Leihbibliothekr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. 3 Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 12 pfo 1 d 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) A ¹ .„ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 den angenommen. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme s eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 1 4. Monnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— eträgt:* ſ für wöchentlich 27 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 1 Mr. 50 Pf. 2 Nk. Pf. auf 1 Monat: : a „„ 1 kes, ſo iſt r Derli n Suusſuuci oder xrieri der Groſze und ſeine Freunde. Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach. Zweiter Band. Zweite Auflage. Leipzig, 1857. Bvigt s Günther. Inhaltsverzeichniß des zweiten Kapitel I. . II.. . ü. .. „VI. VII. . VI. .. . xXl. . XII ⸗ XIII. . XIV . XV. . XVIl. ⸗XVII. .XVIII. Die beiden Schweſtern Der Verſucher Das Hochzeitsfeſt der Peinzeiſin In der Fenſterniſche... Ein König, welcher ſchüchtern iſt Das erſte Rendezvous. Auf dem Balcon. Die erſten Wolken..... Der Kriegsrath..... Das Kloſter von Camenz. Der König und der Abt. Der nie geſehene Abt. Das Lever einer Tänzerin Im Atelier.. Das Geſtändniß.... Der Verräther... Das königliche Silberzeug. Der erſte Blitzſtrahl... . Pandes. Seite Zweites Buch. Prinzeſſin Amalie. Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. II. 1 2 J. Die heiden Schweſtern. Jetzt alſo ſtehe ich am Ziel! ſagte Prinzeſſin Ul⸗ rike, indem ſie mit einem ſtolzen triumphirenden Lächeln das Geſangbuch, welches ſie eben noch in Händen ge⸗ halten, bei Seite legte, und den langen weißen Spitzen⸗ ſchleier von ihrem Haupte löſte. Die Hauptceremonie iſt vorüber, nun nur noch eine Ceremonie, und ich werde eine Kronprinzeſſin, bald eine Königin ſein. Es. iſt ihnen alſo nicht gelungen, mich bei Seite zu ſchie⸗ ben, man hat mir nicht den Affront anthun dürfen, meine jüngere Schweſter vor mir zu verheirathen, in⸗ dem man aller Welt dadurch zeigte, daß man mich nicht gewollt, daß man mich verſchmäht habe! Alle meine Berechnungen ſind richtig geweſen, und ſtatt des Schleiers der Stiftsdame, den mir mein Bruder be⸗ ſtimmt hatte, wird jetzt ein Myrthenkranz und bald eine Krone mein Haupt zieren!. Sie ließ ſich eben mit einem behaglichen Lächeln auf den Divan niedergleiten, um ihren ſtolzen und be⸗ glückenden Zukunftsträumen nachzuhängen, als die Thür mit Heftigkeit aufgeriſſen ward und Prinzeſſin Amalie bleich und mit zornigem Angeſicht hereintrat. 4* 8 Sie ſchleuderte einen jener Flammenblicke, welche ſie mit dem König gemein hatte, auf die feſtliche Toilette ihrer Schweſter, und ein wildes, zorniges Lachen tönte von ihren Lippen. Man hat mich alſo nicht getäuſcht, ſagte ſie. Es iſt kein Mährchen geweſen, welches man mir erzählte. Du kommſt aus der Kapelle? Ich komme aus der Kapelle, ja! erwiderte Ulrike, dem zornigen Blicke ihrer Schweſter mit feſtem ruhi⸗ gen Anſchauen begegnend, und ganz entſchloſſen und muthig dem Sturm entgegengehend, von dem ſie wußte, daß er ihr bevorſtand. Sie faltete ihre Arme über der Bruſt zuſammen, als wolle ſie dieſe beſchützen gegen die Wuthblitze, die aus den Augen ihrer Schweſter aufflammten, und wiederholte mit gelaſſenem Ton: Ich komme aus der Kapelle, und was weiter? Was weiter! rief Amalie, indem ihr kleiner Fuß heftig den Boden ſtampfte. Ah, ſie will noch die Harmloſe und Unſchuldige ſpielen. Was thateſt Du in der Kapelle? Ulrike ſah ſie feſt und lächelnd an. Dann ſagte ſie langſam und mit ſcharfer Betonung: Ich nahm dort das Abendmahl nach lutheriſchem Ritus! Amalie zuckte zuſammen, als habe der Biß einer Schlange ihr Herz verwundet. Das bedeutet alſo, daß Du eine Abtrünnige und Verlorene biſt, rief ſie zuſammenſchaudernd. Das bedeutet, daß Du mich ſchmachvoll hintergangen und betrogen haſt, das be⸗ deutet— Das bedeutet nur, unterbrach Ulrike ſie, das be⸗ deutet nur, daß ich eine weniger fromme Chriſtin, ein weniger unſchuldiges und uneigennütziges junges Mädchen war, als meine edle und ſchöne junge Schweſter. Worte, Worte, heuchleriſche Worte, rief Annalie. Du warſt es, welche mir den Gedanken eingeflößt zu jenem kindiſchen und widerwärtigen Betragen, das mich einige Tage lang zum Geſpött und Gelächter des ganzen Hofes gemacht. Du warſt eine falſche Freun⸗ din, eine treuloſe Schweſter. Ich ſtand Dir im Wege, und Du wollteſt mich bei Seite ſchieben, deshalb Deine perfiden Rathſchläge, Dein heuchleriſches Beſtärken in meiner Abneigung gegen dieſen Heirathsantrag des ſchwediſchen Geſandten, deshalb mußte ich mich unar⸗ tig, barſch und kindiſch grob zeigen, damit Du in Deiner Liebenswürdigkeit und mädchenhaften Anmuth um ſo glänzender hervortrateſt. Ich war Dir eine Folie, welche das Juwel Deiner Schönheit höher auf⸗ blitzen machte! Oh, oh, es iſt ſchändlich, ſo gemiß⸗ braucht, ſo hintergangen zu werden. Und mit hervorſtürzenden Thränen ſank Amalie auf einen Seſſel nieder, und begrub ihr Geſicht in ihren beiden Händen. 4 Thörichtes Kind, ſagte Ulrike. Du beſchuldigſt mich, und weißt doch ſehr wohl, daß Du es warſt, welche zu mir kam und mich mit flehenden Worten beſchwor, Dir ein Mittel anzugeben, dieſe verhaßte Ver⸗ bindung mit dem ſchwediſchen Thronfolger zu hinter⸗ treiben. Du hätteſt mich daran verhindern, Du hätteſt mir dieſen thörichten Gedanken verſcheuchen, Du hätteſt mich daran erinnern ſollen, daß ich eine Prinzeſſin und alſo dazu verdammt bin, kein Herz zu haben. Auch ſprachſt Du nicht von Deinem Herzen, ſon⸗ dern nur von Deiner Religion. Hätteſt Du mir ge⸗ ſagt, daß es Dein Herz ſei, welches Dich daran ver⸗ Amalie bitter. hinderte, dem Kronprinzen von Schweden Deine Hand zu reichen, dann würde ich Dich mit aller Kraft mei⸗ ner Schweſterliebe, ja, dann würde ich Dich auf mei⸗ nen Knieen beſchworen haben, dieſe Hand anzunehmen, Dein Herz einzuſargen in dem Purpurmantel Deiner Königswürde, und auf einen Thron zu flüchten, um Dich vor den Gefahren zu retten, mit welchen die Prinzeſſin von dem jungen Mädchen bedroht ward! Amalie ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten und blickte verwirrt und betroffen empor zu ihrer Schweſter, welche vor ihr ſtand, und deren große ernſte Augen mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck auf ihr ruheten.. Ich ſagte auch nicht, daß mein Herz mich verhin⸗ dert hätte, ſagte ſie ſtockend und ſchüchtern. Ich ſagte nur, daß wir armen Prinzeſſinnen kein Herz haben dürfen! Kein Herz für den Einzelnen, aber für das Ganze, rief Ulrike, kein Herz, um zu lieben als Frau, aber ein Herz, um zu lieben als Königin! Du beſchuldigſt mich, Amalie, aber Du vergißt, daß ich mich nicht in Dein Vertrauen eingeſchlichen, ſondern, daß Du mir daſſelbe freiwillig entgegengetragen haſt, daß Du zu mir gekommen biſt, um mir Deine Bedenklichkeiten und Deinen Kummer mitzutheilen. Alsdann habe ich zu Dir geſprochen, wie ich wünſchte, daß man zu mir ſprechen möchte, wenn ich in Deiner Lage und in Deinem Gemüthszuſtande geweſen wäre. Mit einem Wort, ich habe Dir gerathen, Deinem eigenen Gewiſ⸗ ſen, Deiner eigenen Ueberzeugung gemäß. Aber Deine Nathſchläge ſtimmten wenig überein mit Deinen eigenen Handlungen, Deine Worte haben wenig Aehnlichkeit mit Deinen Geſinnungen! rief Wenn ich für mich nicht die Rathſchläge adoptirt habe, welche ich Dir gegeben, ſo kommt das daher, daß ich Deine Geſinnungen und Anſichten nicht theilte. Mein Gewiſſen iſt weniger ängſtlich und ſchüchtern, als das Deine; meine Religion zu verlaſſen und lu⸗ theriſch zu werden, ſcheint mir kein Verbrechen, nicht einmal ein Unrecht, vorzüglich, da ich es nicht aus Unbeſtändigkeit und Flatterhaftigkeit gethan, ſondern um eines höhern politiſchen Zweckes willen. Um des Zweckes willen, Königin von Schweden zu werden! Und warum ſollte ich das läugnen? Ich nahm dieſe Krone auf, welche Du verächtlich von Dir ſtie⸗ ßeſt. Ich war ehrgeizig, während Du zu ſtolz warſt, einer Krone auch nur einen kleinen Theil Deiner re⸗ ligiöſen Ueberzeugung zum Opfer darzubringen. Ich fürchtete nicht, im Himmel verdammt zu werden, weil ich, um eine Königin zu werden, an der äußern Form meines Glaubens, nicht an meinem Glauben ſelbſt änderte. Wenn Du jetzt bereueſt, was Du gethan, wenn Du mildere Anſichten angenommen— Nein, unterbrach ſie Amalie lebhaft, ich bereue gar nichts, und mein Kummer und Schmerz betraf nicht die verſchmähete Krone, ſondern die treuloſe und heuch⸗ leriſche Schweſter, welche mir gegen ihre eigene Ueber⸗ zeugung Rathſchläge gegeben, und mich verrieth, indem ſie mich zu lieben ſchien. Geh, geh, ſetze immerhin eine Königskrone auf Dein ſtolzes Haupt, ich beneide Dich nicht, denn Du nimmſt nur, was ich verſchmä⸗ hete, und nicht das leiſeſte Bedauern und nicht die kleinſte Reue iſt in mir. Aber indem Du eine Kö⸗ nigin wirſt, hörſt Du auf, meine Schweſter zu ſein, denn niemals werde ich es vergeſſen, daß Du nur durch Verrath und Falſchheit dieſe Krone Dir erwor⸗ ben haſt! Gehen Sie hin, Königin, möge die ganze Welt vor Ihnen das Knie beugen, ich beuge das meine nicht, ich verachte Sie, denn Sie haben in Ihrem Königsmantel das Herz meiner Schweſter ein⸗ geſargt! Leben Sie wohl! Sie ſprang der Thür zu, wild aufbäumend, hoch⸗ athmend, mit funkelnden Augen, wie eine gereizte Pantherin. Aber Prinzeſſin Ulrike eilte ihr nach, und legte ihre Hand auf Amaliens Arm. Laß uns ſo nicht von einander ſcheiden, meine Schweſter, ſagte ſie freundlich, laß uns— Aber Amalie hörte nicht mehr, ſie ſchleuderte mit einer heftigen Bewegung die Hand ihrer Schweſter fort und entfloh in ihre Gemächer.*) Lange noch ging ſie in ſtürmiſcher Aufregung, ganz durchglüht von Zorn und Schmerz, in ihrem Bondoir, welches ſie hinter ſich verſchloſſen hatte, auf und ab. Ihr ganzes Weſen war in Aufruhr, und mit dem leicht erregbaren Zorn der Hohenzollern verwünſchte ſie ihre Schweſter, von welcher ſie ſo bitter getäuſcht, ſo ſchmach⸗ voll verrathen worden. Prinzeſſin Amalie, in allen Dingen, in ihrem Aeußern, wie in ihrer Geſinnung, das treue Ebenbild ihres königlichen Bruders, war auch darin ihm gleich, daß ſie zu viel Glauben und Vertrauen zu der Menſch⸗ heit hegte, und daß, wenn ſie dieſes getäuſcht ſah, eine ſchmerzliche Wuth, eine verzweiflungsvolle Pein ihr ganzes Weſen erfaßte, und ſich wie tödtender Mehlthau nicht auf ihre Liebe zu dem einzelnen Menſchen, wel⸗ cher ſie verrathen, ſondern auf ihre Liebe zu der ganzen Menſchheit warf, und dieſe allmälig abſterben machte. Großartig und gluthvoll, in Allem was ſie *) Thisbault. Vol. IV. pag. 195 folgd. ——— —— komme in einer ſehr wichtigen Angelegenheit. In einer empfand, fühlte ſie auch jetzt in ihrem Herzen plötzlich eine ganze reiche Quelle der Liebe und des unſchuldi⸗ gen Mädchenglückes in ſich verſiegen, und mit zittern⸗ den Lippen ſagte ſie laut und feſt: Ich werde niemals wieder eine Freundin haben, denn ich glaube nicht mehr an die Freundſchaft und nicht mehr an ein Mäd⸗ chenherz! Sie ſind Alle falſch, Alle heimtückiſch und hinterliſtig, dieſe Mädchen und Frauen. Für ſie Alle wird mein Herz von jetzt an verſchloſſen ſein, und ihr zutrauensvolles Lächeln und ihre falſche Freundlichkeit wird mich nicht mehr täuſchen können. Oh, mein Gott, mein Gott, ich werde alſo ganz einſam, ganz verlaſſen ſein, ich— Plötzlich ſtockte ſie und eine dunkle Gluth flog über ihr Antlitz hin. Was war es, was ſie auf einmal in ihrem ſchmerzvollen Selbſtgeſpräch unterbrochen hatte, warum richteten ſich ihre Augen mit einem ſo eigen⸗ thümlichen Ausdruck nach der Thür hin, und warum lauſchte ſie mit ſo ſeltſamer Spannung auf dieſe Stimme, welche jenſeits ihrer Thür erſchallte und mit erhobenem Ton ihren Namen nannte? Pöllnitz! Es iſt Pöllnitz! flüſterte Prinzeſſin Amalie, und ſie erzitterte in freudigem Schreck. Ich muß durchaus die Prinzeſſin Amalie ſelber ſprechen! rief die Stimme des Ober⸗Ceremonien⸗ meiſters. Aber das iſt unmöglich, erwiederte eine andere Stimme. Ihre Königliche Hoheit haben Sich in Ih⸗ rem Boudoir eingeſchloſſen und wollen Niemand em⸗ pfangen. Ihre Königliche Hoheit werden Ihr Boudoir auf⸗ ſchließen und mir den Eintritt geſtatten, ſobald Sie nur erſt die Güte gehabt, mich anzumelden, denn ich — 16— Angelegenheit, von welcher das Lebensglück von mehr als Einer Frau abhängt! Mein Gott, flüſterte Prinzeſſin Amalie erbleichend, Pöllnitz iſt im Stande, mich zu verrathen, wenn ich nicht ſofort öffne! Und ſie eilte haſtig nach der Thür, um den Riegel zurück zu ſtoßen und die Thür zu öffnen. Sehen Sie da, Fräulein von der Marwitz, rief Pöllnitz, indem er ſich zugleich tief und ehrfurchtsvoll vor der Prinzeſſin verneigte. Habe ich nicht Recht ge⸗ habt? Kaum hat unſere theure Prinzeſſin nur meine Stimme gehört, ſo hat ſie ſchon die Gnade, mir zu öffnen. Merken Sie Sich das, Fräulein, und betrach⸗ ten Sie mich künftig als eine ſehr wichtige Reſpects⸗ perſon, welche nicht blos die grandes, ſondern auch die petites entrées hat. Aber Prinzeſſin Amalie war wenig geneigt, auf den Scherz des Oberkammerherrn und Ceremonien⸗ meiſters einzugehen. Ich hörte, ſagte ſie in ſtrengem Ton, daß Sie mit einer außerordentlichen Dringlich⸗ keit darauf beſtanden, mich ſprechen zu wollen. Sie gingen ſogar ſoweit, zu behaupten, daß von dieſer Unterredung das Lebeunsglück mehrerer Menſchen ab⸗ hängig ſei. Verzeihen Ew. Königliche Hoheit, nicht das Lebens⸗ glück mehrerer Menſchen, ſondern von mehr als Einer Frau— ſagte ich, erwiederte der unerſchütterliche Kam⸗ merherr, indem er mit der Hofdame in das Boudoir der Prinzeſſin eintrat. Auch werden Ew. Königliche Hoheit gleich die Gnade haben, einzugeſtehen, daß ich Recht habe, wenn Sie erſt die Angelegenheit kennen, welche mich zu Ihnen geführt. Nun, laſſen Sie hören, rief die Prinzeſſin, und — 11— wehe Ihnen, wenn es ſich nicht um ſehr ernſte und ſehr wichtige Gegenſtände handeln ſollte! Prinzeſſin, es handelt ſich um Ihre Toilette zu einem Feſte, und Sie werden mir zugeſtehen müſſen, daß das wohl ein Gegenſtand iſt, von welchem das Lebensglück von mehr als Einer Frau abhängig iſt. Die Prinzeſſin lachte. In der That, Sie haben Recht, ſagte ſie, und wenn Sie als Schneider und Modiſt zu mir kommen, ſo that Fräulein von der Marwitz allerdings ſehr Unrecht, mich nicht ſogleich zu benachrichtigen. Um ſo mehr, als auch ſie ſelber dabei betheiligt iſt, rief Pöllnitz mit wichtiger Miene. Denn, meine Da⸗ men, es handelt ſich um nichts Geringeres, als um einen Maskenball. Der König hat befohlen, daß außer dem großen Maskenball, welcher im Opernhauſe ſtatt ſinden und an welchem das Publikum Theil nehmen ſoll, noch ein anderer Maskenball auf dem Schloſſe hier arrangirt werde, und zwar ſoll das am Tage vor der Vermählung der Prinzeſſin Ülrike ſein! Und wann wird meine Schweſter vermählt wer⸗ den? fragte Amalie. Sie wiſſen das noch nicht, Königliche Hoheit? Ah, ich vergaß, daß der König dieſe Sache bis heute geheim gehalten hat, und daß er Niemand als die Königin Mutter bis jetzt offieiell benachrichtigte. Ja, „. ja, Prinzeſſin Ulrike wird ſich mit dieſem kleinen Hol⸗ 2 ſteiniſchen Prinzen vermählen, welcher aber dereinſt ein großer König werden ſoll, und ſchon in vier Ta⸗ gen wird hier die Vermählung durch Procuration ſtattfinden. Daraus folgt, daß ſchon in drei Tagen die Maskerade ſein wird, und daß wir Tag und Nacht u arbeiten haben werden, um das nöthige Coſtüme herzuſtellen, von dem Se. Majeſtät will, daß es ſo — 12— glänzend als möglich ſei. Es ſollen Quadrillen arran⸗ girt werden; der König ſelber hat beſtimmt, welche Paare darin tanzen ſollen, und es iſt daher auf Kö⸗ niglichen Befehl, daß ich Ew. Königlichen Hoheit die Aufforderung bringe, an einer dieſer Quadrillen Theil zu nehmen. Sie werden mit den Markgräfinnen von Baireuth und Schwedt und der Herzogin von Braun⸗ ſchweig eine Quadrille im Coſtüme Franz des Erſten tanzen. Und wer wird mein Tänzer und Partner ſein? fragte Amalie erwartungsvoll. Der Markgraf von Schwedt! Ah, mein unausſtehlicher Vetter! Daran erkenne ich meinen maliciöſen Bruder, welcher ſehr wohl weiß, wie ſehr mir der langweilige Markgraf zuwider iſt. Und die Prinzeſſin wandte ſich ab und ging miß⸗ vergnügt im Zimmer auf und ab. Sagten Sie nicht, daß auch mir eine Rolle in den Quadrillen beſtimmt ſei? fragte Fräulein von der Marwitz ſchüchtern. Gewiß, das ſagte ich, Fräulein, entgegnete Pöll⸗ nitz. Sie werden in einer Quadrille im ruſſiſchen Coſtüme tanzen.. Und wer wird mein Tänzer ſein? Pöllnitz lachte. Nun, ſagte er, man ſollte glau⸗ ben, daß der wichtigſte Theil der Ballcoilette nicht ſo ſehr in den Kleidern, als in den Tänzern beruhe, und daß dieſe eben ſo ſehr eine Lebensfrage ſeien, als die Farbe und der Schnitt Ihres Kleides, oder die Schön⸗ heit Ihres Haarputzes. Wer Ihr Tänzer ſein wird? Ah, Fräulein, Sie werden, glaube ich, ſehr zufrieden ſein, denn der Partner, welchen der König Ihnen be⸗ ſtimmt hat, iſt einer unſerer jüngſten, unſerer ſchön⸗ ſten, liebenswürdigſten und talentvollſten Cavaliere. — 13— Ein Jüngling, mit dem verglichen zu werden Alcibia⸗ des ſich nicht geſchämt haben würde, und den Diana vielleicht ſogar dem träumeriſchen und ſchönen Endy⸗ mion vorgezogen hätte, wenn ſie ihn ſchlafend gefun⸗ den. Und denken Sie nur, Fräulein, mit einer ſolchen Perle der Schöpfung werden Sie nicht allein tanzen, ſondern Sie werden dieſen ſchönen Ganymed auch in dieſen nächſten Tagen ſehr oft ſehen und ſprechen müſſen. Denn es iſt nothwendig, daß Sie mit ihm über die Wahl der Farben Ihres Coſtümes, über die Tanztouren ſich vereinigen, und er wird, wenn anders Ihre Königliche Hoheit es erlaubt, täglich zu Ihnen kommen müſſen. Ach, warum bin ich nicht ein junges Mädchen, warum iſt es mir nicht vergönnt, für dieſen Adonis ſchwärmen und mein armes ausgebranntes Herz zu einem jugendlich ſchwärmeriſchen umzaubern zu können! in 8 Sie ſind ein Narr, welcher gar nicht weiß, wie es in einem Mädchenherzen ausſieht, lachte Fräulein von der Marwitz. In Ihrer Extaſe für Ihren Ado⸗ nis, welcher wahrſcheinlich ein altes verkrüppeltes Un⸗ geheuer iſt, vertauſchen Sie die Rollen, und geben dem Mädchen die Rolle eines ſchmachtenden Liebhabers und Ihrem Ungeheuer den Character einer angegirr⸗ ten und angeſäuſelten Schönen. Ungeheuer! Mein Gott, ſie hat Ungeheuer ge⸗ ſagt! rief Pöllnitz pathetiſch. Fallen Sie auf Ihre Kniee nieder und bitten Sie Ihr Schickſal um Ver⸗ gebung, Fräulein, denn Sie haben ſich ſchwer an ihm verſündigt. Sie werden das eingeſtehen, wenn ich Ihnen den Namen Ihres Partners nennen werde. Mein Gott, ſo nennen Sie ihn endlich! NKicht eher, als bis Prinzeſſin Amalie die Gnade gehabt hat, zu verſprechen, daß Sie Ihr armes Herz — 14— überwachen und behüten und Ihnen kein téte à téte mit Ihrem Partner geſtatten will. Ah, Sie wollen mich zum Tugendwächter meiner Hofdame machen? rief Prinzeſſin Amalie lachend. Ich ſoll der Wächter meiner guten Marwitz ſein, und ſie vor ihrem eigenen Herzen beſchützen! 5 Wenn Euere Königliche Hoheit nicht dieſe Gnade haben wollen, wird Fräulein von der Marwitz einen anderen Tänzer bekommen, denn ich kann es vor meinem Gewiſſen nicht verantworten, ſie mit dem Schönſten der Schönen unbeſchützt und unbeachtet allein zu laſſen. Seien Sie barmherzig, Prinzeſſin, und ſagen Sie Ja! bat das Hoffräulein, denn Sie ſehen es wohl, dieſer abſcheuliche Herr von Pöllnitz will mich zu Tode martern vor Neugierde. Willigen Sie ein, gnädigſte Prinzeſſin, damit ich den Namen meines Tänzers endlich erfahre. Nun denn, ſagte Amalie lächelnd, ich willige ein, der Mentor meines Hoffräuleins zu ſein. Euere Königliche Hoheit verſprechen alſo feierlich, jedes Mal den Conferenzen zwiſchen Fräulein von der Marwitz und ihrem Partner bei der Quadrille bei⸗ wohnen zu wollen? Ich verſpreche das, denn Sie ſehen wohl, die arme Marwitz ſtirbt vor Neugierde, wenn ſie nicht bald den Namen ihres Tänzers erfährt! Nun denn, jetzt, da ich, ſo viel es in meiner Macht ſtand, das Herz des armen Fräuleins geſichert habe, indem ich es unter den Schutz der Augen un⸗ ſerer edlen Prinzeſſin geſtellt, jetzt, Fräulein von der Marwitz, ſollen Sie auch den Namen Ihres Tänzers erfahren. Es iſt der Liebling des Königs und des Serr von Pöllnitz, geben Sie mir raſch Ihre Zeich⸗ ganzen Hofes, es iſt der junge Lieutenant und Baron von Trenck. Sehr verſchieden war der Eindruck, welchen dieſer Name auf die beiden Damen hervorbrachte. Das vorher ſo geſpannte und freudenvolle Antlitz des Hof⸗ fräuleins nahm plötzlich einen verdrießlichen und miß⸗ vergnügten Ausdruck an, während Prinzeſſin Amalie ſich erröthend und ſichtbar überraſcht abwandte, um Niemand dieſes freudige Lächeln ſehen zu laſſen, das ihre vollen roſigen Lippen umſpielte. Herr von Pöllnitz, welcher Alles bemerkte, wollte indeß nur das Mißvergnügen des Hoffräuleins ſehen, und der Prinzeſſin Zeit gewähren, ſich zu ſammeln. Ich ſehe zu meiner Ueberraſchung, ſagte er, daß unſer ſchönes Hoffräulein nicht ſo entzückt iſt, wie ich hoffte. Fräulein, Fräulein, Sie ſind eine wundervolle Schauſpielerin, aber mich werden Sie doch nicht täu⸗ ſchen. Sie ſpielen die Gleichgültige und Enttäuſchte, um die gnädige Prinzeſſin dadurch zu vermögen, ihr Wort zurückzunehmen, und nicht bei Ihren Conferen⸗ zen mit Trenck anweſend zu ſein. Aber das iſt ver⸗ geblich, denn Prinzeſſin Amalie hat mir ihr Wort verpfändet, und ſie wird gewiß die Gnade haben es zu halten. Gewiß, ſagte die Prinzeſſin lächelnd. Ich werde das wohl thun müſſen, denn einem gegebenen Wort und einem geleiſteten Verſprechen gegenüber ſind ſelbſt die Prinzeſſinnen und Königinnen, wie die Fürſten und Könige, doch nur Menſchen, welche durch ihre Ehre verpflichtet ſind zu erfüllen, was ſie gelobten. Ich werde alſo Wort halten! Aber jetzt genug des Scherzes! Laſſen Sie uns ein wenig von dem Ernſt des Lebens ſprechen, von unſerer Toilette nämlich. — 16— nungen, machen Sie Jhre Vorſchläge, und Sie, Fräu⸗ lein, gehen Sie und rufen Sie ſchnell meine Kammer⸗ frau und meine Garderobenjungfer, wir müſſen große Conferenz halten. Eilen Sie alſo! II. Der Verſucher. Nicht ſobald hatte das Hoffräulein das Boudoir verlaſſen, als Herr von Pöllnitz ein verſiegeltes Brief⸗ chen aus ſeinem Buſen hervorzog und es der Prin⸗ zeſſin darreichte. Sie nahm es und verbarg es in der Taſche ihres Kleides, dann blickte ſie, wie es ſchien ganz gleichgültig und unbefangen, auf das große Bild von Watteau, das an der Wand ihr gegenüber hing. Nichts, immer noch nichts? flüſterte Herr von Pöllnitz. Sie wollen alſo meinen armen jungen Freund zur Verzweiflung bringen. Sie wollen ihm nicht ein⸗ mal die Gnade einer Aupont gönnen? Prinzeſſin Amalie erröthete noch höher und wandte ihr Haupt ſn aber indem ſie's that, zog ſie ein Brief⸗ chen aus ihrem Buſen hervor und reichte es dem Oberkammerherrn hin, ohne ihn anzuſehen, ohne ein Wort zu ſagen, verwirrt und ſchamvoll, wie ein jun⸗ ges Mädchen es iſt, wenn ſie ihren erſten Liebesroman aufführt, oder das erſte Unrecht begeht. Pöllnitz küßte ihre Hand mit der Extaſe eines Liebenden. Er. wird der Glückſeligſte der Sterblichen — 17— 8 ſein, ſagte er, und dennoch iſt es ſo wenig, was Euere Königliche Hoheit ihm gewähren, und es liegt in Ihrer Hand, ihn noch ſo viel höher, ſo viel himmliſcher zu beglücken. Dennoch iſt es Ihnen vorbehalten, ihm einen Wunſch zu erfüllen, den ſeine Lippen niemals wagen werden auszuſprechen, den nur Gott und das Auge eines treuen Freundes in ſeinem Herzen leſen können. Und welches iſt dieſer Wunſch? fragte die Prin⸗ zeſſin, aber ſo leiſe, mit ſo zitterndem Geflüſter, baß Pöllnitz ihre Worte mehr errathen als verſtehen onnte. 4 Ich glaube, ſagte er leiſe, er würde das Glück, eine Stunde zu Ihren Füßen ſitzen und Sie an⸗ ſchauen zu können, gern mit ſeinem Leben bezahlen. Nun, Sie haben ihm ja dazu die Gelegenheit ge⸗ geben, erwiederte Amalie verwirrt, Sie haben es ſehr geſchickt ſo eingerichtet, daß ich einem Begegnen mit ihm nicht mehr ausweichen kann. Ah, Prinzeſſin, wie troſtlos würde er ſein, wenn er dieſe kalten und grauſamen Worte hörte. Ich mußte ihm wenigſtens dieſen Schein eines Glückes ge⸗ währen, da ich nicht im Stande bin, ihm das Glück ſelber zu verſchaffen. Euere Königliche Hoheit ſind ſehr graufam, ſehr unerbittlich gegen meinen armen unglücklichen Freund! Mein Gott, er erfleht von Ihrer Gnade nur das, was der Geringſte ſeiner Unterthanen von Ihrem königlichen Bruder erbitten darf, er fleht Sie an um eine Audienz, das iſt Alles! Die Prinzeſſin richtete ihre großen flammenden „Augen mit einem unausſprechlichen Ausdruck auf Pöllnitz hin. 4 Apage Satanas! flüſterte ſie mit einem mühſamen Lächeln. Mühlbach, Berlin und Sansſonuci ꝛc. II. 2 1 — 13— Euere Königliche Hoheit thun mir zu viel Ehre 8 an, ſagte Pöllnitz. Leider bin ich nicht der Teufel, welcher doch ohne Zweifel nächſt Gott der mächtigſte Herr und Gebieter der Erde iſt, und dem drei Viertel der Menſchheit zum Allermindeſten angehören. Leider bin ich nur ein armes ſchwaches Menſchenkind, und meine Worte haben nicht einmal die Kraft, das Herz Euerer Königlichen Hoheit zum Erbarmen zu be⸗ wegen. 4 Mein Gott, aber wozu eine Unterredung? rief Amalie faſt angſtvoll. Erlaube ich ihm nicht, mir Alles zu ſchreiben, was er denkt und empfindet, und bin ich nicht verbrecheriſch und ſündhaft genug, ſeine Briefe zu leſen und ihm die Sprache derſelben zu verzeihen? Was verlangt er noch weiter? Iſt es nicht genug, daß ich ihm erlaube mich zu lieben und es mir zu ſagen? Nicht genug— Plötzlich ſtockte ſie. Ihre Augen, welche ſich ſcheu⸗ ten den halb ironiſchen, halb vorwurfsvollen Blicken der Barons zu begegnen, waren ruhelos im Zimmer umhergeſchweift, und hafteten jetzt wieder auf dieſem Bilde von Watteau, auf dieſem glücklich lächelnden Liebespaar, das in zärtlichſter Umſchlingung unter der Eiche inmitten dieſer reizenden Landſchaft ſaß. Dieſe Gruppe, welche ſich ganz zufällig dem Auge der Prinzeſſin darbot, war eine beredte und entſchiedene Antwort auf ihre Frage, welche die Prinzeſſin nicht mit ihren Ohren, ſondern mit ihren Augen empfing, und welche ihr Herz erbeben machte. Pöllnitz war ihren Blicken gefolgt, und hatte ſehr wohl ihr Erröthen und ihre Verwirrung verſtanden. Er trat jetzt zu dem Bilde und deutete mit ſeinem Zeigefinger auf dieſe zärtliche Schäfergruppe hin. Gnädigſte Prinzeſſin, ſagte er lächelnd, fragen Sie — 19— dieſe beiden Seligen da, ob ein Mann, welcher leiden⸗ ſchaftlich liebt, weiter nichts von ſeiner Geliebten zu wünſchen und zu erflehen hat, als die Erlaubniß, ihr Briefe ſchreiben zu dürfen? Amalie zitterte, ſie richtete ihre Augen mit einem Ausdruck der Furcht und des Entſetzens auf das Ant⸗ litz des Barons, der mit ſeinem Faunenlächeln und ſeinem unerſchütterlichen Gleichmuth ihr gerade und forſchend in's Geſicht ſchaute. Er hatte kein Mitleid mit ihrer mädchenhaften Ver⸗ wirrung, ihrem keuſchen, jungfräulichen Entſetzen. Er ſprach weiter, er ſuchte mit heiterm Spott und frivo⸗ len Scherzen ihre Angſt und ihr Zagen zu beſeitigen, er ſchilderte ihr mit glühenden Farben die Verzweiſtng und Liebesſehnſucht ihres jungen Liebhabers, er be⸗ wies ihr, wie ganz gefahrlos ſie in ihren Zimmern eine Zuſammenkunft haben könne, ohne daß das neu⸗ gierige Auge und Ohr der Dienerſchaft es nur zu ah⸗ nen vermöchte. Mündeten doch die Zimmer der Prin⸗ zeſſin nach dieſem kleinen dunklen Corridor aus, auf welchem gar keine Schildwache ſtand, und von welchem nur eine kleine unbenutzte Treppe hinunter führte in die untere Etage des Schloſſes, in ein kleines unbe⸗ wohntes Zimmer, das ſein nied Fenſter nach dem Garten von Monbijou hinaus Es war alſo nichts weiter nöthig, als die Rieg eſes Fenſters am Tage zurückzuſchieben, damit man in der Nacht daſ⸗ ſelbe geräuſchlos öffnen und durch daſſelbe in das Zimmer einſteigen könne. Prinzeſſin Amalie, ubwohl ſie nicht antwortete, und durch keinen Blick, kein Lächeln, kein Stirnrunzeln ihre Beiſtimmung oder ihr Zürnen zu erkennen gab, Prin⸗ zeſſin Amalie hörte doch dieſen ſchlimmen und gefähr⸗ lichen Auseinanderſetzungen zu. Sie ließ das Gift B — — 20— Vergnügen daran fanden, die ſch des Herrn von Pöllnitz ausrufen zu hören, ſo wird es ſie, denke ich, nicht weniger beluſtigen, ſich ein wenig von der Schmach der Prinzeſſin Amalie zuzuflüſtern, denn dieſe freilich wird man nicht ausrufen und austrommeln, aber die Stimme der Verläumdung hat eine ſo gewaltige und mächtige Stimme, daß man ſie überall vernimmt, wenn ſie auch nur ganz leiſe zu flüſtern ſcheint. Sein Geſicht drückte eine hämiſche, wilde Scha⸗ denfreude aus, d er ſo ſprach, dann aber, nach⸗ dem er eine Zei g ſich dieſen tückiſchen und grau⸗ ſamen Geda hingegeben hatte, glätteten ſich ſeine Züge wieder nahmen ihren gewohnten, gleich⸗ müthig heitern und beobachtenden Ausdruck wieder an. Aber bevor ich mich räche, will ich mich erſt be⸗ zahlt machen, ſagte er mit einem Lachen, das nicht nach außen ertönte, ſondern das er in ſich hinein ver⸗ ſchluckte. Ich will der Vertraute dieſer Aventure ſein, und ich müßte nicht Pöllnitz heißen, wenn ich nicht Vortheil davon zu ziehen wüßte. Oh, König Friedrich, König Friedrich, ich glaube, Prinzeſſin Amalie wird ſich wenig darum kümmern, daß es verboten iſt, dem armen Reichsbaron von Pöllnitz Geld zu leihen. Sie wird mir Geld, ich hoffe ſehr viel Geld leihen, und ich werde es ihr mit meinem Schweigen wieder be⸗ zahlen. Und dieſen heiteren und glücklichen Gedanken nach⸗ hängend, begab ſich der Oberkammerherr zu dem jun⸗ gen Lieutenant Friedrich von Trenck, um ihm das Briefchen der Prinzeſſin einzuhändigen. Die Feſtung iſt ſehr bereit zur Uebergabe, ſagte er, laufen Sie jetzt Sturm und Sie werden als Sie⸗ ger in die geöffneten Herzensthore einziehen. Ich habe Ihnen eine Gelegenheit eröffnet, die Prinzeſſin jetzt alle Tage zu ſehen, benutzen Sie dieſelbe, wie ein tapferer, ſchöner, junger und liebender Cavalier ſie benutzen muß, und bei Gott, Sie werden bald ein General, ein Fürſt oder ſonſt etwas Ungeheuerliches werden. Ein General, ein Fürſt, oder auch ein Hochver⸗ räther, der ſein Haupt auf den Block legen und mit ſeinem Leben ſeine Schuld ſühnen muß, ſagte der junge Lieutenant von Trenck gedankenvoll. Mag es aber immerhin ſo ſein. Um ein ſolcher Hochverräther ſein zu können, muß ich vorher der glückſeligſte, be⸗ neidenswertheſte Menſch geweſen ſein, und das iſt nicht zu theuer mit dem Tode gebüßt. Oh, Amalie, Amalie, ich liebe Dich grenzenlos. Du biſt meine Seligkeit, mein Glück und meine Hoffnung, Du— Genug, genug, rief Pöllnitz lachend, indem er ſich die Ohren zuhielt, das ſind lauter allbekannte, allge⸗ brauchte Phraſen, die man ſeit Adams Zeiten in allen Sprachen wiederholt, wenn man verliebt und zwanzig Jahre alt iſt, und die immer doch nur eine ſchöne, aufgeputzte, phantaſtiſche Lüge ſind. Handeln Sie, mein junger Freund, aber ſprechen Sie nicht, denn, Sie wiſſen es wohl, die Wände haben Ohren, und der Tiſch, auf welchem Sie Ihre Briefe ſchreiben, hat Augen, ebenſo gut, wie die Chatoulle, in welche ſie dies Briefchen der Prinzeſſin legen, um es für alle Ewigkeit aufzubewahren. Seien Sie vorſichtig, vorſichtig! Verbrennen Sie die Briefe der Prinzeſſin, ſchreiben Sie die Ihrigen mit ſympathetiſcher Tinte, mit Chiffern, damit Niemand ſie zu leſen vermag, damit nur Gott, der Teufel und ich Ihre gefährliche Liebſchaft kennen. Aber Trenck hörte nicht auf ihn. Er war zu glücklich, zu leidenſchaftlich und endlich zu jung, um die bedachtſamen Worte des alten Rone's in ſich auf⸗ nehmen und auf ſie achten zu können. Er las mit immer ſich ſteigerndem Entzücken den Brief der Prin⸗ zeſſin, das ſo lang erſehnte und erflehte Antwort⸗ ſchreiben auf ſeine Briefe, er drückte das Papier an ſein hochklopfendes Herz, an ſeine glühenden Lippen, und heftet dann wieder ſeine Augen auf dieſe Zei⸗ lene welche ihre Hand geſchrieben, ihr Herz dictirt hatte. Pöllnitz ſah ihm mit einem ſtillen, überlegenen Lächeln zu, wie der Fuchs zuweilen, wenn er gewiß iſt, daß ſie ihm nicht mehr entgehen kann, den luſti⸗ gen Flügelſchlägen, dem zärtlichen Gebahren der Taube zuſchaut, und ihr noch einen Augenblick Zeit gewährt, glücklich zu ſein, bevor er ſie erwürgt. Ich wette, Sie wiſſen das Byxiefchen bereits aus⸗ wendig, ſagte er endlich, indem er langſam und be⸗ dächtig Feuer anſchlug und ein Licht anſteckte, um ſich daran ſeine Cigarre anzuzünden. Nicht wahr, ich habe Recht, Sie wiſſen das Briefchen auswendig? Jedes Wort deſſelben iſt mit Flammenſchrift in mem Herz eingegraben! Dann erlauben Sie einen Augenblick! Und mit einer raſchen Bewegung entriß der Baron dem erſtaunten jungen Manne das Papier und hielt es in das brennende Licht. Halten Sie ein, halten Sie ein, rief Friedrich von Trenck, und indem er auf Pöllnitz hinſtürzte, wollte er ihm mit Gewalt das Papier entreißen. Aber der Baron ſtreckte ſeinen Arm abwehrend gegen ihn aus, und ſchwenkte mit dem andern das brennende Papier über ſeinem Haupte empor. Mein Gott, was haben Sie gethan!l rief der junge Officier ſchmerzlich, indem er auf dieſes helllodernde Briefchen hinſtarrte. 3 Ich habe dem Gott des Schweigens ein Opfer dargebracht, ſagte Pöllnitz feierlich. Ich habe dieſes Papier verbrannt, damit man mit demſelben nicht einſt den Scheiterhaufen anzünden kann, auf welchem man Sie eines Tages als Hochverräther verbrennen möchte. Junger Mann, danken Sie mir, denn ich habe Sie auf Einen Tag mindeſtens von dem Tode gerettet, und Ihr Geheimniß vor der Entdeckung bewahrt! — 24.— III. Das Hochzeitsfeſt der Prinzeſſin. Freilich, für Einen Tag hatte der perfide und heuchleriſche Freund das Geheimniß des jungen Paares vor der Entdeckung bewahrt! Aber es kam ein neuer Tag, und an dieſem Tage hatten ſie das gefährliche Gift, welches Pöllnitz ihnen in ſeiner Alles berechnen⸗ den Weltklugheit bereitet hatte, durch ihr Auge und ihr Ohr in ihr Herz einziehen laſſen! An dieſem Tage ſahen ſie ſich unter dem Zwange, ſich nur durch Blicke, durch Seufzer, durch verſtohlene Händedrücke und flüchtige, leis gemurmelte Worte einander ihre Liebe und ihr Entzücken andeuten zu können, weil die Gegenwart anderer, uneingeweiheter Perſonen ihr Herz wie ihren Mund in Feſſeln legte. Nun aber wußte Pöllnitz ſehr wohl, daß es kein wirkſameres Mittel gäbe, ein junges Mädchen zu einem Rendezvous mit ihrem Geliebten zu veranlaſſen, als, daß man ihnen ein Zuſammenſein ves fren der Zeugen gewähre, daß man ſie Beide zum Zwang, zur Verſtellung, zum Schweigen verdamme. Das ſo gefeſſelte Herz ſehnt ſich um ſo glühender, dieſe eiſernen Bande des Schwei⸗ gens abzuwerfen, und ſich in freier, ungefeſſelter Lie⸗ besluſt aus der bedrückenden Gefangenſchaft emporzu⸗ heben. Als Prinzeſſin Amalie zwei Tage dieſe Marter des Zuſammenſeins mit dem Geliebten vor Zeugen ertragen hatte, war ſie feſt entſchloſſen, ihm eine aunu 3 5 8* — 25— dere, eine einſame Zuſammenkunft zu bewilligen, ſo⸗ bald er es wagen würde, ſie darum zu ättene Sie wollte endlich dieſes ſchöne Antlitz, das jetzt wie von einer Wolke der Wehmuth beſchattet war, aufleuchten ſehen im hellſten Sonnenſchein des Glückes, ſie wollte dieſe traurigen Augen ſich verklären, dieſen düſtern Mund lächeln ſehen. Sie wollte den Gelieb⸗ ten glücklich machen. Sie dachte, ſie fühlte, ſie wollte nichts weiter als das! Freilich gab es noch Stunden des Zweiſels, des Bangens, Stunden, in welchen ſie ganz das Gefahr⸗ volle und Verwegene ihres Entſchluſſes begriff, wo ſie in einem unbeſtimmten Gefühl der Angſt und des Entſetzens faſt bereit war, ſich ihrer königlichen Mutter zu Füßen zu werfen, ihr Alles zu geſtehen und bei dr Schutz zu ſuchen vor ihrem eigenen ſchwachen Mädchenherzen; wo ſie, in der wilden Verzweiflung ihres muthigen und trotzigen Naturells, zu dem Kö⸗ nig gehen und ihn beſchwören wollte, ſie zu retten vor ſich ſelber, vor ihren eigenen, leidenſchaftlichen und gefährlichen Gedanken. Aber immer war eine Stimme in ihrem Herzen, welche ſie von dieſem Schritte des Heils und der Rettung zurückhielt und ſie ihre Augen verſchließen gcte vor dieſen Ab⸗ gründen, welche ſie rings ſchon umgaben, und denen ſie mit wiſſenden Sinnen entgegentaumelte. Hätte ſie jetzt eine Freundin, eine Schweſter ge⸗ habt, welcher ſie vertrauen durfte, ſo wäre ſie vielleicht gerettet geweſen; aber ihre hohe excluſive Stellung beraubte ſie, indem ſie die Prinzeſſin iſolirte, dieſer köſtlichen Lebensfreude einer Mädchenfreundſchaft. Denn die Freundin, an welche die Natur ſie gewieſen, ihre Schweſter Ulrike, hatte durch die Intrigue, durch — 26— welche ſie ſich die ſchwediſche Königskrone erworben, ſich für immer das Herz ihrer Schweſter entfremdet. Ja, vielleicht waren es ſogar dieſe ſo glänzenden, ſo prunkhaften Vermählungsfeierlichkeiten, welche die junge Fürſtentochter immer mehr in dieſe gefährlichen und unheilsvollen Netze hineinzog, denen ſie durch eine Vermählung mit einem ebenbürtigen Gemahl entgan⸗ gen wäre. Sie ſagte ſich, daß es in ihrer Hand ge⸗ legen, alle dieſe Herrlichkeiten, dieſe Feſte und Ehren⸗ bezeigungen ſich anzueignen, und daß nur ihr eigenes Herz und der perfide Rath ihrer Schweſter ſie daran verhindert habe. In dem kindiſchen Trotz ihres Her⸗ zeus ſagte ſie zu ſich ſelber: das Schickſal zeigte mir einen Weg der Rettung, aber meine eigene Schweſter ſtieß mich von demſelben zurück an dieſen Abgrund hin, an welchem ich jetzt ſtehe. Möge ſie nun alſo verantwortlich ſein. Auf ihr Haupt komme mein Un⸗ glück und meine Schande, auf ihr Haupt meine Thrä⸗ nen und meine Klagen. Sie hat mich verhindert, eine Königin zu ſein, nun wohl, ſo will ich wenigſtens ein junges Mädchen ſein, welches liebt, und ihrem Gelieb⸗ ten Alles opfert, ſelbſt ihren Stolz, ihren Rang und die unbefleckte Größe ihrer Ahnen! Für Ulrike alſo die Ehren, der Prunk, das pomphafte Glück, für mich das Geheimniß, die Liebe und das verſchwiegene Mäd⸗ chenglück! Wer von uns wird mehr zu beneiden ſein? Allerdings, es waren glänzende, pomphafte Tage, welche man der Prinzeſſin Ulrike, der Braut des Kron⸗ prinzen von Schweden, des Herzogs Adolf Friedrich von Holſtein, bereitete. Feſte drängten ſich auf Feſte. Das ganze Land ſchien Theil zu nehmen an dem Familienglück des Königshauſes. Alle Provi alle Städte ſandten Deputationen, um dem K — 27— zu gratuliren und der Prinzeſſin ihre Geſchenke dar⸗ zubringen. Sie, welche ſo oft von der edleren und blendenderen Schönheit ihrer jüngeren Schweſter ver⸗ dunkelt worden, ward nun plötzlich der Mittelpunkt dller dieſer Feierlichkeiten und Verherrlichungen, die in athemloſer bunter Folge ſich aneinanderreiheten. Für ſie, für die Prinzeſſin Ulrike allein war es, daß der König im Opernhauſe einen Maskenball gab, an welchem die ganze Stadt Theil nehmen durfte, für ſie ſtrahlten am Abend ihrer Vermählung alle Straßen im hellſten Kerzenglanz der nicht befohlenen, ſondern freiwilligen Illumination, für ſie gab die Königin in Schönhauſen ein glänzendes Ballfeſt, für ſie hatte der ſchwediſche Geſandte ein Feſt arrangirt, deſſen verſchwenderiſcher Luxus und fabelhafter Prunk ihr vielleicht einen Vor⸗ ſchmack der Herrlichkeit geben ſollte, die ſie in ihrem neuen Vaterlande, in Schweden, erwartete; für ſie endlich fand dieſer Maskenkall im königlichen Schloſſe ſtatt, zu dem der ganze Adel nicht bloß, ſondern auch ein guter Theil der vornehmen, reichen und angeſe⸗ henen bürgerlichen Familien Berlins Einladungen er⸗ halten hatte. 3 Mehr denn dreitauſend Menſchen wogten in dieſen von Blumenduft, von Kerzenglanz, von Diamanten⸗ geflimmer und Gold⸗ und Silberſtickereien ganz erfüll⸗ ten Sälen auf und ab. Ueberall ſah man freudige Geſichter, glänzende Toiletten. Alles was auf Schön⸗ heit, Jugend, auf Rang, Anſehen, Ruhm und Würden Anſpruch zu machen hatte, war heute in der Sälen des Schloſſes verſammelt, und hinter den Reihen der geputzten Damen, der glänzenden Cavaliere wogte das geputzte, das ſtaunende, vor Verwunderung verſtummte Volk auf und ab. Der König hatte befohlen, heute keinem anſtändig gekleideten den Eintritt in das Schloß — 123— zu verweigern. Wer eine Einladungskarte vorzuzeigen hatte, war berechtigt, als der Gaſt des Königs die Reihe dieſer glänzenden Säle zu durchwandern, wer ohne Karte kam, mußte es ſich freilich gefallen laſſen, hinter dieſer ſeidenen Schnur zu gehen, welche an den Seiten der Säle angebracht war und eine kaum merk⸗ liche, doch aber unüberwindliche Barriere zwiſchen dem Volk und der Hofgeſellſchaft bildete. Es war eine ſchwere, eine rieſenhafte Arbeit, in dieſen Maſſen, in dieſem ſich drängenden, ſtoßenden, neugierig gaffenden Volk, unter dieſen Tauſenden vor⸗ nehmer, geputzter, übermüthiger, der Etiquette und des Hofzwanges entfeſſelter Leute eine gewiſſe Ordnung aufrecht zu halten, oder auch nur dafür zu ſorgen, daß Jedermann als Gaſt des Königs ſeiner Würde gemäß bedient und bewirthet werde. Schaaren gold⸗ betreßter Lakayen flogen in nie raſtender Eilfertigkeit durch die Säle, auf den ſilbernen Plateaus die ſelten⸗ ſten Früchte, die auserleſenſten Speiſen, die koſtbarſten Weine an die halbverſchmachteten Gäſte des Königs umherreichend. Ungeheure Buffets, in jedem der Säle angebracht, enthielten eine verſchwenderiſche Fülle der köſtlichſten Speiſen und Getränke, überall hörte man Gläſerklang und das eſchäftige Schwirren und Kratzen der Meſſern und Gabeln, welches andeutet, daß der Magen in ſeine unabweislichen Rechte eingetreten iſt und die Huldigungen ſeines höhern Ich's entgegen⸗ nimmt. Der König, in dem edlen und ſtolzen Vertrauen eines großen Herzens, hatte es abgelehnt, die Polizei zur Ueberwachung ſeiner Gäſte in dem Schloß Ein⸗ gang finden zu laſſen. Einige dienſthabende Officiere ſeiner Leibgarde waren beauftragt, in den Sälen ge⸗ wiſſermaßen die Stellvertreter des Königs zu ſein und — 29— die Wirthe zu machen, indem ſie darauf achteten, daß Jedermann gut bedient, gut unterhalten und gut ge⸗ pflegt werde, während der Hof mit den Höchſten des Adels und der Behörden in der Bildergallerie zur Nacht ſpeiſete. Was war dies für ein Gelächter, welches plötzlich in den anſtoßenden Sälen erſchallte und wie eine La⸗ wine ſich fortwälzend, immer lauter, immer mächtiger heranrollte, bis es das Ohr des Königs erreicht, ſo daß dieſer ſtaunend und verwundert ſeinen Ober⸗Ce⸗ remonienmeiſter beauftragte, nachzuforſchen, was dieſes laute Lachen, dieſes nicht endenwollende Jauchzen zu bedeuten habe. In einigen Minuten ſchon kehrte Herr von Pöll⸗ nitz zurück. Neben ihm ging ein junger Offieier, deſ⸗ ſen wunderbar hohe ſchlanke Geſtalt, deſſen ſchönes, edles, von Kraft, Jugend, Stolz und Energie ſtrah⸗ lendes Angeſicht ſogar die Augen der ſtolzeſten Damen auf ſich zog und ſelbſt der Königin Mutter ein Lächeln des Beifalls abgewann. Sire, ſagte Herr von Pöllnitz, man lacht da drin⸗ nen, weil irgend ein Witzbold ſich die Maske eines Diebes und Räubers vor ſein Antlitz gelegt hat, und in einer allzuweit getriebenen Neckerei Denjenigen ge⸗ rade, welchem Euere Majeſtät befohlen hatte, für die Ruhe und Sicherheit in den Sälen Sorge zu tragen, beſtohlen hat. Sehen Sie hier unſern jungen Lieu⸗ tenant von Trenck. Man hat ihm im Gewühl ſeine goldgeſtickte und mit goldenen Franzen verzierte Schärpe entwandt, und er im Eifer ſeines Dienſtes hat es nicht bemerkt, daß dieſe luſtigen Kobolde, welche er bändigen ſollte, gerade ihn zur Zielſcheibe ihres Ueber⸗ muthes gemacht hatten. Das iſt es, worüber man in den Sälen lacht, Sire. — 30— Das Auge des Königs ruhte mit einem Ausdruck ſo innigen Wohlgefallens auf der Geſtalt ſeines jungen Officiers, daß Prinzeſſin Amalie, welche es ſah, ihr Herz beben fühlte vor Freude und Entzücken. Ein höheres Roth färbte ihre Wangen, eine ſelige Freude durchglühte ihr ganzes Weſen, die Freude, Den, wel⸗ chen ſie liebte, von ihrem erhabenen und angebeteten Bruder, von dem König anerkannt und geliebt zu ſehen. Ich habe Ihn heute den ganzen Abend ſchon be⸗ wundert, ſagte der König in ſeiner heitern, ſcherzhaften Weiſe. Gleich dem Auge der Vorſehung trägt Er Seinen Blick bis in die entfernteſten Winkel, und ſieht Alles, was geſchieht. Ueberall, wo Er ſich zeigt, herrſcht Ruhe, Anſtand und Stille. Daß Sein Blick, der Alles ſieht, nur Seine eigene Perſon nicht überwachte, das zeigt, daß Er nicht eitel iſt, und nicht an Seine eigene Perſon denkt, wenn es gilt, einen erhaltenen Befehl auszuführen. Ich werde mich deſſen erinnern und Ihn zu belohnen wiſſen, wenn nicht hier im Ball⸗ ſaal, doch vielleicht auf dem Schlachtfeld, wo Er, das weiß ich gewiß, ſich Seine Schärpe nicht würde ſteh⸗ len laſſen.*) Er reichte dem jungen Officier die Hand dar, welche dieſer innig an ſeine Lippen drückte. Dann wandte ſich der König lächelnd an die Königin Mut⸗ ter. Ich weiß, Madame, ſagte er, daß Ihnen der junge Baron ſchon empfohlen iſt, aber ich erlaube mir, Ihnen denſelben auch meinerſeits zu empfehlen. Mö⸗ gen Sie die Gnade haben, ihn zu einem Cavalier zu bilden; ich werde ihn zu einem Krieger bilden, und *) Thiébault. Vol, III. pag. 195 folgd. — 31— dann werden wir an ihm einen Edelmann haben, wie es deren Wenige giebt. Und der König, indem er die Tafel aufhob und ſeinen Sitz verließ, legte einen Moment ſeine Hand auf Trenck's Schulter. Lang genug iſt Er, ſagte der König lächelnd, das hat Er der Natur zu danken. Strebe Er nun darnach, daß Er nicht blos lang, ſondern auch groß werde, das wird Er ſich ſelber zu danken haben. Er nickte dem jungen Officier noch einmal freund⸗ lich zu und wandte ſich dann ab, um der Königin Mutter den Arm zu reichen, und ſie in den anſtoßen⸗ den Saal zu führen, wo jetzt der Tanz begann, wäh⸗ rend die Damen ſich in die Garderoben zurückzogen, um ihre Toiletten zu den nun beginnenden Quadrillen zu machen. IV. In der Fenſterniſche. Es war ein ungeheueres Gewühl, welches jetzt in den Tanzſälen entſtand. Jeder drängte dorthin, Je⸗ der wollte dieſen Quadrillen zuſchauen, in denen die Prinzeſſinnen, die ſchönſten Damen des Hofes, und die ſchönſten und reichſten Cavaliere tanzten. Jeder wollte die Pracht dieſer maleriſchen Coſtüme, die Grazie und Anmuth der Damen, die kecke Sicherheit und Gewandtheit der Cavaliere ſehen und bewundern, und dieſe ſchönen neuen Tanzmelodieen hören, von denen, — 32— wie man wußte, einige von dem König ſelber compo⸗ nirt worden. Die erſte Quadrille, in welcher die Prinzeſſinnen tanzten, war jetzt unter dem lauten, von keiner Etikette zurückzuhaltenden Beifall der Menge beendet, und un⸗ ter dem Schall der Panken und Trompeten traten die Pinzerinnen und Tänzer der zweiten Quadrille in den Saal. Prinzeſſin Amalie hatte ſich aus dem bunten Ge⸗ wühl in eine Fenſterniſche zurückgezogen. Sie fühlte ſich erſchöpft, abgeſpannt von dem Tanz, von den vie⸗ len Aufregungen des Tages. Sie bedurſte eines Mo⸗ ments der Ruhe, der Erholung und des Nachſinnens. Sie zog die ſchweren ſeidenen Vorhänge zuſammen, und ſetzte ſich hochathmend auf das kleine geſtickte Ta⸗ vouret, das in der Fenſterniſche hinter der verhüllten Gardine ſtand. 4 Wie wohl that ihr dieſe Abgeſchiedenheit und Stille vom bewegten Leben, dem rauſchenden Feſte ſo nahe, wie ſüß ließ es ſich träumen bei dem Klang der Mu⸗ ſik, dem Geräuſch der plaudernden, lachenden, tanzen⸗ den, auf und abgehenden Menge! Prinzeſſin Amalie lehnte ihr Haupt zurück und ſchloß die Augen, nicht um zu ſchlafen, ſondern, wie geſagt, um zu träumen. Sie dachte daran, daß ihre Schweſter eine Königs⸗ krone auf ihre Stirn ſetzen, und für dieſe Krone ſich verkaufen wolle an einen Mann, den ſie niemals ge⸗ ſehen, von dem ſie nichts weiter wußte, als daß er der Erbe eines Thrones ſei. Sie ſchauderte bei dem Gedanken, daß ihre Schweſter dieſem Manne, welchen ſie nicht kannte, ihre Religion zum Opfer dargebracht, und vor Gottes Altar gelobt hatte, ihn zu lieben und ihm treu zu ſein. In der Reinheit und Unſchuld ih⸗ — 33— res jungen Mädchenherzens nannte ſie das ein Ver⸗ brechen, ein Sacrilegium gegen die Liebe, die Treue und die Religion ſelber. Ich werde das niemals thunl! flüſterte ſie leiſe in ſich hinein. Ich werde mich niemals verkaufen, nur meinem Herzen will ich folgen, nur dem Manne will ich angehören, den ich liebe. Wie ſie das ſagte, überzog eine Purpurgluth ihre Wangen, und ſie ſchlug plötzlich die Augen groß und voll auf, als hoffe ſie den Mann ihrer Liebe vor ſich zu ſehen, um ihm mit ihren leuchtenden Blicken wie⸗ derholen zu können, was eben ihre Lippen geflüſtert hatten. 1— Nein, ganz gewiß, ich werde mich niemals ohne Liebe vermählen, flüſterte ſie weiter, ſtrahlend von Trotz und kühnem Jugendmuth. Und da ich liebe, und da man im Leben doch nur einmal lieben kann, 5 werde ich mich niemals vermählen, es müßte denn ein— Sie ſtockte und neigte mit einem ſüßen Lächeln ihr Haupt auf ihre Bruſt. Ihre Lippen ſcheuten ſich, aus⸗ zuſprechen, was ihr Herz träumte und hoffte, dieſen Gedanken Worte zu geben, die wie glühende Lava in ihrer Bruſt kochten, und alle ihre Ueberlegung, ihre Beſonnenheit mit vernichtenden Feuerſtrömen überflu⸗ theten. Sie dachte, daß ihre Liebe vielleicht im Stande ſein möchte, das Herz des Königs zu rühren, daß er vielleicht in der Großmuth und Güte ſeiner Seele ihr erlauben könne, glücklich zu ſein, und eine Krone, nicht von Gold, ſondern nur von Myrthen auf ihr Haupt zu ſetzen. Sie wiederholte ſich im Geiſt alle dieſe wohlwollenden freundlichen Worte, welche der König heute an ihren jungen Geliebten gerichtet hatte, ſie ſah noch einmal dieſe wundervollen Augen des Königs mit Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. II. 3 dem vollen Ausdruck der zärtlichen, faſt bewundernden Theilnahme auf der herrlichen Geſtalt Trenck' ruhen, und mit einem beſeligten Lächeln flüſterte ſie: Der König ſelber findet ihn ſchön und liebenswerth; er wird ſich alſo nicht wundern können, wenn ſeine Schweſter ſeine Neigung mit ihm theilt, er wird es natürlich finden, daß ich ihn liebe, daß— Ein donnernder Beifallsſturm in dem Saal unter⸗ brach ſie in ihrem Sinnen. Sie ſchob leiſe die Gar⸗ dine ein wenig zurück und ſchaute hinein in dieſen ge⸗ ſchmückten, duftenden, von Muſik wiederhallenden Saal, unter deſſen Kronleuchtern von vergoldetem Bergkry⸗ ſtall die geputzte, von Brillanten, Blumen und gold⸗ gewirkten Gewändern ſtrahlende Menge wie ein im Sonnenſchein funkelndes Meer aufundniederwogte. Die zweite Quadrille war beendet, und der Bei⸗ fallsſturm war der Lohn der Tänzer und Tänzerinnen, welche ſich jetzt hier und dort athemlos und keuchend auf die Tabourets niedergelaſſen hatten, um ſich aus⸗ zuruhen von ihrer Anſtrengung. 3 Prinzeſſin Amalie ſah nicht allein, ſie hörte auch; ſie hörte das Geſpräch dieſer beiden Damen, welche dicht vor der Gardine ſtanden, hinter welcher die Prin⸗ zeſſin verborgen war. Sie hörte, daß ſie von Fried⸗ rich von Trenck ſprachen, ſie hörte, daß ſie ihn den ſchönſten der anweſenden Cavaliere nannten, und ganz entzückt von ſeiner herrlichen Athletengeſtalt, von ſei⸗ nem feurigen Auge ſprachen. Er hat die Geſtalt eines Hercules und das Antlitz eines Ganymed, ſagte die Eine. Ich glaube, daß er ſchön iſt wie der Apoll von Belvedere, ſagte die Andere, und dabei iſt ſein Ge⸗ ſicht noch ſo voll Unſchuld und Reinheit. Ah, wie beneide ich die Frau, welche ſeine erſte Liebe ſein wird. Sie meinen alſo, daß er noch niemals geliebt hat? 3 Ich bin deſſen ganz gewiß. Sein Herzensfeuer ruht noch unter den Schleiern ſeiner Jugend, und er verſteht es noch nicht einmal, wenn man ihn anlächelt, und ihm einen zärtlichen, verheißungsvollen Blick zu⸗ wirft. Haben Sie das verſucht? Ich hab's verſucht, und ich geſtehe Ihnen, daß es vergeblich geweſen iſt. Aber ich gebe ihn deshalb noch nicht auf, und ich werde meine Verſuche ſo lange er⸗ neuern bis—.. Die Damen entfernten ſich im leiſe fortgeführten Geſpräch. Prinzeſſin Amalie konnte nichts weiter hö⸗ ren, aber ſie kannte die Stimmen dieſer beiden Damen ſehr wohl, ſie wußte, daß es Frau von Brandt ge⸗ weſen und die junge Luiſe von Kleiſt, die Schönſte der Schönen, wie der König ſelber ſie noch geſtern genannt! Und Luiſe von Kleiſt, die Schönſte der Schönen, die unwiderſtehliche Coquette, die von Anbetern und Bewunderern ſtets umdrängte Frau, Luiſe von Kleiſt, hatte ihrer Freundin geſtanden, daß ihre zärtli⸗ chen auf Trenck gerichteten Blicke vergeblich geweſen, daß ſie ſich vergeblich bemüht, das Eis ſeines Herzens zu ſchmelzen. Aber ſie will ihre Bemühungen fortſetzen, flüſterte Amalie, deren Herz jetzt erbebte unter den erſten Kral⸗ lengriffen der Eiferſucht. Oh, ich kenne Luiſe von Schwerin, ſie wird ihn ſo lange verfolgen, ſo lange mit ihren Liebesblicken, ihren kecken Herausforderun⸗ gen, ihrem zärtlichen Schmachten belagern, bis er ſie 3*½ — 36— liebt, bis er anbetend zu ihren Füßen liegt!— Aber nein, nein, ich werde das nicht dulden, ich nicht. Sie ſoll mir nicht das einzige Glück, den einzigen goldenen Traum meines Lebens entreißen. Er gehört mir, er iſt mein durch ſeine Liebe, die er mir mit tauſend hei⸗ ligen Eiden geſchworen hat. Ich bin ſeine erſte Liebe, ich bin dieſes glückſelige Weib, welches er liebt, und welches die ſchöne, die ſtrahlende Luiſe von Schwerin beneidet um ihr Glück. Er iſt mein, und mein ſoll er bleiben, der ganzen Welt zum Trotz will ich ihn lieben und mich ihm zu Eigen geben! Und wie ſie jetzt ihre flammenden, trotzigen Blicke wieder durch die kleine Oeffnung der Gardine in den Saal gleiten ließ, ſchauerte ſie zuſammen in ſüßem, freudigem Schreck. Dicht vor ihr, gerade an der Stelle, wo kurz zu⸗ vor die beiden Damen geſtanden, da ſtand Er jetzt, Er, der Apoll der Frau von Kleiſt, der hereuliſche Ganymed der Frau von Brandt, Er, Friedrich von Trenck, der Geliebte der Prinzeſſin Amalie! 1 Er ſtand ſtill und unbeweglich da, und ſchaute mit verſchränkten Armen in das bunte Gewühl der Mas⸗ ken hinein. Vielleicht ſuchte er ſie, vielleicht war er traurig und kummervoll, daß Amalie ſich ſeinen Blicken ganz entzogen, ihm ganz unſichtbar gewor⸗ den ſei. 4 Plötzlich hörte er hinter ſich eine Stimme, welche flüſterte: Sehen Sie Sich nicht um, bleiben Sie ſte⸗ hen, wie bisher. Aber wenn Sie michahören und mich verſtehen, ſo neigen Sie leiſe bejahend Ihr Haupt. 3 Friedrich von Trenck neigte ſein Haupt; aber Prin⸗ zeſſin Amalie konnte nicht ſehen, welch ein Ausdruck des Entzückens plötzlich auf ſeinem Antlitz leuchtete, 2. — 37— ſie konnte nicht fühlen, wie ſein Herz ſtürmiſch häm⸗ merte und klopfte, und ihm den Athem beklemmte. Wiſſen Sie, wer es iſt, der mit Ihnen ſpricht, er⸗ kennen Sie mich, ſo neigen Sie wieder Ihr Haupt! flüſterte die Stimme. . Evben rauſchte die Muſik höher auf, die aufundab⸗ walzenden Paare der Tänzer übertönten ſie faſt mit dem Geräuſch ihrer Füße, dazu das Sprechen und das Durcheinander von mehr als fünfhundert Perſonen, das Alles bot dem Geſpräch der beiden Liebenden hin⸗ reichende Sicherheit dar. Friedrich von Trenck begnügte ſich nicht, nur wie⸗ der mit dem Haupte zu winken, er neigte ſich ſeitwärts und ſagte halblaut: ich erkenne die Stimme eines En⸗ gels ſehr wohl, und ich würde auf meine Kniee fallen und anbeten, wenn es meinem Engel ſelber nicht Ge⸗ fahr brächte und ihn von mir verſcheuchte! Still, ſprechen Sie nicht mehr, flüſterte die Stimme, und Trenck hörte an ihrem Zittern und Keuchen, daß das Mädchen, welcher ſie angehörte, all' dieſe Gluth, dieſe Aufregung, dieſe Leidenſchaft empfand, welche ſein eigenes Weſen wie mit Feuerſtrömen durchtobte und wie mit Orgelklängen vor ſeinen Ohren brauſte. „Sprechen Sie nicht mehr, aber hören Sie!l flüſterte die Stimme wieder. Uebermorgen reiſt Prinzeſſin Ulrike ab; alsdann begiebt ſich der König nach Pots⸗ dam und Sie werden ihn ohne Zweifel begleiten. Haben Sie ein ſchnelles Pferd, das den Weg von Potsdam nach Berlin auch bei Nacht zu finden weiß? Ich habe ein ſchnelles Pferd, und für mich und mein Pferd giebt es keine Nacht! In der vierten Nacht von heute an werden Sie das Fenſter, welches Sie kennen, offen finden, und die Thür, welche zu der kleinen Treppe führt, wird — 38— nur angelehnt ſein. Kommen Sie um elf Uhr Abends, und man wird Ihnen einen Erſatz geben für die Schärpe, welche Sie heute Abend verloren haben! Still, kein Wort mehr! Sehen Sie Sich nicht um, gehen Sie unbefangen weiter, wenden Sie auch nicht ein einziges Mal das Haupt rückwärts! Leben Sie wohl! In vier Tagen, um elf Uhr! Gehen Siel Ah, ich werde ihm einen Harniſch anlegen müſſen, damit er unverwundbar iſt, flüſterte Amalie, als er gegangen war, und ſie ganz zitternd und keuchend, ganz erſchöpft vor innerer Aufregung wieder auf das Tabouret zurückſank. Die ſchöne Kleiſt ſoll mir mei⸗ nen Geliebten nicht entführen. Er liebt mich, mich allein, und jetzt ſoll er nicht mehr klagen, daß ich grau⸗ ſam bin. Ich darf nicht grauſam ſein, ihn nicht un⸗ glücklich machen, denn ſonſt würde ſie verſuchen, ihn zu tröſten, und ich will nicht, daß er etwas Anderes liebt, als mich allein. Wenn ſie es wagt, ihn noch länger zu verfolgen mit ihren Liebesblicken, ſo werde ich ſie ermorden! Das iſt Alles! Ein Rönig, welcher ſchüchtern iſt. Der König legte die Flöte fort, und ging unruhig und mißgelaunt in ſeinem Kabinet auf und ab. Eine Wolke ſtand auf ſeiner Stirn, er hatte vergeblich ver⸗ ſucht, ſie zu vertreiben, indem er zu ſeiner Freundin, der Flöte, ſeine Zuflucht nahm. Selbſt den ſanſten Melodien, welche er der Flöte zu entlocken verſtanden, wollte ſie nicht weichen, denn ſie war nicht blos auf ſeiner Stirn, ſondern auch in ſeinem Herzen, und machte ihn trübe und traurig. Vielleicht war es der Schmerz um die Trennung von ſeiner Schweſter, welcher das Antlitz des Königs ſo umdüſterte, und ihn ſogar unfähig machte, die Flöte zu blaſen. Am geſtrigen Abend war Prinzeſſin Ulrike abgereiſt, nachdem ſie noch zuvor im Opernhauſe, wo man die Oper Rodelinde gab, gewiſſermaßen von den Berlinern Abſchied genommen, indem ſie ſich ihnen zum letzten Male auf einige Stunden zeigte. Wäh⸗ rend da drinnen auf der Bühne die Sänger ihre ſchönſten Melodien ſangen, die ganze Kunſt ihres Ge⸗ ſanges entfalteten, ſtanden draußen vor dem Opern⸗ hauſe ſchon die Reiſewagen bereit, denn der König, welcher es gern vermied, ſein allzuweiches Herz auf⸗ zuregen und zu rühren, hatte befohlen, daß die Prin⸗ zeſſin gleich nach der Oper in den bereitſtehenden Reiſewagen ſtiege, und ohne Abſchied von dannen führe. Das Publikum wußte das, und nahm wenig⸗ ſtens mit ſeinen Blicken, mit der Theilnahmloſigkeit, die es der Bühne bewies, um ſeine Theilnahme ganz der königlichen Loge zuzuwenden, Abſchied von der Prinzeſſin, welche heute zum letzten Mal im Glanze ihrer Schönheit, ihrer Jugend und ihrer ſtolzen könig⸗ lichen Haltung vor ihnen erſchien. Es herrſchte daher eine ungewohnte Stille in dem großen Hauſe, eine Stille, die ſelbſt während des Zwiſchenactes anhielt; Jedermann blickte empor zu der Loge, wo die Prin⸗ zeſſin inmitten der beiden Königinnen ſaß. Jedermann ſah daher, wie plötzlich die Logenthür haſtig geöffnet 2 — 10=— wurde, und der junge Prinz Ferdinand mit ausgebrei⸗ teten Armen zu ſeiner Schweſter hineilte. Meine liebe, liebe Ulrike, rief der Prinz mit ſchmerz⸗ lichem Schluchzen, ſo muß es denn ſein! So ſoll ich Dich niemals wiederſehen! Und mit kindlichem Ungeſtüm ſeine Schweſter um⸗ armend, lehnte er das Haupt an ihre Schulter und weinte und ſchluchzte laut. Prinzeſſin Ulrike, nicht mehr im Stande, ihre lange bekämpfte Rührung zu verbergen, vermiſchte ihre Thrä⸗ nen mit denen ihres Bruders, und ihn ſanſt in den Hintergrund der Loge zurückziehend, flüſterte ſie ihm weinend und zitternd Worte der Zärtlichkeit, der Bitte, ſie nicht zu vergeſſen, des Verſprechens, ihn immer zu lieben, in's Ohr. Neben ihr ſtand die Königin Mut⸗ ter; auch ſie hatte auf einen Moment vergeſſen, daß ſie eine Königin ſei, und ſich nur erinnert, daß ſie eine Mutter war, im Begriff, ihr Kind auf immer zu verlieren. Sie hatte daher nicht einmal den Gedanken gehabt an das Unziemliche und Etiquettewidrige dieſer Scene ſie ſah nur ihre beiden Kinder, welche ſich weinend umſchlungen hielten, und ſie weinte mit ihnen.*) Das Pubkikum ſah das Alles, und niemals hatte das huldvollſte Lächeln, die freundlichſte Begrüßung der Königin ſo ſehr die Herzen gewonnen, wie es jetzt die Thränen der Mutter thaten. Jede Mutter fühlte mit dieſer Frau, welche, obwohl eine Königin, doch die Schmerzen einer zärtlichen Mutter empfand, jedes Mädchen fühlte mit dieſem Mädchen, welches, obwohl im Begriff, einer glänzenden Zukunft als Fürſtin ent⸗ *) L. Schneider. Geſchichte der Oper und des königlichen Opernhauſes zu Berlin pag. 20. . ginge, murmelte er leiſe in ſich hinein, heute würde — 41— gegenzugehen, doch die glückliche Vergangenheit, die geliebte Heimath mit heißen Thränen beweinte. Und da die Männer ihre Weiber und Schweſtern weinen ſahen, da ſie gewahrten, daß ſelbſt ein Prinz ſeiner Thränen ſich nicht ſchämte, weinten auch ſie, aus Sym⸗ pathie, aus Rührung, aus Liebe zu dem Königshauſe. Der Zwiſchenact, ſonſt ſo heiter und geräuſchvoll, ſo von Plaudern und Lachen belebt, ging dies Mal unter ſtillem Weinen und mühſam unterdrücktem Schluchzen zu Ende, und als dann wieder die Oper begann, hatte Niemand Aug' und Ohr für die Bühne, ſelbſt der gefeierte Sänger Salimbeni ließ unapplaudirt ſeine herrlichſten Töne erſchallen, ſelbſt die Barberina tanzte, ohne daß das Publikum, wie es doch an dieſem Abend gedurft hätte, ihr zujauchzte und ihr die ge⸗ wohnten Spenden des Beifalls darbrachte.— War es vielleicht die Erinnerung an dieſes rüh⸗ rende Intermezzo des geſtrigen Abends, welche den König ſo bewegte? Trauerte ſein Herz um die ge⸗ liebte Schweſter, welche ihn jetzt für immer verlaſſen hatte? Vielleicht wußte der König es ſelber nicht, oder vielleicht wollte er es nicht wiſſen, was ihn ſo bewegte, ihn ſo ruhelos und genußlos umhertrieb. Nachdem er ſeine Flöte bei Seite gelegt, nahm er den Livius zur Hand, welcher immer auf ſeinem Schreibtiſch lag, und verſuchte einige Kapitel zu leſen. Aber die Buchſtaben tanzten vor ſeinen Augen, und ſeine Gedanken ſchweiften weit ab von dem alten rö⸗ miſchen Geſchichtsſchreiber. Mißmuthig warf der König das Buch bei Seite, und ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet, wieder auf und ab. 3 Ach, ach, ich wollte, daß es heute zur Schlacht — 42— ich ſicherlich Sieger ſein, denn ich bin ganz in jener verzweifelten, todesmuthigen Stimmung, welcher das Schlachtengebrüll ein willkommener Geſang und das Blutvergießen ein erleichternder Aderlaß iſt. Und was iſt es denn, was ſo auf einmal einen Schleier über meinen Geiſt gezogen hat, welche geheimnißvolle, räthſelhafte Macht hat ihre Hand über mich ausge⸗ ſtreckt, und hält mich gefangen in dieſen Banden, die ich nicht zu zerreißen vermag, weil ich ſie nicht ſehen und nicht fühlen kann! Nein, nein, ich will Herr ſein meiner ſelbſt, ich will nicht träumen und ſeufzen! Ich will leben, arbeiten und wenigſtens ein treuer König ſein, wenn ich doch kein glücklicher und froher Mann ſein kann! Er zog haſtig die Klingel und befahl dem eintre⸗ tenden Kammerdiener, die Kabinetsräthe eintreten zu laſſen und die Miniſter zu einem Conſeil zuſammen⸗ zurufen. Ich werde arbeiten und alles Andere vergeſſen, ſagte der König mit einem ſanften Lächeln, und er begab ſich in ſein Arbeitszimmer, um die Vorträge ſeiner Räthe und ſeiner Miniſter entgegenzunehmen. Aber dies Mal hatte der König ſich getäuſcht; ſelbſt die Arbeit verſcheuchte die Wolke nicht von ſeiner Stirn. Sie ſtand noch darauf, als er in ſein Ka⸗ binet zurückkehrte, ſie war vielleicht ſogar noch dunkler geworden. Ich will ein Ende machen, ſagte der König plötz⸗ lich, nachdem er wieder lange gedankenvoll auf und abgegangen war. Ja, gewiß, ich will ein Ende ma⸗ chen! Da ich glücklicher Weiſe nicht Odyſſeus bin, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich mir die Augen verbinden und die Ohren mit Wachs verſtopfen ſoll, um die be⸗ zaubernde Syrene nicht zu ſehen und ihren verlocken⸗ — 43— den Geſang nicht zu hören. Iſt es in dieſer armſeli⸗ gen, nüchternen Welt nicht ein Glück, einmal einer Syrene zu begegnen, ihrem Zauber zu unterliegen, und ſich bei ihr eine Viertelſtunde der Seligkeit zu erträumen? Und wenn denn jetzt alle Menſchen wahn⸗ ſinnig oder närriſch ſind, warum denn ſollte ich allein vernünftig bleiben! Komme alſo über mich, göttlicher Wahnſinn, betäube meine Sinne und umneble meinen Geiſt! Möge das Alter weiſe ſein und gelaſſen, ich bin noch jung, warum ſollte ich nicht auf eine Vier⸗ telſtunde ein Thor ſein, und meiner elenden Herrlich⸗ keit vergeſſen können? 4 Er rief ſeinen Kammerlakaien und befahl, ſofort den Generallieutenant von Rothenburg herzubeſcheiden, dann nahm er wieder ſeine Flöte und begann auf⸗ undabwandelnd zu ſpielen. Allmälig, während er ſpielte, erhellten ſich ſeine Züge, und ſein Auge glänzte wieder im Feuer edler Begeiſterung. Jetzt war er wieder der ſiegreiche Held, der machtvolle König, der denkende, edle und gemüthvolle Menſch. Als der General von Rothenburg zu ihm eintrat, nickte der König ihm zu, und ſpielte ruhig das Adagio zu Ende, dann legte er die Flöte bei Seite und reichte dem Freunde ſeine beiden Hände dar. Du mußt heute mein Pylades ſein, mein Freund, ſagte der König, und mich befreien von dieſen Erinnyen der Langenweile, welche heute das Herz und den Kopf Deines armen Oreſtes heimſuchen und umlauern. Ich will Alles das ſein, was Euere Majeſtät mir erlaubt und befiehlt zu ſein, ſagte der General lächelnd. Nur wage ich zu bemerken, daß die Königin Mutter wenig zufrieden damit ſein möchte, zu hören, daß Euere Majeſtät ſich dem Oreſtes vergleicht. 4 Ah, Du meinſt wegen Klytemneſtra's treuloſer = mu= Liebesgeſchichte, mit der freilich meine erhabene und tugendhafte Mutter keine Aehnlichkeit hatb Sei es drum, mein Vergleich hinkt ein wenig, aber meine Langeweile iſt ſo ächt, wie meine Freundſchaft zu Dir. Euere Majeſtät langweilen ſich? fragte Rothen⸗ burg. Ich kenne dieſe Art Langeweile an meinem König, und ich habe bemerkt, daß ſie bei Ihnen immer nur dann eintritt, wenn Sie am Vorabend einer gro⸗ ßen That ſtehen, und die Nacht, welche dem Tage des Sieges vorausgeht, Ihnen zu lang ſcheint. Wenn Euere Majeſtät ſagen, daß Sie Sich langweilen, ſo ſchließe ich zus, daß wir bald wieder einen Krieg haben und neuen Siegen unſers Königs zu er⸗ zählen haben werden. Der König lächelte. Vielleicht magſt Du Recht haben. Ich liebe den Krieg nicht, aber er iſt ein nothwendiges Uebel, und wenn denn meine Muhme Thereſia durchaus nur durch einen abermaligen Aderlaß von ihrer Krankheit des Stolzes und des Uebermuthes befreit werden kann, nun ſo werde ich der Arzt ſein, der ihr noch einmal eine Ader ſchlägt. Das Bündniß mit Frankreich iſt geſchloſſen, Karl der Siebente zieht zur Kaiſerkrönung gen Frankfurt, der franzöſiſche Ge⸗ ſandte Belle⸗Isle begleitet ihn dorthin, und meine Armee ſteht kampfgerüſſtet, bereit, den Kaiſer zu ſchützen gegen Oeſterreichs Uebermuth. Wir werden Krieg haben, Freund, und da ſich Sieg auf Krieg reimt, ſo hoffe ich, werden wir auch bald von Sieg zu erzählen wiſſen, ſei's auch nur, um es unſern Poeten leicht zu machen, unſere Thaten zu beſingen und den glücklich⸗ ſten Reim auf Krieg gleich bei der Hand zu haben. In einigen Wochen ſpäteſtens brechen wir auf. Oh, Freund, wenn es zur Schlacht geht, fühle ich, daß ich noch jung bin und daß mein Herz noch nicht in mei⸗ — 45— ner Bruſt verſteinert iſt. Es klopft und hämmert dann ſo ſtark, als wollte es die Mauern meiner Bruſt zerſprengen. Das Herz meines Königs wird immer jung blei⸗ beu, rief der General, denn es wird immer vertrauens⸗ voll und gut ſein. 3 Friedrich ſchüttelte leiſe das Haupt. Glaube das nicht, mein Freund, ſagte er ſinnend. Die Hände, welche viel arbeiten müſſen, bekommen Schwielen und werden hart und unempfindlich; ſo iſt es auch mit den Herzen! Das meine hat viel gearbeitet, ſich viel geplagt, es wird auch zuletzt hart und unempfindlich werden. Dann, wenn es ſo iſt, werden die Menſchen mich verdammen, und vergeſſen, daß ſie es ſind, welche mich ſo gemacht haben, dann werden ſie nur von meiner Hartherzigkeit ſprechen, und nichts ſagen von den Schmerzen und Enttäuſchungen, welche all⸗ gemach mein Herz verſteint haben! Aber was liegt daran. Mögen dieſe thörichten zweibeinigen Thier⸗ chen, welche ſich ſo ſtolz die Ebenbilder Gottes nen⸗ nen, über mich ſagen und ſprechen, wie es ihnen be⸗ liebt. Sie werden mir doch mein Theilchen Ruhm und mein Theilchen Unſterblichkeit nicht nehmen kön⸗ nen, und wer das beſitzt, der hat ſeinen Lohn dahin, und darf ſich niemals beklagen. Freilich ſind auch Heroſtratus und Schinderhannes berühmte Leute ge⸗ worden, und Enlenſpiegel iſt beim Volke mehr gekannt und geliebt, als Sokrates. Daraus folgt alſo, daß ſelbſt die Weisheit ſich die Mühe geben muß, ſich populair zu machen, ſagte General Rothenburg. Der wahre Ruhm wird nur erworben durch Popularität. Alexander der Große und Cäſar waren ſehr populaire Leute, und darum war auch ihr Name im Munde des Volks und erbte — 46— ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht fort, als ein theures Vermächtniß an Liebe, das jeder Vater ſeinem Sohn hinterließ. So wird es auch mit König Friedrich dem Zweiten ſein. Er verſteht es, nicht bloß der König und der Held, ſondern auch der Mann des Volkes zu ſein, und darum wird nicht bloß ſein Ruhm von der Muſe in die ehernen Tafeln der Geſchichte einge⸗ graben werden, ſondern jeder Mann aus dem Volke * wird ihn auf die leeren weißen Blätter in ſeiner Bi⸗ bel aufſchreiben, da werden ſeine Enkel und Urenkel es leſen, und aus dieſen Aufzeichnungen werden die Geſchichtsforſcher ſpäterer Jahrhunderte das Zeitalter des großen Friedrich ergänzen und die ehernen Ge⸗ ſchichtstafeln üͤberſtrahlen und ausfüllen. Möge es ſo ſein, ſagte der König ernſt und feier⸗ lich. Du weißt es, Freund, ich bin ehrgeizig, und ich glaube, der Ehrgeiz iſt von allen Leidenſchaften die⸗ jenige, welche am längſten andauert und deren bren⸗ nender Durſt niemals gelöſcht wird. Als Kronprinz war es für mich ein demüthigendes, entſetzliches Ge⸗ fühl, zu wiſſen, daß alle anſcheinende Liebe, alle Hoch⸗ achtung und Rückſicht, welche man mir zollte, nicht mir, dem Menſchen, ſondern nur dem Prinzen, dem Sohn eines Königs, galten. Mit welcher Bewunde⸗ rung, welcher Vergötterung ſchaute ich empor zu Vol⸗ taire. Er bedurfte keiner Titel und keiner hohen Ge⸗ burt, um beachtet, verehrt, beneidet und von der gan⸗ zen Welt vergöttert zu werden. Ich aber mußte Ti⸗ tel, Rang, Vornehmheit, glänzende Revenüten, einen fürſtlichen Stammbaum haben, um die Blicke der Menſchen auf mich lenken zu können. Ach, wie oft, wie oft erinnerte ich mich damals an die Geſchichte von jenem großen Fürſten, der, als er von ſeinen Feinden umzingelt und im Begriff ſtand ſich ihnen zu — 47— ergeben, nur ſah, daß ſeine Diener und Freunde ihn weinend und mit verzweiflungsvollem Schmerz um⸗ ringten. Er lächelte ihnen zu und ſagte nur dieſe wenigen bedeutungsreichen Worte:„Ich fühle es an Euren Thränen, daß ich noch immer Kö⸗ nig bin.“*)— Jenem König einſt zu gleichen und meinen Ruhm mir ſelbſt und nicht dem Königsmantel zu ſchulden, das ſchwur ich damals mit heiligen Eiden! Ich habe bis heute erſt einen kleinen Theil von meinem Schwur erfüllt! Aber ich hoffe, meine Muhme The⸗ reſia und die ruſſiſche Kaiſerin werden mir ſchon die Mittel gewähren, mein Gelübde beſſer zu erfüllen. Der Menſch hat an ſeinen Feinden immer doch ſeine beſten Freunde, ſie nützen und fördern ihn. 3 Wenn das wahr iſt, Sire, ſo verdammen. Sie damit uns Alle, die wir die treueſten, ergebenſten, begeiſtertſten Freunde unſers erhabenen Königs ſind. Ihr nützt mir auch, ſagte der König mit einem ſanften Lächeln. Du, zum Beiſpiel, nützt mir mit Deinem friſchen lieben Geſicht, ſo oft ich's ſehe. Du erhältſt mein Herz jung und lehrſt mich immer wieder das Lachen, welches ich bei den andern langweiligen, verſtändigen, heuchleriſchen Menſchen ſonſt gewiß ver⸗ lernen würde. Ich lache nirgends ſo heiter und ſo gern, als bei Dir, als an Deinem Tiſche, wo es mir vergönnt iſt, mein Königthum abzuſtreifen und Eures⸗ gleichen zu ſein. Ich freue mich alſo auf heute Abend, wie ein junges Mädchen auf ihren erſten Ball, denn heute Abend bin ich, wie mich dünkt, bei dem Herrn Henernl von Rothenburg zum petit souper einge⸗ laden. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes. Vol. VIII. pag. 342. — 48— Euere Majeſtät hatten die Gnade mir zu verſpre⸗ chen, daß Sie kommen wollten. Und weißt Du, Freund, ich glaube wahrhaftig, daß mir heute die Stunden ſo träge und öde hin⸗ ſchleichen, weil ich die Zeit des Feſtes bei Dir nicht erwarten kann. Nun ſage mir, wen werden wir wei⸗ ter haben, wer wird Theil nehmen an unſerm heuti⸗ gen Götterfeſte? Die Perſonen’, welche Euere Majeſtät ſelbſt be⸗ ſtimmte. Chazot wird kommen und Algarotti, Jordan und Bielfeld. Ich war's, der die Perſonen beſtimmte? fragte der König gedankenvoll. Dann wundert's mich, daß— Er brach ab und ging ſchweigend und zur Erde blickend auf und ab. Was wundert Euere Majeſtät? fragte der Ge⸗ neral. 3 Daß ich Dich noch nicht gebeten habe, mir heute Abend Rheinwein vorzuſetzen, ſagte der König mit einem leiſen Lächeln. Rheinwein? Enere Majeſtät pflegten ſonſt zu ſa⸗ gen, der Rheinwein ſei ein verderbliches Gift, das den Menſchen langſam morde. Das iſt er auch, aber was willſt Du, Freund, es giebt viele Dinge, welche giftig ſind, und die uns deshalb nur um ſo mehr reizen. Auch mit den Wei⸗ bern iſt es ſo! Man thut wohl, ſich ihnen fern zu halten, weil ſie unſere Vernunft vergiften und unſer Herz krank machen, aber doch thut man's nicht, doch ſehnt man ſich immer nach ihnen, denn das Gift, das ſie uns ſpenden, ſchmeckt ſo ſüß. Nun, auch darin iſt Eunere Majeſtät weiſer, als alle übrigen Menſchenkinder, denn Sie allein haben — 49— die Kraft, den Frauen zu widerſtehen und ihren Um⸗ gang zu vermeiden. Wer weiß, ob das nicht bloße Feigheit iſt, ſagte der König, indem er an's Fenſter trat und mit ſeinen weißen ſchlanken Fingern an die Scheiben trommelte. Ich nannte auch den Rheinwein Gift, weil er mir zu ſtark war, und doch finde ich jetzt, daß er allein Wein zu nennen iſt, weil er allein Blume hat. Er ſchwieg und trommelte ſeinen Parademarſch auf dem Fenſter weiter. Der General ſah gedankenvoll und erſtaunt zu ihm hinüber. Plötzlich erhellten ſich ſeine Züge und ein halb unterdrücktes ſchlaues Lächeln umſpielte ſeine fei⸗ nen Lippen. 7 Nun möchte ich mir erlauben, an die Worte mei⸗ nes Königs einige Schlußworte anzuhängen, ſagte er, die ungefähr ſo ausſehen, wie die Moral am Schluſſe einer Fabel. Euere Majeſtät ſagen, der Rheinwein allein ſei Wein zu nennen, weil er allein Blume hat, ſo möchte ich die Geſellſchaft allein eine Geſellſchaft nennen, bei der Frauen gegenwärtig ſind. Die Frauen ſind die Blume der Geſellſchaft. Wollen Sie die Gnade haben, mir beizuſtimmen, Sire? Wenn ich das thäte, ſo hieße das ja ſo viel, als Dich auffordern, uns heute Abend einige Frauen einzuladen, ſagte der König, immer noch am Fenſter ſtehend. Unnd mit welchem Entzücken würde ich dieſer Auf⸗ forderung nachkommen, ſagte der General. Nur daß es ſehr ſchwer halten wird, einige Damen zu über⸗ reden, zu einem Junggeſellen, wie ich es bin, zu kommen. Ah bah, ich habe mich entſchloſſen, im nächſten Winter öfter kleine Soupers zu geben und mir eine Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. II. 4 Confidenztafel einzurichten, bei welcher auch Frauen gegenwärtig ſein ſollen. Euere Majeſtät ſind indeſſen auch verheirathet. Sie kämen, auch wenn ich nicht, wie Du ſagſt, verheirathet wäre. Die Gräfin Camas, die Frau von Brandt, die Kleiſt und die Morien, das Alles ſind viel zu geiſtreiche Weiber, um ſich nicht über das Vor⸗ urtheil hinweg zu ſetzen. Euere Majeſtät befehlen alſo, daß ich dieſe ein⸗ lade? fragte der General mit einem lauernden Blick und einem halben Lächeln. Ohne Zweifel werden ſie kommen, wenn ich ihnen ſage, daß Euere Majeſtät es befehlen. Soll ich ſie alſo einladen? Der König zögerte ein wenig mit ſeiner Antwort. Vielleicht möchten ſie doch nicht gern kommen, ſagte er dann. Du biſt unverheirathet, und da ſie verheirathet ſind, fürchten ſie vielleicht ihre Männer. Wir müßten alſo Damen wählen, welche unver⸗ heirathet ſind, ſagte Rothenburg, deſſen Geſicht jetzt ſtrahlte vor Vergnügen. Nun wüßte ich aber keine unverheirathete Dame der höheren Geſellſchaft, welche die Aufklärung und Geiſtesfreiheit ſo weit treiben möchte, um ſich in eine Männergeſellſchaft zu wagen. Muß man denn immer nur in der höhern Ge⸗ Jhſein präſidirt nur das Plaiſir. Mache alſo immerhin Deinen Vorſchlag. Nun denn, ſo erlaube ich mir vorzuſchlagen, daß wir einige Damen vom Theater einladen. Sind Euere Majeſtät einverſtanden? Vollkommen. Aber welche Damen? fragte der König, indem er ſein Geſicht ganz abwandte. Das iſt die Sache Euerer Majeſtät, ſagte der Ge⸗ neral, den dieſe Scene unendlich ergötzte. Sje haben die Namen der Herren beſtimmt, möge es Ihnen ge⸗ fallen, jetzt auch die Damen zu beſtimmen. Gut denn! ſagte der König zögernd. Was meinſt Du zu der Cochois, der Aſtrua, der kleinen Petra? Sire, ſie ſind mir Alle willkommen, wenn Euere Majeſtät befehlen, daß ich ſie einlade. Nur bitte ich alsdann mir zu geſtatten, daß ich auch einen Namen nenne, den Namen einer Frau, welche ſchöner, geiſt⸗ voller, liebenswürdiger und reizender iſt als alle an⸗ deren Primadonnen der Welt, und welche wohl im Stande iſt alle Männer, ich nehme die Kaiſer und die Könige nicht aus, zu bezaubern und zu ihren Sclaven zu machen. Darf ich ſie nennen, Sire? Nenne ſie immerhin! Es iſt die Signora Barberina, Sire! Der König wandte haſtig ſein Haupt zu ihm hin, und ſeine großen brennenden Augen ruhten mit einem forſchenden Ausdruck auf dem Antlitz des Generals, der dieſen Blick mit einem feinen Lächeln ertrug. Als der König immer noch ſchwieg, machte der General eine tiefe Verbeugung und ſagte feierlich: Ich erſuche Euere Majeſtät um die Gnade, mir zu erlauben, daß ich die Damen Cochois, Aſtrua und Petra und auch die Signora Barberina zu unſerm kleinen Souper einladen darf. 3 4* — 52— Vier Primadonnen auf einmal, rief der König la⸗ chend. Das iſt gefährlich und wir würden vielleicht das intereſſante Schauſpiel haben, zu ſehen, wie ſie ſich alle Viere gegenſeitig die Augen auskratzten. Nein, nein, um die Kraft einer Sonne ermeſſen zu können, muß man ſie ohne Nebenſonnen leuchten laſſen. Wir wollen alſo nur eine Dame leuchten laſſen, und da Du der Wirth biſt, ſo haſt Du allein das Recht, ihren Namen zu beſtimmen. Möge es alſo die Signora Barberina ſein!*) 3 Euere Majeſtät geſtatten mir alſo die Barberina einzuladen? fragte Rothenburg, dem König gerade und feſt in's Angeſicht ſehend. Ihre Blicke begegneten ſich, der Schimmer eines Erröthens flog über die Wangen des Königs hin, dann brach er plötzlich in ein lautes Lachen aus und legte ſeine beiden Arme auf des Freundes Schultern, indem er mit einem Aus⸗ druck unendlicher Liebe in ſein vor Vergnügen ſtrah⸗ lendes Antlitz ſchaute. 5. Recht grauſam, aber wohlverdient, Sire. Denn warum wollten Sie mir nicht ſelber Ihre Befehle mit⸗ theilen, warum ſollte ich Sie errathen? Warum? Mein Gott, es iſt zuweilen ſo bequem, errathen zu werden. Nun alſo iſt es heraus! Du ladeſt uns heute Abend die ſchöne Barberina ein. Und höre, Du könnteſt wohl noch einen Herrn einla⸗ *) Rödenbeck. Tagebuch aus Friedrich des Großen Regen⸗ tenleben pag. 111. 4 5 den, einen Künſtler, damit ſich die Barberina nicht gar ſo einſam unter uns rohen Barbaren vorkomme. Welchen Künſtler, Sire? Den Maler Pesne, Freund! Geh' ſelber zu ihm und lade ihn ein, und ſage ihm, er möge auch Blei⸗ ſtift und Papier mitbringen, denn gewiß wird er dem Verlangen nicht widerſtehen können, ſich eine Skizze von der ſchönen Nymphe zu entwerfen. 3 Sire, befehlen Sie ihm das zu thun, und dann aus der Skizze ein lebensgroßes Gemälde zu machen. Ah, Du wünſcheſt Dir ein Portrait der Barberina? Ja, Sire, aber nicht um es zu behalten! Wozu denn? Um die Freude zu haben, es Euerer Majeſtät zu ſchenken.. Und warum das? „Weeil ich ſo eitel bin zu glauben, daß dieſes Ge⸗ mälde dann ein wenig Werth für Sie hätte, ſagte Rothenburg mit ſeinem ſchlaueſten Lächeln. Was liegt Euerer Majeſtät an einem Portrait der Barberina? Gar nichts, natürlich. Aber wenn dieſes Portrait nicht allein ein von Pesne gemaltes Kunſtwerk, ſondern auch die Liebesgabe eines Freundes iſt, dann wette ich, daß es für Euer Majeſtät Werth erhält und daß Sie vielleicht die Gnade haben, es in einem Ihrer Zimmer aufzuhängen. Du, Du, ſagte der König, indem er ſeinem Lieb⸗ ling lächelnd mit dem erhobenen Zeigefinger drohte, mir graut vor Dir! Ich glaube, Du belauerſt meine innerſten Gedanken und machſt meine Wünſche zu Deinen Bitten. Aber ich will als ein gutmüthiger Narr Dir auch dieſe Bitte noch erfüllen. Geh; alſo hin und lade die Barberina ein, auch den Maler Pesne, und beauftrage ihn zugleich, ein lebensgroßes Bild der Barberina zu malen. Er ſoll mir einige Skizzen vorlegen und ich will eine derſelben aus⸗ wählen.*) Ich danke Euerer Majeſtät, ich danke! rief der General, und jetzt mögen Euere Majeſtät die Gnade haben, mich zu entlaſſen, damit ich eilen kann, meine Einladungen zu machen. 4 Der König entließ ihn, aber als der General ſchon auf der Thürſchwelle ſtand, rief er ihn noch einmal zurück. Du haſt ſo gut meine Gedanken errathen, ſagte er, ich will Dir nun zeigen, daß ich auch die Deinen errathen kann. Du denkft, ich ſei verliebt! Verliebt! Ich ſollte wagen, das zu denken! rief der General, indem er die Hände faltete und die Augen gen Himmel wandte, wie die Frommen es zu thun pflegen. Verliebt! Und ich ſollte ein ſo unheiliges Wort in Verbindung mit meinem heiligen König bringen! 4 Der König lachte. Nun, was die Heiligkeit an⸗ belangt, ſagte er, ſo wird mich der heilige Antonius gerade nicht für ſeinen Bruder erklären. Aber ver⸗ liebt bin ich doch nicht. Er trat haſtig zu dem Fenſter, auf deſſen Sims Hein japaniſcher Roſenſtock in voller Blüthe ſtand. Der König pflückte eine dieſer vollen glühenden Blüthen, und indem er ſie dem General darreichte, ſagte er: ſieh ſie nur an, iſt ſie nicht bezaubernd ſchön? Und glaubſt Du denn, daß ich dafür kein Herz und kein *) Das auf Befchl des Königs gemalte lebensgroße Portrait der Barberina befand ſich früher in dem Cabinet des Königs, und hängt noch jetzt im königlichen Schloſſe zu Berlin, in einem der Säle in der zweiten Etage nach dem Schloßplatz hinaus. 4 Empfinden habe, weil ich ein König bin? Geh'! Ich 1 habe, obwohl ein König, doch die Augen und die Naſe eines Menſchen, und bin empfänglich für die Schönheit und den Blumenduft! VII. Das erſte Rendezvous. Es war eine ſtille, dunkle Nacht. So dunkel war es in dem Garten von Monbijou, daß auch das ſchärfſte Auge kaum im Stande geweſen wäre, die Geſtalten der beiden Männer zu erkennen, die da an den Bäumen hinſchlichen; ſo ſtill war es, daß man, ſo vorſichtig und leiſe ſie immer gingen, doch das Kniſtern des Sandes unter ihren Füßen, das Rauſchen des Geſträuches, das ſie im Vorüber⸗ gehen mit ihren Kleidern ſtreiften, hören konnte. Aber glücklicher Weiſe war kein Lauſcher da, ſie zu beob⸗ achten, und unangefochten und ungeſehen gelangten die beiden dunklen Geſtalten bis zu dem Ausgang der Allee, welche gerade vor dem Rundplatz endete, an deſſen gegenüberliegender Seite das kleine Schloß, die Sommerreſidenz der Königin Mutter, ſich befand. Hier ſtanden ſie einen Augenblick ſtill und ließen ihre forſchenden Blicke über dieſes ſtille Gebände hin⸗ ſchweifen, das ſich ſchweigend und dunkel wie ein gro⸗ ßer Sarg vor ihnen erhob. — 56— Kein Licht mehr in den Fenſtern der Königin Mutter, flüſterte der Eine. Alles ſchläft! Alles ſchläft! Wir haben alſo nichts zu fürchten! Laſſen Sie uns weiter gehen!. Der, welcher zuletzt geſprochen, machte raſch einige Schritte vorwärts, aber ſein Begleiter faßte heftig ſeinen Arm und hielt ihn zurück.. Sie vergeſſen, mein junger Heißſporn, daß wir auf das Signal warten müſſen, ſagte er. Ruhig, ruhig, ſtampfen Sie nicht ſo ungeduldig mit dem Fuß, ſchütteln Sie Sich nicht wie ein junger Löwe. Wer auf Abenteuer ausgeht, muß vor allen Dingen beſonnen, vorſichtig, überlegt und kalt ſein. Glauben Sie das mir, welcher eine lange Reihe von Erfah⸗ rungen hinter ſich hat, und was das Genre der Lie besabenteuer betrifft, vielleicht mit dem erhabenen König Karl dem Zweiten von England rivaliſiren könnte. Hier aber iſt nicht von einem Liebesabenteuer die Rede, Herr Baron von Pöllnitz, ſagte der Angeredete ungeduldig und haſtig. Nicht von einem Liebesabenteuer, Herr Baron von Trenck? Und wovon denn, wenn ich fragen darf? Von einer wirklichen Liebe! Ah, von einer wirklichen Liebe! wiederholte Pöll⸗ nitz mit einem kurzen ſpöttiſchen Lächeln. Reſpect vor dieſer wirklichen Liebe, welche mit allem Pathos ihrer Berechtigung und aller Würde ihres göttlichen Ur⸗ ſprungs hier zu dem königlichen Palaſt ſchleicht, und ganz demüthig unter den Schatten der Nacht ihr ſtrah⸗ lenfunkelndes Haupt verbirgt. Mein guter, junger Schwärmer, bedenken Sie doch, daß ich nicht, wie Sie, ein Neuling, ſondern ein alter Practikus bin, der jedes Ding bei ſeinem rechten Namen nennt. Jede Lieb⸗ ſchaft iſt ſo lange eine wirkliche Liebe, und jede Liebſte ein Engel an Tugend, Schönheit und Sittenreinheit, bis wir der Aventure überdrüſſig ſind und uns nach einer neuen umſehen. Sie ſind ein unverbeſſerlicher Gottesleugner, ſ Trenck unwillig. Freilich, wer ſo oft als Sie ſeinen Glauben gewechſelt hat, der hat gar keine Religion mehr, nicht einmal die Religion der Liebe! Aber ſehen Sie, dort drüben zeigt ſich ein Licht und das Fenſter wird geöffnet. Das iſt das Signal! Ja, Sie haben Recht. Es iſt das Signal! Ge⸗ hen wir! flüſterte Pöllnitz, indem er mit haſtigen Schritten dem jungen Officier nacheilte. Jetzt ſtanden ſie Beide vor dieſem Fenſter des Erdgeſchoſſes, das vorher beleuchtet geweſen und jetzt halb geöffnet war. Wir ſind zur Stelle, ſagte Trenck hochathmend. Jetzt, mein lieber Pöllnitz, ſage ich Ihnen Lebewohl, denn ſicher wird es nicht Ihre Abſicht ſein, noch weiter mitzugehen. Wenn die Prinzeſſin Ihnen auftrug, mich heute Abend zum Schloſſe zu begleiten, ſo wollte ſie damit eben nur ſagen, daß Sie bis zum Schloſſe, aber nicht in das Schloß hinein mit mir gehen ſollten. Sie werden das begreifen, und da, wie Sie ſelbſt ſagen, Sie ſo reich an Erfahrungen ſind, ſo werden Sie wiſ⸗ ſen, daß Liebenden nichts Störender iſt, als die Ge⸗ genwart eines Dritten. Sie ſind aber zu liebenswür⸗ dig, um Jemals ſtörend ſein zu wollen. Ich ſage Ihnen alſo Lebewohl!. Und indem er ſo ſprach, war Friedrich von Trenck im Begriff, ſich in das Fenſter zu ſchwingen; aber der ſarts Arm des Ober⸗Ceremonienmeiſters hielt ihn zurück. 4 Laſſen Sie mich zuerſt einſteigen, ſagte er, und hel⸗ agte fen Sie mir ein wenig. Ihre ſophiſtiſchen Auslegun⸗ gen der Worte unſerer Prinzeſſin ſind ganz nutzlos. Sie ſagte zu mir:„Um elf ÜUhr erwarte ich Sie mit dem Herrn von Trenck in meinem Zimmer.“ Das iſt ganz deutlich, wie mir ſcheint, und nun kein Wort weiter! Leihen Sie mir Ihren Arm und helfen Sie mir ein wenig! 3 Trenck leiſtete ihm ſeufzend den verlangten Dienſt und ſchwang ſich dann ſelber leicht und gewandt über das Fenſterſims in das Zimmer. Geben Sie mir jetzt Ihre Hand und folgen Sie mir, flüſterte der Ober⸗Ceremonienmeiſter. Ich kenne hier jeden Schritt und jeden Tritt, und kann Ihnen von dieſer Treppe, vor welcher wir jetzt ſtehen, jede knarrende Stufe angeben. Ich habe das in früheren Jahren ſehr genau und oft ausprobirt, beſonders da⸗ mals, als Peter der Große mit ſeiner Gemahlin und ſeinen zwanzig andern Weibern hier wohnte und— Still, unterbrach ihn Trenck. Da ſind wir oben! Leiſe vorwärts nun! Geben Sie mir die Hand, ich führe Sie!, Vorſichtig ſchlichen ſie auf den Fußſpitzen dieſen dunklen Corridor entlang zu jener Thüre hin, durch denen Fugen man den hellen Glanz eines Lichtes ſchim⸗ mern ſah. Leiſe, kaum hörbar, klopften ſie an dieſe Thür. Sie ward ſogleich geöffnet; die vertraute Kam⸗ merfrau der Prinzeſſin, welche den beiden Eintretenden mit dem Licht in der Hand entgegentrat, winkte ihnen ſchweigend zu, ihr zu folgen, und ſchritt ihnen voran durch mehrere Zimmer. Vor der letzten Thür ſtehen bleibend, ſagte ſie mit ernſtem, faſt feierlichem Aus⸗ druck: Sie ſtehen jetzt vor dem Boudoir der Prinzeſſin. Treten Sie ein. Sie werden erwartet! Dann machte ſie den beiden Herren eine tiefe Ver⸗ beugung und wandte ſich ab. A Mit einer haſtigen Bewegung drückte Friedrich von Trenck die Thür auf, dieſe Thür, welche ihn von ſeinem erſten Jugendglück, von ſeiner erſten Liebe trennte. Jetzt ſtand er in dieſem matt erleuchteten Zimmer, das zu betreten er ſich ſo oft mit ſchmerz⸗ lichen Thränen, mit verzweifelnder Hoffnungsloſigkeit geſehnt hatte. Sein Herz klopfte ſo ſtürmiſch, daß es ihm den Athem verſetzte, daß er ein Gefühl hatte, als müſſe er ſterben vor Entzücken, als müſſe ſeine be⸗ ängſtete Bruſt ſich Luft machen in einem Schrei, der vielleicht ebenſo ſehr der Beklemmung als der Freude angehört hätte. Da drüben auf jenem Divan, da ſaß ſie! Die von der Decke herabhängende Ampel beleuchtete ihr Ange⸗ ſicht, welches bleich und farblos war. Sie wollte auf⸗ ſtehen, ihm entgegen gehen, aber ſie hatte nicht die Kraft dazu; ſie konnte ihm nur die Hände entgegen ſtrecken und einige unverſtändliche Worte murmeln. Aber Friedrich von Trenck verſtand mit ſeinem Herzen, was ſie ſagen wollte. Er ſtürzte zu ihr hin, er bedeckte die ihm dargereichte Hand mit ſeinen Küſ⸗ ſen und mit ſeinen Thränen, er ſank auf ſeine Kniee nieder und ſtammelte Worte des Entzückens, des glü⸗ henden Dankes, der ſeligſten Freude, Worte, welche das zitternde Herz der Prinzeſſin mit Freude erfüllten, dem kalten aufmerkenden Ohr des Ober⸗Ceremonien⸗ meiſters aber vollkommen verwirrt und ſinnlos er⸗ ſchienen.„ Er hatte ſich beſcheiden und discret im Hintergrund des Zimmers gehalten, und dieſem erſten Sturm des Entzückens mit der lächelnden Ruhe eines Weltweiſen zugeſchaut. Jetzt aber fand er, daß dieſe ſtumme Rolle 8 eines Eunuchen, zu welcher er verdammt ſchien, allzu⸗ ſehr eine demüthigende und lächerliche Seite habe, um noch länger von ihm ertragen zu werden. Er trat daher aus dem Dunkel hervor und näherte ſich mit vollkommener Ruhe und Sicherheit der Prinzeſſin, welche ihn erröthend mit ſtummem Kopfneigen be⸗ grüßte. Verzeihen Euere Königliche Hoheit, ſagte er, wenn ich es wage, Sie zur Richterin über eine Streitfrage zwiſchen mir und meinem Freund Trenck zu machen. Er wollte mir nämlich durchaus nicht geſtatten, ihn weiter als bis zu dem Schloſſe zu begleiten, während ich behauptete, von Euerer Hoheit autoriſirt zu ſein, mit ihm in dieſes Heiligthum hier einzudringen. Viel⸗ leicht aber bin ich doch im Irrthum geweſen und in meinem Dienſteifer zu weit gegangen. Ich bitte daher um die Gnade zu entſcheiden, ob ich gehen oder blei⸗ ben ſoll? Prinzeſſin Amalie hatte ſich jetzt von ihrer Ver⸗ wirrung, ihrer Unſicherheit vollkommen erholt. Blei⸗ ben Sie, ſagte ſie mit einem reizenden Lächeln, indem ſie dem Baron die Hand darreichte. Da Sie einmal unſer Vertrauter ſind, wollte ich auch, daß Sie es ganz und ohne Rückhalt wären, und daß Sie Sich überzeugen möchten, daß unſere Liebe, obwohl ſie das Dunkel und die Verborgenheit ſuchen muß, doch nicht das Auge der Menſchen, das Auge eines Freundes zu ſcheuen hat. Und wer weiß, ob wir nicht auch eines Tages Ihres Zeugniſſes bedürftig ſind, denn ich täuſche mich nicht, ich weiß ſehr wohl, daß in dieſer Nacht mein Genius und mein Dämon um meine Zukunft würfeln, und daß das Unheil und die Schmach viel⸗ leicht ſchon lauernd ihre Hände nach mir ausſtrecken. Aber ich bin entſchloſſen, mich ihnen nicht ohne Kampf zu ergeben, und da kann es denn ſein Tages Ihres Beiſtandes bedürftig w bleiben Sie! Herr von Pöllnitz verneigte ſich ſtun zeſſin leuchtender Blick aber richtete ſich Antlitz ihres Geliebten, der mit verdüſte unnd traurigen Mienen neben ihr ſtand. das wohl, und ein leiſes Lächeln zeigte ſich voollen, purpurnen Lippen. Bleiben Sie, Herr von Pöllnitz, ſagte ſie, uns abes erlauben Sie, zu gehen, und ein wenig hinauszutreten auf den Balcon dort. Es iſt eine wundervolle Nacht, und was wir Beide uns zu ſagen haben, darf nur der Himmel mit ſeinen Sternen hören, weil ich glaube, daß nur ſie es verſtehen können. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! flüſterte Trenck, die Hand der Prinzeſſin an ſeine Lippen drückend. Euere Königliche Hoheit haben mir alſo gnädigſt erlaubt hierher zu kommen, ſagte Herr von Pöllnitz mit einem kläglichen Geſicht, damit ich hier ganz allein mich meinen Gefühlen überlaſſe und mich ein wenig in die Rolle eines Trappiſten einſtudire. Ich ſoll, wenn ich meine Aufgabe recht verſtehe, wie der Löwe in dem Mährchen, die Pforten des Paradieſes bewa⸗ chen, in welchem mein junger Freund hier ſeinen er⸗ ſten Sonnentraum von Menſchenglück träumen darf. Geſtehen Euere Königliche Hoheit, daß das eine ſehr grauſame Arbeit iſt! Aber ich bin bereit, ſie zu über⸗ nehmen, und mich als den Engel mit dem flammen⸗ den Schwert vor jene Thür dort zu ſtellen, bereit, Jeden zu tödten, welcher in dieſem Paradieſe die Rolle einer Schlange übernehmen möchte. „Prinzeſſin Amalie deutete lächelnd auf den Tiſch hin, auf welchem ein aus Früchten, feinem Backwerk — 62— Wein beſtehendes Nachtmahl ſervirt da ein wenig Zerſtreuung, ſagte ſie, ie, davon Gebrauch zu machen. Leben Herr von Pöllnitz. Wir ſtellen uns un⸗ utz Ihrer Augen! Behüten Sie uns nete die Thür und trat mit ihrem Gelieb⸗ Kus auf den Balcon. Herr von Pöllnitz blickte ihnen mit ſpöttiſchem Lä⸗ cheln nach. Das arme Kind fürchtet ſich vor ſich ſel⸗ ber, ſagte er in ſich hinein, ſie bedarf eines Wächters ihrer Tugend, und daß ſie gerade mich dazu erwählt hat, iſt eine wundervolle Idee! Ach, ach, es ſteht wahrlich ſchon ſehr ſchlimm mit mir! Man macht mich zum Tugendwächter und fürchtet nicht, daß ich Zähne habe, um zu beißen, und Ohren, um zu hören. Ich ſoll nur ſehen, weiter nichts! Aber was ſoll ich ſehen, und was kann ich ſehen in dieſer dunklen Nacht, welche Gott Amor eigens ſo verfinſtert zu haben ſcheint, damit unſer zärtliches und unſchuldiges Taubenpaar dort auf ſeinem Balcon von Niemand geſehen werde. Eine köſtliche, ächt vomantiſche Mädchenidee, dem Ge⸗ liebten ein Rendezvous zu bewilligen, und zwar unter Gottes freiem Himmel auf einem Balcon von drei Schritt Länge, auf dem ſich nicht einmal ein Sitz be⸗ findet, um ſich ausruhen zu können von den gewalti⸗ gen Emotionen einer glühenden Liebeserklärung! Nun, meinetwegen! Ich werde es mir deſto bequemer ma⸗ chen, und mich hier auf den Divan ſetzen, um meine Abendmahlzeit zu halten, während die Beiden da drau⸗ ßen mit den Sternen und den Nachtvögeln um die Wette ſchwärmen. Er ließ ſich mit einem behaglichen Lächeln auf den — 63— Divan nieder und griff nach dem ſilbernen Meſſer und der Gabel, um an dem kalten mit Trüffeln gefüllten Rebhuhn ſeine Vernichterarbeit zu beginnen. VIII. Auf dem Balcon. Ddraußen auf dem Balcon ſtanden die Beiden, Arm in Arm verſchlungen, blickten ſie zu dieſem dunklen, von leuchtenden Sternen beſäeten Himmel empor, zu tief bewegt, um ſprechen zu können, und doch zu ein⸗ ander redend in dieſer ſtummen erhabenen Sprache der Liebenden, die nur von den Herzen und den En⸗ geln verſtanden werden kann, deren Worte nur in Seufzern, in Blicken, in Händedrücken, in zärtlichem Anſchmiegen beſtehen. In dieſer Sprache hatten ſie Anfangs mit einan⸗ der geſprochen, Beide ſcheuend, durch die unheiligere materielle Sprache der von den Lippen tönenden Worte das feierliche und koſtbare Zwiegeſpräch ihrer Seele zu unterbrechen. Aber allmählig ſtiegen ihre dem Him⸗ mel und den Sternen zugewandten Blicke von dort hernieder, um ſich ſelbſt einander zu ſuchen, und in einen andern Himmel und nach zwei andern leuchten⸗ den Sternen zu ſchauen. Ihre, an die Dunkelheit ge⸗ wöhnten Augen begegneten ſich; Jeder errieth das Erröthen, das freudige Lächeln des Andern, und — 64— Beider Lippen flüſterten zugleich ganz leiſe ihren Na⸗ men. Das war der Anfang ihres erſten Liebesgeſpräches, das bald zu leidenſchaftlichen und glühenden Betheue⸗ rungen ſeinerſeits, zu ſchamvollen, zitternden Bekennt⸗ niſſen ihrerſeits emporwuchs, und darin ganz genau den Geſprächen aller Millionen Liebenden glich, welche jemals auf unſerer alten, ewig jungen Erde ſich zu⸗ ſammenfanden. Aber doch war das Verhältniß dieſes armen jungen Liebespaares ein nicht gewöhnliches, ein von der allgemeinen Regel abweichendes. Es war eine Liebe, welche niemals auf Glück, niemals auf Dauer rechnen durfte, welche niemals hoffen konnte, am Ende eines langen dornenvollen und traurigen Weges we⸗ nigſtens eine duftende Oaſe und einen blühenden Myr⸗ tenkranz zu finden, ſondern welche gewiß ſein konnte, daß je weiter und beharrlicher ſie vorwärts ginge, deſto weiter und unermeßlicher ſich die Wüſte vor ihr öffnen würde, und daß immer nur ein feuchtes Thrä⸗ nentuch, ein dunkler Trauerflor ihr einziger Schmuck ſein werde. 3 Warum mußte Sie das Schickſal ſo hoch über mich ſtellen, daß ich niemals hoffen kann, Sie zu erreichen, und dieſe lange Stufenleiter hinauf zu klimmen, welche mich von Ihnen trennt, ſeufzte Trenck, welcher vor der Prinzeſſin kniete, die auf den kleinen eiſernen Arm⸗ ſtuhl, das einzige Meuble des Balcons, niedergeſunken war. Sie ſpielte tändelnd und gedankenvoll mit ſeinen langen ſchwarzen Locken; eine Thräne rollte langſam über ihre Wangen nieder, und fiel wie ein brennen⸗ der Feuertropfen gerade auf ſeine Stirn. Das war Amaliens einzige Antwort auf ſeine ſchmerzvolle Klage. Trenck fuhr zuſammen, griff haſtig nach ſeiner Stirn, als wolle er die Thräne verwiſchen, welche der Nachtwind indeß ſchon getrocknet hatte. Oh, Amalie, Sie weinen? ſagte er ſchmerzvoll. Sie haben kein Wort des Troſtes, der Ermuthigung, der Hoffnung für mich? Kein Wort, mein Freund! Das macht, ich habe keine Hoffnung und keinen Troſt! Ich weiß, daß wir Beide einer troſtloſen, öden und ſturmzerriſſenen Zu⸗ kunft entgegen gehen, ich weiß, daß dieſe Nacht, unter deren Schatten wir uns heute zum erſten Male die Hand reichten, ewig dauern, daß für uns niemals die Sonne ſcheinen wird! Ich weiß, daß in dem Mo⸗ ment, wo unſere Blicke ſich zuerſt begegneten, mein Schutzengel ſich das Antlitz verhüllte und weinend end⸗ floh, ich weiß, daß Sie weiſer und beſſer gethan hät⸗ ten, dem armen Bettlermädchen auf der Straße Ihr Herz zu ſchenken, als es hinzugeben an die Schweſter eines Königs, an die arme Prinzeſſin Amalie. Hören Sie auf, hören Sie auf, ſeußzte Trenck, noch immer zu ihren Füßen ruhend und das Antlitz an ihre Knie drückend. Ihre Worte treffen mein Herz wie vergiftete Dolche, und doch fühle ich, daß Sie die Wahrheit ſagen. Ja, ich war ein Elender, daß ich es wagte, meine Augen bis zu Ihnen zu erheben, ich war ein Gottesläſterer, daß ich, der Ungeweihete, der Un⸗ berechtigte, mich eindrängte in den heiligen Tempel Ihres Herzens, auf welchem die Veſtaflamme Ihrer unſchuldigen und heiteren Gedanken in klarſtem Frie⸗ den brannte, bis meine heißen und ſtürmiſchen Seufzer ſie beunruhigten und ſtörten. Aber ich will wieder gut machen! Noch iſt es Zeit, noch ſind Sie durch keine Gelübde, durch keine Eide an mich gebunden, noch können Sie dieſe kaum erſchloſſene Blüthe einer erſten Jugendliebe zu den verwelkten Veilchenſträußen Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. II. 5 4 Ihrer Kindererinnerungen legen, mit deuen Sie zu⸗ weilen in ſtill müßigen Stunden tändeln und ſpielen, und ihnen ein Lächeln ſchenken, indem Sie flüſtern: „Ihr wart einſt doch ſchön, Ihr habt mich einſt doch beglückt! Jetzt iſt's vorüber.“— Ja, Amalie, noch iſt es Zeit! Geben Sie mich auf, ſtoßen Sie mich von ſich, rufen Sie Ihre Diener, zeigen Sie mich ih⸗ nen als einen Raſenden, einen Verbrecher, der es ge⸗ wagt, ſich bei Ihnen einzuſchleichen, weil ſeine Leiden⸗ ſchaft ihn toll und blind gemacht. Ueberliefern Sie mich dem Gericht, dem Blutgerüſt, meinetwegen, nur retten Sie ſich vor mir, retten Sie ſich vor meiner Liebe, welche ſo zaghaft, ſo egoiſtiſch, ſo hartherzig iſt, daß ſie nicht den Entſchluß faſſen kann, ſich ſelber zu verbannen, ſich ſelber den Tod zu geben! Oh, Amalie, ſtoßen Sie mich von ſich, zertreten Sie mich unter Ihren Füßen, ich werde ſterben ohne Vorwurf und ohne Klage, ich werde denken, daß mein Tod noth⸗ wendig war, um Sie zu erretten von den Schmerzen und Qualen eines langen öden Daſeins. Noch kön⸗ nen Sie es, denn noch ſind Sie nicht Mein, noch habe ich keine Rechte auf Sie! Sie haben die Schwüre meiner Liebe angehört, das iſt Alles, Sie haben ſie noch nicht erwidert. Sie ſind alſo frei, Sie können mich noch verſtoßen, denn er bindet Sie kein Schwur! Sie ſtreckte langſam und feierlich den Arm zu dem 3 ſternenbeſäeten Himmel empor. Ich liebe Sie, ſagte ſie ernſt, möge Gott mich hören und meinen Schwur annehmen, ich liebe Sie und ich ſchwöre Ihnen, daß ich Ihnen treu ſein, daß ich niemals eines andern Mannes Weib ſein werde! DOyh, unglückſeliges, beklagenswerthes Weib! rief Trenck, ſeine Arme um ihre Schultern werfend und ſein Haupt an ihren Buſen drückend. Amal ie, Ama 4 1 — 67— ſehen Sie, ich weine nicht vor Glück, nicht vor Ent⸗ zücken, ich weine aus Schmerz, aus Angſt um Sie. Nein, nein, ich will Ihren Schwur nicht annehmen, ich will dieſe Worte nicht gehört haben, welche mich mit Seligkeit, mit Götterluſt erfüllen würden, wenn ſie nicht für Sie ein Verbannungsurtheil enthielten. Oh, Geliebte, wenn Sie ſagen, daß Sie mich lieben, ſo heißt das, den ſtolzen und prunkenden Vorrechten Ih⸗ res Standes entſagen, verzichten auf den Glanz, die Pracht, auf einen ebenbürtigen Gemahl, auf einen Thron und eine Königskrone vielleicht! Denn wenn ich ein⸗ mal Ihre Liebe angenommen habe, wenn Sie einmal Mein ſind, ſo werde ich Sie nicht wieder frei geben, ſelbſt nicht an den König, ſelbſt nicht an Gott! So gehören Sie mir für alle Zeit und alle Ewigkeit, nnd nichts kann Sie mir wieder entreißen, ſelbſt nicht Ihr eigener Wunſch, Ihr eigenes Flehen. Oh, Amalie, hören Sie denn nicht, daß ich wahnſinnig bin, wahn⸗ ſinnig aus Verzweiflung und Entzücken zugleich. Flie⸗ hen Sie vor dem Wahnſinnigen, deſſen rieſenſtarke Arme Sie ſonſt umſtricken werden, um Sie auf ewig an ſeine Bruſt zu drücken! Fliehen Sie, ſtoßen Sie mich von ſich und gehen Sie dort hinein in Ihr Zim⸗ mer, gehen Sie und ſagen Sie dem Aacheluden Hof⸗ mann da drin, welcher über nichts erſtaunt iſt, ſelbſt nicht darüber, daß Sie mich lieben, welchem nichts hei⸗ lig iſt, ſelbſt nicht dieſe Liebe, die ich für Sie empfinde, ſagen Sie ihm:„Treuck war ein raſender Thor. Ich habe ihn hierher kommen laſſen, weil ich Mitleid mit ihm hatte, weil ich verſuchen wollte, ihn durch meine Güte, meine Milde zu heilen. Es iſt mir gelungen, er iſt dort! Gehen Sie jetzt und wachen Sie über den Geneſenen.“— Ich werde Ihren Worten nicht widerſprechen, Amalie! Sobald Sie die Schwelle jenes H — 68— Zimmers überſchreiten, werde ich von dem Balcon her⸗ abſteigen; ich werde es vorſichtig und beſonnen thun, ich werde nicht herabſtürzen, damit ich mir nicht an irgend einem Stein das Haupt zerſchelle, und nicht todt unter Ihren Fenſtern gefunden werde, damit man nicht meinen Weg an einer Blutſpur verfolgen könne. Nein, meine Wunden ſollen nur nach innen bluten, und erſt auf dem Schlachtfeld will ich es wagen, hin⸗ zuſinken und zu ſterben. Unter dem Donner der Ka⸗ nonen wird man es nicht hören, wenn meine erſtar⸗ renden Lippen mit ihrem letzten Seufzer Ihren Namen nennen, unter dem Geächze ſo vieler Sterbenden wird meine letzte Liebesklage geräuſchlos verhallen. Fliehen Sie alſo, Amalie, fliehen Sie, und möge Gott Sie ſegnen und Sie glücklich machen! Er ſtand auf und trat ehrerbietig zur Seite, damit ſie an ihm vorübergehen und in ihr Zimmer zurück⸗ kehren könne. 1 Aber Prinzeſſin Amalie ging nicht. Ihre Augen ſtanden voll Thränen, aber es waren Thränen des Glückes, der Liebe, der ſeligſten Freude. Sie legte ſanft ihre Hand auf des Geliebten Schul⸗ ter, und in ihren Augen, welche ſich auf ſein Antlitz hefteten, war ein ſo wunderbarer leuchtender Glanz, daß man wirklich hätte meinen ſollen, zwei Sterne ſeien vom Himmel gefallen, um in einem Menſchenangeſicht zu leuchten und die Sage von der menſchlichen Gott⸗ ähnlichkeit wahr zu machen. 4 Trenck, ich fliehe nicht, ſagte ſie, Trenck, ich bleibe, denn, hören Sie es wohl, ich liebe Siel Es iſt nicht die ſchüchterne, ſeufzende, erröthende und ſchwärmeriſch Liebe eines jungen Mädchens, die ich Ihnen dar bringe, es iſt die Liebe eines kühnen, todesmuthigen ſtohzen Weibes! Meine Liebe iſt geſtählt an dem Feue⸗ meiner Schmerzen, und weil ſie in dieſem Feuer glühte und brannte, hat ſie das mädchenhafte Erröthen ver⸗ lernt und iſt unbeugſam und hart geworden; ich habe ſie getauft mit meinen Thränen, und ſie an mein Herz genommen, wie eine Mutter ihr Kind an ihr Herz drückt, das ſie unter Todesqualen geboren, deſſen Da⸗ ſein ihre Verdammniß und ihre Unehre und Schmach iſt, und daß ſie dennoch grenzenlos liebt und es ſegnet, indem ſie über ihm weint. Auch ich weine, auch ich fühle, daß ich der Verdammniß und Schmach verfallen bin, und dennoch ſegne ich meine Liebe, und dennoch nenne ich mich eine Auserwählte und Gebenedeite, denn Gott hat mich geſegnet, indem er einen Strahl ſeines eigenen Daſeins in mein Herz ſenkte und mich die Liebe, die ewig unvergängliche Liebe kennen lehrte! DOb, Amalie, Amalie, warum kann ich nicht in die⸗ ſer Stunde ſterben, murmelte Trenck, ganz zerbrochen, ganz machtlos zu ihren Füßen niedertaumelnd. Sie neigte ſich zu ihm nieder und richtete ihn mit feſter Hand wieder empor. Stehen Sie auf, ſagte ſie, wir Beide müſſen feſt und ſicher auf unſern Füßen nebeneinander ſtehen. Wenn Sie vor mir knieen, denke ich immer, daß Sie in mir noch die Prinzeſſin, die Schweſter eines Königs ſehen, und nicht bloß Ihre Geliebte, nicht blos das Weib, welches Sie liebt. Sehen Sie, ich ſage nicht,„das junge Mädchen“, denn ich bin das nicht mehr in meinem Innern; dieſe Zeit der innern Kämpfe, des innern Ringens hat mich alt und vernünftig gemacht. Ein junges Mädchen iſt zit⸗ ternd und zaghaft, ich nicht, ein junges Mädchen errö⸗ thet, indem ſie ihre Liebe bekennt, ich nicht! Ein jun⸗ ges Mädchen bebt, wenn ſie an ihre zürnenden Ver⸗ wandten, an die Schmach und das Unglück denkt, welches ihrer Zukunft als ein in Trauerflor gekleideter 70— Herold vorauf geht, ich bebe nicht! Nein, nein, ich bin kein Mädchen mehr, ſondern nur ein Weib, welches liebt, grenzenlos, ewig, unerſchütterlich. Sie warf ſich in ſeine Arme und duldete es, daß er ſie feſt an ſein Herz drückte. Eine lange, ſelige Pauſe trat ein. Leiſe rauſchte der Wind in den hohen Pappeln und Eichen des Gartens, glänzend und hell ſchienen die Sterne über dieſer todten, ſchwarzen, von ihren Schmerzen und Freuden ruhenden ſchlummernden Welt. Wie viele Menſchen mochten in dieſem Moment zu ihnen empor ſchauen, händeringend oder jauchzend, ſchreiend vor Jammer oder weinend vor Glück, mit gebrochenem oder liebesſeligem Herzen. Die Sterne wiſſen nichts davon, ſie leuchten und funkeln dem Glück⸗ lichen, wie dem Verzweifelnden, und unſer Elend und unſer Entzücken geht ungeſehen unter dieſem ſternen⸗ funkelnden Baldachin des Himmels hin. Amalie richtete ſich wieder aus den Armen ihres Geliebten empor; ihre Augen, welche den Himmel ſuch ten, trafen gerade auf einen Stern, der ſich ablöſete vom Himmel, eine ſilberne Bahn mit Blitzesſchnelle be⸗ ſchrieb und dann erloſch. Eine böſe Vorbedeutung! murmelte ſie, mit der Hand nach jener Stelle empor deutend, wo der Stern verſunken war. Trenck hatte mit jener inſtinktartigen Sympathie der Liebenden, gleich ihr zum Himmel empor geblickt, und gleich ihr hatte er den fallenden Stern geſehen. Der Himmel will uns nicht täuſchen, ſagte er. Er ſendet uns eine Warnung, Amalie. Aber dieſe War⸗ nung kommt zu ſpät! Jetzt ſind Sie mein, denn Sie haben mir geſchworen, daß Sie mich lieben, und ich habe Ihren Schwur gehört! Möge auch Gott ihn gehört haben, und möge er Gnade für uns haben, flüſterte ſie. Stehet nicht ge⸗ ſchrieben, daß die Liebe Berge verſetzen und Flügel verleihen kann, daß ſie mächtiger iſt, als der mächtigſte König der Erde, ſtärker und gewaltiger als der wel⸗ tenbezwingende Sieger und Held. Laſſen Sie uns alſo den rechten Glauben an unſere Liebe haben, laſſen Sie uns ſtark ſein in Hoffnung, in Geduld, in Treue! Mein Bruder ſagt, daß es bald wieder zum Kampf geht. Nun wohl, werden Sie nicht auf dem Schlacht⸗ felde für ſich einen Lorbeerkranz erobern können? Und wer kann wiſſen, ob dieſer Lorberkranz nicht eines Ta⸗ ges dem König ebenſo viel werth ſein und ihm ebenſo glänzend erſcheinen mag, wie eine Fürſtenkrone, wer weiß, ob er nicht jetzt, da alle ſeine Schweſtern an Fürſten verheirathet ſind, ſeiner jüngſten Schweſter es verzeihen wird, wenn ſie einen Helden liebt, der fatt der Fürſtenkrone nur mit dem Lorbeer geſchmückt iſt! 3 Schwören Sie mir, Amalie, mich zu erwarten und mir Zeit zu gönnen, dieſes Ziel zu erreichen, welches Sie mir da mit ſo himmliſchen Farben ausmalen? Ich ſchwöre es Ihnen! Sie werden niemals eines andern Mannes Weib werden? Ich werde niemals eines andern Mannes Weib werden! Sei er Fürſt oder König, und ſei es Ihr Bruder, der König, welcher Ihnen befiehlt, ſich ihm zu ver⸗ mählen? Sei er Fürſt, oder König, und ſei es mein Bru⸗ der, der König, welcher mir befiehlt, mich ihm zu ver⸗ mählen! Gott, mein Gott, Du haſt ihren Schwur gehört, ſagte Trenck, indem er Amaliens Haupt in ſeine Hände nahm, und ſie ſanft niederbeugte, als ſei ſie ein Opfer, welches er dem Himmel entgegentrüge. Du haſt ihren Schwur gehört, mein Gott, ſtrafe ſie, zerſchmettere ſie, wenn ſie ihn nicht erfüllt. 3 Ich werde ihn erfüllen, ſagte ſie feſt. Möge Gott mich ſtrafen, wenn ich es nicht thue! So biſt Du denn Mein, Amalie, unauflöslich, ewig! Komm, laß mich den Verlobungskuß auf Deine keu⸗ ſchen Lippen drücken, Du, meine Braut, meine Geliebte, mein Weib! Oh, erzittere jetzt nicht, weiche nicht zu⸗ rück vor meinen Armen! Lege Dich feſt, feſt an mein Herz, denn jetzt haſt Du keine andere Zuflucht, keinen anderen Hort mehr, als nur mein Herz! Aber es iſt ein Fels, auf den Du bauen kannſt, der niemals un⸗ ter Dir wankt, der immer da iſt, Dich zu ſtützen und zu halten, oder, wenn der Sturm allzu mächtig iſt, mit Dir hinabzuſtürzen in's Meer, mit Dir ſich auf der Tiefe deſſelben zu begraben! Oh, meine Braut, laß mich Deine Lippen küſſen, indem ich Dir ſchwöre, daß ich Dich heilig halten will, bis der Tag kommt, wo entweder das Leben oder der Tod Dich mir ver⸗ mählt! Nicht Du ſollſt mich küſſen, ich küſſe Dich! ſagte ſie, indem ſie ihre, noch von keiner Lüge, keinem Ver⸗ rath, keinem unkenſchen Wort entweiheten Lippen auf die ſeinen drückte. Es war ein Kuß ſo heilig, un⸗ ſchuldig und rein, daß er auf ſeinen Lippen zu einem jungfräulichen Gebet, zu einem ſeligen Lächeln ver⸗ duftete. 3 Jetzt, mein Geliebter, lebe wohl, ſagte Amalie nach einer langen Pauſe, in welcher ihre Lippen geſchwiegen hatten, weil ihre Herzen zu einander und zu Gott ſpra⸗ chen. Sieh, der Himmel beginnt ſich zu röthen, der Tag bricht an! — —— * — 73— Das heißt, mein Tag geht unter und die Nacht bricht an, ſeufzte Trenck. Wann ſehe ich Dich wieder, Amalie? Sie ſchaute zum Himmel empor und lächelte. Fra⸗ gen Sie das den Himmel und den Kalender. Wenn der Himmel dunkel iſt und der Kalender keinen Mond⸗ ſchein verkündet, dann erwarte ich Sie immer, dann wird immer das Fenſter geöffnet und die Thür un⸗ verſchloſſen ſein.— Man hat ſonſt immer den Mond den Freund der Liebenden genannt, ſagte Trenck, die Hand der Prin⸗ zeſſin an ſein Herz drückend, von heute an aber haſſe ich ihn, denn er beraubt mich des Glückes, bei Ihnen zu ſein. Laſſen Sie uns jetzt zurückkehren in das Zimmer und zu Herrn von Pöllnitz, der uns gewiß ſchon mit Ungeduld erwartet! Warum auch mußte er mich begleiten, Amalie? Warum geſtatteten Sie mir nicht, allein zu kommen? „Warum? Ich weiß es ſelber nicht! Vielleicht ſchien es mir ſicherer, wenn uns das Auge eines Freun⸗ des bewacht, vielleicht ängſtigte ich mich! Genug, eine warnende Stimme in meiner Bruſt flüſterte mir zu, ſo handele! und ich that es, und ich werde es immer thun. Da Pöllnitz einmal der Vertraute unſerer Liebe iſt, ſo ſoll er es ganz ſein, ſo ſoll er wiſſen, daß, wie ſehr unſer Verhältniß ſtrafwürdig ſein mag vor den Menſchen, es doch nicht ſtrafwürdig und ſündig iſt vor Gott, und daß ich vor Niemand nöthig habe, die Augen niederzuſchlagen. Ich will alſo, daß Pöllnitz Sie im⸗ mer begleite, daß Sie niemals ohne ihn zu mir kom⸗ men. Ach, Amalie, ſeufzte Trenck, Sie leider haben nicht vergeſſen, daß Sie eine Prinzeſſin ſind. Die Liebe — 22— hat Sie nicht unterjocht, denn Sie befehlen und Sie haben noch ihren eigenen Willen. Anders iſt es mit mir! Ich unterwerfe mich, ich gehorche und ſchweige! Möge es alſo ſein, wie Sie wollen! Möge Herr von Pöllnitz mich immer begleiten. Nur verſprechen Sie mir, daß er immer in jenem Zimmer bleiben ſoll, während wir auf dem Balcon hier ſind! Ich verſpreche es Ihnen! Und jetzt, mein Ge⸗ liebter, laſſen Sie uns Gott, dem Himmel, den Ster⸗ nen und dieſer ſchönen dunklen Nacht, welche ihren ſchützenden Mantel über uns ausgebreitet hat und uns erlaubte glücklich zu ſein, laſſen Sie uns dem Allen Lebewohl ſagen! Lebewohl, Lebewohl, mein Glück, meine Liebe, meine Zukunft, mein Stolz und mein Hoffen. Oh, Amalie, warum kann ich nicht heute ſchon in die Schlacht gehen, um da nach dem Lorbeer zu ſuchen, der mich Ihrer würdig machen könnte! Sie umarmten ſich zum letzten Mal, dann öffnete Amalie die Thür des Balcons und trat, gefolgt von ihrem Geliebten, wieder in das Zimmer. Herr von Pöllnitz ſaß noch immer auf dem Lehn⸗ ſeſſel vor dem Tiſch, auf deſſen Tellern und Schüſſeln ſich indeß jetzt nur noch die ſchwachen Trümmer der einſtigen Braten, Leckereien und Früchte befanden. Der Ober⸗Ceremonienmeiſter hatte gefunden, daß nichts ſo ſehr im Stande ſei, ihn wach zu erhalten und die Langeweile aus dieſem öden und ſchweigenden Zimmer zu verbannen, als die Kinnbacken in Bewegung zu ſetzen und den Zähnen einige Arbeit zu geben, da die Zunge und die Lippen zur Unthätigkeit verdammt waren. Während alſo da draußen das junge ſchwär⸗ meriſche Liebespaar auf künftige Feldzüge und Siege hoffte, hatte er einen Feldzug gegen die Rebhühner 3 und Gelses, die Früchte und den Bordeaux⸗Wein un⸗ ternommen und war in demſelben vollkommen Sieger geblieben. Sodann hatte er ſich behaglich in dem Fauteuil zurückgelehnt und ſich ganz dem beſeligenden Gefühl einer geſunden und ungeſtörten Verdauung hingegeben. Bei dieſer wichtigen und nothwendigen Beſchäftigung war er eingeſchlafen oder ſchien es we⸗ nigſtens zu ſein, denn es bedurfte erſt eines mehrma⸗ ligen Rüttelns, bevor es Trenck gelang ihn zu er⸗ wecken und ihn die Augen aufſchlagen zu machen. Ah, Sie ſind ſehr grauſam, mein junger Freund, ſeufzte Herr von Pöllnitz, indem er ſich erhob. Sie unterbrachen mich mitten in einem wunderbaren und entzückenden Traum. Und darf man wiſſen, worin dieſer Traum be⸗ ſtand? fragte die Prinzeſſin. Königliche Hoheit, in dem Einzigen, was mir auf dieſer komiſchen und nüchternen Welt noch Entzücken und Erſtaunen verurſacht. Ich träumte, ich hätte gar keine läſtigen Gläubiger und ſehr viel Geld. Und dieſer Traum iſt wohl ſehr verſchieden von der Wirklichkeit? So verſchieden, Prinzeſſin, daß juſt das Gegen⸗ theil davon wahr iſt, denn ich habe ſehr viel Gläubi⸗ ger und gar kein Geld! Armer Pöllnitz, und wie fangen Sie es denn an, um ſich aus dieſer unangenehmen Verlegenheit zu befreien? Das, Königliche Hoheit, verſuche ich niemals. Ich bin es ſchon zufrieden, wenn ich mir für dieſes chro⸗ niſche Leiden einige erleichternde Palliatiomittel erobern kann, und wenigſtens ebenſo viele Louisd'ors in mei⸗ ner Taſche, als Gläubiger außer derſelben habe. Und ſind Sie jetzt in dieſem glücklichen Fall? — 76— Nein, Prinzeſſin! Ich habe nur zwölf Louisd'or! Und viel Gläubiger? Zwei und dreißig! Demzufolge fehlen Ihnen noch achtzehn Louisd'or? So iſt es leider! Die Prinzeſſin ging lächelnd zu ihrem Schreibtiſch und nahm aus demſelben eine kleine Rolle Geld, wel⸗ ches ſie dem Ober⸗Ceremonienmeiſter darreichte. Neh⸗ men Sie, ſagte ſie. Glücklicherweiſe bekam ich geſtern mein Nadelgeld für den nächſten Monat und bin alſo im Stande, die Gleichheit Ihrer Gläubiger und Ihrer Louisd'or für dies Mal herzuſtellen. Pöllnitz nahm das Geld ohne zu erröthen, und küßte der Prinzeſſin mit einem vergnügten Lachen die Hand. Jetzt, Königliche Hoheit, ſagte er, jetzt bereue ich nur noch Eins! Nun, und das iſt? Daß ich die Zahl meiner Gläubiger nicht ein wenig höher angegeben habe! Mein Gott, wer konnte aber auch die großmüthige Abſicht unſerer erhabenen Prinzeſſin ahnen! IX. Die erſten Wolken. Noch ganz trunken von Glück, ganz ſelig in der Erinnerung an dieſes erſte Rendezvous mit ſeiner ſchönen und erhabenen Geliebten, ritt Friedrich von — 279— Zufriedenheit und das gnädige Lächeln eines Fürſten wie der Sonnenſtrahl, welcher dem von ihm getroffe⸗ nen Gegenſtand einen weithin leuchtenden, ſtrahlenden Glanz verleiht und die Blicke der neugierigen Men⸗ ſchen auf ſich zieht. Der von der Sonne der Für⸗ ſtengunſt beſtrahlte junge Lieutenant Friedrich von Trenck war natürlich ſofort ein Gegenſtand der Auf⸗ merkſamkeit, der Freundlichkeit, der Zuvorkommenheit für alle dieſe Kreiſe, welche von irgend einem Streif⸗ licht des Hofes getroffen wurden. Mehr als einmal hatte man geſehen, daß der König vertraulich den Arm auf die Schulter des jungen Lieutenauts legte und ſich lange und lächelnd mit ihm unterhielt, mehr als ein⸗ mal hatte die ſtolze und faſt unnahbare Königin Mutter dem jungen Officier ein gnädiges Kopfnicken, ein freundliches Wort gegönnt, mehr als einmal hatten die Prinzeſſinnen bei den Feſtlichkeiten des letzten Win⸗ ters ihn zu ihrem Tänzer erwählt, und alle dieſe jun⸗ gen ſchönen Mädchen der Hofgeſellſchaft erklärten, daß Niemand ein beſſerer Tänzer, ein aufmerlſamerer Ca⸗ valier, ein unterhaltenderer Geſellſchafter ſei, als Fried⸗ rich von Trenck, dieſer junge, lebensluſtige, ewig heitere, ewig ſorgloſe Officier, der alle ſeine Genoſſen nicht nur um eine Kopfeslänge, ſondern auch durch ſeine Liebenswürdigkeit, ſeine Talente weit überragte. Es war daher ſehr natürlich, daß dieſe ganze glänzende Ariſtokratie ſehr bemüht war, den jungen Liebling des Königs und der Damen in ihre Kreiſe hinein zu zie⸗ hen, daß man ihm überall freundlich entgegenkam, und ihm die Ehrfurcht und Aufmerkſamkeit bewies, 8 Juicmème sur Poriginal Allemand, augmentés d'un tiers et revus sur la traduction, par Mr. de***. Vol. I. pag. 40. — 0— welche ihm als dem Liebling des Königs, der Muſen und Grazien unbeſtritten zugeſtanden ward. Friedrich von Trenck war in ſeinem Innern zu geſund, zu naturkräftig, um durch dieſe allſeitige Be⸗ achtung und Verherrlichung eitel und hochfahrend ge⸗ macht zu werden. Nur gewöhnte er ſich daran, wie an ein ihm zuſtehendes Recht, und es verwunderte und erſchütterte ihn kaum noch, als der König ihm zu ſeiner Officiersequipirung zwei Pferde aus ſeinem eigenen Marſtall und die für damalige Zeiten bedeu⸗ tende Summe von tauſend Thalern ſchenkte.*) Nur erfüllte ihn dieſe große allgemeine Gunſt mit kühnen Wünſchen und hochſtrebenden Träumen, und ließ ihm das Unglaublichſte und Unerhörteſte als etwas Mög⸗ liches und Erreichbares erſcheinen. Zudem war Fried⸗ rich von Trenck, wenn nicht eitel und aufgeblaſen, doch ſtolz und ehrgeizig. Er hatte ſich ein großes Ziel geſetzt, er ſtrengte alle ſeine Kräfte an es zu er⸗ reichen, und in ſeinen ſchönen und muthigen Stunden zweifelte er gar nicht, daß es ihm gelingen werde. Er war daher immer thätig, immer wachſam, immer zu irgend einer That bereit, und ganz erwartungsvoll auf irgend ein Rieſenwerk, das ihm auf Einen Schlag Macht und Reichthum, Ruhm und Größe bringen ſollte! Er fühlte die Kraft in ſich, eine Welt zu er⸗ obern und ſie zu ſeinen Füßen niederzuſchleudern; wenn der König ihm die zwölf Rieſenarbeiten des Hercules übertragen hätte, ſo würde er ſich nicht da⸗ vor erſchreckt, ſondern er würde ſie vollführt haben. Ueberzeugt davon, daß ihm eine glänzende und ruhm⸗ .„ *) Mémoires de Frédéric, Baron de Trenck. Traquits par lui-méême sur l'original Allemand, augmentés d'un tiers et revus sur la traduction, par Mr. de** 5†. Vol. I. pag. 40. —,— — 31— volle Zukunft bevorſtände, bereitete er ſich auf dieſelbe voorr. Keine Stunde fand ihn müßig, und wenn alle die Kameraden, ermüdet von dem beſchwerlichen Dienſt, von den ſich täglich wiederholenden Kriegsübungen, lange zur Ruhe gegangen waren, ſaß Friedrich von Trenck noch mit irgend einem ernſten Studium, einer ſtrengen wiſſenſchaftlichen Arbeit beſchäftigt, an ſeinem Schreibtiſch, umgeben von Büchern, Landkarten und Planzeichnungen. Der junge achtzehnjährige Lieutenant bereitete ſich darauf vor, General und ſiegreicher Feldherr zu wer⸗ den, die Welt und die Vorurtheile zu beſiegen durch ſeine Talente und Verdienſte, und dieſen Abgrund, welcher ihn von der Prinzeſſin trennte, mit einer aus ſeinen eroberten Lorbeeren und Trophäen zuſammen⸗ gefügten Brücke zu überbauen. Und war er nicht jetzt ſchon auf dem beſten Wege dazu? Winkte ihm die Zukunft nicht glückverheißend entgegen, mußte er, der ſchon mit achtzehn Jahren ſo viel erreicht hatte, wo⸗ nach Andere, nicht minder Befähigte, ihr ganzes Le⸗ ben lang vergeblich ringen, er, welcher jetzt ſchon ein geſuchter Cavalier, ein Gelehrter, und Officier in der Leibgarde eines großen Königs war, mußte er nicht zu großen Dingen, zu einem glanzvollen, erhabenen Schickſal berufen ſein? Solche Gedanken waren es, die den jungen Baron von Treuck beſchäftigten und ihn alles Andere ver⸗ geſſen ließen, ſelbſt die Gefahr, mit welcher ihn der langſame und gemächliche Schritt ſeines Pferdes und die immer höher aufſteigende Sonne bedrohte. In der Frühe des Morgens wollte der König ſeinem Leibregiment die Parade abnehmen, und der Comman⸗ deur deſſelben, der Oberſt von Jaſchinsky, gehörte nicht zu den Freunden des jungen Officiers. Er beneidete Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. II. 6 — 22— ihm ſein ſchuelles Avancement, es ärgerte ihn, daß Trenck im Sturmſchritt erreichen ſollte, was er nur dem Schneckengang ſeiner langſam vorwärtskriechenden Jahre zu verdanken hatte. Es würde ihn glücklich gemacht haben, dieſen Jüngling, der ſo ſtolz, ſo ſieges⸗ gewiß und ſo ſorglos zugleich den Weg der Ehre und der Auszeichnung hinaufſchritt, ſtraucheln und ihn von der Höhe der königlichen Gunſt hinabgleiten zu ſehen in die Abgründe der Ungnade und des Vergeſſenſeins! Er beobachtete daher ſeinen jungen Lieutenant mit der lächelnden Tücke einer boshaften Seele, feſt entſchloſ⸗ ſen, das geringſte Verſehen deſſelben mit unnachſich⸗ tiger Strenge zu rügen. Und heute bot ſich eine gute Gelegenheit dazu dar. Der Sergeant, welcher bei den Officieren der Spion des Oberſten war, hatte ihm hinterbracht, daß der Reitknecht des Lieutenants von Trenck ihm heute in der Frühe des Morgens mitgetheilt, ſein Herr ſei ſpät in der Nacht fortgeritten und noch nicht wieder heim⸗ gekommen. Seitdem hatte der Sergeant ſelber die Thür des Hauſes, in welchem der Baron Trenck wohnte, bewacht, und ſich überzeugt, daß derſelbe noch nicht zurückgekehrt ſei. Das war eine Nachricht, welche das Herz des Oberſten von Jaſchinsky mit Freude erfüllte, die er jedoch ſehr wohl unter der Maske der ſcheinbaren Gleichgültigkeit zu verbergen wußte. Er erklärte, daß er durchaus nicht glaube, daß der Lieutenant von Trenck nicht in Potsdam anweſend, da demſelben ſehr wohl bekannt ſei, daß kein Officier ohne Urlaub Pots⸗ dam auch nur auf einige Stunden, geſchweige denn auf eine ganze Nacht verlaſſen dürfe. Um den Ser⸗ geanten von der Unwahrheit der hinterbrachten Nach⸗ richt zu überzeugen, ſandte ihn der Oberſt mit irgend —— — 33— einem geringfügigen Auftrag zu dem Lieutenant von Trenck. Der Sergeant kehrte triumphirend zurück: der Baron von Trenck war wirklich nicht zu Hauſe, und ſeine Diener waren in großer Unruhe ſeinet⸗ wegen. Der Oberſt von Jaſchinsky zuckte ſchweigend die Achſeln, und da es eben acht Uhr ſchlug, nahm er eilig ſeinen Federhut und begab ſich zur Parade. Das ganze Regiment war zur Parade aufgeſtellt, jeder Officier hielt bei ſeiner Compagnie, nur der zweiten Compagnie fehlte ihr Officier. Das war die vom Lieutenant von Trenck commandirte Compagnie. Der Oberſt von Jaſchinsky ſah das mit einem einzi⸗ gen Blick, und ein boshaftes Lächeln blitzte für einen Moment in ſeinem Antlitz auf. Dann ritt er wieder mit eiſernem Ernſt vor die Fronte ſeines Regiments und ſalutirte vor dem König, der eben, begleitet von ſeinen Adjutanten und Generalen, von der Treppe des Schloſſes herniederſtieg und ſich auf ſein Pferd ſchwang. In dieſem Augenblick aber entſtand auf dem linken Flügel des Regiments eine kleine Bewegung und Un⸗ ruhe, welche dem aufmerkſamen Ohr des Oberſten von Jaſchinsky nicht entging. Er wandte den Kopf ſeit⸗ wärts und ſah, wie der Lieutenant von Trenck eben auf ſeinem in Schweiß gebadeten, ſchäumenden Pferde neben ſeiner Compagnie anhielt. Des Oberſten Stirn verfinſterte ſich, denn der junge Officier ſchien der Gefahr, welche ihn bedrohte, glücklich entgangen zu ſein. Der König konnte nichts bemerken, denn Trenck war da, und es war alſo nutzlos, ihn anzuklagen. Aber der König hatte ſchon ſeine Bemerkungen gemacht. Sein ſcharfes Auge hatte ſehr wohl das haſtige Heranſprengen des Lieutenants und ſein glü⸗ 6* — 84— hendes erhitztes Antlitz gewahrt, und wie er jetzt die Fronte herunterritt, hielt er dicht vor dem Lieutenant von Trenck ſein Pferd an. Wie kommt es, fragte der König, daß Sein Pferd ſo von Schweiß trieft? Es kommt doch, denke ich, eben aus dem Stall, wie ſein Herr aus dem Bett, wobei er ſich noch verſpätet zu haben ſcheint, denn ich ſah ſehr wohl, daß Er eben erſt auf dem Platz ankam. Der Officier murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte. Nun, wird Er mir Antwort geben? fragte der König. Kommt das Pferd nicht aus dem Stall und ſein Herr nicht aus dem Bett? Friedrich von Trenck richtete ſein Haupt, welches er vorher muthlos auf die Bruſt geſenkt hatte, kühn empor; er hatte ſeinen Entſchluß gefaßt. Sein feuri⸗ ges blitzendes Auge begegnete den Augen des Kö⸗ nigs, welche wie zwei Dolchſpitzen ihm entgegen leuchteten. Nein, Euere Majeſtät, ſagte Friedrich von Trenck mit ruhigem und entſchloſſenem Ton, mein Pferd kommt nicht aus dem Stall und ſein Herr kommt nicht aus dem Bett. Eine Pauſe trat ein. Eine bange, athemloſe Pauſe. Aller Blicke waren mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf den König hingewandt, deſſen Strenge in der militai⸗ riſchen Disciplin man kannte und fürchtete. Weiß Er, fragte der König endlich, daß ich ver⸗ lange, daß meine Officiere pünktlich auf der Parade ſind? Ja, Sire! 3 Weiß Er, daß es ſtreng verboten iſt, ohne Urlanb Potsdam zu verlaſſen? Ich weiß es, Majeſtät. Nun denn, wo war Er alſo, da ihm alles Dieſes bekannt iſt, und Er doch nicht, wie Er ſelber ſagt, aus ſeiner Wohnung hierher kam? Sire, ich war auf der Jagd und verſpätete mich. Ich weiß, daß ich mich eines ſchweren Vergehens ſchuldig gemacht habe, und erwarte meine Verzeihung nur von der Gnade Euerer Majeſtät. 3 Der König lächelte und ſein Blick war freundlich und milde. Er erwartet alſo, wie es ſcheint, jeden⸗ falls Seine Verzeihung? Nun, dies Mal ſoll Er ſich nicht getäuſcht haben, denn es gefällt mir von Ihm, daß Er ſo tapfer die Wahrheit bekannte! Ich liebe die aufrichtigen Leute, denn es beweiſt, daß ſie Muth haben. Dies Mal mag Er alſo ohne Strafe davon kommen, aber nehme Er ſich vor einem zweiten Male in Acht! Ich warne Ihn! 3 Aber was hilft ſelbſt die Warnung eines Königs gegenüber der leidenſchaſtlichen Liebesſehnſucht eines achtzehnjährigen Jünglings? Trenck vergaß ſehr bald die Gefahr, welcher er eben erſt entgangen war, und wenn er ihrer auch gedachte, ſo ſchreckte ihn das doch nicht. Es war wieder eine wundervolle, tiefdunkle Nacht, und er wußte, daß Prinzeſſin Amalie ihn er⸗ wartete. Und als er dann wieder unter dem Schutz des in dem Zimmer wachenden Ober⸗Ceremonien⸗ meiſters mit ihr auf dem Balcon ſtand, als er der ſüßen Muſik ihrer Stimme lauſchte und mit ſtaunen⸗ dem Entzücken den heiligen und köſtlichen Offenbarun⸗ gen ihrer jungfräulichen, zarten Seele zuhörte, als es ihm vergönnt war, zu ihren Füßen ſitzend, ihr die Wundermährchen ſeiner Liebe, ſeines Glückes zu er⸗ zählen, ihre zitternde weiche Hand auf ſeiner Stirn zu fühlen, und mit ihr zu träumen von einer ſtrahlen⸗ — 86— den, ſeligen Zukunft, wo nicht nur Gott und die Nacht, ſondern auch der König und die ganze Welt ihre Liebe kennen ſollten, wie hätte er da ſich erinnern können, daß der König morgen ſchon um ſieben Uhr die Parade befohlen habe und daß es faſt für ihn ſchon unmöglich ſei, noch zur feſtgeſetzten Stunde in Potsdam ſein zu können! 4 Dies Mal traf er erſt in Potsdam ein, als die Parade ſchon vorüber war. Vor ſeiner Thür aber fand er eine Ordonnanz, welche ihn ſofort zum König führte. 5 Friedrich war allein in ſeinem Kabinet, als der Lieutenant von Trenck zu ihm eingeführt ward. Er hieß mit einem ſtummen Wink den Adjutanten und den Ordonnanz⸗Officier ſich entfernen und ging dann ſchweigend, ohne Trenck, welcher mit bleichem, aber zentſchloſſenem Angeſicht an der Thür ſtand, anſcheinend zu beachten, im Zimmer auf und ab. Trenck folgte jeder Bewegung des Königs mit ge⸗ ſpannten, unruhigen Blicken. Wenn der König mich caſſirt, ſagte er leiſe zu ſich ſelbſt, ſo werde ich mich erſchießen. Wenn er mich foltern läßt, um das Ge⸗ heimniß meiner Liebe zu erfahren, ſo werde ich die Folter ertragen und ſchweigen. Aber es gab noch eine dritte Möglichkeit, an welche Trenck, in der verzweiflungsvollen Spannung ſeines Gemüths, nicht gedacht hatte! Was würde er thun, wenn der König ihn milde und gütevoll empfinge und mit den Worten eines beſorgten Freundes in ihn dringe, um von ihm ſein Geheimniß zu erfahren? Das gerade war es, was der König that. Er trat dicht vor den armen, bleichen und athemloſen Jüngling hin und ſah ihm lange und feſt in die Augen, aber ſein Blick war nicht drohend und zorn⸗ 7— voll, wie Trenck es erwartet hatte, ſondern milde, faſt traurig. Warum iſt Er abermals heimlich von Potsdam fort geweſen? fragte der König. Woher nimmt Er den ſtolzen Muth, ſich ſo conſequent gegen meine Be⸗ fehle aufzulehnen? Der Oberſt Jaſchinsky hat heftige Klage über Ihn geführt und mir geſagt, daß Er ſchon ſehr oft heimlich aus Potsdam fort geweſen iſt. Weiß Er, daß ich Ihn caſſiren muß, wenn ich der Strenge des Geſetzes folge? Ich weiß das, Majeſtät, aber ich weiß auch, daß ich dieſe Schande nicht überleben würde. Jetzt ſchoß ein zorniger Blitz aus des Königs Au⸗ gen. Will Er mir etwa drohen und mir Angſt ma⸗ chen mit Seinen Rodomontaden? 3 Verzeihung, Sire, ich wage es weder zu drohen, noch denke ich, daß Euere Majeſtät Jemals um meinet⸗ willen ſich angſtigen würde. Was liegt Euerer Ma⸗ jeſtät an dieſem unbedeutenden, unberühmten und un⸗ bekannten Jüngling, an dieſem Atom, das nur glänzt, wenn ein Sonnenſtrahl aus den Augen des Königs ihn berührt. Ich bin für Euere Majeſtät nichts, aber Sie ſind mir Alles, und ich werde und mag nicht leben, wenn Euere Majeſtät mir Ihre Gnade entzie⸗ hen und mir die Möglichkeit rauben, mich auszuzeich⸗ nen und mir einen Namen zu erwerben. Das war es, was ich ſagen wollte, Sire! Er iſt alſo ehrgeizig und dürſtet nach Ruhm? Euere Majeſtät, wenn mir der Teufel die Hälfte meiner Lebensjahre abkaufen wollte, indem er mir dafür verſpräche, mir für die andere Hälfte meines Lebens Ruhm, Ehre und Anſehen, und nach meinem Tode ein wenig Nachruhm zu gewähren, ſo würde ich dieſen Handel eingehen, das iſt Alles! 5 Der König lächelte. Und wenn ſolcher Ehrgeiz in Ihm brennt, kann Er doch ſo thöricht und ſo unbe⸗ ſonnen ſein, ſich ſelber zu ſchaden und zu degradiren, indem Er nachläſſig iſt im Dienſt? Wer in den klei⸗ nen Dingen nicht pünktlich und genau iſt, wird es auch nimmermehr in den großen ſein.— Wo war Er dieſe Nacht? Sire, ich war auf der Jagd! Der König ſah ihn mit ſtrengen und durclohren. den Blicken an. Friedrich von Trenck hatte nicht den Muth, dieſelben zu ertragen. Er ſchlug das Auge nie⸗ der und erröthete. Er ſagt mir da eine Unwahrheit, ſagte der König. Bedenke Er ſich eines Beſſern! Wo war Er dieſe Nacht? Sire, ich war auf der Jagd! Er bleibt alſo dabei? Euere Majeſtät, ich bleibe dabei. Und Er behauptet, daß das die Wahrheit ſei? Friedrich von Trenck blieb ſtumm. Er behauptet, daß das die Wahrheit ſei? wieder⸗ holte der König. Der junge Officier hob den Blick empor, und dies Mal hatte er den Muth, den hellen Flammenaugen des Königs zu begegnen. Nein, Sire, ich behaupte das nicht. Er geſteht alſo ein, daß Er mir eine Unwahrheit geſagt hat? Ja, Euere Majeſtät. Weiß Er, daß das ein neues und ſchwereres Ver⸗ gehen iſt? Ich weiß das, Euere Majeſtät, aber ich kann und darf nicht anders handeln. Er will mir alſo nicht die Wahrheit ſagen? — 89— Ich kann es nicht! Auch nicht, wenn ich Ihm mit augenblicklicher Caſ⸗ ſation, mit Feſtungsſtrafe drohe? Auch dann nicht, Majeſtät, denn ich kann nicht. Trenck, Trenck, hüte Er ſich! Bedenke Er, daß Er zu Seinem König und Herrn ſpricht, welcher ein Recht hat, zu fordern, daß man ihm die Wahrheit ſage. Möge Euere Majeſtät mich alſo ſtrafen, wie Sie als König und als Herr das Recht und die Pflicht dazu haben, ich werde es erdulden müſſen! ſagte Trenck, zitternd und leichenblaß, aber ganz entſchloſſen und ſeiner Selbſt gewiß. Der König ging heftig einige Male auf und ab, dann blieb er wieder vor ſeinem Lieutenant ſtehen. Er wird ſich ſogleich bei Seinem Oberſten melden und um Seinen Abſchied bitten! Gehe Er! Friedrich von Trenck erwiderte nichts. Vielleicht war er deſſen nicht fähig. Aber zwei große Thränen rannen langſam über ſeine Wangen nieder, und er ſchämte ſich ihrer nicht. Es war ſeine Jugend, ſein Glück, ſeine Ehre und ſein Ruhm, welches Alles er beweinte. Gehe Er! wiederholte der König. Der junge Officier verneigte ſich tief. Ich danke für gnädige Strafe, ſagte er leiſe, dann wandte er ſich um und öffnete die Thür. Das Auge des Königs war ihm mit ſichtlicher Theilnahme gefolgt. Trenck! rief er jetzt, und als dieſer ſich umwandte und der weitern Befehle harrend, ſchweigend und kerzengerade an der Thür ſtehen bliebp, ging der König haſtig auf ihn zu und reichte ihm die Hand dar. Ich bin mit Ihm zufrieden, ſagte er. Er hat ſich vergangen, aber Er hat in der Seelenangſt, welche Er jetzt geduldet, auch ſchon Seine Strafe empfangen. Ich verzeihe Ihm alſo! Trenck ſtieß einen Schrei des Entzückens aus und neigte ſich über die königliche Hand, die er mit leidene ſchaftlicher Innigkeit an ſeine Lippen drückte. 5 Euere Majeſtät ſchenken mir das Leben wieder, ich danke Ihnen, ſagte er innig. 1 Der König lächelte. Und doch muß Sein Leben wenig Werth für Ihn haben, da Er es ſo leichten Kaufs hingeben wollte. Ich habe Ihm jetzt verziehen, aber ich warne Ihn vor der Zukunft. Sein Sie auf Ihrer Huth, Monſieur, oder der Blitz wird hernieder⸗ fallen und Ihr Haupt zerſchmettern!*) Jetzt war das Auge des Königs drohend und voll finſtern Zorns, und ſeine Stimme war wie das Rol⸗ len des Donners unheilverkündend und ſchreckenvoll. Sie haben Ihr Geheimniß gut bewahrt, fuhr der König fort, Sie haben es nicht verrathen, ſelbſt als ich Ihnen mit ſchwerer Strafe drohte. Das erforderte Ihre Cavaliers⸗Ehre, und ich wundere mich nicht, daß Sie dieſelbe heilig hielten. Aber es giebt noch eine andere Ehre, und dieſe haben Sie heute befleckt, das iſt der Gehorſam gegen Ihren König und Kriegsherrn. Indeſſen verzeihe ich Ihnen, und ich will jetzt nicht als König, ſondern als Freund zu Ihnen ſprechen! Sie ſind auf einem gefährlichen Wege, junger Mann, kehren Sie um, jetzt, da es noch Zeit iſt, kehren Sie um, bevor der Abgrund ſich vor Ihnen aufthut, Sie zu verſchlingen! Niemand kann zweien Herren die⸗ nen, oder nach zweien Zielen ſtreben. Wer Etwas will, der muß es ganz wollen, ganz und ungetheilt, *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Trenck Mémoires. Vol. I. pag. 60. 5 — 91— .— der muß die Kraft haben, allem Andern zu entſagen, Alles hinzugeben an das Eine große Ziel. Alles, ſage ich, ſelbſt ſeine Hoffnungen, ſelbſt ſeine Liebe. Sie aber, junger Mann, Sie wollen den Ruhm und die Liebe zugleich erſtreben, und darüber werden Sie Bei⸗ des verlieren, denn die Liebe macht weichmüthig und muthlos, man geht nicht todesmuthig in die Schlacht, wenn man eine Geliebte zurückläßt, aber die Geliebte verachtet den Mann, welcher nicht als ein Tapferer und Lorbeerbekränzter zurückkehrt. Sein Sie alſo zu⸗ erſt ein Kriegsheld, bevor Sie daran denken, ein Lieb⸗ haber zu ſein, erobern Sie zuerſt Lorbeern und dann ſtreben Sie nach der Myrthe. Oder wollen Sie das nicht, nun, ſo entſagen Sie dem ruhmvollen Stande, den Sie erwählt haben, legen Sie das Schwert bei Seeite, obwohl ich Ihnen verſprechen kann, daß Sie es bald und mit Chren, hoffe ich, gebrauchen ſollen! Aber legen Sie es bei Seite und nehmen Sie dafür die Feder oder den Pflug in die Hand, bauen Sie ſich ein Neſt, nehmen Sie ſich ein Weib und danken Sie Gott, wenn der Himmel Ihnen alle Jahr ein Kind ſchenkt, und der Krieg Ihnen ſo fern bleibt, daß die muthige Kriegerſchaar Ihren Acker und Ihr Garten⸗ land nicht bedroht. Das iſt auch eine Zukunft, nur ſei mit ihr zufrieden, wer den Sinn dazu hat, und deſſen Ohren ſo verſtopft ſind, daß ſie das Schmettern der Kriegstrompete und das Läuten der Allarmglocken, das jetzt überall in Europa die Lüfte durchhallt, nicht vernehmen. Wählen Sie alſo, wollen Sie ein Sol⸗ dat, und will's Gott, bald ein Held ſein, oder wollen Sie ferner— auf die Jagd gehen? Ich will ein Soldat ſein, rief Trenck ganz begei⸗ ſtert und ſtrahlend. Ich will auf dem Schlachtfeld mir Ruhm, Ehre und Anſehen, und vor allen Dingen — 92— die Achtung und Zufriedenheit meines Königs erkäm⸗ pfen, ich will, daß die ganze Welt meinen Namen kenne und ihn hochſchätze! Das iſt fürwahr ein großes und ſchönes Ziel, was Sie ſich da geſetzt haben, ſagte der König lächelnd. Es gehört ein Menſchenleben dazu, um es zu erreichen. Sie werden ihm Vieles opfern müſſen, vor allen Din⸗ gen— Ihre Jagd. Ich weiß nicht, wo und was Sie gejagt haben, und ich will es auch nicht wiſſen, aber rathe Ihnen als Freund, hören Sie auf. Ich habe Ihnen die Wahl gelaſſen, und Sie haben Ihre Wahl getroffen, Sie wollen ein tapferer Soldat wer⸗ den. Nun wohl denn, von jetzt an werde ich gegen jeden Fehltritt, jedes noch ſo kleine Vergehen unerbitt⸗ lich ſein, denn es kommt darauf an, Sie zu dem zu machen, was Sie ſein wollen, ein tapferer und makel⸗ loſer Officier. Ich werde Ihren Oberſten beauftragen, Sie ſtrenge zu überwachen, und mir jeden Fehler, den Sie begangen, zu rapportiren, ich werde Sie beobach⸗ ten laſſen, und wehe Ihnen, wenn ich Sie wieder auf Irrpfaden und Schleichwegen attrappire, denn ich werde dann unerbittlich ſein. Jetzt, Monſieur, ſind Sie gewarnt und können ſich nicht beklagen, wenn das Gewitter dennoch einſt über Sie hereinbricht. Alles, was kommt, haben Sie ſich nun ſelber zuzuſchreiben. Kein Wort weiter! Adieu! Lange noch, nachdem Trenck das Zimmer verlaſſen, ſtand der König gedankenvoll, die Arme über der Bruſt zuſammengeſchlagen, da und blickte nach der Thür hin, durch welche die große und ſchlanke Geſtalt des jun⸗ gen Officiers verſchwunden war. Ein Herz von Stahl, ein Kopf von Eiſen, ſagte der König nach einer langen Pauſe leiſe zu ſich ſelbſt. Er wird entweder ſehr unglücklich oder ſehr glücklich — 93— werden, für ſolche Naturen giebt es keinen Mittelweg! Ah, ich fürchte, es wäre beſſer für ihn, ich hätte ihn entlaſſen, und— Der König endete nicht, er ſeufzte tief auf, und eine Wolke lagerte auf ſeiner Stirn. Sie ſchwand nicht, als er jetzt zu ſeinem Schreibtiſch trat und die⸗ ſes große mit Inſiegeln verſehene Papier ergriff, das er ſorgfältig las, während ein trübes Lächeln allgemach über ſein Antlitz flog. Arme Amalie, ſagte er dann leiſe und kopfſchüt⸗ telnd, arme Schweſter! Sie haben Dich zur Coadju⸗ torin der Aebtiſſin von Quedlinburg erwählt! Ein armſeliger Erſatz für die ſchwediſche Krone, welche ich für Dich gehofft hatte! Nun immerhin, ich werde meine Unterſchrift geben!— 3 Er nahm die Feder und ſchrieb mit haſtiger Hand ſeinen Namen unter das Diplom. Dann blickte er lange und gedankenvoll vor ſich hin. Es iſt mindeſtens eine kleine Sicherſtellung, mur⸗ melte er dann leiſe. Wenn ſie ſich nicht verheirathen will, wird ſie eines Tages Aebtiſſin von Quedlinburg werden. Das iſt immerhin Etwas! Auch Aurora von Königsmark iſt das geworden, aber freilich erſt, nachdem ſie vorher glücklich geweſen! Und der König, gleichſam übermannt von dieſen ſchmerzlichen und unheilsvollen Gedanken und Ver⸗ gleichen, die ſich ihm aufdrängten, hob den Blick em⸗ por zum Himmel und ſagte leiſe: Armes, beklagens⸗ werthes Menſchenherz! Warum hat das Schickſal es ſo weich gemacht, da es ſich doch ſo ſehr verhärten muß, um das Leben ertragen zu können! Er ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſtand lange in tiefen Gedanken da. Dann ſchüttelte er ſein Haupt, wie der Löwe es thut, wenn er das flatternde — 94— kleine Gewürm verſcheuchen will, welches ſeine hohe Stirn beläſtigt.. Hinweg mit den Sorgen! ſagte er. Ich habe jetzt nicht Zeit, als gemüthlicher Hausvater das Glück mei⸗ ner Familie zu bedenken. Mich ruft mein Dienſt und meine Königspflicht! X. Der NRriegsrath. Er durchſchritt raſch das Zimmer und trat in den anſtoßenden Saal, wo die Generäle und Mini⸗ ſter vom König zu einer Berathung zuſammenberufen waren. Jetzt war Friedrich wieder der König und der Feldherr. Eine ſtolze Ruhe lagerte auf ſeiner Stirn, ein imponirendes Feuer leuchtete aus ſeinen Augen. Meſſieurs, ſagte der König, und ſeine Stimme klang ernſt und feierlich. Es iſt vorbei mit den Ta⸗ gen der Ruhe und Gemächlichkeit. Wir haben lange genug geſprochen und diplomatiſirt, wir werden jetzt einmal wieder dreinſchlagen und handeln müſſen. Ich bin dieſes Federkrieges ſatt und ganz ermüdet von die⸗ ſen öſterreichiſchen Intrignen und Winkelzügen. Aber ich will in dieſer wichtigen und ſchweren Sache mich nicht allein auf meine eigene Ueberzeugung verlaſſen ſondern Ihre Anſicht hören und Ihren Rath entgegen⸗ nehmen. Ich will den Krieg nicht, bevor Sie — —— — 95— ſagen, daß ein ehrenvoller Friede nicht mehr möglich iſt. Nur wenn die Ehre meiner Krone und meines Volkes es erheiſcht, werde ich zum Schwerte greifen, aber ich werde es auch dann noch ſchweren Herzens thun, denn ich weiß ſehr wohl, welche Laſt und wel⸗ cher Jammer damit wieder über mein armes Land hereinbrechen wird. Laſſen Sie uns alſo gemeinſchaft⸗ lich jene Papiere, die dort auf dem Tiſche liegen, noch einmal prüfen und genau erwägen, welche Verpflich⸗ tungen und Nothwendigkeiten ſie uns auferlegen! Er trat zu dem in der Mitte des Saales ſtehen⸗ den Tiſch und ſetzte ſich auf den vor demſelben auf⸗ geſtellten Lehnſtuhl. Die Generäle, an ihrer Spitze der alte Deſſauer, Ziethen, Winterfeld und des Königs Liebling Rothenburg, dann die Miniſter und Staats⸗ räthe ſtellten ſich ſchweigend rings um den Tiſch. Die Blicke aller dieſer ſchlachtgewohnten und gereiften Män⸗ ner waren ernſt und trübe auf den König gerichtet, deſſen jugendliches Antlitz allein hell und heiter war, auf deſſen hoher klarer Stirn nicht der leiſeſte Schat⸗ ten ſich zeigte. Der König wühlte mit ſeinen weißen zarten Hän⸗ den unter dem Wuſt dieſer Actenſtücke und Papiere, die Generäle und Miniſter erwarteten ſchweigend die Anrede des Königs. „Es trat eine Pauſe ein, eine Pauſe, gleich der Windſtille, welche einem Gewitter vorherzugehen pflegt. Jedermann war ſich der hohen Bedeutung dieſes Mo⸗ mentes bewußt. Jeder dieſer erfahrenen geſchäftskun⸗ digen Männer ſagte ſich, daß dieſer junge Mann da, welcher mit ſo ſtolzer und feſter Ruhe und Sicherheit, mit ſo heiterm und friedlichem Angeſicht in ihrer Mitte ſich befand, daß er in dieſem Augenblick die Geſchicke Europa's in ſeiner Hand abwog, und daß die Waag⸗ ſchale dahin fallen würde, wohin er ſein Schwert legen würde. Der König hob endlich den klaren Blick wieder empor und ſein Auge ſchweifte mit einem ſcharfen und prüfenden Ausdruck an allen dieſen ernſten und feier⸗ lichen Geſichtern vorüber. Sie wiſſen, Meſſieurs, ſagte der König, daß Ma⸗ ria Thereſia, welche ſich Kaiſerin von Deutſchland und des heiligen römiſchen Reiches nennt, unſern Bundes⸗ genoſſen, den Kaiſer Karl den Siebenten noch immer bekriegt. Ihr Feldherr Karl von Lothringen hat das bairiſch franzöſiſche Heer bei Simpach geſchlagen, und Baiern hat, da es durch Flucht des Kaiſers und Kö⸗ nigs gewiſſermaßen herrenlos war, der Königin von Ungarn, Maria Thereſia, gehuldigt. Sie hat ſich mit England, Hannover und Sachſen verbündet und dieſe vereinten Mächte haben die Armee unſers Bundesge⸗ noſſen, des Königs Ludwig von Frankreich, unter dem Marſchall Noailles geſchlagen. Dieſe Erfolge haben unſere verbündeten Feinde übermüthig gemacht. Sie haben Vieles erlangt, ſie wollen Alles erreichen. Und anſcheinend ſind ſie die Mächtigeren. Holland hat ih⸗ nen ſein Geld und ſeine Mannſchaften angeboten, Sar⸗ dinien und Sachſen ſind jüngſt auch noch dem Ver⸗ trag von Worms, welchen England, Oeſterreich und Holland dort geſchloſſen, beigetreten. Sie haben alſo Truppen, Geld und mächtige Bundesgenoſſen. Wir haben nichts als unſere Ehre, unſer gutes Recht und unſern Degen. Wir ſind die Bundesgenoſſen eines armen, länder⸗ und, was noch ſchlimmer iſt, muth⸗ loſen Kaiſers und des jungen von Höflingen und Mai⸗ treſſen beherrſchten Königs von Frankreich. Unſere Gegner ſind ſich ſehr wohl ihrer Stärke und unſerer Schwäche bewußt. Sehen Sie da, Meſſieurs, dieſen 4 — 97— Brief unſeres Vetters des Königs Georg von England an unſere Muhme die Königin Maria Thereſia von Ungarn. Ein Zufall ſpielte ihn in unſere Hände, oder, wenn Sie wollen, die Gottheit, welche ohne Zweifel über dem Wohle Preußens wacht! Leſen Sie, Meſſieurs. Er reichte dem General Rothenburg ein Papier dar, das dieſer mit gerunzelter Stirn und mühſam unterdrücktem Zorn las und dann dem nächſtſtehenden General darreichte. Der König beobachtete mit ſcharfem Aufmerken die Mienen jedes Leſenden, und je finſterer und zorniger dieſelben ſich zeigten, deſto heiterer und freier erſchien das Angeſicht des Königs. 3 Er nahm mit einem freundlichen Kopfneigen den Brief wieder aus den Händen eines ſeiner Miniſter entgegen, und indem er leicht mit dem Finger darauf deutete, ſagte er: Haben Sie wohl dieſe Zeile beachtet, wo der König ſchreibt:„Madame, was gut zu neh⸗ men iſt, iſt auch gut wieder zu geben!“*) Was derken Sie von dieſen Worten, Herr Fürſt von An⸗ alt? Ich denke, ſagte der greiſe Feldherr, daß wir dem engliſchen König zeigen wollen, wie das, was der Kö⸗ nig Friedrich von Preußen einmal in Händen hält, ihm nicht wieder zu entreißen iſt. Sie meinen alſo, daß unſere Hände ſtark genug ſind, feſtzuhalten? Das meine ich, Majeſtät. Und Sie, Meſſieursd Wir pflichten der Anſicht des Fürſten bei! *) Preuß, Lebensgeſchichte Friedrich's d. Gr. Th. I. pag. 77. Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. II. 7 Und ich darf ſagen, daß Sie da meine eigenen Gedanken ausgeſprochen haben, rief Friedrich mit leuchtendem Angeſicht. Wenn dies alſo Ihre Anſicht iſt, Meſſieurs, ſo freue ich mich, Ihnen ein anderes Document vorlegen zu können. Es hat mir vor al⸗* len Dingen am Herzen gelegen, ſo lange es in mei⸗ nen Kräften ſtand, Deutſchland den Frieden zu erhal⸗ ten; ich habe dieſem Beſtreben meine perſönliche Mei⸗ nung und meinen Ehrgeiz untergeordnet, ich habe die deutſchen Fürſten zu einem Bündniß zum Schutz des deutſchen Kaiſers Karl des Siebenten vereinigt; die frankfurter Union ſollte uns ein Hebel ſein, um Denutſch⸗ land ſeine Freiheit, dem Kaiſer ſeine Würde und Eu⸗ ropa ſeine Ruhe wieder zu geben.*) Aber er ſchwebt kein Glück über den Unionen deutſcher Fürſten, denn es fehlt ihnen die Eintracht. Ein Theil unſerer Bun⸗. desgenoſſen hat uns verlaſſen, unter dem Vorgeben, daß Frankreich nicht die verſprochenen Hülfsgelder zah⸗ len wolle. Und inzwiſchen irrte Karl der Siebente flüchtig umher, ächzte unſer armes Vaterland unter den Bedrängniſſen eines erlahmenden und ausſaugenden Krieges. Dem ſoll und muß ein Ende gemacht wer⸗ den, denn in ſolcher Noth und Verlegenheit iſt es beſ⸗ ſer, eines ehrenvollen Todes zu ſterben, als ein ent⸗ ehrtes, ruhmloſes, von der Gnade unſerer Feinde er⸗ betteltes Leben zu führen. Ich habe nicht die Inſolenz und die Courage der Feigheit, ſo zu leben. Ich will 4 entweder ſterben oder ſiegen. Ich will dieſe höhniſchen Worte des Königs von England mit Blut wegwaſchen, und Schleſien, mein Schleſien, welches ich mir er⸗ obert habe, weil ich ein Recht darauf hatte, vor den feindlichen Einfällen der ungariſchen Königin ſichern. *) Preuß. Th. I. pag. 77. f Sehen Sie alſo da dieſes Document. Es iſt ein Allianztractat, den ich mit Frankreich abgeſchloſſen habe gegen Oeſterreich und zum Schutz des Kaiſers. Se⸗ hen Sie ferner hier dieſes Document. Es iſt ein Manifeſt, welches die Königin Maria Thereſia in ganz Schleſien ausſtreuen läßt und in welchem ſie erklärt, daß ſie ſich nicht mehr an den Breslauer Friedens⸗ ſchluß für gebunden erachte, ſondern Schleſien und die Greaſſchaft Glatz als ihr Eigenthum anſehe. Sie for⸗ dert demzufolge die Einwohner Schleſiens auf, mich zu verlaſſen und ſie als ihre rechtmäßige Erbfrau anzu⸗ ſehen.*) Das iſt ein offener Bruch der Verträge! ſagte einer der Generäle feierlich. Das iſt wider alles Völkerrecht und alle Gerech⸗ tigkeit! rief ein Anderer. Das iſt öſterreichiſche Politik, Meſſieurs! ſagte der König lächelnd. Sie halten ſich an Verträge, welche ihnen läſtig ſind, nur ſo lange gebunden, als die Noth⸗ wendigkeit erfordert, ſie brechen ſie, ſobald ſich ihnen eine vortheilhafte Gelegenheit darbietet. Es kommt ihnen nicht ſo ſehr darauf an, geachtet, als gefürchtet zu werden und vor allen Dingen in Deutſchland keine Gleichberechtigten und keine Nebenbuhler zu haben. Maria Thereſia fühlt ſich jetzt ſtark genug, dieſes Schleſien, welches wir uns erobert haben, ſich wieder zu nehmen und denzzufolge giebt es für ſie keinen Friedensſchluß. Oeſterreich war und iſt der natürliche Feind Preußens; es wird uns niemals verzeihen, daß unſer Großvater ſich aus eigener Machtvollkommenheit zu einem König gemacht hat. Oeſterreich möchte gern den König von Preußen wieder zu dem kleinen Mark⸗ — 4 *) Rödenbeck Tagebuch. pag. 110. — 100— grafen von Brandenburg zuſammenſchrumpfen ſehen und ſich bereichern mit dem, was unſer iſt. Wollen wir das dulden, Meſſieurs? Niemals! riefen die Generäle, und ihre Augen flammten, und die Kriegerluſt blitzte in ihren Zügen auf. Die Königin von Ungarn hat ihre Truppen einen Einfall in die Graſſchaft Glatz machen laſſen. Wol⸗ len wir erwarten, daß ſie dieſes Spiel wiederholt? Wenn ihre Truppen uns einen Beſuch machten, ſo erfordert es die Höflichkeit, daß wir dieſen Beſuch er⸗ widern, ſagte Ziethen mit einem trocknen lautloſen Lachen. Wenn die Königin von Ungarn ein Manifeſt au die Schleſier erlaſſen hat, ſo werden wir vor allen Dingen dieſes Manifeſt zu erwidern haben, ſagte der Staatsminiſter von Görtz. Wenn Maria Thereſia ſo muthig iſt, weil die Bel⸗ lona auch ein Weib und folglich ihre Schweſter iſt, ſo wollen wir ihr beweiſen, daß die Dame Bellona doch lieber mit rüſtigen Männern buhlt, als mit em⸗ pfindſamen Weibern ſchwatzt, ſagte General von Ro⸗ thenburg. Ihre Meinung alſo, Meſſieurs? fragte der König. Sollen wir Frieden haben oder Krieg? Krieg! Krieg! riefen Alle wie aus einem Athem, aus einer Bewegung. Der König erhob ſich aus ſeinem Lehnſeſſel und ſein Adlerauge flammte. Das Wort der Entſcheidung iſt geſprochen, ſagte er feierlich. Möge es denn ſo ſein, wie Sie ſagen! Mögen wir Krieg haben. Meine Herren Generäle, bereiten Sie ſich vor, den Oeſter⸗ reichern den Gegenbeſuch zu machen, von dem der Ziethen ſagt, daß er eine Höflichkeitspflicht iſt. Meine — 101— Herren Miniſter, ſchreiben Sie das Manifeſt, welches das Manifeſt der Königin Maria Thereſia beantwor⸗ ten ſoll. Die Oeſterreicher haben uns in Glatz be⸗ ſucht, nun wohl, beſuchen wir ſie in Prag. Und da Rothenburg meint, daß die Bellona uns Männer doch der Frau Königin vorzieht, ſo wollen wir's einmal verſuchen, ihr einige Zärtlichkeiten und Umarmungen abzugewinnen. Am meiſten, denke ich, wird ſich die Frau Bellona in unſern Fürſten von Anhalt verlieben; er hat ſich ſchon ſo oft weidlich mit ihr herumgeſchla⸗ gen und Sie wiſſen wohl, nur das iſt eine glückliche Ehe, wo der Mann ſchlägt und die Frau ſich blutend unterwirft. Auf denn, Durchlaucht, zum Kampf⸗ und Liebesſpiel mit Ihrer alten Liebſchaft, der Bellona! Auf! meine Freunde Alle! Es iſt vorbei mit der Ruhe! Wir werden Krieg haben und möge Gott unſerer ge⸗ rechten Sache ſeinen Segen verleihen!. Das Rloſter von Camenz. Es war ein ſtiller, wundervoller Morgen. Die Sonne machte die Bergſpitzen des Rieſengebirges hö⸗ her glänzen und umfloß die hohe Schneekoppe mit ſo wunderbarem Licht, daß ſie wie eine wunderbare mähr⸗ chenhafte Rieſenlilie weit hinaus leuchtete und duftete. Die Luft war ſo klar und rein, daß man ſelbſt in weiter Ferne den Anblick des zugleich ſo großartig und ſo maleriſch hingelagerten Gebirges genoß, und 102— ſich einbilden mochte, in wenig Minuten dieſe heitern, lachenden, grünen Bergſpitzen erreichen zu können, welche jeden Beſchauer mit ihrer Anmuth und ihrem majeſtätiſchen Schönheitslächeln zu ſich zu winken ſchie⸗ nen. Selbſt diejenigen, welche lange Jahre ſchon an den Anblick dieſer herrlichen Gegend gewöhnt waren, mußten heute doch davon wie von einer erhöheten Schönheit ergriffen werden, denn die Natur, welche ein Weib iſt, hat auch darin ihre weibliche Eigenthüm⸗ lichkeit, daß ihre Schönheit wechſelt und ſie ihre beaux jours hat, ſo gut wie jedes andere Weib. Die Landſchaft, welche ſich da zu den Füßen dieſer beiden Mönche ausbreitete, die in ſtummer Betrachtung auf der Plattform des Ciſterzienſer Kloſters Camenz auf⸗ und abgingen, dieſe Landſchaft hatte heute wirklich ihren beau jour und ſtrahlte in heiterſtem, ungetrüb⸗ teſtem Gottesfrieden. Wie ſchön die Welt iſt, ſagte einer der beiden Mönche, indem er mit frommem Händefalten hinaus⸗ ſchaute in's Thal. Wie ganz gemacht, um darin ein heiteres, zufriedenes und gottgefälliges Leben zu füh⸗ ren. Seht nur, in welcher heitern Majeſtät ſich dort drüben das Gebirge hinlagert, und wie lieblich und lachend das Thal ſich zu unſern Füßen ausbreitet. Drunten im Flecken Camenz wird's ſchon lebendig, und von der Stadt Frankenſtein herüber vernehme ich ganz leiſe das Geläute der Glocken, welches zum Frühgot⸗ tesdienſt ruft. Wenn's nicht die Sturmglocke iſt, ſagte der zweite Mönch. Der Wind ſteht von uns abgewandt, wir würden das Läuten der kleinen Glocken nicht hören. Es muß ein ſtarkes Geläute ſein, und ich fürchte, es iſt die Sturmglocke. — 103 ⸗ Weshalb ſollten die Frankenſteiner aber die Sturm⸗ glocken läuten, Bruder Tobias? fragte der Andere mit einem ſanften, ungläubigen Lächeln. Weshalb, Bruder Anaſtaſius? Nun, weil die Oeſterreicher vielleicht ſchon ihre Vorpoſten bis nach Frankenſtein geſchickt haben, und weil die Frankenſtei⸗ ner, welche einmal doch dem König von Preußen Treue geſchworen haben, dieſelbe vielleicht auch halten wollen und die wehrhaften Bürger deshalb zum Kampf zu⸗ ſammenrufen. Und Ihr glaubt wirklich, daß die Oeſterreicher uenic nahe ſind? fragte Bruder Anaſtaſius kopfſchüt⸗ telnd. Ich glaube es nicht, ich weiß es, ſagte Tobias bei⸗ nahe flüſternd. Bevor drei Tage vergehen, wird der General Graf von Wallis mit ſeinem Generalſtab in unſer Kloſter einziehen, und im Namen Maria There⸗ ſia's uns den Eid der Treue abfordern. Igyhr könnt noch immer nicht vergeſſen, daß wir einſt Oeſterreichiſch waren, Bruder Tobias. Eure Augen leuchten, wenn Ihr daran denkt, daß die Oeſter⸗ reicher kommen, und Ihr vergeßt, daß Seine Hoch⸗ würden, unſer Abt Tobias Stuſche, von ganzem Her⸗ zen dem König von Preußen ergeben iſt und daß er nimmermehr Oeſterreichiſch werden möchte. Er wird ſich aber doch dazu entſchließen miütſſen, Bruder Anaſtaſius. Das Kriegsglück des preußiſchen Königs iſt zu Ende, und Gott hat ſein Antlitz von ihm gewandt, weil er kein rechtgläubiger Chriſt iſt, ſondern ein ungläubiger Heide und Gottesleugner. Still, Bruder Tobias. Wenn der Abt Euch hörte, würde er Euch wenigſtens zwanzig Paternoſters auf⸗ erlegen, und Ihr wißt wohl, daß das viele Beten ge⸗ rade nicht Eure Sache iſt. S — 104—* Es iſt wahr, ich ſpreche lieber von Politik und Schlachten, und kann's noch immer nicht vergeſſen, daß ich in meiner Jugend ein tapferer Soldat gewe⸗ ſen, der für Oeſterreich mehr als einmal ſein Blut vergoſſen hat. Und ſeht, daher kommt auch meine Anhänglichkeit an Oeſterreich. Ich ſage Euch, ich wollte gern täglich dreißig Paternoſter beten, wenn wir dafür nur wieder Oeſterreichiſch werden könnten. Nun, zum Glück iſt keine Hoffnung dazu da! Zum Glück iſt ſehr viel Hoffnung dazu da. Ihr wißt nur nichts davon, Ihr l ſt Eure heiligen Schriften, ſtudirt in Euren gelehrten üchern und bekümmert Euch wenig, was da draußen vorgeht in der Welt. Ich aber weiß Alles, höre Alles, achte auf Alles, ich ſtudire Politik und Weltgeſchichte, ſo gut wie Ihr die alten Kirchenväter. Nun, Bruder Tobias, ſo laßt mich ein wenig ver⸗ nehmen von Eurem Studium. Ihr habt Recht, ich kümmere mich nicht viel darum und bin des herzlich froh, denn es thut mir immer im Herzen weh, wenn ich von dem Unfrieden und den Zwiſtigkeiten der Menſchen höre, welche doch Gott in die Welt geſchickt, — ſie in Frieden und in Liebe miteinander leben ollen! 4 Wenn's ſo iſt, warum denn hat Gott geduldet, daß wir das Schießpulver erfunden haben? fragte Bruder Tobias mit einem pfiffigen Lächeln. Ich ſage Euch, kraft des Schießpulvers und der blanken Schwerter wird Schleſien bald wieder im Beſitz der rechtgläubi⸗ gen Königin Maria Thereſia ſein. Iſt es nicht klar und offenbar, daß Gott mit ihr iſt, obwohl der Teu⸗ fel anfangs ſchier mächtiger war, als Gott ſelber, und dem Preußenkönig beiſtand mit ſeiner Macht und ſeinem wilden Heer? Denkt doch nur, daß er Bres⸗ — — 105— lau's Thore ſich mit einer Ohrfeige geöffnet hat, daß er im vorigen Jahre Prag faſt ohne Schwertſtreich, nur wie zum Kinderſpiel eingenommen hat, daß er Herr war über ganz Böhmen, und daß er dennoch wie ein Beſiegter es ſchleunigſt wieder verlaſſen mußte, weil Gott ihm einen Feind entgegenſandte, welcher mächtiger iſt als alle menſchlichen Feinde, weil er ihn und ſeine Armee angriff mit dem Hunger, den der tapferſte Soldat eben ſo ſehr fürchtet, wie das furcht⸗ ſamſte, wehrloſeſte, kleine Mägdelein. Der Hunger hat den ſiegreichen König Friedrich von Preußen aus Böhmen vertrieben, der Hunger hat gemacht, daß er mit ſeiner Armee ganz Schleſien geräumt hat und nach Berlin zurückgekehrt iſt.*) Oh, oh, ich ſage Euch, wir werden bald aufgehört haben Preußiſch zu ſein, denn während der König von Preußen ruhig in Berlin verweilt, rücken die Oeſterreicher in die Graf⸗ ſchaft Glatz ein und bringen uns Grüße von unſerer gnädigen Erbfrau, der Königin Maria Thereſia. „Wenn der König von Preußen von dieſen Grüßen hört, wird er ſie mit Kanonenſchüſſen erwidern, Bru⸗ der Tobias! Sagte ich Euch nicht, daß der König ruhig in Berlin verweilt und ſich erholt von dem unglücklichen böhmiſchen Feldzug. Nun, die Oeſterreicher werden ganz Oberſchleſien erobert haben, bevor des Königs Soldaten ſich wieder von ihrer Hungercur erholt ha⸗ ben, denn ich ſage Euch, die Oeſterreicher werden in einigen Tagen ſchon bei uns ſein. Da ſei Gott vor! ſeufzte Bruder Anaſtaſius. Dann würde die Kriegsfackel auf's Neue entbrennen und 9) Preuß, Geſchichte Friedrich's d. Gr. Th. I. pag. 79. 4 — 106— Unglück und Elend auf's Neue über Schleſien herein⸗ brechen. Gewiß wird's das, und ich will Euch noch eine Neuigkeit melden, die ich geſtern, als ich in Franken⸗ ſtein war, vernommen habe. Der König von Preu⸗ ßen, ſagte man, habe ganz in der Stille Berlin ver⸗ laſſen und ſei nach Schleſien abgereiſt, um ſelber zu ſehen, wie weit die Oeſterreicher ſchon vorgedrungen ſeien. Es wäre allerliebſt, wenn der König auch un⸗ ſerm Kloſter einen Beſuch abſtattete, und juſt dann, wann der General von Wallis mit ſeinen Truppen zu uns käme.. Allerliebſt nennt Ihr das? fragte Bruder Anaſta⸗ ſius mit vorwurfsvollen Blicken. Ja, gewiß, denn alsdann wäre die Gefangen⸗ nehmung des Königs unvermeidlich und damit wäre der Krieg für immer beendet, denn Ihr könnt wohl denken, daß die Oeſterreicher den König von Preußen nicht wieder herausgeben würden, bevor er nicht ganz Schleſien als Löſegeld gezahlt. Gott ſei uns gnädig und bewahre uns vor Krieg und Peſtilenz, murmelte Bruder Anaſtaſius, indem er fromm die Hände faltete und leiſe zu beten ſchien. Das dreimalige Anſchlagen einer Glocke im Innern des Kloſters unterbrach ihn in ſeinem Gebet, und machte das volle, runde Geſicht des Bruders Tobias in einem vergnügten Lächeln erglänzen. Sie läuten zum Frühſtück, Bruder Anaſtaſius, ſagte er. Laßt uns alſo eilen hineinzukommen, bevor der Bruder Baptiſt, der immer der Erſte beim Mahle iſt, ſich wieder die beſten Biſſen auf ſeinen Teller hat le⸗ gen können. Kommt, kommt, Bruder Anaſtaſius, und nach dem Frühſtück wollen wir in den Garten gehe und unſere Blumen begießen, wir haben heute eine ——— —õ—ÿ=—— — 107— ſchönen Tag und viel Zeit für unſere Blumen, denn erſt in drei Stunden wird wieder Meſſe geleſen. Kommen Sie alſo, Bruder Tobias, ſagte Bruder Anaſtaſius, und mögen Ihre unglücklichen Prophezei⸗ hungen und Vorausſetzungen ſich nicht erfüllen! Die beiden Mönche gingen in's Haus, und eine tiefe, nur dann und wann von dem Gezwitſcher eines vorüberflatternden Vogels unterbrochene Stille herrſchte jetzt um das Kloſter, deſſen wundervoller, im edelſten Styl des Mittelalters entworfener Bau ſich wunderbar abzeichnete gegen den dunklen tiefblauen Horizont. Es war ohne Zweifel, um die Schönheiten und die Großartigkeit dieſes Gebäudes in Augenſchein zu nehmen, daß die beiden Wanderer, welche langſam auf dem von dem Flecken Camenz zu dem Kloſter hinaufführenden Weg daher kamen, jetzt ſtill ſtanden und ſich mit aufmerkſamen, prüfenden Blicken das Kloſter beſchaueten. 1 Von dem Thurme müßte man eine ſehr ſchöne Avenue haben, ſagte der ältere und kleinere der bei⸗ den Reiſenden zu dieſem hochgewachſenen, ſchlanken Jüngling, der mit bewundernden Blicken die herrliche Gegend ringsum betrachtete. Gewiß, es muß ein herrlicher Punkt ſein, erwiderte er mit einem ehrfurchtsvollen Neigen des Kopfes. Ich meine, ein herrlicher Punkt, um von dort das Land zu überſchauen, um danach ermeſſen zu können, ob wirklich Truppen im Anmarſch ſind, ſagte der Andere mit etwas ſtrengem und haſtigem Ton. Laſſen Sie uns alſo hinaufgehen und den Thurm beſteigen. Der jüngere Mann verneigte ſich ſchweigend und folgte in einiger Entfernung dem raſcher vorwärts ſchreitenden Wanderer. — 108— Jetzt hatten ſie die Plattform erreicht und ſtanden einen Moment ſtill, um Athem zu ſchöpfen. Herauf wären wir, ſagte der Aeltere der beiden Herren, wenn wir nun auch nur erſt wieder hinunter wären. Hinunter mögen wir wohl kommen, es fragt ſich nur wiee ſagte der Andere lächelnd. Sie meinen, ob frei oder als Gefangene? Nun, ich ſehe keine Gefahr. Zudem ſind wir im ſtrengſten Incognito, und Niemand kennt mich hier. Der Abt Amandus iſt todt und der neue Abt iſt mir unbekannt. Eilen wir alſo, ziehen Sie die Glocke, wir wollen in's Kloſter. Der junge Mann war eben im Begriff, dieſem Befehl zu gehorchen, als plötzlich eine Stimme rief: Ziehen Sie nicht die Glocke, ich werde ſelbſt kommen zu öffnen. 1 Der Mann, welcher in der obern Etage an dem offenen Fenſter geſtanden und dem Geſpräch der bei⸗ den Reiſenden zugehört hatte, zog jetzt eilig ſeinen Kopf aus dem Fenſter zurück und verſchwand. Es ſcheint, ich bin hier nicht ſo unbekannt, als ich vermuthete, ſagte der kleinere der beiden Herren mit einem ruhigen Lächeln. Wer weiß, ob dieſe Mönche zuverläſſig ſind und treu, flüſterte der Andere. Nun, Sie werden doch nicht die erhabenen Diener Gottes anzweifeln wollen? Ich meinestheils glaube an ihre Treue, bis ſie mich vom Gegentheil überzeugt haben. Ach, die Thür wird geöffnet. Wirklich that ſich die kleine Kloſterpforte ſo eben auf, und aus derſelben trat ein Mönch hervor, der ſich mit eiligen Schritten den beiden Fremden näherte. Ich bin der Abt Tobias Stuſche, ſagte er le — 109— außerdem ein Mann, welcher dem König Friedrich von Preußen, obwohl er ihn nicht kennt, auf das Treueſte ergeben iſt. Er legte auf dieſe letzten Worte einen beſonderen Nachdruck, welcher dem Fremden, an den ſie gerichtet waren, nicht entging. Sie kennen den König von Preußen, ſagte er, in⸗ dem ſein ſcharfer Adlerblick das gutmüthige und freund⸗ liche Angeſicht des Abtes zu prüfen ſchien. Ich kenne ihn nur dann, wenn der König nicht Incognito ſein will, erwiderte der Abt mit einem feinen Lächeln. Wenn der König hier wäre, würden Sie ihm rathen, Incognito zu bleiben? Ich würde es ihm rathen, denn es giebt Einige unter meinen Mönchen, welche Oeſterreichiſch geſinnt, und wie man ſagt, ſtehen die Oeſterreicher nicht weit von hier! 3 Nach ihnen eben möchte ich von Ihrem Thurm aus ſpähen. Laſſen Sie uns alſo in's Haus gehen. Zeigen Sie uns den Weg. Der Abt erwiderte nichts, ſondern ſchritt eilig wie⸗ der dem Kloſter zu, an deſſen Fenſtern ſein Blick prü⸗ fend vorüberſchweifte. Sie ſind noch Alle im Speiſeſaal, murmelte er, und der hat ſeine Fenſter glücklicher Weiſe nach dem Garten hin. Aber nein, da iſt Bruder Anaſtaſius. Wirklich war es der Bruder Anaſtaſius, welcher da drüben am Fenſter ſtand und mit erſtaunten und theilnahmsvollen Blicken herüberſchaute. Der Abt nickte ihm leicht zu und legte leiſe den Zeigefinger ſeiner Hand auf ſeine Lippen, dann über⸗ ſchritt er haſtig die Schwelle der kleinen Kloſterpforte. Aber der Fremde folgte ihm nicht ſogleich. Er — 110— legte ſeine Hand auf die Schulter des Abtes und fragte ſtrenge: Gaben Sie nicht ſo eben dem Mönch dort ein Zeichen? Ja, das Zeichen zu ſchweigen! erwiderte der Abt, ſich rückwärts wendend und den Fremden mit ſeinen klaren Augen ruhig anſchauend. Laſſen Sie uns vorwärts gehen, Meſſieurs! ſagte dieſer, indem er entſchloſſen die Pforte durſchritt. XII. Der Rönig und der Abt. Schweigend gingen ſie durch die hohe gewölbte Vorhalle und durch die Corridore, welche von den Tritten der Fremden wiederhallten, zu den Gemächern, welche der Abt bewohnte. Als ſich die Thür, welche zu dieſen führte, hinter den drei Männern geſchloſſen hatte und Niemand ſie mehr beobachten und hören konnte, blieb der Abt ſte⸗ hen und ſein Geſicht nahm jetzt den Ausdruck tiefſter Ehrfurcht und feierlicher Rührung an. Er kreuzte die Hände über ſeiner Bruſt, indem er ſich tief verneigte. Jetzt, ſagte er, mögen Euere Ma⸗ jeſtät erlauben, Sie von ganzer Seele willkommen zu heißen. In den Zimmern des Abtes Tobias Stuſche hat der König Friedrich der Zweite nicht nöthig, In⸗ cognito zu bleiben. Geſegnet ſei Ihr Eingang in die⸗ ſes Haus, möge auch Ihr Ausgang geſegnet ſein! König Friedrich lächelte. Das wird am Ende wohl —e⸗ — 111— von Euer Hochwürden abhangen, ſagte er, denn ich wüßte nicht, welche Gefahr ſonſt uns bedrohete. Es war allerdings nicht meine Abſicht, ſo weit zu gehen und meine Recognition ſo weit auszudehnen. Aber was wollen Sie, Herr Abt. Man iſt nicht bloß Kö⸗ nig und Soldat, ſondern auch Menſch und zwar ein Menſch, welcher ein offenes Auge und ein offenes Herz für die Schönheiten der Natur hat und Gott am liebſten in ſeiner Schöpfung anbetet. Ihr Kloſter lockte mich mit ſeiner Schönheit, und ſo bin ich, ſtatt mein Pferd zu beſteigen und nach Frankenſtein zurück zu reiten, vorher noch hier herauf gekommen, um ein wenig Ihr Kloſter zu bewundern und die Ausſicht von Ihrem Thurm zu genießen. Das iſt Alles! Laſſen Sie mich erſt ein wenig ausruhen, geben Sie mir ein Glas Wein und dann ſteigen wir auf den Thurm! Es lag ſo viel ruhige Zuverſicht, ſo viel erhabenes Selbſtbewußtſein in der Weiſe des Königs, daß der arme, von unheimlichen Ahnungen geängſtigte Abt nicht den Muth hatte, dieſelben auszuſprechen, ſondern ſeufzend, und gleichſam um Beiſtand flehend, zu dem jungen Begleiter des Königs, welcher Niemand Anders war, als der Officier ſeiner Leibgarde, Friedrich von Trenck, hinüberblickte. „Aber dieſer ſchien vollkommen die Sorgloſigkeit ſeines königlichen Herrn zu theilen. Sein Geſicht war ruhig und lächelnd und den Blick des Abtes ſchien er gar nicht zu verſtehen. 3 Erlauben mir Euere Majeſtät, daß ich ſelbſt und ich allein die Ehre habe, Sie zu bedienen, ſagte er. Ich bin ſo eiferſüchtig auf das hohe Glück, welches mir heute widerfährt, daß ich es mit Niemandem thei⸗ len möchte, ſelbſt nicht mit meinen Mönchen. 3 — 112— Der König lachte. Geſtehen Sie nur, Hochwür⸗ den, daß Sie Ihren Mönchen nicht trauen und nicht wiſſen, ob dieſe Alle ſo gut Preußiſch, wie Sie ſelber es zu meinem Glücke ſind. Geben Sie mir alſo, wenn es Ihnen gefällig iſt, mit Ihren eigenen from⸗ men Händen ein Glas Wein. Ich habe nicht nöthig zu ſagen, ein gutes, denn die Kloſterherren verſtehen ſich darauf und führen keinen ſchlechten. Der König ließ ſich behaglich in einen Lehnſeſſel nieder und unterhielt ſich heiter und fröhlichen Muthes mit ſeinem Adjutanten und dem würdigen Abt, wel⸗ cher in geſchäftiger Eile hin und wieder ging, und aus Wandſchränken und kleinen, in dem Fußboden an⸗ gebrachten Behältern Wein, Früchte und Backwerk herbeiholte. 6 Dieſe von Nichts unterbrochene klöſterliche Stille, dieſe tiefe, ſchweigende, köſtliche Ruhe, die ihn umgab, ſchien dem König wohl zu thun. Sein Antlitz war von leuchtender Schönheit, und jenes zugleich ſanfte und imponirende Lächeln, welches nur ſelten auf ſeinen Lippen ſich zeigte, dann aber wie die Sonne alle Her⸗ zen erwärmte, ſtrahlte jetzt in ſeinen Zügen. Einige Stunden waren ſo vergangen, Stunden, welche der König nicht zu beachten ſchien, die aber das Herz des armen Abtes mit Furcht und Schrecken erfüllten. Jetzt, ſagte der König, indem er ſich endlich er⸗ hob, jetzt bin ich ausgeruht, erfriſcht und geſtärkt. Führen Sie mich auf den Thurm, Hochwürden, und dann kehre ich zurück nach Frankenſtein. Es giebt glücklicherweiſe einen Gang nach dem Thurme, der nur von den Aebten betreten wird und auf dem wir ſicher ſind, Niemanden zu begegnen, ſagte Tobias Stuſche. Euere Majeſtät müſſen nur 2 — 113— verzeihen, daß dieſer Gang dunkel iſt und über manche kleine Treppe und Irrpfade dahin geht. Der König lächelte. Das iſt ja wie der Weg zur ewigen Seligkeit, ſagte er, durch Nacht zum Licht, durch Irrpfade zum Wege der Erkenntniß! Nen ja, ein wenig Erkenntniß will ich mir von dem Thurm ho⸗ len. Sie haben doch mein Fernglas, Trenck? Der Adjutant bejahete und ſchweigend gingen ſie ſodann über die Corridore, die Treppen und endlich die letzte Wendeltreppe hinauf, welche zu der Platt⸗ form des Thurmes führte. Eine wundervolle Ausſicht bot ſich hier den Blicken der Beſchauer dar. Ringsum begrenzten den Horizont die ſo majeſtätiſchen und graziöſen Berge von Porphyr, dieſer vriin Ablagerung der reizenden Urwelt, mit. welcher ſich aus der harten erſtarrenden Maſſe die Form und die belebte, blühende Schönheit emporge⸗ hoben hat. Dazwiſchen leuchtete die Rieſenkoppe mit ihrer Schneeſpitze wie ein großer Gottesfinger zum Himmel auf und contraſtirte wundervoll zu den ſtol⸗ zen kegelförmigen, grünbewaldeten Höhen, auf denen die Sonnenſtrahlen im gaukelnden, vielfarbigen Spiel ſich lagerten. Der König blickte mit ſtrahlenden Augen auf die⸗ ſes Bild hin und ein Ausdruck tiefer, andächtiger Rührung ſprach aus ſeinen Zügen. Aber mit dieſer ängſtlichen Scheu, welche ſo leicht denen eigen iſt, die durch ihre Stellung oder durch ihr Genie von der übrigen Menſchheit iſolirt ſind und ſich gewöhnt ha⸗ ben, ſich ſelber zu genügen und keines Vertrauten für ihre Gedanken und Gefühle zu bedürfen, mit dieſer ängſtlichen Scheu großer Seelen, wollte der König ſeine Rührung und Andacht vor Niemand ſehen laſſen. Er fühlte das Bedürfniß, allein zu ſein, und verab⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. II. 8 — 114— ſchiedete den Abt und den Adjutanten, indem er ſie aufforderte, ihn unten in den Zimmern des Abtes zu erwarten. Und nun, überzeugt, daß Niemand ihn belauſchen, Niemand ſein Antlitz beobachten könne, überließ der König ſich ganz dieſen erhabenen, heiligen Gefühlen, die ſein Inneres bewegten. Mit leuchtenden Augen blickte er hin auf dieſes bezaubernde, lachende Bild, das im heiterſten Sonnen⸗ glanz ihn rings umgab. Gott, Gott, ſagte er leiſe, wer könnte an Dir zwei⸗ feln und Deine Ewigkeit und Weisheit leugnen, wenn er die Schönheit, die Harmonie und Ordnung der Natur betrachtet!*) Oh, mein Gott, ich bete Dich an in Deinen Werken und neige mein Haupt in An⸗ dacht vor Deiner Herrlichkeit. Warum laſſen die Men⸗ ſchen ſich nicht genügen an dieſer großen geheimniß⸗ vollen, erhabenen und ewigen Kirche, mit welcher ſie Gott rings umgeben hat, warum gehen ſie nicht beten in der großen Kirche Natur, warum ſchachteln ſie ſich ein in dieſe von Menſchenhänden erbauten und mit Menſchenzwiſt und Menſchenneid und Hochmuth er⸗ füllten Kirchen von Sand und Mörtel, und hören da ihre ſcheinheiligen Prieſter, anſtatt Gott zu hören da draußen in der ſchönen Gotteswelt? Sie ſagen und ſchreien von mir, ich ſei ein Ungläubiger, doch iſt meine Seele voll des Glaubens an Gott, und ich bete zu ihm, nicht mit den Worten der Pfaffen, aber mit den Worten meiner eigenen Seele! Er ſchwieg und blickte in einer Art lächelnder Ver⸗ zückung auf das wundervolle Panorama zu ſeinen Fü⸗ *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes. Vol, II, pag. 162. 4 — — 115— ßen hin. Seine Gedanken, welche bei Gott geweſen waren, ſtiegen jetzt wieder zur Erde hernieder, wie ſeine Blicke umherſchweiften in dieſem köſtlichen man⸗ nigfachen Thal, das da unten in der Tiefe der Berge lag, wie der gemalte Grund einer großen urweltlichen Vaſe. Er zählte mit ſeinen Augen dieſe kleinen Städte und Flecken mit ihren rothen Ziegeldächern und ihren ſtolz emporſtrebenden Kirchthürmen, dieſe vielen hier und dort verſtreuten Dörfer und Bauernhöfe mit ihren dunklen Strohdächern, auf deren äußerſten Spitzen die Störche in gravitätiſcher Ruhe in ihren Neſtern ſtanden. Dies Alles iſt Mein, und ich habe es mir erobert, rief der König jubelnd laut. Es iſt Mein und ich werde es mir nicht entreißen laſſen, und ich werde Maria Thenrſ beweiſen, daß, was gut zu nehmen war, nicht gut wiederzugeben iſt. Nein, nein, Schle⸗ ſien bleibt Mein, in ihm ruht meine Ehre, mein Stolz und mein Ruhm! Ich werde es niemals wieder herausgeben, und müßte ich es mit Strömen von Menſchenblut, ja meinetwegen mit meinem eigenen Blut, meinem eigenen Leben erkaufen! Er nahm wieder ſein Glas zur Hand und ſchaute wieder hin auf dieſe lachende, üppige Landſchaft. Plötz⸗ lich ſtutzte der König und heftete ſein Glas unver⸗ wandt auf einen Punkt. Er ſah da inmitten eines grünen Thals, durch welches ſich die Landſtraße wie ein grauer Fluß hin⸗ ſchlängelte, ſich eine ſeltſame ſchillernde Maſſe regen. Anfangs erſchien ſie nur wie ein Haufen wimmelnder Ameiſen, bald aber nahmen dieſe Rieſenformen an, bis ſie ſich, immer näher kommend, zu menſchlichen Geſtalten dehnten und ſtreckten, und man in ihnen 8* — 116— ganz deutlich eine Colonne marſchirender Soldaten er⸗ kennen konnte. Oeſterreicher! ſagte der König vollkommen ruhig, indem er ſein Fernglas nach der entgegengeſetzten Richtung hinwandte. Dort führte eine Straße von dem ſich hier ſanft ablagernden Berge hinab in's Thal, und auch hier war die Straße ganz bedeckt mit Sol⸗ daten, welche im Sturmſchritt den Weg zum Kloſter hinaufmarſchirten. 3 Es iſt keine Frage, ſie wiſſen, daß ich hier bin, ſagte der König. Sie haben es unten im Flecken er⸗ fahren und kommen jetzt mich aufzuheben! Eh bien, nous verrons!. So ſprechend, ſteckte der König das Fernglas in ſeine Buſentaſche, ſtieg die Wendeltreppe hinunter und kehrte gelaſſen und ruhig in das Zimmer des Abtes zurück. Meſſieurs, ſagte er, und ein heiteres Lächeln um⸗ ſpielte ſeine Lippen, als er die unbefangenen und harmloſen Geſichter des Abtes und des Officiers be⸗ trachtete, Meſſieurs, wir werden darauf denken müſſen, uns zu vertheidigen, denn die Oeſterreicher rücken von allen Seiten zu dem Kloſter herauf. Meine Ahnungen, meine Ahnungen, murmelte der Abt, indem er die Hände faltete und leiſe Gebete murmelte, während Trenck zum Fenſter hinſtürzte und ſpähenden Blickes hinausſchaute. In dieſem Moment ward heftig an die Thür ge⸗ klopft und eine Stimme von draußen rief mit angſt⸗ vollem Ton nach dem Abt. 3 Es iſt Alles verloren, die Oeſterreicher ſind ſchon da! jammerte Tobias Stuſche, verzweiflungsvoll die Hände ringend. Nein, ſagte der König, ſie können noch nicht die — 117— Höhe erreicht haben, auch iſt das da nicht die Stimme eines Soldaten, welcher befiehlt, ſondern eines Mönches, welcher bittet und faſt vor Angſt vergeht. Oeffuen wir alſo. Mein Gott, Euere Majeſtät wollen ſich doch nicht ſelbſt verrathen, rief Tobias Stuſche, und aller Etikette vergeſſend, ſtürzte er zu dem König hin und legte ſeine Hand auf deſſen Arm, um ihn zurückzuhalten. Nein, ſagte der König, ich will mich nicht verra⸗ then, aber auch nicht verbergen. Ich will meinem Schickſal die Stirn bieten. Aufgemacht, um Gotteswillen aufgemacht! rief draußen die Stimme. Er bittet um Gotteswillen, öffnen wir alſo, ſagte der König, indem er raſch das Zimmer durchſchritt, den Riegel zurückſchob und die Thür öffnete. Jetzt ſah man das bleiche, angſtvolle Geſicht des Bruder Anaſtaſius in der Thür erſcheinen, welche er Pani überſchritt und dann den Riegel wieder vor⸗ ob. „Verzeihung, ſagte er bebend und athemlos, Ver⸗ zeihung, daß ich es wage, hier einzutreten. Aber es iſt die höchſte Gefahr. Die Oeſterreicher umzingeln das Kloſter. Sind ſie ſchon oben? fragte der König. Nein, aber ſie haben einen Reiter voraufgeſandt, der verlangt, daß wir alle Pforten öffnen und die Soldaten der Kaiſerin Maria Thereſia in unſer Klo⸗ ſter einziehen laſſen. Haben ſie keinen Grund für ihr Verlangen ange⸗ geben? Ja wohl. Sie ſagen, ſie wüßten ganz gewiß, daß der König von Preußen ſich hier verſteckt halte und deshalb kämen ſie, das Kloſter zu durchſuchen. — 118— Und habt Ihr ihnen nicht geſagt, daß wir nicht bloß die Diener Gottes, ſondern auch des Königs von Preußen ſind? fragte der Abt. Habt Ihr ihnen nicht geſagt, daß die Pforten unſeres Kloſters ſich nur preu⸗ ßiſchen Truppen öffnen können? 3 Ich ſagte es dem Soldaten, aber er lachte dazu, und meinte, die Panduren des Oberſt von Treuck wüßten ſich überall Eingang zu verſchaffen. Ah, es iſt der Trenck mit ſeinen Panduren, rief der König, und ſein ſcharfes Auge flog einen Moment hinüber zu Friedrich von Trenck, welcher bleich und mit feſt zuſammengepreßten Lippen daſtand, aber vor den Blicken des Königs nicht die Augen zu Bo⸗ den ſchlug. 1 Iſt der Trenck Euer Verwandter? fragte der Kö⸗ nig haſtig. 1 Ja, Majeſtät. Er iſt meines Vaters Bruder⸗ Sohn, ſagte der junge Mann ſtolz. Ach, ich ſehe wohl, daß Er ein gutes Gewiſſen hat, rief der König, ſeinem Adjutanten lächelnd die Hand auf die Schulter legend. Aber ſagt mir, Herr Abt, wißt Ihr kein Mittel, uns aus dieſer Mauſefalle herauszuhelfen? Tobias Stuſche antwortete nicht ſogleich. Er ſtand mit übereinander geſchlagenen Armen ſinnend da. Plötzlich richtete ſich ſeine Geſtalt, wie von einem kräftigen Entſchluß gehoben, höher auf und ein Aus⸗ druck feſter Energie ſtrahlte von ſeinem Antlitz. Wollen Euere Majeſtät das Mittel ergreifen, welches ich Ihnen darzubieten wage? Wenn es kein unehrenhaftes iſt, ſo will ich es, denn ich bin es meinem Volke ſchuldig, daß ich mich ihm erhalte und es kein Löſegeld bezahlen laſſe. Nun, dann hoffe ich mit Gottes Hülfe Euere — 119— Majeſtät zu retten, ſagte der Abt, und indem er ſich zu dem Mönch wandte, fuhr er mit dem ſtrengen ſtolzen Ton eines Gebieters fort: Bruder Anaſtaſius, hört nun meine Befehle. Ihr begebt Euch ſogleich zum Meßner und befehlt ihm in meinen Namen, ſo⸗ fort alle Brüder zur Mette und zum Complett auf das hohe Chor der Kirche zuſammenzurufen, aber droht ihm zugleich mit meinem Zorn und mit ſtren⸗ ger Strafe, wenn er es wagt, mit irgend einem der Brüder ſich in ein Geſpräch einzulaſſen. Ich werde ſehen und prüfen, ob jeder Bruder weiß, daß der klöſterliche Gehorſam ſeine erſte Pflicht iſt. Während der Meßner die Geiſtlichen zuſammenruft, ſoll der Glöckner zur Mette rufen! Eilt Euch, Bruder Ana⸗ ſtaſius. In zehn Minuten müſſen wir Alle in der Kirche verſammelt ſein.— MUInd indem Ihr eine heilige Meſſe celebrirt, glaubt Ihr mich zu retten? fragte der König achſelzuckend. Ja, Sire, das glaube ich. Haben Euere Ma⸗ jeſtät nur die Gnade, mich in meine Garderobe zu begleiten. XIII. Der nie geſehene Abt. Ddie Glocke läutete immerfort und durchhallte mit ihrem Silberton die weiten Räume und Corridore, durch welche die Geiſtlichen in ihren Feſtgewändern — 120— und im heiligen Ordensſchmuck nach der Kirche hin⸗ eilten, um das Hochamt zu begehen. Auf Aller Geſichter zeigte ſich Verwunderung und Staunen, auf Aller Lippen brannte eine neugierige Frage, die indeſſen von dem pflichtgemäßen Gehorſam dort zurückgehalten ward. Der Abt hatte ſtrengen Befehl erlaſſen, daß Keiner der Brüder mit dem Andern ein Wort wechſeln dürfe. Man mußte alſo dieſem Befehl gehorchen, ſo ſchwer es immer ſein mochte. 1 Schweigend alſo begaben ſich die Mönche auf das hohe Chor und in den untern Raum der Kirche. Jetzt verſtummte die rufende Glocke. Vom hohen Chor hernieder ertönte die Orgel und erfüllte mit ihrem machtvollen Strom von Harmonie und Melodie die ganze Kirche. Allmälig wurden ihre Klänge leiſer, inniger, und jetzt hob ſich der Geſang der Männer mit voller Kraft und Innigkeit über den Orgeltönen empor. Und während die Orgel rauſchte und der bheilige Geſang die Kirche erfüllte, trat der Abt Tobias Stuſche durch das große Hauptportal in die Kirche ein. Aber dies Mal war er nicht, wie ſonſt, allein. Ein anderer Abt, im Chorkleide eines hohen Feſttages, ging an ſeiner Seite, ein Abt, den keiner der Brüder kannte, den keiner von ihnen jemals geſehen. Aller Blicke wandten ſich zu ihm hin, Jeder war ergriffen von dieſem hoheitsvollen, edlen Angeſicht, von dieſer imponirenden Stirn, von dieſen leuchtenden Augen, die ringsumher forſchende oder drohende Blicke zu ſenden ſchienen. Jeder fühlte, daß es etwas Unge⸗ wöhnliches, Seltfames ſei, was ſich da vor ihnen be⸗ gab, daß dieſer in Schönheit, Jugend und Majeſtät — 121— ſtrahlende Prieſter kein gewöhnlicher Abt, kein demü⸗ thiger, friedlicher Bruder ſei. Aber der Befehl zu ſchweigen war gegeben, und der klöſterliche Gehorſam iſt die erſte Pflicht. Man ſchwieg alſo und ſang und betete, während Tobias Stuſche mit dem fremden Abt langſam und feierlich die Kirche durchwallte und mit ihm zu dem Altar hinſchritt. Dort ließen ſich Beide auf ihre Kniee nieder und falteten ihre Hände zu ſtillem Gebet. Und weiter rauſchte die Orgel und der heilige Ge⸗ ſang, und doch waren Aller Blicke und Aller Gedan⸗ ken auf den fremden Abt gerichtet, der da drüben am Hochaltar knieete und inbrünſtig zu beten ſchien. Jetzt verſtummte die Orgel und der heilige Geſang. Das leiſe Gebet begann. 1 Die Mönche murmelten mechaniſch die gewohnten Gebete, und ſchauten hinüber zu den beiden Aebten, die vor dem Altar knieeten. Man hörte nichts, als das leiſe Murmeln und Beten, das in den hohen Räumen der Kirche wie angſtvolle Seufzer verhallte und leiſe an den Mauern und Säulen erſtarb. Plötzlich aber ward dieſe Stille durch lautes Ge⸗ räuſch von außen unterbrochen. Man hörte Kolben aufſtoßen, und drohende Stimmen, welche Einlaß be⸗ gehrten. Niemand aber wehrte ihnen. Die Kirchthüren wur⸗ den ungeſtüm aufgeriſſen, ſonnenverbrannte, wilde Ge⸗ ſtalten, drohende Geſichter zeigten ſich, lautes Rufen und Poltern erfüllte einen Moment die Kirche, aber es verſtummte vor der heiligen Handlung, welche da celebrirt ward, vor dieſen betenden, knieenden Mön⸗ chen, welche den Roſenkranz in ihren Händen drehten, — 122— und gar keinen Blick, keine Theilnahme für die ſo lä⸗ ſterlich eingedrungenen wilden Krieger hatten. Die wilden Söhne des Krieges neigten demuths⸗ voll ihr Haupt auf ihre Bruſt und beteten, aber nach⸗ dem ſie die Pflicht der heiligen Religion erfüllt hatten, dachten ſie jetzt wieder an ihre weltliche Pflicht, erin⸗ nerten ſie ſich, daß ſie gekommen ſeien, die Kirche zu durchſuchen und nach dem König von Preußen zu ſpä⸗ hen, welcher da verborgen ſein konnte. Ihre ſporenklirrenden Schritte hallten wieder in dem langen Schiff der Kirche, und übertönten die lei⸗ ſen Gebete und die angſtvollen Seufzer der Mönche, welche ganz Anbetung und Andacht in den Kloſterſtüh⸗ len knieeten, während die Panduren, in ihrer bunten, maleriſchen Tracht, mit dem an den Schultern be⸗ feſtigten kurzen rothen Mäntelchen, die Kirche durch⸗ ſchwärmten, und mit blitzenden Augen und mühſam unterdrückten Flüchen hinter jedem Pfeiler und in je⸗ der Niſche nach dem König von Preußen ſuchten. Wie oft kamen dieſe wilden Geſtalten vorüber an den beiden Aebten, welche da noch immer in regungs⸗ loſer Andacht vor dem Altar knieten, wie oft ſtreiften ihre auf dem Fußboden klirrenden Schwerter das Ge⸗ wand des fremden Abtes, der, das Haupt auf ſeine Bruſt geneigt, gar keinen Blick, keine Beachtung für ſie hatte. Aber das ſtille Gebet hatte ſchon ungewöhnlich lange gedauert, und der Abt gab noch immer nicht das Zeichen, daß der Gottesdienſt beendet ſei. Jetzt indeſſen gab er ein Zeichen, aber nicht das erwartete. Er erhob ſich von ſeinen Knieen, aber nicht um fortzugehen, ſondern um mit ſeinem Begleiter die Stufen des Altars hinaufzuſchreiten und dem heiligen Crucifix ſich zu nahen, und die heilige Monſtranz ein⸗ 6 —,— — 123— zuſegnen. Dann winkte er hinauf nach dem hohen Chor, und auf's Neue ertönte die Orgel und der Ge⸗ ſang. Das war etwas ſo Unerhörtes, nie Erlebtes, daß die Mönche erbleichten und ſich angſtvoll und grauſend ſelber fragten, ob ſie irgend ein Verbrechen begangen hätten, und dafür von ihrem geſtrengen Abt mit nie endendem Gottesdienſt geſtraft werden ſollten. Die Panduren ahnten nichts von dieſer ſich ver⸗ doppelnden Meſſe. Sie hatten die ganze Kirche durch⸗ ſucht, und da ſie dort den König nicht gefunden, ſtürm⸗ ten ſie hinaus, um noch einmal alle Zellen und Win⸗ kel des Kloſters zu durchſpähen. Der Gottesdienſt ging weiter. Der fremde Abt ſtand vor dem Hochaltar, abgewandt von der Kirche, während Tobias Stuſche die heilige Monſtranz ergriff und ſie den Mönchen zeigte. In dieſem Moment erſchallte draußen lautes Triumphgeſchrei und Fluchen und Lachen. Die Mönche waren zu ſehr in den Anblick der heiligen Monſtranz vertieft, um ſich von dieſem Geſchrei ſtören zu laſſen. Sie ſangen und beteten weiter, und allmälig legte ſich da draußen der Lärm, und das Geſchrei ver⸗ ſtummte. Allmälig ward es ſtill, ſo ſtill, daß, obwohl die Orgel und der Geſang jetzt ſchwieg, und das ſtille Gebet begonnen hatte, man doch nichts mehr vernahm, als das leiſe Murmeln der Gebete und das Summen ber verhallenden, noch in der Luft zitternden Orgel⸗ öne. Die Panduren hatten das Kloſter wieder verlaſſen, aber ſie hatten den Adjutanten des Königs gefunden und ihn mit ſich fortgeſchleppt, um ihn als gute Beute ihrem Hauptmann von Trenck zu bringen. Die Panduren hatten das Kloſter verlaſſen! Es — 124— war alſo nicht nöthig, den Gottesdienſt noch weiter fortzuführen. Tobias Stuſche ſtimmte das Paternoſter an, und reichte dann dem fremden Abt die Hand, um mit ihm die Kirche wieder zu verlaſſen. Wie ſie lang⸗ ſam und majeſtätiſch dahin ſchritten, neigten ſich vor ihnen die Häupter der Mönche, begann die Orgel den Schlußaccord zu rauſchen, und durch die Glasmale⸗ reien der hohen Fenſter warf die Sonne ihre blinken⸗ den Liebesgrüße. Es war ein eigenthümlicher, feier⸗ licher Anblick, und der fremde Abt mochte ſelber davon ergriffen ſein, denn er wandte ſich an der Thür noch einmal um, und ließ ſeine Blicke langſam noch ein⸗ mal die Kirche durchſchweifen, bevor er dem Abt folgte. TEine Stunde ſpäter rollte die ſchwere Staatscaroſſe des Abtes den Kloſterberg von Camenz herunter. In dem Wagen ſaß Tobias Stuſche mit dem fremden Abt. Sie ſchlugen die Straße nach Frankenſtein ein. Un⸗ weit des Thores hielt der Wagen an, und zur Ver⸗ wunderung des Kutſchers war es nicht ein Abt, wel⸗ cher aus dem Wagen ſtieg, ſondern ein Soldat in der wohlbekannten preußiſchen Uniform. Nachdem er den Wagen verlaſſen, neigte er ſich noch einmal zurück zu dem würdigen Abt Tobias Stuſche. Ich werde Euerer Hochwürden dieſe That niemals vergeſſen, ſagte der König, dem Abt ſeine Hand dar⸗ reichend. Sie, ſowie Ihr Kloſter können allezeit auf meine beſondere Gnade rechnen, denn ohne Ihre Bei⸗ hülfe wäre ich heute in eine unwürdige und ſchmäh⸗ liche Gefangenſchaft gerathen. Die erſte reiche Abtei, welche erledigt iſt, gebe ich Ihnen, und werde dann ſchon im Voraus, und dies für alle kommenden Zei⸗ —„ — Gr. pag. 37 u. folgd. — 125— ten, die Wahl beſtätigen, welche die Mönche in Betreff eines andern Abtes vornehmen wollen.*) Oh, mein Gott, rief Tobias Stuſche gerührt, wie ſelten muß es doch ſein, daß Euere Majeſtät redlichen und treuen Menſchen begegnen, da Euere Majeſtät die einfachſte und natürlichſte That der Treue ſchon ſo reichlich belohnen. Die Treue iſt auch ſelten, ſagte der König mit einem traurigen Lächeln. Ich bin dieſer blauäugigen Himmelstochter ſelten auf meinem Pfade begegnet, und vielleicht kommt es daher, daß mir ihre Schönheit und Größe immer ſo bezaubernd und imponirend erſcheint. Leben Sie wohl, Herr Abt, und grüßen Sie mir den Bruder Anaſtaſius! Und Euere Majeſtät will mir nicht erlauben, Sie bis in die Stadt zu fahren? Es iſt beſſer, ich gehe zu Fuß. In einer Viertel⸗ ſtunde bin ich dort. In der Stadt erwartet mich mein Wagen und meine Dienerſchaft, und ich wünſchte nicht, *) Der König gab dem Abt Tobias Stuſche, aus Dankbarkeit für dieſe Rettung, bald darauf die reiche Abtei Leubus, und blieb auch außerdem in fortgeſetztem Verkehr mit ihm. Es exiſtiren meh⸗ rere eigenhändige Briefe von ihm an den Abt, die in ſehr gnädigem und herzlichem Ton geſchrieben ſind. Auch ſandte der König ihm ſpäter von Meißen aus ein ſehr ſchönes Porzellanſervice, Champag⸗ nerwein und ſchöne Stoffe zum Pontificiren, und lud ihn zwei Mal, wenn er in Breslau war, zum Beſuch zu ſich ein. Als dann bald nach dem ſiebenjährigen Kriege der Abt Tobias Stuſche ſtarb, ſandte der König dem Kloſter ein anſehnliches Geſchenk mit der Bitte, da⸗ für am Namenstage des Abtes ein feierliches Todtenamt zu halten. und als er ſpäter einmal bei der Durchreiſe in Camenz anhielt, ſagte er zu dem Abt: Er ſolle dem erſten Geiſtlichen, welcher im Kloſter ſterben würde, auftragen, den guten Tobias Stuſche in der Ewigkeit zu grüßen. Siehe: Rödenbeck, Beiträge zur Lebensge⸗ ſchichte Friedrich des Großen pag. 499.— Müchler, Friedrich d. — 126— daß irgend Jemand ſobald von dem Abenteuer dieſes Tages erführe. Es bleibt ein Geheimniß unter uns, Herr Abt. Er grüßte noch einmal mit der Hand und ging dann leichten Schrittes auf der nach der Stadt füh⸗ renden Straße weiter, während der Abt Tobias Stuſche ſeinen Wagen umlenken ließ, und langſam wieder nach dem Ciſterzienſerkloſter zurückfuhr. Der König indeß war noch nicht weit gegangen, als das Geräuſch eines im Trabe hinter ihm herkom⸗ menden Pferdes ſein Ohr erreichte. Er ſtand ſttlll und blickte fragend die Straße hinunter. Dies Mal war es keine öſterreichiſche Uniform, welche der König da erblickte. Sein ſcharfes Auge er⸗ kannte ſchon in weiter Ferne die preußiſchen Farben, und wie das Pferd näher und näher herantrabte, ward die Uniform eines Officiers der königlichen Leibgarde kenntlich. Bevor Friedrich indeß Zeit fand, Erſtaunen und Verwunderung zu empfinden, hatte der Reiter ihn er⸗ reicht und hielt mit einem kräftigen Ruck ſein Pferd an. Indem er ſich ſchnell aus dem Sattel ſchwang, verneigte er ſich ehrerbietig vor dem König und reichte ihm die Zügel dar. Wollen Euere Majeſtät nicht die Gnade haben, das Pferd zu beſteigen? fragte Friedrich von Trenck ganz ruhig und unbefangen, und ohne auch nur mit einem Blick, einem Lächeln an die Abenteuer des heu⸗ tigen Tages zu erinnern. Der König betrachtete ihn mit ſcharfen, forſchenden Blicken. Woher kommen Siee fragte er ſtrenge. Aus Glatz, wohin die Panduren mich als Gefan⸗ genen zum Oberſten von der Trenck geführt hatten. e— Straße nach Frankenſtein, Beide ſchweigend, Beide auch — 127— Sie waren alſo Gefangener und man entließ Sie ohne Löſegeld? Der Oberſt von Trenck lachte, als ſeine Panduren mich ihm brachten und behaupteten, ſie hätten den Kö⸗ nig von Preußen gefangen genommen. Der Oberſt von Trenck kennt Sie alſo? Sire, er ſah mich ſehr oft im Hauſe meines Vaters. Weiter! Er erkannte Sie alſo? Er erkannte mich, und ſagte, er habe ſeine Pan⸗ duren nicht nach mir, ſondern nach dem König von Preußen ausgeſchickt, Ihn hätten ſie gefangen nehmen ſollen, nicht mich. Ich ſei alſo frei, und könne gehen, wohin ich wolle. Damit ich dies aber nicht zu Fuß thun müſſe, ſchenkte er mir eins ſeiner beſten Pferde, und ſo bin ich hier. Wollen Euere Majeſtät nun die Gnade haben, das Pferd zu beſteigen? Ich reite keine öſterreichiſchen Pferde, ſagte der König mit hartem Ton. Der junge Officier heftete einen Moment mit dem Ausdruck des Bedauerns ſeine Blicke auf dieſes ſtolze und ſchöne Thier, deſſen Nüſtern flogen, deſſen Augen blitzten, und das ungeduldig mit dem Vorderfuß im Sande ſcharrte, während es ſtolz und muthig ſeinen ſchlanken, kräftigen Hals wiegte. Aber, wie geſagt, dieſes Bedauern war ſchnell vor⸗ über. Trenck ließ den Zügel des Pferdes fallen, und indem er ſich tief vor dem König verneigte, ſagte er: ich bin zu Euerer Majeſtät Befehl. Der König wandte einen Augenblick das Haupt zurück nach dem ſchönen Thier, welches ſchlank und zierlich wie eine Gazelle von dannen brauſte und bald nur noch in der Ferne die Größe eines fliegenden Adlers hatte. Dann ging er haſtig vorwärts auf der — 128— nicht einen Blick zurückwerfend auf das ſchöne Thier, welches herrenlos und von Niemandem als von ſeinem ſichern Inſtinct geleitet, den Weg wieder eingeſchlagen hatte, den es gekommen war. Einmal indeß, bevor ſie die Stadt erreichten, blieb der König ſtehen und heftete ſeine brennenden Blicke groß und voll auf das offene, jugendliche und ſchöne Geſicht Friedrich von Trenck's. Ich glaube, es wäre beſſer für Sie, wenn dieſer Pandurenoberſt nicht Ihr Verwandter wäre, ſagte der König gedankenvoll. Es kann für Sie aus dieſer Verwandtſchaft nichts Gutes, ſondern nur Unheil ent⸗ ſtehen. Friedrich von Trenck erblaßte. Befehlen Euere Majeſtät, daß ich einen andern Namen annehme? Nein, ſagte der König nach kurzem Beſinnen. Der Name iſt ein heiliges Erbtheil, welches man von ſei⸗ nen Vätern überkommt und das man nicht leichtſinnig von ſich ſchleudern darf. Aber ſeien Sie vorſichtig! Vorſichtig in jeder Weiſe! Verſtehen Sie mich wohl, und denken Sie an meine Warnung, Herr Baron Friedrich von Trenck! XIV. Das Lever einer Tänzerin. In der Behrenſtraße, welche damals eine der ſchön⸗ ſten und vornehmſten Straßen von Berlin war, * * — 129— herrſchte heute ein ungewöhnliches Treiben und eine in dieſer ſtillen Straße ſelten geſehene Lebendigkeit. Equipagen rollten herbei, elegante Reiter ſprengten ge⸗ folgt von ihren Reitknechten daher, und dieſe Equipa⸗ gen und dieſe Reiter fanden Alle ihr Ziel an derſelben Stelle, ſie hielten Alle an bei dieſem großen ſchönen Hauſe, das ſeit einiger Zeit der Mittelpunkt aller vor⸗ nehmen, eleganten und hoffähigen Cavaliere der preu⸗ ßiſchen Hauptſtadt war. Auch heute war es wieder die Elite der guten Geſellſchaft, welche dieſem Hauſe zueilte, Fürſten und Grafen, Miniſter und Kammer⸗ herren ſaßen in den vergoldeten Kutſchen, welche vor dem Hauſe anhielten, und unter den Reitern erkannte man ſogar einige königliche Prinzen und den jungen Herzog von Würtemberg. Wer wohnte denn in dieſem Hauſe? Zu wem eil⸗ ten alle dieſe vornehmen Herren, und warum kamen ſie Alle mit ſo ernſten bedenklichen Mienen, wie wenn man zu einem Begräbniß geht und in ſeine Züge we⸗ nigſtens die Trauer legt, welche man nicht im Herzen fühlt?— War es irgend eine erkrankte fürſtliche Per⸗ ſon oder ein Mann von hoher Auszeichnung, welcher da wohnte? Ein Mann jedenfalls mußte es ſein, denn es waren nur Männer, welche da zu Wagen und zu Pferde kamen und in dieſes Haus eintraten. Aber bringt denn ein Mann dem andern Blumen? Iſt es denn Sitte, daß man zu einem kranken Freunde mit duftenden Roſenbouquets und Veilchen und Orangen geht, und in ſilbernen Körben ihm ſeltene Südfrüchte darbringt? Nein, in dieſem Hauſe wohnt kein Fürſt und kein Staatsmann, in dieſem Hauſe wohnt überhaupt kein Mann, ſondern eine Frau. Wenn nichts deſtoweniger es nur Männer ſind, welche da in ihren glänzenden Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. II. 9 4 das Banner dieſer leu Equipagen und auf ihren ſtolzen Pferden herbeieilen, ſo kommt das daher, weil eine Frau, welche ſich nicht durch ihre Geburt, ſondern nur durch ihre Schönheit und ihre Künſtlerſchaft einen Namen gemacht hat, nie⸗ mals von den Frauen anerkannt wird, die ihre Stel⸗ lung in der Geſellſchaft entweder dem Range ihres Va⸗ ters oder ihres Gemahls verdanken, Frauen, die ſtolz auf dieſe zufällige Begünſtigung des Schickſals, ſich für erwählte Tugendrichterinnen halten, welche zu Ehren der guten hergebrachten Sitte diejenigen Frauen aus ihrer Gemeinſchaft ausſchließen, welche es wagten, ſich über die Mittelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit zu er⸗ heben. In dieſem Hauſe wohnt eine Künſtlerin, die erſte gefeierte Künſtlerin des Theaters, die Signora Bar⸗ berina.— 3 Barberina! Das war ein ſehr gehaßter und ge⸗ liebter Name! Die Frauen ſprachen ihn mit gerun⸗ zelter Stirn und verächtlichem Lächeln, die Männer mit ſtrahlendem Auge und einem Lächeln des Glückes. Die Einen verwünſchten ihn ebenſoſehr, als die Andern ihn prieſen. Und gewiß hatten Beide Recht! Die Frauen, wenn ſie die Barberina haßten, welche ihnen die An⸗ betung und Huldigung der Männer entzog, die Män⸗ ner, wenn ſie dieſelbe verherrlichten als die Blüthe der Schönheit, als ein holdes nie geahntes Wundermähr⸗ chen voll feenhafter Lieblichkeit. Gleich den beiden Parteien von der weißen und der rothen Roſe, hatten auch hier ſich zwei Parteien gebildet. Die eine Partei waren die Frauen, die andere die Männer, die Frauen kämpften um das Banner der verblaßten weißen Roſe ihrer eigenen Macht und Hei lichkeit, die Männer ſchaarten ſich ſiegestrunken chtenden herrlichen Zauberblüth ben haben, wenn der König Einmal nur ſie ſo ange⸗ Aber, was Eliſabeth Chriſtine nicht wußte — 131— um die rothe Roſe, die ſchöne Signora Barberina. Aber es war ein ungleicher, gar nicht zweifelhafter Kampf; die rothe Roſe Barberina mußte ſiegen, denn an ihrer Spitze ſtand ein mächtiger Feldherr, an ihrer Spitze ſtand der König! 3 Das Banner der weißen Roſe mußte unterliegen, denn den Frauen fehlte eine Heerführerin! Vielleicht hätte es die Königin Eliſabeth Chriſtine ſein können, vielleicht theilte ſie in ihrem Herzen dieſen Haß und dieſen Zorn der andern Frauen. Aber ihre keuſchen und ſchüchternen Lippen verriethen nichts von den heim⸗ lichen Stürmen ihrer Bruſt; ihr ſtilles ſanftes Lächeln überſchleierte immer ihre eingeſargten Wünſche und die in ihrem Herzen begrabenen Hoffnungen. Man wußte kaum, daß dieſe ſanfte, fromme, gottergebene Königin lieben könne, wie hätte man glauben ſollen, daß ſie auch zu haſſen verſtände! Nein, Eliſabeth Chriſtine haßte Niemand, ſelbſt nicht die Barberina, dieſes Weib, welches ihrem Herzen den letzten Dolchſtoß gegeben und ihr zu ihrer verſchmäheten Liebe auch noch die Todesqual der Eiferſucht auferlegt hatte. Dieſe Eifer⸗ ſucht der Königin war indeß nicht gewöhnlicher Art; es war eine Eiferſucht ohne allen Vorwurf, ohne allen Zorn, eine Eiferſucht voll ſtillgeweinter Thränen und ſchmerzensreicher Gebete. Auch hatte der König ihr niemals Veranlaſſung gegeben, ſich über dies Verhält⸗ niß zur Barberina zu beklagen, ſie wußte nicht einmal, ob der König jemals mit ihr ſprach, jemals in ihre Nähe kam. Aber ſie wußte, daß der König ſie ſah, und mit welchen Augen, und mit welchem Lächeln! Eliſabeth Chriſtine würde freudig ihr Leben hingege⸗ ſchaut, Einmal nur ihr ſo gelächelt hätte. 9 6 — 132— war den Cavalieren und Herren des Hofes deſto beſſer bekannt. Sie wußten, daß der König ſchon mehr als Einmal beim General Rothenburg mit der Signora ſoupirt hatte, daß er ſich jedes Mal, wenn Barberina tanzte, hinter die Couliſſen verfügte und mit ihr ſich unterhielt, daß er ſogar ſeinem Hofmaler Pesne be⸗ fohlen hatte, für ihn der Signora Bild zu malen. War das nicht genug, um die Signora in den Augen jedes Hofcavaliers und jedes gewandten Diplo⸗ maten zu einer Schönheit erſten Ranges, zu einer Puiſſance zu erheben? Würde man ſich nicht beeifert haben, ſie als eine ſolche zu preiſen, ſelbſt wenn Bar⸗ berina nicht das ſchöne, liebliche und anmuthige Ge⸗ ſchöpf geweſen wäre, welches ſie in der That war? Man huldigte ihr daher als einer Königin, einer machtvollen Zauberin, man buhlte um ein Lächeln, einen Blick von ihr, man fügte ſich demüthig in alle ihre kleinen Capricen und Launen, man zeigte ihr ſtets nur Unterwürfigkeit, Anbetung und Gehor⸗ ſam. 3 Das von ihr bewohnte Haus in der Behrenſtraße war daher von Beſuchern und Bittſtellern umlagert, wie der Pallaſt einer Feenkönigin, und die Barberina lebte darin wie eine wirkliche Königin. Sie hatte ih⸗ ren vollkommenen Hofſſtaat, ihre Levers, ihre Cour⸗ tage*), nur daß ihre Hofleute ihr freiwillig dienſtbar waren und von ihr kein anderes Gehalt empfingen, als irgend ein freundliches Wort, ein heiteres Lächeln. Die⸗ ſer Glanz, dieſe Anbetung, dieſe Aufmerkſamkeiten, de⸗ ren Mittelpunkt ſie war, ſchienen gar keinen Eindruck auf das Herz der ſtolzen und ſelbſtbewußten Künſtlerin *) Geſchichte der Oper und des Opernhauſes in Berlin. Von . Schneider. S. 23. — 133— zu machen. Sie war das Alles gewohnt, es über⸗ raſchte ſie gar nicht. Ihr Leben hatte einem einzigen großen Triumphzug geglichen, es war leuchtend und hell geweſen, wie ein im Sonnenglanz ſtrahlender Frühlingsmorgen. Freilich hatte ſie auch ihre Schmer⸗ zen und ſogar ihre Thränen gehabt, aber ſie waren eben auch nur wie die in der Sonne ſchillernden, in Blumen ruhenden Thautropfen eines Frühlingsmor⸗ gens geweſen, welche erſt wie Diamanten leuchten und dann von der Sonne fortgeküßt werden. Barberina hatte geweint, weil der König ſie von ihrem Gelieb⸗ ten, dem Lord Stuart, getrennt und ſie gezwungen hatte, ihr gegebenes Wort einzulöſen und nach Ber⸗ lin zu kommen. Jetzt weinte ſie nicht mehr! Viel⸗ leicht weil ſie zu ſtolz dazu war, vielleicht weil die Sonne der königlichen Gunſt ihre Thränen getrocknet hatte. Nein, Barberina weinte nicht mehr, aber es war auch ſelten, daß ſie lächelte. Sie hatte jene ſtolze im⸗ poſante ernſte Schönheit der Römerinnen, welche nie⸗ mals vergeſſen, daß ſie die Töchter der einſtigen Welt⸗ beherrſcherin ſind, und immer auch die Würde und Majeſtät einer, wenn auch entthronten Fürſtin erhalten haben. Barberina war ein gluthvolles, leidenſchaft⸗ liches Weib, und die Leidenſchaft ſchmückt ſich mit flammenden Augenſternen, mit durchſichtiger reiner Bläſſe, mit glühenden Purpurlippen, ſelten aber mit harmloſem Lächeln und gemüthlichem Scherz. Lachen gehört hatte man ſie niemals, nur lachen geſehen; das erſtere hätte ihrer ſtolzen Schönheit widerſtanden, das zweite ſchmückte ihr Antlitz wie mit einem leuch⸗ tenden Sonnenſtrahl. Und dennoch war dieſe ſtolze, gebieteriſche, ernſte Schönheit von Anmuth, Lieblichkeit, Grazie und Milde umfloſſen, niemals herriſch, immer — 134— weiblich und zart, niemals hochmüthig und überhebend, immer weich und faſt demüthig in dem vollſten Ge⸗ fühl ihrer eigenen Künſtlerſchaft, und doch in ihrer Demuth ſelbſtbewußt, ſtolz und ſiegesgewiß. In die⸗ ſer Stunde ganz nur glühendes, empfindungsvolles, hingebendes Weib, in jener mächtige, genievolle, ſchwär⸗ meriſche, himmelſtürmende Künſtlerin, jetzt träumeriſch, weich, indolent, nachgiebig und demüthig, dann flam⸗ menſprühend, ſtolz, impoſant und gebietend,— das war Barberina! Ein unergründliches Räthſel für Alle, unergründlich und unerforſchlich wie das Meer, immer wechſelnd und ſich verwandelnd, aber immer großartig in ihren Verwandlungen. Barberina hatte geſtern Abend getanzt, aber mitten im Tanz war ſie von einem Unwohlſein unterbrochen worden, einem Unwohlſein, welches ſie ganz plötzlich, ganz ohne Vorzeichen überkam, gerade in dem Mo⸗ ment, als der König während ihres Tanzes im Opern⸗ hauſe erſchien und ſich auf ſeinem Lehnſeſſel niederließ. Niemand hatte geahnt und gewußt, daß der König ſchon von ſeiner geheimnißvollen Reiſe nach Schleſien zurückgekehrt ſei. Jedermann glaubte ihn noch dort, und die Balletvorſtellung dieſes Abends war nur für den Hof des Königs, ohne alle Berückſichtigung ſeiner ſelber, veranſtaltet worden. Aber der König war un⸗ erwartet zurückgekehrt und, da er vernahm, daß die Vorſtellung im Opernhauſe ſchon begonnen hatte, war er, nachdem er nur die Reiſekleider gewechſelt, dort hingeeilt. Gewiß nur, um dort die beiden Königinnen und ſeine Geſchwiſter zu begrüßen, von denen er wußte, daß ſie dort waren. Barberina, wie geſagt, war eben im Tanz begrif⸗ fen, als der König eintrat. Sie flatterte lächelnd, an⸗ muthsvoll, eine graciöſe zarte Libelle, eben über die — 135— Bühne daher, ihr zarter Fuß berührte kaum den Bo⸗ den, wie von Amoretten getragen und gehoben ſchwebte ſie daher; aber plötzlich jetzt ſtockte ihr Fuß, ſchwand das Lächeln von ihren Lippen und die zarte Röthe von ihren Wangen. Mit einem leiſen Aufſchrei ſank Bar⸗ berina ohnmächtig zuſammen. Der Vorhang mußte fallen und die Vorſtellung um eine Viertelſtunde ausgeſetzt werden. Der König, welcher ſich eben mit der Königin Mutter unterhielt, ſchien wenig Intereſſe für das Unwohlſein der ſchönen Tänzerin zu haben, als aber der Baron von Sweerts kam und meldete, daß die Signora ernſtlich unwohl und ganz außer Stande ſei, dieſen Abend weiter zu tanzen, erhob ſich der König mit ſolchem Ungeſtüm von ſeinem Lehnſeſſel, daß die Königin Mutter erſtaunt und fragend zu ihm emporblickte, während Eliſabeth Chriſtine ſich ſeufzend und erbleichend abwandte. Sie wußte dieſe heftige Bewegung ihres Gemahls ſehr wohl zu deuten, ſie, geleitet von dem Inſtinct ihrer Eiferſucht, verſtand dieſes von Schmerz und Angſt ge⸗ quälte königliche Herz, das ſeine Unruhe gern unter dem Anſchein des Zorns verbergen wollte. Mesdames, ſagte der König, es ſcheint mir, daß die Signora ſich ſchon wieder einer ihrer Künſtlerlau⸗ nen überlaſſen möchte und nicht tanzen will, weil ich gekommen bin. Man darf ihr aber eine ſolche Laune nicht geſtatten. Ich werde ihr befehlen, weiter zu tanzen! Und mit einer haſtigen Verbeugung ſich von den beiden Königinnen beurlaubend, eilte der König hinter die Couliſſen, gerade zu dem Toilettenzimmer der Si⸗ gnora. Aber die Thür deſſelben war von innen ver⸗ ſchloſſen, und der König, welcher einen Moment un⸗ ſchlüſſig an der Thür ſtand, hörte jenſeits derſelben — 136— das laute Weinen und Schluchzen, das Aechzen, Jam⸗ mern und Klagen der Signora. Sie iſt wirklich krank, murmelte der König. Sie hat den Bruſtkrampf, ſagte der Baron von Sweerts, welcher dem König gefolgt war. Friedrich wandte ſich haſtig zu ihm um. Iſt das gefährlich? fragte er mit einer Miene, welche deutlich ſeine Unruhe und Beſorgniß verrieth. Nicht gefährlich, Sire, aber der Arzt, welcher eben bei ihr war, hat es durchaus nothwendig erklärt, daß die Signora Ruhe habe und heute nicht mehr tanze. Befehlen Euere Majeſtät, daß eine andere Tänzerin die Rolle der Signora übernehme? Nein, ſagte der König, die Rolle gehört ihr und keine andere darf ſie tanzen. Salimbeni und die Aſtrua ſollen einige Arien ſingen und dann mag es für heute Abend genug ſein. Gehen Sie zu den Königinnen und ſagen Sie, daß ich um Entſchuldigung bitten laſſe. Ich wäre nur gekommen, um ſie zu begrüßen und zöge mich jetzt zurück, weil ich ein wenig erſchöpft wäre von der Reiſe. 3 Und leicht mit dem Kopfe dem Baron den Ab⸗ ſchiedsgruß zunickend, verließ der König das Opern⸗ haus und begab ſich in's Schloß zurück. Niemand ward dieſen Abend mehr vorgelaſſen. Der König blieb ganz allein in ſeinem Kabinet, aber lange noch, wie Alles ſchon ſchlief, konnte man in der Stille der Nacht die leiſen klagenden Töne ſeiner Flöte verneh⸗ men.— Barberina war krank! Das war es alſo, was die Geſichter aller dieſer Herren, welche da in ihr Haus eilten, ſo trübe und bedenklich machte, deshalb kamen ſie Alle, um ſie zu ſehen, um aus ihrem Anſchauen Beruhigung und Troſt zu ſchöpfen, deshalb wollte Je⸗ 3 — 137— der ihr ein Zeichen ſeiner beſonderen Aufmerkſamkeit bringen, oder ihr mit dieſen Blumen, dieſen ſeltenen Früchten ein Lächeln, einen Blick abgewinnen. Der Empfangsſalon der Signora Barberina duf⸗ tete wie ein Treibhaus von allen dieſen herrlichen Blumen und Früchten, nur fehlte ihm noch die bele⸗ bende Sonne, die lichtausſtrahlende Majeſtät. Denn Barberina war nicht da, Barberina ließ alle dieſe Ca⸗ valiere noch immer vergeblich auf ihr Erſcheinen war⸗ ten. Doch war es die gewohnte Stunde ihres Levers, die Stunde, in welcher ihre Thüre für Jedermann offen war, und Jeder kommen durfte, welcher des Glückes theilhaftig war, der Signora vorgeſtellt worden zu ſein. Die Cavaliere ſtanden oder ſaßen in einzelnen Gruppen da, und unterhielten ſich in leiſem Geflüſter über die On dit des Tages, indem ihre Blicke ſich von Zeit zu Zeit auf jene Portiere von purpurrothem Sammet hefteten, hinter welcher ſich das Boudoir der Tänzerin befand. Von dort her mußte ſie kommen, dort mußte die Sonne aufgehen über dieſem jetzt ſo trüben, von Geflüſter, von Seufzern und Beſorgniſſen ganz verdumpften Salon. Barberina kam aber noch immer nicht. Sie lag in dem reizendſten Negligée von weißem Mouſſelin, verziert mit Spitzen von wunderbar kunſtvollem Ge⸗ webe, auf der blauſeidenen Ottomane. Sie lag mit offenen Augen und über der Bruſt gekreuzten Armen und träumte. Ein weicher thränenfeuchter Schmelz verſchleierte dieſe großen offenen Augen, welche ſonſt ſo viel feurige Blitze zu ſchleudern wußten, ein ſchwermüthiger Ausdruck zitterte auf dieſen Lippen, welche ſonſt ſo viel Stolz und Entſchloſſenheit zeigten. Barberina war allein, weshalb ſollte ſie alſo nicht — 138— träumen und ſeufzen, und die Brillanten ihres Lä⸗ chelns und ihrer feurigen Blicke ein wenig bei Seite legen, mit denen ſie ſich ſonſt vor der Welt zu ſchmük⸗ ken pflegte. Wovon träumten denn dieſe unergründlichen Augen, was ſagten denn dieſe Seufzer auf den ſchwellenden Purpurlippen?. Wußte ſie es ſelber oder wollte ſie es nicht wiſſen? Kannte ſie ihr eigenes Herz oder hatte ſie es ver⸗ ſchleiert vor ihren eigenen ſtolzen Blicken, welche ſich vielleicht geſchimt haben würden vor dem, was ſie in ihrem Herzen laſen? Eine Thür öffnete ſich jetzt und ein junges Mädchen trat herein, eines dieſer armen, unſcheinbaren, demü⸗ thigen, ſanften und ergebenen Geſchöpfe, wie man ſie immer in der Umgebung jeder Künſtlerin findet, das béte de souffrance, an dem ſie ihre Launen, ihre Kränkungen, ihren Aerger, ihren Zorn auszulaſſen pfle⸗ gen, die demuthsvolle„Geſellſchafterin“, welche die Künſtlerinnen immer an ihrer Seite haben, wenn nur Aerger, Verdruß, Eiferſucht und Enttäuſchungen ihre übrigen Geſellſchafter ſind, welche ſie immer in's Ne⸗⸗ benzimmer verbannen, wenn ſie ſich in der Geſellſchaft ihrer vornehmen Anbeter und reichen Courmacher be⸗ finden, und wenn ſie ſelbſt von Glück, Befriedigung und froher Laune ſtrahlen.— Die Geſellſchafterin der Barberina indeß hatte nicht dies harte und beklagenswerthe Loos der gewöhnlichen Geſellſchafterinnen berühmter Künſtler, ſie war kein gemiethetes béte de souffrance, keine bezahlte Anſtands⸗ dame, ſondern ſie war Barberina's Schweſter, und nur aus Liebe, aus zärtlichſter Anhänglichkeit war ſie der* Signora nach dem kalten Norden, dem verhaßten Ber⸗ lin gefolgt. 88 — 139— Barberina liebte ihre Schweſter Marietta zärtlich, ſie war die Gefährtin nicht bloß ihrer Leiden, ſondern auch ihrer Freuden, Barberina hatte kein Geheimniß vor ihr, ſie war immer gewiß bei ihrer ſanften, ver⸗ ſtändigen, geduldigen Schweſter Troſt, Rath und ein offenes Ohr zu finden. Sie blieb daher auch jetzt, als Marietta zu ihr eintrat, ganz unverändert auf der Ottomane liegen. Vielleicht wußte ſie kaum, daß Ma⸗ rietta da ſei, bis dieſe dicht zu ihr herantrat und ihre Hand leiſe auf Barberina's Arm legte. Sorella, ſagte ſie, ſtehe auf. Es ſind viele Signori im Salon und warten auf Dich! Sie mögen warten, erwiderte Barberina. Ich will heute Niemand ſehen. Es iſt aber die Stunde, wo Du zu empfangen pflegſt, Sorella, und wenn Du jetzt nicht kommſt, ſo werden ſie denken, daß Du noch immer unwohl biſt. Mögen ſie es denken. Aber ſie werden es nicht bloß denken, Sorella, ſondern es auch ſagen, und ſie werden allerlei Gloſſen hinzufügen. Was denn? rief Barberina, indem ſie ſich halb emporrichtete. Was für Gloſſen, Marietta? Es war gar zu unangenehm, daß Dein Unwohl⸗ ſein Dich überfiel, gerade als der König erſchienen war, ſagte Marietta mit niedergeſchlagenen Augen. Barberina's Augen flammten. Ah, ſie werden das in Zuſammenhang bringen, ſagte ſie. Dieſe bos⸗ haften, lachenden, mediſirenden Menſchen werden jetzt ſagen, Barberina ſein in Ohnmacht gefallen, weil der König unvermuthet kam, weil die Freude ſie über⸗ wältigt, das Glück, ihn zu ſehen, ihre Sinne betäubte. Nicht wahr, das werden ſie ſagen? Das meinſt Du? Ja, das meine ich, flüſterte Marietta ganz leiſe. — 140— Barberina flog von der Ottomane empor, zitternd, todesbleich, ganz Zorn und Gluth. Sie werden mich verhöhnen, ſie werden mich verſpotten, ſagte ſie, ihre beiden Arme zum Himmel emporſchleudernd, als wolle ſie ſich einen Blitzſtrahl herabreißen, um die ganze Menſchheit zu zerſchmettern. Sie werden ſagen, daß ich, Barberina, daß ich den König liebe! Das werden ſie ſagen, Sorella, ſagte Marietta ſchüchtern. Barberina faßte heftig ihre Hand. Aber Du, Schweſter, Du wirſt das nicht ſagen, Du nicht! Du weißt, daß ich ihm einen tödtlichen Haß geſchworen habe, Du weißt, daß ich ihn verwünſcht habe mit meinen Thränen, daß ich ihm niemals den Kummer und das Leid verzeihen kann, das er mir bereitet hat. Denke doch, Marietta, wieviel ich durch ihn gelitten, durch ihn geweint habe! Mein Leben glich einem ein⸗ zigen, ſchönen Sommermorgen, einem Mährchen voll Sternengefunkel und Perlenglanz. Er hat mir alle meine Sterne verdunkeit und die Perlen in Thränen verwandelt. Wehe ihm, wehe ihm. Ich habe ge⸗ ſchworen ihn ewig zu haſſen und Barberina hält ihren Schwur. Du haſt geſchworen ihn ewig zu haſſen, Schwe⸗ ſter, aber die Menſchen wiſſen das nicht, und weil ſie das nicht wiſſen, verwechſeln ſie Deinen Haß mit dem, was ſie Liebe nennen. Sie ſehen, daß Deine Blicke leuchtender, ſtrahlender ſind, wenn der König da iſt, und ſie wiſſen nicht, daß es der Haß iſt, welcher dann aus Deinen Augen leuchtet! ſie hö⸗ ren, daß Deine Stimme leiſe zittert, wenn Du zu ihm ſprichſt, und ſie wiſſen nicht, daß es wieder der Haß iſt, der Dein Herz bewegt; ſie ſehen, daß Du wun⸗ dervoller, bezanbernder tanzeſt, wenn der König da —,— — 141— iſt, und ſie wiſſen nicht, daß es der Haß iſt, welcher Dich ſo ſchön tanzen macht, weil Du ihn zerſchmettern willſt mit der Größe Deiner Künſtlerſchaft, ihn zu Boden drücken willſt mit der Gewalt Deines Genies. Ja, ja, ſo iſt es! ſagte Barberina hochathmend. Du allein kennſt mich, Du allein verſtehſt es, in mei⸗ nem Herzen zu leſen. Oh, oh, ich haſſe dieſen ſtol⸗ zen, grauſamen König. Marietta, ich haſſe ihn, und er verdient es, denn wie groß er immer ſein mag, er hat doch ein kaltes, hartes Herz. Es iſt wahr, er iſt ſchön und erhaben! Der Genius leuchtet von ſei⸗ ner wunderbaren Stirn, und wenn er lächelt, ſo iſt das, als ob ein Sonnenſtrahl ſein Antlitz verkläre. Seine Augen, dieſe großen unergründlichen Augen, ſind ſo blau wie der Himmel und ſo tief wie das Meer, und wenn ich ſie anſchaue, ſo meine ich darin die Geheimniſſe der Tiefe und die Entzückungen des Himmels zu leſen, ſo meine ich die Engel jauchzen und die Wogen rauſchen zu hören. Seine Stimme, wenn ſie bittet, iſt wie holde Muſik, wenn ſie befiehlt, wie majeſtätiſches Donnern. Groß iſt er vor allen Menſchen, groß, denn er iſt ein Held, ein Mann, ein König!. Und dennoch haſſeſt Du ihn? fragte Marietta mit niedergeſchlagenen Augen und einem kaum merklichen Lächeln. 3 Ein leiſes Beben durchflog Barberina's ganze Ge⸗ ſtalt. Marietta's Frage hatte ſie aus ihrer ganzen Be⸗ geiſterung aufgeſchreckt, ſie war an ihr Ohr gedrun⸗ gen, wie der Namensruf an das Ohr des Nachtwand⸗ lers, und hatte ſie aus ihren Entzückungen emporge⸗ rüttelt. Ja, ſagte ſie leiſe, dennoch haſſe ich ihn, dennoch will ich ihn ewig haſſen, denn wenn ich ihn liebte, wäre — 142— ich das unglückſeligſte Geſchöpf, würde ich mir ſelber fluchen, mich ſelber verachten, denn Er hat kein Herz, Er kann niemals lieben, und Schmach und Schande über das Weib, welches liebt, ohne geliebt zu werden. Er liebt nichts als ſein Preußen, ſeinen Ruhm und ſeine Größe, und ich ſollte ihn lieben? Du ſiehſt, daß das ganz unmöglich iſt, daß das niemals ſein kann, daß ich lieber ſterben würde, als dieſen König lieben, welcher nicht das Herz eines Mannes hat. Aber die Menſchen werden es dennoch glauben, ſagte Marietta. Sie können nicht auf den Grund Deines Herzens ſchauen, und Du mußt ihnen Deinen Haß verſchweigen. Du darfſt ſie nicht ahnen laſſen, daß Du aus Zorn und Verdruß, den König ſchon wieder zu ſehen, geſtern ohnmächtig geworden. Sie werden glauben, daß es die Freude gethan! rief Barberina ganz außer ſich. Sie ſollen es nicht glauben, ich will es nicht! Und wie eine gereizte Löwin ſprang ſie zu dieſem kleinen Stilet hin, das dort, eine Reliquie aus ihrem ſchönen Heimathslande, auf ihrem Toilettentiſch lag. Ich will nicht, daß ſie mich verſpotten! rief ſie ſtolz und zürnend, indem ſie den goldgeſtickten weißen Atlaspantoffel fortſchleuderte und ihren kleinen zarten Fuß emporhob. Barberina, was willſt Du thun? rief Marietta, als ihre Schweſter das Stilet emporhob. Das will ich thun, ſagte ſie mit einem köſtlichen Lächeln, indem ſie die Spitze des Stilets in ihre Fuß⸗ ole ſtieß, daß das Blut in hellen Tropfen hervor⸗ ſtürzte und den ſeidenen Strumpf mit Purpurſtreifen durchzog.. 3 Marietta ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte zu ihrer Schweſter hin. — 143— Aber Barberina wehrte ſie leiſe ab. Das tröpfelnde Blut hatte, wie es ſchien, ihrem glühenden Naturell eine Erleichterung, eine Erquickung gebracht. Sie war jetzt ganz ruhig, ſtrahlend und ſtolz wie eine Königin. Ein köſtliches Lächeln ſtand auf ihren Lip⸗ pen und ließ zwei Reihen wundervoller Zähne ſehen. Ruhig, Marietta, ſagte ſie gebieteriſch. Ich habe mich an einer unſchädlichen Stelle verwundet, und die Wunde iſt nicht tief. Aber doch tief genug, um Glauben zu verdienen, wenn ich ſage, daß ich geſtern auf der Bühne mir den Fuß an einer Glasſcherbe verletzte, welche da von irgend einer zerſprungenen Lampe hingefallen war. Ah, deshalb alſo thateſt Du es, Du böſe ſtolze Schweſter? rief Marietta, ihre Schweſter mit ſtrahlen⸗ den, bewundernden Blicken anſchauend. Ja, deshalb that ich es. Jetzt, Marietta, hole mir meinen Pantoffel wieder und gieb mir Deinen Arm. Wiv wollen zu dieſen Herren da in den Salon gehen. Mit dieſem blutenden Fuß, mit dieſer offenen Wunde, Barberina? Ja, mit dieſem blutenden Fuß und dieſer offenen Wunde. Aber es iſt wahr, wir wollen erſt ein wenig das Blut ſtillen, damit es nicht allzuheftig fließt!— Die Cavaliere, welche die Signora in ihrem Sa⸗ lon erwarteten, machten immer bedenklichere, immer traurigere Geſichter. Barberina mußte ſehr leidend ſein, da ſie ihre Anbeter ſo lange ſchmachten ließ, denn dieſe kleinliche Coquetterie, dieſes wohlfeile„Sich Erwartenlaſſen“ lag ſonſt gar nicht in ihrer Weiſe. Aber eben, weil ſie ſehr leidend war, durfte man nicht gehen, bevor man Nachricht von ihr erhalten, bevor mun wenigſtens Barberina's Schweſter geſprochen atte. 3 — 144— Und endlich ſollte ihr Warten belohnt, ihre Sorge gelindert werden. Die Portière ward zurückgeſchla⸗ gen, und da, auf den Arm ihrer Schweſter geſtützt, erſchien Barberina. Sie ſah bleich aus und ein wenig leidend, ein ſchmerzliches Zucken zeigte ſich zuweilen auf ihren Lippen, wie ſie, immer geſtützt auf den Arm ihrer Schweſter, durch den Salon ging und hier und dort mit den Cavalieren eine jener leichten, graciöſen, geiſt⸗ vollen und pikanten Unterhaltungen begann, wie nur ſie deren Meiſterin war. . Plötzlich indeß, mitten in einer dieſer flatternden Converſationen, in denen man über Alles und über Nichts ſpricht, ſtieß Barberina einen leiſen Schrei aus und ließ ſich raſch auf einen Stuhl niedergleiten. Ich glaube, ſagte ſie matt, ich glaube, mein Fuß blutet ſchon wieder. Sie hob das Gewand ein wenig empor und ſtreckte unter demſelben ihren zarten Fuß hervor, dieſen Ge⸗ genſtand der Bewunderung Tauſender in allen Län⸗ dern Europa's.— Wirklich, der weiße Atlaspantoffel war ganz geröthet von Blut, das ſchon aus dem Pan⸗ toffel herniederrann.. Ein Schrei des Entſetzens ertönte von aller Lip⸗ pen, und alle dieſe vornehmen ausgezeichneten Cava⸗ liere umringten die Signora, welche bleich und matt auf ihrem Fauteuil lag, während Marietta zu ihren Füßen knieete und mit ihrem Taſchentuch den Fuß umwickelte. Es war eine eigenthümliche Scene. Dieſer glänzende, blumengeſchmückte Salon mit ſeiner impoſanten, wahrhaft fürſtlichen Pracht, und inmitten deſſelben dieſe Gruppe von Herren, in ihren glänzen⸗ den, geſtickten Hofkleidern oder Uniformen, geſchmückt mit blitzenden Ordenskreuzen, die Signora umrin⸗ — 145— gend, welche da in ihrem reizenden Negligée auf dem Fauteuil lehnte, und deren blutender Fuß in dem Schooß ihrer knieenden Schweſter ruhte. Sie ſind verwundet, Signora, Sie bluten? rief der junge Prinz von Würtemberg mit einem ſolchen Ausdruck des Entſetzens, das man hätte meinen ſol⸗ len, dieſe Wunde müßte augenblicklich den Tod der Signora herbeiführen. Barberina blickte erſtaunt zu ihm empor. Wußten Sie das nicht, Durchlaucht? ich dächte doch, Sie wä⸗ ren Zeuge meiner geſtrigen Ohnmacht geweſen? Gewiß war ich das, wie alle dieſe Herren. Aber was hat das mit Ihrem blutenden Fuß gemein? Eine ſeltſame Frage, in der That, rief die Signora lächelnd. Wovon glauben Sie denn, Meſſieurs, daß ich ohnmächtig geworden wäre, wenn nicht vor Schmerz. Ich empfand plötzlich da unter meiner Fußſohle einen ſchneidenden, ſtechenden Schmerz, er durchzuckte mein ganzes Weſen wie mit einem electriſchen Schlag und machte mich, wie Sie wiſſen, ohnmächtig. Da aber in den Ohnmachten das Blut erſtarrt, ſo hatte auch das meiner Wunde nicht fließen können, und ſo be⸗ merkte ſelbſt der Arzt nicht die Veranlaſſung meiner Ohnmacht. Ich ſelber entdeckte dieſelbe erſt heute morgen an den Schmerzen, die mir das Gehen ver⸗ urſacht. Mein Gott, welch ein entſetzliches Unglück! riefen die Herren. Welch ein furchtbares Mißgeſchick! Un⸗ ſere himmliſche Tänzerin, welche ſich gerade an ihrem Fuß verletzt hat. Wir werden dadurch des Glückes beraubt werden, Sie in ihrer göttlichen Kunſt bewun⸗ dern zu können. Wir werden lange Zeit nach dem Hochgenuß, Sie tanzen zu ſehen, vergeblich ſchmachten müſſen! 1 Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. II. 10 N — 146— Beruhigen Sie ſich, meine Herren, ſagte Barberina lächelnd. Es wird ein Uebel von nur kurzer Dauer ſein und gar keine ſchlimmen Folgen haben. Ich war auf eine runde Glasſcherbe geſprungen, welche Gott weiß wie, auf die Bühne gefallen und durch den Schuh in meinen Fuß eingedrungen war, aber nicht tief genug, um mich ernſthaft zu verletzen. Es iſt alſo nur eine leichte Schnittwunde, und einge Tage der Ruhe werden mich bald wieder herſtellen.— Jetzt, ſagte Barberina mit einem triumphirenden Lächeln, als die Herren ſie verlaſſen hatten und ſie wieder mit ihrer Schweſter allein war, jetzt wird Nie⸗ mand mehr über mich lachen und ſpotten und an meiner unglückſeligen Ohnmacht deuteln und klügeln; in einer Stunde wird die ganze Stadt wiſſen, wes⸗ halb ich geſtern ohnmächtig geworden bin, und auch der König, hoffe ich, wird es erfahren.. Aber er wird es vielleicht nicht glauben, ſagte Marietta achſelzuckend. Er hat heute ſchon in aller Frühe Deinen Arzt zu ſich kommen laſſen und ihn ſehr genau nach Deinem Unwohlſein ausgeforſcht, und geſtern im Theater, ich hatte gerade die Garderobe verlaſſen, um Dir ein Glas Waſſer zu holen und kehrte mit demſelben zurück, da ſah ich den König, welcher vor Deiner Thüre ſtand und auf die Schmer⸗ zensſchreie horchte, die Du ausſtießeſt! Ein wundervoller, ſtrahlender Ausdruck verklärte jetzt Barberina's edles Angeſicht und leuchtete aus ih⸗ ren großen ſchwarzen Augen. Der König war alſo ſelber hinter die Couliſſen gekommen? fragte ſie. Er ſtand vor meinem Zim⸗ mer? Er wollte alſo zu mir kommen? Und das ſagſt Du mir erſt jetzt, erſt heute, während Du doch wiſſen konnteſt— — 147— Barberina verſtummte und wandte das erröthende Antlitz ab. Ich hätte freilich wiſſen können, daß es Dir, welche den König ſo glühend haßt, ein ſehr angeneh⸗ mes Gefühl geweſen wäre, zu wiſſen, daß der König vergeblich an Deiner Thüre geweſen und von der ſtol⸗ zen Tänzerin wie ein ganz gewöhnlicher Mann abge⸗ wieſen worden iſt, ſagte Marietta mit einem feinen Lächeln. Ich habe ihn indeſſen nicht abgewieſen, flüſterte Barberina verlegen. Nein, Du hatteſt nur den Riegel vorgeſchoben, weiter nichts. XV. Im AKtelier. Barberina hatte wohl Recht gehabt; ihre Wunde am Fuß war weder gefährlich, noch ſchmerzhaft, aber ſie verhinderte ſie doch einige Tage am Tanzen und legte ihr den Zwang der Ruhe auf. Der Arzt, dem ſie ihren Fuß gezeigt und ihm geſagt hatte, daß ſie jetzt erſt die eigentliche Urſache ihrer geſtrigen Ohn⸗ macht entdeckt habe, unterſuchte die Wunde mit einem ungläubigen Lächeln, und verlangte dann den Schuh zu ſehen, deſſen Sohle von der Glasſcherbe noth⸗ wendig auch durchſchnitten ſein mußte; er wolle danach die Größe und Schärfe des ſchneidenden Inſtruments 10 oQ— — 148— ermeſſen und unterſuchen, ob die Wunde wirklich durch eine Glasſcherbe oder nicht vielleicht durch einen Na⸗ gel verurſacht ſei. Barberina erröthete, und befahl ihrer Schweſter, den Schuh zu holen; Marietta ging hinans und kam auch ſehr bald mit einem weißen Atlasſchuh zurück, der allerdings an der Sohle einen ſcharfen Schnitt zeigte. Der Arzt unterſuchte ihn mit einem ſchweigenden Lächeln und erklärte dann, es ſei wirklich eine Glasſcherbe geweſen, welche den Fuß der Signora verletzte. Er verordnete daher nur einige kalte Umſchläge, einige Ruhe, und verſprach in einigen Tagen vollkommene Wiederherſtellung. Dann, nach⸗ dem er die Signora verlaſſen, begab ſich der Arzt, dem erhaltenen Befehl gemäß, ſofort in das Schloß, um dem König Bericht zu erſtatten. Er ward ſogleich vorgelaſſen und der König ſelber kam dem Eintreten⸗ den einige Schritte entgegen.. Nun, fragte er haſtig, iſt die Wunde gefährlich? Wird die Signora der Bühne entſagen müſſen? Ah, Euere Majeſtät glauben gewiß nicht, daß die Signora Barberina einen geiſtigen Selbſtmord bege⸗ hen und ihre eigene Künſtlerſchaft ermorden könnte! Ich verſtehe Ihn nicht, ſagte Friedrich ungeduldig. Spreche Er nicht in Räthſeln. Ich wollte ſagen, Euere Majeſtät, daß die Signora ſich abſichtlich gewiß nicht ſo bedeutend am Fuß verwunden würde, um deshalb ihrer Kunſt entſagen zu müſſen. Er meint, ſie habe ſich abſichtlich verletzt? Ich bin deſſen ganz gewiß, Sire. Die Signora behauptet, beim Tanz auf eine Glasſcherbe geſprun⸗ gen zu ſein. Ich verlangte den Schuh zu ſehen, und man brachte mir allerdings einen Schuh, welcher auf der Sohle einen Schnitt hatte, aber er ſaß durchaus — 149— an einer andern Stelle, wie die Wunde am Fuß, und war auch offenbar eben erſt mit einem Meſſer ge⸗ macht worden. Daraus geht alſo hervor, daß die Signora die Wunde nicht bekam, indem ſie dieſen Schuh trug. Auch iſt die Wunde überhaupt nicht durch Glas oder einen Nagel entſtanden, ſondern durch ein Stilet, denn ſie iſt dreiſchneidig. Die Signora hat ſich ohne Zweifel dieſe Wunde mit dem Stilet zugefügt, das ich in ihrem Zimmer ſah. Des Königs Antlitz hatte ſich immer mehr ver⸗ finſtert während der Arzt ſprach. Er preßte die Lip⸗ pen feſt aufeinander, welches bei ihm immer ein Zei⸗ chen war, daß ein Sturm in ſeiner Bruſt tobte, deſſen laute Ausbrüche Friedrich zurückzuhalten ſtrebte. Das iſt Alles, was Er zu ſagen hat? fragte er dann. Das iſt Alles, Sire! Gut! Beſuche Er die Signora morgen wieder, und ſtatte Er mir dann Bericht ab.— Als der König wieder allein war, ging er lange mit übereinandergeſchlagenen Armen im Zimmer auf und ab. Vergeblich war es, daß Biche, des Königs Lieblingshündin, von ihrem ſeidenen Polſter ſich erhob und zu ihm hinkam, um mit ihrem zierlichen Hals ſich an ihn zu ſchmiegen. Der König achtete nicht auf ſie, und ſah gar nicht, wie das Thier, als verſtände es die Traurigkeit ſeines Herrn, mit hängendem Schweif immer hinter ihm herging, und traurigen Blickes zu ihm emporſchauete. Vergeblich war es, daß da in dem offenen Kaſten neben dem Notenpult die neue von Quanz gefertigte Flöte lag. Der König berührte ſie nicht, und mochte heute nicht, wie ſonſt, ſeine Un⸗ ruhe mit den Tönen ſeiner Flöte beſchwichtigen. Einmal murmelte der König halblaut: Sie hat — 150— es mir wohl geſchworen, daß ſie mich haßt. Sie hält Wort! Dann wieder nach langem Sinnen ſchien er einen feſten Entſchluß gefaßt zu haben und näherte ſich haſtig der Thür. Ich will ſelbſt zu ihr, ſagte er mit blitzenden Au⸗ gen. Ich will ſie zwingen, mir zu ſagen, weshalb ſie das gethan hat. Aber auf der Schwelle der Thür blieb er ſtehen und drückte ſeufzend die Klinke wieder in das Schloß. Nein, ſagte er, ich darf das nicht thun. Ich darf nicht thun, was jeder Mann an meiner Stelle thun würde, Ich nicht, denn— ich bin der König! Ach, und die Menſchen meinen, daß es ſo leicht ſei, ein König zu ſein, und daß die Krone dem Menſchen, auf deſſen Haupt ſie gedrückt wird, gar keine Schmer⸗ zen verurſache. Sie wiſſen nicht, daß oft unſer Herz⸗ blut der Leim iſt, der unſere Krone hält und feſtigt! Er ſeufzte tief, und begann wieder ſein gleichmä⸗ ßiges Auf⸗ und Abwandeln. Dann plötzlich blieb er ſtehen, und ſchüttelte ſich, wie es der Löwe thut, wenn er nach langem Ruhen ſich wieder zu neuer Thatkraft emporſchwingt. Oh, ſentimental! ſagte er mit einem traurigen Lächeln. Ich glaube, daß ein König auch dazu nicht das Recht hat. Fort alſo mit der Sentimentalität und den empfindſamen Seufzern. Wahrhaftig, was würde Maria Thereſia ſagen, wenn ſie wüßte, daß der Kö⸗ nig von Preußen ſentimental iſt, und ſeufzt, wie ein verliebtes Mädchen. Würde ſie nicht vermeinen, Schleſien ſchon wieder in der Taſche ihres Reifrocks zu haben? 4 1 1 Während der König ſo mit ſeiner Sentimentalität kämpfte, hatte die Signora Barberina einen weit ſchlim⸗ — 151— mern, einen weit gefährlichern Feind zu bekämpfen, einen Feind, welcher nicht, wie die Sentimentalität, Alles nur in ſanſter Verſchleierung der Schwermuth und in gedämpftem Licht und verblaßten Farben ſieht, ſondern welcher gar nichts ſieht, und für gar nichts Auge und Sinn hat. Dieſer Feind war die Lange⸗ weile. Ja, Barberina langweilte ſich, oder vielleicht war es nur die Ungeduld, wieder auf der Bühne zu erſcheinen, welche machte, daß ihr die Stunden ſo bleiern, ſchwer und träge dahinſchlichen. Sie lag den ganzen Tag auf ihre Ottomane hin⸗ geſtreckt, mit offenen Augen, ſchweigend, ſeufzend, und ſelbſt Marietta's liebevolle Worte kaum mit einem Au⸗ genwinken, einer freundlichen Antwort erwidernd. Ver⸗ geblich ſchlug Marietta ihr vor, ſich zu zerſtreuen, in⸗ dem ſie ihre Freunde und Anbeter um ſich verſammle. Barberina erklärte, Geſellſchaft ſei ihr noch langweili⸗ ger als die Einſamkeit, und ließ ganz unerbittlich alle die vornehmen Herren, welche kamen, um ihr einen Beſuch zu machen, abweiſen.. Das dauerte zwei Tage, dann erhob ſich Barbe⸗ rina plötzlich von ihrem Divan, und verſuchte, trotz der Bitten Marietta's, zu gehen. Es ſchmerzt gar nicht, ſagte ſie, indem ſie weiter ging. Du ſagſt das, wie es Arias geſagt haben mag, als ſie dem Geliebten den Dolch hinreichte, ſagte Ma⸗ rietta traurig. Nur, daß ich keinen Geliebten habe, ſagte Barbe⸗ rina. Nur, daß ich ganz allein bin, daß mich Nie⸗ mand liebt, Niemand dieſes arme, glühende, in Todes⸗ qualen zuckende Herz verſteht. Und wie ſie ſo ſprach, entſtürzte ein Strom von 4 — 152— Thränen ihren Augen, und ihre ganze Geſtalt erzitterte unter dem Sturm ihrer innern Leidenſchaft. Und das ſagſt Du, Sorella, Du, welche ſo viel geliebt, ſo viel angebetet wird? fragte Marietta. Barberina ſchüttelte mit einem matten, verächtlichen Lächeln das Haupt. Nennſt Du das Liebe? Iſt die⸗ ſes hohle Wortgezwänge, dieſes ewige Einerlei nichts⸗ ſagenden Lobes, dieſes Preiſen meiner Schönheit, mei⸗ ner Grazie und Kunſtfertigkeit, iſt das Anbetung! Geh, geh, Marietta, Du weißt, daß es nicht ſo iſt; Du weißt, daß ſie Alle ſich nur mit mir ſchmücken wollen, wie mit einer ſeltenen fremdländiſchen Blume, welche nur deshalb ſchön iſt, weil man ſie theuer be⸗ zahlt hat, und welche man nur deshalb bewundert, weil ſie fremd und ſelten iſt. Du weißt, daß Keiner von allen dieſen Männern mich liebt um meiner Selbſt, ſondern Alle nur um meiner äußern Erſcheinung willen. Niemals bin ich einſamer, als umgeben von meinen Anbetern, niemals fühle ich mich weniger ge⸗ liebt, als indem ſie mir ſagen, daß ſie mich grenzen⸗ los lieben. Oh, Gott, muß ich denn mein Herz ein⸗ ſargen und es begraben unter dem Schnee dieſes kal⸗ ten Nordens! Gott, Gott, gieb meinem Herzen ein Herz, das lieben kann, wie Barberina's Herz! Sie ſchlug ihre beiden Hände vor ihr von Thrä⸗ nen überfluthetes Angeſicht, und ſtand zitternd und ſchwankend, wie eine vom Sturm geſchüttelte Lilie da. Marietta trat zu ihr und legte voll tiefen Mitge⸗ fühls ihr Haupt an ihrer Schweſter Schulter. Sie verſuchte es nicht, ſie zu tröſten oder zur Ruhe zu er⸗ mahnen, denn ſie wußte, daß es Schmerzen giebt, welche von Troſtesworten wie von Dolchſpitzen auf's Neue verwundet werden, und die ſich erſt austoben müſſen, um ſich zur Ruhe zu ſänftigen. Sie kannte — 153— die großartige und energiſche Natur Barberina's, und wußte, daß die Thränen bei ihr nur den Wolken glichen, welche ſich erſt abregnen müſſen, um dann die Sonne deſto herrlicher ſcheinen zu laſſen. Auch hatte ſie ſich nicht geirrt. Als Barberina nach einiger Zeit wieder die Hände von ihrem Antlitz gleiten ließ, wa⸗ ren ihre Thränen längſt verſiegt und ihr Auge leuch⸗ tete wieder in dem gewohnten Glanz. Ich bin eine Thörin, ſagte ſie mit einem wunder⸗ vollen Lächeln, eine ſo große Thörin, daß ich vom Norden die Blüthen des Südens verlange, und von dem Eis fordere, ſich in Feuer zu verwandeln. Als ob eine Schneelandſchaft nicht auch ihre Berechtigung und Schönheit hätte, ſogar ihre ſchauerlichen Schön⸗ heiten, wenn ſie von Bären oder Wölfen belebt wird. Nur wehe uns, wenn wir dieſen Ungethümen be⸗ gegnen, ſagte Marietta, bereitwillig auf Barberina's ſcherzhafte Weiſe eingehend. Warum wehe? fragte Barberina. Man bezwingt jedes Ungethüm und jede Gefahr, wenn man ihr nur recht feſt in's Auge ſchaut. Aber nicht zu lange, Ma⸗ rietta, nicht ſo lange, bis Einem die Augen übergehen. Und jetzt, Sorellina, genug der Sentenzen, genug der Moral. Die Regentage ſind vorüber, die Sonne ſoll wieder ſcheinen. Ich will nicht mehr krank ſein und da wie ein unbenutztes Spielzeug auf den Polſtern liegen. Nein, nein, ich will geſund ſein, und mit luſtigem Flügelſchlag wieder über die Welt hinflattern. Je höher man fliegt, deſto näher iſt man dem Him⸗ mel. Laß mich alſo fliegen, Sorellina, fliegen ſo hoch mich meine Begeiſterung tragen will. Denke auch nicht, daß ich, wie der arme thörichte Ikarus, mir Flügel von Wachs anheften will. Nein, nein, ich bin viel weiſer, viel vernünftger. Ich begnüge mich, mit — 154— meinen Füßen zu fliegen, und wie eine Libelle um⸗ herzuflattern. Meine Füße ſind ächt, und keine Sonne kann ſie ſchmelzen. Denn ſage mir, Marietta, ſind ſie nicht ſelber wie ein paar Sonnen? Verſtehen ſie es nicht, den todten Maſſen Leben einzuhauchen und kalte Herzen zu erwärmen und eiſiges Blut zum Auf⸗ thauen zu bringen? Du ſiehſt, ich habe mir die Sprache meiner Verehrer ſehr wohl gemerkt, und wenn ich juſt keinen andern Anbeter neben mir habe, nun, ſo bete ich mich ſelber an. Sie ſagte das Alles mit lachendem Munde und blitzenden Augen, aber Marietta fühlte es doch, daß dieſe Heiterkeit nur eine erkünſtelte, ihrem Weſen nicht natürliche ſei, daß Barberina nur in dem Fieber ihrer geheimen Schmerzen ſo heiter lachen mochte. Weißt Du, was ich jetzt beſchloſſen habe? fragte Barberina nach einer Pauſe, indem ſie wie zufällig ſich abwandte, um Marietta ihr Antlitz nicht ſehen zu laſſen. Da ich heute und morgen noch nicht tanzen kann, ſo will ich mich anderweitig nützlich beſchäfti⸗ gen. Das heißt, ich will zu Pesne und ihm einige Stunden zu meinem Portrait ſitzen. Obwohl ſie ihr Antlitz abgewandt hatte, ſah Ma⸗ rietta, wie tief ſie erröthet ſein mußte, denn ein Wie⸗ derſchein davon hauchte ſelbſt ihren Hals und Nacken mit einem ſanften Roth an. 3 Du willſt in's Schloß fahren? fragte Marietta ſanft. Nicht in's Schloß, ſondern nur zu Pesne, Ma⸗ rietta. Sein Atelier iſt aber jetzt im Schloß. Der König hat es ſo gewünſcht, und ſo iſt Pesne vom Lagerhaus in's königliche Schloß gezogen. Meinetwegen, ſagte Barberina leichthin. Ich habe 3 — — 155— ihm im Lagerhauſe geſeſſen, jetzt werde ich es im Schloſſe thun. Aber ich bin gewiß, daß es Dir ſehr unangenehm iſt, mit dem König, welchen Du haſſeſt, unter Einem Dache zu ſein, ſagte Marietta mit kaum merklichem Lächeln. Du weißt vielleicht nicht, daß der König nicht in Potsdam, ſondern in Berlin iſt? Barberina wandte ſich zu ihr um, und legte mit einer heftigen Bewegung ihre beiden Arme um Ma⸗ rietta's Hals, und indem ſie dann einen glühenden Kuß auf ihre Lippen drückte, flüſterte ſie ganz leiſe: Ich weiß es, Sorinella! Aber ich gehe doch!— Barberina alſo fuhr in das neue Atelier des Ma⸗ lers Pesne, das heißt in das königliche Schloß, in welchem daſſelbe ſich jetzt befand. Der König liebte es ſehr, das Wachſen und Gedeihen eines Kunſtwerkes zu beobachten, und dem Werden und Entſtehen deſſel⸗ ben zuzuſchauen. Er war oft, als Pesne an ſeinem großen Gemälde arbeitete, welches die keuſche Diana, umgeben von ihren Nymphen, darſtellte, zu ihm in's Lagerhaus gekommen, um ihm bei der Arbeit zuzuſe⸗ hen. Auch den Entwurf zu dem lebensgroßen Por⸗ trait der Barberina hatte er dort in Augenſchein ge⸗ nommen, und dann, vor ſeiner Abreiſe nach Schleſien, befohlen, daß Pesne ſein Atelier in's Schloß verlege, weil er, wie der König ſagte, ſeinen Maler näher ha⸗ ben möchte. Barberina alſo fuhr nach dem Schloß, das heißt nach dem Atelier ihres Malers. Leicht wie eine Ga⸗ zelle hüpfte ſie die hohen Stiegen hinauf. Ihr Fuß ſchmerzte ſie gar nicht mehr, oder ſie empfand dieſe Schmerzen nicht. Ungeſtüm und haſtig wartete ſie es kaum ab, daß ihr vorausgeeilter Diener ſie dem Ma⸗ — 156— ler meldete, ſondern trat gleich hinter ihm in das Atelier ein. Pesne war da, und hieß die Signora freudig will⸗ kommen, aber ſie ſah vergeblich in dem Atelier nach ihrem Portrait umher. Iſt die Copie meines Ich's vielleicht auch wie das Original verunglückt? fragte ſie. Der Maler lächelte. Nicht doch, Signora; die Co⸗ pie macht ebenſo viel Furore, als das Original, eben weil es die Copie deſſelben iſt. Was heißt das? Das heißt, daß Seine Majeſtät mit der Copie ſo ſehr zufrieden war, daß er dieſelbe ſeit geſtern in ſei⸗ nem Studirzimmer aufgeſtellt hat, obwohl ich dagegen zu proteſtiren wagte, weil das Bild noch unvollendet iſt. Der König indeſſen beſtand darauf, indem er ſagte, daß er das Portrait ſeinen Freunden zeigen und 3 un ihnen überlegen wolle, was dem Portrait noch ehle. Niemals vielleicht, ſelbſt in ihren glänzendſten Rol⸗ len, war Barberina ſchöner geweſen, als in dieſem Moment. Ihr Antlitz ſtrahlte wie in einer Verklä⸗ rung. Mit dieſem Lächeln und dieſen Blicken wäre auch eine Häßlichkeit zur Schönheit geworden. 4 Dann alſo, ſagte ſie hochathmend, dann alſo bin ich vergeblich gekommen, und Sie können mein Geſicht heut gar nicht gebrauchen. Nein, nein, Signora, Ihr Geſicht iſt ein viel zu ſeltener Stern, als daß man nicht die koſtbare Gele⸗ genheit, wenn er leuchtet, benutzen ſollte. Geruhen Sie, mich zu erwarten. Ich eile zum König und hole mir das Bild. 3 Ohne Barberina Zeit zu einer Antwort zu laſſen, eilte Pesne hinaus und Barberina blieb allein. Was — 157— war es, das ihr Herz höher klopfen machte und ein glühendes Roth auf ihre Wangen trieb! Warum rich⸗ teten ſich ihre Augen ſo oft auf die Thür, und mit einem ſolchen Ausdruck der Angſt und des Zagens? Da, da hörte ſie Schritte im Vorzimmer! Bar⸗ berina drückte angſtvoll ihre beiden Hände auf ihr Herz; ſie hatte ein Gefühl, als müſſe es zerſpringen. Die Thür öffnete ſich, Pesne kehrte zurück, aber allein, ohne das Bild. Signora, ſagte er, der König wünſcht, daß die Sitzung heute unten in ſeinen Gemächern ſtattfinde. Seine Majeſtät will die Gnade haben, mir ſelbſt einige Andeutungen zu geben, und mich auf einige Fehler aufmerkſam zu machen. Ich habe alſo nur meine Pa⸗ lette und meine Pinſel zu nehmen, und wenn es Ih⸗ nen gefällig iſt, gehen wir. Barberina ſagte kein Wort; ſie war nur ganz bleich geworden, und ihr Gang war ſo unſicher und ſchwan⸗ kend, daß ſie, als ſie die königlichen Gemächer durch⸗ ſchritten, mehrmals ſtille ſtehen und ſich auf des Ma⸗ lers Arm ſtützen mußte, um nicht umzuſinken. Ihr Fuß ſchmerze ſie immer noch ſehr, ſagte ſie zu Pesne, und vielleicht glaubte er es ihr. Sie traten jetzt in das Gemach ein, in welchem das lebensgroße Portrait der Signora auf der Staffelei aufgeſtellt war. In dieſem Gemach befanden ſich zwei Thüren, die eine, durch welche ſie eingetreten waren, die andere, welche ganz unmittelbar in das Bibliothek⸗ und Studirzimmer des Königs führte. Dieſe zweite Thür war indeß nicht geöffnet, und Niemand befand ſich in dem Zimmer außer Barberina und dem Maler. 4 Der König ertheilt noch einige Audienzen, ſagte 2 7 Pesne. Er hat mir befohlen, immerhin anzufangen, ſobald er Zeit hat, wird er hierher kommen. Fangen wir alſo an, ſagte Barberina mit einem mühſamen Lächeln, indem ſie ſich auf einen Seſſel nie⸗ dergleiten ließ. Nur werden Sie mir heute erlauben müſſen zu ſitzen, und ich denke, das wird keinen Un⸗ terſchied machen, da Sie es heute wohl nur mit mei⸗ nem Geſicht und nicht mit meiner Geſtalt zu thun haben. Aber Pesne erklärte, daß es unmöglich ſei, eine ſtehende Figur anders als im Stehen zu portraitiren, und daß das Geſicht einer Sitzenden ganz andere For⸗ men, eine ganz andere Haltung, ganz andere Beleuch⸗ tung habe, wie das einer Stehenden. Barberina mußte ſich alſo, trotz ihres Fußes, be⸗ quemen zu ſtehen. Aber ſie ſchien jetzt keine Schmer⸗ zen mehr zu empfinden, ſie lächelte ſo glückſelig, ſie ſprach ſo lebhaft, ſo geiſtvoll und pikant, daß Pesne zuweilen über dem Anſchauen dieſes belebten, geiſtvol⸗ len, ſchönen Angeſichts vergaß, daß er nicht da ſei, um ſie zu bewundern, ſondern um ſie zu malen. Plötzlich ſtockte ihr Lächeln und mitten in einer ange⸗ fangenen Phraſe hielt ſie inne. Sie hatte da hinter ſich die Thüre ſich leiſe öffnen gehört, ſie fühlte es an dieſem ſtürmiſchen Klopfen ih⸗ res Herzens, daß ſie nicht mehr mit dem Maler allein ſei, und doch hatte ſie nicht den Muth, nicht die Kraft, ſich umzuwenden, ſondern blickte ganz ſtarr und un⸗ verwandt zu Pesne hin, welcher ganz ruhig weiter malte, weil er ſehr wohl geſehen hatte, wie der König ihm mit der Hand gewinkt, ruhig zu bleiben und ſeine Anweſenheit gar nicht zu bemerken.. Pesne alſo malte weiter und richtete an Barberina ganz harmloſe und gleichgültige Fragen, die ſie indeß — 159— nur ſtockend und ſchüchtern beantworten konnte. Viel⸗ leicht hatte ſie ſich geirrt, vielleicht war ſie wirklich noch allein mit dem Maler. Und doch hatte ſie ein Gefühl, als ob das unmöglich ſei, doch ſchien ihr, als ſei plötzlich ein Lichtſtrahl durch dieſes Gemach gefal⸗ len, und habe brennend und mit verzehrender Gluth ſich auf ihre Schulter geheftet. Sie ſah nicht den Blick des Königs, aber ſie fühlte ihn, ſie fühlte, daß er hinter ihr ſtand, daß er ſie beobachtete; ohne daß ein Geräuſch, ein Wort, ein Blick ihr ſeine Annä⸗ herung verrieth, fühlte ſie dieſelbe. Ich werde mich nicht bewegen, ich werde mich nicht nach ihm umwenden, dachte ſie, aber ich werde todt zur Erde fallen. Aber jetzt mußte ſie ſich doch umwenden, denn der König nannte ihren Namen und begrüßte ſie mit eini⸗ gen freundlichen Worten. Während ſie ſich verneigte, blickte ſie ſchüchtern zu ihm empor. Wie kalt, gleich⸗ gültig und theilnahmlos ſein Blick war, und doch hatte er ſie ſeit Wochen nicht geſehen, und war ſie ſeitdem krank und leidend geweſen. Jetzt fühlte ſie wieder, wie glühend ſie ihn haſſe, und daß es wirklich nur der Zorn geweſen, welcher ſie bei dem unvermutheten Wiederſehen des Königs ohnmächtig hatte werden laſſen. 3 Aber dennoch mußte ſie ſich geſtehen, daß der Ton ſeiner Stimme wie himmliſche Muſik an ihr Ohr klinge, daß jedes Wort, welches er ſprach, ihr Herz bewegte, wie der Wind das Meer aufkräuſeln macht. Der König ſprach über ihr Portrait; er hatte, wie er ſagte, aus dem Anſchauen deſſelben ſich ein Stu⸗ dium gemacht, und unc den Fehlern und Mängeln deſſelben geſucht, wie Andere nach den Schönheiten und Vorzügen. 8 * — 160— Dann zittere ich vor dem Urtheil Euerer Majeſtät, ſagte Pesne. Und ich muß geſtehen, daß Er ein wenig Grund dazu hat, ſagte der König. Ich habe das Bild nicht angeſehen mit den Augen eines Liebhabers, ſondern mit denen eines Kritikers, und ſolche Augen ſehen bekannt⸗ lich ſehr ſcharf und haben ſogar Flecken in der Sonne entdeckt. Freilich hat das die Sonne immer nicht ver⸗ hindert zu leuchten und zu glänzen, und Sonne zu bleiben, wie meine Kritik Sein Bild nicht verhindern wird, ein ſchönes Bild zu ſein, welches nur von dem Original verdunkelt wird. Vielleicht, Sire, ſagte Barberina lächelnd, bin ich ſelber einer von den Flecken in der Sonne, und ſo mag es kommen, daß ich verdunkele, wie Euere Ma⸗ jeſtät ſagen. Sie ſehen, Signora, wie wenig ich mich darauf verſtehe, galant zu ſein, ſagte der König lächelnd, denn ſelbſt wenn ich es verſuche, eine Galanterie zu ſagen, läßt ſich dieſelbe Mäs gut in das Gegentheil verdre⸗ hen. Erlauben Sie mir alſo, ohne dieſe Schminke und Uebertünchunge ganz einfach die Wahrheit zu ſa⸗ gen. Dieſe Wahrheit iſt: Sie ſind ſchöner als Ihr Portrait, und doch bewundere ich Pesne, daß er es verſtanden hat, ſo viel von Ihrer Schönheit wiederzu⸗ geben, wie ich den Dichter bewundere, der die Macht hat, einen im Sonnenglanz ruhenden Frühlingsmorgen zu beſchreiben und zu portraitiren. Doch iſt das vielleicht weniger ſchwer, als der Signora Bild zu malen, ſagte Pesne mit einem ko⸗ miſchen Seufzer. Ein Frühlingsmorgen hält wenig⸗ ſtens ſtill und läuft nicht davon, und wechſelt nicht in jeder Minute die Stellung, den Ausdruck und die ganze Phyſiognomie. 1 n. 2 — 161— Der König lachte. Wahrhaftig, ſagte er, es mag ſchwer ſein, den Schmetterling bei ſeinen Flügeln zu erhaſchen und ihn zum Stillſitzen zu zwingen, ohne dabei den Aetherſtaub ſeiner Flügel zu verletzen. Aber male Er jetzt weiter, Pesne, ich will mich hinter Sei⸗ nen Stuhl ſtellen und Ihm zuſchauen. Pesne ergriff wieder die Palette und begann zu malen. Barberina nahm wieder dieſe anmuthsvolle, leichte, ſchwebende Stellung ein, in welcher der Künſt⸗ ler ihre liebliche Erſcheinung uns aufbewahrt hat. Sie war unbeſchreiblich anmuthig in dieſer ſchwebenden Haltung, mit dieſen gerundeten Armen, dieſen geſpitz⸗ ten Fingern, welche loſe und zierlich das blumenver⸗ zierte Gewand faßten und ein wenig in die Höhe ho⸗ ben, daß darunter der vorwärts geſtreckte, auf den Zehen ruhende rechte Fuß ſichtbar ward, unbeſchreib⸗ lich anmuthig mit dieſem leiſe zur Sei eigten Haupt, mit dieſen glühenden Augen, dieſem anmuthsvollen ſü⸗ ßen Lächeln.. 8 Jedermann würde ſie bewundeßeuun wunderung mindeſtens in ſeinen Mne ken verrathen haben. Nur das 3 verrieth nichts davon, es war vollkomeet eichgültig, vollkommen kalt und ruhig. Barberina fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen ſtieg, und dann auf ein⸗ mal zurücktretend, ihr Herz faſt erſtickte. Sie fühlte, daß es ihr unmöglich ſei, dieſes ruhige Anſchauen, dieſe kalte Kritik über das Portrait und das Original län⸗ ger zu ertragen, und doch ſchwur ſie ſich ſelber, dem König dieſen neuen Triumph nicht zu bereiten, nicht zuſammenzuſinken, nicht ohnmächtig zu werden, und dieſem kalten, ſtolzen Herzen nicht die Freude zu gön⸗ nen, daß ſie in Zorn und gekränkter Eitelkeit auf⸗ flamme. Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. II. 11 4 — 162— Aber ihr Körper war doch minder ſtark, als ihr Geiſt, und was Barberina's Kopf nicht wollte, das that ihr Fuß. Er verſagte ihr, er verlangte Ruhe, und wider ihren Willen ſchwankte ſie und erbleichte. Sofort war der König an ihrer Seite, und fragte mit ſo theilnehmender, bewegter Stimme um den Grund ihres Erbleichens, daß Barberina ihr Herz da⸗ von erbeben fühlte in füßem Erſchrecken. Er ſelber ſchob ihr den Seſſel herbei und bat ſie, ſich zu ſetzen und auszuruhen, und ſich zu erholen von dem ermü⸗ denden Stehen. Sie dankte ihm mit einem ſüßen Lächeln, und meinte, daß es beſſer ſein würde, wenn ſie zu Hauſe führe, daß ſie ſich unfähig fühle, noch länger dem Maler zu ſitzen, und ſie ſich daher, wenn der König es erlaube, zurückziehen wolle. Eine Wolke flog über des Königs Stirn, und ein düſterer, faſt trauriger Blick traf Barberina's An⸗ geſicht. Nein, ſagte er faſt barſch, Sie ſollen noch hier bleiben. Wir haben noch Geſchäfte mit einander. Der weerts hat mir vorher Ihren Contract gebracht, da⸗ mit ich ihn untekſchriebe. Ich finde aber daran noch Einiges zu ändern, und hätte Sie deshalb heute zu mir beſchieden, wenn der Zufall Sie nicht hierher ge⸗ führt hätte. Euere Majeſtät haben ganz über mich zu befehlen! ſagte Barberina demüthig. Wenn es ſich um Geſchäfte und Contracte han⸗ delt! rief der König mit einem rauhen Lachen. Ich will alſo nur von Geſchäften mit Ihnen ſprechen. Pesne, Er ſagt wohl beim Hinausgehen dem Lakayen, daß er den Baron von Sweerts zu mir beſcheiden ſoll. Er nickte dem Maler den Abſchiedsgruß zu, und 5 — 163— indem er dann haſtig die Hand Barberina's ergriff, führte er ſie in das anſtoßende Gemach, in ſein Tusculum, welches vielleicht noch niemals von einem weiblichen Fuß war betreten worden, und das nur den vertrauteſten und geliebteſten Freunden des Königs ſich öffnete. XVI. Das geſtändniß. Barberina betrat dieſes Gemach mit einem eigen⸗ thümlichen Bangen, mit zitterndem Herzen und hoch⸗ athmender Bruſt. Sie, welche ſonſt immer ſo ſtolze und ſiegesgewiſſe Blicke hatte, ſchaute jetzt nur ſchüch⸗ tern und faſt verlegen zu dem König empor, deſſen Antlitz ihr nie ſo ſchön und zugleich ſo impoſant er⸗ ſchienen war, wie in dieſem Moment. Schweigend nahm ſie auf dem Divan Platz, zu welchem der König ſie hinführte, indem er ſelbſt ihr gegenüber auf einem Fauteuil ſich niederließ. Es iſt heute das zweite Mal, ſagte der König mit einem ſanften Lächeln, das zweite Mal, daß ich die Ehre habe, mit Ihnen allein zu ſein, Signora. Als ich Sie das erſte Mal ſah, ſchwuren Sie mir, daß Sie den König von Preußen ewig haſſen würden. Ich ſagte Euerer Majeſtät das, weil ich Sie nicht kannte, ſagte Barberina leiſe. Hätten Sie mich gekannt, ſo würden Sie es mir 11 — 164— freilich verſchwiegen haben, denn es iſt leider unter den Menſchen eine ſtillſchweigende Verabredung, den Königen niemals die Wahrheit zu ſagen. So erfuhr ich auch damals nur Ihre wahre Geſinnung gegen mich, weil Sie nicht wußten, daß es der König war, zu dem Sie ſprachen. Oh, Signora, ich habe Ihre Worte von damals nicht vergeſſen! Ich weiß, daß Sie an jedem Tage zu Gott beten,„nicht mehr um Ihr Glück, denn das hat dieſer grauſame König zer⸗ ſtört, ſondern nur noch um Rache, um Vergeltung an dieſem Mann, welcher die Herzen anderer Men⸗ ſchen unter ſeine Füße tritt, weil er ſelber kein Herz hat.“ Euere Majeſtät ſind ſehr grauſam, flüſterte Bar⸗ berina. Grauſam, weshalb? Ich wiederhole Ihre Worte, weiter nichts! Grauſam, weil ich ſie nicht vergeſſen habe? Man vergißt nicht, was Barberina ſagt. Da⸗ rin wenigſtens gleicht der König jedem andern Mann. Und darin ſollte er ihm am wenigſten gleichen. Das kleine Windſpiel mag ſich rächen, wenn man es beleidigt, der Adler verzeiht, und ſchwingt ſich höher in die Lüfte, ſo hoch, daß er das arme Menſchenge⸗ würm gar nicht mehr ſieht und es vergeſſen kann. Euere Majeſtät gleicht ſo ſehr dem Adler, warum woll⸗ ten Sie nicht auch vergeſſen? Weil ich nicht kann und auch nicht will. Ich er⸗ innerte Sie nur an jene Stunde, weil ich Sie heute um eine ähnliche bitten möchte, weil ich wieder einmal von dieſen ſtolzen Lippen die Wahrheit, dieſes ſeltene Manna der Könige, empfangen möchte. Barberina, wollen Sie mir einmal wieder die Wahrheit ſagen? Wollen Euere Majeſtät mir alsdann die erzeigen, jenes erſte Geſpräch zu vergeſſen? 4 — 165— Nicht mehr Sie daran zu erinnern, das verſpreche lch. Ich danke Enerer Majeſtät. Ich werde Ihnen die Wahrheit ſagen. Sie ſchwören mir das? Ich ſchwöre es! Nun denn! Warum haben Sie ſich ſelber am Fuß verwundet? Barberina zuckte zuſammen und hatte nicht den Muth, dieſen flammenden, durchbohrenden Blick des Königs auszuhalten. Sie ſenkte das Auge zu Boden und ſchwieg. Die Wahrheit! rief der König gebieteriſch. Die Wahrheit! wiederholte Barberina entſchloſſen, und ſie hob das Auge, welches jetzt flammte und glühte, wieder zu dem König empor. Ja, ich will Ihnen die Wahrheit ſagen. Ich habe mich am Fuß verwundet, weil ich— Weil Sie, unterbrach ſie der König heftig, weil Sie vor mir nicht tanzen wollten, weil Sie wußten, daß es für dieſen armen, mattgehetzten, einſamen, ge⸗ langweilten König ein Glück, eine Lebensfreude gewe⸗ ſen wäre, Sie tanzen zu ſehen. Weil Sie ſehr gut fühlten, daß Ihre Erſcheinung für ihn das iſt, was dem lebendig Eingeſargten der erſte Strahl der Sonne iſt, der ihn trifft, wenn ſich das Grab ihm wieder geöffnet hat; weil Sie ihn ſo ſehr haßten, daß Sie ihm auch dieſen Einen Genuß nicht gönnen wollten, nicht einmal an dem Abend gönnen wollten, an welchem der König von einer beſchwerlichen und Befahrvolen Reiſe hierher zurückkam, und in's Theater eilte, um Sie, Barberina, um Sie, ganz allein nur Sie zu ſehen. Aber Ihr grauſames und kaltes Herz war ohne Mitleid, ohne Sympathie; Sie wollten nichts, als Ihren Stolz befriedigen, und — 166— Ihrem Stolz that es wohl, einen König, einen Mann, deſſen Machtſpruch Tauſende erzitttern macht, zu belei⸗ digen und zu kränken. Sie fingirten alſo eine Ohn⸗ macht, Sie unterbrachen ſich mitten in Ihrem Lächeln, Ihrer bezaubernden Heiterkeit, Ihrem übermüthigen Libellenflug, um mit der ganzen Kunſt einer Schau⸗ ſpielerin eine plötzliche Erkrankung zu heucheln, nur, um nicht weiter zu tanzen, nur, um den König zu kränken. Barberina, das war ein kleinliches, ein jam⸗ mervolles Kunſtſtück, welches Sie billig den Theater⸗ prinzeſſinnen und den Kammerkitzchen überlaſſen foll⸗ ten. Für dieſe iſt ſolch Nürnberger Spielzeug gut genug, eine Barberina ſollte ſich nicht mit ſolchem Flit⸗ ter behängen, und nicht aus kleinlicher Rachſucht zu einer jammervollen Lüge ihre Zuflucht nehmen. Und wie raffinirt Sie ſind in Ihrer Bosheit, wie uner⸗ müdlich in Ihrem Haß! Nicht zufrieden damit, daß Sie an jenem erſten Abend eine Ohnmacht fingirten, haben Sie ſich am andern Tage ſelber verwundet, und in Ihrer blutdürſtigen Wuth gegen mich haben Sie ſogar gegen ſich ſelber gefrevelt. Eine Ohnmacht, das wußten Sie wohl, muß doch vorüber gehen, aber ein verletzter Fuß, das bleibt, das dauert vielleicht ſo lange, als der König hier iſt, um ſich ein wenig zu erholen von den Sorgen, den Gefahren und Anſtren⸗ Jungen ſeines Kriegslebens, und erſt, wenn er wieder abgereiſt iſt, wird der Fuß geneſen. Ah, Signora, Sie ſind eine ächte Tochter Ihres Landes, Sie ver⸗ ſtehen Sich auf die Rache und den Haß, und Sie ſind unerſättlich darin. Nun denn, ich will Ihnen eine Freude machen, ich will Ihr Herz mit Entzücken er⸗ füllen. Sie haben geſchworen, mich zu haſſen, Sie beten zu Gott, daß er Ihnen Rache gewähren möge an dem König von Preußen, welcher die Herzen unter — 167— ſeine Füße tritt, weil er ſelber kein Herz hat. Nun denn, trumphiren Sie, Signora, Sie ſind gerächt! Der König hat ein Herz, und Sie haben dieſem Her⸗ zen wehe gethan! Und ganz überwältigt, ganz übermannt von ſeiner innern Aufregung, ſprang der König von ſeinem Sitz empor und trat an's Fenſter, vielleicht um die Signora ſein erregtes Antlitz nicht ſehen zu laſſen, vielleicht um ſeine glühend heiße Stirn an den Scheiben zu kühlen. Plötzlich fühlte er ſeine Schulter leiſe berührt; haſtig wandte er ſich um. Barberina war es, welche ihm gegenüber ſtand, ſo ſtolz, ſo groß, ſo königlich und ſchön, wie der König ſie nie zuvor geſehen. Eine energievolle Gluth ſprach aus ihren Zügen, ein ſtolzer Entſchluß flammte aus ihren großen glühenden Au⸗ gen. Sire, ſagte ſie mit ihrer vollen, ſonoren Stimme, welche indeß ein wenig zitterte von dieſen innern Stür⸗ men, die ſie unter den Schleiern äußerer Ruhe ver⸗ barg, Sire, ich habe Ihnen geſchworen, Ihnen in die⸗ ſer Stunde die Wahrheit zu ſagen, ich werde meinen Schwur erfüllen. Ich werde Ihnen die Wahrheit ſa⸗ gen! Mögen Sie mich nachher verachten! Immerhin! Ich werde an Ihrer Verachtung ſterben, wie man an einem ſchnell tödtenden Gift ſtirbt, aber es iſt beſſer zu ſterben, als ſo zu leben. Ich will nicht, daß Sie mich für ſo kleinlich und erbärmlich halten, wie Sie es thun, merken Sie wohl, ich will es nicht! Sie haben mich der Lüge beſchuldigt! Ich ſchleudere dieſe Beſchuldigung von mir, wie man das ekle Gewürm fortſchleudert, deſſen Berührung uns anwidert. Sire, Sie ſollen die Wahrheit wiſſen, und träfe ſie mein Haupt wie ein Blitzſtrahl und ſchleuderte mich todt zu — 168— Ihren Füßen nieder. Oh, thäte ſie es, ich würde ſie ſegnen und im Sterben würde ich mich ſelig preiſen. Die Wahrheit, Sire, die Wahrheit! Hören Sie! Es iſt wahr, ich habe Sie gehaßt, denn Sie hatten mei⸗ nen Stolz gebeugt, und die bewunderte Königin der ganzen Welt in eine arme, gemiethete, bezahlte Tän⸗ zerin verwandelt, welche man mit Gensd'armen und mit der Polizei zwingt, einen Contract einzuhalten und ihren Willen ihrer Pflicht zu opfern. Es iſt wahr, ich habe Sie verwünſcht, denn Sie haben mich gewaltſam von einem Manne getrennt, welchen ich liebte, der mich liebte und mir eine glänzende, reiche und ruhm⸗ volle Zukunft zu bieten hatte. Es iſt wahr, ich habe zu Gott gebetet um Rache, um Vergeltung! Aber Gott hat meine Gebete nicht erhört, Gott verdammte mich um dieſes Verbrechens willen, und richtete die Spitze dieſes Dolches, den ich nach Ihnen zücken wollte, gegen meine eigene Bruſt. Ja, Sire, meine eigene Bruſt habe ich zerfleiſcht mit dieſem Haß, den ich Ihnen geſchworen, und an den ich mich anklam⸗ merte, wie der Geſcheiterte ſich an dem letzten Balken ſeines zerſchellten Schiffes hält, um nicht unterzuſinken. Aber ich, ich ſank unter. Ein Tag kam, wo die Ge⸗ bete des Zorns auf meinen Lippen ſich wider meinen Willen in Gebete des Segens verwandelten, wo ich mit Entſetzen und Grauen mir ſagte, daß vom Haß bis zur Liebe oft nur Ein Schritt iſt, ein Schritt, welcher indeß über einen Abgrund dahingeht! Ich will Ihnen nicht ſagen, Sire, was ich gelitten, wie ich ge⸗ kämpft und gerungen, wie ich mich ſelber verwünſcht, mich ſelber gehaßt habe, weil ich Sie nicht mehr ver⸗ wünſchen und nicht mehr haſſen konnte. Eines Tages, als Sie nach Schleſien abreiſten, ſagten Sie zu mir: „ich denke immer an Sie!“ Oh, Sire, Sie wuß⸗ 8 — 169— ten nicht, welch ein berauſchendes Gift Sie da in mein Ohr träufelten, welch einen Zauber Sie damit über mein ganzes Leben ausbreiteten! Ich ging unter die⸗ ſen Worten hin, wie unter einem goldenen Baldachin, freudetrunken, ſelig, götterſtolz. Ich las dieſe Worte 3 nicht bloß in meinem Herzen, ich las ſie auf jeder Blume und auf jedem Blatt, ich las ſie dort oben am Himmel mit Sonnenglanz und Sternenfunkeln hinge⸗ ſchrieben. Ich träumte von ihnen, wie man von Feen⸗ paläſten und von ſingenden Sternen träumt, und in jedem Vogelgeſang und in jedem Triumphgeſchrei, mit welchem die Menge mir zujauchzte, hörte ich nichts als dieſe himmliſchen Worte:„ich denke immer an Sie.“ Ich lebte von ihnen, während Sie fort wa⸗ ren, ich ſchrieb ſie mit meinen Blicken auf jenen leeren Seſſel, der mir im Theater gegenüber ſtand, und da⸗ hin ſchaute ich, und ihnen zu Liebe tanzte ich! Aber plötzlich fand ich auf dieſem Seſſel nicht mehr bloß meine goldenen Sternenworte, Sire, ich fand da zwei andere Sterne, zwei große wundervolle Angenſterne, deren Glanz meine Sinne verwirrte, weil ich nicht vorbereitet war. Nein, Sire, es war keine elende Theaterkomödie, kein erlerntes Kunſtſtück. Ich ſank ohnmächtig zuſammen, als ich Sie ſah, es war eine wirk⸗ liche Ohnmacht, und von jener Stunde an weiß ich, daß man nicht ſtirbt vor Freude und Entzücken, daß man nur ohnmächtig wird. Ich weinte die ganze Nacht, Sire, Gott weiß, ob vor Entzücken oder vor Scham. Am andern Tage, ja, da habe ich eine Lüge begangen. Ich ſtieß mein Stilet in meinen Fuß, um die Welt zu hintergehen, weil ich nicht wollte, daß die Menſchen wüßten, was nur Gott wiſſen ſollte, daß Barberina in Ohnmacht gefallen, weil ſie den König ſah und weil ſie fühlte, daß ſie ihn nicht mehr haßte, 5 — 170— ſondern ihn anbetete!— Jetzt, Sire, wiſſen Sie die Wahrheit! Leben Sie wohl! Sie ſtürzte der Thür zu, aber der König eilte ihr nach, er riß ihre Hand von der Thür fort, er zog ſie zurück, ungeſtüm, ſprachlos, aber mit leuchtenden Augen, freudeſtrahlend. Sie werden bleiben, ſagte er, ich befehle es Ihnen! Ich, nicht der König, ſondern ich,— Er neigte ſeine Lippen an ihr Ohr und flüſterte ganz leiſe zwei Worte, welche Barberina's Wangen mit einer leuchtenden Purpurgluth überhauchten. In dieſem Augenblick klopfte es außen an die Thür, die Portiere ward langſam zurückgeſchlagen und das bleiche kranke Geſicht Fredersdorf's ſchaute herein. Sdirre, ſagte er, Euere Majeſtät haben befohlen, den Baron von Sweerts rufen zu laſſen. Er iſt hier und wartet auf Seiner Majeſtät Befehle. Er mag kommen, ſagte der König, und als Fre⸗ dersdorf hinausgegangen war, fügte er mit einem lä⸗ chelnden Blick auf Barberina hinzu: ich denke, er kommt gerade zu rechter Zeit. Wir müſſen unſern Contract unterzeichnen. Der Sweerts mag als Prieſter dabei fungiren. Dann ging er dem eintretenden Intendanten ent⸗ gegen und forderte ihn auf, ſogleich den Contract der Signora Barberina herbeizuholen. Er nahm ihn aus den Händen des Intendanten und überlas ihn noch einmal. Es iſt gut ſo, ſagte er, nur einige Kleinigkeiten ſind noch daran zu än⸗ dern. Er trat zu ſeinem Schreibtiſch, und ſich auf den Lehnſtuhl vor demſelben niederlaſſend, ſchrieb er mit haſtiger Hand einige Worte in den Contract. — 171— Signora, ſagte er dann, ſich rückwärts wendend, beliebt es Ihnen, einen Augenblick hierher zu kom⸗ men? Barberina, ſeltſam befangen und erröthend, näherte ſich dem König. Im Hintergrunde des Zimmers ſah man den Baron von Sweerts, der mit einem pfiffi⸗ gen Lächeln nach dem König und der Barberina hin⸗ überſchauete. Neben ihm ſtand Fredersdorf, deſſen bleiches, ſchwermüthiges Geſicht ſich von der dunkel⸗ rothen Sammetportiere hinter ihm wie aus einem Rahmen emporhob. Leſen Sie, ſagte der König zur Barberina, indem er mit ſeinem ſchlanken, weißen Zeigefinger auf die Worte hindeutete, welche er eben geſchrieben. Barberina, hinter dem ſitzenden König ſtehend, neigte ſich vorwärts über ſeine Schulter. Ihr Athem berührte ſeine Wange, ſein feines duftiges Haar ſtreifte ihre Stirn, ſo nahe waren ſie nebeneinander. Haben Sie geleſen? flüſterte der König. Ja, Sire, hauchte ſie ganz leiſe. Aber als jetzt der König, ſein Haupt ein wenig mehr ſeitwärts wen⸗ dend, ſeine flammenden Blicke auf ſie heftete, ſchlug Barberina ganz ſchamvoll und verwirrt das Auge nieder. Wollen Sie unterzeichnen? fragte er leiſe. Ich will es! ſagte ſie kaum hörbar. Sie wollen ſich verpflichten, die nächſten drei Jahre hier zu bleiben, und in dieſen drei Jahren ſich nicht zu vermählen?*) )) Der Contract der Barberina ſicherte ihr auf drei Jahre ein Gehalt von ſiebentauſend Thalern mit fünf Monaten Urlaub im Jahr, doch mußte ſie ſich contractlich verpflichten, in dieſen drei Jahren ſich nicht zu verheirathen. Siehe: L. Schneider, Ge⸗ ſchichte des Berliner Opernhauſes pag. 27. — 172— Ich will es, Sire! Nehmen Sie alſo die Feder und unterzeichnen Sie unſern Contract. Sweerts, kommen Sie hierher und unterzeichnen Sie, und Du, Fredersdorf, halte Deine Siegel bereit. Der Contract iſt fertig! Ein trauriger Contract, wirſt Du ſagen, fuhr der König lächelnd fort, indem er ſich an Fredersdorf wandte. Ein trauriger Contract, welcher die Signora ebenſo mißhandelt, wie der König es mit mir thut. Der König iſt ein wahrer Ehehaſſer, nicht wahr? Nein, nein, Fredersdorf, ich will Dir den Beweis ge⸗ ben, daß Du Dich irrſt. Man hat mir geſagt, daß der Grund Deiner jetzigen Krankheit darin beruht, daß ich Dir nicht erlauben wollte, Dich zu vermählen. Nun denn, Fredersdorf, ich will heute nicht hartherzig ſein. Iſt doch meiner Eheſchen heute ſchon ein un⸗ ſchuldiges Opfer gefallen, hat doch die ſchöne Signora Barberina meinem Wunſche nachgeben und ſich ver⸗ pflichten müſſen, unvermählt zu bleiben. Um ihret⸗ willen, Freund, begnadige ich Dich! Gehe hin und nimm Dir das Weib, welches Du liebſt, und wenn der Prieſter Euch zuſammen gethan, ſollſt Du mit Dei⸗ ner Frau eine kleine Luſtreiſe nach Paris machen, auf meine Koſten, verſteht ſich!*) *) Fredersdorf, nachdem er endlich vom König die Erlaubniß zu ſeiner Verheirathung mit der Tochter des reichen Banquier Daun erhalten, vermählte ſich mit ihr und machte eine Reiſe nach Frankreich, von der er aber düſterer und ſchwermüthiger, als je zu⸗ vor, zurückkehrte. Seine Leidenſchaft, Gold zu machen, Tiorre ſich immer mehr. In Potsdam baute er ſich zu dieſem Zweck ein gro⸗ ßes Laboratorium, ebenſo in Berlin in ſeinem Hauſe in der großen Friedrichsſtraße Nr. 210. Seine Gehülfin und Gefährtin bei dieſen chemiſchen Verſuchen war indeſſen nicht ſeine Frau, ſondern eine da⸗ mals ſehr bekannte Wahrſagerin, Namens Düſterhaupt. Freders⸗ dorf ſtarb im Jahre 1758. Siehe: Rödenbeck Tagebuch S. 37. — 173— Fredersdorf neigte ſich über die dargereichte Hand des Königs und bedeckte ſie mit ſeinen Thränen und mit ſeinen Küſſen. Barberina's Augen ruhten mit einem Ausdruck ſeligen Entzückens auf dem ſchönen, ſtrahlenden Antlitz des Königs. Sie hatte ihn ſehr wohl verſtanden, ſie wußte, daß der König heute Alle, die ihn umgaben, glück⸗ ſih zu machen wünſchte, weil er ſelber ſich glücklich fühlte.„ XVII. Der Verräther. Herr Baron von Pöllnitz fühlte ſich heute ſehr un⸗ behaglich. Seit drei Tagen ſann er vergeblich, dieſer Unbehaglichkeit ein Ende zu machen, und ſeit drei Ta⸗ gen wollte ihm durchaus kein Mittel dazu einfallen. Herr von Pöllnitz befand ſich in jenem antediluviani⸗ ſchen Zuſtand, in dem ſelbſt Adam nur ſo lange ſich befand, als er im Paradieſe verweilte. Er hatte wie Adam, kein Geld. Aber das war durchaus kein pa⸗ radieſiſcher Zuſtand, ſondern ein ſehr unſeliger, der ſogar das Herz des unerſchütterlichen und tapfern Ba⸗ rons mit einigem Entſetzen und Bangen erfüllte. Was ſollte aus ihm werden, wenn der König ſich dies Mal nicht über ihn erbarmte, nicht Mitleid hatte mit ſeiner Noth, welche er ihm in einem ſehr beweglichen 1 — 174— und ſchönen Briefe geſchildert hatte, auf den er ver⸗ geblich ſeit dieſem Morgen die Antwort erwartete. Was ſollte er beginnen, wenn der König hartherzig und grauſam blieb? Aber nein, das war ja unmög⸗ lich, der König konnte ſo weit nicht gehen, es war eine Art heiliger Pflicht für ihn, ſich des langjährigen, treuen Dieners ſeines Hauſes, welcher ſchon dem drit⸗ ten Könige Preußens diente, zu erbarmen. Pöllnitz V gehörte gewiſſermaßen zur königlichen Familie, er war V ein übernommenes Inventarium, und das darf man nicht geringſchätzen, nicht bei Seite werfen. Er hatte alle ſeine Mittel erſchöpft, er hatte ge⸗ borgt bei Juden und Chriſten, er hatte mit ſchönen Redensarten und erheiternden Erzählungen aus den ſonſt unbezwingbaren Taſchen reicher Spießbürger ſo⸗ gar Geld hervorgelockt, alle ſeine Freunde hatten un⸗ eingelöſte Geldſcheine von ihm aufzuweiſen, ſein eige⸗ ner Bedienter ſogar hatte ſich bethören laſſen, und die Erſparniſſe langer Jahre ſeinem Herrn geopfert. Er, wie geſagt, hatte Jahre lang daran geſpart und doch war die Summe kaum groß genug geweſen, daß Pöll⸗ nitz davon eine Woche lang den noblen Cavalier, den reichen, verſchwenderiſchen, großmüthigen Herrn ſpie⸗ len konnte. Mein Gott, welche Opfer hatte er nicht ſchon ſei⸗ ner Geldnoth gebracht, welche Demüthigungen hatte er nicht um ihretwillen ſchon erleiden müſſen, und alles vergeblich! Vergeblich, daß er drei Mal ſchon ſeine Religion gewechſelt hatte, daß er ſich ſo weit herabgelaſſen, eine Kaufmannstochter, ja, ſogar eine reiche Schneiderstochter heirathen zu wollen. Alles war ihm fehlgeſchlagen, und ſogar die Schneiderstoch⸗ ter, ſogar Anna Prickerin, hatte ihn verſchmäht. 3 Und doch hätte Alles noch gut gehen können, ſagte — 175— er, indem er jetzt eben ſein Leben überdachte, ja Alles hätte noch gut werden können, wenn der König nicht dieſen formidablen Einfall gehabt hätte, das Verbot, mir Geld zu leihen, austrommeln zu laſſen. Es hat mir ſehr geſchadet und mir fürchterliche Mühe und Quälerei verurſacht. Es war eine raffinirte Grau⸗ ſamkeit, für die ich eines Tages Vergeltung üben werde, wenn der König ſie nicht wieder gut macht. Ha! Da kommt eine königliche Ordonnanz daherge⸗ ſprengt. Sie hält vor meiner Thür. Gott ſei Dank! Der König antwortet mir, das heißt, der König ſchickt mir Geld! Er war kaum im Stande, ſeine Würde ſo weit zu bewahren, daß er nicht ſelbſt hinauslief, dem Boten des Königs entgegen, und nur der Gedanke hielt ihn zurück, daß er nothwendig alsdann ein anſtändiges Douceur zahlen müſſe, welches er indeſſen lieber ſich ſelber gegeben haben würde. Endlich kam der Diener und übergab ihm einen Brief. Ich hoffe, ſagte Herr von Pöllnitz würdevoll, ich hoffe, Du haſt dem Boten des Königs eine anſtän⸗ dige Belohnung gegeben? Nein, Herr Baron, ich habe ihm nichts gegeben. Nichts? ſchrie Herr von Pöllnitz. Und das wagt dieſer Menſch mir in's Geſicht zu ſagen und er fürch⸗ tet nicht, daß ich ihn ſofort aus meinem Dienſt ent⸗ laſſe! Oh, es iſt eine Schmach ſonder Gleichen. Ich, ein Reichsbaron, der Ober⸗Ceremonienmeiſter des Kö⸗ nigs, laſſe einen ſeiner Boten, welcher mir einen Brief bringt, unbelohnt aus meinem Hauſe gehen. Eſel, wenn Du kein Geld hatteſt, warum kamſt Du als⸗ dann nicht zu mir, warum ließeſt Du Dir nicht von mir einen Ducaten geben. Wenn mir Euere Gnaden einen Ducaten geben wollen, ſo will ich dem Boten nachlaufen, ich weiß ihn zu finden, denn er iſt hier geradeüber zu dem General Rothenburg gegangen. Mache, daß Du hinauskommſt, Tölpel, und ver⸗ ſchone mich mit Deinen Dummheiten, ſchrie Herr von Ppöllnitz, indem er die Hand erhob und ganz bereit war, ſie auf den Rücken ſeines demüthigen Dieners niederfallen zu laſſen. Dieſer entfloh eilig aus dem Gemach und Herr von Pöllnitz war nun wieder allein mit ſeinen Zukunftsträumen. Er erbrach haſtig das Siegel des königlichen Briefes und ſchlug ihn auseinander. Nicht vom König ſelbſt, ſondern nur von Fredersdorf, murmelte er unwillig und begann zu leſen. Aber während des Leſens ver⸗ finſterte ſich ſeine Stirn immer mehr und ſeine Lippen murmelten Worte der Verwünſchung und des Zorns. Abgeſchlagen! rief er, als er zu Ende geleſen und das zuſammengeballte Papier ingrimmig zu Boden ſchleuderte. Abgeſchlagen! Der König hat kein Geld für mich! Der König gebraucht all' ſein Geld für den Krieg, der eben wieder ausbricht, und wenn ich mich davon überzeugen will, ſoll ich he. e Abend um eilf Uhr mich am mittleren Portal des Schloſſes ein⸗ finden. Da ſoll ich ſehen, daß der König kein Gald hat. Seltſame Zumuthung! Ich würde lieber hin⸗ gehen, um zu ſehen, daß er Geld hat, denn wenn er das hat, ſo giebt es zuletzt immer noch ein Mittel, etwas davon zu bekommen. Indeß werde ich jeden⸗ falls hingehen. Ein ſeltſames Rendezvous, in der That. Ein nüächtliches Rendezvous zwiſchen einem banquerotten Reichsbaron und einer leeren Börſe! Man könnte eine Tragödie daraus machen.— Aber wenn der König kein Geld hat, ſo muß ich ſehen, es — 177— anderswo zu bekommen. Ich will alſo noch einen letzten Verſuch machen. Gehen wir zu Trenck. Und der würdige Reichsbaron machte ſeine Toilette und begab ſich in die Wohnung des Lieutenant von Trenck. Der junga Ofſicier hatte ſeit einigen Wochen eine ſehr glänzende Wohnung bezogen, er hatte ſeinen Empfangsſaal, in welchem ſich die koſtbarſten Meubles und einige ſeltene Kunſtwerke befanden, er hatte ſein Vorzimmer, in dem zwei reichgallonirte Diener ſeiner Befehle harrten, und ſeinen Pferdeſtall, wo zwei Reit⸗ knechte für dieſe vier herrlichen Pferde von ächt arabi⸗ ſcher Race zu ſorgen hatten. Woher kam dem Herrn von Trenck dieſer unge⸗ wöhnliche Reichthum? Woher nahm er die Mittel, um dieſen, für einen jungen Officier wenigſtens ſehr auffallenden Luxus zu treiben? Niemand wußte das. Es war eine offene Frage, welche die Kameraden des jungen Officiers außerordentlich beſchäftigte und ihnen vielerlei zu denken gab. Doch begnügten ſie ſich nicht immer mit dem Denken, ſondern faßten auch zuweilen ihre Gedanken in Worte, einige davon waren auch zu Trencks Ohren gelangt, und ſie mußten demſelben ſehr beleidigend erſchienen ſein, denn er hatte Demjenigen, welcher ſie geſprochen, darauf im Duell mit einem Säbelhieb geantwortet, welcher ſeinem zerfetzten Mund für lange Zeit das Sprechen unmöglich machte.*)— Pöllnitz ward von Friedrich von Trenck, welcher eben dabei war, ſein Diner, und diesmal ausnahms⸗ weiſe allein, einzunehmen, auf das Herzlichſte empfan⸗ gen und nahm bereitwillig an der Tafel Platz. Ich komme eigentlich nicht, um mit Ihnen zu eſſen, ſondern um mich über Sie zu beklagen, ſagte *) Friedrich von Trenck's Lebensgeſchichte. Bd. I. pag. 42. Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. II. 12 Pöllnitz, indem er mit äußerſter Gewandheit ein Reb⸗ huhn tranchirte, und zwar ſo, daß das beſte Stück auf ſeinen Teller fiel.— Sie wollen ſich über mich beklagen? wiederholte Trenck, ein wenig verlegen. Habe ich Ihnen denn dazu Veranlaſſung gegeben, theuerſter Freund? Allerdings haben Sie das gethan, eben weil ich Ihr theuerſter Freund bin. Mit einen Wort: warum haben Sie mir Ihr Vertrauen entzogen? Warum begleite ich Sie nicht mehr auf Ihren höchſt romanti⸗ ſchen, mondſcheinſtrahlenden Tugendfahrten? Warum liege ich nicht mehr als zähnefletſchender Tugendwäch⸗ ter vor der Balconthür, wenn Sie mit Ihrer Dame Mond und Sterne zu Zeugen Ihrer Liebe anrufen? Warum bin ich abgeſetzt? 3 Darauf habe ich nur zu antworten, daß ich ſelbſt nicht mehr auf den Balcon komme. Das heißt? Das heißt, daß meine Sterne erloſchen und meine Sonne untergegangen iſt, daß es mir gleich Ihnen ergangen iſt, und daß ich abgeſetzt bin. Pöllnitz ſah ſeinem jungen Freund mit einem ſo ſcharfen, liſtigen Blick in'’s Geſicht, daß dieſer befan⸗ gen das Auge ſenkte. Dann brach er in ein lautes Lachen aus. Lieber Trenck, ſagte er, die Lüge nimmt ſich auf Ihrem hübſchen Geſicht wie ein Stockfleck auf deer glänzenden Fläche eines Apfels aus. Sie ſind noch viel zu jung, um ſich auf die Lüge zu verſtehen, und ich bin viel zu alt, um mich belügen zu laſſen! Oder wie? Wollen Sie mich etwa glauben machen, dieſer Luxus, welcher Sie umgiebt, werde von Ihrer Lieutenantsgage bezahlt? 3 Sie vergeſſen, daß mein Vater mir das Gut 25 — 179— Groß Scharlach hinterlaſſen hat und daß ich es für achthundert Thaler jährlicher Rente verpachtet habe. Ich bin ein zu guter Rechenmeiſter, um nicht zu wiſſen, daß das kaum für Ihre Pferde und Ihre Die⸗ nerſchaft ausreicht. Nun denn, Sie mögen Recht haben. Für das Uebrige ſorgt mein allzugütiger Herr, der König. Er hat mir im Laufe dieſes Jahres dreihundert Friedrichs⸗ d'or geſchenkt.*)— Ich denke, Sie kennen nun die Quelle meines Aufwandes und werden mir nicht mehr die Beleidigung zufügen, zu glauben— Daß Ihre Liebe gar nichts mit den irdiſchen Din⸗ gen zu ſchaffen hat, nein, das glaube ich Ihnen nicht, dieſe Beleidigung füge ich Ihnen nicht zu, ebenſo wenig als die andere, zu glauben, daß man Sie auf⸗ gegeben hat. Ah, lieber Freund, ich allein habe mich alſo zu beklagen, denn ich allein bin aufgegeben, und warum bin ich das? War ich nicht discret, dienſtbe⸗ reit und jederzeit willig? Gewiß waren Sie das? Aber ich wiederhole Jh⸗ nen nur, es iſt alles zu Ende. Der ſchöne Traum iſt ausgeträumt. Sie ſprechen im Ernſt? Im vollſten Ernſt. Nun denn, ſo will auch ich ernſthaft ſprechen. So will ich Ihnen erzählen, was Sie nicht zu wiſſen ſcheinen. Ein Gärtnerburſche, welcher ungewöhnlich früh aufgeſtanden war, um einige ſeltene Blumen, die im Garten zu Monbijon ſtehen, vor der Morgenkälte zu ſchützen und mit Matten zu belegen, hat die beiden Geſtalten auf dem Balcon bemerkt und ihr leiſes Ge⸗ flüſter gehört. Er hat ſeine Entdeckung dem Ober⸗ *) Friedrich von Trenck's Lebensgeſchichte. Bd. I. pag. 63. . 12* — 180— gärtner, und dieſer dem Haushofmeiſter der Königin Mutter mitgetheilt. Man beſchloß, den Baleon zur Nachtzeit genau zu bewachen; die tugendhafte und arg⸗ wöhniſche Königin vermuthete, daß die Hofdame Fräu⸗ lein von der Marwitz den Balcon zu einem Rendez⸗ vons benutze, und war ſchon feſt entſchloſſen, die Dame ſofort, wenn ſie Beweiſe habe, zu entlaſſen. Zum Glück theilte ſie ihren Verdacht der Prinzeſſin Amalie mit, und Sie begreifen, daß der Balcon nun in jeder Nacht verödet und einſam blieb. Ich begreife das! Sie begreifen ferner, daß man dies Ereigniß als einen Wink des Schickſals betrachtete und ſich ſorg⸗ ſamer vor Entdeckung hüten wollte. Man ſtellte da⸗ her nicht blos die Balconfahrten ein, ſondern man be⸗ ſchloß auch, den Vertrauten und Freund, der bis da⸗ hin die Liebesbriefe hin⸗ und hergetragen, und die Rendezvous vermittelt hatte, außer Thätigkeit zu ſetzen und dieſen läſtigen Mitwiſſer zu entfernen. Man ging noch weiter, unterbrach ihn Friedrich von Trenck mit tiefem Ernſt. Man war allerdings durch dieſen Wink des Schickſals gewarnt, und das Gefährliche eines Verhältniſſes einſehend, welches nie⸗ mals vom Glück gekrönt werden, niemals anders als unter dem Schatten der Verſchwiegenheit exiſtiren onnte, beſchloß man, obwohl mit blutendem Herzen und mit Thränen in den Augen, zu entſagen und ſein Glück aufzugeben, um nicht eines Tages vielleicht die Ehre und die Freiheit aufgeben zu müſſen. Man trennte ſich alſo für immer und ſagte ſich ein ewiges Lebewohl! Das heißt, man wollte das den Vertrauten und Vermittler glauben machen, um ſich ſicher zu ſtellen, um eines Tages vielleicht einen Zeugen zu haben, — 181— welcher, wenn Verdacht geſchöpft würde und Argwohn entſtände, erwidern könnte: Das Verhältniß iſt längſt zu Ende, längſt aufgegeben. Ich muß das wiſſen, denn ich war der Vertraute deſſelben.— Aber bei dieſer ſchlauen Erfindung haben Sie nur das ver⸗ geſſen, daß Pöllnitz nicht der Mann iſt, ſich von ſol⸗ chen Vorſpiegelungen täuſchen zu laſſen, daß Pöllnitz viel zu viel Erfahrungen geſammelt, viel zu lange die Herzen der Menſchen, und beſonders der Frauen ſtudirt hat, um von ſolchem Mährchen ſich bethören zu laſſen. Eine Frau, welche noch bei ihrer erſten Liebe ſteht und an die heilige Macht derſelben glaubt, bildet ſich alles Ernſtes ein, daß die Liebe wohl im Stande ſei, Wunder zu thun und alle Schwierigkei⸗ ten und Hinderniſſe zu beſiegen. Sie giebt daher dieſe Liebe nicht auf, nicht einmal, wenn ſie eine ge⸗ wöhnliche Frau iſt, und wie viel mehr alſo, wenn ſie eine Fürſtin iſt. Auch Prinzeſſin Amalie hat ihre Liebe nicht aufgegeben, ſie hängt vielmehr an derſel⸗ ben mit einer ſchwärmeriſchen Treue, die mich, das geſtehe ich Ihnen, erſchrecken und beängſtigen würde, wenn ich die Ehre hätte, ihr Liebhaber zu ſein. Nein, Prinzeſſin Amalie iſt jetzt in dieſem Paroxismus der jungfräulichen Liebe, wo man lieber ſterben, als ſei⸗ ner Liebe entſagen würde. Auch iſt ſie phantaſtiſch genug, an die Möglichkeit einer einſtigen legitimen Verbindung zu glauben. Armes Ding, welches die Welt nach ihren Wünſchen modeln möchte und mit Dolchſpitzen wie mit Haarnadeln umgeht. Da Prin⸗ zeſſin Amalie alſo es hat aufgeben müſſen, Sie auf dem Balcon zu ſprechen, ſo hat ſie wohl auf ein an⸗ deres Mittel ſinnen müſſen, ihrem Herzen genug zu thun. Das Mittel war einfach und leicht zu finden. Man machte die Hofdame zur Vertrauten, man ließ — 182— ſie ſchwören, das Geheimniß treu und unverbrüchlich zu bewahren, und dann verabredete man mit ihr einen Plan, der wirklich ziemlich ſchlau genannt werden darf. Der Herr Lieutenant von Trenck mußte für den Cour⸗ macher des Fräulein von der Marwitz gelten, er mußte bei den Hofgeſellſchaften ſich als den zärtlichen, ſeufzen⸗ den und ſchmachtenden Liebhaber der Hofdame geriren, er mußte endlich die Courmacherei in eine ernſthafte Bewerbung umwandeln und dadurch die Erlaubniß erlangen, dem Fräulein von der Marwitz in ihren Zimmern aufwarten zu dürfen. Das thut er jetzt ſehr häufig, und die gute Stadt Berlin und der ganze närriſche, kurzſichtige Hof läßt ſich davon bethören und nennt Friedrich von Trenck den glücklichen Bräutigam des Fräulein von der Marwitz, und Niemand ahnt, daß, wenn Trenck bei der Hofdame iſt, allemal auch die Prinzeſſin Amalie ſich dort befindet und mit Fräu⸗ lein von der Marwitz die Rollen wechſelt.— Nun, haben Sie den Muth, das Alles abzuleugnen, mein junger, vielgeliebter Freund? Ich ſehe wohl, daß es vergeblich wäre, ſagte Treuck ſeufzend. Sie wiſſen Alles. Aber wenn Sie wirklich einige Freundſchaft für mich empfinden, werden Sie mir ſagen, wer uns an Sie verrathen hat! Pöllnitz lachte laut auf. Sie ſelbſt haben das ge⸗ than, mein Freund, oder, wenn Sie das lieber wol⸗ len, meine Weltklugheit und Schlauheit hat es gethan. Mein junger, unſchuldiger Freund, einen Mann wie Pöllnitz täuſcht man nicht ſo leicht, deſſen Augen ſind ſcharf genug, um dieſe Schleier einer allerliebſten klei⸗ nen Intrigue zu durchſchauen und auf den Grund zu ſehen. Ich kannte Prinzeſſin Amalie, ich kannte Sie hinlänglich, um zu wiſſen, daß Sie Ihrer Liebe nicht ſo ſchnell und ohne allen Kampf entſagen würden, / — 183— und nachdem ich beim letzten Hoffeſt geſehen, mit welchem gelangweilten Geſicht Sie hinter dem Stuhl der Marwitz ſtanden und mit welcher lächelnden Ruhe die Prinzeſſin zu dieſem vermeintlichen couple amou- reux hinüberblickte, ſehen Sie, da wußte und verſtand ich Alles! Nun denn, da Sie Alles wiſſen, rief Friedrich von Trenck, ſo will ich es auch nicht mehr verſuchen, Sie zu täuſchen. Ja, gelobt ſei Gott, Prinzeſſin Amalie liebt mich noch; ſie iſt es, welche ich in den Zimmern der Hofdame finde, an ſie ſind die Briefe gerichtet, die mein Diener jeden Morgen dem Fräulein von der Marwitz bringt, von ihr ſind die Briefe, die er mir zurückbringt. Oh, Gott ſei gelobt, Amalie liebt mich noch, und eines Tages wird ſie mir vor der Welt angehören, wie ſie es jetzt vor Gott thut, eines Tages— SHKalt, halt, unterbrach ihn Pöllnitz, Sie haben da eine Phraſe gebraucht, die Sie mir näher erklären müſſen, bevor Sie in Ihrem Dithyrambenflug fort⸗ fahren. Sie haben geſagt, Prinzeſſin Amalie gehöre Ihnen vor Gott an, was heißt das? Was das heißt? fragte Friedrich von Trenck ganz erſtaunt. Das heißt, daß Gott, welcher in unſere Herzen ſchaut, die Ewigkeit und Unermeßlichkeit unſerer Liebe kennt, das heißt, daß wir unter Gottes Himmel und ſeinen heiligen Namen anrufend, geſchworen ha⸗ ben, niemals unſern Schwur ewiger Liebe, ewiger Treue zu vergeſſen, niemals eine andere Verbindung zu ſchließen. Ah, weiter heißt das nichts? fragte Pöllnitz ge⸗ dehnt. Sagen Sie mir, ſind Sie wirklich niemals allein mit der Prinzeſſina? Nein, niemals! Ich habe ihr mein Ehrenwort 8 4 * — 184— geben müſſen, dies nie verlangen zu wollen und ich werde Wort halten. Und was wollen Sie, die gute Marwitz ſtört uns nicht, ſie ſetzt ſich immer ſo ent⸗ fernt von uns als möglich, ſie giebt ſich den An⸗ ſchein, uns gar nicht zu ſehen, und wir ſprechen Beide ſo leiſe, daß ſie uns nicht verſtehen kann. Ah, die Marwitz ſtört Sie nicht! rief Pöllnitz mit einem eyniſchen Lachen. O sancta simplicitas, ſie ſtört ihn nicht! Und das iſt ein Officier von der Leibgarde! Die Welt geht entweder zu Grunde oder ſie wird unſchuldig und rein, wie das Paradies. Es iſt Zeit, daß ich ſterbe, denn ich verſtehe die Welt nicht mehr. Und ich verſtehe Sie nicht, oder ich will ſie nicht verſtehen, ſagte Trenck ernſt. Sie lachen über mich und nennen mich einen thörichten Knaben, immerhin, ich erlaube es Ihnen, denn ich weiß wohl, daß wir Beide uns in dieſer Sache nie verſtehen können. Sie werden niemals begreifen, welche Kraft, welche Ent⸗ ſagung, welche Leidenſchaft und Energie erforderlich iſt, um ſich ſelber einer ſo reinen, keuſchen und erha⸗ benen Liebe würdig zu zeigen, wie ſie mir Amalie geweiht hat, Sie werden niemals begreifen, wie oft in mir der böſe Trieb mit dem edlen Willen kämpft und ringt, wie oft ich mit Thränen der Wuth und des Schmerzes zugleich zu Gott bete, um nicht dem Teufel zu verfallen. Aber ich habe mir geſchworen, ißſe Liebe rein und fleckenlos als ein leuchtendes Ban⸗ r meinem ganzen Leben voranzutragen, ich werde meinen Schwur erfüllen und müßte ich daran ſter⸗ ben! Sprechen wir nicht weiter davon. Jetzt aber, mein Freund, jetzt ſagen Sie mir, wozu alle dieſe Auseinanderſetzungen, dieſe Erörterungen führen ſollen und was Sie mit denſelben bezweckten? — 185— Nichts weiter, Freund, als Sie zu warnen und Sie immerhin ein wenig zur Behutſamkeit zu ermah⸗ nen, denn ich glaube, daß nicht Alle ſich von Ihrem Spiel mit der Marwitz täuſchen laſſen; der König, welcher nichts zu ſehen ſcheint, ſieht doch Alles, er hat überall ſeine Spione und weiß Alles, was in ſeiner Familie geſchieht. Nehmen Sie ſich alſo in Acht, ſage ich Ihnen, und ſeien Sie immer auf Ihrer Huth. Ich werde es thun und danke Ihnen für Ihre Warnung, Freund, ſagte Friedrich von Trenck, die Hand des Ober⸗Ceremonienmeiſters innig in der ſeinen drückend. Bald wird die Trennung meinem Bemühen zu Hülfe kommen, denn Sie wiſſen wohl, daß wir in einigen Wochen wieder nach Schleſien rücken und daß der König ſchon in aller Stille zu rüſten be⸗ ginnt. Ich weiß es und ich beklage Sie! 4 Mich beklagen Sie? Ah, Sie wiſſen alſo noch nicht, daß ich der erſten Schlacht entgegenharre, wie ein Liebhaber dem erſten Kuß ſeiner Geliebten, und daß für mich das Schlachtfeld ein geſegneter Garten iſt, auf welchem mir Lorbeeren und Myrthen wachſen, die ich mir erobern muß, um daraus Kränze für meine Braut zu winden, Hochzeitskränze, mein lieber Pöllnitz! Jenſeits der blutigen Schlachtfelder liegt mein Fürſtentitel und Amaliens Brautkranz! Schwärmer, unverbeſſerlicher Schwärmer, rief Pöll⸗ nitz lachend. Nun, gebe Gott, daß Sie nicht auf dem Schlachtfelde den Tod, oder jenſeits des Schlacht⸗ feldes das Gefängniß finden, wozu Sie jedenfalls mehr Ausſicht haben, als zu einem Fürſtentitel. Be⸗ nutzen Sie alſo bis dahin die Zeit und genießen Sie — — 186— Ihre phantaſtiſchen Rendezvous. Heute, nicht wahr, findet wieder eines ſtatt? Nein, nicht heute, aber morgen! Morgen iſt ja Hofball bei der regierenden Kö⸗ nigin. Und gerade vor dem Beginn deſſelben werde ich bei der Prinzeſſin ſein. Oh, Freund, morgen Nach⸗ mittag um fünf Uhr gedenken Sie meiner. Ich werde dann der glücklichſte und beneidenswertheſte der Sterb⸗ lichen ſein, denn ich werde bei meiner Geliebten ſein!— Ach, ach, wie ſeltſam doch das Leben iſt, und wie wenig ſich die Wege der Menſchen gleichen! ſeufzte Pöllnitz. Während Sie morgen zu Ihrer erhabenen Geliebten gehen, werde ich um dieſelbe Stunde einen ſehr unheiligen, dornenvollen, fluchbeladenen Weg ein⸗ ſchlagen müſſen, denn ich werde zu einem Wucherer gehen. 1 Zu einem Wucherer! Das iſt allerdings ein trau⸗ riges Unternehmen für einen Cavalier, wie es Herr von Pöllnitz iſt. Aber immer noch beſſer, als in's Schuldgefängniß zu wandern, denn nur zwiſchen dem Schuldgefängniß und dem Wucherer bleibt mir die Wahl, es müßte denn ſein, daß Sie, mein theurer Freund, ſich meiner erbarmen und mir hundert Louisd'or leihen könnten? Friedrich von Trenck antwortete nicht. Er ging ſchweigend zu ſeinem Secretair und ſchloß ihn auf. Die Augen des Baron von Pöllnitz blitzten vor Freude, als er ſah, daß Trenck dieſe Chatoulle an der Stelle aufzog, von welcher Pöllnitz aus einiger Erfahrung wußte, daß Trenck dort ſein Geld aufzubewahren pflege. Aber dieſe Freude war nur von kurzer Dauer. Nicht, wie Pöllnitz erwartet hatte, nahm Trenck eine — 187— Geldrolle hervor, ſondern nur einen kleinen, beſchrie⸗ benen und unterſiegelten Zettel, den er Pöllnitz dar⸗ reichte. Sehen Sie da dieſe Schuldverſchreibung, ſagte er. Wären Sie geſtern gekommen, würde ich mit Freu⸗ den bereit geweſen ſein zu dieſer Gefälligkeit. Heute iſt es mir unmöglich, denn wie Sie ſehen, habe ich heute meinem Oberſten, dem Baron von Jaſchinsky, zweihundert Stück Ducaten geliehen), und nun iſt meine Börſe ganz erſchöpft. Sie werden ſie bald wieder zu füllen wiſſen, ſagte Pöllnitz mit einem lauten Lachen, und ich denke, mor⸗ gen um fünf Uhr bei Ihrem Rendezvous werden Sie nicht bloß von Liebe und Gott und dem Sternen⸗ himmel ſchwärmen, ſondern auch ein wenig von irdi⸗ ſchen Dingen, von Geld und Gold zu reden haben! Leben Sie wohl! Mit einem heitern Lachen nahm Herr von Pöllnitz Abſchied, als er ſich aber allein und auf der Straße befand, verfinſterte ſich ſein Geſicht und nahm einen düſtern, gehäſſigen Ausdruck an. Er hat kein Geld für mich, ich aber habe ſein Geheimniß, und ich werde dieſem wenigſtens einiges Geld zu erpreſſen ſuchen, murmelte Herr von Pöllnitz zwiſchen ſeinen zuſammengepreßten Zähnen hervor. Wahrhaftig, das Geheimniß Friedrich von Trencks iſt wohl einige tauſend Thaler werth und der König wird ſchon Mittel finden, ſie mir auszuzahlen. Aber halt, die Stunde meines Rendezvous naht heran. Ich bin doch ſehr begierig, wie man mich mitten auf der Straße überzengen will, daß der König kein Geld *) Friedrich von Trenck's Lebensgeſchichte. Band I. pag. 61. — 188— habe. Ich werde alſo heute Nacht ſehr pünktlich ſein, vorher aber noch einige Freunde beſuchen, um zu ſehen, ob es mir nicht gelingen wird, ihnen im Pharao wenigſtens einige Louisd'or abzugewinnen.— XVIII. Das königliche Silberzeug. Es war eine finſtere, ſtille Nacht, denn damals begann die Nacht in Berlin ganz pünktlich mit dem zehnten Glockenſchlage, und die Straßen, welche durch⸗ aus noch keine andere Beleuchtung hatten, als die zu⸗ fällige, welche von den beleuchteten Fenſtern der Häu⸗ ſer, von den funkelnden Wagenlaternen vornehmer Equipagen, oder den Fackeln und Stangenlaternen ausging, mit welchen die Diener ihren hinter ihnen hergehenden Herrſchaften leuchteten, dieſe Straßen wa⸗ ren um die elfte Stunde vollkommen einſam und ſtill. Herr von Pöllnitz war daher ſicher, Niemanden zu begegnen, als er ſich um dieſe Stunde nach dem Schloſſe begab, nach deſſen zweitem, der Spree zu⸗ nächſt belegenen Portal Fredersdorf ihn hinbeſchieden hatte. 3 1 Nichts regte ſich im Schloſſe; die Schildwache ging mit träumeriſcher Langſamkeit im innern Schloß⸗ of auf und ab, und in der Ferne vernahm man das eintönige dumpfe Gebelle zweier Hofhunde, welche ſich durch die Stille der Nacht mit ihrem melancho⸗ — 189— liſchen Geheul unterhielten. Der Ober⸗Ceremonien⸗ meiſter begann ſchon ungeduldig zu werden, und meinte, daß der übermüthige Geheim⸗Kämmerer des Königs ſich vielleicht gar eine höchſt ungebührliche Myſtifica⸗ tion erlaubt habe, als er von der nahen Spree her den leiſen tactmäßigen Schlag mehrerer in's Waſſer ſchlagender Ruder vernahm. Haſtig eilte Pöllnitz dort⸗ hin, und ſeine an die Dunkelheit gewöhnten Augen erblickten ſehr wohl dieſen großen, offenen Kahn, der da eben ganz nahe an der Kurfürſten⸗Brücke an⸗ legte. Hier iſt es, hier ſollen wir warten, flüſterte eine männliche Stimme. Und wie es ſcheint, werden wir nicht lange zu warten haben, ſagte eine andere Stimme. Ich ſehe da ſchon Licht an den Fenſtern erſcheinen. Die bis dahin dunkeln und todten Fenſter des dies⸗ ſeitigen Schloßflügels belebten ſich in der That plötz⸗ lich, und hier und dort ſah man den flackernden un⸗ ruhigen Schein von Licht hinter den Scheiben erſchei⸗ nen und verſchwinden. Das Licht, welches in den obern Etagen ſich zuerſt gezeigt hatte, ſenkte ſich jetzt tiefer in die untern Etagen und warf ſchon einen blaſſen Schein in die große, vor dem erſten Hofe be⸗ findlichen Vorhalle. 4 Wahrhaftig, man hat mich nicht getäuſcht, es geht hier etwas vor, flüſterte Pöllnitz, nach dem Schloſſe zurückeilend, deſſen Vorhalle er eben betrat, als auf der in dieſelbe ausmündenden großen Treppe ein ſelt⸗ ſamer Zug ſichtbar ward. Voran gingen zwei Diener mit Fackeln, ihnen folgten je zwei und zwei die zwölf Heiducken des Königs, ihre Schultern belaſtet mit Schüſſeln und Kannen, Tellern und Töpfen, deren ſilberne Fläche hier und dort von dem Schein der — 190— Fackeln mit goldenen Streiflichtern beleuchtet ward, die wie Irrlichter die Treppen hinuntertanzten. Hinter den Heiducken her kamen wieder zwei Diener mit Fak⸗ keln, und hinter dieſen ſah man das bleiche ernſte Ge⸗ ſicht des Geheimkämmerers Fredersdorf erſcheinen. Pöllnitz eilte raſch auf ihn zu, und ward von Fre⸗ dersdorf mit einem trüben Lächeln willkommen gehei⸗ ßen. Sie ſind alſo pünktlich erſchienen, ſagte Freders⸗ dorf. Sie wollten ſich durchaus überzeugen, daß der König kein Geld habe? Gewiß wollte ich das, denn dieſe Ueberzeugung würde mir meine letzte Hoffnung gekoſtet haben, und dieſe aufzugeben, entſchließt man ſich ſchwer. Jetzt, denke ich, werden Sie ſich ſchon entſchließen müſſen. Kommen Sie! Laſſen Sie uns den Heiduk⸗ ken folgen. Er nahm den Arm des Ober⸗ Ceremonieumeiſters und ging haſtigen Schrittes mit ihm nach dem Ufer der Spree hinunter. Das große Boot, welches dort vorher ſo dunkel und ſtill gelegen, war jetzt von den Fackeln der Diener, die ſich zu beiden Seiten in dem⸗ ſelben aufgeſtellt hatten, hell beleuchtet, und eine rege Bewegung herrſchte jetzt in demſelben. Die zwölf Heiducken trugen, keuchend unter ihrer ſchweren Laſt, alle dieſe ſilbernen Teller und Schüſſeln, dieſe Hum⸗ pen, Kannen und Becher die ſchmale kleine Treppe hinunter in den Kahn, wo ſie dieſelben aufeinander thürmten, und dann wieder an's Ufer ſprangen. Wir gehen wieder hinauf in die Rüſtkammer, wol⸗ len Sie mit? fragte Fredersdorf. Gewiß will ich mit, ſagte Pöllnitz, es müßte denn ſein, daß Sie mich hier als Schildwache bei dem Sil⸗ bergeſchirr verwenden wollen. — 191— Nicht nöthig, es ſind vier Soldaten mit geladenen Gewehren im Kahn. Kommen Sie. Haſtigen Schrittes, ohne zu ſprechen, eilten ſie Alle wieder die Treppen hinauf, die Corridore entlang bis zu dieſem großen, weiten, von Schildwachen beſetzten Gemach, vor deſſen mit ſchweren, jetzt geöffneten Rie⸗ geln und Schlöſſern verſehener Thür der königliche Silberverwalter mit traurigem, verſtörtem Geſicht auf und nieder ging. Nun, darf ich eintreten, Melchior? fragte Herr von Pöllnitz, den langjährigen Bekannten mit freundlichem Lächeln begrüßend. Sie haben mich gar nicht mehr danach zu fragen, ſagte Melchior traurig. Mein Reich iſt, wie Sie ſe⸗ hen, zu Ende, denn wenn kein Silber mehr da, wenn die Rüſtkammer leer iſt, wird man natürlich keines Silberverwalters mehr bedürfen, und der alte Melchior wird ſo gut bei Seite gelegt werden, wie Alles, was aus der guten alten Zeit des hochſeligen Königs noch übrig geblieben iſt. Herr von Pöllnitz hörte nicht auf ihn, er war mit Fredersdorf in die Rüſtkammer eingetreten und weidete ſeine Blicke an dieſen reichen Schätzen, welche ſich da vor ihm aufthaten, und welche jetzt von den Heiducken in große Säcke gepackt wurden. Ach, wenn dieſe Tellern und Schüſſeln erzählen und ſich mit mir unterhalten könnten, welche ſeltſame Dinge wir da einander anzuvertrauen haben würden! ſagte Pöllnitz, indem er einen der Teller auf den Spitzen ſeiner Finger tanzen ließ. Wie oft habe ich von ihnen gegeſſen, ſowohl glänzende Galladiners un⸗ ter dem prachtliebenden Friedrich dem Erſten, als derbe Familiendiners unter dem hausvöäterlichen König Fried⸗ rich Wilhelm dem Erſten. Wie oft habe ich mein — 192— eigenes lachendes Geſicht in dem glänzend polirten Rand dieſer Teller geſpiegelt, und mit der ſilbernen Gabel die leckerſten Biſſen mir von dem Grunde dieſer Schüſſeln aufgeſpeichert. Wahrhaftig, Fredersdorf, es iſt im Grunde eine edle Beſtimmung, eine Speiſeſchüſ⸗ ſel zu ſein, es liegen auf ihrer Fläche die Genüſſe und die Lebenskraft der ganzen Menſchheit. Aber ſagen Sie mir nur um Gottes Willen, wie können Sie es nur dulden, daß dieſe Kerle da ſo ungebührlich mit dieſen königlichen Geſchirren umgehen. Sehen Sie da, dieſer Heiduck hat wahrhaftig eine dieſer wundervollen Salatieren ganz zuſammengebogen, um ſie noch in den Sack zu bekommen. 1 Lieber Baron, das macht, daß jenes Stück nicht mehr nöthig hat, Salatiere zu ſein, ſondern nur noch Silber iſt. Sie ſprechen in Räthſeln, die ich nicht verſtehe. Aber wahrhaftig, dieſe Kerle haben ihre zwölf Säcke ſchon gefüllt, und die Rüſtkammer ſieht jetzt ſo öde und leer aus wie das Herz einer alten Jungfer. Jetzt ſa⸗ gen Sie mir um Gottes willen, wohin wollen Sie mit all' dieſem Silbergeſchirr. Sie haben es alſo noch nicht errathen? Ich denke wohl, daß der König, welcher jetzt in Potsdam reſidirt, dort auch ſein Silbergeſchirr haben will, und er läßt das Service aus dem Berliner Schloſſe dahin bringen, weil er, nun ja, wenn Sie es denn durchaus wollen, weil er nicht Geld genug hat, um ſich eine eigene Rüſtkammer für Potsdam anzule⸗ gen. Nicht wahr, ich habe richtig gerathen? Sie werden es ſogleich erfahren. Laſſen Sie uns nur jetzt den Heiducken folgen, denn Sie ſehen wohl, die Rüſtkammer iſt jetzt ſo ziemlich leer. Adieu, Mel⸗ chior. Sie werden jetzt einen leichten Dienſt haben, — 193— und nicht mehr fürchten müſſen, daß ſich Diebe in die Rüſtkammer eingeſchlichen haben. Kommen Sie, Herr Baron.— Sie gingen wieder hinab zu dem Kahn, auf wel⸗ chen jetzt die Heiducken neben den hochaufgethürmten Schüſſeln und Kannen die zwölf Säcke poſtirt hat⸗ ten. Sehen Sie da, ſagte Fredersdorf traurig, dieſes Alles könnte vermieden werden, wenn ich ſchon das Ziel meiner Forſchungen, wenn ich ſchon dieſes große Geheimniß enträthſelt hätte, welches Gott wie ein ewiges großes Fragezeichen über der Menſchheit auf⸗ gehängt hat, und an deſſen ſpitzen Winkeln und Ecken ſich ſchon Tauſende gelehrter und kluger Männer ihr Gehirn eingerannt und ihr Lebensglück zertrümmert haben. Mein Gott, und es fehlt nur noch ſo wenig, daß ich es erreicht habe; nichts weiter als eine verhär⸗ tende Subſtanz, und ich hab's erreicht, und ich habe Gottes größtes Geheimniß erforſcht, und ich kann Gold machen! Ach, Sie denken noch immer daran? Ich denke immer daran, und werde daran denken, ſo lange ich lebe, und dieſer Gedanke wird bei mir alle andern verdrängen, wie er jetzt ſchon die Liebe und das Glück und die Ruhe und den Schlaf mir er⸗ tödtet hat. Warten Sie nur, warten Sie! Eines Tages werde ich doch den Stein der Weiſen gehoben haben und Gold machen können. An jenem Tage werden Sie mich ſehr lieben, Herr Baron von Pöll⸗ nitz, an jenem Tage werde ich nicht mehr Ihnen be⸗ weiſen müſſen, daß der König kein Geld hat, wie ich es heute habe thun vuüiſen⸗. 3 Sie ſind mir den geblieben, ſagte Pöllnitz. Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ac. II. 13 eweis eigentlich noch ſchuldig — 194— Sie ſollen ihn jetzt haben, Herr Baron, erwiderte Fredersdorf, indem er in den Kahn ſprang. Jetzt vorwärts, vorwärts, Ihr Leute. Herr Baron, wollen Sie mit? Wohin geht die Reiſe? Kommen Sie hierher, ein weuig näher, daß meine Lippen Ihr Ohr erreichen können. Pöllnitz näherte ſich vorſichtig dem Rande des Kahns und neigte ſein Ohr zu Fredersdorf nieder. In die Münze geht die Reiſe, flüſterte er. All dieſes ſchöne Tafelzeug wird ausgemünzt werden, denn der König wird in nächſter Zeit keine Diners mehr geben, ſondern Schlachten liefern; der König verwan⸗ delt alſo ſeine Schüſſeln und Teller in gute Thaler⸗ ſtücke, um ſeine Armee nicht hungern zu laſſen. Nicht wahr, jetzt ſind Sie überzeugt davon, daß der König wirklich kein Geld hat, um Ihre Schulden zu bezah⸗ len? Ich bin überzeugt davon! Nun, dann leben Sie wohl! Nehmt Eure Ru⸗ der zur Hand! Vorwärts! Vorwärts! Ihr fahrt in den Spreearm, der hinter der Münze ſich hinzieht. Gerade dort haltet Ihr ſtill! Die Münze iſt unſer Ziel!*) Die Münze iſt das Ziel! murmelte Herr von Pöllnitz verdrießlich, dem Kahne nachſchauend, der lang⸗ ſam auf dem Waſſer dahin glitt, und inmitten dieſer Dunkelheit mit ſeinen Fackeln, welche die Goldſtickerei auf den Livreen der Heiducken und die ſilbernen Ge⸗ ſchirre mit blitzenden Glanzlichtern beleuchteten, einen wunderbaren eigenthümlichen Anblick darbot. *) Preuß, Lebensgeſchichte Friedrichs d. Gr. Bd. I. pag. 79. 2* — 195— * 3 4 Pöllnitz ſchaute ihnen nach, bis die Fackeln nur noch wie kleine Sterne im Hintergrunde flammten. Da geht ſie hin alle die Herrlichkeit und Pracht, ſagte er, da gehen ſie hin, die Genüſſe des Friedens und der üppigen Ruhe. Das Silber wird eingeſchmolzen, das Eiſen und der Stahl wird ſeine Stelle einneh⸗ men. Ja wahrhaftig, die eiſerne Zeit beginnt! Sie beginnt auch für mich! Ach, warum kann ich nicht, wie jene Tellern und Schüſſeln, auch mich in die Münze ſchicken laſſen und mich zu Thalern ausmünzen laſſen! Seufzend begab er ſich auf den Heimweg, und ſo vertieft war er in ſeine Gedanken, daß er ſogar ver⸗ gaß, dem Diener, welcher ihm ſchlaftrunken und mit wenig Ehrerbietung entgegenkam, einen Rippenſtoß, den ſonſt gewöhnlichen Abſchiedsgruß jedes Abends, zu geben. XIX. Der erſte Blitzſtrahl. In dieſer Nacht ſchlief Herr von Pöllnitz ſehr we⸗ nig, als er aber am andern Morgen ſich von ſeinem Lager erhob, war ſein Antlitz heiterer und ſtrahlender wie ſeit langer Zeit. Er hatte ſeinen Plan gemacht, und war jetzt überzeugt, daß derſelbe reuſſiren werde. Ich werde mir heute hundert Ducaten verdienen, ſagte er leiſe lächelnd zu ſich ſelber, als er in glänzen⸗ der Toilette ſeine Wohnung verließ, ja wahrhaftig, — 196— hundert Ducaten werde ich mir verdienen, und an dem König meine Revanche nehmen für das Austrommeln. Das wird alſo heute ein ſehr ſchöner und geſegneter Morgen werden! Er begab ſich zuerſt in die Wohnung des Oberſten von Jaſchinsky und ließ ſich bei dieſem wegen einer dringenden Geſ⸗ ſchäftsſache melden. Der Oberſt ſelber eilte ihm daher ganz dienſtbereit und voll Neugierde entgegen. Führen Sie mich in ein Zimmer, wo wir ganz ſicher ſind, von Niemanden belauſcht zu werden, ſagte Herr von Pöllnitz. Der Oberſt führte ihn in ſein Arbeitskabinet. Hier kann uns Niemand belauſchen, Herr Ober⸗ Ceremonienmeiſter. Ohne Umſchweife alſo, Herr Graf. Sie kennen das Geſetz, welches den Officieren verbietét, Schulden zu machen? Ich kenne es, erwiderte der Graf Jaſchinsky ein wenig erbleichend. Ich kenne es, und ich glaube, daß der Herr Baron von Pöllnitz alſo ſehr zufrieden ſein kann, nicht zu den Officieren zu gehören. . Vielleicht würden Sie es auch ſein können, Herr Oberſt. 1 Wie meinen Sie das? fragte Jaſchinsky mit hoch⸗ fahrendem Ton. Ich meine ganz einfach, daß der Herr Oberſt Graf von Jaſchinsky auch zu den Officieren gehört, welchen das Geſetz verbietet, Schulden zu machen, daß er ſich aber ſehr wenig an dies Geſetz bindet. Ah, Sie ſind alſo, wie es ſcheint, hierher gekom⸗ men, um mir zu drohen? Höchſtens um Sie zu warnen, Graf. Denn Sie wiſſen wohh der er Kanig iſt bejonders ſtreng zeden ſeine — 197— Garde du corps. Sie ſind Oberſt in dieſem herrlichen Regiment, und ſollen ohne Zweifel den Officieren mit einem guten Beiſpiel voran leuchten. Ich weiß aber nicht, ob der König es ein gutes Beiſpiel nennen würde, wenn er erführe, daß Sie nicht allein Schul⸗ den machen, ſondern ſich ſogar von den Officieren Ih⸗ res eigenen Regimentes Geld borgen. Herr Baron von Pöllnitz! rief Jaſchinsky mit dro⸗ hendem Ton. Pöllnitz lächelte, und die Worte wiederholend, welche der Graf kurz zuvor zu ihm geſagt, rief er: Ah, wie es ſcheint, wollen Sie mir jetzt drohen? Laſ⸗ ſen Sie das, Herr Graf, und hören Sie mir ruhig zu. Ich bin gekommen, um ein Geſchäft mit Ihnen zu machen. Sie haben von dem Baron von Trenck vorgeſtern zweihundert Stück Ducaten geborgt. Geben Sie mir hundert Stück davon, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, zu ſchweigen. Verweigern Sie es mir, ſo gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich ſo⸗ fort zum König gebe, und ihm die ganze Geſchichte er⸗ zähle. Sie wiſſen ſehr gut, Herr Graf, daß er Sie ſofort caſſiren würde.. Ich weiß nicht, ob Seine Majeſtät den Worten des Herrn Baron von Pöllnitz ſo unbedingt Glauben ſchenken würde, und an Beweiſen für Ihre Behaup⸗ tung würde es Ihnen fehlen. Nicht doch, Sie haben eine Schuldverſchreibung ausgeſtellt, und ich meine, das iſt ein vollgültiger Be⸗ weis. Der Graf erblaßte und ging einige Male heftig im Zimmer auf und ab. Sie geben mir Ihr Eh⸗ renwort, dem König nichts zu ſagen, wenn ich Ihnen hundert Stück Dukaten dafür auszahle? fragte er dann. — 198— Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort; mehr als das, ich verſpreche Ihnen, für Sie das Wort zu führen, wenn irgend Jemand es wagen ſollte, Sie beim Kö⸗ nig verdächtigen zu wollen. Der Oberſt von Jaſchinsky antwortete nicht. Er eilte nur zu ſeinem Schreibtiſch hin und nahm aus demſelben zwei Geldrollen, mit denen er ſich dem Ba⸗ ron näherte. Herr Baron, ſagte er, hier iſt die Hälfte von dem Gelde, das ich mir von dem Lieutenant von Trenck geliehen habe, hundert Ducaten. Bevor ich ſie Ihnen gebe, habe ich Sie nur noch um die Erfüllung einer Bitte zu erſuchen. Und dieſe iſt? Sagen Sie mir, von wem Sie erfahren haben, daß ich mir dies Geld geliehen? Ich habe Ihre Schuldverſchreibung geleſen, der Baron von Trenck zeigte ſie mir. Ah, er zeigte ſie Ihnen, ſagte Jaſchinsky mit einem ſolchen Ausdruck, daß Pöllnitz ſehr wohl begriff, wie⸗ viel Haß, Zorn und Rache das Herz des Oberſten eben bewegte. Er nahm das Geld aus des Grafen Händen und ließ es ſanft in ſeine Buſentaſche gleiten. Ich ſchulde Ihnen jetzt hundert Stück Ducaten, ſagte er, ich kann Ihnen nicht verſprechen, ſie Ihnen wiederzugeben, aber ich will Ihnen verſprechen, Ihnen behülflich zu ſein, daß Trenck Ihnen ſeine Schuldverſchreibung niemals produciren ſoll, und Sie Rache nehmen können an dem ſchönen Officier. 5 Wollen Sie mir dazu behülflich ſein? Ich ſchenke Ihnen mein beſtes Pferd, wenn Sie es thun! 4 Glauben Sie mir, Sie ſollen gerächt werden, ſagte Pöllnitz feierlich. Laſſen Sie immerhin Ihr — 199— Pferd in meinen Stall führen. Friedrich von Trenck wird bald aufgehört haben, irgend Jemanden gefährlich zu ſein. Er iſt ein verlorner Mann.— Und jetzt zum König, ſagte Pöllnitz ganz vergnügt, als er den Oberſten Jaſchinsky verlaſſen hatte. Ja, zum König, ich muß ihm doch danken für das Ver⸗ trauen, das er mir dieſe Nacht bewieſen hat. Er eilte in's Schloß und ließ ſich dem König mel⸗ den. Der König, welcher, um ſeine Kriegsrüſtungen ſo unbemerkt und heimlich als möglich zu treiben, des Nachts arbeitete, und des Tages ſich nur mit Feſtlich⸗ keiten und Vergnügungen, mit Conzerten, Vällen, Opern und Ballets zu beſchäftigen ſchien, der König war eben aus der Probe einer neuen Oper, in welcher die Barberina tanzte, heimgekehrt, und war daher ſehr hei⸗ ter und aufgeräumt. Er empfing ſeinen Ober⸗Ceremonienmeiſter mit einem heitern Scherz und fragte ihn lächelnd, ob er vielleicht gekommen ſei, ihm anzuzeigen, daß er Jude geworden ſei. Alle andern Religionen hat Er ja be⸗ reits zwei Mal durchgemacht, ſagte der König, und da ich weiß, daß Er in letzter Zeit ſo ſehr viel mit Juden verkehrte, vermuthe ich, daß Er in ſeinem Religions⸗ eifer jetzt daran denkt, Iude zu werden. Vielleicht wäre das ein gutes Geſchäft, denn die Juden haben ſehr viel Geld, und ſie würden gewiß ihren neuen vornehmen Herrn Bruder nach Kräften unterſtützen. Nun alſo, ſage Er, iſt Er gekommen, mich um die Erlaubniß zu bitten, Jude werden zu können? Ich bin nur gekommen, um Euerer Majeſtät mei⸗ nen Dank zu ſagen für das Souper, welches ich Ih⸗ rer Gnade dieſe Nacht zu verdanken hatte. Ein Souper? Was meint Er damit? Euere Majeſtät ließen es mir auf Ihrem ſchönſten — 200— Silberſervice von dem Geheim⸗Kämmerer Fredersdorf auftiſchen. Freilich war es eine etwas harte Speiſe, welche mir wie ein Stein im Magen liegt, aber ich mache es wie die Soldaten, welche Spießruthen ge⸗ laufen ſind, ich komme mich zu bedanken, Sire. Er iſt ein ausgemachter Narr. Aber höre Er, halte Er reinen Mund. Ich wollte Ihm einmal gründlich beweiſen, daß ich kein Geld habe, um Seiner ewigen Plackereien und Bittſtellereien loszuwerden, des⸗ halb ließ ich Ihn heute Nacht ſehen, wie das Silber⸗ zeug meiner Rüſtkammer in die Münze geſchleppt wird, um gute Thaler daraus zu prägen. Er wird ſich nun hoffentlich beruhigen und kein Geld mehr von mir fordern. Wenn man Geld haben will, muß man nicht zu den Königen gehen, ſondern zu den Juden. Die Könige ſind arme Leute, die ärmſten Beamten ihres Staates, denn ſie haben gar kein perſönliches Vermö⸗ gen; Alles, was ſie haben, gehört dem Volk. Ludwig der Funfzehnte und ich, das ſind die beiden ärmſten Männer Europa's, denn wir haben gar kein Eigen⸗ thum. ³) Ah, wäre doch die ganze Welt hier, dieſe erhabe⸗ nen und hochherzigen Worte meines Königs zu hören, rief Pöllnitz mit gut gekünſteltem Enthuſiamus. Selig zu preiſen iſt ein Volk, welches einen ſolchen Herrſcher hat. Der König warf ihm einen ſeiner durchdringenden Adlerblicke zu. Er ſchmeichelt mir, Er will alſo ſchon wieder etwas von mir, ſagte er. Nein, Majeſtät, ich ſchwöre, daß ich dies Mal in reinſter Abſicht gekommen bin. *) Des Königs eigene Worte. — 201— Abſicht! Er hatte alſo doch eine Abſicht? Ja, Sire, aber jetzt, da ich Euerer Majeſtät gegen⸗ überſtehe, fühle ich doch, daß es mir an Muth gebricht, das zu ſagen, was ich zu ſagen habe. Nun wahrlich, rief der König lachend, das muß eine ſehr gefährliche Angelegenheit ſein, für welche Pöllnitz keine Worte finden kann. Sire, es iſt in der That eine eigene Sache um die Worte, welche geſprochen werden. Einmal haben mich einige Worte vom Tode gerettet, es kann ſein, daß mich heute einige Worte bei Euerer Majeſtät in Un⸗ gnade bringen, und das wäre noch ſchlimmer als der Tod. Was waren das für Worte, welche Ihn vom Tode gerettet haben? Sire, es waren dieſe: Va t'en, noble guerrier. Das war alſo in Frankreich?— In Paris, Sire. Ich aß zu Mittag in einem kleinen Hotel des Dorfes Etampes bei Paris. Neben mir ſaß ein ſehr eleganter Cavalier, welcher ſich mit mir angelegentlich unterhielt und es verſtand, mich auf eine feine Weiſe ein wenig von meinen Lebensverhält⸗ niſſen abzufragen. Ich war damals noch ein junger unerfahrener Menſch und der Herr war ſehr ſchlau im Fragen. Es war in der Zeit der Miſſiſippi⸗Specu⸗ lationen des großen Financier Law, und ich hatte an jenem Mittag mir in der Rue Quinquempois eine Summe von viermalhunderttauſend Franes verdient, die ich bei mir trug, nnd mit welcher ich noch den Nachmittag nach Verſailles reiten wollte. Ich war in⸗ deß nicht ganz ohne Beſorgniß, denn die Straßen wa⸗ ren ſehr unſicher, da Cartouche mit ſeiner ganzen Bande ſeit einiger Zeit die Umgebungen der Haupt⸗ ſtadt zum Theater ſeiner Heldenthaten gemacht hatte. — 202— Ich war daher ganz außerordentlich froh, als ich er⸗ fuhr, daß mein Tiſchnachbar auch nach Verſailles rei⸗ ten wolle, und ſich zu meinem Begleiter anbot. Er nahm das Anerbieten an? fragte der König Iichelnd. Ich nahm es an, Sire, und wir verabredeten eben die Stunde unſerer Abreiſe, als ein kleines Mädchen unter den geöffneten Fenſtern unſers Speiſeſaals er⸗ ſchien und mit heller Stimme ſang:„Va t'en, noble guerrier.“— Der fremde Cavalier erhob ſich und trat an's Fenſter, um dem Mädchen ein Allmoſen zu geben, dann ging er hinaus, und— ich ſah ihn nicht wieder. Und daraus ſchließt Er, daß dieſe Worte Ihm das. Leben retteten? Er meint alſo wohl, daß es ein Gift⸗ miſcher war, mit welchem Er ſpeiſete? Ich meinte gar nichts, Sire, und vergaß die Ge⸗ ſchichte. Ein Jahr ſpäter aber befand ich mich auf der Straße, als Cartouche zur Hinrichtung ging. Ganz Paris war an jenem Tage auf der Straße, um den famoſen Brigand zu ſehen. Ich hatte einen ſehr guten Platz, den ich übrigens mit zwei Louisd'or be⸗ zahlt hatte. Der Zug kam dicht an mir vorüber, und ſehen Sie da, ich erkannte in dem armen Sünder, welchen man da zur Hinrichtung führte, den eleganten Herrn aus dem Cabaret in Etampes. Er erkannte mich auch und blieb vor mir ſtehen.„Mein Herr“, ſagte er,„ich habe vor einem Jahre mit Ihnen in einem Gaſthof dinirt. Die Anfangsworte eines alten Liedes nöthigten mich damals, ſofort das Cabaret zu verlaſſen, denn ſie zeigten mir an, daß die Häſcher mir auf den Ferſen waren. Das war Ihr Glück, denn hätte ich Sie nach Verſailles begleitet, ſo war⸗ — 203 4 Ihr Geld und Ihr Leben mir verfallen.“*) Euere Majeſtät werden mir nun wohl zugeſtehen, daß mir dieſe vier Worte: Va t'en, noble guerrier, das Leben gerettet haben? Ich geſtehe es zu und bin begierig, die andern Worte zu wiſſen, welche Ihn jetzt, wie Er ſagt, mit meiner Ungnade bedrohen. Rede Er. Sire, ich bin ſeit mehr als vierzig Jahren ein treuer Diener Ihres erlauchten Hauſes. Wollen Euere Majeſtät die Gnade haben, mir das zuzugeben? Treu? fragte der König. Er war uns treu, wenn es in Seinem Vortheil lag, Er verließ uns, wenn Er anderswo mehr Vortheil zu finden glaubte. Ich machte ihm früher einen Vorwurf daraus, aber jetzt, da ich die Welt und die Menſchen kenne, ver⸗ gebe ich es ihm. Fahre Er nun fort in Seiner pathetiſchen Rede. Euere Majeſtät haben mir oft befohlen, Ihnen Alles zu hinterbringen, was man in der Stadt und unter den Leuten von der erhabenen Familie meines Königs ſpricht, und Sie immer zu benachrichtigen, wenn man es wagt, ſich irgend eine Verleumdung zuzuflüſtern. Wagt man das jetzt? fragte der König und ein Ausdruck wirklicher Angſt zeigte ſich auf ſeinem edlen Antlitz. Sire, man wagt es! Der König ſtieß einen dumpfen Seufzer aus und ging haſtig einige Male auf und ab. Dann ſtellte er ſich an's Fenſter, Pöllnitz den Rücken zukehrend. Rede Er, ſagte der König. Sire, man flüſtert ganz leiſe, daß der junge Lieu⸗ *) Thiébault. Vol. III. pag. 60. — 204— tenant von Trenck die Vermeſſenheit habe, eine Dame zu lieben, welche vom Schickſal ſo hoch über ihn ge⸗ ſtellt iſt, daß er nur mit Ehrfurcht und Scheu die Augen zu ihr erheben dürfte. Man hat mir geſagt, er ſei der Liebhaber des Fräulein von der Marwitz, ſagte der König. Die große Welt und die Stadt glaubt das auch, Sire, nur die Eingeweihten meinen zu wiſſen, daß dieſe zur Schau geſtellte Liebe nur ein Schleier iſt, welchen der junge Trenck einer andern, einer hoch⸗ verrätheriſchen Liebe überwirft, um ſie nicht ſofort er⸗ kennen zu laſſen. Pöllnitz ſchwieg. Er wartete auf eine Antwort des Königs und blickte zu ihm hinüber mit einem ſtillen, ſchadenfrohen Lächeln, das der König indeß nicht bemerkte, weil er noch immer mit abgewandtem Geſicht daſtand. 4 Darf ich weiter reden? fragte Pöllnitz endlich. Ich befehle es Ihm, ſagte der König gebieteriſch. Pöllnitz trat näher zu dem König hin. Sire, ſagte er halbleiſe, jetzt erlaube ich mir zu ſagen, was außer mir noch Niemand weiß. Der Herr von Trenck beſucht jeden Tag das Fräulein von der Marwitz, aber wenn er dort iſt, iſt er niemals allein mit ihr. Es iſt immer eine dritte Perſon bei dieſen Rendezvons gegenwärtig. Und dieſe dritte Perſon iſt? Die Prinzeſſin Amalie, ſagte Pöllnitz ganz leiſe. Der König wandte ſich haſtig um, und der Blick, welchen er auf Pöllnitz heftete, war ſo flammend und drohend zugleich, daß ein Gefühl von Furcht das ſonſt ſo zuverſichtliche Herz des Ober⸗Ceremonienmeiſters beſchlich. — 205— Iſt Er von der Wahrheit deſſen, was Er da ſagt, überzeugt? fragte er mit ſtrengem Ton. Sire, wenn Euere Majeſtät ſich davon überzeugen wollen, haben Sie nur nöthig, heute Nachmittag zwi⸗ ſchen fünf und ſechs Uhr unangemeldet in die Zimmer der Prinzeſſin Amalie zu gehen, dann werden Euere Majeſtät ſehen, daß ich die Wahrheit ſagte. Friedrich antwortete nichts, er trat wieder an's Fenſter und blickte ſchweigend hinunter auf die Straße. Als er ſich wieder umwandte, zu Pöllnitz hin, war ſein Geſicht heiter, faſt lachend. Pöllnitz, ſagte er, Er iſt ein alter Fuchs, der in⸗ deſſen dies Mal ſeinen Bau ſehr ſchlecht angelegt und ſeinen Angriffsplan ſehr ſchlecht entworfen hat. Sieht Er, dies Mal durchſchaue ich Seine ganze Intrigue. Er iſt dem armen Trenck gram, das habe ich längſt gemerkt, Er iſt ihm gram, weil Er ſieht, daß ich ihm gut bin, und weil Ihr Höflinge ſtets denjenigen als Euren Feind betrachtet, welcher mehr in Gunſt ſteht, als Ihr ſelber. Der Trenck ſteht wirklich hoch in meiner Gunſt, denn er iſt, trotz ſeiner Jugend, ein gelehrter und tüchtiger Officier und außerdem ein durchaus liebenswürdiger Menſch. Das kann Er ihm nicht verzeihen und deshalb will Er ihn bei mir ver⸗ dächtigen. Es ſoll Ihm aber dies Mal nicht gelin⸗ gen, und ich ſage Ihm, ich glaube kein Wort von ſeinem albernen Geſchwätz. Ich will indeß dies Mal vergeſſen, daß Er es geſprochen hat. Wehe Ihm aber, wenn Er es nicht auch vergißt, wehe Ihm, wenn Seine Lippen Jemals wieder eine ſolche Albern⸗ heit ſprechen, ſei's zu mir oder zu irgend einem An⸗ dern. Ich mache Ihn verantwortlich. In Seinem Kopfe iſt dieſes ganze alberne Mährchen entſtanden, Seine Schuld iſt es daher, wenn es ſich weiter ver⸗ — 206— breitet und wenn man in der Welt davon ſpricht. Darnach richte Er ſich, und darnach treffe Er Seine Vorkehrungen. Ich wiederhole Ihm, ich mache Ihn verantwortlich! Und nun gehe Er und ſchicke Er mir meinen Adijutanten, es iſt die höchſte Zeit zur Parade.— Abgeblitzt, vollſtändig abgeblitzt, ſagte Herr von Pöllnitz zu ſich ſelber, als er mit einer zierlichen Ver⸗ beugung und mit lächelndem Munde ſich vom König beurlaubte. Ich hoffte wenigſtens auf eine Beloh⸗ nung, und wär's auch nur die, zu ſehen, daß er ſich ärgerte. Aber dieſer Mann iſt unverwundbar, alle meine Pfeile prallen an ihm ab! Hätte er indeſſen ſehen können, welch ein Aus⸗ druck des Kummers und der Sorge das Antlitz des Königs beſchattete, als er jetzt wieder allein war, hätte er hören können, wie der König ſeufzte und einzelne Worte der Traner und der Entmuthigung ausſtieß, ſo würde das ſchadenfrohe Herz des Ober⸗Ceremonien⸗ meiſters ſich befriedigt gefühlt haben. Aber Friedrich geſtattete ſich dieſen Ausbruch ſchmerz⸗ licher Verzagtheit nur kurze Zeit, er legte wieder den Purpurmantel des Königs über die ſchmerzlich zuckende Bruſt des Menſchen, er nahm den Trauerflor wieder von ſeinen Augen und bewaffnete ſie mit den Zorne⸗ blitzen der Majeſtät. Dieſes Rendezvous ſoll nicht ſtattfinden! Dieſe romanhafte Aventure muß jetzt zu Ende ſein! Ich will es! ſagte der König ganz laut und mit ſolcher Entſchiedenheit, welche nur Diejenigen kennen, deren Wille Geſetze giebt, und deren Worte entſcheidend ſind. Er nahm ſeinen Hut und begab ſich in den Vor⸗ — 207— ſaal, wo ſein militairiſches Gefolge ihn erwartete, um den König auf die Wachtparade zu begleiten. Der König begrüßte ſie Alle mit einem ſtummen Neigen des Kopfes, und haſtig an ihnen vorüberge⸗ hend durchſchritt er die Gemächer, ſtieg er die Trep⸗ pen hinunter. Der König iſt heute ſehr ungnädig, flüſterten die Officiere untereinander, als ſie den König mit ſeinen Generälen und Adjutanten auf dem Schloßplatz er⸗ ſcheinen ſahen. Wehe demjenigen, welchen ſein Zorn heute trifft! In der That, es ſtand eine Wetterwolke auf der Stirn des Königs, die Blitze in ſeinen Augen waren bereit, denjenigen zu zerſchmettern, welcher es wagen würde, ihnen zu begegnen. Das Regiment ſtand in Parade aufmarſchirt, der König ging die Fronte hinunter. Plötzlich blieb er ſtehen, ſein Antlitz war drohend, ſeine Stirn war dicht bewölkt. Der Blitz in ſeinem Auge hatte einen Ge⸗ genſtand gefunden, den er zerſchmettern konnte. Lieutenant von Trenck, ſagte der König mit lauter, drohender Stimme, Er tritt ſo eben erſt an. Er hat ſich alſo wieder verſpätet. Ich verlange von meinen Officieren, daß ſie pünctlich ſind im Dienſt. Mehr als einmal ſchon habe ich Ihm Nachſicht bewieſen und Er iſt incurable geweſen. Beütende ich es mit der Strenge verſuchen. Herr Oberſt von Jaſchinsky, der Lieutenant von Trenck iſt Arreſtant bis auf Weiteres. Nehme Er ihm den Degen ab und laſſe Er ihn nach Potsdam transportiren. Deer König ging weiter. Das Gewitter hatte ſich entladen, die Wolke war von ſeiner Stirn gewichen; freundlich und lächelnd unterhielt er ſich mit ſeinen Generälen. Nicht einen Blick warf er rückwärts, auf dieſen armen jungen Officier, welcher bleich und ſprach⸗ los ſeinen Degen an ſeinen boshaft lächelnden Ober⸗ ſten abgab, und einen unausſprechlichen Weheblick hinüberwerfend nach dem königlichen Schloſſe, den beiden Unterofficieren folgte, welche ihn in den Arreſt nach Potsdam abzuführen hatten. An dieſem Nachmittag wartete das Fräulein von der Marwitz vergeblich auf das Erſcheinen ihres „heimlichen Verlobten“, an dieſem Tage weinte Prin⸗ zeſſin Amalie ihre erſten Thränen, und zum erſten Male ging ſie mit traurigem Antlitz und trüben Blik⸗ ken an der Seite der Königin Mutter in den von Glanz und Pracht ſtrahlenden Tanzſaal. Der Glanz dieſer Lichter, das Rauſchen der Muſik, das Lächeln und Plaudern dieſer geputzten, fröhlichen Leute, das Alles that ihren Blicken, wie ihrem Herzen unaus⸗ ſprechlich weh. Sie hätte mit einem lauten Auſſchrei dieſer geräuſchvollen, leuchtenden Herrlichkeit entfliehen, ſie hätte ſich flüchten mögen in die dunkle, lautloſe Einſamkeit ihres Zimmers, um zu weinen, um zu beten, um ihre Angſt und Qual austoben zu laſſen. IJrielleicht las der König etwas von dieſer ſchmerz⸗ vollen traurigen Stimmung in dem Antlitz der Prin⸗ zeſſin. Er näherte ſich ihr, als ſie kaum den Ball⸗ ſaal betreten hatte und indem er ihr freundlich lächelnd die Hand reichte, zog er ſie ein wenig von der Kö⸗ nigin fort. Meine Schweſter, ſagte der König leiſe, jedoch mit einem Ton, welcher das Herz der Prinzeſſin erbeben machte, meine Schweſter, verbannen Sie die Wolken von Ihrer Stirn und rufen Sie ein Lächeln auf Ihre friſchen Lippen. Einer Prinzeſſin geziemt es nicht, traurig zu ſein, wenn ſie bei einem Feſt erſcheint. Beſonders heute wäre Ihre Traurigkeit eine Unziem⸗ — 209— lichkeit und ich hoffe, daß Sie eine ſolche nicht bege⸗ hen wollen. Sie werden dieſen Abend keinen einzigen Tanz überſchlagen; lich wünſche es als Ihr Bruder, ich befehle es als Ihr König. Richten Sie ſich dar⸗ nach. Haben Sie Alles verſtanden, was ich Ihnen geſagt und— nicht geſagt habe? Ich habe Alles verſtanden, Majeſtät, flüſterte Amalie, nur mit äußerſter Gewalt die Thränen zu⸗ rückdrängend, welche ihre Augen umdüſterten. Prinzeſſin Amalie tanzte den ganzen Abend, ſie ſchien heiter und vergnügt, nur dem aufmerkſamen Auge des Herrn von Pöllnitz entging es nicht, daß ihr Lächeln gezwungen, ihre Heiterkeit erkünſtelt war, daß ſie oft ihre Blicke mit einem Ausdruck des Ent⸗ ſetzens und der Angſt hinüber ſandte zu dem König, deſſen Augen immer auf ihr ruhten, der ſie immer beobachtete. Aber plötzlich änderte ſich der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichts, und ihre Augen ſtrahlten wieder im Feuer der Iugend und des Glückes. Das kam daher, daß Fräu⸗ lein von der Marwitz, während die Prinzeſſin in der Frangaiſe neben ihr ſtand, leiſe zu ihr geſagt hatte: Beruhigen Sie ſich, Hoheit. Es iſt gar keine Gefahr. Er iſt nur wegen eines Verſehens im Dienſt in Ar⸗ reſt geſchickt, das iſt Alles! Das war allerdings ein Troſt und eine Beruhigung. Amalie hatte ſo traurige, ſo entſetzliche Befürchtungen gehabt, daß ihr dieſe Nachricht nur wie eine Freuden⸗ botſchaft erſchien. E Ein Dienſtvergehen, das war eine ſo kleine, ſo un⸗ bedeutende Sache. Das war mit einigen Tagen leich⸗ ter Gefangenſchaft abgebüßt. Dann kam er wieder, dann ſah ſie ihn wieder, dann mußten ſich dieſe herr⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouci zc. II. 14 1 — 210— lichen Stunden des Glückes, des ſeligen Zwiegeſprächs wieder erneuern. Aber Amalie hatte ſich getäuſcht, einige Tage ver⸗ gingen und er kehrte nicht wieder, und Amalie wußte nichts weiter von ihm, als daß er in Potsdam im Arreſt ſei. Acht Tage entſchwanden und Trenck kehrte noch immer nicht zurück, Trenck war noch immer Ar⸗ reſtant. Dieſe harte Strafe um eines geringen Ver⸗ ſehens willen begann indeß ſchon Aufſehen zu machen bei den Kameraden Trencks, die Officiere, welche nicht zu murren wagten mit Worten, zeigten gleich⸗ wohl ein mißvergnügtes Geſicht und eine umwölkte Stirn. DOberſt Jaſchinsky, ſagte der König am neunten Morgen, begebe Er ſich zu dem Arreſtanten Trenck und ertheile Er ihm den guten Rath, mich um Verzeihung bitten zu laſſen. Sage Er ihm, wenn er das thäte, glaube Er wohl, daß ich ihm verzeihen und ihn aus dem Arreſt entlaſſen würde. Aber Er ſoll ihm das nicht officiell ſagen, ſondern freundſchaftlich, als ob es ein Rath ſei, den Er ihm aus Freundſchaft ertheilt. Dann merke Er ſich genau, was Trenck Ihm antwor⸗ tet, und rapportire Er mir das, der ſtrengſten Wahr⸗ heit gemäß. Nach einer Stunde kehrte der Oberſt mit einem vergnügten Lächeln zurück. Nun, wird er bitten? fragte der König. 3 Nein, Majeſtät. Er ſagt, er ſei für ein kleines Vergehen ſchon zu hart geſtraft, er würde ſich nicht ſo weit erniedrigen, um das Aufhören einer Ungerechtig⸗ keit zu bitten. 1 1 So wird er noch länger im Arreſt bleiben, ſagte der König, indem er Jaſchinsky verabſchiedete. Dann, als er allein war, ging der König noch lange auf und — 211— ab, die Arme auf dem Rücken gekreuzt, wie er es zu thun pflegte, wenn er in tiefen Gedanken war. Ein Kopf von Eiſen, ein Herz voll Feuer, mur⸗ melte er einmal. Beide ſo jung, ſo ſtolz, ſo liebes⸗ kühn, und Alles muß ich zerbrechen, alle dieſe Blüthen muß ich entblättern! Traurige Beſtimmung! Warum müſſen wir aufhören, Menſch zu ſein, weil wir König ſind? Wiederum vergingen acht Tage, acht Tage der Feſte, der Conzerte, der Bälle, bei denen Prinzeſſin Amalie niemals fehlen durfte, bei denen ſie im vollen Glanz der Toilette, mit roſigen Wangen, das Haupt mit Blumen geſchmückt, erſchien. Nur waren dieſe Roſen ihrer Wangen künſtlich von der Schminke er⸗ zeugt und ihr trauriges Lächeln paßte wenig zu den Blumen in ihrem Haar. Der König, welcher unter dem Schatten dieſer üp⸗ pigen und glänzenden Feſtlichkeiten unbemerkt ſeine Vorbereitungen zum Kriege beendigt hatte, durfte alſo jetzt dieſe heitere ſorgloſe Maske von ſeinem Antlitz nehmen, er durfte das geſtickte Ballkleid ablegen und den Soldatenrock anziehen. Die Tanzmuſik verſtummte, die Feſte waren beendigt. Das Silbergeräth der kö⸗ niglichen Rüſtkammer hatte ſich in glänzende Thaler verwandelt. Alles war fertig. Der König verließ Berlin und begab ſich mit ſeinem Generalſtab nach Potsdam. Am Tage ſeiner Ankunft in Potsdam beauftragte er ſeinen Adjutanten, den General von Borck, den Lieut nant von Trenck aus ſeinem Arreſt zu entlaſſen und ihn mit einem Brief an die Königin Mutter nach Zerlin zu ſenden, wo er bis zum andern Tage in Ur⸗ laub bleiben dürfe. Ich werde jetzt ſehen, ob ſie mich verſtanden ha⸗ 4 ben, ſagte der König zu ſich ſelber. Ich habe ihnen eine harte Lehre gegeben, wenn ſie ſie nicht begriffen haben, ſind ſie incurable und zwingen mich zur Strenge! Nein, ſie hatten dieſe Lehre nicht begriffen, nein, ſie waren nicht beſonnen, nicht weiſe, nicht ſcharfſinnig genug, dieſes drohende Schwert zu ſehen, das über ihren Häuptern hing, nein, ihre Arme, mit welchen ſie einander umſchlungen hielten, hoben ſich nicht empor, um dieſen letzten ſchwachen Rettungsanker zu ergreifen, welchen ihnen nicht der König, ſondern der Bruder bewilligt hatte. Sie waren verloren, ſie mußten zu Grunde gehen! Am andern Morgen, während der Parade, näherte ſich Friedrich von Trenck dem König. Er war eben von Berlin zurückgekehrt, ſeine Wangen glühten noch von dem ſcharfen Ritt, und in ſeinen Augen lag noch ein Schimmer jenes Freudeſtrahls, den die Geliebte mit ihren Blicken darin verſenkt hatte. Majeſtät, ich melde mich, ſagte Friedrich von Trenck mit ſeiner friſchen jugendlichen Stimme. Der König ſagte nichts, er ſah den ſchönen, von Geſundheit, Kraft und Lebensluſt ſtrahlenden Jüngling mit einem Blick voll tiefen Bedauerns, voll unendli⸗ cher Trauer uä. 4 Friedrich von Trenck ſah das nicht. Befehlen Euere Majeſtät, daß ich zur Eskadron nach Berlin reite? fragte er mit der ganzen Unbeſon⸗ eäbei ſeiner leidenſchaftlichen Sehnſucht, ſeiner otzigen iebe. Wo kommt Er her? fragte er ſtrenge. Von Berlin, Majeſtät. Jetzt ſchoß ein zorniger Blitz in den Augen des Königs auf. — —— — 213— Wo war Er, ehe Er nach Berlin ritt? Im Arreſt, Sire! So gehe Er wieder hin, wo Er geweſen iſt. Das heißt, in Arreſt.*) Und im Arreſt blieb Friedrich von Trenck bis alle Vorbereitungen beendet waren, bis die Armee ſich zum Ausmarſche bereitete und der König ſeine Officiere um ſich verſammelte, um ihnen zu ſagen, daß die Zeit der Ruhe vorüber und ſie wieder nach Schleſien ziehen wollten zum blutigen Kampf, und, will's Gott, zum freudigen Sieg! Am Tage des Ausmarſches, wie geſagt, ward Frie⸗ drich von Trenck aus ſeinem Arreſt entlaſſen. Der König empfing ihn mit einem gnädigen Lächeln und befahl ihm, in ſeinem unmittelbaren Gefolge zu bleiben. Die Kameraden beneideten Trenck um dieſe große königliche Gunſt, um des Königs freundliches Lächeln, um die huldvollen Worte, welche er an dieſem Tage mehr als einmal an Trenck richtete. Niemand begriff, warum Trenck bei all' dieſen Zei⸗ chen königlicher Gnade ſo traurig und ſchweigſam blei⸗ ben konnte. Niemand begriff, wie er, ſonſt einer der tapferſten und muthigſten Officiere, heute beim Aus⸗ marſch mit geſenktem Kopf und heimlichen Seufzern, nicht ſtolz und hoch aufgerichtet, ſondern in ſich geſun⸗ ken, träumend und ſinnend auf ſeinem Pferde ſaß. Nie⸗ mand begriff das, als der König, deſſen zartfühlende Seele jede Regung verſtand, für jeden Schmerz ein Bedauern hatte. — Alle, welche heute da auszogen, hatten Ab⸗ Dieſe ganze Unterredung iſt hiſtoriſch. Siehe: Friedrich vorrenck’s Lebensgeſchichte. Bd. I. S. 43. — 214— ſchied genommen von Denen, welche ſie liebten,— Trenck allein nicht. Sie Alle nahmen einen Segen, einen Liebesgruß, einen letzten Kuß, einen letzten Hände⸗ druck, eine letzte Thräne mit in die Schlacht,— viel⸗ leicht in den Tod. Trenck allein ging von dannen ohne Kuß und ohne Segen! Trenck allein hatte nicht Abſchied ge⸗ nommen! Und doch hatte ſchon das Glück von ihm Abſchied genommen und die Liebe und die Hoffnung, und doch, wie er dahin reitet, dem Kampf, der Schlacht, dem Sieg entgegen, doch hat er keine Zukunft mehr! Thränen folgen ihm nach, Thränen werden ſeine Zukunft ſein! 5. Ende des zweiten Bandes. ſſiſſſſſſnnſnnnſſinnnnena 6 7 9 11 12 13 14 15