Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für gchentlich 25 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3* u 5 1 1 8—„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Nach der Schlacht......... 74 ⸗ VIII. Der verhängnißvolle Brief....... 89 „ NX. Die Rückkehr nach Berlin....... 108 ⸗ X. Die Hiobspoſt........... 116 „ XI. Die Enttäuſchung.......... 129 ⸗ XII. Trenck's erſte Flucht......... 147 . XIII. Die Flucht............ 171 ⸗ XlIV. Ich wiſl............ 188 XV. Der letzte Kampf.......... 205 „ XVI. Das Intermezzo im Theater...... 220 „ XVII. Sansfonci............ 231 Drittes Buch. Arieg und Frieden. Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. III. 1 6 I. Die Schauſpieler in Halle. Unmuthig ging der Herr Profeſſor Gotthilf Auguſt Franke in ſeinem Studirzimmer auf und ab. Seine Stirn war dicht umwölkt und ein unheiliger Zorn blitzte aus ſeinen Augen. Und doch war der Herr Profeſſor Franke ein ſehr heiliger Mann, und die frommen Leute in Halle nannten ihn ihren Herrn und Meiſter, und die Pietiſten zählten ihn zu ihren eifrig⸗ ſten Streitern und zu ihren gelehrteſten Vorkämpfern. Es mußte daher etwas ſehr Wichtiges, ſehr Verderb⸗ liches ſein, was den frommen Profeſſor ſo in Harniſch geſetzt und ihn ſo ganz und gar ſeiner chriſtlichen Freundſeligkeit und ſeines gewohnten gottſeligen Lä⸗ chelns vergeſſen ließ. Selbſt als die Thür ſich jetzt öffnete und zwei ſeiner Herren Collegen zu dem würdigen Profeſſor eintraten, erheiterte ſich ſein Antlitz nicht und die düſtere Wolke wich nicht von ſeiner Stirn. Aber auch die Geſichter der beiden Collegen waren trübe und ſorgenvoll, auch ihre Stirnen waren bewölkt und zeugten von dem tiefen Unmuth, der ihr Inneres erfüllte. Seufzend und mit einem vielſagenden Kopfſchütteln reichte Franke den beiden Herren ſeine Hand dar. Ich danke Ihnen, würdige Freunde und Amtsge⸗ noſſen, daß Sie meiner Einladung Folge geleiſtet und die Güte gehabt haben, zu mir zu kommen, ſagte Franke feierlich. Es iſt eine ſchlimme und traurige Zeit, in der die Gerechten und Frommen einig und treulich zu einander halten müſſen, um der Sünde und dem Uebermuth der üppigen Weltkinder wider⸗ ſtehen zu können. Oh, Freunde, wie verderbt iſt un⸗ ſere Zeit, und wie wenig verdienen die Menſchen im Grunde, daß wir uns ihrer erbarmen und ſie zu er⸗ löſen trachten von der Sünde. Aber Gott hat uns zu dieſer Aufgabe berufen, und ſo müſſen wir als ge⸗ treue Knechte die Befehle unſers Herrn erfüllen. Die Antwort des General⸗Directoriums auf unſere Supplik iſt heute bei mir, als dem zeitigen Rector unſerer Uni⸗ verſität, eingetroffen. Ah, endlich alſo, rief Herr Profeſſor Biermann. Endlich ſtehen wir am Ziele, und dieſes Aergerniß, das uns ſeit Wochen heimſucht, wird aufhören. Und der Teufel wird heulend entweichen müſſen vor dem heiligen Kreuze, das wir ihm entgegenhalten wollen! rief Herr Profeſſor Heinrich mit näſeln⸗ dem Ton.. Profeſſor Franke ſeufzte tief. Meine würdigen Freunde, ſagte er, nicht immer lohnt der Beifall der Könige das gerechte Wollen der würdigen Diener des Herrn. Der König Friedrich der Zweite, an welchen das General⸗Directorium Bericht über unſere Ein⸗ gabe geſandt hatte, der König hat unſer Geſuch abge⸗ ſchlagen. Abgeſchlagen! riefen die beiden Profeſſoren mit dem Ausdruck ſtaunenden Entſetzens. 3 — ſtorial⸗Rath Dr. Büſching. S. 55. Abgeſchlagen, ja! Der König läßt uns durch das General⸗Directorium zu wiſſen thun, daß die Bitte des Senats der Univerſität Halle, es möchten die Schau⸗ ſpieler aus unſerem Muſenſitz entfernt werden, nicht berückſichtigt werden könne, daß man vielmehr, um in dieſer Sache weiter zu entſcheiden, erſt abwarten müſſe, ob dieſes Comödiantenvolk hier in Halle wirklich zu Unordnungen Veranlaſſung gebe, und daß nur erſt, wenn wirklich ein derartiger Fall vorliege, wir uns wieder mit einer Beſchwerde an das geiſtliche Depar⸗ tement wenden dürften.*) Das iſt eine unerhörte Ungerechtigkeit, rief der Profeſſor Biermann. Ein neues Zeichen von der Gottloſigkeit und Frei⸗ geiſterei des Königs, ſeufzte Profeſſor Heinrich. Wahr⸗ lich, dieſer König hat es darauf abgeſehen, die heilige Kirche zu ſtürzen und die frommen Diener des Herrn zu Märtyrern ihres Glaubens zu machen. Haben doch ſogar dieſe drei frommen Geiſtlichen, welche in⸗Königs⸗ berg gegen die Comödie predigten, vom König eigen⸗ händig einen derben Verweis bekommen, ebenſo die frommen und pflichtgetreuen Seelſorger dort, welche in ächtchriſtlicher Entrüſtung über ſolch gottloſes Ge⸗ werbe einem Schauſpieler auf ſeinem Sterbebett das Abendmahl verſagten. Mein Bruder iſt einer von dieſen vier Geiſtlichen, und er hat mir geſtern in einem Briefe ausführlichen Bericht über dieſe Sache gegeben. Der König hat den vier frommen Dienern Gottes durch das General⸗Directorium eine höchſt un⸗ ziemliche und unehrerbietige Antwort ertheilt, er iſt ſogar ſoweit gegangen, ihnen mit ſofortiger Abſetzung *») Charakter Friedrich's des Zweiten. Von dem Ober⸗Conſi⸗ * zu drohen, wenn ſie nicht zu Jedermann, er ſei wer er ſei, gleichviel welchem Stande er angehöre, ſich hin⸗ begeben, ſobald er ihren Zuſpruch verlange und ihren Beiſtand vonnöthen habe. Ja, der König hat ſogar befohlen, daß die Comödianten, als ſeien ſie ehrliche Menſchen, auf den Ghriſtlichen Kirchhöfen begraben werden dürfen.*) Das iſt unerhört, ſeufzte Profeſſor Franke. Das iſt eine Gottesläſterung! ſtöhnte Profeſſor Biermann. Eine Gottesläſterung, für welche der Herr der Heerſchaaren den König eines Tages ſtrafen und zur Rechenſchaft ziehen wird. Vergeſſen wir indeß nicht, daß wir von unſerm angeſtammten Herrn und König ſprechen, ſagte Pro⸗ feſſor Franke ängſtlich. Vergißt er denn nicht, daß ſelbſt ein König den Dienern Gottes Ehrfurcht ſchuldig iſt? fragte Bier⸗ mann. Verfolgt er nicht ganz ſyſtematiſch die heilige Kirche und uns ihre frommen und untadelhaften Diener? Ja, ja, es iſt ſeine Abſicht, uns Alle zu vernichten, ſtöhnte Heinrich. Es iſt ſeine Abſicht, die Kirche zu zertrümmern, und aus den Trümmern derſelben ſich unheilige Tempel der Freude und heidniſche Gottes⸗ häuſer aufzurichten. Schaut nur um Euch und Ihr werdet ſehen, wie er aller Orten das wahre Chriſten⸗ thum und die frommen Prieſter des Herrn verfolgt, ſchaut um Euch und ſeht, wie er mit all ſeinen neuen Geſetzen der guten alten Zeit, der Zucht und Ord⸗ nung, der Ehrbarkeit und Frömmigkeit Hohn ſpricht, und es ganz und gar darauf angelegt hat, der ganzen Welt zu zeigen, daß er die Kirche und deren Prieſter *) Preuß, Friedr. d. Gr. Th. III. S. 368. * — verachtet. Nicht ein einziges Mal ſeit ſeiner Thron⸗ beſteigung iſt er zum heiligen Abendmahl gegangen, einer Predigt hat er nur dann und wann und nur pro Forma beigewohnt. Ueberall hat er die Einkünfte der Kirchen beſchränkt, und ſtatt dem Unweſen der Seecten zu ſteuern und ihre frevelhaften Neuerungen mit einem gerechten Bannſtrahl zu belegen, hat er ihnen erlaubt, frei ſich zu entwickeln und frei und offen ihre Lehre zu verkünden. Den Katholiken hat er freie Ausübung ihrer Religion erlaubt, ja, es geht ſogar das Gerücht, daß er ihnen erlauben wolle, in Berlin, dem Herzen des proteſtantiſchen Preußens, ſich eine Kirche zu bauen. Der Brüderunität in Schleſien hat er eine Generalconceſſion ertheilt und ihnen volle Freiheit zur Uebung ihres Gottesdienſtes gewährt.*) Dagegen hat er die häuslichen Religionsandachten, die Abendpredigten in den Kirchen unterſagt, den Prieſtern das Proſelytenmachen verboten, und um der chriſtlichen Religion die größte Gefahr zu bereiten, den Freiden⸗ kern und ſogenannten Philoſophen die Erlaubniß ge⸗ geben, frei und ſonder Scheu ihre gottesleugneriſchen Meinungen zu äußern. Wolf, den der fromme König Friedrich Wilhelm des Landes verwieſen, hat er zu⸗ rückgerufen und dabei noch vermeint, daß dies ein rechter Vorkämpfer der Wahrheit ſei.**) Als ob die Wahrheit anderswo wurzeln könne, als in dem ſtren⸗ *) Büſching, Charakter Friedr. d. Gr. S. 132 folgd. *) Ueber den Philoſophen Wolf ſchrieb der König an den Probſt Reinbeck: Ich bitte Ihn, ſich um des Wolf willen Mühe zu geben. Ein Menſch, der die Wahrheit ſucht und ſie liebt, muß unter aller menſchlichen Geſellſchaft werth gehalten werden, und glaube ich, daß Er eine Conquéste im Lande der Wahrheit Pnlaht hat, wenn Er den Wolf hierher perſuadirt. Büſching, gen, orthodoxen Chriſtenthum, welches nicht philoſophirt, ſondern glaubt, und ſich einfach und ſchlicht an die heilige Schrift und die frommen Kirchenväter hält. Die beiden Profeſſoren hatten der langen, athem⸗ loſen Rede ihres Collegen mit einiger Ungeduld zu⸗ gehört, und ließen ihn jetzt, als er ſchwieg und trium⸗ phirend ſie Beide anblickte, nicht dieſe Zeichen des Beifalls und der Bewunderung ſehen, welche er er⸗ wartet hatte. 4 Das Alles iſt wahr, ſagte Franke, aber dieſe Er⸗ örterungen führen uns ein wenig zu weit von dem eigentlichen Zweck unſeres Geſpräches ab. Es han⸗ delt ſich hier um einen ſpeciellen Fall, es handelt ſich um die abweiſende Antwort, welche der König auf das Geſuch unſers Senats ertheilt hat, um die Ver⸗ weigerung dieſer einfachen und gerechten Bitte: das fernere Spielen dieſer Comödiantenbande, dieſes her⸗ gelaufenen Geſindels, zu verbieten. Der König hat uns dies Geſuch abgeſchlagen, das iſt allerdings der ganzen Stadt, der ganzen Studentenſchaft gegenüber eine große Niederlage für unſern Senat, denn wir hatten die Erfüllung unſerer Bitte für ganz gewiß er⸗ achtet. Wir hatten davon wie von einer ausgemach⸗ ten Sache geſprochen, und nun werden wir es dulden müſſen, daß man uns verlacht und verhöhnt. Möchte man das immerhin, ſagte Biermann, was kümmert uns das Geſpötte dieſer kleinen unwiſſenden Menſchen, deren erbärmliche Schwäche doch gar nicht im Stande iſt, den Thron wankend zu machen, den wir uns auf der Höhe der Wiſſenſchaft, des Glaubens und der Erkenntniß aufgerichtet haben, und deren Ge⸗ ſpött ungehört zu unſern Füßen verklingt. Aber der Glaube, die Kirche, die Wiſſenſchaft iſt durch dieſes Ereigniß gefährdet, und das iſt es, was mich traurig und beſorgt macht. Und das iſt auch das Traurige, ſeufzte Profeſſor Heinrich. Die Studenten haben gar nicht mehr Sinn und Gedanken für etwas Anderes, als für dieſes tri⸗ viale Schauſpiel. Sie vernachläſſigen ihre Studien, ſie verſäumen ihre Collegia, und ſtatt, wie ſich das gebührt, ihr Geld für ihr Studium zu verwenden und die Collegia zu belegen, geben ſie es für Theaterbillets aus und für Blumen und Kränze, mit denen ſie, oh unerhörter Seandal! die Frauenzimmer auf der Bühne bewerfen. Ich habe in meinem Collegium nur drei zahlende Zuhörer in dieſem Semeſter, ſeufzte Profeſſor Bier⸗ mann. Ich, welcher ſonſt immer ein überfülltes Audito⸗ rium hatte, habe dies Mal kaum ſo viel Zuhörer, um mit Anſtand leſen zu können, ſagte Profeſſor Franke, und von dieſen Zuhörern hat kein Einziger gezahlt, ſondern es iſt Allen das Honorar geſtundet. Aber das geht nicht, das kann nicht gehen! wim⸗ merten alle Drei. Was ſoll aus der Wiſſenſchaft werden, wenn ein ſolcher Unfug einreißt, und die Profeſſoren entweder vor leeren Bänken oder nur vor zahlungsunfähigen Schüler leſen müſſen. Ich hatte ein Privatiſſimum angekündigt über die Myſterienſpiele des Mittelalters, ſagte Profeſſor Bier⸗ mann. Bei dieſer allgemeinen Begeiſterung für das Theater hoffte ich damit etwas zu machen und die Stndenten anzuziehen. Umſonſt, kein Einziger hat be⸗ legt, ſie tragen ihr Geld Abends zur Theaterkaſſe, ſtatt Morgens auf die Univerſitäts⸗Quäſtur. Sie— Eben öffnete ſich die Thür und die eintretende Magd meldelte, daß unten ein Herr ſtehe, welcher ſich — 10— Eckhof nenne, und durchaus den Herrn Profeſſor Franke zu ſprechen verlange. Eckhof! riefen alle Drei entſetzt, und die Augen der beiden Freunde richteten ſich mit mißtrauiſchen Blicken auf Franke, welcher indeß dieſe Blicke mit ſtolzer Ruhe ertrug. Eckhof! Sie verkehren mit Eckhof? Dieſer Schauſpieler darf es wagen, Ihre Schwelle zu betreten? 1 Er wagt es wenigſtens, vief Franke mit edlem Zorn. Er hat den frechen Muth, ſich zu mir zu drängen. Nun wohl, hören wir, was ihn dazu be⸗ rechtigt. Laſſen wir ihn eintreten. Er nickte der Magd zu, und dieſe ging hinaus, den Herrn Eckhof zu benachrichtigen. Die drei Profeſſoren nahmen eine ernſte und ſtrenge Miene an, und ſetzten ſich auf dieſe hohen, mit ſchwar⸗ zem Leder bezogenen Stühle, mit denen das Studir⸗ zimmer des gelehrten Herrn geſchmückt war. Die Thür öffnete ſich jetzt und mit lächelndem Antlitz und ſtrahlenden Augen trat Eckhof herein. Seine hohe, kraftvolle Geſtalt, ſeine edle, freie und ungezwungene Saltung, ſein offenes ſchönes Angeſicht, das Alles contraſtirte ſeltſam zu dieſen ſteifen, zuſammengenom⸗ menen, ernſten Männern, deren Stirnen dicht bewölkt, deren Blicke düſter und unfreundlich waren. Nicht Einer von ihnen ſtand auf, den Eintreten⸗ den willkommen zu heißen. Wie die drei Männer des heiligen Vehmgerichts ſaßen ſie da, Eckhof war in ihren Augen nur der Delinquent, den ſie zu verhören und zu verurtheilen hatten. Eckhof ging gerade auf Franke hin, und indem er ſich tief vor ihm verneigte, reichte er ihm die Hand dar⸗ — 11— Erlauben mir Euer Magnificenz, ſagte er, daß ich Ihre Hand berühre. Es iſt ein Gruß, welchen die Kunſt durch mich, ihren unwürdigen Vertreter, der Wiſſenſchaft in Ihnen, ihrer erhabenen und ruhm⸗ würdigen Leuchte, darbringen möchte. 1 Aber Herr Profeſſor Franke nahm dieſe Hand nicht an, er erhob ſich nur von ſeinem Sitz und ſagte: Darf ich fragen, welchem ſeltſamen Zufall ich die Ehre Ihres Beſuches zu danken habe? Eckhof ſah ihn befremdet an und ließ mit einem ſchmerzlichen Erſtaunen ſeine Hand ſinken. Ah, Magni⸗ ſicenz nennen das einen Zufall, daß ich hier bin? ſagte er. Es befremdet Sie, daß der Schauſpieler zu dem erhabenen Rector der Univerſität kommt. Aber was wollen Sie, mein Herr, der Künſtler iſt doch immer der rechte, obwohl jüngere Bruder des Gelehrten, und wenn die Wiſſenſchaft nichts wiſſen will von der Kunſt, und die Kunſt nichts weiß von der Wiſſenſchaft, ſo iſt das für Beide ein trauriges Zeichen ihres Verfalles und ihrer Entartung. Die drei Profeſſoren ſahen ſich einander mit wah⸗ rem Entſetzen an, aber dieſe Frechheit des Schauſpie⸗ lers machte ſie ſtumm, und ließ ſie keine Worte finden, ihre Indignation zu äußern. Ich bin gekommen, Euer Magnificenz um eine Gunſt zu bitten, fuhr Eckhof fort, und ich erlaube mir, dieſe beiden würdevollen Herren in meine Bitte mit hineinzuziehen. Es iſt heute mein Beneſiz, und ich habe zu demſelben mir des erhabenen Voltaire's wun⸗ dervolle Tragödie„Britannicus“ auserwählt und ſelber eine Ueberſetzung derſelben gewagt. Ich glaube, daß das Publikum, welches meine Darſtellungen in Halle mit ſo ſeltener Gunſt beglückt, an dieſem erhabenen Dichtwerk einen neuen hohen Genuß haben und zahl⸗ — 12— reich wie immer herbeiſtrömen wird zu dieſem neuen Stück. Bereits ſind alle Billets zu dem heutigen Abend verkauft, und zu meiner Freude ſind über zwei⸗ hundert derſelben von Studenten, dieſen rechten und ächten Jüngern der Kunſt, entnommen worden. Da⸗ mit aber der Abend ſeine rechte Weihe empfange, fehlt mir nur noch Eins, fehlt mir die Gegenwart des würdigen Herrn Rector Magnificus, die Gegen⸗ wart der Profeſſoren, der ehrfurchtgebietenden Männer der Wiſſenſchaft, deshalb, Magnifieus, deshalb komme ich her. Ich wollte Sie erſuchen, meinem Benefiz heute Abend die Ehre Ihrer Gegenwart zu ſchenken, und einige der Herren Profeſſoren, die hier gegen⸗ wärtigen zum Beiſpiel, zu veranlaſſen, daß ſie Euer Magniſicenz in's Theater begleiten. Zu dieſem Zweck erlaube ich mir hier ſechs Billets hinzulegen, durch deren Gebrauch mich Euer Magnificenz außerordentlich erfreuen würden. Und mit einem aumuthigen Lächeln ſich verneigend, legte Eckhof auf den mit Folianten und Schriften be⸗ packten Tiſch ſeine ſechs Logenbillets, welche ſich da gar ſeltſam und unglücklich ausnahmen zwiſchen den Folianten und dem von Gelehrſamkeit geſchwängerten Staub des Tiſches.. Profeſſor Franke's Stirn hatte ſich noch tiefer um⸗ wölkt und ſein ſonſt ſo kaltes und ſtumpfes Auge Theologie, Franke, in das unheilige, dem Teufel verfallene C mödienhaus gehen ſoll? fragte er mit hartem, ſtren⸗ gem Ton. Sie halten es für möglich, daß dieſe bei⸗ den Herren, beide Profeſſoren der Gottesgelehrſamkeit ..— 13— wie ich ſelber, dieſem frivolen und verdammenswer⸗ then Comödiantenweſen ihr Auge und Ohr leihen könnten? Nein, mein Herr, wie entartet, herabge⸗ kommen und entchriſtlicht unſere Zeit auch immer ſein mag, dahin iſt es noch nicht gekommen, daß die Män⸗ ner Gottes, daß die Theologen in die Höhlen des Laſters ſich begeben und dieſen weltlichen und trivia⸗ len Kunſtſtücken zuſchauen ſollten, welche es Ihnen freilich beliebt mit dem edlen Namen der Kunſt zu bezeichnen. Ueber Eckhof's edles Antlitz flog ein Ausdruck tie⸗ fer Trauer und ein ſchwermüthiges Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen Lippen. Die beleidigenden und ſtolzen Worte des gelehrten und frommen Herrn hatten in⸗ deß ihn weder gedemüthigt, noch verwundet, ſie hatten ihn nur traurig gemacht, und das weniger um ſeinetwillen, als um deſſentwillen, der ſie geſprochen hatte. Immer dieſelbe Unduldſamkeit, dieſelbe Aufgebla⸗ ſenheit, ſagte er leiſe vor ſich hin. Dann richtete er ſein Haupt ſtolzer empor und ſeine flammenden Blicke ruhten wie Dolchſpitzen auf den Geſichtern der gelehr⸗ ten Herren. Sie ſprechen da ſehr harte und ſehr unchriſtliche Worte, mein Herr Rector, Profeſſor und Doctor Franke, ſagte er lächelnd, Worte, welche von einem Manne Gottes, der Wiſſenſchaft und der feinern Welt⸗ bildung eigentlich niemals ſollten geſprochen werden. Denn dem Manne Gottes ziemt die Duldſamkeit, dem 1 anne der Wiſſenſchaft die richtige Erkenntniß und dem Manne der feinern Weltbildung die Höflichkeit gegen Jedermann. Ich indeſſen, ich, welcher kein Profeſſor der Theologie, kein Mann der Viſſenſchaft und vielleicht auch kein guter Chriſt bin, ich vergebe * — 11— Ihnen Ihre beleidigenden Worte und ſage gleich Chriſtus: vergieb ihnen, Herr, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun. Dieſe heiligen Worte werden indeſſen in dem. Munde eines Comödianten zu einer Blasphemie, ſagte 6 Herr Profeſſor Heinrich feierlich. Und doch ſage ich ſie noch einmal, rief Eckhof. „Vergieb ihnen, Herr, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun.“ Sie wiſſen nicht, daß ſie ſich ſelber richten, ſich ſelber verdammen, indem ſie mich zu richten, mich zu verdammen ſcheinen. Sie wiſſen nicht, daß ſie über ſich ſelber den Stab brechen, indem ſie ſich er⸗ lauben die Kunſt, welche ebenſo ſchön, ebenſo heilig, ebenſo göttlich iſt, wie Ihre ganze Gottesgelehrtheit und Wiſſenſchaft, die Kunſt, welche Gott auf die Spitze ſeiner Schöpfung als deren ſtrahlendſte und duftigſte Wunderblüthe geſetzt hat, die Kunſt, ſage ich, zu verachten und zu verſpotten. Oder wollen Sie etwa im Ernſt behaupten, daß die dramatiſche Kunſt keine Kunſt, daß der Schauſpieler kein Künſtler ſei? Ich ſage Ihnen, ich bin ein Künſtler, Gott hat meine Stirn gezeichnet mit dem heiligen Zeichen der Künſt⸗ lerſchaft, er hat mich geſegnet zu dem heiligen Unglück ein Künſtler zu ſein. Ja, ich bin ein Künſtler, ich ſage es Ihnen nicht im Uebermuth, ſondern in der Demuth meines Herzens, welches erſchauert vor dieſer großen und heiligen Aufgabe, die Gott auf mein Haupt gelegt. Gott, was hat Gott zu ſchaffen mit dem Comödian⸗ tenweſen! unterbrach ihn Profeſſor Franke mit einem rauhen Lachen.. Gott iſt überall und aller Orten! Gott iſt in dem ſchmetternden Geſang der Nachtigall und dem Zirpen der Grille, Gott iſt im Antlitz der Menſchen — 15— und im Kelche der Blumen, Gott iſt in Allem, was der Wahrheit, der Schönheit, der Natur, dem Ge⸗ danken angehört, alſo iſt Gott vor allen Dingen in der Kunſt. Nicht bloß die Kirche iſt ein Haus Got⸗ tes, ſondern auch das Schauſpielhaus, in der erſten wird Gott verkündet durch den Mund der Prieſter, in dem zweiten durch den Mund der Poeſie. Ah, meine Herren, Sie nennen ſich Profeſſoren der Theo⸗ logie, nun wohl, ich nenne mich Profeſſor der Kunſt, die Bühne iſt mein Katheder, das Publikum iſt mein Auditorium, und beim Himmel es fragt ſich, wo mehr Schauſpielerei herrſcht, auf den Kanzeln und den Ka⸗ thedern, oder auf der Bühne! . Nun wahrlich, das geht zu weit! rief Herr Pro⸗ feſſor Franke. Sie erkühnen ſich, das Schauſpielhaus eine Kirche zu nennen und ſich ſelber den Männern der Wiſſenſchaft und Gelehrſamkeit gleichzuſtellen. Sie wiſſen alſo nicht, daß die Hiſtrionen von jeher ver⸗ achtete und verworfene Geſchöpfe waren, unehrlich in ihrem Leben, unehrlich in ihrem Tode! Ich weiß, daß die größten Geiſter aller Zeiten für die Hiſtrionen gearbeitet haben, rief Eckhof ſtolz. Ich weiß, daß Aeſchylus und Sophocles, Ariſtophanes und Euripides nimmer ſo berühmt und groß geworden wären ohne dieſe Hiſtrionen, welche das Volk für dieſe erhabenen Dichterwerke begeiſterten, ich weiß, daß die größten Dichter der neueren Zeit, daß Englands Shakeſpeare und Frankreichs Moliere auch Hiſtrionen waren, auch zu dieſen verachteten und verworfenen Geſchöpfen gehörten, welche von den Thoren und Finſterlingen verdammt wurden und denen die eng⸗ herzigen, kleinlichen und hochmüthigen Prieſter, welche ſich die Diener des Gottes der Liebe nennen, nach ihrem Tode ſogar noch die Ruhe des Grabes ver⸗ ſagen wollten. Ich weiß auch, daß der Fluch uns zum Segen geworden iſt, und daß unſere Kunſt nur gedeihen konnte, wenn ſie als Märtyrerin ihrer ſelbſt ſich ſtählte und ſtärkte an ihren eigenen Schmerzen, und ſich tränkte mit ihren Thränen und ihrem eigenen Herzblut. Was groß iſt, muß leiden und dulden, und was ſich mächtig und glanzvoll emporringen ſoll aus dem Staub und der Erniedrigung, muß erſt die Weihe des Unglücks und die Taufe der Thränen em⸗ pfangen haben.— Aber wozu ſage ich Ihnen das Alles, wozu rede ich zu Ihnen, denen die Gelehrſam⸗ keit das Herz verſteinert und die Frömmigkeit die Bruſt mit Anmaßung und Stolz angefüllt hat? Ich kam hierher, um zur Verſöhnung die Hand zu bieten. Man hatte mir erzählt von dieſen Zwiſtigkeiten und Mißſtimmungen, welche, durch das Theater veranlaßt, zwiſchen den Profeſſoren und den Studenten herrſchten. Ich wollte verſuchen, mit einem Lächeln der Kunſt die Runzeln von der Stirn der Gelehrſamkeit zu ver⸗ ſcheuchen, und bei den Studenten die Liebe zu den Wiſſenſchaften neu zu entflammen, indem ſie gewahren ſollten, daß die Vertreter der Wiſſenſchaft auch Liebe zu der Kunſt zeigten. Sie, meine Herren, hatten nicht den feinen Tact und den guten Kopf, das zu begreifen, Sie haben die Hand der Verſöhnung von ſich geſtoßen, Sie wollen Krieg! Nun wohl, ſo ſei es denn Krieg. Die Kunſt hat ihre diamantenen Waffen, mit denen ſie ſehr wohl kämpfen kann gegen die gelehrte Dummheit und die unchriſtliche Frömmig⸗ keit. Leben Sie wohl, meine würdigen und gelehrten Herren Profeſſoren, leben Sie wohl, erhabene Hiſtrio⸗ nen der Studirſtube, des Katheders und der Wiſſen⸗ ſchaft, leben Sie wohl! Er verneigte ſich tief, und ohne die vor Zorn und — — 17— Indignation erſtarrten Profeſſoren nur eines Blickes zu würdigen, ging Eckhof hinaus, hinunter auf die Straße, wo Joſeph Fredersdorf ihn erwartete. Nund fragte er lebhaft. Haben ſie die Einladung angenommen?. Es iſt Alles ſo gekommen, wie Du geſagt haſt, Freund. Sie haben mich mit ſchnödem Hohn zurück⸗ gewieſen und mir ſtolz den Rücken zugewandt. Aber ſie mußten doch hören, was ich ihnen darauf zu er⸗ widern hatte, und ich denke, meine Worte werden ihren erhabenen langen Ohren einige Schmerzen be⸗ reitet haben. Du wirſt jetzt zugeben, daß ich Recht hatte, nicht an unſer Glück in Halle zu glauben, und an das in⸗ nige Zuſammenhalten der Männer der Wiſſenſchaft mit den Männern der Kunſt? Ja, Du hatteſt Recht, Joſeph. Ich ſehe das jetzt ein. Die Gelehrſamkeit dieſer Männer iſt ein erſtarr⸗ ter, blüthenloſer Sumpf, in dem alle ihre beſſeren und menſchlichen Gefühle zu Grunde gehen. Proofeſſoren nennen ſie ſich? Eunuchen ſind ſie, gar nicht im Stande, neue Menſchen zu zeugen, ſondern nur klaf⸗ fend und zähnefletſchend vor den todten Schätzen zu liegen, welche ſie bewachen, und die ihnen je ſchöner und heiliger erſcheinen, deſto älter, beſtäubter und un⸗ verſtändlicher ſie ſind. Komm, Joſeph, wir haben nichts mehr zu ſchaffen mit dieſen Männern der Wiſ⸗ ſenſchaft, des Staubes und der Stubengelehrſamkeit, wir ſind Künſtler, uns gehört das Leben, die Jugend und die Zukunſt, und die ganze Welt iſt unſer Audi⸗ torium! Komm, wir wollen in die Probe gehen, und beim Himmel, wir wollen unſerm Auditorium heute Abend eine Vorleſung halten, deren jauchzender Wie⸗ Mühlbach, Berlin und Sansſonci ꝛc. III. 2 derhall die Herren Profeſſoren wie ein Blitzſtrahl zer⸗ ſchmettern ſoll.— Oben in dem Zimmer des Herrn Profeſſor Franke waren indeſſen die drei gelehrten Herren in tiefer und ernſter Berathung beiſammen geblieben. Heute Abend alſo iſt ſein Benefiz! brummte Pro⸗ feſſor Franke. Zweihundert Studenten werden dort ſein! ſeufzte Profeſſor Biermann. Und unſere Auditorien ſtehen leer! wimmerte Pro⸗ feſſor Heinrich. Eine Pauſe trat ein. Dann erhob Herr Profeſſor Franke ſein geſenktes Haupt und blickte mit leuchten⸗ den Augen auf ſeine Freunde hin. Wir müſſen einen energiſchen Entſchluß faſſen, ſagte er. Wir müſſen dieſem Unweſen mit Gewalt Einhalt thun. Es iſt ein Scandal für die Wiſſen⸗ ſchaft und die ganze Stadt, daß unſere Studenten den Hiſtrionen nachlaufen und ſich abwenden von den Pro⸗ feſſoren und ihrem Studium. Ja, wir müſſen dem Einhalt thun, ſagte Bier⸗ mann, denn nicht bloß unſer Ruf, ſondern auch unſere Börſe, und ich darf ſagen, auch unſer häusliches Glück, leidet darunter. Ich habe meiner Frau die Collegien⸗ gelder ein für alle Mal zu ihrem Taſchengeld ange⸗ wieſen. Nun, in dieſem Semeſter hat ſie alſo faſt gar nichts bekommen, und das fällt auf mich zurück. Sdie iſt ſehr verſtimmt, weil ſie kein Taſchengeld hat, und achtet mich weniger, weil ich keine Zuhörer habe. Ich, der ich zum Glück keine Frau habe, ſagte Profeſſor Heinrich, ich pflegte für die Collegiengelder meinen Bedarf an Schnupftaback und Kanaſter ein⸗ zukaufen. Es ſtudirt ſich beſſer, der Geiſt iſt feiſche, 4 wenn man ſeine Pfeife raucht und ſein Gehirn mit einer Priſe ſtärkt, ich muß mich aber nun in dieſem Semeſter ſehr in dieſem Genuſſe beſchränken, und meine Studien und meine Arbeiten leiden darunter. Sie ſehen alſo, wir müſſen ſchleunig dieſem wu⸗ chernden Uebel abhelfen, rief Franke. Wir wollen noch heute einen Schritt dazu thun. Das General⸗ Directorium hat entſchieden, daß nur erſt dann die Comödianten entfernt werden ſollen, wenn ihr Hier⸗ ſein zu einem öffentlichen Scandal Veranlaſſung ge⸗ geben hat. Nun wohl, rufen wir einen ſolchen öffent⸗ lichen Scandal in's Leben. Es werden heute Abend gegen zweihundert Studenten im Theater anweſend ſein, wie dieſer Herr Eckhof ſagt. Daraus folgt, daß es noch einige hundert Studenten giebt, welche nicht da ſein werden. Unter dieſen werden ſich ohne alle Frage einige entſchloſſene, kühne und fromme Jüng⸗ linge finden, welche Gott, die Wiſſenſchaft und ihre Lehrer hoch genug achten, um in die Schranken zu treten gegen dieſes unchriſtliche Comödiantenweſen, und im Namen der guten Sitte einen Scandal veranlaſſen. Wenn wir zum Beiſpiel einige ſolcher gutgeſinnten Studenten veranlaſſen könnten, heute Abend auch in's Theater zu gehen, und zu ziſchen und zu trommeln, wenn die andern Studenten klatſchen und Bravo rufen, ſo würde das ohne Zweifel genügen, den gewünſchten Lärm und das öffentliche Aergerniß hervorzurufen, und wir haben dem General⸗Directorium gegenüber, was wir brauchen. Eine ganz vortreffliche Idee! Nur fürchte ich, daß es ſchwer ſein wird, Stu⸗ denten zu finden, die ſich in ſolche Gefahr begeben, und ihre geſunden Glieder, ja vielleicht ihr Leben wagen wollen. Wir müſſen ſie unter denen ſuchen, in deren Vor⸗ 2* indem er dem Rector ſeine Hand darreichte. theil es liegt, bei dem Rector Magnificus in Gunſt zu ſtehen. Wir werden unſere Streiter alſo unter den Jünglingen ſuchen, welche Stipendien empfangen, und alſo ganz naturgemäß zu mir halten, weil es von mir abhängt, ihnen das Stipendium auch für das nächſte Semeſter zu ſichern. Auch giebt es einige Studenten, welche, nur der Wiſſenſchaft lebend, dieſe eitle Kunſt verachten und, wie ich mit Beſtimmtheit weiß, niemals das Theater beſuchen. Ich nenne Ihnen zum Bei⸗ ſpiel den jungen und fleißigen Studenten Lupinus. An ihn werde ich mich wenden, und er wird ohne Zweifel meiner Aufforderung entſprechen. Er iſt klein und ſchwächlich, das iſt wahr, aber er ſteht in großem Anſehen unter der Studentenſchaft, und es iſt alſo gut, wenn er dabei iſt. Außerdem kenne ich wohl noch fünf Studenten, auf welche wir ſicher zählen können, und die uns behülflich ſein werden, unſer edles Ziel zu erreichen. Ihnen werde ich alſo dieſe Billets geben, welche dieſer übermüthige Comödiant hier zurückgelaſſen hat. Es war ſein Wunſch, daß dieſelben heute von uns gebraucht werden ſollten. Nun wohl denn, wir wollen ſie gebrauchen, nur wollen wir es nicht zum Zweck dieſes ſchnöden und ſinnlichen Vergnügens thun, ſondern im Dienſte Gottes, der Wiſſenſchaft und der Tugend! Und weil dem ſo iſt, wird Gott auch unſer Be⸗ mühen ſegnen und es mit einem glücklichen Erfolg krönen! ſagte Herr Profeſſor Heinrich ſalbungsvoll, —— — 21— * II. Der Student Lupinus. Allein und einſam wie immer ſaß der junge Lu⸗ pinus in ſeinem Zimmer, vor ſeinem mit Büchern und Folianten bedeckten Schreibtiſch. Sein Antlitz war noch bleicher und abgemagerter wie damals, als wir ihn in Berlin kennen lernten. Seine Augen, welche tief in ihren Höhlen lagen, waren umgeben von jenem traurigen, bläulichen Ringe, der immer der Wiederſchein innern Leidens zu ſein pflegt. Seine bleichen Lippen waren feſt und ſchmerzlich zuſammen⸗ gepreßt, und dieſe ſchmale kleine Hand, mit welcher er ſein armes blaſſes Haupt ſtützte, war von einer durchſichtigen Magerkeit und Weiße.* Lupinus arbeitete oder ſchien wenigſtens zu ar⸗ beiten. Vor ihm lag einer jener ehrwürdigen, in Schweinsleder gebundenen Folianten, welche ſo ſehr die Ehrfurcht und Achtung der Gelehrten erregen, und in denen die Quellen ihres Wiſſens und ihrer For⸗ ſchungen ſprudeln. Die Blicke des jungen Mannes ruheten auf der vor ihm aufgeſchlagenen Seite des Folianten. Aber ſo lange und ſo ſtätig, daß man wohl ſah, wie er Uüber dem Denken und Grübeln das Leſen vergeſſen hatte. Welche Freude würden die Herren Profeſſoren ge⸗ habt haben, wenn ſie ihn ſo, über den Folianten ge⸗ wigt, anz Andacht und Aufmerkſamkeit, hätten ſehen nnen. Aber welches Entſetzen und welcher Abſcheu würde ſie ergriffen haben, wenn ſie gewahrt hätten, was Lupinus eigentlich las, und welches unheilige Blatt da über der Ehrfurcht gebietenden Druckſchrift ausge⸗ breitet lag. Dieſes Blatt war ein Comödienzettel, der Comö⸗ dienzettel des heutigen Abends, und auf ihm ruhten die Blicke der jungen Studenten Lupinus. Nein, nein, ſagte er nach einer langen Pauſe, ich werde nicht hingehen. Ich will mein Herz überwin⸗ den, wie ich es dieſe zwei langen, entſetzlichen Monate ſchon gethan habe. Ich will und darf Eckhof nicht wiederſehen, niemals wieder. Ich fühle, daß ich ver⸗ loren wäre, wenn ich es thäte. Ah, als ob ich nicht auch ohnedies verloren bin. Als ob ich ihn nicht ewig vor mir ſähe, als ob ſeine großen, brennenden Augen nicht immer hier in meinem armen Herzen bohrten und glühten, als ob vor meinen Ohren nicht ewig ſeine ſanfte melodiſche Stimme erklänge und mir das Grablied meiner Ruhe und meines Friedens ſänge. Vergebens ſträubte ich mich gegen mein Verhängniß, es iſt doch über mich hereingebrochen und hat meine ganze Vergangenheit, meine ganze Zukunft zerſchmet⸗ tert. Möge mein Herz unter dieſen Trümmern ver⸗ bluten, ich darf und will nicht verſuchen, es zu retten. Ich will ehrlich ſterben, wie ich ehrlich gelebt habe. Nur möge mir Gott die Kraft verleihen, daß meine ſterbenden Lippen meinem Vater nicht fluchen und ihn nicht anſchuldigen. Er hat ſich ſchwer an mir ver⸗ ſündigt, er hat mich hinausgeſchleudert aus den Bah⸗ nen, welche das Schickſal und die Natur mir vorge⸗ zeichnet, er hat die Natur ſeinem Willen unterordnen wollen, und ich bin das Opfer dieſes egoiſtiſchen Wil⸗ lens geworden. Möge das Gott ihm vergeben. Wie 8 —— Chriſtus am Kreuze flehe auch ich: vergieb ihm, Gott, denn er wußte nicht, was er that!— Und jetzt, fuhr Lupinus nach einer Pauſe fort, jetzt genug der Klage und des Bedauerns! Ich habe meinen Entſchluß ge⸗ faßt, ich werde dieſer Verſuchung Widerſtand leiſten, ich werde nicht in's Theater gehen, denn niemals, oh nein, niemals darf ich ihn wiederſehen!— Mit einer heftigen Bewegung nahm er den Thea⸗ terzettel und drückte die Stelle, wo der Name Eckhof ſtand, an die Lippen. Dann zerriß er das Papier in kleine Stückchen, die er mit einem traurigen Lä⸗ cheln über ſeinen Schreibtiſch und ſeine Bücher aus⸗ ſtreute. Das iſt die Saat meiner Schmerzen, ſagte er leiſe, möge ſie aufgehen und ſich entfalten zu einer Blume auf meinem Grabe. Aber ſo lange ich lebe, will ich kämpfen und ſtandhaft ſein.„Kräftig, tapfer und treu, bis an's Ende.“ Das ſei die Deviſe, welche ich über mein Leben wie eine flatternde Fahne aus⸗ breite, und unter der ich muthig ſtreiten und ringen will mit der Welt und meinem eigenen Herzen. Ruhe, träume und ſtirb, mein Herz, und Du, mein Geiſt, wache auf und tröſte mich! 3 Er neigte ſeine Blicke wieder auf den vor ihm aufgeſchlagenen Folianten und las. Dies Mal nicht loß mit ſeinen Augen, ſondern auch mit ſeinem Geiſte und ſeinen Gedanken. Aber das dauerte nicht lange, ein leiſes Klopfen an ſeiner Thür ſtörte ihn, und ehe er noch Zeit hatte aufzuſtehen, ward die Thür geöffnet und der Rector Magnificus Profeſſor Franke trat herein. Mit einer ſeltenen Freundlichkeit und Herablaſſung begrüßte er den über die ungewöhnliche Ehre dieſes Beſuches ganz erſtaunten und ſprachloſen Studenten, deſſen Verwir⸗ — — 22— rung dem Stolz des Rectors ein wohlwollendes Lä⸗ cheln abgewann. 4 Mein Beſuch ſcheint Sie zu überraſchen, ſagte er, und Sie finden vielleicht, es ſei ungewöhnlich, daß der Rector der Univerſität zu einem Studenten komme. Aber was wollen Sie, junger Mann, Sie ſind ſelber ſo ungewöhnlich, daß man, um Ihnen ſeine Beachtung und Anerkennung zu zeigen, auch zu ungewöhnlichen Mitteln ſeine Zuflucht nehmen muß. Sie ſind der fleißigſte, gelehrteſte, ehrbarſte und ſtillſte Student un⸗ ſerer Hochſchule. Man ſieht Sie niemals in den Wirthshäuſern, auf dem Fechtboden oder bei ⸗den luſti⸗ gen Studentengelagen. Immer ſind Sie einſam und nur mit Ihrer Wiſſenſchaft und Ihren Studien be⸗ ſchäftigt. Deshalb ſind Sie der Liebling und die Hoff⸗ nung aller Profeſſoren, und deshalb iſt es, daß ich, der Rector Magnificus, perſönlich komme, Ihnen meine Achtung zu beweiſen. Es iſt dies eine Ehre, welche mich tief beſchämt, ſagte der junge Lupinus hoch eerröthend, eine Ehre, deren ich mich kaum würdig fühle. 3 Ich will Ihnen einen noch größern Beweis meiner Achtung geben, fuhr der Profeſſor fort. Ich will Sie zu meinem Vertrauten machen, und Sie Theil neh⸗ men laſſen an einer Intrigue, welche, ſo klein ſie auch ſcheint, doch für die Wiſſenſchaft von den größten und hoffentlich heilbringendſten Folgen ſein wird. Und mit beredten Worten ſetzte ihm Franke jetzt die Gefahr auseinander, mit welcher die Wiſſenſchaft voon der Anweſenheit der Comödianten bedroht werde, und von dem unheilvollen Einfluß, welchen das Thea⸗ ter auf die Studenten ausübe. Indem er ihm den Beſcheid des General⸗Directoriums mittheilte, ver⸗ traute er ihm dann den Plan an, welchen die Pro⸗ — feſſoren entworfen hatten, um heute den gewünſchten Scandal herbeizuführen, und bei welchem Lupinus eine werkthätige Rolle ſpielen ſollte.— Der junge Mann hörte der ſalbungsvollen Rede des Profeſſors ſchweigend und wie erſtarrt in innerem Schrecken zu. Franke ſah das nicht, er ſah nicht dieſe finſtern, flammenden Blicke, welche Lupinus auf ihn ſchleuderte, er ſah nicht, wie er allmälig erbleichte, und wie er ſeine zitternden Lippen feſt aufeinander preßte, um die heftigen Worte vielleicht zurückzudrän⸗ gen, die aus ſeiner Bruſt emporſtiegen. Der Pro⸗ feſſor hörte ſich ſelber zu, und bewunderte froh ſeine eigene eifervolle Redegewandtheit, wie hätte er da das Antlitz dieſes Jünglings beobachten können, an deſſen dienſtbereiter Ergebenheit er gar nicht zweifelte, und deſſen Weigerung ihm wie ein unglaubliches Mährchen würde erſchienen ſein. Auch weigerte ſich Lupinus gar nicht. Er nahm ganz gelaſſen das dargereichte Billet an und legte es, ohne irgend eine Erwiderung auf ſeinen Schreibtiſch. Er hörte ſchweigend den weitern Auseinanderſetzungen des Profeſſors zu, und dieſer nahm das Schweigen für eine ehrfurchtsvolle Zuſtimmung. Als aber der Herr Rector ſich endlich entfernt hatte und Lupinus allein war, da wich die Ruhe aus ſeinen Zügen und ſein ganzes Weſen war jetzt Bewegung, Aufregung und Leidenſchaft. Mit einer heftigen Be⸗ wegung nahm er das Theaterbillet und warf es zur Erde, um mit ſeinen Füßen darauf zu ſtampfen, und es dieſen ganzen Zorn, dieſe Verachtung empfinden zu laſſen, welche er dem Profeſſor nicht zu zeigen ge⸗ wagt hatte. Mich, mich wollen ſie zum Werkzeug dieſer Er⸗ bärmlichkeiten machen! ſagte er zähneknirſchend. Weil —;— — 26— ich zurückgezogen, einſam und freudelos lebe, ſcheine ich ihnen geeignet, eine ſolche Infamie auszuführen. Weil ich nicht in's Theater gehe, glauben ſie, daß ich ein Verächter der Kunſt bin, und ſie, gleich ihnen, für eine Feindin der Wiſſenſchaft halte. Oh, oh, wie wenig kennen ſie mich, wie wenig verſtehen es dieſe klugen und gelehrten Profeſſoren, in den Herzen und den Geſichtern der Menſchen zu leſen!— Aber wie, Eckhof iſt in Gefahr, ich weiß es und ſoll ſchweigen? Eckhof wird bedroht von dieſen engherzigen, aufgebla⸗ ſenen Profeſſoren, und ich ſoll ihn nicht warnen? Wäre das nicht ein Verrath, den ich an mir ſelber beginge, ein Verbrechen gegen die Kunſt und mein eigenes armes Herz? 4 Mit heftigen Schritten, mit keuchendem Athem ging er im Zimmer auf und ab, ringend mit den Gedan⸗ ken und Entſchlüſſen, welche ſein Inneres bewegten und wie Orkane in ihm tobten und brauſten. Plötz⸗ lich blieb er ſtehen. Sein Antlitz ſtrahlte jetzt von Entſchloſſenheit und Energie, ſeine Augen glänzten im Feuer der Begeiſterung. Ich wollte meine Sehnſucht und mein Herz der Pflicht zum Opfer bringen, ſagte er, aber Gott hat mein Opfer nicht angenommen, Gott hat es verwor⸗ fen und mir ſelber den Weg vorgezeichnet, den ich zu gehen habe! Ich will nicht der Theilnehmer dieſer Verſchwörung ſein, wenn ich ſie verſchwiege, wäre ich es. Ich werde alſo nicht ſchweigen. Mit einem glücklichen Lächeln nahm er ſeinen Hut, und ſeine Wohnung verlaſſend eilte er hinunter auf die Straße. Aber vor der Thür Eckhof's angelangt, zögerte er, und eine glühende Röthe, gefolgt von einer tödtlichen Bläſſe, übergoß ſein Geſicht. Nein, nein, flüſterte er leiſe, ich habe heute noch — 27— nicht die Kraft, ihn wiederzuſehen. Ich würde ſterben, wenn ſeine Augen mich anblickten. Ich will zu Fre⸗ dersdorf gehen. 3 Der junge Joſeph Fredersdorf, welcher jetzt aus einem Jünger der Wiſſenſchaft ſich in einen Jünger der Kunſt verwandelt hatte, war zu Hauſe und empfing Lupinus mit freudigem Erſtaunen.. Der Heilige traut ſich in die Höhle des Weltkin⸗ des, ſagte er mit einem fröhlichen Lachen, der auf dem Dreifuß der Wiſſenſchaft thronende Gelehrte ſteigt her⸗ ab von ſeiner Höhe, um den Helden und Liebhaber der Theater⸗ und Couliſſenwelt aufzuſuchen. Das iſt ein unerhörtes Ereigniß, welches jedenfalls etwas zu bedeuten haben muß.— Sie ſpotten über mich und doch haben Sie dabei das Rechte getroffen, ſagte Lupinus. Ja, es hat etwas zu bedeuten, daß ich hier bin, denn nicht ohne eine ernſte Veranlaſſung würde ich, welcher ſo undankbar und ſchroff Ihre freundliche Annäherung zurückgewie⸗ ſen hat, den Muth gefunden haben, zu Ihnen zu kommen. Aber ich weiß, daß Sie mir vergeben wer⸗ den um des Zweckes willen, der mich zu Ihnen führt. Hören Sie mich an und dann urtheilen Sie! Mit haſtigen Worten, oft unterbrochen von den. Ausrufen Fredersdorf's, von den Ausbrüchen ſeines Unwillens und ſeines Zorns, erzählte ihm Lupinus von dem Beſuch des Rectors und von dem Zweck deſſelben. Das iſt alſo eine Verſchwörung in beſter Form, ſagte Joſeph, als Lupinus geendet hatte, eine Ver⸗ wörung, um deretwillen, wenn ſie von den Stu⸗ denten ausginge, die Herren Profeſſoren Zeter und Mordio ſchreien und die armen Jungen auf das Kar⸗ zer ſchicken würden, wie ſie es mir ſo oft gethan. Eine Verſchwörung, welche, wenn ſie gelänge, die Entfernung der Schauſpieler zur Folge haben würde, ſagte Lupinus. Sie darf alſo nicht gelingen. Wir müſſen Alles anwenden, dies zu verhindern. Das Wichtigſte iſt, daß wir die übrigen Studenten ermitteln, welche der Herr Rector mit dieſer ehrenvollen Aufgabe betraut hat. Dieſe müſſen wir für uns zu gewinnen ſuchen, oder, wenn dies nicht gelingen will, ſie am Beſuch des Theaters verhindern. Und weun wir dieſe Studenten nicht ermitteln können. 3 Dann müſſen wir geſchehen laſſen, was nicht zu ändern iſt, aber wir müſſen die üblen Folgen zu hin⸗ tertreiben ſuchen. Wir müſſen uns an den König wenden und ihm ſagen, wer den Scandal veranlaßt hat, und, weshalb das geſchehen iſt. Der König iſt gerecht und, wie ich glaube, den Schauſpielern der Bühne mehr gewogen, als den Schauſpielern der Kan⸗ zel und des Katheders. Zum Glück iſt es nicht ſchwer zu dem König zu gelangen, am allerwenigſten für mich, den Bruder des Geheim⸗Kämmerers. Sehen wir alſo den Dingen, welche da kommen ſollen, mit Ruhe und Faſſung entgegen. Seien wir thätig, be⸗ ſonnen und klug, und der Sieg wird auf unſerer Seite ſein. Jetzt aber, mein theurer Freund, denn Sie müſſen es ſich ſchon gefallen laſſen, daß der höchſt ungelehrte und ſehr wenig ehrbhare Schauſpieler Sie von heute an ſeinen theuerſten und beſten Freund nennt, jetzt wollen wir vor allen Dingen zu meinem Meiſter und Herrn, zu Eckhof gehen. Eckhof muß nicht allein dieſe Verſchwörung, ſondern auch Den⸗ jenigen kennen lernen, dem wir die Kenntniß derſelben ſchulden. Eckhof muß Ihnen danken, und ich weiß, — 29— er wird das mit Freuden thun, denn er gehört zu den großen und edlen Seelen, welche es nicht ſcheuen, Andern verpflichtet zu ſein und zur Dankbarkeit nicht zu ſtolz ſind. Kommen Sie alſo zu Eckhof. Er wollte Lupinus ungeſtüm mit ſich fortziehen, dieſer aber wehrte ihn ſanft zurück. Nein, ſagte er, ich gehe nicht zu Ekhof. Ihm kann es gleichgültig ſein, wer ihm dieſe Warnung gebracht, und ich habe es nicht gethan, um Dank zu erwerben, ſondern um meinem Gewiſſen Genüge zu thun. Was ſoll ich bei Eckhof? Er würde ſpotten über den ungelenkigen, ſchüchternen und traurigen Studenten, und wie de⸗ müthig und unbedeutend ich immer ſei, ſo will ich doch nicht, daß man über mich lache. Glauben Sie wirklich, daß Eckhof das thun würde? Er, welcher die tiefſte Verehrung, die heiligſte Andacht hat für Alles, was der Kunſt und der Viſſenſchaft angehört, für Alles, was natürlich und wahr, edel und gut iſt? Er, welcher das Herz eines Kindes und die Liebeskraft einer Frau hat, er ſollte Sie verlachen, weil Sie nicht ſind, wie wir, das heißt, nicht leicht⸗ ſinnig, übermüthig, unverſtändig und thöricht, ſondern weiſe und gelehrt, obwohl Sie ein Kind ſind, treu und zu gut ſelbſt gegen uns, welche Sie ohne Zweifel geringſchätzen! Ich? fragte Lupinus ganz erſtaunt. Ich ſollte Sie geringſchätzen? Ach, Sie wiſſen alſo nicht,— aber nein, unterbrach er ſich ſelber, wir ſprechen über das Alles ein ander Mal. Heute haben wir Beide zu thun. Ich will verſuchen, die Studenten zu ermitteln, welche der Herr Rector gewonnen hat, und Sie müſ⸗ ſen zu Eckhof eilen, um mit ihm die nöthigen Verab⸗ redungen zu treffen. Sie wollen mich alſo nicht zu ihm begleiten? — 30— Nein, mein Freund, heute nicht! Laſſen Sie uns erſt die Begebenheiten dieſes Abends abwarten, morgen vielleicht bitte ich Sie, mich zu ihm zu führen! Das wäre einmal ein Triumph, den ich den Her⸗ ren Zopfgelehrten wünſche. Herr Lupinus, die Leuchte der Wiſſenſchaft, der berühmteſte Arzt der Zukunft, Herr Lupinus, ein Freund der Schauſpieler, ein Freund des verachtungswürdigen Renegaten der Ge⸗ lehrſamkeit, Joſeph Fredersdorf's! Hören Sie, Sie müſſen mir den ſtolzen Triumph gönnen, dreimal mit Ihnen Arm in Arm um den Marktplatz und den grünen Thurm zu gehen. Dreimal hintereinander, verſprechen Sie mir das? Sorgen wir erſt, daß der Plan der Profeſſoren mißlingt, und die Schauſpieler nicht aus Halle ver⸗ trieben werden! Und wenn wir dies erreicht haben, dann wollen Sie mit mir Arm in Arm drei Mal um den Markt⸗ platz gehen? Nicht drei Mal nur, ſondern ſo oft Sie wollen! Nun habe ich die Kräfte eines Simſon und die Schlauheit einer Delila, ſagte Joſeph mit komiſchem Pathos. Mit dieſem Ziel vor Augen werde ich alle unſere Feinde beſiegen. III. Der Scandal im Theater. Die Stunde der Aufführung war gekommen. Ganz Halle ſchien heute in einer freudigen Erregung, und wie bei einer plötzlichen Völkerwanderung ſah man ganze Schaaren von Menſchen durch die Straßen da⸗ hineilen, dem kleinen, ärmlichen Schauſpielhauſe zu, durch deſſen weitgeöffnete Pforten ſich die ſchwarze Menſchenmaſſe ächzend und ſtöhnend, kreiſchend und fluchend, bittend und jammernd langſam vorwärts in das Haus hineinbewegte. Nicht wie in Berlin ſah man hier glänzende Equipagen und Diener mit Fak⸗ keln die Pforten des Kunſttempels umlagern, ſondern beſcheiden und unſcheinbar nahte ſich Jeder zu Fuß, und höchſtens begleitet von einem Diener, welcher die Stangenlaterne trug, oder einer Magd, welche ihrer alten und die kalte Luft des ungeheizten Theaters fürchtenden Herrin das„Feuerſtübchen“*) mitbrachte, um in dieſes düſtere, ſchmuckloſe und baufällige Ge⸗ bäude zu treten, das vor Kurzem noch ein Kornſpeicher geweſen und jetzt zu einem improviſirten Schauſpiel⸗ haus umgewandelt worden war. Das Publikum von Halle war kein glänzendes, feſtlich geſchmücktes, kein Publikum der Mode und des guten Tons, ſondern ein *) In Berlin ward im Jahr 1745 ein Verbot erlaſſen, keine Feuerſtübchen mehr in’'s Theater mitzubringen, weil mehrmals ſchon die Kleider der Damen dadurch in Brand gerathen waren. L. Schneider, Geſchichte der Berliner Oper Seite 20. Publikum, welches, indem es kam, ſeine Vorurtheile und Abneigungen überwunden hatte, und im Theater nicht eine müßige Zerſtreuung, eine bequeme Erheite⸗ rung, ſondern einen ernſten Kunſtgenuß, eine an⸗ regende, geiſterweckende Unterhaltung ſuchte. Um ſo größer alſo war die Freude und der Triumph Eckhoſ's, ein ſolches Publikum ſich erobert und in dieſer Stadt ernſter Bildung und tiefern wiſſenſchaftlichen Sinnes ſich Anerkennung und Bedeutung errungen zu haben. Zumeiſt freilich verdankte er dies den Studenten, denn die Jugend iſt immer kühn genug, das Vorurtheil zu verachten, und hat immer ein offenes Auge, das Schöne zu erkennen, ein offenes Herz, ſeine Freude daran un⸗ verhohlen zu äußern. Eckhof, welcher damit angefan⸗ gen hatte, der Liebling der Studenten zu werden, hatte damit aufgehört, der Liebling der ganzen Stadt, ſogar der ehrſamen Spießbürger und„Philiſter“, mit Aus⸗ nahme der Herren Profeſſoren, zu ſein. Ganz Halle alſo, wiederum mit Ausnahme der Profeſſoren, wollte heute Abend Eckhof ſeine Liebe und Bewunderung bezeigen, indem es ſeinem Benefize bei⸗ wohnte, und ſich Billets löſete zu dieſer neuen, noch nie geſehenen Tragödie Voltaire's, dem Britannicus. Wäre das Schauſpielhaus heute dreimal ſo groß ge⸗ weſen, es würde kaum genügt haben, um alle Die⸗ jenigen aufzunehmen, welche jetzt mit traurigem Ge⸗ ſicht wieder von der Kaſſe zurücktraten und verſtimmt heimwärts gingen, weil kein Billet mehr zu erlangen geweſen. Deſto vergnügter und glücklicher waren Die⸗ jenigen, welche, bewaffnet mit einem Einlaßbillet und zwei kräftigen Ellenbogen, ſich bereits in den Zu⸗ ſchauerraum hineingearbeitet hatten, und jetzt athemlos auf die Bänke hinſinkend ausruhten von dem gewich⸗ tigen Kampf. — 8 7 — 33— Im Parterre gewahrte man dichtgedrängt die phan⸗ taſtiſchen, langbärtigen, jugendfriſchen und kräftigen Geſtalten der Studenten, deren funkelnde Augen und lachende Geſichter genugſam das Intereſſe verkündeten, das ſie an dem heutigen Abend nahmen. Nur hier und da begegnete man unter ihnen einem ernſten, mißmuthigen Geſicht, einem finſter blickenden Auge, aber Niemand achtete auf ſie. Jeder war ſo ſehr be⸗ ſchäftigt mit ſeiner eigenen, erwartungsvollen Freude, mit dem Anſchauen der ſchönen jungen Frauen und Mädchen, welche allgemach jetzt die Logen füllten und ſchamvoll und erröthend vor den brennenden und drei⸗ ſten Blicken der Studenten die Augen niederſchlugen, mit dem Betrachten dieſes geheimnißvollen Vorhanges, hinter dem das Glück und der Genuß dieſes Abends ſich noch verbarg, und durch deſſen hier und da an⸗ gebrachte kleine Oeffnungen man zuweilen das Auge irgend eines Künſtlers oder einer Künſtlerin gewahrte, die das wogende und plaudernde Publikum beobachtete, wie dieſes den Vorhang beobachtete, Beide voller Er⸗ wartung der kommenden Dinge, Beide in höchſter Aufregung und Spannung den nächſten Stunden ent⸗ gegenſehend. Niemand, wie geſagt, achtete auf dieſe wenigen, unter der Maſſe verſtreuten Studenten mit den ernſten Geſichtern und den finſter zuſammenge⸗ zogenen Augenbraunen, Niemand außer Lupinus. Er, welcher das Antlitz jedes Studenten vor ſeinem For⸗ ſcherblick die Revue hatte paſſiren laſſen, er hatte ſehr bald an ihren Geberden und Augen dieſe von Pro⸗ feſſor Franke angeworbenen Studenten erkannt, deren Namen er vorher nicht zu ermitteln gewußt, und die man daher vom Beſuch des Theaters nicht hatte zu⸗ rückhalten können. Ueberdies machten ſie, welchen Profeſſor Franke anvertraut, daß auch Lupinus zu den Mühlbach, Berlin n. Sansſouci ꝛc. III. 3 Verſchworenen gehöre, ihm Zeichen des Einverſtänd⸗ niſſes und nickten ihm mit einem geheimnißvollen Lä⸗ cheln zu. Einmal flüſterte ihm einer dieſer Studenten zu:„Es wird ohne alle Frage zu einem heißen Kampf kommen, und ich fürchte ſehr für uns, denn wir ſind in der Minorität. Haſt Du für alle Fälle Dein Rap⸗ pier mitgebracht, Bruder Lupinus?“ Aber ehe Lupinus antworten konnte, hatte eine neue Woge heranſtrömen⸗ der Studenten den Frager von ſeiner Seite fortge⸗ trieben. Dieſe neuangekommenen Studenten ſchienen indeß minder harmlos und freudig wie die Uebrigen. Ihre Blicke ſchienen drohend in der Menge nach ir⸗ gend einem verborgenen Feind zu ſuchen, und wenn ſich ihnen irgend ein verdächtiges Geſicht, ein zu be⸗ argwöhnender Student zeigte, ſo flüſterten ſie unter⸗ einander und blickten mit herausforderndem Lachen nach ihren vermeintlichen Feinden hin. Aber den jungen Lupinus ſchienen auch ſie zu den ihrigen zu rechnen, denn ihm nickten ſie freundlich zu und dräng⸗ ten ſich zu ihm, um ihm die Hand zu drücken und leiſe einige Worte des Beifalls und Lobes über ſeine Anweſenheit an ihn zu richten. Dieſe Studenten waren die nähern Freude und Vertrauten Joſeph Fredersdorf's. Ihnen hatte er die Gefahr mitgetheilt, welche die Schauſpieler heute Abend bedrohte, ſie hatte er zum Beiſtand derſelben aufgefordert, nicht zu einem Beiſtand der Thatkraft und des Handelns, ſondern zu einem Beiſtand des Stillſeins und der Friedfertigkeit. Sie hatte er beſchworen, die Ruhe des heutigen Abends aufrecht zu erhalten und dadurch die Intrigue der Profeſſoren zu vereiteln, ihre jugendliche Heftigg keit und Leidenſchaftlichkeit zum geduldigen Ausharren zu ſänftigen, und die Provocationen der händelſuchen⸗ den, von den Profeſſoren angeworbenen Studenten nur mit dem Schweigen der Verachtung zu erwidern. Sie hatten ihm das zugeſagt, und es war ihnen wirk⸗ lich Ernſt mit ihrem Verſprechen geweſen. Das ſah man an ihrer ſtillen ernſten Haltung, das hörte man an dieſen friedfertigen, verſöhnlichen Worten, welche ſie hier und dort an die ihnen bekannten und nicht in das Geheimniß eingeweiheten Studenten richteten, an dieſem Loſungswort, welches ſie überall hin ver⸗ breiteten:„Kein Scandal heute Abend! Um jeden Preis Ruhe gehalten!“ Aber alle dieſe wogenden und ſtürmenden Maſſen beruhigten ſich endlich, das Geplauder in den Logen, das Summen und Schwirren, das Lachen und Schie⸗ ben und Stoßen im Parterre verſtummte bei dem ſcharfen und durchdringenden Schall des kleinen Glöck⸗ chens, welches das Beginnen des Schauſpiels und das Aufrollen des Vorhangs verkündete. Das Stück begann, und nie hatte Eckhof mit ſol⸗ chem Feuer, mit ſolcher Begeiſterung und ſo hinreißen⸗ dem Schwung geſpielt, nie indeß waren die Studenten ruhiger, geräuſchloſer und ernſter geweſen, wie an dieſem Abend. Und doch waren ſie nicht gleichgültig oder theilnahmlos, das ſah man an ihren blitzenden Augen, an ihren vor Freude gerötheten Wangen, das hörte man an dieſem dann und wann aus dieſen ſchwarzen Maſſen aufrauſchenden Gemurmel des Ent⸗ zückens, welches oft für den Künſtler eine ſchmeichel⸗ haftere und anfeuerndere Muſik iſt, als das laute Händeklatſchen, das jauchzende Bravogeſchrei. Dieſes unterbricht in ſeiner egoiſtiſchen Freude den Künſtler, jenes unterdrückt und bezwingt ſich ſelber, und gönnt ſich nicht den lauten Ausbruch, um nicht eine Bewe⸗ gung, ein Wort des Künſtlers dadurch zu verlieren und zu verdecken. 3* — 36— Aber es kam doch ein Moment, wo der Sturm des Beifalls ſich nicht mehr unterdrücken ließ, wo die Studenten ihrer angenommenen Klugheit und Vorſicht vergeſſend laut aufjauchzten vor Entzücken, ſchallend ihre Hände in einander ſchlugen, wie junge ſieges⸗ trunkene Stiere brüllten nach ihrem Liebling, und jauchzend und ſchreiend und ſtampfend und polternd Eckhof, welcher eben die Bühne verlaſſen hatte, riefen und ſein Erſcheinen bei offener Scene verlangten. Der Kampf wird jetzt unvermeidlich ſein, ſagte Lupinus zu ſich ſelber, aber was thut das? Eckhof hat es wohl verdient, daß man um ſeinetwillen alle kleinlichen Rückſichten und Erbärmlichkeiten vergißt. Für ihn zu ſterben, das müßte ein ſeliger Tod ſein. Als Eckhof jetzt, dem ſtürmiſchen Rufen und Pol⸗ tern nachgebend, auf der Bühne erſchien, da leuchteten die Augen des jungen Lupinus vor Entzücken und Freude; gleich all den Andern klatſchte er in die Hände und ein glückliches Lächeln überſtrahlte ſein bleiches Angeſicht. Es war ein köſtlicher Moment des Triumphes für Eckhof, dieſes begeiſterte Publikum zu ſehen, welches ſo freudig ihm zujauchzte, dieſe Studenten zu gewah⸗ ren, welche in der Extaſe ihrer Leidenſchaft und der Gluth ihrer Jugendbegeiſterung alle Ruhe und Be⸗ ſonnenheit fahren ließen, um trotzig und kühn der Ge⸗ fahr mit ihrem Entzücken in's Angeſicht zu ſchlagen. Eckhof verneigte ſich und dankte mit Lächeln und Geberden für die Ehre dieſes Moments, das Publi⸗ kum jauchzte und ſchrie, als plötzlich dieſes Bravo⸗ rufen und dieſes Händeklatſchen durch jenes furchtbare, widerliche Geräuſch unterbrochen ward, das für den Bühnenkünſtler die eigentliche Trompete des Weltge. richts iſt. Ein grelles, durchdringendes Pfeifen ließ — 37— ſich hören, es übertönte den Jubel der Menge, es ward ſtärker, heulender, vielfältiger, je mehr die Stu⸗ denten bemüht waren, es unter neuen, gewaltigeren Exploſionen ihres Beifalls zu erſticken. Wie auf einen Zauberſchlag veränderte ſich jetzt die Phyſiognomie des Parterre's. Die jugendlichen, friſchen Geſichter, welche bis jetzt den Ausdruck der Heiterkeit und des Glückes gezeigt, wurden drohend und trübe, die reinen Stirnen verfinſterten ſich, die vor Zorn zitternden Lippen öffneten ſich nicht mehr zum Bravorufen, ſondern zu Ausrufen der Verwün⸗ ſchung und der Drohung. Jeder ſchaute mit wuth⸗ ſprühenden Blicken umher, um Diejenigen zu erſpähen, welche es gewagt, die allgemeine Freude durch ihr freches Pfeifen und Ziſchen zu ſtören. Aber hier und dort ſah man einzelne Studenten, welche ſich bemüh⸗ ten, ihre zornigen Commilitonen zu beruhigen und ihre Wuth zu beſchwichtigen, indem ſie ihnen Ruhe und Beſonnenheit zur Pflicht machten. Einen Moment verſuchten es auch die empörten jungen Männer, aber neues Pfeifen und Ziſchen machte ſie wieder auf⸗ bäumen, wie junge Roſſe, welche der ſcharfe Sporn verwundet hat. Sdie haben geziſcht, mein Herr, hörte man jetzt eine mächtige Stimme rufen, ich verbiete Ihnen das Ziſchen. 3 Und ich verbiete Ihnen das lächerliche Applandi⸗ ren, ſchrie eine andere Stimme. So lange Sie ap⸗ plaudiren, werde ich ziſchen! Richten Sie ſich danach. Ein allgemeiner, einſtimmiger Wuthſchrei war die Antwort. Jetzt war es vorbei mit aller Ruhe und Gelaſſenhei. Die jungen Gemüther, ſo furchtbar pro⸗ vocirt, brauſten auf wie das vom Sturm gepeitſchte Meer. Man ſah nur noch geballte Fäuſte, flammende — 38— Blicke, man hörte nur noch Worte der Verwünſchung und des kecken Hohns. Der Kampf begann, ein entſetzlicher, hitziger Kampf mit Fäuſten und Rappieren, eine Schlägerei im großartigen Styl, wie ſie damals unter den zwang⸗ loſen, ungebundenen Muſenſöhnen keine ſeltene Er⸗ ſcheinung war. Die Damen flohen angſtvoll und entſetzt aus ihren Logen, und der Theaterdirector gab Befehl den Vor⸗ hang niederzulaſſen, die Lichter und Lampen auszu⸗ löſchen und die Polizei zu Hülfe zu rufen, um mit Gewalt dieſer furchtbaren Studentenrauferei, welche nach dem Aufhören des Drama's auf der Bühne, als Drama im Zuſchauerraum weiterſpielte, ein Ende zu machen. Es war wirklich ein Drama im ernſten Styl, ein Drama, bei welchem es an Flüchen und Seufzern, an Wunden und Blut nicht fehlte, und welches, wenn nicht mit dem Tode der Helden, doch mit bedeutenden Verwundungen und einigen, durch die Polizei und die Pedelle vorgenommenen Arretirun⸗ gen endete. Lange bevor es zu dieſer letzten Kataſtrophe ge⸗ kommen war, hatte Lupinus ſich aus dem unter den Flüchen und dem Geſchrei erbebenden Hauſe entfernt. Mit haſtigen Schritten durcheilte er die Straßen und begab ſich zu der Wohnung Joſeph Fredersdorf's. Vor der Thür ſtand eine Poſtkaleſche, ein Diener ver⸗ ließ eben das Haus, um das Reiſegepäck in den Wa⸗ gen zu legen; ihm folgte Fredersdorf im Reiſegewand und ganz bereit zur ſofortigen Abreiſe. Als er eben in den Wagen ſteigen wollte, legte Lupinus ſeine Hand auf des jungen Schauſpielers Arm. Wohin wollen Sie, Herr Fredersdorf? fragte er. — 39— Nach Berlin, zum König. Aber der König iſt nicht in Berlin, ſondern in Schleſien bei der Armee. 4 Nein! Ich habe heute Briefe von meinem Bru⸗ der erhalten. Der König iſt auf einige Tage nach Berlin gekommen und mein Bruder iſt bei ihm. Es. wird mir alſo gar nicht ſchwer werden, den König zu ſprechen, und ich werde ihm Alles der Wahrheit ge⸗ mäß berichten. Er wird einſehen, daß nicht wir, ſon⸗ dern die wohlweiſen Herren Profeſſoren zu dieſem Scandal die Veranlaſſung gaben, und er wird dem⸗ zufolge nicht dulden, daß man uns aus Halle ver⸗ weiſt. Leben Sie wohl, mein Freund! In vier Ta⸗ gen bin ich zurück und melde Ihnen dann ſogleich das Neſultat meiner Reiſe. Nicht doch, mein Freund, ich begleite Sie! ſagte Lupinus. Sie begleiten mich? Nun, bedürfen Sie nicht vielleicht eines Zeugen, um der Wahrheit Ihrer Ausſage Nachdruck zu geben? Ich werde alſo bereit ſein, Zeugniß abzulegen, und ich meine, das wäre unter uns eine abgemachte Sache geweſen und Sie hätten feſt auf mich rechnen müſſen. Ah, wie hätte ich vermuthen können, daß der ge⸗ lehrte Student der Medicin, welcher in einigen Wo⸗ chen ſein Doctor⸗Examen machen will, daß Herr Lupinus ſich aus den Armen ſeiner einzigen Gelieb⸗ ten, welches die Wiſſenſchaft iſt, losreißen würde, um einen Comödianten zu begleiten und für die verach⸗ teten und geſchmäheten Schauſpieler das Wort u führen. Lieber Freund, ſagte Lupinus mit einem trüben Lächeln, wenn Sie die Wiſſenſchaft meine Geliebte nennen, ſo werden Sie mich vielleicht bald einen treu⸗ loſen Liebhaber ſchelten müſſen. Wie ſagen Sie? Auch Sie— Laſſen Sie uns forteilen, mein Freund. Im Wa⸗ gen wollen wir das Alles beſprechen! IV. Die Freunde. Vier Tage nach jenen unglücklichen Begebenheiten im Theater kehrte Joſeph Fredersdorf mit ſeinem Freunde Lupinus wieder von ſeiner geheimnißvollen und Allen, ſelbſt Eckhof unbekannten Reiſe nach Halle zurück. Die beiden Freunde hatten kaum den Wagen verlaſſen, als ſie ſofort Arm in Arm ſich in die Woh⸗ nung Eckhof's begaben. Sie fanden ihn zu Hauſe, und Fredersdorf ſah an dem bleichen Geſicht, den matten, glanzloſen Augen ſeines„Herrn und Meiſters“, daß Eckhoſ's zartes und leicht gereiztes Gemüth empfindlich von den Begeben⸗ heiten der letzten Tage getroffen ſei. Ich bringe Ihnen da einen neuen Jünger, mein Meiſter, ſagte Fredersdorf, auf Lupinus deutend, wel⸗ cher hoch erröthend und mit niedergeſchlagenen Augen dem Schauſpieler ſich näherte. Eckhof lächelte traurig. Einen neuen Jünger, wel⸗ cher unter meiner Anleitung die Schule der Schmer⸗ zen und der Demüthigungen nach allen Klaſſen und 8 Graden durchmachen will? 8½ 5 —— — 41 Einen Jünger, welcher bis jetzt die Zierde und der Glanz der Halle'ſchen Univerſität geweſen iſt, er⸗ widerte Fredersdorf, welcher aber jetzt um Deinet⸗ willen Alles aufgeben und verlaſſen will, um Dir zu folgen, Dir anzuhangen und einer der Unſrigen zu werden. Mit Einem Wort, ich bringe Dir den jungen Studenten Lupinus, welcher ſeine Doctorwürde, ſeine Gelehrſamkeit, ſeinen zukünftigen Ruhm, ſeine reichen Arzthonorare, kurz Alles, was er bis jetzt gewollt hat, im Stiche läßt, einzig und allein um Dein Schüler, um ein Schauſpieler zu werden. Du biſt gut und zartfühlend, wie immer, Joſeph, ſagte Eckhof ſanft. Du weißt, daß ich da in meinem Herzen eine Wunde habe, welche brennt und ſchmerzt, und Du willſt ſie mit dem Balſam Deiner Freund⸗ ſchaft und Deiner Scherze kühlen. Aber ich rede gar nicht im Scherz, ſondern im vollen Ernſt. Wahrhaftig, ſollte man nicht meinen, Ihr Zwei wäret ein paar ſchüchterne Liebesleute, welche nicht den Muth haben, an ihr eigenes Glück zu glau⸗ ben? Eckhof will es durchaus nicht glauben, daß der gelehrte Student Lupinus zu ihm kommt, um ſein Schüler zu werden, und Lupinus ſteht da juſt wie ein junges Mädchen, welches eine Liebeserklärung em⸗ pfangen hat, und nicht wagt Ja zu ſagen. So reden Sie doch, Lupinus, ſo ſagen Sie doch dieſem Zweiſler hier, daß Sie freiwillig kommen, daß ich Sie nicht zum Comödianten gepreßt habe, wie weiland Friedrich Wilhelm ſeine großen Soldaten preſſen und anwerben ließ. Freilich, Mühe genug hat es gekoſtet, Ihnen das Geſtändniß zu entlocken, und aus halben Worten, aus unterdrückten Seufzern, aus Ihrem Erröthen und Er⸗ blaſſen und Ihrer glühenden Extaſe für Eckhof mußte ich das Räthſel, welches da in Ihrer Bruſt lag, deuten — 3 — 42— und auflöſen. Aber jetzt, da es einmal gelöſt iſt, faſſen Sie Muth, junger Mann, und lüften Sie ein wenig den Schleier, welcher Ihr Inneres bedeckt. ber Lupinus blieb ſtumm, nur ſeine heftig wo⸗ gende Bruſt, ſeine zuckenden Mienen verriethen die heftige Aufregung, welche in ſeinem Innern tobte. Eckhof hatte Mitleid mit dieſer ſichtbaren Schüch⸗ ternheit des jungen Gelehrten. Er näherte ſich ihm und legte ſeine Hand ſanft auf des Studenten Schul⸗ ter, und ſeine Augen, welche vorher trübe geweſen, glänzten jetzt vor Theilnahme und Mitgefühl. Aber dieſe Berührung machte Lupinus zuſammen⸗ ſchaudern, und unter den auf ihm ruhenden Blicken Eckhoſ's erblaßte er. 3 Sie wollen alſo wirklich Schauſpieler werden? fragte Eckhof. Ein Zittern durchflog des jungen Mannes Glie⸗ der. Gleich der Somnambule, welche von dem Willen ihres Magnetiſeurs ihre Befehle empfängt, fand Lu⸗ pinus jetzt plötzlich die Kraft zur Antwort auf Eckhoſ's Frage. Ja, ſagte er leiſe, ja, ich will Schauſpieler wer⸗ den. Ich habe es längſt gewollt, mit dieſem Wollen gekämpft, und es, wie ich glaube, bezwungen. Aber es iſt Alles umſonſt geweſen, umſonſt, daß ich mich in Büchern und Studien vergrub, umſonſt, daß ich meine Sehnſucht, das Theater zu beſuchen, überwand, und daheim in meinem öden und einſamen Gemach blieb, wenn die andern Studenten mit lautem Jubel an meinen Fenſtern vorüberſtürmten, um nach dem Theater zu gehen. Jetzt gebe ich den Kampf auf, und da mein Kopf mich verläßt, folge ich meinem Herzen, komme ich zu Ihnen, Herr Eckhof, um zu Ihnen zu ſagen: nehmen Sie mich an zu Ihrem . — 43— Schüler, ſein Sie mein Herr und mein Meiſter, ma⸗ chen Sie aus mir einen neuen Menſchen, einen glück⸗ lichen, befriedigten Menſchen, ich kann das nur wer⸗ den, indem ich die heiligſten der Künſte, indem ich der Poeſie mein ganzes Leben zum Opfer darbringe, ich kann es nur ſein, indem ich Schauſpieler werde, laſſen Sie mich alſo Schauſpieler werden! Ah, er denkt und ſpricht, wie ich geſprochen habe, als ich denſelben Entſchluß faßte, ſagte Eckhof leiſe in ſich hinein, und dann ſich an Lupinus wendend, wel⸗ cher athemlos, mit von Thränen umdüſterten Augen ſeiner Antwort entgegenharrte, fuhr er fort: Sie wollen Schauſpieler werden? Das heißt, Sie wollen die Schmach, die Demüthigung und Entwürdigung eines verachteten, verhöhnten Lebens annehmen? Sie wollen ſich freiwillig ausſtoßen aus den Reihen der Privilegirten und Geachteten, um zu den Paria's zu gehören, zu den recht⸗ und ſchutzloſen Zigeunern, welche heimathlos wandern von Ort zu Ort, und nirgends eine Stätte finden, wo ſie ausruhen können, wo man ſie anerkennt, wenigſtens in der Würde ihres Menſchenthums, wenn nicht in der Würde ihres Künſt⸗ lerthums? Nein, nein, Niemand ſoll Schauſpieler werden, wenn ich es vermag ihn daran zu hindern, Niemand ſoll dieſes juwelenfunkelnde Thor durch⸗ ſchreiten, welches ihn von der übrigen Menſchheit trennt, und hinter welchem, ſtatt des erwarteten Glückes, ihn nur die Enttäuſchung, der Ueberdruß, die Schmach und der Menſchenhaß in ihre Arme nehmen, um ihn auf dornenvollen Pfaden zu einem ruhmloſen Tode zu ſchleppen. Hüten Sie ſich ein Schauſpieler zu werden, denn das heißt, die ganze Menſchheit wider ſich und vielleicht nicht einmal Gott für ſich zu haben, da Gott es zugiebt, daß ſogar, wenn wir ſterben, die — Kirche uns ihre Tröſtungen, und wenn wir todt ſind, ein ehrliches Begräbniß verſagen kann. Sie vermeinen, der Schauſpieler ſei ein Künſtler? Ich habe das auch geſagt, lange Jahre hindurch, dann aber iſt die Ueberſättigung gekommen, oder wenn Sie wollen, die Erkenntniß, und jetzt will ich Ihnen ein Geheimniß ſagen, ein Geheimniß, welches mein Herz erſtarren macht und mich mit namenloſen Qualen martert: der Schauſpieler iſt kein Künſtler, ſondern nur ein Char⸗ latan der Kunſt, nur der Affe eines Künſtlers, aber nicht er ſelber. Er ſchafft nicht, er denkt nicht, er re⸗ producirt nur, und je mehr Affennatur er in ſich hat, je beſſer er es verſteht, der Natur und der Wahrheit ihr Weſen abzulauſchen, um das als Larve über ſeine eigene Fratze aufzuſetzen, ein deſto beſſerer Schauſpie⸗ ler wird er ſein. Oh, oh, was Alles hatte ich mir nicht erhofft und erträumt von dieſer edlen und er⸗ habenen Wirkſamkeit eines Schauſpielers! Wie dachte ich die Jugend zu begeiſtern, und allen dieſen kalten, nüchternen, zerarbeiteten, zerrechneten und zerfetzten Menſchenmaſſen einen Funken der Begeiſterung einzu⸗ blaſen für ihre edelſten Seelen, für die Dichter und deren unſterbliche Werke! Wie dachte ich nicht Hand in Hand zu gehen mit der Wiſſenſchaft und Gelehr⸗ ſamkeit, um mit ihnen vereint ein neues Menſchenge⸗ ſchlecht zu bilden, eine neue Welt der Gedanken, der Kunſt, der Schönheit zu begründen! Aber es iſt Alles umſonſt geweſen, Alles vergeblich! Mein Pa⸗ radies iſt in Staub zerfallen, und ich ſitze traurig wie einſt Jeremias auf den Trümmern meines Jeru⸗ ſalems! Er ſchwieg, und ganz überwältigt von dieſen lei⸗ denſchaftlichen und traurigen Gefühlen, welche ſein Herz marterten, ſank er auf einen Stuhl nieder und bedeckte laut ächzend ſein Geſicht mit ſeinen Händen. Jetzt, rief Joſeph Fredersdorf faſt unwillig, jetzt biſt Du ungerecht, Eckhof, ungerecht gegen Dich ſelbſt und gegen die Menſchheit! Du ſchmähſt Deine eige⸗ nen Triumphe, und Du ſchmähſt die Menſchen, welche Dir dieſe Triumphe bereitet haben, Du ſchmähſt vor allen Dingen die Jugend, welche Dir überall freudig entgegenjauchzt, und Dich erkennt und liebt als das, was Du in Wahrheit biſt, als einen Künſtler von Gottes Gnaden, als den von Gott beruſenen Apoſtel einer neuen Kunſt, deren eigentlicher Begründer und Prophet Du in Deutſchland geworden biſt. Warum ſchiltſſt Du alſo die Menſchen und warum ſchiltſt Du Dich ſelber? Jung, wie Du biſt, haſt Du ſchon einen berühmten Namen Dir erworben! Aber der Ruhm iſt nicht bloß die natürliche Folge des Ver⸗ dienſtes, ſondern er iſt noch eine beſondere Gunſt der Götter. Niemand wird durch ſich ſelber berühmt, ſondern nur durch die Menſchen. Wenn Du alſo der große, der berühmte Künſtler Eckhof biſt, ſo ſchuldeſt Du das zwar erſtens Dir, doch zweitens auch Deinem Publikum, welches Dir ein offenes und dankbares Herz entgegengetragen hat. Es iſt wahr, ich mag Unrecht haben, erwiderte Eckhof trübe, aber was willſt Du Freund! Wenn man von den Menſchen immer verfolgt, immer ge⸗ läſtert, immer aus ſeiner Ruhe und ſeinem Frieden zu neuem Wandern und neuem Streiten aufgehetzt wird, ſo muß man wohl zuletzt mißmuthig werden, und ſich ſelber und ſein eigenes Thun verwünſchen und an ſeinem eigenen Beruf verzweifeln. Müſſen wir nicht jetzt wie gehetzte Hirſche dieſer wider uns heulenden und belfernden Meute der gelehrten Herren Profeſſoren entfliehen und dieſer Stadt den Rücken wenden, die ich mit ſo großen Hoffnungen, mit ſo freudig ſtolzen Ausſichten betreten habe? Muß ich nicht ſchamvoll erröthend die Augen niederſchlagen, wenn die Menſchen mich fragen, warum ich Halle, den Sitz der Muſen, der Gelehrſamkeit und Wiſſen⸗ ſchaft verlaſſen habe? Oder willſt Du, daß ich ihnen ſage, daß die Gelehrſamkeit und die Wiſſenſchaft mich als einen Ausgeſtoßenen und Verpeſteten verachtet ha⸗ ben, deſſen Berührung ſchändet, deſſen Nähe Unehre bringt, daß ſie mich verfolgt haben wie einen Uebel⸗ thäter und Verbrecher, und daß Niemand da war, mich in meinem guten Recht zu ſchützen, daß es für den Schauſpieler kein Geſetz, keine Genugthuung giebt, daß er ganz rechtlos, ganz verlaſſen iſt. Wer weiß, ob das ſo iſt! ſagte Joſeph, einen lä⸗ chelnden Blick des Einverſtändniſſes auf Lupinus wer⸗ fend, deſſen Augen mit einem ſchwärmeriſchen, be⸗ geiſterten Ausdruck auf dem Antlitz Eckhof's ruhten. Wer weiß, ob die Schauſpieler doch nicht zuletzt noch dieſen anmaßenden und aufgeblaſenen Profeſſoren ge⸗ genüber eine Genugthuung empfangen. Vorläufig hat uns die Obrigkeit das Schauſpiel⸗ haus geſchloſſen und die Darſtellungen unterſagt, bis das General⸗Directorium in Berlin entſchieden hat, ob nach dem neulichen Theaterſcandal überhaupt weiter geſpielt werden ſoll! Das General⸗Directorium wird befehlen, daß wei⸗ ter geſpielt werden ſoll, ſagte Joſeph Fredersdorf. Eckhof lachte laut, aber es war ein trauriges, ſchneidendes Lachen des Hohns. Lieber Freund, ſagte er, dann würde es ja Ge⸗ rechtigkeit auch für die Unterdrückten und Geſchmähe⸗ ten auf Erden geben. — 47— Die giebt es auch, Eckhof, nur muß man ſie an der rechten Stelle ſuchen. Wo iſt dieſe? Beim König! 3 Ah, beim König! Das mag für Dich wahr ſein, weil Dein Bruder des Königs Kammerdiener iſt, aber es iſt nicht wahr für mich, nicht wahr für den deut⸗ ſchen Schauſpieler, nicht wahr für uns, welche das ſtolze, ſchöne und auf ſeine Intelligenz ſo itle Berlin verlaſſen mußten, weil wir mit den fremden Künſt⸗ lern nicht rivaliſiren, weil wir nicht die Schuhputzer der Franzoſen ſein konnten. Nein, nein, für den ar⸗ men deutſchen Schauſpieler giebt es auch beim Kö⸗ nig keine Gerechtigkeit. Jetzt, mein Freund, wirſt Du ungerecht. Der König iſt viel zu edel und vorurtheilsfrei, um nicht klar zu ſehen, trotz des Bücherſtaubes, den ihm die gelehrten Herren Profeſſoren in die Augen ſtreuen möchten. Der König weiß überdies, daß ſie es waren, welche den neulichen Scandal angezettelt haben, und er iſt erzürnt darüber. Wer hat Dir das geſagt? Der König ſelber! Du warſt beim König? Ich war beim König. Du ſiehſt alſo, es iſt nicht bloß gut für mich, daß mein Bruder der Kämmerer des Königs iſt, ſondern auch gut für Dich! Ja, ich war beim König und habe ihm dieſe ganze erbärm⸗ liche Intrigue der Herren Profeſſoren enthüllt. Er hätte vielleicht dem leichtfertigen, kleinen Schauſpieler Joſeph Fredersdorf nicht geglaubt, aber ich hatte einen ernſten, gewichtigen Zeugen mit mir, welcher meine Worte beſtätigte, und dem König das ganze Complott enthüllte. — 48— Und wer war dieſer Zeuge? Dieſer da! rief Joſeph, indem er Lupinus ſanft vorwärts zog.. Ueber Eckhof's Antlitz flog ein Strahl der Freude. Oh, ſagte er, und ich beklage mich noch, ich murre noch mit dem Geſchick, ich, welcher Freunde hat, die ihn nicht bloß lieben mit Worten, ſondern auch mit Thaten, Freu reunde, welche für ihn handeln, indeß er verzagt un mißmuthig die Hände in den Schooß legt, und mit dem Geſchick grollt, ſtatt ihm muthig und gewaffnet entgegen zu treten. Verzeihe mir, Joſeph, verzeihen auch Sie mir, mein junger Freund, den ich ſo rauh und egoiſtiſch von mir gewieſen habe. Ver⸗ zeiht mir, Ihr Beide, meine Kampfgenoſſen, meine Brüder, kommt in meine Arme und ſagt mir, daß Ihr dem armen Eckhof ſeine Kleinmüthigkeit und Ver⸗ zagtheit verzeihen und vergeſſen wollt! Er breitete ſeine Arme aus, und Joſeph Freders⸗ dorf warf ſich mit lauten Ausrufen innigſter Liebe an ſeine Bruſt. Und Sie, mein Freund, kommen nicht in meine Arme? Zürnen Sie mir alſo wirklich, weil ich Sie vorher zurückgewieſen? fragte Eckhof ganz traurig den jungen Lupinus, der bleich und mit niedergeſchlagenen Augen daſtand. Joſeph aber ſprang zu ihm hin, und ihn mit kräftiger Hand vorwärts und in Eckhof's Arme ſchie⸗ bend, ſagte er: habe ich nicht wieder Recht? Seid Ihr nicht Beide, wie zwei Liebesleute, wobei Lupinus wirklich die ſchüchterne Jungfrau vorſtellen muß, und wahrhaftig, Eckhof, ich wünſchte Dir, es wäre ſo, Lupinus könnte ſich für Dich in eine Jungfrau ver⸗ wandeln, und Du könnteſt ihn heirathen. Denn ich glaube, Du wirſt niemals ein Weib finden, welches — 49— Dich zärtlicher und ſchwärmeriſcher li gelehrte Lupinus thut. Hörte Lupinus die Worte ſe Freundes, und war es deshalb, d ganz überwältigt und zitternd ſez Schulter lehnte, und dort ruhte gen? Oder war es, weil Ech Herz gedrückt und einen ſo⸗ Wangen gepreßt hatte? Liebe mich, liebe mich, me⸗ ſagte Eckhof ſanft und leiſe, mich nicht in ein Weib verwe mich als Deinen treueſten und Freundſchaft iſt das heili Götter, es iſt die geläu Seelen. Laß mich derſelben th Pylades, und bleibe mir treu in Liebe und Freund⸗ ſchaßt wie ich Dir treu bleiben will mein Leben Ich will Dir treu bleiben, ſo lang ich lebe, treu bis über das Grab hinaus, flüſterte Lupinus ſo leiſe, daß nur Eckhof's Ohren es vernehmen konnten. Nun, und mich vergeßt Ihr ganz, Ihr ſchwär⸗ meriſchen Seelen, rief Joſeph mit heiterem Lachen. Flüſtert und ſäuſelt da, wie ein junges Ehepaar am Lendemain, und bedenkt gar nicht, daß ich eigentlich der Hoheprieſter bin, welcher dieſe Eure Seelenehe eingeſegnet hat. Laßt uns jetzt ein wenig vernünftig ſprechen, und vor allen Dingen, Eckhof, entſcheide Du jetzt über die Zukunft unſeres Freundes. Soll er, gleich mir, ſeine Studien aufgeben, und ein Schau⸗ Mühlbach, Berlin u. Sausſouci ꝛc. III. 4 wobei ich Dir jedoch bemerken muß, auler Student war, und er ein ſehr je Herren der Wiſt enſchaft mich für es Subject, in puncto Gelehrſam⸗ ud ſie den Lupinus da als ein ß und Fleiß preiſen. Soll er ud Dir nachfolgen. micht, das darf er nicht, rief doch verbannen und von s traurig. verbannen, Freund, aber ich beſonnen— und vielleicht auch ſtiſch ſein. Dich jetzt der Univerſität rde heißen, den Philiſtern und Profeſſoren ne Waffe gegen mich in die Hand geben, ſie würden Zeter ſchreien und ſagen, daß ich die jungen Studenten verführe und mit liſtigen Gaukelkünſten umſtricke, daß ich ſie verlocke, wie die Schlange im Paradieſe, und für meine Kunſt Proſelyten mache, während doch der König das Proſelytenmachen ſtreng unterſagt hat. Und dann wiſſen wir noch nicht, ob Lupinus Talent und Berufung zu unſerer Kunſt hat, denn die Liebe zur Kunſt iſt noch nicht der Beruf da⸗ zu, und man kann ein großer Gelehrter ſein, ohne doch das Talent zu haben, ein Künſtler zu ſein. Bleibe alſo vorläufig Deinen Studien und Deinem Beruf getreu, mein Lupinus, und erſt wenn ich Dich genau geprüft habe, erſt wenn Du ganz in der Stille neben Deinen Studien her das Noviziat, welches ich Dir auf ein Jahr feſtſtelle, überſtanden haſt, erſt dann wollen wir darüber entſcheiden, ob wir vor dem Altare der Kunſt Dir Deinen Zopf der Gelehrſamkeit ab⸗ — 51— ſchneiden und Dich ſchmücken wollen mit dem heiligen Schleier des Künſtlerthums! So ſei es, ſagte Lupinus feierlich. Ich will thun, wie Eckhof geſagt hat. Ich will mir erſt das Doctordiplom verdienen, und dann ſoll Eckhof über meine Zukunft entſcheiden, Er allein und Niemand ſonſt! So ſei es, und dabei bleibe es! r Joſeph fröh⸗ lich, und nun kommt und laßt uns mit einem Glaſe Champagner anſtoßen auf die Zukunft, nicht bloß auf die Deinige, Freund Lupinus, ſondern auch auf die der Herren Profeſſoren, welche jetzt mit ſo ſtolzer Zu⸗ verſicht der Entſcheidung des General⸗Directoriums entgegenharren! V. Die Rabinetsordre des Rönigs. Joſeph Fredersdorf hatte ſehr Recht gehabt, zu ſagen, daß die Profeſſoren mit ſtolzer Zuverſicht der Entſcheidung des General⸗Directoriums entgegenharr⸗ ten. Es fiel ihnen gar nicht ein, zu bezweifeln, daß dieſe zu ihren Gunſten ausfallen werde. Hatte doch das General⸗Directorium zur Beſeitigung der Comö⸗ dianten nur die eine Bedingung geſtellt, daß dieſelben zu einem Scandal die Veranlaſſung gegeben, und der Senat der Univerſität hatte jetzt einen, von allen Pro⸗ feſſoren unterzeichneten Bericht über den großen Theater⸗ 4*¾ ſcandal, zu dem Eckhof die Veranlaſſung geweſen, an das General⸗Directorium eingeſandt. Die gelehrten und geſtrengen Herren zweifelten daher nicht im Mindeſten an dem endlichen Triumph und mit der vollkommenſten Gemüths⸗ g der würdige Rector Magnificus, Herr Profeſſor ke, die neue, mit dem Amtsſiegel des Genera deetoriums verſehene Depeſche, welche die eidung dieſer gewichtigen, und für die der Wiſſenſchaft ſo bedeutſamen Angelegenheit bringen ſollte. Der Pedell mußte ſogleich eine außer⸗ ordentliche Senatsſitzung anſagen, und in ihrer ſeier⸗ lichen ſchwarzen Amtstracht, geſchmückt mit den zierlich gekräuſelten, würdevollen Allongenperrücken, begaben ſich die Herren Senotoren in den Sitzungsſaal der Univerſität. Ich brenne vor Ungeduld, den Beſcheid des Ge⸗ neral⸗Directoriums zu erfahren, flüſterte Herr Pro⸗ feſſor Heinrich ſeinem Freunde Biermann in's Ohr. Ich gar nicht, ſagte dieſer gelaſſen, denn mir ſcheint, ich hätte ſie ſchon geleſen. Es iſt eine volle Genugthuung für uns, der ein ſofortiger Ausweis der Comödianten aus unſerer ehrſamen Stadt Halle, und das von Rechtswegen beigefügt iſt. Sie zweifeln alſo gar nicht daran? Sie fürchten nicht, daß der König in ſeinem Haß gegen die theolo⸗ giſche Facultät wie in ſeiner Vorliebe für die Gaukler, oder die ſogenannten Künſtler, eine für uns ungünſtige Entſcheidung fällen könnte? Lieber Freund, eine ſolche Furcht hieße der hohen Würde unſeres Standes in's Angeſicht ſchlagen. Der König kann nun, da es zum Aeußerſten gekommen iſt, nicht gegen uns, nicht zu Gunſten der Comödianten entſcheiden. Er kann es nicht, ſage ich Ihnen. Und 8 —— N.. — 53— ſehen Sie nur, da kommt unſer würdige Freund, der Rector Magnificus. Sehen Sie nur, wie heiter und ſtolz ſein Antlitz leuchtet, glauben Sie nun noch, daß dieſes Schreiben, welches er da in der Hand hält, eine ungünſtige Entſcheidung bringen wird? Nein wahrlich, ich glaube es nicht, ſagte Pro⸗ feſſor Heinrich, indem er mit ſeinem Freunde dem Herrn Profeſſor Franke entgegeneilte und mit lebhafter Befriedigung deſſen dargereichte Hand in der ſeinen drückte. 3 Mit feierlichem Ernſt nahmen ſodann die Herren Senatoren auf den hochlehnigen braunen Lederſtühlen zu beiden Seiten dieſes mit grünem Tuch überzogenen Tiſches ihre Plätze ein und blickten mit ernſten Mienen zu dem Herrn Rector hin, der am obern Ende des Tiſches auf ſeinem Lehnſtuhl thronte. Eine Pauſe trat ein, dann ſagte Profeſſor Franke mit feierlich ſingendem Ton: Würdige und gelehrte Freunde und Amtsgenoſſen. Die Stunde der Ent⸗ ſcheidung iſt gekommen, und dieſe Stunde wird nun endlich allen dieſen Zweifeln und Sorgen ein Ende machen, welche ſeit Monaten unſer Herz bedrückten. Wir haben einen harten und bittern Kampf gekämpft, aber wir haben es gethan zur Ehre der Wiſſenſchaft, und zum Wohle der Jugend, welche unſerm Schutze anvertraut iſt. Wer für ſolche erhabene Zwecke ſtreitet, dem muß natürlich der Sieg werden, und für den muß das Geſetz entſcheiden. Aber hüten wir uns den⸗ noch vor dem Uebermuth und Stolz, ſeien wir de⸗ müthig in unſerm Triumph und chriſtlich milde in unſerm endlich errungenen Sieg. Verletzen wir das Gefühl der irregeleiteten Studenten nicht, indem wir ihnen eine heitere, hochfahrende Miene zeigen, und de⸗ müthigen wir die armen jammervollen Hiſtrionen nicht noch mehr, indem wir über ihre ſchmachvolle Aus⸗ weiſung triumphiren und ihr Unglück belachen. Die Entſcheidung iſt alſo für uns ausgefallen? fragte Profeſſor Heinrich, nicht mehr im Stande ſeine neugierige Ungeduld zu zügeln. Magnificus haben alſo das Reſcript des General⸗Directoriums ſchon ge⸗ leſen und kennen daher ſeinen Inhalt? Ich habe es nicht geleſen, und ich kenne ſeinen Inhalt nicht, erwiderte Profeſſor Franke mit erhabener Ruhe. Aber ich vertraue auf unſere edle Sache und den Gerechtigkeitsſinn des Königs. Dieſe Comödianten ſind die Veranlaſſung zu einem unerhörten öffentlichen Aergerniß geweſen, es iſt alſo nur gerecht, daß ſie dafür geſtraft werden. Da nun die Gerechtigkeit auf unſerer Seite iſt, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb ich zweifeln ſollte?— Ich habe alſo dieſes Reſcript nicht geleſen, weil ich glaubte, es der Würde dieſer Ver⸗ ſammlung ſchuldig zu ſein, daſſelbe erſt in Ihrer Ge⸗ genwart zu erbrechen, und ich erſuche Sie, würdiger College und Profeſſor Biermann, uns jetzt, als Se⸗ cretair des Senats der Univerſität, dieſes Schreiben des General⸗Directoriums vorzutragen. Er reichte das große verſiegelte Schreiben dem Profeſſor Biermann dar, und dieſer empfing es mit einer tiefen, feierlichen Verbengung. Eine tiefe Stille, ein athemloſes Schweigen trat jetzt ein, und inmitten dieſer Stille und dieſes Schwei⸗ gens hörte man ganz deutlich, wie der Profeſſor Bier⸗ mann das Siegel erbrach und das Papier auseinan⸗ der faltete. Aller Blicke richteten ſich auf ihn hin und trotz ihrer Würde und Erhabenheit fühlten die Herren Pro⸗ feſſoren doch, daß ihre Herzen raſcher und höher klopften, ſie wußten ſelbſt nicht, ob vor Furcht oder Freude. 3 Plötzlich ſtieß Herr Profeſſor Biermann einen Schrei aus. Dieſer Schrei fand einen Wiederhall in Aller Bruſt und die Profeſſoren erbleichten, wie der Profeſſor Biermann ſelbſt, indem er ſeine ſtarren Blicke auf das entfaltete Papier heftete, erblaßt war. Leſen Sie, gebot der Herr Rector Magnificus mit marmorner Ruhe. Nein, ich kann das nicht leſen! murmelte Bier⸗ mann, indem er ganz kraftlos auf ſeinen Stuhl zu⸗ rückſank. So werde ich es leſen, rief Profeſſor Heinrich, deſſen Neugierde gar keine Rückſicht mehr kannte. Ja, ich werde es leſen, wiederholte er, indem er das Pa⸗ pier haſtig den zitternden Händen ſeines Nachbarn entwand. 2 Leſen Sie, ſagte Profeſſor Franke ganz tonlos. Herr Profeſſor Heinrich alſo las und in tiefem Schweigen hörten die Herren Profeſſoren ihm zu. Das Reſcript, welches das General⸗Directorium an die würdige Univerſität in Halle überſandte und wel⸗ ches im Namen des Königs abgefaßt war, lautete ſo: „Wir haben ſehr ungnädig empfunden, daß Ihr in Eurem, wegen der dortigen Comödianten letzt ab⸗ geſtatteten Bericht, die Urſache der unter den dortigen Studenten einreißenden Unordnungen auf dieſe Leute ſchiebet und daher auf ihre Wegſchaffung Antrag thut. Es mögen ganz andere Umſtände vorhanden ſein, wa⸗ rum die Studenten auf die bisherigen Exeeſſe gerathen und wenn ſie nur zu rechter Zeit beſonders mit guten Exempeln angewieſen würden, ihr Devoir zu thun, ſo würde auch Vieles wegbleiben, was zu Eurem Queru⸗ liren Anlaß gegeben. Indeſſen declariren Wir Euch hiermit ein für alle Mal, daß die Comödianten nicht von dort weggeſchafft werden ſollen, vielmehr wollen Wir, daß Ihr, oder mindeſtens diejenigen, welche Euren letzten Bericht urgieret, und darauf beſtanden, daß er abgeſandt werden mußte, der allererſten Re⸗ präſentation einer Comödie beiwohnen, und daß ſolches geſchehen, von den Comödianten einen Atteſt mit der nächſten Poſt ohne einiges Einwenden, und bei Ver⸗ meidung höchſt ungnädiger Verfügung, an Uns imme⸗ diate allerunterthänigſt einſchicken ſollet.“*) Eine ſchauerliche Stille folgte dieſer Vorleſung. Athemlos, ganz betäubt von dem fürchterlichen Schlag, lehnten die Herren Profeſſoren auf ihren Stühlen die matten bleichen Häupter zurück, und ganz unfähig zu denken, oder ihre Gedanken in Worte zu faſſen, ſtarr⸗ ten ſie mit entſetzten Blicken hinüber nach dem Rector Magnificus, der aufrecht und ſtolz auf ſeinem Lehn⸗ ſeſſel ſaß, und deſſen Züge ſo ſtarr und ernſt waren, wie ein Bild von Stein. Herr Profeſſor Heinrich indeſſen hielt noch immer das Papier in der Hand und blickte mit weit aufge⸗ riſſenen Augen auf daſſelbe hin. Franke begriff da⸗ her, daß das Reſcript noch nicht zu Ende ſei, daß Profeſſor Heinrich nur zögerte, weiter zu leſen. Er raffte daher allen ſeinen Muth, alle ſeine Standhaftig⸗ keit zuſammen, und mit lauter und voller Stimme, welche er indeſſen doch nicht verhindern konnte, ein wenig zu zittern, fragte er: Iſt das Alles? Haben Sie zu Ende geleſen? Nein, es iſt nicht Alles, ſagte Profeſſor Heinrich ſchüchtern, es iſt da noch eine Randbemerkung und *) Büſching, Character Friedrich I. S. 58. ein dem Reſcript hinzugefügter Schluß, und Beide ſind von des Königs eigener Handſchrift. Leſen Sie zuerſt die Randbemerkung! Euere Magnificenz verlangen es wirklich? Ich er⸗ lanbe mir zu bemerken, daß der König ſich da eini⸗ ger ſehr harter Ausdrücke bedient hat, und daß meine Lippen kaum im Stande ſein werden, dieſelben aus⸗ zuſprechen. Der König iſt unſer Herr und Gebieter, ſagte Franke feierlich, wir müſſen in Demuth anhören, was er uns zu ſagen hat. Ich ſoll alſo leſen? Sie befehlen es mir? Ich befehle es Ihnen! Leſen Sie! Herr Profeſſor Heinrich erhob ſich wieder von ſei⸗ nem Stuhl, aber das Papier kniſterte und bebte in ſeiner Hand und ſeine Stimme vibrirte heftig, als er jetzt, oft unterbrochen von ſeinen Seufzern, folgende eigenhändige Randbemerkung des Königs las: „Das geiſtliche Muckerpack iſt an Allem ſchuld. Die Comödianten ſollen ſpielen, und Herr Franke, oder wie der Schurke ſonſt heißt, ſoll dabei ſein, und den Studenten wegen ſeiner närriſchen Vorſtellung eine öffentliche Reparation geben, und Mir ſoll das Atteſt ſogleich vom Comödianten geſchickt werden, daß der Franke dageweſen iſt.“) Herr Profeſſor Franke ſaß noch immer kerzenge⸗ rade und mit eiſernen Zügen auf ſeinem Lehnſtuhl. Nur war ſein Antlitz ſo weiß geworden, wie dieſe majeſtätiſche Allongenperrücke, welche ihre coloſſalen Locken bis auf ſeine Bruſt herniederkräuſelte. Auf ſeiner Stirn ſtanden große Schweißtropfen, und ſeine *) Büſching, S. 56. Rödenbeck, Tagebuch. S. 112. Lippen waren von jener unheimlichen bläulichen Farbe, welche immer das Zeichen der Krankheit oder des Entſetzens iſt. 4 Leſen Sie jetzt die Schlußbemerkung, ſagte er mit einem Ton, welcher die Senatoren entſetzte, denn er klang ſo hohl, als ob er aus einem Grabe ertöne. Herr Profeſſor Heinrich las, was der König eigen⸗ händig an den Schluß des Reſcripts geſchrieben hatte, und was ſo lautete: „In's künftige werden die Herren Pfaffen wohl vernünftiger werden, und nicht gedenken dem Directo⸗ rium oder Mir Naſen anzudrehen. Die Halliſchen Pfaffen müſſen kurz gehalten werden. Es ſind evan⸗ geliſche Jeſuiten, und muß man ihnen bei allen Gele⸗ genheiten nicht die mindeſte Autorität einräumen.“*) Ein Gemurmel des Entſetzens folgte dieſer Vor⸗ leſung, nur Herr Profeſſor Franke ſaß ganz ſteif und ſtolz auf ſeinem Lehnſtuhl und blickte ſtarr und ernſt hinüber nach dem armen Profeſſor Heinrich, welcher ſich eben den Angſtſchweiß von der Stirn trocknete und dieſes ominöſe Papier, das ihm die Hände zu verbrennen ſchien, mit einem Ausdruck des Entſetzens auf den Tiſch fallen ließ.— Sind Sie jetzt zu Ende? fragte Profeſſor Franke ganz dumpf und tonlos. Ich bin zu Ende, Magnificenz! 3 Herr Profeſſor Franke nickte gravitätiſch, und in⸗ dem er ſich jetzt von ſeinem Lehnſtuhl erhob, richtete er ſich hoch und ſtolz empor und ließ ſeine Blicke langſam von einem Geſicht zum andern gleiten. Und jeder der Profeſſoren ſchlug vor dieſen Blicken die *) Büſching, S. 57.— Rödenbeck, S. 113. Augen nieder, nicht aus Furcht oder Scham, ſondern vor Entſetzen, denn es lag eine fürchterliche ſtarre Ruhe, eine wahnſinnige Ausdrucksloſigkeit in des Rectors marmorkaltem Angeſicht. Wenn Sie alſo fertig ſind, ſo iſt es jetzt wohl Zeit, daß ich gehe! ſagte Herr Profeſſor Franke feier⸗ lich, indem er ſeinen Seſſel zurückſtieß und langſam und ſteif einige Schritte vorwärts that, wie ein Auto⸗ mat, der ſich in Bewegung ſetzt, weil die ihn belebende Maſchinerie aufgezogen worden. Er iſt von Sinnen! Er hat den Verſtand verloren! Er wird einen Schlaganfall bekommen! murmelten die Herren Profeſſoren untereinander. Herr Profeſſor Franke hörte weder ihr angſtvolles Gemurmel, noch ſchien er zu wiſſen, was er wollte. Er blieb mitten im Saal ſtehen, als ſei das ihn be⸗ wegende Uhrwerk abgelaufen, und ſtarrte ganz gedan⸗ kenlos in das Leere. 3 Die Profeſſoren empfanden ein tiefes Grauen vor dieſem Anblick, wie angewurzelt blieben ſie auf ihren Plätzen. Nur Profeſſor Heinrich fand die Kraft ſich aufzuraffen und zu ſeinem Freunde hinzueilen. Er legte ſanft ſeine Hand auf Franke's Arm; dieſer zuckte bei dieſer Berührung wie von tödtlichem Schrecken er⸗ griffen zuſammen und richtete ſeine gläſernen Augen auf ſeinen Freund hin. Wohin wollen Sie gehen, mein theurer Freund? fragte Profeſſor Heinrich zärtlich. Ich will thun, was der König befohlen hat, rief Franke kreiſchend laut, wie in einem Krampf der Ver⸗ zweiflung. Ich will ins Theater gehen und den Her⸗ ren Comödianten demüthigſt Abbitte thun. Er brach in ein gellendes Lachen aus, dann ſank er ſeinem Freunde ohnmächtig in die Arme. Unter ſo bewandten Umſtänden, ſagte einer der Profeſſoren gelaſſen, unter ſo bewandten Umſtänden, denke ich, erklären wir die Sitzung für aufgehoben. Nein, erwiderte Profeſſor Biermann faſt gebiete⸗ riſch, ich als Dekan der Univerſität und Secretair des Senats, ich bitte die ehrenwerthe Verſammlung, ſich noch nicht zu trennen, zuvörderſt aber unſerm Freunde dort zu helfen und die Pedellen zu rufen. Mit Hülfe der Pedellen trug man den immer noch ohnmächtigen Profeſſor und Rector Franke in das Sprechzimmer und legte ihn auf das dort be⸗ findliche Canapée. Einer der Pedellen eilte von dan⸗ nen, einen Arzt zu holen, der andere blieb bei dem wiedererwachten Profeſſor, und die übrigen Herren kehrten wieder in das Seſſionszimmer zurück. Ehrenwerthe Collegen und Profeſſoren, ſagte Pro⸗ feſſor Biermann, indem er den Lehnſeſſel des Rectors einnahm, als Dekan der Univerſität erkläre ich jetzt die Sitzung für wiedereröffnet. Ich habe Ihnen einen Vorſchlag zu machen, von dem ich wohl hoffen darf, daß er bei Ihnen Allen eine bereitwillige Zuſtimmung finden werde. Dieſes harte und grauſame Urtheil des Königs kann und darf nicht vollſtreckt werden. Der Rector Magnificus unſerer altehrwürdigen und be⸗ rühmten Univerſität darf nicht ſolche Demüthigung und Schmach erdulden, vor den verachtungswürdigen Hiſtrionen ſich beugen und ſie um Verzeihung bitten zu müſſen. Niemals kann das geſchehen, denn nicht bloß ſeine perſönliche Ehre, ſondern auch die Ehre und der Ruf unſerer Univerſitat Halle würde darunter leiden. Wir müſſen alſo Alles anwenden, dieſes furcht⸗ bare Urtheil rückgängig zu machen, und ich darf es „† — 61— daher als ein Glück bezeichnen, daß unſer würdiger Freund ſo eben erkrankt iſt. Das enthebt ihn vor⸗ läufig der Nothwendigkeit, im Theater zu erſcheinen, und ſei er krank oder geſund, muß er doch ſo lange im Bette bleiben, bis eine andere Entſcheidung des Königs von uns erwirkt worden iſt. Der Arzt muß aber ein Atteſt ausſtellen, daß Profeſſor Franke wirk⸗ lich krank und außer Stande iſt, das Bett zu ver⸗ laſſen, dieſes Atteſt werden wir dem General⸗Directo⸗ rium einſchicken und demſelben eine Bittſchrift beifügen, in welcher wir das General⸗Directorium beſchwören, beim König dahin zu wirken, daß er dies harte Ur⸗ theil zurücknehme, oder wenigſtens es mildere. Sind Sie meiner Meinung, meine verehrten Herren Col⸗ legen? Der Vorſchlag des würdigen Dekans ward ein⸗ ſtimmig angenommen und ſofort eine Bittſchrift ent⸗ worfen, welche allen Profeſſoren der Univerſität zur Unterſchrift vorgelegt und von Allen unterzeichnet ward. Um dieſer Bittſchrift mehr Nachdruck zu verleihen, er⸗ wählten die Profeſſoren einen aus ihrer Mitte, wel⸗ cher dieſelbe perſönlich nach Berlin bringen, und dem General⸗Directorium übergeben, wie auch darnach trachten ſollte, bis zum König zu gelangen, um ihm die Noth und Angſt der Univerſität in Halle zu ſchildern. Aber der König empfing den Herrn Profeſſor nicht. Vielleicht war ihm die ganze Angelegenheit zu un⸗ wichtig, um ſich wegen derſelben in ſeinen ernſten und vielfachen Regierungsgeſchäſten unterbrechen zu laſſen, wielleicht war ſein erſter Zorn verraucht und er fand, daß die Profeſſoren von Halle genugſam geſtraft wor⸗ den, und genug der Demüthigungen erlitten hatten. Der König nahm, wie geſagt, den Halliſchen Pro⸗ — 62— feſſor nicht an, aber er ließ ihm ſagen, in acht Ta⸗ gen werde die Univerſität ſeine letzte Reſolution durch das General⸗Directorium empfangen. Das war ein Troſt, mit welchem der Profeſſor nach Halle zurückkehrte. Der König beabſichtigte alſo doch nicht, das erſte Urtheil zur Ausführung bringen zu wollen, denn wäre das geweſen, ſo würde er ganz einfach decretirt haben, daß es bei dem gefällten Ur⸗ theil ſein Bewenden haben ſolle. Die Herren Profeſſoren athmeten alſo wieder auf in neuer Hoffnung, und ließen es willig und ohne zu murren geſchehen, daß die Studenten Eckhof an jenem Abend eine Serenade darbrachten, und niemals in einer Theatervorſtellung, deſto mehr aber in den Col⸗ legien fehlten. Sie verbargen ihren Zorn und ihren Gram wohlweislich in ihrem Herzen, ja einige von ihnen entſchloſſen ſich ſogar, ſelber einmal das Theater zu beſuchen und dieſen Eckhof, welcher ihnen ſo viel Herzeleid und Kummer gemacht, ſelber einmal ſpielen zu ſehen. Die Studenten, welche ihre würdigen Herren Lehrer im Theater bemerkten, fühlten ſich ganz ſtolz und glücklich über dieſes ihnen gemachte Zugeſtändniß, und prieſen dieſe Profeſſoren als die freiſinnigſten und aufgeklärteſten Männer der Univerſität. Um ſie dafür zu belohnen, ſtrömten ſie am andern Tage maſſenweiſe in die Collegia dieſer Profeſſoren, welche daher niemals ein ſo volles Auditorium gehabt, als jetzt, in Folge ihres Beſuches des Theaters. Das machte die übrigen Profeſſoren beſtürzt und nachdenk⸗ lich, und ſogar Herr Profeſſor Biermann, welcher ſeine Frau zu ſehr liebte, um nicht ein neues Mittel verſuchen zu wollen, ihr wieder Collegiengelder zu verſchaffen, und Herr Profeſſor Heinrich, welcher des ſchlechten Tabacks ſatt und überdrüſſig war, entſchloſſen — 63— ſich endlich, Friede zu machen mit den Studenten und den Comödianten, und in's Theater zu gehen, damit die Studenten wieder ihre Collegia„belegen“ möchten. So ſchien Friede und Eintracht wieder hergeſtellt, und Eckhof, deſſen weiches und edles Herz ganz von Dank und Freude erfüllt war, ſpielte den Britannicus mit ſolcher Begeiſterung und Gluth, daß er ſelbſt den ge⸗ ſtrengen Herren Profeſſoren laute Zeichen des Beifalls abgewann. Herr Profeſſor Franke indeſſen war noch immer krank und auf ſein Zimmer und ſein Bett angewieſen, noch immer ſah er das drohende Geſpenſt einer öffent⸗ lichen Buße, einer öffentlichen Abbitte vor ſich, und das machte ſeine Nächte ſchlaflos, und zerſtörte auf einige Zeit ganz dieſe äußere gottſelige chriſtliche Milde und Freundlichkeit, hinter der er ſonſt ſo gut ſeinen Hochmuth und ſeine Unduldſamkeit zu verbergen ver⸗ ſtand. Das Damoclesſchwert des gezwungenen Thea⸗ terbeſuches ſchwebte noch immer über ihm, ſo lange die Antwort des General⸗Directoriums auf die Bitt⸗ ſchrift der Profeſſoren nicht angelangt war. Aber dieſe Antwort kam endlich, und dies Mal hatte der Herr Rector Magnificus nicht die ſtolze Ruhe und Zuverſicht, das Reſecript ſo lange uneröffnet zu laſſen, bis die Herren Senatoren ſich zu feierlicher Sitzung bei ihm eingefunden hatten. Er beſchied nur den Dekan, Herrn Profeſſor Biermann, und den Pro⸗ feſſor Heinrich zu ſich, und indem er die Hände faltete, und eine ſanfte, ganz reſignirte Miene annahm, bat er den Herrn Dekan, das Reſcript vorzuleſen. Dies Mal zitterte ſeine Stimme nicht und kein Schrei des Entſetzens entfuhr den Lippen des Pro⸗ feſſor Biermann, ſondern ein zufriedenes Lächeln um⸗ ſpielte dieſelben, als er las: 3 „Se. Königliche Majeſtät von Preußen haben in Anſehung der in Halle wegen geſuchter Störung und Hinderung der verhindert geweſenen Comödie entſtan⸗ denen Verdrießlichkeiten und Unruhe, aus bewegenden Urſachen reſolvirt, daß der Profeſſor Franke, ſo darin die meiſten Motus gemacht haben ſoll, desfalls die Strafe von zwanzig Thalern zur Armenkaſſe, ohne Widerrede erlegen ſoll, und Sie befehlen daher dem Departement der geiſtlichen Sachen, dahin zu ſehen, daß ſolches ungeſäumt exequirt werden möge.“*) Und bei dieſem Urtheil hatte es ſein Bewenden. Herr Profeſſor Franke mußte ſeine Strafe von zwanzig Thalern bezahlen, die Univerſität aber, um ſeinem ge⸗ demüthigten Stolze einigen Troſt und Linderung zu verſchaffen, ſchickte die Quittung über die erlegte Strafe mit folgendem Geleitſchreiben an das geiſtliche De⸗ partement: 8 „Ungeachtet wir auf unſere Pflicht bezeugen müſſen, daß der Profeſſor Franke bei dieſer ganzen Sache auf keinerlei Weiſe concurrirt hat, ſo ſind dennoch von demſelben aus allerunterthänigſtem Reſpect gegen Euere Königlichen Majeſtät allerhöchſten Befehl die dictirten zwanzig Thaler, laut beiliegender Quittung an das Almoſenamt dahier bezahlt worden.“*) *) Büſching, Charakter Friedr. d. Gr. S. 59. **) Ebendaſelbſt. ten herangezogen und Die Schlacht bei Sohr. Tiefe Stille herrſchte im Lager, welches die Preu⸗ ßen bei dem böhmiſchen Dorfe Sohr aufgeſchlagen hatten. Ermattet ruhten die tapfern Soldaten aus vom langen Marſche, von den täglich ſich erneuernden Anſtrengungen. Nuhig lagerten ſie in ihren Zelten, obwohl ſie Alle wußten, daß das öſterreichiſche Heer, ihnen doppelt überlegen an Zahl, mit Sturmesſchrit⸗ ganz bereit war, am nächſten Morgen ſie anzugreifen. Aber was kümmerte das die tapfern preußiſchen Soldaten? Sie hatten den Erz⸗ herzog Karl von Lothringen mit ſeinen Oeſterreichern, Böhmen und Sachſen bei Hohenfriedberg geſchlagen, warum ſollte ihnen das nicht auch bei Sohr gelingen können, obwohl Erzherzog Karl von Lothringen eine Armee von ſechsundvierzigtauſend*) Mann führte, und König Friedrich's Armee, verringert durch die vielen Corps, die er nach Sachſen und Schleſien entſandt, nur aus zwanzigtauſend Mann beſtand. Aber die preußiſchen Soldaten vertrauten auf das Glück und die Kriegskunſt ihres Königs, ſie wußten, daß ſie ru⸗ hig ſchlafen konnten, denn Friedrich wachte und ſorgte für ſie.— Die Wachtfeuer waren alſo erloſchen, die Lichter in den Zelten der Officiere ausgelöſcht. Alles lag in tiefer Ruhe; hier und da nur hörte man den *) Trenck in ſeinen Memoiren ſpricht von 86,000 Mann. Th. I. S. 53. 8 Muͤhlbach, Berlin und Sansſonci ꝛc. III. 5 — 66— langſamen Schritt einer auf⸗ und abwandelnden Schild⸗ wache, oder das Wiehern eines Pferdes, oder den lauten Aufſchrei eines Soldaten, der vielleicht von ſeiner fernen Heimath, von der verlaſſenen Braut träumte. Sonſt war Alles ſtill; das ganze Lager, wie geſagt, lag in tiefem Schlaf, und über dieſen dunklen Maſſen breitete ſich ſternlos und kalt der dunkle, wol⸗ kenbehangene Himmel aus. Es war eine trübe, feuchte Septembernacht, trübe und glanzlos wie eine Nacht der Schmerzen, feucht wie der kalte Schweiß eines Sterbenden. Wie Viele von denen, welche jetzt da mit roſigen Wangen und ruhiger Stirn liegen und ſchlafen, wie Viele von ihnen mögen eben ihren letzten Schlaf thun, ihre letzte Nacht durchathmen, wie Viele von ihnen werden morgen ſchon mit klaffenden Wun⸗ den auf dem Felde der Ehre ſchlummern mit offenen Augen, den gebrochenen Blick gen Himmel gewandt, und Niemand neben ihnen, der ihnen den Todes⸗ ſchweiß von der Stirn trocknet. Sie wiſſen's nicht, ſie fragen's nicht, ſie genießen die köſtliche Gegenwart, ſie ſchlafen! Keine Gefahr iſt vorhanden, denn der König iſt mitten unter ihnen, die Lichter auch in ſeinem Zelt ſind erloſchen. Er ſchläft mit ſeiner ganzen Armee! Es iſt Mitternacht. Die Stunde der irrenden Geiſter, der ruheloſen Geſpenſter! Wie? Iſt das ein Geſpenſt, welches da geräuſchlos und leiſe aus dem Zelte des Königs hervorſchlüpft und ganz ſcheu und ſtill in dem dicht daneben befindlichen Zelt der königlichen Adjutanten verſchwindet? Nein, nicht ver⸗ ſchwindet! denn es iſt ſchon wieder vor dem Zelt er⸗ ſchienen, aber es hat ſich vervielfacht, und jetzt ſind es drei dunkle Schatten, welche ſich an den weißen Zelten der Officiere hin bewegen, und an jedem Zelt — 67— verſchwinden und dann wieder erſcheinen und weiter ſchlüpfen. Aber wo ſie geweſen, da hört man jetzt ein leiſes Flüſtern und Rauſchen, da zeigt ſich an den Zelten bald wieder ein anderer dunkler Schatten und ſchleicht vorwärts, hinüber nach den Zelten der Sol⸗ daten, in denen er verſchwindet, und auch dort regt es ſich dann und flüſtert leiſe, und wie ein murmeln⸗ der Bach wälzt ſich dieſes Geräuſch weiter durch das ganze Lager, immer den drei erſten Schatten nach, welche das Lager durchziehen, geräuſchlos, wie der Wind, machtvoll, mit geflügelter Eile, wie er. Was wollen dieſe drei Schatten, warum verſcheuchen ſie den Schlaf von allen Lagern und aus allen Zelten, und jagen ihn ſogar von den Pferden fort, welche in der Dunkelheit geſattelt und gezäumt werden, und wiehernd und ſtampfend ſich ſträuben gegen dieſe Un⸗ terbrechung ihrer Ruhe. Aber kein Reiter ſchwingt ſich auf ihren Rücken, kein Vorwärts! donnert durch das Lager, und wären nicht die dunklen Schatten, welche überall herumſchlüpfen, und hier in ſchwarzen Maſſen zuſammenfließen, dort vereinzelt dahinſchlüpfen, wäre nicht dieſes leiſe Flüſtern und Wandern, ſo ſollte man meinen, das Lager ſchlafe immer noch. Wer es, wie die Oeſterreicher dort drüben in ihrem Defilse, nur von ferne beobachten kann, der muß es glauben, daß die preußiſche Armee ſich der Nuhe überläßt, einer ſo ſorgloſen Nuhe, daß ſogar die Vorpoſten ein⸗ gezogen und in das Lager zurückgegangen ſind, um zu ſchlafen. Jetzt indeſſen wird dieſes unterdrückte Geräuſch, welches das Lager durchzieht, ein wenig lauter, wie das dumpfe Rollen des fernen Donners durchfliegt es die Zelte, doch rührt ſich Niemand und nur die Schatten eilen ſorglos weiter von Zelt zu Zelt. Das 5* — 68— Rollen kommt näher und näher, und wenn der Mond jetzt durch die Wolken hervorbräche, würde er dieſe acht Feldſtücke mit ihren glänzend polirten Läufen beleuch⸗ ten, welche man eben vorſichtig und leiſe heranfährt, und hinter dieſem kleinen Hügel gegen das öſter⸗ reichiſche Defilée zu aufſtellt. Nun wieder wird Alles ſtill und lautlos, und all⸗ mälig beginnt es zu dämmern am Horizont, und einzelne röthliche Wolken flattern wie Engelsfittige über den Himmel hin, allmälig heben ſich die Schleier der Nacht und die Sterne beginnen zu erbleichen und der Tag beginnt ſeine Morgentoilette mit Purpurgluthen und Goldesglanz. Der Morgen dämmert, und jetzt laßt uns wieder hinſchauen auf dieſes Lager der preußi⸗ ſchen Krieger!— Schlafen ſie noch immer?— Nein, nein, Alles wacht, Alles lebt, die Pferde ſind geſattelt und ihre Reiter ſtehen daneben, bereit aufzuſitzen, die Infanteriſten haben die Patrontaſche umgeſchnallt, das Gewehr im Arm, die Officiere ſtehen ihnen zur Seite, Alles lebt, Alles athmet, und doch iſt Alles lautlos und ſtill, wie von einem Zauber gebannt. Und dort ſteht der Zauberer, welcher alle dieſe Tauſende zum Leben erweckt und doch wieder zu ſtarrem Schweigen gebannt hat, da ſteht er neben dieſen acht Kanonen, dem öſterreichiſchen Defilse gegenüber. Sein Antlitz iſt klar und hell, wie der Morgen, ſeine Augen, welche wie die Sterne leuchten und blitzen, ſcheinen dieſen Hügel, welcher ihn von den Oeſterreichern trennt, durchbohren zu wollen. Er hört mit den Augen, mit jedem Zug ſeines jungen, ſchönen Angeſichts. Da ſteht Er, deſſen Wille alle dieſe Tauſende beherrſcht, deſſen Wort ſie jetzt dem Tode, den Schmerzen, einer ſiechen Zukunft, einem ruhmvollen Siege oder einer — 69— ſchmachvollen Niederlage entgegenführen wird,— Er, der König! Ruhig iſt ſeine Seele, wie ſein Angeſicht, welches leuchtet in kühnem Muthe, in frendigem Hoffen. Er weiß, daß der Feind ſie in wenigen Minuten ſchon angreifen wird, aber dennoch zagt er nicht. Die Oeſter⸗ reicher glauben einen ſchlafenden Feind zu überfallen, aber die Preußen wachen, der König ſelber hat ſie geweckt, der König ſelber iſt mit ſeinen zwei Adjutan⸗ ten von Trenck und von Staudnitz von Zelt zu Zelt gegangen und hat die Officiere geweckt, der König ſelber hat dieſe acht Feldſtücke hinter den Hügel fahren laſſen, denn er weiß wohl, daß von hier aus der erſte „Angriff erfolgen wird, daß der Feind mit ſeiner Ca⸗ vallerie hier zuerſt aus ſeinem Defilée ſich auf die ſchlafenden Preußen zu ſtürzen gedenkt.*) Und der König hat ſich nicht geirrt, hört Ihr's heran brauſen und traben, ſeht Ihr die Schlünde der Kanonen, welche ringsum auf den Höhen ihre feuer⸗ ſprühenden Rachen öffnen? Das iſt die öſterreichiſche Cavallexie, welche durch das Defilse hereinſtürzt! Das ſind die öſterreichiſchen Kanonen, welche von den occupirten Anhöhen Tod und Verderben hernie⸗ derſchleudern in das Lager der ſchlafenden Preußen! Nein, ſie ſchlafen nicht, die Preußen, denn ihr König hat ſie geweckt! Nein, ſie ſchlafen nicht, die Preußen, wenn die Oeſterreicher ihnen feindlich gegen⸗ überſtehen, denn Friedrich her Einzige hat niemals der Oeſterreichiſchen Freundſchaft getraut, Friedrich hat ge⸗ wacht über Preußens Ehre! *) Trenck, Memoiren. Bd. I. S. 54. — 70— Der König hebt den Degen. Das Zeichen iſt ge⸗ geben. Laßt die öſterreichiſche Cavallerie nur heran⸗ kommen mit lautem Geſchrei, die preußiſche Cavallerie hat aufgeſeſſen und ſtürmt ihnen entgegen, ſtürmt vorwärts mit verhängtem Zügel, vorwärts in das Defilse hinein, vor dem ſo eben der Feind ſich erſt ganz gravitätiſch, ſtolz und ſiegesgewiß zu formiren beginnt, und nicht auf eine Schlacht rechnet, denn die Preußen, meint er, ſchlafen ja, und im Schlaf wollte er ſie überfallen. Nein, auf keine Schlacht hat er ge⸗ rechnet, ſondern auf ein widerſtandloſes Schlachten! Und jetzt wachen die Preußen, jetzt leiſten ſie nicht bloß Widerſtand, ſondern ſie greifen an, muthig, un⸗ aufhaltſam. Sie drängen die Cavallerie zurück, in das vollgeſtopfte Defilée, in die verwirrten, entſetzten, von paniſchem Schrecken ergriffenen Maſſen. Laßt nur die Kanonen auf den Anhöhen ihre donnernde Todesbotſchaft brüllen, der König antwortet ihnen, der König, welcher mit ruhigem und ſtolzem Angeſicht neben dieſen acht Feldſtücken hält, und jetzt den Kanonieren das Zeichen giebt, hinein zu feuern in dieſe verwirrten durcheinandergeknäuelten Maſſen. Die Kanonen brüllen, und in die feindlichen Rei⸗ hen tragen ſie die zerſchmetternde Nachricht, daß die Preußen nicht ſchlafen, daß die Preußen wachen, wenn der Oeſterreicher ſie bedroht. Karl von Lothringen, Du hüätteſt beſſer denken ſollen von den Preußen! Haben ſie Dich vor zwei Monden nicht auch überliſtet, wie ſie es heute wieder thun? Hat der König damals nicht anſcheinend durch furchtſames Zurückweichen Dich vorwärts und heraus getrieben aus Deiner vortheilhaften Stellung und Dich, juſt wie Du bei Hohenfriedberg in ungünſtiger Stel⸗ lung warſt, überfallen, und in fünf Morgenſtunden ——————CQC—C———ꝛ————— ——— — 71 ⸗ einen glänzenden Sieg über Dich errungen?*) War’s nicht eine Schlacht ſo denkwürdig und ſo groß, daß noch die ſpäteſten Enkel davon erzählen werden, und nach Jahrhunderten noch das Baireuthiſche Dragoner⸗ 83 Regiment zur Erinnerung daran die Grenadierflammen auf den Patrontaſchen tragen wird und den königlichen Gnadenbrief und das Ehrendiplom, das ihm der Kö⸗ nig„als ewiges Zeichen der Dankbarkeit“ verliehen, wird aufweiſen können? Karl von Lothringen, Du hätteſt an Hohenſried⸗ berg denken und nicht vermeinen ſollen, daß die Preu⸗ 5 ſchlafen, wenn ihnen die Oeſterreicher gegenüber⸗ ſtehen! . Nein, die Preußen wachen! Höre nur, wie ihr Jubelgeſchrei zum Morgenhimmel aufjauchzt, höre nur, wie ihre Kanonen brüllen und ihre blinkenden Schwer⸗ ter die Luft durchſauſen! Karl von Lothringen, wo ſind Deine Schaaren, welche beſtimmt waren, den Feind im Rücken anzu⸗ greifen? Wo iſt der Trenck mit ſeinen Panduren, wo der General Nadaſti mit ſeinen wohldisciplinirten Regimentern? 1 5 Wenn Du auf dieſen hoffſt, dann verzweifle und ſtecke Dein Schwert in die Scheide! Die Preußen haben ihr Lager verlaſſen, ſie ſind weit, weit vorge⸗ rückt, denn vor ihnen war der Feind. Alles haben ſie hinter ſich gelaſſen, ihr ganzes Hab' und Gut iſt im Lager geblieben. Wie durſten ſie denken an irdiſche Narrethei, wenn es ſich handelte um Ehre und Sieg! Alles iſt im Lager geblieben, auch des Königs ganzes Feldgepäck, auch die Kriegskaſſe! *) Preuß, Friedrich der Große. Bd. I. S. 211. — 72— K Karl von Lothringen, hoffe nicht auf Trenck und ſeine Panduren, nicht auf Nadaſti mit ſeinen wohl⸗ disciplinirten Regimentern! Sie haben wohl Deinen Befehl befolgt, ſie ſind von jenſeits in das feindliche Lager eingedrungen, dort machen ſie Beute, dort plündern ſie mit gieriger Luſt. Was kümmert ſie jetzt die Schlacht, welche vor ihnen donnert und brüllt, bis zu ihnen her dringt keine Kanonenkugel, ſie können ganz ungeſtört ſich bereichern und im Lager der Preußen aufräumen, während dieſe auf dem Schlachtfelde ſich den Sieg erkämpfen! Noch iſt er nicht entſchieden, der Sieg, noch nicht! „Wenn der Trenck und Nadaſti uns in den Rücken fallen, denkt der König, dann ſind wir verloren!“ Da ſprengt ein Adjutant heran und meldet, daß Trenck und Nadaſti das preußiſche Lager plündern. Des Königs Antlitz leuchtet auf in Entzücken. Mögen ſie plündern, ſagt er freudenvoll. Dann haben ſie dort zu thun, und werden uns nicht verhindern, hier unſer wichtiges Werk zu Ende zu bringen. Wäh⸗ rend ſie plündern, werden wir ſiegen!*) Ja, während die Oeſterreicher plündern, ſiegen die Preußen! Entſchieden iſt die Schlacht! Die Kanonen ſchweigen, geſchlagen, gramvoll, verzweifelnd zieht ſich Karl von Lothringen mit ſeiner Armee zurück. Die Preußen haben geſiegt, aber es iſt ein blutiger Sieg geweſen! Schaut nur hin, wie ſich jetzt der Pulver⸗ dampf in weißen luſtigen Wolken emporhebt, wie er in durchſichtigen Nebelgeſtalten ſich zum Himmel auf⸗ ſchwingt. Iſt es wirklich Pulverdampf oder ſind es die entflatternden Geiſter dieſer Tauſende, welche da *) Des Königs eigene Worte, Siehe Trenck Th. I. S. 55 — mit klaffenden Wunden, mit gebrochenen Augen, win⸗ ſelnd vor Schmerz oder ächzend in dem letzten Todes⸗ kampf auf der Erde liegen, welche nichts mehr zu bieten hat, nichts als ein Grab! 3 Ja, es iſt ein blutiger Sieg geweſen, ein mörderi⸗ ſcher Bruderkampf! Der Deutſche hat gegen den Deutſchen gekämpft, der Bruder gegen den Bruder! An des Königs Seite iſt ſein Schwager, der Herzog Albrecht von Braunſchweig, gefallen, und drüben bei den Oeſterreichern liegt deſſen Bruder, der Herzog Ludwig von Braunſchweig, an ſchweren Wunden dar⸗ nieder. Arme Königin Eliſabeth Chriſtine! Dein Gemahl hat geſiegt! Aber Ihr Beide habt den Sieg theuer bezahlt! Dem König koſtet es ſein Feldgeräth, ſein Zelt und ſeine Kriegskaſſe mit achtzigtauſend Ducaten, der ganzen Armee koſtete er ihre Bagage.*) Dir koſtet er das Leben eines Bruders, und der andere liegt darnieder an blutenden Wunden! 3 Der König hat den Sieg gewonnen! Sein iſt der Ruhm und die Ehre! Du, arme Königin, Du haſt nur neuen Kummer gewonnen! Dein ſind die Thränen und der Schmerz! *) Rödenbeck, Tagebuch. S. 125. VII. Nach der Schlacht. Sie ruhten aus von ihrer Arbeit, nicht auf weichen Kiſſen und in friedlichem Zelt, ſondern auf hartem Erdboden, ohne Schutz gegen die Sonne und den Wind, der ihnen vom Schlachtfeld das Klagegeſtöhn der Sterbenden herübertrug. Aber ſelbſt dieſe Jammertöne waren für die ſieg⸗ reichen Preußen doch nur eine Jubelhymne der er⸗ oberten Schlacht und erfüllten Diejenigen, welche die Stunden des Blutes und des Todes überlebt hatten, mit Dank und Entzücken. Nach den Stunden furchtbarer Aufregung, fieberi⸗ ſcher Gluth folgte jetzt eine allgemeine Abſpannung, ein tiefes, rein phyſiſches Bedürfniß nach Ruhe. Aber es war da etwas, welches dieſes Bedürfniß nicht auf⸗ kommen ließ, welches den Schlummer von den Augen⸗ lidern verjagte, und doch die Ermattung des Körpers noch vergrößerte. 4 Dieſes Etwas war der Hunger! Die Panduren hatten ſo gut aufgeräumt im preußiſchen Lager, daß ſie den armen Soldaten nicht bloß ihre Bagage, ſon⸗ dern auch ihr Brod und ihr Getränk genommen, unn die Wagen mit Gemüſen und Fleiſch fortgeführt atten. Die preußiſche Armee alſo, welche die Morgen⸗ ſtunden mit einem ſo glänzenden Siege gefeiert hatte, ſah einem Tage des Hungers und der Entbehrung entgegen, während die Oeſterreicher, trotz ihrer ver⸗ —— lorenen Schlacht, ſich tröſteten bei dem preußiſchen Brod und mit den preußiſchen Eßwaaren und Ge⸗ tränken. Glücklich Diejenigen, welche ein Stückchen Brod in ihre Torniſter geſteckt hatten oder deren Lagerſtätte von den Panduren war überſehen oder vergeſſen wor⸗ den! Mit welchen neidiſchen Blicken ſchauten die Ca⸗ meraden auf dieſe wenigen glücklichen Soldaten, welche ſich laben konnten an ihrem Brod und in dem Egois⸗ mus ihres Hungers durchaus nicht geneigt waren, mit irgend Jemanden, und ſei's ihr genaueſter Freund, ihr köſtliches Beſitzthum zu theilen. Der König gehörte nicht zu dieſen Glücklichen! Er war Sieger in der Schlacht geweſen, aber der Lorbeer⸗ kranz ließ ſich nicht umbilden zu einem Stück Brod, ſeinen Hunger zu ſtillen.. Der König hatte vergeblich zu ſeinen Generälen und Adjutanten geſagt:„wir wollen ſpeiſen.“ Es nar nichts da, um den König, welcher hungerte, zu peiſen. Als der General Rothenburg mit traurigem Ge⸗ ſicht dem König dieſe Nachricht brachte, ſagte Friedrich mit einem heitern Lachen: wir wollen uns alſo ein⸗ bilden, mein Freund, wir wären Katholiken, und da iſt es denn ganz in der Ordnung, daß wir an einem hohen Feſttag, wie der heutige Tag es doch gewiß iſt, keine Fleiſchſpeiſe eſſen dürfen. Ich bin's alſo zu⸗ frieden, wenn ich ein Stück Brod bekomme, und das denke ich, wird man doch irgendwo für den König von Preußen auffinden können. Aber General Rothenburg forderte von dem könig⸗ lichen Küchenmeiſter vergeblich ein Stück Brod. Es war nichts da, weder Fleiſch, noch Obſt, noch Brod. Die Panduren hatten Alles fortgeführt. Ich werde nicht ohne Brod zu dem König zurück⸗ kehren, ſagte Rothenburg mit Thränen in den Augen zu ſich ſelber, indem er entſchloſſen hinauswanderte in das Lager. Ich werde meine letzten Ducaten dem erſten Soldaten geben, der ein Brod hat, und das werde ich dem König bringen. Und mit ſpähenden Blicken ging der General durch die Reihen der Soldaten, welche hier und dort in ein⸗ zelnen Gruppen lagerten, und von den blutigen und ſchweren Morgenſtunden ſchwatzten und plauderten. Ah, da drüben endlich gewahrte er einen Soldaten, welcher nicht plauderte und ſchwatzte, ſondern mit liebäugelnden Blicken das Brod betrachtete, von wel⸗ chem er ſich eben mit dem Taſchenmeſſer ein Stück abſäbelte. Mit einem Sprung, wie ein Löwe, war der Ge⸗ neral an ſeiner Seite und legte die Hand auf das Brod, welches ihm ſchöner duftete, wie ſonſt die herr⸗ lichſte Roſe. Gebt mir das Brod, Freund, ſagte er athemlos. Ich bezahle es Euch mit zwei Ducaten! Der Soldat brach in ein ſpöttiſches Lachen aus. Zwei Ducaten! Was ſoll ich mit zwei Ducaten, fragte er. Eure Ducaten kann ich nicht eſſen, Herr General, aber mein Brod kann ich eſſen, und darum iſt's mir jetzt lieber, wie eine ganze Hand voll Du⸗ caten. Behaltet alſc Euer Gold, ich behalte mein Brod! Nun, wenn Ihr's nicht für Gold geben wollt, ſo gebt es aus Liebe! rief General Nothenburg heftig. Aus Liebe zu Eurem König, welcher hungrig iſt, wie Ihr ſelber, und nicht einmal ein Stück Brod hat, ſeinen Hunger zu ſtillen. Das vorher ſo lachende Geſicht des Soldaten ward jetzt ernſthaft. Der König hat kein Brod, ſagte er nachdenklich vor ſich hin. 4 Der König hungert! rief der General faſt bittend. Der König hungert, murmelte der Soldat, und ſenkte traurig ſeine Blicke auf dieſes Brod, welches ihm ſo lieblich entgegenlächelte. Dann, mit einem herzhaften Entſchluß, ſchnitt er das Brod in zwei Hälften, und dem General die eine Hälfte darreichend, ſagte er: ich will Euch mein halbes Brod geben! Das iſt aber auch Alles, was ich für den König thun kann! Nehmen Sie, Herr General, und nun iſt's ab⸗ gemacht. Mehr geb' ich nicht! Und ich verlange auch nicht mehr, rief der Ge⸗ neral, und das eroberte Brod hoch in die Luft ſchwen⸗ kend, eilte er jubelnd den Weg zu dem neuerrichteten Zelt des Königs zurück. Der Soldat ſchaute ihm lächelnd nach. Plötzlich ward ſein Geſicht ernſthaft, ein fürchterlicher Gedanke peinigte ihn. Wie wenn der General ihn getäuſcht hätte, wenn das Brod nicht für den König beſtimmt wäre?. Er mußte das wiſſen, und ſich ſelber von der Wahrheit überzeugen! Wie ein Pfeil flog er hinter dem General her, bald hatte er ihn eingeholt und trabte hinter ihm her, bis zum Zelt des Königs. Der General hatte ihn wohl gewahrt, und begriff ſehr wohl, weshalb er ihm nachgekommen. Lächelnd und mit freudeglänzenden Augen trat er zum Kö⸗ nig ein. Mein König, da bin ich endlich, und bringe was Euer Majeſtät verlangten, ein Stück Brod. Das heißt, ein Stück neue Lebenskraft, ſagte der König, indem er das Brod nahm und mit ſichtbaremn Behagen davon zu eſſen begann. Ach, Freund, ich ———— — 78— denke, ein Stück Brod nach einer gewonnenen Schlacht ſchmeckt köſtlicher, als ein Goldfaſan nach einem Tage des Müßigganges! Wo haſt Du dieſen köſtlichen Leckerbiſſen erbeutet, Freund? Sire, ich bekam es von einem Soldaten, der es nicht verkaufen wollte, aber es mir bereitwillig gab, als er hörte, daß es für den König beſtimmt ſei. Nachher freilich iſt ihm das Mißtrauen gekommen, öb ich ihn nicht um dieſes koſtbare Gut. betrogen, und für mich ſelber genommen hätte, was ich für den Kö⸗ nig gefordert. So iſt er mir denn nachgelaufen, um zu ſehen, wohin ich ginge, und ich wette, er ſteht noch draußen und möchte mit ſeinen Blicken die Leinwand des Zeltes durchbohren, um zu ſehen, ob der König ſein Brod auch wirklich ißt. Friedrich lächelte. Wir wollen ihm das bequemer machen, ſagte er, indem er raſch das Zelt durchſchritt und den Vorhang zurückſchlug. Richtig, da ſtand der Soldat und ſtarrte zu dem Zelt hin, und fuhr in jähem Schreck zuſammen, als er den König gewahrte, deſſen großflammende Augen auf ihn gerichtet waren. Der König nickte ihm lächelnd zu, und führte die Hand, deren Weiße wunderbar abſtach gegen das ſchwarze Brod das zwiſchen ſeinen Fingern hervor⸗ ſchaute, zum Munde. Ich danke Euch, für Euer ſchönes Brod, Freund, ſagte der König dann, nachdem er gegeſſen. Ich danke Euch, und Ihr könnt Euch für die Zukunft eine Gnade bei mir erbitten. Beſinnt Euch ſchnell und ſagt mir, was Ihr Euch wünſchet. 8 Ach, darauf habe ich gar nicht nöthig, mich zu be ſinnen, rief der Soldat mit fröhlichen Lachen. Wen — 79— ich mir was wünſchen ſoll, ſo iſt's eine Schukzenſtelle in meinem Vaterlande, in Preußen. Wenn wir Frieden haben, ſollt Ihr die Schulzen⸗ ſtelle in Preußen haben, ſagte der König zu dem vor Freude laut aufjauchzenden Soldaten, indem er ihm gnädig zunickte, und dann wieder in ſein Zelt zurück⸗ trat.*) Und jetzt, mein Freund, mein Pylades, ſagte der König, jetzt wollen wir uns eine Stunde der Ruhe und der Erholung gönnen. Ich denke, wir haben ſie uns heute wohl verdient, und dürfen uns jetzt wohl eine Stunde in unſer behagliches Zimmer nach Pots⸗ dam verſetzen. Komm, Freund, ſetze Dich neben mir, und lies mir vor. Was ſoll ich Euer Majeſtät vorleſen? fragte Rothen⸗ burg verlegen. Hole mir den Horaz, Freund, und laß uns träu⸗ men von Banduſiens Quell. Euer Majeſtät wiſſen alſo nicht?— fragte Rothen⸗ burg zögernd.. Was ſoll ich wiſſen? Daß die Panduren auch die Feldbibliothek mitge⸗ nommen haben? Wie, auch meine Bücher? fragte der König, und eine leichte Wolke flog über ſeine Stirn. Was wollen denn die Panduren und Kroaten mit meinen armen Büchern? Konnten ſie ſich nicht genügen laſſen an meiner Kriegskaſſe und meinem Silberzeug? Mußten ſie mir auch nehmen, was für ſie ganz werthlos und für mich ſo koſtbar iſt? Mit gerunzelter Stirn, die Hände auf dem Rücken *) Friedrich der Große. Von Karl Müchler. S. 62. gefaltet, ging er haſtig einige Male in dem engen Raum auf und ab. Dann blieb er ſtehen, und blickte in dem Zelte umher, als ſuche er Etwas. Die Biche iſt nicht da, ſagte er leiſe, hole mir die Biche, mein Freund. Aber General Rothenburg rührte ſich nicht. Nun? fragte der König. Sire, die Biche haben ſie auch mitgenommen. Die Biche auch? Meine liebſte, treueſte Freundin, mein Lieblingsthier? rief der König ſchmerzlich, indem er wieder haſtig auf und abzuwandeln begann. Dann aber näherte er ſich dem General, und ihm die bei⸗ den Hände auf ſeine Schultern legend, ſchaute er ihm mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit in's An⸗ geſicht. Biſt Du mir gut, Freund? fragte er ganz milde und weich. Ich ſeh's an Deinen Augen, daß Du Ja ſagen willſt. Nun denn, was kümmert mich dann die Felldbibliothek und die Biche. Die Bücher werde ich mir wieder aus Berlin kommen laſſen, und die Biche ſollen ſie mir ſchon wieder herausgeben, ich werde heute noch zum General Nadaſti ſenden und mir meine Biche loskaufen. Nicht wahr, Freund, Du denkſt doch, daß ſie mir das treue Thier wiedergeben werden? Es lag ein Ausdruck ſo ſchmerzlicher Angſt in den Zügen des Königs, daß Rothenburg tief davon er⸗ griffen ward. Die Biche wird wiederkommen, Sire, ſagte er, ich zweifle gar nicht daran. Euere Majeſtät darf wohl auf dieſe Belohnung des Schickſals nach einer ſo glorwür⸗ digen Schlacht hoffen. „Der König wiegte lächelnd ſein Haupt. Ich w Dir ein Geheimniß anvertrauen, Freund, ſagte e — 81— Ich hätte in dieſer Schlacht verdient geſchlagen zu werden, weil ich mich durch Detaſchements zu ſehr ge⸗ ſchwächt hatte; nur die Geſchicklichkeit meiner Generäle und die Tapferkeit meiner Truppen haben mich von einer Niederlage gerettet.*) Ein wenig auch die Hab⸗ gier der Panduren und Kroaten. Ein Stengelchen von unſerm Lorbeerkranz gebührt dem Nadaſti und dem Trenck. Nun, wir wollen ihnen denſelben bei nächſter Gelegenheit in's Antlitz ſchleudern. Ein Glück für uns, daß dieſer Courier, welcher die neueſten De⸗ peſchen und Nachrichten aus Berlin gebracht hat, nicht ſchon vor der Schlacht im Lager eingetroffen war. Die Panduren würden ſie auch genommen haben, während ſie jetzt wohl geborgen ſind. Siehſt Du, Freund, wie mich das Schickſal gleich mit ernſtem Fingerzeig auf meine Pflicht hinführt. Ein König ſoll niemals ruhen, niemals träumen und ſich ſelber leben wollen, ſiehſt Du, und das wollte ich doch heute thun. Ich wollte nur eine Stunde mir ſelber leben, und ſtatt die Depeſchen und Briefe zu leſen, wollte ich mit ir am Horaz mich ergötzen und mit der Biche ſpie⸗ len. Jetzt iſt's vorüber, und da wir denn unſer Mahl beendet haben, wollen wir arbeiten. Gieb her die Taſche dort. Da iſt der Schlüſſel, ſchließe ſie auf und nimm die Briefe heraus. Der König ſetzte ſich auf den Feldſtuhl und brei⸗ tete die Briefe und Papiere auf dem hölzernen ein⸗ fachen Feldtiſch vor ſich aus. Die Depeſchen und Zeitungen leſen wir nachher; zuerſt die Briefe von Freundeshand. Da ſind Briefe vom lieben d'Argens und von Knobelsdorf. Wie? und keiner von Duhan, — *) Des Königs eigene Worte. Sier reuß, Lebensgeſchi Th. I. S. 214. gs eig iehe Preuß, Lebensgeſchichte. 2 Muühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. III. 6 — 82— keiner von Jordan und Kaiſerling? Das macht mich bang und unruhig, und meine Seele ahnt nichts Gutes! Da iſt ein Brief an Dich, Freund, und er iſt von Duhan's Hand. An Dich alſo ſchrieb er, und nicht an mich. Lies alſo, Freund, und dann ſage mir, was darin ſteht. Er reichte dem General den Brief dar, und erbrach dann haſtig die an ihn gerichteten Briefe. Aber ſeine Augen ſchoſſen nur flüchtig über die Zeilen hin, und richteten ſich immer wieder auf Rothenburg, der noch mit dem Leſen ſeines Briefes beſchäftigt war. Der König hatte ſehr wohl bemerkt, daß der Ge⸗ neral gleich beim Beginn des Leſens erbleicht war, und daß das Papier in ſeinen Händen zitterte, er hatte ſehr wohl den Ausdruck tiefen Schmerzes geſehen, der ſich wie ein Trauerflor über Rothenburgs Antlitz aus⸗ gebreitet hatte. Er konnte dieſes Schweigen, dieſe Stille nicht mehr ertragen; ſich haſtig von ſeinem Sitz erhebend trat er zu Rothenburg, und indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, ſah er ihm mit ſeinen großen, durch⸗ bohrenden Augen feſt in's Angeſicht. Der General ſchlug die Augen nieder und ſeine Lippen zitterten. Rothenburg, ſagte der König, Duhan hat Dir etwas geſchrieben, was er mir nicht ſchreiben wollte. Es iſt eine traurige Nachricht, ich ſeh's an Deinem Geſicht. Euere Majeſtät hat Recht, es ſind traurige Nache richten, ſeufzte der General. Ach, alſo mehr als Eine! murmelte der König, und als fehle es ihm jetzt ſchon an Kraft, dieſe ſchlim⸗ men Dinge zu vernehmen, ließ er Rothenburg los und wandelte haſtig in dem engen Raum auf und — 83— ab. Rothenburg ſah ihm mit traurigen, verdüſterten Blicken zu. Eine bange ſchmerzliche Pauſe trat ein. Dann ſagte der König, vor dem General ſtehen bleibend: jetzt ſage mir Deine Nachrichten. Meine Mutter, meine Geſchwiſter ſind geſund? Sire, die ganze königliche Familie iſt geſund! Es betrifft alſo meine Freunde, murmelte der Kö⸗ nig vor ſich hin. Zwei von ihnen ſind krank. Zwei! Wie ſteht's mit Jordan? Du antworteſt nicht? Du weinſt? Wie ſteht's mit Jordan? ſage ich. Sire, Jordan iſt todt! Todt! rief der König mit einem Ausdruck tiefer Wehklage, indem er ſich ganz erſchöpft und taumelnd auf den Feldſtuhl ſetzte und das Haupt in ſeine Hand 5„Todt! Mein theuerſter, beſter Freund, Jordan iſt todt! Sein Tod iſt ſo ſchön, ſo heiter und friedlich ge⸗ weſen, wie ſein Leben, ſagte Rothenburg. Sein letztes Wort war ein Gruß an Euere Majeſtät, das letzte, was er that, bevor ſeine Kräfte ſchwanden, daß er an Sie ſchrieb. Hier iſt der Brief, Sire! Der König nahm den Brief, welchen Rothenburg vor ihn hingelegt hatte, und betrachtete ſchweigend dieſe zitternden, ſchwankenden, faſt unleſerlichen Schrift⸗ züge, die ihm beſſer als alle Schilderungen ein Bild ſeines kranken, todesſchwachen Freundes gaben. Zwei große Thränen rannen langſam über ſeine Wangen nieder. Der König ſchämte ſich ihrer nicht. Er ſah ſie herniederfallen auf dieſen Brief ſeines Jordan, und dort die Schriftzeichen auflöſen und verlöſchen. So iſt es, ſagte er leiſe, die Thränen verwiſchen die Majeſtät. Jordan's Hand hat da zum letzten Male dieſen eitlen Titel an Se. Majeſtät geſchrieben, und meine Thränen waſchen dieſen Flittertand hinweg. 6 ¾ — 84— Jordan, Jordan, Du löſcheſt meine Majeſtät hinweg, ich bin kein König mehr, ich bin nur noch ein armer, ſchwacher Menſch, welcher trauert und klagt um den verlornen Freund. Er preßte das Papier mit leidenſchaftlicher In⸗ brunſt an ſeine Lippen, dann ſteckte er es in ſeinen Buſen und hob ſeine Blicke wieder zu Rothenburg empor. Sage mir Deine andern Nachrichten, Rothenburg. Ich bin jetzt auf Alles gefaßt. Sire, ſagten Sie nicht vorher, daß Euere Majeſtät zwei kranke Freunde in Berlin zurückgelaſſen? Jordan und Kaiſerling! Kaiſerling! Du willſt doch nicht ſagen, daß mein Cäſarion auch— oh nein, nein, das iſt unmöglich. Jordan iſt todt, und ich wußte, daß er ſterben mußte, aber Cäſarion wird ge⸗ neſen. Ich weiß es, ich fühle es. Nicht wahr, Kaiſer⸗ ling lebt, Kaiſerling muß geneſen? Sire, wenn ich ein frommer Prieſter wäre, würde ich antworten: Kaiſerling iſt geneſen! Denn ſeine Seele iſt zu Gott zurückgekehrt! Ah, Kaiſerling auch todt! Oh, Rothenburg, wie konnteſt Du den Muth finden, mir das zu ſagen! Zwei Freunde auf einmal todt! Der König ſagte nichts weiter. Er ſchlug ſeine Hände vor ſein Angeſicht und weinte bitterlich. Dann nach einiger Zeit ließ er die Hände wieder herabgleiten und ſtarrte, wie in tiefen Träumen ver⸗ loren, zur Erde hin. Zwei Freunde auf einmal, ſagte er mit einer Stimme, welche noch in Thränen zitterte. Oh, wie unglücklich ich bin, zu gleicher Zeit meinen guten Jordan und meinen lieben Kaiſerling verloren zu haben. Sie waren meine Familie, und ich werde jetzt verwaiſt ſein, und in einer Trauer des Herzens, die finſterer und ernſter iſt, als die mit ſchwarzen Klei⸗ dern.*) Der Kummer wird aus meinem Herzen eine Wüſte machen, und die Menſchen werden mich eines Tages herzlos und kalt finden, aber ſie werden nicht wiſſen, daß da drinnen in meiner Bruſt ein großer Kirchhof mit den Leichenſteinen meiner Freunde, und daß ich an dieſen vor Kummer erkaltet bin. Und wie er leiſe dieſe Todtenklage murmelte, ran⸗ nen die Thränen langſam über ſeine Wangen nieder. Ein ſo tiefer Gram, ein ſo zerſchmetternder Kummer ſprach aus dem Angeſicht, der zerbrochenen Haltung des Königs, daß Rothenburg es nicht länger zu er⸗ tragen vermochte. Er ſtürzte zu dem König hin, und vor ihm in die Knie ſinkend, riß er ſeine Hände an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit ſeinen Thränen und ſeinen Küſſen. Oh, mein König und mein Held, ſagte er ſchluch⸗ zend, hören Sie auf zu klagen, wenn Sie nicht wollen, daß ich zu Ihren Füßen ſterben ſoll vor Schmerz. Der König ſchüttelte mit einem traurigen Lächeln das Haupt. Wenn man vor Schmerz ſterben könnte, wäre ich in dieſer Stunde geſtorben. h, was würde die Welt ſagen und denken, wenn ſie ſähe, wie der König, welcher eben als Sieger aus einer ruhmvollen Schlacht hervorgeht, ſeines Triumphes vergißt und um zwei Freunde trauert. Du willſt mich tröſten, ſagte der König, tröſten mit dieſer eitlen Erinnerung an einen erlangten Sieg. Glaube mir aber, ich bin Philoſoph genug, um ſolchen Triumph zu verachten. Ich freue mich, daß ich mein *) Des Königs eigene Worte. Röde nbeck, Tagebuch. S. 118. — 86— Land vor dem grauſamſten Unglück gerettet, und den Ruf meiner Truppen, den meine Feinde bei der Welt zu verdunkeln ſuchten, wieder hergeſtellt ſehe. Aber meine perſönliche Eitelkeit findet keine Nahrung dabei. Das Wohl und das Glück meiner Völker iſt es allein, was mir am Herzen liegt, nicht aber denke ich an mein bischen eigenen Ruhm dabei. Flüchtiger, nur eine kurze Zeit währender Ruhm muß einen Menſchen nicht ſtolz machen.*) Aber meines Königs Ruhm wird nicht flüchtig ſein, ſondern er wird glänzend und hell auf die Nach⸗ welt übergehen, rief der General.. Der König zuckte faſt verächtlich die Achſeln. Nur der Tod, ſagte er, beſtimmt den Ruf der Könige und Staatsmänner, und da ich wahrſcheinlich das nicht hören werde, was man einen Tag nach meinem Ab⸗ ſterben von mir ſagen wird, ſo will ich mich nur ein⸗ fach damit begnügen, meine Pflichten ſo gut zu er⸗ füllen, wie meine Kräfte es erlauben.**) Glaube mir nur, um ein rechter König und Fürſt ſeines Vol⸗ kes zu ſein, muß man zunächſt reſigniren auf alles perſönliche Glück und alles perſönliche Wohlbehagen. Der Fürſt, der nicht, wie Polykrates den Ring, ſein eigenes Glück hineinwirft in das Meer, der kann ſich nicht loskaufen von dem Mißgeſchick, und die Götter werden es ihm nie vergeben, daß er zugleich ein glück⸗ liher Neuſch und ein glücklicher König ſein will. Und ich, mein Rothenburg, ich hatte jetzt noch mein Leben an einem matten Sonnenſtrahl des Glücks erwärmt, *) Des Königs eigene Worte. Rödenbeck, Tagebnch Seite 116.. *) Des Königs eigene Worte. Rödenbeck, Tagebuch Seite 119 — 87— ich hatte viele Freunde! Nun kommt das Schickſal, und an dem Tage, wo es mich als König glücklich macht, fordert es von dem Menſchen Friedrich zwei ſeiner theuerſten Freunde. So muß der Menſch des Königs Glück bezahlen.— Aber genug jetzt der Klagen, fuhr der König nach einer Pauſe fort. Gott wollte dies Opfer, ich muß es bringen und mich ſchweigend unterwerfen. Ach, ich wollte, mein Herz wäre erſt für immer zum Schweigen gebracht. Ich will Dir etwas ſagen, Freund. Ich glaube faſt, ich habe dem Macchiavell Unrecht gethan mit meinem Anti⸗ Macchiavell. Der Menſch hat recht, nur ein Mann mit einem ſteinernen Herzen kann ein guter Fürſt ſein, denn nur Er wird es vermögen, einzig und allein das Wohl ſeines Volkes zu bedenken. „Oh, wie krank und gramerfüllt muß mein König ſein, um ſo ſprechen zu können, rief Rothenburg traurig. Sie klagen, daß Sie zwei Freunde verloren haben, Sire! Nun, ſie waren auch meine Freunde, und ich habe ſie auch verloren. Aber ich habe mehr an ihnen verloren, als nur ſie ſelbſt, denn ich habe in dieſer Stunde geſehen, daß ich ſelber dem König gar nichts bin! Ich habe den Glauben an die Freundſchaft meines Friedrich verloren!— Und tief aufſeufzend ſenkte er ſein Haupt auf ſeine Bruſt. Aber jetzt ſtand der König ſchon neben ihm, jetzt ſchaute er ihn an mit Blicken unendlicher Liebe, jetzt legte er ihm die beiden Hände auf die S n, und mit einer Stimme ſo zärtlich und weich, le eines jungen Mädchens, ſagte er: Mein Nothenburg, ſieh mich an, und jetzt ſage mir einmal, wie nennen Dich die Menſchen, wenn ſie von Dir und mir ſprechen? — 88=— Ich hoffe, ſie nennen mich Euer Majeſtät treueſten und verehrungsvollſten Diener. Nein, ſie nennen Dich meinen Liebling, und wenn die Menſchen das ſagen, ſo iſt es wahr. Vox po⸗ puli, vox dei. Komm an mein Herz, mein Liebling! Oh, mein König, mein Fürſt, mein Freund, rief Rothenburg begeiſterungsvoll, indem er ſich an des Königs Bruſt warf. Lange ruhten ſie ſo, Herz an Herz, und wer ſie ſo geſehen hätte, die beiden kräftigen Geſtalten, den König und den Helden, die Sieger des heutigen Ta⸗ ges, wer hätte da glauben mögen, daß dieſe Thränen in ihren Augen nicht dem Triumph und der Freude, ſondern dem Schmerz und der Liebe angehörten. Und nun, ſagte der König nach einer langen Pauſe, indem er ſich aus des Freundes Armen empor⸗ richtete, nun laß mich wieder König und Beamter ſein. Wir ſind noch nicht zu Ende mit den Depeſchen und Briefen. Er ſetzte ſich wieder auf ſeinen Feldſtuhl neben dem Tiſch, und der General nahm wieder die Poſt⸗ mappe zur Hand. 1 Er nahm einige große, mit amtlichen Siegeln verſehene Briefe hervor, aber er legte ſie bei Seite, und indem er ſich tief verneigte, hielt er dem König ein zierliches, duftendes, roſiges Briefchen entgegen. Hier, Majeſtät, ſagte er mit einem ſchalkhaften Lä⸗ Helt hier finde ich ein Briefchen, das vielleicht doch e Majeſtät noch verhindern möchte, König und Beamter zu ſein. Aber der König nahm den Brief nicht an, nur flog ein leiſes Roth über ſeine Wangen und ſeine Augen leuchteten höher auf. Lege das weg, ſagte er, ich kann es jetzt nicht — — 89— leſen. In meinem Herzen tönen noch die heiligen Orgelklänge des Schmerzes und die dürfen nicht von einer Opern⸗Arie unterbrochen werden. Jedes hat ſeine Zeit, und wenn meine Seele vor Särgen kniet, ſollen meine Augen ſich nicht mit der reizenden Geſtalt eines Weibes, und ſei ſie ſelbſt eine Houri des Paradieſes, ergötzen! Lies mir die Depeſchen, Freund! VIII. Der verhängnißvolle Brief. Nicht der König allein hatte mit dem aus Berlin im Lager bei Sohr anlangenden Courier Briefe er⸗ halten; jeder Regiments⸗Commandeur hatte ſeine wohl⸗ verſchloſſene Mappe empfangen, worin ſich die Briefe für die Officiere und Soldaten ſeines Regiments be⸗ fanden, welche er an dieſelben zu vertheilen hatte. Aber um dabei jeden Irrthum und jeden Unterſchleif zu vermeiden, war von dem Kriegs⸗Departement in Berlin jeder ſolchen Sendung eine Liſte beigefügt, auf welcher die Adreſſaten der Briefe eigenhändig den Empfang derſelben quittiren mußten. Der Oberſt von Jaſchinsky war alſo genöthigt ge⸗ weſen, dem Lieutenant Friedrich von Trenck die bei⸗ den Briefe zu geben, welche er für ihn in der Brief⸗ mappe gefunden hatte. Den einen dieſer Briefe be⸗ trachtete der Oberſt mit einem wilden, ſchadenfrohen Lachen; er war gar nicht neugierig auf den Inhalt — 90— deſſelben, denn er kannte denſelben ſehr gut, und wußte, daß ſobald Trenck ihn empfangen hätte, dieſer Brief ſich in einen blinkenden Dolch verwandeln werde, deſſen tödtliche Spitze ſich gegen des jungen Mannes eigene Bruſt richten müſſe. Er kannte den Brief, wie ge⸗ ſagt, ſehr gut, denn er hatte ihn ſchon einmal geſehen, und ihn damals auf eine liſtige Weiſe zu unterſchlagen gewußt, und ihn zuerſt nach Berlin zu ſeinem Freunde Pöllnitz zu ſchicken und ihn zu fragen, ob dieſer Brief nicht ſehr dazu geeignet ſei, ſie Beide zum Ziel zu führen, und den Lieutenant von Trenck unſchädlich zu machen, indem man ihm damit den Hals bräche? Pöllnitz hatte bis jetzt nicht darauf geantwortet, aber hente hatte der Oberſt von Jaſchinsky von ihm einen Brief erhalten, und Pöllnitz hatte darin geſagt:„jetzt iſt's an der Zeit, den Brief des Panduren wirken zu laſſen. Ich habe daher denſelben auf die Poſt ge⸗ 4 tragen, und ich denke, ich bin ein Hiobsbote für die⸗ ſen jungen übermüthigen Officier geweſen, der ſich einbildet, daß ihm ſein Oberſt zweihundert Ducaten ſchuldig iſt. Wenn Sie wirklich einmal ſein Schuld⸗ ner waren, ſo wird er von heute an der Ihrige ſein, denn er wird Ihnen, denke ich, freies Quartier auf irgend einer preußiſchen Feſtung und das hoffentlich auf lange Zeit verdanken. Wenn Sie dem König von dieſem Briefe des Panduren die Anzeige machen, können Sie ihm immerhin melden, daß der Lieutenant von Trenck heute aus Berlin noch einen zweiten Brief, wie Sie glauben von einer Dame, erhalten habe. Vielleicht läßt der König dann bei ihm nachſuchen, und daß er einen Brief von einer Dame heute erhält, weiß ich gewiß, denn ich ſelber habe ihn zur Beſor⸗ gung übernommen, und daß er ihn nicht zerriſſen hat, — 91— verſteht ſich, denn Verliebte zerreißen niemals die Briefe ihrer Geliebten.“— 8 Nein, Verliebte zerreißen niemals die Briefe ihrer Geliebten! Wie hätte Friedrich von Trenck es über ſich gewinnen können, dieſes Papier zu vernichten, auf welchem ihre Hand geruht, das ihr Auge angeſchaut, das ihr Athem berührt, auf dem ſie ihre Liebesgrüße, ihre Schwüre, ihre Sehnſucht und ihre Treue aufge⸗ zeichnet hatte! Nein, nicht für alle Schätze der Welt würde er es fortgegeben haben, dieſes heilige, dieſes koſtbare Papier, welches ihm ſagte, daß Prinzeſſin Amalie ihn noch nicht vergeſſen habe, daß ſie ent⸗ ſchloſſen ſei, auszuharren in Geduld und Liebe und Treue, bis er zu ihr zurückkehren werde, ein Held, be⸗ rühmt und groß durch ſeine Thaten, mit der Lorbeer⸗ krone im Haar, welche leuchtender und ſchöner ſein werde, als irgend eine Fürſtenkrone. Als Trenck das las, weinte er vor Demüthigung und Scham. Zwei Schlachten waren ſchon gewonnen, und ſein Name war dunkel und unbekannt geblieben, zwei Schlachten, und keine dieſer Heldenthaten, welche ſeine Geliebte mit ſolcher Zuverſicht von ihm erwar⸗ tete, hatte auf ſeinem Wege gelegen. Wohl hatte er ſeine Pflicht gethan als tapferer Soldat, aber nicht hatte er, wie Krauel im verfloſſenen Jahr, eine Hel⸗ denthat ausgeübt, welche den gemeinen Soldaten zu dem Freiherrn Krauel von Ziskaberg erhob, und dem unbekannten Bauer einen Namen gab, deſſen Ruhm Jahrhunderte überdauern ſollte*), nicht hatte er durch *) Der Grenadier David Krauel war der Erſte, welcher bei der Erſtürmung von Prag(1744) die Baſtion erſtieg, dort, nach⸗ dem er alle ſeine Patronen verſchoſſen, ſich mit dem Degen ſo lange vertheidigte, bis ſeine Kameradeu ihm folgten, und ſo das — 92— irgend eine große Waffenthat, ein unerhörtes, toll⸗ kühnes Unternehmen, wie etwa Ziethen, der mit ſeinen neugekleideten Huſaren unerkannt mitten durch das öſterreichiſche Lager gegangen war*), die ganze Welt mit Staunen erfüllt. Er war eben nichts geweſen, als ein tapferer Soldat, nichts weiter, als viele Tau⸗ ſende anderer Soldaten. Oh, er fühlte die Kraft und den Muth in ſich, die Sterne vom Himmel zu reißen, um ſie ſeiner Geliebten als Diadem um die Stirne zu legen, mit Titanen zu kämpfen und ſie in den Ab⸗ grund zu ſchlendern, die ganze Welt, gleich dem Atlas, auf ſeine Schultern zu nehmen, er fühlte die Kraft, den Muth, den Willen und die Befähigung in ſich, ein ruhmgekrönter Held zu werden! Aber es fehlte ihm dazu die Gelegenheit. Die Heldenthaten, die er zu vollführen brannte, hatten nicht auf ſeinem Wege gelegen, ſie waren mit geflügelten Sohlen vor ihm hergeflattert, er hatte ſie aber nicht einzuholen ver⸗ mocht. Und ſo war er, trotz zweier ſiegreichen Schlach⸗ ten, in denen er mitgekämpft, trotz des ſichtbaren Wohlwollens des Königs, geblieben, was er geweſen, der unbekannte, unberühmte Lieutenant von Trenck! Und mit zitterndem Herzen fragte er ſich ſelber, Werk eroberten. Der König ließ ihn, nach der Einnahme von Prag, in ſeiner gemeinen Montur an der Marſchallstafel ſpeiſen, ſchenkte ihm eine bedeutende Summe Geldes und erhob ihn zum Lieutenant und zum Baron Krauel von Ziskaberg. Siehe Rö⸗ denbeck, Tagebuch. S. 107.— Preuß, Lebensgeſchichte. Th. I. Seite 208. *) Der König hatte Ziethen bei Frankenſtein eine wichtige Botſchaft gegeben, die er an Markgraf Karl nach Jägerndorf brin⸗ gen ſollte. Ziethen zog mit ſeinen Huſaren, unkenntlich in den neuen Wintermontirungen, durch die Oeſterreicher hin. Preuß, Lebensgeſchichte. S. 211.— — 93— ob Prinzeſſin Amalie ihn noch lieben werde, wenn er ſo zu ihr zurückkehre, wie er gegangen, ob ihr ſtolzes, reines und großes Herz dieſe ſchlimmſte aller Prüfungen, einen gewöhnlichen und durch Nichts aus⸗ gezeichneten Menſchen geliebt zu haben, überdauern, ob ſie ihn nicht verachten und ſich ſtolz von ihm wen⸗ den werde? Nein, nein, rief er ganz laut, ich werde nicht den frechen Muth haben, ſo zu ihr zurückzukehren. Wenn es mir nicht gelingen will, mich auszuzeichnen, ſo wird es mir doch gelingen können, zu ſterben. Bei der nächſten Schlacht werde ich mir alſo den Ruhm oder den Tod erobern. Und wenn ich unberühmt falle, wird ſie mir verzeihen und um mich weinen! Das iſt immer noch ſchöner und begehrenswerther, als lebend von ihr vergeſſen oder verachtet zu werden. Er drückte Amalien's Brief an ſeine Lippen, dann ſchob er ihn in ſeinen Buſen und öffnete den zweiten Brief. Während er jetzt las, malte ſich Staunen und Verwunderung in ſeinen Zügen, und ein halb ſpöttiſches, halb luſtiges Lachen umſpielte ſeine friſchen, vollen Lippen. Bald aber wurden ſeine Züge ernſt 33 eine finſtere Wolke beſchattete ſeine jugendliche tirn. Wenn ich Feinde hätte, würden ſie mit dieſem Briefe mich vernichten können, ſagte er leiſe. Er könnte, ſo närriſch und toll er immer iſt, doch hin⸗ reichen, mich als einen Verräther darzuſtellen. Sollte das nicht vielleicht eine Falle ſein, welche man mir geſtellt, oder wie? Sollte man wirklich dieſen Brief, welcher, wie man aus den Poſtſtempeln ſieht, aus 8 dem feindlichen Oeſterreich nach Berlin gewandert und dann hierher gekommen iſt, ſo unbeobachtet an mich gelangen laſſen, ohne ihn einmal geleſen zu haben?— — 94— Ich werde mit dieſem Brief zu meinem Oberſten ge⸗ hen und ihm denſelben mittheilen, ſagte Friedrich von Trenck mit einem kräftigen Entſchluß. Mag er dar⸗ über, wenn er will, an den König berichten. Das Geheimhalten möchte für mich gefährlicher ſein, als das offene Bekenntniß. Und dieſen zweiten Brief gleichfalls in ſeinen Bu⸗ ſen ſteckend, begab ſich Friedrich von Trenck in das Zelt des Oberſten von Jaſchinsky, der ihn mit außer⸗ gewöhnlicher Freundlichkeit willkommen hieß. * Herr Oberſt, ſagte Trenck nach der erſten Be⸗ grüßung, entſinnen Sie ſich noch jenes ſeltſamen Brie⸗ fes, den ich vor ſechs Monaten von meinem Vetter, dem Panduren⸗Oberſten von Trenck erhielt? 1 Ah, Sie meinen jenen tollen Brief, in welchem er Ihnen anbot, zu ihm nach Oeſterreich zu kommen, und Ihnen verſprach, Sie alsdann zu ſeinem Univer⸗ ſalerben einzuſetzen?*) Ja, jenen Brief meinte ich. Ich theilte Ihnen damals denſelben mit und befragte Sie um Ihren Rath. 3 Und worin beſtand mein Rath? Daß ich dem Oberſten von Trenck freundlich und dankbar antworten, und bei einem ſo wichtigen Vor⸗ ſchlag, der mich zu einem Millionair machen könne, weder gleichgültig noch undankbar ſein ſolle. Sie riethen mir, zwar dieſe Zumuthung, zu ihm nach Oeſterreich zu kommen, abzulehnen, aber nur abzu- lehnen, ſo lange Preußen und Oeſterreich noch im Krieg mit einander, und den Panduren⸗Oberſten alſo auf die Zeiten des Friedens zu vertröſten.. *) Friedrich von Trencks Memoiren. Bd. I. S. 44. . Nun, ich denke, der Rath war gut und Sie konn⸗ ten ihn immerhin befolgen. Sie riethen mir ferner, meinem Vetter zu ſchrei⸗ ben, er möge mir ſchöne ungariſche Pferde zu meiner Equipage ſchicken, und verſprachen mir, meinen ſo abgefaßten Brief durch den ſächſiſchen Geſandten Herrn von Boſſart zu befördern, aber unter der Bedingung, daß ich, wenn ich die ungariſchen Pferde von dem Panduren⸗Oberſten bekäme, Ihnen eins davon ab⸗ geben wolle. Das war ein Scherz, wie man ihn wohl im Uebermuth des Augenblicks machen kann. Ein Scherz, der Sie indeſſen zu nichts verpflichten ſoll und für den Sie auch keine weiteren Beweiſe haben. Ich? fragte Trenck verwundert. Und wozu be⸗ dürfte ich der Beweiſe dafür, daß ich Ihnen ein un⸗ gariſches Pferd verſprochen hätte? Was ſollten mir dieſe Beweiſe nützen? Der Graf Jaſchinsky ſchlug vor dem ſo offenen, vertrauensvollen Blicke des jungen Officiers das Auge nieder. Einem argwöhniſcheren, welterfahreneren Manne gegenüber würde ſeine unvorſichtige Frage ihn ver⸗ rathen haben, denn Jener würde in derſelben die Möglichkeit einer drohenden Gefahr, der Jaſchinsky ſich zu entziehen ſuchte, erkannt haben. Ich meinte nicht, ſagte der Graf lachend, daß Ihnen der Beweis nützen ſolle, ſondern ich wollte nur ſagen, daß ich keinen Beweis dafür hätte, daß Sie mir ein ungariſches Pferd ſchuldig ſind, und daß Sie deshalb durchaus nicht nöthig haben, mir ein ſolches zu geben. Doch geſchah Ihre Bitte und mein Verſprechen vor Zeugen, Herr Oberſt, der Lieutenant von Studnitz und der Kornet von Wagnitz waren zugegen, und — 96— wäre das auch nicht geweſen, ſo würde mein gege⸗ benes Wort allein ſchon bindend für mich ſein. Aber vorläufig habe ich noch gar keine ungariſchen Pferde, ſondern nur ein Antwortſchreiben meines drolligen Herrn Vetters, das ich Ihnen mittheilen möchte. Ah, der Panduren⸗Oberſt hat Ihnen geantwortet? fragte Jaſchinsky mit gut geſpielter Verwunderung. Er hat mir geantwortet und zwar den ſeltſamſten und pandurenhafteſten Brief, den man ſich nur er⸗ ſinnen kann. Hören Sie nur! Und Friedrich von Trenck zog haſtig den Brief hervor, den er vorher in ſeinen Buſen geſteckt hatte. Ganz erfüllt von dieſer Angelegenheit, gar nichts weiter beachtend, ganz harmlos und unbefangen, wie es die Jugend zu ſein pflegt, ſchlug er den Brief auseinander und las: „Aus Dero Schreiben, de Dato Berlin den 12. Fe⸗ bruar, erſehe ich, daß Sie gerne ungariſche Pferde von mir haben möchten, um ſich gegen meine Huſaren und Panduren herumzutummeln. Ich habe bereits in voriger Campagne mit Vergnügen erfahren, daß der preußiſche Trenck auch ein guter Soldat iſt. Zur Bezeugung, daß ich Sie ſchätze, habe ich Ihnen da⸗ mals die von meinen Leuten gefangenen Pferde zu⸗ rückgeſchickt. Wollen Sie aber ungariſche Pferde reiten, ſo nehmen Sie mir die meinigen im offenen Felde ab, oder kommen Sie zu Ihrem Vetter, der Sie mit offenen Armen empfangen und als ſeinen Sohn und Freund Ihnen alle Zufriedenheit verurſachen wird.“*) Hätte Trenck weniger aufmerkſam auf ſeinen Brief *) Trenck's Memoiren. Bd. I. S. 58. geſehen, während er ihn las, ſo würde er bemerkt ſelben noch ein anderes Papier hervorkam, das Treuck nicht beachtete, und das ſich an den erſten großen Brief des Panduren wie zufällig angeheftet hatte. Als Trenck den Brief ſeines Vetters entfaltete, war das andere Briefchen zur Erde gefallen, und während Trenck las, hatte Jaſchinsky ſo geſchickt manoeuvrirt, daß er glücklich daſſelbe unter ſeinem Fuß verborgen hatte. Jetzt, wie geſagt, zog er dieſes Papier unter ſeinem Fuß hervor und entfaltete es haſtig. Ein Ausdruck boshafter Freude überſtrahlte ſein Geſicht während er las, und indem er dann das Papier hoch in ſeiner Hand ſchwang, ſagte er triumphirend: Jetzt iſt er verloren. Ich habe nicht nöthig, dem König zu ſagen, daß Trenck einen Brief von Damenhand erhalten hat, ich werde ihm dieſen Brief ſelber bringen, und das wird ihn beſſer verurtheilen, als alle Conſpirationen mit ſeinem Vetter! Fort alſo zum König! Aber indem er ſchon den Vorhang ſeines Zeltes zurückgeſchlagen hatte, blieb er ſtehen und ſchien zu überlegen. Dann ließ er langſam den Vorhang wieder herunterfallen und trat ſinnend in ſein Zelt zurück. Ich glaube, ich war da im Begriff, einen dummen Streich zu begehen, ſagte er leiſe. Dieſer Brief würde allerdings meinem verhaßten Gläubiger ganz ſicher den Garaus machen, aber ich zweifle ſehr, daß ich ſelber ganz glücklich davon käme, wenn ich dem König dies ominöſe Schreiben ſelbſt übergäbe. Er würde es mir niemals verzeihen, daß ich dadurch von einem Verhältniß erfahren, das er natürlich vor der ganzen Welt verborgen halten will. Die Mitwiſſenſchaft eines ſolchen Geheimniſſes kann nur gefahrbringend ſein, und ich ziehe es vor, nichts damit zu thun zu haben. Wie fange ich es alſo an, dem König dieſes Briefchen — 99— zukommen zu laſſen, ohne daß er glaubt, daß ich ſeinen Inhalt kenne? Ah, ich hab's! rief er dann nach einer langen Pauſe. Das Mittel iſt ſicher und durchaus gefahrlos für mich ſelber. Mit haſtigen Schritten verließ er das Zelt und begab ſich in das Zelt des Königs, den er in drin⸗ genden Dienſtſachen um eine Audienz bitten ließ. Ah, ich wette, daß Er kommt, irgend Jemand an⸗ zuklagen, ſagte der König, als Jaſchinsky zu ihm eintrat. Es iſt ein ſo boshaftes Leuchten in Seinen Augen. Nicht wahr, ich hab's getroffen, einer Sei⸗ ner Officiere hat wieder einen dummen Streich ge⸗ macht? 3 3 Ich überlaſſe die Entſcheidung darüber ganz Euerer Majeſtät, ſagte Jaſchinsky demüthig. Euere Majeſtät aben mir befohlen, meine Officiere, beſonders den Lieutenant von Trenck, genau zu überwachen und von jeder auffälligen Sache genau Rapport abzuſtatten. Es betrifft alſo wohl wieder den Trenck? ſagte der König, deſſen Stirn ſich verfinſterte. Doch will ich Ihm vorher ſagen, wenn's nicht wirklich etwas Ernſthaftes und Nothwendiges iſt, was er vorzubrin⸗ gen hat, ſo laß Er's lieber, denn das bloße An⸗ ſchwärzen iſt mir zuwider. Ich bin mit dem Trenck zufrieden, er iſt ein braver und eifriger Officier, außerdem ein gebildeter Menſch, und wie mir ſcheint, läßt er ſich jetzt niemals eine Vernachläſſigung im Dienſt zu Schulden kommen. Beſinne Er ſich alſo, iſt es etwas Ernſthaftes, was oder will Er lieber ſchweigen? Ich bitte Euere Majeſtät um die Erlaubniß, ſpre⸗ chen zu dürfen. So ſpreche Er, ſagte der König, indem er dem — 100— Oberſten den Rücken zuwandte und ſich mit den Bü⸗ chern auf ſeinem Tiſche zu beſchäftigen ſchien.. Der Lieutenant von Trenck hat mit der heutigen Poſt ein Schreiben erhalten, das, wie ich glaube, auf ein durchaus unerlaubtes geſetzwidriges Verhältniß hindeutet. Der König wandte ſich haſtig um, und ein ſo zorniger Blitz ſeines Auges traf den Rittmeiſter, daß dieſer unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Wahrhaftig, ich glaube, es iſt ein Glück für mich, daß ich den Brief nicht abgegeben, dachte Jaſchinsky. Der König würde mich in ſeinem Zorn zerſchmettern. Von wem iſt das Schreiben? fragte der König. Sire, es iſt von dem Panduren⸗Oberſt von Trenck. Der König athmete erleichtert auf und ein glück⸗ liches Lächeln erhellte ſeine Züge. Der Pandur iſt ein Vetter unſers Lieutenants, ſagte er. Aber er ſteht im feindlichen Lager, und es will mir daher nicht paſſend erſcheinen, wenn der preu⸗ ßiſche Officier den ſeindlichen öſterreichiſchen Officier um ungariſche Pferde zu ſeiner Equipirung gebeten hat, und wenn der Oeſterreicher ihn einladet, zu ihm zu kommen. Steht das in dem Brief? fragte der König mit drohendem Ton, und als Jaſchinsky bejahete, fuhr er fort: gebe Er her den Brief, ich muß mich mit eige⸗ nen Augen überzeugen, daß das wahr iſt. Ich habe den Brief nicht, aber wenn Euer Ma⸗ jeſtät befehlen, werde ich hingehen und ihn von dem Lieutenant von Trenck fordern. Und wenn er den Brief verbrannt hat? Bin ich bereit einen Eid abzulegen, daß das, was ich ſagte, in dem Briefe geſchrieben ſtand. Ich ſelbſt — 101— habe es geleſen, denn der Herr Lieutenant ſelbſt theilte Jaſchinsky ging und der König blieb gedankenvoll in ſeinem Zelt zurück. Wenn er wirklich ein Ver⸗ Sire, hier iſt er. Wenigſtens glaube ich, daß er es iſt. Ich habe mir noch nicht einmal die Zeit ge⸗ nommen, das Papier anzublicken, ſo ſehr eilte ich, zu Euerer Majeſtät zurückzukehren. Gaob er den Brief gutwillig? Er ſagte kein Wort, ſondern zog ihn ſogleich aus ſeinem Buſen hervor und gab ihn mir, und ſo bringe ich ihn unangeſehen zu Euerer Majeſtät. Der König ließ ſeine Blicke, welche es ſo gut ver⸗ ſtanden, in den Herzen der Menſchen zu leſen, einen Moment mit forſchendem Ausdruck auf dem hämiſchen, verſteckten Antlitz des Grafen ruhen. Dieſe wieder⸗ holte Verſicherung, daß Jaſchinsky den Brief gar nicht angeſehen, machte den König ſtutzig und ließ ihn eine verborgene Abſicht vermuthen. „Er nahm den dargereichten Brief und entfaltete ihn langſam und vorſichtig. Wieder ließ er dann ſeine durchbohrenden Blicke auf dem Antlitz Seſchinsthe ruhen.— Er hatte dieſes zarte roſige Briefchen be⸗ — 102— merkt, welches da in dieſen Brief des Panduren⸗ Oberſten hineingeſchoben war, und jetzt begriff der König die Worte des Grafen. Dieſer kleine Brief, das war der eigentliche Kern des Ganzen und Ja⸗ ſchinsky wollte ihn nicht kennen. 4 Warte Er draußen vor dem Zelt, bis ich Ihn rufe. Ich will den Brief mit Beſonnenheit leſen, ſagte der König vollkommen gelaſſen, aber als Ja⸗ ſchinsky ſich entfernt hatte, entfaltete er haſtig das Papier, und ohne auf das Schreiben Trenck's zu achten, das er auf den Tiſch warf, nahm er dieſes kleine Briefchen, das darin gelegen, zur Hand. Als er ſeine Augen darauf richtete, ſchrak er zu⸗ ſammen und preßte die Lippen feſt aufeinander, als wolle er einen Ausruf des Zorns zurückhalten. Es iſt ihre Handſchrift, murmelte er leiſe, indem 3 er ſich auf den Feldſtuhl niedergleiten ließ. Ja, es iſt ihre Handſchrift, und all' mein Bemühen iſt um⸗ ſonſt geweſen. Sie haben mich nicht verſtehen wollen. Sie ſind alſo verloren! Und tief aufſeufzend heſtete der König wieder das Auge auf den Brief. Mit traurigem, wehmuthsvollem Herzen, mit vor Rührung oder vor Zorn zuckendem Angeſicht las der König dieſe unſchuldsvollen und keu⸗ ſchen Bekenntniſſe eines träumeriſchen, phantaſtiſchen jungen Mädchenherzens, dieſe ſchwärmeriſchen und 8 heroiſchen Gelöbniſſe eines Kindes, welches meint, die Welt überwinden zu können mit ihren Gebeten, ihrer Liebe und Energie. Armes Kind, murmelte der König einmal, u willſt Deine jungfräuliche Seele in das Weltrad wer⸗ fen und es zum Stillſtand zwingen, aber Du wirſt Dir doch nur Dein eigenes Daſein daran zerſchellen unnd Dich ſelbſt zerſchmettern. Dich ſelbſt und ihn, —— — 103— den Du liebſt! Arme, beklagenswerthe Kinder, warum i*ſt es mir nicht beſchieden, Euch glücklich zu machen, warum muß ich wie das Unheil auf Euch hereinbrechen und Euch Beide verderben! Wär's denn nicht möglich, das zu ändern, nicht möglich, einmal aller Vorurtheile zu vergeſſen, und zweien Menſchen das Glück zu ſchenken, ganz unbekümmert um die Welt! Wär's nicht möglich Gnade zu üben, und einmal die ſeg⸗ nende Gottheit auf Erden, ſtatt der ſtrafenden Majeſtät zu ſpielen? Und ganz ergriffen von dieſen mächtigen und ſtür⸗ menden Gefühlen ging der König haſtig auf und ab. Und warum ſollte es nicht ſein können, fuhr er dann fort. Hat man mir nicht erzählt, daß die Prinzeſſin von Braunſchweig⸗Wolfenbüttel, welche in Petersburg als Czarewna in der Kaiſergruft begraben worden, jetzt in Paris als Frau von d'Aubigny lebt, und aus ihrem glänzenden Unglück geflüchtet iſt, um ein be⸗ ſcheidenes ſtilles Glück? Die Frauenherzen ſind ja ſo wunderlich, daß ihnen ein Myrthenkranz begehrens⸗ werther iſt als eine Krone. Warum ſoll ich denn ein Mädchen durchaus zwingen, eine Fürſtin zu ſein, wenn ſie nur ein Weib ſein will? Warum ſoll ich hart ſein, ich, welcher ſelbſt ſo viel gelitten hat durch Anderer Härte? Und wollte ich nicht auch entfliehen, nicht auch der Krone entſagen, um des Rechtes willen, ein freier und ein glücklicher Menſch zu ſein? Soll ich ſie nun ſtrafen für das, was ich ſelbſt gewollt? Soll ich nun den Tyrannen ſpielen, nachdem mein eigenes Herz zerdrückt iſt von fremder Tyrannei? Oh, es muß göttlich ſein, einmal das Menſchenglück über die Staatsklugheit ſiegen zu laſſen! Soll ich ſie ent⸗ fliehen laſſen, entfliehen in eine Wüſte, um da ihrer Liebe ein Paradies zu ſchaffen? Ach, aber wie bald — 104— würde die Schlange ſich einfinden in dieſem Paradieſe, wie bald würde die Ueberſättigung, der Ueberdruß, die Langeweile und endlich die Reue kommen, um ſie für ig aus ihrem Paradieſe zu verjagen. Man trinkt ſich kein reines Glück aus einem Becher, auf deſſen Grunde man einſt die Reue finden kann. Nein, die Tochter der Hohenzollern kann nicht dem ſtolzen Na⸗ men ihrer Väter entſagen, um ſchamvoll einem de⸗ müthigenden Glücke nachzulaufen. Die Prinzeſſin von Preußen kann nicht den Töchtern meines Landes das unwürdige Beiſpiel einer thörichten und geſetzwidrigen Liebe geben, die Schweſter der Kronprinzeſſin von Schweden, die Tochter meiner Mutter darf nicht wie eine Landſtreicherin mit ihrem Liebſten heimathlos um⸗ herirren, und zu einer Abentheuerin werden. Möge ſie ſich bei ihrem Schickſal beklagen, daß ſie keine Zigeunerin iſt, ſondern eine Fürſtentochter! Ich kann es nicht ändern. Das Schickſal verurtheilt ſie, nicht ich! Verurtheilt ſind ſie, aber das Schwerdt, welches über ihnen hängt, darf nur herabfallen auf ſein Haupt! Er iſt der Schuldige, denn er iſt der Mann. Er hat gewürfelt um ein hohes Glück oder ein ſchmach⸗ volles Unglück, und er hat verloren! Jetzt nahm der König den Brief des Panduren⸗ Oberſten von Trenck zur Hand und las ihn mit auf⸗ merkſamen, geſpannten Mienen. Er hat verloren und er iſt verloren, ſagte er dann. Dieſer Brief giebt einen vollgültigen Beweis gegen ihn, dieſer Brief iſt die eiſerne Maske, welche ich ſeinem Verbrechen vor das Antlitz hefte, damit es nicht ſprechen und ſich ver⸗ rathen kann an die Welt. Ich würde über dieſen Brief lachen, wenn nicht der andere Brief wäre, wel⸗ cher ihn verurtheilt. So aber muß er mir als Vor⸗ wand dienen, und dazu iſt er gut genug. 5 —— — 105— Lange noch ging der König in tief⸗ernſten Gedanken auf und ab. Sein Antlitz war trübe aber entſchloſſen, und ein unerſchütterlicher Wille flammte aus ſäinen großen Augen. Nach einiger Zeit trat er zum Tiſch und nahi die beiden Briefe. Den Brief der Prinzeſſin ſteckte er in ſeinen Buſen, den andern faltete er zuſammen und durchſchritt dann haſtig das Zelt, um den Grafen Jaſchinsky zu rufen. Herr Rittmeiſter, ſagte er, dies Mal hat Er Recht gehabt. Der Lieutenant von Trenck iſt ein ſchlimmer Verbrecher, denn aus dem Briefe geht ganz unleugbar ein hochverrätheriſcher Verkehr mit unſerm Feinde her⸗ vor. Wenn ich ihn vor ein Kriegsgericht ſtellte, würde dies ihn zum Tode verurtheilen. Weil er aber vielleicht nur aus Leichtſinn und Unbedacht ſo gehan⸗ f. delt hat, will ich Gnade an ihm üben und ſehen, ob . einige Jahre Feſtungsſtrafe ihn euriren können. Er kann ihm das von mir ſagen, indem Er ihm dieſen Brief ſeines Herrn Vetters zurückgiebt. Er hat dieſen Brief nicht geöffnet, als Er ihn mir brachte? Das Auge des Königs ruhte mit einem drohenden Ausdend auf dem Antlitz des Grafen, indem er ſo ragte. Nein, Majeſtät, ich habe den Brief nicht geöffnet, erwiderte dieſer mit vollkommener Ruhe. — Daran hat Er ſehr wohl gethan, ſagte der König, denn es hatte ſich darin eine Wespe verkrochen, welche ihn leicht tödtlich hätte ſtechen können. Geh' Er jetzt und bringe Er dem Lieutenant von Trenck ſeinen Brief und nehme Er ihm ſeinen Degen ab. Er iſt von dieſer Stunde an Arreſtant und ſoll ſogleich nach 1 der Feſtung Glaz abgeführt werden. 1 Soll es in der Stille geſchehen, Sire? fragte — 106— Jaſchinsky, kaum im Stande ſeine Freude zu ver⸗ bergen. Nein, im Gegentheil! Ich will, daß die ganze Armee, die ganze Welt es erfahre, weshalb der Lieu⸗ tenant von Trenck beſtraft wird. Er kann es Jeder⸗ mann ſagen, daß der Trenck ein Verräther iſt, welcher mit ſeinem Vetter in Oeſterreich unerlaubte Corre⸗ ſpondenz geführt und mit dem Feinde conſpirirt hat. Seine Verhaftung ſoll alſo durchaus öffentlich geſche⸗ hen, und unter Bedeckung von funfzig Huſaren ſoll er nach Glaz abgeführt werden. Geh' Er jetzt und beſorge Er das! Die Würfel ſind gefallen, er iſt verloren, ſagte der König feierlich, als er wieder allein war. Trenck iſt verurtheilt, und Amalie wird ihren erſten Schmerz zu bekämpfen haben. Arme Amalie! Draußen ſtanden die Generäle und unter ihnen der Liebling des Königs, der General Rothenburg. Der König hatte ſie zu einer Berathung zuſammen⸗ rufen laſſen, und ſie harrten ſeines Rufes, um in ſein Zelt eintreten zu dürfen. Aber der König rief ſie nicht, er hatte vielleicht ganz vergeſſen, daß ſie da waren. Er ging immer⸗ fort, die Arme in einander geſchlagen, langſam auf und ab, ganz verloren in Gedanken, ganz achtlos auf das, was um ihn her geſchah. Aber jetzt plötzlich blieb er ſtehen und horchte. Er hatte das Traben vieler Pferde gehört und er wußte, was das zu be⸗ deuten hatte. Er näherte ſich dem Ausgang des Zeltes und ſchlug vorſichtig den Vorhang ſo viel zu⸗ rück, um unbemerkt ſehen zu können, was da draußen geſchah. Das Geräuſch der Pferdehufe kam näher und näher. Da ziehen die erſten Huſaren an dem Zelte —ꝙ ——— — 107— des Königs vorüber, da wieder zwei und noch wieder, und wieder und immer wieder, und da in ihrer Mitte dieſer bleiche Jüngling mit dem verſtörten Antlitz, den ſtarren, weit in die Ferne ſchauenden Augen, den farbloſen Lippen, welche niemals das Lachen gekannt zu haben ſcheinen, dieſer Officier ohne Degen und ohne Epaulettes, der wie ein Trunkener auf ſeinem Pferde ſchwankt. Iſt das Trenck, der ſchöne, der junge, der lebensmuthige Trenck, der Geliebte einer Prinzeſſin, der Liebling aller Damen, der gefeierte Held der Geſellſchaft und des Tanzſaals, der beneidete Günſtling des Königs? Er iſt vor dem Zelt des Königs vorüber, hinter ihm her kommen ſeine Diener mit ſeinen Pferden und ſeinem Gepäck, dann kommen wieder die Huſaren, welche den Zug beſchließen, den Leichenzug von Trenck's Glück und Freiheit! Der König trat von dem Vorhang zurück und eine tiefe Bewegung ſprach aus ſeinen Zügen. Jetzt, ſagte er feierlich, jetzt habe ich meine erſte Ungerechtigkeit begangen, denn ich habe dieſen Mann geſtraft ohne Urtheilsſpruch und Recht, ich habe ihn nicht vor ein Kriegsgericht geſtellt, ſondern nur vor das Gericht meines eigenen Gewiſſens, und das hat ihn verurtheilt! Möge die Welt mich verdammen, und wenn die Geſchichte einſt ſagen wird, daß ich an Trenck eine Ungerechtigkeit begangen habe, ſo möge ſie wenigſtens hinzufügen können, daß es meine einzige geweſen!— IX. Die Rückkehr nach Berlin. f Der Friede war geſchloſſen. Das arme, aus tau⸗ ſend Wunden blutende Vaterland durfte wieder aus⸗ ruhen von ſeinen Anſtrengungen, und Kräfte ſammeln zu neuen Thaten und neuen Anſtrengungen. Maria Thereſia's Gemahl war zum römiſchen Kaiſer erwählt und gekrönt, und zu Dresden waren die Friedensbe⸗ dingungen von Oeſterreich und Preußen unterzeichnet worden. Oeſterreich entſagte darin für alle Zeiten 3 ſeinen Anſprüchen auf die Lauſitz und Schleſien, Preu⸗ ßen erklärte mit dem bis jetzt wiedereroberten Antheil von Schleſien ſich begnügen zu wollen. Siegreich kehrte der König mit ſeiner Armee in ſein Land zu⸗ rück, und überall zog ihm das Volk jubelnd entgegen, überall begrüßte es ihn als den Retter des Vater⸗ landes, als den Erlöſer und Befreier. Berlin hatte ſich zum Empfang des Königs ſein herrlichſtes Feſt⸗ kleid angezogen, und die Natur war ihm dabei be⸗ hülflich geweſen, denn ſie hatte die Straßen und die Dächer der Häuſer mit dem weißfunkelnden ſchneeigen Feierkleide geſchmückt, das in der kalten hellen De⸗ cemberſonne mit tauſend Sternenkreiſen und Brillan⸗ ten funkelte. Aber Niemand fühlte heut, daß die Luft kalt und der Wind ſchneidend ſei, Jedermann trug einen Sommer heller Freudenblüthen in ſeinem Her⸗ zen, und fühlte deshalb nicht, daß es Winter ſei. Ueberall waren die Fenſter geöffnet, und in denſelben ſah man ſchöne geputzte Frauengeſtalten, die mit glän⸗ 4 8 — 109— zenden Augen und holdem Lächeln dem ſchönen ange⸗ beteten König entgegenſahen, mit eben ſolcher Ungeduld und Neugierde wie das Volk, welches da unten die Straßen füllte und ganz begierig und heißhungrig dar⸗ auf war, ſeinem jungen Heldenkönig ſeine Vivats ent⸗ gegen zu brüllen. Und endlich ſchlug die glückliche Stunde, endlich verkündete der Donner der Kanonen, das Läuten der Glocken, das Jauchzen des Volks, das ſich wie eine Lawine durch alle Straßen, welche zu dem Königs⸗ ſchloß führten, heranrollte, daß der König wieder ein⸗ gezogen in ſeine Reſidenz, die er in den letzten Tagen noch durch ſchnelles Handeln und kühnen unerwarteten Angriff vor einem Ueberfall der Oeſterreicher und Sachſen, welche die Preußen in ihren Winterquartieren zu überfallen und Berlin zu erobern gedachten, ge⸗ rettet hatte.*) Ueberall jauchzte ihm daher das Volk *) Der König erhielt durch den ſchwediſchen Geſandten in Dresden Wolfenſtierna die Nachricht, daß die Oeſterreicher unter dem Grafen Grünne, die Sachſen unter General Buchner die Preußen in ihren Winterquartieren überfallen und dann im Sturm⸗ ſchritt nach Berlin rücken wollten, um die Reſidenz einzunehmen, und dadurch den König zu zwingen, Schleſien an Oeſterreich, Magdeburg, Halberſtadt, Halle und das dazu gehörige Gebiet an Sachſen abzutreten. Der König aber rückte mit ſeiner Armee ganz in der Stille dem Feind entgegen, ſchlug den Grafen Grünne von den Brandenburgiſchen Grenzen auf der Höhe von Königs⸗ brück zurück, während Ziethen bei Katholiſch Hennersdorf die Sach⸗ ſen ſchlug. Berlin, von ſo naher Gefabhr bedroht, hatte alle ſeine Bürger bewaffnet, und vielfache Vorbereitungen zu einem ernſt⸗ haften Widerſtand getroffen. Um ſo glücklicher war es jetzt, durch den nenen Sieg des Königs befreit worden zu ſein, und es machte daher ſeinem Uebermuth und ſeiner Freude bei der am Tage der Ankunft des Königs ſtattfindenden Illumination in vielfachen Scherzen und Anſpielungen Luft. Beſonders zeichnete ſich ein Transparent aus, auf welchem der General Grünne nebſt vielen öͤſterreichiſchen Generälen auf Krebſen reitend zu ſehen war, in — 110— zu, überall aus den Fenſtern winkten ihm die Frauen mit wehenden Tüchern entgegen und warfen ihm duf⸗ tende Blumenſträuße in den offenen Wagen, in wel⸗ chem der König mit ſeinen Brüdern daher fuhr. Wie er jetzt vorüberfuhr an dem kölniſchen Gymnaſium, begannen die dort aufgeſtellten Schüler einen feier⸗ lichen Geſang, eine Hymne und ein Gebet für den König, den Helden, den Vater.„Vivat, vivat Fride- ricus Rex, vivat Augustus, Magnus, Felix Pater Pa- triae“ ſangen die Schüler, aber aus der Menge des Volkes rief plötzlich eine Stimme, lauter als der Ge⸗ ſang der Gymnaſiaſten, lauter als die Poſaunen und Trompeten dieſe vier Worte: Vivat Friedrich der Große!— Das Volk, welches ſchweigend dem latei⸗ niſchen Geſang zugehört hatte, welchen es nicht ver⸗ ſtand, das Volk verſtand dieſe heiligen und ruhmvollen Worte, und plötzlich wie aus einer Kehle donnerte und brüllte dieſe ganze wogende lebensvolle Maſſe: Vivat Friedrich der Große!*)— Und wie ein Lauf⸗ feuer breitete ſich dieſer Ruf durch alle Straßen und über alle Plätze, und von allen Fenſtern tönte er wie⸗ der, und ſtieg hinauf auf die Dächer und zu den in den Bäumen und an den Laternen hangenden Straßen⸗ buben. Vivat Friedrich der Große! rief und ſchrie, jubelte und jauchzte ganz Berlin, und dieſer Nuf, ſo vielſtimmig, ſo gewaltig, ſo rieſenſtark, machte die Luft erzittern, übertönte das Glockenläuten und weiter Ferne die Stadt Berlin. Darunter ſtand:„General Grünne will nach Berlin.“— Dem ſchwediſchen Geſandten ſchenkte der König zum Dank für die ertheilte Warnung ein ſehr koſtbares Meizüer Poreellan⸗Service.— Siehe Preuß, Lebensgeſchichte. Th. I. S. 217.— Rödenbeck, Tagebuch. S. 121. 5 Preuß, Lebensgeſchichte. Th. I. S. 220. den Chorgeſang der Gymnaſiaſten, und überhauchte die bleichen Wangen des jungen Heldenkönigs mit einem flüchtigen Roth. Berlin, die Geburtsſtadt Fri drichs, Berlin hatte ſeinen König jetzt aus der Tau gehoben, und in feierlicher Volksverſammlung hatte es ihm ſeinen Namen gegeben, ſeinen Namen, w. cher ihm treu bleiben wird durch alle Jahrhunderte und durch alle Zeiten, ſeinen Namen:„Friedrich— der Große!“ Der König, wie geſagt, erröthete, als er dieſen Ruf vernahm. Sein Herz, welches bis dahin düſter und traurig geweſen, fühlte ſich wie von einem hellen Sonnenſtrahl erwärmt; der Ehrgeiz klopfte an die Bruſt des Königs, und weckte ihn aus ſeiner weh⸗ muthsvollen Trauer um die Freunde. Nein, Friedrich hat jetzt nicht mehr Zeit an die Geſtorbenen zu den⸗ ken, nicht mehr Zeit heimlich zu klagen, daß er ſie, die geliebten, die getreuen, nicht mehr in Berlin fin⸗ den ſoll*); der Freund darf nicht mehr klagen um die Freunde, der König in ihm muß größer ſein, als der Freund. Sein Volk iſt da, um ihn zu begrüßen, um ihn willkommen zu heißen, um ihm die Namens⸗ taufe der Unſterblichkeit zu geben; der König hat kein Recht, ſich der Liebe ſeines Volkes zu entziehen, er muß ihm ſeine ganze Seele und ſein ganzes Herz entgegentragen. Sich deſſen jetzt bewußt werdend, ²) Kurz vorher, ehe der König nach Berlin zurückkehrte, ſchrieb er an Duhan: Ich kann nicht ohne Kummer daran denken, daß Jordan, den ich ſo ſehr geliebt habe, nicht mehr iſt. Aus dieſem Grunde ſcheue ich mich vor Berlin, und es wird mir viele Mühe koſten, mich von den Annehmlichkeiten zu entwöhnen, welche mir dort ehemals die Freundſchaft und der umgang Jordan's und Kaiſerling's gaben, deren Verluſt ich mein ganzes Leben hindurch bedauern werde. 2 — 112— richtet Friedrich der Große ſich höher empor, und eine ſchöne Röthe flammt auf ſeinem Angeſicht, ein wunder⸗ bares Blitzen ſprüht aus ſeinen Augen, und wie er mit freundlichem Neigen das Volk grüßt, vermag er es ſogar, über ſich zu lächeln. Jetzt iſt er in Wahrheit Friedrich der Große, denn er hat ſein eigenes Herz beſiegt, und auf die offene Wunde ſeines Privatkummers hat er als köſtlichen Balſam die Liebe ſeines Volkes gelegt. Da hält der Wagen vor dem Schloßportal. Der König erhebt ſich von ſeinem Sitz und nimmt den Hut ab, um mit einem wundervollen Lächeln nach allen Seiten hin das Volk zu grüßen, welches wieder und immer wieder ſeine mächtige Qugelſtinmme erhebt und ruft: Vivat Friedrich der Große! Als es jetzt einen Moment ſtill wird, ruft eine einzelne volle gebieteriſche Stimme dicht neben ihm: Es lebe Friedrich der Große! Der König erbebt in ſüßem Schreck und blickt um ſich. Er hat die Stimme erkannt, es war die Stimme ſeiner Mutter! Da ſteht ſie hoch und ſtolz aufge⸗ richtet im Schloßportal, da ſteht ſie funkelnd von Brillanten, umgeben von den Prinzeſſinnen des könig⸗ lichen Hauſes, aber höher als die Brillanten in ihrem Haar leuchten ihre Augen, köſtlicher als die Perlen um ihren Hals ſind dieſe zwei Perlen, welche ihre Wangen herabrollen, dieſe zwei Thränen, welche die Mutterliebe geweint hat im Uebermaß ihres ſtolzen Glückes. Denn ſie hat den Ruf des Volkes vernom⸗ men, ſie hat gehört, mit welchem erhabenen Namen es eben ihren Sohn getauft hat, mit einem Namen, den kein Kaiſer und kein König, und ſei er der mäch⸗ tigſte und der größte, ſich jemals ſelber verleihen, den er immer nur als eine Belohnung von ſeinem — 113— Volk empfangen kann. Sie iſt Zeuge geweſen, wie dieſe beiden Souverainitäten ſich einander gegenüber ſtanden, und wie das Volk, als die mächtigſte und größte von beiden, ſeinem Vaſallen einen Namen gab, und ihm die Gnadenkette unſterblichen Ruhmes um die Schultern hing. Die Königin hat gehört, daß das Volk ihren Sohn„Friedrich den Großen“ ge⸗ nannt hat, und das Herz der Mutter iſt davon mit dem reinſten, dem ſtolzeſten Glück erfüllt, und mit lautem Jubelruf wiederholen ihre Lippen den Ruf, den ſie das Volk gelehrt: Es lebe Friedrich der Große! Der König hat ihre Stimme erkannt, mit einem Sprung iſt er aus dem Wagen, und eilt zu ihr hin und wirft ſich in ihre geöffneten Arme, und legt ſein Haupt an ihre Bruſt, wie er als Kind gethan, und weint an ihrem Halſe heiße Thränen, Thränen, welche Niemand ſieht, welche nur die Mutter brennend heiß ihren Buſen netzen fühlt. Die Glocken läuten, die Kanonen donnern, der König hält immer noch ſeine Mutter umfangen und ruht an ihrem Herzen, und das Volk, welches mit überfließenden Augen dieſem Schauſpiel zuſieht, ruft leiſer und mit vor Rührung zitternder Stimme ſeinen erhabenen Jubelgruß, und leiſe in ihrem Herzen, aber nicht mit ihren Lippen wiederholt ihn Eliſabeth Chriſtine, die Gemahlin des Königs, und ihre von Thränen umdüſterten Augen richten ſich zum Himmel, nicht zürnend und vorwurfs⸗ voll, ſondern nur andachtsvoll flehend für das Glück deſſen, den ſie liebt, für ihren Gemahl! Er hat ſie nicht gefehen, oder doch nicht beachtet. Er hat ſeiner Mutter den Arm gegeben und ſteigt mit ihr die breite mit Teppichen belegte Treppe hin⸗ an, und hinter ihm her geht ſeine Gemahlin mit den Mühlbach, Berlin u. Sansſonci ꝛc. III. 8 — 114— Prinzen und Prinzeſſinnen, und die Glocken läuten noch immer und die Kanonen donnern, und das Volk ruft und ſchreit, und langſam wallt der glänzende Zug die Schloßtreppe hinauf, langſam durch die Säle vorwärts. Friedrich der Großel hallt es herauf von der Straße, und die Fenſter des Königsſchloſſes beben und klirren von dieſem neuen ſtolzen Namen, und vor dem König her durch die Säle geht dieſer Name mit dem leiſen unhörbaren Geiſterſchritt der Weltge⸗ ſſchichte, und er öffnet die Thüren des weißen Saales, und wie der König eintritt, ſcheinen alle die Statuen und Bilder der Hohenzollern ſich zu beleben, und die todten Augen leuchten auf, und die ſtarren Lippen lächeln, und die unbeweglichen Köpfe neigen ſich, denn die Weltgeſchichte mit ihrem Geiſterſchritt iſt auch vor ihm her in dieſen Saal ſeiner Ahnen gegangen, und hat ſie aus ihren Gräbern wachgerunfen, mit dieſem Namen, den nur die Hohenzollern vor ihm getragen, und der an dem Stammbaum der ſtolzeſten Fürſten⸗ geſchlechter eine ſo ſeltene Blüthe iſt, wie die Blüthe der Aloe, zu deren Erzeugung ihr Stamm hundert Jahre der Ruhe und der Erholung bedarf. Und der König grüßt ſeine Ahnen mit einem freudigen Lächeln, denn er fühlt, daß er ihrer werth iſt. Keine Trauer, kein Schmerz und keine Miß⸗ ſtimmung iſt in ihm, er hat Alles vergeſſen, Alles überwunden, in dieſer Stunde iſt er nur der König und der Held! 1 Und der König bleibt er den ganzen Tag, aber wie die Schatten der Nacht ſich herniederſenken, wie ganz Berlin wiederſtrahlt im Glanz der Kerzen, wie alle Straßen und alle Häuſer flammen und leuchten, und inmitten dieſes Feuers das Volk in ſchwarzen *— 115— 115 ewig beweglichen Strömen auf und niederwogt und brauſt, da legt der König alle ſeine Herrlichkeit bei Seite, und der Menſch, der Freund, der Liebende tritt jeder in ſeine Rechte. 2 Durch die erleuchteten Straßen wogt das Volk jubelt ſeine Vivats auf Friedrich den Großen. d iſt der König? Zeigt er ſich auf dem Baloon ſeinem Volke, genießt er vom offenen Wagen aus des Anblickes dieſer glanzvollen Illumination? Nein, nur die Königinnen und die Prinzen fahren durch die Straßen, der König ſitzt am Krankenbette eines Freun⸗ des, an Duhan's, ſeines Erziehers Sterbebett. Draußen jauchzt das Volk. Der König achtet nicht darauf, mit angſtvollem Herzen hört er auf die ſchweren Athemzüge ſeines Freundes, und mit leiſer, wehmuthsvoller Stimme ſpricht er zu ihm Worte des Troſtes und der Liebe! Dann geht er von dannen. Und jetzt leuchtet ſein Auge höher auf, und ein köſtlicher Glanz iſt über ſein jugendvolles ſchönes Antlitz ausgebreitet. Jetzt iſt er nicht der König und nicht der trauernde Freund, jetzt iſt er der junge Mann, und mit Jünglingskraft ſchlägt das Herz in ſeiner Bruſt, hüpft und brauſt das Blut durch Adern. iig geht zu ſeinem Liebling, zum General Roth Dort will er zur Nacht ſpeiſen, dort will er ſich eine Stunde des Glückes, des Frohſinnes erhaſchen, dort will er eine Stunde vergeſſen, daß er König iſt. 3 Rothenburg hat es auch ſchon vergeſſen, denn er 8 kommt ſeinem königlichen Gaſte nicht entgegen. Er 4 empfängt ihn nicht an der Schwelle. Niemand em⸗ pfängt ihn, aber der Flur und die Treppe iſt er⸗ leuchtet, der König eilt die Stiegen hinan, und da 8* 1 A — 116— öffnet ſich eine Thür und ein Weib ſchwebt heraus, ſchön wie ein Engel, mit Augen, ſo ſtrahlend, wie Sterne, mit Lippen, ſo glühend, wie 2 mit einem Lächeln, ſo wunderbar und Morgenröthe. Iſt es ein Engel oder iſt es ein 2 1 Wie Muſik der Sphären klingt dem König ihre Sti 3 welche ihm den Willkommengrußt lüi ſtert, und Engel glaubt er zu ſehen, wenn er k ſie anſchaut, Barberina! X. „ Die Hiobspoſt. Berlin jauchzte und ſchrie und ſang und illumi⸗ nirte und tanzte und declamirte drei Tage lang zur Feier des erkämpften Friedens, zur Feier der Rück⸗ kehr des Königs, Jedermann ſchien glücklich, freude⸗ voll und befriedigt, Jedermann,— nur Prinzeſſin Amalie nicht. Sie theilte nicht die ſtolze Freude ihrer Familie und der laute Jubel des Volkes fand keinen Wiederhall in ihrem Herzen. Kummervoll und mit von Thränen umdüſterten Augen ging ſie in ihrem Boudoir auf und ab. Drei Tage hatte ſie dieſe un⸗ * neßlche Qual, dieſe troſtloſe Ungewißheit nun ſchon 3 ragen, drei Tage hatte ſie heiter erſcheinen müſſen mit vor Angſt und Entſetzen zitterndem Herzen, drei Tage hatte ſie allen dieſen Feſtlichkeiten, dieſen Galla⸗ diner's, dieſen Theatervorſtellungen, dieſen Maskeraden „————— — 117— und Bällen, dieſen Illuminationen und Spf ten beiwohnen und immer ſich zwingen müſſe zu erſcheinen, denn immer hatte ſie gefühl ſe des Königs prüfend und zürnend au„ eer, wenn ſie, ganz überwältigt und erſchöpſt. en r Anſtrengung, heimlich aus dem Geräuſch der ſte ſich zurückziehen wollte in ihre Gemächer, war der König zu ihr getreten und hatte ſie leiſe un un⸗ vermerkt wieder zu ihrem Sitz neben ihrer königlichen Mutter zurückgeführt, indem er mit ihr ſcherzte und plauderte, während ſeine Augen ihr zu drohen ſchienen. Einmal indeß hatte ſie nicht die Kraft deen her heitern Scherz mit einem Lächeln zu erwidern, ſondern mit flehenden, von Thränen umdüſterten Blicken hatte ſie zu ihrem Bruder emporgeſchaut. Da hatte der König ſich zu ihr geneigt, und mit drohendem Ton geſagt:„Ich befehle Ihnen heiter zu ſein. Eine Prin⸗ zeſſin hat nicht das Recht zu weinen, wenn das ganze Volk fröhlich iſt.“ Heute endlich waren dieſe Feſte vorüber, heute endlich durfte Amalie auf einige Stunden des Allein⸗ ſeins, der ungeſtörten Muße hoffen, heute durfte ſie weinen, durfte ſie dieſe Klagen, die in ihrem Herzen ⸗ brannten, auf ihre Lippen treten laſſen, und den Schrei der Angſt, der in ihrem Buſen zitterte, aus⸗ ſtrömen in die Einſamkeit. Wo war Er? Wo war Trenck? Warum war er nicht heimgekehrt? Warum bekam ſie keine Nach⸗ richt, kein Liebeszeichen, keine Botſchaft von ihm? Er war nicht unter den Gefallenen oder ſchwer Verwun⸗ deten, ſie hatte die Liſten derſelben genau durchgeleſent, er war nicht unter den Heimgekehrten, denn ſonſt würde ſie ihn ſchon geſehen haben. Wo war er alſo? War er krank? Hatte er ſie ſchon vergeſſen, oder ſchämte er ſich, ſo ohne Ruhm und ohne Lorbeer zu ihr zurückzukehren? Oder war er vielleicht von Oeſter⸗ gefangen, und ſchmachtete im Gefängniß, wäh⸗ end ſie lachen und ſcherzen, ſich ſchmücken und fröhlich ſein mußte? 85 Und während Prinzeſſin Amalie ſich das ſel fragte, rannen heiße Thränenſtröme über ihre Wan nieder, und Seufzer und Schluchzen eſi te ihre Stimme. „Wenn er todt iſt, ſagte ſie ganz glihens. und ener⸗ giſch, ſo werde ich auch ſterben, wenn er gefangen iſt, werde ich ihn befreien, wenn er aber nicht kommt, wei fürchtet, daß ich ihn nicht mehr liebe, nun, da er berühmt, nicht General geworden iſt, ſo werde 8 610 zu ihm gehen, und ihm ſagen, daß ich ihn. liebe, daß ich nichts will als ihn lieben, daß ich mit ihm fliehen will in irgend ein ſtilles, einſames Thal, eine kleine verſchwiegene Hütte, daß ich meinen Fürſten⸗ titel, meine Hoheit und Geburt, daß ich Alles aufgeben und verlaſſen will, um nur ihm anzugehören, um nur ſein Weib zu ſein! So weit war ſie in ihren Betrachtungen gekom⸗ men, als ein leiſes Klopfen an der Thür ſie auf⸗ merkſam machte, und die Stimme ihrer Hofdame um Einlaß bat. Ach, ſeufzte die Prinzeſſin, wenn die gute Marwitz noch bei mir wäre, würde ich nicht nöthig haben, dieſe 4 Qualen zu erdulden. Aber mein Bruder hat mich auch dieſes Troſtes beraubt; ohne es zu wiſſen, hat ker mir meine Vertraute genommen und ſie zu ihren Eltern geſchickt, um mir dafür eine ganz fremde, lang⸗ weilige Perſon, welche ich haſſe, welche ich verabſcheue, aufzudrängen. Die Stimme draußen, welche einen Moment ge⸗ „ — 119—„ ſchwiegen hatte, bat jetzt wieder und dies Mal noch dringender und flehender um Einlaß. 4 Ich werde ihr wohl öffnen müſſen, ſagte die Prin⸗ zeſſin unwillig, nach der Thür gehend und den Riegel zurückſchiebend. Treten Sie ein, Fräulein von Haak, ſagte die Prinzeſſin, und kehrte der Eintretenden den Rücken zu, um ſie ihre verweinten Augen nicht ſehen zu laſſen. Fräulein von Haak heſtete ihre traurigen ſanften Blicke auf die junge Prinzeſſin und bat mit ſanhier Stimme um Verzeihung wegen ihres unwillkommenen Erſcheinens. Sie werden ohne Zweifel Gründe haben ufe tte ich ſchwöre es Ihnen, und es geſchah nur auf ücklichen Befehl Sr. Majeſtät des Königs, daß Mutter einwilligte, mich unſere ſtille Zurückge⸗ zogenheit aufgeben und an den Hof gehen zu laſſen. Sind Sie nur gekommen, um mir das zu ſagen? Nein, Hoheit. Ich bin gekommen, um Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe, daß ich, ſeit ich die Ehre habe bei Ihnen zu ſein, Shisn daß in der Oede und Einſamkeit, welche mich hier rings umgab, mein Herz ſich Ihnen ganz zu Eigen gegeben hat, und nimmer von Ihnen laſſen kann. Oh, ſtoßen Sie mich alſo nicht zurück. Sagen Sie mir, was Sie traurig macht, laſſen Sie mich Theil nehmen au Ihren Schmer⸗ — 120— zen und Ihren Sorgen. Prinzeſſin, ich biete Ihnen das Herz einer Freundin, einer Schweſter, werden Sie es zurückweiſen? Und mit von Thränen überflutheten Wangen ei das junge Mädchen zu Amalien hin, um vor ih die Kniee zu ſinken. Aber die Prinzeſſin zog ſie empor in ihr und drückte ſie feſt an ihre Bruſt. Oh, ſagte ſi ſehe wohl, daß Gott mich nicht verlaſſen; mir einen Beiſtand und einen Troſt in meiner denn er ſendet mir eine Freundin! Eine Freundin, auf welche Sie vertrauen der Sie Alles ſagen können! flüſterte Fräule „ H die Prinzeſſin mit bedeutſamen, lächelnde ken anſehend. Wer weiß, ob das nicht für Sie geft ſein möchte, als für mich? ſeufzte Amalie. C Geheimniſſe, deren Mitwiſſenſchaft ſchon bringt. Fräulein von Haak lächelte. Und wenn doch ſchon das Geheimniß Euerer Königlichen Hoh kennte? Wenn ich wüßte, weshalb Sie in dieſen 2 gen ſo traurig und ſchwermuthsvoll geweſ Nun, wenn Sie das wiſſen, ſo ſagen S Die Hofdame neigte ſich dichter an d Herrin: Ihre Augen blicken vergeblich ne chen Sie lieben. e ängſtigen Sich Sie wiſſen nicht, eblieben iſt. Ja, Sie hab t, ri wältigt, ja, ich 2 t bald erfahre, wo er r iſ ſagen, Prinzeſſin? zuſammen, und ſah das junge ud und zitternd an. Sie wollen Mädchen — 121— 8* nicht ſagen, daß er im Grabe iſt? fragte ſie ganz athemlos. Nein, Prinzeſſin, er lebt und iſt geſund. Er lebt und iſt geſund, und er kommt nicht, mir das ſelber zu ſagen? Er kann es nicht, Prinzeſſin, denn er iſt ein Ge⸗ fangener! Ein Gefangener! Ah, Gott ſei Dank, daß es weiter nichts iſt! rief Amalie, ſtrahlend vor Freude. Der König wird ihn wieder auslöſen, der König, welcher ſo ſehr beſorgt iſt um ſeine Officiere, wird ihn nicht den Oeſterreichern überlaſſen. Oh, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, Sie haben mir da eine Freudenbotſchaft gebracht, und jetzt wird mein Bruder wohl mit mir zufrieden ſein können, denn ich werde immer heiter ſein, immer ſcherzen und lachen. Das Hoffräulein ſeufzte und ſenkte traurig ihr Haupt auf ihre Bruſt. Er iſt nicht in öſterreichiſcher Gefangenſchaft, flüſterte ſie ganz leiſe. Nicht in öſterreichiſcher Gefangenſchaft? wiederholte Amalie erſtaunt. Und wo iſt er denn? Mein Gott, warum ſprechen Sie nicht? Wo iſt Trenck? Wer hat ihn gefangen? Reden Sie, reden Sie! Ich ſterbe vor Ungeduld und Angſt! Wo iſt Trenck? Um Gotteswillen, Prinzeſſin, hören Sie mich ruhig an, flüſterte das Hoffräulein, und vor allen Dingen ſpreche Sie leiſe, denn ich glaube, Sie ſind von Spionen umgeben. Wenn man uns jetzt belauſcht, ſo ſind wir Beide verloren. Ah, Sie wollen alſo, daß ich ſterbe? murmelte die Prinzeſſin, ganz erſchöpft auf den Divan niederſinkend. Sie ſagen mir nicht, wo er iſt? Fräulein von Haak neigte ſich dicht an ihr Ohr. Er iſt auf der Feſtung Glatz. — 122— Ah, alſo in einer preußiſchen Feſtung, und der König hat ihn dorthin geſchickt? Er wird alſo ein leichtes Vergehen begangen haben, wie ſchon früher einmal, und deshalb ſtraft ihn der König jetzt ein wenig härter. Das iſt das Ganze. Oh, ich danke Ihnen, Sie haben mir meine Ruhe wiedergegeben. Ich fürchte, Prinzeſſin, daß dem nicht ſo iſt. Der Herr von Trenck, ſagt man, iſt wegen Hochverraths verhaftet. Die Prinzeſſin erbleichte und ein Schwindel er⸗ faßte ſie. Aber ſie überwand dieſe Schwäche bald und mit einem köſtlichen Lächeln ſagte ſie: Er wird alſo bald wieder frei ſein, denn man wird erkennen müſſen, daß er unſchuldig iſt. Gott gebe, daß man das erkennen wird, ſeufzte das Fräulein. Es iſt jetzt nicht Zeit, zu bemänteln und zu verſchweigen. Sie haben ein großes ſtarkes Herz, und Sie lieben ihn. Sie müſſen daher Alles wiſſen. Hören Sie alſo, Prinzeſſin. Gleich Ihnen liebe ich, gleich Ihnen hoffe ich auf die Zukunft, nur ſind meine Hoffnungen beſcheidener Art, nur iſt meine Liebe eine ſtille, ungefährliche, eine von der Billigung meiner Mutter geſegnete. Unſere Hoffnung beſteht darin, daß mein Geliebter bald Hauptmann werde, und daß der König uns dann die Erlaubniß zu un⸗ ſerer Verheirathung geben möge, denn da wir Beide arm ſind, müſſen wir Alles von der Gnade des Kö⸗ nigs hoffen. Mein Verlobter iſt bis jetzt erſt Lieute⸗ nant, und er ſteht in Glatz in Garniſon.— In Glatz, und Sie ſagen, daß Trenck in Glatz gefangen ſitzt? Ich habe geſtern Briefe von dort empfangen. Mein Verlobter, der Lieutenant von Schnell, gehört zu den Officieren, welche ſich in der Bewachung des — 123— Herrn von Trenck abzulöſen haben, und er ſchreibt mir, daß er für dieſen jungen Mann das tiefſte Mit⸗ leid, die innigſte Freundſchaft empfände, und daß er freudig bereit ſein würde ihm zu helfen, ihm beizu⸗ ſtehen. Er fragt mich, ob ich hier am Hofe Niemand wüßte, der den Muth haben möchte, für den unglück⸗ lichen Mann ſich beim König zu verwenden, und eine Milderung ſeiner Strafe zu bewirken. Mein Gott, mein Gott, gieb mir Kraft, Alles zu hören und ſtandhaft zu bleiben, murmelte Amalie, und ihre Zähne ſchlugen aufeinander, wie im Fieber⸗ froſt. Kennen Sie ſeine Strafe? fragte ſie dann ganz tonlos. Niemand kann ſagen, daß er ſie mit Beſtimmtheit kenne, aber der Feſtungs⸗Commandant und Platzmajor Doo hat den Officieren geſagt, daß der Herr von Treuck auf unbeſtimmte Zeit, auf lange, lange Jahre Gefangener ſei. 3 Ein einziger gellender Schrei rang ſich aus der Bruſt der Prinzeſſin hervor, aber ſie preßte ihre beiden Hände auf ihre Lippen und zwang ſich, ſtill zu ſein. Weſſen klagt man ihn and fragte ſie dann nach einer langen Pauſe. Des Hochverraths. Man will eine verbrecheriſche Karreſpondens zwiſchen ihm und ſeinem Vetter entdeckt aben. Die Prinzeſſin zuckte verächtlich die Achſeln. Von einer ſo elenden Anklage wird er ſich zu rechtfertigen wiſſen, ſagte ſie, er wird ſeinen Richtern ſeine Unſchuld beweiſen können, und dann werden ſie ihn freigeben müſſen. Aber warum iſt er nicht ſchon frei? Wa⸗ rum hat man ihn nicht vor ein Kriegsgericht geſtellt, und wer hat ihn denn verurtheilt, wer ſind ſeine — 124— Richter geweſen? Denn wie Sie ſagen, iſt er ſchon verurtheilt? Mein Verlobter ſchreibt mir, daß Herr von Trenck an den König geſchrieben und verlangt habe, vor ein Kriegsgericht geſtellt und verhört zu werden.*) Sie ſehen alſo, daß er unſchuldig iſt, denn er fürchtet das Gericht nicht. Und was hat der König geantwortet? Gar nichts! Er hat nur dem Commandanten den Befehl ertheilt, den Herrn von Trenck in ein weniger gutes Gefängniß zu bringen, und keine Briefe von demſelben an den König mehr zu befördern. Jetzt alſo, Prinzeſſin, jetzt müſſen Sie für ihn handeln, jetzt müſſen Sie allen Ihren Einfluß, Ihre Mittel anwenden, wenn Sie wollen, daß er errettet wer⸗ den ſoll. Ich habe keinen Einfluß, ich habe keine Mittel, rief Amalie mit ſtrömenden Thränen. Oh, Sie kennen meinen Bruder nicht. Sein Herz iſt wie ein Felſen, ſtarr und unerreichbar. Niemand hat Einfluß auf ihn, weder ſeine Mutter, noch ſeine Geſchwiſter, noch ſeine Gemahlin. Was er will, das iſt unabänderlich, und was er ſagt, das geſchieht. Aber ich werde ihm zeigen, daß ich ſeine Schweſter bin, er ſoll ſehen, daß das feurige Blut der Hohenzollern auch in meinen Adern fließt. Ich werde offen und ohne Scheu vor ihn hintreten, ich werde ihm ſagen, daß ich Trenck liebe, daß er ihn mir freigeben oder mich tödten ſoll, ich werde von ihm fordern— Die Thür ward haſtig aufgeriſſen, und eine Kam⸗ nherſtan ſtürzte herein, und ſagte athemlos: Der König ommt! 4) Trencks Memoiren Th. I. S. 71. ———— — 125— Nein, er iſt ſchon da, ſagte der König, auf der Schwelle der Thür erſcheinend. Er kommt um ſeine kleine Schweſter aufzufordern, mit ihm hinunter zu ſteigen, und auf dem Schloßhof die Rennthiere und die Lappländer zu beſchauen, welche die Kronprinzeſſin von Schweden uns geſandt hat.*) So ſprechend, ſchritt er durch das Zimmer zu ſei⸗ ner Schweſter hin, und reichte ihr beide Hände dar. Aber die Prinzeſſin ſchien das nicht zu ſehen, ſie machte vor dem König eine tiefe und ceremoniöſe Verbeugung, und murmelte einige kalte Worte der Begrüßung. Der König legte die Stirn in Falten und blickte erzürnt ſeine Schweſter an. Er ſah, daß ſie geweint hatte und ſeine Züge wurden ernſt und düſter. Kommen Sie, Prinzeſſin, ſagte er gebieteriſch. Aber Amalie hatte jetzt ihr banges Zagen über⸗ wunden. Sie war entſchloſſen, zu handeln und eine Entſcheidung herbeizuführen. Erlauben mir Euere Majeſtät, Sie um eine Au⸗ dienz zu bitten, ich habe Ihnen wichtige, für mich wichtige Dinge zu ſagen, welche ich indeß mehr dem Herzen meines Bruders, als dem Ohr des Königs anvertrauen möchte. Ich bitte Euere Majeſtät alſo, mich ohne Zeugen anzuhören.. Des Königs Augen ruhten mit einem finſtern zür⸗ nenden Ausdruck auf ihr, aber ſie ſchlug den Blick nicht zu Boden, ſie begegnete dem Anſchauen des Kö⸗ nigs mit feſten, faſt trotzigen Blicken, und das machte den König ſtutzen. Sie will mir die Wahrheit ſagen, dachte der Kö⸗ *) Rödenbeck, Tagebuch. S. 122. — 126— nig. Aber dann wird ſie mich zwingen, ſtrenge gegen ſie zu ſein, und das will ich nicht. Ich werde alſo dieſer Schlacht mit einem Mädchenherzen entfliehen. Meine Schweſter, ſagte er laut, wenn Sie in der That mir etwas zu ſagen haben, was nicht der König, ſondern nur der Bruder hören ſoll, ſo rathe ich, es mir heute lieber nicht zu ſagen, denn ich habe in die⸗ ſen Tagen ſo viel als König zu thun, daß ich gar nicht Muße finden kann, etwas Anderes zu ſein. Iſt das, was Sie mir zu ſagen haben, indeſſen ſehr wich⸗ tig, betrifft es irgend einen Schmuck, einen koſtbaren Stoff, eine kleine Schuld, welche Sie mit Ihrem Nadelgeld nicht zu decken vermögen, kurz eines dieſer vielen wichtigen Dinge, welche ein junges Mädchen⸗ herz ganz und gar ausfüllen, ſo bitte ich, mich davon durch unſere Mutter, die Königin, benachrichtigen zu laſſen, dann ſind Sie ſicher, bei mir keine Fehlbitte zu thun. Für ein junges Mädchen iſt es überhaupt immer beſſer und paſſender, wenn ſie ſich zuerſt und vor allen Dingen mit ihren kleinen Geheimniſſen an das Herz ihrer Mutter wendet, denn ich denke, wenn ihre Geheimniſſe guter und unſchuldiger Art ſind, wird eine Mutter ſie immer beſchützen und befürwor⸗ ten, ſind ſie aber ſchlimmer Art, ſo wird ſie vielleicht milder ſein in ihrem Zorn, als es ein Bruder jemals ſein kann. Sie wollen mich alſo nicht anhören, mein Bruder? fragte die Prinzeſſin faſt ſchluchzend. Der König warf einen raſchen Blick rückwärts auf die offene Thür und in den Vorſaal, in welchem die Cavaliere des Königs und die Damen der Königinnen und Prinzeſſinnen verſammelt waren, und neugierige verſtohlene Blicke nach dem Gemach der Prinzeſſin her⸗ überſandten. 4 — 127— Ich will Sie nicht anhören, ſagte der König leiſe, aber Sie ſollen mich anhören. Ich will nicht, daß Sie meinem Hofe ein Schauſpiel, der Welt ein Ge⸗ rede geben. Ich will nicht, daß man Sie mit ver⸗ weinten Augen ſehe, denn man könnte das falſch deu⸗ ten, und vermeinen, die Schweſter des Königs liebe ihren Bruder nicht genug, um ſich über ſeine Rückkehr zu freuen, ſie ſei nicht Patriotin genug, um ſich über die Befreiung ihres Landes von Krieg und Schlachten glücklich zu fühlen, nicht Patriotin genug, um die Feinde Preußens zu verachten und zu vergeſſen. Ich verlange alſo von Ihnen, daß Sie heiter ſind, und Ihre kindiſchen Schmerzen zu verbergen trachten. Eine Prinzeſſin darf niemals weinen, oder wenn ſie es thut, ſo darf ſie es nur Nachts, und nur, wenn Gott bei ihr iſt, thun.— Das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen habe, und ich bitte Sie, daß das Alles bleiben möge. Ich werde jetzt nicht von Ihnen fordern, daß Sie mit mir gehen, denn Ihre Augen ſind trübe und roth vom Weinen. Bleiben Sie alſo hier, und da⸗ mit Ihnen die Zeit nicht lang werde, will ich Ihnen da einen Brief an Sie geben, den ich eben für Sie erhalten habe. Er zog ein verſiegeltes Briefchen aus ſeinem Bu⸗ ſen, und reichte es der Prinzeſſin dar, dann nickte er ihr lächelnd zu und kehrte in den anſtoßenden Saal zurück. Laſſen Sie uns hinuntergehen, die Prinzeſſin iſt leidend und wird uns nicht begleiten können, ſagte der König, indem er ſeinem Hofe winkte, ihm zu folgen. Fräulein von Haak eilte wieder in das Boudoir zu der Prinzeſſin. Nun, königliche Hoheit? Haben Sie mit dem König geſprochen. — 128— Sie ſchüttelte ſtumm den Kopf und zerriß mit zitternden Händen das Couvert des Briefes, den ihr der König gegeben. Ganz athemlos entfaltete ſie das Papier, um zu leſen, dann aber, als ſie ihre Augen darauf heftete, ſtieß ſie einen lauten Schrei aus, und taumelte halb ohnmächtig rückwärts an die Wand. Dieſer Brief, welchen ihr der König gegeben, es war ihr eigener Brief, den ſie an Trenck geſchrieben, und an den Rand deſſelben hatte der König mit großen Zügen das eine Wort:„Geleſen“ hinge⸗ ſchrieben. Der König wußte alſo Alles, der König hatte den Brief geleſen, er kannte ihr Verhältniß zu Trenck, er wußte, daß ſie ihn liebte, und dennoch hatte er keine Gnade geübt! Nein, dennoch hatte er ihn verurtheilt. Er gab ihr jetzt den Brief, um ihr zu ſagen, daß ſie von ihm keine Gnade zu hoffen habe, um ihr zu ſa⸗ gen, daß Trenck geſtraft worden ſei, nicht, weil er ein Verräther ſei, ſondern weil er der Geliebte der Prin⸗ zeſſin war.— Amalie wußte und begriff das jetzt Alles, und mit flammenden Augen und mit von Begeiſterung ſtrah⸗ lendem Angeſicht ſagte ſie: Ich werde ihn befreien! Ich muß ihn befreien! Um mich iſt es, daß er leidet, weil er mich liebt, iſt er ein Gefangener, ſchmachtet er im einſamen Kerker. Aber ich werde ihn befreien, und ſollte ich mein Herzblut tropfenweiſe für ihn hin⸗ geben. Oh, Friedrich, Friedrich, jetzt ſollſt Du ſehen, daß ich Deine echte Schweſter bin, daß ich einen Willen habe, der dem Deinen gleicht. Mein ganzes Leben gehört meinem Geliebten, und wenn ich es nicht mit ihm theilen ſoll, ſo werde ich es für ihn hinopfern. Das ſchwöre ich, und möge Gott mich verdammen, wenn ich meinen Schwur breche. Ich — 129— will Treuck befreien, das iſt die Loſung meines Lebens, und nun, Freundin, komm und hilf mir, laß uns ein Mittel erſinnen, welches ihn befreit. Alles, was ich habe und bin, opfere ich dafür. Brauch en wir Geld, um die ganze Garniſon zu beſtechen, nun wohl, ich habe Geld, ich habe Brillanten, ich habe ein Gut von meinem Vater ererbt, ich werde Alles ver⸗ kaufen, Alles dem einen großen Zwecke opfern, ihn zu befreien. Und jetzt zuerſt und vor allen Ding will ich ihm ſchreiben. en Und ich werde den Brief ſicher befördern, ſagte Fräulein von Haak, ich werde ihn an meinen Ver⸗ lobten ſchicken, und dieſen Brief an den Herrn von Schnell werde ich nicht von hier abſenden, ſondern meiner Mutter ſchicken, denn Niemand darf hier wiſſen, daß ich mit einem Officier der Feſtung Glatz corre⸗ ſpondire. Nein, Niemand darf das wiſſen bis zu dem Tage, wo wir ihn aus Glatz befreit haben, ſagte die Prin⸗ zeſſin mit einem köſtlichen Lächeln. XI. Die Enttäuſchung. Seit dem Tage, an welchem Joſeph Fredersdorf den jungen Lupinus zu Eckhof geführt, hatte ein immer innigeres Verhältniß ſich zwiſchen dieſen Bei⸗ den gebildet, ein Verhältniß, das Beide auf's Höchſte Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. III. 9 — 130— zu beglücken ſchien, und von dem der immer fröhliche und neckiſche Fredersdorf immer behauptete, daß es mehr von der Liebe als von der Freundſchaft an ſich trage, und daß Lupinus eigentlich nicht der Freund, ſondern die Braut ſeines Freundes Eckhof ſei. In der That, Lupinus hatte wenig von dieſer ungezwun⸗ genen, offenen und rückhaltloſen Art eines jungen Mannes, er war immer ſchüchtern, immer zurückhal⸗ tend, er ſuchte Eckhof niemals auf, aber wenn Eckhof zu ihm kam, färbten ſich ſeine bleichen Wangen mit einem ſanften Roth, und ſeine großen Augen ſtrahlten in einem ſo wundervollen Glanze, daß Eckhof wohl erkennen konnte, wie ſehr ſein verſchwiegener junger Freund ſich ſeiner Gegenwart freue. Auch kam Eckhof täglich zu Lupinus; das ſtille, ſanfte und zarte Antlitz ſeines Freundes anzuſchauen, war ihm inmitten ſeines bewegten, unruhigen und geplagten Künſtlerlebens ein Troſt und eine Erquickung, es beruhigte ſein von Stürmen und Leidenſchaften bewegtes Herz, und machte ihn ſelber milde und ſanft und friedlich. Es bedurfte nicht einmal der Worte, des Geſprächs dazu, ſchon dieſes ſtille Zimmer, dieſe fremdartige Umgebung der Bücher und Papiere, der gewichtigen Folianten und glänzenden mediciniſchen Inſtrumente, dieſe ernſte ſtrenge Wirklichkeit, welche ſo ſehr contraſtirte gegen das glän⸗ zende, flimmernde und leichtſinnige Scheinleben der Bühne, dieſes Alles übte einen beruhigenden und ſänftigenden Einfluß auf den Künſtler aus. Oft kam er, belaſtet von Sorgen, niedergedrückt von Anſtren⸗ gungen, oder in fieberiſcher Spannung über irgend eine neue Rolle, welche er eben ſtudirte, zu Lupinus, nicht um ihm von ſeinem Leben und Streben zu er⸗ zählen, ſondern um ganz ſchweigend neben ihm zu ſitzen und ihn nur anzuſchauen. ——mq· — 131— Sprich gar nicht zu mir, mein Lupinus, ſagte Eckhof zu ihm. Laß mich mein ſtürmiſches, wildes Herz unter den Mondſchein Deiner Blicke legen, wärme es und kühle es zu gleicher Zeit, laß Dein mildes Angeſicht über mir leuchten, und mein Herz ſänftigen und heilen. Siehſt Du, wenn ich mein Haupt ſo an Deine Schulter lehne, ſo meine ich, daß ich nun aller Trübſal entronnen ſei, daß weit ab in der Ferne all das Geräuſch der unruhigen Welt verklinge, und ich die Stimme meiner Mutter vernehme, wie ſie in meiner Kinderzeit vor meinem Bettchen erklang, in dem ich halb entſchlummernd lag und mir von Gott und dem Paradieſe und den Engeln erzählen ließ. Laß mich ſo an Deiner Schulter träumen, mein Lupinus! Und er ſchloß die Augen und ſchwieg, und ſah nicht dieſen wunderbaren, zärtlichen, ſehnſuchtsvollen Ausdruck, mit dem Lupinus zu ihm herniederſchaute, er fühlte nicht, daß des Jünglings Herz heftiger und wilder hämmerte und pochte, wenn Eckhof's Haupt auf ſeiner Schulter ruhte. Zu andern Zeiten wieder war es für Eckhof eine Erleichterung, alle ſeine Kümmerniſſe und Sorgen, ſein Kämpfen und Ringen, ſeinen Zorn über die In⸗ trignen und Kabalen, welche ſchon damals, wie noch jetzt, der nothwendige und unabwendbare Stickſtoff und Sauerſtoff der Bühnenwelt waren, ſeinem Freunde in leidenſchaftlichen Worten zu klagen. Dann hörte Lupinus ihm mit einem milden Lächeln zu, bis der wilde Cataract ſeines Zornes aufhörte zu brauſen und zu ſchäumen, und er hoffen konnte, daß ſeine tröſten⸗ den und liebevollen Troſtesworte wieder beruhigend an Eckhof's Herz klopfen konnten. So vergingen Monate, und Lupinus, treu ſeinem 9* Eckhof gegebenen Wort, war noch immer der fleißige, gelehrte Student, ſaß noch immer in ſtiller Andacht auf den Bänken der Auditorien und hörte den gelehr⸗ ten Vorträgen der Profeſſoren zu, oder ſtudirte da⸗ heim vor ſeinen Büchern. Aber dieſe Prüfungszeit war nun bald vorüber. Wenn Lupinus ſein Doctorexamen überſtanden, hatte Eckhof geſagt, dann ſolle er ſich entſcheiden, ob er wirklich noch die glänzende Laufbahn der Wiſſenſchaft verlaſſen wolle, um die rauhen und dornigen Pfade des Künſtlerthums zu wandeln. In den nächſten Tagen ſchon ſollte dieſes wichtige Ereigniß ſtattfinden, an dem Lupinus in öffentlicher, feierlicher Promotion ſich die Doctorwürde erkämpfen und damit die Berechtigung ſich verdienen ſollte, als Arzt der leidenden Menſchheit zu nützen. Aber nicht daran dachte Lupinus, er ſagte ſich nur, daß jener Tag die wichtige Entſcheidung über ſeine ganze Zukunft bringen ſollte, daß er an jenem Tage mit ſeinem Schickſal um das Glück oder Un⸗ glück ſeines ganzen Lebens zu kämpfen habe, und daß dabei ſein Herz aufjauchzen werde vor Glück oder brechen vor Kummer und Qual. Wenn ich ihm ſeinen Willen gethau habe, ſagte Lupinus zu ſich ſelber, als er jetzt, am Tage vor dem feierlichen Akte, allein auf ſeinem Zimmer war, wenn ich von der Facultät als Doctor anerkannt bin, dann will ich mich Eckhof zeigen in meiner wahren Geſtalt, dann will ich vor ihn hintreten, und an ſeiner Ueber⸗ raſchung und ſeinem Erſchrecken werde ich dann ſehen, ob der Freund Lupinus ihm willkommener war, als— 8 Er vollendete nicht, ſondern vor ſeinen eigenen Gedanken erröthend, wandte er ſich ab und flüchtete — ÿm — 133— ſich zu ſeinen Büchern. Aber die Aufregung und Unruhe ſeiner Seele war heute mächtiger als ſein Wille. Die Buchſtaben flirrten und tanzten vor ſeinen Augen, ſein Herz klopfte ſo freudvoll ſtürmiſch und laut, ſeine Seele flatterte mit ſo levensvollen kühnen Schwingen, es hielt ihn nicht länger an dieſem ernſten, beſtäubten, düſtern Schreibtiſch. Er ſprang auf, und das Buch zuſchlagend und die Feder bei Seite wer⸗ fend, eilte er in das anſtoßende Gemach, in dieſes kleine, ſtille Schlafgemach, das niemals von einem andern Fuß als dem ſeinen war betreten worden, das er ſtets ſogar vor ſeinen vertrauteſten Freunden verſchloſſen gehalten. Und allerdings, dieſes kleine Schlafgemach barg ein Geheimniß! Ein Geheimniß, welches die Lachluſt Joſeph Fredersdorf's und das er⸗ ſchrockene Staunen Eckhof's erregt haben würde! Auf dem Bett lag ein Gewand, aber nicht das Kleid eines jungen Mannes, ſondern ein Frauenkleid, ein glänzen⸗ des, weißes Atlasgewand, wie es die Bräute an ihrem Hochzeitstage zu tragen pflegen. Dort auf jenem Tiſch ſtanden weiße Atlasſchuhe, lagen duftende ge⸗ ſtickte Frauenhandſchuhe, Bänder und Blumen zum Schmuck der Haare. Was bedeutete das Alles? Was bedeutete dieſes Toilettenzimmer einer Frau neben der Studirſtube des jungen Studenten? Hatte er da eine Geliebte verborgen, die er ſchmücken wollte mit dieſem Brautanzug, oder war das nur ein Coſtüm, in dem er ſeine erſte Rolle als Schauſpieler ſpielen wollte? Er betrachtete alle dieſe zierlichen Sachen mit freudigen, lächelnden Blicken, und nichts von der ernſten, feierlichen Gelehrtenmiene war in ſeinem ſchö⸗ nen, zarten Angeſicht, als er das weiße Atlasgewand prüfend in die Höhe hob und mit ihm lächelnd uuch — 134— die Stube tänzelte zu jenem großen Spiegel dort. Aber plötzlich zuckte er zuſammen und ſtand horchend ſtill. Es war ihm geweſen, als habe da Jemand au ſeine Thür geklopft, jetzt wieder und lauter! Das iſt Eckhof! flüſterte Lupinus mit einem ſtillen Lächeln, indem er eiligſt wieder das kleine geheimniß⸗ volle Gemach verließ, und es ſorgfältig verſchließend, den Schlüſſel wieder in ſeinem Buſen verbarg. Dann erſt ging er hin, die andere Thür zu öffnen. Ja, es war Eckhof, und er kam heute mit einem ſtrahlenden Antlitz, mit einer ſo heitern, glücklichen Miene, wie Lupinus ihn lange nicht geſehen; er ſchloß ſeinen jungen Freund ſo ſtürmiſch in ſeine Arme, daß dieſer kaum noch zu athmen vermochte, er drückte einen ſo glühenden Kuß auf ſeine Lippen, daß Lupinus ſchaudernd ſeine Augen ſchloß, ganz überwältigt von ſeiner eigenen inneren Erregung. Sieh, mein Lupinus, wie ich Dich liebe, ſagte Eckhof, den jungen Freund noch immer in ſeinen Ar⸗ men haltend. Zu Dir komme ich zuerſt, um Dich Theil nehmen zu laſſen an meinem Glück, an Dich dachte ich zuerſt, als es wie ein funkelnder Sternen⸗ ſchleier über mich herabſank und mich ganz nieder⸗ drückte mit ſeiner heiligen Fülle und Gewalt. Ich muß zu Lupinus hin. Er allein wird mich verſtehen, er allein wird ſich mit mir freuen, ſagte ich zu mir ſelber, und ſo bin ich wie ein Wahnſinniger durch die Straßen gerannt, und ſo bin ich hier, um zu Dir zu ſagen: freue Dich mit mir, denn ich bin glücklich! Oh, ich habe Dich meine Leiden nicht ſehen laſſen, ich habe meinen Kummer vor Dir verborgen gehalten, weil ich Dich grenzenlos liebte, und weil ich Deine junge keuſche Seele nicht mit Trauer erfüllen wollte, aber mein Entzücken darfſt Du ſehen, mein Glück — 135— ſollſt Du mit mir theilen, mein trauter, geliebter Freund! So laß es mich theilen, ſo ſage mir, was Dich glücklich gemacht hat, ſagte Lupinus mit zitternden Lippen und ganz bleich vor innerer Aufregung und Angſt.. Du fragſt noch, mein unſchuldiges, keuſches Kinder⸗ herz? lachte Eckhof. Du weißt noch nicht, daß, was des Mannes eigentliches Glück oder Unglück macht, doch immer nur die Liebe iſt! Ich war unglücklich und elend, weil ich nicht wußte, ob ich geliebt werde, weil dieſe Ungewißheit, dieſes Hangen und Bangen, mich raſend machte. Und jetzt? fragte Lupinus tonlos. Und jetzt bin ich glückſelig, weil ſie mich liebt, weil ſie es mir heute endlich geſtanden hat. Oh, Freund, ich habe ihr dieſes ſüße, dieſes göttliche Ge⸗ heimniß faſt mit Gewalt entreißen müſſen, ich habe ihr gedroht, ich habe ſie verwünſcht, ich habe weinend zu ihren Füßen gelegen, und mit wilden Scheltworten ſie verflucht, ich war ein Raſender, ein Wahnſinniger, ich war entſchloſſen mich zu tödten, wenn ich nicht endlich Gewißheit erhielte, nicht endlich erführe, ob ſie mich verachtete oder mich liebte, und ſo wagte ich Alles, um mir Alles zu gewinnen! Sie ſtand bleich und zitternd vor mir, ſie hob mit demüthigem Flehen ihre Hände zu mir empor, als ich ihr zürnte, oh, ſie war ſchön wie ein verzeihender Engel, mit dieſen leuchtenden Thränen in ihren wundervollen Augen, ſchön wie eine Houri des Paradieſes, als ſie ſich end⸗ lich, hingeriſſen von ihrem eigenen Herzen, zu mir neigte und mir geſtand, daß ſie mich liebte, daß ſie ein ſein wolle, Mein, trotz ihrer vornehmen Geburt, trotz ihres Gemahls, trotz all' dieſer tauſend Hinder⸗ — 136— niſſe, die ſich unſerer Liebe und unſerem Glück ent⸗ gegenſetzen. Oh, mein Gott, mein Gott, eines Tages ſagte ich: ich bin berufen ein Künſtler zu ſein, denn Du haſt mir die Weihe des Unglücks gegeben; heute fühle ich, daß man nur wahrhaft ſchaffen kann, wenn man glücklich iſt. Von heute an werde ich in Wahr⸗ heit ein Künſtler ſein, denn ich habe die himmliſche Weihe des Glückes empfangen! Eckhof wandte ſeine leuchtenden Blicke auf den Freund hin, aber er verſtummte, als er in dieſes bleiche, aſchfarbene Antlitz ſah, in dieſe gläſernen, todten Augen, welche in das Leere ſtarrten, auf dieſe bläulichen Lippen, welche heftig zuſammengepreßt waren. Lupinus, Du biſt krank, Du leideſt! rief Eckhof entſetzt, indem er die Arme ausbreitete, um den Freund an ſeine Bruſt zu ziehen. Aber die Berührung ſeiner Hand machte ihn er⸗ beben, weckte ihn aus ſeiner todesähnlichen Erſtar⸗ rung. Ein einziger, gellender Schrei rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor, ein Strom von Thränen ent⸗ ſtürzte ſeinen Augen und wie zerſchmettert ſank er in ſich zuſammen. Mein Freund, mein Geliebter, rief Eckhof, Du leideſt, und Du ſagſt es mir nicht! Was iſt es, was Dich betrübt, warum leideſt Du, warum weinſt Du? Laß mich Theil nehmen an Deinem Kummer, ſage mir Deinen Schmerz! Nein, nein! rief Lupinus, ich leide nicht, ich habe keinen Kummer und keine Schmerzen. Rühre mich nich an, Deine Berührung thut mir weh! Geh' fort von hier, geh' und laß mich allein! Ah, Du liebſt mich alſo nicht, rief Eckhof traurig. Du leideſt und Du willſt mir Deine Schmerzen nicht ſagen, Du weinſt, und verlangſt, daß ich Dich verlaſſe? — 137— Er meint, daß ich ihn nicht liebe, murmelte Lu⸗ pinus mit einem traurigen Lächeln. Mein Gott, mein Gott, wen liebe ich denn, wenn ich ihn nicht liebe! Wenn Deine Freundſchaft zu mir wirklich ächt und wahr iſt, ſo wirſt Du mir Deinen Kummer ſagen, bat Eckhof. Ich habe Dich Theil nehmen laſſen an meinem Glück, dafür fordere ich aber jetzt mein heili⸗ ges Recht, dafür fordere ich, daß Du mich Theil neh⸗ men läßt an Deinen Schmerzen! Lupinus antwortete nicht. Er duldete es, daß Eck⸗ hof ihn vom Boden emporzog, und ihn ſanft und leiſe in ſeine Arme hebend, nach dem Divan trug, auf den er ihn ſanſt niedergleiten ließ und ſich neben ihn ſetzte. Lupinus lehnte ſein Haupt an Eckhof's Bruſt, und wie Eckhof ſeine Arme um ihn legte und mit ſeiner ſchönen ſanften Stimme ihm Worte der Troſtes und der Liebe in's Ohr flüſterte, flog ein convulſivi⸗ ſches Zittern durch des Jünglings Geſtalt und er weinte bitterlich. Aber plötzlich trocknete er ſeine Thränen und rich⸗ tete ſich auf. Der Krampf des Schmerzes war vor⸗ über, ſeine Lippen zitterten noch, aber er preßte ſie feſt aufeinander, ſeine Augen ſtanden noch voll Thrä⸗ nen, aber er ſchüttelte heftig ſein Haupt und ſchleuderte ſie von ſich. Es iſt vorüber, Alles vorüber, ſagte er, meine Träume ſind zu Ende, ich wache wieder! Und jetzt, nicht wahr, mein Lupinus, jetzt wirſt Du zu mir reden? 4 Nein, nicht heute, morgen! Morgen ſollſt Du Alles erfahren. Und darum geh, mein Freund, und laß mich jetzt allein. Geh hin zu Deiner Gelicbten, 3 ſchau in ihre Augen und träume Dir darin einen — 138— Sternenhimmel, und wenn Du's thuſt, ſo denke an mich, deſſen Sterne erblichen ſind, und der einhergeht unter dem ſchweren Gewölke des Grams. Geh, geh, wenn Du nich liebſt, ſo geh! 1 Du willſt es, und da ich Dich liebe, ſo thue ich Deinen Willen, Lupinus. Aber mein Herz trauert um Dich, und mein eigenes Glück iſt wie umſchleiert. Doch ich gehe! Und morgen, ſagſt Du, willſt Du mir Alles ſagen? Morgen! Wann ſoll das ſein? Wann ſehe ich Dich wieder? Morgen um zehn Uhr iſt meine Doctorpromotion. In der Aula will ich Dich zuerſt wiederſehen, und ich bitte Dich, daß Du Joſeph Fredersdorf Dich be⸗ gleiten läßt. So ſei es, mein Freund. Alſo morgen um zehn Uhr in der Aula ſehen wir uns wieder. Bis dahin, lebe wohl! 3 Lebe wohl, Eckhof! Sie reichten ſich die Hände, und ſahen ſich tief in die Augen und winkten ſich ſtumm den letzten Ab⸗ ſchiedsgruß. Dann wandte ſich Eckhof der Thür zu, Lupinus ſtand in der Mitte des Zimmers und ſchaute ihm nach, als aber Eckhof die Thür ſchon geöffnet hatte, als ſeine hohe, ſtolze Geſtalt die Schwelle über⸗ ſchritt, da flog Lupinus ihm nach, da hing er ſich an hn. Hals und ſchloß ihn feſt in ſeine Arme, und dr ihn an ſich mit überwältigender Kraft und murmelte unter Thränen; Lebe wohl, lebe wohl! Denke an mich, Eckhof, denkch daß kein Weib Dich je ſo lieben wird, wie ich Dich geliebt habe! Gott ſegne Dich, Gott ſegne Deine Geliebte! Nun noch einen letzten, glühenden Kuß, ein letztes, ſtummes Anſchauen, dann drängt er ihn hinaus, dann ——“ — 439— ſchließt ſich hinter Eckhof die Thür, und mit einem lauten Jammerſchrei ſinkt Lupinus zuſammen. Wie lange er ſo gelegen, wie lange er geweint und gebetet, verzweifelt und gejammert hatte, das . wußte er ſelber nicht, denn die Stunden der Schmer⸗ zen ſind lang und öde, und die Minuten, welche man durchweint, dehnen ſich zu einer Ewigkeit. Nach lan⸗ ger Zeit richtete er ſich auf, nicht, weil er getröſtet war, ſondern weil er da auf der Treppe ſchwere Männerſchritte vernahm, und weil er ſie erkannte und wußte, was ſie zu bedeuten hatten. Jetzt öffnete ſich die Thür und zwei Männer tra⸗ ten herein, der Eine ein Mann mit ergrauendem Haar, mit ernſten, ſtrengen Zügen, mit einer ſtolzen, 4 imponirenden Geſtalt, der Andere ein jüngerer Mann von bleichem, kränklichen, aber zugleich mildem und ſanften Ausſehen. Während der ältere Herr mit ge⸗ runzelter Stirn und zürnenden Blicken auf Lupinus hinſchauete, begrüßte der andere ihn mit einem ſanften Lächeln, und ließ ſeine blauen Augen mit einem Aus⸗ druck unendlicher Liebe auf ihm ruhen. Mein Vater! rief Lupinus, vorwärts eilend, um ſich dem älteren Manne in die Arme zu werfen. Aber er wehrte ſie zurück und ſeine Stirn ward noch finſterer.. 1 Wir haben Deine Briefe erhalten, ſagte er, und 4 deshalb ſind wir ſchon heute gekommen. Wir wollten ſehen, ob Du im Fieber oder im Wahnſinn geſchrie⸗ ben, oder wenn das nicht, ſo ſollteſt Du uns wieder⸗ holen, was in jenen Briefen ſtand, die ich zerknittert und unter meine Füße getreten habe! Rede alſo, wir 8 ſind da, Dich zu hören! 1 Neein, noch nicht, ſagte der jüngere Mann. Er⸗ holen Sie ſich erſt, überlegen Sie Ihre Worte, be⸗ — 140— denken Sie wohl, daß dieſelben entſcheiden über Ihr Glück, über das Ihres Vaters und endlich auch— über mein Glück. Aber ſeien Sie feſt in Dem, was Sie wollen, und keine Rückſicht und kein Nebengedanke möge Sie verwirren. Denken Sie nur an Ihr eige⸗ nes Glück, und daß Sie dieſes auf feſten Stützen er⸗ bauen ſollen. Lupinus ſchüttelte traurig das Haupt. Ich habe kein Glück und rechne auf keins! Was ſtand in jenem Briefe? fragte der alte Lu⸗ pinus ſtrenge.— Es ſtand darin, mein Vater, daß ich meinen Schwur getreulich erfüllt, und Niemanden das Geheimniß, welches ich Ihnen zu bewahren gelobt, verrathen hätte, es ſtand darin, daß morgen meine Doctorpromotion ſein werde, und daß, wie Sie es mir gelobt, ich von jenem Tage frei ſei, frei in der Wahl meiner Zukunft, frei, mein Geheimniß zu bekennen. Und war das Alles? Nein! Es ſtand ferner darin, daß ich entſchloſſen ſei, eine neue Bahn einzuſchlagen und die alten Wege zu verlaſſen, entſchloſſen, mit meiner Vergangenheit zu brechen, und an Eckhof's Seite ein neues Leben zu beginnen! Mein Kind an der Seite eines Komödianten! rief der alte Doctor Lupinus verachtungsvoll. Ja, ich ent⸗ ſinne mich, das ſtand in dem Briefe, aber ich glaubte es nicht, und deshalb bin ich gekommen, Dich zu fra⸗ gen: Iſt das wahr, was in jenem Briefe an mich ſtand? Iſt das wahr, was Du an Erxelmann dort geſchrieben? Lupinus hatte die Augen zum Himmel erhoben, und ſeine Lippen bewegten ſich leiſe, vielleicht betete er. ———— — 141— Iſt das wahr, was in jenen Briefen ſtand? wie⸗ derholte ſein Vater. Lupinus ſenkte das Auge zu ſeinem Vater nieder und reichte ihm die beiden Hände dar. Nein, ſagte er, es iſt nicht wahr. Es war nur eine Phantaſie des Fiebers. Jetzt iſt es vorüber gegangen und ich bin von meinem Wahnſinn geneſen. Morgen werde ich als Doctor promoviren, und dann, mein Vater, begleite ich Dich in die Heimath, und Sie, mein Freund Erxelmann, gehen mit uns.——— Am andern Tage ſtrömten die Studenten der Me⸗ diein in die Aula der Univerſität, um dem Disputa⸗ torium ihres Commilitonen, des gelehrten und ehr⸗ baren Herrn Lupinus, beizuwohnen, und nicht bloß die Studenten und Profeſſoren, ſondern auch viele andere Bewohner Halle's waren gekommen, dieſer feierlichen Handlung beizuwohnen, und dieſen jungen Mann zu ſehen, von dem die Profeſſoren ſagten, daß er nicht bloß ein Wunder von Gelehrſamkeit, ſondern auch ein Wunder an Tugend, Sittſamkeit und Be⸗ ſcheidenheit ſei. Sogar Künſtler bemerkte man heute in den heiligen Hallen der Wiſſenſchaft, und die Stu⸗ denten lächelten vor Vergnügen und ſchrieen Bravo, als ſie da drüben neben Fredersdorf das edle, ſcharf markirte, prächtige Angeſicht Eckhof's erkannten. Sie waren ſo oft zu ihm in die Hallen der Kunſt geeilt, warum ſollte er nicht auch einmal zu ihnen in die Hallen der Gelehrſamkeit kommen? Aber Eckhof achtete nicht auf die freudige Begrü⸗ ßung der Studenten, er blickte nur mit geſpannten Mienen nach jener Thür hin, durch welche ſein jun⸗ ger Freund Lupinus in den Saal treten mußte, und als jetzt die feſtgeſetzte Stunde ſchlug, neigte er ſich zu Fredersdorf hin und faßte lebhaft ſeine Hand. — 142— Freund, ſagte er, mich überfällt ein wunder⸗ bares Bangen, und mir iſt, als ſtände ich eben einer Sphynx gegenüber, welche im Begriff ſei, mir ein ſeltſames Räthſel zu löſen. So feig bin ich, daß ich aus dem Saal entfliehen möchte, um es nicht zu hö⸗ ren, und doch bannt mich die Neugierde an meinen Platz und läßt mich nicht weichen. Du haſt es dem armen Lupinus verſprochen, hier zu ſein, ſagte Joſeph ernſt. Es iſt vielleicht der letzte Liebesdienſt, den Du ihm erzeigen kannſt, alſo— Ah, da iſt er! Ein Schrei der Ueberraſchung tönte von Aller Lippen, denn da drüben in der geöffneten Thür ſtand nicht der Student Lupinus, ſondern ein junges Mäd⸗ chen im weißen Atlasgewande, ein junges Mädchen mit dem bleichen und durchſichtig zarten Antlitz des jungen Lupinus. Ihr zur Seite gingen zwei Männer, und als ſie jetzt langſam durch den Saal ſchritt nach dem Katheder hin, mußte ſie ſich auf den Arm des einen derſelben, auf den Arm ihres Vaters lehnen, um nicht umzuſinken. Ihre großen Augen überflogen mit einem fragenden, angſtvollen Ausdruck die Zu⸗ hörer,— jetzt begegneten ihre Blicke denen Eckhof's, und eine tödtliche Bläſſe bedeckte ihre Wangen, aber ſie ſuchte doch zu lächeln, und neigte ihr Haupt, ihn zu begrüßen. 4 Das war das Geheimniß, welchem ich entfliehen wollte! murmelte Eckhof. Seit geſtern ahnte ich es! Und ich wußte es ſeit lange, ſagte Joſeph Freders⸗ dorf traurig. Es war mein ſchönſter Traum, daß⸗ Eure Herzen ſich zuſammenfinden und Ihr Euch lieben würdet. Habe ich Dir nicht oft geſagt, daß Lupinus nicht Dein Freund, ſondern Deine Braut ſein ſolle, niht daß keit Weib Dich jemals ſo lieben würde, wie dann erklärte ihr Vorſitzender, daß Lupinus imme — 143— Lupinus Dich liebte? Aber Du wollteſt mich nicht verſtehen! Dein Herz war wie ein tauber Fels, und ſie hat ihr Glück und ihr Herz daran zerſchellt! Armes, unglückliches Mädchen, ſeufzte Eckhof, und zwei Thränen rannen langſam über ſeine Wangen nieder. Ich habe an ihr gehandelt wie ein roher Barbar, ich habe ihr geſtern mit lachendem Munde den Dolch in's Herz geſtoßen, und ſie hat mir nicht geflucht, ſondern ſie hat mich geſegnet. Aber horch, ſie ſpricht! Laß uns hören! 2 Es war Lupinus Vater, welcher ſprach. Mit ein⸗ fachen, würdigen Worten bat er die hohe Facultät um Vergebung, daß er es gewagt, ihr ſtatt eines Sohnes eine Tochter zu ſenden. Aber es ſei, ſagte er, ſein Lieblingswunſch geweſen, der Welt zu beweiſen, daß nur das Vorurtheil und der Hochmuth der Männer die Frauen aus den Hörſälen der Univerſität vertreibe, und daß nur das Herkommen den Frauen verbiete, ſich eine wiſſenſchaftliche Laufbahn zu erwählen. Da ihm der Himmel einen Sohn verſagt und er an ſei⸗ ner Tochter eine ſeltene Begabung frühe ſchon entdeckt habe, hätte er ſich entſchloſſen, dieſelbe als ſeinen Sohn zu erziehen und zu bilden, und ſich den Verluſt zu erſetzen, den ihm das Schickſal bereitet habe. Seine Tochter ſei bereitwillig auf ſeine Pläne eingegangen und habe ihm feierlich geloben müſſen, bis zur Be⸗ endigung ihrer Studien das Geheimniß treulich zu bewahren, und das habe ſie gethan, und ſo ſtände ſie jetzt hier, um die hohe Facultät zu fragen, ob man ihr geſtatten wolle, zum Doctor zu promoviren, ob⸗ wohl ſie nur ein Weib ſei, und des hohen Vorzugs entbehre, dem Männergeſchlecht anzugehören? 9. Die Profeſſoren beſprachen ſich leiſe untereinande der fleißigſte und hoffnungsvollſte Student, die Freude und der Liebling aller Profeſſoren geweſen, und daß daher die Aeuderung des Geſchlechts keine Aenderung in ihren Anſichten über ihn bewirken könne, ſondern daß die Jungfrau Lupina mit eben ſolcher Freude und Genugthuung von ihnen als Doctor medieinae begrüßt werden würde, als der Jüngling Lupinus, daß ſomit dem Beginn des Disputatoriums gar nichts mehr im Wege ſtehe. Ein Gemurmel des Beifalls ließ ſich von den Bänken der Zuhörer vernehmen, aber es verſtummte ſchnell, als man jetzt die klare, helle und doch leiſe erzitternde Stimme des jungen Mädchens vernahm, die ihre Diſſertation zu leſen begann. Wie ſeltſam ſtimmten dieſe ſchweren pomphaften lateiniſchen Worte zu dieſer zarten, ſchlanken und feenhaften Erſcheinung des jungen Mädchens! Wie eine Braut ſtand ſie da im Schmuck ihrer ſeidenen Gewänder, aber nicht wie eine Braut der Erde und der Liebe, ſondern wie eine Braut des Himmels, welche im Begriff iſt, vor dem Altar das Gelübde abzulegen und der Freude und dem Glück auf ewig zu entſagen! Und ſo fühlte ſie ſich, und ſo wie das Gelübde eines freudloſen, ent⸗ ſagungsvollen Daſeins hielt ſie ihre Rede, nur daß ſie nicht vor dem Altar des Herrn, ſondern vor dem Altar der Wiſſenſchaft ſtand, nur daß ſie ſich nicht einem müßiggängeriſchen, nutzloſen Kloſterleben ange⸗ lobte, ſondern daß ſie die ganze Welt zu ihrem Kloſter machte, und mit heiligem Schwur ſich ſelber gelobte, der Menſchheit zu dienen, Denen, welche da litten, ihre Schmerzen zu lindern, an dem Krankenbette der Frauen und der Kinder die Liebe zu bethätigen, welche ſie ſo groß und ſtark in ſich fühlte; auf die ganze leidende und weinende Menſchheit dieſe Liebe zu über⸗ — 145— tragen, welche ſie dem Einzelnen geweiht, und die zu ihr zurückgekehrt war, wie eine blutende Taube, mit gelähmten Schwingen, kraftlos und hoffnungslos! Das Disputatorium war zu Ende. Der Dekan er⸗ hob ſich und erklärte die Jungfrau Dorothea Chriſtine Lupinus zum Doctor medicinae, und wohl berechtigt und befähigt zur Ausübung und Praxis der Arznei⸗ wiſſenſchaft*); die Studenten brachen in freudige Bei⸗ fallsrufe aus, und die Profeſſoren näherten ſich dem alten Lupinus, um ihn zu beglückwünſchen und die Bekanntſchaft früherer Tage mit ihm zu erneuern. Die junge bleiche Braut der Wiſſenſchaft achtete auf das Alles nicht. Sie ſchaute nur hinüber nach Eckhof, ihre Blicke wurzelten feſt ineinander, feſt und thränenlos. Dann winkte ſie ihm mit der Hand zu gehen, und Eckhof, ihrem Winke gehorſam, erhob ſich und ging der Thür zu. Aber noch einmal wandte er ſich um, noch einmal begegneten ſich ihre Blicke, dann hatte ſie den Muth, ſich von ihm abzuwenden. Mit einem ſanften Blick wandte ſie ſich zu ihrem Jugend⸗ freund Erxleben hin, der mit ihrem Vater gekom⸗ men war. Ich werde das Gelübde meines Vaters erfüllen, ſagte ſie, ich werde Ihnen eine treue Gattin ſein. *) Dorothea Chriſtine Lupinus, Tochter des Arztes Lupinus in Quedlinburg, geboren 1715, verheirathete ſich, nachdem ſie in Halle ihr Doctorexamen gemacht und in dem Disputatorium über die„Gründe, welche bisher das weibliche Geſchlecht am Studiren verhinderten“, eine glänzende lateiniſche Rede gehalten, an den Prediger Erxleben in Quedlinburg, woſelbſt ſie als practiſcher Arzt, welcher indeß nur dem weiblichen Geſchlecht ſeine Kräfte widmete, eine ſehr ausgedehnte und ſegensvolle Wirkſamkeit übte. Sie ſtarb im Jahre 1762.(Denina: La Prusse litteraire sous Frédérie II. Berlin 1790. V. II. p. 26.) 2 3 Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. III. 3 10 — 146— Sehen Sie, dort erliſcht der Stern, welcher mein Auge blendete. Jetzt ſieht es wieder hell! Sie deutete mit zitternder Hand auf Eckhof hin, welcher eben, auf Fredersdorf's Arm gelehnt, aus der Thür ſchwankte. Freund, ſagte Eckhof ſchwermuthsvoll, wenn die Götter ein großes Opfer verlangen, zur Verſöhnung des Glückes, ſo denke ich, daß ich es heute gebracht habe. Meinen Polykratesring habe ich in's Meer ge⸗ ſchleudert, und ein Theil meines Herzblutes haftete daran. Möge das Schickſal nun verſöhnt ſein, und mir das Glück gönnen, welches dieſes ſchöne bleiche Mädchen mit ihren Thränen geſegnet hat. Lebe wohl, Chriſtine, lebe wohl! Unſere Wege gehen auf ewig auseinander, und wer weiß, ob wir einſt im Himmel uns wiederſehen werden! Du gehörſt zu den Heiligen und ich bin nur ein armer Komödiant, der ſich durch das ekle Leben mit einigen pomphaften Fetzen der Kunſt und Schönheit hindurchlügt, und dem vielleicht die Engel im Himmel einen Platz verſagen, wie ihm die Prieſter auf Erden ein Grab verſagen!*) 1*) Nachdem Eckhof lange Zeit in den größten Städten Deutſch⸗ lands mit der Schönemann ſchen Geſellſchaft geſpielt und in Deutſch⸗ land den Sinn und die Liebe für das deutſche Theater überall er⸗ weckt hatte, übernahm er ein eigenes Theater in Gotha, dem er bis zu ſeinem Tode 1778(er war geboren 1720) als Director und darſtellender Künſtler angehörte. Eckhof hatte das doppelte Verdienſt, zuerſt der deutſchen Schauſpielkunſt Bedeutung, Anſehen und Werth, und dem deutſchen Schauſpieler auch als Menſchen Achtung un Anerkennung verſchafft zu haben. 8 ——————— — 147— XII. Trenck's erſte Flucht. Heute alſo, heute iſt der Tag ſeiner Befreiung! ſagte Prinzeſſin Amalie zu ihrer Vertrauten, dem Fräulein von Haak. Heute, nach fünfmonatlicher Qual, wird er frei ſein, wird er ſich das Leben, die Freiheit und das Glück wieder erobern. Und ich werde es ſein, der er das Alles zu danken hat. Oh, wohl mir, wohl mir, daß Gott mir die Kraft gab, zu leben, und alle dieſe Qualen zu überdauern, wohl mir, daß ich ihn erretten kann. Denn nicht wahr, Du zweifelſt nicht, daß unſer Werk gelingen wird? Nein, ich zweifle nicht, ſagte Erneſtine von Haak mit einem glücklichen Lächeln. Der Plan wird und muß gelingen! Laß uns noch einmal Alles überlegen, und ſei's auch nur, um die Zeit, welche heute mit ſo bleiernen Schritten weiter kriecht, ein wenig mit unſern Gedan⸗ ken zu beflügeln. Wenn der Platzmajor von Doo heute in der Frühe, wie er das an jedem Sonntag zu thun pflegt, in Trenck's Gefängniß tritt, um es in allen Winkeln zu durchſuchen und nachzuſpüren, ob der gefangene Edelhirſch nicht irgendwo ſich eine Gaſſe zur Freiheit geöffnet habe, ſo wird Trenck über ihn herfallen, ihm den Degen entreißen und an ihm vor⸗ über aus dem Gefängniß ſpringen. Vor der Thür wird er den Soldaten Nicolai, unſern Vertrauten, finden; ſtatt ihn aufzuhalten, wird dieſer ſich den An⸗ ſchein geben, ihn nicht zu ſehen, und ſo wird Trenck . 10s Sibttt — 148— weiter eilen, ſo wird er die Palliſaden überſpringen und jenſeits derſelben das Pferd beſteigen, welches wir da bereit geſtellt. Gedeckt von dem Militairmantel, den man ihm überwerfen wird, in gutem Geleit der geladenen Piſtolen, die er in den Halftern ſeines Sat⸗ tels findet, wird er auf Windesflügeln der böhmiſchen Grenze zueilen. Unfern von dort, bei dem Dorfe Lönnſchütz, ſteht ein anderes Pferd bereit, er wird ſich hinaufſchwingen und weiter eilen, immer weiter, bis er die Grenze überſchritten hat, bis er frei iſt! Oh, mein Gott, Erneſtine, mir ſcheint das Alles ſo ſicher, ſo leicht und ſo gewiß, daß ich gar nicht an die Mög⸗ lichkeit des Mißlingens glauben kann. Auch ich glaube nicht daran, ſagte das Hoffräulein. Der Plan iſt gut angelegt und wird wirkſam unter⸗ ſtützt, er wird gelingen. 3 Vorausgeſetzt, daß er die Pferde bereit findet und den Ort nicht verfehlt, wo ſie ſtehen. Mein Verlobter wird ihm, wenn er die Wache bei ihm hat, ein Zettelchen zuſtecken, auf dem die Orte genau angegeben ſind, und daß er die Pferde dort findet, dafür bürgt Schnell's Treue. Der einzige Zweifel iſt nur, ob es Trenck gelingen wird, die Hin⸗ derniſſe in der Feſtung ganz allein zu überwinden, denn Euere Königliche Hoheit haben nicht gewollt, daß wir ihm unter den Soldaten Mitſchuldige und Ver⸗ traute anwerben ſollten. Nein, ſagte Amalie ſtolz, ich will Trenck befreien, aber ich will nicht die Soldaten meines Bruders ihrer Pflicht abwendig machen. Das Erſte zu thun, iſt mein Recht und meine Pflicht, denn ich liebe Trenck; thäte ich das Zweite, ſo wäre ich eine Hochverrätherin ge⸗ gen meinen König, und das könnte ſelbſt die Liebe nicht entſchuldigen. Nur durch mich und durch ſich — — 149— ſelber ſoll Trenck befreit werden. Unſere einzigen Bundesgenoſſen ſollen mein Geld und ſeine eigene Kraft ſein! Oh, er iſt ſtark wie ein Rieſe, und tapfer wie ein ächter Held! Er wird ſich hindurchſchlagen durch alle ſeine Feinde, gleich dem Briareos, wird er hundert Arme haben, und ſeine Feinde werden vor ihm niederfallen, wie das Korn vor der Senſe des Schnitters. Kann er ſie nicht Alle tödten mit ſeinem Schwert, ſo wird er fie tödten mit ſeinen Blicken, denn in ſeinen Augen wohnt eine himmliſche Kraft, es ſind Sonnenſtrahlen darin und feurige Blitze. Und ſchreibt Dir nicht außerdem Dein Verlobter, daß alle Officiere auf der Citadelle ihn lieben, daß alle Soldaten ihn beklagen? Nun denn, wir haben alſo nicht nöthig gehabt, ſie mit elendem Geld zu beſtechen, Trenck hat ſie beſtochen mit ſeiner ſtolzen Iugend⸗ ſchönheit, ſeinem Unglück und ſeiner Liebenswürdigkeit. Niemand wird ſich ihm alſo entgegenſtellen, Niemand wird ihn zurückzuhalten ſuchen. Gebe Gott, daß Euere Königliche Hoheit richtig propbezeihen! ſagte das Hoffräulein. Gebe Gott, daß dieſe vier Tage, welche wir noch zu warten haben, bis wir die Nachricht ſeiner Befreiung erhalten, glücklich überwunden ſind, rief Prinzeſſin Amalie. An ſeiner Befreiung zweifle ich gar nicht, nur daran, daß ich dieſe vier Tage des Harrens überleben werde. Die Ungeduld wird mich tödten! Ich habe Kraft gehabt, dem Unglück zu wider⸗ ſtehen, aber ich fühle, daß ſchon die Erwartung des Glückes mich bis zum Tode ermattet. Oh, mein Gott, gieb nur, daß ich nicht ſterbe, bevor ich nicht weiß, daß er wieder frei iſt! Man ſtirbt nicht mit ſo rothen Wangen und glänzenden Augen, wie Euere Königliche Hoh — 150— heute haben, lächelte Fräulein von Haak. Ich habe oft im Geheimen gebangt, weil Sie immer bleicher und immer zarter wurden, weil der Gram an Ihnen zehrte, wie der Wurm an der Roſe, jetzt aber bange ich nicht mehr, denn Sie ſind geneſen, ſeit Sie wie⸗ der hoffen! Und was dieſe vier Tage anbetrifft, welche wir noch zu warten haben, ſo werden wir ſie tödten mit heiterm Lachen, mit Feſten und Tänzen. Iſt nicht heute Ball bei der Königin, morgen Maskerade im Opernſaal? Nun, Euere Königliche Hoheit haben ſeit fünf Monaten an dieſen Feſten nur Theil genom⸗ men, weil Sie mußten, jetzt werden Sie es thun, weil Sie wollen, Sie werden nicht mehr tanzen, weil der König es befohlen hat, ſondern weil Sie jung und heiter ſind, und wieder dem Glücke vertrauen. Sie werden alſo viel tanzen, und Sich in dieſen zwei Tagen ſo ſehr ermüden, daß Sie das Glück haben werden, den dritten Tag ſehr viel zu ſchlafen. So wird der vierte Tag kommen und mit roſigem Finger Ihre müden Augen öffnen, und Ihnen zuflüſtern, daß Trenck frei iſt, und daß Sie es ſind, welche ihn be⸗ freit haben. Ja, laß uns heiter ſein, rief Prinzeſſin Amalie, laß uns lachen und tanzen. Oh, mein Bruder ſoll mit mir zufrieden ſein. Er wird nicht mehr nöthig haben, mich ſo finſter und drohend anzuſehen, ich werde lachen und tanzen, ich werde mich ſchmücken und alle Damen überſtrahlen mit meinem Putz und meinen glänzenden Augen. Komm, Erneſtine, komm! Wir wollen meine Toilette für dieſen Abend ordnen. Oh, es ſoll eine prachtvolle Toilette ſein, ich will Blumen in meinem Haar, Blumen an meinem Buſen tragen, keine Perlen, denn das bedeutet Thränen, und ich will nicht mehr weinen! — 151— Fröhlich wie ein Kind hüpfte ſie durch das Zim⸗ mer und zog ihre Freundin mit ſich fort in das Toi⸗ lettenzimmer, und fröhlich blieb ſie während dieſer drei folgenden Tage der Erwartung; fröhlich ſchlief ſie am Abend des dritten Tages ein, um im Traum ihren Geliebten zu ſehen, wie er zu ihren Füßen kniete und ihr dankte für ſeine Befreiung, und ihr ewige Liebe ſchwur. So kam der vierte Tag, und Amalie begrüßte ihn mit freudiger Zuverſicht, gar nicht zweifelnd, daß er ihr gute Botſchaft bringen werde. Aber die Stunden vergingen und das Fräulein von Haak kam immer noch nicht! Amalie hatte ihr geſagt: morgen will ich Sie nicht eher wiederſehen, als bis Sie mir eine Freudenbotſchaft zu bringen haben. In der Frühe ſchon wird dieſe anlangen, und Sie ſollen mit derſel⸗ ben in mein Zimmer flattern, wie die Taube mit dem Oelblatt. Und Fräulein von Haak kam immer noch nicht! Doch da öffnete ſich die Thür, da iſt ſie, aber ihr Geſicht iſt bleich, ihre Augen ſind verweint, und neben ihr dieſe blaſſe Frau in den ſchwarzen Trauerkleidern, mit dem ſchönen edlen Angeſicht, das Amalien mit ſo wunderbaren, köſtlichen Erinnerungen entgegenleuchtet, wer iſt das? Was will ſie hier? Warum eilt ſie mit überſtrömenden Augen zu der Prinzeſſin hin, warum beugt ſie vor ihr das Knie, und hebt flehend ihre Hände zu ihr empor, und flüſtert: Erbarmen, Prinzeſſin, Erbarmen! Prinzeſſin Amalie, bleich und zitternd, erhebt ſich von ihrem Sitz und ſtarrt mit weitaufgeriſſenen, thrä⸗ nenloſen Augen zu der Knieenden nieder und fragt leiſe, mit vor Entſetzen gelähmter Zunge: Wer ſind Sie? Was wollen Sie von mir? 5 — 152— Und die bleiche Frau zu ihren Füßen ruft mit ſchneidendem Wehelaut: Ich bin die Mutter des unglücklichen Friedrich von Trenck, und ich bin ge⸗ kommen, Euere königliche Hoheit um Mitleid anzu⸗ flehen. Mein Sohn wollte entfliehen, aber Gott war ſeinem Unternehmen nicht günſtig. Nachdem er alle Hinderniſſe überwunden, nachdem er ſchon die Frei⸗ heit, die Rettung dort jenſeits der Palliſaden vor ſich ſah, klammerte ſich das Unheil noch an ſeinen Fuß und hielt ihn feſt, bis ſeine Verfolger ihn erreichten und mit ihren Schwertern über ihn herfielen, und ihn verwundet, blutend, ohnmächtig vor Wuth und Schmerz, in ſeinen Kerker zurückführten!*) Ein Schrei des Entſetzens tönte von Amaliens Lippen, dann ſank ſie bleich, athemlos, kaum ihrer Sinne mächtig, auf ihren Sitz zurück. Fräulein von Haak eilte zu ihr hin, um ſie ſanft in ihre Arme zu nehmen, um ihr unter Thränen Worte des Troſtes, der Theilnahme und der Hoffnung in's Ohr zu flüſtern. Aber Amalie hörte nicht auf ſie; ſie blickte ſtarr her⸗ nieder auf die blaſſe, weinende Frau, die immer noch vor ihr kniete, und immer noch die Hände flehend zu ihr emporhob. Haben Sie Erbarmen, Prinzeſſin, Erbarmen! ſagte ſie. Sie allein können mir beiſtehen, Sie allein kön⸗ nen mir zur Rettung meines unglücklichen Sohnes behülflich ſein. Deshalb komme ich zu Ihnen, des⸗ halb habe ich Fräulein von Haak ſo lange mit Thrä⸗ nen und Bitten beſchworen, bis ſie mich zu Ihnen führte, bis ſie, aller Etiquette und allem Ceremoniell zum Trotz, mir erlaubte, Ihre Knie zu umklammern *) Trenck's Memoiren. Bd. I. S. 80. —————— — 153— und zu Ihnen zu ſagen: helfen Sie mir, weil Sie ein Engel der Güte und des Erbarmens ſind, helfen Sie einer unglücklichen Mutter, welche ihren Sohn erretten will! „ Und Sie ſagen, daß ich das kann? fragte Amalie athemlos. Sie allein, Königliche Hoheit, haben das Mittel in Händen, meinen Sohn vom Tode zu erretten! Nennen Sie mir das Mittel, Gräfin, und müßte ich es mit meinem Herzblut erkaufen, ich werde es thun! Führen Sie mich zum König, Prinzeſſin, das iſt Alles was ich von Ihnen erflehe. Noch weiß er nichts von dem unglücklichen Fluchtverſuch meines Sohnes. Ich ſelber alſo will es ſein, die ihm dieſe Nachricht bringt, ich ſelber will ihm geſtehen, daß ich es war, welche meinem Sohn zur Flucht behülflich geweſen, welche den Unterofficier Nicolai mit Schmeichelworten und Thränen, mit Geld und Verſprechungen beſtochen hat, daß er ſich meinem Sohn nicht widerſetzte, daß ich es war, welche das Pferd mit den geladenen Piſtolen an der äußeren Palliſade bereit hielt, daß ich meinem Sohn die tauſend Ducaten zugeſchickt, welche man bei ihm gefunden, daß ich jenen Brief geſchrieben, in welchem ihm ewige Liebe und Treue gelobt wird. Oh, der König wird einer Mutter ver⸗ zeihen, welche ihren Sohn befreien will, und deshalb kein Mittel unverſucht läßt. Ah, Sie ſind eine edle, eine großmüthige Frau, rief die Prinzeſſin mit leuchtenden Augen, Sie ſind es werth, Trenck’s Mutter zu ſein. Sie ſagen, daß ich Sie erretten ſoll, und Sie ſind gekommen, um mich zu erretten. Aber ich werde dieſes Opfer nicht annehmen, ich werde nicht feig und ſchüchtern ſchwei⸗ — 154— gen, wo Sie den Muth haben, zu reden. Möge der König denn Alles erfahren, möge er wiſſen, daß es nicht Trenck's Mutter iſt, ſondern Trenck's Geliebte, welche ihn befreien wollte, und daß dieſe Geliebte— Oh, wenn Sie ihn erretten wollen, ſo ſchweigen Sie, Prinzeſſin, der König kann Erbarmen üben, wenn es die Mutter war, die ihren Sohn befreien wollte, er wird unnachſichtig ſein, wenn es eine Andere geweſen, und wenn er dieſe Andere nicht ſtrafen kann, ſo wird er meinen Sohn doppelt ſtrafen! Oh, hören Sie auf ihre Worte, Prinzeſſin, flüſterte das weinende Hoffräulein, thun Sie, wie die Gräfin ſagt, erhalten Sie ſich dem unglücklichen Trenck, ſchützen Sie mit Ihrem Schweigen ſeine Freunde, und wir werden doch die Hoffnung bewahren können, beſſere und glücklichere Mittel zu ſeiner Flucht zu erſinnen! Nun denn, es ſei, ſagte die Prinzeſſin ſchmerzlich. Ich bringe ihm auch dieſes Opfer. Ich ſchweige. Gott allein weiß, daß ich bereitwilliger noch mein Leben, mein Herzblut für ihn hingeben würde, und daß ich das minder ſchwer finden würde, als mich und meine Liebe in Schweigen und Feigheit zu ver⸗ hüllen. Kommen Sie, ich führe Sie zum König! Aber ich ſagte Euerer Königlichen Hoheit noch nicht, daß der König in ſeinem Bibliothekzimmer iſt, und daß er ſtreng befohlen hat, Niemand vorzulaſſen. Er wird mich einlaſſen, oder vielmehr, ich werde Sie über den geheimen Corridor und durch die Wohn⸗ zimmer des Königs, nicht durch den großen Vorſaal zu ihm führen, kommen Sie! Sie faßte heftig der Gräfin Hand, und führte ſie mit ſich fort.. Deer König war allein in ſeinem Bibliothekzimmer. Er ſaß vor ſeinem mit Büchern und Papieren bedeckten —,— — ———— — 155— Tiſch, und war eifrig mit Schreiben beſchäftigt. Von Zeit zu Zeit hielt er inne und blickte nachdenklich auf das Geſchriebene nieder. Der Anfang wäre alſo ge⸗ macht, ſagte er leiſe, der Anfang zu einem neuen Werk, das hoffentlich eine ebenſo gute Schlacht auf dem Felde der Wiſſenſchaft werden ſoll, wie ich deren einige auf anderm Felde mit dem Degen gewonnen habe. Ich bin mir bewußt, was ich will, und kenne genau meine Aufgabe, und wahrlich, es iſt eine ſchöne und lohnende Aufgabe, welche ich mir da geſtellt habe. Ich will die„Geſchichte meiner Zeit“ ſchreiben, nicht in Form von Memoiren und nicht als Kom⸗ mentar, ſondern als freies, ſelbſtſtändiges, unparteiiſches Geſchichtswerk. Ich will darin den Umſturz von Eu⸗ ropa im Großen ſchildern, und mich bemühen, die Lächerlichkeiten und Thorheiten, die in dem Benehmen ſeiner Herrſcher ſichtbar ſind, zu zeichnen.*) Nun, meine ehrenwerthen Collegen, die Könige und Für⸗ ſten haben mir da ſehr reichliches Material zu einem komiſchen Narrenbilde geliefert. Ich wünſchte mir den Pinſel eines Höllenbreughel und die Feder eines Thucydides zu meinem Werk, damit es das erreiche, was ich von ihm fordern will. Ach, ach, der Ruhm iſt eine ſo pikante Speiſe, daß man, je mehr man da⸗ von genießt, immer durſtiger wird nach neuem Genuß. Warum laſſe ich es mir nicht genügen, daß man mich einen guten Feldherrn nennt, warum gelüſtet es mich, auch ein wenig auf dem Capitol gekrönt zu werden? Nun, Se. Heiligkeit der Papſt wird es jedenfalls nicht ſein, der mich krönt oder zu dem Rang eines Heiligen erhebt, und wahrlich, ich trage nach ſolchem Titel auch *) Des Königs eigene Worte. Oeuvres posthumes: Cor- respondance avec Voltaire. — 156— kein Gelüſte. Ich bin es zufrieden, wenn mich die Nachwelt einſt einen guten Fürſten, einen tapfern Soldaten, einen guten Geſetzgeber nennt, und es mir verzeiht, daß ich zuweilen auch ſtatt des Schlachtroſſes den Pegaſus ein wenig herumgetummelt habe! Mit einem heitern Lächeln nahm der König die Feder zur Hand, und begann wieder zu ſchreiben. Hinter dem König öffnete ſich jetzt leiſe die nach ſeinem Wohnzimmer führende Thür, und Prinzeſſin Amalie ſchaute forſchend und mit bleichem, traurigem Antlitz herein. Als ſie ſah, daß der König immerfort ſchrieb, klopfte ſie leiſe an die geöffnete Thür. Der König wandte ſich haſtig und mit gerunzelter Stirn um. Habe ich nicht geſagt, daß ich allein ſein will? fragte er unwillig; als er aber ſeine Schweſter gewahrte, ſtand er auf, und ein angſtvoller Ausdruck ſprach aus ſeinen Zügen. Ah, meine Schweſter, ich ſehe au Deinen ſchmerz⸗ lichen Zügen, daß Du mir eine ſchlimme Nachricht zu bringen haſt, ſagte er, und dringend muß ſie geweſen ſein, da Du ſo unangemeldet bei mir eintrittſt. Mein Bruder, das Unglück hat immer das heilige Vorrecht, unangemeldet zu den Fürſten eintreten und zu Ihnen um Hülfe und Erbarmen flehen zu dürfen, ſagte die Prinzeſſin. Ich nehme dieſes heilige Vor⸗ recht auch für die unglückliche Dame in Anſpruch, welche mich um Fürſprache bei meinem erhabenen Bruder gebeten hat. Sire, wollen Sie die Gnade haben, ihr eine Audienz zu gewähren? Wer iſt ſie? fragte der König verdrießlich. Sire, es iſt die Gräfin Loſtange, ſagte Amalie kaum hörbar. 3 Die Mutter des rebelliſchen Lieutenants von Trenck! rief der König mit faſt drohendem Ton, und ein zor⸗ 8* —,— niger Blitz ſeines Auges traf das bleiche Antlitz ſeiner Schweſter. Ja, die Mutter des unglücklichen Lieutenants von Trenck iſt es, welche es wagt, Euerer Majeſtät Gnade anzuflehen, rief die Gräfin, an der Thür auf ihre Knie niederſinkend. Der König trat einen Schritt zurück und ſein Ge⸗ ſicht ward noch finſterer. In der That, Sie haben eine ſeltſame Art, ſich eine Audienz zu verſchaffen, ſagte er, Sie erobern ſie ſich, und machen die Prin⸗ zeſſin, wie es ſcheint, zu Ihrem Herold! Sire, ich habe die Diener vergeblich um Einlaß gefleht, ſie verweigerten es mir. Da, in der Angſt meines Herzens, wandte ich mich an die Prinzeſſin, welche großmüthig genug war, für mich dem Zorn ihres erhabenen, königlichen Bruders zu trotzen. Und war denn das, was ſie mir zu ſagen hatten, ſo dringend? Sire, ſeit fünf Monaten ſchmachtet mein Sohn im Kerker, und Euere Majeſtät fragen, ob es dringend war, daß ſeine Mutter zu Ihnen kam? Mein Sohn hat den Zorn Euerer Majeſtät erregt, und ich weiß nicht weshalb, er iſt ein Gefangener und ich kenne ſein Verbrechen nicht. Oh, üben Euere Majeſtät Gnade, laſſen Sie mich das Verbrechen meines Soh⸗ nes kennen, damit ich es zu ſühnen trachte! 3 Ah, Madame, eine Mutter iſt nicht verantwortlich für die Verbrechen ihres Sohnes, eine Frau kann nicht ſühnen, was ein Mann verſchuldete. Ueberlaſſen Sie daher Ihren Sohn ſeinem Schickſal, das ſich viel⸗ leicht noch eines Tages für ihn aufklären und lichten kann, wenn er klug und beſonnen iſt und die War⸗ nung verſteht, mit welcher es jetzt an ſein lichtſcheues Herz geklopft haitt. 8 ——— **⁴ Des Königs Blick ſtreifte bei dieſen Worten das Antlitz der Prinzeſſin, als ſei dieſe Warnung zugleich an ſie ſelber gerichtet geweſen. Ach, Euere Majeſtät wollen einem armen Mutter⸗ herzen alſo Hoffnung gewähren? fragte die Gräfin. Dieſe unglückſelige Gefangenſchaft meines armen Soh⸗ nes wird alſo vorüber gehen, Euere Majeſtät werden ihm eines Tages Verzeihung gewähren für dieſes Verbrechen, das ich nicht kenne und das Euere Ma⸗ jeſtät nicht die Gnade haben, mir zu nennen? Wollen Sie es wiſſen, Madame? fragte der König ſtrenge. Er hat eine unvorſichtige und verrätheriſche Correſpondenz geführt, und wenn ich ihn vor ein Kriegsgericht ſtellte, würde es ihn als einen Hochver⸗ räther ſtrafen. Aber, in Anbetracht ſeiner Jugend, ſeines Leichtſinns und einiger nur mir bekannter Mil⸗ derungsgründe, werde ich ſchonend mit ihm verfahren. Möge Ihnen dieſe Verſicherung genügen, Madame: in einem Jahre wird Ihr Sohn frei ſein*), und wenn ihn die Einſamkeit zum Nachdenken über ſich ſelber und zur Erkenntniß ſeines Verbrechens gebracht hat, wenn er ſich beſſert und alle ſeine Thorheiten aufgiebt, werde ich ihm wieder ein gnädiger König ſein. Schreiben Sie das Ihrem Sohn, und ſomit Gott befohlen! Oh Sire, Sie kennen noch nicht Alles, um was ich Euerer Majeſtät Gnade zu erbitten habe. Ich habe noch ein Bekenntniß zu machen, und— Ein leiſes Klopfen an der nach dem Vorſaal füh⸗ renden Thür unterbrach ſie, und eine Stimme von außen rief: Sire, ein Courier mit wichtigen Depeſchen aus Schleſien!. *) Treucks Memoiren. Th. I. S. 82. — 159— Treten Sie in mein Wohnzimmer zurück und warten Sie dort, ſagte der König, indem er der Prin⸗ zeſſin winkte. Die beiden Damen entfernten ſich. Depeſchen aus Schleſien, flüſterte die Gräfin. Der König wird jetzt Alles erfahren, fürchte ich. Möge er es, ſagte Prinzeſſin Amalie faſt trotzig, wir ſind hier, um ihn zu retten, und wir werden es thun! Eine kurze Zeit verging, dann ward die Thür heftig aufgeriſſen und der König, bleich und mit zorn⸗ blitzenden Augen, erſchien auf der Schwelle. Madame, ſagte er, auf die Papiere deutend, welche er in Händen hielt, aus dieſen Depeſchen habe ich er⸗ fahren, was Sie ohne Zweifel mir zu ſagen kamen. Ihr Sohn hat wie ein feiger Verbrecher, ein ſchuld⸗ belaſteter Uebelthäter, ſeinem Gefängniß zu entſpringen geſucht. Er hat dabei Soldaten getödtet und ver⸗ wundet, er hat den Feſtungs⸗Commandanten entwaff⸗ net, und in der Frechheit und dem Wahnſinn ſeiner feigherzigen Angſt hat er mitten am hellen Tage über die Palliſaden entſpringen wollen. Ah, Madame, man muß ſich ſehr ſchuldig fühlen, um ſolche ver⸗ wegene Flucht zu wagen, und ſehr verbrecheriſche Complicen muß er gehabt haben, die ihm ſolchen Rath ertheilen konnten. Denn er hatte Complicen, er hatte Mitſchuldige, welche die Schildwache vor ſeiner Thür beſtachen, welche heimlich ihm Geld zuſteckten, welche Pferde zu ſeiner Flucht bereit hielten. Wehe ihnen, wenn ich jemals ihre Namen erfahre, wenn ich dieſe Verbrecher kennen lerne, welche meine Soldaten und Officiere zu verrätheriſchem Treubruch ihres Eides verleiteten. Ich, Majeſtät, ich war dieſe Verbrecherin, ſagte die Gräfin. Eine Mutter darf es wohl wagen, um — 160— jeden Preis die Freiheit ihres Sohnes zu begehren, und jede Waffe iſt ihr recht, wenn ſie ihn damit ver⸗ theidigen kann. Ich habe die Soldaten beſtochen, die Pferde bereit geſtellt und meinem Sohn Geld geſandt, ich wollte meinen Sohn befreien! Und Sie haben ihn doch nur in tieferes und hoff⸗ nungsloſeres Elend gebracht! Denn jetzt, Madame, jetzt giebt es keine Gnade mehr. Der Ausreißer und Deſerteur hat die Gnade ſeines Königs verwirkt, er iſt der Schande, dem Elend und der ewigen Gefan⸗ genſchaft verfallen. Das iſt mein letztes Wort! Hof⸗ fen Sie nicht mehr auf Gnade. Nach den Kriegsge⸗ ſetzen iſt der Deſerteur dem Tode verfallen, ich will ihm das Leben ſchenken, aber ich kann ihm die Frei⸗ heit nicht geben, denn ich weiß jetzt, daß er ſie miß⸗ brauchen würde. Leben Sie wohl! 3 3 Gnade! Gnadel flehte die Gräfin. Erbarmen Sie ſich meines Sohnes, Sire, er iſt ſo jung, er hat noch ein ſo langes Leben vor ſich. Ein Leben der Reue und der Buße, ſagte der Kö⸗ nig ſtrenge. Ich werde ihm kein anderes bewilligen! Gehen Sie!— Er wandte ſich um, und war im Begriff in ſein Studirzimmer zurückzukehren. Eine Hand legte ſich auf ſeine Schulter, und als er ſich umwandte, ſah er hinter ſich das bleiche Antlitz ſeiner Schweſter. Mein Bruder, ſagte die Prinzeſſin mit feſter Stimme, erlauben Sie mir, Sie einen Augenblick allein zu ſprechen. Gehen Sie voran, ich folge Ihnen. Er lag etwas Stolzes, faſt Gebieteriſches in ihrem ganzen Weſen; ſie hatte einen feſten heldenmüthigen Entſchluß gefaßt, das ſagten ihre ſtolzen feſten Mienen, das leuchtete von ihrer klaren, ernſten Stirn. Sie war nicht mehr das junge Mädchen, welches ſchüchtern — 161— und mit gefaltenen Händen um ihre Liebe weint, ſie war das heldenkühne Weib, welches ihre Liebe ver⸗ theidigen oder mit ihr ſterben will.— Der König las das in ihrem Angeſicht, er erkannte das an ihrer königlichen Haltung, und mit der Ehrfurcht und An⸗ erkennung, welche große Seelen immer für das Unglück. empfinden, neigte er ſich vor dieſer Frau, zu der er in ſympathetiſchem Mitleid ſich hingezogen fühlte. Kommen Sie, meine Schweſter, ſagte er, ihr die Hand darreichend. Aber Amalie nahm dieſe Hand nicht an, ſie ſchritt neben ihm her in das Bibliothekzimmer und ſchloß langſam und leiſe die Thür hinter ſich. Dann lehnte ſie ſich einen Moment, wie um Kraft zu ſammeln, an die Wand, während der König haſtig, das Zimmer durchſchreitend, ſich an das Fenſter ſtellte und ſeine heiße Stirn an den Scheiben kühlte. Als er hinter ſich das Rauſchen ihres Gewandes hörte, wandte er ſich um und ging der Prinzeſſin entgegen. Sie blickte ihn mit großen, kalten, thränenloſen Augen an. Genügt es, wenn ich verſpreche, ihn niemals wie⸗ der zu ſehen? fragte ſie. Das Verſprechen iſt überflüſſig, denn ich werde ein Wiederſehen unmöglich zu machen wiſſen. Sie nickte langſam mit dem Kopf, als habe ſie dieſe Antwort erwartet. Genügt es, wenn ich ſchwöre, niemals wieder an ihn zu ſchreiben, ihm kein Zeichen meiner Liebe mehr zu geben? 3 Ich würde dieſem Schwur nicht glauben, und wenn ich ihm die Freiheit gebe, wird er Sie und ihre Fa⸗ milie compromittiren, indem er ſich einer Liebe rühmt, welche nur den Verhältniſſen und der Nothwendigkeit, nicht aber der Vernunft und dem Ueberdruß gewichen Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. III. 11 — 162— iſt. Ich will Ihnen in dieſer Stunde keine Vorwürfe machen, denn ich denke, Ihr Gewiſſen thut das ohne mich. Aber ich ſage Ihnen nur dies: ich werde ihn nicht frei geben, ſo lange er noch an Ihre Liebe glau⸗ ben darf! Werden Sie ihn frei geben, wenn ich ihm den Glauben an mich raube? Wenn ich ihm die gelobte Treue wie ein zerfetztes Stück Papier in's Antlitz ſchleudere? Wenn ich ihm ſage, daß die Furcht und die Feigheit meine Liebe ausgelöſcht hat, und daß ich ihm für immer Lebewohl ſage? Schreiben Sie ihm das, und ich verſpreche Ihnen, daß er in einigen Monaten frei ſein ſoll, aber, ver⸗ ſtehen Sie mich wohl, frei, um zu gehen, wohin er will, außer nach Berlin, frei, aber aus meinem König⸗ reich verbannt.. 3 Soll ich hier ſchreiben? fragte ſie mit einem völlig gleichgültigen Geſicht und mit eiſeskalter Ruhe. Schreiben Sie. Sie finden auf meinem Schreib⸗ tiſch Alles, was Sie bedürfen. Sie ging ganz gelaſſen zu dem Schreibtiſch und ſetzte ſich. Als ſie zu ſchreiben begann, überdeckte eine Leichenbläſſe ihr Antlitz und ihr Athem ging keuchend und ſtöhnend aus ihrer Bruſt hervor. Deer König ſtand unfern von ihr und betrachtete ſie mit tief traurigen Blicken. Sind Sie ſchon fertig? fragte er, als ſie das Paier⸗ auf welchem ſie eben geſchrieben, bei Seite ob. Nein, ſagte ſie ruhig, es war nur eine Thräne auf jenes Papier gefallen. Ich muß alſo von Neuem beginnen. Und ſie nahm ganz gelaſſen ein anderes Blatt Papier und begann wieder zu ſchreiben. Der König — 163— wandte ſich ſeufzend ab, er fühlte, daß, wenn er län⸗ ger noch dieſes bleiche, reſignirte, todesmuthige Antlitz anſchauete, er ſeiner Vernunft, ſeiner Pflicht zum Trotz, ſie begnadigen und ihr ihren Geliebten zurückgeben „ würde. Er trat wieder an's Fenſter und ſchaute gedanken⸗ voll zum Himmel empor. Iſt es möglich, kann es ſein? fragte er ſich ſelber. Darf ich meiner Pflichten als König, als Haupt meiner Familie vergeſſen und mich nur erinnern, daß ſie meine Schweſter iſt, und daß ſie leidet und weint? Müſſen wir denn Alle dieſe eitle Größe und dieſen Flittertand irdiſcher Herr⸗ lichkeit mit unſerm wärmſten Herzblut und unſern ſchönſten Hoffnungen bezahlen? Und wenn ich ſie jetzt 4 ihres geträumten Glückes beraube, was habe ich ihr dafür zu bieten? Womit kann ich ihr ihre Hoffnun⸗ gen, ihre Liebe, ihr Jugendglück erſetzen? Höchſtens . mit ein wenig irdiſchem Glanz, mit einem Purpur und einer Krone, und endlich vielleicht mit meiner Liebe. Ja, ich will ſie lieben, treu und innig, ſie ſoll dem Bruder verzeihen müſſen, daß der König ihr nicht verzeihen kann. Sie— Ich bin zu Ende, ſagte hinter ihm die traurige ſanſte Stimme ſeiner Schweſter. Der König wandte ſich um. Amalie ſtand an dem Schreibtiſch, das be⸗ ſchriebene Papier in der einen Hand haltend, während ſie ſich mit der andern Hand auf den Tiſch ſtützte. Leſen Sie, ſagle der König, ſich ihr nähernd und ſich ihr gegenüberſtellend. Die Prinzeſſin neigte leiſe ihr Haupt und las: „Ich beklage Sie, aber Ihr Mißgeſchick iſt unab⸗ änderlich, und ich darf und will nicht verſuchen es zu lindern, denn ich würde fürchten, mich ſelber zu com⸗ promittiren. Dies iſt daher mein letzter Brief, ich 11* darf nichts weiter mehr für Sie wagen. Suchen Sie nicht mir zu ſchreiben, denn ich würde Ihre Briefe uneröffnet zurückſchicken. Unſere Trennung muß für ewig ſein, aber ich werde Ihnen immer gewogen bleiben, und wenn ich Ihnen ſpäter nützlich ſein kann, ſo werde ich es gern thun. Leben Sie wohl, unglücklicher Freund, Sie verdienen ein beſſeres Schickſal.“*) Das iſt Alles? fragte der König, als die Prin⸗ zeſſin ſchwieg. Das iſt Alles, Sire! Und Sie meinen, daß, wenn er dieſen Brief er⸗ hält, er nicht mehr an Ihre Liebe glauben wird? fragte der König mit einem traurigen Lächeln. Ich bin deſſen gewiß, denn ich ſage ihm darin, daß ich nichts mehr für ihn wagen, daß ich nicht ein⸗ mal verſuchen will, ſein Unglück zu lindern. Das thut man nur, wenn man feig und erbärmlich genug iſt, dem Unglück ſeine Liebe zu opfern. Ich werde ſeine Freiheit mit ſeiner Verachtung erkauft haben! Was würden Sie ihm denn geſchrieben haben, wenn Sie Ihrem Herzen folgen dürften? fragte der König. Ein roſiger Schimmer flog über ihr Antlitz hin und in ihren Augen blitzte ein heller Liebesſtrahl. Ich würde ihm geſchrieben haben: Hoffen Sie auf mich, glauben Sie an mich. Denn hinfort hat mein Leben nur noch dieſes Eine Ziel: Sie zu befreien. Möge ich ſterben, wenn ich das erreicht habe, aber ſterben in dem freundigen Bewußtſein, Sie errettet zu haben und meiner Liebe tren geweſen zu ſein! *) Friedrich von Trenck's Memoiren. Th. I. S. 86. — 165— Das würden Sie ihm geſchrieben haben? Das würde ich ihm geſchrieben haben, ſagte ſie ganz ſtolz und freudig. Und an der Wahrheit jenes Briefes würde er nicht gezweifelt haben. Oh Frauenherz, unerſchöpflicher Quell der Liebe und Hingebung, murmelte der König, indem er ſich abwandte, um ſeiner Schweſter ſeine Rührung zu ver⸗ bergen. Genügt dieſer Brief? fragte die Prinzeſſin. Wer⸗ den Sie Trenck jetzt frei geben? Ich habe es Ihnen verſprochen und ich werde Wort halten. Falten Sie den Brief zuſammen und adreſſiren Sie ihn. Ich werde ihn dann heute ſogleich befördern. Und wann wird er frei ſein? fragte Amalie, in⸗ dem ſie that, wie ihr der König geheißen hatte. Ich darf ihn nicht ſofort entlaſſen, denn das würde ein ſchlimmes Beiſpiel für meine Officiere ſein. Er hat gewagt, entfliehen zu wollen, er muß dafür ſeine Strafe erleiden. In drei Monaten aber ſoll er frei ſein. In drei Monaten alſo. Hier iſt der Brief, Sire. Der König nahm den Brief und ſteckte ihn in ſei⸗ nen Buſen. Und jetzt, meine Schweſter, jetzt komm' an mein Herz, ſagte er, ihr die Arme entgegenſtreckend. Der König hat Dir gezürnt, der Bruder will mit Dir weinen. Komm, Amalie, komm an ein treues Bruderherz! Aber Amalie warf ſich nicht in ſeine geöffneten Arme, ſie blieb ruhig ſtehen und ſchien ſeine Worte gar nicht gehört, nicht verſtanden zu haben. Ich bitte Euere Majeſtät, mich jetzt zu entlaſſen, ſagte ſie. Unſer Geſchäft iſt beendet, und ich denke, wir haben nichts mehr miteinander zu thun! — 166— Der König ließ ſeine Arme ſinken und ſeufzte ſchmerzlich. Oh, meine Schweſter, ſagte er traurig, bedenke was Du thuſt, laß Dein Herz ſich nicht ver⸗ härten, wende es nicht von mir. Glaube mir, ich leide mit Dir, und wenn es nur darauf ankäme, Dir meine perſönlichen Vorurtheile, meine perſönlichen Wünſche zu opfern, ſo würde ich es mit Freuden thun. Aber ich muß meinen Ahnen, der Geſchichte meines Hauſes, den Vorurtheilen der Welt Rechnung tragen. Amalie, ich darf, ich kann nicht anders han⸗ deln, vergieb es mir, meine Schweſter. Undd jetzt noch einmal, Amalie, laß uns in Liebe zu einander halten, komm in Deines Bruders Arme! Er trat dicht zu ihr heran, und ſtreckte die Hand aus, um ſie zu ſich zu ziehen, aber die Prinzeſſin trat langſam einen Schritt zurück. Erlanben mir Euere Majeſtät, Sie daran zu er⸗ innern, daß dort in jenem Zimmer eine arme unglück⸗ liche Frau auf ein Troſteswort hofft, ſagte ſie, und daß dieſe Frau Trenck's Mutter iſt. Sie wenigſtens wird glücklich ſein, wenn ich ihr ſage, daß ihr Sohn bald frei ſein wird. Erlauben Sie mir alſo, Sire, daß ich mich beurlaube und zu ihr gehe! Sie machte dem König eine feierliche und tiefe Verbeugung und durchſchritt dann langſam das Ge⸗ mach. Der König ſuchte ſie nicht mehr zurückzuhalten. Er ſchaute ihr mit trüben, fragenden Blicken nach, immer noch hoffend, daß ſie ſich umwenden, daß ſie zu ihm zurückkehren werde. Jetzt ſtand ſie an der Thür, jetzt wandte ſie ſich um. Der König that raſch einige Schritte vorwärts. Aber Prinzeſſin Amalie machte nur eine ceremoniöſe Abſchieds⸗Verbeugung und verſchwand dann durch die Thür. 3 — 167— Verloren, ich habe ſie verloren! ſeufzte der König. Oh, mein Gott, muß mich denn Alles verlaſſen, was ich liebe? War es nicht genug, daß ich meine Freunde durch den Tod verliere, muß ich noch eine geliebte Schweſter durch dieſes harte und kalte Leben verlieren? Ach, ich bin ein armer Mann, und doch nennen ſie mich einen König! Und der König ließ ſich auf einen Stuhl nieder⸗ gleiten und ſchlug ſeine beiden Hände vor ſein An⸗ geſicht. So ſaß er eine lange Zeit und nur ſeine Seufzer unterbrachen die tiefe Stille um ihn her. Dann ließ er langſam die Hände wieder herabgleiten und ſtand auf. Arbeiten, ich will arbeiten! ſagte er, ſich ſtolz auf⸗ richtend. Das iſt immerhin ein Troſt und lehrt ver⸗ geſſen! Er ging mit haſtigen Schritten zu ſeinem Schreib⸗ tiſch hin, und ſetzte ſich, indem er mit prüfendem Blick die Akten und Papiere überſchaute, welche da aufge⸗ häuft lagen. 3 Er nahm eins dieſer Aktenſtücke zur Hand und begann zu leſen. Aber bald legte er es unwillig wie⸗ der bei Seite. Es geht nicht, ſagte er, die Buchſtaben ſchwirren mir vor den Augen. Mein Gott, wie ſchwer iſt es doch, ſeine Pflicht zu thun!. Er ſtützte das Haupt in ſeine Hand und blickte lange gedankenvoll empor. Und allmälig erheiterten ſich ſeine Züge, ein wunderbares Leuchten war in ſei⸗ nen Augen, und wie in einer Verklärung ſtrahlte ſein Angeſicht. Ja, ſagte er endlich mit einem köſtlichen Lächeln, ja, ſo ſoll es ſein! Ich habe in dieſer Stunde eine Schweſter verloren, und ich habe ſie ſehr geliebt. Nun denn, Denen, die man liebt und die uns geſtor⸗ — 168— ben ſind, pflegt man ein Denkmal zu ſetzten, ein Denk⸗ mal der Erinnerung und der Liebe. Arme, geſtorbene Schweſter, ich will Dir ein Denkmal ſetzen! Der König hat ſeine Schweſter unglücklich machen müſſen, 1 dafür ſoll der König verſuchen, ſein Land glücklich zu 1 machen, und wenn es denn kein Geſetz giebt, welches eine Prinzeſſin gegen den König anrufen kann, ſo ſoll es wenigſtens für alle meine Unterthanen Geſetze geben, die ſie ſchützen, und der Vernunft, dem Recht und dem göttlichen Gleichheitsprincip der Menſchen ent⸗ ſprechen! Ja, ich will meinem Lande ein neues Ge⸗ ſetzbuch, ich will meinem Volke ein allgemeines Land⸗ Recht geben.*) Das, Amalie, ſei das Denkmal, welches ich Dir in meinem Herzen errichte. Und jetzt gleich, in dieſer Stunde, will ich an Cocceji ſchreiben, und ihm den Auftrag geben, ein ſolches Geſetzbuch, ein ſolches allgemeines Landrecht zu entwerfen! 1 Uns indem der König ſo ſprach, nahm er haſtig di Feder und begann zu ſchreiben, und ſo ganz er⸗ füllt war er von ſeinem Gedanken, daß er halblaut, als gelte es, die Feder in ſeiner Hand mit ſeinen Worten zu beflügeln, ſich ſelber dictirte und vorſprach, was er ſchreiben wollte. „Die Richter“, ſagte er jetzt, indem er mit fliegen⸗ der Haſt weiter ſchrieb,„die Richter müſſen allen Menſchen, ohne Anſehn der Perſon, Großen und Kleinen, Reichen und Armen, gleiche und unparteiiſche Juſtiz adminiſtriren, ſo wie ſie gedenken, ſolches vor dem gerechten Richterſtuhl Gottes zu verantworten, damit die Seufzer der Wittwen und Waiſen und an⸗ derer Bedrängten nicht auf ihr und ihrer Kinder ) Rödenbeck, Tagebuch. S. 137. 2=— Haupt kommen mögen. Sie ſollen auch auf keine Reſcripte, wenn ſolche auch aus unſerm Kabinet her⸗ rühren, die geringſte Reflexion nehmen, wenn darin etwas wider die offenbaren Rechte ſub⸗ und obregirt worden, oder der ſtrenge Lauf des Rechtes dadurch gehindert und unterbrochen wird, ſondern ſie müſſen nach Pflicht und Gewiſſen weiter verfahren.“*) Der König ſchrieb immer weiter, und ſein Antlitz ſtrahlte immer freudiger, während ſeine Feder mit fliegender Eile über das Papier hinglitt. So ganz erfüllt war der König von ſeinen Ge⸗ danken, daß er gar nicht hörte, wie hinter ihm leiſe die Thür geöffnet und die Portiere zurückgehoben ward, daß er gar nicht ſah, wie das heitere und geiſtvolle Antlitz ſeines Lieblings, des Generals Rothenburg, hereinſchaute. Der König ſchrieb immerfort weiter. Rothenburg bückte ſich und ließ etwas aus ſeinen Armen auf den Fußboden niedergleiten, und indem er's that, lächelte er ganz vergnügt und heiter, und ſchaute wieder hin⸗ über zum König und dann nach dem zierlichen ſchlan⸗ ken kleinen Windſpiel hin, das er auf die Erde geſetzt, und das kein anderes war als die Biche, das verlorene und in Gefangenſchaft gerathene Lieblingshündchen des Königs.**)— *) Dieſe Worte des Königs ſtehen in dem Publicationspatent des Projectes des Codex Fridericianus Marchicus. Rödenbeck, Tagebuch. S. 154. 4 **½) Das Windſpiel, die Biche war, wie weiter oben geſagt, in der Schlacht bei Sohr in öſterreichiſche Gefangenſchaft gerathen, und vom General Nadaſti ſeiner Gemahlin als Kriegsbeute ge⸗ ſchenkt worden. Als die Generalin Nadaſti erfuhr, daß Biche das Lieblingshündchen des Königs geweſen, behielt ſie es bei ſich und wollte ſich gar nicht wieder von ihm trennen. Erſt nach mannich⸗ — 170— Einen Moment ſtand die Biche und ſchaute mit gehobener, ſchnuppernder Schnauze und klugen, fun⸗ kelnden Augen umher, dann ſprang ſie leicht und un⸗ hörbar über den Teppich hin, und mit einem Satz ſtand ſie oben auf dem Schreibtiſch vor dem König und legte ihre Vorderpfötchen um ſeinen Hals. Biche, meine treueſte Freundin, meine Biche, biſt Du wieder da, meine Biche! ſagte der König, die Feder wegwerfend und das Thierchen in ſeine Arme nehmend. Und jetzt begann die Biche zu heulen vor Ent⸗ zücken, und ſcheniegie ſich an ihren wiedergefundenen Herrn und bohrte ihr ſpitzes Köpfchen in ſeine Bruſt, und ſchaute ihn mit den ein namd Augen ſo liebevoll und zärtlich an! Und der König? Er neigte ſein Antlitz auf den Kopf ſeines treuen Hündchens nieder und zwei Phränen rannen langſam über ſeine Wangen hin.*) Meine Biche, flüſterte er leiſe, Du haſt mich alſo nicht vergeſſen? Ach, wenn die Menſchen ſo treu wären, und mich ſo liebten, wie Du es thuſt, mein treues Hündchen, wahrlich, dann wäre ich ein reicher und glücklicher König! Der General Rothenburg ſtand immer noch an der Thür und ſchaute durch die halbzurückgeſchlagene Por⸗ tiere herein. Sire, ſagte er jetzt, hat nur die Biche die grandes und petites entrées, oder ich auch? fachen Verhandlungen und mebrwaligen Aufforderungen entſchloß ſie ſich, deni übnis die Biche wiederzuſenden. Rödenbeck, Tage⸗ buch. S. *) Veich ler, Friedrich der Große. S. 350.— Rödenbeck, Tagebuch. S. 127.—. — 171— Ah, Du warſt es alſo, der mir die Biche gebracht? fragte der König, dem General näher winkend. Ich war es, Sire, aber faſt bereue ich es, denn ich ſehe es wohl, die Biche iſt eine gefährliche Rivalin und ich bin eiferſüchtig auf ſie! Der König lachte. Du biſt mein treueſter Freund, ſagte er, die Biche aber iſt meine treueſte Freundin! Ich werd's ihr nie vergeſſen, daß ſie mich hätte einſt an die Oeſterreicher verrathen können, und daß ſie nicht that, was Tauſende von Menſchen an ihrer Stelle gethan haben würden, daß ſie ihren Herrn nicht verrieth. Hätte ſie damals, als ich mit ihr mich unter die Brücke geflüchtet hatte vor den Panduren, die über die Brücke hinzogen, hätte ſie damals gebellt, ſo war ich verloren. Aber ſie that's nicht! Aus Liebe zu mir verleugnete ſie ihre Natur und ſchwieg, und ſchmiegte ſich an mich, indem ſie mit ihren hellen klugen Augen mich immerfort anſah, und mir die Hände leckte. Ach, Freund, glaube mir, die Hunde ſind viel beſſer und treuer als die Menſchen, und die ſogenannten Ebenbilder Gottes könnten ſehr viel von den Hunden lernen! XIII. Die Flucht. Zwei Monate waren ſeit dem letzten Fluchtverſuch des Lieutenants von Trenck vergangen. Zwei Monate — 172— der Qual, des verzweiflungsvollen Schmerzes, des nagenden Grames. Aber dennoch war Trenck nicht entmuthigt, nicht hoffnungslos, dennoch hatte er immer nur das Eine große Ziel vor Augen: ſich zu befreien, aus dieſem Kerker zu entfliehen, den er jetzt, wie ihm der Commandant von Fouguet geſagt hatte, lebend nicht wieder verlaſſen ſollte. Dieſem Schreckbild einer lebenslänglichen Gefangenſchaft gegenüber fühlte Trenck alle ſeine Muskeln ſich ſpannen und zuſammenziehen, fühlte er ſein Blut in feurigen Strömen durch ſeine Adern hüpfen, und mit einem ſtolzen Lächeln und mit flammenſprühenden Augen ſagte er: man iſt niemals lebenslänglich gefangen, wenn man ſich ſtark genug fühlt, frei zu ſein! Ich habe Kraft und Muth wie Atlas, die ganze Welt auf meinen Schultern zu tra⸗ gen, und ich ſollte nicht einmal dieſe Thüren und Schlöſſer ſprengen, dieſe elenden Feſtungsmauern über⸗ winden können, die mich von der Freiheit, der Welt und dem goldenen Sonnenſchein trennen? Nein, nein, noch bevor das Jahr zu Ende geht, werde ich frei ſein! Ja, frei, um zu ihr zu gehen, um ihr dieſes fürchterliche Blatt Papier zurückzugeben und ſie zu fragen, ob ſie das wirklich geſchrieben, ob dieſe kalten, gnädigen Worte wirklich aus ihrem Herzen gekommen ſind, oder ob man gewagt hat, ihre Handſchrift nachzu⸗ ahmen, um mir noch dieſen letzten Sonnenſtrahl, der mein Gefängniß durchleuchtete, zu umnachten! Um das zu wiſſen, muß ich frei ſein, denn ich glaube kei⸗ nen Schriftzügen, außer denen, die in ihrem ſchönen, holden Angeſicht ſtehen, und nur wenn ſie ſelber es mir ſagt, daß ſie mich aufgegeben, nur dann werde ich ihr glauben! Ich muß alſo frei ſein, und bis ich das nicht bin, muß ich alles Andere vergeſſen, Alles, ſelbſt dieſen fürchterlichen Brief! Meine Gedanken, — 173— meine Augen, mein Herz und meine Seele müſſen nur Ein Ziel, Einen Athemzug haben: Die Freiheit! Die Freiheit! Aber ach! Das Jahr neigte ſich zu Ende und dieſes Ziel war immer noch nicht erreicht, vielmehr ſchien es in immer weitere Ferne zu entrücken, denn von Berlin aus waren verſtärkte Vorſichtsmaßregeln befohlen worden, und der Commandant von Fouquet hatte daher die Wachen vor Trenck' Thür verdoppeln laſſen und den Ofſſicieren auf der Citadelle bei ſtren⸗ ger Arreſtſtrafe verboten, den Gefangenen in ſeiner Zelle zu beſuchen, oder irgendwie freundlich mit ihm zu verkehren. Aber die Officiere liebten dieſen jungen lebens⸗ muthigen Mann, der das graue eintönige Einerlei ihres Garniſonlebens mit ſeiner friſchen, lebensluſtigen, machtvollen Erſcheinung erheitert und durchbrochen hatte, und der mit ſeinem ſpringkräftigen Geiſt und ſeiner ſchwungvollen Phantaſie aus ihrer Langenweile und Tonloſigkeit ſie ein wenig emporgeſchnellt hatte. Sie empfanden Mitleid mit ſeiner Jugend, ſeiner Schön⸗ heit und Genialität, und ſeine energiſche Zuverſicht, ſein kühner Muth imponirte ihnen, und machte ſie neugierig und geſpannt auf den endlichen Ausgang dieſes Kampfes zwiſchen dem armen, machtloſen, gefeſſelten Jüngling und dem ſtrengen, gebietenden Feſtungs⸗Commandanten, der Trenck geſchworen hatte, daß es ihm nicht gelingen ſollte, auch nur einen Ver⸗ ſuch zur Flucht zu machen, und dem Trenck darauf mit fröhlichem Lachen erwidert hatte: Ich werde keinen Verſuch zur Flucht machen, ſondern ich werde ent⸗ fliehen, allen Wachen, allen Feſtungswällen und allen Commandanten zum Trotz. Riechen Sie denn nicht den Athem der Freiheit, der ſchon durch meinen Ker⸗ — 174— ker weht, ſehen Sie denn nicht, wie die Freiheit mit zauberhaftem Lächeln zu Häupten meines elenden Bet⸗ tes ſteht, um mich Abends mit ſüßen Liedern einzu⸗ ſingen und Morgens mit mächtigen Poſaunenklängen zu wecken? Oh, mein Herr Commandant, die Frei⸗ heit liebt mich, und bald wird ſie mich wie eine Braut in ihre Arme nehmen und von hinnen führen! Der Commandant hatte, wie geſagt, die Wachen verdoppeln laſſen, und den Officieren bei ſtrenger Strafe unterſagt, mit Trenck zu verkehren. Während ſonſt der Officier, welcher bei Trenck die Wache hatte, ungehindert zu ihm eintreten, bei ihm bleiben und mit ihm eſſen durfte, war jetzt die Thür des armen Ge⸗ fangenen für alle Officiere geſchloſſen, der Major hatte den Schlüſſel zu dieſer Thür, und durch das, in der Mitte derſelben angebrachte Fenſter wurde dem Ge⸗ fangenen ſeine Nahrung gereicht.*) Aber dieſes Fen⸗ ſter war jedenfalls groß genug, um dem wachthabenden Officier zu erlauben, durch daſſelbe ſeinen Kopf zu ſtecken und mit dem gefangenen Lieutenant von Trenck zu plaudern, und wenn der Major den Hauptſchlüſſel zu dieſer Thür hatte, ſo beſaßen die Officiere einen Nachſchlüſſel, vermöge deſſen ſie ungehindert jeden Abend zu ihrem Freunde gelangen konnten, um mit ihm einige Stunden der Ünterhaltung hinzubringen, und mit lächelndem Staunen ſeinen Freiheitsplänen, ſeinen Zukunftsträumen zuzuhören. Und nicht alle kamen zu ihm, um nur gleichgültige Dinge mit ihm zu ſprechen, um nur ſich von ihm er⸗ heitern zu laſſen und ſeines friſchen Lebensmuthes ſich zu freuen. Einige kamen auch, weil ſie ihn wahrhaft 8 *) Trencks Memoiren. Th. I. S. 91. 2— — liebten, weil ſie ihm beiſtehen wollten mit Rath und That! Einer kam auch, weil er ſeiner Geliebten, ſei⸗ ner Braut verſprochen hatte, Friedrich von Trenck zu befreien, es koſte, was es wolle. Dieſer Eine war der Lientenant von Schell, der Verlobte des Hoffräu⸗ leins der Prinzeſſin. Eines Tages war er, Dank dem Nachſchlüſſel der Officiere, ich Trenck's Zelle getreten, und hatte zu ihm geſagt: ich werde Ihnen helfen und beiſtehen bei Ihrer Befreiung,— mehr als das, ich werde mit Ihnen fliehen. Fouquet haßt mich, weil ich, wie er ſagt, für einen Officier zu gelehrt bin, und nicht bloß den Militair⸗ und Wachtdienſt, ſondern auch die Bücher und die Wiſſenſchaften liebe. Er hat mich vielfach chicanirt, und ich habe deshalb ſchon zwei Mal um meinen Abſchied gebeten. Man hat ihn mir zwei Mal verweigert und mir gedroht, mich in Feſtungs⸗ arreſt zu ſchicken, wenn ich zum dritten Male meinen Abſchied verlangen ſollte. Ich bin alſo, gleich Ihnen, nicht frei, zu thun was ich möchte, und deshalb will ich, gleich Ihnen, entfliehen. Treffen wir alſo unſere Vorkehrungen, machen wir unſere Pläne. Ja, machen wir unſere Pläne, ſagte Trenck mit freudeſtrahlendem Angeſicht, den ſo ſchnell gefundenen Freund umarmend. Oh, jetzt werden wir nnüber⸗ windlich ſein, denn wir werden wie Briareos hundert Arme und hundert Köpfe haben! Wenn zwei ſtarke, jugendkräftige Männer ihren Willen zu Einem ver⸗ einigen, dann kann nichts ihnen wiederſtehen, nichts ſie aufhalten! Machen wir alſo unſere Pläne! Und ſie hatten ihre Pläne gemacht, und dieſe Pläne waren bald reif zur Ausführung. Am letzten Tage des Jahres, wenn Lieutenant von Schell wieder die Wache bei Trenck hatte, dann ſollte es geſchehen, dann — 176— ſie ſchützen, Pferde ſollten bereit für Diejenigen, welche ſich nicht beſte man die geladenen Piſtolen bereit h . voller Trauer ſich der Tage ſeiner wo der„heilige Abend“ für ihn Buch der Verheißungen geweſen, Plötzlich ward die Thür ſeiner riſſen und der Lieutenant von Sch Bruder, wir ſind verrathen! zugeflüſtert, unſere Pläne kennt. Wir ſind v Wir werden fliehen, bevor er rief Trenck mit freudigem Lächeln. Wenn Du ſo denkſt, dann i wollten ſie entfliehen, die mondſcheinloſe Nacht ſollte ſtehen, mit Geld wollte man die Wachen zu beſtechen verſuchen, und chen ließen, wollte aalten, welche man ſchon in Trenck’s Zelle eingeſchmuggelt und dort unter der Aſche des Kamins verſteckt hatte. So unter dieſen Vorbereitungen und Plänen war der Vorabend des Weihnachtsfeſtes herangekommen, ein Tag des Feſtes für Jedermann, ſelbſt für die Officiere der Citadelle, welche heute, mit Ausnahme der Wachthabenden, beim Commandanten zu Tiſche geladen waren, ein Tag des Feſtes für Jedermann, außer für den armen Gefangenen, der da traurig und in ſich gekehrt in ſeiner Zelle ſaß und mit wehmuths⸗ Kindheit erinnerte, wie das goldene wie das glänzende und freigebige Füllhorn des Glückes und der Freude. Zelle haſtig aufge⸗ ell ſtürzte herein. ſagte er athemlos. Man hat unſere Pläne zur Flucht endeckt, der Ad⸗ B jutant des Commandanten hat mir ſo eben heimlich daß er beim Ablöſen der Wache mich arretiren ſoll. Du ſiehſt alſo, daß der Commandant erloren, wenn wir nicht einen raſchen, energiſchen Entſchluß faſſen! Dich arretiren läßt, ſt Alles gut, ſagte Schell, indem er einen Säbel unter ſeinem Rock her⸗ 1 vorzog und ihn Trenck darreichte. dieſe Waffe, daß Du, was auch ge Schwöre mir auf ſchehen möge, mich — 177— nicht lebendig willſt in die Hände meiner Feinde fallen laſſen! 4 Ich ſchwöre Dir das, ſo wahr mir Gott helfe! Schwöre Du mir ein Gleiches! Ich ſchwöre es Dir! Jetzt, mein Freund, einen letzten Händedruck, und nun vorwärts, und möge Gott uns beiſtehen. Verbirg den Säbel unter Deinem Rock, und nun komm! Laß uns eine gleichgültige Miene annehmen! Komm!* Arm in Arm traten die jungen Männer aus der Gefängnißthür. Sie ſchienen vollkommen ruhig und heiter, nur hatten ſie Jeder eine Haud in den Buſen geſteckt, und dieſe Hand hielt ein geladenes Piſtol. Die Wache ſalutirte vor dem wachthabenden Offi⸗ cier, der in voller Uniform, mit der Schärpe und dem Ringkragen, an ihr vorüberging, und im Vor⸗ beigehen ganz ruhig ſagte: Ich führe den Arreſtanten in die Officiersſtube. Bleib' hier ſtehen, wir kehren bald zurück. Mit ruhigem, langſamen Schritt gingen ſie den Corridor entlang. Jetzt ſtanden ſie vor der Officiers⸗ ſtube, jetzt hatten ſie die Thür geöffnet. Die Wache ging ruhig und nichts ahnend in ihrem gleichmäßigen Tact vor der geöffneten Zelle Trenchs auf und ab. Die Thür ſchließt ſich hinter ihnen. Der erſte Schritt zur Freiheit iſt gethan! Jetzt vorwärts, raſch hinaus dort durch jene Seiten⸗ thür, ſie führt nach außen, an dem Zeughauſe vorbei gelangt man dann an die äußerſten Außenwerke. Da überſpringen wir die Palliſaden, und wehe dem Hin⸗ derniß, das ſich uns in den Weg ſtellen will! Vor⸗ wärts! Vorwärts! Mit raſender Eile geht es vorwärts. Schon haben ſie die Außenwerke erreicht, ſchon ſcheint ſie die Frei⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. III. 12 — 178— heit mit goldenem Lächeln zu grüßen, da, bei einer Biegung des Weges, ſtehen ſie plötzlich vor dem Ma⸗ jor und ſeinem Adjutanten. Ein Ausruf des Entſetzens tönt von Schell's Lip⸗ pen, dann, mit einem kühnen Sprung, ſchwingt er ſich empor auf die Bruſtwehr, und ſtürzt ſich vom Wall hinunter. Und mit einem Jubelruf ſtürzt Trenck ſich ihm nach. Seine Seele iſt voll Entzücken und Wonne. Die Bande ſind geſprengt, und was er da unten findet, das wird entweder die Freiheit des To⸗ des oder die Freiheit des Lebens ſein! Er lebt! Er dehnt ſich und ſtreckt die Glieder nach dem gewaltigen Sprung in die Tiefe. Er iſt nicht verletzt und ſein Körper erholt ſich ſchnell von der mächtigen Erſchütterung. Wo iſt aber der Freund, wo iſt Schell? Dort, dort liegt er am Boden, mit verſtauchtem Fuß, unfähig aufzuſtehen und weiter zu gehen. Freund, gedenke Deines Schwurs und tödte mich! Ich kann nicht weiter. Hier iſt mein Schwert, ſtoße es mir in die Bruſt, und dann eile weiter, Dich zu retten! Aber Trenck lacht und nimmt ihn empor in ſeine Arme, ſo liebevoll und zärtlich wie eine Mutter, und trägt ihn über die Palliſaden. Nun ſchwing Dich auf meinen Rücken, Freund, nun lege Deine Arme um meinen Hals und klammere Dich ganz feſt an. Jetzt vorwärts, und mögen die Hirſche und das Rennthier unſere Nebenbuhler ſein! Trenck, Trenck, laß mich hier und tödte mich! Dann eile weiter! Du kannſt nicht ſchnell genug lau⸗ fen mit dieſer Laſt auf dem Rücken. Du biſt leicht wie eine Feder, und ehe ich Dich verlaſſe, ſterbe ich mit Dir! — 179— Vorwärts, vorwärts geht es in raſendem Lauf. Die Sonne geht unter. Wie ein blutigrother Ballon fällt, ihre Kugel in dieſen feuchten dichten Nebel hin⸗ ab, der ſich plötzlich auf die Erde herabſenkt. Trenck, Trenck, hörſt Du nicht, wie dort die Lärm⸗ Kanonen von der Citadelle herabdonnern? Unſere Verfolger ſind hinter uns! Ich höre die Kanonen, Freund, keuchte Trenck, immer vorwärts rennend. Wir haben alſo eine halbe Stunde vor unſern Verfolgern voraus. Eine halbe Stunde genügt nicht! Keiner iſt noch von Glatz entkommen, der nicht zwei Stunden vor ſeinen Verfolgern voraus hatte. Trenck, laß mich hier und rette Dich! Ich laſſe Dich nicht oder ich ſterbe mit Dir! Laß uns nur einen Augenblick ruhen und Athem ſchöpfen. Sanft und vorſichtig läßt er den Freund zur Erde gleiten. Schell unterdrückt ſein Schmerzenswimmern, wie Trenck ſein athemloſes Keuchen. Sie ruhen und horchen. Der weiße, feuchte Nebel ſenkt ſich immer dichter auf ſie herab, ſchon iſt es unmöglich die Cita⸗ delle und die Stadt zu erkennen. Gott iſt mit uns, ſagt Trenck, er hüllt uns in einen Schleier, um uns unſern Feinden zu verbergen. Schell ſchüttelt ſeufzend ſein Haupt. Gott iſt wi⸗ der uns, denn unſere Flucht iſt zu ſchnell verrathen, ſchon iſt der Grenz⸗Cordon allarmirt, höre nur das Läuten auf allen Dörfern. Die drei Schüſſe von der Citadelle haben ihnen angezeigt, daß ein Gefangener entſprungen, die zum Nachſetzen für jeden Tag com⸗ mandirten Officiere ſprengen jetzt ſchon zu allen Poſten, und viſitiren, ob die Bauern ihre Schuldigkeit thun und alle Poſten richtig beſetzt haben. Der ganze Grenz⸗Cordon iſt allarmirt, und die Huſaren ſprengen 12* — 180— von Ort zu Ort und bringen die ganze böhmiſche Grenze entlang unſer Signalement. Es iſt zu ſpät, wir können die böhmiſche Grenze nicht mehr er⸗ reichen. So gehen wir alſo nicht dahin, wo der Grenz⸗ Cordon uns erwartet, Freund, lacht Trenck in über⸗ müthiger Freiheitsluſt. Alles hat uns dem böhmiſchen Gebirge zulaufen ſehen, dahin alſo durch Nacht und Nebel ziehen unſere Verfolger, uns zu ſuchen. Wir alſo ziehen durch Nacht und Nebel dorthin, wo ſie uns nicht ſuchen. Wir gehen über die Neiße. Siehſt Du dort durch den Nebel ſchimmert ſie wie ein Sil⸗ berſtreif uns entgegen. Schwinge Dich wieder auf meinen Rücken, Freund, wir müſſen durch die Neiße. Ich kann nicht, Trenckl Mein Fuß ſchmerzt fürchterlich. Ich kann nicht ſchwimmen. 3 Aber ich kann's, und ich kann's für uns Beide! Er kniet nieder und ladet den Freund wieder auf ſeinen Rücken und rennt mit ihm der Neiße zu. Jetzt ſtehen ſie am Ufer. Traurig und düſter dehnt ſich der Fluß zu ihren Füßen, hier und dort einzelne kleine Eisſchollen vorübertreibend, und mit trübem Geplätſcher die dünne Eisrinde, welche der Winter wie eine Haut über den Fluß ausgeſpannt, durch⸗ brechend. Iſt der Fluß tief, Freund Schell? Tief genug, um in ſeiner Mitte ſelbſt einen Rie⸗ ſen, wie Du es biſt, zu überdecken. Vorwärts! Wenn ich nicht mehr gehen kann, ſo ſchwimme ich. Halte Dich feſt! Hinein geht's in das dunkle, eiskalte Waſſer, rüſtig watet er vorwärts, den Freund auf dem Riücken. Immer höher umſpült das eiſige Waſſer ſeine Geſtalt. Jetzt hat es ſeine Schultern erreicht. 3 — 181— Klammere Dich feſt an meinem Haar. Wir müſ⸗ ſen ſchwimmen! Und mit herkuliſcher Kraft durcheilt er das plät⸗ ſchernde Waſſer und ſtößt die Eisſtücke fort, die ihm entgegenkommen. Da, da ſind ſie am andern Ufer, gerettet noch nicht, aber doch der augenblicklichen Gefahr entronnen. Jetzt deckt die Nacht ihre Flucht und die Verfolger ſuchen ſie dort drüben am jenſeitigen Ufer. Aber plötzlich hebt ſich der Nebel, ein rauher Wind macht die Feuchtigkeit erſtarren, und groß und golden ſteigt der Mond am Himmel empor. Es iſt eine kalte helle Decembernacht, welche die durchnäßten Kleider der beiden Flüchtlinge erſtarren macht, daß ſie wie ein ſteifer Harniſch ihre Geſtalt umgeben. Aber Trenck fühlt keine Kälte und keine Erſtarrung. Er trägt den Freund auf ſeinen Schultern, das macht ihn warm, er eilt mit ihm vorwärts in haſtigem Lauf, das ſchützt ihn vor der Erſtarrung. 2 Vorwärts, immer vorwärts, dem Gebirge zu. Jetzt haben ſie den erſten Hügel erreicht, hinter ſeinem ſchützenden Rücken ſinken ſie zuſammen, um zu ruhen und Rath zu halten. Trenck, ich leide fürchterlich, ächzt Schell, laß mich hier und rette Dich! Noch einige Stunden und Du wirſt die böhmiſche Grenze erreicht haben. Verlaß mich alſo und geh'! Ich verlaſſe niemals den Freund in der Noth, komm, ich bin geſtärkt genug. Er nimmt ihn wieder auf ſeinen Arm, und trägt ihn weiter. Der Mond verhüllt ſich hinter Wolken, ſcharf und ſchneidend heult der Wind durch das Ge⸗ birge. Keuchend watet Trenck durch den Schnee, kaum im Stande noch ſich aufrecht zu halten. Aber die — 182— Hoffnung giebt ihm Kraft und Muth. Er iſt ſo lange gewandert, die böhmiſche Grenze muß alſo bald er⸗ reicht ſein. Der Tag bricht an, die bleichen Strahlen der De⸗ cemberſonne durchbrechen den kalten weißen Morgen⸗ nebel. 8 Die Freunde, hingelagert auf dem Schnee, aus⸗ ruhend vom langen, mühſamen Wandern, ſchauen ſich um, hoffnungsvoll ſpähend nach der nahen böhmiſchen Grenze. Großer Gott, was iſt das? Sind das nicht die Thürme von Glatz? Und dort drüben dieſes dunkle finſtere Geſpenſt, das ſich drohend am Horizont empor⸗ hebt, iſt das nicht die Citadelle? Ja, ſie iſt es! Die armen Flüchtlinge ſind die ganze Nacht umhergeirrt, planlos und ohne Halt. Sie haben ſich im Kreiſe umherbewegt, und ſind jetzt faſt wieder da angelangt, von wo ſie ausgingen. Wir ſind verloren, murmelt Schell, jetzt giebt es keine Hoffnung mehr! Nein, wir find nicht verloren, jubelt Trenck, denn wir haben noch unſere geſunden Arme und unſere Waffen. „— — 183— durch unſere Feinde hindurch die böhmiſche Grenze zu gewinnen. Du kennſt die Wege und die ganze Gegend, komm, Freund Schell, laß uns Kriegsrath halten. Dort jenes Dorf müſſen wir paſſiren. Wie * fangen wir's an, unangefochten da hindurch zu kom⸗ men?— Eine halbe Stunde ſpäter näherte ſich den letzten, abſeits gelegenen Häuſern des Dorfes eine ſeltſame Gruppe. Es war ein blutender, ſchwer verwundeter Officier von den preußiſchen Gardes du Corps, deſſen Geſicht mit Blut bedeckt, um deſſen Stirn ein blut⸗ beflecktes Tuch gewunden war, deſſen Hände auf dem Rücken zuſammen gebunden waren. Hinter ihm her hinkte ein Officier in vollem Paradeanzug, nur daß ihm der Federhut fehlte. Mit Scheltworten trieb er — den armen gefeſſelten Gefangenen vor ſich her, und rief laut um Hülfe. Sofort ſtürzten aus den beiden Hütten zwei Bauers⸗ 1 leute hervor. Lauft in's Dorf, ſchrie der Officier, der Richter ſoll ſofort einen Wagen anſpannen, damit ich den Deſerteur darauf laden kann. Ich habe ihn eingeholt, aber er hat mir mein Pferd unter'm Leibe erſchoſſen und ich habe mir beim Fallen ein Bein verſtaucht. Aber ihr ſeht wohl, daß ich ihn gut zu⸗ ſammgehauen habe. Er iſt dem Tode nahe, lauft alſo und holt einen Wagen, damit ich ihn noch lebendig in die Feſtung bringen kann. 8 Ich laufe ſchon, ſagte einer der Bauern, der an⸗ dere winkte ihnen, ihm zu folgen, und trat in ſeine Hütte zurück. Taumelnd und einzelne dumpfe Wehe⸗ laute ausſtoßend folgte ihm der Verwundete, fluchend 3 und ſcheltend hinkte der Officier, auf einen Stock ge⸗ ſtützt hinterher. In dem Zimmer angelangt, ſank der Verwundete laut ächzend zur Erde, und ſofort eilte „. — 184— ein junges Mädchen herbei, ſein verwundetes Haupt in ihre Arme zu nehmen, während die alte Frau, welche dort am Heerd geſtanden, mit einer Schale warmer Milch herbeikam, den Verwundeten damit zu laben.. Der alte Bauer ſtand am Fenſter und ſchaute mit einem eigenthümlichen Lächeln auf den Officier hin, der ſich auf die Bank am Ofen geſetzt hatte und mit großem Behagen die Milch trank, welche die Alte ihm dargereicht hatte. 3 Plötzlich durchſchritt der Bauer das Gemach, und ſich dicht vor den Officier hinſtellend, legte er ſeine Hand auf deſſen Schulter. Verſtellen Sie Sich nicht mehr, Herr Lieutenant von Schell, ſagte er. Ich kenne Sie, mein Sohn hat in Ihrer Compagnie gedient. Geſtern Abend war auch ein Officier hier und hat uns das Signalement der beiden Deſerteurs gebracht. Sie ſind der Eine und das da iſt der Andere, denn das iſt Herr von Trenck. Und wie von einem Zauberſchlage getroffen ſchnellte der ſchwer Verwundete jetzt empor. Sein Name hatte ihn geſund gemacht und die Wunden auf ſeiner Stirn geheilt. Er warf das Tuch von ſich und ſtürmte hin⸗ aus, während Schell mit Bitten und Drohungen den Bauer zurückhielt und ihn beſchwor, ihnen den nächſten Weg zur böhmiſchen Grenze zu zeigen. Trenck aber eilte hinaus in den Stall, wo die Pferde des Bauern an der Krippe ſtanden. Hinter ihm kam das junge Mädchen, das ſich ihm vorher ſo hülfreich erwieſen. Was wollt Ihr thun, Herrd fragte ſie angſtvöll, als Trenck mit geſchäftiger Eile die Pferde losband. Ihr wollt meinem Vater doch nicht ſeine Pferde neh⸗ men? Wenn Ihr das thut, ſo ſchreie ich um Hülfe. — — 185— Und wenn Du das thuſt, ſagte Trenck mit flam⸗ menden Augen, ſo ermorde ich Dich und hinterher mich ſelber, denn ich hab's geſchworen, daß ich nicht lebendig wieder in die Feſtung zurück will. Habe alſo Mitleid, ſchönes Kind, Deine Augen ſind ſo gut und ſchön und verrathen Dein gutes Herz. Stehe mir bei, denke, wie ſchön und prächtig das Leben und die Welt iſt, und daß man mir das Alles nehmen will, um mich wie ein wildes Thier in eine Zelle einzuſperren. Hilf mir, daß ich frei werde! Was kann ich Euch denn helfen? fragte Marian⸗ del, gerührt von des Jünglings ſchönem, flehenden Angeſicht. Gieb mir das Sattelzeug und den Zaum zu den Pferden, damit wir entfliehen können. Ich ſchwöre Dir bei Gott und meiner Geliebten, daß Ihr Alles wieder erhalten ſollt! Ihr habt alſo eine Geliebte, Herr? Ich habe eine Geliebte und ſie weint um mich. Ich werde Euch das Sattelzeug geben, zum An⸗ denken an meinen Geliebten, der auch fern von mir iſt. Kommt, hier hängt es in der Kammer, nun raſch, ſattelt Ihr den Schimmel, ich werde den Brau⸗ nen ſatteln. 3 Die Pferde ſind geſattelt. Nun lebe wohl, Ma⸗ riandel! Einen K uim Abſchied, lebe wohl, Du herziges Kind! Schell, jetzt heraus und zu Pferde! Da ſtürmt der Schell hervor aus der Hütte, der Bauersmann hinter ihm her. Mit Entſetzen ſieht er ſeine beiden geſattelten Pferde, ſieht, wie Schell trotz des ſchmerzenden Fußes ſich auf den Braunen ſchwingt, während Trenck mit freudeſtrahlendem Antlitz ſchon auf dem Schimmel ſitzt. — 186— Herr Gott, Ihr wollt mir doch meine Pferde nicht ſtehlen? Hülfe, Hülfe! Aber Mariandel legt ihre Hand auf ihres Vaters zu neuem Hülferuf geöffneten Mund. Vater, er hat eine Geliebte und ſie weint um ihn. Denk an den Joſeph und laß ſie fort. Dahin ſprengen ſie auf den holprichten Pferden, ihr Haar flattert im Winde, ihre Wangen glühen vor Aufregung und Erwartung. Schon liegt das Dorf weit hinter ihnen. Vorwärts jetzt über die Ebene, über die Wieſen, über das Stoppelfeld. Schell, Schell, da kommen Häuſer, da erheben ſich Thürme. Schell, da liegt eine Stadt! Das iſt Wünſchelburg, und wir müſſen hindurch, denn das iſt der nächſte Weg zur böhmiſchen Grenze. Es lagert Militair dort, aber wir müſſen doch hindurch! Das iſt ein köſtlicher Spaß, mitten durch die Rei⸗ hen unſerer Feinde wollen wir reiten, und vor Er⸗ ſtaunen über ſolche Keckheit werden ſie uns ziehen laſſen. Hei, da ſind wir am Thor! Die Glocken läuten zur Kirche. Nur vorwärts, mein Schimmel, nun mußt Du fliegen, fliegen, als ob Du Flügel hätteſt! Huſſa, wie die Funken ſprühen, wie die Pferde mit ihren Hufen das Pflaſter ſchlagen, wie die ge⸗ putzten Kirchengängerinnen, welche ſo ehrbar die Straße daher kamen, ſchreiend zur Se eben, wie die Hu⸗ ſaren, die da müßig und nichts Schlimmes ahnend an den Hausthüren ſtehen, entſetzt die Augen aufrei⸗ ßen, und dieſen beiden Reitern nachſtarren, die be der Sturmwind an ihnen vorüberbrauſen. 1 Jetzt haben ſie das Thor erreicht, jetzt liegt die Stadt hinter ihnen. Weiter, weiter geht es in raſen⸗ 35 dem Lauf. Die Pferde keuchen und ihre Kniee ſinken — 187— ein. Aber die Reiter reißen ſie mit machtvollem Arm wieder empor, ſie bohren ihnen die Kniee in die flie⸗ genden Weichen, daß die Thiere mächtig ſich bäumen und weiter rennen. Weiter, weiter! Aber was iſt das? Wer kommt da herangeſprengt mit verhängtem Zügel? Ihnen entgegen, gerade auf ſie zu? Schell, erkennſt Du ihn nicht? Das iſt ja der Hauptmann von Zerbſt! Ja, es iſt der Hauptmann von Zerbſt, der mit ſeinen Huſaren ausgeſandt iſt, die Flüchtlinge zu ver⸗ folgen. Aber er iſt allein, und ſeine Huſaren ſehen ihn nicht. Er reitet gerade auf die beiden Reiter zu, und als er nahe genug iſt, um von ihnen gehört zu werden, da ruſt er: Brüder, eilt Euch, daß Ihr weiter links gegen das dort liegende einzelne Haus kommt, dort iſt die Grenze, meine Huſaren ſind eben rechts geritten.*) Er wendet ſein Roß und ſprengt von dannen. Nach links hin ſprengen die Reiter. Vorüber jetzt an dem einzelnen Hauſe, vorüber an dieſen weiß über⸗ tüchten Steinen, weiter noch eine kleine Strecke. Oh, Freund, jetzt laß unſere Pferde verſchnaufen, jetzt laß uns ausruhen und Gott danken, denn wir ſind gerettet! Wir haben die Grenze paſſirt! Wir ſind frei, freil ſchreit Trenck mit einem ſolchen lauten Jubelruf, 4e das Echo im Gebirge wach gerufen wird, und llend wiedertönt: Frei! Frei! *) Trenck's Memoiren. Th. I. S. 96. XIV. Ich will! Die Tage des Glückes und der Freude rauſchen vorüber mit geflügelten Sohlen, und im Genuß des befriedigten Daſeins ſchwinden die Jahre wie ein Ge⸗ danke. König Friedrich iſt glücklich und befriedigt ge⸗ weſen, er hat es daher nicht beachtet, daß er ſchon mehr als zwei Jahre des Glückes, des Friedens, der Ruhe und der Freude genoſſen hat. Zwei Jahre, in denen er das Schwert bei Seite legen durfte und ruhen auf ſeinen Lorbeeren, um die Gegenwart zu ge⸗ nießen, welche ihm ſtatt der Lorbeeren duftige Roſen und blühende Myrthenzweige gab. Zwei Jahre des Glückes, das iſt viel für jeden Sterblichen, es iſt faſt ein Wunder, wenn ſie ſich im Leben eines Königs finden. Aber vom Glück läßt ſich wenig erzählen, und die wahre Liebe iſt ſchweigſam und hüllt ſich in heilige Stille, und ſchreit ihre Freuden nicht aus in die laute, profane Welt, ſie verbirgt ſich gern unter den Schleiern der Einſamleit und der ſternenfunkeln⸗ den Nacht.— Verſu wir es alſo nicht, dieſen Schleier zu lüften und das Geheimn des Königs zu enthüllen. Laſſen ſtill und unberührt ruhen unter dieſe zwei Jahre iß von dem Glücke Roſenkränzen und 4 blühenden Myrthen, fragen wir nicht nach ihren Eiinn: zelnheiten, ihren Myſterien und Wundern. Wenn die Sonne am hellſten und leuchtendſten ſtrahlt, wendet — man das Auge weg, weil es geblendet wird von dem Söttlichen Glanze, aber wenn Wolken ſie umhüllen 4 — 189— und ihr Leuchten ſänftigen, dann ſchaut man empor zu der Sonne, und wär's auch nur, um den Grund ihrer Verdüſterung zu erſpähen. Und die Sonne des Königs iſt nicht mehr leuch⸗ tend und hell. Es ziehen ſchon Wolken darüber hin, die ſie verdüſtern. Ein Schatten davon fällt auf das ſchöne, jugendliche Antlitz des Königs, und dämpft die Flammenblitze ſeiner wunderbaren, unergründlichen Augen, und legt ſich wie ein Trauerflor über ſein Per daß es nicht mehr ſo freudig hüpfen und pochen ann. Was war es, was die Stirn des Königs ver⸗ düſterte und ihn heute ſo ruhelos und freudlos um⸗ hertrieb? 4 Der König wußte es ſelber nicht oder er wollte es nicht wiſſen! Es lag wie ein Alp auf ſeiner Bruͤſt und drückte jede Freudigkeit und ſogar jede Thatkraft nieder. Er hatte verſucht ſich durch Arbeit zu zerſtreuen, und hatte daher in der Frühe des Morgens ſchon ſeine Miniſter zu einem Conſeil zuſammenberufen, aber ſein Geiſt war nicht bei den Verhandlungen ge⸗ weſen, zerſtreut hatte er den Vorträgen zugehört, und was ihm ſonſt wichtig geweſen, war ihm heute ganz gleichgültig erſchienen. Sich ſelber mißtrauend, hatte er daher früher als ſonſt die Sitzung aufgehoben, ohne über die vorliegenden Geſchäfte irgend eine Entſchei⸗ dung zu fällen. Dann, nach beendigtem Conſeil, wa⸗ ren ſeine Cabinetsſecretaire mit den Briefen gekommen. Der König hatte, wie er das immer zu thun pflegte, alle die Briefe und Bittſchriſten ſelbſt geleſen, welche im Laufe des geſtrigen Tages für ihn eingegangen waren, nur hatte er ihren Inhalt ſchnell wieder ver⸗ einmal über⸗ geſſen und er mußte jeden Brief noch 3 — 190— fliegen, um den Secretairen die nöthigen Notizen zur Beantwortung an den Rand zu ſchreiben. Während die Cabinetsſecretaire dann ſich in ihr Bureau zurück⸗ zogen, um nach den Notizen des Königs die Briefe zu beantworten, hatte der König ſich den gewohnten Studien und Beſchäftigungen ſeines Vormittags zuge⸗ wandt, und damit begonnen, an ſeinem noch immer nicht ganz vollendeten Werk:„L'histoire de mon temps“ zu ſchreiben. Bald aber hatte er ſich ſelber überraſcht, daß er, ſtatt zu ſchreiben, auf das Papier hinſtarrte, ohne Gedanken, verloren in ſtarres Hin⸗ brüten und müßige Träume. Dann hatte er die Feder bei Seite geworfen, um eins ſeiner Lieblings⸗ bücher zur Hand zu nehmen, und ſeinen Geiſt zu ver⸗ ſenken in die ewig jungen, ewig friſchen Schönheiten der Dichtung. Aber auch das hatte ihm nicht gelingen wollen, ſelbſt ſeine Lieblinge ließen ihn heute kalt, und Worte und Schilderungen, die ihn ſonſt entzückten, ſchienen ihm heute trivial und abgeblaßt. In einer Art Verzweiflung warf der König das Buch bei Seite und rannte in wildem Ungeſtüm im Zimmer auf und ab. Was iſt das mit mir? fragte er mit zuckender Lippe ſich ſelber. Bin ich denn ver⸗ wandelt und ausgetauſcht? Bin ich nicht mehr Ich Selbſt? Hat irgend eine böſe Fee mich verhext und meine Seele gebannt mit einem Zauberſpruch? Ich mag nicht arbeiten, ich mag ni enken, und um meine Ruhe und meine Freudig ſt es geſchehen! Was bedeutet denn dieſes Alles, und warum— Er vollendete ſeinen Satz nicht, ſondern blieb ſtehen und blickte mit geſpannter Aufmerkſamkeit nach der Thür hin. Er hatte draußen den Ton einer timme vernommen, welche ſein Herz beben und ſeine lugen höher aufleuchten machte.“ — 191— Melden Sie Seiner Majeſtät, daß ich da bin und dringend um eine Andienz bitte, ſagte dieſe Stimme. Seine Majeſtät haben befohlen, daß heute Nie⸗ mand gemeldet werde, erwiderte die Stimme des dienſt⸗ habenden Kammerherrn. Melden Sie mich dennoch, rief die andere faſt ge⸗ bieteriſch. Das iſt unmöglich! Der König hatte genug gehört. Er ſchritt haſtig nach der Thür und öffnete ſie ungeſtüm. Signora, ich bin bereit, Sie zu empfangen, ſagte der König, haben Sie die Güte einzutreten. Und indem er ſo ſprach, trat er in den Vorſaal hinaus und reichte der Signora Barberina die Hand, um ſie in ſein Kabinet zu führen. Barberina begrüßte ihn mit einem ſüßen Lächeln * und ſchritt mit einem Blick des Triumphes an dem Kammerherrn vorüber, der es gewagt hatte, ſich ihr widerſetzen zu wollen. 3 Der König führte ſie ſchweigend in ſein Boudoir, und winkte ihr, auf dem Divan Platz zu nehmen. Aber Barberina blieb ſtehen und heftete ihre großen brennenden Augen auf das Angeſicht des Königs. Ich ſehe da eine Wolke, Sire, fragte ſie mit ihrem lieblichſten, einſchmeichelndſten Tone. Welch ein läſti⸗ ges Inſect hat es gewagt, das Haupt meines Löwen zu beläſtigen? Oder war's kein Inſect, Sire, war's— Nein, unterbrach ſie der König, es war ein Engel oder ein Teufel, der mich gequält und die Ruhe aus meinem Herzen und aus meinem Kopfe genommen hat. Sagen Sie mir doch, Barberina, was ſind Sie eigentlich? Sind Sie ein Dämon, der gekommen iſt, niich zu martern, oder ſind Sie ein Enge der mir ddie Träume von Glück und Liebe zur eit mache — 192— will? Es giebt Stunden, in denen ich das Letztere meine, in denen Ihr Anblick meine Seele wie mit goldenen Schwingen emporträgt, und in denen ich ſage: ich bin nicht bloß ein König, ſondern ein Gott, denn ich habe einen Engel an meiner Seite!— Aber wieder in anderen Stunden nenne ich Sie meinen böſen Dämon, und ich meine in Ihren Augen dann dieſen Haß aufblitzen zu ſehen, den Sie mir in der erſten Stunde unſeres Begegnens geſchworen haben. Oh, Euere Majeſtät haben alſo immer noch nicht vergeſſen? fragte Barberina mit zärtlichem Vorwurf. Sie ſorgen wohl dafür, daß ich das nicht ver⸗ geſſen kann.„Vom Haß bis zur Liebe iſt nur ein kleiner Schritt“, ſagten Sie mir einſt. Wenn Sie wirklich den Schritt einſt vorwärts gethan, wer bürgt mir dafür, daß Sie ihn nicht auch eines Tages zurück thun werden? Wer Ihnen dafür bürgt? fragte ſie mit einem un⸗ beſchreiblichen Liebreiz, indem ſie mit ihrem roſigen Finger auf den König hindeutete. Dafür bürgt Ihnen 1 dieſes Götterangeſicht, Sire, dafür bürgen Ihnen dieſe Augen, welche von Zeus ihre Blitze und von der Sonne ihren Glanz entlehnt haben, dafür bürgt Ihnen dieſe Stirn, auf welcher die Erhabenheit und die Weis⸗ heit thront, die doch überſtrahlt wird von dem wun⸗ dervollen jugendlichen Lächeln Ihres Mundes. Ich ſage nicht, Sire, daß auch Ihr Königthum Ihnen eine Bürgſchaft dafür ſein ſoll. Was kümmert es 4 mich, daß Sie ein König ſind. Sie ſind ein Gott. ein Held und ein Mann, und wären Sie mir begeg⸗ net als ein Hirte auf den Feldern, ſo würde ich ge⸗ ſagt haben:„da wandelt ein verkleideter Gott! Die Mythe iſt Wahrheit geworden, denn das iſt Apoll, der aus Laune ſich in einen Hirten verwandelt hat. — 193— Apoll, ich bete Dich an, laß einen Strahl Deiner himmliſchen Augen auf mein Antlitz fallen!“ Sie neigte ſich auf ihre Kniee nieder, und die in⸗ einander gefalteten Hände flehend zu dem König er⸗ hebend, blickte ſie mit einem ſtrahlenden Lächeln zu ihm auf. Der König hob ſie empor, und ſie in ſeinen Ar⸗ men haltend, nahm er ihr Haupt in ſeine Hände und neigte es rückwärts, um es anzuſchauen.. Oh, Barberina, ſagte er faſt ſchwermüthig, heute ſind Sie ein Engel, warum waren Sie geſtern ein Dämon? Warum haben Sie mich ſo gemartert und gequält mit Ihren Launen und Ihrem kindiſchen Schmollen? Warum iſt Ihr Herz, welches ſo glühend ſein kann, zuweilen ſo eiſeskalt und mitleidslos? Kind, Kind, wiſſen Sie denn nicht, daß meine Seele wund iſt von vielen Schmerzen, und daß daher jedes rauhe Wort und jeder böſe Blick ſie trifft wie mit ätzendem Gift? Ich hatte dieſen geſtrigen Abend bei Rothen⸗ burg mit ſo viel Freude, ſo viel Sehnſucht erwartet, ich hatte ihn mir verdient mit ſchwerer Arbeit und langweiligem Tagewerk, und Sie haben ihn mir ver⸗ giftet mit Ihren trüben Mienen und Ihrem grollen⸗ den Schweigen, Sie haben gemacht, daß ich traurig und verſtimmt nach Hauſe zurückkehrte, und ſtatt zu ſchlafen, vergeblich mich bemühte, den Grund Ihrer Traurigkeit zu erforſchen, und daß ich, ſtatt heute Morgen zu arbeiten, gedankenlos und kraftlos mich mit meinem Mißmuth umhergetrieben, und meinem Volke und meinem Königthum die Stunden geraubt habe, welche ihm gehören. Was war's denn, Barbe⸗ rina, was Ihre Stirn mit ſo häßlichen Wolken ver⸗ hüllte und Ihrer Stimme einen ſo harten, abſtoßenden Nebenklang gab?. 8 Mühlbach, Berliu u, Sansſouci ꝛc. III. 13 — 194— Was es war? fragte Barberina, mit einem trän⸗ meriſchen Ausdruck ihr Haupt zurücklehnend und mit halbgeſchloſſenen Augen ſich in den Armen des Kö⸗ nigs ſchaukelnd. Es war der Ehrgeiz, welcher mich quälte. Aber ich that Unrecht, Ihnen das zu ver⸗ bergen, und ſtatt offen und unverhüllt Ihnen meinen Kummer zu geſtehen, denſelben nur durch meine Ver⸗ drießlichkeit und mein Schmollen errathen zu laſſen. Ich hätte wiſſen ſollen, daß es nur einer Bitte von mir bedurfte, um von dem edlen und großmüthigen Herzen meines Königs ſofort verſtanden zu werden, ich hätte wiſſen können, daß der Mann, welcher auf dem Felde der Ehre wie auf dem Felde der Wiſſen⸗ ſchaft ſich Lorbeeren erworben hat, ſehr wohl dieſen edlen Durſt einer Künſtlernatur zu würdigen weiß, dieſen Durſt nach Ehre und Ruhm, dieſen glühenden, verzehrenden Haß gegen Diejenigen, welche unſern Ruhm ſchmälern, unſere Ehre mit uns theilen wollen! Eiferſüchtig alſo, Sie ſind eiferſüchtig auf irgend eine andere Künſtlerin, murmelte der König, indem er die Barberina aus ſeinen Armen ließ. Ja, Sire, ich bin eiferſüchtig auf Ihr Lächeln, Ihren Beifall, auf das Anſchauen des Publikums, auf die Bravi, die wie ein goldener Regen über mich⸗ allein ausgeſchüttet wurden und welche jetzt eine An⸗ dere mit mir theilen will. Aber ich hätte die Ver⸗ pflichtung gehabt, das ſogleich einzugeſtehen, und daß ich's nicht gethan, das iſt ein Unrecht, das ich meinem König heute in aller Demuth abzubitten komme, und für das ich mir Ihre Verzeihung erflehe. Und auf wen ſind Sie eiferſüchtig? fragte der König. Sie warf ihr Haupt ſtolz empor, ein glühendes Roth brannte auf ihren Wangen und ihre Augen — 195— ſchoſſen Blitze. Warum hat man dieſe Marianne Cochois engagirt? fragte ſie heftig. Warum hat der Baron von Sweerts mir dieſe Beleidigung, ja, ich darf ſagen dieſe Beſchimpfung, zugefügt? Eine andere Künſtlerin neben mir engagiren, heißt das nicht, der Welt ſagen, daß die Barberina nicht genügte, daß die Barberina nicht mehr die Kraft beſaß, das Publikum ganz allein zu entzücken, daß Barberina's Triumphe erblaſſen und ihre Kunſt gealtert iſt? Oh, oh, dieſer Gedanke könnte mich wahnſinnig machen! Barberina nicht mehr die erſte Tänzerin der Welt! Wo ſie tanzt, wagt man noch eine andere Tänzerin zu enga⸗ giren, und dieſer, nicht der Barberina, eine Haupt⸗ rolle in einem neuen, prachtvollen Ballet zu ertheilen. Nicht der Barberina! Und ſie lebt, und ſie iſt nicht todt niedergeſtürzt, als man ihr das anzuzeigen wagte, und ſie hat Diejenigen nicht ermordet, welche ihr die⸗ ſen Schimpf angethan haben! Thränen entſtürzten ihren Augen, und laut ſchluch⸗ zend verbarg ſie ihr Antlitz in ihren Händen. Der König betrachtete ſie mit Blicken voll unend⸗ licher Trauer und ein wehmuthsvolles Lächeln um⸗ ſpielte ſeine Lippen. Sie gleichen ſich alſo Alle, Alle, ſagte er bitter, und die größte Künſtlerin iſt darin ſo engherzig und klein, wie die unbedeutendſte. Schwach ſind ſie und eitel, neidiſch und voll kleinlicher Miß⸗ gunſt. Und zu denken, daß eine Barberina davon keine Ausnahme macht, zu denken, daß Barberina weint, weil Marianne Cochois und nicht ſie die Haupt⸗ rolle in dem neuen Ballet, in den ſeste galanti, ge⸗ ben ſoll. Sie ſoll's nicht, ſie darf's nicht, rief Barberina, ihr Haupt wieder erhebend. Ich will dieſe Demüthi⸗ gung nicht ertragen, ich will nicht vor ganz Berlin . 13 — 196— beſchimpft und entehrt werden, ich will nicht demüthig und unbemerkt in irgend einer Loge ſitzen, während man einer andern Künſtlerin zujauchzt, und ihr dieſe Bravi darbringt, welche mir, ganz allein mir gehören. Oh, Sire, befehlen Sie, daß dieſe Beleidigung wieder gut gemacht werde, befehlen Sie, daß man mir gebe, was mir gehört, dieſe Rolle, welche mein heiliges Eigenthum, das unveräußerliche Beſitzthum meines Ruhmes iſt. Ich flehe Sie an, zu befehlen, daß man 3 ſogleich dieſer Demoiſelle Cochois die Rolle wieder abnehme und ſie mir gebe. 3 Das iſt unmöglich, Barberina. Die Cochois muß ihr glänzendes Debüt haben dürfen, wie jede andere Künſtlerin, und wenn daher der Sweerts ihr dieſe Rolle in den feste galanti gegeben hat, ſo kann ich ihn deshalb nicht tadeln... Sire, hören Sie wohl, ich bitte Sie darum, und nicht wahr, Sie müſſen mir das Zeugniß geben, daß Barberina Ihre Großmuth und Freigebigkeit niemals auf die Probe geſtellt, daß ſie niemals dem Egoismus und der eklen Habgier gehuldigt hat. Ich wollte von meinem König nichts als ſein Herz, nichts als das Glück zu ſeinen Füßen zu ruhen und unter den Son⸗ nenſtrahlen ſeiner Augen mein ganzes Weſen aufgehen zu laſſen in Gluth und Wonne⸗ Oh, Sire, Sie ha⸗ ben oft geklagt, daß ich niemals einen Wunſch, ein Begehren kannte, daß ich keine Brillanten, keine Perlen von Ihnen annehmen wollte, um nicht den leiſeſten Schatten des Egoismus auf meine Liebe fallen zu laſſen. Nun denn, Sire, heute habe ich eine Bitte, heute will ich etwas von Ihnen begehren, das für mich koſtbarer iſt, als alle Perlen, das für mich glän⸗ zender ſtrahlt, als alle Brillanten. Sire, geben Sie mir dieſe Nolle, das heißt, laſſen Sie mich in dem — 197— unbeſtrittenen Beſitz meines Ruhms und meiner Künſt⸗ lerehre! 4 Sie neigte wieder ein Knie vor dem König, aber diesmal hob er ſie nicht empor in ſeine Arme. Bar⸗ berina, ſagte er traurig, beſinnen Sie ſich doch. Werfen Sie doch dieſen widerlichen Couliſſenzorn, dieſen kleinlichen Neid zu dem ſchillernden Theater⸗ pomp, unter dem Sie alle Abend Ihre Schönheit verhüllen müſſen. Sein Sie wieder Sie ſelbſt, das edle, ſtolze, prächtige Weib, welches keines Flitters be⸗ darf, um zu glänzen, und die immer eine Königin der Anmuth und Schönheit bleibt, wenn ſie auch nicht in dem falſchen, erborgten Purpur einer Theater⸗ prinzeſſin einherſtolzirt. Gönnen Sie doch der Cochois dies bischen Theaterherrlichkeit, da Sie auch außer der Bühne immer die Herrlichſte, die Königin der Schönheit ſind. Barberina flog von ihren Knieen empor und ihre Augen ſchoſſen Blitze. Sire, ſagte ſie, Sie verweigern mir meine Bitte, eine erſte Bitte? Sie wollen nicht befehlen, daß man der Cochois dieſe Rolle abnehme und ſie mir gebe?. Ich kann es nicht, denn es wäre eine Ungerech⸗ tigkeit!— Und ſomit ſollte ich wirklich dieſe tödtliche Krän⸗ kung erdulden müſſen, eine Andere in dieſer Rolle auftreten zu ſehen, welche mir gehört, eine Andere dieſe Triumphe genießen zu laſſen, welche mein ſind und mein bleiben ſollen! das ſchwöre ich, ſo wahr ich Barberina heiße. Nein, ich will keine Nebenbuhlerin neben mir dulden, ich will nicht verdammt ſein zu dem täglich ſich erneuernden Wettſtreit um den Rang einer erſten Künſtlerin, ich will nicht, daß nur die Möglichkeit einer Gleichſtellung zwiſchen mir und einer andern Künſtlerin gedacht werden könne. Ich will die Erſte ſein und bleiben, ja, ich will es! Sie hatte ſich ſtolz wie eine Königin aufgerichtet, und ihr flammenſprühender Blick traf das Antlitz des Königs, aber er begegnete da einem eben ſo feurigen Blick, und wenn die Haltung der Barberina ſtolz und herriſch war, ſo war die des Königs von imponiren⸗ der Majeſtät und Erhabenheit. Wies ſagte er mit einem ſo drohenden, machtvollen Ton, daß Barberina trotz ihres Zorns und ihrer Gluth ihr Herz erbeben fühlte in Furcht und Schrecken. Wie? Es giebt alſo noch ein Weſen außer mir, wel⸗ ches hier ſagen darf: ich will! Es iſt alſo möglich, daß eine Stimme ſich neben der meinen erhebt, welche ſagt: ich will, wenn der König geſagt hat; ich will nicht! Barberina erblaßte, und es ſchauderte ihr, denn das Antlitz des Königs hatte plötzlich einen Ausdruck angenommen, wie ſie ihn nie geſehen. Es war hart 2 und kalt, und eine ſchneidende Ironie ſprach aus ſeinen Blicken, ein verächtliches Lächeln zuckte um ſeine Lippen. nade, Gnade, ſagte ſie bebend. Haben Sie Mit⸗ eid mit meiner Aufregung, vergeſſen Sie dieſes un⸗ überlegte Wort, welches der Zorn mich ſprechen ließ. Oh, Sire, ſehen Sie mich nicht mit dieſen eiſes⸗ kalten Blicken an, wenn Sie nicht wollen, daß ich todt zu Ihren Füßen niederſinken ſoll. Oh, Sire, zerſchmettern Sie mich nicht mit Ihrem Zorn, ver⸗ geben Sie mir! Und ihr ſchönes Antlitz überſtrömt von Thränen, ihre Arme flehend nach ihm ausgeſtreckt, näherte ſie ſich dem König. Aber er, das Haupt ſtolz emporge⸗ hoben, trat einen Schritt zurück. 3 — 199— Signora Barberina, ſagte er, ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, aber ich kann Ihnen auch Ihre Bitte nicht erfüllen. Die Cochois behält ihre Rolle, und wenn Sie darüber Beſchwerde zu führen haben, ſo wenden Sie ſich mit Ihrer Klage an Ihren Chef, den Baron von Sweerts. Und ſomit, Signora, ſage ich Ihnen Lebewohl! Die Audienz iſt beendet. Er neigte leicht das Haupt und wandte ſich ab, um hinaus zu gehen. Barberina ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſtürzte hinter ihm her, und klammerte ſich mit wildem Ungeſtüm an ſeinen Arm. Sire, Sire, gehen Sie ſo nicht von mir, flehte ſie athemlos, verlaſſen Sie mich nicht im Zorn. Mein Gott, ſehen Sie denn nicht, daß ich leide, daß ich wahnſinnig werden muß, wenn Sie mich verlaſſen? Und zu ſeinen Füßen niedergleitend, umklammerte ſie mit ihren ſchönen Armen ſeine Kniee und ſchaute flehend zu ihm empor. Oh, mein König und mein Herr, flüſterte ſie, laß Deine Selavin zu Deinen Füßen ruhen! Stoße mit nicht von Dir! Der König erwiderte nichts. Er neigte ſich ein wenig vorwärts und ſchaute nieder zu dieſem bezau⸗ bernden, ſchönen Weibe, das da zu ſeinen Füßen lag, und das ihm vielleicht niemals ſo anmuthig und rei⸗ zend erſchienen war, als in dieſem Moment. Aber ſein Angeſicht war tief traurig und ſeine Augen, welche ſonſt ſo flammten und leuchteten, waren trübe und umſchleiert. Eine Pauſe trat ein. Barberina, immer noch ſeine Kniee umfaſſend, ſchaute mit großen, thrä⸗ nenumdüſterten Augen zu ihm empor, der König, leicht vorwärts geneigt, betrachtete mit einem unaus⸗ ſprechlichen Ausdruck dies wundervolle Angeſicht der Barberina. Seine ganze Seele lag in dieſen Blicken, — 200— die er auf ſie heftete, eine Seele voll Trauer, voll Schmerz, voll Liebe und Entzücken. Jetzt begegneten ſich ihre Blicke und wurzelten feſt ineinander. In⸗ mitten des tiefen Schweigens, welches ſie Beide um⸗ gab, hörte man nichts als die bangen, gepreßten Seufzer der Barberina. Sie war ſich der Bedeutung dieſes Moments ſehr wohl bewußt, ſie fühlte es über ihren Häuptern wie das Rauſchen des Schickſals, das ſie anſchaute mit ſeinen drohenden und unheilsvollen Blicken. Plötzlich richtete der König ſich ſtolz empor, und ſeine Stimme, welche die feierliche Stille jetzt unter⸗ brach, klang der Barberina ganz fremd, ſie war rauh und hart. Leben Sie wohl, Signora Barberina, ſagte der König. Barberina's Arme ſanken kraftlos herab und ein dumpfes Stöhnen drang aus ihrer Bruſt hervor. Der König achtete nicht darauf, er blickte gar nicht zu ihr um. Mit feſter Hand öffnete er die Thür, die in ſein Schlafgemach führte, ohne auch nur ein Mal umzuſchauen trat er hinein und verſchloß die Thür hinter ſich Aber dann ſank er neben dem Seſſel nieder, der an der Thür ſtand, und ein ſo ſchmerzvoller, banger Seufzer hob ſeine Bruſt, eine ſo tiefe, troſtloſe Trau⸗ rigkeit ſprach aus ſeinen Zügen, daß Barberina, wenn ſie ihn ſo geſehen hätte, ſehr wohl hätte erkennen kön⸗ nen, welche Kämpfe und Schmerzen jetzt das Herz des Königs durchſtürmten. 3 Aber Barberina ſah ihn nicht. Sie lag außer ſich, in Thränen gebadet, vor dieſer Thür, und mit lautem Schmerzensſchrei rief ſie: Er hat mich verlaſſen! Oh, mein Gott, mein Gott, er hat mich verlaſſen! —— — 201— Dieſer fürchterliche, grauſame Gedanke durchſtrömte jetzt ihr ganzes Weſen mit feuriger Gluth. Sie flog empor, ſie rüttelte an dieſer Thür, und mit lauter, jammervoller Stimme bat und flehte ſie um Einlaß. Was die Liebe, die Angſt, die Verzweiflung und der beleidigte Stolz ſie ſprechen ließ, das wußte ſie ſelber nicht. Bald zürnte und drohte ſie, bald bat ſie um Gnade, bald war ihre Stimme von Thränen erſtickt, bald war ſie gebieteriſch und kalt. Der König ſtand mit verſchränkten Armen an die andere Seite der Thür gelehnt und hörte dieſem Pa⸗ roxysmus ihrer Verzweiflung zu, und jedes ihrer Worte traf ſein Ohr, wie der Syrenengeſang das Ohr des Odyſſeus. Aber mächtiger und kraftvoller wie dieſer bedurfte es für ihn keiner Bande und keines Wachſes, um ihn zurückzuhalten. Den König band ſein Wille, und lauter als der Syrenengeſang ſprach zu ſeinem Ohr die Stimme der Klugheit, die war⸗ nende Stimme ſeiner Pflicht. Nein, ſagte er traurig, ich darf und will mich nicht wieder verlocken laſſen. Dieſes Alles muß ein Ende haben! Das habe ich längſt erkannt, aber es fehlte mir die Kraft der Ausführung. Habe ich mir nicht geſchworen, nur Ein Ziel vor Augen zu haben, das Wohl meines Volkes höher zu ſtellen, als mein per⸗ ſönliches Wohl? Wenn der König und der Mann in mir ſtreiten, muß ich da nicht zuerſt König ſein, muß ich nicht zu allererſt dieſer heiligen Pflichten ge⸗ denken, welche meine Krone mir auferlegt? Meine Zeit, meine Gedanken, meine Kräfte gehören meinem Volke und meinem Lande, und ich habe einen Raub an ihm begangen, denn ich habe mich ihm zuweilen entzogen, ich habe eine Zauberin ſich zwiſchen mich und meine Pflicht ſtellen laſſen; es iſt dahin gekom⸗ — — 202— men, daß ein zweites Weſen neben mir einen Willen haben darf, und daß dieſer Wille mich beherrſcht und Einfluß hat auf mein Denken und Thun. Oh, ein König müßte alt und mit einem Greiſesherzen geboren werden, denn er darf niemals das Herz und die Mei⸗ nungen eines Mannes haben, wenn er ſeinem Volke treu und redlich dienen will. Und ich fühle, daß wenn dies ſo fortgeht, ich vielleicht ein glücklicher und beneidenswerther Mann, aber ein ſchwacher und ſchlech⸗ ter König ſein würde, denn ich würde mich lenken laſſen von einer Frau, und ihre Wünſche könnten mächtiger ſein als mein Wille! Niemals, niemals ſoll das geſchehen; ich werde den Muth haben, mein eigenes Herz unter meine Füße zu treten, und die Schmerzen, welche der Mann dabei empfindet, die wird ihm der König zu heilen verſuchen! Drinnen in dem andern Zimmer lehnte Barberina noch immer an der Thür, erſchöpft vom Klagen und Weinen. Hören Sie mich, mein König, ſagte ſie zu⸗ letzt ganz matt und kraftlos. Sie haben in dieſer Stunde meinen Willen gebrochen und meinen Stolz gedemüthigt für immerdar. Von nun an wird Bar⸗ berina keinen Willen mehr haben als den Ihren. Gebieten Sie alſo über mich! Sagen Sie, daß ich niemals mehr tanzen ſoll, und ich ſchwöre Ihnen, daß mein Fuß niemals wieder die Bühne betreten wird, befehlen Sie, daß die Cochois alle meine Rollen haben ſoll, und ich ſelber werde ſie ihr bringen, und ich ſelber werde ſie bitten, zu tanzen. Sie ſehen alſo wohl, mein König, daß ich gar keinen Stolz und kei⸗ nen Ehrgeiz mehr habe. Aber nun üben Sie Gnade, Sire! Oeffnen Sie dieſe fürchterliche Thür, laſſen Sie mich wieder Ihr Antlitz ſehen, laſſen Sie mich — 203— zu Ihren Füßen liegen. Oh, Sire, ſeien Sie barm⸗ herzig! Stoßen Sie mich nicht zurück! Der König lehnte mit zuckendem, tief bewegtem Antlitz neben der Thür; einmal ſtreckte er den Arm aus und legte die Hand auf die Klinke der Thür. Barberina ſtieß einen Freudenſchrei aus, denn ſie hatte die Klinke ſich bewegen geſehen. Aber der König zog ſeine Hand wieder zurück. Dann ward Alles ſtill. Zuweilen vernahm der König noch ein leiſes Stöhnen, ein unterdrücktes Schluchzen, dem wieder tiefes Schweigen folgte. Barberina bat und flehte nicht mehr; ſie hatte er⸗ kannt, daß das Alles jetzt nutzlos und vergeblich ſein würde, und der Zorn und der beleidigte Stolz machte jetzt die Thränen verſiegen, welche die Liebe und die Verzweiflung ihr erpreßt hatten. Barberina weinte nicht mehr, ihre Augen flamm⸗ ten und ſchoſſen wilde Zornesblitze nach dieſer Thür hin, vor welcher ſie ſo lange in demüthigem Flehen gelegen hatte, mit drohendem, zuckendem Angeſicht hob ſie ihre Arme zum Himmel empor, und ihre Lippen murmelten unverſtändliche Worte, vielleicht eine Ver⸗ wünſchung oder einen Racheſchwur. Leben Sie wohl, König Friedrich, rief ſie jetzt mit wilder, jubelnder Stimme, leben Sie wohl! Barberina verläßt Sie! 1 Als ſie fühlte, wie bei dieſen Worten die Thränen wieder in ihre Augen ſchoſſen, ſchüttelte ſie wild das Haupt und drückte die Augen feſt zu, und legte ihre zuſammengeballten Hände davor, wie zwei Zauber⸗ lalt welche ihre Thränen zurückhalten und bändigen ollten. Dann, mit einem wilden Satz, wie eine zornflam⸗ ————ÿäõou u¼à —— — 204— mende Löwin, ſprang ſie nach der andern Thür hin, und ſie haſtig öffnend ſtürmte ſie hinaus. Der König wartete noch eine lange Zeit. Dann öffnete er die Thür und trat wieder hinein in dieſes Gemach, das noch ganz erfüllt war von Barberina's Klagen und Seußzern, und das ihm jetzt traurig und dumpf erſchien, wie das Sterbezimmer ſeines Glückes. Haſtig durchſchritt er das Geutach und ſchob den Rie⸗ gel vor dieſe Thür, durch welche die Barberina hin⸗ ausgegangen war. Er wollte allein ſein und bleiben, ganz allein, Niemand ſollte ſeine Einſamkeit mit ihm theilen, Niemand dieſe Luft einathmen, die noch von Barberina's Seufzern durchzittert war. Mit einem langſamen, traurigen Blick ſchaute der König umher, dann eilte er nach der Thür hin, vor welcher Barberina ſo lange geknieet hat. Dort auf dem Boden lag ihr goldgeſticktes Taſchentuch. Der König hob es empor, es war noch feucht von Thränen, es war noch warm und duftig von ihren Händen. Der König drückte dieſes Tuch an ſeine Lippen, er kühlte mit dem erkalteten Naß ihrer Thränen ſeine brennenden Augen, und auf einen Stuhl nie⸗ derſinkend, murmelte er leiſe: es iſt vorbei mit dem Glück! —— XV. Der letzte Rampf. Unruhig und angſtvoll gingen die Cavaliere des Königs in dem Vorſaal auf und ab, immer die Augen wieder hinwendend auf dieſe Thür, welche in des Königs Studirzimmer führte, und welche ſich ſeit geſtern Vormittag nicht geöffnet hatte. In vierund⸗ zwanzig Stunden hatte der König dieſes Zimmer nicht verlaſſen, und vergeblich war es geweſen, daß der General Rothenburg und dann der Graf Algarotti an dieſe Thür geklopft und um Einlaß gebeten hatten. Der König hatte ihnen gar nicht geantwortet, aber er hatte Fredersdorf gerufen und ihm den ſtrengen Be⸗ fehl gegeben, Niemand zu ihm einzulaſſen und ſelber nicht eher wieder zu kommen, als bis er ihn rufen werde. Er wolle nicht zur Nacht ſpeiſen und werde ſich ſelber entkleiden, er bedürfe alſo gar keiner Hülfe weiter, hatte der König geſagt, und man ſolle ihn nicht ſtören in der wichtigen Arbeit, welche er zu vollenden habe.. Aber dieſes fürchterliche, ungewohnte Schweigen und Verſchließen ängſtigte und entſetzte die Freunde und Diener des Königs. Mit bangem, beklommenem Herzen ſtanden ſie vor der Thür und lauſchten auf jedes Geräuſch, welches ſich hinter derſelben vernehmen ließ. Viele Stunden lang hörten ſie das langſame, eintönige Auf⸗ und Abgehen des Königs, zuweilen auch einige ſchnelle, haſtige Worte, ein unterdrücktes Stöhnen,— nichts weiter. Die Nacht brach an, und * — 206— mit erbleichendem, traurigem Geſicht fragte Rothenburg den Grafen Algarotti, ob es jetzt nicht Pflicht ſei, mit Gewalt dieſe Thür zu öffnen und zu ſehen, ob dem König wirklich kein Unglück zugeſtoßen ſei. Hüten Sie Sich wohl, dies zu thun, ſagte Freders⸗ dorf kopfſchüttelnd. Der König hat gemeſſene Befehle gegeben, er will allein und ganz ungeſtört ſein. Und ahnen Sie gar nicht, was die Veranlaſſung dieſes ungewöhnlichen Trübſinns des Königs ſein mag? fragte der Graf Algarotti. Der König war ſchon ſeit einigen Tagen gedanken⸗ voll und mißmuthig, erwiderte Fredersdorf, und aus einigen Aeußerungen vermuthe ich, daß Seine Maje⸗ ſtät durch irgend Einen ſeiner näheren Freunde ſich verletzt und gekränkt fühlen müſſe. 2 General Rothenburg neigte ſich an das Ohr des Grafen Algarotti. Die Barberina hat ihn gekränkt flüſterte er. Sie war ſeit einiger Zeit launiſch und herriſch. Dieſe beiden gewaltigen Naturen führten ſeit einiger Zeit einen unſichtbaren Krieg miteinander, in dem es ſich um die Souverainetät handelte. Und bei dem, wie ich nicht zweifle, die ſchöne Bar⸗ berina unterliegen wird, ſagte Algarotti achſelzuckend. Der Menſch und der Mann werden bei Friedrich dem Einzigen immer von dem König beſiegt und müſſen ſich ihm unterordnen. Wenn der König erſt erkannt hat, daß der Mann ſich von dieſer Zauberin Barbe⸗ rina beſiegen ließ, ſo wird er wie Alexander den gor⸗ diſchen Knoten durchhauen und den Mann von den Feſſeln der Knechtſchaſt und der Liebe befreien. Aber ich fürchte, daß dieſe Feſſeln ſehr ſtark ſind, und der gordiſche Knoten dieſer Liebesbande vielleich dem Schwerte des Königs widerſtehen könnte. Der König, ſonſt ſo unantaſtbar und unverletzbar in ſeiner — 207— Autorität und Selbſtherrſchaft, duldete mit einer ſelte⸗ nen Langmuth das ſtolze, herriſche Weſen der Bar⸗ berina, und ſelbſt geſtern Abend, als mir Seine Ma⸗ jeſtät die Ehre erzeigte, bei mir in Geſellſchaft der Barberina zu ſoupiren, blieb er, trotz ihrer Launen und Tracaſſerieen, doch immer der zuvorkommende, aufmerkſame Cavalier. Und Sie wiſſen, daß der König die Signora ſeit⸗ dem nicht wieder geſehen? Das weiß ich nicht, vermuthe es aber. Fragen wir indeſſen den Thürſteher. Die bekümmerten Herren erfuhren von dem Thür⸗ ſteher, daß Barberina am Morgen dieſes Tages leichen⸗ blaß und mit verweinten Augen die Zimmer des Königs verlaſſen habe. Sie ſehen alſo, daß ich Recht hatte, ſagte Algarotti. Dieſes Verhältniß liegt in einer Kriſis. Bei welcher, wie ich fürchte, der König ſehr bittere Schmerzen erleiden wird, ſeufzte der General. Denn glauben Sie mir, der König hat die Barberina ſehr geliebt. Nein, nicht der König, ſondern der Mann. Aber hörten Sie nicht ein Geräuſch in dem Zimmer da? Es war ein Flötenton, ſagte Fredersdorf. Laſſen Sie uns näher an die Thür gehen. Leiſe und vorſichtig auf den Zehen ſchlichen die Drei der Thür zu, hinter welcher der König ſeine einſame Geiſterſchlacht kämpfte, bei welcher kein an⸗ deres Blut als das ſeines eigenen Herzens vergoſſen ward. Wieder erklangen jetzt Flötentöne, mächtiger und ſchwellender wie die Seußzer der Liebe und des Glückes durchzitterten ſie die Luft, bald ſich erhebend zu ſtür⸗ miſchen Wehelauten, dann wieder flüſternd und klagend — 208— und verklingend in Seufzern und Thränen.— Nie⸗ mals in ſeinen heiterſten und glücklichſten Tagen hatte der König mit ſo vollendeter Meiſterſchaft, ſo tiefer Gluth des Gefühls geſpielt, als heute an dem Tage ſeiner Schmerzen. Alles was er empfand an Pein und Seelenleid, an Liebe, Schmerz und Sehnſucht, ſtrömte er aus in den Tönen dieſes Adagio's, mit welchem er, wie es unſere Väter auf den weißen Blättern der Bibel gethan, die trauervollen Begeben⸗ heiten dieſes Tages aufzeichnete in dem heiligen Le⸗ gendenbuche ſeiner Schmerzen. Tief gerührt, mit von Thränen verdunkelten Au⸗ gen, ſtanden die Drei und horchten dieſen wunder⸗ baren Offenbarungen des Genius. Als der König jetzt mit einem vollen, mächtigen Wehelaut ſeine Muſik geendet hatte, neigte ſich Algarotti zu Rothenburg. Freund, ſagte er mit einem traurigen Lächeln, das war der Schwanengeſang ſeiner Liebe. Gebe Gott, daß nur dieſe Liebe, nicht aber ſein edles königliches Herz im Sterben liegt. Man reißt, fürchte ich, keine Liebe aus, ohne zugleich ein Stück des Herzens, in dem ſie wurzelte, mit fortzureißen. Sehen wir zu, ob wir irgend etwas thun können, ſeine Schmerzen zu ſänftigen. Laſſen Sie uns morgen zur Barberina gehen und von ihr zu erforſchen ſuchen, was ſich begeben hat. Und Sie meinen, fragte General Rothenburg, daß wir heute gar nicht mehr verſuchen ſollten, den König ſeiner ſchmerzlichen Einſamkeit zu entreißen? Ich meine, ſagte der Graf Algarotti, der König iſt ein ſo ſtarker Held, daß er allein im Stande iſt, ſich ſelber zu bezwingen!— Während der König ſo einſam und ungeſehen, und von Niemand, außer von ſeinem eigenen Genius, ge⸗ — 209— tröſtet, mit ſeiner Liebe rang, hatte Barberina's leiden⸗ ſchaftliches und ſtürmiſches Naturell alle Folterqualen der Leiden und des Jammers zu beſtehen. Sie indeſſen war nicht allein und nicht ohne eine Tröſterin, ſie hatte ihre Schweſter neben ſich, welche mit ihr weinte und mit mildem Hoffnungswort ihre Schmerzen zu ſänftigen ſuchte. Der König wird zu Dir zurückkehren, ſagte ſie. Deine Schönheit hält ihn mit unſichtbaren Zauber⸗ fäden gefeſſelt, Deine Liebenswürdigkeit und Anmuth wird ihm in der Erinnerung mit ſo holdem Lächeln zuwinken, daß er beſiegt und demüthig zu Dir heim⸗ kehren wird. B Barberina ſchüttelte traurig das Haupt. Ich habe ihn verloren, ſagte ſie. Der Adler hat die Bande ab⸗ geſtreift, mit denen ich ihm die Flügel gebunden hatte, er iſt jetzt wieder frei, er wird wieder ſeine Flügel entfalten und ſich aufſchwingen in die Lüfte, und im Vollgenuß ſeiner Freiheit wird er vergeſſen, daß er in der Gefangenſchaft glücklich geweſen. Nein, ich habe ihn auf immer verloren! Sie ſchlug ihre Hände vor ihr Angeſicht und weinte bitterlich. Dann aber, von einem andern, ent⸗ ſetzensvollen Gedanken emporgeſchnellt, richtete ſie ſich wieder auf mit flammenden Augen und zorngerötheten Wangen. Oh, und zu denken, daß ich ihn und er nicht mich verloren hat! Zu denken, daß es auf dieſer Welt einen Mann giebt, welcher mich verlaſſen hat! Das iſt eine Schmach und eine Demüthigung, an der ich ſterben werde. 7 Dieſer Mann aber iſt wenigſtens ein König, be⸗ merkte ihre Schweſter leiſe und ſchüchternr. Barberina ſchüttelte wild ihr Haupt, daß ihr auf⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. III. 14 gelöſtes ſchwarzes Haar wie Schlangen ſie umringelte. Was kümmert es mich, ob er ein König iſt. Sein Scepter iſt nicht ſo mächtig und groß, als das der Barberina. Wenn er ein König iſt, ſo bin ich eine Königin, und mein Reich dehnt ſich aus über die ganze Welt, ſo weit die Menſchen Augen haben, um zu ſehen, und ein Herz, um zu empfinden. Nein, daß er ein König iſt, macht dieſe Schmach nicht kleiner, dieſe Demüthigung nicht weniger grauſam. Oh, Bar⸗ berina iſt verlaſſen, aufgegeben, verſchmäht, und ſie lebt noch, und der Blitz ſolcher Qual hat ſie nicht zerſchmettert, ſie nicht zu Staub zermalt! Aber da ich lebe, werde ich Rache nehmen, Rache an dieſem ungeheuren Frevel, Rache an dieſem Mord meines Herzens! So unter Verwünſchungen, Klagen und Nache⸗ ſchwüren verging der Tag, und lange noch, als Bar⸗ berina, dem Flehen ihrer Schweſter nachgebend, ſich auf ihr Lager hingeſtreckt hatte, hörte ihre Schweſter ſie klagen und jammern, ſah ſie, wie ſie, das Haupt in die Kiſſen ihres Bettes bohrend, bitterlich weinte. Bleich und mit gerötheten Augen erhob ſich Bar⸗ berina am andern Morgen; ſie war noch immer tief traurig, aber nicht mehr hoffnungslos, ihre Eitelkeit, ihre Schönheit, an deren Zauber ſie glaubte, hatte ihr goldene Troſtesworte zugeflüſtert. Sie war jetzt faſt überzeugt, daß der König ſie nicht aufgeben werde. Er hat mich geſtern verſtoßen, ſagte ſie mit leuch⸗ tenden Augen, heute wird er mich beſchwören, zu ihm zurückzukehren. Es überraſchte ſie daher gar nicht, als der Kam⸗ merdiener kam und ihr meldete, daß der General Rothenburg und der Graf Algarotti im Salon ſeien und der Signora ihren Beſuch zu machen wünſchten. —Q— — 211— Siehſt Du, ſagte ſie mit einem köſtlichen Ausdruck ſich an ihre Schweſter wendend, ſiehſt Du, daß mein Herz richtig geahnt hat. Der König ſendet mir ſeine beiden vertrauteſten Freunde, damit ſie mich zu ihm führen ſollen. Oh, mein Gott, gieb, daß mein Herz, welches dem Kummer widerſtanden hat, jetzt nicht von dem Glück gebrochen wird. Ich werde ihn wieder⸗ ſehen, und ſeine ſchönen Augen werden dieſe fürchter⸗ lichen Blicke, mit denen er mich geſtern zuletzt ange⸗ ſchaut, aus meinem Herzen verwiſchen. Lebe wohl, Sorella, lebe wohl, ich gehe zum König! Aber doch nicht ſo, nicht in dieſem Negligée, nicht mit dieſem verwilderten Haar? fragte ihre Szwenat die ungeſtüm vorwärts Drängende zurückhaltend. So wie ich bin, ſagte Barberina. Ich habe mir um Seinetwillen das Haar zerrauft, um Seinetwillen die Augen roth geweint; mein armes, entſtelltes Aus⸗ ſehen ſoll ihm von meiner Verzweiflung erzählen und ihn mit Reue erfüllen. Stolz und mit triumphirendem Angeſicht trat Bar⸗ berina in den Salon, und mit einem unmerklichen Neigen des Kopfes erwiderte ſie die ehrerbietigen Grüße der beiden Herren. Sie bringen mir eine Botſchaft von Seiner Ma⸗ jeſtät? fragte ſie haſtig. Der König hat uns mit dem Auftrag beehrt, nach dem Befinden der Signora zu fragen, ſagte Graf Al⸗ garotti mit einem feinen Lächeln. Barberina lächelte auch. Er hat ſie geſandt, mich auszuhorchen, dachte ſie, er will von ihnen erfahren, ob ich bereit bin, wieder zu ihm zu kommen. Ich will ihnen entgegenkommen und ihnen das Spioniren leicht machen. Sagen Sie Seiner Majeſtät, ſagte ſie laut, daß .. 14* 8 — 212— ich die Nacht unter Thränen und Seufzern hingebracht habe, und daß mein Herz voll Reue und Schmerz über mich ſelber iſt. Die beiden Herren warfen ſich einen Blick des Einverſtändniſſes zu. Sie wußten jetzt, was ſie wiſſen wollten: die Barberina hatte einen Zwiſt mit dem König gehabt und der König hatte ſich im Zorn von ihr getrennt. Deshalb war ſie heute ſo demüthig. Barberina blickte erwartungsvoll die Herren an. Sie war überzeugt, daß ſie jetzt im Namen des Kö⸗ nigs die Bitte ausſprechen würden, die Signora möge ſie nach dem Schloſſe begleiten. Aber nichts von dem Allen erfolgte. Die Reue muß in der That ein ſehr giftiger Wurm ſein, ſagte General Rothenburg, auf das Ant⸗ litz der Signora deutend. Er hat da die blühende Purpurroſe von vorgeſtern Abend in eine weiße Roſe verwandelt. Vielleicht iſt das ein Glück, ſagte Algarotti lächelnd, denn bekanntlich haben die weißen Roſen weniger Dor⸗ nen, als die rothen, und man wird ſich von nun an weniger der Gefahr einer Verwundung ausſetzen, wenn man in Ihrer Nähe iſt, Signora. Barberina zuckte zuſammen und ihre Augen ſchoſſen Blitze. Wollen Sie damit andeuten, daß meine Kraft gebrochen iſt und man mich ſo ſehr gedemüthigt hat, daß ich mich nicht wieder aufrichten kann? Wollen Sie ſagen, daß Barberina, welche der König ſo ſchmach⸗ voll verletzt, ſo grauſam gedemüthigt hat, nun wie ein Schmetterling iſt, dem man den Blüthenſtaub ſei⸗ ner Flügel abgeſtreift hat, und den Niemand mehr ſchön findet, weil eine rauhe Hand ihn zu verletzen wagte? 3 — Ich wollte damit ſagen, Signora, daß es für den 8 — — 213— König ein Glück wäre, wenn die Erfahrungen des geſtrigen Tages Sie weicher und milder geſtimmt hätten, ſagte Algarotti, indem er, dem verabredeten Plan mit Rothenburg gemäß, um die Wahrheit zu erforſchen, ſich den Anſchein gab, als habe der König ihnen Alles geſagt. 4 Der König litt vorgeſtern Abend ſichtlich durch die ſcharfen Dornen, mit denen die rothe Roſe ihn wund ritzte, ſagte Rothenburg. Und hat er ſich dafür nicht grauſam gerächt? fragte Barberina glühend. Hat er mich nicht dafür ſtundenlang mit gerungenen Händen flehend und jam⸗ mernd an ſeiner Thür knieen laſſen, ohne zu öffnen, ohne Gnade zu üben? Aber jetzt iſt das Alles über⸗ wunden und vergeſſen. Jetzt haben dieſe Schmerzen ausgeblutet, und das Glück ſoll wieder einziehen in mein armes zermartertes Herz. Oh, erzählen Sie nur dem König, wie demüthig ich geworden bin, ich bettele um das Glück, und betrachte es nicht mehr als mein Recht, ſondern als eine Gottesgabe, die man auf ſei⸗ nen Knieen empfängt und zu der man anbetungsvoll und durchſchauert von Dank die Hände erhebt. Aber nein, nein, Sie ſollen das dem König nicht ſagen, ſondern ich will es ſelber thun! Kommen Sie, Sig⸗ nori, der König erwartet uns! Eilen wir alſo! Aber die Herren eilten nicht, ihre ausgeſtreckten Hände anzunehmen und ſie zum Wagen zu führen. Wir hatten nur den Befehl, nach dem Befinden der Signora zu fragen, ſagte Algarotti. Und da die Signora uns geſagt hat, daß ſie die Nacht geweint und von Reue gequält durchbracht hat, ſo wollen wir das dem König ſagen. Vielleicht wird das ſeine eigenen Leiden ſänftigen, bemerkte General Rothenburg. — 214— Barberina blickte ſtaunend von Einem zum Andern hin, und allmälig rötheten ſich ihre Wangen und ihre Augen flammten. Sie ſind nicht gekommen, um mich zum König abzuholen? fragte ſie athemlos. Nein, Signora, der König hat uns nicht dieſen Auftrag gegeben. Ah, er will alſo, daß ich mich freiwillig dazu ent⸗ ſchließe? Nun wohl denn, ich bitte Sie, führen Sie mich zu Seiner Majeſtät. Das iſt eine Bitte, die wir leider nicht im Stande ſind zu erfüllen. Der König hat den ſtrengſten Be⸗ fehl gegeben, Niemand vorzulaſſen. Niemand? 1 Niemand, ohne Ausnahme der Perſon, Signora, ſagte Graf Algarotti, ſich ehrfurchtsvoll verneigend. Barberina preßte die Lippen feſt aufeinander, um den Schrei zurückzudrängen, der ihre Bruſt beklemmte, ſie mußte ihre Hand auf den Gueridon neben ihr ſtützen, um nicht umzuſinken. 8 Sie ſind alſo nur gekommen, um mir zu ſagen, daß der König mich nicht ſehen will, daß er mir heute wie geſtern ſeine Thür verſchloſſen hat? Nun wohl denn, Signori, Ihr Auftrag iſt beendet! Ge⸗ hen Sie, und ſagen Sie Seiner Majeſtät, daß ich ſeinen Befehl empfangen und befolgen werde! Ge⸗ hen Sie! Sie blieb ſtolz und aufgerichtet ſtehen, ſie erwiderte die ehrerbietigen Grüße der beiden Cavaliere nur mit einem ſpöttiſchen Lächeln, und die Hand immer noch auf den Gueridon geſtützt, blickte ſie mit großen, thrä⸗ nenloſen Augen den beiden Herren nach, wie ſie den glänzenden, blumengeſchmückten Salon durchſchritten. Als aber die Thür ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, — 215— als ſie ſicher war, von ihnen nicht mehr gehört zu werden, ſtieß Barberina einen ſo gellenden, wilden Schrei aus, daß Marietta entſetzt hereinſtürzte und zu ihrer Schweſter hineilte, welche wie vom Blitz zer⸗ ſchmettert zu Boden geſunken war und mit gerungenen Händen zum Himmel emporſtarrte. Ich bin entehrt, verrathen, verſtoßen, jammerte ſie. Oh, mein Gott, gieb, daß ich ſterbe, daß ich dieſe Schmach nicht überlebe! Bald aber verſtummten die Gebete der Verzweif⸗ lung auf ihren Lippen und verwandelten ſich in Ge⸗ bete des Zorns und der Verwünſchung. Barberina wollte nicht mehr ſterben, ſie wollte ſich rächen! Sie erhob ſich von ihren Knieen und ging haſtigen Schrittes auf und ab, ganz Aufregung und Gluth, ganz erfüllt von dem brennenden Durſt, dieſe Beleidigung von ſich abzuwehren und vor der Welt mindeſtens einen Schleier über die Schmach zu breiten, welche man ihr angethan.. Marietta, hilf mir ein Mittel erſinnen, ſagte ſie athemlos, ein Mittel, welches ſchnell und auf Einen Schlag mir Genugthuung gewährt, ein Mittel, welches dem König beweiſt, daß ich nicht, wie er es glauben wird, vergehe in Verzweiflung und Schmerz, ſondern daß ich noch immer Barberina, die ſiegreiche, gefeierte, triumphirende Künſtlerin bin, ein Mittel, welches der ganzen Welt beweiſt, daß nicht ich es bin, die man verlaſſen und aufgegeben hat, ſondern daß ich es bin, welche verlaſſen hat. Oh, wo finde ich dieſes Mittel, das mich triumphirend wieder aus dieſer Erniedrigung emporheben ſoll! Wo— Still, Schweſter, ſtill, ſagte Marietta. Man kommt! Laß den Diener Deine Aufregung nicht ſehen. Der eintretende Kammerdiener meldete, daß drau⸗ — 216— ßen der Theaterdiener ſei, um im Auftrage des Theater⸗Directors Baron von Sweerts zu fragen, ob die Signora heute Abend in dem angeſetzten Ballet tanzen werde? Ich werde tanzen! Melden Sie das dem Diener, befahl Barberina, und als Marietta, nachdem ſie wie⸗ der allein waren, ſie beſchwor, ihre Aufregung nicht noch zu vergrößern und heute Abend nicht zu tanzen, ſagte Barberina glühend: Du ſiehſt alſo nicht, daß ſich ſchon das Gerücht meiner Erniedrigung beim Theater verbreitet hat, Du fühlſt alſo nicht die Bos⸗ heit, welche in dieſer Anfrage liegt? Oh, ſie denken, daß Barberina ſo zerſchmettert, ſo zerbrochen von der Ungnade des Königs iſt, daß ſie heute Abend nicht tanzen kann! Sie ſollen ſich Alle getäuſcht haben! Ich werde tanzen; es iſt möglich, daß ich davon wahnſinnig werde, aber ich werde doch vorher die Verläumdung getödtet und die Schmach einer Nieder⸗ lage vernichtet haben! 3 Wieder erſchien jetzt der Diener und meldete den Herrn von Cocceji. Du kannſt ihn nicht annehmen, Schweſter, flüſterte Marietta. Sage, daß Du mit dem Studiren Deiner Rolle, daß Du mit Deiner Tollette beſchäftigt biſt. Sage, was Du willſt, nur weiſe ihn ab! Barberina blickte gedankenvoll vor ſich hin. Nein, ſagte ſie dann raſch, ich werde ihn nicht abweiſen. Führen Sie den Herrn von Cocceji in mein Boudoir, und bitten Sie ihn, mich dort zu erwarten. Als der Diener ſie verlaſſen, ergriff Barberina heftig ihrer Schweſter Hand. Ich habe zu Gott ge⸗ fleht um ein Mittel mich zu rächen, ſagte ſie, Gott hat mir dieſes Mittel geſandt. Du weißt, Cocceji liebt mich und hat lange vergeblich um mich geworben. f 2 — 217— Nun denn, heute will ich ihn nicht vergeblich bitten laſſen, heute will ich ihm meine Liebe verſprechen, aber ich werde meine Bedingungen machen. Komm, Schweſter! Und ſtolz aufgerichtet, glühend vor Erregung, be⸗ gab ſich Barberina in das Boudoir, wo der junge Herr Regierungsrath von Cocceji, der Sohn des Mi⸗ niſters, ſie erwartete. Mit einem köſtlichen Lächeln ſchritt ſie ihm ent⸗ gegen, und ihm mit ihren großen brennenden Augen feſt in's Antlitz ſehend, fragte ſie: Sind Sie immer noch nicht geheilt von Ihrer Liebe zu mir? Der junge Mann trat verwundert und erblaſſend einen Schritt zurück, aber Barberina ſtand vor ihm in ſo wunderbarer Schönheit, mit einem ſo ſeltſamen, zauberhaften Lächeln, in ihren Augen lag ſo viel Er⸗ muthigendes und ſüß Verlockendes, daß er wohl fühlte, es ſei nicht ihre Abſicht, ihn zu verhöhnen und ſeiner zu ſpotten. Dieſe Liebe iſt eine Krankheit, von der ich niemals geheilt werden kann, ſagte er innig, eine Krankheit, welche allen Mitteln widerſteht. Auch dem meiner Gegenliebe? fragte ſie leiſe. Das Antlitz des Herrn von Cocceji leuchtete vor Freude und Entzücken. Barberina, ſagte er haſtig und ganz bewältigt von dieſem neuen ungeahnten Glück, Barberina, wenn ich jetzt träume und nachtwandle, ſo wecken Sie mich nicht. Wenn ich jetzt nur im Wahn⸗ ſinn glaube Ihre Stimme gehört zu haben, ſo ent⸗ täuſchen Sie mich nicht. Laſſen Sie mich weiter träu⸗ men und weiter phantaſieren, oder tödten Sie mich, wenn Sie wollen, nur ſagen Sie nicht, daß ich falſch gehört habe. 1 4 Ich ſage es auch nicht, flüſterte ſie faſt zärtlich. — 218— Sie haben mir ein ganzes Jahr lang geſchworen, daß Sie mich lieben! Und Sie haben immer die Grauſamkeit gehabt, mich zu verhöhnen und meiner zu ſpotten. Von heute an will ich an Ihre Liebe glauben, aber Sie müſſen mir einen Beweis derſelben geben. Wollen Sie das? Ich will es! Nun denn, ich fordere keine Rieſenthaten, keine herculiſchen Arbeiten, es iſt da kein Nebenbuhler, den Sie zu ermorden haben. Aber ich verlange von Ihnen, daß Sie mit Ihrer Liebe zu mir vor der ganzen Welt Eclat machen, ich fordere, daß Sie mit erhobe⸗ nem Haupt und klarem offenem Auge vor Jedermann ein Zeugniß ablegen von dieſer Liebe. Ich will nicht, daß Derjenige, welcher mich liebt, vermeint, dieſe Liebe unter den Schleiern des Geheimniſſes und des Schweigens verhüllen zu müſſen, ich will, daß er den Muth habe, die Sonne des Himmels und das Auge der Menſchen auf ſein Herz fallen zu laſſen, und daß ſeine Wimper dabei nicht zucke und nicht der Schatten eines Zagens ſein Antlitz verdüſtere. Ich will, daß morgen ganz Berlin es ſage und wiſſe: der junge Regierungsrath von Cocceji, der Sohn des Miniſters, der Liebling des Königs, der liebt die Barberina und ſie liebt ihn, und es iſt keine dieſer kalten nordiſchen deutſchen Zuneigungen, bei denen einem das Blut in den Adern erſtarrt und das Herz unter Eisblöcken einfriert, es iſt ein volles, heißblütiges, inbrünſtiges Gefühl, das ſie Beide durchglüht! Es iſt keine deut⸗ ſche Zuneigung, es iſt eine italieniſche Liebe, eine Liebe voll Sonnenſchein, Wetterleuchten und Gluth!. Sie ſah wundervoll aus in dieſer herausfordern⸗ den, ſtolzen, kühnen Haltung, mit dieſen leuchtenden — 219— Blicken, dieſem von Energie und Begeiſterung durch⸗ flammten Angeſicht. Selbſt ein ſanfteres, weniger leidenſchaftlicheres Naturell als das des Herrn von Coeceji würde von dieſer Gluth ſich entflammt, von dieſer Energie ſich mit fortgeriſſen gefühlt haben. Außer ſich, ganz Leidenſchaft und Entſchloſſenheit, knieete der junge feurige Cocceji zu Barbering's Füßen nieder. Gebieten Sie über mich, meinen Namen, mein Leben und meine Hand, ſagte er. Wenn Sie mich lieben, werde ich ſtolz ſein, Sie der ganzen Welt zu zeigen, wie ich Sie liebe, der ganzen Welt zu ſagen: das iſt meine Gemahlin, und ich fühle mich geehrt und glücklich, daß ſie meine Hand angenom⸗ men hat! Davon ein anderes Mal, ſagte Barberina lächelnd. Zuerſt beweiſen Sie der Welt, daß Sie mich lieben. Machen Sie heute Abend im Theater einen Eclat, daß ganz Berlin davon zu reden hat! Dann—. Dann? fragte Cocceji, und ſein ſchönes, energie⸗ volles, friſches Angeſicht war roſig und ſtrahlend, wie von einem Sonnenſtrahl angeleuchtet. Dann, ſagte ſie leiſe, dann wird ſich alles Uebrige finden! — 220— XVI. Das Intermezzo im Theater. Nachdem der Graf Algarotti und der General von Rothenburg die Barberina verlaſſen, waren ſie ganz beruhigt und getröſtet in das Schloß zurückgekehrt. Die Barberina bereut, und iſt bereit den erſten Schritt zur Verſöhnung zu thun, ſagte General Ro⸗ thenburg. Ich ſehe ſchon, wie Alles kommen wird, und werde meinem Koch Befehl ertheilen zu einem Souper für dieſen Abend.. Warten Sie damit immerhin noch ein wenig, ſagte Algarotti kopfſchüttelnd. Sie würden vielleicht Ihren Koch unnöthig bemühen, und die Speiſen möchten kalt werden, bevor der König käme. Sie glauben alſo? Ich glaube, daß um eines bloßen vorübergehenden Gewitters willen der König ſich nicht ſo in Einſamkeit und Schweigen verſchließen würde, und daß es ſich hier nicht um eine Laune, ſondern um eine Lebens⸗ frage handelt. Der König hatte ſeine Thür immer noch nicht ge⸗ öffnet. Vergeblich hatte Fredersdorf heute Morgen mehrmals um Einlaß gebeten und gefleht. Der König hatte ſeine Thür noch nicht geöffnet. Traurig und unruhvoll ſtanden die Freunde, un⸗ ſchlüſſig, was ſie beginnen, wie ſie endlich dieſes ſtarre, erſchreckende Schweigen durchbrechen ſollten. Plötzlich ward die nach dem Vorſaal führende Thür haſtig geöffnet, und auf der Schwelle erſchien 4 1 — 221— ein Mann, deſſen elegantes, zierliches und ſtattliches Aeußere den Hofmann und Cavalier verrieth, während ſein heiteres, wohlgenährtes, geröthetes Antlitz, ſeine friſchen, blitzenden, lebhaften Augen, ſein gemüthliches, joviales Lächeln ihn als einen Lebemann und Schüler des Epicur bezeichneten. Dieſer Mann, zu dem Jeder, welcher ihn anſah, Vertrauen faſſen mußte, deſſen Antlitz, trotz der kleinen Runzeln und Falten, welche funfzig bewegte und thatenvolle Jahre darauf ver⸗ zeichnet hatten, doch noch immer von einer kindlichen Harmloſigkeit und Gutmüthigkeit zeugte, dieſer Mann war der Marquis d'Argens, der treue, ſtets unver⸗ änderliche, niemals wankende, niemals irrende Freund des Königs, ihm nicht bloß ergeben mit ſeinem Her⸗ zen, ſondern auch mit ſeiner Seele, ſeinem ganzen Daſein, und ſo voll Anbetung und Bewunderung für ſeinen königlichen Herrn, ſo voll Ehrfurcht und Re⸗ ſpect, daß er zum Beiſpiel die Briefe, welche er vom König empfing, niemals anders als ſtehend und bei verſchloſſenen Thüren las. Mit einem heitern und glücklichen Lächeln trat der Marquis, eben von einer längeren Reiſe nach Paris heimkehrend, in den Vorſaal des Königs, ganz Sehn⸗ ſucht und Freude, ſeinen geliebten Herrn wiederzu⸗ ſehen; haſtig, und ohne irgend etwas Anderes zu ſehen und zu beachten, als da drüben dieſe Thür, welche in das Studirzimmer des Königs führte, durchſchritt der Marquis den Saal. Rothenburg und Algarotti näher⸗ ten ſich ihm indeſſen, und ihm mit freudiger Begrü⸗ ßung ihre Hände darreichend, erzählten ſie ihm von eer ſeltſamen und ungewohnten Abgeſchloſſenheit des önigs. Das Antlitz des Marquis nahm ſofort einen dü⸗ ſtern, traurigen Ausdruck an und ſeine Augen füllten — 222— ſich mit Thränen. Wir müſſen ihn dieſer Einſamkeit entreißen, ſagte er entſchloſſen. Ich werde vor dieſer Thür knieen und ſo lange bitten und jammern, bis das edle Herz des Königs ſich erweicht, bis er aus Mitleid und Großmuth für mich mein Flehen erhört und die Thür öffnet. Gehen Sie, Freund Freders⸗ dorf, und melden Sie mich Seiner Majeſtät. Fredersdorf näherte ſich der Thür, hinter ihm, Hand in Hand, ſtanden die Freunde. Sire, rief Fredersdorf, an die Thür klopfend, Sire, der Murquis d'Argens iſt da, und bittet um die Gnade, vorgelaſſen zu werden. Keine Antwort erfolgte. Oh, Sire, rief der Marquis, ſein Sie barmherzig! Haben Sie Nachſicht mit meiner Sehnſucht, Sie zu ſehen. Bedenken Euere Majeſtät, daß ich Tag und Nacht gereiſt bin, um einige Stunden früher das Glück haben zu können, Sie wieder zu ſehen und mein armes Herz an dem Sonnenſchein Ihrer Blicke zu erwärmen. Ueben Sie Gnade, Sire, laſſen Sie mich ein! In athemloſem Schweigen lauſchten die Herren auf den Erfolg dieſer Beſchwörungsformel des Marquis. Wirklich, die Klinke dieſer Thür bewegte ſich! Man hörte da drinnen einen Riegel zurückſchieben,— die Thür öffnete ſich. Der König erſchien auf der Schwelle. Er ſah bleich aus, aber von dieſer klaren, durch⸗ ſichtigen Bläſſe, welche gar nichts gemein hat mit der gelben Bläſſe phyſiſcher, krankhafter Ermattung, ein wunderbarer milder Glanz ſtrahlte von ſeinem Ange⸗ ſicht, ein weiches, rührendes Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen Lippen, und ſeine großen, unergründlichen Augen leuchteten wie zwei Sterne. Eine wunderbare, — 223— majeſtätiſche Ruhe war über ſein ganzes Weſen aus⸗ gebreitet, und ohne irgend eine Spur von Aufregung näherte er ſich den Freunden. Willkommen, Marquis, ſagte er, d'Argens zärtlich zunickend, willkommen und Glück auf zu Ihrer Rücks kehr. Sie werden uns ohne Zweifel viel zu erzählen haben von Ihren tollen und übermüthigen Landsleuten, und ich ſehe ſchon, wie Rothenburg und Algardtti vor Begierde brennen, von Ihren verliebten Abenteuern und Ihren Rendezvous mit den neugebackenen, noch ganz friſchen und warmen Duchesses und Princesses- zu erfahren. Ah, Sire, er kam in der That mit einer ſehr ſtol⸗ zen Siegermiene, ſagte Rothenburg, bereitwillig auf die Abſicht des Königs, eine ſcherzhafte Unterhaltung anzuknüpfen, eingehend, man begriff ſogleich, welche großen Triumphe der Marquis am Hofe Ludwig's des Funfzehnten erlebt hat. Wenn der Marquis ſein Herz in Paris zurückge⸗ laſſen hat, rief Algarotti lächelnd, ſo wäre das wahr⸗ haftig ein Glück für ihn. Denn Euere Majeſtät wiſ⸗ ſen wohl, er leidet immer ſehr am Herzen, und jedes Mädchen, welches er nicht gerade ſtehlen ſah, iſt für ihn ein reiner Unſchuldsengel. Sie wiſſen doch, Sire, ſagte Rothenburg, daß ihm kurz vor ſeiner Abreiſe ſeine Haushälterin ſein Silber⸗ zeug ſtahl, und daß der Marquis ihr den Silberwerth zu zahlen verſprach, wenn ſie den Thäter entdeckte und die Sachen wieder zur Stelle lieferte. Sie brachte ihm alſo das Silberzeug zurück, und der Marquis zahlte ihr nicht bloß das verſprochene Geld, ſondern noch eine bedeutende Belohnung dafür, daß ſie ſo klug geweſen, den Dieb zu entdecken. Als er mir trium⸗ phirend dieſe Geſchichte erzählte und ich die Bemerkung — 224— wagte, die Haushälterin ſei ſelber die Diebin geweſen, war er ſo empört und außer ſich, als habe ich ihn ſelber des Diebſtahls bezüchtigt.„Haben Sie mehr Ehrfurcht vor dem weiblichen Geſchlecht,“ ſagte er zu mir,„eine Frau beſchuldigen und anklagen iſt immer ein Verbrechen gegen Gott und die Natur. Die Frauen ſind tugendhaft und edel, wenn ſie nicht ver⸗ leitet werden, und ich wüßte nicht, wer meine gute, treue Haushälterin ſollte verleitet haben. Sie iſt alſo unſchuldig.“ Die Herren brachen in ein fröhliches Lachen aus, während d'Argens beſchämt und traurig den Blick zu Boden ſenkte. Aber der König trat noch näher zu ihm hin, und beide Hände auf die Schultern des Marquis legend, ſah er ihm mit inniger Liebe in das volle, gute Angeſicht. Er hat das Herz eines Kindes, den Geiſt eines Weiſen und die Phantaſie eines Dichters von Gottes Gnaden, ſagte der König, wenn alle Männer ihm 4 glichen, wäre die Erde kein Jammerthal, ſondern ein Paradies. Darum, Marquis, iſt es ein wahres Glück für mich, daß Sie wieder hier ſind, denn Sie ſollen bei mir die Stelle des heiligen Vaters einnehmen und mir ein Stückchen Erde ſegnen und weihen, und mit Ihren keuſchen Lippen zu den Hausgöttern flehen, daß ſie freundlich den Heerd des Hauſes beſchützen und uns Allen ein wenig Heiterkeit und Glück in den Wermuthsbecher unſers Lebens gießen. Mein Wein⸗ berg bei Potsdam iſt vollendet und dahin will ich Sie heute führen, Sie ganz allein, Marquis. Ihr Andern, Ihr tollen, übermüthigen, argwöhniſchen Menſchen⸗ kinder, ſollt mir nicht gleich da in meinem Stückchen Paradieſe die Luft verpeſten mit Eurem vom Apfelbiß noch ganz beklemmten Athem und Euren verlockenden — 225— Schlangenworten. d'Argens allein iſt des Paradieſes werth, denn er iſt noch ein Menſch vor dem Sünden⸗ falle und hat noch niemals von dem ominöſen Apfel gekoſtet. Wir fahren alſo nach meinem Weinberg, Marquis, und wenn Sie Ihren Segen über denſelben geſprochen, dann ſollen Sie mir von der chronique scandaleuse des franzöſiſchen Hofes erzählen. Vorher aber muß ich noch arbeiten. Fredersdorf, ſind die Cabinets⸗Secretaire da? Sie ſind ſeit einer Stunde im Bureau. Wer iſt ſonſt noch im Vorzimmer? Der Herr Baron von Sweerts, welcher das Re⸗ pertoire der Woche bringt. Ah, der Sweerts, ſagte der König gedankenvoll. Er ſoll kommen! Fredersdorf eilte hinaus, den Theaterdirector zu holen, während der König die harmloſe und lächelnde Unterhaltung mit ſeinen Freunden wieder aufnahm. Als der Baron Sweerts eintrat, ging der König ihm einen Schritt entgegen und ſtreckte die Hand aus nach den Papier, welches der Baron ihm darreichte. Der König überflog es mit anſcheinend gleich⸗ gültigem Angeſicht, nur preßte er die Lippen ein we⸗ mnig aufeinander und über ſeine Stirn flog ein leiſer Schatten hin.. Wer tanzt denn heute Abend die Soli in dem Ré pastore? fragte der König endlich. Signora Barberina, Euere Majeſtät. Ah, die Signora Barberina, ſagte der König nachläſſig. Ich glaubte gehört zu haben, daß ſie krank ſei. Seine Blicke wandten ſich mit einem durchdringen⸗ den, fragenden Ausdruck auf ſeine drei Freunde hin. Vielleicht errieth er, was ſie gethan, und fand es Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. III. 15 3 — 226— natürlich, daß ſie in der Unruhe ihres Herzens zur Barberina gegangen waren, vielleicht wollte er darüber Gewißheit haben. Sire, ſagte Rothenburg, Signora Barberina iſt wieder ganz hergeſtellt. Graf Algarotti und ich mach⸗ ten ihr heute Morgen unſern Beſuch, und ſie beauf⸗ tragte uns, wenn Euere Majeſtät die Gnade haben ſollten, nach ihr zu fragen, Denſelben zu berichten, daß ſie vollkommen wieder geſund und heiter ſei. Der König ſagte kein Wort, in ſeiner rechten Hand noch immer das Papier haltend, auf welchem das Repertoire verzeichnet war, faltete er die Hände auf dem Rücken zuſammen, und ging ſinnend einige Male auf und ab. Dann blieb er vor d'Argens ſtehen und ſagte freundlich: Sie ſind ein ſo großer Enthuſiaſt für die Bühne, daß es grauſam wäre, Sie heute nach meinem Weinberg zu entführen. Wir wollen alſo heute in's Theater gehen und die Barberina tanzen ſehen; morgen fahren wir nach Potsdam und weihen mein neues Haus ein. Adieu, Meſſieurs, ich muß arbeiten. Sie ſind heute Mittag meine Gäſte und heute Abend begleiten Sie mich in's Theater. Er nickte ihnen freundlich zu und ging wieder in ſein Studirzimmer zurück. Sie will mir trotzen, ſagte er leiſe zu ſich ſelber. Sie will mir beweiſen, daß ſte Alles überwunden hat. Nun, ich werde ihr zeigen, daß auch ich geneſen bin!— 3 Die Stunde des Theaters war endlich gekommen. Eine glänzende, geſchmückte, von Ordensſternen und Brillanten funkelnde Geſellſchaft füllte die Logen des erſten Ranges und das Parquet, während im Par⸗ terre und im zweiten Range die Beamten und Hof⸗ bedienten, die geladenen Kaufleute und Bürger mit ihren Frauen und Töchtern die Plätze füllten, und in —— ——, — — 227— freudiger Ungeduld dem Beginn des reizenden Schäfer⸗ ſpiels il Ré pastore entgegenharrten. Ganz andere Intereſſen waren es indeſſen, welche heute die Geſell⸗ ſchaft des erſten Ranges, die eingeweihte und bevor⸗ zugte Hofgeſellſchaft, beſchäſtigten. Wie ein Lauffener hatte ſich unter ihnen das Gerücht verbreitet, die Signora Barberina ſei in Ungnade gefallen und der Gunſt des Königs für immer verluſtig gegangen. Man erzählte ſich von der Verzweiflung der Tänzerin, und es gab ſchon Einige, welche behaupteten, Barbe⸗ rina habe heute einen Verſuch gemacht, ſich das Leben zu nehmen, während Andere verſicherten, ſie habe ge⸗ ſchworen, nie wieder in Berlin die Bühne zu be⸗ treten, und werde daher auch heute Abend ganz ſicher eine plötzliche Erkrankung vorſchützen, um nicht zu tanzen. Jedermann war daher begierig auf den Beginn der Vorſtellung und blickte erwartungsvoll nach dem Vorhang der Bühne und nach der Seitenthür da drüben am Parquet, durch welche der König mit ſei⸗ nem Gefolge einzutreten pflegte, um ſeinen dicht hin⸗ ter dem Orcheſter aufgeſtellten Lehnſeſſel einzunehmen. Jetzt endlich öffnete ſich dieſe Thür. Die Trom⸗ peten und Poſaunen ließen ihre Fanfaren erſchallen. Der König trat in den Saal und ging ruhigen, ge⸗ laſſenen Schrittes zu ſeinem Seſſel hin. Die Klingel ertönte, der Vorhang rollte ſich empor, das Ballet begann. Zuerſt ein Enſembletanz von Schäfern und Schäferinnen, dann ein luſtiges Inter⸗ mezzo von Faunen und Satyrn, welche dann in maleriſchen Gruppen mit den Schäfern und Schä⸗ ferinnen ſich zu beiden Seiten der Bühne aufſtellten, harrend auf die Schäferkönigin, welche jetzt erſcheinen mußte. 15* — 228— Eine athemloſe Pauſe trat ein. Aller Augen wa⸗ ren ſtarr und unverwandt auf die Bühne gerichtet, nur der König ſchaute gleichgültig auf die Tabatiere nieder, die er in ſeinen Fingern drehte, und deren große Brillanten dann blitzartig auffunkelten und flammten. Jetzt ein allgemeines Ach der Bewunderung. Da flattert ſie heran, roſig, ſtrahlend von Liebreiz, duftig und zart, wie eine Libelle, verlockend und reizend in ihren durchſichtigen ſilberfunkelnden Gewändern, mit dieſem zauberhaften Lächeln, das die Perlenreihe ihrer Zähne zeigt und in ihre roſigen Wangen reizende Grübchen bohrt, mit dieſen großen, geheimnißvollen, ſchwarzen Augen, welche zugleich ſo hold zu ſchmeicheln und ſo kühn zu drohen verſtehen. Unhörbar ſchwebt ſie heran bis zu dem Rande der Bühne. Nun biegt ſie mit einer unnachahmlichen Grazie den Oberkörper zurück, und auf den äußerſten Spitzen ihrer Zehen ſchwebend, hebt ſie die Arme, welche eine Roſenguir⸗ lande halten, hoch über ihrem Haupte empor, und ſchaut, ruhend in dieſer ſchwebenden Stellung, mit einem ſüßen Lächeln zu den Blumen auf. Wundervoll! ſagte plötzlich eine laute volle Stimme. Es war die des jungen Regierungsrathes von Cocceji, welcher da drüben in der Proſceniumsloge dicht neben der Bühne ſaß, und mit glühenden, ſtrahlenden Augen zu der Barberina hinüberſtarrte. Barberina wandte ihr Antlitz zu ihm hin und lächelte. Der König runzelte leicht die Stirn und drehte die Tabatiere ein wenig ſchneller zwiſchen ſeinen Fingern. Wundervoll! wiederholte Herr von Cocceji, und dann warf er einen drohenden, herausfordernden Blick V —.,— — 229— auf dieſen bleichen, zarten, jungen Mann, der neben ihm ſaß, und der es gewagt hatte, mit ſeiner ſchüch⸗ ternen, leiſen Stimme in das„Wundervoll“ des jun⸗ gen Athleten mit einzuſtimmen. Ich bitte Sie, ſich dieſer lauten Beifallsäußerungen zu enthalten, oder wenn Sie das nicht können, wenig⸗ ſtens dazu Ihre eigenen und nicht die meinen zu wählen, ſagte der junge über ſechs Fuß hohe Rieſe Cocceji zu ſeinem ſchmächtigen blaſſen Nachbar. Die⸗ ſer blickte mit einer Art Entſetzen auf die breite, mus⸗ kelkräftige Athletengeſtalt Cocceji's hin, und wagte von nun an kaum zu athmen, ſondern ſtarrte nur mit weitaufgeriſſenen großen Augen hin auf die Barberina, welche jetzt in reizenden Attituden, mit den künſtlichſten Pas, auf der Bühne hin⸗ und herflatterte. Das Publikum, welches ganz ſeine früheren Vor⸗ ausſetzungen und Vermuthungen vergaß, blickte nicht mehr auf den König, ſondern nur noch auf die tan⸗ zende Barberina und auf den Herrn von Cocceji, der da dicht neben der Bühne ſaß, und deſſen Augen immer drohender auf ſeinen in Anſchauen und Be⸗ wunderung verlorenen Nachbar ſich hefteten. Plötzlich, als Barberina eben eine ihrer ſchönſten und vollendetſten Tanztouren ausgeführt hatte und lächelnd vor den Lampen knieend die Bravi der Zu⸗ ſchauer empfing, flog Etwas aus der Proſceniumsloge des Herrn von Cocceji auf die Bühne und fiel gerade zu den Füßen Barberina's nieder. 2 Dieſes Etwas war indeſſen kein Kranz, kein Blu⸗ menbouquet, kein Geſchmeide; dieſes Etwas war ein Menſch, ein armer, verblüffter, entſetzter Menſch, der gar nicht begriff, wie er dazu gekommen, dieſe Luft⸗ reiſe zu machen, und weshalb ihn ſein Nachbar, der — 230— Herr von Cocceji, mit ſeiner nervigten Rieſenhand gepackt und auf die Bühne geſchleudert hatte. Betäubt, entſetzt lag der arme zerſchlagene junge Mann einen Moment regungslos zu den Füßen der Tänzerin, dann raffte er ſich empor, und ſich tief ver⸗ neigend vor dem König, der ſchweigend aber mit dro⸗ henden Augen zu ihm herüberſchaute, ſagte er laut: Sire, ich bitte demüthigſt um Verzeihung. Es iſt nicht meine Schuld! Der Herr von Cocceji verbot mir auf eine heftige und gebieteriſche Weiſe, die Sig⸗ nora Barberina nicht anzuſehen, und da ich mich natürlich an dieſes Verbot nicht kehrte, hat er plötzlich, ehe ich es hindern konnte, mich gepackt und anf die Bühne geſchleudert.*) Das Publikum, welches allmälig von ſeinem Er⸗ ſtaunen und ſeinem Schrecken ſich erholt hatte, bégann leiſe zu lachen und zu flüſtern, und ſchaute mit ironi⸗ ſchen Blicken auf den armen jungen Mann hin, der da bleich und demuthsvoll neben der Barberina ſtand, während Herr von Cocceji ſein kühnes, energiſches Antlitz dem Publikum zugewandt hatte und mit ſeinen herausfordernden Blicken Jedermann zu drohen ſchien. Das Orcheſter war verſtummt, Signora Barbe⸗ rina tanzte nicht mehr, ſondern ſchaute mit einem zauberhaften Lächeln zu Cocceji hinüber,— eine Pauſe trat ein. Weiter! ſagte plötzlich die laute, gebieteriſche Stimme des Königs, und er winkte mit der Hand hinüber nach dem jungen Manne, der ſich demüthig hinter die Couliſſen zurückzog. Weiter! rief der König noch einmal. Die Muſik * Müchler, Friedrich der Große. S. 151. — 231— begann wieder, Signora Barberina hob wieder die Roſenguirlande in ihren Händen empor, und ſchwebte und flatterte, wie ein holdes Elfenkind, über die Bühne. Aber das Publikum achtete wenig auf ihre Kunſt, es war ganz und gar mit dieſer ſeltſamen Aventure beſchäftigt, und ſtatt auf ihre Füße zu ſehen, beobachtete es nur noch ihr Mienenſpiel und das des jungen Herrn von Cocceji. Barberina hatte alſo ihre Abſicht erreicht. Man ſagte nicht mehr, Barberina ſei in Ungnade gefallen, man erzählte ſich nur davon, daß der Herr von Cocceji die Barberina leidenſchaftlich liebe und eiferſüchtig ſei wie ein Türke. XVII. Sansſouci. In der Frühe des andern Morgens hielt vor dem großen Eiſengitter des neuen Parks bei Potsdam eine einfache, königliche Equipage. Niemand war darin, als der König und der Marauis d'Argens. Der Kö⸗ nig hatte jede weitere Begleitung, ſogar die eines La⸗ kaien, verbeten. Als der Wagen hielt, öffnete er ſelbſt den Schlag und ſprang leicht hinaus, dann reichte er ſeinem ältern und weniger beweglichen Freunde den Arm, um ihm beim Ausſteigen behülflich zu ſein, und als der Mar⸗ quis, ſchamvoll und erröthend wie ein junges Mädchen, — 232— ſich ſträubte, dieſen Dienſt von dem König anzuneh⸗ men, ſagte Friedrich lächelnd: Vergeſſen wir doch heute, daß ich König bin. Gönnen Sie mir heute die Freude, ganz ohne Ceremonien mit Ihnen zu ſein, der Freund mit dem Freunde. Kommen Sie, Marquis, laſſen Sie uns mein Paradies betreten, und ich bitte Sie, ein wenig andächtig dabei zu ſein. Wiſſen Sie wohl, Sire, daß ich ein ſo beklomme⸗ nes und zugleich erhabenes Gefühl habe, wie es den Griechen geweſen ſein mag, wenn ſie den delphiſchen Hain betraten! ſagte der Marquis, als er Arm in Arm mit dem König die kleine ſchattige Seitenallee dahin ging, durch welche der König ihn abſichtlich führte, um ihn dann auf einmal mit dem Anblick des auf der Höhe ſich erhebenden Schloſſes zu erfreuen. Nun, ich denke, es ſollen von hier aus auch manche Orakel an die Welt ergehen, ſagte der König, nur ſollen ſie weniger zweideutig und dunkel ſein, wie die delphiſchen, nur ſollen ſie keine ſchillernden Lügen, ſondern große, leuchtende Wahrheiten enthalten! Auch mir iſt es feierlich und groß zu Muthe, und mir ſcheint, als ſähe ich da vor mir durch die Bäume eine majeſtätiſche, rieſengroße Luftgeſtalt ſchweben, welche mit erhobenem Arm mir winkt, ihr zu folgen. Das iſt die Weltgeſchichte, Freund, ſie trägt ihr goldenes Buch im Arm, und in der erhobenen Rechten, welche mir winkt, hält ſie den diamantenen Griffel, mit wel⸗ chem ſie meinen Namen und den dieſes Ortes auf ihre Tafel graben will. Deshalb, mein heiliger Vater und Prieſter, habe ich Sie hierhergeführt, damit Sie meinen Weinberg taufen ſollen. Kommen Sie, die große Geſtalt da winkt ſchon wieder! Sie erwartet die Taufe mit Ungeduld! Jetzt traten ſie aus der kleinen Allee in den gro⸗ — 233— ßen Hauptgang. Ein Ausruf der Bewunderung ent⸗ fuhr den Lippen des Marquis, mit ſtrahlendem Auge blickte er umher auf dieſes ſo reizende und ſo maje⸗ ſtätiſche Enſemble, das plötzlich ihn umgab. Hier dicht vor ihnen dieſes von Marmor eingefaßte Baſſin, um⸗ geben von herrlichen Marmorgruppen, dicht dahinter dieſe hochaufſteigenden Terraſſen, auf deren ſechs Ab⸗ ſtufungen ſich Alleen wundervoller, rieſengroßer Oran⸗ genbäume erheben, welche ihre vollen, dichten Kronen leiſe im Morgenwind ſchaukelten, um dem König zur Begrüßung den herrlichen Duft ihrer Blüthen zu ſenden. Und oben auf der Spitze dieſer Terraſſen, zwiſchen Marmorgruppen und ſpringenden Cascaden, dieſes in ſeinen Formen ſo einfache und doch ſchöne kleine Schloß, auf deſſen mittlerer Kuppel die goldene Königskrone, welche im Sonnenglanz funkelte und leuchtete. 3 Der König deutete auf dieſe Krone hin. Sehen Sie, ſagte er, die Krone leuchtet im Golde, und wirft ihre Schatten auf das, was unter ihr iſt. So iſt's mit meinem ganzen Leben. Es iſt beſchattet und dunkel! Möge nur meine Krone glänzen! Der Marquis drückte des Königs Hand zärtlich an ſeine Bruſt. Sie wird leuchten und ſtrahlen durch alle Zeiten hindurch, ſagte er begeiſtert. Der Sonnen⸗ ſchein, der dort auf jener Krone liegt, von dem wer⸗ den ihre Enkel und Ürenkel noch erzählen, und wenn ſie von Preußen ſprechen, werden ſie ſagen: als Friedrich der Zweite lebte, ſchien die Sonne und das Licht!. Beeide ſchwiegen ſie jetzt und ſtiegen Arm in Arm die marmornen Stufen der Terraſſen hinauf. Tiefe, heilige Stille umgab ſie, leiſe plätſcherten die Cas⸗ caden, leiſe rauſchten die Gipfel der hohen Bäume, — 234— welche zu beiden Seiten die Terraſſen begrenzten, dann und wann hörte man das melodiſche Flöten irgend eines Vogels; kein Geräuſch der Welt, kein lauter Mißton unterbrach dieſen heiligen Gottesfrieden der Natur. Die Welt ſchien hinter ihnen abgeſchloſſen, und mit heiligen Schauern traten ſie in ein neues Daſein ein. Jetzt hatten ſie die Höhe erreicht, jetzt blickten ſie umher auf dieſes wundervolle Panorama, das ſich da zu ihren Füßen hinlagerte, und das in ſeiner üppigen Friſche, mit ſeinen maleriſchen Formen, mit dem blauen, zierlich gewundenen Fuß, der ſich ſanft durch die grüne, von bewaldeten Höhen eingefaßte Ebene hinſchlängelte, einen herrlichen Anblick darbot. Nicht wahr, das iſt ſchön? ſagte Friedrich, und ſein Antlitz ſtrahlte vor Freude. Nicht wahr, hier werden wir ausruhen können von den Leiden und Sorgen der Welt? 4 Das iſt ein Stückchen Paradies! rief der Mar⸗ quis, und indem er in freudiger Extaſe ſeine beiden Arme ausbreitete, als wolle er dieſes ganze ſchöne Bild an ſeine Bruſt drücken, blickte er zum Himmel empor und rief: Gott, Gott! Laß meinen König hier glücklich ſein!— Glücklich! wiederholte Friedrich mit leiſem Achſel⸗ zucken. Sagen Sie zufrieden, Marquis, das iſt, glaube ich, das Höchſte, was ein Menſch auf dieſem Stück⸗ chen Erdenkloß erlangen kann. Laſſen Sie uns jetzt in's Haus eintreten! Er nahm wieder den Arm des Marquis und ſchritt mit ihm über den gelben Kießſand, der unter ihren Füßen knarrte, zu den großen Glasthüren, die in den länglich runden Salon führten. Als der König die Thür öffnete, heftete er ſeine großen blauen Augen t —æ ——— — 235— auf ſeinen Freund. Beten Sie, Marquis, beten Sie! Wir ſtehen hier an der Schwelle eines neuen Daſeins, das ſeine geheimnißvollen Pforten vor uns aufthut! Sire, jeder meiner Gedanken iſt ein Gebet für Sie, ſagte d'Argens innig. So traten ſie in den oblongen Saal ein. Das hier iſt das Vermittelungszimmer zwiſchen mir und meinen Freunden, ſagte der König. Hier auf dieſer Seite des Hauſes werde ich wohnen, dort auf jener Seite meine Freunde, alſo vor allen Dingen Sie, lieber Marquis. In dieſem Saale werden wir zuſammentreffen und hier wollen wir unſere Sympo⸗ ſien feiern. Jetzt will ich Ihnen zuerſt meine Zimmer zeigen, dann die übrigen. In den mit eben ſo viel Pracht als Geſchmack ausgeſtatteten Empfangszimmern verweilte der König nur flüchtig. Kaum geſtattete er dem kunſtſinnigen Freunde eine raſche Schau dieſer herrlichen Gemälde, welche überall an den Wänden hingen, und zu deren Ankauf der König den Kaufmann Gotzkowsky eigens nach Italien geſchickt hatte; kaum durfte er einen Blick auf dieſe ſchönen Marmorſtatuen und Vaſen aus der Poniatowsky'ſchen Gallerie werfen, die der König für viermalhunderttauſend Thaler angekauft hatte. Sie ſollen zuerſt mein Arbeitszimmer ſehen, ſagte Friedrich, nachher mögen Sie ſich alles Uebrige an⸗ ſchauen. Und jetzt ſtieß er eine Thür auf und führte den Marquis in dieſes reizende runde Bibliothekzimmer, das keinen Schmuck weiter hatte, keinen als den höch⸗ ſten,— den Schmuck der Bücher. In hohen Schrän⸗ ken ſtanden ſie rings umher in dieſem Tempel des Geiſtes und der Wiſſenſchaft, und ſelbſt die Thür, welche ſie hierher geführt und die der König leiſe zu⸗ — 236— gedrückt, war verſchwunden, verſchwunden hinter die⸗ ſen Büchern, mit denen die innere Seite derſelben bekleidet war. Sie ſehen wohl, ſagte der König lächelnd, wer einmal in dieſen Zauberkreis hier eingetreten iſt, kann nicht wieder hinaus. Auch will ich es nicht! Von heute an beginnt für mich ein neues Daſein, und mit dem Schritt über dieſe Schwelle iſt die Vergangenheit von mir abgefallen, wie eine überreife Frucht. Sein Antlitz war jetzt ernſt und traurig, der Glanz ſeiner Augen umdüſterte ſich. Mit einem leiſen Seuf⸗ zer legte er die Hand auf die Schulter des Marquis und blickte ihn lange ſchweigend an. Ich will Ihnen ein Geheimniß anvertrauen, ſagte er endlich leiſe. Ich glaube, mein Herz iſt mir geſtern geſtorben, und glauben Sie mir nur, es war ein harter Todeskampf! Jetzt iſt's vorüber, aber die Stelle da, wo einſt das Herz ſchlug, iſt noch wund von Schmerzen und blutet noch aus tauſend Wunden. Sie werden alle heilen, und ich werde dann ein har⸗ ter, vernarbter Mann ſein. Sprechen wir nicht mehr davon! Nein, Sie ſollen nicht ſagen dürfen, Sire, daß Sie jemals verhärten könnten, rief d'Argens tief ge⸗ rührt. Sie ſollen Ihr Herz nicht verleumden, und ſagen, daß es geſtorben ſei. Es lebt mit uns, mit den Freunden, mit der ganzen Welt, mit Allem, was groß, edel, ruhmvoll und erhaben iſt! Nur nicht mehr mit der Liebe, ſagte der König, das iſt eine entblätterte Roſe, die ich von mir gewor⸗ fen habe, denn die Roſen vertragen ſich nicht mit der Krone, ſie überwuchern entweder die Krone oder ſie werden von dieſer erdrückt. Ich aber bin es meinem Volke ſchuldig, daß ich meine Krone glanzvoll und —=— — 237— frei erhalte; ich will nicht, daß es eines Tages mich einen ſchlechten und ſaumſeligen Beamten nennen ſoll, ich will ihm dienen mit meinem ganzen Leben und meiner ganzen Kraft! Aber hier, Freund, hier in meinem Kloſter, das wie die Karmeliterklöſter niemals von einem weiblichen Fuß ſoll entweiht werden, hier wollen wir zuweilen das Königthum und all' das eitle Flitterwerk vergeſſen, und hier auf meinem Weinberg will ich nicht der König ſein, ſondern nur der Freund und Philoſoph! Und der Dichter! rief d'Argens mit innigem Liebes⸗ ton, und dem Dichterkönig will ich jetzt ein Wort zu⸗ rufen, das er mir einſt geſagt, als ich traurig und verſtimmt geweſen: Nous avons deux momens à vivre; Qu'il en soit un pour le plaisir.— Sie glauben, daß wir dieſen Einen Moment noch nicht erſchöpft haben, Marquis? fragte Friedrich mit einem traurigen Lächeln. Dann aber nach einer klei⸗ nen Pauſe erhellten ſich ſeine Züge, ſein Auge leuch⸗ tete wieder in dem gewohnten Feuer und eine kühne, freudige Entſchloſſenheit ſtrahlte von ſeinem Angeſicht. Verſuchen wir's, Marquis, ob Sie Recht haben, ſagte er, und ſuchen wir den Moment pour le plaisir ſo lange als möglich auszudehnen, und dann, wenn's zum Sterben kommt, dann— Finissons sans trouble, et mourons sans regréts En laissant l'univers comblé de nos bienfaits. Kinsi l'astre du jour, au bout de sa carrière Repand sur l'horizon une douce lumière Et les derniers rayons, qu'il darde dans les airs, Sont ses derniers soupirs, qu'il donne à Punivers.*) *) Poesies diverses. Edit. de Berlin. P. 318. Der Marquis hatte mit ſtaunendem Entzücken die⸗ ſer Improviſation des Königs zugehört, und als er jetzt geendet, rief der feurige Provengçale mit glühen⸗ dem Enthuſiasmus: Sie ſind kein Menſch, Sire, Sie ſind ein Held, ein König, ein Halbgott! Ich will Ihnen da etwas zeigen, was eine zu ge⸗ naue Widerlegung Ihrer Schmeichelworte t. als daß ich ſie glauben könnte, ſagte der König lächelnd, indem er den Marquis an das Fenſter führte. Schauen Sie dort hin. Was ſehen Sie da, hier gerade meinem Fenſter gegenüber? Meinen Euere Majeſtät dieſe wundervolle Marmor⸗ gruppe da? Das meine ich. Was denken Sie, daß das ſei? Was das ſei?. Die liegende Statue einer Flora! Nein, Freund,— es iſt mein Grab! 3 Ihr Grab, Sire? ſagte der Marquis zuſammen⸗ ſchaudernd. Und das haben Sie gerade vor dem Fenſter Ihres Lieblingszimmers aufgeſtellt? Gerade da, auf daß ich niemals des Todes ver⸗ geſſen möchte! Kommen Sie, Marquis, wir wollen mein Grab in der Nähe betrachten! Er führte den Marquis hinaus auf den freien Vorplatz und ſeitwärts zu dem Rondel, wo die Mar⸗ morgruppe aufgeſtellt war. Hier unter dieſer Statue befindet ſich das Grabge⸗ wölbe, in dem ich einſt ruhen werde, ſagte Friedrich. Ich begann den Bau meines Weinberges mit dieſer Gruft, und legte dem Baumeiſter ſtrenges Geheimniß auf. Bewahren auch Sie es, Marquis, die Wenig⸗ ſten, welche leben, haben genug Ehrfurcht und heilige Scheu vor dem Tode, als daß man ihnen davon reden möchte. DöArgens Augen hatten ſich mit Thränen gefüllt. 8 —— — 239— Oh, Sire, möchte es noch lange ſein, bis dieſe Flora von ihrer Stelle gerückt wird und ſich das Grab unter ihr öffnet! rief er tief gerührt. Der König ſchüttelte leiſe das Haupt und ein hei⸗ liger Friede ſtrahlte von ſeinem Angeſicht. Warum wünſchen Sie das? fragte er, und indem er mit der Hand niederdeutete auf die Gruft, ſetzte er lächelnd hinzu: quand je serais la, je serai sans souci.*) Sans souci! wiederholte d'Argens leiſe und tief gerührt, niederſtarrend auf die Gruft. Der König reichte ihm lächelnd die Hand. Ich will's verſuchen, auch im Leben sans souci zu ſein, und zum Beweiſe deſſen nenne ich dies Haus von heute an: 8 Sanssouci! *) Nicolai, Aneedoten von König Friedrich II. Heft II. Seite 203. Ende des dritten Bandes. Druck von A. Bahn& Comp. in Berlin, Schleuſe 4. iſnnfiſinfſſinſſfſſnſſſſinſſnſſiſſt 9 1 12 13 14 15 10 1 16 17 18