“ 1— ꝑꝑ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „3„„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 5 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 erlin und Sansſonci . oder 3 4 Friedrich der Groſze und ſeine TFreunde. Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach. 4 Erſter Band. Zweite Auflage. Leipzig, 1857. Voigt& Günther. ————— — 8 Erſtes Buch. Berlin im Jahre 1744. J. Die Teufelsbeſchmörer. Es war ein wundervoller Maitag; die Sonne, eben erſt aufgegangen, hatte die Blüthen und das friſche Grün des Gartens von Charlottenburg noch nicht gewelkt, ſondern nur erquickt zu neuem Blühen und Grünen. Die Bügel ſangen luſtig in den Bos⸗ quets, und wenn der Wind mit leiſem Säuſeln durch die lange Reihe dieſer blühenden Lorbeer⸗ und Oran⸗ genbäume fuhr, welche vor dem von Friedrich I. er⸗ bauten prachtvollen Gewächshauſe aufgeſtellt waren, ſo trug er eine Wolke ſüßen, bezaubernden Wohlge⸗ ruches über den ganzen Garten hin. Dieſer Garten war heute noch ſtill und menſchen⸗ leer, und die geſchloſſenen Fenſterladen des Schloſſes bewieſen, daß nicht der König allein, ſondern auch die ganze Schaar ſeiner Diener, von den Großwürden⸗ trägern und dienſtthuenden Kammerherren an bis zu dem Küchenjungen und Gärtnerburſchen, ſich noch der Erquickung der Ruhe und des Schlafes hingaben. Pltzlich ward dieſe Stille durch das Geräuſch haſti⸗ ger Schritte unterbrochen. Ein junger Mann, in ein⸗ 8e bürgerlicher Tracht, kam wsſ die große Allee 6 6 4* 3 herauf, welche von dem großen Eingangsthor des Gar⸗ tens bis zu den Gewächshäuſern führte, und näherte ſich dann, vorſichtig umherblickend, dem erſten Fen⸗ ſter der untern Etage des diesſeitigen Schloßflügels. Dieſes Fenſter war geſchloſſen, und von innen mit Fenſterladen verſehen, wie alle übrigen, aber zwiſchen 5 der Glasſcheibe und dem Fenſterladen war ein weißes Stück Papier eingeklebt, das entweder der Zufall oder eine beſtimmte Abſicht da befeſtigt hatte. Der junge Mann indeſſen ſchien durchaus nicht an den Zufall zu glauben; für ihn war dieſes kleine Stückchen Papier ein verabredetes Zeichen, und er klopfte daher an die Glasſcheibe, deren grelles Klin⸗ gen auf einen Augenblick das tiefe Schweigen rings⸗ umher unterbrach. Dann ward wieder Alles ſtüll, bis der junge Mann zum zweitenmal daſſelbe Ge⸗ räuſch, diesmal aber ein wenig lauter noch, ertönen 3 ließ. Dann ſtand er wieder ſtill und horchte.— Aber diesmal war ſein Klopfen erfolgreich. Der Fenſter⸗ 3 laden ward langſam und vorſichtig von innen ein wenig geöffnet, und man ſah jetzt hinter den Scheiben das 1 bleiche und kranke Geſicht des Geheimkämmerers Fre⸗ dersdorf, des Lieblings ſeines königlichen Herrn, er⸗ ſcheinen. Als er den jungen Mann erblickte, nahmen ſeine ſchlaffen, kranken Geſichtszüge einen lebhafteren Ausdruck an, und ein ſchwaches Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen Lippen. Haſtig öffnete er das Fenſter, und reichte dem Jüngling die Hand dar. Guten Morgen, Joſeph, ſagte er leiſe. Ich habe die ganze Nacht nicht geſchlafen, ſo ungeduldig war ich, von Dir Nachrichten zu erhalten. Nun, ſage ſchnell! Wie iſt es geworden? Hat er ſich endlich gezeigt? Joſeph wiegte traurig das Haupt. Er hat ſi immer noch nicht gezeigt, ſagte er dumpf vor ſich hin Alle unſere Bemühungen ſind vergeblich geweſen. Wir haben wiederum unſere Zeit, unſer Geld, unſere Kräfte vergeblich geopfert! Er hat ſich immer noch nicht gezeigt! Ach, ſollte man wohl denken, daß es ſo ſchwer iſt, den Teufel zu bewegen, uns in Perſon zu erſcheinen, da er doch täglich und ſtündlich durch die Thaten der Menſchen uns ſeine Nähe und ſeine Gegenwart ver⸗ kündet! rief Fredersdorf ſchmerzlich. Aber ich muß und will ihn ſehen, er muß und ſoll mir das Ge⸗ heimniß entdecken, er ſoll mir die Stoffe nennen, aus welchen das Gold zuſammengeſetzt iſt! Und er wird es thun! ſagte Joſeph feierlich. Was ſagſt Du da? Er wird es thun? Es iſt alſo nicht alle Hoffnung verloren? Es iſt noch nicht alle Hoffnung verloren, und der Planetarier hörte dieſe Nacht wenigſtens in ſeiner Ver⸗ zückung die Stimme des Teufels, und ſah auf einen Moment ſchon den Blitz ſeines Anges, wenn er auch ſeine Geſtalt noch nicht ſah. Er ſah den Blitz ſeines Auges! wiederholte Fre⸗ dersdorf freudig. Oh, wir werden ihn dennoch zwin⸗ gen, ſich uns zu zeigen! Er wird uns lehren müſſen, Gold zu machen! Und was ſprach die Stimme des Teufels zu unſerm Planetarier? Sie ſprach zu ihm: wollt Ihr mein Antlitz ſehen, und Worte der goldnen Weisheit von meinen Lippen hören, ſo opfert mir, wenn wieder der Mond in ſeiner Vollheit wie flüſſiges Gold am Himmel ſteht, einen ſchwarzen Ziegenbock. Und wenn Ihr für mich ſein Blut vergießt, und wenn er ſo ſchwarz iſt, daß ſelbſt die Nacht kein weißes Haar an ihm entdecken kann, dann werde ich Euch erſcheinen, und Euch dienſt⸗ bar ſein. Alſo wieder vier Wochen des Harrens, der Un⸗ geduld und Qual! murmelte Fredersdorf. Vier Wochen des Suchens nach dieſem ſchwarzen Ziegenbock, der nicht ein weißes Haar haben darf! Es wird ſehr ſchwer ſein, einen ſolchen zu finden! Oh die Welt iſt groß, und wir werden überall hin unſere Boten ausſenden! Wir werden ihn finden, denn dem wahrhaft Suchenden ergiebt ſich endlich das Geſuchte! Aber es wird dazu viel Geld bedürfen, an dem wir unglücklicher Weiſe ſchon Mangel leiden! Wir? Welche wir? fragte Fredersdorf mit ver⸗ ächtlichem Achzelzucken. Wir! Das heißt zu allererſt meine eigene Per⸗ ſon, denn Du begreifſt, mein Bruder, daß ein Student, wie ich es doch noch bin, niemals Geld übrig hat, um dafür andere Ziegenböcke als höchſtens von Zeit zu Zeit den Schneider zu bezahlen! Wir, das heißt ferner, der Hauptmann von Kleiſt, in deſſen Hauſe heute Nacht die Verſammlung ſtatt fand, und der dem Teufel ſchon mehr als einen ſchwarzen Ziegenbock, der ihm ſeine Geſundheß ſeine Ruhe und ſein häus⸗ liches Glück geopfert hat, denn ſeine Frau findet es ſeltſam, daß er jede Nacht faſt den Teufel anderswo ſucht, als in ihren ſchönen Armen. Ja, ich begreife das! ſagte Fredersdorf lächelnd. Die ſchöne Frau von Kleiſt will noch immer die Uebermüthige, liebeſelige Luiſe von Schwerin ſein, welche ſie einſt geweſen. Die Ehe hat kein Waſſer in ihr heißes Blut gegoſſen! Nein, ſondern nur ganze Ströme Weins in das Blut ihres Gemahls, und in dieſen Strömen iſt ihre Liebe und ihr Glüit ertrunken. Wir haben da eine 4 V Leiche, welche ſehr nach Verweſung riecht, und die wir ſehr bald werden beerdigen müſſen! Mögt Ihr das thun! Der König hat ja die Scheidungen leicht gemacht! Leichter, als das Heirathen, nicht wahr, mein Bru⸗ der? Ah, Du errötheſt, denn Du findeſt, daß Dein leichtfertiger Bruder aufmerkſamere Augen hat, als Du dachteſt, und mehr ſieht, als man ihn ſehen laſſen will? Ja, ja, ich habe wirklich geſehen, daß Du von Gott Amors Pfeil getroffen biſt, und daß Dein Herz blutet, weil Dein edler König ſeinem Geheimkämmerer nicht geſtatten will, ſich zu vermählen. Oh, wenn ich erſt das heilige Geheimniß kenne, wenn ich erſt Gold zu machen verſtehe, dann werde ich keinen König mehr zu fragen haben, dann werde ich ſelber König meines Willens ſein. Ha! Und daß Du das werdeſt, dazu bedarf es, wie geſagt, weiter nichts, als eines ſchwarzen Ziegen⸗ bockes. Schaffe uns alſo den Ziegenbock, mein mäch⸗ tiger und vielvermögender Bruder, und Alles wird gethan ſein!*. Und zu denken, daß ich nicht fort kann, daß ich die Hände in den Schooß legen und ruhig abwarten muß] rief Fredersdorf verzweiflungsvoll. Oh, welche Sclaverei iſt dies! Aber Ihr, Ihr ſeid nicht ge⸗ feſſelt, Euch gehört die ganze Welt, und Ihr könnt ſie durchſtreifen, dieſes Opfer zu ſuchen, welches der Teufel begehrt! Gieb uns Geld, mein Bruder, und wir werden es thun! Ohne Geld keinen Ziegenbock, und ohne Ziegenbock keinen Teufel! 3 3 Fredersdorf verſchwand einige Minuten vom Fen⸗ ſter und kehrte dann mit einer gefüllten Börſe zurück die er ſeinem Bruder darreichte. Da haſt Du Geld, ſende überall hin Deine Boten aus, gehe ſelber und ſuche. Schaffen mußt Du ihn, denn ich ſage Dir, wenn Du es nicht thuſt, ziehe ich meine Hand von Dir ab, und Du wirſt nichts mehr ſein, als ein armer Student, der ſich vom Unterrichten ernähren kann. Das möchte eine ſehr dürftige Art der Ernährung ſein, rief ſein Bruder lachend. Ich bin überhaupt Willens, einen andern Lebenspfad einzuſchlagen, und ſtatt eines Gelehrten ein Künſtler zu werden. Ein Künſtler! rief ſein Bruder achſelzuckend. Haſt Du eine künſtleriſche Ader an Dir aufgefunden? Ja, mein Bruder, ich habe eine ſolche aufgefun⸗ den! Oder vielmehr, Eckhof hat ſie in mir erweckt! Eckhof! Wer iſt Eckhof? 3 Wie, Du fragſt, wer Eckhof iſt? Du kennſt ihn alſo nicht, dieſen großen, dieſen erhabenen Künſtler, welcher ſeit einigen Wochen hier angelangt iſt, und Jeden, welcher ein deutſches Herz in ſeiner Bruſt trägt, entzückt durch ſein herrliches Spiel! Ich ſah ihn vor einigen Tagen in Gotſched's Cato! Ach mein Bruder, an jenem Abend ward es mir klar, daß auch ich zu etwas Höherem und Schönerem berufen bin, als nur im Studirzimmer zu ſitzen, und aus beſtaubten Bü⸗ chern mir ein wenig vermodertes Wiſſen zuſammen⸗ zuſuchen! Nein, ich will mir die Welt nicht mit Bü⸗ cherſtaub verdüſtern, ich will ſie mir verklären durch die edelſte und ſchönſte Kunſt! Ich will ein Schan⸗ ſpieler werden! 3 Alberner Thor! ſagte ſein Bruder lächelnd. Ein deutſcher Schauſpieler, das heißt ein armer Bettler und Vagabund, der von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf zieht mit ſeinem Thespiskarren, und den man überall verlacht, wie man den Affen verlacht, welcher 1 1 auf dem Rücken eines Kameels ſeine luſtigen Caprio⸗ len macht! Ja, wenn Du noch ein Tänzer, oder zum Mindeſten ein franzöſiſcher Schauſpieler wärſt! Es iſt wahr, noch iſt das deutſche Schauſpiel das verſtoßene Kind, das Aſchenbrödel, welches man bei Seite ſchiebt, und mit einem Sack bekleidet, während man das verhätſchelte Stiefkind in goldgeſtickte Kleider hüllt. Oh, oh, es iſt bitter zu denken, daß die fran⸗ zöſiſchen Schauſpieler vom Könige berufen ſind, auf der Bühne im königlichen Schloß zu ſpielen, während Schönemann, der deutſche Schauſpieldirector, für ſchwe⸗ res Geld ſich den Rathhausſaal miethen und außer⸗ dem noch harte Steuer zahlen muß, für die Erlaubniß, dem deutſchen Publicum hier ein deutſches Theater zu geben! Aber warte nur, mein Bruder, das Alles wird anders kommen, wenn wir erſt das Geheimniß wiſſen, wenn wir erſt den ſchwarzen Ziegenbock haben! Ach, ich ſegne den Zufall, welcher mich zu einem Mitwiſſer Eures geheimen Bundes machte, ſo daß Ihr mich in denſelben aufnehmen mußtet, um meines Schweigens gewiß zu ſein! Ich werde jetzt reich, mächtig und einflußreich ſein, wie Ihr Alle, und dann werde ich ein großes Schauſpielhaus bauen, und darin werde ich Euch als erſter Liebhaber entzücken und zur Bewunderung hinreißen! Oh, laß uns erſt dieſe Kunſt verſtehen, Gold zu machen, und wir werden uns aus der ganzen Welt ein⸗Schauſpielhaus bauen, in dem uns alle Menſchen als gehorſame Marionetten etwas vorſpielen werden. Eile Dich alſo, mein Bruder, eile Dich! Beim nächſten Vollmond werden wir die allmächtigen Könige der Erde werden.. 5 Vorausgeſetzt, daß wir bis dahin einen ſchwarzen Ziegenbock gefunden haben! Wir werden ihn finden, denn wir werden ihn nöthigenfalls mit Gold aufwiegen, und es giebt Nichts, was man nicht mit Gold erlangen kann. Ehre, Liebe, Macht, Anſehen und Ruhm, Alles das giebt uns das Gold! Laß uns alſo eilen, reich zu werden, denn reich ſein, heißt unabhängig, frei und ſelbſtregierend ſein! Geh, mein Bruder, geh, und mögeſt Du bald mit Erfolg gekrönt zu uns zurückkehren. Aber zuvor noch einige wichtige Fragen, Bruder. Vor allen Dingen, wohin ſoll ich gehen? Den Ziegenbock zu ſuchen, gleichviel wohin! Ach, gleichviel wohin! Du denkſt alſo nicht daran, daß die Zeit der Ferien vorüber iſt, und daß der Senat der Univerſität Halle mir angedroht hat, mich zu relegiren, wenn ich nach wie vor ſo unregelmäßig die Collegia beſuche. Ich werde alſo heute noch nach Halle zurückkehren müſſen, oder— 8 Heute noch! rief Fredersdorf erſchrocken. Das iſt unmöglich. Du kannſt nicht nach Halle reiſen, es müßte denn ſein, daß Du heute ſchon gefunden hätteſt, was wir bedürfen! Und da dies nicht der Fall iſt, ſo werde ich nicht nach Halle zurückkehren, man wird mich alſo relegiren, und ich höre auf, Hallenſer Student zu ſein. Somit willigſt Du alſo ein, daß ich Schauſpieler werde, und den großen Eckhof zu meinem alleinigen Profeſſor erhebe? Ich willige in Alles, vorausgeſetzt, daß Du erſt die Befehle des Planetariers erfüllſt! Und wenn der Planetarier nun unglücklicher Weiſe trotz des ſchwarzen Ziegenbocks doch nicht im Stande wäre, den Teufel zu citiren? Auf den bleichen Wangen Fredersdorf's zeigte ſich — 11— bei dieſer Frage eine krankhafte fieberiſche Röthe, die dann einer noch krankhafteren Bläſſe wich. Wenn dem ſo wäre, ſo würde ich entweder wahn⸗ ſinnig werden, oder ſterben! murmelte er leiſe vor ſich hin. Und alsdann würdeſt Du vielleicht den Teufel von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen! rief ſein Bruder mit heiterm Lachen. Aber vielleicht fände ſich für Dich eine Euridice, die Dich der Unterwelt wieder entriſſe. Nun, wir werden ſehen! Bis dahin Lebewohl, mein Bruder, Lebewohl! Seinem Bruder einen Abſchiedsgruß zunickend, eilte Joſeph leichten Schrittes von dannen. Freders⸗ dorf ſchaute mit einem ſchwermüthigen Lächeln ſeiner ſchlanken, hohen Geſtalt nach, welche eben zwiſchen den Bäumen am Ende der Allee verſchwand. Er beſitzt etwas, welches am Ende noch mehr werth iſt, als Gold und Macht, ſagte er. Er iſt ge⸗ ſund, jung und voll Hoffnung und Zuverſicht! Ihm gehört alſo die Welt, während ich— Das Geräuſch herannahender Schritte machte ihn verſtummen und mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſchaute Fredersdorf wieder die Allee hinunter. II. Der alte Hofmann. Dort zeigte ſich abermals eine männliche Geſtalt, welche näher und näher kam, aber minder leichten und beflügelten Schrittes, als der junge Fredersdorf. n — 121— deſſen, wie ſie ſich annäherte, drückten Fredersdorf's Züge das größte Erſtaunen, die größte Ueberraſchung aus, und als dieſelbe jetzt dicht vor ſeinem Fenſter ſtand, brach er in ein lautes Lachen aus. Herr von Pöllnitz! Wirklich und wahrhaftig, ich täuſche mich nicht, es iſt der Herr von Pöllnitz! rief Fredersdorf, die Hände in einander ſchlagend, alsdann wieder in Gelächter ausbrechend, in welches der andere fröhlich mit einſtimmte. Dann plötzlich eine ernſthafte Miene annehmend, verneigte ſich Fredersdorf ehrerbietig. Verzeihung, Herr Baron, ſagte er mit dem Ton anſcheinender Demuth, Verzeihung, daß ich es wagte, Sie auf eine ſo unehrerbietige Weiſe willkommen zu heißen. Aber die Ueberraſchung, Sie wieder zu ſehen, nachdem Sie für immer von unſerem Hofe Abſchied genommen, und wir uns aus Ihrem Andenken ſchon einen Thrä⸗ nenkrug gemacht hatten, über dem wir Sie beweinten, die Ueberraſchung hatte mich überwältigt. Spotten und lachen Sie immerhin, theuerſter Fre⸗ dersdorf, ſagte Herr von Pöllnitz, ich werde in Ihren Spott und Ihr Gelächter fröhlich mit einſtimmen, ſo⸗ bald ich mich nur erſt ein wenig ausgeruht habe von dieſem holprigen Wagen, der mich hieher geführt hat. Oeffnen Sie mir alſo gefälligſt das Fenſter ein wenig mehr, und ſetzen Sie einen Stuhl hier draußen unter daſſelbe, damit ich zu Ihnen einſteigen kann, wie ein brünſtig Liebender zu ſeiner Geliebten, und nicht erſt nöthig habe, den weiten Umweg bis zum Schloßthor zu machen.. Fredersdorf that ſchweigend was der Baron von ihm forderte, und wenige Minuten ſpäter lag Herr von Pöllnitz behaglich ausgeſtreckt in dem Zimmer des Geheimkämmerers auf dem ſeidenen Divan. V f — 13— Fragen Sie mich jetzt nichts, Fredersdorf, ſagte er hochaufathmend, laſſen Sie mich erſt ungeſtört ein wenig die glückliche Behaglichkeit hier auf Ihrem Sopha genießen, und thun Sie mir den einzigen Lie⸗ besdienſt, zuvörderſt mir auf einige Fragen zu ant⸗ worten, bevor ich Ihnen ein Gleiches thue. Fragen Sie, Herr Baron, ich werde Ihnen ant⸗ worten, ſagte Fredersdorf, indem er ſich auf einen Stuhl neben dem Sopha niederſetzte. Zuvörderſt alſo! Wer iſt König von Preußen? Sie oder Jordan, oder General von Rothenburg oder Chazot, oder— mein Gott, ſo helfen Sie mir doch und ſagen Sie mir, wer iſt König von Preußen? Das iſt Friedrich 11., und Er ganz allein, und Er ſo ſehr, daß ſelbſt ſeine Miniſter nichts weiter ſind als die Schreiber, welche ſeinen Willen aufſchreiben, und die Generale: die Unteringenieure, welche die Schlacht⸗ pläne aufzeichnen die Er ſich erſonnen, und ſeine Com⸗ poniſten: die Notenſtecher ſeiner Melodieen und muͤſika⸗ liſchen Gedanken, und die Architecten: die Zimmer⸗ meiſter, welche nichts weiter zu thun haben als den Bauplan auszuführen, den er entworfen oder wenig⸗ ſtens nach alten, griechiſchen Vorbildern ausgewählt hat, und alle Beamte: nur einzelne Stifte in dieſer großen Maſchine des Staates, die Sein Wille allein zu lenken und zu regieren verſteht! Hm, das iſt übel, ſehr übel, ſagte Pöllnitz. In⸗ deſſen finde ich, daß Sie zwei Sorten von Menſchen nicht angeführt haben in dieſem Regiſter von Stiften, welche Friedrichs Hand lenkt und regiert. Sie haben nichts geſagt über ſeine Köche und nichts über ſeine Kammerdiener, und doch ſind dieſe ſehr wichtig, denn Sie wiſſen wohl, daß für dieſe beiden Sorten von Menſchen jeder König aufhört ein König zu ſein und — 414— ein ganz gewöhnliches Menſchenkind wird, welches eſſen, trinken, ſchlafen und ſich kleiden und ſeine kör⸗ perlichen Schwächen und Gebrechen verſtecken und übermalen muß, wie jeder andere Menſch! Fredersdorf ſchüttelte ſchwermüthig das Haupt. Es ſcheint, ſagte er, daß Friedrich II. unantaſtbar iſt, denn ſelbſt ſeinem Koch und ſeinem Kammerdiener gegen⸗ über bleibt er immer noch König. Seine Köche mögen ihm die koſtbarſten und herrlichſten Gerichte bereiten, er iſt leider nicht damit zu beſtechen. Ein ſchlecht ge⸗ lungenes Gericht macht ihn zornig, aber die auser⸗ leſenſten Speiſen haben durchaus keinen Einfluß auf ſeine Stimmung; er iſt nach der Tafel niemals an⸗ ders geſtimmt als vor der Tafel, und was er vor dem Eſſen und dem Champagner ausgeſchlagen, das be⸗ willigt er auch nachher nicht! Den Teufel auch, das iſt ſchlimm, murmelte Herr von Pöllnitz. Und der Kammerdiener, auch dem ge⸗ genüber bleibt der König König? So ſehr, daß er ſeinen Kammerdienern kaum ge⸗ ſtattet ſeinen Körper zu berühren, und ſich ſelber fri⸗ ſirt, raſirt und ankleidet. Aber mein Gott, wer hat denn Einfluß auf ihn? An wen muß man ſich wenden, um eine Fürbitte ein⸗ zulegen? An ſeine Hunde, theuerſter Baron! Das ſind jetzt noch die einzigen Perſonen von Einfluß. Meinen Sie im Ernſt die vierbeinigen Hunde, oder— Die vierbeinigen, Theuerſter, denen der König in der That mehr vertraut als den zweibeinigen Geſchöpfen. Sie wiſſen, daß der König viel auf den Inſtinct ſei⸗ ner Hunde giebt; nun, er iſt jetzt dahin gekommen zu glauben, daß die Hunde eine inſtinctmäßige Averſion Menſchen haben, und es iſt daher für jeden neuen An⸗ kömmling ſehr wichtig, wie er von ſeinen Hunden em⸗ pfangen wird, denn darnach richtet ſich auch der Em⸗ 4 pfang des Königs. Iſt Biche noch bei dem König? gegen alle falſchen, boshaften und ſchlechtgearteten 1 Sie iſt noch immer Lieblingshündin! ½ 3 Ab, das iſt mir lieb, denn ich ſtand immer in gro⸗ ßer Gunſt bei Signora Biche, und ſie pflegte immer meine Taſche zu beſchnüffeln, ob keine Chocolade darin ſei. Ich bitte Sie alſo, lieber Freund, geben Sie mir ein Stückchen Chocolade für die Biche, damit ich ihr edles Herz rühre und ſie mir den König geneigt mache. Ich werde Ihnen ein halbes Pfund in jede Taſche ſtecken, und wenn Biche dann noch bellt, ſo iſt das ein Zeichen, daß ſie allerdings weit beſſer wie die Menſchen, daß ſie nämlich unbeſtechlich iſt! Sind Sie jetzt zu Ende mit Ihren Fragen und darf ich die meinen beginnen? Nicht doch, mein Theuerſter, mein Kopf iſt noch ganz angefüllt mit Fragen, die darin herum krabbeln, wie die in einem Sack zuſammengeſteckten Regenwürmer, mit deren Hülfe man Fiſche angeln will. Sein Sie alſo barmherzig und laſſen Sie mich noch einige die⸗ ſer Fragen an dem Angelhaken meiner Zukunft be⸗ feſtigen! 4 Nun denn, immerhin! Fragen Sie weiter! Intereſſirt ſich der König für keine einzige Prima⸗ donna ſeiner Oper, ſeines Ballets oder Schauſpiels? Für keine einzige! Nun, er iſt alſo jetzt ganz herzverſteinert? Ganz und gar! — 16— Und die Königin Mutter? Auch ſie hat keinen Ein⸗ fluß? d 5 Mein Gott, Herr Baron, wie lange waren Sie denn fort von hier, daß Sie Fragen an mich richten, als wären Sie eben unmittelbar vom Monde her⸗ untergefallen und wüßten gar nicht mehr, wie es an unſerm Hofe ausſieht! Lieber Freund, ich war ein ganzes Jahr von hier entfernt, das heißt, eine Ewigkeit! Denn der Hof iſt ein ſehr ſchlüpfriger Boden, und wenn man nicht zu jeder Stunde auf dieſer parquettirten Spiegelglätte ge⸗ gangen iſt, ſo kann man ſehr leicht fallen, das iſt gewiß. Auch iſt nichts veränderlicher, wie das Hof⸗ leben, und was heute wahr geweſen, das iſt morgen oftmals ſchon eine große Lüge, und was man geſtern ſchön fand, wird heute als abſchreckend häßlich bei⸗ ſeit geſchoben, und was man heute verachtete, das preiſt man morgen als ein erhabenes Kleinod. Oh, ich habe darüber meine Erfahrungen! Ich entſinne mich, daß während meines Aufenthaltes am ſächſiſchen Hof ich einmal ein Gedicht, eine Hymne an Aurora von Königsmark dichtete, und zwar auf beſonderen Befehl des Königs, der dieſe Hymne von Haſſe wollte componiren und von ſeinen italieniſchen Sängern am Geburtsfeſte der Aurora wollte ſingen laſſen. Nun, meine Hymne war noch nicht ganz beendigt, da war die Gräfin Aurora ſchon verſtoßen und die ſchöne Gräfin Koſel hatte ihre Stelle eingenommen. Ich voll⸗ endete indeſſen meine Hymne, nur daß ich ſtatt der Aurora eine Amalia beſang; Haſſe componirte die Hymne, und als die italieniſchen Sänger ſie dann zum Namenstag der Gräfin Koſel ſangen, ahnte Niemand, daß dieſe Feſteantate eigentlich für die Gräfin Königsmark beſtimmt geweſen!— Am Hofe der Kaiſerin Eliſabeth — 17— von Rußland traf ich einſt einen Soldaten, der vor der Thür der Kaiſerin auf Wache ſtand und ſein Gewehr prä⸗ ſentirte, als ich am Arm des Oberſten Tſcherbatow, ihres damaligen Lieblings, zur Kaiſerin ging. Nun denn, acht Wochen ſpäter war dieſer Soldat General und Fürſt, und Tſcherbatow mußte ihm die militairiſchen Ehren erzeigen.— In Venedig ſah ich ein Gemälde von Tintoretto, das jüngſte Gericht oder das Para⸗ dies und die Hölle darſtellend. Im Paradies bemerkte ich ein wunderſchönes, von Schönheit, Jugend und Uep⸗ pigkeit ſtrahlendes, von Engeln umflattertes Weib, das in ſeliger Verzückung auf einem Blumenlager ruhte. Aber da drunten auf der untern Hälſte des Bildes in der Hölle ſah ich dieſelbe Frau noch einmal, nur daß ſie nicht auf Roſen, ſondern auf einem glühenden Roſt lag, und daß keine Engel ſie umgaben, ſondern grin⸗ ſende, verzerrte Teufel, welche mit glühenden Zangen ihren ſchönen Leib zerfleiſchten. Papſt Adrian VI. hatte dies Gemälde bei Tintoretto beſtellt und dabei aus⸗ drücklich befohlen, daß der ſchönen Cinnia im Para⸗ dieſe ein Denkmal geſetzt und ſie darin verherrlicht werde. Cinnia nämlich war eine ſehr liebe Freundin Adrians, welcher Stunden hatte, wo er nicht bloß Papſt, ſondern außerdem noch Mann war, und zwar ein Mann, welcher an der Schönheit Wohlgefallen fand. Cinnia war ſehr ſchön und es war daher Tin⸗ toretto's erſtes Geſchäft, Cinnia's Bild zu malen und ſie zum Mittelpunkte des Paradieſes zu machen. Aber ſehen Sie, zum Unglück war das jüngſte Gericht Tin⸗ toretto's ein ſehr großes Gemälde, ſo groß daß man heutiges Tages, um die Köpfe auf demſelben zu zäh⸗ len, ſich eines Cannevas bedient, und die in jedem Vier⸗ eck enthaltenen Köpfe aufzeichnet, um dann das Ganze zu addiren. Ein ſolches Bild zu malen, bedurfte es Mühlbach, Berlin u. Sansſonci ꝛc. I. 2 einiger Jahre, und als Tintoretto bei der Hölle an⸗ gelangt war, da hatte ſich Vieles geändert, ſogar das Herz der ſchönen Cinnia, welche den Papſt Adrian um einen Fürſten Colonna verlaſſen hatte. Der hei⸗ lige Vater, welcher, wie geſagt, nicht bloß Papſt ſon⸗ dern auch Mann war, haßte natürlich die Ungetreue und wollte Rache an ihr nehmen. Er befahl daher dem Tintoretto, die Cinnia noch einmal auf ſeinem Gemälde anzubringen, aber diesmal in der Hölle als verdammte und verurtheilte Sünderin.*)— Ah, an dieſes Bild denke ich immer, wenn ich die Favoriten oder Favoritinnen der Fürſten betrachte und mich an ihrem Hochmuth und Stolz ergötze. Wenn ich ſie im Paradieſe ihrer Macht und Gunſt ſehe, ſo ſage ich zu mir ſelber: ich werde Euch bald auf dem glühenden Roſt der Ungnade braten ſehen und die Teufel der Schadenfreude und des Neides werden Euren Leib zerfleiſchen!— Sehen Sie da, Fredersdorf, das iſt meine Antwort auf Ihre verwunderte Anfrage, ob ich in einem Jahr das Hofleben verlernt habe! Und bei Gott, eine ſehr gründliche Antwort, welche wenigſtens zeigt, daß der Herr Baron Pöllnitz ſich in einem Jahr durchaus nicht verändert hat, ſondern im⸗ mer noch der erfahrene Weltmann, der weiſe Cavalier geblieben iſt! 8 4 Herr Baron von Pöllnitz! Warum geben Sie mir nicht meinen Titel? Warum nennen Sie mich nicht Oberkammerherr? Nun, weil Sie nicht mehr im Dienſt des Königs ſind, ſondern Ihre Entlaſſung genommen haben! Gott gebe, daß Biche mir gnädig iſt; dann wird der König, hoffe ich, dieſe genommene Entlaſſung ver⸗ *) Hiſtoriſch. ——— — 19 geſſen. Aber noch einige Fragen, theuerſter Freders⸗ dorf! Sie ſagen, die Königin Mutter habe keinen Ein⸗ fluß. Wie aber iſt es mit der Gemahlin des Königs, mit Eliſabeth Chriſtine? Iſt Sie vielleicht jetzt die regierende Königin? Wann ſind Sie von Ihrer Reiſe zurückgekehrt? Nun, dieſe Nacht, und kaum vom Wagen geſtiegen eilte ich hierher. Das iſt freilich eine Entſchuldigung für Ihre Frage, denn wenn ſie erſt dieſe Nacht angekommen ſind, konn⸗ ten Sie freilich noch nicht wiſſen, was heute für ein wichtiges Ereigniß bei Hofe ſtattfindet! Der König wird heute ſeinem Hofe ſeinen Bruder Auguſt Wilhelm als den Prinzen von Preußen, ſeinen Thronfolger, vor⸗ ſtellen. Ich denke, das iſt eine genügende Antwort auf Ihre Frage nach der Königin. Sie lebt in Schönhauſen und iſt die Wittwe ihres Gemahls, des Königs, wel⸗ cher niemals das Wort an ſie richtet, ſelbſt dann nicht, wenn er an den großen Galatagen bei Tafel neben ihr ſitzt. Nun noch eine letzte Frage, theuerſter Freund? Wie ſteht es mit Ihnen? Sind Sie noch einflußreich? Liebt der König Sie noch immer ſo ſehr, wie vor einem Jahr? Haben Sie Hoffnung, das Ziel Ihres Ehrgeizes zu erreichen und Einfluß zu gewinnen? Ich bin nicht mehr ehrgeizig, ſagte Fredersdorf ſeufzend. Nein, ich habe keine Sehnſucht mehr dar⸗ nach, der König. eines Königs zu ſein, ſondern mein einziges Sehnen iſt, unabhängig von allen Königen der Welt, kurz, mein eigener König und Herr zu ſein. Vielleicht gelingt mir dies bald! Wo nicht, nun, ſo wird es mir ergehen wie ſo vielen Andern: da ich meine Sclavenketten nicht zerreißen kann, ſo werde ich von ihnen erdrückt werden. Was aber meinen Einfluß 2* — 20— auf den König anbetrifft, ſo wird es Ihnen genügen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ſeit einem halben Jahre eine Frau glühend liebe, von welcher auch ich geliebt werde, daß ich ſie aber nicht heirathen kann, weil der König mir trotz meines Flehens nicht ſeine Einwilli⸗ gung zu dieſer Heirath geben will! 3 Und er hat Recht, rief Herr von Pöllnitz lebhaft, indem er ſich behaglich im Sopha ausſtreckte. Ein Thor iſt derjenige, welcher daran denkt ſeine edle Frei⸗ heit hinzugeben an ein Weib! Das ſagen Sie, Herr Baron? Sie, welcher doch den Hof und den König aufgegeben hatte, um nach Nürnberg zu gehen und ſich dort zu vermählen? Ah, wie geſchickt Sie mir das Meſſer aus den Händen geſpielt haben und aus einem Gefragten ein Frager geworden ſind! Nun, es iſt billig, daß auch Ihre Neugierde befriedigt werde. Fragen Sie alſo immerhin, ich werde Ihnen antworten! Sie ſind alſo nicht verheirathet, Baron? Durchaus nicht, und ich habe geſchworen, daß For⸗ tuna allein noch meine Geliebte ſein ſoll, nicht aber ein ſterbliches Weib! Demnach iſt alſo auch das Gerücht falſch, welches beſagte, daß Sie abermals Ihre Religion gewechſelt und jetzt proteſtantiſch geworden wären? Nicht doch, dieſes Gerücht hat die Wahrheit geſagt. Dieſe Nürnberger Patrizierin wollte keine Hand an⸗ nehmen, welche ihr von einem Nichtproteſtanten gebo⸗ ten wurde! Ich zog alſo den Handſchuh meines Katho⸗ licismus aus und zog dafür den Proteſtantismus an. Mein Gott, für einen Mann von Welt darf der äußere Glaube doch nichts weiter ſein, als ein Toilettengegen⸗ ſtand! Wie es zum guten Ton gehört, daß die Für⸗ ſten, wenn ſie die befreundeten Höfe beſuchen, jedes — . e— — 21— Mal die Orden und die Uniformen des Landes, in wel⸗ chem ſie eben verweilen, und des Fürſten, den ſie eben beſuchen, anlegen, ſo iſt es auch bei mir Regel der Etiquette, immer die Religion anzulegen, welche gerade der Situation, in welcher ich mich befinde, angemeſſen iſt. Meine Situation in Nürnberg erforderte, daß ich Proteſtant wurde, alſo ward ich es. Und dennoch zerſchlug ſich die Heirath? Sie zerſchlug ſich an dem harten Eigenſinn meiner Braut, welche durchaus nicht in Gütergemeinſchaft mit mir leben und mir nicht den Nießbrauch ihres Ver⸗ mögens gönnen wollte. Begreifen Sie einen ſolchen Unſinn? Zu denken, daß ich ſie bloß heirathen würde, um aus einem mittelmäßig hübſchen Bürgermädchen eine Baronin, eine Reichsbaronin von Pöllnitz zu machen, ohne dafür einen andern Lohn, als eine Frau zu haben! Sie wollte meinen Rang heirathen und fand es beleidigend, daß ich nicht ſie, ſondern ihre Million heirathen wollte! An dieſem Zwieſpalt ſchei⸗ terte unſere Ehe, und ich bin deſſen jetzt recht froh und ſchäme mich meines Heirathsrauſches von ganzer Seele! Der König hat alſo Grund mit mir zufrieden zu ſein! Sie denken alſo alles Ernſtes daran, wieder hier zu bleiben? Finden Sie das nicht ganz natürlich, Theuerſter? Ich habe ein halbes Jahrhundert an dieſem Hofe ge⸗ lebt, und mich an ſeine Langweiligkeit, Nüchternheit und Steifheit ſo ſehr gewöhnt, wie man ſich an ein altes hartes Feldbett gewöhnt, das Einem durch die Gewohnheit zuletzt weicher erſcheint, als das ſchwellendſte Lager von Eiderdaunen. Außerdem, mein Lieber, habe ich ſo eben in Nürnberg eine Million eingebüßt, und ich muß daher auf Erſatz ſinnen, um mein Leben eines — 22— Cavaliers würdig beſchließen zu können. Ich muß alſo wieder meinen freien Nacken beugen und dienſtbar werden. Sie müſſen mir dazu behülflich ſein, indem Sie mir heute, gleich jetzt, eine Audienz beim Könige erwirken, und ſo weit denke ich wird Ihr Einfluß doch noch reichen. Das Uebrige ſei dann meine Sorge. Wir wollen ſehen, ſagte Fredersdorf, ich habe dem König hente eine frohe Nachricht zu bringen, vielleicht macht dieſe ihn heiter und willfährig, und er bewilligt Ihnen die Audienz. Und dieſe Nachricht, welche Sie ihm zu bringen haben? 1 Die Barbarina iſt angekommen! Ach, die berühmte Tänzerin? Dieſelbe! Wir haben ſie der Republik Venedig und ihrem Liebhaber, dem Lord Makintoſh, entriſſen, und der Baron von Sweerts hat ſie als Gefangene nach Berlin geführt.— Pöllnitz richtete ſich halb vom Sopha empor, und haſtig ſeine Hand auf den Arm des Geheimkämmerers legend, ſah er ihn mit freudeſtrahlenden Augen an. Ich habe da eben einen Plan gemacht, einen himm⸗ liſchen Plan, ſagte er. Mein Feund, die Tage der Macht und des Glanzes werden jetzt doch für uns aufgehen, und Ihr Ehrgeiz, welcher krank lag und dar⸗ niedergebeugt, wird jetzt geneſen und ſein Haupt ſtolz empor richten. Was ich lange ſuchte, iſt endlich ge⸗ funden! Der König iſt noch zu jung, zu feurig und endlich zu ſehr Dichter und Genie, um unempfindlich zu ſein. Selbſt Achill hatte ſeine Ferſe, wo er ver⸗ wundbar war. Auch Friedrich hat ſeine verwundbare Stelle, und wiſſen Sie, wer ihn da treffen und den Pfeil auf ihn abſchießen wird? 3 1— Nun?. — 23— Die Signora Barbarina! Ah, Sie lächeln, Sie ſchütteln ungläubig das Haupt? Sie ſind alſo kein guter Pſycholog? Sie wiſſen alſo nicht, daß man das am meiſten zu begehren pflegt, was ſich Einem am 3 heftigſten zu entziehen ſcheint, und daß man Das am 1 höchſten ſchätzt, was nian ſich durch Kampf erworben hat. Urtheilen Sie alſo, wie hoch der König die Bar⸗ — barina ſchätzen muß, um derentwillen er eine Monate lange diplomatiſche Fehde mit der Republik Venedig führte und die er endlich dem Lord Stuart Makintoſh gewiſſermaßen abgekämpft hat.— Es iſt wahr, ſagte Fredersdorf nachdenklich, ſeit acht Tagen erwartet der König mit wahrer Ungeduld die Ankunft der ſchönen Tänzerin und er hat befohlen, daß wenn ſie in Berlin eintrifft, ſofort ihm davon Anzeige gemacht werde. 3 1 Der König wird dieſe Signora Barbarina lieben, ſage ich Ihnen, rief Pöllnitz, indem er ſich wieder langſam in die Sophakiſſen zurücklehnte. Ich werde ihr daher heute noch einen Beſuch machen und mit der Signora das Nöthige verabreden. Ach, jetzt bin ich zufrieden, jetzt ſehe ich Land, eine kleine Inſel der 8 Glückſeligkeit, welche mich, den armen Schiffbrüchigen, wieder aufnimmt und mir Schutz und Obdach gewährt! Ich werde mich zu dem unentbehrlichen Rathgeber der Signora Barbarina machen, und ich werde ſie lehren, wie ſie den Starrſinn des Königs bezwingen und ihn zu ihrem Sclaven machen kann! Träume, Träume!l ſagte Fredersdorf achſelzuckend, Träume, welche ich zur Wirklichkeit machen werde, ſobald Sie mir nur erſt eine Andienz beim König be⸗ willigt haben!. Wir werden ſehen, was ſich thun läßt, und ob— —= Aber hören Sie, der König iſt ſchon wach, er hat ſeine * 24— Fenſter geöffnet und ſpielt auf der Flöte, wie er das alle Morgen zu thun pflegt. Dieſes morgendliche Flötenſpiel iſt für mich immer der Barometer ſeiner Stimmung und ich weiß daran immer zu beurtheilen, was für Wetter wir heute haben werden und ob es heiter oder ſtürmiſch ſein wird! Treten wir alſo an's Fenſter und horchen wir ein wenig! Thun wir das! ſagte Pöllnitz, indem er ſich mit jugendlicher Elaſtizität von ſeinem Divan erhob und Fredersdorf zu dem offenen Fenſter folgte. Horchen wir!„ Und Beide an die Brüſtung des Fenſters gelehnt, horchten ſie mit angehaltenem Athem dieſer Muſik, welche da von den obern Fenſtern zu ihnen hernieder ſäuſelte, und zugleich mit dem Duft der Orangen und der erquickenden Sommerluft in dieſes Gemach ein⸗ drang, in welchem die beiden Höflinge ſich befanden und jeden Ton dieſer Muſik belauerten, wie etwa die Katze jedes frohe Aufjauchzen des unſchuldigen Vogels belauert und bewacht, um den Moment zu erſpähen, wo ſie ihn verſchlingen kann. Es war ein Adagio, welches der König auf ſeiner Flöte ſpielte, und in deſſen Vortrag er bekanntlich Meiſter war. Leiſe zitternd wie in unendlicher Weh⸗ muth, bald ſchluchzend und klagend, bald aufjauchzend in ſchmerzlicher Seligkeit, dann wieder ſeufzend und weinend, rieſelten dieſe Töne wie koſtbare Perlen oder wie durchſichtige Thräuen durch die balſamiſche Som⸗ merluft, und ſelbſt die Vögel in den duftigen Ge⸗ büſchen und der Wind, welcher in den Bäumen ge⸗ rauſcht, und die Wogen des Fluſſes, die mit leiſem Gemurmel an das Ufer geplätſchert kamen, die ganze Natur ſchien einen Augenblick ihren Athem anzuhal⸗ ten, um dieſer ſanſten ſchönen Muſik zu lauſchen, deren Urheber nicht nur ein König ſondern auch ein Künſt⸗ ler war. Auch Fredersdorf fühlte die Macht und die bewäl⸗ tigende Kraft dieſer Muſik wieder wie ſonſt auf ſich . wirken. Die alte Liebe durchſtrömte wieder ſein Herz und füllte es mit neuen Gluthen, indem es ſeine Augen mit Thränen netzte. Er iſt doch der edelſten Geiſter Einer, und man kann ihm niemals zürnen, weil man immer wieder gezwungen iſt ihn anzubeten! ſagte er leiſe vor ſich hin, als des Königs Flöte eben ſchwieg. Nun? fragte Pöllnitz, deſſen Antlitz nicht einen Moment den Ausdruck liſtiger Schlauheit und kalter Aufmerkſamkeit verloren hatte, nun, wie ſteht däs Ba⸗ rometer heute? werden wir einen ſonnenhellen Tag haben? 3. Ja! Der König iſt heute in ſeiner klaren, ſanften Stimmung. Wahrſcheinlich iſt er ſchon einige Stun⸗ den wach und hat an irgend einen ſeiner Freunde ge⸗ ſchrieben, an Voltaire oder Algarotti, das macht ihn immer ſtill, heiter und ſonnenklar. Ich werde alſo meine Audienz haben? Sie werden ſie haben! Dann, theuerſter Freund, habe ich Sie nur noch zu bitten um die Chocolade für die edle, ſeelenausfor⸗ ſchende Hündin, die Signora Biche! Die Morgenſtunde eines Nönigs. König Friedrich hatte ſein Adagio beendet und ſtand, die Flöte noch immer in der herabgeſenkten Hand hal⸗ tend, neben dem offenen Fenſter, an deſſen Brüſtung gelehnt er hinausſchaute in den Garten. Sein ſonſt ſo feuriges großes Auge war eben wie von leiſer Wehmuth geſänftigt, um ſeinen feinen, edelgeformten Mund zuckte es wie ein ſchmerzliches Lächeln. Die Töne, welche er eben geſpielt, klangen noch in ihm nach und hielten ſeine Seele noch in leiſer Schwer⸗ muth gefangen. Aber ſei es, daß er ſich ſeinem trü⸗ ben Sinnen entreißen wollte oder daß er dem Ideen⸗ gange folgte, welchen ſeine Gedanken in ihm angeregt, er ſchellte heftig und befahl dem eintretenden Lakayen, den Geheimrath und Direktor des Armenweſens Jor⸗ dan zu ihm zu beſcheiden. Wenige Minuten ſpäter trat der Gerufene, wel⸗ cher ſich ſeit einigen Tagen als Gaſt des Königs im Schloß zu Charlottenburg befand, in das Zimmer des Königs. Friedrich ging ihm lebhaft entgegen und reichte ihm ſeine beiden Hände dar. Guten Morgen, Jordan, ſagte er, ihm mit dem Ausdruck innigſter Theilnahme in das bleiche kranke Antlitz ſchauend. Ich hoffe, Du haſt eine ſchöne und erquickliche Nacht gehabt. 4 Eine ſchöne Nacht, gewiß, denn ich träumte von Eurer Majeſtät! ſagte Jordan mit einem ſanften Lächeln. Der König ließ ſeine Hände los und trat ſeufzend 3 4 1 einen Schritt zurück. Eurer Majeſtät, wiederholte er. Warum legſt Du denn eine ſo kalte Hand auf mein Herz, welches Dir eben ſo warm entgegenſchlug. Wo⸗ zu denn hier die Etiquette? Wer hört uns denn? Sind wir nicht allein, und dürfen uns den Austauſch zweier Seelen geſtatten, welche ſich verſtehen und ſich lieben? Vergiß alſo ein wenig die Majeſtät, mein Freund, denn Du ſiehſt wohl, ich bin noch im Mor⸗ genkleid und trage nicht, wie die Könige auf der Bühne, meine Krone und meinen Scepter ſelbſt im Bett oder im Schlafrock mit mir herum. Oh, ſagte Jordan, indem er Friedrich mit den Blicken eines Liebenden betrachtete, der ganz ſelig und andächtig iſt im Anſchauen ſeiner Geliebten. Oh, es bedarf keiner Krone auf Ihrer Stirn, um Sie als einen König von Gottes Gnaden erkennen zu laſſen. Die angeborne Majeſtät leuchtet von Ihrer Stirn. Das macht, ſagte Friedrich mit leiſer Ironie, das macht, weil wir Fürſten anerkanntermaßen die wohl⸗ gelungenſten Portraits des höchſten Gottes ſind, Por⸗ traits, mit denen Ihr übrigen Menſchenkinder Euch gar nicht vergleichen könnt, denn wahrſcheinlich ſeid Ihr nur die Portraits des zweiten und dritten Gottes der Dreieinigkeit, die Portraits des Sohnes und des heiligen Geiſtes, während wir Fürſten die Quinteſſenz der Gottähnlichkeit auf unſern verwitterten langweiligen Angeſichtern tragen! Ach, ach, wenn dieſer fromme Pfarrer Eberhard Sie jitzt hören könnte, Sire, welch ein Aergerniß würde er wieder daran nehmen! Der König lachte. Weißt Du, Jordan, ſagte er dann ſehr ernſt, ich glaube, Gott hat mich recht eigent⸗ lich dazu berufen, den Prieſtern ein Aergerniß zu ſein, und ihnen den Dummheits⸗ oder Hochmuths⸗Teufel — 28— ein wenig auszutreiben. Ich halte das in der That für einen Haupttheil meiner Sendung und bin über⸗ zeugt, daß Gott mich zu einem umgekehrten Meſſias beſtimmt hat, nämlich zu einem Meſſias, welcher be⸗ rufen iſt, die Kirche, dieſes ſtolze und eitle Machwerk heuchleriſcher Prieſter, umzuſtürzen und die reine un⸗ getrübte Gottesverehrung an ihre Stelle zu ſetzen. Ja, wenn die Menſchen den klaren Geiſt eines Friedrich hätten! rief Jordan achſelzuckend. Wenn ihr Auge wäre, wie das meines königlichen Adlers, dem es gegeben iſt, gerade und feſt in die Sonne zu ſchauen, ohne ſich davon geblendet zu fühlen! Aber, Sire, die übrigen Menſchen gleichen Ihnen ſo wenig! Sie ſind Alle wie die ernſten ſteifen Nachteulen und müſſen wie dieſe eine zweite Hornhaut über ihre Augen ziehen, weil ſie ſonſt erblinden könnten. Eine ſolche zweite Hornhaut iſt für die menſchlichen Nachteulen die Kirche oder vielmehr die Kirchen, denn der Ehrgeiz und die Schlauheit dieſer Prieſter hat ſich nicht mit Einer Kirche begnügen laſſen, ſondern deren jetzt ſchon viere geſchaffen. Und damit Drachenzähne geſäet, welche als blut⸗ dürſtige Krieger aufgegangen ſind, die ſich und die ganze Menſchheit zerfleiſchen! rief der König heftig. Höre, Jordan, wir ſind da gleich auf ein Thema ge⸗ kommen, welches mich, wie Du weißt, immer am meiſten beſchäftigt und am häufigſten mein Nachdenken in Anſpruch nimmt. Und gerade in dieſen Angelegen⸗ heiten wollte ich heute Deinen Rath beanſpruchen. Komm alſo, Freund, ſetzen wir uns, und höre was ich Dir zu ſagen habe. Du weißt, die Frommen und die Prieſter verläſtern mich als einen Gottesläugner, weil ich nicht denke wie ſie, und nicht glaube wie ſie. Wer aber von Ihnen hat nun den rechten Glauben? — 29— Wo iſt die Wahrheit und die Weisheit? Jeder glaubt ſie zu haben und deshalb ſcheint mir, hat ſie Keiner. In demſelben Lande, ja in derſelben Stadt lehrt man uns an verſchiedenen Orten, unter dem Namen Reli⸗ gion, die entgegengeſetzteſten und iderſreiendſen e Dogmen. Hier droht man uns mit dem ewigen Feuer, wenn wir glauben wollen, daß Gott ſelbſt in dieſen trügeriſchen Scheinbildern, zum Beiſpiel des Abend⸗ mahls, enthalten ſei; dort wieder lehrt man und mit derſelben Sicherheit, daß wir dieſelbe Strafe erleiden, wenn wir das nicht glauben. Welche Widerſinnig⸗ keiten! Die einfache Darlegung der verſchiedenen Re⸗ ligionen des Weltalls würde eine ganze Reihe von Folianten anfüllen. Jede Religion faſt verdammt die andere. Sie können alſo demzufolge nicht alle die wahrhaftigen ſein, da die Wahrheit ſich nicht ſelbſt op⸗ 5 poniren kann. Wenn es nur eine wahrhaftige Reli⸗ gion gäbe, würde Gott ſie uns klar und ohne Zwei⸗ deutigkeiten verkündigt haben. Gott, welcher die Wahr⸗ heit ſelber iſt, kann ja nicht dunkel ſein. Wenn dieſe Verſchiedenheit der Religionen nur den Cultus und die Ceremonien beträfe, ſo könnte man das gelten laſſen, wie man die Verſchiedenheit der Kleider als eine an⸗ genehme Abwechſelung gelten läßt. Aber die Dogmen, welche man in England lehrt, ſind unvereinbar mit denen, welche in Rom Gültigkeit haben. Die Religion der Chineſen ſchließt die Perſer aus; jede Religions⸗ geſellſchaft glaubt ſich infaillible und ſchleudert ihre Blitze gegen die übrigen.*)— Wem es gegeben wäre, dieſe Zwiſtigkeiten zu vermitteln, dieſe Gegenſätze aus⸗ *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Suppléments des oeu- vres posthumes. Vol. II. pag. 14. — 30— zugleichen, der würde der Welt den Frieden geben, der würde in Wahrheit der Meſſias und Erlöſer ſein. Der würde leiſten, was Gott ſelber nicht vermag, wie es ſcheint, ſagte Jordan mit einem matten Lä⸗ een Der würde zuerſt ein großes Maſſacre an⸗ ſtiften und die Prieſter aller Religionen hinſchlachten müſſen! Und das gerade will ich! rief der König aus. Ein Maſſacre will ich anrichten unter ihren Prieſtern, nicht ein körperliches, blutiges, ſondern ein rein geiſtiges, denn ich ſage Dir, Jordan, Gott wohnt nicht in den Kirchen dieſer hochmüthigen Prieſter, welche ſich doch vorzugsweiſe die Diener Gottes nennen, aber er war ſo gut bei Moſes auf dem Berge Sinai, als er dem Zoroaſter begegnete in der Wüſte, er war an Dante's Seite, als er die Divina Comedia ſchrieb, wie er die Schiffe des Columbus lenkte, als ſie auszogen, eine neue Welt zu entdecken. Gott iſt überall, und daß ſie ihn anbeten und verehren und an ihn glauben, das eben zeugt von der höhern Berufung der Menſchen, von ihrer Gottähnlichkeit! Ach, und ſie wollen ſagen, daß mein König nicht an Gott glaube! rief Jordan mit Thränen in den Augen, indem er die Hand des Königs ergriff und ſie feſt an ſeine Lippen drückte. Sie wollen Friedrich einen Ungläubigen nennen, und wagen es, wider ihn von den Kanzeln zu predigen und zu ſchelten! Ja wohl bin ich ihnen ein Ungläubiger, da ich nicht glaube, was ſie glauben! ſagte der König lächelnd. Und wenn ſie wider mich predigen, Freund, ſo beweiſt das doch nur, daß ſie mich fürchten und einen mächti⸗ gen Feind in mir wittern. Und der Feind der Prieſter will ich ſein mein Lebelang, das heißt dieſer ſtolzen und hochmüthigen Prieſter, welche ſich weiſe dünken und Alles verachten, was nicht denkt wie ſie. Alle dieſe verſchiedenen Kirchen mit den verſchiedenen Dog⸗ men will ich zerſtören und ſie auflöſen in eine Univer⸗ ſalkirche, wohin Jeder kommen und Gott anbeten kann auf ſeine Weiſe. Denn die Anbetung Gottes, das allein kann doch der Zweck aller Kirchen ſein, aller dieſer verſchiedenen Dogmen, welche eine die andere be⸗ fehden, und ihre Thüren ſchließen, wenn ein anders Denkender ihnen naht. Ich aber will alle ihre Kir⸗ chenthüren öffnen und die reine, freid Gottesluft durch alle ihre verdumpften Häuſer ziehen laſſen. Einen Tempel will ich bauen, einen großen, unermeßlichen Tempel, ein zweites Pantheon, eine Kirche, welche in ſich alle Kirchen umfaßt und in welcher jeder Religion ihr Altar und jedem Cultus ſeine Religionsübung ge⸗ ſtattet ſei. Gott anbeten wollen ſie Alle, mögen ſie Hes Jeder auf ſeine Weiſe thun! Siehſt Du, ſie reden Alle ſo viel von Brüderlichkeit und zerfleiſchen ſich doch untereinander. Laß mich mein Pantheon bauen, dann werden die Menſchen in Wahrheit Brüder wer⸗ den, der Jude und der ſogenannte Heide, der Muha⸗ medaner und der Perſer, der Calpiniſt und der Ka⸗ tholik, der Lutheraner und der Reformirte, ſie Alle werden kommen in mein Pantheon, um Gott anzu⸗ beten, und allgemach werden alle Formeln und alle Dogmen von ihnen abfallen, ſie werden Alle glauben an Einen Gott und die Kirchen aller dieſer verſchie⸗ denen Secten werden leer ſtehen und zuſammenfallen.*) ⁵) Ueber den Plan des Königs, ein Pantheon für alle Reli⸗ gionen zu bauen, berichtet Thiébault in ſeinen Souvenirs de 1 vingt ans. Vol. V. p. 220. — 32— Des Königs Antlitz war von einer ſtrahlenden Schönheit, während er ſo ſprach, eine edle Begeiſte⸗ rung flammte aus ſeinen großen, klaren Augen, ſeine Wangen waren ſanft geröthet, wie von dem Mor⸗ genhauch eines neuen Lichtes, und ein Ausdruck er⸗ habener Freude leuchtete von ſeiner hohen, wunder⸗ baren Stirn. Jordan blickte ihn an mit unendlicher Liebe, aber zugleich ſo trübe und ſchmerzvoll, daß der König in⸗ mitten ſeiner Begeiſterung ſich davon erkältet und ge⸗ ſtört fühlte. 3 Wie, Jordan, Du biſt nicht meiner Meinung? fragte er verwundert. Unſere Seelen, welche ſich ſouſt immer im tiefſten Verſtändniß begegnet ſind, ſollen ſich diesmal nicht treffen? Du ſchüttelſt Dein Haupt? Du billigſt alſo nicht die Idee meines Pantheons? Es iſt eine zu erhabene Idee, Sire, um verwirk⸗ licht werden zu können. Die Menſchen bedürfen der Religion, wenn ſie nicht ihren innerſten ſittlichen Halt verlieren ſollen. Nein, ſie bedürfen dazu nur Gottes, nur der Liebe zu dieſem erhabenen, höchſten Weſen, welches wir Gott nennen! Die ſicherſte Probe aber, an der wir er⸗ kennen können, ob wir Gott lieben, liegt darin, daß wir den unerſchütterlichen und feſten Willen haben, ihm zu gehorchen. Demgemäß bedürfen wir keiner andern Religion, als unſerer Vernunft, die uns von Gott gegeben iſt. Sobald dieſe erkennt, daß Er ge⸗ ſprochen hat, ſoll ſie ſchweigen und ſich unterwerfen. Die innere Anbetung Gottes muß darin beſtehen, daß wir ſein Weſen und das, was wir ihm ſchulden, er⸗ kennen, die äußere Anbetung ſoll darin ſich äußern, daß wir alle Dinge ſo thun, wie ſie vernünftig und 2 der Erhabenheit Gottes, wie unſerer Abhängigkeit von ihm gemäß ſind!*) Nur daß leider die Welt noch nicht aufgeklärt genug iſt, um das begreifen zu können, erwiederte Jordan, nur daß Euere Majeſtät gerade das Gegentheil von dem bewirken möchten, was Sie beabſichtigen. Denn alle dieſe Religionen, welche, wie Sie ſagen, ſo ganz unvereinbar ſind, würden ſich demzufolge durch dieſe äußere Vereinigung verletzt und verläſtert fühlen; der gegenſeitige Haß würde täglich auf's Neue angefacht, die Antipathien täglich genährt und dieſer religiöſe Eifer, der immer excluſiv ſein muß, mit neuer Nah⸗ rung verſehen werden. Nicht bloß die Prieſter, ſon⸗ dern auch die Fürſten und Könige, würden mit Ent⸗ ſetzen dieſen Plan Eurer Majeſtät ſich verwirklichen ſehen. Und wie ſollte man in den Kabinetten der Könige nicht erſchrecken über dieſen ſo gewagten Schritt eines Monarchen, der, nachdem er eben erſt die Augen aller Politiker auf ſich gezogen, jetzt auch hinabſteigen wollte in die Gewiſſen ſeiner Unterthanen, um ſie nach ſeinem Gefallen zu bilden und zu beugen? Oh wie würde der Neid ſich mit all' ſeinen giftigen Schlangen an den Triumphwagen eines Königs heften, der, nach⸗ dem er ſchon ſo Großes gethan, noch Größeres zu beabſichtigen ſchiene, und welcher die Schwachen und die Guten auf den Trümmern ihrer umgeſtürzten Tempel zum Weinen und Jammern verdammen würde. Nein, mein König, dieſe Idee eines Pantheons, eines gemeinſamen Gotteshauſes für alle Religionen, ſie iſt zu erhaben, um ausführbar zu ſein. Sie iſt groß⸗ artig und herrlich, aber leider nicht weiſe, das heißt *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes Vol. II.: Pensées sur la réligion. pag. 165. Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. I. 3 — 34— nicht weiſe, weil ſie zu groß iſt, um von der kleinen Menſchheit verſtanden zu werden.— Nun aber mögen mir Euere Majeſtät verzeihen, daß ich die Wahrheit ſagte, aber ich mußte es thun, denn gleich meinem König liebe ich Gott, und Gott iſt die Wahrheit! Und Du haſt wohl gethan, mein Jordan, ſagte der König nach einer langen Pauſe, in welcher er ſinnend und tiefernſt zum Himmel emporgeſchaut hatte. Ja, Du haſt wohl gethan, und ich fühle wohl, daß Du Recht haſt mit Deinen Einſprüchen gegen mein Pan⸗ theon. Ich opfere Dir alſo meine Lieblingsidee, ich laſſe um Deinetwillen mein Pantheon in Trümmer zerfallen. Das mag Dir ein Zeugniß meiner Liebe ſein, mein Jordan. Ich werde alſo die Prieſter nicht bekämpfen in meiner Kirche, aber ich werde ſie ver⸗ folgen in der ihrigen, und ich ſage Dir, es wird ein langer und hartnäcliger Kampf ſein, der dauern wird, ſo lange mein Leben dauert. Ich will nicht, daß das Volk verdummt werde von den Muckern und Prieſtern. Ich will in meinen Landen keine andern Könige dulden neben mir, ſondern ich allein will König ſein. Mögen die Prieſter ſich beſcheiden, in Demuth und Stille die Lehrer und Vorbeter ihrer Gemeinde zu ſein, aber wenn es ihnen einfallen ſollte, kleine Päpſte zu ſpielen und ſich für die alleinigen Beſitzer der Himmelsſchlüſ⸗ ſel zu halten, ſo ſollen ſie an mir einen Widerſacher finden, der ihnen beweiſen wird, daß ihre Schlüſſel falſche Dietriche ſind, mit denen ſie das Allerheiligſte aufſchließen und erbrechen wollen, um zu entwenden, 8 5 was nicht ihr Eigenthum iſt! Wahrheit und Klarheit, das ſoll die Deviſe meines ganzen Lebens ſein, nach ihr will ich handeln, und nach ihr auch mein Volk regieren. Ich will kein verdummtes Volk, keine in Aberglauben und Gewiſſensangſt zitternden Prieſter⸗ — — 35— ſelaven, ich will, daß das Volk denken lerne, und alſo ſoll der Gedanke frei ſein in meinen Landen, und kein Cenſor und keine Polizei ſoll ihn beſchneiden und bewachen, denn der Gedanke iſt wie die allbefruchtende Sonne, allnährend, allerhaltend und erleuchtend, auch ſchlechte und giftige Blumen und ſchädliches Ungeziefer und Gewürme erzeugend und an's Daſein rufend, aber auch dieſes hat ja das Recht der Exiſtenz, und wenn man es ruhig gewähren läßt, ſo ſtirbt es an ſeiner eigenen Nichtswürdigkeit und Erbärmlichkeit, ſo geht es zu Grunde an der Verachtung der Guten und Beſſern! Man muß eben Friedrich der Einzige ſein, um ſo frei und groß und vorurtheilslos denken zu können! rief Jordan begeiſtert aus. Glauben Sie mir nur, mein König, daß Sie in Europa der einzige lebende Herr⸗ ſcher ſind, welcher ſolche Gedauken hegen, ſolchen Muth faſſen darf, ſeinem Volk das freie Wort und den freien Gedanken zu bewilligen! Ich werde und will immer ſo handeln, daß ich Beide nicht zu fürchten habe, ſagte der König einfach, dann mögen die Menſchen übar mich ſagen und den⸗ ken, was ſie wollen, was kümmert es mich. An ihren Verläſterungen und Verketzerungen werde ich mich amüſiren, und ihr Lob,— nun, das iſt eine billige Waare, die ich mit jedem geſchickten Taſchenſpieler und jedem Comödianten theilen muß. Der Beifall meines eigenen Gewiſſens, der Beifall meiner Freunde, der Deine, mein Jordan, das allein hat Werth für mich, und dann, ſetzte er ernſt, faſt feierlich hinzu, dann vor allen Dingen der Nachruhm! Ich will nicht, daß mein Name verklingen ſoll wie ein Ton oder eine heitere Melodie, ich will ihn mit goldener Schrift in die Ta⸗ ſeln der Geſchichte einzeichnen, ich will, daß er leuch⸗ +ua 3 tend wie ein Sternbild am Horizont ſtehen und daß mein Volk, wenn es nach Jahrhunderten meiner ge⸗ denkt, noch ſagen ſoll: Friedrich der Zweite, das war der König, welcher Preußen groß gemacht und ſeine Gren⸗ zen erweitert hat, das war der Vater, welcher ſein Volk mehr geliebt hat, als ſich ſelber, denn er opferte ſeinem Dienſt die eigene Nuhe, die eigene Behaglich⸗ keit, das war der Lehrer, welcher unſere Geiſter frei gemacht und uns mündig geſprochen hat! Ob, Freund, Du mußt mir helfen und beiſtehen, dies Ziel zu er⸗ reichen, nach welchem meine ganze Seele dürſtet. Bleibe alſo, bleibe mit Deiner Liebe, Deiner Treue, Deiner Wahrheit und Aufrichtigkeit immer an meiner Seite, hilf mir, das Gute fördern, das Schlechte ſtrafen, das Edle erkennen und das Unedle entlarven! Oh, Jor⸗ dan, Jordan, Gott hat mich vielleicht beſtimmt, ein großer König zu ſein, hilf Du mir auch ein guter Menſch zu bleiben! Er warf ſich mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm an Jordan's Bruſt und drückte ihn feſt und innig in ſeine Arme. Jordan fand nicht die Kraft zu ſprechen, aber den König feſt umſchlingend, hob er das große feuchte Auge zum Himmel empor. In dieſem Auge ſtand ein Ge⸗ bet, ein inbrünſtiges, glühendes Gebet für dieſen Mann, welcher da an ſeinem Buſen ruhte und welcher für ihn nicht der mächtige, gebietende König, ſondern der edle, liebevolle Menſch, der Dichter und Gelehrte, der Freund war, zu deſſen Genie er bewundernd und an⸗ betend emporblickte.— Aber wie er jetzt andachtsvoll, tief erſchüttert zum Himmel aufſchauete, flog es plötz⸗ lich kalt und eiſig, wie der Athem des Todes über ſein Antlitz hin, wühlte es in ſeiner Bruſt mit glühenden Eiſenzangen. Ein kurzes leiſes Hüſteln drang aus — 37 ſeiner Bruſt hervor. Mit einer raſchen heftigen Be⸗ wegung machte er ſich aus den Armen des Königs frei, und haſtig einige Schritte zurücktretend, wandte er ſich ab und drückte ſein Taſchentuch feſt an ſeine Lippen. Jordan, Du leideſt, Du biſt kranke rief der König angſtvoll? Jordan wandte ſich wieder zu ihm hin, und ſein Antlitz war ruhig und heiter, ſein Auge ſtrahlte wie⸗ der in dem ſo ſeltſamen, ſo geheimnißvoll rührenden Feuer dieſer Krankheit, welche den Tod unter den hell⸗ aufglühenden Roſen der Wangen und den leuchtenden Augen verbirgt, und minder grauſam als alle andern Krankheiten, der Seele ihre Friſche und dem Herzen ſeine Liebeskraft läßt! Nicht doch, Sire, ſagte Jordan lächelnd, ich leide gar nicht, und wie könnte ich in ihrer Nähe auch an⸗ ders als glücklich, geſund und frohen Herzens ſein! Und indem er ſo ſprach, wollte er das Taſchentuch wieder in ſeiner Rocktaſche bergen. Aber der König blickte mit ernſten, faſt ſtrengen Augen auf dieſes Tuch hin. 4 Jordan, ſagte er, warum drückteſt Du das Tuch vorher ſo haſtig an Deine Lippen? Jordan zwang ſich zu lachen. Nun, ſagte er, weil ich, wie Euere Majeſtät gehört haben, huſten mußte und ich Ihnen dieſe unangenehme Muſik nur mit einem Sardino geben wollte. Nein, es geſchah nicht deshalb, ſagte der König, und haſtig auf Jordan zuſchreitend, entriß er ihm das Tuch. Blut, es iſt mit Blut getränkt, rief der König ſo ſchmerzvoll, ſo klagend aus, daß man wohl fühlte, wie — 38— ſehr er dieſes unheilvolle Zeichen der Krankheit ſeines Freundes erkannte und fürchtete. Nun ja, ſagte Jordan mit erzwungener Heiterkeit, es iſt Blut, welches ich vergoſſen habe. Euere Ma⸗ jeſtät ſehen alſo wie blutdürſtig ich bin, nur daß ich unglücklicher Weiſe nicht Ihrer Feinde Blut vergieße, ſondern mein eigenes, welches ich freilich gern tropfen⸗ weiſe vergießen möchte, wenn ich meinem edlen und geliebten Friedrich dadurch eine Stunde der Sorge oder des Kummers erſparen könnte! Und Du biſt es doch jetzt, welcher mir Kummer macht, rief Friedrich faſt zürnend. Du biſt krank und verſchweigſt es mir, Du leideſt und zwingſt Dich zur Heiterkeit und verbirgſt mir Deine Leiden, ſtatt Dich an meine Aerzte zu wenden und ihren Rath und Bei⸗ ſtand zu beanſpruchen. Friedrich der Weiſe ſagte mir einſt, die Aerzte ſeien Quackſalber und Charlatane, und nur wer einen lang⸗ ſamen Selbſtmord begehen wolle, ſolle ſich von ihnen Recepte ſchreiben laſſen. Nicht doch, das ſagte Dir⸗ nicht Friedrich der Weiſe, ſondern Friedrich der Thor, welcher am Tage wohl ſagt, daß er keine Furcht habe vor Geſpenſtern, aber doch um die Mitternachtsſtunde ſehr gern ein Vater⸗ unſer betet, um ſie abzuwehren. Wer wollte auch zu den Aerzten Vertrauen haben, ſo lange man geſund iſt; nur wenn man krank iſt und ihrer bedarf, füngt man an, ſie hochzuſchätzen. Du biſt krank, Deine Bruſt leidet! Ich bitte Dich alſo, mein Jordan, ja ich fordere es von Dir als ein Zeichen Deiner Freund⸗ ſchaft, daß Du ſofort Dich an meinen Arzt wendeſt und genau und pünktlich befolgſt, was er Dir ſagen wird. 3 Ich werde das thun, und wenn Euere Majeſtät ———— erlaubt, werde ich das ſogar ſogleich thun, ſagte Jor⸗ dan, der jetzt nicht mehr die Kraft fand, dieſe phyſiſche Schwäche, die natürliche Folge des Blutauswurfs, zu bewältigen, und ſich ſchwankend und zitternd an den nahen Tiſch lehnen mußte, um nicht umzuſinken. Der König ſah es und rollte ſofort ſeinen eigenen Lehnſeſſel herbei, Jordan mit liebevoller zärtlicher Be⸗ ſorglichkeit in denſelben niederdrückend. Dann rief er ſeine Kammerlakayen herbei und befahl ihnen leiſe flü⸗ ſternd, Jordan ſo mit dem Lehnſeſſel in ſein Zimmer zu tragen, und dann ſofort den königlichen Leibarzt Ellert zu dem Kranken zu beſcheiden. Und es wird doch Alles umſouſt ſein und ich werde ihn dennoch verlieren, murmelte der König, während er traurig nach der Thür hinblickte, durch welche ſo eben die Geſtalt ſeines Freundes entſchwunden war. Ja, ich werde ihn verlieren, wie ich Suhm verloren habe, und wie ich bald auch meinen Cäſarion, den guten Kaiſerling, verlieren werde. Oh, oh, warum gab mir Gott ein ſo warmes Herz für die Freund⸗ ſchaft, wenn er mir doch die Freunde nicht laſſen will! Die Arme ineinanderſchlagend trat er an's Fenſter und blickte lange gedankenvoll und traurig in den Gar⸗ ten hinunter, deſſen friſches Grünen und Blühen er dennoch nicht gewahrte, weil ſein Blick nach innen ge⸗ kehrt war, und dort die Grabeshügel ſeiner Freunde ſah. Aber plötzlich ſich aus ſeinem Sinnen emporraf⸗ fend, ſchüttelte er haſtig ſein Haupt, wie der Löwe es thun mag, wenn irgend ein Gewürm ſich in ſeine Mähne verwirrt hat, und griff dann nach ſeiner Flöte, dieſer treuen Gefährtin aller ſeiner Leiden und Kämpfe. IV. Der begnadigte Cavalier. Wieder begann er zu ſpielen, aber dies Mal war es kein Adagio, ſondern ein heiteres übermüthiges Al⸗ legro, mit dem der König ſich ſeine Traurigkeit über⸗ täuben und die Thränen aus ſeinem Herzen hinweg⸗ jubeln wollte. So, die Flöte blaſend, ging er im Zimmer auf und ab, dann und wann vor dem Sopha ſtehen bleibend, auf welchem zierlich zuſammengerollt das Windſpiel Biche lag. Jedes Mal, wenn der Kö⸗ nig vor ihr ſtehen blieb, hob ſie das Haupt empor, mit ihren klugen freundlichen Augen zu ihm aufblickend, und mit einem ſanften Wedeln ihres Schwanzes ihren königlichen Freund begrüßend, welche Begrüßung der König jedes Mal mit einem freundlichen Kopfnicken erwiederte, bevor er wieder weiter ging. Dann immer noch Flöte blaſend, ging der König zu dem ſilbernen Knopf, der dort in der Ecke des Zimmers auf dem Fußboden ſich befand, und drückte ihn mit dem Fuß nieder. Dieſer Knopf machte eine Klingel ertönen, welche in dem unmittelbar unter dem Kabinet des Königs ſich befindenden Zimmer Fredersdorf's ausmündete und ihn zu ſeinem Herrn hinaufrief. Wenige Minuten ſpäter trat der Gerufene in das Zimmer, ruhig an der Thür ſtehen bleibend, bis der König ſein Muſikſtück geendet und die Flöte bei Seite gelegt hatte. Guten Morgen, Fredersdorf, ſagte der König dann, — 41— während er ſeinen Günſtling mit einem ſcharfen, durch⸗ dringenden Blick anſah, welcher dieſen unwillkührlich erbeben und das Auge niederſchlagen machte. Du biſt wohl ſchon lange munter, da Du ſo ſchnell auf mein Klingeln gekommen biſt. Ja, Majeſtät, ich bin ſchon lange wach und wie Eunere Majeſtät ſagen, auch munter, denn ich habe Enerer Majeſtät eine frohe Nachricht zu bringen. Nun, ſo laß hören, ſagte der König lächelnd. Hat etwa meine Muhme, die Kaiſerin Maria Thereſia, frei⸗ willig ſich ihrem Gegenkaiſer Karl dem Siebenten un⸗ terworfen, oder hat ſich England mit Frankreich ver⸗ ſöhnt, oder auch, und das ſcheint mir das Wahrſchein⸗ lichere, hat mein Geheimkämmerer Fredersdorf endlich das Geheimniß entdeckt, Gold zu machen, wonach er ſo lange, ſo vergeblich trachtete und das er ſo gerne mit den höchſten, den feierlichſten Opfern erkaufen möchte! 3 Der König legte einen ſo eigenthümlichen Nachdruck auf das Wort„Opfer“, daß Fredersdorf ſich ängſtlich fragte, ob am Ende der König heute ſeine Unterhal⸗ tung mit Joſeph belauſcht und erfahren habe, welches Opfer er nächſtens dem Teufel darzubringen habe. Nun, ſo ſage ſchnell Deine Neuigkeit, fuhr der Kö⸗ nig nach einer kleinen Pauſe fort, denn Du ſiehſt wohl, daß ich mich mit den fabelhafteſten Dingen herumqnäle, um ſie zu errathen. Sire, die Barberina iſt geſtern in Berlin einge⸗ troffen. Wirklich! ſagte der König gelaſſen. Wir haben ſie alſo endlich der Republik Venedig und dem Lord Stuart Mackenzie abgewonnen?— Nicht doch, Sire, denn der Lord iſt gleichfalls heute Morgen in Berlin angelangt. — 12— Der König runzelte die Stirn. Dies iſt alſo, wie es ſcheint, eine ſehr ernſthafte Liebe, ſagte er, welche am Ende mit einer albernen Heirath ſchließen möchte. Ich liebe es nicht, wenn Leute, welche in meinen Dien⸗ ſten ſtehn, mit ſolchen Liebes⸗ und Heirathsprojekten umhergehen, das leitet ihre Gedanken von ihrem Dienſt ab. Euere Majeſtät urtheilen ſehr hart, murmelte Fre⸗ dersdorf, welcher ſehr wohl verſtand, daß der König ihm ſelber auch einen Verweis geben wollte. Nun, ich urtheile nicht bloß ſo, ſondern ich han⸗ dele ſelber nach dieſer Anſicht. Erlaube ich mir jemals eine ſolche Zerſtreuung? Habe ich jemals eine Lieb⸗ ſchaft? Oder meinſt Du wirklich, Fredersdorf, daß mein Blut wie Eis in meinen Adern erſtarrt und mein Herz verſteinert iſt, und daß ich aufgehört habe ein Mann zu ſein, ſeit ich König geworden bin? Ich glaube, daß Euere Majeſtät viel zu groß, zu erhaben iſt, um Jemanden finden zu können, der Ih⸗ rer Liebe würdig wäre! Thorheit, Fredersdorf, wenn man liebt, legt man nicht erſt ſich ſelber auf die Wagſchale und berechnet, wie viel Pfund Würdigkeit man ſchwer iſt, ſondern man liebt und vergißt darüber alles Andere. Nun aber darf ich nicht vergeſſen, daß ich König bin und meine Zeit und meine Kräfte meinem Lande weihen muß. Siehſt Du, deßhalb fliehe ich die Liebe, weil mein Herz allzu zärtlich iſt. Und ſo ſollſt auch Du ſie fliehen, und ſo darfſt auch Du nicht vergeſſen, daß Du Deinem König Deine Kräfte weihen mußt, und ſo ſoll auch dieſe Signora Barberina nicht vergeſſen, daß ſie in meinen Dienſten ſteht, und tanzen, nicht aber lieben ſoll. Mag ſie Liebeleien und Amouren haben, ſo viel ſie will, aber eine ernſthafte Liebe, das verbitte ich — 43— mir, denn wie kaun eine Tänzerin heiter und über⸗ müthig ihre Ballottements und Entrechats ſchlagen, wenn ihr eine ernſthafte Liebe im Herzen ſitzt. Zu⸗ dem habe ich es dem engliſchen Geſandten, dem Vet⸗ ter dieſes Lord Stuart, verſprochen, daß ich dieſes Ver⸗ hältniß zerreißen will, und da mir an Englands Freundſchaft im Augenblick viel gelegen iſt, ſo werde ich mein Verſprechen erfüllen. Schreibe alſo ſogleich an meinen Polizeidirektor Kircheiſen und melde ihm meinen Befehl, den Lord Mackenzie ſofort aus Berlin zu entfernen, und ihn unter ſicherer Bedeckung nach Hamburg und von dort auf ein nach London gehendes Schiff zu befördern. Man ſoll ſogleich dem Lord eine Ausweiſung aus meinen Landen bringen. Er muß in zwölf Stunden Berlin verlaſſen haben!*) Sind das alle Deine Neuigkeiten, Fredersdorf? Nicht doch, Sire, ſagte Fredersdorf, verſtohlen nach der Thür hinblickend, welche ſich eben leiſe ein wenig geöffnet hatte. Ich habe noch eine Neuigkeit, aber ich weiß nicht, ob ſie Euerer Majeſtät willkommen ſein wird. Der Herr Baron von Pöllnitz— Hat uns die Annonce ſeiner Verheirathung ge⸗ ſchickt? Nein, Sire, er hat ſich nicht verheirathet. In dieſem Augenblick begann Biche ein wenig zu *) So geſchah es in der That. Lord Mackenzie, der zärtliche Geliebte der Tänzerin Barberina, welcher ihr von Venedig nach Berlin gefolgt war, ward ſofort nach ſeiner Ankunft auf ſpeciellen Befehl des Königs aus Berlin und Preußen ausgewieſen, und er⸗ hielt einen Zwangspaß nach Hamburg, wohin ihm einige königliche Polizeibeamte das Geleite gaben. Von dort aus richtete er einige ſehr zärtliche und rührende Briefe an ſeine ſchöne Geliebte, welche dieſe indeß niemals erhielt, und die ſich noch heute im königlichen Archiv zu Berlin befinden. Siehe Schneider’s Geſchichte der Oper und des Opernhauſes von Berlin, pag. 25. — 44— knurren, und richtete ſich aus ihrer behaglichen Stel⸗ lung von dem Divan empor. Der König achtete nicht darauf, denn die Worte Fredersdorf's beſchäftigten ihn noch. Wie, er hat ſich nicht verheirathet, ſagſt Du? Nein, er hat ſich nicht verheirathet und bittet Euere Majeſtät um die Gnade, ihm zu geſtatten, daß er ſein ganzes Leben nur ſeinem König, und keinem andern menſchlichen Weſen, weihen dürfe, ſagte eine klägliche Stimme hinter ihm, und als der König ſich umwandte, ſah er ſeinen frühern Ober⸗Ceremonienmeiſter Baron von Pöllnitz, welcher neben der Thür niedergekniet war und ſeine gefaltenen Hände flehend nach dem König ausſtreckte. Der König brach in ein lautes Gelächter aus, wäh⸗ rend Biche ein kurzes freudiges Geheul ausſtieß und in raſchen Sätzen zu dem Knieenden hinſprang, den ſie ſchmeichelnd und wedelnd umhüpfte, und ſeine Hände zu lecken ſchien, welche der büßende Baron allerdings nicht ſo feſt gefalten hielt, daß das Windſpiel nicht mit ſeiner zierlichen, ſchlangenartigen Schnauze das zwiſchen den gefaltenen Händen verborgene Stück Chocolade hätte beriechen und belecken können. Der König, wie geſagt, lachte Anfangs, dann aber, als er ſah, wie die Biche zärtlich die Hände des Ba⸗ rons zu lecken ſchien, ſagte er kopfſchüttelnd: Ich werde heute in der That irre an dem richtigen Inſtinct mei⸗ ner kleinen Biche. Sie ſcheint den Pöllnitz da wahr⸗ haftig mit Freuden zu begrüßen, während ſie ihm, wie es ſein böſes und treuloſes Herz verdient, mit ihrem ſcharfen Gebiß in die Waden fahren ſollte.. Sire, glücklicher Weiſe iſt mir mein Herz noch nicht in die Waden verſackt, ſagte Pöllnitz, und die Biche würde es alſo dort nicht finden. Nein, dieſe kluge Biche weiß, daß der Pöllnitz ſein Herz immer noch auf demſelben richtigen Fleck hat, und daß es allein die Liebe zu meinem König und Herrn iſt, welche mich wieder nach Berlin zurückzieht! Narrheiten! ſagte der König. Ein Pöllnitz kennt keine andere Liebe, als die zu ſeiner eigenen werthen Perſon und zu den Geldbeuteln Anderer. Sage Er alſo, wenn Er will, daß ich Ihm verzeihen ſoll, ſchnell und ohne Umſchweife, was Ihn wieder hierher zurück⸗ führt, während Er doch auszog, ſich einen Geldſack mit einer Million zu heirathen? Sire, ohne Umſchweife alſo, der Geldſack wollte ſich mir nicht öffnen und ſich von mir nicht nach mei⸗ nem Belieben ausſchütten laſſen. Ah, ich verſtehe, ſagte der König lachend, die ſchöne Nürnbergerin hatte von Seinem Talent, Geld auszu⸗ ſchütten, Nachricht erhalten, und hielt es für gera⸗ thener, lieber den Reichsbaron als ihre Million zu ver⸗ lieren. So ungefähr iſt es, Sire. Ich fange an, vor der Klugheit dieſer Nürnberge⸗ rin Reſpect zu haben, ſagte Friedrich lächend. Sie ſcheint einen beſſern Inſtinct zu haben, als meine Biche, welche immer ſeine Hände beleckt. Oh, Biche kennt mich beſſer als irgend ein Menſch, ſagte Pöllnitz, das Windſpiel zärtlich ſtreichelnd. Biche weiß, daß mein Herz nur Eine Liebe kennt, die Liebe zu meinem König und Herrn, und daß ich hierher zu⸗ rückgekehrt bin, um gleich der Biche mich zu den Fü⸗ ßen meines königlichen Herrn niederzulegen, und mit gleicher Demuth und Ergebenheit Seinen Fußtritt wie Seine Freundlichkeit hinzunehmen, gleich dankbarlichſt den Knochen anzunehmen, den mir Sein Erbarmen 46— hinwirft, oder die köſtliche, leckere Speiſe, die mir Seine Großmuth gewähren will! Er iſt ein ausgemachter Narr, ſagte der König lä⸗ chelnd, und wenn es nicht nach meinen Begriffen die menſchliche Natur entwürdigen hieße, einen Menſchen zum Capriolenmacher und perpetuirlichen Narrenthum zu engagiren, ſo würde ich aus Ihm meinen Hofnar⸗ ren machen, der allen meinen übrigen Cavalieren als Beiſpiel dienen ſollte, wie ſie nicht ſein ſollen. Ich habe dieſe ſchmerzliche Strafe, dieſe grauſame Zurechtweiſung meines königlichen Herrn verſchuldet, ſagte Herr von Pöllnitz, noch immer auf den Knieen liegend. Ich unterwerfe mich alſo ſchweigend, und verſuche es nicht einmal, mich zu rechtfertigen. Daran thut Er auch ſehr wohl, denn es würde Ihm nicht gelingen. Er hat treulos und herzlos mei⸗ nen Dienſt verlaſſen, weil Er hoffte, eine Million zu 15 heirathen. Jetzt, da die Heirath faillirt hat, lemn„ Er zurück mit der großen Lüge von Seiner Liebe zu meinem Königshauſe im Munde, und ſchämt Sich nicht, ſich mit einem Hunde zu vergleichen, und ganz demü⸗ thig zu hundewedeln, bloß damit ich Ihn wieder in Gnaden aufnehmen ſoll. Aber denke Er nicht, daß ich mich von Seinen albernen Liebescapriolen täuſchen laſſe. Hätte Er anderswo ein glänzenderes Unter kommen gefunden, ſo wäre Er nicht zu mir zurückge⸗ gekommen, da das aber nicht der Fall iſt, ſo kommt Er und lügt, daß Er aus Liebe kommt. Sieht Er, ich kenne Ihn und ich weiß, wer Er iſt, Er kann mich alſo nicht mehr täuſchen, und ſicherlich würde ich Ihn nicht wieder in meine Dienſte nehmen, wäre Er nicht ein altes Inventarium meines Hauſes, ein Erbſtück meines Großvaters Friedrich. Ich behalte Ihn aus Rückſicht für die beiden verſtorbenen Könige, denen Er gedient, und die Ihn gern gehabt; um derentwillen darf und will ich Ihn nicht verhungern und zu Grunde gehen laſſen. Aber denke Er nicht, daß ich Ihm hier ein Lotterbette bereiten will und Er mein Geld ver⸗ zehren ſoll, ohne Etwas dafür zu thun. Er muß ſich Sein Leben und Seinen Unterhalt erarbeiten und ver⸗ dienen, ſo gut, wie wir Alle es thun. Ich bewillige Ihm alſo eine Penſion, aber Er ſoll dabei bleiben, was Er war, mein Ober-Ceremonienmeiſter. Auf ſolche Albernheiten verſteht Er ſich beſſer als Wir, denn Er iſt in einer guten Schule gebildet und hat das Ceremonienweſen unter Preußens erſtem König gründ⸗ lich ſtudiren können. Und damit Er ſich nicht heſchwe⸗ ren kann, daß wir es Ihm an Aemtern und Würden fehlen laſſen, wollen wir noch ein anderes Amt auf ſeine Schultern legen und Ihn zu unſerem Ober⸗Gar⸗ derobenmeiſter ernennen, auf daß man nicht ſagen önne, Wir huldigten nicht auch der Narrheit dieſer Welt und brächten ihr unſern Tribut dar! Möge Er alſo auch Ober⸗Garderobenmeiſter genannt werden, nur rathe ich Ihm, daß Er ſich niemals unterſteht, es auch wirklich ſein zu wollen und ſich etwa um meine Röcke und Chemiſen zu bekümmern. Oh, Er würde Uns zu einem köſtlichen, geſtickten Affen herausſtaffiren, wenn wir Ihn gewähren ließen! Wir müſſen einen Ober⸗Garderobenmeiſter haben, weil es die Etiquette ſo mit ſich bringt, aber Er hat ſich um Alles in der Welt eher zu bekümmern, als um meine Garderobe. Verſteht Er mich? Es iſt Alles, was Euere Majeſtät zu ſagen geruh⸗ ten, mit Flammenſchrift in mein Herz eingezeichnet! In Seine Kniee, will Er ſagen, denn ich meine, ſie müſſen Ihn gewaltig brennen vom langen Knieen. Das war eine Lection, die ich Ihm da ertheilte à la — 48— fagon der Dorfſchulmeiſter, welche den unartigen Bu⸗ ben einen Eſel umhangen und ſie dann eine Stunde auf Erbſen knieen laſſen. Jetzt kann Er aufſtehen, die Lection iſt zu Ende; ich nehme Ihm den Eſel ab und hänge Ihm den Ober⸗ Ceremonienmeiſter und Ober⸗ Garderobenmeiſter um. Herr von Pöllnitz erhob ſich von ſeinen Knieen, und ſich aufrichtend machte er dann vor dem König eine jener tiefen kunſtgerechten Verbeugungen, in de⸗ ren Ausführung er anerkannter Meiſter war. Wann befehlen Euere Majeſtät, daß ich mein Amt antreten ſoll? fragte er. Heute, gleich in dieſer Stunde. Es iſt da ein ſchwediſcher außerordentlicher Geſandter, der Graf Teſ⸗ ſin, eingetroffen! Wir werden ihn in feierlicher Audienz zu empfangen haben. Er wird dazu die nöthigen An⸗ ordnungen treffen. Er tritt alſo gleich in Function. Demzufolge, Euere Majeſtät, tritt auch wohl mei Gehalt ſofort in Function? fragte Pöllnitz in ſeiner gewohnten unverſchämten Weiſe. Ich habe nicht von einem Gehalt, ſondern nur von einer Penſion geſprochen. Ich gebe Ihm eine Penſion, und damit Er mein Geld nicht nutzlos ver⸗ zehrt, gebe ich Ihm dieſe nutzloſen Aemter. Erhalte ich nicht mindeſtens dann für die zwei Aemter auch zwei Penſionen? fragte Pöllnitz kleinlaut. Er iſt ein Fripon durch und durch! ſagte der Kö⸗ nig lachend. Aber ich kenne Ihn, und werde es nicht machen wie mein Vater, welcher Ihn einſt fragte, wie viel Er bedürfen würde, um das Leben eines anſtän⸗ digen Cavaliers zu führen, und dem Er auseinander⸗ ſetzte, daß ein Jahrgehalt von hunderttauſend Thalern nicht dazu ausreichen würde. Ich gebe Ihm eine P ſion von M zoritrnſend Thalern, und ich ſage Ihm, da — — 49— das ausreichen muß, um Seines Ranges würdig zu leben. Wehe ihm aber, wenn Er ſich wieder unter⸗ ſteht, ſein früheres liederliches Leben auf's Neue zu beginnen, und wiederum Sein Geld und das anderer Leute zu vergeuden. Ich verſpreche Ihm, daß ich nie⸗ mals wieder für Ihn Schulden bezahlen werde, und damit nicht andere leichtgläubige Menſchen ſo thöricht ſind, Ihm Geld zu leihen, werde ich ein öffentliches Verbot ergehen und es ausdrücklich verbieten laſſen, Ihm bei funfzig Thalern Strafe Geld zu borgen. Iſt Er damit einverſtanden, und will Er um dieſen Preis doch wieder in meine Dienſte treten? Um jeden Preis, den es der Gnade Euerer Ma⸗ jeſtät gefallen mag, mir aufzuerlegen. Aber wenn, trotz dieſer öffentlichen Bekanntmachung, dennoch ſich Leute finden, welche mir Geld borgen, ſo werden Euere Majeſtät einſehen, daß das nicht meine Schuld iſt, und alſo auch nicht als meine Schuld, die ich wieder be⸗ zahlen muß, betrachtet werden kann. Nun, ich werde Vorkehrungen treffen, ſagte der König lachend, daß Niemand ſo thöricht ſein wird, Ihm Geld zu borgen, oder wenn es Jemand thut, es in der ſichern Vorausſetzung geſchieht, daſſelbe nicht wie⸗ der zu erhalten, ſo daß Ihm Geld leihen, ſo viel be⸗ deuten wird als Ihm Geld ſchenken, indem man Ihm zugleich die Mühe des Dankſagens erſpart. Ich werde durch alle Straßen austrommeln laſſen, daß Niemand Ihm Geld leihen ſoll, und wenn es geſchieht, derſelbe kein Recht hat, es von Ihm wieder zu fordern. Iſt Er damit auch noch zufrieden? Oh, Euere Majeſtät werden mir damit eine große Wohlthat erzeigen, denn Sie werden mich unverant⸗ wortlich machen. Wehe dann den Dummköpfen und den Thoren, welche ſo närriſch ſein werden, mir Geld Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. I. 4 zu leihen! Oh, es wird nun für mich keinen Moment der Langenweile mehr geben, denn ich werde immer dieſe beluſtigende Arbeit haben, Dummköpfe mir ge⸗ neigt und Thoren in mich verliebt zu machen und als glücklicher und gewandter Taſchenſpieler ihnen das Geld aus ihrer Taſche in die meine zu locken. Er iſt incorrigible! ſagte der König. Wenn ich Ihn ſehe, glaube ich nicht, daß die Menſchen allein nach dem Ebenbilde Gottes, ſondern auch ein wenig nach dem Ebenbilde des Teufels geſchaffen ſind, und ich halte Ihn für ein ziemlich gelungenes Portrait des Letztern, was Ihn wohl nicht weiter ärgern wird, denn ich denke mir, daß für Ihn Gott und Teufel ſo ziem⸗ lich Einerlei iſt. Oh, nicht doch, Majeſtät, erwiederte Pöllnitz mit einem ſchlauen Lächeln, ich habe zu viel Religion, um nicht Gott und Teufel unterſcheiden zu können. Ja, wahrlich zu viel Religion hat Er, oder wenig⸗ ſtens zu viel Religionen, rief der König. Bei welcher Religion zum Beiſpiel ſteht Er denn jetzt? Sire, ich bin proteſtantiſch geworden. Aus Ueberzeugung?. So lange ich an den Beſitz einer zu heirathenden Million glaubte, aus Ueberzeugung, ja! Denn dieſe Million würde mich glücklich gemacht haben, und man darf ſich wohl erlauben, ein Proteſtant zu werden, um glücklich zu ſein. Sage Er einmal, wie oft hat Er jetzt ſchon Seine Religion gewechſelt? fragte der König ſinnend. Oh, nicht ſehr häufig, Sire, ich ſuche immer noch nach der rechten Religion, und weil ich noch nicht ge⸗ funden, was ich ſuchte, nämlich die Religion, die mich befriedigt und mir Genüge thut, deshalb habe ich ſo oft gewechſelt. Man hat mich in meiner Kindheit als Lutheraner erzogen und getauft und ich hatte nichts da⸗ gegen, ſondern blieb dabei, bis ich in Rom in der St. Peterskirche den heiligen Vater die Meſſe abhal⸗ ten ſah. Der feierliche Akt ergriff mich ſo ſehr, daß ich ſofort katholiſch ward. Dies war indeſſen eigent⸗ lich kein Religionswechſel, denn ich hatte bis dahin freiwillig keine Religion angenommen. Es war alſo eigentlich meine erſte Religion. Ja, ja! Das war damals, als Er in Frankreich ſeiner ſterbenden Braut ihre Diamanten geſtohlen hatte und damit entflohen war. Oh, Sire, das iſt ein boshaftes Mährchen, welches meine Feinde erzählten, welches aber ungegründet iſt. Denn wenn ich wirklich dieſe wundervollen Brillanten, welche eine halbe Million werth waren, von meiner ſterbenden Braut als Erbſchaft angenommen und ſie verkauft hätte, ſo würde das genügt haben, mir ein comfortables Leben zu ſichern, und ich würde dann nicht nöthig gehabt haben, katholiſch zu werden. Ah, Er geſteht alſo ein, daß Er katholiſch ward, nicht aus Ueberzeugung, ſondern weil der Papſt und die Cardinäle in Rom Ihm dadurch gewogen wurden! Dem Scharfblick Eurer Majeſtät entgeht nichts, ich wage daher auch nicht, weiter zu ſtreiten. Als Katho⸗ lik kam ich nach Berlin zurück, wo der hochſelige Kö⸗ nig mich gnädig aufnahm. Er war ein ſo edler und frommer Mann, daß ich bald von dem glühendſten Verlangen beſeelt ward, ihm nachzueifern, und einſah, wie wenig ich meinem Seelenheil genützt hatte, als ich katholiſch ward. Ich faßte alſo einen kühnen Entſchluß und trat zur reformirten Kirche über. Und Er erreichte dadurch ſeinen Zweck, Er ward der Liebling des Königs, meines Herrn Vaters. Da dieſer aber jetzt leider Ihm keine Gnaden mehr erzei⸗ 4* gen kann, ſo war es auch für ihn nicht mehr nöthig, ein Reformirter zu ſein, und ſo iſt er jetzt lutheriſch geworden! Oh man kennt den hohen, über alle Vorurtheile erhabenen Sinn unſers jungen Königs, rief Pöllnitz. Man weiß, daß es unſerm edlen König ganz gleich⸗ gültig iſt, welcher Religion man angehören und zu welchem Glauben man ſich bekennen möge, vorausge⸗ ſetzt, daß man nur die Eine Religion hat, ein tüchti⸗ ger, brauchbarer und treuer Diener ſeines Königs und ſeines Vaterlandes ſein zu wollen! Der König ſchleuderte auf ihn einen finſtern ver⸗ ächtlichen Blick. Ihr ſeid ein miſerabler Religions⸗ ſpötter, ſagte er, und nicht die Vernunft iſt es gewe⸗ ſen, welche Euch zu einem Verächter der chriſtlichen Religion gemacht hat. Es giebt viele Perſonen, welche aus Gottloſigkeit und Laſterhaſtigkeit nicht an die chriſtliche Religion glauben; dieſe aber können keine ehrlichen Menſchen ſein. Man hat ihnen vielleicht ſeit ihrer Kindheit gepredigt, das Böſe nicht zu thun aus Furcht vor dem Fegefeuer, ſobald ſie dann nicht mehr an das Fegefeuer glauben, ſcheuen ſie ſich auch nicht mehr, das Böſe zu thun.*) Solch' ein Menſch iſt Er, und ich ſage Ihm, Er wird doch dafür noch zuletzt im Fegefeuer braten. Denn allerdings giebt es ein Fe⸗ gefeuer. Man muß es aber nur nicht anderswo, als in ſeinem eigenen Gewiſſen ſuchen wollen.— Geh’ Er jetzt, und trete Er jetzt ſeinen Dienſt an. In zwei Stunden will ich den Grafen Teſſin im Schloß zu Berlin empfangen! Adieu! 3 3 *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes. Vol. HI. Pensées sur la réligion. pag. 166. 3—————.— — 55— Pöllnitz machte die drei üblichen, ehrfurchtsvollen Verbeugungen und verließ das Zimmer. Der König ſah ihm mit einem zugleich ernſten und ſpöttiſchen Ausdruck nach. Er iſt ein ausgemachter Fripon, ſagte er dann, ſich an Fredersdorf wendend, welcher eben eintrat. Ich glaube, er wäre im Stande, ſeine Mutter zu verkaufen, wenn es ihm gerade an Geld gebricht. Du haſt mir da einen ſchönen Geſel⸗ len zugeführt, Fredersdorf, es iſt ein wahres Glück, daß es nicht mehrere von dieſer Rage giebt. Der Pöllnitz hat wenigſtens den Ruhm, einzig in ſeiner Art zu ſein! Sind noch mehr Menſchen da, welchen ich Audienz zu ertheilen habe? 3 Sire, das Vorzimmer iſt gedrängt voll und Jeder⸗ mann behauptet, ſeine Beſchwerden nur Euerer Ma⸗ jeſtät ſelber vortragen zu können. Enere Majeſtät würden aber, um alle dieſe Leute anzuhören, ſehr vie⸗ ler Zeit bedürfen, und zudem wäre das ein ſehr ver⸗ derbliches Beiſpiel, denn wenn Sie heute funfzig Men⸗ ſchen anhören, werden morgen hundert kommen und gerechterweiſe dieſelbe Gnade beanſpruchen. Man muß alſo dem bei Zeiten vorbeugen, und ich habe allen die⸗ ſen Leuten die Weiſung gegeben, ihre Beſchwerden ſchriftlich aufzuſetzen und an Euere Majeſtät einzu⸗ ſchicken. Nun ich denke, Jedermann weiß, daß dies die Art iſt, wie man ſich gewöhnlich an mich wendet, und wenn alſo dieſe Leute es doch nicht gethan haben, ſo iſt das ein Beweis, daß ihnen dieſer gewöhnliche Weg nicht genügte und ſie meinten, mich perſönlich ſprechen zu müſſen. Es giebt ſehr viele Dinge, welche man wohl ſagen, aber nicht aufſchreiben kann, und ich denke nicht, daß ein König das Recht hat, ſein Ohr dieſen Wor⸗ ten, welche ſich nur ſagen, aber nicht ſchreiben laſſen, 1 — 54— zu verſchließen. Ein Fürſt iſt nicht dazu da, ſich wie ein Götzenbild in einen Schrank ſtellen, und nur bei beſonders feierlichen Gelegenheiten ſich anſtarren und be⸗ wundern zu laſſen, ſondern er muß ſeinem Volke das ſein, was der Hausaltar und der Hausgott den alten Römern war, der geheiligte Mittelpunkt ihres Da⸗ ſeins, die Stätte, welcher ſie nur mit geſammeltem Herzen und frommer Andacht ſich nahten, und an der ſie alle ihre Sorgen, ihre Kümmerniſſe und Freuden mit freimüthigem Herzen bekannten, und durch das Bekenntniß ſich erleichtert fühlten. Dieſe Stätte aber war ihnen immer offen, und zu jeder Zeit konnten ſie dahin ſich flüchten. So will auch ich meinen Unter⸗ thanen niemals verſchloſſen ſein. Nein, nein, ich will der Hausgott meines Volkes ſein und alle ihre Sor⸗ gen und Kümmerniſſe ſollen vor mir ein williges Ohr finden. Weiſe mir alſo Niemand mehr ab, Freders⸗ dorf; ich werde es auch öffentlich bekannt machen laſ⸗ ſen, daß Jedermann das Recht haben ſoll, mir ſeine Beſchwerden, Anträge oder Bitten perſönlich vorzu⸗ tragen.*) Oh, wie iſt doch das Herz meines Königs ſo groß⸗ müthig und voller Güte, ſagte Fredersdorf traurig, Jedermann ſoll ſeine Beſchwerden vortragen und für dieſelben Abhülfe erwarten können, nur ich nicht! Nur mir verſchließt der König ſein Ohr, und meine Be⸗ ſchwerde und meine Bitte will er nicht hören. Du beſchwerſt Dich, daß ich Dir nicht meinen Con⸗ ſens geben will, Dich zu verheirathen. Aber was willſt Du, ich habe Dich zu lieb, um Dich aufgeben zu wollen, und Du wärſt doch für mich ein verlore⸗ *) Das geſchah auch am 25. Juni 1744. Siehe Rödenbeck: Tagebuch aus Friedrich d. Gr. Regentenleben. pag. 104. ner Mann, wenn Du Dir eine Frau nähmeſt. Man kann nicht zweien Herren dienen, auch will ich Dein Herz nicht mit dieſer Mamſell Daum theilen, ſondern Du ſollſt es mir ganz ungetheilt laſſen! Nenne mich alſo nicht grauſam, Fredersdorf, ſondern ſage nur, daß ich Dich liebe und Dich nicht verlieren will. Oh, Sire, ich würde erſt recht in Liebe und Dank⸗ barkeit Ihnen angehören, wenn Sie mir geſtatten woll⸗ ten, glücklich zu ſein und dieſes Mädchen, welches ich liebe, zu heirathen. Ich kann keinen verheiratheten Kämmerer gebrau⸗ chen, ebenſowenig wie einen verheiratheten Staatsſe⸗ kretair, ſagte der König mit einem finſtern Stirnrun⸗ zeln. Sprich alſo nicht weiter davon, Fredersdorf, ſondern ſchlage Dir dieſe Gedanken aus dem Sinn. Mein Gott, es giebt ja ſo viele andere Dinge, an welche Du Dein Herz hängen kannſt, warum muß es denn gerade eine Frau ſein! Weil ich ſie liebe, Majeſtät. Ah bah, liebſt Du nicht andre Dinge, die Dich tröſten können? Biſt Du ein Gelehrter und ein Al⸗ chimiſt? Nun denn, lies Deinen Horaz, mein Freund, übe Dich in der Kunſt Gold zu machen, und vergiß darüber die Mamſell Daum, welche doch, unter uns geſagt, keinen andern Vorzug aufzuweiſen hat, als daß ſie reich iſt. Und was ihren Reichthum anbetrifft, ſo kann der doch keinen Werth haben für Jemanden, der ohne Zweifel ſehr bald über die Schätze der ganzen Welt zu kommandiren hat, und mit Hülfe Gottes oder des Teufels doch bald das Geheimniß kennen wird, Gold zu machen! Er hat mein Geſpräch mit Joſeph belauſcht, ſagte Fredersdorf zu ſich ſelber, und beſchämt und verwirrt — 56— ſchlug er vor den forſchenden und lächelnden Blicken des Königs die Angen zu Boden. Lies nur Deinen Horaz recht fleißig, ſagte der Kö⸗ nig, Du weißt, er iſt auch mein Lieblingsſchriftſteller, und beſonders liebe ich ſeine Lieder, dieſe ſchönen Lie⸗ der an den Quell Banduſia, und die an die ſchöne Pſidyle. Entſinnſt Du Dich ihrer wohl? Eins dieſer Lieder ſollſt Du Dir auswendig lernen, damit Du es mir zuweilen vorleſen kannſt! Welches, Euere Majeſtät? Der König nahm das Buch, welches aufgeſchlagen auf ſeinem Schreibtiſch lag und das eine franzöſiſche Ueberſetzung der Horsziſchen Oden war. Indem er einen vielſagenden Wier auf Fredersdorf warf, las er ihm folgende Stelle vor, die wir hier nicht in franzö⸗ ſiſcher, ſondern in deutſcher Ueberſetzung wiederholen wollen. „— Du nur quäle das Herz Dir nicht Mit reicher Opfrung blutender Lämmer ab; Aus Rosmarin und zarten Myrthen Winde den Göttern des Hauſes Kränze. Die Hand, die Gabenbaar den Altar berührt, Umſchmeichelt lind, wie köſtlicher Opfer Pracht, Die zürnend abgewandten Götter, Spendet ſie kniſterndes Salz und Speltmehl.“ Der König warf das Buch nachläſſig auf den Tiſch und ging langſam einige Mal im Zimmer auf und ab, dann ſtellte er ſich gerade vor Fredersdorf hin und ihn mit ſeinen großen leuchtenden Augen feſt und durchdringend anſehend, wiederhotte er bedeutungsvoll: „Du nur quäle das Herz Dir nicht Mit reicher Opfrung blutender Lämmer ab.“— — 57— Ich ſehe wohl, ſagte Fredersdorf ganz verwirrt und beſchämt, ich ſehe wohl, Enere Majeſtät wiſſen— Daß es die höchſte Zeit iſt, unterbrach ihn der König, nach Berlin zu fahren, ja, das weiß ich und 3 Du thuſt ganz recht, mich daran zu erinnern. Man ſoll meinen Wagen vorfahren laſſen! Ich will ſo⸗ gleich nach Berlin! V. p.. Wie man Rönigin von Schmeden wird. Prinzeſſin Ulrike, die älteſte der beiden noch un⸗ verheiratheten Schweſtern des Königs, ging in heftiger Erregung in ihrem Zimmer auf und ab. Der König, ihr erhabener Bruder, hatte eben der Königin Mutter einen Beſuch abgeſtattet, und die beiden Prinzeſſinnen hatten auf ausdrückliches Verlangen des Königs bei dieſem Beſuch gegenwärtig ſein müſſen.— Der König war ſehr aufgeräumt, ſehr heiter und geſprächig ge⸗ weſen. Er hatte ihnen erzählt, daß die Signora Bar⸗ berina angekommen ſei und heute Abend auf dem Schloßtheater zum erſten Male tanzen werde, zu wel⸗ 3 cher Vorſtellung er die Königin Mutter und die beiden Prinzeſſinnen eingeladen hatte, mit der beſonderen Wei⸗ ſung an ſeine Schweſtern, heute Abend eine recht ge⸗ ſchmackvolle Toilette zu machen, und bei dem nach dem Theater ſtattfindenden Ball und Souper eine recht heitere und liebenswürdige Stimmung zu zeigen. Beide, hatte der König geſagt, ſollten ſie heiter ſein, — 58— die Eine, um zu beweiſen, daß ſie keinen Aerger, die Andere, um zu beweiſen, daß ſie Freude empfinde. Als dann die beiden jungen Mädchen, neugierig ge⸗ worden, in ihn gedrungen waren, und den König um eine Erklärung dieſer myſteriöſen Worte gebeten, hatte er ihnen geſagt, daß der ſchwediſche Geſandte, der Graf Teſſin, heute bei den Hoffeſtlichkeiten zugegen ſein würde, und daß derſelbe nach Berlin gekommen ſei, um für den ſchwediſchen Thronfolger eine Gemahlin auszuwählen, oder vielmehr um eine Gemahlin für denſelben anzuhalten. Seine Wahl ſei, wie es ſchiene, ſchon getroffen, denn der Graf habe den König heute gefragt, ob er ſchon über die Hand der Prinzeſſin Amalie verfügt habe, oder ob man um dieſelbe noch werben dürfe. Der König hatte ihm darauf erwiedert, daß die Prinzeſſin Amalie noch durch kein Verlöbniß gebunden ſei, und die Werbung um ſie daher voll⸗ kommen frei ſtehe. Sei alſo heute Abend recht ſchön und recht liebens⸗ würdig, hatte der König geſagt, indem er zärtlich die roſigen Wangen ſeiner Schweſter ſtreichelte. Beweiſe dieſem Herrn Grafen, daß die hohe Stirn meiner klei⸗ nen Schweſter ſehr geeignet dazu iſt, eine Krone zu tragen. Und Euere Majeſtät wollen wirklich einwilligen, die jüngſte meiner Töchter zuerſt zu verheirathen? hatte die Königin Mutter gefragt, indem ſie nach der Fen⸗ ſterniſche hinüberblickte, in welche Prinzeſſin Ulrike ſich zurückgezogen hatte. Der König folgte dem Blick ſeiner Mutter und be⸗ merkte ſehr wohl, daß Prinzeß Ulrike ihre Stirn in finſtere Falten gelegt hatte, und daß ihre Lippen zit⸗ terten. Aber der König wollte das nicht bemerken, denn — —Y — 59— das würde geheißen haben, die Kränkung für ſeine Schweſter noch empfindlicher machen. Nun, ich denke, Euere Majeſtät waren nicht älter wie Amalie, als Sie Sich meinem Vater vermählten, ſagte der König, und wenn der Kronprinz von Schweden gerade Amalie zu heirathen wünſcht, ſo weiß ich nicht, weshalb wir ihm dieſelbe verweigern ſollten, da wir nicht Juden ſind und es bei uns kein Geſetz iſt, daß die ältere der Schweſtern vor der jüngern verheirathet ſein muß. Die Prinzeß Amalie dem Kronprinzen von Schweden verweigern oder ihm dafür die Prinzeſſin Ulrike anbieten, das würde uns das Ausſehen geben, als fürchteten wir dieſe nicht verheirathen zu können und bieten ſie daher als eine überreife Frucht den Käufern an. Ich denke, meine ſchöne und geiſtreiche Schweſter Ulrike hat eine ſolche Beleidigung nicht ver⸗ dient, und es werden ſich auch außer dem Kronprin⸗ zen von Schweden noch Freier genug für ſie finden. Auch bin ich durchaus nicht begierig darnach, mich zu verheirathen, hatte Ulrike geſagt, indem ſie ſtolz ihr Haupt zurückwarf und einen halb mitleidigen, halb zürnenden Blick auf ihre Schweſter Amalie gleiten ließ. Nein, ich trage durchaus kein Verlangen, mich zu ver⸗ mählen, denn ich habe in unſerer Familie eben nicht ſo viele Beiſpiele einer glücklichen Ehe geſehen, um glauben zu können, daß es wirklich ein Glück in der Ehe geben könnte. Alle unſere Schweſtern ſind un⸗ glücklich vermählt und ich ſehe nicht ein, warum ich ihnen gleichthun ſoll! 3 Der König lächelte. Ich ſehe, daß meine Ulrike ganz meine Averſion gegen die Ehe theilt, ſagte er. Aber wir können nicht verlangen, meine Theure, daß Alle es uns gleichthun an Weisheit. Laſſen wir alſo immerhin dieſe kleine thörichte Amalie ſich vermählen 60— und uns abtrünnig werden. Dieſe Heirath wird ihr viel Mühe und Beſchwerde machen, denn nicht genug, daß ſie dadurch in das Land der Bären, der Renn⸗ thiere und des Schnee's verſetzt wird, muß ſie auch vorher noch ſich taufen laſſen und eine neue Religion annehmen. Danken wir alſo Gott, daß der Kronprinz von Schweden die Caprice hat, nicht Dich, ſondern ſie zu wählen und überlaſſen wir die kleine Närrin, welche durchaus heirathen will, ihrem Schickſal! Der König, in ſeiner gutmüthigen edlen Weiſe, hatte nur die Abſicht gehabt, ſeine Schweſter Ulrike zu tröſten und ihr Zeit zu geben, ſich zu ſammeln, aber er bemerkte nicht, daß ſeine Worte zu gleicher Zeit ſeine jüngſte Schweſter ſchmerzlich getroffen hatten und daß ſie erbleicht war, als der König geſagt, daß ſie eine neue Religion annehmen müſſe, um Kronprin⸗ zeſſin von Schweden zu werden. Auch die ſtolze Königin Mutter hatte ſich von die⸗ ſer Nachricht ſchmerzlich getroffen gefühlt. Ich denke, Sire, ſagte ſie, daß man der Tochter Friedrich Wil⸗ helms des Zweiten, der Schweſter des regierenden Königs von Preußen, wohl geſtatten wird, ihrer Re⸗ ligion, dem Glauben ihrer Väter, treu zu bleiben. Madame, erwiederte der König ſich ehrfurchtsvoll verneigend, es handelt ſich hier zu meinem Bedauern nicht um ihre Väter, ſondern darum, daß ſie die Mutter von Söhnen ſein wird, welche nach den Ge⸗ ſetzen ihres Landes auch dem Glauben ihrer Väter treu bleiben müſſen. Sie ſehen alſo wohl, daß, wenn aus dieſer Vermählung Etwas werden ſoll, eine der beiden Parteien nachgeben muß, und da ſcheint es mir, daß es dann der Beruf und die Pflicht des Weibes iſt, ſich zu unterwerfen und nachzugeben. Oh ja, rief die Königin bitter, mein Sohn iſt aus — — — 61— einer zu guten Schule und zu ſehr ein ächter Hohen⸗ zoller, um nicht immer auf die Unterwerfung und Nachgiebigkeit der Frauen beſtehen zu wollen. An dieſem Hofe können die Frauen nicht herrſchen, ſon⸗ dern nur gehorchen. Sie können nicht herrſchen, aber ſie beherrſchen uns doch, und indem wir zu gebieten ſcheinen, gehor⸗ chen wir ihnen doch! ſagte der König, indem er ſeiner Mutter ehrfurchtsvoll die Hand küßte und ſich dann verabſchiedete. Auch die drei Damen hatten ſich ſofort ſchweigend jede in ihre Gemächer zurückgezogen. Jede war zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt geweſen, um die Nähe der Andern ertragen zu können. Jetzt, da ſie allein war, hatte Prinzeſſin Ulrike nicht mehr nöthig, dieſes Lächeln feſtzuhalten, welches ſie ſo lange, ſo mühſamer Weiſe auf ihrem Antlitz be⸗ wahrt hatte. Jetzt durfte ſie ihrem Zorn erlauben, frei aufzuathmen, und ihr ganzes Weſen wie mit glü⸗ henden Feuerſtrömen zu durchziehen. Ihre jüngere Schweſter, dieſes kleine Mädchen von achtzehn Jahren, ſollte ſich verheirathen, ſollte einen zukünftigen König heirathen, während ſie, die Aeltere, ſie, das Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, noch unvermählt blieb! Und es war nicht ihre Abneigung, nicht der Wille des Königs, welcher das bewirkte, ſon⸗ dern es geſchah, weil Niemand ihre Hand begehrte, es geſchah, weil dieſer ſchwediſche Geſandte nicht kam, um ihre Hand zu werben, ſondern um die ihrer Schweſter. Sie war alſo verſchmäht, bei Seite geſchoben, über⸗ gangen! Denn was auch der König immer ſagen mochte, und wenn es auch kein Geſetz gab, welches die Verheirathung der ältern Schweſtern vor der jün⸗ gern bedingte, ſo war es doch ein Geſetz des Herkom⸗ — 62— meus, der höhern Schicklichkeit, und dieſes Geſetz ward hier verletzt, indem man an ihr, der ältern Schweſter, vorüberging und die jüngere wählte. Als Ulrike das jetzt überlegte, erhob ſie ſich mit einem einzigen Sprung von dem Seſſel, auf welchem ſie, überwältigt von dieſer Gemüthsbewegung, welche ihre Kniee zittern machte, niedergeſunken war. Wie eine kampfbereite Tiegerin hatte ſie ſich feſt und gerade aufgerichtet, als erwarte ſie den Feind, den ſie ent⸗ ſchloſſen war zu tödten. Das heftige und ſtürmiſche Blut der Hohenzollern war in ihr wachgerufen, der Stolz und die Energie ihrer Mutter glühte mit fieberiſchen Pulsſchlägen in ihrer Bruſt. Sie wäre glücklich geweſen, wenn irgend ein Feind ihr gegenüber geſtanden hätte, denn ſie würde alsdann doch ein Ableitungsmittel, eine Ausflußquelle für dieſe Ströme von Zorn gehabt haben, welche ihre Adern durchtobten. Aber ſie war allein, ganz allein, kein anderer Feind war da, als ihre eigene Perſon, und da ſie Niemand anders ſah, mußte ſie ſich ſelber be⸗ kämpfen, ſich ſelber den Krieg erklären. Mit haſtigen, wilden Schritten trat ſie zum Spie⸗ gel hin und betrachtete in demſelben ihr eigenes Bild. Ihr Auge war dabei eiſig kalt, forſchend und ſtrenge. Sie prüfte ſich ſelber, ſie wollte in ihrer eigenen äußern Erſcheinung jetzt die Gründe erfahren, weshalb der ſchwediſche Geſandte nicht um ſie, ſondern um ihre Schweſter zu werben kam. Es iſt wahr, ſagte ſie, Amalie iſt ſchöner im ge⸗ wöhnlichen Sinne des Wortes. Ihre Wangen ſind roſiger, ihre Augen ſind größer, ihr Lächeln iſt fröh⸗ licher und jugendlicher, und ihre kleine und zierliche Geſtalt iſt zugleich unſchuldvoll und üppig. Sie würde v 1. G= die ſchönſte Schäferin ſein, aber ſie iſt keine Königin. Sie hat keine Majeſtät und keine Würde, ſie hat nicht den impoſanten Ernſt, welchen die Ueberlegung nicht giebt, ſondern den die Vorſehung in unſere Züge ge⸗ legt hat und ohne welchen man bei einer Königin niemals vergeſſen wird, daß ſie eine Frau iſt. Sie hat nicht dieſe ſtrenge ruhige Erhabenheit, welche jede Vertraulichkeit zurückweiſt und mit einem leiſen Lächeln und einem unmerklichen Händedruck mehr beglückt und belohnt, als eine gewöhnliche Frau es mit der hinge⸗ bendſten Zärtlichkeit und den heißeſten Liebkoſungen vermag. Amalie würde niemals eine vollendete Kö⸗ nigin, ſondern immer auch eine ſchöne Frau ſein, wäh⸗ rend ich vielleicht eine weniger ſchöne Frau aber eine vollendetere Königin ſein würde. Ich habe das Ant⸗ litz und die Geſtalt einer Königin, und ich habe auch die Seele einer Königin. Ich würde es verſtehen, als Königin meinem Hofe zu imponiren, und nicht um einem frauenhaften Bedürfniß, ſondern um den Ehr⸗ geiz einer Königin zu genügen, würde ich mich vor meinem Volke beliebt machen! Aber man will mich nicht, man verſchmäht mich. Amalie wird Königin werden und mir wird es vielleicht ergehen, wie meinen Schweſtern, ich werde irgend einen armen Markgrafen, einen kleinen Herzog heirathen und Gott danken müſ⸗ ſen, daß ich nicht noch am Ende eine alte appaganirte Prinzeſſin bleibe. Sie ſtampfte wild mit dem Fuß auf den Boden und ging heftigen Schrittes auf und ab. Aber all⸗ mählig wurde ihr Schritt ruhiger, ihre vorher von ſo finſtern Wolken beſchattete Stirn begann ſich aufzu⸗ klären und ein unmerkliches Lächeln umſpielte ſogar auf einen Moment ihre Lippen, welche der Zorn vor⸗ her ſo feſt aufeinander gepreßt hatte. —— — 64— Am Ende, ſagte ſie, iſt doch der formelle Antrag nicht geſchehen und man kann immer noch nicht wiſ⸗ ſen, ob es auch dazu kommen wird, oder ob der Herr Geſandte ſich nicht vielleicht verſprochen und meinen Namen mit dem meiner Schweſter verwechſelt hat. Und da er ſeinen Antrag noch nicht gemacht hat, ſo beweiſt das, daß er erſt beobachten, ſeine Entſchlüſſe ſaſſen will. Nun, wenn das Reſultat ſeiner Beobach⸗ tungen wäre, daß Amalie keine geignete Gemahlin für ſeinen Herrn wäre, und wenn Amalie ſelbſt— ich glaube bemerkt zu haben, daß ſie erbleichte, als der König ihr von einem Religionswechſel ſprach, und daß ſie mehr einer Unglücklichen, Kummervollen, denn einer in ihrem Stolz und in ihren Hoffnungen Befriedigten glich, als ſie ſich vorher in ihr Zimmer begab. Ah, ich ſehe jetzt Land, ſagte Ulrike hochaufathmend, indem ſie mit einem behaglichen Lächeln ſich auf den Divan niedergleiten ließ. Ich bin keine Schiffbrüchige mehr, denn ich habe ein Brett gefunden, welches mich viel⸗ leicht retten wird. Ueberlegen wir alſo ein wenig! Und als wollte das Schickſal ſelbſt ihrer Ueberle⸗ gung zu Hülfe kommen, öffuete ſich jetzt die Thür und Prinzeſſin Amalie trat ein. Ein Blick auf dieſelbe genügte, um der Prinzeſſin Ulrike zu beweiſen, daß ſie ſich nicht getäuſcht, ſondern daß ſie vollkommen Recht gehabt, wenn ſie annahm, Amalie ſei nicht von Freuden erfüllt über das ihr be⸗ vorſtehende Ereigniß.— Die Augen der Prinzeſſin waren geröthet von Thränen und dieſe Lippen, welche ſich ſonſt ſo gern zu fröhlichem Geplauder und lu⸗ ſtigem Lachen geöffnet hatten, waren feſt aufeinander gepreßt.. Ulrike ſah das Alles und richtete darnach ihr Be⸗ nehmen ein. Statt daß ſie Amalie ſonſt kalt und ab⸗ — ſtoßend empfangen haben würde, ging ſie ihr jetzt mit allen Zeichen herzlicher Liebe entgegen und ſchloß die Schweſter, welche ſich laut weinend an ihre Bruſt warf, feſt in ihre Arme. „ Thränen? fragte Ulrike freundlich, indem ſie Amalie zu dem Sopha führte und ſie neben ſich in die wei⸗ chen Polſter niederzog. Wie, meine arme Schweſter, Du weinſt, während Dir doch heute ein ſo glänzendes Loos verkündet worden iſt? Amalie ſchluchzte nur lauter und barg ihr von Thränen überfluthetes Antlitz nur noch feſter an dem ſchweſterlichen Buſen. Ulrike blickte mit einem Gemiſch von Neugierde und Schadenfreude zu ihrer Schweſter nieder. Sie begriff dieſe Thränen nicht, und es gewährte ihr doch eine Art Genugthuung, Diejenige, welche ſie eben noch 4 ſo ſehr beneidet hatte, weinen zu ſehn. Wie? fragte Ulrike weiter. Wärſt Du etwa nicht zufrieden damit, eine Königin zu werden? Amalie hob ihr Antlitz heftig empor und ſagte ſchluchzend: Nein, ich bin es nicht zufrieden, eine Ab⸗ trünnige, eine Meineidige zu werden. Ich bin es nicht zufrieden, meinen Glauben verläugnen zu müſſen, um mir damit eine elende Krone und einen Thron zu erkaufen! Ich habe vor dem Altar gelobt, meinem Glauben und meinem Gotte treu zu bleiben, und jetzt will man, daß ich denſelben ablegen ſoll, wie man 3 ein Kleid ablegt, um es mit einem andern zu ver⸗ 3 tauſchen! Ach, das iſt es! ſagte Ulrike mit mühſam unter⸗ drücktem Spott. Du fürchteſt dieſen Uebertritt, bei welchem Dein armes unſchuldiges Gewiſſen ſtraucheln önnte. 6 Ich will dem Glauben treu bleiben, in welchem Mühlbach, Berlin u. Sansſonci ꝛc. I. 5 „— ich erzogen bin, und den ich am Altar beſchworen habe! rief Amalie und ihre Thränen begannen wieder heftiger zu fließen. b Nun, man ſieht wohl, daß es noch nicht lange her iſt, ſeit Du Deinen Glauben am Altar beſchworſt, ſagte Ulrike lächelnd. Du haſt noch den ganzen Fa⸗ natismus einer kürzlich erſt Geweiheten. Wie würde unſer Vater ſich freuen, wenn er Dich jetzt ſehen könnte.. Er würde mich nicht zwingen, meine Religion zu verläugnen, ſchluchzte Amalie, er würde um äußern Glanzes willen nicht mein Seelenheil in Gefahr brin⸗ gen. Oh, es iſt ſehr hart, ſehr grauſam von meinem Bruder, ſo über mich, wie über eine Waare zu be⸗ ſtimmen, und weder mein Herz noch mein Gewiſſen zu befragen, ob es mit ſeinen ehrgeizigen Plänen über⸗ einſtimmt. Ulrike heftete auf ihre Schweſter einen langen, durch⸗ dringenden Blick. Sie hätte gern auf dem Grunde ihrer Seele geleſen, um zu erforſchen, ob in Ama⸗ liens Herzen wie in ihrem Gewiſſen nur dieſer Eine Widerwille, nur dieſe Abneigung eines Religionswech⸗ ſels ſich dem Heirathsprojekte widerſetzte. Du alſo biſt gar nicht ehrgeizig? fragte Ulrike. Dich reizt der Gedanke gar nicht, eine Königin zu werden, einen Namen in der Weltgeſchichte zu haben? Das junge Mädchen ſah ihre Schweſter erſtaunt an, und ihre Thränen hörten auf zu fließen. Was kümmert denn eine Frau die Weltgeſchichte? fragte ſie zurück. Was geht es denn mich an, ob ſie eines Tages in ihren Geſchichtstabellen mich als die Gemahlin eines Königs von Schweden anführen. Es iſt ein unglückliches und trauriges Loos, eine Prin⸗ zeſſin zu ſein. Man behandelt uns als eine Waare, welche man verhandelt, verkauft an denjenigen, welcher das höchſte Gebot thut und die vortheilhafteſten Be⸗ dingungen darbietet. Mag dem ſo ſein! Es iſt ein⸗ mal das Loos aller Prinzeſſinnen, wir ſind dazu er⸗ zogen und gebildet, und müſſen uns dem in Demuth unterwerfen. Aber unſere Gewiſſen ſollte man we⸗ nigſtens unberührt laſſen, und wenn man unſere Lei⸗ ber verkauft, ſollte man uns doch mindeſtens die Frei⸗ heit laſſen, zu denken und zu glauben, was wir wol⸗ len, mindeſtens den armſeligen Troſt, unſern Gott anzurufen in der Weiſe, wie es uns gefällt, und Schutz und Beiſtand zu ſuchen in den Armen einer Religion, an welche wir glauben und die wir lieben! Man kann Gott treu ſein, auch wenn man ſeiner: Religion ungetreu werden muß! ſagte Prinzeſſin Ülrike, welche in ihrem Innern ſchon für ſich eine Entſchul⸗ digung für ihren möglichen Religionswechſel ſuchte. Ich kann das nicht! rief Amalie leidenſchaftlich. Ich hänge an der Religion meiner Väter, und ich würde zittern vor dem Zorn Gottes, wenn ich ſie ab⸗ ſchwören müßte! Dennoch iſt es ein ſo kleiner, unbedeutender Schritt, von der reformirten Kirche bis zur proteſtantiſchen, ſagte Ulrike gereizt, indem ſie ganz vergaß, daß man ſie nicht anklagen wollte, und es ſich gar nicht um ſie handele. Man kann eine eben ſo gute fromme Chri⸗ ſtin als Lutheranerin, wie als Reformirte ſein! Ich nicht, ich nicht! rief Amalie mit dem Eigen⸗ ſinn eines Kindes, welches nicht gewohnt iſt, Wider⸗ ſpruch zu finden. Ich will meine Religion nicht ver⸗ läugnen, ich will nicht eine Proteſtantin werden. Das iſt gut genug für einen Pöllnitz, aber nicht für die Tochter meines Vaters. Hat uns der König nicht mit tiefer Indignation und Verachtung erzählt, daß Pöll⸗ . 5 ½ — 68—. nitz ſchon wieder ſeine Religion gewechſelt hat und aus einem Reformirten ein Proteſtant geworden ſei, und haben wir nicht Alle darüber gelacht und in unſerm Herzen dieſen ehrloſen Mann verachtet? Ich will nicht, 1 daß man mich mit einem Pöllnitz auf gleiche Linie 3 ſtelle! Ich werde meine Religion nicht abläugnen, ich 7 werde meinen Glauben nicht verlaſſen! Dann wird es ſehr harte Kämpfe, ſehr harte Stürme geben, ſeufzte Ulrike, dann werden die Sce⸗ nen früherer Tage ſich wieder erneuern, denn unſer Bruder iſt nicht minder unbeugſam, als es unſer Va⸗ ter war, und ſeine Brüder und Schweſtern, fürchte ich, ſind ihm weiter nichts als nützliche Stifte in ſei⸗ ner großen Staatsmaſchine, Stifte, die ſich gehorſam da einfügen müſſen, wo er ſie haben und verwenden will. Das Alles fühle ich und ſehe ich voraus, ſagte 1 Amalie bebend, und deshalb, Schweſter, mußt Du mir helfen und mir beiſtehen, denn ich ſchwöre Dir, ich werde meinen Glauben und meine Religion nicht auf⸗ geben. Iſt das Dein reiflich erwogener Entſchluß?“ Ganz Gewiß! Nun, wenn dem ſo iſt, ſo will ich Dir meinen Rath nicht vorenthalten! Sprich, ſprich, ſagte Amalie athemlos, ihre Arme leiſe um die ſchlanke Taille ihrer Schweſter ſchlingend, und ihr Haupt auf ihre Schulter lehnend. 4 Zunächſt alſo hat der ſchwediſche Geſandte ſeinen Antrag noch nicht formell gemacht, das beweiſt, daß ter Dich wahrſcheinlich erſt beobachten und erforſchen ſoll, ob Du eine für den Kronprinzen geeignete Ge⸗ mahlin biſt. Wir haben alſo noch einen Aufſchub, eine Friſt, und wenn wir dieſe recht benutzen, können wir vielleicht das von Dir gewünſchte Ziel erreichen. Aber prüfe Dich noch einmal, zieh noch einmal Dein Herz und Dein Gewiſſen zu Rathe, ehe Du Dich ent⸗ ſcheideſt. Ich muß das fordern, ſchon um meinetwil⸗ len, damit Du nicht eines Tages miich anklagen kannſt, die Schuld daran zu tragen, daß Dir einſt der Thron von Schweden entgangen iſt! Oh, fürchte nichts, meine theure Schweſter! Ich bin ganz feſt entſchloſſen! Ich will nicht Königin von Schweden werden um den Preis meiner eigenen Se⸗ ligkeit! Du wirſt mir alſo niemals Vorwürfe machen? Niemals! Höre alſo. Von dieſem Moment lege eine Maske über Dein Antlitz, das heißt, nimm gegen Deine ganze Umgebung, gegen Deine Freunde, Deine Dienerſchaft, gegen die Hofgeſellſchaft, ja ſelbſt gegen Deine Ver⸗ wandten einen rauhen, ſtolzen und übermüthigen Ton an. Beſonders zeige Dich gegen dieſen ſchwediſchen Geſandten als eine capriciöſe, nervöſe und hochmüthige Prinzeſſin, welche es kaum der Mühe werth hält, mit ſo untergeordneten Menſchen ſeiner Art zu ſprechen und ſie eines freundlichen Blickes zu würdigen. Wenn Du mit ihm ſprichſt und er Dir antworten will, ſchneide ihm das Wort ab und gebiete ihm zu ſchwei⸗ gen; wenn er Dir eine Artigkeit ſagen will, ſei ein recht verſtändlicher Ausdruck der Verachtung in Deinem Geſicht Deine einzige Antwort. Setze dieſe Art des Betragens einige Tage fort und ich bin überzeugt, daß Du Deinen Zweck erreichen wirſt.*). Ach, ich begreife, ich begreife! rief das junge Mäd⸗ chen, vergnügt in ihre kleinen weißen Hände klatſchend *) Thiébault. IV. 202. folgd. und mit ſchnell erheitertem Geſicht. Ich ſoll dieſem Herrn Geſandten durch meine Unliebenswürdigkeit die Worte im Munde erſtarren machen, damit er das ent⸗ ſcheidende Wort nicht auszuſprechen vermag. Oh, das wird eine allerliebſte Comödie werden, meine Schwe⸗„ ſter, und ich verſpreche Dir, daß ich die Rolle einer erſten Liebhaberin ſehr gut in derſelben ausführen will. Oh, ich danke Dir, ich danke Dir! Wie glücklich bin ich doch, eine ſo kluge Schweſter zu haben, eine ſo tapfere Retterin aus der Gefahr, in welcher ich mich befand. Sie hat es nicht anders gewollt, ſagte Ulrike lako⸗ niſch, als ſie wieder allein war. Wenn ſie keinen Ehrgeiz hat, deſto ſchlimmer für ſie, deſto beſſer für mich!— Jetzt aber iſt es die höchſte Zeit, an meine Toilette zu gehen! Ob, ich werde heute viel Mühe und Nachdenken auf dieſelbe verwenden müſſen, denn ich will, daß man mich heute ſchön und liebenswürdig finde. Ich will heute ein ganz beſcheidenes, anſpruchs⸗ loſes junges Mädchen ſein! Mit einem ironiſchen Lächeln begab ſie ſich in ihr Toilettenzimmer, wo ihre Dienerinnen ihrer harrten. VI. Der Verſucher. Während Prinzeſſin Ulrike ſich ſehr ernſt und überlegend mit ihrer Toilette beſchäftigte, war Amalie in ihre Gemächer zurückgekehrt, ſinnend und gedanken⸗ 9 — 71=— voll und ganz damit beſchäftigt, wie ſie ihre Rolle recht gut und zur Täuſchung aller Welt ſpielen könnte. Vor der Thür, welche von dem Corridor ihr An⸗ kleidezimmer führte, blieb ſie einen Augenblick ſtehen, denn ſie hörte da drinnen ihre Kammerfrauen, welche fröhlich plauderten und lachten. Sonſt wäre ſie mit einem heitern Scherz und ganz bereit, an ihrer Fröhlichkeit Theil zu nehmen, zu ihnen eingetreten. Das wäre ihrem Herzen natürlich gewe⸗ ſen; aber jetzt mußte ſie ihr eigenes Herz und ihr Na⸗ turell verläugnen, um ihre Rolle zu ſpielen. Sie legte alſo ihre Stirn in finſtere Falten und trat mit feſt zuſammengepreßten Lippen in das Zim⸗ mer, in welchem die Frauen eben die Toilette zu den Feſtlichkeiten dieſes Abends ordneten. Ich finde, daß Sie hier einen ſehr unziemlichen Lärm verurſachen, ſagte Amalie mit ſeltſam gereiztem Ton, der ſogleich die heitern Geſichter der beiden Zo⸗ fen in ernſte Falten legte. Verrichten Sie gefälligſt geräuſchlos Ihre Arbeiten und verſparen Sie Ihre Narrheiten, bis Sie meine Zimmer verlaſſen haben. Und was iſt das, Mademoiſelle Félicien? Was ſollen dieſe Blumen, welche Sie da auf dem Tollettentiſch ausgebreitet haben? Königliche Hoheit, es ſind die Blumen zu Ihrer Coiffüre, und dieſe Bonquets hier ſind dazu beſtimmt, das Florkleid aufzunehmen. Und mit welchem Rechte erlauben Sie Sich, ſo über meinen Anzug zu beſtimmen? Ich erlaubte mir das nicht, ſagte Mademoiſelle Félicien ſchüchtern. Euere Königliche Hoheit ſelber waren es ja, welche Alles anordneten. Euere König⸗ liche Hoheit wollten Moosroſen im Haar tragen, und — 72— Bouquets ſolcher Roſen am Buſen und zu den Feſtons des weißen Florkleides. Mademoiſelle, es ziemt ſich nicht, mir zu wider⸗ ſprechen, und noch dazu, indem Sie Dinge behaupten, welche falſch ſind, rief Prinzeſſin Amalie zornig. Ich bin durchaus nicht geneigt, in dem Aufputz einer Jar⸗ diniere zu erſcheinen, und um Ihnen das zu beweiſen, werde ich dieſe Blumen, welche mir hier mit ihrem ſtarken Geruch die Luft verpeſten und von denen Sie zu behaupten wagen, daß ich ſie beſtellt habe, aus dem Fenſter werfen. Und mit einer grauſamen Hand alle dieſe zarten duftigen Roſen zuſammenfaſſend, eilte das junge Mäd⸗ chen zum Fenſter, welches ſie öffnete, um die Blumen hinauszuwerfen. Da, Mademoiſelle, da ſind die Roſen, welche Sie Sich unterſtehen wollten, alberner Weiſe in mein Haar zu ſtecken, ſagte Amalie mit gutgeſpieltem Zorn, indem ſie die Blumen in den Garten, welcher das Schloß von Monbijou umgiebt, hinabſchleuderte. Da ſind die Roſen, welche mein Haar— Plötzlich ſtieß die Prinzeſſin einen leiſen Schrei aus und blickte erröthend hinab in den Garten. Sie hatte in ihrem Eifer die beiden Herren gar nicht be⸗ merkt, welche in demſelben Augenblick die große Allee, die zum mittleren Schloßportal hinaufführte, herauf⸗ kamen, und dieſe Roſen, welche ſie ſo eben hinausge⸗ worfen, hatten den jüngern und größern der beiden Herren gerade in's Geſicht getroffen. Er blieb erſtaunt und ſichtbar überraſcht ſtehen und blickte fragend zu dem Fenſter empor, aus welchem dieſe ſeltſame Bombe ihn getroffen. Sein Begleiter aber brach in ein lautes Lachen aus, indem er ſich zugleich tief vor der armen Prinzeſſin verneigte, — — 2 welche erröthend und verlegen noch immer am Fenſter ſtand. Von dieſer Stunde an glaube ich an das Mähr⸗ chen von der Roſenfee, ſagte der ältere der beiden Herren, welcher Niemand anders als der Herr von Pöllnitz war. Ja, Prinzeſſin, ich glaube daran und würde mich jetzt gar nicht mehr wundern, wenn Euere Königliche Hoheit eben auf einem von Tauben gezo⸗ nen Wolkenwagen zum Fenſter hinausflatterten, indem Sie eine zweite, ebenſo wundervoll gezielte Roſenla⸗ dung in das Antlitz meines Freundes hier abfeuerten. Prinzeſſin Amalie hatte indeß Zeit gefunden, ſich zu ſammeln und ſich wieder der Rolle zu erinnern, welche ſie heute zu ſpielen hatte. 4 Ich hoffe, Herr Baron, ſagte ſie verdrießlich, daß Sie Sich nicht erlauben, anzunehmen, es ſei meine Abſicht geweſen, mit dieſen Roſen Sie oder Ihren Be⸗ gleiter zu treffen. Ich wollte dieſe Blumen zum Fen⸗ ſter hinauswerfen, das iſt Alles! Sie verſchloß klirrend das Fenſter und herrſchte ihre Dienerinnen an, ſich zu beeilen und ihre Toilette in Ordnung zu bringen. Während ſie mit verdrießlichem Geſicht ſich vor den Spiegel niederließ und ihrer franzöſiſchen Kam⸗ merfran befahl, möglichſt viele Bandſchleifen und Ju⸗ welen in ihr Haar zu ſtecken, ſtanden unten in dem Garten noch immer die beiden Herren in eifrigem Ge⸗ ſpräch mit einander. Das iſt in der That eine gute Vorbedeutung, mein Freund, ſagte Pöllnitz zu dem jungen Officier, der gedankenvoll auf die Roſen blickte, die er in der Hand hielt. Wahrhaftig, bei ſeinem erſten Erſcheinen am Hofe von einer königlichen Prinzeſſin mit Roſen ge⸗ worfen zu werden, das iſt ein großes, ein unerhörtes — 274— Glück, das Sie jedenfalls nicht ungenützt dürfen vor⸗ übergehen laſſen. Der junge Officier hatte gar nicht auf die Worte ſeines Begleiters geachtet. Er hatte von den Blumen den Blick erhoben zu dem Fenſter, in welchem die liebliche Geſtalt der Prinzeſſin ihm vorher erſchienen war. Oh, flüſterte er gedankenvoll und ſeufzend vor ſich hin, ſie iſt ſo wunderſchön und lieblich und ſie iſt eine Prinzeſſin! Pöllnitz lachte laut. Man ſollte meinen, Sie be⸗ dauerten das, ſagte er. Hören Sie, junger Freund, ſtehen Sie nicht da wie im Traum! Kommen Sie, ſtatt ſogleich in's Schloß einzutreten, um der Königin Mutter unſere Aufwartung zu machen, wollen wir noch einen Gang durch den Garten machen, damit Sie Sich erſt wieder von Ihrer Verzückung erholen und wieder zu Verſtande kommen. Er nahm den Arm des jungen Officiers und zog ihn in die dichtern und belaubtern Seitenwege des Gartens. Nun, mein lieber junger Freund, hören Sie mich und beherzigen Sie wohl, was ich Ihnen zu ſa⸗ gen habe. Der Zufall, oder wenn Sie wollen, das Schickſal hat uns zuſammengeführt, denn allerdings iſt es kein bloßer Zufall, daß ich, kaum nach Berlin zu⸗ rückgekehrt und im Begriff der Königin Mutter meine erſte Aufwartung zu machen, Ihnen begegne, der gleich⸗ falls eine Audienz bei der Königin Mutter nachſuchen will, um ſich ihrer Protection zu empfehlen, und dazu durch einen Brief meines alten langjährigen Freundes, des Grafen Lottum, autoriſirt wird. Das reizt, wie billig, meine Neugierde, ich erlaube mir, nach Ihrem Namen zu fragen, und erfahre zu meinem Erſtaunen, daß Sie der junge Herr v. Trenck ſind, das heißt der Sohn der Frau, welche meine erſte Liebe war und die mich ſehr unglücklich gemacht hat, indem ſie mich ver⸗ ſchmähete. Es iſt aber immerhin ein ſehr eigenthüm⸗ liches Gefühl, ſo unerwartet den Sohn ſeiner erſten Liebe, deſſen Vater wir indeſſen nicht ſind, wieder zu finden, und ich fühle ſchon, daß ich im Stande wäre, Sie eben ſo närriſch zu lieben, wie ich Ihre Frau Mutter geliebt habe. Nur daß ich nicht, wie meine Mutter, Ihre Liebe zurückweiſen würde, ſagte der junge Officier lachend, indem er dem Oberkammerherrn die Hand darreichte. Ich hoffe das, entgegnete Pöllnitz lächelnd. Sie ſollen an mir immer einen liebenden Vater finden, und gleich heute will ich meine Vaterſchaft bei Ihnen beginnen. Zuvörderſt, was wollen Sie hier am Hofe? Carriere machen! General, Feldmarſchall werden, wenn's möglich iſt! lachte der junge Officier. Wie alt ſind Sie? Faſt neunzehn Jahre! Sie tragen die Uniform der Officiere des Leibre⸗ giments, demzufolge hat der König Sie ſehr früh be⸗ fördert. Ich war nur acht Tage Cadet, ſagte Herr von Trenck ſtolz. Mein Stiefvater, der Graf von Lottum, hatte mich von Danzig hierher begleitet, um mich per⸗ ſönlich dem König vorzuſtellen. Seine Majeſtät em⸗ pfingen mich ſehr gnädig, und erinnerten ſich ſehr wohl, mich in Königsberg bei der Huldigung geſehen zu ha⸗ ben, wo ich bei der veranſtalteten Schulfeierlichkeit ſo⸗ gar aus den Händen des Königs die erſten Preiſe empfangen hatte.*) Weiter! Weiter! ſagte Pöllnitz, als der junge Of⸗ *) Mémoires de Fréderie, Baron de Trenck, Vol. I. pag. 39. — 76— ſicier jetzt ſchwieg. Sie ſehen, ich bin ganz Ohr, und ich muß Ihre hieſige Stellung genau kennen, wenn ich Ihnen irgendwie nützlich ſein ſoll. Der König alſo, wie geſagt, nahm mich ſehr freund⸗ lich und gnädig auf. Er machte mich ſogleich zum Cadetten in ſeiner reitenden Garde⸗du⸗Corps, und als ich das drei Wochen geweſen, ließ er mich eines Ta⸗ ges zu ſich rufen. Er hatte von meinem ziemlich ſtarken Gedächtniß gehört und er wollte eine Probe deſſelben haben. 1 Nun, und gelang dieſe Probe? fragte Herr von Pöllnitz. Der König ſagte mir ſchnell hintereinander die Na⸗ men von funfzig Soldaten her, die unten im Hofe ſtanden und die er mir, mit mir am Fenſter ſtehend, mit dem ausgeſtreckten Finger bezeichnete, und die ich ihm dann genau in derſelben Reihenfolge, aber rück⸗ wärts wiederholte. Ein wundervolles Gedächtniß das! ſagte Pöllnitz, indem er aus ſeiner goldenen, mit dem Bildniß der Prinzeß Palatine verzierten Doſe eine Priſe Spaniol nahm. Wirklich ein wundervolles Gedächtniß, das mich ſchaudern machen würde, wenn ich Ihre Geliebte wäre. Und weshalb das? fragte der junge Officier la⸗ chend. Weil Sie keine Ihrer Capricen, keinen Ihrer Schwüre vergeſſen würden, und eines Tages, wenn ſie Sie zufälliger Weiſe nicht mehr liebt, Abrechnung mit ihr halten könnten.— Und prüfte der König Sie noch weiter? Er gab mir dann den Stoff zu zwei verſchiedenen Briefen an, die ich ſofort und Beide zu gleicher Zeit, den einen in lateiniſcher, den andern in franzöſiſcher Sprache ſeinen Secretairen in die Feder dictiren mußte. Dann verlangte er, daß ich ihm ſofort auf einem Blatt Papier den Plan der Haſenhaide außzeich⸗ nete, und ich that das!*) Und der König war zufrieden? Er ernannte mich an dieſem Tage zum Cornett der Garde⸗du⸗Corps, antwortete Herr von Trenck, in⸗ dem er beſcheidener Weiſe eine directe Antwort auf die Frage des Oberkammerherrn vermied. Ah, Sie ſind alſo ſehr in Gnaden, da Sie in drei Wochen vom Cadetten zum Lieutenant avancirt ſind, ſagte Pöllnitz gedankenvoll, ein Avancement, welches der König ohne Zweifel mit irgend einem andern Gnadenact bezeichnete. Er hat mir geſtern zwei Pferde aus ſeinem Mar⸗ ſtall geſandt, und als ich kam, ihm für dieſe Gnade zu danken, hat er mir eine Börſe mit zweihundert Friedrichsd'or gegeben.**) Pöllnitz that einen Sprung rückwärts. Wetter, Sie ſind alſo wahrhaftig ſehr in Gunſt, ſagte er, denn der König macht Ihnen ſogar Geſchenke. Ach, mein Freund, ich wollte Sie protegiren, und jetzt ſcheint es faſt, als könnten Sie mich protegiren. Der König hat mir noch niemals Geſchenke gemacht. Und was wollten Sie heut hier bei der Königin Mutter? Der König hat mir befohlen, der Königin Mutter aufzuwarten, weil ich von nun an, da ich Lieutenant bin, courfähig bin und an den Hoffeſten Theil nehmen arf. Ah, der König hat Ihnen das befohlen, ſagte Pöll⸗ nitz. Wahrhaftig, mein Freund, es ſcheint mir, daß *„) Mémoires de Trenck. I. 38. **) Ebendaſelbſt. — 758— der König Sie zu großen Dingen beſtimmt, da er Sie ſo auffallend begünſtigt. Sie werden eine glänzende Carriere machen, vorausgeſetzt, daß Sie klug ſind und es verſtehen, den Klippen und Strömungen auszuwei⸗ chen, die ſich auf Ihrem Wege befinden werden, oder die, wenn ſie ſich nicht natürlicher Weiſe auf demſelben befinden, bereitwillige und gewandte Hände darauf hinſchleudern werden, denn da Sie in Gunſt ſind, ſo werden Sie auch gar bald Feinde haben! Ich glaube, daß ich deren ſchon jetzt habe, ſagte der junge Officier lachend. Man hat mich dem König ſchon mehrmals als einen Raufbold, einen Händel⸗ macher verdächtigen wollen, aber der König hat glück⸗ licherweiſe darüber gelacht. Er iſt wirklich ſehr in Gunſt und ich werde gut thun, ihn mir zum Freunde zu machen, dachte der Ba⸗ ron. Der König wird mit mir zufrieden ſein, wenn ich es thue. Demzufolge reichte er dem Officier die Hand und ſagte mit faſt väterlicher Zärtlichkeit: Von heute an ſollen Ihre Feinde Sie nicht mehr allein finden, wenn es ihnen gefallen ſollte, Sie anzugreifen. Sie werden mich immer als einen Freund an Ihrer Seite finden, denn, wie geſagt, Sie ſind der Sohn der einzigen Frau, welche ich auf Erden jemals geliebt habe! Ich werde Sie daher in meinem Herzen immer meinen Sohn nennen! Und ich nehme Sie von ganzem Herzen als mei⸗ nen Vater an! rief Friedrich von Trenck. Seien Sie mein Vater, mein Freund und mein NRathgeber. Der Hof iſt allerdings ein ſehr ſchlüpfriger Bo⸗ den, auf welchem man ſehr leicht ſtraucheln kann, wenn ſich zur rechten Zeit nicht eine befreundete Hand dar⸗ bietet, welche uns aufrecht erhält. Es werden Sie V — 79— ſehr Viele haſſen, weil Sie in Gunſt ſind, und der Haß Vieler, das iſt wie die Stiche der Horniſſe. Man ſtirbt nicht an dem einzelnen Stich, aber wenn man viele zu gleicher Zeit empfängt, ſo ſtirbt man doch. Benutzen Sie alſo die Zeit Ihrer Gunſt, und ſichern Sie Sich eine ſo feſte und unerſchütterliche Poſition, daß nichts im Stande iſt, Sie wieder aus derſelben zu verdrängen! Es fragt ſich nur, wie ich das anfangen muß, um zu derſelben zu gelangen? Sie fragen das, und Sie ſind neunzehn Jahre alt, ſechs Fuß hoch, haben ein ſchönes Geſicht, eine ein⸗ nehmende Geſtalt, einen alten angeſehenen Namen und werden bei Hofe gnädig empfangen! Ach, mein Freund, ich habe Viele, welche nur die Hälfte Ihrer glänzen⸗ den Beſitzthümer hatten, zu den höchſten Ehren und Würden gelangen ſehen, und dieſes dadurch, daß ſie zu rechter Zeit das rechte Mittel, welches pouſſiren kann, angewandt hatten. 3 Und dieſes Mittel iſt? Frauengunſt, mein Lieber! Sie müſſen machen, daß ſich mächtige und einflußreiche Frauen in Sie ver⸗ lieben, das iſt Alles! Oh, Sie erſchrecken und Ihre Stirn verfinſtert ſich! Sollten Sie unglücklicher Weiſe ſchon verliebt ſein? Nein, ſagte Friedrich von Trenck heftig, ich habe noch niemals geliebt, ja mehr als das, ich darf ſagen, daß ich noch niemals die Lippen einer Frau berührt habe. Herr von Pöllnitz ſah ihm mit einem Ausdruck des Entſetzens in's Geſicht. Wie? ſagte er. Eine hei⸗ lige Jungfrau und ſchon neunzehn Jahre? Wiſſen Sie, daß ſelbſt die Jungfrau Maria jünger war, als ſie Chriſtus gebar? — 80— Und der Baron begann auf ſeine eigenthümliche cyniſche Weiſe zu lachen, indem er ſeine goldene Doſe wie einen Kreiſel zwiſchen dem Daumen und Mittel⸗ finger umherbewegte. Die gewöhnlichen und gemeinen Frauen haben mich ſtets mit Widerwillen erfüllt, ſagte der junge Officier einfach, und bis heute hatte ich keine Frau geſehen, welche dem Ideal meiner Sehnſucht geglichen hätte. Demzufolge alſo würde die Frau, welche Sie lie⸗ ben werden, Ihre erſten Entzückungen, Ihre erſten Liebesſchwüre haben? So würde es ſein! Und er trägt die Uniform der Garde⸗du⸗Corps und iſt Lieutenaut! rief Herr von Pöllnitz mit tragiſchem Pathos, die Arme gen Himmel erhebend, und dann den Officier mit verwunderter Neugierde betrachtend. Aber wie? Sagten Sie nicht, daß Sie bis heut keine Frau geſehen haben, welche Ihrem Ideal glich? Ich ſagte das! Und heute? Nun, wie mich dünkt, haben wir Beide heute einen Engel geſehen, einen Engel, welchen Sie beleidigten, indem Sie ſie mit dem ganz gewöhnlichen Namen einer Fee benannten. Ah, die Prinzeſſin Amalie! rief Pöllnitz entzückt. Sie werden dieſes junge Mädchen lieben, mein Freund. Dann würde ich ſehr unglücklich ſein, denn zu meinem Unglück iſt ſie eine Prinzeſſin, und meine Liebe wird unerwidert bleiben! Und wer ſagt Ihnen das? Wer ſagt Ihnen, daß dieſe kleine Amalie, weil ſie eine Prinzeſſin iſt, nicht immer doch ein Mädchen ſei, welches ein Herz hat? Verſuchen Sie es nur, dieſes Herz zu wecken! Der — 81— glückliche Zufall iſt Ihnen ſchon entgegengekommen, und wenn Sie nur ein ganz klein wenig abergläubiſch ſind, ſo werden Sie geſtehen müſſen, wie es ein be⸗ deutungsreiches Zeichen iſt, daß Prinzeß Amalie da⸗ durch Ihre Blicke auf ſich zog, indem ſie Sie mit Noſen warf, oder vielmehr ſchoß, ſollte ich ſagen, denn der loſe Gott Amor hat, wie es ſcheint, einen ſeiner Pfeile in eine Roſe verwandelt, und während Sie meinten, von der Prinzeſſin in's Angeſicht getroffen zu werden, hat Amor zugleich mit dieſer Roſe Ihr Herz verwundet! Verſuchen Sie alſo Ihr Glück, junger Freund. Machen Sie, daß die Lieblingsſchweſter des Königs Sie liebt und Sie werden allmächtig ſein. Der junge Officier ſah ihn mit ſtaunenden, wirren Blicken an. Sie wollen doch nicht ſagen, ſtammelte er— 3 Ich will ſagen, unterbrach ihn Pöllnitz, daß, da Sie die Gunſt des Bruders haben, ich nicht einſehe, warum Sie nicht auch die Gunſt der Schweſter er⸗ langen ſollten. Ich will ferner ſagen, daß ich Ihnen behülflich ſein werde, dieſelbe zu erlangen, und daß ich immer als rathender und beſonnener Freund an Ihrer Seite ſtehen werde. Wiſſen Sie, daß Sie mir da eine Ausſicht eröff⸗ nen, vor welcher mir ſchwindelt? ſagte der junge Mann ganz verwirrt. Ich ſollte es wagen, eine Prinzeſſin zu lieben und um ihre Gegenliebe zu werben? Was das Erſte anbetrifft, ſo glaube ich, haben Sie es ſchon gewagt, und was das Zweite anbetrifft, ſo weiß ich nicht, warum Sie mit Ihrer Jugend und Schönheit nicht berechtigt wären, dieſelbe zu bean⸗ ſpruchen! Weil ich niemals der Gemahl einer Prinzeſſin wer⸗ den könnte! Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. I. 6 — 82— Pöllnitz lachte laut. Sie haben Recht, ſagte er, Sie ſind wirklich ſo unſchuldig, wie ein junges Mäd⸗ chen. Kaum verliebt, denken Sie ſchon an die Mög⸗ lichkeit des Heirathens, als ob die Liebe gar keine an⸗ dere Zuflucht hätte, als die Ehe! Und doch meine ich geleſen zu haben, daß Gott Amor und Gott Hymen zwei Brüder ſind, welche ſehr ſelten zuſammenkommen, weil ſie ſich niemals mit einander vertragen können, und ſich deshalb gerne fliehen. Uebrigens, mein junger Freund, wenn Ihre Liebe denn ſo tugendhaft iſt, daß ſie durchaus des Prieſterſegens bedarf, ſo iſt ja das auch möglich. Hat ja doch vor wenigen Jahren erſt die verwittwete Markgräfin von Baireuth, die Tante unſers Königs, ſich rechtskräftig mit dem Grafen Ho⸗ ditz vermählt. Nun, und was die Tante des Königs vermochte, das wird auch für ſeine Schweſter wohl nicht unmöglich ſein. Schweigen Sie! Schweigen Sie! murmelte Friede. rich von Trenck. Ihre Worte umnebeln meinen Ver⸗ ſtand wie Opiumduft, und machen mich trunken, ſinn⸗ los. Sie ſtehen neben mir wie der Verſucher und verſuchen mein Herz, aber ich gleiche nicht dem Meſ⸗ ſias, denn ich habe nicht den Muth, dieſe Schätze zu⸗ rückzuweiſen, welche Sie mir zeigen und denen meine ganze Seele entgegenjauchzt. Oh, mein Herr, was haben Sie gethan. Sie haben meinen Ehrgeiz, meine Jugend, meine Leidenſchaft wachgerufen, Sie haben ein verzehrendes Feuer in meine Adern gegoſſen, und ich fühle mich ganz trunken von dieſem ſüßen Gift, das Sie in meine Ohren geträufelt haben! Ich habe Ihnen geſagt, daß ich Ihr Vater ſein will, ich werde Sie alſo leiten und Ihnen zu rechter Zeit alle die Steine zeigen, an denen Ihr Fuß ſonſt ſtraucheln könnte, ſagte Herr von Pöllnitz, deſſen ver ſteinertes egoiſtiſches Herz nicht das geringſte Mitleid empfand mit der Seelenqual dieſes armen jungen Menſchen, dem er, wie dieſer bezeichnend genug geſagt, „Gift in die Ohren geträufelt hatte.“— Für ihn war Friedrich von Trenck, der Günſtling des Königs, weiter nichts als eine Stufe, durch welche er ſich ſelber er⸗ höhen wollte; er war deshalb bemüht, dieſe Stufe ſo anzubringen, daß er ſelber ſich mit Nutzen und Erfolg darauf emporſchwingen könnte.— Er nahm jetzt den Arm des Officiers, und mit kalten und beſonnenen Worten ſeine Gluth beſchwichtigend, und ihn zur Ruhe und Vernunft ermahnend, ging er mit ihm dem Schloſſe zu, um bei der Königin Mutter ihre Aufwartung zu machen. Aber die Königin war ſchon bei ihrer Toilette und nahm keine Beſuche mehr an. Die beiden Herren ver⸗ ließen daher das Schloß und ſchlenderten Arm in Arm hinaus auf die Straße. Laſſen Sie uns nach dem Schloſſe zugehen, ſagte Pöllnitz. Wir werden da ein köſtliches Schauſpiel haben, denn wir werden da eine Schaar wandelnder Perrücken ſehen, welche ſich als Menſchen, nein, nicht als Menſchen, ſondern als Gelehrte verkleidet haben. Es iſt heut auf dem Schloſſe die erſte Sitzung der wiedererneuerten Akademie der Wiſſenſchaften geweſen, und der hochberühmte neu ernannte Präſident Mau⸗ pertuis hat ſie im Namen des Königs eröffnet.*) Es wird jetzt gerade die Zeit ſein, wo die ehrwürdigen Herren das Schloß verlaſſen. Gehen wir alſo, dieſem intereſſanten Schauſpiel zuzuſehen. Indeß erreichten die beiden Herren nicht das Ziel ihrer Wanderung. Eine breite Menſchenwoge wälzte *) Rödenbeck, Tagebuch pag. 108. — 84— ſich ihnen entgegen und nöthigte ſie ſtill zu ſtehen, wie die Uebrigen es thaten. Jedermann ſchien etwas zu erwarten, irgend einem Schauſpiel entgegen zu ſehen, das ſich da in dieſem Kreiſe, welchen man in der Mitte dieſer bewegten Maſſe frei gelaſſen hatte, begeben ſollte. Man lachte und ſcherzte, und fragte ſich unter einander, was dies Alles zu be⸗ deuten habe, und was dieſer Trommler da ſo eben im Luſtgarten abgeleſen hätte? Was er hier wiederholen wird! ſagte eine Stimme aus dem Volkshaufen, der ſich immer mehr vergrö⸗ ßerte, und in deſſen Wogen Herr von Pöllnitz mit ſeinem jungen Begleiter wider ihren Willen hineinge⸗ zogen wurden. Gedrängt, geſtoßen von mächtigen Ar⸗ men, welche ſich ſelber Bahn brechen wollten, indem ſie denen, welche vor ihnen ſtanden, eine Bahn brachen, dann vorwärts geſchoben, befanden ſie ſich in demſel⸗ ben Augenblick an dem Rande dieſes kleinen, in der Mitte des Volkshaufens frei gelaſſenen Kreiſes, als der Trommler von der andern Seite denſelben durchbrach und in den Raum eintretend, mit kräftigen und eifrigen Händen, ſeine Trommelſtöcke auf dem weißen Kalbfell der Trommel ſpielen ließ. Dieſes Geräuſch übertönte das Geſchrei, das Lachen und Schwatzen der Menge, und machte es endlich ſo⸗ gar verſtummen. Jedermann hielt den Athem an, um zu hören, was der öffentliche Ausrufer, nachdem er mit der Trommel geſprochen, jetzt mit ſeinem Munde zu ſprechen haben würde. 3 Er zog aus ſeiner Taſche ein mit einem großen Gerichtsſiegel verſehenes Papier hervor, das er auf ſeiner Trommel entfaltete, dann begann er, inmitten der allgemeinen Stille die kurze Eingangsformel zu ſen:„Wir Friedrich der Zweite, König von Preußen“— Seit der Regierung Friedrichs waren auf ſeinen Befehl alle dieſe langen Titulaturen, dieſes hochtra⸗ bende Regiſter aller Länder und Beſitzthümer, deren wirk⸗ licher oder nomineller Herr und Beſitzer der König von Preußen war, fortgeblieben. Friedrich fand es nicht für nöthig, die Namen der Länder, welche er beſaß, nur als blendenden Kometenſchweif hinter ſeinem Namen herzuziehen; er begnügte ſich damit, zu ſeinen Ländern neue hinzu zu erobern, mit welchen er indeß nicht ſeine Titel, ſondern nur ſeinen Beſitz vergrößerte. Ja, auch dieſen höchſten Titel der Könige, dieſes„von Gottes Gnaden“ hatte Friedrich der Zweite aus ſeiner Titu⸗ latur fortgeſtrichen, und in allen Erlaſſen und Ge⸗ ſetzen, welche er an ſein Volk richtete, nannte er ſich immer nur„König von Preußen.“ Damit war Alles geſagt, Alles ausgedrückt, und wenn ſein Vater und ſein Großvater ſich„König in Preußen, von Gottes Gnaden“ nannten, ſo war Friedrich der erſte König von Preußen), und wenn er ſich dabei der Gnade Got⸗ tes nicht rühmte, ſo geſchah das vielleicht nur, weil er durch Thaten, nicht durch Worte beweiſen wollte, daß er derſelben gewiß ſei! Nach dieſer kleinen Abſchweifung, welche der Leſer uns verzeihen möge, kehren wir zu dem öffentlichen Ausrufer zurück, welcher eben den Erlaß des Königs vorzuleſen oder zu ſchreien begann. „Wir König Friedrich von Preußen verordnen und befehlen hierdurch, daß Niemand in unſern Landen ſich einfallen laſſen ſoll, unſerm Oberkammerherrn Baron von Pöllnitz, welchen wir wieder in unſere Dienſte ge⸗ nommen haben, Geld zu leihen, oder ihm zum Ent⸗ *) Büſching, Character Friedrich II. S. 114.— Preuf Friedrich der Gr. Th. I. S. 108. 8 — 86— leihen deſſelben behülflich zu ſein. Wer dies, trotz die⸗ ſes Verbots, dennoch thut, hat die Folgen davon ſich ſelber zuzuſchreiben und darf vor keinem Gericht den Baron von Pöllnitz verklagen, wie kein Gericht dieſe Klage annehmen dürfte. Wer dieſem Befehl zuwider handelt, und Herrn Baron von Pöllnitz Geld leihet, verfällt in eine Strafe von funfzig Thalern oder vier⸗ zehn Tagen Gefängniß.“ Ein brüllendes Gelächter der ganzen Menge war das Amen zu dieſem Vortrag des Ausrufers, ein Ge⸗ lächter, in welches Herr von Pöllnitz klüglicher Weiſe mit einſtimmte, während der junge Officier, verwirrt und beſtürzt, nicht den Muth hatte ihn anzublicken, ſondern beſchämt das Auge zu Boden richtete. Oh, wie wird dieſer vornehme Herr ſich ärgern müſſen! rief eine frohlockende Stimme aus der Menge. Er iſt gewiß ein unverbeſſerlicher Schuldenmacher! rief eine andere. Er hat es ohne Zweifel verdient, daß der König ihn ſo hart ſtraft, ihn ſo öffentlich beſchimpft! rief ein Dritter. Und das nennt Ihr eine öffentliche Beſchimpfung? Das nennt Ihr eine Strafe? rief Herr von Pöllnitz ſelbſt. Wie, Ihr guten Freunde, Ihr wißt alſo nicht, daß das eine Ehre iſt, welche der König ſeinem Ober⸗ Wie das? Erklären Sie uns das! riefen hundert Nun, das iſt ganz einfach! Hat nicht der König dieſes Geſetz erneuert, welches bei hoher Strafe ver⸗ ietet, den Prinzen des königlichen Hauſes Geld zu gen? Iſt dieſes Geſetz nicht in unſern beiden Zei⸗ — 37— tungen ſowohl, als in der Geſetzſammlung publicirt worden? Ja, ja! Das iſt es! riefen viele Stimmen auf einmal. Und gewiß hat unſer erhabener König, Er, welcher ſeine Familie ſo ſehr liebt, mit dieſem Geſetze die Prinzen nicht kränken und an ihrer Ehre beſchädigen wollen! Gewiß hat er das nicht gewollt und auch nicht gethan! Der König alſo hat heute, wie Ihr jetzt begreifen werdet, den Baron von Pöllnitz gerade ſo behandelt, wie er ſeine Brüder behandelt, und das iſt ohne Zwei⸗ fel eine große Ehre für ihn. Gewiß iſt das eine große Ehre für ihn, rief das gefällige Echo der Menge, welche indeß nicht ahnte, wer der Redner ſei, der die Ehre des Herrn von Pöll⸗ nitz ſo angelegentlich vertheidigte. Der König hat alſo den Herrn von Pöllnitz be⸗ handelt wie ſeine Brüder, und da er, wie Ihr ſelber ſagt, dieſe mit dem Geſetz nicht hat beleidigen wollen, ſo ſehe ich nicht ein, warum man annehmen wollte, daß das eine Beleidigung für den Baron von Pöllnitz ſein ſollte, was hier für den Prinzen keine iſt. Ein beifälliges Gemurmel erhob ſich in der Menge; ſelbſt der öffentliche Ausrufer war ſtill in dem um ihn und den unbekannten Redner gebildeten Kreiſe ſtehen geblieben, und aufmerkſam zuhörend, vergaß er dar⸗ über weiterzugehen und an der nächſten Straßenecke ſein ſeltſames Publicandum zu verkündigen. 6 Dieſes Geſetz iſt außerdem, wie man zu ſagen pflegt, sans conséquence, fuhr Pöllnitz fort. Denn— wer würde trotz deſſelben nicht gern bereit ſein, unſe Prinzen Geld zu borgen, wenn ſie deſſen benöt — 88—= ſind? Und wer möchte daran Anſtoß nehmen, daß der Staat nicht die Schulden bezahlen will, welche die Prinzen als Privatperſonen machen? Daſſelbe gilt von dem Herrn von Pöllnitz. Der König, welcher dem zu⸗ rückgekehrten Baron zwei hohe Chargen gegeben, wel⸗ cher ihn zum Ober⸗Garderobenmeiſter und Ober⸗Cere⸗ monienmeiſter ernannt hat, der König will ihn davon zurückſchrecken, Schulden zu machen, und er wählt dazu daſſelbe Mittel, welches er bei den Prinzen anwendet, er verbietet, dem Herrn von Pöllnitz Geld zu leihen, da er das aber nicht als Geſetz in die Geſetzſammlung aufnehmen kann, ſo läßt er es durch den Ausrufer öffentlich bekannt machen! Und jetzt, fuhr der Redner fort, welcher ſehr wohl den günſtigen Eindruck bemerkte, welchen ſeine Rede auf ſeine Zuhörer gemacht, jetzt, meine guten Freunde, bitte ich Euch, mir ein wenig Platz zu machen und mich hindurch gehen zu laſſen. Ich muß auf das Schloß gehen, um dem König für die große Gnade und Auszeichnung zu danken, welche er mir eben hat widerfahren laſſen, denn ich ſelber bin der Baron von Pöllnitz.. 4 Ein Ausruf der Ueberraſchung tönte von hundert Lippen, und Jeder, der ſich in der Nähe des Herrn von Pöllnitz befand, trat ehrerbietig ein wenig bei Seite, um dem vornehmen Herrn Platz zu machen, den der König ſo behandelte, als ob er ein Prinz des königlichen Hauſes wäre. Pöllnitz ſchritt mit einem recht freundlichen Lächeln durch dieſe enge Gaſſe dahin, und grüßte herablaſſen⸗ der Weiſe diejenigen, welche beſonders bemüht waren, ihm einen Weg zu öffnen. 1 Ich denke, daß ich dem König da ein gutes Paroli een habe, ſagte er zu ſich ſelber. Ich habe dieſem — 89— auf mich gerichteten Pfeil die Spitze abgebrochen und er iſt unſchädlich von meiner Bruſt abgeprallt. Ich⸗ werde von heute an die öffentliche Meinung für mich haben, und was für mich eine Schande ſein ſollte, wird mir zur Ehre gereichen! Immerhin aber war es doch ein ſehr hartes und grauſames Verfahren, für welches ich eines Tages Abrechnung halten werde mit dem König. Ah, König Fried ich, König Friedrich, ich werde das nicht vergeſſen, und ich werde meine Re⸗ vanche nehmen! Auch mein Spiel iſt gemiſcht und bald werde ich einige wirkſame Trümpfe ausſpielen. Warten wir aber doch ein wenig auf unſern verliebten Schäfer, dieſen unſchuldsvollen und zärtlichen Herrn von Trenck, der auf dem beſten Wege iſt, ſich in die kleine hübſche Prinzeſſin Amalie zu verlieben! Und Herr von Pöllnitz ſtand ſtill, um den jungen Officier zu erwarten, welcher ſich mühſam durch die Menge Bahn gemacht hatte, und jetzt mit großen Schritten ihm nachgeeilt kam. VII. Das erſte Begegnen. Die Soirée in den Sälen des königlichen Schloſſes hatte jetzt ihren Anfang genommen. Unter dem 3 Schmettern der Muſik, welche man auf dem Chor des weißen Saales aufgeſtellt hatte, waren die beiden Kö⸗ niginnen mit den Prinzeſſinnen in den großen Saal eingetreten, um die Cour der Damen entgegen zu aneh — — — — — 90— men, wie der König die der Herren in dem anſtoßen⸗ den Saal empfing. Eine glänzende Reihe ſchöner von Brillanten und Iuwelen leuchtender Damen ſtand zu beiden Seiten des Saals, Jede des Momentes harrend, wo die Königinnen an ihnen vorüber kommen würden und ſie unter dem Anblicken der königlichen Augen ſich tief bis zur Erde verbeugen könnten, gleichſam erdrückt von der Schwere der Gnade, die in dem Anſchauen der Königinnen ſich auf ſie niederließ. Der Etiquette gemäß hätte die Königin Eliſabeth Chriſtine, welche doch immer trotz ihrer beſcheidenen, unſcheinbaren Exiſtenz, die regierende Königin war, die grande tournée allein machen und zuerſt die Hul⸗ digungen der Damen entgegen nehmen müſſen. Aber die arme ſchüchterne Frau hatte niemals den Muth ge⸗ funden, die Vorrechte ihrer Stellung als Gemahlin des Königs zu beanſpruchen. Was kümmerten ſie dieſe kleinlichen äußern Vorrechte, ſie, welche dem höchſten und ſchönſten Vorrecht, den erſten Platz in dem Her⸗ zen ihres Gemahls einzunehmen, hatte entſagen müſſen. Sie hatte daher auch heute mit einem ſanften Lächeln der Königin Mutter den Vortritt gelaſſen, und dieſe, welche immer begierig war, mindeſtens in den kleinen Aeußerlichkeiten und Etiquetten⸗Angelegenheiten zu zei⸗ gen, daß ſie immer noch die erſte Stelle am Hofe ihres Sohnes einnehme, hatte bereitwillig den Vortritt an⸗ genommen. Mit ſtolz erhobenem Haupte und einem faſt geringſchätzigen Lächeln ging ſie die Reihe der damen hinauf, die ſich vor ihr neigten und dem Königthum in ihrer ſtolzen Repräſentantin ihre Huldigung dar⸗ brachten. 3 1 Hinter ihr her ging die regierende Königin, inmit⸗ teen der beiden Prinzeſſinnen, welche hier und da mit 1* — 91*— freundlichem Lächeln ihre in der Reihe der Damen be⸗ findlichen Freundinnen begrüßten. Eliſabeth Chriſtine ſah das und ſeufzte. Sie hatte Niemand, welchen ſie beſonders zu begrüßen hätte, Niemand, welcher in ihr etwas Anderes ſah als die geduldete Königin, die Frau sans conséquence und ohne Einfluß, die machtloſe Königin, die ungeliebte Gemahlin! Sie hatte nicht einmal eine Freundin, in deren verſchwiegene Bruſt ſie ihre Klagen ergießen konnte. Sie war ein vereinſamtes und verwaiſtes Herz, ſo vereinſamt und allein, daß die Seufzer und Klagen, die in ihrer Bruſt wohnten, inmitten der ſie umgebenden Stille deſto lauter und herzzerreißender erklangen. 4. Sie war einſam und allein auch jetzt, als ſie mit den beiden Prinzeſſinnen die grande tournée machte. Niemand ſchien ſie zu ſehen, Niemand beachtete ſie als etwas Anderes, als die mit Brillanten, Spitzen und ſeidenen Gewändern behangene Statue einer Königin, als das Bild einer Königin, welche nicht da war. Und doch hatte dieſes Bild eine Seele und ein Herz, und doch war ſie ein Weib, ein Weib, welches liebte und litt! Plötzlich, jetzt flog ein Zittern durch ihre Glieder, plötzlich leuchte es wie ein Sonnenſtrahl in ihren Augen, und ein leichter Roſenſchimmer überhauchte ihre bleichen Wangen.— Der König war in den Saal getreten, er war da in all ſeiner Schönheit, ſeiner Majeſtät und Hoheit. Und Eliſabeth Chriſtine fühlte, daß die Sonne wieder ſcheine, daß ihr Blut wieder glühend durch ihre Adern rieſele, daß ihr Herz wieder ſtürmiſch klopfte, wie das eines jungen Mädchens! Oh, es kennte ja ſein, daß das Auge des Königs, dieſes ſo glänzende, ſo wunderbare Auge, ſich einen Moment, und ſei es auch nur aus Zufall, auf ſie hef⸗ tete, es konnte ja ſein, daß der König, gerührt von ihrer ſchweigenden Reſignation, ihrer klageloſen Erge⸗ benheit, ein freundliches Wort an ſie richtete. Sie war jetzt vier Jahre Königin, ſie trug vier Jahre die Dornenkrone ihrer Majeſtät, und in dieſer ganzen Zeit hatte ihr Gemahl nicht ein einziges Mal den Balſam eines theilnahmvollen Wortes, eines Lächelns auf ihr todtkrankes Herz gelegt! Er hatte bei den Hoffeſten an der Tafel neben ihr geſeſſen, er hatte bei den Hof⸗ bällen und Maskeraden ſogar zuweilen mit ihr den Tanz eröffnet,— niemals aber wieder, ſeit jenem Tage, wo er den erſten und den letzten Kuß auf ihre Lippen gedrückt, niemals wieder hatte er ſeitdem mit ihr geſprochen, niemals war ſie auch hier für ihn etwas Anderes geweſen, als das ſtumme aufgeſchmückte Bild einer Königin, als die inhaltloſe Form einer Frau.*) Und dennoch verzagte Eliſabeth Chriſtine nicht, den⸗ noch hoffte ſie noch immer. Es konnte ja ein Tag *) Der König ſprach niemals mit ſeiner Gemahlin, obwohl er ihr in ſeinem Betragen ſtets alle Ehrfurcht und Rückſicht bewies, und ſehr darauf hielt, daß Niemand an der ihr ſchuldigen Ehrfurcht es fehlen ließ. Nur ein einziges Mal redete der König ſie an. Das war in den ſiebenziger Jahren, als die Königin durch einen unglücklichen Fall ſich den Fuß verletzt hatte, einige Tage vor ihrem Geburtstage, an welchem Tage immer große Cour bei der Königin ſtattfand, bei welcher der König niemals fehlte. Auch diesmal war er gekommen, ſtatt aber, wie ſonſt die Königin mit einer ſtummen Verbeugung zu begrüßen, trat er dicht zu ihr heran und reichte ihr die Hand, indem er theilnahmsvoll ſagte:„ich hoffe und wünſche, daß Ihre Majeſtät von Ihrem Unfall wieder hergeſtellt ſind.“— Ein allgemeines Erſtaunen malte ſich auf den Geſichtern aller An⸗ weſenden, und die arme Königin war ſo erſchüttert von dem uner⸗ warteten Glück dieſer Anrede, daß ſie nicht die Kraft einer Erwie⸗ derung fand. Sie verneigte ſich ſtumm, der König runzelte die Stirn und wandte ſich von ihr ab. Seit jenem Tage, deſſen Glück lich die Königin mit einem gebrochenen Fuß erkaufen mußte, ſprach der König nie wieder mit ihr. — 93— kommen, wo er zu ihr ſprach, wo er ihr vergab, daß ſie ihm als Gemahlin aufgedrungen ſei, ein Tag, wo ihr ſtummer Schmerz und ihre thränenloſe Liebe ihn rührte. Jedes Zuſammenſein mit ihm war alſo für dieſe arme Königin immer eine glückſelige Hoffnung, eine freudevolle Erwartung, und das war es, was ſie aufrecht hielt und ihr die Kraft gab, lächelnd und ſchweigend den Königsmantel über ihre todeswunde Bruſt zu legen. Der König näherte ſich jetzt, umgeben von den königlichen Prinzen, der Königin Mutter, der er mit dem Ausdruck ehrerbietiger Sohnesliebe die Hand reichte, dann verneigte er ſich ſtumm und gleichgültig vor ſeiner Gemahlin und nickte ſeinen beiden Schweſtern einen lächelnden Gruß zu. Meine Damen, ſagte er dann mit ſeiner vollen klangreichen Stimme, erlauben Sie, daß ich Ihnen und dem ganzen Hofe meinen Bruder Auguſt Wilhelm in ſeiner neuen Würde vorſtelle! Er nahm die Hand ſeines Bruders und führte ihn zu der Königin Mutter. Madame, ſagte er, ich ſtelle Ihnen da Ihren Sohn vor, welcher von heute an, wenn Sie wollen, zu gleicher Zeit Ihr Enkel ſein wird. Und wie das, mein Sohn? fragte Sophie Doro⸗ thea. Wie wollen Sie, welcher freilich ſchon ſo viel anſcheinend Unmögliches möglich gemacht hat, wie wol⸗ len Sie es anfangen, daß mein Sohn zugleich mein Enkel werde? Wenn ich ihn zu meinem Sohne mache, ſo wird er Ihr Enkel, Majeſtät! ſagte der König lächelnd. Und da ich ihn zu meinem Nachfolger annehme, ſo heißt das wohl, ihn zu meinem Sohn zu erklären. Umar⸗ men Sie ihn alſo, Maieſtit, und ſein Sie die Erſte, — 94— welche ihn mit ſeinem neuen Titel begrüßt. Meine Mutter, umarmen Sie den Prinzen von Preußen, meinen Nachfolger! Ich thue es, rief die Königin Mutter, ihren Sohn Auguſt Wilhelm umarmend, ich thue es, indem ich Gott bitte, daß er dieſen Titel, welchen es Euere Ma⸗ jeſtät gefallen hat, meinem Sohne zu verleihen, noch lange bei demſelben belaſſen, daß er noch lange der Prinz von Preußen bleiben möge! Bitten Sie vielmehr Gott, Majeſtät, flüſterte der Prinz, indem er ſich vor der Königin neigte, welche ſeine Stirn küßte, bitten Sie vielmehr Gott, daß er mich bald von dieſem Titel erlöſe. Wie, mein Sohn? rief die Königin leiſe und faſt drohend. Sie wünſchen alſo ſehr König zu werden? Sie ſind alſo ehrgeizig genug, nicht zu bedenken, daß Ihnen das Königthum wünſchen, ſo viel heißt, als dem regierenden König den Tod zu wünſchen? Der Prinz lächelte traurig. Wenn ich nicht mehr lange Prinz von Preußen zu ſein wünſche, ſo geſchieht das nicht, weil ich wünſche, die Stufen des Thrones hinaufzuſteigen, ſondern weil ich hinunterſteigen möchte in das Grab, ſagte er, indem er die Hand ſeiner Mut⸗ ter küßte.— Sie denken noch immer ſo, mein Sohn? fragte die Königin. Noch immer, und es iſt heute doch Ihr Ehrentag, und Sie ſind heute Prinz von Preußen ge⸗ worden? 1 Ja, Majeſtät, ſagte er mit einem Anflug von Bit⸗ terkeit, es iſt heute mein Ehrentag, denn es iſt heute der Jahrestag meiner Verlobung. 3 Er wandte ſich um und näherte ſich wieder dem König, welcher ſeine Hand ergriff und ihn zu ſeiner Gemahlin und den Puinzeſſtnen führte, indem er mit — 95— lauter Stimme ſagte: begrüßen Sie den Prinzen von Preußen, meine Damen! Dann winkte er einigen ſeiner Generale und trat mit ihnen in eine Fenſterniſche zurück. Aber indem er an ſeiner Gemahlin vorüberging, ruhte ſein Auge auf ihr mit dem Ausdruck neugieriger Theilnahme, betrach⸗ tete er ſie mit dem forſchenden Auge eines Arztes, der die Sonde in die blutende Wunde ſenkt, um ihre Tiefe und Gefährlichkeit zu ermeſſen. Die Königin fühlte ſehr wohl die Bedeutung dieſes Blickes, ſie begriff ſehr wohl, daß der König mit die⸗ ſem Blick ſie ermahnen wollte zur Standhaftigkeit, zum feſten Ausharren, zur ſtolzen Reſignation. Oh, der König hatte mindeſtens mit ſeinen Augen zu ihr ge⸗ ſprochen. Das war immerhin ein Troſt, eine ſchmerz⸗ lich ſüße Freude! Sie vermochte es daher über ſich, dem Prinzen Auguſt Wilhelm mit einem faſt freudigen Lächeln die Hand zu reichen. Seien Sie mir willkommen in Ihrer doppelten Eigenſchaft, ſagte die Königin laut genug, um von Jedermann, auch von dem König gehört zu werden. Bis heute waren Sie für mich ein geliebter Bruder und jetzt werden Sie auch für mich, was Sie meinem Gemahl ſind, ein Sohn! Da mir denn durch die Fügung des Himmels ein Sohn verſagt iſt,*) ſo nehme ich Sie mit Freuden dazu an, und begrüße Sie als meinen Sohn und meinen Bruder!— Eine tiefe Scttille folgte dieſen Worten. Hier und da ſah man ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln über die Geſichter gleiten, flüſterte man ſich einander einige verſtohlene, bedeu⸗ tungsreiche Worte zu.— Die Königin, indem ſie heute *) Die eigenen Worte der Königin. — 96— dieſen letzten Schlag empfangen hatte, indem ſie in der Fülle ihrer Jugend und ihrer Schönheit die Demü⸗ thigung erleiden mußte, für unfähig erachtet zu wer⸗ den, dem Thron einen Nachfolger gebären zu können, die Königin wollte mindeſtens den Schein retten. Sie wollte mindeſtens die Welt glauben machen, daß es nur„die Fügung des Himmels“ geweſen, welche ſie der Ehre und der Würde der Mutterſchaft beraubt hatte, ſie hatte den grauſamen Muth, ihre Zurückſetzung unter einer Lüge zu verbergen.— Aber die lauernden Augen der Hofleute hatten lange ſchon das Geheimniß dieſer königlichen Ehe durchſchaut, ſie wußten lange ſchon, daß die Königin nicht die Gemahlin ihres Ge⸗ mahls ſei, und es war deshalb, daß ihre Worte ein ſo allgemeines Erſtaunen, eine ſo ſpöttiſche Verwun⸗ derung erregten. Aber Eliſabeth Chriſtine achtete nicht darauf; ſie ſah hinüber nach ihrem Gemahl, welcher ſeine Augen auf ſie gerichtet hatte und in deſſen Mienen ſie jetzt leſen wollte, ob er zufrieden mit ihren Worten gewe⸗ ſen. Ein leiſes Lächeln umſpielte die Lippen des Kö⸗ nigs, und unmerklich neigte er das Haupt, ſeine Ge⸗ mahlin zu grüßen.— Nun flog es wie heller Son⸗ nenglanz über ihr Antlitz, und ein Ausdruck ſtrahlenden Glückes leuchtete von ihrem Angeſicht. Es war das zweite Mal heute, daß ihre Blicke denen ihres Gemahls begegnet waren, und beide Male hatten dieſe Blicke zu ihr geſprochen! Die Königin fühlte ſich daher heute ſo froh und glücklich, wie ſie es lange nicht geweſen. Sie lachte und ſcherzte mit den Damen ihrer Umgebung, und unterhielt ſich mit ihnen über das heute Abend noch bevorſtehende Ereigniß, über das erſte Auftreten der Signora Barberina.— Währenddeß empfing der Prinz Auguſt Wilhelm die Glückwünſche des Hofes, die er indeß nur mit einem ſchwermüthigen Lächeln und mit kalten, gleich⸗ gültigen Worten entgegennahm. Dann, nachdem die Ceremonie vorüber war, löſte ſich die glänzende Hof⸗ geſellſchaft in einzelnen Gruppen auf, welche plau⸗ dernd, ſchäkernd und lachend ſich hier und dort ver⸗ theilten, während die beiden Königinnen ſich zum Spiel niedergeſetzt hatten. Auch die Prinzeſſinnen unterhielten ſich ungezwun⸗ gen und heiter mit den Damen, welche indeß bemer⸗ ken wollten, daß eine Wolke auf der Stirn der jün⸗ gern Prinzeſſin lagere, und daß ſie heute in einer ungewöhnlich gereizten Stimmung ſich befand. Als jetzt der Ober⸗Ceremonienmeiſter von Pöllnitz ſich ihr mit dem ſchwediſchen Geſandten, dem Grafen Teſſin, nahete, nahmen ihre Züge einen ſo finſtern, zornigen Ausdruck an, daß ſelbſt Herr von Pöllnitz kaum den Muth fand, ihr den Grafen vorzuſtellen. Ah, Sie kommen aus Schweden, mein Herr! rief Amalie, als die Repräſentation erfolgt war. Schwe⸗ den iſt ein häßliches, finſteres Land, und gewiß haben Sie ſehr wohl gethan, ſich aus demſelben nach unſerm ſonnigen und fröhlichen Deutſchland zu retten. Der Geſandte Schwedens blickte ſie verwundert an. Euere königliche Hoheit nennen das eine Ret⸗ tung? fragte er. Demzufolge bedauern Sie diejeni⸗ 2 gen, welche in meinem Vaterlande leben? Ich glaube nicht, daß ich nöthig habe dem Herrn Grafen Teſſin meine Anſichten darüber anzuvertrauen, ſagte Amalie mit einem kurzen, rauhen Lachen. Dooch, meine Schweſter, Du haſt das ſehr nöthig! rief Prinzeſſin Ulrike mit einem bezaubernden Lächeln. Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. I. 7 — 98— Du mußt Dich rechtfertigen dem Herrn Grafen gegen⸗ über, denn Du haſt ſein ſchönes Vaterland angegriffen. Ah, Euere königliche Hoheit geruhen mein Vater⸗ land beſſer zu würdigen, ſagte der Graf, ſich tief ver⸗ neigend. Es iſt wahr, Schweden iſt reich an Schön⸗ heiten, und nirgends iſt die Natur romantiſcher und lieblicher zugleich. Deshalb wird es auch ſo ſehr von allen Schweden geliebt, daß man von ihnen ſagen kann, wie von den Schweizern, ſie ſterben vor Sehn⸗ ſucht, wenn ſie fern ſind von der Heimath, ſie verge⸗ hen vor Schmerz, wenn Jemand grauſam genug iſt, ihr Vaterland gering zu ſchätzen. Nun, mein Herr! Ich habe dieſe Grauſamkeit, rief Amalie, und ich denke nicht, daß Sie deshalb vor Schmerz vergehen werden! Du biſt heute ſehr mißgelaunt, meine Schweſter! ſagte Prinzeſſin Ulrike ſanft. Und Du ſehr weiſe, mich darauf im ächten Hof⸗ meiſterſtyl aufmerſam zu machen, rief Amalie. Man ſollte denken, daß meine Schweſter die Rolle einer Gouvernante bei mir übernommen hätte. Ulrike zuckte die Achſeln und wandte ſich wieder an den Grafen Teſſin, der mit einem Gemiſch von Erſtaunen und Aerger dieſe junge Prinzeſſin betrach⸗ tete, welche man dem ſchwediſchen Hofe als ein Mu⸗ ſterbild von Sanſtmuth, Liebenswürdigkeit und Grazie geſchildert hatte, und die er jetzt ſo rauh und wider⸗ willig, ſo launenhaft kindiſch fand Indeß verſtand es Prinzeſſin Allrike, den Gedanken des Grafen ſehr bald eine andere Richtung zu geben, und ihn in einer geiſtreichen, pikanten Unterhaltung an ſich zu feſſeln. Sie ließ alle Funken ihres Geiſtes ſprühen, ſie war herablaſſend gütig, ſie mäßigte ihr ſtolzes Naturell zu einer gewinnenden Sanftmuth, und „ — 99— wußte dem Grafen auf eine ſo feine Weiſe zu ſchmei⸗ cheln, daß er nur in dem angenehmen Wohlbehagen, welches ſein ganzes Weſen erfüllte, die Wirkung die⸗ ſer bezaubernden Nahrung der Eitelkeit fand, ohne ihr Daſein gewahr zu werden. Weder die Prinzeſſin noch auch der Graf ſchienen mehr auf dieſe kleine Amalie zu achten, welche mit verdrießlichem Geſicht neben ihnen ſtand.— Dieſen Moment benutzte Herr von Pöllnitz, um ſich ihr mit ſeinem Schützling, dem jungen Herrn von Trenck, zu nähern und ihr denſelben vorzuſtellen. Amaliens Geſicht nahm jetzt einen heitern, lachen⸗ den Ausdruck an. Sie wollte dem Geſandten Schwe⸗ dens eine neue Probe ihres launenhaften, wetterwen⸗ diſchen Charakters geben, ſie wollte ihn beleidigen, in⸗ dem ſie ihm bewies, daß ſie nicht gegen Jedermann ſo hart und verdrießlich ſei. Sie empfing daher die beiden Herren mit einem freundlichen Gruß und lachte mit ihnen über das ſeltſame Abenteuer dieſes Morgens, indem ſie ihnen in heiterer und ſcherzhafter Weiſe die Veranlaſſung erzählte, weshalb ſie die Roſen fortgeworfen. Sie war jetzt ſo ſchön und anmuthig anzuſchauen, ſie war ſo ſtrahlend von Jugend, Lieblichkeit und Un⸗ ſchuld, daß der arme junge Officier ſeine Augen wie geblendet zu Boden ſchlug, und ganz betäubt, ganz verwirrt ſich nur einſilbig und ſchüchtern in die Un⸗ terhaltung miſchte.. Dem auflauernden Auge des Oberkammerherrn entging das nicht. Ich werde mich zurückziehen, dachte er, ich werde ihnen ein erſtes téte à téte bereiten, und indem ich ſie aus der Ferne beobachte, werde ich ermeſſen können, ob mein Plan gelingen kann.— Und ſich mit einer Pflicht ſeines Dienſtes entſchuldi⸗ — 100— gend, zog ſich Herr von Pöllnitz zurück, um dann in eine Fenſterniſche zu ſchleichen und hinter der Gardine verſteckt die Angeſichter der Beiden zu beobachten. Er hatte ganz richtig bemerkt. Die Nothwendig⸗ keit, jetzt ſich mehr an der Unterhaltung mit der Prin⸗ zeſſin zu betheiligen, gab dem jungen Officier ſeinen Muth und ſeine Lebhaftigkeit wieder, und in dem Be⸗ ſtreben, ſeine Schüchternheit zu unterdrücken, nahm ſein Weſen vielleicht eine zu leidenſchaftliche Innigkeit, einen zu feurigen Ausdruck an. Aber Prinzeſſin Amalie achtete nicht darauf. Sie dachte nur daran, daß ſie ſich dem ſchwediſchen Ge⸗ ſandten ſo heiter und liebenswürdig als möglich An⸗ dern gegenüber zeigen wolle, um ihm den Abſtand ihres Betragens gegen ihn deſto fühlbarer zu machen, um ihm zu zeigen, wie herablaſſend gütig und liebe⸗ voll ſie zu ſein vermöchte. Der Graf beobachtete ſie allerdings, indem er ſich mit der Prinzeſſin Ulrike unterhielt. Er ſah ihr ent⸗ gegenkommendes Lüächeln, ihre ſtrahlenden Augen, ihre vielleicht ein wenig zu weit getriebene Freundlichkeit gegen dieſen jungen Officier, mit dem ſie ſich unterhielt. Sie iſt launenhaft und coquett, ſagte er zu ſich ſelber, während er ſeine Unterhaltung mit dieſer geiſt⸗ reichen, feinen und ächt mädchenhaften Prinzeſſin Ul⸗ rike fortſetzte. Die große, und wie geſagt, ein wenig zu weit ge⸗ triebene Freundlichkeit der Prinzeſſin machte indeß den jungen Officier immer leidenſchaftlicher, immer ver⸗ wegener. Ich habe Euere königliche Hoheit um eine Gnade zu bitten, ſagte er jetzt mit gedämpfter Stimme. Laſſen Sie hören, mein Herr, erwiederte ſie, in⸗ dem ein ſeltſames, unerklärliches Bangen ihr Herz — 101— höher klopfen machte und ihr das Blut in die Wan⸗ gen trieb. Ich habe es gewagt, einige dieſer Roſen, welche Sie in den Garten warfen, aufzuraffen. Es war ein frevelhafter Diebſtahl, ich weiß es, aber ein Zauber hielt mich umſtrickt, indem ich es that, und ich würde ſie in jenem Moment freudig mit meinem Blute be⸗ zahlt haben. Oh, wenn Euere königliche Hoheit wüß⸗ ten, mit welchem Entzücken ich, als ich endlich allein war auf meinem Zimmer, deſſen Thür ich hinter mir verſchloſſen hatte, dieſe Blumen betrachtet habe, wie ich vor ihnen gekniet habe, um ſie anzubeten, kaum wagend mit meinen Lippen dieſe Blumen zu berüh⸗ ren, welche mich an ein Lieblingsmährchen meiner Kindheit erinnerten! Wie, an ein Mährchen erinnerten Sie dieſe Ro⸗ ſen? fragte Amalie. Erzählen Sie mir dieſes Mähr⸗ chen, denn Sie müſſen wiſſen, daß ich noch ſo ſehr kin⸗ diſch bin, die Mährchen zu lieben. Es iſt das Mährchen von dem armen Hirtenkna⸗ ben, welcher einſam und verlaſſen unter einem Baume auf der Landſtraße eingeſchlafen war, indem er zuvor Gott gebeten hatte, ſich ſeiner zu erbarmen, dieſe troſt⸗ loſe Oede ſeines Herzens auszufüllen, oder ihn durch den Tod von ſeiner Herzenseinſamkeit zu erlöſen. Als er aber eingeſchlafen war, hatte er einen wundervollen Traum. Es war ihm, als ob der Himmel ſich über ihm öffne und ein Engelsbild von zauberhafter Lieb⸗ lichkeit und Schönheit ſchwebte zu ihm hernieder und ſah ihn an mit Augen, welche wie himmliſche Sterne leuchteten.„Du ſollſt nicht mehr einſam ſein, flüſterte die Geſtalt, denn mein Bild ſoll in Deinem Herzen wohnen, und Dich anfeuern und begeiſtern zu allem Guten und Schönen.“ Und indem ſie das ſagte — 102— legte ſie eine wundervolle Roſe über ſeine Augen hin, dann ſchwebte ſie wieder empor und verſchwand in dem Himmel. Der arme Hirtenknabe erwachte, noch ganz verzückt über das, was er nur geträumt zu ha⸗ ben vermeinte. Da fand er die Roſe und indem er ſie jauchzend an ſein Herz drückte, dankte er Gott für dieſes Zeichen, welches ihm bewies, daß, was ihn entzückte, kein Traum, ſondern Wirklichkeit geweſen. Die Roſe, das ſichtbare Bild ſeines Engels, ward der Troſt und die Frende ſeines Lebens, und er trug ſie immer auf ſeinem Herzen.— An dieſes Mährchen, Prinzeſſin, dachte ich, als ich meine herrliche Roſe an⸗ betend betrachtete, aber ich fühlte zugleich, daß ich die⸗ ſelbe nicht ohne Einwilligung Euerer königlichen Ho⸗ heit mir aneignen dürfe. Prinzeſſin, richten Sie alſo jetzt über mich! Darf ich dieſe Roſen behalten? Prinzeſſin Amalie antwortete nicht. Sie hatte mit einer ſeltſamen, nie gefühlten Beklommenheit, mit einem ſüßen Schauder ihm zugehört! Sie hatte Alles vergeſſen, Alles! Sie war nicht mehr die Prinzeſſin, ſie war nur ein junges Mädchen, welches zum erſten Male die feurige Sprache der Leidenſchaft vernahm, und deren Herz davor erbebte in einem ſüßen Schrecken, einer ſeligen Beklommenheit. Prinzeſſin, darf ich dieſe Roſen behalten? wieder⸗ holte Friedrich von Trenck mit leiſer zitternder Stimme. Sie ſah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten ſich. Das junge Mädchen erbebte und ein Schauder durch⸗ rieſelte ihre ganze Geſtalt, der junge Mann aber richtete ſich höher auf, er fühlte ſich ſtolz, mächtig und gewaltig. Seine Blicke waren wie die eines Adlers, der im Begriff iſt, das Lamm mit ſich in die Höhe zu entführen! Er geht zu weit, wahrhaftig er geht zu weit, 5 — 103— flüſterte Herr von Pöllnitz, welcher Alles geſehen, und aus den Mienen der Beiden ihre Worte und Gedan⸗ ken geleſen hatte. Ich muß dieſem téte à téte ein Ende machen, und ich will es auf eine wirkſame Weiſe thun! Darf ich dieſe Roſen behalten? fragte Friedrich von Trenck zum dritten Mal. Amalie wandte ihr Haupt abe und flüſterte: be⸗ halten Sie ſie! Trenck wollte antworten, als ſich plötzlich eine Hand auf ſeinen Arm legte, und Herr von Pöllnitz neben ihm ſtand. Still, flüſterte er raſch und ängſtlich. Sehen Sie denn nicht, daß man Sie beobachtet! Ach, Sie wer⸗ den machen, daß Ihre wahnſinnige und verbrecheriſche Leidenſchaft heute noch das Mährchen des ganzen Ho⸗ fes wird. Amalie ſtieß einen leiſen Schrei aus und blickte Pöllnitz angſtvoll und entſetzt an. Sie hatte Alles gehört, und der ſchlaue Baron wußte das ſehr wohl. Königliche Hoheit, flüſterte er, verabſchieden Sie dieſen Tollkopf, und überlaſſen Sie es mir, ihm die Vernunft wieder mit kalten Umſchlägen zu erwecken. Gehen Sie, Herr von Trenck, ſagte Amalie leiſe. Pöllnitz nahm den Arm des jungen Mannes und zog ihn mit ſich fort, indem er frohlockend zu ſich ſelber ſagte: Der Coup war ſehr geſchickt angelegt und mein Plan wird reüſſiren. Ich habe ihr ſeine Lei⸗ denſchaft verrathen und mich zugleich als Vertrauten derſelben declarirt. Sie wird mich bald als postillon d'amour gebrauchen, und das iſt bei Prinzeſſinnen immer ein einträgliches Amt. Ach, König Friedrich! Sie wollten es mir unmöglich machen, Geld zu leihen! Nun, ich werde das vielleicht nicht nöthig haben, ich — 104— werde mit vollen Händen aus der königlichen Kaſſe ſchöpfen, denn wenn die Kaſſe der Prinzeſſinnen leer iſt, wird der König ſie wieder füllen müſſen! Und Herr von Pöllnitz lachte ſo laut, wie es ſich kaum für einen Ober⸗Ceremonienmeiſter ſchicken möchte.— VIII. Signora Barberina. Prinzeſſin Amalie ſah den beiden Herren mit träu⸗ meriſchen Blicken nach, und einem unwiderſtehlichen Verlangen des Alleinſeins, des ungeſtörten Nachſinnens nachgebend, wollte ſie ſich eben entfernen, als Prin⸗ zeſſin Ulrike, welcher es nöthig ſchien, daß der ſchwe⸗ diſche Geſandte noch ein wenig länger die unliebens⸗ würdige Laune ihrer Schweſter bewundern könne, ſie zurückrief. Bleib noch ein wenig, Amalie, ſagte die Prinzeſſin. Du ſollſt Schiedsrichterin ſein in einem Steit zwi⸗ ſchen mir und dem Herrn Geſandten. Herr Graf, nehmen Sie dieſe Schiedsrichterin an? Graf Teſſin verneigte ſich. Ohne Zweifel würde es für mich eine große Ehre ſein, wenn die Prin⸗ zeſſin dieſe Gnade haben wollte. Vielleicht würde ich dies Mal glücklicher ſein der Prinzeſſin gegenüber, als— Es ſcheint ir, unterbrach ihn Amalie kühl, es ſcheint mir, daß Sie einer Prinzeſſin von Preußen — 105— gegenüber niemals weder glücklich noch unglücklich ſein könnten. Indem ſie ſich dann an ihre Schweſter wandte, warf ſie ihr einen Blick zu, welcher fragte: nun, ſpiele ich meine Rolle nicht meiſterhaft? Beeile ich mich nicht, Deinen Rathſchlägen nachzukommen? Laß jetzt hören, meine Schweſter, ſagte ſie. Was iſt es, worin der Herr Geſandte Dir zu widerſpre⸗ chen wagt? Oh, er hat wohl ein Recht das zu wagen, denn er iſt ein Mann und ein Gelehrter, ſagte Ulrike mit einem anmuthigen Lächeln. Wir ſtreiten darüber, wer größer geweſen, die Königin Eliſabeth von England, oder die Königin Chriſtine von Schweden. Ich be⸗ haupte, daß Chriſtine ein ſtärkerer, männlicherer Geiſt war, daß ſie es mehr verſtand ihre Launen zu be⸗ ſiegen und ihrer weiblichen Schwächen Herr zu wer⸗ den, daß ſie eine tiefere wiſſenſchaftlichere Bildung hatte, und nicht die Wiſſenſchaft, wie Eliſabeth, nur begünſtigte, um damit zu glänzen, ſondern aus dem innerſten Bedürfniß von ihr zu lernen. Der Herr Graf aber meint, daß Eliſabeth ein beſſerer Staats⸗ mann und eine liebenswürdigere Frau geweſen ſei. Erkläre Du Dich jetzt, meine Schweſter? Welcher dieſer beiden Königinnen giebſt Du den Vorzug? Nun, ohne Zweifel der Königin Chriſtine von Schweden, ſagte Amalie. Dieſe Frau beſaß Verſtand⸗ genug, die Krone Schwedens nicht für ein beneidens⸗ werthes Kleinod zu halten; ſie zog es vor, lieber ſich in Armuth und Dunkelheit zurückzuziehen und als eine einfache Frau in dem ſchönen Italien zu leben, denn als Königin in dem kalten unwirthbaren Schweden zu bleiben. Das war in der That ſehr weiſe von dieſer klugen Königin, und Du haſt ganz recht, meine — 106— Schweſter, Königin Chriſtine war die größere der Frauen, eben weil ſie aufhörte, Königin von Schwe⸗ den zu ſein. 4 So ſprechend neigte die Prinzeſſin kaum merklich den Kopf und wandte ſich dann ab, um die Frau von Kleiſt zu ſich zu winken, und mit ihr ein heiteres und fröhliches Geſpräch zu beginnen. Der Geſandte Schwedens ſah ihr mit finſtern zor⸗ nigen Blicken nach und preßte die Lippen heſtig auf⸗ einander, wie um einen Ausruf des Zorns zu unter⸗ drücken. Ich bitte Sie, Herr Graf, ſagte Ulrike leiſe und ſanft, nehmen Sie keinen Anſtoß an den unfreund⸗ lichen Worten meiner kleinen lieben Schweſter. Sie iſt heute ein wenig rauh und abſtoßend, das iſt wahr, aber Sie werden ſehen, morgen ſchon hat ſie vielleicht wieder ihren heitern und ſonnenhellen Tag, und iſt von einer unwiderſtehlichen Liebenswürdigkeit. Das wechſelt immer ſehr raſch bei ihr, und wir nennen die Prinzeſſin deshalb immer unſere kleine Aprilfee. Ah, die Prinzeſſin Amalie iſt alſo launenhaft, wie der April? fragte der Geſandte mit einem froſtigen Lächeln. Mehr noch als der April, rief Ulrike lachend. Aber, was wollen Sie, Herr Graf, wir Alle, wir, ihre Brüder und Schweſtern tragen die Schuld daran. Denn Sie müſſen wiſſen, daß wir ſie verwöhnt ha⸗ ben, und daß ſie unſer Aller Liebling iſt. Ich rathe Ihnen alſo, meiner theuren kleinen Schweſter nicht zu zürnen, denn das würde heißen uns Alle zu beſchul⸗ digen. Sie haben heute einen Regenſchauer ihrer Aprillaune empfangen, aber es iſt möglich, daß Sie morgen ſchon im vollſten Sonnenſchein ihrer Gunſt ſich wärmen können. —,— — 107— Ich würde doch ängſtlich ſein, das zu verſuchen, ſagte der Graf kühl; denn Euere königliche Hoheit wiſſen, daß auf den Aprilſonnenſchein auch ſehr leicht wieder Regen und Sturm folgt, und ſolcher Wechſel der Temperatur erkältet ſehr. Erlauben Sie mir eine Bitte, ſagte Prinzeſſin Ul⸗ rike halbleiſe. Laſſen Sie den König nicht ahnen, daß Sie ſchon ein wenig von dieſem Aprilwetter ge⸗ litten haben. Gewiß nicht, Prinzeſſin, und wenn mir Euere königliche Hoheit nur geſtatten wollen, mich noch ein wenig in dem heitern Sonnenſchein Ihrer Nähe er⸗ quicken zu dürfen, ſo werde ich bald wieder von dieſem kleinen Regenſchauer des Aprilwetters gene⸗ ſen ſein. Nun, ich denke, wir haben Beide unſere Rolle gut geſpielt, ſagte Prinzeſſin Ulrike zu ſich ſelber, als ſie im Lauf des Abends während der franzöſiſchen Thea⸗ teraufführung Zeit fand, ein wenig über die Begeben⸗ heiten dieſes Tages nachzudenken. Amalie wird ihren Zweck erreichen und nicht Königin von Schweden werden. Sie hat es ſo gewollt, und ich habe mir alſo keine Vorwürfe zu machen. Und Prinzeſſin Ulrike lehnte ſich behaglich in ihren Lehnſeſſel zurück und wandte ihre Aufmerkſamkeit wie⸗ der den Schauſpielern zu, welche heute Voltaire's Oedipe vor dem Hofe aufführten. Dieſe Aufführung fand, wie geſagt, auf dem klei⸗ nen Theater im königlichen Schloſſe ſtatt. Denn ein Schauſpielhaus gab es nicht in Berlin, und das große und weite Opernhaus war von dem König mit Recht als ungeeignet erklärt zu Aufführungen des recitiren⸗ den Drama's. Der König, welcher ſonſt dieſen Darſtellungen — 108— 2 2; mmmer mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu folgen pflegte, ſchien indeß heute unruhig und ungeduldig zu ſein, und begleitete dieſes pikante und geiſtvolle Drama ſeines Lieblingsſchriftſtellers weniger mit ſeinem Bei⸗ fall, wie man das ſonſt an ihm gewohnt war. Das kam daher, der König wartete. Er hatte in ſeinem königlichen Stolz ſeine ungeduldige Neu⸗ gierde ſo weit beherrſchen können, daß er den Anfang der Theaterdarſtellung auch nicht um Eine Minute früher als ſonſt befohlen hatte, auch war er nicht, wie ſonſt zuweilen, ſchon vor Beginn der Aufführung hin⸗ ter die Scene gegangen, um einige ermunternde und freundliche Worte an die Schauſpieler zu richten, oder ſie zu ermahnen, dieſe oder jene ſeiner Lieblingsſtellen recht gut und künſtleriſch fein darzuſtellen.— Jetzt aber, jetzt wartete der König, jetzt fühlte er eine fie⸗ berhafte Ungeduld, endlich dieſe gefeierte capriciöſe 4 Schönheit, dieſe vielbewunderte Künſtlerin zu ſehen, endlich mit ſeinen eigenen Augen zu ſchauen, ob dieſe Signora Barberina wirklich das bezaubernde Weſen ſei, als welches alle Welt ſie verherrlichte. Endlich fiel der Vorhang des erſten Actes. Wenige Minuten, und dieſer Vorhang mußte ſich wieder he⸗ ben, und man ſollte endlich dieſe Signora Barberina in einem ihrer berühmten Soli tanzen ſehen. Eine athemloſe Stille herrſchte in dem Saal, aller Augen 3 waren ſtarr nach dem Vorhang gerichtet, Jeder harrte. mit peinlicher Ungeduld des Moments, wo dieſer ſich 3 endlich heben würde. 3 Endlich jetzt ertönte die Klingel. Der Vorhang 4 flog in die Höhe; man ſah auf der Bühne eine länd⸗ liche Scene, eine von Hütten umgebene Dorfkirche im Hintergrund, Roſengebüſch und belaubte Bäume an den Seiten⸗Couliſſen. Die Sonne, im Untergehen be⸗ — — —,— — 109— griffen, beleuchtete die Gipfel der Berge, an welche das Dorf ſich lehnte, die ferne leiſetönende Abend⸗ glocke ſchien die Hüttenbewohner zum Ave Maria zu rufen. Es war ein allerliebſtes Bild ländlichen Friedens und unſchuldiger Natureinfalt, ein Bild, das ſeltſam contraſtirte zu dieſer glänzenden, von Ordensſternen und Brillanten funkelnden Hofgeſellſchaft, welche ihm gegenüber ſich befand, und in ſo ſtrahlender Weiſe den Gegenſatz dieſer Idyllee darſtellte. Und jetzt ging es wie ein electriſcher Schlag durch dieſe ganze auserleſene Geſellſchaft. Da auf der Bühne war ſie erſchienen, da ſchwebte ſie heran, die Signora Barberina! Der König, welcher ſich Anfangs unwillkührlich ein wenig höher in ſeinem Fauteuil aufgerichtet hatte, um die Signora beſſer ſehen zu können, lehnte ſich jetzt, gleichſam beſchämt von ſeiner eigenen Ungeduld, wieder in den Seſſel zurück. Es lagerte ſich wie eine Wolke auf ſeiner hohen Stirn, und er preßte die Lip⸗ pen feſt aufeinander, wie im Unwillen oder Zorn.— Der König fühlte ſich faſt beängſtigt und bedrückt von dieſer zauberhaften Schönheit, und Er, welcher mehr als einmal ſchon dem Tode muthig in's Auge ge⸗ ſchaut, und ohne nur mit der Wimper zu zucken die tödtlichen Kugeln um ſich her hatte fliegen ſehen, er einpfand jetzt einen unbeſtimmten Schrecken, eine bange Unbehaglichkeit!. 4 „Sie war ſchön, zauberhaft ſchön in dieſer reizen⸗ den und maleriſchen Tracht einer Hirtin, in dieſem dunkelrothen Atlasgewande, mit dieſem ſchwarzen Sam⸗ metmieder, das über ihrer ſchönen Büſte mit goldenen Schnüren, an deren Enden Quaſten von Brillanten funkelten, zuſammengehalten war. Ein Kranz von pur⸗ — 110— purrothen Roſen ſchmückte ihr Haar, das zu beiden Seiten ihrer hohen, wundervollen Stirn in langen Locken hernieder rieſelte, und das reine und vollendete Oval ihres Angeſichtes wie mit einem dunklen Rah⸗ men einfaßte. Ihre zarten Wangen waren von einem leiſen Roſenſchimmer überhaucht, gegen den das volle und dunkle Incarnat ihrer ſchwellenden üppigen Lip⸗ pen um ſo mächtiger hervortrat. Wenn ſie lächelte, ſo war das wie eine köſtliche Verheißung berauſchen⸗ den Liebesglückes, und wenn dieſe großen, feurigen, ſchwarzen Augen ernſthaft blickten, ſo lag in ihnen eine ſolche Tiefe und Gewalt der Leidenſchaft, eine ſolche machtvolle, intenſive Gluth, daß man wohl fühlte, dieſe Frau verſtehe es, glühend zu haſſen, oder auch glühend zu lieben. Heute aber wollte ſie mit ihren Blicken weder dro⸗ hen, noch anfeuern. Sie war nur das lächelnde, glück⸗ ſtrahlende Landmädchen, welches freudetrunken in ihre Heimath zurückkehrt, und ihr Entzücken in flatternden Tänzen und dann wieder in ſtillem Ruhen, Anſchauen und Sinnen ausdrückt. Wie eine Libelle flog ſie umher, lächelnd, freude⸗ trunken, wunderbar anzuſchauen in ihrer Lieblichkeit und Schönheit, bewundernswürdig in ihrer Kunſtfer⸗ tigkeit, welche um ſo größer war, je weniger ſie die Schwierigkeiten ahnen ließ, welche ſie mit ſo ſpie⸗ lender Leichtigkeit ausführte. Der Tanz war zu Ende. Barberina, athemlos, glühend und lächelnd, verneigte ſich. Dann, als Alles ſtill blieb, als keine Hand ſich rührte, kein Beifallsruf ertönte, ließ ſie ihre großen brennenden Blicke wie eine drohende Frage über den Saal hinblitzen, und das Haupt ſtolz und trotzig zurückwerfend, trat ſie zurück. — 111— Der Vorhang fiel, und jetzt richteten ſich Aller Blicke auf den König, in deſſen Angeſicht man den Eindruck leſen wollte, welchen die Signora auf ihn gemacht. Aber das Antlitz des Königs war hente un⸗ ergründlich. Es war ſtill und ruhig ſinnend, nur auf ſeiner Stirn lagerte eine leiſe Wolke, und ſeine Lippen waren ein wenig feſter als ſonſt zuſammen⸗ gepreßt. Die Höflinge, welche das ſahen, ſchloſſen daraus auf die Unzufriedenheit des Königs und begannen dem⸗ zufolge die Köpfe zu ſchütteln und ſich tadelnde Be⸗ merkungen und mißbilligende Ausrufe zuzuflüſtern. Der König achtete nicht darauf. Er war in die⸗ ſem Moment nicht der König, nicht der Herr und Gebieter, er war nur ein Mann; ein Mann, welcher ſtaunend und in ſtiller Verzückung das göttliche Wun⸗ der reiner Frauenſchönheit vor ihm ſich offenbaren ſah. Der König, eben weil er ein Held war, erbebte vor dieſem Wunder, das er nicht begriff, und das lhu deshalb mit einer Art Schrecken und Grauen er⸗ füllte. 4 Der Vorhang ward wieder aufgezogen und der zweite Act des Drama's begann. NNiiemand achtete darauf, Niemand hatte jetzt Siun für dieſes geſprochene Gedicht, nachdem man eben erſt ein lebendiges, liebeathmendes Gedicht vor ſich geſehen. Jedermann war daher froh, als der zweite Act zu Ende war und der Vorhang niederrollte, um ſich bald wieder zu dem Tanz der Barberina zu erheben. Aber das geſchah nicht. Eine Pauſe trat ein, eine erwartungsvolle, athemloſe Pauſe. Die Klingel ertönte nicht, der Vorhang hob ſich nicht, und jetzt näherte ſich der Baron von Sweerts, welcher ſo eben von der Bühne kam, dem König mit beſtürztem Geſicht. Sire, ſagte er leiſe, die Signora Barberina erklärt, nicht mehr tanzen zu können; ſie ſei noch zu ermüdet von der Reiſe, zu angegriffen von den vielen Gemüths⸗ bewegungen. Gehen Sie und ſagen Sie ihr, daß ih befehle, weiter zu tanzen, ſagte Friedrich, in welchem der Kö⸗ nig jetzt lauter ſprach, als der Mann, und der ſich faſt glücklich fühlte, dieſer Zauberin, welche ihn eben ſo umſtrickt gehalten, jetzt zürnen zu müſſen. Herr von Sweerts eilte wieder auf die Scene, bald aber kehrte er traurig und niedergeſchlagen zu dem König zurück. Majeſtät, die Signora erklärt, ſie werde nicht tan⸗ zen, und der König habe nicht die Macht, ihre Füße tanzen zu machen, wenn ſie nicht wollten. Ah, das iſt eine Drohung! ſagte der König mit drohendem Ton, und ohne ein Wort weiter zu ſagen, ſtand er auf und begab ſich eilig hinter die Bühne, gefolgt von dem Directeur des spectacles, dem Baron von Sweerts. Wo iſt die Perſon? fragte der König, als ſie jetzt hinter der Bühne ſich befanden. Sire, ſie iſt in ihrer Garderobe. Wenn Enere Majeſtät befehlen, werde ich ſie rufen. Nicht doch, ich will ſelber zu ihr gehen! Zeige Er mir den Weg! Und der König ließ den Baron vorangehen, uum Zeit zu haben, ſich zu ſammeln und eine ruhige und 4 ernſte Haltung anzunehmen. 4 Sire, hier befinden wir uns vor der Garderobe der Signora. Oeffne Er! — 113— Aber ehe der Baron noch Zeit hatte, den Befehl zu erfüllen, hatte die ungeduldige Hand des Königs ſchon die Thür aufgeſtoßen, und er trat ein. XI. Der Rönig und die Tänzerin. Die Barberina ruhte halbausgeſtreckt, ganz in ſich zuſammengeſunken auf dem kleinen dunkelrothen Divan. Die Arme über der Bruſt gekreuzt, wie eine Odaliske, die flammenden, gluthſprühenden Augen auf den Ein⸗ tretenden gerichtet, verharrte ſie in ihrer trotzigen Be⸗ wegungsloſigkeit, ihrer geſchloſſenen Ruhe. Sie hatte den Blick einer Pantherin, welche eben zu einem Sprunge ſich bereitet und ihren Feind entweder tödten oder von ihm getödtet werden will. Der König ſtand einen Augenblick ſtill und wartete. Aber die Barberina rührte ſich nicht. Der Baron Sweerts, entſetzt über dieſes ungebühr⸗ liche und reſpectwidrige Betragen der Tänzerin, nä⸗ herte ſich ihr, um ihr zu ſagen, daß es der König ſei, welcher ihr die Gnade eines Beſuches erzeige. Aber Friedrich winkte ihm, ſich zurückzuziehen, und um nicht von der Signora verſtanden zu werden, ſagte er deutſch: Geh Er, und erwarte Er mich im Corridor. Es iſt nicht nöthig, daß die Signora weiß, mit wem ſie es zu thun hat.— Baron Sweerts entfernte ſich mit einer Verbeu⸗ gung, als er aber die Thür des kleinen Zimmers hin⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. T. 8 7* 4 — 114— ter ſich zudrücken wollte, ſagte der König gebieteriſch: die Thür bleibt offen! Die Barberina lag noch immer unbeweglich da; ihre großen dunklen Augen waren forſchend von einem der beiden Herren zu dem andern geflattert, ſie hatte verſucht, in ihren Mienen die Bedeutung dieſer Worte zu leſen, welche ſie nicht verſtand, aber ſie that das ganz ohne Aengſtlichkeit und Beklommenheit; ſie fühlte ſich durchaus nicht wie eine Schuldige, eine Rebellin, ſondern ſie hatte die Miene einer ſtrengen Königin, welche eine von ihr erflehete Gnade nicht gewähren will. Der König trat jetzt dicht zu ihr heran; ihr Auge heftete ſich mit unausſprechlicher ernſter Ruhe auf ſein Angeſicht, und dieſes einem König ſehr ungewohnte Anblicken machte Friedrich faſt verwirrt, indem es ihn zugleich ergötzte. Sie ſind alſo feſt entſchloſſen, heute Abend nicht mehr zu tanzen? fragte der König. Feſt entſchloſſen! ſagte ſie mit ihrer wundervollen, ſonoren Stimme. Hüten Sie ſich! Hüten Sie ſich! rief der König und wider ſeinen Willen konnte ſeine Stimme nicht den drohenden Ausdruck annehmen, den er ihr zu geben wünſchte. Der König wird Sie zu zwingen wiſſen!. Mich zwingen! Mich, die Barberina! ſagte ſie mit eeinem ſpöttiſchen Lächeln, das indeſſen zwei Reihen wundervoller Zähne ſehen ließ. Und wie wird es der König anfangen, mich zum Tanz zu zwingen? Nun! Sie ſollten doch überzeugt ſein, daß der Kö⸗ nig ein wenig Gewalt über Sie hat, da er Sie ge⸗ zwungen hat, hierher zu kommen! Ja, das iſt wahr! rief die Signora, indem ſie ſich 1 — 115— mit dem Oberkörper aus ihrer ruhenden Stellung auf⸗ richtete. Er hat mich gezwungen, hierher zu kommen! Er hat an mir gehandelt wie ein Barbar, wie ein ge⸗ fühlloſer Tyrann! Signora, rief der König drohend, man ſpricht nicht ſo von einem König.. Und weshalb nicht? fragte ſie heftig. Was iſt mir Ihr König? Wodurch hat er meine Liebe, meine Ach⸗ tung, ja, auch nur meinen Gehorſam verdient? Was hat er für mich gethan, daß ich ihn anders als einen rohen Tyrannen betrachten kann. Was kann für mich, welche ſelber eine Königin iſt, und eine ſtolze und trotzige, glauben Sie es mir nur,— was kann für mich dieſer König ſein, den ich nicht kenne, den ich nie geſehen, und der mir gegenüber vergeſſen hat, daß ich ſein Weib, und er ein Mann ſei, wie ſehr er immer⸗ hin auch ein König ſein mag! Ein ächter König darf aber einer Dame gegenüber immer nur der Cavalier ſein, wenn er nicht will, daß ihn das Weib ver⸗ achtet. Ah, Sie verachten alſo den König? fragte Fried⸗ rich, den dieſe ungewohnte Scene wirklich beluſtigte. Ich verachte ihn, ja! Ich haſſe ihn, ja! rief die Tänzerin mit einem wilden energiſchen Ausbruch ihres ſüdlichen Naturells. Ich bete zu Gott nicht mehr um mein Glück, denn das hat dieſer grauſame König zer⸗ ſtört, ich bete zu Gott nur noch um Rache, um Ver⸗ geltung an dieſem Mann, welcher die Herzen anderer Menſchen unter ſeine Füße tritt, weil er ſelber kein Herz hat. Und Gott wird mir beiſtehen, daß ich mein Ziel erreiche, daß ich mich räche an dieſem Mann. Ich habe es mir geſchworen, und ich werde Wort halten! Gehen Sie hin und ſagen Sie das Ihrem König! Sagen Sie ihm, er ſoll ſich hüten vor der 5 8* 8 — 116— Barberina. Großmüthiger und aufrichtiger wie Er, warne ich ihn, während er mich hinterliſtig bei Nacht, ungewarnt, von Häſchern hat überfallen und wie eine Verbrecherin hierher ſchleppen laſſen. Der König fand dieſe Scene zu pikant, um ſie ſchon enden zu laſſen. Es war für ihn, den König, der nur gewohnt war, um ſich her Stimmen des Bei⸗ falls, der Bewunderung und des Lobes zu hören, ein ganz neues Gefühl, ſich ſo energiſch getadelt und ge⸗ ſcholten zu hören. Und fürchten Sie nicht, daß der König zürnen wird, wenn ich ihm Ihre Worte wiederhole? fragte er. Fürchten? Was kann mir der König nun noch thun, daß ich mich fürchten ſollte? Er iſt ein König, aber ich, bin ich nicht eine Königin? Er beſitzt nur ein kleines Stückchen Land von dieſer Welt, welche mein iſt, welche mir gehört, wie ſie dem Adler gehört, der in ſtolzem Fluge durch die Lüfte dahin rauſcht. Er hat über Millionen zu gebieten, aber er muß ſie aus den Taſchen ſeiner Unterthanen nehmen, und er bedarf dazu vieler Beamten, die von dem Volk das Geld nehmen, was es doch nur mürriſch giebt, während mein Volk es mir jauchzend und frohlockend darbringt. Sehen Sie da, dieſe zwei kleinen Füße, das ſind meine Beamten, und ich habe genug an ihnen, um die Steuern meines Volkes, und das ſind alle Menſchen, welche in Europa wohnen, einzuziehen. Ja, dieſe zwei klei⸗ nen Füße, das ſind meine Beamten, welche mir Mil⸗ lionen eintreiben, das ſind meine Rächer, welche mir Genugthuung ſchaffen ſollen an Ihrem barbariſchen König! 3 Ssie lehnte ſich erſchöpft, nicht ſo ſehr vom Spre⸗ chen, als von ihrer inneren Leidenſchaftlichkeit, an die Kiſſen zurück und athmete hoch auf. Der König be⸗ — 117— trachtete ſie mit ſtaunenden Blicken; ſie war für ihn wie ein neu entdecktes, nie geſehenes Kunſtwerk, deſſen Anſchauen man mit einer Art Verwunderung genießt, und dem gegenüber man ſtumm wird vor andachts⸗ vollem Staunen. Ihre außergewöhnliche Schönheit, ihr pikantes Weſen, ihre rückhaltloſe Leidenſchaftlichkeit, ihre trotzige Aufrichtigkeit, das Alles machte auf ihn einen ungewöhnlichen, einen zauberhaften Eindruck. Sie konnte immerhin auf den König ſchelten und ihm Rache ſchwören, der König hörte es nicht! Der König war nicht da, ſondern nur der Mann, und zwar ein Mann, welcher dem König faſt zürnte, daß die Bar⸗ berina Recht hatte, ihm zu grollen, daß der König wirklich ihr gegenüber vergeſſen hatte, daß ſie ein Weib und er ein Cavalier ſei. Ja, ja, wiederholte jetzt die Barberina, und ein köſtlicher Ausdruck des Triumphes malte ſich in ihren Zügen, ja, meine kleinen Füße werden meine Rächer ſein. Der König wird ſie niemals mehr tanzen ſehen, Er, welcher es ſich Tauſende hat koſten laſſen, welcher mit der edlen Republik Venedig um meinetwillen Zwi⸗ ſtigkeiten angezettelt, Er wird mich nie wieder tauzen ſehen! Oh, es iſt ſehr leicht, eine Provinz zu unter⸗ jochen, aber es iſt unmöglich, eine Frau, eine Künſt⸗ keriß zu unterjochen, wenn fie nicht unterjocht ſein will! Der König lächelte. Sie wollen nicht vor dem tanzen, ſagte er, und doch haben Sie es ja ſchon heute gethan. Gewiß habe ich das, ſagte ſie, ihr Haupt ſtolz emporrichtend. Ich habe dem König gezeigt, daß ich eine Künſtlerin bin, denn nur erſt, wenn er das er⸗ kannt hatte, konnte es ihn ſchmerzen, mich nie wieder tanzen zu ſehen. 8 — 118— Ah, in der That, das iſt eine raffinirte Berech⸗ nung! rief der König mit leuchtenden Augen. Sie tanzten, um den König durſtig zu machen nach einem neuen Genuß, und ihm dann denſelben zu verſagen. Ah, man muß eine Italienerin ſein, um das zu er⸗ ſinnen! Ja, ich bin eine Italienerin, und wehe mir, daß ich es bin! rief ſie, und ein Strom von Thränen ſtürzte plötzlich aus ihren Augen. Aber das dauerte nur einen Moment. Sie ſchüttelte, zornig über ihre eigene Schwäche, die Thränen aus ihren Augen fort, oder ließ ſie zurückfließen in ihr Herz. Arme Italie⸗ nerin, ſagte ſie dann ſanft und leiſe, armes Kind des Südens, was willſt du hier in dieſem kalten Norden, bei dieſen froſtigen Herzen, welche mit ihrem Eiſes⸗ lächeln die Schönheit und die Kunſt erſtarren machen. Ah, zu denken, daß die Barberina nicht vermochte, die Eisrinde von ihrem Herzen zu ſchmelzen, zu denken, daß ſie ihre Kunſt vor ihnen entfaltete und ſie ihr zu⸗ ſahen mit ſtummer Lippe und regungsloſer Hand! Ah, das iſt eine Schmach, welche mich in Italien getödtet haben würde, weil ich mein Volk liebe und weil es die Kunſt verſteht; welche mich aber in Deutſchland nur mit tiefſter Verachtung und zürnendem Spott erfüllt! 3 Ah, deshalb iſt es, daß Sie zürnen! rief der Kö⸗ nig faſt freudig. Man hat Ihnen nicht applaudirt, man hat Sie keine Bravi hören laſſen. Sie lächeln darüber? ſagte ſie, ihm einen Blitz ihrer Augen zuſchlendernd. Sie wiſſen alſo nicht, daß dieſes Applaudiren und dieſe Bravi für den Künſtler das ſind, was für das feurige Schlachtroß der Schall der Trompete iſt? Das berauſcht, das entzückt, das ſchwellt das Herz mit Muth und Kraft. Wenn der . — 119— Künſtler auf der Bühne ſteht, ſo iſt der Saal, welchen er da vor ſich hat, ſein Himmel, in welchem ſeine Nichter ſitzen, um ihm entweder die ewige Seligkeit, oder die ewige Verdammniß zu geben, um ihm ent⸗ weder die Unſterblichkeit des Ruhms oder die Schmach und Verachtung einer Niederlage zuzuerkennen. Nun denn, mein Herr, wenn ich Ihnen ſage, daß uns Künſt⸗ lern der Bühne dieſer mit Zuſchauern angefüllte Saal der Himmel mit ſeinen Richtern iſt, ſo werden Sie be⸗ greifen, daß das Applaudiren und Bravorufen für uns die Muſik der Sphären iſt! Ich begreife das, ſagte der König lächelnd. Aber diesmal müſſen Sie Nachſicht üben, denn die Etiquette verbietet hier das Applaudiren. Sie haben hier vor einem invitirten Publikum getanzt, und nicht vor einem, welches bezahlt, und dadurch ſich das Recht, Beifall oder Tadel zu äußern, erworben hat. Niemand darf hier applaudiren, Niemand als der König! Oh, und dieſer Mann hat nicht applaudirt! rief ſie, indem ſie ihre Zähne feſt aufeinanderpreßte und ihre kleinen geballten Fäuſte drohend zum Himmel emporſtreckte. Vielleicht war es nur das Entzücken, Signora, welches ihn ſtumm gemacht, ſagte der König mit einem anmuthigen Neigen des Kopfes. Wenn er Sie wieder tanzen Keht und mehr Ruhe gewonnen hat, wird er Ihnen bielleicht applaudiren. Vielleicht! wiederholte ſie achſelzuckend. Ich werde mich dieſem Vielleicht nicht mehr ausſetzen. Ich werde nie wieder tanzen. Mein Fuß iſt krank! Der König kann mich nicht zum Tanzen zwingen. Nein, er kann ſie nicht zum Tanzen zwingen, aber Sie werden es freiwillig thun, Sie werden reiwilltg noch heute vor ihm tanzen! — 120— Die Barberina lachte, aber mit einem ſo wilden dämoniſchen Ausdruck, daß ihr Lachen mehr der Aus⸗ druck der Verwünſchung als der Heiterkeit war. Sie werden noch heute vor dem König tanzen, wiederholte Friedrich, und ſein kühner flammender Blick kehrte ſich tief in das Auge Barberina's, welche ihn trotzig anblickte und heftig verneinend mit dem Kopf ſchüttelte. Sie werden tanzen, weil Sie ſonſt verloren ſind. Ich meine nicht verloren, weil der König Sie vielleicht ſtrafen könnte wegen Ihres Widerſtandes. Der König iſt kein Blaubart, er tödtet keine Frauen, er ſteckt ſie in keine unterirdiſchen Gefängniſſe und hat keine Fol⸗ terkammer für ſie in Bereitſchaft, denn der König von Preußen, welchen Sie ſo ſehr haſſen, er hat die Folter in ſeinen Landen aufgehoben, die Folter, welche neben den Orangen und Myrthen in Ihrem ſchönen Italien in üppigſter Blüthe ſteht. Nein, Signora, der König wird Sie, wenn Sie in Ihrem Trotz beharren, nicht ſtrafen, ſondern er wird Sie fortſchicken, das iſt Alles! Und das iſt Alles, was ich wünſche und mir vom Schickſal erflehe! Wer weiß, Signora. Denn Sie, welche eine Künſt⸗ lerin, Sie, welche eine ſchöne Frau ſind, Sie, welche Ehrgeiz beſitzen und den Nuhm für ein begehrens⸗ werthes Etwas halten, Sie werden nicht Ihren Ruhm verlieren, Ihren Ehrgeiz ſchmählich enttäuſcht, Ihre Schönheit geläſtert und Ihre Künſtlerſchaft verdächtigt ſehen wollen. Und ich ſehe nicht ein, wie alle dieſe ſürchterlichen 3 Dinge geſchehen könnten, weil ich in Berlin und vor dem König nicht mehr tanzen will! Sie werden das ſogleich einſehen, Signora, hören ——. — —— — 121— Sie nur. Der König iſt, was man auch immer von ihm ſagen und denken möge, doch immer ein Mann, auf welchen Europa blickt, wenn es, ſetzte der König mit einem anmuthigen Lächeln und einer leichten Ver⸗ neigung hinzu, wenn es nicht gerade ſeine Augen auf Sie gerichtet hat, Signora. Die Stimme des Königs hat ein wenig Gewicht in der Welt erhalten, wenn er auch bis jetzt nur Provinzen und keine Frauen erobert hat. Man hat wohl darauf geachtet, daß der König ein ſo unwiderſtehliches Verlangen hatte, Sie zu ſehen und zu bewundern, daß er ſogar deshalb die ritterliche Galanterie ein wenig bei Seite ſetzte und auf ſeinem Rechte, auf der Erfüllung Ihres von Ihrer eigenen ſchönen Hand unterſchriebenen Contractes, beſtand! Das war vielleicht nicht, wie Sie ſagen, cavaliermäßig, aber es war wenigſtens nicht ungerecht! Sie haben ihm gehorchen müſſen, Sie ſind hierher nach Berlin gekommen, nicht freiwillig, das gebe ich zu, aber Sie haben heut Abend vor dem König getanzt und das haben Sie freiwillig gethan. Das war, von Ihrem Standpunkt betrachtet, ein großer Fehler. Denn nun können Sie nicht mehr ſagen,„ich will nicht vor dem König tanzen, weil ich mich rächen will“, denn Sie haben getanzt, und wie fein und raffinirt Sie auch dieſes Tanzen entſchuldigen wollen, man wird Ihnen keinen Glauben ſchenken, wenn der König ſeine Stimme gegen Sie erhebt. Und er wird das thun, glauben Sie es mir! Er wird ſagen: ich habe die Barberina kommen laſſen, um zu ſehen, ob die ganze Welt wahn⸗ ſinnig und kindiſch iſt oder ob die Barberina wirklich dieſe Begeiſterung, dieſes Entzücken verdient, das die ganze Welt für ſie hegt. Nun denn, ich habe ſie tan⸗ zen ſehen, und ich finde, daß die Welt närriſch iſt, und ich gebe ihr ihr Götzenbild zurück, weil ich es . b 5 — 122— nicht mag, weil es für mich nur eine hölzerne Nach⸗ bildung, nicht die Göttin ſelber iſt, weil ich Terpſichore anbeten wollte und dafür nur ihre kleine Kammerzofe bekam. Ich laſſe die Barberina wieder gehen, weil ich ſie Einmal habe tanzen ſehen, und weil ich nicht Luſt hatte, mich zum zweiten Mal von ihren Caprio⸗ len und Minauderien langweilen zu laſſen! Mein Herr! rief Barberina drohend, indem ſie mit fliegendem Athem und flammenden Augen ſich aus ihrer ruhenden Stellung emporrichtete. Das würde der König ſagen, fuhr der König ru⸗ hig und lächelnd fort, und da, wie Sie wiſſen, der König eine ziemlich volle Stimme hat, ſo würde man dieſe Worte des Königs in ganz Europa wiederhallen hören. Man würde es Ihnen alſo nicht glauben, daß Sie nicht haben tanzen wollen, ſondern man wird denken, daß Sie nicht haben tanzen ſollen, man wird ſagen, daß Sie dem König nicht gefallen haben, und zum Beweis dafür wird man anführen, daß der Kö⸗ nig, als Sie vor ihm tanzten, nicht applaudirt, daß er Ihnen nicht ein einziges Bravo zugerufen hat, man wird mit einem Worte ſagen: daß Sie Fiasko gemacht haben!. Die Barberina war aufgeſprungen und legte jetzt mit einer Bewegung von unnachahmlicher Grazie und Leidenſchaftlichkeit zugleich ihre Hand auf den Arm des Königs. Führen Sie mich auf die Bühne, ſagte ſie in wun⸗ derbarer Erregung, ich will tanzen. Ah, dieſer König ſoll mich nicht beſiegen, mich nicht zu Grunde richten! Er hat mir mein Lebensglück gemordet, aber er ſoll mir meinen Ruhm nicht tödten. Nein, nein, ich will ihn zwingen, der Barberina zu applaudiren, ich wil ihn zwingen, mich eine Künſtlerin zu nennen. Sagen —,.—— - — — 123— Sie es dem Direktor, daß er Alles bereiten läßt, ich werde ſogleich auf die Bühne kommen! Ich will tanzen! Sie hatte wohl Recht gehabt, den Künſtler vor⸗ her mit einem Streitroß zu vergleichen. Sie glich in dieſem Augenblicke einem ſolchen, ſie hatte die Trom⸗ pete, welche zum Kampf, zum Ruhme ruft, vernom⸗ men, ihre Wangen glühten, ihre Nüſtern flogen, ein fieberhaftes Keuchen kam aus ihrer Bruſt hervor, ein convulſiviſches nervöſes Zittern, das Zittern der tha⸗ tendurſtigen Ungeduld, der kampfbereiten Erwartung, durchrieſelte ihre Glieder. Der König betrachtete ſie mit leuchtenden Augen. Er begriff den Ausdruck ihres Angeſichts, er verſtand ihr Zittern und ihre Haſt, er verſtand dieſe nach Ruhm dürſtende Seele, dieſen von der Möglichkeit des Mißlingens empörten Ehrgeiz. Ihre Tapferkeit entzückte ihn, die Wahrheit und Fülle, mit der ſie jede ihrer Empfindungen äußerte, flößte ihm Achtung ein. Und indem der König dieſen innern, dieſen geiſtigen Eigenſchaften den Tribut ſeiner Anerkennung zollte, ſahen die Augen des Mannes zugleich, daß dieſes Weib auch äußerlich wohl den Tribut der Anerken⸗ nung verdiene, daß ſie ſchön ſei und zwar in der reizenden, weichen, üppigen und zugleich ſittſamen und keuſchen Schönheit der Venus Anadyomene, der meer⸗ entſtiegenen Göttin, keuſch in der Ueppigkeit, unſchul⸗ dig in der Nacktheit.* Kommen Sie, ſagte der König, geben Sie mir Ihre Hand. Ich werde Sie auf die Bühne führen, und ich verſpreche Ihnen, daß der König applaudi⸗ ren wird! 4 Ddie Barberina ſagte kein Wort, in dem Feuer ihrer Ungeduld drängte ſie den König nur vorwärts, — 124— der Thür zu. Aber dann blieb ſie ſtehen und den König mit einem bezaubernden Lächeln anblickend, ſagte ſie: Mein Herr, ich bin Ihnen ohne Zweifel viel Dank ſchuldig, denn Sie haben mich gewarnt vor einer Gefahr und mich vor einem Fehltritt behütet. Freilich thaten Sie das nicht um meinetwillen, ſon⸗ dern weil Ihr König befohlen hatte, daß ich tanzen ſollte, und Sie mich überreden wollten. Aber Ihre Ueberredungsgründe waren gut und haben mich von einem Abgrund zurückgerufen. Ich danke Ihnen und bitte Sie mir Ihren Namen zu ſagen, damit ich ihn, als die einzige gute Erinnerung an dieſes Berlin, in mein Gedächtniß zeichnen kann. Der König lächelte. Signora, ſagte er, von heute an werden Sie mir ein wenig Verdienſt und Ruhm zugeſtehen müſſen. Sie ſagten, daß es leicht ſei, Pro⸗ vinzen zu erobern, aber rieſenſchwer eine Frau wider ihren Willen zu erobern. Nun denn, jetzt werde ich in Ihren Augen vielleicht ein Held ſein, denn ich habe nun nicht bloß Provinzen, ſondern auch ſogar eine Tänzerin erobert und beſiegt! Die Barberina erſchrak weder noch äußerte ſie Staunen oder Entſetzen bei dieſen Worten des Kö⸗ nigs. Sie hatte ſchon zu viele Fürſten und Könige zu ihren Füßen geſehen, um noch von dieſem Glanz der Majeſtät geblendet zu ſein. Sie ließ nur den Arm des Königs los und in⸗ dem ſie ſich tief verneigte, ſagte ſie ruhig und feſt: Sire, ich bitte nicht um Verzeihung und Gnade, denn Sie ſehen wohl, der Beſitzer einer Krone muß dieſe Krone auf dem Haupt tragen, wenn man ſie erblicken und reſpectiren ſoll, und die Majeſtät iſt ein Etwas, welches nicht leuchtet, wenn man es unter Schleiern verbirgt. Auch würde ich nicht anders geſprochen ha⸗ —— — ——— 4 V † — 125— ben, wenn ich den hohen Rang deſſen gekannt hätte, der mir die Gnade ſeiner Gegenwart ſchenkte! Ich bin davon überzeugt! rief der König lachend. Sie ſind eine Königin, welche den kleinen König von Preußen ſehr gering achtet, weil er ſo ſehr vieler Steuerbeamten bedarf, um das Geld, deſſen er nöthig hat, von ſeinen Unterthanen zu erpreſſen. Darin ha⸗ ben Sie Recht, meine Beamten koſten mich viel Geld und bringen wenig ein, während die Ihrigen Ihnen gar nichts koſten und ſehr viel einbringen. Kommen Sie, Signora, Ihre beiden Steuerbeamten wollen ihr Amt antreten!— Er winkte dem Baron von Sweerts, welcher drau⸗ ßen im Corridor ſtand und ſagte deutſch: Die Signora wird tanzen! Man ſoll ihr mit Reſpect begegnen und einige Egards ſür ſie haben! Dann nickte er der Tänzerin einen leichten Gruß zu und kehrte in den Zuſchauerſaal zurück, wo man indeſſen den dritten Act des Oedip zu Ende gebracht hatte. Aller Blicke richteten ſich bei ſeinem Eintritt auf den König. Man erwartete ihn mit dieſem flammen⸗ den, zerſchmetternden Blitz in den Augen zu ſehen, wie er dem König im Zorn eigen war, aber das Ant⸗ litz Friedrich's war ſtrahlend und hell, und ein unbe⸗ ſchreiblicher Ausdruck von Frieden und Glück ſprach aus ſeinen Zügen. Er nahm ſeinen Platz wieder zwiſchen den beiden Königinnen ein, indem er an Sophie Dorothea einige Worte der Entſchuldigung richtete und ſeine Gemahlin mit einem Lächeln begrüßte. Arme Königin, arme Eliſabeth⸗ Chriſtine! Sie hatte den ſcharfen Blick einer Liebenden, und ſie allein — 126— las auf dem Antlitz des Königs, was Niemand, was ſelbſt Friedrich noch nicht wußte. Während Aller Augen auf die Bühne gerichtet waren, während Jeder mit athemloſen Entzücken, mit einer nur von der Anweſenheit des Königs zum Schweigen gebrachten Begeiſterung dem wundervollen Tanz der Barberina zuſchaute, hatte die Königin ihre verſtohlenen, ſchüchternen Blicke nur auf das Antlitz ihres Gemahls gerichtet. Sie ſah nicht, daß Barberina in der Gluth ihres Ehrgeizes und ihrer leidenſchaftlichen Energie jetzt noch vollendeter, noch meiſterhafter tanzte, wie zuvor, daß ſie die größten Schwierigkeiten mit ſpielender Leichtig⸗ keit, mit unnachahmlicher Grazie überwand. Die Königin ſah das nicht, aber ſie ſah das Ant⸗ litz ihres Gemahls, welches leuchtete vor innerer Be⸗ friedigung und Luſt, ſie ſah ſein Lächeln, und ſie fühlte es wie ein ſchneidendes Schwert durch ihre Seele gehen. Die Barberina hatte geendet! Wieder trat ſie vor und neigte ſich tief und grüßte ihre erhabenen Zu⸗ ſchauer. Aber jetzt ereignete ſich etwas Unerhörtes, Etwas, welches durchaus der Etiquette widerſprach und den Ober⸗Ceremonienmeiſter mit Grauen und Entſetzen erfüllte,— der König applaudirte, nicht wie ein gnädiger König, indem er nur leiſe die Hände zuſammenlegte, der König applaudirte wie ein Enthu⸗ ſiaſt, welcher entzückt iſt und welcher dieſes Entzücken laut und ſtürmiſch aller Welt zu erkennen geben will. Und indem Friedrich ſo applaudirte, erhob er ſich einen Moment von ſeinem Fauteuil und wandte ſich nach den hinter ihm befindlichen Prinzen, Generalen und Cava⸗ lieren um. Applaudiren Sie, Meſſieurs, ſagte er, und als ob — — — 127— dieſe Worte die Zauberformel geweſen, welche die ge⸗ feſſelten Hände frei gemacht, und den ſchon auf den Lippen zitternden Ausruf des Entzückens, welcher er⸗ ſtarrt war, wieder lebendig gemacht, hallte der Saal wieder von dem Sturm des Beifalls, den Bravo⸗ rufen der enthuſiasmirten Zuſchauer. Barberina neigte ſich wieder und immer wieder und ein Ausdruck ſeligen Triumphes ſtand auf ihrem ſchönen, von der Macht ihrer Aufregung glühenden Angeſicht. Ich ſah nie ein ſchöneres Weib! murmelte der König, indem er ſich ganz erſchöpft in ſeinem Fauteuil zurücklehnte.— Die Königin Eliſabeth Chriſtine preßte die Lippen feſt aufeinander, um dieſen Schmerzensſchrei zurück⸗ zuhalten, der ſich aus ihrer Bruſt emporrang. Sie hatte mit dem ſcharfen Ohr einer Liebenden die Worte des Königs gehört und ihren tieferen Sinn begriffen. Er wird ſie lieben, ich weiß das, ich fühle das! ſagte ſie zu ſich ſelber, als ſie nach dieſem ereigniß⸗ reichen Abend wieder nach ihrem einſamen Schloſſe Schönhauſen zurückgekehrt war. Oh, oh, warum hat mir Gott denn dieſe neue Qual, dieſe neue Demüthi⸗ gung auferlegt. Bis heute konnte man mich bekla⸗ gen, von dem König nicht geliebt zu werden, indem man ſagte:„Der König liebt keine Frau! Der Kö⸗ nig hat kein Herz für die Liebe!“— Von heute an wird man mich verachten, denn der König wird wie⸗ der ein Herz haben, er wird ſich wieder bewußt wer⸗ den, daß er kein Greis iſt, ſondern ein Mann von zwei und dreißig Jahren, er wird wieder jung wer⸗ den, jung von Herzen, jung in Liebe! Oh, mein Gotlt, und ich werde mein Herz einſargen müſſen in 3 ein den Schleiern der Eiferſucht und der Reſignation. — —Q——— Während die Königin Gott ihre Schmerzen und ihre Qualen anvertraute, war der Graf Teſſin, der ſchwediſche Geſandte, damit beſchäftigt, ſeinem König ſeinen Zorn und ſeine Empfindlichkeit anzuvertrauen. Er ſchrieb an ſeinen Souverain, und erzählte ihm von den beleidigenden Worten der kleinen Prinzeſſin Ama⸗ lie, welche man am Hofe allgemein die kleine April⸗ fee nenne, obwohl ſie noch launenhafter ſei, wie der April, und ſtürmiſcher und rückhaltsloſer in ihrem Zorn wie der König Friedrich ſelber. Dann ſchilderte er das ſanfte und herzgewinnende Betragen der Prin⸗ zeſſin Ulrike und machte ſeinem Hofe den Vorſchlag, lieber die edle und anmuthige Prinzeſſin Ulrike, ſtatt der wilden und ſtörriſchen Amalie, zur Gemahlin des Thronerben Adolph Friedrich zu wählen, und ihn zu ermächtigen, um dieſelbe zu werben. Und nachdem der Herr Geſandte dieſe Depeſche vollendet und ſofort durch einen Courier an das in Stralſund bereit liegende ſchwediſche Schiff abgeſandt hatte, ſagte er mit einem triumphirenden Lächeln: ah, meine kleine Prinzeſſin Amalie! Das iſt wenigſtens eine königliche Strafe für Ihre königliche Launenhaf⸗ tigkeit. Es beliebte Ihnen heute, mich zu beleidigen und Sie ahnten nicht, daß ich mich für dieſe Beleidi⸗ gung rächen würde, indem ich Sie um eine Königs⸗ krone bringe! Ach, hätten Sie das ahnen können, wie freundlich würde mich dieſe ſchöne Aprilfee ange⸗ lächelt haben!*) Man ſieht, ſelbſt die Herren Diplomaten können zuweilen überliſtet werden! *) Vergl. die Haude⸗ und Spener'ſche(damals Röderſſche) Zei⸗ tung. Jahrgang 1743. Nr. 102.— Ferner Lettres de Fr. a Mr. Jordan.— Eckhof. Der Leſer hat in den vorhergehenden Kapiteln ge⸗ ſehen, welche glänzende Rolle das franzöſiſche Schau⸗ ſpiel und das Ballet am Hofe zu Berlin ſpielten. Der italieniſchen Oper und dem Ballet war ein prachtvol⸗ les Haus erbaut worden, dem franzöſiſchen Drama hatte man im Königsſchloſſe ſelber eine Bühne errich⸗ tet, und wenn die Italiener ſangen und die Franzo⸗ ſen tanzten oder Comödie ſpielten, ſo geſchah das immer im Beiſein des Königs und der ganzen königlichen Familie, ſo geſchah das in Gegenwart der höchſten Würdenträger des Staats und vor ſeinen auserleſen⸗ ſten Adelsgeſchlechtern. Man hatte zu der Oper die berühmteſten Sänger und Sängerinnen Italiens kom⸗ men laſſen, zu dem Ballet die berühmteſten Tänzer und Tänzerinnen aus Paris, und eine ſo wichtige und bedeutende Sache war dieſes Ballet, daß der König ſelber es nicht verſchmähete, gegen den übermüthigen Balletmeiſter Potier als öffentlicher Necenſent und Kri⸗ tiker in der Haude⸗ und Spenerſchen Zeitung aufzu⸗ treten und„Artikel“ zu ſchreiben, die freilich in ihrer Schärfe und ihrem beißenden Spott ſehr wenig den lobſeligen, allzeit zufriedenen ſchönblumigen Artikeln unſerer heutigen Kritiker glichen. Dem König war es ſo ſehr Ernſt mit der Niederſchmetterung des armen kleinen Balletmeiſters, daß er ſogar ſeinen Geſandten an den auswärtigen Höfen den Befehl ertheilte, dieſen Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. J. 9 ſeinen Artikel überſetzen und in den ausländiſchen Zeitungen abdrucken zu laſſen. Während der König ſo die fremden Künſtler mit ſeiner Gnade, ja ſogar mit ſeinem Zorn beehrte, und um ihretwillen ſich zuweilen dazu herabließ, ein Zei⸗ tungsſchreiber und Tageskritiker zu werden, war das deutſche Theater wie ein verſtoßenes Stiefkind zum Elend und zur Dürftigkeit verdammt, mußte es ſich in dunkeln Sälen und niedrigen Scheunen ein Aſyl ſuchen und froh ſein, wenn es nur geduldet ward, wenn man ihm erlaubte, um ſeine Exiſtenz zu ringen, und wenigſtens Apollo und die Muſen um die Gunſt und den Beiſtand anzuflehen, den der König und ſein Sof, ſowie die ganze ſogenannte„gute Geſellſchaft“ ihm verſagte. Aber dieſes Stiefkind, das deutſche Theater, trug unter ſeinen Lumpen und ſeinem Aſchenmäntelchen doch ſchon die glänzenden Gewänder ſeiner zukünfti⸗ gen Größe. Die klügeren Stiefſchweſtern hatten wohl das arme Aſchenbrödel in Armuth und Dunkelheit zu⸗ rückſtoßen, aber ſie hatten es nicht tödten, ſie hatten ihm ſeine Zukunft nicht rauben können. Unter den Lumpen trug es goldene Kleider, und es bedurfte nur eines glücklichen Zufalls, um den Staub von ſeinem Haupte wegzuwirbeln und die darunter verborgene Königskrone ſehen zu laſſen.. Ein ſolcher glücklicher Zufall war es, daß der Kö⸗ nig der Schönemann'ſchen Geſellſchaft erlaubt hatte, nach Berlin zu kommen und dort Theatervorſtellun⸗ gen zu geben; ein ſolcher glücklicher Zufall war es wiederum, daß dieſe Schönemann'ſche Geſellſchaft ſich aus Lüneburg den jungen Schauſpieler Eckhof mitge⸗ bracht hatte, Eckhof, dem es gelingen ſollte, auch das deutſche Theater zu Ehren zu bringen, und den man mit Recht den erſten und größten Schauſpieler Deutſch⸗ lands nennen kann. Aher wie viel Miſere, wie viel Demüthigung, wie viel verſchluckte Thränen, wie viel Kummer, Elend und Sorge, wie viel Hunger und Durſt lag damals noch in dem Wort:„ein deutſcher Schauſpieler!“ Wahrlich, man mußte entweder ein verlorener Menſch oder ein Genie, ein Verzweifelter oder ein Enthuſiaſt ſein, um deutſcher Schauſpieler werden zu wollen. Es hieß, ſeine Schiffe hinter ſich abbrennen und Alles zu gewinnen haben, weil man nichts mehr zu verlieren hatte.— Nicht bloß die Religion, auch die Kunſt hat von jeher ihre Märtyrer gehabt, und ſolche Märtyrer der Kunſt waren zur Zeit Friedrichs des Großen die deutſchen Schauſpieler. Segen über Diejenigen, welche dennoch nicht ver⸗ zagten, ſondern muthig das Krenuz auf ſich nahmen, und duldeten und litten um der Kunſt willen. In königlichen Sälen ſpreizte ſich das franzöſiſche Theater und die italieniſche Oper, in dem gemiethe⸗ ten Saale des Nathhauſes von Berlin mußte das deutſche Theater eine Zuflucht ſuchen. Wie in einem Meer von Licht ſtrahlte bei den Darſtellungen der fremden Künſtler das königliche Opernhaus, deſſen Er⸗ leuchtung an jedem Abend 2771 Thaler koſtete), dunkel und trübe brannten die ſchweligen Oellampen des deutſchen Theaters im gemietheten Rathhausſaal. Dorthin fuhr man in glänzenden Caroſſen, geſchmückt mit Brillanten und Ordensſternen, hierher ging man beſcheidener Weiſe zu Fuße, im einfachen Gewande, keine fackeltragenden Lakayen nahmen die Vorhallen **) Siehe Schneider, Geſchichte der Oper pag. 21 3. 9* —* — 132— ein, keine ſtolzen Roſſe ſtampften das Pflaſter dieſer engen und düſtern Straße, keine vergoldeten Wagen warteten ihrer Herren; dieſes Publikum, welches in das deutſche Theater ging, war weder reich noch vor⸗ nehm genug, um Fackelträger und Equipagen bezahlen zu können, es bediente ſich höchſtens auf dem Rück⸗ wege einer Stangenlaterne, mit welcher die Magd ihrer Herrin vorleuchtete, wenn dieſe, in den unwirthbaren Steppen der neuangelegten Dorotheen⸗ oder Mittel⸗ ſtraße wohnend, vielleicht fürchtete, dort in den Untie⸗ fen und Pfützen der ungepflaſterten Straßen und Plätze zu verſinken. Das Publikum des deutſchen Theaters das waren die Bürgerlichen, die Gelehrten und Dichter, die Be⸗ amten und Banquiers, das waren dieſe Leute des Mittelſtandes, welche auf ihren Hüten keine weißen Federn tragen durften*), und die wohl zu den könig⸗ lichen Maskeraden im Opernhausſaal Zutritt hatten, aber durch einen durch den Saal gezogenen Strick von der Hofgeſellſchaft abgetrennt waren. Dieſe Leute des Mittelſtandes, dieſes gebildete Bür⸗ gerthum, welches noch ſo machtlos und unbedeutend erſchien, es bildete in gewiſſer Hinſicht doch ſchon damals eine Macht, denn damals wie heute war die öffentliche Meinung ſeine Tochter, eine ſtolze unab⸗ hängige Tochter, welche ſich von keinem Schmeicheln und keiner Scheinheiligkeit der Großen beſtechen ließ, ſondern den König, wie den Bettler, den Künſtler wie den Feldherrn richtete. Und dieſe öffentliche Meinung hatte geſagt, daß Eckhof ein großer Schauſpieler, daß er ein Künſtler ſei, welcher es wohl wagen dürfe, mit den Schau⸗ *) König, Schilderung von Berlin. Vol. V. Bd. II. pag. 330. — 133— ſpielern der franzöſiſchen Truppe zu rivaliſiren, daß er den Oedipe und Tartüffe, den Cid und den Geizi⸗ gen, eben ſo künſtleriſch vollendet zur Darſtellung brächte, wie nur Monſieur Denis von der franzöſi⸗ ſchen Truppe es vermöchte.— Und da die öffentliche Meinung, obwohl die Tochter des Bürgerthums und des Volkes, doch überall Zutritt hat, und ſelbſt in den Sälen der Großen und den Kabinetten der Fürſten gehört wird, ſo ſprach man überall in Berlin von dem deutſchen Schauſpieler, der es wagen wollte, mit den Franzoſen zu rivaliſiren, und von dem kühnen Di⸗ rektor Schönemann, der ſich unterfing, jedesmal wenn auf dem königlichen Schloſſe von der franzöſiſchen Truppe irgend eines der Dramen von Corneille oder Racine, von Voltaire oder Moliere gegeben worden, den nächſtfolgenden Abend daſſelbe Stück in einer deutſchen Ueberſetzung auf dem Nathhausſaale zur Darſtellung zu bringen. Das war indeſſen eine gute Speculation, eine ſehr richtig auf die Neugierde der Menſchen angelegte Idee. Diejenigen, welche ſo glück⸗ lich geweſen, die großen Dichterwerke auf dem könig⸗ lichen Schloſſe zu ſehen, wollten ihrer Schadenfreude das Feſt bereiten, jene gelungenen und glänzenden Darſtellungen der Franzoſen mit dieſen, wie ſie mein⸗ ten, ärmlichen und karrikaturartigen Darſtellungen der Deutſchen zu vergleichen. Diejenigen, welche vermöge ihrer niedrigen Stellung nicht den Theatervorſtellun⸗ gen im Königsſchloſſe beiwohnen konnten, wollten we⸗ nigſtens auch dieſe Dramen geſehen haben, welche den König und den Hof entzückten, und da ſie das Ori⸗ ginal nicht haben konnten, mußten ſie mit der Copie zufrieden ſein; gleich jenem hungrigen Bettler, welcher ſich vor der Thür der Küche aufſtellte, mußten ſie mit — 134— dem Geruch des Bratens, den ſie nicht genießen konn⸗ ten, ſich begnügen. Aber es gab noch eine dritte Klaſſe von Leuten, eine Klaſſe, welche nicht aus Schadenfreude und nicht aus Neugierde und eitler Nachahmungsſucht das deutſche Theater beſuchte, ſondern aus dem patrioti⸗ ſchen Gefühl des Deutſchthums, in der damals frei⸗ lich noch ziemlich utopiſch ſcheinenden Hoffnung, ein deutſches Drama, eine deutſche Schauſpielkunſt ſich heranbilden zu ſehen. Da waren die Gelehrten, welche das franzöſiſche Drama von Grund ihres Herzens ver⸗ achteten, und denen eines dieſer auf Stelzen einher⸗ ſchreitenden Dramen von Gottſched ein weit höheres Poem dünkte, als eine Tragödie von Corneille oder Racine, da waren die deutſchen Patrioten, welche bei einer Darſtellung des Malade imaginaire von Molieère keine Miene würden verzogen haben, aber den Hy⸗ pochondriſten von Quiſtorp für ein außerordentlich draſtiſches und witziges Drama erklärten, kurz alle dieſe Leute, welche dem Franzoſenthum abgeneigt wa⸗ ren und ihre Sympathieen für das Vaterland, ihre Oppoſition gegen das franzöſiſche Weſen, an den Tag legen wollten. Das waren alſo die Elemente, aus welchen das Publikum des deutſchen Theaters zuſammengeſetzt war, und die das Theater im Rathhausſaal zu einem Deponenten des Theaters im Königsſchloſſe gemacht hatten.. Es war an einem dieſer Theaterabende der deutſchen Schauſpieler, als zwei junge Männer Arm in Arm über den Schloßplatz gingen und der Churfürſten⸗ brücke zuſchritten. Der eine dieſer beiden Jünglinge iſt uns ſchon bekannt, es war Joſeph Fredersdorf, der luſtige — 135— Halle'ſche Student, der übermüthige Bruder des Ge⸗ heimkämmerers, den dieſer damit beauftragt hatte, zur Teufelsbeſchwörung einen ſchwarzen Ziegenbock her⸗ beizuſchaffen. Dieſem Befehl ſeines Bruders gemäß war er ausgezogen, dieſes Wunder zu ſuchen, wie gleich ihm noch zehn andere Mitglieder des geheimen Bundes ſich auf die Wanderſchaft begeben hatten, nach demſelben Ziel. Joſeph Fredersdorf, den das Glück oder ſeine eigene Geſchicklichkeit begünſtigt zu haben ſchien, war der Erſte geweſen, welcher heim⸗ kehrte, und er hatte wirklich einen Ziegenbock mitge⸗ bracht, an deſſen zottigem Felle auch das ſchärfſte Auge nicht ein weißes Haar hätte entdecken können. Alles an dieſem Teufelsbeſchwörer war ſchwarz, ja ſelbſt die Pupille ſeines Auges war von einer dunklen Tiefe und ſo groß, daß ſelbſt bei ſeinem Seit⸗ wärtsblicken auch nicht der kleinſte Rand der weißen Hornhaut ſichtbar ward. Fredersdorf ſowohl als der Herr von Kleiſt, der Gemahl der ſchönen Luiſe von Schwerin, waren glücklich über dieſen Fund, den ſie indeſſen mit einigen hundert Thalern bezahlt hatten“), was freilich nur ſehr geringe Zinſen waren von dem Capital, welches dieſer Ziegenbock ihnen eintragen ſollte. Fredersdorf und Kleiſt, das waren die beiden Vorſteher dieſes geheimen Goldmacherbundes, der in⸗ deſſen unter ſeinen Mitgliedern viele Herren vom echſten Adel, viele Generale, Officiere und Beamte zählte.— Fredersdorf wollte Gold machen, aus Stolz, um ſich loskaufen zu können von ſeinem Dienſt beim Kö⸗ nig und die Frau zu heirathen, welche er liebte; Herr von Kleiſt wollte Gold machen aus Verſchwendungs⸗ *) Thisbault. Vol. III. pag. 330: — 136— luſt, in der Ueberzeugung, daß die Welt ein ſehr fades langweiliges und widerſtrebendes Ding ſei, wenn man ihm nicht mit Gold einiges Lächeln und einige Entzückungen abkaufen konnte. Und Herr von Kleiſt bedurfte dazu ſehr vielen Geldes, ebenſoviel wie ſeine ſchöne Gemahlin, welche wenigſtens darin ihm eine treue Gfährtin geweſen, daß ſie ihm redlich beigeſtan⸗ den, ihr Vermögen zu vergeuden und ſich auf das nicht allzuglänzende Einkommen eines Hauptmanns der königlichen Garde beſchränkt zu ſehen. Joſeph Fredersdorf war alſo, wie geſagt, ſeit einigen Tagen erſt von ſeiner Reiſe nach Berlin zu⸗ rückgekehrt und ging jetzt mit einem jungen Manne über den Schloßplatz nach der Churfürſtenbrücke hin. Er lachte, plauderte und ſcherzte ganz laut, während ſein junger Begleiter nur ſchüchtern und mit nieder⸗ geſchlagenen Augen an ſeiner Seite ging, und jedes Mal erröthend in ſich zuſammenſchrak, wenn Joſeph irgend einem ihnen begegnenden hübſchen Dienſtmäd⸗ chen im Vorübergehen die Hand über das Kinn legte, oder einem feingekleideten Bürgermädchen neugierig unter die große ſeidene Capuze ſchaute. 1 Joſeph ſah das und dieſe Schüchternheit ſeines jungen Begleiters beluſtigte ihn ungemein. Wahrhaftig, ſagte er lachend, hätte ich da nicht in meiner Taſche dieſen Brief meines Halle'ſchen Stu⸗ benburſchen, welcher Sie mir als einen tüchtigen und braven Burſchen empfiehlt, und Sie ein ſehr ge⸗ lehrtes Haus, eine zukünftige Leuchte der Wiſſenſchaft nennt, hätte ich dieſen Brief, dieſe Bürgſchaft Ihrer Männlichkeit und Gelehrſamkeit nicht, ſo würde ich glauben, Sie ſeien ein verkleidetes Mädchen. Sie erröthen, wie eine Jungfer, und ſind ſo ſchüchtern wie 4 — 1837— ein Lämmlein, das noch niemals von ſeiner Mutter Brüſten gekommen. Ich din ein Kleinſtädter, ein armer Provinziale, ſagte der junge Mann lächelnd und mit einer Stimme, welche allerdings ein wenig zu zart und mädchenhaft klang. Ihre großſtädtiſchen Manieren überraſchen mich, indem ſie mir zugleich Reſpect einflößen. Ich be⸗ wundere Sie, aber ich kann Ihnen nicht nacheifern, denn ich bin allerdings ein Stubenhocker, ein unge⸗ ſelliger bücherbeſtaubter Student. Ein gelehrtes Ungeheuer! rief Joſeph lachend. Ein junger Menſch, der Alles weiß und Alles kennt, nur nicht die Kunſt, das Leben zu genießen. Sehen Sie, darin kann ich, dem Sie ſo vielfach überlegen ſind, Ihnen doch Unterricht ertheilen, und wahrhaftig, da mein Freund Sie mir ſo warm empfohlen hat, ſo will ich Sie jetzt unterrichten in meiner Wiſſen⸗ ſchaft, in der Wiſſenſchaft des Lebensgenuſſes. Ich fürchte, ſagte der junge Mann traurig, ich fürchte, daß das eine Wiſſenſchaft iſt, welche ich nicht begreifen kann, weil man mir niemals die Organe zu derſelben erſchloſſen hat. Mein Vater, ein gelehr⸗ ter Arzt zu Quedlinburg, würde es ſehr übel deuten, wenn ich mich mit andern Dingen beſchäftigen wollte, als mit der Wiſſenſchaft, und ich ſelber habe dazu ſo wenig Neigung und Geſchick, daß ich ſchon vor dem Gedanken erſchrecke, mich aus dieſer Welt der Bücher herauszuwagen, um ſie mit einer Welt von Menſchen zu vertauſchen, deren Sprache ich kaum verſtehe und deren Manieren mir fremd ſind. Aber ohne Zweifel ſind Sie doch nach Berlin ge⸗ kommen, um das Alles ein wenig zu lernen? Nein, ich bin hierher gekommen, um die medieini⸗ — 138— ſchen Anſtalten zu muſtern und den gelehrten und be⸗ rühmten Herrn Euler zu ſprechen. Unſinn! rief Joſeph lachend. Bewahren Sie Sich Ihre Studien für Halle auf und ſtudiren Sie hier ein wenig das, was man in Halle durchaus nicht lernen kann, nämlich das Vergnügen. Ich verſpreche Ihnen, daß ich darin Ihr treuer Gefährte und Rath⸗ geber ſein will. Gleich jetzt wollen wir mit unſern Studien beginnen. Sehen Sie da dieſen kleinen Thea⸗ terzettel, welcher da an der Mauer angeklebt iſt? Eckhof wird heute den Cato ſpielen Laſſen Sie uns in's deutſche Theater gehen! In's Theater! rief der Andere ganz entſetzt. Wie? Ich ſollte in's Theater gehen? Und weshalb nicht, mein lieber Herr Lupinus? fragte Joſeph verwundert. Gehören Sie vielleicht zu den Frommen, welche das Theater ein Haus des La⸗ ſters und der Sünde nennen, und unſern edlen König verläſtern, weil er dieſe Häuſer nicht ſchließt, ſondern deren noch mehrere vielleicht eröffnen will? Nein, ich gehöre nicht zu den Frommen, ſagte der junge Lupinus mit einem matten Lächeln. Ich diene Gott, indem ich mich bemühe, ſeine Werke zu erken⸗ nen und ihn in ſeinem Meiſterwerke, dem Menſchen, zu begreifen. Das iſt meine ganze Religion. Und dieſe ſcheint mir, verbietet Ihnen nicht, in's Theater zu gehen, und da es Ihnen gefällt, die Men⸗ ſchen ein Meiſterwerk Gottes zu nennen, ſo verſpreche ich Ihnen, daß Sie da eines der ſchönſten Exemplare ſehen ſollen! Eckhof ſpielt heute Abend! Eckhof! Wer iſt Eckhof? Joſeph ſah den jungen Mann verwundert an, dann zuckte er mit einem verächtlichen Lächeln die Achſeln. Man hat Sie wirklich verwahrloſt, ſagte er, - — — — 139— und es war die höchſte Zeit, daß Sie zu mir kamen! Sie wiſſen alſo nicht, daß Eckhof der erſte deutſche Schauſpieler iſt, welcher es gewagt hat, den Cothurn des Herrn Gottſched zu verlaſſen, und Menſchen auf der Bühne ſprechen und ſich bewegen zu laſſen? Kom⸗ men Sie, Freund, jetzt gehen wir ganz gewiß in's Theater, und ſehen Sie nur, wie ſich Alles dort nach der dunklen, niedrigen Pforte dieſes Hauſes drängt. Nehmen wir ehrfurchtsvoll unſere Hüte ab, mein Herr, denn hier ſtehen wir vor dem Tempel der Kunſt, vor dem deutſchen Theater. Treten wir ein und beten wir an! Er zog den jungen Mann, der nicht mehr den Muth hatte, zu widerſtreben, in das Haus und zu der Caſſe hin, an welcher Leute jeden Standes und jeden Alters ſich drängten, um Billets zu löſen. Es iſt heute eine Vorſtellung zu Gunſten Eckhof's, ſagte Joſeph, als ſie dann durch den langen dunklen Corridor gingen, welcher zu dem Zuſchauerraum führte. Sie ſehen, wie viel Verehrer der große Schauſpieler hat, denn wie mir ſcheint, iſt halb Berlin heute ge⸗ kommen, um ihm den Tribut eines gezahlten Billets und eines Bravo's darzubringen. Der junge Lupinus antwortete ihm nicht. Er nahm ſchweigend neben Joſeph auf einer dieſer hölzer⸗ nen Bänke Platz, welche eine hinter der andern auf⸗ geſtellt waren, und den Beſuchern des Parterre's we⸗ nigſtens die Bequemlichkeit des Sitzens, wenn auch ohne Rücklehne, gewährten.Eine kleine Erhöhung lief rings um den Saal, von rohen Bretterwänden in viereckige, nach oben offene Kaſten abgetheilt, welche man vornehmer Weiſe„Logen“ nannte. Der Bühne gegenüber bezeichnete eine mit kunſtloſen Drapperieen behangene, und oben mit einem vergoldeten Adler ge⸗ — 140— ſchmückte Tribüne die Loge des Königs, welche indeß noch niemals weder von dem König noch von irgend einem Mitglied der königlichen Familie beſucht worden war. Zu beiden Seiten dieſer königlichen Loge befan⸗ den ſich zwei kleine dunkle, mit grünen ſchmuckloſen Vorhängen verſehene Logen, welche dazu beſtimmt wa⸗ ren, das Gefolge der königlichen Familie, oder dieje⸗ nigen Herren oder Damen vom hohen Adel aufzuneh⸗ men, welche die ſonderbare Laune haben möchten, ein⸗ mal auch das deutſche Theater beſuchen zu wollen, eine Laune, die indeß nur ſehr ſeltene Beiſpiele aufzu⸗ weiſen hatte.. Aber während dieſe königlichen Logen da oben leer ſtanden, drängte ſich unten im Parquett und Parterre die Menge, und manches oh! und ahl und mancher Angſt⸗ und Weheſchrei ertönte aus dieſer dichten Men⸗ ſchenmaſſe, welche vor den beiden ſchmalen Eingangs⸗ thüren des Zuſchauerraums auf⸗ und niederwogte. Es trifft ſich für Sie ſehr glücklich, mein Herr, ſagte Joſeph lachend zu ſeinem Begleiter, ſehr glücklich in der That, daß Eckhof heute gerade den Cato ſpielt, denn abgeſehen davon, daß es ſeine beſte Rolle iſt, muß es doch ein wenig Ihr gelehrtes Herz verſöhnen, ihn in einem Drama des gelehrten Gottſched und in einem Charakter aus dem gelehrten Alterthum zu ſehen. Aber was wird dieſer Hiſtrione aus dem weiſen und edlen Cato für ein Zerrbild gemacht haben! ſeußzte der junge Lupinus mit mitleidigem Achſelzucken. Sie ſind ein Pedant, an dem ſich heffentlich die Muſen noch heute rächen werden, rief Joſeph halb ärgerlich, halb beluſtigt. Sie werden ſehen, daß Sie noch heute Abend ſich in einen wahren Enragé für Eckhof verwandeln werden, denn das iſt gemeinhin die 8. ¹ — 141— Strafe für große Abneigungen, daß ſie ſich in große Zuneigungen umgeſtalten müſſen. Wären Sie ein Mädchen, ſo würde ich ſagen: Sie werden Eckhof lei⸗ denſchaftlich lieben, denn Sie haben ſchon beinahe da⸗ mit angefangen, ihn zu haſſen! Joſeph hatte das ſo harmlos und achtlos geſagt, daß er gar nicht bemerkte, welchen tiefen und ſelt⸗ ſamen Eindruck dieſe Worte auf ſeinen Begleiter her⸗ vorgebracht hatten. Er war, wie von jähem Schreck ergriffen, zuſammengeſchandert und hatte ſein erröthe⸗ tes Angeſicht tief auf ſeine Bruſt geſenkt, ohne, wie es ſchien, die Kraft zu einer Erwiederung finden zu können. Joſeph, wie geſagt, merkte das nicht; er ſah nur, daß der Vorhang da drüben ſo eben emporgezogen ward und das Stück begann. Eine lautloſe Stille herrſchte in dem Saal, Aller Augen waren auf die Bühne gerichtet, wo jetzt eben mit gravitätiſchem Schritt, die römiſche Toga in ma⸗ leriſchem Faltenumwurf um ſeine Schultern geſchlungen, Eckhof als Cato erſchienen war. In der That, man konnte kein vollendeteres Bild eines alten Römers ge⸗ ſehen haben, als Eckhof es darſtellte. Alles an ihm war antik, die edle und zugleich ſtolze Haltung, der würdige, gemeſſene Schritt, die langſamen und doch un⸗ gezwungenen Bewegungen, ja ſelbſt die Form ſeines Kopfes, der Ausdruck ſeines edlen, ſcharf geſchnittenen Angeſichts. Dazu dieſer ſtreng nach der Antike ge⸗ wählte Anzug, dieſe rothen geſchnürten Sandalen über dem kräftigen Bein, das von dem ledernen Gürtel zuſammengehaltene weiße Untergewand, über welches die blaue Toga geſchlungen war, der Schnitt ſeines Haares, Alles vergegenwärtigte den edlen Römer des — 142— Alterthums, den Sohn der Freiheit, voll von Adel und Größe. Eckhof war der Erſte geweſen, welcher den Muth gehabt, die Geſtalten der Dichtung in den Coſtümen ihrer Zeit darzuſtellen, der Erſte, welcher es gewagt, dieſe Geſtalten von dem Cothurn der Unnatur herab⸗ zuziehen, und ſie auf ihre eigenen Füße zu ſtellen, um wie Menſchen ſich zu geberden, wie Menſchen zu ſpre⸗ chen, einfach und in dem jeder Situation angemeſſenen Affect. Eckhof that das um die deutſche Bühne, was um einige Jahrzehnte ſpäter Talma für die franzöſiſche Bühne that, und wenn man nichts deſtoweniger Talma nicht einen Nachahmer Eckhof's nennen konnte, ſo kam das daher, daß Eckhof nur ein Deutſcher war, und daß das deutſche Drama niemals, und am allerwenig⸗ ſten in jener Zeit, die Theilnahme und Beachtung der andern Nationen ſich erwerben konnte. Eckhof ſpielte den Cato, in athemloſem Schweigen lauſchte ihm die in Entzücken und Bewunderung ver⸗ ſenkte Menge, und nur zuweilen machte ſich dies Ent⸗ zücken in irgend einem lauten Ausruf Luft, brach ſich die Bewunderung in einem kurzen, donnernden Applaus Bahn. Dann aber wieder ward Alles ſtill, Jeder⸗ mann lauſchte wieder mit offenem Auge und offenem Ohr dem wundervollen, ebenſo edlen, als naturgetreuen Spiel des großen Künſtlers, der ſelber durchglüht von Begeiſterung, ganz aufgehend in ſeiner Rolle, kaum in ſich ſelbſt noch die Imagination von der Wirklichkeit zu unterſcheiden wußte, der in ſich ſelber aufgehört hatte, Eckhof zu ſein, weil er ſich ganz als Cato fühlte und dachte. Finden Sie nicht, daß Eckhof heute zum Entzücken ſpielt? fragte Joſeph ganz glückſelig ſeinen Begleiter, als er eben nach einem Aetſchluß durch ſtürmiſches V ſ — 143— Nufen und Applaudiren es dahin gebracht, daß Eckhof ſich dem Publikum gezeigt, und noch einmal eine don⸗ nernde Salve des Beifalls empfangen hatte. Der junge Lupinus antwortete ihm nicht, er blickte nur unverwandt nach der Bühne hin, er hatte nur Seele, Athem und Gehör für das, was dort ſich be⸗ gab. Die ganze Welt, die ganze Gegenwart war für ihn verklungen und wie in einen Traumnebel zurück⸗ geſunken. Eine neue Welt umrauſchte ihn mit heiligen Fittigen, das Alterthum, dieſes angebetete Alterthum, dem er lange Jahre des Studiums, des Nachdenkens und der Mühe geweiht, dem er den Schlaf ſeiner Nächte, die der Jugend zuſtehenden Genüſſe ſeiner Tage geopfert hatte, es war jetzt für ihn in das Le⸗ ben, in die Wirklichkeit getreten. Der, welcher dort auf der Bühne ſtand, war nicht Eckhof, es war Cato; das war nicht ein von Brettern aufgeſchlagener Thes⸗ piskaſten, es war das römiſche Forum, es war die Vorhalle des Tempels oder das von den Laren gehei⸗ ligte Wohnhaus. Mit ſeligem Blick und ſtaunendem Entzücken betrachtete dieſer aus der Studirſtube plötz⸗ lich in das Leben getretene Jüngling alles dies Neue, Unerhörte, was um ihn her vorging, und wunderbare Gedanken und nie geahnte Entzückungen ſchwellten ſeine Bruſt. Es gab alſo außer dieſer Welt der Bücher und der Gelehrſamkeit noch eine andere Welt, eine Welt der Kunſt, der Heiterkeit, der Freude und des Lebens⸗ genuſſes. Wie glättete ſich dieſe unter dem Studium und den Nachtwachen früh gealterte Stirn, welch ein glücklicher, begeiſterungsvoller Ausdruck war plötzlich durch den Staub der Büchergelehrſamkeit auf dem Antlitz dieſes jungen Greiſes hindurchgedrungen, und was war es, was plötzlich dieſes Herz, welches bis — 144— jetzt in träger, ſein Selbſt nicht ahnender Ruhe erſtarrt gelegen, in mächtigen Schlägen ſich heben machte, und das Blut raſcher durch ſeine Adern jagte? Es war wie ein Nebel von ſeinem Antlitz gefallen, Alles um ihn war jetzt Leben, Licht, Wonne und Ent⸗ zücken, und mit zitternder Lippe und mit heimlichen Thränen ſagte er zu ſich ſelbſt: Ich will leben! Ich will jung ſein! Jener Weiſe dort ſoll mir helfen und beiſtehen! An ihn will ich mich wenden, er ſoll mir rathen und ich werde ſeinem Rath folgen, wie einem heiligen Geſetz. 3 Sagten Sie nicht, daß Sie den weiſen Cato ken⸗ nen? fragte der Jüngling, aus ſeinen Träumen erwa⸗ chend, plötzlich ſeinen heitern Nachbar. Cato? fragte dieſer zurück. Meinen Sie damit dieſes Drama von Gottſched, oder den langweiligen Cato des Alterthums, oder den Eckhof, der heute den Cato ſpielt? Ah, Eckhof alſo heißt er! murmelte der junge Mann ſtill in ſich hinein. Er heißt Eckhof! Dann verſank er wieder in ſein voriges Schweigen, nur athmend, nur lebend für das, was ſich da auf der Bühne begab. Das Schauſpiel war zu Ende, der Vorhang ſenkte ſich zum letzten Mal. Jetzt machte die ſo lange zurück⸗ gehaltene Begeiſterung, das ſo lange zum Schweigen verurtheilte Entzücken ſich in einem rauſchenden und donnernden Sturm des Entzückens Luft. Alles jauchzte, Alles ſchrie, Alles klatſchte in die Hände, Jedermann war voll lachender Befriedigung, voll freudeſtrahlenden Vergnügens. 5 Der junge gelehrte Lupinus allein ſchwieg und ſeine Augen allein ſtanden voll Thränen. 3 Doch war er vielleicht der Glücklichſte von Allen, — 145— und ſeine Thräne war dem Künſtler ein höherer Tri⸗ but, wie das Beifallsgeſchrei der Menge. Jene hatten nur einen Kunſtgenuß, eine Zerſtreuung oder ein Vergnügen gehabt. Er war in ſeinem eige⸗ nen Herzen auferſtanden von den Todten, er hatte ſich aus einem Greis in einen Jüngling verwandelt, Er, welcher in den langen durchwachten Nächten des Studiums und Forſchens nur von dem Ruhm der Gelehrſamkeit, von der Herrlichkeit des Wiſſens ge⸗ träumt, er hatte jetzt plötzlich in ſich ein neues, nie geahntes Etwas, er hatte ein Herz in ſich entdeckt. Jetzt iſt es entſchieden und ganz beſtimmt, ſagte Joſeph, als ſie, von der Maſſe gedrängt und geſcho⸗ ven, nach Beendigung der Vorſtellung wieder auf die Straße hinaustraten. Ja, jetzt hat aller Zweifel in mir aufgehört. Ich entſage der Gelehrſamkeit und dem trocknen Studium. Ich überlaſſe Ihnen den Bücher⸗ ſtaub und den gelehrten Zopf. Ich werde ein Schau⸗ ſpieler! Ah, ein Schauſpieler! rief der junge Lupinus, wie aus einem Traum erwachend, und ſein Arm, welcher in dem ſeines Begleiters ruhte, erzitterte ſo heftig, daß Joſeph mit ihm erzitterte. 3 Wie? Sie erſchrecken über meine Worte? ſagte Joſeph lächelnd, und wie ſehr Sie mich verachten mö⸗ gen um meines Entſchluſſes willen! Aber was küm⸗ mert das Alles mich! Ich will ein Künſtler werden, und das Naſerümpfen der Gelehrten und das hoch⸗ müthige Achſelzucken der klugen Leute kümmert mich nicht mehr. Ich will ein Schauſpieler, ein Schüler Eckhof's werden! Lachen Sie alſo jetzt, verachten Sie mich alſo jetzt, mein ſehr gelehrter Herr Lupinus, ich gebe Ihnen die Erlaubniß dazu. Ich lache gar nicht! ſagte Lupinus leiſe und ſchüch⸗ Mühlbach, Berlin und Sansſouci ꝛc. I. 10 tern. Jeder muß die Wege wandeln, an deren End⸗ punkt er ſein Ideal zu finden vermeint, und wohin die Seele uns drängt, dahin müſſen wir gehen! Richtig, und alſo werde ich zu Eckhof gehen! rief Joſeph, indem er den Federhut hoch in die Luft ſchwenkte. Sie werden zu ihm gehen? Sie wiſſen alſo, wo er wohnt? fragte Lupinus. Gewiß weiß ich das, ſehen Sie nur, wie ſich das trifft. Da ſtehen wir eben vor ſeiner Thür. Da oben in dem dritten Stock dieſe zwei erleuchteten Fen⸗ ſter, das ſind die Fenſter von Eckhof's Wohnung! Wie heißt dieſe Straße? fragte Lupinus haſtig. Wie? Was kümmert Sie das? Oder iſt meine Pro⸗ phezeihung vielleicht wahr geworden und Sie haben Sich in meinen großen Meiſter Eckhof verliebt? Nein, laſ⸗ ſen Sie meinen Arm nicht los, gehen Sie nicht erzürnt von mir fort. Es iſt ein weiter Weg von der Poſt⸗ ſtraße bis zu Ihrer Wohnung. Sie werden Sich ver⸗ irren. Gehen wir alſo zuſammen, ich werde keine ſo unziemlichen Scherze mehr mit meinem gelehrten Herrn riskiren! Kommen Sie! Er wohnt in der Poſtſtraße und heißt Eckhof! ſagte Lupinus zu ſich ſelber, als er ſchweigend an Joſeph's Arm durch die dunklen Straßen nach ſeiner Wohnung ging. Er wohnt in der Poſtſtraße und heißt Eckhof! Ich werde ihn alſo zu finden wiſſen, und er ſoll über mein Schickſal entſcheiden! 4 .— 147— XI. Eine Lebensfrage. Es war am Morgen nach dem Benefiz Eckhofs, und die ſonſt ſo ſtille Wohnung des Schauſpielers hallte heute wieder von luſtigem Gläſerklang und fröh⸗ lichen Geſängen. Eckhof gab ſeinen Kunſtgenoſſen ein Frühſtück, er wollte nach den Strapazen des vorigen Abends ein wenig mit ihnen ausruhen und das Leben genießen, er wollte den verhungerten Söhnen der Muſen und Grazien eine Stunde des Genuſſes und der Lebens⸗ frende ſchaffen, und da ſeine Börſe heute gefüllt war, wollte er den Magen ſeiner Freunde auch füllen. Trinkt und ſeid luſtig und guter Dinge, ſagte er zu ſeinen fröhlichen Genoſſen, laſſet uns auf einige Stunden vergeſſen, daß wir arme, verachtete, deutſche Hiſtrionen ſind, und wollen wir uns einbilden, wir gehörten zu dieſen hochgeehrten franzöſiſchen Bühnen⸗ künſtlern, denen man in Deutſchland ſo willfährig Gold, Ehre, Anſehen und Liebe ſpendet! Hebt Eure Glä⸗ ſer und trinkt mit mir auf das Wohl der deutſchen Kunſt! Dann alſo auf das Wohl Eckhof's! rief einer der fröhlichen Genoſſen, indem er das Glas erhob. Ja, auf das Wohl Eckhof's, des Vaters der deutſchen Schauſpielkunſt. Denn das ſind Sie, Freund, und unſer Wohlthäter dazu, denn Ihnen verdanken wir es, daß wir ſeit einigen Monaten keinen Hunger und kei⸗ nen Durſt mehr empfinden, daß man anfängt, das 10* — 148— deutſche Theater auch der Beachtung werth zu halten, und uns zuweilen ſogar nicht mehr wie Bettler, ſon⸗ dern wie Künſtler zu behandeln. Drum laßt uns Alle anſtoßen auf das Wohl unſers Erretters, des großen Eckhof! Sie hoben ihre Gläſer und ließen ſie aneinander klingen und jubelten laut. Eckhof allein wurde trübe und ſtill, und ſein großes ſchwärmeriſches Auge ſchaute zuweilen ſinnend und träumend in die Weite. Seine Freunde gewahrten es, und fragten ihn um den Grund ſeiner Melancholie. Ich bin gar nicht melancholiſch, ſagte Eckhof, ob⸗ wohl ein deutſcher Schauſpieler allerdings ziemlich viel Grund dazu haben könnte. Aber ich habe meine Ge⸗ danken und Pläne, und um Euch Allen dieſe heute mitzutheilen, deshalb lud ich Euch hierher. Ihr ſagt, daß ich Euer Wohlthäter ſei, und gerade das erfüllt mein Herz mit Wehmuth und Sorge, denn wie elend und jammervoll muß es beſtellt ſein um die deutſche Kunſt, wenn ein Anfänger, wie ich es bin, ihr ſchon förderlich und nützlich ſein kann. Ihr Alle, meine Freunde, ſeid Künſtler, und wenn ich Euch das ſage, ſo thue ich es aus Ueberzeugung, und nicht aus elen⸗ der Schmeichelei. Künſtler ſeid Ihr, und zwar beden⸗ tendere und größere als ich, nur hattet Ihr es ver⸗ ſchmäht, Eure Künſtlerſchaft in das rechte Licht zu ſtel⸗ len, nur hattet Ihr nicht den trotzigen Muth, die Sitte und das Herkommen zu durchbrechen, und von dem Cothurn herabzuſteigen, auf welchen man Euch geſtellt hatte, und auf welchem Ihr ſtehen bliebt, weil Eure Vorgänger auch darauf geſtanden hatten. Daß ich dies gethan, daß ich es gewagt, die gewohnten Bahnen zu verlaſſen, das iſt das einzige Verdienſt, welches ich ge⸗ habt. Sie ſagten, der Hanswurſt ſolle von der deut⸗ — 149— ſchen Bühne verſchwinden, und ſie merkten nicht, daß er noch immer da war, und daß ſie ihm nur andere Gewänder angezogen hatten. Der wie ein Pfau da⸗ herſtolzierende Liebhaber, der ſeine Arme ſteif und ſtarr wie Mühlenflügel abwechſelnd zur Linken und zur Rech⸗ ten warf, und ſeine pathetiſchen Phraſen entweder mit unnatürlicher Dumpfheit aus der Kehle hervorſtieß, oder ſie in widerlicher Affectation durch die Naſe trom⸗ petete, war er nicht ebenſo gut und mehr noch ein Hanswurſt, als dieſes harmloſe, heitere und übermü⸗ thige Kind derber und deutſcher Laune, als der privi⸗ legirte deutſche Hanswurſt? Das war mein Ge⸗ danke, als ich es wagte, ſtatt der unnatürlichen Nar⸗ ren natürliche Menſchen auf die Bretter zu bringen, und dieſem Gaukelſpiel der Kunſt ein wenig Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen. Ihr, meine Freunde, habt mich in dieſem Beſtreben getreulich unterſtützt und mir beigeſtanden in dem, was ich wollte, und als fernes Ziel vor Augen ſah. Wir ſind auf dem Wege, das deutſche Drama von dem Mehlthau der Gering⸗ ſchätzung und Nichtachtung zu befreien, welches es bis jetzt faſt ertödtet hatte; wir ſind auf dem Wege, ſage ich, aber lange noch nicht am Ziel! Laſſet uns alſo rüſtig vorwärts ſchreiten, muthig und unverzagt, der Beſchwerden nicht achtend, die Entbehrungen verlachend, und dem Hunger und Durſt das erhebende Gefühl des edlen Wollens entgegenſetzend. Ihr ſagt, daß Ihr Euch in Berlin jetzt glücklich und zufrieden fühlt, ich aber ſage Euch, daß Berlin nicht eine Stätte iſt, in welcher Ihr verweilen dürft, ich ſage Euch, daß es der deutſchen Mannesehre nicht ziemt, dieſes Leben des Geduldetſeins, des demüthigen Vegetirens weiterzufüh⸗ ren. Wie Cäſar meine ich, daß es beſſer iſt, in einer kleinen Stadt der Erſte zu ſein, alsgder Zweite und — 150— Dritte in einer großen Stadt. Deshalb, Ihr Freunde, laßt uns Berlin verlaſſen, dieſes kalte, ſtolze, übermü⸗ thige Berlin, welches doch ſo wenig den rechten Stolz und das rechte Ehrgefühl hat, das Fremde und Aus⸗ ländiſche zu verachten und das Einheimiſche und Deutſche hochzuachten. Laßt uns dieſer Stadt der Ausländerei und des geiſtreichen Franzoſenthums den Rücken wen⸗ den und als Miſſionaire des deutſchen Drama's um⸗ herziehen durch das deutſche Vaterland. Wollt Ihr das thun? Wollt Ihr mit mir ziehen auf dieſer Pil⸗ gerſchaft nach Ehre und Glück? Eine lange Pauſe ſolgte auf Eckhof's Frage. Alle Geſichter waren ernſt und trübe geworden, Jeder ſchaute verlegen und nachdenkend zur Erde nieder. Nun, Ihr antwortet mir nicht? fragte Eckhof trau⸗ rig. Ich habe es alſo nicht vermocht, Euch zu über⸗ zeugen, Ihr wollt nicht mit mir gehen? Wir ſollen Berlin verlaſſen, ſagte der erſte Held und Liebhaber, gerade jetzt, wo man anfängt, uns Theilnahme zu beweiſen und ſich für uns zu enthu⸗ ſiasmiren! Lieber Freund, der Enthuſiasmus der Berliner iſt ein elendes Strohfeuer, welches ebenſo raſch auflodert als verglimmt. Heute enthuſiasmiren ſie ſich für uns und morgen vielleicht ſchon vergeſſen ſie uns, weil ir⸗ gend ein abgerichteter gelehrter Sperling oder Hund, irgend eine franzöſiſche Tänzerin oder ein italieniſcher Sänger ihre Bewunderung erregt hat. Es iſt keine Treue und keine Ausdauer in dem Enthuſiasmus der Berliner, deshalb laßt uns gehen, bevor er ver⸗ raucht iſt. Aber wir ſollten lieber die gute Zeit benutzen, ſo lange ſie noch dauert, ſagte ein Anderer. Wir haben jetzt für den Augenblick keine Sorgen und ſind für — 151— uns und unſere Familien von der elenden Angſt um das tägliche Brod befreit. Wenn Ihr keine Sorge und keine Noth mehr auf Euch nehmen wollt, ſo werdet Ihr niemals wahre Künſtler werden, ſagte Eckhof traurig, denn die Sorge und die Noth das werden noch lange die einzigen treuen Gefährtinnen des deutſchen Künſtlers ſein, und wer nicht den Muth hat, ihr Gefährte und Geliebter zu ſein, der thäte beſſer, ein ehrſamer Schneider oder Schuſter zu werden und ſich ganz der einträglichen Arbeit und dem ehrſamen Spießbürgerthum hinzuge⸗ ben. Wenn Euch das Wohl der Familie höher ſteht als die Kunſt, warum habt Ihr Euch dann nicht lie⸗ ber genügen laſſen, tugendhafte ſtille Familienväter zu ſein und Euch an den Rollwagen Eurer Kinder, ſtatt an den Thespiskarren des deutſchen Drama's anzu⸗ ſchirren. Die Kunſt verträgt ſich einmal nicht mit der Familie, und wenn Ihr Euch mit der erſteren ver⸗ mählen wollt, müßt Ihr Ench zuvor von der zweiten ſcheiden laſſen!. Und das wollen wir thun, ja wahrhaftig, das wol⸗ len wir, rief Joſeph Fredersdorf, welcher ſo eben un⸗ bemerkt von den Andern in's Zimmer getreten war und mit fröhlichem Kopfnicken und Lachen ringsum ſeine Grüße ſpendete. Ich meinestheils bin Euch Allen ſchon mit einem guten Beiſpiel vorangegangen und habe gethan, was der große Eckhof begehrt. Ich habe mich von meiner Familie geſchieden, um wo mög⸗ lich der berechtigte Gemahl der Kunſt zu werden, deren girrender und ſeufzender Liebhaber ich ſchon lange ge⸗ weſen. Ich habe meinen ſogenannten Lebensausſichten und dem ganzen philiſterhaften Beamtenthum Valet geſagt, meinem ehrſamen, gelehrten und hofmänniſchen Bruder dazu, und bin ganz bereit, der Euere zu wer⸗ — 152— den, wenn anders der edle Eckhof mich nicht ver⸗ ſchmäht, ſondern mich zu ſeinem Schüler annehmen will! Eckhof reichte ihm mit einem ſanften Lächeln die Hand dar. Ich nehme Sie an, ſagte er, und zwar mit Freuden, denn in Ihnen glüht das rechte Feuer der Kunſt. Ich habe Sie lange genug beobachtet und geprüft, um gewiß zu ſein, daß Sie in Wahrheit den rechten Muth haben, welcher dazu gehört, ein deutſcher Künſtler ſein zu wollen, in dieſer ſchlimmen Zeit, wo man nur das Fremdländiſche zu ehren und anzuer⸗ kennen weiß. Wenn Sie das Kreuz auf ſich nehmen und die Dornenpfade des Künſtlerthums mit uns wan⸗ deln wollen, ſo ſage ich von ganzem Herzen: Sie ſind willkommen! Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen für die⸗ ſes Wort, welches mir die Berechtigung giebt, mit⸗ ſprechen zu dürfen in dieſer würdigen und ehrſamen Verſammlung! rief Joſeph mit komiſchem Pathos. Auf alſo, meine Freunde, auf, laſſet uns von hinnen ziehen und das Miſſionsthum der Kunſt beginnen. Der Künſtler iſt in Deutſchland nicht beſſer daran wie der Jude zu den Zeiten der Römerherrſchaft. So laſſet uns thun, wie es die Juden damals gethan, denn auch wir haben unſern Moſes gefunden, der uns führen will in das gelobte Land der Verheißungen, wo wir Ehre, Freiheit, Reichthum und Glück finden ſollen. Moſes, Moſes, führe uns, wir ziehen mit Dir gen Kanaan! Wir ſind hier die Beſiegten und die Unterdrückten, laßt uns alſo ausziehen und wandern, wo wir uns eigene Tempel erbauen und eigenen Ruhm erkämpfen können. Sagt, wollt Ihr das nicht, meine Freunde? Wollt Ihr weniger ehrgeizig, weniger tapfer ſein als die Juden? Wollt Ihr die Freiheit und den — 153— Ruhm nicht ſuchen, weil ſie jenſeits der Wüſte liegen, die Ihr erſt durchwandern müßt? Aber erinnert Euch doch, daß Denen, welche treu und inbrünſtig an ihren Gott glauben, auch die Hülfe dieſes Gottes niemals mangelt. Den verſchmachtenden Juden in der Wüſte ſandte Gott das Manna, und Ihr, wollt Ihr ſo klein ſein, zu glauben, daß der Gott der Kunſt, daß Apoll Euch verſchmachten läßt, wenn Ihr ausziehet, ihm Tempel und Altäre zu bauen? Verlaßt alſo getroſten Muthes die Fleiſchtöpfe Aegyptens, mit Euch zieht Euer Gott, und er wird uns ſegnen und behüten! Ja, wir wollen's thun! Wir wollen Eckhof fol⸗ gen! Wir wollen als ächte Jünger der Kunſt unſerm Meiſter gehorchen und ihm anhangen, riefen die begei⸗ ſterten Freunde. Führe uns, Eckhof, führe uns, denn Du haſt Recht, Berlin iſt nicht der Ort, wo die deutſche Schauſpielkunſt gedeihen kann, man hält uns hier gering, obwohl man uns augenblicklich zu ehren ſcheint! Gerade weil man uns zu ehren ſcheint, laßt uns klug ſein und gehen, damit uns ihr Bedauern folge, damit man wuünſche, uns wiederzuſehen! Laßt uns fliehen vor den Ausländern, und eine Stadt ſuchen, wo man die einheimiſche Kunſt vielleicht zu ehren weiß! Dieſe Stadt iſt ſchon gefunden, ſagte Eckhof lä⸗ chelnd. Laßt uns nach Halle ziehen, nach der Stadt der Wiſſenſchaft und Gelehrſamkeit, tiefer Bildung und edelſten Verſtändniſſes. Die Männer, welche den Wiſ⸗ ſenſchaften ihr ganzes Leben geweiht, werden am beſten geeignet ſein, das Streben des Künſtlers zu ſchätzen und anzuerkennen, und in vereintem Streben mit ihnen werden wir Halle zu einem deutſchen Athen erbeben, — 154— in welchem die Wiſſenſchaften und die Künſte Hand in Hand gehen in edelſter Geſchwiſterliebe! Wohlan denn, nach Halle! rief Joſeph den Hut ſchwenkend, aber ſeine Stimme war weniger fröhlich unnd ſein Auge blitzte minder feurig, als zuvor. 3 Und wird der Direktor Schönemann einwilligen, us gehen zu laſſen? fragte Einer der Bedächtigeren, Schwerfälligeren aus der Verſammlung. Schönemann iſt entſchloſſen, mit uns zu gehen, ſagte Eckhof, vorausgeſetzt, daß wir keine Anſprüche auf Gage machen, ſondern mit ihm auf Gewinn und Verluſt dieſe Unternehmung theilen. So daß wir alſo verhungern können, ſagte Einer, wenn das Unternehmen mißlingt und wir in Halle keine Geſchäfte machen? Eckhof ſchleuderte auf ihn einen Blick der Verach⸗ tung und des Zorns, aber er erwiderte nichts, ſon⸗ dern durchmaß ſchweigend das Zimmer, um nach dem Schreibtiſch zu gehen, der dort drüben in der Niſche des Fenſters ſtand. Er öffnete ihn und nahm eine gefüllte Börſe hervor, mit der er wieder an den Tiſch trat, um welchen die Kunſtgenoſſen ſaßen. Ich habe nicht geſagt, daß wir in Halle Geſchäfte machen wollen, ſagte er traurig, nicht Geſchäfte und Schacher, wie es die Iuden und die Kaufleute thun, ſondern ich habe gemeint, daß wir dahin gehen wollen, als rechte und ächte Miſſionnaire der Kunſt, welche weder Hunger noch Durſt, noch Entbehrung und Noth und Todesgefahr ſcheuen im Dienſt ihrer Kunſt und ihres Glaubens. Aber ich will nicht, daß Ihr durch mich hungern und Noth leiden ſollt, ſo lange ich es vermeiden kann. Da, nehmt, was Mein iſt. Dieſer Beutel enthält die Gage der letzten zwei Monate und das, was mir von der Einnahme des geſtrigen Bene⸗ — 155— fices noch übrig geblieben. Es iſt Alles, was ich habe. Nehmt und theilt es untereinander, ich denke es wird ausreichen, Jedem von Euch wenigſtens für einen Monat Sicherheit zu gewähren! Wollt Ihr das annehmen, Ihr Freunde? fragte Joſeph mit glühenden Augen. Nein, wir wollen es nicht annehmen! riefen Alle wie aus Einem Munde. Was wir thun, wollen wir freudig und frei thun und Niemand ſoll uns die Hände binden mit ſeiner Großmuth und Hochherzigkeit, ſelbſt Eckhof nicht! Eckhof's Antlitz ſtrahlte vor Freude. Wahrlich, Ihr ſeid ächte Jünger der Kunſt und wohl berechtigt, ihr zu dienen, ſagte er. Nun hört einen andern Vor⸗ ſchlag, den ich Euch machen will. Ihr habt mein Anerbieten für Euere Perſon ausgeſchlagen, aber Ihr dürft das nicht thun für Euere Weiber und Kinder. Zählt alſo Euere Kinder und Euere Weiber zuſammen und theilt unter ſie zu gleichen Theilen das Geld, denn Ihr könnt nicht wollen, daß ich den Mammon behalte, während Ihr nichts habt. Mit dieſem Gelde ſollt Ihr Euch einſtweilen loskaufen von der Familie, weil die Kunſt Euerer bedarf und Euch zu ſich ruft. Erſt nach langem Widerſtreben und ſtürmiſchen Zureden Eckhof's nahmen die Freunde ſeinen Vor⸗ ſchlag an und theilten das Geld für ihre Frauen und Kinder.* Eckhof ſchaute ihnen mit vergnügtem Geſicht und heiterem Lächeln zu. Nun bin ich wieder, wie ich vor zwei Jahren war, ſagte er, vor zwei Jahren, als ich mich zuerſt ganz und gar der Kunſt weihte. Da⸗ mals war ich ein ehrſamer Schreiber, der von einem Tag zum andern ſo hin vegetirte und Gott dankte, wenn er nach achtſtündiger Schreibarbeit ein wenig — 156— Luft und ein wenig Abendſonne genießen und den Feldern und Wäldern die erhabenſten Stellen ſeiner Lieblingsdichter vordeclamiren durfte. Und vielleicht wäre ich wohl ſo ein armer Schreiber und Schwärmer geblieben, wenn mein Genius mir nicht beigeſtanden und mir einen tüchtigen Stoß mit dem Ellenbogen gegeben hätte, damit ich aus meiner Träumerei zum thatkräftigen Leben erwachte. Als der übermüthige Juſtizrath, deſſen Schreiber ich war, von mir ver⸗ langte, daß ich als Bedienter hinten auf ſeinem Wa⸗ gen ſtände, da erwachte das Gefühl meiner Ehre und meiner Würde in mir und ich lief davon, feſt ent⸗ ſchloſſen lieber zu verhungern, als ſolche Demüthigung und Schmach länger zu ertragen. Aber mein Genius war mit mir, er flößte mir den Muth ein, die große und ewige Sehnſucht meines Lebens zu verwirklichen, ein Schauſpieler zu werden und der Kunſt zu dienen, nachdem ich ſo lange nur der Nothdurft des Lebens gedient hatte. Seht, ſo iſt es gekommen, daß ich ein Schauſpieler geworden; weil man mich als Bedienten hinten auf den Wagen ſtellen wollte, bin ich ein Künſt⸗ ler geworden. Und will man uns jetzt nicht minder ſo demüthigen und erniedrigen? Will man uns nicht zwingen, als arme Bedienten fein ſtill und leiſe hin⸗ tenaufzuſtehen auf dieſem Triumphwagen der Schau⸗ ſpielkunſt, in welchem die Ausländer und die Fremden ihre Plätze eingenommen haben? Nein, nein, Ihr Freunde, wir wollen nicht in Berlin Bediente ſein, wenn wir in Halle die Herren, die freien Männer ſein können, nicht Abſchreiber der Franzoſen, wenn wir Muth und Talent genug beſitzen, ſelbſtſchaffende und denkende Künſtler zu ſein! Wer Großes will, hat auch die Kraft das Große zu erreichen, alſo laßt — 157— uns nwerzage gun muthig und uns raſch und ſchnell vorbereiten zu unſerm großen Unternehmen! Er reichte den Freunden, welche jetzt mit der Theilung der Gelder fertig waren, ſeine Hände dar V und verabſchiedete ſie, nachdem er die nöthigen Ver⸗ abredungen wegen ihrer nahebevorſtehenden Abreiſe getroffen. Sie ſind alſo feſt entſchloſſen, nach Halle und nicht in irgend eine andere Stadt zu gehen? fragte b Joſeph Fredersdorf, als er, nachdem die andern ſie ſchon verlaſſen, Eckhof zum Abſchied die Hand reichte. Ja, wir gehen nach Halle, ſagte Eckhof. Halle iſt ein Muſenſitz, alſo gehören wir dort hin. Joſeph ſchüttelte traurig lächelnd das Haupt. Ich kenne Halle, ſagte er. Sie nennen es einen Muſenſitz, ich meine aber, daß es mehr der Sitz des gelehrten Pedantismus iſt. Sie werden das bald inne werden und erkennen müſſen, daß es nichts Engherzigeres, Beſchränkteres und Aufgeblaſeneres giebt, als einen Hallenſer Profeſſor, der nichts anders anerkennt als nur eben ſich ſelber, oder irgend einen alten beſtaub⸗ ten und verſchimmelten Griechen oder Römer, der eigentlich für ihn dadurch nur erſt groß und bedeutſam wird, daß der Herr Profeſſor ihm die Ehre erzeigt, ihn zu erläutern und zu erklären. Aber immerhin, Sie haben einmal beſchloſſen, nach Halle zu gehen und ich folge Ihnen als treuer Knappe in Noth und Tod, und was ſchlimmer iſt, nach Halle ſogar! Und jetzt, da ich endlich allein bin, rief Eckhof, als Joſeph ihn verlaſſen, jetzt an das Studium mei⸗ Rolle. Nun ſteht mir bei, Ihr Götter, ſtert mich mit Eurer Kraft und gebt mir Töne, die rechte Ausdrucksweiſe, die rechte dieſer wundervollen Geſtalt des Hippolyt, — 158— mit der ich mir zuerſt das Herz hes ſtrengen Pro⸗ feſſoren in Halle gewinnen will. Und im Zimmer auf⸗ und niedergehend, begann Eckhof mit lauter Stimme die ſtolzen und beredten Verſe Corneille's zu recitiren. So vertieft war er in ſein Studium, daß er das öfter wiederholte Klopfen an ſeiner Thür ganz überhörte, daß er gar nicht ſah, wie endlich dieſe Thür leiſe geöffnet ward und der junge Lupinus mit ſchüchternem und erröthendem Ant⸗ litz auf der Schwelle erſchien. Staunend und verwundert hörte er den patheti⸗ ſchen Worten des Schauſpielers zu, und als dieſer jetzt die flammende und zugleich ſo unſchuldsvolle Lie⸗ beserklärung Hippolyts ſprach, überzog ein glühendes Roth des Jünglings Wangen und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Aber er bekämpfte dieſe Rührung bald und trat feſt und entſchloſſen auf Eckhof zu, der eben ſeine Rede beendet hatte und vor dem Spiegel ſtand, um mit prüfendem Auge die Attitüde zu be⸗ trachten, mit welcher er ſeine glänzende Liebeserklärung ſchließen wollte. 3 Mein Herr, ſagte er mit leiſer ſchüchterner Stimme, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie ſtöre. Aber man hatte mir geſagt, daß ich hier den Herrn Eckhof fin⸗ den würde, und da es ſehr wichtig und für meine ganze Zukunft entſcheidend iſt, daß ich dieſen großen und weiſen Mann ſpreche, ſo werden Sie ſchon Nach⸗ ſicht üben müſſen, wenn ich Sie da in lichen Studien unterbrochen habe. Ich bitte S zu ſagen, ob ich Herrn Eckhof wohl zu Hauſe te denn daß ich mich richtig in ſeiner Wohnung las ich da draußen an der Thür. Allerdings, hier wohnt Eckhof, ſagte der 6 ſpieler, indem er den jungen Lupinus mit ſo — 159— dringenden u aaglänzenden Blicken anſah, daß dieſer erröthete und ſit mädchenhafter Verwirrung die Au⸗ gen zu Boden ſchlug. Ja, hier wohnt Eckhof, aber nicht, wie Sie ſagen, der große und der weiſe Mann, ſondern einfach nur Eckhof, der Schauſpieler. Ich habe Sie nicht um Ihr Urtheil gefragt über den großen Künſtler, welchen ich verehre, ſagte Lupi⸗ nus faſt beleidigt, ich wollte von Ihnen nur erfahren, wo ich ihn finden könnte? Wenn ich Ihnen das ſagen ſoll, ſo müſſen Sie mir zuvor ſagen, was Sie von Eckhof wollen? Was ich von ihm will? fragte der junge Mann ſinnend und erröthend zugleich. Weiß ich das ſelber, mein Herr? Es liegt da ein Geheimniß in meiner Seele, welches ich ſelber nicht ergründen kann, und das Er, welcher Lebenserfahrung, Weisheit und Alter beſitzt, mir erklären ſoll. Ich habe Vertrauen zu ſei⸗ nen Augen, zu ſeinem weißen Bart, und was ich Niemand ſonſt zu ſagen wagen könnte, das werde ich ihm ſagen. Eckhof lachte. Was Eckhof's weißen Bart anbe⸗ trifft, ſagte er, ſo werden Sie den in der Garderobe ſuchen müſſen, wie ſeine Weisheit in den Büchern der Dichter, deren Worte er geſprochen. Eckhof iſt weder alt, noch weiſe, noch welterfahren, denn, um es Ihnen kurz zu ſagen, ich ſelber bin Eckhof. Sie, Sie ſind Eckhof? fragte Lupinus erbleichend, indem er wie entſetzt einige Schritte zurückwich und mit weit aufgeriſſenen Augen auf Eckhof hinſtarrte, deſſen edles, jugendfriſches, von Lebenskraft und Geiſt ſtrahlendes Angeſicht ihm mit lächelndem Ausdruck zu⸗ gewandt war. 3 4 Sie ſind Eckhof? wiederholte er noch einmal, und es flog wie ein Schauder durch ſeine ganze Geſtalt. — 160— Ich bin es, und ich denke, perden es mir verzeihen, daß ich ein wenig jünge wenig brau⸗ ner und auch weniger weiſe bin wie der weiſe Cato, als welchen Sie mich ohne Zweifel geſtern geſehen haben. Hoffentlich wird das Ihrem Vertrauen zu mir keinen Abbruch thun und ich bitte Sie von gan⸗ zem Herzen, mir zu ſagen, worin ich Ihnen nützen kann und welches Geheimniß ich Ihnen ergründen helfen ſoll. Nein, nein, Sie können mir dieſes Geheimniß nicht ergründen, Sie nicht, rief der Jüngling mit vor Aufregung bebender Stimme. Verzeihen Sie, wenn ich Sie vergeblich ſtörte, denn Ihnen habe ich nichts zu ſagen, nichts zu geſtehen. 3 Und ganz verwirrt und ſchamvoll entfloh der junge Mann aus dem Zimmer des Schauſpielers, der ihm ſtaunend und ganz überzeugt, daß er es mit einem Wahnſinnigen zu thun gehabt, nachblickte. Mit keuchender Bruſt, zitternden Herzens, kaum wiſſend was er that, was er dachte, rannte Lupinus durch die Straßen ſeiner Wohnung zu, und wie er endlich ſein Zimmer erreicht, wie er hinter ſich die Thür geſchloſſen hatte, welche ihn abtrennte von der Welt und den neugierigen Menſchen, da ſank er ganz zerbrochen auf ſeine Kniee nieder und rief mit herz⸗ zerreißendem Ton: Ich habe Eckhof geſehen! Oh, er iſt jung, er iſt ſchön. Unglückſelig bin ich, daß ich ihn geſehen habe! Dann verſank er tiefer in ſich ſelbſt, und immer noch auf ſeinen Knieen liegend, die Hände gefalten, ſtarrte er träumend und ſinnend vor ſich hin. Das dauerte eine lange Zeit, dann ſprang er plötzlich empor, und mit von Energie und Gluth flammenden — Augen rief er: Ich will fort! Ich muß fort! Ich e—— — 161— will zurück nach Halle zu meinen Büchern, meinen Studien, zu meiner ſtillen Kammer, welche friedlich iſt und einſam, und wohin das Geräuſch der Welt und die Stimme Eckhofs nicht dringen kann. Dort werde ich dieſes kurze Erwachen meiner Jugend ver⸗ geſſen, dort wird mein Herz wieder einſchlafen und träumen und unter dem Staub der Bücher begraben liegen. So muß es ſein, ſo ſoll es ſein, denn es darf nicht anders ſein. Unſelig bin ich, daß ich hier⸗ her kommen mußte, denn ich fühle doch, daß ich hier am Scheidewege meiner Vergangenheit ſtehe, am An⸗ fang eines neuen Daſeins. Aber ich will fort! Viel⸗ leicht iſt es noch Zeit, vielleicht kann ich dem Unheil noch entgehen und das Verderben noch beſchwören, das mir droht. Oh, oh, bei meinen Büchern und Studien werde ich alles Andere vergeſſen, werde ich dieſe Stimme nicht mehr hören, welche hier ewig vor meinen Ohren klingt, und dieſe Augen nicht mehr ſe⸗ hen, dieſe fürchterlichen, ach, dieſe wundervollen Au⸗ gen! Ich muß alſo fort, heute, auf der Stelle. Und mit fieberiſcher Haſt und zitternden Händen packte er ſeine Effecten zuſammen und verſchloß ſie in dem kleinen Reiſekoffer. Einige Stunden ſpäter fuhr die Poſt nach Halle mit luſtigem Geſchmetter die Straße hinunter. Als ſie an der Wohnung Eckhoſ's vorüber kam, lehnte ein bleicher junger Mann ſich aus dem Schlag hervor, und blickte mit rothen verweinten Augen zu den Fen⸗ ſtern des Schauſpielers empor. Lebewohl, Eckhof, murmelte er. Ich fliehe vor Dir, aber Gott ſegne Dich! Fort, fort nach Halle, wo meine Augen ſicher ſind, Eckhof nicht zu ſehen, wo mein Herz ſeine Stimme nicht mehr hören wird! Der Poſtwagen rollte weiter gen Halle zu; der Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. J. 11 — 162— junge Lupinus lehnte ſich traurig und ſeufzend in die Ecke des Wagens zurück, überzeugt, ſein Verhängniß beſchworen und der Gefahr ſich entzogen zu haben. Aber das Verhängniß war über ihm, wie die mit Blitzen angefüllte Wetterwolke, und die Gefahr, wel⸗ cher er entfliehen wollte, folgte ihm nach. XII. Aberglauben und Pietismus. Es war alſo endlich erreicht. Die große That war gethan, der ſchwarze Ziegenbock war aufgefunden und nach Berlin gebracht worden. Mit welcher Ungeduld, mit welcher herzklopfenden Sorge erwartete Fredersdorf den heutigen Abend, welcher ihm endlich die Enthüllung des großen Welt⸗ geheimniſſes bringen, ihn endlich die Kunſt lehren ſollte, Gold zu machen. Zu ſeinem Glücke war der König nicht in Berlin anweſend, ſondern nach Char⸗ lottenburg gegangen, Fredersdorf war alſo für dieſen Abend frei und der Herr ſeines Willens. Und ſo wird es von morgen ab immer ſein, ſagte er freudig zu ſich ſelber. Von morgen an gehört mir die Welt, und ich beneide den König nicht um ſeinen Thron, den Gelehrten nicht um ſein Wiſſen, und die Jugend und die Schönheit nicht um ihre Wunder⸗ blüthe, denn ich werde mächtiger, geliebter und geehr⸗ ter ſein, als ſie Alle, ich werde eine unerſchöpfliche Quelle des Goldes haben, des Goldes, welches doch 3 — 163— zuletzt der Herr und König aller Welt iſt, und dem die Könige und die Gelehrten, die Jugend und die Schönheit ſich beugen. Oh, welch' ein Leben der Wonne und des Entzückens ſoll dies ſein. Ich werde frei ſein, ich werde die Frau heirathen, welche ich liebe, ich werde Niemand mehr angehören als mir ſelber! Oh, ſchon neigt ſich die Sonne dem Abend zu, bald wird der Mond am Himmel ſtehen und dann— Ein leiſes Rauſchen an der Tapetenthür machte ihn verſtummen, und mit einer Art Entſetzen wandte Fre⸗ dersdorf ſeine Blicke dieſer Thür zu, welche gerade in die Gemächer des Königs führte und durch welche nur Er eintreten konnte! 4 Und er war es, es war Friedrich, welcher dieſe Thür öffnete und mit heiter lächelndem Geſicht das Zimmer ſeines Geheimkämmerers betrat. Ich komme Dir unerwartet, ſagte der König, deſſen heller forſchender Blick ſehr wohl die Wolke bemerkt hatte, welche bei ſeinem Eintreten ſich über Fredersdorf's Stirn gelagert hatte. Aber was willſt Du, die Könige und das Schickſal haben immer das Recht, als der deus ex machina zu erſcheinen und die Berechnungen der kleinen Sterblichen zu ſtören. Ich habe gar keine Berechnungen gemacht, Maje⸗ ſtät, ſagte Fredersdorf verwirrt, und die Anweſenheit meines Königs kann auch für mich niemals ſtörend ſein. Deeſto beſſer! rief der König lächelnd, denn ich habe meine Berechnungen gemacht und Du ſpielſt darin eine wichtige Rolle. Wir werden heute Abend zu thun haben, Fredersdorf, und wenn Du vielleicht darauf gehofft hatteſt, dieſen Abend frei zu ſein, ſo thut es mir leid, dieſe Hoffnung ſtören zu müſſen, — 164— denn für dieſen Abend biſt Du der Gefangene Deines Königs. Der König ſagte das mit einem ſo eigenthümli⸗ chen, ernſten und zugleich liebevollen Ausdruck, daß Fredersdorf ſich unwillkührlich davon ergriffen und beſänftigt fühlte, und ſeine Lippen auf die Hand preßte, welche der König ihm darreichte. Wir werden zu arbeiten haben, fuhr Friedrich fort. Denn ich ſage Dir, die Zeit der Muße iſt vor⸗ über und auch die Zeit der Muſen. Bald werde ich meine Flöte wieder in ihren Kaſten legen und mein Schwert wieder aus ſeiner Scheide ziehen, denn, wie es ſcheint, findet meine Muhme Maria Thereſia, daß es einem König von Preußen nicht ziemt, ſein Leben anders als im Feldlager hinzubringen und eine andere Muſik zu vernehmen, als den Donner der Kanonen und die Trompete, welche zur Schlacht ruft. Nun, wenn Oeſterreich denn durchaus den Krieg mit uns will, ſo ſoll es ihn haben, denn nimmer wird Preu⸗ ßen ſich den übermüthigen Forderungen Oeſterreich's fügen, und nimmer wird das Haus Hohenzollern ſich wieder dem Hauſe Habsburg unterordnen und dienſt⸗ bar machen. Meine Muhme, die Kaiſerin, will es immer noch nicht vergeſſen, daß die Churfürſten von Brandenburg den Kaiſern das Waſchbecken bei der Tafel reichen mußten, ſie möchte uns daher immer noch als den Cavaliere servente ihres Hauſes betrach⸗ ten und uns mit Englands, Rußlands und Sachſens Hülfe in das alte Joch zurückzwingen. Aber es ſoll ihr nicht gelingen, und wenn ſie mit England, Ruß⸗ land und Sachſen ein Bündniß geſchloſſen, ſo habe ich daſſelbe gethan mit Frankreich und mit Baiern, zum Schutz des Kaiſers Karl des Siebenten. Das — 165— bedeutet alſo Krieg, und das Leben des Genuſſes und der Träumereien iſt nun vorüber.— Ich habe Dir da ein wenig Politik erzählt, fuhr 4 der König nach einer Pauſe lächelnd fort. Ich that's, um Dir zu beweiſen, daß ich Deiner bedarf, und daß wir viel zu arbeiten haben. Wir müſſen die Rech⸗ nungen meiner Privatchatoulle ordnen, wir haben Briefe zu ſchreiben, und endlich uns mit den Ge⸗ ſchenken zu beſchäftigen, welche wir der Prinzeſſin Ul⸗ rike zu ihrer Vermählung darzubringen haben. Du ſiehſt alſo, wir haben viel zu thun. Ich werde zu jeder Zeit bereit ſein, die Befehle meines Königs zu empfangen, ſagte Fredersdorf, ich werde die ganze Nacht arbeiten, nur bitte ich Euere Majeſtät, mir dafür einige Abendſtunden zu gewähren zur Beſorgung eines wichtigen Geſchäfts, das keinen Aufſchub duldet. 3 4 Ah, ohne Zweifel willſt Du mir die Epiſtel des Horaz vollenden, von der ich neulich ſprach, und auf deren Ueberſetzung ich noch immer harre. Du weißt doch, dieſe Epiſtel, welche von dem unnützen Opfer der Lämmer oder Ziegenböcke handelt? Nun, ſpare Dir dieſe Ueberſetzung bis auf beſſere Tage, heute haben wir keine Zeit dazu und ich kann Dich heute nicht von Deinem Dienſt bei mir entbinden. Und dennoch wage ich es, meine Bitte zu wieder⸗ holen, rief Fredersdorf in leidenſchaftlicher Erregtheit. Sire, es iſt ein unaufſchiebbares Geſchäft, und ich flehe Euere Majeſtät an, mich für einige Stunden zu entlaſſen! Nun, wenn Du auf die Wünſche Deines Freun⸗ des nicht hören willſt, ſo wirſt Du jetzt nur noch die Befehle Deines Königs zu erfüllen haben, ſagte Frriedrich, deſſen Antlitz jetzt einen ſtolzen gebieteriſchen — 166— Ernſt zeigte. Dein König befiehlt Dir, für dieſen Abend dieſes Zimmer nicht zu verlaſſen! Haben Sie Gnade, Sire, ich beſchwöre Sie. Ich bitte nur um zwei Stunden meiner Freiheit, denn ich ſagte Ihnen ſchon, daß es ſich für mich um ein wich⸗ tiges Geſchäft handelt, von dem mein Lebensglück abhängig iſt. Der König zuckte verächtlich die Achſeln. Dein Lebensglück? ſagte er. Wann weiß denn der kleine kurzſichtige Menſch zu unterſcheiden, welches ſein Le⸗ bensglück ſei? Du ſuchſt es heute vielleicht im Reich⸗ thum, morgen in Deiner Geliebten, und verwünſcheſt übermorgen ſowohl das Eine wie das Andere! Ich kann Dir Deinen Wunſch nicht erfüllen. Ich habe wichtige Arbeit für Dich und ich kann Dir keine Mi⸗ nute Urlaub geben. 1 Sire, ich muß—— Keine Einwendungen mehr, unterbrach ihn der König ſtreng. Du bleibſt hier, ich befehle Dir, dieſes Zimmer nicht zu verlaſſen. Ich werde dieſen Befehl nicht erfüllen können, rief Fredersdorf ganz außer ſich, wie in Verzweiflung und ſchmerzlicher Wuth. Mögen Euere Majeſtät die Gnade haben, mich aus meinem Dienſt zu entlaſſen, mich frei zu geben, mögen Sie mich für immer aus „Ihrer Nähe verſtoßen, möge ich Ihrer Ungnade an⸗ heim fallen, aber ich muß hente Abend eine Stunde der Freiheit haben! Des Königs Augen ſchoſſen Blitze und ſein Ant⸗ litz hatte jetzt einen ſo drohenden und ſtolzen Ausdruck angenommen, daß Fredersdorf ſelber, trotz der Ver⸗ blendung ſeiner Aufregung, davor erbebte. Der König ſagte kein Wort. Er ging nur haſtig nach dieſer andern Thür, welche auf den Corridor — — — — 167— hinausführte, und öffnete ſie. Zwei Soldaten mit ge⸗ ſchultertem Gewehr ſtanden vor derſelben. Ihr ſorgt dafür, daß Niemand dieſes Zimmer verläßt, ſagte der König zu den Soldaten. Ihr gebt Feuer auf Jeden, welcher dieſe Thür öffnet. Dann ſchloß er die Thür wieder und ſein flam⸗ mender Blick richtete ſich wieder auf Fredersdorf's bleiches Angeſicht. Ich ſagte es Dir ſchon zuvor, ſagte er, Du biſt heute der Gefangene Deines Königs. Du wollteſt den Scherz nicht verſtehen, jetzt wirſt Du den Ernſt begreifen müſſen. Dieſes Zimmer hat keine weitern Ausgänge. Vor dieſer Thür ſteht die Schildwache und jene Thür dort, die zu mir führt, verſchließe ich. Denn jetzt wirſt Du nicht mit mir arbeiten, Du biſt deſſen heute nicht würdig, weil Du ein ſtrafwürdiger Rebell biſt, der ſich gegen die Liebe und Freund⸗ ſchaft ſeines Königs opponirt und blind iſt mit ſehen⸗ den Augen. Fredersdorf fand nicht die Kraft zu einer Erwie⸗ derung, er war ganz zerbrochen, ganz vernichtet. Der König durchſchritt haſtig das Zimmer und öffnete die Tapetenthür, um in ſeine Zimmer zurück⸗ zukehren. Als er ſchon auf der Schwelle ſtand, wandte er ſich noch einmal um. Fredersdorf, ſagte er mit mildem Ton, Du wirſt es mir eines Tages danken, daß ich Dir heute ein ſtrenger König geweſen. Dann ſchloß er die Thür hinter ſich und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Buſen⸗ taſche, indem er eilig den kleinen Corridor durch⸗ ſchritt und in ſeine Arbeitszimmer trat, wo Jordan ſeiner harrte. 3 Jetzt, Freund, ſagte der König, jetzt wollen wir die Polizei ruhig walten laſſen. Fredersdorf wird — 168— nicht dabei ſein, und ich werde nicht nöthig haben, ihn weiter zu ſtrafen, denn er iſt ſchon geſtraft genug durch ſeinen eigenen Zorn. Ach, mein Freund, wie ſchwer iſt es doch, dem Unverſtande zu wehren und die Thorheit weiſe zu machen. Der kluge und ver⸗ ſtändige Fredersdorf will jetzt durch das Blut eines Ziegenbocks lernen Gold zu machen, und um es zu erreichen, verbindet er ſich mit meinen Widerſachern, den Heuchlern und Pietiſten, und geht in die Bet⸗ ſtunden der Gottloſen, die ſich doch die Gottvollen und die rechten Kinder Gottes nennen. Ach, Jordan, wie elend und erbärmlich iſt doch dieſes Menſchenge⸗ ſchlecht, und wie wenig verdient es, daß wir es lie⸗ ben! Ich habe dieſen Fredersdorf aus der Dunkel⸗ heit und Armuth emporgezogen, ich habe ihn nicht bloß zu meinem Diener, ſondern ich habe ihn zu meinem Vertrauten und zu meinem Freunde gemacht, ich habe ihn geliebt. Und was habe ich dafür geerntet? Sei⸗ nen Undank und ſeinen Haß, da drinnen ſitzt er und flucht und verwünſcht ſeinen König, der doch weiter nichts gethan hat, als daß er ihn vor der Lächerlich⸗ keit und dem kindiſchen Wahnſinn bewahrte. Jordan, Jordan, es iſt ein ſehr undankbares Geſchäft, ein König zu ſein. Es iſt ein ebenſo undankbares Geſchäft, Gott zu ſein, ſagte Jordan mit ſeinem ſanften, ſchmerzlichen Lächeln. Gott und der König werden Beide am mei⸗ ſten mißverſtanden, weil ſie zu hoch ſtehen für die kurzſichtigen Augen der Menſchen, weil man dem Kö⸗ nig nicht verzeiht, daß er kein Gott iſt, allwiſſend und allmächtig wie dieſer, weil man Gott nicht verzeiht, daß er kein Menſch iſt und nicht handelt und thut, wie Menſchen thun und handeln würden. 4 Derr König erwiderte nichts. Sinnend und die — 169— Hände auf dem Rücken gefaltet, ging er im Zimmer auf und ab. Armer Fredersdorf, ſagte er dann leiſe, ich werde ihm heute ſein Steckenpferd zerbrechen, und das ſcheint den Menſchen immer ein unverzeihliches Verbrechen. Ich hätte die Thorheiten und Albernhei⸗ ten dieſer ſogenannten Frommen noch gewähren laſſen, wenn ſie nicht den armen Fredersdorf in ihren Unſinn mit hineingezogen hätten. Aber um ſeinetwillen will ich ihnen jetzt eine Lection geben, damit er einſehen lerne, daß er es mit Betrügern und Charlatans zu thun hat. Möge alſo geſchehen, was geſchehen ſoll. Ich habe Fredersdorf von der Licherlichkeit gerettet. Wenn er dafür auf mich flucht, was liegt daran!— 3 Der König hatte Recht. Fredersdorf war außer ſich vor Zorn, und in ſeinem Herzen nicht allein, ſon⸗ dern auch mit ſeinen zitternden, bebenden Lippen ver⸗ wünſchte er den König, den er einen Tyrannen, einen herzloſen Egoiſten nannte, und den er haßte mit jenem leicht aufflackernden Haß der Kinder, welche nicht be⸗ greifen, daß die Hand, welche ſie für eine Unart ſtraft, immer die Hand eines Wohlthäters iſt. Sie werden nun das Geheimniß erfahren, Sie werden von Gott oder dem Teufel lernen Gold zu machen, und ich, ich werde nicht dabei ſein! murmelte Fredersdorf zähneknirſchend. Wer weiß, ob ſie mir alsdann dieſes koſtbare Recept mittheilen werden, oder ob ſie nicht lieber an mir zu Lügnern und Betrügern werden, und mich hintergehen. Oh, da ſteigt ſchon der Mond empor und wirft ſeine goldenen Strahlen in dieſes Zimmer, das jetzt mein Gefängniß gewor⸗ den. Jetzt werden ſie ſich verſammeln, jetzt beginnt das heilige Feſt der Beſchwörung! Und ich, ich bin nicht dabei! 4 3 — 170— Und er raufte ſich das Haar und zerſchlug ſich die Bruſt und weinte laut vor Zorn und Wuth.— Fredersdorf täuſchte ſich nicht. Wie der Mond aufging, begann das Feſt der Beſchwörung, zu wel⸗ chem Herr von Kleiſt, der Gemahl der ſchönen Luiſe von Schwerin, die Bundesgenoſſen und Vertrauten eingeladen hatte. Der große Tanzſaal, in welchem die heitere und lebensluſtige Dame vom Hauſe ſonſt ihre Ballfeſte und ihre glänzenden Soiréen zu geben pflegte, und auf deſſen glänzendem Parquet ſie ihr Vermögen, ihr Glück und ihre Ideale ſich zu einem flüchtigen Staub unter ihren tanzenden Füßen hatte zermürbeln geſehen, der große Tanzſaal war jetzt in einen großen feierlichen Betſaal verwandelt worden, in welchem die frommen Gläubigen zuſammenkamen, um Gott anzubeten und den Teufel zu beſchwören. Der König hatte es ver⸗ boten, außer an den geſetzlichen Sonn⸗ und Feſttagen Betſtunden in den Kirchen zu halten, und als dies von einigen frommen und fanatiſchen Predigern dennoch geſchehen war, hatte man auf den beſondern Befehl s Königs dieſe Betſtunden mit Waffengewalt auf⸗ gehoben, die fromme Verſammlung auseinandergetrie⸗ ben und die Kirchen geſchloſſen, indem man den Pre⸗ digern und Küſtern mit ſofortiger Abſetzung drohte, wenn die Kirchen an den Wochentagen wieder zu den Betſtunden geöffnet würden.) Die Frommen alſo, ſehr wenig geneigt, die Worte der Bibel zu befolgen, und dem Kaiſer zu geben, was des Kaiſers iſt, das heißt den Gehorſam, dieſe From⸗ men, welche man aus den Kirchen vertrieben hatte, vereinigten ſich ſeitdem in den verſchiedenen Privat⸗ 2) Preuß, Geſchichte Friedrich's d. Gr. I. pag. 131. * — — — 171— häuſern der Gläubigen. Dort kamen ſie zuſammen zu ihrem Gottesdienſt, welcher indeß nur darin beſtand, daß man in ſtolzem Uebermuth mit frommen Reden und ſalbungsvollen Worten einander beſchwor, auszu⸗ harren und treu zu bleiben dem einzigen wahren und rechten Glauben, als welchen die ſtolzen Fanatiker im⸗ mer denjenigen Glauben zu bezeichnen pflegen, welcher der ihre iſt. Nicht minder aber wagte man es dort, ein ifernden Reden den König als einen Ungläubigen zu läſtern, und ſich einander zu beſtärken in dem Un⸗ gehorſam gegen ſeine Befehle, welcher Ungehorſam Allen als eine Gott wohlgefällige That erſchien. Die Pietiſten, welche vergebens bemüht geweſen, unter Friedrich zu der Macht und dem Anſehen zu gelangen, welche ſie unter ſeinem Vater genoſſen, wa⸗ ren daher des Königs erbittertſte Feinde geworden, und indem ſie Friedrich Wilhelm den Erſten als den weiſen, gütigen und Gott wohlgefälligen König prie⸗ ſen und beklagten, riefen ſie Unheil und Wehe herab auf das Haupt des jetzigen Königs, der es wagte, ihre Frömmigkeit Heuchelei zu nennen, über ihren Zorn zu lachen, auf ihre Verwünſchungen mit ſanglanten Witzworten und beißendem Spott zu antworten, die frommen Prieſter„Chekers“ oder„Thiere ſonder Ver⸗ nunft“ nannte, und ganz kürzlich noch in ſeiner kurzen und draſtiſchen Schreibweiſe auf eine Eingabe und das Bittgeſuch eines Predigers die verneinende lakoniſche Antwort gegeben:„Der verfluchte Pfaffe weiß ſelber nicht, was er will, hole ihn der Teufel.“ ³) Dieſe ſogenannte fromme Betſtunde alſo ſollte heute in dem Tanzſaale der ſchönen Frau von Kleiſt ſtatt⸗ finden, und nur die Eingeweiheten und Auserleſenen *) Büſching, Charakter Friedrich's d. G. pag. 52. 54. 55. — 172— blieben nachher zurück, um den weitern Myſterien bei⸗ zuwohnen und Zeuge der Beſchwörungen zu ſein, mit welchen der ſogenannte Sterndeuter oder Planetarier Pfannenſchmidt heute den Teufel zwingen wollte zu erſcheinen. Zu dieſen Myſterien wurde kein Weib zugelaſſen, und Jeder der Eingeweiheten hatte den feierlichen Schwur leiſten müſſen, keiner Frau auch nur eine Sylbe zu verrathen von dem, was in dieſen geheim⸗ ſten Verſammlungen vorginge, und womit man⸗ ſich in denſelben beſchäftige. Auch Herr von Kleiſt hatte dieſen Schwur geleiſtet, und ihn getreulich erfüllt. Nun aber giebt es ein ſehr weiſes und von großer Lebenserfahrung zeugendes perſiſches Sprichwort, welches ſagt:„Wenn Du Dein gehorſames und unterwürfiges Weib zu einem Unge⸗ horſam verleiten willſt, ſo haſt Du nur nöthig, ihr Etwas zu verbieten; wenn Du vor ihr ein Geheimniß bewahren willſt, ſo haſt Du nur nöthig, Dir die Zunge auszureißen, oder Dich zu tödten, denn wenn Du lebſt, wird ſie Dein Geheimniß doch erfahren, und ſei es noch ſo tief auf dem Grunde Deines Herzens verborgen.“ Dieſem Sprichwort ganz entſprechend, hatte auch Frau von Kleiſt das Geheimniß ihres Gemahls erfah⸗ ren, war ſie eine Mitwiſſerin dieſer Dinge geworden, welche man ihr verbergen wollte. Luiſe von Kleiſt, längſt ſchon von der kurzen und flüchtigen Liebe zu ihrem, von dem König ihr zugewieſenen Gemahl zu dem flatterhaften Leichtſinn ihrer frühern Tage zurück⸗ gekehrt, hatte nur auf eine Gelegenheit gewartet, um ſich zu rächen an ihrem Gemahl, weil er niemals reich genug geweſen, ihre Capricen und ihre verſchwenderi⸗ ſchen Gelüſte zu erfüllen, weil er ſogar ſo kleinlich und —— — 173— ſelbſtſüchtig geweſen, ſie zu beſchränken in den Mitteln, welche ſie doch beſaßen, und für ſich zu gebrauchen, was ſie haben und zu ihren Zwecken verwenden wollte. Beide ſchalten einander Verſchwender, und ſuchten, unter dem Vorgeben, daß von dem Andern das Geld nutzlos ausgegeben werde, ſich ſo viel Geld als möglich anzueignen, und die natürliche Folge da⸗ von war ein fortdauernder Zank und Unfriede, ein fortdauernder Mangel an Geld. Für dieſe Miſere rächte ſich Luiſe von Kleiſt, wie ſich eben ſchöne und coquette Frauen an ihren Män⸗ nern zu rächen pflegen; ſie haßte und verachtete ihren Mann von ganzem Herzen, und war ſehr bereit, den Worten des Dichters Glauben zu ſchenken, welcher ſagt, daß ein Frauenherz immer jungfräulich iſt für neue Liebe. Aber ſie wollte auch noch eine ſpecielle Rache dafür, daß ihr Gemahl es gewagt, ein Geheim⸗ niß zu haben, und es ihr nicht mitzutheilen. Nicht ſobald hatte ſie daher den Zweck dieſer geheimen Zu⸗ ſammenkünfte ausſpionirt, als ſie dem König davon Nachricht gab, und ihn beſchwor, ihr zu Hülfe zu kom⸗ men, um den Gemahl von dieſem unſeligen Wahn, welcher, wie ſie ſagte, ihr bereits ihr eheliches Glück und ihr Vermögen gekoſtet, zu heilen, indem er den Planetarier als einen Betrüger entlarven, und dieſe Verſammlungen aufheben ließe. Der König war auf Frau von Kleiſt's Wünſche eingegangen, nicht ſo ſehr um ihrer ſelbſt willen, als weil dieſe Gelegenheit ihm ſehr willkommen war, Fre⸗ dersdorf von dieſem Myſticismus und Aberglauben, welcher ihn umnebelt hielt, zu heilen, und ihn von der Nichtigkeit der Vorſtellungen des Planetariers zu überzeugen. 1 Es waren daher die nöthigen Vorbereitungen für — 174— den heutigen Abend getroffen worden, und nicht ſobald hatte die fromme Verſammlung ihren Anfang genom⸗ men, als Frau von Kleiſt die vier Polizeibeamten, welche in dem, dem ihrigen gegenüber belegenen Hauſe warteten, zu ſich winkte und ſie heimlich und leiſe in ein kleines, neben dem Betſaal befindliches Gemach führte, das nur durch eine Portiere von dem Saal getrennt war, ſo daß man Alles ſehen, Alles hören konnte, was in dem Saal geſchah. Die fromme Verſammlung ahnte nichts davon. Sie war heute zahlreicher denn jemals beſucht. Da waren Leute aus allen Ständen, von dem niedern Ar⸗ beiter und dem geringen Handwerker an bis zu den Herren vom höchſten Adel und aus dem höchſten Be⸗ amtenſtande. Jeder, welcher glaubte, ſich über eine Ungerechtigkeit oder Zurückſetzung des Königs zu be⸗ klagen zu haben, Jeder, welcher vermeinte, daß ſeine hohen Eigenſchaften und Talente nicht hinlänglich an⸗ erkannt und belohnt würden, ward zu einem Wider⸗ ſacher des Königs und begab ſich unter die Fahne der Frömmigkeit, welche damals wie jetzt das gleißneriſche Panier aller Derjenigen war, die unter dem Schein des Rechts ihren Eigendünkel und ihren Stolz verber⸗ gen wollten. Sie beteten heiße und inbrünſtige Gebete, und ſan⸗ gen fromme Lieder zur Ehre Gottes. Dann betrat ein Geiſtlicher die kleine improviſirte Kanzel und hielt eine jener donnernden, von Scheinheiligkeit, Unduldſamkeit, Hochmuth und Geiſtesbeſchränktheit triefenden Reden, wie nur die Pietiſten ſie zu halten vermögen, und in welcher er alle Diejenigen verloren und verdammt nannte, welche nicht glaubten, wie Er glaubte, Alle diejenigen für geſegnet und berufen erklärte, welche dem Bannſpruch und ſtrengen Verbot des Königs trotzten, —— —— — 175— und dieſe heiligen, von dem„freigeiſtigen“ König ver⸗ pönten Verſammlungen beſuchten. Aber alles dieſes war doch nur die Vorbereitung, eine Einleitung zu der großen Feierlichkeit, welche heute den„Eingeweiheten“ bevorſtand, und welcher Alle mit klopfendem Herzen und in athemloſer Spannung ent⸗ gegenſahen. Der Gottesdienſt war beendigt, die frommen Brü⸗ der und Schweſtern hatten ſich entfernt, und nur das Directorium war zurückgeblieben, um, wie es der Ge⸗ meinde geſagt, ſeine zu halten und ſeine Beſchlüſſe zu faſſen. Wieder beſtieg ein frommer Redner die Kanzel, dies Mal aber nicht der Geiſtliche, welcher vorher die Verſammlung mit ſeiner fanatiſchen Rede erbaut hatte, ſondern der Planetarier Pfannenſchmidt, der von Gott erleuchtete Prophet. Mit welchen andachttriefenden, frommzerknirſchten Worten er ſeine Zuhörer zur Buße ermahnte, zur Verachtung dieſer ſcheinheiligen und eklen Welt, welche Gott nur ſo ſchön und verlockend ge⸗ ſchaffen, um den ſündigen Menſchen zu verſuchen, und ſeine Kraft des Widerſtandes zu erproben! 3 Widerſteht, widerſteht, heulte er mit ſeiner gurgeln⸗ den Naſenſtimme, gehet in Euch und verachtet die Welt, und bekehret die Menſchen, auf daß ſie Euch ſich zuwenden, und gerettet werden, wie wir gerettet ſind, und Engel Gottes werden, wie wir Engel Gottes ſind! Aber um dieſes edle und erhabene Ziel zu erreichen, bedarf es großer Anſtrengungen, großer Mittel, bedarf es der Macht und des Anſehens. Um die Welt be⸗ kehren und beglücken zu können, müſſen wir die Welt unſer Eigen nennen, müſſen wir ſie. erſt dem Teufel abgekauft haben, der die Sünde der Welt, welches das Gold iſt, in ſeinen Krallen hält, und damit die Men⸗ ſchen zu ſich zieht, und ihre Seelen ſich erkauft. Wir in der Kraft unſerer Gottesliebe haben die Berufung, den Teufel zu beſiegen, und ihn zu zwingen, uns ſein Geheimniß zu ſagen, uns das Recept zu geben, wie man Gold macht, und wie es gebraut wird in den Tiefen der Erde! Denen, die wie wir erleuchtet ſind vom heiligen Geiſte der Erkenntniß, müſſen ſich die Myſterien der Unterwelt offenbaren, und vor uns muß ſich der Teufel ſelbſt im Staube winden, denn wir ſind der heiligen Liebe voll, wir ſind die Engel Gottes, und alſo die mächtigen und rbabenin Widerſacher des Teufels, den Gott nur in die Welt geſandt, damit die Kinder und Engel Gottes an ihm ihre Kraft und ihr Herz ſtählen ſollen! Es iſt alſo ein edles, ein großes Werk, welches wir heute vorhaben, wir wollen aus Liebe zur Menſchheit den Teufel beſiegen, wir wollen von ihm erzwingen, daß er uns lehre Gold zu machen, damit wir mit dem Golde alsdann der gan⸗ zen Menſchheit den Himmel erkaufen können! Und nachdem er mit ſo ſcheinheiligen und heuchle⸗ riſchen Worten ihr egoiſtiſches und geldgieriges Bemü⸗ hen beſchönigt hatte, forderte er die Verſammelten auf zum inbrünſtigen Gebet, zum heiligen Flehen. Sie ſtürzten nieder auf ihre Kniee, ſie wagten es zu Gott zu beten, daß er ihnen die Kraft gäbe, den Teufel zu beſchwören, ſie wagten es, ihrem Aberglau⸗ ben und ihrer Heuchelei die Maske der Frömmigkeit und des Edelmuthes vorzuhalten, und ihre unheiligen Begierden mit dem Schweißtuch der heiligen Veronika zu verſchleiern. Weil ſie den Gott liebten, wollten ſie den Teufel beſchwören, weil ſie die Menſchen erlöſen wollten, mußten ſie das Goldmachen vom Teufel er⸗ lernen! 1 Aber es lag durchaus nicht in dem Plan des gro⸗ ßen Planetariers, den„Eingeweiheten“ wirklich den Teufel erſcheinen zu laſſen und dieſe Beſchwörungen endlich mit einem Reſultat zu krönen. So lange der Teufel nicht erſchien, glaubten die Frommen an den Planetarier, hofften ſie auf ihn, gaben ſie ihm ihr Geld, ihre Liebe, ihr Vertrauen, ehrten ſie ihn als ihren Wohlthäter und Beglücker der Zukunft, als den erhabenen Meſſias, welcher ſie einſt reich und mächtig machen, die ganze Welt ihnen unterordnen werde. Er konnte ihnen den Teufel nicht erſcheinen laſſen, weil mit dem Erſcheinen deſſelben ihnen ſeine Unfähigkeit, ſie das Geheimniß des Goldmachens zu lehren, klar geworden wäre. Vergebens alſo waren bis dahin ſeine Beſchwö⸗ rungen geweſen, vergebens mußten ſie auch in der Zukunſt ſein! Unter heiligen Geſängen führten ſie jetzt den Ziegenbock ein, dieſes ſchwarze Ungethüm, deſſen Herbeiſchaffung ſo viel Geld, ſo viel Mühe und An⸗ ſtrengung gekoſtet, und das man heute dem Teufel opfern wollte. Unter feierlichen Ceremonien zogen die in weiße Schleier verhüllten„Erzengel“ das unglückliche Schlacht⸗ opfer zum Altar, wo Pfannenſchmidt, der Hoheprieſter im goldgeſtickten Gewande, bereit ſtand, um es mit dem ſilbernen Meſſer zu tödten, und ſein Blut in ſil⸗ berner Schaale zu empfangen. Und wie er das Meſſer erhob, um den Ziegen⸗ bock zu tödten, warfen ſich die Gläubigen auf ihre Kniee nieder und beteten laut, und fleheten zu Gott um ſeinen Beiſtand zum Gelingen des erhabenen Werkes. 1 Der von Begeiſterung, Gluth und Andacht ſtrah⸗ lende Planetarier ſenkte den erhobenen Arm herab, der blitzende Strahl wollte ſich eben in den Hals des ar⸗ Mühlbach, Berlin u. Sansſouci ꝛc. I. 12 — 178— men zitternden Thieres verſenken, das mit dem ruhi⸗ gen Blick eines Weiſen umherſchaute, als ſich plötzlich 5 i ab. em. Spart Euch das Opfer, haltet ein mit Euerer Mord⸗ that. Ihr habt mich gerufen! Ich bin da! Ich der fel! Frommen, indem ſie mit andachtsvoller Scheu auf weſenheit des Teufels kund gab.. Sie glaubten wirklich an ihn, dieſe frommen Kin⸗ der Gottes, ſie lagen auf ihren Knieen und ſtammel⸗ ten Gebete, von denen ſie ſelber wohl nicht wußten, ob ſie an Gott oder an den Teufel gerichtet waren. Sie blickte mit von. Bosheit und Schadenfreude leuch⸗ 1 — — 179— Vermummung den Gedanken eingegeben, und ihm bei ſeiner Verkleidung behülflich geweſen. Dieſer Augenblick rächt mich für Alles, was ich an der Seite dieſes eitlen, eingebildeten und ver⸗ ſchwenderiſchen Thoren gelitten habe, ſagte Frau von Kleiſt zu ſich ſelber, indem ihr ſpottender Blick immer noch auf ihren Gemahl gerichtet war. Dieſer Mo⸗ ment überliefert ihn mir auf Gnade und Ungnade! Oh, oh, ich will ihn verhöhnen, ihn martern mit die⸗ ſer Teufelsbeſchwörung. Die ganze Welt ſoll davon erfahren, denn von nun an wird das Recht immer auf meiner Seite ſein und Jedermann wird mich be⸗ klagen und bemitleiden, daß ich an einen ſolchen Blöd⸗ ſinnigen gefeſſelt bin, und Jedermann wird ihn ver⸗ ſpotten und verhöhnen. Ich werde ſowohl die Lacher als die vernünftigen Leute auf meiner Seite haben, und Niemand wird's mir nun noch verargen, wenn ich meinen Gemahl nicht liebe und ihm nicht treu ſein kann! Aber während die frommen Auserwählten ſo auf ihren Knieen dem Teufel ihre Huldigung darbrachten, hatte der Planetarier Pfannenſchmidt ſich von der erſten Betäubung und dem erſten Schreck wieder erholt. Er, welcher nicht an den Teufel glaubte, obwohl er ihn täglich beſchwor, er, welcher dieſen da nicht beſtellt und ausgerüſtet hatte, er mußte alſo wiſſen, daß dieſer Teufel, welcher vor ihm ſtand, entweder nur ein un⸗ ziemlicher Scherz oder eine boshafte Verhöhnung ſein konnte. Er mußte alſo dieſen vermeintlichen Teufel als einen Betrüger enthüllen, er mußte ihm die Maske abreißen und die Verſtellung aufdecken. Mit einer leidenſchaftlichen Gluth ſtreckte er daher beide Arme gegen den vermeintlichen Teufel aus. 12* — 180— Hebe Dich weg, Du Betrüger und Baalsſohn, ſchrie er laut. Fliehe, fliehe, bevor wir Dich entlarven. Denn Du biſt nicht, wofür Du Dich ausgiebſt! Du biſt nicht der Teufel! Wie? Du willſt mich verlengnen? rief der An⸗ dere, indem er die mit einem rothen Handſchuh be⸗ waffnete Hand dem Beſchwörer entgegenballte. Du haſt mich ſo lange gerufen, Du haſt dieſen meinen Kindern da ſo viel Geld abgeſchwindelt, um mein Er⸗ ſcheinen damit zu erkaufen, und jetzt, da ich komme, willſt Du mich nicht anerkennen, weil es Dir ſcheint, daß, wenn ich ſelber komme, dieſe armen Gläubigen Dir nicht mehr ihr Geld geben und Dich anbeten werden, und ſich von Dir an der Naſe herumziehen laſſen? Geh, geh, Du biſt nicht mein rechter Hoher⸗ prieſter. Ich habe mich Deinen Beſchwörungen ge⸗ fügt, ich bin gekommen, aber nur, um Dich vor meinen gläubigen Kindern da als einen Betrüger zu entlarven, aber nur, um ſie von Dir zu befreien. Hebe Dich weg, Du Läſterer Gottes und des Teufels, wir Beide wollen Dich nicht. Hebe Dich alſo weg und entflieh! Und indem er ſo ſprach, faßte der Teufel mit mäch⸗ tigem Arm den Planetarier und wollte ihn von dem Altar herunterdrängen, aber Pfannenſchmidt war nicht der Mann, ſich eine ſolche Unbill gefallen zu laſſen. Mit einem Wuthgeſchrei ſtürzte er ſich auf ſeinen teuf⸗ liſchen Gegner, und nun begann eine jener Scenen, für deren Schilderung es keine Worte und keine Aus⸗ drücke und Farben giebt, weil ſie zu raſch, zu draſtiſch, zu gewaltig in ihrer Art ſind. Ein heftiger Fauſtkampf entſtand zwiſchen dem Teu⸗ fel und dem Planetarier. Die frommen Betenden er⸗ hoben ſich von ihren Knieen, um mit erſtarrten Blicken 2 — 181— hinzuſchauen auf dieſes ſeltſame, unerhörte Schauſpiel, um dann endlich hinzuſtürzen zu dem Altar, und je nachdem ſie an den Teufel oder an den Planetarier glaubten, dem Einen oder dem Andern zu Hülfe zu kommen. Ein allgemeiner Kampf entſtand, und mit⸗ ten in dieſes Getümmel hinein ſtürzten ſich jetzt die vier Polizeibeamten, um im Namen des Königs die Anweſenden zu verhaften, die Verſammlung, welche das Geſetz verpönte, aufzuheben, und damit dem Kampf und allem Toben ein Ende zu machen. Und während dieſes Alles geſchah, lehnte Luiſe von Kleiſt mit vor Lachen weinenden Augen an der Por⸗ tiere, durch deren Oeffnung ſie dieſe ganze Seene be⸗ obachtet hatte. Sie ſah, wie die Polizeibeamten den wüthenden Planetarier ergriffen, welcher die heſtigſten Verwünſchungen ausſtieß gegen den unheiligen König, welcher nicht an Gott glaube, und den frechen Muth habe, die Frommen und Betenden als Verbrecher und Gottloſe zu behandeln, und den Diener des Herrn zu verhaften. Sie ſah, wie dieſe ehrbaren und frommen Grafen und Barone, dieſe Officiere und hohen Beam⸗ ten, welche die frommen Gläubigen des Planetariers geweſen, ſich ſtill und beſchämt von dannen ſchlichen, und in eiliger Flucht ihre Rettung ſuchten vor den Dienern des Königs; ſie ſah, wie endlich ihr eigener Gatte von den Polizeibeamten verlacht und verſpottet ward, und wie man ihm den eigenhändigen ſchriftlichen Befehl des Königs übergab, welcher ihn zum Gefan⸗ genen machte, aber um das Aufſehen zu vermeiden, ihm nur Hausarreſt auferlegte. Als ſie dieſen Befehl vorleſen hörte, verſtummte Luiſens Lachen, und ihre Stirn verfinſterte ſich. Wahrhaftig, ſagte ſie, das iſt eine Schonung, welche ſehr einer Malice des Königs gleicht. Meinem Ge⸗ mahl Hausarreſt geben, heißt mich dazu verdammen, beſtändig mit ſeiner unleidlichen Geſellſchaft geſtraft zu werden. Mein Gott, wie grauſam und wie boshaft iſt doch der König! Er giebt meinem Gemahl Haus⸗ arreſt, das heißt ſo viel, als meinen Geliebten, den ſchönen, den wundervollen Salimbeni aus meinem Hauſe verbannen. Oh, wann werde ich Dich jetzt wiederſehen, mein Geliebter! Ende des erſten Bandes. Druck von A. Bahn& Comp. in Berlin, Schleuſe 4. Inhaltsverzeichniß drs Kapitel I. Die Teufelsbeſchwörer. - II. Der alte Hofmann..... „ III. Die Morgenſtunde eines Königs. „ IV. Der begnadigte Cavalier. „ VI. Der Verſucher........ „ VII. Das erſte Begegnen.... „ VIII. Signora Barberina.. IX. Der König und die Tanzerin. ⸗ X. Eckhof....... „ XI. Eine Lebensfrage Aberglauben und Pietismus erſten Bandes. „ V. Wie man Königin von Schweden wird 5 4 3 ſſſſſſſſſſſſſſfnſinſtenc 8 9 10 11