☛η— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. V Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 8 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für wöchentlich 2/ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3—. 17 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Frau von Cocceji.......... 128 ,„VIII. Voltaire.......... 141 „ INX. Ein Tag aus dem Leben Voltaires.... 158 „ X. Ein Liebesopfer........... 186 . XI. Barberina............. 204 „ XII. Intrignen............. 219 . XIII. Der letzte Streit.......... 233 I. Das Verſprechen. Es war ein wundervoller Sommertag. Die ganze Natur ſchien wie in einem heitern Lächeln des Glückes und der Liebe aufzuthauen zu dieſem klaren blauen geheimnißvollen und doch ſo verheißungsvollen Him⸗ mel, der ſich über ihr wölbte, und ſich in den rau⸗ ſchenden Flüſſen und den murmelnden Bächen wieder⸗ ſpiegelte, und die im lauen Weſtwind ſich ſchaukelnden Bäume und die mit ihren vollen geöffneten Kelchen träumeriſch emporſtarrenden Blumen mit ſeinem hell⸗ ſten Liebesſtrahl zu grüßen ſchien. Oben auf der Terraſſe von Sansſouci ſtand der König und blickte mit leuchtenden Augen auf dieſes wundervolle Panorama hin, das ſich da zu ſeinen Füßen entfaltete, und das nicht bloß Gott und der Natur, ſondern auch dem Geſchmack und dem Kunſt⸗ ſinn des Königs ſeine Entſtehung verdankte. Der Kö⸗ nig war allei r befand ſich auf ſeinem Schloſſe Sansſouci, t, er hatte für einige ſchöne Stun⸗ den die Laſt den Glanz ſeines Königthums ab⸗ geſtreift, und war jetzt nur der Philoſoph, der Sohn der Muſen und des Epieur, der Gelehrte, der Weiſe, 28 14 — 4 8 der Freund, mit einem Wort, wie er ſich gern ſelber 1 nannte— der Abt von Sansſonci. Wenn der König ſein Lieblingshaus, ſein Sans⸗ ſouci bezog, ließ er am Fuße dieſes reizenden Hügels, 9. das ſeinem Hauſe als Fundament diente, dieſes ganzee 4 Gefolge von Ehre, Sorge, Herrlichkeit und Kümmer⸗ G niſſen zurück, das die Könige auf allen Wegen zu be⸗ gleiten pflegt; mit jedem Schritte aufwärts, den er auf den Terraſſen that, erheiterte ſich ſein Antlitz mehr und mehr; er athmete freier und leichter auf, wie Einer, der ſeine Bruſt von einer ſchweren und er⸗ drückenden Laſt befreit fühlt, und aus dem Thale der Sorgen und Mühe ſich emporhebt zu den Bergen, wo die Luft reiner und heiterer, und der Menſch dem Gottesfrieden der Schöpfung näher iſt. Das war Friedrich wirklich, wenn er dieſe Ter⸗ raſſen emporſtieg, und oben angelangt, begrüßt von— der im Sonnenglanz lenchtenden Inſchrift ſeines Hau⸗ 3 ſes, begrüßt von dieſen zwei ſo lakoniſchen und ſo inhaltsreichen Worten„Sansſouci“, fühlte der Kö⸗ nig, daß dieſelben ſich wie ein heiteres Lächeln auf ſein Antlitz niederſenkten, die Falten und Sorgen, welche das Königthum auf ſeine Stirn gepreßt, glätte⸗ ten, ſeinen Mund wie mit dem Kuß eines Freundes küßten, und ſein Herz, welches zuweilen ſich ſo matt und gelangweilt fühlte, wieder friſcher und kräftiger ſchlagen machte. Dann war er wieder Er ſelber, das heißt der muthige Held, der weiſe, die Menſchen lie⸗ bende Herrſcher, der gerechte König, der liebevolle Menſch, der edle, treue Freund, d iſtvolle, heitere, ſarkaſtiſche Geſellſchafter, der ſich ſten fühlte im Kreiſe einer heitern angeregten und anregſamen Tiſchgeſellſchaft, gleichviel, ob dieſelbe aus Fürſten und hohen Herren, oder aus Gelehrten, Künſtlern und * ein genütendes Diplom, um Demjenigen, welchem es inne wohnte, das Prädikat„hoffähig“ zu verleihen, und wenn der König, um dieſes Diplom für jedes o ſo blöde Auge ſichtbar zu machen, dem Genie noch außerdem gern ein Adelswappen und eine Gra⸗ fenkrone umhing, ſo wollte er vielleicht dadurch nicht ſo ſehr das Genie, als ſeine Edelleute ehren, denen er die Leute von geiſtigem Adel und geiſtiger Größe als Ihresgleichen zuführte.— So hatte er den geiſt⸗ reichen Algarotti zum Grafen, den witzigen, feinbeob⸗ achtenden Herrn von Bielfeld zum Baron, den mu⸗ thigen, geiſtvollen Chazot zum Grafen erhoben, ſo endlich hatte er Voltaire den Kammerherrnſchlüſſel geſandt, damit der Etiquette Genüge geſchähe, und die Freunde Friedrichs, des Philoſophen von Sansſonci, auch die Genoſſen und Geſellſchafter des Königs von Preußen in ſeinen prachtvollen Schlöſſern, und in⸗ mitten der königlichen Prinzen und Prinzeſſinnen und ſeines hohen Adels ſein dürſten. Von all dieſen Vorurtheilen und Berechnungen wußte der König nichts mehr, ſobald er ſein Sans⸗ ſonci betrat. Da wollte er vergeſſen, daß er der Kö⸗ nig ſei, da geſtattete er das ſogar ſeinen Freunden, vorausgeſetzt nur, daß ſie ſich immer der Achtung und Berückſichtigung erinnerten, welche man dem Manne von Genie und großer Begabung ſchuldig iſt. Frei⸗ lich hatten Manche ſeiner Freunde dieſes Privilegium und dieſe Freiheit, welche der Philoſoph von Sans⸗ ſouci ſeinen Gäſten geſtattete, gemißbraucht, und Fried⸗ rich hatte dann wider ſeinen Willen ſich genöthigt ge⸗ ſehen, mit dem zornigen und gebieteriſchen Blick eines — Fnigs die allzuvertrauliche Zudringlichkeit, und die rückſichtsloſe Ungenirtheit ſeiner Genoſſen in Dichtern beſtand. Das Genie war für Friedrich i mmer ihre Schranken zurückzudrängen, aber es gab da auch Einige, welche niemals eine ſolche Rüge und einen⸗ ſolchen Königsblick verdient hatten, bei denen Friedrich 3 immer gewiß ſein konnte, niemals von der Vertrauu lichkeit die Achtung vor dem Königthum gefährdet zu 5 ſehen, und nicht nöthig zu haben in ſeinem König⸗ d ſchloſſe zu Berlin ein Betragen desavouiren zu mü ſen, das er in Sansſouci geſtattet hatte. 3 Einer von dieſen ſtets rückſichtsvollen, ſtets erge⸗ benen, ſich immer gleichbleibenden, ſich niemals ver⸗ leugnenden Freunden war der Marquis d'Argens. Der König, inmitten ſeines glänzenden Gefolges und ſeiner irdiſchen Herrlichkeit, ließ den Marquis niemals den Philoſophen von Sansſouci vergeſſen, den er liebte, nicht weil er ein König, ſondern weil er für ihn der größte, der erhabenſte und liebenswertheſte— aller Menſchen war; aber bei dem einfachen, heitern und anſcheinend ſo ſorgloſen Philoſophen von Sans⸗ ſouci vergaß der Marquis ebenſowenig, daß hinter demſelben der machtvolle und gewaltige König ver⸗ borgen ſei. Friedrich hatte daher zu dieſem Genoſſen ſeiner „Confidenztafel“ das größte Vertrauen, er geſtattete ihm mehr Vorrechte, als irgend einem Andern ſeiner Freunde, und der Marquis war bis jetzt der Einzige, 6 welcher, wenn der König in Sansſouci wohnte, nicht 4 blos als Gaſt nach Sansſouci geladen ward, ſondern auch daſelbſt ſeine Wohnung und ſein Nachtquar⸗ tier fand, während die übrigen Freunde entweder in dem Cavalierhauſe oder im Schloſſe zu Potsdam lo⸗ girt wurden. So war es geweſen, ſeit dieſen vier Jahren, daß Friedrich ſeinen„Weinberg“ bewohnte, ſeit jenem— Tage, mit welchem wir den dritten Band diee— — derungen geſchloſſen haben. Man verzeihe es, wenn wir von der Freiheit des Dichters Gebrauch machend, dieſe vier Jahre überſpringen, und dieſen vierten Band it dem Jahre 1750 beginnen, mit demjenigen Jahre, welches die Geſchichtſchreiber gewohnt ſind, als das glücklichſte und ſonnenhellſte Jahr in dem Leben Kö⸗ nig Friedrichs des Zweiten zu bezeichnen.— Aber man weiß wohl, daß das Glück immer nur der ſchö⸗ nen Purpurroſe gleicht, welche, trotz ihrer Schönheit, mit der ſie uns erfreut, doch immer auch ihre Dornen hat, mit denen ſie uns verwundet, man weiß wohl, daß der ſonnenhellſte Tag nicht blos in den Gärten und Luſthainen, ſondern auch auf den Gräbern Blu⸗ men ſprießen macht, und wenn wir dieſe Letzteren pflücken und damit unſer Haupt bekränzen, wer will dann entſcheiden, ob wir das thun aus Freude an der Gegenwart oder aus treuer Anhänglichkeit an die Vergangenheit. Der König allerdings ſchien glücklich und heiter, aber dieſe vier Jahre, in denen wir ihn nicht geſehen, waren doch nicht ſpurlos an ſeinem Haupte vorüber⸗ gegangen, ſie hatten einen leiſen Schatten auf ſeiner hohen Stirn zurückgelaſſen und ſeinen ſonſt ſo lächeln⸗ den und jugendlichen Lippen einen mehr geſchloſſenen und ſtrengen Ausdruck gegeben. Der jetzt achtund⸗ dreißigjährige König war noch immer der edle ſchöne Mann, aber von ſeinem Antlitz war der Sonnenſchein gewichen, und ſein Auge, welches ſehr wohl noch die Blitze des Zeus zu ſchleudern wußte, hatte nicht mehr jenes ſanfte bezaubernde Feuer, mit welchem die Göt⸗ ter ſelbſt nur von der Venus begnadigt werden konn⸗ ten.— Gleich dem Polykrates hatte der König, um ſein Geſchick zu verſöhnen, das Liebſte, was er hatte, in's Meer geſchleudert, aber er war dadurch um ſein ſchönſtes Juwel, er war um die Liebe ärmer gewor⸗ den, und wenn auch vielleicht die Krone auf ſeinem Haupte dadurch feſter ſaß, ſo hatte doch ſein Herz eine Wunde empfangen, welche wohl vernarbte, aber in ihrer Vernarbung gerade ſein Herz zu verhärten be⸗ ann. 3 Aber nicht an dieſe zurückgelegten vier Jahre, nicht an deren heimliche Schmerzen und von Niemanden gewahrte Enttäuſchungen und Reſignationen dachte der König, als er jetzt verklärt vom Glanz der Abend⸗ ſonne auf der Terraſſe von Sansſouci ſtand, und das herrliche Panorama, das ihn umgab, mit ſtrahlendem Auge überſchaute. Das iſt ſchön, wirklich ſchön, ſagte er zu ſich ſel⸗ ber, und ich denke, Voltaire wird finden, daß die Sonne in Sansſouci faſt eben ſo warm, wie in Cirey ſcheint, und daß man hier auch heiter und zufrieden leben kann, wenn wir hier auch keine divine Emilie haben, welche abwechſelnd mit Kindern und mit ge⸗ lehrten Büchern in die Wochen kommt.*) Ach, ich wollte, er wäre erſt hier, denn ſo lange ich ihn nicht ſehe, glaube ich nicht an ſein Kommen. *) Voltaire lebte ſeit zehn Jahren in Cirey bei ſeiner Freun⸗ 4 din, der Marquiſe Emilie du Chatelet Lamont, einer ſehr gelehr⸗ ten Dame, welcher Voltaire ſo ſehr ergeben war, daß er, um ſich 2 nicht von ihr trennen zu müſſen, die Einladungen des Königs, 2* nach Sausſouci zu kommen, immer ausſchlug. Im Jahre 1749 gebar die Marquiſe nach zwanzigjähriger Ehe, in ihrem fünfund⸗ vierzigſten Jahre, ihr erſtes Kind. Zwei Stunden nach der Ge⸗ burt ihres Sohnes ſetzte ſie ſich an ihren Schreibtiſch, um eine an⸗ 1 gefangene pbiloſophiſche Abhandlung über das Newton'ſche Natur⸗ ſyſtem zu vollenden. Die Folge davon war, daß ſie erkrankte, und zwei Tage nachher am Kindbettfieber ſtarb.— Erſt nach ihrem Tode nahm Voltaire die Einladung des Königs, nach Sansſouci zu kommen, an. — 9— In dieſem Augenblick bemerkte der König neben ſich den Schatten einer menſchlichen Geſtalt, den die Abendſonne zu einer wahren Rieſenlänge über die Terraſſen hinzog. Der König wandte ſich haſtig um, und begrüßte mit einem freundlichen Kopfneigen den Marquis d'Argens, der eben aus dem Schloſſe ge⸗ treten war, und ſich eilig dem König näherte. Sie ſind liebenswürdig, Marquis, ſagte der Kö⸗ nig lächelnd. Sie ſind ſo ſchnell von Ihrer Fahrt nach Berlin zurückgekehrt, daß man wahrhaftig mei⸗ nen ſollte, die Liebe habe Ihnen ein Paar Flügel ver⸗ liehen, um ſchneller hier zu ſein.— Der Marquis ſtutzte ein wenig, das glückliche Lä⸗ cheln verſchwand für einen Moment aus ſeinem An⸗ geſicht, und er warf einen faſt erſchreckenden Blick auf das Antlitz des Königs. Dies indeſſen trug nur den Ausdruck der Heiterkeit und des Wohlwollens, und nicht die kleinſte Spur einer Drohung war in ſeinen Blicken. Der Marquis nahm daher wieder ſeine heitere Miene an. Gewiß, ſagte er, hat mir die Liebe Flü⸗ gel verliehen, denn ſie wußte wohl, daß ich zu dem Gegenſtand meiner heißeſten und aufrichtigſten Anbe⸗ tung, daß ich zu Euerer Majeſtät zurückkehren wollte, und wär's auch nur, um zu Ihren Füßen ein Füll⸗ horn von Neuigkeiten auszuſchütten. Ach, es giebt alſo etwas Neues, ſagte der König heiter. Sehen Sie alſo, wie Recht ich gethan habe, Sie als Geſandten an dieſe erhabene Göttin Fama abzuſenden. Sie hat Ihnen einige Geſchenke für mich mitgegeben. Laſſen Sie alſo ſehen, worin dieſelben beſtehen! AZuerſt dasjenige, von dem ich leider weiß, daß es Euerer Majeſtät als das köſtlichſte Kleinod erſcheinen — 10— wird.— Voltaire iſt in Berlin angekommen, und wird morgen in der Frühe hier ſein. Des Königs Antlitz ſtrahlte vor Vergnügen, aber er war zartſinnig genug, jede Aeußerung ſeiner Freude zurückzuhalten. Sie fügen Ihrer Nachricht das Wort „leider“ hinzu? fragte er. Sie bedauern es alſo, daß Voltaire zu mir kommt? Der Marquis ſchwieg eine Weile, und ſenkte ge⸗ dankenvoll ſein Haupt. Als er es dann wieder em⸗ porhob, leuchtete es in ſeinen Augen wie eine Thräne. Ja, ſagte er, ich bedauere es, Sire, ich bedauere es, wie man am Abend eines wundervollen Tages den Untergang der Sonne, wie ſchön er immer ſein mag, doch mit Wehmuth und Bedauern begrüßt, weil man nicht weiß, ob der Tag, welcher da kommen wird, dem ſchönen Tage, welcher eben zu Ende geht, gleichen wird. Sire, morgen geht über Sansſouci eine neue Sonne auf und ſie bringt einen neuen Tag. Ich beklage den, welcher heute zu Ende geht! Eiferſüchtig! ſagte der König kopfſchüttelnd, indem er die Hände auf dem Rücken faltete, und langſam und ſchweigend am Rande der Terraſſe auf und nie⸗ der ging. Der Marquis ſchaute ihm mit traurigen Blicken zu, und wagte es nicht, ungerufen an ſeine Seite zu treten. Plötzlich blieb der König vor ihm ſtehen und legte ſeine Hand auf die Schulter des Marquis. Sie ha⸗ ben Recht, ſagte er, es beginnt morgen für uns Alle hier ein neuer Tag, und eine neue Sonne wird über Sansſouci emporleuchten. Aber ich fürchte, daß dieſe Sonne ſich ſehr bald unter Wolken verbergen, und daß der neue Tag vielleicht ſehr ſtürmiſch endigen wird. Voltaire iſt das letzte Ideal meiner Jugend⸗ jahre! Gebe Gott, daß ich es nicht auch als ein zer⸗ 41— fetztes Zerrbild zu den andern werfen muß! Gebe Gott, daß der Menſch Voltaire nicht den Genius Voltaire von dem Altar hebt, den ich ihm mit bereit⸗ willigen Händen in meinem Herzen errichtet habe, und daß der Cyniker und Geizhals Voltaire nicht die⸗ ſen Altar zerſtört, um in ſeinem Fundament nach einigen Goldſtücken und Pretioſen zu wühlen. Ich habe eine ſchlimme Ahnung, als ob es ſo kommen müßte, und als ob die Trümmer des zerſtörten Al⸗ tars zerſchmetternd auf mein eigenes Herz zurückfallen würden. Denn was Ihr auch immer ſagen mögt, und wie ſehr die Menſchen daran genagt und gerüttelt haben, ich habe noch immer ein Herz! Und welch ein edles, großes und ſchönes Herz! rief d'Argens tief bewegt. Welch eine Fülle von Liebe, von Poeſie, von Großmuth und Erbarmen iſt in dem Herzen meines Königs. Davon, Marquis, dürfen Sie Voltaire nichts ver⸗ rathen, ſagte der König lächelnd, denn ich fürchte, er würde mich um Deswillen verſpotten, und ſeine giftige Satyre, wie er es ſchon ein Mal gethan, über mich ergießen. Voltaire iſt geizig! Das gefällt mir nicht! Denn der Geiz iſt ein unedler Roſt, welcher das edelſte Metall zuletzt verdunkelt und unkenntlich macht. Die Geizigen zudem lieben nichts als Sich Selber, und ſo fürchte ich, kommt Voltaire nicht zu mir, weil er mich liebt, ſondern weil ich ihm ein bedeutendes Jahrgeld zugeſichert, und ihm auf ſein Verlangen vier⸗ tauſend Thaler Reiſegeld geſandt habe. Jetzt, Sire, thun Sie ihm Unrecht, rief der Mar⸗ quis, mehr noch, Sie thun Sich ſelber Unrecht. Vol⸗ taire iſt groß und genial genug, um nicht auf Ihre Krone, ſondern auf die Stirn, welche ſie trägt, zu blicken, und er betet Sie an, nicht weil Sie der — 12— König, ſondern weil Sie der große, erhabene Mann, weil Sie der Held, der Dichter, der Gelehrte und Philoſoph und endlich auch der edle Menſch ſind! Ah, was für ein Kind Sie noch immer ſind, Mar⸗ 4 quis, ſagte Friedrich mit einem wehmüthigen Lächeln. Sie glauben noch an die uneigennützige Zuneigung der Menſchen untereinander? Aber freilich, Sie haben wohl ein Recht dazu, denn Sie zum Mindeſten ſind einer ſolchen Zuneigung fähig, und ich bin wahrhaftig eitel genug zu glauben, daß Sie mir dieſelbe zugewandt haben.. Gott ſei gelobt für dieſes Wort, rief d'Argens freu⸗ deſtrahlend. Jetzt mögen Voltaire und die ſieben Wei⸗ ſen, jetzt möge meinetwegen Vater Abraham ſelber kommen, Ihr Iſaak fürchtet Niemand mehr, denn mein Kon glaubt an mich und meine anbetungsvolle Zärt⸗ 3 lichkeit. 4 Ja, ſagte der König, noch glaube ich an Sie, und ſchlimm wär's, wenn auch Sie mich eines Tages ent⸗ täuſchen wollten, denn ich würde dann keinem Men⸗ ſchen mehr glauben. Ihr gutes Geſicht, und— daß ich's Ihnen ſage— auch Ihre Liebe ſind mir noth⸗ wendig, und ich denke, ich werde dieſelbe zuweilen als das Perſeusſchild benutzen, um es dem Meduſenantlitz entgegen zu halten, zu welchem die ganze Menſchheit und die ganze Welt ſich mir immer mehr und mehr 4 verzerrt. Sie dürfen mich daher niemals verlaſſen, 1 Sie müſſen immer bei mir bleiben. Ich bedarf Ih⸗ 4 rer guten Augen, Ihres heitern Lächelns, Ihrer kin⸗ diſchen Thorheiten und Ihrer weiſen Erfahrungen. Ich bedarf eines Pylades, denn ich glaube wohl, daß ein Stückchen Oreſtes in mir verborgen iſt. Nun alſo, Pylades, ſchwören Sie mir, daß Sie mich niemals verlaſſen, daß Sie von heute an kein anderes Vater⸗ — land mehr haben wollen, als Preußen, keine andere Heimath, als Potsdam und Sansſoucil! Ah, Euere Majeſtät fordern zu viel, rief d'Argens mit Thränen in den Augen. Ich kann mein Vater⸗ land nicht abſchwören, ich kann meine Provence nicht verleugnen. Sie wiſſen es wohl, Sire, daß es mir damit geht, wie dem Schweizer mit ſeinem Kuhreigen. Wenn er ihn in ſeiner Heimath hört, ſo hüpft ihm das Herz vor Freuden, und wenn er ihn in der Fremde vernimmt, ſo füllen ſich ſeine Augen mit Thränen. So geht es mir mit der beau soleil de ma Provence. Schon die Erinnerung an ſie erwärmt mir das Herz, und ich meine, wenn ich dereinſt als ein alter erkalte⸗ ter Greis meine ſchöne Heimathsſonne wiederſehe, ſo werde ich wieder jung und wieder warm werden. Wollen Euere Majeſtät daher nicht verlangen, daß ich auf immer meiner Heimath entſage. Sie lieben Ihre Sonne der Provence alſo doch mehr als mich? ſagte Friedrich mit einem leichten Stirnrunzeln.* Oh, Euere Majeſtät ſagen das, und doch habe ich ihr den Rücken gewandt und jauchze vor Glück, wenn die Sonne des Nordens einen Strahl ihres Auges auf mich fallen läßt! Sire, laſſen Sie mein Leben mich im Glanze der Sonne des Nordens hinbringen, aber geſtatten Sie mir die Gnade, unter der Sonne meiner Heimath ſterben zu dürfen! 2 Sie ſind ein wunderlicher Mann, ſagte Friedrich lächelnd. Wie wollen Sie denn wiſſen, wann Sie ſterben werden, und wann es alſo Zeit für Sie iſt, nach der Provence zurückzukehren? Man hat mir einſt prophezeit, ich würde ſehr alt werden, und Euere Majeſtät wiſſen wohl, daß ich an Prophezeihungen glaube. 14— Was nennen Sie alt, Marquis? Zacharias war bekanntlich achtzig Jahre, als ihm ſein jungfräuliches ſiebenzigjähriges Weib ihr erſtes Kind gebar. Gott behüte mich vor ſolcher überreifen Jugend und ſolchem jungfräulichen Weibe, Sire. Ich bin's zufrieden, wenn mein Herz noch jung bleibt bis zu meinem ſiebenzigſten Jahr, und noch Kraſt bis dahin hat, Eunere Majeſtät zu lieben und ſich Ihrer Größe zu freuen. Dann aber, Sire, dann werde ich alt werden und kalt, und dann iſt's Zeit, daß meine Hei⸗ mathsſonne mich und mein Grab erwärmt. Sire, wenn ich ſiebenzig Jahre alt bin, dann erlauben Sie Ihrem treueſten und ergebenſten Unterthan, ſich wieder zu erinnern, daß Frankreich ſein Vaterland iſt, und dort ſein Grab zu ſuchen, wo ſeine Wiege geſtanden hat. Siebenzig Jahre! Und wie alt ſind Sie jetzt? ALb, Sire, ich bin noch jung, erſt ſechsundvierzig Jahre. Sie ſehen alſo wohl, daß ich nur einen Vor⸗ wand ſuchte, um mir von Euerer Majeſtät zu erbitten, eine halbe Ewigkeit zu Ihren Füßen ſitzen und Sie anbeten zu dürfen! Sechsundvierzig Jahre! Das macht alſo vierund⸗ zwanzig Jahre, die Sie bei mir ausharren wollen. Vierundzwanzig! Ich werde dann zweiundſechszig Jahre alt ſein, das heißt, ich werde ein verknöchertes Herz, eine unerſchütterliche Menſchenverachtung und gar keine Illuſionen mehr haben. Marquis, ich glaube, daß ich Sie alsdann entbehren kann! Sei's alſo drum, Sie bleiben bei mir, bis Sie ſiebenzig Jahre alt ſind. Ihr Wort darauf, Marquis?— Ah, haben Euere Majeſtät vielmehr die Gnade, mir zu verſprechen, daß Sie mich nicht früher gehen heißen wollen! 3 Ich verſpreche es Ihnen, und ich habe alſo Ihren Schwur dagegen? 3 Sire, Sie haben ihn! An dem Tage alſo, wo ich mein ſiebenzigſtes Jahr antrete, werde ich Euerer Ma⸗ jeſtät meinen Taufſchein ſchicken, welcher dann zu⸗ gleich mein Todtenſchein ſein wird. Sie werden dann ſagen:„der Marquis d'Argens iſt todt“, und ich werde hingehen, mich in der Provence begraben zu laſſen.*) Und vorher, nicht wahr, werden Sie devot und religiös werden? Ja, Sire, ich werde auf das Devoteſte alle Ihre Güte für mich anerkennen, ich werde der religiöſeſte Anbeter alles Deſſen ſein, was Euere Majeſtät zum Wohl der Menſchheit, der Wiſſenſchaft und des Ruhms gethan haben und thun werden! Gut! Aber es giebt in dieſer Welt noch eine an⸗ dere Religion, der Sie bis jetzt nicht mit großem Eifer anhangen. Werden Sie damit endigen, die Maske der⸗ ſelben vorzunehmen, und ſich ihren Satzungen, die Sie indeß Ihr ganzes Leben hindurch bekämpft ha⸗ ben, zu unterwerfen? Werden Sie ſogar, wenn Sie dem Tode nahe ſind, dieſe Ceremonien beobachten, welche Ihre Religion Ihnen vorſchreibt? Der Marquis antwortete nicht ſogleich. Er ließ ſeine Blicke über das ſchöne herrliche Panorama zu ihren Füßen hinſchweifen, auf welches eben die Sonne ihre letzten glühenden Purpurſtrahlen ergoß. Da iſt Gott, Sire, vief er begeiſterungsvoll, da iſt er gewiß und ſicherlich! Warum ſind die Menſchen es nicht zu⸗ frieden, ihn anzubeten, wo ſie gewiß ſind, ihn zu fin⸗ *) Thiébault. Vol. V. pag. 360. den! Warum ſuchen ſie ihn in einem Hauſe von Stein und—. Und in einer Oblate von Mehl und Waſſer, unter⸗ brach ihn der König. Sagen Sie, werden Sie ihn da auch eines Tages ſuchen, Marquis? Ja, Sire, ſagte d Argens nach kurzem Beſinnen. Ich werde mich dazu entſchließen, aus Freundſchaft für meinen Bruder und aus Intereſſe für meine Fa⸗ milie. Das heißt alſo, daß Sie die Intereſſen der Phi⸗ loſophie verrathen, daß Sie ihr ungetreu werden wol⸗ len? Es wird ſo ſcheinen, Sire, aber kein Mann von Geiſt und Ueberlegung wird ſich von dieſer anſcheinen⸗ den Untreue dupiren laſſen; wenn die Rolle, die ich ſpielen werde, Anfangs auch nicht noble und würdig erſcheinen mag, ſo wird man ſie doch um der Motive willen, die mich dazu veranlaßten, entſchuldigen müſſen, und jedenfalls wird es nicht mein Unrecht ſein, wenn die thörichten Menſchen mir nur die Alternative gelaſ⸗ ſen haben, zu heucheln, oder meinen Verwandten, die ich liebe und von denen ich geliebt werde, ſehr viel Ungemach zu bereiten. Ich werde alſo aus Liebe zu meiner Familie als ein Heuchler ſterben.*) Aber, *) Der Marquis, welcher ſich nach ſeinem ſiebenzigſten Jahre wirklich mit ſeiner Frau nach der Provence zurückzog, ſtarb dort, und die Zeitungen beeiferten ſich zu verkünden, der Marquis ſei als ein guter Chriſt, und ſeinen Unglauben und ſeine Philoſophie abſchwörend, geſtorben. Der König verlangte darüber in einem ei⸗ genbändigen Briefe an die Wittwe des Marquis nähere Auskunft. Die Maraquiſe geſteht in ihrem Antwortſchreiben allerdings zu, daß ihr Mann die letzte Oelung empfangen habe; aber ſie fügt hinzu, daß dies geſchehen ſei, als ihr Gemahl ſchon mit dem Tode rang, nicht mehr hören und ſehen konnte, und ſie, überwältigt von Schmerz, das Sterbezimmer verlaſſen hätte. Da habe der Abbé, der Freund — 12— Sire, weshalb wollen wir vom Sterben reden? Wes⸗ halb die heiligen und lächelnden Geiſter der Griechen und Römer, welche ihren neueſten Tempel, welche Sans⸗ ſouci umſchweben, beunruhigen, indem wir ihnen das Knochengerippe mit der Hippe entgegenſtellen? Sie haben Recht, Marquis! Fort mit dem eklen Geſpenſt; noch gehört uns das Leben! Ah, und ein ſchönes Leben ſoll das werden! Als gelehrige Schüler wollen wir zu den Füßen Voltaire's ſitzen, und von ihm lernen, wie man mit einem Satyrslächeln ſich den Schmerz verſcheuchen und mit ächter Dichterbegeiſte⸗ rung ſich das Leben zum Paradieſe lügen kann! Er⸗ zählen Sie mir jetzt weiter von den großen Neuig⸗ keiten, die Sie mir aus Berlin mitgebracht haben. Nun, Sire, Voltaire iſt nicht der einzige Stern, welcher über Berlin aufgegangen iſt. Es giebt da auch noch Kometen, welche zuweilen am Himmel leuch⸗ ten, dann eine Zeitlang verſchwinden, dann aber am Himmel wieder emporleuchten, um auf's Neue Unfug, Zwiſt und Krieg auf Erden zu verbreiten. Ich fürchte, daß der Komet, welcher jetzt in Berlin wieder aufge⸗ gangen, ſehr viel Zank und Aerger bringen wird. Der König heftete ſeine großen feurigen Augen mit einem durchbohrenden Ausdruck auf das Antlitz des ihres Bruders, der dieſen Moment förmlich belauert hätte, ſich an das Bett des Sterbenden begeben, und ihm die letzte Oelung gege⸗ ben.„Ach, Sire, fügt ſie hinzu, welch ein Land iſt dies! Man geht ſo weit, mir zu ſagen, daß der größte Dienſt, den ich meinem Gatten erzeigen könnte, der wäre, Alles zu verbrennen, was von ſeinen Schriften noch übrig ſei, und auch die Gemälde, welche er mitgebracht, den Flammen zu übergeben. Denn je mehr man Sündhaftes hier auf Erden verbrenne, deſto weniger müſſe man ſelber in der Hölle brennen ꝛc.“ Oeuvres posthumes. Vol. XII. pag. 316. 4 Mühlbach, Berlin u. Sansſonci ꝛc. IV. 2 — 18— Marquis. Sie ſprechen in Räthſeln, ſagte er. Wer iſt der Komet, der wiedergekehrt iſt? Sirre, ich weiß nicht, welchen Namen ich ihr geben ſoll. Denn ſie ſelber nennt ſich mit einem Namen, den die ganze Welt ihr beſtreitet, und von dem ſie dennoch ſchwört, daß er ächt ſei.. Sie! Es iſt alſo eine Frau, von welcher die Rede iſt? Sire, und eine Frau, welche wir lange Jahre für eine Göttin oder zum Mindeſten für eine Fee ge⸗ halten haben. Barberina iſt aus England zurückge⸗ kehrt! Iſt ſie das! ſagte der König gleichgültig, aber er wandte ſich um und ging langſam, mit zurückgelehntem Haupt, emporſchauend zum Himmel, am Rande der Terraſſe entlang. Am Ende derſelben blieb er ſtehen, und die Arme ineinanderfaltend, blicke er lange hinaus auf die Gegend, die in ihrer ruhigen, ſtillen Schön⸗ heit ſein Auge erquickte und die Stürme ſeines Innern ſänftigee. Der Marquis ſtand in der Ferne und ſchaute mit liebevollen Blicken hinüber zu dem König, deſſen edles Antlitz eben, vom letzten Strahl der Abend⸗ ſonne getroffen, wie in einer Verklärung leuchtete. In den Bäumen erhob ſich eben jeuer ſchnelle, wirbelnde Wind, welcher das Untergehen der Sonne zu begleiten pflegt, und gleichſam der letzte krampfhafte Todesſeuf⸗ zer des ſterbenden Tages iſt. Dieſer Wind durchzit⸗ terte wie ein Wehelaut die friedliche Stille ringsum, fer unterbrach das tactmäßige Plätſchern der Cascaden unnd Springbrunnen, und wie er durch die Bäume rauſchte, nahm er aus ihren grünen Kronen die erſten gelben Blätter, die darin wie die erſten weißen Haare im Scheitel einer ſchönen Frau ſich verborgen gehal⸗ ten, hervor und trieb ſie in muthwilligem Spiel vor ſich her. Ein ſolches welkes Blatt fiel zu den Füßen des Königs nieder. Er hob es auf, und es mit ſin⸗ nenden Blicken betrachtend, ſchritt er langſam wie⸗ der die Terraſſe entlang und näherte ſich dem Mar⸗ quis. 3 . Sehen Sie da, Freund, ſagte er, das ſchön ge⸗ formte, von der Verweſung mit gelben Tinten abſchat⸗ tirte Blatt dem Marquis entgegenhaltend, ſehen Sie da, Freund, das iſt mir Barberina. Ein welkes Blatt meiner Vergangenheit, weiter nichts. Homer hat wohl Recht, wenn er die Herzen der Menſchen den welken Blättern im Winde vergleicht. Auch Barberina iſt ein ſolches welkes Blatt, ich hebe es auf und lege es in das Herbarium meiner Erinnerungen, und freue mich, wenn der Staub des Lebens von ihm abgefallen, an ſeinem kunſtvollen Geäder und ſeiner herrlichen Formation.— Und jetzt, nachdem Sie das wiſſen, Freund, jetzt erzählen Sie mir! Warum iſt die Sig⸗ nora zurückgekehrt? Kommt ſie allein oder mit ihrem Gemahl, dem Lord Stuart Mackenzie? Sdiee iſt mit ihrer Schweſter zurückgekehrt und Lord Stuart iſt nicht ihr Gemahl. Man ſagt, er ſei bereits mit einer reichen Schottländerin vermählt geweſen, als Barberina in England ankam. Der König lachte. Und die Menſchen verlangen noch, daß man ernſthaft bleibe, wenn ſie von der Ewig⸗ keit ihrer Liebe reden, ſagte er. Hat dieſer kleine ſchwärmeriſche Lord nicht Himmel und Erde verſchwo⸗ ren, um die Signora an die Unſterblichkeit ſeiner Liebe glauben zu machen, war er nicht faſt dem Wahnſinn nahe, als ich ihm ſeine Schöne aus Venedig entführen ließ, machte er mich nicht deshalb für ſein Leben und ſeinen Verſtand verantwortlich, wenn ich ihm meine Tänzerin nicht auslieferte, damit er ſie mit einer kunſt⸗ 86 2*— — 20— vollen Pirouette unter die ehrwürdigen und tugendrei⸗ chen Ahnfrauen im großen Ahnenſaal ſeines Schloſſes als Lady Stuart aufhängen könnte, und jetzt!— Jetzt kann Barberina Gevatter ſtehen bei Lord Stuart's Erſt⸗ gebornem! Oder er bei Barberina's Erſtgebornem! Denn, wie man ſagt, iſt die Signora verheirathet. Mit wem? Mit dem Regierungsrath von Cocceji! Unſinn! Wo hätte er ſich mit ihr verheirathen ſol⸗ len! Er hat Berlin nicht verlaſſen und ſie war in England! Aber Sie haben Recht, ihre Rückkehr wird uns viel Zank und Unfrieden bringen, und ich ſehe da ſchon das ganze Ahnengeſchlecht der Cocceji ihre Hände aus dem Grabe emporſtrecken, um dieſe Tänzerin zu bedrohen, welche es wagen will, ihre Tochter zu wer⸗ den. Nun, der Cocceſt wird ſo gut vernünftig und abgekühlt werden, wie es der Lord Stuart geworden iſt. Es kommt Alles darauf an, daß man ſeinem Feuer Zeit gönne, ſich abzukühlen und auszubrennen. Dieſe Gunſt wird ſeine Familie wohl von mir begeh⸗ ren, und ich denke, ich werde ſie ihr gewähren müſſen. Aber laſſen Sie uns jetzt in's Haus gehen, Marquis. Die Sonne iſt untergegangen und mich friert. Ich weiß nicht, ob von der Abendkühle oder von Ihren Nachrichten. Kommen Sie, laſſen Sie uns vorher ſchnell noch einige Male auf⸗ und niedergehen, und dann ſollen Sie mir in der Bibliothek nachhelfen an der letzten Strophe eines Gedichts, das ich zur Begrüßung Voltaire's entworfen habe. Runzeln Sie nicht die Stirn, Marquis! Laſſen Sie mich immer⸗ hin ſeine Ankunft beſingen, wer weiß, ob ich es mit ſeiner Abreiſe ebenſo achen werde. Ich freue mich — auf ſein Hierſein und doch fürchte ich es. Muß man ja doch die Sonne nicht zu nah und zu ſcharf betrach⸗ ten, wenn man keine Flecken an ihr finden will. Viel⸗ leicht auch ſind wir zu gleich geartet, um in Harmonie und Frieden miteinander leben zu können. Nur das Verſchiedene zieht ſich an und das Gleiche ſtößt ſich ab. Glauben Sie mir nur, ich werde mit Voltaire nicht, wie mit Ihnen, noch vierundzwanzig Jahre friedlichen Zuſammenlebens haben. Vierundzwanzig Jahre, vergeſſen Sie das nicht, vierundzwanzig Jahre gehören Sie mir! Nein, Sire, ſo lange ich lebe, gehöre ich Ihnen, bin ich Ihr Sclave, den Sie nicht mit Gold, ſondern mit Ihrem großen, edlen Selbſt erkauft haben. So lang ich lebe, iſt mein Herz bei Ihnen, wenn auch der ſiebenzigjährige Greis nach der Provence zu ſeinem Grab geflüchtet iſt. Aber, Sire, ich möchte Euere Ma⸗ jeſtät in dieſer Stunde noch um eine andere Gnade anflehen! Sprechen Sie, Marquis, nur ſein Sie nicht ſo grauſam, etwas zu fordern, was ich Ihnen nicht ge⸗ währen kann! Sire, wenn es der Natur gefallen ſollte, mich ab⸗ zurufen und zu vernichten, noch ehe ich mein ſieben⸗ zigſtes Jahr erreicht habe, wenn ich hier ſterben ſollte, ſo gewähren mir Euere Majeſtät die Gnade, mich nicht auf einem dieſer ernſthaften, düſtern, ſchweigenden und todten Kirchhöfe begraben zu laſſen, wo Schädel ne⸗ ben Schädel liegt, und bei der berühmten Auferſtehung Jeder Gefahr läuft, ſich fremde Knochen anzueignen und den jüngſten Tag gleich als Dieb anzutreten. Nein, Sire, laſſen Sie mich auch im Tode noch In⸗ dividuum lhsben und nicht in der Maſſe verloren ge⸗ 3 hen. Sterbe ich hier, nun ſo gönnen Sie mir die Gnade, dort begraben zu werden, wo ich lebend die ſeligſten Stunden genoß. Laſſen Sie mich nach einem langen, vielbewegten Tage die Nacht der Unſterblichkeit im Garten von Sansſouci durchträumen! So ſei es, mein Freund, ſagte der König bewegt. Dort, wiſſen Sie wohl, unter der Statue der Flora iſt mein Grab. Wo ſoll das Ihre ſein? Wählen Sie ſich eine Stelle! Wenn ich wählen darf, Sire, ſo möchte ich dort drüben unter jener ſchönen Vaſe von Ebenhecht begra⸗ ben werden. Der König nickte ihm lächelnd Gewährung zu. Kommen Sie, ſagte er, indem er den Arm des Mar⸗ quis in den ſeinen legte, kommen Sie! Wir wollen zu jener Vaſe gehen, und ich will die Hand auf die⸗ ſelbe legen und ſie zu Ihrem Grabmal weihen. Schweigend gingen ſie die Plattform entlang, an der Statue der Flora vorüber, welche d'Argens mit einem ehrerbietigen Neigen des Kopfes, der König mit einem Lächeln begrüßte. Wie ſie aber jetzt dieſe zwei kleinen Stufen hinabſchritten und dieſes von grünem Raſen umhegte Rondel betraten, blieb der König ſte⸗ hen und ſchaute ſinnend nieder auf dieſe Steinplatte, welche er eben mit ſeinem Fuße berührte. Sein Sie andächtig und fromm an dieſer Stelle, ſagte er. Wir ſtehen hier am Grabe meiner treueſten Freundin, die uns Beiden vorangegangen iſt in die Seligkeit des ewigen Schlafes. Hier liegt Biche be⸗ graben! Den Hut ab, Marquis! Sie liebte mich und war mir treu bis zum Tode. Wer weiß, ob ich unter meiner Flora und Sie unter Ihrer Vaſe das Lob verdienen, was ich aus ganzer Seele meiner Biche nachrufe: Sie war ein treues und ein edles Herz!*) II. Voltaire und ſein königlicher Freund. Der König hatte ſich heute früher wie ſonſt in ſeine Bibliothek zurückgezogen. Er hatte ſeine Cabinets⸗ räthe in der Frühe des Morgens, eine Stunde vor der gewöhnlichen Zeit, zu ſich beſchieden, dann hatte er ſeine Miniſter empfangen und mit ihnen gearbeitet, und froh endlich, dieſe Pflichten ſeines königlichen Amts beendet zu haben, war er in ſeine Bibliothek gegangen, um die Zeit, welche ihm heute mit Schneckenlangſam⸗ keit vorwärts zu kriechen ſchien, mit Lectüre und Schreiben zu tödten. Der König erwartete Voltaire. Er wußte, daß derſelbe bereits in Potsdam angelangt ſei, und dort in den für ihn im königlichen Schloſſe eingerichteten Zim⸗ mern nur ein wenig ausruhe, um dann nach Sans⸗ ſouci zu kommen und ſeinen königlichen Freund zu be⸗ grüßen. 3 Der König ſah dieſem erſten Begegnen Voltaire's nach jahrelanger Trennung indeſſen mehr mit ſchmerz⸗ licher, angſtvoller Beklommenheit, als mit freudiger Ungeduld entgegen. Voltaire’s Ankunft zu längerem *) Nicolai: Anecdoten. Heft II. Seite 202. — 24— Aufenthalt war ein ſeit Jahren von Friedrich begehr⸗ tes und glühend erſtrebtes Ereigniß, und jetzt, da es ſich ſeiner Erfüllung nahte, zitterte der König faſt da⸗ vor, wie vor einem Schreckniß, fühlte er ſein Herz beklemmt und faſt kummervoll. Was bedeutete das? Wie kam es, daß dieſe Freundſchaft, die man ſich ſeit ſechszehn Jahren ſo vielfach betheuert, ſo excentriſch und begeiſterungsvoll einander gelobt hatte, jetzt an dem Ziele ihrer Wünſche angelangt, dennoch den König nicht befriedigte, ſondern ihn mit einem eiſigen Hauche des Todes und der Vernichtung anwehte? Der König, wie ſehr er immer auch von Bewun⸗ derung und Anbetung für das Genie des großen fran⸗ zöſiſchen Dichters Voltaire durchdrungen war, der Kö⸗ nig fühlte doch, daß dieſe Bewunderung dem Menſchen Voltaire vielleicht ſchaden könnte, weil dieſer derſelben nicht genügen möchte. Er ahnte, daß die Wirklichkeit und das tägliche Zuſammenſein ſich wie ein erkältender Mehlthau auf dieſe ſeltene Wunderblume einer Freund⸗ ſchaft zwiſchen dem König und dem Dichter legen könnte, einer Wunderblume, welche man ſo viele Jahre der Trennung mit glühenden Betheuerungen und feu⸗ rigen Erklärungen genährt und erwärmt hatte, und die man jetzt aus dieſem Treibhauſe des imaginairen und brieflichen Lebens an die Wirklichkeit und zur Wahrheit verpflanzen wollte. Und doch fehlte dieſer Freundſchaft ſchon das Fundament der Wahrheit und Wirklichkeit, doch hatte ſie keinen Boden mehr unter ſich, ſondern ſchwebte wie ein ſchillerndes Phantom in der Luft, wie eine köſtliche Fata Morgana, deren glän⸗ zende Tempelhallen und Säulen bald wieder in Nebel und Duft zerfließen ſollten! Und in dieſen Tempelhallen der Fata Morgana wollten die beiden größten Geiſter, die beiden vorur⸗ theilsloſeſten Freidenker, die beiden genialſten Philoſo⸗ phen ihres Jahrhunderts, den Cultus der Freundſchaſt begehen? In dieſem Tempel von Nebelduft wollten ſie einander umarmen, während doch das zweiſchnei⸗ dige Schwert des gegenſeitigen Mißtrauens und Arg⸗ wohns ſchon zwiſchen ihnen hing und mit ſeinem un⸗ heimlichen Blitzen und Funkeln ſie Beide hätte zurück⸗ ſchrecken ſollen. Beide glaubten ſie nicht mehr an die Tiefe ihrer Freundſchaft, und dennoch, je weniger ſie daran glaubten, mit deſto beredteren Worten ſprachen ihre Lippen von der Ewigkeit und Unvergänglichkeit derſelben. Jeder von ihnen ſagte zu ſich:„ich, allein will die Früchte dieſer Freundſchaft genießen und dem Andern nur die Blüthen derſelben geben.“ Beide be⸗ dachten ſie nicht, daß ſolche Blüthen immer nur künſt⸗ lich, geruchlos und bald verblüht ſein müßten, wie glänzend ſie beim erſten Anblick auch erſcheinen möch⸗ ten. Der König konnte Voltaire nie verzeihen, daß er ½ einſt, im jugendlichen Ungeſtüm ſeiner Begeiſterung, b ſich ſo weit herabgelaſſen hatte, Voltaire die Hand zu küſſen*), und daß der ſtolze, ehrgeizige Dichter dieſe Huldigung laut ausgeprahlt hatte in die Welt, während er ſie als ein zugleich heiliges und gefährliches Ge⸗ heimniß in dem tiefſten Schrein ſeines Herzens hätte verbergen ſollen. 6 Voltaire zürnte dem König, weil er jüngſt erſt an f den jungen Dichter d'Arnaud ein Gedicht gemacht, in welchem er Voltaire„die untergehende“, d'Arnaud„die aufgehende Sonne“ nennt.**) Und doch liebten ſie Beide einander, und doch woll⸗ *) Thiébault V. S. 245.— Preuß I. S. 254. **½) Oeuvres posthumes. — 26— ten ſie jetzt dieſe Liebe langer Jahre bethätigen, indem ſie dieſelbe auf den Prüfſtein ſteten Beiſammenſeins und ununterbrochener Gemeinſchaft legten. Der König alſo erwartete Voltaire, und wie er jetzt das Heranrollen eines Wagens, dann das Oeffnen der Thüren, das Geräuſch ſprechender Stimmen vernahm, ſprang er mit Heftigkeit von ſeinem Sitz empor und näherte ſich, dem erſten Impuls ſeiner Freude nachge⸗ bend, der Thür, um Voltaire entgegenzueilen. Aber ſchon auf der Schwelle der Thür angelangt, blieb er ſtehen und überlegte. 3 Nein, ſagte er dann, ich werde ihm nicht entgegen⸗ gehen. Vielleicht würde er mich damit nur verſpotten, vielleicht würde er ſich deſſen rühmen. Und mit traurigen Mienen kehrte der König zu ſeinem Lehnſeſſel zurück und nahm wieder das Buch zur Hand, in welchem er zuvor geleſen. Jetzt klopfte es an die Thür, jetzt erſchien der La⸗ kay und meldete den Herrn von Voltaire,— und nun, dieſe Geſtalt, die da auf der Schwelle erſcheint, dieſer Mann mit der etwas zuſammengedrückten ſchmalen Bruſt, dem von Alter oder Krankheit gebeugten Nacken, dieſer Mann mit dem wunderbaren Antlitz, von dem man nicht weiß, ob es das Antlitz eines Satyrs oder eines Halbgottes iſt, deſſen Augen bald von einem göttlichen, bald von einem dämoniſchen Feuer leuchten, deſſen Mund ſich bald zu einer erſchreckenden Grimaſſe, bald zu einem bezaubernden Lächeln öffnet, dieſer Mann iſt Voltaire. Wie der König dieſen wunderbaren ſprühenden Augen mit ſeinen Blicken begegnete, vergaß er Alles, ſein Königthum und ſeine Würde und Voltaire's Eitel⸗ keit und Bosheit. Er war für ihn nur noch der große Dichter, das ſtaunenswürdige Genie, und mit dieſem — — — 27— Gefühl eilte er Voltaire entgegen, öffnete er ihm die Arme und drückte ihn zärtlich an ſeine Bruſt. Willkommen, willkommen, mein Herr und mein Meiſter! rief der König. Ich empfange Sie, wie es dem Schüler geziemt, in meiner Schulſtube, umgeben von den Büchern, deſſen verſchloſſene und räthſelhafte Weisheit Sie, mein Lehrer, mir ausdeuten und erklä⸗ ren ſollen. 1 Im Gegentheil, Sire, ſagte Voltaire mit ſeinem einnehmenſten Lächeln und ſeiner ſanfteſten Stimme, im Gegentheil, Sire, Sie empfangen mich mit allem Prunk Ihres Königthums, ſitzend auf dem Thron, den Euere Majeſtät nicht ererbt, ſondern erobert haben. Auf dem Thron der Wiſſenſchaft und Gelehrſamkeit, bekränzt mit dem Lorbeer, den die Götter nur den Helden und den Dichtern aufbewahren. Ah, mein Auge wird geblendet von dem Glanz, der mich hier umgiebt, ich beuge mich in Demuth vor dieſem ſchö⸗ nen Haupt, das zu gleicher Zeit zwei Kronen trägt und in zweien Reichen herrſcht. Sire, empfangen Sie mich als den Abgeordneten aus dieſem Reich der Dich⸗ ter, deſſen Krone Sie mit ſo viel Erhabenheit und An⸗ muth tragen! Der König lächelte. Laſſen Sie mich Ihren Mit⸗ bürger und Kampfgenoſſen in der Republik der Geiſter ſein, ſagte er. Wenn ich ſonſt die Republiken für ein Unding und eine Unmöglichkeit halte, ſo glaube ich doch an dieſe Republik und trage ihr ein ächt repu⸗ blikaniſches, nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ſtrebendes Herz entgegen. Erinnern Sie ſich deſſen immer, mein Freund, und laſſen Sie uns in Sans⸗ ſouci vergeſſen, daß Ihr Republikaner anderswo noch der erſte Beamte eines Königreiches iſt. Und jetzt laſſen Sie mich zuerſt erfahren, wie Ihnen die Reiſe — 283— bekommen iſt, und ob Sie überall denjenigen aufmerk⸗ ſamen Empfang gefunden haben, den ich auf allen Stationen für Sie anbefohlen hatte? Ah, Sire, bei jeder Station, die ich in Ihrem Lande erreichte, habe ich mich ſehr zerknirſcht und demüthig Ihrer Größe gegenüber gefühlt. Wie erhaben, mäch⸗ tig und allgewaltig, ſagte ich mir, muß doch dieſer König ſein, da man mich ſo ehrt und feiert, bloß weil ich die Gnade genieße, mich ſeiner Gunſt erfreuen zu können. Dieſe Freude, Sire, iſt es auch allein gewe⸗ ſen, welche mir die Kraft verliehen hat, hierher zu kommen. Meine Freunde in Paris nannten es eine Lächerlichkeit, daß ich in dieſem jammervollen und elenden Zuſtande eine Reiſe unternehmen wollte. Aber ich, Sire, ich fühlte, daß ich nicht ſterben würde, be⸗ vor ich nicht noch einmal zu den Füßen dieſes großen, und doch ſo einfachen Mannes, dieſes erhabenen, und doch ſo liebenswürdigen Philiſophenkönigs geſeſſen, und an ſeiner Weisheit und ſeinen Scherzen mein krankes Herz erquickt hätte. Ich bin alſo gekommen, Sire, nicht als Voltaire, ſondern als der tragiſche Scarron Ihres Jahrhunderts, und habe mich auf dem ganzen Wege auch immer nur den„Kranken des Kö⸗ nigs von Preußen“ genannt.*) 3 Ah, rief der König lächelnd, Sie und der Mar⸗ ſchall von Sachſen ſind mit Ihrer Krankheit in derſel⸗ ben Lage. Sie haben in Ihrer größten Hinfälligkeit mehr Energie und Kraft, als alle andern Menſchen in ihrer ſchönſten Geſundheit.**) Wären Sie alſo jetzt nicht gekommen, ſo würde ich Sie für einen Falſch⸗ „) Oeuvres compléetes de Voltaire. Gotha 1788. Vol. 58. pag. 313. **) Oeuvres posthumes. Vol-. II. p. 353. — 29— münzer gehalten haben, der mir ſtatt der ächten Münze ſeiner Freundſchaft nur verſilbertes Blei giebt, und mich betrügt, indem er mich zu beſchenken ſcheint. Ihr Glück alſo, daß Sie da ſind! Wahrlich, Sie gleichen dem weißen Elephanten, um deſſenwillen ſich der Schach von Perſien und der Groß⸗Mogul bekriegen, und mit dem ſie ihre Titel vermehren, wenn ſie glück⸗ lich genug geweſen, ihn erobert zu haben. So werde ich von heute an meine Titel ſo beginnen: Friedrich von Gottes Gnaden, König von Preußen, Kurfürſt von Brandenburg, Beſitzer von Voltaire et cetera.*) Euere Majeſtät mögen ſagen:„Beſitzer vom un⸗ veräußerlichen Voltaire“, denn darin bin ich wenig⸗ ſtens klüger, wie der weiße Elephant, daß ich es um meinen Beſitz nicht zu einem Kriege kommen laſſe, ſondern mich ganz freudig und bereitwillig zum Eigen⸗ thum Euerer Majeſtät erkläre. Laſſen Sie mich alſo der weiße Elephant Euerer Majeſtät ſein, und wenn der Groß⸗Mogul mich zurückbegehrte, ſo verleugnen mich Euere Majeſtät! 4 Während Voltaire ſo ſprach, warf er einen lauern⸗ den, raſchen Blick auf das Antlitz des Königs, und ſeine Züge verloren für einen Moment den Ausdruck der Zärtlichkeit und des Lächelns. Friedrich ſah das nicht oder wollte es nicht ſehen. 4 Nicht doch, ſagte er heiter, ich werde Sie nicht ver⸗ leugnen, ſondern ſagen, daß Sie Mein ſind. Ich bin immerhin doch noch Unterthau des Königs von Frankreich, rief Voltaire achſelzuckend, man hat mir, als ich Paris verließ, nicht den Titel eines Hiſto⸗ riographen des Königs von Frankreich, ſondern nur meine Penſion abnehmen wollen. Man wußte viel⸗ *) Des Königs eigene Worte, Oeuvres posth, II. p. 357. — 30— leicht, daß ich mit der Poſt reiſe, und daß ein Titel weniger ſchwer für meine Pferde fortzuſchleppen ſei, als eine Penſion von ſechstauſend Livres. Man hat mich alſo von derſelben erleichtert, und ich komme ohne Penſion zu Euerer Majeſtät. 4 Dieſe Anſpielung war zu deutlich, als daß der König ſie nicht hätte verſtehen müſſen; aber er wollte ſie nicht verſtehen. Nur flog es wie ein Schatten über ſeine Stirn und der leuchtende Ausdruck ſeines Angeſichts trübte ſich ein wenig. Er, welcher Vol⸗ taire ſo gern als eerhabenes Genie anbeten mochte, fühlte ſich ſchmerzlich davon getroffen, ihm als klein⸗ lichen, berechnenden Menſchen zu begegnen. Sie ſind alſo in Ungnade bei meinem Bruder Ludwig von Frankreich? fragte er. Im Gegentheil, Sire, man verſicherte mich der höchſten Gnade, man ging ſogar ſo weit, mich mit einem ebenſo ſchmeichelhaften als erfreulichen Auftrag zu beehren, und wenn es mir Euere Majeſtät erlaubt, möchte ich mich ſogleich deſſelben entledigen. Thun Sie das, ſagte Friedrich lächelnd, machen Sie es ſich bei mir immer leichter, damit Ihre Schwin⸗ gen Sie deſto höher emportragen. Man hat Sie um Ihre Penſion erleichtert, werfen Sie nun noch Ihren Auftrag zu dem andern Ballaſt hin. 1. Sire, die Marquiſe von Pompadour hat mir auf⸗ getragen, Euerer Majeſtät die allergehorſamſten und unterthänigſten Grüße zu ſagen, und Euere Majeſtät ihrer größten Ehrerbietung und Devotion zu ver⸗ ſichern. 3 Der König zog ruhig ſeine goldene, mit Brillan⸗ ten beſetzte Tabatiére aus ſeiner Weſtentaſche hervor, und während er langſam eine Priſe nahm und ſeine —— =— 31— großen brennenden Augen auf Voltaire's lächelndes, erwartungsvolles Antlitz heftete, ſagte er vollkommen gleichgültig: die Marquiſe von Pompadour? Ich kenne ſie nicht.*) 3 Voltaire zuckte zuſammen und blickte den König erſtaunt und fragend an. Aber Friedrich ſchien das gar nicht zu bemerken, ſondern fuhr ruhig fort: Aber haben Sie mir ſonſt keine Grüße zu bringen? Hat Keiner der großen Gei⸗ ſter, an denen Paris ſo reich iſt, ſich meiner erinnert? Sire, ich werde mich wohl hüten, weitere Grüße zu beſtellen, denn Euerer Majeſtät gegenüber werden alle ſogenannten großen Geiſter klein erſcheinen und Euere Majeſtät werden ſie nicht anerkennen. Der König lächelte. Oh nicht doch, ich erkenne gern an, was wirklich groß und anerkennenswerth iſt. Voltaire wird niemals einen größeren Bewunderer haben, als ich es bin! Ah, dieſe Worte ſind ein Balſam, Sire, den ich auf meine Bruſt legen will, welche noch ganz zer⸗ fleiſcht iſt von der wilden Meute meiner Kritiker! Ah, die Kritiker machen Ihnen alſo noch immer Gorgen und Kümmerniſſe? rief Friedrich kopfſchüt⸗ telnd. 3 Sie haben mich wund gehetzt und in mein in⸗ nerſtes Fleiſch ihre unerſättlichen Giftzähne gebohrt, ſagte Voltaire mit dem ihm eigenen, ſchnell aufflam⸗ menden Zorn. So miſerable und jammervoll ſind ſie, daß ich mir ſelber ſchon ganz miſerable und jam⸗ mervoll erſchien, und ganz zerknirſcht und demüthig Euere Majeſtät fragen will: ob, wenn ſolche Meute 4*) Voltaire: Oeuvres complètes. Vol. 58, p — 32— ihre Stimme erheben und ungeſtraft bellen kann, es nicht beſſer iſt, daß Voltaire ſich in eine Höhle ver⸗ kriecht und die Thiere der Wüſſte, welche vielleicht ſeine Verſe als melodiſches Gebrüll anerkennen möchten, ſeine Brüder nennt? Alſo immer noch der Brauſekopf, der Orlando Fu⸗ rioſo? rief der König lächelnd. Immer noch iſt Ihre Haut ſo weich, daß dieſe Nadelſpitzen der kleinen Kri⸗ tiker Sie verletzen? und ihnen zu Gefallen wollten Sie verſtummen? Wenn Sie ſich von den Muſen ſcheiden laſſen wollten, Freund, wer ſollte dann noch Muth haben, mit ihnen anzubinden! Nein, nein, ahmen Sie nicht dem Gott Abraham's, Iſaak's und Jakob's nach, und ſtrafen Sie die Verbrechen der Vä⸗ ter nicht bis in's dritte und vierte Glied, laſſen Sie das Publikum von heute und von den nächſten Jahr⸗ hunderten nicht entgelten, was einige Kritiker verſchul⸗ det haben! Die Verfolgungen des Neides ſind ein Tribut, den das Verdienſt an die Gewöhnlichkeit zahlt. Wenn einige elende Krititer gegen Sie belfern, ſo den⸗ ken Sie nur nicht, daß die Nationen und die Zukunft von denſelben ſich dupiren laſſen. Ungeachtet der Krit⸗ teleien der ſogenannten Kunſtkenner bewundern wir noch heute die Meiſterwerke Griechenlands und Roms; das Geſchrei des Aeſchines hat den Ruhm des De⸗ moſthenes nicht verdunkelt, und was Lucian auch im⸗ mer ſagen mochte, Cäſar iſt und bleibt einer der größ⸗ ten Männer, den die Menſchheit jemals erzeugt hat. Ich garantire Ihnen dafür, daß Sie nach Ihrem Tode vergöttert werden. Aber ich bitte Sie, beeilen Sie ſich nicht, Gott zu werden, ſondern begnügen Sie ſich vorläufig damit, Ihre Apotheoſe in der Taſche zu ha⸗ ben, und von allen Denen verehrt zu werden, die über Neid und Vorurtheile erhaben ſind und in de⸗ ren erſter Reihe ich ſelber ſtehe!*) Ah, warum iſt die ganze Welt nicht da, dieſe er⸗ habenen Worte eines Königs zu hören, den ich von heute an ſo ſtolz bin, meinen König nennen zu wol⸗ len, rief Voltaire leidenſchaftlich. Sire, ich liebe Sie leidenſchaftlich, ich bilde mir ein, daß die Götter uns für einander geſchaffen haben, ich habe Sie lange zärt⸗ lich geliebt, ich bin erzürnt auf Sie geweſen, aber ich habe Ihnen Alles verziehen und liebe Sie wirklich jetzt bis zur Raſerei. Es hat nie einen ſchwächeren Körper als den meinen, nie aber eine gefühlvoͤllere Seele gegeben. Ich wage es, Sie ebenſo ſehr zu lieben, als ich Sie bewundere.**.) Und wahrlich, ich halte das für einen ebenſo großen Sieg, als die fünf andern Siege, die Euere Majeſtät erkämpft hat, und um deretwillen die Welt Sie bewundert. Ich, Sire, ich will Sie nicht bloß bewundern, ſondern auch lie⸗ ben, und von heute an werde ich als Ihr trener Hund immer zu Ihren Füßen liegen und Sie an⸗ ſchauen, gleichviel, ob Sie mich von da fortjagen und ſagen, daß Sie nicht mein Herr ſein wollen. Ich werde dennoch wiederkehren, auf Ihrer Thürſchwelle ſoll meine Heimath ſein, und da werde ich zufrieden ſein mit den Broſamen, die von Ihrer Tafel fallen. Mein Reichthum und mein Glück ſoll darin beſtehen, Sie zu lieben! 1 Nun, und ich werde Ihre Liebe nicht auf eine ſo harte Probe ſtellen, ſagte der König lächelnd. Es wird ſich hoffentlich noch eine andere dauernde Wohnung *) Des Königs eigene Worte. Oeuvres posthumes Vol. II. 337. 2⸗) Voltaire's eigene Worte. Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. IV. 3 pal für Sie finden, und wir werden ſchon dafür ſorgen, daß Sie nicht dem Lazarus gleichen, der die Broſa⸗ men empfängt, ſondern dem reichen Mann, von deſſen Tiſch ſie fielen. Das war endlich eine Art Zuſicherung und Ver⸗ heißung, welche die bange Sorge und Unruhe Vol⸗ taire's ein wenig zu beſchwichtigen vermochte und ſein Antlitz ſtrahlen machte vor Freude. Aber er unter⸗ drückte ſchnell genug wieder dieſe Freude, welche dem aufmerkſamen Auge des Königs ſeine egoiſtiſchen und habſüchtigen Wünſche hätte verrathen können, und nahm eine traurige Miene an. Ach, Sire, ſagte er wehmuthsvoll, ich gleiche dennoch gar ſehr dem Lazarus, und wenn Euere Ma⸗ jeſtät nicht die Wunderkraft des jungen jüdiſchen Rabbi Jeſus Chriſtus beſitzen, ſo werden Sie mich wohl bald begraben müſſen. Aber ich bin ſo gläubig, wie nur irgend einer der Iuden war; ich glaube an die wun⸗ derthätige Kraft Ihrer Hand. Hat doch die Berüh⸗ rung Ihrer Hand genügt, um in die Krone Preußens das ſchöne Schleſien als funkelnden Brillanten einzu⸗ 8 fügen, die ſchlummernden Geiſter zu wecken, und auf dieſen nordiſchen Steppen die Blüthen der Cultur und Bildung hervorzurufen. Sire, ich glaube nicht an die Wunderkraft des ſogenannten Meſſias, aber ich glaube an die Wunderkraft des Salomons des Nordens, und ich bin bereit, vor der ganzen Welt Zeugniß für ihn abzulegen! 3 Aber wenn der franzöſiſche Hahn kräht, werden Sie mich doch drei Mal verrathen, ſagte der König. Ich kenne Sie ſchon, und ich weiß, daß, wenn Sie zornig ſind, Ihnen Nichts heilig iſt, und ich fürchte, Sie werden hier wie überall noch oft Gelegenheit fin⸗ den, zornig zu ſein. Aber jetzt vor allen Dingen, —jj — — 35— was bringen Sie mir mit? Welches Geſchenk hat Ihnen Ihre Muſe für den armen Philoſophen von Sansſouci gegeben? Denn ich will nicht fürchten, daß Sie mit leeren Händen kommen und daß Frank⸗ reichs Homer ſeine Leier zerbrochen hat. Nein, Sire, ich komme nicht mit leeren Händen. Ich bringe Ihnen Etwas mit, und ich denke, es iſt das Beſte und Schönſte, was ich jemals meiner Muſe abgerungen habe. Seit zwanzig Jahren war ich in⸗ dignirt zu ſehen, was mein guter Freund und Meiſter Crebillon aus dem beſten und erhabenſten Sujet des Alterthums gemacht hatte. Wie er aus der purpur⸗ nen Toga ſich mit geſchickten Schneiderhänden eine kleine Affenjacke zuſammengeflickt und ſie aufgeputzt hatte mit dem elenden Flittertand einer erbärmlichen Liebe und hochſtelziger, oſtgothiſcher Verſe. Crebillon hat einen franzöſiſchen Catilina geſchrieben, ich, Sire, ich habe einen römiſchen Catilina geſchrieben! Ah,— Sie werden ſehen und Sie werden ſtaunen! In einer meiner jammervollen, ſchlafloſen Nächte bemäch⸗ tigte ſich meiner der Teufel und ſagte zu mir:„Räche Cicero und Frankreich! Beiden hat Crebillon Schmach angethau, waſche die Schande von Deinem Lande ab.“ Dieſer Teufel war ein guter Teufel, und ſelbſt Sie, Majeſtät, hätten mich nicht mehr zur Arbeit antreiben können, als er es that. Tag und Nacht feſſelte er mich an den Schreibtiſch. Ich glaubte zu ſterben vor Aufregung, aber der Teufel hielt mich feſt und die Geiſter der großen Römer umſtanden meinen Schreib⸗ tiſch und riſſen die, lächerlichen Masken ab, welche Crebillon ihnen angeklebt; ſie zeigten mir ihr wahres, erhabenes, ſtrahlendes Angeſicht, und befahlen mir, ſie abzukonterfeien, damit die Welt endlich ihrer Schön⸗ heit inne werde und nicht von Crebillon's Carricatu⸗ 3* — 36— ren mehr betrogen werde. Ich mußte wohl gehorchen, Sire, ich arbeitete unaufhaltſam und in acht Tagen war mein Werk vollendet, Catilina war geboren, aber ich war ſo erſchöpft davon, wie nur jemals eine Frau nach ihrer Entbindung es geweſen.*) Das heißt, Sie wollen nicht ſagen, daß Sie in acht Tagen eine Tragödie geſchrieben haben? fragte der König. Sie haben den Plan dazu entworfen, und den bringen Sie mir mit und wollen ihn hier ausarbeiten? Nein, Sire, ich bringe Ihnen die fertige Tragödie, und es iſt wahr, ich habe ſie in acht Tagen geſchrie⸗ ben.**) Ah, Sire, das iſt ein Werk, an dem Sie Freude erleben ſollen! Sie werden da keine verliebte Tullia, keinen ſchwatzhaften, zahnloſen Cicero, aber Sie werden ein furchtbares Bild von Rom ſehen, ein Bild, welches mich ſelber noch erſchaudern macht. Aber, Sire, wenn Sie es leſen, muß ich Sie be⸗ ſchwören, es in dem Sinne zu leſen, in welchem ich es geſchrieben habe. Ich habe meinem Collegen Cre⸗ billon allen dieſen dramatiſchen Plunder gelaſſen, der auf der Bühne einmal hergebracht iſt; ſein Catilina iſt eine reine Fiction, ich habe den meinen in meiner Eigenſchaft als Hiſtoriograph geſchrieben. Bei mir iſt Rom die Hauptperſon; ſie iſt die Liebhaberin, für welche ich will, daß ſich das Publikum von ganz Eu⸗ ropa intereſſire. Ich habe keine andere Intrigue als Rom’s Gefahr; keine andere Verknüpfung als die ra⸗ ſenden Kunſtgriffe Catilina's, die Vehemenz und han⸗ delnde Tugend Cicero's, die Eiferſucht des Senats, — 1 *) Dieſe ganze Rede iſt von Voltaire ſelbſt. Siehe Oeuvres complétes. Vol. 58. p. 277— 78.. *) Voltaire; Geuvres complétes. Vol. 58. p. 273. — 37— die Entwickelung des Charakters von Cäſar. Keine andere Frau als eine Unglückliche, die um ſo natür⸗ licher von Catilina verführt worden, als, wie die Ge⸗ ſchichte uns lehrt, dies Ungeheuer liebenswürdig war. Ich weiß nicht, Sire, ob Sie beim vierten Akt ſchau⸗ dern werden, aber ich, der Dichter, ich habe dabei ge⸗ bebt und geſchaudert.*) Meine Tragödie iſt nach keinem Modell gearbeitet, ſie iſt ganz neu, in nova fert animus. Freilich wird mich die Welt wieder damit verläſtern und die kleinen Seelen werden mich zähne⸗ fletſchend anbellen, aber mein Werk iſt geſchrieben mit einer großen Seele; die großen Seelen werden mich verſtehen und die eklen kleinen und gemeinen werde ich doch endlich Alle zerſchmettert unter meine Füße niedertreten. Jupiter kämpfte mit den Titanen und bezwang ſie! Nun bin ich kein Jupiter, aber wahr⸗ lich, meine Gegner ſind auch keine Titanen! 3 Und während ſeine Worte ſo in einem unaufhalt⸗ ſamen, mächtigen Strom über ſeine Lippen ſprudelten, war Voltaire ein ganz Anderer geworden. Sein Ant⸗ litz war jetzt von einer leuchtenden, imponirenden Schönheit, ſeine Augen ſtrahlten in einem erhabenen Feuer, ein wundervolles Lächeln umſchwebte ſeine Lip⸗ pen und ſeine vorher gebeugte und zuſammengedrückte Geſtalt war jetzt hochaufgerichtet, ſtolz und gebieteriſch. Der König hatte ihm mit freudigem Herzen zuge⸗ ſchaut, und als Voltaire jetzt hochaufathmend ſchwieg, legte Friedrich ſeine beiden Hände auf Voltaire's Schul⸗ tern und ſah ihm lange und mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck von Liebe und Zärtlichkeit in das leuchtende Angeſicht. 3 8 *) Voltaire's eigene Worte. — 38— Ah, ſagte der König, jetzt habe ich endlich meinen Voltaire wieder, meinen ſtolzen, begeiſterten Dichter⸗ könig, meinen ruhmſtrahlenden Homeros. Der Ge⸗ nius hat das Krokosmäntelchen des Hofcavaliers ab⸗ geſtreift, und ſtatt der kleinlichen, geſchmeidig demü⸗ thigen Worte finde ich endlich die zerſchmetternde, melodiſche, juwelenfunkelnde, ſtolze Sprache meines Dichters wieder. Willkommen, Voltaire, willkommen, mein Dichterkönig, in Sansſouci, deſſen armer Philo⸗ ſoph nur über Menſchen König iſt, während Ihnen die Geiſter unterworfen ſind. Ah, mein mächtiger König und Herr, ſein Sie gnädig! Sie beſitzen ein ſo großes Königreich, ſchenken Sie mir wenigſtens eine kleine Provinz deſſelben! Ah, Sire, Sie ſpotten meiner, rief Voltaire. Ich habe Cicero und Cäſar für das Theater geſchrieben, Sie aber ſtellen dieſe beiden größten Männer des gro⸗ ßen Alterthums Beide vereint in Ihrer Perſon auf dem Theater der Welt dar,*) und ich bin hierher ge⸗ kommen, um dieſes Wunder zu ſehen, welches jeden⸗ falls ein höheres Drama iſt, als das meine, und je⸗ denfalls würdiger ausgeführt wird. Denn Euere Majeſtät ſtellen dar, was Sie wirklich ſind, wo aber werde ich Schauſpieler finden können, welche meinen Cäſar, meinen Cicero und Catilina darſtellen könn⸗ ten? Wie ſoll man Couliſſenreißer in große Männer verwandeln, und aus hundewedelnden, kleinen pappe⸗ nen Modehelden freie Römer machen können? Ich habe keine Schauſpieler für meine Tragödie in Paris finden können, und ehe ich es ſchlecht darſtellen laſſe, werde ich es gar nicht geben. *) Voltaire's eigene Worte. Vol. 58. S. 316. — ꝑᷓ — 39— Wir wollen es hier bei uns auf die Bühne brin⸗ gen, ſagte der König. Ja, wahrlich, mit dieſem neuen großen Werk ſoll Voltaire's Ankunft über Berlin als ein flammender Komet aufleuchten! Indem man er⸗ fährt, daß Sie endlich da ſind, ſoll man auf’s Neue zugleich ſehen, daß Sie würdig ſind, angebetet und verehrt zu werden! In vier Wochen ſoll Ihr neues Werk in meinem Schloſſe dargeſtellt werden! Wie? Euere Majeſtät haben auch ein franzöſiſches Schauſpiel, und zwar ein ſolches, welches es wagen darf, meinen Catilina zu geben? Voltaire zu Liebe werden alle meine Hofherren, ja ſelbſt meine Geſchwiſter, ſich in Schauſpieler ver⸗ wandeln, und wenn Ihnen in Paris ein Cicero fehlte, nun in Berlin wird er Ihnen nicht fehlen, denn ha⸗ ben wir nicht Voltaire, welcher ihn darſtellen wird? Und wenn es Ihnen in Paris an einem guten Di⸗ rector und Regiſſeur mangelte, ſo wird das in Berlin nicht der Fall ſein, denn Voltaire hat die Erlaubniß, ſich an meinem Hofe Diejenigen auszuwählen, welche er für die geeignetſten Schauſpieler hält, und er ſelber wird ihnen ihre Rollen einſtudiren. Nur mich ſelber nehme ich aus. Vor zehn Jahren wollte ich in Rheins⸗ berg Ihren„Tod Cäſar's“ aufführen und darin eine Rolle übernehmen, da ſtarb der Kaiſer von Deutſch⸗ land, und das Schickſal rief mich auf das große Theater der Welt, wo ich ſeitdem meine Rolle zu ſpie⸗ ſen verſuche, wie es eben geht, und ihr alle meine Kraft und Thätigkeit weihen muß. Ich darf daher nicht noch andere Rollen übernehmen, denn die beiden Rollen könnten ſich verwirren, und was könnte nicht Alles daraus entſtehen, wenn der König von Preußen von heute Morgen ſich mit dem Cicero von geſtern Abend verwechſelte, und gegen die Tyrannen eine — 410— fulminante Rede hielte und die freien Römer zur Ver⸗ theidigung ihrer Rechte aufriefe, während er doch ſel⸗ ber ein Stückchen Tyrann ſein muß und ſeine Unter⸗ thanen mehr Sclavenſeelen als römiſche Freiheitshelden ſind. Ich muß mich alſo darauf beſchränken, den Zuſchauer abzugeben und. Ihnen auf der Bühne als Cicero zu applaudiren, wie ich es außer derſelben Ihnen als Voltaire thue. Und es iſt alſo in der That Ihr Ernſt, Sire, Sie wollen mein Drama, das bis jetzt noch wie ein Scheintodter in meiner Schreibmappe liegt, zum Le⸗ ben erwecken? In vier Wochen, ſpäteſtens in zwei Monaten muß es zur Darſtellung kommen, und Sie werden dieſelbe leiten! Voltaire's ſtrahlendes Antlitz verfinſterte ſich, das heitere Leuchten verſchwand von der Stirn des Dich⸗ ters und der eigennützige Menſch zog wieder ſeine Linien und Furchen über dieſelbe. In vier Wochen, Sire? ſagte er kopfſchüttelnd. Ich fürchte, daß ich alsdann nicht mehr hier ſein werde. Ich bin gekommen, um mich einige glück⸗ liche Tage an Ihrem Anblick zu ſonnen und zu er⸗ wärmen.— Und dann? unterbrach ihn Friedrich mit ſchnell verfinſterten Mienen. Dann will ich einen Lieblingstraum meines gan⸗ zen Lebens ausführen und nach Italien gehen, nach der heiligen Stadt Roma, um da auf den Gräbern Cäſar's und Cicero's zu knieen, Sanct Peter, die Me⸗ diceiſche Venus und den Pabſt zu ſehen. Der König lächelte. Sie werden nicht nach Rom gehen, ſagte er, und der heilige Vater wird nicht das Glück haben, den gottesläugneriſchen Saulus in einen — — 41— frommen und gläubigen Paulus verwandeln zu kön⸗ nen. Sie werden in Berlin bleiben, und wenn Sie es nicht freiwillig thun wollen, ſo werde ich Sie mit Gewalt dazu zwingen. Ich werde Sie zu meinem Unterthan machen, ich werde Sie mit Orden und Titeln binden, ich werde Sie nöthigen, ein Gehalt von mir anzunehmen, und dann, wenn Sie mir dann noch entfliehen wollen, dann werde ich das Recht ha⸗ ben, Sie mit Gewalt von jedem Potentaten der Erde zurückzurufen! Jetzt ward Voltaire's Geſicht wieder ſtrahlend und freudig. Ah, Sire, rief er lächelnd, es wird keiner Gewalt bedürfen, um mich hier zu feſſeln. Ihr Be⸗ fehl allein genügt. Und Ihre Pflicht! Mein Kammerherr darf nicht auf einen Tag von meinem Hoflager ſich entfernen, ohne meine Erlaubniß zu haben. Ich mache Sie alſo zu meinem Kammerherrn. Ich lege das Band meines Ordens pour le mérite um Ihren Hals, da⸗ mit ich doch ein Band habe, an welchem ich Sie hal⸗ ten kann, und um Sie ganz zu meinem Gefangenen zu machen, gebe ich Ihnen in meinem Schloß zu Potsdam eine Wohnung. Damit Sie ſich dort nicht als Einſiedler fühlen, werden Sie jeden Tag ſechs Couverts für Ihre Freunde bereit haben, und um Ih⸗ nen den Anſchein der Freiheit zu geben, werden Sie Ihre eigene Equipage und Dienerſchaft haben, die Ihnen in allen Dingen gehorchen müſſen, nur dann nicht, wenn Sie Ihren Bedienten befehlen, Ihre Sa⸗ chen einzupacken, und Ihrem Kutſcher, die Reiſeroute nach Rom oder Paris einzuſchlagen. 3 Voltaire hörte den Worten des Königs mit ge⸗ ſpannter, athemloſer Aufmerkſamkeit zu. Etwas Lau⸗ erndes, Argwöhniſches und Unbefriedigtes war in — 42— ſeinem Geſicht, das dem König nicht entging und deſſen Urſache er ſehr wohl kannte. Dennoch ſchwieg er, und Voltaire erſchöpfte ſich in Worten der Dank⸗ barkeit und Freude, aber dieſen Worten fehlte der Elant der Wahrheit, und von der Freude, welche ſeine Lippen ſchilderten, war nichts in ſeinem Antlitz zu leſen. Ich habe nur noch Eins hinzuzufügen, ſagte der König endlich, und Eure Göttlichkeit und Größe möge es einem andern Erdenwurm verzeihen, wenn er es wagt, in Ihrer erhabenen Gegenwart von einem ſo ſchmutzigen und gemeinen Dinge zu reden, als da iſt: das Geld! Voltair's Augen blitzten höher auf, und es ſchien durchaus nicht, als ob dieſer Gegenſtand der Unter⸗ haltung ihn beleidigte. Sie haben, fuhr der König fort, in Frankreich eine Penſion von ſechstauſend Livres aufgegeben. Es i*ſt billig, daß ich Sie dafür entſchädige. Wie ſehr auch Ihr großer Geiſt über alles Irdiſche erhaben ſein mag, ſo hat doch auch die irdiſche Exiſtenz ihre Rechte, und ich will nicht, daß dieſe jemals, ſo lange Sie bei mir ſind, durch den Schatten irgend einer Entbehrung getrübt ſei. Sie werden alſo von mir ein Jahrge⸗ halt von fünftauſend Thalern annehmen müſſen, und da Sie außerdem freie Wohnung und freie Tafel haben, ſo denke ich, werden Sie damit behaglich leben können. Voltaire's Herz hüpfte hoch vor Freude, aber er zwang ſich ruhig und gelaſſen zu erſcheinen. Euere Majeſtät vergeſſen das Wichtigſte, ſagte er, Sie geben mir Wohnung und Speiſe, aber es fehlt mir noch das Licht und das Feuer. Ich bin ein 3 — 43— düter Mann und werde es nicht aus mir ſelber ſchöpfen önnen. Der König lachte laut. Wahrlich, ſagte er, ich finde es ganz in der Ordnung, daß der größte Frei⸗ geiſt und Dichter ſeines Jahrhunderts in Sorgen iſt um das Licht, welches ihm leuchten ſoll. Rechnen wir alſo für jeden Monat zwölf Pfund Wachslicht, ich denke, das wird genügen, damit es bei Ihnen niemals dunkel werden ſoll. Und was die übrigen kleinen Be⸗ dürfniſſe des Lebens anbelangt, ſo werden Sie die Güte haben, dem Caſtellan des Schloſſes aufzuſchrei⸗ ben, was Sie bedürfen, und es wird Ihnen regel⸗ mäßig am erſten Tage jeden Monats eingeliefert wer⸗ den., Wir ſind alſo einverſtanden? Sie bleiben bei mir? Ich bleibe bei Ihnen, Sire, nicht um den Kam⸗ merherrntitel und den Orden, nicht um die Penſion, ich bleibe bei Ihnen, Sire, weil ich Sie liebe. Mein Herz opfert Ihnen den Traum meines Lebens, die Reiſe nach Italien. Oh, ich wollte, ich könnte Ihnen noch größere und gefährlichere Opfer bringen, ich wollte, es gäbe ein Mittel, Ihnen meine Liebe, meine Anbetung, meine aufrichtige Bewunderung zu bezei⸗ gen! 1 Der König legte ſanft ſeine Hand auf Voltaire’s Schulter und ſah ihm lange und tief in die Augen. Sein Sie ein ſo guter Menſch, als Sie ein ſo großer Dichter ſind, ſagte er, das iſt das ſchönſte Opfer, was Sie mir darbringen können! Ah, ich ſehe ſchon, rief Voltaire erglühend, man hat mich bei Ihnen verläumdet. Euere Majeſtät ha⸗ ben meinen Feinden Ihr Ohr geöffnet und das höl⸗ liſche Gift ihrer Schmähſucht beginnt ſchon in Ihrem „ — 41— Herzen zu wirken. Da man dem Dichter Voltaire nichts anhaben konnte, will man den Menſchen Vol⸗ taire angreifen und ſeinen Charakter verdunkeln, weil man ſeinen Ruhm nicht verdunkeln konnte. Aber ich kenne meine Feinde und ich fürchte ſie nicht! Ich werde ihnen immer mit offenem Viſir und ungehar⸗ niſchter Bruſt entgegentreten. Mögen ſie mit ihren vergifteten Pfeilen aus ihrem Hinterhalt hervor mich tödten. Es iſt beſſer zu ſterben, als von dem größ⸗ ten und von mir angebeteten König beargwohnt zu werden! Der König lachte. Ah, ſagte er, welche ſeltſame Creaturen ſeid Ihr Dichter. Immer in Aufruhr und Agitation, entweder den Himmel ſtürmend oder die Hölle, entweder Kobolde bekämpfend oder mit Engeln ſchwärmend. Niemals in der ruhigen, gleichmäßigen Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit ausharrend. Wenn Ihr Jemandem begegnet, der Kartoffeln pflanzt, ſo glaubt Ihr's ihm nicht, ſondern bildet Euch ein, es ſeien Drachenzähne, die er ſäet, um mit der aufgelau⸗ fenen Kriegerſchaar gegen Euch zu kämpfen. Wenn Einer Euch mit ruhiger Miene anſieht, ſo meint Ihr ſchon die Verwünſchung gegen Euch auf ſeinen Lippen zu leſen, und wenn man Euch bittet, gut zu ſein, ſo ſeht Ihr darin die Anklage, daß Ihr ſchlecht ſeid! ein, nein, mein Dichter, Niemand hat die Gifttropfen der Verleumdung in mein Ohr gegoſſen, Niemand hat Sie bei mir verleumdet! Auch bin ich gewohnt, mir ſelber mein Urtheil zu ſchaffen und die Meinung An⸗ derer hat keinen Einfluß auf daſſelbe.. ber Euere Majeſtät lieben es, meinen Feinden Ihr Ohr zu öffnen, ſagte Voltaire düſter. Gerade Diejenigen, welche mich am heftigſten angreifen, wer⸗ 7 — — 45— den von Euerer Majeſtät mit der größten Huld und Gnade beehrt. Oh, Euere Majeſtät ſind grauſam ge⸗ gen mich, wie eine coquette Schöne. Kaum haben Sie mich durch einen Liebesblick zu dem glückſeligſten der Menſchen erhoben, ſo wenden Sie ſich mit kalter Verachtung von mir und lächeln meinen Nebenbuhlern. Noch ſitzen zwei Dolchſtöße in meinem Herzen und verurſachen mir Todesqual. Wenn Euere Majeſtät mich ganz glücklich machen wollen, müſſen Sie mit eigenen hohen Händen mein Herz wieder heilen! Ich will es, wenn ich es kann, ſagte der König ernſt. Laſſen Sie hören, worüber Sie ſich zu beſchwe⸗ ren haben? Sire, Euere Majeſtät haben Fréron in Paris zu Ihrem Correſpondenten ernannt. Frérvn, meinen er⸗ bittertſten Feind, meinen wüthendſten, gemeinſten Geg⸗ ner. Aber es iſt nicht deshalb, daß ich Euere Maje⸗ ſtät beſchwöre, ihn zu verabſchieden. Sie werden mich nicht für ſo kleinlich und erbärmlich halten, Sire, zu glauben, daß ich deshalb Euere Majeſtät beſchwören will, dieſes Subject aus Ihren Dienſten zu entlaſſen, oder daß die perſönliche Feindſchaft mich gegen die Ver⸗ dienſte des Schriftſtellers Fréron blind machen könnte. Nein, Sire, es geſchieht, weil Fréron Ihrer Gnade nicht werth iſt, weil Fréron ein öffentlich entehrter, gemeiner Fripon iſt, der mehr als eine gemeine Be⸗ trügerei begangen hat. Sie können alſo denken, Sire, welch einen Scandal es in Paris erregte, als man vernahm, daß Euere Majeſtät dieſen Menſchen mit einer Stelle beehrten, welche nur einem Manne von Weisheit und Redlichkeit gebührt. Freron iſt nur des⸗ halb mein Feind, weil ich ihm trotz aller Bitten mein Haus verſchloſſen habe, und ich that das aus Grün⸗ den, welche ihm die Aufnahme in jedem anſtändigen — 46— Hauſe unmöglich machen.*) Sire, ich beſchwöre Sie alſo, laſſen Sie keinen Tag länger die Welt glauben, daß Fréron Ihr Correſpondent ſei, ich beſchwöre Euere Majeſtät, entlaſſen Sie ihn aus Ihren Dien⸗ ſten! Der König antwortete nicht ſogleich. Er ging ge⸗ dankenvoll einige Male auf und ab, dann blieb er vor Voltaire ſtehen, und ſein Auge hatte jetzt einen faſt ſtrengen, zürnenden Ausdruck. Ich opfere Ihnen Fréron, ſagte er, weil ich nicht den erſten Tag Ihres Hierſeins Ihnen etwas abſchla⸗ gen will. Aber ich wiederhole Ihnen, was ich Ihnen vorher geſagt: ſeien Sie nicht bloß ein großer Dichter, ſondern auch ein guter Menſch! Voltaire ſchüttelte traurig das Haupt. Sire, ſagte er, in Ihren Augen bin ich kein großer Dichter, ſon⸗ dern nur noch un soleil couchant. Denken Sie an d'Arnaud, meinen Schüler, den ich Ihnen gefandt! Ah, rief der König lachend, Sie haben alſo mein kleines Gedicht an d'Arnaud ſchon geleſen? Sire, ich habe es geleſen, und das iſt der zweite Dolchſtoß geweſen, den ich von Ihrer Hand auf dieſer Reiſe empfing, zu welcher mein Herz meinen elenden, ſiechen Körper zwang, weil ich Sie ſehen wollte, bevor ich ſterbe. Ja, ich habe dieſes fürchterliche Gedicht ge⸗ leſen, ich habe dieſe Worte in mein Herz eingebrannt, dieſe grauſamen Worte: Déja, sans étre téméraire, Prenant votre vol jusqu'aux cieux Vous pouvez égaler Voltaire, Et près de Virgile et d'Homère *) Voltaire's eigene Worte. Oeuvres. Vol. 58. pag. 312. — 42— * Jouir de vos succès heureux. Déjà l'Apollon de la France S'achemine à sa décadence; Venez briller à votre tour. Elevez vous, s'il brille encore; Ainsi le couchant d'un beau jour Promet une plus belle aurore.*) Ah, ſagte der König, als Voltaire jetzt ſchwieg und in einer tragiſchen Stellung vor dem König ſtehen blieb, ah, ich geſtehe zu, daß ein empfindliches Gemüth wie das Ihre in dieſem unſchuldigen Reimgeklingel einen Dorn finden kann, der Voltaire trifft, während ich nur beabſichtigte, dem kleinen d'Arnaud einige Ro⸗ ſelt zum Kranz zuſammenzuflechten. Ich habe meine Sache alſo ſchlecht gemacht, und es war die höchſte Zeit, daß Voltaire kam, um mich zu lehren, beſſere Gedichte zu machen. Sie ſehen, ich geſtehe mein Un⸗ recht ein, und ich erlaube Ihnen, den Dichter dieſer Verſe für ſein Unrecht zu ſtrafen, indem Sie ein Ge⸗ dicht gegen ihn machen, das wir ebenſo gut veröffent⸗ lichen wollen, als meine Verſe an d'Arnaud.. Verſprechen mir Euere Majeſtät alles Ernſtes dieſe kleine Genugthuung? Ich verſpreche ſie Ihnen. Geben Sie mir Ihr Gedicht, ſobald es fertig iſt, und wir wollen es in Formey's Journal drucken laſſen. Sire, mein Gedicht iſt fertig! Hören Sie nur: Quel diable de Mare Antonin! Et quelle malice est la vôtre! *) Supplémens aux Oeuvres posthumes. Vol. VI. p. 378. — 418— 8 Nous égratignez d'une main, Lorsque vous caressez de l'autre.*) Der König lachte. Ah, ſagte er, welch ein aller⸗ liebſtes Quatrain der Sieur Arouet da gemacht hat! Arouet? fragte Voltaire erſtaunt. Nun, Sie wollen mich doch wohl nicht glauben machen, daß dieſes keine ſtachlichte, wiederhaarige Reim⸗ geklingel von dem großen Dichter Voltaire ſei? Nein, nein, es iſt nicht vom großen Voltaire, ſondern nur vom kleinen Arouet, und mit Arouet's Unterſchrift wollen wir es drucken laſſen! Voltaire heftete einen Moment ſeine großen Augen mit einem ſtechenden Ausdruck auf das ſchöne, lä⸗ chelnde Antlitz des Königs. Dann ſenkte er das Haupt tund blickte gedankenvoll zur Erde nieder. Eine Pauſe rat ein. Als Voltaire dann ſich wieder emporrichtete, hatte ſein Angeſicht wieder den edlen, ſchönen Ausdruck, war er wieder der Dichter Voltaire. Sire, ſagte er mit weichem, faſt zärtlichem Ton, Sire, ich werde dieſes Gedicht nicht drucken laſſen, denn Sie haben Recht, es iſt nicht von Voltaire, ſon⸗ dern von dem alten Arouet oder Adam, der dem Dich⸗ ter Voltaire immer noch zuweilen in den Nacken ſchlägt. Aber Sie, Sire, Sie, welcher ſchon fünf Schlachten gewonnen hat, und dem einige Morgenſtunden jedes Tages genügen, um ein großes Königreich mit Weis⸗ heit, Umſicht und Liebe zu regieren, Sie werden immer mit einem gütigen Blick Ihres Auges den alten Arouet bannen und himmliſche Liebes⸗ und Loblieder von Vol⸗ taire's Lippen rufen!. Mag es genug ſein an den Liebesliedern, die Lob⸗ *) Voltaire: Oeuvres complètes. Vol. 58. p. 379. lieder ſpare ich Ihnen, rief Friedrich, indem er Vol⸗ taire mit einem köſtlichen Lächeln die Hand dar⸗ reichte.— Am Abend dieſes erſten Tages, den Voltaire auf Sansſouci beim König zubrachte, kehrte der neue Kam⸗ merherr mit dem Orden pour le merite geſchmückt, und die vom König eigenhändig geſchriebene Zuſiche⸗ rung einer Penſion von fünftauſend Thalern in der Taſche nach Potsdam zurück. Zwei reichgallonirte Bediente empfingen ihn an dem Schloßportal, und während der eine mit dem ſilbernen Armleuchter, auf welchem fünf Wachskerzen brannten, ihm vorleuchtete, lehnte ſich Voltaire erſchöpft und äch⸗ zend auf den Arm des andern Bedienten, um ſich von ihm in die für ihn bereiteten Zimmer faſt tragen zu laſſen. Dann befahl er dem Diener, den Armleuchter auf den Tiſch zu ſtellen, und im Vorzimmer ſeiner weitern Befehle zu harren. Kaum aber waren die Diener hin⸗ ausgegangen, als Voltaire, welcher bis dahin erſchöpft im Divan gelegen, ſich erhob und eilig zu dem Tiſch hintrat, auf welchem der Armleuchter ſtand. Mit ge⸗ ſpitzten Lippen erhob er ſich ein wenig auf den Zehen, und blies drei der Lichter aus, welche auf dem Arm⸗ leuchter brannten. Es iſt genug an zwei Kerzen, ſagte er mit ſeinem grinſenden Lachen. Ich bekomme monatlich zwölf Pfund Wachskerzen, und ich denke, wenn ich recht ſparſam damit umgehe, wird dieſes Licht, welches das barbariſche Deutſchland mir liefert, wohl ſoviel Pro⸗ cente abwerfen, um meiner guten Nichte Denis ein kleines Nadelgeld zu verſchaffen. Dann ging er mit dem Armleuchter, auf welchem nur noch zwei Kerzen brannten, durch dieſes mit kö⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. IV. 4 niglicher Pracht ausgeſtattete Empfangszimmer, um ſich in das daneben befindliche Studirzimmer zu bege⸗ ben. Es war ein ſeltſames, faſt ſchauerliches Bild, dieſen einſamen, gebückten Mann inmitten dieſes glän⸗ zenden, halbdunklen Gemaches zu ſehen, wie die Lich⸗ ter mit grellem Schein ſein boshaft lächelndes Antlitz beleuchteten, und hier und da, indem er weiter ſchritt, irgend eine Vergoldung außblitzen machten, in irgend einem Bild reflectirten, irgend ein Meuble in die Helle hervortreten ließen, während hinter ihm Dämmerung uun Nacht Alles in ihre undurchſichtigen Schleier üllte. In ſeinem Studirzimmer angelangt, ſetzte ſich Vol⸗ taire an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb an ſeine Nichte, Madame Denis: „Ich habe mich alſo jetzt in aller Form an den König von Preußen gefeſſelt. Meine Ehe mit ihm iſt abgeſchloſſen. Wird ſie glücklich ſein? Ich weiß es nicht! Ich habe es nicht verhindern können, endlich das entſcheidende Ja zu ſprechen. Es mußte endlich, nach dem Coquettiren ſo vieler Jahre, doch zu einer Heirath kommen. Das Herz hat mir vor dem Altar geklopft. Ach, hätte ich ahnen können, als wir vor ſieben Monaten zuſammen mein Haus in Paris ein⸗ richteten, daß ich mich heute, dreihundert Lieus von der Heimath, im Hauſe eines Andern befinden würde? Und dieſer Andere iſt zugleich ein Gebieter!“*) Um dieſelbe Zeit ſchrieb der König an Algarotti nach Berlin:— 3 „Voltaire iſt hier! Er hat, wie Sie wiſſen, kürz⸗ lich wieder einen Streich begangen, welcher ſeiner un⸗ würdig iſt. Er verdiente, auf dem Parnaſſus gebrand⸗ *) Oeuvres completes. Vol. 58. p. 361. markt zu werden; es iſt ſehr ſchade, daß eine ſo böſe Seele mit einem ſo erhabenen Genie vereint iſt. In⸗ deß werde ich mir nichts merken laſſen, denn ich habe ſeiner zum Studium der franzöſiſchen Sprache nöthig, man kann ja auch ſchöne Dinge von einem Uebelthä⸗ ter lernen. Ich will ſein Franzöſiſch wiſſen, was küni⸗ mert mich ſeine Moral? Dieſer Mann hat das Mit⸗ tel gefunden, die Gegenſätze in ſich zu vereinigen. Man bewundert ſeinen Geiſt, während man in derſel⸗ ben Zeit ſeinen Charakter verachtet!“*) III. Die Conſidenztafel. Jetzt, meine Freunde, laßt uns fröhlich ſein, und aller Sorgen vergeſſen und aller Trübſal der Welt! rief der König mit einem heitern Lächeln. Hebt Eure Gläſer und ſtoßt mit mir an: Es lebe die Heiterkeit! Es lebe der Scherz und die Freude! Er hob ſein Glas empor, und die Freunde thaten es ihm nach, die Gläſer ſtießen mit hellem Klang an⸗ einander, dann ſetzten ſie ſie an die Lippen und leer⸗ ten ſie aus, und ſetzten ſie ſchweigend wieder auf die Tafel nieder. Friedrich blickte mit einem ſtrahlenden, köſtlichen Ausdruck umher auf den Kreis der Freunde, die mit *) Oeuvres de Frédéric le Grand. Vol. III. p. 66. 4:* ihm der runden Tafel ſaßen. Sein Auge weilte auf jedem dieſer lächelnden Geſichter und ſchien auf dem Grunde derſelben leſen zu wollen, dann ließ er den Blick hinausſchweifen in den Garten von Sans⸗ ſouci, der durch die geöffneten Saalthüren ſeine lieb⸗ lichen Düfte, ſeinen Vogelgeſang, ſeine erquickende Abendkühle hereinſandte, während der Mond mit gol⸗ denem vollem Angeſicht hereinſchaute, als wolle ſein Glanz wetteifern mit dem Glanz dieſer Wachskerzen, die an dem über der Tafel hängenden koſtbaren Kron⸗ leuchter von Bergeryſtall brannten. . Das iſt ein köſtlicher Abend, ſagte der König, und wir wollen ihn mit allen Sinnen genießen; und in⸗ dem er den im Hintergrunde des Saales ſtehenden Lakayen einen Wink gab, fuhr er fort: ſchließt die Thüren und öffnet die Fenſter, ſetzt das Deſſert auf und den Champagner, und dann hinaus mit Euch! Geräuſchlos und eilig wurden ſeine Befehle voll⸗ zogen, und als dann die Lakayen ſich entfernt und die Thüren hinter ſich in's Schloß gedrückt hatten, blickte der König wieder umher im Kreiſe ſeiner Freunde und grüßte Jeden mit einem Lächeln und einem freundli⸗ chen Neigen des Kopfes. Willkommen, Ihr Alle, Alle, ſagte er, ſo lange hat mein Herz ſich geſehnt, Euch Alle beiſammen zu ha⸗ ben, und nun endlich ſeid Ihr hier. Da iſt Voltaire, deſſen Marquiſe erſt von einem Buch, einem Kinde und dann vom Leben entbunden werden mußte, um ihn von ſeiner Liebe zu entbinden und nach Berlin frei zu geben. Da iſt Algarotti, der Schwan von Italien, der immer ſeine Flügel ausbreiten und uns entfliehen möchte nach dem Lande der Orangen und der Flöhe. Da iſt La Mettrie, der nur deshalb bleibt, 8 weil er endlich ſich überzeugt hat, daß der Capwein bei mir ächt und die Gänſeleber⸗Paſteten wirklich aus Straßburg ſind. Da iſt d'Argens, der ſich hier⸗ her geflüchtet hat, weil es ſonſt kein Land in Europa giebt, wo nicht eine Geliebte auf ihn harrt, der er mit tauſend Schwüren ewige Treue angelobt. Da iſt Ba⸗ ſtiani, den wir nur hier haben, weil die ſchleſiſchen Damen, nachdem ſie ihm in langer und inbrünſtiger Ohrenbeichte alle ihre ſchönen Sünden gebeichtet ha⸗ ben und er ſie von allen abſolvirt hat, doch jetzt wie⸗ der Zeit haben müſſen, um einige neue ſchöne Sünden begehen zu können, und thäten ſie's auch nur, um dieſe dem ſchönen Abbé Baſtiani beichten zu können. Da iſt endlich Mylord Marſchall, der Edelſte und Beſte von uns Allen, deſſen Gegenwart ich ſeiner politiſchen Treue und dem Unglück der Stuarts danke! Und da iſt vor allen Dingen noch der Salomon des Nordens, rief Voltaire, da iſt Friedrich, der jüngſte von uns Allen und doch der Weiſeſte, da iſt der Phi⸗ loſoph von Sansſouci, da iſt Apollo, der Götter⸗ ſohu⸗ welcher ſich zu uns herabgelaſſen hat als unſer önig. Ah, nichts vom König heute, ſagte Friedrich. Nach Sonnenuntergang giebt's in Sansſouci keinen König mehr. Der König verläßt alsdann dies Haus und be⸗ giebt ſich in irgend eines ſeiner Schlöſſer, Gott weiß wohin, nur hier iſt er nicht. Wir ſind alſo ganz un⸗ ter uns und ganz sans goͤne. An dieſer Tafel giebt es keinen König. Wir ſind hier nur ſieben Freunde, S Wüllenmbe plaudern, und wenn Ihr woltt, ſieben eiſe! Das alſo iſt die Confidenztafel, rief Voltaire, die Confidenztafel, von der mir d'Argens ſo viel erzählt 54— und die vor meinen innern Augen glänzte, wie König Arthus Tafelrunde. Es lebe die Confidenztafel! Sie lebe, und die erſte Sitzung heute Abend wol⸗ len wir damit beginnen, daß wir uns Alle einige Con⸗ fidenzen machen, ſagte der König. Jeder ſoll Etwas erzählen, irgend einen pikanten, ſeltſamen Zug aus ſei⸗ nem Leben, eine erlebte Anecdote oder ein kleines, ſüßes Geheimniß, das er den Freunden, aber nicht der Frau anvertrauen darf. Der Aelteſte von uns fängt an. Ich fürchte, das bin ich, ſagte Voltaire, obwohl ich Euerer Majeſtät bekennen muß, daß mein Herz noch gar keine Runzeln und keine weißen Haare hat. Das Alter, dieſes alte ſchauerliche Weib, welches mit grin⸗ ſendem Lächeln hinter jedem Menſchen herſchleicht und den Moment belauert, wo es ihm die durchlebten Jahre auf ſeiner Stirn verzeichnen kann, das Alter hat nur mein Angeſicht mit ſeiner widerlichen Maske überklebt. Mein Herz iſt jung geblieben, und wenn die Weiber nicht ſo kurzſichtig wären, daß ſie nur die Fratze da und nicht mein inwendiges Geſicht ſehen können, ſo würden ſie mich nicht den alten Voltaire nennen, ſondern mich lieben und anbeten, wie ſie es in meinen jungen Jahren ſo viel, gethan. Gebt Acht, er will uns heute von irgend einer Herzogin erzählen, die ihn auf einen Altar geſtellt, um ihn anzubeten, ſagte der König. Nein, Sire, ich will Ihnen erzählen von einer Kränkung, die mir von allen Kränkungen, die ich je erfahren, die bitterſte geweſen und die ich nie vergeſ⸗ ſen kann. Als ob er jemals eine Kränkung vergeſſen könnte, es ſei denn, daß er ſich gerächt hätte, rief d'Argens. — 55— Und ſeinen Feind als Haſenpaſtete mit köſtlichem naut goüt verſpeiſt hätte, fügte La Mettrie hinzz9. Wahrhaftig, wenn ich alle meine Feinde verſpei⸗ ſen ſollte, ſo würde ich ewig an Indigeſtionen leiden, und in meiner Verzweiflung zuletzt vielleicht ſogar zu La Mettrie meine Zuflucht nehmen. Man weiß ja, daß, wer an unheilbaren Krankheiten leidet, zuletzt ſo⸗ gar die Kunſt der Quackſalber nicht verſchmäht. Sie vergeſſen, daß La Mettrie wirklicher, ſtudirter Arzt iſt, ſagte der König mit anſcheinendem Ernſt. Im Gegentheil, er erinnert ſich deſſen, rief La Mettrie lachend. Der beſte Arzt iſt immer auch der größte Quackſalber oder der größte Todtengräber, wie Sie wollen! Still, rief der König. Voltaire hat das Wort. Er will uns den Superlativ empfangener Kränkungen er⸗ zählen. Hören wir! Ach, mein Herz wird traurig, Sire, denn von al⸗ len Schmerzen, die es giebt, iſt mir der Schmerz des Rückwärtsſchauens in die Vergangenheit der bitterſte. Ich ſehe mich da eben als jungen Mann, als dieſen Arouet, dem Ninon de l'Enclos ihre Bibliothek und eine Penſion vermachte, und der mit zwanzig Jahren in die Baſtille wandern mußte, weil er Gott und den König zu wemig, die Marquiſe de Villars und einige andere Damen des Hofes zu viel geliebt hatte. Aber außer den vornehmen Damen gab es da noch ein ſchö⸗ nes junges Kind, welches ich liebte, vielleicht weil ſie eine Eigenſchaft beſaß, welche ich bei meinen vornehmen Gönnerinnen nie bemerkt hatte, weil ſie unſchuldig war. Ah, meine Freunde, Sie hätten Phyllis ſehen ſollen, und Sie würden geſagt haben, daß keine Roſen⸗ knoſpe ſchöner, keine Lilie reiner ſei. Und doch war ſie nur die Tochter eines Zigeuners und einer Mauſe⸗ fallenhändlerin, und tanzte auf dem Drathfeil in den Dorſtadtgärten. Ach, ach, die Göttin der Unſchuld, ſcheint mir, tanzt in der Welt immer ein wenig auf dem Drathſeil, ſagte der König, ich werde mich daher nicht wundern, wenn auch Ihre kleine Göttin Phyllis herunterfiel. Sire, ſie fiel herunter, aber in meine Arme, und wir ſchwuren uns ewige Liebe und ewige Treue. Nun, Sie kennen ja Alle aus Erfahrung dieſe Schwüre, mit denen man jeden neuen Treubruch zu beſiegeln pflegt, und welche die Holzſcheite ſind, mit denen man das Feuer der Liebe unterhält. Die Holzſcheite verbrennen und dann hört die Liebe auf. Wer kann dafür? Un⸗ ſer Feuer brannte lange, und denken Sie nur, Phyllis, welche ich vom Drathſeil der Unſchuld heruntergezogen und zu einer Tänzerin auf der Bühne erhoben hatte, Phyllis war trotzdem noch ſo unſchuldig und naiv, daß ſie glaubte, unſere Liebe müſſe endlich durch die Ehe gekrönt werden. Ich aber war damals ſchon ein guter Republikaner und fürchtete alle Kronen, am mei⸗ ſten die, mit welcher die Ehe mich ſchmücken konnte. Ich ſagte alſo, daß Ninon de l'Enclos mir in ihrer Weisheit den Schwur abgenommen, mich niemals zu vermählen, damit nicht meine Enkelin ſich in mich Hrileu könnte, wie's ihr Enkel doch mit ihr ge⸗ than! Ausſicht iſt vorhanden, ſagte La Mettrie, denn ſicher hat des Teufels Großmutter auch einen Mann gehabt, und warum ſollte ſich Ihre Enkelin alſo nicht in Sie verlieben? Phyllis hielt mich aber nicht für des Teufels Großvater, ſondern für den Teufel ſelber. Sie weinte und ſchrie, und warf mir alle unſere Liebesſchwüre wie zerfetzte Königskronen in's Angeſicht. Ich ſtarb — 37— indeſſen ſo wenig davon, wie ſie an ihrem Liebesgram; um mir zu zeigen, wie treu ſie mich geliebt, ver⸗ mählte ſie ſich mit einem reichen Grafen von Venta⸗ dour. Und Sie, nicht wahr, Sie waren der Brautführer? fragte der König. Sie übergaben dem Grafen die holde Jungfrau, und ſchwuren, daß Sie nie ein keu⸗ ſcheres Weib geſehen? Nein, Sire, ich befand mich wieder in der Baſtille und verließ ſie nur als ein Verbannter aus Frankreich. Als man mir endlich erlaubte, heimzukehren nach Pa⸗ ris, ging ich auch zu meiner Gräfin Ventadour, zu meiner Phyllis früherer Zeit. Ah, jetzt war ſie eine vornehme Dame, welche nichts mehr von den ſüßen Tollheiten ihrer Jugend wußte, nichts mehr von ihrem Vater, dem Seiltänzer, und ihrer Mutter, der Mauſe⸗ fallenhändlerin, nichts mehr von dem jungen Arouet, dem ſie einſt unter einem Fliedergebüſch geſchworen, zu ihm, wie zu Gott, immer nur„Du“ zu ſagen. Jetzt nannte ſie mich„Sie“ und war, Dank der Ge⸗ ſchicklichkeit eines großen Heraldikers, die Tochter eines vornehmen Spaniers, geſegnet wenigſtens mit ſieben Ahnen. Da ſie ſehr gute Diners gab und man an ihrer Tafel ſehr guten Wein trank, vergaß man ihre etwas dunkle Vergangenheit, und Phyllis war aner⸗ kannte Gräfin Ventadour, was beweiſt, daß eine Gräfin und eine Phyllis doch immer nur aus einem Teig ge⸗ knetet ſind. Frau Gräfin Ventadour war noch immer leidlich ſchön, nur etwas taub, und daher kam es, daß ſie ſehr laut ſprach, wenn ſie nur zu flüſtern glaubte. Sie lud mich ein, in ihrem Salon eins meiner neuen Werke vorzuleſen, und ich war ſchwach genug, die Ein⸗ ladung anzunehmen. Ich hatte meinen Brutus voll⸗ endet aus England mitgebracht, und brannte vor Be⸗ — 58— gierde, den Beifall der Pariſer zu empfangen. Ich begann alſo im Salon der Gräfin von Ventadour, im Kreiſe der Vornehmſten des Adels, der Wiſſen⸗ ſchaft und Künſte, meine Tragödie vorzuleſen. Man lauſchte mir in athemloſer Spannung, und an der tiefen Stille, die mich umgab, an den glänzenden Au⸗ gen meiner Zuhörer, an dem leiſen Gemurmel des Beifalls ſah ich, das ich noch immer Voltaire ſei, und daß die Henkershände, welche meine Lettres philoso- phiques in's Feuer geworfen, nicht auch meinen Ruhm und mein Genie hatten verbrennen können. Während ich las, ſchlich ein Lakay leiſe auf den Zehen zum Kamin, um dort das erlöſchende Feuer ein wenig auf⸗ zuſtoßen. Neben dem Kamin ſaß ſeine Herrin, die Gräfin Ventadour. Sie flüſterte mit ihm; ich las ein wenig lauter, um ihr Geflüſter unhörbar zu ma⸗ chen. Es war gerade die erhabenſte, die größte Scene 1 meiner Tragödie. Mein eigenes Herz bebte, als ich ſie las, und hier und dort ſah ich Augen ſich mit Thränen füllen, welche nie geweint, und Seufzer von Lippen zittern, welche immer nur zu lächeln pflegten. Jetzt kam im Monolog des Brutus, der überlegte, ob er dem Vaterlande die Köpfe ſeiner Söhne opfern ſollte, eine Pauſe, und juſt, als ich ſchwieg, rief die Gräfin Ventadour mit lauter Stimme, während ſie zu flüſtern glaubte:„vergeßt nur nicht, Moſtvich zu den Schweinsköpfen zu geben.“*) Ein lautes Gelächter unterbrach hier den Erzähler, und ſelbſt Voltaire, hingeriſſen von der allgemeinen Luſtigkeit, mußte einſtimmen in ihr Lachen. In der That, das war ein ſehr pikanter Moſtrich, ſagte der König lachend, und ich meine, dieſe Schweins⸗ *) Mémoires de la Marqufse de Créqui. Vol. IV, p,. 401. 1 — 59— köpfe müßten Ihnen wundervoll gemundet haben. Aßen Sie ſie auf oder waren Ihre Zähne ſtumpf vom Moſtrich. Nein, ſie waren ſcharf genug um zu beißen, und ich biß. Ich hatte in der erſten Wuth mein Buch zugeſchlagen und ſchrie:„Moſtrich, Madame! Nun, da Sie einen Schweinskopf haben, ſo braucht Ihnen Brutus nicht die Köpfe ſeiner Söhne zu liefern!“ Und damit wollte ich gehen. Aber die arme Gräfin, die jetzt erſt ihr unglückliches Quiproquo erfahren, eilte mir nach, und beſchwor mich ſo lange mit Bitten und mit Flehen, zu bleiben und weiter zu leſen, bis ich mich erweichen ließ. Ich blieb alſo und las, aber nicht den Brutus. Die innere Wuth machte mich zum Improviſator, und dicht neben der Gräfin Ventadour ſitzend, umgeben von dieſem ſtolzen, heuchleriſchen Adel, der Phyllis als Gräfin anerkannte, weil ſie ein gutes Haus machte, umgeben von dieſen vornehmen Schma⸗ rotzerpflanzen, die ſich überall anranken, wo ſie die Mauer einer guten Küche oder eines gefüllten Wein⸗ kellers finden, improviſirte ich ein Gedicht, das meine ſtolze Gräfin und ihre Satelliten an ihre Phyllis⸗Zeit erinnerte und die Lacher auf meine Seite brachte. So entſtand das Gedicht:„le Tu et le Vous“, und das iſt die Geſchichte von meinem Brutus und den Schweinsköpfen mit Moſtrich!*) Und man muß geſtehen, daß dieſe Geſchichte gut iſt, ſagte der König. Sie werden Mühe haben, d'Ar⸗ gens, uns eine ebenſo pikante zu erzählen. Auch wage ich das gar nicht zu verſuchen, Sire, ſagte der Marquis, ſich tief verneigend. Voltaire iſt „) Mémoires de Mad. la Marquise de Créqul. Vol. IV. p. 201. 3* F — 60— von jeher ein Kind des Glücks geweſen, und ihm iſt immer das Außerordentliche begegnet, während ich beinahe in Gefahr war, das recht gewöhnliche, alltäg⸗ liche Schickſal eines jüngern Sohnes zu haben und ein Geiſtlicher zu werden! 7 Ach, die Idee iſt drollig, d'Argens, der an nichts glaubt, als an Aberglauben, d'Argens ein Geiſtlicher! rief der König lachend. Wie entgingen Sie der Ge⸗ fahr? Nur durch das Beiſpiel meines um ein Jahr äl⸗ tern Bruders, der von einer leidenſchaftlichen Fröm⸗ migkeit in der Jeſuitenſchule ſo fanatiſch und bigott geworden war, daß er die Welt und die Menſchen verachtete, und überall ſeine haarſträubenden Tiraden gegen die ſinnlichen Freuden, wie unſchuldig ſie immer ſein mochten, losdonnerte. Dem heiligen Xaver als Bekehrer zu gleichen, und keuſch und züchtig zu ſein wie der kindiſche Heilige Alois Gonzago, das war ſein höchſtes Ideal, und in ſeiner unzüchtigen und leicht getrübten Keuſchheitswuth ſchlich er ſich einſt in die Kunſtkammer unſers älteſten Bruders, um die ſchönſten Gemälde Titians zu vernichten, die herrlich⸗ ſten nackten Statuen des Alterthums zu verſtümmeln. Dann rühmte er ſich frohlockend ſeiner That, die er ein heiliges Tugendopfer nannte, und gar nicht be⸗ greifen konnte, daß Andere ſie als einen Vandalismus bezeichneten. Unſere Familie fürchtete alles Ernſtes für den Verſtand des armen jungen Heiligen, den die Jeſuiten mit ihrem gottſeligen heuchleriſchen Fanatis⸗ mus ſo bis auf's Aeußerſte getrieben. Man wandte ſich endlich an den Aelteſten und Weiſeſten unſerer Familie, an den Biſchof von Vannes, und fragte ihn unm Rath. Er ſann eine Weile nach und ſagte dann: „ Ich werde den armen Jüngling bald von ſeiner fa⸗* natiſchen Thorheit auf's Sicherſte curiren. Ich werde ihn zum Prieſter weihen.“ Wahrlich, Ihr Oheim der Biſchof war ein weiſer Mann, ſagte der König. Er wollte das Uebel durch das Uebel vertreiben, und wußte ſehr wohl, daß Nie⸗ mand weniger Ehrfurcht hat vor der Kirche, als die⸗ jenigen, welche ſie gebaut haben und ſich ihre Prieſter nennen. Das war allerdings die Meinung des hochwürdi⸗ gen Herrn, und mit einem geheimnißvollen Lächeln ſagte er:„Wenn er oft Beichte hört, wird er ſchon den Lauf der Welt kennen lernen.“ Und er hatte Recht. Mein fanatiſcher Bruder erhielt die Prieſter⸗ weihe und nach kurzer Zeit ward er ein ſehr toleran⸗ ter, wohlwollender und nachſichtiger Mann und Beicht⸗ vater. Unſere Weiber in der Provence beichten leb⸗ haft und umſtändlich, und das fruchtete ſoviel, daß mein frommer Bruder aufhörte, ein frommer Büßer zu ſein.*) Geſegnet alſo ſei das Land, wo die Weiber noch umſtändlich beichten, ſagte der König, es wird alsdann nicht von fanatiſchen Prieſtern verdüſtert werden. Aber Sie ſagten uns nicht, Marquis, inwiefern der keuſche Fanatismus Ihres Bruders Sie ſelber von der Ton⸗ ſur befreite? Sire, mein Vater fürchtete, ich könnte meine Prie⸗ ſterlaufbahn mit eben ſolchem bigotten Wahnſinn be⸗ ginnen, und mein Bruder möchte keine Weiber übrig laſſen, welche mich durch die Beichte heilen könnten. Er ſchlug mir alſo vor, ſtatt ein Prieſter der Kirche ein Prieſter der Welt zu werden, in der ») Nicolai. Heft I. S. 44. — 62— Kirche zu beten, lieber für das Kreuz zu fechten. Sein Vorſchlag gefiel mir; ich ging nach Malta und ward dort Malteſerritter. Und ihre erſte Waffenthat als begeiſterter Kreuz⸗ ritter war ohne Zweifel die, daß Sie ſich hinſetzten und Ihre lettres juives ſchrieben? fragte der König. Dieſe anmuthigen lettres, in welchen der Kreuzritter das Chriſtenthum verſpottet und der geoffenbarten Re⸗ ligion ſeinen Fehdehandſchuh hinwirft? Nein, Sire, ich begann mein Kreuzritterthum da⸗ mit, daß ich mich in das Land der Ungläubigen be⸗ gab, um zu ſehen und zu erprüfen, ob man wirklich auch glücklich und zufrieden leben könne in einem Lande, wo es keinen Meſſias und keine Cruzifixe gab. Ich ging alſo nach der Türkei. 1 Aber Sie trugen Ihren ſchützenden Talisman bei ſich, bemerkte der Abbé Baſtiani, das Kreuz auf Ihrem Mantel!. Ah, eine Bemerkung, welche ganz unſers frommen Abbe's würdig iſt, ſagte der König. Niemand kennt beſſer die ſchützende Wirkung eines Kreuzes, als der Prieſter, welcher es erfunden, und der Schneider oder Tiſchler, welcher es gemacht hat. Sagen Sie alſo, Marquis, bewährte ſich Ihr Talisman? Gingen Sie nicht zu den Ungläubigen über? Sire, ich wollte mir wenigſtens zuerſt ihren Tem⸗ 8 pel betrachten und ihrem Gottesdienſt zuſchauen, be⸗ 5 vor ich mich entſchiede, ob ich ein ungläubiger Gläu⸗ biger od gläubiger Ungläubiger ſein wollte! 3„Sie wären niemals ein Gläubiger, nur ein Schuldner geweſen, rief Vol⸗ boshaften Lachen. ommt das daher, bemerkte d'Argens ich nicht das Talent eines großen Dichters — 63— beſaß, und nicht auf Wucherzinſen auszuleihen und keine kluge Handelsſpeculationen zu machen verſtand. Auch hat mich keine Courtiſane zu ihrem Erben ein⸗ geſetzt und keine Maitreſſe mir eine Penſion verſchafft. Sehen Sie da, rief der König lachend, unſer gu⸗ ter Marquis hat ſchon von Ihnen gelernt, Voltaire, und macht es Ihnen nach. Er verſteht auch ſchon zu kratzen und zu beißen. Ja wohl, ſagte Voltaire mit einer tiefen Verbeu⸗ gung, es giebt Geſchöpfe, welche den Menſchen Alles nachmachen, ſelbſt ihre böſen Angewohnheiten, vielleicht weil ſie ſie für Tugenden halten. Das Antlitz des Marquis erglühte, und heftig auffahrend, war er im Begriff, eine Antwort zu ge⸗ ben, als der König die Hand über den Tiſch aus⸗ ſtreckte und ſie auf ſeinen Arm legte. Antworten Sie ihm nicht, ſagte er, Sie wiſſen wohl, der große Dich⸗ ter verwandelt ſich zuweilen in eine boshafte Tiger⸗ katze, die dann die höfliche Sprache der Menſchen nicht verſteht. Achten Sie alſo nicht auf ihn und erzählen Sie weiter! Nachdem der König ſo geſprochen, zog er ſeine Hand zurück und berührte dabei, anſcheinend aus Ver⸗ ſehen, das ſilberne Salzfaß, das auf der Tafel ſtand. Es fiel um und ſchüttete ſeinen Inhalt über das Tiſch⸗ tuch aus. Der Marquis ſtieß einen leiſen Schrei aus und erblaßte. Ach, mein Gott, rief der König mit gut geſpieltem Schrecken, welch' ein Unglück ich da angerichtet habe. Schnell, ſchnell, meine Freunde, laßt uns ein Gegen⸗ mittel gebrauchen gegen die Tücke der Dämonen, die, wie unſer guter Marquis behauptet, aus einem umgeſto ßenen Salzfaß hervorſchlüpfen. Schnell, ſchnell! Nehm 2“ — 64— Jeder eine Fingerſpitze Salz und werft es empor in die Lichter des Kronleuchters. Ah, wie das kniſtert und knackt. Nicht wahr, Marquis, das ſind die hölli⸗ ſchen Geiſter im Fegefeuer? Jetzt noch eine Priſe Salz für Jeden von uns; die werfen wir hinter uns über die linke Schulter, indem wir fröhlich dabei lachen.*) Voltaire, Sie müſſen die doppelte Portion verſchütten, denn Sie, mein Freund, haben zuviel Salz und machen dadurch oft Ihre ſchönſten Gerichte ungenießbar. Ah, Sire, Sie reden nur von dem Salz meiner Scherze, ſagte Voltaire, aber Niemand gedenkt daran, daß das eigentlich nur das ſalzige Naß meiner Thrä⸗ nen iſt, welche über meine Wangen gelaufen und ſich auf meinen Lippen zu beißendem Spott eryſtral⸗ liſirt haben. Nur die Unglücklichen und viel Ge⸗ prüften machen ſcharfe Witze und beſitzen einen ſchnei⸗ denden Humor. Nicht doch, das iſt immer nur eine Folge ſchlech⸗ ter Verdauung, unterbrach ihn La Mettrie. Die Ma⸗ ſchine unſers Körpers läßt ſich von dem Stäubchen Phosphor, Eiweiß und Fett, das die Poeten Geiſt, ich aber Gehirn nenne, nicht beſtimmen, ſondern ſie wirkt beſtimmend auf daſſelbe ein. Wenn man daher traurig iſt, ſo kommt das aus dem Unterleib, und um heiter und guter Dinge zu ſein und ſeinen Geiſt ſcharf, klar und friſch zu erhalten, hat man alſo weiter nichts zu thun, als gut zu eſſen und gut zu verdauen. Moliere würde wahrlich nicht ſo gute Luſtſpiele ge⸗ ſchrieben haben, wenn er, ſtatt der Rebhühner und Trüffeln, die für ihn von König Ludwig's Tafel ab⸗ fielen, ſich mit Sauerkohl und dicken Erbſen hätte näh⸗ )Thisbault. Vol. V. pag. 344. — 65— ren müſſen. Der Menſch iſt eine Maſchine, weiter nichts! 3 La Mettrie, ich werde Ihnen morgen nichts als Rebhühner und Trüffeln zu ſpeiſen geben, ſagte der König lachend, wehe Ihnen aber, wenn Sie mir über⸗ morgen kein Luſtſpiel à la Molière ſchreiben. Das wäre in der That die beſte Art, die Welt Ihr Werk l'homme machine vergeſſen zu machen. Aber wir vergeſſen ganz, daß Marquis d'Argens uns noch den Schluß ſeiner Erzählung ſchuldig iſt. Wir haben ihn als Malteſerritter verlaſſen, und Sie begreifen, daß wir ihn in dieſer Klemme nicht länger laſſen dürfen. Das hieße ja wahrhaſtig, ihn zur Frömmigkeit und Tugend verdammen wollen! Erzählen Sie weiter, lieber Marquis. Sie ſehen, wir haben unſer Salz geworfen und die Dämonen gebannt. Sie dürfen alſo ohne Gefahr Ihre Geſchichte fortſetzen. Ja, ſagte der Marquis, ſie zu erzählen iſt aller⸗ dings weniger gefahrvoll, als ſie zu erleben, obwohl ich geſtehen muß, daß auch die Gefahr des Erlebens ſeine Reize hat. Ich wollte, wie ich die Ehre hatte zu erzählen, gern einem Gottesdienſt in der großen Moſchee in Conſtantinopel beiwohnen, und meinen Bitten, die ich mit einer Hand voll Goldſtücke zu un⸗ terſtützen wußte, gelang es, den guten Türken, welcher die Schlüſſel der ſüperben Sophia in Verwahrſam hatte, zu überzeugen, daß es kein ſo großes Verbre⸗ chen ſei, einen ungläubigen Chriſten dem Gottesdienſte der gläubigen Muſelmänner beiwohnen zu laſſen. Und in der That, er riskirte nichts als eine kleine Baſton⸗ nade, während ich, wenn ich entdeckt ward, dem Hen⸗ kerstode nur dadurch entgehen konnte, daß ich den Turban nahm und ein Muſelmann ward. Und welch' einen ſtrenggläubigen Chriſten die hei⸗ Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. IV. 5 — 66— lige Mutterkirche da an dem Verfaſſer der lettres juives verloren haben würde, ſagte der König lächelnd. Aber welchen exquiſiten Harem die Stadt Con⸗ ſtantinopel gewonnen haben würde, rief Voltaire. Mylord Marſchall, ein Glück für Sie, daß Ihre ſchöne Muſelmännin damals noch nicht geboren war, der Marquis würde ſie Ihnen ohne Zweifel ſonſt abge⸗ kauft haben. Wenn Zuleima ſich verkaufen laſſen wollte, ſo wäre nichts an ihr zu bezahlen, ſagte der Lord mit einem ſanften Lächeln. Sie haben Recht, Mylord, rief der Marquis mit einem ſtechenden Seitenblick auf Voltaire, ja wahrlich, Sie haben Recht, nichts iſt verächtlicher, als die Käuf⸗ lichket und die Freundſchaft, die ſich bezahlen läßt. Wie Ihr Küſter der heiligen Sophia, ſagte Alga⸗ rotti, der auf Voltaire's Lippen ſchon eine ſcharfe Ant⸗ wort blitzen ſah. Es glückte Ihnen alſo wirklich, den guten Muſelmann zu beſtechen, und Sie gelangten zu dem unerhörten Glück, einem muſelmänniſchen Gottes⸗ dienſt beizuwohnen? Ich gelangte dazu. In der Nacht vor einem gro⸗ ßen Feſte führte mich mein Türke in die Moſchee und verbarg mich dort hinter einem großen Bilde, das auf einer über dem Hauptportal angebrachten Tribüne aufgeſtellt war. Dies war ein ziemlich ungefährlicher Verſteck, denn dieſe Tribüne ward nicht benutzt, und Jahre mochten vergangen ſein, daß man ſie nicht ge⸗ öffnet hatte. Außerdem war ſie auf der Abendſeite der Moſchee belegen, und Sie wiſſen wohl, daß die Bekenner Muhameds in ihrem Tempel immer das Antlitz nach Mekka, das heißt nach Conſtantinopel, nach der Morgenſeite hingewandt haben müſſen. Ich N — 67— war alſo ſicher, daß leiner dieſer frommen Ungläubi⸗ gen zu mir ſich umſchauen würde. Ich konnte von hier aus mit aller Bequemlichkeit und Ruhe dem ganzen Gottesdienſt beiwohnen, nur machte ich meinem Türken, der neben mir ſich verſteckt hielt, viel Angſt und Sorge, weil ich ſehr oft, der Lebhaftigkeit meiner Neugierde nachgebend, hinter mei⸗ nem Bilde hervortrat, und mich ein wenig über die Brüſtung lehnte, um beſſer ſehen zu können. Mein armer Muſelmann beſchwor mich aber dann mit ſo jammervollen Mienen, zurückzutreten, und deutete mit ſolcher Angſt auf ſeine Fußſohlen, daß ich ſchon Mit⸗ leid üben und wieder in mein Verſteck zurückkehren mußte. Aber endlich, trotz des feierlichen Gottes⸗ dienſtes, und meiner höchſt feierlichen Andacht, ward doch das Thier in mir rege und beſiegte meine Gött⸗ lichkeit. Mich hungerte, und da ich dieſen Fall vor⸗ hergeſehen, hatte ich meine Taſchen mit einer guten Flaſche Wein, einem halben Schinken und friſchem Weißbrod beſchwert. Das Alles zog ich jetzt hervor, breitete meine Schätze auf der Erde aus, und begann zu frühſtücken. Der Muſelmann betrachtete mich mit Entſetzen, und es würde ihn nicht gewundert haben, wenn dies Dach der heiligen Moſchee über dem Chri⸗ ſtenhunde zuſammen gefallen wäre, der es wagte, den Tempel zu entweihen, indem er Wein trank und Schin⸗ ken aß, welches Beides der Prophet verboten hat. Aber das Dach ſtürzte nicht ein, ſelbſt dann nicht, als mein Muſelmann, dem ich gedroht, wenn er's nicht thäte, mich öffentlich zu zeigen, mit mir von meinem Wein trinken, und von meinem Schinken eſſen mußte. Er that es anfangs mit wüthenden Blicken und grim⸗ migem Stirnrunzeln, immer emporblickend, als fürchte er, das Schwerdt des Propheten werde herunterfallen, 5* — 68— und ſein Haupt vom Rumpfe trennen. Aber bald familiariſirte er ſich mit ſeinem Verbrechen, und ver⸗ gaß die heiligen Ceremonien, welche da unten in der Kirche mit ſo vieler Pracht und ſo vielem Glanze ge⸗ feiert wurden. Ja, ſelbſt als der Gottesdienſt beendet war, und alle Devoten ſchon die Moſchee verlaſſen hatten, ſo daß wir es ungefährdet auch thun konnten, bat mich mein Muſelmann, noch ein wenig zu blei⸗ ben, und wir verzehrten mit einander als ſehr gute Freunde den Reſt meines Schinkens und tranken die letzte Neige meines Weins auf das Wohl des Pro⸗ pheten, indem wir der beſtandenen Gefahren uns la⸗ chend freueten.*) Als wir uns endlich entfernten, ward mein guter Muſelmann nachdenklich und traurig, und endlich geſtand er mir, daß er das glühendſte Verlangen fühlte, ein Chriſt zu werden. Der Schin⸗ ken hatte ihm gar ſo wohl gemundet, und der Wein war ſo gut geweſen, daß er ganz von Begeiſterung für eine Religion durchdrungen war, welche nicht bloß für die Seele, ſondern auch für den Leib ſo gute Speiſe darbot. Ich war ein zu guter Chriſt, um nicht ſeinem Verlangen hülfreich beizuſtehen. Ich nahm ihn alſo in meine Dienſte, und als wir die Türkei ver⸗ laſſen hatten und wieder auf chriſtlichem Boden uns befanden, genügte mein Muſelmann dem frommen Gelüſte ſeiner Seele, und ward ein Sohn der allein ſeligmachenden Kirche, um ohne Gewiſſensbiſſe ſeinen Wein trinken, und ſeinen Schinken eſſen zu können. So war alſo mein Beſuch der heiligen Moſchee doch voon ſegensreichen Folgen für das Seelenheil eines Menſchen geweſen, denn Dank meinem Schinken und *) Thisbault. Vol, V. S. 318 flgd. „— —,.,— . — 69— meinem Wein hatte ich eine Seele aus dem Fege⸗ feuer des Unglaubens befreit. Das iſt indeſſen das einzige Mal geweſen, daß es mir gelungen iſt, Pro⸗ ſelyten zu machen. Aber der Gewinn einer ſolchen Seele genügt, um Ihre eigene Seele dereinſt aus dem ewigen Fegefeuer zu befreien, ſagte der König; wenn Sie einſt ſter⸗ ben, Marquis, ſo dürfen Sie ſagen: ich habe nicht umſonſt gelebt, denn ich habe dem Himmel eine Seele gewonnen. Vorausgeſetzt, rief Voltaire, daß der Schinken, mit welchem der Marquis den Muſelmann bekehrte, nicht das Hintertheil eines dieſer holden Thiere zierte an dem Tage, an welchem der Teufel, wie in der heiligen Schrift ſteht, unter die Säue fuhr. Dann hätte ſich der arme neugebackene Chriſt an dieſem Schinken erſt recht das ewige Verderben gegeſſen. 5 Hoffen wir, daß dem nicht ſo geweſen, ſagte der König. Jetzt, Mylord Marſchall, iſt an Ihnen die Reihe, uns eine pikante Anecdote, oder auch, wenn Sie wollen, eine Heldenthat aus Ihrem ſchönen, an Tugend, Großmuth, Wahrheit und Treue ſo reichen Leben zu erzählen. Ah, Meſſieurs, jetzt laſſen Sie uns andächtig ſein, die Augen niederſchlagen und un⸗ ſer Herz erheben. Ein tugendhafter Mann wird ſpre⸗ chen, und wahrlich, die Tugend iſt eine heilige Göttin, welche von Wenigen geliebt wird und der man in unſerer jammervollen Welt ſehr wenig Altäre errich⸗ tet, weil ſie ſo wenig Prieſter hat. Mylord Marſchall indeſſen iſt einer ihrer erſten und ihrer edelſten Prie⸗ ſter. Sie können das ſchon glauben, wenn ich es Ihnen ſage, ich, welcher ſo oft ſchon getäuſcht wor⸗ den, daß ich oft faſt verſucht war, gar nicht mehr an die Exiſtenz der Tugend zu glauben. Mein edler — 70— Keith hat mich gezwungen, doch wieder an ſie z glauben, und dies Gefühl tröſtet mich und ich danke es ihm.*) Und mit einem Blick voll unausſprechlicher Liebe reichte der König dem neben ihm ſitzenden Freunde die Hand dar, welche dieſer mit einem ſanften Lächeln an ſeinen Buſen drückte. Die Geſichter der übrigen Herren waren ernſt, faſt düſter geworden; für ſie Alle waren die Worte des Königs ein Dolchſtoß geweſen und Jeder von ihnen litt an den Schmerzen der empfangenen Wunde. Aber der König achtete nicht darauf, er weidete ſeine Blicke an dem Anſchauen des edlen, ſtolzen und ſchönen An⸗ geſichts ſeines Freundes, und dachte gar nicht daran, daß, indem er dem Einen ſeine Zärtlichkeit und Ach⸗ tung bezeugte, das für die Uebrigen wie eine Nicht⸗ achtung und ein Vorwurf erſchien. Nun, Freund, wollen Sie uns etwas erzählen? fragte er, oder ſind unſere Ohren zu ſündhaft und unkeuſch, um etwas von den heiligen Myſterien Ihres Lebens vernehmen zu können? Ah, Sire, es giebt gar keine Myſterien in meinem Leben, ſagte Mylord Marſchall mit leiſem Kopfſchüt⸗ teln. Mein Leben liegt vor der ganzen Welt und vor den Augen meines Königs wie ein offenes Buch da, in dem Jedermann leſen kann. Und aus dem Jedermann ſich Belehrung und Er⸗ bauung ſchöpfen kann, ſagte der König. Es iſt ein Buch der Nobleſſe, aus dem jeder Edelmann lernen kann, wie er ſeinem König treu ſein ſoll in Noth und *) Des Königs eigene Worte. Bourdais: Portrait do Frédéric le Grand p. 255. — —— — 71— Tod. Ah, Mylord, es giebt wenig Menſchen, die es ſich gleich Ihnen zum Ruhm anrechnen dürfen, daß ſie zum Schaffot verurtheilt wurden! Der Prätendent von Schottland muß in Wahrheit ein liebenswerther Fürſt ſein, da Sie für ihn Ihr Leben auf das Spiel ſetzten. Er war mein rechtmäßiger König und Herr, ſagte der Lord, und darum war ich ihm Treue ſchuldig. Daß man mich dafür zum Tode verurtheilte und dann begnadigte, indem man mich aus England verbannte, darf ich mir jetzt nicht mehr als ein Unglück anrech⸗ nen, da ich dadurch des Glückes theilhaftig ward, in der Nähe Euerer Majeſtät leben zu dürfen. Aber auch meine Treue für den Prätendenten dürfen Euere Majeſtät nicht zu hoch ſtellen, denn ſie floß nicht aus einer ganz reinen Quelle, und wenn ich muthig und furchtlos damals mein Leben einſetzte, ſo lag das auch mit daran, daß das Leben wenig Werth für mich hatte und daß ich in der Verzweiflung meines Herzens den Tod meinen willkommenſten Freund genannt hätte. Wäre ich glücklicher geweſen, würde ich vielleicht we⸗ niger tapfer geweſen ſein. 4 Und wollen Sie uns erzählen, weshalb Sie un⸗ glücklich waren? fragte der König. Sire, es iſt eine kleine, ganz einfache Geſchichte, wie ſie häufig im Leben vorkommt, obwohl Jeder, dem ſie begegnet, wohl meint, daß kein Anderer das gelit⸗ ten hat, was er leidet. Sehr viele Herzen ſind ſo mit einem Grabſtein bedeckt, unter denen ihr Glück eingeſargt iſt, und die Menſchen wiſſen es nicht und gehen lächelnd daran vorüber. Ich habe mein Herz auch ſo ſtill verblutet und mein Glück eingeſargt, und doch ſtand es leuchtend und hell wie eine goldene Morgenſonne über mir, und lächelte mich an mit tau⸗ — 72— ſend köſtlichen Verheißungen, und grüßte mich mit wunderbarem Zauberglanz. Wenn ich dieſes junge, ſchöne, ſo unſchuldsvolle, ſo keuſche und züchtige Mäd⸗ chen anſah, das vor mir aufgegangen war, wie eine holde Purpurroſe an der die noch unberührten Thau⸗ tropfen des Himt hingen, ſo wollte es mir ſchei⸗ nen, als ſende ott in ihr ſeine ſchönſte Offen⸗ barung, und dem ich liebte. Sie war die Tochter e ranzöſiſchen Adelsfami⸗ lien, und als ich ganz junger ſchüchterner Menſch, nach Paris kam, hatte man mich an ihre am Hofe ſehr einflußreiche und mächtige Familie empfohlen. So ſahen wir uns täglich, Anfangs mit einer ſeltſa⸗ men Ueberraſchung, dann mit tiefer Bewegung, dann hörten wir einander ſprechen, ohne zu wagen uns an⸗ zureden, und dann endlich wagte ich nicht mehr über⸗ haupt in ihrer Gegenwart zu ſprechen, weil meine Stimme ſo ſehr zitterte.— Eines Tages, als ich in einer großen Geſellſchaft neben ihr ſaß, erlaubte ich mir, ſie leiſe zu fragen:„wenn ich es wagte, Sie zu lieben, würden Sie es mir verzeihen?“ Sie blickte nicht auf, aber ſie ſagte ganz leiſe:„ich würde glück⸗ lich ſein.“— Dann ſanken wir Beide wieder zurück in unſer Schweigen der Etiquette, nur zuweilen uns mit einem von Glückſeligkeit ſtrahlenden Antlitz be⸗ trachtend. Das dauerte ſechs Wochen, ſechs Wochen eines ſchweigenden, unausſprechlichen Glückes. Dann endlich überwand ich meine Schüchternheit und machte das ſüße Geheimniß meiner Liebe zu einer öffentlichen, indem ich bei dem Vater meiner Victoire um ihre Hand anhielt. Er ſagte ſie mir zu und führte mich ſelbſt zu meiner Geliebten, die ſich erröthend an mein freudetrunkenes Herz lehnte. In dieſem Moment trat 71 ihr erzählen. — 73— ihre Großmutter herein, mit ſtrengem Geſicht und zor⸗ nigen Blicken fragte ſie mich, ob es gegründet, daß ich Proteſtant ſei? Ich erwachte wie aus einem glücklichen Traum. In dem Entzücken, welches mich Monate lang begeiſtert und durchglühte, hatte ich gar nicht an Alles das gedacht. Die Liebe war meine Religion ge⸗ weſen, und ich hatte keiner andern bedurft, um Gott anzubeten. Aber dieſe Religion genügte nicht, ſie mußte ſich auch in eine Kirche fügen. Ich ſagte alſo, daß das Gerücht begründet, daß ich ein Proteſtant ſei. Victoire ſtieß einen lauten Jammerſchrei aus und ſank ihrem Vater ohnmächtig in die Arme.— Zwei. Tage darauf verließ ich Frankreich. Victoire wollte mich nicht wiederſehen und verweigerte mir ihre Hand. Ich kehrte nach England zurück, gebrochenen Herzens, ver⸗ zweifelnd, wahnſinnig faſt vor Kummer. In dieſem Delirium meiner Schmerzen ſchloß ich mich dem Prä⸗ tendenten an, und machte für ihn die abenteuerlichſten und gefahrvollſten Unternehmungen, die endlich damit endeten, daß ich verhaftet und verurtheilt ward.— Das, Majeſtät, iſt die einzige dens meines Lebens ge⸗ weſen, und Sie ſehen wohl, es läßt ſich wenig von Der König blickte ſtill hin, und da er ſchwieg, wagte Niemand, die z1 Selbſt Voltaire unterdrückte der ſchon auf ſeinen Lippen ſchwebte, u nügte ſich zu lächeln. 4 Wie hieß doch der Spruch, den Ihnen Ihr Vater mitgab, als er Sie aus ſeinen Armen in die Welt entließ? fragte der König nach einer langen Pauſe. Mich dünkt, Sie haben mir einſt davon erzählt. Sire, er hieß: — 74—. Als Du bei der Geburt emporſchlugſt Deine Blicke, Da lächelt' Jeder Dir, und Du, mein Sohn, Du weinteſt. Ach, lebe nur ſo gut, daß, wenn Dein Aug' einſt X„ t richt, Dann Jeder weint und klagt, und man Dich lächeln ſeht!*) Sie haben dieſes Wort Ihres Vaters erfüllt, ſagte der König, Sie haben ſo gelebt, daß Sie einſt lächeln werden, wenn wir Alle weinen, und daß Niemand, der Sie einmal geliebt hat, Sie vergeſſen kann. Auch Ihre Victoire wird Sie nicht vergeſſen haben. Sa⸗ hen Sie ſie niemals wieder? Doch, Sire, ich habe ſie einmal wiedergeſehen, als ich mich hierher begab und mein Vaterland auf ewig verloren hatte. Ah, Sire, es war ein ſchönes und herrliches Wiederſehen nach zwanzigjähriger Trennung. Der Schmerz der Liebe war verſcharrt, aber die Liebe war geblieben. Das geſtanden wir uns Beide. Un⸗ ſere Herzen waren ſcrs. Liebe erfüllt geweſen, daß ein Anfangs ſchm, dann aber ein unendlich ſü⸗ ßes ewiges Erinne inſere Liebe darin zurückge⸗ blieben war, ls aufgehört hatten, an einander zu int, daß, um ewig und ur wahr und redlich lieben 3 1 m. Die Gewohnheit und das tägliche Begegnen ſtreift alsdann nicht den Aether⸗ ſtaub des Himmels von den Flügeln dieſer Liebe ab, welche dem Himmel entſtammt und zum Himmel zu⸗ *) Quand vos veux, en naissant, s'ouvraient à la lu- midre, Chacun vous souriait, en nl et vous pleuriez. Vivez si bien, qu'un jour, à votre dernière heure, Chacun verse des pleurs, et qu'on vous voie sourire. konnte. — 75— rückgekehrt iſt, um dort als ein nie verlöſchender Stern über unſerm Haupte zu glänzen.— Als ich Victoire wiederſah, war ſie längſt vermählt, und für die Welt hatte ſie vielleicht aufgehört, ſchön zu ſein. Für mich war ſie's immer noch, und als ſie mich anſah, ſchien es mir, als ob die Schleier endlich von meinem Leben fortgenommen würden, und als ob die Sonne wieder ſchien. Doch, Sire, das Alles wird Sie wenig inter⸗ eſſiren. Wie ſehr indeſſen ich Victoire noch damals liebte, das werden Sie daraus ermeſſen können, daß ich für ſie das einzige kleine Gedicht gemacht, welches ich meinem unpoetiſchen Gehirn jemals abringen Ah, laſſen Sie es uns hören, Mylord, ſagte der König... Wenn Euere Majeſtät es befiehlt und Herr von Voltaire es verzeihen will, ſagte Mylord Marſchall mit einer ſanften Verneigung.. Ach, ich verzeihen, Mylord? rief Voltaire. Ich lebe, ſeit ich Sie auhöre, wie in einem Wunderlande, deſſen Exiſtenz ich nie geahnt 9 deſſen blumen⸗ duftender Schönheit ich kaum wag, meine unheiligen Augen aufzuſchlagen. Die Mährchen meiner Jugend⸗ träume, ſcheint es mir, werd ahr, und ich vernehme eine Sprache, von der rmen Söhne Frank⸗ reichs, die unter der ſchaft des Herzogs von Orleans erzogen worden, keine Ahnung hatten. Ich beſchwöre Sie alſo, laſſen Sie uns Ihr Gedicht hören! Mylord Marſchall nickte ihm lächelnd zu, und in⸗ dem er ſich dann rückwärts lehnte in ſeinen Seſſel und die tiefen blauen Augen zur Decke emporhob, re⸗ düre er mit ſeiner klaren, ſonoren Stimme folgende erſe: 4 — 76— Un trait lancé par caprice 3 M'atteignit dans mon printemps. J'en porte la cicatrice Encore sous mes cheveux blancs. Craignez les maux, qu'amour cause, Et plaignez un incensé Qui n'a point cueilli la rose Et que l'epine a blessé.*) Jetzt, fuhr der Lord raſch fort, um jedes Lob und jede Bemerkung über ſein Gedicht abzuwenden, jetzt, Majeſtät, bleibt mir nur noch Ein Geſtändniß übrig, und wenn Sie über meine Verſe nicht gelacht haben, ſo wird gewiß mein Geſtändniß Sie lachen machen, Meſſieurs. Ich bin, aus Liebe zu meiner verlorenen Jugendgeliebten, katholiſch geworden. Ich dachte mir, daß die Religion, der Victoire ihre Liebe opfere, die wahre Religion, in der alle Liebe wurzelt, ſein müßte. Ich wollte im Geiſt der ihre ſein, im Leben, ſowie im Tode. Jetzt, meine Herren, lachen Sie, denn ich bin im Geiſt und in de ein Katholik! Sublime! flüſterte Voltaire. Niemand von uns wird lachen, ſagte der König faſt ſtreng. Wohl d er gläubig iſt und ſein Herz auf das Kreuz lehne ich davon geſtützt und ge⸗ tragen fühlen kann. ird dann nicht ſchwanken und in der Irre umhertaumeln, wie es uns armen, kurzſichtigen Sterblichen ſo oft geſchieht. Werden Sie uns nun nicht den Namen Ihrer Geliebten nennen, oder iſt das ein Geheimniß, das wir nicht wiſſen dürfen? 8 Sire, unſere Liebe war ſo rein, daß ſie ihr Auge *) Mémoires de la Marquise de Créqui. Vol. I. p. 122. — 77— vor der ganzen Welt aufſchlagen darf. Meine Geliebte hieß Victoire de Freulay und iſt jetzt die Marquiſe von Créqui. Ah, die Marquiſe! rief Voltaire lebhaft. Die geiſt⸗ reichſte und berühmteſte Frau in Paris. Sie lebt alſo noch? ſagte der König gedankenvoll. Möchten Sie ſie wiederſehen, Mylord? Auf eine Stunde wohl, Sire, um ihr zu ſagen, daß ich katholiſch bin, und daß wir uns im Himmel wiederfinden werden. Ich werde Sie als meinen außerordentlichen Ge⸗ ſandten nach Paris ſchicken, Mylord, und Sie ſollen der Marquiſe meine ehrerbietigen Grüße bringen.*) Euere Majeſtät machen dadurch ein herrliches Epi⸗ gramm auf König Georg von England, ſagte Vol⸗ taire lachend. Denn zwei ſeiner edlen Rebellen wer⸗ den die Freundſchaft von Frankreich und Preußen ver⸗ treten. Lord Tirconnel, der Irländer, iſt franzöſiſcher Geſandter in Berlin, und Lord Marſchall Keith, der Schotte, wird preußiſcher Geſandter in Paris. Ah, Mylord, wie wird die edle Marquiſe erfreut ſein, wenn ihr treuer Ritter ihr ſein ſchönſtes Eigenthum, ſeine kleine Muhamedanerin Zuleima vorſtellt. Wie wird Zuleima glücklich ſein, wenn ſie ihr das Weib zeigen, welches Sie geliebt. Sie en dann ſehen, daß auch Mylord Marſchall einſt ein Herz gehabt und eine Frau geliebt hat. 2 Ich werde der Marquiſe meine kleine Zuleima bringen, ſagte der Marſchall, und wenn ich ihr erzähle, daß ſie ein Geſchenk meines Bruders iſt, der ſie bei —,) Mylord Marſchall ging dann zu Anfang des Jahres 1751 als außerordentlicher Geſandter des Königs nach Paris.. — 78— der Erſtürmung von Oſchakow, wo er als ruſſiſcher Feldmarſchall commandirte, aus den Flammen der brennenden Stadt rettete, ſo wird ſie es begreiflich finden, daß ich der armen Waiſe eine Heimath und einen Vater gegeben habe. Wenn Euere Majeſtät indeß erlauben, werde ich ihr auch noch vorher einen Gatten geben. Mein Kammerdiener, der Tartar Swan, liebt Zuleima, und ich werde ſie ihm zur Fuan geben, wenn Enere Majeſtät nichts dawider haben. Geben Sie ſie ihm, ſagte der König lächelnd. Nur wird es ſchwer ſein, hier in Berlin dieſe Ehe einzu⸗ ſegnen, denn Ihr Tartar hat, wie ich glaube, die Ehre ein Heide zu ſein? 91 Er iſt ein Anhänger der perſiſchen Religion, ire. Alſo ein Feueranbeter, ſagte der König. Da ſchlage ich vor, daß Voltaire als Prieſter dieſe Ehe einſegnet, denn wo man das Feuer anbetet, da darf Voltaire, ber Mann des Feuers und der Gluth, wohl Prieſter ein! Ah, Sire, ich glaube, daß wir Alle Perſer ſind, rief Voltaire lächelnd. Wir beten Alle das Licht an, und verabſcheuen die Finſterniß, und Sie, Majeſtät, Sie ſind für uns Gott Or uzd, dem alles Licht ent⸗ ſtrömt, und jeder Peſe ſt für uns Ahriman, der Gott der Finſterniß. Begnadigen Sie mich alſo, Ma⸗ jeſtät, und laſſen Sie mich auch ſelbſt im Scherz nicht die Rolle eines Prieſters ſpielen. Uebrigens, wozu bedarf es für dieſen glückſeligen Heidenſohn des Prie⸗ ſters. Iſt nicht die Sonne, Gott Ormuzd ſelber, da? Stellen wir alſo, mit Euerer Majeſtät Erlaubniß, die beiden Liebenden auf die oberſte Terraſſe von Sans⸗ ſouci, wo ſie vom hellen Strahl der Mittagsſonne wie — 79—. in heiliges Feuer getaucht ſein werden. Dazu können la divine Marianne Cochois und Denys einige my⸗ ſtiſche Tänze ausführen, und ſo iſt die Trauung nach perſiſchem Ritus erfolgt. Und es bleibt nur noch übrig, daß Euere Majeſtät uns dann ein ſolennes Hochzeitseſſen geben, rief La Meettrie, ein Hochzeitseſſen, bei dem es an den ſelten⸗ ſten und auserleſenſten Speiſen nicht fehlen darf, zur Ehre dieſer ſeltenen Hochzeit! Ah, ſeht nur, wie ihm die Augen glänzen vor Wonne, rief der König lachend. La Mettrie wäre be⸗ reit, die ganze Welt zu verheirathen, vorausgeſetzt, daß ſein eigenes Leben dann in einem fortgeſetzten Hoch⸗ zeitſchmaus beſtände. Aber hören Sie, bevor Sie wieder eſſen, iſt jetzt an Ihnen die Reihe zu erzäh⸗ len. Beſinnen Sie Sich alſo ſchnell, und tiſchen Se uns eine pikante Anecdote aus Ihrem Leben auf. IV. Die Conſidenztafel. (Fortſetzung.) Euere Majeſtät verlangen eine pikante Anecdote aus meinem Leben, ſagte La Mettrie. Was giebt es Pikanteres, als eine Trüffelpaſtete, und was verlohnte mehr des Geſpräches und der ſüßen Erinnerung, als dieſe ſchönſte Offenbarung des Menſchengeiſtes. Ja, „* — 80— Sire, eine wohlgelungene Trüffelpaſtete, das iſt die wahre und wirkliche geoffenbarte Religion, und ich bin ihr aubetungsvollſter Prieſter. Eines Tages habe ich ihr zu Liebe ein bedeutendes Vermögen, ein ſchönes Haus und eine ziemlich hübſche Braut aufgegeben, und ich muß ſagen, daß mir noch heute jene Trüffelpaſtete ein begehrenswertheres Gut erſcheint, als jene Braut und ihr Reichthum. Und gab es einen Vater, der ſo wahnſinnig war, ſeine Tochter an den homme machine verheirathen zu wollen? fragte der König. Sire, ich hatte damals meine Penelope geſchrieben. Herr van der Swiet in Leyden, ein armer kranker Mann, den eine Erkältung ſeit Wochen ſchon an's Bett gefeſſelt hielt, hatte ſie geleſen, und über dieſe Ver⸗ ſpottung der Herren Aerzte ſo herzlich gelacht, daß ihm dadurch geſchehen war, was weder die Kunſt der Aerzte, noch das Gebet der Prieſter hatte bewirken können, er war in Schweiß verfallen, und der heilte die Steifheit ſeiner Glieder und machte ihn geſund. Sein erſter Ausgang war zu mir, und er bat mich, ihm ein Mit⸗ tel anzugeben, durch welches er ſich mir dankbar be⸗ zeigen könnte. Senden Sie mir alle Tage eine Trüf⸗ felpaſtete und eine Flaſche Ungarwein, ſagte ich ihm. Herr van der Swiet lachte.„Ich habe etwas Beſſe⸗ res als eine Trüffelpaſtete“, ſagte er,„ich habe eine Tochter, welche die Univerſalerbin meines Vermögens iſt. Sie ſind nicht reich an Ducaten, aber reich an Witz, und ich wünſchte, daß meine Enkel, welche ich hinlänglich mit Geld ausſtatten kann, einen Vater ha⸗ ben, welcher ſie hinlänglich mit Geiſt ausſtattet. Hei⸗ rathen Sie alſo meine Tochter und ſchenken Sie mir einige Enkel, welche Ihnen gleichen.“ Ich nahm den Vorſchlag an, und verſprach dem guten van der Swiet, — 81— in acht Tagen ſein Schwiegerſohn zu werden und dann bei ihm in ſeinem Hauſe zu wohnen, um ihn täglich nach dem Mittageſſen eine Stunde durch fröhliche Ge⸗ ſpräche zu erheitern, damit ihm die Verdauung leich⸗ ter werde, und er nicht, wie bisher, an Indigeſtionen mal dieſen zärtlichen Holländer an, rief der König, dieſen ganz unegoiſtiſchen Vater, welcher einer Tochter einen Gemahl ſucht, damit er nicht an zu leiden habe! Sahen Sie denn Ihre vor der Hochzeit, und konnten Sie ſich überzeugen, daß ſi ihr Vater auf eine gute Manier tödten wollte, und alſo ſie Ihnen gab? Ich ſah meine Braut, Sire, und in der That, Eſther war ein ſeh einzigen Fehler beſaß, daß ſie mich nicht liebte. Sie beſaß ſogar die Naivetät, es mir zu ſagen, und mir ß ſie einen Andern liebe, einen armen Commis ihres Vaters, den derſelbe, als er von ihrer aus ſeinem Hauſe verwieſen hatte, den ſie nichtsdeſtoweniger noch immer glühend liebe. Ich zuckte lächelnd die Achſeln und berief mich auf den Wunſch ihres Vaters und auf mein gegebenes Wort. Aber als die kleine Eſther von mir verlangte, daß ich ihr entſagen und bei ihrem Vater für ihren Geliebten mich verwenden ſollte, da lachte ich nicht mehr, ſondern fing an, die Sache ernſthaft zu nehmen. Ich ging u ihrem Vater und berichtete ihm meine ung mit ſeiner Tochter. Er hörte mich ruhig an und fragte dann mit einem grimmigen Blick: „Was iſt Ihnen lieber, Gefängnißkoſt oder täglich eine Trüffelpaſtete an Ihrem eigenen Tiſch?“ Sie können denken, daß ich nicht ſchwankend war mit meiner Ant⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouti ꝛc. IV. 6 4 zu geſtehen, da ganze Unterred e nicht etwa ein Wechſelbalg ſei, das r ſchönes Mädchen, das nur den — 82— wort.„Nun denn“, fuhr Herr van der Swiet fort, „wenn Sie meine Tochter nicht heirathen, ziehe ich meine Hand von Ihnen, und Ihre Feinde werden ſchon ein Mittel finden, Sie in's Gefängniß zu brin⸗ gen. Denn es iſt da eben ein neues Buch, l'homme machine, angekommen, und Jedermann ſchwört, daß es von Ihnen ſei, obwohl Ihr Name nicht auf dem Titelblatt ſteht. Die ganze Stadt, nicht bloß die Geiſt⸗ lichen, ſondern Jedermann iſt wüthend über dieſes Buch, das man als ein Ungeheuer von Materialismus und Unglauben bezeichnet, und wenn ich Sie dennoch zu meinem Schwiegerſohn haben will, ſo geſchieht es, weil ich der ganzen Welt beweiſen will, daß ich ſie verachte, und von ihren Vorurtheilen und Meinungen mich nicht beſtimmen laſſe, ſondern ein freier und ſelbſtdenkender Mann bin. Sagen Sie alſo, wollen Sie meine Tochter heirathen und alle Tage Trüffel⸗ paſteten eſſen, oder wollen Sie in's Gefängniß wan⸗ dern?“—„Ich will Ihre Tochter heirathen“, rief ich, „ich ſchwöre, daß ſie in acht Tagen meine Frau ſein ſoll!“— Der Herr van der Swiet umarmte mich und traf nun ſeine Vorkehrungen zur Vermählung. Eſther aber, meine Braut, ſprach nie mit mir, ſie ſchien mich gar nicht zu ſehen, vielleicht weil ihre Augen geſchwollen und halbblind vom vielen Weinen waren. Einmal nur begegneten wir uns allein in dem Salon, ſie beeilte ſich, ihn zu verlaſſen, aber indem ſie an mir vorüberging, hob ſie ihre beiden Arme be⸗ ſchwörend zum Himmel empor und ſtreckte ſie dann drohend gegen mich aus:„Sie ſind ein grauſamer und ein ſchlechter Menſch“, ſagte ſie.„Sie wollen ein Menſchenherz Ihrer eklen Gier und Ihrer widerlichen Genußſucht opfern. Wenn Gott gerecht iſt, wird er Sie einſt an einer Trüffelpaſtete ſterben laſſen, ich — 32— ſage nicht, Sie Ihren Geiſt aufgeben laſſen, denn Sie haben keinen Geiſt. Sie werden und müſſen ſterben, wie ein Thier, nicht an geiſtigem Schmerz, ſondern an Ihrer eigenen, thieriſchen Völlerei.“ Das Mädchen beſaß in der That ſibylliniſche Weis⸗ heit, ſagte der König, und ich fürchte, ſie hat Ihnen Ihre Zukunft richtig prophezeit! Der Haß hat zuweilen eine Prophetengabe und ſieht die Zukunft mit klarem Auge, während die Liebe blind iſt. An Liebe, ſcheint mir, litt Ihre Eſther nicht. 5 Nein, Sire, ſie haßte mich. Aber ihr eigener Ge⸗ liebter, der junge Mieritz, theilte ihre Abneigung nicht, ſondern ſchloß ſich mir mit wahrer Zuneigung an. Er ward mein unzertrennlicher Gefährte, er umarmte mich unter Thränen, und verzieh mir, daß ich ihm ſeine Geliebte raubte, denn, ſagte er, ich ſei ihrer würdiger, als er ſelbſt. Er ging in ſeiner Freundſchaft ſo weit, daß er mich an meinem Hochzeitsmorgen zu einem Frühſtück einlud, zu dem er, wie er ſagte, mir einige ſeltene Koſtbarkeiten aus Amſterdam verſchrieben habe. Ich nahm die Einladung an, und da die Trauung Punkt zwölf Uhr in der Kathedrale ſtatt ſinden ſollte, mußte das Frühſtück um elf Uhr vor ſich gehen. Ich dachte mir, daß ich den Trauungsact leichter überſte⸗ hen würde, wenn ich mich dabei der herrlichen Spei⸗ ſen erinnerte, die ich eben erſt genoſſen. Punkt elf Uhr alſo begann unſer Dejeuner, und ich verſichere Euere Majeſtät, daß es ein köſtliches, ganz ausgeſuch⸗ tes Dejeuner war. Dennoch behauptete mein junger Freund Mieritz, daß der köſtlichſte Genuß noch meiner harre. Endlich ging er ſelbſt hinaus, mir dieſe Speiſe, die er den Juwel ſeines Frühſtücks nannte, aus der Küche zu holen. Mit einem geheimnißvollen Lächeln kehrte er zurück, auf ſilberner Schüſſel eine dampfende 6* — 84— Paſtete tragend. Ein ſüßer Duft verbreitete ſich ſofort durch das ganze Gemach, ein Duft, der mich an die ſchönſte, die genußreichſte Stunde meines ganzen Le⸗ bens erinnerte. Außer mir, voll ahnungsvoller Er⸗ wartung, ſtürze ich zu ihm hin und lüfte den Deckel der Paſtete,— ja, ſie war es, es war die Paſtete, welche ich nur einmal gegeſſen, nur damals, als ich des Herzogs von Grammont täglicher Tiſchgenoſſe war. Ich hatte den guten Herzog beim Treffen von Fonte⸗ nois verloren, und er hatte das Geheimniß dieſer Pa⸗ ſtete mit in ſein Heldengrab genommen. Jetzt war es enthüllt, jetzt duftete es mir entgegen mit köſtlichem Aroma, jetzt lächelte es mich an mit ſüßglitzernden Fettaugen. Ich entriß die Paſtete den Händen meines Freundes und ſetzte ſie vor mir auf den Tiſch. In dieſem Augenblick ſchlug es zwölf Uhr.„Unglückli⸗ cher,“ ſchrie ich,„Du bringſt mir dieſe Paſtete, und es iſt die Stunde meiner Trauung!“—„Nun denn,“ ſagte mit dem ächten Phlegma eines Holländers,„ſo gehen wir erſt zur Trauung und laſſen die Paſtete nachher aufwärmen!“—„Aufwärmen!“ ſchrie ich, brüllte ich, dem die emporwirbelnden Düfte eben die Naſe bezauberten,„Sie glauben alſo, daß ich einen ſolchen Vandalismus überleben, daß ich ein ſolches Sacrilegium begehen könnte! Eine Paſtete aufwär⸗ men, heißt der Blume ihren Duft, dem Schmetterling ſeinen Aetherſtaub, der Schönheit ihre Unſchuld, dem Tage ſeinen Glanz nehmen. Nein, ich werde mich eines ſolchen Verbrechens nicht ſchuldig machen. Die Paſtete verlangt gegeſſen zu werden. Ich werde ſie alſo eſſen!“— Und ich aß, Sire, und es kam über mich, wie eine himmliſche Entzückung, ein erhabener Opiumstraum. Alle Wunder der Schöpfung waren zuſammengedrängt auf dieſen Biſſen, den ich andächtig — 95— und zitternd vor Wonne in meinen Mund ſchob. Mie⸗ ritz hätte gar nicht nöthig gehabt, mir zu ſagen, daß die Paſtete aus indianiſchen Vogelneſtern und Trüffeln aus Perigord gemacht ſei, ich fühlte das, ich wußte das. Die Wunder Indiens hatten ſich meinen ſeligen Blicken enthüllt, eine neue Welt hatte ſich mir geoffenbart. Ich aß und war im Genuſſe ſelig. Was kümmerte es mich, daß Boten über Boten kamen, welche mich rie⸗ fen, indem ſie berichteten, daß der Prieſter vor dem Altar ſtehe, daß die Braut mit ihrem Vater und dem ganzen Schwarm ihrer Verwandten meiner harre. Ich ſchrie ihnen entgegen:„Sagt ihnen, daß ſie warten mö⸗ gen bis zum jüngſten Tage, denn ich werde nicht eher aufſtehen, als bis ich dieſe Paſtete geleert habe.“— Dann aß ich weiter, und im Eſſen dachte ich ſo klar, ſo ſcharf, ſo gründlich, wie ich nie zuvor gedacht, und ich freute mich dieſer Wahrnehmung, denn war das nicht ein Beweis, das ich Recht gehabt, daß die Ma⸗ ſchine des Menſchen nur durch ſich ſelber und nicht durch dieſes fabelhafte, weſenloſe Etwas, welches die Methaphyſiker Seele nennen, ihr geiſtiges Fluidum und ihre Denkkraft erhalte? War das nicht ein Be⸗ weis, daß man nur nöthig hat, ſeinem Körper edle Nahrungsſtoffe zuzuführen, um auch eine edle Seele zu haben? Und wo alſo liegt dieſe Seele? Wo an⸗ ders als im Magen. Der Magen iſt die Seele. Frei⸗ lich iſt es das Gehirn, welches denkt, aber das Gehirn wagt nicht mehr zu denken, als die erhabene Majeſtät, als der Magen es ihm erlaubt, und wenn dieſe Ma⸗ jeſtät ſich unwohl fühlt, adien dann mit den Gedan⸗ ken!*) ²) La Mettrie's eigene Worte. Nicolai. Heft I. S. 199. — 86— Die ganze Geſellſchaft brach in ein fröhliches La⸗ chen aus. Habe ich nicht Recht, Euch einen fou fiefré zu nen⸗ nen? fragte der König. Es giebt ein gutes altes Sprüchwort, welches von einem Feigling ſagt, daß ihm das Herz in die Waden ſänke, niemals aber habe ich noch gehört, daß einem die Seele in den Magen ge⸗ ſunken ſei. Aber über Ihrer Hymne auf den Magen und die Paſtete haben Sie ganz vergeſſen, uns das Ende Ihrer Geſchichte zu erzählen Laſſen Sie alſo hören. Schob man die Trauung auf? Sire, ich hatte meine Paſtete noch nicht zu Ende gegeſſen, als die Thür mit Heſtigkeit aufgeriſſen ward und ein Diener hereinſtürzte, um mir zu melden, daß der gute van der Swieten eben in der Kirche von einem Schlaganfall betroffen ſei. Die thörichten Men⸗ ſchen behaupteten, er habe denſelben aus Zorn und Wuth über mich bekommen, ich aber bin überzeugt, daß das nur die Folge davon war, daß er nach einem ſehr guten Frühſtück, und nachdem er eine Flaſche Ma⸗ deira ausgetrunken, die Circulation des Blutes dadurch geſtört, daß er ſich die Füße auf dem kalten ſteinernen Fußboden der Kirche erkältet hatte. Wie dem auch ſei! Man trug den armen van der Swieten beſinnungslos aus der Kirche in ſeine Wohnung, und nach einigen Tagen war er todt. Eſther, ſeine Tochter und Uni⸗ verſalerbin, aber war unkindlich genng, die Wünſche ihres Vaters unberückſichtigt zu laſſen, und wollte durchaus nicht meine Verlobung mit ihr als gültig anerkennen. Sie erklärte ſich für die Braut des klei⸗ nen Mieritz und heirathete ihn nach einigen Monaten. Ich hätte freilich gerichtlich meine Anſprüche verfolgen können, aber van der Swieten hatte ganz Recht gehabt, nun er mich nicht mehr beſchützen konnte, fiel die ganze — Meute fanatiſcher Prieſter und ſchwachdenkender Ge⸗ lehrten über mich her, und würde mich zerfleiſcht ha⸗ ben, wenn ich mich ihren Verfolgungen nicht durch die Flucht entzogen hätte. So folgte ich dem erhabe⸗ nen Ruf Euerer Majeſtät, und nahm wieder meinen aaderſl⸗ um meinen Ahasveruslauf weiter fortzu⸗ ſetzen. Ohne vorher Rache genommen zu haben an dem verſchmitzten Herrn Mieritz, der offenbar mit ſeiner Paſtete eine wohl überlegte Kriegsliſt ausgeführt hatte? fragte der König. Denn Sie werden doch eingeſehen haben, daß das ein wohlberechneter Plan war, und daß er Sie mit ſeiner Paſtete gefangen hatte, wie man die Mäuſe mit Speck fängt. Sire, und wäre dem ſo geweſen, wie Euere Ma⸗ jeſtät ſagen, ſo hätte ich ihm deshalb doch nicht zürnen mögen; ich hätte zu meiner Paſtete nur ſagen können, wie Holofernes zur Judith: Deine Sünde war ein Hochgenuß; ich verzeihe ihr, daß ſie mich tödtet! Ich würde für eine ſolche Paſtete noch einmal eine Braut 6 und ein Vermögen hingeben. 3 Und iſt gar keine Möglichkeit vorhanden, Ihnen dieſe Paſtete vorzuſetzen? fragte der König. Können Sie uns nicht das Recept dieſer Wunderpaſtete ver⸗ ſchaffen, welche die Zauberkraft beſitzt, junge Mädchen von unausſtehlichen Männern zu befreien, und einen 8 Geizhals in einen Verſchwender zu verwandeln, der ſein ganzes Vermögen durch ſeine Gurgel jagt? Es iſt Ausſicht dazu vorhanden, das Necept zu be⸗ kommen, aber Sie, Sire, werden es nicht zuerſt ha⸗ ben. Lord Tirconnel, der meine Geſchichte kennt, hat ſchon ſeit einigen Wochen diplomatiſche Verhandlungen mit Holland wegen dieſes Receptes angeknüpft, und den Abſchluß einer bedeutenden Geldanleihe, welche ward, und daß man dazu eine echtgläubige Seele ha⸗ Frankreich bei dem Hauſe van der Swieten und Mie⸗ ritz durch die Vermittelung des Lords aufnehmen will, an die Ueberſendung des Receptes geknüpft. Wenn Mieritz das Recept verweigert, wird Frankreich ſeine Anleihe nicht machen, und aus dem wahrſcheinlichen Krieg mit England kann dann nichts werden. Und man ſage noch, daß große Dinge auch aus großen Urſachen entſtehen müſſen, rief der König. Der Friede der Welt kann davon abhängen, ob La Mettrie das Recept zu ſeiner Paſtete erhält. Was iſt der Friede der Welt aber im Vergleich zu dem Frieden unſerer Seelen? ſagte Voltaire. Denn was La Mettrie auch immer ſagen, und der hochwür⸗ dige Abbé Baſtiani auch immer ſchweigen möge, ich glaube noch an eine andere Seele, als die, welche im Magen ſitzt, und dieſe meine Seele würde niemals wieder Ruhe finden, wenn Euere Majeſtät uns nun nicht auch Wort hielten, und uns eine jener geiſtrei⸗ chen und pikanten, von Poeſie und Weisheit duftenden Geſchichten erzählten, wie ſie ſo oft von den Lippen unſers Salomons fließen. Es iſt wahr, es iſt jetzt an mir die Reihe, ſagte der König lächelnd. Ich werde indeß kurz ſein müſ⸗ ſen, denn nicht nur die Lichter, ſondern auch die Augen Algarottis brennen ſchon trübe, und ſehen Sie nur, wie der gute Marquis in Gedanken mit ſeinen zwei Nachtmützen liebäugelt, die ihm auf ſeinem Bett ent⸗ gegenwinken. Aber nur getroſt, Meſſieurs, meine Ge⸗ ſchichte iſt nur kurz und wird bald zu Ende ſein.— Ich will Ihnen auch, wie La Mettrie, von einem Wunder erzählen, nur daß mein Wunder nicht mit dem Gaumen, ſondern nur mit den Augen genoſſen — 89— ben mußte. Das Wunder begab ſich in Breslau, im Jahre des Herrn 1747. Der. Cardinal Zinzendorf war geſtorben, und der Graf Schafgotſch, den ich ſchon einige Jahre zuvor zum Coadjutor des Biſchofs und Cardinals ernannt hatte, ſollte ſein Nachfolger werden. Aber die guten Schleſier waren nicht zufrieden damit. Sie behaup⸗ teten, Graf Schafgotſch hinge den Freuden und Ge⸗ nüſſen der Welt zu ſehr an, um ein guter Prieſter ſein zu können, er verſtehe ſich zu ſehr auf die Liebe der ſchönen Weiber dieſer Welt, um zu der heiligen Madonna, der Mutter Gottes, die rechte heilige, in⸗ brünſtige und keuſche Liebesgluth eines wirklichen Soh⸗ nes der Kirche empfinden zu können. Genug, die frommen Schleſier wollten durchaus nicht glauben, daß der Graf Schafgotſch genug Heiligkeit in ſich trüge, ihr Biſchof ſein zu können. Nur ein Wunder würde im Stande ſein, ihm die Liebe und Achtung der Schleſier zu erwerben, ſagten mir die weiſen Väter der Stadt Breslau, denn ich war ſelbſt nach Schleſien gereiſt, um mich perſönlich zu überzeugen, ob die An⸗ gaben der Behörden begründet, und die Bevölkerung wirklich ſo wenig zufrieden mit der Ernennung des neuen Fürſtbiſchofs ſei. Ich fand in der That ihre Angaben beſtätigt und mußte ihnen Recht geben. Nur ein Wunder konnte dem Fürſtbiſchof die Herzen der Schleſier geneigt machen. Aber bemerken Sie nur, Meſſieurs, wie ſehr der Himmel immer mit den From⸗ men und Gerechten iſt— dieſes erſehnte Wunder er⸗ eignete ſich. An einem ſchönen Morgen verbreitete ſich in der Stadt Breslau das Gerücht, in der Kapelle der heiligen Mutter Gottes auf dem Dom ſei ein Wunder anzuſchauen; ganz Breslau, die ſchönſten Da⸗ men der haute volée, wie die geringſten Bettler der — 90— Straße ſtrömten dem Dome zu, das Wunder mit eige⸗ nen Augen zu ſchauen. Ja, es war unleugbar, die Haare der Madonna, die da in reizender Holznachbil⸗ dung auf dem Altar ſtand, und von dem erſten Mo⸗ diſten ihre Kleider, von dem erſten Perruquier ihr Haar empfangen hatte,— dieſe Haare waren gewach⸗ ſen! Es war natürlich, daß ſie eine wunderthätige Kraft ausübten, daß ſie jeden Blinden, Lahmen, Ver⸗ krüppelten, ſo wie er ſie nur berührte, geſund machten. Ich ſelber,— denn Sie können denken, daß ich auch hineilte, das Miracle zu ſehen, ich ſelber ſah einen Lahmen ſeine Krücken fortwerfen, und auf ſeinen ge⸗ ſunden Beinen zu Ehren der Madonna einen Zweitritt tanzen, da war auch ein Blinder, welcher mit einer breiten Binde über beide Augen ſich zu dem wunder⸗ thätigen Haar hinführen ließ; kaum hatte er die Spitzen dieſes Haares über ſein Geſicht geſtrichen, ſo riß er die Binde von ſeinen Augen und jauchzte laut vor Entzücken, denn er war wieder ſehend geworden. Und dieſe Tauſende, die da betend und in ſeliger Entzückung auf den Knieen lagen, jauchzten ihm nach, und hier und da riefen einige begeiſterte Stimmen:„die heilige Madonna iſt zufrieden mit ihrem neuen Diener, dem Fürſtbiſchof, denn wenn ſie's nicht wäre, würde ſie keine Wunder thun.“— Dieſe Stimmen fielen wie eine Lunte in das Pulverfaß dieſer Begeiſterung. Man umarmte ſich, man weinte, man dankte Gott für den neuen Fürſtbiſchof, den man geſtern noch verabſcheuet hatte. Indeſſen gab es noch immer einige argwöh⸗ niſche, mißtrauiſche Seelen, welche durchaus nicht zu⸗ geben wollten, daß das Wachſen des Haares eine Zu⸗ ſtimmung der Madonna zur Biſchofswahl ſei. Aber auch dieſe Ungläubigen, dieſe herzloſen Skeptiker wur⸗ den endlich überzeugt, denn abermals nach zwei Ta⸗ — 91— gen war das Haar der Madonna wieder länger ge⸗ wachſen, und wiederum nach zwei Tagen hing es in üppiger Fülle über ihre Schultern nieder. Niemand konnte jetzt mehr bezweifeln, daß die heilige Jungfrau zufrieden ſei mit ihrem Prieſter; denn man hat wohl gehört, daß man im Zorn oder Schmerz ſich die Haare ausrauft, oder daß ſie ergrauen, Niemand aber kann behaupten, daß Einem die Haare wachſen, wenn man nicht in heiterer und zufriedener Stimmung iſt. Die Madonna alſo war zufrieden, da ihr Haar zum Ent⸗ zücken der Gläubigeu ſo ſchnell wuchs, und der ganzen Menſchheit bewies, daß dieſes aus einem Birnbaum geſchnitzte Holzbild die wirkliche Jungfrau Maria ſei, die mit offenen Augen über Breslau wachte, und de⸗ ren Haar wuchs zu Ehren des hochwürdigen Biſchofs Grafen Schafgotſch. Man liebte ihn jetzt ſo ſehr, als man ihm Anfangs abhold geweſen, Tauſende frommer Gläubiger umlagerten ſeinen Pallaſt, und flehten um ſeinen Segen. Es war wieder ein Hirte und Eine Heerde geworden, und die Madonna hatte nicht mehr nöthig, ihre Haare wachſen zu laſſen, denn ihr Wun⸗ der hatte genug gewirkt, und mit ihrem Haar war das Anſehen des Fürſtbiſchofs mächtig emporge⸗ wachſen. Das, Meſſieurs, war das Wunder von Breslau.. Aber Euere Majeſtät haben uns noch nicht den Heiligen genannt, der beim lieben Gott Fürbitte ge⸗ than, damit dieſes Wunder ſich ereigne, rief Mar⸗ quis d'Argens. Ah, geruhen Sie, meinem kahlen Scheitel ſeinen Namen zu ſagen, damit ich zu ihm be⸗ ten, und ihn um Erbarmen mit meinem Mondſchein anflehen kann. 4 Dieſer Heilige war mein Friſeur, ſagte der König lachend. Ich ließ ihn ſchwören, daß er das Geheim⸗ — 92— niß Niemanden verrathen wollte, und dann mußte er jeden dritten Tag in der Abenddämmerung ſich heim⸗ lich nach dem Dom verfügen, um der Madonna eine andere Perrücke aufzuſetzen, und die gebrauchte Perrücke zu entfernen.*) Sie ſehen alſo, Meſſieurs, daß nicht bloß das Glück, ſondern die Frömmigkeit an einem Haar hängen kann, und dieſe Heiligen, zu welchen die gläubige Menſchheit jetzt betet, waren ohne Zweifel alle geſchickte Perrüquiers, welche es verſtanden, der Menſchheit einen Zopf zu drehen. Und denſelben als Geißel auf dem Rücken der frommen Büßer herumtanzen zu laſſen, rief Voltaire. Ah, Majeſtät, Ihre Geſchichte iſt ebenſo weiſe als pi⸗ kant, und zeigt aufs Neue Ihren großen Feldherrnblick. Sie haben da mit Ihrer Wunderperrücke eine geiſtige Schlacht von Hohenfriedberg gewonnen, eine Schacht gegen die hohe Kirche. 2 Bei der zum Glück keine Menſchen, ſondern nur einige Perrücken auf der Wahlſtatt zurückgeblieben ſind! Aber ſehen Sie nur, wie ernſt und verſtimmt unſer hochwürdiger Abbé dareinſchaut. Ich glaube wahrhaf⸗ tig, er iſt neidiſch über das von mir vollführte Wun⸗ der. Jetzt iſt an Ihnen die Reihe, Baſtiani, erzählen Sie uns eins Ihrer Wunder, die Geſchichte irgend einer ſchönen Magdalena, die Sie bekehrt haben. Ah, Sire, wollen mich Euere Majeſtät entſchuldi⸗ gen, ſagte der Abbsé, ſich tief verneigend. Mein Le⸗ ben iſt das ſtille, prunkloſe, einſame und verſchwiegene Leben eines Prieſters geweſen, und nur der hochſelige König Friedrich Wilhelm brachte etwas Sturm und 4*) Zuverläſſige Beiträge zu der Regierungs⸗Geſchichte Königs Friedrich II. Herausgegeben von dem Königl. Preuß. Ober⸗Con⸗ ſiſtorialrath Büſching. Hiſtoriſcher Anhang Seite 2— 5. — 93— Bewegung in daſſelbe. Aber auch das muß ohne Zweifel nach dem Willen Gottes geweſen ſein, denn würde er mir ſonſt dieſe robuſte Rieſengeſtalt gegeben haben, welche die Emiſſaire des Königs ſo ſehr ent⸗ zückte, daß ſie mich mitten aus dem Gottesdienſte von dem Altar, vor welchem ich gerade Meſſe las, fort⸗ riſſen, und nicht achtend auf das Bitten und Schreien meiner gläubigen Gemeinde, mich mit ſich fortſchlepp⸗ ten, um mich als Soldat einzurolliren.*) Eine wundervolle Idee! rief Voltaire. Einen Prieſter in ſeinem Chorrock zu entführen, um aus ihm einen Soldaten zu machen. Ach, ſagen Sie doch, Abbé, konnten Sie nicht wenigſtens Ihre Haushälte⸗ rin als Marketenderin mit ſich nehmen? Das wäre doch ein Troſt geweſen, denn ich bin von Ihrer prie⸗ ſterlichen Frömmigkeit überzeugt, daß Sie eine junge und ſchöne Haushälterin hatten? Ich weiß das nicht! ſagte Baſtiani achſelzuckend. Ich bin, wie Sie wiſſen, ſehr kurzſichtig, und habe daher das Geſicht meiner Haushälterin niemals deut⸗ lich geſehen. War ich ja doch auch ſo kurzſichtig, daß ich es für ein Unglück hielt, aus meinen Tyroler Ber⸗ gen fortgeſchleppt und aus einem Prieſter in einen Soldaten verwandelt zu werden. Und doch iſt dies mein höchſtes Glück geweſen, denn dadurch wurden die Augen meines erhabenen Königs auf mich ge⸗ lenkt, und er erbarmte ſich mein, und begnadigte nuich mit ſeiner Huld und ſeiner herablaſſenden Freund⸗ ſchaft. Ah, Sie vergeſſen, daß es hier keinen König giebt, und daß man hier Niemanden ſchmeicheln darf, ſagte Friedrich mit leichtem Stirnrunzeln. *) Thiébault. Vol. III. S. 41. — 924— Sire, ich weiß, daß es hier keinen König giebt, und Sie ſehen daraus, daß ich kein Schmeichler bin, denn ich ſpreche meinem König nicht in's Angeſicht von meiner Liebe und Begeiſterung, ich lobe und preiſe ihn hinter ſeinem Rücken und das beweiſt alle Mal, daß man wahrhaft liebt, nicht um Gunſt oder Ehre, ſondern aus reinem Herzen. Welch ein Glück alſo für Ihr reines, uneigennützi⸗ ges Herz, rief Voltaire, daß Ihnen Ihre Stelle als Kanonikus von Breslau dreitauſend Thaler Rente bringt. Sie würden ſonſt verhungern müſſen, bei Ihrer Liebe, welche keine Schmeichelei verſteht. Wer das Brod des Herrn ißt, verhungert nie⸗ mals, ſagte Baſtiani mit ſeiner feierlichen, gedämpf⸗ ten Stimme. Nur wer zweien Herren dienen will, und daher Keinem treu iſt, nur der darf fürchten zu verhungern. Ach, ach, ſehen Sie da unſern frommen Abbé, welcher ſeinen Schafpelz abwirft, und ſeine rauhe Seite herauskehrt! rief Voltaire. Es ſteht geſchrieben:„die Schafe ſollen ſich in Wölfe verwandeln,“ und Sie, Abbé, ſcheinen in Ihrer Frömmigkeit den Bibelſpruch wahr machen zu wollen. Ihre Anſpielung galt mir, nicht wahr? Weil ich der Hiſtoriograph des Königs von Frankreich und der Kammerherr des Königs von Preußen bin. Beruhigen Sie ſich. Als Geſchichts⸗ ſchreiber des Königs von Frankreich bin ich ohne Ge⸗ halt penſionirt, und Seine Majeſtät wird Ihnen ſa⸗ gen können, daß ich der ſchlechteſte und unbrauchbarſte Kammerherr bin, den jemals die Sonne der königli⸗ chen Gunſt beſtrahlt hat. Ja, wahrlich, ich bin ein ganz unbrauchbares, beſcheidenes und nichtsnutziges Geſchöpf, und wenn mir Seine Majeſtät nicht er⸗ laubte, zuweilen ſeine Verſe durchzuleſen, mich an de⸗ — 95— ren Schönheit zu freuen, und hier und da ein Komma hinzuzufügen, ſo wäre ich ein eben ſo nutzloſes Weſen, wie jener katholiſche Prieſter, der ſich am Dresdener Hofe des Königs Auguſt befindet, und der gar nichts zu thun, und Niemandes Beichte anzuhören hat, da man dort, wie hier, lutheriſch iſt. Algarotti erzählte mir, daß er ihn einſt gefragt, womit er ſich eigentlich beſchäftigte. Der würdige Abbate antwortete: Jo sono il cattolico di sua maesta.— So nenne ich mich il pedagogo di sua maesta,*) und diene alſo auch nur Einem Herrn, gleich Ihnen, mein würdiger cattolico di sua maesta! Ach, ich fürchte, mein cattolico wird nicht lange mehr bei uns ausharren, ſagte der König. Ein Mann ſeines Verdienſtes, ſeiner Talente kann ſich nicht da⸗ mit begnügen, Domherr in Breslau zu ſein. Nein, Baſtiani, Sie werden ſich ohne Zweifel bald höher emporſchwingen, Sie werden aufſteigen bis zur Präla⸗ tur, zur Eminenz, ja, bis zur Tiara ſelbſt. Aber was wird aus mir werden, wenn Sie dieſen glänzenden Gipfel erſtiegen haben, wenn Sie Papſt geworden? Ich wette, daß Sie mir Ihren apoſtoliſchen Segen verſagen, ja mir nicht einmal geſtatten würden, knieend Ihren Pantoffel zu küſſen. Wenn dann Jemand es wagte, Ihnen von mir zu ſprechen, würden Sie die⸗ ſer uneigennützigen Liebe nicht mehr eingedenk ſein, die Sie heute ohne Zweifel für mich empfinden. Ah, mir ſcheint, als ſähe ich Sie, wie Sie mit apoſtoli⸗ ſcher Erhabenheit ſich von St. Peters Stuhl erheben, und mit lebhafter Indignation rufen: Wie? Dieſer Ketzer, dieſer Unreine, dieſes Wildpret der Hölle iſt *) Voltaire: Oeuvyres compléêtes. Vol. 58. p. 376. — 96— da? Ich verfluche ihn! Ich verdamme ihn! Daß Niemand es wage, mir wieder von ihm zu ſprechen. Gnade, Gnade, Sire, rief der Abbé mit demüthi⸗ gem Händefalten zu dem König hinblickend, während die übrigen Herren fröhlich lachten. Der König war unerbittlich. Die Scheinheilig⸗ keit und Heuchelei, welche der Abbé heute zur Schau getragen, hatte ihn erzürnt und er wollte ihn ſtrafen. Wenn Sie nun Papſt ſind, fuhr er fort, ich bin überzeugt, daß Sie Papſt werden, ſo werde ich ohne Zweifel nach Nom wallfahrten. Es i*ſt daher wichtig, daß ich jetzt, wo ich Sie noch habe, von Ihnen er⸗ fahre, welche Aufnahme ich bei Ihnen finden werde. Alſo, laſſen Sie hören! Wenn ich vor Ihrer Heilig⸗ keit erſcheine, was werden Sie mir ſagen? Der Abbé, welcher bis jetzt mit niedergeſchlagenen Augen dageſeſſen, und ein flehendes: Ach, Sire, Sire! gemurmelt hatte, ſchaute jetzt empor, und ein feuriger Blitz ſeiner Augen traf das ſchöne und Heiterkeit ſtrah⸗ lende Antlitz des Königs. Nun? wiederholte der König. Was würde Ihre Heiligkeit zu mir ſagen? Sire, ſagte Baſtiani ſich tief verneigend, ich würde ſagen: Oh, allmächtiger Adler, bedecke mich mit Dei⸗ nen Flügeln und beſchütze mich vor Deinem eigenen Schnabel!*) 3. Ah, das iſt eine Antwort, welche Ihres Geiſtes würdig iſt, rief der König lachend, und um derent⸗ willen ich Ihnen vergeben will, daß Sie uns keine Geſchichte aus Ihrem Leben erzählen wollen. Jetzt alſo, Graf Algarotti, iſt an Ihnen die Reihe. Sie ſind der Letzte, welcher zu erzählen hat, und ich denke, *) Hiſtoriſch. Siehe Thisbault. Vol. V, p. 43. 7 — 97— das wird ein würdiger Schlußpunkt dieſes Abend werden. Sire, mir geht es, wie Baſtiani, ſagte Algarotti lächelnd. Es giebt kein Geheimniß in meinem Leben. Nur daß, was bei einem Prieſter ein Wunder, bei mir ganz einfach und natürlich iſt. Ich bin viel um⸗ her gereiſt, habe die Welt geſehen, die Menſchen ken⸗ nen gelernt, und endlich alle meine Erfahrungen und mein eigenes Herz zu den Füßen Euerer Majeſtät niedergelegt, wie die Gläubigen, wenn ſie durch ein Wunderbild geheilt ſind, ein Abbild ihres kranken Gliedes an dem wunderthätigen Heiligenbilde aufhän⸗ gen, das ihnen Geneſung gebracht. Mein Herz war krank von der Welt und den Menſchen, Euere Ma⸗ jeſtät haben es geheilt, und ich habe es dankbar und demüthig zu Ihren Füßen niedergelegt. Das iſt meine ganze Geſchichte, und freilich iſt ſie eine Wunderge⸗ ſchichte, denn ich habe einen König gefunden, welcher nicht nur ein menſchlicher König, ſondern ein könig⸗ licher Menſch iſt.*) Und wahrlich, ein ſolcher König iſt das achte Wun⸗ der der Welt, rief Voltaire. Ein König, welcher als König Menſch, und als Menſch noch König iſt. Ich glaube, daß die Weltgeſchichte wenig ſolcher Beiſpiele hat. Wenn wir die Geſchichte aller Völker verfolgen, werden wir von jedem ihrer Könige ſehr viel Thor⸗ heiten, aber nur von Wenigen einige Großthaten zu erzählen wiſſen. Nein, nein, rechnen wir niemals darauf, die Könige civiliſiren zu können. Vergeblich hofft man ſie durch die Hülfe der Künſte zu ſänftigen, vergeblich lehrt man ſie, dieſelben zu lieben, ja ſie ſelbſt mit Erfolg zu cultiviren; ſie bleiben immer Lö⸗ *) Algarotti's eigene Worte. Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. IV. 7 — 93— wen, die gezähmt zu haben, man ſich vergeblich ſchmei⸗ chelt; ſie bleiben in Wahrheit immer wild, blutdürſtig und phantaſtiſch. In dem Augenblick, wo man es am wenigſten erwartet, erwacht ihr Inſtinct, und wir fallen als ein Opfer ihrer Tatzen oder ihrer Zähne, ohne daß wir es vorher ahnen konnten.*) Der König, welcher bis jetzt dieſer heftigen und exaltirten Rede Voltaire's mit lächelndem Antlitz zu⸗ gehört, während die übrigen Herren mit Entſetzen und Verwunderung ihn anſtarrten, der König erhob ſich jetzt von ſeinem Sitz, und mit heiterm Lächeln den Finger drohend erhebend, ſagte er: Still, ſtill, Meſ⸗ ſieurs. Nehmen Sie ſich in Acht, ich glaube der Kö⸗ nig kommt. Dämpfen Sie Ihre Stimme, Voltaire, damit er Sie nicht hört, denn ſonſt würde der König ſich am Ende verpflichtet halten, noch ſchlechter zu ſein, als Sie.**) Ueberdies iſt es ſpät! Laſſen Sie uns 6 alſo die Ankunft des Königs gar nicht abwarten, ſondern ſtill auseinandergehen. Gute Nacht, Meſ⸗ ſieurs.— 6 Und indem er mit einem anmuthigen und doch zugleich ſtolzen Neigen des Kopfes die ganze Geſell⸗ ſchaft begrüßte, zog ſich der König in ſeine Gemächer zurück. ²) Thisbault. Vol. V. S. 365. **) Des Königs eigene Worte. Thisbault. Vol. V. S. 326. Bome sauvée. Der ganze Hof war heute in einer freudigen Be⸗ wegung, denn man ſollte heute ein ſeltenes, ganz neues Schauſpiel genießen, und einer Theatervorſtel⸗ lung beiwohnen, die in den Annalen des Berliner Hofes etwas Unerhörtes, nie Erlebtes war. Voltaire's neues Drama Catilina, dem er jetzt den Namen Rome 'sauvée gegeben, ſollte im königlichen Schloſſe, auf einem in den Zimmern der Prinzeſſin eigens dazn errichteten Theater aufgeführt werden, und die Dar⸗ ſteller waren keine gewöhnlichen Künſtler und Schau⸗ ſpieler, ſondern ſie gehörten zum Theil den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft an. Prinzeſſin Amalie gab die Rolle der Aurelia, der Prinz Heinrich den Julius Cäſar und Voltaire den Cicero. Es war heut in der Frühe des Morgens die letzte Probe geweſen; Voltaire hatte bei derſelben ſich ganz wieder in ſeiner zügelloſen Wildheit, ſeiner beißenden Ironie, ſeinem funkenſprühenden Sarkasmus gezeigt. Keiner der Darſteller war ſeinem Tadel und ſeinem ſchnell aufflammenden Zorn entgangen, und beſonders hatte der arme Dichter d'Arnaud viel von ſeiner tadel⸗ ſüchtigen Heftigkeit zu dulden gehabt. D'Arnand, der einſt der Lieblingsſchüler Voltaire's geweſen, den er dem König ſelber empfohlen, d'Arnaud hatte das Un⸗ glück gehabt, dem König zu gefallen, und deshalb, be⸗ ſonders ſeit Friedrich jenes ſchmeichelhafte Gedicht auf ihn gemacht, haßte ihn Voltaire und ſann nur dar⸗ 7* — 106— auf, ihn in der Gunſt des Königs zu verkleinern und ihn vom Hofe zu entfernen.*) Heute war es zum erſten Mal zu einem offenen Streit zwiſchen ihnen gekommen, und dazu hatte die Rolle, welche d'Arnaud im Rome sauvée zu ſpielen hatte, Voltaire die will⸗ kommene Veranlaſſung gegeben. Freilich hatte d'Ar⸗ naud nur einige Worte zu ſagen, aber der Vortrag derſelben genügte dem Dichter nicht. Er behauptete, daß d'Arnaud ſie mit abſichtlicher Kälte und Nachläſ⸗ ſigkeit geſprochen. D'Arnaud zuckte die Achſeln und erwiderte: Eine Rolle von zwei Worten verdient nicht mehr. Sagen Sie mir doch, welche Declamation für zwei ſo unbe⸗ deutende Worte nicht lächerlich ſein würde?. Das genügte, um Voltaire's Zorn ſogleich zu ent⸗ flammen. Und dieſe Rolle überſteigt immer noch Ihre Kräſte, ſchrie er, Sie wiſſen ſelbſt dieſe zwei Worte nicht zu ſprechen, wie es ſich geziemt. Und nun begann er mit ſeiner flammenden Bered⸗ ſamkeit auseinanderzuſetzen, daß auf dieſen zwei Wor⸗ ten der ganze Kern des Stückes ruhe und daß dieſe Rolle die wichtigſte ſei. Nun trieb er den widerſtrei⸗ *) In einem Briefe an Madame Denis ſchreibt Voltaire: „Tout le monde me reproche que le roi a fait des vers pour d'Arnaud, des vers qui ne sont pas ce qu'il a fait de mieux; mais songez qu'à quatre cent lieues de Paris, il est bien dif- ficile de savoir si un homme qu'on lui recommande a du mérite ou non: de plus c'est toujours des vers, et bien ou mal appliqués ils prouvent que le vainqueur de 1'Autriche aime les belles-lettres que j'aime de tout mon coeur. D'ail- leurs d'Arnaud est un bon diable, qui par-ci par-là ne laisse pas de rencontrer de bons tirades. Il a du gout, il se forme; et sil arrive, qu'il se déforme, il n'y a pas grand mal. En un mot, la petite meprise du roi de Prusse n'empéche pas qu'il ne soit le pfus aimable et le plus singulier de tous les hommes.“ Voyez Oeuvres complètes. Vol, 58. pag. 357. tenden d'Arnaud mit ſeinem beißenden Witz, ſeiner ſchlagfertigen Ironie ſo ſehr in die Enge, daß dieſer athemlos, wüthend, faſt erſtickend vor Zorn, keine Worte finden konnte, keine Kraft beſaß, den geſchickten Angriffen mit ebenſo ſchlagfertiger, ſcharfer Klinge zu begegnen, ſondern überwunden und gedemüthigt ver⸗ ſtummte, während das Lachen des ergötzten Königs und der ganzen Hofgeſellſchaft die Niederlage für d'Ar⸗ naud noch größer und ſchmerzlicher, den Triumph für Voltaire noch glänzender und ehrenvoller machte. Aber zuletzt hatten alle dieſe hohen und gelehrten Schau⸗ ſpieler ihre Rolle doch zur Zufriedenheit Voltaire's, der an dieſem Tage als Dichter, Regiſſeur und Schau⸗ ſpieler wirkte, erlernt und es ſollte alſo heute Abend vor der ganzen Hofgeſellſchaft die Aufführung dieſes Drama's ſtattfinden, welches Voltaire ſein Meiſterſtück nannte.— Prinzeſſin Amalie, welche, wie geſagt, die Rolle der Aurelia ſpielte, hatte ſich für dieſen Tag in ihre Gemächer zurückgezogen, ſie hatte bei der Königin Mutter um die Erlaubniß nachgeſucht, nicht bei der Mittagstafel erſcheinen zu dürfen, und dieſe war ihr bereitwillig gewährt worden, da man ſehr wohl be⸗ griff, daß die Prinzeſſin der Ruhe bedürfe, um ihre anſtrengende und ſchwierige Rolle noch in der Stille zu memoriren. Aber Prinzeſſin Amalie memorirte weder ihre Rolle, noch war ſie mit dem Ordnen ihrer Toilette beſchäftigt. Sie lag nachläſſig hingeſtreckt auf dem Divan und blickte mit thränenvollen Augen auf dieſen Brief hin, den ſie in ihren zitternden Händen hielt. Neben ihr auf der Erde kniete das Fräulein von Haak und ſchaute mit theilnehmenden Blicken zu der Prin⸗ zeſſin empor. Oh, welche Qual, welche Marter iſt dies, ſagte Amalie leiſe, lachen zu müſſen, während mein Herz in Verzweiflung iſt, die Vergnügungen dieſes in Fe⸗ ſten und Genüſſen ſchwelgenden Hofes mitzumachen, während es ſo finſter und trauervoll in mir iſt, daß ich nicht einmal einen Stern der Hoffnung, einen Schimmer des Glückes ſehe. Oh, Erneſtine, ſage nicht, daß ich ruhig und ſtill ſein ſoll, gönne mir wenigſtens den ſchmerzvollen Genuß, meine Leiden klagen und in der Stille dieſes Gemaches meinen Schmerz aus⸗ ſchreien zu können. Aber theuerſte Prinzeſſin, flüſterte Erneſtine, wes⸗ halb dieſer Schmerz, und wozu ſoll es nützen, wenn Sie die kaum verharſchten Wunden Ihres Herzens wieder aufreißen? Dieſe Wunden ſind niemals verharſcht geweſen, rief Amalie ungeſtüm. Nein, ſie haben ewig geblutet, ewig geſchmerzt. Oder denkſt auch Du ſo klein, ſo jammervoll von mir, daß Du meinſt, einige Jahre könnten genügen, um mich das Vergeſſen zu lehren? Habe ich nicht auch lernen müſſen zu vergeſſen? fragte Erneſtine ſchmerzvoll. Iſt nicht auch mein Le⸗ bensglück zerſtört, bin nicht auch ich auf ewig von meinem Geliebten getrennt? Oh, Prinzeſſin, wie viel glücklicher ſind Sie, da Sie doch wiſſen, wo Sie den unglücklichen Freund mit Ihren Gedanken finden kön⸗ nen, während kein Laut aus der Ferne eine Antwort giebt auf meine Klagen, und meine troſtloſen, irren⸗ den Gedanken nicht wiſſen, ob ſie den Geliebten im Grabe oder im Gefängniß, in Kummer und Elend oder in Freude und Glück zu ſuchen haben! Es iſt wahr, ſagte Amalie gedankenvoll, unſer Loos iſt ein ſchmerzvolles und erbarmungswürdiges! Oh, Erneſtine, was habe ich nicht gelitten in dieſen . — 103— fünf Jahren, ſeit ich Trenck nicht mehr geſehen. In dieſen fünf Jahren des Schweigens, des Entſagens und der Troſtloſigkeit. Wie oft habe ich nicht ge⸗ glaubt, dieſen ungeſehenen Leiden erliegen zu müſſen und zu ſterben, während ich mit geſchminkten Wan⸗ gen und lächelnden Lippen mich im Kreiſe der glän⸗ zenden Feſte befand, zu deren Mittelpunkt mich die grauſame Liebe des Königs erhob. Wie oft, während ich mich heiter zu unterhalten ſchien, ſind meine Ge⸗ danken abgeirrt zu dem fernen Geliebten, von dem mir die Lüfte keine Botſchaft und die Sterne keinen Gruß mehr brachten, und von dem ich doch wußte, daß er lebte und Mein gedachte. Denn wäre er ge⸗ ſtorben, ſo würde er mir erſchienen ſein, und hätte er mich vergeſſen, ſo wäre das ein Dolchſtoß geweſen, der mein Herz ſicher und auf Einen Schlag getödtet hätte. Oh, Erneſtine, überzeugt zu ſein, daß er oft an mich geſchrieben, und daß dieſe Briefe alle in die Hände der Spione und Laurer gefallen ſind, mit de⸗ nen mein Bruder mich umſtellt hat. Oh, ich bin nicht wahnſinnig geworden, weil ich fühlte, daß Trenck meiner noch eines Tages bedürfen würde. Ich habe mich nicht getödtet, weil ich wußte, daß mein Leben ihm noch eines Tages nothwendig ſein könnte. Ich habe gelebt, wie die zur Hölle Verbannten, welche in ihren Qualen immer das Auge geöffnet und das Ohr geſpannt halten, weil ſie des Momentes harren, wo der Erlöſer kommt, ſie aus ihrer Qual zu befreien. Und ſiehſt Du, mein Moment iſt gekommen. Gott hat endlich Erbarmen geübt, er hat das Auge meiner Späher geblendet und dieſer Brief iſt ſicher in meine Hände gekommen. Ein Brief von Trenckl Oh, Erneſtine, er liebt mich, er hat mich nie vergeſſen, er iſt unglücklich und ruft nach mir. Oh, mein Gott, — 104— mein Gott, warum hat das Schickſal meine Hände gebunden, warum hat es mich an einem Thron ge⸗ boren werden laſſen, deſſen Glanz mich doch nur in den Schatten ſtellt, ſtatt mich zu durchleuchten. Warum bin ich nicht in Armuth und Niedrigkeit geboren, um wenigſtens das Recht zu haben, zu meinem Geliebten eilen zu können, wenn er mich ruft, an ſeiner Seite zu ſein, wenn er in Noth iſt, und ſein Unglück mit ihm zu theilen. Aber Sie, Prinzeſſin, ſagte Fräulein von Haak, Sie können ſein Unglück erleichtern. Sehen Sie mich an, ich bin arm und unabhängig, und doch kann ich nicht zu meinem Geliebten hineilen, und doch, wenn er in Noth iſt, hat er mich nicht gerufen, weil er weiß, daß ich außer Stande bin, ihm zu helfen. Sie aber, Dank Ihrer erhabenen Stellung, Sie ver⸗ mögen zu helfen. Trenck bedarf Ihrer, und Sie ſind da, ihm beizuſtehen. Gott gebe, daß ich es kann! Er bittet, daß ich mich bei meinem Bruder verwende, damit die Für⸗ ſprache der preußiſchen Geſandtſchaft in Wien ihm den kaiſerlichen Hof von Wien geneigt mache, und er ſo hoffen dürfe, dieſe fürchterlichen Prozeſſe, welche ihm als das einzige Erbtheil ſeines Vetters, des unglück⸗ lichen, im Gefängniß geſtorbenen Pandurenhäuptlings, geblieben ſind, endlich zu Ende zu führen. Oh, Erneſtine, ich ſoll mit meinem Bruder über ihn ſpre⸗ chen! Er weiß nicht, daß ſein Name in dieſen fünf Jahren niemals über meine Lippen gekommen, daß ich niemals ſeit jenem verhängnißvollen Tage, als ich meinem Bruder gelobte, Trenck für ewig zu entſagen, mit dem König wieder allein geweſen. Beide haben wir jede vertrauliche Annäherung vermieden. Er, weil er vielleicht meine Klagen fürchtete, ich, weil ich ₰ — fühlte, daß ſich über dieſe Liebe zu meinem Bruder eine Eiskruſte gelegt hatte, die ich weder von ſeinem Lächeln, noch von ſeiner Güte wollte aufthauen laſſen, weil ich Trenck liebe, und ihm treu ſein will, indem ich meinem Bruder zürne. Aber nun, Erneſtine, muß ich mein Herz überwinden, nun muß ich mit meinem Bruder ſprechen. Trenck iſt in Noth, ich werde Muth haben, für ihn zu bitten! Aber was wollen Euere Hoheit erbitten? Oh, überlegen Sie es wohl, Prinzeſſin. Wer weiß, ob der König nicht Trenck ganz und gar vergeſſen hat. Das wäre vielleicht das Beſte; man muß dem Löwen nicht das arme Inſect zeigen, das ihn aus ſeinem Schlum⸗ mer aufgeweckt, denn alsdann wird er es tödten. Trenck iſt in Noth, weil er Proceſſe hat. Senden Sie ihm alſo Gold, Gold, um die Herren der Ge⸗ ſetze zu beſtechen, denn man weiß ja, daß der wür⸗ dige Reichshofrath ein wenig trübe Augen hat und den Glanz des Goldes oft für den Glanz der Sonne der Gerechtigkeit hält. Senden Sie ihm alſo viel Gold, und er wird die Tiger zähmen, die den Saal des Gerichts umlagern, und er wird ſeine Proeceſſe gewinnen. Prinzeſſin Amalie zuckte verächtlich die Achſeln. Er ruft nach mir, und ich ſollte ihm nichts geben, als ekles Gold! Er bittet, daß ich für ihn handle, und ich ſollte aus Feigheit ſchweigen und ihm meine Hülfe mit Gold abkaufen? Nein, nein, ich werde handeln, und das heute noch! Du weißt, daß ich nur auf die ausdrückliche Bitte des Königs eingewil⸗ ligt habe, in dieſem Drama heute Abend eine Rolle zu ſpielen. Als mein Bruder mich darum bat, fügte er mit ſeinem gewinnenden Lächeln hinzu:„Bewilligen Sie mir dieſe Gnade, meine Schweſter, und ſein Sie 6 — 106— gewiß, daß ich Ihnen dafür die erſte Gnade, welche Sie von mir fordern wollen, auch bewilligen werde.“ Nun denn, ich werde ihn an dies Wort erinnern, ich werde ihn für Trenck bitten, und er darf es mir nicht abſchlagen. Oh, Erneſtine, ich weiß nicht, wie es kommt, aber mir ſcheint, ſeit einiger Zeit liebt der König mich wieder zärtlicher als ſonſt, ſein Auge ruht mit Wohlgefallen auf mir, und oft iſt es mir, als ſähe er mich an mit Blicken, die um meine Liebe fleh⸗ ten. Sage nicht, daß ich thöricht und kindiſch bin, aber ich denke zuweilen, meine ſchweigende Ergebung könne ſein Herz gerührt haben, und er ſei endlich ge⸗ neigt, Gnade zu üben und mich glücklich zu machen, glücklich, indem er mir vergönnt, dieſem Glanz zu entflie⸗ hen, zu vergeſſen, daß ich eine Prinzeſſin bin, und mich nur zu erinnern, daß ich ein Weib bin, dem Gott ein Herz gegeben hat, um zu lieben! Amalie ſah nicht die traurigen und ſchmerzvollen Blicke, mit denen ihre Frenndin ſie betrachtete. Sie war ganz Begeiſterung und Gluth, und mit ſtrahlen⸗ den Blicken und hochathmendem Buſen von dem Di⸗ van aufſpringend, fuhr ſie fort:. Ja, es iſt ſo, wie ich ſage. Mein Bruder will mich glücklich machen! Prinzeſſin, wagen Sie es nicht, ſolchen kühnen Hoffnungen nachzuhängen, rief Fräulein von Haak mit Thränen in den Augen. Niemals wird der König einwilligen, Sie auf eine andere als eine königliche Weiſe glücklich zu machen. Amalie lächelte faſt. Sagen Sie doch, Erneſtine, iſt eine regierende Markgräfin von Baireuth nicht ebenſo hochgeſtellt als ich? Gewiß, Hoheit, ſagte Erneſtine befremdet, denn — 107— Ihre eigene erhabene Schweſter iſt ja regierende Mark⸗ gräfin von Baireuth. Ich rede nicht von ihr, ſondern von der Wittwe des vorigen Markgrafen. Sie hat doch mindeſtens auch regiert. Nun, jetzt hat ſie ſich dem jungen Gra⸗ fen Hoditz vermählt; der König hat es mir geſtern ſelbſt mit Lachen erzählt. Er war nicht zornig, und doch iſt die jetzige kleine Gräfin Hoditz ſeine recht⸗ mäßige Tante, wie ich ſeine Schweſter bin. Hätte der König der Tante befehlen können, wie er's der Schweſter kann, ſo würde er dieſe Vermäh⸗ lung nicht geduldet haben, ſagte Fräulein von Haak. Prinzeſſin Amalie achtete nicht auf ſie. Mit haſti⸗ gen Schritten ging ſie im Gemach auf und ab, ſtrahlenden Auges und lächelnden Mundes. Dann nach einer langen Pauſe näherte ſie ſich ihrer Freun⸗ din und legte ihre beiden Hände auf Erneſtinens Schulter. Sie ſind eine gute Seele und eine treue Freundin, ſagte ſie, Sie haben immer ein geduldiges Ohr für meine Klagen gehabt. Oh, denken Sie doch nur, wie ſchön das ſein muß, wenn ich Ihnen einſt von meinem Glück erzählen werde! Und jetzt, Erneſtine, kommen Sie. Jetzt müſſen Sie mit mir noch einmal meine Rolle memoriren und dann wollen wir an meine Toilette denken. Oh, ich will ſchön ſein heute Abend, um dem König zu gefallen, ich will ſpielen als eine Künſtlerin, um ſein Herz zu rühren. Wenn ich ſo ſpiele, ſo glühend und wahr, daß er weinen muß über den Schmerz dieſes unglücklichen, liebenden Weibes, welches ich darſtelle, wird das nicht ſein Herz in Liebe erweichen müſſen, wird er nicht Mitleid haben mit meinem wirklichen Liebesgram, dem ich in der Rolle einer Andern nur Worte verleihe? Kommen Sie — 108— alſo, Erneſtine, memoriren wir noch einmal! Ich muß meine Rolle heute Abend gut ſpielen, denn ich will mir das Herz des Königs gewinnen! Und Prinzeſſin Amalie hielt ſich ſelber Wort. Sie ſpielte ihre Rolle mit einer vollendeten Meiſterſchaft. Die Worte der Liebe und des Schmerzes floſſen wie ein Strom von Gluth und Begeiſterung von ihren Lippen, die Schwüre der Treue, die Klagen der Sehn⸗ ſucht, die Verzweiflung des Entſagens waren nicht mehr die hochſtelzenden Phraſen einer Schauſpielerin, ſondern ſie waren Wirklichkeit und Wahrheit. Man glaubte an ihre Thränen, an ihre Verzweiflung, und als Amalie mit wirklichen Thränen, mit wirklichem Erblaſſen von den Qualen ihrer Liebe erzählte, da hörte man in dieſem glänzenden, von Kerzen und Brillanten funkelnden Saal nichts als Seufzen und Schluchzen. Die Königin Eliſabeth Chriſtine, in ihrem eigenen Liebesgram aller Etiquette vergeſſend, legte ihre Hand über ihr Angeſicht, und zwiſchen ihren ſchlanken, von Hrilnnem funkelnden Fingern quollen dicke Thränen ervor. — Die Königin Mutter, befremdet über ihre eigene Rührung, flüſterte leiſe, daß es ſehr heiß ſei, und in⸗ dem ſie mit dem goldgeſtickten Taſchentuch ſich Küh⸗ lung zufächelte, trocknete ſie verſtohlen eine Thräne aus ihren Augen fort. Selbſt der König war gerührt, der Glanz ſeiner Augen ward trüber, und eine tiefe, unausſprechliche Wehmuth zitterte um ſeine Lippen. Voltaire aber war außer ſich vor Entzücken, ſeine Augen hingen mit einer verzehrenden Gluth an jeder Bewegung, jedem Blick Amaliens, ſein Mund ſtrömte über von Lobeserhebungen, von Dank und Entzücken, — — 109— und in ſeiter Begeiſterung alles Andere vergeſſend, rief er, als er der Prinzeſſin nach ihrer großen Scene hinter den Couliſſen begegnete: Sie ſind es würdig, Schauſpielerin zu ſein und in Voltaire's Tragödien zu ſpielen! Prinzeſſin Amalie lächelte und ging ſchweigend vorüber. Was kümmerte ſie das Lob Voltaire's. Sie wußte nur, daß ſie ihren Zweck erreicht, daß ſie das Herz des Königs gerührt hatte. Dies Bewußtſein machte ſie muthig und begeiſterungsvoll, und als nach Beendigung der Vorſtellung der König zu ihr kam, als er ſie herzlich umarmte und mit zärtlichen Worten ihr dankte für dieſen herrlichen und genußreichen Abend, den er dem Dichtergenius Voltaire's nicht allein, ſon⸗ dern auch dem wundervollen Spiel Amaliens ſchul⸗ dete, da erinnerte Amalie ihn lächelnd daran, daß er ihr noch eine Gnade zu bewilligen habe. Ich bitte Sie, meine Schweſter, erwiderte der Kö⸗ nig heiter. Bitten Sie heute Abend etwas recht Gro⸗ ßes von mir, denn ich bin ganz in der Stimmung, es Ihnen zu bewilligen. Amalie ſah ihm mit einem bangen und flehenden Ausdruck in das lächelnde Angeſicht. Sire, ſagte ſie, beſtimmen Sie mir morgen Vormittag eine Stunde, in der ich zu Ihnen kommen darf, um Ihnen meine Bitte vorzutragen, deren Gewährung Sie mir ſchon im Voraus verſprochen haben. Des Königs Antlitz hatte ſich leicht beſchattet. Das trifft ſich in der That ſehr günſtig, ſagte er. Ich wollte Sie auf morgen früh um eine ÜUnterredung bitten, und nun kommen Sie meinem Wunſche zuvor. Ich werde morgen früh um zehn Uhr bei Ihnen ſein, und auch ich habe Ihnen dann eine Bitte vorzu⸗ tragen. . — 110— Ich erwarte Sie alſo morgen früh um zehn Uhr, mein Bruder, und dann werde ich Ihnen ſagen, welche Gnade ich von Ihnen erbitte! Und wenn ich Ihnen das bewilligt habe, wird es an Ihnen ſein, meine Schweſter, zu bewilligen, was ich von Ihnen erbitten will! VI. Ein Frauenherz. Die ganze folgende Nacht hindurch lag Prinzeſſin Amalie mit geöffneten Augen, mit hochklopfendem Her⸗ zen bleich und ruhelos auf ihrem Lager. Kein Schlaf ſenkte ſich erquickend nieder auf dieſe fieberhaft glü⸗ hende Stirn, kein Traum kühlte dieſe von angſtvollen Schreckbildern gequälte Phantaſie. Was iſt es, fragte ſich Amalie wieder und immer wieder, was iſt es, das der König von mir erbitten wwill? Welches geheime Schreckniß erhebt ſich da dro⸗ hend wieder vor mir, und wirft einen Schatten auf meine Zukunft? 3 Und jetzt prüfte ſie im Geiſte jedes Wort, jede Anſpielung, die ſie heute vernommen, jetzt erinnerte ſie ſich plötzlich der traurigen und mitleidsvollen Blicke ihres Hoffräuleins, der leiſe hingeworfenen Andeutun⸗ gen, der halben Worte, welche eine verſteckte Warnung enthielten. Erneſtine weiß Etwas, und ſie will es nur nich ſagen, rief Amalie, und bei dieſem Gedanken fühlte ſie „— —,— ihre Stirn von kaltem Schweiß bedeckt, und ein Frö⸗ ſteln ſtill ihre Glieder durchbeben. Sie ſtreckte die Hand aus, um zu klingeln, und durch ihre Kammerfrau das Fräulein von Haak rufen zu laſſen. Aber dann zog ſie ſich, traurig und beſchämt über ihre eigene Ungeduld, wieder zurück. Was kann es mir nützen, zu erfahren, was ich doch nicht ändern kann, ſagte ſie. Ich weiß, daß ein Unglück mich bedroht, aber ich will ihm wenigſtens mit offener Stirn und muthigem Herzen entgegen gehen. Und jetzt lag ſie ruhig und ſtill, bis der Morgen kam, bis dieſe furchtbaren Stunden der Erwartung all⸗ mälig ſich verringerten. Als ſie ſich von ihrem Lager erhob, trugen ihre Züge den Ausdruck unerſchütterli⸗ cher Entſchloſſenheit, und ihr Auge flammte ſo kühn und mächtig, wie das ihres königlichen Bruders, wenn er im Begriff war in die Schlacht zu gehen. Sie ließ ſich ſorgfältig und geſchmackvoll kleiden, ſie nickte der eintretenden Hofdame einen lächelnden Gruß entgegen, und plauderte heiter und ruhig von gleichgültigen Dingen. Als aber die Dienerſchaft hin⸗ ausgegangen, und ſie mit Fräulein von Haak allein war, trat ſie haſtig zu ihr heran, und ſah ihr lange und prüfend in die Augen. Erneſtine, ſagte ſie dann, Sie wiſſen etwas, das Sie mir nicht ſagen wollen, und das für mich ein Un⸗ glück iſt? Ich habe das in Ihrem Antlitz geleſen, und dennoch bitte ich Sie nicht, es mir zu offenbaren, wenn Sie nicht meinen, daß ich dadurch, daß ich es weiß, auch die Gefahr vermindern kann. Erneſtine ſchüttelte traurig das Haupt. Nein, ſagte ſie, ich fürchte, daß Euere Hoheit an dem Mißgeſchick, was Sie bedroht, nichts ändern können. Es iſt das Mißgeſchick einer Prinzeſſin, welche ſich gehorſam dem Willen ihres Königs fügen muß. Es iſt gut, ſagte Amalie mit einem eigenthümlichen Lächeln, wir werden ja ſehen, ob mein Bruder Macht genug hat, meinen Willen zu beugen. Jetzt, Erneſtine, verlaſſen Sie mich, denn es iſt die Stunde, in welcher der König kommen wollte. Das Hoffräulein hatte ſich kaum zurückgezogen, als die nach dem großen Vorſaal führende Thür geöffnet wurde, und der eintretende Kammerherr den König meldete. Prinzeſſin Amalie ging ihm mit lächelndem Gruß entgegen, aber als der König ſie umarmte, und einen Kuß auf ihre Stirn drückte, zuckte ſie zuſammen, und blickte fragend zu ihrem Bruder empor. Sie las in ſeinem Antlitz nichts als die herzlichſte Liebe, die rückhaltloſeſte Freundlichkeit. Wenn er mich unglücklich macht, ſo iſt es wenigſtens nicht ſeine Ab⸗ ſicht dies zu thun, dachte ſie, und mit beruhigterem Herzen gab ſie ihrem Kammerherrn ein Zeichen, die Thüren nach dem Salon, in welchem ſich das Gefolge des Königs und ihre eigenen Damen und Cavaliere befanden, zu ſchließen. Jetzt, mein Bruder, ſind wir allein, ſagte die Prin⸗ zeſſin, indem ſie neben dem König Platz nahm auf dem Divan, zu dem er ſie hingeführt hatte. Jetzt er⸗ lauben Sie mir, Ihnen ſogleich meine Bitte vorzutra⸗ gen, deren Gewährung Sie mir verſprochen haben. Der König betrachtete mit traurig forſchenden Blik⸗ ken ihr vor Aufregung und Ungeduld zuckendes Ant⸗ litz. Amalie, ſagte er, Sie haben mir kein Wort der Begrüßung, der ſchweſterlichen Liebe zu ſagen? Sie wiſſen alſo nicht, daß fünf Jahre vergangen ſind, — 113— ſeit wir uns nicht allein, und mit jener Vertraulichkeit, wie ſie Geſchwiſtern geziemt, geſehen haben? Ich weiß es, erwiderte Amalie traurig. Dieſe fünf Jahre ſind auf meinem Antlitz verzeichnet, und wenn ſie nicht auf meiner Stirn Runzeln zurückließen, ſo haben ſie deren doch in mein Herz gezogen. Sehen Sie mich an, mein Brnder, finden Sie, daß ich heute noch das Antlitz von vor fünf Jahren habe? 5 Nein, ſagte der König, nein, Sie ſind heute blaß und Ihre Wangen ſind heute eingefallen. Indeſſen bemerke ich das heute zum erſten Mal. Sonſt ſind Sie immer noch das Bild der Jugend, der Schönheit und Anmuth. Dieſe Vorſtellung von geſtern Abend hat Sie angegriffen, das iſt Alles. Nein, mein Bruder, Sie finden mich heute blaß und eingefallen, weil Sie mich heute zum erſten Male ohne Schminke und ohne Schönpfläſterchen ſehen. Zum erſten Male habe ich heute vor Ihnen dieſe Maske der roſigen Jugend, der lächelnden Harmloſigkeit ab⸗ genommen, welche der Welt mein Antlitz verbirgt. Sie ſollen mein Antlitz ſehen, wie es wirklich iſt, Sie ſollen ſehen, was ich gelitten habe; vielleicht werden Sie dann um ſo bereitwilliger, mir das zu erfüllen, um was ich Sie bitten will. Hören Sie alſo, mein Bruder! Ich— Der König legte ſanft ſeine Hand auf ihre Schul⸗ ter. Sprechen Sie noch nicht, ſagte er, denn ſeit ich Sie jetzt hier ſehe, fürchte ich, daß Sie irgend etwas bitten wollen, das ich Ihnen nicht gewähren kann. Doch haben Sie mir Ihr Wort gegeben, Sire, mir eine Gnade zu bewilligen. Ich nehme mein Wort nicht zurück. Aber weil ich das nicht will, bitte ich, daß, bevor Sie ſprechen, Sie zuerſt meine Bitte anhören, denn vielleicht kann das Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. IV. 8 — 114— Einfluß haben auf das, was Sie mir zu ſagen haben, und Sie werden darnach Ihre eigenen Wünſche modi⸗ ficiren können. Ich erlaube mir alſo in Ihrem eige⸗ nen Intereſſe unhöflich zu ſein, und ſtatt Ihnen als Dame zuerſt das Wort zu erſtatten, bitte ich, daß Sie es mir laſſen.— Sie ſind überall der König, und haben zu befeh⸗ len, ſagte Amalie kalt. Sprechen Sie alſo, Sire. Der König ließ einen Moment ſeine hellen, durch⸗ bohrenden Blicke auf dem Antlitz ſeiner Schweſter ru⸗ hen, dann ſtand er auf, und nahm eine ernſte, ſin⸗ nende Miene an. 3 Ich ſtehe jetzt vor Ihnen, Prinzeſſin, nicht als Kö⸗ nig, ſagte er, ſondern als der Abgeſandte eines Kö⸗ nigs. Prinzeſſin Amalie, der König von Dänemark bittet durch mich um Ihre Hand. Er wünſcht ſich mit Ihnen zu vermählen, und ich habe ihm meine Zuſtimmung gegeben. Es fehlt alſo nur noch die Ihrige, und ich denke, Sie werden ihm dieſelbe nicht verſagen. Die Prinzeſſin hatte ihm mit ſchweigender, uner⸗ ſchütterlicher Ruhe zugehört. Nicht eine Muskel Ihres Geſichts hatte gezuckt, nicht einen Moment hatten ihre Bütge den Ausdruck der Entſchloſſenheit und Ruhe ver⸗ oren. Sind Sie zu Ende, Sire? fragte ſie gelaſſen. Ich bin zu Ende, und ich erwarte Ihre Ant⸗ wort. Bevor ich Ihnen dieſelbe ertheile, erlauben Sie mir, Ihnen auch meine Bitte vorzutragen, Sire. Denn um mich Ihrer eigenen Worte zu bedienen, Sie wer⸗ den danach Ihre eigenen Wünſche modificiren können. Sie werden dann wiſſen, ob ich im Stande bin, die 7 1 Hand des Königs von Dänemark anzunehmen. Er⸗ lauben Sie jetzt mir zu ſprechen? Sprechen Sie, ſagte der König, indem er ſich wie⸗ der neben Amalie niederſetzte.. Eine Pauſe trat ein. Dann ſagte Amalie mit feier⸗ licher, ernſter Stimme: Sire, ich bitte um Gnade für den Freiherrn Friedrich von Trenck. Einer unwillkührlichen Regung nachgebend, glitt ſie vom Divan auf ihre Kniee nieder, und die gefaltenen Hände flehend zu ihrem Bruder emporhebend, wieder⸗ holte ſie: Sire, ich bitte um Gnade für den Freiherrn Friedrich von Trenck! Der König fuhr empor, wehrte ungeſtüm die Hände ſeiner Schweſter zurück, und ging haſtig einige Male im Zimmer auf und ab. Amalie, faſt beſchämt über ihre eigene mädchenhafte Demuth, erhob ſie ſich wie⸗ der von ihren Knieen, und gleichſam um ſich ſelber ihre Energie und Entſchloſſenheit zu beweiſen, ging ſie gerade auf den König zu und mit lauter, feſter Stimme ſagte ſie zum dritten Mal: Sire, ich bitte um Gnade für den Freiherrn Friedrich von Trenck. Er iſt un⸗ glücklich, weil er verbannt iſt aus ſeiner Heimath. Er iſt in Verzweiflung, weil man, wohl wiſſend, daß er Niemand hat, der ihn beſchützt und ſeine Rechte wahrt, beim Reichshofgericht keine Gerechtigkeit finden kann. Er iſt arm und ohne Ausſichten, weil das Reichshof⸗ gericht ihm die Erbſchaft ſeines Oheims verſagt, ſeines Oheims, des Pandurenhäuptlings, den ſeine Feinde angeklagt haben, weil es ſie gelüſtete nach ſeinen Mil⸗ lionen, die man confiscirt hat unter dem Vorgeben, daß er ſie unrechtmäßiger Weiſe erworben habe. Aber man hat ihm das nicht beweiſen können, und dennoch, da er jetzt todt iſt, verſagt man ſeinem Erben, Fried⸗ rich von Trenck, ſeine Erbſchaft. Sire, ich bitte Sie 8* — 116— alſo, nehmen Sie ſich Ihres Unterthanen an. Laſſen Sie ihm die Gnade Ihrer Fürſprache zu Theil wer⸗ den, verhelfen Sie ihm durch Ihr mächtiges Wort zu dem Beſitz dieſer Millionen. Ach, Sie ſehen wohl, Sire, wie kleinmüthig und beſcheiden ich geworden bin. Ich bitte nicht mehr um Glück, ſondern nur noch um Geld. Und ich meine, Sire, wir ſind Trenck wohl dieſen Erſatz für ein zertretenes Lebensglück ſchuldig. Dem König war es gelungen, ſeinen Unwillen zu ſänftigen, und ſeinen aufflammenden Zorn zu beſiegen. Er war jetzt ebenſo ruhig und gelaſſen, wie ſeine Schweſter, aber bei Beiden verbarg ſich hinter dieſer Ruhe die feſte Energie eines unabänderlichen Ent⸗ ſchluſſes, und ſie waren nur ſo gelaſſen, weil ſie un⸗ beugſam waren. Das iſt die Gnade, welche Sie von mir fordern wollten? fragte der König. Die Gnade, deren Bewilligung Sie mir verſpro⸗ chen haben, erwiderte Amalie. Und wenn ich das thue, ſo werden Sie auch meine Bitte bewilligen? So werden Sie die Gemahlin des Königs von Dänemark werden? Ah, Sie ſchweigen? Nun wohl, ſo hören Sie. Willigen Sie ein, Königin von Dänemark zu werden, und an dem Tage, an wel⸗ chem Sie die Grenzen meines Landes überſchreiten, und als Königin Ihr neues Vaterland betreten, an dem Tage werde ich Trenck wieder nach Berlin zu⸗ rückrufen, und Alles ſoll vergeſſen ſein. Trenck kann wieder in meine Garde eintreten, und mein Geſandter in Wien ſoll ſich beim Reichshofrath für ihn verwen⸗ den. Entſcheiden Sie ſich jetzt, wollen Sie Königin von Dänemark werden? i Ah Sire, Sie ſtellen mir da eine grauſame Alter⸗ N native. Sie wollen, daß ich eine Gnade erkaufe, de⸗ ren freie Bewilligung Sie mir zugeſagt haben! Aber Sie vergeſſen, meine Schweſter, daß ich ſel⸗ ber bitte, wo ich befehlen könnte, und daß ich es Ih⸗ nen leicht machen will, mir zu gehorchen, indem Sie durch Ihren Gehorſam einen Andern beglücken. Alſo noch einmal, nehmen Sie meinen Vorſchlag an? Amalie antwortete nicht ſogleich. Sie wandte ihre Augen mit einem forſchenden Ausdruck auf des Kö⸗ nigs Angeſicht. Ihre Blicke begegneten ſich und ruh⸗ ten feſt aufeinander. Beide laſen ſie in ihren Augen die gleiche, unerſchütterliche Entſchloſſenheit. „Sire, ſagte Amalie endlich, ich kann Ihren Vor⸗ ſchlag nicht annehmen. Ich kann nicht die Gemahlin des Königs von Dänemark werden. Der König zuckte zuſammen, und ſeine Stirn zog ſich in finſtere Falten. Aber er blieb ruhig, nur preßte er ſeine Hand krampfhaft um die Lehne des Fauteuils, neben welchem er ſtand. Und weshalb können Sie nicht die Gemahlin des Königs von Dänemark werden? fragte er. Weil ich geſchworen habe, feierlich unter Anrufung Gottes geſchworen habe, niemals eines andern Man⸗ nes Weib zu werden, als das Weib deſſen, den ich liebe, weil ich mich vor Gott und meinem Gewiſſen verpflichtet halte, dieſen Schwur zu erfüllen, und un⸗ vermählt zu bleiben, da ich nicht die Gemahlin Trenck's werden kann. Jetzt erröthete der König vor Zorn, und ſeine Augen ſchoſſen Blitze. Die Gemahlin Trenck's, rief er haſtig, die Gemahlin eines Verräthers. Ah, Sie denken alſo noch immer an ihn, und trotz Ihres da⸗ maligen Gelübdes, trotz Ihres mir geleiſteten — 118— Schwurs, haben Sie dieſe ſtrafwürdige Verbindung unterhalten? 3 Sire, entſinnen Sie ſich wohl, an welche Bedin⸗ gungen damals mein Gelöbniß gebunden war. Sie verſprachen mir, Trenck frei zu laſſen, und ich gelobte dafür ihn aufzugeben, und niemals an ihn zu ſchrei⸗ ben. Das Schickſal aber nahm mein Gelöbniß nicht an. Trenck entfloh, bevor Euere Majeſtät Zeit hatten, Ihr Wort zu erfüllen, und ſomit war ich meines Schwurs entbunden. Dennoch habe ich niemals an ihn geſchrieben, niemals etwas von ihm erfahren, denn Sie wiſſen wohl, Sire, daß ich niemals von ihm Briefe empfangen habe.. Er hat alſo fünf Jahre vergehen laſſen, ohne an Sie zu ſchreiben, und dennoch haben Sie heute noch den Muth, vor mir ſeinen Namen zu nennen? Ich habe den Muth, Sire, weil ich ſehr wohl weiß, daß Trenck niemals aufgehört hat, mich zu lie⸗ ben, wenn ich keine Briefe von ihm bekam, dies nicht daher kommt, daß er ſie nicht geſchrieben, ſondern weil ich von ſehr aufmerkſamen Spähern umgeben war, welche die Briefe niemals in meine Hände gelangen ließen. Ah, ſagte der König mit verächtlichem Achſelzucken, Sie ſind der Meinung, ich hätte dieſe Briefe auffan⸗ gen laſſen? 1 Ja, mein Bruder, ich bin der Meinung. Nun denn, Amalie, Sie irren ſich. Ich habe Sie nicht mit Spionen umſſtellt, ich habe keinen Brief un⸗ terſchlagen laſſen. Sie ſehen mich ungläubig an? Mein Wort darauf, daß ich Ihnen die Wahrheit ſage. Werden Sie jetzt begreifen, meine Schweſter, daß Ihr Herz Sie getäuſcht hat, daß Sie Ihre Liebe um —- — 119— einen Elenden verſchwendet haben, welcher Sie ver⸗ geſſen hat? Sire, rief Amalie mit flammenden Augen, Sire, keine Beleidigung gegen den Mann, welchen ich liebe! Ah, Sie lieben ihn noch immer, ſagte der König bleich vor Zorn, und nicht mehr im Stande ſeine Auf⸗ regung zurückzuhalten. Sie lieben ihn noch immer. Sie haben um ihn geweint und geklagt, während er Sie ſchmachvoll verrathen und verhöhnt hat. Oh, ſe⸗ hen Sie mich immerhin mit dieſen zornigen, empörten Blicken an. Es iſt ſo wie ich ſage. Sie ſollen und müſſen jetzt Alles wiſſen. Ich habe Sie bis jetzt ge⸗ ſchont, von Ihrem eigenen edlen Herzen hatte ich ge⸗ hofft, daß es nur dem Strom gleiche, welcher vom Sturm der Leidenſchaft gepeitſcht, wohl einen Augen⸗ blick ſeine Ufer überſchreiten kann, dann aber ruhig zurückkehrt in die Grenzen, welche ihm die Natur und ſein Schickſal angewieſen. Ich ſehe jetzt, daß ich mich in Ihnen geirrt habe, wie Sie ſich in Trenck geirrt haben. Er hat Sie verrathen, ſage ich Ihnen. An dem ſchwelgeriſchen und üppigen Hof von Petersburg hat der ehemalige preußiſche Officier nicht bloß Sie, ſondern auch ſeinen König verrathen. An der Tafel ſeiner Geliebten, der Kanzlerin Beſtuſchef, hat er Ihr Bild gezeigt, hat er ſich gerühmt, daß Sie ſelber ihm daſſelbe gegeben. Der Graf von der Goltz, mein Ge⸗ ſandter am ruſſiſchen Hofe, ſchrieb mir das, und ich habe ihn nicht tödten laſſen, ich habe nicht bei der Kai⸗ ſerin Anna auf Auslieferung des preußiſchen Deſer⸗ teurs angetragen. Ich habe mich erinnert, daß Sie ihn einſt geliebt und daß ich Ihnen verſprochen hatte, ſeiner zu ſchonen. Aber ich habe ihn beobachten laſ⸗ ſen, und ich kenne alle ſeine Handlungen, alle ſeine Ränke und Intriguen. Ich weiß, daß er mit der jun⸗ — 120— gen Gräfin Nariſchkin ein Liebesverhältniß angeknüpft, daß ſie ſchamlos und verbrecheriſch genug auch fort⸗ ſetzten, als die Gräfin dem General Bondurow ſich vermählt hatte. Nun glauben Sie, meine Schweſter, daß er in den Armen dieſes ſchönen einzigen jungen Weibes dieſer keuſchen und unſchuldigen Liebesſchwüre gedachte, welche er einſt mit Ihnen gewechſelt hat? Glauben Sie, daß er derſelben ſich erinnerte, als er mit ſeiner Geliebten den Plan zu einer Flucht verab⸗ redete, um außerhalb Rußlands für ihre ehebrecheriſche Liebe ein Aſyl zu ſuchen? Glauben Sie, daß er Ih⸗ rer gedachte, als er von dieſem jungen, irregeleiteten Weibe ſich ihre Brillanten und Alles, was ſie an Geld beſaß, geben ließ, um dafür den Weg zur Flucht zu ebnen? Gnade, Gnade!l ſtammelte Amalie bleich und zit⸗ ternd, auf einen Seſſel niederſinkend. Hören Sie auf, mein Bruder, denn Sie ſehen wohl, daß Ihre Worte mich tödten. Haben Sie Erbarmen mit mir. Nein, kein Erbarmen, ſagte der König. Sie ſollen und müſſen jetzt Alles wiſſen, damit Sie geneſen von dieſer unſeligen Krankheit einer ſchmachvollen Liebe. Sie ſollen wiſſen, daß Trenck ein Mann iſt, welcher nicht bloß ſeine Geheimniſſe der Politik, ſondern auch ſeine Geheimniſſe der Liebe ſich abkaufen läßt, daß ihm Alles käuflich iſt, ſelbſt ſein Herz. Er liebte nicht bloß die ſchöne Generalin Bondurow, ſondern er liebte auch ihre Brillanten, und als das junge Weib einige Tage vor ihrer verabredeten Flucht an den Blattern darnie⸗ derſank und ſtarb, behielt er wenigſtens die Erbſchaft, und gab ihren Schmuck und die achttauſend Rubel, welche ſie ihm in Verwahrſam gegeben, nicht zurück.*) *) Trenck's Memoiren. Th. I. S. 200. — Oh mein Gott, mein Gott, gieb, daß ich ſterbe! murmelte die Prinzeſſin Amalie. Aber der Tod dieſer Geliebten, fuhr der König fort, ohne der Prinzeſſin Klagen zu beachten, dieſer Tod war doch ſehr zu ſeinem Vortheil, und er tröſtete ſich bald über denſelben in den Armen der Kanzlerin Beſtuſchef, dieſes ränkeſüchtigen und ſtolzen Weibes, das jetzt durch ihren ſchwachen Gemahl über Rußland herrſcht und die Geſchicke Europa's durch ihre Ränke und ihre Intriguen zu verwirren droht. Die Kanz⸗ lerin iſt nicht jung und ſchön, wie die Generalin Bondurow es war, ſie iſt vierzig Jahre, und Sie wer⸗ den nicht glauben, daß der vierundzwanzigjährige Herr von Trenck in Liebe zu ihr entbrannte. Aber ſie that's für ihn. Sie liebte ihn mit jener wilden, bac⸗ chantiſchen Gluth, wie die römiſche Kaiſerin Julia die Gladiatoren zu lieben pflegte, deren ſchöne Geſtalt ſie im Circus bewundert hatte. Sie liebte ihn und ge⸗ ſtand es ihm, und ſein Herz, welches von ihren altern⸗ den Reizen nicht beſiegt worden, unterlag dem Zauber der Ducaten und des Geldes, das ſie ihm zu bieten wagte. Der Herr von Trenck ward alſo der homme entretenu der Frau Kanzlerin Beſtuſchef, das heißt natürlich, der Hausfreund ihres Gemals. Er arbeitete in dem Kabinet deſſelben, in dieſem Kabinet, das von dem Boudoir ſeiner Frau her an unſichtbaren Fäden geleitet ward. Er ſchien jetzt ein guter patriotiſcher Ruſſe geworden, der bereit war, die Knute mit eben ſolcher Devotion zu küſſen, wie den Pantoffel ſeiner alten Kanzlerin. Ich wollte indeſſen ſeinen Patriotis⸗ mus prüfen, und gab meinem Geſandten den Auftrag, zu erforſchen, ob dieſer Patriotismus nicht für Geld zu erſchüttern wäre. Nun, meine Schweſter, für zwei⸗ tauſend Ducaten copirte Herr von Trenck ihm den — 122— Riß der Feſtung Kronſtadt, den der Kanzler Beſtu⸗ ſchef ſo eben von einem Ingenieur hatte aufnehmen laſſen. Das iſt unmöglich, ſagte Amalie, deren Thränen jetzt verſiegt waren und die ihrem Bruder mit großen, ruhigen Blicken zuhörte. Unmöglich! rief der König, ah, meine Schweſter, das Gold iſt eine Zaubermacht, für welche es keine Unmöglichkeiten giebt. Das wollte ich auch dem thö⸗ richten Beſtuſchef beweiſen, indem ich ihm den Verrä⸗ ther Trenck entlarvte. Goltz mußte ihm alſo den Be⸗ weis ſeines Verrathes, dieſen mit Trenck's Namens⸗ unterſchrift gezeichneten Plan von Kronſtadt überreichen und ihm ſagen, wie er in den Beſitz deſſelben gekom⸗ men. Der Kanzler war außer ſich vor Zorn und ſchwur, eine ächt ruſſiſche Rache zu üben an dem Ver⸗ räther. Das heißt, ihn unter der Knute ſterben zu laſſen. Amalie ſtieß einen Schrei aus und ſchlug ihre Hände vor ihr von krampfhaftem Schmerz entſtelltes Angeſicht. Der König lächelte bitter. Beruhigen Sie ſich. Wir hatten zu früh triumphirt. Wir hatten die Frau vergeſſen! Der Kanzler hatte in ſeinem Zorn ihr Al⸗ les offenbart und heftige Verwünſchungen gegen Trenck und gegen ſie ſelber ausgeſtoßen. Sie fand Mittel, Trenck zu warnen, und als in der Nacht die Polizei kam, ihn zu verhaften, war Trenck nicht in ſeinem Hauſe, ſondern hatte eine Zuflucht geſucht im Hauſe ſeines Freundes, des engliſchen Geſandten Lord Hynd⸗ forth.*) .*) Trenck's Memoiren. Th. I. S. 212— 16. — — — -——————— — 123— Ah, er war alſo gerettet? flüſterte Prinzeſſin Amalie mit einem köſtlichen Lächeln. Der König ſah ſie erſtaunt an. Ja, ſagte er, Trenck war gerettet, denn am andern Tage wußte die Kanzlerin ihren leichtglänbigen Gemahl zu überzeugen, daß Trenck nur das Opfer einer Intrigue geweſen, und ganz unſchuldig ſei an dem ihm zur Laſt gelegten Verbrechen. Er blieb alſo der Freund des Hauſes, und die Frau Kanzlerin hatte die Unverſchämtheit, meinen Geſandten öffentlich zu beleidigen. Trenck aber bekannte ſich jetzt öffentlich für einen wüthenden Geg⸗ ner Preußens, er entflammte mit ſeinem Haß das Herz der verliebten Kanzlerin, und Beide ſchwuren das Verderben Preußens, Beide waren eifrig bemüht, den Kanzler, meinen geheimen Freund, zu meinen Gegnern herüberzuziehen, und Trenck, der eifrige ruſ⸗ ſiſche Patriot, trat jetzt in die Dienſte des Hauſes Oeſterreich, um gegen Preußen zu intriguiren.*) Aber Beſtuſchef widerſtand ihren Intriguen, und ſein Miß⸗ trauen bedrohte und überwachte noch immer ſeine treu⸗ loſe Gemahlin und ſeinen treuloſen Freund. Trenck wäre ohne Zweifel verloren geweſen, wenn nicht ein glücklicher Zufall ihn dies Mal noch errettet hätte. Sein Vetter in Wien iſt, wie Sie ſagten, geſtorben, und da Trenck glaubte, daß er ihm einige Millionen als Erbſchaft hinterlaſſen, riß er ſich los aus den Ar⸗ men ſeiner zärtlichen Frau Kanzlerin und iſt nach Wien *) Trenck ſelber ſchreibt darüber:„Ich hätte damals mein Va⸗ terland in eine Wüſtenei verwandelt, falls die Gelegenheit ſich zum Willen gefügt hätte. Ich leugne auch gar nicht, daß ich von die⸗ ſem Augenblicke an in Rußland alles Mögliche that, um die Ab⸗ ſichten des kaiſerlichen Geſandten Grafen Bernes zu befördern, wel⸗ cher mein einmal angefachtes Feuer zu nähren und mich zu brauchen wußte.“ Memoiren Th. I. S. 217. 1 — 124— geeilt, um dort ſeine Erbſchaft in Empfang zu neh⸗ men, die indeß zu ſeinem Erſtaunen nicht in Millio⸗ nen, ſondern nur in Prozeſſen beſtand.— Das, Ma⸗ dame, iſt die Geſchichte Trenck's während dieſer fünf Jahre, in denen Sie keine Nachrichten von ihm er⸗ hielten. Wollen Sie nun noch ſagen, daß er Sie nie⸗ mals vergeſſen hat, und daß Sie ſelber zur Treue gegen ihn verpflichtet ſind? Ah, Sie ſehen wohl, daß ich zu Ihnen nicht als König, ſondern nur als Freund ſpreche, und daß ich mit Ihnen von Ihrem Stand⸗ punkt aus dieſe unglückſelige Angelegenheit betrachten will. Behandeln Sie mich alſo auch als Ihren Freund, und antworten Sie mir nun auch aufrichtig: Halten Sie nach allen dieſen Vorgängen ſich dennoch verpflichtet, Ihren Schwur der Treue zu halten? lauben Sie nicht, daß er ein treuloſer Verräther iſt, daß er Sie vergeſſen hat?— Die Prinzeſſin hatte dem König mit geſenktem Haupte, mit niedergeſchlagenen Augen zugehört. Als ſie jetzt aber den Blich zu ihm erhob, ſtrahlte ihr Auge in dem Feuer der Begeiſterung und ein wundervolles, wehmüthiges Lächeln umſpielte ihre Lippen. Sire, ſagte ſie, ich habe ihm meinen Schwur ge⸗ leiſtet ohne Bedingungen, und ich werde ihn halten bis zu meinem Tode. Möge immerhin ein Theil von dem, was Sie erzählten, wahr ſein. Trenck iſt jung, und Sie können von ſeinem leidenſchaftlichen Herzen nicht erwarten, daß es ſich ganz und gar begrabe un⸗ ter der Aſche dieſes Thränenkruges, in welchem unſer Liebesglück in Staub zerfallen iſt. Aber ſein Herz, ſo flatterhaft es immer ſcheinen möge, kehrt immer doch treu zurück, um an dieſem Thränenkruge zu beten, und ſeine wilde und ſtürmiſche Gegenwart durch die Erinnerung an die ſchöne und unſchuldsvolle Vergan⸗ genheit zu reinigen und zu heiligen. Sie ſagen, daß Trenck mich in ſeinem Glück vergeſſen hat. Nun wohl denn, Sire, in ſeinem Unglück hat er ſich meiner erinnert. In ſeinem Unglück hat er dieſen treuloſen, kalten und verrätheriſchen Brief vergeſſen, den ich ihm damals geſchrieben, und den er noch in ſeinem Ge⸗ fängniß in Glatz bekommen hatte. In ſeinem Unglück hat er an mich geſchrieben und meine Hülfe angeru⸗ fen, und es ſoll nicht geſagt werden, daß ich ſeine Stimme nicht gehört und nicht freudig bereit geweſen wäre, ihm zu dienen. Er hat es gewagt, an Sie zu ſchreiben! rief der König mit zornſprühenden Augen und zitternden Lip⸗ pen. Und wer hat die Frechheit gehabt, Ihnen dieſen Brief einzuhändigen? Oh, Sire, Sie wollen doch nicht verlangen, daß ich meine Freunde verrathen ſoll? Ueberdies, was hülfe es, wenn ich Ihnen den Boten dieſes Briefes nenne? Sie würden dieſen verhaften laſſen und ihn ſtrafen, und morgen würde ein Anderer kommen und ſich unſerem Dienſte weihen. Denn die unglückliche Liebe findet überall Mitleid und Schutz, und Freunde, welche ihr dienen. Sire, ich wiederhole alſo meine Bitte: Gnade für Friedrich von Trenck! Und ich, rief der König mit gewaltiger Stimme, ich frage Sie, ob Sie meinen Antrag annehmen, ob Sie die Gemahlin des Königs von Dänemark werden wollen? Und merken Sie wohl, Prinzeſſin, daß ich das als Antwort auf Ihre Bitte frage! Sire, möge Gott Erbarmen haben mit mir. Mö⸗ gen Sie mich mit Ihrem ganzen Zorn ſtrafen! Aber ich kann meinen Schwur nicht brechen. Sie können mich zwingen, meinen Eid unerfüllt zu laſſen, und nicht meines Geliebten Weib zu werden, aber Sie — 126— können mich nicht zwingen, einen Meineid zu begehen. Ein Meineid aber wäre es, wenn ich mit einem an⸗ dern Manne vor Gottes Altar träte, und ihm eine Liebe und Treue gelobte, von der mein Herz nichts weiß und niemals etwas wiſſen wird! Der König ſtieß einen dumpfen Schrei der Wuth aus, und ſeine Augen ſchoſſen Blitze. Ein Wort der Verwünſchung ſchwebte ſchon auf ſeinen Lippen, aber er hielt es zurück, und ſich gewaltſam zu äußerer Ruhe zwingend, faltete er die Arme über der Bruſt zuſam⸗ men und ging mit haſtigen Schritten einige Male im Zimmer auf und ab. Prinzeſſin Amalie blickte in athemloſem Schweigen, mit hochklopfendem Herzen zu ihm hin, und flehte leiſe zu Gott um Erbarmen und Hülfe, denn ſie war ſich bewußt, daß in dieſer Stunde das Schickſal ihres gan⸗ zen Lebens ſich entſcheide. Plötzlich blieb der König vor ihr ſtehen. Seine Züge waren jetzt wieder vollkommen ruhig und har⸗ moniſch. Prinzeſſin Amalie, ſagte er, ich gebe Ihnen vier Wochen Friſt. Ueberlegen Sie ſich Alles, was ich Ihnen geſagt habe, wohl. Gehen Sie zu Rathe mit Ihrem Gewiſſen, mit Ihrem Verſtande und mit Ihrer Ehre. In vier Wochen werde ich kommen und Sie abermals fragen, ob Sie entſchloſſen ſind, meine Bitte zu erfüllen, und die Gemahlin des Königs von Dä⸗ nemark zu werden. Bis dahin werde ich den däniſchen Geſandten hinzuhalten wiſſen. In vier Wochen ver⸗ lange ich eine beſtimmte Antwort von Ihnen. Wagen Sie alsdann noch meinem Willen zu widerſtehen, nun, ſo werde ich immerhin doch mein Wort erfüllen, und Ihnen die Gnade bewilligen, die Sie von mir for⸗ derten. Ich werde Trenck Anträge machen, nach Pren⸗ — — ßen zurückzukehren, und meine Anträge ſollen ſo glän⸗ zender Art ſein, daß er ihnen folgen wird. Wenn wir ihn einmal hier haben, dann iſt es unſere Sache, ihn feſtzuhalten! In vier Wochen alſo! Er verneigte ſich leicht vor der Prinzeſſin und ver⸗ ließ das Gemach. Amalie blickte ihm ſchweigend in athemloſer Span⸗ nung nach, bis er verſchwunden war. Dann entwand ſich ein tiefer Seufzer ihrer Bruſt und mit einem lau⸗ ten Aufſchrei rief ſie nach ihrer Hofdame. Erneſtine, Erneſtine, ſagte ſie mit bebenden Lippen, als Fräulein von Haak auf ihren Ruf hereinſtürzte. Schaffe mir einen treuen Boten, den ich ſogleich nach Wien entſenden kann. Ich muß Trenck warnen, denn ihm droht Gefahr. Was auch immer der Geſandte meines Bruders ihm anbieten, mit welchen glänzen⸗ den Verſprechungen er ihn locken mag, er darf es nicht annehmen! Er darf niemals wieder hierher kommen, denn er wäre verloren, wenn er es thäte!— Der König inzwiſchen kehrte ſchweigend in ſeine Gemächer zurück, und während er im Geiſt noch einmal die eben erlebte Scene überdachte, murmelte er leiſe: Oh Frauenherz! Du gleichſt dem Meer! Es ruhen Perlen und Ungeheuer auf Deinem Grunde! — 128— VII. frau von Cocceji. Der Marquis d'Argens hatte ganz Recht gehabt. Barberina war mit ihrer Schweſter aus England nach Berlin zurückgekehrt, und bewohnte wieder ihr ſchönes und glänzendes Hötel in der Behrenſtraße. Aber nicht mehr wie früher war ihr Haus umlagert von glänzenden Equipagen und Reitern, nicht mehr wie ſonſt eilte die Elite der vornehmen Männerwelt zu ihr hin, um ſie zu bewundern und anzubeten. Barberina's Haus war verödet und einſam, und Barberina ſelbſt war eine Andere geworden. Sie war nicht mehr die Tänzerin, die flatternde Sylphide, ſie war eine ernſte ſtolze Königin, imponirend in ihrer faſt ſtrengen, bleichen Schönheit, rührend durch dieſen weichen, wehmüthigen Zug, der ihre Lippen umſpielte und ſo ſehr contraſtirte zu ihren ſtolzen, flammenden Blicken. 3 Barberina befand ſich in dem Salon, in welchem wir ſie früher geſehen, umgeben von ihren fürſtlichen und gräflichen Verehrern, ſtrahlend in Glück und An⸗ muth. Heute war dieſer Salon leer, und Niemand war bei Barberina, als ihre treue Schweſter Ma⸗ rietta. Barberina lag lang hingeſtreckt, die Arme über der Bruſt gekreuzt, auf dem Divan. Sie hatte das Haupt zurückgelehnt auf das weiße golddurchwirkte Kiſſen, auf welchem ihre ſchwarzen Locken, Schlangen gleich umherringelten; mit ſtarren Blicken ſchaute ſie empor — 131— ſo ſehr darum gebeten hatte, und weil Du großmü⸗ thig genug biſt, immer nur das Glück Anderer, nicht Dein eigenes zu wollen. Weil Du ſo biſt, gingſt Du ja auch nur nach London, wo uns Lord Stuart Ma⸗ cintoſh erwartete. Armer Lord, ſagte Barberina gedankenvoll. Ich habe mich ſchwer an ihm verſündigt. Er hat mich treu geliebt, treu auf mich gewartet. Er war ſo glücklich, als ich kam, um endlich mein Wort zu löſen und ſeine Gemahlin zu werden. Gott weiß, daß es mir Ernſt damit war, und daß ich mir geſchworen, ihm ein treues Weib zu ſein. Aber mein Wille war ſchwächer, als mein Herz. Ich fühlte meine Ohn⸗ macht, und am Tage meiner Vermählung entfloh ich. Armer Lord Stuart. Und an dieſem Tage, als Du mir, in Thränen aufgelöſt, beſahlſt, ſchnell unſere Sachen zu packen, und heimlich mit Dir zu fliehen, an dieſem Tage ſagteſt Du:„ich kann nicht, kann nicht einem Manne mich vermählen, den ich nicht liebe. Dieſe Luſt hier erſtickt mich! Ich muß nach Berlin zurück. Ich muß nach Berlin zurück, wo Er weilt den ich liebe, den ich ewig lieben werde!“ Da fragte ich Dich wieder, wer es ſei, den Du liebteſt? Und wieder antworteteſt Du mir: Cocceji!— Und nun wunderſt Du Dich hente, daß ich an dieſe Liebe glaube? Es iſt alſo möglich, daß man bezweifeln kann, was Du ſagſt? Es iſt möglich, daß Barberina ihrer Schweſter, ihrer treueſten und ergebenſten Freundin etwas ſagt, was vielleicht nicht wahr iſt? Daß Barberina vor ihrer Marietta ihr Herz unter Schleiern verhüllt, und ſie nicht mehr darin leſen ſoll?— Wenn ich das thäte, ſagte Barberina müde, ſo ge⸗ ſchähe es gewiß nur, weil ich ſelbſt ſcheue zu leſen, 9 was in meinem Herzen geſchrieben ſteht. Sei alſo mitleidig, Sorella, hebe den Schleier nicht auf, wel⸗ cher mein Herz verhüllt. Laß es ruhig und ſtill ſeine Wunden ſchließen, und geneſen. Wird es geneſen, Schweſter, wenn wir hier blei⸗ ben? fragte Marietta ſchüchtern und mit unterdrücktem Weinen. Oh, laß uns fliehen! Folge dem Ruf Vi⸗ natelli's, es iſt der Ruf Gottes. Das Schickſal ſelber zeigt Dir den Weg, den Du gehen ſollſt. Komm alſo, Barberina, komm! Laß uns heimkehren in un⸗ ſer Vaterland, heimkehren nach unſerer ſchönen Roma. Bleibe nicht länger in dieſem kalten Norden, bei die⸗ ſen kalten Herzen. Laß uns heimkehren nach Italien. Ich kann nicht, kann nicht! rief Barberina mit einem ſchmerzvollen Aufſchrei. Ich habe kein Vater⸗ land mehr und keine Heimath, ich bin keine Italienerin mehr, keine Römerin, ich bin nur ein heimathloſes, armes, verdammtes Geſchöpf, die Ahasvera meines eigenen Herzens, welches nicht einmal ſterben und ſich verbluten kann, welches verdammt iſt zu leben und ſeiner Qualen ſich bewußt zu ſein. Halt ein! halt ein! rief Marietta, ſich in Thränen zerfließend über ihre Schweſter hinneigend. Sprich nicht mehr, Schweſter! Du haſt Recht, wir wollen den Schleier nicht lüften, welcher Dein Herz bedeckt. Es wird geneſen! 3 Es wird geneſen, wiederholte Barberina matt, und indem ſie ihre Schweſter feſt an ihr Herz drückte, weinte ſie bitterlich. Das Eintreten eines Dieners machte ſie Beide emporſchrecken. Barberina wandte ſich ab, ihr weinen⸗ des Antlitz zu verbergen. Der Diener meldete, daß draußen eine Dame ſtehe, welche die Signora durch⸗ aus zu ſprechen begehre. 4 ** 3 3— 133— Sage ihr, daß meine Schweſter unwohl ſei, daß ſſie Niemand empfangen könne, befahl Marietta. Aber der Diener kehrte nach kurzem Verweilen 1 zurück mit einer Karte in der Hand, die er Marietten 2 überreichte. Die Dame behauptet, daß die Signora ſie anneh⸗ men würde, wenn ſie ihren Namen geleſen, ſagte er. Die Groß⸗Kanzlerin von Cocceji, las Marietta. Barberina erhob ſich haſtig von dem Divan. Du willſt ſie annehmen? fragte Marietta. Ich will ſie annehmen, ſagte Barberina, indem ſie dem Diener einen Wink gab, die Dame hereinzu⸗ führen. Barberina war jetzt wieder wie verwandelt. Die Trauer und Indolenz war von ihr abgefallen, ihr — Auge hatte wieder Feuer, ihre Wangen wieder Roſen⸗ — friſche, und mit einem anmuthvollen Lächeln ging ſie der ſtolzen hohen Frauengeſtalt entgegen, welche eben in der Thür erſchien. Ah, gnädige Frau, wie gütig Sie ſind, ſagte Bar⸗ berina mit einem leichten Anflug von Spott. Kaum bin ich in Berlin angekommen, ſo erfreuen Sie mich wieder mit Ihrem Beſuch, und gönnen mir die Aus⸗ zeichnung, eine der vornehmſten und tugendhafteſten Frauen Berlin's in meinem Hauſe zu empfangen. Die Groß⸗Kanzlerin warf einen ihrer verächtlich⸗ — ſten, ſtechendſten Blicke auf dieſes ſchöne junge Weib, das mit ſo lächelnder Unbefangenheit es wagte, ihr in's Antlitz zu ſchauen. Ich bin indeſſen nicht gekommen, um Ihnen einen Beſuch zu machen, ſondern um mit Ihnen zu reden, ſagte ſie. 4 5 Ich glaube, daß das daſſelbe iſt. Man macht 7 ——— — 134— immer nur Denjenigen Beſuche, mit Denen man zu reden wünſcht, rief Barberina. Beſonders, wenn Diejenigen, mit denen man zu reden hat, ſich einer Unterredung zu entziehen trach⸗ ten, ſagte die Groß⸗Kanzlerin mit ſchneidendem Ton. Ich habe zwei Mal zu Ihnen geſchickt, und Sie auf⸗ fordern laſſen, zu mir zu kommen, Sie haben es ab⸗ gelehnt. Weil ich gewohnt bin, daß Diejenigen, welche mich zu ſehen wünſchen, zu mir kommen, ſagte Bar⸗ berina ruhig. Uebrigens, Madame, verſtehe ich das Deutſche zu ſchlecht, um ermeſſen zu können, in wie⸗ fern es den Formen der Höflichkeit genügt, wenn Sie ſagen,„daß Sie mich haben auffordern laſſen zu Ihnen zu kommen.“ In meiner Sprache hat man dafür eine feinere Wendung, und wenn man da Je⸗ mand einladet, ſo bittet man um die Ehre ſeines Be⸗ ſuches. Und indem Barberina das ſagte, verneigte ſie ſich mit lächelnder Anmuth vor dieſer ſtolzen Frau, welche ſie mit ſo geringſchätzenden und zornigen Blicken be⸗ trachtete. Es iſt heute das zweite Mal, ſagte ſie, daß ich gezwungen bin, eine Unterredung mit Ihnen zu ſuchen. Das erſte Mal hatten Sie eine Bitte an mich zu richten, und ich war ſo glücklich, Ihnen dieſe Bitte erfüllen zu können. Möchte das heute wieder der Fall ſein, denn ohne Zweifel kommen Sie wieder als Bittſtellerin zu mir, ſagte Barberina mit dem einſchmei⸗ chelnden Weſen einer Katze, welche kratzt, indem ſie zu ſtreicheln ſcheint. Die ſtolze Groß⸗Kanzlerin fühlte ſich in der That verwundet, und ihre Stirn legte ſich in tiefe Falten, — 135— aber ſie hielt ihren Zorn zurück, denn Barberina hatte Recht, ſie kam wirklich als Bittſtellerin. 3 Als ich Sie vor einem Jahre ſah, ſagte ſie, bat ich Sie, meinen Sohn zu heilen von dieſer Liebe, welche ihn wie das Fieber eines Wahnſinnigen be⸗ fallen hatte, welche ihn ſeiner Pflichten, ſeiner Stel⸗ lung, ſeiner Aeltern vergeſſen ließ, ihn zu heilen, indem Sie Berlin verließen, und ihm den Anblick Ihrer verführeriſchen Schönheit entzögen. Und ich erklärte mich bereit dazu, unterbrach ſie Barberina. Ja, ich erfüllte Ihre Bitte und verließ Berlin, nicht aber, um Ihnen einen Dienſt zu erwei⸗ ſen, ſondern weil ich Ihren Sohn nicht liebte, und weit nichts läſtiger und langweiliger iſt, als einer Liebe zuhören zu müſſen, die man nicht theilt. Aber ſehen Sie, gnädigſte Frau Groß⸗Kanzlerin, das iſt ein Un⸗ glück, welches mich überall hin verfolgt. Ich verließ Berlin, um einer langweiligen Liebe zu entgehen, und floh nach London, um da eine eben ſo langweilige Liebe wieder zu finden. Ich bin alſo wieder von London entflohen, um der Gefahr zu entgehen, die Gemahlin des Lord Stuart Macintoſh zu werden. Und warum ſind Sie wieder nach Berlin zurück⸗ gekehrt? fragte die Groß⸗Kanzlerin in herriſchem Ton. Barberina blickte ſie befremdet an. Madame, ſagte ſie, darüber bin ich Niemand Rechenſchaft ſchuldig. Darüber ſind Sie mir Rechenſchaft ſchuldig, rief die Groß⸗Kanzlerin, durch Barberina's Stolz bis auf's Aeußerſte gereizt. Darüber ſind Sie mir Nechenſchaft ſchuldig! Mir, der Mutter des Herrn von Cocceji, den Sie mit Ihren Zauberkünſten verführt und zu einem Wahnſinn gereizt haben, indem er ſeinen Ael⸗ tern und ſelbſt dem Zorn ſeines Königs trotzt, um — 136— dieſer ſchmachvollen Liebe nachzuhängen, welche ihn und unſere ganze Familie mit Schande bedeckt. Barberina ſtieß einen Schrei der Wuth aus, und ſtürzte mit einer wilden Bewegung vorwärts. Madame, rief ſie, der Groß⸗Kanzlerin Arme mit ihren beiden Händen packend, und ihr in's Antlitz ſtar⸗ rend, Madame, Sie haben dieſe Liebe eine ſchmach⸗ volle genannt. Sie haben geſagt, daß eine Verbin⸗ dung mit mir Ihre Familie mit Schande bedeckt. Nehmen Sie dieſe Worte zurück, ich bitte Sie. Ich nehme nichts zurück, denn ich habe die Wahr⸗ heit geſagt, ſagte die Groß⸗Kanzlerin, ſich von Bar⸗ berina's Händen freimachend. Nehmen Sie ſie zurück, Madame, zu Ihrem eige⸗ nen Beſten, rief Barberina drohend. Ich kann nicht, und ich will nicht, ſagte die Groß⸗ 85 Kanzlerin gebieteriſch. Und wenn Ihr Hochmuth und Stolz Sie nicht ganz und gar verblendet haben, ſo müſſen Sie mir mit dem Takt Ihres Herzens zuge⸗ ſtehen, daß ich Recht habe. Die Tänzerin Barberina kann niemals die Schwiegertochter der Groß⸗Kanzlerin von Cocceji werden. Das hieße aller Sitte, aller Ehre Hohn ſprechen, das hieße unſere Ahnen noch in ihrem Grabe beleidigen und unſern Adel beſchimpfen. Und doch wagt mein unglücklicher Sohn an eine ſolche Entehrung zu denken, doch hat er in ſeinem trotzigen Wahnſinn ſogar mich, ſeine eigene Mutter, mit harten Worten angelaſſen, weil ich ihm das Unſinnige und Unmögliche ſeiner Wahl vorſtellte. Ach, ich liebe ihn darum, rief Barberina mit einem wundervollen Lächeln. Die Groß⸗Kanzlerin fuhr, ohne ſie zu beachten, fort: Selbſt gegen ſeinen Vater hat dieſer unglückliche Sohn zu opponiren gewagt, und dem Zorn ſeines * 2 — 137— Königs ſelbſt will er Trotz bieten. Oh, Signora, in dieſer Angſt meines Mutterherzens wende ich mich an Sie. Haben Sie Erbarmen mit mir und meinem armen unglücklichen Sohn. Er iſt verloren, zu Grunde gerichtet, entehrt, wenn Sie mir nicht zu Hülfe kom⸗ men. Wenn Sie ihn wirklich lieben, ſo wird Ihre Liebe Sie lehren, ihm das Opfer der Entſagung dar⸗ zubringen, und ich werde Sie dafür ſegnen und Ih⸗ nen allen den Kummer verzeihen, den Sie mir berei⸗ tet haben. Wenn Sie ihn aber nicht lieben, dann werden Sie nicht ſo grauſam ſein, um Ihres Hoch⸗ muths, Ihrer Laune willen das Glück und die Ehre einer ganzen Familie zu untergraben, dann werden Sie meiner Bitte Gehör geben, und dieſe Stadt ver⸗ laſſen, und ſo weit fortgehen, daß mein Sohn Sie nicht erreichen und Ihnen nicht folgen kann. Dann müßte ich in's Grab gehen, rief Barberina, denn außerdem giebt es keinen Ort, wohin er, wenn er mich wirklich liebt, mir nicht folgen kann, denn mir, Madame, kann es nicht gelingen, wie Ihnen, unbekannt und unbeachtet die Welt zu durchreiſen. Wo ich bin, da weiß man es, denn mein Ruhm iſt der Herold, welcher in jeder Stadt meine Ankunft verkündet, und jede Stadt trägt mir, wenn nicht die Schlüſſel ihrer Thore, doch die Schlüſſel ihrer Her⸗ zen entgegen. Man weiß in der Welt außerhalb Preußens nichts von der hochadligen Familie Cocceji, aber überall und aller Orten weiß man von Barbe⸗ rina, denn ich bin eine Künſtlerin, und die Lorbeer⸗ kränze, welche man überall mir dargebracht, ſie ſind niemals von einer unwürdigen Handlung, einem ent⸗ ehrenden Gedanken von mir entweiht worden. Es giebt nichts in meinem Leben, was ich zu bereuen, nichts, deſſen ich mich zu ſchämen hätte. Und dennoch — 138— „haben Sie es gewagt, mich anzuklagen, dennoch haben Sie den frechen Muth gehabt, in meinem eigenen Hauſe mich zu beleidigen. Sie vergeſſen, mit Wem Sie die Ehre haben zu reden, rief die Groß⸗Kanzlerin. Madame, Sie haben das zuerſt vergeſſen, ich folge nur Ihrem Beiſpiel, weil ich mir denke, daß die Frau Groß⸗Kanzlerin immer nur das Schickliche und Wohl⸗ anſtändige thun kann. Sie haben mich in meinem eigenen Hauſe beleidigt, ſagte ich. Und dennoch for⸗ dern Sie jetzt von mir, daß ich großmüthig ſein, daß ich Ihren Sohn aufgeben ſoll? Weshalb ſollte ich das thun? Weil ich denke, daß vielleicht noch ein Funke von Ehrgefühl in Ihrer Bruſt wohnt, und weil Sie alſo wiſſen ſollen, daß meine Familie Sie niemals auf⸗ nehmen, niemals Sie anerkennen, ſondern Ihnen flu⸗ chen und Sie verabſcheuen wird, wenn Sie die Frech⸗ heit ſo weit treiben, meinen Sohn zu einer Vermäh⸗ lung mit Ihnen zu zwingen. Weil Sie wiſſen ſollen, daß der ganze Adel, daß das Haupt des Adels, der König, auf unſerer Seite ſtehen. Denn der König, Signora, begünſtigt Sie nicht mehr, der König hat uns ſein Wort gegeben, uns beizuſtehen, und mit al⸗ len Mitteln der Güte und der Gewalt meinen Sohn an einer Verbindung zu hindern, von welcher der Kö⸗ nig an mich ſchreibt, daß ſie meinen Sohn mit Schande bedeckt.*) Das iſt nicht wahr, rief Barberina, deren Augen jetzt drohende Blitze ſchoſſen. Das iſt wahr, daß der König, um dieſe Schande S. 1 L. Schneider. Geſchichte der Oper in Berlin. Beilagen A- — 139— von unſerer Familie abzuwenden, meinem Gemahl einen Verhaftsbefehl übergeben hat, von dem wir, falls unſere Bitten, unſer Flehen und unſer Zürnen erfolg⸗ los bleibt, ſofort Gebrauch machen können, indem wir ihn dem General von Hake zur Ausführung über⸗ geben.*) Bedenken Sie alſo wohl, was Sie thun. Treiben Sie uns nicht auf das Aeußerſte, denn ich ſage Ihnen, es giebt einen Punkt, wo die Aelternliebe aufhört und wir nur noch als die Häupter unſerer Familie mit der Strenge handeln werden, welche die Geſetze und der König uns bewilligen. Gehen Sie alſo in ſich, Signora, beugen Sie Ihren ſtolzen und hoffäihrtigen Sinn, verlaſſen Sie Berlin, kehren Sie heim in Ihr Vaterland. Ich wiederhole Ihnen nur, treiben Sie uns nicht auf das Aeußerſte! Barberina hatte ihr mit kalter ſpöttiſcher Ruhe zu⸗ gehört. Nicht eine Muskel ihres Antlitzes hatte ge⸗ zuckt. Sie war wundervoll anzuſchauen in dieſer kal⸗ ten, imponirenden Haltung, mit dieſem blaſſen durch⸗ ſichtigen Antlitz, mit dieſen glühenden, feſt aufeinander gepreßten Lippen, dieſen feurigen, großen Augen, welche mit ihrem zornigen Funkeln, und ihren ſtolzen Blicken Alles das ausſprachen, was ihre Lippen ver⸗ ſchwiegen. Madame, ſagte ſie langſam, und jedes Wort be⸗ tonend, Madame, Sie haben mich auf das Aeußerſte gebracht. Es war nicht meine Abſicht, mich mit Ih⸗ rem Sohn zu vermählen. Aber Sie haben gemacht, daß das jetzt ein Ehrenpunkt für mich geworden iſt. Jetzt, Madame, werde ich dem Flehen Ihres Sohnes nachgeben, jetzt werde ich mich mit ihm vermählen. 6. 9 L. Schneider. Geſchichte der Oper in Berlin. Beilagen 13.. 35 — 140— b Das heißt, Sie wollen meinen Gemahl zwin⸗ gen, von dem königlichen Verhaftsbefehl Gebrauch zu machen. Bahkrine zuckte verächtlich die Achſeln. Verhaf⸗) ten Sie Ihren Sohn immerhin, ſagte ſie, Sie wer⸗ 81 r den Sandh Ihrem Namen nur eine neue Berühmt⸗ heit geben, und den letzten Funken von Pietät und Gehorſam in dem Herzen Ihres Sohnes ertödten. Verhaften Sie ihn! die Liebe hat Flügel und wird ihm überall folgen, und wird ihn vor den Altar ge⸗ leiten, vor welchem er ſich mit der Barberina ver⸗ mählt. Weder Ihr Fluch, noch Ihr Verhaftsbefehl, noch der Wille des Königs wird das verhüten kön⸗ nen, und ehe ſechs Monden vergehen, wird Barbe⸗ rina, die Tänzerin, ſich Frau Geheimräthin von Cocceji nennen. Nimmermehr wird das geſchehen, rief die Groß⸗ Kanzlerin, zitternd vor Wuth. Das wird geſchehen, ſagte Barberina lächelnd, in⸗ dem ſie ſich tief verneigte. Und damit, Madame, denke ich, iſt der Zweck Ihres Beſuches erreicht und wir haben einander nichts mehr zu ſagen. Es bleibt mir nur noch übrig, mich Ihrer Huld und Gnade zu empfehlen, und Ihnen zu danken, daß Sie mir die Ehre Ihres Beſuches gegönnt haben. Erlauben Sie, daß ich meinen Lakayen rufe, damit er Sie zu Ihrem Wagen geleite. 3 Sie klingelte, und befahl dem eintretenden Die⸗ Iner, die Flügelthüren zu öffnen, und der Frau Groß⸗ Kanzlerin von Cocceji ihren großen Muff zum Wa⸗ gen zu tragen. 3 Frau von Cocceji erblaßte vor Zorn. Sie hatte Incognito kommen wollen, und jetzt nannte Barberina vor dem Lakayen ihren Namen. Ganz Berlin würde 1— — 1 — 8— 141— 5* b alſo heute noch erfahren, daß die Frau Groß⸗Kanz⸗— lerin der Barberina einen Beſuch gemacht. 4 Geben Sie mir den Muff, ſagte ſie unwillig zu 3 dem Diener. Es iſt nicht nöthig, daß Sie ihn tra⸗ 1 gen. Ich bin zu Fuß gekommen. 8 Zu Fuß, wiederholte Barberina lächelnd. Frei⸗. lich, man hätte ſonſt Ihre mit dem hochadligen Wappen 1 gezierte Equipage vor meiner Thüre halten ſehen, und Sie wollten Incognito kommen. Ich danke Ihnen noch einmal für die Ehre Ihres Beſuches und em⸗ pfehle mich Ihnen mit dem frohen Wunſch: Auf Wiederſehen! Auf Nimmerwiederſehen, ſagte die Frau Groß⸗ „Kanzlerin, einen wüthenden Blick auf die lächelnde Tänzerin werfend, und dann ſtolz und hochaufgerichtet der Thür zueilend. —— VIII. Voltaire. 322 Voltaire war alſo jetzt ein bleibender Gaſt des Königs geworden. Dieſer hatte eigenhändig einen Brief an Ludwig den Funfzehnten geſchrieben und ihn gebeten, ihm ſeinen Unterthan und Hiſtoriographen zu überlaſſen, und es verſteht ſich, daß dieſe Bitte bewil⸗ ligt worden war. Außerdem hatte der König, der in ſeinem Zartſinn immer auf das Glück und die Zu⸗ 12 friedenheit ſeiner Freunde bedacht war, der Madame — 142— Denis, Voltaire's geliebter Nichte, den Vorſchlag ma⸗ chen laſſen, ihrem Oheim nach Berlin zu folgen, im königlichen Schloſſe in Potsdam mit ihm zu wohnen und von dem König ein Jahrgehalt von viertauſend Francs anzunehmen, das ihr bis zu ihrem Tode aus⸗ 4 gezahlt werden ſollte. Voltaire ſelbſt forderte ſie auf zu kommen, indem er ihr ſchrieb, daß, da ſie mit ihrem verſtorbenen Gatten habe in Landau leben können, ſie es auch in Berlin und Potsdam aushalten könne, denn Berlin ſei jedenfalls hübſcher, wie Landau, und was Pots⸗ dam anbeträfe, ſo führe man da ein ganz ungenirtes Leben. „In Potsdam giebt es keine tumultuöſen Feſte“, ſchrieb er ihr,„meine Seele ruht dort, träumt und 2 ſchafft. Ich bin es zufrieden, mich bei einem Könige zu befinden, der weder einen Hof, noch einen Mini⸗ ſterrath hat. Freilich iſt Potsdam von vielen Grena⸗ diers⸗Schnurrbärten und Helmen bewohnt, aber, dem Himmel ſei Dank, ich ſehe ſie nicht. Ich arbeite fried⸗ lich in meinem Gemach, während draußen die Trom⸗ meln wirbeln. Auch von den Diners des Königs habe ich mich frei gemacht. Es waren mir da zu viele Generale und Prinzen. Ich konnte mich nicht gewöhnen, immer das Vi⸗-A-vis eines Königs en ce- remonie zu ſein und für die Oeffentlichkeit zu ſprechen. Aber ich ſoupire mit ihm, und die Sonpers ſind kür⸗ aer, heiterer und geſünder. Ich würde in drei Mo⸗ 3 naten an Indigeſtionen ſterben, wenn ich alle Tage mit einem König en public ſpeiſen müßte. 41*). Aber Madame Denis mißtraute doch dem glückli⸗ — *) Oeuyres complétes. Vol. 58. p. 360. — 143— chen Leben in Berlin und Potsdam, und ſchrieb einen ablehnenden Brief, in welchem ſie zugleich ihre Be⸗ fürchtung ausdrückte, daß auch Voltaire ſehr bald bereuen würde, daß er das ſchöne, glänzende Paris, die Capi⸗ tale des guten Geſchmacks, verlaſſen, und ſich in ein barbariſches Land begeben habe, um dort der Sclave eines Königs zu werden, während er in Paris der König der Poeſie geweſen. Voltaire hatte die Kühnheit, dieſen Brief dem Kö⸗ nig mitzubringen, vielleicht, um den König zu kränken, vielleicht um ihm einige neue Verſprechungen und Zu⸗ ſicherungen zu entreißen. Friedrich las den Brief, und trotz der heftigen Sprache deſſelben blieb ſeine Stirn heiter und das freundliche Lächeln verſchwand nicht von ſeinen Lippen. Als er ihn zu Ende geleſen, reichte er ihn Voltaire wieder dar, und ſein Auge begegnete mit einem ſo in⸗ nigen und herzlichen Ausdruck den lauernden und miß⸗ trauiſchen Augen Voltaire's, daß dieſer faſt beſchämt den Blick zu Boden ſenkte. . Wenn ich Madame Denis wäre, ſagte der König, ſo würde ich wie ſie denken, aber da ich Ich bin, denke ich anders über dieſe Sache. Ich würde in Verzweiflung ſein, meines Feindes Ungliück veranlaßt zu haben, wie könnte ich alſo das Unglück eines Man⸗ nes wollen, den ich achte, den ich liebe, der mir ſein Vaterland und Alles, was der Menſchheit theuer iſt, opfert? Nein, mein Freund, wenn ich glauben könnte, daß Ihre Ueberſiedelung für Sie irgend einen Nach⸗ theil haben könnte, würde ich der Erſte ſein, Ihnen davon abzurathen. Ja, ich würde Ihr Glück höher halten, als die Freude, die ich darüber empfinde, Sie bei mir zu ſehen. Aber Sie ſind Philoſoph, und ich — 144— bin es auch. Was giebt es alſo Einfacheres, Natür⸗ licheres und Ordnungsgemäßeres, als daß zwei Phi⸗ loſophen, die für einander geſchaffen ſind, welche die⸗ ſelben Studien, denſelben Geſchmack, dieſelbe Art zu denken und die Dinge anzuſchauen haben, ſich die Sa⸗ tisfaction gönnen, mit einander zu leben? Ich ehre Sie als meinen Lehrer der Beredſamkeit und der Poeſie, ich liebe Sie als einen tugendhaften Freund. Welche Sclaverei, welches Unglück, welche Veränderung und Unbeſtändigkeit des Gliückes haben Sie alſo in einem Lande zu befürchten, wo man Sie ebenſo hoch hält, wie in Ihrem Vaterlande, und bei einem Freunde, der Ihnen ein dankbares Herz entgegenträgt? Ich habe nicht die thörichte Prätenſion, Berlin für ſchöner zu halten als Paris. Wenn der gute Geſchmack in irgend einem Orte ſeine Heimath haben kann, ſo ge⸗ ſtehe ich gern zu, daß das Paris iſt. Aber Sie, brin⸗ gen Sie nicht, wohin Sie kommen, den guten Ge⸗ ſchmack mit? Wir haben Organe, welche uns wirkſam genug ſcheinen, um Ihnen zu applaudiren, und was die Liebe zu Ihnen anbetrifft, ſo räumen wir keinem andern Lande darin den Vorzug ein!— Ich habe die Freundſchaft geachtet, welche Sie mit der Marquiſe du Chatelet verband, aber nach ihr war ich einer Ihrer älteſten Freunde. Wie? Weil Sie ſich in mein Haus zurückziehen, könnte man von dieſem Hauſe ſagen, daß es Ihr Gefängniß geworden? Wie? Weil ich Ihr Freund bin, werde ich Ihr Tyrann werden? Ich ge⸗ ſtehe Ihnen, daß ich dieſe Logik nicht verſtehe, daß ich vielmehr feſt überzeugt bin, Sie werden hier, ſo lange ich lebe, ſehr glücklich ſein, man wird Sie als den Vater der Wiſſenſchaften und der geiſtreichen Leute hochſchätzen, und Sie werden in mir immer den Bei⸗ ſtand und den Troſt finden, den ein Mann Ihres — ——. Verdienſtes von Jemand, der ihn verehrt, nur fordern kann.*) Ah, Euere Majeſtät ſagen, daß Sie mich verehren, aber Sie ſagen nicht mehr, daß Sie mich lieben, rief Voltaire, der dieſer ganzen, ſo innigen und herzlichen Rede des Königs mit geſpannten Mienen und lauern⸗ den Blicken zugehört hatte. Ja, ja, ich fühle es und weiß es nur zu gut, Euere Majeſtät haben mich jetzt ſchon auf das Pflichttheil Ihrer Achtung und Hoch⸗ ſchätzung zurückgedrängt, und Ihre Liebe, Ihre Freund⸗ ſchaft, das iſt ein koſtbarer Schatz, von dem Sie mich enterbt haben. Aber ich kenne dieſe beuchleriſchen Erb⸗ ſchleicher, welche mich um dieſes ſchönſte Erbtheil mei⸗ nes Lebens, meiner Dichterſchaft und meines Ruhms betrügen wollen. Ich kenne dieſe Frau Baſen und Vettern, dieſe d'Argens, Algarotti's, dieſe La Mettrie's und dieſen hochmüthigen Pfau, den Maupertuis ich— Voltaire, unterbrach ihn der König mit faſt dro⸗ hendem Ton, Sie vergeſſen, daß Sie von meinen Freunden ſprechen, und daß ich von Niemanden mei⸗ ner Freunde Uebles hören will, weder von Ihnen noch von irgend einem Andern. Ich werde niemals par⸗ teiiſch, niemals ungerecht ſein, mein Herz iſt fähig, Jedem meiner Freunde den gleichen Antheil an Liebe und Hochſchätzung zu geben, nur müſſen meine Freunde ſich auch beſtreben, denſelben zu verdienen, nur müſſen ſie, wenn ſie mein Herz haben wollen, mir auch ein Herz entgegentragen. Denn die Freundſchaft iſt ein Tauſchhandel, bei welchem Jeder nur ſo viel geben will, als er dafür wieder empfängt. Geben Sie mir alſo Ihr ganzes Herz, Voltaire, und ich werde Ihnen *) Des Königs eigene Worte. Siehe Oeuvres posthumes. Supplément. Vol. II. pag. 375— 77. Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. V. 10 8 — 146— dafür auch mein ganzes Herz wieder geben. Aber wiſſen Sie, was ich fürchte? Sie haben gar kein Herz mehr! Die Natur hatte Sie nur mit einer kleinen Doſis dieſer flüchtigen Eſſenz, welche man Liebe nennt, ausgeſtattet; die Natur hatte zu viel mit Ihrem Ge⸗ hirn zu thun, und arbeitete ſo lange, bis ihr gar keine Zeit mehr übrig blieb, auch an Ihr Herz zu denken; juſt wie ſie ſich anſchickte, ein wenig von der Wunder⸗ eſſenz in Ihr Herz zu gießen, krähte der Hahn Ihrer Geburtsſtunde drei Mal, und verrieth Sie an das Le⸗ ben. Und dieſes Leben hat die paar Tropfen, die in. Ihr Herz gefallen waren, ſchon verbraucht, Ihr Ge⸗ hirn iſt angelegt, um für Jahrhunderte zu arbeiten, zu nützen und zu erfreuen, aber Ihr Herz iſt. ſchon in Ihren erſten Jugendjahren erſchöpft worden. Ah, ich wollte, Euere Majeſtät hätten Recht, rief Voltaire, ich würde dann den Schmerz nicht empfin⸗* den, der mich jetzt martert, den Schmerz, von dem liebenswürdigſten, dem geiſtreichſten und erhabenſten König verkannt zu werden. Oh, Sire, Sire, ich habe ein Herz, und Sie machen es bluten, während Sie nicht an ſeine Exiſtenz glauben. Der König lachte. Ich würde Ihnen glauben, ſagte er, wenn Sie weniger pathetiſch wären. Aber Sie verſichern nicht, ſondern Sie deklamiren, und es iſt zu wenig Natur und Wahrheit in Ihrem Ton. Sie erinnern mich ein wenig an die hochſtelzigen franzöſiſchen Tragödien, bei denen zu viel Abſichtlich⸗ keit der Leidenſchaft vorwaltet, um echtes Mitgefühl zu erzeugen, und bei denen die Liebe nur eine Phraſe iſt, an die man nicht glaubt, mit wie ſchönem Flit⸗ tergold von Sentiment und Pathos ſie auch aufge⸗ putzt ſei. Oh, Euere Majeſtät wollen mich heute zerſchmet⸗ ——— — 147— tern mit Ihrem Zorn und Ihrem Spott, rief Vol⸗ taire, deſſen Augen ſchon zu funkeln begannen. Sie wollen mich meine ganze Ohnmacht und Erbärmlichkeit fühlen laſſen. Denn wo ſollte ich die Kraft herneh⸗ men, gegen Sie zu ſtreiten? Ich habe keine Schlach⸗ ten gewonnen, ich habe keine hunderttauſend Mann Ihnen gegenüber zu ſtellen, und kein Kriegsgericht, um diejenigen verurtheilen zu laſſen, welche ſich gegen mich verſündigen. Sie haben keine hunderttauſend Soldaten, rief der König aber Sie haben Deren vierundzwanzig, und bei Gott, mit dieſen vierundzwanzig Soldaten haben Sie ſich das ganze Reich der Geiſter erobert, mit dieſen vierundzwanzig Soldaten haben Sie gemacht, daß das ganze gebildete Europa Ihnen zu Füßen liegt. Sie ſind alſo ein viel mächtigerer König, als ich, denn ich habe nur hunderttauſend Mann, von denen ich nicht einmal weiß, ob ſie nicht davonlaufen, wenn es zur Schlacht kommt. Sie aber haben Ihre vierundzwan⸗ zig Soldaten des Alphabets, und dieſe haben Sie ſo wundervoll einexercirt, daß Sie mit ihnen jede Schlacht gewinnen müſſen, und wenn ſich auch alle Könige der Welt gegen Sie verbunden hätten. Machen wir alſo Frieden, mein Unüberwindlicher, wenden Sie das Heer Ihrer furchtbaren Vierundzwanzig nicht mit tödtlichem Geſchütz gegen mich, ſondern geſtatten Sie mir, den Zipfel Ihres Purpurmantels zu faſſen, in Ihrem Glanze mich zu ſonnen, Ihr demüthiger Schüler zu ſein und von Ihnen und Ihren vierundzwanzig Sol⸗ daten die geheimnißvolle Kunſt der Geiſterſchlachten mit unſichtbaren Truppen zu lernen. Ach, Euere Majeſtät wollen mich nur fühlen laſſen, wie ganz arm ich bin, denn auch dieſe vierundzwanzig Soldaten, von denen Sie ſprechen, ſind zu Ihnen exerciren, wie ich ſelber, Sire. Nein, nein, ſagte der König, plötzlich vom Scherz zum Ernſt übergehend. Nein, ich will von Ihnen lernen, Freund, denn es genügt mir nicht, ein arm⸗ ſeliger Dilettant in der Poeſie zu ſein, wenn ich auch niemals einem Virgil oder Voltaire gleichkommen kann. Denn ich weiß es wohl, das Studium der Poeſie er⸗ fordert einen ganzen, ungetheilten Menſchen, und ich bin nur ein armer, an das Staatsſchiff angeketteter Galeerenſclave, oder wenn Sie wollen, ein Pilot, der. weder wagt, das Steuerruder zu verlaſſen, nach ein⸗ zuſchlafen, aus Furcht, das Schickſal des unglücklichen Palinurus möchte auch ihn ereilen. Die Muſen ver⸗ langen Einſamkeit und eine Ruhe der Seele, deren ich nie theilhaftig werden kann. Oſt, wenn ich drei Verſe geſchrieben habe, unterbricht man mich, meine Muſe erkaltet und mein Geiſt kann ſich nicht wieder ſo leicht zu der Höhe der Begeiſterung emporſchwingen. Frei⸗ lich giebt es privilegirte Seelen, welche überall Verſe machen können, im Tumult der Höfe, wie in der Ein⸗ ſamkeit von Cirey, in den Kerkern der Baſtille, wie im Poſtwagen; meine arme Seele genießt dieſer Vor⸗ rechte nicht, ſie gleicht einer Ananas, welche nur in Treibhäuſern Früchte trägt, in freier Luft aber zu Grunde geht.*) 1 3 Ah, das iſt das erſte Mal, daß ich den Salomon des Nordens auf einer Unwahrheit ertappe, Sire! rief Voltaire leidenſchaftlich. Ihre Seele gleicht nicht der Ananas, ſondern dieſem Wunderbaum des Südens, der zugleich Blüthen und Früchte trägt, und der uns *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes. Supplément. Vol. II. p. 340.. übergegangen, und Sie verſtehen ſo gut mit Ihnen zu — 149— ſüß berauſcht und begeiſtert mit ſeinen Düften, wäh⸗ rend er uns zugleich ſtärkt und erquickt durch ſeine himmliſchen Früchte. Sie ſind nicht ein Schüler des Apoll, Sie ſind Apollo ſelber! Der König lachte, und indem er die Arme zum Himmel emporſtreckte, rief er mit dem Pathos eines Schauſpielers der franzöſiſchen Tragödie: 0 Dieux! qui douez les poètes De tant de sublimes faveurs. Ahl rendez vos graces parfaites, Eh qu'ils soient un peu moins menteurs.*) Ah, indem mich Euere Majeſtät Lügen ſtrafen wol⸗ len, beweiſen Sie nur, daß ich die Wahrheit geſpro⸗ chen, rief Voltaire fröhlich. Sie wollen mir beweiſen, Sire, daß Ihre Muſe nur langſam und künſtlich ihre Früchte reift, und Sie improviſiren da ein ſo reizend graziöſes Quatrain, daß Moliére ſich freuen würde, wenn ihm daſſelbe gelungen wäre. Rendez vos graces parfaites, et qu'ils scient un peu moins menteurs, wiederholte der König, Voltaire vergnügt zunickend. Sehen Sie, Freund, ich bin viel⸗ leicht derjenige der Sterblichen, der die Götter am wenigſten mit Bitten und Gebeten incommodirt. Dies war heute mein erſtes Gebet an die Götter und es war für Sie. Sein Sie alſo ein wenig dankbar und beweiſen Sie mir, daß die Götter die inbrünſtigen Gebete der Sterblichen erhören. Sein Sie wirllich etwas weniger Lügner, ſagen Sie mir die Wahrheit! Denn wir wollen jetzt ein wenig die Arbeiten meiner ») Oeuvres posthumes. Supplément. Vol. II. p. 345. — 150— letzten Tage durchſehen. Aber Sie müſſen dabei ein⸗ gedenk bleiben, daß, wenn Sie arbeiten, Sie das zum Ruhm Ihrer Nation und zur Ehre Ihres Vaterlandes thun, während, wenn ich das Papier bekritzele, dies zu meinem Amuſement geſchieht, und man könnte es mir verzeihen, falls ich ſo vernünftig wäre, nachher meine Werke zu verbrennen, wenn ich ſie vollendet habe.*) Wenn man ſich, wie ich, den Vierzigern nä⸗ hert, und dann noch ſchlechte Verſe macht, muß man wie Moliere's Miſanthrope ſagen: Si j'en faisais d'aussi méchans 4* Je me garderais bien de les montrer aux gens. Enere Majeſtät halten ſich ſchon zu alt, um Verſe zu machen, und Sie ſind erſt achtunddreißig Jahre. Bin ich alſo nicht ein verdammungswürdiger Thor, daß ich es noch wage, den Muſen zu huldigen und Verſe zu machen, ich, der Greis Voltaire, welcher ſchon ſechsundfunfzig Jahre zählt? Sie haben das Vorrecht der Götter, Sie altern niemals, und die Muſen und Grazien miſſſen, obwohl ſie Weiber ſind, Ihnen doch immer treu bleiben in glühender Liebe, denn Sie wiſſen ſie immer auf's Neue an ſich zu feſſeln. Nein, nein, Sire, ich bin zu alt, rief Voltaire ſeuf⸗ zend. Ein alter Poet, ein alter Liebhaber, ein alter Sänger und ein altes Pferd ſind gleich unbrauchbare Dinge, die gar nichts taugen.**) Machen mich Euere *) Des Königs eigene Worte. **) Voltaire's eigene Worte. Oeuvres posthumes. Vol. 58. 4.. — 151— Majeſtät wieder ein wenig jung, indem Sie mich einige Ihrer Verſe hören laſſen. Der König ging zu ſeinem Schreibtiſch hin, und indem er ſich auf dem Fauteuil niederſetzte, winkte er Voltaire, auf dieſen zweiten Lehnſtuhl, der dicht neben dem ſeinen ſtand, Platz zu nehmen. Sie müſſen wiſſen, ſagte der König lachend, indem er Voltaire ein mit Verſen beſchriebenes Blatt dar⸗ reichte, Sie müſſen wiſſen, daß ich mit ſechs Zwillin⸗ gen niedergekommen bin, die verlangen im Namen Apollo's in den Waſſern der Hippokrene getauft zu werden, und die Henriade iſt gebeten, Gevatter zu ſtehen.*) Voltaire nahm das Papier und las das darauf ge⸗ ſchriebene Gedicht mit lauter Stimme. Der König hörte ihn aufmerkſam zu und nickte beifällig über Vol⸗ laire's leidenſchaftliche glühende Declamation. Das iſt ſublim, das iſt wundervoll, rief Voltaire, als er geendet. Euere Majeſtät ſind ein franzöſiſcher Dichter, welcher nur zufällig in Deutſchland lebt. Sie haben unſere Sprache ganz in Ihrer Gewalt. Friedrich drohte ihm lächelnd mit dem Finger. Freund, Freund, ſagte er, ſoll ich ſchon wieder die Götter mit meinem Gebet beläſtigen. Euere Majeſtät wollen alſo die ganze Wahrheit? Die ganze Wahrheit, Freund! Dann müſſen Sie mir erlauben, Sire, das Ge⸗ dicht noch einmal vorzuleſen. Ich habe es vorhin un Amateur geleſen, jetzt werde ich es als Kritiker eſen. Und wie er jetzt die Vorleſung wiederholte, legte *) Des Königs eigene Worte. Oeuvres posthumes. Sup- plément. Vol. II. pag. 377. — 152— er einen ſcharfen Accent auf jedes Wort und jeden mangelhaften Reim, ſcandirte er mit ſchärfſter Genauig⸗ keit jede Zeile, zuweilen bei den ſchlecht gelungenen Alexandrinern ſich das Anſehen gebend, als ſei ſeine Zunge nicht im Stande, dieſe Barbarismen zu über⸗ wältigen, und dabei leuchtete ſein Auge in boshafter Freude, und ein geringſchätzendes Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen Lippen. Des Königs Antlitz hatte ſich leicht umwölkt. Ich verſtehe Sie, ſagte er, das Gedicht taugt ganz und gar nichts. Laſſen Sie es uns zerreißen. Nicht doch, Sire, das Gedicht iſt vortrefflich, und Sie werden kaum einige Tage nöthig haben, um es vollkommen zu machen. An der Venus von Medici darf kein Finger zu lang, kein Nagel ſchlecht gebildet ſein. Und was ſind ſolche Statuen, mit denen man die Gärten ſchmückt, gegen die Monumente der Bi⸗ bliothek? Wir müſſen ſie alſo ſo vollkommen als ir⸗ gend möglich machen. Und wie viel Geiſt, wie viel Anmuth iſt in dieſem Gedicht? Woher haben Sie das Alles genommen, Sire? Und wie ſollte man glauben, daß es ſo viel Blumen in Ihrem Sand giebt, und daß ſo viel Grazie mit ſo viel tiefem Wiſſen ſich ver⸗ einen ließe.*) Aber ſelbſt die Grazie muß auf ganz ſichern Füßen ſtehen, und hier, Sire, finde ich einige Füße, welche zu lang ſind. Freilich iſt das unbeden⸗ tend. Aber bei einem bedeutenden Genius iſt Alles, was er thut, bedeutſam, und ſoll das Beſte ſein. Sie arbeiten zu raſch, Sire. Es iſt zuweilen ſchneller ge⸗ than, eine Schlacht zu gewinnen, als ein gutes Gedicht auf die richtigen Füße zu bringen. Euere Majeſtät lieben die Wahrheit ſo ſehr, daß ich Ihnen dadurch ge⸗ ³) aaiake eigene Worte. Oeuvres, Vol. 58. p. 323. — — 1532— 1 rade meine tiefſte Ehrerbietung bezeugen will, daß ich Ihnen die Wahrheit ſage. Sie müſſen in Allem, was Sie thun, vollkommen ſein, denn Euere Majeſtät ha⸗ ben die Fähigkeit dazu. Man darf nicht ſagen: Cae- sar est supra grammaticam. Cäſar ſchrieb, wie er focht, das heißt ſiegreich. Friedrich der Große ſpielt die Flöte wie Blavet, warum ſollte er nicht ſo gut ſchreiben, wie unſere größten Dichter?*) Euere Ma⸗ jeſtät müſſen es nur nicht verſchmähen wollen, dem ſchönen Inhalt auch eine ſchöne Form zu geben. Sie haben Recht, ſagte der König ſinnend, es fehlt mir die Form. Aber Sie müſſen nicht denken, daß das Nachläſſigkeit iſt, diejenigen Verſe, welche Sie am wenigſten getadelt, ſind gerade diejenigen, welche mir am wenigſten Mühe gemacht haben. Aber wenn der Gedanke mit der Cäſur und dem Reim in Oppoſition geräth, dann mache ich ſülechte Verſe, und bin in den Correctionen nicht glücklich. Sie bemerken gar nicht die Schwierigkeiten, die ich zu überwinden habe, um nur einige leidlich gute Strophen zu machen. Eine glückliche Dispoſition der Natur, ein leicht beweglicher und fruchtbarer Geiſt hat Sie zum Poeten geſchaffen, ohne daß es Ihnen irgend eine Mühe koſtete; ich laſſe der Inferiorität meines Talentes Gerechtigkeit wider⸗ fahren; ich ſchwimme auf dieſem Ocean der Poeſie umher mit Schwimmblaſen und Binſengeflechten un⸗ ter den Armen. Ich ſchreibe nicht ſo gut als ich denke, meine Ideen ſind oft ſtärker, als meine Aus⸗ drücke, und in dieſer Verlegenheit bin ich ſchon zufrie⸗ den, wenn ich die Sachen nicht gut, aber möglichſt wenig ſchlecht mache.**) *) Woltaire's eigene Worte. Vol. 58. p. 329. **) Des Königs eigene Worte. Supplément. V — 154— Es liegt nur an dem Willen Euerer Majeſtät, ſie ganz vollkommen gut zu machen, ſagte Voltaire, denn bei Ihnen, Sire, heißt es, wie bei den Göttern: Ich will! und die That iſt ſchon gethan. Wenn alſo Euere Majeſtät geruhen wollen, die Grazien und Sylphiden, die Weiſen und Schriftgelehrten, welche da in dieſem ſublimen Gedicht zuweilen auf etwas holprichten Füßen umherſtolpern, mit kunſtvollem Gebein zu verſehen, ſo werden ſie flattern wie holde Genien, und majeſtätiſch einherſchreiten wie die heiligen drei Könige des Mor⸗ genlandes. Laſſen Sie uns das alſo verſuchen, Sire. Wir wollen dieſes Gedicht noch einmal ſchreiben. Er zog einen langen Federſtrich über das Manu⸗ ſeript des Königs, und indem er jetzt ein neues Pa⸗ pier nahm, und die erſte Strophe niederzuſchreiben be⸗ gann, kritiſirte er jedes Wort deſſelben mit beißender Laune, mit funkelndem Witz, mit hohnlächelnder Iro⸗ nie. Unerbittlich in ſeinem Tadel, vornehm herablaſ⸗ ſend in ſeinem Lob, ſchien ſeine Zunge mit Pfeilen bewaffnet, deren jeder darauf berechnet war, zu treffen und zu verwunden. Aber das Antlitz des Königs blieb ſtrahlend und heiter. Er fühlte ſich nicht als der mächtige König und Herr, welchen der Tadel eines gewöhnlichen Men⸗ ſchenkindes beleidigen konnte, er fühlte ſich als der Ler⸗ nende dem Lehrer gegenüber, und da er wirklich ler⸗ nen wollte, war es ihm ganz gleichgültig, in welchen Ausdrücken ſein ſtrenger Lehrer ihn zu unterrichten ſuchte. Nachdem ſie das Gedicht zu Ende gebracht, laſen ſie zuſammen ein Capitel aus des Königs„Histoire de mon tems, von dem ſo eben die zweite Auflage erſchien, und deren Correctur Voltaire übernommen hatte. 4 2 —,— — 155— Er hatte ſein Exemplar mitgebracht, um dem Kö⸗ nig Rechenſchaft abzulegen über die gemachten Correc⸗ turen und ſeine Anſichten zu erläutern. Dieſes Buch wird ein Meiſterwerk, wenn Euere Majeſtät ſich nur die Mühe geben wollen, es zu cor⸗ rigiren, ſagte Voltaire. Aber hat ein König die Zeit und Muße dazu? Ein König, welcher ſeine große Monarchie ganz allein regiert? Ja! Das iſt es, was mich verwirrt, was mich gar nicht zu mir ſelber kom⸗ men läßt vor Erſtaunen, was mir die heilige Verpflich⸗ tung auferlegt, in meinem Urtheil ſo ſtrenge als mög⸗ lich zu ſein. HUnd ich liebe Ihre Strenge und Ihre Freimüthig⸗ keit, ſagte der König, ich lerne von zehn ſtrengen und tadelnden Worten ſicherlich mehr, als von einer unge⸗ heuer langen Rede voll Lob und Anerkennung. Aber ſagen Sie mir doch, was bedeutet dieſer rothe Strich, mit dem Sie da dieſe ganze Seite in meinem Manu⸗ ſeript angeſtrichen haben? Ah, Sire, ich wollte Sie um Nachſicht für Ihren Großvater, den König Friedrich den Erſten bitten. Sie ſind zu grauſam und zu ſtrenge mit ihm. 1 Ich durfte nicht anders ſprechel!, wenn ich mir nicht den Vorwurf der Partheilichkeit verdienen wollte, ſagte der König. Es ſoll nicht geſagt werden, daß ich darum, weil er mein Großvater war, mein Auge ver⸗ ſchließe vor ſeinen Thorheiten und Albernheiten. Fried⸗ rich der Erſte war ein eitler und aufgeblaſener Narr; das iſt die Wahrheit! Und doch bitte ich um Gnade für ihn, Sire. Ich liebe dieſen König wegen ſeiner königlichen Pracht und wegen der ſchönen Monumente, die er hinterlaſ⸗ ſen hat. Auch das that er nur aus Eitelkeit, damit die Nach⸗ — 156— welt von ihm reden ſollte. Aus Eitelkeit protegirte er die Künſte, aus Eitelkeit und närriſchem Stolz ſetzte er ſich die Krone auf ſein Haupt. Die große Sophie Charlotte, ſeine Gemahlin, hatte wohl Recht, wenn ſie ſterbend von ihm ſagte:„Der König wird nicht Zeit haben, um mich zu trauern, die Sorge, meinen Tod mit einem prachtvollen Leichenbegängniß zu feiern, wird ihn zerſtreuen, und wenn bei dieſer ſchönen Ceremonie nichts mangelt und fehl ſchlägt, wird er über Alles getröſtet ſein.“*) Er war nur groß in kleinen Dingen, und darum, als Sophie Charlotte von ihrem Freund Leibnitz ſein„Memoire über die Kraft der kleinen Dinge“ erhielt, ſagte ſie lächelnd: „Leibnitz will mich lehren, was die kleinen Dinge ſind? Hat er denn vergeſſen, daß ich die Gemahlin von Friedrich dem Erſten bin, oder denkt er, daß ich mei⸗ nen Gemahl nicht kenne?“r) Nun, ſo bitte ich um die Gnade für den Gemahl wegen ſeiner Gemahlin! Sophie Charlotte war eine erhabene und geniale Frau, Sie ſollten ihrem Gemahl alles Andere verzeihen, da er doch die Weisheit be⸗ ſeſſen, ſie zu ſeiner Gemahlin und zu Ihrer Groß⸗ mutter zu machen. Und wenn Euere Majeſtät ihm den Vorwurf machen, daß er ſich aus Eitelkeit den Titel„König“ angemaßt habe, ſo iſt das eine Eitel⸗ keit, von der ſeine Nachkommen wenigſtens recht ſolide Vortheile haben und der Titel ſcheint mir ganz und gar nicht unangenehm. Der Titel iſt ſchön, wenn ein Volk ihn giebt oder ein Fürſt ihn ſich verdient. Friedrich der Erſte aber hat nichts gethan, was ihn zu einem König ſtempeln 2) Thisbault. Vol. II. p. 11. *²) Thiébanlt. Vol, II. p. 9. — 157— kann, und das verurtheilt ihn. Sie ſehen alſo wohl, daß ich ihn nicht ſchonen kann! Sei es alſo, ſagte Voltaire achſelzuckend, er iſt Ihr Großvater, nicht der meinige. Machen Sie alſo mit ihm, was Ihnen gut dünkt, Sire. Ich habe nichts mehr zu ſagen und werde mich darauf beſchränken, einige Phraſen zu ſäubern.*) Aber als er ſah, wie bei dieſen Worten Friedrich's Stirn von einer leichten Wolke beſchattet ward, ſagte er mit einem feinen Lachen: Sehen Sie nur, wie das Amt des Lehrmeiſters, welches Euere Majeſtät mir aufgedrungen haben, mich übermüthig und hochfahrend macht. Ich, welcher wohl thäte, ſeine eigenen Werke zu corrigiren, ich maße mir an, die Werke eines Königs verbeſſern zu wollen. Ich bin da in dem Fall des Abbé von Villiers, der ein Buch geſchrieben hatte, betitelt:„Reflexionen über die Fehler der Andern.“ Einſt ging er zu dem Sermon eines Capuziners; der Mönch redete ſein Auditorium mit näſelnder Stimme folgenderma⸗ ßen an:„Meine geliebten Brüder im Herrn, ich hatte die Abſicht, Euch heute von der Hölle zu ſprechen, aber ich habe an der Thür meiner Kirche einen An⸗ ſchlagzettel geleſen: Reflexionen über die Fehler An⸗ derer! Heh, mein Freund, dachte ich, warum machſt Du nicht lieber Reflexionen über Deine eigenen Feh⸗ ler? Ich werde alſo zu Euch über den Stolz und Hochmuth der Menſchen reden.“**) Nun, machen Sie immerhin ſolche Reflexionen, ») Dieſes Geſpräch des Königs und Voltaire's iſt ſeinem In⸗ halt nach hiſtoriſch. Voltaire erzählt davon in einem Briefe au Madame Denis. Oeuvres complétes. Vol. 58. pag. 370. 4**) Oeuvres. Vol. 58. p. 423. — 158— wenn Sie bei Ihrer Geſchichte Ludwig's des Vier⸗ zehnten ſitzen, rief der König lachend, nur bitte ich, ſich bei mir nicht von dem frommen Capuziner be⸗ kehren zu laſſen, ſondern bei mir nur Reflexionen über die Fehler Anderer zu machen!— IX. Ein Tag aus dem Leben Voltaire's.— Voltaire alſo genoß des ſeltenen und gefährlichen Vorrechts, dem König die Wahrheit ſagen zu dürfen, und er machte von dieſem Vorrecht einen grauſamen und unerbittlichen Gebrauch. Es ſchien, als wolle ſeine eiferſüchtige und neidiſche Natur ſich an des Kö⸗ nigs Ruhm und Größe dadurch rächen, daß er ihn marterte und quälte mit ſeinen kleinlichen Ausſtellun⸗ gen und ſeiner nie ruhenden Tadelſucht, daß er ihn zwingen wollte, Ihn, welchen alle Welt bewunderte und hochſtellte, die Augen beſchämt niederzuſchlagen und einzugeſtehen, daß er doch niemals emporreichen könne zu dem großen Voltaire. 5 Auch geſtand das der König ſelber ein, nur that er es ohne Beſchämung, ſondern mit lächelnder Ruhe und mit jenem großen, ſelbſtbewußten Sinn, der be⸗ reitwillig Andern Anerkennung gewährt, weil dieſe das eigene Verdienſt nicht zu ſchmälern vermag. Vol⸗ taire mochte ſich noch ſo ſehr erheben und hochſtellen, er konnte den König dadurch doch nicht verkleinern, — 159— — aber konnte ihn verſtimmen und ärgern, und das war dem boshaften Sinn des großen franzöſiſchen Dichters ſchon eine angenehme Genugthuung. Die übrigen Freunde des Königs ſahen dieſem Benehmen Voltaire's mit Bedauern zu, und beſonders war es der Marquis d'Argens, welcher mit ſeinem feinen und zartfühlenden Sinn ſehr bald den Miß⸗ muth des Königs und die boshafte Schadenfreude Voltaire's verſtand. Eines Tages, als Voltaire Vormittags zum Kö⸗ nig gehen wollte, um mit ihm ſeine Correcturen zu machen, fand er im Vorſaal den Marquis, der mit lebhaften Geberden auf ihn zuſchritt, und ſeine beiden Hände ergreifend, ihn mit flehenden Blicken anſah. Mein Freund, ſagte er, der König hat geſtern ein Gedicht gemacht, das er mir heute Morgen vorlas. Er behauptet, daß darin ein ſchlechter Reim iſt und das quält ihn. Ich habe verſucht, ihm das auszure⸗ den. Ich weiß indeſſen wohl, daß der Reim, den er da gemacht hat, ſchlecht iſt, aber Sie würden ihn in die größte Verlegenheit ſetzen, wenn Sie es ihm ſa⸗ gen, denn er hat ſich vergeblich bemüht, einen andern Reim zu finden, und es handelt ſich dabei um einen Gedanken, der ihm wichtiger iſt, als der Reim. Ich habe daher meinen Tadel zurückgehalten und ihm einige Verſe von La Fontaine citirt, in denen man denſelben Fehler findet. Ich habe geſucht, ihn um ſeiner eigenen Ruhe willen zu überzeugen, daß, wenn dieſer Reim auch den Regeln der Schule nicht con⸗ form ſei, er doch geduldet werden könne. Ich bitte Sie alſo, widerſprechen Sie mir nicht. Und weshalb ſollte ich das nicht thun? fragte Voltaire mit ſeinem ſchneidendſten Ton. 4 Weil Sie es mit Ihrem fortgeſetzten, grauſamen ——— — Tadeln zuletzt dahin bringen könnten, daß der König ſich unmuthig von der Poeſie abwendend, ſie aufgiebt, während es doch für die Wiſſenſchaften und Künſte ſo ſehr wichtig iſt, daß die großen und mächtigen Souveraine ſie lieben, diejenigen hochſtellen, welche ſie cultiviren und ſelber auch mit ihnen ſich beſchäftigen. Und ſagen Sie ſelber, Freund, was liegt im Grunde daran, ob einige ſchlechte Reime in den Poeſieen des Philoſophen von Sansſouci ſind?*) Daran liegt, daß der König von mir lernen will, gute Verſe zu machen, ſagte Voltaire mit ſcharfem Ton, und daß ich alſo nicht dieſe hochverrätheriſche, weibiſche und feige Liebe zu ihm hegen darf, welche ihm einen Tadel nicht ſagt, um ſeiner Eigenliebe einen kleinen Kummer zu erſparen. Ihnen hat der König ſein Gedicht vorgeleſen in Ihrer Eigenſchaft als be⸗ wundernder und lobpreiſender Freund, mir wird er es vorleſen in meiner Eigenſchaft als pedagogo di sua maesta. Ich werde daher wahr ſein müſſen, wo Sie ſchmeicheln durften. Und niemals war Voltaire unbeugſamer in ſeinem Tadel, beißender und ſchärfer in ſeiner Satyre gewe⸗ ſen, als an dieſem Tage. Seine Augen ſprühten noch vor Schadenfreude, das boshafte Lächeln ſtand noch auf ſeinen Lippen, als er von dem König in ſeine eigene Wohnung heimkehrte.. Ah, ſagte er mit einem lauten Lachen, als er ſich vor ſeinem Schreibtiſch niederſetzte. Heute wird mir meine Arbeit ſehr gut gelingen, denn ich habe viel gelernt. Friedrich weiß gar nicht, wie ſehr er mein Wohlthäter iſt. Indem ich ihn corrigire, corrigire ich mich ſelber, und indem ich ihm bei ſeinen Studie *) Thisbault. Vol. V. pag. 337. — 161— durch meinen Tadel nütze, ſchöpfe ich daraus immer neue Kräfte, um die meinigen richtig zu leiten.*) Ich will alſo heute ein Capitel an meiner Geſchichte Lud⸗ wig's des Vierzehnten ſchreiben, und es wird gut wer⸗ den, denn das Capitel, welches ich heute aus des Kö⸗ nigs histoire de mon tems geleſen, hat mich ſehr deut⸗ lich gelehrt, welche Fehler ich zu vermeiden habe. Ja, von Ludwig dem Vierzehnten will ich ſchreiben, ich bin ihm wohl einigen Erſatz dafür ſchuldig, daß der König die Naivetät gehabt hat, ſeinen Urgroßvater, den ſogenannten großen Kurfürſten, mit unſerm gro⸗ ßen Ludwig zu vergleichen. Ich bin gutmüthig genug geweſen, ihm dieſe kleine Gefälligkeit gegen ſeinen Ur⸗ großvater zu verzeihen und ſie ihm nicht fortzuſtreichen. Und warum hätte ich das thun ſollen? Die Welt wird nicht ſo thöricht ſein, mir dieſe komiſche Schwäche anzurechnen, zudem ſchreibt der König nur für ſich und ſeine ſihmeichleri chen Freunde, er darf alſo ſagen, was er will. Ich aber, ich ſchreibe für Frmn rch, für die Welt! Ach, aber ich fürchte, daß Narren mich beurtheilen werden, während ich doch verſucht habe, als Weiſer zu ſchreiben.*) Er nahm die Feder und begann zu ſchreiben, aber dieſe Ruhe ward bald unterbrochen durch den Eintritt ſeines Dieners Tripot, der ihm meldete, daß der Jude Hirſch, den Voltaire zu ſprechen verlangt habe, ſo eben gekommen ſei. Voltaire erhob ſich haſtig von ſeinem Lehnſtuhl und hieß ihn eintreten. Ich habe Vieles mit Ihnen zu verhandeln, mein Freund, ſagte er zu dem eintretenden Inden. Tupot, 2 Voltaire's eigene Worte. Oeuvres. Vol. 58. pag. 3683. **) Oeuvres. Vol. 58. pag. 341. Mihan Berlin u. Sansſouci ꝛc. IV. 11 — 162— ſchließe die Thür, und ſorge dafür, daß wir ungeſtört bleiben. Und nachdem ſeine Befehle vollzogen, durcheilte Voltaire mit jugendlicher Lebendigkeit ſeinen Salon und winkte dem Juden, ihm in ſein Schlafzimmer zu folgen. 1 Zuerſt, mein Freund, wollen wir einen kleinen Handel machen, ſagte Voltaire, indem er die Chatoulle einer gewaltigen Commode öffnete. Sehen Sie, da ſind zwölf Pfund der herrlichſten Wachslichte. Ich bin ein armer Mann mit ſchwachen Augen. Was nützen mir alſo dieſe Lichter? Ich darf niemals hof⸗ fen, ſie anſtecken zu können. Da ſind ferner einige Pfunde Zucker und Kaffee, die Erſparniſſe der letzten zwei Monate. Sie werden mir das Alles abkaufen, mein Herr, wir werden einen beſtimmten Preis für alle dieſe Dinge feſtſetzen, und am letzten Tage jedes Monats können Sie, falls ich mit Ihrem Preis zu⸗ frieden bin, hierher kommen und die rſparniſſe mei⸗ nes Monats gegen Ihre klingende Münze eintauſchen. Machen Sie alſo Ihren Preis, mein Herr! Und der Händler machte ſeinen Preis, aber es ſchien, als ob der Dichter Voltaire ſich noch beſſer auf den Handel verſtehe, als der Jude Hirſch. Er wußte ihm genau den Preis des Zuckers und des Kaffees anzugeben, er wußte die Schönheit der wei⸗ ßen dicken Wachskerzen ſo beredt anzupreiſen, daß Herr Hirſch ſich wirklich zu einer Steigerung ſeines Gebotes bewegen ließ. Jetzt zu wichtigeren Geſchäften, ſagte Voltaire. Sie reiſen nach Dresden. Sie ſollen für mich da ein — kleines Geſchäft machen. Ich will für achtzehntauſend . Thaler ſächſiſche Steuerſcheine kaufen. Sie ſtehen auf fünfunddreißig und werden, wie Sie wiſſen, den Un⸗ — 163— terthanen des Königs von Preußen mit vollgültigen Hunderten ausgezahlt.. Aber Euere Excellenz wiſſen, daß Seine Majeſtät es ſeinen Unterthanen bei ſtrenger Strafe verboten hat, von dieſen Steuerſcheinen aufzukaufen? fragte Herr Hirſch erſtaunt. Der König hat dieſe Bevorzu⸗ gung ſeiner Unterthanen verlangt, daß uns die ſächſi⸗ ſchen Steuerſcheine für voll ausgezahlt werden, wäh⸗ rend die eigenen Unterthanen des Königs von Sach⸗ ſen nur den Tagescours dafür bekommen, aber er hat verſprochen, daß ſeine Unterthanen nicht, um ſich zu bereichern, auf's Neue ſolche Steuerſcheine kaufen dür⸗ fen, ſondern nur diejenigen, welche ſie beſitzen, zum Vollwerth bezahlt bekommen ſollen. Euere Excellenz ſehen alſo, daß dies Geſchäft unthunlich iſt. Meine Excellenz ſieht nur, daß Sie ein Narr ſind! ſchrie Voltaire wüthend. Denn, wenn Sie nicht ein Narr wären, würden Sie einſehen, daß Voltaire, der Kammerherr des Königs, nicht ein Geſchäft unterneh⸗ men würde, bei welchem er ſeinen Ruhm und ſeinen Namen gefährden könnte. Wenn Voltaire ein ſolches Geſchäft macht, ſo müßten Sie begreifen, daß er dazu autoriſirt iſt, daß man es ihm erlaubt hat. Wenn das iſt, ſagte Hirſch demüthig, ſo bin ich vollkommen beruhigt, und ganz bereit, Eurer Excellenz zu dienen. Und wenn Sie meine Aufträge pünktlich und gut ausrichten, ſo können Sie von mir einer bedeutenden Belohnung verſichert ſein. Und wie? Sind Sie nicht ehrgeizig? Liegt Ihnen nichts an einem Titel? Gewiß bin ich ehrgeizig, ſagte der hocherſreute Jude, gewiß wäre ich glücklich, wenn ich vielleicht den Titel eines königlichen Hof⸗Agenten erlangen könnte. Kaufen Sie mir dieſe Scheine in Dresden recht . 11* — 164— wohlfeil ein und Sie werden dieſen ſchönen Titel haben, ſagte der Dichter der Henriade, des Oedipe und ſo vieler andern Meiſterwerke, mit feierlichem Pathos. Ich werde nicht mehr geben, als fünfunddreißig für Hundert. Und Sie werden mir für achtzehntauſend Thaler kaufen, mein lieber Hof⸗Agent. Das Geſchäft iſt ab⸗ gemacht. Es bleibt alſo nur noch übrig, die Gelder zu zahlen. Baares Geld habe ich nicht; ich werde Ihnen alſo Wechſel ſchreiben. Kommen Sie jetzt in mein Arbeitszimmer. Sie kehrten dahin zurück, und Voltaire warf das Manuſcript ſeiner Geſchichte Ludwig's des Vierzehn⸗ ten auf einen Nebentiſch, um ſeinen Schreibtiſch frei zu haben zur Fertigung ſeiner Schuldſcheine und Wechſel. Da haben Sie drei Wechſel, ſagte er dann. Den einen auf Paris, den andern auf Ihren Vater und den dritten auf den Juden Ephraim. Ziehen Sie dieſelben ein und bringen Sie mir meine Steuer⸗ ſcheine. In acht Tagen, Excellenz, bringe ich ſie Ihnen, und Euere Ercellenz werden eilftauſend Thaler daran verdienen. Voltaire’s Augen leuchteten vor Vergnügen. Eilf⸗ tauſend Thaler! ſagte er. Das iſt für einen armen Dichter, wie ich, der von ſeinem Kopf und ſeiner Fe⸗ der lebt, immerhin ſchon eine erkleckliche Summe. Sie werden dieſe Summe verdienen, ſagte Hirſch mit der Feierlichkeit eines Juden, welcher von einem guten Geſchäft ſpricht. Er wollte ſich entfernen und näherte ſich ſchon der —, —, — 165— 2 Thür. Aber Voltaire eilte ihm nach und packte heſtig ſeinen Arm. Sie wollen doch nicht gehen, ohne mir Sicherheit gegeben zu haben? ſagte er mit drohendem Ton. Sie denken doch nicht, daß Voltaire ein Cretin iſt, der für achtzehntauſend Thaler Wechſel ausſtellt, ohne die Va⸗ luta gedeckt zu haben? Euere Excellenz haben mein Ehrenwort, ſagte Hirſch feierlich. Voltaire lachte laut. Ihr Wort! Das Ehren⸗ wort eines Menſchen für achtzehntauſend Thaler? Mein Lieber, wir leben nicht im Paradieſe, ſondern in einem chriſtlichen Staate, und Sie müſſen das ganz genau wiſſen, denn Ihre Väter haben dafür geſorgt, daß wir auf dieſe Weiſe beglückt ſind. Hättet Ihr Juden nicht die Dummheit begangen, Jeſus an das Kreuz zu nageln, ſo wäre er nimmer als der Meſſias anerkannt worden. Und Sie denken, daß ich einem von den Söhnen dieſer Väter trauen ſoll? Ei, ei, wer bürgt mir denn dafür, daß Ihr nicht meine Un⸗ ſchuld und mein Menſchenvertrauen auch an das Kreuz ſchlagen und tödten würdet, wenn ich wirklich ſo arg⸗ los wäre, Euch ohne Sicherheit meine drei Wechſel anzuvertrauen. Ich werde Ihnen Sicherheit geben, ſagte Hirſch, indem er einige Maroquinkäſtchen aus der großen Rocktaſche ſeines Kaftans hervorzog. Ja, Sie ſollen Sicherheit haben. Ich wußte nicht, daß Euere Exeel⸗ lenz ein Geſchäft mit mir machen wollten. Ich dachte, daß der vornehme Herr Brillanten von mir kaufen wollte, ich habe deren mitgebracht, da ſehen Sie, Ex⸗ cellenz, das ſind für zwei und zwanzigtauſend Thaler Brillanten. Ich laſſe Sie Ihnen als Sicherheit. Denn b — 166— ich, der arme Jude Hirſch, ich fürchte nicht, daß mich der große Dichter Voltaire betrügen will. Die Brillanten ſind ſchön, ſagte Voltaire, indem er ſie mit lüſternen Blicken betrachtete, und ſie im Lichte funkeln ließ. Die Brillanten ſind ſchön, und wenn Sie meine Aufträge pünktlich und gut ausfüh⸗ ren, werde ich Ihnen einige davon abkaufen. So lange bewahre ich ſie Ihnen auf. Er wollte ſie in die Chatoulle ſeines Schreibtiſches legen, aber plötzlich zuckte ſeine Hand zurück, und ſeine Augen hefteten ſich mit einem durchbohrenden Blick auf das ruhige Geſicht des Juden. Wer bürgt mir aber dafür, daß dieſe Diamanten ächt ſind? fragte er, und als Hirſch erzürnt und em⸗ pört über dieſen beleidigenden Verdacht, die Stirn runzelte und erbleichte, ſchrie Voltaire wüthend: dieſe Diamanten ſind nicht ächt. Ich ſehe es an Ihrem Erſchrecken. Oh, oh, Sie glaubten, ein Dichter ſei ein gutes, leichtgläubiges Geſchöpf, den man ohne viele Mühe täuſchen könne. Sie glaubten, ein Dich⸗ ter habe nichts gehört von dieſem famoſen Herrn von St. Germain, der Glas zu Diamanten ſchleifen kann, und die ſchönſten Roſetten in ſeinem Laboratorium kocht. Ja, ja, mein Lieber, ich weiß davon, und die⸗ ſes Gebräu des Herrn von St. Germain vermag nicht, mich zu täuſchen. Dieſe Diamanten ſind falſch, ſage ich. 3 Dieſe Diamanten ſind ächt! rief Hirſch empört. Spo wollen wir Sie von einem chriſtlichen Juwe⸗ ier prüfen laſſen, ſagte Voltaire. Tripot, Tripot, llaufe ſchnell hinüber zum Iuwelier Herrn Reclam. Du kennſt ihn doch? Er wohnt da drüben an der Ecke der breiten Straße. Bitte ihn, ſich auf einen Augenblick zu mir herüber zu bemühen. —, — — 167— Tripot eilte von dannen und kehrte bald mit dem „chriſtlichen Juwelier“ zurück. Aber dies Mal hatte der kluge Herr Voltaire ſich getäuſcht, die Diamanten waren ächt, und Herr Reclam erklärte, daß ſie ſehr wohl den Werth von zweiundzwanzigtauſend Thalern haben möchten. Voltaire war alſo zufriedengeſtellt, und als er allein war, betrachtete er noch lange dieſe wundervol⸗ len Steine, welche mit ihrem Blitzen und Leuchten ihn entzückten und begeiſterten. Welche Frau kann ſich rühmen, ſo koſtbares Feuer in ihren Augen zu haben, wie ihr, ſagte er lachend, welche Frau kann ſagen, daß ihr Farbenſpiel viele Tauſende werth ſei. Wohl ſchillern ſie in allen Far⸗ ben, dieſe lieblichen Frauenherzen, aber das gerade iſt ihr Verbrechen, während es bei euch eine Tugend iſt, ihr ſchönen Brillanten. Ach, zu denken, daß ihr ein kleines Landgut werth ſeid, daß man für dieſe Hand voll flimmernder Kieſelſteine ſich ganze Säcke el ſchöner vollwichtiger Dukaten eintauſchen könnte. Wie dumm ſind doch die Menſchen, und wie klug iſt Gott, und wie richtig hat er ſpeculirt, als er dieſe Kieſelſteine in das Erdreich ſenkte, dieſe Kieſelſteine, dieſe Trüffeln für die Menſchenſchnanze, nach denen ſie aber ſo eifrig ſpüren, wie die Schweine in Peri⸗ gord nach den Trüffeln. Geld, Geld, das iſt das Zauberwort, welches die Welt beherrſcht. Und ich will viel Geld haben, denn ich will die Welt beherr⸗ ſchen, ich will vor keinem Fürſten und keinem Grafen zurücktreten müſſen. Ich will meine Seigneurie ha⸗ ben und mein Schloß, meine eigenen reich gallonirten Lakayen und meine eigenen Unterthanen. Ich will ſelber ein grand Seigneur ſein, und die Könige und Fürſten ſollen zu mir in mein Schloß kommen, und in meinem — 168— Vorzimmer warten, wie ich in dem ihrigen gewartet habe. Ich will reich werden, reich um aller Men⸗ ſchen Herr zu werden, auch der Dummen! Die Klu⸗ gen knechte ich durch meinen Geiſt, die Dummen will ich knechten durch mein Geld! Reich will ich wer⸗ den, reich, reich! Darum bin ich hier, darum corri⸗ gire ich das Reimgeklingel des Königs, darum lebe ich jetzt als beſcheidener Poet und häufe Zins auf Zins, und ſpare auch meine Penſion von fünftauſend Thalern, und ſpare meine Wachslichter und meinen Kaffee. Mögen ſie mich immerhin einen Geizhals nennen, wenn ich reich bin, werde ich ein Verſchwen⸗ der ſein, und die Menſchen, welche ſich jetzt ſchon ärgern über meinen Ruhm, ſie ſollen dann berſten vor Wuth über meinen Reichthum. Ach, ach, es verlohnt ſich nicht der Mühe, ein be⸗ rühmter Dichter zu ſein. Zu viel Demüthigungen ſind an dieſen zweideutigen Dichterſtand gebunden, dieſen Stand, welcher keine Stellung iſt, und der er⸗ niedrigend in den Augen Derer, welche eine Stellung haben, dem Neid Derjenigen ausgeſetzt iſt, welche keine haben. Ich meinestheils bin ſo erſchöpft, ſo matt ge⸗ hetzt von dieſen Unannehmlichkeiten des Dichterſtan⸗ des, daß ich, um den Verdruß hinwegzuſpülen, mir das verſchaffen will, was die Canaille eine glänzende Stellung nennt. Ich will mir alſo ſo viel Geld als irgend möglich erwerben, dazu alle Ehren, welche mir zukommen, Freiheit und Ruhm. Und zu allen dieſen Dingen verhilft mir der Aufenthalt bei einem König, der wenigſtens das Gute beſitzt, daß er keine Vorur⸗ theile hat, ſelbſt nicht die des Königthums. Ich werde alſo in dieſem Hafen bleiben, zu dem die Stürme, welche mich ſo lange verzweifelnd umher trieben, mich — 169— endlich geführt haben. Mein Glück ſoll ſo lange dauern, als es Gott gefällt.*) Er lachte vergnügt, und nahm ſein großes Notiz⸗ buch zur Hand, in welchem er ſeine Einnahmen und Ausgaben, den Stand ſeines Vermögens und ſeiner Kaſſe verzeichnet hatte. Es machte ihm Freude, von Zeit zu Zeit ſich ſein Vermögen zu berechnen, und das Wachſen deſſelben zu beobachten, es erquickte ihn ſo ſehr, ſeine Einnahmen mit ſeinen Ausgaben zu ver⸗ gleichen, und zu finden, daß er die Zinſen ſeines eige⸗ nen Vermögens, von dem er gar nichts verausgabte, zuſammenaddirend mit ſeiner Penſion, von der er ſehr wenig verausgabte, ſich für jeden Tag blos durch ſein Daſein, durch das Zins auf Zins eine ganz hübſche Summe verdiente, während die Ausgaben jedes Tages ſo gering waren. Aber dieſe Ausgaben ärgerten ihn dennoch, und mit finſterm Stirnrunzeln ſagte er: Ich werde einige Erſparniſſe einführen. Es iſt gemein und ſchmutzig, daß ich das Futter für die Pferde, und die Repara⸗ turen an meinem Wagen bezahlen muß. Wenn der König mir eine Equipage hält, ſo muß er ſie auch erhalten, das werde ich ihm ſagen. Auch iſt der Haus⸗ hofmeiſter ein alter Knauſerer, welcher mich alle Mo⸗ nate um einige Pfunde Zucker und Kaffee betrügt, dazu iſt das Wachslicht auch dünner und ſchlechter. Ich werde mich über das Alles beim König beſchwe⸗ ren. Er muß dafür ſorgen, daß Ordnung in ſeinem Hauſe iſt. 3 Er ſchloß ſein großes Contobuch wieder fort, und indem er's that, murmelte er: Wenn ich eine Jahres⸗ *) Voltaire's eigene Worte. Vol. 59. p. 110. rente von hundertfunfzigtauſend Francs erreicht habe, werde ich aufhören zu ſparen. Die Götter ſeien ge⸗ prieſen, dieſes Ziel iſt bald erreicht! Aber, fuhr er mit finſterm Sinnen fort, damit ich dieſes Ziel erreichen kann, muß ich hier noch einige ſichere Jahre zubringen können, um noch einige Jahre meine Penſion meinem Vermögen hinzuzufügen. Nichts darf mich daran hindern, und was mich hindern kann, das muß ich bei Seite ſchieben. Was kann mich hin⸗ dern? Meine ſogenannten Freunde, welches natürlich meine ärgſten Feinde ſind. Ach, welch eine idylliſche Idee von dieſem genialen König, ſechs Freunde um ſich zu verſammeln, von denen die meiſten ſogar au⸗ ßerdem noch Schriftſteller, das heißt natürlich, Feinde ſind. Denn wenn man auf eine wüſte Inſel zwei Schriftſteller, oder zwei Frauen, oder zwei Fromme ausſetzte, ſo daß ſie ganz allein auf einander ange⸗ wieſen wären, ſo würden ſie bald Ränke gegeneinan⸗ der ſpinnen. Die Menſchenrare iſt einmal ſo gemacht, und da es einmal ſo iſt, muß man ſich ſo klug und ſo vortheilhaft als möglich aus der Affaire ziehen.*) — Man kann auf der Welt nirgends in Frieden le⸗ ben, am allerwenigſten aber in der Umgebung eines Königs. Denn den Königen geht es wie den Coquet⸗ ten, ihre Blicke machen eiferſüchtig, und Friedrich iſt eine ſehr große Coquette.**) Ich werde alſo meine Nebenbuhler aus dem Felde ſchlagen müſſen, um ganz allein mich ſeiner Gunſt zu freuen. Wer ſind meine Nebenbuhler, wer iſt mir gefährlich? Sie ſind es Alle, Alle, und ich werde ſie Alle verjagen müſſen. Ich werde ſo viel Zank, ſo viel Unfrieden, ſo viel ) Voltaire. Oeuvres. Vol. 58. p. 375. **) Voltaire. Oeuvres Vol. 58. p. 378. — 171.— Bosheit und Aerger unter ihnen ausſäen, bis ſie Alle vor Wuth und vor Angſt fortlaufen, und Gott dan⸗ ken, wenn ich ihnen nicht noch die Naſen abbeiße, ehe ſie fort kommen. Ich will ihnen das Paradies hier zu einer Hölle machen, und bei Gott, ich will der Teufel ſein, welcher ſie mit glühenden Zangen zwickt, und ihnen einheizt, bis ſie davonlaufen. Ja, bis nach Sibirien davonlaufen ſoll dieſer elende, hochbeinige Pfau Maupertuis, er zuerſt und vor allen Dingen und ganz beſonders, und d'Argens will ich ihm nach⸗ ſchicken, und Algarotti und den ſuperklugen Lord Marſhall und alle Andern auch. Wo Voltaire's Sonne ſtrahlt, da ſollen keine andern Sterne leuchten, ich will es nicht, und ich werde ihnen beweiſen, daß Voltaire's Strahlen ſie Alle verbrennen!* Er lachte laut und ſetzte ſich mit vergnügtem Ant⸗ litz wieder an ſeinen Schreibtiſch, aber dies Mal nicht, um an ſeinem Geſchichtswerk weiter zu arbeiten, ſondern um ein Gedicht zu ſchreiben. Denn Voltaire war heute Abend zu einer Soirse der Königin Mutter ge⸗ laden, und er wollte in derſelben als Improviſator glänzen, und mit ſeiner Improviſation wollte er vor allen Dingen das Herz der Prinzeſſin Amalie gewin⸗ nen. Seit ſie die Aurelie in ſeinem Rome sauyée geſpielt, hatte er eine Art Leidenſchaft für die Prin⸗ zeſſin gefaßt, welche es ſo gut verſtand, die Gluth und die Schmerzen der Liebe darzuſtellen, und deren große flammende Augen ihm ſelber wie ein geheimnißvoller Abgrund der Liebe und Leidenſchaft erſchienen. Er hatte der Prinzeſſin verſprochen, über ein von ihr gegebenes Thema zu improviſiren, und um heute Abend Improviſator zu ſein, war er jetzt Dichter, überzeugt, daß es ſeiner Klugheit ſchon gelingen werde, 8 — — 172— den Wunſch der Prinzeſſin ſo zu leiten, daß ihre Auf⸗ gabe ſeinem Gedicht entſpräche. 1 Aber in dieſer Beſchäftigung unterbrach ihn ſein Kammerdiener, welcher meldete, daß im großen Salon eine Menge Herren verſammelt ſeien, welche Voltaire ihren Morgenbeſuch zu machen wünſchten. Sie mögen warten, ſchrie Voltaire, wüthend, daß das Eintreten des Diners ihn um einen pikanten Reim gebracht, über den er eben nachgeſonnen. Aber, gnädiger Herr, es ſind einige alte Generäle und mehrere Excellenzen, ſtammelte der Diener. Was kümmern mich ihre Generals⸗Epaulets und ihre Excellenzſchaft. Sie mögen warten oder zum Teufel gehen, wie es ihnen beliebt! 4 4 Aber die vornehmen Herren warteten wirklich. Sie warteten geduldig, bis der große Voltaire, der Liebling des Königs, die Gnade hatte, zu kommen, bis er in allem Stolz und Hochmuth eines franzöſiſchen Univer⸗ ſaldichters unter die armen deutſchen Barbaren trat, und auf ſie einige Sonnenblicke ſeines Geiſtes fallen ließ. Und immer mehr füllte ſich ſein Salon, immer mehr vornehme Herren, Generale, Grafen und Fürſten kamen, denn Voltaire war erſt ſeit geſtern wieder von Potsdam nach Berlin gekommen und Jedermann be⸗ eilte ſich daher, ihm ſeine Aufwartung zu machen und ſich ſeiner Huld und Gnade zu empfehlen.*) Voltaire *) Formey in ſeinen Souvenirs d'un citoyen ſchreibt: Wäh⸗ rend der Wintermonate, die Voltaire im Schloß zu Berlin wohnte, machte man ihm als einen wichtigen Günſtling den Hof. Prinzen, Marſchälle, Staatsminiſter, Geſandte und Herren vom höchſten Range gingen zu ſeinen Morgen⸗Audienzen und wurden mit ver⸗ ächtlichem Stolz von ihm empfangen. Ein großer Prinz hatte die Gefälligkeit, mit ihm Schach zu ſpielen, und ihn jedes Mal die 8 —e— — 173— war heute in der That ſehr gnädig, denn da er heute Abend ein Gedicht improviſiren wollte, ſo kam es dar⸗ auf an, ſich für dieſen Abend alle Welt geneigt zu machen, damit alle Welt ihm entzückt Beifall zu⸗ jauchze, und Maupertuis dadurch raſend, und d'Argens, Algarotti, La Mettrie und alle andern Freunde des Königs ſtumm zu machen vor Neid und Bosheit. Während er alſo Jeden beglückte und mit einem freund⸗ lichen Lächeln, einem feinen und huldvollen Wort, während er unerſchöpflich war in bonmots und pikan⸗ ten Witzen, näherte ſich ihm ſein Kammerdiener und flüſterte ihm zu, daß er ihn nothwendig auf einen Augenblick ſprechen müſſe, und daß es eine Sache von großer Wichtigkeit beträfe. Voltaire wandte ſich mit ſeinem verbindlichſten Lä⸗ cheln an ſeine Geſellſchaft, und indem er ſie bat, ſeine Rückkehr abzuwarten, begab er ſich in das anſtoßende Gemach. 4 Nun, was giebt es Wichtiges, Tripot? Gnädiger Herr, es iſt Hoſtrauer, ſagte Tripot mit betrübter Miene. 3 Voltaire ſah ihn mit wüthenden Blicken an. Narr, was kümmert mich das? Das kümmert Sie leider ſehr viel, gnädiger Herr, denn Euere Excellenz wollen heute Abend in die Soirée der Königin gehen? Willſt Du mich zornig machen, Tripot? Was hat die Soirée mit der Hoftrauer zu thun? Gnädiger Herr, das iſt ganz einfach. Bei der Hof⸗ zwei Louisd'or Einſatz, um welche ſie ſpielten, gewinnen zu laſſen. Bisweilen aber verſchwanden die Louisd'or ſchon vor dem Ende der Partie, unn ſuchte ſie und fand ſie nicht.(Souvenirs d'un ci- toyen. Vol. I. p. 238.) trauer erſcheinen die Herren nicht im geſtickten Hof⸗ kleid, ſondern im einfachen ſchwarzen Frack, und Euere Excellenz haben keinen ſchwarzen Frack. Oh, ich habe keinen ſchwarzen Frack, wiederholte Voltaire mit gerunzelter Stirn. Es wird daher wohl nöthig ſein, daß Enere Ex⸗ cellenz ſofort ſich einen Frack anfertigen laſſen, und ich habe bereits nach Monſieur Pilleneuve geſchickt, damit er komme und das Maaß nehme. Biſt Du raſend, Tripot, rief Voltaire auffahrend. Hältſt Du mich für einen ſo unſinnigen Verſchwender, einen ſo hirnloſen Narren, daß ich um einer Abend⸗ geſellſchaft willen mir ein neues Kleidungsſtück anſchaf⸗ fen ſollte, ein Kleidungsſtück, das ſehr viel Geld koſtet, und das ich nachher in den Schrank hängen und von den Motten zerfreſſen laſſen kann. Denn in acht Ta⸗ gen wird dieſe Hoftrauer zu Ende ſein, ich werde dann nur um einige hundert Francs ärmer ſein, und einen Frack haben, den ich nicht brauchen kann. Ich werde alſo heute Abend die Soirée der Königin nicht beſu⸗ chen, das iſt das Ganze. Ich werde mich krank mel⸗ den. Beſtelle alſo den Schneider ab. Er durchſchritt das Zimmer, um ſich wieder in den Salon zu verfügen, aber plötzlich zuckte er zuſammen und blieb ſtehen. Ich kann heute Abend nicht abſagen laſſen, murmelte er. Man weiß, daß ich heute Abend improviſiren will. Alle Welt iſt geſpannt darauf und man würde, wenn ich nicht komme, oder mich krank melden laſſe, glauben, daß ich mich vor der Improvi⸗ ſation ſcheue. Meine Feinde würden alſo triumphi⸗ ren! Tripot, ich muß heute Abend durchaus in die Soirée der Königin gehen! nehmen? Dann ſoll alſo der Schneider kommen und Maaß — 175— Dummkopf⸗ rief Voltaire, mit dem Fuß ſtampfend. Habe ich Dir nicht geſagt, daß ich kein Geld ausgeben will. Nimm alſo Dein bischen Verſtand zuſammen uns erſinne etwas Anderes. Ah Excellenz, ich wüßte wohl ein Mittel, aus die⸗ ſer Verlegenheit zu kommen, nur wage ich nicht, es anzubieten. Wage es immerhin, jedes Mittel iſt gut, wenn es zum Zweck führt. Da drüben unter der Stechbahn wohnt ein Kauf⸗ mann Fromery, deſſen Bedienter mein ſehr guter Freund iſt. Ich habe von ihm erfahren, daß ſein Herr ſich einen ſehr ſchönen ſchwarzen Frack gekauft hat, und Herr Fromery hat ungefähr die Figur von Euerer Excellenz. Ah, ich begreife, rief Voltaire, deſſen Geſicht ſich aufzuheitern begann. Du meinſt, daß Du von Dei⸗ nem Freunde den Frack ſeines Herrn für mich borgen könnteſt.. Das meine ich, wenn der gnädige Herr es nicht übel nimmt. Im Gegentheil, Dein gnädiger Herr findet, daß Du da eine ganz captale Idee haſt. Geh, mein Freund, geh und verſchaffe mir den Frack des Herrn Fro⸗ mery. Und Voltaire kehrte zu ſeinen vornehmen Beſuchern zurück, um ſie zu entzücken durch ſeine geiſtvolle Un⸗ terhaltung und ſeine Mediſancen. Aber als ſie ſich endlich entfernt hatten, klingelte er haſtig nach ſeinem Kammerdiener. Nun Tripot, haſt Du den Frack? Excellenz, ich habe ihn. Voltaire rieb ſich die Hände vor Vergnügen. Es „——— ——— V — 176— ſcheint, daß das heute ein glücklicher Tag für mich iſt, ſagte er leiſe, ich mache vortheilhafte Geſchäfte. Aber es wird nöthig ſein, daß Euere Gnaden den Frack anprobiren. Er wird vielleicht zu weit ſein, Herr Fromery iſt, ſeit ich ihn nicht geſehen, beleibter geworden. Der Eſel, wie kann er ſich unterſtehen, beleibter zu werden, während Leute von Geiſt und Berühmt⸗ heit, wie ich, alle Tage dünner werden, ſchrie Voltaire, während er ſeinen geſtickten Rock abwarf und den Frack des Herrn Fromery anzog. Ja, wahrhaſtig, er iſt viel zu weit für mich. Oh, oh, ſollte man das wohl möglich halten, der Rock eines jammervollen deutſchen Krämers iſt zu groß für den größten franzöſiſchen Dichter! Aber das kommt davon, dieſe deutſchen Barbaren denken an nichts als an den Fraß, ſie pum⸗ pen ihren Leib auf mit gemeiner compacter Nahrung, und davon wird ihr Leib alle Tage ſetter, während ihr Geiſt alle Tage dürrer wird. Elende Selaven ihrer Völlerei ſind ſie, und nichts kann man von ihnen ge⸗ brauchen, nicht einmal einen Rock! Euere Excellenz glauben alſo, daß es unmöglich iſt, den Frack ſo anzuziehen? 4 Ob ich das glaube? Sehe ich nicht darin aus, wie der verhungerte Erbe in dem nachgelaſſenen Rock ſei⸗ nes Vetters, des reichen Brauers 5. Wird man nicht denken, daß ich eine Vogelſcheuche bin, mit denen man die Spatzen aus den Erbſen verjagen will? Eben trat ein Lakay herein und meldete, daß Mon⸗ ſieur Pilleneuve wünſche vorgelaſſen zu werden. Mein Gott, ich vergaß den Schneider abzubeſtel⸗ len! rief Tripot entſetzt. 1 Und das iſt Dein Glück, ſagte Voltaire ſich plötz⸗ lich beſänftigend. Dieſen Schneider ſendet Gott und — — 177— er wird aller Noth ein Ende machen. Der Frack iſt durchaus ſchön und paſſend, nur ein wenig zu weit. Der Schneider wird ihn alſo enger machen. Ah, Euere Gnaden haben da einen herrlichen Ein⸗ fall. Er wird die Näthe einlegen und morgen wieder auslaſſen. Und mir damit einen ſchlecht ſitzenden Frack lie⸗ fern, rief Voltaire wüthend. Er wird das Zeug ab⸗ ſchneiden. Aber dann wird ihn Herr Fromery nicht mehr tragen können, bemerkte Tripot ſchüchtern. So wird er erfahren, daß Voltaire ihm die Ehre erzeigt hat, ſich einen Frack von ihm zu borgen, und ich denke wohl, daß das eine genügende Entſchädigung iſt für einen verſchnittenen Frack! Laß den Schneider kommen!— Dank der Geſchicklichkeit des Herrn Pilleneuve konnte Voltaire am Abend mit einem ſehr gut ſitzenden und ganz ſeiner magern Figur anpaſſenden Frack in der Soirée der Königin Mutter erſcheinen, und Niemand ahnte, daß das Trauerkleid des berühmten franzöſi⸗ ſchen Dichters dem Krämer Fromery, und die große Brillant⸗Agraffe in ſeinem Spitzen⸗Chabot und die vier Brillant⸗Ringe an ſeiner Hand dem Juden Hirſch gehörten. 4 Aber glänzender noch als die Brillanten ſprübten heute Abend ſeine Augen, feuriger noch waren dieſe Blicke, welche er auf die Prinzeſſin Amalie heſtete, deren bleiche und ernſte Schönheit ihn zu immer nene Witzraketen, zu immer neuen Lobhymnen begei⸗ erte. Niemand wagte es, dieſe leidenſchaftliche Huldigung, welche Voltaire der Prinzeſſin darbrachte, unpaſſend zu finden. Voltaire war nicht bloß der berühmteſte Mann Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. IV. 12 — 178— ſeines Jahrhunderts, und dadurch vielleicht berechtigt, ſelbſt einer Prinzeſſin ſeine Huldigung darzubringen, Voltaire war der Liebling des Königs, und ihm konnte daher erlaubt ſein, was Niemand ſonſt wagen durfte. Aber doch gab es Einen, welcher dieſe Sprache der Bewunderung, die Voltaire ſich heute erlaubte, zu kühn fand, und dieſer Eine war der König! Er war eben geräuſchlos und unangemeldet, wie er das zu thun pflegte, in den Salon ſeiner Mutter gekommen, und ſah mit einem leiſen, ſpöttiſchen Lä⸗ cheln zu, wie ſich Alles um Voltaire drängte, wie Je⸗ dermann ſich beeiferte, ihm ſein Entzücken auszudrük⸗ ken über das eben improviſirte Gedicht und ihn um die Gunſt anzuflehen, daſſelbe noch einmal zu wieder⸗ holen. Aber wie kann ich wiederholen, was ich ſelbſt nicht mehr weiß, ſagte Voltaire. Ein Engel iſt an mir vorübergerauſcht und hat mit ſeinen Blicken mir Worte zugeflüſtert, die meine entzückten Lippen wie in einer Hallucination geſprochen haben. Der Verſtand weiß nichts davon! 5 Die Nachwelt wird das zu beklagen haben, denn ſie wird dadurch um eins Ihrer herrlichen Gedichte betrogen ſein, ſagte Prinzeſſin Amalie, welche ſehr wohl das Eintreten des Königs bemerkt hatte, und fühlend, daß ſeine Blicke auf ihr ruhten, ſich gleich den Uebri⸗ gen ſeinem geliebteſten Günſtlinge freundlich bezeigen wollte. Wenn Euere königliche Hoheit das finden, ſo werde ich das Gedicht, welches ich eben ſprechen wollte, für Dieſelbe aufſchreiben, ſagte Voltaire, indem er von dem Spieltiſch, an welchem die Königinnen vorher ge⸗ — 179— ſpielt hatten, den Bleiſtift und eine der weißen Karten nahm, welche da zum Notiren der Points hingelegt waren. Er ſchrieb mit haſtiger Hand und überreichte dann mit einer tiefen Verbeugung die Karte. Der König, welcher immer noch ein ſchweigender Beobachter dieſer Scene geblieben war, ſah, wie Prin⸗ zeſſin Amalie, während ſie las, erröthete und wie ſich ihre Stirn bewölkte. Laſſen Sie mich doch dieſes ſchöne Gedicht unſers großen Dichters auch leſen, meine Schweſter, ſagte der König, indem er näher trat und die Geſellſchaft mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßte. Prinzeſſin Amalie reichte ihm die Karte dar, und während der König las, ſtanden Alle in ehrfurchtsvol⸗ lem Schweigen da. Das Gedicht iſt ſublim, ſagte der König lächelnd, als er zu Ende geleſen, und er bemerkte ſehr wohl, wie ſich der Prinzeſſin Stirn noch mehr umdüſterte, und Voltaire hochaufathmete, wie von einer drückenden Angſt befreit. In der That, fuhr der König fort, dies kleine Poem iſt ſo reizend, daß Sie mir ſchon erlau⸗ ben müſſen, es mir abzuſchreiben, meine Schweſter. Fahren Sie immerhin fort in Ihren Geſprächen, es ſtört mich nicht. Das war eine Bitte, welche von den Lippen eines Königs ein Befehl iſt. Man beeiferte ſich daher, eine möglichſt lebhafte und animirte Converſation zu führen und unbefangen und heiter zu ſcheinen, während man ſehr wohl ſah, daß da etwas Ungewöhnliches und Selt⸗ ſames ſich begebe.. Der König hatte ſich an den Spieltiſch geſetzt und überlas jetzt noch einmal das Gedicht Voltaive's, wel⸗ ches ſo lautete: 12* — 180— Souvent un peu de vérité Se méle au plus grossier mensonge; Cette nuit, dans l'erreur d'un songe Au rang des rois j'étois monté. Je vous aimais alors, et j'osais vous le dire. Les Dieux à mon reveil ne m'ont pas tout ôté, Je n'ai perdu que mon empire. (Oft miſcht ein Bischen Wahrheit ſich Selbſt zu der Lüge noch, der groben; So ſah' heut Nacht im Traum ich mich Zu eines Königs Macht erhoben; Da liebt' ich glühend Sie und wagte es zu ſagen. Die Götter nahmen mir, als ich erwacht, nicht Alles, Nur meine Herrſchaft hatt' ich zu beklagen.) Unverſchämt! murmelte der König, und ſein zür⸗ nenden Blick flog hinüber zu Voltaire, der da neben der Königin ſtand und ſich lebhaſt mit ihr unterhielt. Wir werden ſeinen Uebermuth ein wenig dämpfen müſſen, fuhr Friedrich lächelnd fort, indem er eine Karte nahm und raſch zu ſchreiben begann. Wahrlich, in dieſem Moment hätte ſogar der ſtrenge Herr Voltaire zufrieden ſein müſſen mit ſeinem könig⸗ lichen Schüler, denn dies Mal machten die Reime ihm gar keine Schwierigkeiten. Nicht einen Augenblick ſtockte der Crayon und kein Fuß war zu lang, kein Reim hinderlich. Als der König ſein Gedicht vollendet hatte, ſteckte er die von Voltaire beſchriebene Karte in ſeinen Bu⸗ ſen und näherte ſich mit der andern wieder der Prin⸗ zeſſin. Wirklich, das Gedicht iſt pikant, meine Schweſter, ſagte der König, Amalien die Karte darreichend. Leſen ———„ — — 181— Sie es noch einmal leiſe und dann bitten Sie Vol⸗ taire, es der Geſellſchaft vorzutragen. Die Prinzeſſin blickte den König befremdet an. Dann las ſie, und jetzt erhellte ſich ihr ſchönes melan⸗ ſcholiſches Angeſicht zu einem ſanften Lächeln, und dem König freundlich zunickend, ſagte ſie leiſe: Ich danke Ihnen, mein Bruder! Geben Sie nun die Karte an Voltaire, und bitten Sie ihn, zu leſen, ſagte der König. Voltaire nahm mit einer tiefen Verbeugung die Karte, welche die Prinzeſſin ihm darreichte. Aber als er ſeine Augen auf dieſelbe heftete, lächelte er nicht, wie die Prinzeſſin, ſondern er erblaßte und preßte wü⸗ thend die Lippen aufeinander. Leſen Sie doch, ſagte der König. Sire, ich bitte um Gnade, rief Voltaire, welcher ſchnell ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte. Das kleine Gedicht, welches ich da gemacht, iſt ſchlecht und gar nicht der erhabenen Prinzeſſin würdig, an die ich es zu richten wagte. Aber Euere Majeſtät müſſen gnädigſt bedenken, daß der Moment es geboren hatte und alſo auch nur der Moment ihm ſeinen Werth ver⸗ lieh. Wie ich es eben wieder las, fand ich, daß es fade, matt und trivial iſt, und Euere Majeſtät werden daher nicht ſo grauſam ſein, mich dazu zu verurthei⸗ len, dieſes Gedicht vorzuleſen, welches ich jetzt ſelbſt ſchlecht und verdammungswürdig finde. Oh, le coquin! murmelte der König, während Vol⸗ taire mit einer tiefen und ehrfurchtsvollen Verneigung die Karte in ſeine Rocktaſche gleiten ließ.— Als die Soirée beendet war und Voltaire in ſeine Gemächer zurückkehrte, ſchwand der freundliche Aus⸗ druck, den er bis jetzt ſo mühſam bewahrt, aus ſeinen Zügen, und ſeine Lippen, welche bis dahin ſo freund⸗ —õÿõmʒÿꝑyyfäyo— — — 182— lich gelächelt, murmelten jetzt Worte der Verwünſchung und des Zorns. Während er ſonſt noch mit Tripot zu plaudern pflegte, befahl er ihm jetzt, den ſilbernen Armleuchter auf ſeinen Schreibtiſch zu ſetzen und dann ſich zu entfernen. Dann, als er allein war, zog er haſtig die Karte hervor, und gleichſam, um ſich zu überzeugen, daß das, was er da ſah, wirklich Wahrheit und kein Traum ſei, las er mit lauter, bald vor Wuth zittern⸗ der Stimme: On remarque pour l'ordinaire Qu'un songe est analogue à notre caractere. Un héros peut réver, qu'il a passé le Rhin, Un chien, qu'il aboie à la lune; Un joueur, qu'il a fait fortune, Uu voleur, qu'il a fait butin. Mais que Voltaire, à l'aide d'un mensonge, Ose se croire roi, lui, qui m'est qu'un faquin, Ma foi! c'est abuser du songe. 3 (Ganz ohne Grund iſt die Bemerkung nicht, Daß dem Character auch der Traum entſpricht. Ein Held kann träumen, daß den Rhein er überſchreitet, Ein Hund, daß er zum Monde aufwärts bellt, Ein Spieler, daß er ſich gewinnt viel Geld, Ein Räuber, daß er Schätze ſich erbeutet. Daß Voltaire aber mittelſt einer Lüge Sich träumt als König, dieſer eitle Geck, Bei Gott! der Traum verdient wohl eine Rüge.) Ah, ich bin alſo ſchon ein faquin! ſagte Voltaire ingrimmig. So weit haben es meine daWsog ſchon gebracht, daß der, den man vor einigen Wochen — 183— noch den Weiſen ſeines Jahrhunderts, den Virgil Frankreichs nannte, jetzt weiter nichts iſt, als ein fa- quin! Aber dies Mal habe ich die Zurechtweiſung verdient, und das gerade vermehrt noch meinen Zorn. Denn es zeigt mir, daß ich noch immer ein Stümper und ein gutmüthiger Narr bin. Warum war ich ſo wahnſinnig, dieſen feierlichen Proteſtationen des Kö⸗ nigs zu glauben, daß er ſich nd berheben, nie⸗ mals mich den Herrn fühlen kerde. Kaum wage ich es, mich ihm gleich zu ſo ſchwingt er ſchon die Zuchtruthe, um den Selaven in den Staub zu beugen. Ah, Voltaire iſt nicht der Mann, der ſich beugen läßt, und es wird ein Tag kommen, wo ich ihm den Aerger dieſes Abends mit reichlichen Zinſen zurückgebe.— Aber jetzt iſt es für heute genug des Aergers und der Aufregung. Ich will ſchlafen, und vielleicht entführt mich mein Traum von dieſen kalten, erbärmlichen Ufern der Spree nach meinem ſchönen und glänzenden Paris! Er rief Tripot und befahl ihm, hinüberzugehen zu den Zimmern des Königs, und Fredersdorf zu mel⸗ den, daß Voltaire ſich ſehr leidend fühle und nicht im Stande ſei, den König mit ſeinem Gefolge morgen früh nach Potsdam zu begleiten, ſondern um Entſchul⸗ digung bitten laſſe. Dann begab er ſich zur Ruhe, und die Götter er⸗ hörten vielleicht ſein Gebet und ließen ihn im Traume dieſes ſchöne Paris ſehen, wo die Marquiſe von Pom⸗ padour herrſchte und die frommen Prieſter gegen den Atheiſten Voltaire predigten, dem der großmüthige Kö⸗ nig von Preußen ein Aſyl gegeben.— Vielleicht auch ſah er im Traum die Seigneurie ſeiner Zukunft, ſein ſchönes Schloß Fernay am Genfer See, wo der Atheiſt Voltaire einen Tembel bauen ließ, und ihn 8½ — 184— mit der ſtolzen Inſchrift ſchmückte: Voltaire Deo erexit. Gewiß wenigſtens mußten es ſchöne und erquickende Träume ſein, welche ihm umgaukelten, denn Voltaire lächelte im Schlafe, und ſein Geſicht, welches wachend ſo oft von kleinlichen und boshaften Leidenſchaften ent⸗ ſtellt ward, war jetzt von einer klaren und heitern Schönheit, es das Antlitz eines Dichters, welcher mit geſchloſſenen en in den heitern Himmel ſchaut. Der Morgen kam und Voltaire ſchlief immer noch; ſelbſt das Geräuſch der im Schloßhof auffahrenden Equipagen und dann ſpäter ihr raſches Davonrollen erweckte ihn nur einen Augenblick. Er hüllte ſich nur feſter in ſein weiches Lager, die weichen Eiderdaunen ſeines Kopfkiſſens ſchlugen über ſeinem Haupte zuſam⸗ men und machten es ganz unſichtbar, und hielten jedes Geräuſch von ihm fern, damit ſein Schlaf durch kein Geräuſch mehr geſtört werde. Tripot kam leiſe auf den Zehen hereingeſchlichen und nahm den ſchwarzen Frack, um ihn wieder hin⸗ überzutragen zu ſeinem Freunde, dem Bedienten des Herrn Fromery, damit er dieſe Duodez⸗Ausgabe des geſtrigen prachtvollen und großen Fracks wieder unbe⸗ merkt in ſeines Herrn Kleiderſchrank hängen möge,— Voltaire hörte nichts, er ſchlief ruhig weiter. Er ſchlief ruhig weiter, ſelbſt als die Thür jetzt mit Geräuſch geöffnet ward und ein junges Frauen⸗ zimmer mit friſchen rothen Wangen und hellen Augen in ſein Zimmer trat. Sie trug die einfache Kleidung der Schloßdienerinnen; ein zierliches weißes Häubchen verbarg ihr Haar, das vorn geſcheitelt ihre Stirn um⸗ gab, eine weiße Schürze mit einem großen Buſenlatz war ſchonend über das einfache geſtreifte Wollenkleid gelegt. Auf ihrem vollen bloßen Arm trug ſie einen 32 — 185— Haufen Linnenzeug, Bettücher und Bezüge, die ſie jetzt achtlos auf den Boden warf und ſich mit raſchen Schritten dem Bett Voltaire's näherte, das, gleich den Staatsbetten der großen Könige, nicht an die Wand, ſondern frei in das Zimmer hineingeſtellt war. Voltaire ſchlief noch immer; das weiche Kopffiſſen war ſo dicht über ſeinem Haupte zuſammengeſchlagen, daß er nichts hören, und das Mädchen ihn gar nicht ſehen konnte. Sie war ganz arglos und unbefangen, die junge Verwalterin der königlichen Betten, ſie glaubte ganz einfach, daß Herr von Voltaire, gleich den übrigen Herren, mit dem König nach Potsdam gefahren ſei, und ſie kam, um in dieſem Zimmer zu thun, was ſie in allen Zimmern gethan, nämlich die Bettlaken abzu⸗ nehmen. Mit raſchem Griff faßten ihre kräftigen beiden Hände das unter dem Oberbett hervor ſchauende Bett⸗ tuch, mit einem gewaltigen Ruck ſchnellte ſie es em⸗ por; da ertönte ein lauter Schrei, und eine weiße Geſtalt flog, aus dem Bett emporgeſchnellt, mitten in das Zimmer hinein, wo ſie mit wilden Flüchen und drohend geballten Fäuſten ſich auf dem Teppich wälzte. Die Wäſcherin ſtieß einen gellenden Angſtſchrei aus und entfloh entſetzt aus dem Zimmer, und wäre die Geſtalt und die Schlafmütze nicht von lichtem Weiß geweſen, ſo würde ſie geſchworen haben, daß es der Teufel in Perſon geweſen, welcher ſich aus dem Bett des großen franzöſiſchen Dichters hervorgewälzt habe.*) * Thiébault. Vol. V. S. 281. * ——————— — — 186— X. Ein Liehesopfer. Die Friſt war abgelaufen. Dieſe vier Wochen, welche der König ſeiner Schweſter bewilligt hatte, um mit ihrem Herzen zu Rathe zu gehen, ſie waren jetzt zu Ende, und nichts war in dem Herzen der Prin⸗ zeſſin anders geworden; nur ihr Antlitz hatte ſich ver⸗ annddert; ſie konnte wohl ihre Bläſſe unter der Schminke und das ſchmerzliche Zucken ihrer Lippen unter einem Lächeln verbergen, aber ſie konnte nicht verhindern, daß man ſah, wie ihre Wangen täglich mehr einfie⸗ len, wie ihre Augen ſich täglich mehr rötheten. Selbſt der König hatte das geſehen, und ihr ſeinen Leib⸗ arzt Meckel geſchickt, damit er ihre kranken Augen heile. Prinzeſſin Amalie empfing dieſen Abgeſandten des Königs mit einem bittern eiſigen Lächeln. Der König iſt ſehr gütig, ſagte ſie, aber ich bin nicht krank, ich leide gar nicht. Aber, königliche Hoheit, Ihre Augen leiden, ſagte der Arzt. Sie ſind entzündet und matt. Erlauben Sie, daß ich dieſelben unterſuche. Unterſuchen Sie, da der König es befohlen hat, aber ich ſage Ihnen im Voraus, Sie werden das Lei⸗ den nicht heilen können. Der Geheimrath Meckel unterſuchte die Augen mit ſorgfältiger Genauigkeit und ſchüttelte bedenklich den Kopf.— Prinzeſſin, ſagte er endlich leiſe und ehrfurchtsvoll, — — — —— — 187— r 13* wenn Sie Ihren Augen keine Ruhe gönnen, wer 1 Sie die Nächte, ſtatt zu ſchlafen, ruhelos in Ihren Zimmern umhergehen, und Ihre Augen immer wie⸗ der durch vieles Weinen erſchöpfen, ſo kann das ein ſehr ſchlimmes und trauriges Ende nehmen. Sie meinen, daß ich erblinden könnte? fragte Amalie ruhig. Der Arzt zuckte bedenklich die Achſeln. Ich meine, daß Ihre Augen ſehr krank ſind, aber das iſt kein acutes Leiden, ſondern Ihr ganzes Nervenſyſtem iſt krank und erſchöpft und wir müſſen auf dieſes im Ganzen wirken, wenn wir wollen, daß die Augen ge⸗ neſen ſollen. Verſchreiben Sie alſo Etwas, da Seine Majeſtät es befohlen hat, ſagte Amalie kalt. Ich werde Euerer königlichen Hoheit ein Mittel verſchreiben, aber daſſelbe iſt ſo ſtarker und gefährlicher Art, daß man es nur mit der äußerſten Vorſicht an⸗ wenden darf. Es iſt eine aus ſcharfen Arzneimitteln zuſammengeſetzte Flüſſigkeit, welche erwärmt werden muß, und deren Dämpfe Sie in Ihre Augen ziehen laſſen. Aber Euere Hoheit müſſen dabei ſehr ſorgſam und bedächtig zu Werke gehen. Die Subſtanzen die⸗ ſer Mixtur ſind ſo ſcharf und ätzend, daß ein zu nahes Einziehen der Dämpfe nicht bloß Ihre Augen, ſondern Ihr ganzes Antlitz, ja Ihre Stimme gefährden kann. Sie müſſen daher, während die Dämpfe aufſteigen, Ihren Mund feſt geſchloſſen haben, und dürfen Ihre Augen dem Gefäß, in welchem die dampfende Maſſe ſich befindet, niemals näher als acht bis zehn Zoll bringen. Werden Euere Königliche Hoheit die Gnade habene das nicht zu vergeſſen und danach zu han⸗ eln?. 6 — — 188— Ich werde es nicht vergeſſen, ſagte Amalie, nur den erſten Theil der Frage beantwortend. Der Arzt achtete nicht darauf. Er verſchrieb ſein Recept, und entfernte ſich, nachdem er noch einmal die ſorgfältigſte Vorſicht bei der Anwendung des Mittels empfohlen hatte. Das war am Tage vor dem Ablaufen der vom König geſetzten Friſt. Prinzeſſin Amalie, welche ganz ruhig, ganz reſignirt ſchien, und ſelbſt zu ihrem ver⸗ trauten Hoffräulein nicht mehr klagte, ließ es ruhig geſchehen, daß man ihr am andern Morgen die dam⸗ pfende Mixtur brachte, und während ſie ſich in der von dem Arzt befohlenen Entfernung darüber neigte, ſagte ſie lächelnd zu Erneſtinen: Ich muß wohl heute verſuchen, meine Augen etwas glänzend zu machen, damit ich meinem Bruder gefalle, oder wenigſtens nicht ſofort ſeinen Unwillen errege. Das Mittel ſchien in der That ein ſehr wirkſames zu ſein, denn der Prinzeſſin Augen waren heute ſo ſtrahlend und hell, wie ſeit lange nicht, und auf ihren Wangen brannte jenes dunkle glühende Incarnat, wie es ein ſtarker und kühner Entſchluß, ein energiſches Wollen zuweilen auch auf blaſſen Geſichtern hervor⸗ ruft. Jetzt, Erneſtine, komm, ſagte ſie. Begleite mich in mein Toilettenzimmer, und wache darüber, daß ich eine möglichſt ſorgſame Toilette habe. Mir iſt, als ſei das heute mein Hochzeitstag, als ginge ich hin, mich einem geliebten Freunde auf ewig zu verloben. Möchten ſie das thun, Prinzeſſin, flehte Fräulein von Haake. Möchten Sie Ihr ſchönes und edles Herz bezwingen, und den Wünſchen des Königs folgend, dem König von Dänemark ſich vermählen. SA Amalie warf auf ſie einen erſtaunten und zürnen⸗ V „ — 189— den Blick. Du weißt, ſagte ſie, daß Trenck meine Warnung erhalten und mir auf dieſelbe geantwortet hat. Er wird keinerlei Einflüſterungen Gehör geben, eer wird unter keinem Vorwand ſich bewegen laſſen, die Grenze der Staaten meines Bruders zu über⸗ ſchreiten, er wird ſelbſt dann nicht kommen, wenn ihn dieſer in Gnaden zurückrufen läßt. Ich kann alſo we⸗ gen ſeiner ganz außer Sorgen ſein. Und da Euere Hoheit das ſein können, ſo ſollten Sie auch jetzt ein wenig an Ihr eigenes Glück den⸗ ken, Prinzeſſin. So ſollten Sie verſuchen, ſich mit Ihrem Schickſal zu verſöhnen und in das Unabänder⸗ liche ſich zu ergeben. Der König, und mit ihm die ganze königliche Familie, ja, das ganze Land würde voll Freuden ſein, wenn die beabſichtigte Vermählung mit dem König von Dänemark zu Stande käme. Oh, ſein Sie alſo weiſe, Prinzeſſin, thun Sie jetzt freiwil⸗ lig und freudig, was Sie ſonſt gewiß gezwungen und ohne Dank thun müſſen. Geben Sie Ihre Einwilli⸗ gung, werden Sie Königin von Dänemark! Ach, Du haſt alſo niemals geliebt, und Du weißt nicht, daß es ein Verbrechen iſt, einen heiligen Eid, den man Gott geleiſtet hat, zu brechen! rief Amalie. Aber ſchweigen wir davon. Ich weiß, was ich zu thun habe, und ich werde es thun! 1 Und mit vollkommener Ruhe und Gelaſſenheit be⸗ endete die Prinzeſſin ihre Toilette, dann ging ſie zu der großen Pſyche, die in ihrem Boudoir ſtand, und betrachtete in derſelben mit prüfendem Auge ihr eige⸗ nes Bild. Ich denke, es iſt nichts in meiner Erſcheinung, welches den König verſtimmen könnte, ſagte ſie. Ich habe hinlänglich Schminke auf meine Wangen gelegt, und Dank dem köſtlichen Mittel des Arztes ſind meine ——— —— — 190— Augen heute ſo glänzend, als hätten ſie niemals Thrä⸗ nen vergoſſen, und wenn ich mit einem ſolchen freund⸗ lichen vollen Lächeln zu meinem Bruder eintrete, wird er nicht ſehen, daß meine Wangen eingefallen ſind. Er wird alſo mit mir zufrieden ſein, und dann viel⸗ 5 leicht meinen Bitten Gehör geben. Erneſtine betrachtete ſie mit traurigen, kummer⸗ vollen Blicken. Sie ſehen bleich aus, trotz Ihrer Schminke, ſagte ſie, und wenn Sie lächeln, ſo zerreißt Einem dies Lächeln das Herz, denn es iſt darin ein Tönen und Klingen, wie von einer geſprungenen Saite. Still! ſagte Amalie mit zuckender Lippe, ſtill, Er⸗ neſtine. Die Stunde iſt gekommen! Ich gehe zum König. Siehſt Du, der Zeiger der Uhr deutet auf zwölf, und gerade für dieſe Stunde habe ich bei dem König um eine Audienz nachſuchen laſſen. Lebe wohl, Erneſtine, und hörſt Du, bete für mich. Sie hüllte ſich feſt in ihren mit Zobel verbrämten Sammetüberwurf und durchſchritt ruhig und ſtolz auf⸗ gerichtet ihre Gemächer und den langen Corridor, wel⸗ cher von den Zimmern der Königin Mutter in den von dem König bewohnten Seitenflügel des Schloſſes führte. Deer König empfing ſie in ſeinem Bibliothekzim⸗ mer. Er kam ihr bis zur Thür entgegen, und reichte ihr mit einem freundlichen Lächeln ſeine beiden Hände dar. 3 Willkommen, Amalie, ſagte er, tauſendmal Will⸗ kommen, denn Ihr Hierſein beweiſt mir, daß Ihr Herz die Stärke gefunden hat, welche ich von ihm er⸗ wartete, und daß meine Schweſter ſich ſelber und ihren mädchenhaften Stolz wiedergefunden hat. Die Tochter der Hohenzollern kommt, um ihrem König zu ſagen: † Der König trat einen Schritt zurück, und ſei ———— — 191— „Der König von Dänemark wirbt um meine Hand. Ich gebe ſie ihm, denn die Tochter meiner Väter darf niemals in die Tiefe, ſondern in die Höhe blicken, und wenn da für mich kein Myrtenkranz, ſondern nur eine Krone glänzt, ſo will ich die Krone nehmen, denn Gott hat mein Haupt ſtark gemacht und geſegnet, da⸗ mit es eine Krone tragen könne. Da ich keine be⸗ glückte Schäferin ſein darf, ſo will ich eine beglückende Königin ſein.“ Das iſt es, was Sie dem König ſagen wollen. Aber Sie ſind auch gekommen, um zu Ihrem Bruder zu ſagen:„Mein Bruder, ich bin be⸗ reit, Deinen Wunſch zu erfüllen, denn ich weiß, daß Du keine egoiſtiſchen Abſichten, keine ehrgeizigen Pläne damit verbindeſt. Ich weiß, daß Du nur mein Glück und meine Wohlfahrt im Auge hatteſt, daß Du mich erretten wollteſt von Unglück, Erniedrigung und Schmach, daß Du vor den Irrthümern und Schwä⸗ chen meines eigenen Herzens mich bewahren wollteſt. Ich erfülle alſo Deinen Wunſch, mein Bruder, ich will Königin von Dänemark werden.“ Nun, fuhr der Kö⸗ nig nach einer kleinen Pauſe mit tiefbewegter Stimme fort: Nun, Amalie, habe ich nicht richtig errathen? Iſt es nicht deshalb, daß Du gekommen biſt? Nein, mein Bruder, nein, rief Amalie mit wild hervorſtürzenden Thränen, nein, ich bin gekommen, Ihr Mitleid, Ihr Erbarmen anzuflehen. Und ganz außer ſich, ganz voll Leidenſchaft und Schmerz auf ihre Kniee niederſtürzend hob ſie flehend ihre Arme zu dem König empor. Gnade, mein Bruder, Gnade! Oh, ſchonen Sie meines gemarterten Herzens, laſſen Sie mir wenigſtens die Freiheit, zu klagen und un⸗ glücklich zu ſein. Wollen Sie mich nicht an Däne⸗ mark verheirathen! 1 — 192— Stirn verfinſterte ſich. Aber er bezwang ſeinen Un⸗ muth ſchnell, und näherte ſich ſeiner Schweſter mit einem gütigen Lächeln, um ſie ſanft aufzurichten und zu dem Divan zu führen. Kommen Sie, Amalie, ſagte er. Es ziemt Ihnen nicht, vor einem Menſchen auf den Knieen zu liegen, nur vor Gott dürfen Sie knieen. Setzen wir uns hieher, und nun laſſen Sie uns miteinander ſprechen, wie es zwei Geſchwiſtern geziemt, welche ſich lieben und ſich verſtändigen wollen. Ich bin zu Allem bereit, ich werde mich in Alles fügen, murmelte Amalie, nur ſein Sie gnädig, nur zwingen Sie mich nicht, mich an Dänemark zu ver⸗ heirathen.. Ah, ſehen Sie nur, wie richtig Sie, obwohl Sie mir widerſtreben, Ihre Stellung begriffen haben, ſagte der König milde. Sie ſprechen von Ihrer Verheira⸗ thung an Dänemark. Ihre ganze erhabene und große Beſtimmung ruht in dieſem Wort. Eine Prinzeſſin, wenn ſie ſich vermählt, heirathet nicht einen Mann, ſondern ein ganzes Volk, und nicht einen Mann, ſon⸗ dern ein ganzes Volk ſoll ſie glücklich machen. Da ſind die Weinenden, deren Thränen ſie trocknen, die Armen, deren Hunger ſie ſtillen, die Unglücklichen, denen ſie Hülfe bringen, die Kranken, mit denen ſie beten ſoll. Da iſt ein ganzes Volk, welches ihr ent⸗ gegenjauchzt, welches ſeine Hände zu ihr ausſtreckt, und zu ihr um das fleht, mit welchem Gott auch das Herz einer Königin geſegnet hat, weil ſie ein Weib iſt,— um Liebe. Oh, meine Schweſter, das iſt wohl eine große und ſchöne Beſtimmung, welche das Schickſal Ihnen vorbehalten hat: nicht einen Einzelnen nur, ſondern Tauſende zu beglücken, als der hülf⸗ reiche, vermittelnde und lächelnde Engel an der Seite — 193— eines Königs zu ſtehen, das vermittelnde Band der Liebe zu ſein zwiſchen einem König und ſeinem Volk. Wahrlich, eine ſolche Beſtimmung iſt es wohl werth, daß man ihr ſeine eigenen kleinlichen Wünſche, ſein ganz perſönliches, egoiſtiſches Glück opfere. Ich habe kein Glück mehr zu opfern, ſeufzte Amalie, denn ich habe kein Glück, und ich verlange es auch nicht. Aber ich will wenigſtens das Recht haben, meinem Gram zu leben, und mir ſelber treu u ſein. Treu ſich ſelber iſt nur Derjenige, welcher ſeine Pflicht thut, rief der König. Treu ſich ſelber iſt, wer ſich ſelbſt bezwingt, und wenn er nicht glücklich ſein kann, wenigſtens ſich bemüht, glücklich zu machen. Und dieſes„Glücklichmachen“ das iſt die edle Beſtim⸗ mung der Frau, darin ſoll ihr Egoismus aufgehen und ihr Herz, darin ſoll ſie ihren Troſt, ihre Stärke und ihren Frieden finden. Und wer, meine Schwe⸗ ſter, kann denn von ſich ſagen, daß er glücklich ſei? Unſer Leben beſteht aus unerfüllten Wünſchen, aus vergeblichen Hoffnungen, aus vernichteten Idealen, aus verlorenen Illuſionen. Sieh mich an, Amalie. Bin ich denn Jemals glücklich geweſen? Glaubſt Du, daß es Jemals einen Tag gegeben hat, den ich noch einmal durchleben möchte? Habe ich nicht von frühe⸗ ſter Jugend auf das Unglück, die Entſagung, den Schmerz kennen gelernt. Sind nicht alle Blüthen meines Lebens gebrochen worden? Bin ich nicht ein Sclave meiner Größe geweſen, ein gefeſſelter Menſch, wo ich ein ſtolzer König zu ſein ſchien? Oh, ich will Dir nicht erzählen, was Alles ich gelitten habe, wie man allgemach mein Herz zertreten und zerpflückt hat, ich will Dir nur ſagen, daß ich dennoch niemals ge⸗ wünſcht habe, etwas Anderes zu ſein, als was ich Muͤhlbach Berlin u. Sansſouci ꝛc. IV. 13 4 8 — 194— bin, daß ich ſtets meinem Schickſal gedankt habe, auf einem Thron, und nicht in einer Hütte geboren zu ſein. Denn, meine Schweſter, ein erhabenes Unglück iſt immer beſſer und herrlicher, als ein kleines und gemeines Glück, und das Haupt voll Wunden zu ha⸗ ben, weil die Krone zu ſchwer auf unſern Scheitel preßt, iſt immer noch ein glänzenderes Loos, als un⸗ ter den ſchmutzigen Füßen der Gemeinheit und All⸗ täglichkeit ſein Leiben auszuhauchen, um in ein dunk⸗ les und unbekanntes Grab zu ſinken. Gott, welcher uns vielleicht die Liebe verſagte, er gab uns dafür den Ruhm, und wenn wir das Glück nicht beſitzen, ſo beſitzen wir dafür die Macht. Ach, mein Bruder, rief Amalie ſchmerzlich, das ſind die Anſichten eines Königs und eines Mannes. Ich bin nur ein armes ſchwaches Weib, und für mich giebt es keinen Ruhm und keine Macht. Auch Iſabella von Spanien, auch Eliſabeth von England waren nur Weiber, und doch leuchtet ihr Ruhm durch Jahrhunderte! 1 Aber ſie waren ſelbſtſtändige Königinnen, während ich niemals etwas Anderes ſein kann, als die Ge⸗ mahlin eines Königs. Oh, mein Bruder, laſſen Sie mich niemals etwas Anderes ſein, als die Schweſter eines Königs. Wollen Sie an meinem Schickſal nichts ändern und wechſeln, möge Alles bleiben wie es iſt. Das iſt Alles, was ich heute noch erflehen will. Ich habe ja mein Herz getödtet und jedem Wunſche ent⸗ ſagt, laſſen Sie es damit genug ſein, mein Bruder, fordern Sie nicht das Uebermenſchliche von mir. Der König ſprang empor, und ſeine Augen glüh⸗ ten jetzt im Feuer des Zorns. Es iſt alſo Alles ver⸗ geblich, ſagte er mit gewaltiger Stimme. Sie wollen weder der Bitte, noch der Vernunft Gehör geben? —— — — 195— Oh Sire, Erbarmen! Ich kann mich nicht au den König von Dänemark vermählen! Sie können nicht? rief der König. Was bedeu⸗ tet das? e Das bedeutet, daß ich geſchworen habe, niemals eines Andern Weib zu werden, als das Weib deſſen, den ich liebe. Das bedeutet, daß ich geſchworen habe, unvermählt zu ſterben, wenn ich nicht mit meinem Geliebten vor den Altar treten kann. Sie werden dieſen thörichten Schwur nicht erfül⸗ len können, rief der König drohend. Sie werden ſich vermählen, ich der König befehle es Ihnen. Thun Sie es nicht, mein Bruder, rief Amalie ſtolz, befehlen Sie nicht, denn Sie ſtehen hier an den äußerſten Grenzen Ihrer Macht, und Sie könnten leicht erfahren, daß auch ein König ohnmächtig iſt dem feſten Menſchenwillen gegenüber. Ah, Sie wollen mir drohen?. Nein, ich will nur zu Ihnen bitten, nur zu Ihrem Herzen flehen um Erbarmen! Oh, mein König und mein Bruder, haben Sie Mitleid. Ich umklammere Ihre Kniee, und ich bete zu Ihnen, wie man zu Gott betet: Erbarme Dich meiner Qual, lindere meine Schmerzen! Ich bin ein armes, ſchwaches Weib, er⸗ barme Dich! Mein Herz blutet aus tauſend Wun⸗ den, tröſte es. Ich bin einſam und allein, verlaſſen von allen Menſchen, ſei Du mit mir und ſchütze mich. O, mein Bruder, mein Bruder, es iſt mein Leben, meine Jugend, meine Zukunft, welche zu Dir fleht: Erbarmen, Gnade! Treibe mich nicht auf das Aeu⸗ ßerſte: Sei gnädig, wie es Gott iſt. Zwinge mich nicht zu einer Empörung gegen Gott, gegen die Na⸗ tur und gegen meine eigene Menſchenwürde. Laſſen Sie mich nicht eine unnatürliche Tochter, eine un⸗ 13* 1 —,— —ꝛ;— * — 196= dankbare Schweſter, eine ungehorſame Unterthanin werden. Mein Gott, mein Gott, laſſen Sie Ihr Herz rühren. Ich kann den König von Dänemark nicht heirathen, ſagen Sie nicht, daß ich es ſoll! Und wenn ich es dennoch thäte, wenn ich kraft meiner Autorität als Ihr Bruder und Ihr König Ihnen befehle, meinen Willen zu thun? So werde ich vielleicht ſterben, aber Ihren Be⸗ fehlen keine Folge leiſten, ſagte ſie, ſich langſam von ihren Knieen aufrichtend und den zornigen Blicken des Königs mit ſtolzem ruhigem Anſchauen begegnend. Sie haben meinem Flehen kein Gehör geben wollen, nun wohl, ich flehe nicht mehr. Aber ich ſchwöre Ihnen, und Gott hört meinen Schwur:„Ich werde mich niemals vermählen.“ Jetzt, mein König, jetzt verſuchen Sie, wie weit Ihre Macht reicht, und was Sie vermögen gegen ein Weib, welches ſein Herz auf⸗ lehnt gegen die Tyrannei ihres Schickſals. Ah, Sie können ein Heer in die Schlacht führen, Sie können Provinzen erobern und Throne wanken machen, aber Sie können ein Weib nicht zwingen, zu thun, was ſie nicht mag, Sie können meinen Willen nicht brechen, und ich wiederhole meinen Schwur: Ich werde mich niemals vermählen! Ein Ausruf des Zornes drang von den Lippen ddes Königs, und mit einer heftigen Bewegung vor⸗ 5 wärts ſchreitend, faßte er mit ſeinen beiden Händen die Arme der Prinzeſſin. Dann aber, gleichſam be⸗ ſchämt über ſeine eigene Heftigkeit, ließ er ſie wieder los und trat zurück.— Sein Antlitz, welches vorher ſo glühend und erregt geweſen, nahm jetzt einen kal⸗ ten und eiſigen Ausdruck an, und auf ſeinen Lippen zeigte ſich jetzt dieſer ſtrenge ironiſche Zug, den er nur — 197— in den Momenten der höchſten Erbitterung, der zor⸗ nigſten Spannung anzunehmen pflegte. Madame, ſagte er, Sie werden ſich dem Könige von Dänemark vermählen. Das iſt mein unabänder⸗ licher Wille, mein unwiderruflicher Befehl. Die Trauerzeit um ſeine verſtorbene Gemahlin iſt abge⸗ laufen, und der König von Dänemark hat durch einen beſondern Geſandten die Bitte um Ihre Hand er⸗ neuern und wiederholen laſſen. Ich werde den Herrn Geſandten morgen in feierlicher Audienz empfangen, und ihm ſagen, daß ich bereit bin, dem König von Dänemark die Hand meiner Schweſter zu bewilligen. Sie werden alſo morgen die Braut, in vier Wochen die Gemahlin des Königs von Dänemark ſein. Und wenn ich Ihnen wiederhole, daß ich nicht will? Madame, wenn der König geſprochen hat, giebt es Niemand in ſeinem Reich, der da ſagen kann: ich will nicht!— Leben Sie wohl! Auf morgen alſo! Er nickte leicht mit dem Kopf, und ging in das anſtoßende Gemach, deſſen Thür er hinter ſich ver⸗ ſchloß. Amalie ſeufzte tief auf, und wandte ſich der Thür zu, um wieder in ihre Gemächer zurückzukehren. Lang⸗ ſam und ruhig wie ſie gekommen, ſchritt ſie wieder durch die Corridore und Zimmer dahin, mit einem ſanften Lächeln ging ſie an ihrem Hoffräulein vor⸗ über, die mit hochklopfendem Herzen ſie im erſten Vorzimmer erwartet hatte. Als Erneſtine ihr in ihr Bondoir folgen wollte, winkte ſie ihr zurück zu blei⸗ ben, indem ſie ſie zugleich mit einem Blick unendlicher Liebe anſah. Aber als ſie jetzt die Thür ihres Boudoirs hinter ——— — — 198— ſich geſchloſſen hatte, als ſie allein war, da drang ein wilder, ſchriller Angſtſchrei von ihren Lippen, und mit einer verzweiflungsvollen Bewegung ihre Arme zum Himmel emporſchleudernd, ſank ſie wie zerbrochen auf den Fußboden hin. Wie lange ſie ſo gelegen? Welche Martern und Qualen ihr Herz in dieſen Stunden des Alleinſeins mit Gott erduldet, wer kann das wiſſen und er⸗ meſſen?. Der Abend dunkelte ſchon, als Prinzeſſin Amalie die Thür ihres Kabinets öffnete und ihre Freundin, Fräulein von Haak, welche lange ſchon weinend und verzweifelnd um Einlaß gefleht hatte, mit ſanfter Stimme bat, zu ihr einzutreten. 3 Oh, Prinzeſſin, theure, geliebte Prinzeſſin, ſagte Fräulein von Haak weinend, die Hand Amaliens an ihre Lippen drückend. Gelobt ſei Gott, daß Sie mir erlauben, Sie wieder zu ſehen. Mein Herz iſt faſt vergangen vor Angſt um Sie! Armes Kind, ſagte Amalie ſanft, armes Kind, Du glaubteſt, ich würde mich tödten, nicht wahr? Nein, Erneſtine, ich werde leben, denn eine finſtere und traurige Ahnung ſagt mir, daß ein Tag kommen wird, wo Trenck meiner bedarf, wo ihm mein Leben, meine Hülfe und mein Beiſtand nöthig iſt. Ich werde alſo die Kraft haben zu leben und dieſen Tag zu er⸗ warten. Das iſt Alles, was ich Dir zu ſagen ver⸗ mag. Laß uns nicht mehr davon ſprechen. Und mit ruhiger Gelaſſenheit begann ſie jetzt von gleichgültigen Dingen zu ſprechen, freundlich eingehend auf Alles, was Erneſtine ihr erzählte. Nur war eine gewiſſe Feierlichkeit in ihren Bewegungen, in ihrem Lächeln, in jedem Wort, welches ſie ſprach, nur blick⸗ ten ihre Augen zuweilen mit einem unausſprechlichen ,— — — 199— Ausdruck zum Himmel und ein bauger, angſtvoller Seufzer zitterte von ihren Lippen. Endlich waren dieſe langen, trüben Abendſtunden überwunden, endlich war die Nacht da. Prinzeſſin Amalie durſte ihre Damen entlaſſen und allein blei⸗ ben. Ihre Kammerfrau brachte die Spiritusflamme, auf welcher das Gefäß mit der dampfenden Mixtur für der Prinzeſſin Augen ſtand.— Amalie hieß ſie daſſelbe hinzuſtellen und ruhig ſchlafen zu gehen. Sie wollte ſich ſelbſt entkleiden, und bevor ſie die Arzenei gebrauche, noch etwas leſen. Dann umarmte ſie Fräulein von Haak und hieß auch ſie ſich zur Ruhe begeben. Sie haben mir Ihr Wort gegeben, flüſterte Erne⸗ ſtine leiſe, Sie werden leben? Ich werde leben, denn Treuck wird meiner eines Tages bedürfen! Gute Nacht! Sie küßte Erneſtine auf die Stirn und blickte ihr lächelnd nach, bis die Thür ſich hinter ihr ſchloß. Dann ſchob ſie raſch den Riegel vor, und das Ge⸗ mach durchſchreitend, ging ſie zu dem großen Spiegel hin, der ihr hell und deutlich ihr eigenes Bild wie⸗ dergab. Mit einem ſeltſamen Ausdruck betrachtete ſie ihre eigene ſchöne, jugendvolle, reizende Erſcheinung, und leiſe flüſterten ihre Lippen: Lebe wohl! Du, welche Trenck geliebt hat, lebe wohl! Sie grüßte mit einem matten Lächeln ihr Spie⸗ gelbild und dann ging ſie mit feſtem Schritt zu dem Tiſch hin, auf welchem dieſe Mixtur brodelte und ziſchte und ihre gefährlichen Dämpfe emporwirbelte. Am andern Morgen vernahm man aus dem Schlafzimmer der Prinzeſſin lautes Schreien und V — —— ———— 2 —— — 200— Jammern.— Das waren die Kammerfrauen, welche gekommen waren, die Prinzeſſin anzukleiden, und welche ſie mit entſtelltem Geſicht, mit blutunterlaufenen Au⸗ gen, die geſchwollen und ſtarr aus ihren Höhlen her⸗ vorzuquellen ſchienen, auf ihrem Lager fanden. Man lief nach dem Arzt, nach der Königin, nach dem König ſelbſt. Alles war Verwirrung, Aufregung und Angſt. Erneſtine von Haak knieete weinend vor dem Bett der Prinzeſſin und flehte, ihr zu ſagen, welch' ein furchtbarer Zufall das ſei und wodurch ihr Antlitz ſo entſtellt ſei. Aber Prinzeſſin Amalie vermochte nicht zu ant⸗ worten. Ihre Lippen waren krampfhaft aufeinander gepreßt, ſie konnte nur einzelne unarticulirte Laute ſtammeln. 4 Endlich kam der Geheimrath Meckel, und wie er dieſes geröthete und verſchwollene Geſicht, dieſe aus ihren Höhlen hervortretenden Augen gewahrte, und dann das auf dem Tiſch ſtehende Gefäß mit der jetzt erkalteten Mixtur, drückten ſeine Mienen Entſetzen und Kummer aus. Ah, die Unglückliche, murmelte er, ſie hat meiner Warnungen nicht geachtet. Sie iſt den Dämpfen zu nahe gekommen, und ſie ſind nicht bloß in ihre Au⸗ gen, ſondern auch in ihre Luftröhre eingedrungen. Sie wird viel zu leiden haben und niemals ganz geneſen. Amalie hatte dieſe an Fräulein von Haak gerich⸗ teten Worte verſtanden, und ein ſchauerliches, wildes Lächeln verzerrte ihre blutigen, hautloſen Lippen. Aber ſie wird doch geneſen? fragte das Hoffräu⸗ lein angſtvoll. Sie wird geneſen, aber ihre Augen werden immer entſtellt bleiben und auch ihre Stimme wird für immer — 201— gelitten haben. Ich eile jetzt ſelbſt in die Apotheke, um lindernde Umſchläge, beſänftigende Mixturen be⸗ reiten zu laſſen, und werde dann zurückkommen, die Umſchläge ſelbſt anzulegen. Der Arzt entfernte ſich, aber jetzt öffnete ſich eine andere Thür und der König trat ein. Mit heftig erregtem Geſicht, mit haſtigen Schritten näherte er ſich dem Bett der Prinzeſſin, dann, als er dieſes verſchwollene, entſtellte Antlitz, dieſe fürchterlichen Augen ſah, ſtieß er einen Ausruf des Entſetzens aus und neigte ſich über ſeine Schweſter hin. Ihre großen, blutunterlaufenen Augen blickten ſtarr zu ihm empor. Sie verſuchte die Lippen zu öffnen, ſie wollte ſprechen, aber nur ein dumpfer, hohler Laut preßte ſich aus ihren Lippen hervor. Nun richtete ſie ſich mit gewaltiger Kraftanſtren⸗ gung ein wenig empor und fuhr mit der Hand über die weiße Wandfläche neben ihrem Bett hin. Sie will ſchreiben, ſagte der König, ſie will viel⸗ leicht die Urſache ihres Leidens bezeichnen. Geben Sie etwas her, das Nächſte, Beſte. Eine Kohle dort aus dem Kamin! Fräulein von Haak brachte ihr eine der ſchwarzen Kohlen, und nun ſchrieb Amalie mit zuckender Hand, langſam und dumpf ächzend, mit großen unregelmäͤ⸗ ßigen Buchſtaben dieſe Worte an die Wand: „Jetzt werde ich den König von Däne⸗ mark nicht heirathen! Jetzt werde ich mich nie vermählen!“ Dann ſank ſie mit einem dumpfen Lachen, das ihre geſpannten und verſchwollenen Züge auf eine grauſige Weiſe entſtellte, in ihre Kiſſen zurück. Der König aber war auf einen Stuhl neben ihrem Bette niedergeſunken, und ſeine beiden Hände vor ſein ——ÿ—ꝛ———— — 8 1 —— 82 — 202— Autlitz ſchlagend, überließ er ſich ganz ſeinem tiefen Schmerz. Er hatte jetzt Alles begriffen, Alles ver⸗ ſtanden. Er wußte, daß ſie freiwillig ihr Antlitz ſo entſtellt, daß ſie ihrer Liebe ihre Schönheit geopfert hatte. Darum alſo hatte ſie ſo flehentlich gebeten, darum hatte ſie um Mitleid gejammert, Mitleid mit ihrer Jugend, ihrer Zukunft, ihrem Lebensglück. Der Liebe und Treue hatte ſie ſich geopfert, muthiger und größer in ihrer Liebe, wie Julia ſelbſt, hatte ſie ſich nicht den Tod gegeben, ſondern ſich nur entſtellt, nur ihren Körper vernichtet, um ihr Herz in Treue und Liebe ihrem Geliebten zu bewahren. Das Alles wußte und verſtand der König jetzt, und eine tiefe, unermeßliche Trauer um dieſes in ihrer Liebe ſo ſtarke und gewaltige junge Weib kam über ihn. Er neigte ſein Haupt tiefer in ſeine Hände und weinte bitterlich.*) *) Um nicht von meinen Leſeru, was dieſe Eutſtellung der Prinzeſſin anbelangt, einer willkürlichen Romanerfindung beſchul⸗ digt zu werden, führe ich hier aus dem Werke Thiébault's, der zwanzig Jahre am Hofe des Königs lebte, und daher oft Gele⸗ genheit hatte, die Prinzeſſin zu ſehen, die auf dieſelbe bezügliche Stelle an: La partie de Thistoire de la princesse Amélie qui a 6té la moins connue, et sur laquelle le public a flotté entre des opinions plus diverses et moins admissibles, c'est la cause de ses infirmités. Heureusement constituée sans être bien grande, elle n'aurait pas dü avoir à les craindre, même dans un âge très avancé, et elle en a é6té atteinte bien avant läge, qui peut les fnire craindre: encore ne les a-t-elle pas eues pärtiellement; elle en a été spontanément accablée. II m'est pas douteux, qu'elle ne les ait cherchées: j'en donnerai pour preuve un fait qui est certain. A une époque, ot elle avait les yeux enflammés, Mr. Mecke, qui Gétait son médecin, lui ordonna une composition liquide, qu'il fallait faire chauffer, Pour en faire parvenir la vapeur jusqu'aux yeux, mais en — 203— tenant ce liquide au moins à sept ou huit pouces de distance: il lui recommanda bien de ne pas T'approcher davantage; et cependant, dès qu'elle eut cette composition, elle s'empressa de s'en frotter les yeux, ce qui produisit un si funeste effet, qu'elle courut le plus grand danger de devenir aveugle, et que depuis elle a toujours eu les yeux à moitié sortis de leurs orbites, et aussi hideux, qu'ils avoient été beaux jus- que Ia. Frédéric à qui on n'osa pas dire combien la prin- cesse avait de part à cet accident, n'a j'amais cu depuis qu'une aversion très marquée et un vrai mépris pour Mr. Meckel, que la princesse fut obligée de quitter, et qui n'en était pas moins un des meilleurs médecins de Berlin, et un des plus célèbres anatomistes de l'Europe. Une autre infirmité plus étonnante encore, cest que cette princesse perdit presque totalement la voix, aussi de sa faute, a ce que P'on a prétendu: il lui était difficile de parler, et très pénible aux autres de Pentendre: sa voix n'était plus dqu'um son rauque, sourd et sépulcral, semblable a celui que forme une personne, qui fait effort pour dire, comme à Voix basse, qu'elle étrangle. Je ne parlerai pas de sa tête chancelante et se soute- nante à peine, de ses jambes pour lesquelles son corps ap- pauvri était un poids si lourd, de ses bras et de ses mains plus d'à moitié paralysés; mais quels puissants motifs ont pu amener cette belle et aimable princesse à se fnire elle méme un sort aussi triste? quelle philosophie a pu lui don- ner assez de force pour le supporter et ne pas s'en plain- dre?(Quelle énergie tous ces faits ne prouvent-ils pas? (Thiébault Vol. II. p. 287— 89.) — 204— XI. Barberina. Der Beſuch, welchen die ſtolze Frau Groß⸗Kanz⸗ lerin der ſtolzen Tänzerin gemacht, hatte für Barbe⸗ rina's unſchlüſſiges und zauderndes Herz eine endliche Entſcheidung herbeigeführt. Dieſes Herz, welches we⸗ der von dem Flehen des Herrn von Cocceji, noch von ſeinen eigenen Wünſchen bezwungen werden konnte, es war von dem Stolz der Frau Groß⸗Kanzlerin zu einem Entſchluß getrieben worden, und dieſelbe hatte daher gerade das Gegentheil von dem erreicht, was ſie beabſichtigte. Sie war gekommen, um Barberina zu beweiſen, daß ſie niemals daran denken könne, die Gemahlin ihres Sohnes zu werden, und ſie hatte durch ihr hoch⸗ fahrendes und beleidigendes Weſen Barberina ſo ſehr gereizt, daß ſie jetzt aus Rache thun wollte, was ſie früher der Liebe verweigert hatte. Sie wollte die Ge⸗ mahlin des jungen Herrn von Cocceji werden, und da ſie in ihrem glühenden Zorn das der ſtolzen Frau Groß⸗Kanzlerin in's Geſicht geſchworen hatte, ſo ver⸗ langte nun auch ihr Stolz und ihre Ehre, daß ſie ihren Schwur erfülle.. Von beiden Seiten alſo begann jetzt ein lebhafter Kampf, von beiden Seiten wurde er mit gleicher Er⸗ bitterung, gleicher Energie geführt.— Der Herr Groß⸗Kanzler mochte immerhin ſeinem Sohn mit ſeinem Fluch drohen und ihn feierlich vor Gericht enterben, ſein Sohn liebte deshalb die Bar⸗ —e —, — 205— berina nicht weniger glühend, und als ſeine Mutter zu ihm in ſchmähenden und anklagenden Worten über die ſchöne Tänzerin ſprach, erwiderte er mit höflichem Ton, aber mit feſter Entſchiedenheit: daß er ſich ſolche Sprache über eine Dame, welche bald ſeine Gemahlin ſein werde, entſchieden verbitten müſſe. Die Frau Groß⸗Kanzlerin war außer ſich vor Ent⸗ ſetzen, und jetzt gelang es ihren Ueberredungskünſten und ihren Bitten, ihren Gemahl zu bewegen, daß er zu dem letzten und für die äußerſte Gefahr aufbe⸗ wahrten Mittel ſeine Zuflucht nahm, zu dieſem Ver⸗ haftsbefehl nämlich, den der König ſeinem Groß⸗ Kanzler gegeben hatte, und kraft deſſen er ſeinen Sohn den Zauberbanden der Ariadne entführen und ihn auf das Schloß Alt⸗Landsberg bringen konnte. Man machte alſo von dieſem Verhaftsbefehl Ge⸗ brauch; eines Tages erſchien der Herr Geheimrath von Cocceji nicht wie ſonſt auf dem Kammergericht, und Niemand wußte, wohin er gegangen war. Seine Diener ſagten indeß aus, daß mitten in der Nacht eine Kutſche vor ſeiner Wohnung angefahren ſei, daß der General von Haak mit zwei Soldaten in das Haus gekommen und ſich zu dem Herrn von Cocceji in das Zimmer begeben habe, bei dem er längere Zeit geblieben ſei. Dann war der General in Be⸗ gleitung des Geheimraths wieder erſchienen und mit demſelben in die bereitſtehende Kutſche geſtiegen. Beim Einſteigen aber hatte Herr von Cocceji Ge⸗ legenheit gefunden, ſeinem vertrauten Diener ein Stück⸗ chen Papier in die Hand zu drücken und ihm zuzu⸗ flüſtern: ſchnell an die Signora. Dieſes Papier, welches der treue Diener ſofort der Signora Barberina brachte, enthielt nur dieſe Worte: Man verhaftet mich. Treſſen Sie alle nöthi⸗ b ———— 9 —— — 206— gen Vorkehrungen und erwarten Sie mich täglich. Sobald ich wieder frei bin, wird unſere Trauung ſein. Und Barberina traf ihre Vorkehrungen; ſie unter⸗ nahm öfters kleine Reiſen, welche ſie mehrere Tage von Berlin fern hielten, und in Berlin kaufte ſie ſich ein ſchönes und prachtvolles Haus, vielleicht nur, um der Frau Groß⸗Kanzlerin zu beweiſen, daß ſie gar nicht geſonnen ſei, Berlin zu verlaſſen und nach Ita⸗ lien zurückzukehren. So vergingen einige Monate. Der König, welcher die Bitte des Groß⸗Kanzlers bewilligt und ſeinen Sohn hatte verhaften laſſen, der König konnte indeß nicht darein willigen, daß man einen ſeiner Untertha⸗ nen, ſeiner Beamten in längerer Gefangenſchaft hielt, während man ihn vor keinen Richter ſtellen konnte, weil er durchaus weder gegen den König, noch gegen die Geſetze ſich verſündigt hatte, weil man ihn keines andern Verbrechens zeihen konnte, als daß er das Weib, welches er liebte, auch heirathen wollte. Man mußte ſich alſo wohl entſchließen, den Geheim⸗ rath von Cocceji wieder von dem Schloſſe Landsberg zu entlaſſen. Er kehrte wieder nach Berlin zurück, und ſein er⸗ 1 ſter Gang war nicht zu ſeinen Aeltern, ſondern zur Barberina, welche jetzt in ihrem neuen Hauſe in der Behrenſtraße wohnte. Einige Stunden ſpäter hielt ein Wagen vor der Thür ihres Hauſes, und Barberina mit ihrer Schwe⸗ ſter kamen in Begleitung des Herrn von Cocceji, um 3 den Wagen zu beſteigen, welcher raſch von dannen fuhr. Wohin waren ſie gefahren? Niemand wußte das. — 207— Selbſt die Spione der Frau Groß⸗Kanzlerin, welche beſtändig das Haus der Tänzerin umlagerten, konnten das von der zurückgebliebenen Dienerſchaft nicht erfah⸗ ren. Aber nach einigen Tagen brachten ſie ihr die Nachricht, daß die Barberina zurückgekehrt ſei, daß der Geheimrath von Cocceji mit ihr in ihrem ſchönen neuen Hauſe wohne, und daß die Dienerſchaft von dem Herrn von Cocceji den Befehl erhalten, die Signora jetzt „Frau Geheimräthin“ zu nennen, da ſie jetzt ſeine an⸗ getraute Gemahlin ſei. Die Frau Groß⸗Kanzlerin lachte verächtlich dazu und hielt das nur für einen Theatercoup. Aber plötz⸗ lich hielt eine Equipage vor ihrem Hauſe, und als die Frau Groß⸗Kanzlerin ein wenig neugierig ſelber an das Fenſter trat, ſah ſie, daß der Kutſcher und der Be⸗ diente eine ſehr ſchöne von Gold ſtrotzende Livrée tru⸗ gen und daß aus dem Schlag dieſer glänzenden Kutſche, die mit dem Wappen der Cocceji geziert war, die Signora Barberina hervorſchaute. Entſetzt trat ſie vom Fenſter zurück. Da kam der Bediente mit einer Karte herein, die er der Frau Groß⸗Kanzlerin ehrfurchtsvoll überreichte. Ich bin nicht zu Hauſe, ich nehme keinen Beſuch an, ſchrie die Frau Groß⸗Kanzlerin, nachdem ſie die Karte angeſchaut hatte. Der Diener eilte von dannen und gleich darauf hörte man auf der Straße das Davonrollen des Wa⸗ gens. Es iſt alſo doch wahr und ſie hat geſiegt, ächzte die Frau Groß⸗Kanzlerin, immer noch die Karte an⸗ ſtarrend, welche nichts als die lakoniſchen Worte ent⸗ hielt: Monsicur de Cocceji, Madame de Cocceji, néc Barberina. p. f. v. 3 — 208— Aber ſie ſoll nicht ſiegen, ich werde es nimmer⸗ mehr dulden, daß Barberina meine Schwiegertochter genannt werden kann, rief die ſtolze Frau dann wie⸗ der mit neuem Muth. Dieſe Verbindung muß rück⸗ gängig gemacht werden, dieſe Ehe iſt ungültig, denn ſie iſt gegen die Geſetze des Landes, Barberina iſt eine Bürgerliche, und kein Adlicher darf ohne die Einwil⸗ ligung des Königs ſich einer Bürgerlichen vermählen. Ich werde mich alſo dem König zu Füßen werfen und er wird dieſe Ehe löſen! Und der König war in der That erzürnt und ganz geneigt, dem Flehen des Groß⸗Kanzlers und ſeiner Gemahlin nachzugeben. Er hatte erſt vor Kurzem an die katholiſche Geiſtlichkeit in Berlin den ſtrengen Be⸗ fehl erlaſſen, keine Ehe ohne vorheriges Aufgebot und ohne vorherige Legitimationen einzuſegnen, und es reizte daher ſeinen Zorn, daß dieſe es dennoch viel⸗ leicht gewagt, ſeinen Befehlen zu widerſtreben und heimlich und in der Stille den Herrn von Cocceji mit der Barberina zu trauen. Das war es, was den Zorn des Königs erregte und weshalb er dem Kabinetsminiſter von Uhden den ſchriftlichen Befehl ertheilte, genau nachzuforſchen, mit welchem Recht die Tänzerin Barberina es wagen könne, ſich Frau von Cocceji zu nennen, und wenn ſie dazu berechtigt ſei, zu ermitteln, welcher Prieſter die Trauung vorgenommen habe, da Seine Majeſtät be⸗ ſchloſſen, denſelben wegen ſeines Ungehorſams ſtrenge zu beſtrafen. 1 Der Miniſter von Uhden, ein perſönlicher Freund des Groß⸗Kanzlers, war ſehr bereit, dieſe Angelegen⸗ heit mit aller Strenge zu verfolgen, und ſandte an die Barberina den Befehl, am nächſten Tage zu ihm — 209— zu kommen, weil er im Auftrage des Königs ſie ge⸗ richtlich zu vernehmen habe.*) Als Barberina dieſes lakoniſche Amtsſchreiben er⸗ hielt, blickte ſie lange ſtumm und ſchweigend vor ſich nieder und ein tiefer Schmerz ſprach aus ihren Zügen. Und was wirſt Du thun, Schweſter? fragte Ma⸗ rietta. Ich werde zum König gehen, ſagte Barberina, aus tiefem Sinnen erwachend. Zum König, rief Marietta entſetzt. Ja, Schweſter, zum König. Ich will wiſſen, wa⸗ rum er mich haßt. Aber der König iſt heute nach Potsdam gefahren. So werde ich nach Potsdam fahren. Befiehl, daß der Kutſcher anſpannt, und auf der Poſt Relaispferde beſtellt. In einer Viertelſtunde will ich fahren. Und was ſoll ich Deinem Gemahl ſagen, wenn er vom Kammergericht heimkehrt? Barberina ſah ihr mit ſtolzen feſten Blicken in die Augen. Sage ihm, daß die Frau von Cocceji ſich nach Potsdam begeben hat, um dem König perſönlich ihre Verheirathung anzuzeigen, und um ſeine Aner⸗ kennung derſelben zu bitten. Barberina, flüſterte ihre Schweſter leiſe, noch Eins. Dein Gemahl iſt traurig und verzagt. Er hat mich zu ſeiner Vertrauten gemacht. Er ſagt, Du habeſt ihn geheirathet nicht aus Liebe, ſondern aus Depit, und im Grunde Deines Herzens liebteſt Du ihn nicht. Ich werde es lernen, denn ich will es, ſagte Barberina traurig. Oh, ich habe einen ſtarken Willen, und mein Herz ſoll mir ſchon gehorchen müſſen. *) L. Schneider. Geſchichte d. Berliner Oper. Beilagen S. 12. Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. IV. 14 3 — 210— Sie lächelte, als ſie das ſagte, aber es war ein trauriges und ſchmerzvolles Lächeln, welches ihrer Schweſter Thränen in die Augen trieb. Der König war allein in ſeinem Studirzimmer im königlichen Schloſſe zu Potsdam. Er ſaß an ſeinem Schreibtiſch, und war eifrig mit Schreiben beſchäftigt, als die Thür hinter ihm leiſe geöffnet ward, und der Marquis d'Argens mit lebhaften und neugierigen Blik⸗ ken hereinſchaute. Als er ſah, daß der König gar nicht auf ihn achtete und ihn gar nicht gehört hatte, wandte er ſich leiſe um, und winkte der Dame, welche bis jetzt hinter ihm geſtanden hatte, näher zu treten. Leiſe und geräuſchlos trat ſie ein. Der Marquis nickte ihr lächelnd zu und verſchwand wieder jenſeits der Thür, welche ex leiſe wieder in's Schloß fallen ließ. Die Dame, welche bis dahin ihr Antlitz verſchleiert hatte, warf jetzt mit einer haſtigen Bewegung den Schleier zurück, und man ſah jetzt Barberina's bleiches ſchönes Geſicht, und ihre großen funkelnden Augen, die mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Schmerz und Glück auf den König hingewandt waren. Aber der König hörte noch immer nichts. Plötz⸗ lich war es ihm, als ob er einen leiſen Seufzer ver⸗ nähme, als ob eine ſüße, lang entbehrte Stimme leiſe ſei⸗ nen Namen flüſterte. Er ſtand haſtig auf und wandte ſich um. Da an der Thür lag ſie auf ihren Knieen. Es war dieſelbe Thür, vor welcher ſie vor fünf Jahren aufgelöſt in Thränen und Verzweiflung geknieet hatte, und ſeitdem hatten ſie ſich niemals wieder geſprochen.— Wie da⸗ mals lag ſie weinend auf ihren Knieen, und hob fle⸗ hend ihre Hände empor zu dem König und bat um Gnade und Mitleid. Der König war anfangs erbleicht vor Ueberraſchung — 211— und ſeine Stirn hatte ſich in finſtere Falten gelegt, aber als er ſie anſah, als er wieder in dieſe großen tiefen unermeßlichen Augen ſchaute, da überkam ihn eine tiefe Wehmuth, ein ſchmerzlich ſüßes Gefühl von Freudigkeit und Glück. Die Wolken verſchwanden von ſeiner Stirn, ein wunderbarer, rührend ſchöner Aus⸗ druck überflog, wie ein Sonnenſtrahl, ſein Angeſicht, und ſeine Augen ſtrahlten in einem feuchten Glanz. Mit einem ſanften Lächeln näherte er ſich der Bar⸗ berina. Stehen Sie auf, Barberina, ſagte er, und der Ton ſeiner Stimme machte ihr Herz höher klopfen, und trieb Thränen in ihre Augen. Stehen Sie auf, Barberina. Sie kommen zu mir auf eine ungewöhn⸗ liche Art, aber Sie kommen doch in einem ſchönen Ge⸗ folge,— in dem Gefolge der Erinnerungen, und ich, von welchem die Menſchen ſagen, daß ich keine Reli⸗ gion habe, ich habe wenigſtens die Religion der Erin⸗ nerungen, und darum will ich Ihnen nicht zürnen. Stehen Sie alſo auf, Barberina, und ſagen Sie mir, was Sie zu mir führt.. Er reichte ihr die Hand dar, und richtete ſie em⸗ por. Wie ſie ihm jetzt gegenüber ſtand, immer noch ſo hold und ſchön, immer noch mit dieſem tiefen Auge voll Leidenſchaft und Gluth, mit dieſer zauberhaften duftigen Schönheit, da fühlte der König es wie einen tiefen Schmerz in ſeiner eigenen Bruſt, einen Schmerz für den er keine Worte und keinen Ausdruck hatte. Lange ſtanden ſie ſich ſchweigend gegenüber, der König, immer noch Barberina's Hand in der ſeinen haltend, ihre Blicke ineinander ruhend, und ſich wun⸗ derbare, geheimnißvolle Mährchen zuflüſternd. Ich ſehe Sie umflattert von holden, lächelnden Ge⸗ nien, ſagte der König endlich, dieſe Genien, das ſind die Stunden, welche einſt geweſen, Barberina. Ach, 14* — 212— Barberina, umringt von dieſen Genien, haben Sie für mich das Ausſehen eines Engels. Warum waren Sie es nicht? Warum waren Sie nichts als ein Weib? Ein leidenſchaftliches, herriſches Weib, das herrſchen wollte, ſtatt nur zu lieben, das nicht genug hatte, von dem Manne angebetet zu werden, ſondern auch den König ſich unterwerfen wollte, bis der König den Mann in ſich unterdrücken und ſein eigenes Herz be⸗ zwingen mußte, um König zu bleiben. Oh, Barbe⸗ rina, warum waren Sie ein herriſches Weib, ſtatt der Engel zu ſein, der Sie doch wirklich ſind? Sie hob leiſe die Hand empor, als wollte ſie ihn bitten zu ſchweigen. Ich habe das Alles begriffen, ſagte ſie, denn ich habe viel darüber gedacht, immer, Nacht und Tag, bis ich Sie verſtanden habe, Sire, bis ich erkannte, daß Sie recht gehandelt. Jetzt aber, Sire, bin ich nicht mehr ein herriſches Weib, ſondern nur noch ein demüthiges. Und in dieſer Demuth, mei⸗ nes Stolzes ganz entäußert, komme ich zu Ihnen, Sire. Ich komme zu Ihnen, wie man zu Gott geht, Sire, wenn man kummervoll iſt und ſchwer beladen. Ich komme zu Ihnen, wie man in eine Kirche geht, wenn man ſein Herz erleichtern will, indem man ſeine Sünden beich⸗ tet, und Gott anfleht, uns beizuſtehen, unſer eigenes Herz zu bezwingen. Sire, dies iſt alſo eine heilige und große Stunde für mich, und was ich Ihnen jetzt ſagen will, das dürfen nur Sie und Gott wiſſen. Sprechen Sie, Barberina, ſagte der König, und Gott möge ſie hören. Sire, ich komme Ihre Hülfe anzuflehen. Ah, deshalb, ſagte der König, und ein ſpöttiſcher Ausdruck flog über ſeine Züge hin. Ich hatte das vergeſſen Sie wollten jetzt Frau von Cocceji eißen.. — 213— Ich heiße ſo, Sire, ſagte ſie ſanft, aber man will dieſe Ehe für ungültig erklären, und kraft der Geſetze ſie auflöſen. Und deshalb kommen Sie zu mir, rief der König. Sie fürchten für Ihren ſchönen Titel. 7 Ah, Sire, ſagte Barberina ſtolz, Sie denken nicht ſo klein von mir, daß Sie meinen, ein elender Titel könne mich reizen. Sie haben alſo Herrn von Cocceji aus reiner un⸗ eigennütziger Liebe geheirathet? fragte der König iro⸗ niſch. Sie fah ihm feſt und groß in's Angeſicht. Nein, Sire, ich habe ihn nicht aus Liebe geheirathet. Und weshalb alsdann? Um mich zu retten, Sire, ja, um mich zu retten, weil ich das Vergeſſen nicht lernen konnte. Ah, Euere Majeſtät ſagten vorher, daß Sie die Religion der Er⸗ innerung hätten, ich aber, Sire, ich bin die ſchmerz⸗ zerriſſene, gepeinigte, fanatiſche Prieſterin dieſer Religion geweſen, ich habe täglich vor ihrem Altar gelegen, und mein Herz gegeißelt in Andacht und Pein, und meine Augen matt geweint. Endlich eines Tages raffte ich mich auf, und beſchloß, dieſen Altar meiner Religion zu verlaſſen, zu fliehen vor meinen Schmerzen, und mein Herz das Vergeſſen zu lehren. So ging ich nach England, ſo nahm ich Lord Stuart's Anerbieten an, und entſchloß mich, ſeine Gemahlin zu werden. Aber es war Alles umſonſt, Alles vergeblich. Was auch meine Lippen ſprechen mochten, mein Herz lag immer noch blutend und zuckend vor dem Altar meiner Erin⸗ rungen. Sie waren mit mir gezogen über das Meer. Sie grüßten mich mit geheimnißvollen Liebesklängen, Sie riefen mich mit dieſen zwei großen, wundervollen Augen, die klar und blau ſind, wie der Himmel und — 214— geheimnißvoll und tief wie das Meer. Dieſe Augen, Sire, riefen mich zurück und ich konnte ihnen nicht widerſtehen. Ich fühlte, daß ich lieber an ihnen ſter⸗ ben, als ſie entbehren wollte, und ſo entfloh ich am Tage vor meiner Vermählung aus England und kehrte hierher zurück. Und der alte Zauber kam wieder über mich, aber auch der alte Schmerz. Jetzt fühlte ich, daß ich mich vor mir ſelber retten müßte, wenn ich nicht wahnſinnig werden wollte, daß ich mein Herz in feſte Bande ſchlagen, daß ich meine Liebe zur Gefan⸗ genen meiner Pflicht machen müßte, um endlich dieſer Qualen Herr zu werden. Noch ſchwankte ich in die⸗ ſem Entſchluß, da kam die Groß⸗Kanzlerin und ihr ſtolzer Uebermuth weckte meinen Stolz, daß er ſogar meinen Kummer übertäubte, und ich nichts hören durfte, als nur ihn. So ward ich die Gemahlin Coc⸗ ceji's, ſo habe ich mich in dieſe Ehe hineingerettet, wie in einen Hafen, in dem ich ausruhen will von allen Stürmen. Aber ach, Sire, was ich auch verſuchen mag, wie ſehr ich auch bemüht geweſen, ein neues Le⸗ ben anzufangen, die Religion der Erinnerungen läßt ihre Prieſterin nicht los, ſie hält ihre myſtiſchen Hände über mich ausgeſtreckt und mein Herz jauchzt ihr wider meinen Willen entgegen. Sire, erretten Sie mich. Ich habe mich in dieſe Che geflüchtet, wie man in. eine Kloſterzelle entflieht vor der ſüßen Liebe der Welt. Sire, gebieten Sie, daß man mich aus dieſer Zelle nicht wieder vertreibe, daß man mich ſtill und unangefochten Gott und meiner Pflicht leben laſſe. Oh, Sire, meine Seele hat ihre Schwingen eingebüßt, ſie liegt matt und krank zu Ihren Füßen, helfen Sie ihr, daß ſie geneſe. Wie ſie jetzt ſchwieg, und ihre gefaltenen Hände flehend gegen den König ausſtreckte, ſah er ſtumm, aber — —2— — 215— mit ſtrahlendem, lächelndem Antlitz zu ihr hin. Dann nahm er ihre beiden Hände und neigte ſeine Lippen auf dieſelben nieder, und küßte ſie mit einem langen, heißen Kuß, der Barberina erſchauern und ihr Herz ſtill ſtehen machte vor ſchmerzlichem Entzücken. Barberina, ſagte er mit ſeiner ſchönen, klangvollen Stimme, Barberina, ich danke Ihnen! Gott und der König haben Sie gehört. Sie ſagen, daß Sie die Prieſterin der Religion der Erinnerungen ſind. Nun wohl denn, ich bin auch ihr Prieſter, und ich ſage Ihnen, daß auch ich manche Nacht vor ihrem Altar mein Herz gegeißelt habe. Das Leben verlangt ſchwere Opfer, und von den Königen mehr, als von an⸗ dern Menſchen. Ich habe eines Tages meinem Königthum ein ſo großes Opfer gebracht, daß mir ſchien, es könne nach dieſem mir nichts mehr ſchwer werden zu überwinden. Die Thoren und die Gedan⸗ kenloſen ſagen, daß das Leben ein Vergnügen iſt. Ich aber, Barberina, ich ſage: Das Leben iſt eine Pflicht! Gehen wir hin, und erfüllen wir ſie. Ja, gehen wir hin, und erfüllen wir ſie! rief Bar⸗ berina mit ſtrahlenden Augen. Sire, ich will gehen, ſie zu erfüllen. Aber ſchwach, wie ich bin, bitte ich Sie noch um Eins! Es giebt keinen Lethetrank mehr, aus dem man ſich Vergeſſenheit trinken könnte, und doch muß ich vergeſſen, und einen Schleier werfen über meine ganze Vergangenheit. Helfen Sie mir, Sire! Ich muß fort aus Berlin. Verbannen Sie meinen Gemahl in irgend eine kleine Stadt; ſie wird für mich ein offenes Grab ſein, aber ich werde mich bemühen, dieſes Grab mit Blumen zu bepflanzen, de⸗ ren Duſt meinen Gemahl erfreuen ſoll. 2. Ihr Wille ſoll geſchehen, ſagte der König traurig. — 216— Ich danke Ihnen, Sire, und jetzt, leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Barberina! Er nahm ihre beiden Hände in die ſeinen, und ſah ihr lange in das ſchöne, von himmliſcher Begeiſterung ſtrahlende Angeſicht. Beide ſprachen ſie kein Wort, ſie nahmen Abſchied von einander mit ihren Blicken, mit dem ſanften, wehmuthsvollen Lächeln, das ihre ſtummen Lippen umſtrahlte. Leben Sie wohl, Sire, flüſterte Barberina nach langer Pauſe noch einmal, indem ſie ſanft ihre Hände aus denen des Königs zurückzog und auf die Thür zuſchritt. Der König folgte ihr. Geben Sie mir Ihre Hand, ſagte er, ich gehe mit Ihnen. Ja, Sie gehen mit mir, wohin ich auch gehe, flüſterte Barberina kaum hörbar. Der König führte ſie in das anſtoßende Zimmer, in welchem ſich zwei Thüren befanden, die eine, welche auf den Corridor führte, auf welchem ſich die kleine Treppe befand, über welche man zu einer Seiten⸗ pforte des Schloſſes gelangte, die andere, welche in den großen Vorſaal führte, in welchem die Cavaliere und das Gefolge des Königs ſich zu verſammeln pflegten. Barberina war über die kleine Treppe gekommen, und ſie lenkte jetzt ihre Schritte zu derſelben führenden Thür zu. Nein, nicht da hinaus, ſagte der König, mein Hof erwartet mich im Vorſaal, denn es iſt die Stunde, in welcher wir zur Parade gehen. Ich will Sie meinem Hofe zeigen. Barberina dankte ihm mit einem ſüßen Lächeln, folgte ihm ſchweigend zu der andern Thür, welche der ☛. — 217— König aufſtieß, und mit der Barberina an ſeiner Hand in den großen Vorſaal trat. Da waren die Generale in ihren glänzenden Uni⸗ formen, die hohen Hofbeamten und Cavaliere in ihren goldgeſtickten Gewändern und den brillantenfunkelnden Orden, und Alles neigte ſich ehrfurchtsvoll und tief, und Niemand wagte auf ſeinem Antlitz die Ueber⸗ raſchung und das Erſtaunen zu zeigen, welches Jeder doch empfand. Der König führte Barberina mitten in den Saal, und indem er dann ihre Hand losließ, ſagte er laut: Madame, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfeh⸗ len. Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden. Ihr Herr Ge⸗ mahl ſoll als Präſident nach Glogau gehen. Ich werde dieſe Ernennung noch heute ausfertigen. Sein ſtolzer und kühner Blick flog im Kreiſe ſeiner Cavaliere ſuchend umher, bis er Herrn von Pöllnitz entdeckt hatte. Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter, ſagte der König, führen Sie die Frau Präſidentin von Cocceji zu ihrem Wagen. Herr von Pöllnitz ſtürzte hervor, und ſtellte ſich mit einer tiefen Verbeugung an Barberina's Seite. Der König winkte Barberina noch einmal ſeinen Abſchiedsgruß zu, den ſie mit einer ceremoniellen, der Etiquette gemäßen Verneigung erwiederte. Dann nahm ſie den Arm des Herrn Ober⸗Ceremonienmei⸗ ſters von Pöllnitz, und unter dem Schweigen der gan⸗ dn flünzenden Verſammlung verließ Barberina den aal. Der König blickte ihr nach, bis ſie verſchwunden war, dann athmete er hoch auf, und ſich mit einem ſanften Lächeln an ſein Gefolge wendend, ſagte — 218— er: Meſſieurs, laſſen Sie uns auf die Parade gehen!*)* *) Nachdem der König auf die Bitten der Barberina dem Ge⸗ heimrath und General⸗Fiskus von Uhden befohlen hatte, von jeder weiteren Verfolgung der Barberina abzuſtehen, weil, wie es in der Ordre des Königs heißt:„Dieſe Heirath der ſogenannten Barberina mit dem Herrn von Cocceji doch einmal geſchehen iſt, und ohne viele Inconvenienzen nicht wohl redreſſirt werden kann,“ ſchrieb der König auch an den Vater des Herrn von Cocceji, und zeigte ihm an,„daß er, um dieſem langjährigen Familienzwiſt endlich ein Ende zu machen, ſeinen Sohn aus Berlin verſetzen, aber dabei Bedacht nehmen werde, daß dieſe Verſetzung auf eine billige Art geſchehe, und Euer Sohn an ſeinem Tractement und Charakter nichts dabei verliere. Ihr werdet leicht einſehen, daß Alles, was ich hierunter thue, aus einer Foibleſſe von mir gegen Euch geſchieht, indem ſonſt „Euer mehr angeführter Sohn, ſo lange er in meinen Dienſten nichts verſieht, auch nicht von mir zu beſtrafen ſein würde, da deſſen unbeſonnene Heirath eigentlich Meinen Dienſt nicht afficirt.“ In einem andern Schreiben an den Großkanzler, in welchem der König demſelben anzeigt, daß er den Geheimrath nach Glogau ver⸗ ſetzen werde, ſagt der König:„es wird mir angenehm ſein, wenn Ihr Euch in Euren etwa weiter zu thnenden Vorſchlägen wegen Eures Sohnes Euch nicht ſo gar hart über ſein Sujet ausdrücken werdet, da derſelbe doch eigentlich nichts in ſeinem Dienſt verſehen hat.“ L. Schneider's Geſchichte der Berliner Oper. Beilagen. S. 16. Die Barberina ging mit ihrem Gemahl nach Glogau, und kam nie wieder nach Berlin zurück, und ihre Ehe mit dem Herrn von Cocceji ſoll eine ſehr glückliche geweſen ſein. Noch vor ihrem Tode beſtimmte ſie ihr Vermögen, das aus drei ſchönen Rittergütern in Schleſien und einem Baarvermögen von 100,000 Thalern beſtand, zur Gründung eines adlichen Fräuleinsſtiftes von achtzehn Perſo⸗ nen. Dafür erhob König Friedrich⸗ Wilhelm II. ſie 1789 in den Grafenſtand. Sie ſtarb als Gräſin von Campanini den 7. Juni 1799 in einem Alter von 75 Jahren zu Barſchau in Schleſien. 4 4 Intriguen. Voltaire war ſeinem Plan vollkommen treu geblie⸗ ben, er hatte ſeinen Aufenthalt in Preußen, und die Gunſt in welcher er beim König ſtand, dazu benutzt, um ſein Vermögen zu bereichern, und allen denen möglichſt zu ſchaden, welchen der König noch außer ihm ſeine Neigung zugewendet hatte. Seine Reichthümer hatte er nicht allein dadurch vermehrt, daß er möglichſt knauſerte und ſparte, und ſo ſeine hohe Penſion capitaliſirte, ſondern auch noch beſonders durch jene Speculationen mit ſächſiſchen Steuerbillets, für welche er anfangs die Vermittelung des Juden Hirſch beanſpruchte. Wir haben geſehen, wie er denſelben nach Dresden ſandte, um ihm für achtzehntauſend Thaler Kaſſenſcheine einzukaufen, und ihm drei von ihm a tirte Wechſel gab. Der eine derſelben war auf de aannten Banquier Ephraim, der ſpäter der Münzj genannt zu werden pflegte. Dadurch erfuhr Ephraim von der Speculation Vol⸗ taire's und als ſchlauer Handelsmann ſeinen Vortheil berechnend, begab er ſich zu Voltaire, dem er den Vorſchlag machte, er wollte ihm für zwanzigtauſend Thaler ſächſiſche Steuerſcheine geben, und erſt dann das Geld dafür empfangen, wenn Voltaire die Valuta dafür aus Dresden bezogen hätte. Die einzigen Pro⸗ cente, welche er verlangte, waren die Wohlgeneigtheit Voltaire's und ſeine Fürſprache beim König. Das war ein zu vortheilhafter Handel, als daß der große franzöſiſche Dichter ihn auszuſchlagen vermocht hätte. — — 220— Er nahm die ſächſiſchen Steuerſcheine von Ephraim, ſagte ihm ſeine Protection zu, und ſandte dann ſogleich nach Paris einen Proteſt gegen den Wechſel, welchen er an den Juden Hirſch gegeben. Dieſer hatte inzwi⸗ ſchen ſchon in Dresden für Voltaire die Steuerſcheine gekauft, und ward nun nicht allein durch den prote⸗ ſtirten Pariſer Wechſel, ſondern auch durch Voltaire's Weigerung, die Steuerſcheine anzunehmen und zu zah⸗ len, in die äußerſte Verlegenheit geſetzt. Voltaire ſuchte ihn zu beſchwichtigen und verſprach ſeinen Schaden zu erſetzen, und ihn außerdem auch dadurch noch zu ent⸗ ſchädigen, daß er ihm etliche von den Brillanten ab⸗ kaufte, die er von Hirſch in Verwahrſam hatte. Das that er auch wirklich. Er kaufte für dreitauſend Tha⸗ ler Brillanten, und gab die andern an Hirſch zurück. Nach einigen Tagen ſchickte er indeß zu ihm, und ließ ihn um ein Brillantkreuz und einige Ringe bitten, die er gleichfalls zu kaufen beabſichtige Hirſch ſandte ihm auch dieſe( egenſtände, und als eer nach einigen Tagen we ſeine Brillanten noch Geld erhielt, begab er ſich zu Voltaire, das eine oder das andere zu holen. Voltaire aber empfing ihn mit dem äußerſten Zorn, behauptete, die Brillanten, welche er gekauft, ſeien unächt, und um ſich zu entſchädigen, habe er die übrigen Brillanten zurückbehalten, und werde ſie auch nicht wieder herausgeben. In ſeiner dichteriſchen Begeiſterung hob er fortwährend ſeine ge⸗ ballten Fäuſte beſchwörend zum Himmel empor oder unter die Naſe des armen geängſteten Juden, dem er zum Ueberfluß noch einen Brillantring vom Finger zog, und ihm dann die Thür wies. Nun ward der Jude Hirſch klagbar, und verlangte auf gerichtlichem Wege die Erſtattung ſeiner Brillan⸗ ten, und die Bezahlung der ſächſiſchen Steuerſcheine. — 221— Ein langwieriger und ärgerlicher Prozeß war die Folge davon. Voltaire's Intriguen und Ränke verwickelten denſelben mehr und mehr, und ſelbſt die Richter wußte er in Verzweiflung zu bringen. Voltaire behauptete, von Hirſch falſche Brillanten bekommen zu haben, wäh⸗ rend der Jude Hirſch ſagte, die falſchen von Voltaire producirten Brillanten ſeien nicht diejenigen, welche er ihm verkauft, und welche der Juwelier Reclam ja vorher abgeſchätzt habe. Niemand war bei dieſem Handel zugegen geweſen, und weder der Eine noch der Andere hatte Zeugen für ſeine Ausſagen. Die Richter mußten ſich alſo darauf beſchränken, daß ſie Voltaire den Eid zuſchoben, da Voltaire ſich zu einer gütlichen Ausgleichung nicht verſtehen wollte. Aber auch gegen die Ablegung des Eides weigerte er ſich. „Wie“, ſchrie er,„ich ſoll auf die Bibel ſchwören, auf dieſes Buch, welches in ſo ſchlechtem Latein geſchrieben iſt? Ja, wenn es noch Homer oder Virgil wäre, dann würde ich nichts dawider haben.“ Als der Rich⸗ ter ihm darauf bemerkte, daß, wenn er den Eid ver⸗ weigerte, man den Juden Hirſch zum Eide zulaſſen würde, rief er:„Was? Sie wollen, daß der Eid die⸗ ſes Elenden, der den Heiland gekreuzigt hat, entſcheiden ſoll?“*). Indeß leiſtete er endlich den Eid, und da der Jude Ephraim zugleich beſchwor, daß Voltaire ihm die Brillanten gezeigt, welche er von Hirſch in Verwahr⸗ ſam gehabt, und er dieſelben ſogleich für unecht erkannt habe, verlor der Jude Hirſch ſeinen Prozeß, und Vol⸗ mi ennte triumphirend an den Grafen d'Argental ſchreiben: „Wenn man meine Feinde und Neider hörte, ſſo *) Thiébault. Vol. V. p. 285. — 222— hätte ich einen großen Prozeß verloren, einen redlichen jüdiſchen Banquier betrogen, und der König, welcher natürlich die Partie des alten Teſtaments nehmen mußte, hätte mich mit ſeiner Ungnade belaſtet; und ich war verloren, und Fréron erzählte lachend, daß ich vor Aerger krank geworden und geſtorben ſei. Statt deſſen bin ich noch am Leben, und der König hat wäh⸗ rend meiner Krankheit ſo viel Güte für mich gehabt, daß ich der undaukbarſte der Menſchen ſein müßte, wenn ich nicht noch einige Monate bei ihm bliebe. Ich war das einzige Thier meiner Race, welches er in ſeinem Schloß zu Berlin logirte, und als er nach Potsdam abreiſte, und ich ihm nicht folgen konnte, ließ er eine Equipage, Köche und alle et caetera da; und ſeine Maulthiere und Pferde brachten ſpäter meine Meubles und Sachen in ein köſtliches Landhaus bei Sansſouci, deſſen Genuß er mir überlaſſen; und außerdem reſervirte er mir eine andere Wohnung in ſeinem Stadtſchloß zu Potsdam, wo ich einen Theil der Woche ſchlafe und bin; und kurz, wenn ich nicht drei⸗ hundert Lieus von Ihnen entfernt wäre, wenn ich Sie nicht ſo zärtlich liebte, und wenn ich ein wenig ge⸗ ſunder wäre, ſo würde ich der glücklichſte der Menſchen ſein. Ich bitte deshalb meine Neider, dieſe kleinen Schöngeiſter, und dieſe Schulfüchſe um Verzeihung, welche jetzt ſchreien werden: Iſt es möglich, daß er zwanzigtauſend Francs jährlicher Penſion hat, während wir nichts haben? Daß er ein goldenes Kreuz an ſeiner Taſche hat, während wir nicht einmal ein Schnupftuch darin haben? Daß er ein großes blaues Kreuz mit Diamanten um ſeinen Hals trägt, während wir ihn erwürgen wollen? Sie wiſſen nicht, dieſe Elenden, daß weder das Kreuz noch der Schlüſſel, noch die Penſion mich rühren, daß ich dies Alles ohne — 223— das mindeſte Bedauern aufgeben würde, wenn ich nicht einzig und allein an die Perſon eines großen Mannes, der mein Glück ausmacht, gefeſſelt wäre.“*) Aber dieſer Himmel des Glückes, den Voltaire ſo herrlich pries, war doch nicht ganz wolkenlos geblie⸗ ben, und es hatte einiger Stürme bedurft, um ihn wieder zu klären. Der König war ſehr erzürnt geweſen über Voltaire und hatte ihm das in einem ſehr heftigen und aufge⸗ regten Briefe aus Potsdam geſagt: „Ich habe den Frieden in meinem Hauſe bis zu Ihrer Ankunft zu erhalten gewußt,“ ſchreibt er an Vol⸗ taire,„und ich muß Ihnen geſtehen, daß, wenn Sie die Paſſion haben zu intriguiren und zu kabaliren, Sie bei mir ſchlecht angekommen ſind. Ich liebe die ſanf⸗ ten und friedlichen Leute, welche in ihr Betragen nicht die heftigen Leidenſchaften der Tragödie miſchen. Im Fall Sie ſich entſchließen können, als Philoſoph zu leben, werde ich mich freuen, Sie zu ſehen; aber wenn Sie ſich immer wieder der Wuth Ihrer Leidenſchaften überlaſſen und mit allen Menſchen anbinden wollen, thun Sie beſſer, in Berlin zu bleiben, denn Ihre Hier⸗ herkunft nach Potsdam würde dann kein Vergnügen für mich ſein.“**) Erſt nachdem Voltaire feierlich gelobt hatte, ſich zu beſſern und Frieden zu halten, durſte er nach Potsdam zurückkehren. Aber das„Frieden halten“ war eine Sache, welche weder in den Charakter noch in den Plan Voltaire's paßte. Das Intriguiren und Cabaliren war für ihn ») Voltaire: Oeuvres. Vol. 58. p. 422. **) Oeuvres posthumes. Supplémens II. p. 383. 224— eme Nothwendigkeit, der er nicht entſagen mochte oder wollte. Nachdem er d'Arnaud durch ſeine Intriguen zu beſeitigen gewußt hatte, daß dieſer Berlin verlaſſen mußte, wandte ſein Zorn ſich gegen die übrige Umge⸗ bung und Freunde des Königs. Den Einen derſelben entriß der Tod ſeinen Angriffen. Das war La Mettrie, welcher, in Folge des übermäßigen Genuſſes einer Trüffelpaſtete im Hauſe des franzöſiſchen Geſandten, Lord Tirconnel, an einem Aderlaß ſtarb, den er ſich wider das Anrathen des Arztes ſelbſt verordnete, in⸗ dem er ſagte, ich will meine Indigeſtionen an das Aderlaſſen gewöhnen. Indeß ſtarb er an dieſem erſten Verſuch; treu ſeinem ganzen Leben und ſeinen Grund⸗ ſätzen war ſein Tod. Den Prieſter, welcher ungerufen herbei gekommen war, und ihn zur Verſöhnung mit Gott ermahnen wollte, wehrte er heftig fort. Bald darauf aber rief er unter den Martern ſeiner Schmer⸗ zen: Oh, mein Gott! Oh, Jeſus Maria!— Oh, er bereut, ſchrie der erfreute Prieſter. Er ruft zu Gott und zu ſeinem eingebornen Sohn!— Nein, nein, mein Vater, ſtammelte La Mettrie mit ſterbender Lippe, das iſt nur eine Redensart!*) Voltaire's Neid und Eiferſucht wandte ſich nun zuerſt gegen den Marquis d'Argens, der freilich zu den theuer⸗ ſten Freunden des Königs gehörte. Anfangs ver⸗ ſuchte er, den König ſelber gegen ihn einzunehmen, und verrieth demſelben, daß der Marquis ſich heimlich mit der Schauſpielerin Barbe Cochois verheirathet habe.— Der König war in der That anfangs ſehr erzürnt, aber die Bitten Algarotti's und der Schmerz 8 *) Nicolai: Heft I. S. 20. — des armen Marquis verſöhnten ihn endlich; er verzieh nicht allein, ſondern er erlaubte ſogar, daß die Mar⸗ quiſe mit ihrem Gemahl in Sansſouci wohnen durfte. Da Voltaire alſo dem Marquis d'Argens die Gunſt des Königs nicht hatte entziehen können, wollte er ihm wenigſtens einigen Kummer verurſachen und ihn in ſeinen Herzensneigungen kränken. Er wußte, daß der Marquis ein glühender Verehrer des franzöſiſchen Dich⸗ ters Jean Baptiſte Rouſſeau ſei. Eines Tages alſo begab ſich Voltaire zum Mar⸗ quis d'Argens, und ſagte mit trauriger und zärtlicher Miene, daß er es für ſeine Schuldigkeit halte, ihn über dieſen elenden Jean Baptiſte Rouſſeau aufzuklären, und ihm zu beweiſen, daß derſelbe ſeine Verehrung und Liebe mit dem ſchwärzeſten Undank belohne. Er habe ſo eben von ſeinem Correſpondenten aus Paris ein Epigramm erhalten, das Rouſſeau gegen den Mar⸗ quis gemacht. Daſſelbe ſei freilich noch wenig und nur in Abſchriften bekannt, und Rouſſeau laſſe Jeden, dem er ees zeige, ſchwören, daß er nichts verrathen wolle, aber er zeige es doch, und beabſichtige auch, es drucken zu laſſen. Er, Voltaire, habe indeß ſeinem Correſpondenten den Auftrag gegeben, Alles anzuwen⸗ den, daß dieſes abſcheuliche Epigramm nicht gedruckt werde, oder, wenn das geſchähe, alle Mittel in Bewe⸗ gung zu ſetzen, daß das Publikum ebenſo empört über dieſes ſchändliche Betragen Rouſſeau's ſein müßte, wie alle Freunde des Marquis. Allerdings, dieſes Epigramm, welches Voltaire dann dem Marquis vorlas, und welches den Marquis als den juik errant bezeichnete, war ebenſo boshaft als heimtückiſch und verläumderiſch, und der gute Mar⸗ quis empfand darüber anfangs einen wahren und tie⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. IV. 15 fen Schmerz und ſchwur eine glühende Rache an Jean Baptiſte Rouſſeau zu nehmen.— Voltaire triumphirte; aber nach einigen Tagen hatte der Mar⸗ quis überlegt; er argwöhnte da eine Hinterliſt Vol⸗ taire's, wo er anfangs einen Verrath ſeines Freundes Rouſſeau geſehen hatte. Seinem eigenen offenen und edlen Charakter gemäß ſchrieb er unmittelbar an Jean Baptiſte Rouſſeau ſelbſt und trug ihm ſeine Klage vor, und fragte ihn, ob er das Epigramm gemacht habe. Rouſſeau ſchwur, daß er nicht der Verfaſſer deſſelben ſei, daß er aber wiſſe, daß Voltaire es gemacht. Er habe einige Abſchriften deſſelben nach Paris geſandt und ſeine Freunde ſuchten es überall dort zu ver⸗ breiten.*) 3 Der Marquis d'Argens hütete ſich indeß wohl, dieſe Nachricht Voltaire mitzutheilen; er zog es vor, ſich ſeinen ferneren Angriffen und Intriguen zu ent⸗ ziehen, und machte mit ſeiner jungen Gemahlin eine Reiſe nach Frankreich, von welcher er erſt dann wie⸗ der zurückkehrte, als Voltaire ſchon für immer abge⸗ reiſt war. Der mächtigſte und am meiſten gehaßte Feind, gegen den Voltaire's Zorn ſich jetzt richtete, war der Präſident der Berliner Akademie, Maupertuis, dem Voltaire es niemals verzeihen konnte, daß er auch noch zu glänzen wagte, wo Voltaire ſich zeigte, daß er Präſident der Akademie, während Voltaire nur ein⸗ faches Mitglied derſelben, und vor allen Dingen, daß der König ihn liebte, und ſeine ausgezeichneten Ta⸗ lente und ſeine Gelehrſamkeit pries. *) Thiébault: Vol. Vv. p. 328.— Pormey: Souyenirs d'un citoyen. Vol. I. Article„Voltaire.“ 4 4 Voltaire lauerte nur auf eine Gelegenheit, dieſen gefährlichſten ſeiner Feinde anzugreifen, und dieſe Ge⸗ legenheit zeigte ſich bald. Maupertuis hatte ſeine Lettres Philosophiques drucken laſſen, in denen es freilich wimmelte von Stellen, welche Voltaire's Behauptung, daß Mauper⸗ tuis früher wahnſinnig geweſen wäre, und mehrere Jahre zu Montpellier im Irrenhauſe geſeſſen hätte, zu beſtätigen ſchienen. Maupertuis ſchlug in dieſen Briefen vor,„man ſolle eine lateiniſche Stadt bauen, um dieſe ſchöne Sprache wieder neu zu beleben, man ſolle ein Loch bis an den Mittelpunkt der Erde graben, um ihre innere Beſchaffenheit zu ermitteln, und man ſolle fer⸗ ner nach der Meerenge Magelhaen gehen und dort das Gehirn von Patagoniern öffnen, um die Natur der Seele kennen zu lernen.“ Gegen dieſe fabelhaften Vorſchläge des Maupertuis antwortete Voltaire, als Doktor„Akakia“, welcher den unglücklichen Maupertuis heilen wollte, in einer Schrift, welche, ganz mit Voltaire's ſcharfem, ſchlag⸗ fertigem Witz und ſeiner beißenden, glänzenden Ironie geſchrieben, ſehr wohl im Stande war, Maupertuis vor aller Welt lächerlich zu machen. Der König, dem Voltaire ſein Manuſcript mitgetheilt, fühlte das ſehr wohl, und obwohl er die Vorleſung des Akakia mit dem lebhaſteſten Vergnügen angehört, und oft genug Voltaire mit ſeinem Lachen und ſeinen Beifallsrufen unterbrochen hatte, forderte er doch, daß Voltaire die⸗ ſes Manuſcript vernichte, weil er nicht wollte, daß der Mann, der an der Spitze ſeiner Akademie ſtände, und den der König ſelber einſt„die Leuchte der Wiſſen⸗ ſchaft“ genannt, jetzt dem Gelächter und Geſpött der ganzen Welt Preis gegeben werde. 3 — 228— Ich fordere dieſes Opfer von Ihnen als einen Be⸗ weis Ihrer Freundſchaft und Ihrer Selbſtüberwindung, ſagte der König ernſt. Ich bin dieſer ewigen Zänke⸗ reien und Anfeindungen müde. Ich will endlich Frie⸗ den im Innern meines Hauſes haben, da ich nicht weiß, wie lange ich denſelben noch in der Welt haben werde. Es ſcheint mir, daß ſich da am Horizonte der Politik ſchwere Wolken aufzuthürmen beginnen. Laſſen Sie uns dafür ſorgen, daß wenigſtens unſer literari⸗ ſcher Horizont rein und fleckenlos bleibe. Ach, Sire, wenn Sie mich mit Ihren großen und wundervollen Augen anſehen, rief Voltaire, dann wäre ich gleich bereit, mein Herz aus meiner Bruſt zu rei⸗ ßen, um es für Sie in das Feuer zu werfen, und dieſe kleine Stachelſchrift iſt noch lange nicht mein Herz, weshalb ſollte ich ſie alſo nicht einem Wunſche meines Salomon opfern? Sie wollen mir den Akakia opfern? fragte der König freudig. Sire, ſehen Sie hier. Das iſt mein Manuſcript. Nicht wahr, Sie erkennen meine Handſchrift? Sie ſehen, daß die Dinte kaum getrocknet und das Werk eben erſt vollendet iſt? Nun wohl, ſehen Sie da, was ich aus dem Akalia mache., Er nahm das Mannſcript, und ſchleuderte es in die Flammen des Kamins, vor dem ſie Beide eben geſeſſen. Ach, was thun Sie, Freund, rief der König ent⸗ ſetzt, und der Flammen nicht achtend, ſtreckte er die Hand aus, um das Manuſcript wieder aus dem Feuer zurückzuziehen. Aber Voltaire griff lachend nach der Feuerzange und ſtieß das Papier tiefer in die Gluthen. 8 7 — 82 Sire, Sire, ich bin der Teufel und ich laſſe mir mein Opfer nicht wieder entreißen, rief er jubelnd. Mein Akakia war der Hölle werth, denn Sie haben ihn verdammt, er muß alſo brennen. Ich der Teufel, ich will ihn ſchmoren laſſen. Aber ich will als der Engel des Erbarmens den armen Akakia erlöſen aus den Gluthen, rief der Kö⸗ nig, indem er Voltaire die Feuerzange entriß. Wahr⸗ lich, dieſer Akakia iſt ein zu luſtiger und witziger Burſche, als daß er wie der Kaiſer Quatimozin auf das Roſt gelegt werden müßte. Es war ja genug, ihn nicht öffentlich drucken zu laſſen, man braucht ihn ja deshalb nicht zu vernichten. Sire, ich bin nur ein armer, ſchwacher Menſch, und wenn ich den Akakia lebendig bei mir behalte, ſo iſt das eine vergiftete Waffe, welche ich gewiß doch noch eines Tages gegen das Herz Maupertuis richte, um mich ſeines Wahnſinns und ſeiner Berſerkerwuth zu erwehren. Es iſt alſo beſſer, daß dieſer Akakia nur noch in unſerer Erinnerung lebe, und nur ein Ge⸗ dankendolch ſei, mit dem ich den hochmüthigen Herrn Präſidenten zuweilen ein bischen kitzeln will. Und Sie haben wirllich keine Abſchrift? fragte der König, deſſen Mißtrauen durch Voltaire's allzugroße Nachgiebigkeit geweckt worden. Sie haben keine Ab⸗ ſchrift und kein Brouillon? Dies war das einzige Manuſcript des Akakia? Sire, wenn Sie meinem Wort nicht glauben, ſo ſenden Sie Ihre Diener hin und laſſen Sie meine Zimmer unterſuchen. Hier ſind die Schlüſſel meiner Schränke und meines Schreibtiſches. Sie ſollen alle beſchriebenen Papiere, welche ſie finden werden, hier⸗ herbringen, Euere Majeſtät mögen ſich dann ſelber überzeugen, ob irgend etwas von dem Alakia dabei iſt. Sire, ich beſchwöre Sie, dies zu thun, da Euere Majeſtät meinem einfachen Manneswort nicht glauben wollen. Der König ließ ſeine ſtechenden und durchbohren⸗ den Blicke lange auf ihm ruhen. Ich glaube Ihnen, Voltaire, ſagte er dann. Es wäre Ihrer unwürdig, mich zu täuſchen, und Meiner unwürdig, Ihnen zu mißtrauen. Ich glaube Ihnen alſo. Aber ich will auch für die Zukunft ſicher ſein. Der Akakia ſteht nicht mehr auf dem Papier geſchrie⸗ ben, aber er ſteht in Ihrem Kopf, und Ihren Kopf fürchte ich mehr, als alle Papiere der Welt. Ver⸗ ſprechen Sie mir, Voltaire, daß Sie, ſo lange Sie bei mir wohnen, niemals ſich auf Streitſchriften und Controverſen einlaſſen wollen, daß Sie weder gegen die Regierungen, noch gegen die Schriftſteller Ihre beißende Laune gebrauchen wollen? Sire, ich verſpreche Ihnen das mit Freuden! Wollen Sie es ſchriftlich thun? Voltaire ging gelaſſen zu dem Schreibtiſch hin und nahm die Feder.. Haben Euere Majeſtät die Gnade, mir zu dictiren. Der König dictirte und Voltaire ſchrieb mit ra⸗ ſcher und feſter Hand, wie folgt: „Ich verſpreche Seiner Majeſtät, daß, ſo lange er mir die Gnade erzeigt, mich in ſeinem Schloſſe zu logiren, ich gegen Niemand ſchreiben will, weder ge⸗ gen das franzöſiſche Gouvernement, noch gegen die Miniſter irgend eines Souverains, noch auch gegen berühmte Schriftſteller. Ich werde gegen dieſe Alle immer die ihnen ſchuldigen Egards beobachten, auch mit den Briefen des Königs keinen Mißbrauch ma⸗ chen, ſondern mich ſo betragen, wie es einem Schrift⸗ 7 4 — 231— ſteller und Gelehrten geziemt, der die Ehre hat, Kammerherr des Königs von Preußen zu ſein und mit anſtändigen Leuten umzugehen.“*) Wollen Sie das unterſchreiben? fragte der König faſt traurig.. Ich will das nicht bloß unterſchreiben, ſagte Vol⸗ taire lächelnd, ſondern ich will aus eigenem Willen noch etwas hinzufügen. Hören Euere Majeſtät nur! Und indem er mit haſtiger Hand weiter ſchrieb, ſagte er laut: „Ich werde genau die Befehle Euerer Majeſtät befolgen, und das zu thun macht mir keine Mühe. Ich beſchwöre Euere Majeſtät zu glauben, daß ich niemals gegen irgend eine Regierung geſchrieben habe, am allerwenigſten gegen diejenige, unter der ich gebo⸗ ren bin, und welche ich nur verlaſſen habe, um zu den Füßen Euerer Majeſtät mein Leben zu beſchlie⸗ ßen. Ich bin Hiſtoriograph Frankreichs geweſen, und in dieſer Eigenſchaft habe ich die Geſchichte Ludwig's des Vierzehnten und die der Feldzüge Ludwig's des Funfzehnten geſchrieben. Meine Stimme wie meine Feder ſind immer dem Vaterland geweiht geweſen, wie ſie es jetzt Ihren Befehlen ſind. Ich beſchwöre Sie, die Güte zu haben, meine literariſchen Streitig⸗ keiten mit Maupertuis zu unterſuchen, und zu glau⸗ ben, daß ich dieſe ganze Angelegenheit aufgeben will, um Ihnen, Sire, zu gefallen, und weil ich mich in allen Dingen Ihrem Willen unterwerfe. Ich werde auch darin Euerer Maieſtät gehorchen, daß ich mich in keinen literariſchen Streit einlaſſe, und ich beſchwöre *) Preuß, Friedrich der Große. Th. I. S. 247. — 232— Enere Majeſtät zu glauben, daß, wenn ich ſterbe, ich für Sie dieſelbe Anhänglichkeit und Verehrung fühlen werde, wie an dem Tage, als ich zuerſt an Ihren Hof kam.*) Voltaire.“ Der König nahm das Papier, welches Voltaire ihm darreichte, und überflog es mit den Augen; dann ließ er ſeine Blicke lange und prüfend auf Vol⸗ taire's lächelndem und lauerndem Antlitz verweilen. Es iſt gut, ich danke Ihnen, ſagte er dann, Vol⸗ taire freundlich den Abſchiedsgruß zunickend; als die⸗ ſer aber hinausgegangen war, blickte der König lange und gedankenvoll vor ſich nieder. 1 Ich traue ihm nicht, ſagte er ſinnend. Er war zu bereitwillig, das Manuſcript zu verbrennen und jedem Streit zu entſagen. Und doch— er hat mir ja ſein Ehrenwort gegeben! Voltaire indeß war auf ſein Zimmer gegangen, und wie er jetzt allein und unbeobachtet war, drückte ſein Geſicht eine hämiſche, boshafte Freude aus. Ah, ich hatte alſo richtig berechnet, ſagte er mit ſeinem unheimlichen Grinſen. Der König wollte mir da eine Paroli biegen und mich zu Gunſten Mauper⸗ tuis verlieren laſſen. Ah, ich denke, dies war ein Meiſterſtreich von mir! Das Original⸗Manuſcript zu verbrennen, während ſchon vor acht Tagen eine Abſchrift deſſelben nach Leyden gewandert iſt. Wäh⸗ rend der König denkt, daß ich ein ſo gutmüthiger Narr bin, jeden Kampf mit dieſem bettelſtolzen Maupertuis *) Preuß, Friedrich der Große. Th. I. S. 248. 2 — 233— 8 aufzugeben, wird zu Leyden mein Akakia ſchon ge⸗ druckt, und bald wird er durch die ganze Welt rau⸗ ſchen, als ein Hohngelächter, womit der Genius die aufgeblaſene Narrheit, welche ſich Genialität dünkt, an den Pranger ſtellt. XII. Der letzte Streit. Es war am Vorabend des Weihnachtsfeſtes. Ge⸗ ſchäftig wanderten die Menſchen durch die weißbeſchnei⸗ ten Straßen, um in den auf dem Schloßplatz aufge⸗ ſtellten Buden für die Kinder daheim den Tannen⸗ baum und die kleinen Geſchenke einzukaufen. Aber doch war der Markt heute weniger beſucht von Käu⸗ fern, wie das ſonſt zu ſein pflegte. Die Verkäufer ſtanden traurig in den Buden, und ſchauten mit ge⸗ runzelter Stirn dieſen Schaaren lachender und plau⸗ dernder Menſchen zu, welche achtlos an ihnen vor⸗ übergingen und nach dem nahegelegenen Gensd'armen⸗ markt eilten.— Und allerdings, auf dem Gensd'armenmarkt hatte man heute ein ſeltenes, ungewohntes Schauſpiel, wie man es unter Friedrich's des Großen Regierung nur dies Eine Mal ſehen ſollte. — 234— Da war ein Scheiterhaufen errichtet und neben demſelben ſtand der Henker in ſeiner rothen Amts⸗ tracht. Wie? Sollte der„heilige Abend“ heute mit einer Hinrichtung gefeiert werden? War es deshalb, daß dieſe Tauſende neugieriger Menſchen in dichtge⸗ drängten Reihen den Scheiterhaufen umſtanden? Des⸗ halb, daß die Fenſter all' dieſer Häuſer geöffnet und mit Gruppen eleganter Damen und Cavaliere ge⸗ ſchmückt waren? Ja, allerdings wollte man da eine Hinrichtung feiern, aber eine blutloſe, welche wenigſtens dem De⸗ linquenten keine Schmerzen verurſachte. Auch waren die Blicke dieſer Tauſende jetzt nicht auf den Scheiter⸗ haufen gerichtet, ſondern Alle ſchauten ſie empor zu dieſem Fenſter, welches ſich da drüben an dem gro⸗ ßen Hauſe auf der Seite der Taubenſtraße*) geöffnet hatte. An dieſem Fenſter ſtand ein bleicher Mann mit eingefallenen Wangen und kränklicher, gebeugter Geſtalt. Aber ſein Geiſt war ungebeugt, das ſah man an dem ſtolz gehobenen Haupt, an dem ironiſchen, verächtlichen Lächeln, das nicht bloß auf ſeinen Lip⸗ pen, ſondern auf ſeinem ganzen Antlitz ſtand, an die⸗ ſen flammenden, großen Augen, welche ſprühende Blicke in der Menge umherſandten, um hier und dort irgend einen Bekannten zu grüßen. Dieſer Mann war Voltaire! Voltaire, welcher gekommen war, der Hinrichtung beizuwohnen, der Hinrichtung ſeines Akakia, der allerdings in Leyden gedruckt und in ganzen Ballen nach Berlin geſandt worden war. *) Taubenſtraße Nr. 20. — 235— Voltaire hatte alſo ſein ſchriftliches und mündliches Verſprechen, er hatte ſein Ehrenwort gebrochen, und der König, auf's Aeußerſte gebracht durch dieſes ehr⸗ loſe Betragen, hatte in ſeinem Zorn beſchloſſen, daſ⸗ ſelbe öffentlich zu ſtrafen. Und jetzt wirbelten die Trommeln, und dann un⸗ ter dem athemloſen Schweigen der Menge las ein Beamter des Königs das Urtheil vor, das Urtheil, welches die boshafte, verleumderiſche Schrift, durch welche der edle, tugendhafte und berühmte Gelehrte Maupertuis dem allgemeinen Geſpött hätte Preis ge⸗ geben werden ſollen, welches den Akakia zum Feuer⸗ tode verurtheilte. Voltaire ſtand immer noch ruhig und lächelnd an dem geöffneten Fenſter, er ſah, wie der Henker dieſe Ballen gedruckten Papiers in das Feuer warf, er ſah, wie die Flammen hoch emporwirbelten zum Himmel, und ſein Antlitz blieb hell und ſeine Augen verloren nichts von ihrem glühenden Feuer. Immer dichter ſchlugen die Rauchſäulen empor, immer mächtiger ſchlugen die Flammen zum Him⸗ mel auf. Die Menſchen ſchauten ſchweigend dieſer ſeltſamen Hinrichtung zu, und das Lachen und Plaudern war verſtummt. Da hörte man plötzlich ein lautes, eoktendes Gelächter, und eine mächtige Stimme rief: Seht da den Geiſt Maupertuis, welcher ganz und gar in Rauch aufgeht! Ah, welch' ein dicker und ſchwarzer Rauch! Wie viel verſchwendetes Holz! Der Akakia iſt unſterblich! Ihr verbrennt ihn hier, aber er bleibt doch lebendig, und die ganze Welt wird ihn kennen lernen! Denn was für die Un⸗ * — 236— 1 ſterblichkeit geboren iſt, kann kein Holzſcheit verbren⸗ nen!*) Das war Voltaire, welcher ſo ſprach. Dann warf er das Fenſter klirrend zu und trat in das Gemach zurück. † Leben Sie wohl, Herr von Francheville, ſagte er ruhig, ich danke Ihnen, daß Sie mir erlaubt, meiner Hinrichtung beizuwohnen. Sie ſehen, ich habe es gut überſtanden, denn nicht Jeder ſtirbt, den man ver⸗ brennt. Leben Sie wohl! Ich muß auf's Schloß, denn ich habe da ein wichtiges Geſchäft. Mit iugendlicher Lebendigkeit eilte er von dannen und hinunter zu ſeinem Wagen. Das Volk, welches ihn erkannte, jauchzte ihm mit freudigen Zurufen entgegen, und im Triumph fuhr Voltaire durch die Menge, welche ihn mit freudiger ₰ Theilnahme grüßte, während der Henker die letzten Ballen des Akakia in die Flammen ſchleuderte. Aber in ſeinen Gemächern im königlichen Schloſſe angelangt, verſchwand das Lächeln aus ſeinen Zügen und ſie zeigten jetzt all' die Wuth und den Zorn, welche ſein Inneres bewegten. Mit haſtiger Hand nahm er aus ſeinem Porte⸗ feuille das vom König unterzeichnete Penſionspatent hervor; dann riß er das blaue Band mit dem großen Ordensſterne von ſeinem Halſe und ſchnitt mit raſchem Griff den kleinen goldenen Schlüſſel von ſeinem Hof⸗ gewand ab, das der Kammerdiener da zu ſeiner Toilette bereit gelegt hatte. Aus dieſen drei Dingen machte er ſodann ein ———— *) Thiébault. Vol. V. p. 265. ——— — 237— Packet, das er verſiegelte und auf das er als Auf⸗ ſchrift folgende Verſe ſchrieb: Je les reçus avec tendresse, Je Vous les rends avec douleur, C'est ainsi qu'un amant dans son extréme fureur, Rend le portrait de sa maitresse. Dann rief er ſeinen Kammerdiener und befahl ihm, dies Packet ſofort hinüber zu tragen zum König. Nicht das mindeſte Zandern war in ihm, nicht das leiſeſte Bedauern über dieſe große Penſion, welche er eben aufgab. Er fühlte, daß er das müßte, daß ſeine Ehre, ſein Stolz das verlangte. In dieſem Augen⸗ blick war ſein Antlitz leuchtend und ſchön, in dieſem Augenblick war er der ſtolze, ſelbſtbewußte, freie Dich⸗ ter, der Genius hatte den Menſchen in ihm beſiegt und leuchtete ſtrahlend von ſeiner Stirn. Aber der ſchöne Moment ging vorüber, und der kleine, berechnende, geizige Menſch trat wieder in ſeine Rechte ein. Voltaire erinnerte ſich wieder, daß er nicht bloß Orden und Ehrentitel, ſondern auch Geld aufgegeben hatte, und ein wüthender Schmerz, eine maßloſe Angſt überkam ihn.. Er eilte zu ſeinem Schreibtiſch hin, und mit zit⸗ ternder Haſt ſchrieb er an den König einen flehenden Brief, in welchem er um Gnade und Erbarmen bat, um Mitleid mit ſeiner unglücklichen Lage und ſeinem tiefen Schmerz.*) *) Preuß. Friedrich der Große. Vol. I. S. 248. — ꝙ — 238— und der König hatte Mitleid, Mitleid mit dieſer zerſtörten Freundſchaft, die jetzt in wüſten Trümmern zu ſeinen Füßen lag, und für welche er noch die Pietät empfand, welche man für das Grab eines Ver⸗ ſtorbenen hat. Er ſandte Voltaire mit einem freundlichen Schrei⸗ ben die„bagatelles“ zurück, und lud ihn ein, ihn nach Potsdam zu begleiten. Voltaire nahm es an, und die Zeitungen verkün⸗ digten, daß der berühmte franzöſiſche Dichter von dem König ſeine Orden und Titel und ſeine Penſion wie⸗ der erhalten und ſich mit dem König nach Potsdam begeben habe. Aber dieſer anſcheinende Frieden war nur von kurzer Dauer. Die Freundſchaft war geſtorben, und gegenſeitige Erbitterung war an die Stelle der Liebe und Hochachtung getreten. Voltaire fühlte endlich die Unmöglichkeit, länger zu bleiben, und gedrängt von den kalten und eiſigen Blicken, von dem ironiſchen, faſt verächtlichen Lächeln des Königs bat er endlich um ſeine Entlaſſung, welche ihm der König dies Mal nicht verweigerte.— Eines Tages, als der König, umgeben von ſeinen Generalen, auf dem Paradeplatz ſtand, meldete man ihm, daß Herr von Voltaire um die Erlaubniß bitte, ſich beurlauben zu dürfen. 1 Der König wandte ſich mit ruhigem Antlitz zu ihm um. Ah, Herr von Voltaire, ſagte, er, Sie wol⸗ len alſo durchaus abreiſen? Sire, unaufſchiebbare Geſchäfte und beſonders meine Geſundheit zwingen mich dazu, ſagte Voltaire laut ge⸗ nug, um von Jedermann vernommen zu werden. Der König neigte ſein Haupt zu einem leichten — .— 239— Gruß. Monſieur, ich wünſche Ihnen eine glückliche Reiſe*), ſagte er, und wandte ſich dann wieder an den alten Feldmarſchall Ziethen, um das angefangene Ge⸗ 8 ſpräch mit ihm ruhig fortzuſetzen. 4 Voltaire machte eine tiefe, ceremonielle Verbeu⸗ gung, und ging, um die bereitſtehende Poſtchaiſe zu beſteigen. So ſchieden ſie. Die Freundſchaft war in Aſche zerfallen, und keine ſpätern Betheuerungen und Worte konnten ſie wieder zum Leben erwecken. 3 Der König und der Dichter nahmen von einander * Abſchied, um ſich niemals wieder zu ſehen! *) Thiébault. Vol. V. p. 271. Ende des vierten und letzten Bandes. Druck von A. Bahn& Co. in Berlin, Schleuſe 4. — ſſſſſiſnſiſiſäinſiſniiſffſſiiſif mnnnam Dnnnn 9 1 14 15 1 0 11 12 13 6 17 18