iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. en Ednuard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 eih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ¹ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von dem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit ei d je nes Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſpre hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mi * wird. 4. A beträgt ntgegennahme chende Summe r zurückerſtattet bonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mf.— Pf. „ 3 ů4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. dun beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 5 1 in ꝛc.) muß der ½ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, veſchmnntte, ver⸗„ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt — Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach. Vierte(Supplement⸗) Abtheilung: Johann Gotzkowsky. Zweite, nen bearbeitete Ausgabe. Erſter Band. Berlin, 1858. Beklag von Otto Janke. Johann Gotzkowsky oder Friedrich der Große und ſein Kaufmann. Von L. Mühlbach. * Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Erſter Band. Berlin, 1858. Verlag von Otto Janke. 1. Das Feſt. Die Leiden des langjährigen Krieges waren immer noch nicht zu Ende, noch immer ſtand Friedrich der Große mit ſeinem Heer im Felde, noch immer war der große Kampf zwiſchen Preußen und Oeſterreich nicht ausgefochten, und Schleſien war noch immer der Zankapfel, um den Maria Thereſia und Frie⸗ drich II. ſeit zwei Jahren ſich ſtritten, und um welchen in ſo vielen Schlachten ſchon das Blut deutſcher Brü⸗ der vergoſſen worden. Die Freude ſchien erloſchen überall, der heitere Scherz war verſtummt, trübe ſchaute jeder in die Zukunft, und Niemand wußte zu ſagen, für wen dieſer große Kampf ſich endlich ent⸗ ſcheiden, ob er für Oeſterreich oder für Preußen ſieg⸗ reich ſein werde. Das Jahr 1760, das fünfte des Krieges, war aber für Preußen ein beſonders trauriges Jahr, mit Thrä⸗ Gotzkowsky I. 1 nen und Blut war es in die Geſchichte Preußens und Deutſchlands eingezeichnet. Selbſt Berlin, das ſeligen Bedrängniſſen des Krieges, zeigte jetzt eine eernſthafte trübe Miene, und es ſchien, als wenn der ſeitere Witz und der ſarkaſtiſche Humor, welcher die Einwohner der guten Stadt Berlin von jeher ausge⸗ zeichnet, ſie jetzt ganz verlaſſen habe. Wenn man durch die breiten leeren Straßen ging, begegnete man nur trüben Geſichtern, nur ſchwarzgekleideten Weibern, welche ihre Männer oder ihre Söhne betrauerten, die in irgend einer der vielen Schlachten dieſes Krieges ge⸗ fallen waren, oder Müttern, die mit trübem Blicke in die Zukunft ſchauten, und an ihre fernen Söhne dach ten, die zur Armee gegangen waren. Hier und da auch ſah man irgend einen verwun⸗ deten Soldaten mühſam die Straße hinunter ſchwan⸗ ken, ſelten aber begegnete man rüſtigen Männern, noch ſeltener ſah man ein friſches Jünglingsangeſicht. Ber⸗ lin hatte nicht nur ſeine Männer und Jünglinge, es hatte ſelbſt ſeine vierzehnjährigen Knaben abliefern müſſen zu der Armee, welche, nach dem eigenen Ge⸗ ſtändniß Friedrich's des Großen, im Feldzug des Jah⸗ rres 1760 nur aus Ueberläufern, Marodeurs und bart⸗ loſen Knaben beſtand*). *) Das preußiſche Heer war ergänzt, aber nicht mit alten Soldaten, noch mit Truppen, die zum Gebrauch dienen konnten, ſagt Friedrich der Große ſelbſt, ſondern nur mit Soldaten zur Schau. Denn was iſt ladenn bis dahin wenig zu leiden gehabt hatte von den un⸗ — — 14 Um ſo auffallender mußte es daher ſein, aus einem der größten und ſtattlichſten Gebäude in der Leipziger⸗ ſtraße heute den ungewohnten Klang luſtiger Tanz⸗ muſik, fröhliches Singen und Jauchzen bis auf die Straße hinunter ſchallen zu hören. Die Leute, welche vorübergingen, blieben ſtehen, und ſchauten neugierig zu den Fenſtern empor, an denen man hier und da ein geröthetes vergnügtes Män⸗ nerangeſicht, einen hübſchen Weiberkopf erblicken mochte. Aber die Männer, welche hinter den Scheiben ſichtbar wurden, gehörten offenbar nicht zu der vornehmen, und ſogenannten guten Geſellſchaft, ihre Geſichter wa⸗ ren ſonnverbrannt, ihr Haar hing ungekünſtelt und ungepudert auf den groben und unmodiſchen Tuchrock hinab, und auch der Putz der Mädchen hatte wenig mit der Eleganz und der Mode jener Tage gemein. „Der reiche Herr Gotzkowsky giebt ſeinen Arbeitern heute ein großes Feſt“, ſagten die Leute auf der Straße zu einander, und indem ſie weiter gingen, beneideten ſie ſeufzend diejenigen, welche heute in den reichen und glänzenden Sälen des großen Fabrikherrn einen luſti⸗ gen Tag genießen konnten, und außerdem ſich noch Haufen Leute anzufangen, der halb aus ſächſiſchen Bauern, halb aus Ueberläufern beſteht, und von jungen Offizieren geführt wird, die man nur aus Noth und in Ermange⸗ lung beſſerer in Dienſt genommen hat? Und noch fehlte es den Infanterieregimentern ſo ſehr daran, daß ſie ſtatt 52 Offizieren kaum deren noch 12 übrig hatten.(Oeupres posthumes T. 4. pag. 81). 8 1 alle die Herrlichkeit in dem Hauſe des reichen Mannes anſchauen konnten. Das Haus Gotzkowsky's war in der That eins der ſtattlichſten und ſchönſten von ganz Berlin, und ſein Beſitzer gehörte zu den reichſten Männern der damals, trotz des Krieges, dennoch ſo reichen und gewerbthä⸗ tigen Stadt. Doch nicht der Glanz der Meubles, des koſtbaren Scilbergeräthes, der Gobelin⸗Tapeten und türkiſchen Tevppiche war es, was dieſes Haus vor allen andern auszeichnete. Darin konnten wohl auch Andere es dem reichen Kaufmann gleich thun oder ihm zuvor⸗ kommen. Aber Herr Gotzkowsky beſaß herrliche Kunſt⸗ ſchätze, koſtbare Gemälde, um welche ihn ſelbſt Fürſten und Könige beneiden konnten. Mehrmals war er im Auftrag des Königs nach Italien gereiſt, um dort Ge⸗ mälde zu kaufen, die ſch önſten Stücke in der Galerie des Königs hatte Gotzkowsky aus dem Lande der Kunſt heimgebracht. Aber als er das letzte Mal aus Italien zurückkehrte, war der Krieg von 1756 bereits ausgebrochen, und der König konnte jetzt ſein Geld nicht zum Ankauf von Gemälden verwenden, er ge⸗ brauchte es für ſeine Armee. Gotzkowsky mußte alſo die herrlichen Originalge⸗ mälde von Raphael, Rubens und andern großen Mei⸗ ſtern, die er zu ungeheuren Preiſen in Italien ange⸗ kauft, für ſich behalten, und der reiche Fabrikherr war wohl der Mann dazu, ſich den Luxus einer Gemälde⸗ gallerie gönnen zu können. 4. Die ſchlichten Handwerker und Arbeiter, welche heute in den Sälen Gotzkowsky's ihr Diner ein⸗ genommen, hatten ſich daher in den glänzenden Sälen ein wenig befangen und unbehaglich gefühlt, und erſt als die Tafel aufgehoben war, und man die Nachricht erhielt, es ſolle die Fortſetzung des Feſtes in dem gro⸗ ßen, unmittelbar am Hauſe belegenen Garten ſtatt finden, und dorthin habe man ſich ſogleich zu heitern Spielen und zu dampfendem Kaffee zu begeben, nah⸗ men die Geſichter wieder ihren heitern ungenirten Ausdruck an. Herr Bertram, der erſte Buchhalter Gotzkowsky's, hatte von dieſem den Auftrag erhalten, die Geſellſchaft, welche aus mehr denn zweihundert Perſonen beſtand, hinunter zu führen in den Garten. Herr Gotzkowsky wollte ihnen nachfolgen, und nur erſt ſeine Tochter abholen. Mit luſtigem Lachen und unter heitern Geſprächen entfernten ſich die Leute, die Säle wurden leer, und bald war die tiefe Stille dieſer Prunkgemächer nur noch von dem leiſen Pickern der großen Uhr unter⸗ brochen, welche a köſtlich verziertem Unterſatz über dem Sopha des Salons ſtand. Gotzkowsky athmete wie erleichtert auf, als er ſich endlich allein ſah. Die Stille ſchien ihm wohlzuthun, er ließ ſich leiſe in einen der großen, mit goldgeſticktem Sammet überzogenen Stühle gleiten, und blickte ernſt und ſinnend vor ſich hin. Sein Antlitz zeigte einen trüben Ausdruck, und ſeine großen, dunklen Augen waren heute weniger ſtrahlend und hell, 4! ſönſt. Johann Gotzkowsky war noch immer ein ſchöner Mann, trot ſeiner fünfzig Jahre; ſein edles, geiſtdurch⸗ ſtrahltes Antlitz, ſeine hohe, ſtolze Geſtalt, ſein volles ſchwarzes Haar, das er, der Sitte jener Zeit zum Trotz, ungepudert trug, ſeine ganze Erſcheinung machte zugleich einen imponirenden und einen wohlthuenden Eindruck. Auch lag es ohne Zweifel nicht an Gotzkowsky's Perſönlichkeit, daß er trotz des frühen Todes ſeiner Gattin ſich nicht zu einer zweiten Ehe hatte entſchlie⸗ ßen mögen, ſondern es vorgezogen hatte, ein einſamer Witwer zu bleiben. Es war dies weder aus Gleich⸗ gültigkeit, noch aus Herzenskälte geſchehen, ſondern nur aus Liebe; aus Liebe zu dieſem kleinen, hülfloſen, liebedürftigen Weſen, deſſen Geburt ſeinem jungen Weibe das Leben gekoſtet, aus Liebe zu dieſem klei⸗ nen Mädchen, der er am Bette der geſtorbenen Mut⸗ ter geſchworen, ihr die Mutter zu erſetzen, und ſie niemals unter das harte Joch einer Stiefmutter zu beugen. Gotzkowsky hatte ſeinen Schwur getreulich erfüllt, er hatte alle ſeine Liebe concentrirt auf ſeine Tochter, welche unter ſeinen ſorgſam behütenden Blicken ſich immer kraftvoller, immer ſchöner entwickelt hatte, und die Gotzkowsky jetzt mit ſtolzer Vaterfreude das ſchönſte Kleinod ſeines Hauſes nannte. Wo war ſie denn dieſe Tochter, welche er ſo ſehr liebte? Weshalb war ſie nicht neben ihm, um die Falte von ſeiner Stirn wegzulächeln, um mit zärt⸗ lichem Geplauder die ernſten und trüben Gedanken aus ſeiner Seele zu verſcheuchen? Ohne Zweilfel war ſie es, welche ſein irrender Blick in dieſem großen, ſchwei⸗ genden Zimmer ſuchte, und er ſeufzte, weil er ſie nicht fand, weil er ſich vergeblich nach ihrem holden Lä⸗ cheln, ihren roſigen Wangen ſehnte! Wo war ſie denn? Gotzkowsky's Tochter ſaß einſam, wie er, in ihrem Zimmer und blickte gedankenvoll, wie ihr Vater, in die leere Luft. Wie ſeltſam contraſtirte dieſer trübe, ſchwermüthige Ausdruck ihres kaum von einem ſchwa⸗ chen Roth angehauchten Geſichtes zu dem feſtlichen Anzug, wie traurig war ihr Blick im Contraſt zu die⸗ ſem vollen Roſonkrang, d der ihr Haar zierte! Eliſa war die Tochter des reichſten Mannes von Berlin, und dennoch war ſie traurig, die ganze Welt nannte ſie das ſchönſte Mädchen und dennoch ſaß ſie einſam in ihrem glänzenden Gemach, und ihre Augen waren umdüſtert von Thränen! Auf einmal zog ſie aus ihrem Buſen eine goldene Kapſel hervor, und drückte dieſe feſt und innig an ihre Lippen. Dann warf ſie einen ſcheuen Blick nach der Thür und ſchien zu horchen. Als ſie ſich überzeugt hatte, daß Niemand nahe, drückte ſie an einer verbor⸗ genen Feder des Medaillons; der goldene Deckel ſprang auf, und man ſah jetzt das Bild eines ſchönen Man⸗ nes in ruſſiſcher Uniform. Das junge Mädchen betrachtete dieſes Bild mit einem ſeltſamen Gemiſch von Entzücken und Schwer muth, und dann, ganz überwältigt von ſeinem Anblick, näherte ſie es ihren Lippen. Feodor! flüſterte ſie ſo leiſe, daß es faſt nur wie ein Seufzer klang, und die Hand, mit welcher ſie das Medaillon hielt, ausſtreckend, um das Bild beſſer be⸗ trachten zu können, fuhr ſie fort: Feodor! Warum haben wir uns gefunden, wenn es doch nur war, um uns auf ewig zu verlieren! Warum ließ mich das Schickſal nicht als arme Leibeigene auf einem Deiner Güter geboren werden, und gab Dir ein Recht auf meinen Beſitz, indem es mir die ſüße Pflicht aufer⸗ legte, Dich zu lieben? Oh mein Gott, warum biſt Du ein Feind meines Vaterlandes, oder warum bin ich eine Deutſche! Die Menſchen nennen mich glück⸗ lich, ſie beneiden mich um meines Vaters Reichthum, ſie wiſſen nicht, wie arm ich bin, und wie troſtlos und allein! Sie neigte ihr Haupt auf ihre Bruſt und weinte bitterlich.— Plötzlich vernahm man ganz nah vor ihrer Thür Schritte. Sie ſchreckte zuſammen und verbarg ſchnell das Medaillon wieder in ihrem Buſen. Mein Vater! flüſterte ſie, indem ſie ſchnell ihre Thränen trocknete, und aufſtand, um die Thür zu öffnen. Sie hatte ſich nicht geirrt, es war ihr Vater. Er reichte ihr die Hand dar, welche ſie ehrfurchts⸗ voll an ihre Lippen drückte, aber ſie ſah nicht dieſen zärtlichen, faſt ſehnſüchtigen Blick, mit dem er ſie be⸗ trachtete, denn ſie hatte die Augen niedergeſchlagen, nicht, ihn anzuſehen. — Ich komme, Eliſe, Dich zu unſerm Gartenfeſt ab⸗ zuholen, ſagte er. Du gehſt doch mit, mein Kind? Ich bin bereit, ſagte ſie, indem ſie Shawl und Hut nahm. Weshalb aber ſo eilig, mein Kind? fragte ihr Vater. Ueberlaſſen wir dieſe guten Leute immerhin noch ein wenig ſich ſelbſt. Wir werden noch zeitig genug kom⸗ men, um ihren Spielen beiwohnen zu können. Ich möchte üeih eine Viertelſtunde bei Dir bleiben, Eliſe. Sie rollte ihm, ohne etwas zu erwidern, einen Fauteuil ans Fenſter, und legte Hut und Shawl wieder bei Seite. Es iſt ſehr ſelten, daß Sie mir ein ſolches Ge⸗ ſchenk machen, mein Vater, ſagte ſie. Was für ein Geſchenk, mein Kind? Eine Viertelſtunde aus Ihrem Leben, mein Vater! Ja, Du haſt Recht, ſagte er gedankenvoll, ich habe wenin Zeit zu meinem Vergnügen! Aber ich denke deſto mehr an Dich, mein Kind! 4 Sie ſchüttelte leiſe das Haupt. Nein, ſagte ſie, es bleibt Ihnen keine Zeit an mich zu denken. Sie ſind zu viel beſchäftigt, Hunderte von Menſchen neh⸗ men Ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Wie bliebe Ihnen da noch Zeit, mein Vater, an Ihre Tochter zu denkent Gotzkowsky zog ein dunkelrothes Etui aus ſeiner Buſentaſche, und reichte es ihr hin. Sieh, Eliſe, ob ich nicht an Dich gedacht habe! Es iſt heute Dein Geburtstag, und ich habe ihn„ wie — 10— jedes Jahr, dadurch gefeiert, daß ich meinen Arbeitern ein Feſt gebe, und ein armes Brautpaar ausſtatte, das ſich an dieſem Tage trauen läßt. Ihre Gebete und ihre Thränen ſind das ſchönſte Dankopfer für Dich, meine 3 Tochter, und indem ſie glücklich ſind, ſegnen ſie Dich, die Spenderin ihres Glückes. Aber wie, Du haſt dieſes Etui noch nicht geöffnet? Gleichſt Du denn ſo wenig andern Mädchen, daß Diamanten Dir keine Freude machen? Eliſe öffnete das Etui und betrachtete das Ge⸗ ſchmeide mit müden Blicken und kaum verhehlter Gleichgültigkeit. Wie wunderbar das ſtrahlt und fun⸗ kelt, ſagte ſie gedankenvoll, und wie viel lockende Ver⸗ heißungen man aus dieſem Farbenglanz ſich heraus⸗ deuten könnte! Aber das iſt ja ein fürſtliches Ge⸗ ſchenk, mein Vater! Ihre arme Eliſe iſt nicht würdig, dieſes Diadem und dieſes Collier zu tragen! Oh Du biſt es werth, eine Krone zu tragen! rief ihr Vater mit zärtlichem Stolz, und glaube mir, mein Kind, es hinge am Ende nur von Dir oder mir ab, in dieſes ſchöne Haar eine Grafenkrone, oder gar ein Fürſtendiadem zu flechten. Und dies, mein Kind, iſt es, was mich veranlaßt, heute zu Dir zu kommen! 4 Alſo ein Geſchäft, flüſterte ſie kaum hörbar, indem ein bitteres Lächeln ihre Züge durchflog. Gotzkowsky fuhr fort: Der junge Graf Saldern hat geſtern bei mir um Deine Hand geworben! Graf Saldern? fragte Eliſe. Ich kenne ihn kaum, und habe ihn erſt zwei Mal in dem Salon der Gräfin Hertzberg geſprochen. —x 4 — 11— Das hindert aber nicht, daß er Dich glühend liebt, ſagte Gotzkowsky mit kaum merklicher Ironie. Ja, Eliſe, er liebt Dich ſo glühend, daß er die Standesrückſichten überwinden und Dich zu einer rechtmäßigen Gräfin machen will, wen ich ihm ver⸗ ſpreche, Dir mindeſtens eine halbe Million zur Mit⸗ gift auszuſetzen! Eliſens ſo bleiches Antlitz bekam plötzlich Farbe und Leben. Sie richtete ſich höher empor und warf ſtolz ihr Haupt zurück. Sie wollen mich alſo verhandeln, mein Vater? ſagte ſie. Sie wollen dieſer gräflichen Null einige Bedeutſamkeit verleihen, indem Sie ihr eine halbe Million ſchenken, und der Herr Graf will ſo gütig ſein, dafür dieſe kleine unbedeutende Beilage meiner Perſon mit in den Kauf zu nehmen? Ihr Vater ſchaute mit freudeſtrahlenden Augen in das flammende Antlitz ſeiner Tochter, aber er un⸗ terdrückte dieſe Regung ſchnell und nalat wieder eine ernſthafte Miene an. Ja, ſagte er, der liebe Graf will für eine halbe Million die Tochter des Fabri⸗ kanten zur Gräfin erheben. Aber für eine ganze Million können wir noch mehr erlangen, und noch höher ſteigen. Wenn ich ſeinem Oheim, dem Fürſten Saldern, eine halbe Million leihe, damit er ſeine verpfändeten Güter einlöſen kann, ſo hat der Herr Fürſt verſprochen, den Neveu, Deinen Freier, dafür zu ſeinem Adoptivſohn zu ernennen. Du würdeſt dann eine Fürſtin werden, Eliſe, und ich würde die — 12— ſtolze Genugthuung haben, einen Fürſten meinen Sohn zu nennen! Wenn anders der König in eine ſolche Herabwür⸗ digung eines Edelmanns willigt! rief Eliſe. Wenn er in Gnaden erlaubt, daß der Herr Graf ſich ſo weit degradiren! Oh, der König wird einwilligen! ſagte ihr Vater leichthin. Du weißt, er iſt mir ſehr gewogen! Sage nur, ob Du einwilligſt, Fürſtin Saldern zu werden! Niemals! ſagte ſie ſtolz, ich bin keine Waare, die man verhandeln kann, und dieſer elende Fürſten⸗ titel reizt mich nicht! Sie können mir befehlen, mein Vater, dem Manne meiner Liebe zu entſagen, aber Sie werden mich niemals zwingen können, einem un⸗ geliebten Manne meine Hand zu geben, und wäre er ſelbſt ein König! Ihr Vater ſchloß ſie ſtürmiſch in ſeine Arme. Das iſt Blut von meinem Blut, und Geiſt von meinem Geiſt! rief er. Ja, Du haſt Recht, mein Kind, die Titel und Ehren zu verachten, es iſt hohler Flitter⸗ tand, und Niemand glaubt mehr daran! Wir ſtehen an den Pforten einer neuen Zeit, und dieſe Zeit wird eine neue Art von Paläſten errichten und neue Für⸗ ſten ſchaffen! Du aber, mein Kind, wirſt eine der erſten Prinzeſſinnen der neuen Zeit ſein! Die Fabrik⸗ häuſer werden die neuen Paläſte und die Fabrikan⸗ ten die neuen Fürſten ſein! Statt des Schwertes wird das Geld die Welt beherrſchen, und wie jetzt vor den Feldherren, wird man ſich einſt beugen vor — 13— den Faürfanie und Banquiers! Deshalb ſage ich, daß Du Recht gethan, den Fürſten Saldern aus⸗ zuſchlagen, denn ich verſpreche Dir, mein Kind, Du ſollſt eine Fürſtin ſein, auch ohne den Titel, und vor Deinem Gelde ſollen dieſe ſogenannten Großen und Vornehmen ſich beugen, ſo tief, als ob es eine Her⸗ zogskrone wäre! Eliſe ſchüttelte ſchwermüthig lächelnd ihr Haupt. Ich verlenhe nicht nach ſolchen Ehrenbezeugungen, ſagte ſie, und ich verachte dies elende Metall, für welches man Alles kaufen kann! Verachte es nicht, ſondern liebe es! rief ihr Vater. Das Gold iſt eine heilige Macht, es iſt der Zauber⸗ ſtab Moſe, welcher aus unfruchtbaren Felſen⸗Quellen hervorſprudeln macht! Sieh, mein Kind, ich, welcher Alles verachtet, was die Welt mir bieten könnte an Ehre und Rang, ich ſage Dir, das Geld iſt das Ein⸗ zige, vor dem ich jetzt noch Ehrfurcht habe! Aber man muß das Geheimniß, welches in dieſer Zauber⸗ macht liegt, nur richtig erkannt und verſtanden haben! Wer nach dem Gelde ſtrebt, nur um zu haben, der iſt ein herzloſer Thor, und es wird ihm ergehen, wie dem Midas! Er wird verhungern inmitten ſeiner Schätze! Aber wer nach dem Gelde ſtrebt, um zu geben, der wird erkennen, daß das Geld die Quelle des Glückes iſt, und unter ſeinen Händen wird das todte Metall ſich in ſegensvolles Leben verwandeln. Glaube das Deinem Vater, welcher die Welt kennt und die Schreckniſſe der Armuth bitter empfunden hat! — 14— Du warſt einſt arm? fragte Eliſe, indem ſie ihren Vater mit ſtaunender Verwunderung anſah. Gotzkowsky lächelte und lehnte ſich ſinnend und ſchweigend in den Seſſel zurück. Ja, ich war arm, ſagte er nach einer Pauſe. Ich habe alle Schreckniſſe der Armuth erfahren, ich habe gehungert und gedur⸗ ſtet, entbehrt und gelitten, als kleiner Knabe ſchon. So lag ich einſt verlaſſen und elend in einem Graben an der Landſtraße und rang meine Hände zu Gott empor und flehete zu ihm um einen Tropfen Waſſer, um ein Stückchen Brot. Ach, in meinem Herzen glaubte ich noch ſo ſehr an die Güte Gottes, daß ich vermeinte, er würde den Himmel öffnen, und mir mit ſeiner eigenen Hand die Nahrung reichen, um die ich ihn anflehete mit meinem ſchluchzenden Gebet. Ich wartete und wartete in verzweiflungsvoller Angſt, aber der Himmel that ſich nicht auf und mein verſchmachtender Gaumen ward nicht einmal von einem Regentropfen gekühlt. Aber die Wolke, welche ich am Himmel vergeblich geſucht, ſie zeigte ſich endlich auf der Landſtraße, und wie ich dieſe wirbelnde Staub⸗ wolke ſah, mit welcher eine glänzende Equipage daher gerollt kam, da ſagte ich zu mir:„Da kommt Gott!“ Und nun fand ich Kraft, mich von meinen Knieen aufzurichten, dieſer rollenden Equipage entgegen zu eilen, und mit einer Stimme, welche das Getöſe der Räder übertönte, ſchrie ich:„Erbarmen! Erbarmen! Gebt mir ein Stückchen Brot, einen Tropfen Waſſer! Erbarmen!“— Eine Hand ſtreckte ſich mir entgegen 4 4 — 15— aus der Wolke von Staub, ich ſah einen kleinen hell⸗ blinkenden Punkt. Der Wagen rollte weiter und verſchwand mit ſeiner Wolke. Ich aber ſtürzte nieder auf meine Kniee, und ſuchte in dem Staub der Erde nach dem Geldſtücke, denn in dieſem Geldſtücke war für mich Leben, Geſundheit und Kraft! Lange mußte ich den Staub durchwühlen, mit angſtzitternden Hän⸗ den, endlich hatte ich es gefunden, und ich jubelte laut und dankte Gott! Dann eilte ich mit beflügelten Füßen vorwärts nach der nahen Stadt nach jenem Bäckerladen dicht am Thore, wo man mir kurz zuvor auf mein angſtvolles Flehen einen Biſſen Brot ver⸗ weigert hatte! Jetzt reichten ſie mir bereitwillig und lächelnd ein Brot dar, denn ich hatte Geld., um es zu bezahlen! In jener Stunde ſagte ich mir: man muß im Staube wühlen, um das Geld zu ſuchen, denn das Geld iſt Leben und die Armuth iſt der Tod! Dieſe Hand, welche aus der Wolke von Staub mir ein Geldſtück hinſchleuderte, hat über meine ganze Zukunft entſchieden, denn ſie lehrte mich, den Staub nicht zu verachten, weil man darin vielleicht das Gold findet! Aber ſie lehrte mich noch etwas Anderes: ſie lehrte mich Erbarmen und Menſchenliebel Wie ich damals mit blutenden Füßen an der Ecke der Straße kauerte und mein Brot verzehrte, da ſchwur ich mir zu: reich zu werden und wenn ich reich ge⸗ worden, für jeden Armen und Bedürftigen die Hand 16— zu ſein, welche ſich ihm aus der Wolke von Staub entgegenſtreckt, um ihm zu helfen! Eliſe hatte ihrem Vater mit tiefer Rührung zu⸗ gehört, und in der Tiefe ihres Herzens bat ſie in dieſem Moment ihrem Vater manchen ſtillen Vorwurf und manchen Argwohn ab, den ihre Seele ſonſt gegen ihn empfunden. Du haſt Wort gehalten, mein Vater! ſagte ſie. Du biſt der Wohlthäter der Armen! Aber ſage mir, wie haſt Du's nur angefangen, aus einem Bettler ein reicher Mann zu werden? Gotzkowsky lachte. Wie ich das angefangen habe 25 ſagte er. Ich habe gearbeitet! Das iſt Alles!⸗Gekr⸗ 4 beitet von Sonnenaufgang bis ſpät in die Nacht hin⸗ ein, und durch die Arbeit allein bin ich geworden, was ich bin! Doch nein, Einen Freund hatte ich, der, außer Gott, mir oft beigeſtanden! Dieſer Freund war der König! Seine Theilnahme, ſein hülfreicher Rath ſtanden mir zur Seite. Er ſchützte mich vor mei⸗ nen böswilligen Feinden, die mir mein geringes Glück beneideten, er munterte mich auf zum kräftigen Vor⸗ wärtsſchreiten. Friedrichs Auge ruhte mit Wohl⸗ gefallen auf mir, und es freute ihn, meine Fabriken gedeihen und ſich vermehren zu ſehen! Des Königs Zufriedenheit, das war lange Jahre hindurch der ein⸗ ige Sporn meines Strebens, und wenn er mich an⸗ haute mit lächelndem Wohlwollen, ſo war es mir, als wenn aus ſeinen großen blauen Augen ein Son⸗ F — 17— * nenſtrahl des Glücks in mein Herz hinein leuchtete! Ich habe den König lieben gelernt als Menſchen, und weil ich den Menſchen liebe, liebe ich den König! — Sie ſagen, er liebe die Franzoſen mehr als uns, und ziehe Alles, was von dort komme, uns vor. Nun, er war doch der Erſte, welcher aus meinen Fabriken ſeinen Bedarf nahm, um mich dadurch zu neuen Unternehmungen anzufeuern.*) Die Menſchen im Allgemeinen lieben es nicht, der Andern Unterneh⸗ mungen vom Glücke begünſtigt zu ſehen, und ſie haſſen Denjenigen, welchem gelingt, was ihnen ver⸗ ſagt war. Ich habe das im Leben oft erfahren. Ich wußten daß mich die Menſchen haſſen, weil ich glück⸗ licher war als ſie, und ich ſah, wie ſie ſich dennoch vor mir beugten und mir ſchmeichelten! Oh mein Kind, wie viel bittere und ſchmerzliche Erfahrungen verdanke ich nicht meinem Gelde. Im Gelde liegt Weisheit, wenn man ſie nur hören will! Mich hat es demüthig gemacht und ſtill, denn ich habe mir ge⸗ ſagt: alle dieſe Menſchen, welche Dich jetzt mit Auf⸗ merkſamkeit und Schmeichelei umgeben, wie raſch würden ſie zerſtieben, wenn ich plötzlich arm wäre! *) Gotzkowsky legte in Berlin die erſten großen Sam⸗ metfabriken an, eben ſo die erſten bedeutenden Seiden⸗ fabriken, er war auch der Erſte, welcher im Jahre 1755 zum erſten Mal mit inländiſchen Stoffen die Leipziger Meſſe bezog, und dieſem Handel den Weg nach Polen und Rußland öffnete.(Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. Berlin. 1768. pag. 10— 12. Gotzkowsky. I. 2 — 18— Dieſe Fürſten und Grafen, welche mich heute als Gaſt an ihre Tafel laden, ſie würden mich nicht mehr kennen, wenn ich als armer Mann zu ihnen träte! Geld iſt Rang und Würde, und kein Fürſtentitel und kein Ordensſtern glänzt ſo hell, als Geld! Nur muß man lernen, mit dem Gelde umzugehen und aus dem Mittel zum Glücke nicht den Zweck machen, und eben ſo muß man lernen, die Menſchen zu ver⸗ achten und die Menſchheit doch zu lieben! Meine Lebensweisheit hat ſich in wenigen Sätzen concen⸗ trirt: Strebe nach Geld, nicht um zu nehmen, ſon⸗ dern um zu geben! Sei allen hülfreich und treu, am treueſten Dir ſelbſt, Deiner Ehre und Deinem Va⸗ terland. Eliſe ſah ihn mit einem ſeltſamen Blicke an. Du liebſt die ganze Menſchheit. Nun wohl, gehört der Feind des Vaterlandes nicht auch zu ihr? Zur Menſchheit, ja, aber ich ſehe im Feinde des Vaterlandes nur den Menſchen, den ich haſſe, rief Gotzkowsky raſch. Selbſt wenn er edel iſt und gut? rief Eliſe mit vorwurfsvollem Ton. Gotzkowsky blickte ſie verwundert und fragend an, und eine Wolke flog über ſeine Stirn. Dann ſchüt⸗ telte er, gleichſam erſchreckt über ſeine eigenen Ge⸗ danken, das Haupt, und murmelte leiſe: nein! Dies wäre zu entſetzlich! Er ſtand auf und ging ſinnend im Zimmer auf — 19— und ab. Plötzlich vernahm man vom Garten her luſtige Tanzmuſik und fröhl liches Jauchzen. Gotzkowsky's Stirn erheiterte ſich ſchnell, und er reichte ſeiner Tochter mit einem zärtlichen Blick die Hand dar. Komm, mein Kind, ſagte er, komm, und ſieh, wie Du die Menſchen glücklich gemcht haſt! Komm und ſieh' die Macht des Geldes! II. Das Feſt der Arbeiter. Der Garten, der hinter Gotzkowsky's Hauſe bis zur Stadtbegränzung ſich hinzog, war von wahrhaft künſtleriſ cher Schönheit, und Gotzkowsky hatte Tau⸗ ſende daran gewandt, um aus diefer Sandfläche einen Park zu ſchaffen. Jetzt war ſein Werk vollendet und ganz Berlin ſprach mit Stolz und Bewunderung von dieſem Garten, welcher ſchon zu den Merkwürdigkei⸗ ien gehörte, die jeder duribreiſene Fremde in Augen⸗ ſchein nehmen mußte. Die herrlichſten Baumgruppen inh man hier und da unterbrochen von grünen Raſen⸗ ſenplätzen, in deren Mitte ſich hier marmorne Sta⸗ luen, oder zierliche Springbrunnen erhoben, während dort ſich geſchnittene Hecken hinzogen, und aus den Treibhäuſern die Düfte exotiſcher Pflanzen die Luft erfüllten. Heute bot der Garten indeß ein beſonders lebhaf⸗ ies Vild dar. Dort drüben auf dem Raſen tanzten die jungen Mägde und Burſche zum Klange einer Geige und eines Baſſes, während hier die ältern Ar⸗ beiter mit ihren Frauen ſich um die Tiſche geſetzt hatten, auf denen Erfriſchungen aller Art bereit ſtanden. An dem größten mit Blumen verzierten Tiſche ſaß das Brautpaar, der Arbeiter Balthaſar mit Gretchen, ſeiner jungen Braut, welche ſich verſchämt und innig an ſeine Seite ſchmiegte. Sie hatten ſich lange treu und ſtill geliebt, und hoffnungslos zugleich, denn ſie waren Beide arm geweſen, und hatten von ihrer Hände Arbeit noch ihre Eltern unterhalten müſſen Aber Gotzkowsky war ihnen als helfender Wohl⸗ thäter erſchienen, er hatte Balthaſar eine namhafte Summe gegeben, und ſeine Tochter Eliſe hatte die Ausſteuer der Braut übernommen. Heute, an Eli⸗ ſens achtzehntem Geburtstag, war die Hochzeit der glücklich Vereinten. Kein Wunder alſo, daß ſie Gotz⸗ kowsky, welcher neben ihnen ſaß, mit faſt anbetenden Blicken betrachteten, und daß ſie dieſes junge Mäd⸗ chen als einen hülfreichen Engel verehrten. Eliſe war eben mit ihrem Vater in den Garten gekommen und hatte mit ihm an dem Tiſch des Brautpaars Platz genommen.— Neben ihr ſaß ein junger Mann, deſſen ſanftes edles Angeſicht, wenn er ſeine Blicke auf ſie heftete, wie von Begeiſterung und Anbetung durchleuchtet ſchien. Er folgte jeder ihrer Bewegungen mit auf⸗ merkſamem Auge und nicht die kleinſte Nüance, die leiſeſte Veränderung in dem Antlitz dieſes jungen MNaädchens entging ihm. Zuweilen ſeufzte er, vielleicht las er alsdann in ihren Zügen die geheimen Gedan⸗ ken ihrer Seele, und dieſe Gedanken machten ihn traurig und umdüſterten ſein helles, klares Auge. Dieſer junge Mann, welcher an Eliſens Seite ſaß, war Herr Bertram, der erſte Buchhalter Gotzkows⸗ ky's. Seit ſeiner früheſten Jugend befand er ſich in dem Hauſe des reichen Fabrikherrn, der ſich des ar— men verwaiſten Knaben angenommen als ein zärtli⸗ cher Vater, und welchen Bertram dafür auch mit der Zärtlichkeit eines Sohnes liebte. Niemals iſt von den Lippen eines wirklichen Sohnes der Name Vater mit mehr Innigkeit und Wärme geſprochen, als von den Lippen dieſes angenommenen, durch edle Thaten er⸗ worbenen Sohnes! Aber Bertram, welcher Gotzkowsky ſeinen Vater nannte, mochte doch niemals wagen Gotzkowsky's Tochter ſeine Schweſter zu nennen! Sie waren zu⸗ ſammen erzogen, hatten ihre Jugendjahre, ihre Spiele, ihre kindiſchen Leiden und Freuden mit einander ge⸗ theilt, und er war ihr ſtets ein aufmerkſamer, beſchüz⸗ zender Bruder, ſie ihm eine freundliche Schweſter geweſen. Aber das war alles anders geworden, ſeit Ber⸗ tram von einer dreijährigen Reiſe, welche Gotzkowsky ihn hatte machen laſſen, zurückgekehrt war. Eliſe, welche er faſt noch als Kind verlaſſen, hatte er jetzt als aufgeblühtes junges Mädchen wieder gefunden, und erröthend hatte er ihr gegenüber ge⸗ ſtanden, von freudigem Schreck durchzuckt, und kaum — 23— wagend, ſie anzuſehen, während ſie ihn mit klarem, ungetrübtem Auge unbefangen willkommen hieß. Un⸗ ter dem Zauber dieſes Blickes hatte er jetzt einige entzückensreiche und doch bange Wochen verlebt! Er fühlte bald, daß er dieſes junge Mädchen leidenſchaft⸗ lich liebe, aber er mußte ſich zugleich geſtehen, daß ſie dieſe Leidenſchaft nur mit der kühlen wohlwollenden Liebe einer Freundin oder einer Schweſter erwidere, und daß ſie nichts ahne von dieſen Stürmen und Schmerzen, dieſen Freuden und Entzückungen, welche ſeine Bruſt bewegte. Und doch hatte er ein Recht, um den Preis ihrer Liebe zu werben, und wenn er ſeine Blicke bis zu der Tochter ſeines Wohlthäters erhob, ſo war dies keine Vermeſſenheit, ſondern Gotz⸗ kowsky ſelber war es geweſen, welcher ihn dazu er⸗ muthigt hatte. 8 Suche die Liebe meiner. Tochter zu gewinnen, hatte er ihm geſagt, und ich werde Dich freudig als meinen Sohn willkommen heißen, denn ich weiß, daß in Deinen Händen Eliſens Glück geſichert iſt. Er hatte alſo die Einwilligung des Vaters, aber ihm fehlte die Liebe der Tochter! Wie ſollte er im Stande ſein, dieſe zu verdienen, wie dieſes Herz ſich erobern, das ſo hell und klar, ſo hart und kalt wie Bergkryſtall ihm entgegen leuchtete? Was half es ihm, daß er unermüdlich arbeitete im Dienſte ſeines Wohlthäters, was half es ihm, daß das Capital, wel⸗ ches ihm Gotzkowsky ſchon als Knaben geſchenkt, reiche Zinſen getragen und ihn jetzt zu einem wohlhabenden, und wenn er wollte, auch unabhängigen Mann ge⸗ macht? Was half es ihm, daß alle Menſchen ihn liebten, wenn doch dieſe Einzige, von welcher geliebt zu ſein er glühte, für ihn ſtets und unverändert die⸗ ſelbe blieb, wohlwollend und freundlich, offen und klar, aber niemals befangen, niemals erröthend, nie⸗ mals das Auge vor ihm niederſchlagend! Es muß endlich zu einer Entſcheidung kommen, dachte Bertram, als er jetzt neben Eliſen ſaß. Ich will endlich wiſſen, ob ſie meine Liebe erwidern will, oder ob es wahr iſt, was man mir bei meiner Rück⸗ kehr in's Ohr geraunt! Ich will endlich Gewißheit haben, und wenn dieſe ſelbſt alle meine Wünſche ver⸗ nichten ſollte! In dieſem Augenblick erſchallte dicht neben ihm fröhliches Jubeln und Lachen. Gotzkowsky hatte ſich eben mit einem Scherzwort an das Brautpaar ge⸗ wendet, und das dankbare Publikum hatte dies Scherz⸗ wort mit Entzücken aufgenommen. Das Brautpaar ſoll leben! rief er jetzt, indem er ſein Glas empor hob. Ein ſtürmiſches Hoch der übri⸗ gen Gäſte folgte dieſem Rufe und trieb der erröthen⸗ den kleinen Braut Thränen des Entzückens in die Augen, während ſie mit ihrem Bräutigam aufſtand und ſich dankend verneigte. Balthaſar lachte und als Alles wieder ruhig ge⸗ worden, ſagte er: Nun laßt's genug ſein mit dem Hochleben! Ich verlange gar nicht hoch zu leben, ich bin zufrieden, wenn ich ſtill und fein beſcheiden mi — meiner kleinen Grete da leben kann! Und daß ich's kann, ja, daß wir's Alle können, das danken wir un⸗ ſerm lieben Fabrikherrn und Meiſter, unſerm Vater Gotzkowsky! Drum ſage ich, Ihr Burſche da hinten, hört auf mit Eurem Dudeldumdey und Eurem Tanz und hört, was ich Euch ſagen will! Balthaſar's friſche, kräftige Stimme hatte ſogar das Geräuſch der Tanzmuſik übertönt, und gehorſam ſeinem Ruf hatten die Mägde und Burſche die Muſik verſtummen laſſen, und drängten ſich jetzt näher heran. Balthaſar will eine Rede halten! rief jetzt einer der Burſche mit fröhlichem Gelächter, in welches die übrigen lautſchallend mit einſtinanten Still, ſtill, Balthaſar will eine Rede halten! Na, Balthaſar, her⸗ aus damit! Es iſt doch einmal ſeine ſchwache Seite. Na, und warum ſollt's das auch nicht ſein? fragte Balthaſar lachend. Thut doch ſo mancher qruße Herr weiter nichts als ſchöne Worte machen. Laßt mich alſo auch einmal an meinem Ehrentage den großen Herrn ſpielen! Er richtete ſich höher auf und räusperte ſich, dann fuhr er fort: Ich will Euch reden von unſerm Herrn, der aus uns, die wir nichtsnutzige Schlingel waren, fleißige Arbeiter gemacht hat, der uns Brot gegeben hat, als Niemand Brot für uns hatte, Niemand ſage ich, ſelbſt unſer Magiſtrat nicht! Unſer Magiſtrat iſt zwar ein ſehr guter Magiſtrat, aber der Armuth hel⸗ fen, Hungrige ſatt machen, fleißigen Händen Brot und Arbeit geben, das kann er nicht! Wer kann das? Wer thut das? Wer iſt in Berlin der reiche, der gute Mann, der Allen Arbeit giebt, und in ſeinen großen, berühmten Fabriken uns Nahrung und Ver⸗ dienſt verſchafft? Wer iſt das? Gotzkowsky, unſer Vater Gotzkowsky! ſchrie die Menge mit einſtimmigem Rufe. Balthaſar ſchwenkte froh ſeinen Hut in die Luft. Drum ſage ich, Gotzkowsky, unſer Vater, lebe hoch! rief er mit Stentorſtimme, und lautes Jauchzen und Jubeln folgte dieſem Rufe. Die Männer und Weiber umringten Gotzkowsky und reichten ihm ihre Hände dar, und dankten ihm mit Thränen in den Augen und mit jenen einfachen und ſchmuckloſen Worten, die, weil ſie vom Herzen kommen, auch niemals verfehlen, das Herz zu treffen, und Alle nannten ſie ihn ihren Freund und Vater, ihren Wohlthäter und Herrn!. Gotzkowsky ſtand ſtolz und hochaufgerichtet in ihrer Mitte. Eine tiefe Rührung ſprach aus ſeinen edlen Zügen, und ſein ſtrahlender begeiſterter Blick war gen Himmel gerichtet, als danke er in der Demuth ſeines Herzens Gott für die ſtolze Freude dieſer Stunde. „Gotzkowsky, unſer Vater, ſoll leben! wiederholte die jubelnde Menge. Er ſenkte ſeine Augen und ließ ſeine freundlichen Blicke über die frohe Menge gleiten. Ich danke Euch, meine Kinder, ſagte er, aber zugleich bitte ich Euch, überſchätzt meine Verdienſte nicht! Ihr nützt mir ſo⸗ — 27— viel, als ichEuch! Der Arbeitgebende iſt nichts ohne den Arbeiter, wie der König nichts iſt ohne ſein Volk! Eins bedarf des Andern, um zu wachſen und zu ge⸗ deihen! Was hülfen mir meine Webeſtühle und mein Geld, wenn ich Eure fleißigen Hände nicht hätte und Euren guten Willen, mir zu dienen. Geld allein thut es nicht, ſondern der gute Wille und die Liebe der Arbeiter ſchafft erſt das Beſte! Für Euren guten Willen und Eure Liebe danke ich Euch Allen! Und vor allen Dingen, fuhr er fort, ſich an Bertram wen⸗ dend, vor allen Dingen habe ich auch Dir, mein Freund, meinen Dank zu ſagen. Du haſt mir redlich beigeſtanden und geholfen, und es iſt wohl an der Zeit, daß ich Dir das zu lohnen ſuche. Kinder, noch eine Ueberraſchung habe ich Euch für den heutigen Tag vorbehalten! Ich ernenne Herrn Bertram, mei⸗ nen Pflegeſohn und Buchhalter, zu meinem Com⸗ pagnon und zum alleinigen Dirigenten der Seiden⸗ fabrik. Das iſt ſchön! Das iſt brav! riefen die Arbeiter. — Bertram ſagte nichts, er richtete nur ſeine von Thränen umdüſterten Blicke auf Gotzkowsky, und die⸗ ſer las in ſeinen Augen ſeine tiefe Rührung und ſeine zärtliche Dankbarkeit. Mein Sohn! ſagte er, indem er ihm die Arme öffnete. Mein Vater, o mein theurer, edler Vater! rief der junge Mann, indem er ſich mit überſtrömenden Augen an Gotzkowsky's T Buſen warf. 28 Die Arbeiter ſtanden tief gerührt und ſchweigend da, und in ihren Herzen ſendeten ſie ſtille Gebete für ihren Fabrikherrn zu Gott empor! Endlich richtete ſich Gotzkowsky aus Bertram's Armen empor und ſein Blick ſuchte ſeine Tochter. Sie ſaß noch immer ſtill und gedankenvoll an dem Tiſch und ſchien Alles, was um ſie her vorging, gar nicht beobachtet zu haben. Eine leichte Wolke flog über ſeine Stirn, dann nahm er Bertram's Hand und ging mit ihm zu Eliſen hin. Nun, und Du, Eliſe, Du ſagſt ihm kein Wort? Sie ſchreckte zuſammen, als erwachte ſie aus einem Traum. Oh, ſagte ſie, mein guter Bruder Bertram weiß es doch, daß ich mich ſeines Glückes freue! Bruder, und immer Bruder! murmelte Gotzkowsky unwillig. Und weshalb ſoll ſie mir dieſen ſchönen Namen nicht geben? fragte Bertram haſtig. Haben Sie mich nicht oft Ihren Sohn genannt und mir erlaubt, Sie meinen Vater zu nennen? Oh, ich möchte auch Dein Vater ſein, mein Sohn! rief Gotzkowsky, aber Eliſe ſoll Dich nicht ihren Bruder nennen! Doch davon ein ander Mall unter⸗ brach er ſich ſelbſt, und indem er ſich an ſeine Ar⸗ beiter wandte, fuhr er fort: Kommt, laßt uns heiter ſein und guter Dinge! wir feiern eine Hochzeit, und wer weiß, wie lange der Himmel uns noch einen Sonnenſtrahl gönnt! Kommt, Ihr Burſche und — — 29— Mägde! Ich habe Euch ein Scheibenſchießen im Hofe veranſtaltet. Dahin wollen wir jetzt gehen. Wer den beſten Schuß thut, bekommt einen neuen Rock. Jungfer Braut, gieb mir Deinen Arm, ich bin ja heut Dein Brautführer! Bertram, Du folgſt uns mit Eliſent Nun, Ihr Muſikanten, ſpielt auf! Ein Lied für die Braut! Gotzkowsky reichte der Braut ſeine Hand und führte ſie fort. In buntem Gemiſch folgte ihm die fröhliche Menge. Bald vernahm man nur noch aus der Ferne ihr heiteres Lachen und den luſtigen Schall der Muſik. III. Bruder und Schweſter. Eliſe war der fröhlichen Menge nicht gefolgt. Sie ſaß noch immer ſinnend da und ſah gar nicht, daß Bertram ihr gegenüber ſtand und ſie aufmerkſam be⸗ trachtete. Endlich wagte er es, leiſe ihren Namen zu nennen. Sie ſchaute, ohne zu erſchrecken empor, und blickte ihn an. Sie ſind nicht mitgegangen, Eliſe? fragte er. Sie nehmen keinen Antheil an der allgemeinen Freude? Sie verſuchte zu lächeln. O doch, ſagte ſie. Es freut mich, zu ſehen, wie die guten Leute meinen Vater lieben. Und er verdient es auch um ſiel Das Wohl ſeiner Arbeiter iſt ſein einziger Gedanke und der einzige Ruhm, nach dem er ſtrebt! 3 Sie denken ſehr beſcheiden von Ihrem Vater, Eliſe, rief Bertram. Gotzkowsky's Ruhm reicht weit hin⸗ aus über die Mauern dieſer Stadt. Ganz Deutſch⸗ land, ja auch Holland und England kennt ſeinen Namen, und der preußiſche Kaufmann Gotzkowsky iſt ſo gut ein Held an der Börſe, wie der preußiche König es auf dem Schlachtfelde iſt. Nur daß meines Vaters Siege weniger blutig ſind! ſagte Eliſe lächelnd. Eine Pauſe trat ein. Beide fühlten ſie eine ge⸗ wiſſe angſtvolle Beklommenheit und wagten nicht, dieſe Stille zu unterbrechen. Es war das erſte Mal ſeit Bertram's Rückkehr von ſeiner großen Welttour, daß ſie ſich ſo allein und ohne Zeugen gegenüber ſtanden, denn Eliſe hatte das Alleinſein mit ihm immer gefliſſentlich vermieden. Bertram war das nicht entgangen und er war alſo feſt entſchloſſen, dieſen günſtigen Moment zu benutzen und ihn zu einem entſcheidenden zu machen. Aber dennoch wagte er es nicht zu ſprechen, und ihrer gleichgültigen ſtillen Ruhe gegenüber erſtarb das Wort auf ſeinen Lippen. Er blickte ſie an und die Bilder früherer Tage lebten wieder auf in ihm. Er ſah ſie, wie ſie, halb Kind, halb Jungfrau, ſich ver⸗ traulich und liebevoll an ſeine Seite ſchmiegte und mit träumeriſchem Erröthen zu den neckenden und ſcherzenden Worten ihres Vaters lächelte. Damals hatte ihre Seele offen und klar vor ihm dargelegen, damals hatte ſie ihn unverhüllt den gan⸗ zen Schatz ihres ſchönen, reichen Psens und all die phantaſtiſchen und ſchwärmeriſchen Gedanken ihrer jungen Mädchenſeele ſehen laſſen, damals hatte er ſeinen Theil gehabt an ihren Freuden, und ihren kleinen Schmerzen, an jedem Empfinden, welches ihre Bruſt bewegte! Warum war denn dieſes Alles jetzt anders ge⸗ worden? Eine tiefe, ſchmerzvolle Wehmuth überkam ihn und ließ ihn endlich die Scheu vor der Entſcheidung überwinden. Er ſetzte ſich entſchloſſen an ihre Seite und nahm ihre Hand. Eliſe, ſagte er, wiſſen Sie noch, was Sie zu mir ſprachen, als ich vor drei Jahren von Ihnen Abſchied nahm? Sie ſchüttelte den Kopf und wandte ihre Augen zu ihm hin. Dieſe Augen ſtanden voll Thränen und ihr Antlitz zuckte in ſchmerzlicher Rührung. Bertram fuhr fort: Sie ſagten zu mir: Lebewohl, Bertram, und wie weit Du immer gehen magſt,— damals nannten Sie mich Du, Eliſe, und zürnten auch mir nicht, wenn ich Sie mit dieſer ſüßen und vertraulichen Benennung anredete,— wie weit Du immer gehen magſt, ſagten Sie, mein Herz geht mit Dir, und wenn Du wieder kommſt, werde ich Dir noch dieſelbe treue und liebende Schweſter ſein, die ich Dir jetzt bin.— Das waren Ihre Worte, Eliſe! Sie ſehen, daß ich ſie in treuem Gedächtniß bewahrt habe, treuer als Sie, meine Sehweſtern Eliſe zuckte leiſe zuſammen, dann ſagte ſie mit ſchmerzlich gepreßter Stimme: Sie waren ſo lange 7 — 33— ₰ fort, Bertram, und ich war noch ein Kind, als Sie gingen.. Das junge Mädchen will alſo die Worte zurü nehmen, welche das Kind damals zu mir geſprochen Nein, Bertram, ich werde Sie immer als eine Schweſter lieben! ſagte ſie. Bertram ſeufzte. Ich verſtehe Sie, ſagte er kraurig, Sie wollen dieſe ſchweſterliche Liebe zu der unüber⸗ windlichen Schranke machen, welche mich von Ihnen trennt, und über mein von Qualen zerriſſenes Herz wollen Sie dieſe kühle und weſenloſe Zuneigung ge⸗ wiſſermaßen als einen Balſam ausgießen, an dem meine Schmerzen ſich lindern ſollen! Aber wie wenig kennen Sie alsdann die Liebe, Eliſe, wie wenig wiſſen Sie von dieſem Gefühl, welches Alles begehrt, und entweder das höchſte Glück, oder das tiefſte Unglück, nur kein kümmerliches Abfinden, kein dürftiges Sur⸗ rogat will! Eiliſe ſah ihn mit feſten und leuchtenden Blicken an. Auch ſie fühlte, daß die Stunde der Entſcheidung jetzt gekommen, daß ſie dem Freunde ihrer Jugend eine offene und rückhaltsloſe Erklärung ſchuldig ſei. Sie irren, Bertram, ſagte ſie, ich kenne dieſe Liebe, von welcher Sie ſprechen, und eben weil ich ſie kenne, darum ſage ich zu Ihnen, daß ich Sie immer als eine Schweſter lieben werde! Als treue Schweſter heiße ich Sie willkommen! Sie reichte ihm die Hand dar; aber als ſie in ſeinem erbleichten Antlitz die Qualen lns, welche ſeine Gotzkowsky 1. 3 65 — 34— eele folterten, wandte ſie das Auge ab und zog ihre Hand zurück. Sie zürnen mir, Bertram? fragte ſie ſchüchtern. Er drückte ſeine Hand krampfhaft gegen ſeine Bruſt, als wolle er einen Schrei der Qual zurückdrängen, dann hielt er ſie feſt an ſeine Augen, in denen heiße Tohränen brannten. Er rang mit ſeinen Schmerzen, aber er rang mit ihnen als ein Held und als ein Mann, welcher ſich nicht unterjochen läßt, ſondern welcher überwindet. Als er die Hände von ſeinem Geſicht gleiten ließ, war ſein Auge thränenlos und nur ein tiefer Ernſt ſprach aus ſeinen Zügen. Nun wohl, ſagte er aufathmend, ich nehme ſie an, dieſe Schweſterliebe, wie der Kranke die bittere Ar⸗ zenei nimmt, welche er nicht von ſich ſchleudern will, weil es nicht erlaubt iſt, ſich zu tödten! Ich nehme dieſe Schweſter an, welche Sie mir ſein wollen. Aber eine Schweſter muß wenigſtens Vertrauen hegen zu ihrem Bruder, ſie darf nicht vor ihm ſtehen, wie ein verſchloſſenes Buch’, deſſen Inhalt er nicht kennt. Wenn ich Ihr Bruder ſein ſoll, ſo fordere ich auch die Rechte eines Bruders, ſo fordere ich Wahrheit und Vertrauen! Wer ſagt Ihnen, daß ich Ihnen Beides entziehen will? fragte ſie leſſe. 1 Sie ſelber, Eliſe! Ihr ganzes ſcheues, zurückhal⸗ tendes Betragen, die Art, mit welcher ſie mir aus⸗ weichen, die abſichtliche Kälte, mit welcher Sie mich flieh h, auch ſn wieder möchten Sie ſich mir — 35— entziehen, aber ich laff e Sie nicht, Eliſe, ich will Ihr Herz zwingen, ſich mir zu offenbaren, ich will Sie mit meiner Angſt, mit meiner zärtlichen Sorge rühren, daß dieſe ſtarre Rinde von Ihrem ſonſt ſo weichen, ſo ſchönen Herzen abfällt, und Sie wieder meine of⸗ fene und vertrauensvolle? Schweſter werden! Oh Eliſe, haben Sie Erbarmen mit mir, ſagen Sie mir, welch ein geheimnißvoller, räthſelhafter Zauber Sie plötzlich ergriffen, welcher böſe, unheilvolle Dämon plötzlich aus dieſem heitern, unbefangenen Mädchen ein blei⸗ ches, ſchwermuthsvolles, ernſtes Weib gemacht hat! Haben Sie den Muth, ſich mir anzuvertrauen, und mich, wie einſt in ſchöneren Tagen, in Ihrer Seele leſen zu laſſen! Eliſe blickte mit einer tiefen, ſchmerzlichen Rüh⸗ rung in ſein edles Angeſicht, und ſeinen fragend auf ſie gerichteten Blicken begegnete ſie mit vollem klarem Auge. Wohlan, ſagte Sie, Bertram, ich will Ihnen ver⸗ trauen. Ich will Ihnen ſagen, was noch keines Men⸗ ſchen Ohr von mir vernommen hat. Sie ſollen es wiſſen, daß auch mein Herz dieſe Schmerzen empfin⸗ det, welche das Ihrige bewegen, Sie ſollen es wiſſen, daß eine heiße hoffnungsloſe Liebe meine Seele durch⸗ glüht. Eine hoffnungsloſe Liebe? fragte Bertram. Ja, hoffnungslos, ſagte ſie feſt, denn niemals wird mein Vater ſeinen Segen zu dieſer be geben — 36— und niemals werde ich ohne dieſen meines Vaters Haus verlaſſen, um meinem Geliebten zu folgen! Ihrem Geliebten? rief Bertram ſchmerzlich. Er liebt ſie alſo auch, und er weiß, daß Sie ihn lieben? Sie ſah ihn erſtaunt an. Kann man denn lieben, wenn man nicht geliebt wird? fragte ſie mit dem un⸗ bewußten Stolz eines jungen Mädchens. Sie haben Recht, murmelte Bertram. Ich war ein Wahnſinniger, dieſe Frage an Sie zu richten! Aber weshalb zweifeln Sie an Ihres Vaters Einwil⸗ ligung, Eliſe? Weshalb gehen Sie nicht vertrauens⸗ voll zu ihm hin, und enthüllen ihm Ihr Herz? Oder wie? Iſt dieſe Liebe der Art, daß ſie das Licht nicht ſehen darf, und daß ſie ſich ſcheu verbergen muß vor den Augen Ihres Vaters? Sie iſt der Art, Bertram! ſagte Eliſe, aber den⸗ noch dürfen Sie nicht zweifeln an mir, und dennoch dürfen Sie nicht meinen, daß dieſe Liebe, welche mei⸗ nes Vaters Augen flieht, deshalb auch das Licht der Welt zu ſcheuen habe! Mein Vater würde vielleicht, wenn er mein Geheimniß wüßte, mich ſeiner unwürdig erklären, niemals aber, ſeien Sie deſſen verſichert, nie⸗ 4 mals werde ich etwas thun, was meiner ſelber un⸗ würdig wäre, und vor dem ich erröthen müßte! Es nag ſein, daß nicht bloß mein Vater, ſondern daß die ganze Welt ihr Schuldig! über mich ausſpräche, wenn ſie meine Liebe kennte, aber glauben Sie mir, daß ich in dem Bewußtſein meiner innerſten und hei⸗ igen Berechtigung den Muth habe, dem Verdam⸗ — 37— mungsurtheil der ganzen Welt zu trotzen, vorausge⸗ ſetzt, daß mein eigenes Herz mich frei ſpricht, und daß ich an keiner andern Schuld zu tragen habe, als an dieſer zufälligen, welche das Geſchick, nicht mein eignes Wollen und Sündigen, über mich verhängt hat! Die Liebe läßt ſich weder geben, noch läßt ſie ſich nehmen, ſie iſt ein freies Gottesgeſchenk, und wenn ſie uns nicht zum Glück begeiſtern kann, ſo muß ſie uns we⸗ nigſtens das Unglück verklären.— Mehr kann ich Ihnen nicht ſagen, mein Bruder, und was bedarf es auch der Worte? Halten Sie nur feſt an dem, was ich Ihnen ſage: ich werde weder meiner Ehre, noch meiner Liebe jemals untreu werden! 2 Denken Sie auch dies, fuhr ſie ſtolz und feurig fort, denken Sie auch, daß meine Liebe vielleicht ein Verbrechen genannt werden könnte, aber daß ich den⸗ noch niemals einen Unwürdigen lieben, oder mein Haupt beugen könnte unter die Schmach einer ehr⸗ loſen Liebe! 3 Sie ſah wunderſchön aus in ihrer ſtolzen, flam⸗ menden Jungfräulichkeit, und Bertram fühlte, als er in ihr ſchönes, glühendes Antlitz blickte, daß er ſie niemals inniger und ſchmerzlicher zugleich geliebt, als in dieſem Moment. Eliſe, ſagte er, ihre Hand faſſend, wollen Ihrem Bruder nicht ganz vertrauen? Wollen mir nicht den Namen Ihres Geliebten ſagen? Sie ſchüttelte ernſt das Haupt. Nur Gott ud mein Herz dürfen ihn kennen! Eliſe! fuhr er dringender fort. Soll ich Ihnen ſagen, was man mir in's Ohr geflüſtert hat, als ich jetzt nach langer Abweſenheit zurückgekehrt bin? Soll ich ihnen ſagen, was Ihre Feinde, denn Sie haben Feinde, weil Sie jung ſind und ſchön, und eines rei⸗ chen Mannes Tochter, ſoll ich Ihnen ſagen, was Ihre Feinde einander mit hämiſcher Freude in's Ohr flüſtern? Nein, nein, ſagte ſie angſtvoll, wozu hülfe es mir, dies zu wiſſen! Bertram fuhr unerbittlich fort: Sie ſagen, daß der gefangene ruſſiſche General Sievers bei Ihrem Vater als Freund des Hauſes willkommen geheißen ſei, und daß Ihr Vater den edlen Gefangenen mit Güte und Aufmerkſamkeit überſchüttete. Eliſe ſchien erleichtert aufzuathmen. Es geſchah mit der Einwilligung und auf den Wunſch des Kö⸗ neral ſich aufmerkſam bewies, ſagte ſie. Und war's auch auf den Wunſch des Königs, fragte Bertram leiſe, daß Gotzkowsky's Tochter die entgegen nahm? Eiin leiſes Zittern durchflog Eliſens ganze Geſtalt ihre Wangen färbten ſich purpurroth. daß Sie mich verſtanden haben! Sie wollen mir nicht den Namen Ihres Geliebten ſagen meine Shäne nigs, daß mein Vater dem gefangenen ruſſiſchen Ge⸗ Huldigung des Adjntanten des ruſſiſchen Generals. Ach, rief Bertram mit traurigem Ton, ich ſehe, — 20— ſter? Nun wohl, ſo werde ich Ihnen denſelben nen⸗ nen! Er heißt Feodor von Brenda! Nein, nein, rief Eliſe, indem ſie entſetzt und ſcheu um ſich blickte, als fürchte ſie, irgend ein verrätheri⸗ ſches Ohr könne dieſes gefährliche Geheimniß vernom⸗ men haben. Ja, ſagte Bertram, er heißt Feodor von Brenda, er dient als Obriſt in der ruſſiſchen Armee, er kämpft gegen unſere Brüder, und unſern König, er iſt der Feind unſres Vaterlandes! Sie haben alſo kein Erbarmen! rief Eliſe, die Hände ringend, ihr Antlitz überſtrömt von Thränen. Sie wollen mich alſo tödten mit Ihren grauſamen Worten? Ich will der hter des edelſten und treueſten Patrioten, ich em jungen, unerfahrenen und gläu⸗ bigen Mädchen, ich will meiner Schweſter zeigen, daß ſie an einem Abgrund ſteht! ſagte Bertram ernſt und feierlich. Ich will ihre Augen öffnen, damit ſie er⸗ kennen möge, daß ihr Gefahr drohe, ich will ſie zu⸗ rückziehen von dieſem Abgrund, damit er ſie nicht verſchlinge! Es iſt zu ſpät, ſagte Eliſe ſtolz, indem ſie auf⸗ ſtand und ihre Thränen trocknete. Ich weiß dieſes Alles, Bertram, ich ſtehe an dieſem Abgrund mit of⸗ fenen Augen, bewußt der Gefahr, aber ich will und kann nicht zurückweichen, denn mein Herz hält mich feſt! 8 Sie winkte ihm ſchwermüthig lächelnd einen Gruß — 1410— zu, eilte ſchnell in die dunkle Allee, welche zu den einſamen und unbeſuchten Partieen des Gartens führte. Bertram blickte ihr nach, bis ihr roſiges Gewand* hinter den dunklen geſchnittenen Lanbgängen ver⸗ ſchwunden war. Sie liebt ihn, flüſterte er leiſe, indem er das Haupt traurig auf ſeine Bruſt ſenkte, es iſt kein Zweifel ſie liebt ihn! IV. Feodor von Brenda. Mit haſtigen Schritten hatte Eliſe ſich den ein⸗ ſameren Partieen des Gartens zugewandt. Sie ſehnte ſich allein zu ſein, ihre von ſchmerzlichen Stürmen bewegte Seele bedurfte der Stille und Einſamkeit, um ſich wieder zur Ruhe und zum Frieden zu ſänf⸗ tigen. Langſam, geſenkten Hauptes ging ſie durch die dunklen, ſchweigenden Alleen dahin, ihre Gedanken ſchweiften weit hin in die Ferne, bei den ſchönen und wonnigen Erinnerungen verfloſſener Tage ſuchte ſie ein wenig Troſt, ein wenig Erquickung für die Entbehrungen der Gegenwart. Wo er wohl weilen mag? fragte ſie ſich ſelbſt, und ſofort bei dem Erinnern an ihn nahmen ihre Züge einen freudigen, faſt ſeligen Ausdruck an. Er ſchwur mir, keine Gefahr, keine Schwierigkeit zu ſcheuen, um mir Nachricht zu geben. Ach, und jetzt iſt er ſchon zehn Wochen fort, und immer noch keine Kunde, nicht das kleinſte Erinnerungszeichen von k ihm! Mein Golt, 42— iſt es denn möglich, daß er in all' dieſen ewig langen Wochen nicht ein einziges Mal ſollte Gelegenheit ge⸗ funden haben, mir zu ſchreiben? Oder ſollte er mich vergeſſen, ſollte ſeine Liebe nicht die Probe der Tren⸗ nung und des Schweigens überdauert haben? Wie ſie das dachte, ſtand ſie wie erſtarrt ſtill, und legte ihre Hand auf ihre Bruſt. Sie empfand da einen glühenden Schmerz, und es war ihr, als ob ihr Herz aufhöre zu ſchlagen. Aber ihr Geſicht erheiterte ſich wieder, und mit einem ſanften Lächeln flüſterte ſie: Oh, an ſeiner Liebe zu zweifeln! Iſt dies nicht ein größerer Verrath und ein ſchlimmeres Verbrechen, als den Feind des Vater⸗ landes zu lieben? Nein, nein, mein Herz zweifelt nicht an Dir, Feodor, und wie lange Du auch ſchwei⸗ gen magſt, ich weiß, daß Dein Herz doch zu dem meinen redet, und daß wir unzertrennlich, ewig eins ſind! Mit raſchem Schritt und freudiger Seele wandelte ſie weiter. Sie war jetzt in die dunkelſten und ab⸗ gelegenſten Partieen des Gartens gekommen. Nichts regte ſich um ſie her, nur hier und da rauſchten die Zweige der dunklen Tanne, von einem Windhauch bewegt, oder vernahm man das ſanfte melodiſche Flö⸗ ten eines Vogels, der ſich im dunklen Laub eines Baums verbarg. Der ſonſt ſo ſchöne und kunſtvoll gepflegte Garten, welcher ſich von der Leipziger Straße bis zu den Palliſaden, welche damals die Stadt in — 43— Ermangelung einer Mauer umgaben*), hinzog, verlor ſich hier an dieſen äußerſten Enden in dunklem Ge⸗ büſch, welches gleichſam wie eine lebendige Mauer die ſchöneren Anlagen des Gartens beſchützte. Aber dieſes Gebüſch war außerdem noch von einer hohen Mauer umgeben, welche unmittelbar neben den Palli⸗ ſaden hinlief, und die ganze hintere Seite des Gar⸗ tens begrenzte. Selten verlor ſich irgend Jemand bis in dieſe dunklen und öden Theile des Gartens, und Eliſe war daher ſicher, daß hier kein neugieriges Auge ſie belauſchen, kein verätheriſches Ohr ihre halbgeflü⸗ ſterten Worte vernehmen könne. Sie ſetzte ſich auf die Bank, welche unweit der Mauer unter einem Baume ſtand, und blickte träu⸗ meriſch und gedankenvoll zu den Baumgipfeln empor, durch welche hier und da der blaue Himmel hervor⸗ ſchauete. Ihre ganze Seele verſenkte ſich in Erinne⸗ *) Erſt im Jahre 1801 ward Berlin mit einer Mauer umgeben. und ſeitdem war dies gewiſſermaßen der Tempel ihrer Erinnerungen geworden, zu welchem ſie täglich wall⸗ fahrtete, um hier das gläubige, ſehnſuchtsvolle und glühende Gebet ihrer Liebe zu verrichten! Sie ſaß und blickte zum Himmel empor, und ihr Ohr, welches längſt verklungenen Worten lauſchte, vernahm nichts von dem Geräuſch, das unfern von ihr hinter der Mauer hörbar ward.. Es ſchien, als ob Jemand ſich anſtrengte, dieſelbe zu erklettern, und in der That, jetzt zeigte ſich oben auf der Mauer eine Hand, die tappend umher ſuchte, jetzt hob ſich eine männliche Geſtalt über der Mauer empor! Vorſichtig und ſpähend ſchauten dieſe großen blitzen⸗ den Augen in den Garten hinein, einen Moment ruhte ſich die Geſtalt auf der Mauerbrüſtung, viel⸗ leicht erſchöpft von der Anſtrengung oder lauſchend auf irgend ein Geräuſch. Es war ein junger Mann in der Tracht eines Land⸗ mannes, der da oben auf der Mauer ſaß, aber der breite ſchwarze Schnurrbart paßte wenig zu dieſer friedlichen Tracht, und ſein ſtolzer, faſt verwegener Blick ſchien keck die Gefahren herauszufordern, welche ihn umgaben. Noch ruhte er auf der Mauer und lauſchte, dann zog er ein Piſtol aus ſeinem Buſen hervor und 4 unterſuchte ſorgfältig Lauf und Schloß. Nun zog er 4 den Hahn auf, und die Piſtole in der einen Hand haltend, begann er vorſichtig und leiſe hinab zu klet⸗ — 45— tern. Jetzt mit einem Sprunge ſtand er am Boden, das Laub raſchelte unter ſeinen Füßen, und er blieb wieder ſtehen und horchte, ob Niemand ſich nähere. Sein Blick war ſcharf und glänzend wie eines Adlers Blick und ſchien das dunkle Laub durchdringen zu wollen. Plötzlich ſchoß es wie ein leuchtender Blitz durch ſein Angeſicht und ein freudiges Lächeln um⸗ ſpielte ſeine Lippen. Er hatte das junge Mädchen geſehen, welches dort, in tiefe Gedanken verloren, auf der Bank ſaß. Er hatte ſie auch erkannt, das verrieth ſein leuchtendes Angeſicht! Leiſe, behutſam ſchlich er näher, immer wieder ſtill ſtehend, und horchend. Jetzt ſtand er dicht hinter ihr an dem Baum. Wieder horchte er, aber Alles war ſtill und geräuſchlos. Nun nannte er leiſe ihren Namen, nun flüſterte er kaum hörbar: Eliſe! 3 Sie ſchreckte zuſammen, und blickte auf. Aber ſ ſah Niemand, und indem ſie wieder in ſich zuſammen ſank, ſeufzte ſie leiſe: ich täuſchte mich! Es war nur der Wind! Aber jetzt flüſterte es wieder: Erſchrick nicht, Eliſe, keinen Laut, keinen Schrei! Oh mein Gott, murmelte ſie leiſe, und ein Zittern durchflog ihre Glieder. Jetzt fühlte ſie ſich glühend umfangen, jetzt brannte ein Kuß auf ihrer Stirn, und eine nur zu geliebte Stimme flüſterte ihren Namen. Feodor! murmelte ſie kaum hörbar, und überwäl⸗ tigt von der Gewalt ihrer Empfindungen lehnte ſie das Haupt matt an ſeine Bruſt. Aber dann richtete ſie ſich wieder empor und ſah ihn an, und dieſer ſchwärmeriſche, zärtliche Blick begegnete ſeinen ſtrah⸗ lenden Augen, und ſie war wie gebannt in dieſem Anſchauen, ſelig wie im Traum und doch des ſüßeſten Wachens ſich bewußt. Erkennſt Du mich, Eliſe, flüſterte er, erkennſt Du Deinen Feodor trotz dieſer Verkleidung? Oh, ſprich weiter, ſagte ſie, als er jetzt ſchwieg. Ich habe Deine Stimme ſo lange nicht gehört! Zehn Wochen ſind vergangen, ohne daß ich Dich ſehen, oder nur Nachricht hätte geben können! flüfterte er, indem er ſie feſter an ſein Herz zog, Ich konnte es nicht länger ertragen! Gott iſt der Freund der Liebenden, ſagte ich mir, und ſo ſteckte ich mich in dieſe Verkleidung und unternahm das Wagniß hier⸗ her zu kommen. Eliſe richtete ſich von ſeiner Bruſt empor, und ſah ihn mit angſtvollen Blicken an. Sie erwachte jetzt erſt aus dieſem Taumel des Entzückens und ward ſich der Gegenwart bewußt. Mein Gott, Dir droht Gefahr! ſagte ſie bebend. Der Tod, wenn man mich hier findet, ſagte er ernſt, der Tod, wenn man drüben im ruſſiſchen Lager erfährt, weshalb ich hier bin! 5 1 Eliſe ſtieß einen Schrei aus und ſchmiegte ſich ängſtlich an ihn. Du hätteſt nicht kommen ſollen. — 47— ſagte ſie bebend. Mein Gott, wenn mein Vater Dich hier fände! Oh es war grauſam von Dir, daß Du kamſt! Es wäre noch grauſamer geweſen, wenn ich, Dir ſo nahe, Dich nicht hätte ſehen ſollen, ſagte er lächelnd. Ich habe ſo lange nach dieſem Wiederſehen geſchmach⸗ tet, ſo lange darnach mich geſehnt, in Deinen Augen zu leſen, daß Du mich nicht vergeſſen haſt. Eliſe, Du ſchlägſt die Augen nieder? Weil Du ſchon zu viel darin geleſen haſt, ſagte ſie hold erröthend, mehr als Du durfteſt, Feodor, mehr als mein Vater jemals verzeihen würde! Dein Vater war immer gut und freundlich gegen mich, ſagte er. Aber damals freilich war ich ſein Kriegsgefangener, jetzt ſieht er in mir nichts weiter, als den Feind des Vaterlandes! Und dennoch, Eliſe, eben weil ich das nicht ſein kann, bin ich hier. Es iſt nicht bloß die Sehnſucht, ſondern auch die Angſt der Liebe, welche mich hergeführt. Höre mir zu, meine Minuten ſind gezählt, und ich bin verloren, wenn ich zu lange zögere! Aber ich mußte Dich ſehen, um Euch zu warnen, um die Gefahr ab⸗ zuwenden, welche Dich, welche Euch Alle be⸗ droht! Höre alſo! Dein Vater iſt der mächtigſte und bedeutendſte Mann Berlins! Sein Einfluß vermag Alles beim Magiſtrat und den Bürgern. Flehe Du ihn an, Eliſe, daß er all ſeinen Einfluß anwendet, ein üteetlüces Blutvergießen von dieſer Stadt abzu⸗ wenden — 48— Eliſe ſchüttelte ernſt und finſter ihr Haupt. Der ſchöne Traum war verrauſcht, jetzt war ſie nicht mehr das ſchwärmeriſche liebende Mädchen, ſondern das be⸗ wußte, überlegende und beſonnene Weib. Wie kann mein Vater das? fragte ſie ungläubig. Er muß die Bürgerſchaft von Berlin bewegen, daß ſie ſich nicht in einen Kampf mit uns einlaſſe! Das wird mein Vater nicht thun! rief Eliſe lebhaft. Er wird es thun, ſagte ihr Geliebter, wenn er er⸗ fährt, daß jeder Kampf vergeblich iſt, und das, Eliſe, ſollſt Du ihm ſagen! Er ſoll Erbarmen haben mit ſeiner Vaterſtadt, ja, mit ſich ſelber! Ihr Alle ſeid verloren, wenn Ihr kämpft! Schon ſtehen zwölftau⸗ ſend von den Unſrigen unter General Tottleben vor den Thoren, und indem ich ſpreche, naht ſich von der andern Seite Tſchernitſcheff mit zwanzigtauſend Mann regulairer Truppen. Auch Graf Lacy mit den Oeſter⸗ reichern kommt hierher. Das Alles ſage Deinem Va⸗ ter. Sage ihm auch, daß General Tottleben unſerer Kaiſerin Eliſabeth geſchworen hat, Berlin zu nehmen, und müßte er es in Schutt und Aſche verwandeln! Wende all Deinen Einfluß an, beſchwöre Deinen Vater, daß er Alles, was er vermag, dazu thut, die Stadt Berlin zur friedlichen Uebergabe zu bereden. Ich habe keinen Einfluß auf meinen Vater, ſagte Eliſe traurig, und wenn ich ihn hätte, würde ich ihn doch hierzu nicht mißbrauchen wollen! Eine ſolche Niederlage ohne Kampf wäre ein Feigheit! — 49— Aber ein Kampf mit der ſichern Gewißheit des Unterliegens wäre eine Raſerei! rief Feodor lebhaft. Dein Vater weiß nicht, welche Truppenmaſſen ſich um Berlin anhäufen! Sage es ihm! Sie ſah ihn mit wehmüthigen Blicken an. Und ſoll ich ihm auch ſagen, von wem ich dieſe Nachrich⸗ ten habe? Wenn es nicht anders ſein kann, antwortete er nach kurzem Sinnen, nun denn, ſo ſage es ihm! Dein Vater wird mich nicht verrathen! Aber er wird vielleicht ſeiner Tochter fluchen, rief Eliſe ſchmerzvoll, er wird ihr fluchen, weil ſie mit einem Feind des Vaterlandes geſprochen, während ſchon die ruſſiſchen Kanonen ſich drohend gegen un⸗ ſere Stadt gerichtet haben! Nein, nein, Feodor, es⸗ nützt nichts ihn zu warnen! Mein Vater würde doch nicht auf mich hören! 28 So wird Berlin in ſein Verderben rennen, und ich kann es nicht mehr hindern, ſagte der Obriſt trau⸗ rig. Ich habe gethan, was ich vermochte! Ich wollte Deinem Vater vergelten, was er Gutes an mir ge⸗ than, und deshalb wagte ich mein Leben, um ihn zu warnen. 3 Glaube mir, Feodor, daß ich Dir das nie vergeſ⸗ ſen werde, ſagte Eliſe, ihm ihre beiden Hände darrei⸗ chend. Wie ſehr mein Vater auch zürnen mag, mein Herz bleibt dennoch Dein! Die Liebe kennt keine Feindſchaft der Nationen, ſie ergiebt ſich ohne Rück⸗ halt Dem, welcher ſie gewonnen! 3 Gotzkowsky I. 3 — 50— Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt und er drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Ich danke Dir für dies Wort, ſagte er, es ſoll der Talisman ſein, welcher mich begleitet! Du willſt ſchon wieder gehen? fragte ſie angſtvoll. Ich muß, Eliſe, ſagte er traurig. Ach Feodor, ich darf nicht ſagen, bleibe, denn ich zittere ſchon bei dem Gedanken, daß mein Vater Dich hier ſehen könnte, ſeufzte ſie ſchmerzlich. Aber wann, mein Geliebter, wann werden wir uns wiederſehen? Er ſah ſie lange und mit feſten durchbohrenden Blicken an. Dann ſagte er faſt rauh: Du haſt mir Treue und Liebe bis in den Tod geſchworen! Denkſt Du daran? Ich denke daran, und werde niemals meinem Schwur untreu werden! flüſterte ſie, unter Thränen lächelnd. Du haſt mir geſchworen, Niemand auf der Welt anzugehören, als mir allein! Haſt Du das nicht ver⸗ geſſen? 3 3 Nein, ich habe es nicht vergeſſen! Wohlan, ſagte er aufſtehend, ſo werden wir uns bald wiederſehen! Wann, Feodor, wann?* Wenn Berlin in unſerer Hand iſt, ſagte er mit einem ſtolzen triumphirenden Lächeln, wenn wir als Sieger in Eure Thore eingezogen ſind. Eliſe zuckte ſchmerzlich zuſammen; er ſah es und — 51— ſeine Stirn verfinſterte ſich und ein ſpöttiſcher, gehäſ⸗ ſiger Ausdruck flog durch ſeine Züge. Aber dies dauerte nur einen Augenblick, dann erſchien ſein leicht⸗ 4 bewegliches Geſicht wieder klar und liebevoll. Er nahm Eliſens Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Wirſt Du mir auch dann noch erlauben, Dich zu ſehen? fragte er ſchmeichelnd. Wirſt Du, treu Dei⸗ nem Schwur, Dich erinnern, daß meine Eliſe bei Gott und ihrer Liebe geſchworen hat, niemals ihr Ohr meinem Ruf zu verſchließen? Wirſt Du mich er⸗ warten? Ich werde es! flüſterte ſie kaum hörbar. Und ich werde lariden⸗ rief er leidenſchaftlich, und ginge der Weg zu Dir über Berge von Leichen! Sie warf ſich in eene geöffneten Arme und ſchmiegte ſich 8 eine ſcheue Taube an ſeine Bruſt. „flüſterte ſie, wenn Dich Gefahr bedroht, ſo dende daß ich ein Mann ſein moͤchte, um ſie mit Dir zu theilen! Er bedeckte ihre Lippen, ihre Augen mit ſeinen Küſſen. Lebe wohl, lebe wohl, Eliſe, und will es Gott, auf Wiederſehen! Nun noch ein letzter Kuß, eine letzte Umarmung, dann machte er ſich los aus ihren Armen, und eilte wieder der Mauer zu. Jetzt hatte er ſie erklettert und winkte ihr ſeine letzten Grüße zu. Dann begann er jenſeits hinab zu ſteigen. 3 Er iſt fort! er iſt fort! kreiſchte Eliſe, indem ſie 4* 3 — 52— auf ihre Kniee niederſank, und ihre Arme zum Him⸗ mel empor ſtreckte. Oh mein Gott, habe Mitleid mit mir, habe Erbarmen mit meiner Liebe! Vielleicht hatte Gott ihre Stimme vernommen, denn ein wohlthätiger Schleier ſenkte ſich auf ihre Augen nieder, und eine Ohnmacht nahm ihr das Bewußtſein. . V. Herr Kretſchmer von der Voſſiſchen Zeitung. Der Redakteur der Voſſiſchen Zeitung Herr Kretſch⸗ mer ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und war emſig mit Schreiben beſchäftigt. Herr Kretſchmer war ein Ge⸗ lehrter, das ſah man an ſeiner ernſten, ſorgenvollen Stirn, an ſeiner großen, ſchön gepuderten Perrücke, und vor allen Dingen an der Unordnung und Ver⸗ wirrung, die in dem ganzen Gemache herrſchte. Außer⸗ dem trug Herr Kretſchmer einen reich mit Dinten⸗ flecken beſäeten Schlafrock, den Talar ſeiner Gelehrten⸗ würde. Und wer ihn ſo ſah in dieſem Talar, mit der langen Pfeife, die Herr Kretſchmer während des Schreibens im Munde hielt, und welche das Zimmer mit immer dichterem blauen Dunſt erfüllte, wer ihn ſo ſah auf dem hohen Drehſtuhl vor dem Schreib⸗ 4 tiſch, der bezweifelte gewiß nicht, daß Herr Kretſchmer ein Gelehrter ſei. 3 Aber er war mehr als das, er war auch ein gro⸗ ßer Politiker, davon zeugten die Zeitungen, welche — 5— hier und da an der Erde lagen, davon zeugten beſon⸗ ders dieſe neunzehn Quartbände, welche dort drüben auf dem Bücherbrett ſtanden und auf deren Rücken mit großen goldnen Buchſtaben zu leſen ſtand: Voſ⸗ ſiſche Zeitung und darunter die Jahreszahl von 1740 bis zu dem Jahre 1759. Die Voſſiſche Zeitung war damals noch eine junge, aufblühende Roſe von kaum neunzehn Sommern, ſie konnte noch durchaus für ein jugendkräftiges, ſchönes und vielleicht auch unſchuldiges junges Mädchen gelten, und Herr Kretſch⸗ mer war der Redakteur der Voſſiſchen Zeitung! War alſo Herr Kretſchmer nicht in der That ein großer Politiker? 8 Herr Kretſchmer war eben damit beſchäftigt, einen Artikel für die morgende Nummer zu ſchreiben, und da er eben„auf außerordentlichem Wege“ die Nachricht von einer neuen für die Preußen günſtigen Schlacht erhalten hatte, welche dem Siegestage von Liegnitz gefolgt war, ſo ſchrieb er mit kühnem Löwen⸗ muth ein„Extrablatt,“ das von glühendem Haß geg8en die Unterdrücker und die Kannibalen, nämlich die Ru ſſen und Oeſterreicher, dampfte, und das Heil von ganz Deutſchland nur in der Alleinherrſchaft Preu⸗ ßens verkündigte! Der kühne Redakteur der Voſſiſchen Zeitung rief in dieſem Artikel das ganze Volk zu den Waffen gegen die Ruſſen, dieſe„mordbrenneriſchen Unter⸗ drücker der Freiheit und der Völkerrechte,“ er er⸗ mahnte ſelbſt die Weiber und Mädchen zum Kampfe, — 3* — — 55— 1 und forderte ſie auf ſtatt der Nähnadel das Schwert in ihre zarten Hände zu nehmen. Zuletzt beſchwor 8 er ganz Berlin, wenn jemals der mordbrenneriſche Feind ſich ſeinen Thoren nahen ſollte, lieber die ganze Stadt in Flammen aufgehen zu laſſen, und ſich unter. den Trümmern zu begraben, als dem Feinde ſich zu 4 5 unterwerfen! Jetzt legte Herr Kretſchmer die Feder nieder und überflog noch einmal mit zufriedenem Blick das Ge⸗ ſchriebene. Das wird ſeine Wirkung thun, ſagte er, ſich ver⸗ gnügt die Hände reibend. Wenn Se. Majeſtät, unſer ſiegreicher Heldenkönig, einmal wieder nach Berlin zurückkehrt, werde ich ihm dieſes Blatt der Voſſiſchen Zeitung ſenden, und ich weiß, er wird zufrieden ſein mit meinem Heldenmuth! Er blickte wieder auf das Papier. Sehr ſchön, ſehr ſchön! ſagte er dann mit ſelbſtzufriedenem Lächeln. Das ſind lauter Bomben und Kartätſchen, die ich aus meiner Feder habe hervorſchießen laſſen, und in ganze Ströme von Feindesblut hat ſich meine Dinte verwandelt. Und warum ſollte ich nicht ſo kühnen Muth zeigen, da es ganz gefahrlos iſt? Denn der König ſiegt gewiß und der Feind denkt durchaus nicht daran, unſer gutes Berlin heimzuſuchen. Tſchernitſcheff und Tottleben lagern ruhig jenſeits der Oder, Soltikoff mit ſeinem Heere bei Frankfurt, und Graf Lacy mit ſeinen Oeſterreichern wartet in Schleſien auf eine Gelegenheit, um unſerm Könige eine Schlacht zu lie⸗ *— 56— fern. Wie geſagt, Berlin hat gar nichts zu fürchten und ich kann mit getroſtem Muthe die lieben Berli⸗ ner zu heldenkräftiger Vertheidigung gegen die ſchmach⸗ vollen Verderber auffordern! Wie ſchön dieſer Schluß⸗ ſatz klingt:„Berliner, laßt Euch lieber unter den Trümmern Eurer brennenden Stadt begraben, ehe 5 denn J Ihr Euch dieſem mordbrenneriſchen Feinde ergebt!—„Mordbrenneriſch,“ fuhr Herr Kretſchmer nachdenklich fort, der Ausdruck iſt freilich etwas ſtark, und wenn die Ruſſen kämen, würden ſie ſich dafür rächen! Bah, aber die Ruſſen kommen nicht, und ich kann dieſen Artikel ruhig in die Druckerei ſchicken! Zudem, hat nicht der König ſelber die Ruſſen ſo ge⸗ nannt? Ja, ja, als er nach der unglücklichen In⸗ vaſion der Ruſſen in Frankfurt im verfloſſenen Jahr vom Thurme der Stadt die Verwüſtung derſelben ſich betrachte da rief er mit zornigem Schmerz: „Mordbrenner! Mordbrenner!*)— Dieſer Ausdruck iſt alſo gewiſſermaßen offiziell und kann ſtehen bleiben! Herr Kretſchmer griff nack der Klingel und begann heftig zu ſchellen. Sofort öffnete ſich die Thür und ein kleiner Knabe mit einer Mappe unter dem Arm trat ein. Druckerjunge, ſagte Herr Kretſchmer majeſtätiſch, hier iſt mein Artikel, laufe damit, ſo ſchnell u— kannſt, in die Druckerei, und ſchärfe dem Setzer ein, T) 1) Fiforiſc. Siehe: Preuß, Friedrich der Großhe. eil. — 57— daß er ſich eile und vor allen Dingen nicht wieder ſolche Druckfehler mache, wie neulich, wo er, als von den Ruſſen die Rede war, ſtatt„Feinde“ Freunde geſetzt hatte, welches in der That ein unverzeihlicher hochverrätheriſcher Druckfehler war. Der kleine Knabe nahm das Papier und legte es in ſeine Mappe. Der Setzer läßt auch fragen, ſagte er, ob der Herr Kretſchmer nichts für die„Vermiſch⸗ ten Nachrichten“ geſchrieben habe? Die Spener'ſche Zeitung, ſagt der Setzer, hätte geſtern ſo wunder⸗ hübſche vermiſchte Nachrichten gehabt, und hätte von einer Frau berichtet, welche vier Kinder auf einmal bekommen, und außerdem habe ſie von einem Storch erzählt, der hier angekommen und ſein Neſt baue, obwohl wir im Oktober ſeien!. Herr Kretſchmer runzelte die Stirn. Die Spe⸗ ner'ſche Zeitung will immer etwas Beſonderes wiſſen und amüſirt die Berliner immer mit allerlei dummem Geſchwätz, murmelte er leiſe vor ſich hin. Die Riva⸗ lität dieſer Zeitung iſt wahrhaft unleidlich! Nun, wie iſt's mit den vermiſchten Nachrichten? fragte der Druckerjunge. Herr Kretſchmer ſtampfte unwillig mit dem Fuß. Scheer Dich zum Teufell ſagte er. In dieſem Augenblick vernahm man von der Straße her ein lautes Schreien und Jauchzen, und während der Druckerjunge zur Thür hinaus ſtürzte, eilte Herr Kretſchmer an's Fenſter, um nach der Urſache dieſes Geſchrei's zu forſchen. — 8— Eine tobende, kreiſchende Menſchenmenge erfüllte dort unten die Straße und hatte jetzt unter dem Fenſter des Redakteurs Halt gemacht. In der Mitte derſelben bemerkte man die hohe, hagere Geſtalt eines Mannes, deſſen wunderbare Erſcheinung die Blicke der Menge feſſelte, und immer aufs Neue ihr Jubeln und Gelächter erregte. 3 Und in der That, man konnte nichts Auffallen⸗ deres, nichts Phantaſtiſcheres ſehen, als dieſen Mann. Seine rieſenhafte Geſtalt war, trotz der Oktoberkühle, ganz und gar in graues Leinen gehüllt, das wunder⸗ bar mit der grauen Hautfarbe und dem grauen Haar harmonirte, welches ihm in langen Locken von dem unbedeckten Haupte auf die Schultern niederwallte, und der ganzen Erſcheinung das Anſehen eines pyra⸗ midaliſch aufgerichteten Aſchenhaufens gab, aus wel⸗ chem ſeine beiden Augen als ein paar noch nicht aus⸗ geglühete Kohlen hervorleuchteten. Um die Schultern hing ihm ein langer Mantel von grauer Leinwand, den er, indem er jetzt zu der Menſchenmenge ſprach, bald in maleriſchem Faltenwurf über ſeine Schultern ſchlug, bald weit ausbreitete, und ſeine langen Arme darin einhüllte, ſo daß er das Anſehen einer tben aufgeflatterten Fledermaus hatte. Ach, es iſt Pfannenſtiel, unſer prophetiſcher geine⸗ weber! ſagte Herr Kretſchmer lächelnd, indem er das Fenſter öffnete, und mit dem zu ihm heraufſchau den Manne einen lächelnden Blick des Einverſtänd niſſes wechſelte. — 59— Der Leineweber und Prophet hatte ſich durch ſeine Prophezeiungen und Verkündigungen ſchnell zu einer Berühmtheit von Berlin gemacht. Das Volk glaubte an ſeine myſtiſchen Worte und Verkündigungen mit unerſchütterlichem Fanatismus! Pfannenſtiel erzählte ihm von ſeinen Viſionen und Geſichten, von den En⸗ geln und dem Herrn Chriſtus, der ihn oftmals be⸗ ſuchte, von der Jungfrau Maria, welche allnächtlich in ſeine Kammer herein ſchwebte, um ihm zuzuflüſtern, was er dem Volk von Berlin ſagen ſolle, und ihm Bilder zu übergeben, deren myſtiſchen Sinn er ihm erklären ſollte. Der Prophet beſaß jetzt ſchon mehr denn hundert dieſer von den himmliſchen Erſcheinun⸗ gen ihm überlieferten Bilder; er hatte dieſelben alle ſorgfältig an einander geklebt und trug ſie, zu einer Rolle aufgewickelt, beſtändig bei ſich, um, ſo oft es die Gelegenheit erheiſchte, dieſes ſybilliniſche Buch ſeiner Weisheit vor dem Volke aufzurollen. Dieſe kunſtlos gemalten, auf grobem Papier ausge⸗ führten B Bilderbogen dienten dem Leineweber ſtatt der Karten oder des Kaffeegrundes, um dem Volke d dar⸗ aus zu weiſſagen und ihm die Zukunft zu verkünden, und die Berliner glaubten an dieſe Weiſſagungen mit feſter Zaverficht und lauſchten in gläubigem Ver⸗ trauen auf die Worte ihres Propheten.*) Eben rollte Pfannenſtiel ſeine Bilder auf, und die *) Kö uig. Hiſtoriſche S Schilderung von Berlin. Vol. 5. Seite 129 — 60— Menge, welche kurz zuvor gelärmt und geſchrieen, ver⸗ ſtummte plötzlich und blickte mit geſpannter Erwar⸗ tung auf den Leineweber hin. Eine athemloſe Stille trat ein, und weit.über die Straße hin tönte des Propheten laute und klangvolle Stimme. Er deutete mit der Hand auf das letzte ſeiner Bilder, welches in ſehr naiver, kunſtloſer Zeichnung eine Stadt darſtellte, aus deren Häuſern Flammen und Rauch in bunteſtem Farbenſpiel emporſtiegen. Sehet, ſehet, und fallt nieder auf Eure Kniee, um zu beten! rief der Prophet. Ja betet, denn ich ſage Euch, der heilige Geiſt iſt mir erſchienen, und ſeine Flügel trieften von Blut, und in ſeinem bren⸗ nenden und feuerflammenden Schnabel hielt er die⸗ ſes Bild, welches ich Euch hier zeige! Aber wie geht's denn zu, rief ein übermüthiger Schuſterjunge, wie geht's denn zu, daß das Papier nicht auch verbrannte, wenn doch der Schnabel brannte, mit welchem der heilige Geiſt es hielt? Ein leiſes Gelächter ertönte aus der Menge, das aber ſchnell durch andere drohende und zornige Stim⸗ men gedämpft ward, welche laut und heftig Ruhe und Stille geboten.. Der prophetiſche Leineweber wandte ſich mit ma⸗ jeſtätiſcher Ruhe nach der Seite des Fragers hin. Weshalb dieſes Bild nicht verbrannt iſt? fragte er. Gott wollte dadurch ein Wunder thun, um ſich damit vor mir auf's Neue zu offenbaren in ſeine Herrlichkeit, und mir ein Zeichen zu geben, daß mir — 61— dieſes Geſicht,von ihm und nicht vom Teufel komme! Ja, ja, nicht um uns zu ſchrecken, ſondern um uns zu warnen, hat Gott mir dieſes Bild geſandt! Höret alſo meine Stimme und vernehmt, was Gott Euch verkündet durch meinen Mund! Wahrhaftig, ich bin doch neugierig zu hören, was der Schalksnarr dieſen armen dummen Teufeln da verkünden will, murmelte Herr Kretſchmer, indem er ſich zum Fenſter hinaus lehnte und aufmerkſam zu⸗ hörte. Pfannenſtiel fuhr fort: Sehet dieſe Feuerſäulen, welche emporwirbeln aus den Häuſern dieſer Stadt! Dieſe Stadt iſt Berlin und das Feuer, es wird bren⸗ nen aus den Dächern Eurer Häuſer, und Wehe, Wehe wird es tönen durch Eure Straßen, und Heu⸗ len und Wehklagen wird die Luft erfüllen! Ich ſage Euch, wachet und betet, und beſtreuet Euer Haupt mit Aſche und fallt nieder auf Eure Knie, Gott um Gnade zu bitten, denn der Feind iſt vor den Tho⸗ ren, und ehe denn die Sonne ſich wendet, werden die Ruſſen einziehen in Eure Stadt! Ich ſage Euch, ich ſage Euch, Gott hat zu mir geſprochen und mit Donnerruf hat er zu mir geſagt: Die Ruſſen kom⸗ men! Fallt nieder und betet! Die Ruſſen kommen! Die Ruſſen kommen! wiederholte die Menge mit dem Ausdruck des Entſetzens, und man ſah hier und da die Geſichter erbleichen. Die Weiber falteten, in Thränen ausbrechend, ihre Hände und beteten, die Männer warfen ſcheue Blicke umher und die Kinder — 62— ſchmiegten ſich ängſtlich an ihre Mütter, in zittern⸗ dem Grauen vor den Ruſſen, welches für ſie eben ſo viel bedeutete, als Kannibalen und Menſchenfreſſer. Selbſt Herr Kretſchmer konnte ſich eines leiſen Schrecks nicht erwehren. Er trat gedankenvoll vom Fenſter zurück und murmelte, in ſich erſchauernd: die Ruſſen kommen! Das Volk umringte den Propheten in immer en⸗ gern Kreiſen und mit immer dringenderem Tone weinte und ſchrie es: was ſollen wir thun, wie ſollen wir uns retten? Habe Erbarmen, o Gott, Erbarmen mit Berlin, denn die Ruſſen kommen! Ja, ſie kommen! rief Pfannenſtiel. Gott hat es mir geſagt mit dem Rollen ſeines Donners und mit den Blitzen ſeiner Augen, und alſo ſprach er: Gehe hin und ſprich zu dem Volk von Berlin:„Die Ruſſen kommen!“ Und in ſelbiger Stunde wirſt Du ſehen, wie ihr Herz zuſammenſchrumpft und kleinmüthig wird, wie ihre Augen überfließen von Thränen und ihre Lippen Gebete murmeln. Denn der Ruſſe iſt der Erbfeind des Berliners, und ſo oft der Ruf: die Ruſſen kommen! durch die Straßen Berlins heult, wird Jammern ſein und Wehklagen in allen Häuſern und in allen Herzen und ſie werden ſich neigen in ſcheuer Zerknirſchung und demüthigem Gehorſam! Sprich alſo zu ihnen: die Ruſſen kommen! damit ſie demüthig werden und ſtille, damit die übermüthige Rede verſtumme auf ihren Lippen und ſ ſich ſchwei⸗ gend unterwerfen! — 63— Was ſollen wir thun? fragte das Volk. Hilf uns, rathe uns, denn Du biſt unſer Prophet! Pfannenſtiel richtete ſich höher auf und ein Aus⸗ druck triumphirender Verſchmitztheit leuchtete in ſeinen Augen auf. Verſteht Ihr nicht mehr die Stimme Eures Gottes? fragte er. Gott befiehlt Euch, daß Ihr ſchweigend und ſtill Euch in Eure Wohnungen begeben ſollt, um zu beten und zu klagen. Gehet alſo! Laſſet verſtummen die Worte Eures Mundes und den Unmuth Eures Herzens! Gehet heim zu Euren Hütten, ſchließet die Thüren und die Fenſter, und gehet nicht hinaus, denn da draußen lauert der Tod auf Euch und die Ruſſen! Gehorſam der Stimme ſeines Propheten zertheilte ſich die Menge hierhin und dorthin und ging ſchwei⸗ gend auseinander. Pfannenſtiel blickte ihnen mit einem unmerklichen ſpöttiſchen Lächeln nach, dann rollte er ruhig ſeine Bilder wieder zuſammen, ſchlug den grauen Mantel über ſeine Schultern, und indem er einen ernſten und bedeutungsvollen Blick zu dem Fenſter des Herrn Kretſchmer empor warf, ging er langſam und mit majeſtätiſcher Würde die Straße hinunter. IV. Ein Wettſtreit der Feigheit. Vor Herrn Kretſchmer's Ohren klang es noch im⸗ mer laut und mahnend: die Ruſſen kommen!— Ein kaltes Fröſteln überlief ihn, und er konnte ſich eines unwillkührlichen Schauers nicht erwehren. Aber er verſuchte ſich aus dieſer Verzagtheit auf⸗ zuraffen, und verſpottete ſich ſelber mit ſeiner gläu⸗ bigen Furcht. Dieſer Pfannenſtiel iſt ein Narr, ſagte er, und ich wäre ein noch größerer, wenn ich an die⸗ ſen Unſinn glauben wollte! Nein, nein, meine Nach⸗ richten ſind verbürgt und gut! Der König hat bei Reitwan mit den Ruſſen ein ſtarkes Scharmützel ge⸗ habt und ſie zurück getrieben, worauf er dann ruhig nach Meißen gegangen iſt. Es iſt alſo gar kein Grund zur Aengſtlichkeit vorhanden, und ich kann ruhig meine Bomben gegen die Ruſſen aus meiner Feder entlaſſen! 8 Herr Kretſchmer fühlte ſeinen Muth uisdetkehre und ſein Herz ſich wieder erwärmen. — 65— Jetzt durchſchaue ich dieſes ganze Spiel! rief er lachend. Pfannenſtiel wünſcht, daß die Voſſiſche Zei⸗ tung endlich von ihm Notiz nehme. Er will von ſich reden machen, und wünſcht, daß die Zeitungen ſeinen Ruhm verbreiten! Deshalb ſtellte er ſich hier gerade unter meinen Fenſtern auf, deshalb warf er ſo bedeu⸗ tungsvolle Blicke zu mir empor, deshalb redete er juſt hier das Volk an und ſchwatzte ihnen ſeinen Unſinn vor. Ja ſo iſt es! Er wollte mir beweiſen, wie groß ſeine Macht über dieſes Volk iſt, welches an ihn glaubt, ſelbſt wenn er ihm die unerhörteſten und un⸗ glaublichſten Dinge vorſchwatzt.— Nun, dem Mann kann geholfen werden! fuhr Herr Kretſchmer lachend fort, indem er zum Schreibtiſch trat. Der gewünſchte Artikel für die vermiſchten Nachrichten iſt gefunden, und ich denke, der prophetiſche Leineweber Pfannen⸗ ſtiel iſt wohl mehr werth, als die Vierlinge, und das elende Storchenneſt der geſtrigen Spener'ſchen Zei⸗ tung! Schreiben wir alſo ſchnell! Herr Kretſchmer begann eifrig zu ſchreiben, als er plötzlich durch ein heftiges Klopfen an der Thür un⸗ terbrochen ward. Die Thür öffnete ſich und ein alter ſtattlicher Herr mit wohlgepuderter Perrücke und lan⸗ gem Zopf trat herein. Herr Krauſe, mein würdiger Kollege! rief Herr Kretſchmer, indem er aufſprang und dem Greis ent⸗ gegen eilte. Herr Krauſe aber hatte kein Wort der Begrüßung, 8 ſondern ſank ächzend auf einen Stuhl nieder. 6 Gabkoweth 15 5 — 66— Wiſſen Sie's ſchon? fragte er in wimmerndem Ton, während er ſeine zitternden Hände faltete und den vor ihm ſtehenden Herrn Kretſchmer ſcheu an⸗ blickte. Was ſoll ich wiſſen? fragte dieſer zurück und er fühlte ſein Herz leiſe erbeben. Die Ruſſen kommen! ächzte Herr Krauſe. Das iſt ein albernes Mährchen! rief Herr Kretſch⸗ mer ärgerlich und mit einer abwehrenden Bewegung. Wollte Gott, daß dem ſo wärel ſeufzte Herr Krauſe. Aber die Nachricht iſt leider nur zu wahr, und man darf nicht länger daran zweifeln. Mann des Unglücks! rief Herr Kretſchmer. Wer hat es Ihnen denn geſagt? Pfannenſtiel! Pfannenſtiel! wiederholte Herr Kretſchmer mit einem luſtigen Lachen. Ach, Pfannenſtiel hat es Ihnen prophezeit, eben, hier auf der Straße, hier unter meinen Fenſtern! Nun ſeien Sie außer Sor⸗ gen, theuerſter Freund und College. Das war nur ein liſtiges Manoeuvre des Schalksnarren, um mich zu einem Artikel über ihn in der Voſſiſchen Zeitung zu veranlaſſen, und ich habe bereits ſeinem Wunſche gewillfahrtet. Sie irren! ſagte Herr Krauſe ſchwermüthig. Ich habe Pfannenſtiel auf die Straße geſchickt, um das Volk zu beruhigen, und es zu ermahnen, daß es ſich friedlich und ſtill verhalte, ſelbſt wenn die Ruſ kommen! — 67— Ach, Sie glauben alſo an dieſe Phantaſtereien Pfannenſtiels? Ich glaube an die Wahrheit und an das was ich weiß! rief Herr Krauſe emphatiſch. Pfannenſtiel iſt ſeit langer Zeit mein Kommiſſionair, und für eine nicht unbedeutende Monatsgage muß er mich von Allem unterrichten, was in der Stadt geſchieht, ge⸗ ſprochen und gedacht wird. Er iſt ein ſehr nützlicher Menſch, der zu dieſem Dienſt beſonders geeignet iſt! Das Herannahen der Ruſſen iſt alſo ein Stadt⸗ geſpräch, nichts weiter? fragte Herr Kretſchmer, wel⸗ cher immer noch verſuchte, die ſchlimme Nachricht zu bezweifeln. Nein, es iſt eine Thatſache! rief Herr Krauſe ernſt. Pfannenſtiel iſt, wie Sie wiſſen, nicht bloß Prophet, ſondern auch Wunderdoctor, und ſeine Tränke und Kräuter ſind allerdings oft von erſtaunlicher Wirkung. Er ſucht ſich die Kräuter zu ſeinen Mixtuͤren immer ſelbſt, und ſtreift daher oft Tage lang in der Umge⸗ gend von Berlin umher. Auch heute Nacht war er auf ſolcher Streiferei außer der Stadt, und wollte die Nacht ſchlafend unter einem Baum verbringen. Da weckte ihn das Geräuſch marſchirender Truppen, und als er ſich vorſichtig empor richtete, konnte er beim hellen Mondſchein ganz deutlich die Uniformen der ruſſiſchen Armee erkennen! Es war eine lange Co⸗ lonne von viel tauſend Mann. Unweit von dem Platz, auf welchem Pfannenſtiel lag, machten ſie Halt, und er ſchlich vorſichtig näher. Da vernahm er aus 4 5*4 4 — 68— ihrem Geſpräch, daß dies nur eine kleine Abtheilung des Heeres ſei, welche im Sturmmarſch von Frank⸗ furt heranrücke und vom General Tottleben komman⸗ dirt werde! Von Tottleben! rief Herr Kretſchmer entſetzt. Ja, von Tottleben! wimmerte Herr Krauſe. Dann ſchwiegen Beide und blickten ſtarr vor ſich nieder. Seine Rache wird furchtbar ſein! ſagte Herr Krauſe nach langem ängſtlichem Schweigen. Wiſſen Sie noch, fuhr er dann flüſternd fort, wiſſen Sie noch die un⸗ heimliche Geſchichte, welche ſich im vergangenen Jahr zu Erlangen begab? Der Redacteur der Erlanger Zei⸗ tung hatte einen Schmähartikel gegen unſern großen König in ſeine Spalten aufgenommen. Ein preußi⸗ ſcher Offizier, der den Artikel geleſen, kam eigens nach Erlangen, um den Redacteur zur Rechenſchaft zu ziehen. Und was that er? Er ließ den unglücklichen und be⸗ klagenswerthen Journaliſten mit Stockprügeln züchti⸗ gen, und dann mußte dieſer gemißhandelte Schrift⸗ ſteller ihm ſogar noch eine Quittung über die empfan⸗ genen Stockprügel ausſtellen.*) Entſetzlich! rief Herr Kretſchmer, die Hände faltend. Wenn ein preußiſcher, geſitteter Officier ſo handeln konnte, fuhr Herr Krauſe fort, was hat man alsdann von dieſen rohen und aller Cultur feindlichen Ruſſen *) Friedrich der Große. Ein Lebensgeſchichte von J. D. E. Preuß. Zweiter Band. Seite 259. 69— zu erwarten! Oh, ſie werden uns ermorden, denn auch wir haben es gewagt, gegen dieſe Feinde mit Kraft und Heldenmuth zu ſchreiben! Ja, Sie beſonders! ſagte Herr Kretſchmer raſch. Denken Sie nur an den famoſen Artikel in Ihrer Zeitung, in welchem Sie den General Tottleben einen berüchtigten Avanturier nannten, der, nachdem er unſers Königs unverdiente Gnade genoſſen, verräthe⸗ riſch zu dem Feinde übergegangen ſei!*) Dies war allerdings etwas ſtark, und man möchte es faſt unbe⸗ ſonnen nennen! Nicht unbeſonnener als Ihr„ernſthaftes und ver⸗ trauliches Bauerngeſpräch!“ rief Herr Krauſe mit ſchar⸗ fem Ton. Ich habe mich bei dieſer Broſchüre nicht als Autor genannt! ſagte Herr Kretſchmer haſtig. Aber jeder Menſch weiß, daß Sie es ſind, und Sie haben es noch niemals geleugnet! rief Herr Krauſe boshaft. Dies Bauerngeſpräch iſt aber mehr als un⸗ beſonnen, es iſt tollkühn! Sie nennen darin Maria Thereſia die Muhme Tillackſche, den Kurfürſten von Sachſen den Bruder Oſten, die ruſſiſche Kaiſe⸗ rin die Muhme Lieſe und unſern König den Nach⸗ bar Flink.**) Und denken Sie nur, welche Worte *) Haude und Spener'ſche Zeitung. Jahrgang 1759. September. »“) Ernſthaftes und vertrauliches Bauerngeſpräch, den gegenwärtigen Krieg betreffend. Auf vieles Anſuchen aus Sie der Muhme Lieſe in den Mund gelegt und wie Sie ſie von Nachbar Flink verhöhnen laſſen. Ach, ich fürchte, Sie werden dieſe Kühnheit jetzt theuer be⸗ zahlen müſſen! Es iſt immer noch nicht ſo ſchlimm, als daß Sie Tottleben einen berüchtigten Avanturier genannt! ſagte Herr Kretſchmer giftig. Denn die Fürſten ſind nicht hier, aber Tottleben ſteht vor Berlin, und wird ſich rächen! Ich fürchte, unſere Angelegenheiten ſtehen gleich ſchlimm, und deshalb bin ich zu Ihnen gekommen! Laſſen Sie uns gemeinſchaftlich berathen, was zu thun iſt und wie wir dieſen drohenden Schlag von unſerm Haupte abwenden mögen! Sie haben Recht! ſagte Herr Kretſchmer, indem er dem Redakteur der Spener'ſchen Zeitung näher rückte. Laſſen Sie uns überlegen! Vor allen Dingen keine Aufreizungen, kein Appelliren an den Helden⸗ muth der Berliner. Berlin iſt zu ſchwach zur Ver⸗ theidigung, wozu alſo den Feind noch reizen durch nutzloſen Widerſtand? Sie haben Recht, ſagte Herr Krauſe ſinnend, er⸗ mahnen wir lieber die Berliner zur Ruhe, machen wir eine kühne Schwenkung und ſprechen wir in un⸗ ſerer Zeitung mit Achtung und Anerkennung von dem würdigen Feinde. dem Plattdentſchen in die hochdeutſche Sprache überſetz Acht Unterredungen, Frankfurt u. Leipzig 1758 u. 1759. — — 71— Außerdem wäre es ſehr gut, ſich mit einigen be⸗ deutenden Männern, welche Einfluß auf das Volk haben, zu verſtändigen, ſagte Herr Kretſchmer ſinnend. Laſſen Sie uns zum Beiſpiel zu Gotzkowsky gehen. Gotzkowsky giebt heute ſeinen Arbeitern ein gro⸗ ßes Feſt! Das iſt um ſo beſſer; denn dann kann er gleich ſeinen Einfluß über ſeine Arbeiter geltend machen. Kommen Sie, laſſen Sie uns zu Gotzkowsky gehen, zu dieſem Cröſus von Berlin, der unſerm König für dreimal hunderttauſend Thaler Bilder in Italien ge⸗ kauft hat, ohne bis jetzt dieſe Summe wieder erhal⸗ ten zu haben, und der dennoch im Stande iſt, eine Proviantlieferung für acht Millionen zu übernehmen.*) Laſſen Sie uns zu Gotzkowsky gehen, und hören Sie, es wäre gut, wenn wir den Pfannenſtiel mit uns nähmen, damit er uns beiſtehe abzuwiegeln. Ja, ſagte Herr Krauſe, indem er ſich haſtig an ſeines jüngern Freundes Arm aufrichtete, laſſen Sie uns mit Pfannenſtiel zu Gotzkowsky gehen, ihm und ſeinen Arbeitern Sanftmuth und Unterwerfung pre⸗ digen! Beide ſchickten ſich an, zu gehen. Plötlich blieb Herr Kretſchmer wie vom Blitz getroffen ſtehen, und ſank dann wie zerbrochen auf einen Stuhl nieder. Mein Artikel! Mein Artikel! ächzte er. Ich bin ein verlorner Mann! Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Von Archen⸗ holtz. pag. 1 3. — 72— Was für einen Artikel meinen Sie, theuerſter Freund? Den Leitartikel für mein morgendes Blatt! wim⸗ merte Herr Kretſchmer. Oh es war ein herrlicher begeiſterter Artikel, aber er iſt nicht zeitgemäß, nicht den Umſtänden angemeſſen! Ich ſchrieb ihn, von einer Siegesnachricht der Unſrigen getäuſcht, und ich habe darin mit ſtolzer Verachtung von dem mordbrenneri⸗ ſchen Feinde geſprochen! Mein Gott, welche Unbeſonnenheit! rief Herr Krauſe, indem er entſetzt die Hände in einander ſchlug. Kretſchmer flog von ſeinem Stuhl empor und griff nach ſeinem Hut. Neinen Artikel! Ich muß meinen Artikel wieder haben! ſchrie er. Der Setzer muß ihn mir wieder geben! Erwarten Sie mich auf der Straße! Sie ſehen mich mit meinem Artikel oder niemals wieder! Herrn Krauſe einen flüchtigen Gruß zuwinkend, ſtürzte er von dannen. VII. Das unterbrochene Feſt. Gotzkowsky hatte noch keine Kunde erhalten von der Gefahr, welche die Stadt bedrohete, und mit hei⸗ term Sinn verweilte er bei dem Gartenfeſt inmitten ſeiner Arbeiter. Sie hatten ſich jetzt zu einem von Gotzkowsky ver⸗ anſtalteten Vogelſchießen um den großen Raſenplatz verſammelt, in deſſen Mitte ſich die Stange mit dem Vogel erhob. Die Frauen und Mädchen ſtanden um⸗ her und ſchauten neugierig und mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit nach den Männern, die unter einem Zelt verſammelt waren, und mit der Armbruſt nach dem Vogel ſchoſſen. Jeder glückliche Schuß ward mit einem Freudenſchrei, jeder verfehlte mit einem Hohngelächter begrüßt und die Preiſe, welche den glücklichen Schützen zu Theil wurden, erhöheten nur noch die Luſt und Heiterkeit der frohen Menge. Plötzlich aber vernahm man aus der Ferne lautes Wöehegeſciet und ängſtliche Klagen. ie — —— — 714— ſcheu blickten Alle einander an; das unheimliche Ge⸗ ſchrei aber kam immer näher und jetzt erſchien an der nahen Eingangspforte des Gartens die wunderliche und abenteuerliche Geſtalt des Leinewebers, begleitet von den beiden Zeitungsſchreibern, Herrn Kretſchmer und Herrn Krauſe. Pfannenſtiel! Es iſt Pfannenſtiel, unſer Prophet! jauchzte die Menge, indem Alle mit frohem Lachen und heitern Begrüßungsworten ihrem Liebling und Pro⸗ pheten entgegen eilten. Der Leineweber indeß ſchritt ernſt und majeſtätiſch vorwärts, indem er die Grüße der Arbeiter mit gnä⸗ digem Kopfnicken erwiderte und von Zeit zu Zeit gleich⸗ ſam ſegnend die rechte Hand ausſtreckte. Die Menge drängte ihn und ſchien das Erſcheinen des Propheten als eine neue Luſtbarkeit ihres Feſtes zu betrachten; Gotzkowsky aber ging mit heiterm Lä⸗ cheln den beiden Redakteuren entgegen, indem er ſie freundlich willkommen hieß. Sie erwiderten ſeinen fröhlichen Gruß mit feierlichem Ernſt und baten mit geheimnißvoller, wichtiger Miene um eine Unterredung. Gotzkowsky ſah ſie erſtaunt an, als er aber in ihren Mienen den tiefen und angſtvollen Ernſt ihrer Bitte las, winkte er ihnen und ging ihnen voran in den Pavillon an der andern Seite des Raſens. Hier können wir ganz unbemerkt plaudern, ſagte er, indem er einen Blick hinüber warf nach ſeinen Arbeitern. Sie ſehen, meine Gäſte ſind ganz beſchäf⸗ tigt mit dieſer Vogelſcheuche, welche Sie mir da ins Haus gebracht haben. Was ſoll dieſer Menſch eigent⸗ lich bei meinen fröhlichen Leuten? Er behauptet, Gott habe ihm befohlen, zu Euch zu gehen, um Euch im Namen Gottes zu warnen, und Euch aufzufordern, daß Ihr Berlin beſchützet! ſagte Krauſe feierlich. Und uns bat er, ihn zu begleiten, ergänzte Kretſch⸗ mer, weil er uns einigen Einfluß auf unſern theuren Freund zutraut! Gotzkowsky ſah die beiden Herrn erſtaunt an. Sagt mir, geehrte Herren, wer iſt hier krank im Kopf? fragte er mit einem halb ſpöttiſchen, halb mitleidsvollen Lä⸗ cheln. Ich ſoll Berlin beſchützen und weshalb? Weil die Ruſſen kommen! rief Herr Krauſe feierlich. Gotzkowsky zuckte die Achſeln. Das iſt ein Mär⸗ chen, ſagte er. Vor zwei Tagen noch ſtand en ſie in Frankfurt. Ihr ſeht alſo, daß ſich irgend ein Spaß⸗ vogel das Vergnügen gemacht hat, Euch zu necken und Euch ein wenig in Furcht zu ſetzen wegen der Don⸗ nerkeile, die Ihr, und namentlich die Voſſiſche Zeitung, gegen die Ruſſen gerichtet habt. Herr Kretſchmer zuckte zuſammen und erblaßte. Ich bitte Euch, ſprecht nicht davon! rief er. Guter Gott, die Voſſiſche Zeitung iſt das Organ der Tages⸗ ſtimmung und es ihre Pflicht, genau jeden Tag die Farbe zu halten, welche grade die öffentliche Meinung hat. Ich habe auf die Ruſſen geſcholten, als— Als ſie noch hundert Meilen von Berlin entfernt — 76— waren, unterbrach ihn Gotzkowsky lachend. Ja, ja, man kennt die Herren Zeitungsſchreiber! Muth habt Ihr nur, ſo lange kein Feind im Felde iſt, aber ſo wie Ihr ihn nur wittert und die Spitze ſeiner Lanze ſeht, werdet Ihr ganz kleinmüthig und milde und ver⸗ ſichert den, der da drohend Euch entgegen ſchreitet, Eurer Verehrung, und ſchwört, daß Ihr ihn liebt. Ihr beliebt zu ſcherzen, ſagte Herr Krauſe, indem er einen ſchnellen Blick des Haſſes auf Gotzkowsky warf. Es iſt ſchön, daß der reiche und mächtige Gotz⸗ kowsky ſo heiter iſt! Ich werde mir das für meine Zeitung notiren! Es iſt eine Börſennachricht und die Papiere werden ſteigen, wenn man erfährt, daß Gotz⸗ kowsky gelacht hat! Gotzkowsky's Antlitz ward ernſt und trübe. Er⸗ zählt der Welt, ſagte er, mein Geſicht hätte gelacht, aber wie es da drinnen in meinem Herzen ausſähe, das wüßten ſelber die Frau Baſen und die Zeitun⸗ gen nicht! Gelobt ſei Gott! rief Herr Kretſchmer ſpöttiſch, jetzt werdet Ihr wieder ernſthaft, und ſo darf ich Euch auch wohl bitten, unſern ernſthaften Vorſtellungen Gehör zu geben. Es iſt kein Märchen, was ich Euch geſagt! Die Ruſſen ſtehen ſchon nahe vor Berlin. Sie ſind in Eilmärſchen von Frankfurt gekommen! Dieſe Nachricht iſt jetzt kein Geheimniß mehr, ganz Berlin weiß ſie, und es iſt nur ein Zufall, daß Ihr nichts davon erfahren habt. Oh, mein Gott! ächzte Herr Krauſe, angſtvoll die — 72— Hände faltend, welch ein furchtbares Schickſal bedroht unſre unglückliche Stadt! Gotzkowsky ſah ihn mit finſterm Stirnrunzeln an. Ihr ſeid freilich ein Greis, ſagte er, aber auch die Greiſe ſollten heutzutage noch Männer ſein. Doch Ihr, Herr Kretſchmer, ſeid jung und rüſtig. Was ſagt Ihr zu dieſem Anmarſch der Ruſſen? Ich ſage, erwiderte Herr Kretſchmer mit ſcharfem Ton, ich ſage, daß es Wahnſinn wäre, durch Wider⸗ ſtand die Wuth des Feindes zu reizen! Ich ſage, daß die Berliner Bürger, welche das Volk zum Kampfe aufreizen, verwegene Thoren ſind! 3 Oh! rief Gotzkowsky freudig, wenn es noch ſolche verwegene Thoren gibt, iſt noch nicht Alles verloren! Begreift Ihr den Unſinn, wimmerte Herr Krauſe, kämpfen zu wollen gegen ein überlegenes Heer, wäh⸗ rend unſere ſtreitbaren Männer und Jünglinge in Schleſien bei der Armee ſind, und wir keine andere Mannſchaft haben, als Invaliden und Kranke, und keine andere Artillerie als zwei verroſtete Kanonen?*) Ein Volk, das für ſeine Freiheit kämpfen will, rief Gotzkowsky, ein ſolches Volk iſt rieſenſtark, auch ohne Bajonnette und Kanonen! Gott gab ihm ſeine Hände und das Steinpflaſter! Wenn wir den Feind, der unſere Freiheit bedroht, nicht erſchießen können, nun⸗ wohl, ſo werden wir ihn erſchlagen! *) König. Hiſtor. Schilderung von Berlin. Thl. V. Seit Kin, Hiſor. Schilderung 2’. — 78.— Was ſagt Ihr? ſtammelte Herr Krauſe, indem er entſetzt in Gotzkowsky's glühendes Antlitz ſchaute. Ich ſage, daß Ihr Euch in mir geirrt habt, rief Gotzkowsky. Ich werde dem tapfern Berliner Volk nicht den Rath geben, ſich zu unterwerfen, ohne we⸗ nigſtens um ſeine Freiheit gekämpft zu haben. Aber bedenkt doch nur! rief Kretſchmer, während Krauſe leiſe wimmernd und die Hände ringend auf und nieder ging. Habt Ihr vergeſſen, daß die ruſſi⸗ ſchen Generäle überall bekannt machen laſſen, ihre Kaiſerin habe ihnen befohlen, daß in jeder eroberten Stadt und Provinz den Preußiſchen Unterthanen nichts als Luft und Erde übrig bleiben ſolle?*) Ah bahl ſie werden ſich ſchon entſchließen müſſen, uns außerdem noch Einiges zu laſſen! rief Gotzkowsky lachend. Und habt Ihr dieſe fürchterliche Drohung Lou⸗ don's gehört? Er hat geſagt, ſeine Soldaten ſollten Alles niedermetzeln und ſelbſt des Kindes im Mutter⸗ leibe ſollten ſie nicht ſchonen! Und wißt Ihr auch, was der tapfere Schwerin geſagt hat, als er dieſe öſterreichiſche Prahlerei hörte? fragte Gotzkowsky. Er ſagte: Meine Soldaten ſind nicht ſchwanger und ich bin es auch nicht!**) Nun, auch die Berliner Männer ſind nicht ſchwanger, und werden daher keine Furcht empfinden. *) Archenholz. Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. pag. 146. **) Preuß. Friedrich der Große. Thl. II. Aber Ihr müßt Furcht empfinden! rief weinerlich. Es iſt wahnſinnig und ſchändlich, Ihr keine Furcht empfindet! Wie? Ihr könntek unſinnig ſein zum Kriege zu rathen? Der Krieg iſt ja der ärgſte Feind des Wohlſtandes und bedroht zu allererſt das Eigenthum! Schande über die Beſitzenden, ſagte Gotzkowsky feierlich, wenn das Eigenthum ſie zu feigen Memmen macht! Die Freiheit iſt unſer höchſtes Beſitzthum und alles Andere muß ihr weichen! In dieſem Augenblick wurden ſie durch lautes Schreien und Jammern der im Garten verſammelten Arbeiter unterbrochen, welche in dichten Gruppen den auf einer Bank ſtehenden Propheten umringten und ſeinen Prophezeiungen mit angſtvollem Staunen zu⸗ hörten. Gotzkowsky runzelte die Stirn. Ach, ich verſtehe! ſagte er, dieſer gute Leineweber iſt Euer Verbünde⸗ ter, meine tapfern Herrn, und wie Ihr mich, ſo will er meine braven Arbeiter zu alten Weibern bekehren! Nun, wir wollen doch einmal ſehen, in welchem Kau⸗ derwelſch Herr Pfannenſtiel meinen guten Leuten ſeine Weisheit vorträgt! Ohne weiter auf die beiden Zeitungsſchreiber zu achten, verließ Gotzkowsky raſch den Pavillon und näherte ſich der lauſchenden Menge. VIII. Der Volksführer. Der verzückte Prophet ſtand auf einer Bank und predigte der verſammelten Menge, indem er ſeine Bilder aufrollte und den andächtig Schauenden und Hörenden den myſtiſchen Sinn ſeiner Gemälde in eben ſo myſtiſcher Sprache zu erläutern ſuchte. Gotzkowsky näherte ſich dieſer Gruppe mit eiligem Schritt und drängte ſich in ſchweigender Beobachtung bis dicht an Pfannenſtiel's Seite. Der von dem Gott ſeiner Weiſſagung ergriffene Leineweber hatte indeß eben ein neues Bild entrollt, und indem er es mit feierlicher Miene empor hob, rief er mit kreiſchender Stimme: der Tag des Ge⸗ richtes iſt kommen und das Verhängniß iſt vor der Thür! Ich habe ein Geſicht geſehen in meinem Traum, und es war ein Geſicht, wie es keines giebt, ich habe eine Stimme gehört, und es war eine Stimme, wie es keine giebt! Und doch konntet Ihr ſie hören? Welche Ohren müßt Ihr haben! ſagte Gotzkowsky lachend. — ³1— Der Prophet erwiederte ruhig: Ja, denn es ward geſehen, was nicht geſehen werden kann, und es ward gehört, was nicht gehört werden kann! Und indem er ein neues Bild aufſchlug und es der Menge zeigte, fuhr er fort: Seht da dieſes Bild, welches ich heute Morgen auf meinem Betttuch fand; es enthält die Geſchichte Eurer Zukunft und Gott hat ſie mir verkündet, als ich an meinem Webſtuhl ſaß und webte! Da rief eine Stimme: Pfannenſtiel, mein liebſter Sohn, hörſt Du mich? Und ich fiel nie⸗ der auf meine Kniee und antwortete: Ja, ich höre! Weißt Du, was Du webſt? fragte die Stimme. Ja, ſagte ich, es iſt Hemdenleinen für den Ochſenkopf!— Nein, ſagte die Stimme, es iſt ein Thränentuch für die Stadt Berlin, denn Thränen werden vergoſſen werden von den Töchtern Eurer Väter, und es wird ſein Jammern und Wehklagen! Dieſe letzten Worte begleitete er ſelbſt mit einem ſchluchzenden und klagenden Geheul, in welches ſeine Hörer zitternd mit einſtimmten. Man verſicherte ein⸗ ander, unheimlich flüſternd, daß Pfannenſtiel's Pro⸗ phezeihungen immer einzutreffen pflegten und daß er ſchon vor Beginn des Krieges dieſe ganze Schreckens⸗ zeit voraus verkündet habe.*) Aber bald erhob Pfannenſtiel ſeine Stimme wie⸗ der und ihr heiſeres Gekrächze übertönte das halb⸗ *) König. Hiſtoriſche Schilderung von Berlin. Thl. V pag. 187. Gotzkowsky. I. 6 laute Geſpräch und die beſorgten Klagen der Ver⸗ ſammlung. 8 Wehe über Berlin! rief er mit kreiſchendem Pa⸗ thos. Blut wird fließen in ſeinen Mauern! Die Stimme ſprach zu mir: Ich werde Rothes ſehen, aber es wird kein Purpurmantel ſein, und wenn die rothe Fahne weht, werden die Throne zittern und des Jammerns wird kein Ende ſein! Und der Hahn wird krähen, und der Himmel wird blutroth leuchten, und überall und aller Orten wird man ſchreien: Blut iſt neuer Lebenstrank, Blut macht jung, was alt iſt, Blut löſcht Schulden aus, die be⸗ ſchworen ſind, Blut macht demüthig, was ſtolz iſt, Blut wollen wir trinken! Jetzt unterbrach Wimmern und Jammergeſchrei der Menge den Propheten. Die Weiber in Thränen ausbrechend, ſanken auf ihre Kniee nieder und beteten, oder klammerten ſich zitternd und weinend an ihre finſter blickenden Männer. Pfannenſtiel ſchaute mit ſtolzem Triumph auf dieſe ſichtbare Wirkung ſeiner Rede hin und fuhr dann in milderem Tone fort: Aber die Stimme ſprach zu mir: Hoffet, und Alles wird wieder gut werden, und das Blut, welches fließt, wird ſich zu einem Purpur ver⸗ klären und die Menſchen werden ihn: die Freiheit benennen! Aus dem Tode wird das Leben erwachſen! Darum fallt nieder auf Eure Kniee, denn die Stunde des Gerichts iſt gekommen, und nicht das Schwert, ſondern nur das Gebet kann Euch noch erretten! — Eben ſchickte die von dem Trug hingeriſſene Menge ſich an, dieſem Befehle zu gehorchen, als Gotzkowsky, der ſich nicht länger zurückhalten konnte, mit zorn⸗ flammenden Augen und glühendem Antlitz unter ſie trat. Hört nicht auf dieſe ſcheinheilige Menge, dieſen lügneriſchen Propheten, ihr Leute! rief er mit don⸗ nernder Stimme. Er will Euch zu Memmen machen, welche ſich heulend und wimmernd unterjochen laſſen! Ihr werdet dieſe Schmach nicht wollen! Ihr werdet Männer ſein wollen, welche mit tapferem Muth ihre Freiheit bis zum letzten Blutstropfen gegen die ein⸗ ziehenden Barbarenhorden vertheidigen! Denn die Barbaren kommen, und ihre rohe Wuth bedroht Eure Weiber, Eure Kinder! Wollt Ihr ſie mit demüthigem Wimmern den Ruſſen überliefern?. Nein, nein! ſchrieen die Männer und hier und da erhob ſich eine wuthgeballte Fauſt, hörte man wilde Verwünſchungen murmeln. In dieſem Moment vernahm man von der Straße her wüſtes Schreien und Heulen, dann dumpfes Trom⸗ melwirbeln und das eintönige Geheul der Sturm⸗ glocke, welche die Bürger zum Rathhaus rief. Jetzt wurden die Thüren des Gartens mit Hef⸗ tigkeit aufgeriſſen, und man ſah eine Schaar rüſtiger Arbeiter, welche mit wildem Ungeſtüm zu Gotzkowsky hineilten. Es waren dies Arbeiter aus Gotzkowsky's Fabri⸗ ken, fleißige Arbeiter, welche es vorgezogen, ſtatt bei * 6 dem heutigen Feſte zu erſcheinen, in der Fabrik zu arbeiten, um nicht des Tagelohnes verluſtig zu gehen, und denen Gotzkowsky, damit ſie dennoch ihren Theil haben ſollten an der Geburtsfeier ſeiner Tochter, ſo eben doppelten Tageslohn hatte auszahlen laſſen! Die Ruſſen ſind vor den Thoren! ſchrieen ſie. Alle Bürger bewaffnen ſich! Wir haben keine Waffen! Gebt uns Waffen, Herr! Ja, gebt uns Waffen! wiederholten jetzt auch die, welche kurz zuvor mit Schaudern Pfannenſtiel's Wor⸗ ten zugehört. Gebt uns Waffen! Wir wollen keine feigen Memmen ſein! Wir wollen kämpfen! Gotzkowsky's blitzendes Auge überflog die Menge und las in den glühenden Geſichtern der Männer, daß es ihnen Ernſt ſei mit ihrer Forderung und ihrer Kampfesluſt. Nun, wenn Ihr kämpfen wollt, an Waffen ſoll es Euch nicht fehlen! rief er freudig. Ich habe da drinnen in meinem Hauſe eine Sammlung koſtbarer Waffen, wie Ihr wißt! Folgt mir, meine Kinder, wir gehen in meine Waffenhalle, und Jeder von Euch mag ſich nehmen, was ihm beliebt! An ſolchem Tage ſind Waffen nicht das Eigenthum des Einzelnen, ſondern wer ſie findet und brauchen kann, dem ge⸗ hören ſie! Das iſt Euer heiliges Mannsrecht! Das Vaterland iſt in Gefahr! Kommt in meine Waffen⸗ halle und bewaffnet Euch! 4 Die Männer jubelten laut bei Gotzkowsky's Wor⸗ ten, und mit wildem Ungeſtüm und freudiger Eile — 835— folgten ſie ihm in das Haus und in die große Halle, in welcher die herrlichſten Waffen geſchmackvoll gruppirt und zierlich geordnet an den Wänden aufgeſtellt waren. Mit gieriger Haſt bemächtigten die Männer ſich dieſer Waffen und Gotzkowsky ſah mit ſtolzer Freude ſeine ſeltenen Damaszenerklingen, ſeine ſilberciſelirten Piſtolen, ſeine mit Gold ausgelegten Dolche und koſt⸗ bar verzierten Säbel und Gewehre in den Händen ſeiner kampfesdurſtigen Arbeiter. Auch er bewaffnete ſich jetzt, und die Arbeiter, immer gewohnt, ihn gern und freudig als ihren Führer anzuerkennen, ordneten ſich hinter ihm zu einem langen, militäriſch auf⸗ geſtellten Zuge. Jetzt, meine Kinder, laßt uns zum Rathhaus gehen und dem Magiſtrat unſere Dienſte anbieten! rief Gotzkowsky, und an der Spitze ſeiner Arbeiter verließ er ſein Haus. Bald herrſchte eine tiefe Stille in dieſen vorher ſo tumultuariſch bewegten Räumen. Auch der Gar⸗ ten war jetzt öde und leer geworden. Nur Pfannen⸗ ſtiel, der Prophet, ſtand noch immer auf ſeinem er⸗ höhten Platz und blickte träumeriſch und ſinnend in ſein Bilderbuch. Als dieſe Stille eine Zeitlang gedauert hatte, traten Krauſe und Kretſchmer, vorſichtig umherblickend, aus dem Pavillon, in welchem ſie ſich bis jetzt ver⸗ borgen gehalten, hervor. Ihre Geſichter waren bleich und zornig zugleich. Dieſer Gotzkowsky iſt ein aufgeblaſener Narr! — 36— ſagte Krauſe mit finſterem Stirnrunzeln. Er hat mit ſeinen großſprecheriſchen Redensarten uns dieſe Ar⸗ beiter verführt, daß ſie wie angeſchoſſene Eber ſich in den Kampf ſtürzen und uns die Ruſſen auf den Leib hetzen werden. Wir dürfen noch nicht alle Hoffnung aufgeben, ſagte Kretſchmer. Das Volk iſt wetterwendiſch und furchtſam, und wer ihm die ſchönſten Worte giebt, der gewinnt es und treibt es auf ſeine Seite! Kommt, laßt es uns anderswo verſuchen! Alles kommt dar⸗ auf an, dieſem Prahlhans, dem Gotzkowsky, zuvor⸗ zukommen, und zuerſt auf das Volk zu wirken! Ihr, Pfannenſtiel, begleitet uns, richtet Euren Redefluß recht kräftig und begeiſtert ein, damit das dumme Volk an Euch glaube! Pſannenſtiel klappte ſein Bilderbuch zu und ſchlug ſeinen Mantel mit majeſtätiſcher Würde über ſeine hagern Schultern. Das Volk iſt wie eine Heerde Schaafe, ſagte er, es verlangt einen Führer, gleichviel welchen! Nur muß der Führer zur rechten Zeit da ſein, und wenn ihm Gott die Gewalt der Rede gegeben, ſo kann er, wie's ihm beliebt, das Volk entweder in die Kirche zu zerknirſchtem Gebet oder auf das Schlachtfeld zu blutigem Kampfe treiben! Das Volk iſt eine Heerde Sihaſs weiter nichts! Nun, ſo kommt, rief Herr Kretſchmer pathetiſch, kommt und macht Euch zu ihrem Leithammel und führt das Volk in die Kirche! —--————P— IX. Der Ruſſe iſt vor den Thoren! In wenigen Minuten hatte ſich das ſonſt ſo ſtille, friedliche und arbeitſame Berlin zu einem offenen Kriegslager umgewandelt. Aus allen Straßen eilten bewaffnete Schaaren herbei, um nach dem Rathhaus. zu ziehen, wo der wohlweiſe Magiſtrat ſich in Be⸗ rathſchlagungen erging über die Möglichkeit des Wi⸗ derſtandes, oder nach dem Kommandanten von Berlin, General Rochow, der durch alle Straßen Patrouillen marſchiren und unter Trommelwirbel die Bürger auf⸗ fordern ließ, an der Vertheidigung der Stadt ſich mit den Waffen in der Hand zu betheiligen. Der Ruſſe iſt vor den Thoren! Dieſer unheils⸗ volle Schreckensruf ſchien ſelbſt die Kranken und Schwachen geſund zu machen, und den Zagenden Muth und Kraft zu verleihen. Der alte Nationalhaß der Deutſchen gegen die Ruſſen erwachte in ſeiner ganzen Stärke und Gluth, drückte ſelbſt dem Feig⸗ ling die Waffen in die Hand, und rief Worte des — 88— Ingrimms auf Lippen, welche ſonſt nur zu Gebeten und furchtſamen Klagen ſich geöffnet hatten. In der Kommandantur war der Kriegsrath ver⸗ ſammelt, der, wunderlich genug, nur aus Verwundeten und Greiſen beſtand. Da war der altersſchwache Ge⸗ neral und Kommandant Rochow, und der achtzigjäh⸗ rige Feldmarſchall Lehwald, da war der ſchwer ver⸗ wundete General Seidlitz und der ebenfalls verwun⸗ dete General Knoblauch. Dieſe vier Männer allein bildeten den Kriegsrath, und überlegten, vollkommen der Gefahr und ihrer geringen Streitkrüſte ſich be⸗ wußt, ob man ſich der Aufforderung der ruſſiſchen Truppen fügen, und die Stadt ohne jeden Wider⸗ ſtandsverſuch übergeben ſolle, oder ob man mit zwölf⸗ hundert Mann Garniſontruppen, mit zwei verroſteten Kanonen, einigen Tauſend verwundeter Soldaten, und der ſchwachen Bürgerſchaft den Kampf wagen wolle gegen die zwölftauſend irregulairer Truppen des General Tottleben, denen bald, wie man wußte, die in Eilmärſchen heranrückende, zwanzigtauſend Mann ſtarke Armee des Generals Czernitſcheff und vierzehn tauſend Oeſterreicher unter Anführung des Grafen Lacy ſich geſellen würden! Aber ſo groß war die heldenmüthige Erbitterung und ehrbegierige Kampfbegier der alten tapfern und ſchlachtenerprobten Krieger, daß auch nicht ein Einziger von ihnen zur Uebergabe rathen mochte, ſondern daß Alle einſtimmig be ſchloſſen, Berlin zu vertheidigen, ſo lange ein einziger Blutstropfen noch in ihren Adern 899— fließe. Da dieſe tapfern Generäle keine Armee hatten, um ſie in die Schlacht zu führen, wollten ſie die Stadt nicht wie hochgeſtellte Befehlshaber, ſondern wie käm⸗ pfende Soldaten vertheidigen, und ihrer kriegeriſchen Würde und ihres Ranges in edler Vaterlandsliebe vergeſſend, übernahmen ſie es, gleich den übrigen Sol⸗ daten einzelne Schanzen und Palliſaden mannhaft zu behaupten*). Aber während auf der Kommandantur dieſer hel⸗ denmüthige Entſchluß gefaßt ward, ſaß der Magiſtrat noch immer in geheimer Sitzung auf dem Rathhaus beiſammen, ſtarrten die weiſen Väter der Stadt ein⸗ ander mit entſetzten Geſichtern an, und überlegten in weichmüthiger Feigherzigkeit, ob ſie wirklich dieſe ſchwere Verantwortung auf ſich nehmen und die friedlichen Bürger der Stadt zu einem Kampfe veranlaſſen woll⸗ ten, der aller Wahrſcheinlichkeit nach dennoch nutzlos und reſultatlos ſein würde? 1 Ich ſtimme für Unterwerfung! ſtammelte der Ober⸗ Bürgermeiſter, Herr von Kircheiſen, mit lallender Zunge, indem er ſich mit dem ſeidenen Taſchentuch die großen Schweißtropfen abtrocknete, welche auf ſei⸗ ner Stirn ſtanden. Ich ſtimme für Unterwerfung! Die ehrſamen Bürger unſerer Stadt ſind nicht be⸗ rufen, ihr Blut in nutzloſem Kampf zu verſpritzen und die Wuth dieſer räuberiſchen Feindeshorden noch *) von Archenholtz. Geſchichte des ſiebenjährigen Krie⸗ ges. pag. 191.— Preuß, Friedr. d. Gr. Th. II. pag. 253. durch Widerſtand zu reizen! Außerdem werden dieſe Feinde uns ohne Zweifel eine Kriegskontribution auf⸗ erlegen, und dieſe wird jedenfalls geringer ſein, wenn wir uns ſofort unterwerfen, als wenn wir es wagen, uns zu widerſetzen! Es iſt aber die heiligſte Auf⸗ gabe des weiſen Magiſtrates, unter allen Umſtänden das Eigenthum der Bürger zu ſchützen, und nach be⸗ ſten Kräften zu erhalten! Es iſt daher meine Mei⸗ nung, daß wir, um dieſen armen, hinlänglich geplagten Bürgern Berlin's ihr wohlerworbenes Hab und Gut zu bewahren, uns dem überlegenen Feinde ſofort zu unterwerfen haben! Man ſah es den ſich aufheiternden Geſichtern der ehrſamen Magiſtratsherren an, daß die Beredtſamkeit des Herrn Ober⸗Bürgermeiſters ſich vollſtändig ihrer bemeiſtert, und daß die angeregte Geldfrage allerdings das entſcheidende und unterwerfungsgebietende Mo⸗ ment in dieſer hochwichtigen Angelegenheit ſein würde. Bereits hatte der zweite Bürgermeiſter ſeine volle Uebereinſtimmung mit dem Herrn von Kircheiſen er⸗ klärt, und der erſte Rathsherr öffnete eben den Mund, ein Gleiches zu thun, als das von der Straße herauf⸗ dringende Geſchrei und Lärmen die edlen Herren mit⸗ ten in ihren patriotiſchen Berathſchlagungen unter⸗ brach, und ſie entſetzt von ihren Sitzen empor trieb. Sie eilten an die Fenſter, und ſorgfältig hinter den Vorhängen verborgen, wagten ſie es, verſtohlen auf die Straße hinunter zu blicken. Unten auf der Straße war es immer lebendiger geworden, in immer dichteren Schaaren ſtrömten Män⸗ ner und Jünglinge, Greiſe und Knaben herbei, und forderten, ihre Arme und Blicke zu den Fenſtern des Rathſaales erhebend, mit einer aus dem Herzen kom⸗ menden Begeiſterung, Waffen und Munition von den Vätern der Stadt. Vielleicht war es auch nur die Furcht, welche dieſe friedfertigen Berliner Bürger plötzlich ſo löwenmuthig und kühn gemacht hatte, gewiß iſt, daß ſie Alle zu dieſer Stunde nur von einem Gefühl, einem Wollen durchglüht waren, und daß dieſer tödtliche Haß gegen die Ruſſen und Oeſterreicher keine friedliche Unter⸗ werfung mehr zuließ. Der Schneider warf ſeine Näh⸗ nadel weg, um zum Schwerdt zu greifen, der Schuſter vertauſchte den Pfriem mit dem Dolche, und alle dieſe ſonſt ſo zahmen, ſo kleinmüthigen Bürger waren jetzt von Haß und Furcht, von Zorn und Schrecken durch⸗ glüht, zu kampfesdurſtigen Helden geworden! Gebt uns Waffen! erſchallte es wieder und wieder. Ein heldenmüthiger Schneider ſchwang ſich einem bucklichten Schuſter auf den Rücken und mit ſeinen Armen die Luft durchſägend, ſchrie er: Das Volk von Berlin ſchreit nach ſeinem Recht, es will kämpfen für ſeine Freiheit! Gebt dem Volke von Berlin, was dem Volke gebührt! Gebt ihm Waffen! Waffen! Waffen! brüllte das Volk ihm nach. Wir wollen Waffen! 3 Und wozu Waffen? rief plötzlich eine ſchrille, weit hintönende Stimme. 5 — 92— Aller Augen wandten ſich dem Orte zu, woher die Stimme kam, und man bemerkte jetzt die hagere, graue Geſtalt des prophetiſchen Leinewebers, welcher ſich auf eine Bank geſchwungen hatte, und von dieſem erhabenen Standpunkt aus die Menge mit dem ſichern Blick eines Siegers überſchaute. Indeſſen bemerkte Pfannenſtiel zu ſeinem Ent⸗ ſetzen, daß diesmal ſeine Erſcheinung nicht die er⸗ wartete Senſation gemacht, ſondern daß man ihn mit zornigen Blicken betrachtete, und ſich hier und da ſo⸗ gar eine drohende Fauſt gegen den gottgeweihten Pro⸗ pheten erhob. Wozu Waffen? wiederholte er noch einmal. Das Gebet iſt die einzige Waffe, welche friedlichen Bür⸗ gern geziemt! Ein höhniſches Gelächter des Volkes war die Antwort. Herunter mit dem Leineweber! Reißt ihn in Stücke! brüllte der ergrimmt werdende Haufe. Wir wollen kämpfen und nicht beten! ſchrie der kühne Schneider, wir wollen nichts wiſſen von Deiner Feigherzigkeit, Du lumpiger Leineweber! Der Schneider hat Recht! Pfannenſtiel iſt ein ſchlechter Prophet! ſchrie eine andere Stimme. Hängt ihn auf! Er will uns zu Memmen machen! Und immer wüthender tobte und drängte die Menge nach der Stelle hin, an welcher Pfannenſtiel — — 93— 3 ſtand. Bereits hoben ſich drohende Fäuſte dicht neben ihm empor und die Lage des Friedenspro⸗ pheten begann übel genug zu werden, als plötzlich zwei neue Geſtalten neben Pfannenſtiel empor tauchten und durch ihr unerwartetes Erſcheinen auf einen Moment die Wuthausbrüche des Volkes zu⸗ rückhielten. X. Seid beſonnen! Dieſe beiden Männer, welche ſo unerwartet an der Seite des prophetiſchen Leinewebers erſchienen, um das Volk von Berlin zu beruhigen, waren niemand an⸗ ders, als Herr Kretſchmer, der Redacteur der Voſſi⸗ ſchen, und Herr Krauſe, der Redacteur der Spener⸗ ſchen Zeitung. Sie kamen, um Pfannenſtiel in ſeinen Friedensermahnungen zu unterſtützen und ihr Redner⸗ talent an dieſer, vor dem Rathhaus verſammelten Menge zu erproben.. Hört auf mich, Ihr guten Bürger von Berlin! rief Herr Krauſe. Seht auf mein graues Haupt; bei dem Alter iſt, wenn nicht Weisheit, ſo doch Er⸗ fahrung! Hört alſo auf meinen Rath! Ihr, die Ihr für die Freiheit kämpfen wollt, ſeid beſonnen und mäßig! Schweigt uns von Eurer Mäßigungl ſchrie der Schneider. Wir wollen nicht mäßig ſein. Aber doch vernünftig und klug, nicht wahr? fragte — Herr Kretſchmer mit ſeiner hellen, durchdringenden Stimme, indem er ſich auf die Fußſpitzen erhob, und ſeine großen, waſſerblauen Augen über die Menge hingleiten ließ. Vernünftig wollt Ihr doch gewiß ſein, und aus Vernunft mögt Ihr mir ſagen, was Ihr wollt, und mit mir überlegen, ob das, was Ihr wollt, auch vernünftig iſt? Wir wollen Waffen! Aber wozu dieſe Waffen? Zum Kampf gegen den Feind!l rief der Schneider, den das Volk ſtillſchweigend als ſeinen Vorredner an⸗ zuerkennen ſchien. Ihr wollt alſo wirklich kämpfen? rief Herr Kretſch⸗ mer. Ihr wollt Euch in einen Kampf ſtürzen, bei dem Ihr gewiß ſeid, unterliegen zu müſſen? Ihr. wollt einem Feind entgegentreten, der Euch zehnfach überlegen iſt, der mit hohnlachendem Stolz das kleine Häuflein Eurer Streiter mit ſeinen Kanonen in den Tod jagen wird? Bedenkt, was Ihr thun wollt! Zwölftauſend Ruſſen ſtehen jetzt ſchon vor Euren Thoren, ihre Kanonen ſind gegen unſere Mauern, unſere Häuſer und Kirchen gerichtet, und ſie erwarten nur den Moment, um ſich auf Euch, wie der Tiger auf ſeine Beute, zu ſtürzen. Und was haben wir ihnen entgegen zu ſtellen? Unſere kleine Garniſon beſteht aus Invaliden und Verwundeten, denn unſere ſtreitkräftige Jugend iſt mit dem König nach Schle⸗ ſien zu blutigen Schlachten ausgezogen! Nur ein kleines Häuflein ehrſamer Bürger iſt noch hier. Kön⸗ — 96— nen die den Kampf wagen gegen den zehnfach über⸗ legenen Feind? Können ſie es wagen wollen? Keine Stimme antwortete auf dieſe Frage. Man ſah die Geſichter bedenklich werden, und die Zornes⸗ röthe auf den Wangen erblaſſen! Ja, es iſt wahr! ſagte Einer aus dem Volke, wir ſind ſehr ſchwach! An einen Sieg iſt für uns nicht zu denken! mur⸗ melte ein Anderer. Herr Kretſchmer ſah an den düſteren Mienen und den geſenkten Blicken ſeiner Zuhörer, daß die„Be⸗ ſonnenheit“, welche er predigte, ſchon anfing, den Muth des armen Volks in den Hintergrund zu drän⸗ gen und mit erhöhter Stimme fuhr er fort: Euer Kampf würde eine Art Selbſtmord ſein! Eure Wei⸗ ber und Kinder würden Euch fluchen, daß Ihr ihnen die Gatten und Väter gemordet! Ehrſame Bürger, ſeid beſonnen, und bedenkt, daß nicht der Kampf Euer Beruf iſt, ſondern die Arbeit! Geht alſo nach Hauſe, denkt an Eure Geſchäfte, ſorgt für Weib und Kind, und beugt Euer Haupt in Demuth unter die Noth⸗ wendigkeit, denn alſo lehrt es die Beſonnenheit! Herr Kretſchmer ſchwieg und auch das Volk war ſtumm und ſchien, die klugen Worte des Redners überlegend, mit ſich zu Rathe zu gehen, ob es ihnen Gehör geben ſollte. Selbſt der heldenmüthige Schnei⸗ der war ſacht von dem Buckel des Schuſters herab⸗ geſtiegen und verhielt ſich nachdenklich und ſtill. —2ꝗ— — 92— Der Mann hat Recht! rief jetzt der Schuſter mit ſeiner dröhnenden Baßſtimme. Ja, wahrhaftig, ſagte der Goatte Handſchuh⸗ macher. Warum ſollen wir unſere Arme und Beine hinopfern. Siegen können wir doch nicht! Jetzt, mein Freund, flüſterte Herr Kretſchmer ſeinem Gefährten zu, jetzt iſt an Ihnen die Reihe zu ſprechen, meine Lunge iſt erſchöpft. Sprechen Sie, vollenden Sie das gute Werk, das ich begonnen. Ermahnen Sie die guten Leute zur Mäßigung. Ich will ſie begeiſtern für die Ruhe und den Frie⸗ den, ſagte Herr Krauſe leiſe. Sie ſollen ſehen, daß der Strom meiner Rede unwiderſtehlich iſt! Und in⸗ dem er mit pathetiſchen Schritten vorwärts ſchritt und beide Arme erhob, gleichſam als wolle er das. Volk beſchwören, rief er laut: Ihr ſagt es, und es iſt ſo: Siegen können wir doch nicht! Nun meine ich aber, da wir das nicht können, ſollten wir lieber gar nicht kämpfen, und dadurch auch den Feind um ſeinen Sieg bringen! Denn, wo kein Kampf iſt, da kann auch kein Sieg ſein! Setzet alſo den bewaffneten Schaaren den ruhigen Widerſtand Eurer geiſtigen Größe entgegen! Handelt nicht, ſondern unterwerft Euch, aber thut es mit einem trotzigen Geſicht; ge⸗ braucht die Waffen nicht, aber gebt ſie auch nicht ab an den Feind, ſondern ballt Eure Fäuſte um den Griff Eurer Schwerter und— ſeid ruhig! Wenn ſie Euch höhnend ſchelten, ſo ſchweigt, aber laßt ſie in Euren Mienen Euren Trotz leſen, und wenn ſie mit Gotzkowsky I. 7 ihren Schwertern und Kanonen auf Euch eindringen, ſo tretet mit ſtolzem Lächeln zurück und wehrt Euch nicht! Dann wollen wir einmal ſehen, ob ſie ver⸗ thiert genug ſind, Euch unbewaffnete friedliche Bür⸗ ger anzugreifen! Handelt ſo und der geiſtige Sieg iſt Euer, und Ihr habt alsdann den Feind durch Eure geiſtige Größe jedenfalls überwunden, wenn Ihr ihm auch materiell vielleicht erlegen ſeid! Gegen Kanonen und Bajonette kann ein Volk ſich nicht anders wehren, als durch den paſſiven Widerſtand, als durch Unterwer⸗ fung, mit ſchweigendem Groll im Herzen. Wendet alſo keine andere Waffe an, als den paſſiven Widerſtand, und die Nachwelt wird Euch rühmend preiſen, und mit Bewunderung wird man von Euch ſagen: ſie waren keine Helden des Kampfes, aber ſie waren Helden despaſſiven Widerſtandes! Das Vaterland iſt mit ihnen zufrieden! Hier ſchwieg Herr Krauſe und lehnte ſich erſchöpft an des prophetiſchen Leinewebers Schulter. Es kann ſein, daß Ihr Recht habt, ſagte der im Innern noch revoltirende Schneider. Das klingt Alles ganz gut und verſtändig; aber es will mir doch nicht ganz gefallen, und ich kann mir nicht denken, daß juſt das Vaterland mit uns zufrieden ſein ſollte, wenn wir als feige Memmen uns die Haut haben über die Ohren ziehen laſſen! Still, Schneider, rief der bucklichte Schuſter. Weil der Kerl gewohnt iſt, die ſpitze Nähnadel zu führen, denkt er, daß er auch das Schwert führen muß. Ich ſag Dir aber, Schneiderlein, ſoen Stich von einem — 99— Schwert thut weher als ein Nähnadelſtich, und es ſtehet nicht bloß geſchrieben:„Schuſter bleib' bei Dei⸗ nem Leiſten“, ſondern auch:„Schneider bleib' bei Deiner Nähnadel.“ Sind wir Soldaten, daß wir kämpfen müſſen? Nein! Wir ſind ehrſame Bürger, Schneider und Schuſter, und die ganze Geſchichte geht uns gar nichts an. Und wer bezahlt uns unſere Arme, wenn ſie einmal abgehauen ſind? Niemand! Niemand thut's! rief eine Stimme aus der Menge. Und wer ſorgt für unſere Weiber und Kinder, wenn wir Krüppel ſind, und kein Brot verdienen können? fragte der Schuſter weiter. Sollen wir viel⸗ leicht hinaus gehen in das neue Armenhaus, welches ſie da draußen vor dem Königsthor errichtet haben, und das ſie den Ochſenkopf nennen?*) Nein, nein! heulte und ſchrie das Volk. Wir wollen nicht in den Ochſenkopf! Wir wollen nicht kämpfen! Laßt uns nach Hauſe gehen! Ja, nach Hauſe! Nach Hauſe! riefen Herr Krauſe und Herr Kretſchmer begeiſtert, und Pfannenſtiel gur⸗ gelte und geſtikulirte es ihnen nach: Laßt uns nach Hauſe gehen! Wirklich begannen ſchon hier und da die Gruppen ſich zu lichten, und die beiden Zeitungsſchreiber, welche jetzt von ihrer Bank niederſtiegen, gingen unter der *) König. Hiſtoriſche Schilderung von Berlin. Th. V. 7* — 100— Menge umher und ſetzten mit eifriger Beredtſamkeit ihre friedfertigen Bemühungen fort. Aber es ſchien, als wolle das Glück ihnen heute durchaus nicht günſtig ſein, denn jetzt kam durch die nächſte Straße Gotzkowsky mit ſeiner bewaffneten Arbeiterſchaar daher, und ſtellte ſich mit ihnen vor dem Rathhaus auf. Der Anblick dieſer tapfern, beherzten Schaar, die⸗ ſer trotzigen Männer mit den entſchloſſenen Zügen, den blitzenden Augen übte einen magiſchen Einfluß auf das Volk, und als jetzt Gotzkowsky zu ihm ſprach und es mit hinreißender Beredtſamkeit, mit glühenden Feuerworten zum Widerſtand ermahnte, als er ſie mit edler Begeiſterung aufforderte, ihre Pflicht 3 thun, und ihrer Mannesehre zu genügen, da rief d ſchnell umgewandelte Volk abermals: Waffen! Waf fen! Gebt uns Waffen! 3 Nur der bucklichte Schuſter war noch immer ver⸗ zagt und kleinmüthig und die Schreckensworte der Friedensprediger tönten ihm noch immer vor den Ohren. Er ſchwenkte ſeine Arme empor und ſchrie: Kinder bedenkt, was die Herren uns geſagt haben! Es iſt nichts mit dem Kampfe! Seid weiſe! Seid beſonnen! Zum Teufel mit Eurer Beſonnenheit! rief Gotz⸗ kowsky. In dieſer Stunde handelt es ſich nicht um Beſonnenheit, ſondern um Muth! Ihr wollt uicht kämpfen? Nein! ſagte des Schuſter entſchloſſen. Wir walen unſere Arme und Beine behalten! 4 — 101— Wir wollen nicht nach dem Ochſenkopf! rief ein Anderer. Gotzkowsky ſagte glühend: ſind das Männer, welche ſo zu reden wagen? Ihr fürchtet Eure Gliedmaßen zu verlieren? Würdet Ihr denn durch Eure Feigheit nicht Euer höchſtes Gut, Eure Freiheit verlieren, und Eure Ehre? Wenn Ihr als Krüppel durch die Stra⸗ ßen ſchleicht, da werden Eure Weiber und Kinder mit Stolz auf Euch blicken, und Einer wird's dem An⸗ dern ſagen: Das iſt auch Einer von den Helden, die für die Freiheit kämpften! Einer von den Tapfern, die dem Feinde, welcher Berlin belagerte, entgegen traten, und muthig kämpften für unſer gutes Recht! Das iſt ſchön, rief der Schneider hingeriſſen von Gotzkowsky's feurigen Worten. Ja, wir wollen Hel⸗ den ſein! Wir wollen kämpfen! Oben an den Fenſtern des Rathhauſes hinter den Vorhängen verborgen, ſtanden noch immer die hoch⸗ hochklopfendem Herzen den Dingen, welche da unten auf der Straße ſich begaben. Des Oberbürgermei⸗ ſters Antlitz war erdfahl geworden, und kalter Angſt⸗ ſchweiß ſtand auf ſeiner Stirn. 3 Dieſer Gotzkowsky wird uns Alle in's Verderben ſtürzen, ächzte er matt. Er bedenkt nicht, was er thut! Seine Tollkühnheit wird uns noch zwingen tapfer zu ſein! Aber wir werden unſere Freiheit dem Feinde nicht bloß mit Blut, ſondern auch mit Mil⸗ lionen abkaufen müſſen! Und dieſer Mann, welcher weiſen Mitglieder des Magiſtrates, und lauſchten mit — 102— ſo ſchlecht berechnet, will ein Kaufmann ſein! Aber man wird dieſer tollkühnen Rotte nachgeben müſſen, denn dem aufgeregten Volk zu widerſtreben, könnte dem wohlweiſen Magiſtrat ſelber Gefahr bringen! Gütiger Himmel, unterbrach er ſich jetzt ſelber, in⸗ dem er wieder auf die Straße hinunterblickte: gütiger Himmel, was iſt das nun wieder? Unter dem Schall kriegeriſcher Muſik kam jetzt da auf der Straße eine Schaar alter, narbenbedeckter Krie⸗ ger daher, die Invaliden der letzten Kriegsjahre! Einige hinkten, Andere trugen den Arm in der Binde, noch Andere hatten das Haupt mit Tüchern umvickelt, aber man ſah es dieſen ernſten, entſchloſſenen Geſich⸗ tern an, daß dennoch ein freudiger hoher Muth ihre Seele durchglühete, und ſie über die Leiden ihres Körpers erhob. In ihrer Mitte auf einer Tragbahre ſah man den tapfern General von Seidlitz, deſſen Wunden, die er in der Kunersdorfer Schlacht erhal⸗ ten, noch nicht geheilt waren. Aber die Gefahr, welche Berlin bedrohte, hatte ihn von ſeinem Schmerzens⸗ lager aufgerufen und da er nicht im Stande war zu gehen, wollte er ſich eben zu der Batterie des Kott⸗ buſſer Thores, welche er zu vertheidigen übernommen, tragen laſſen. Und wie der Held jetzt mit freundlichem Gruß ſich an das Volk wandte und es mit kurzen, Worten zur Tapferkeit ermahnte, d 3 tauſendſtimmiges Vivat entgegen, die Hüte, und alles Volk rief laut n — 103— den Fenſtern des Magiſtrats empor: Gebt uns Waf⸗ fen! Waffen! 1 Oben am Fenſter ſtand der Herr Oberbürgermei⸗ ſter von Kircheiſen mit ſchlotternden Gliedern und erdfahlem Angeſicht. Es iſt entſchieden! wimmerte er leiſe. Die Ber⸗ liner Bürger wollen durchaus als Helden ſterben; oder ihre Freiheit mit dem Vermögen der Stadt erkaufen. Und mit einem ſchwachen Schmerzensſchrei ſank der weiſe Herr Oberbürgermeiſter ohnmächtig in die Arme des erſten Stadtrathes.— Der zweite Bürger⸗ meiſter aber öffnete das Fenſter und rief: Ihr ſollt Waffen haben! Wir wollen uns vertheidigen bis zum letzten Lebensathem und ſo lange noch ein Blutstropfen in uns iſt! XI. Die Schreckensnacht. Dies Mal alſo hatte der feurige Muth der Patrio⸗ ten über die beſonnene, großprahleriſche Feigherzigkeit den Sieg davon getragen! Der Magiſtrat, der Noth⸗ 3 wendigkeit ſich fügend, hatte den Beſchluß gefaßt tapfer zu ſein. Der wiedererwachte Herr Oberbür⸗ germeiſter legte ſeine Amtstracht an, und begab ſich, geſchmückt mit der goldenen Kette, und gefolgt von den wohlweiſen Stadträthen, zum Kommandanten von Rochow, um von dieſem Waffen für die Ber⸗ liner Bürger zu erbitten. Dieſe Bitte fand ein bereitwilliges Gehör, das Zeughaus ward geöffnet, und man ſah jetzt nicht bloß Männer und Jünglinge, Knaben und Greiſe, ſondern auch Weiber und Mäd⸗ chen nach dem Zeughaus eilen, um ſich zu bewaffnen zum heiligen Kampf für das Vaterland und die Fre heit! In langem feierlichem Zuge, ſchweigend un dächtig wie in heiliger Prozeſſion wallfah Volk nach dem Zeughaus; eine edle Entſ 105— eine todesmuthige Freudigkeit und Ruhe leuchtete und ſtrahlte von allen Geſichtern. Nicht ein einziger lauter Schrei, nicht ein rohes Wort, ein lautes Lachen er⸗ ſchallte aus dieſer Schaar, Jeder ſprach leiſe und ernſt zu ſeinem Nachbar, Jeder war der tiefen und ſchwe⸗ ren Bedeutung dieſer Stunde ſich wohl bewußt, und fürchtete durch ein zu laut geſprochenes Wort dieſen Gottesdienſt des Vaterlandes zu unterbrechen. Mit ſtiller Andacht wurden die Schwellen des Zeughauſes überſchritten, leiſe und gemeſſenen Schrittes wallte die Menge durch die Räume, und mit feſerlicher Ruhe, mit ſtill en Gebeten im Herzen emofing das Volk aus den Händen der alten Soldaten die Waffen zur Verthei⸗ digung des Vaterlandes! Und die Fahnen, welche an den Wänden der Hal⸗ len hingen, als leuchtende Erinnerungszeichen früherer Siege, ſie ſchienen das Volk zu grüßen, das Volk, welches ſich bewaffnete zum heiligen Kampf gegen die Feinde des Vaterlandes, die Unterdrücker der Freiheit! Denn es war nicht mehr bloß der Kampf um Schle⸗ ſien, um einige Strecken Ländergebietes, welchen man zu kämpfen hatte, es war der Kampf des Geiſtes gegen die rohe Gewalt, der Kampf der Civiliſation gegen die Barbarei, welche unabwendbar mit den ruſſiſchen Schaaren herein brechen mußte. Preußen vertrat Deutſchland, es trug auf ſeinen flatternden Fahnen die Cultur, die Sitte, die Wiſſenſchaft und Poeſie Deutſchlands! Der Feind, welcher ihm — 106— gegenüber ſtand, war nicht mehr der deutſche Bruder, der aus gleichem Stamm Entſproſſene, es war der Oeſterreicher, der zu ſeinem Beiſtand die fremden Barbarenhorden herbei gerufen, und gegen die Deut⸗ ſchen, die Preußen kämpfen wollte mit dem Beiſtand der Ruſſen. Der Haß gegen die Oeſterreicher war deshalb in den preußiſchen Schaaren auch weit glü⸗ hender, blutiger, als ſelbſt der Haß und Abſcheu gegen die Ruſſen, die Erbfeinde des Deutſchen, und als daher die Berliner Bürger die Nachricht erhielten, daß auch die Oeſterreicher unter Graf Lacy auf Ber⸗ lin anrückten, ward dieſe Nachricht gewiſſermaßen zu der Schwerterweihe für die in muthige Soldaten um⸗ gewandelten Bürger. „Lieber unter den Mauern Berlin's begraben wer⸗ den, als dem Oeſterreicher uns ergeben!“ Das war das Feldgeſchrei des Volkes, welches in immer neuen Schaaren nach dem Zeughaus ſtrömte, um ſich zu bewaffnen, die Parole der muthigen„Bürgerwehr“, welche nach allen Thoren eilte, um ſie zu vertheidigen gegen den Feind. Aber nicht alle Straßen boten einen ſo erheben⸗ den, ſtolzen Anblick dar. Während die Bürger, die kaum von ihren Wunden geneſenen Krieger, während das Volk ſich bewaffnete, um Weib und Kind, und die heilige Freiheit des Vaterlandes zu vertheidigen, während all dieſe muthigen Schaaren nach der Dres⸗ dener⸗ und Kottbuſſerſtraße eilten, den Ruſſen ent⸗ gegen, ſah man andere Schaaren die Linden und die Friedrichſtraße hinunter rennen. Aber dieſe Schaaren — 107— waren unbewaffnet, wenn auch nicht unbeladen, ihre Geſichter waren blaß, ihre Augen trübe und glanzlos. Das waren die Schaaren der Feigherzigen und Geſinnungsloſen, die zitternd einer Stadt den Rücken kehren wollten, in welcher der Kamf für die edelſten Güter der Menſchheit gekämpft werden ſollte! Das waren die Schaaren dieſer großſprecheriſchen, wetter⸗ wendiſchen Heuchler und Schmeichler, welche keiner andern Gottheit huldigen, als dem Glücke, und zu keinem andern Glauben ſich bekennen, als zu dem des Beſitzes und der perſönlichen Sicherheit! Mochte Berlin in einen Aſchenhaufen verwandelt werden, mochte die Barbarei und Knechtſchaft ſiegen, mochte ein fremder Herrſcher ſeinen Thron inmitten dieſer zertretenen Stadt aufrichten, was kümmerte es dieſe Leute, vorausgeſetzt, daß ſie ihr eignes Leben und ihr Geld in Sicherheit gebracht hatten. Jetzt ſah man ſie dahin eilen, ſchreckensblaß, Tod und Entſetzen in den zerſtörten Mienen. Frauen des höchſten Adels, deren ſeidenbeſchuheter Fuß niemals das rauhe Steinpflaſter betreten, flogen jetzt mit eili⸗ gem Schritt die Straßen hinunter, Schultern, welche noch keine Laſt des Lebens und der Sorge getragen, waren jetzt belaſtet mit Schätzen, und das Gold war für dieſe modernen Aenöëiden der Sohn, welchen ſie zu retten ſuchten aus den Mauern der bedroheten Stadt! Hier gab es keinen Rang und keinen Stand, kei⸗ nen Grafen und keinen Diener mehr, die Furcht hatte ſie alle verbrüdert! Da ſah man ſtolze Gräfinnen ihrem Bedienten freundlich zulächeln, um ſich von ihm den Beiſtand ſeines Armes zur eiligeren Flucht zu erbitten, da ſah man vornehme Herrn belaſtet wie die niedrigſten ihrer Diener, belaſtet mit Gold⸗ und Silbergeſchirr, welches ſie mit hinaus nehmen wollten aus der bedrängten Stadt! Was kümmerte es dieſe Leute, ob Berlin fallen und unterliegen müßte, was kümmerte es ſie, ob der Thron der Hohenzollern vernichtet würde, für ſie gab es nur Einen Gedanken, nur Ein Gebet: Rettung und„lucht! So, jammernd und wehklagend, mit: athemloſer Bruſt, mit zitternden Gliedern eilten dieſe Schaaren die Straßen hinunter den Thoren zu. Jetzt hatten ſie ihr Ziel erreicht, jetzt ſtanden ſie vor dieſen Thoren, hinter denen für ſie die Rettung und Sicherheit lag, aber— dieſe Thore waren ge⸗ ſchloſſen und die Soldaten, welche dieſelben bewach⸗ ten, erklärten, daß Niemand mehr paſſiren dürfe, daß die Männer in der Stadt bleiben müßten, um ſie zu vertheidigen, die Weiber, um die Verwundeten und Stelhenden zu pflegen. Vergeblich war alles Bitten und alles Flehen! Berdich bot der Jude Ephraim, der du din Na h⸗ — 109— flehten die ſonſt ſo ſtolzen Herren, rangen die ſchönen Gräfinnen ihre weißen Hände vor dem geringen Ar⸗ beiter, dem ſonſt verachteten Armen, der jetzt als Sol⸗ dat am Thor ſtand. Dieſer Arme war in dieſer Stunde reicher als der Münzjude Ephraim, denn er war reich an Muth, mächtiger als die ſtolzeſte Gräfin, denn in ſeiner Hand ruhten die Schlüſſel einer Stadt! Und die Stadtthore öffneten ſich nicht den Schaaren der Feigherzigen! Sie waren verdammt zu bleiben, verdammt zu der Qual zitternder Angſt, feigen, thaten⸗ loſen Gebetes! Wehklagend und jammernd flohen ſie zurück in die Stadt, zu ihren Häuſern, um wenigſtens im Keller ihre Schätze zu vergraben und ſich bereit zu halten, dem Sieger, welcher immer es auch ſei, mit der Frie⸗ denspalme und dem Hoſiannah entgegen zu gehen! Aber ſie hatten ihre Häuſer noch nicht erreicht, als ſchon die Bomben in die Stadt flogen, als man ſchon hier und dort glühende Feuerkugeln und Haubitz⸗ Granaten in die Stadt fliegen ſah; in das Geſchrei der Fliehenden und Verwundeten, das Todesröcheln der Sterbenden miſchte ſich jetzt das ängſtliche Jam⸗ mern und Winſeln der Sturmglocke, welche verkün⸗ dete, daß den Schreckniſſen der Belagerung ſich noch die Schreckniſſe der Elemente geſellt! Gleich großen Fackeln eines Leichenbegängniſſes glühten die Flam⸗ men der brennenden Häuſer und färbten den Himmel purpurroth, purpurroth wie das Blut der zum Tode Getroffenen! Endlich brach die Nacht benen aber ſie — 110— brachte keine Ruhe für den Kranken, keine Erquickung für den Ermatteten! Die Feuerkugeln und Bomben flogen immer noch in die Stadt, die Sturmglocken heulten fort und fort, die brennenden Häuſer lnume ten zum Himmel empor! Aber dennoch ſank den B lagerten nicht der Muth, dennoch hielten ſie uner⸗ ſchütterlich Stand und boten mit heldenmüthiger Tapferkeit den Angriffen der Feinde Trotz! Vergebens beſtürmten die Ruſſen die Thore, die tapfern Bela⸗ gerten ſchlugen ſie immer wieder zurück, leiſteten im⸗ mer noch einen trotzigen und vernichtenden Wider⸗ ſtand! Plötzlich verſtummten die Kanonen und der Feind zog ſich zurück. Was bedeutet dies? fragten die Kämpfer an den Thoren ſich unter einander. Das bedeutet, rief Gotzkowsky, der ſo eben mit einer Abtheilung ſeiner Arbeiterſchaar aus einem an⸗ dern Theile der Stadt daher kam, das bedeutet, daß uns Hülfe naht! Das bedeutet, daß Gott mit uns iſt, und unſerer edlen und gerechten Sache Beiſtand verleiht! Der Prinz von Würtemberg mit ſeinem Korps iſt ſo eben von Paſewalk hier eingetroffen und General Hülſen naht in Sturmſchritten von Kos⸗ wig her!*) ) Preuß. Friedrich der Große, Thl. II. pag. 255. — Aeqerbeie Geſchichte des ſiebenjährigen Kieges, pag. 191 3 — 111— Die tapfern Krieger empfingen dieſe Nachricht mit lautem Freudengeſchrei, und mit Thränen der Rüh⸗ rung in den Augen, mit Dankgebeten im Herzen ſanken ſie einander in die Arme. Wir ſind gerettet! riefen ſie einander zu. Berlin wird ſich nicht ergeben, Berlin wird ſiegen, denn die Hülfe iſt gekommen! Und dann ſanken ſie nieder auf das Steinpflaſter, um auf dem harten Lager eine Stunde auszuruhen nach dem heißen Kampfe. Aber Gotzkowsky mochte nicht ruhen! Für ihn gab es keine Erholung und keinen Schlaf, aber auch keine Gefahr und keine Furcht. Wie er ſein Haus, ſeine Tochter und ſeine Reichthümer unbewacht verlaſſen, eben ſo ſorglos war er bei dem Kugelregen und dem Gepraſſel der platzenden Bomben geblieben. Er dachte nicht an den Tod, nicht an die Gefahr, er dachte nur an das Vaterland, und nur die Eine große, erhabene Idee, die Idee der Freiheit, brannte in ſeinem Herzen, belebte ſein ganzes Sein! Der Magiſtrat, den Einfluß Gotzkowsky's auf die Bürger kennend, hatte daher, ſobald der Prinz von Würtemberg mit ſeinen Regimentern in Berlin ange⸗ langt, dem wackern Patrioten zuerſt dies freudige Er⸗ eigniß mitgetheilt und ihn beauftragt, es zur Kunde der Kämpfenden zu bringen. Mit ſtrahlendem Blick und hellem Angeſicht hatte er dieſe vielverheißende Kunde den tapfern Kriegern mitgetheilt und ihr Muth hatte ſich dadurch neu be⸗ — 112— lebt, ihre Kraft hatte ſich verdoppelt, während ſie den Feind von den Thoren zurück getrieben und ſeine Kanonen zum Schweigen gebracht hatten. Aber Gotzkowsky's Seele war dennoch ſorgenvoll und traurig! Er hatte die einziehenden Regimenter des Prinzen von Würtemberg geſehen, er hatte auf den ſchlaffen Geſichtern dieſer vor Ermattung tau⸗ melnden und zuſammenſinkenden Soldaten geleſen, daß ſie des Kampfes unfähig, daß ſie nicht im Stande, das Schwert zu halten! Aber ſein Herz verzagte dennoch nicht, die Freu⸗ digkeit ſeines Muthes ſchien nur noch zu wachſen mit der Gefahr.— Vielleicht konnte eine kurze Raſt, vielleicht konnten ſtärkende Nahrungsmittel, konnte ein belebender Wein dieſen Leuten die verlornen Kräfte wieder geben! Jetzt zum erſten Male wieder ſeit dem Angriff des Feindes, eilte Gotzkowsky ſeiner Wohnung zu, aber nicht um ſeine Tochter zu ſehen, nicht um nach ſei⸗ nem Eigenthum zu fragen, ſondern nur um ſeinen Weinkeller zu öffnen, und dann, um von ſeinem Kaſ⸗ ſirer ſich ſeine Taſchen mit Gold füllen zu laſſen! Nun flog er wieder die Straße hinauf, grade nach dem Rathhauſe hin, wo der Magiſtrat verſammelt war und eben die Aelteſten dee Stadt zu einer Be⸗ rathung zu ſich gerufen hatte.— Vor die Verſammlung hintretend, ſchilderte Gotz⸗ kowsky jetzt mit glühender Beredſamkeit, mit flam⸗ mendem Muth den troſtloſen Zuſtand der eingezoge⸗ — 113— nen Regimenter. Er forderte zu ihrer Stärkung und Unterſtützung auf, er beſchwor den Magiſtrat, dieſen ermüdeten Mannſchaften vor allen Dingen Obdach und Lagerſtätte zu geben. Erſt laßt ſie ſchlafen und eſſen, dann werden ſie mit uns kämpfen und ſiegen, Uaatr Gotzkowsky. Dem Hungrigen und Ermüdeten iſt auch der Muth in der Bruſt gelähmt! Und vom Rathhaus eilte er weiter, hin zu den reichen Kaufleuten und Fabrikherren. Der reiche Mann ging betteln für die hungrigen Brüder und ſein Stolz fühlte ſich nicht erniedrigt von der flehenden Bitte! Seinem freudigen Eifer, ſeiner edlen Beredtſam⸗ keit widerſtand Niemand, von ſeiner uneigennützigen und hülfreichen Großmuth fühlte ſich Jeder hingeriſſen. Für den Augenblick hatte ſelbſt das irdiſche Eigen⸗ thum ſeinen Werth eiſomen denn es galt die Erhal⸗ 1 tung eines höhern Gutes: der Freiheit und der Ehre! ——a Jeder gab mit vollen Händen und gab freudig. Nun gewährte es ſchon einen erhebenden Anblick, zu ſehen, wie in wenigen Stunden die Stadt ein ganz verändertes Ausſehen angenommen hatte. Und wenn die Nacht nur Schrecken und Graus geſehen, ſo ſchien der darauf folgende Morgen und Tag nur ein Feſttag, die Vorbereitung zu einem großen, feier⸗ lichen Gaftmahl ſein zu ſollen! Vierzig der fetteſten und herrlichſten Ochſen wurden geſchlachtet, um allen der Stärkung Bedürfenden ein kräftigendes Mahl dar⸗ zubieten. Gotzkowsky I. 8 — 114— Um Mittag bewegte ſich ein ſeltſamer Zug die Königsſtraße hinauf und über den Schloßplatz hin. Was bedeutete dieſer Zug? Es war kein Leichenzug, denn man ſah keine Trauerflore und keinen Sarg, es war kein Hochzeitszug, denn es fehlte die geputzte Braut und die fröhliche Muſik. Auch ging der Zug weder zum Kirchhof, noch in die Kirche, ſondern in das neue, ſchöne Opernhaus, welches der König erſt vor kurzer Zeit hatte bauen laſſen, und deſſen Pfor⸗ ten ſich alle weit geöffnet hatten, zum Empfang des Zuges. Es ſchien ein Bacchusfeſt zu ſein, denn man ſah da ungeheure Tonnen heranfahren, oder vielleicht ein Feſt der Ceres, denn dort kamen in feierlicher Prozeſſion die Bäcker, auf großen Wagen mehrere Tauſend Brote herbeifahrend, ihnen folgten die weiß⸗ bemützten Köche, in großen Keſſeln das dampfende Fleiſch der Ochſen heranſchleppend. Zuletzt noch ka⸗ men die Küfer mit großen Körben voll Wein. Und all dieſen, obwohl nur der irdiſchen Nahrung dienenden Dingen öffnete ſich der erhabene und glän⸗ zende Tempel der Kunſt, und in dem prachtvollen Saal, in welchem ſonſt Friedrich der Große, umgeben von ſeinen Generälen und ſeinen bewährten Freun⸗ den, den Wunderklängen Gluck'ſcher Opern zuhörte, erſchallte jetzt wüſtes Geſchrei, ſtanden die Küfer ne⸗ ben den herbeigerollten Tonnen und ſchenkten den Wein in die Flaſchen, welche von behenden und flin⸗ ken Marketenderinnen hinausgetragen wurden. Auf derſelben Bühne, auf welcher ſonſt die Galiari und — 115— Barbarini, Oſtroa und Salimbeni durch ihren bewun⸗ derungswürdigen Geſang das Publikum entzückten, auf derſelben Bühne ſah man jetzt große Keſſel mit Ochſenfleiſch, und ſtatt der Sänger fungirten die Köche, welü das Fleiſch aus den Keſſeln zogen, um es auf ungeheueren Schüſſeln zierlich zu ordnen. Gotzkowsky hatte ſeinen Zweck erreicht, und Ber⸗ lin ſpeiſete heut im Opernhauſe die ermatteten und hungerden Schaaren des Prinzen von Würtemberg. Der Kaufmann von Berlin hatte ſeine edelſten und beſten Weine zu dieſem Gaſtmahl des Patriotismus hergegeben!) *) Geſchichte eines patriotiſchen Kaufmanns. S. 29. XII. Ruſſen und Oeſterreicher. Nach ſo vielen Schreckniſſen und ſo viel Stunden der Angſt war endlich am Abend des zweiten Tages der Belagerung ein augenblicklicher Friedenszuſtand eingetreten. 3 Berlin ruhte aus von der Aufregung und Qual und auch die Belagerer ſchienen zu ruhen. Es flogen keine Bomben und Feuerkugeln mehr, und auch der Donner der Kanonen war verhallt. Es war Friede, das heißt, man war hier und dort zu erſchöpft zum Kampf und wollte ſich durch einige Stunden der Erholung und des Schlafes zu neuem Kampfe ſtärken. Die von mattem Lampenlicht erhellten Straßen Berlins waren öde und leer, nur aus den dunklen Häuſern vernahm man hier und dort lautes Klagen und Jammern; das war entweder der Todeskampf eines Verwundeten oder das Klagegeſchrei ſeiner um ihn trauernden Angehörigen. ieſe todesähnliche Stille der Straßen hatte ſchon — — 117— mehrere Stunden gedauert, als ſie plötzlich durch ein eigenthümliches Geräuſch unterbrochen ward. Es klang wie dumpfes, unterdrücktes Trommelwirbeln, dann vernahm man den regelmäßigen Schritt von marſchirenden Truppen. Das Geräuſch kam näher und näher und beim ſchwachen Licht der Straßenlaternen konnte man jetzt ganz deutlich eine Truppenkolonne erkennen, welche vom Opernhauſe her die Linden hinunter marſchirte. Es war eine Colonne von mehr denn ſechstauſend Mann, welche jetzt in geſchloſſenen Gliedern, in tie⸗ fem, ſelbſt von keinem Commandowort unterbroche⸗ nen Schweigen die Linden hinunter ſich bewegte. Einen ſchauerlichen Eindruck machte es, dieſe dunkle, ſchweigende Colonne zu ſehen, welche ſich ſo geheim⸗ nißvoll durch die dunkle, ſchweigende Straße fortzog. Wer abergläubig war, hätte vermeinen mögen, dieſe geräuſchloſen, todesſtillen Kriegergeſtalten, welche um die Mitternachtsſtunde durch die Straßen marſchirten, ſeien keine lebenden Soldaten, ſondern das große und jeden Tag ſich mehrende Geiſterheer der Gefalle⸗ nen, und es halte jetzt ſeinen Leichenzug durch die ſterbende Stadt, wie die Raubvögel die Stätte des Todes mit vorahnendem Fittig umkreiſen. Indeß hatte die Spitze der Colonne das Bran⸗ denburger Thor erreicht. Die Wache ſtand hier un⸗ term Gewehr und ſalutirte. Der dem Zuge voran⸗ ſchreitende Führer trat zu dem Offizier der Wacht⸗ mannſchaft heran und flüſterte ihm einige Worte in's — 118— Ohr. Der Offizier verneigte ſich tief und ehrfurchts⸗ voll, und gab ſeinen Soldaten halblaut einen kurzen Befehl. Dann trat er zurück und präſentirte. Jetzt drehten ſich knarrend die Thorflügel, und in feierlichem Schweigen zog die Colonne hinaus. Eine Stunde faſt dauerte dieſer lange dunkle Zug der ausmarſchirenden Truppen, dann ſchloſſen ſich die Thore wieder, und es trat wieder dieſelbe Stille wie zuvor auf den Straßen ein. Beerlin träumte oder ſchlief, betete oder weinte, aber es wußte nicht, daß zu dieſer Stunde neues Unglück hereingebrochen war, es wußte nicht, daß der Prinz von Würtemberg ſo eben mit ſeinen Regimen⸗ tern die Stadt wieder verlaſſen und ſich nach Span⸗ dau zurückgezogen hatte, weil er ſich zu ſchwach fühlte, dem dreifach überlegenen Feinde zu wider⸗ ſtehen.*).. Es wußte ferner nicht, daß der öſterreichiſche Graf Lacy, der bereits Potsdam und Charlottenburg mit ſeinem zehntauſend Mann ſtarken Corps beſetzt hielt, in wenig Stunden vor Berlin ſtehen würde. Der Berliner Magiſtrat war in ernſter Berathung, in ängſtlichem und unſchlüſſigem Harren im Saale des Rathhauſes verſammelt, welches die Väter der Stadt ſchon ſeit zwei Tagen nicht mehr verlaſſen hatten. Aber ſo eben ſchien eine Pauſe in dieſer Berathung eingetreten zu ſein, denn ſowohl der Herr *) Preuß. Geſch. Friedr. d. Gr. Thl. II. S. 253. — 119— Ober⸗Bürgermeiſter von Kircheiſen, als auch die Stadträthe lehnten ſchweigend in ihren hohen, ge⸗ ſchnitzten Seſſeln und betrachteten mit ſchläfriger Ruhe die Wachskerzen auf den ſilbernen Armleuchtern, deren mattes und trübes Licht den weiten Saal in ſeinen entfernteren Theilen nur mit ſpärlichem Dämmerlicht erhellte. Zuweilen warf auch Einer oder der Andere einen fragenden, aufhorchenden Blick nach der Thür, und neigte ſich vorwärts, um zu lauſchen. Nach einiger Zeit vernahm man in der That Schritte im Vorzimmer, und die Geſichter der hoch⸗ weiſen Magiſtratsmitglieder erhellten ſiche. Endlich kommt er! ſagte der Herr Ober⸗Bürger⸗ meiſter, indem er ſich mühſam in ſeinem Seſſel em⸗ porhob, und die Kette auf ſeiner Bruſt, welche ſich ein wenig verſchoben hatte, wieder in Ordnung brachte. Die Thür öffnete ſich jetzt, und der Kaufmann Gotzkowsky trat herein. Er näherte ſich der Ver⸗ ſammlung mit feſtem eiligem Schritt. Das Licht der Kerzen beleuchtete ſein Antlitz, in deſſen ermatteten, bleichen Zügen man all die Müh⸗ ſeligkeiten, Anſtrengungen und Gefahren leſen mochte, welchen er ſich in dieſen zwei Tagen des Unglücks unterzogen hatte. Nur ſein Auge leuchtete noch in ſeinem milden und zugleich feurigen Glanze, und in ſeiner Bruſt ſchlug noch immer ein freudiges, muth⸗ volles Herz. Ihr habt mich rufen laſſen, hochedle Herren, ſagte — 120— er, und wie Ihr ſeht, bin ich ſofort auf Euren Ruf herbei geeilt. Ja, wir haben Euch rufen laſſen! ſagte der Ober⸗ Bürgermeiſter feierlich. Der Magiſtrat verlangt Euren Rath! Um Gotzkowsky's Lippen ſpielte ein leiſes, ſpöt⸗ tiſches Lühelne Es iſt nicht das erſte Mal, ſagte er, daß mich der Magiſtrat dieſer Ehre würdigt. Herr von Kircheiſen rückte in peinlicher Verlegen⸗ heit an ſeiner goldnen Kette, und ſeine Stirn um⸗ wölkte ſich. Die Antwort Gotzkowsky's hatte ſeinen Stolz verletzt. Ihr habt uns geſtern auch Euren Rath ertheilt, ſagte er, und nur auf Euer lebhaftes Andringen ge⸗ ſchah es, daß wir die Truppen des Prinzen von Würtemberg geſpeiſt und gebettet haben. Und nun hätten wir uns dieſe Mühe ſparen können, und un⸗ ſere vierzig Ochſen ſind umſonſt geſchlachtet! Der Prinz von Würtemberg hat uns verlaſſen, ich weiß es! ſagte Gotzkowsky ſchmerzlich, und wir ſind wieder auf uns ſelbſt beſchränkt! Oh, es iſt zum Weinen! Zwei Tage und zwei Nächte haben die Bürger Berlins gekämpft mit der Kraft einer Löwin, die ihr Junges vertheidigt, und doch umſonſt! So viel edles Menſchenblut iſt vergoſſen worden, und doch umſonſt! So müſſen wir alſo unterliegen? fragte Herr von Kircheiſen erblaſſend. Wenn der hochweiſe Magiſtrat nicht Orachenzäͤhne — 121— ſäen und eine Armee aus der Erde ſtampfen kann, wenn er uns nicht Kanonen gießen und Männer ſchaffen kann, welche ſie bedienen, dann müſſen wir freilich unterliegen! ſagte Gotzkowsky traurig. Ja, hätten wir ein Dutzend Kanonen, wie unſere zwei, die wir am Kottbuſſer Thor aufgeſtellt haben, und welche der tapfere Bombardier Fritze verſorgte,*) dann wäre uns ſchon geh olfen! Das waren Schüſſe! Wie eine Todesſichel mäheten ſie im Heer der Feinde, und ganze Reihen ſtürzten edie Fritze iſt ein Held, und er hat ſich mit den Ruſſenleichen ſelber ein Denkmal geſetzt! Und Alles dies umſonſt! Umſonſt, ſagt Ihr! ſeufzte der Ober⸗Bürgermeiſter. Ich ſürhie die lmehr, daß es uns ſehr viel Geld koſten wird. Oeſterreicher haben d den Fürſten von Lö⸗ wenem als Parlamentair in die Stadt geſandt, mit der Aufforderung, wir ſollten uns ihnen ergeben. Aber auch die Ruſſen haben einen Parlamentair zu gleichem Zweck geſandt. Nun iſt die gewichtige Frage, wem von den beiden Gewalten ſollen wir uns ergeben? Wer von beiden wird am wohlfeilſten ſein? Und indem der Bürgermeiſter dieſe Frage müh⸗ ſam hervorſtieß, griff er nach dem großen Pokale, welcher vor ihm ſland, und leerte ihn auf einen Zug. Dann befahl er dem an der Thür ſtehenden Raths⸗ diener, ihn wieder mit Johannisberger zu füll *) König. Hiſtor. Schilderung von Berlit — 122— Die Stadträthe und Senatoren warfen einander bedenkliche Blicke zu, und der zweite Bürgermeiſter wagte die ſchüchterne Bemerkung, ob der ſchwere Wein der koſtbaren Geſundheit des Herrn Ober⸗Bür⸗ Fereirides nicht ſchädlich ſein möchte. Im Wein ſteckt Muth, ſagte Herr von Kircheiſen mühſam, ſo lange der Magiſtrat von Berlin guten Wein im Rathskeller hat, können die Bürger Berlins ruhig ſchlafen, denn ſo lange wird der Magiſtrat den Muth haben, dem Feinde zu trotzen! Gebt mir alſo Wein her, damit ich mir Muth trinke! Und wieder leerte der Herr Ober⸗Bürgermeiſter 3 den neugefüllten Pokal. Dann ſtarrte er gedanken⸗ voll zur Decke empor und ſchien ſich ganz zu verſenken im Anſchauen des Lorbeerkranzes, der da am Plafond des Saales gemalt war. Der zweite Bürgermeiſter erhob ſich jetzt leiſe von ſeinem Sitz, und Gotzkowsky's Arm nehmend, trat er mit ihm und den beiden erſten Stadträthen in eine der entfernteren Fenſterniſchen. Mit einer leiſen Handbewegung und einem mitleidigen Achſelzucken deutete er hinüber auf Herrn von Kircheiſen. Unſer armes gebeugtes Oberhaupt will ſich Muth trinken, ſagte er, er will ſich zu einem Delirium der Standhaftigkeit aufſchwingen, ich fürchte aber, er wird ſich ſtatt deſſen doch nur zuletzt ein Delirium tremens der Furcht erbeuten! Der arme Mann iſt ſehr zu beklagen. Grade in ſolchen Momenten, wo es darauf ankommt, ſeine ganze Geiſtesgegenwart zu bewahren, verliert der — 123 Herr Oberbürgermeiſter regelmäßig den Kopf, und ſein Gehirn geht mit ihm durch, wie ein tolles Roß, das ſeinen Reiter zu Tod und Verderben mit ſich fort⸗ reißt! Und ein ſolcher Mann iſt der Oberbürgermeiſter der Stadt Berlin! ſeufzte Gotzkowsky ſchmerzlich. Die Bürger haben ihn gewählt, ſagte der Bürger⸗ meiſter, und der König hat ſeine Wahl beſtätigt. Seien wir alſo zufrieden! Aber jetzt, mein Freund, laſſen Sie uns von dem ſprechen, um deswillen wir Sie aus dem Schlummer geweckt haben! Wir bedür⸗ fen Ihres Rathes! Die Oeſterreicher und die Ruſſen fordern uns beide zur Uebergabe auf. Gotzkowsky, der Magiſtrat von Berlin fragt Euch um Rath, an welchen Feind er die Stadt; übergeben ſoll.*) An den Oeſterreicher oder an den Ruſſen? Das iſt bei Gott eine Wahl, um die uns der Teufel beneiden muß! rief Gotzkowsky mit einem ſchmerzlichen Lachen. Wem wir uns übergeben ſollen? Entweder dem Deſtenricher, d der die deutſche Kaiſer⸗ krone Küragt und doch der Feind von Deutſchland iſt, oder dem Ruſſen, dem nordiſchen Barbaren, den es gelüſtet, alle Menſchenrechte in den Staub zu treten! Laßt mich ein wenis überlegen, denn dies iſt eine ſchmerzvoll traurige Wahl. Und in tiefernſtem Sinnen ging Gotzkowsky ſchwei⸗ gend auf und ab. Dann nach einer langen Pauſe *.) Geſchichte eines patriotiſchen Kanfmanns. S. 31. — 124— wand er ſich wieder den Herren zu. Welchem Feinde wir uns unterwerfen ſollen? fragte er. Wenn ſich mein Bruder unter meinen Feindenbefände, ſo würde ich unter ihnen allen dieſen am meiſten fürchten, denn Bruderfeindſchaft iſt die unnatürlichſte und deshalb auch die heftigſte! Der Oeſterreicher iſt des Preußen deutſcher Bruder, und doch ſind Beide im Kampf gegeneinander entbrannt, doch ſtreiten ſie ſich um das Recht der Erſtgeburt, während ſie in gleicher Berech⸗ tigung, gleich mächtig, gleich entſchloſſen, in Eintracht mit einander gehen ſollten. Statt deſſen verbindet Oeſterreich ſich mit Rußland, dem Erbfeind Deutſch⸗ lands und kämpft mit dieſes Erbfeindes Hülfe gegen ein deutſches Brudervolk! Darum meine ich, wenn wir uns wirklich ergeben, und wenn die Preußen wirklich unterliegen müſſen, ſo ſei es nicht an Oeſterreich. Dem Gleichgeſtellten ſich unterwerfen, iſt doppelte Demüthigung! Weniger ſchmerzlich iſt der Tod von eines Barbaren Händen, als wenn uns die eigene Bruderhand zerfleiſcht! Ich würde bei dieſer unglückſeligen Wahl Rußland den Vorzug geben! Das iſt auch meine Meinungl ſagte der Bürger⸗ meiſter und die Stadträthe ſtimmten ihm bei. Sie traten wieder zu dem Tiſche, an welchem der Herr Ober⸗Bürgermeiſter ſaß und in den weingefüll⸗ ten Becher ſtarrte. Gohtzowsky iſt unſerer Meinungl ſagte der zweite Bürgermeiſter, ſich zu ihm wendend. Es wird das — 125— Beſte ſein, wenn wir uns den Ruſſen iber⸗ geben. 4 Der Ruſſe iſt ein ſehr guter Mann, lallte der Ober⸗Bürgermeiſter. Der Ruſſe hat viel Geld und giebt es gern aus. Ich ſchätze den Ruſſen außer⸗ ordentlich, und es iſt meine entſchiedene Willens⸗ meinung, daß wir uns dem Ruſſen übergeben! XIII. Ein Mädchenherz. Eliſe hatte die letzten zwei Tage und Nächte ein⸗ ſam in ihrem Zimmer zugebracht. Indeß hatte ſie keine Angſt empfunden, und der Donner der Kanonen, das Klagegeſchrei der Verwundeten hatte ſie mehr mit einem ſchmerzlichen Trotz, als mit Furcht erfüllt. Wie ſie einmal am Fenſter ſtand, flog eine Bombe dicht vor ihrem Hauſe nieder und zerſchmetterte die Fen⸗ ſterſcheiben des Erdgeſchoſſes. O hätte doch dieſe Kugel mich getroffen, ſagte ſie mit glühenden Wangen, dann wäre all dieſe Qual zu Ende, all dieſes Wirrniß gelichtet, und wenn mein Va⸗ ter ſich wirklich noch einmal die Mühe gäbe, ſein Haus zu betreten, um nach einer Tochter zu fragen, ſo würde mein Tod die ſtrafende Antwort auf ſeine Frage ſein. Die lange Abweſenheit ihres Vaters, ſeine anſchei⸗ nende Gleichgültigkeit, das war es, was ſie peinigte und mit einem faſt zornigen Schmerz erfüllte!— In dieſen Tagen der höchſten Gefahr und Todesnoth — war er nicht ein einziges Mal in ſein Haus, zu ſeiner Tochter gekommen! Mit dem ganzen Egoismus eines Weibes begriff ſie nicht die Größe, die edle Reſigna⸗ tion, die mannhafte Standhaftigkeit, welche in dem Benehmen ihres Vaters lag, ſondern ſie ſah darin nur Gleichgültigkeit und Herzenskälte. Der geringſte und roheſte Arbeiter iſt ihm lieber, als ſein eigenes Kind! ſagte ſie, indem ſie ſich trotzig die Thränen trocknete. Er ſteht vielleicht und bewacht die Hütte eines ſeiner Arbeiter, und fragt nicht dar⸗ nach, ob ſein eigenes Haus in Flammen aufgeht! Aber wenn er's hörte, und wenn man ihm ſagte, ſeine Toch⸗ ter ſei in den Flammen umgekommen, ſo würde er ruhig ſagen:„das Vaterland forderte dieſes Opfer von mir, ich unterwerfe mich!“ Keine Thräne würde ſein Auge umdüſtern, das Vaterland würde ihm nicht Zeit laſſen, um ſeine Tochter zu weinen! Ach das Vaterland! Was iſt das? Dort, wo man glücklich iſt, wo man geliebt wird, dort iſt das Vaterland! Sie ſeufzte ſchwer auf und ihre Gedanken flogen hin zu ihrem Geliebten, zu Feodor, dem Feinde ihres Vaterlandes, an deſſen Herzen ſie doch vermeinte, erſt die rechte Heimathsſtätte und das rechte Vaterland gefunden zu haben. Ein verwöhntes Kind des Schickſals, ſtets gewohnt, all ihre Wünſche erfüllt zu ſehen, hatte Eliſe noch nicht die Kraft kennen gelernt, die ſich bezwingend unſerer eigenen Kraft entgegenſtellt und unſern Eigen⸗ willen beugt. Das Schickſal ſchien Mitleid zu haben mit dieſem heißen, ſchwärmeriſchen Frauenherzen, es ſchien ihr noch ein wenig Freiheit und Unwiſſenheit gönnen zu wollen, ehe es ſie in die Schule nahm, und ſie einweihte in die harte Wiſſenſchaft der Schmer⸗ zen und Thränen! Zudem hatte Eliſe von ihrem Vater die ſtarke Willenskraft, den entſchloſſenen Muth geerbt, und hinter dieſen ſchwärmeriſch glühenden Augen wohnte eine edle und ſtolze Seele. Gleich ihrem Vater glühte ihre ganze Seele nach Freiheit und Unabhängigkeit, nur daß ſie die Freiheit anders verſtand, nur daß ſie dieſelbe ganz perſönlich nahm, während Gotzkowsky's großer Sinn nur auf das Große, das Allgemeine gerichtet war! Sie wollte nur für ſich die Freiheit, er wollte ſie für das Vaterland, und er hätte ſich per⸗ ſönlich willig in Ketten und Banden ſchmieden laſſen, wenn dadurch die Freiheit des Volkes geſichert wor⸗ den.— Aus dieſer Gleichheit, und auch aus dieſer Verſchiedenheit des Charakters entſprangen all die Dis⸗ harmonien, welche zuweilen den Einklang dieſer bei⸗ den Herzen trübten. Gotzkowsky mißverſtand das Herz eines jungen Mädchens und Eliſe das Herz eines edlen Patrioten. Es hatte dieſen beiden ſtarken und ſelbſtſtändigen Naturen das weiche und verſöhnende Princip der Mutterliebe gefehlt, welches ſchlichtend und verſöhnend auf ſie Beide gewirkt haben würde. Eliſens Mutter war früh geſtorben, und ſo war das Kind der Sorg falt und Pflege fremder Menſchen anvertraut worden. — 129— Ihr Vater hatte ſelten Zeit und Muße gefunden neben ſeiner Tochter zu ſein, aber ſeine Seele blieb in treuer, unveränderter Liebe bei ihr, wie wenig er auch mit ſeiner Perſon neben ihr ſein mochte. Das ahnte Eliſe nicht und ſeine ſeltene Erſcheinung, das ſeltene Begegnen und gegenſeitige Ausſprechen trug die Schuld, daß ſich ihm das Herz ſeiner Tochter entfremdete, und daß in dieſer jungen, aufblühenden Mädchenſeele, welche einſam inmitten der Fülle und des Reichthums unſinunhe⸗ der Zweifel, und zuletzt die Ueberzeugung von der Gleichgültigkeit ihres Vaters gegen ſein einziges Kind entſtanden war. Aber eben, weil ſie ſtolz war und voll Unabhän⸗ gigkeitsgefühl, klagte ſie niemals, mochte ſie ihren Va⸗ ter niemals mit einem Vorwurf, einer Klage be⸗ ſchweren, ſondern ſchloß nur ihr Herz feſter und ein⸗ ſamer in ſich zuſammen, und ſuchte es da, wo ſie ſich abgewieſen glaubte, auch ihrerſeits losreißen zu können. Die Liebe läßt ſich nicht erzwingen und nicht er⸗ betteln! ſagte ſie zu ſich, wenn ſie, ihrem natürlichen, kindlichen Gefühl nachgebend, zuweilen die unwider⸗ ſtehliche Sehnſucht hatte, zu ihrem Vater, den ſie wieder den ganzen Tag nicht geſehen, hinzugehen, ihn aufzuſuchen inmitten ſeiner Arbeiten und ſeiner Ge⸗ ſchäfte, ſich ſtill an ſeine Bruſt zu legen, und zu ihm zu ſagen: liebe mich, mein Vater, denn ohne Liebe ſind wir Beide ſo einſam! Einmal war ſie dem Drange ihres Herzens ge⸗ folgt, einmal war ſie hinuntergegangen in ſein Arbeits⸗ Gotzkowsky I. 9 zimmer, um ſich mit all ihrer Liebe, ihrer Sehnſucht an ſein Vaterherz zu flüchten. Es war an dem Tage, an welchem Gotzkowsky von einer wichtigen und be⸗ deutenden Reiſe zurückkehrte. Wochenlang war er von ſeiner Tochter entfernt geweſen, und als er jetzt zurückkehrte, war doch ſein erſter Gang nicht zu Eliſen geweſen, ſondern er war in ſein Arbeitszimmer ge⸗ gangen, und hatte es jetzt noch nicht wieder verlaſſen. Aber Eliſe wußte nicht, daß er mit Courierpferden ge⸗ reiſt, daß er trotz der rauhen Winterkälte Tag und Nacht gefahren war, und ſich keine Ruhe, keine Er⸗ holung gegönnt hatte, nur um baldmöglichſt wieder daheim zu ſein, nur aus Sehnſucht nach ſeiner Toch⸗ ter, deren holdes und liebliches Antlitz immer der Stern war, welcher ihm ſeine öden und einſamen Arbeitsſtunden durchleuchtete und ihm Muth und Freu⸗ digkeit in die Seele ſtrahlte! Sie wußte auch nicht, daß er dieſe Reiſe nur un⸗ ternommen hatte, weil durch den Fall eines der größten holländiſchen Handelshäuſer ſein eigenes Haus de⸗ fährdet worden, und daß es ſich vielleicht um den Verluſt ſeines ganzen mühevoll erworbenen Reich⸗ thums handle. Mit hochklopfendem Herzen, mit Thränen der ſchmerzlich ſüßen Liebe trat ſie zu ihm ein, ihr ganzes Weſen war gehoben, voll Zärtlichkeit und Wärme, voll demüthiger Kindesliebe. Aber Gotzkowsky richtete kaum von ſeinen Büchern und Papieren den Blick zu ihr empor, er kam ihr nicht entgegen, ſondern blieb⸗ — — 131— ruhig im Kreiſe ſeiner Beamten und Diener ſtehen, und unterbrach nicht einmal die angefangene Unter⸗ redung mit dem Dirigenten ſeiner Seidenfabrik. Eliſe trat dennoch näher zu ihm hin, ihr Herz ſehnte ſich ſo ſehr ihn willkommen zu heißen. Sie legte ihre Hand auf ſeine Schulter und flüſterte einen zärtlichen Gruß in ſein Ohr. Gotzkowsky ſah ſie nur flüchtig an, und ſagte faſt verdrießlich: Ich bitte Dich, mein Kind, ſtöre mich nicht! Es ſind ſehr ernſte Dinge, welche mich beſchäftigen! Allerdings waren es ſehr ernſte Dinge, die gleich nach ſeiner Rückkehr Gotzkowsky's ganze Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch nahmen. Es handelte ſich um beinahe eine halbe Million, welche er durch ein eben erlaſ⸗ ſenes königliches Dekret wahrſcheinlich verlieren mußte. Dieſes königliche Dekret verfügte, daß die neuen viel zu leichten Friedrichsd'or, welche der Münzjude Ephraim eben hatte prägen laſſen, überall im ganzen Lande, ſogar bei den königlichen Kaſſen für vollgültig angenommen werden ſollten. Es war daher ſehr na⸗ türlich, daß alle Schuldner ſich beeilten, ihre Gläu⸗ biger in dieſem Gelde, das plötzlich und ganz uner⸗ wartet einen ſo hohen Cours bekommen, zu bezahlen. Gotzkowsky hatte von ſeinen Schuldnern über acht⸗ mal hunderttauſend Thaler in dieſen leichten Friedrichs⸗ d'or bezahlt erhalten, während dagegen ſeine auswär⸗ tigen Creditoren ſich weigerten, dieſes Geld überhaupt nur in Zahlung anzunehmen, ſondern ihre Auszah⸗ lung in vollgültigem Golde verlangten. Gotzkowsky, 9* 6 .— 122= welcher in Folge ſeiner großen und ausgedehnten Ver⸗ bindungen mit dem Auslande gegen dreimal hundert⸗ tauſend Thaler Wechſelſchuld ausſtehen hatte, bezahlte ſeine Creditoren in ſchwerem Golde und verlor da⸗ durch in Einem Tage dreimal hunderttauſend Thaler*¹). Grade in der Stunde, als dieſer herbe Verluſt ihn traf, kam Eliſe, um ihn zu begrüßen! Sein Herz that ihm weh bei ihrem Anblick, und jetzt erſt, wie er ſeine Tochter anſchaute, erſchien ihm dieſer große Verluſt als ein Unglück, denn nicht er, ſondern ſein Kind war es, welches einen Theil ſeines Reichthums verloren hatte. Eliſe ahnte und wußte das nicht! Sie wußte nur, daß ſie mit ihrem zärtlichen, heißen Herzen abgewieſen worden, und ſie zog ſich zurück mit verwundeter, tief gekränkter Seele, indem ſie ſich mit bittern Thränen gelobte, niemals wieder der Gefahr einer ſolchen Zurück⸗ weiſung, einer ſolchen Demüthigung ſich auszuſetzen! Gotzkowsky verlor in dieſer Stunde alſo nicht bloß dreimal hunderttauſend Thaler, ſondern er verlor das, was für ihn höher galt als alle Schätze der Welt, er verlor die Zärtlichkeit ſeiner Tochter, und Beides ver⸗— lor er ohne eigenes Verſchulden! Eliſe zwang ihr Herz ſich ihrem Vater zu verſchließen, oder mindeſtens den Kummer über ſeine vermeintliche Gleichgültigkeit zu überwinden, und auch nach Gleich⸗ gültigkeit, nach ruhiger, kühler Zuneigung zu ſtreben! Indeſſen ſehnte dieſes warme, glühende Herz ſich *) Geſchichte eines patriotiſchen Kauſmanns S. 22. — 133— nach der Liebe, wie ſich die Pflanze nach der Sonne ſehnt, welche ſie zu dem Wunder ihrer Blüthe durch⸗ glühen und reifen ſoll.— Wäre ihr Freund und Jugendgefährte Bertram noch neben ihr geweſen, ſo würde ſie ihm ihr ganzes Vertrauen zugewandt, ihm ihre Schmerzen geklagt und an ſeiner Bruſt Troſt gefunden haben. Aber er war ſchon ſeit einem Jahr auf einer großen Reiſe begriffen, und Eliſens Herz, welches ſtets nur mit ſchweſterlicher Zuneigung an ihm gehangen, wandte ſich mehr und mehr von ihrem Jugendfreunde ab. Aber das Schickſal oder vielleicht ihr böſer Stern wollte, daß ſie um dieſe Zeit die Bekanntſchaft eines jungen Mannes machte, der ſchnell die Liebe ihres vereinſamten Herzens gewann und die Leere deſſelben ausfüllte. Dieſer junge Mann war der Obriſt Feodor von Brenda, den das Kriegsgeſchick nach Berlin verſchla⸗ gen hatte.. Eliſe liebte ihn. Mit Entzücken und Freude, mit unbegrenztem unſchuldigem Vertrauen gab ſie ihre ganze Seele dieſem neuen Gefühl hin! Und in der That, dieſer junge Obriſt Feodor von Brenda war eine ſehr gkänzende, ſehr imponirende Erſcheinung! Er war einer jener ruſſiſchen Ariſto⸗ kraten, welche ſich auf dem Continent, und im Um⸗ gang mit der nobelſten und excluſiveſten Geſellſchaft Deutſchlands und Frankreichs jene äußere Gewandt⸗ heit und geſellſchaftliche Tournure angeeignet und ſich — 131— jenen glänzenden, graciöſen Schliff gegeben haben, unter dem ſich ſehr wohl die ganze Barbarei und Tücke des ruſſiſchen Naturells verbergen läßt. Er war ein glän⸗ zender Geſellſchafter, hinlänglich bewandert in Künſten und Wiſſenſchaften, um über Alles ſprechen zu können, ohne ſich zu compromittiren und ohne die Ober⸗ flächlichkeit ſeiner Kenntniſſe und ſeiner Studien zu verrathen, verſtand er mit hinreißender Beredtſamkeit über Alles zu ſprechen. An dem Hof der Kaiſerin Eliſabeth erzogen, hatte das Leben ſich ihm in aller Ueppigkeit und Fülle dargeboten, während es dabei ſich für ihn ſehr früh aller Phantaſtereien und aller Ideale entäußert hatte. Für ihn gab es keine Ideale und keine Unſchuld mehr, keinen Glauben, ſelbſt nicht einmal mehr einen Zweifel, welcher doch immer noch einen Schimmer des Vertrauens in ſich ſchließt, für ihn gab es nur noch die klate. niemals zu täuſchende Entnüchterung und das Vergnügen war das Einzige, an welches er noch glaubte. Dieſem Vergnügen jagte er nach mit aller Kraft und Energie, deren ſeine urſprünglich edle und gewal⸗ tige Natur fähig war, und da man ihm allé Gott⸗ heiten zerſtört, alle heiligen Ideale zu elenden Gah pen und hohlen Phantomen zerbröckelt hatte, wollte er ſich mindeſtens Eine Gottheit ſichern, welcher er einen Altar errichten, zu der er beten wollte, dieſe Gottheit war das Vergnügen! Das Vergnügen ſuchte er überall, in allen Län⸗ — 135— dern, und um ſo glühender und begehrlicher, je weni⸗ ger er es zuletzt irgendwo zu finden vermochte. Das Vergnügen war das erſte, ſchüchterne, ſpröde Weib, welches ſich ihm grauſam entzog, und je mehr er ihm nachſtellte, ihn deſto kälter zu fliehen ſchien. Jetzt machte er aus ſeinem ganzen Leben nichts wei⸗ ter, als eine Aventure, einen Don⸗Quixote's⸗Zug nach der verlornen Geliebten, nach dem Vergnügen! Indeß war ſein Herz dem edleren und beſſern Empfin⸗ den nicht verſchloſſen, und einmal ſchien es, als ob eine edlere, ernſtere Neigung dieſen gefürchteten Neben⸗ buhler aller Ehemänner und Liebhaber dauernd zu feſſeln vermöchte. Feodor von Brenda, der ausgelaſſenſte, witzſpru⸗ delndſte, übermüthigſte Cavalier am Hofe ſeiner Kai⸗ ſerin ward plötzlich ernſt und ſtill; auf ſeinem ſtolzen Geſicht ſah man jetzt zum erſten Mal das Aufleuch⸗ ten eines weichen, milden Gefühls, und wenn er ſei⸗ ner ſchönen Braut, der Gräfin Lodoiska von San⸗ domir ſich nahte, ſo leuchtete aus ſeinen dunklen Augen eine höhere, heiligere Gluth, als nur das Feuer der Sinnlichkeit. Hätte er mit ihr in eine Wüſte fliehen, in die Einſamkeit und Stille ſeines Bergſchloſſes ſich zurückziehen können, ſo wäre er ge⸗ rettet geweſen! Aber das Leben hielt ihn mit tau⸗ ſend kleinen, unſichtbaren Fäden feſt, und die Er⸗ fahrungen ſeiner Vergangenheit ſchienen ihn zu ver⸗ ſpotten um ſeiner Gläubigkeit und ſeines Vertrauens willen, Neben dieſem Weibe, welches er wie einen — 136— Engel anbetete, erhob ſich ihm der Dämon des Zwei⸗ fels und des Mißtrauens, und ſchauete ihn an mit ſpöttiſchem Lächeln und verachtenden Blicken. Aber immer doch war Feodor von Brenda ein Ehrenmann, ein Cavalier, welchem ſein gegebenes Wort heilig, und welcher bereit war, die Ehrenſchuld, die ihn an ſeine Verlobte feſſelte, zu bezahlen. Auch hatte dieſe Liebe zu der Gräfin Lodoiska, obwohl vom Zweifel angefreſſen und benagt von den unheils⸗ vollen Erfahrungen ſeines eigenen Lebens, dennoch Gewalt genug über ihn, um ihm die Zukunft nicht als eine traurige, ſondern als eine verheißungsvolle erſcheinen, und ihn, wenn nicht auf Glück, doch auf Ruhe und Genügen hoffen zu laſſen. Mitten aus dieſen Liebesträumereien und Beäng⸗ ſtigungen ſchreckte der Kriegsruf ihn auf. Eliſabeth hatte ſich mit Maria Thereſia zum Kampf gegen Friedrich von Preußen verbündet, und die Kaiſerin von Rußland wollte ein Heer ausſenden zum Bei⸗ ſtand ihrer Bundesgenoſſin. Feodor von Brenda erwachte aus ſeitt n füͤßen Herzens⸗Stillleben und wie i zerriß er die Roſenketten, mit d rmida ihn zu feſſeln trachtete. Er folgte den ruf ſſiſchen Fahnen, und zog mit dem General Sievers als deſſen Adjutant in den Krieg nach Deutſchland. Da das ganze Leben für ihn nichts mehr war als eine Aventure, wollte er ſich in der⸗ ſelben auch den luſtigen Spaß eines Krieges nicht. — 137— entgehen laſſen. Dies war mindeſtens etwas Neues, eine noch nicht gekoſtete Art des Vergnügens, und der Zerſtreuung, und der junge Obriſt ergab ſich ihr mit voller Seele und muthiger Thatenluſt. Indeß entführte ihn das Geſchick bald von dem Kriegsſchauplatz, um ihn zu einem Kriegsgefangenen zu machen, und als ſolcher gelangte er mit General Sievers nach Berlin. Aber es war eine ſehr leichte Haft, eine Gefangenſchaft, deren Kerker das ganze große und heitere Berlin war, in welchem er ſich frei ergehen und deſſen Thore er nur nicht überſchreiten durfte.— Ein Zufall machte den General Sievers mit Gotzkowsky bekannt, und aus dieſer Bekanntſchaft entwickelte ſich bald eine innigere Freundſchaft. Ge⸗ neral Sievers brachte den größten Theil ſeines Tages in Gotzkowsky's Hauſe zu. Als Kunſtliebhaber konnte er ſtundenlang ſich vertiefen im Anſchauen dieſer herr⸗ lichen Gemälde, welche Gotzkowsky in Italien für den König gekauft und die noch nicht abgeliefert waren nach Sansſouci,*) oder auch durchwanderte er an der Seite des Fabrikherrn die großen Fabrik⸗ ſäle, in denen für ihn ein ganz neues Leben, eine nie geahnte Welt ſich aufthat Dann ließ er ſich von Gotzkowsky die großen und rieſenh aften Plane, mit denen ſein Geiſt ſich beſchäftigte, mittheilen, und das öffnete ihm den Blick durch die Pforten einer neuen 2) Prenß, Geſchichte Friedrichs des Großen. Theil J. und Theil II. —2 — 138— Zeit, welche hinter der jetzigen ſich aufthürmte, einer Zeit, welche die Induſtrie zur Beherrſcherin der Welt machen müſſe, und den jetzt noch verachteten Arbeiter zu dem gewichtigſten und gefürchtetſten Staatsbürger erheben würde. 4 Während aber Gotzkowsky vor ſeinem Freunde, dem General Sievers, ſeine rieſigen Zukunftsplane entfaltete und während die beiden Männer ſchwärm⸗ ten von der Zukunft der Induſtrie, ſchwärmten die beiden jungen Leute, Eliſe und der Adjutant des Generals, von der Zukunft ihrer Liebe! Der junge Obriſt von Brenda hatte dieſe Liebe zu der Tochter des reichen Fabrikherrn auch nur wie eine neue Aventure begonnen. Es war ſo pikant, einmal mit einem edlen, unſchuldigen, deutſchen Mäd⸗ chen alle Stadien einer ſchwärmeriſchen, phantaſtiſchen, deutſchen Liebe zu durchleben und ſich von ihr in die heiligen Hallen unſchuldiger Träumereien, heiliger Entzückungen und keuſcher Zärtlichkeit führen zu laſſen! Es war eine ſo angenehme Zerſtreuung ſeiner Gefangenſchaft, warum ſollte er ſie nicht genießen? Dieſe Neigung zu Eliſen war daher für ihn an⸗ fangs nur ein flüchtiges Spiel, und er tändelte mit ſeinen Schwüren und Liebeswerbungen, bis er un⸗ vermerkt in ſeinen eigenen Netzen ſein Herz ſich ver⸗ wickeln ſah. Die heiße und doch ſo unſchuldige Liebe des jungen Mädchens rührte ihn, es war ihm neu, der Gegenſtand einer ſo keuſchen und anbetenden Neigung zu ſein, es erfüllte ſeine Seele mit Scham 8 † — 139— üiber ſich ſelber, zu gewahren, mit welchem kindlichen Vertrauen, welcher heiligen Sicherheit und demuths⸗ vollen Ergebenheit dieſes junge, reiche und reizende Mädchen ſich ihm zuwandte. Zum erſten Mal empfand er das glühende Ver⸗ langen, einer ſolchen edlen Neigung würdig zu ſein, und mindeſtens ein wenig dieſem idealen Bilde zu gleichen, welches ſich Eliſe von ihm geſchaffen, ein wenig der Held, der Ritter und der edle Menſch zu ſein, als welchen Eliſe ihn anbetete. Zudem war es ſo überraſchend und wunderbar, einem Mädchen zu begegnen, die ganz Demuth und hin⸗ gebende Liebe, doch dabei felſenfeſt und unerſchütterlich in ihrer Reinheit und Unſchuld vor ihm daſtand, ſo klar und ſtolz, daß er ſelber Ehrfurcht empfand vor dieſer Unſchuld, welche das geliebte Mädchen wie mit einer heiligen Mauer umgab, und daß ſeine Lippen ſich ſträubten, Worte zu ſprechen, vor denen ihre keuſche Seele erzittern möchte. Er hatte mit ſeinem feurigen, leicht beweglichen Naturell ſich mit einer Art leidenſchaftlicher Neu⸗ gierde in die Rolle eines platoniſchen Liebhabers ſän⸗ eingeſtürzt, und der Wüſtling in ihm war von dem Sonderling beſiegt worden! Er machte aus dieſer Liebe eine Art Cultus, er ſtellte Eliſe auf den Altar, und betete ſie an, wie eine Heilige, zu der er ſich flüchtete aus dem Geräuſch und der wüſten Luſt des Lebens, und in deren Anſchauen und durch deren Anbetung ihm Vergebung aller ſeiner Sünden und Verirrungen zu Theil ward. Es rührte ihn zu den⸗ ken, daß Eliſe für ihn betete, während er vielleicht im Strudel des Vergnügens ihrer vergaß, daß ſie ſo innig und treu an ihn glaubte, ſo liebend und de⸗ muthsvoll zu ihm aufſchauete, zu ihm, der doch ſo tief unter ihr ſtand! Und inmitten ſeines wilden, genußvollen Lebens bedurfte er ſo ſehr einer Heiligen, welche für ihn um Vergebung Aührſen Alle dieſe ungewohnten und neuen Gefühle feſſelten ihn um ſo inniger und ließen ihn ihren Beſitz als das ſchönſte und reichſte Ziel ſeines Lebens betrachten. Sie ſollte die Seine werden, er wollte mit dieſem glänzenden Diamant, dem einzigen, den er echt und ohne Folie gefunden, als köſtlichſtes Beſitzthum ſeine Hand zieren, er wollte allen Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten zum Trotz, ſeiner verlobten Braut und ſeiner feierlichen Gelübde uneingedenk, der Gatte dieſes ſchönen, deutſchen Mädchens werden, die ſich ihm mit Herz und Seele ergeben hatte. Grade die Schwierigkeiten aber, welche ſich einer ſolchen Verbindung entgegenſetzten, befeuerten ſeinen trotzigen Muth, dieſe zu überwinden. Er war ver⸗ löbt, und die Kaiſerin Eliſabeth ſelber hatte dieſe Verlobung geſegnet; er durfte daher nicht zurück⸗ treten, ohne den Zorn ſeiner Gebieterin zu erregen, und wie heftig und vernichtend dieſer Zorn der Kai⸗ ſerin Eliſabeth ſin konnte, davon zeigt die Geſchichte mehr als ein Beiſpiel. Ebenſo durfte Eliſe nicht hoffen, jemals die C Einwilligung ihres Vaters zu einer 2³ — 141— Verbindung mit einem Manne zu erlangen, der ein Feind ihres Vaterlandes war. Sie mußte dieſe Liebe mit ängſtlicher Scheu vor ſeinen Blicken bergen, wenn ſie ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, ſofort ſich von ihrem Geliebten auf immer getrennt zu ſehen. Sie wußte, daß ihr Vater, ſonſt ſtets nachgiebig und gütig gegen ſie, in dieſem einen Punkt unerbittlich war und daß keine Thränen und kein Flehen im Stande geweſen wäre, den feſten, energiſchen Willen des glühenden Patrioten zu beugen. Beide hatten ſie daher ihre Liebe als ein Geheim⸗ niß zu bewahren, und in dieſem Geheimniß lag für Feodor ein neuer Reiz, der ihn an ſie feſſelte, wäh⸗ rend er Eliſens Herz immer mehr ihrem Vater ent⸗ fremdete und es in unbegrenzter Zuneigung an ihren Geliebten kettete. Indeß kam die Zeit, in welcher Feodor mit dem General von Sievers Berlin wieder verlaſſen mußte. Er ſchwur Eliſen ewige Liebe und Treue, und ſie ge⸗ lobte ihm freudig, niemals eines Andern Weib zu werden, ſondern in Geduld und Treue auf ſeine Wiederkunft zu warten und zu hoffen auf die Been⸗ digung des Krieges und auf den Frieden, welcher alle Wirrniſſe löſen und den Widerſtand ihres Vaters beſeitigen müſſe. Daß es noch ein anderes Hinder⸗ niß außer ihrem Vater geben könnte, ahnte Eliſe freilich nicht; Feodor hatte ihr ſo oft geſchworen, daß ſie ſeine erſte, ſeine einzige Liebe ſei, und ſie war ſo jung und unerfahren, daß ſie ihm geglaubt hatte! XIV. Ein treuer Freund. Eliſens Vater war noch immer nicht zurückgekehrt, ſie war noch immer allein, aber in ihrer Seele war weder Furcht noch Zagen, ſondern nur ein trotziger Schmerz über dieſe anſcheinende Gleichgültigkeit bei der Gefahr, welche ſeit zwei Tagen ſie, wie ganz Berlin, bedrohte. Sie hatte ſich in ihrem Zimmer eingeſchloſſen, nicht etwa bloß, weil ſie irgend eine Gefahr vermuthete, ſondern weil ſie allein ſein wollte, weil ſie den treuen Freund, der ſie mit ſorgſamſter Liebe in dieſen Ta⸗ gen bewacht hatte, weil ſie Bertram zu vermeiden wünſchte. Er hatte treu in dieſem, von ihrem Vater verlaſ⸗ ſenen Hauſe ausgeharrt, er hatte, ein ſorgſamer Wächter, niemals die Thür deſſelben verlaſſen, ſondern mit Dolch und Piſtol bewaffnet, hatte er dieſe zwei Tage und Nächte ſich gewiſſermaßen als Schil dwache in der großen Vorhalle des Hauſes poſtirt, bereit, auf den — 143— leiſeſten Ruf Eliſens zu ihr zu eilen und ſie mit ſei⸗ nem Leben zu vertheidigen gegen jeden Angriff und jede Gefahr. Eliſe fühlte ſich ihm zu Dank verpflich⸗ tet und doch war ihr dieſe Pflicht der Dankbarkeit eine Laſt. Es war ihr peinlich und ſchmerzvoll zu⸗ gleich, Bertrams ſtilles und trauriges Antlitz zu ſehen und in ſeinen umflorten Augen ſeinen ſo tapfer ver⸗ ſchwiegenen Kummer zu leſen. Aber ſie hatte ſich dennoch bemüht, dies Gefühl zu überwinden, und oft war ſie in dieſen Tagen zu ihm gekommen, um mit ihm zu plaudern von vergangenen Zeiten, und durch ihre Nähe ihm zu danken für ſeinen Schutz und ſeine treue Gegenwart. Bertrams zartfühlende Seele indeß hatte ſehr wohl empfunden, welchen Zwang ſich Eliſe um ſeinetwillen auferlegte und das harmloſe, heitere Geplauder mit ihr war ihm ſelber um ſo ſchmerzlicher geweſen, je mehr es ihn an vergangene Zeiten und an zertretene Hoffnungen gemahnte. 4 Er hatte daher mit einem traurigen, reſignirten Lächeln Eliſe gebeten, nicht mehr in die Halle zu kommen, weil bei dem nahe bevorſtehenden Einmarſch des Feindes es beſſer ſei, wenn ſie in dem obern Stock des Hauſes in ihrem Zimmer bliebe und die Thür verſchlöſſe, um vor jedem möglichen Ueberfall geſichert zu ſein. Eliſe hatte ganz die Zartſinnigkeit und den Edel⸗ muth dieſer Bitte verſtanden und war ſeitdem ſtill und ungeſtört in ihrem Zimmer geblieben. So war die zweite Nacht hereingebrochen. Eliſe — 144— verbrachte ſie, wie die vorige, auf⸗ und abwandelnd, des Schlafs nicht bedürfend, ſondern wach gehalten von ihren Gedanken und Sorgen. Indeß mitten in der Nacht ward ſie in ihren ge⸗ dankenvollen Träumereien durch Bertram unterbrochen, der an ihre Thüre kam und mit leiſer und ſchüchter⸗ ner Stimme ſie um Einlaß bat. Eliſe wußte ſehr wohl, daß ſie Bertram wie einem Bruder, einem uneigennützigen wünſcheloſen Freund vertrauen durfte; ſie öffnete ihm daher ohne Furcht ihre Thür und hieß ihn eintreten. Bertram kam ſchüchtern und beklommen, innerlich faſt überwältigt von Glück, denn dieſes Zimmer, wel⸗ ches er jetzt betrat, war das Schlafzimmer Eliſens, das Sanctuarium der Jungfräulichkeit und Schön⸗ heit, und er hätte auf ſeine Kniee niederfallen und beten mögen, ſo ſehr erſchien ihm dies Ge⸗ mach als ein heiliger Tempel der anbetungswürdigen Unſchuld. Es ſchien ihm, als ob ſein unheiliger Fuß nicht würdig ſei, dieſe Stätte zu betreten, oder ſich weiter dieſem Bette zu nähern, das mit ſeinen weißen Vor⸗ hängen vor ſeinen irrenden Augen wie ein ſtolzer Schwan zu ſchaukeln ſchien. In leiſen beflügelten Worten brachte er Eliſen die Grüße ihres Vaters, erzählte er ihr, daß Gotzkowsky eben in ſeinem Hauſe geweſen, nicht um zu ruhen, ſondern um Eliſen zu ſehen, aber kaum angelangt, habe ihn ſchon wieder ein Bote des Magiſtrats auf das Rathhaus berufen. — 145— Da habe er Bertram den Auftrag gegeben, ſeine Tochter zu bitten, ſich lieber aus den V Vorderzimmern des Hauſes in die nach dem Garten führenden Zim⸗ mer zurückzuziehen, weil ſie dort ſicherer ſei und we⸗ niger von dem einmarſchirenden Feinde zu fürch⸗ ten habe. Mein Vater hat ſich alſo endlich meiner erinnert, ſagte Eliſe mit einem ſchmerzlichen Lächeln. Sein Patriotismus hat ihm alſo einen Moment Muße gegönnt, um ſeiner einzigen Tochter zu gedenken, welche allein und verlaſſen inmitten von Dienern und Miethlingen zurück geblieben ſein würde, wenn nicht mein edler und treuer Bruder meines Vaters Pflichten übernommen und mich bewacht und behü⸗ tet hätte! Sie reichte Bertram mit einem vollen dankbaren Blick ihre beiden Hände dar, aber er berührte ſie kaum, er hielt ſie nur loſe und kühl einen Moment in den ſeinen und g e dann wieder frei. Dieſe ſo flüchtige und lanſ ſährunn hatte ihn wie mit electriſchem Schlag durchzuckt und alle Schmerzen ſei⸗ ner Seele wieder wach gerufen. Sie werden alſo dies Zimmer verlaſſen? fragte Bertram, indem er ſich der Thür näherte. Ich werde in den dicht daneben befindlichen Sa⸗ lon gehen. Ganz allein? fragte Bertram, und als ahne er, ſie möchte fürchten, daß er ſich ihrer Nähe aufdringen Gotzkowsky J. 10 . — 146— wolle, fügte er ſchnell hinzu: Sie ſollten eine ihrer Dienerinnen in Ihrer Nähe behalten, Eliſe! Sie ſchüttelte lächelnd den Kopf. Wozu? fragte ſie. Bertram beſchützt mich! Ich bin alſo ganz ſicher. Ich habe die Mädchen in ihr Schlafzimmer geſchickt, ſie waren müde von der langen Angſt und dem vie⸗ len Weinen. Mögen ſie ſchlafen! Bertram wacht für uns Alle. Ich habe gar keine Furcht und ich würde dies Zimmer ſelbſt nicht verlaſſen, ſo ſicher fühle ich mich, wenn ich nicht der ſeltenen und freilich etwas verſpäteten Sorgfalt meines Vaters Genüge thun wollte! So ſprechend nahm ſie den ſilbernen Armleuchter und durchſchritt ruhig das Gemach, um ſich in den anſtoßenden Salon zu begeben. In der Thür blieb ſie ſtehen und wandte ſich noch einmal um. Das volle Licht der Kerze beleuchtete ihr edles, ſchönes Angeſicht, deſſen Anblick. Bertram mit Entzücken und Qual zugleich erfüllte.— Bertram, ſagte ſie leiſe und ſchüchtern, Bertram, mein Bruder, ich danke Dir für Alles, was Du mir an Liebe und Treue opferſt. Glaube mir, ich wünſchte, ich könnte Dir beſſer und ſchöner lohnen, als ich es jetzt vermag. Dann wäre alles anders und wir Alle würden dann vielleicht nicht ſo traurig und hoffnungs⸗ los ſein, als wir es jetzt ſind! Aber immer denke daran, mein Bruder, daß ich niemals aufhören kann, Dich wie eine Schweſter zu lieben, und daß, wenn — 147— ich mein Herz nicht zwingen kann, Dich anders zu lieben, doch auch wieder keine andere Gewalt, kein anderes Gefühl meine ſchweſterliche Neigung jemals mindern oder ertödten kann! Daran denke, Bertram, und zürne mir nicht! Sie nickte ihm zu mit einem lieblichen Lächeln und trat zurück durch die Thür. Bertram ſtand wie bezaubert noch immer auf der⸗ ſelben Stelle und blickte nach der Thür, durch welche ihre Lichtgeſtalt ihm verſchwunden war. Dann rich⸗ tete er ſeine Blicke gen Himmel und ſein Antlitz leuchtete auf in Begeiſterung. Möge ſie glücklich ſein! ſagte er leiſe. Möge ſie niemals von den Qualen des Irrthums oder der Reue gefoltert werden, möge der, welchen ſie liebt, ihrer würdig ſein! Ueberwältigt den bittern und ſchmerzvollen Nauf ihn einſtürmten, ſenkte er und zwei Thränen rannen „1 3 Wang Aber nicht lange überließ er ſich ſeinen bangen und traurigen Gefühlen, nicht lange geſtattete er dem Kummer Gewalt über ſein Herz. Nach einer kurzen Pauſe richtete er ſich wieder empor und ſchüttelte ſein Haupt, als wolle er dieſe ganze Laſt der Sorgen und des Kummers mit der Kraft ſeines Wollens von ſich abwälzen. Ich werde mindeſtens immer an ihrer Seite ſein! ſagte er und ſein Antlitz leuchtete jetzt von edler Ent⸗ 10 1 nieder. K — — 148— ſchloſſenheit. Ich werde, wie ein treuer wachſamer Hund, immer ihr folgen, und über ſie wachen und ſie behüten vor jeder Gefahr und jedem Unglück, das ihr nicht von Gott, ſondern von den Menſchen kom⸗ men mag! Sie hat mich ihren Bruder genannt! Nun wohl, auch ein Bruder hat Rechte und Pflichten und ich werde ſie erfüllen! XV. Ein unvermuthetes Wiederſehen. Der Salon, in welchen Eliſe ſich begeben hatte und der ſich neben ihrem Schlafzimmer befand, lag auf der Gartenſeite des Hauſes, und man konnte durch die Glasthüren deſſelben hinaus treten auf den Per⸗ ron, von welchem zierlich gewundene bronzene Trep⸗ pen hinab führten in den Garten. Es war, trotz der ſpäten Jahreszeit, eine milde mondhelle Nacht. Eliſe öffnete die Glasthüren, und trat hinaus auf den Perron, ſie ließ ihre heiße Stirn ſich kühlen von der friſchen Nachtluft, und auf das Geländer gelehnt, blickte ſie träumend und lächelnd zu dem Monde empor.— Süße und köſtliche Phan⸗ taſieen waren es, welche jetzt die Seele des jungen Mädchens erfüllten, und eine tiefe Gluth auf ihre Weangen trieben. 4 Sie dachte an den Geliebten, welcher jüngſt wie ein Traumbild vor ihr erſchienen war, ſie wiederholte ſich iedes ſeiner Worte. Mit einem zugleich ſüßen und — 15⁰0— zitternden Bangen erinnerte ſie ſich, daß er ſie ge⸗ beten, ihn zu erwarten, daß er geſchworen zu ihr zu kommen, und ginge der Weg zu ihr auch über Lei⸗ chen und durch Ströme von Blut! Mit dem ganzen Stolz eines liebenden Mädchens rief ſie ſich ſeine zugleich ſo leidenſchaftlichen und küh⸗ nen Worte zurück, und es that ihrem Herzen wohl, ſich die Braut eines Helden nennen zu dürfen. Mochte dieſer Held immerhin der Feind des Va⸗ terlandes ſein, was kümmerte es ſie. Sie liebte ihn, und was fragte ſie nach der Nationalität und den Zwiſtigkeiten der Fürſten. Sie war ſein; ſein in Liebe, Treue, Reinheit und Unſchuld, was kümmerte ſie alles Andere! Plötzlich ſchrechte Eliſe empor aus ihren Phanta⸗ ſieen. Sie hatte da unten im Garten ein leiſes Ge⸗ räuſch gehört, und lehnte ſich lauſcheud über den Bal⸗ con. Was bedeutete dieſes Geräuſch? War es viel⸗ leicht ein Dieb, welcher die allgemeine Verwirrung benutzend, ſich durch den Garten einſchleichen wollte? Eliſe blieb unbeweglich ſtehen, und horchte. Sie hatte ſich nicht getäuſcht, ſie vernahm ganz deutlich heran⸗ nahende Schritte. Ein Gefühl von Furcht bemächtigte ſich ihrer, und doch wagte ſie es nicht, ſich von der Stelle zu bewegen, oder um Hülfe zu rufen. Konnte es nicht ihr Geliebter ſein, welchem ſie gelobt, ihn zu er⸗ warten? Mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit blickte ſie hin⸗ — 151— unter in den Garten, ihr Auge ſchien die Finſterniß zu durchdringen mit ſeinem ſcharfen, ſpähenden Blick. Aber ſie ſah nichts, keine Geſtalt bewegte ſich durch dieſe ſchweigenden Gänge, deren gelber Sand vom Mondlicht hell genug beleuchtet war, um Jeden zu verrathen, der es gewagt hätte, ihn zu beſchreiten. Alles war jetzt ſtill, aber es ſchauderte Eliſen vor dieſen langen, ſchwarzen Schattengebilden der beſchnit⸗ tenen Hecken zu beiden Seiten der Gänge, es ſchau⸗ derte ihr, noch länger auf dem Perron zu bleiben. Sie trat zurück in den Salon, indem ſie die nach demſelben führende Thür weit geöffnet ließ, um jedes von dorther kommende Geräuſch ſogleich vernehmen zu können. 2 Wieder vernahm ſie jetzt Schritte, näher näher kamen ſie heran. Sie wollte aufſtehen, a ihre Füße verſagten ihr den Dienſt, ſie ſank kraftlos in den Seſſel zurück und ſchloß die Augen. Sie wußte ſelber nicht, war es Furcht oder ſelige Erwartung, was ihr ganzes Weſen durchſchütterte. Jetzt waren dieſe Schritte oben auf dem Perron, dicht hinter ihren Fenſtern. Würde wohl ein Dieb es wagen, ſich dieſen erleuchteten Fenſtern zu nähern? Sie ſchlug die Augen auf,— da ſtand Er, ihr Geliebter, der Freund ihres Herzens, ihrer Gedanken und ihrer Hoffnungen, da ſtand Feodor von Brenda in der Thür des Salons, und flüſterte leiſe ihren Namen! Sie konnte ſich nicht aufrichten, ihre Füße zitter⸗ ten ſo ſehr, und in ihrer Seele war ein banges, un⸗ heimliches Gefühl der Furcht und des Schreckens. Aber dennoch breitete ſie die Arme zu ihm hin und hieß ihn willkommen mit ihrem Blick und ihrem Lächeln! Und jetzt lag ſie in ſeinen Armen, jetzt drückte er ſie feſt an ſein Herz, und flüſterte zärtliche und ſchmeichelnde Worte in ihr Ohr. Sie drängte ihn ſanft zurück und blickte ihn an mit einem ſeligen Lächeln. Aber plötzlich umdüſterte ſich ihr Blick, und ſie ſeufzte tief auf. Feodor's glän⸗ zende, ruſſiſche Uniform that ihr weh, und erinnerte e zugleich an die Gefahr, welche ihn bedrohen konnte. las in ihren Blicken ihre Furcht und ihre e. 3 Sei ruhig, mein holdes Mädchen, flüſterte er, und zog ſie wieder in ſeine Arme. Niemand wird uns bedrohen. Die Unſrigen ſind jetzt Herren der Stadt, Berlin hat ſich den Ruſſen übergeben! Der Feind iſt jetzt hier Sieger und Herr, und Niemand wird es wagen, dieſe Uniform anzutaſten! Selbſt Dein Vater wird ſich jetzt fügen lernen, und ſeinen Haß vergeſſen. Er wird es nicht, ſeufzte Eliſe traurig, Du kennſt ihn nicht, Feodor! Nie beugt er ſeinen Willen, und nie wird es den glühendſten Bitten gelingen, von ſeinem Herzen das zu erlangen, was ſein Verſtand nicht gebilligt hat! Er iſt es nicht gewohnt, nachge⸗ ben zu müſſen! Sein Reichthum macht ihn gewiſſer⸗ — 153— maßen zu einem unumſchränkten Herrn! Alles beugt ſich vor ihm! Er iſt der König der Kaufmannſchaft, ſagte Feo⸗ dor, indem er ſeine Finger lächelnd durch die langen dunklen Locken des jungen Mädchens gleiten ließ, deſſen Haupt an ſeiner Schulter ruhte. Dein Vater iſt mächtig wie ein Fürſt durch ſeinen Reichthum. Das eben iſt mein Unglück, ſeufzte Eliſe. Der Obriſt lachte und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Schwärmerin, ſagte er, Dich unglücklich zu nennen, weil Du eines Millionairs Tochter biſt! Die Millionen allein machen nicht glücklich, ſagte ſie traurig, das Herz erkältet an dem öden Reichthum und meines Vaters Herz iſt kalt für ſeine Tochter! Für ihn giebt es tauſend andere Dinge zu thun, tau⸗ ſend Anderes zu bedenken, als ſein Kind. Die ganze Welt hat Anſprüche an ihn, Jeder will ſeinen Rath, ſeinen Beiſtand, Jeder ordnet ſich ihm unter und ge⸗ horcht ihm. Aus allen Enden der Welt kommen Briefe, die er beantworten muß, und wenn er dann ſpät am Abend ſich erinnert, daß er nicht blos der Börſenkönig, der Mann der Speculation, ſondern daß er auch noch Vater iſt, dann iſt er müde und erſchöpft; dann hat er nur noch wenig matte Worte für ſein Kind, das einſam iſt in dieſem Reichthum, und dieſe Millionen verwünſcht, welche es arm gemacht! Sie hatte mit immer wachſender Erregung und Erbitterung geſprochen, ſelbſt ihre Liebe war ihr einen Moment in den Hintergrund getreten vor die⸗ — 154— ſem Gefühl der gekränkten Tochter, deren heimliche Schmerzen ſie heute zum erſten Male ihrem Gelieb⸗ ten klagte. Als ſie dann ſchwieg, legte ſie ihren Arm feſt um Feodors Schultern, und ſchmiegte ſich inniger an ihn, als wolle ſie an ſeinem Herzen Schutz ſuchen gegen alles Leid und alle Schmerzen. Wie eine matte, gebrochene Blume lag ſie an ſeinem Buſen und mit einem ſtolzen, leidenſchaftlichen Aus⸗ druck blickte Feodor zu ihr nieder. In dieſer Stunde wollte er ihr Herz prüfen und ſehen, ob er wirklich allein Herr über daſſelbe ſei. Deshalb war er gekommen, deshalb hatte er das Wag⸗ niß dieſer Zuſammenkunft unternommen. Sie ſollte ihm in dieſer Stunde folgen und ſich ihm unterwer⸗ fen in Liebe und Demuth! Die lange Trennung von ihr, das wüſte Kriegsleben hatte dieſe letzten Blüthen zarter und ſchüchterner Neigung in ſeinem Herzen zertreten, und er verſpottete ſich jetzt ſelber um ſeiner keuſchen, anbetenden und ſchüchternen Liebe willen. Das Mißtrauen hatte wieder Gewalt über ihn gewonnen, und der Zweifel hatte ſich wie Mehl⸗ thau auch über dies letzte ſeiner Ideale ausgebreitet! Eliſe war ihm nur noch ein Weib, wie alle Anderen; ſie war ſein Eigenthum, und als ſein Eigenthum wollte er über ſie herrſchen. Aber es lag dennoch etwas in ihrer zarten, jung⸗ fräulichen Erſcheinung, welches ihn wider ſeinen Willen beherrſchte, und gewiſſermaßen umwandelte. Ihr ge⸗ — 155— genüber, in ihr helles, klares Auge ſehend, vergaß er ſeiner finſteren Entſchlüſſe, und ſeiner traurigen Zwei⸗ fel, und Eliſe ward ihm wieder der Engel der Un⸗ ſchuld und Reinheit, die Heilige, zu der er betete und deren ſanfte Blicke ihm Vergebung ſpendeten! Die unſchuldigen und reinen Blicke dieſes jungen Mädchens, welches ſo vertrauensvoll ſich an ſeine Bruſt ſchmiegte, rührten ihn und ließen ihn faſt er⸗ röthen über ſich ſelbſt, und ſeine wilden und toll⸗ kühnen Wünſche. Schweigend und in ſich gekehrt ſaß er jetzt neben ihr, aber ſie las in ſeinen Blicken, in ſeinem Lächeln, daß er ſie liebe! Was bedurfte es für ſie weiter der Worte! Sie hob ihr Haupt von ſeiner Bruſt empor, und ſchaute ihn lange an, und ihr Antlitz nahm einen ſtrahlenden, ſeligen Ausdruck an. Oh, ſagte ſie, ich nannte mich arm und ich habe Dich! Nein, Feodor, ſeit ich Dich kenne, bin ich nicht mehr arm! Aber ich war es, und dies, mein Freund, iſt die Entſchuldigung meiner Liebe! Ich ſtand in dieſem kalten Glanz des Goldes wie in einem Zauberſchloß und Alles war todt um mich her, denn der Zauber hielt alles Leben in mir erſtarrt, und mir ſelber fehlte das rechte Wort, dieſen Zauber zu löſen! Da kamſt Du, und mit Dir kam die Liebe! Das rechte Wort war gefunden, und ein glühendes Leben erwachte in mir, vor dem aller Glanz des Goldes in Staub zerfällt! Jetzt war ich reich, denn ich liebte, jetzt bin ich reich, denn Du liebſt mich! — 156— Ja, ich liebe Dich! rief der Obriſt ſtürmiſch. Laß Deinem Vater ſeine Schätze! Ich will nur Dich, nur einzig Dich! Sie zuckte zuſammen in ſeinen Armen, und richtete ſich erſchrocken empor. In dem überwältigenden Glück dieſer Stunde hatte ſie die Gefahr, welche ihren Ge⸗ liebten bedrohte, ganz vergeſſen! Jetzt erinnerte ſie ſich, und ihre Wange erbleichte. Mein Vater, flüſterte ſie. Feodor, wenn er jetzt käme! Mein Gott, ſein Blick ſchon würde mich tödten! Und wieder ſchmiegte ſie ſich angſtvoll und zagend an Feodor's Bruſt. Fürchte nichts, Geliebte! flüſterte er. Er wird nicht kommen! Gott ſchützt die Liebenden, und wacht über ſie! Denke alſo an keine Gefahr, vergiß alle Sorge, alles Zagen. Dieſe Stunde iſt unſer, und wie ich Dich jetzt mit Entzücken in meine Arme ſchließe, ſo wird es einſt immer und ewig ſein! Einſt, Eliſe, wenn Du mein Weib biſt! Denn Du weißt doch, mein holdes Kind, daß Du mein biſt, daß Du Nie⸗ mand anders angehören darfſt, daß Du Dich mir ge⸗ lobt haſt, und einſt mir folgen mußt, als Deinem Gatten? Ich weiß, ich weiß, murmelte ſie, und in ſeligem Selbſtvergeſſen lehnte ſie ihr Haupt an ſeine Schul⸗ ter und lauſchte hochklopfenden Herzens auf die glü⸗ henden und leidenſchaftlichen Worte, die Feodor in ihr Ohr flüſterte. Plötzlich fuhr es wie ein elektriſcher Schlag durch — 157— ihren Körper, und mit Blitzesſchnelle ſprang ſie em⸗ por und lauſchte. Als Feodor jetzt ſprechen, als er ſie nach der Urſache ihres plötzlichen Erſchreckens fragen wollte, drückte ſie ihm ſchnell ihre Hand auf den Mund. Still, flüſterte ſie leiſe. Ich habe es ganz deutlich gehört! Mein Vater kommt durch den Garten hierher. Beide ſchwiegen ſie und lauſchten. Durch die Stille der Nacht vernahm man jetzt Gotzkowsky's Stimme. Er befahl ſeinen Dienern, die Thüren des Gartens feſt zu verſchließen und ſie genau zu beob⸗ achten, weil die einmarſchirenden Oeſterreicher an die⸗ ſer Mauer vorüberziehen würden. Du haſt Recht, es iſt Dein Vater, ſagte Feodor. Dies iſt in der That ein unglückſeliger Zufall. Er wird mich ermorden, wenn er Dich hier findet! murmelte Eliſe, ſich halb ohnmächtig an ihres Geliebten Arm klammernd. 1 Ich beſchütze Dich mit meinem Leben, Eliſe, flü⸗ ſterte er, ſie feſter an ſich drückend. Nein, nein, ſagte ſie athemlos. Er darf Dich hier nicht finden. Niemand darf Dich ſehen! Ach Feodor, hörſt Du nicht? Er iſt nicht allein, Bertram iſt bei ihm, und ſeine Diener. Oh mein Gott, ſie würden Dich tödten! Rette Dich! Rette mich, Feodor, und verbirg Dich! Und indem ſie ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt nach der Thür hinzog, flüſterte ſie: Da hinein! In mein Schlafzimmer! Dort verbirg Dich! — 158— Niemals! ſagte er feſt und entſchieden. Nie werde ich mich verbergen und verkriechen wie eine feige Memme! Du mufßt es thun, flehte ſie, und wie ſie ſah, daß er zauderte und widerſtrebend zurückwich, fuhr ſie fort: Nicht nur um Dich, um meiner Ehre willen, Feodor. Bedenke, es iſt Nacht, und ich bin allein mit Dir! Ja, Du haſt Recht! ſagte Feodor traurig. Verbirg mich! Deine Ehre ſoll rein ſein von jedem Flecken. 3 Eliſe zog ihn in krampfhafter Haſt nach der Thür ihres Zimmers. Schon vernahm man dicht hinter den Fenſtern Gotzkowsky's Stimme. Eile, eile! Sie kommen! flüſterte ſie, indem ſie die Thüre aufſtieß, und Feodor in das Zimmer drängte. Er iſt gerettet! jauchzte ihr Herz, als ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen hatte, und indem ſie halb ohn⸗ mächtig auf einen Seſſel niederglitt, murmelten ihre zitternden Lippen: habe Erbarmen, mein Gott, Er⸗ barmen mit ihm, und mir! In dieſem Augenblick trat ihr Vater, begleitet von Bertram und dem Fabrikarbeiter Balthaſar durch die Balkonthür in den Salon. XVI. Der Flüchtling. ¼½ Gotzkowsky kehrte alſo endlich in ſein Haus zurück. Seine Seele war traurig und kummervoll, und fin⸗ ſtere Wolken lagen auf ſeiner ſonſt ſo klaren, reinen Stirn! Er trauerte um ſein Vaterland, um die ver⸗ geblichen Kämpfe, das vergeblich vergoſſene Blut, und in bitterem Schmerzgefühl fragte er ſich, was er denn verſchuldet habe, daß ihm die traurige Pflicht der Entſcheidung, welchem der Feinde man ſich ergeben ſolle, auferlegt worden ſei? Indeß, die Entſcheidung war jedenfalls jetzt da und Berlin mußte ſich den Ruſſen ergeben! In finſterem Schmerzgefühl, kaum einen flüchtigen Blick auf ſeine Tochter werfend, deren Angſt und Todesbläſſe er gar nicht bemerkte, durchſchritt Gotz⸗ kowsky den Salon, deſſen Pforten Bertram ſorgfäl⸗ tig verriegelte, und dann Balthaſar und den Dienern halblaute Befehle zum Schutz des Hauſes gab. Welch eine unheilsvolle Nacht iſt dies! ſagte Gotz⸗ — 160— kowsky, indem er ſich ermattet auf den Divan gleiten ließ. Nicht blos meine Glieder, ſondern auch mein Herz thut weh! Er ſchloß einen Moment ſeine Augen und ſaß ſchweigend und unbeweglich da. Eliſe lehnte noch immer athemlos und zitternd auf dem Seſſel neben der Thür. Jetzt hob Gotzkowsky ſein Haupt wieder empor und ſeine Augen ſuchten ſeine Tochter. Als er ſie ſah, flog ein milder, freudiger Ausdruck durch Gotz⸗ kowsky's Züge, und ſeine Stirn erheiterte ſich. Er eilte zu ihr hin und zog ſie in ſeine Arme empor. Eliſe, mein Kind, ſagte er, ſei gegrüßt. Zwei Tage lang war ich nur Bürger und Soldat, nun mag es mir vergönnt ſein, mich einen Augenblick daran zu erinnern, daß ich Vatex bin! Ach, ich hatte es in dieſen wüſten, ſchmerzreichen Tagen faſt ver⸗ geſſen! Guten Abend, mein Kind! Eliſe küßte ihm demuthsvoll die Hand und fluͤſterte leiſe einen Willkommensgruß. Gotzkowsky ſagte weich: Dies iſt eine Erquickung, welche alle Schmerzen vergeſſen läßt! Kommt, meine Kinder, wir wollen für eine ſchöne Stunde alle Sorge und Müſhſal abſtreifen und mitſammen heiter und glücklich ſein. Laßt uns frühſtücken. Die arme, hin⸗ fällige Creatur bedarf der Stärkung, denn ſie erin⸗ nert mich jetzt daran, daß ich ſeit zwei Tagen, wie ein Gefangener, nur von Brot und Waſſer gelebt habe. Laßt uns alſo frühſtücken. Bertram, ſetze Dich — 161— zu mir, und unſere ſchöne kleine Hausfrau wird uns den Kaffee ſerviren! Eliſe erhob ſich mühſam und ertheilte dem Diener die nöthigen Befehle. Und indem die Diener hin und wieder gingen⸗ das Frühſtück zu ſerviren, lehnte Gotzkowsky im Halb⸗ ſchlummer der Erſchöpfung im Divan, während Ber⸗ tram und Eliſe ſich ſ chweigend einander gegenüber ſaßen. Plötzlich vernahm man in der Ferne wüſtes ge. ſchrei und lautes Toben und Heulen. Dann hö man eilige Schritte die Treppe hinauf fliegen, die Thür des Salons ward aufgeriſſen und ein Soldat ſtürzte herein. Mit athemloſer Haſt ſchob er den Riegesvor die Thür, warf dann den weißen Mantel, welcher ſeine ganze Geſtalt umhüllt hatte, und den breitgeränderten Hut, der ſein Haupt bedeckte, von ſich und ſank laut ächzend auf einen Stuhl. Gotzkowsky war zu ihm hingeeilt und betrachtete ihn aufmerkſam. Eliſe, in einem inſtinktartigen Ge⸗ fühl der Gefahr, welche Feodor bedrohte, wandte ſich wieder der Thür zu, hinter welcher er verborgen war. Der Bombardier Fritze! rief Gotzkowsky jetzt mit ſichtlichem Erſtaunen. Ja, ich bin's, ächzte dieſer. Rettet mich, Gotz⸗ kowsky, liefert mich nicht dieſen Barbaren aus! Gotzkowsky legte ihm die Hand auf die Schulter und blickte ihn freundlich an. Ich würde ſelbſt den Feind nicht verrathen, wenn er ſich hüffeiuchend in Sotzkowsly. J. — 162— mein Haus rettete, ſagte er, und Du bitteſt, daß ich den tapferſten und ruhmvollſten Vertheidiger Berlins nicht verrathen ſoll. Bertram, dieſer Mann hier, die⸗ ſer einfache Bombardier hat Wunder der Tapferkeit vollbracht und ſich in dieſen unglückſeligen Tagen einen ruhmvollen Namen erkämpft! Er war's, der die beiden Kanonen, die einzigen, welche Berlin zu ſeiner Vertheidigung beſaß, verſorgte, und nie ermü⸗ dend, ohne Raſt und Ermatten den Tod zu dem feindlichen Heere hinüber trug! Sei ruhig, mein Sohn, Du haſt in dieſen Tagen gekämpft wie ein Held, und Gott kann nicht wollen, daß Du zum Dank für Deine Tapferkeit Deinen Feinden in die Hände fällſt! Sie verfolgen mich überall, ſagte der Bombardier. Verfolgt von den Lacy'ſchen Jägern wie ein gehetztes Wild bin ich durch die Straßen hieher geeilt. Ihr ſagtet mir geſtern, daß, wenn ich jemals eines Freun⸗ des in der Noth bedürfte, Ihr es mir ſein würdet! Deshalb komme ich jetzt zu Euch! Die Oeſterreicher haben geſchworen, blutige Rache an dem Kanonier zu nehmen, deſſen Kugeln ſo mörderiſch in ihre Reihen getroffen, und ein bedeutender Preis iſt auf meinen Kopf geſetzt.*) Ah, rief Gotzkowsky lachend, die Oeſterreicher thei⸗ len Preiſe aus, bevor ſie das Geld dazu haben! Laß ſie immerhin tauſend Dukaten auf Deinen Kopf ſetzen, *) König. Hiſtoriſche Schilderung von Berlin, Thl. V. 4⁴ — — 163— mein Sohn, es wird ihnen doch an den Ducaten ſo⸗ wohl, wie an Deinem Kopf fehlen, und Berlin wird ihnen weder das Eine, noch das Andere geben. Muͤſ⸗ ſen wir das Geld zahlen, ſo bekommt es der Ruſſe, und Deinen Kopf, nun, den werde ich mit meinem Leben bezahlen, wenn es ſein muß! Du haſt gekämpft wie ein Löwe, und wie Löwen wollen wir Dich ver⸗ theidigen! Was hat es mir geholfen, zu kämpfen, ſagte der Bombardier mit traurigem Achſelzucken. Es iſt den Feinden doch gelungen, in die Stadt zu dringen, und ihre Wuth iſt fürchterlich! Sie haben geſchworen, mich zu tödten! Aber Ihr werdet mich nicht ausliefern und kämen ſie hierher und fänden mich, dann habt Er⸗ barmen, tödtet mich, aber liefert mich dem Feinde nicht aus! Um Euch zu tödten, müſſen ſie zuvor uns Beide tödten! rief Bertram, dem tapfern Kanoniern die Hand darreichend. Nicht wahr, Vater Gotzkowsky, wir ver⸗ bergen ihn in Eurem Hauſe? Und zwar ſo ſicher, daß Niemand im Stande ſein ſoll, ihn aufzufinden! ſagte Gotzkowsky freudig, in⸗ dem er des Soldaten Hand ergriff und ihn empor zog. Folgt mir, mein Sohn. In dem Zimmer mei⸗ ner Tochter iſt ein ſicheres Verſteck. Der Wand⸗ ſpiegel bildet eine verborgene Thür, hinter welcher ſich ein Raum befindet, grade groß genug, um einen Menſchen dahinter zu verbergen. Kommt! . 11r — 164— Er führte den Bombardier zu der Thür nach Eli⸗ ſens Zimmer. Aber vor dieſer Thür hatte ſich Eliſe mit glühen⸗ den Wangen und blitzenden Augen aufgerichtet. Die Gefahr ihres Geliebten verlieh ihr jetzt Muth und Entſchloſſenheit und ließ ſie ſelbſt dem Zorn ihres Vaters muthvoll entgegen treten. Nicht da hinein, Vater! ſagte ſie faſt gebieteriſch, nicht in mein Zimmer! Gotzkowsky trat erſtaunt einen Schritt zurück und ſah ſeine Tochter an. Wie, fragte er, Du wehrſt mir den Eingang? Im großen Saal hinter dem Madonnenbild iſt ein ähnliches Verſteck, führt ihn dahin, ſagte Eliſe athemlos. Gotzkowsky erwiderte nichts, er ſchaute nur ſtarr und mit durchbohrendem Blick in das Antlitz Eliſens. Finſtere und unheilsvolle Ahnungen, die er oft mit Mühe zurückgedrängt, wurden wieder wach in ihm, und erfüllten ihn mit einem zornigen, verzweiflungs⸗ vollen Schmerz. Gleich dem Virginius des Alter⸗ thums würde er es vorgezogen haben, ſeine Tochter zu tödten, ehe er ſie den Armen des verhaßten Fein⸗ des überliefert hätte. Und weshalb ſoll er dorthin und nicht hier blei⸗ ben? fragte er endlich mühſam. Bedenke, Vater! ſtammelte ſie erröthend, es it mein Schlafzimmer, ich— Sie verſtummio, als ſie plötzlich dem Blicke ihres — 165— Vaters begegnete, der mit durchbohrender Gewalt auf ihr ruhte, als ſie auf ſeinen blaſſen, zitternden Lippen und auf ſeiner Stirn, deren Adern hoch angeſchwollen waren, den aufgrollenden Zorn ſeiner Seele las. Bertram hatte mit wachſendem Schrecken dieſer kurzen und doch ſo beredten Scene zugeſchaut. Eliſens Angſt, ihr Erbleichen und Zittern, ihr Be⸗ wachen jener Thür, war ihm gleich bei ſeinem Ein⸗ tritt nicht entgangen und hatte ihn mit bangem Schmerz erfüllt. Aber als er jetzt in den Zügen Gotz⸗ kowsky's die Symptome eines Zornes, der um ſo heftiger und vernichtender zu ſein pflegte, je ſeltener Gotzkowsky ſich ihm überließ, erkannte, fühlte er die Nothwendigkeit, der bedrängten Schweſter zu Hülfe zu kommen. Er näherte ſich daher ihrem Vater und legte leiſe ſeine Hand auf Gotzkowsky's Schulter. Eliſe hat Recht, ſagte er bittend, ehrt ihr jungfräuliches Zagen! Gotzkowsky wandte ſich mit einer heftigen Kopf⸗ bewegung nach ihm um und ſah ihm ſtarr ins Geſicht. Dann brach er in ein wildes ſpöttiſches Lachen aus. Ja, ſagte er, wir wollen ihr jungfräuliches Zagen ehren. Du haſt weiſe geſprochen, Bertram. Höre! Du kennſt den Verſchlag hinter dem Madonnenbilde im Bilderſaal. Dorthin führe unſern tapfern Freund und gieb Acht, daß die Feder feſt ins Schloß ſpringt. Bertram ſah ihn mit traurigen, angvollen Blicken an, er hatte den ſonſt ſo beſonnenen Mann niemals in einer ſo leidenſchaftlichen Bewegung geſehen. — 166— Ihr geht nicht mit uns, Vater? fragte er. Nein! ſagte Gotzkowsky rauh, ich bleibe, um hier den Feind zu erwarten! Er warf Eliſen, welche immer noch an der Thür lehnte, einen drohenden Blick zu, vor dem ihr Herz erzitterte. Bertram ſeufzte und hatte nicht den Muth zu gehen und Eliſen in dieſem kritiſchen und angſtvollen Moment zu verlaſſen. Eile Dich, Freund! ſagte Gotzkowsky ſtreng. Das Leben eines tapfern Mannes ſteht auf dem Spiel! Eile Dich! Der junge Mann wagte nicht zu widerſprechen, aber er näherte ſich Gotzkowsky und flüſterte leiſe: Seid nachſichtig, Vater. Seht, wie ſie zittert! Arme Schweſter! Und mit einem ſchmerzvollen Blick auf Eliſen nahm er die Hand des Bombardiers und führte ihn aus dem Salon. XVII. Der Horcher an der Wand. Eliſe war jetzt allein mit ihrem Vater. Sie war neben dieſer verhängnißvollen Thüre niedergeſunken, und ihre erblaßten Lippen murmelten leiſe Gebete. Gotzkowsky ſtand noch immer unbeweglich da, aber ſein zuckendes Angeſicht, ſeine finſtere Stirn, ſeine blitzenden Augen verriethen die tiefe und leidenſchaft⸗ liche Bewegung ſeiner Seele.— In ſeinen heiligſten Gefühlen bis in den Tod getroffen und verletzt, fühlte er kein Mitleid, kein Erbarmen mehr mit dieſem armen, zitternden Mädchen, das jede ſeiner Bewegungen mit ſcheuem, angſtvollen Auge verfolgte. Nur ein flam⸗ mender Zorn gegen ſeine Tochter, dioß wie ſein ahnen⸗ des Herz ihm ſagte, ſeine Ehre in den Staub getreten, erfüllte ſein ganzes Weſen. Eine lange entſetzensvolle Pauſe trat ein. Man hörte nichts als die lauten, ſtürmiſchen Athemzüge Gotzkowsky's, und die leiſe geunarmelten Gebete ſeiner Tochter. — 168 Plötzlich raffte Gotzkowsky ſich auf, und warf ſtolz das Haupt zurück. Dann ging er mit feſtem Schritt nach der auf den Perron führenden Thür und ver⸗ ſchloß dieſe ſo wie die gegenüberliegende. Niemand konnte jetzt zu ihnen eindringen, Niemand dieſes fürch⸗ terliche Zwiegeſpräch ſtören. Eliſe war ſich deſſen mit Entſetzen bewußt und flüſterte leiſe: Erbarmen, Erbarmen, mein Gott! ich vergehe vor Angſt. Gotzkowsky näherte ſich ihr, und ihre Hand faſſend, zog er ſie mit einer raſchen Bewegung vom Boden⸗ empor. Wir ſind jetzt allein, ſagte er, und ſeine Stimme klang heiſer und rauh. Antworte mir jetzt! Wer iſt dort in Deinem Zimmer verborgen? Niemand, mein Vater! Niemand! wiederholte er vild. Weshalt aljo zit⸗ terſt Du? Ich zittere, weil Du mich ſo zornig anſiehſt, ſagte ſie angſtvoll. Ihr Vater ſchleuderte ihre Hand mit einer zorni⸗ gen Bewegung von ſich. Lügnerin! rief er, Du willſt alſo, daß ich ihn tödte? Er nahm ſeinen Degen vom Tiſche und näherte ſich der verhängnißvollen Thür. Was willſt Du thun, mein Vater? ſchrie Eliſe, ſich ihm entgegen werfend und nach der verſchloſſenen Thür hineilend. Ich will den 4D tödten, welcher mir die E Ebre 34 — 169 meiner Tochter ſtahl! rief Gotzkowsky mit zornſprü⸗ henden Blicken. Vater, Vater, beim ewigen Gott, ich bin unſchul⸗ dig! rief Eliſe, indem ſie ihn mit krampfhafter Angſt zurückzuhalten ſuchte. Dann laß mich den Beweis dieſer Unſchuld haben! ſagte Gotzkowsky, ſie zurückſtoßend. Aber mit der Behendigkeit einer Gazelle ſprang ſie vorwärts, ſtürzte ſie wieder zu der Thür hin, und krampfte ihre beiden Hände feſter um das Schloß.— Nein, Vater, ich bleibe hier, ſagte ſie entſchloſ⸗ ſen. Du ſollſt Dich und mich nicht ſo ſehr be⸗ ſchimpfen, daß Du Unwürdiges und Ehrloſes von mir glaubſt, und daß es des Beweiſes meiner Un⸗ ſchuld bedarf! Dieſer trotzige Widerſtand Eliſens reizte Gotz⸗ kowsky's Zorn um ſo mehr, und war ihm ein neuer Beweis ihrer Schuld. Eine raſende Wuth über⸗ kam ihn jetzt, mit erhobenem Arm und ſprühenden Augen ſchritt er zu Eliſe hin und rief: Fort von der Thür, oder beim Himmel, ich vergeſſe, daß ich Dein Vater bin! Oh, ſagte ſie athemlos, Du haſt es oft vergeſſen, denke aber jetzt daran, denke, daß ich die Tochter Dei⸗ nes Weibes bin, welches Du geliebt haſt! Vertraue mir, Vater! Beim Geiſte meiner Mutter ſchwöre ich Dir, meine Ehre iſt rein von jedem Fleck, und wie auch der Schein gegen mich ſein mag, ich bin den⸗ —— —— 170— noch unſchuldig! Ich that nie etwas, deſſen ſich mein Vater zu ſchämen hätte! Glaube mir dies, Vater, reiche mir die Hand und ſage: ich glaube an Deine Unſchuld! Ich vertraue Dir auch ohne Beweis! Sie ſank auf ihre Knie nieder, und hob ihre Arme flehend zu ihrem Vater empor, während glühende Thränen aus ihren Augen niederſtürzten. Gotzkowsky ſah ſie lange und ſchweigend an, und die Thränen ſeines Kindes erweichten ſein Vaterherz. Ob ich ihr Unrecht that? fragte er ſich leiſe, indem er ſinnend in ihr weinendes Antlitz ſtarrte. Ob ſie wirklich unſchuldig iſt? Verſuchen wir's! ſagte er dann nach einer Pauſe, indem er ſeine Hände feſt an ſeine glühende Stirne drückte. Als er die Hände wieder herabgleiten ließ, war ſein Antlitz ruhig und klar, und keine Spur des frühern Zornes war mehr ſichthar. Ich will Dir glauben, ſagte er. Komm, Eliſe! Da iſt meine Hand! Eliſe ſtieß einen Freudenſchrei aus; ſie flog von ihren Knien empor ihrem Vater entgegen, und drückte ihre brennenden Lippen auf ſeine dargereichte Hand. Mein Vater, ich danke Dir! Ich werde Dir ewig danken, ſagte ſie zärtlich. Gotzkowsky hielt ihre Hand feſt in der ſeinen, und während er alsdann zu ihr ſprach, näherte er ſich, anſcheinend zufällig, immer mehr jener von Gliſen ſo kühn vertheidigten Thür. — — 171— Du haſt Recht, mein Kind, ſagte er, ich war ein Thor, Dir zu mißtrauen, aber ich bin eiferſüchtig auf meine Ehre, denn ſie iſt das höchſte Beſitzthum eines redlichen Mannes. Vieles läßt ſich mit Gold erkaufen, aber die Ehre nicht. Die wahre Ehre aber iſt rein und ſpiegelhell, deshalb kann auch der leiſeſte Hauch ſie trüben. Oh wie würde dieſe neidiſche, miß⸗ günſtige und heimtückiſche Welt jubeln, wenn ſie einen Flecken auf meiner Ehre finden könnte. Aber wehe dem, der ſie verdunkeln möchte, und wäre der Ver⸗ brecher ſelbſt mein eigenes Kind! Eliſe erbleichte und ſchlug die Augen nieder. Gotz⸗ kowsky ſah es. Er hielt noch immer ihre Hand in der ſeinen und näherte ſich mit ihr der Thür, aber er zwang ſeine Stimme zur Milde und Sanftmuth. Ich wiederhole es, ich that Dir Unrecht, ſagte er. Aber es war ein furchtbarer Verdacht, der mich peinigte, und ich will ihn Dir hekennen, mein Kind! Der ruſſiſche Parlamentair, der vorhin zur Stadt kam, um mit dem Magiſtrat zu unterhandeln, war von zehn Soldaten und zwei Offizieren begleitet. Sie blieben, während der Parlamentair im obern Raths⸗ ſaal mit dem Magiſtrat verhandelte, im untern Ge⸗ ſchoß des Hauſes zurück. Ich geleitete den Parla⸗ mentair, als er den Magiſtrat verließ, hinunter und wir fanden ſeine militäriſche Begleitung in Sorge und Aufregung, denn der eine ihrer Offiziere hatte 1 ſie vor zwei Stunden verlaſſen und war noch nicht — 172— zurückgekehrt, und man rief und ſuchte ihn überall!— Die Ruſſen wütheten und ſchrieen, man habe einen ihrer Offiziere ermordet. Ich beruhigte ſie, aber mein Herz konnte ich nicht beruhigen, es krampfte ſich in meiner Bruſt zuſammen, als ich den Namen dieſes vermißten Offiziers vernahm! Soll ich Dir dieſen Namen nennen? Eliſe antwortete nicht, ſie blickte ihren Vater mit Thränen in den Augen an, und ſchüttelte matt das Haupt. Gotzkowsky fuhr fort: es iſt der Name eines Man⸗ nes, dem ich einſt viel Freundlichkeit erwieſen, dem ich gaſtfrei mein Haus geöffnet, und der mir zum Dank dafür als heimtückiſcher Dieb das Herz meiner Tochter ſtehlen wollte!— Oh, verſuche nicht, dies zu widerlegen, Eliſe, ich weiß es, und wenn ich es bis jetzt vermied, zu Dir über dieſe Angelegenheit zu ſpre⸗ chen, ſo geſchah es, weil ich zu Deinem guten und geſunden Sinn und zu Deinem deutſchen Mädchen⸗ herzen das Vertrauen hegte, daß Du Dich aufraffen und einem Gefühl entſagen würdeſt, welches Dich irre leiten wollte von der Bahn der Pflicht und der Ehre.— Ich ſage nicht, daß Du ihn liebteſt, aber er wollte Dich verleiten ihn zu lieben hinter dem Rücken Deines Vaters. Das war der Dank für meine Gaſt⸗ freundſchaft. 4 3 So ſprechend, drückte Gotzkowsky ihre Hand feſter in der ſeinen, und näherte ſich noch dichter jener Thür 8 85 Nun denke Dir, fuhr er fort, mich durchzuckte der — 1739— tolle Gedanke,— wie, wenn dieſer Menſch nun toll⸗ kühn und verwogen genug wäre, zu meiner Tochter zu gehen? Ach ich vergaß noch Dir ſeinen Namen zu ſagen. Feodor von Brenda heißt der falſche Gaſt⸗ freund, und Feodor von Brenda hieß auch der Offi⸗ zier, der heute den Parlamentair verlaſſen, um viel⸗ leicht zu irgend einem verliebten Abenteuer zu gehen.— Weßhalb zitterſt Du? fragte er ſie jetzt mit donnern⸗ der Stimme, als ihre Hand in der ſeinen zuckte. Ich zittere nicht, mein Vater! ſagte ſie, nach Faſ⸗ ſung ringend. Gotzkowsky fuhr mit erhöheter, ſchallender Stimme fort: Verzeihe mir dieſen Gedanken, mein Kind. Ich hätte wiſſen ſollen, daß ſelbſt, wenn dieſer freche Ruſſe es wagte, eine frühere Bekanntſchaft zu erneuern, meine Tochter niemals ſo klein und niedrig denken würde, ihn willkommen zu heißen; denn ein deutſches Mädchen wirft ſeine Ehre nicht weg an einen ruſſi⸗ ſchen Barbaren! Vater, rief Eliſe entſetzt, und aller Vorſicht ver⸗ geſſend, Vater, ſprich nicht ſo laut! Nicht ſo laut?— Es kann uns alſo Jemand hören? fragte Gotzkowsky, den Arm ſeiner Tochter heftig drückend. Ich will laut ſprechen! Ich will es laut ſagen: Der iſt ein Bube, der ſich feig und ehrlos verbirgt, ſtatt ſich zu vertheidigen, eine Memme, der die Ehre eines Mädchens in die Schanze ſchlägt gegen ſein eigenes, jämmerlich Leben! Ken Deutſcher thäte das, nur ein Ruß — 174— iſt feigherzig genug, ſo zu handeln und lieber ſich zu verkriechen, als ſein Leben mannhaft zu ver⸗ theidigen! In dieſem Augenblick ward die Thüre des Schlaf⸗ zimmers heftig aufgeriſſen, und der ruſſiſche Obriſt erſchien mit hochgerötheten Wangen und zornſprü⸗ henden Augen auf ihrer Schwelle. XVIII. Zwei Bombardiere. Eliſe ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus und ſtarrte ihren Geliebten mit weit geöffneten Augen an. Gotzkowsky's Antlitz aber durchleuchtete eine finſtere, grauſame Freude. Ah, endlich alſo! ſagte er, und indem er den Arm ſeiner Tochter frei gab, griff er haſtig nach ſeinem Degen. 1 Der Obriſt aber ſchritt ſtolz und ruhig auf ihn zu. Hier bin ich, mein Herr! ſagte er, hier bin ich, um mich zu vertheidigen und um jede Beleidigung zu rächen! Ich habe Sie aus Ihrem Verſteck hervor getrie⸗ ben, wie der Fuchs den Dachs aus ſeinem Bau jagt! rief Gotzkowsky mit einem ſpöttiſchen, wilden Lachen, das, wie es ſeine Abſicht war, den Zorn des jungen Offiziers noch ſteigern mußte. Die beiden Männer ſtanden ſich jetzt gegenüber und ſtarrten einander an mit Blicken voll Haß und Zorn. 8 — 176— Eliſe warf ſich zwiſchen ſie, und vor ihrem Vater auf die Kniee ſinkend, flehete ſie: Tödte mich, Vater! Rette Deine Ehre, tödte mich! Aber Gotzkowsky ſchleuderte ſie erbarmungslos bei Seite. Fort! ſagte er rauh. Was willſt Du hier? Gieb uns Raum! Es iſt ein Mann da, mit dem ich kämpfen kann für meine Ehre! Obriſt Feodor näherte ſich ruhig Eliſen, welche noch immer am Boden kniete, die Hände ringend, ächzend vor ungeheurer Qual. V1 Err hob ſie empor, und indem er ihr einige leiſe, unhörbare Worte zuflüſterte, führte er ſie zum Divan, Dann wandte er ſich an Gotzkowsky. Ihre Ehre iſt rein und unbefleckt, mein Herr! ſagte er. Wie Sie auch immer über mich denken mögen, ſo müſſen Sie doch Achtung haben vor der Tugend Ihrer Tochter! Eliſe iſt unſchuldig! Unſchuldig! rief Gotfkowsky höhnend, unſchuldig, wenn Ihre Nähe die Unſchuld meiner Tochter ver⸗ giftet hat! Vater, tödte mich, aber beſchimpfe mich nicht! rief Eliſe, und eine dunkle Gluth trat auf ihre Wangen. ¼ Mir gelte Ihr Zorn! ſagte Feodor glühend. Es iſt barbariſch, ein wehrloſes Mädchen anzufallen! Gotzkowsky lachte laut und höhnend: Ihr ſprecht von Barbarei und ſeid ein Ruſſe! Ein Ausruf des Zornes drang von des Obriſten Lippen, dann griff er nach ſeinem Schwert und es — 177— V ſchnell aus der Scheide ziehend, trat er Gotzkowsky entgegen. Endlich! rief Gotzkowsky triumphirend, indem * ſein Schwert erhob. Eliſe, außer ſich, der blinkenden Schwerter nicht 1 achtend, warf ſich zwiſchen ſie. Mit glühenden Wor⸗ ten beſchwor ſie Feodor, ihres Vaters zu ſchonen, nicht gegen ihn ſein Schwert zu erheben. Aber Gotz⸗ kowsky's Stimme übertönte ſie. So wilde Worte der Verachtung und des beleidigenden Zornes tön⸗ ten von ſeinen Lippen hervor, daß der junge Offizier, in ſeiner militairiſchen Ehre verletzt, dem Flehen ſei⸗ ner Geliebten kein Gehör mehr geben durfte. Er ſelber war es jetzt, welcher Eliſe zurück drängte und ſich dann mit erhobenem Arm ihrem Vater gegenüber ſtellte. 4 2 Sie müſſen mich tödten, mein Herr, oder dieſen Schimpf mit ihrem Blute abwaſchen! rief er, indem er ſich zum Kampf auslegte. 1 Dann ſchwiegen Beide. Es war eine entſetzliche, unheilsvolle Pauſe, nur unterbrochen von dem Klir⸗ ren ihrer Schwerter und den einzelnen Ausrufungen des Zornes oder der wilden Freude, mit welchem jeder gut getroffene Stoß empfangen und gegeben ward. Eliſe hatte ihr Haupt gen Himmel erhoben und betete. Es ſchwindelte vor ihren Augen, ihr Kopf verwirrte ſich, ſie hatte ein Gefühl, als ob ſie wahn⸗ ſinnig werden könnte, und ſie flehete zu Gott, daß Gotzkowspy I. 12 *4 — 178— er ſie, ſei es durch Wahnſinn oder Tod, von der Marter dieſer Stunde erlöſen oder ihr eine Rettung, eiinen Ausweg zeigen möge! Aber in der Heftigkeit ihres Wortwechſels und ihres Kampfes hatten die Männer es überhört, daß ſich im Hauſe plötzlich ein wildes Geräuſch, ein haſti⸗ ges Gepolter vernehmen ließ, ſie hatten nicht gehört, daß auf der Straße ein Piket Soldaten aufmarſchirt war und der kommandirende Offizier mit lauter Stimme die Herausgabe des Bombardiers verlangt hatte, welcher ſich in dieſes Haus geflüchtet hätte. Da man dieſer Aufforderung kein Gehör gegeben, hatte der Offizier ſeinen Soldaten befohlen, die Haus⸗ thüre zu ſprengen und mit Gewalt in das Haus ein⸗ zudringen. Aber Bertram war der Ausführung die⸗ ſes Befehls zuvorgekommen, indem er die Thür öffnen ließ und den öſterreichiſchen Offizier erſuchte, mit ſeinen Leuten das Haus zu durchſuchen und ſich zu überzeugen, daß man Niemand in demſelben verſteckt halte.— Mit emſigſter Sorgfalt, eingedenk des Prei⸗ ſes, welcher auf das Haupt des Bombardiers geſetzt war, durchſuchten die Soldaten jetzt alle Räume des Hauſes, und waren endlich auch an die verſchloſſene Thür des Salons gelangt. Grade als der. Kampf zwiſchen den Beiden am heftigſten entbrannte, wurden ſie durch heftige Kolben⸗ ſtöße an die Thüre und den gebieteriſchen Ruf nach dem Oeffnen der Thür unterbrochen und gezwungen inne zu halten in ihrem erbitterten Gefecht. ℳ »—— — 179— Sie blieben ſtehen und lauſchten, Eliſe aber flog von ihren Knieen empor, ſtürzte mit einem Schrei des Entzückens nach der Thür hin und öffnete ſie. Ein Offizier von den Lacy'ſchen Jägern trat mit einigen Soldaten herein, während die übrige Mann⸗ ſchaft den Hausflur und die Gänge des Hauſes mit wildem Getöſe erfüllte. Mit herriſchem, drohenden Tone forderte der öſter⸗ reichiſche Offizier die Herausgabe des Kanoniers, verſicherte er, daß er, wie ſie Alle geſehen, ſich in dies Haus geflüchtet habe, daß er daſſelbe verlaſſen, ſei unmöglich, da man das Haus ſofort umſtellt habe! Und als Niemand ihm auf ſeine Drohungen Antwort gab, als man ſeiner heftiger wiederholten Auffor⸗ derung nur ein trotziges Schweigen entgegenſtellte, ſchwur er, das Haus in Brand ſtecken und Niemand heraus zu laſſen, wenn man ihm nicht ſofort den Verſteckten ausliefere! Gotzkowsky hatte anfangs wie betäubt dageſtan⸗ den, er hatte kaum gehört, was der feindliche Offizier von ihm gefordert hatte. Erſt allmälig begann er ſich von ſeiner Betäubung zu erholen und die Kraft zu finden, ſeine Blicke den Dingen außer ihm zu⸗ zuwenden. Er richtete ſein Haupt von ſeiner Bruſt empor, und wie aus einem Traume erwachend, blickte er mit ſtaunender Verwunderung umher. 88— 3 Der öſterreichiſche Offizier wiederholte ſein Begehr noch gebieteriſcher, noch drohender; jetzt hatte Gotz⸗ 12* — 180— kowsky ſeine ganze Beſonnenheit und überlegene Ruhe wieder gefunden, und mit entſchloſſener Stimme erklärte er, daß Niemand in ſeinem Hauſe verbor⸗ gen ſei. Er iſt hier! rief der öſterreichiſche Offizier, die Unſrigen haben ſeine Spur bis hierher verfolgt, und ſofort dies Haus umzingelt. Liefert ihn aus, um Blutvergießen zu vermeiden! Und ſich an ſeine Soldaten wendend, fuhr er fort: Durchſucht alle Räume, forſcht genau nach! Dieſer Menſch iſt hier verborgen, und wir— Plötzlich unterbrach er ſich in ſeiner Rede und blickte ſtarr nach der Thür, durch welche ſeine Sol⸗ daten ſich herein drängten. Hatte dieſer Bomhardier, als er hieher kloh, nicht einen weißen Mantel um, trug er nicht einen breit⸗ geränderten Hut? fragte er.. Als die Soldaten es bejaheten, ſchritt der Offi⸗ zier nach der Thür hin, und zog unter den Füßen ſeiner Soldaten den Mantel und Hut des Bombar⸗ diers hervor. Die Soldaten brachen in ein wildes, triumphi⸗ rendes Freudengeſchrei aus. Werdet Ihr nun noch leugnen, daß dieſer Menſch hier verborgen iſt? fragte der Offizier, indem er den Mantel emporhob. 8 Gotzkowsky antwortete nicht, ſondern blickte ſin⸗ nend und gedankenvoll zur Erde. Der junge ruſſiſche Obriſt hatte ſich beim Ein⸗ 8 f — 181— dringen der Soldaten in den entfernteren Theil des Saales zurückgezogen und ſah mit lebhafteſter Theil⸗ nahme der Scene zu, welche ſich vor ihm entwickelte. Ein Wort von ihm hätte die ganze Angelegenheit ſofort zu Ende bringen können, denn als unfreiwilliger Lauſcher hatte er Alles vernommen, was den Bom⸗ bardier betraf. Er kannte daher ganz genau den Verſteck, hinter welchem man denſelben verborgen hielt. Aber es kam ihm nicht in den Sinn, ein An⸗ geber und Verräther ſein zu wollen. Er war nur geſpannt auf den Ausgang dieſer Scene und feſt ent⸗ ſchloſſen, wenn die Gefahr ſich mehre, mit ſeiner Waffe dem Bedrängten zu Hülfe zu eilen, um ihn vor der Wuth der Oeſterreicher zu ſchützen! Gotzkowsky ſtand noch immer ſchweigend da. Er ſann auf ein Mittel, den tapfern Vertheidiger Ber⸗ lins, deſſen Hierſein er, nach ſo überführenden Spu⸗ ren deſſelben, kaum noch leugnen konnte, zu retten und die drohende Gefahr von ſeinem Haupte abzu⸗ wenden.. Plötzlich ſchien es wie ein Blitz durch ſeine Seele zu fahren, ſein ganzes Antlitz klärte ſich auf, und ſein Auge wandte ſich mit einem ſeltſamen lusdruck zu dem Obriſt von Brenda hin. Nun? fragte der Offizier. Wollt Ihr noch leugnen? Nein, ich leugne es nicht länger! ſagte Gotzkowsky entſchloſſen. Ihr habt Recht, mein Herr, der Kano⸗ nier, der die Reihen Eurer Soldaten niederſchmet⸗ terte,— er iſt hier in meinem Hauſe! — 162— Die Soldaten brachen wieder in ein brüllendes Triumphgeſchrei aus, Eliſe aber ſchaute mit entſetzens⸗ voller Angſt zu ihrem Vater hinüber und ſuchte zit⸗ ternd in ſeinen Mienen die Bedeutung ſeiner Worte zu leſen. Sollte er wirklich im Stande ſein, dieſen Mann zu verrathen, welchem er geſchworen, ihn zu ſchützen? dachte Feodor, und ſeiner Neugierde nachgehend, nä⸗ herte er ſich der Gruppe, welche in der Mitte des Salons ſich befand. Plötzlich fühlte er Gotzkowsky's Arm auf ſeiner Bihuller und begegnete ſeinen finſtern, gehäſſigen Blicken. Ihr ſuchet den Bombardier Fritze? ſagte Gohkowstd mit lauter, trotziger Stimme. Nun wohl, hier iſt er! Ein Schrei und ein fröhliches Lachen ertänte. Es war Eliſe, welche den Schrei ausſtieß, und der Obriſt von Brenda, welcher dieſe unerwartete Wendung der Scene mit einem fröhlichen Gelächter begrüßte. Aber Gotzkowsky ließ ſich weder von dem einen, noch von dem andern irre machen. Er legte ſeinen Arm um des Obriſten Nacken und zwang ſeine Mie⸗ nen freundlich zu ſein. Theurer Freund, ſagte er, Du ſiehſt, das Leugnen iſt umſonſt! Unſere Kriegsliſt iſt uns leider nicht ge⸗ lungen! Welche Kriegsliſt? frnoten der öſterreichiſche Offi⸗ cier und Feodor zu gleicher Zeit. —⸗ — SE; —— — 183— Gotzkowsky ſagte traurig zu Feodor: Verſtelle Dich nicht länger, mein Sohn! Du ſiehſt, es iſt umſonſt! Dann wandte er ſich an den öſterreichiſchen Officier und fuhr fort: Wir hofften, er ſollte in dieſer ruſſi⸗ ſchen Uniform, welche der frühere kriegsgefangene Ad⸗ jutant des General Sievers in meinem Hauſe ver⸗ geſſen hatte, entkommen können! Indeß, der Hut und Mantel hat uns leider verrathen! Der Obriſt von Brenda blickte mit ſtaunender Bewunderung Gotzkowsky an, und dieſe ſo ſchnell er⸗ ſonnene raſche Kriegsliſt beluſtigte ihn ungemein. Es war in der That ein pikantes Abenteuer, welches ihm der Haß und die Liſt Gotzkowsky's darbot, und Feodor war nicht geneigt, dieſes intereſſante und ori⸗ ginelle Abenteuer zurück zu weiſen. Er, der ruſſiſche Obriſt Graf Brenda, der Favorit einer Kaiſerin, ward zu einem preußiſchen Bombardier, deſſen Leben in Todesgefahr ſchwebte, degradirt. Sein tollkühner und wilder Sinn fand Gefallen daran, einmal die Rolle eines zum Tode verurtheilten Verbrechers zu ſpielen. 1 Nun? freagte der öſterreichiſche Offizier, erkennt Ihr die Ausſage an, oder wollt Ihr es jetzt noch leugnen, der Bombardier Fritze zu ſein? „Wozu hilft das Leugnen? erwiderte Feodor achſel⸗ zuckend, dieſer Herr, der mich erretten ſollte, hat mich ja ſchon verrathen! Ich bin der Mann, welchen Ihr ſuchet!— Mit einem Schrei der Ueberraſchung ſtürzte Eliſe — 184— zu ihrem Geliebten hin. Nein, rief ſie laut, nein er iſt— Ihres Vaters Hand drückte ſich ſchwer auf ihre Lippen. Noch eine Sylbe und Du biſt ſeine Mör⸗ derin! flüſterte er. Der öſterreichiſche Offizier blickte mißtrauiſch zu ihnen hin. Ihr leugnet es alſo nicht, mein Herr, fragte er Feodor, daß Ihr es ſeid, der dies mörderi⸗ ſche Kanonenfeuer auf unſere Soldaten gerichtet hat? Ihr leugnet nicht, daß Ihr der Bombardier Fritze ſeid, daß Euch dieſer Hut und Mantel gehört? Ich leugne nichts mehr! war des Obriſten trotzige Antwort. Der Officier winkte einigen Soldaten und befahl ihnen, ihre Gewehre zu ſchultern und den Gefangenen in ihre Mitte zu nehmen, indem er ihnen einſchärfte, genau auf ihn Acht zu haben und bei dem erſten Verſuch der Flucht ihn zu erſchießen. Als er aber dann des Obriſten Degen forderte, trat dieſer erſchrocken und widerſtrebend zurück. Jetzt erſt ward er ſeiner Tollkühnheit und ſeines Wagniſſes ſich bewußt, deſſen gefährliche und vielleicht entehrende Folgen er nicht überlegt und vorhergeſehen hatte. Indeß, einmal ſo weit gegangen, würde er es für unehrenhaft und feig gehalten haben, jetzt noch zurückzutreten. Auch war er begierig das Ende die⸗ ſes Abenteuers, das er mit ſo viel Tollkühnheit und Verwegenheit begonnen hatte, zu erleben. Er zog ſeinen Degen, und ihn mit gewaltiger — 185— Kraft zerbrechend, warf er ihn ſtolz zu des Oeſter⸗ reichers Füßen nieder. Der Offizier zuckte die Achſeln. Euer Trotz wird Eure Lage nur verſchlimmern! ſagte er. Vergeßt nicht, daß Ihr Kriegsgefangener ſeid. Er muß und ſoll ſterben! brüllten die Soldaten, indem ſie wüthend auf Feodor eindrangen. Der Offizier gebot Ruhe. Er muß ſterben, das iſt wahr, ſagte er, aber zuvor müſſen wir ihn zum General bringen, um den Preis für ihn ein⸗ zulöſen! Die Soldaten umringten ihn und drängten ihn nach der Thür hin, aber Eliſe durchbrach den Kreis. Mit glühenden Augen und ſieberhaft gerötheten Wan⸗ gen eilte ſie zu Feodor hin. Nein, ich laſſe Dich nicht! rief ſie mit der ganzen glühenden Gewalt der Liebe. Du gehſt in den Tod! Feodor küßte ſie leicht und lächelnd auf die Stirn. Ich fürchte nichts, ſagte er, das Glück verläßt einen tapfern Soldaten nicht! Er nahm Eliſens Hand und führte ſie zu ihrem Vater hin. * Mit einem langen’ beredten Blick ſchaute er ihn an. 1 . Hier, Vater Gotzkowsky, hier bringe ich Euch Eure Tochter! ſagte er, ſeid ihr ein beſſerer Vater, als Ihr mir ein Freund geweſen. Das ſei mein Lebewohl! Er neigte ſich vorwärts, als wolle er Gotzkowsky Abſchied nehmend umarmen und flüſterte leiſe: Ich hoffe, wir ſind quitt! Ich habe meine Schuld ge⸗ — 186— ſühnt! Ihr werdet jetzt Eure Tochter nicht mehr ſtrafen wollen um mein Verbrechen! Dann warf er den weißen Mantel um, rief Eli⸗ ſen, welche halb ohnmächtig an ihres Vaters Seite lehnte, noch ein zärtliches Lebewohl zu und trat in die Reihen der Soldaten zurück. Achtung! Schultert das Gewehr! kommandirte der Offizier. In geſchloſſenen Gliedern, den Gefangenen in ihrer Mitte, verließen die Oeſterreicher den Saal. XIX. Vater Gotzkowsky. Die Thür hatte ſich hinter den Enteilenden ge⸗ ſchloſſen, ſchweigend und befangen in tiefen Seelen⸗ ſchmerzen blieben Gotzkowsky und Eliſe zurück. Beide ſprachen ſie kein Wort, Beide ſtanden ſie unbeweglich, ſchweigend da und lauſchten. SieE hörten die Soldaten die Treppen hinunter eilen, ſie hörten das heftige Aufreißen der Hausthür, und vernahmen wie der Officier ſeinen auf der Straße harrenden Soldaten mit lauter Stimme die glück⸗ liche Gefangennehmung des Bombardiers verkündete. Ein Triumphgeſchrei der Oeſterreicher war die Antwort, dann hörte man das laute Commandowort des Officiers, daun den Tromelwirhel, der ſich im⸗ mer mehr entfernte, und endlich i der Ferne ver⸗ klang. W Alles war ſtill! Erbarmen, mein Gott, Erbarmen! Sie führen — 188— ihn zum Todel rief Eliſe mit herzzerreißendem Jam⸗ merton, und ſie ſank auf ihre Knie nieder und betete. Der tapfere Bombardier iſt gerettet! flüſterte Gotzkowsky ſtill in ſich hinein, und auch er faltete die Hände und blickte zum Himmel empor. War es ein Gebet des Dankes, oder des verzweiflungsvollen Vaterherzens, welches ſeine Lippen murmelten? Sein Antlitz hatte einen leuchtenden, erhabenen Aus⸗ druck, aber als er dann hinüber ſchaute zu ſeiner Toch⸗ ter, welche noch immer auf den Knieen lag, verdun⸗ kelten ſich ſeine Augen und ein ſchmerzliches Zucken ging durch ſeine Züge. Der Zorn war verraucht und nur grenzenloſe, er⸗ barmende Liebe erfüllte ſein Herz. Er empfand nur noch ein ſchmerzenreiches, trauriges Mitleiden mit dieſem armen, todesbleichen jungen Mädchen, das dort in Schmerzen zitternd am Boden lag. Seine Toch⸗ ter weinte, und ſein Herz erbarmte ſich ihrer, um ihr Alles zu verzeihen, um ſie zu tröſten und aufzurichten! Plötzlich erhob ſich Eliſe von ihren Knieen, und ſchritt mit flammenden Augen und erglühenden Wan⸗ gen zu ihrem Vater hin. Es lag etwas Imponirendes, Feierliches in ihrer ſtolzen Haltung, in ihrer ſeltſamen Ruhe, welche doch nur der durchſichtige Schleier war, hinter welchem man ihre tobenden Schmerzen und ihre leidenſchaft⸗ liche Erregung erkannte. Vater, ſagte ſie feierlich, und ihre Stimme klang kalt und rauh, möge Dir Gott vergeben, was Du. — — 189— gethan haſt! In dieſem Moment, wo vielleicht ſein Haupt fällt, wiederhole ich es Dir, ich bin unſchuldig! Dieſe ſtolze Ruhe legte ſich wie eine rauhe Hand 4* auf Gotzkowsky's Herz, und drängte alle die milden, vergebenden Gefühle wieder zurück in ſein Vaterherz. 1— Er erinnerte ſich wieder ſeiner Schmach, und der verletzten Ehre ſeiner Tochter. Du behaupteſt Deine Unſchuld, ſagte er, und hiel⸗ teſt Du nicht in der Nacht dort,— in Deinem Schlaf⸗ zimmer— einen Mann verborgen? Dennoch bin ich unſchuldig, mein Vater! rief Eliſe glühend. Lies es auf meiner Stirn, ſieh es in meinen Dir dreiſt begegnenden Ainen, ich bin un⸗ 4— ſchuldig! 4 Und ganz überwältigt von der bitteren und ver⸗ zweiflungsvollen Qual ihrer Seele, fuhr ſie immer erregter fort: Aber was kümmert dieſes Alles Dich! Nicht um meine Ehre war es Dir zu thun, nicht dieſe wollteſt Du rächen! Du wollteſt mich nur ſtrafen, weil ich gewagt, ein freies ſelbſtſtändiges Weſen zu ſein, weil ich gewagt, zu lieben, ohne Dich um die Erlaubniß gefragt zu haben! Der reiche Mann, vor dem ſich Alles beugt, dem Alles huldigt, weil er der Prieſter iſt dieſes mächtigen Götzen, welcher die Welt beherrſcht, der reiche Mann ſieht mit Entſetzen, das es doch noch ein Weſen giebt, das, nicht geblendet von ſeinen Schätzen, ein eigenes Laben, einen eigenen Willen, und ein Herz hat, dem er nicht gebieten kann! Und weil dies Weſen ſich nicht freiwillig beugt, ſo — 190— tritt er es in den Staub, unbekümmert, daß es ſein einziges Kind iſt! Eliſe, rief Gotzkowsky entſetzt, Eliſe, biſt Du wahnſinnig? Weißt Du, daß Du zu Deinem Vater 8 ſprichſt?— Aber ihr zerquältes Herz vernahm dieſe Mahnung nicht, und ſich nur erinnernd, daß ihr Geliebter viel⸗ leicht in dieſer Stunde durch ihres Vaters Schuld. den Tod erleide, ließ ſie ſich unaufhaltſam fortreißen von der heftigen Gewalt ihres Schmerzes. Sie be⸗ 4 gegnete dem flammenden Auge ihres Vaters mit 4 einem verachtenden Lächeln, und ſagte kalt: Oh ſieh 4 mich nur an! Ich fürchte Deine zornigen Blicke nicht! Ich bin frei, Du ſelbſt haſt mich erlöſt von dieſer 4 Furcht vor Dir! Du nahmſt mir den Geliebten, und 1 damit nahmſt Du Dir Dein eigen Kind! Oh mein Gott, ſagte Gotzkowsky leiſe, mein Gott, habe ich dies verdient? Und er richtete ſeine Augen mit einem rührenden Schmerzensausdruck auf ſeine Tochter hin. 4 Aber ſie war unerbittlich, der Kummer hatte ſie 4 raſend und grauſam gemacht. Oh, ſagte ſie triumphi⸗ 4* rend, jetzt will ich Dir Alles ſagen! Du ſollſt wiſſen, 4 was ich gelitten, wie ich gedarbt habe! 3 Eliſe, rief er ſchmerzvoll, gab ich Dir nicht Alles, was Dein Herz begehrte? Ja, ſagte ſie mit einem grauſamen Lachen, Du gabſt mir Alles, Du erfüllteſt jeden meiner Wünſche, und damit machteſt Du mich arm an Wünſchen, arm A — 191— an Freuden! Du nahmſt mir die Fähigkeit, Wünſche zu haben, denn Alles, noch ehe ich es begehren konnte, war mein. Ich brauchte nur die Hand auszuſtrecken, und es gehörte mir! Freudlos und einſam ſtand ich unter Deinen Reichthümern, und Alles, was ich be⸗ rührte, verwandelte ſich mir in hartes Gold! Des reichſten Mannes Kind beneidete die Bettlerin auf der Straße, für die es doch noch Wünſche, noch Hoff⸗ nungen, noch Entbehrungen gab! Gotzkowsky hatte ihr zugehört, ohne ſie mit einem Wort, einem Seufzer zu unterbrechen. Nur zuweilen war er ſich mit der Hand nach der Stirn gefahren, hatte er einen irrenden, zweifelnden Blick auf ſeine Tochter geworfen, als wolle er ſich überzeugen, daß dies Alles kein bethökender, wahnſinniger Traum, ſondern ſchmerzvolle, grauſame Wirklichkeit ſei! Als Eliſe jetzt hochathmend und zitternd vor Er⸗ regung einen Augenblick inne hielt, und er nicht mehr den ſchneidenden, gewaltſam auf ihn eindringenden Ton ihrer Stimme vernahm, preßte er beide Hände an ſeine Bruſt, als wolle er den Schmerzensſchrei eines ganzen, vernichteten Lebens zurück drängen! Oh mein Gott, murmelte er leiſe, das iſt ein Wehe⸗ gefühl ohne Gleichen! Das trifft in's Menſchen⸗ und Vaterherz! Eliſe fuhr nach einer Pauſe fort: Ich war auch eine Bettlerin, und ich ſchmachtete nach dem Brod Deiner Liebe! = 192— Eliſe, rief Gotzkowsky, mein Kind, Du weißt alſo nicht, daß ich Dich grenzenlos⸗ liebe? Aber ſie ſah nicht die zärtlichen faſt flehenden Blicke, welche ihr Vater auf ſie richtete, ihr Auge war inwärts gekehrt, und nur ihrer eigenen qualzer⸗ riſſenen Seele war ſie ſich bewußt. Ja, ſagte ſie, Du liebteſt⸗mich, ſo wie man ein Kleinod liebt, das man in Gold faßt, um es noch glänzender zu machen! Du liebteſt mich, wie einen koſtbaren Aufputz Deiner Zimmer, wie ein Ding, das 4 Dir Gelegenheit bot, Dich immer im Glanz Deiner Großmuth zu zeigen, und das Füllhorn Deines be⸗ rühmten Reichthums auszuſchütten! Aber Du liebteſt mich nicht wie ein Vater, Du ſahſt nicht, ob ich ⸗ heimlich geweint hatte, oden⸗ wenn Du's ſahſt, gabſt Du mir Brillanten, um mich zu tröſten, koſtbare Kleider, um mich lächeln zu machen, aber kein Vater⸗ herz! Da endlich findet des reichen Mannes Kind ein Glück, das Gold und Sch ihr nicht zu bieten ver⸗ mögen, das ihres Vaters 9 Killionen ihr nicht kaufen können, dies Glück,— es iſt die Liebe! Das einzige Eigenthum, Vater, was wider Deinen Willen mein geweſen, das haſt Du mir grauſam entriſſen, weil es wider Deinen Willen mein war! Jetzt Du reicher armer Mann, nimm all Dein Gold, und ſuche und kaufe Dir dafür ein Kind! Mich haſt Du verloren! Und mit einem leiſen Aechzen zurücktaumelnd, ſchloß ſie ihre Augen, und ſank ohnmächtig auf den Teppich nieder. 6 8 5 6 4————— — 193 Eine fürchterliche Stille herrſchte jetzt in dieſem Gemach. Gotzkowsky ſtand unbeweglich mit gen Him⸗ mel gerichteten Blicken da. Vor ſeinem innern Ohr erklangen fort und fort die grauſamen, höhnenden Worte ſeines Kindes und ſchienen all ſeine Willens⸗ kraft in Stein zu wandeln, und ihn ſtarr und ge⸗ lähmt an den Boden zu feſſeln. Allmälig erholte er ſich aus dieſer Apathie ſeines Schmerzes. Es erwachte das in ſeinen Adern erſtarrte Blut, und ſchoß wie ein brennender Feuerſtrom zu ſeinem Herzen hin. 4 Er neigte ſich zu ſeiner Tochter nieder und ſchaute ſie lange an, und ſeine Züge wurden immer weicher, immer milder. Er ſtrich ihr leiſe mit der Hand die Locken von der klaren, hohen Stirn, und wie er es that, lächelte er faſt wieder, ſo ſchön und liebreizend fand er ſie in dieſer todesähnlichen Ruhe! Sie iſt ohnmächtig, flüſterte er leiſe, als fürchte er ſie zu wecken. Wohl ihr, und möge ſie, wenn ſie erwacht, alle die grauſamen Worte, welche ſie mir geſagt, vergeſſen haben! Er legte ſeine Hand auf ihr Haupt, als wolle er ſie ſegnen, und Liebe und Vergebung ſprach aus ſei⸗ nen Blicken. Ein unendlicher Frieden hatte ſeine ganze Geſtalt durchdrungen. Er verzieh ihr jetzt alle Qual, alles Leid, das ſie— ihm zugefügt, er verzieh ihr dieſe Vorwürfe, dieſe un⸗ gerechten Beſchuldigungen, und mit einer erhabenen Rührung den Blick zum Himmel wendend, ſagte er: Gotzkowsky I. 13 Du ſiehſt mein Herz, o Gott, Du weißt, daß auf dem Grunde deſſelben nur die Liebe wohnt! Nur die Liebe zu meinem Kinde! Und mein Kind glaubt nicht an mich! Ich habe gearbeitet, ich bin reich geworden, habe Schätze geſammelt,— nur für ſie! An mein Kind dachte ich, wenn ich lange, öde Nächte in ſchwie⸗ rigen Berechnungen an meinem Pult ſaß! An meine Tochter erinnerte ich mich, wenn ich ganz ermattet, und faſt erdrückt war von der Laſt dieſer Arbeit! Sie ſollte glücklich, ſie ſollte reich und groß wie eine Fürſtin werden! Darum arbeitete ich! Es blieb mir keine Zeit mit ihr zu ſcherzen, weil ich für ſie arbeitete wie ein Sclave! Und das, fuhr er mit einem ſchmerz⸗ vollen Lächeln fort, das macht ſie mir zum Vorwurf! Ich habe nichts, an das ich glaube, nichts als mein Kind! Und mein Kind glaubt nicht an mich! Die Welt beugt ſich vor mir, und ich bin der ärmſte und elendeſte Bettler! Ueberwältigt von dieſen bitteren Schmerzen, welche jetzt auf ſeine Bruſt einſtürmten, ſenkte er ſein Haupt in ſeine Hand und weinte bitterlich. Dann nach einer langen Pauſe richtete er ſich wieder hoch empor, und ſchüttelte mit entſchloſſenem Ausdruck die Thränen aus ſeinen Augen fort. Genug jetzt, genug! ſagte er laut und feſt, meine Pflicht ſoll mich aus dieſen Qualen befreien, ich muß für ſie ſorgen! Er zog die Klingel und befahl den eintretenden Dienerinnen die Ohnmächtige aufzurichten, und in ihr Zimmer zu tragen. 4 Häuſer in Brand! Rettet uns! — 195—* Aber als die Mädchen den Kammerdiener auffor⸗ derten, ihnen behülflich zu ſein, und die ohnmächtige Gebieterin empor zu heben, drängte Gotzkowsky ſie Alle zurück und trug ſie ſanft und leiſe, zärtlich und ſorgſam wie eine Mutter zu einem Seſſel hin, auf den er ſie niedergleiten ließ. Nun betrachtete er ſie lange, und drückte einen inbrünſtigen Kuß auf ihre Stirn. Eliſe begann ſich zu regen, ihre Wangen über⸗ hauchten ſich mit einem leichten Roth, ſie öffnete die Augen. Sofort trat Gotzkowsky zurück und winkte den Dienerinnen, Eliſe in ihr Gemach zu tragen. Er blickte ihr nach bis ſie verſchwunden war, und den thränenfeuchten Blick gen Himmel richtend, ſagte er leiſe: Mein Kind! Ich habe ſie verloren! Oh ich bin ein armer, beklagenswerther Vater! Mit einem tiefen Schmerzenslaut ſchlug er die Hände vor ſein Angeſicht und man hörte nichts als das qualvolle Aechzen dieſes in Schmerzen ringenden Vaterherzens. Plötzlich ertönte von draußen her lautes Jammer⸗ geſchrei und angſtvolles Hülferufen. Es kam näher und näher, es erreichte jetzt Gotzkowsky's Haus, und erfüllte deſſen Gänge und Hallen. Es war nicht das Jammergeſchrei eines Einzelnen, vielfach ertönte es klagend und wimmernd, kreiſchend und heulend. Hülfe! Hülfe! Erbarmt Euch! Rettet uns! Die Oeſterreicher hauen uns nieder! Sie ſtecken unſere Gotzkowsky ließ die Hände von ſeinem Geſicht gleiten, und horchte. Was war das? Wer ruft um Hülfe? fragte er träumeriſch, noch befangen in ſeinen eigenen Qualen, kaum der Wirklichkeit ſich bewußt. Aber auf einmal zuckte er zuſammen, und aus ſeinen Augen ſprühte 1 wieder Muth und Leben. Achl rief er laut, die Menſch⸗ 1 * heit leidet, und ich dachte nur an meinen Schmerz!— Ich kenne dieſe Stimmen, es ſind die Kinder und Weiber meiner Arbeiter, es ſind die Bedrängten und Armen der Stadt, welche mich rufen! Das Volk be⸗ 5 darf keiner! Auf Gotzkowsky, gieb ihnen Dein Leben, gieb ihnen Dein Herz! Verſuche es, den Unglücklichen Vater zu ſein, dann biſt Du nicht arm an Kindern! Draußen tönte fort und fort das Wehegeheul und das Hülfegeſchrei, und jammernde und zitternde Wei⸗ 2 ber und rührende Kinderſtimmen riefen laut Gotz⸗ kowskys's Namen, flehten und baten: Gotzkowsky, hilf uns! Erbarme Dich unſrer, Vater Gotzkowsky! Vater! rief Gotzkowsky, den ſtrahlenden, begei⸗ 4 ſterten Blick gen Himmel hebend. Sie nennen mich Vater, und ich beklage mich! Auf zu meinen Kin⸗ dern, die mich lieben, und die meiner Liebe bedürfen! Ende des erſten Bandes. Druck von Eduard Krauſe in Berlin. Minnnnnnnennſnſſſſſiſſſſſſſſſſſſiſſſſſſſnſſſſn 1 1 12 13 14 15 1 1 0 1 6 7 18