fuhr der König fort. Zu Befehl, Majeſtät! Soll ich ſogleich auf⸗ brechen?. Der König warf ihm einen unwilligen Blick zu. Hat Er's ſo eilig, reich zu werden? ſagte er. Geh' Sharatterzüge des G. L. von Saldern, von C. D. Küſter. Berlin 1793. Seite 39.— General von Saldern ver⸗ ließ die Armee, trat aber nach dem Frieden mit hohen Ehren und Auszeichnungen wieder ein. — 27— Er, ich werde ihm Zeit und Stunde noch näher be⸗ ſtimmen!*) Als der König wieder allein war, ging er lange noch ſinnend und tiefernſt in ſeinem Kabinet auf und ab. Einmal blieb er am Fenſter ſtehen, und ſeine ſtrahlenden blauen Augen richteten ſich mit einem ſchwermüthigen Ausdruck gen Himmel. Arme Narren, die wir ſind, ſagte er ſeufzend, haben nur einen Augenblick zu leben, und machen uns dieſen Augenblick ſo bitter, als nur irgend mög⸗ lich iſt, und gefallen uns darin, die Meiſterwerke der Induſtrie und Kunſt zu zerſtören, indem wir uns ſelber damit ein fluchwürdiges Denkmal unſerer Ver⸗ heerungen, und unſerer Grauſamkeit aufrichten!**) *) Erſt im Mai 1761 kam der Befehl des Königs zur Ausführung, der Major Quintus Icilius zerſtörte Schloß Hubertsburg auf eine rohe und barbariſche Weiſe, nichts als die kahlen, zerſchlagenen Wände übrig laſſend. Der König war anſcheinend zufrieden damit, als aber der Major im Jahre 1764 um Vergütigung des für ſeine Capitaine zur Werbung baar ausgelegten Geldes an⸗ ſuchte, ſchrieb der König eigenhändig die Antwort an den Rand der Eingabe:„Seine Officiere haben wie die Raben geſtohlen, Sie kriegen nichts.“ **) Des Königs eigene Worte. II. Das Winterquartier in Leipzig. Der König von Preußen hatte Meißen verlaſſen und ſich nach Leipzig in die Winterquartiere begeben. Die Wahl dieſer Stadt war aus einem eigenthüm⸗ lichen Bedürfniß des Königs hervorgegangen. Er wollte den Winter in einer Univerſitätsſtadt zubringen, und ſtatt der rauhen Gefährten des Krieges wollte er ſich einmal wieder mit Gelehrten und Künſtlern, mit Dichtern und Muſikern umgeben. Er rief ſeine Kapelle von Berlin herbei, und lud die Profeſſoren der Univerſität Leipzig an ſeine Tafel. So ſah ſich Leipzig, die reiche und luxuriöſe Kauf⸗ mannsſtadt, für einige Monate in eine Königliche Reſidenz verwandelt, aber ſie hatte dieſer Wandlung ſich nur widerwillig unterzogen, und es war ganz gegen ihren Wunſch geweſen, daß ſie ſtatt der Bun⸗ destruppen den preußiſchen König in ihren Mauern aufnahm. 3 Der König wußte das und übte darum auch kein — 29 Erbarmen mit dieſer an Geld und Gut reichen Stadt, deren unwillkommener Gaſt er geworden. Hätte Leipzig das preußiſche Heer freundlicher und bereitwilliger aufgenommen, ſo würde ihm ge⸗ wiß Schonung widerfahren ſein, aber das trotzige und mürriſche Betragen dieſer Stadt, ſeine glühende Par⸗ teinahme für Oeſterreich, deſſen Bundesgenoſſe Sachſen war, konnte natürlich die Erbitterung des Königs nur ſteigern, und ſeinen Unmuth nur höher treiben. Wenn Leipzig die Preußen als Feinde betrachten wollte, ſo galt es, ihm auch als Feind gegenüber zu ſtehen und als ſolcher an ihm zu handeln. Ungeheure Contributionen wurden der Stadt auf⸗ erlegt, und trotz des frühern ſchriftlichen Verſprechens des Königs, daß die von der Stadt Leipzig zu lei⸗ ſtenden Lieferungen die Höhe von fünfmalhundert⸗ tauſend Thalern nicht überſteigen ſollten, wurden jetzt immer neue Forderungen gemacht, immer neue Con⸗ tributionen ausgeſchrieben. Vergebens bat und flehete der Magiſtrat un Erbarmen und Gerechtigkeit, ver⸗ gebens betheuerte die Kaufmannſchaft, daß ihre Mittel erſchöpft und ſie außer Stande wäre, noch fernere Zahlungen zu beſtreiten. Man beſtand feſt und mit eiſerner Beharrlichkeit auf den einmal geſtellten, in's Ungeheure gehenden Forderungen, und da die wider⸗ ſpenſtige Stadt nicht. aufhörte ſich zu, widerſetzen, ſuchte man ſie durch Drohungen einzuſchüchtern. Man ließ Pechkränze an den Häuſern aufhängen, und ſchwur, die ganze Stadt in Aſche zu legen, wenn Leipzig nicht ſofort die verlangte Million Thaler be⸗ zahlen würde! Aber die unglücklichen Bewohner Leipzigs waren ſchon zu dieſem Höhepunkt der Ver⸗ zweiflung angelangt, wo man auf Alles gefaßt iſt, und nichts mehr fürchtet, weil man nichts mehr zu verlieren hat.— Sie erklärten, nicht zahlen zu können, und boten an, ihr Wort mit dem Tode beſiegeln zu wollen.— Man nahm nun freilich die Pechkränze wieder von den Häuſern fort, aber man bemächtigte ſich da⸗ für der angeſehenſten und reichſten Einwohner von Leipzig und ſperrte ſie ein, man verſchonte ſelbſt die Behörden nicht und ließ ſogar die erſten Beamten des Magiſtrats die Gefängniſſe der Stadt beziehen. In unwürdigſter Weiſe, einer Heerde Schafe gleich, ſperrte man ſie ein in Räumen, die kaum im Stande waren, die Schaaren dieſer Unglücklichen, zu faſſen, feuchtes Stroh war ihre Lagerſtätte, und Brod und Waſſer ihre einzige Nahrung, welche ihnen mit grau⸗ ſam höhnenden Worten von ihren preußiſchen Kerker⸗ meiſtern dargereicht wurde. 3 Aber ſelbſt dieſen ward dieſe Laſt endlich zu groß, ſie ermüdeten in ihrem grauſamen Dienſt, und ſuchten ihn ſich zu erleichtern. Man hatte anfangs einhun⸗ dert und zwanzig Gefangene gehabt, aber nach vier⸗ zehn Tagen nutzloſer Qual entließ man die größte Zahl derſelben, und behielt nur ſiebenzehn zurück, die allerdings aus den reichſten und vornehmſten Bewohnern Leipzigs beſtanden. Und dieſe armen — 21— Geißeln, dieſe verwöhnten Söhne des Reichthums und des Luxus, hatten jetzt die ganze Schwere des Unglücks, den ganzen Zorn des ſiegreichen Feindes zu tragen. Sie, welche das Leben verwöhnt und weichlich gemacht, mußten ſich jetzt den größten Ent⸗ behrungen, den härteſten Leiden unterziehen. Der kalte Erdboden war ihr Lager, ein hingeworfenes Stück Brod ihre Nahrung und ein Feſttag war es für ſie, wenn es vielleicht irgend einer der ſchönen Frauen Leipzigs gelungen war, die Erlaubniß zum Beſuch des gefangenen Gatten oder Bruders zu er⸗ langen, und dieſe unter dem ſeidenen Gewande ein Stückchen Fleiſch oder ein Töpfchen Suppe für ihre Märtyrer hatten bergen können!*) 1 Dieſe Grauſamkeiten würden ohne Zweifel ge⸗ mindert und abgeſtellt worden ſein, wenn der König genauere Kunde davon gehabt, oder wenn er geglaubt hätte, daß dieſe Zahlungsunfähigkeit Leipzigs kein nichtiger Vorwand, ſondern der Wahrheit gemäß ſei. Aber der König, gelangweilt von den ewig wieder⸗ holten Klagen, mißmuthig über das widerwillige Be⸗ tragen Leipzigs, und eingedenk des vandaliſchen Be⸗ nehmens der Sachſen in Charlottenburg, hatte ſtrengen Befehl ertheilt, ihn nicht ferner mit dieſer Angelegen⸗ heit zu beläſtigen, und ihm erſt dann wieder von der⸗ ſelben zu ſagen, wenn man ihm zugleich berichten *) v. Archenholtz, Geſchichte des ſiebenjähri en Krie⸗ Zes Srh holtz, Geſchich ſi jährig — 32— könne, daß die verlangten Summen von der Stadt bezahlt worden ſeien. Und damit war den unglücklichen Bewohnern Leipzigs das Urtheil geſprochen! Niemand wagte es jetzt mehr, dem Könige von dieſen Martern und Qualen zu berichten, denen die Geißeln der bekla⸗ genswerthen Stadt ausgeſetzt worden, Niemand hatte den Muth ihn um Mitleid anzuflehen für Die, deren einziges Verbrechen darin beſtand, daß ihre Reich⸗ thümer erſchöpft, ihre Kaſſen ausgeleert waren, und ſie die Mittel nicht mehr fanden, die ungeheuren Summen, welche man von ihnen forderte, zu be⸗ zahlen. 3 Während aber die Bevölkerung von Leipzig dieſen Jammer und dieſe harte Prüfungszeit beſtand, herrſchte eine ununterbrochene Ruhe und ein köſtlicher Frieden in dem Hauſe, welches der König von Preußen be⸗ wohnte. Man muſtcirte und las, und inmitten dieſer ſüßen Zerſtreuungen und dieſer behaglichen Stille entwarf Friedrich die Pläne zu ſeinen nächſten Feld⸗ zügen, zu neuen, großen Unternehmungen. Er hatte ſich Faſch und Quanz aus Berlin kom⸗ men laſſen, um zu muſiciren, den Marquis d'Argens, um mit ihm zu philoſophiren, und— ſeine Hunde, um mit ihnen ſich zu amüſiren!— Der König, wel⸗ cher Menſchenkenner genug war, um die armen, ſchwankenden, irrenden und gebrechlichen Menſchen von ganzem Herzen zu verachten, der König war Hundekenner genug, um die treuen, gehorſamen, unter: — 33— würfigen Thiere von ganzem Herzen zu lieben, und ihnen ſeine ganze Sorgfalt zuzuwenden! Er, welcher es nicht hörte, daß um ihn her eine ganze Stadt in Wehklage und Jammer erſeufzte, er war aufmerkſam auf den kleinſten Wehelaut ſeiner Biche, oder der Favoritin Pſyche, und niemals würde er Dem verziehen haben, welcher es gewagt hätte, Einen ſeiner Hunde zu behandeln, wie man in ſeinem Namen ſo viele edle und angeſehene Männer Leipzigs behandeln ließ. Gotzkowsty III. 3 III. Der Freund in der Noth. Niemand hatte es wagen wollen, zu Gunſten der widerſpenſtigen Bürger und Behörden Leipzigs ein Wort bei dem König einzulegen und dadurch ſeinen ausdrücklich ertheilten Befehlen zuwider zu handeln; ſelbſt der Marquis d'Argens, der innige Freund und Vertraute des Königs, hatte es abgelehnt, der Für⸗ ſprecher der unglücklichen Stadt zu ſein. Sie ſchienen rettungslos verloren, und ſchon war ihnen das Härteſte angedroht worden. Man hatte den in den Kerkern ſchmachtenden Häuptern der Stadt, den erſten Hausvätern und Familienhäuptern angezeigt, daß man ſie als Rekruten nach Magde⸗ burg ſchicken und ſie zu Fuß, mit den Ränzeln auf dem Rücken, dorthin transportiren werde!*) Aber in dieſem Augenblick ſollte auch der heim⸗ *) Ebendaſelbſt. — 35— geſuchten Stadt Leipzig ihr Retter in der Noth er⸗ ſcheinen. Man ſah eine hohe, ſtolze Männergeſtalt das Vor⸗ zimmer des Königs durchſchreiten. Kraft und Energie ſpricht von ſeinem Angeſicht und ſeine Augen leuchten in edler Begeiſterung. Wovor die Höflinge und Schmeichler erzittern, das will Er vollführen, und was ſelbſt die tapfern Generale nicht wagen, Er wird und will es unternehmen. Johann Gotzkowsky will es unternehmen, dem König Friedrich die Wahrheit zu künden, Johann Gotzkowsky ſcheut es nicht, eines Königs Zorn zu er⸗ regen, wenn es gilt, Unglücklichen zu helfen, Ver⸗ folgten beizuſtehen! Er hat eine edlere Miſſion zu vollbringen, als um das Lächeln eines Königs, als um die Gunſtbezeigungen der Großen zu buhlen, es iſt die Miſſion der Menſchlichkeit, die ihn getrieben, und ſein Entſchluß ſteht, wie immer, ohne Wanken feſt. Mit tapferer Entſchloſſenheit berührte er jetzt die Thür, welche zu dem Zimmer des Königs führte. Er durfte unangemeldet eintreten, denn der König erwartete ihn, er hatte Gotzkowsky von Berlin hierher berufen, um ſich von ihm über die Fortſchritte der Berliner Induſtrie Bericht erſtatten zu laſſen, und der treue Patriot war gehorſam dem Rufe des Königs gefolgt und nach Leipzig gekommen; er hatte das Elend und den Jammer dieſer armen, zertretenen Stadt geſehen, und indem er jetzt durch das Vorzim⸗ mer ſchritt, ſagte er mit einem unmerklichen Lächeln 1 3* zu ſich ſelber: Ich habe den ruſſiſchen General zur Milde gebeugt, der König wird doch nicht härter ſein, als dieſer! Aber bevor er den Mantel abwarf, nahm er aus demſelben ein kleines Packet hervor, das er ſorgſam unterſuchte, worauf er dann, befriedigt über ſein Aus⸗ ſehen, mit demſelben in das Kabinet des Königs eintrat. 3 Der König beachtete ihn anfangs nicht. Er lag auf der Erde und um ihn her auf ſeidenen Kiſſen lagerten ſeine Hunde, die glänzenden Augen unver⸗ wandt auf die Schüſſel gerichtet, welche in ihrer Mitte ſtand und in welcher der König ſo eben mit ernſter Sorgfalt vermittelſt eines elfenbeinernen Stäbchens die Portionen für jedweden ſeiner Hunde eintheilte, indem er die Knurrenden, Unzufriedenen mit freund⸗ licher Mahnung zur Ruhe verwies, die Harrenden und Sehnſuchtsvollen mit heiterm Scherz auf den nächſten Biſſen vertröſtete. Plötzlich erhob der König das Auge und ſein ſchar⸗ fer Blick ruhte auf Gotzkowsky's mild lächelndem Angeſicht. Ah, Er lacht, ſagte er, und in Seinem ſtolzen Menſchendünkel findet Er es ganz unter Seiner Würde, daß man ſich mit Hunden beſchäftigen kann, während es doch ſo viele Menſchen giebt! Ich will Ihm ſagen, Er verſteht nichts davon! Er kennt die Hunde gar nicht und vielleicht auch nicht einmal die Menſchen! Ruhig, Biche, laſſe dem Apollo dieſen 7 — 37— Biſſen, ich habe ihm denſelben zuerkannt und folglich gehört er ihm! Sollte man nicht meinen, Ihr Hunde hättet ſchon von den Menſchen gelernt und wolltet Euch in echt chriſtlicher und menſchlicher Liebe ein⸗ ander das Stück Brod nicht gönnen! Ruhig, Biche! Nun, ſei nur nicht böſe, daß ich Dich mit den Men⸗ ſchen verglichen habe, es war nicht ſo ſchlimm ge⸗ meint! Und indem der König die beleidigte Biche zärtlich ſtreichelte und liebkoſete, ſtand er auf und ſetzte ſich auf den ſammetnen Fauteuil. Sein glühendes Auge heftete ſich auf Gotzkowsky und traf das Packet, welches derſelbe in ſeiner Hand hielt. Was hat Er da? Einen Teller und eine Taſſe! ſagte Gotzkowsky ernſt. Die beiden erſten Stücke aus meiner Porzel⸗ lanfabrik in Berlin! Der König erhob ſich raſch aus ſeinem Seſſel und ging haſtigen Schrittes auf Gotzkowsky zu. Gebe Er her! ſagte er. Ich will ſehen, was für Töpferarbeit Er mir für Porzellan ausgeben will. Er riß mit ungeduldiger Hand die Papierumſchläge fort, und ſo eifrig war er damit beſchäftigt, daß er gar nicht bemerkte, daß Apollo und Biche ſich bereits in den Haaren lagen um einen Fetzen Papier, wel⸗ chen der König der Biche grade auf die Naſe gewor⸗ fen, und den ſie daher für einen koſtbaren Biſſen ge⸗ halten, wohl werth, mit Apollo um ihn zu kämpfen. 4 — 338— Wahrhaftig, es iſt Porzellan! rief der König, in⸗ dem er den goldgeränderten Teller und die ſchöne gemalte Taſſe aus den Umhüllungen hervorzog und Alles prüfend betrachtete. Und wie ſein Auge jetzt auf der Malerei der Taſſe ruhte, nahmen ſeine Züge einen weichen und wehmüthigen Ausdruck an. Mein Haus in Rheinsberg! murmelte er leiſe vor ſich hin. Ein Gruß aus meinen glücklichſten Tagen! Im Schloſſe Rheinsberg hatte ich zuerſt die Gnade, Ew. Majeſtät vorgeſtellt zu werden, ſagte Gotzkowsky. Schloß Rheinsberg iſt mir daher eine theure Erin⸗ nerung und mußte die Probeſtücke zieren, welche aus meiner Porzellanfabrik hervorgingen. Der König heftete ſeine Augen mit einem durch⸗ bohrenden Ausdruck auf ihn. Er will mir Mährchen erzählen. Ich bin kein Freund davon, ſoll Er wiſſen. Sage Er mir alſo die Wahrheit! Woher hat Er dies Porzellan genommen? Es iſt kein Meißner, wie ich ſehe, denn es fehlt das Zeichen. Auch iſt es ſtärker und weißer. Woher hat Er's? Aus Berlin, Majeſtät! Ich hatte Ew. Majeſtät in Meißen zugeſagt, daß Sie künftig das Porzellan aus Ihren eigenen Landen beziehen ſollten, und ich durfte meinen Worten keine Schande machen! Er hat es alſo gemacht, wie der liebe Gott! Er hat als Schöpfer mit dem Athem Seines Mundes eine Porzellanfabrik entſtehen laſſen. Nicht mit dem Athem meines Mundes, aber mit dem Athem meines Geldes, Majeſtät! — 39— Erzähle Er mir das! Und ganz genaul ſagte der König, immer noch die Taſſe in der Hand haltend und ſie mit aufmerkſamen Blicken betrachtend. Und Gotzkowsky erzählte ihm, wie er gleich nach ſeiner Rückkehr von Meißen durch Zufall einen jun⸗ gen Mann kennen gelernt, welcher in Berlin auf der Durchreiſe nach Gotha geweſen, weil der dortige Herzog ihm die Kapitalien vorſchießen wolle, um dort eine Fabrik anzulegen, in welcher das Porzellan nach ſeiner Erfindung angefertigt werden ſolle.*) Die vorgezeigten Proben hatten Gotzkowsky überzeugt, daß dieſer junge Mann das Geheimniß der Porzellan⸗ fabrikation vollkommen kenne, und er hatte daher ſofort den Entſchluß gefaßt, dem Herzog von Gotha zuvorzukommen und ihm dieſen Künſtler abwendig zu machen. Das Geld hatte hier, wie überall, ſeine Zauberkraft geübt, und es war weiter nichts nöthig geweſen, als den mit dem Herzog von Gotha entworfenen Contract durch einige günſtigere Bedin⸗ gungen zu überbieten. Für einige hinzugefügte tau⸗ *) Die Fabrikation des Porzellans war damals ein großes Geheimniß, welches nur in der Meißner Fabrik in Deutſchland bekannt war. Die Miſchung der Por⸗ zellanmaſſe geſchah dort bei verſchloſſenen Thüren und von Beamten, die auf die ſtrenge Bewahrung des Geheim⸗ niſſes vereidet waren.— Herr Wegely hatte indeß in Berlin vor Gotzkowsky ſchon eine Fabrik angelegt, ſie war aber wegen der ſchlechten Fabrikate wieder ein⸗ gegangen. — 410— ſend Thaler, und ein verdoppeltes Kaufgeld hatte Gotzkowsky das Geheimniß der Porzellanfabrikation an ſich gebracht und den Verfertiger deſſelben an Berlin gefeſſelt.*) Zu den erſten Verſuchen hatte er in den Hinter⸗ gebäuden ſeines Hauſes die nöthigen Einrichtungen getroffen und die dem Könige überreichten Stücke waren die erſten Proben ſeiner Fabrik geweſen. Der König hatte ihm mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit zugehört, und als Gotzkowsky geendet, nickte er ihm lächelnd zu. Der Marquis d'Argens hat Recht, ſagte er. Ich wünſche mir Selber viel ſolche Bürger, wie Er einer iſt! Es wäre ſehr ſchön, Kö⸗ nig zu ſein, wenn Diejenigen, welche man regierte, alle wahrhafte Menſchen wären, und es ſich der Mühe verlohnte, ihnen ein gütiger Vater und Herr zu ſein! Er hat mir da einen Lieblingswunſch erfüllt, und ich muß Ihm ſagen, ich glaube nicht, daß Er die Por⸗ zellanfabrik lange Sein Eigen nennen wird. Ich denke, ſie wird bald eine Königliche Fabrik werden. Ich habe ſie angelegt für Ew. Majeſtät. Gut, gut! Er hat mir eine Freude gemacht, ich will Ihm auch eine machen! Bitte Er ſich eine Gnade aus! Er ſchweigt? Weiß Er nichts zu bitten? *) Gotzkowsky zahlte für dies Geheimniß zehntauſend Thaler baares Geld, und für die Lebensdauer des Er⸗ finders demſelben eine Jahresrente von tauſend Thalern nebſt freier Wohnung und Holz. Siehe: Lebensgeſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 87. — 41— Oh doch, Majeſtät, ſagte Gotzkowsky glühend, ich habe um eine große Gnade zu bitten. Haben Sie Erbarmen mit den armen Einwohnern dieſer Stadt! Der König runzelte die Stirn und preßte unwillig die Lippen zuſammen. Weiß Er, daß ich es ſtreng verboten habe, mich mit dieſen Leipziger Jeremiaden zu moleſtiren? Ich weiß es, Majeſtät! Der König ſah ihn erſtaunt an. Und doch hat Er's gethan? Ja, Majeſtät, ich habe es gethan, weil ich auf das erhabene und große Herz meines Königs rechnete und weil die Menſchlichkeit mir gebot, ſelbſt Ew. Majeſtät Zorn nicht zu fürchten, wo es galt, der Unterdrückten ſiich zu erbarmen. Und da hat Er mich zuvor beſtechen wollen mit Seinen Porzellanſcherben? Ach, Er iſt ein guter Rechenmeiſter, aber diesmal hatte Er ſich doch ver⸗ rechnet! Kein Erbarmen mit dieſen widerſpenſtigen Leipzigern. Sie ſollen dieſe eilfmalhunderttauſend Thaler zahlen, oder— Oder? fragte Gotzkowsky, als er zauderte. Der König warf ihm einen zornigen Blick zu. Er iſt ſehr kühn, ſagte er, mich zu unterbrechen. Die Leipziger müſſen zahlen, denn ich bedarf des Geldes für meine Soldaten, und die Leipziger ſind reich, ſie können zahlen! Sie können es nicht, Majeſtät! Sie können es ſo wenig, als die Stadt Berlin es kann, wenn Ruß⸗ — 12— land auf ſeiner Forderung beſteht und ſein großmüthi⸗ ger König ihm nicht hülfreich iſt. Ach, Ew. Maje⸗ ſtät können nicht wollen, daß die Welt und die Ge⸗ ſchichte ſagen, Rußland betrug ſich milder und erbar⸗ mensvoller gegen Berlin, als es Preußen gegen Leip⸗ zig that. Es iſt wahr, die Ruſſen haben auch die Aelteſten der Judenſchaft in's Gefängniß geſchleppt, weil ſie nicht zahlen konnten. Aber ſie ließen dieſe armen Schlachtopfer ihrer Habſucht zum Mindeſten wie Menſchen behandeln. Sie ließen ſie nicht auf faulem Stroh ſchlafen, nicht hungern und in Elend und Schmutz vergehen, ſie geißelten ſie nicht und marterten ſie nicht, daß ſie das hingeworfene Brot mit ihren Thränen netzen mußten. Wer thut das? rief der König mit donnernder Stimme und flammenden Augen. Gotzkowsky verneigte ſich tief. Das thut Se. Ma⸗ jeſtät der König von Preußen! Deer König ſtieß einen zornigen Ausruf aus und ſchritt mit drohend gehobenem Arm auf Gotzkowsky zu, welcher mit feſtem, uhigen Blick ihm entgegen ſah. Er lügt! donnerte der König. Widerrufe Er! Ich habe, ſo lange ich lebe, die Wahrheit geſprochen, Majeſtät, die Wahrheit ſonder Menſchenfurcht und Angſt. Ew. Majeſtät iſt der Erſte, welcher mich der Lüge zeiht. Ich habe es mit meinen eigenen Augen geſehen, daß Ew. Majeſtät Beamte die armen gefan⸗ genen Leipziger Kaufleute wie die Hunde behandelten. Was ſage ich, wie die Hunde! Ach, wie würden dieſe armen zertretenen Menſchen die Hunde dort um jene Schüſſel beneiden, welche für ſie lang entbehrte Lecker⸗ biſſen enthält. Es mag gut ſein, Majeſtät, daß man die Widerſpenſtigen bezwingen und demüthigen will, aber man ſoll in ihnen nicht die Menſchenſeele zer⸗ treten und in dem Ueberwundenen ſoll man noch Gottes Ebenbild verehren. Der König betrachtete ihn mit lächelndem Erſtau⸗ nen. Will Er mir Lehren geben? fragte er nach einer Pauſe. Nun, ich will's Ihm diesmal vergeben, ich will in Ihm, wie Er ſagt, Gottes Ebenbild und den Beſitzer der Berliner Porzellanfabrik verehren. Aber ſchweige Er von dieſen widerſpenſtigen Leip⸗ zigern. Sie müſſen zahlen. Meine Soldaten können nicht von der Luft leben und meine Kaſſen ſind er⸗ ſchöpft. Auch ſind die Leipziger gern bereit, zu ihrer Füllung beizutragen, Majeſtät, nur muß die Forderung ihre Kräfte nicht überſteigen. Woher weiß Er das? Der Magiſteat und die Kaufmannſchaft von Leip⸗ zig haben ine Deputation zu mir geſandt und mich um meine Vermittelung erſucht. Er iſt alſo ſchon bekannt als Einer, welcher ſeine Zunge gut zu gebrauchen weiß und mit ihr fechten geht? Majeſtät, ſagte Gotzkowsky lächelnd, wir folgen dem Beiſpiel unſers Heldenkönigs. Wir wollen Alle⸗ fechten, und wer kein Schwert hat, der bedient ſich ſeiner Zunge. Ich habe in dieſer Zeit viel mit ihr — 44— fechten müſſen, und die Leipziger Kaufleute hatten wohl davon gehört. Sie hatten erfahren, daß ich mich ein wenig auf das Zungengefecht verſtehe und den Ruſſen in Berlin einen kleinen Sieg abgewonnen habe. Wie viel meint Er, daß die Stadt Leipzig zahlen kann? fragte der König nach einer Pauſe. Wenn Ew. Majeſtät ihnen einige hunderttauſend Thaler erlaſſen und den Kaufleuten Zeit vergönnen wollen, ſo wollen ſie ſich durch Wechſelbriefe in So⸗ lidum verbinden. Parbleu, wollen ſie das! rief der König ſpöttiſch. Die Wechſelbriefe der Leipziger Kaufleute ſind mir keine Sicherheit. Und indem der König ſich zu Gotzkowsky um⸗ wandte, fragte er raſch: Will Er die Zahlung garan⸗ tiren? 3 Wenn Ew. Majeſtät befiehlt, ſo ſollen die Wechſel unter meiner Garantie ausgeſtellt werden.. Ich halte mich dann an Ihn mit der Forderung? Zu Befehl, Majeſtät! Nun, ſo will ich den Leipzigern um Seinetwillen dreimalhunderttauſend Thaler erlaſſen. Aber Er haftet mir für den Reſt von achtmalhunderttauſend Thalern. Ich hafte für dieſe Summe, Majeſtät. Ich werde es dieſe Herren Leipziger wiſſen laſſen, daß ſie nur Seiner Fürſprache und Seiner Garantie die Milderung der Contribution verdanken. Dafür kann Er ſich, wenn's Ihm ſonſt Spaß macht, von — 55— der reichen Stadt einen Recompens für Seine gelei⸗ ſteten Dienſte ausbedingen. Das würde mir keinen Spaß machen, Majeſtät, rief Gotzkowsky in edler Wallung. Ew. Majeſtät ſollen nicht ſo klein von mir denken, daß ich von dem Unglück Anderer meinen Profit und meine Zinſen ziehen möchte und nur den armen Leipzigern das Wort geredet hätte, um ſelber ein Geſchäft zu machen!*) Ich denke von Ihm, daß Er ein obſtinater und Meigenwilliger Kopf iſt, den man ſeinen eigenen Weg gehen laſſen muß! ſagte der König mit einem leiſen Lächeln. Aber ich muß Ihm das Zeugniß geben, daß Er auf Seinem Wege mir ſchon manchen Dienſt ge⸗ leiſtet hat. Ich werde ihm daher auch ſtets ein wohl⸗ gewogener König ſein und in meiner Gallérie zu Sansſouci hat Er ſich ein ſchönes Erinnerungszeichen geſetzt. 3 Wenn Ew. Majeſtät jetzt dorthiu kommen, ſo wer⸗ den Sie dort auch den Correggio finden, um den Ew. Majeſtät dem Marquis d'Argens geſchrieben. Des Königs Augen leuchteten. Der Correggio iſt mein! ſagte er, indem er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam auf und abwandelte. Ach, ſagte er nach einer langen Pauſe leiſe, wie zu ſich ſelber, wann wird dieſes Nomadenleben enden, und die beruhigte Welt dem armen, umhergehetzten Könige einige Stunden der Muße und Erholung *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 101. gönnen, einige Stunden, um ſein Haus und ſeine Bilder zu betrachten. Der ewige Jude, wenn er je⸗ mals exiſtirte, hat nicht ein ſo umherirrendes Leben geführt, als ich. Man gleicht zuletzt den umherwan⸗ dernden Schauſpielern, welche weder Feuer noch eine bleibende Stätte haben; ſo laufen wir durch die Welt, um ihr unſere blutigen Tragödien vorzuführen und den Jammer unſerer Unterthanen als den Cho⸗ rus zu benutzen.*) Wann wird das enden? Wenn Ew. Majeſtät alle Ihre Feinde beſiegt haben, rief Gotzkowsky.. Der König ſchaute ſich verwundert nach ihm um, er hatte Gotzkowsky ganz vergeſſen gehabt. 3 Ah, Er iſt noch da? fragte er. Und Er prophe⸗ zeiht mir den Sieg? Nun, den kann ich eben ſo gut gebrauchen, wie das Geld der Leipziger. Kehr Er jetzt wieder heim, geh' Er nach Leipzig und ſag' Er, ſie ſollen ſich eilen mit dem Geld. Und hör’ Er, wenn Er nach Potsdam kommt, ſo grüße Er mir den Correggio und ſag' Er ihm, daß ich mich nach ihm ſehne, wie ein Verliebter nach ſeiner Braut. Adieu! *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Correspon- dance de Frédéric II. avec le Comte Algarotti. IV. * Dank und Lohn. 2 Gotzkowsky hatte alſo das unglückliche Leipzig von dem harten Druck, welcher auf ihm laſtete, errettet. Die Gefangenen waren erlöſt worden, und die Kauf⸗ mannſchaft ſtellte einen Wechſel aus über achtmal⸗ hunderttauſend Thaler, für deren richtige und prompte Zahlung ſich Gotzkowsky mit ſeines Namens Unter⸗ ſchrift verbürgte. Er that es nicht aus Eigennutz oder aus eitlem Ruhmesdurſt, nicht um das Lob ſeines Namens zu erhöhen, und ſeine Sammlung von Dankadreſſen und ſchriftlichen Liebesverſicherungen um einige Exem⸗ plare vermehrt zu ſehen. Er that es aus Menſchenliebe, weil er das Ge⸗ lübde erfüllen wollte, welches er Gott und ſich einſt als zitternder, hungernder Knabe auf der Landſtraße ge⸗ leiſtet hatte: wenn er einſt reich geworden, für jeden Unglücklichen und Bedürftigen die Hand zu ſein, — 18— welche ſich ihm aus der Wolke von Staub entgegen⸗ ſtreckt, um ihm zu helfen. Er that es, weil, wie er in ſeiner„Lebensgeſchichte“ eben ſo naiv als einfach ſagt:„weil ich aus eigener Erfahrung wußte, wie ſchwer es einer Stadt fällt, ſolche Summen zuſammenzubringen. Und es war mir ein abſchreckender Gedanke, von ſo unglücklichen Zeiten zu profitiren!“ Und wieder gab es für Gotzkowsky ein glänzendes Feſt, und Dankworte und gerührte Thränen und große Verſprechungen die Fülle. Dies Feſt veranſtalteten die Leipziger Kaufleute dem, der ſich ſo großmüthig ihrer angenommen, und ihnen dreimalhunderttauſend Thaler erſpart, und ſich für ihre Wechſel verbürgt hatte. Und ſie aßen ihm zu Ehren die köſtlichſten Speiſen und leerten die Becher zu ſeiner Ehre, und feierten ihn mit hoch⸗ tönenden Reden. 3 Als Gotzkowsky ermattet und gelangweilt von dieſem Feſte in ſein Quartier zurückkehrte, fand er auf ſeinem Tiſch drei Briefe. Den, welcher das Preußiſche Wappen im Siegel führte, erbrach er zuerſt. Es war eine Kabinets⸗Ordre des Königs von Preußen, an den Geheimſecretair Leinning, dem Kauf⸗ mann Johann Gotzkowsky einhundert und fünfzig⸗ tauſend Thaler auszuzahlen.*) *) Leben eines patriotiſchen Kaufmanns S. 84. — 49— Eine Abſchlagsſummel ſagte Gotzkowsky lächelnd. Ich habe dem König für hunderttauſend Dukaten Gemälde angekauft, und der König will, wie es. ſcheint, nicht immer mein Schuldner bleiben. Mit einem leichten Achſelzucken erbrach Gotzkowsky. das zweite Schreiben. Plötzlich aber lachte er laut auf, und ſeine Züge nahmen einen heitern, ſpöttiſchen Ausdruck an. Der Churfürſt von Sachſen ernennt mich, in An⸗ eerkennung meiner, der Stadt Leipzig bewieſenen Dienſte, zu ſeinem Geheimen Commerzienrath, rief er fröhlich, indem er das Papier hoch empor ſchwenkte. Ah, das iſt ein wundervoller Scherz. Der kleine Churfürſt, der ſeit langen Jahren mein Schuldner iſt, erzeigt mir die Gnade und wirft mir einen Brocken Hoheit hin. Einen Titel. Danke ſchön. Mein Name iſt mir wohlklingend genug. Bedarf keines Titels, um ein Ehrenmann zu ſein. Werft hohlen Köpfen Titel hin, aber nicht mir. Weg damit!*) Er warf das Papier verächtlich bei Seite, und nahm den dritten Brief. Aber als er ihn las, verklärte eine ſtolze Freude ſein edles Geſicht, und ſeine Augen ſtrahlten. Dieſer dritte Brief war ein Reſcript der Stadt Leipzig, eine vom Magiſtrat ausgefertigte Dankadreſſe, deren Schlußworte ſo lauteten: .*) Gotzkowsky hat ſich dieſes Titels nie bedient. Siehe ſein Leben. S. 143. Gotzkowsky. II1. 4 50 „In unſerer großen Noth wendeten wir uns an den Herrn Gotzkowsky, angeſehenen Kaufmann und Banquier zu Berlin, ſolchen dringend erſuchend, für die hieſige Stadt und Kaufmannſchaft bei des Königs von Preußen Majfeſtät mit ſeinem Credit und werk⸗ ſelben zu bezahlen; hieſiger Stadt aber leidliche Fri⸗ ſten zur Wiederbezahlung gegen Verſicherung zu accor⸗ diren. Dieſem inſtändigen Erſuchen nun hat Herr Gotzkowsky ſtatt gegeben und der hieſigen Kaufmann⸗ ſchaft, auch geſammter Stadt in ihrer Noth aus Ge⸗ fälligkeit und Achtung, als ein wahrer Menſchenfreund ohne alle Abſicht und Eigennutz bloß zur Abwendung des gedachten Unglücks rühmlichſt beigeſtanden. Sol⸗ ches können wir nicht umhin anzuerkennen. Erbieten uns auch zu allen möglichen Gegengefälligkeiten, nicht gweifelnde, daß die hieſige Kaufmaanſchaft mit uns gleiche Geſinnungen hegen, und ſich dern Herrn Gotz⸗ kowsky zu allen nur erſinnlichen Dieneſtleiſtungen erbunden erachten werde!— Sign. Leipzun den 26. ebruar 1761. Der Rath zu Leipzig.“*) nitbringen, ſagte Gotzkowsky, und indem er es zuſammen faltete, fügte er gedankenvoll h weiß, ob nicht eine anlaßt wäre, — ſorgſa⸗ 6 inzu: w 3 Zeit kommen mag, wo ſie ver⸗ die Kaufmannſchaft von Leipzig an dies —x; Gotzkowskys Lebensgeſchichte. S. 160. thätigen Aſſiſtenz zu intercediren, und Allerhöchſt die⸗ Das Papier will ich meiner Tochter als Andeonken 4 Reſcript zu erinnern. Die Gedanken und die Ge⸗ ſchicke der Menſchen ſind ſo wandelbar. Aber Gotzkowsky ſelber ſollte Gelegenheit haben, das undankbare Leipzig an ſeine früher verheißene Dankbarkeit zu erinnern, nicht, um ſie zu dieſen ver⸗ heißenen Gegendienſten anzufeuern, ſondern nur, um ſich vor der Verleumdung und der feindſeligen Ver⸗ dächtigung zu ſchützen!— Denn es kam ein Tag, an welchem Leipzig ſeine ausgeſtandene Qual und Noth vergeſſen hatte, und ſich nur noch erinnerte, daß Jo⸗ hann Gotzkowsky ſein Gläubiger ſei, und daß ſie ihm große Summen ſchuldeten. Weil er endlich ihres langen Wartens überdrüſſig, auf die Bezahlung drang, beſchuldigten ſie ihn des Eigennutzes, ſagten ſie, er habe ſich unnöthiger Weiſe in ihre Angelegenheiten eingemiſcht, und es wäre beſſer geweſen, wenn Gotz⸗ kowsky ſie damals nicht aus ihrer Gefangenſchaft be⸗ freit hätte, man würde freilich viel zu dulden, aber wenig Geld zu zahlen gehabt haben. 8 Gotzkowsky erwiederte dieſe Anſchuldigungen, wie es ſeinem edlen, ſtolzen Selbſt gemäß war,— er beſchwieg ſie. Aber jetzt kamen neue Zeiten der Noth und der Bedrängniß für die reiche Stadt Leipzig, der preu⸗ ßiſche König forderte neue Contributionen, und jetzt erinnerten ſie ſich wieder der Liebesdienſte Gotz⸗ kowsky's, jetzt ſandten ſie ihm demüthige Briefe und fleheten ihn an, ſich ihrer zu erbarmen, jetzt hielt es dieſer klug berechnende Magiſtrat von Leipzig für gut, 4 82 — 529— von dieſen Verleumdungen Notiz zu nehmen, welche er kurz zuvor gefliſſentlich durch die öffentlichen Blätter ausgeſtreuet hatte, und feierlich in allen Zeitungen zu erklären:„Als bezeugen wir zur Steuer der Wahr⸗ heit, in Kraft dieſes, daß wohlerwähnter Herr Gotz⸗ kowsky ſowohl in den vergangenen Jahren als auch jetzt in letzt abgewichener Leipziger Meſſe die ihm unverrückt beiwohnende Menſchenliebe und freund⸗ ſchaftliche Gefälligkeiten uns, hieſiger Stadt und deren Einwohnern bewieſen, und wir ihm desfalls Dank abzuſtatten gerechteſte Urſach finden.“*) Gotzkowsky vergaß der Beleidigung, und war ihnen abermals hülfreich, indem er zum zweiten Male den König von Preußen zur Milderung der Contribution vermochte, und die Zahlung der neu ausgeſtellten Wechſel garantirte. Zum zweiten Male dankte ihm der Magiſtrat und die Kaufmannſchaft von Leipzig in den rührendſten eigennützigen Hülfsleiſtungen,— und doch ſollte es auch zum zweiten Male der beſchworenen Dankbar⸗ keit dereinſt vergeſſen. *) Ebendaſelbſt S. 163. und beweglichſten Worten für ſeine edlen und un⸗ V. Vier Jahre ſpäter. Vier Jahre der Arbeit, des Fleißes, der hülf⸗ reichen Thätigkeit waren ſeit dem ſturmvollen Jahre 1760 vergangen. Sie hatten in dem Leben Gotz⸗ kowsky's und ſeiner Tochter wenig geändert. Gotzkowsky arbeitete und wirkte, wie er gewirkt hatte, ſeine Fabriken vergrößerten, ſeine Reichthümer vermehrten ſich, und ſein kaufmänniſcher Ruhm durch⸗ hallte die ganze Welt. Doch er würde dieſes Alles freudig hingegeben haben, wenn er dafür den Lippen ſeines Kindes das heitere Lächeln und ihren Wangen die roſige Gluth früherer Tage hätte wieder geben können.“ Aber das ſchöne und leidenſchaftliche junge Mäd⸗ chen hatte ſich jetzt in eine bleiche, ernſte, ſchweigſame Jungfrau verwandelt, welche es gelernt hatte, über die geheimen Qualen ihres Herzens den Schleier ſtiller Reſignation zu decken, und ihren Schmerzens⸗ ſchrei nach Innen in ihrer Bruſt verhallen zu laſſen. —— Eliſe war alt geworden in ſich ſelber, alt, trotz ihrer zwei und zwanzig Jahre, ſie blickte in das Leben vor ſich, wie in eine blüthenloſe, traurige Wüſte, welche ſie mit blutenden Füßen und zerſchlagener Bruſt durchwandeln ſollte, und in der Oede ihres Herzens ſchauderte ſie zuweilen vor dieſer, von keinem Laut, keinem Ton, nicht einmal einem Weheſchrei unterbrochenen Grabesſtille ihrer Bruſt. Sie war wünſchelos und hoffnungslos. Der Schmerz hatte in ihr ausgetobt, ſie weinte nicht mehr, ſie rang nicht mehr mit ihrer Liebe, denn ſie hatte ſie überwunden. Aber ſie konnte ſich nicht aufraffen zu neuer Lebensfreude, ſie konnte ſich nur reſigniren. 1 Sie hatte das Leben angenommen, und ſie ertrug ees, wie der Vogel es thut, den man in den glän⸗ enden Käfig eingefangen, der Freiheit und der reinen Luft beraubt hat, und ihn dafür mit einem glän⸗ zenden Elend belohnt. S ie auch war ein armer, eingefangener Vogel, und ihre wunde Seele mit dem gelähmten Flügel⸗ ſchlag, ſaß trauernd und todesmatt in dem Käfig ihrer Bruſt. Inmitten des Glanzes und der Pracht, die ſie, die einzige, vielumworbene Tochter des reichen Man⸗ nes umgab, fühlte ſie ſich einſam und verlaſſen und grenzenlos unglücklich. Sie bat Gott nur um Frieden, niemals mehr um Glück, denn ſie glaubte nicht mehr an das Glück, ——— — ☛— ſie war in jene Apathie verſunken, welche nichts mehr begehrt, als ein ſtilles, träumeriſches Hindämmern. Ihrem Schmerz fehlte der begeiſternde Troſt, den⸗ ken zu können:„Er kommt von Gott!“ Das wahre und heilige Unglück, welches von Gott kommt, und vom Schickſal uns auferlegt wird, trägt in ſich ſelber auch ſtets die göttliche Kraft der Hei⸗ lung, und indem es uns zu Boden ſchleudert, und uns demüthigt, erhebt es uns zugleich, und ſtählt unſern Muth und macht uns ſtark und ſtolz im Dul⸗ den und Extragen! Anders iſt es mit dieſem Unglück, welches von Menſchen kommt, welches die Heimtücke, die Bosheit, die Niedrigkeit der Menſchen uns auferlegt. Das iſt ein Unglück ohne Troſt und rholung, ein Unglück, voller Bitterniß und murrender Pein. Ein Unglück, wer ſches uns erniedrigt, ohne uns zu erheben, welches uns in den Schmutz wirft, und von dem wir ns nicht wieder läutern und reinigen können, ſelbſt nicht mit den heißen Strömen unſerer Thränen! Wäre ihr Geliebter ihr durch den Tod entriſſen, hätte ſie ihn verloren, indem ſie ihn an Gott zurück⸗ gab, ſo würde Eliſe dieſen großen und heiligen Schmerz zugleich als ihr großes und heiliges Glück, als eine köſtliche Verheißung in ſich aufgenommen, ſo würde ſie ſich erhoben und zu ſeligem Hoffen durchleuchket gefühlt haben. Aber ſie hatte ihn verloren durch ſeinen eigenen Verrath, durch die Sünde der Welt, und nicht an — 56— Gott, ſondern an ſeine eigene Schuld und Uatreue hatte ſie ihn zurückgegeben. Sie hatte ihn alſo rettungslos und für immer verloren, nicht für eine kurze Spanne Zeit„adern für alle Ewiakeit, und ſie durfte nicht mal um ihn weinen, un ihr Unglück war zugleich ihre Schmach, und ihre Thränen ſelbſt erfüllten ſie mit Demüthigung und Scham. Deshalb hatte ſie weder mit ihrem Vater, noch mit Bertram jemals von der traurigen und ſchmerz⸗ vollen Vergangenheit, von den Frrungen und Täu⸗ ſchungen ihrer Jugend geſprochen, und beide hatten ſie in edler und ſchonender Liebe niemals dieſes Schweigen brechen mögen, unter welchem Eliſe ihren Gram gebettet hatte. S ie war ihren ter eine ſorgende, aufmerkſame and demüthige Tochter, ſie war Bertram eine ver⸗ rauensvolle und liebreiche Schweſter geweſen, aber Beit fühlten ſie, daß dieſes arme, gebrochene Herz ihnen nur Das gäbe, was es ſich aus dem Schiff⸗ bruch ſeines Glückes gerettet an Liebe und Vertrauen. Beide wußten ſie, daß Eliſe ihnen kein volles, ganzes Herz, ſondern nur ein gebrochenes, leeres zu bieten habe. Aber ſie waren es zufrieden, mindeſtens auf dieſen Trümmern ihres in Aſche geſunkenen Jeruſalem's Auhen zu dürfen, zufrieden, dieſe verſtreueten Blätter einer vom Sturm geknickten Roſe ſammeln zu können, — 57— und ſich zu erinnern, wie ſchön ſie einſt in ihrer Blüthe geweſen. Gotzkowsky verlangte von ſeiner Tochter nichts, als daß ſie lebe, daß ſie wieder geſund werde, und zu neuem Glück in ſich erſtarke. Bertram hatte in der Stäcke und Treue ſeiner Empfindung keinen andern Wunſch, als ſie eines Tages wieder heiter und zefrleden⸗ wieder angelächelt zu ſehen von dieſem Jonnenſchein, welchen nur die Liebe und das Galck über ein Menſchenantlitz zu er⸗ gießen vermag, und in ſeiner großen und opferbereiten Liebe ſagte er zu ſich ſelber: Wüßte ich, daß ihr Glück und ihre Ruhe in dem fernſten Welttheil läge, ich würde hingehen, es ihr zu holen, ſelbſt wenn ſ n mir dadurch auf ewig verloren ginge. Und ſo waren vier Jahre vergangen, ſonnenhell und klar, glänzend umrauſcht thum und Glück, mnnerlic klanglos und Entbehrung und tiefverhaltenem Weh! VI. Die Tage des Unglücks. Gotzkowsky war allein in ſeinem Zimmer. Es war ein elegantes, glänzend geſchmücktes Zimmer, um welches ihn der mächtigſte Fürſt hätte beneiden ſten Gemälde alter berühmter Mei⸗ Wänden umher, die koſtbarſten ſtanden auf vergoldeten Conſolen =e Pfeiler zwiſchen den Fenſtern waren Spiegeln, mit herrlichen griechiſchen Mar⸗ atuen geziert. Das Ameublement des Zimmers war einfach; nkowsky hatte nur Eine Liebhaberei, für welche er aber viele Tauſende jährlich ausgab, dies waren ſeine Kunſtſammlungen, ſeine Gemälde und Antiken. Sein Haus glich daher einem Tempel der Kunſt, es enthielt die auserleſenſten und ſeltenſten Schätze, und wenn Gotzkowsky an der Hand ſeiner Tochter durch die Zimmer ging, wenn er mit ihr ſeine Ge⸗ — 59— mälde betrachtete und mit ihr vor einer der erhabenen Götterſtatuen verweilte, ſo ſtrahlte ſein Auge vor ſeli⸗ ger Befriedigung und ſein ganzes Weſen athmete Heiterkeit und Ruhe.. Heute aber war ſein Antlitz ſorgenvoll und trübe, und wie freundlich und erhaben die Bilder von den Wänden auch zu ihm hernieder blicken mochten, ſein Auge blieb traurig und umwölkt und ein tiefer Gram ſprach aus ſeinen Zügen. Er ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und blätterte in den Papieren, welche hochaufgeſchichtet denſelben be⸗ deckten. Zuweilen drückten ſeine Züge ein tiefes Er⸗ ſchrecken, eine erwartungsvolle Angſt aus, und ſeine ganze Geſtalt erzitterte, während er mit haſtiger Hand einzelne Notizen aus den Papieren auf ein anderes Blatt ſchrieb. 3 Plötzlich ließ er die Feder fallen und ſenkte gram⸗ voll das Haupt auf ſeine Bruſt. Es iſt umſonſt, flüſterte er leiſe, ja es iſt umſonſt. Und wenn ich alle meine Kräfte aufbiete, alle meine Mittel in einem einzigen Griff zuſammenfaſſe, es reicht doch nicht aus, dieſe ungeheuren Summen zu bezahlen.. Er blätterte wieder in den Papieren, und indem er mit dem Finger auf eins derſelben hindeutete, fuhr er fort: ja, da ſteht es. Ich bin ein reicher Mann auf dem Papier. Leipzig ſchuldet mir mehr als eine Million. Wenn es die Zahlung leiſtet und wenn dde Neufville kommt, bin ich gerettet. Aber wenn 1 6 — 3 3 1 1 — 60— nun nicht? Wenn nun Leipzig abermals, wie es ſchon zu dreien Malen gethan, Zahlungsunfähigkeit vorſchützt, wenn de Neufville nicht kommt, was be⸗ ginne ich dann? Wie rette ich mich dann vor dem Unglück und der Schande? Er verſank tiefer in ſich ſelbſt und ſtarrte ſchwei⸗ gend auf die Papiere hin. Eine furchtbare Angſt preßte ihm die Bruſt zuſammen und drängte all ſein Blut nach ſeinem Herzen, nach ſeinem Kopfe hin. Er ſtand auf und ging haſtigen Schrittes auf und ab, zuweilen nur einzelne Worte murmelnd, welche die Angſt und das Entſetzen verriethen, das ſeine ganze Seele erfüllte. Dann blieb er ſtehen und drückte beide Hände an ſeine Schläfe, als wolle er den qualvollen Schmerz zurückdrängen, welcher da hämmerte und tobte. Oh, es iſt entſetzlich, flüſterte er leiſe. Ich ſtehe mit offenen Augen am Rande eines Abgrundes, ich ſehe ihn und kann nicht zurück. Wenn keine hülfreiche Hand ſich mir entgegenſtreckt, ſo muß ich hinabſtürzen und mein ehrlicher Name wird mit mir zerſchellen. Und ſich ſagen zu müſſen, daß nicht Unverſtand, nicht Tollkühnheit und Uebermuth mich dahin führte, ſon⸗ dern die Liebe zur Menſchheit, zu meinen Brüdern. Ich reichte Jedem, der mir bittend ſeine Hand ent⸗ gegenſtreckte, die Freundeshand, ich brachte Jedem Hülfe, der ſie forderte. Und deshalb, für das Gute was ich gethan, ſtehe ich an dem Abgrund! 3 Er erhob den Blick zum Himmel empor und eine 1 61— Thräne glänzte in ſeinen Augen. War es denn Un⸗ recht, mein Gott, flüſterte er traurig, war es ſtraf⸗ würdig, daß ich den Menſchen vertrauete, und muß ich mit meiner Ehre büßen, was ich in Liebe that? Aber dieſe Zerknirſchung und Muthloſigkeit dauerte nicht lange. Gotzkowsky raffte ſich wieder empor aus ſeiner Qual, und indem er ſtolz das Haupt empor richtete, als wolle er die Sorgen abſchütteln, welche es umdüſterten, ſagte er entſchloſſen: Ich darf den Muth nicht verlieren. Dieſer Tag erfordert meine ganze Geiſtesgegenwart, und der entſcheidende Mo⸗ ment ſoll mich nicht verzagt und kleinmüthig finden. Er wollte ſich wieder zur Arbeit ſetzen, aber ein wiederholtes Klopfen an der Thür ſtörte ihn. Auf ſein unwilliges Herein öffnete ſich dieſelbe und Ber⸗ tram erſchien auf der Schwelle. Verzeihe, ſagte er faſt ſchüchtern. Ich weiß, daß Du allein ſein wollteſt, aber ich hielt es nicht länger aus, ich mußte Dich ſehen. Bedenke, Vater Gotz⸗ kowsky, daß ich erſt ſeit vierzehn Tagen wieder hier angelangt bin und Dich in dieſer Zeit kaum geſehen habe, zürne mir alſo nicht, wenn ich Deinem Befehl zuwider handelte und zu Dir komme, obwohl ich weiß, daß Du beſchäftigt biſt. Gotzkowsky nickte ihm mit einem wehmüthigen Lächeln zu. Ich danke Dir dafür, ſagte er. Ich hatte Peter befohlen, Niemand einzulaſſen,— Du warſt davon ausgeſchloſſen, das weißt Du wobl, mein Sohn. — 62— Eine Pauſe trat ein. Bertram ſchaute mit angſt⸗ voll prüfenden Blicken auf Gotzkowsky hin, der ſich wieder an ſeinen Schreibtiſch ſetzte und mit trüben Mienen in ſeinen Papieren blätterte. Bertram war faſt ein Jahr lang abweſend gewe⸗ ſen. Der ſtille Gram, welcher langſam Tag und Nacht an ſeiner Seele nagte, hatte ſeine Geſundheit unter⸗ graben und ſeine phyſiſche Kraft zerſtört. Die Aerzte hatten einen längern Aufenthalt in Nizza nothwendig gehalten, und indem Bertram ihrem Ausſpruch ſich fügte und nach Nizza ging, hatte er zu ſich ſelber geſagt: vielleicht denkt Eliſe an mich, wenn ich nicht bei ihr bin. Vielleicht macht die Ab⸗ weſenheit ihr Herz wärmer ſchlagen, und ſie vergißt den Bruder, um eines Tages den Gatten willkommen zu heißen. Aber als er nach einem Jahre geſtärkt und gene⸗ ſen zurückkehrte, hatte er Eliſen wieder gefunden, wie er ſie verlaſſen. Sie empfing ihn mit demſelben ruhigen, ſtillen Blick, mit dem ſie ihm Lebewohl geſagt, ſie legte eben ſo kühl und freundlich ihre Hand in die ſeinige, und indem ſie ſich theilnehmend und herzlich nach ſeinem Wohlergehen erkundigte, fühlte Bertram doch, daß ihr Herz und ihr innerſtes Weſen gar keinen Theil an ihren Fragen hatte.. Eliſe war ſich gleich geblieben, aber wie wenig glich Gotzkowsky ſich ſelber. Wo wa dieſer glühende willenskräftige Mann geblieben, den Bertram beim — 63— Scheiden umarmte, wo war ſeine klare Stimme, ſeine ſtolze Haltung, ſein energiſcher Wille, ſeine flam⸗ mende Beredtſamkeit, wo war alles dieſes hin? Wel⸗ cher diaboliſchen, unheimlichen Macht war es gelun⸗ gen, dieſen Eiſenwillen zu brechen, dieſe Lebenskraft zu zerreiben? Bertram fühlte, daß ein tiefer Gram an Gotz⸗ kowsky's Leben nagte, ein Gram, der ihn um ſo ge⸗ waltiger zerſtören mußte, je mehr es Gotzkowsky ver⸗ ſchmähete, ſich auszuſprechen und im Mittheilen deſ⸗ ſelben einige Linderung und vielleicht auch einigen Troſt zu finden. Er ſoll mir wenigſtens Rede ſtehen, ſagte Ber⸗ tram zu ſich ſelber. Ich will ihn zwingen, mich zum Vertrauten ſeines Grams zu machen und ſein Herz zu erleichtern, indem er auf das meine einen Theil ſeiner Laſten ſchüttet. Mit dieſem Entſchluß war er jetzt i in Gotzkowsky's Zimmer getreten, ſtand er jetzt ihm gegenüber und ſchaute mit zärtlicher Theilnahme in ſein bleiches, gramentſtelltes Angeſicht. Gotzkowsky aber vermied es, ſeinem Auge zu begegnen. Er ſchien ganz mit ſeinen Papieren beſchäftigt und blätterte in ihnen hin und her. Bertram ertrug es nicht länger, er eilte zu ihm hin und nahm ſeine Hand, welche er zärtlich an ſeine Lippen drückte. Mein Vater, ſagte er, verzeihe mir, aber wenn ich Dich anſehe, befällt mich eine unbeſtimmte Furcht ———m Sprich frei heraus, ich habe Muth Alles zu hören. — 614— die ich mir ſelber kaum erklären kann. Du weißt, ich liebe Dich wie meinen Vater, und eben weil ich Dich liebe, kann ich in Deinem Antlitz leſen. Gotz⸗ kowsky, ich habe ſeit meiner Rückkehr ſehr viel Sorge und Kummer in Deinen Zügen geleſen. Haſt Du? fragte Gotzkowsky ſchmerzlich. Ja, ja, der Kummer ſchreibt nicht in Hieroglyphen, es iſt eine Schrift, die Jedermann verſtändlich iſt. Du geſtehſt alſo ein, daß Du Kummer haſt, und doch verſchweigſt Du ihn mir? fragte Bertram drin⸗ gend. Du läßt mich nicht Theil nehmen an Deinen Sorgen? Vater, habe ich das verdient? Gotzkowsky war aufgeſtanden und ging gedanken⸗ voll und ſchwerathmend auf und nieder. Zum erſten Male fühlte er, daß die Theilnahme eines befreundeten Herzens wohl thue, wider ſeinen Willen brach die Rinde, welche er um ſein blutendes Herz gelegt, und machte ihn weich und troſtbedürftig. Er reichte Bertram ſeine Hand dar und nickte ihm zu. 3 4 Du haſt Recht, mein Sohn, ſagte er weich, ich hätte Dir meine Sorgen nicht verſchweigen ſollen. Es iſt vielleicht ein Troſt, ſich auszuſprechen. Höre alſo,— doch nein, erſt ſage mir: was ſpricht man in der Stadt von mir, und vor allen Dingen, was ſagt man an der Börſe? Ach, Du ſchlägſt die Augen nieder? Bertram, ich will und muß Alles wiſſen. ———— — 65— Aber ſeine Stimme zitterte doch, als er ſo ſprach, und ſeine Lippen zuckten krampfhaft. Bertram erwiderte traurig: Was kümmert Dich das Stadtgeſpräch neidiſcher Seelen. Du weißt, Du. haſt Feinde, denn Du biſt reich und von edler Ge⸗ ſinnung. Man hat Dich längſt beneidet, weil Dein Haus das ſolideſte und größte in ganz Deutſchland iſt, weil Deine Wechſel wie baares Geld an allen Börſen circuliren. Man iſt eiferſüchtig auf die Be⸗ rühmtheit Deiner Firma, und weil man eben eifer⸗ ſüchtig iſt, flüſtert und wispert man allerlei, das man nicht laut zu ſagen wagt. Was kümmert Dich ſolches elende Geflüſter. Bertram ſuchte zu lächeln, aber es war ein trau⸗ riges, angſtvolles Lächeln, welches Gotzkowsky nicht entging. Ach, ſagte er, ſolches leiſe Flüſtern der Verleum⸗ dung gleicht den vereinzelten Schneeflocken, die ſich endlich ſammeln und weiter und weiter rollen, und zuletzt eine Lawine werden, welche unſere Ehre und unſeren guten Namen begräbt. Sage es mir alſo, Bertram, was flüſtert man? Bertram ſagte mit leiſer, ſchüchterner Stimme: Man will wiſſen, daß Dein Haus ungeheure Verluſte erlitten, daß Du nicht im Stande wärſt, Deine Wechſel zu honoriren, daß Dein Reichthum nur noch eine Chimaire und daß,— aber, unterbrach er ſich ſelber, wozu ſoll ich Dir dies alte Weiber⸗ und Zei⸗ tungsgeſchwätze wiederholen. Gotzkowsry III. 5 — 66— Die Zeitungen alſo ſprechen auch ſchon davon? murmelte Gotzkowsky dumpf vor ſich hin. Ja, die Voſſiſche Zeitung hat einen Artikel ge⸗ bracht, in welchem ſie geheimnißvoll und mitleidig von dem nahe bevorſtehenden Falliſſement eines unſerer größten Häuſer ſpricht. Man deutet dies auf Dich, mein Vater! Und die andere Zeitung,— die Spenerſche? Stimmt heute jammernd in dieſe Nachricht ein und beſtätigt ſie. Gotzkowsky brach in ein lautes höhniſches Geläch⸗ ter aus, ſein Antlitz flammte in edler Entrüſtung und ſeine Züge nahmen wieder ihre frühere Energie und Entſchloſſenheit an. Oh Welt, oh Menſchen! ſagte er, wie jammervoll und kleinlich ſeid ihr doch! Du weißt, Bertram, ich that dieſen beiden Männern Gutes, ich habe mich ihnen in der Zeit der Noth und Drangſal als ein Freund bewährt, ich rettete ſie von Schmach und Schande. Dafür machen ſie ſich jetzt zur Lärmtrom⸗ pete meines Unglücks, und was ſtill verborgen, durch das zarte Schweigen meiner Freunde noch verleugnet, ja, ſogar noch abgeändert werden könnte, das ſchreien ſie in alle Welt hinaus und beſchleunigen dadurch meinen Fall. Es iſt alſo wirklich wahr? rief Bertram erblaſſend. Du biſt in Gefahr? Es iſt heute der letzte Zahlungstermin für die fünfmalhunderttauſend Thaler, die ich noch für die —— — 2* — 67— Stadt Leipzig an unſern König zahlen muß. Unſere größten Banquierhäuſer haben dieſe Schuldforderung des Königs an mich aufgekauft. Aber dies iſt nicht Deine eigene Schuld. Du haſt nur gut geſagt für Leipzig. Das that ich, und da Leipzig nicht zahlen kann, ſo muß ich es thun. Aber kann Leipzig wenigſtens nicht einen Theil der Schuld übernehmen? Vielleicht, ſagte Gotzkowsky gedankenvoll. Ich habe einen Courier nach Leipzig geſandt und erwarte ihn jede Stunde. Doch, das iſt es nicht allein, was mich quält, fuhr er nach einer Pauſe fort. Die fünfmal⸗ hunderttauſend Thaler wären leicht aufzubringen, wenn nicht noch andere Unglücksfälle hinzuträten. Das neue, geſtern publizirte und ganz unerwartete Münzgeſetz, welches das leichte Geld ganz außer Cours ſetzt, bringt mich außerdem um eine halbe Million. Weil ich Leipzigs Zahlungsunfähigkeit vor⸗ her ſah, hatte ich mit Hamburg eine Anleihe von einer halben Million leichten Geldes negociirt. Aber die Spione der Münziuden hatten dies entdeckt und wuß⸗ ten nun, während mein Geld ſchon von Hamburg abgegangen war, ein ſofortiges Verbot dieſer Münz⸗ ſorte beim König zu bewirken. Dadurch ſind meine fünfmalhunderttauſend Thaler ungültig.*) 4 Entſetzlich! rief Bertram. Aber haſt Du deun *) Geſchichte eines patriotiſchen Kanfmanns S. 188. 5* — 68— 8 nicht verſucht, zum Mindeſten einen Theil dieſer Summe zu retten? Ja wohl, ſagte Gotzkowsky mit einem bittern lachen. Verſucht habe ich es. Ich wollte funfzig⸗ tauſend Thaler meines Geldes zur Armee der Alliir⸗ ten ſenden, um zu verſuchen, ob es dort courſiren könne. Aber Ephraim hatte auch dies vorher geſehen und deshalb einen Befehl erwirkt, daß dieſes leichte Geld nicht einmal Tranſito durch preußiſche Lande gehen ſollte. Dies neue willkürliche Geſetz ward in⸗ deß erſt publizirt, als meine Gelder ſchon von Ham⸗ burg abgegangen waren, und ich durfte hoffen, ſie ungehindert durch Preußen hindurch zu bringen, denn ſie waren in dem doppelten Boden eines Wagens verborgen. Aber die Habgier hat ſcharfe Augen und den Spionen, mit welchen man all' mein Thun um⸗ ſtellte, war es gelungen, auch dies zu entdecken. Der Wagen ward am Thor von Berlin angehalten, und man entdeckte, was man freilich ſchon zuvor gewußt, in dem doppelten Boden des Wagens die funfzig⸗ tauſend Thaler. Wer aber meinſt Du, Bertram, iſt gegen mich in dieſer Sache als Denunciant aufgetre⸗ ten? Ach, Du erräthſt es nicht. Der Oberbürger⸗ meiſter Präſident von Kircheiſen. Er ſelber ſtand am Thor und lauerte dem Wagen auf und ſuchte ſo lange darin umher, bis er das Geld fand. Kircheiſen, rief Bertram. Derſelbe, Vater, den Du vom Tode erretteteſt, als die Ruſſen hier waren? 1 — 69— Derſelbe, mein Sohn. Du ſchüttelſt ungläubig Dein Haupt? Lies ſelbſt. Er nahm von ſeinem Schreibtiſch ein großes mit amtlichen Siegeln verſehenes Papier und reichte es Bertram dar. Lies ſelbſt, mein Sohn, es iſt ein Reſeript vom Miniſter von Finkenſtein. Sieh, da ſteht es:„dem Präſident von Kircheiſen iſt die Hälfte der entdeckten Summe„als Ausſpürer und Denun⸗ cianten“ vom König zugeſprochen worden.“*) Ach, ein würdiger Titel:„Ausſpürer und Denunciant.“ Beim Himmel, ich beneide ihn nicht darum.— Aber Du ſollſt jetzt Alles wiſſen, fuhr er nach einer Pauſe fort. Es thut mir wohl, Dich theilnehmen zu laſſen an meinen Sorgen, es erleichtert mein armes Herz. Höre alſo. Mich quält noch eine andere Furcht. Du haſt von meiner Speculation mit den ruſſſſchen Ma⸗ gazinen gehört? Von den Magazinen, die Du mit 8 Neufville und den Banquiers Moſes und Samuel ungeſanſt haſt⸗ fragte Bertram. Ja, ſo iſt es. Aber Rußland wollte nur dann den Kaufkontrakt eingehen, wenn ich mich für die ganze Summe verbindlich machte.**) Und Du thateſt es? fragte Bertram zitternd. Ich that es. Das Kaufgeld iſt ſeit vier Monaten fällig und meine Mitcontrahenten haben nicht gezahlt. *) Geſchichte eines aejokiſchen Kaufmanns S. 151. ***) Ebendaſelbſt S. 1. — 70— Wenn Rußland mit Strenge ſeine Schuldforderung eintreiben will, ſo bin ich verloren. Und warum zahlen Moſes und Samuel nicht ihren Antheil? fragte Bertram. Gotzkowsky antwortete nicht ſogleich, und als er ſodann ſprach, drückten ſeine Züge Hohn und Ver⸗ achtung aus. Moſes und Samuel ſind nicht mehr verpflichtet zu zahlen, ſagte er, denn ſie haben ſich geſtern für zahlungsunfähig erklärt. Bertram unterdrückte mühſam einen Schrei der Wuth und bedeckte ſich das Geſicht mit ſeinen Händen. Err iſt verloren, murmelte er in ſich hinein. Un⸗ rettbar verloren, denn er hofft noch auf de Neufville und er weiß nichts von deſſen unglücklicher Geſchichte! VII. Bekenntniſſe. Als Bertram ſein Haupt wieder empor richtete, ſtand Gotzkowsky neben ihm, und ſah mit klarem, liebevollem Ausdruck in ſein zuckendes, gramerfülltes Geſicht. Jetzt war es Gotzkowsky, welcher Bertram Troſt zuſprach, und mit ruhigem, mildem Lächeln ihm von den Hoffnungen erzählte, welche ihm noch geblieben. De Neußville kann zurückkehren, ſagte er, er iſt ja nur zur Bankeröffnung nach Amſterdam gegangen, und wenn es ihm dort gelingt, die nöthigen Summen zuſammen zu bringen und mit ihnen ſo ſchnell als möglich nach Berlin zurück zu kehren, ſo bin ich geretket. Aber wenn er nicht kommt? fragte Bertram mit zitternder Stimme, indem er ſeine traurigen Blicke mit prüfendem Ausdruck auf Gotzkowsky heftete. Dann bin ich rettungslos verloren! rief Gotzkowsky laut und ernſt. 1 Bertram eilte zu ihm hin, und warf ſich in ſeine Arme, und drückte ihn feſt an ſeine Bruſt, als wolle er ihn dort ſchützen und bergen vor allem Unheil, welches ihn bedrohte. Du mußt gerettet werden, ſagte er bebend. Es iſt nicht möglich, daß Du unterliegen ſollteſt. Du haſt ein ſolches Unglück nicht verdient. 4 Eben deshalb fürchte ich, daß ich es erdulden muß, rief Gotzkowsky mit einem ſchmerzvollen Lächeln. Wenn ich dieſe Schmach verdient hätte, ſo würde ich ſie viel⸗ leicht nicht erleiden. Die Welt iſt ſo gemacht, daß dem Menſchen niemals das wird, was er verdient, weder im Guten, noch im Böſen. Aber Du haſt Freunde, rief Bertram. Tauſende von Menſchen ſind Deiner Großmuth und Deiner ſtets bereiten Hülfe zu Dank verpflichtet. Es iſt viel⸗ leicht in ganz Berlin kein Kaufmann, dem Du nicht einmal beigeſtanden und ihm in der Noth geholfen haſt. Gotzkowsky legte ihm die Hand auf die Schulter, und ſagte mit einem erhabenen Ausdruck: Mein Freund, grade diejenigen, welche mir Dank ſchuldig ſind, grade die werden mich verderben. Daß ich ſie zu Dank verpflichtet habe, macht ſie zu meinen un⸗ erbittlichſten Feinden. Denn der Menſch verzeiht leichter das Böſe, was man ihm angethan, als das Gute, mit dem man ihn errettet hat. Die Pflicht der Dankbarkeit iſt eine ſo harte Tugend, daß die Menſchen die unverſöhnlichen Feinde deſſen werden, der ſie ihnen auferlegt. Wenn Du ſo ſprichſt, mein Vater, rief Bertram, in edlem Unwillen ergl ſo verurtheilſt Du da⸗ mit auch mich. Du haſt im auf ewig zur Dank⸗ barkeit verpflichtet und ich liebe Dich grenzenlos dafür.. Das iſt eine ſeltene Ausnahme, ſagte Gotzkowky ſchwermuthsvoll, aber ich danke Gott, daß ich ſie kennen gelernt habe. Bertram ſah ihm tief und innig in die Augen. Du glaubſt alſo an mich? Ich glaube an Dich, ſagte Gotzkowsky feierlich, indem er ihm die Hand darreichte. Kun denn, mein Vater, rief Bertram raſch und freudig, lo laß mich jetzt in dieſer entſcheidenden Stunde eine entſcheidende Bitte wagen. Du nennſt mich Deinen Sohn. Gieb mir auch die Rechte eines Sohnes. Gönne mir das Glück, Dir das Wenige, was ich beſitze, darzubringen. Mein Vermögen reicht freilich nicht hin, um Dir zu helfen, aber es kann Dir mindeſtens nützen. Vater, ich danke Dir Alles, was ich habe. Es iſt Dein Eigenthum, nimm es zurück! Niemals, unterbrach ihn Gotzkowsky. Aber Bertram fuhr dringender fort: Ueberlege wenigſtens! Als Du die Porzellanfabrik begründeteſt, machteſt Du mich zum Theilnehmer an dieſem Ge⸗ ſchäft, und ich nahm es an, obwohl ich nichts hatte, und nichts beſaß, als was Dir gehörte. Als der 74— König dann vor einem Jahr Dir die Fabrik ab⸗ kaufte*), zahlteſt Du mir faſt ein Vierteltheil des Kaufgeldes aus und ga ir dreißigtauſend Thaler. Ich nahm es an und hatte nicht das kleinſte Capital eingezahlt. Du irrſt, mein Sohn! Du vergißt, daß Du das Capital Deiner Kenntniſſe und Deines Geiſtes ein⸗ gezahlt hatteſt. 1 Vom Geiſt lebt man nicht, rief Bertram un⸗ willig, und ich hätte mit all' meinen Kenntniſſen ver⸗ hungern können, wenn Du Dich nicht meiner ange⸗ nommen hätteſt. Deshalb, mein Vater, nimm wieder zurück, was Dein iſt, nimm mein Geld. Gotzkowsky machte eine verneinende, abwehrende Bewegung, und Bertram fuhr dringender fort: Vater, wenn ich nun in Wahrheit Dein Sohn wäre, könnteſt Du mir dann das Recht verſagen, mit Dit zu fallen und unterzugehen? Könnteſt Du es Deinem Sohn verweigern, mit Dir zu theilen, was er beſitzt? Nein, rief Gotzkowsky, von meinem Sohn würde *) Der König kaufte die Porzellanfabrik von Gotz⸗ kowsky im Auguſt 1763 für 125,000 Thaler, und wid⸗ mete ihr die größte Theilnahme und Sorgfalt. Um den Abſatz derſelben zu erhöhen, erließ der König im Jahr 1769 ein Geſetz, wonach die Juden für jeden Schutzbrief und jede Conceſſion für 300 Thaler Porzellan aus der Königlichen Fabrik entnehmen mußten, ebenſo mußte der Unternehmer des Lotto jährlich für 10,000 Thaler Por⸗ zellan kaufen. 4 — 75— ich ſogar dies Opfer fordern. Denn es handelt ſich nicht bloß um irdiſches Beſitzthum, ſondern auch um das heiligſte Geiſtesgut, um die Ehre meines Namens. Hätte ich einen Sohn, ſo würde ich verlangen, daß er ſelbſt mit mir in den Tod ginge, wenn dadurch die Ehre meines Namens gerettet werden könnte. Nun wohl, ſagte Bertram, laß mich in Wahrheit Dein Sohn ſein. Gieb mir Deine Tochter. Gotzkowsky trat erſtaunt einen Schritt zurück und ſtarrte in Bertrams edles, begeiſtertes Angeſicht. Ach, rief er, ich danke Dir, Bertram, Du biſt ein edler Menſch. Ich durchſchaue Dich. Du haſt er⸗ kannt, was am Tiefſten und Schmerzlichſten an mei⸗ ner Seele nagt,— daß Eliſe durch meinen Fall zur Bettlerin wird. Du willſt ihr edelmüthig Hülfe bringen, und ſie vor Mangel bewahren. Nein, Vater, ich möchte ſie beſitzen, weil ich ſie liebe, rief Bertram, und ich will Dein Sohn ſein, um mir das Recht zu erwerben, Alles für Dich hin⸗ zugeben, und dann für Dich zu arbeiten. Ach, Du haſt Dein ganzes Leben hindurch ſo viel für Andere gethan, gönne es mir, auch einmal etwas für Dich thun zu können. Gieb mir Deine Tochter. Laß mich Dein Sohn ſein. Gotzkowsky ging einige Minuten ſchweigend auf und ab, und als er dann vor Bertram ſtehen blieb, war ſein Antlitz traurig und kummervoll. Du weißt, ſagte er, daß dies immer ein Lieblings⸗ wunſch von mir geweſen. Aber, was ich Jahre lang vergeblich hoffte, das muß ich heute ablehnen. Ich darf Dich nicht hineinziehen in mein Mißgeſchick und ſelbſt, wenn ich ſchwach genug wäre, es zu thun, und Deinen Bitten nachzugeben, ſo darf ich doch das Glück meiner Tochter nicht meiner Wohlfahrt opfern. Glaubſt Du, Bertram, daß Eliſe Dich liebt? Sie iſt mir gut, und will mir wohl, das genügt! ſagte Bertram traurig. Ich habe es in manchem Schmerzensjahr gelernt, auf ihre Liebe zu verzichten. Aber wenn Eliſe einen Andern liebte? Ich fürchte, ihr Herz iſt allzutreu, und hat den Frevler, der ſie um ihr Glück betrogen, noch nicht vergeſſen. Ach, wenn ich an dieſen Menſchen denke, bebt mein Herz in Zorn und Schmerz. Ich werde in meiner Todes⸗ ſtunde allen meinen Feinden vergeben, aber der Haß gegen dieſen Menſchen, der mit dem Glauben und der Liebe meines Kindes ein frevelndes Spiel ge⸗ trieben, dieſen Haß nehme ich mit mir in mein Grab. — Und dennoch fürchte ich, daß Eliſe ihn nicht ver⸗ geſſen hat!. Dieſe todte Liebe beunruhigt mich nicht, ſagte Ber⸗ tram. Vier Jahre ſind ſeit jenem unglückſeligen Tage vergangen— Und vier Jahre lang habe ich ihn treu gehaßt, unterbrach ihn Gotzkowsky, kann Eliſe ihn nicht eben ſo treu vier Jahre lang geliebt haben? Bertram ſeufzte, und ſenkte das Haupt auf ſeine 7= Bruſt. Es iſt wahr, flüſterte er, die Liebe ſtirbt nicht ſo leicht.— Vater, ſagte er dann nach einer Pauſe ent⸗ ſchloſſen, ich wiederhole meine Bitte: gieb mir Deine Tochter!— Du weißt, daß ſie Dich nicht liebt, und Du be⸗ gehrſt ſie dennoch? fragte Gotzkowsky. Ja, ich bitte Dich um ihre Hand, ſagte Bertram. Ich habe zu ihr und zu mir die Zuverſicht, daß Eliſe ſie mir nicht verweigern, ſondern daß ſie dies Opfer freudig bringen wird, wenn ſie erfährt, daß Du nur Deinem Sohn geſtatten willſt, ſein geringes Eigen⸗ thum mit Dir zu theilen. Weil ſie Dich liebt, wird ſie mir ihre Hand geben und mir Sohnesrechte zu Dir verleihen. Niemals, rief Gotzkowsky heftig, niemals darf ſie erfahren, was wir eben geſprochen haben. Sie ahnt nichts von dem Unglück, das ſie bedroht,— ich habe nicht die Kraft, es ihr zu ſagen, und wozu ſollte ich es auch? Wenn das Entſetzliche eintritt, wird ſie es nooch früh genug erfahren, und läßt es ſich vermeiden, dann will ich dieſes Unheil ſtill an ihr vorüber führen. Für mein Kind einen klaren, reinen Himmel, für mich die Wolken und die Ungewitter! Das iſt das Streben meines ganzen Lebens geweſen, ich will es treu zu Ende führen. Du willſt mich alſo zurückweiſen? fragte Bertram ſchmerzvoll. 78— Nein, mein Sohn, ich nehme Dich an, ſagte Gotzkowsky, und was Du mir in dieſer Stunde ge⸗ geben, den Schatz Deiner Liebe, den kann ich nie verlieren, der bleibt Mein, und weun die Welt mir alles Andere nähme. Er breitete ſeine Arme aus und Bertram warf ſich weinend an ſeine Bruſt. Lange ruhten ſie Herz an Herzen, Beide ſchwei⸗ gend; aber ihre Seelen ſprachen zu einander, und ſie verſtanden ſich auch ohne Worte und ohne Liebes⸗ betheuerungen. Als Gotzkowsky ſich dann aus Bertram's Armen aufrichtete, war ſein Antlitz ruhig und faſt heiter. Ich danke Dir, mein Sohn, ſagte er, Du haſt mir neuen Muth und neue Kraft gegeben. Ich will jetzt alle meine Beſonnenheit bewahren, ich will meinen Stolz demüthigen und mich an diejenigen wenden, welche mir zu andern Zeiten ewige Dank⸗ barkeit gelobten. Der Magiſtrat von Berlin ſchuldet mir über zwanzigtauſend Dukaten aus jener Zeit, als die Ruſſen in Berlin waren, und ich ſpäter zwei Mal für die Stadt Berlin nach Petersburg und Warſchau fahren mußte. Man hat mir dieſe NRechnungen niemals abgefordert)! Ich ergebe mich darein, den Magiſtrat daran zu erinnern, daß er in den Tagen der Noth mir ewige Dankhbarkeit ge⸗ ſchworen hat. Komm, Bertram, wir wollen einmal *) Siehe Gotzkowsky's Lebensgeſchichte S. 44. — 79— ſehen, ob dieſe edlen Herren vom Magiſtrat auch nicht beſſer ſind als alle andern Menſchen, und ob ſie kein Gedächtniß haben für die heiligen Verſpre⸗ chungen, die ſie geleiſtet, als ſie der Hülfe bedurften, und das Uuglück ſie bedrohte. VIII. Der ruſſiſche Fürſt. Vor der Thür des erſten Hôtels von Berlin hielt ein beſtäubter Reiſewagen. Der Poſtzug von ſechs Pferden und die beiden Bedienten auf dem Bock verriethen, daß es eine ſehr vornehme Herrſchaft ſei, welche den Gaſthof mit ihrem Beſuch beehren wollte, es war daher ſehr natürlich, daß der Wirth ſelber hinaus eilte an den Wagen, um in ehrerbietigſter Verneigung den Schlag zu öffnen. Ein hoch gewachſener ſchlanker Mann ſtieg mit langſamem, feierlichem Anſtand aus dem Wagen, und indem er ernſt und ſchweigend in das Haus trat, fragte ſein franzöſiſcher Kammerdiener, ob der Wirth einige paſſende Zimmer habe, ſchön und glänzend ge⸗ nug, um den Fürſten von Stratimojeff aufnehmen zu können. Das Antlitz des Wirthes verklärte ſich zu einem ſtrahlenden Lächeln, er riß dem Oberkellner mit un⸗ geſtümer Haſt den Armleuchter aus der Hand und 81— flog ſelber die Treppen hinauf, um die Staatszimmer ſeines Hauſes für den Fürſten zu öffnen. Der franzöſiſche Kammerdiener durchſchritt die Zimmer mit prüfendem Blicke und erklärte ſie, wenn auch nicht würdig, doch geeignet, Se. Durchlaucht, welcher eben die Stiegen hinauf ſchritt, aufzunehmen. Der Fürſt ſchwieg noch immer, er hatte noch im⸗ mer die Reiſemütze tief in ſein Geſicht gedrückt und ſeine ganze Geſtalt in dem weiten Zobelpelz, der bis an die Füße hinab reichte, geborgen. Er winkte dem Wirth mit einer ſtummen Hartr bewegung, das Zimmer zu verlaſſen, dann befahl er mit einigen kurzen, abgebrochenen Worten ſeinem Kammerdiener, für ein Souper Sorge zu tragen und dies im anſtoßenden Gemach für ihn zu ſerviren, und als in dieſem Moment ein Wagen am Hauſe vor⸗ fuhr, gebot er ſeinem Kammerdiener an's Fenſter zu treten und nachzuſehen, ob es ſeine Suite ſei. Der Kammerdiener bejahete und verſicherte, es ſei allerdings das Gefolge Sr. Durchlaucht, der Geheim⸗ ſecretair, der Geſchäftsführer und der Kaplan. Ich will ſie heute nicht mehr ſehen, ſagte der Fürſt gebieteriſch. Sie mögen thun, was ihnen beliebt; morgen aber beginnen unſere Geſchäfte, ſage ihnen das. Was Dich aber anbetrifft, Guillaume, ſo habe ich für Dich einen wichtigen Auftrag. Du wirſt zuerſt hingehen und Dich bei dem Wirth nach dem reichen Banquier Johann Gotzkowsky erkundigen, und wenn Du erfahren haſt, wo er wohnt, ſo wirſt Du Dich Gotzkowsky III. 6 — 32 in ein weiteres Geſpräch einlaſſen und einige Erkun⸗ digungen über die Verhältniſſe dieſes Herrn einziehen. Auch über ſeine Familie will ich Näheres wiſſen. Du wirſt nach ſeiner Tochter fragen und erforſchen, ob ſie unverheirathet, ob ſie hier in Berlin anweſend iſt. Kurz, Du wirſt zu erfahren ſuchen, ſo viel Du kannſt. Der geſchmeidige und unterwürfige Kammerdiener hatte ſchon längſt das Zimmer verlaſſen, und noch immer ſtand Fürſt Stratimojeff unbeweglich auf der⸗ ſelben Stelle und ſtarrte zur Erde und murmelte ein⸗ zelne unverſtändliche Worte. Plötzlich warf er mit einer heftigen Bewegung den Zobelpelz von ſeinen Schultern und ſchleuderte ſeine Kopfbedeckung weithin in das Zimmer. Luft, Luft, ich erſticke! rief er. Ach, mir iſt, als ob dieſe Stadt mit Centnerſchwere ſich auf meine Bruſt wälze, und gleich einem Verbrecher möchte iche mich vor den Augen der Menſchen verbergen. Er riß ſich das Gewand auf und athmete hoch und ſchwer, ſeine Stirn war ſorgenvoll und trübe, ſeine Lippen waren feſt auf einander gepreßt. Was war es denn, was den Fürſten Stratimoſeff ſo ſeltſam ergriff und ihn wie mit Fieberſchauern durchrüttelte? Es waren die Erinnerungen an frühere Tage, es waren die quäleriſchen und verdammenden Stimmen ſeines Gewiſſens, welche ihn folterten. Was hatte denn der Fürſt Stratimojeff zu fragen 4 — 83— und zu forſchen nach dem Banquier Gotzkowsky und ſeiner Tochter? Wie? Sollte der Graf Feodor von Brenda ſo ſehr ſein Herz verhärtet haben, daß es ihn nicht ein⸗ mal verlangte, von ihr zu hören, wenn er nach Ber⸗ lin zurückkehrte, von ihr, welche er einſt ſo ſchmählich betrogen hatte? Er war es. Der Obriſt Graf Feodor von Brenda hatte ſich in den Fürſten Stratimojeff verwandelt. Aber welche Verwüſtung haben vier kurze Jahre in ſeinem innerſten Leben angerichtet! Es ſind vier Jahre der ausſchweifenden Luſt, der tollen entnerven⸗ den Freude, vier Jahre des Bachanals, der Ueppig⸗ keit, des Sinnenrauſches geweſen, vier Jahre, die der Graf an dem Hofe zweier ruſſiſcher Kaiſerinnen ver⸗ lebt hat! Eliſabeth war während dieſer vier Jahre geſtorben, und auf einige kurze Tage hatte der un⸗ glückliche Peter der Dritte die ruſſiſche Kaiſerkrone getragen. Aber ſie war zu ſchwer geweſen für ſein ſchwaches Haupt und ſeine große Gemahlin Katha⸗ rina hatte voll Erbarmens und ruſſiſcher Menſchen⸗ liebe ihm die Laſt zu erleichtern geſucht. Nur daß ſie in übergroßem Eifer ihm nicht blos die Krone, ſon⸗ dern auch den Kopf genommen und ſein Gefängniß in ein Grab verwandelt hatte. Die Garden jauchzten der neuen Kaiſerin zu, wie ſie es der alten gethan. Der ſchönen jungen Kaiſerin Katha⸗ rina gegenüber erinnerten ſie ſich mit Entzücken, daß die Kgiſerin Eliſabeth ihnen ſtets eine ſo gnädige, herab⸗ 6* — 84— laſſende Herrin geweſen, daß ſie in der Fülle ihrer Gnade und ihrer Machtvollkommenheit Unteroffiziere in Fürſten und gemeine Soldaten in große Herren verwandelt hatte. Warum ſollte Katharina nicht darin Eliſabeth gleichen und Gnade üben an den ſchönen Soldaten von der Garde? 3 Sie übte Gnade. Sie war allen ihren Unter⸗ thanen eine gsädige Herrin, am gnädigſten aber den ſchönen Männern ihres Reiches. Und Graf Feodor von Brenda war ein ſehr ſchö⸗ ner Mann, er war der Liebling der Kaiſerin Eliſa⸗ beth geweſen, weshalb ſollte er nicht auch der Lieb⸗ ling der Kaiſerin Katharina ſein? Jene hatte ihn begnadigt mit mütterlicher Zärtlichkeit, denn ſie war alt, Katharina aber war jung und in ihrer ſtolzen Bruſt dampfte und glühte ein feuriges Herz, ein Herz welches ſo mächtig und groß war, daß Platz darin war für mehr als Eine Liebe, ohne daß die eine die andere zu vertreiben nöthig hatte. Der junge Graf Feodor von Brenda war auf einige kurze Monate der erklärte Günſtling der Kai⸗ ſerin, und die ganze Welt huldigte ihm und fand es ſehr natürlich, daß Katharina ihn zum Fürſten Stra⸗ timojeff erhob und ihm nicht blos Orden und Titel, ſondern auch herrliche Güter und Tauſende von Leib⸗ eigenen ſchenkte. Welch' ein tolles, verauſchendes, glückſeliges Leben war dies. Wie beneidete alle Welt den ſchönen, rei⸗ — 35— chen, von kaiſerlicher Gnade umſtrahlten Fürſten Stratimojeff. Aber dennoch lag immer eine Wolke auf ſeiner Stirn und er ſtürzte ſich in das Meer der Luſt wie ein Fieberkranker, welcher ein wenig Kühlung dieſer Gluth ſucht, die ihn verzehrt. Er warf ſich dem Ver⸗ gnügen in die Arme wie ein zum Tode verurtheilter Ver⸗ brecher, welcher die letzte Stunde ſeines Lebens im Cham⸗ pagnerrauſch durchraſt, um nicht daran denken zu müſſen, daß der Tod hinter ihm ſteht und ſchon die Hand nach ihm ausgeſtreckt hat. So wollte auch er im Rauſch der Freude ſeine Gedanken ertödten und ſein Herz betäuben. Doch es gab auch ſtille Stunden, welche ihn an die Vergangenheit mahnten und zuweilen, inmitten der Nacht fuhr er von ſeinem Lager empor und lauſchte, denn es war ihm, als habe er einen Schrei vernommen, einen einzigen, herzerſchütternden Schrei, welcher ihm durch die Seele drang. Aber dieſer Schrei war nur in ſeinen Träumen erklungen, in dieſen Träumen, welche ihm Eliſens bleiches, gramdurchfurchtes Antlitz zeigten und ihn erbeben machten vor ihrem zürnenden, verzweiflungs⸗ vollen Schmerz. Und neben dieſer Lichtgeſtalt ſeiner Geliebten erſchien ihm zuweilen noch ein anderes blaſſes Weib, deren kummervolle Blicke ihn marterten und ängſtigten, glaubte er ſeine Gemahlin, die ein⸗ ſtige Gräfin Lodoiska von Sandomir zu ſehen, deren von Thränen umdüſterte Blicke von ihm ihr ge⸗ — 86— mordetes Glück, ihre Jugend, ihr Leben zu fordern ſchienen. Sie war todt, das heißt, ſie war geſtorben vor Gram, denn ſie hatte gefühlt, daß der Mann, dem ſie Alles geopfert, ihre Jugend, ihre Ehre und ihre Pflichten, daß Feodor ſie verachtete und es ihr nie vergeben konnte, daß ſie durch einen Betrug ſeine Gemahlin geworden. An ſeiner Verachtung und ſeinem Haß ſtarb ſie. Nicht auf einmal, nicht wie ein Blitzſtrahl tödtete ſie dieſe Verachtung, ſondern langſam und leiſe bohrte ſie ſich in ihr Herz ein. Ein ödes, troſtloſes Jahr ertrug ſie dieſe Marter, dann ſtarb ſie eines einſamen, troſtloſen Todes. Keine liebende Hand trocknete ihr den Todes⸗ ſchweiß von der erkaltenden Stirn, kein erbarmender Mund flüſterte ihr Worte der Liebe, des Wieder⸗ ſehens zu. Aber ihr Herz war dennoch nicht erkaltet für ihren Gemahl, und auf ihrem Sterbebette noch hatte ſie ihn geſegnet. Davon zeugte dieſer rührende Brief voll demüthiger Liebe, voll verzeihender Milde, welchen der Fürſt, ihr Gemahl, auf ſeinem Schreib⸗ tiſch fand und welchen ſie mit zitternden Händen, ſchon durchſchauert von den Schreckniſſen des Todes, geſchrieben; davon zeugte der zweite Brief, den ſie dem andern beigefügt und welcher an Eliſe Gotz⸗ kowsky gerichtet war. Lodoiska hatte ihren Gemahl genug geliebt, um e Quelle ſeines tollen und ausſchweifenden Lebens — 87— zu kennen, um zu wiſſen, daß er im Grunde ſeines Herzens doch immer noch kranke an dieſer einzigen wahren Liebe ſeines Lebens, an der Liebe zu Eliſen, und daß alles Andere nichts weiter ſei, als die ver⸗ zweiflungsvollen und raſenden Verſuche, ſein Herz zu ertödten und die Sehnſucht deſſelben zu erſticken. Eliſens Bild verfolgte ihn überall, und dieſe Liebe, welche der Segen ſeines Lebens hätte ſein ſollen, war dem Schuldigen zu einem grauſamen Fluch ge⸗ worden. Inmitten des wüſten Feſtgelages, bei den gehei⸗ men kaiſerlichen Bachanalien tauchte ihr Bild vor ihm empor, erhob es ſich vor ihm aus dieſen Wogen toller Luſt, wie ein Rettungsengel, und machte ihn ſtumm und hemmte den übermüthigen Scherz auf ſeiner zuckenden Lippe. Zuweilen überkam ihn während ſolcher Feſte und Tänze eine grenzenloſe, unausſprechliche Traurigkeit, eine marternde Angſt. Er fühlte dann eine unaus⸗ ſprechliche Oede in ſich ſelber, das Bewußtſein ſeines verlorenen, verwüſteten Daſeins marterte ihn, und es war ihm, als flüſtere eine Stimme in ſeinem Her⸗ zen:„Geh, flüchte Dich zu ihr! Bei Eliſe iſt Friede und Unſchuld! Wenn Du zu retten biſt, ſo rettet Dich Eliſe!“ Aber er hatte nicht die Kraft, dieſer mahnenden Stimme ſeines Herzens zu folgen, er war gefeſſelt in glänzenden Banden, und wenn es auch nicht die Liebe — 88— war, ſo war es der Stolz und die Eitelkeit, welche ihn hinderten, dieſe Bande abzuſtreifen. Er war der Günſtling der jungen Kaiſerin, und die Großen des Reichs beugten ſich vor ihm und fühlten ſich beglückt durch ſein Lächeln und den Druck ſeiner Hand. . Aber Alles iſt wechſelvoll und veränderlich. Auch das Herz der Kaiſerin Katharina war dem Wechſel unterworfen. Eines Tages erhielt der Fürſt Stratimojeff ein Billet ſeiner kaiſerlichen Geliebten, in welchem ſie ihm eine diplomatiſche Miſſion nach Deutſchland übertrug und ihn erſuchte, wegen der Dringlichkeit der Ange⸗ legenheit, die Reiſe ſofort anzutreten. Feodor verſtand den geheimen Sinn dieſes an⸗ ſcheinend ſo gnädigen und zärtlichen Briefes vollkom⸗ men, verſtand, daß er in Ungnade gefallen, nicht weil er irgend etwas verſchuldet habe, ſondern einfach weil Graf Orloff ſchöner und liebenswürdiger war, wie er, oder weil er zum mindeſten der Kaiſerin ſo er⸗ ſchien. Deshalb war Feodor's Nähe ihr unbequem, und ſie wollte ihn entfernen, denn damals, zu Anfang ihrer Regierung, hatte Katharina noch ſo viel Scham⸗ gefühl, daß die Günſtlingsſchaft noch keine erklärte Hofcharge war, ſondern nur noch als lautes Geheim⸗ niß betrachtet ward. Damals ſcheute ſie ſich noch den verabſchiedeten Günſtling dem neuen Günſtling V gegenüber zu ſtellen, und deshalb ſollte Feodor auf — — 89— Reiſen gehen, bevor Graf Alexis Orloff in ſeine Stelle trat. Fürſt Feodor Stratimojeff zerknitterte das duf⸗ tende kaiſerliche Briefchen in ſeiner Hand und mur⸗ melte zwiſchen ſeinen zuſammengepreßten Zähnen hervor: Sie hat mich einem Orloff aufgeopfert. Sie will mich entfernen, um dieſes neue Luſtſpiel ihrer Liebe ungeſtörter aufführen zu können. Nun wohl, ich gehe, aber nicht um einſt zu ihr zurückzukehren, um mich auf's Neue von ihren Liebesbetheuerungen und ihren gnädigen Blicken täuſchen zu laſſen. Nein, dieſer Bruch mit ihr ſei ewig. Katharina ſoll es fühlen, daß ſie nur ein Weib iſt, welches ich ver⸗ achte, obwohl ſie eine Kaiſerin iſt. Deshalb nicht das kleinſte Abſchiedswort, die leiſeſte Bitte. Sie heißt mich gehen, und ich gehe. Und ſcheint es nicht, als ob das Schickſal ſelber mir den Weg zeigte, den ich gehen ſoll? Iſt's nicht ein wunderbarer Zufall, daß Katharina grade mich mit dieſer Miſſion nach Deutſchland ſendet? Es war in der That ein wunderbarer Zufall, daß Katharina, ohne es zu ahnen, den Liebhaber, den ſie entließ, zu Der zurückſandte, welche allein Feodor jemals geliebt hatte. 3 Die Kaiſerin ſandte Feodor als außerordentlichen Geſandten nach Berlin, um ihrer Forderung an einen preußiſchen Banquier mehr Nachdruck zu geben, um beim preußiſchen Departement der auswärtigen An⸗ gelegenheiten den Banquier Johann Gotzkowsky zu verklagen wegen einer Schuldforderung von zwei Millionen Thaler, und falls dieſer ſich der Zahlung weigerte, auf diplomatiſchem Wege zu verſuchen, ob die preußiſche Regierung nicht zu bewegen ſei, Ruß⸗ lands Forderung zu unterſtützen und ihr Recht zu ſchaffen. Das war die Sendung, welche Katharina dem Fürſten Stratimojeff übertragen, aber indem er ſich entſchloß, dieſe Sendung anzunehmen, ſagte er zu ſich ſelber: ich werde Rache nehmen an dieſer über⸗ müthigen Frau, welche glaubt, mich wegwerfen zu können, wie man es mit einem Spielzeug thut, deſſen man überdrüſſig geworden! Ich werde ihr zeigen, daß mein Herz ganz ungerührt geblieben von ihrer Treuloſigkeit, ich werde ihr mein junges Weib gegen⸗ überſtellen, vor deren Schönheit, Unſchuld und Ju⸗ gend die ſtolze Kaiſerin erröthend die Augen nieder⸗ ſchlagen ſoll. Mit ſolchen Vorſätzen ging er zum letzten Abend⸗ feſt der Kaiſerin. Es blieb ihm noch ein Abend der Luſt, des rauſchenden Vergnügens, bevor er abreiſte, und er wollte aus dieſem Abend für ſich einen Triumph und ein Rachefeſt machen. Niemals war er daher ſo glänzend, ſo witzſpru⸗ delnd, ſo liebenswürdig und heiter geweſen, als an dieſem Abend. Seine Scherze waren die verwegen⸗ ſten, die übermüthigſten, ſie machten ſogar die K i⸗ ſerin zuweilen erröthen und jagten ihr Blut heißer und feuriger durch die Adern. Der Hof, welcher ſich darauf gefreut hatte, den längſt beneideten und gehaßten Günſtling heute dem neuen erklärten Günſtling gegenüber beſchämt und gedemüthigt zu ſehen, bemerkte mit Erſtaunen und bitterm Verdruß, daß ſich die Demüthigung für ihn in eine Huldigung verwandeln ſollte, denn die Kai⸗ ſerin, bezaubert von ſeiner Liebenswürdigkeit und ſei⸗ nem Geiſt, ſchien ihm ihr Herz wieder zuzuwenden und mit ihren zärtlichen Blicken ihn um Vergebung ihrer Treuloſigkeit bitten zu wollen. Sie hatte ſchon ganz dieſe unglückſelige Sen⸗ dung vergeſſen, welche Feodor von ihrem Hof ent⸗ fernen ſollte, aber er ſelbſt kam, ſie daran zu er⸗ innern. Während Aller Geſichter noch ſtrahlten vor Ent⸗ zücken über ein köſtliches Bonmot, welches Feodor eben gemacht und welches die Kaiſerin laut belacht hatte, trat er zu ihr und bat ſie um ihren Segen zu der Reiſe nach Deutſchland, die er in dieſer Nacht noch antreten wolle. Faſt hätte Katharina ihren Befehl zurickgenom⸗ men und ihn gebeten zu bleiben. Aber ſie war Weib genug, um in ſeinem Antlitz die trotzigen und zor⸗ nigen Gedanken ſeiner Seele zu leſen. Sie begnügte ſich daher, ihm eine ſchleunige Rückkehr zur Pflicht zu macher Oeffentlich, vor der ganzen Geſellſchaft und vor ihrem neuen Günſtling, bereitete ſie dem Fürſten Feodor Stratimojeff einen neuen Triumph. — 92— Sie hieß ihn vor ihr niederknieen und hing ihm eine goldene Kette um, an welcher ihr Portrait be⸗ feſtigt war. Dann küßte ſie ihn leiſe auf die Stirn und ſagte mit einem gnädigen und verheißungsvollen Lächeln: Auf Wiederſehen! ———ꝛ—— IX. Alte Liebe, neues Leid. Eliſe war in ihrem Zimmer; ihr Antlitz zeigte wie immer eine ruhige, ſtille Gelaſſenheit, und ihre gro⸗ ßen, dunklen Augen hatten einen ſchwermüthigen, aber klaren Ausdruck. Sie ſaß in einem Fauteuil und las, und wer ſie ſo ſah mit dieſer hohen, klaren Stirn, und den edlen und ruhigen Zügen, der mochte ſie für eins jener glücklichen und begnadigten Weſen halten, welche der Himmel mit ewiger Ruhe und heiterer Gelaſſenheit geſegnet, und die niemals das freſſende Gift leidenſchaftlicher Schmerzen gekoſtet haben. Keine Spur von den Stürmen, welche ihr Leben durchtobt hatten, war auf ihrem Antlitz zurückgeblieben; ihre Schmerzen hatten nach innen gefreſſen, und nur ihr Herz ihre geiſtige Jugend war ihr geſtorben, aber ihr Angeſicht war jung und ſchön geblieben. Ihre Jugendkraft hatte ihre geiſtigen Schmerzen be⸗ ſiegt, und ihre Wangen, obwohl farblos und von — 94— durchſichtiger Bläſſe, zeigten doch nicht dieſe kranke, gelbe Bläſſe, welche der Herold eines nahenden Todes zu ſein pflegt. Sie war geſund und jung in ihrer Erſcheinung, und nur krank und kalt in ihrer Seele. Vielleicht aber bedurfte es nur eines Songenſtrahls, um ihr erkaltetes Herz wieder zu erwärmen, nur eines Hoff⸗ nungsſcheines, um ihre Seele wieder jung zu machen, und ſtark und friſch zum Lieben und zum Leiden. Niemals hatte ſie der Vergangenheit vergeſſen, niemals hatte ſie aufgehört, deſſen zu gedenken, den ſie ſo unausſprechlich geliebt hatte, den ihre Seele immer noch nicht laſſen konnte. Die Erinnerungen ihrer Vergangenheit, das war das Leben ihrer Gegen⸗ wart. Der Baum im Garten, welchen er einmal be⸗ wundert, die Blumen, welche er damals geliebt, und die ſeitdem in immer neuer Verjüngung vier Mal eine neue Blüthe gezeigt, das Rauſchen der Fichten, welches von der Gartenmauer zu ihr hertönte, Alles erinnerte ſie an ihn, und machte ihr Herz er⸗ beben, ſie wußte ſelbſt kaum, ob vor Zorn, oder vor Schmerz. Auch jetzt, wie ſie da in ihrem Zimmer ſaß, be⸗ ſchäftigten ſich ihre Gedanken und Träume wieder nur mit ihm. Sie hatte geleſen, aber das Buch entſank ihrer Hand. Von den Liebesſcenen, welche da im Buche ſtanden, ſchweiften ihre Gedanken weit ab in die —,— —,N ·—.,— — 95— Ferne und Weite, und riefen ihr die Träume und Hoffnungen ihrer Vergangenheit wieder wach. Aber Eliſe mochte ſich dieſen Verlockungen nicht hingeben, ſie hatte zuweilen ein ſtilles Grauen vor ihren eigenen Gedanken, ſie mochte es ſich nicht ge⸗ ſtehen, daß ſie auf dieſen Mann, welcher ſie verrathen, dennoch immer liebend hoffte. In einer Art erbarmenden Mitleids mit ſich ſelber, legte ſie einen Schleier über ihr Herz, um ſelber nicht zu ſehen, daß es noch zucke vor Schmerz und vor Liebe. Nur zuweilen, in der Stille und Abgeſchloſſen⸗ heit ihres Zimmers wagte ſie es, an dieſem Schleier zu rücken, um in die Tiefe ihrer Seele hinabzuſchauen und in ſchmerzensreichem Entzücken Vergangenheit und Gegenwart in einen einzigen Traum verſchmelzen zu laſſen. Sie lehnte ihr Haupt zurück an den Fauteuil, und ihre großen, dunklen Augen ſtarrten in das Leere. Irgend eine Stelle in dem Buch hatte ſie an ihre eigene, thränenreiche Liebe erinnert und hatte ihr Herz getroffen, wie der Hammer die Glocke, und ihr Herz hatte tönend geantwortet mit dem einzigen Wort: Feodor! Ach, Feodor, flüſterten jetzt auch ihre Lippen, aber indem ſie dieſen Namen ausſprach, zuckte ſie zu⸗ ſammen, und ein roſiger Hauch flog einen Moment über ihre bleichen Wangen hin. Meine Lippen ſpre⸗ chen heut zum erſten Mal wieder ſeinen Namen aus flüſterte ſie, aber meine Seele hat ihn laut geſchrieen — 96— in verzweiflungsvollem Schmerz, und in meinen Träumen hat er fortgelebt. Ich habe mein Geſchick angenommen, ich konnte mich äußerlich von ihm ſchei⸗ den, niemals innerlich. Und indem ſie ſich tiefer in ihre Gedanken ver⸗ lor, murmelte ſie: Oh, wie räthſelhaft iſt doch das Herz, ich haſſe ihn, und dennoch, dennoch liebe ich ihn. Sie bedeckte ſich das Geſicht mit ihren Händen und ſaß lange ſchweigend und unbeweglich da. Ein Geräuſch an der Thür machte ſie empor ſchrecken. Es war nur Marianne, ihr Kammermädchen, welche kam, ihr zu melden, daß draußen ein fremder Herr ſei, der ſie dringend zu ſprechen verlange. Eliſe erbebte und wußte ſelber nicht, weshalb. Ein ahnungsvolles Entſetzen zuckte durch ihre Seele und kaum hörbar fragte ſie nach dem Namen des Gemeldeten.. Er will ſeinen Namen nicht ſagen, erwiderte die Zofe. Er ſagt, ſein Name thue nichts zur Sache. Er habe nur einen Brief zu übergeben, der von einer Gräfin Lodoiska aus Petersburg komme. Eliſe ſtieß einen Schrei aus, und flog von ihrem Sitz empor. Sie wußte jetzt Alles, ihr Herz ahnte, fühlte ſeine Nähe. Er war es, kein Anderer als Er, welcher da draußen ſtand.. Sie hatte ein Gefühl, als müſſe ſie zu ihrem Vater eilen, um bei ihm Schutz und Rettung zu ſuchen. —Q— ——— 3 — 927— Aber ihre Füße trugen ſie nicht, ſie zitterten ſo ſehr, daß ſie ſich an der Lehne eines Seſſels halten mußte, um nicht umzuſinken. Sie machte eine abe: wehrende Bewegung mit der Hand, aber Marianne verſtand ſie nicht, denn ſie öffnete die Thür und hieß den Fremden eintreten; dann ging ſie hinaus. Jetzt ſtanden ſie ſich gegenüber, ſchweigend, athemlos.. Eliſe, zitternd vor Bewegung und bitterem Liebes⸗ weh, Feodor, ringend mit ſeiner eigenen Rührung und tief beſchämt von dieſem Wiederſehen. Beide beteten ſie in ſich ſelber, aber wie ver⸗ ſchieden war ihr Gebet! Nun, Gott oder Dämon, dachte Feodor, gieb meinen Worten Kraft, bezaubere meine Zunge, damit ich Eliſe wieder gewinnen kann. Eliſe aber flehte leiſe: Erbarmen, mein Gott! Erbarmen! Nimm dieſe Liebe von mir, oder tödte mich! Es war ein trauriges Schweigen, mit welchem dieſe beiden, ſo lange Getrennten ſich einander gegenüber ſtanden, Beide zagend, er im Bewußtſein ſeiner Schuld, ſie in ſchamvoller Erkenntniß ihrer Liebe. Aber endlich gewann er es über ſich, dieſes Schwei⸗ gen zu brechen. Er flüſterte leiſe ihren Namen, und wie ſie, aufgeſchreckt und erſchauernd, ihn anblickte, breitete er flehend die Arme nach ihr aus. Und jetzt fühlte, dachte, wußte ſie nichis als ihn! Gozkowsky. III. — 98— Sie ſtieß einen Schrei aus, und ſtürzte vorwärts, um ſich in ſeine Arme zu werfen. Aber plötzlich blieb ſie ſtehen. Der Traum war zu Ende, und aus dieſem erſten Entzücken des Wiederſehens erwachend, raffte ſich Eliſe wieder empor, um ihm in dem ganzen Stolz und der Würde ihrer beleidigten Ehre gegenüber zu treten. Sie fand den Muth in ſich, ihr eigenes Herz zu verleugnen, und mit kaltem, gezwungenem Weſen ſich vor Feodor verneigend, fragte ſie: Herr Obriſt von Brenda, wen ſuchen Sie? Der Fürſt ſeufzte ſchwer und ließ die Arme ſinken. Es iſt vorbei, murmelte er leiſe. Sie liebt mich nicht mehr. Aber ſo leiſe dieſe Worte geſprochen waren, Eliſe hatte ſie doch verſtanden, und ſie hatten ihr Herz er⸗ beben gemacht. Was wollen Sie? wiederholte ſie athemlos. . Nichts mehr, ſagte er tonlos. Ich habe mich ge⸗ täuſcht. Ich glaubte hier ein treues Herz ſuchen zu dürfen, ein engelgleiches Mädchen, das in der Stunde des Wiederſehens, Alles Andere vergeſſend, ſich an dieſes Herz legen würde, um zu vergeben, und mit ihrem Segen den Fluch von meinem Daſein hinweg zu nehmen. Das war es, was ich ſuchte. Aber Gott iſt gerecht. Ich habe ein ſolches Glück nicht verdient, ich unterwerfe mich.— Oh mein Gott, ſagte Eliſe zu ſich ſelber, es iſt 8 „ —,—--— — 69— noch immer dieſelbe Stimme, welche mich einſt ſo entzückte.. Sie fand nicht mehr die Kraft in ſich, ihn gehen zu heißen! Ach, ſie hätte ihr Herzblut dafür hingeben mögen, um ihn immer ſo ſich gegenüber zu ſehen. Jetzt, mein Fräulein, ſagte Feodor, jetzt komme ich nur noch als ein Bote, als der Teſtamentsvoll⸗ ſtrecker einer Verſtorbenen. Er zog einen Brief aus ſeinem Buſen hervor und reichte ihn Eliſen. Ich bringe Ihnen das Vermächtniß meiner Gemahlin, der Gräfin Lodoiska, ſagte er feierlich. Sie lebt nicht mehr? rief Eliſe, und wider ihren Willen lag ein faſt freudiger Ausdruck in dem Ton ihrer Stimme. Dem Fürſten Stratimojeff entging dies nicht. Ich werde ſie gewinnen, ſagte er zu ſich ſelber. Seine Augen leuchteten höher auf, und ein Gefühl ſtolzer, triumphirender Freude machte ſein Herz aufjauchzen und ſtrahlte aus ſeinem Antlitz. Eliſe hatte den Brief genommen und hielt ihn bebend in der Hand. Wollen Sie nicht leſen? fragte er leiſe und bei dem flehenden Ton ſeiner Stimme erzitterte ihr Herz in ſüßem Weh. Ja, ich will leſen, ſagte ſie, indem ſie wie aus einem Traum zu erwachen ſchien, und mit haſtiger Hand das Siegel erbrach. 4 Der Fürſt hielt ſeine ſcharfen, durchbohrenden 7* — 100— Blicke auf ſie gerichtet, er ſchien in ihren Mienen ihre innerſten Gedanken leſen zu wollen, und als ob er fühlte, daß ihm dieſe günſtig wären, näherte er ſich ihr mehr und mehr. Der Brief war nur kurz und eilig geſchrieben, aber jedes Wort traf Eliſens Seele, und trieb ihr Thränen in die Augen. Er lautete:„Meine theure Eliſe. Wenn Du dies Blatt empfängſt, bin ich nicht mehr, und dies Herz, welches ſo viel gelitten, ſteht dann ſtill. Aber wenn ich Ruhe finden ſoll im Grabe, ſo erfülle Du jetzt mein Vermächtniß. Ich hinterlaſſe Dir das Theuerſte, was ich beſitze, ich gebe Dir als Eigenthum zurück, was niemals aufgehört hat, Dein zu ſein,— die Liebe und das Herz Feodor's. Ich habe dieſe Liebe nicht wieder erobern können, er gab mir ſeine Hand, ſein Herz blieb Dein, und daran ſterbe ich. Nimm ihn alſo hin, er iſt mein Vermächtniß, und wenn Du es empfängſt, ſegnet mein verklärter Geiſt Eure Wiedervereinigung! Lodoiska.“ Das Blatt entſank Eliſens Händen; ganz über⸗ wältigt von tiefer und heiliger Rührung ließ ſie ſich auf einen Stuhl niederſinken, und legte ihre Hände über ihr weinendes Angeſicht. Feodor fühlte, daß ſie wieder ſein, daß er wieder Gewalt über ſie habe. Er ſtürzte zu ihr hin, vor ihr niederfallend und mit leidenſchaftlicher Gewalt ihre Hände von ihrem Antlitz fortziehend, ſagte er: Eliſe, ihr Geiſt ſchwebt in dieſer Stunde über uns. — 101— Sie ſegnet dieſe Liebe, welche ſie mir längſt verziehen 8 hatte. Oh, wüßteſt Du, was ich um Dich gelitten habe, Du würdeſt mir mindeſtens nicht mehr zürnen, Du würdeſt mir vergeben um meiner Qualen willen. Habe ich denn nicht gelitten? fragte ſie, ihre von Thränen umdüſterten Augen ihm zuwendend. Oh laß mich hier zu Deinen Füßen, fuhr er fort. Denke, ich ſei ein armer Pilger, der ſich aufgemacht nach dem heiligen Grabe, um dort an geweihter Stätte ſein Herz zu erlöſen von ſeinen Sünden, und ſich Vergebung zu erflehen, indem er reumüthig und treu ein Bekenntniß all ſeiner Sünden ablegte. Du biſt mein heiliges Grab, vor Dir beugt ſich meine Seele, zu Dir iſt der arme Pilger gekommen, um ſeine Beichte abzulegen, bevor er ſtirbt. Willſt Du ihn hören, mein Madonnenbild? Darf ich Dir kla⸗ gen, was ich gelitten und wie ich geduldet habe? Sprich zu mir, ſagte ſie halb bewußtlos, nur hor⸗ chend auf die Muſik ſeiner Stimme. Erzähle mir, was Du gelitten haſt, damit ich vergeſſe, was ich ſelber litt, als ich Dich damals aufgeben mußte. Oh, ſagte er ſchaudernd, nie vergeſſe ich jenen furchtbaren Moment, als ich der Täuſchung inne ward, als ich ſtatt Deiner Lodoiska in meinen Armen fand. Eine wahnſinnige Wuth, die ſich gegen mein eigenes Leben kehren wollte, überkam mich. Lodoiska hielt den Dolch in meiner Hand auf, indem ſie Deinen Namen nannte. in die Reihen der feindlichen Heere. — 102— Dein Name rief mich zum Leben, zum Bewußt⸗ ſein meiner Schuld zurück! Ich unterwarf mich Dem, was ich verſchuldet und was Du mir als Strafe auferlegt hatteſt. Ich führte Lodoiska zu dem Altar, an welchem ich Dich zu ſehen gehofft, ich machte ſie zu meiner Gemahlin, und mein Herz nannte Deinen Namen, als meine Lippen ſich ihr vermählten. Es war eine grauenvolle Stunde! Ein fürchter⸗ licher Schmerz tobte in mir; und dieſer Schmerz hat mich nie verlaſſen. Er war bei mir, wenn mich Lodoiska an ihren Buſen drückte, er war bei mir im Gewühl der Schlacht. Nur, wenn der Tod mich um⸗ wüthete, wenn ich nach den feindlichen Kanonen blickte, und ſah, wie Tod und Verderben von ihnen zu uns herüber donnerte, nur dann ward ich heiter, dann wich der Schmerz von mir, und ich ſtürzte mich Aber der Tod ſelbſt wich vor mir zurück. Ich fand auf dem Schlachtfelde Ehre und Ruhm, aber nicht das Einzige, was ich mir erkämpfen wollte, nicht den Tod! Ich lebte, um zu leiden, um zu büßen, was ich an Dir, Eliſe, verſchuldet hatte. Nur eine Hoffnung war es, die mich aufrecht hielt, die Hoff⸗ nung, einſt zu Deinen Füßen niederſinken, Deine Knie umklammern zu können und Dich um Verge⸗ bung anzuflehen. Ganz überwältigt von ſeiner eigenen lebendigen Schilderung lehnte er das. Haupt an ihre Kniee und ——— —,— — QC—C———— — 103— weinte laut. Es war ihm gelungen, ſich ſelber zu rühren, er glaubte an ſeinen eigenen Schmerz. Er hatte ſich ſo hineingefühlt in ſeine Rolle eines reuigen Sünders, eines glühenden Liebhabers, daß ihm einen Moment Wahrheit und Wirklichkeit in Eins ver⸗ ſchmolzen und er ganz durchglüht war von Sehnſucht und zerknirſchter Reue. Eliſe aber glaubte an ihn. Seine Stimme drang wie Muſik an ihr Ohr, und machte jede Fiber ihres Herzens erbeben. Die Vergangenheit mit ihren Schmer⸗ zen und Qualen war von ihr abgefallen, er war wieder da, keine fremde Geſtalt ſtand mehr trennend zwiſchen ihnen, und ſie fühlte nur noch, daß ſie ihn grenzen⸗ los liebe. Er umklammerte ihre Knie, indem er mit flehender Geberde zu ihr empor ſchaute. 1 Eliſe, vergieb mir, flehte er. Sprich nur das eine Wort: Vergebung! und ich will ſtill von dannen gehen, und niemals wieder wagen, Dir zu nahen. Eliſe hatte nicht mehr die Kraft, ihm zu wider⸗ ſtehen. Sie breitete ihre Arme aus und ſchlang ſie mit inbrünſtiger Zärtlichkeit um ſeinen Nacken. Feodor, die Liebe vergiebt nicht, nein, ſie liebt, rief ſie mit einem unausſprechlichen, ſeligen Aus⸗ druck, und Thränen des Entzückens entſtürzten ihren Augen. 3 Feodor ſtieß einen Jubelruf aus, und ſprang em⸗ por, um ſie an ſeine Bruſt zu ziehen, um ihr er⸗ röthendes Antlitz mit Küſſen zu bedecken, um Worte — 104— des Entzückens, der Zärtlichkeit, der leidenſchaftlichen Liebe in ihr lauſchendes Ohr zu flüſtern. Oh, ſagte er, jetzt iſt Alles wieder gut. Jetzt biſt Du wieder mein. Dieſe vier Jahre ſind nicht ge⸗ weſen. Dies Alles war ein wüſter Traum, und wir ſind jetzt erwacht. Wir wiſſen nun, daß wir uns lieben, daß wir uns angehören wollen für ewig. Komm, Eliſe, es iſt dieſelbe Stunde, welche uns damals zum Traualtar rief. Komm, der Prieſter wartet. Ich habe vier Jahre lang auf dieſe Stunde gehofft. Komm, Geliebte! Er umſchlang ſie mit ſeinen kraftvollen Armen, und hob ſie hoch empor an ſeine Bruſt, um ſie mit ſich fortzuziehen. Als Eliſe ihn ſanft zurückwehrte, fuhr er glü⸗ hender fort: Ich laſſe Dich nicht, denn Du biſt mein. Du haſt Dich mir verlobt auf Leben und Tod. Komm, der Prieſter wartet, und Du wirſt noch heute mein Weib. Diesmal tritt keine feindliche Hand zwiſchen uns, und Lodoiska lebt nicht mehr. Aber mein Vater lebt! ſagte Eliſe, indem ſie ſich ernſt und ſtolz aus Feodors Armen los machte. Nicht ohne ſeine Einwilligung verlaſſe ich dieſe Schwelle. Deßhalb war es, daß Gott uns ſtrafte, es fehlte unſerer Liebe der Segen meines Vaters, und ich hatte mich ſchwer an ihm vergangen. Jetzt iſt es abgebüßt, das Schickſal iſt verſöhnt. Laß uns Hand in Hand zu meinem Vater gehen, und ihn um ſeinen Segen — 105— für unſere Liebe bitten, die ſich in langen Schmer⸗ zensjahren bewährt hat für die Ewigkeit. Es war etwas ſo Inniges, Begeiſtertes in ihrem ganzen Weſen, daß Feodor ſich unwillkührlich davon ergriffen und fortgeriſſen fühlte. Ich unterwerfe mich Dir! ſagte er innig. Ich will in Allem Deinem Willen folgen. Aber wird Dein Vater mich nicht zurückweiſen? Ich fühle es, daß er mich haſſen muß, um der Thränen willen, die ich Dir erpreßte! 1 Er wird Dich lieben, wenn er ſieht, daß ich durch Dich das Lächeln wieder lernte, ſagte ſie ſanft. Komm zu meinem Vater. 1 Sie wollte ihn mit ſich fortführen, aber ſeine ſchuldbewußte Seele hielt ihn zurück. Es fehlte ihm der trotzige Muth, dieſem Manne gegenüber zu treten, den zu verderben er gekommen war, und unwillkühr⸗ lich bebte er zurück vor ſeinen eigenen Thaten. Ich wage es nicht, ihm ſo unvorbereitet gegen⸗ über zu treten! ſagte er zögernd.. Dann geſtatte mir, daß ich ihn auf Dein Hierſein vorbereite! Und wenn er ſeine Einwilligung verſagt? Das wird er nicht! Er hat geſchworen, Dich niemals an einen Ruſſen zu verheirathen! 1 Oh, das war damals, ſagte ſie lächelnd, damals, als der Ruſſe unſer Feind war! Jetzt iſt Friede! Die blutigen Ströme der Zwietracht ſind verrauſcht — 106— und ein Friedensengel fliegt durch alle Länder. Auch mein Vater wird ſeinen Gruß vernehmen, und Friede machen mit Dir und mit mir. Feodor antwortete ihr nicht ſogleich. Er ſtand gedankenvoll und in ſich gekehrt, in ſeinem Geiſte das Nothwendige und das Unabwendbare nebeneinander abwägend und überlegend, was zu thun ſei. Eins uur war ihm klar. Weder Eliſe noch Gotz⸗ kowsky durften ahnen, mit welcher ſeltſamen Miſſion ihn ſeine Kaiſerin hierher geſandt. Erſt wenn Eliſe ihm unauflöslich verbunden, wenn ſie unwiederbring⸗ lich ſein, erſt wenn Gotzkowsky ſeine Einwilligung zu bicſer Verbindung gegeben, erſt dann durfte er an das ſchwierige Werk gehen, erſt dann konnte er es wagen, ſich Gotzkowsky zu offenbaren. Es war deshalb vor allen Dingen nöthig, die Verhandlungen über die ruſſiſchen Forderungen noch⸗ einen Tag hinauszuſchieben und er durfte alſo nur ſeinem Geſchäftsführer deshalb die erforderlichen In⸗ ſtructionen geben und ihm für einen weitern Tag noch Schweigen und Unthätigkeit gebieten. Die Hauptſache indeß war, Eliſe und ihren Vater zu überzeugen, daß ſeine Vermählung keinen Aufſchub erleiden dürfe, weil ihm nur ein Aufenthalt von weni⸗ gen Stunden geſtattet ſei. Er legte ſeinen Arm um Eiliſens ſchlanke Geſtalt und drückte ſie feſt an ſein Herz. Nun höre mich, Geliebte, ſagte er raſch: Meine Zeit iſt mir karg zu⸗ gemeſſen. Ich bin mit Courierpferden angekommen, —.— — 107— um mir für die Rückreiſe mit Dir längere Friſt zu gönnen. Aber wir müſſen noch heute fort, denn noch ſteht die Armee bewaffnet und kriegsgerüſtet an den Grenzen, und nur aus beſonderer Gunſt hat mir Kaiſerin Katharina einen kurzen Urlaub zugeſagt, um mir meine Gemahlin zu holen! Sie hat in ihrer Gnade gethan, was ſie vermochte, und ich muß jetzt ihrem Befehl einer ſchleunigen Rückkehr Folge leiſten, wenn ich nicht ihren Zorn auf mich laden will! Da⸗ mit nichts uns hindern und aufhalten kann, habe ich einen Kaplan unſerer Kirche mitgebracht, damit er unſere Verbindung ſegne. Du ſiehſt alſo, Geliebte, es iſt alles vorbereitet, und es fehlt nur noch der Myrthenkranz in Deinem Haar. Und der Segen meines Vaters, ſagte ſie ernſt. Feodor's Stirn verfinſterte ſich und ein zorniger Ausdruck flog über ſein Antlitz. Eliſe ſah es nicht, denn ſie hatte in ſüßem Selbſt⸗ vergeſſen das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, und ihrer großen und vertrauensvollen Liebe war jeder Zweifel und jedes Mißtrauen fremd. Die Liebe eines Weibes iſt göttlicher Art, ſie ver⸗ zeiht Alles, ſie duldet Alles, ſie iſt eben ſo ſtark im Geben, wie im Vergeben, jedes Weib iſt, wenn es liebt, eine begeiſterte Dichterin. Der göttliche Wahn⸗ ſinn iſt über ſie gekommen, und Dithyramben des Entzückens ſtrömen von ihren zitternden Lippen. Der göttliche Wahnſinn war auch über dies arme Mädchen gekommen. Vertrauensvoll und ſelig lehnte — 108— ſie an der Bruſt des Mannes, den ſie nie aufgehört hatte, zu lieben, den ſie ſelbſt mit ihren bitterſten Thränen geſegnet, für den ſie gebetet hatte, indem ſie ihre Hände zu Gott empor rang, und ihn um Erbarmen, um Gnade flehte. Gehe Du zu Deinem Vater, ſagte Feodor nach einer Pauſe. Bitte für uns Beide um ſeine Einwil⸗ ligung und ſeinen Segen. Ich beeile mich indeß, alles Nöthige vorzubereiten. Sage Deinem Vater, daß mein ganzes Leben aufgehen ſoll in dem Be⸗ ſtreben, jede Thräne, welche Dein Auge um mich weinte, mit einem Lächeln abzukaufen, ſage ihm, daß ich ihn lieben will als ein Sohn, der von ihm ſeines Lebens ſchönſtes Gut, der Dich, Eliſe, empfangen hat. Er drückte ſie feſt an ſein Herz, und küßte ihre Stirn. Eliſe hob ihr Antlitz von ſeiner Bruſt empor und ſah mit einem rührenden, ſeligen Lächeln zu ihm auf. Aber er legte ſeine Hand über ihre Augen, er war nicht verhärtet genug, dieſe unſchuldsvollen, zu⸗ gleich ſo demüthigen und ſo zärtlichen Blicke zu er⸗ tragen. Sech muß jetzt fort, ſagte er. Aber dies wird unſere letzte Trennung ſein, und wenn ich wiederkomme, geſchieht es, um Dich an den Altar zu führen. In einer Stunde, Geliebte, mußt Du bereit ſein, dann komme ich, um Dich nach Petersburg zu führen, und der Kaiſerin und dem Hofe meine Gemahlin, die Fürſtin Stratimojeff vorzuſtellen. Er ſah mit einem triumphirenden Ausdruck zu 3 — 109— ihr nieder, und ſchien den Eindruck beobachten zu wollen, den ſeine Worte auf ſie machen würden. Er hatte erwartet, ihr durch dieſen Fürſtentitel eine unvermuthete Freude zu bereiten, ſie erröthen zu ſehen vor ſtolzer Genugthuung, aber Eliſe fühlte ſich weder erhöht noch geehrt durch dieſen ſtolzen Rang, was kümmerte es ſie, ob Feodor ein Fürſt war, oder ein armer Offizier, vorausgeſetzt, daß er ſie liebe, und ſie niemals wieder verlaſſen wolle. Sie ſagte daher nur mit einem leiſen Befremden: Die Fürſtin Stratimoijeff? Was bedeutet das? Seit drei Monaten bin ich der Fürſt Stratimojeff, antwortete er mit einem ſtolzen Lächeln. Die Kaiſerin hat mir dieſen Titel gegeben. Die Welt nennt mich den Fürſten, aber Du, nicht wahr, Du nennſt mich Deinen Feodor? Oh, ſagte ſie innig, mein Herz nannte Dich ſo, ſelbſt als Du mir nicht gehörteſt. Nun denn, ſchlinge den Myrthenkranz in Dein Haar, und erwarte mich. In einer Stunde bin ich da. 3 Er eilte der Thüre zu, um zu gehen. Aber auf der Schwelle wandte er ſich noch einmal um, ihr einen Abſchiedsgruß zuzunicken. Sie ſtand noch auf derſelben Stelle, auf welcher er ſie verlaſſen, und blickte ihm nach. Ihre Augen begegneten ſich und ruhten feſt in einander, und plötzlich überkam ihn ein tiefes, unausſprechliches Weh, er hatte ein Gefühl, als wenn er ſie niemals wieder ſehen ſollte, als wenn — 110— er, einmal dieſe Schwelle überſchritten, Eliſe auf ewig verlieren würde. Noch einmal kehrte er zurück und ſchloß ſie feſt in ſeine Arme, und ganz überwältigt von den ahnungs⸗ vollen und ſchmerzlichen Gedanken, welche ſeine Seele beſtürmten, lehnte er das Haupt an ihre Schulter und weinte bitterlich. Dann riß er ſich los. Lebewohl, ſagte er, und ſeine Stimme klang rauh und hart. Lebewohl, in einer Stunde kehre ich zurück, um Dich abzuholen. Sei bereit, laß mich nicht vergeblich warten! Lebe⸗ wohl! X. Der Magiſtrat von Berlin. Gotzkowsky hatte ſein ſtolzes Herz überwunden,* er hatte ſein Haus verlaſſen, um hinzugehen zu Denen, welchen er ein Wohlthäter und Retter geweſen in den Tagen der Todesnoth und Bedrängniß, und welche ihm damals eine ewige Dankbarkeit geſchworen. Er wollte ſie jetzt, obwohl mit widerſtrebendem Herzen und tief gebeugt, an dieſe Tage erinnern und von ihnen nicht Gefälligkeiten und Hülfsleiſtungen, ſon⸗ dern nur die Zahlung ihrer Schulden an ihn fordern. Zuerſt ging er zu dem Oberbürgermeiſter Präſi⸗ dent Kircheiſen, zu dem Manne, den er damals vom Tode durch die Ruſſen errettet, der ſich da⸗ mals an ſein Herz klammerte und an Gotzkowsky's Bruſt in der tiefen Rührung ſeiner Seele ſeine Sprache wiederfindend, ihm unter tauſend Thränen gelobte, ihm ewig dankbar zu ſein und die Stunde zu ſegnen, in welcher er ihm dies auch durch die That beweiſen könne. — 112— Dieſe Stunde war jetzt gekommen, aber Herr von Kircheiſen ſegnete ſie nicht mehr, ſondern er ver⸗ wünſchte ſie. Er ſtand im Erdgeſchoſſe ſeines Hauſes am Fen⸗ ſter, als Gotzkowsky vorüberging. Ihre Blicke be⸗ gegneten ſich, Gotzkowsky's Auge war klar und for⸗ ſchend, aber Herr von Kircheiſen ſenkte das ſeine und trat erbleichend vom Fenſter zurück. Er hatte nur noch ſo viel Zeit, dem Bedienten zu ſagen, daß er für Niemand, wer es auch ſei, zu Hauſe wäre, da ſchellte es ſchon, und Johann Gotzkowsky fragte nach Heerrn von Kircheiſen. Nicht zu Hauſe, mein Herr! Nicht zu Hauſe? Aber ich ſah ihn eben am Zen⸗ ſter ſtehen! Das muß ein Irrthum geweſen ſein, mein Herr. Der Herr Präſident iſt auf dem Rathhaus. Gut, ſo werde ich auf's Rathhaus gehen, ſagte Gotzkowsky und verließ das Haus. Er ging wieder an dem Fenſter vorüber und ſchaute hinein. Aber diesmal ſtand Herr von Kirch⸗ eiſen nicht hinter den Scheiben, ſondern ſeitwärts ge⸗ drückt, hinter der Gardine verborgen, ſchaute er un⸗ geſehen durch das Fenſter arf Gotzkowsky hin. Wie er ihn jetzt, bleichen Angeſichtes, aber ungebeugten Hauptes vorübergehen ſah, empfand er wider ſeinen Willen ein Gefühl von Reue und ſein Gewiſſen mahnte ihn an ſeine nicht gelöſte Schuld gegen feinen einſtigen Erretter. —————— — 113— Aber Herr von Kircheiſen wollte dieſe mahnende Stimme nicht hören, er legte ſeine Stirn in finſtere Falten und warf das Haupt verächtlich zurück. Er iſt ein Banquerotteur, ſagte er, ich habe nichts zu ſchaffen mit ihm. So ſprechend ging er in ſein Arbeitskabinet, und einem natürlichen Inſtinkt Gehör gebend, öffnete er ſeine Kaſſe und weidete ſich an dem Anblick dieſer Tauſende, welche er als„Ausſpürer und Denunziant“ ſich an Gotzkowsky verdient hatte. Jetzt machte ſein Gewiſſen ihm keine Vorwürfe mehr, der Anblick des blinkenden Geldes hatte es in glücklichen Schlaf eingelullt. Gotzkowsky indeß ging weiter auf ſeiner mühe⸗ vollen und demüthigenden Wanderung. Seine Seele war tief traurig, und ein unendlicher Schmerz erfaßte ſein Gemüth. Wie viel jammervolle und entſetzliche Erfahrungen machte er nicht, indem er jetzt durch die Straßen ging. Da begegneten ihm Menſchen, welche ſich ſonſt demuths⸗ voll vor ihm bis zur Erde verneigten,— heute grüß⸗ ten ſie ihn kaum. Da waren Andere, welche, indem ſie an ihm vor⸗ übergingen, mit hämiſchem Lächeln flüſterten: Ban⸗ querotteur!— Als er um die Ecke einer Straße kam, berührte er ſich mit dem Redacteur der Voſſi⸗ ſchen Zeitungg welcher eben von der andern Seite um die Straßenecke biegen wollte. Er war ziemlich unſanft gegen Gotzkowsky angerannt, aber dennoch Gotzkowsky III. 8 — 114— hielt Herr Kretſchmer es nicht der Mühe werth, ſich zu entſchuldigen, ſondern drückte den Hut tiefer in ſein Geſicht und ging mit finſtern, verächtlichen Blicken weiter. Wie Gotzkowsky an den Häuſern vorüberging, hörte er hier und da die Fenſter klirren und er wußte, daß das ſeine guten Freunde von ehemals waren, welche ſich vom Fenſter zurückgezogen hatten, als ſie ihn kommen geſehen, und welche jetzt, da er vorüber war, die Fenſter öffneten, um ihm nachzuſehen und hinter ihm her zu lachen und zu ſpotten. Es war ein geiſtiges Spießruthenlaufen, und Gotzkowsky's Seele blutete davon und ſeine Füße waren todesmatt. Was hatte er denn gethan, um die Härte, den Hohn der Welt auf ſich zu laden? War er nicht wohlthätig und hülfreich, erbarmend und menſchenfreundlich, gefällig und liebreich gegen Jedermann geweſen? Hatte er nicht Allen ſich ge⸗ fällig erzeigt und niemals Gegengefälligkeiten ver⸗ langt und erbeten? Dies war ſeine Schuld und ſein Verbrechen: Er war unabhängig geweſen! Er hatte nie um Menſchengunſt gebuhlt und nur ſich ſelbſt vertrauend, hatte er ſtets nur auf ſeine eigene Kraft gebaut.. Jetzt wollten die Menſchen es ihn fühlen laſſen, daß er ſie gekränkt durch ſeine Selbſtſtändigkeit. Denn kleinliche Naturen verzeihen es niemals, wenn man — 115— es wagt, ein freier Menſch zu ſein, und ſtatt den Andern Alles zu verdanken, aus ſich ſelbſt ſeine Ehre ſchöpft. Das aber hatte Gotzkowsky gethan. Was er war, das war er durch ſich ſelbſt geworden, nicht durch Protectionen, nicht durch Heucheln und Schmeicheln, nicht durch Augendienerei und Unterwürfigkeit. Nur durch ſeines Geiſtes Macht und Kraft hatte er die Erbärmlichkeit der Welt ſich untergeordnet und ſie beherrſcht. Da er ihr jetzt dennoch erliegen mußte, war es natürlich, daß die Welt über ihn herfiel, um ihn zu zerfleiſchen mit ihren Giftzähnen, um ſich zu weiden an ſeiner Qual und mit froher Luſt zuzuſchauen, wie der ſtolze, unabhängige Mann gedemüthigt ward. Jetzt ſtand Gotzkowsky vor dem Rathhaus und ſchritt langſam die Stufen hinauf. Wie oft war er dieſen ſelben Weg gegangen, dem dringenden Hülfe⸗ ruf, den der Magiſtrat an ihn ergehen laſſen, Folge zu leiſten, wie oft hatte er da droben in dieſem Rathsſaale den Herrn vom Rathe Rath ertheilt, und ihnen ſeinen Verſtand und ſeine Energie, ſein Geld und ſeinen Kredit geliehen. Heute öffneten ſich nicht vor ihm die Thüren, heute verneigte ſich der Rathsdiener nicht vor ihm bis zur Erde, ſondern ſchritt ungebeugten Hauptes und trotzig vor ihm her und hieß ihn im Vorzimmer warten, um ihn dem verſammelten Rathscollegium zu melden. 8* — 116— Gotzkowsky mußte lange warten, endlich öffnete ſich die Thür und er ward eingelaſſen! Da ſaßen die Herren Senatoren und Stadträthe und der Bürgermeiſter, wie damals, als ſie in ihrer Angſt und ihrer Noth Gotzkowsky um Rath und Hülfe baten, wie damals, als ſie in feierlicher Sitzung berathſchlagten, ihm einen ſilbernen Lorbeerkranz als Ehrengeſchenk zu verleihen. Nur Herr von Kircheiſen fehlte. Er war ja zu Hauſe und weidete ſich an dem von Gotzkowsky ge⸗ wonnenen Gelde! Heute empfingen ſie ihn nicht als Rathgeber und Freund, ſondern als eine Art Delinquenten. Niemand erhob ſich, ihn zu begrüßen, Niemand bot ihm einen Seſſel an. Man wußte ja, daß er kam, um etwas zu bitten. Weshalb ſollte man alſo höflich ſein, da er ja nur noch ein Bittſteller war wie alle andern armen Leute. Gotzkowsky indeß ſchien dieſe Wandlung des Ma⸗ giſtrats nicht zu gewahren. Ein Lächeln ſtand auf ſeinen Zügen. Mit ſtolzem Schritt ging er zu einem Seſſel hin und ließ ſich in demſelben nieder. Eine Pauſe trat ein, dann fragte der Bürger⸗ meiſter mit mürriſchem Ton nach Gotzkowsky's Begehr. Er zog eine Menge Papiere aus ſeinem Buſen hervor, und indem er ſie auf den Tiſch niederlegte, ſagte er: Ich bringe hier meine Rechnungen! Eiin paniſcher Schrecken drückte ſich in den Zügen der edlen Herren vom Magiſtrat aus, und wie ver⸗ ſteinert ſaßen ſie in ihren Seſſeln. Die edlen Herren haben meine Forderungen ver⸗ geſſen, ſagte Gotzkowsky ruhig. Freilich, das begreift ſich. Meine Rechnungen ſind ſchon etwas veraltet. Vier Jahre ſind vergangen, ſeit ich die Ehre hatte, den Magiſtrat von Berlin zu meinem Schuldner zu machen, indem ich für ihn drei mal die gefahrvollen Reiſen nach Königsberg und Warſchau unternahm, um im Namen von Berlin über die Kriegscontri⸗ bution zu unterhandeln. Auch mußte ich damals, und Alles nur im Auftrage des Magiſtrats, werth⸗ volle Geſchenke und Pretioſen mitnehmen. Ich nenne darunter nur die mit Brillanten beſetzte Bequille, welche ich dem General von Fermor, und die mit Brillanten und dem Portrait der Kaiſerin geſchmückte Doſe, welche ich dem Generalfeldmarſchall Grafen Butterlin im Namen des Magiſtrats und der Stadt Berlin überreichen mußte.*)— Ueber dieſes Alles, meine wohlweiſen Herren, habe ich hier die Rech⸗ nungen niedergelegt. Die Herren vom Magiſtrat antworteten ihm nicht. Sie griffen mit haſtigen Händen nach den Papieren und wühlten darin umher und hefteten auf dieſelben ihre ſtrengen, mürriſchen Blicke.. Eine Pauſe trat ein. Man hörte nichts als das *) Siehe: Gotzkowsky, Leben eines patriotiſchen Kauf⸗ manus. S. 134. 3 — 118— Raſcheln der Papiere, und dann und wann das leiſe Murmeln irgend eines der Herren Senatoren, wel⸗ cher Zahlen überrechnete und zuſammenzog. Gotzkowsky ſtand auf und trat au's Fenſter, und wie er ſeinen Blick jetzt zum Himmel empor wandte, ſprach aus demſelben die ganze Qual und Bitterkeit, welcher ſeine Seele in dieſem Augenblick faſt erlag. Ach, er hätte dieſem elenden, rechnenden und markenden Magiſtrat dieſe Papiere zerreißen und mit ſeinem ganzen Stolz und ſeiner Verachtung ſie ihm in's Antlitz ſchleudern mögen! Aber er dachte an ſeine Tochter und an die Ehre ſeines Namens. Er mußte ausharren und ſein Haupt beugen in Demuth. Jetzt legte der Bürgermeiſter die Papiere bei Seite und ſein finſterer Blick wandte ſich auf Gotz⸗ kowsky hin. Dieſer trat lächelnd wieder an den Tiſch, indem er ſich innerlich das Gelübde ablegte, gelaſſen und duldſam zu ſein. 1 Habt Ihr geleſen, meine edlen Herren? fragte er. Wir haben geleſen, erwiderte der Bürgermeiſter mit hartem Ton. Aber der Magiſtrat kann es nicht zugeſtehen, daß er Euch etwas ſchuldig iſt. Nicht? rief Gotzkowsky, und indem er ſich über⸗ mannen ließ von ſeinen bittern Gefühlen, fügte er hinzu: Ich glaube es wohl! Die Obrigkeiten wiſſen ſelten, was ſie ſchuldig ſind, ſondern nur, was man 4 ihnen ſchuldig iſt! — 119 Oh doch, ſagte der erſte Stadtrath mit feierlicher 3 Würde. Wir wiſſen ſehr wohl, daß wir Euch Dank ſchuldig ſind für die großen Dienſte, welche Ihr der Stadt geleiſtet habt. Gotzkowsky brach in ein lautes ſpöttiſches Ge⸗ lächter aus. Wißt Ihr das noch? fragte er. Es freut mich, daß Ihr es nicht vergeſſen habt! Es iſt wahr, fuhr der Stadtrath ſalbungsvoll fort, Ihr habt auf die Bitte des Magiſtrats Euch der Angelegenheiten unſerer Stadt mit Nutzen an⸗ genommen; auch ſeid Ihr für uns zur Kaiſerin nach Petersburg, zwei Mal nach Warſchau zum General Fermor und zwei Mal nach Sachſen zu unſerem König gereiſt. Ihr ſeht, der Magiſtrat weiß wohl, was er Euch ſchuldet. Und wir ſind gern bereit, Euch dankbar zu ſein, unterbrach ihn der Bürgermeiſter, und Euch zu die⸗ nen, wo und wie wir es vermögen, nur dieſe Rech⸗ nungen ſind wir außer Stande anzuerkennen. Gotzkowsky ſah ihn mit tiefem Erſchrecken an und eine dunkle Gluth bedeckte plötzlich ſeine Wangen. Ihr verweigert mir die Zahlung? fragte er matt. Es ſchmerzt uns tief, daß wir ſie nicht gewähren können. Ihr müßt etwas nachlaſſen von Eurer Rechnung, wenn wir ſie bezahlen ſollen, ſagte der Bürgermeiſter mit grämlichem Ton. Das wagt man mir zu bieten! rief Gotzkowsky mit flammenden Augen, glühend vor Zorn und — 120— Scham. So beſchimpft Ihr den Mann, dem Ihr vor vier Jahren hier auf derſelben Stelle ewige Dankbarkeit zugeſchworen habt? In jenen Tagen gab ich für Euch meine Ruhe, den Schlaf meiner Nächte hin, denn als dieſe Stadt von Gefahr und Schrecken bedroht ward, da gab es keinen Magiſtrat und keine Obrigkeit mehr, da wart Ihr feige Mem⸗ men und betteltet um meine Gunſt! Da flehtet Ihr mit Thränen, daß ich Euch erretten möchte! Und ich verließ mein Haus, meine Familie, meine Fabriken, um Euch zu dienen. Mit Gefahr meines Lebens, in ſtrenger Winterkälte unternahm ich dieſe Reiſe. Ihr dachtet nicht daran, daß ruſſiſche Bajonnette mich be⸗ drohten, daß ich meine Geſundheit und mein Leben in die Schanze ſchlug. Ihr dachtet nur an Euch. Ich habe Euch die durchwachten Nächte, die Müh' und Sorgen, die Entbehrungen und Strapazen, und die Lebensgefahr, die ich erduldet, nicht in Rechnung gebracht; ich verlange nicht Belohnung oder Geld für meine Dienſte. Ich fordere nur das, was ich baar ausgegeben habe, von Euch zurück. Und Ihr habt den Muth, es mir zu verweigern? 3 Das thun wir nicht, ſagte der Bürgermeiſter, ganz ungerührt von Gotzkowsky's edler Erregung. Wir verweigern Euch nicht die Zahlung, wir bitten Euch nur um eine Ermäßigung dieſer Summe. Ighr wollt mit mir feilſchen und dingen? rief Gotzkowsky mit einem rauhen Lachen. Ihr haltet mich für einen Kaufmann, der Euch ſein Leben und — 121— ſeine Dienſte nach der Elle zumißt, und nach der Elle wollt Ihr mich bezahlen? Geht, Ihr wohl⸗ weiſen Herren, ich führe ein Engros⸗Geſchäft und ſchneide nicht ellenweis aus. Das überlaſſe ich Krämer⸗ ſeelen, wie die Euren! Der Bürgermeiſter erhob ſich drohend und ſtolz von ſeinem Seſſel. Ihr wagt es, den Magiſtrat zu beleidigen? Nein! Der Magiſtrat von Berlin beleidigt ſich ſelbſt durch ſeine eigenen Thaten. Er wagt es, mit mir zu handeln. Und er hat ein Recht dazul ſchrie der Bürger⸗ meiſter, außer ſich vor Zorn. Wer hieß Euch in un⸗ ſerem Namen den großen Herrn zu ſpielen und königliche Geſchenke auszutheilen? Brillanten 3 goldene Doſen! Ihr hättet das weit wohlfeiler he können, der Ruſſe iſt nicht ſo theuer. Aber es gefiel Euch, auf unſere Koſten großmüthig zu ſein und als freigebiger Herr hofirt zu werden! Still! rief Gotzkowsky mit ſo gebietendem Ton, daß der Herr Bürgermeiſter erſchrocken verſtummte— und in ſeinen Seſſel zurückſank.* Gotzkowsky ſagte kein Wort mehr. Er nahm die Rechnungen vom Tiſche, und indem er dieſe wohl⸗ weiſen Herren mit zornigen und verächtlichen Blicken anſah, zerriß er die Papiere und warf die Fetzen zu ihren Füßen hin. 4 Ich bin bezahlt, ſagte er, indem er ſich wandte und den Saal durchſchritt. — 122— Einer der Stadträthe eilte ihm nach und hielt ihn zurück. Ihr übereilt Euch, ſagte er, wir werden uns ja einigen. Nein, ſagte Gotzkowsky, indem er ſich loszumachen ſuchte, ich handle und feilſche nicht um mein gutes Recht! Der Andere hielt ihn feſt. Aber der Magiſtrat iſt nicht abgeneigt zu zahlen, wenn Ihr— Wenn ich mich handeln laſſe, nicht wahr? unter⸗ brach ihn Gotzkowsky. Laßt mich! Wir ſind zu Ende! Ihr werdet es bereuen, daß Ihr den Magiſtrat ſo von Euch ſtoßt, rief der Bürgermeiſter drohend. Gotzkowsky wandte ſich mit ſtolzer Verachtung nach ihm um. Ich bereue es niemals, wenn ich mei⸗ Ehre genug gethan, ſagte er ſtolz, und ohne die ddlen und wohlweiſen Herren noch eines Blickes zu würdigen, verließ er den Saal und ging wieder hin⸗ aus auf die Straße. XI. Die Münzjuden. Herr Itzig war ein ſehr frommer und gläubiger B Jude. Er feierte den Sabbath in althergebrachter Weiſe, er war wohlthätig gegen die Armen, und ließ keinen jüdiſchen Bettler unbeſchenkt von ſeiner Thür gehen. dr— Er ſaß in ſeinem Zimmer und ver htete ſei Morgengebet, und ſo ganz war er in ſeine Andacht verſenkt, daß er das wiederholte Klopfen an ſeiner Thür gar nicht gehört hatte. Aber jetzt ſagte hinter ihm eine ſanfte und leiſe Stimme: Guten Morgen, Herr Itzig. Herr Itzig murmelte erſt noch den Schluß ſeines Gebets, er würde um Alles in der Welt nicht vor deſſen Beendigung ſich unterbrochen haben. Sei uns gnädig und hülfreich, Jehovah, murmelte er, und laß uns Allen denen, welche mit einer tte uns nahen, hülfreich und mitleidsvoll ſein, wi wünſchen, daß Du es uns biſt. 3 — 124— Jetzt ſchlug der fromme Jude ſein Andachtsbuch zu, und wandte ſich langſam um. Dieſer bleiche, gebeugte Mann, der mit einem kummervollen Lächeln ihn begrüßte, war er es wirk⸗ lich? War es wirklich Johann Gotzkowsky, der be⸗ rühmte Banquier, der gefeierte, glänzende Heros der Börſe? Der Geldfürſt, vor dem ganz Europa ſich neigte? Ueber Itzig's Antlitz flog ein Ausdruck hämiſcher Schadenfreude, er unterdrückte ihn aber ſchnell, denn die letzten Worte ſeines Gebetes ſchwebten noch auf ſeinen Lippen und heiligten ſie noch ein wenig. . Ach, ſagte er freundlich, indem er auf Gotzkowsky zuſchritt und ihm beide Hände darreichte, der große 4 ächtige Herr Johann Gotzkowsky erzeigt mir mich zu beſuchen. Welch' eine Freude für mein demüthiges Haus! 1 Gotzkowsky ließ ſich nicht beirren von ſeiner freund⸗ lichen Höflichkeit. Er beobachtete ihn mit ſcharfen und prüfenden Blicken, dann ſagte er hochathmend: Hört, Itzig. Laßt uns einmal offen ſein. Ihr kennt die Gerüchte, welche in der Stadt und an der Börſe über mich umlaufen? Ich kenne ſie, aber ich glaube ſie nicht, rief Itzig, it ſchnell verändertem, tief ernſtem Geſicht. Ja, ich edieſe Gerüchte, aber ich weiß auch, was ſie ſind. Es iſt eine Speculation von Ephraim, — 125— iſt, und ein reicher Mann hat Verſtand, und wer Verſtand hat, iſt vorſichtig und wagt nicht viel, und ſagt nicht gut für andere Leute. Ich habe vielleicht weniger Verſtand als Ihr denkt, ſagte Gotzkowsky. Ich habe mich vielleicht doch ver⸗ bürgt. Dann werdet Ihr auch gewiß zu bezahlen wiſſen, ſagte Itzig mit einem erzwungenen Lachen. Wie aber, wenn ich nicht bezahlen könnte? fragte Gotzkowsky ſchwermuthsvoll. Itzig trat entſetzt einen Schritt zurück und ſtarrte ihn an. Wenn ich nun nicht bezahlen könnte? fuhr( kowsky mit eindringlichem Ton fort. Wenn ich auße Stande wäre, eine halbe Million für Leipzig und eine andere halbe Million für die ruſſiſchen Lieferun⸗ gen zu bezahlen, nachdem ich geſtern durch das Münz⸗ geſetz faſt eine gleiche Summe verloren habe? Was würdet Ihr alsdann ſagen, Itzig? Itzig hatte ihm mit wachſendem Schrecken zuge⸗ hört, und allmälig hatten ſeine Züge den Ausdruck des Haſſes und der wilden Wuth angenommen. Als Gotzkowsky geendet, hob er die gefalteten Hände zum Himmel empor, als wolle er den Zorn Gottes hernieder beſchwören auf des Verbrechers Haupt. Herr, mein Gott, Ihr werdet alſo falliren? fragte er. Gotzkowsky faßte ſeine Hand und ſah ihm mit einem Ausdruck unendlicher Angſt in das zucker e Angeſicht. Hört mich, Itzig, noch iſt Rettung möglich. Alles kommt darauf an, daß ich Aufſchub gewinne, daß mein Credit unerſchüttert bleibt. Ihr ſeid reich— Nein, arm bin ich, unterbrach ihn Itzig heftig. Ganz arm bin ich. Habe nichts, als was ich mir verdiene. Aber Ihr verdient ſehr viel, ſagte Gotzkowsky mit einem ſchwachen Lächeln. Laßt mich bei Euch eine Anleihe machen. Nehmt mein Manneswort zum Pfande.— Euer Manneswort, ſchrie Itzig, ſeine Hand zurück⸗ ſtoßend. Was thue ich mit Eurem Manneswort? JIch kann nichts darauf leihen. — Bedenkt, es gilt die Ehre meines Namens, den ich bis jetzt rein erhalten vor Gott und Menſchen, rief Gotzkowsky dringend. Und wenn es meine eigene Ehre gälte, ſchrie Itzig, ich gebe die Ehre lieber hin, als das Geld. Das Geld macht mich zum Menſchen. Ich bin ein Jude, ich habe nichts als Geld, es iſt mein Leben, meine Ehre. Ich kann nichts davon fortgeben. Aber Gotzkowsky ließ ſich nicht zurück ſchrecken. Es war ihm, als ob ſeine Zukunft, ſein Leben, ſeine Ehre an dieſem Moment hafte. Gleich einem Spie⸗ ler fühlte er ſich, welcher ſeine letzte Hoffnung auf einen letzten Wurf geſetzt. Mißlingt dieſer, ſo giebt es für ihn keine Hoffnung mehr, keine Zukunft, kein Leben, ſondern nur noch ein Grab. Mit einer iririſhen Heftigkeit faßte Gotzkowsky — 127— die Hand des reichen Banquiers. Oh, ſagte er, denkt an die Stunde, wo Ihr mir ewige Dankhbarkeit ſchwurt. Ich hätte ſie Euch nicht geſchworen, rief Itzig. finſter, nein, beim ewigen Gott, ich hätt's nicht ge⸗. than, wenn ich geglaubt hätte, daß Ihr meine Dank⸗ barkeit jemals würdet gebrauchen müſſen. Es gilt die Ehre meines Namens, rief Gotzkowsky mit herzzerreißendem Wehelaut, begreift Ihr denn nicht, daß das mein Leben ſelber iſt? Gedenkt alſo Eures Schwurs. Laßt einmal Euer Herz warm und theilnahmsvoll ſchlagen, ſeid einmal Menſch, dem Menſchen gegenüber. Leiht mir auf mein ehrliches Wort,— nein, nicht auf dies allein, leiht mir auf mein Haus, auf Alles was mein iſt. Leiht die Summe, welche ich bedarf. Oh, ich will es Euch lohnen, wie ein Fürſt. Helft mir an dieſer Klippe vorüber und meine Dankbarkeit ſoll grenzenlos ſein. Ihr habt ein Herz! Erbarmt Euch mein! Itzig ſah ihm mit einem ſtillen, hämiſchen Lächeln in das bleiche, zuckende Angeſicht. So, ſagte er, meint der reiche, der große chriſtliche Banquier jetzt in der Stunde der Angſt wirklich, daß der arme, verhöhnte Jude ein Herz habe? Nun, ich habe ein Herz. Aber ich frage Euch, was hat das Herz mit Geld zu thun? Wo das Geſchäft anfängt, hört das Herz auf! Nein, ich habe kein Herz, um Euch Geld zu leihen.. Gotzkowsky antwortete nicht ſogleich. Er ſtand einen Augenblick, wie gelähmt in ſeinem innerſten Weſen, ganz bewegungslos da. Seine Seele war wie zerſchmettert und hatte kaum noch ein Bewußt⸗ ſein ſeiner Qual. Er dachte und wußte nur, daß er ein verlorner Mann ſei, und daß das ſtolze Gebäude ſeines Glückes über ihm zuſammen brach, um ihn unter ſeinen Trümmern zu begraben. Er faltete die Hände, und indem er den troſtloſen Blick zum Him⸗ mel erhob, flüſterte er: Du ſiehſt meine Qual, oh Gott! Ich habe das Aeußerſte gethan. Ich habe mich bis zur Bitte, bis zum demüthigen Jammern ernie⸗ drigt. Mein Gott, mein Gott, will denn keine Hand ſich mir aus der Wolke entgegen ſtrecken? Ihr hättet früher zu Gott beten ſollen, ſagte Itzig mit grauſamem Hohn. Ihr hättet ihn bitten ſollen um Vorſicht und Verſtand. Gotzkowsky achtete nicht auf ihn. Er kämpfte und rang mit ſeiner ungeheuren Qual, und weil er ein edler und tapferer Mann war, beſiegte er ſie endlich. Er war einen Moment verzagt und kummervoll ge⸗ weſen, aber jetzt raffte er ſich wieder empor in der ganzen Kraft ſeines energiſchen Weſens. Er richtete ſein geſenktes Haupt wieder auf, und ſeine Züge waren entſchloſſen und trotzig. Nun wohl, ſagte er, ich habe Alles verſucht, jetzt nehme ich mein Schickſal an. Hört alſo, Herr Itzig, ich werde meine Zahlungen einſtellen. Mein Haus wird fallen! Itzig zuckte von einem plötzlichen Schrecken er⸗ griffen zuſammen. Mein Gott, rief er, ich habe erſt 429— geſtern noch einen Wechſel von Euch gekauft. Den werdet Ihr doch bezahlen? Das werde ich nicht thun, denn ich kann es nicht ſagte Gotzkowsky, und wenn ich es könnte, ſo will ich es nicht. Ich habe mich vor Euch erniedrigt und in den Staub geworfen, und Ihr habt mir keine Hand entgegen geſtreckt, um mich aufzurichten. Lebt wohl und möge denn jetzt kommen, was Ihr nicht verhindern wolltet, obwohl Ihr es konntet. Ihr wer⸗ det Euch ſelber ſtrafen. Lebt wohl. Itzig hielt ihn krampfhaft feſt und mit wuth⸗ erſtickter Stimme ſchrie er: Ihr werdet meinen Wech⸗ ſel bezahlen! Ich werde es nicht! ſagte Gotzkowsky. Ihr habt gerichtet. Nehmt alſo Euren Lohn. Er ſchleuderte Itzigs Hände von ſich und eilte von dannen. Hinter ihm her ertönte das Jammern und Toben Itzigs, welcher Himmel und Hölle beſchwor, den Ver⸗ brecher zu ſtrafen, der ihn um ſein Geld bringen wollte. Gotzkowely III. 9 XII. Die Leipziger Kaufmannſchaft. Erſchöpft und todesmatt kehrte Gotzkowsky in ſein Haus zurück, und ſich in ſeine Gemächer zurückziehend, überließ er ſich ganz den trauervollen und entſetzlichen Gedanken, welche ihn folterten. Er konnte es ſich nicht verhehlen: das Schwert über ihm hing nur noch an zwei dünnen Fädchen. Kam de Neufville nicht aus Amſterdam zurück und prachte der Courier aus Leipzig keine Hülfe, ſo war er rettungslos verloren und das Schwert mußte her⸗ nieder fallen, um ihn zu tödten. Zum erſten Male dachte er jetzt an den Tod, zum erſten Male ſchoß dieſer Gedanke wie ein Blitz durch ſeine Seele und machte ihn faſt heiter und glücklich. Er konnte ja ſterben, er hatte nicht nöthig, die Qual und die Demüthigung dieſes Lebens zu ertra⸗ gen, er konnte ſich hineinretten in das ſtille ver⸗ ſchwiegene Grab, unter die Erdſchollen, welche ſei⸗ nen Schmerzensſchrei auf ewig erſtickten und über — 131— ſeiner zerquälten Bruſt ſich bald mit Blumen ſchmücken würden. Er hatte ſo viel gearbeitet, ſeine Füße waren wund, ſeine Bruſt beſtaubt von dem Gang durch das Leben. Weshalb ſollte er ſich nicht in's Grab legen, um zu ruhen, um zu träumen, oder traumlos dem ewigen Schlaf in die Arme zu ſinken. Aber er wehrte dieſe verlockenden Gedanken mit Gewalt von ſich ab, er hatte noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, und neu belebte ſich ſeine Hoffnung, als die Thür ſich jetzt öffnete und der Diener ihm einen großen verſiegelten Brief übergab, den der aus Leip⸗ zig zurückgekehrte Courier ſo eben gebracht hatte. Mit haſtiger Hand griff er nach dem Brief und winkte Peter hinaus zu gehen. Aber als er dann allein war, als er das Siegel erbrechen wollte, bebte er zurück und zögerte. Dieſer Brief konnte ihm freilich Rettung bringen, aber er konnte auch ſein Todesurtheil enthalten. Er wog ihn mit ſchwermüthigen Blicken in ſeiner Hand und murmelte leiſe: Er iſt leicht wie eine Feder und doch ſo ſchwer, daß mich ſein Inhalt in einen Ab⸗ grund ſchleudern kann. Aber dies iſt thöricht, ſagte er dann laut, indem er ſich ſtolz empor richtete, ich will mindeſtens mein Schickſal kennen und klar ſein über meine Zukunft. Mit entſchloſſener Hand erbrach er das Siegel. Aber während er las, malte ſich Schrecken und Entſetzen in ſeinen Zügen und ſeine ganze Geſtalt erbebte. 9* V — 132— Mit einer heftigen Bewegung Papier zur Erde. Das alſo, rief er, das iſt mein Lohn. Vorwürfe, Beſchuldigungen ſtatt des Dankes, Hohn und Scha⸗ denfreude ſtatt des Mitleids. Vorwürfe darüber, daß ich ihnen hülfreich war, Beſchuldigungen, ich hätte mich ihnen nur zur Hülfe angeboten, weil es ohne mich unmöglich geweſen wäre, dem König von Preu⸗ ßen ſo viel baares Geld anzuſchaffen? Ohne meine Vermittelung, ſagen ſie, würden ſie nicht bezahlt haben, ſondern hätten höchſtens ihre Gefängnißqual noch länger dulden müſſen, und dies wäre leichter zu er⸗ tragen geweſen, als der Verluſt ſo ungeheurer Summen.*) Er ging heftig auf und ab, und als er an dem Briefe vorüberkam, ſchleuderte er ihn mit dem Fuß fort, wie eine giftige Natter, die man zu berühren ſcheut. Ich habe dieſe Strafe verdient, rief er Io lan⸗ ger Pauſe, laut auflachend vor innerer Qual. Wer hieß mich auch die Menſchen lieben, wer hieß mich, ihnen hülfreich ſein, ſtatt wie ein Wegelagerer über ſie herzufallen und ſie auszuplündern, wenn ſie ſich nicht vertheidigen können? Thor, der ich war, dem Leben noch eine andere Bedeutung und einen andern Zweck geben zu wollen! Er warf ſich auf einen Seſſel nieder und verſank ) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 162. ſchleuderte er das tiefer in ſich ſelbſt. Noch einmal überſchaute er ſeine ganze Vergangenheit, und indem er die Rechnung machte über ſein ganzes Leben, mußte er ſich beken⸗ nen, daß die Summe ſeiner glücklichen Stunden ſehr klein, die Summe ſeiner unheilsvollen und ſchwerbelaſteten Jahre groß genug war, um ihn jetzt zu erdrücken. Aber es gab doch noch eine Hoffnung, und ſo lange er noch de Neufville's Ankunft erwarten konnte, war noch nicht Alles verloren, mußte er noch ringen mit dem Wurm, der an ſeiner Seele nagte, noch ausharren in Geduld und Standhaftigkeit. Mit ſolchen qualvollen Gedanken war er beſchäf⸗ tigt, als die Thür ſich wieder öffnete und Eliſe mit ſtrahlendem Geſicht hereintrat. Sie war ſo glücklich, und in dem Egoismus ihres Glückes ſah ſie gar nicht, wie bewölkt und kummer⸗ voll das Antlitz ihres Vaters war. Oh, ſagte ſie, indem ſie ſeine Hand küßte, wie glücklich bin ich, Dich endlich zu Hauſe zu finden. Ich habe Dich hier ſchon mehrmals geſucht. Um mir Briefe zu geben? fragte er haſtig, denn auch er hatte Eliſens Antlitz nicht geſehen und ihre ſtrahlenden Blicke nicht beobachtet. Beide waren ſie zu ſehr mit ihren eigenen Ge⸗ danken und Empfindungen beſchäftigt, um noch etwas Anderes denken und auf Anderes achten zu können. Nicht wahr, es ſind Briefe angekommen? fragte Gotzkowsky noch einmal. 1314— Nein, ſagte ſie mit einem ſtrahlenden Lächeln, das Glück iſt angekommen. Alſo de Neufpille iſt da! rief ihr Vater mit frohem Erſchrecken, indem er der Thür zueilte. Eliſe hielt ihn zurück und fragte verwundert: Was ſoll de Neufville? Gotzkowsky ſtarrte ihr einen Augenblick entſetzt in das klare Angeſicht, und dann flog ein ſchwermüthi⸗ ges Lächeln durch ſeine Züge. Armer Narr, murmelte er leiſe, ich klage über den Egoismus der Menſchen und bin ſelber ſo egoiſtiſch, meiner Tochter gegenüber nur an mich zu denken. Er zog Eliſen an ſeine Bruſt, und mit einem Blick voll unendlicher Liebe ſie anſehend, ſagte er: Nun, mein Kind, ſprich, was für ein Glück iſt an⸗ gekommen? Sieh mich an, ſagte ſie neckiſch. Kannſt Du nichts in meinen Blicken leſen? Er ſah ihr tief und traurig in die großen, ſchim⸗ mernden Augen. 3 Oh, ſagte er, deine Augen leuchten ſo hell, wie ein paar Hoffnungsſterne, es ſind die letzten, welche mir geblieben ſind. Eliſe ſchlang beide Arme um ſeinen Nacken und küßte ihn, dann zog ſie ihn mit ſanfter Gewalt zum Divan hin, und indem ſie ihn in die Kiſſen nieder⸗ drückte, ſetzte ſie ſich lächelnd auf den Schemel zu ſeinen Füßen hin. Wie oft, ſagte ſie, wie oft, mein Vater, haſt Du — 135— hier geſeſſen und Dich um mich geſorgt. Ach, ich weiß es wohl, wie vielen Kummer ich Dir in dieſen trau⸗ rigen vier Jahren bereitet habe. Ich konnte meinem Herzen nicht gebieten zu vergeſſen! Du wußteſt das, und warſt ſchonungsvoll und milde, wie eine Mutter, gütig, wie der beſte aller Väter. Du haſt mir nie gezürnt um meines Kummers willen. Du kannteſt ihn und gönnteſt mir meine Thränen. Sie küßte ſeine Hand und legte ſie einen Augen⸗ blick über ihr heißes, erglühtes Angeſicht, dann hob ſie den heitern Blick wieder zu ihrem Vater empor. Sieh, ſagte ſie, jetzt weine ich nicht mehr, und wenn ich's thue, ſo ſind es doch nur Freudenthränen. Mein Vater, ich komme, Dich um Deinen Segen zu bitten. Feodor iſt wieder da, er kommt, um mich als ſein Weib von Dir zu fordern. Oh, verzeihe ihm, und ſegne eine Liebe, die bis jetzt meines Lebens höchſter Schmerz geweſen, aber nun meines Lebens einziges Glück ſein wird. Sie ſchmiegte ſich erröthend und mit jungfräu⸗ licher Verſchämtheit an ihres Vaters Bruſt. Gotz⸗ kowsky fühlte ſich wie gelähmt vor Schreck und ein unendlich ſchmerzvoller Ausdruck ſprach aus ſeinen Zügen. Er drückte das Haupt ſeines Kindes innig an ſeine Bruſt, und indem er den thränenfeuchten Blick zum Himmel emporhob, murmelte er leiſe in ſich hinein: auch das noch, mein Gott? Du prüfſt mich ſchwer. Dies iſt das größte Opfer, welches Du for⸗ — 136— derſt! Aber mein Stolz iſt geſchwunden, ich bringe auch dieſes Opfer! Nun, mein Vater, Du antworteſt mir nicht? fragte Eliſe, noch immer an ſeine Bruſt gelehnt. Nicht wahr, es iſt Alles gut und Du wirſt meiner Liebe den Vaterſegen geben, und Feodor die Ver⸗ irrungen früherer Jahre vergeben, um ihn zu Deinem Sohn anzunehmen? Gotzkowsky hatte den Blick noch immer himmel⸗ wärts gewandt und ſeine Lippen bewegten ſich leiſe in ſtillem Gebet. Endlich, nach einer langen, pein⸗ vollen Pauſe ſagte er feierlich: Mag es denn ſein. Ich gebe meine Einwilligung. Eliſe ſtieß einen Freudenſchrei aus und küßte ihn unter Thränen des reinſten Entzückens, indem ſie ihm lächelnd und doch oft unterbrochen von ihrer tiefen Rührung, von ihrem Wiederſehen mit Feodor, von Lodoiska's Tod und ihrem Briefe erzählte. Oh, wie ſchön wäre dieſe Stunde, ſagte ſie dann, als ihre Erzählung beendet war, wie ſchön, wenn ich bei Dir bleiben könnte. Die Liebe heißt mich gehen, und doch hält ſie mich auch hier bei Dir zurück. Ich habe Feodor verſprochen, mit ihm zu gehen, aber ich that es in Uebereilung, weil ich nur ihn ſah, nur ſeine Bitten hörte. Jetzt ſehe ich Dich, mein Vater, und nun ſcheint es mir, als könnte ich Dich heut nicht verlaſſen, als dürfte ich heut noch nicht von Dir gehen. Heute? rief Gotzkowsky, und es flog wie ein Strahl der Freude über ſein Angeſicht. — 137— Er ſtand auf und ging mit über einander gelegten Armen im Zimmer auf und ab. Seine Seele war voll Dankbarkeit gegen Gott, zu dem er eben in der Verzweiflung ſeines Jammers gebetet hatte. War dies nicht ein Zeichen, daß Gott mit ihm war, wenn auch die Menſchen ihn verließen, daß Gott ſich ſeiner erbarmte, wenn Alle erbarmungslos waren? Heute noch wollte ſein Kind ihn verlaſſen, um einem glänzenden Schickſal entgegen zu gehen. Er hatte alſo nicht mehr nöthig, um ſeiner Tochter Schick⸗ ſal beſorgt zu ſein, und indem ſie heute ging, er⸗ ſparte ſie ihm die Qual, Eliſen ſeine Schmach und ſeine Erniedrigung ſehen zu laſſen. Er zog Eliſe an ſein Herz und küßte ſie mit einer leidenſchaftlichen Inbrunſt. Lebe wohl, mein Kind, mein einziges Glück, ſagte er, Du willſt mich ver⸗ laſſen? Ich werde allein ſein, aber ich werde Zeit haben, an Dich zu denken und für Dich zu beten, meine Tochter.. Dann ſtieß er ſie faſt heftig zurück, denn er fühlte, daß der Schmerz ihn übermannen würde. Geh', ſagte er, geh'. Dein Gemahl erwartet Dich. Geh' alſo hin und ordne Deinen Brautſchmuck. Eliſe lächelte. Ja, ich will mich ſchmücken, ſagte ſie. Aber nicht wahr, Vater, Du ſetzeſt mir den Myrthenkranz auf? Das iſt der heilige, letzte Liebes⸗ dienſt, mit dem ſonſt die Mütter ihre Töchter aus ihren Armen entlaſſen. Ich habe keine Mutter mehr. —— — 138— Du biſt mir Vater und Mutter zugleich. Nicht wahr, Du ſchmückſt mich mit dem Myrthenkranz? Ja, ſagte er ſeufzend, ich ſchmücke Dich mit dem Myrthenkranz, und Gott gebe, daß er Dir nie zur Dornenkrone werde! Geh' jetzt, mein Kind. Schmücke Dich, und mich laß allein, um für Dich zu beten! Er grüßte ſie lächelnd und geleitete ſie bis zur Thür. Aber als ſie jetzt das Zimmer verlaſſen hatte, da fühlte er ſich grenzenlos einſam, und die Hände gegen ſeine Bruſt preſſend, um den Schrei zurückzuhalten, der ſie beklemmte, murmelte er leiſe: Ich habe ſie verloren. Sie iſt nicht mehr mein. Es reißt ſich Alles von mir los. Der Unglückliche iſt ſtets allein! Ein abermaliges Klopfen an ſeiner Thür weckte ihn aus ſeinem traurigen Sinnen. Peter, ſein Die⸗ ner, trat herein und meldete Herrn Ephraim. Ein Strahl freudigen Erſtaunens flog über Gotz⸗ kowsky's Angeſicht, und indem er mit haſtigen Schrit⸗ ten dem reichen Münzjuden entgegen ging, ſagte er leiſe zu ſich ſelber: Wäre es möglich, daß dieſer Mann kommt, um ſich meiner Noth zu erbarmen? Will er großmüthiger ſein, als Itzig, und mir beiſtehen? XIII. Ephraim, der Verſucher. Ihr kommt zu mir? fragte Gotzkowsky, als Ephraim jetzt zu ihm eintrat, und ihn ſchweigend begrüßte. Gotzkowsky's ſchneller Blick hatte in Ephraims trotzigen und gekniffenen Zügen geleſen, daß es nicht Mitleid und Erbarmen ſei, welches den Münzjuden zu ihm geführt, ſondern daß er vielleicht gekommen, um ſich an dem Zucken und den Schmerzen ſeines Opfers zu weiden. Er ſoll dieſen Triumph nicht haben! dachte Gotz⸗ kowsky. Er ſoll mich entſchloſſen und ruhig finden, und nichts ahnen von meiner Qual! Er zwang ſeine Züge zu einem heitern Ausdruck, und indem er dem noch immer ſchweigenden Ephraim einen Seſſel darreichte, ſagte er lachend: Wahrhaftig, es muß ſchlimm um mich ſtehen, wenn ſchon die Raubvögel mich umkreiſen! Wittert Ihr ſchon meinen od, Herr Ephraim? Beim Himmel, das wäre Euch — 140 Ihr zürut mir, ſagte Ephraim mit langſamem Kopfſchütteln. Aber Ihr ſollt erkennen, wie ſehr Ihr mir Unrecht thut! Ich bringe Euch eine wichtige und Pfürchterliche Nachricht. Ja, fürchterlich muß ſie ſein, unterbrach ihn Gotz⸗ kowsky, da Ihr ſelbſt Euch die Freude macht, ſie mir zu hinterbringen! Ephraim zuckte die Achſeln, und ſagte kurz: de Neuf⸗ ville hat fallirt! Ein Ausruf des Entſetzens tönte von Gotzkowsky's Lippen, er ſchwankte und mußte ſich an einen Stuhl lehnen, um nicht umzuſinken. Dies war der letzte entſcheidende Schlag, und er hatte ihn tödtlich ge⸗ troffen! De Neufpoille hat fallirt, murmelte er leiſe vor ſich bin. Ja, er iſt banquerott! ſagte Ephraim mit mühſam unterdrückter Schadenfreude. Der ſtolze, chriſtliche Kaufmann, der es liebte, mit hochmüthiger Verach⸗ tung auf den Juden Ephraim zu ſehen, er iſt ein Banquerotteur! Der Münzjude hält ſich, und der chriſtliche Kaufmann wird bankbrüchig! Und indem er ſo ſprach, brach er in ein wildes Hohnlachen aus, das Gotzkowsky ſofort ſeine Ruhe und Beſonnenheit wieder gab. Ihr triumphirt, ſagte er, und auf( Eurer Stiru ſteht Eure Freude über unſern Fall! Ja, Ihr habt geſiegt! Es iſt Euer Werk, daß de Neuſville fäll Ihr wart es, der ihn ſo lange verfolgte, und de — 141— liſtige Verdächtigungen und Verleumdungen ſeinen Credit untergrub, bis er erſchüttert war, und das ganze Gebäude ſeines ehrlichen Wirkens zuſammenfiel! Es iſt mein Werk! rief Ephraim mit boshafter Schadenfreude. Er ſtand mir im Wege, ich habe ihn fortgedrängt! Was iſt es weiter? Das Leben iſt ein Kampf! Wer die meiſten Kräfte, das heißt, das meiſte Geld hat, der bleibt Sieger! De Neufville iſt gefallen! Dies iſt ein harter Schlag! flüſterte Gotzkowsky, und als ſein irrender Blick jetzt Ephraims lauernden Augen begegnete, ſagte er mit einem trüben Ausdruck gänzlicher Ermattung: Weidet Euch immerhin an meinem Kummer! Es iſt Euch gelungen! Ihr habt mich bis in den Tod ge⸗ troffen! Hört mich an, Gotzkowsky, ſagte Ephraim, indem er ihm näher trat, ich meine es gut mit Euch! Oh ja, rief Gotzkowsky bitter, nachdem Ihr mein Verderben beſchleunigt habt, laßt Ihr Euch fein her⸗ bei, mich zu lieben! Ja, ich glaube jetzt an Eure Freundſchaft, denn nur ein Freund hat das Herz, ſolche Hiobspoſt zu überbringen! Ephraim ſchüttelte leiſe ſein Haupt. Hört mich, ſagte er, ich will ganz aufrichtig mit Euch ſein! Ich haßte Euch ſonſt, das iſt wahr, denn Ihr wart mächtiger und reicher, als ich! Ihr wart berühmt, man pries Eure Redlichkeit, Eure Pünktlichkeit, das hat mir weh ge⸗ than! Wenn es galt, ein großes Geſchäft abzuſchließen, da hatte man nur Vertrauen, wenn der Gotzkowsky — ͦ—— — 142— dabei war, und wenn Euer Name unter irgend einen Kaufcontrakt geſtellt war, freute ſich Jeder! Euer Name war ſo gut wie Geld!— Das hat mich geärgert! Und deshalb wolltet Ihr mich ſtürzen! rief Gotz⸗ kowsky. Deshalb arbeitetet Ihr raſtlos an meinem Verderben! Weil Ihr wußtet, daß ich von Hamburg dieſe Sendung leichten Geldes erwartete— Hab' ich's erwirkt, daß das leichte Geld für un⸗ gültig erklärt ward, das iſt wahr! Es iſt mir ge⸗ lungen! Von heute an bin ich mächtiger und reicher als Ihr! Aber Ihr ſollt ſehen, daß ich nur Eure Firma, nicht Eure Perſon haſſe! Ich komme, um Euch zu helfen! Ihr müßt freilich falliren das weiß ich wohl, und wenn Ihr alle Eure Kräfte aufbietet, Ihr könnt dennoch dieſen Schlag nicht aushatten, Ihr müßt und werdet fallen, und zwar heute noch! Gotzkowsky murmelte einige un; erſtändliche Worte, und bedeckte ſich das Geſicht mit einen Händen. Ja, es iſt wahr, rief er jammernd au ich habe Schiff⸗ bruch gelitten mit allen meinen§offnungen! Ephraim legte haſtig ſeine Hand auf Gotzkowsky's Schulter. So ſucht Euch wenigſ ns aus den Trüm⸗ mern ein Brett zu retten, auf dem Ihr ſchwimmen könnt, flüſterte er. Ihr könnt Eure Gläubiger nicht mehr retten, nun, ſo rettet Euch!. Gotzkowsky hatte ſeine Hände von ſeinem Antlitz gleiten laſſen, und ſah ihn erſtannt und verwundert an, Ephraim kegeandit ſeinem Blick mit 1 lächelnden und geheimnißvollen Ausdruck und indem Ich meine, Ihr werdet nicht ein ſolcher Narr ſein, Alles was Ihr habt, Euren Gläubigern hinzugeben, und als ein armer Mann aus Euerm Hauſe zu gehen! Rettet Euch! Vertraut mir Eure wichtigſten Papiere, und Alles, was Ihr an Geld und Geldeswerth habt! Ich will's Euch aufbewahren! Ihr ſchweigt? Hört, ſeid vernünftig, gönnt der Welt nicht das Vergnügen, Euch bemitleiden zu können! Die Welt verdient das nicht! Glaubt mir, die Menſchen ſind ſchlecht, und der iſt ein Thor, der beſſer ſein will, als ſie Alle ſind! Er ſchwieg und richtete ſeinen forſchenden Blick auf Gotzkowsky hin. Dieſer ſah ihn mit einem ſtol⸗ zen, verächtlichen Ausdruck an. Das iſt alſo Eure Liebe? ſagte er. Ihr wollt aus mir einen Betrüger machen? Jeder Menſch betrügt den Andern! rief Ephraim achſelzuckend. Weshalb wollt Ihr allein ehrlich ſein? Weil ich mich meiner ſelbſt nicht ſchämen will! Der Menſchen Schuld iſt es, wenn ich heute falle! Man ſoll nicht ſagen, daß Gotzkowsky eine eigene Schuld auf ſeiner Seele trägt! Man wird es dennoch ſagen! unterbrach ihn Ephraim. Denn wer unglücklich iſt, hat Unrecht vor den Menſchen! Und wenn er ſich helfen konnte auf Koſten Anderer und er that es nicht, meint Ihr, daß 3 Nenſchen ihn deshalb bewundern werden? Nein, zt mir, ſie werden ihn nur deshalb verlachen! er ſich näher an Gotzkowsky's Ohr neigte, ſagte er: — 144— Ihr habt mich oft gedauert, Gotzkowsky, denn Ihr habt in Eurem ganzen Leben Euch mit all Eurer Klugheit doch nur verrechnet! Oder ſagt lieber, rief Gotzkowsky ſchmerzvoll, ich habe nicht genug berechnet, und aus den Erfahrungen meines Lebens kein Facit gezogen. Ihr habt Euch verrechnet, ſagte Ephraim, denn Ihr habt gebaut auf die Dankbarkeit! Das iſt aber ein ſchlecht angelegtes Capital, welches keine Zinſen trägt! Der Menſch kann nicht dankbar ſein, und wenn es Einer ſein will, muß er zu Grunde gehen, denn die übrigen Menſchen ſind es nicht! Wer in der Welt zu etwas kommen will, der muß vor allen Dingen nur an ſich denken, und nichts vor Augen haben als ſeinen eigenen Vortheil! Da habt Ihr Recht, Ihr Weiſer dieſer Welt! rief Gotzkowsky mit einem rauhen Lachen. Ephraim fuhr unbeirrt von dem heftigen und ver⸗ achtungsvollen Weſen Gotzkowsky's fort: Wenn ich gedacht hätte, wie Ihr, ſo hätte ich nicht gegen Euch operiren dürfen, noch durfte ich das Münzgeſetz gegen Euch auswirken! Dann wäre ich allerdings dankbar geweſen, aber ich hätte kein Geſchäft gemacht! Jetzt habe ich zuerſt meinen Vortheil bedacht, und hinter⸗ her komme ich, Euch zu dienen, und Euch meine Dankbarkeit zu bezeigen! Ich verlange keine Dankbarkeit! Laßt mich me Wege gehen, geht Ihr die Euren! Ephraim ſah ihn faſt mitleidsvoll an. Se — 145— vernünftig, Gotzkowsky, nehmt guten Rath an! Ich ſage Euch, die Welt dankt es Euch nicht, wenn Ihr. jetzt noch großmüthig ſeid. Die Menſchen haben es nicht verdient um Euch, daß Ihr ihnen die Freude gönnen wollt, Euch auszulachen! Und lachen wer⸗ den ſie! Geht von mir, ſage ich! rief Gotzkowsky. Ihr ſollt mir nicht das letzte Beſitzthum entreißen! Das Be⸗ wußtſein meines Rechtes! Das Bewußtſein! hohnlachte Ephraim. Das iſt auch ein ſolches Capital, wobei Ihr verhungern könnt! Gotzkowsky ſeufzte ſchwer, und ſenkte das Haupt auf ſeine Bruſt. In dieſem Augenblick vernahm man von außen her lautes Jauchzen und Vivatſchreien, und den Schall einer volltönenden Muſik. König Friedrich der Zweite kehrte heute nach län⸗ gerer Abweſenheit nach Berlin zurück, und die ent⸗ zückten und glücklichen Berliner hatten ihm einen feierlichen und glänzenden Einzug bereitet! Sie hatten ihm Ehrenpforten gebaut und die Gewerke mit ihren Emblemen waren hinaus gezogen, den König einzuholen in die feſtlich geſchmückte Stadt. Der Zug mußte vorüberkommen an Gotzkowsky's Hauſe und man vernahm ſchon das ſich nähernde Rauſchen der Muſik, und das Jauchzen und Schreien des Volkes ertönte immer lauter und gellender. Cphraim trat an das Fenſter und öffnete es, und Gotzkowsky III. 3 10 — 146— indem er hinunter veutete, auf die Straße, ſagte er mit einem hämiſchen Lachen: Seht einmal her, Gotz⸗ kowsky! Das iſt die richtige Probe Eurer ſchönen, hohen Grundſätze. Wie oft hat Berlin Euch ſeinen Wohlthäter genannt, und doch iſt es ganz luſtig an dem Tage, an welchem Ihr zu Grunde geht! Die ganze Stadt weiß, daß Gotzkowsky heut fallirt, und doch ziehen ſie mit luſtiger Muſik an Eurem Hauſe vorüber, und Keiner denkt an Euch! Er hat Recht, murmelte Gotzkowsky, als eben das Vivatgeſchrei unter ſeinem Fenſter ertönte. Er hat Recht! Ich war ein Thor, daß ich die Menſchen liebte! Ephraim deutete wieder hinunter auf die Straße. Seht, ſagte er, da kommt Graf Salm vorüber, den Ihr, als die Ruſſen hier waren, vom Tode errettet habt. Er ſieht nicht herauf! Ach, da geht der Ban⸗ auier Splittgerber, dem Ihr damals ſeine Fäbriken in Neuſtadt Eberswalde erhieltet und rettetet! Er ſieht auch nicht herauf! Doch ja, jetzt ſchaut er hier⸗ her und er lacht! Seht da, jetzt kommt der König mit ſeinem Generalſtab! Ihr habt dem König viel Freude gemacht, Ihr habt ſeine Lieblingswünſche erfüllt, Ihr habt ihm die erſten großen Fabriken in Sammt und Seide errichtet, Ihr habt die Porzellanfabrik ge⸗ gründet, Ihr ſeid— auf Eure Koſten— nach Ita⸗ lien gereiſt, und habt für den König Bilder gekauft! Ihr habt ihm auch ſeine Hauptſtadt von der Plün⸗ derung durch die Oeſterreicher und Ruſſen erhalten! — 147— Den holländiſchen Geſandten von Verelſe, der damals bei den Oeſterreichern ſich für Berlin verwendete, ihn hat der König zum Dank dafür in den Grafenſtand erhoben*). Was that er Euch? Verelſe that nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu Euch und er ward doch Graf! Was aber that der König Euch?— Seht, der König mit ſeinem Stabe iſt vorüber, und Nie⸗ mand hat herauf geſchaut! Geſtern hätten ſie es noch gethan, denn geſtern wart Ihr noch reich, aber heute haben ſie Euch ſchon vergeſſen, denn Ihr ſeid arm, und das Gedächtniß der Menſchen iſt ſehr kurz für arme Leute! Ach ſchaut nur hinunter, Gotz⸗ kowsky! Es kommen noch ſehr viele Leute, viele vor⸗ nehme Herren, denen Ihr wohl gethan!— Es blickt aber Keiner zu Euch her! Gotzkowsky war unwillkührlich auch an das Fen⸗ ſter getreten, und gereizt von Ephraim's Worten ſchaute er mit einer angſtvollen, traurigen Sehnſucht hinunter auf dieſen glänzenden Feſtzug, der an ſeinen Fenſtern vorüberging. Wie viel hätte er nicht darum geben mögen, wenn nur Einer, Einer von dieſen Vielen, welche ſich ſonſt ſeine Freunde genannt, zu ihm heraufgeſchaut, ihn theilnehmend gegrüßt hätte! Aber Ephraim hatte Recht. Niemand blickte her zu ihm, Niemand dachte an ihn, der gebrochenen Herzens am Fenſter lehnte, und von den Menſchen nicht mehr *) Preuß. Friedrich der Große. Th. II. S. 255. 40* — 148— Beiſtand und Hülfe, ſondern nur noch ein wenig Liebe, ein wenig Theilnahme begehrte! Aber wie er jetzt wieder hinunter ſchaute auf die Straße, erheiterte ſich plötzlich Gotzkowsky's Angeſicht. Er legte haſtig ſeine Hand auf Ephraim's Schulter und deutete auf den Feſtzug hin. Ihr habt Recht, ſagte er, die vornehmen Leute ſehen nicht her! Aber ſeht, jetzt kommt der Troß des Zuges! Da koömmen die Armen, die geringen Leute, die Arbeiter. Seht ſie an! Seht, wie ſie zu mir her⸗ auf blicken! Ach, ſie ſehen mich, ſie grüßen mich, ſie ſchwenken ihre Hüte! Ach, dort ſchlägt Einer die Hand vor ſein Geſicht,— es iſt ein Tagelöhner, der früher in meiner Fabrik gearbeitet hat! Dieſer Mann weint, er weint, weil er weiß, daß ich unglücklich bin. Seht, da kommen andere Leute! Armes Volk in zer⸗ lumpten Gewändern, Weiber, mit Säuglingen im Arm, zitternde Greiſe! Sie blicken Alle zu mir her, ſeht Ihr's, ſie lächeln mir, die Kinder ſelbſt ſtrecken ihre Händchen zu mir empor! Ach, dieſes arme Volk liebt mich, obwohl ich nicht mehr reich bin. Und indem er ſich jetzt mit ſtrahlendem Angeſicht und thränenfeuchten Augen zu Ephraim hinwandte, rief er: Ihr ſagt, daß ich mich verrechnet habe! Nein, Ihr irrt! Ich habe gerechnet auf den Kern der Menſchheit, nicht auf die entartete Schale! Und dieſer edle Kern der Menſchheit ruht im Volke, in dem Arbeiter, und dem Armen! Ich habe dem Volk vertraut, und mein Glaube hat mich nicht betrogen! — 149— Ephraim zuckte die Achſeln. Das Volk iſt wetter⸗ wendiſch, ſagte er! Es ſteinigt morgen dieſelben Men⸗ ſchen, welche es heute ſegnet! Wartet nur, wenn die öffentliche Meinung Euch erſt verdammt, verläßt Euch auch das Volk! Darum rettet Euch vor den Menſchen! Als Ihr reich wart, habt Ihr mit Jeder⸗ mann freigebig Euer Glück getheilt, aber wenn Ihr arm ſeid, wird Niemand mit Euch Euer Unglück theilen wollen! Darum rettet Euch, ſage ich! Rafft zuſammen, was Ihr an Papieren und Koſtbarkeiten habt! Gebt es mir! Beim Gott meiner Väter, ich will es Euch treu und redlich aufbewahren. Gotzkowsky ſtieß ihn unwillig zurück und ein edler Zorn ſprach aus ſeinen Zügen. Weiche von mir, Verſucher! rief er ſtolz. Es iſt wahr, Ihr beſitzt die Weisheit dieſer Welt, aber es fehlt dieſer Weisheit nur Eins,— der Geiſt der Ehre! Ich weiß, das drückt Euch wenig, mir aber iſt es Alles! Ihr habt Recht, ich werde ein Bettler ſein, und die Menſchen werden mit Fingern auf mich deuten, und mich ver⸗ lachen! Aber ich werde ſtolz an ihnen vorübergehen, und mein Haupt wird ſich nicht vor ihnen beugen, denn meine Menſchenwürde, meine Mannesehre, die haftet nicht an Geld und Gut, die bleibt mein Eigen⸗ thum, und wenn ich ſterbe, wird man auf mein Grab ſchreiben:„Er ſtarb in Armuth, aber er war ein Ehrenmann!“ Thor, der Ihr ſeid! rief Ephraim mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lachen. Nun ſpeculirt Ihr gar noch auf Eure — 150— Grabſchrift, und laßt darüber das Glück des Lebens fahren! Nehmt meinen Rath an, noch iſt es Zeit, ſichert Euch Eure Zukunft! Niemals, wenn es durch einen Betrug geſchehen muß! Denkt an Eure Tochter! Ueber Gotzkowsky's Antlitz flog ein ſchmerzliches Zucken. Wer giebt Euch ein Recht mich an ſie zu mahnen? fragte er zornig. Beſudelt ihren Namen nicht, indem Ihr ihn ausſprecht! Geht! Ich habe keine Gemeinſchaft mit Euch! Doch! ſagte Ephraim mit ſeinem hämiſchen Lächeln. Ihr habt mir wohlgethan, ich will dankbar ſein, das iſt eine Gemeinſchaft! GOotzkowsky antwortete nicht. Er durchſchritt heftig das Zimmer, und trat an ſeinen Schreibtiſch, aus deſſen einer Chatulle er ein dunkelrothes Etui her⸗ vornahm. Er öffnete es, und riß den Brillantring heraus, der darin enthalten war. Ich will Eure Dankbarkeit nicht! ſagte er, ſich mit zornflammendem Antlitz wieder an Ephraim wendend. Und könntet Ihr mir alle Schätze der Welt anbieten, ich würde ſie Euch alle zu Füßen werfen, wie ich es mit dieſem Ring thue! Und er ſchleuderte das koſtbare Juwel zu Ephraim's Füßen hin. Dieſer hob ihn gelaſſen vom Boden auf und be⸗ trachtete ihn aufmerkſam. Dann brach er in ein nntes, ſpöttiſches Lachen aus. Das iſt ja der Ring, ſagte er, welchen die Juden⸗ ſchaft Euch damals ſchenkte, als Ihr uns von der Brandſteuer befreite! Ihr gebt ihn mir? Ich geb' ihn Euch und mit ihm meinen Fluch, Ihr Verſucher meiner Ehre! Ihr ſtoßt mich alſo zurück? Ihr wollt meine Dankbarkeit nicht? Und könnte Eure Hand mich vom Abgrund erretten, ich würde ſie von mir ſtoßen! So ſei es denn! ſagte Ephraim, und jetzt gewannen ſeine Züge einen Ausdruck des Haſſes und der Scha⸗ denfreude. Man ſah ihm in dieſem Augenblick an, daß er es fühlte, wie der reiche Ephraim aber⸗ mals von Gotzkowsky beſiegt worden, obwohl dieſer jetzt ein armer und geſcheiterter Mann war, denn ſein Mitleid und ſeine hülfreiche Hand, die er ihm dargeboten, hatten nur die ſtolze Zurückweiſung Gotz⸗ kowsky's gefunden, den vor ſich zu demüthigen und in den Staub zu ziehen, ihm nicht gelungen war. So ſei es denn, ſagte er zähneknirſchend, Ihr wollt es nicht beſſer haben! Ich nehme den Ring! Und indem er Gotzkowsky mit einem hämiſchen Lachen in's Antlitz ſtarrte, fuhr er fort: Ich werde Euch für dieſen Ring eine Stelle auf dem Kirchhof kaufen, damit der ehrloſe Bankbrüchige wenigſtens ein ehr⸗ liches Grab findet, und nicht wie der Selbſtmörder de Neufville eingeſcharrt wird! Was ſagt Ihr? De Neufville iſt todt? rief Gotz⸗ kowsky, indem er Ephraim, welcher ſich der Thür — 152— genähert hatte, nacheilte und ihn heftig am Arm packte. Sagt's noch einmal? de Neufpville iſt todt? Ephraim weidete ſich einen Augenblick mit ſtum⸗ mer Schadenfreude an Gotzkowsky's entſetzensvollem Schmerz. Dann machte er ſich von Gotzkowsky's Händen frei und öffnete die Thür. Jetzt wandte er ſich noch einmal um, und mit einem hämiſchen Grinſen in Gotzkowsky's Antlitz ſchauend, ſagte er langſam: de Neufville hat ſich den Tod gegeben, weil er die Schande nicht überleben wollte! Und mit einem lauten Hohnlachen warf er die Thür hinter ſich in's Schloß. Gotzkowsky ſtarrte ihm nach und ſeine Seele war voll unausſprechlichen Jammers. Er hatte nicht bloß in de Neufville einen Freund verloren, welchen er liebte, und auf deſſen Treue er rechnen durfte, ſon⸗ dern ſeine eigene Zukunft und ſeine letzte Hoffnung war mit ihm in das Grab geſunken! Aber ſelbſt zur Trauer um den geſtorbenen Freund ließen ihm ſeine qualvollen Gedanken jetzt keine Ruhe. Es war die Art des Todes, die ſich ſein Freund de Neufville gewählt, mit welcher ſich Gotzkowsky jetzt zu beſchätigen begann. Er hat ſich ſelber den Tod gegeben, murmelte er. Er wollte die Schande nicht überleben. Er hat Recht gethan, denn wo die Schande anfängt, da muß das Leben aufhören! Und ich ſollte leben? fragte er laut, indem er faſt zornig das Haupt zurückwarf. — 153— Ein Daſein ohne Ehre, ein Daſein der Schmach und des Elends! Ich ſage, de Neufville hat Recht gethan! Nun wohl, ſo darf ich nicht Unrecht thun! Der Freund hat mir den Weg gezeigt! Ob ich ihm folge? Ich will mir das überlegen! Er warf einen wilden, ſpähenden Blick im Zimmer umher, als fürchte er, irgend ein Auge möchte auf ihn ſchauen, und in ſeinem zuckenden Antlitz die jam⸗ mervollen Gedanken ſeiner Seele leſen. Ja, ich will mir das überlegen! flüſterte er un⸗ heimlich leiſe. Aber nicht hier! Da drinnen in mei⸗ nem Kabinet, da iſt es ſo einſam und ſtill, da ſtört mich Niemand! Ich will mir das überlegen, ſage ich! Und mit einem unheimlichen Lächeln eilte er in ſein Arbeitscabinet, und ſchloß es hinter ſich zu. 4 XIV. Eliſe. Ihr Brautanzug war vollendet, und ſtrahlenden Angeſichtes, lächelnd und weinend vor ſeliger Rüh⸗ rung ſtand Eliſe vor dem großen venetianiſchen Spiegel in ihrem Ankleidezimmer und betrachtete ſich ſelbſt. Nicht aus Eitelkeit, nicht um ſich ihres ſchönen An⸗ geſichtes zu freuen, ſondern um ſich zu überzeugen, daß dies Alles wirklich kein Traum, keine Phantaſie ihres liebeſehnenden Herzens, ſondern daß es Wahr⸗ heit, entzückende Wirklichkeit ſei. Sie ſtand und ſchaute in den Spiegel und wie ihr daraus dieſes junge Mädchen mit dem einfachen weißen Kleide und den errötheten Wangen ſo bräutlich ſelig entgegen lächelte, jauchzte Eliſe laut auf vor Luſt und warf ſich in übermüthigem Scherz ſelber Kußhände zu, und grüßte und lächelte zu ihrem Spie⸗ gelbild hinüber. Sei mir gegrüßt, Du glückliche Braut, ſagte ſie in frohem Uebermuth. Ich ſehe es an Deinen Augen, und ſo möge Gott Dich ſegnen! all t, und lehre es den Leuten mit Deinem glückſeligen Daſein, daß es für das Weib kein Sin Glück giebt als die Liebe, und keine l andere Seligkeit, als in den Armen des Geliebten zu ruhen! Aber bin ich auch nicht zu einfach gekleidet? unter⸗ brach ſie ſich ſelber plötzlich, und jetzt ſchaute ſie prü⸗ fend auf ihr Spiegelbild. Ja, wahrhaftig das ein⸗ fache, alberne Kind da iſt eines ſo ſchönen und präch⸗ tigen Mannes gar nicht werth! Ein weißes Seidenkleid und weiter nichts! Wie unverſtändig und einfältig mich doch das Glück macht! Mein Gott, ich vergaß, daß er aus dem Lande der Diamanten kommt, und daß er ein Fürſt iſt! Oh, ich will mich ſchmücken für meinen Fürſten! 9 Und ſie nahm aus ihrem Secretair den koſt⸗ baren Brillantſchmuck, das Erbtheil ihrer Mutter, hervor, und befeſtigte die flimmernden Brillanten in ihren Ohren, ihren Armen, und legte dann das mit Brillanten und Smaragden gezierte Collier um ihren glänzend weißen Hals. So, jetzt ſieht es prächtig aus, ſagte ſie, als ſie ſich jetzt wieder betrachtete. Jetzt werde ich ihm viel⸗ leicht gefallen! Aber der beſte Schmuck fehlt noch! Mein Myrthenkranz! Den aber ſoll mein Vater mir anlegen! Wie ſie alsdann den Myrthenkranz betrachtete, trat in ihr Auge ein ſchwermuthsvoller Ausdruck * aus ihren und ein tiefer, heiliger Zügen. Es iſt die Krone der Liebe und des Todes! flü⸗ ſterte ſie. Wenn das Mädchen ſtirbt, heftet man ſie in ihr Haar, mag ſie nun, als Mädchen geſtorben, wieder auferſtehen als Gattin oder dort as ſelig ver⸗ klärter Geiſt! Und indem ſie den thränenfeuchten Blick zum Himmel erhob, ſagte ſie: Ich danke Dir, mein Gott, daß Du mir erlaubteſt, glücklich zu ſein! Ach, mein ganzes Leben, meine ganze Zukunft wird nichts ſein, als ein Dank gegen Dich, der Du der Gott der Liebe biſt! Jetzt ward es ihr zu eng und verlaſſen in dieſem einſamen, ſtillen Gemach, ſie mußte zu ihrem Vater gehen, ſie mußte ſich an ſein Herz werfen, und ihm all ihr Glück, ihre Liebe, ihre Freude in Worten des Dankes, der zärtlichen Kindesliebe ausſtrömen! Sie nahm den Myrthenkranz und verließ eiligſt ihr Gemach, und ſchlüpfte leicht wie eine Gazelle über den Corridor, welcher zu den Zimmern ihres Vaters führte! Wie ihr weißes Atlasgewand rauſchte und glänzte, wie die Brillanten leuchteten und flimmerten, und ſich wie ein Komet lang und prächtig durch den düſtern Corridor hinſchlängelten. Mit einem glücklichen Lächeln, den Myrthenkranz — in der Hand, trat ſie in das Zimmer ihres Vaters. Aber das Zimmer war leer! Sie durchſchritt es raſch, 8 — 157— um ihn in ſeinem Arbeitscabinet aufzuſuchen. Die ⸗ Thür deſſelben war verſchloſſen, und Niemand ant⸗ wortete auf ihr lautes Rufen. Er war alſo ausge⸗ gangen, und kehrte ohne Zweifel bald zurück. Sie ſetzte ſich nieder, um ihn zu erwarten, und verſank in Sinnen und Träumen. Und welche ſüße, und köſtliche Träume waren es nicht, welche ſie um⸗ gaukelten und mit holden Zukunftsverheißungen ſie grüßten. Da öffnete ſich die Thür und Eliſe erhob ſich, um ihrem Vater entgegen zu gehen. Aber er war es nicht, ſondern Bertram. Und wie verändert, wie bleich und trübe er war. Er bemerkte ſie kaum, ſein Auge ſtreifte an ihr vorüber, ohne ſie anzuſehen. Was war es denn, das ihn plötzlich ſo geändert hatte? Wußte er vielleicht ſchon, daß Eliſe ſich heute vermählen wollte, und daß ihr der lange beweinte Geliebte zurück⸗ gekehrt war? Sie fragte ihn befangen und ängſtlich nach ihrem Vater. 6 Mein Gott, iſt der nicht hier? fragte Bertram er⸗ ſchrocken zurück. Ich muß ihn ſprechen, denn ich habe ihm Dinge von der höchſten Wichtigkeit zu ſagen. Eliſe ſah ihn erſtaunt und fragend an. Sie hatte ihn niemals ſo erregt, ſo geſpannt in allen Fibern ſeines Weſens geſehen, und wider ihren Willen erzit⸗ ternd fragte ſie ihn nach dem Grund ſeiner Unruhe und Sorgen. Bertram leugnete irgend eine Unruhe zu empfinden, —— 158— und doch flog ſein Auge ſo forſchend und angſtvoll umher und ſein ganzes Weſen war ruhelos und ängſtlich. Das machte Eliſe nur begieriger den Grund ſei⸗ ner Sorgen zu erfahren. Sie drang aufs Neue in ihn, und Bertram verſicherte aufs Neue, daß nichts geſchehen ſei. Eliſe ſchüttelte traurig den Kopf. Ich täuſche mich dennoch nicht, ſagte ſie, es ſteht ein Unglück auf Ihrer Stirn!— Und von einem plötzlichen Schrecken durchzuckt, fragte ſie erbleichend: Sie brin⸗ gen meinem Vater eine ſchlimme Nachricht? Bertram antwortete nicht und ſchlug vor ihren forſchenden Blicken das Auge zu Boden.— Und jetzt erwachte plötzlich alle Angſt und Sorge einer zärt⸗ lichen Tochter in Eliſens Herzen, und ſie zitterte heftig, indem ſie ihn bat, ihr alles Unheil, das ihren Vater bedrohe, zu ſagen. Bertram widerſtand nicht länger. Erfahren muß ſie es doch einmal, murmelte er leiſe in ſich hinein, es iſt alſo beſſer, daß ſie es von mir erfährt! Er nahm ihre Hand, und indem er ſie zum Divan führte, und ſich neben ihr niederließ, theilte er ihr langſam und vorſichtig, immer bedacht ſie zu ſchonen, die fürchterlichen Sorgen und Bedrängniſſe ihres Vaters mit. Aber Eliſe war zu wenig bekannt mit dieſen ma⸗ teriellen Verhältniſſen des Lebens. Sie, welche nie⸗ mals eine äußere Verlegenheit, ein wirkliches Ent⸗ — 159— behren kennen gelernt hatte, ſie begriff und wußte nicht, wie das Glück und die Ehre an dem Gelde haften könne. 8 Als Bertram geendet hatte, athmete ſie zuch aui gleichſam als ſei ſie jetzt von einer drückenden Angſt befreit. Wie Sie mich erſchreckt haben, ſagte ſie lächelnd. Das alſo iſt das ganze Unglück? Wir werden arm werden! Mein Vater hängt nicht am Gelde! Aber an ſeiner Ehre! ſagte Bertram. Oh, die Ehre meines Vaters kann niemals bedroht werden! rief Eliſe mit edlem Stolz. Bertram wiegte ſchwermüthig ſein Haupt., Sie iſt bedroht! ſagte er. Wir haben die Ueberzeugung ſei⸗ ner Unſchuld, aber die Welt wird nicht daran glauben! Sie wird alle ſeine Edelthaten, all' ſeine Großmuth und Güte vergeſſen, ſie wird ſeine ganze Vergangen⸗ heit auslöſchen und ſich nur noch erinnern, daß er heute, zum erſten Mal in ſeinem Leben— ſein Wort nicht erfüllen kann! Sie wird ihn wie den gemeinſten Betrüger mit dem entehrenden Namen eines Bank⸗ brüchigen verurtheilen! Eliſe hatte ihm, während er ſprach, mit wachſen⸗ dem Entſetzen in das Antlitz geſehen. Jetzt erſt fiel die ganze Größe des Unglücks, das ihren Vater be⸗ treffen ſollte auf ihr Herz, und ſie fühlte ſich in ihrem Innerſten erſchüttert und gebrochen. Sie dachte, ſie fühlte jetzt nichts als das auf den Vater herein⸗ brechende Unheil, und mit gerungenen Händen, mit — 160— thränenfeuchten Augen fragte ſie Bertram, ob wirklich keine Hoffnung mehr, ob Niemand da ſei, welcher dieſes entſetzliche Unglück von ihrem Vater abzuwen⸗ den vermöge? Bertram ſchüttelte traurig das Haupt. Sein Credit iſt erſchüttert, Niemand kommt ihm mehr zu Hülfe. Niemand? fragte Eliſe, indem ſie mit einem un⸗ ausſprechlichen Ausdruck die Hand auf ſeine Schulter legte. Und Du, mein Bruder? Ach, ich habe Alles verſucht, ſagte er, und ſelbſt in dieſem Moment durchzuckte ihn ihre Berührung wie mit einem Strahl des Glückes. Ich habe ihn mit Thränen beſchworen, das Wenige, was ich beſitze, anzunehmen, mir das heilige Sohnesrecht zu ge⸗ währen. Aber er hat es mir abgeſchlagen. Er will nicht, daß ſich ein Fremder für ihn opfert. Mich nennt er einen Fremden. Ich weiß, mein Vermögen kann ihn nicht retten, aber es kann vielleicht ſeinen Fall aufhalten, oder mindeſtens doch zur Deckung ſeiner Schulden dienen, und er hat es mir abge⸗ ſchlagen. Er ſagt, wenn ich ſein Sohn wäre, würde er mir das bewilligen, was er mir jetzt verweigert. Eliſe, fuhr er fort, in der Gewalt und Schwere des Moments alle Rückſicht und alles Zagen ver⸗ geſſend, Eliſe, ich habe das Aeußerſte gewagt, ich habe ihn um Deine Hand gebeten, meine Schweſter, damit mich Dein Beſitz zu ſeinem Sohne mache. — 161— Ich weiß, Du liebſt mich nicht, aber Du würdeſt mich geachtet haben um dieſer Liebe willen, die ich zu Deinem Vater hege, Du würdeſt, wenn er es erlaubte, der Kindespflicht das Opfer gebracht ha⸗ ben, meine Hand anzunehmen, und meine Braut zu werden. Er ſchwieg und blickte mit angſtvollem, zagen⸗ dem Ausdruck auf das junge Mädchen hin, wel⸗ ches erröthend und zitternd an ſeiner Seite ſaß. Aber ſie fühlte, daß ſie ihm mindeſtens eine Antwort ſchul⸗ dig ſei, und wie ſie jetzt das Auge zu ihm erhob, und in ſein treues, edles Antlitz ſchaute, welches ſich ihr niemals geändert, niemals gewechſelt hatte, wie ſie daran dachte, daß Bertram ſie mit immer gleicher Treue und Aufopferung geliebt, mit einer Liebe, welche nichts wollte und begehrte, als ihr Glück und ihre Zufriedenheit, da überkam ſie eine tiefe Rüh⸗ rung und zum erſten Male hatte ſie Bertram gegen⸗ über ein Gefühl wahrer und ſchmerzvoller Reue! Sie reichte ihm mit einem vollen, ſchönen Blick ihre Hand dar. Bertram, ſagte ſie, von allen Männern, die ich kenne, biſt Du der Edelſte. So verehrt Dich meine Seele, ſo würde mein Herz Dich lieben, wenn es noch mein wäre. 3 Bertram neigte ſich über ihre Hand und küßte ſie, aber wie er dann ſie anblickte, traf ſein Auge ganz zufä llig auf das funkelnde Geſchmeide, welches ihren Hals zierte. Jetzt erſt gewahrte er ihre ungewöhnlich Gotzkowsky III. 11 — 162— glänzende Toilette, und fragte befremdet um deren Urſache. Oh, ſieh' nicht darauf, rief Eliſe. Sprich mir von meinem Vater. Was hat er Dir geantwortet, als Du ihn um meine Hand bateſt? Daß er niemals von ſeiner Tochter ein ſolches Opfer annehmen würde, und wenn es ihn vom Tode erretten könnte. Und ſein Fall iſt unvermeidlich? fragte Eliſe ge⸗ dankenvoll. Jetzt fürchte ich es faſt, ſeufzte Bertram. Schon heute morgen durchliefen Gerüchte dieſer Art die Stadt, und Dein Vater ſelbſt ſagte mir, daß, wenn Rußland auch jetzt auf der Zahlung beſtehe, er rettungslos verloren ſei. Urtheile alſo über mein Ent⸗ ſetzen, denn ſo eben bekomme ich durch einen Freund aus Petersburg die ſichere Nachricht, daß die Kaiſerin bereits einen eigenen Geſandten abgeſchickt habe, um dieſe Angelegenheit mit den ſtrengſten Mitteln zu Ende zu führen. Dieſe halbe Million muß der Kai⸗ ſerin ſehr am Herzen liegen, denn ſie ſendet in dieſer Sache ſogar ihren allbekannten Günſtling, den Fürſten Stratimojeff her. Eliſe fuhr erſchrocken von ihrem Sitz empor, und ſtarrte Bertram an. Wen ſendet die Kaiſerin? Ihren Günſtling Stratimojeff! wiederholte Ber⸗ tram unbefangen. Eliſe zuckte zuſammen, ihr Auge flammte, und ihre Wangen glühten. Wer giebt Ihnen das Recht, den — 163— Fürſten Stratimojeff ſo zu beſchimpfen, daß Sie ihn den Günſtling dieſer ehemörderiſchen Kaiſerin nennen? fragte ſie. Bertram ſah ſie erſtaunt an. Aber was kümmert Sie denn der Fürſt Stratimojeff, ſagte er. Alle Welt weiß es ja, daß dieſer Fürſt Katharinen's Günſtling iſt. Leſen Sie nur, was mein Correſpon⸗ dent mir darüber ſchreibt. Er zog einen Brief hervor und ließ Eliſe in dem⸗ ſelben die Stelle leſen, wo von der Sendung des kaiſerlichen Günſtlings ausführlich berichtet ward. Eliſe ſtieß einen Schrei aus und taumelte halb ohnmächtig zurück auf den Divan. Es brauſte vor ihren Ohren, all' ihr Blut ſtrömte dem Herzen zu, und ſie murmelte leiſe: Ich ſterbe, oh ich ſterbe! Aber dieſe augenblickliche Betäubung ging vor⸗ über, und Eliſe erwachte jetzt zum vollen Bewußtſein und Verſtändniß ihrer Lage. Sie begriff jetzt Alles, und wußte Alles. Mit einem bittern Hohngefühl über⸗ ſchaute ſie ihr ganzes Verhältniß, ihr ganzes, erbärm⸗ liches, jammervolles Unglück. Darum alſo, ſagte ſie faſt hohnlachend zu ſich ſelbſt, darum dieſe eilige Trauung, und die ſchrift⸗ liche Einwilligung der Kaiſerin zu meiner Vermäh⸗ lung. Ich ſollte nur der Deckmantel dieſes ſündigen Verhältniſſes ſein. Aus ihren Armen kommend, wollte er mich der Welt darſtellen und ihr ſagen: Seht, daß Ihr verläumdet. Dies iſt mein Weib und Kaiſerin Katharina iſt ein reiner Engel. 11* — 164— Sie ſprang empor und ging mit haſtigen Schritten, mit hochathmender Bruſt im Zimmer auf und ab. Ihr ganzes Weſen war in Aufruhr und Bewegung. Ihr ſchauderte vor dieſem Abgrund der Erbärm⸗ lichkeit, vor dieſem Manne, welcher nicht allein ſie betrügen und hintergehen wollte, ſondern ſich noch, wie zum Hohn alles menſchlichen Gefühls, zum Scher⸗ gen ſeiner kaiſerlichen Buhlerin machte. Sie achtete gar nicht darauf, daß Bertram ſie mit erſtaunten, fragenden Blicken anſtarrte, und vergebens nach einem Verſtändniß ihres Weſens forſchte. Das iſt zu viel, ſagte ſie halblaut zu ſich ſelber. Das erträgt die Liebe nicht! Liebe! Hinweg mit dieſem Wort! Ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich in mei⸗ nem Herzen nur noch einen Funken dieſer Liebe fände. Sie preßte ihre Hände gegen ihre Bruſt, als wolle ſie damit die Gluthen dämpfen, welche ſie verzehrten. Oh, ſagte ſie, es brennt fürchterlich. Aber es iſt nicht die Liebe. Auch der Haß hat ſeine Gluthen. Ich haſſe ihn, jetzt weiß ich es; ich haſſe ihn und ich will Rache nehmen an dem Verräther. Ich will ihm zeigen, daß ich ihn verachte! rief ſie laut. Wie eine gereizte Tigerin ſtürzte ſie zu dem Myr⸗ thenkranze hin, welcher auf dem Tiſche lag. Das Band der Liebe iſt zerriſien, und ich will es ver⸗ nichten, wie dieſen Kranz, ſchrie ſie wild, aber plötz⸗ lich legte ſich eine ſanfte Hand auf ihren, ſchon nach dem Kranze ausgeſtreckten Arm, und Bertrams milde und theilnahmsvolle Stimme ſchlug an ihr Ohr. 27 — 165— Was er ſagte, mit was für Worten er zu ihr ſprach, er, welcher jetzt Alles begriffen, und die ganze Größe ihres Unglücks verſtanden hatte, mit welchen innigen, ſeinem Herzen entquollenen Worten er ſie zu tröſten ſuchte, das wußte und verſtand ſie nicht. Aber ſie hörte ſeine Stimme, ſie wußte, daß ein theilnehmender Freund ihr zur Seite ſtand, um ihr ſeine hülfreiche Hand zu reichen, um ſie zu erretten aus dem Abgrund des Elends, und mit ſeiner treuen Hand ſie empor zu ziehen an ſeine Bruſt.. Sie wäre verloren geweſen, ſie wäre wahnſinnig geworden, wenn Bertram nicht an ihrer Seite ge⸗ ſtanden hätte. Das fühlte ſie, das wußte ſie. So oft ſie von irgend einem Unglück bedroht war, fand ſie ihn neben ſich, immer war er da, um ſie aufzu⸗ richten und zu behüten, und ihr Friede und Troſt zu geben. Bertram, Bertram, ſchütze mich! ſagte ſie an allen Gliedern bebend. Verſchließe mir nicht Dein Herz, ſondern habe Erbarmen mit mir. Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt und weinte laut. Aber inmitten ihres Jammers fühlte ſie es wie eine Segnung, daß Bertram da war, und zum erſten Mal hatte ſie das klare Bewußtſein, daß Gott ihn an ihre Seite geſtellt, damit er ihr ein hülfreicher Engel, ein Beſchützer und Freund ſei. Die Täuſchungen und Irrungen ihres ganzen * Leben fielen wie ein Schleier von ihren Augen, und ſie ſah klar über ſich und Bertram. — 166— Und wie ſie jetzt, das Haupt an ſeine Bruſt ge⸗ lehnt, dies Alles dachte, wurden ihre Gedanken zum Gebet und ihre Thränen zu frommen Dankopfern. „Ich habe einen Engel in meinem Hauſe be⸗ wirthet, und wußte es nicht,“ flüſterte ſie, ſich un⸗ willkührlich dieſer Worte der heiligen Schrift er⸗ innernd. Als Bertram ſie nach der Bedeutung ihrer Worte fragte, antwortete ſie: Es bedeutet, daß ſich ein irren⸗ des Herz auf die rechte Straße heimgefunden hat. Sie trocknete ſich mit einer trotzigen Entſchloſſen⸗ heit die Thränen an ihren langen Locken ab. Sie wollte nicht mehr weinen, nicht eine einzige Thräne mehr um dieſen falſchen, heimtückiſchen Ver⸗ räther, dieſen entarteten Sohn eines entarteten Volkes. Er war keines Seufzers, keiner Rache, nicht ein⸗ mal eines Vorwurfs werth. Ein Räthſel hatte in ihrem Herzen geſchlummert, und ſie hatte gemeint, daß ſie ihm die rechte Deutung gäbe, wenn ſie es mit dem Namen„Feodor“ anrufe. Aber ſie hatte geirrt, und Gott hatte dieſen ſo lange beweinten, ſo lange erſehnten Mann zu ihr zurück⸗ kehren laſſen, damit ſie das Räthſel ihres Herzens richtig zu deuten vermöge, damit ſie die Täuſchungen und den eigenſinnigen Trotz ihres Herzens erkennen und überwinden lerne. Wie ſie das dachte, richtete ſie ſich von ſeiner Bruſt empor und ſah ihn an. Du haſt bei meinem — 167— Vater um mich geworben? fragte ſie. Liebſt Du mich noch? Bertram lächelte. Dieſe Frage kam ihm ſo ſeltſam und wunderbar vor. Ob ich Dich noch liebe? fragte er. Kann man denn aufhören zu lieben, wenn man einmal liebt? Liebſt Du mich noch? wiederholte ſie. Treu und ehrlich, daß weißt Du wohl, ſagte er innig. Treu und ehrlich! rief Eliſe tief bewegt. Oh, das ſind Worte, wie Felſen ſo ſtark, und gleich dem Schiffbrüchigen will ich mich an ihnen anklammern, um nicht unterzugehen. Bertram, wie gut Du biſt! Du liebſt meinen Vater und wollteſt ſein Sohn ſein, nur um ihm zu helfen! Um, wenn es ſein muß, für ihn zu arbeiten, für ihn mein Leben hinzuopfern, ſagte Bertram. Sie ſah ihm mit einem leuchtenden Blick tief in die Augen und reichte ihm die Hand dar. Gieb mir Deine Hand, Bertram, ſagte ſie leiſe, Du warſt mei⸗ nem Vater ein beſſerer Sohn, als ich ihm eine Tochter war. Ich will von Dir lernsn, Bertram. Willſt Du mein Lehrer ſein? Bertram blickte ſie erſtaunt und fragend an. Sie erwiederte dieſen Blick mit einem holden Lächeln, und jetzt ſchoß es wie ein Blitz durch ſeine Seele, und ein ſüßer, ahnungsvoller Schauer durchrieſelte ſeinen ganzen Körper. Mein Gott, mein Gott! Iſt dies möglich, mur⸗ — 168— melte er, iſt die Zeit des Unglücks wirklich vor⸗ über,— will— Plötzlich fühlte er Eliſe zuſammenſchrecken, und indem ſie bedeutungsvoll ſeine Hand drückte, flüſterte ſie: Still Bertram, ſieh dorthin! Bertram folgte der Richtung ihrer Augen und ſah, wie Gotzkowsky die Thür ſeines Arbeitskabinets geöffnet hatte, und mit Pleichen, entſtellten Zügen und ſtieren Blicken in das Zimmer trat. Er ſieht uns nicht! flüſterte Eliſe. Er redet mit ſich ſelber. Stören wir ihn nicht. Sie deutete ſchweigend auf den Vorhang dicht neben ihnen, welcher eine Niſche verbarg, in deren Mitte eine koſtbare antike Vaſe aufgeſtellt war. Verbergen wir uns! ſagte ſie, und Beide ſchlüpften ſie, von Gotzkowsky unbemerkt, hinter den Vorhang. XV. Die Rettung. Gotzkowsky hatte abgeſchloſſen mit dem Leben und den irdiſchen Geſchäften. Er hatte das Dokument unterzeichmet, mit wel⸗ chem er ſich für bankbrüchig erklärte, und ſein ganzes Hab und Gut ſeinen Gläubigern überantwortete. Die Würfel waren alſo gefallen. Er war mäch⸗ tig und groß geweſen durch das Geld,— jetzt war ſeine Macht und Größe hingeſchwunden, denn er war arm! Dieſelben Menſchen, welche ſich geſtern bis zur Erde vor ihm neigten, waren heute ſtolz und hohn⸗ lächelnd an ihm vorübergegangen, die, welche ihm einſt eine ewige Dankbarkeit geſchworen, hatten ihn heute verlaſſen und ihn wie einen Bettler von ihrer Thür gewieſen. Warum ſollte er noch länger die Mühſeligkeiten eines Lebens ertragen, das für ihn keine Illuſionen — 170— mehr hatte und in dem er ſein höchſtes Kleinod, ſeine Ehre verloren hatte? De Neufville hatte ganz recht gethan, und nur ein Feigling konnte ſich noch an ein Leben anklam⸗ mern wollen, welches allen Inhalt und allen Stütz⸗ punkt verloren. Man ſollte nicht hohnlachend auf ihn zeigen, wenn er durch die Straßen gehen würde. Er wollte nicht verurtheilt ſein, es hinter ſich flüſtern zu hören: „Seht da, das iſt Gotzkowsky, der Bankbrüchige, der Banquerotteur!“ Nein, nicht dieſes fürchterliche Wort ſollte jemals ſeine Ohren verletzen und ſeine Seele durchbohren. Nur einmal noch wollte er durch dieſe Straßen ziehen, welche ihn ſo oft in ſeinem Glanze geſehen, aber nicht arm und nicht als der Kinder Spott, ſon⸗ dern als die Trauerfahne der erlegten Ehre ſollte man ihn begrüßen und vor ihm neigen ſollten ſich Die, welche ihn jetzt höhnten. Nur ſeine Leiche ſollte noch an dieſen Menſchen, welche ſein Herz gebrochen hatten, vorübergehen. Er war ganz entſchloſſen, dieſes unſelige Daſein abzuſtreifen, eine Welt zu verlaſſen, welche ſich ihm als ein Abgrund der Bosheit und Tücke gezeigt, und befreiten Geiſtes ſich aufzuſchwingen zu den Regionen des Lichtes und der Erkenntniß. „Mit ſolchen Gedanken betrat er jetzt das Zim⸗ mer, welches für ihn eine„Stätte des Todes“ wer⸗ den ſollte. Aber er wollte nicht hinabſteigen in das — 171— Grab, ohne der Welt mit ſeiner Leichenhand noch einmal ihre Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit gezeigt zu haben. Sein Tod ſollte zugleich ein Denkmal ihrer Schande und ein höhnender Beweis ihrer Undank⸗ barkeit ſein. Deshalb war er noch einmal in dieſes Zimmer zurückgekehrt. In demſelben befand ſich die koſtbare Etagsre, auf welcher der ſilberne Becher ſtand, den ihm einſt der hohe Rath von Leipzig als Zeichen ſeiner Dank⸗ barkeit gegeben. Aus dieſem Becher wollte er ſich den Tod trinken. Er nahm ihn und ſchüttete in denſelben ein klei⸗ nes weißes Pulver, das ſo unſchuldig und luftig, und doch ſtark genug war, ihn mit bleierner Schwere hinabzuziehen in das Grab. Dann griff er nach der Waſſerflaſche und ſchüt⸗ tete Waſſer auf das Pulver. Der Trank war vollendet, Gotzkowsky hatte nichts weiter zu thun, als ihn an die Lippen zu ſetzen, um ſich ewige Ruhe und ewige Vergeſ ſſenheit zu trinken. Eliſe ſah Alles, begriff Alles. 3 Sie hatte die Hände gefaltet und betete, ihre Zähne ſchlugen auf einander, wie im Fieberfroſt, ſie fühlte und wußte nur, daß ſie ihren Vater erretten oder mit ihm in den Tod gehen mußte und wollte. Wenn er den Becher emporhebt, ſtürze ich hervor, flüſterte ſie leiſe Bertram zu, und ſie öffnete den Vorhang ein wenig, um ihren Vater beobachten zu können. Gotzkowsky war wieder zu der Etagsère getreten.. Er nahm den ſilbernen Eichenkranz, die Burgerkrone, welche ihm einſt die Stadt Berlin geſchenkt, und betrachtete ſie ſinnend und mit einem bittern, unheim⸗ lichen Lächeln. 3 Ich habe ſie verdient, ſagte er halblaut, ich nehme ſie mit in mein Grab. Mit dieſem Lorbeerkranz ge⸗ ſchmückt, ſollen ſie meine Leiche finden, und wenn ſich dann die Menſchen beſchämt abwenden, dann wird der Bankbrüchige, der Banquerotteur Johann Gotz⸗ kowsky den letzten Triumph über die entartete Welt feiern. Und halb wie im Traum und im Fieberwahnſinn der Schmerzen ſetzte er ſich den Kranz auf das Haupt. S Dann ſtand er einen Augenblick ſinnend und ge⸗ ſenkten Hauptes da. Ein wunderbares Bild war es, dieſe ſtolze, hohe Geſtalt zu ſehen, dieſes bleiche, zuckende Antlitz, ge⸗ ſchmückt mit dem ſilbernen Kranze, und ihm gegen⸗ über, durch die Vorhänge hindurch ſchauend, das bleiche, ſchreckensvolle Antlitz ſeiner Tochter, deren glühende Augen mit lauerndem Ausdruck auf ihren Vater gerichtet waren.. Jetzt griff Gotzkowsky nach dem ſilbernen Becher. Jetzt hob er ihn empor, ſchon berührte er faſt ſeine Lippen— Plötzlich erbebte er. Eine geliebte theure Stimme rief ſeinen Namen! Ach es war die Stimme ſeiner Tochter, die er vergeſſen hatte in der Bitterniß ſei⸗ ner Pein. Er hatte geglaubt, ſein Herz ſei ſchon geſtorben für alles Empfinden, aber die Liebe lebte doch noch in ihm, und die Liebe rief ihn in's Leben zurück. Es flog wie ein elektriſcher Schlag durch ſeine ganze Geſtalt, er ſetzte den Becher nieder und ſeine Hände über ſein Antlitz ſchlagend, murmelte er leiſe: Oh unnatürlicher Vater! Ich vergaß mein Kind! Hinter ihm ſtand Eliſe und betete zu Gott um Kraft und Entſchloſſenheit. Sie wollte ganz unbefangen, ganz harmlos erſchei⸗ nen, um ihren Vater nicht ahnen zu laſſen, daß ſie ſeine finſtern Entſchlüſſe kenne. Ihre Stimme durfte daher nicht zittern, ihr Auge mußte klar und ruhig blicken und ein Lächeln mußte auf ihren Lippen ſtehen, welche noch bebten von die⸗ ſen Gebeten der Angſt, die ſie zu Gott empor geſchickt. Mein Vater, ſagte ſie leiſe, aber mit ruhigem Ton, mein Vater, ich komme, Dich um Deinen Segen zu bitten. Und hier iſt der Myrthenkranz, mit dem Du mich ſchmücken wollteſt. Gotzkowsky hatte noch immer ſein Antlitz verhüllt, aber ſeine ganze Geſtalt zitterte und ſchüttelte ſich wie im Fieberfroſt. — 174— Ich danke Dir, mein Gott, ich danke Dir, flüſterte er. Die Stimme meines Kindes hat mich errettet. Und plötzlich wandte er ſich nach ihr um, und beide Arme nach ihr ausbreitend, rief er mit voller mäch⸗ tiger Stimme: Eliſe, mein Kind, komm an mein Herz und tröſte Deinen Vater! Eliſe ſtieß einen Freudenſchrei aus und warf ſich in ſeine Arme und drückte ſich feſt an ſein Herz und flüſterte ihm Worte der innigſten Zärtlichkeit, der heißeſten Kindesliebe in's Ohr. 3 Sie trafen Gotzkowsky's Herz wie ein lindernder Balſam, ſie drängten Thränen der Wonne und Reue zugleich in ſeine Augen. Er neigte ſein Haupt auf die Schulter ſeines Kindes und weinte bitterlich! Lange hielten ſie ſich feſt umſchlungen. Ihre Lip⸗ pen ſchwiegen, aber ihre Herzen ſprachen zu einander und verſtanden ſich auch ohne Worte. Dann richtete Eliſe ſich aus ihres Vaters Armen empor und ſagte lächelnd, indem ſie ihm wieder den Myrthenkranz darreichte: Und jetzt, mein Vater, ſegne Deine Tochter. Ich will es, ſagte Gotzkowsky, ſich die Augen trock⸗ nend. Ja, ich will Dich aus voller Seele ſegnen. Aber wo iſt der Bräutigam? Eliſe ſah ihn forſchend an. Willſt Du ihn auch willkommen heißen, Vater? Ich will's! Aus vollem Herzen! Eliſe näherte ſich dem Vorhang und ſchlug ihn zurück, und indem ſie Bertram's Hand ergriff und ihn — 175— zu ihrem Vater führte, ſagte ſie mit einer unnach⸗ ahmlichen Anmuth: Mein Vater, ſegne Deine Kinder! Das iſt Dein Bräutigam? fragte Gotzkowsky, und zum erſten Male flog es wie ein Sonnenglanz über ſein Antlitz. Bertram hatte mit einem Ausruf des Entzückens ſeine Arme ausgebreitet und Eliſe an ſein Herz ge⸗ zogen. Sie ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt und ſagte innig: Ich will an Deinem Herzen ruhen, Bertram, ich will ehrlich und treu ſein, wie Du es biſt. Du ſollſt mich mit der Menſchheit ausſöhnen, Du ſollſt uns Beiden das Glück wieder geben, Bertram. Mein Vater und ich hoffen auf Dich, und wir wiſſen Beide, daß unſere Hoffnung nicht vergeblich iſt. Iſt es nicht ſo, mein Vater? Sie reichte Gotzkowsky ihre Hand dar, er nahm ſie, aber zu bewegt zum Sprechen, drückte er ihre Hand an ſeine Augen, an ſein Herz, und ſchaute nur lächelnd, mit freundlichem Nicken in das Antlitz ſei⸗ ner Tochter. Eliſe fuhr fort: Siehſt Du, Vater, das Leben iſt doch noch etwas werth. Es giebt Dir einen Sohn, der glücklich iſt, wenn er Dein Unglück mit Dir theilen kann, es giebt Dir eine Tochter, die jede Deiner Thränen wie einen Diamant Deiner Größe leuchten ſieht, die ſtolz darauf ſein wird, mit ihrem Vater als Bettlerin von Ort zu Ort zu ziehen, und aller Welt zu ſagen:„Gotzkowsky iſt ein Bettler, weil er reich war an Menſchenliebe, er iſt arm ge⸗ — 176— worden, weil er ein edler Mann war, der an die Menſchen glaubte!“ Und indem ſie ihren Vater hineinzog in ihre und Bertram's Arme, fragte ſie, unter Thränen lächelnd: Mein Vater, willſt Du Deine Kinder noch verlaſſen? Nein, ich will leben, für Euch leben, rief Gotz⸗ kowsky, ganz überwältigt von Rührung und Freude. Er ſchlang die Arme um ſeiner Kinder Nacken und küßte ſie beide zärtlich und innig. Ein neues Daſein ſoll für uns beginnen, ſagte er freudig. In eine ſtille Hütte wollen wir uns retten und nichts von all dem Flitter und dem Luxus, für welchen die Men⸗ ſchen arbeiten und ihre Seele verkaufen, nichts von dem Tand des Lebens wollen wir mit uns nehmen. Dies Alles geben wir der Welt zurück. Nicht wahr, Eliſe, Du biſt es zufrieden, arm zu ſein und mit dem Verluſt dieſes nichtigen Glanzes die Ehre Dei⸗ nes Vaters zu erkaufen? Eiliſe lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. Ich war arm, ſagte ſie, als man mich reich nannte. Jetzt bin ich reich, da man mich arm nennen wird. Gieb Alles hin, was wir haben und beſitzen, mein Vater. Niemand ſoll ſagen, daß Gotzkowsky ihm ſchuldig ge⸗ blieben und ihm ſein Wort nicht gehalten habe. Sie löſte mit einer haſtigen Eilfertigkeit das Col⸗ lier von ihrem Halſe und nahm die Spangen aus ihren Ohren und von ihren Armen. Nimm auch dies, ſagte ſie lächelnd. Leg' es zu — 177— dem Ganzen. Wir wollen nichts behalten, als unſere Ehre und das Bewußtſein unſerer Würde. Jetzt bin ich Dein Sohn, mein Vater, rief Ber⸗ tram mit ſtrahlenden Augen, jetzt habe ich ein Recht, Dir zu dienen. Du darfſt es mir nicht mehr ver⸗ weigern, daß ich Alles, was mein iſt, zu Deinem Eigenthum mache. Wir wollen die Ehre unſeres Hauſes retten und alle unſere Gläubiger bezahlen. Das wollen wir, rief Gotzkowsky. Ich nehme Dein Opfer an, mein Sohn! Und indem er Bertram's und Eliſen's Hände in einander faltete, ſagte er, den dankbaren Blick gen Himmel richtend: Von heute an ſind wir arm und doch weit reicher, als viel tauſend reiche Leute, denn unſere Glieder ſind geſund, und wir haben ſtarke Arme, um zu arbeiten. Wir haben ein gutes Ge⸗ wiſſen und die ſtolze Freudigkeit, welche Gott nur denen giebt, die auf ſeine Hülfe hoffen dürfen. Gotzkowsky III. XVI. Vergeltung. Die feſtgeſetzte Stunde war gekommen, und in vollem Glanz ſeiner reichen Uniform, geſchmückt mit den von Brillanten flimmernden Orden, welche ihm die Gunſt zweier Kaiſerinnen verliehen, betrat der Fürſt Feodor von Stratimojeff das Haus Gotz⸗ kowsky's. Mit ſiegesſtolzen Schritten ging er die Stiegen hinauf zu dem Zimmer ſeiner 2 Braut. Das Ziel war alſö endlich erreicht. Dies ſo ſchöne, ſo liebliche und ſo reiche Mädchen ſollte ſenn endlich ſein Weib wer⸗ den, er konnte dem Hof in Petersburg ſeine reizende Gemahlin zeigen und mit ihrer Schönheit, ihrer Ju⸗ gend und ſeinem Liebesglück Rache nehmen an der wankelmüthigen Kaiſerin. Das waren ſeine Gedanken, als er die Thüre öffnete und in Eliſens Zimmer trat. Da ſtand ſie in dem weißen Brautgewande, ſo zart und ſchlank und rein wie eine Lilie anzuſchauen, tram. Die Zeugen zur Trauung waren alſo da, man hatte nichts weiter nöthig, als ſich zum Altar zu begeben. Eliſe hatte es von ihrem Vater begehrt, daß ſie ſelber den Fürſten ſehen und verabſchieden könne, ſie hatte verlangt, daß auch Bertram dabei zugegen ſei. Sie wollte ihm zeigen, daß ihr Herz unt Linem Schlage und für immer von dieſer thörichten und unheilsvollen Liebe geheilt ſei un aß ſie ohne Zö⸗ gern und Erbeben dem Fürſten ratimojeff gegen⸗ über treten könne. Es war dies ein Opfer, welches ſie der Ehre ihres zukünftigen Gatten, welches ſie ihrem eigenen Stolze darbringen mußte, und ſie würde ſich ſelber verachtet haben, wenn ein Hüchen ihrer Wimper, ein Seufzer ihrer Bruſt dieſes Wehe⸗ gefühl verrathen hätte, das wider ihren Willen ihr Gemüth beängſtigte! Sie ſah daher mit ruhigem, kaltem Blick den Fürſten eintreten, und zum erſten Mak ſchien er ihr nicht mehr der ſchöne, mit einem bezaubernden Weſen angethane Mann, ſondern ſie las in ſeinen ſchlaffen Zügen nichts als die traurige Geſchichte ſeiner Ver gangenheit. Der Bann war gebrochen, welcher ihre Augen gefangen gehalten. Ihr Blick war wieder frei, und ihr graute jetzt vor dieſer wilden, dämoniſchen Schönheit, welche ſie einſt als ein göttliches Bild des Mannes angebetet hatte! Wie ſie ihn fühlte ſie, daß ſie dieſen Mann haſſen kön 1 12* da war auch ihr Vater und ihr Jugendfreund Ber⸗ — 180— ſie ihn geliebt, weil ſie an ihn ihre erſte Jugend, ihre erſte Liebe und ihr erſtes Glück verloren hatte, weil er ſie betrogen hatte um den Frieden ihrer Seele und die Unſchuld ihres Herzens, und weil ſie nicht einmal das Recht behalten, ihre verlorene Liebe zu beweinen, ſondern ſich erröthend und ſchamvoll von ihr abwenden mußte. Feodor näherte ſich ihr mit dem ganzen Ausdruck des Triumphes und der Freude, und indem er ſich tief vor ihrem Vater verneigte, ſagte er mit einem unnachahmlichen Lächeln: Ich komme, meine Braut zu holen und mir Eliſe von ihrem Vater zu erbitten! Er reichte Eliſen ſeine Hand dar und ſah ſie mit freudeſtrahlenden Augen an. Aber die ihren blieben ruhig und kalt und ihre Stimme zitterte nicht. Hier iſt die Braut, ſagte ſie, aber nicht die Ihre, Fürſt Feodor von Stratimojeff! Und indem ſie Bertram ihre Hand darreichte, fuhr ſie fort: Dies iſt mein Gemahl! Er hat mich heute zum dritten Male errettet, von Ihnen errettet! Fürſt Feodor fühlte ſich vernichtet, und wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, taumelte er zurück. Eliſe, ſo lohnſt Du meine Liebe? fragte er nach einer Pauſe ſchmerzvoll. Das iſt die Treue, welche Du mir gelobt? Sie trat näher zu ihm hin und ſagte leiſe: Ich habe meinem Feodor ein treues Herz bewahrt, aber er hat es an den Fürſten Stratimojeff abgetreten! Eliſe iſt zu ſtolz, des Mannes Weib zu ſein, der — 181— nur ein Fürſt iſt, weil er einer Kaiſerin Günſt⸗ ling war. Sie wandte ſich ab und wollte das Zimmer ver⸗ laſſen, aber Feodor hielt ſie zurück. Für ihn gab es jetzt keine Rückſicht und kein Verbergen mehr. Er fühlte nur, daß er grenzenlos unglücklich, daß er um alle ſeine Lebenshoffnungen betrogen ſei. Eliſe, ſagte er mit jenem weichen, ſchmerzvollen Ton, der ſonſt ihr Herz bezaubert hatte, ich kam zu Dir, daß Du mich retten ſollteſt, Du aber ſtößeſt mich in den Abgrund! Wie ein Ertrinkender ſtreckte ich die Hand zu Dir empor, und in Deinen Armen wollte ich geneſen zu einem neuen Daſein! Aber das Schickſal iſt gerecht! Es ſchleudert mich erbar⸗ mungslos von dieſer Friedensſtätte zurück, und ich muß und werde untergehen! Nun wohl, ſo mögen denn die Wogen dieſes Lebens über mir zuſammen⸗ ſchlagen, aber mein letzter Schrei wird doch Dein Name ſein! Eliſe fand in ſich den grauſamen Muth, ſeinen pathetiſchen Worten mit einem Lächeln zuzuhören. Sie werden noch nicht Zeit haben, an Ihren Tod zu denken, ſagte ſie mit ſtolzer Ruhe, und indem ſie ſich an ihren Vater wandte, fuhr ſie fort: Mein Geſchäft mit dieſem Herrn iſt vollendet. Beginne Du Deine Geſchäfte, mein Vater! Sie reichte Bertram die Hand dar, und ohne Feodor nur noch eines Blickes zu würdigen, verließ ſie mit ihrem Verlobten das Zimmer. — 182— Und jetzt, mein Herr, ſagte Gotzkowsky kalt, jetzt laſſen Sie uns an unſer Geſchäft gehen. Haben Sie die Güte, mir in mein Comtoir zu folgen. Sie ſind nach Berlin gekommen, um mich meiner Tochter und meines Geldes zu berauben. Das Eine iſt Ihnen nicht gelungen. Verſuchen Sie es mit dem Andern. Das will ich! Das werde ich! rief der Fürſt zähneknirſchend, mit zornblitzenden Augen. Eliſe iſt erbarmungslos geweſen, nun wohl, ich werde es auch ſein!— Auch würde ich Ihr Erbatmen von mir ſchleudern, weil ich nicht beſchimpft ſein will! ſagte Gotzkowsky. Wir ſind alſo Feinde auf Leben und Tod! rief der Fürſt. Oh nein! erwiederte Gotzkowsky. Wir ſind zwei Handelsleute, welche mit einander feilſchen und han⸗ deln wollen um den Vortheil. Weiter giebt es nichts zwiſchen uns. Er öffnete die Thür und ließ ſeinen Geſchäfts⸗ führer und Caſſirer eintreten. Dieſer Herr hier iſt der Agent Rußlands, ſagte Gotzkowsky mit ſchneidender Kälte. Er iſt hierher geſandt, um mit mir zu unterhandeln, und falls ich nicht zahlen kann, die möglichſten Gewaltmittel gegen mich in Anwendung zu bringen. Sie, meine Herren, werden dies Geſchäft mit ihm abmachen. Die nöthi⸗ gen Inſtructionen haben Sie. Dann wandte er ſich an den Fürſten, welcher athemlos, zitternd vor innerer Bewegung, glühend N — 183— vor Zorn und Schmerz, ſich an die Wand gelehnt hatte, um nicht umzuſinken. Mein Herr Fürſt, ſagte er, Sie werden bezahlt werden. Nehmen Sie dieſe dreißigtauſend Thaler, es iſt das Vermögen meines Schwiegerſohns. Er hat es freudig hergegeben, um uns von Ihnen zu erlöſen. Sehen Sie hier ferner die Brillanten meiner Tochter. Bringen Sie dieſelben Ihrer Kaiſerin als würdiges Andenken Ihrer deutſchen Thaten. Und was alsdann noch fehlt zur Bezahlung meiner Schuld, das mögen Ihnen meine Bilder decken.*) G Es iſt zu viel! Es iſt zu viel! ſchrie Fürſt Feo⸗ dor, und wie von Furien gejagt, die geballten Fäuſte vor ſich ausſtreckend, als wolle er Jeden zermalmen, der ihn zurückhalten könne, ſtürzte er von dannen. *) Gotzkowsky bezahlte ſeine Schuld an Rußland mit 30,000 Thaler baarem Gelde, einem Brillantſchmuck und den ſchönſten Gemälden ſeiner Gallerie, welche von Ruß⸗ land für 80,000 Thaler angenommen wurden und den erſten und beſten Grund zu der Kaiſerlichen Gemälde⸗ Gallerie in Petersburg legten. Es befanden ſich unter dieſen Gemälden einige der ſchönſten Bilder von Titian, dann die vorzüglichſten Gemälde von Rubens, und von Rembrandt eins ſeiner ausgeführteſten, das Portrait ſei⸗ ner alten Mutter. 1 8 —— XVII. Verſpätete Dankbarkeit. Johann Gotzkowsky, der reiche Kaufmann von Berlin, wollte alſo nicht länger kämpfen und ringen mit dem Schickſal, nicht länger die tägliche Marter ſeiner gefährdeten Ehre, ſeines bedroheten Namens ertragen. Gleich dem tapfern Sickingen ſagte er zu ſich ſel⸗ ber!„Beſſer ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende,“ und lieber wollte er auf einmal in den Abgrund ſtürzen, als langſam von Klippe zu Klippe hinabgeſchleudert werden. Er hatte den Gerichten Anzeige gemacht von ſei⸗ nem Fall und von ſeinem Entſchluß, ſein ganzes Hab und Gut ſeinen Gläubigern zu übergeben. Jetzt er⸗ wartete er die Bevollmächtigten, um ihnen ſein Be⸗ ſitzthum zu übergeben und dann mit ſeiner Tochter das Haus zu verlaſſen, das nun nicht mehr Sein war. Aber nicht heimlich, nicht unter dem Schutze der Nacht wollte er hinaus gehen, ſondern öffentlich, beim 185— hellen Licht des Tages wollte er die Schwelle ſeines Hauſes überſchreiten, und die Straßen dieſer Stadt durchziehen, welche ihm ſo viel verdankte und welche ihn einſt ihren Erretter und Helfer genannt hatte. Es war unabänderlich, er mußte fallen, aber ſein Fall ſollte zugleich ſeine Rache ſein. Zum letzten Male hatte er die Staatszimmer ſei⸗ nes Hauſes geöffnet, zum letzten Mal wollte er in denſelben ſeine Gäſte empfangen. Aber dieſe Gäſte waren die Gerichtsperſonen, welche ihn beerben ſoll⸗ ten, da er noch lebte, welche ſeinen Namen auslöſchen ſollten, bevor der Tod ihn auf irgend einen Grab⸗ ſtein gezeichnet hatte. Die Kunde ſeines Falles hatte ſich ſchnell durch ganz Berlin verbreitet und ſchien doch endlich die Rinde durchbrochen zu haben, welche die verhärteten Herzen umſchloſſen hielt. Die Stimme des Gewiſſens hatte doch einen Moment die Stimme des Egois⸗ mus übertäubt und der Magiſtrat ſchämte ſich ſeiner Undankbarkeit, und auch die Münzjuden Ephraim und Itzig hatten eingeſehen, daß es klüger ſein würde, einen Eclat zu vermeiden und den gedemü⸗ thigten Gotzkowsky lieber aufzurichten, ſtatt ihn ganz in den Staub zu treten. Statt der Gerichtsbeamten, die Gotzkowsky er er⸗ wartet hatte, traten jetzt Abgeordnete des Magiſtrats, begleitet von Erbraim und Itzig, in ſein Haus und verlangten Gotzko zu ſprechen. Er empfing ſie in ſeinen Prunkgemächern, an der — 186— Seite ſeiner Kinder. Seine Geſtalt war hoch auf⸗ gerichtet, ſein Haupt ſtolz gehoben, und nicht wie ein Unglücklicher, Belaſteter, trat er ihnen gegenüber, ſondern wie ein Herrſcher ſeine Vaſallen empfängt, ſo empfing Gotzkowsky die Herren vom Magiſtrat und der Judenſchaft, und vor ſeinen durchbohrenden Blicken ſchlugen ſie beſchämt und ſchuldbewußt die Augen nieder. Der Magiſtrat ſchickt uns, ſagte einer der Herren Stadträthe. Ich habe nichts mehr zu ſchaffen mit dem Ma⸗ giſtrat, ſagte Gotzkowsky verächtlich. Gotzkowsky, zürnt nicht mehr! ſagte der Stadt⸗ rath mit faſt flehendem Ton. Der Magiſtrat iſt, in Anerkennung Eurer großen Verdienſte um die Stadt, bereit und willig, die Summe, welche Ihr fordert, auszuzahlen. Gotzkowsky ſchüttelte ſtolz das Haupt. Ich bin aber nicht mehr bereit, ſie anzunehmen, ſagte er. Die Friſt iſt abgelaufen. Ihr könnt Euch nicht mehr los⸗ kaufen, Ihr bleibt meine Schuldner. Aber uns werdet Ihr erhören, rief Itzig. Wir kommen als Abgeordnete der Judenſchaft. Wir ſind ermächtigt, Euch zu helfen, fügte Ephraim hinzu. Wir ſollen Euch im Namen der Juden⸗ ſchaft für Zinſen und Unterſchrift Geld und Credit geben, ſo viel Ihr bedürft, damit Euer Haus nicht fallire. Gotzkowsky's großes, tebeſs Auge ruhte einen — 187— Moment mit ſinnendem, prüfendem Ausdruck auf Ephraim's Antlitz, und dieſes leiſe, ſpöttiſche Lächeln, welches auf des Juden Lippen ſtand, ſchien ſeine Entſchlüſſe nur noch zu kräftigen und ſeinen Muth zu erhöhen. Mein Haus hat fallirt, ſagte er ruhig und ſtolz. Und als er auf den Mienen der Herren ihre Angſt und ihr Entſetzen ſich ausprägen ſah, wiederholte er faſt frohlockend: ja, mein Haus hat fallirt! Das Dokument iſt ſchon abgeſchickt, in welchem ich dem Magiſtrat und der Kaufmannſchaft den Fall meines Hauſes anzeige und mich banquerott erkläre. Ihr dürft nicht falliren! ſchrie Itzig wüthend. Ihr dürft dem Magiſtrat und der Stadt nicht dieſe Schmach auferlegen, rief der Herr Stadtrath würdevoll. Wir dürfen es nicht leiden, daß die Nach⸗ welt von uns ſagen kann:„die Stadt Berlin ließ den edelſten ihrer Bürger in Noth und Elend unter⸗ gehen!“ Wohl mir, wenn ſie das einſt ſagen wird, rief Gotzkowsky, denn wenn ſie es ſagt, ſo iſt damit mein Name und meine Ehre gerettet! Aber der Magiſtrat freut ſich, Euch dankbar ſein zu können, bat der Stadtrath. Die Judenſchaft freut ſich auch darauf, ſchrie Itzig. Die Judenſchaft iſt bereit Euch zu helfen. Gotzkowsky ſchleuderte einen zornigen Blick auf ihn. Das heißt, ſagte er, Ihr habt Euch überlegt, daß es in Eurem Vortheil liegt, wenn ich nicht fallire. — 188— Ihr habt hohe Wechſel auf mich, und wenn ich fallire, bekommt Ihr nur einen Theil der Schuld ausgezahlt, während Ihr, wenn ich beſtehe, das Ganze erhaltet. Ihr wollt großmüthig ſein aus Egoismus. Ich nehme Eure Großmuth nicht mehr an. Ihr ſollt verlieren. Das ſei Eure Strafe und meine Rache. Ihr habt mein Herz bis auf den Tod verwundet, ich treffe Euch dafür an dem einzigen Punkt, wo Ihr Schmer⸗ zen empfinden könnt. Ich packe Euch an Eurer Geldgier. Ihr kommt zu ſpät! Ich bin ein Ban⸗ querotteur. Meine Wechſel verlieren ihren Cours, aber meine Ehre ſtirbt nicht mit meiner Firma! Alle ſchwiegen und blickten mit finſterm Stirn⸗ runzeln zur Erde nieder. Nur Einer blickte mit klarem, hellem Auge zu Gotzkowsky hinüber. Das war Ephraim, der Münziude, welcher, ein⸗ gedenk ſeiner Unterredung mit Gotzkowsky, trium⸗ phirend zu ſich ſelber ſagte: Er hat doch von mir gelernt. Er verachtet die Menſchen. Herr Itzig war um ſo grimmiger. Ihr wollt alſo unſer Verderben? ſagte er zornvoll. Ihr wollt un⸗ dankbar ſein? Das hat die Judenſchaft nicht dafür verdient, daß ſie Euch damals den ſchönen Brillant⸗ ring ſchenkte. Was wird die Welt dazu ſagen! Die Welt wird erfahren, weshalb ich zu Grunde gehe, und ſie wird Euch verdammen! ſagte Gotz⸗ kowsky. Geht hin, nehmt Alles, was ich habe, ich mag nichts mehr beſitzen. Ich verachte den Reich⸗ — 189— thum und den Beſitz. Ich will arm ſein. Denn in der Armuth wohnt der Friede. Der Schwelle dieſes Hauſes kehre ich den Rücken, und ich will nichts mit mir nehmen, als dieſen Lorbeerkranz und Euch, meine Kinder. Er reichte Eliſen und Bertram lächelnd ſeine Hände dar. Kommt, meine Kinder, laßt uns gehn! Laßt uns auswandern in das Glück der Armuth! Wir ſchütteln den Staub von unſern Füßen, und ſind leicht und frei, denn wir ſind arm, aber reich an Liebe! Ja, wir ſind arm, das heißt, wir ſind frei! Wir ſind nicht mehr abhängig von Vorurtheilen, von Rückſichten und Förmlichkeiten. Wir haben nichts mehr zu verbergen und zu verhüllen, wir haben uns unſerer Armuth nicht zu ſchämen, ſondern wir dürfen ſie aller Welt zeigen, und wenn wir als Bettler in Lumpen durch die Straßen gehen, ſo werden dieſe reichen Leute da doch beſchämt vor uns die Augen niederſchlagen müſſen, denn unſere Armuth wird ſie anklagen, und unſere Lumpen werden wider ſie zeugen. Kommt, meine Kinder, laßt uns unſer Leben der Armuth beginnen. Wenn aber einſt der Tod kommt, um mich abzurufen, dann ſchmückt meine kalte Stirn mit dieſem ſilbernen Eichenkranz, den mir die Stadt Berlin geſchenkt, und ſchreibt auf meinen Sarg: „So lohnt die Welt!“*) 3 *) Mit dieſ en Worten ſchließt Gotzkowsky ſeine Bio⸗ graphie. — 190— Und hoch aufgerichtet, geſtützt auf ſeine Kinder, durchſchritt Gotzkowsky das Gemach. Niemand wagte ihn aufzuhalten. Scham und Reue, Wuth und Schrecken hielt ſie Alle wie gebannt. Laßt uns fort, laßt uns fort, ſagte Gotzkowsky zu Eliſe und Bertram. Mir graut vor dieſem Hauſe und dieſer Glanz widert mich an. Ja, laß uns fort, mein Vater, flüſterte Eliſe, ihren Arm um ihres Vaters Nacken legend. Sie traten hinaus auf die Straße. Wie erquicklich deuchte ihn die freie Luft, wie köſtlich mild ſchaute der ſtille blaue Himmel zu ihnen nieder. Gotzkowsky ſchaute zu ihm empor, er ſah nicht die Schaar von Menſchen, welche vor ſeiner Thür ſtand, oder vielleicht wollte er ſie nicht ſehen, weil er ſie nur für einen Theil des müßigen, neugierigen Pöbels hielt, der dem Unglück überall nachzieht und ſich aus dem Jammer ein Schauſpiel für ſeine Lange⸗ weile bereitet.. 4 Aber diesmal hatte Gotzkowsky ſich geirrt. Es waren freilich nur arme Leute, welche da auf der Straße ſtanden. Aber ihre Geſichter waren theil⸗ nahmsvoll und ihre Blicke waren trübe. Sie hatten von dem Unglück Gotzkowsky's gehört und waren herbei geeilt, aber nicht aus Neugierde, ſondern aus Theilnahme. Es waren die armen Fabrikarbeiter, denen Gotzkowsky Wohlthäter, Freund und Rathgeber geweſen, es waren die Armen, welche er unterſtützt — 191— und getröſtet hatte, die da vor ſeinem Hauſe ſtanden, um Gotzkowsky ein letztes Lebewohl zu ſagen. Sie konnten ihm freilich keine Hülfe bringen, ſie hatten kein Geld und keine Schätze, aber ſie brachten ihm ihre Liebe und ihre Thränen. An der Spitze der Arbeiter ſtand Balthaſar mit ſeinem jungen Weibe, und obwohl ſein Auge ver⸗ dunkelt war von Thränen, erkannte er doch ſeinen Herrn, welcher ihm ſo viel Gutes gethan, und ob⸗ wohl der Schmerz ſeine Bruſt zuſammen ſchnürte, bezwang er ſich doch und rief: Es lebe Gotzkowsky! Unſer Vater! Vivat! Er lebe hoch! ſchrie die Menge, aber nicht jiubelnd, ſondern traurig und halb erſtickt in Thränen. Gotzkowsky's Antlitz ſtrahlte vor Freude, und mit einem dankbaren Lächeln reichte er Balthaſar ſeine Hand dar. Ich danke Dir, mein Freund, ich danke Dir, ſagte er tief bewegt. Du haſt mir oft ein Lebehoch ausgebracht, aber keins hat mir ſo wohl gethan, wie das heutige. Keins war aber auch inniger und aufrichtiger gemeint, ſagte Balthaſar, die Hand Gotzkowsky's an ſeine Lippen drückend. Ihr ſeid uns immer ein Vater und ein Freund geweſen, und es hat uns oft gedrückt, daß Ihr ſo reich und mächtig wart und wir Euch gar nicht zeigen konnten, wie lieb wir Euch hatten. Jetzt, wo Ihr nicht mehr reich ſeid, = 192— jetzt können wir es Euch beweiſen, daß wir Euch lieben, denn wir können für Euch arbeiten. Wir haben ſchon ein Uebereinkommen getroffen unter uns. Jeder von uns giebt in der Woche einen ſeiner Ar⸗ beitstage her und der Erlös deſſelben gehört Euch, und da wir hundert und ſiebenzig Arbeiter ſind, ſo werdet Ihr zum mindeſten nicht hungern, Vater Gotzkowsky. Gotzkowsky ſah ihn mit freudeſtrahlenden Blicken an. Ich danke Euch, meine Freunde, ſagte er tief⸗ gerührt, und wenn ich auch Euer Opfer nicht an⸗ nehme, ſo ſollt Ihr nicht denken, daß ich die Größe und Schönheit deſſelben nicht erkannt hätte. Wer kann ſagen, daß ich arm ſei, da Ihr mich liebt, meine Kinder. Eben hielt ein Wagen vor der Thür, den Ber⸗ tram herbei geholt, um ſie in ihre neue, beſcheidene Wohnung zu fahren. Ihr wollt uns alſo für immer verlaſſen? fragte Balthaſar traurig. Nein, meine Kinder, ich bleibe unter Euch, in Eurer Mitte, ſagte Gotzkowsky, nur will ich dieſes große Haus mit einer kleineren Wohnung ver⸗ tauſchen. Kommt, rief Balthaſar, kommt, meine Freunde, wir wollen unſern Vater Gotzkowsky in ſeine neue Wohnung geleiten. Die Stadt Berlin ſoll ſehen, daß nur die reichen Leute undankbar ſind und daß die Armen ihres Wohlthäters und Freundes niemals — d — 193— vergeſſen haben. Kommt, laßt uns die Pferde aus⸗ ſpannen. Wir fahren Vater Gotzkowsky durch die Straßen.. Ein donnerndes Hurrah der Menge war die Ant⸗ wort, und mit geſchäftiger Eile machten ſie ſich an's Werk. Die Pferde wurden ausgeſpannt und zwölf der kräftigſten Arbeiter ſchaarten ſich in freudiger Eile um die Deichſel. Gotzkowsky bat ſie vergeblich, inne zu halten, ihn nicht ſo zum Gegenſtande allgemeiner Neugierde zu zu machen. Aber die Leute achteten nicht auf ſeine Bitte, es war ihrem Herzen ein Bedürfniß, Gotz⸗ kowsky einen öffentlichen Beweis ihrer Liebe zu geben. Faſt mit Gewalt hoben ſie ihn in den Wa⸗ gen, nöthigten ſie Eliſe und Bertram, welche ſich abſichtlich unter die Menge geſtellt hatten, um die Aufmerkſamkeit von ſich abzulenken, neben ihrem Vater Platz zu nehmen. Jetzt bewegte ſich der Zug vorwärts. Jubelnde Weiber und Arbeiter gingen vorauf und tummelten ſich luſtig zur Seite des Wagens, und wo ihnen an⸗ dere Arbeiter begegneten, blieben dieſe ſtehen und ſchwenkten ihre Hüte, und grüßten Gotzkowsky, und nannten ihn den großen Fabrikherrn, den Vater der Arbeiter, den Wohlthäter Berlins. Ueberall, wo der Zug vorüber kam an niedrigen Häuſern und ärmlichen Hütten, da öffneten ſich die kleinen beſtäubten Venſtit, und gebräunte Geſichter Gotzkowsky III. 13 — 194— ſchauten heraus, und ſchwielige Hände grüßten und winkten. Der verlaſſene, der zu Grunde gegangene Gotz⸗ kowsky feierte doch heute einen herrlichen Triumph. Das Volk brachte ihm mit jubelnder Stimme ſeine Huldigung dar, und Volkes Stimme iſt Gottes Stimme! 9 — XVIII. Die Auction. Es war Alles beendet und abgethan, der Vorhang war gefallen. Gotzkowsky hatte ſeine glänzende Lauf⸗ bahn vollendet, und war in die Vergeſſenheit zurück getreten. Sein Sturz war einige Tage lang die Unter⸗ haltung der guten Berliner geweſen, aber lange ſchon wieder war er von irgend einer andern Neuigkeit verdrängt worden, und man ging ohne Theilnahme und ohne Schadenfreude an dem öden Hauſe mit den verhangenen Fenſtern vorüber, das einſt Gotzkowsky's glänzende Wohnung geweſen. Jetzt hatte der König es gekauft, um darin die Porzellanfabrik, die Gotz⸗ kowsky angelegt, auf Rechnung der königlichen Kaſſen fortzuführen. 3 Monate waren vergangen. Wie Vieles hatte dieſe kurze Spanne Zeit geändert, wie viel Thränen waren in ihr vergoſſen, wie viel Hoffnungen ertödtet worden. Eliſe war jetzt das Weib Bertram's geworden, 13* — 196— und ſie lebte mit ihm und ihrem Vater in der kleinen, trüben Wohnung, welche ſie ſich in dem entlegenſten Theile der Stadt ausgewählt hatten. Alle drei waren ſie in die engen, niedrigen Zim⸗ mer, welche jetzt ihre Heimath ſein ſollten, mit dem feſten Entſchluß eingetreten, ſich von den Aeußerlich⸗ keiten, und den kleinlichen Entbehrungen, welche ſie zu ertragen haben würden, nicht beirren zu laſſen, ſondern mit lächelndem Gleichmuth und mit ſtolzer Verachtung darüber hinweg zu gehen, ſich nur ge⸗ tröſtend, daß ihnen das große und heilige Capital ihrer Liebe von Niemand geraubt werden könnte. Und auch ihre Ehre war ihnen geblieben, und ihr guter Name. Denn Jedermann kannte Gotzkowsky's Geſchick, Jedermann wußte, daß er nicht gefallen durch ſeine eigene Schuld, ſondern nur durch die Gewalt der Umſtände, und die Bosheit der Menſchen. Er hatte ſich über die Menſchen zu beklagen, aber ſie nicht über ihn. Allen ſeinen Gläubigern war er ge⸗ recht geworden. Alles, was er beſaß, hatte er für ſie hingegeben, und ſie waren Alle befriedigt worden. Mit ſtolzem Schritt und gehobenen Hauptes konnte er durch die Straßen gehen, Niemand durfte es wagen, ihn mit höhnenden Worten zu verfolgen. Er hatte ſich auch ſeiner Armuth nicht zu ſchämen, denn ſelbſt dieſe Armuth war ja ein Beweis von ſeinem unverſchuldeten Unglück und ſeiner Ehrlichkeit! Er ſagte und wiederholte ſich das täglich und den⸗ noch ſchmerzte es ihn, ſo gebeugt und einſam durch — — 197— die Straßen zu gehen, dennoch waren ſeine Augen von Thränen verdunkelt, als er eines Tages an ſei⸗ nem Hauſe vorübergehend, die Pforten geöffnet ſah, als er wieder wie ſonſt die Equipagen vor ſeiner Thür erblickte, und die vornehmen und reichen Leute mit den kalten, theilnahmloſen Geſichtern ſah, welche wie in frühern Tagen in dieſes Haus eintraten. Sonſt waren ſie zu Gotzkowsky's glänzenden Diners gekommen, heute kamen ſie zur Auction. Die Fauteuils und ſammetnen Divans, die Fuß⸗ teppiche und goldgeſtickten Vorhänge, die Kronleuchter von Bergcryſtall und Bronce, die Gemälde und Sta⸗ tuen, und das ſilberne Tafelgeſchirr, und die koſtbaren Porzellanſervice, alles dies ward jetzt feil geboten. Es iſt etwas Trauriges, Herzerſchütterndes um eine Auction, es zeigt immer den Verfall und Bruch irgend eines Menſchenlebens, eines Familienglückes, es ſind immer die Trümmer einer eingeſtürzten Exi⸗ ſtenz, die traurigen Reſte eines vielleicht einſt ſehr glänzenden Schickſals. An ſolchem Tage der Auction giebt es keine Häuslichkeit, und kein verſchwiegenes Familienleben mehr, die Häuslichkeit hat aufgehört eine Stätte des Friedens zu ſein, und die heiligen Götter des Heerdes verhüllen tief trauernd ihr Haupt. Da werden die Pforten geöffnet, und die ſchau⸗ luſtige Menge ſtürmt herein, und ſpäht mit kaltem Auge in jeden Winkel und in jedes Gemach, und prüft den Divan, auf welchem vielleicht geſtern noch eine arme ſchöne Wittwe geweint hat um den ver⸗ zum Bieten aufforderte. Es war für ihn eine furcht⸗ — 198— lornen Gatten, und wirft ſich in das Schlafgemach, das einſt der verſchwiegene Tempel ihrer Liebe ge⸗ weſen, und ſpürt mit kaltem Auge und ungerührtem Herzen umher in dem Wohnzimmer und dem Bou⸗ doir, das noch das Ausſehen der Gemüthlichkeit und der behaglichen Ruhe trägt, und bald in alle Winde zerflattern, und ſeine traurige und geheime Geſchichte an irgend einen Trödler, oder in irgend einem Prunk⸗ gemach verzetteln muß. Alle Schönheit und Herrlichkeit aus Gotzkowsky's früheren Tagen ſollte auch heute auf der Auction verzettelt werden. Deshalb ſtanden ſo viele Equi⸗ pagen vor Gotzkowsky's Hauſe, deshalb kamen die vornehmen und reichen Leute in Gotzkowsky's Haus und drängten ſich mit den Trödlern und Speculanten zugleich in die Säle, die ſie ſonſt nur im Glanz ihrer koſtbaren Toiletten und mit freundlichem Lächeln über⸗ ſchritten hatten. Niemand achtete auf die zuſammengekauerte männ⸗ liche Geſtalt, welche dort an der Treppe lehnte, den Hut tief in die Stirn gedrückt, den Mantelkragen hoch über das Antlitz emporgezogen. Niemand ſah, wie er zuſammen zuckte, wenn der Auctionsverwalter die ſchönen Sachen berührte, und das Publikum bare Qual dieſem Leichenfeſt ſeiner Vergangenheit beizuwohnen, und doch konnte er ſich nicht losreißen. Wie von einer dämoniſchen Gewalt fühlte er ſich gebannt in dies Haus und bei dieſem ſchauerlichen — —— —— — „ — 199— Feſte. In der Langeweile ſeines öden, thatenloſen, müßigen Unglücks war es ihm eine Art Zerſtreuung, eine Aufrüttelung aus ſeinem dumpfen Brüten, Zeuge dieſer Zerſtörung und Auflöſung ſeines Hauſes zu ſein. Wie einſt Jeremias auf den Trümmern von Jeru⸗ ſalem, ſo ſaß Gotzkowsky verhüllten Hauptes auf der Schwelle ſeines Hauſes und hörte mit einer Art grauſamer Freude den Hammerſchlägen des Auctions⸗ commiſſarius zu, und doch traf jeder Schlag ſein Herz und machte die Wunde deſſelben nur empfind⸗ licher ſchmerzen. Zuweilen, wenn irgend eine bekannte Stimme ſein Ohr traf, richtete er ſein Haupt ein wenig auf, und ſchaute nach den Bietenden hin, und prüfte ihre kalten, theilnahmloſen Geſichter. Wie viele waren unter ihnen, die er einſt ſeine Freunde genannt, oder denen er wohlgethan. Jetzt ſtürzten ſie, den Raub⸗ vögeln gleich, über die Leiche ſeiner Vergangenheit her, jetzt kauften ſie ſeinen Reichthum und aus ihren Augen blitzte ihre Schadenfreude hervor, es ergötzte ſie, ſich verrühmen zu können, daß ſie ſich ein Andenken von dem reichen Gotzkowsky erhandelt hätten. Und wie Gotzkowsky das ſah, fühlte er es, wie eine tiefe Scham, dieſen Menſchen einſt freundlich gelächelt, ihnen einſt vertraut und an ihre Freundſchaftsver⸗ ſicherungen geglaubt zu haben. Er ſtand auf, um fortzugehen, denn er fühlte ſich wie gekräftigt und geſtärkt, die Ermattung und der Kummer war von ihm gewichen.. — 200— Niemals war er ſtolzer durch die Straßen ge⸗ gangen, als an dem Tage, wo er von der Auction heimkehrte in ſeine düſtere ſtille Wohnung. Niemals hatte er die Menſchen tiefer bemitleidet, bittrer ge⸗ haßt, als an dieſem Tage. Aber dennoch ſchmerzte es ihn, dieſe öde, ſtille Wohnung zu betreten, und ſich wieder einzuzwängen in die Langeweile und Müßigkeit ſeines thatenloſen Vegetirens. Dennoch war's ein empfindliches, immerfort bren⸗ nendes Weh, ſo in der Fülle der Kraft zur Ruhe verdammt zu ſein, und nichts weiter thun zu können, als mühſam ſein Daſein weiter zu ſchleppen, zu eſſen, zu ſchlafen, und von ſeiner Vergangenheit zu träumen. Dennoch ſagte er ſich immer wieder, daß er noch ſtark und rüſtig ſei, zu arbeiten und zu ſchaffen, und daß er doch dazu verdammt ſei, müßig zu ſein, und von der Gnade und Arbeit Anderer zu leben, gleich⸗ viel, daß dieſe Andern ſeine Kinder waren! Aber ſie arbeiteten für ihn mit ſolcher Freude, und ſolcher Liebe. Bertram hatte die Stelle eines Buchhalters in einer großen Fabrik angenommen, und ſein Gehalt reichte hin, um ſie alle drei zu ernähren. Freilich mußte ſorgſam zuſammen gehalten, ängſtlich genug geſpart werden. Aber Eliſe war thätig und arbeit⸗ ſam; als verwöhntes Kind des Reichthums, umgeben von ihren Dienern, hatte ſie freilich nichts kennen gelernt von den kleinlichen Dingen des Lebens, welche — 201— die Frauen ihre„Wirthſchaft“ nennen. Aber der Inſtinct des Weibes hatte ſie pPlötzlich dieſe Wiſſen⸗ ſchaft gelehrt, und ſie bald zu einer Meiſterin der⸗ ſelben gemacht. Und lieblich war es anzuſehen, wie Eliſe in immer gleicher Ruhe und Heiterkeit die Geſchäfte ihres Hau⸗ ſes beſorgte, bald als Köchin in der Küche wirkend, bald mit geſchäftiger Hand ihre kleinen Zimmer ord⸗ nend, und durch Sauberkeit und Zierlichkeit erſetzend, was ihnen fehlte an Eleganz und Schönheit. Eliſe war wie verwandelt, und niemals, ſeit ſie Bertram's Weib geworden, war ihre Stirn bewölkt, oder ihr Auge trübe geweſen. Immer war ihr Ant⸗ litz heiter und klar, immer hatte ſie für den heim⸗ kehrenden Gatten ein freundliches Lächeln, einen innigen Gruß, niemals irgend ein Wort der Klage, oder des Bedauerns über die Entbehrungen, denen ſie ſich unterziehen mußte, oder über den Reichthum, welchen ſie verloren hatte. Eliſe fühlte ſich reich, denn ſie liebte ihren Gatten; nicht mit jener heißen, verzehrenden Gluth, welche ſie einſt empfunden, und welche ihr ſo viel Täuſchungen und ſo viel Thränen gegeben, ſondern mit dem ſanften, wohlthuenden Feuer, welches niemals erliſcht, weil ihm die Achtung und die Erkenntniß des Rechten immer neue Nahrung und neuen Stoff verleiht. Bertram war nicht mehr nur ihr Bruder, er war ihr Geliebter, ihr Freund, ihr Rathgeber, und Tröſter überall. Immer war ſie gewiß, bei ihm Verſtändniß — 202— und Anerkennung, Troſt und Hülfe zu finden, und wie einen Fels konnte ſie bauen auf dieſes edle Herz, das zugleich ſo ſtark und ſo weich im Lieben war, das niemals an ihr gezweifelt, niemals ſich von ihr abgewendet hatte. Ihr ganzes Herz hatte ſich ihm ergeben in Dank⸗ barkeit und Liebe, mit ihrem ganzen Leben wollte ſie ihm ſeine edle, ſchöne Liebe und die opferbereite Dankbarkeit lohnen, mit welcher er ihrem Vater ſein ganzes Vermögen hingegeben hatte, um den Namen und die Ehre ſeines Hauſes von Schmach und Schande zu erretten. Sie verlangte nicht nach Pracht und Schätzen; umleuchtet von dem Glanz ihrer Liebe, und ihres ſtillen, friedlichen Glückes ſchien ihr dieſe kleine ärm⸗ liche Wohnung ein Tempel des Friedens und der ſeligen Ruhe, und von Bertram's Arm umfangen, reichten ihre Wünſche nicht mehr hinaus über dieſes enge, kleine Gemach. Aber Gotzkowsky vermochte es nochnicht, ſich zu dieſer Reſignation zu erheben. Ihn däuchte dieſe Ruhe eine vernichtende Qual und dies thatenloſe Vegetiren ein lebendiges Sterben. Mit jedem Tage vergrößerte ſich dieſe Qual, ward die Wunde ſeines Herzens brennender und ſchmerz⸗ voller. Zuweilen hätte er laut auffjammern mögen in dem Krampf ſeiner Verzweiflung, hätte er mit ſeinen geballten Fäuſten ſeine Bruſt zerſchlagen und zu Gott emporſchreien mögen in der Fülle ſeines Kummers. — 203— Er, welcher ſein ganzes Leben lang thätig geweſen, er ſollte jetzt zur Unthätigkeit verdammt ſein, er, wel⸗ cher immer für Andere gearbeitet hatte, er ſollte jetzt die Hände müßig in den Schoß legen, und Andere für ſich arbeiten laſſen. Wodurch denn hatte er dieſe Qual verdient, was hatte er denn verſchuldet, daß er, welcher ſtets ehrlich geſtrebt und gearbeitet, zu Grunde gehen mußte, während Andere, welche ſich reich ge⸗ macht durch Betrug und Lüge, durch Liſt und Bos⸗ heit, während dieſe im Glanz ihrer Equipagen, und umrauſcht von Reichthum und Pracht durch die Stra⸗ ßen fuhren, durch die er kummervoll und gebeugten Hauptes dahin ſchlich. Er war untergegangen, aber Ephraim hatte ſich nur immer höher erhoben. Er war arm geworden, weil er ein ehrlicher Mann war, und Ephraim war reich geworden, weil er ein Wucherer war. Seine Firma war untergegangen, und Ephraim ſchlug fort und fort ſeine Gelder. Was kümmerte es ihn, daß ſein Name gebrandmarkt war vom Volke, und daß man von dieſem blechernen Gelde, welchem Ephraim ſo geſchickt das Ausſehen von Silbermünzen zu geben wußte, mit ſanglantem Witze ſprach*), und den Namen *) Das Preußiſche Geld ward, ſo lange Ephraim die Münze in Pacht hatte, immer ſchlechter, und beſtand zu⸗ letzt nur noch aus Blei, weshalb das Volk dieſe ſo ge⸗ prägten Thaler auch„Blechklappen“ oder„Ephrai⸗ miten“ nannte. Die Berliner, welche von jeher ge⸗ 8 — 204— des Münzjuden höhnte. Auch Gotzkowsky's Name ward verhöhnt, und er war doch ein Wohlthäter des Volkes geweſen, deſſen Blutſauger Ephraim war. wohnt waren, ihr Mißgeſchick mit einem Witz hinweg zu blaſen, machten auch ihre Witze über ihr ſchlechtes Geld, und auf dieſes ſehr gut und weiß geſottene Ephraim'ſche Geld reimten ſie: „Von Außen ſchön, von Innen ſchlimm, Von Außen Friedrich, von Innen Ephraim.“ Nichts deſtoweniger blühte das Geſchlecht Ephraim's immer glänzender und ſchöner empor. Seine Töchter vermählten ſich reichen und angeſehenen Männern, zwei ſeiner Söhne waren reiche und angeſehene Männer in Berlin. Der älteſte, Veitel Ephraim, brachte es ſogar zum„Geheimrath“, und war mit ſeinem poſſeuhaften und lächerlichen Weſen eine Art Hofnarr in den Salons der Miniſter von Haugwitz und von Hardenberg. End⸗ lich aber ereilte ihn ſein Geſchick; Miniſter Haugwitz ließ ihn verhaften, und er ward, da ſchon die Feindſeligkeiten mit Frankreich ausgebrochen waren, 1806 des geheimen Unterhandelns und Verkehrs mit der franzöſiſchen Lega⸗ tion angeklagt. Er rettete ſich ins Ausland und ſchrieb hier eine Art Pamphlet gegen die preußiſche Politik und die preußiſchen Miniſter, das, ſo unverſchämt es in ſei⸗ nem ganzen Ton iſt, ſo widerlich, ſo anmaßend und frech auch der Autor daraus ſich erkennen läßt, doch viel Intereſſantes und Lehrreiches enthält.(Seine Schrift führt den Titel:„Ueber meine Verhaftung“, und erſchien 1808 in Deſſau.) 3 3 Des Münzjuden zweiter Sohn war David Ephraim; er war bis 1806 einer der erſten Banquiers. Dann aber entdeckte man, daß er faſt zehn Jahre den preußi⸗ ſchen Staat betrogen hatte, indem er Waarenballen im Königlichen Packhof niederlegte, darauf über 160,000 —— . 205— Und endlich raffte Gotzkowsky ſich auf zu einem feſten Enſchluß, und zu einer That der Rache. Ja, Rache wollte er nehmen an dieſem undankbaren Ge⸗ ſchlecht, welches ihn verrathen und verlaſſen hatte, Rache an den Menſchen, welche ſich ihm ſo klein und erbärmlich gezeigt hatten. Er wollte die, welche ſo ſtolz und prächtig einher gingen, wenigſtens an ihre Kleinlichkeit und ihre Undankbarkeit erinnern. Er wollte Niemand anklagen, aber ſein ganzes Leben war eine Anklage, nicht bloß gegen einzelne Menſchen, ſondern gegen ganze Behörden, und ganze Städte, ja, gegen den König ſelbſt. Sie waren Alle undankbar gegen ihn geweſen. Sie waren Alle noch ſeine Schuldner, und der gan⸗ zen Welt gegenüber wollte er ihnen ihre Undankbar⸗ keit, ihre Kleinlichkeit, ihre Bosheit und Tücke in's Antlitz ſchleudern, und ſie mahnen an die Vergangen⸗ heit, um ſie zu demüthigen. Deshalb ſchrieb er die Geſchichte ſeines Le⸗ bens. Aber er ſchrieb ſie nicht mit Zorn und Spott, er tauchte ſeine Feder nicht in Galle, er machte keine Thaler Vorſchuß empfangen, und dann die Ballen wie⸗ der heimlich fortgeſchafft hatte, wobei ihm der Güterver⸗ walter des Packhofs behülflich geweſen.— Ephraim floh nach Wien, und ward, um dort Schutz zu finden, katho⸗ liſch. Sein Mitſt ſchuldiger, der Güterverwalter des Königl. Mactzoſes Flüngte ſich. Siehe Preuß: Friedr. d. Gr. II. T— Fr. Förſter: Preuß. Geſchuhte 1, 705. Perd. Laen Srein I, 320. — 206— * 4 gehäſſigen Reflexionen, keine verachtenden Anmer⸗ kungen. Er that nichts, als daß er ruhig und ein⸗ fach, klar und ſachgemäß ſein Leben und ſeine Thaten ſchilderte, und überall, wo es nothwendig war, die Richtigkeit ſeiner Angaben bethätigte, indem er die darauf bezüglichen Documente und Actenſtücke mit⸗ theilte.*) 1 *) Seine Biographie beginnt mit folgenden Wor⸗ ten:„Ich weiß, daß ich mancherlei Urtheilen mich werde unterwerſen müſſen. Wie lächerlich werde ich in den Augen Mancher erſcheinen, weil ich mich meines Glückes nicht auf eine eigennützige Art bedient habe! Ein Mann, werden ſie ſagen, der die große Welt kennen will, und was noch mehr iſt, ein Kaufmann, deſſen Hauptverdienſt eigentlich darin beſteht, ſich reich zu machen, und ein großes Haus zu errichten, giebt dem Eigennutz ſo wenig Gehör und weidet ſich lieber mit Träumen der Menſchenliebe und Großmuth, die man kaum einem Manne verzeihen würde, welcher ſich einen Philoſophen nennt! Andere wieder werden meine Handlungen bald zu gutherzig, bald zu unvorſichtig oder eitel nennen, wie es gemeinhin zu geſchehen pflegt, wenn ſolche aus einem andern Geſichtspunkt betrachtet werden, als derjenige war, worin ſolche geſchehen! Allein, ſo lange ich in mir ſelbſt überzeugt bin, daß ich als ein Chriſt und redlicher Patriot gehandelt habe, werde ich alle dieſe Urtheile verachten!. Ich würde nicht anders handeln, und wenn ich mein ganzes Leben noch einmal zu durchleben hätte! Nur würde ich vorſichtiger ſein, da ich die Charaktere Derer, denen ich das Beſte zugetraut habe, nunmehr näher kenne! Die Ruhe des Gemüthes, die Freudigkeit, welche die Unſchuld und das 2 „ Aber grade die Einfachheit und das Sachgemäße dieſer„Biographie eines patriotiſchen Kaufmannes“ verſchaffte ihm einen ungeheuern Erfolg, und machte den längſt vergeſſenen, längſt von der Undankbarkeit der Welt verleugneten Gotzkowsky auf einige Zeit wieder zum Unterhaltungsſtoff nicht bloß für Berlin, ſondern für ganz Deutſchland. Jeder wollte das Buch leſen, Jeder wollte den ſchadenfrohen Genuß haben, zu ſehen, wie vornehme Leute, wie Behörden, Städte und Fürſten dieſem Manne zu Dank verpflichtet waren, und ihn doch ſo ſchonungslos hatten untergehen laſſen. Die natürliche Folge davon war, daß dieſes Buch, ſo einfach und zurückhaltend es auch geſchrieben war, dennoch ein großes Aergerniß gab. Gotzkowsky hatte Niemand angeklagt, aber die Thatſachen klagten an. Seine jetzige Armuth und Dürftigkeit verurtheilte die ſtolzen, vornehmen Leute, und zeigte der Welt ihre Kaltherzigkeit und Erbärm⸗ lichkeit. Er hatte nicht bloß einzelne Menſchen dem Ur⸗ theil der Welt Preis gegeben, nein, den ganzen Ma⸗ giſtrat von Berlin klagte ſein Buch mit Thatſachen der Undankbarkeit an, und den König zog es hinein Bewußtſein guter Handlungen giebt, ſind mir zu fühlbar, als daß ich noch einen Augenblick unter dem wählen ſollte, was der Eigennutz und was die Meunſchenliebe fordert!“ 3 3 in ſeine Kreiſe, den König, welchem Gotzkowsky zum Beiſpiel für hunderttauſend Dukaten Bilder gekauft, und der ihm von dieſer Summe doch nur hundert und funfzigtauſend Thaler zurückgezahlt hatte! Hätte ſein Buch nur die kleinſte Unwahrheit ent⸗ halten, wären irgend nur darin falſche Angaben ge⸗ weſen, ſo würde man ihn als Verleumder und Ma⸗ jeſtätsbeleidiger angeklagt haben. Aber Gotzkowsky hatte nur die Wahrheit geſagt, man konnte ihn alſo nicht als Lügner, als Verleumder beſtrafen. Man mußte ſich daher begnügen, ſein Buch, ſeine Lebensgeſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns, zu verbieten. Alle Buchhandlungen Berlins mußten die Exem⸗ plare deſſelben ausliefern, und auch Gotzkowsky be⸗ kam den Befehl, die Exemplare, welche er ſelber beſäße, zurück zu liefern. Er that es, er gab das Buch der Behörde, aber ſein Gedächtniß konnte er doch den Behörden, welche ihn verfolgten, weil ſie vor ihm zu erröthen hatten, nicht ausliefern? Sein Gedächtniß blieb ihm treu, und war ſeine Stärkung und ſein Troſt, und es richtete ihn auf, wenn er verzagen wollte, und machte ihn ſtolz in ſeinem Unglück und frei in der Knechtſchaft ſeiner Armuth. Jeii erſt waren ſie wirklich arm, ietzt erſt ſchlich — 209— die Armuth mit all ihren Schreckniſſen, Demüthi⸗ gungen und Qualen zu ihnen heran. 8 Gotzkowsky's Buch hatte alle ſeine Neider und Feinde wieder wach gerufen, und ſie ſchwuren ſein Verderben. Sein Buch zeigte, wie ſehr die Kaufmannſchaft von Berlin ihm verpflichtet ſei, und wie wenig ſie dieſer Verpflichtung nachgekommen, es war alſo eine Anklage gegen die ſtolze und reiche Berliner Kauf⸗ mannſchaft, eine Anklage, gegen welche ſie ſich nicht vertheidigen, aber für welche ſie ſich rächen konnten. Und ſie rächten ſich. Nicht an ihm, denn er beſaß nichts mehr, was ſie ihm nehmen konnten, keinen Reichthum, keinen Namen, keinen Credit, und alſo auch in ihren Kaufmannsaugen keine Ehre. Aber ſie rächten ſich an ſeiner Familie, an ſeinem Schwie⸗ gerſohn. Der reiche Fabrikherr, deſſen Buchhalter Bertram geweſen, entzog ihm ſeine Stelle, und einer beſtimm⸗ ten Verabredung gemäß, konnte er nirgend eine andere Stellung finden. Woher ſollte er jetzt ſeine Familie erhalten? Er hätte arbeiten mögen, daß ihm das Blut aus den Nägeln ſpritzte, arbeiten für ſein Weib, für ſeinen Vater, und ſein Kind, das ihn mit ſeinen großen, klaren Kinderaugen ſo lieblich anſah, und nichts ahnte von der Angſt ſeines Vaters und den Seufzern, die den Buſen ſeiner jungen Mutter zuſammenſchnürten. Aber nirgends wollte man ihn beſchäftigen, nir⸗ gends gab es eine Stelle für den Schwiegerſohn Gotzkowsky III. 14 Gotzkowsky's, der die Kaufmannſchaft, den Magiſtrat, ja ſelbſt den König angeklagt hatte. Jetzt erſt waren ſie arm, denn ſie hatten keine Arbeit, ſie waren zur Unthätigkeit verdammt, und zum troſtloſen Hinbrüten, und ſchaudernd fragten ſie ſich ſelbſt, was aus ihnen werden, wie dieſes Leben der Dürftigkeit enden ſolle. Aber während Bertram und Eliſe traurig und verzagt waren, erheiterte ſich plötzlich Gotzkowsky's Angeſicht. Lange war er ſchweigend und ſinnend auf und abgegangen, jetzt auf einmal leuchtete ſein Auge wie in früheren Tagen, und eine ſtolze Energie ſprach aus ſeinen Zügen. Eliſe ſah mit Erſtaunen, wie er aus ſeinem Schrank die einzigen, letzten Trüm⸗ mer hervorholte, welche ihnen aus früheren Zeiten ge⸗ blieben: den ſilbernen, mit Brillanten beſetzten Eichen⸗ kranz, den ihm die Stadt Berlin, und den goldenen Pokal, den ihm die Stadt Leipzig gegeben. Gotzkowsky betrachtete ſie lange prüfend und mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Dann ging er aus, und Eliſe war jetzt allein, um zu weinen und zu Gott zu beten, daß er ihnen Hülfe ſende, und Bertram zu tröſten, als er wieder vom erfolgloſen Suchen nach einer Stelle heimkehrte. ſein Antlitz war noch immer heiter und ſeine Züge zeigten die Energie und Thatkraft früherer Tage. Er reichte ſeinen Kindern die Hand und zog ſie beide zärtlich an ſein Herz. Erſt nach Stunden kehrte Gotzkowsky zurück, aber — 211— Sind wir denn wirklich arm, da wir uns doch halten, und beſitzen? fragte er, als ſie ihn innig um⸗ ſchloſſen hielten. Ich ſage, wir ſind immer noch reich, 4 denn unſere Herzen ſind noch warm, und unſere Ehre iſt noch nicht verloren. Aber wir haben es noch nicht verſtanden, die Dürftigkeit des äußern Lebens zu er⸗ tragen! Wir haben unſere Armuth noch übertüncht . mit den Flittern der Wohlanſtändigkeit, wir haben uns noch geſchämt im groben Gewande über die Straße zu gehen, wir haben noch nicht gewußt, wie viel des Nothwendigen, des Ueberflüſſigen uns noch umgiebt. Wir haben es verſucht, arm und doch glück⸗ lich zu ſein in einer Stadt. Das war unſer Irr⸗ thum. Das Glück der Armuth wohnt nicht in den kalten Mauern einer Stadt, es wird Uicht geſäet zwiſchen den Pflaſterſteinen einer Straße, nur in der Ratur, welche ſo reich iſt, daß ſie Alle nährt, und Allen giebt, die ſich vertrauensvoll an ihre Bruſt 41 ſchmiegen, nur in der Natur und in der Einſamkeit 5 des Landlebens wohnt der Friede und die Ruhe!— Kommt, meine Kinder, laßt uns dieſe Stadt ver⸗ 7 laſſen, laßt uns den Muth haben, Kinder der Natur, 1 und freie Bürger der Armuth zu ſein. Laßt uns allen Tand und allen Flitter des Stadtlebens von uns werfen, laßt uns auswandern, nicht über's Meer 8 und nicht in die Wüſte, aber in eine Hütte, und in einen Wald. Ich yabe den letzten Tand meiner Ver⸗ gangenheit abgeſtreift, und der ſilberne Lorbeerkranz und der goldene Becher find doch zu etwas nütze ge⸗ 44 — 212— weſen, denn ſie haben uns die Mittel gegeben, uns eine neue Exiſtenz zu begründen. Bertram, haſt Du den Muth, ein neues Leben zu beginnen und ein Bauer zu werden? Bertram lächelte. Ich habe den Muth und die Kraft dazu, ſagte er, denn ich bin geſund und kann arbeiten! Und Du, Eliſe, biſt Du nicht zu ſtolz, Dein Kind zu einem Bauer zu erziehen? Eiliſe küßte ihr Kind und reichte es dann ihrem Vater hin. Laß ihn uns zu einem guten und ge⸗ ſunden Menſchen erziehen, ſagte ſie, zu einem Manne, der ſeinem Vater und Dir gleicht, dann wird er die Welt und die Armuth überwinden, und glücklich ſein. Oh, ich wußte wohl, daß ich auf Euch zählen könnte, rief Gotzkowsky, und jetzt weiß ich, wie uns Allen zu helfen iſt. Wir ſind jetzt reich genug, um uns in irgend einem Winkel der Welt ein Stückchen Land zu kaufen, das wir urbar machen, und uns eine Hütte darauf bauen. Der Erlös meiner Koſtbarkeiten reicht dazu aus; und was wir für dieſe Habſeligkeiten hier bekommen, wird wohl genug ſein, die Reiſekoſten zu beſtreiten! Nun denn, macht Euch bereit, meine Kinder! Morgen ziehen wir aus, nach Schleſien hin! Dort im Gebirge wollen wir uns ein ſtilles, einſames Thal ſuchen, wo die neuen Bauersleute ſich eine Hütte bauen können. Dort wollen wir die Vergangen⸗ heit vergeſſen, und alle ihre Schmerzen hinter uns werfen, oder wir wollen von ihnen ſprechen, wie von — 213— den Märchen unſerer Kindheit. Kommt, meine Kin⸗ der, laßt uns heimkehren zu der Natur, zu Gott und der Genügſamkeit. Weißt Du noch, Eliſe, daß ich Dir einſt die Geſchichte meiner Kindheit erzählte, wie ich hungernd und elend als Knabe auf der Land⸗ ſtraße lag, und aus der Wolke von Staub ſich mir eine Hand entgegenſtreckte, und mir ein Almoſen hinwarf, das mich errettete vom Hungertode. Ich habe wieder auf der Landſtraße gelegen, elend und hungernd, aber die Hand, welche ſich mir jetzt ent⸗ gegenſtreckte, iſt nicht aus der Wolke von Staub gekommen, ſondern vom Himmel, und ſie hat mir nicht den Troſt eines Almoſens, ſondern den Troſt der Liebe gegeben, und hat mich aufgerichtet und ge⸗ ſtärkt, und mein Haupt erhoben, daß es Gott ſchauen und ihn lieben kann in ſeinen Werken. Gott wohnt und ſpricht in der Natur! Laßt uns hingehen und Gott ſuchen, und ihm dienen im Schweiß unſres Angeſichts und im groben Bauernkittel!— * Und ſie gingen hin, und thaten wie Gotzkowsky geſagt. Sie zogen nach Schleſien und kauften ſich oben im Gebirg ein Stück Land und eine Hütte und lebten dort ein ſtill eingefriedigtes glückliches und beſcheidenes Leben. Die Welt vergaß ſie, Gotzkowsky's Name verſcholl Nur die Geſchichte hat ihn aufbewahrt, und füihrt ihn Gotzkowsky III. — 214— an als ein Beiſpiel des edelſten Patriotismus, aber auch als ein Beiſpiel des Undanks der Menſchen. Nur Gotzkowsky's Buch iſt geblieben, und legt Zeug⸗ niß für ihn ab, und wenn man es lieſt, wird man von tiefer Traurigkeit befallen, und ruft, wie er es thut: So lohnt die Welt! ſinſnſnſne 12 13 14 13 16 fffffffffſiſſ 8 9 10 11 En'