Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, ſ† Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Norgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 2 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme binterlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. auf 1 Monat: „„— VI.— nI..„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. o. .“ 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe —— — — ——— Friedrich der Große und ſein Hof. Hiſtoriſcher Roman von 1 E. Mühlbach. Vierte(Supplement⸗) Abtheilung. Johann Gotzkowsky. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Zweiter Band. Berlin, 1858. Verlag von Otto Janke. Johann Gotzkowsky oder Friedrich der Große und ſein Kaufmann. Von L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Zweiter Band. Berlin, 1858 Verlag von Otto Janke. I. Die Voſſiſche und die Spener'ſche Zeitung. Am Morgen, nachdem ſch in jener N dacht des Schreckens und des Kriegsgetümmels Berlin dem Sie⸗ ger übergeben hatte, marſchirte die Avantgarde der Ruſſen durch das Königsthor in Berlin ein. Der kommandirende ruſſiſche General Tottleben aber wollte mit ſeinem Stabe und der Hauptarmee ſeinen feier⸗ lichen Einzug durch das Kottbuſſer Thor halten und hatte dem Magiſtrat von Berlin befehlen laſſen, an dieſem Thore zu erſcheinen und eine Deputation der Kaufmannſchaft mitzubringen, um mit derſelben über die der Stadt aufzuerlegende Contribution zu unter⸗ handeln. Bevor aber noch der ruſſiſche General ſeinen Ein⸗ marſch gehalten, waren die Avantgarden des Lacy'⸗ ſchen Armeecorps in die Friedrichsſtadt eingedrungen und verübten dort und in der Neuſtadt die entſetzlich⸗ Gotzkowsky. II. 1 ſten Greuelthaten. Mit wildem Geſchrei drangen ſie in die Häuſer ein, um zu rauben und zu plündern, und diejenigen zu mißhandeln, welche ihnen ihre Habe verweigerten, und durch die roheſten Gewaltthätig⸗ keiten ſich überall eine Brandſteuer zu erzwingen. Aber nicht dieſe rohe Plünderungsſucht der Sol⸗ daten war es allein, welche Schrecken und Entſetzen in jedem Hauſe, in jeder Familie verbreitete! Graf Lacy führte ein langes Verzeichniß derjenigen Perſo⸗ nen mit ſich, welche ſich durch Wort, That und Schritt gegen Oeſterreich oder Rußland erklärt und er gab daſ⸗ ſelbe ſeinen Officieren mit dem Befehl, zur Habhaft⸗ werdung dieſer Leute kein Mittel, keine Drohungen und keine Gewaltthätigkeiten zu ſcheuen. Zugleich werſprach er ihnen eine bedeutende Belohnung für jeden dieſer eingebrachten„Verräther“, und es war daher kein Wunder, daß dieſe Officiere mit brutalem und gelddurſtigem Eifer, kaum in die Stadt gelan⸗ gend, die Verfolgung dieſer Geächteten bewerkſtellig⸗ ten. Mit furchtbarem Geſchrei drangen ſie in die Häuſer ein, überall die Namen derjenigen ausrufend, auf deren Verfolgung ſie es abgeſehen und deren Ein⸗ lieferung ihnen eine geldene Belohnung ſichern ſollte. Natürlich waren es zunächſt die Schriftſteller und Zeitungsſchreiber, auf weiche der rächende Zorn des Siegers gerichtet war; denn es iſt von jeher das Loos der Schriftſteller geweſen, daß man ſie für das Un⸗ glück der Völker hat büßen laſſen, daß man ſie ver⸗ antwortlich gemacht für das Sein und Denken, für das Wollen und Handeln des Volkes, welchem ſie angehörten. Immer aber nur iſt dieſe Verantwort⸗ lichkeit der Schriftſteller und Dichter in den Tagen des Mißgeſchickes eingetreten,— für das Unglück des Volkes hat man die Schriftſteller ſtets verurtheilt, aber für das Glück deſſelben ſie niemals belohnt. Beſonders drei Namen waren es, welche die Lacy'⸗ ſchen Jäger mit wüthendem Rachegeheul durch die Friedrichsſtadt und unter den Linden ausſchrieen und deren Eignern ſie in allen Häuſern nachſpürten. De Juſti! De Juſti! Mit dieſem Schrei ſtürzte einer der öſterreichiſchen Officiere durch die Straßen, hieb gegen die geſchloſſenen Hausthüren und verlangte unter wilden Drohungen die Herausgabe des gefähr⸗ lichen Verbrechers, deſſen Verhaftung mit einer der höchſten Prämien belohnt werden ſollte. Herr de Juſti war in der That ein ſchwerer Ver⸗ brecher! Nicht daß er wirklich ein ſchlechter Schrift⸗ ſteller und Vielſchreiber war, ſondern vorzüglich des⸗ hatte alſo nicht bloß die Oeſterreicher, ſondern auch die Ruſſen und die Sachſen beleidigt, und es war daher ſehr natürlich, daß dieſe drei, da ſie jetzt als Sieger in Berlin herrſchten, auch ihre Rache an dem. Schreiber dieſer beleidigenden Broſchüren nehmen wollten. Aber Herr de Juſti hatte ſich der Verfolgung ſei⸗ ner rachedurſtigen Feinde rechtzeitig zu entziehen ge⸗ wußt. Schon während der Nacht der Belagerung war er zu einem Freunde nach einer weniger bedroh⸗ ten Straße hingeeilt, in deſſen Keller er ein ſicheres und nicht zu ermittelndes Verſteck gefunden. Da man alſo des Schriftſtellers nicht habhaft werden konnte, mußte man ſich begnügen, ſeinen Zorn an de Juſti's verbrecheriſchen Schriften zu kühlen. Man ſccleppte ſie alſo ſtatt des Herrn de Juſti als Staats⸗ — gefangene und gefährliche Verbrecher auf die Haupt⸗ 1 wache am neuen Markt.*)* 4 Die beiden andern Schriftſteller, denen die ein⸗ dringenden Oeſterreicher mit raſendem Eifer nachſpür⸗ ten, waren die beiden Zeitungs⸗Redacteure Herr Kretſchmer und Herr Krauſe. Dieſe beiden ahnten indeß noch nichts von ſolchen Verfolgungen, ja, ſie wußten noch nicht einmal, daß die Oeſterreicher in die Stadt eingedrungen waren. In dem ſichern Verſteck, in welchem beide die Nacht *) Denkwürdigkeiten der Mark Brandenburg. Th. J. Seite 4766. — zugebracht, hatten ſie nur erfahren, daß Berlin ſich den Ruſſen übergeben, und daß der General Tott⸗ leben dem Magiſtrat befohlen habe, ſich um acht Uhr Morgens am Kottbuſſer Thor zu ſeinem Empfang einzufinden. Es ſollte ein ſehr glänzender, ſehr feierlicher Em⸗ pfang ſein, man wollte den feindlichen General durch demüthige Unterwerfung verſöhnlich und milde machen, man wollte durch ein ihm perſönlich dargebrachtes Geldgeſchenk ihn bewegen, die Contribution für die Stadt mäßig und gelinde zu halten. Dieſe Nachricht war für die beiden Redacteure ein Donnerſchlag, denn ſie zwang ſie, ihr ſicheres Verſteck zu verlaſſen und ſich hinaus zu wagen in die gefähr⸗ liche Welt! Aber durfte Herr Krauſe, der Redacteur der Spenerſſchen Zeitung, durfte Herr Kretſchmer, der Redacteur der Voſſiſchen Zeitung, welche Beide ſich rühmten, den Berlinern immer die neueſten und fri⸗ ſcheſten Nachrichten zu bnendeehſten dieſe beiden Herren bei dem Einzug deser en Generals wohl fehlen? Dem Vaterlande zu Liebe mußten ſie, gleich äch⸗ ten Helden, ihrer eignen Angſt vergeſſen und ſich muthig der Gefahr entgegen ſtürzen, zur Ehre ihrer Zeitung. 8 Der Morgen dämmerte kaum, und am Kottbuſſer Thore herrſchte jetzt noch tiefes Schweigen und todes⸗ ähnliche Stille. Die Flügel des Thores waren noch geſchloſſen und auch der Wächter deſſelben hatte ſich in ſein kleines Haus zurückgezogen und ruhte aus von den Bedrängniſſen der letzten Tage. Die Morgendämmerung lag noch wie ein Schleier über dem armen geängſteten Berlin und verhüllte deſſen Thränen und blutende Wunden. Am Kottbuſſer Thor, wie geſagt, herrſchte noch tiefes lautloſes Schweigen. Plötzlich ward dieſe Stille von dem Geräuſch nahender Tritte unterbrochen und um die nächſte Straßenecke ſchlüpfte jetzt die zuſammengekauerte Ge⸗ ſtalt eines Mannes. Einen Augenblick blieb er ſtehen und lauſchte, dann, als er ſich überzeugt, daß alles lautlos und ſtill um ihn her, kroch er, ängſtlich ſich an die Häuſer drückend, vorwärts, und gelangte unbemerkt bis zu dem Pfeiler an der rechten Seite des Thores, in deſſen beſchattendem Dunkel er ſich verbarg. Dieſer Mann war Niemand anders, als Herr Kretſchmer, der Mdernnr der Voſſiſchen Zeitung, welcher ſich jetzt mit innigem Wohlbehagen in ſeinem Verſteck einrichtete. Hier iſt es ſehr gut und ſehr zweckmäßig, ſagte er zu ſich ſelber, indem er ſich einen zufällig da lie⸗ genden Stein hinter den Pfeiler ſchob, um ſeiner kleinen Figur dadurch einen etwas höhern Stand⸗ punkt zu ſichern. Von dieſem Platze aus kann ich Alles ſehen, Alles beobachten. Er ſtellte ſich auf den Stein und lehnte ſich in die Ecke des Thorpfeilers zurück, als wäre es der lederne Lehnſtuhl in ſeinem Bureau. Ein behagliches Lächeln verklärte ſeine Züge. Diesmal bin ich meinem Herrn Rivalen, dem gu⸗ ten Herrn Krauſe, doch zuvor gekommen, ſagte er vergnügt zu ſich ſelber. Die Voſſiche Zeitung wird morgen die Einzige ſein, welche als Augenzeuge von dem feierlichen Einzug des hohen ruſſiſchen Generals berichten kann. Oh! wie wird die gute Spener'ſhe ſich ärgern. Horch, da ſchlägt es ſieben Uhr. Nur noch eine Stunde und die große Feierlichkeit beginnt. Die Spener'ſche Zeitung ſchläft noch, während die Voſſiſche Zeitung wacht und für die Neugierde Ber⸗ lins arbeitſam und munter iſt! Armer, betrogener Redacteur der Voſſiſchen. Deine Augen waren nicht offen zu ſehen, oder der Dämmerungsſchleier, welcher Berlin bedeckte, hüllte nicht bloß Dich, ſondern auch Deinen Rivalen in eine ſeiner Falten ein. Er entzog Deinem umnach⸗ teten Blick ſeine zuſammengedrückte Geſtalt, welche da drüben längs der Häuſer hinſchlich und ſich end⸗ lich hinter dem Pfeiler zur linken Seite des Thores verbarg. Während Du noch jubelteſt über den langen Schlaf der Spener'ſchen Zeitung, ſtand ihr Redacteur, Herr Krauſe, ſchon Dir gegenüber hinter dem Pfeiler, war er trotz ſeiner acht und ſechszig Jahre, gleich Dir, gekommen, um den Einmarſch der Ruſſen zu ſehen. Und ſehr froh war ſein Gemüth dieſes errungenen Sieges über ſeinen Rivalen, den Redacteur der Voſ⸗ 4 ſiſchen Zeitung, und ſehr ſtolz machte es ihn zu den⸗ ken, daß er diesmal dem Herrn Kretſchmer zuvorge⸗ kommen, daß er allein es alſo ſein würde, der morgen den Berlinern eine Schilderung des herrlichen und. pomphaften Einzugs der Ruſſen bringen würde. Der Redacteur der Voſſiſchen Zeitung ahnte nichts von der Nähe ſeines Rivalen. Er freute ſich noch immer des glücklich errungenen Vortheils und fuhr froh und heiter in ſeinem Selbſtgeſpräch fort: Ich muß in der That lachen, wenn ich an die Spenerſche Zeitung denke. Ich ſelber gab Herrn Krauſe den Rath, ſich zu verbergen, und der Gute iſt ihm pünkt⸗ lich nachgekommen. Ach, dieſer kleine, zitternde Greis träumt vielleicht, ich ſäße, wie er ſelber, hinterm Ofen, während es hier doch einen Stoff giebt, den ich für meine Zeitung ausbeuten kann! Ein guter Stoff, der ſich zu einem intereſſanten Artikel verſchmieden läßt, iſt kein ſo gewöhnliches Ding, daß man ihn achtlos verſchleudern könnte. Schlafe alſo, ſchlafe, gute Spener'ſche, die Voſſiſche wacht! Aber die Spener'che Zeitung ſchlief nicht! Sie ſaß da drüben an dem Thorpfeiler und ſchmunzelte behaglich vor ſich hin, und ſagte zu ſich ſelber: welch' ein Glück, daß ich dieſer Voſſiſchen Zeitung zuvor⸗ gekommen bin. Dann ſchwieg Herr Krauſe, aber ſeine Gedanken ſchwiegen nicht und im Grunde ſeines Her⸗ zens ſtellte er tiefſinnige Betrachtungen darüber an, wie überflüſſig und unnöthig doch das Erſcheinen einer zweiten Zeitung eigentlich ſei. — 9 Es iſt ein unleidliches Ding mit dieſer Voſſiſchen Zeitung! dachte er. Es ſollte ein Geſetz geben, daß in einer Stadt auch immer nur eine Zeitung erſchei⸗ nen dürfte. Dann würde das Publikum niemals irre werden an den Nachrichten, welche es empfängt, und wenn es ſeine politiſche Wiſſenſchaft immer nur aus einer Quelle ſchöpfte, würde es niemals an dieſen zweifeln, ſondern immer für wahr annehmen, was wir ihm als wahr berichten. Wenn die Regierungen dieſen Grund⸗ ſatz befolgten, und in jeder Stadt nur eine Zeitung duldeten, und dieſe Zeitung möglichſt durch Geld und Gunſt zu gewinnen ſuchten, ſo würde die Menſchheit weit glücklicher und zufriedener und weit weniger hin und her gezerrt werden von den widerſtreitendſten politiſchen Anſichten und Nachrichten. Wozu exiſtirt eigentlich dieſe Voſſiſche Zeitung? Was thut ſie weiter, als daß ſie mir meine Abonnenten ſtiehlt? Bei Gott, ich wollte, der Ruſſe fräße dieſen Kretſch⸗ mer mit Haut und Haaren auf! Während Herr Krauſe ſo mit ſich ſelber ſprach, war Herr Kretſchmer, da er denſelben Gedankengang verfolgte, auf dieſem Wege ſehr natürlicher Weiſe auch bis zu demſelben Punkt gelangt, auf welchem Herr. Krauſe ſich befand. Wie dieſer, geſtand auch er ſich, daß ihm die Spener'ſche ſehr unbequem, und daß er den Redacteur derſelben von Grund ſeines Herzens haſſe. In der Leidenſchaft ſeines Aergers vergaß er ſogar der nöthigen Vorſicht, und rief faſt laut: Verwünſcht — 10— ſei dieſer Nebenbuhler, dieſer anmaßende Menſch, welcher ſich einbildet, mit mir rivaliſiren zu können! Herr Krauſe ſchauderte zuſammen bei dem Ton dieſer Stimme, welche ihm gewiſſermaßen als das 3 Echo ſeiner eigenen, unausgeſprochenen Gedanken er⸗ ſchien. Aber er bezwang ſeine Furcht und rief laut: Sprach da Jemand? . Sprach da Jemand? tönte die Frage zurück, und jetzt ſah man zwei Köpfe hinter den Thorpfeilern hervorragen, und ihre Augen forſchend einer auf den andern heften. innerem Schauder erkannten ſich die beiden Herren. Der Morgen war indeß heller geworden und mit Es iſt die Spenerſche, hol ſie der Teufel!l dachte Herr Kretſchmer. Es iſt die Voſſiſche! Verwünſchter Kerl! dachte Herr Krauſe. Aber indem ſie das dachten, ſtürzten ſie beide hinter den Thorpfeilern hervor, ſanken ſich einander in die Arme und begrüßten ſich mit eben ſo warmen, als aufrichtigen Freundſchaftsverſicherungen. Freund Krauſe! deerholten laut die Verſicherungen ihrer Freundſchaft und Verwünſchungen. Ich täuſche mich nicht. Es iſt mein theurer Oh, welch ein Glück. Mein theurer Kretſchmer! Und ſie ſchüttelten einander die Hände, und wie⸗ und Liebe, und leiſe in ihren Herzen auch ihre Flüche Aber die beiden würdigen Redakteure der Berliner — 11— Zeitungen waren nicht die Einzigen, welche das Kott⸗ buſſer Thor in dieſer Morgenſtunde aufſuchten. Auch einer der öſterreichiſchen Officiere mit einem Piket Soldaten war auf ſeinen Streifzügen und ſeiner Jagd nach den beiden Redacteuren, glücklich bis hierher ge⸗ langt, und marſchirte eben mit ſeiner Mannſchaft um die Straßenecke unfern des Thores, ſeine feurigen Blicke links und rechts wendend und nach allen Fen⸗ ſtern empor ſpähend. Jetzt fiel ſein Auge auf dieſe beiden Männer, die vor ſeinem Blick zuſammenſchraken, und heiße Stoß⸗ ſeufzer der Angſt zum Himmel ſandten. Der Officier trat ihnen näher und fragte nach ihren Namen. Keiner von Beiden antwortete. Der Officier wiederholte ſeine Frage, und beglei⸗ tete ſie mit einigen zornigen Drohungen, welche ſehr geeignet waren, Herrn Krauſe von der gebieteriſchen Nothwendigkeit einer Antwort zu überzeugen. Er verneigte ſich daher verbindlich vor dem Offi⸗ cier, und auf Herrn Kretſchmer deutend, ſagte er: Dies iſt Herr Kretſchmer, der Redacteur der Voſſi⸗ ſchen Zeitung!— Herr Kretſchmer warf auf ihn einen Blick voll Haß und Rache. Und dies iſt Herr Krauſe, der Re⸗ dacteur der Spener'ſchen Zeitung, ſagte er mit einem boshaften Lächeln. 3 Ueber das Antlitz des feindlichen Officiers flog ein Ausdruck triumphirender Freude. Sie ſind meine — 12— Gefangenen, meine Herren, ſagte er, indem er ſeinen Soldaten winkte, die beiden Herren zu ergreifen. Herr Krauſe trat erbleichend einen Schritt zurück. Mein Herr, dies muß ein Irrthum ſein! Wir ſind ruhige, friedliebende Bürger, welche nichts mit dem Kriege zu ſchaffen haben, ſondern nur mit der Feder umzugehen wiſſen. Unſere Verhaftung wäre gegen alles Völkerrecht, ſchrie Herr Kretſchmer, indem er die Soldatenarme, welche ſich nach ihm ausſtreckten, abzuwehren ſuchte. Der Officier lachte. Im Kriege giebt es keine Völkerrechte, ſagte er, Sie ſind meine Gefangenen! Und ihres Sträubens und ihres Hülferufes nicht achtend, ſchleppte man die beiden Redacteure als Ge⸗ fangene in die Wache am Neumarkt fort. — II. Der Ober⸗Bürgermeiſter von Berlin. Eine kurze Zeit blieb es jetzt ſtill und einſam an dem Kottbuſſer Thore, dann aber regte es ſich da unten in der Straße, dann kam es näher und näher in feierlichem Aufzuge. Voran ſchwankte der Herr Oberbürgermeiſter von Kircheiſen in voller Uniform, geſchmückt mit der goldnen Kette, die unter ſeinen raſchen, fieberhaften Athemzügen ſich klirrend auf ſei⸗ ner Bruſt ſenkte und hob. Ihm folgte der zweite Bürgermeiſter mit den Stadträthen und die Depu⸗ tation der Kaufmannſchaft, angeführt von Johann Gotzkowsky. Mit ernſten feierlichen Mienen, mit ahnungsvollem Bangen ſtellten die Herren ſich neben dem Thore auf. Ein Wink des Oberbürgermeiſters rief alsdann Gotzkowsky an ſeine Seite. Bleibt neben mir, mein Freund, ächzte der Oberbürgermeiſter, mit ſchmerzlichem Blicke Gotzkowsky die Hand darreichend. Ich leide fürch⸗ terlich, und ſelbſt die zwei Flaſchen Johannisberger 14 ſind nicht im Stande geweſen, mir Muth einzuflößen! Dies iſt der ſchwerſte Gang meines Lebens! Iſt es nicht fürchterlich, daß der edle Magiſtrat ſich perſön⸗ lich dem Feinde unterwerfen enie Es iſt eine un⸗ erhörte Demüthigung! Sie iſt es nicht für Euch allein, ſondern ſie iſt für den geringſten der Bürger gleich groß, ſagte Gotz⸗ kowsky. Herr von Kircheiſen ſchüttelte melancholiſch ſein Haupt. Aber der Bürgersmann nimmt es leichter, ſagte er, dem greift es weniger an die Ehre, als dem Magiſtrat. Gotzkowsky lächelte verächtlich. Glauben Sie, daß der Magiſtrat eine andere Art von Ehre beſitzt, als irgend ein Bürger dieſer Stadt? fragte er. Volkes⸗ ehre geht über alle Herrenehre! Der Oberbürgermeiſter runzelte die Stirn. Dies ſind ſehr ſtolze Worte, erwiederte er achſelzuckend. Der Stolz gebührt dem Bürger! rief Gotzkowsky. Aber glauben Sie mir, edler Herr, mein Herz iſt heute weniger ſtolz als meine Worre. Es iſt ganz wund von Schmerz und Kummer über unſere tiefe, unverſchuldete Schmach. Still, ſtill! flüſterte der Oberbürgermeifter er⸗ bleichend und er lehnte ſich zitternd auf Gotzkows⸗ ky's Arm. Er hatte ein Geräuſch hinter den geſchloſſenen Thorflügeln vernommen, und ahnte die Nähe des gefürchteten Feindes. 7 5 — 15— Wirklich ertönte jetzt außerhalb des Thores lauter Trompetenſchall, und der Thorſchreiber eilte, die Pforten zu öffnen. Ein ſeltſames und buntes Gemiſch ruſſiſcher Uni⸗ formen ward jetzt ſichtbar. Da ſah man die Koſacken auf ihren kleinen Pfer⸗ den und mit ihren ſpitzen Lanzen, die Leibgardiſten in ihrer goldverzierten Uniform, die Huſaren in ihren mit koſtbarem Pelz verbrämten Jacken, und Alles drängte in wirrem Knäuel durcheinander und ver⸗ breitete ein ohrzerreißendes Getöſe, das ſeltſam con⸗ traſtirte gegen die Stille jenſeits des Thores, gegen die lautloſen öden Straßen, die verhangenen Fen⸗ ſter der Häuſer, deren Bewohner es verſchmäheten, von dem triumphirenden Einzuge des Siegers Zeuge zu ſein.. Nur der immer neugierige, immer ſchauluſtige, aber auch immer geſinnungsloſe Pöbel, welchem man zu Zeiten die Ehre angethan, ihn das„ſouveraine Volk“ zu nennen, nur dieſer Pöbel war auch jetzt aus allen Straßen Berlins herbei geeilt, um den Einzug der Ruſſen anzuſchauen und dem Sieger luſtig entgegen zu jauchzen, vorausgeſetzt, daß er recht ſchön und glänzend einherſtolzirte. Jetzt trat tiefe Stille in den Reihen der Feinde ein, die Maſſen öffneten ſich und bildeten eine Gaſſe, durch welche der ruſſiſche General Bachmann mit ſeinem Stabe hindurch ritt. Als er in dem Thore an⸗ gelangt war, hielt er ſein Pferd an und fragte mit — 16— lauter, ſchallender Stimme in franzöſiſcher Sprache, ob der Magiſtrat und die Deputation der Kaufmann⸗ ſchaft gegenwärtig ſei? Der Herr Oberbürgermeiſter fühlte ſich unfähig zu einer Antwort, ſeine Kniee ſchlotterten und ſeine Zähne ſchlugen krampfhaft auf einander. Er nickte nur ſchweigend mit dem Kopf und deutete mit zit⸗ ternder Hand auf ſeine Begleiter. Befindet ſich unter Ihrer Deputation vielleicht der Kaufmann Johann Gotzkowsky? fragte der Ge⸗ neral. Gotzkowsky trat aus der Reihe hervor, und nä⸗ herte ſich mit ſtolzem Schritt dem General. Ich bin es, mein Herr! Ich freue mich, Sie begrüßen zu können, ſagte General Bachmann mit einem verbindlichen Lächeln. Ich habe Ihnen Grüße vom General Sievers zu bringen. Dieſer hat mir aufgetragen und mich ge⸗ beten, Ihnen alle möglichen Gefälligkeiten zu erzeigen. Kann ich Ihnen in irgend einer Sache nützlich ſein, ſo befehlen Sie über mich. Ich bin der General von Bachmann, und während unſers Hierſeins zum Commandanten von Berlin ernannt!*) Sie ſind des edlen Sievers Freund! rief Gotz⸗ kowsky, deſſen Antlitz aufleuchtete vor Freude. Oh, dann fürchte ich weniger für dieſe unglückſelige Stadt, —— 5 Des ruſſiſchen Generals eigene Worte. Siehe: Leben eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 35. — ſſ18 — 17— denn nur ein edler, hochherziger Mann kann des edlen Mannes Freund ſein. Sie werden ſich unſerer Noth erbarmen! Sagen Sie mir, womit ich Ihnen dienen und Ihnen gefällig ſein kann, rief der General. Mein Wort vermag viel bei unſerem General en chef, dem Grafen Tottleben. Gotzkowsky ſchwieg. So bittet doch, daß er uns die Kriegscontribution ſo klein als möglich mache, flüſterte Herr von Kircheiſen, ſich an Gotzkowsky's Ohr neigend. 3 Aber Gotzkowsky achtete nicht auf ihn, er heftete ſeine großen dunklen Augen auf den General und ſchien in ſeiner Seele leſen zu wollen. Sprechen Sie nur, ſagte der General. Wenn es möglich iſt, ſoll Ihre Bitte erfüllt werden! Nun denn, mein General, rief Gotzkowsky, dies iſt meine Bitte: verſchont die Armen und Dürftigen dieſer Stadt! Befehlt Euren Soldaten menſchlich zu ſein und des Mitleids nicht zu vergeſſen! Laßt Eure Krieger nicht morden und plündern, laßt ſie die Wehr⸗ loſen und Beſiegten nicht noch verſpotten! Gebt der Welt das Beiſpiel eines großmüthigen und edlen Siegers! Der General ſah mit ſteigender Verwunderung in Gotzkowsky's edles Antlitz, und ſeine Züge unhmen einen immer freundlicheren Ausdruck an. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Ihre Bitte er⸗ füllt werden ſoll, ſagte er. Ich werde meinen Krie⸗ Gotzkowsky. II. 2 — 13— gern ſtrenge Ordre geben, und wehe dem, welcher ſie nicht erfüllt! Aber Sie haben für Andere gebeten, und grade Ihnen wollte ich gern perſönlich gefällig ſein. Haben Sie gar keinen Wunſch für ſich ſelber? Oh doch! rief Gotzkowsky. Ich bitte Sie, daß ich nach dem Rathhaus eilen darf, um den dort ver⸗ ſammelten Aelteſten der Bürgerſchaft Ihr gütiges Verſprechen zu wiederholen. Herr von Bachmann nickte ihm freundlich zu. Eilen Sie, und kehren Sie bald zurück! Aber als Gotzkowsky ſich umwandte, um von dan⸗ nen zu eilen, hielt Herr von Kircheiſen ihn mit einer krampfhaften Gewalt zurück. Mein Gott, Sie wollen mich doch nicht jetzt ver⸗ laſſen? wimmerte er. Bedenken Sie doch— Daß die tapfern und edlen Bürger die Worte des Generals als Balſam auf ihre Wunden legen ſollen, das bedenke ich, rief Gotzkowsky, indem er ſich losmachte und mit beflügeltem Schritt von dan⸗ nen eilte.*) Jetzt zu Ihnen, mein Herr Ober⸗Bürgermeiſter! ſagte General Bachmann ſtrenge. Ihr Name, wenn ich bitten darf?. Herr von Kircheiſen ſah ihn mit trüben Blicken an und erwiederte nichts. Der General wiederholte lauter und ſtrenger ſeine Frage.* *) Ebendaſelbſt S. 36. 1 — 19— Aber der Herr Oberbürgermeiſter beobachtete daſ⸗ ſelbe hartnäckige Schweigen. Sollten Sie unglücklicher Weiſe Ihren Namen vergeſſen haben, mein Herr? fragte der General, und ſeine Stirn perfinſterte ſich. Dieſer zürnende, ſtechende Blick, welchen er au⸗ ihn heftete, ſchien Herrn von Kircheiſen aus ſeiner Lethargie zu wecken. Mein Name iſt Kircheiſen, von Kircheiſen, flüſterte er mit ſchwerer Zunge. Wir kommen als Sieger, mein Herr, ſagte Gene⸗ ral Bachmann, und der Sieger pflegt ſeine Bedin⸗ gungen zu machen, bevor er in eine eroberte Stadt einzieht. Im Namen unſeres Generals, des Grafen Tottleben, ſoll ich Ihnen die Forderung, welche wir an Kriegscontribution zu ſtellen haben, mittheilen. Dieſe Forderung beträgt vier Millionen Thaler guten Geldes!*) Der Oberbürgermeiſter ſtarrte den General mit verglaſeten Augen an, dann brach er in ein laut ſchal⸗ lendes Gelächter aus und taumelte zurück an die Mauer des Thorſchreiberhauſes. Ich beſchwöre Sie, nehmen Sie ſich zuſammen! flüſterte der zweite Bürgermeiſter, indem er den ſchwankenden und taumelnden Oberbürgermeiſter zu unterſtützen ſuchte. Bedenken Sie, unſer Wohl und Wehe liegt in Ihren Händen! Herr von Kircheiſen grinſte ihn mit einem wahn⸗ *) Preuß, Friedrich der Große. Theil II. S. 254. . 2* — 20— ſinnigen Lachen an. Vier Millionen Thaler! kreiſchte er laut. Vier Millionen Thaler. Hurrah! Die Ruſſen ſollen leben! Das Geſicht des Generals war immer drohender geworden, und ſeine Augen ſchoſſen zornige Blitze. Wagen Sie es, mich zu verhöhnen? fragte er mit barſchem Ton. Hüten Sie ſich, mein Herr, und ver⸗ geſſen Sie nicht, daß Sie die Beſiegten ſind und wir die Macht beſitzen. Ich verlange von Ihnen jetzt eine beſtimmte Antwort. Sie haben meine For⸗ derung vernommen, nicht wahr?. Aber der Angeredete erwiederte nichts. Er ſtierte mit einem ſtumpfſinnigen Lächeln auf den General Bachmann hin und ließ ſein Haupt wie einen Glocken⸗ pendel von einer Seite zur andern ſchaukeln.— Dies iſt ein unwürdiges Betragen! rief der feind⸗ liche General, ein Betragen, welches dem Magiſtrats⸗ oberhaupte von Berlin wenig Ehre macht, aber ich ſage Ihnen, mein Herr, hüten Sie ſich! Ich habe den Armen und Leidenden meinen Schutz zugeſagt, aber ich werde diejenigen zu ſtrafen wiſſen, welche es wagen wollen, unſere Großmuth zu verſpotten, Wenn Sie mir jetzt nicht antworten, mein Herr, bei Gott, ſo laſſe ich Sie als Gefangenen fortführen, und das Kriegsgericht hat über Sie das Urtheil zu ſprechen! Werden Sie antworten? Der Oberbürgermeiſter blieb ſtumm. Schreckens⸗ bleich und ſtaunend richteten ſich die Geſichter aller Anweſenden zu ihm hin, mit flehenden, beſchwörenden 1 — 21— Worten neigten ſich die Magiſtratsmitglieder zu ihm und beſchworen ihn, dieſen unnatürlichen Trotz fah⸗ ren zu laſſen. Herr von Kircheiſen ließ auf all ihr Flehen und Bitten nur ein lautes, ſchallendes Gelächter hören. Dann ſtierte er wieder den General an, es arbeitete und kämpfte, es zuckte und zerrte in ſeinen Zügen, und endlich öffnete er den Mund. Ach, gelobt ſei Gott, er wird ſprechen! rief der zweite Bürgermeiſter. Aber nein, er ſprach nicht— er verzerrte nur ſein Geſicht. Ein Schrei des Entſetzens tönte von den Lippen der Deputation, ein Schrei der Wuth von den Lip⸗ pen des ruſſiſchen Generals, und ſich zu ſeinem Ad⸗ jutanten wendend, befahl er ihm, ſogleich den Ober⸗ bürgermeiſter verhaften und fortführen zu laſſen. Jetzt entſtand eine unbeſchreibliche Scene der Ver⸗ wirrung und des Entſetzens. Bleich vor Schrecken hatten der Magiſtrat und die Deputation der Kauf⸗ mannſchaft ſich um Herrn von Kircheiſen geſchaart, um ihn zu vertheidigen gegen die herandrängenden Soldaten, welche den Oberbürgermeiſter verhaften ſollten, der inmitten all dieſer Schreckniſſe und Ver⸗ wirrung immerfort lachte und grimaſſirte. chon begannen die wüthenden Soldaten mit Kolbenſtößen die Vertheidiger Kircheiſens fortzudrän⸗ gen, als plötzlich ein Mann ſich durch das Gewirre hindurch drängte. Es war Gotzkowsky, deſſen laute — 22— und volle Stimme nach der Bedeutung dieſer ſelt⸗ ſamen Aufregung fragte. Hundert Stimmen waren bereit, ihm zu antworten und in wirrem, unverſtändlichen Durcheinander ihm dieſe Scene zu erklären. General Bachmann aber winkte ihn an ſeine Seite. Sagen Sie mir, mein Herr, iſt dieſer Oberbürger⸗ meiſter ein Narr, oder ein Trunkenbold? fragte er zornig, oder iſt er in der That ſo wahnſinnig, uns verhöhnen zu wollen? Als Gotzkowsky jetzt in das todesbleiche, zuckende Antlitz des Oberbürgermeiſters ſah, welcher eben wie⸗ der ſein ſchrilles, kreiſchendes Gelächter erneuerte, verſtand er die martervolle und entſetzliche Qual, welche der Unglückliche erduldete. Er eilte zu ihm, ergriff ſeinen Arm und geleitete die ſchwankende Ge⸗ ſtalt zu dem General hin. Dieſer Mann iſt weder ein Narr, noch ein Wahn⸗ ſinniger, Excellenz! Der Schmerz hat ihm die Sprache geraubt, und er lacht nicht, weil er Sie höhnen will, er lacht nur im Krampf ſeiner Seelenſchmerzen! Und als der beleidigte und zornige General ihm nicht glauben wollte, als er aufs Neue ſeinen Sol⸗ daten befahl, den Oberbürgermeiſter zu verhaften und die Soldaten mit erneuerter Wuth auf ihn eindran⸗ gen, ſtellte ſich Gotzkowsky vor ihn hin und ſchützte ihn mit ſeiner ſtolzen und Hochachtung einflößenden Geſtalt. — 23— General Bachmann, rief er glühend, ich erinnere Sie an Ihren Schwur. Sie haben mir gelobt, der Leidenden zu ſchonen. Nun wohl, dieſer Mann iſt ein Leidender, ein Kranker. Ich fordere von dem edlen Freunde des Generals Sievers, daß er Mitleid habe mit einem Kranken, und daß man ihn ſicher und unangefochten in ſein Haus geleite! Können Sie mir Ihr Wort darauf geben, daß dieſer Mann nicht im Uebermuthe ſo handelt? fragte der General mit milderem Ton. Sind Sie über⸗ zeugt, daß er krank iſt? Ich ſchwöre Ihnen, Excellenz, der Oberbürger⸗ meiſter Berlins war nie geſund, denn ſchon ſeit man⸗ chem Jahr leidet er am Lachkrampf! General von Bachmann lächelte: Dies iſt eine ſchlimme Krankheit für das Oberhaupt einer Stadt, ſagte er, und mir ſcheint, die Bürger Berlins hätten zu ihrem Bürgermeiſter nicht einen Mann wählen ſollen, dem Lachen und Weinen gleichbedeutend iſt und dem das Unglück ſeiner Mitbürger nur zu einem großen Spaß zu dienen ſcheint! Aber Sie haben mich an mein Wort gemahnt, und Sie ſollen ſehen, daß ich es erfüllen werde! Er winkte den Soldaten und befahl ihnen, eine Bahre herbei zu holen, um den kranken Herrn Ober⸗ bürgermeiſter in ſein Haus zu tragen. Dann wandte er ſich lächelnd an Gotzkowsky: mein Herr, ſagte er, der Magiſtrat Berlins hat Ihnen dankbar zu ſein! — 24— Sie haben ſo eben deſſen Oberhaupt vom Tode er⸗ rettet!*²) Herr von Kircheiſen lachte nicht mehr. Sein Antlitz zuckte und flog noch immer fort, aber ein Strom von Thränen entſtürzte ſeinen Augen. Mit einem unausſprechlichen Ausdruck faßte er Gotzkowsky's Hand und drückte ſie an ſeine Lippen, dann ſank er ohnmächtig in die Arme ſeines Erretters. *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns S. 35. — Denkwürdigkeiten der Mark Brandenburg S. 271.— v. Archenholtz, Geſchichte d. ſiebenjähr. Krieges S. 194. III. Ruſſen, Sachſen und Oeſterreicher in Berlin. Berlin war jetzt eine Beute des Feindes, und durch die ſonſt ſo heitern und harmloſen Straßen hallte jetzt nichts als Angſtgeſchrei und Klagen, als wilde Flüche und rohes Gelächter des triumphirenden Feindes, der mit barbariſcher Wuth ſich auf die zitternden Ein⸗ wohner warf und nicht zufrieden, ihnen ihr Hab und Gut zu rauben, ſie in wilder Grauſamkeit mißhan⸗ delte und ſich an ihrem Jammergeſchrei, an ihren ſchmerzverzerrten Geſichtern ergötzte. Und wer war dieſer Feind, welcher ſo, der Menſch⸗ lichkeit und der Geſittung ſpottend, die vom Unglück Heimgeſuchten noch marterte und zu Tode hetzte? Es waren nicht die Ruſſen, nicht die wilden Hor⸗ den der Koſaken. Es waren die Oeſterreicher und die Sachſen, welche raubend und plündernd, mordend und zerſtö⸗ rend, ehrſchändend und brandſtiftend in Berlin hauſten, 5 — 26— und alle Einwohner mit Schrecken und Entſetzen erfüllten. Der General Bachmann hielt getreulich ſein Gotz⸗ kowsky geleiſtetes Verſprechen, und die ruſſiſche Armee übte in Berlin anfangs nicht allein die ſtrengſte Manns⸗ zucht, ſondern ſchützte ſogar die Berliner gegen die Wuth der Oeſterreicher und Sachſen. Die geängſteten Einwohner hatten einen mäch⸗ tigen und ſegensreichen Freund,— das war Johann Gotzkowsky! Seiner dringenden Bitte nachgebend, hatte der Adjutant des Generals von Bachmann, Herr von Brinck, in ſeinem Hauſe Quartier genommen, und durch die Vermittelung deſſelben, wie durch ſein Anſehen bei dem General von Bachmann ſelbſt, wirkte Gotzkowsky als hülfreiche Macht für ganz Berlin. Er verſchaffte den Berlinern, welche bemittelt genug wa⸗ ren, die Soldaten zu bezahlen, ruſſiſche Sicherheits⸗ wachen, und mehr als einmal ſchützten dieſelben die eccue der Häuſer gegen den Vandalismus der Oeſterreicher und Sachſen*). Die Oeſterreicher waren wider Willen der Ruſſen in die Stadt eingedrungen und hatten mit Gewalt, der mit den Ruſſen abgeſchloſſenen Capitulation zum Trotz, ſich bei den Einwohnern Quartier erzwungen, von denen ſie jetzt mit roheſter Grauſamkeit und er⸗ finderiſcher Marterluſt Alles erpreßten, was ſie an Gold und Kleinodien beſaßen. *) v. Archenholtz S. 195. — 27— Berlin war jetzt die offene Lagerſtätte von Kroaten und Ruthenen, von öſterreichiſchen Huſaren und ruſ⸗ ſiſchen Koſacken geworden, und Entſetzen und Angſt erfüllte alle Gemüther. Es iſt wahr, auch die Koſacken vergaßen ſehr oft der ihnen anbefohlenen ſtrengen Disciplin, und dran⸗ gen raubend in die Häuſer ein und zwangen durch Knutenhiebe die Bewohner ihnen Alles zu geben, was ſie begehrten. Aber ſie waren dennoch weniger grauſam als die Sachſen, weniger barbariſch als die Oeſterreicher, die unter Spott und Hohn die wildeſten Grauſamkeiten verübten. Auch bedurfte es nur einer Anzeige bei dem ruſſiſchen General, um ſich ſofort Gerechtigkeit zu verſchaffen, und die Koſacken ihrem ſtrafenden Richter zu überliefern. Acht Koſacken wur⸗ den an Einem Tage, zum warnenden Beiſpiele der Uebrigen, auf dem Neumarkt vor der Hauptwache aufgeknüpft und büßten ihre Raubſucht mit ſchnellem Tode*).— Aber bei den Oeſterreichern und Sachſen waren es gerade die Offiziere, welche ihre Soldaten zu dieſen Thaten empörender Rohheit ermuthigten, und aller Menſchlichkeit vergeſſend, durch ihr Gelächter und ihren Beifall ihre Untergebenen zu immer neuen Mißhandlungen der Einwohner Berlins entflammten. Der Capitulation nicht achtend, und nur ihrem Natzonalbaß und ihrer Nanihincht Gehör gebend, dran⸗ — 28— gen ſie mit wüthendem Geheul in die Königlichen Marſtälle, indem ſie die ruſſiſche Schutzwache von vier und zwanzig Mann, welche General von Tott⸗ leben zur Sicherung dort aufgeſtellt hatte, verjagten, und mit frechem Hohn das an den Königlichen Wa⸗ gen angebrachte preußiſche Wappen beſchmutzten. Dann zogen ſie dieſelben hinaus auf die breite Straße, und nachdem ſie ſie ihrer Verzierungen und ihres Schmuckes beraubt, bauten ſie die Wagen zu einem großen Schei⸗ terhaufen auf, den ſie in Brand ſteckten, um die Schrecken und Qualen der geängſtigten Einwohner noch durch die drohende Feuersgefahr zu vermehren. Hoch empor loderte die Flamme, und leckte begie⸗ rig hinauf an dieſen Karoſſen, welche Könige und Fürſten getragen. Das Angſtgeſchrei der Bewohner der nächſt gelegenen Häuſer, und das Klirren der von der Hitze zerſpringenden Fenſterſcheiben ward übertönt von dem Jubelgeheul der Oeſterreicher, welche mit wüthender Freude die Flammen umtanzten und das kniſternde Feuer mit Geſängen voll Frechheit und Schamloſigkeit begleiteten. 3 Und das Feuer ſchien ihre Einbildungskraft nur noch mehr erregt, und ſie zu neuen Thaten des Van⸗ dalismus erhitzt zu haben. 8 Nachdem die Flammen erloſchen waren, und nur ein Aſchenhaufen noch Kunde gab von den einſt ſo prachtvollen Königlichen Karoſſen, ſtürzten die Oeſter⸗ reicher wieder zurück in das Marſtallsgebäude, und 4 8 „drangen mit wildem Geſchrei in die Wohnung des — 29— Oberſtallmeiſters Schwerin ein, um deſſen Meubles zu einem neuen Scheiterhaufen aufzurichten, und mit deſſen Geld und Silbergeräth ſich die Taſchen zu füllen. Und nun gings hinunter in die Königlichen Ställe, nun kämpften ſie untereinander um die dort befind⸗ lichen Pferde, und wer der Stärkſte war, ſchwang ſich auf ein Pferd und jagte damit von dannen, um nach andern Straßen, nach andern Gegenden hin daſſelbe Schrecken und Entſetzen zu tragen, welches überall den Weg der Oeſterreicher durch Berlin bezeichnete. Selbſt die Hoſpitäler waren nicht ſicher vor ihrer kannibaliſchen Wuth. Sie riſſen die Kranken aus ihren Betten und trieben ſie hohnlachend hinaus auf⸗ die Straßen, und ſchüttelten über ſie die Federn der aufgeſchlitzten Betten aus. Auch in die Kirchen dran⸗ gen ſie ein, erbrachen in der Jeruſalemer Kirche die Sakriſtei, und ſtahlen die Armenkaſſe und die heiligen Kirchengeräthe*).— Und alles dies geſchah nicht von wilden, barbari⸗ 4 ſchen Horden, ſondern von den regelmäßigen Truppen eines geſitteten Staats, von Oeſterreichern, welchen der Haß gegen die Preußen ein blutgieriger Sporn zu den Thaten roher Grauſamkeit und viehiſcher Wildheit geworden. Und derſelbe unglückliche Nationalhaß, welcher die DOeſterreicher erfüllte, und ſie alle Men ſchlichkeit vergeſſen —— 2) v. Archenholt. S. 194. — 20— ließ, theilte ſich, einer anſteckenden Peſtgleich, auch den Sachſen mit, und machte aus den Kriegern, welchen man ſonſt, nächſt den Preußen, die meiſte Ordnung und Disciplin nachrühmte, rohe Henkersknechte und bilderſtürmende Vandalen. Im Königlichen Luſtſchloß zu Charlottenburg, wo die Brühl'ſchen Dragoner ihr Quartier ſich erzwun⸗ gen, begann eine neue Art der Dragonaden, nur daß dieſelben nicht bloß gegen Lebende, ſondern ſelbſt gegen Marmorſtatuen und die heiligen Schätze der Kunſt ausgeführt wurden. Alles, was hier an Pracht und Glanz und ſeltenen Luxusgegenſtänden aufgehäuft war, Alles was der Kunſtſinn der Fürſten hier Sel⸗ tenes und Schönes vereinigt hatte, erlag ihrer wü⸗ thenden Zerſtörungsluſt. Die vergoldeten Meubles, die Venetianiſchen Spiegel, die großen, japaniſchen Porzellanvaſen wurden zerſchlagen, die ſeidenen Ta⸗ peten in Fetzen von den Wänden geriſſen, die mit zierlicher Holzmoſaik ausgelegten Thüren mit Beilen durchhauen, die koſtbarſten und herrlichſten Gemälde mit Meſſern zerſchnitten. Freilich kam es auch vor, daß die Offiziere ihren Soldaten irgend eine koſt⸗ bare Vaſe, ein ſeltenes Kleinod, ein Gemälde wie⸗ der entriſſen, und es vor der Zerſtörung retteten, aber nicht um damit dem preußiſchen Könige ſein Beſitz⸗ thum zu erhalten, ſondern um es ſich ſelbſt anzu⸗ eignen und es mit fortzuführen in die Heimath.— Auch die herrlichſten und ſeltenſten Kunſtſchätze, das Charlottenburger Schloß barg, die Ku & welche ——— 3 8 — 31— lung des Cardinals Polignac entging nicht ihrer wil⸗ den Zerſtörungswuth. Dieſe Sammlung, welche unter andern die ſchönſten griechiſchen Statuen enthielt, war von Gotzkowsky in Rom für Friedrich den Großen angekauft worden und der König hatte an denſelben immer ein beſonderes Wohlgefallen und eine große Freude gefunden. Das war es, was ſie in den Augen einiger ſächſiſcher Offiziere, denen dieſer Umſtand be⸗ kannt war, verurtheilte. Sie ſelber führten diejenigen ihrer Soldaten, welche ſich in der Zerſtörung am lei⸗ denſchaftlichſten und wüthendſten gezeigt, in die Säle, in denen dieſe herrlichen Schätze aufgeſtellt waren, ſie halfen ihnen ſogar, die marmornen Statuen zu zer⸗ ſchlagen und ſie von ihren Poſtamenten zuſtürzen, ihnen die Köpfe, die Arme und Beine abzuhauen, und ſie gingen in ihrer planmäßig berechneten Bosheit ſo weit, daß ſie ihren Soldaten befahlen, die abgeſchlagenen Theile zu zermalmen, damit eine ſpätere Reſtauration der Statuen dadurch verhindert werde*). Die armen Bewohner Charlottenburgs ſahen mit zitteundem Entſetzen dieſen Greueln zu, welche die Sachſen im Königlichen Schloſſe verübten, und ſie boten, um mindeſtens ihre eigene Habe und ihre Per⸗ ſon zu retten, dem Feinde eine Contribution von fünf⸗ zehntauſend Thalern an.— Die Sachſen nahmen das Geld, aber in roher Verhöhnung jedes ſonſt heilig gehaltenen Rechts, zeigten ſie ſich jetzt erſt um ſo —) w. Archenholtz. S. 197. — 32— wilder und kannibaliſcher gegen die Bewohner.— Mit wuthentbranntem Geſchrei drangen ſie in die Häuſer ein, und wo ihnen die Männer das geforderte Geld verweigerten, wurden ſie entkleidet, bis aufs Blut gepeitſcht oder durch Säbelhiebe gräulich ver⸗ wundet und verſtümmelt, und wo die Weiber vor ihnen flohen, und ſich ſcheu vor ihren frechen Be⸗ gierden verbargen, ſpürte man ſie auf, und zwang ſie mit Gewalt und mit roher Mißhandlung, ſich zu er⸗ geben. Kein Haus in Charlottenburg entging der Plünderung, und ſo grauſam waren die Qualen, welche man den Bewohnern auferlegte, daß unter An⸗ dern vier der gemarterten Männer unter den Hän⸗ den der ſächſiſchen Soldaten eines qualvollen Todes ſtarben*). Deutſche waren es, welche gegen ihre deutſchen Brüder wütheten, und eine in den Annalen der neuen Geſchichte faſt unerhörte Wildheit und Zerſtö⸗ rungsgier gegen ihre eigenen Landsleute richteten. Danach erſchien es nur wie natürlich, daß endlich auch die Ruſſen ſich hinreißen ließen von dieſen Beiſpielen der Barbarei, welche die Oeſterreicher und Sachſen in ſo maaßloſer Weiſe ihnen vor Augen ſtellten. Kein Wunder, daß endlich auch ſie begannen zu plündern und zu rauben, daß ſie Nachts in die Häuſer drangen, und Weiber und Mädchen mit Gewalt entführten, um ſie am andern Tage gegen ſchweres Löſegeld wie⸗ *) Ebendaſelbſt.. A der herauszugeben, und daß ſelbſt die ſtrengen Strafen, welche denjenigen auferlegt wurden, deren Verbrechen man den Muth hatte, den Generälen anzuzeigen, bald kein Schreckniß mehr waren, und keine Feſſel für die, von Oeſterreichern und Sachſen verleiteten Söhne der Steppen und der Eisfelder. Zweihundert und zwei und achtzig Häuſer in Berlin waren von den Oeſterreichern zerſtört und ausgeplündert, die Sachſen hatten das Königliche Schloß in Charlottenburg und die ganze Stadt verwüſtet,— ſollten nicht auch die Ruſſen ſich ein Denkmal des Vandalismus errichten? Sie thaten es in Schönhauſen, in dem Luſtſchloß der Gemahlin Friedrichs des Großen, welches dieſelbe auf ausdrücklichen Befehl des Königs vor einigen Tagen verlaſſen hatte, um ihre Reſidenz nach Magde⸗ burg zu verlegen. Acht ruſſiſche Huſaren drangen in das Schloß ein und forderten unter fürchterlichen Drohungen das Königliche Silberzeug. Nur der Caſtellan mit ſeiner Frau und einigen königlichen Dienern waren zum Schutze des Schloſſes zurückgelaſſen, und von ihnen konnte den wüthenden Huſaren nur entgegnet werden, daß Alles, was ſie ſuchten, mit nach Magdeburg ge⸗ nommen worden ſei. Dieſe Nachricht verſetzte die Soldaten in die wildeſte Wuth. Gleich den Brühl'ſchen Dragonern in Charlottenburg verwüſteten ſie das Schloß Schönhauſen, und entkleideten den Caſtellan und ſeine Gattin, um ſie unter rohem Gelächter blu⸗ tig zu peitſchen, und ſie mit glühend gemachten Zangen Gotzkowsky II. 3 — 34— zu zwicken; und gleich, als habe der Anblick dieſer blutenden und zerfetzten Menſchenleiber ſie nur noch gieriger nach Blut, noch lüſterner nach dem Schmerz⸗ gewimmer gemarterter Menſchen gemacht, warfen ſie ſich dann über die beiden Diener her, ſie beide ent⸗ kleidend, und dann den einen, wie ein geſchlachtetes Thier in Stücken zerhackend, den andern auf glühenden Kohlen lebendig bratend*), wie es einſt die Soldaten der allerchriſtlichſten ſpaniſchen Majeſtät denen gethan, welche ſie in dem Stolz ihrer Civiliſation und ihres Chriſtenthums„die wilden Heiden“ nannten. *) von Archenholtz. S. 198. IV. Die Kadetten auf dem Transport. Ein ſeltſamer und eigenthümlicher Aufzug bewegte ſich am Tage nach der Einnahme von Berlin die Linden hinunter durch das Brandenburger Thor und ſchlug die Straße nach Charlottenburg ein. Brühl'ſche Dragoner und Lacy'ſche Jäger ritten zu beiden Seiten des Zuges, der einen faſt komiſchen Eindruck gemacht haben würde, wenn nicht die Rührung und Trauer die Komik beſiegt hätte. Es war ein Zug von klei⸗ nen, in Uniform geſteckten Menſchenkindern, ein kleines Regiment, an dem nichts militäriſch war, als ihre Kleider, und nichts mannhaft als der Galanterie⸗ degen an ihrer Seite. Dieſes ſeltſame kleine Regiment war das Corps der Cadetten, welches von den Oeſterreichern und Sachſen zu Kriegsgefangenen gemacht worden. Der Kommandant von Rochow hatte nicht be⸗ rechnet, daß der Feind die Härte ſo weit treiben e, die kleinen unmündigen Knaben, weil ſie eine 34 — 36— Uniform trugen, als einen Theil der Beſatzung zu be⸗ trachten, und ſie daher zu Kriegsgefangenen zu machen. Keiner von dieſen Knaben überſchritt das Alter von zwölf Jahren(die größeren und älteren waren wegen Mangel an Offizieren zur Armee abgegangen), er hatte geglaubt, dieſe Kinder ſeien durch ihre Hülf⸗ lofigkeit und Schwäche geſichert, und er hatte es daher verſäumt, ihrer in der Capitulation noch beſonders Erwähnung zu thun. Aber der Sieger hatte kein Mitleid mit dieſen kleinen unmündigen Kindern in Uniform und erklärte ſie daher gleichfalls zu Kriegsgefangenen. Auch die Liliputaniſchen Krieger können gefährlich werden! Welche Schmerzen empfand nicht Gulliver, als er ruhig am Boden liegend, plötzlich von den kleinen Liliputanern, welche hinter den Grashalmen lauerten, durch ein heftiges Gewehrfeuer erweckt ward. Es iſt wahr, dieſe Gewehre waren nur mit Nadeln geladen— woraus denn übrigens hervorgeht, daß die Liliputaner die eigentlichen und erſten Erfinder der Zündnadelgewehre ſind— aber auch an Nadelſtichen kann man ſterben! Graf Lacy fürchtete vielleicht die Nadelgewehre der kleinen Liliputaniſchen Kadetten, und behandelte deshalb die armen, zarten, der Pflege bedürftigen Kinder, als harte, mündige Soldaten, die gewöhnt ſind an alle Strapazen und Entbehrungen des Krieges. Mit rauhen Scheltworten und mit Kolbenſtößen führte man ſie hinaus auf die Landſtraße, und zwang 3 ſie, troß der rauhen Witterung, ohne Mäntel, nur 3 3 „. — 37— bekleidet mit den kurzen Röckchen ihrer Uniform auf der von Regengüſſen aufgeweichten Straße dahin zu ziehen. Herzzerreißend war das Wehegeſchrei der armen Kleinen, denen der Krieg ihre Väter, die Armuth ihre Mütter entriſſen hatte, und welche man jetzt ihrer Heimath, der Zufluchtsſtätte ihrer verwaisten und verarmten Jugend entriß, um ſie, eine Heerde wimmernder Lämmer, hinauszujagen in die öden Steppen des Lebens! Und wenn ihr Fuß ermattete, wenn ihre kleinen, der Anſtrengung nicht gewohnten Körper zuſammen⸗ ſanken, ſo trieb man ſie mit Säbelhieben und Kolben⸗ ſtößen wieder empor, und wenn ſie fleheten um ein Stückchen Brodt, um einen Tropfen Waſſer für ihren verſchmachtenden Gaumen, ſo verhöhnte man ſie, und ſtatt des Waſſers verwies man ſie auf ihre eigenen Thränen, welche gleich Waſſerſtrömen über die blaſſen Kinderwangen hinſtrömten. Sie waren faſt den ganzen Tag ſchon gewandert, ohne zu ruhen, ohne irgend eine Labung, irgend eine Stärkung, ihre blutenden Füße ſchleppten ſie kaum noch weiter fort. Mit fieberhaft glühenden Augen, mit verſchmachtenden Lippen, wanderten ſie weiter, den lick immer in die Ferne gerichtet,— um ein Obdach oder eine Quelle zu erſpähen, an der ſie ſich laben könnten. Die Nacht brach herein, und auf offenem Felde, auf dem naſſen Erdboden wies man den kleinen Ca⸗ detten ihr Lager an. Sie hatten Anfangs um ein — 38— wenig Nahrung, um eine Rinde Brodt gefleht, aber als ſie ſahen, daß man ſich ihrer Qualen freue, daß ihr Jammergeſchrei dieſen Brühl'ſchen Dragonern wie ein beluſtigendes Lied ertöne, da verſtummten ſie, und in der Bruſt der kleinen, verlaſſenen, zitternden Knaben regte ſich der Geiſt ihrer Väter. Sie trockneten ihre Augen, und drängten die Klagen zurück in ihre kleine, ſchmerzende Bruſt. Wir wollen nicht mehr weinen, ſagte der kleine Ramin, der trotz ſeiner zwölf Jahre, dennoch der Aelteſte der gefangenen Cadetten war, und von ihnen gewiſſermaßen als ihr Führer und Hauptmann be⸗ trachtet ward. Wir wollen nicht mehr weinen, denn unſere Thränen machen unſern Feinden Freude. Laßt uns luſtig ſein, dann ärgern wir ſie vielleicht! Kommt, wir wollen ihnen zum Trotz, und damit ſie ſehen, daß wir uns gar nichts aus unſerer Hungerpein machen, ein luſtiges Lied ſingen! Ja, das wollen wir! riefen die Knaben. Was für ein Lied? Den Prinzen Eugen! ſagte der kleine Ramin, und ſofort begann er mit ſeiner zarten Kinderſtimme, „Prinz Eugen, der edle Ritter!“ Und nun fielen alle Knaben mit einer Art ver⸗ zweiflungsvoller Begeiſterung in den Geſang ein, und mit ſchmetterndem Jubelton hallte das Lied vom tapferen Ritter von den zitternden Kinderlippen. Aber allmälig verſtummte hier und da ein erblei⸗ chender Mund, allmälig ward der Geſang leiſer und — 2 ſchrillender, und verlor ſich zuweilen in einem ſchauer⸗ lichen Gelispel, um dann zu einem unheimlichen und angſtvollen Gekreiſch empor zu ſchmettern, oder in klagende Seufzer und wimmerndes Geſtöhn ſich zu verlieren. Plötzlich verſtummte der kleine Ramin, und ein ſchriller Schmerzensſchrei, der wie der Ton einer zer⸗ ſprungenen Saite erklang, rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Ich kann nicht mehr, ſeufzte er. Der Hunger tödtet mich! Und er ſank nieder auf ſeine Kniee, und hob ſeine kleinen Arme flehend zu Einem der öſterreichiſchen Soldaten empor, der neben ihm ging, und mit großem Wohlbehagen ein gebratenes Huhn verzehrte. Oh gebt mir ein Stückchen Brodt, nur einen Biſſen, damit ich nicht Hungers ſterbe! Laßt uns nicht verhungern! Habt Erbarmen mituns! Mit ſolchem Jammelgeſchrei warf ſich das Corps der zitternden, hungernden, weinenden Cadetten⸗ kinder auf die Kniee und erfüllte die Luft mit ihren Klagen und Schmerzenslauten. Nun, wenn Ihr denn durchaus eſſen wollt, ſo ſollt Ihr etwas bekommen, Euren Hunger zu ſtillen, ſagte der Officier, welcher den Trupp der Lacy'ſchen Jäger kommandirte, und er flüſterte dem Unterofſicier einige Worte in's Ohr, welche dieſer mit einem lauten Lachen entgegen nahm, und ſich dann eilig entfernte. Nun ſeid ſtille und wartet! herrſchte der öſter⸗ — 40— reichiſche Ofſicier den Cadetten zu. Ich habe den Unter⸗ ofſicier mit einigen Soldaten in das Dorf da aus⸗ geſandt, Euch Nahrung zu holen! Freut Euch alſo und wartet! Und die Kinder trockneten ihre Augen, und ver⸗ ſuchten zu lächeln, und einander troſtreiche und er⸗ muthigende Worte zuzuflüſtern! Mit welcher Ungeduld, mit welcher ſchmerzlichen Sehnſucht harrten ſie nicht der verheißenen Nahrung entgegen, wie dankten ſie nicht Gott in der Freudigkeit ihres Herzens, daß er Mitleid mit ihnen haben, ſie nicht Hungers ſterben laſſen wolle. Alle blickten neu⸗ belebt und mit hoffnungsſtrahlenden Augen nach jener Gegend hin, von welcher der Unterofſicier zurückkehren mußte. Nun erſchallte ein einſtimmiges lautes Jubelge⸗ ſchrei von den Lippen der Kinder— ſie hatten den zurückkehrenden Unterofficier, ſie hatten die Soldaten bemerkt, welche gemeinſam eine ſchwere Laſt zu tragen ſchienen. 4 Sie kamen näher und näher.— Bildet einen Kreis! befahl der Lacy'ſche Officier, und ſie thaten es in erwartungsvoller Freude, und um den dichtge⸗ drängten Kreis ſtellten ſich die öſterreichiſchen Ofſiciere und der Trupp ihrer Soldaten. Eine lautloſe, erwartungsvolle Stille trat ein, und die Herzen der kleinen Cadetten hüpften vor Freude. Aufgepaßt! Euer Braten kommt! rief der Officier. — 41— Der Kreis öffnete ſich.— Ah, jetzt wird der Unter⸗ officier mit den Soldaten und dem Braten kommen! Aber nein,— der Braten kam ganz für ſich allein heran, er kam mit majeſtätiſchem Schritt, und ließ ein angſtvolles Mäckern vernehmen. Es war ein lebendiger Hammel, der den ſchon in Hunger hinſinkenden Ca⸗ detten dargeboten wurde. Ein rohes, brüllendes Gelächter der Oeſterreicher empfing den gravitätiſchen Hammel, und übertönte das Klagegeſchrei der kleinen, ſo bitter enttäuſchten Cadetten. Ein Hammel! Was fangen wir damit an? fragten ſie angſtvoll und weinten von neuem. Ihr ſchlachtet ihn Euch und bratet ihn! höhnte der Offizier. Ihr ſeid wackere Soldaten, nun wohl, Ihr werdet es machen, wie wir es oft im offenen Feldlager gemacht. Ihr werdet Euch ſelber Koch und Kellner ſein! Niemand von uns wird Euch helfen, wir wollen einmal ſehen, ob Ihr auch ſchon recht prak⸗ tiſche Soldaten ſeid, und ob Ihr Euch auf das Kochen eben ſo gut verſteht, wie auf das Weinen und Jammern. Und die Oeſterreicher falteten ihre Arme in ein⸗ ander, und ſchauten müßig und mit höhnendem Wohl⸗ behagen auf dieſe armen Kinder, welche geſenkten Hauptes weinend und klagend da ſtanden. Aber endlich richtete der kleine Ramin ſich auf. Sein Auge leuchtete wieder in einem edlen, feurigen Trotz, und ein Ausdruck edlen Muthes durchleuchtete ſein blaſſes Geſichtchen. — 42— Wenn der Hammel uns gehört, ſagte er, ſo ſoll er auch unſer Braten ſein. Aber er lebt ja noch! riefen die Knaben. Wir werden ihn tödten, rief der kleine Cadett.. Wir ſelber? Wir ſind ja keine Schlächter! Wir haben es ja noch nie gethan! Haben wir ſchon jemals einen Menſchen getödtet? fragte Ramin, indem er ſeine großen, feurigen Augen im Kreiſe ſeiner Kameraden umher wandern ließ. Haben wir ſchon jemals einen Menſchen ums Leben gebracht? Nein! Wir werden es aber doch auch thun, wir werden hoffentlich noch manchen Feind um's Leben bringen, und dazu gehört doch jedenfalls, daß wir mit dem Erſten den Anfang machen. Bilden wir uns alſo ein, daß dieſer Hammel unſer Feind ſei, und daß wir ihn attakiren müßten. Alſo, los auf den Feind! Ja, ja, Ramin hat Recht! riefen die Kinder. Wir wollen den Feind attakiren! Achtung! kommandirte Ramin. Die Knaben ſtellten ſich in militäriſcher Ordnung auf, grade dem blökenden Hammel gegenüber. 4 Zieht Eure Degen!* In einem Moment zogen ſie ihre kleinen Degen, die mehr einem Taſchenmeſſer, als einem Schwerdt glichen, und welche die Oeſterreicher den kleinen„Kriegsge⸗ fangenen“ gelaſſen hatten. Eins! Zwei! Drei! kommandirte der kleine Ramin. Achtung! Vorwärts! — — 43— Im Sturmſchritt gingen ſie los auf den Feind, der ſie mit ſtieren Augen und lautem Blöken ruhig kommen ſah. Die öſterreichiſchen Soldaten brüllten und ſchrieen vor Luſt, ſie geſtanden einander mit Thränen in den Augen, daß niemals ein größerer Spaß erlebt wor⸗ den, und daß es ein Vergnügen ohne Geichen ſei, dieſen vor Hunger halb verzweifelten Knaben zuzu⸗ ſchauen. Die erſte Waffenthat dieſer kleinen Cadetten war vollbracht,— der Hammel war erlegt! Aber jetzt kam es darauf an ihn zuzubereiten, das todte kalte Thier in einen ſchönen, warmen Braten umzuwandeln. Sie wußten wohl, daß keiner dieſer lachenden, höhnenden Soldaten ihnen helfen und beiſtehen würde, und ſie verſchmäheten es daher, ſie um Hülfe zu bitten. Freiwillig gab man ihnen Holz, ein Bratſpieß und einen Keſſel. Genug der Mittel, um ſich eine kräftige Suppe und einen Braten zu bereiten. Wie ſie's angefangen und zu Stande gebracht, das wußten ſie ſelber kaum. Der nagende Hunger machte ſie gelehrig und er⸗ finderiſch. Und hatten ſie nicht im elterlichen Hauſe manchmal ſchon einem glücklich eingefangenen Maul⸗ wurf das Fell abgezogen, hatten ſie nicht manches Kaninchen zerlegt und ausgeweidet? Nun, ein Ham⸗ mel war etwas größer als ein Maulwurf, oder ein Kaninchen, das war der ganze Unterſchied! — 4— Endlich nach mühevoller Arbeit und unter dem Beifallsgelächter der ſie bewachenden Soldaten war es vollbracht. Im Keſſel brodelte das Fleiſch, be⸗ wacht von zwei kleinen Cadetten, zwei Andere drehten den Braten am Spieß. Das Werk war gethan, der Hammel war in Suppe und Braten verwandelt. Und weil ſie ſo gar geſchäftig und beluſtigend ge⸗ weſen, ließ einer oder der andere der Soldaten ſich erweichen und warf den kleinen Cadetten ein Stück Brod oder eine Feldflaſche hin, und die armen Knaben nahmen dieſe hingeworfenen Almoſen mit dankbarer Demuth an, und in ihren Herzen war kein Groll mehr und kein Trotz, denn ſie waren geſättigt! Aber geſättigt nur, um neuen Bedrängniſſen, neuen Hungerqualen, neuen Verhöhnungen entgegen zu gehen. Denn ſie mußten weiter, immer weiter! Hier und da ſank Einer von ihnen zuſammen, um Gnade und Erbarmen flehend, was kümmerte das die Soldaten, welche in den Kindern nichts ſehen wollten, als den verhaßten Feind, welchen ſie mit Luſt martern, mit Vergnügen zu Tode hetzen wollten! Mehr denn zwanzig dieſer kleinen Cadetten unter⸗ lagen den Qualen dieſer Wanderung und ſtarben elend, verlaſſen und einſam auf der Heerſtraße*), und 9 v. Archen holtz. Geſchichte des ſiebenjährigen Krie⸗ ges S. 194 und folgende.. 1 — — 45— keine Mutter war da, ihnen die Augen zuzudrücken und kein Vaterauge neigte ſich über ſie, und ſegnete ſie mit einer Thräne. Aber über den gemarterten Kindern wachte die Liebe Gottes, und lullte ſie ein zu ſeligen Träumen, und holden Phantaſieen, daß ſie von der fernen Hei⸗ math träumten, von der kleinen Schweſter daheim, und dem kleinen Gärtchen, in welchem ſie oft nach Schmetterlingen gejagt! Und unter ſolchen Phan⸗ taſieen und lächelnden Erinnerungen träumten ſich die kleinen Kinderſeelen hinüber in das Jenſeits, und zu ſeligem Erwachen! V. Die Pulverexploſion. Der General von Tottleben war allein in ſeinem Zimmer, das heißt es waren keine ſichtbaren Geſell⸗ ſchafter da; aber er hatte zwei unſichtbare Geſellſchaf⸗ ter— Kummer und Sorge. Dieſe ſprachen zu ihm mit unheimlichem Geflüſter und mit melancholiſchen Gedanken, ſie machten ſein Antlitz ernſt und traurig und zogen ſeine Stirn in düſtere Falten. Er war ein Deutſcher und kämpfte in den Reihen des Feindes gegen ſein deutſches Vaterland! Das war das Geheimniß ſeiner ſorgenvollen Züge, die Enträthſelung ſeiner mühſam unterdrückten Seuf⸗ zer und der abgebrochenen ſchmerzlichen Worte, die er ausrief, indem er jetzt mit verſchränkten Armen, und geſenkten Hauptes in ſeinem Kabinet auf⸗ und abging. welches ihm indeſſen ſeine Liebe mit jener Kälte und Er war ein Deutſcher und liebte ſein Vaterland 256 gelohnt hatte, an welcher ſo viele der 8 — 42— edelſten und größten Männer Deutſchlands ſich ver⸗ blutet haben und geſtorben ſind vor Gram, während Andere ſich gerettet haben in das Ausland, um dort die Anerkennung zu finden, die das Vaterland ihnen verſagte.— Der General von Tottleben war nur ein Deut⸗ ſcher,— weshalb hätte alſo Deutſchland Notiz von ihm nehmen ſollen? Weil er Kenntniſſe, Talente und Genie beſaß? Deutſchland würde dies anerkannt haben, wenn Tottleben ein Ausländer geweſen wäre, aber da er unglücklicher Weiſe nur ein Deutſcher war, ließ Deutſchland ihn unbeachtet und zwang ihn, ſich in einem fremden Lande eine Bahn des Ruhmes und des Glanzes zu erobern.. Graf Tottleben war alſo nach Rußland gegangen. Dort hatte man ſeine Talente gewürdigt und verwandt. Jetzt war er General in der ruſſiſchen Armee und das⸗Bündniß Rußlands mit Oeſterreich zwang ihn als Feind gegen ſein eigenes Vaterland zu kämpfen. Aber der ruſſiſche General hatte immer noch ſein deutſches Herz nicht erſticken können, dies deutſche Herz, welches ſo ſtark iſt im Leiden, ſo groß im Hof⸗ fen, ſo unerſchütterlich im Vertrauen, ſo treu im Lieben, ſo demuthsvoll im Gehorchen und ſo ſchüch⸗ tern im Fordern. General von Tottleben litt an ſeinem deutſchen Herzen, weil es nicht paßte zu ſeinen ruſſiſchen In⸗ ſtruetionen und weil er es nicht zwingen ‿ da gefühllos zu ſein, wo es wider ſeinen Willen von Mitleid und Erbarmen blutete! Er liebte Berlin, denn in dieſer Stadt hatte er ſeine ſchönſten Jugendjahre verlebt. Und jetzt ſollte er als ein grauſamer Tyrann, als ein empfindungs⸗ loſer Barbar ſich zeigen, er ſollte Tod und Verderben in dieſer Stadt ausſäen, welcher er ſo gern ein we⸗ nig Liebe, ein wenig Theilnahme für den verſtoßenen Sohn des Vaterlandes abgerungen hätte! Indeß ſein deutſches Herz mußte ſchweigen vor der Disciplin des ruſſiſchen Generals, welcher den Befehlen des Oberkommandanten General von Fer⸗ more ſich zu fügen hatte. Der Obergeneral hatte ihm die größte Härte und* Strenge zur Pflicht gemacht, er hatte ihm geboten als ein Rachedämon Berlin zu züchtigen. Und Berlin hatte doch kein anderes Verbrechen begangen, als daß es ſeinem Könige treu geblieben und ſich nicht dem Feinde hatte übergeben wollen. Eine neue Depeſche des Generals von Fermore war ſo eben eingelaufen und dieſe war es geweſen, welche die Stirn des Generals von Tottleben mit tiefer Sorge beſchattete.. Er hatte den Befehl erhalten, das Zeughaus von Berlin in die Luft zu ſprengen. Dieſes edle und ſchöne Gebäude, das in ſtolzer Pracht inmitten einer volkreichen Stadt ſich erhob, ſollte zerſtört werden, ohne Rückſicht darauf, daß die gewaltſame Sprengung 8 — 49— dieſes coloſſalen Baues weithin durch das unglückliche Berlin Tod und Verderben ausſtreuen mußte. Ich werde es nicht thun, ſagte der General von Tottleben, während er in ſeinem Zimmer auf und ab ging und dies unheilsvolle Papier, welches ihm den grauſamen Befehl gebracht, in ſeiner zuſammenge⸗ krampften Hand zerknitterte. Ich kann nicht ein ſolcher Barbar ſein. Fermore möchte mich verurtheilen, ein Barbar zu ſein, aber ich will ſolche Verurtheilung nicht annehmen! Ich werde nicht gehorchen. Nie⸗ mand außer mir kennt bis jetzt dieſen Befehl. Ich werde ihn ignoriren. Kaiſerin Eliſabeth iſt mir ſehr gnädig und ſie wird es mir verzeihen, daß ich einen Befehl nicht vollführte, der ſicherlich nicht ihrem eig⸗ nen mitleidigen Herzen entſprungen iſt.— In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und der eintretende Adjutant meldete den Grafen von Lacy. Das Antlitz Tottlebens nahm einen noch düſterern Ausdruck an und indem er mit haſtigen Schritten dem öſterreichiſchen General entgegenſchritt, murmelte er leiſe: Die Bluthunde haben eine Witterung be⸗ kommen und wollen Blut trinken, wie ich merke! Der Graf Lacy indeſſen näherte ſich ihm mit einem freundlichen und verbindlichen Lächeln. Er ſchien es gar nicht zu gewahren, daß Tottleben die Hand nicht annahm, welche der öſterreichiſche General ihm mit herzlichem Gruß entgegenſtreckte. Ich komme, um ein Viertelſtündchen mit Ihnen zu plaudern, Excellenz! ſagte Gr rge⸗ Gotzkowsky I. 4 3 innis Gm Fach 1 ehe ge V läufigem Deutſch, aber mit dem harten fremdartigen Accent eines Ungarn. Nach einer gewonnenen Schlacht kenne ich nichts Schöneres, als mit ſeinen Kampf⸗ genoſſen ſich die Gefahren derſelben zurückzurufen und ſich in der Erinnerung noch einmal in Feindesblut zu baden. Dann bitte ich Ew. Excellenz ſich diesmal zu er⸗ innern, daß die Oeſterreicher die Eroberung Berlins nicht in das Buch ihrer gewonnenen Schlachten auf⸗ zunehmen haben! rief Graf Tottleben mit einem ſar⸗ kaſtiſchen Lächeln. Das ruſſiſche Heer war es, wel⸗ ches Berlin belagerte, und an uns hat ſich Berlin übergeben! Sie ſind ſehr gütig, mich daran zu erinnern, ſagte Graf Lacy mit ſeinem unveränderten verbindlichen Lächeln. Indeſſen darf ich mir wohl eine nähere Er⸗ klärung dieſer zuvorkommenden Erinnerung erbitten. Die ſoll Ihnen werden, Excellenz! rief Tottleben glühend. Ich wollte Ihnen damit ſagen, daß Berlin nicht Charlottenburg iſt, und daß ich bitten muß, den Vandalismus, den die öſterreichiſchen Truppen in Charlottenburg ausgeübt, nicht nach Berlin hinüber zu tragen! Laſſen Sie es genug ſein an der Beute, welche Ihre Soldaten dort in ihre Torniſter geſteckt, und befehlen Sie gütigſt der öſterreichiſchen Armee, ein wenig Disciplin und Menſchlichkeit von den Ruſſen zu lernen! Von den Ruſſen? fragte Graf Lacy mit ſpötti⸗ ſcher Verwunderung. Wahrhaftig, man iſt es nicht — 51— gewohnt von den Ruſſen Menſchlichkeit zu lernen! Die Oeſterreicher, meinen Ew. Excellenz, ſollen von den Ruſſen gute Sitten lernen? Ja, von den Ruſſen! erwiderte Graf Tottleben, von meinen Soldaten, welche weder plündern, noch rauben, ſondern ſich erinnern, daß ſie Soldaten und keine Diebe ſind! Mein Herrl rief Graf Lacy auffahrend, was be⸗ deutet dieſe Sprache? Sie bedeutet, daß ich den Berlinern meinen Schutz zugeſagt habe, und daß ich bereit bin, ihnen dieſen ſelbſt gegen unſere eigenen Bundesgenoſſen zu gewäh⸗ ren. Sie bedeutet, daß ich eine hinlängliche Ver⸗ ſtärkung an mich gezogen habe, um Ihnen, mein Herr, Trotz bieten zu können und Berlin zu verthei⸗ digen gegen die Grauſamkeit und Unmenſchlichkeit der öſterreichiſchen Armee.*) Die ruſſiſche Armee wird ſie zwingen menſchlich zu ſein und inne zu halten in der grauſamen Wuth, mit welcher ſie das unglück⸗ liche Deutſchland verheeren! Graf Lacy zuckte die Achſeln. Was geht Ew. Ex⸗ cellenz Deutſchland an und weshalb beklagen Sie es? fragte er höhniſch. Ich bitte Sie, Graf, ſprechen Sie mir nicht von Deutſchland. Was kümmert uns die⸗ ſes thränenreiche phantaſtiſche Weib Germania, wel⸗ ches ſich ſo vielen Herren und Freiern angetraut hat, daß es darüber keinem Einzigen treu und wahrhaft *) v. Cogniazo. Theil III. S. 259. 8 4* — 52— ergeben ſein kann. Germania wird erſt glücklich ſein, wenn einer ihrer Freier den kecken Muth hat, alle ſeine Nebenbuhler zu tödten und unter ſeine Füße zu treten, um ſich daraus einen einigen Thron zu bauen. Das iſt die Aufgabe Oeſterreichs und ſie zu erfül⸗ len iſt unſere Sorge. Wir ſind die Herolde, welche dem öſterreichiſchen Bräutigam Germania's vorauf⸗ gehen und überall die Freudenfackeln unſerer Triumphe zum Himmel empor lodern laſſen. Wenn die Fackeln hier und da irgend einem Stückchen Menſchenleben zu nahe kommen und es in Flammen ſtecken, was geht's uns an? Was kümmert uns Beide Deutſch⸗ land? Deutſchland iſt unſer Feind, und wenn wir ein weichliches Mitleid haben mit unſerm Feind, ſo werden wir zu Verräthern an unſerer eignen Sache, das iſt Alles! Aber wozu dieſer Streit und dieſe Erörterungen? fragte er plötzlich lächelnd. Ich bin nur gekommen, um Ew. Excellenz zu fragen, wann es Ihnen beliebt, die neuen Hochzeitsfackeln anzuzünden, welche hier in Berlin den Himmel röthen ſollen? Welche Hochzeitsfackeln? fragte Tottleben er⸗ bleichend. Nun, die Hochzeitsfackeln, die vom Münzgebäude und von den Fabriken aufflammen ſollen, ſagte Graf Lacy mit lächelnder Gleichgültigkeit. Ich freue mich außerordentlich auf dieſes Feuerwerk, welches die Stadt Berlin zur Ehre unſerer Gegenwart wird ab- brennen müſſen. — 33— Zur Schande unſerer Gegenwart, wollen Sie ſagen! rief Graf Tottleben glühend. Graf Lacy ſah ihn mit einem mitleidigen Achſel⸗ zucken an. Mein lieber Graf, ſagte er dann mit einer ſchneidenden Kälte, wenn man ein ruſſiſcher General iſt, muß man auch ein ruſſiſches Herz haben und keine deutſchen Schwärmereien und Sympathien mehr darin dulden. Es könnte ſonſt kommen, daß man Ihren Kopf mit Ihrem Herzen verwechſelte, und weil man Ihnen das deutſche Herz nicht nehmen kann, Ihnen den deutſchen Kopf entzöge. General Tottleben trat entſetzt einen Schritt zurück und ſtarrte ihn an. Graf Lacy fuhr lächelnd und leiſe flüſternd fort: Ich warne Sie, Excellenz, vor Ihrer eigenen Milde und Ihrem deutſchen Herzen. General Fermore iſt mein Freund, und fragt mich oft um die Bedeutung deutſcher Worte. Was wollen Sie, wenn ich ihm das Wort Verrätherei auf eine Ihnen ſehr gefähr⸗ liche Weiſe erläutere, und wenn dieſe Erläuterung von Ew. Excellenz vielleicht in's Sibiriſche überſetzt werden müßte? General Fermore iſt weder mein Gebieter, noch mein Herr, rief Tottleben ſtolz. Aber der Gebieter und Herr Ihrer Gebieterin und Herrin, der erhabenen Kaiſerin Eliſabeth. Denken Sie daran! Und nun, Excellenz, haben Sie die Güte mir zu ſagen, wann werden wir dieſen grandioſen Vogel, „ H* — 54— genannt das Berliner Zeughaus, in die Luft auf⸗ flattern ſehen? Sie wiſſen auch dies? fragte Tottleben ſchmerzlich erſtaunt. Ich ſagte Ihnen ja, daß die Oeſterreicher und Ruſſen treue Bundesgenoſſen ſind, und was Ihre Abſichten auf Deutſchland anbetrifft, keine Geheim⸗ niſſe vor einander haben. Oh, es wird eine luſtige Hochzeitsfackel für das Haus Oeſterreich ſein, wenn das Preußiſche Zeughaus in die Luft auffliegt! Wann werden wir dies Schauſpiel genießen, Excellenz? General von Tottleben ſchwieg und ſenkte das Haupt ſeufzend auf ſeine Bruſt. Graf Lacy betrach⸗ tete ihn mit kaltem, ſtechendem Blick; Tottleben fühlte dieſen Blick und verſtand deſſen gewichtige Bedeu⸗ tung. Er wußte, daß ſeine ganze Zukunft, ſeine Freiheit, ja vielleicht ſogar ſein Leben an dieſem Mo⸗ mente hing. Er mußte ſich daher entſcheiden. In drei Stunden wird dieſes Schauſpiel ſtatt⸗ finden, Excellenz, ſagte er mit einem erzwungenen Lachen. In drei Stunden ſollen die Hochzeitsfackeln brennen, und damit es recht luſtig zugehe, wird das Wehegeheul der Berliner die Muſik dazu machen. In drei Stunden alſo, ſagte Graf Lacy, ſich tief verneigend. Ich eile, es meinen Offizieren zu melden. Sie glühen alle vor Verlangen, dies ſeltene Schau⸗ ſpiel zu ſehen. Graf Lacy ging und General Tottleben war wie⸗ der allein. Lange ging er finnend und in ſich gekehrt — 55— im Zimmer auf und ab, und Zorn und Mitleid, Furcht und Entſetzen kämpften in ſeiner Seele. Er kannte vollkommen die Gefahr, welche ihn be⸗ drohte, er wußte, daß Graf Fermore ihn als einen gefährlichen Nebenbuhler in der Gunſt der Kaiſerin haßte, daß er nur auf eine günſtige Gelegenheit lauerte, um ihn zu ſtürzen. Er mußte ſich daher dieſer grauſamen Nothwen⸗ digkeit fügen,— das Berliner Zeughaus mußte geopfert werden! Auf einmal aber erheiterte ſich Tottlebens Geſicht, und ein freudiger Ausdruck flog durch ſeine Züge. Er eilte raſch zur Thür und rief ſeinen Kammer⸗ diener und Leibeigenen Iwan Petrowitſch. Iwan, ſagte er zu ihm mit der ſtrengen und kalten Ruhe eines Ruſſen, Iwan, ich habe einen Auftrag für Dich, und wenn Du ihn glücklich vollführſt, werde ich Deinen Sohn Fedor nicht aufhängen laſſen, ob⸗ wohl ich weiß, daß er trotz meines Befehls, geſtern bei der Plünderung eines Hauſes gegenwärtig ge⸗ weſen iſt. Sprich, mein Herr, was ſoll ich thun? rief Iwan heftig. Ich will meinen Sohn retten, und wenn es mein Leben koſtet! Es koſtet Dein Leben, Iwan! Ich bin Dein Eigenthum, Herr, und mein Leben gehört Dir! ſagte der Leibeigene traurig. Du kannſt mich zu jeder Stunde zu Tode peitſchen laſſen, wenn 4 es Dir beliebt! Sprich alſo, was ich thun muß, um meinen Sohn zu retten? Es werden ſogleich fünfzig Koſacken nach den Pulvermühlen reiten, um Pulver zu holen. Du wirſt ſie begleiten. Iwan ſah ihn verwundert an. Das iſt Alles, was ich zu thun habe? fragte er. 3 Tottleben war immer noch nicht Ruſſe genug. Sein deutſches Herz machte ſich immer wieder geltend. Als er den fragenden Blicken Iwan's begegnete, wandte er das Auge ab,— er hatte vergeſſen, daß er nur zu einem Leibeigenen und nicht zu einem Menſchen ſprach. Aber er erinnerte ſich jetzt wieder daran. Du wirſt dieſe Koſacken zu den Pulvermühlen begleiten, ſage ich, und indem Du es thuſt, wirſt Du Deine Pfeife rauchen und Sorge tragen, daß der Tabak gut brennt und glühender Zunder darauf liegt. Ein Ausdruck des Verſtändniſſes blitzte in Iwan's Augen auf. Ich werde rauchen, Herr! ſagte er traurig. Wenn Ihr in der Pulvermühle ſeid und die Ko⸗ ſacken das Pulver aufladen, wirſt Du Ihnen helfen, und dabei wirſt Du Deine Pfeife aus dem Munde fallen laſſen! ſagte Tottleben leiſe, und ſeine Stimme zitterte ein wenig. Eine Pauſe trat ein. Iwan lehnte blaß und zit⸗ ternd an der Wand. General Tottleben hatte ſich abgewandt, als fürchte er, das bleiche, entſetzte Geſicht ſeines Leibeigenen anzuſchauen. — 37— Wenn Du meinen Befehl nicht vollführſt, ſagte er endlich, ſo laſſe ich Deinen einzigen Sohn aufhängen, wie er es verdient hat. Wenn Du irgend Jemand, wer es auch ſei, von meinem Befehl ein Wort ver⸗ räthſt, ſo laſſe ich Dein Weib zu Tode peitſchen. Denke daran! Fwan ſchüttelte ſich, wie im Fieberfroſt. Seine Zähne ſchlugen klappernd auf einander. Ich werde rauchen, Herr, ſagte er endlich mühſam, und ich werde in der Pulvermühle meine Pfeife ver⸗ lieren. Habe Erbarmen mit meinem Sohne, Herr, und ſchone meines Weibes! Ich werde es, Jwan! ſagte Tottleben. Ich werde Beiden die Freiheit und eine Penſion geben. Iwan ſenkte das Haupt, und einen Moment drang ein krampfhaftes Aechzen aus ſeiner Bruſt hervor. Die Zeit drängt, eile Dich alſo! rief der General mit erzwungener Rauheit. Ich gehe, Herr! ſeufzte Iwan. Du wirſt alſo meinen armen Fedor nicht aufknüpfen, und mein Weib nicht peitſchen laſſen? Wenn Du genau und pünktlich meine Befehle vollführſt, werde ich für ſie ſorgen! Zwei Thränen rannen langſam über IJwan's ge⸗ bräunte Wangen hin. Ich werde Deine Befehle er⸗ füllen, Herr, ich werde rauchen, und meine Pfeife verlieren! Lebe wohl, Herr! Er näherte ſich mit ſclaviſcher Unterwürfigkeit — 58— ſeinem Herrn, um den Saum ſeines Kleides zu küſſen. Lebe wohl, Herr! Ich danke Dir, denn Du warſt mir immer ein guter Herr, ſagte er, und ſeine Thrä⸗ nen netzten das Kleid des Generals. General von Tottleben konnte noch immer ſein deutſches Herz nicht in ein ruſſiſches umwandeln. Er fühlte ſich gerührt von dieſer ſo demuthsvollen und heldenmüthigen Unterwürfigkeit ſeines Leibeigenen. Er fühlte, daß er ihm einen Troſt mitgeben müſſe auf ſeinen unheilvollen Weg. Iwan, ſagte er leiſe, Euer Tod wird vielleicht viel hundert andern Menſchen nicht allein ihr Hab und Gut, ſondern auch ihr Leben retten!. Iwan küßte ihm leidenſchaftlich die dargereichte Hand. Ich danke Dir, Herr, lebe wohl, und denke zuweilen an den armen Jwan! Eine Viertelſtunde ſpäter ſah man einen Trupp von funfzig Koſacken auf ihren ſchnellfüßigen kleinen Pferden die Friedrichsſtraße hinunter jagen. Jeder hatte einen Pulverſack neben ſich, und wo man ſie vorüber reiten ſah, flüfterte man einander zu: die rei⸗ ten nach der Pulvermühle, denn da ſie ihr eigenes Pulver verſchoſſen haben, nehmen ſie jetzt auf gute Koſackenmanier unſer preußiſches Pulver. Damals erſtreckte ſich die Friedrichsſtraße nicht weiter als bis zur Spree; jenſeits derſelben begannen die Vorſtädte und Gärten, auch Monbijou war da⸗ mals noch„ein in der Oranienburger Vorſtadt bele⸗ — .— 59= genes königliches Luſtſchloß.“ Die Pulvermühlen, welche hinter den Gärten und jenſeits einer großen Sandebene lagen, waren alſo weit genug entfernt von der Stadt, um ſelbſt bei einer möglichen Explo⸗ ſion dieſelbe nicht zu gefährden. Dem Offizier der Koſacken zur Seite ritt Jwan, der Leibeigene des Grafen von Tottleben. Er tum⸗ melte ſein Roß und war luſtig und guter Dinge, wie ſeine Kameraden, die fröhlichen Söhne der Steppe. Als ſie das Thor erreicht hatten, hielten ſie einen Augenblick ihre Pferde an, und überſchauten mit ſicht⸗ lichem Behagen die öde, weite Sandfläche, welche ſich vor ihnen ausbreitete. Wie ſchön das iſt! ſagte Petrowitſch, der Koſacken⸗ hettmann. Schaut einmal, welch' eine herrliche Steppe!⸗ Juſt eine ſo ſchöne Sandſteppe, wie daheim in unſerem ſchönen Vaterlande! ſeufzte einer der Ko⸗ ſacken, indem er leiſe ein Liedchen ſeiner Heimath zu brummen begann. Das iſt die ſchönſte Gegend, welche ich noch in Deutſchland geſehen habe! rief ein anderer. Es muß eine Luſt ſein, durch dieſe Steppe dahin zu jagen. Kommt, laßt uns einen Wettlauf über die ſchöne Steppe machen! ſagte ein Vierter. Und laßt uns ein Lied dazu ſingen, wie wir's gewohnt ſind in unſerer Heimath! Ja, das wollen wir, das wollen wir! riefen Alle, indem ſie ſchnell ihre Pferde in einer Linie aufſtellten. Wartet noch einen Augenblick! rief Jwan. Ich — 60— 4. kann nicht ſingen, wie Ihr wißt, und für mich giebt's nur noch eine Geliebte, das iſt meine Pfeife. Laßt mich alſo meine Pfeife anzünden, damit ich rauchen kann! Er ſchlug ſich mit dem Stahl Feuer an, und den Zunder in Brand ſetzend, legte er denſelben in den: Kopf ſeiner Pfeife. Dann that er einige raſche Züge, — Niemand ſah die entſetzten, traurigen Blicke, mit denen er auf den glimmenden Zunder und auf ſeine funkenſprühende Pfeife ſchaute. Meine Pfeife brennt. Nun vorwärts, Ihr Jun⸗ gens, und ſingt uns ein ſchönes Lied aus der Hei⸗ math! 3 Hurrah! Huſſah! Sie jagten dahin über die ſchöne Berliner Steppe und ſangen in ſchmetterndem Uniſono das Lieblingslied der Koſacken, dieſes ſo traurige, ſo ſanfte Lied:„Schöne Minka, ich muß ſcheiden!“ 1 Dem armen Iwan liefen die hellen Thränen über die Wangen nieder. Niemand ſah es, Niemand ach⸗ tete auf ihn. Er jagte mit den Andern über die Ber⸗ liner Steppe dahin und blies den Dampf aus ſei⸗ ner Pfeife! Niemand hörte die ſtöhnenden Seuf⸗ zer, welche er ausſtieß, als ſie ſich mehr und mehr den Pulvermühlen näherten! Niemand achtete auf die wehmüthigen Abſchiedsworte, welche er leiſe in ſich hinein murmelte, als ſeine Kameraden ſangen: Schöne Minka, ich muß ſcheiden, Ach, Du fühleſt nicht dies Leiden, — 61— Ferne von den ſchönen Haiden, Fern von Dir zu ſein! Tvrraurig ſeh' die Sonn' ich ſcheinen, Eiinſam möchte Nachts ich weinen, Ohne Dich, allein! Die Pulvermühlen ſind erreicht! Die Koſacken halten ihre Pferde an und ſpringen aus den Satteln. Iwan thut's langſam und zögernd, er hat noch mit ſeiner Pfeife zu ſchaffen, er bläſt noch den Ta⸗ back ein wenig höher auf, damit es luſtiger brenne und dampfe. Jetzt iſt's gut. Die Pfeife brennt. Wie glühende Feueraugen ſchauen die brennenden Tabacksblätter aus dem Kopfe ſeiner Pfeife hervor. Iwan ſteckt ſie wieder in den Mund und bläſt große Rauchwolken hervor, indem er ſich mit den Koſacken den Pforten der Pulvermühle nähert. Die ruſſiſchen Schildwachen vor derſelben laſſen ſie paſſiren, und heiter lachend und ſcherzend tragen die Koſacken ihre Säcke in's Haus hinein, um Pulver zu ſchöpfen zur Sprengung des Zeughauſes. Wie fröhlich ſie ſind, dieſe Söhne der Steppe, und wie ſorglos. Raucht doch der Iwan ruhig ſeine Pfeife fort, obwohl ſie jetzt in dieſem großen Saal ſtehen, in welchem ein Pulverfaß neben dem andern aufgereiht iſt! Jetzt wird eins der großen Pulverfäſſer geöffnet, und luſtig und ſchäkernd beginnen die Koſacken es in ihre Säcke einzuſchöpfen. Was ſtarrſt Du ſo wild, Jwan Petrowitſch? Was rinnt Dir der Schweiß in hellen Tropfen die Stirne hinab? Was zittern Deine Glieder, und was ſiehſt Du Deine Kameraden ſo troſtlos und kummervoll an? Sie ſingen ſo fröhlich, ſie plaudern ſo luſtig, und indem ſie's thun, ſchöpfen ſie ſo flink und behende das Pulver ein! Jwan bläſt immer hellere Wolken aus ſeiner Pfeife empor. Jetzt ſtößt er einen Schrei aus, einen herzzerrei⸗ ßenden, jammervollen Schrei! Die brennende Pfeife entfällt ſeinem Munde. Jetzt ein wildes Geheul, dann ein entſetzlicher, grauſenhafter Knall. Die Erde erbebt und zittert, als wolle ſie ſich öffnen, um die Gluthſtröme eines donnernden Kraters empor zu ſpeien. Der Himmel ſcheint geſchwärzt von dem furchtbaren Pulverdampf, der weithin die Luft erfüllt. Hie und da ſieht man einen menſchlichen Körper, einzelne zerſchmetterte Glieder, Trümmer des aufgeflogenen Gebäudes durch die Luft niederſchießen, und die ſtöhnende und zitternde Erde bedecken. Aber kein Laut, keine Klage, kein Todesröcheln ertönt mehr! Es iſt Alles vorüber. Die Pulvermühlen ſind in die Luft geflogen, und ſo weit ſie auch von Berlin entfernt ſind, ſo hat man doch überall die entſetzliche Exploſion vernommen, ſo haben doch in der Friedrichsſtraße die Häuſer, wie — 63— bei einem Erdbeben gezittert und die Fenſterſcheiben ſind zerſprungen. Mit finſterer Stirn und zornigem Grollen empfängt der General von Tottleben die Kunde, daß die Pul⸗ vermühlen aufgeflogen und daß funfzig Koſacken dabei um das Leben gekommen ſind. Er beklagt die armen Koſacken und ſeinen armen Leibeigenen Jwan Petro⸗ witſch,— mehr noch beklagt er, daß man jetzt leider verhindert iſt, das Zeughaus in Berlin in die Luft zu ſprengen. Aber nicht an ihm liegt die Schuld, daß man die Befehle der Kaiſerin nicht ausführen kann. Die Ruſſen haben ihr Pulver verſchoſſen, und da die Vorräthe in den Berliner Pulvermühlen zer⸗ ſtört ſind, fehlt es an Pulver zu dieſem großartigen Unternehmen!*) **) v. Archenholtz: Geſchichte des ſiebenjährigen Krie⸗ ges S 104e be Geſchich f jährag 21 VI. Johann Gotzkowsky. Eine unglückſelige Zeit der Trauer und Beängſti⸗ gungen hatte die arme Stadt Berlin jetzt zu erdulden. Zitternd und jammernd ſah man jeden neuen Mor⸗ gen kommen, und in muthloſer Verzagtheit ſchien den Berlinern jede Kraft der Selbſthülfe gebrochen zu ſein. Nur Einen Mann gab es, der unverzagt und unbeirrt, mit dem freudigen Muth einer edlen Seele ſich der Gefahr, der Sorge und Bedrängniß entgegen⸗ ſtürzte, der nur das Eine Ziel vor Augen hatte: An⸗ dern hülfreich zu ſein, ſo viel er vermochte, und neues Unglück, neue Sorge und Angſt abzuwenden von den ſo vielfach belaſteten Einwohnern Berlins! Dieſer Eine Mann war Johann Gotzkowsky, der Kaufmann von Berlin. Zu ihm ſchauten die Ein⸗ wohner von Berlin in dieſen Tagen der Bedrängniß wie zu einem hülfreichen Engel empor, zu ihm bete⸗ 1 ten die Armen, flüchteten ſich die Reichen mit ihren ——— — — 65— Schätzen, bei ihm fanden die Verfolgten eine Frei⸗ ſtatt und die Hungrigen Obdach und Nahrung! Für Gotzkowsky gab es keine Ruhe und kein Er⸗ holen, ſelbſt keinen Schmerz und keinen Kummer. Seine Thränen um Eliſe ſogar hatte er in ſein Herz zurück⸗ gedrängt und ſeine Vaterſchmerzen mit der Kraft ſei⸗ nes Willens bewältigt. Jetzt erinnerte er ſich nur noch, daß er zu der heiligen Pflicht berufen ſei, ſei⸗ nen Mitmenſchen, ſeinen leidenden Brüdern hülfreich, den Bedürftigen ein Vater, den Bedrängten ein Ret⸗ ter zu ſein. Die Pforten ſeines Hauſes waren Allen geöffnet, welche eine Zuflucht bei ihm ſuchen wollten. Mit Jammern und Klagegeſchrei waren die Wei⸗ ber und Kinder ſeiner Fabrikarbeiter in Gotzkowsky's Haus geſtürzt und er hatte ſie Alle aufgenommen, er hatte ſie gebettet in ſeinen prachtvollen Sälen, und auf den vergoldeten ſeidenen Divans hatte er der hungernden und frierenden Armuth die Lagerſtätte bereiten laſſen.. Aber nicht bloß die Armen, ſondern auch die Rei⸗ chen flüchteten ſich zu ihm. Sie wußten, daß Gotz⸗ kowsky's Wort vielvermögend war, nicht bloß beim General von Bachmann, ſondern auch beim General von Tottleben, und daß dieſer Ordre gegeben, Gotz⸗ kowsky ſtets ungehindert zu ihm kommen zu laſſen.*) In ihrer Angſt und Noth vergaßen die ſonſt ſo ſtol *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns, S. 42. Gotzkowsky II. 5 — 66— zen Vornehmen daher ihres Ranges und ihrer Würde und eilten zu Gotzkowsky, um ſich von ihm Hülfe und Ruhe zu erflehen, um bei ihm ihre Schätze zu bergen und ihr Leben und ihre Zukunft unter ſeine Obhut zu ſtellen. Aber während Hunderte in ſein Haus flüchteten und bei ihm Rettung ſuchten, war Gotzkowsky ſelber ein Fremdling in ſeinem Hauſe. Tag und Nacht be⸗ gegnete man ihm auf der Straße, überall wo Gefahr und Schrecken drohte, ſah man ihn als rettenden En⸗ gel erſcheinen, er brachte Hülfe, wo Alles ſchon ver⸗ zweifelte, und die Kraft ſeiner begeiſterten Rede und ſein fürbittendes Wort beſchwichtigte ſelbſt den rohen Uebermuth der feindlichen Soldaten. Hundert Mal wagte er in dieſen Tagen ſein eig⸗ nes Leben, um irgend einen Unglücklichen zu retten. In der neuen Friedrichsſtraße ſah man ihn mitten durch die Flammen hindurch in ein brennendes Haus ſtürzen, um ein Kind zu retten, welches dort ver⸗ geſſen war. An einem andern Orte kämpfte er, der Einzelne, gegen zwanzig Oeſterreicher, welche ein paar junge Mädchen, ihres Jammers und Flehens nicht achtend, entführen wollten. Die durch ihn geretteten Mädchen ſanken ihm zu Füßen und überſtrömten ſeine Hände mit dankbaren Thränen. Gotzkowsky zog ſie empor an ſein Herz und ſagte mit einem unausſprechlichen Ausdruck: Mußte ich mich Eurer nicht erbarmen? Bin — 67— ich nicht auch Vater? Dankt es meiner Tochter, daß ich Euch errettet habe! Aber endlich forderte die ermattete phyſiſche Natur ihr Recht. Nach zwei ruheloſen Tagen und Nächten ſchwankte Gotzkowsky ſeiner Wohnung zu. Wie er die Schwelle ſeines Hauſes überſchritt, fragte er ſich zitternden Herzens: ob Eliſe mir wohl entgegen kommen wird? Ob ſie um mich geſorgt hat? Und zitternd in unaus⸗ ſprechlicher Angſt und Liebe ſchritt er weiter. Eliſe kam ihm nicht entgegen. Niemand hieß ihn willkommen außer ſeinem treuen Diener Peter. Leiſe, faſt ſchüchtern, fragte Gotzkowsky endlich nach ſeiner Tochter. Sie iſt im großen Salon mit der Pflege der Verwundeten, welche man dort gebettet hatte, beſchäftigt, ſagte Peter. Ein freudiger Ausdruck flog durch Gotz kowsky's Züge bei dieſer Nachricht. Eliſe hatte ſich alſo nicht in thatenloſer Klage in die Einſamkeit ihres Zim⸗ mers verborgen, ſondern ſie hatte gleich ihm Linderung ihrer Schmerzen geſucht, indem ſie Andern ſich hülf⸗ reich und mitleidsvoll zeigte! Er fühlte in dieſer Stunde wie grenzenlos er ſie liebte. C ſehnte ſich, ſie an ſeine Bruſt zu ziehen und ihr all ſeine miß⸗ kannte, von ihr angezweifelte Liebe in's Herz zu ſtrö⸗ men und ihr zu ſagen, daß ſie, ſeine Tochter, das einzige Kind ſeines Weibes, der eigentliche Inhalt und Mittelpunkt ſeines ganzen Lebens ſei! Aber das unglückliche hartbedrängte euin ließ — 68— Gotzkowsky nicht Zeit, dieſen weichen und zärtlichen Gefühlen ſeines Vaterherzens nachzugeben. Kaum in ſeinem Hauſe angelangt, mußte er zwei Abgeſandte des Magiſtrats empfangen, welche ihm. ſechstauſend Thaler baaren Geldes brachten, mit der dringenden Bitte, dieſes Geld bei ſich aufzubewahren, weil nur bei ihm noch Sicherheit und Schutz für das Eigenthum der Stadt zu erwarten ſei.“) Kaum hat⸗ ten die Magiſtratsbeamten ihn verlaſſen, ſo kamen die reichen Fabrikherren Wegeli und Würſt mit einem ganzen Wagen voll Gold und Silberbarren, für welche Gotzkowsky in ſeinen feuerfeſten Kellern ihnen Auf⸗ nahme verſprochen. Sein Haus war die Schatzkammer von ganz Ber⸗ lin geworden, und wäre daſſelbe mit all dieſen Gold⸗ und Silberbarren, dieſen Brillanten, dieſem Silber⸗ zeug, dieſem Geld und dieſen Papieren in die Luft geflogen, ſo würde man an allen Börſen Europa's die unglücklichen Folgen davon empfunden haben.**) Endlich waren all die Schätze geborgen und Gotz⸗ kowsky ſchickte ſich an zur Ruhe zu gehen, als die Thür ſeines Zimmers haſtig geöffnet ward und der General von Bachmann zu ihm eintrat. Gotzkowsky, ſagte er, ich komme, Euch Wichtiges zu ſagen und das Wort zu löſen, welches ich meinem Freunde Sievers gegeben habe. *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 42. **) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanus. S. 43. — 69— Er trat näher zu Gotzkowsky heran und flüſterte leiſe: General von Tottleben hat ſo eben Befehl er⸗ theilt, alle königliche Fabriken und Manufacturen zu zerſtören und in Brand zu ſtecken. Gotzkowsky erbleichte. Wozu dies barbariſche Ver⸗ fahren? fragte er entſetzt. General Bachmann zuckte die Achſeln. Es iſt der Befehl des Generals en chef, des Grafen von Fer⸗ more, ſagte er, und Tottleben muß dies Mal um ſo ſtrenger ſein, je weniger man es ihm ſonſt vergeben würde, daß ſtatt des Zeughauſes fünfzig unſerer Sol⸗ daten in die Luft geflogen ſind. Da, nehmt indeß dies Papier und ſeht nach, ob nicht vielleicht aus Irr⸗ thum eine Eurer Fabriken mit unter denen verzeichnet iſt, welche man zerſtören muß. Gootzkowsky überſchaute mit entſetzten Blicken dies lange Verzeichniß der Gebäude und Anſtalten, welche man zu zerſtören beabſichtigte. 3 Sagten Ew. Excellenz nicht, daß nur die könig⸗ lichen Fabriken zerſtört werden ſollten? fragte er. Ja, ſo lautet die Ordre. Aber die Fabriken, die auf dieſem Verzeichniß ſtehen, ſind keine königliche Fabriken! rief Gotzkowskv. Die Meſſingwerke in Neuſtadt⸗Eberswalde, die Gold⸗ und Silber⸗Manufactur und das Lagerhaus in Ber⸗ lin gehören nicht dem Könige, und man will ſo bar⸗ bariſch ſein, ſie zu zerſtören. Das darf nicht ſein. Ich eile zum General Tottleben, ich muß ihn beſchwö⸗ ren, dieſes ſtrenge Wort zurückzunehmen! 8 — 70— General von Bachmann ſchüttelte traurig das Haupt. Ich fürchte, es wird vergeblich ſein, ſagte er. Es iſt überdies ein großes Wagniß, welches Ihr da unternehmen wollt. Der General iſt in ſehr gereizter zorniger Stimmung und Eure Fürbitte könnte ſeine Erbitterung und Gerreiztheit nur noch erhöhen! Ich fürchte ſeinen Zorn nicht! rief Gotzkowsky kühn. Wenn Niemand es wagt, ihm die Wahrheit zu ſagen, ſo werde ich es thun, und mit Bitten und Vernunftgründen will ich ihn zwingen, menſchlich zu ſein und das Eigenthum Anderer zu ehren. Kommen Sie, mein Herr, laſſen Sie uns zu Graf Tottleben gehen! Nein, ich gehe nicht mit, ſagte General von Bach⸗ mann lächelnd. Ich zittere nicht, wenn es in die Schlacht geht, aber es fehlt mir an Muth den zor⸗ nigen Blicken Tottlebens zu begegnen. In ſeinem Zorn gleicht er dem Donnergott, der jeden Augenblick bereit iſt, ſeine Blitze zu ſchleudern und Jeden zu zerſchmettern, der ſich ihm naht!. Ich fürchte die Blitze ſeines Zornes nicht! rief Gotzkowsky glühend, das Eigenthum und der Wohl⸗ ſtand von ganz Berlin iſt gefährdet. Ich muß zum General! 4 So gehen Siel ſagte Bachmann, und möge Gott Ihren Worten Kraft geben. Ich habe Sie gewarnt! das iſt Alles, was ich thun konnte. Gotzkowsky antwortete ihm nicht. Zitternd vor Haſt und Ungeduld kleidete er ſich an, und den Man⸗ — 71— tel umhängend, verließ er mit jugendlicher Eilfertig⸗ keit abermals ſein Haus. General Bachmann ſah ihm ſinnend und lächelnd nach. Er iſt ein edler Mann, ſagte er, und Berlin hat ſehr viel Grund ihm dankbar zu ſein und ihn zu lieben. Aber wer weiß, ob es ihn grade darum nicht einſtmals haſſen wird. Der Edelmuth wird ſobald ver⸗ geſſen. Er iſt das Pfund, das ſich in's Meer verſenkt, während die leichten Thaten oben ſchwimmen! Die Menſchheit liebt es nicht, dankbar zu ſein. Ich möchte wohl wiſſen, ob Berlin ſich dieſem edlen Manne der⸗ einſt dankbar bezeigen wird! VII. Kriegsgreuel. Die Ruſſen hatten ſich endlich hinreißen laſſen von dem böſen Beiſpiel, welches die Oeſterreicher und Sachſen ihnen gegeben; gleich dieſen zogen ſie rau⸗ bend und plündernd durch Berlin, keiner Disciplin achtend, und der ſtrengen Strafen vergeſſend, mit denen Tottleben diejenigen gezüchtigt hatte, deren Ver⸗ brechen zu ſeiner Kenntniß gelangt war. Gleich den Oeſterreichern drangen die Koſacken mit frechem Uebermuth in die Häuſer ein, und unter dem Vorgeben, als ruſſiſche Schutzwache hieher beor⸗ dert zu ſein, waren ſie es, welche ſtahlen und raubten, und diejenigen mit roher Wuth mißhandelten, welche es wagten, ſich ihren Anforderungen zu widerſetzen. Man hatte ſogar verſtanden, das Rauben und die Erpreſſungen in eine Art Syſtem zu bringen, und die menſchliche Perſon in ganz neuer Weiſe zu ver⸗ werthen. Es war eine Art kaufmänniſchen Geſchäfts und die Koſacken waren die Mäkler dieſes neuen Ge⸗ 8 — 73— 4 ſchäftes. Leiſe und unhörbar wie die Katzen ſchlichen ſie ſich in die Häuſer ein, überfielen die argloſen Weiber und ſchleppten ſie mit ſich fort, nicht um als neue Römer dieſe jungen Sabinerinnen ſich zu er⸗ beuten, ſondern nur, um an ihnen eine Waare zu haben, welche von ihren Verwandten und Angehörigen zu hohen Preiſen wieder eingelöſt werden mußte. Aber die Koſacken hatten wenig Vortheil von dieſer Jagd auf das edle Menſchenwild. Sie waren dabei nur die Diener ihrer Offiziere, welche ihnen dazu den Befehl gegeben; denn die Offiziere vertheilten unter ſich die armen Schlachtopfer und die Beute, und war⸗ fen den Koſacken nur eine geringe Belohnung für ihre geſchickten Räubereien hin. So war Berlin einige Tage lang nicht nur vom Feinde unterjocht, ſondern auch eine Beute von Räu⸗ bern und Menſchenhändlern geworden, und Wehkla⸗ gen und Weinen erſchallte in jedem Hauſe. Deſto luſtiger jubelten und zechten, lachten und ſcherzten die feindlichen Soldaten. Für ſie war Berlin nichts weiter als eine auszupreſſende Citrone, der man auch den letzten Tropfen Lebensſaft mit lachendem Muthe entziehen durfte, um ſich ſelber damit den Trank des Lebens zu würzen. Die jungen ruſſiſchen Offiziere ſaßen zuſammen in dem großen Saal einer Kaſerne. Sie tranken und jubelten, und ſtießen klirrend ihre Gläſer an und leerten ſie auf das Wohl des gefeierten, ſchönen und glänzenden Kameraden, der ſo eben in ihre Mitte ge⸗ — 74— treten, und welcher Niemand anders war, als der⸗ jenige, welchen Gotzkowsky's Tochter in der Küm⸗ merniß ihres Herzens als todt beweinte, Niemand anders, als der ruſſiſche Obriſt Graf Feodor von Brenda. Er hatte alſo Recht gehabt, dem Schickſal zu ver⸗ trauen. Das Schickſal war ihm günſtig geweſen, wie es allen denen günſtig iſt, welche in keckem Ueber⸗ muth Alles wagen, um Alles zu gewinnen, und mit Gefahren wie mit einem Spielzeug tändeln. Es war in der That ein ſehr pikantes, ſehr ori⸗ ginelles Abenteuer geweſen, welches der junge ruſ⸗ ſiſche Obriſt erlebt hatte, um ſo pikanter, weil es ihn wirklich faſt mit dem Tode bedroht, und ihn einen Moment auf die Grenze des Lebens geführt hatte. Es hatte ihn gelüſtet, einmal all die Schauer des Todes, das Herzklopfen, die Verzweiflung eines Verurtheilten zu empfinden, an ſich ſelber einmal alle die großen und überwältigenden Gefühle kennen zu lernen, von denen er ſo viel in den Büchern ge⸗ leſen, und die er in der Wirklichkeit, ſelbſt mitten in der Schlacht nicht empfunden.. Indeß hatte dieſes kecke Spiel mit dem Tode doch zuletzt ein wenig an Reiz verloren, und ein Moment war eingetreten, wo ſein Muth gebrochen, ſein toll⸗ kühner Geiſt von der bedroheten phyſiſchen Natur war überwältigt worden. Es war nicht wie in der Schlacht die Begeiſterung, die den Tod überwindet, und ihm ſiegestrunken in's Antlitz lacht, es war nicht — — 75— dieſes raſende Entzücken, welches den Soldaten mitten im Kugelregen erfaßt, und ihn gewiſſermaßen im Ju⸗ beltanz in die Ewigkeit hinüber jauchzen läßt! Nein, es war ganz etwas Anderes, welches der zum Tode Verurtheilte, der ſonſt ſo tapfere und tollkühne junge Obriſt von Brenda empfand. Als die öſterreichiſchen Soldaten ſein Todesurtheil geſprochen, als ſie auf dem Gensd'armenmarkt einen Kreis um ihn geſchloſſen, und ihre Gewehre geladen hatten, um ihn zu erſchießen, da hatte der übermü⸗ thige ruſſiſche Obriſt ſich plötzlich wie verwandelt ge⸗ fühlt, da war das Blut in ſeinen Adern erſtarrt, und hatte ſich in tauſend und aber tauſend kleine Würmer verwandelt, die mit langſamen Spinnebeinen durch ſeine Adern krochen, und ganz allmälig, ganz ſchauer⸗ lich leiſe und kalt zu ſeinem Herzen hinſchlichen; da hatte er endlich in der Verzweiflung, welche ihn über⸗ kam, die Kraft gefunden, dieſen Alp, der ſeine Bruſt zu belaſten ſchien, fort zu ſchleudern, und mit einer Stimme, die laut und mächtig wie Donner ſchallte, um Hülfe, um Beiſtand zu rufen. Seine Stimme war gehört worden, ſie hatte das Ohr des eben einziehenden Generals von Bachmann erreicht, und er ſelber war gekommen, den jungen wilden Offizier, den Liebling ſeiner Kaiſerin, aus den Händen der befreundeten Oeſterreicher zu befreien. Von dieſem ſo glorreich zu Ende geführten Aben⸗ teuer erzählte der Graf Feodor von Brenda jetzt ſeinen befreundeten Kammeraden. Freilich hatte der Ge⸗ neral den Uebermuth und die tolle Laune des Obriſten damit beſtraft, daß er ihm einen vier und zwanzig⸗ ſtündigen Arreſt auferlegte. Aber nachdem er dieſe Strafe überſtanden hatte, war er nur um ſo mehr der Held des Tages, der gefeierte Heros ſeiner Kame⸗ raden geworden, und mit lautem Jubel, beim Knallen der Champagnerflaſchen feierten ſie jetzt ſeine Be⸗ freiung aus dem Arreſt.— Nachdem man genug gelacht, genug gezecht hatte, griff man zu den Würfeln. Um welchen Einſatz ſpielen wir? fragte Feodor, indem er einen Blick ſchlecht verhehlter Verachtung auf ſeine jungen Kameraden warf, welche ſo wenig die Kunſt verſtanden, den Becher der Freude mit An⸗ ſtand zu leeren, und mit lallender Zunge und un⸗ heimlich leuchtenden Augen auf ihren Seſſeln hin⸗ und herſchwankten. Feodor allein hatte die Kraft ſeines Geiſtes be⸗ wahrt, ſein Gehirn allein war nicht umwölkt worden von den Dünſten des Champagners, und die all⸗ gemeine, raſende Luſt hatte ihn nur traurig und ver⸗ ſtimmt gemacht, ſtatt ihn fortzureißen. Die Trunken⸗ heit ſeiner Kameraden hatte ihn nur entnüchtert, und er, welcher ſich ſo ſehr überſättigt fühlte von all den ſogenannten Freuden und Entzückungen des Lebens, er fragte ſich jetzt mit einem verächtlichen Lächeln, ob die lallenden, taumelnden, rohen Geſellen, welche neben ihm ſaßen, wirklich befähigt und berechtigt wären, die Kame⸗ raden und Genoſſen eines Mannes zu ſein, der, wie — — 77— er, aus dem Vergnügen ein Studium gemacht, und den Genuß als ein ſchwer zu löſendes philoſophiſches Problem betrachtete. Um welchen Einſatz ſpielen wir? fragte er noch einmal, indem er ſeinen Nachbar, den Lieutenant von Matuſch, mit einem kräftigen Händedruck aus dem Halbſchlummer erweckte, welcher ihn überfallen hatte. Um unſern Antheil an der Beute! lallte der Lieutenant. Feodor von Brenda blickte ihn erſtaunt an. Welche Beute? fragte er. Sind wir denn Räuber und Maro⸗ deurs geworden, daß Ihr von Beute ſprecht? Die Kameraden brachen in ein wildes Geläch⸗ er aus. Da hört Ihr wieder den empfindſamen Schwär⸗ mer, den Kosmopoliten! rief der Major von Fritſch. Er hält es für unehrlich, Beute zu machen, und ich meinestheils behaupte, daß es kein größeres Vergnügen giebt, und keins, welches einträglicher wäre. Stoßt an, Ihr Freunde, und trinkt auf unſere Jagd. Vivat, vivat! Es lebe die Menſchenjagd! Sie ſtießen ihre Gläſer klirrend an einander und leerten ſie unter brüllendem Lachen. Obriſt, Ihr ſollt auch Euren Antheil an der Beute haben! ſagte der Lieutenant von Matuſch, indem er ſeine ſchwere, weinzitternde Hand auf Feodor's Schul⸗ ter legte. Es kommt uns gar nicht in den Sinn, Euch um Eure Beute betrügen zu wollen. Aber Ihr — 78— wart nicht hier, und daher konntet Ihr bis eett keinen Antheil daran haben. Als Feodor jetzt mit Fragen in ſen drang, erzäblte er ihm, daß ſie unter einander einen Bund geſchloſſen, und ſich verpflichtet hätten, ihre Menſchenjagd und ihre Beute nur gemeinſchaftlich zu unternehmen. Wir haben ſchon mehr als ein Dutzend Menſchen eingefangen und ſie haben ſich für hohe Summen los⸗ gekauft, rief der Major von Fritſch. So eben ſind wieder zehn unſerer Leute auf die Jagd ausgeſchickt. Oh, ich wollte, ſie brächten uns wieder ein ſo hüb⸗ ſches, junges Mädchen, wie geſtern, ſagte der Lieute⸗ nant von Matuſch, ſich vergnügt die Hände reibend. Ach, das war ein luſtiger Abend! Sie bot uns Schätze, Diamanten und Gold, ſie verſprach uns viele Tauſende, wenn wir ſie ſofort wieder frei ließen. Sie weinte, wie eine Madonna, und rang ihre ſchnee⸗ weißen Hände, und das machte ſie nur noch ſchöner. Obriſt Feodor ſah ihn mit zürnenden Blicken an. So rohen und lüſternen Geſellen gegenüber war ſein edleres Selbſt mächtig in ihm und ſeine urſprünglich edle Natur wandte ſich verachtend von dieſem Wuſte der Gemeinheit und der Ehrloſigkeit fort. Ich hoffe, ſagte er glühend, daß Ihr gehandelt habt, wie es echten Cavalieren geziemt. Matuſch zuckte die Achſeln und lachte. Ich weiß nicht, was Ihr ſo nennt, Obriſt. Sie war ſehr hübſch, und ſie gefiel mir! Ich verſprach ihr, ſie heute frei zu . .— — 79— laſſen, natürlich für das angebotene Löſegeld, und ich habe Wort gehalten! Indem er ſo ſprach, brach er in ein lautes Ge⸗ lächter aus, in welches ſeine Freunde jubelnd mit ein⸗ ſtimmten. Nur Feodor von Brenda lachte nicht. Eine ihm ſelber unerklärliche, ahnungsvolle Angſt überkam ihn. Wie, wenn dieſes junge Mädchen, an welchem man ſich ſo ſchmachvoll verſündigt hatte, wenn dies nun Eliſe, ſeine Geliebte geweſen? Ein zorniger Schmerz durchglühte ihn bei dieſem Gedanken, und nie hatte er Eliſen inniger und wahrer geliebt, als in dieſem Moment, wo er für ſie zitterte. Und es war Niemand da, ſagte er mit flammenden Blicken, Niemand, der ſich ihrer ritterlich und menſch⸗ lich angenommen? Wie, auch Ihr, Major von Fritſch, auch Ihr ließet es geſchehen? Ich mußte wohl, erwiederte der Major achſel⸗ zuckend. Wir haben unter uns ein Geſetz gemacht, dem zu gehorchen wir Alle geſchworen haben! Es iſt feſtgeſetzt worden, daß die Würfel entſcheiden ſollen, wem von den Offizieren die Beute zufällt, und daß der, welcher die meiſten Augen wirft, der Eigenthümer der Perſon iſt. Er muß mit ihr unterhandeln über das Löſegeld. Aber dies natürlich wird unter den Kameraden vertheilt. Wenn aber die Perſon arm iſt? fragte Feodor indignirt. Wenn ſie nicht zahlen kann? — 280— 29 Dann gehört ſie dem, der ſie ſich erwürfelt hat, und er darf über ihr Schickſal entſcheiden! Er iſt— Plötzlich ſchwieg der Major und ſchien aufmerkſam zu horchen. Auch die übrigen Offiziere hatten ſich lauſchend und mit angehaltenem Athem aus ihren Seſſeln empor gerichtet. Mich dünkt, ich hörte das Zeichen! flüſterte der Major von Fritſch. 4 Ja, er hatte ſich nicht getäuſcht. Zum zweiten Male ertönte ein ſchrilles, ſchmetterndes Pfeifen. Die Offiziere ſprangen von ihren Sitzen empor, und brachen in lautes Triumphgeſchrei aus. Unſere Koſacken kommen! Sie haben Beute gemacht! Kommt, kommt, und laßt uns würfeln! Miit raſender Gier ſtürzten ſie alle zu dem Tiſche hin, und ſtreckten die Hände nach den Würfeln aus. Einen Moment trat eine tiefe erwartungsvolle Stille ein. Man hörte nichts als das Klappern der Würfel und das monotone Ausrufen der geworfenen Zahlen. 3 Feodor von Brenda allein war ſinnend und in tiefernſte Gedanken verloren auf ſeinem Platze ge⸗ blieben, und ſein angſtgequältes Herz wiederholte immer wieder die unheilsvolle Frage: war ſie es, welche die Barbaren erbeutet und gemartert haben? Die Frage brannte wie ein glühender Dolch in 4 31= ſeinem Hirn, ſie zerwühlte ſein Herz und machte ihn faſt raſend vor Zorn und Weh. Fort und fort tönte das Geräuſch der klirrenden Würfel, der ausgerufenen Zahlen. Niemand achtete auf den jungen Mann, der in verzweiflungsvollem Schmerz, die wuthgeballten Hände gegen die Bruſt gedrückt, im Hintergrunde des Zimmers auf und ab ging, und einzelne Worte des Zornes, des raſenden Schmerzes vor ſich hin murmelte. Niemand, wie geſagt, achtete auf ihn. Niemand aber ſah auch, daß ſich eben die Thür im Hinter⸗ grunde des Saales geöffnet hatte, und ſechs Koſacken, welche auf ihren Schultern eine Bahre trugen, herein getreten waren. 4 Feodor von Brenda hatte ſie geſehen, und mit innigem Mitleid blickte er auf die verſchleierte, bewe⸗ gungsloſe Frauengeſtalt hin, die auf der Bahre lag, welche die Koſacken eben zur Erde niederließen. In dieſem Augenblick rief der Major von Fritſch laut ſeinen Namen. Obriſt von Brenda. An Euch iſt die Reihe! Oh, er iſt viel zu empfindſam! lachte Matuſch. Er will nicht würfeln! Iſt das wahr, Obriſt? Feodor ſtand ſinnend und gedankenvoll da. Es iſt ein Weib, ſagte er leiſe zu ſich ſelber. Vielleicht ein junges, ſchönes Mädchen, gleich Eliſen! Wie, wenn ich verſuchte, ſie zu retten! Ich habe Glück im Wür⸗ felſpiel. Wohlan, verſuchen wir's! Gotzkowsky II. 6 Tiſche. — 3929— Und mit entſchloſſenem Schritt nahte er ſich dem Gebt die Würfel her, rief er, ich will mit Euch um meinen Antheil an der Beute würfeln! Die Würfel klirrten und taumelten luſtig auf den Tiſch nieder. Alchtzehn Augen! Der höchſte Wurf! Obriſt Feodor von Brenda hat gewonnen! Das Weib iſt mein! rief Feodor mit freudeſtrah⸗ lendem Angeſicht. Seine Kameraden blickten ihn erſtaunt an. Ein Weib? Wovon wißt Ihr denn ſchon, daß es ein Weib iſt? Feodor deutete ſchweigend nnic, dem Hintergrund des Zimmers. Dort ſtanden die Koſacken neben der Bahre und harrten in unterwürfigem Schweigen des Augenblickes, wo man ihrer anſichtig werden möchte. Ja, beim Himmel, ein Weib! riefen die Offiziere. Und mit ſchallendem Gelächter ſtürzten ſie zu den Koſacken hin. Wo habt Ihr ſie erwiſcht? fragte der Major von Fritſch. Weiß nicht! ſagte einer der Koſacken. Wir waren an einer Mauer hingeſchlichen, und als wir ſie endlich erkletterten, ſahen wir vor uns einen Garten. Lang⸗ ſam und vorſichtig ſtiegen wir nieder, und lauerten hinter den Büſchen, ob Niemand die lange Allee herunter kommen werde. Wir hatten auch noch nicht —— — 83— lange gewartet, da kam dieſe Dame hier ganz allein daher, wir fielen über ſie her, und ſo ſehr ſie ſich auch ſträubte, war's natürlich doch umſonſt! Zu ihrem und zu unſerm Glück ward ſie ohnmächtig, denn ſonſt hätte ihr Weinen und Jammern vielleicht Men⸗ ſchen herbei gelockt, und wir wären gezwungen ge⸗ weſen, ſie zu knebeln. Die Offiziere lachten. Nun, jetzt kann Obriſt Feodor ihr den Mund mit Küſſen verſchließen, ſagte Major von Fritſch, während der Lieutenant Matuſch den Koſacken einige kleine Kupfermünzen hinwarf, und ihnen mit lauten, verächtlichen Scheltworten be⸗ fahl, ſich zu entfernen. Und nun laßt uns ſchauen, was wir erbeutet haben, riefen die Offiziere, zu der Bahre hinſtürzend und im Begriff das Tuch zu lüften, welches ihre Geſtalt um⸗ hüllte. Aber Feodor von Brenda trat ihnen mit entſchloſ⸗ ſenem Geſicht und flammenden Augen entgegen. Niemand wage es, dieſen Schleier aufzuheben, rief er mit ſtolzem Ton. Die Kameraden ſtürmten mit ſchnell erregtem Zorn auf ihn ein, ſie wollten es wieder verſuchen, ſich dem verſchleierten Weibe zu nahen. Z. Hütet Euch, rief Feodor, und ſein Schwert flog aus der Scheide und kampfgerüſtet ſtellte er ſich vor die Bahre. Die Offiziere wichen zurück. Das entſchloſſene, trotzige Geſicht des jungen Krie⸗ 6* — 84— gers, ſein erhobenes, kampfbereites Schwert machte ſie ſtutzen und zurückweichen. Feodor hat Recht! ſagte der Major Fritſch nach einer Pauſe. Er hat das Weib redlich im Würfel⸗ ſpiel gewonnen. Ihm gebührt es jetzt, mit ihr über das Löſegeld zu unterhandeln, und dann über ihr Schickſal zu entſcheiden. Die Kameraden blickten, vielleicht beſchämt über ihre eigene Wildheit, vor ſich nieder. Er hat Recht. Sie iſt ſein Eigenthum, murmelten ſie, indem ſie zurückwichen und ſich der Thür näherten. Geht, meine Freunde, geht, ſagte der Obriſt, ich verſpreche Euch, mit ihr zu unterhandeln um das Löſegeld und ich entſage ſchon im Voraus meinem Antheil daran! Die Geſichter der ruſſiſchen Offiziere erheiterten ſich mehr und mehr. Sie winkten Feodor freundlich und lächelnd zu, und verließen das Gemach. Graf Feodor von Brenda war jetzt allein mit dem ohnmächtigen, verſchleierten Weibe. — VIII. Die Fügungen des Schickſals. Sobald die Offiziere das Zimmer verlaſſen hatten, eilte Obriſt Feodor nach der Thür hin und verſchloß ſie ſorgfältig, um das unvermuthete Hereindringen ſeiner Kameraden abzuwehren. Dann ſchaute er vorſichtig in alle Winkel und hinter die Vorhänge der Fenſter, um ſich zu über⸗ zeugen, daß Niemand ſich dort verborgen halte. Er wollte durchaus ganz ungeſtört ſein mit dem armen Weibe, deſſen Antlitz er noch nicht einmal geſchaut, zu dem aber ein ſeltſames, ihm ſelber unerklärliches Mitgefühl ihn hinzog. Als er ſich überzeugt hatte, daß er ganz allein ſei, näherte er ſich mit gerötheten Wangen, mit hoch⸗ klopfendem Herzen der Verſchleierten und zog den Schleier zurück. Aber kaum hatte er ſie angeſchaut, als er einen Schrei ausſtieß und entſetzt einen Schritt zurück taumelte. Dieſes Weib, welches leblos und ohne Bewegung, — 86— bleich und ſchön, wie eine gebrochene Blume vor ihm lag, es war Niemand anders, als Eliſe Gotzkowsky, ſeine Geliebte. Er ſtand und ſtarrte ſie an, er drückte ſeine Hände gegen ſeine Stirn und ſeine Augen, als wolle er ſich aufrütteln aus dieſem Zauber, der ihn beherrſchte, als wolle er ſeine Augen öffnen, damit ſie die Wahr⸗ heit und Wirklichkeit erſchauten. Aber es war kein Traum, keine Täuſchung! Sie war es, ſeine Eliſe. Nun näherte er ſich ihr und faßte ihre Hand und ließ ſeine Hände über ihr glänzendes Haar gleiten und betrachtete ſie lange und prüfend. Sein Blut ſchoß wie ein Feuerſtrom zu ſeinem Herzen hin, es brannte und glühte in ſeinem Kopf, in ſeinen Adern, und ganz überwältigt, ganz berauſcht von dieſem unerwarteten Wiederſehen, ſank er vor ihr nieder. Sie iſt es! murmelte er leiſe. Es iſt Eliſe! Jetzt iſt ſie mein, und Niemand kann ſie mir entreißen! Sie iſt mein Eigenthum, mein Weib, meine Geliebte! Das Schickſal führt ſie mir ſelber in die Arme. Thor, der ich wäre, ſie noch einmal entfliehen zu laſſen! Mit ſtürmiſcher Gewalt preßte er die Ohnmäch⸗ tige an ſein Herz und bedeckte ihren Mund, ihr Antlitz mit ſeinen Küſſen. Aber der Sturm dieſer Zärtlichkeit erweckte Eliſe. Sie richtete ſich langſam und betäubt in ſeinen Ar⸗ men empor und blickte träumeriſch umher. Wo bin ich? fragte ſie müde. *— „— — „ = 87— Feodor, welcher immer noch vor ihr kniete, zog ſie feſter an ſein Herz. Du biſt bei mir, ſagte er leiden⸗ ſchaftlich, und als er ſie in ſeinen Armen erzittern fühlte, fuhr er glühender fort: Nein, fürchte nichts, meine Eliſe, blicke nicht ſo ſcheu und angſtvoll um⸗ her. Auf mich richte Deine Blicke, auf mich, der zu Deinen Füßen liegt und vom Schickſal nichts weiter verlangt, als daß dieſer Moment eine Ewigkeit dauern möge! Eliſe hatte ihn kaum verſtanden. Sie war noch betäubt, noch von den Traumbildern der Ohnmacht umnebelt. Sie fuhr ſich mit der Hand nach der Stirn, und ließ ſie matt und kraftlos wieder ſinken. Meine Sinne ſind verwirrt, flüſterte ſie leiſe. Es brauſt vor meinen Ohren! Was iſt mit mir geſchehen? Frage nicht, forſche nicht! rief Feodor glühend. Denke, daß die Liebe einen Engel geſandt hat, welcher Dich auf ſeinen Flügeln bettete und zu mir her trug durch die Luft! Was willſt Du forſch en nach der Entſtehung des Wunders, wenn das Wunder ſelbſt unſer Aug' und Herz entzückt. Fürchte auch nichts, Du holde, weiße Taube! Wie ein Engel biſt Du durch die Sündfluth dieſer Zeiten zu mir her geflat⸗ tert! Du bringſt den Oelzweig. Es iſt Friede, und die Liebe feiert einen ſeligen Triumph! Aber als er ſie jetzt wieder heftiger an ſein Herz ziehen wollte, durchflog ein Zittern ihre ganze Ge⸗ ſtalt. Oh, jetzt beſinne ich mich, ſagte ſie heftig. Jetzt weiß ich Alles! Ich war allein im Garten, da kamen — 88— die fürchterlichen Männer. Sie packten mich mit ihren rohen Händen, ſie verwundeten mein Herz mit ihren entſetzlichen Blicken, die mich ſchaudern machten, ſie riſſen mich fort! Wohin haben ſie mich geführt? Wo bin ich? Du biſt bei mir! ſagte Feodor, indem er ihre Hand an ſeine Lippen zog. Jetzt erſt blickte ſie ihn an, jetzt erſt erkannte ſie ihn, und nun flog eine dunkle Gluth der Freude über ihr Geſicht und ein himmliſches Lächeln trat auf ihre Lippen. Sie fühlte, ſie wußte nichts, als daß ihr Geliebter neben ihr, daß er nicht getödtet, nicht für ſie verloren ſei. Mit einem Aufſchrei des Entzückens warf ſie ſich in ſeine Arme und begrüßte den Verlornen, den Wiedererſtandenen mit glühenden, ſeligen Liebesworten. Dann hob ſie ihre Blicke und ihre Hände zum Him⸗ mel empor. Oh, mein Gott, er lebt! rief ſie jubelnd. Ich danke Dir, mein Gott, ich danke Dir. Du hatteſt alſo Erbarmen mit meinen Thränen! Die Liebe ſchützte mich, ſagte Feodor, Eliſen mit leidenſchaftlichen Blicken betrachtend. Die Liebe that ein Wunder, indem ſie mich errettete. Sie thut jetzt ein größeres, denn ſie führt Dich in meine Arme. Fürchte nichts, Eliſe! Keine andern Augen als nur die meinen haben Dich hier geſehen. Niemand weiß Deinen Namen. Es iſt ein ſüßes Geheimniß, das nur die Liebe mit uns theilt! — 39— Eliſe erbebte. Dies unbeſonnene Wort weckte ſie aus der Betäubung, welche ihr ganzes Weſen um⸗ fangen gehalten, es erinnerte ſie an die Welt und durchbrach den Zauber, mit welchem ſeine Gegenwart, ſeine Blicke und ſeine Worte ſie gebannt hatten. Jetzt war ſie erwacht und aus einem träumeriſchen Entzücken zu der grauſamen und unheilsvollen Wirk⸗ lichkeit empor geſchleudert. Der Freudenſtrahl erblich auf ihren Wangen, das Lächeln erſtarb auf ihrer Lippe, und ſich gewaltſam aus ſeinen Armen losmachend, ſtand ſie ſtolz und zürnend vor ihm. Feodor, ſagte ſie entſetzt, Du ſandteſt dieſe fürch⸗ terlichen Männer? Du alſo ließeſt mich entführen? Ihre Blicke richteten ſich mit einem zornigen, durchbohrenden Ausdruck auf Feodor hin. Er ſenkte beſchämt das Auge zu Boden. Als ſie dies ſah, lächelte ſie verächtlich, und ihre beleidigte, jungfräuliche Ehre drängte ſelbſt ihre Liebe und ihre Zärtlichkeit in den Hintergrund. Ach, jetzt begreife ich! ſagte ſie mit ſchneidendem Hohn. Man hat mir erzählt von der Menſchenjagd, welche jetzt in der Stadt geübt wird. Der Obriſt Feodor von Brenda ſpielt, wie es ſcheint, eine wür⸗ dige Rolle bei dieſer Jagd. Feodor wollte ſich ihr nahen, er wollte ihre Hand faſſen, aber ſie ſtieß ihn rauh zurück.. Berühre mich nicht, rief ſie gebieteriſch; verſuche nicht meine Hand zu faſſen. Du biſt nicht mehr Der, — 36— welchen ich liebe, Du biſt ein Menſchenräuber! Aber ich ſage Dir, Du haſt meinen Körper nur gezwun⸗ gen, daß er Deine ehrloſe That geduldet, meine Seele aber iſt frei, und meine Seele verachtet Dich! Sie war prächtig anzuſchauen in dieſem edlen Zorn, welcher ihre ganze Geſtalt zu heben ſchien und eine dunkle Gluth auf ihre Wangen trieb. Feodor betrachtete ſie mit glühenden Blicken, er hatte ſie nie⸗ mals ſo verführeriſch, ſo zauberhaft ſchön geſehen. Selbſt ihr Zorn entzückte ihn, denn dieſer Zorn war ihm ein Zeichen ihrer Reinheit und Unſchuld. Er wollte ſich ihr wieder nähern, ſie an ſein Herz ziehen, aber ſie wich ſtolz und zürnend zurück. Geht, ſagte ſie, ich habe nichts zu ſchaffen mit einem Manne, der das heiligſte Geſetz der Welt, der die freie Menſchenehre raubmörderiſch anfällt und wie ein Dieb heranſchleicht, um die Unſchuld zu er⸗ würgen. Ihre Stimme brach, ihre Augen füllten ſich mit Thränen; aber ſie ſchüttelte ſie aus ihren Augen fort. Ich weine, ſagte ſie, aber ich weine nicht vor Schmerz und nicht vor Liebe. Der Zorn erpreßt mir Thränen und ſie ſind bitter, weit bitterer als der Tod. Und indem ſie ſo ſprach, ſchlug ſie ihre Hände vor ihr Angeſicht und weinte bitterlich. 1 Feodor legte leiſe ſeinen Arm um ihre zitternde Geſtalt; ſie fühlte es nicht im Uebermaß ihres Schmerzes. 1 Nein, Eliſe, ſagte er; Du weinſt, weil Du mich — 91— liebſt, Du weinſt, weil Du mich jetzt Deiner Liebe für unwürdig hältſt. Aber bevor Du mich ver⸗ urtheilſt, höre mich. Ich ſchwöre Dir beim Geiſte meiner Mutter, dem einzigen Weibe, an das ich ge⸗ glaubt habe außer Dir, ich ſchwöre Dir, daß ich nicht Theil habe an dem Verrath, welchen man an Dir begangen. Du mußt mir glauben, Eliſe! Sieh mich an, Geliebte, ich kann den Blick Deines Auges er⸗ tragen, ich kann mein Auge zu Dir erheben. Ich bin nicht Schuld an dieſem Verbrechen. Ihre Hände glitten langſam von ihrem Geſicht nieder und ſie ſah ihn an. Ihre Blicke begegneten ſich und ruhten lange auf einander. Sie las in ſei⸗ nen Augen, daß er unſchuldig war, denn die Liebe ver⸗ traut, und ſie liebte ihn. Mit einem zauberiſchen Lächeln reichte ſie ihm ihre beiden Hände dar, und er las in ihren Blicken alle die Worte der Liebe und Zärtlichkeit, welche ihre ſchüchternen Lippen nicht auszuſprechen wagten. Feodor zog ſie ſtürmiſch an ſein Herz. Du glaubſt an mich! rief er leidenſchaftlich, und indem er ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt in ſeinen Armen emporhob, murmelte er leiſe: nun laß uns die heilige Stunde des Glückes genießen, und nicht fragen, welch' eine Gottheit ſie uns brachte. Aber der Inſtinct ihrer Jungfräulichkeit war in ihr noch mächtiger als ihre Liebe. Nein, ſagte ſie, ſich ſeinen Armen entwin⸗ dend, zitternd vor Erregung, nein, Feodor, dies — 92— ſſt keine Stunde des Glückes, in welcher meine Ehre und mein guter Name begraben wird, dies iſt keine Stunde des Glückes, in welcher die Verleumdung es höhnend von Mund zu Munde tragen wird, daß ſich ein deutſches Mädchen ins ruſſiſche Lager entführen ließ, und ohne Scham der Schande in die Arme lief! Denn ſo werden ſie ſprechen, Feodor! Sie werden es nicht glauben, daß man mich gewaltſam entführte, ſie werden es auch nicht glauben, daß Du dieſer Frevelthat fremd biſt. Die Welt glaubt niemals an die Unſchuld. Wer angeklagt iſt, den verurtheilt ſie, und wenn tauſendmal ein Richterſpruch ihn frei ge⸗ ſprochen hätte. Nein, Feodor, mit Fingern werden ſie auf mich zeigen, und hohnlachend, mit innerlicher Freude werden ſie einander ſagen: ſeht da, das ſchamloſe Weib, welches zu den Ruſſen lief und mit ihrem Geliebten ſchwelgte, während ihre Vaterſtadt in Blut und Thränen ſeufzte. Seht da, des reichen Mannes Kind, welches an Ehre ſo arm iſt! Und erſchüttert von ihren eigenen Worten, richtete Eliſe ſich in der ganzen edlen Kraft ihrer Würde und Unſchuld höher empor und ſchaute Feodor mit flam⸗ menden Blicken an. Graf Feodor von Brenda, fragte ſie laut, wollt Ihr es dulden, daß man Eure Braut verdächtigt und beſchimpft, daß ein Flecken auf dem Namen derer iſt, die einſt Euer Weib ſein ſoll? Sie ſah in ihrer ſtolzen und edlen Begeiſterung nicht das ſchnelle Zucken ſeiner Augenlider und die Schamröthe, welche über ſeine Wangen flog, ſie 84 — 93— bemerkte nicht, daß er das Auge niederſchlug und daß ſeine Stimme beklommen und zitternd war, als er dann zu ihr ſprach. Eliſe, ſagte er, Du biſt außer Dir. Deine ge⸗ reizte Phantaſie läßt Dich Alles mit ſchwärzeren Farben ſehen. Wer ſollte es wagen, Dich zu be⸗ ſchimpfen. Niemand weiß ja, daß Du hier biſt. Aber die ganze Welt wird es erfahren, rief ſie, denn die Verleumdung hat tauſend Stimmen, mit denen ſie das Böſe ausſtreut. Feodor, laß mich fort! Du ſagſt, Niemand weiß es, daß ich hier bin, nun, ſo wird auch Niemand wiſſen, daß ich fort gehe. Sei barmherzig mit Dir und mir. Laß mich fort! Nein, ſagte er faſt rauh, ich laſſe Dich nicht! Du forderſt das Unmögliche von mir. Thor, der ich wäre, ſo im Wahnſinn das Glück von mir zu ſchleudern, das ich mit meinem Herzblut erkaufen möchte. Ich habe zwei Mal mein Leben daran gewagt, um Dich zu ſehen, um endlich eine ſtille, ſelige Stunde zu finden, wo ich zu Deinen Füßen niederknieen und Dich anſchauen und in Deinem Anſchauen mich be⸗ rauſchen könnte. Jetzt verlangſt Du, daß ich freiwillig mein Glück und Dich aufgeben ſoll! Mein Glück, meine Ehre, ja mein Leben ſollſt Du mir erhalten, indem Du mich von hier fortgehen und in das Haus meines Vaters zurückkehren läßt, rief Eliſe heftig. Als ſie ſah, wie er verneinend das Haupt ſchüt⸗ telte, als ſie ſeinen wilden, leidenſchaftlichen Blicken — 94— begegnete und in ihnen las, daß er kein Erbarmen mit ihr habe, flammte eine edle Zornesrökhe in ihrem Antlitz auf. Gleichſam beſchwörend hob ſie ihre Arme zum Himmel empor und ihre Stimme klang mächtig und voll. Feodor, ſagte ſie, ich ſchwöre Dir bei Gott und dem Geiſt meiner Mutter, ich werde nur des Man⸗ nes Gattin, dem ich freiwillig aus meines Vaters Hauſe folge! Ich bin im Stande, wider meines Vaters Willen ſein Haus zu verlaſſen, aber es muß meine freie Wahl, meine freie Entſchließung ſein! Nein, rief Feodor wild, ich kann Dich nicht laſſen. Du biſt Mein und ſollſt es bleiben! Eliſe ſchmiegte ſich mit einer verſchämten Zärtlich⸗ keit an ſeine Seite. Du ſollſt mich jetzt laſſen, um mich aus meines Vaters Hauſe als Dein reines Weib abzufordern, ſagte ſie. Es lag etwas ſo Rührendes, Vertrauenvolles in ihrem Weſen, daß Obriſt Feodor ſich wider ſeinen Willen davon beherrſcht fühlte, aber indem er dieſem Zauber unterlag, ſchämte er ſich faſt, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ſeine Seele. Schweigend ſtanden ſie einander gegenüber, Eliſe ihn anſchauend mit Blicken voll Zärtlichkeit und Schrecken, er, gebeugten Hauptes, ringend mit ſeinem eigenen Herzen. Plötzlich ward dieſes Schweigen durch ein lautes und ſtürmiſches Klopfen an den Thüren unterbrochen. Die Stimmen ſeiner wüſten und tollen Kameraden — — 95— riefen laut Feodor's Namen und forderten mit wil⸗ dem Ungeſtüm das Oeffnen der verſchloſſenen Thüren. Feodor erbleichte. Der Gedanke, daß ſeine Eliſe, daß dies junge unſchuldige und ſchüchterne Mäd⸗ chen den rohen und beleidigenden Blicken ſeiner wil⸗ den Genoſſen ſollte ausgeſetzt werden, empörte ihn. Seine zornflammenden Blicke flogen im Zimmer umher, nach irgend einem Verſteck forſchend, wo er Eliſe verbergen könnte, und als er ſich überzeugt, daß dies umſonſt, daß keine Rettung mehr möglich, ſenkte er traurig das Haupt auf ſeine Bruſt und ſeufzte. Eliſe verſtand ihn, ſie begriff ihre troſtloſe, ent⸗ ſetzliche Lage. Es giebt alſo keinen Ort, wo ich mich verbergen kann? rief ſie verzweiflungsvoll. Die Schande erwartet mich. Die ganze Welt wird es erfahren, daß ich hier bin! 4 Draußen tobten die Offiziere immer lauter und verlangten mit immer wüthenderem Geſchrei das Oeffnen der verſchloſſenen Thür. Feodor ſchaute noch immer vergeblich nach einem Verſtecke umher. Nirgends die Möglichkeit, ſie zu verbergen oder ſie unbemerkt entfliehen zu laſſen! Seine tollen Kameraden ſchlugen ſchmetternd gegen die verſchloſſene Thür. Jetzt nahm Feodor mit einem entſchloſſenen Aus⸗ druck das große Shawls, welches zuvor Eliſen's Geſtalt umhüllt hatte, und warf es über ihr An⸗ geſicht. Wohlan, ſagte er, ſo mögen ſie denn kommen. Wehe aber dem, der es wagt, dieſes Tuch zu be⸗ rühren. Er drückte das verſchleierte Mädchen in einen Seſſel nieder, und nach der Thür hin eilend, ſchob er die Riegel zurück. — — — IX. Tochter oder Kammermädchen. Obriſt Feodor von Brenda hatte kaum die Thür geöffnet, als ſeine Kameraden mit wildem Geſchrei und rohem Gelächter in das Gemach eindrangen und mit gierigen Blicken umher ſpäheten nach dem armen Weibe, dem edlen, bei ihrer heutigen Menſchenjagd erlegten Wild. Als ſie Eliſe verhüllt und bewegungslos, wie ſie ſie verlaſſen, in dem Seſſel lehnen ſahen, ſtießen ſie ein Freudengeſchrei aus und begannen dem Obriſten in wirrem Durcheinander, oft unterbrochen von ihrem frohen Lachen, ihren freudigen Ausrufungen, den Grund ihres ſtürmiſchen Eindringens zu erläutern. Ein junger Mann, erzählten ſie, ſei eben gekom⸗ men und habe in höchſter Aufregung nach einer jun⸗ gen Dame geforſcht, welche von Koſacken entführt worden. Er habe dringend eine Unterredung mit dem Obriſten Grafen Feodor von Brenda gefordert, um Gotzkowsth N.. 7 — 98— dieſem ein Löſegeld für die eingefangene Dame anzu⸗ bieten. Wir kommen, Euch dies zu melden, ſagte der Lieutenant von Matuſch. Ihr dürft den Handel nicht zu wohlfeil abſchließen, denn dies iſt der reichſte Fang, der uns bis jetzt gelungen iſt. Das Mädchen iſt die Tochter des reichen Gotz⸗ kowsky! rief ein Anderer der Officiere. Sie muß ein ungeheures Löſegeld zahlen! jubelte der Major von Fritſch. Obriſt Feodor fragte mit anſcheinendem Staunen: Dies Weib da wäre Gotzkowsky's Tochter? Wißt Ihr denn nicht, Freunde, daß ich lange Zeit in Ber⸗ lin gelebt habe, und die ſchöne und glänzende Toch⸗ ter des reichen Gotzkowsky ſehr genau kenne? Ich darf Euch aber verſichern, daß kein Zug ihres Ange⸗ ſichts dem unſerer Gefangenen gleicht. Die Officiere ſahen beſtürzt und zweifelnd einan⸗ der an. Sie wäre nicht Gotzkowsky's Tochter? Aber der junge Mann ſagte uns doch, er komme von dem Herrn Gotzkowsky? Daraus folgert Ihr, daß wir ſeine Tochter ein⸗ gefangen haben? rief Feodor von Brenda lachend. Wo iſt dieſer Mann? Der Lieutenant Matuſch öffnete die Thür und ſofort erſchien auf der Schwelle derſelben die ernſte Geſtalt Bertram's. Er hatte getreu das Gelübde erfüllt, welches er ſich ſelber geleiſtet, er hatte mit aufmerkſamen und ſorg⸗ lichen Blicken jeden Schritt Eliſen's bewacht und be⸗ hütet, und während Gotzkowsky im treuen Dienſt des Vaterlandes Tag und Nacht von ſeinem Hauſe ent⸗ fernt war, hatte Bertram als nie raſtender Wächter deſſen Tochter beſchützt. Freilich ſchien Gotzkowsky's Haus vollkommen ſicher, es war der Rettungshafen aller Unglücklichen, der einzig ſichere Ort, um ſeine Schätze aufzubewahren; vor dem Hauſe ſtanden ruſſiſche Schildwachen und in demſelben war die Wohnung des Adiutanten Tottlebens. Aber dieſe Sicherheit bezog ſich nur auf das Haus. So lange Eliſe die Schwelle deſſelben nicht überſchritt, war Bertram ohne Sorge. Aber da war der große Garten, in welchem ſie ſtundenlang zu wandeln liebte, da war beſonders ihr Lieblingsplatz an dem äußerſten Endpunkt des Gar⸗ tens, unfern der Mauer, welche ſo. leicht zu über⸗ klettern war. Bertram hatte es nicht wagen mögen, Eliſe von dem Beſuche dieſes einſamen und abgelegenen Platzes zurückzuhalten, aber er war ihr gefolgt, wenn ſie ſich dorthin begab. Hinter irgend einem Baume ſich ver⸗ bergend hatte er mit der Geduld und Ausdauer, de⸗ ren nur die Liebe fähig iſt, das junge Mädchen be⸗ wacht, welches ſeinen Schutz weder begehrte, noch ihm dafür dankte. Auch heute war er ihr leiſe und unbemerkt in den Garten gefolgt; dann, als er geſehen, wohin ſie ihre 7* — 100— Schritte gelenkt, war er noch einmal in das Haus zurückgekehrt, um ſich eines wichtigen Geſchäftsauf⸗ trages Gotzkowsky's zu entledigen. Bald aber, von einer ſeltſamen angſtvollen Unruhe getrieben, war er wieder in den Garten geeilt; da hatte er in der Ferne Eliſen's Hülferuf vernommen, und näher heran ſtürzend, war er gerade noch zur rechten Zeit gekom⸗ men, um zu ſehen, wie Eliſe von den Koſacken über die Mauer gehoben ward. Bei dieſem Anblick ſtand Bertram einen Moment wie vom Schrecken gelähmt, bewegungslos da. Dann aber war in ſeiner Seele nur Ein Entſchluß, Ein Wollen,— er mußte ſie erretten! Schon eilte er dem Hauſe zu, um ſich ſofort zum General Tottleben zu begeben, und ſeinen Beiſtand, ſeine Hülfe in An⸗ ſpruch zu nehmen. Aber ein entſetzlicher und qual⸗ voller Gedanke hemmte plötzlich ſeinen Schritt. Wie, wenn Eliſe nicht unfreiwillig gegangen? Wie, wenn dies eine verabredete Entführung geweſen, wel⸗ cher man nur den Schein einer Gewaltſamkeit ge⸗ geben, um, falls ſie mißlänge, Eliſens Ehre von jedem Makel rein zu erhalten? Mit ſchmerzlichem Seufzen gedachte er jener Nacht, in welcher Eliſe ihren Geliebten in ihrem Schlafz mer verborgen gehalten, jener Nacht, in welcher kowsky Feod or an die Oeſterreicher ausgeliefert hatte. Vater und Tochter h hatten ſich ſeitdem nicht wieder gejehen, kein Wort des Vorwurfs war über Eliſens Lippen gekommen. Aber Bertram begriff, daß Gotz⸗ — — 101— kowsky's grauſame und ſchonungsloſe Aufopferung ihres Geliebten ihm das Herz ſeiner Tochter auf ewig entfremdet hatte, daß dieſe harte, wenn auch gerechte That, das letzte Band zerriſſen, welches Eliſe an ihren Vater feſſelte. Daß Obriſt Feodor durch einen Zufall gerettet worden, konnte Eliſe eben ſo gut erfahren haben, wie Bertram. Ihr Geliebter ſelber mochte ihr dieſe Nach⸗ richt geſandt haben, und ſie, welche in der Bitterniß ihres Schmerzes ſich von ihrem Vater losgeſagt, hatte vielleicht jetzt nicht mehr die Kraft gehabt, ſeinen glühenden Bitten zu widerſtehen. Vielleicht hatte ſie in ihrer Verlaſſenheit und in ihrer vertrauensvollen Liebe den traurigen Muth gefunden, nicht bloß ihrem Vater, ſondern auch dem Urtheil der Welt, und der Schande zu trotzen, um mit ihrem Geliebten vereinigt zu werden. Solche Gedanken waren es geweſen, welche Ber— tram's eilige Schritte hemmten, und ihn zur Ueber⸗ legung zwangen. Das Eine nur ſtand feſt,— retten mußte er Eliſe jedenfalls, ſelbſt wider ihren Willen, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich als einzigen Lohn für ſeine aufopfernde Liebe ihren Haß zu gewinnen,— retten mußte er ſie, und ſei's auch nur vor ihrem eigenen leidenſchaftlich thörichtem Herzen, oder vor der wilden Gluth des Mannes, an deſſen ehrvergeſſenes Herz ſie ihre Un⸗ ſchuld, ihre Jugend und Schönheit hingegeben. Aber dieſe Rettung mußte von ihm allein voll⸗ — 102— bracht werden; er durfte es nicht wagen, irgend Je⸗ mand in das Geheimniß einzuweihen, aus Furcht grade dadurch ſeinen Zweck verfehlt zu ſehen, und ſtatt der Hülfe ihr nur die Schande bringen zu können. Sein Entſchluß war gefaßt. Er mußte ſie auf⸗ ſuchen, er mußte zu ihr hindurch dringen, und wäre ſie hinter einer Mauer ruſſiſcher Soldaten verborgen. Treu und wünſchelos, wie immer, ſollte ſie ihn an ihrer Seite finden, bereit, ſie gegen jeden Angriff und jede Gefahr, komme ſie ihr nun von ihrer eigenen Unerfahrenheit, oder von ihres Geliebten üekſiähte. loſer Leidenſchaft, zu ſchützen. Vor allen Dingen mußte ihre Entführung iber⸗ haupt ein Geheimniß bleiben. Eliſens Dienerinnen ſagte Bertram daher, das Fräulein habe ſich in ihr Zimmer zurückgezogen und ſich eingeſchloſſen, um nach ſo vielen ruheloſen Nächten einige Stunden der Er⸗ holung zu finden. Dieſelbe Benachrichtigung ließ er für Gotzkowsky zurück, und nachdem er ſich alsdann mit Waffen verſehen hatte, begab er ſich auf den Weg, um Eliſe zu ſuchen. Zuerſt richtete er natürlich ſeine Schritte nach der Wohnung des Obriſten von Brenda. Dort erfuhr er, daß dieſer nicht anweſend, ſondern in der Kaſerne ſeines Regimentes einem Gaſtmahle beiwohne. Dort⸗ hin eilte er jetzt, feſt entſchloſſen, alle Schwierigkeiten zu überwinden und aller Weigerung zum Trotz, den Obriſten Feodor zu ſehen, um in ſeinen Mienen zu — 103— t leſen, ob er ein Mitſchuldiger des begangenen Ver⸗ brechens, oder ob Eliſe ihm freiwillig gefolgt ſei. Anfangs hatte man ihm hartnäckig den Eintritt ver⸗ 5 weigert; da hatte er in der Verzweiflung und Qual . ſeines Herzens Gotzkowsky's Namen genannt, wohl wiſſend, daß das ein goldener Zauberſchlüſſel ſei, der ihm die Pforten öffnen werde. In der That, kaum hatten die geldgierigen ruſſi⸗ ſchen Officiere vernommen, daß der junge, fremde Mann als ein Abgeſandter Gotzkowsky's komme und den Grafen Brenda nach einem von Koſacken ent⸗ führten jungen Mädchen fragen wolle, als ſie auch ſchon mit lautem Jubelgeſchrei nach der Thüre ſtürz⸗ ten, hinter welcher ſich Feodor mit dem erbeuteten Mädchen befand. Der Geldgier der ruſſiſchen Officiere verdankte es alſo Bertram, daß jetzt die verſchloſſene Thür ſich öff⸗ nete, und er eintreten durfte. Als Bertram auf der Schwelle des Zimmers er⸗ ſchien, drang ein Schrei von den Lippen der ver⸗ ſchleierten Frauengeſtalt und ließ Bertram, trotz der Verhüllung, diejenige erkennen, welche er ſuchte. Ein raſender Schmerz krampfte ſein Herz zuſammen und einen Moment hatte er ein Gefühl, als müſſe er zu dieſem tollkühnen, wilden, jungen Manne, welcher naeben Eliſen ſtand, hinſtürzen, um ihn zu ermorden, um in ſeinem Blut den Schimpf zu rächen, welchen er Eliſen angethan. Aber eingedenk der übernommenen heiligen Pflicht, ₰— — — 104— Eliſe zu ſchützen und ihre Flucht möglichſt verborgen zu halten, bezwang er ſeinen Zorn und ſeinen Schmerz und gewann es über ſich, ruhig und gelaſſen zu er⸗ ſcheinen. Eliſe indeſſen hatte mit freudiger Rührung Ber⸗ tram erkannt. Sein unerwartetes und unvermuthetes Erſcheinen überraſchte ſie gar nicht; es ſchien ihr ſo natürlich, daß allemal, wo ihr Gefahr drohte, Ber⸗ tram als ihr Retter und ihr Beſchützer erſcheine. Sie hatte zu ihm die Zuverſicht, daß ſie ihn überall dort treffen würde, wo ſie ſeiner bedurfte, und als ſie ihn jetzt ſah, fühlte ſie ſich errettet und erlöſt von allen Gefahren, welche ſie bedrohten. Sie winkte Feodor an ihre Seite, und nicht ohne einen Anflug triumphirenden Stolzes ſagte ſie: Es iſt Bertram, mein Jugendfreund. Er wagt ſein Leben, um mich vor der Schande zu erretten. Feodor empfand den Vorwurf, welcher in der Betonung ihrer Worte lag, und ſeine Stirne ver⸗ finſterte ſich. Aber er überwand dieſe augenblick⸗ liche Regung, und wandte ſich zu Bertram hin, der jetzt mit feſtem, entſchloſſenem Schritt ſich ihm näherte. Nun, mein Herr, wen ſuchen Sie? fragte er. Ein junges Mädchen, welches man gewaltſam entführte, erwiderte Bertram, indem er den jungen Mann mit zornigen Blicken anſchauete. Aber Feodor begegnete ſeinen Augen mit einem ſtolzen, ruhigen Ausdruck. Es iſt wahr, ſagte er, ein ſolches Verbrechen iſt begangen, einige Koſacken haben — — — 105— ein junges Mädchen aus einem Garten entführt und hierher geſchleppt. Ich ſelber werde dem General ihre ehrloſe That anzeigen, denn Sie begreifen, mein Herr, daß dieſes Verbrechen uns eben ſo ſehr belei⸗ digt, als Sie ſelber. Ich habe dieſem jungen Mäd⸗ chen meinen Schutz zugeſagt, und ich würde bereit geweſen ſein, ſie gegen Jeden zu vertheidigen, der es wagen möchte, ihre Ehre anzugreifen, oder ihre eigne Tugend zu bezweifeln. Kommen Sie jetzt, mein Herr, und ſehen Sie, ob das junge Mädchen diejenige iſt, welche Sie ſuchen. Er ſchritt Bertram entgegen, und indem er ihn zu Eliſen hinführte, flüſterte er leiſe und ſchnell: Schweigt und verrathet nicht ihren Namen. Es gilt Eliſens Ehre! Dann hob er den Schleier auf, und indem er auf Eliſens verſchämtes und erglühetes Antlitz deutete, fragte er mit einem ſpöttiſchen Lachen: Nun, erkennt Ihr ſie? Wollt Ihr beſchwören, daß dies Gotzkowsky's Tochter iſt? Bertram ſah ihn mit anſcheinendem Erſtaunen an. Gotzkowsky's Tochter? fragte er achſelzuckend. Das, Fräulein iſt es, die mich hergeſandt, und Niemand ſucht ſie hier. Obriſt Feodor wandte ſich mit einem triumphiren⸗ den Lachen zu ſeinen Kameraden hin. Sagt ich es Euch nicht? rief er. Ihr guten Narren, Ihr hofftet auf eine Million Löſegeld, und ich handle ſeit einer Stunde mit ihr um hundert Thaler. Sie betheuert mit Shränen. daß ſie nicht hundert Groſchen beſitze. Gotz⸗ kowsky s Tochter! Glaubt Ihr, daß die ſo einfach, in ſolchem ſchlichten, weißen Kleide, ſo ohne allen Schmuck und ohne alle Pracht einherginge? Sie liebt ſo gut den Putz wie unſere Fürſtinnen und ſchönen Frauen, und gleich dieſen ſieht man die Tochter des reichen Herrn Gotzkowsky immer nur in Sammet und Seide, mit Perlen und Brillanten. Oh, ich wollte wahrhaf⸗ tig auch, daß wir die Millionairin hätten, dann dürf⸗ ten wir doch auf ein gutes Löſegeld hoffen! Aber wer iſt denn dies Weib? ſchrieen und brumm⸗ ten die in ihren Hoffnungen getäuſchten Officiere. Warum läßt denn der reiche Gotzkowsky ſie ſuchen, wenn ſie nicht ſeine Tochter iſt? Wer ſie iſt? rief Feodor lachend. Nun wohl, ich will's Euch ſagen, weil Euch ſo viel daran liegt. Es iſt Euch gegangen, wie den Schatzgräbern. Ihr ſuch⸗ tet Gold und fandet ſtatt deſſen nur Kohlen, an de⸗ nen Ihr Euch die Finger verbranntet. Ihr ſuchtet die Millionairin, die reiche Erbin, und nahmt ſtatt ihrer nur— ihr Kammermädchen. Ein Kammermädchen! brummten die Kameraden verdrießlich, und indem ſie ihre zornigen, finſtern Blicke auf Bertram hefteten, fragten ſie ihn, ob dies junge Mädchen wirklich nur ein Kammermädchen in Gotzkowsky's Hauſe ſei, und beſtürmten ihn mit Vor⸗ würfen und drohenden Scheltworten, weil er ihnen falſche Vorſpiegelungen gemacht und ſie habe glauben laſſen, Gotzkowsky's Tochter ſei entführt worden. —, — — — 107— Hätten wir dies nicht geglaubt, ſo würden wir Euch nicht hier herein gelaſſen haben, rief der Lieu⸗ tenant von Matuſch. Es verlohnte ſich nicht der Mühe, um eines kleinen Kammerkätzchens willen ſo viel Lärmen zu machen. Eben, weil ich das wußte, erwiederte Bertram, eben deshalb gebrauchte ich die Liſt, Euch merken zu laſſen, das entführte Mädchen ſei Gotzkowsky's Toch⸗ ter! Ihr würdet mich ſonſt gar nicht zu dem Obriſten von Brenda geführt haben. Aber das Fräulein Gotz⸗ kowsky hatte mir geſagt, an dieſen Herrn ſolle ich mich wenden, und ſo that ich es. Daß ich es that, werdet Ihr begreiflich finden, wenn ich Euch ſage, daß dieſes junge Mädchen meine Schweſter iſt. Ueber Feodors Antlitz flog ein Ausdruck des Zor⸗ nes, und mit einer heftigen Bewegung wandte er ſich, zu Eliſen hin. Iſt dies wahr? fragte er. Ja, es iſt wahr! rief Eliſe, Bertram mit einem innigen, dankbaren Blick ihre Hand darreichend. Es iſt mein Bruder, mein treuer Bruder! Als ſie dann ſah, wie Feodor's Antlitz ſich verfin⸗ ſterte und ſeine Lippen im ſchlecht verhehlten Zorn der enunt zuckten, richtete ſie ihr klares, edles Ange⸗ ſicht mit einem köſtlichen Lächeln zu ihrem Geliebten hin. Oh, ſagte ſie, es giebt nichts Edleres, nichts Heiligeres und Uneigennützigeres, als die Liebe eines Bruders. Feodor's forſchende, feſt auf ſie gerichteten Blicke ſchienen ſich in ihr Herz einbohren zu wollen. Viel⸗ — 108— leicht hatte er all' die Liebe, Unſchuld und Kraft ge⸗ leſen, welche auf dem Grunde deſſelben verborgen lag, denn ſeine Stirn hellte ſich auf und ſeine Züge nahmen wieder ihren ſtolzen und heitern Ausdruck an. Mit einer raſchen Bewegung nahm er Bertram's Hand und legte ſie in die Eliſens. Nun denn, ſagte er, Ihr glückliches Geſchwiſterpaar, gebt Euch die Hände und dankt Gott, daß die Gefahr vorüber iſt. Wir haben nichts zu ſchaffen mit jungen, hübſchen Mädchen, wir ſuchen nur reiche Mädchen. Geht alſo! Nein, ſchrieen die Officiere, nein, das wird nicht geſchehen. Nicht ohne Löſegeld darf ſie fort! Mit wildem Geſchrei und zornigen Blicken dräng⸗ ten ſie ſich näher herzu und erhoben drohend ihre Fäuſte. Sie muß Löſegeld zahlen, oder wir halten ſie feſt! Wagt es, ſie zu berühren! rief Feodor, ſein Schwert ziehend und ſich vor Eliſen hinſtellend. Ich bin gekommen, meine Schweſter abzuholen, rief Bertram, ſich den Officieren zuwendend. Aber ich wußte wohl, daß ich ſie nicht ohne Löſegeld be⸗ freien könnte, und ich habe daher mein ganzes kleines Vermögen mitgebracht, um es Euch zu geben. de hier dieſen Beutel mit Ducaten! Es iſt das Löſegeld für meine Schweſter! Ein Triumphgeſchrei war die Antwort der Solda⸗ ten, und mit ſchnell erheiterten Geſichtern zogen ſie Bertram zu dem Tiſche hin, um ſich von ihm das Geld auszahlen zu laſſen. — 109— Während die Officiere mit lautem Geſchwätz und fröhlichem Lachen das Löſegeld untereinander theilten, blieb Feodor an Eliſens Seite. Lange ſchauten ſie einander an, und Keiner von ihnen wagte es, dieſes beredte und inhaltsreiche Schweigen zu brechen. Ihre Seelen ſprachen zu einander, ſie bedurften nicht der Worte und der äußern Zeichen. Endlich, nach einer langen Pauſe fragte Feodor: Biſt Du nun zufrieden, Eliſe? Sie ſah mit einem köſtlichen Blick zu ihm hinüber. Ich bin Dein für alle Ewigkeit! Und wirſt Du dieſer Stunde nicht vergeſſen? Ich werde ihrer gedenken, ſagte ſie, ich werde nicht vergeſſen, daß ich geſchworen, Dir freiwillig aus mei⸗ nes Vaters Hauſe, ſelbſt wider ſeinen Willen, zu folgen. Und indem ſie ihr verſchämtes und erröthendes Antlitz auf ihre Bruſt ſenkte, flüſterte ſie kaum hör⸗ har⸗ Ich erwarte Dich! Aber dieſe Worte, ſo leiſe ſie auch geinrochen wor⸗ den, hatten doch das Ohr zweier Männer zu gleicher Zeit getroffen; denn nicht bloß Obriſt Feodor, ſondern auch Bertram, welcher eben wieder zu ihnen getreten war, hatte ſie vernommen; ſie hatten den Einen mit freudigem Entzücken, den Andern mit qualvollen Schmerzen durchzuckt. Indeß, Bertram war es gewohnt, mit ſeiner ſchmerzvollen Liebe zu ringen und den Auſſchrei ſei⸗ — 110— ner Qual unter dem Anſchein ruhiger Gelaſſenheit zu verbergen. Er näherte ſich Eliſen und reichte ihr die Hand dar. Komm, meine Schweſter, laß uns gehen! Ja, geht, ſagte Obriſt Feodor mit der ſtolzen Ruhe und Ueberlegenheit eines bevorzugten Nebenbuhlers. Er reichte Bertram die Hand dar und fuhr fort: Seien Sie ihr ein guter Bruder und führen Sie Eliſen ſicher und unbemerkt heim. Bertrams ſonſt ſo ſtilles und ruhiges Antlitz nahm einen Moment einen zornigen und faſt verächtlichen Ausdruck an, und bittere Worte ſtanden auf ſeinen Lippen. Aber ſein zürnendes Auge begegnete jetzt zufällig den Blicken Eliſens, welche angſtvoll und flehend auf ihn gerichtet waren. Er konnte ſich nicht überwinden, die dargebotene Hand des Obriſten anzunehmen, aber er überwand zum mindeſten ſeinen Zorn. 3 Komm, meine Schweſter, ſagte er leiſe, indem er ſie nach der Thür hinführte, welche der Obriſt ihm mit einem ſtummen Wink bezeichnet hatte. Eliſe hatte nicht den Muth, ihren Geliebten ohne ein Abſchiedswort zu verlaſſen, oder vielmehr, ſie war grauſam genug, Bertram dieſe Qual nicht erſparen zu wollen. Sie reichte ihrem Geliebten ihre beiden Hände dar. Feodor, ich danke Dir, ſagte ſie leiſe. Gott und die Liebe wird es Dir lohnen, daß Du in dieſer — 111— Stunde groß und edel genug dachteſt, um Dich ſelbſt zu überwinden. Feodor fragte leiſe: Wirſt Du Deines Gue gedenken? Immer und ewig! Er neigte ſich, ihre Hand zu küſſen und flüſterte: So erwarte mich morgen! Ich erwarte Dich! ſagte ſie leiſe, indem ſie lä⸗ chelnd an ihm vorüberging und die Schwelle der Thür überſchritt. Kein Wort ihres Geflüſters war dem aufmerkenden Ohr Bertrams entgangen, er auch hatte ſie verſtanden, denn er auch liebte ſie, und wußte in ihren Augen und ihren Blicken ihre Gedanken zu leſen. Wie er jetzt durch den langen Corridor ihr folgte, und ihre ſchlanke, ätheriſche Geſtalt wie ein Luftgebilde vor ihm hergaukelte, war eine tiefe, verzweiflungsvolle Trauer in ſeinem Herzen, und den thränenumdüſterten Blick gen Himmel richtend, flüſterte er: Morgen er⸗ wartet ſie ihn! Nun wohl, fuhr er dann mit einer verzweiflungs⸗ vollen Entſchloſſenheit fort, nun wohl, ich werde ihn auch erwarten. Und wehe ihm, wenn ich ihm auf ſchlechten Wegen begegne! X. Eine unerwartete Verbündete. Dank Bertrams Fürſorge und Wachſamkeit war es ihm gelungen, Eliſe in ihr väterliches Haus zurück⸗ zuführen, ohne daß ihre Abweſenheit bemerkt worden, oder zu irgend einer Deutung Veranlaſſung gegeben hätte. Sie hatten auf dieſem langen Wege, den ſie im dicht verſchloſſenen Wagen zurücklegten, kein Wort mit einander gewechſelt, ſondern Jeder in die Kiſſen zurückgelehnt, hatten ſie ſich nach ſo viel wechſelvollen und ſtürmiſchen Scenen ein wenig Erholung und Ruhe angedeihen laſſen. Aber Eliſens Hand ruhte immer noch in Bertrams Hand; vielleicht wußte ſie es gar nicht, vielleicht hatte ſie nicht den Muth, ſie dem zu entziehen, welchem ſie ſo viel zu danken hatte. Bertram fühlte die fieberhafte Gluth dieſer zittern⸗ den und brennenden Hand, und wie er Eliſe jetzt an⸗ ſah, wie er die Bläſſe ihrer Wangen, das ſchmerzliche Zucken ihrer Lippen gewahrte, überkam ihn eine tiefe — 113— Troſtloſigkeit, eine erbarmungsvolle Trauer. Er mußte ſich abwenden, um ſie ſeine Thränen nicht ſehen zu laſſen. Als der Wagen hielt und Bertram mit ihr in das Haus getreten war, drückte Eliſe ſeine Hand feſter in der ihren und ihre Augen begegneten ihm mit einem innigen, dankerfüllten Blick, welcher ſein Herz erbeben machte in Entzücken und Schmerz zugleich. Er wollte ſich entfernen, er wollte ihre Hand los⸗ laſſen, aber ſie drückte ſie feſter in der ſeinen und zog ihn leiſe die Stiegen hinauf. Willenlos, ganz erfüllt von einem ſchmerzlichen Entzücken folgte er ihr. Jetzt traten ſie in den Salon, welcher vor Eliſens Zimmern lag; ſie warf einen prüfenden Blick umher, und als ſie ſich überzeugt hatte, daß Niemand außer ihnen Beiden in dieſem Gemach anweſend ſei, wandte ſie das Auge mit einem unausſprechlichen Ausdruck auf Bertram hin. Sie verſuchte zu ſprechen, aber das Wort erſtarb auf ihren Lippen, eine dunkle ze überflog ihre Wangen, und ganz überwäl⸗ nd taumelnd von dem Sturm ihrer eigenen Gefühles lehnte ſie ihr Haupt an ihres Freundes Schulter. Er legte leiſe den Arm um ihre zarte, ſchwankende Geſtalt und ſeine himmelwärts gerichteten Blicke ſtrahlten in einer heiligen Rührung. In der Tiefe ſeines Herzens erneuerte er Gott und ſich ſelber den Schwur der Treue und der hingebenden Liebe für Gotzkowsky. II. 8 — 114— dieſes arme junge Mädchen, welches wie eine zer⸗ knickte Blüthe an ſeiner Bruſt lehnte. Plötzlich richtete ſie ihr Antlitz empor; es war von Thränen überfluthet und zuckte vor innerer Be⸗ wegung. Bertram, flüſterte ſie leiſe, ich weiß, daß ich Deiner edlen und großmüthigen Liebe nicht würdig bin, aber in der Zerknirſchung meines Herzens danke ich dennoch Gott, daß er mir dieſelbe zugewandt. Es mag ſein, daß eine Zeit kommt, in welcher alle die Gefühle und Gedanken, welche jetzt meine Seele erfüllen, mir als nichtige Traumbilder und Illuſionen erſcheinen, ees mag ſein, daß ich eines Tages das ganze Leben als eine große Täuſchung, ein vergebliches Ringen nach Glück und Ruhe betrachten mag, niemals aber, mein Bruder, wird eine Zeit kommen, wo ich an Dir zweifeln könnte, oder Deiner treuen und edlen Liebe vergeſſen möchte. Keinem andern Willen und keinem andern Gefühl wird es jemals gelingen, dieſe tiefe und grenzenloſe Dankbarkeit zu ertödten, welche mein ganzes Weſen für Dich durchglüht, und mich Dir auf ewig verpflichtet. Und jetzt fühlte er etwas wie einen Geiſterhauch über ſein Antlitz wehen, jetzt war es ihm, als ob der Traum und Wunſch ſeines ganzen Lebens ihm in nie geahnter ſeliger Erfüllung die Lippen ſchlöſſe, als ob alle Hoffnungen und alle Sehnſucht dieſes ſo heißen, ſo reſignirten Herzens ſich für einen Moment ver⸗ wirklichen und zur ſüßeſten Wahrheit werden ſollten. — 115— Als er ſich von dieſem ſüßen Entzücken, welches ihn einen Augenblick faſt ſeines Bewußtſeins beraubt hatte, erholte, war Eliſe verſchwunden. Aber ihr Kuß brannte noch auf ſeinen Lippen, und es ſchien ihm, als habe ſie mit dieſem Kuß ſein ganzes Leben geſegnet und verklärt. Doch dieſes träumeriſche Glück dauerte nur eine kurze Zeit, und Bertram erwachte endlich mit ſchmerz⸗ lichem Seufzen aus ſeinen entzückten Phantaſieen, um ſich der qualvollen Stunden wieder zu erinnern, welche er eben durchlebt, um mit verzweiflungsvoller Pein ſich zu ſagen, daß Eliſe für ihn dennoch auf ewig verloren ſei, daß er niemals hoffen könne, ihr Herz, welches ihrem Geliebten mit aller Hingebung ihres leidenſchaftlichen Naturells ſich unterworfen, dieſem entreißen zu können. Er erinnerte ſich gramerfüllten Herzens der letzten Worte der Liebenden. Sie hatten für morgen eine Zuſammenkunft verabredet. Eliſe wollte den ruſſiſchen Obriſten morgen erwarten. Sie wollte dem Zorn ihres Vaters zum Trotz in ſeinem Hauſe ein Rendezvons mit ihm haben. Als Bertram dies dachte, überkam ihn eine ver⸗ zweiflungsvolle Traurigkeit, und mit gerungenen Hän⸗ den, mit hochathmender Bruſt ging er haſtigen Schrittes im Zimmer auf und ab. Wenn dies Gotzkowsky wüßte! ſagte er leiſe zu ſich ſelber. Er würde Eliſe tödten, oder vor Gram ſterben! 8 — 116— Vor Gram ſterben, fuhr er dann nach einer Pauſe ganz verſunken in ſeine traurigen und bittern Empfin⸗ dungen fort. Ach, es ſtirbt ſich nicht ſo leicht vor Gram. Das Herz iſt zähe im Leiden und der Kummer iſt ein langſamer Todtengräber. Ich habe einmal gehört, man könnte vor Freude ſterben, und vorhin, als Eliſe mich mit einem Kuß belohnte, da begriff ich es. Wenn ſie mich liebte, wär's da nicht ein Segen Gottes, ſterben zu können mit dem Bewußtſein ihrer Liebe? Ganz überwältigt von ſeinen eigenen ſchmerzlichen Gefühlen, ſenkte er ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſtand unbeweglich und gramerfüllten Herzens da. Aber plötzlich richtete er ſich wieder empor und ſchüttelte ſein Haupt, als wolle er die dunkle Wolke, welche ſeine Seele umdüſterte, von ſeiner Stirn ver⸗ jagen. 3 Ich bin nicht geboren, um ſolchen Todes zu ſter⸗ ben, ſagte er. Es iſt mir nicht beſtimmt, ſelber glück⸗ lich zu ſein, aber vielleicht Andere vor Unglück zu bewahren. Glücklich kann Eliſe durch dieſe Liebe nicht werden, das fühle ich und weiß ich. Ein Herz, wel⸗ ches liebt, hat, gleich den Schottländern, ein zweites, prophetiſches Geſicht, mit dem es in die Zukunft ſchaut. Eliſe kann ohne ihres Vaters Segen niemals glücklich werden, und nie wird Gotzkowsky dieſer Liebe ſeinen Segen geben. Wie führe ich ſie vorüber an dieſem Abgrund, der ſie bedroht? Hilf mir, mein Gott! Du ſchaueſt in mein Herz. Du weißt, daß es voll Entſagung und Hoffnungsloſigkeit iſt! Hilf —I— — 117— mir, mein Gott, zeig mir ein Mittel, Eliſen zu er⸗ retten, und ihrem edlen Vater den Schmerz zu er⸗ ſparen, welcher ihn bedroht! Vielleicht hatte Gott ſein Gebet erhört, vielleicht erbarmte er ſich dieſes edlen entſagungsvollen Her⸗ zens und ſendete ihm Hülfe. Ein lautes Klopfen an der Thür erweckte Bertram plötzlich aus ſeinem ſchmerz⸗ lichen Sinnen und er eilte nach der Thür, ſie zu öffnen. Vor derſelben ſtand eine verſchleierte Dame, tief in Pelze gehüllt und begleitet von reich gallonirten Livreebedienten.— In geläufigem Franzöſiſch, dem man dennoch an⸗ hörte, daß dies nicht ihre Mutterſprache ſei, fragte ſie, ob hier nicht, wie man ihr geſagt, die Wohnung des Herrn von Brink, des Adjutanten vom General von Tottleben ſei. Als Bertram dieſe Frage beiahete, aber hinzufügte, daß Herr von Brink erſt am Abend von ſeinem General in ſein Quartier zurückzukehren pflege, ſagte die Dame mit entſchloſſenem Ton: So werde ich ihn hier erwarten! Ohne eine zuſtimmende Antwort Bertram's für nöthig zu halten, trat ſie in den Salon, indem ſie ihren Dienern winkte, vor der Thüre zu bleiben. Anfangs trat eine lange Pauſe ein, dann begann zwiſchen ihnen Beiden eine jener oberflächlichen, cere⸗ moniöſen Unterhaltungen, zu welcher diejenigen ihre Zuflucht zu nehmen pflegen, welche einander nichts zu ſagen haben. Aber die ſichtbare Unruhe und Be⸗ 1 — — 118— klommenheit der jungen Dame ſchien ſich nur ſchwer dem Ceremoniell fügen zu können. Ihre großen, glühenden Augen ſchweiften unruhig im Zimmer umher, auf ihren Wangen wechſelte fieber⸗ hafte Röthe mit tödtlicher Bläſſe, und das Lächeln, welches zuweilen um ihre Lippen zuckte, erſchien nur wie ein ſchmerzlicher Krampf ihrer leidenden Seele. Plötzlich richtete ſie das Haupt entſchloſſen empor, unfähig dieſen Zwang länger zu ertragen, und ſich noch länger dieſen läſtigen Feſſeln der Convenienz zu fügen. Mein Herr, ſagte ſie, mit einem Ton, in welchem die ganze Qual und Angſt ihrer Seele vibrirte, ver⸗ zeihen Sie mir eine Frage, an deren Beantwortung mein ganzes Leben, meine ganze Zukunft hängt, und um deretwillen ich von Petersburg hieher gekommen bin. Ich habe ſo eben erſt meinen Reiſewagen ver⸗ laſſen, in dem ich von St. Petersburg hieher geeilt bin. Urtheilen Sie alſo, wie tief und mein ganzes Leben beſtimmend, die Veranlaſſung zu dieſer Reiſe geweſen ſein muß. Der Zweck derſelben liegt in der Frage, welche ich an Sie richten will. Sie ſchwieg und lehnte ſich erſchöpft und athemlos an die Wand. Bertram hatte Mitleid mit ihrer ſchmerzlichen Auf⸗ regung. Fragen Sie, ſagte er, ich gebe Ihnen mein Man⸗ neswort, daß ich Ihre Frage der Wahrheit gemäß beantworten will, und daß ich freudig bereit bin, Ihnen zu dienen, ſo viel ich es vermag. ,— — — 119— Kennen Sie den Adjutanten des Generals von Bachmann? fragte ſie kurz und haſtig. Ich kenne ihn, ſagte Bertram. Sie ſchüttelte ſich wie im Fieberfroſt: Ich bin gekommen, um ihn nach einem Mann zu fragen, von dem ich ſeit ſechs Monaten keine Nachricht habe, ſagte ſie. Ich muß wiſſen, ob er lebt, oder ob er nur mir geſtorben iſt. Sein Name? fragte Bertram, in einer ſeltſamen, ahnungsvollen Spannung. Sie flüſterte kaum hörbar: es iſt der Obriſt Graf Feodor von Brenda vom Regiment Bachmann. Und als Bertram, ganz überwältigt von dieſer überraſchen⸗ den Wendung des Geſpräches, ſchwieg, fuhr ſie mit fliegendem Athem, und angſtvoll bebender Lippe fort: Sie antworten mir nicht? Oh ſein Sie barmherzig, ſprechen Sie. Lebt der Obriſt Feodor von Brenda? Er lebt und iſt hier! ſagte Bertram traurig. Ein Ausruf des Entzückens drang von den Lippen der Dame. Er lebt! jubelte ſie laut. Gott hat alſo mein Flehen erhört, Gott hat ihn mir erhalten! Aber plötzlich erblaßte das freudige Lächeln auf ihren Wangen, und indem ſie traurig das Haupt auf ihre Bruſt ſenkte, murmelte ſie: Er lebt, und iſt nur todt für mich! Er lebt, und hat mir nicht geſchrieben! Einen Moment ſtand ſie, ganz verſenkt in ſchmerz⸗ liches Sinnen, ſchweigend und gebeugt da. Dann richtete ſie ſich wieder empor, und ihre Augen ſtrahlten wieder in Leidenſchaft und Gluth. — 120— Mein Herr, ſagte ſie, verzeihen Sie einer armen Fremden, die kaum weiß, was ſie ſagt und thut. Ich weiß nicht, wer Sie ſind, wie Sie heißen, aber es liegt etwas in Ihrem edlen und ſtillen Antlitz, welches mir Zutrauen einflößt! Bertram lächelte ſchmerzvoll. Diejenigen, welche leiden, ſagte er, fühlen ſich ſtets von der Verwandt⸗ ſchaft des Unglücks zu einander hingezogen. Ich leide gleich Ihnen, und Gott hat es ſo gefügt, daß unſere Leiden aus derſelben Quelle entſpringen, wie es ſcheint. Sie nannten einen Namen, der mir leider nur zu wohl bekannt iſt! Sie kennen den Obriſt Brenda? fragte ſie mit leuchtenden Blicken. Ich kenne ihn, antwortete Bertram traurig. Der Graf war früher als Kriegsgefangener hier, fuhr die Dame leiſe und athemlos fort. Er kam da⸗ mals viel in dieſes Haus, denn wie man mir ſagt, gehört dies Haus einem Herrn Gotzkowsky, von dem mir der Obriſt zu Anfang ſeiner Gefangenſchaft oft geſchrieben, und der ſich ſeiner freundlich angenommen. Schrieb er Ihnen auch von Gotzkowsky's ſchöner Tochter? fragte Bertram, indem er ſeine durchbohren⸗ den Blicke auf das Antlitz der Fremden heftete. Sie zuckte zuſammen und erblaßte. Oh mein Gott, murmelte ſie leiſe, ich habe mich alſo ſchon verrathen! Bertram faßte heftig ihre Hand. Sein Antlitz war durchleuchtet von innerer Bewegung, eine tiefe Rührung ſprach aus ſeinen Blicken. —x— —.,— —,— =— 121— Wollen Sie mir eine Frage beantworten? fragte er leiſe, und als ſie ſtumm nickte, fuhr er fort: Iſt der Obriſt Graf Feodor von Brenda Ihr Bruder? Oh mein Herr, ſagte ſie mit einem matten Lächeln, man leidet um einen Bruder nicht, was ich um Feo⸗ dor gelitten habe. Ich bin die Gräfin Sandomir, und Graf Feodor iſt mein Verlobter. Die gute Kai⸗ ſerin ſelber hat unſere Hände in einander gelegt, und unſern Bund geſegnet. Wenige Tage vor unſerer Vermählung indeß brach der Krieg aus, und entführte mir den Gemahl, und den Geliebten. Seit ſechs Mo⸗ naten erhielt ich keine Nachricht von ihm, und gefol⸗ tert von Angſt und Sorge, entſchloß ich mich, ſelber nach Deutſchland zu gehen, und meinen Verlobten zu ſuchen; entweder um ihn zu begraben, oder um ihn zu pflegen! Ach, ich glaubte, er müſſe todt oder verwundet ſein, da er nicht zu mir zurückgekehrt war. Bertram blickte andächtig zum Himmel empor, und in ſeinem Herzen war ein tiefes Dankgebet gegen Gott. Mit antheilsvoller Rührung richtete er dann ſein Auge auf das zuckende Angeſicht der Fremden. Hören Sie, ſagte er weich. Als Sie in dies Zimmer traten, hatte ich grade, in der Angſt und Traurigkeit meines Herzens Gott angefleht, er möge mir einen Weg und ein Mittel zeigen, uns aus dieſen Irrſalen, in welche uns der Graf Brenda geſtürzt, zu erlöſen. Es ſcheint, als wollte Gott Erbarmen haben mit uns aallen, denn zur rechten Stunde ſendet er Sie, des Obriſten verlobte Braut, und durch Sie allein wird — 122— die Löſung kommen. Wir müſſen uns frei und offen einander gegenüber ſtehen. Hören Sie alſo: Ich liebe Gotzkowsky's Tochter, ich liebe ſie hoffnungslos, denn ſie— liebt einen Andern! Und dieſer Andere? fragte ſie bebend und athemlos. Sie liebt den Grafen Feodor von Brenda!l ſagte Bertram mit einer grauſamen Ruhe.— Sie liebt ihn und ſie will mit ihm entfliehen. Entfliehen! rief die Dame, und ihre Stimme klang wie eine zornige Drohung, und ihre Augen ſchoſſen Blitze. Oh, ſagte ſie zähneknirſchend, ich werde dies zu verhindern wiſſen, und ſollte ich dieſes Mädchen tödten müſſen. Bertram ſchüttelte traurig ſein Haupt. Suchen wir vielmehr dieſe Liebe in ihrem Herzen zu ertödten, ſagte er. Sinnen wir auf ein Mittel, das Ihren Verlobten wieder zu Ihnen zurückführt. Giebt es ein ſolches Mittel? fragte ſie athemlos. Bertram antwortete nicht ſogleich. Seine gedan⸗ kenvolle Stirn war umwölkt und düſter und ſchwere Seufzer hoben ſeine Bruſt. Dann fragte er plötzlich: wollen Sie mir folgen, und auf meine Plane eingehen? Ich will es! ſagte ſie entſchloſſen. So laſſen Sie uns vor allen Dingen beſonnen ſein. Obriſt Feodor darf nicht ahnen, daß Sie hier ſind, denn Ihr Hierſein würde ihn zu einer gewalt⸗ ſamen Entſcheidung treiben, und ich fürchte, Eliſe liebt ihn genug, um dieſe nicht zu ſcheuen! ———Ʒꝙ— — 123— Sie ſind ſehr grauſam! murmelte die Dame. Sie wiſſen nicht, welche Schmerzen Sie mir bereiten. Wenn ich es nicht wüßte, würde ich das nicht unternehmen, was ich für uns Beide unternehmen will, ſagte Bertram traurig. Ich ſagte Ihnen, daß ich Eliſe liebe, aber ich ſagte ihnen nicht, wie heilig, wie tief dieſe Liebe iſt. Ich würde mein Leben freudig für ſie wagen; jetzt aber wage ich mehr, denn ich wage ihre Liebe zu zerſtören, und mir dafür nur ihren Haß zu gewinnen. Sie haben alſo ſchon Ihren Plan? Ich habe einen Plan, und ich ſage Ihnen den⸗ ſelben, wenn Sie mir erlauben, Sie nach Ihrem Hotel zu begleiten, um dort mit Ihnen das Weitere zu verabreden. Kommen Sie, ſagte ſie, heftig ſeine Hand faſſend, möge Gott uns beiſtehen. Möge er Ihnen die Braut und mir den Geliebten wieder geben. ———— XI. Der Münzjnde Ephraim. Viel Jammer und Noth gab es in dieſen Tagen der Bedrängniß für alle Einwohner Berlin's. Aber am traurigſten und am meiſten von Furcht gefoltert waren die Berliner Juden, und ihnen auch drohte die meiſte Gefahr. Sie, welche in Berlin, wie überall, nur ein geduldetes, geſchmähetes und verhöhntes Daſein führten, ſie, für welche es keine Rechte, ſondern nur Pflichten, keine Ehre, ſondern nur Demüthigungen, keine Würden, ſondern nur Ernie⸗ drigungen und Schmach gab, ſie ſollten auch noch das Einzige und Letzte hingeben, welches über ihre arme, zertretene Exiſtenz einen Schimmer des Glanzes ausgoß, ſie ſollten ihr Gold und ihre Schätze verlieren. Der ruſſiſche General forderte von der Judenſchaft in Berlin noch eine beſondere Brandſteuer, und als ſie ſich weigerte zu zahlen und ſich außer Stande erklärte, noch eine ſo bedeutende Summe aufzutrei⸗ ben, ließ der General von Tottleben die drei Aelteſten — 125— der Judenſchaft verhaften, und in ſeinem Quartier im Vincentiſchen Hauſe in der Brüderſtraße ſtrenge bewachen!*) Wer aber hätte die armen Juden verachten und ſchelten wollen, weil ſie ihr Gold nicht freiwillig her⸗ geben mochten! Das Gold war damals für die Ber⸗ liner Juden ihre Exiſtenzfrage, ihre Zukunft, ihr Glück, ihre Familie, das Gold machte, daß es min⸗ deſtens Einzelnen von ihnen gelingen konnte, ſich aus dem Staub und der Erniedrigung zu erheben, in welche die grauſame Härte der„chriſtlichen Liebe ſie gebannt hatte, und ſich menſchlichen Hoffnungen, menſchlichem Glück und menſchlichem Empfinden hin⸗ zugeben. Nur wer Geld beſaß, ward in Berlin geduldet, und durfte hoffen, durch angeſtrengten Fleiß, durch nie raſtende Thätigkeit und glückliche Specula⸗ tionen ſich genug Reichthümer zu erwerben, um mit denſelben ſich das Recht erkaufen zu können, eine Familie begründen, Kinder haben zu dürfen. Denn auch das Glück der Familie war ihnen nur geſtattet, wenn ſie reich waren. Friedrich der Große hatte mit Entrüſtung erfahren, daß die Zahl der Judenfamilien in Berlin die geſetz⸗ lich erlaubte von einhundert und zwei und funfzig bei weitem überſteige und daß man deren ein und funfzig mehr zähle. Deshalb ging ſein ſtrenger Be⸗ *) Preuß. Friedrich d. Gr. III. S. 428. — 126— fehl dahin, daß die Juden nicht mehr nach Familien, ſondern nach Köpfen gezählt werden ſollten, und wenn die Judenköpfe ſich über die erlaubte Zahl verſteige, ſo ſollten die ärmſten und liederlichſten Juden alle⸗ mal weggeſchafft werden*). Das Gold war alſo den Juden ſogar ihr Hei⸗ mathsſchein, und für den Armen gab es nicht einmal die Sicherheit eines Aufenthaltes, er konnte zu jeder Stunde ausgewieſen, zu jeder Stunde aus Berlin vertrieben werden, wenn irgend ein reicher Jude ſich durch ſeine Reichthümer und ſeinen Handel das Recht erworben, nicht allein eine Frau zu nehmen, ſondern auch durch ſein Weib der Vater eines Kindes zu werden. Aber auch nur Ein Kind durfte er haben, denn nur Ein Kind war geſetzlich geduldet, nur auf Ein Kind konnten die reichen Schutzjuden den Schutz ver⸗ erben, und nur in ſeltenen Ausnahmen, nur wenn die von den Juden gegründeten Fabriken und Ma⸗ nufacturen beſonders gut gediehen, geſtattete ihnen der König in der Fülle ſeiner Gnade, noch auf ein zweites Kind den Schutz zu vererben**). Was half es alſo den armen Juden, wenn ſie kummervoll und gehetzt von der Angſt um ihre Exi⸗ *) Büſchings Reiſe von Berlin nach Rekahn. Frank⸗ furt und Leipzig 1780. **) Annalen der Juden in den preußiſchen Staaten, beſonders in der Mark Brandenburg. Berlin, bei Unger. — 127 ſtenz ſich ſo viel erarbeitet hatten, um den ſchmach⸗ vollen Judenleibzoll zu erlegen, und ſich dadurch mindeſtens ein augenblickliches Geduldetſein zu er⸗ kaufen, ſie konnten doch jede Stunde von dannen getrieben werden, wenn der reiche Ephraim, oder der reiche David Itzig in dem Uebermuthe ſeines Glückes ſo kühn war, mehr als ein Kind nicht allein in die Welt zu ſetzen, ſondern auch anſetzen zu wollen, das heißt, ſich für daſſelbe mit dreitauſend Thalern einen zweiten Schutzbrief zu erkaufen. Was half es ſelbſt den reichen Münzjuden Ephraim und Itzig, daß ſie reich waren, ſie waren doch ge⸗ bannt in die Schande ihres Stammes, es gab doch für ſie keine Privilegien und keine Aemter, ſie durften doch nur Handel treiben oder Fabriken anlegen, und alle andere Bahnen des Lebens, ſelbſt der Landbau und die Gartenkultur war ihnen unterſagt!*). Und jetzt ſollten ſie ihren Lebensſaft, den Nerv ihres gan⸗ zen Daſeins, das Herz, welches ihrem ganzen Orga⸗ *) Auf eine, die Juden betreffende, Verordnung ſchrieb Friedrich d. Gr. eigenhändig an den Rand:„Es ſollen keine Inden Privilegien kriegen, es ſei denn, daß ſie neue Fabriken anlegen, ſonſten bleibt immer dieſelbige Zahl Familien.“— In einer andern Kabinetsordre von 1764 ſagt er:„Wir haben aus Eurem Bericht erſehen, daß die Juden ſich beigehen laſſen Kühe zu pachten. Wir laſſen Euch bei dieſer Gelegenheit wiſſen, daß Uns dies mißfällt, und Wir wollen, daß dieſe Pachtungen land⸗ wirthſchaftlicher Gegenſtände von Seiten der Juden auf⸗ hören und nicht ferner erlaubt werden.“ — 128— nismus Blut und Wärme zuführte, jetzt ſollten ſie ihr Geld hingeben an die Ruſſen! Ephraim und Itzig waren reich und mächtig in Berlin; ſie konnten Häuſer bauen, Fabriken anlegen, und ſogar den Werth des Geldes beſtimmen, denn die Münze war in ihren Händen. Sie hatten ſie vom Könige in Pacht genommen, und zahlten für dieſelbe eine ungeheure Pachtſumme, welche mit jedem Jahre geſteigert wurde, und im Jahr 1760 z. B. ſich auf ſieben Millionen bhelief. Aber Dank dieſer Münzpachtung der Juden ſtieg auch der Werth des Geldes auf eine ungeheure Art, und man zahlte für einen Friedrichsd'or zwanzig Thaler, für die Mark feines Silber fünf und dreißig Thaler. Dank den Bemühungen der Münzjuden gab es viele Millionen leichten Geldes, viele Millionen ſchlech⸗ ter Achtgroſchenſtücke, die noch heute unter dem Na⸗ men der Ephraimiten berühmt ſind, und deren Außercoursſetzung ſpäter Tauſende redlicher und ach⸗ tungswerther Kaufleute in Unglück und Schande ſtürzte, während die Herren Ephraim und Itzig aller⸗ dings dadurch reich und mächtig geworden waren. Aber jetzt war es grade ihr Geld, welches ſie in's Unglück ſtürzte, und ihnen Qual und Todesangſt bereitete, denn der General von Tottleben hatte ge⸗ droht, wenn die Judenſchaft die ihnen auferlegte Brandſteuer nicht zahlen könne, die Münzjuden als Geißeln mit ſich fortzuſchleppen, und die ihnen zuge⸗ — 129— hörigen Fabriken zerſtören zu laſſen. Er hatte, wie geſagt, außerdem die Aelteſten der Judenſchaft ge⸗ fangen genommen und geſchworen, ſie nach Sibirien ſchleppen zu laſſen, wenn die Inden nicht zahlen wollten. In drei Tagen ſollte die Zahlung geleiſtet werden, aber die drei Tage waren verſtrichen, ohne daß die armen, geängſteten Juden im Stande geweſen, die enorme Baarſumme, welche man von ihnen forderte, aufzubringen. In dieſer Noth und Angſt ihres Herzens gedachten die Münzjuden Ephraim und Itzig des Mannes, den ſie bis dahin glühend gehaßt, und den zu vernichten, ſie als den heißeſten Wunſch ihres Lebens betrachteten. Jetzt erinnerten ſie ſich, daß Johann Gotzkowsky der Einzige ſei, welcher in der Großmuth und Güte ſei⸗ nes Herzens im Stande ſein möchte, früher ihm an⸗ gethane Beleidigungen und Schmibungen zu ver⸗ geſſen, und nur ihrer Noth und ihres Unglücks zu gedenken. Sie entſchloſſen ſich alſo zu ihm zu gehen, und ſeinen Beiſtand und ſeine Fürſprache zu erflehen, aber indem ſie das thaten, ſeufzten ſie, fühlten ſie den Haß und Geoll, der ihr Herz für Gotzkowsky erfüllte, ſich nur noch ſteigern und höher anſchwellen. Wer hätte das gedacht, ſagte Ephraim, indem er an Itzig's Seite, und begleitet von einigen der reichſten jüdiſchen Kaufleute den Weg nach Gotzkowsky's Woh⸗ nung einſchlug, wer hätte das gedacht. Der großmäch⸗ Gotzkowsky. II. 9 — 130— tige ruſſiſche General von Tottleben iſt ein Freund von Gotzkowsky, und die größten Männer von unſern Leuten müſſen nun demüthig in Gotzkowsky's Haus kommen, und wie die Bettler um ſeinen Schutz flehen. Ja, wir müſſen um Schutz bei ihm flehen, ſeufzte der reiche Kaufmann David, und was iſt er doch gegen Euch, Ephraim. Ihr ſeid doch viel reicher als er. Ephraim zuckte zuſammen, und blickte ſcheu um⸗ her. Schweigen Sie, unglückſeliger Menſch, ſagte er. Arm bin ich, ganz arm, darum kann ich nichts zahlen. Arm bin ich, wie wir Alle, wir arme Juden. Müſſen wir nicht ſchon das Meiſte beiſteuern zu der Kriegs⸗ ſteuer? Sind nicht alle unſere Mittel erſchöpft? Ift's nicht genug? Zu viel iſt es! ſeufzte der reiche Itzig, welcher bis jetzt traurig und in ſich gekehrt an Ephraim's anderer Seite dahingeſchritten war. Zu viel iſt es! Behan⸗ delt man uns ſonſt, wie Menſchen? Haben wir ſonſt Rechte? Nur wenn wir zahlen ſollen, erinnert man ſich, daß wir eine Rechte haben, um unſer ſauer er⸗ worbenes Eigenthum fortgeben zu können. Wenn der Jude aber kein Geld hat, iſt er kein Menſch, ſage ich. Ach was, Menſch, rief Ephraim, wer kein Geld hat, iſt kein Menſch, gleichviel ob er Jude oder Chriſt iſt. Wenn Gotzkowsky kein Geld hat, iſt er auch nicht mehr als wir. Warum verkehrt der ruſſiſche General bei ihm? Weil Gotzkowsky reich iſt. Warum hofiren die Grafen und Herren ihm? Weil er reich —— — 131— iſt. Warum nennen ſie ſeine Tochter einen Engel, und ſagen, ſie ſei das ſchönſte Mädchen von Berlin? Weil ihr Vuie der reichſte Mann von den chriſtlichen Kaufleuten in Berlin iſt? Die ganze Welt bewun⸗ dert ihn und kennt ihn. Und warum? Weil er reich iſt! Kein Menſch iſt reich, ſagte Itzig kopfſchüttelnd. Denn wer nicht Alles hat, der iſt nicht reich. Es giebt keinen Reichthum. Wer viel hat, der muß viel geben! Gott ſei's geklagt, wir werden viel geben müſſen, wimmerte Ephraim, und alle ſeine Begleiter bildeten mit ihrem Aechzen und Stöhnen den Chor zu ſeiner Rede. Ja, ſie werden uns Alles nehmen, was wir haben, und unſer Itzig hat ganz Recht: wenn der Jude kein Geld hat, iſt er kein Menſch! Haben wir z. B. jetzt nicht geduldet, wie alle Andern? Haben wir nicht unſere Leute geſchützt, und unſere Armen beköſtigt, und ſie aufgenommen in unſere Häuſer? Keiner ſpricht davon, aber von Gotzkowsky ſpricht die ganze Stadt! Hier loben ſie ihn, da preiſen ſie ihn, überall ſchreien ſie ſeinen Namen, daß einem das Herz im Leibe erzittert vor Aerger. Und er iſt doch höchſtens eine Million werth. Er iſt mehr werih. ſagte Itzig me lancholiſch, viel mehr iſt er unter Brüdern werth, denn er beſitzt die Gnade des ruſſiſchen Generals. Wir müſſen uns daher vor ihm beugen, wir müſſen ihm ſchmeicheln, und ihn unſerer ewigen Dankbarkeit verſichern, denn 986 — 132— es handelt ſich um mehr, als das Leben,— es han⸗ delt ſich um Geld. Sie ſeufzten ſchwer auf und wimmerten leiſe: Ja, wir müſſen uns vor ihm beugen, und ihm ſchön thun, und ſind doch reicher als er! So lange ſie auf der Straße waren, zeigten ihre Mienen Stolz und Aerger, aber als ſie dann in Gotzkowsky's Haus eintraten, als ſis ihm gegenüber ſtanden, war ihr ganzes Weſen Milde, Demuth und Freundlichkeit. Mit Thränen beſchworen ſie Gotz⸗ kowsky ſich ihrer zu erbarmen, und für ſie beim Ge⸗ neral Tottleben um Gnade und Mitleid zu flehen. Sie ſchwuren ihm ewige Dankbarkeit, und betheuer⸗ ten mit heiligen Eiden, daß wenn es ihm gelänge, die Judenſchaft von der Brandſteuer zu befreien, ſie ihn ewig lieben, und ihm ewig dankbar ſein würden. Gotzkowsky lächelte mitleidig. Das heißt, ſagee er achſelzuckend, Ihr würdet es mir niemals vergeben, daß ich Euch zu Dank verpflichtet habe, und wenn es in Eurer Macht ſtände, würdet Ihr mich doch ruiniren. Aber ich frage nicht danach. Dieſe Brand⸗ ſteuer iſt eine ſchreiende Ungerechtigkeit, und darum will ich für Euch ſprechen, denn man ſoll nicht ſagen, daß Gotzkowsky eine Ungerechtigkeit duldete, wenn er ſie verhindern konnte. Geht ruhig heim, wenn ich kann, helfe ich Euch! Wie hochmüthig dieſer Mann iſt, ſagte Itzig, als ſie Gotzkowsky wieder verlaſſen hatten, thut er nicht, — 133— als ob er die Tugend und die Ehre für ſich allein gepachtet habe, wie wir die Münze? Nun, wenn ers gethan hat, lachte Ephraim, wenn er's ganze Capital von Tugend und Ehre gepachtet hat, ſo hat er's doch auch nur gethan, um einen guten Handel damit zu machen, und ſeine Tugend iſt ſo gut Speculation, wie's unſer Münzgeſchäft iſt, und er wird ſie auch in leichten Achtgroſchenſtücken ausmünzen, und die Leute damit anführen, um zu ſeinen Koſten zu kommen, juſt wie wirs thun! Aber wehe ihm, murmelte Itzig grollend, wenn einſt ſo'n leichtes Achtgroſchenſtück ſeiner Tugend in meine Hand kommt. Ich will'’s ihm in's Geſicht ſchleudern, daß es blutet, und ich werd's ihm nie vergeben, daß wir haben heulend und bettelnd vor ihm ſtehen müſſen. Wenn er einſt in Noth iſt, werd' ich daran denken! Wenn der Jude kein Geld hat, iſt er kein Menſch. Nun, wir werden einmal ſehen, was dieſer Herr Gotzkowsky iſt, wenn er kein Geld hat. Denn, ich ſag's Euch, wir werden das noch erleben! Er hat zu viel dumme Großmuth, und die wird ihm eines Tages fortlaufen mit ſeinem Geld⸗ beutel, und dann wird bei ihm auch alles futſch ſein, die Ehre und die Tugend, Alles futſch und gar nicht dageweſen! Und kein Menſch wird mehr ſpre⸗ chen pe großen Gotzkowsky und von ſeiner Tugend. Ich freue mich auf die Zeit! Aber jetzt freu' ich mich doch, daß er die Macht hat, uns zu helfen! . ⁵ 3 XII. Der ruſſiſche General und das deutſche Herz. Die Juden hatten Gotzkowsky's Haus kaum ver⸗ laſſen, als er ſich, noch ganz erfüllt von den wichti⸗ gen Nachrichten, welche ihm der General Bachmann gebracht, in die Wohnung des Generals von Tott⸗ leben begab, feſt entſchloſſen, Alles zu wagen, um dieſen grauſamen Befehl, welcher die Fabriken und Manufacturen bedrohete, zu hintertreiben. Aber nicht dies allein war es, was ihn hergeführt. Er kam als der Anwalt der ganzen Stadt. Jeder, welcher der Hülfe bedurfte, hatte ſich an ihn gewandt und Allen hatte er ſeine Fürbitte verſprochen. Mit Bitten und Beſchwerden von dem Magiſtrat, der Kaufmannſchaft und den Bürgern Berlins belaſtet, betrat Gotzkowsky jetzt die Wohnung des ruſſiſchen Generals. Seine Seele war voll feierlicher, edler Begeiſte⸗ rung, und indem er die Säle durchſchritt, um ſich in das Kabinet des Generals zu begeben, ſagte er zu ſich ſelber: dies iſt die wichtigſte Sendung meines Lebens, denn das Wohl der ganzen Stadt hängt da⸗ — 135— von ab. An jedem Worrte, welches ich zu ſagen habe, hängt eine Million von Thränen oder von Geld. Ich habe viel gekämpft in dieſen Tagen, aber heute gilt es den ſchwerſten Kampf, und meine Zunge iſt das Schwert, mit welchem ich ſiegen muß! Mit ſtrahlendem Angeſicht, mit leuchtenden Augen, ſein ganzes Weſen durchglüht von der Heiligkeit ſei⸗ ner Sendung, betrat Gotzkowsky das Kabinet des Generals. Graf Tottleben hieß ihn nicht, wie ſonſt, freund⸗ lich willkommen, er blickte nicht einmal von den De⸗ peſchen, welche er eben geleſen, zu Gotzkowsky auf, und ſeine finſter zuſammengezogenen Augenbrauen, der ganze Ausdruck ſeiner Mienen wäre wohl im Stande geweſen, das Wort der Bitte und des Flehens zurückzuſcheuchen. Der General war in dieſer Stunde ein echter Ruſſe, und Dank den D epeſchen des Generals von Fer⸗ more, war es ihm gelungen, ſein deutſches Herz zur Ruhe zu bringen. Er hoffte und wollte es wenig⸗ ſtens, und deshalb vermied er es, den klaren, leuch⸗ tenden Augen Gotzkowsky's zu begegnen. Nachdem er, ohne ihn zu beachten, die Papiere zu Ende ge⸗ leſen, ſtand er auf und begann auf und ab zu gehen. Nur wie durch Zufall gewahrte er alsdann Gotz⸗ kowsky und blieb ſtehen. Ihr ſeid ſchon wieder da? fragte er mit finſter grollendem Ton. Kommt gewiß wieder um allerlei unnützes Zeug zu bitten. Ich kann ſolche ewigen — 136— Heuler und Bittſteller nicht leiden. Erbärmliches Geſindel, welches immer zu unſern Füßen kriecht. Ja, das iſt erbärmliches Geſindel, Excellenz, ſagte Gotzkowsky lächelnd. Deshalb werden auch die Ruſſen im ganzen Europa verachtet. Den Vornehmen gegen⸗ über kriechen ſie wie die Hunde und gegen Niedrige und Arme ſind ſie grob und unverſchämt. Ich bin ganz Eurer Meinung, Excellenz. Ich ſprach nicht von den Ruſſen, rief der Gene⸗ ral, indem er Gotzkowsky ſein finſteres Antlitz zu⸗ wandte. Ich ſprach von Euch. Den ganzen Tag habt Ihr zu bitten und zu fordern. Gotzkowsky begegnete ſeinem finſtern Anſchauen mit ruhiger und lächelnder Gelaſſenheit. Verzeiht, Excellenz. Ihr fordert, und eben weil Ihr immer fordert, muß ich immer bitten, ſagte er. Und im Grunde genommen, bitte ich bei Euch doch immer nur für Euch. Tottleben ſah ihn mit fragenden, verwunderten Blicken an, aber er ſchwieg. Gotzkowsky fuhr fort: Ich bitte nicht um Gnade, ſondern um Gerechtigkeit, und wenn Ihr dieſe ge⸗ währt, ſo iſt das eigentlich nur ein Gewinn für Euch ſelber, Excellenz. Denn die Welt wird Euch preiſen wenn Ihr nicht bloß tapfer, ſondern auch gerecht ſeid und Den allein wird die Geſchichte ehren als den wahrhaft Großen, der als Sieger gerecht und menſch⸗ lich iſt. Durch das Schwert geſiegt haben ſchon die Vandalen, und wenn es bloß auf die entfeſſelte — 137— rohe Kraft ankäme, ſo würden ja die losgelaſſenen Stiere allemal die größten Feldherren ſein. Graf Tottleben ſchleuderte einen wilden, zornigen Blick zu ihm hinüber. Deshalb iſt Der ein Thor, der einen Stier zu reizen wagt, rief er drohend. Gotzkowsky verneigte ſich und lächelte. Es iſt wahr, ſagte er, man muß ihm niemals einen rothen Mantel zeigen, man muß ihn bezähmen durch ein edles, unerſchrockenes Angeſicht. Der Stier iſt macht⸗ los gegen den Geiſt, der ihm aus den Menſchenaugen entgegen blitzt. Vielleicht war es die Keckheit dieſer Antwort, welche dem an ruſſiſche Unterwürfigkeit gewöhnten General wohlgefiel. Seine Züge nahmen plötzlich einen weichern Ausdruck an, und indem er vor Gotz⸗ kowsky ſtehen blieb, ſagte er milder: Ihr ſeid ein ſeltſamer Menſch, und es nützt nichts, mit Euch zu ſtreiten. Man muß Euch ſchon den Willen thun. Sagt's ſchnell heraus, was wollt Ihr von mir? Gerechtigkeit! rief Gotzkowsky. Ihr habt mir Euer Wort gegeben, daß Eure Soldaten nicht rauben und plündern ſollten, und dennoch thun ſie es. Das iſt nicht wahr, rief der General mit ſeiner Donnerſtimme. 4 Es iſt wahr! ſagte Gotzkowsky ruhig. Wer wagt es, mir zu widerſprechen? rief Tott⸗ leben, und mit zornblitzenden Augen, bebend vor Zorn, ſchritt er auf Gotzkowsky zu. Ich wage es! ſagte Gotzkowsky gelaſſen. Ich wage — 138— es, wenn Ihr es ein Wagniß nennen wollt, daß ich Euch eines Irrthums überführe. Ich ſelber habe es geſehen, wie Eure Soldaten mit ihren Kolben flüch⸗ tende Weiber niederſchlugen und raubend und plün⸗ dernd in die Häuſer eindrangen. Eure Befehle wer⸗ den ſchlecht befolgt, Excellenz, und Eure Soldaten thun es an Rohheit und Grauſamkeit faſt den Oeſter⸗ reichern gleich. Ueber Tottleben's Antlitz flog ein leiſes Lächeln. Gotzkowsky hatte es gut verſtanden, ſeinen Zorn zu ſänftigen. Faſt doch nur! ſagte er. Wehe meinen Soldaten aber auch, wenn ſie die Oeſterreicher erreichen ſollten an Rohheit. Sin haſtigen Schritten ging er durch das Gemach und rief ſeinen Adjutanten. Schickt Patrouillen durch die ganze Sindt befan er, als ſein Adjutant eintrat, ertheilt allen Soldaten den ſtrengen Befehl, daß ſie gute Mannszucht halten. Wer es wagt, zu plündern und zu rauben, der han⸗ delt gegen das Kriegsgeſetz und ſoll ſofort nach dem Kriegsgeſetz verurtheilt werden. Der Galgen für die Diebe und Marodeurs. Das ſagt meinen Regimen⸗ tern, und ſie wiſſen ſchon, daß General Tottleben ſein Wort hält. Seid Ihr nun zufrieden? fragte er Gotzkowsky, als der Adiutant wieder hinansaegandin war. Ich danke Euch, Exeell enz! ſagte Gotzkowsky zögernd. 3 — — 139— Gott ſei Dank, daß Ihr endlich zufrieden ſeid und nichts mehr zu bitten habt, rief Tottleben faſt heiter. Oh doch, Excellenz, ich habe noch ſehr viel zu bitten, ſagte Gotzkowsky, und wenn Ihr es erlaubt, möchte ich zuerſt eine Frage an Euch richten. Ihr habt ſo eben einen Armeebefehl ertheilt. Wie hoch hinauf gilt dieſer Befehl? Wie hoch hinauf? fragte der General verwundert. Ich meine, hat der Armeebefehl, welcher den Soldaten bei Todesſtrafe verbietet zu plündern und zu rauben, hat er nur Kraft für den gemeinen Mann, oder muß der hohe wie der niedrige Soldat ſich ihm fügen? Ich wollte es Jedem rathen! rief Tottleben mi einem rauhen Lachen. Der Befehl gilt für Alle! Auch für die höchſten Offiziere? Kein General iſt davon ausgenommen!— Gotzkowsky richtete ſich höher auf, und indem er dem General einen Schritt näher trat, ſagte er mit mächtiger Stimme: Dann, Herr General, verklage ich bei Euch einen Offizier, der es wagen will, Eurem Armeebefehl zuwider zu handeln. Ihr habt bei ſchwe⸗ rer Strafe verboten zu rauben und zu plündern, er will es aber dennoch wagen. Ihr habt ſtrenge be⸗ fohlen, die Armee ſoll gute Mannszucht halten und nicht die Wehrloſen mißhandeln und verhöhnen, und dennoch will ein General es thun!. Das Geſicht Tottleben's war blaß geworden vor — 140— Zorn und ſein Auge ſchoß wilde Blitze. Wer wagt das? rief er. Nennt mir den Namen dieſes Ge⸗ nerals! Es iſt der General von Tottleben! ſagte Gotz⸗ kowsky ruhig. Graf Tottleben trat entſetzt einen Schritt zurück und ſtarrte ihn an. Aber Gotzkowsky ſchlug das Auge nicht zu Boden, ſondern begegnete ſeinen wild⸗ funkelnden Blicken mit ruhigem Auge. Seid Ihr von Sinnen? fragte der General nach einer langen Pauſe. Iſt Euch Euer Leben ſo zur Laſt, daß Ihr es durchaus verlieren wollt? Mein fallendes Haupt würde nur eine Beſtäti⸗ gung deſſen ſein, rief Gotzkowsky feierlich, was ich * behaupte: daß nämlich der General von Tottleben einen Armeebefehl giebt und ihn ſelber nicht reſpec⸗ irt, daß er ſeinen Soldaten das Rauben und Plün⸗ dern bei Todesſtrafe verbietet und es doch ſelber thut! Das Uebermaaß dieſer Kühnheit übte auf den General ganz die Wirkung aus, welche Gotzkowsky berechnet, und bei welcher er ein wenig auf die Löwen⸗ natur Tottlebens ſpeculirt hatte. Der General, ſtatt dieſen tollkühnen Widerſacher zu vernichten, fand Ge⸗ fallen an ſeinem Trotz, und es ſchmeichelte ihm, daß man ihn für ſo großmüthig hielt, nicht Rache nehmen zu wollen für ſo beleidigende Worte. Hört, Freund, ſagte er, Ihr ſeid ſo überaus keck, daß es mich lachen macht. Der Seltſamkeit wegen will ich h weiter hören und verſuchen, gelaſſen zu dem Heroſtratus durch Feuer und Brandſtiftung un⸗ — 141— bleiben. Sprecht alſo weiter. Aber ich ſage Euch, beweiſt, was Ihr ſagt! Klagt mich an, aber wehe Euch, wenn ich mich rechtfertige!— Ein deutſches Sprüchwort ſagt: Die kleinen Diebe hängt man auf, die großen läßt man laufen! ſagte Gotzkowsky achſelzuckend. Ihr wollt dies Sprüch⸗ wort wahr machen, Excellenz. Den Soldaten, der plündernd in ein Haus eindringt, verurtheilt Ihr, aber der General bleibt ſtraflos, der eine ganze Stadt verwüſtet und in rohem Siegesübermuth ſich gleich ſterblich machen will! Wagt nicht zu viel auf meine Langmuth, unter⸗ brach ihn Tottleben, indem er drohend den Arm gegen den kühnen Sprecher ausſtreckte. Heroſtratus war ein Tempelſchänder! 3 Ihr ſeid's nicht minder, rief Gotzkowsky. Ihr wollt mit frevelnder Hand den Feuerbrand in die heiligen Tempel der Arbeit ſchleudern. Heroſtratus zerſtörte nur den Tempel einer geträumten Gottheit. Ihr aber, Excellenz, Ihr ſeid viel ſchlimmer als Heroſtratus, Ihr wollt Fabriken zerſtören. Wißt Ihr, was das heißt?— Das heißt, dem armen Mann das Stück Brot entziehen, welches er im Schweiße ſeines Angeſichts für Weib und Kind verdient! Es heißt, Dem, welcher nichts beſitzt, als ſeine Hände und ſeine Körperkraft, es heißt, Dem auch ſein ein⸗ ziges Recht entäußern wollen, das Recht auf die Arbeit! Ihr wollt die Gold⸗ und Silbermanufak⸗ — 142— tur zerſtören! Ihr wollt das Lagerhaus yerbrennen laſſen? Ihr wollt die Meſſingwerke in Neuſtadt⸗ Eberswalde niederreißen? Weshalb dies Alles? Weshalb wollt Ihr dies Denkmal Eures Vandalis⸗ mus hier zurücklaſſen?— Weil Eure Kaiſerin mi unſerm König zürnt! Weil der Feind ſich am Feinde rächen will! unter⸗ brach ihn der General. Thut das! rief Gotzkowsky lebhaft. Rächt Euch an Eurem Feinde, wenn das wüſte Zerſtören ſeines Eigenthums Euch eine edle Rache deucht. Zerſtört des Königs Schlöſſer, raubt ihm, wenn Ihr wollt, ſein edelſtes Vergnügen, raubt ihm ſeine Bilder, thut es darin den Sachſen gleich, welche geſtern Charlot⸗ tenburg zerſtörten. Sendet Eure Soldaten in mein Haus, dort hängen herrliche Gemälde, welche ich auf Befehl des Königs in Italien eingekauft habe. Ich weeiß, daß der edle König ſich darauf freut, ſie einſt nach Sansſouci zu bringen. Aber rächt Euch, nehmt ihm ſeine Bilder. Legt Feuer an die edlen Werke der Kunſt, aber nicht an das Eigenthum der Armuth. Er hatte mit edlem Feuer, mit glühender Beredt⸗ ſamkeit geſprochen, und wider ſeinen Willen war Tott⸗ lebens deutſches Herz wieder in ihm wach geworden, und es drängte ihn zur Milde, zum Erbarmen. Aber er wollte es nicht hören. Die Depeſchen des General von Fermore lagen vor ihm und zwangen ihn zur Härte. Ihr glaubt weiſe zu reden und ſchwatzt doch nichts — 143— als tollkühnen Unſinn! ſagte er mit erzwungener Strenge. Wer denkt daran, das Eigenthum der Ar⸗ muth zu zerſtören? Das Eigenthum des Königs ſoll zerſtört werden, weiter nichts! Aber die Gold⸗ und Silbermanufaktur und das Lagerhaus ſind nicht das Eigenthum des Königs! rief Gotzkowsky lebhaft. Kein Heller fließt davon in Königliche Kaſſen. Das Geſicht des Generals erheiterte ſich und faſt freudig wiederholte er: Nicht in Königliche Kaſſen? Wohin denn? Das Geld, Excellenz, ſagte Gotzkowsky feierlich, das Geld, was aus der Gold⸗ und Silbermanufaktur und dem Lagerhaus verdient wird, hat einen rühren⸗ den und ſchönen Zweck. Ihr ſeid vielleicht auch Vater, habt vielleicht auch Kinder, und wenn Ihr in die Schlacht geht, denkt Ihr wohl an ſie, ſprecht ein ſtilles Gebet, überantwortet Eure Kinder dem Schutze Gottes und bittet ihn, daß er ſie nicht zu Waiſen mache. Graf Tottleben murmelte einige nnverſtändliche Worte, und ſtreckte abwehrend die Hand aus. Seine Lippen zitterten, und unfähig, ſeine Nüßrung zu ver⸗ bergen, wandte er ſich ab. Gotzkowsky rief freudig: Oh, ich ſeh's an Euren* Augen, die Ihr vergebens zwingen wollt, mich zornig anzuſchauen, ja, Ihr ſeid Vater! Nun denn, Vater, ſchont der Waiſenkinder! Von dem Ertrag der Gold⸗ und Silber⸗Manufaktur und des Lagerhauſes wird — 144— das neue, große Waiſenhaus in Potsdam erhalten. Oh, ihr könnt nicht ſo grauſam ſein, den armen Kin⸗ dern, welchen der erbarmungsloſe Krieg den Vater nahm, auch noch die letzte Hülfe, die letzte Zuflucht zu entreißen. Der General trat auf ihn zu, und faßte heftig ſeine Hand. Gott iſt mein Zeuge, daß ich das nicht will. Aber iſt dies Alles auch gewiß? Sprecht Ihr auch die Wahrheit? Ja. Es iſt die Wahrheit! Könnt ihrt's beſchwören? Mit einem heiligen Eide! Der General ging ſchweigend einige Male im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor Gotzkowsky ſtehen, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Hört, ſagte er, man macht mir da drüben oft den Vorwurf, daß ich zu weich und erbarmensvoll ſei. Aber immerhin! Ich will noch einmal meinem weichen Sinne folgen, und den Befehlen, welche man mir gegeben hat, zuwider handeln. Ihr müßt mir dabei behülflich ſein! Bringt das, was Ihr mir eben geſagt habt, zu Papier, ſchreibt es auf, daß dieſe Gebäude, welche ich zerſtören ſollte, nicht das Eigenthum des Königs, ſondern des Waiſenhauſes ſind, bekräftigt es mit einem heiligen Eide, und Eures Namens Unter⸗ ſchrift und Siegel. Wollt Ihr das thun? Mit Freuden will ich es, rief Gotzkowsky ſtrah⸗ lenden Angeſichts. Nie habe ich mit freudigerem Herzen meine Unterſchrift gegeben, als zu dieſem — 145— Atteſt, das auf uns Beide, Excellenz, die Segnungen von vielen Kinderherzen niederruft. Er trat zu dem Schreibtiſch des Generals, und ſeinem Winke folgend, ſetzte er ſich und ſchrieb. Tottleben ging mit ineinander geſchlagenen Armen, ſinnend auf und ab. Seine Züge waren jetzt ge⸗ dankenvoll und milde, keine Spur der früheren zor⸗ nigen Wildheit war darin zu finden. Einmal blieb er ſtehen und murmelte leiſe: Die Waiſenkinder darf man nicht berauben. Eliſabeth hat ein weiches Herz, und wenn ſie die Gründe erfährt, weshalb ich nicht gehorchte, wird ſie zufrieden ſein! Ja, ja, ich thue recht, ſo zu handeln! Excellenz, ich bin fertig, ſagte Gotzkowsky auf⸗ ſtehend und ihm das beſchriebene Blatt darreichend. Tottleben überlas es ſorgfältig und legte es neben die Depeſchen ſeiner Kaiſerin. Dann rief er ſeinen Adjutanten und befahl ihm, ſofort ſtarke Schutzwachen in das Lagerhaus und die Gold⸗ und Silber⸗Manu⸗ faktur zu legen und ſie vor jedem Angriff ſchützen zu laſſen.*)— Gotzkowsky hatte die Hände gefaltet, und blickte voll freudigen Dankes zum Himmel empor, und in der tiefen Rührung ſeines Herzens bemerkte er gar nicht, daß der General wieder vor ihm ſtand, und ihn * *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns S. 44. Gotzkowsky allein rettete wirklich durch ſeine Fürſprache die bedrohten Gebäude. Gotzkowsky II. 10 1416— fragend und theilnahmsvoll anſchaute. Die Stimme des Generals erſt erweckte ihn aus ſeinem Sinnen. Seid Ihr nun zufrieden? fragte Tottleben freund⸗ lich. Gotzkowsky ſchüttelte das Haupt. Zufrieden, Excellenz, iſt nur der, welcher im Sarge liegt. Des Generals Stirn bewölkte ſich. So? ſagte er. Nun, dann genirt Euch nicht— Weiter zu ſprechen, Excellenz? unterbrach ihn Gotzkowsky mit einem ſanften Lächeln. Nein, Euch in den Sarg zu legen, ſagte er rauh. Dazu habe ich jetzt noch keine Zeit, ſagte Gotz⸗ kowsky ſchwermuthsvoll. Wir haben Beide noch viel zu thun, Excellenz. Ihr müßt noch neue Lorbeern zu den alten ſammeln! Ich,— nun, ich muß noch verſuchen, einige Dornen und Diſteln vom Wege meiner Mitmenſchen wegzuſchaffen!: So? Es giebt alſo noch mehr Dornen? fragte Tottleben, indem er ſich in einen Seſſel niedergleiten ließ und Gotzkowsky mit ſichtlichem Wohlwollen an⸗ ſchaute. Oh, noch ſehr viele, Excellenz, erwiderte Gotz⸗ kowsky ſeufzend. Unſer ganzer Körper blutet davon. Dann ruft den Feldſcheer, daß er Euch heile! rief der General mit einem rauhen Lachen. Ihr allein könnt uns heilen, erwiderte Gotzkowsky ernſt. Ihr allein Excellenz, denn Ihr ſeid im Begriff, uns die tiefſte aller Wunden zu ſchlagen. Euch ge⸗ nügt es nicht, daß wir beſiegt und gedemüthigt ſind, — 147— Ihr wollt uns auch noch in den Staub treten, und unſere Wangen, welche erbleicht ſind vor Kummer, ſollen ſich jetzt röthen vor Schaam. Ihr habt befohlen, die Bürger Berlin's zu entwaffnen! Exeellenz, Ihr ſeid ein tapferer Sol⸗ dat, und die Ehre geht Euch über Alles! Nun frage ich Euch, wärt Ihr es im Stande, Euch ſelber das Zeugniß Eurer Feigheit auszuſtellen? Könntet Ihr es überleben? Ihr ſeht mich zürnend an, es empört Euch ſchon, daß ich Euch das nur zu fragen wage. Da Ihr ſo denkt, weshalb wollt Ihr den Bürgeru von Berlin ſolche Schmach auferlegen? Wir Fſ mit unſern Waffen für unſer gutes Recht und unſere Freiheit gekämpft, Gott hat gewollt, daß wir dennoch unterlagen, und daß Ihr unſer Be⸗ ſieger ſein ſolltet. Aber mich dünkt es ehrenvoller, über Männer Sieger zu ſein, als über feige Sclaven! Wenn Ihr aber fordert, daß wir, die rſiegte unſere Mannesehre, unſere Waffen abliefern, dann ſind wir feige Memmen, und es iſt nicht ehrenvoll, uns beſiegt zu haben. Laßt uns alſo unſere Waffen, Excellenz, laßt uns den Troſt, daß man auf unſere Gräber ſchreiben kann: Die Freihoit ſtarb, doch ſtarb ſie mit den Waffen in der Hand! Und Gotzkowsky, ganz überwältigt von den ſchmerz⸗ vollen Gefühlen, welche ſeine Bruſt beſtürmten, ſchwieg und lehnte ſich athemlos, die flehenden Blicke auf den General geheftet, an die Wand zurück. — 148— Aber Graf Tottleben vermied es, ſeinen Augen zu begegnen. Er hatte ſeine Stirn in finſtere Falten gelegt, und blickte unverwandt vor ſich nieder. Gotzkowsky ſah die Unentſchloſſenheit, das Schwan⸗ ken des Generals, er fühlte, daß er kühn das Aeußerſte wagen müſſe, um Tottlebens Widerſtreben zu beſiegen. Laßt uns unſere Waffen, Excellenz, ſagte er. Oh, Ihr ſeid ein Deutſcher, ſchont deshalb der deutſchen Brüder! Graf Tottleben flog von ſeinem Sitze empor, als habe ihn eine giftige Natter geſtochen. Seine Züge waren jetzt finſter und ſchreckenvoll, ſeine Augen ſchoſſen zornige Blitze, und indem er drohend ſeine Rechte emporſtreckte, rief er: Ihr mahnt mich zu einer ſchlimmen Stunde daran, daß ich ein Deutſcher bin. Deutſchland hat mich ſoweit getrieben, daß ich mir in fremden Landen die Anerkennung ſuchen mußte, die mir mein Vaterland verſagte. Wäre ich ein Fremder geweſen, dann würde Deutſchland längſt meinen Ruhm verkündet haben, aber weil ich der Sohn vom Hauſe war, ließ mich die Mutter gehen, und ſtieß mich in die Fremde. Das nennt man deutſche Gemüthlichkeit. Und der General brach in ein wildes, ſpöttiſches Gelächter aus. Es iſt wahr, ſeufzte Gotzkowskynſchmerzlich, die Mutter Deutſchland liebt es, ihre größen Söhne in das Ausland auf die Wanderſchaft nach Ruhm zu ſchicken. Sie hat für ihre großen Männer nur eine — 149— Wiege und ein Grab. Aber zeigt Eurer liebloſen Mutter Germania, daß Ihr beſſer ſeid, als ſie, be⸗ weist ihr, daß ſie ungerecht geweſen. Seid großmü⸗ thig! Laßt uns unſere Waffen! Ich kann's nicht, beim Himmel, ich kann's nicht, ſagte Tottleben leiſe und ſchmerzlich. Ueber mir ſtehen⸗ Höhere, denen ich gehorchen muß. Die Kaiſerin, der Ober⸗General Graf von Fermore. Ich habe ſehr ſtrenge Ordre, und habe ſchon zu viel nachgegeben. Es ſteht in dieſer Depeſche da: die Waffen ſollen ab⸗ geliefert werden! Die Waffen, ſagte Gotzkowsky haſtig,— doch es ſteht nicht geſchrieben, alle Waffen! Nun, ſo nehmt Einige. Wir haben da dreihundert ſchlechte Büchſen,— nehmt ſie, Excellenz, dann iſt der Wort⸗ laut Eurer Ordre erfüllt und unſere Ehre iſt gerettet. Der General antwortete nicht ſogleich. Er ging wieder haſtig im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit einen ſcharfen, prüfenden Blick auf Gotzkowsky werfend, deſſen edles, begeiſtertes Angeſicht ihm ſicht⸗ lich wohlgefiel. Plötzlich blieb der General ſtehen, und fragte ſo leiſe, daß Gotzkowsky kaum im Stande war, ihn zu verſtehen: Ihr glaubt, daß die Deutſchen mich loben würden, wenn ich ſo handelte? Ganz Deutſchland würde ſagen: er war groß im Siegen, noch größer aber in der Großmuth gegen die Beſiegten, rief Gotzkowsky glühend. Der General ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, — 150— und ſtand eine Zeit lang unbeweglich da. Als er ſein Antlitz wieder empor richtete, ſtand ein mildes Lächeln auf demſelben. Nun wohl, ſagte er, ich will's thun, ich will mich noch einmal erinnern, daß ich ein Deutſcher bin. Wo ſind die dreihundert Büchſen? Im Zeughaus, Excellenz. Der General erwiederte nichts, aber er warf auf Gotzkowsky einen freundlichen, lächelnden Blick, und rat zu ſeinem Schreibtiſch. Mit haſtiger Hand ſchrieb er einige Zeilen und rief dann mit lauter Stimme wieder nach ſeinem Adjutanten. Als dieſer eintrat, reichte ihm der General das beſchriebene Blatt dar. Die Entwaffnung ſoll ſogleich vor ſich gehen! ſagte er. Es ſind nicht mehr als dreihundert Gewehre vorhanden. Die Bürger ſollen ſie auf den Schloß⸗ platz bringen. Dort ſollen ſie zerſchlagen und in die Spree geworfen werden!*). *) Gotzkowsky erzählt dies in ſeiner einfachen, ſchlichten Weiſe, wie folgt:„Der Graf entſchuldigte dieſes Ver⸗ fahren der befohlenen Waffenablieferung abermals mit der ſtrengen Inſtruktion des Herrn Grafen von Fermore. Doch aber, fuhr er fort, um Ihnen zu zeigen wie ſehr mir Ihr Eifer, den Sie für Ihre Stadt und Mitbürger zeigen, gefällt, und um Ihnen zu dienen, ſo veranſtalten Sie, daß einige hundert alte, unbrauchhare Gewehre auf den Schloßplatz geworfen werden, woſelbſt die Koſacken ſolche zerſchlagen und in das Waſſer werfen ſollen, damit es wenigſtens einen Anſchein habe, daß ich auch dieſe, mir aufgetragene Ordre erfüllt.“ 8 — 151— Oh mein General, rief Gotzkowsky mit freude⸗ ſtrahlendem Geſicht, als der Adjutant wieder hinaus gegangen war, mein General, jetzt, wollte ich, daß Ihr ein Mädchen wärt! Ich ein Mädchen? rief Graf Tottleben lachend. Warum ſollte ich denn ein Mädchen ſein? Damit ich Euch die Hand küſſen könnte, rief Gotzkowsky heiter. Glaubt mir nur, Excellenz, ich habe nie irgend einem Menſchen ſo wahr und auf⸗ richtig Dank geſagt, wie ich's Euch thue. Wie das wohlthut, ſagen zu können: ‚Berlin iſt beſiegt, aber es iſt nicht entehrt!“ Tottleben nickte ihm freundlich zu. Nun, nach ſo viel Zeichen meines Wohlwollens wird ſich die Stadt beeilen, die Kriegscontribution zu zahleu, nicht wahr? Als er die düſtre Wolke bemerkte, welche ſich ſo⸗ fort auf Gotzkowsky's Stirne lagerte, fuhr er heftiger fort: Ihr ſeid ſehr ſäumig im Zahlen! Hütet Euch, meine Geduld zu erſchöpfen! Excellenz, ſagt mir's, wenn ſie erſchöpft iſt, er⸗ widerte Gotzkowsky. Es iſt ein Frevel, den Erſchöpf⸗ ten über ſeine Kräfte anzuſpannen. Meint Ihr dies nicht auch? Ich hinterbrachte dem Magiſtrat gleich, was ich aus⸗ gerichtet, und dieſer machte unter der Bürgerſchaft die Verfügung, daß es ſo, wie der Graf von Tottleben be⸗ fohlen, ausgerichtet werde.— Siehe: Geſchichte eines. patriotiſchen Kaufmanns S. 48. Der General nickte ſchweigend ſeine Zuſtimmung. Ihr ſeid meiner Meinung, Excellenz? rief Gotz⸗ kowsky. Nun wohl, dann werdet Ihr gerecht ſein, und von dieſer erſchöpften, zum Tode ermatteten Stadt nicht mehr verlangen, als ſie leiſten kann. Mit glühenden Worten und überzeugender Be⸗ redtſamkeit ſetzte er dem General jetzt die Unmöglichkeit aus einander, daß die Stadt die von ihr geforderte Kriegscontribution von vier Millionen zahle. General Tottleben ließ ſich noch einmal über⸗ reden,— ſein deutſches Herz war, dieſem glühenden, beredten deutſchen Patrioten gegenüber, wieder mäch⸗ tig geworden, und trieb ihn zum Erbarmen und zur Milde. Er willigte ein, die Kriegscontribution auf zwei Millionen Thaler herabzuſetzen, wenn Gotzkowsky ſich dafür verbürgen wolle, daß die von der Kaufmann⸗ ſchaft ausgeſtellten Wechſel pünktlich gezahlt werden ſollten, und daß davon 200,000 Thaler Douceurgelder für die Oeſterreicher ſofort in baarem Gelde, ausge⸗ zahlt würden. Gotzkowsky erklärte ſich freudig bereit dieſe Wech⸗ ſel zu acceptiren und mit ſeinem Hab und Gut für deren Zahlung Bürgſchaft zu leiſten.*) Dann ſchwiegen Beide, gleichſam erſchöpft von ihrem langen, heftigen Wortgefecht, läen indeß Gotzkowsky immer der Sieger geweſen. *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns S. 4. * 153— Der General ſtand am Fenſter, und blickte hinaus auf die Straße. Vielleicht erwartete er, daß Gotzkowsky ſich ihm nahen, und ihm ſeinen beredten, und entzück⸗ ten Dank ausſprechen würde, indem er ſich zugleich von ihm verabſchiedete. Aber Gotzkowsky that weder das Eine noch das Andere. Er ſtand mit verſchränk⸗ ten Armen da, ſein edles Angeſicht war voll tiefen Ernſtes, und ſein Auge ſtrahlte von muthiger und küh⸗ ner Entſchloſſenheit. Ich will das Begonnene zu Ende führen, ſagte er zu ſich ſelber, ich will mein Wort erfüllen, und nicht eher von der Stelle weichen, als bis ich für alle Diejenigen geſprochen, denen ich meine Hülfe zu⸗ geſagt habe. Mag der General meine Zudringlichkeit verwünſchen, wenn nur meine unglücklichen Mitbür⸗ ger mit mir zufrieden ſind. Als er immer noch ſchwieg, wandte ſich der Ge⸗ neral lachend nach ihm um: Nun, ſagte er, ſeid Ihr verſtummt? Iſt es am Ende mit Eurer Beredtſamkeit? Wahrhaftig, wenn ich bedenke, was Ihr mir heute Alles abgerungen habt, ſo macht es mich faſt lachen. Und der General brach in ein heiteres und gut⸗ müthiges Gelächter aus. Lacht nur, Excellenz, ſagte Gotzkowsky, ich weiß, Ihr lacht ſehr gerne! Ihr habt Euch da zum Bei⸗ ſpiel ſoeben einen kleinen Spaß bereitet mit der Juden⸗ ſchaft, der Ihr eingebildet habt, ſie ſolle Brandſteuer zahlen, und die— Eingebildet? unterbrach ihn Tottleben haſtig. — 154— Mann, ſeid zufrieden, daß ich der Bürgerſchaft zwei Millionen erlaſſen habe. Sprecht nicht auch noch für die Iundenſchaft! Aber die Judenſchaft iſt ein Theil der Bürgerſchaft! Seid Ihr wahnſinnig, Mann? rief der General heftig. Der Jude gehört bei Euch zur Bürgerſchaft? Sobald es aufs Bezahlen ankommt, Jal erwiderte Gotzkowsky. Der Jude muß redlich ſeinen Theil zur Kriegsſteuer beitragen. Wie könnt Ihr nur mit ir⸗ gend einem Schein des Rechts verlangen, daß die Judenſchaft noch weitere und andere Steuer zahle, wenn ſie ſchon Alles, was ſie beſaß, mit uns hinge⸗ geben hat? Herr, rief Tottleben mit erzwungener Verdrieß⸗ lichkeit, jetzt iſt's genug und abermals genug! Nein, zu viel iſt es, Excellenz, ſagte Gotzkowsky lächelnd, die Judenſchaft kann dies nicht zahlen! So will ich ihr die Contribution erlaſſen, ſchrie der General, indem er heftig mit dem Fuße auf den Boden ſtampfte. Ja, ich will ſie erlöſen von der Brandſteuer, Euch zu Gefallen, bloß um Euch los⸗ zuwerden!*) Jetzt aber— Jetzt aber, unterbrach ihn Gotzkowsky mit ſeiner einſchmeichelnden Stimme, jetzt bitte ich nur noch um Eins! Der General trat erſtaunt zurück, und ſtarrte Gotz⸗ kowsky mit einer Art komiſchen Entſetzens an. *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns S. 44. — 155— Ihr ſeid noch nicht zufrieden? fragte er. Wißt Ihr, daß ich mich faſt vor Euch fürchte, und Gott danken will, wenn Ihr endlich fort ſeid? Dann geht es Euch mit mir, wie es der ganzen Stadt Berlin mit Euch geht! ſagte Gotzkowsky lächelnd. Der General lachte. Ihr ſeid von einer wunder⸗ vollen Unverſchämtheit! ſagte er. Nun ſchnell, worin beſteht Eure letzte Bitte? Man bereitet auf dem Neumarkt ſoeben ein ſelt⸗ ſames und unerhörtes Schauſpiel, ſagte Gotzkowsky ernſt, ein Schauſpiel, Herr General, welches wir in Deutſchland bis jetzt nicht gekannt haben! Ihr habt es aus Rußland mitgebracht. Ihr wollt zwei Männer Spießruthen laufen laſſen, Nicht zwei Soldaten, welche ein Verbrechen begangen haben, ſondern zwei Schriftſteller, welche nur mit dem Geiſte gegen Euch ſündigten, welche nur das freie und höchſte Recht des Menſchen geübt haben, das Recht, zu ſagen, was ſie denken. Ihr wollt die Zeitungsſchreiber geißeln laſſen, weil ſie mit ihren Federn gegen Euch zu Felde gezogen? Hieße das nicht, für eine kleine Schuld eine barba⸗ riſche Rache üben? Eine kleine Schuld! ſchrie der General, deſſen Antlitz jetzt wieder ſeinen finſtern, wilden Ausdruck angenommen hatte, nun iſt's genug, nun hört auf, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Alles wieder zurück nehme, was ich Euch bewilligt habe! Eine kleine — 156— Schuld nennt Ihr das? Herr, der Redacteur der Spenerſchen Zeitung hat mich einen Abenteurer, einen Renegaten genannt. Oh, er ſoll wenigſtens ſehen, daß dieſer Abenteurer doch die Macht hat, ihn zu züchtigen. 3 Das heißt nur, ihm beweiſen, daß er Euch auf das Empfindlichſte getroffen hat, ſagte Gotzkowsky gelaſſen. Und dieſer Scribent von der Voſſiſchen Zeitung, fuhr der General ganz durchglüht von ſeiner Indig⸗ nation fort, hat er es nicht gewagt, ſelbſt meine er⸗ lauchte Kaiſerin anzugreifen? Ein Bauerngeſpräch hat er geſchrieben, und darin die Kaiſerin verſpottet. Ja, er iſt ſo frech geweſen, ſelbſt ſeinen eigenen Kö⸗ nig in ſeiner Sudelei mitſprechen zu laſſen, und ihn in einen Bauern zu verwandeln. Herr, mich wun⸗ dert ſehr, daß Ihr einem Manne das Wort redet, der die Frechheit ſo weit treibt, ſelbſt ſeines Königs Thun in unehrerbietiger und frecher Weiſe zu be⸗ ſprechen und zu läſtern. Der König iſt groß genug, um ſolche Läſterung kleiner Seelen ertragen zu können, ſagte Gotzkowsky. Wer wahrhaft groß iſt, ſcheut nicht das freie Wort und nicht die Läſterung! Kennt Ihr nicht die Ge⸗ ſchichte, Excellenz, wie der König einſt an einer Stra⸗ ßenecke vorüber ritt, wo das Volk zu ganzen Schaa⸗ ren ſtand, und ſich die Hälſe ausreckte, um ein Flug⸗ blatt zu leſen, das an der Mauer angeklebt und gegen den König ſelbſt gerichtet war? Der König — 157— hielt ſein Pferd an und las das Flugblatt. Das Volk ſtand ſchweigend und entſetzt um ihn her, denn das Papier enthielt eine ſtarke Läſterung des Königs, es war ein Schmähgedicht darauf gedruckt. Was meint Ihr, Excellenz, daß der König that, als er das hoch⸗ verrätheriſche Placat geleſen? Er ließ das Volk zuſammenhauen, wie es verdient, und den Verfaſſer an den Galgen hängen, rief der General. Nichts von alle Dem, Excellenz. Er ſagte:„Die Leute können das Gedicht nicht leſen, wenn es ſo hoch hängt! Man ſoll es niedriger hängen!“— Dann grüßte er die Menge, und ritt ruhig lächelnd weiter. Das that der große Fritz? ſagte Tottleben, ſich unbewußt dieſes Epithetons bedienend, welches das preußiſche Volk ſeinem König beigelegt. Er that es, weil er der Große iſt! ſagte Gotz⸗ kowsky. Seltſam, faſt unglaublich! murmelte der General, die Arme ineinander ſchlagend, und mit großen Schrit⸗ ten auf und abwandelnd. Eine Pauſe trat ein. Endlich fragte Gotzkowsky leiſe: Wollt Ihr dem großen König nicht gleichen, General?. Graf Tottleben ſchien aus tiefem Sinnen zu er⸗ wachen. Er näherte ſich Gotzkowsky, und legte ſeine Hand auf deſſen Schulter. Sein Antlitz hatte jetzt einen unbeſchreiblich milden, ſanften Ausdruck, und ein wehmüthiges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. — 158— Hört, ſagte er, ich glaube, es wäre ein Glück für mich, wenn wir beiſammen ſein könnten. Kommt mit mir, laßt Euch in Rußland nieder! Die Kaiſerin hat ſchon von Euch gehört, und ich weiß, daß ſie ſich freuen würde, wenn Ihr nach Petersburg kommen wolltet. Thut es alſo. Ihr könnt dort großes Glück machen. Die Gunſt der Kaiſerin wird Euch hoch erheben, und an Orden und an einem Grafentitel wird ſie's nicht fehlen laſſen! Gotzkowsky konnte kaum ein ſpöttiſches Lachen un⸗ terdrücken. Mir Orden, mir einen Grafentitel? fragte er. Was ſoll ich damit? Herr, ich bin mäch⸗ tiger, als alle Eure Grafen, denn die Größe des Adels liegt rückwärts in der Vergangenheit, in den vermoderten Ahnen, aber die Größe des Fabrikanten liegt vorwärts, und die Zukunft gehört der Induſtrie! Ich ſelber bin der Ahnherr eines kommenden Ge⸗ ſchlechts! Ich habe hier in Berlin die erſten großen Fabriken geſchaffen, und die Fabrikanten, welche nach mir kommen, werden mich ihren Urahn nennen. Ich verlange keinen andern Adel, Excellenz! Ihr wärt im Stande, einen Grafentitel auszu⸗ ſchlagen? fragte Tottleben erſtaunt. Gotzkowsky zuckte die Achſeln. Wenn mich dar⸗ nach gelüſtete, ein Graf zu ſein, ſagte er, ſo hätte ich mir längſt vom heilgen deutſchen Reiche ein Grafen⸗ diplom kaufen können, denn ſolche Dinge ſind käuf⸗ lich, und ein Grafentitel koſtet höchſtens dreißigtauſend Gulden. Was aber die Orden anbetrifft, ſo habe ich — 159— ſelber hier in Berlin eine Bandfabrik, in welcher die Bänder dazu angefertigt werden. General Tottleben ſah ihn lange und ſchweigend an, und ſein Antlitz drückte eine zärtliche Bewunde⸗ rung aus. Ihr ſeid ein wunderbarer Mann, und ich wünſchte wohl, daß ich Euch gleichen könnte, ſagte er. Hätte ich gedacht, wie Ihr, ſo würde mein Leben weniger ſturmbewegt, und weniger gepeitſcht von Unruhe und Sorge geweſen ſein. So würde ich— Das haſtige Eintreten des Adjutanten unterbrach den General. Er brachte Depeſchen, mit welchen ſo eben ein Courier angelangt war. Der Courier, be⸗ richtete er, ſei ſo ſtürmiſch geritten, daß ſein Pferd todt unter ihm zuſammengeſtürzt war, als er eben angelangt ſei. Tottleben riß die Papiere auseinander und durch⸗ flog ſie mit eiligen Blicken. Als er dann wieder das Auge empor hob, hatte ſein Antlitz einen vollkommen andern Ausdruck ange⸗ nommen. Nichts mehr von der frühern Weichheit und Milde war darin zu finden. Das deutſche Herz mußte ſchweigen vor dem Willen des ruſſiſchen Ge⸗ nerals. Er ſchien die Gegenwart Gotzkowsky's ganz ver⸗ geſſen zu haben, und ſich an den Adjutanten wendend, ſagte er in ſtolzer, militäriſcher Haltung: Dieſe De⸗ peſchen ſind ſehr wichtiger und überraſchender Art. Sie melden uns, daß die preußiſche Armee in Eil⸗ ————— 4— ——— — 160— märſchen heranzieht, mit ihrem König an der Spitze. Wir können ihm hier keine Schlacht anbieten, und müſſen demgemäß auf einen ſchnellen Rückmarſch von Berlin bedacht ſein. Ruft alle Generale und Staabs⸗ offiziere zuſammen. Laßt Allarm blaſen. In drei Stunden muß das ganze Heer die Stadt verlaſſen haben. Beſcheidet ferner den Magiſtrat auf den Neu⸗ markt, damit wir uns verabſchieden, denn wir wollen nicht als Flüchtling, ſondern als Sieger, der frei⸗ willig weiter zieht, Berlin verlaſſen!*) Und die armen Redacteure, die man ſo eben peit⸗ ſchen will? fragte Gotzkowsky, als der Adjutant ſie verlaſſen hatte. Der General lächelte und faßte freundlich Gotz⸗ kowsky's Hand. Wir wollen ſie ein wenig tiefer hängen, ſagte er bedeutungsvoll. Kommt! Ihr begleitet uns auf den Marktplatz!**) 3 *) Preuß, Friedrich der Große. Theil II. S. 255. **) Der Graf von Tottleben mußte ſeine Langmuth „gegen Berlin ſehr theuer büßen. Er ward einige Mo⸗ nate ſpäter verhaftet und als Gefangener nach Peters⸗ burg geführt. Sein mildes und ſchonendes Betragen gegen Berlin war der Haupttheil der Anklage wider ihn, und man beſchuldigte ihn, daß er als ruſſiſcher General doch nur im deutſchen Intereſſe gehandelt habe. XIII. Die Exeeution. Der Morgen war kalt und regneriſch, heulend fuhr der Wind durch die öden Straßen und machte die Fenſter klirren und die offenen Hausthüren krachend zufliegen. Sicher war dies Wetter wenig geeignet, um ſich auf den Straßen zu ergehen, und doch ſah man die Berliner ſchaarenweiſe dem Neumarkt zuſtrömen, und Wind und Regen nicht ſcheuend, ſich in dicht ge⸗ ſchloſſenen Reihen dort aufſtellen. Die Berliner waren von jeher neugierig, und wo es etwas zu ſehen gab, da ſtürzten ſie hin. Heute aber ſollten ſie auf dem Neumarkt ein ſeltenes Schau⸗ ſpiel ſehen.. Die Redacteure der beiden Berliner Zeitungen ſollten hier Spießruthen laufen, und außerdem hatte der General von Tottleben auch den Magiſtrat und die Judenſchaft von Berlin auf dieſen Platz beſchie⸗ den, um ihnen hier ſeine letzten Befehle und Ent⸗ Gotzkowsky II. 11 —— ———— — ͦ— — 162— ſchließungen mitzutheilen, bevor er mit ſeiner Armee Berlin verließe. Man war daher ſehr geſpannt, ſehr begierig auf dieſes doppelte Schauſpiel, man ſtrömte daher ſchaa⸗ renweiſe nach dem Neumarkt hin, und dieſe ſchau⸗ luſtige Menge, genannt Volk, verzieh dem feindlichen General, der ihm jetzt einen ſo allerliebſten Spaß bereiten wollte, dafür gern alle Schreckniſſe der letz⸗ ten Tage. Zwei vornehme Herren, zwei Gelehrte ſollten ge⸗ geißelt werden. Das war in der That ein köſtlicher und entzückender Anblick für die hungernde, frie⸗ rende, in Lumpen gehüllte Armuth, der es immer ein Vergnügen iſt, diejenigen auch einmal leiden und jammern zu ſehen, welche ſonſt vom Schickſal ſo ſehr vor ihr bevorzugt worden. Wie oft hatten dieſe Herren Schuſter und Schnei⸗ der ſich nicht bei ihrer Kanne Bier über die Zeitungs⸗ ſchreiber geärgert und es ungeheuer tollkühn und naſeweis gefunden, daß ſie ſo heftig gegen die Ruſ⸗ ſen ſchrieben, ohne darauf Rückſicht zu nehmen, daß die Ruſſen doch eines Tages nach Berlin kommen und ſich an den unſchuldigen Bürgern rächen könnten. Es war dieſen Zeitungsſchreibern ganz Recht, daß ſie jetzt für ihren Uebermuth gezüchtigt werden ſollten! Außerdem ſollte das gute Volk den ruſſiſchen Ge⸗ neral mit ſeiner Suite ſehen, und den guten Berliner Magiſtrat und den Herrn Oberbürgermeiſter mit der goldenen Kette, welcher in feierlichem Aufzug dem . — 163— feindlichen General ein Geſchenk von zehntauſend Dukaten im Namen der Stadt überreichen mußte. Die Berliner waren alſo ganz zufrieden und glück⸗ lich und es entzückte ſie, als ſie jetzt das dumpfe Rol⸗ len der Trommeln und ruſſiſches Kommando hörten. Um die Ecke der Biſchofsſtraße zog ernſt und ſchweigend ein Regiment ruſſiſcher Soldaten auf den Marktplatz. Sie ſtellten ſich in zwei langen Linien auf, in deren Mitte eine Gaſſe offen blieb, grade groß genug, um einen Menſchen hindurch paſſiren zu laſſen. Dann kamen zwei Profoße und ſchritten lang⸗ ſam durch dieſe Gaſſe hin, und Jeder der Soldaten zog ſich eine der langen, ſchlanken Ruthen hervor, welche die Profoße unter dem Arm trugen. Die ruſſiſchen Soldaten waren jetzt bewaffnet und ſie erwarteten nur noch ihre Opfer, um ſie zu züchtigen. Da werden ſie aus der Hauptwache hervorgeſchleppt, da ſchwankt der greiſe Herr Krauſe langſam und äch⸗ zend heran, da kommt Herr Kretſchmer, der ſonſt ſo unverzagte, kühne Federheld, jetzt ein armes, zuſam⸗ mengedrücktes, zitterndes Menſchenkind. Jetzt ſtehen ſie inmitten dieſes Platzes, und halb wahnſinnig vor Angſt ſchweifen ihre hülfeflehenden Blicke über die gaffende, ſchweigende Menge hin, welche mit gierigen Geſichtern, mit boshafter Scha⸗ denfreude ſie anglotzt und wüthend ſein würde, wenn ihnen der Genuß entzogen würde, zwei ihrer Mit⸗ bürger, ihrer Brüder, von den feindlichen Soldaten geprügelt zu ſehen. 41* Ich kann es noch immer nicht glauben, wimmerte Herr Krauſe, es iſt unmöglich, daß dies ernſthaft ge⸗ meint iſt. Man kann ein ſo grauſames Urtheil nicht vollſtrecken. Was wird die Welt, die Menſchheit dazu ſagen, daß man zwei Schriftſteller geißeln will wegen der Artikel, die ſie geſchrieben. Kann die Stadt Berlin dies dulden? Wird. N iemand ſich unſe⸗ rer Noth erbarmen? Niemand! ſagte Kretſchmer traurig. Sehen Sie die Menge an, welche unsmit erbarmungsloſer Neugierde anſtarrt. Sie würden mehr Mitleid haben mit einem Mörder, den man hinrichten wollte, als mit uns Schriftſtellern, die man geißeln will. Die ganze Stadt hat ſich unſerer A Artikel gefreut und ſie belacht, undi etzt, da wir darum leiden, iſt nicht Einer da der anugie für uns zu bitten. In dieſem Augenblicke kam ein neuer Feierlicher Zug durch die Biſchofsſtraße her auf den Platz gezo⸗ gen. Dies war der Magiſtrat von Berlin. Voran ging der Oberbürgermeiſter von Kircheiſen, welcher jetzt ſeine Sprache und ſeine Gedanken wieder gefun⸗ den hatte, und ſich leiſe die wohlgeſetzte Rede memo⸗ rirte, mit welcher er dem General den Dank der Stadt und die zehntauſend Ducaten, welche ein Page auf ſeidenen Kiſſen neben ihm hertrug, darbringen wollte. Hinter dem Masiſteni aber wankten zitternd und gebrochenen Herzens die Aelteſten der Judenſchaft mit den Münziuden einher, um hier endlich ihr Verdam⸗ — 165— mungsurtheil, oder ihre Erlöſung vom General Tott⸗ leben zu empfangen. Das Volk achtete weder auf den Magiſtrat, noch auf die leiſe klagenden und wimmernden Juden. Es ſah nur ſtarr, mit grauſamem Vergnügen nach den beiden Schriftſtellern hin, welche ſo eben von dem Profoß ihrer Oberkleider entledigt und zu dem bluti⸗ gen Schauſpiel vorbereitet wurden; es hörte nur mit einer Art grauenhaften Behagens das laute Jammer⸗ geſchrei dieſes zitternden, weinenden Greiſes, des Herrn Krauſe, welcher mit gerungenen Händen den mit der Execution beauftragten ruſſiſchen Officier um Gnade, um Erbarmen anflehete. Der ruſſiſche Officier ließ ſich rühren von den Jammerthränen des Redacteurs der Spener'ſchen Zeitung, er hatte Mitleid mit dem weißen Haar und der gebeugten Geſtalt dieſes Greiſes, oder vielleicht folgte er nur den vom General Tottleben erhaltenen Inſtructionen. Er winkte dem Profoß, zuerſt den Redacteur der Voſſiſchen Zeitung in die Spießruthengaſſe zu führen und befahl ihm, Herrn Krauſe ſo lange zu verſchonen, bis Herr Kretſchmer abgeſtraft worden. Die Profoße packten alſo jetzt Herrn Kretſchmer, ſie ſchleppten ihn zu der fürchterlichen Gaſſe, ſie ſtie⸗ ßen ihn in die Reihen der Soldaten, welche mit rohem Gelächter die Ruthen in ihren Fäuſten ſchwenkten. Schon fällt der erſte, der zweite, der dritte Ruthen⸗ — — 166— ſtreich hernieder auf den Rücken des Redacteurs der Voſſiſchen Zeitung, da tönt plötzlich ein mächtiges Halt! und der General Graf von Tottleben erſcheint an der Seite Gotzkowsky's und gefolgt von ſeinem glänzenden Generalſtabe. Mit einem raſenden Schrei macht ſich Herr Kretſch⸗ mer los von der Hand des Profoßes und ſtürzt hin zu dem General. Laut aufſchreiend erwacht Herr Krauſe aus ſeinem dumpfen, verzweiflungsvollen Hin⸗ brüten und beide Redacteure ſinken nieder vor dem ruſſiſchen General, ihn um Mitleid und Erbarmen anzuflehen.. Tottleben blickt mit einem ſchadenfrohen Lächeln auf den blutrünſtigen Rücken des Herrn Kretſchmer, und fragt ſtolz: Wer ſeid Ihr?. Ich bin die Voſſiſche Zeitung, welche Ihr ſo grau⸗ ſamer Dinge beſchuldigt, wimmerte Herr Kretſchmer. Ah man hat uns ſehr Unrecht gethan, und uns furchtbarer geſchildert, als wir in Wahrheit ſind! Oh, glaubt es mir, Excellenz, man hat mich falſch beſchuldigt, ich habe Rußland niemals gehaßt! Man beſchuldigt Euch beide der Verleiaudung, rief Tottleben ſtrenge. Wenn wir verleumdet haben, ſo haben wir es r un⸗ wiſſentlich gethan, wimmerte Herr Krauſe. Auch ſind wir ja gern bereit zu widerrufen. Wir waren aller⸗ dings im Irrthum, ich geſtehe es zu. Wir kannten Euch und Euer Herr noch nicht und wir ſprachen wie der Blinde von der Farbe. Jetzt ſehen wir es beſſer — 167— ein. Ihr ſeid der Edelſte der Edlen, und nie ſah man ſchönere Soldaten, als die Ruſſen, und nie gab es eine keuſchere Kaiſerin, als Eliſabeth. Oh ſeht nur, Excellenz, die Spenerſche Zeitung iſt bereit, Al⸗ les zu widerrufen. Laßt mich nur nicht geißeln, Herr, und ich will Euer Lob ſingen von nun an in alle Ewigkeit und ich will es ausſchreien in alle Welt, daß der Preuße keinen beſſeren und edleren Freund hat als den Ruſſen und daß der Boruſſe und der Ruſſe von Gott ſelber beſtimmt ſind, Brüder zu ſein. Nur nicht geißeln! flehte Herr Kretſchmer, indem er ſich mit einem Schmerzensſchrei den wunden Rük⸗ ken rieb. Ich verſpreche Euch, Exeellenz, die Voſſi⸗ ſche Zeitung ſoll zahm werden, wie ein neugebornes Kind. Niemals ſoll ſie wieder eine kühne und ent⸗ ſchiedene Sprache führen, niemals eine beſtimmte Farbe halten. Ich ſchwöre es, ich will der Voſſiſchen Zeitung die Giftzähne ausreißen, daß ſie nicht bei⸗ ßen kann. Ich ſchwöre das für mich und meine Er⸗ ben. Drum habt Erbarmen! Der General wandte ſich mit einem verächtlichen Lächeln von ihnen ab. Genug, Ihr Herren, ſagte er rauh, und indem er ſeine Hand auf Gotzkowsky's Schulter legte, fuhr er fort: Nicht um Eures Ge⸗ ſchwätzes willen begnadige ich Euch, ſondern weil dieſer Ehrenmann für Euch gebeten hat. Ihr ſeid frei, meine Herren! Als die beiden Redacteure in glühenden Dankes⸗ — 168— äußerungen ſich ergießen wollten, ſagte Tottleben: Nur Gotzkowsky dankt Ihr Eure Freiheit!*) Sie warfen ſich in Gotzkowsky's Arme, ſie ſchwu⸗ ren ihm mit feierlichen Eiden ewige, unverbrüchliche Dankbarkeit, ſie nannten ihn ihren Retter, ihren Be⸗ freier von Schmach und Schande. Gotzkowsky lächelte zu ihren glühenden Freund⸗ ſchaftsverſicherungen und machte ſich ſanft aus ihren feurigen Umarmungen los. Ich that es nicht um Eures Dankes willen, ſagte er, Ihr ſeid alſo auch mir perſönlich gar nicht zu Dank verpflichtet.**) *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 41. **) Der arme alte Redacteur der Spener'ſchen Zei⸗ tung, Johann Victor Kranſe, welcher ſich auch durch eine 1751 erſchienene„auserleſene Gedichtſammlung“ berühmt gemacht hatte, mußte die erlittene Angſt und Schmach mit einem gefährlichen Krankenlager büßen, von welchem er aber indeß glücklich genas und noch ſieben Jahre lebte. Er hat ſein tragiſches Schickſal ſelber beſungen in einem Gedicht, welches er ſeinem Freunde, dem Doktor Krünitz, in’s Stammbuch ſchrieb, und welches als eine Probe des Dichtertalentes dieſes Herrn Redacteurs der Spener'ſchen Zeitung hier eine Stelle finden mag: „Man ließ mich jüngſt bei grauen Haaren, „Nach acht und ſechszig Pilgerjahren „Ein unerhörtes Schickſal ſehn! „Zur Schlachtbank ward ich hingeführet; „Wer hier kein fühlbar Mitleid ſpüret „Der will die Menſchlichkeit verſchmähn! „Vor Friedrichs höchſt gerechte Sache „Erfuhr ich Seiner Feinde Nache — 169— K Gotzkowsky, habt Ihr uns ganz vergeſſen? fragte eine klagende Stimme neben ihm. Es war Itzig, einer der reichen Münziuden, de⸗ nen Gotzkowsky ſeinen Beiſtand zugeſagt. Fragt den General! ſagte Gotzkowsky lächelnd. Gotzkowsky hat für Euch geſprochen und ſein Für⸗ wort hat Euch von der Brandſteuer befreit, ſagte Graf Tottleben, indem er Gotzkowsky freundlich zu⸗ nickte. Er hat uns gerettet! Der große Gotzkowsky hat ſich unſers Elends erbarmt! ſchrieen die Juden und ſie drängten ſich zu Gotzkowsky hin, um ihm die Hand zu drücken, ihn zu umarmen und mit Thränen ge⸗ rührter Dankbarkeit ihm unvergängliche Anhänglich⸗ keit zu geloben. Ihr habt mir das Leben gerettet, ſagte Itzig, denn ich hatte es mir vorgenommen, lieber zu ſterben, als noch mehr Geld zu zahlen. Was hätte ich auch ge⸗ ſollt mit dem Leben ohne Geld? Wenn der Jude kein Geld hat, iſt er kein Menſch! Ihr habt mir das Leben erhalten, denn Ihr habt mir mein Geld ge⸗ rettet! Wenn Ihr einmal kein Geld habt, Gotzkowsky, „Und wilder Völker Grauſamkeit! „Mich überfiel des Jammers Fülle! „Gott ſtärkte mich, mein Herz blieb ſtille: „Die Hand des Herrn hat mich befreit!“ Denkwürdigkeiten und Tagesgeſchichte der Mark Bran⸗ denburg. Herausgegeben von J. W. A. Kosmann und Th. Heinſius. Erſter Band. S. 479. = 170— ſo kommt zu mir, ich will Euch borgen für niedrige Procente. Ich borge Euch für umſonſt, rief Ephraim, in⸗ dem er Gotzowsky's Hände zärtlich in den ſeinen drückte. Gotzkowsky ſagte mit einem ſchwermüthigen Lä⸗ cheln: Wenn es einſt dahin käme, daß ich Geld bor⸗ gen müßte, ſo würdet Ihr des heutigen Tages doch nicht gedenken, und ich bin nicht der Mann, Euch alsdann daran zu mahnen. Mahnt uns daran und Ihr ſollt ſehen, daß wir Wort halten, betheuerte Ephraim. Kommt zu uns und ſagt:„Gedenkt der Brandſteuer, von der ich Euch befreit habe“, und Alles, was Ihr von uns wünſcht, ſoll geſchehen. Gott gebe, daß ich niemals Euch daran zu mah⸗ nen nöthig habe, rief Gotzkowsky, die gerührten Juden faſt unwillig zurück drängend und ſich dem General Tottleben nähernd. 1 Excellenz, ſagte er, Ihr habt vergeſſen, daß Ihr den edlen Magiſtrat von Berlin hierher beſtellt habt, und daß dieſe Herren Eurer Befehle harren. Tottleben ſchien wie aus tiefem Sinnen zu er⸗ wachen. Ja, murmelte er leiſe vor ſich hin, der deutſche Traum iſt zu Ende und ich muß wieder ein Ruſſe werden! Dann wandte er ſich raſch zu Gotzkowsky um und reichte ihm ſeine Hand dar. Gotzkowsky, ſagte er — 171— leiſe und eindringlich, überlegt es noch einmal. Geht mit mir, ſeid mein Lehrmeiſter. Was ich Euch lehren könnte, General, iſt ſehr wenig, ſagte Gotzkowsky ſanft. Es iſt ſehr leicht für den, welcher ein Herz hat, und unmöglich für den, welcher keins hat. Lernt die Menſchheit lieben! Das iſt meine ganze Weisheit und— mein Abſchieds⸗ gruß. Der General ſeufzte. Ihr geht alſo nicht mit mir? Nun denn, lebt wohl! Und gleichſam, als wolle er dieſe ſchmerzlichen und bittern Gefühle, welche ſein armes deutſches Herz be⸗ ſtürmten, verſcheuchen, wandte er ſich um und rief in ruſſiſcher Sprache ſeinen Adjutanten zu: Laßt uns aufbrechen, Ihr Herren! Zu Pferde! Zu Pferde! Aber mitten durch das Gewirre der Soldaten und der ſtampfenden Roſſe machte jetzt der Herr Ober⸗ bürgermeiſter ſich Bahn. Er mußte durchaus die Ehre des Magiſtrats von Berlin wahren und die ſchön ſtyliſirte Rede halten, welche er in zwei ſchlafloſen Nächten gedichtet hatte, er mußte durchaus das Geld⸗ geſchenk der Berliner Dankbarkeit in die Hände des Generals niederlegen. Endlich war es ihm gelungen, bis zu dem General vorzudringen, und er begann ſeine Rede. Voll und kräftig tönte ſeine Stimme über den Neumarkt dahin und das entzückte Volk von Berlin freute ſich des Rednertalentes des Herrn Oberbürgermeiſters und blickte mit ſtolzer Bewunderung auf ſeine goldene — 172— Kette hin, auf dieſe berühmte goldene Kette, welche ſo Vieles erlebt, ſo Vieles erfahren, ohne zu erblaſſen und dunkel zu werden. Aber General Tottleben nahm das Geſchenk nicht an, welches die Stadt Berlin ihm darbot. Er ſagte: Glaubt die Stadt, daß unſere Mannszucht ihr Schick⸗ ſal erträglicher gemacht hat, als es ſonſt hätte ſein können, ſo hat ſie es dem ausdrücklichen Befehl unſe⸗ rer Kaiſerin zu verdanken. Ich aber bin durch die Ehre, drei Tage Befehlshaber von Berlin geweſen zu ſein, hinlänglich belohnt!*) Drei Stunden ſpäter war Berlin befreit von den Ruſſen und Oeſterreichern. Gotzkowsky, dem es endlich gelungen war, ſich von den ſtürmiſchen Dankergüſſen des Magiſtrats, der Redacteure und Münziuden frei zu machen, kehrte in ſein Haus zurück, von welchem er ſelbſt ſagt,„mein Haus ſah eher einem Viehſtall, als einer Wohnung ähnlich, weil es zeither Tag und Nacht von den Ruſ⸗ ſen war angefüllt geweſen.“ *) Preuß. Geſchichte Friedrichs des Großen. Thl. II. S. 254. XIV. Braut und Tochter. Auf die bloße Kunde von der Annäherung des Königs nach Berlin hatte die ruſſiſche Armee die Stadt verlaſſen und ſich in Eilmärſchen nach Frankfurt be⸗ geben. Indeſſen war noch eine nicht unbedeutende Zahl von Offizieren zurückgeblieben, theils um den Abzug der Truppen zu ordnen, oder auch, weil ſie durch perſönliche Geſchäfte zurückgehalten, ſich einen kurzen Urlaub erbeten hatten. Zu den Letztern gehörte der Obriſt Graf Ferdor von Brenda. Der General Bachmann hatte ihm einen Urlaub von zwei Tagen bewilligt, denn er meinte, der junge Graf wolle dieſelben benutzen, um einige Tage ungeſtörten Beiſammenſeins mit ſeiner Braut, der Gräfin Lodoiska von Sandomir zu ge⸗ nießen. General Bachmann wußte nichts von dem Zer⸗ würfniß der beiden Verlobten, er wußte nicht, daß Gräfin Lodoiska, ihrem Uebereinkommen mit Bertram ——— ö—— — 174— gemäß, ihren Verlobten gar nicht von ihrer Ankunft in Berlin benachrichtigt hatte. Aber Feodor hatte ſie dennoch erfahren. Der Gräfin eigene Kammerfrau, die Freigebigkeit des jun⸗ gen Grafen kennend, war zu ihm gekommen und hatte ihm für goldenen Lohn die Anweſenheit der Gräfin verrathen und ihm Alles das mitgetheilt, was ſie über ihre Pläne und Abſichten erlauſcht hatte. Dieſe Nachrichten hielten den jungen Obriſt Feo⸗ dor von Brenda in Berlin zurück. Die unerwartete Ankunft ſeiner Verlobten drängte ihn zu einer Ent⸗ ſcheidung, denn er ward ſich der Unmöglichkeit bewußt, das feſte und innige Band, welches ihn an Eliſe knüpfte, zu zerreißen, um ſich einer Gemahlin zu ver⸗ binden, an welche ihn nichts mehr feſſelte als ein ge⸗ leiſtetes Verſprechen, ein verpfändetes Wort. Feodor würde vielleicht ſein ganzes Vermögen hingegeben haben, um eine Ehrenſchuld zu zahlen, er würde ſein Leben bereitwillig in die Schanze geſchla⸗ gen haben, wenn es darauf angekommen wäre, ſeinem Ehrenwort Genüge zu thun. Aber er ſchreckte nicht davor zurück, das Wort der Treue, welches er einer Frau verpfändet hatte, zu brechen und diejenige zu verlaſſen, welcher er ewige Liebe geſchworen. Zudem hatte die Ankunft der Gräfin, welche ihm als eine, ſeine Freiheit beſchränkende Verfolgung und Spionage erſchien, ſeinen Stolz gereizt. Sie hatte ihm ihre Ankunft verheimlicht, und er glaubte daraus ſchließen zu können, daß ſie von ſeiner Untreue be⸗ . — 175— nachrichtigt, irgend einen Plan im Schilde führe, um das Hinderniß zu beſeitigen, welches ſich zwiſchen ſie und ihren Verlobten gedrängt hatte. Sein Stolz aber empörte ſich gegen den Gedan⸗ ken, daß er gezwungen werden ſolle, eine Verbindung einzugehen, die er nicht mehr aus Liebe, ſondern nur noch aus Pflichtgefühl ſchließen konnte. Eine ſolche Beſchränkung ſeines freien Manneswillens ſchien ihm eine unerhörte Kränkung. Er fühlte, daß er die Frau, welche ihn auf ſo gewaltſame Weiſe an ſich ketten wollte, glühend haßte, und daß er eben ſo glühend das junge Mädchen liebe, welches man ihm entreißen wollte. Doppelt anmuthig und begehronswerth erſchien ihm das junge, unſchuldige, liebreizende Mädchen, wenn er ſie mit dieſer gereiften, bewußten, welterfahrenen und brillanten Frau verglich, von welcher er höchſtens hoffen konnte, daß er ihre letzte Liebe ſei, während er bei Eliſen wußte, daß er ihre erſte Liebe war. Muß ich denn durchaus gefeſſelt werden und meine Hände binden laſſen, ſagte er zu ſich ſelber, ſo ſoll es wenigſtens von dieſer jungen friſchen Mädchen⸗ blüthe geſchehen, welche mir die Dornenkrone der Ehe mindeſtens noch unter kaum erſchloſſenen Roſenblüthen zu verbergen weiß. Mein Herz hat nichts mehr zu ſchaffen mit dieſer alten Liebe, es iſt wieder jung ge⸗ worden in neuen Gefühlen, und dieſe Jugend will ich mir nicht von dem Eiſeslächeln kalter Pflicht⸗ erfüllung ertödten laſſen. Eliſe hat mir ihr Wort — 176—. gegeben, die Meine zu werden, und ſie ſoll es ein⸗ löſen.. Noch ganz erfüllt von den leidenſchaftlichen und trotzigen Gedanken, mit welchen die Nähe ſeiner Ver⸗ lobten ihn erfüllt hatte, war er hingegangen, um Eliſe aufzuſuchen. Aber dies war jetzt ein nicht blos ſchwieriges, ſon⸗ dern faſt unmögliches Unternehmen geworden. Ber⸗ tram, welcher zwar Gotzkowsky nicht die gewaltſame Entführung ſeiner Tochter verrathen mochte, hatte in⸗ deſſen in der Stille ſeine Vorkehrungen getroffen, um ein ähnliches Unternehmen, von wem immer es auch ausgehen mochte, unausführbar zu machen. Unter dem Vorgeben, daß der Abmarſch der feind⸗ lichen Truppen die Stadt unſicher mache und mit Marodeurs und plündernden Nachzüglern bedrohe, hatte Bertram, Gotzkowsky's Zuſtimmung voraus wiſſend, eine Anzahl ſeiner Fabrikarbeiter bewaffnet und als Schildwachen an der Mauer des Gartens, im Hofe und im Hausflur aufgeſtellt. Dieſe durften Niemand einlaſſen, der ihnen nicht den Grund und Zweck ſeines Kommens anzugeben im Stande ſein. möchte. 4 Durch dieſe Vorſicht verhinderte Bertram, daß Feodor die Mauer überſteigen konnte, und er erlangte außerdem noch den Vortheil, daß Eliſe, der die Nähe dieſer Schildwachen unbequem und läſtig war, nicht die gefährlichen einſamen Partien des Gartens ſuchte, ſondern ſich mehr in ihre Zimmer zurückzog. Auf dieſe Weiſe hatte Bertram alſo eine Zuſam⸗ menkunft Feodor's mit Eliſen unmöglich gemacht, aber er hatte doch nicht verhindern können, daß ſein Diener Petrowitſch ſeinem Liebchen, dem Kammer⸗ mädchen Eliſens auf der Straße begegnete. Durch Vermittelung dieſer Beiden gelangte ein Brief Feodor's in Eliſen's Hände. Feodor erinnerte ſie in demſelben feierlich und ernſt an ihr geleiſtetes Ver⸗ ſprechen, er forderte ſie auf, jetzt ihr Gelübde zu er⸗ füllen und ihm aus dem Hauſe ihres Vaters zu folgen. Er beſchwor ſie, am Altare ſich ihm zum Weibe zu vermählen und ihm das Recht zu geben, ſie als die Seine hinaus zu führen in die Fremde. Eliſe hatte den Brief ihres Geliebten empfangen, und ihr Herz war, indem ſie ihn las, erbebt in nie gekannten Gefühlen.„ Sie wußte ſelber nicht, war es Freude, oder war es Entſetzen, welches plötzlich ihr Herz wie in einem Krampf zuſammeh ſchnürte und ſie faſt des Bewußt⸗ ſeins beraubte. Sie hätte laut aufjauchzen mögen vor Luſt, daß ſie nun endlich ihrem Geliebten in innig⸗ ſter, heiligſter Zugehörigkeit ſollte verbunden werden, unnd doch erfüllte es ſie mit tiefem Schmerzgefühl, daß ſie auf dem Wege zum Altare nicht von dem Segen ihres Vaters ſollte begleitet werden. Aber die Liebe, die ſo mächtig und laut in ihrem Herzen ſprach, konnte doch die warnenden und mahnenden Stimmen ihres Gewiſſens nicht übertönen, dieſe Stim⸗ Gotzkowsky II. 12. — 178— men, welche immer und immer wieder ihr mit Schuld und Sünde, mit Schmach und Schande drohten. Doch ſuchte Eliſe in der Gluth und Leiden⸗ ſchaft ihres Herzens ſich ſelber zu entſchuldigen und in dem Trotz ihrer gekränkten Kindesliebe ſagte ſie zu ſich ſelber: Mein Vater liebt mich nicht. Er wird nicht um mich weinen, denn ich bin hier überflüſſig, und wenn ich gehe, wird er es kaum bemerken. Ihm bleiben ſeine Millionen, ſeine Freunde und die ganze Schaar Derer, denen er wohlthut. Er iſt ſo reich, er hat ſo Vieles, woran ſein Herz hängt. Ich aber bin ganz arm, ich habe nichts, als das Herz meines Geliebten. Seine Liebe iſt mein einziges Beſitzthum. Wäre es alſo nicht ein Frevel, wenn ich dieſe von mir ftieße, um hier ein einſames, verödetes Leben zu führen und unbeklagt und unbetrauert zu verkommen? Wenn mein Vater mich liebte, würde er mich in die⸗ ſen gefahrvollen Tagen nicht verlaſſen haben, er würde, nach der entſetzlichen und furchtbaren Scene, in welcher ich in der Verzweiflung meines Herzens mich gegen ihn verging, mir mindeſtens die Gelegen⸗ heit gegeben haben, ihn um Verzeihung, um Nachſicht und Erbarmen zu bitten. Aber er ſcheint ſich mir abſichtlich zu entziehen und dem Begegnen mit mir auszuweichen. Er hat mich aus ſeinem Herzen ver⸗ ſtoßen und mir ſeine Liebe für immer entzogen. So flüchte ich mich denn mit meinem Herzen, mit mei⸗ ner grenzenloſen Liebe zu meinem Geliebten hin. Er wird mich niemals von ſich ſtoßen, mich niemals ver⸗ nachläſſigen und vergeſſen, er wird mich lieben, und ich weiß, daß ich ihm ſein theuerſtes Beſitzthum ſein werde. Wie ſie das dachte, drückte ſie das Briefchen ihres Geliebten an ihre glühenden Lippen, jedes Wort deſſelben ſchien ſie zu grüßen und ſie mit Feodor's flehenden Blicken anzuſehen, um ſie zu mahnen, das Gelübde zu erfüllen, welches ſie ihm gegeben hatte. Kein Schwanken und Zaudern war mehr in ihr, denn ihr Herz hatte einen Entſchluß gefaßt, und mit glühenden Wangen und hochathmender Bruſt eilte ſie zum Schreibtiſch, um dieſem Entſchluß Worte zu geben und den Brief Feodor's zu beantworten. „Du erinnerſt mich an mein Dir gegebenes Wort, ſchrieb ſie. Ich bin bereit, es zu erfüllen. Komm alſo, mich aus meines Vaters Hauſe zum Altar zu führen, und ich will Dir folgen als Dein Weib, und überall, wohin Du gehſt, da will ich bei Dir ſein. Ich werde fortan keine andere Heimath haben, als nur an Deinem Herzen; aber indem ich freudig dieſe Heimath wähle, ſtoße ich mich für immer von dem Herzens meines Vaters fort. Gott wird verzeihen, was die Liebe ſündigt!“ Aber als dieſer Brief nun wirklich abgegangen, als ſie wußte, daß ihr Geliebter ihn wirklich erhalten, und damit die Entſcheidung gekommen ſei, da über⸗ kam ſie ein furchtſames Zagen, eine ſchuldbewußte Beklommenheit, und es ſchien ihr, als ob plötzlich eine ganz neue Quelle der Liebe in ihrem Herzen zu rau⸗ 42* — 180— ſchen begönne, als ob ſie niemals ihren Vater ſo in⸗ nig, ſo demüthig und zärtlich geliebt wie jetzt, wo ſie ihn auf ewig verlaſſen wollte. Indeß alles Schwanken war jetzt zu ſpät, die Entſcheidung war gefallen,— ſie konnte nicht mehr zurück, denn ſie hatte einen zweiten Brief Feodor's empfangen. In demſelben theilte er ihr den detail⸗ lirten Plan ihrer gemeinſamen Flucht mit, und ſie hatte dieſen Plan genehmigt. Alle Vorbereitungen waren beendigt, ſie hatte jetzt nichts weiter zu thun, als in ihrem Zimmer zu blei⸗ ben und das verabredete Zeichen zu erwarten, mit welchem Feodor ſie rufen wollte. Sobald ſie dieſes Zeichen vernahm, ſollte ſie mit ihrem Kammermädchen, welches beſtimmt war, ſie zu begleiten, das Haus verlaſſen und auf die Straße hinaus treten, wo Feodor ſie mit ſeiner Equipage erwartete, um zuerſt mit ihr in die Kirche zu fahren. Dort harrte ihrer der mit ſchwerem Gelde beſtochene Prieſter, um durch den Segen der Kirche Feodor zu berechtigen, ſein junges Weib hinauszuführen in die Welt und Eliſe zu verpflichten,„Vater und Mutter zu verlaſſen, um ihrem Gatten zu folgen.“ Noch fehlten einige Stunden bis zu dieſer feſt⸗ geſetzten Friſt. Eliſe, zur Unthätigkeit des Wartens verurtheilt, empfand alle die Qual und Pein, welche das Harren auf den entſcheidenden Moment mit ſich zu führen pflegt. Mit ſchmerzlicher Sehnſucht gedachte ſie ihres — 181— Vaters, und obwohl ſie ſich immer wiederholte, daß zer ſie gar nicht vermiſſen, daß er ihre Abweſenheit gar nicht bemerken würde, malte ihre lebhafte und gereizte Phantaſie ihr dennoch ſein Erſtaunen, ſeine Angſt, ſein ſchmerzliches Suchen nach ihr in trauri⸗ gen Bildern vor. Jetzt erſt ſchien ſie ſich zu erinnern, daß ſie ihn verlaſſen ſollte, ohne ſich ihm verſöhnt zu haben, daß ſie auf immer von ihm ſcheiden wolle, ohne mindeſtens ſeine Verzeihung erfleht, ohne noch einmal den Kuß eines Vaters auf ihrer Stirn gefühlt zu haben. Sie mußte ihm mindeſtens ſchreiben, ihm min⸗ deſtens ein ſchriftliches Wort des Abſchiedes, der Liebe zurufen! Das that ſie jetzt, und all ihre Liebe, ihre zurückgedrängte Zärtlichkeit, ihre Angſt und ihre Ge⸗ wiſſensvorwürfe ſtrömte ſie in feurigen und beredten Worten auf das Papier aus, welches ſie ihrem Vater, gleichſam als den Oelzweig des Friedens, zurücklaſſen wollte. 1 Als ſie dieſen Brief geſchrieben, faltete ſie ihn zuſammen und verbarg ihn in ihrem Buſen, um ihn unbemerkt hinüber zu tragen in das Zimmer ihres Vaters. Er war ja nicht dort, er war ſeit zwei Tagen faſt nicht mehr heim gekommen, ſie konnte es wagen, dahin zu gehen, ohne befürchten zu müſſen, ihm zu begegnen. Sie fühlte, daß ſie ſein Anſchauen, den vollen, ſtrahlenden Blick ſeines Auges nicht würde ertragen können.—“ Vorſichtig und leiſe, mit der geheimen Furcht, auf — 182— dem Wege zu den Zimmern ihres Vaters Bertram. zu begegnen, deſſen traurige, vorwurfsvolle Blicke, ſie faſt noch mehr ſcheute, als das Auge ihres Vaters, ſchlüpfte ſie den Corridor hinunter und trat endlich hoch aufathmend und froh, Niemand geſehen zu haben, in das Vorzimmer. Alles war ſtill und einſam hier. Ihr Vater war alſo immer noch nicht zu Hauſe, ſie war alſo ganz ſicher, nicht von ihm überraſcht zu werden. Jetzt trat ſie in ſein Wohnzimmer ein, und dieſes raſch durchſchreitend, wollte ſie eben eine Chatouille ſeines Schreibtiſches öffnen, um ihren Brief hinein zu legen, als ſie plötzlich die Thür des Vorzimmers ſich öffnen hörte. Sie hatte nur noch Zeit, den Brief wieder in ihrem Buſen zu verbergen, zur Flucht war es zu ſpät, denn eben öffnete ſich die Thüre. Es war ihr Vater, welcher in das Gemach trat. Beide ſtanden ſie, erſchrocken über dies unerwar⸗ tete Begegnen, ſprachlos und unbeweglich da. Jeder erwartete, daß der Andere irgend ein Wort der Be⸗ grüßung, der Verſöhnung ſagen möchte. Aber wie laut auch immer ihre Herzen zu ein⸗ ander ſprachen, ihre Lippen blieben ſtumm und ihre Blicke vermieden es, einander zu begegnen. Sie erſchrickt vor mir. Das iſt mein Empfang nach mühevollen Tagen der Abweſenheit! dachte Gotz⸗ kowsky, und ſein Herz war voll Wehmuth und Trauer. — 183— Er will mich nicht ſehen, er vermeidet es, ſein Auge auf mich zu richten, er hat mir alſo noch nicht vergeben, dachte Eliſe, indem ſie mit ſchmerzlicher Sehnſucht das bleiche, erſchöpfte Antlitz ihres Vaters anſchaute. Nein, er will mich nicht ſehen. So will ich wenigſtens zum letzten Male ihm gehorſam ſein und dieſes Zimmer verlaſſen. Traurig und leiſe, mit geſenkten Blicken, ſchritt ſie der Thür zu, welche an der entgegengeſetzten Seite der Wand ſich befand. Gotzkowsky folgte ihr mit ſeinen Blicken. Hätte ſie es gewagt, noch einmal das Auge zu ihm zu er⸗ heben, ſo würde ſie all ſeine Liebe, ſeine vergebende Zärtlichkeit in den Blicken ihres Vaters geleſen haben. Aber ſie wagte es nicht, ihn anzuſehen und Gotz⸗ kowsky ſagte in der Bitterniß ſeines Herzens zu ſich ſelber: Was hülfe es mir, ſie anzureden, ſie würde mich doch mißverſtehen. Ich will mich hinlegen und ſchlafen, um meines Kummers und meiner Sorgen zu vergeſſen. Nein, ich will nicht mit ihr ſprechen, denn ich bin matt und erſchöpft bis auf den Tod, es fehlt mir an Ruhe und Sammlung, um mich mit ihr zu verſtändigen. Er ſchaute ihr dennoch mit ſehnſuchtsvollen Blicken nach, wie ſie traurig der Thür zuſchritt. Jetzt ſtand ſie auf der Schwelle, jetzt berührte ihre zitternde Hand das blinkende Schloß der Thür, aber ſie zögerte den⸗ noch, dieſelbe zu öffnen, ſie hoffte noch immer auf — 184— ein Wort, wenn auch nur auf ein zürnendes, ihres Vaters. Und jetzt vernahm ſie es! Wie himmliſche Muſik ſchlug jetzt die Stimme ihres Vaters an ihr Ohr. Er rief ihren Namen, er ſtreckte ihr die Hand ent⸗ gegen und ſagte mit unendlicher, rührender Milde: Gieb mir Deine Hand, Eliſe. Komm her zu mir, mein Kind, es iſt ſo lange her, daß ich Dich nicht geſehen habe. Sie wandte ſich zu ihm um, aber ſie wagte es immer noch nicht, ihn anzuſehen. Seine dargereichte Hand ergreifend, drückte ſie ſie demuthvoll an ihre Lippen. Du denkſt daran, daß Du ſo lange fort warſt? fragte ſie. Du haſt mich doch alſo nicht ganz ver⸗ geſſen? Ich Dich vergeſſen? rief ihr Vater zärtlich, und gleichſam beſchämt über dieſen unbeſonnenen Ausruf ſeiner väterlichen Liebe, fügte er ruhig und faſt ſtrenge hinzu: Ich habe Vieles mit Dir zu ſprechen, Eliſe, Du haſt mich angeklagt— Eliſe unterbrach ihn mit ängſtlicher Haſt. Ich war außer mir, ſagte ſie verwirrt und ſchamvoll. Ver⸗ zeihe mir, mein Vater, die Aufregung machte mich ungerecht. 5 Nein, ſie trieb nur das, was Du lange in Deinem Herzen verborgen gehalten, auf Deine Lippen, ſagte Gotzkowsky, und die Erinnerung an jene unſelige —— Stunde machte ſeine Stimme rauh und erfüllte ſein — 185— Herz mit tiefem Wehegefühl. Du warſt zum erſten Male aufrichtig gegen mich. Ich mag das ſelbſt ver⸗ ſchuldet haben, aber es thut ſehr weh. Er ſchwieg einen Augenblick und ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, ganz überwältigt von ſeinen ſchmerz⸗ lichen Rückerinnerungen. Eliſe ſagte nichts, ſie ſah ihn nur an, und ſein bleiches, ſichtlich erſchöpftes Antlitz rührte ſie und trieb ihr Thränen in die Augen. Plötzlich richtete Gotzkowsky ſein Haupt wieder empor und ſein Antlitz zeigte wieder die gewohnte Entſchloſſenheit und Energie. Wir wollen ein an⸗ deres Mal über dieſe Dinge ſprechen, ſagte er ſtreng. Jetzt nur noch dies: Ich werde Dich in keiner Weiſe beſchränken, und ich habe das niemals gethan. Du biſt Herrin über Alles, was Mein iſt, außer über meine Ehre. Dieſe muß ich mir rein für mich ſelber bewahren. Als ein deutſcher Ehrenmann kann ich nicht den Schimpf auf mich laden, meine Tochter mit einem Feinde des Vaterlandes, mit einem Ruſſen ſich verbinden zu ſehen. Wähle Dir einen deutſchen Mann, ſei es, wer es ſei, ich werde Jeden als meinen Sohn willkommen heißen, den Du liebſt, und gern andern, lange von mir gehegten Wünſchen und Plä⸗ nen in dieſer Hinſicht entſagen. Aber meine Einwil⸗ ligung zu einer Verbindung meines einzigen Kindes mit einem Ruſſen gebe ich niemals! Während er ſo ſprach, nahmen ihrer Beider Züge einen überraſchend* Ausdruck an. Beider — 186— Geſichter zeigten Entſchloſſenheit, Trotz und Zorn, der Zauber war zerſtört, welchen die Liebe einen Mo⸗ ment um dieſe, einander widerſtrebenden Seelen ge⸗ legt hatte. Gotzkowsky war nicht mehr der zärtliche, durch ein Liebeswort leicht verſöhnte Vater, ſondern er war nur noch ein in ſeinen heiligſten Rechten, in ſeinem zarteſten Ehrgefühl verletzter Patriot. Eliſe war nicht mehr die bereuende, demuthsvolle Tochter, ſondern nur die mit dem Verluſt ihres Geliebten bedrohete Braut. Du würdeſt alſo niemals Deine Einwilligung geben? fragte ſie gereizt. Wenn nun aber dieſer Krieg beendet wäre, wenn Rußland nicht mehr der Feind Deutſchlands, wenn— Rußland bleibt der Feind Deutſchlands, wenn wir auch nicht im offenen Felde gegen einander ſtehen, unterbrach ſie Gotzkowsky. Es iſt die Feindſchaft der despotiſchen Gewalt gegen die Cultur und Sitte! Nie kann der freie deutſche Mann der Freund und Bruder des Barbaren und Sclaven ſein.— Nichts mehr davon! Du kennſt jetzt meine Geſinnung, ich kann ſie nicht ändern, ſelbſt, wenn Du deshalb an meiner Liebe zweifeln ſollteſt. Die wahre Liebe zeigt ſich nicht blos im Gewähren, ſondern oft noch mehr im Verweigern. Eliſe ſtand geſenkten Hauptes und murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte. Gotzkowsky fühlte, daß es für ſie Beide beſſer ſei, dieſe Unterredung abzu⸗ — 187— brechen, bevor ſie ſich wieder zu einer gegenſeitigen Gereiztheit und Erbitterung emporgetrieben. Zudem fühlte er, daß nach dieſen Tagen der Aufregung und Eraltation der ermattete Körper der Ruhe bedürfte. Er näherte ſich daher ſeiner Tochter und reichte ihr mit einem freundlichen Abſchiedsgruß ſeine Hand dar. Eliſe ergriff ſeine Hand und drückte ſie mit einer leidenſchaftlichen Innigkeit an die Lippen. Dann wandte er ſich um und durchſchritt das Gemach, um ſich in ſein Schlafzimmer zu begeben. Eliſe ſah ihm mit einer ſchmerzlichen Sehnſucht nach, und je weiter ſich ihr Vater entfernte, deſto mehr ſteigerte ſich dieſelbe. Als er eben im Begriff war, das Zimmer zu ver⸗ laſſen, ſtürzte ſie ihm nach und rief mit einem Ton ſchmerzlich ſüßen Flehens das einzige Wort: Vater! Gotzkowsky fühlte ſich davon in dem innerſten Mark ſeines Lebens berührt. Er wandte ſich um und breitete die Arme nach ihr aus. Mit einem lauten Jubelruf warf ſie ſich an ſeine Bruſt und ruhete einen Moment an ihm in ſeligem, ſelbſtvergeſſenen Entzücken. Dann blickten ſie einander an und nickten ſich lächelnd einen Abſchiedsgruß zu, wieder wandte Gotz⸗ kowsky ſich um und ſchritt nach der Thür zu ſeinem Schlafzimmer. Jetzt war er fort, jetzt ſah ſie ihn nicht mehr! Vater und Tochter waren getrennt! Aber Eliſe empfand ein unausſprechliches Wehegefühl in ihrem Herzen, — 188— eine grenzenloſe Angſt überfiel ſie. Es war ihr, als könne ſie ihren Vater nicht verlaſſen, als ſei es eine Schmach für ſie, ſo heimlich, wie eine Verbrecherin ſich aus dem Vaterhauſe fortzuſchleichen, ſei's auch, um ihrem Geliebten zum Traualtar zu folgen. Sie hatte ein Gefühl, als müſſe ſie ihren Vater zurückrufen, als müſſe ſie ſeine Kniee umklammern und ihn um Rettung anflehen, um Rettung vor ihren eigenen Wünſchen. Schon öffnete ſie die Lippen, ſchon ſtreckte ſie die Arme nach jener Thür aus, da Plötzlich erbebte ſie und ihre Arme ſanken herab. Sie hatte das laute Rollen eines Wagens gehört und ſie wußte, was dies zu bedeuten habe. Dieſer Wagen, welcher eben vor ihrer Thür anhielt, konnte ſchon der Wagen ſein, mit welchem Feodor kam, ſie abzuholen. 5 Es iſt zu ſpät, ich kann nicht mehr zurück! mur⸗ melte ſie leiſe, und indem ſie traurig das Haupt auf ihren Buſen neigte, verließ ſie langſam das Zimmer ihres Vaters, um in ihr eigenes Gemach zurück zu kehren. XV. Die Nebenbuhlerin. Kaum in ihrem Zimmer wieder angelangt, eilte Eliſe ans Fenſter und blickte hinunter auf die Straße, welche das Abenddunkel bereits mit einem dämmern⸗ den Schleier bedeckte. Sie hatte ſich nicht getäuſcht, ein Wagen ſtand vor ihrer Thür, aber zu ihrer Verwunderung vernahm ſie nicht das verabredete Zeichen, hörte ſie das Poſt⸗ horn nicht das ruſſiſche Lied blaſen:„Schöne Minka, ich muß ſcheiden.“ Auch war es nicht ganz die feſtgeſetzte Stunde, und ihr Kammermädchen, das im Hausflur wartete, kam noch nicht, ſie zu holen. Eliſe ſtand noch immer am Fenſter und wider ihren Willen fühlte ſie ſich von dieſer Equipage beängſtigt. Plötzlich vernahm ſie ein heftiges Klopfen an ihrer Thür. Bevor ſie noch Zeit hatte einen Entſchluß zu — 190— faſſen, ward dieſe haſtig geöffnet und Bertram trat herein, eine tiefverſchleierte Dame an ſeinem Arm. Bertram, murmelte Eliſe, ſcheu zurückweichend. Bertram, was wollen Sie hier? Was ich hier will? fragte Bertram ernſt. Ich komme, meine Schweſter um einen Liebesdienſt zu bitten. Ich habe dieſer Dame mein Wort gegeben, daß ſie Dich ſehen und zu Dir ſprechen ſollte. Ich fordere von meiner Schweſter, daß ſie das Wort ihres Bruders erfülle. Was will die Dame von mir? fragte Eliſe, einen ſcheuen angſtvollen Blick auf die geheimnißvolle, ver⸗ ſchleierte Frauengeſtalt werfend. Sie wird es Dir ſelber ſagen. Sie bat mich mit Thränen, ſie zu Eliſe Gotzkowsky zu führen, denn ihr Lebensglück hinge davon ab, verſichert ſie. Eliſe fühlte ſich wie von Eiſesſchauern durchrieſelt, ihr Herz ſagte ihr, daß ein entſetzliches, ein unerhör⸗ tes Schreckniß zu ihr heran ſchleiche, um ſie zu verzehren, um ihr das Blut ihres Herzens auszu⸗ ſaugen. 3 Sie legte ihre Hand auf ihr Herz, als wollte ſie es ſchützen gegen die drohende Todesgefahr, und mit zitternden Lippen murmelte ſie: Was will dieſe Fremde von mir?. Bertram antwortete ihr nicht, er ließ den Arm der Unbekannten frei und verneigte ſich tief. Frau Gräfin, ſagte er, das iſt Fräulein Eliſe Gotzkowsky. Ich habe alſo mein Verſprechen erfüllt. Jetzt erlau⸗ 1491— ben Sie mir, Sie zu verlaſſen und möge Gott Ihren Worten eine überzeugende Kraft verleihen. Er grüßte die Damen ehrfurchtsvoll und entfernte ſich raſch aus dem Zimmer. Die beiden Frauen waren jetzt allein nit einander. Eine Pauſe trat ein. Beide zitterten ſie, Beide wag⸗ ten ſie nicht, die Stille zu unterbrechen. Sie verlangten, mich zu ſprechen, ſagte Eliſe end⸗ lich mit matter, gepreßter Stimme. Darf ich Sie jetzt bitten— Die Dame ſchlug den Schleier zurück und ließ Eliſe ihr edles, von Thränen überfluthetes Antlitz ſehen. Ich bin es, die zu bitten hat, ſagte ſie mit ihrem rührenden, fremdländiſchen Accent, und indem ſie Eliſens Hand ergriff und ſie mit einem ſtürmiſchen Ungeſtüm an ihren Buſen drückte, fuhr ſie fort: Ver⸗ zeihen Sie mir. Seit ich Sie ſehe, weiß ich nicht mehr, was ich ſagen wollte. All' meine Worte, ja, ſelbſt all' mein Zorn hat ſich zurückgedrängt vor Ihrem Anblick. Sie ſind ſehr ſchön. Sein Sie auch ſo edel, als Sie ſchön ſind. In Ihrer Hand liegt es, mich glücklich zu machen, mir meine Seligkeit wieder zu geben! Das vermag nur GottV! ſagte Eliſe feierlich. In dieſem Augenblick ſind Sie die Gottheit, in deren Hand mein Geſchick ruht, rief die Gräfin. Sie allein können mir mein Glück wieder geben, denn Sie haben es mir geraubt. Ja Sie, ſo jung, ſo ſchön und — 192— ſo unſchuldigen Angeſichts, Sie ſind die Mörderin meines Glückes. Ihr Auge flammte und eine glühende Röthe be⸗ deckte jetzt ihre vorher ſo bleichen Wangen. Oh, rief ſie mit einem triumphirenden Lachen, jetzt iſt es gut. Jetzt habe ich das Zagen überwunden, und der Zorn iſt wieder mächtig in mir. Jetzt bin ich wieder die Löwin, welche kämpfen wird um ihr Lebensglück. Eliſe richtete ſich höher empor, und auch ſie fühlte eine Wandelung in ihrem Herzen vorgehen. Mit dem Inſtinct einer Liebenden fühlte ſie, daß dieſe ſchöne Frau, welche ihr da mit ſo drohenden Blicken gegen⸗ über ſtand, ihre Nebenbuhlerin, ihre Feindin ſei, daß ſie gekommen, um mit ihr zu kämpfen um ihr höch⸗ ſtes Gut. Ein glühender Zorn erfüllte ihre ganze Seeele und ſie ſchwur ſich ſelber, keinen Schritt zurück⸗ weichen zu wollen vor dieſer ſtolzen Schönheit. Mit einem Ausdruck unausſprechlicher Verachtung heftete ſie ihre Augen auf die Gräfin; ihre funkeln⸗ den Blicke kreuzten einander wie die blitzenden Degen⸗ ſpitzen zweier Feinde im Duell. Ich verſtehe Sie nicht! ſagte Eliſe mit zorniger Kälte. Sie müſſen deutlicher reden, wenn Sie wol⸗ len, daß ich Sie verſtehen ſoll! Sie wollen mich nicht verſtehen, rief die Gräfin ſchmerzvoll, Sie wollen mir ausweichen, aber ich laſſe Sie nicht. Ich habe ſo viel gelitten, jetzt will ich nicht mehr leiden. Wir ſtehen hier einander . gegenüber als zwei Frauen, welche auf Tod und Leben mit einander kämpfen müſſen. Eliſe drängte den Schmerzensſchrei in ihre Bruſt zurück und zwang ſich zu einer ſtolzen, imponirenden Ruhe. Ich verſtehe Sie noch immer nicht, ſagte ſie kalt, und es gelüſtet mich nicht nach einem Kampfe mit einer Unbekannten. Wenn Sie daher mein Zimmer nicht verlaſſen wollen, ſo erlauben Sie mir, daß ich es thue. Sie wandte ſich um und wollte gehen, aber die Gräfin faßte heftig ihre Hand und hielt ſie zurück. Nein, Sie dürfen nicht gehen! rief ſie leidenſchaftlich. Sie dürfen nicht gehen, denn ich weiß, daß Sie zu ihm gehen wollen, zu ihm, welchen ich liebe, und ich bin gekommen, mir dieſen Mann von Ihnen zurück⸗ zufordern. Dieſe halb drohenden, halb gebieteriſch geſproche⸗ nen Worte trieben endlich auch Eliſe aus ihrer ſchwer behaupteten künſtlichen Ruhe auf. Sie richtete ihr Haupt empor, ihre Augen glüheten und flammten. Ich weiß nicht, von wem Sie ſprechen, rief ſie laut. Aber die Gräfin war es müde, ſich in halbver⸗ hüllten Redensarten und geheimnißvollen Andeutun⸗ gen umher zu drehen. 3 Sie wiſſen, von wem ich ſpreche, rief ſie glühend. Sie wiſſen, daß ich gekommen bin, von Ihnen mein heiligſtes Eigenthum, das Herz meines Geliebten, zurückzufordern. Oh, geben Sie ihn mir wieder, meinen Feodor! Denn er iſt mein und darf keines Gotzkowsky II. 13 = 194= Andern ſein. Laſſen Sie ſich von meinen Thränen erweichen. Sie ſind ſo jung, ſo reich, Sie haben Alles, was das Leben glücklich macht. Ich habe nichts als ihn! Laſſen Sie ihn mir. Eliſe fühlte ſich wie von einem Paroxysmus be⸗ fangen, ſie hätte, wie eine Tigerin, dieſes Weib er⸗ würgen mögen, welche kam, ihr ihr Glück zu morden. Ein wildes, zorniges Lachen tönte von ihren Lippen. Sie ſagen, daß Sie ihn lieben? rief ſie. Nun wohl, ſo gehen Sie doch zu ihm und fragen Sie ihn nach ſeinem Herzen. Weshalb wollen Sie es von mir fordern. Erobern Sie es von ihm, wenn Sie die Kraft dazu haben! Damit ich es erobern kann, rief die Gräfin, müſſen Sie ihn erſt erlöſen aus den Feſſeln, mit denen Gie ihn umſtrickt haben. Eliſens bleiche Wangen übergoſſen ſich mit einer dunklen Zornesröthe. Sie werden beleidigend! ſagte ſie ſtolz. Die Gräfin achtete nicht auf ihre Worte, ſie fuhr ſtürmiſcher fort: Gieb ihn frei! Löſe die Bande, die ihn feſſeln, und dann, ich weiß es, dann wird er wieder zu mir zurückkehren und mir wieder angehören. Eliſe ſtarrte entſetzt in das zuckende, von Thränen überfluthete Antlitz der Gräfin. Sie hatte nur ein einziges kleines Wort gehört, aber dieſes Wort hatte ihr Herz wie ein Dolchſtoß getroffen! Wieder zu Ihnen zurückkehren? fragte ſie athem⸗ † — 195— los. Ihnen wieder angehören? Er war aſſo einſt der Ihre? Ich gab ihm die heiligſten Güter des Lebens hin, und Du fragſt noch, ob er mein war? rief die Gräfin 8 mit einem ſchmerzlichen Lächeln. Eliſe ſtieß einen lauten durchdringenden Schrei aus und bedeckte ſich das Geſicht mit ihren Händen. Ihre Bewegung war ſo ausdrucksvoll und ſchmerzlich, daß ſie ſelbſt das Herz ihrer Feindin rührte. Mit einem faſt liebevollen Ausdruck legte die Gräfin ihren Arm um Eliſens Geſtalt und zog ſie ſanft zum Divan nieder. Kommen Sie, ſagte ſie. Laſſen Sie uns wie zwei Schweſtern neben einander ſitzen, kommen Sie und hören Sie mir zu. Ich will Ihnen ein Bild ent⸗ hüllen, vor dem Ihre Seele ſchaudern wird. Eliſe war ihr ganz mechaniſch gefolgt, ſie hatte ſich willenlos auf den Divan nieder gleiten laſſen, und duldete es, daß die Gräfin ihre Hand faßte. Feodor hat ihr einſt angehört, murmelte ſie. Er 1 hat einſt einer Andern ſein Herz gegeben. Wollen Sie mich hören? fragte die Gräfin, und als ſie ſah, daß Eliſe noch immer in dumpfem Hin⸗ brüten zur Erde ſtarrte, rief ſie: ich will Ihnen die Geſchichte Feodor von Brenda's und ſeiner unglück⸗ lichen, verlaſſenen Braut erzählen. Eliſe ſchreckte empor und warf einen irrenden verzweiflungsvollen Blick umher. 3 Wollen Sie mich hören? wiedecholte die Gräfin. — 196— Sprechen Sie, ich höre Ihnen zu, flüſterte Eliſe matt. Und jetzt erzählte die Gräfin Lodoiska von San⸗ domir, oft unterbrochen von Eliſens Klageſeufzern, den innigen Ausrufungen ihrer Theilnahme, dem jun⸗ gen Mädchen die traurige und ſchmerzensreiche Ge⸗ ſchichte ihrer Liebe und ihrer Verirrungen. Sie war ein junges, kaum ſechszehnjähriges Mäd⸗ chen geweſen, die Tochter eines durch eigene Schuld und Verſchwendungsſucht verarmten Fürſten, als ſie der Geldgier ihres Vaters hatte als Opfer fallen müſſen. Ohne Nitleid mit ihren Thränen, ihrer zitternden Jugend, ohne Erbarmen mit ihrem unſchul⸗ digen Herzen hatte ihr Vater ſie für eine Million verkauft. Mit dem grauſamen Egoismus eines ver⸗ ſchwenderiſchen Geizhalſes hatte er für das todte, blinkende Metall ſeine junge, lebensvolle, ſchöne Toch⸗ ter verhandelt an einen ſechszigjährigen Greis, wel⸗ cher ihr Großvater ſein konnte, und welcher das ſchöne unſchuldige Mädchen mit der glühenden Leidenſchaft eines Jünglings verfolgte. Man hatte ſie zum Trau⸗ altar geſchleppt, und der Prieſter hatte das Nein, mit welchem ſie ohnmächtig am Altar niedergeſunken war, nicht hören wollen. So war ſie die Gemahlin des reichen Grafen Sandomir geworden, ein unglückſeliges Weib, das ohne Hoffnung und ohne Freude mitten in dem Glanz des Lebens wie in einer Wüſte daſtand. Aber eines Tages hatte dieſe Wüſte ſich verwan⸗ — 197— delt und es war Frühling geworden in ihrem Herzen, denn die Liebe war gekommen, ihr in Schmerzen er⸗ kaltetes Herz zu erwärmen mit dem Sonnenſtrahl des Glückes. Sie machte ſich keine Vorwürfe und keine Gewiſſensbiſſe darüber, daß es nicht ihr Gemahl war, den ſie liebte. Wie hätte ſie Achtung haben ſollen vor der Ehe, welche für ſie nur ein Kaufkon⸗ trakt geweſen. Man hatte ſie verhandelt, wie eine Sclavin, und mit ſeligem Jauchzen ſagte ſie jetzt zu ſich ſelber:„Die Liebe iſt gekommen, mir die Freiheit zu geben, und als ein freies, glückſeliges Weib will ich dieſen Kontrakt zerreißen, mit welchem man mich verkaufte!“ Und ſie hatte ihn zerriſſen, ſie hatte kein Mitleid gehabt mit dem weißen Haar und dem jungen, ihr ganz ergebenen Herzen ihres edlen Gemahls! Sie war geopfert worden, und ſie opferte jetzt mitleidlos den Gatten ihrem Geliebten auf. 3 Für ſie gab es nur noch die Eine Pflicht: dieſem Manne, welcher ſie liebte, mit hingebender Zärtlich⸗ keit, mit grenzenloſer Leidenſchaft ſeine Liebe zu loh⸗ nen. Sie wollte keine Verſtellung und kein Verber⸗ gen, ſie hätte jedes Verhüllen und jedes Umſchleiern für einen Verrath an dieſem heiligen und großen Gefühl gehalten, welches ihre ganze Seele durchglühte. Gewöhnlich kennt ſchon die ganze Welt den Ver⸗ rath und Treubruch eines Weibes, wenn er ihrem eigenen Gemahl noch ein Geheimniß iſt. Aber hier ſorgte die Gräfin dafür, daß ihr Gemahl der Erſte 198— war, welcher von ſeiner beleidigten Ehre, von der ge⸗ brochenen Treue Kunde erhielt.. Sie hoffte, er werde ſich im Zorn von ihr wenden, und die Ehekette zerreißen, welche ſie an ihn feſſelte. Aber ihr Gemahl gab ſie nicht frei, ſondern er forderte den Verräther ſeiner Ehre, deſſen Verrath um ſo ſchwärzer war, weil der Graf ſelber ihn als den Sohn ſeines Jugendfreundes in ſein Haus ge⸗ führt hatte. Sie ſchlugen ſich. Es war ein Duell auf Leben und Tod, und der ſechszigjährige, vor Zorn und Schmerz faſt vernichtete Greis hatte der ſtolzen und ſiegreichen Kraft dieſes jungen kampfgeübten Gegners nicht widerſtehen können. Er war beſiegt worden. Man hatte der jungen Gräfin Lodoiska ihren ſter⸗ benden Gemahl gebracht, und ſein Mörder, welcher ihr Geliebter war, hatte ſein ſterbendes Haupt mit ſeinen Händen geſtützt.. Selbſt in dieſem entſetzlichen Moment hatte ſie ihm nicht gezürnt, und ſelbſt als die Augen ihres Gemahls im Todeskampf brachen, hatte ſie nur ſich erinnert, daß ſie jetzt frei ſei, frei, um die Gattin ihres Geliebten, des Mörders ihres Gemahls, zu werden. Sie hatte ſich der Kaiſerin zu Füßen geworfen und um die Einwilligung zu dieſer Ehe gefleht, in welcher das Glück und die Hoffnung, die Ehre und Verſöhnung ihres ganzen Leben ruhe, und die Kai⸗ ſerin hatte ihre Zuſtimmung nicht verſagt, ſie hatte — 199— ſelber den Hochzeitstag beſtimmt, welcher ihren Günſt⸗ ling mit der jungen Gräfin Lodoiska vereinigen ſollte. Aber wenige Tage vor dieſem ſo heiß erſehnten, mit ſo viel Gebeten, ſo viel heimlicher Angſt, und nagenden Vorwürfen herbei gewünſchten Tage war der Krieg ausgebrochen und Lodoiska hatte es nicht gewagt, ihren Geliebten zurück zu halten, als er in glühender Kampfesluſt zu der Fahne geeilt war. Er hatte ihr geſchworen, daß er ſie nie vergeſſen, daß er treu zurückkehren würde, und ſie hatte ihm geglaubt. XVI. Die Strafe. Eliſe war der Erzählung der Gräfin mit geſpann⸗ ter Erwartung, mit glühender Theilnahme gefolgt. Ihr Geſicht war marmorbleich und ihr Blick thrä⸗ nenſchwer und trübe geworden. Eine furchtbare Ah⸗ nung dämmerte in ihrem Herzen auf, aber ſie wehrte ſie von ſich. Sie wollte dieſe Stimmen in ihrer Bruſt nicht hören, welche ihr zuflüſterten, daß dieſe trau⸗ rige Erzählung der Gräfin in irgend einem Zuſam⸗ menhang mit Eliſen's eigenem Geſchick ſtehen könne. Ihr Geliebter hat Ihr Vertrauen nicht getäuſcht? fragte ſie. Sie hatten Ihrer Liebe ein ſo blutiges Siegel aufgedrückt! Er durfte es nicht brechen. Er brach es, rief die Gräfin ſchmerzvoll. Ich war ihm nichts mehr als ein ſchuldbeladenes Weib, und er ging hin, ſich einen Engel zu ſuchen. Er vergaß ſeine Schwüre, ſeine Pflichten, und ſchleuderte mich in den Abgrund, weil ich ihm läſtig war. Beide ſchwiegen ſie jetzt in der Bitterniß ihres — 201— Kummers. Die Gräfin heftete ihre großen, glühenden Augen auf das junge Mädchen, welches bleich, ganz verſunken in ihren Schmerz, unbeweglich vor ſich hin⸗ ſtarrte. Ich habe Ihnen noch nicht den Namen meines Geliebten geſagt, unterbrach die Gräfin endlich dieſe ängſtliche Stille. Soll ich Ihnen denſelben nennen? Eliſe fuhr wie aus ſchweren Träumen erwachend empor. Nein, ſagte ſie angſtvoll. Nein, nennen Sie ihn nicht. Was habe ich mit ihm zu ſchaffen. Ich kenne ihn nicht. Ich will ſeinen Namen nicht hören. Was kümmert mich der Name eines Mannes, der ein ſo ſchweres Verbrechen begangen. Sie müſſen ihn hören, rief Gräfin Lodoiska feier⸗ lich, Sie müſſen den Namen des Mannes kennen, der an mich gefeſſelt iſt durch eine blutige, ſchuld⸗ befleckte Vergangenheit und der mich verlaſſen hat. Es iſt der Obriſt Graf Feodor von Brenda! Eliſe ſtieß einen Schrei aus und ſank halb ohn⸗ mächtig in die Kiſſen des Divans zurück. Aber dieſe Muthloſigkeit dauerte nicht lange; ihr Herz, welches einen Moment wie in einem Krampf ſtill geſtanden hatte, ſchlug jetzt wieder mit glühendem Pochen, ihr Blut jagte wieder tobend durch ihre Adern, und ihre, an die Hoffnungsloſigkeit des Kum⸗ mers noch nicht gewöhnte Seele wollte noch einen letzten Verſuch machen, ſich von dieſen Feſſeln, mit welchen das Unheil ſie umſchlingen wollte, frei zu machen. — 202— Sie richtete ſich empor, und ihre Wangen glühten und ihre Augen ſchoſſen Blitze. Das iſt eine Lüge, rief ſie, eine elende Erfindung, welche man erſonnen hat, um mich von Feodor zu trennen. Oh, ich durchſchaue jetzt Alles. Ich ver⸗ ſtehe jetzt meines Vaters feierliche Betheuerungen, und weshalb Bertram es war, der Sie zu mir führte. Aber Ihr ſollt Euch Alle in mir geirrt haben. Gehen Sie hin, Frau Gräfin, und ſagen Sie Ihren Freun⸗ den: Eliſe opfert Alles und giebt Alles hin für Ihn, den ſie liebt und an den ſie glaubt, ob auch die ganze Welt gegen ihn zeugt! Und mit einem triumphirenden Lächeln das Haupt zurückwerfend, ſtand ſie auf und wollte das Zim⸗ mer verlaſſen. Die Gräfin zuckte faſt mitleidig die Achſeln. Sie glauben mir alſo nicht, ſagte ſie. Aber wer⸗ den Sie auch an dieſes Zeugniß hier nicht glauben? Sie zog einen Brief aus ihrem Buſen hervor und reichte ihn Eliſen dar. Es iſt Feodor's Handſchrift, rief das junge Mäd⸗ chen entſetzt, indem ſie den Brief nahm. Ach, Sie kennen alſo ſchon ſeine Handſchrift, er hat Ihnen alſo auch geſchrieben! ſeufzte Gräfin Lo⸗ doiska. Nun denn, leſen Sie. Es iſt ein Brief, den er mir zu Anfang ſeiner Gefangenſchaft aus Berlin geſchrieben, Leſen Sie! Ja, ich will ihn leſen, murmelte Eliſe. Dieſe Schriftzüge bohren ſich wie Dolchſpitzen in meine — 203— Augen. Aber ich will der Schmerzen nicht achten! Ich will leſen! Sie las dieſen Brief, welcher ihr ganzes Glück mordete, langſam und mit einer erſchreckenden Ruhe, ſie ließ das Gift dieſer an eine Andere gerichteten Liebesworte langſam, Tropfen um Tropfen, in ihre Seele fallen. Als ſie ihn endlich zu Ende geleſen, wiederholte ſie ſich noch einmal die letzten grauſamen Worte, die letzten innigen Betheurungen, mit denen Feodor ſeine Braut ſeiner nie ändernden Liebe und Treue verſicherte, mit denen er ihr ſchwur, daß er ſeine Liebe zu ihr nicht nur als ein Glück, ſondern auch als eine Ehrenſchuld betrachte, daß ſie mehr von ihm zu fordern habe, als nur ein Herz, daß er ihr auch ihre Ehre ſchulde. Dann, als ſie lange und ſorgfältig wie ein Schrift⸗ forſcher die Unterſchrift ſeines Namens betrachtet hatte, reichte ſie das Papier mit einem leichten Neigen des Hauptes der Gräfin dar. Oh mein Gott, ich habe ihn grenzenlos geliebt, murmelte ſie leiſe, und nicht mehr im Stande, ihre Thränen zurück zu halten, ſchlug ſie ihre Hände vor 8 ihr Angeſicht und weinte laut. Armes, unglückliches Mädchen! rief die Gräfin, indem ſie zärtlich ihren Arm um Eliſens Nacken legte. Eliſe fuhr heftig empor und ſah ſie faſt zür⸗ nend an. Beklagen Sie mich nicht! rief ſie. 38 will kein Mitleid von Ihnen. Ich— — 204— Plötzlich verſtummte ſie, und es fuhr wie ein elek⸗ triſches Zittern durch ihre ganze Geſtalt. Sie hörte das verabredete Zeichen, und die Töne des Poſthorns, welches langſam und ſchleppend die ſchwermuthsvolle ruſſiſche Melodie erklingen ließ, zer⸗ riſſen ihr Ohr wie eine fürchterliche Schreckens⸗ botſchaft. Eine Zeitlang ſtanden die beiden Frauen ſtumm und unbeweglich da; ſie lauſchten Beide dem Grab⸗ lied ihrer Liebe und ihres Glückes, und dieſes ſo einfache, ſo herzige Lied klang ihnen ſchauerlich und grauenvoll in der grenzenloſen Oede ihres Herzens. Endlich verſtummte das Lied, und eine nur zu ſehr geliebte und gekannte Stimme rief: Eliſe! Eliſe! Das junge Mädchen richtete ſich ſchaudernd und entſetzt empor. Mir graut vor ſeiner Stimme! mur⸗ melte ſie. Aber dennoch ſchien ſie dem Ruf nicht widerſtehen zu können, denn ſie näherte ſich dem Fenſter und ſchaute horchend hinunter.. Gräfin Lodoiska beobachtete ſie mit eiferſüchtigen Blicken und ein fürchterlicher Gedanke bemächtigte ſich plötzlich ihrer Seele. Wie, wenn dieſes junge Mädchen ihn eben ſo heiß liebte, wie ſie? Wenn ſie bereit war, ihm Alles zu vergeben, ſeine ganze Vergangenheit auszulöſchen mit der Hand der Liebe und ein neues Daſein mit ihm zu beginnen? Wenn ſie kein Mitleid empfände mit Feodor's verlaſſener Braut, und über ihr ge⸗ — 205— brochenes Herz ſiegreich und triumphirend hinſchrei⸗ ten wollte, um dem Ruf ihres Geliebten zu folgen, und mit ihm zum Traualtare zu gehen? 4 Ein zuckender Schmerz bemächtigte ſich ihres gan⸗ zen Weſens. Folgen Sie doch ſeinem Rufel rief ſie höhniſch lächelnd. Verlaſſen Sie Ihren Vater, den Sie ver⸗ rathen haben um eines Verräthers willen. Sie haben ihm ja geſchworen, ihn zu lieben! Gehen Sie hin und halten Sie Ihren Schwur! Draußen rief Feodor's Stimme lauter und drin⸗ gender Eliſen's Namen. Noch einen Moment ſtand ſie und horchte, dann ſtürzte ſie zum Fenſter hin und öffnete es und rief mit lauter Stimme hinunter: Ich komme, ich komme! Aber jetzt ſtürzte Lodoiska zu ihr hin, jetzt zog ſie das junge Mädchen mit ſtürmiſcher Gewalt vom Fenſter fort und ihre beiden Arme um ihre Geſtalt feſtklammernd, ſagte ſie athemlos: Verrätherin! Du wirſt dieſe Schwelle nicht überſchreiten. Ich rufe Deinen Vater, ich rufe das ganze Haus zuſammen. Sie werden Niemand rufen, unterbrach ſie Eliſe und ihre ſtolze, kalte Ruhe imponirte ſelbſt der Gräfin. Sie werden Niemand rufen, denn ich bleibe, und Sie, — Sie gehen ſtatt meiner. Was ſagen Sie? fragte Lodoiska. Eliſe hob den Arm empor und deutete mit einem feierlichen Ausdruck nach dem Fenſter hin. Ich ſage, — 206— rief ſie, daß dort unten Ihr Verlobter auf Sie wartet. Gehen Sie alſo! Die Gräfin drückte ſie mit einem Freudenſchrei in ihre Arme. Sie wollen ihm alſo entſagen? Ich habe keinen Theil an ihm, ſagte Eliſe kalt. Er gehört Ihnen. Er iſt an Sie gekettet durch Ihre Schande und ſein Verbrechen! Gehen Sie zu ihm! Gehen Sie, rief ſie heftiger, als ſie ſah, wie Lo⸗ doiska ſie zweifelnd anſtarrte. Eilen Sie ſich, denn er erwartet Sie! Aber er wird mich erkennen, er wird mich von ſich ſtoßen, ſagte Lodoiska angſtvoll. Eliſe deutete auf ihre Kleider, welche ſchon zur Abfahrt bereit gelegt waren. Dort liegt mein Hut und Mantel, ſagte ſie faſt gebieteriſch. Nehmen Sie! Laſſen Sie den Schleier nieder. Er kennt dieſen Anzug, und er wird glauben, daß ich es bin. In dieſem Moment ward die Thür heftig auf⸗ geriſſen und Bertram ſchaute herein. Eilen Sie, rief er, eilen Sie, ſonſt iſt Alles ver⸗ loren. Graf Feodor wird ungeduldig und er könnte es wagen, ſelber hierher zu kommen, um Eliſe zu holen! Auch Gotzkowsky iſt ſchon erwacht von dem ungewöhnlichen Geräuſch des Poſthorns. Helfen Sie der Gräfin, ſich reiſefertig zu machen, Bertram, rief Eliſe, welche noch immer unbeweglich und wie in ihrem ganzen Weſen erſtarrt daſtand. Bertram ſah ſie erſtaunt und fragend an, aber in — 207— kurzen, fliegenden Worten erklärte ihm die Gräfin Eliſens Abſicht und ihren Entſchluß, ſie ſtatt ihrer und in ihren Kleidern abreiſen zu laſſen. Bertram heftete auf Eliſe einen jener Blicke, in welchen die ganze Seele eines Menſchen ſich abſpiegelt, und dieſer Blick verrieth die tiefe und heilige Be⸗ wunderung, welche er für dieſes junge Mädchen empfand, das ſo heldenkühn und ſtolz ſich ſelber über⸗ wand. Er hatte auf ihren jungfräulichen Stolz, ihren Rechtsſinn, ihr Ehrgefühl gerechnet, und er hatte ſich alſo nicht in ihr getäuſcht! Die Gräfin hatte jetzt ihre Toilette vollendet, und Eliſens Mantel und Hut umgeworfen. Bertram drängte zur Eile, und Lodoiska näherte ſich daher Eliſen, um ihr Lebewohl zu ſagen, um ihr zu danken für dieſes Opfer, welches ſie ihr dar⸗ gebracht. Aber Eliſe wehrte ſie kalt und ſtolz zurück, und ſchien vor ihrer Berührung in heimlichem Grauen zu erbeben. Gehen Sie zu Ihrem Gemahl, Frau Gräfin, ſagte ſie, und ihre Stimme klang rauh und hart. Lodoiska's Augen füllten ſich mit Thränen. Sie. wollte noch einmal Eliſens Hand faſſen, aber dieſe legte ihre Arme feſt in einander und ſah ſie faſt drohend an. Gehen Siel ſagte ſie laut und hart. 3 — 208— Bertram nahm den Arm der Gräfin und zog ſie zur Thür hin. Eilen Sie! Es iſt die höchſte Zeit! Die Thür ſchloß ſich hinter ihnen. Eliſe war allein. Sie ſtand und lauſchte auf die enteilenden Schritte, ſie hörte die Hausthür ſich öffnen, ſie hörte das Poſthorn noch einmal luſtig aufſchmettern und dann verſtummen. Ich bin allein! kreiſchte ſie mit einem herzzerrei⸗ ßenden Aufſchrei. Sie reiſen ab. Ich bin allein! Und indem ſie verzweifelnd und faſt wahnſinnig vor Schmerz ihre Arme zum Himmel emporſtreckte, rief ſie angſtvoll: Oh mein Gott, will ſich denn Nie⸗ mand erbarmen, will Niemand Mitleid mit mir hbaben! Eliſe! ſagte ihr Vater, welcher eben die Thüre ihres Zimmers öffnete. Sie ſprang mit einem lauten Aufſchrei zu ihm hin, ſie ſtürzte ſich in ſeine Arme, und ihn feſt um⸗ klammernd und ſich feſt an ſeine Bruſt ſchmiegend, ſagte ſie matt: Habe Erbarmen, mein Vater, ſtoße mich nicht von Dir, Du biſt meine einzige Zuflucht aauf dieſer Welt! 2 Gotzkowsky drückte ſie feſt an ſeine Bruſt, und ſein ſtrahlender Blick wandte ſich dankend zum Himmel. Oh, ſagte er leiſe, ich wußte es wohl, daß ihr Herz ſich wieder zu ihrem Vater wenden würde. Er küßte innig ihr ſchönes, glänzendes Haar und ihr an ſeine Bruſt gelehntes Haupt. — — 209— Weine nicht, mein Kind, weine nicht, flüſterte er zärtlich. Laß mich weinen, ſagte ſie matt. Du weißt nicht, wieviel ich mit dieſen Thränen hinſtröme an Ver⸗ zweiflung und Qual. Von unten herauf vernahm man jetzt das Schmet⸗ tern des Poſthorns, dann das raſche Rollen eines Wagens. Eliſe klammerte ſich feſter an ihres Vaters Bruſt. Rette mich, rief ſie. Drücke mich feſt an Dein Herz. Ich bin ganz verlaſſen auf dieſer Welt. Die Thür ward heftig aufgeriſſen, und Bertram ſtürzte herein. Sie iſt fort, ſagte er athemlos. Er hat ſie nicht erkannt und hob ſie ſtatt Ihrer in ſeine Arme. Die Gräfin— Plötzlich verſtummte er und blickte auf Gotzkowsky, deſſen Auweſenheit er jetzt erſt bemerkte. Gotzkowsky fragte verwundert: Wer iſt fort? Was bedeutet dies Alles? Eliſe richtete ſich aus ſeinen Armen empor und ſchaute ihn mit glühenden Blicken an. Das bedeutet, rief ſie, daß mein Lebensglück ge⸗ brochen iſt. Es bedeutet, daß Alles Trug und Lüge iſt, die Liebe und die Treue und das Glück! Mit einem herzzerreißenden Weheſchrei taumelte ſie ohnmächtig in Gotzkowsky's Arme. Weckt ſie nicht, Vater! ſagte Bertram, ſich über ſie neigend. Gönnt ihr dieſe kurze Erquickung, denn ſie 4 hat einen großen Kummer zu überwinden. Wenn Gotzkowsky II. 14 — 210— ſie wieder erwacht, wird ſie Niemand mehr lieben, als Euch, ihren Vater.. Gotzkowsky preßte ſeine Lippen auf ihre Stirn, und ſeine Gedanken ſegneten ſie. Sie ſoll an mir einen Vater finden, ſagte er tief bewegt, der, wenn es ſein muß, ſelbſt mit ihr weinen kann! Meine Augen ſind der Thränen ungewohnt, aber einem Vater iſt es wohl erlaubt, mit ſeiner Tochter zu weinen, wenn ſie Kummer empfindet. XVII. Das Feſt der Dankbarkeit. Berlin hatte ſich von den erduldeten Schreckniſſen erholt. Der Feind war ſchon ſeit acht Tagen fort, und Alles war wieder ruhig und ſtill. Aber heute ſollte dieſe Stille durch ein lautes, fröhliches Feſt unterbrochen werden. Berlin, welches ſo viel gelitten, wollte ſich heute einmal wieder freuen. Das Feſt, welches Berlin feiern wollte, galt Nie⸗ mand anders, als Johann Gotzkowsky, dem Kaufmann von Berlin, dem Manne, welchen ganz Berlin ſeinen Schutzengel und Erretter nannte*). Er hatte Noth und Ungemach, Gefahr und Unbill *) Gotzkowsky erzählt ſelbſt:„Vierzehn Tage gingen damals hin, da ich von allen Orten und Enden, theils aus der Stadt, und theils aus fremden Ländern, wovon ich die Originalien noch aufzuweiſen habe, mit den größ⸗ ten Lobeserhebungen überhäuft ward, und worinnen man mich als einen Erretter vieler tauſend Menſchen aus⸗ ſchrie.“ Leben eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 51. 14* = 212— freudig ertragen, zum Beſten ſeiner Brüder, man hatte ihn ſtets hülfreich und dienſtbereit, uneigennützig und gefällig gefunden. Die ganze Stadt war ihm verpflichtet, allen Klaſſen der Geſellſchaft hatte er genützt und ſie wollten ſich ihm daher auch alle dankbar erweiſen. Man hatte Gotzkowsky erſuchen laſſen, am Morgen des feierlichen Tages ſein Haus nicht zu verlaſſen, ſondern ſich bereit zu halten, einige Deputationen zu empfangen. Den Deputationen ſollte alsdann ein feierliches Mittagsmahl folgen, welches die Bürger⸗ ſchaft Berlins zu Ehren Gotzkowsky's angeordnet hatte. Man wollte eſſen und trinken, jubeln und genießen zur Ehre Gotzkowsky's, man wollte ihm ein don⸗ nerndes Hoch ausbringen in ſchäumendem Champagner, und Gotzkowsky ſollte es als eine große Feierlichkeit betrachten, daß dieſe guten Berliner ihn verherrlichten, indem ſie einige Stunden lang ſich an ſchmackhaften Speiſen und duftenden Weinen erlabten. Gotzkowsky hatte ſich vergeblich geweigert, dieſe Feierlichkeiten anzunehmen. Er hatte anfangs ſich damit zu entſchuldigen verſucht, daß ſeine Tochter krank ſei und er ihr Lager nicht verlaſſen möge. Aber man hatte ſich bei ihrem Arzt erkundigt, und der hatte geſagt, Eliſe ſei ganz außer Gefahr, und Gotzkowsky dürfe ſie ohne Sorgen auf einige Stunden verlaſſen. Gotzkowsky hatte alſo keinen Grund auffinden können, ſich der Feierlichkeit zu entziehen, er atte ſie an⸗ nehmen müſſen. „ — 213— Eliſe war in der That krank, der Schmerz und die Verzweiflung ihres verrathenen und betrogenen Herzens hatten ſie niedergeworfen, und ihre wilden Fieberphantaſien, ihre verzweiflungsvollen Klagen, ihre vorwurfsvollen Geſpräche mit ihrem verlornen Geliebten, den ſie nicht ſah, der aber dennoch in ihren Fieberträumen vor ihr ſtand, hatten ihrem Vater die Geheimniſſe ihres armen, gefolterten Herzens ver⸗ rathen. Voll heißer Rührung dankte er Gott für ihre Rettung, und ſein Herz war ohne Groll gegen das arme, mißleitete Kind, das in der Einſamkeit ihres Herzens ſich in dieſe Liebe, wie in einen rettenden Hafen geflüchtet hatte. Nur ſich ſelber machte er Vorwürfe, und in der Zerknirſchung ſeines Herzens ſagte er zu ſich: Eliſe hat ganz Recht, mir zu zürnen und an meiner Zärt⸗ lichkeit zu zweifeln. Ich ertrug die Einſamkeit und das ſtete Getrenntſein von meiner Tochter, weil ich daran dachte, daß ich für ſie arbeitete, um ihretwillen mir dieſe Entbehrung auferlegte, aber ich hatte ver⸗ geſſen, daß auch ſie einſam und allein war, daß ſie der Vaterzärtlichkeit entbehrte, wie ich der Liebe mei⸗ nes Kindes. Ich wollte ſie reich machen und habe ſie doch nur arm und elend gemacht. Er küßte die brennende, fieberglühende Stirn Eliſens, er benetzte ſie mit ſeinen ſegnenden Thränen, und vergab ihr in der Tiefe ſeines Herzens ihre miß⸗ leitete Liebe, und ihre Irrungen und Vergehen. Sie war ja bei ihm, ſie war zu ſeinem Herzen — —— — 214— zurückgekehrt. Verzweifelnd, wie ſie war, hatte ſie ſich an die Bruſt ihres Vaters gerettet, und von ihm Beiſtand und Hülfe erfleht. Die finſtern Wolken waren alſo Alle vorüber⸗ gezogen, und der Himmel war wieder hell und klar, Berlin war befreit vom Feinde, Eliſe war in der Geneſung, und die Stadt Berlin bereitete ihrem edelſten Bürger ein Opferfeſt der Dankbarkeit. Die feſtgeſetzte Stunde, in welcher Gotzkowsky die Deputationen empfangen ſollte, war gekommen, und Gotzkowsky begab ſich in den großen Gartenſaal. Ein donnerndes Vivat empfing ihn. Es kam von ſeinen Arbeitern, welche eben durch den Garten daher zogen und ihre Hüte und Mützen ſchwenkten; ihnen folgte eine Schaar ſchwarzgekleideter Weiber. Sie hatten heute ihrer Thränen und ihres Kummers über die im Kampfe gefallenen Männer und Söhne ver⸗ geſſen, und kamen, um Gotzkowsky mit einem Lächeln für die großmüthige Güte zu danken, mit welcher er ſich ihrer angenommen, und ihre Zukunftgeſichert hatte. Hinter den Weibern kamen die armen Kleinen mit den Trauerfloren um den Arm. Sie drängten ſich jubelnd heran, und Gotzkowsky ihre kleinen Hände entgegenſtreckend, riſſen ſie ihre kleinen Mäuler auf, und auf Balthaſar's, des Werkführers, Commando, ein ſo ſchrilles und ſchmetterndes Vivat zu rufen, daß die Fenſter dröhnten, und mancher noch ſo be⸗ herzte Arbeiter ſich die Ohren zuhielt und eine Er⸗ ſchütterung in ſeinem Kopfe davon trug. — 215— Und zum zweiten Male Hoch! ſchrie der enthuſia⸗ ſtiſche Balthaſar, und Hoch! Hoch! brüllten und quikten die Kinder. 4 Und zum dritten— Aber Gotzkowsky hielt Balthaſar's Arm, der ſich eben emporwirbeln wollte, zurück, und ſagte mit einem komiſchen Entſetzen: Aber Mann, weißt Du denn nicht, daß ich heute noch meine Ohren gebrauchen werde? Ihr werdet mich taub machen mit Eurem Schreien. Laßt es genug ſein! Balthaſar machte ſich zappelnd von der ſtarken Hand ſeines Fabrikherrn los, und ſtellte ſich pathetiſch ihm gegenüber. Er durfte heut ſeiner Rednerleiden⸗ ſchaft Folge leiſten, denn die Arbeiter hatten ihn heut zu ihrem Redner erwählt, und er war daher berech⸗ tigt. Als er dann ſprach, ſah man es an ſeinen ſtrah⸗ lenden Augen und ſeinem flammenden Enthuſiasmus, daß ſeine Worte nicht erlernt waren, ſondern aus ſeinem Herzen kamen. Herr, laßt mich reden und ſchreien vor Freuden, ſagte er, denn es iſt eine Freude, einen edlen Herrn zu haben. Seht dieſe Kinder an, lieber Herr! Vor drei Tagen hatten ſie noch Väter, welche für ſie ſorgen und arbeiten konnten. Aber die Kanonenkugeln haben ihnen ihre Väter genommen, doch Gott hat ihnen einen neuen Vater geſchickt. Das ſeid Ihr. Ihr habt Euch der Kinder angenommen, als Alles ſie verließ, Ihr habt geſagt:„Da ſei Gott vor, daß — 216— die Kinder dieſer braven Männer, welche für die Freiheit Berlins gefallen ſind, Waiſen wären. Ich will ihr Vater ſein.“ Ja, Herr, ſo habt Ihr geſprochen, und die trauern⸗ den Mütter und all Eure Arbeiter haben es gehört und es in ihr Herz geſchrieben. Fragt die Wittwen hier, für wen ſie zu Gott beten, fragt die Armen, welche kein Brod hatten, und die Ihr geſpeiſt habt, fragt die ganze Stadt, wen ſie ſegnet und preiſt? Sie werden Euch Alle den Namen Gotzkowsky nennen, ſie werden Alle rufen, es lebe unſer Freund und unſer Vater, es lebe Gotzkowsky! Und Alles ſtimmte ein in dieſen Ruf, und Alles jubelte und ſchrie ein Lebehoch für Gotzkowsky. Gotzkowsky reichte ſeinen Arbeitern tiefgerührt ſeine Hände dar, und nahm mit innigem Lächeln die Blumen an, welche die Kinder ihm darbrachten. Ich danke Euch, ich danke Euch!l ſagte er bewegt. Ihr habt mich reich belohnt, denn ich ſehe, daß Ihr mich liebt, und was kann es Schöneres geben, als die Liebe. Die Diamanten! rief Ephraim emphatiſch, indem er ſich mit Itzig und einer Deputation der Juden⸗ ſchaft durch die Menge einen Weg bahnte zu dem Helden des Tages. Die Diamanten ſind noch mehr werth als die Liebe, Gotzkowsky. Seht, dieſer Brillant flammt und leuchtet, wie es noch niemals eines Men⸗ ſchen Liebesblicke gethan. Er hielt Gotzkowsky einen koſtbaren Solitair dar, — 217— und fuhr fort: Seid ſo gütig und macht uns die Freude, von der dankbaren Judenſchaft dies Geſchenk anzunehmen. Es iſt ein Diamant vom reinſten Waſſer! Es iſt eine verſteinerte Freudenthräne, unterbrach ihn Itzig, eine Freudenthräne, die wir vergoſſen haben vor Entzücken, daß Ihr uns von der Brandſteuer befreit habt. Ihr ſeid unſer größter Wohlthäter, unſer größter Freund, Ihr habt Euch bewieſen als der Er⸗ löſer der Judenſchaft, denn Ihr habt uns erlöſt von der Brandſteuer und habt uns gelaſſen, was die Ehre und das Anſehen, und das Glück der Juden iſt,— Ihr habt uns gelaſſen unſer Geld. Denn wenn der Jude kein Geld hat, iſt er kein Menſch. Nehmt den Ring und tragt ihn zu unſerm Andenken! Nehmt ihn, wir bitten! rief Ephraim, und die Judenſchaft ſchrie es ihm nach. Gotzkowsky nahm den Ring, und ihn an ſeinen Finger ſteckend, dankte er den Gebern für das koſt⸗ bare Geſchenk, das er tragen wolle zu ihrer Ehre und zu ſeiner Freude. Itzigs Stirn umwölkte ſich ein wenig, und indem er mit Ephraim und ſeinen Freunden zurücktrat, murmelte er leiſe: Er nimmt ihn an! Ich hoffte, er würde ſo ſtolz ſein ihn auszuſchlagen, denn er koſtet ſehr viel Geld, und wir hätten es ſehr gut gebrauchen können! G Das feierliche Eintreten der hohen Herren des Berliner Magiſtrats unterbrach Itzig's heimlichen — 218— Monolog und lenkte ſeine Aufmerkſamkeit auf den Herrn Oberbürgermeiſter von Kircheiſen hin, der in aller Pracht und Würde ſeiner goldenen Kette und ſeines Amtes in Begleitung der Senatoren und Stadt⸗ verordneten feierlich durch die Menge daher wallte, und Gotzkowsky, welcher ihm ehrfurchtsvoll entgegen trat, ſeine Hände darreichte. Der Magiſtrat von Berlin iſt gekommen, Euch zu danken, ſagte er. Denn es iſt ein Beiſpiel ohne Beiſpiel, daß ein Mann für ſeine Mitbürger das übernimmt und leidet, was Ihr ohne alles Intereſſe, und ſonder alle Nebenzwecke für uns ausgeſtanden habt.*) Ihr haltet mich für beſſer als ich bin, ſagte Gotz⸗ kowsky lächelnd, da Herr von Kircheiſen ſchwieg, ich hatte einen Nebenzweck. Ich wollte mir die Liebe meiner Mitbürger erwerben. Wenn mir das gelun⸗ gen iſt, ſo bin ich überreich belohnt, und ich bitte Euch, ſchweigen wir davon. Der Herr Oberbürgermeiſter ſchüttelte majeſtätiſch ſein Haupt. Ihr habt an uns die Tugend der Men⸗ ſchenliebe geübt, ſagte er, erlaubt daher, daß wir an Euch die Tugend der Dankbarkeit zu üben ſuchen. Er nahm aus der Hand des zweiten Bürger⸗ meiſters ein dunkelrothes Käſtchen, aus welchem er *) Des Oberbürgermeiſters eigene Worte. Siehe Ge⸗ ſchichte eines patriotiſchen Kanfmanns S. 136. * ——C—C—ę—V— — 219— einen zierlich gearbeiteten ſilbernen Kranz von Eichen⸗ blättern vorzog und ihn Gotzkowsky darreichte. Johann Gotzkowsky, ſagte er feierlich, der Magi⸗ flat und die Bürgerſchaft von Berlin bitten Euch durch meinen Mund, dies Angedenken ihrer Liebe und Dankbarkeit entgegen zu nehmen. Es iſt die Bürgerkrone Eures Edelmuthes! Nehmt ſie aus un⸗ ſern Händen, und nehmt auch unſern Schwur, daß der Magiſtrat und die Bürgerſchaft von Berlin nie⸗ mals vergeſſen wird, was Ihr für unſere Stadt ge⸗ than habt. Thränen des Entzückens, der innigſten Freude ſtanden in Gotzkowsky's Augen, als er den Eichen⸗ kranz aus des Oberbürgermeiſters Händen entgegen nahm und glühende Worte des Dankes ſtrömten von ſeinen Lippen.. Unfern von ihm in einer Fenſterniſche des Saales ſtanden Herr Krauſe und Herr Kretſchmer, und ſchau⸗ ten mit umdüſterten Zügen den Huldigungen zu, welche man Gotzkowsky darbrachte, und welche ihr Herz mit Neid und Zorn erfüllten. Sie waren auch gekommen, Gotzkowsky zu danken, aber ſie hatten es nur mit widerwilligem Herzen ge⸗ than, nur weil ſie ſich dem Feſte, welches die ganze Stadt ihm darbrachte, nicht entziehen konnten. Aber es ärgerte ſie, dieſen Mann, welchen ſie im Grunde ihres Herzens haßten, weil ſie ihm ſo ſehr verpflichtet waren, ſo allgemein geehrt und ge⸗ liebt zu ſehen, es ärgerte ſie, zu gewahren, mit wel⸗ — 220— chem anmuthigen und graciöſen Lächeln der ſonſt ſo ſtolze Herr Oberbürgermeiſter mit ihm ſprach, mit welcher innigen Theilnahme die Herrn Stadträthe und Senatoren ihn umringten. Ich kam hierher, ſagte Herr Krauſe leiſe, um Gotzkowsky zu danken, weil er uns gerettet hat. Aber ich will's nicht leugnen, es verdrießt mich, ihn ſo ver⸗ herrlicht zu ſehen! Herr Kretſchmer zuckte verächtlich die Achſeln. Mögen ſie ihn preiſen, ſagte er. Die Voſſiſche Zei⸗ tung nimmt keine Notiz davon, und ich werde nicht den kleinſten Artikel über dieſe Feier bringen. Was übrigens den Dienſt anbetrifft, den er uns geleiſtet— nun ja, es wäre unangenehm geweſen, gepeitſcht zu werden, aber— wir wären doch alsdann berühmte Märtyrer unſeres Liberalismus geworden, alle Welt hätte uns bewundert und beklagt, und der König hätte uns eine Penſion nicht verſagen können! Allerdings, flüſterte Herr Krauſe, er hätte uns eine Penſion gegeben und wir würden ſehr berühmt geworden ſein durch die Peitſchenhiebe. Man hat es dem engliſchen Dichter Payne nie vergeſſen, daß König Karl der Erſte ihm die Ohren abſchneiden ließ, weil er gegen ihn geſchrieben. Er iſt nicht durch ſeine Schriften, ſondern nur durch ſeine abgeſchnittenen Ohren berühmt geworden. Wir hätten es auch werden können, wenn dieſer Gotzkowsky ſich nicht höchſt un⸗ berufener Weiſe eingemiſcht hätte, und— 7 ———õẽ7łI — 221— Aber ſeht, unterbrach er ſich ſelbſt, jetzt iſt das Geſpräch Gotzkowsky's und der Magiſtratsherren zu Ende, und jetzt iſt an uns die Reihe, ihm zu danken. Die beiden Redacteure eilten zu Gotzkowski hin, um ihm in wohlgeſetzter Rede und unter Ver⸗ ſicherungen ewiger Erkenntlichkeit ihren Dank darzu⸗ bringen. XVIII. Ein königlicher Brief. Herr Krauſe hatte das Gedicht, welches er zu die⸗ ſem Ehrentag Gotzkowsky's ſeiner poetiſchen Begei⸗ ſterung abgerungen, noch nicht zu Ende declamirt,* als man vor der Thür des Salons einen heftigen Lärm vernahm, und der Kammerdiener Gotzkowsky's eilig herein ſtürzte. Ein Rathsdiener ſtehe draußen, meldete er, es ſei ſo eben vom Könige ein Brief ein⸗ gelaufen, und da derſelbe ſogleich dem Herrn Ober⸗ bürgermeiſter ſolle übergeben werden, habe der Raths⸗ diener ihn hieher gebracht. Er überreichte Herrn von Kircheiſen einen Brief, und dieſer erbrach mit majeſtätiſcher Ruhe das Siegel. Eine erwartungsvolle Stille trat ein. Jeder fragte ſich mit bangem Herzen, was dieſer Brief des Königs an den Magiſtrat von Berlin wohl zu bedeuten habe? Das Geſicht des Herrn Oberbürgermeiſters er⸗ heiterte ſich mehr und mehr, und plötzlich rief er laut: —+—— — 223— s iſt eine Freudenbotſchaft für unſere arme Stadt! Deeſſ König, unſer gnädiger Herr, entbindet uns von der Verpflichtung, die verſprochene Kriegsſteuer von noch anderthalb Millionen auszuzahlen. Er will eine Repreſſalie üben wegen der vom Reichshofrath auf⸗ gehobenen Würzburger und Bamberger Schuldſcheine. Deshalb befiehlt Se. Majeſtät, daß wir nicht zahlen ſollen!*) b Ein einziger Jubelruf tönte von den Lippen aller Anweſenden, nur Gotzkowsky ſchwieg und blickte zur Erde, und ſeine ernſten, ſinnenden Züge paßten wenig zu den hellen, ſtrahlenden Geſichtern der Männer, die wie verklärt waren von dem Befehl des Königs, ihr Geld zu behalten. Am glücklichſten und freudeſtrahlendſten aber waren die reichen Münzjuden Ephraim und Itzig und der Herr Oberbürgermeiſter. Der königliche Befehl befreit unſere arme Stadt von einer fürchterlichen Laſt, ſagte Herr von Kirch⸗ eiſen mit einem glücklichen Lächeln. Die ganze Kaufmannſchaft muß dem König dan⸗ ken! rief Ephraim. Berlin behält ſeine anderthalb Millionen und der Ruſſe iſt geprellt. Plötzlich richtete ſich Gotzkowsky empor und ſein Adlerauge überflog mit einem kühnen, ſtrahlenden Blick die ganze Verſammlung. *) Preuß. Geſchichte Friedrich der Große. Thl. II S. 251. Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns S. 81. — 224— Der Ruſſe iſt nicht geprellt, rief er, denn Berlin wird ſeine noch rückſtändigen anderthalb Millionen an den Ruſſen zahlen. Berlin hat es verſprochen und es wird Wort halten! Die Geſichter verfinſterten ſich ſchnell wieder, und hier und da hörte man einen Ausruf des Zorns, des wilden Ingrimms. Was, ſchrie Itzig, Ihr wollt verlangen, daß die Kaufmannſchaft ſo viel Geld verſchleudere, wenn ſie es in ihrer Taſche behalten kann? Der König hat geſagt: Ihr ſollt nicht zahlen! Und ich ſage: wir werden zahlen! rief Gotzkowsky. Was geſchrieben iſt, das iſt geſchrieben, und was ver⸗ ſprochen iſt, das muß gehalten werden, denn alſo will es unſere Ehre! Kein König beſitzt die Macht, ein Verſprechen ungeſchehen und einen Schwur un⸗ geſprochen zu machen. Wer ſein Ehrenwort nicht erfüllt, der iſt kein Ehrenmann und wenn er ſelbſt ein König wäre. Es giebt indeſſen Umſtände, ſagte der Herr Ober⸗ bürgermeiſter ſalbungsvoll, Umſtände, welche die Er⸗ füllung eines Verſprechens unmöglich machen können! Gotzkowsky erwiderte glühend: Wenn es deren giebt, ſo ſtirbt ein Ehrenmann mit ſeinem nicht ge⸗ löſten Wort. Aber Ihr wollt nicht ſterben, nein, Ihr wollt wortbrüchig werden, um recht zu leben, Ihr wollt von Euren nicht erfüllten Verſprechungen profitiren. Ihr wollt Euch bankerott erklären und ——— ———y— —————— — 225— Eure Gläubiger um Euer Geld betrügen, damit Ihr ſelbſt dabei zum reichen Mann werdet. Ein allgemeiner Sturm des Unwillens unterbrach Gotzkowsky, und dieſe Männer, welche gekommen waren, Gotzkowsky ein Dankfeſt zu bereiten, drangen jetzt mit wüthender Geberde, und drohenden, zornigen Blicken auf ihn ein. Anderthalb Millionen iſt kein Kinderſpiel, ſchrie Ephraim. Das Geld iſt mehr werth als die Ehre. Ich ſage, das Gad iſt die Ehre, kreiſchte Itzig. Wenn wir unſere Millionen behalten, ſo behalten wir unſere Ehre! Ihr ſeid ſehr großmüthig, höhnte Herr Kretſchmer, Ihr zahlt wie ein Kavalier aus den Taſchen An⸗ derer, und damit Ihr nicht wortbrüchig erſcheint, ſoll die Bürgerſchaft einige Millionen zahlen! Gotzkowsky ſchleuderte einen Blick ſtolzer, mit⸗ leidiger Verachtung auf ihn, Ihr vergeßt, Herr, ſagte er, daß ich nicht in meinem Namen, ſondern im Na⸗ men des Magiſtrates und der Kaufmannſchaft gehan⸗ delt habe. Nicht ich perſönlich werde wortbrüchig,. ſondern die ganze Stadt Berlin. Aber ich wiederhole es, ſagte der Oberbürgermeiſter, der König hat uns von der Verpflichtung, unſer Wort zu halten, entbunden! Kein König kann das, unterbrach ihn Gotzkowsky. Ein Ehrenmann muß ſein Wort erfüllen, und kein Menſch, und ſei er ſelbſt ein König, kann ihn davon befreien! Gotzkowsky. II. 15 — 226— Streiten wir uns nicht über Meinungen, ſagte Herr von Kirccheiſen achſelzuckend. Meine Meinung iſt: wir zahlen dieſe Million nicht! Nein, wir zahlen ſie nicht! riefen Alle in ſtürmi⸗ ſcher Aufregung, indem ſie den Oberbürgermeiſter umringten, und in freudigem Geſpräch die Vortheile des Nichtzahlens mit einander erwogen. Gotzkowsky ſtand allein, unbeobachtet, vergeſſen, und hörte ihnen zu. Eine tiefe und heilige Trauer war in ſeiner Seele, und er ſagte ſchmerzvoll zu ſich ſelber: das iſt die unheilsvolle Macht des Geldes, daß ſie das Herz verhärtet, und es taub macht für die Stimme der Ehre! Für einige Millionen Thaler iſt dieſen Männern ihre Ehre feil! Aber ich will noch einen letzten Verſuch machen. Ich will ſie bei ihrer Feighergkri packen! Er trat wieder in ihre Mitte, und mit überzeu⸗ genden Worten, mit flammender Beredtſamkeit ſchil⸗ derte er die Gefahr, welche ihnen Allen aus der Nichtzahlung der ausgeſtellten Wechſel entſtehen möchte. Der Ruſſe war ja noch immer nicht weit von Berlin entfernt; hatte er ſich in Eilmärſchen von Berlin zurück gezogen, konnte er auch in Eilmärſchen dahin zurück kehren, um in ſeinem Uebermuth und ſeinem Zorn Rache zu nehmen an dieſer wortbrüchigen Stadt. Ein unglücklicher Moment kann den Ruſſen zum Sieger über unſern König machen, ſagte er. Dann — 3 — — 227— kehrt der Feind zurück, und wird uns wie ein Tiger zerfleiſchen. Ich werde dann nicht mehr die Macht haben uns zu ſchützen, denn grade gegen mich, der für die Zahlung der Contribution ſeine Bürgſchaft eingelegt, wird die Wuth des General Tottleben ſich wenden. Den Wortbrüchigen ſchützt ſelbſt Gott nicht! Er iſt vogelfrei. Eine tiefe Stille trat ein, als Gotzkowsky ſchwieg. Alle Geſichter hatten ſich wieder umdüſtert und auf den zuſammengezogenen Augenbrauen, den ſorgen⸗ vollen Stirnen konnte man leſen, daß Gotzkowsky's Worte ſie überzeugt, und zu der ſchmerzlichen Anſicht bekehrt hatten: es ſei nothwendig, die ausgeſtellten Wechſel einzulöſen. Selbſt Herr von Kircheiſen vergaß in ſeiner Furcht vor der Rückkehr der Ruſſen die Höhe der zu zah⸗ lenden Summen, und ſagte mit einem ſchwermuths⸗ vollen Seufzer: Gotzkowsky hat, wie ich leider fürchten muß, doch Recht. Es iſt ſchlimm, das Geld zu zahlen, aber es wäre ſehr gefährlich es nicht zu thun. Es kann den Kopf koſten! beſtätigte der erſte Stadtrath. 4 Herr Ephraim ſtand geſenkten Hauptes und mur⸗ melte in ſich hinein: das Geld iſt viel, aber das Leben iſt noch mehr! Itzig aber rief verzweiflungsvoll: wir wollen nicht zahlen. Wir wollen unſer Geld behalten. Wenn der Jude kein Geld hat iſt er kein Menſch! Aber der Oberbürgermeiſter, welcher aich Yund 15* — 228— leiſe mit den Magiſtratsherren Rath gepflogen, näherte ſich jetzt Gotzkowsky und reichte ihm lächelnd ſeine Hand dar. Wir danken Euch, ſagte er, denn Ihr habt weiſe geſprochen, und Euer Rath ſoll erfüllt werden. Wir wollen zahlen, da es nicht anders ſein kann. Aber Ihr müßt uns auf's Neue einen wichtigen Dienſt leiſten. Ihr müßt zum König gehen, und ihn bitten, daß er uns nicht zürnt, wenn wir ſeinen Befehl nicht vollführen. Ja, thut das, thut das Gotzkowsky! riefen alle die Uebrigen. Geht zum König. Er iſt Euch ſehr gewogen. Bittet für uns! Gotzkowsky's Antlitz ſtrahlte in edler Genug⸗ thuung. 5 Wohlan, ich gehe zum König, ſagte er. Ich will ihn bitten, daß er der Stadt Berlin erlaube, ſich ihre Ehre makellos zu erhalten und die verſprochenen MNiilloonen zu zahlen. Wendet all Eure Rednerkunſt auf, ermahnte der Oberbürgermeiſter, daß der König dem Magiſtrat und der Bürgerſchaft von Berlin wohlgewogen bleibe, und uns nicht zürne, wenn wir dies Mal gegen ſeinen Befehl handeln. Der König iſt ein hochherziger und edler Mann, ſagte Gotzkowsky begeiſtert. Auch ihm iſt ſein Man⸗ neswort heilig und er wird es verſtehen und ehren, daß wir das unſrige nicht brechen möchten! 3 ——— —— — —y—— — 229— Eine Stunde ſpäter eilten die Vornehmſten der Bürgerſchaft und der Kaufleute Berlins nach dem großen Rathhausſaale, woſelbſt man heute ein glän⸗ zendes Feſtmahl bereitet hatte, und Jubel erſchallte, und Gläſer klangen, und das erlöſte Berlin feierte einen erſten Tag der Freude und des Glückes. Johann Gotzkowsky aber, dem dies Feſt galt, den Berlin ſeinen Erretter und ſeinen Wohlthäter nannte, Johann Gotzkowsky war nicht bei dem Feſte zu⸗ gegen. Tief in ſeinen Pelz gehüllt, hatte er ſo eben ſeinen Wagen beſtiegen, und Gefahr und Mühſal nicht ſcheuend, fuhr er hinaus in Nacht und Kälte, gen Meißen zu, wo der König ſein Quartier aufgeſchlagen hatte. Ende des zweiten Bandes. Gotzkowsky II. *— Druck von Eduard Krauſe in Berlin. KunnnmmnLaanmmmnun ſnſſnnnnnmim 9 11 12 13 14 15 16 1 7 ———