deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 5 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 deträgt: 4 für schentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— 1 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 59 Pf. 2 Nk. pf. 3„„„ 5„.„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.„ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Landenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſff lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Fniedich der Großt ſein Hof. Zweite Folge: Friedrich der große und ſeine 1 geſchwiſter. Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach. Zweite Auflage. Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Friedrich der Großt und ſeine Geſchwiſter. Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach. Erſte Abtheilung. Yritter Band. Zweite Auflage. Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Inhaltsverzeichniß des dritten Bandes. Seite Kapitel 1. Die Jungfrau von Brünen...... 3 ⸗ II. Der Schlachtbericht......... 17 „ HII. Die Jungfrau von Brünen...... 37 „ JIV. Der Abſchied vom Dorfe....... 41 . v. Der Gefangene.......... 54 „ VI. Die Barricade im Gefängniß..... 14 „ VII. Die Schlacht bei Collin....... 79 „ VIII. Die feindlichen Brüder........ 9² „ IX. Die Briefe....... 113 ⸗ X. Im Schloſſe zu D Dresden....... 125 „ XI. Das Tedeum........... 140 „ XII. Eine Lagerſcene....... 150 „ XIII. Beim Wachtfener......... 162 „ XIV. Die Schlacht bei Leuthen....... 175 „ Xv. Im Winterquartier zu Breslan..... 189 „ XVI. Das gebrochene Herz......... 2⁰6 Drittes Buch. Im siebenjährigen Kriege. Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 1 I. Die Jungfrau von Brünen. Die Sonne neigte ſich zum Untergang, und tauchte das grüne Gewäſſer des Rheins in ſo purpurne Glu⸗ then, daß er wie ein Blutſtrom ſich inmitten dieſer grünen, duftigen Wieſenmatten, welche an dieſer Stelle das Ufer begrenzten, dahinſchlängelte. Von dem nahen Dorfe Brünen, deſſen kleine rothe Dächer aus einem Kranze von Eichen und Buchen und blühenden Ge⸗ ſträuchen hervorſchauten, ertönte das Läuten der Abend⸗ glocke, und mahnte die frommen Landleute, welche damit beſchäftigt waren, das goldene gereifte Korn mit der blinkenden Sichel zu ſchneiden, zur Andacht, und zur frommen Einkehr in ſich ſelber. In dieſes fromme Geläut miſchte ſich das melodiſche Geläute der Kuh⸗ heerde, welche eben den grünen Hügel dort zur Seite herniedergeſtiegen, und ſich hier und dort in maleriſchen Gruppen gelagert hatte. Auf der kleinen Wieſe im Vordergrunde weidete die ſtreng beobachtet von dem großen weißen Schäfer⸗ hunde, deſſen klugem Feldherrnblick auch nicht die kleinſte Unordnung ſeiner Armee gegen die vorgeſchrie⸗ bene Disciplin entging. Sobald eins dieſer ihm an⸗ 4½ 1* Schafheerde des Dorfes, * vertrauten Schafe nur ein wenig ſich von der Linie entfernte, und ſich mehr dem die Wieſe begrenzenden Kornfeld zuwandte, wo die Schnitter das Korn mäh⸗ ten, und die flinken Mägde es in Garben banden, ſtürzte der geſtrenge Phylax mit leidenſchaftlichem Ge⸗ bell, unterbrochen von drohendem Knurren, dem ver⸗ wegenen Schafe nach, welches durch ſchleunige Rück⸗ kehr zu der Heerde ſich der Wuth ſeines unerbittlichen Oberaufſehers zu entziehen ſuchte.— Der alte Schäfer mit dem lang herabwallenden ſilberweißen Haar, der in der Mitte der Wieſe auf einem kleinen von Binſen geflochtenen Schemel ſaß, und ſich damit beſchäftigte, aus feinen Weidenruthen ein zierliches Körbchen zu flechten, ſchaute jedes Mal, wenn das Gebell ſeines Phylax ertönte, von ſeiner Arbeit empor und nickte lächelnd dem eifrigen Ver⸗ walter ſeines Dienſtes ſeinen Beifall zu. Dann und wann auch richtete er den Blick hinüber nach dem Kornfeld und zu den Schnittern und den garbenbin⸗ denden Mägden, und ſein ehrwürdiges, altes Geſicht nahm dann jedes Mal einen heiteren, zufriedenen Aus⸗ druck an. Und er konnte wohl zufrieden ſein mit dem, was er da ſah, denn der hochgewachſene kräftige Burſche, der da oben auf dem mit Garben beladenen Wagen ſtand, und eben die Arme ausſtreckte, um die geſchickt ihm zugeworfenen Garben aufzufangen, dieſer Burſche mit dem vollen rothen Geſicht, den luſtigblitzenden Augen, den üppig aufgeworfenen rothen Lippen, die ſich ſo oft zum fröhlichen Lachen öffneten, und dann zwei Reihen blendend weißer Zähne ſehen ließen, die⸗ ſer Burſche war ſein Sohn, ſein geliebter Karl Hein⸗ rich. Und jenes Mädchen, welches unweit des Ernte⸗ wagens mit dem Aufbinden des Korns beſchäftigt war, 4 8 jenes Mädchen mit der ſtolzen Geſtalt, die trotz des ſchlichten Bauerngewandes, welches ſie trug, etwas Imponirendes hatte, mit dem jugendlichen, ſchönen und blühenden Angeſicht, das war ſeines Sohnes Braut, welche man im ganzen Dorf die ſchöne Anna Sophie nannte, und um deren Liebe alle Burſche des Dorfes den glücklichen Karl Heinrich beneideten. Zwar war ſie arm und eine elternloſe Waiſe, aber in ihren fleißigen Händen lag ein beſſerer und ſichererer Schatz, als eine gefüllte Geldbörſe, und eine beſſere Mitgift als gefüllte Koffer brachte ſie ihrem Erwählten in's Haus: ihre Arbeit, und ihre Geſchicklichkeit. Denn Anna Sophie Detzloff verſtand ſo ziemlich Alles, und die Dorfbewohner wußten nicht, ob ſie ſie mehr ver⸗ ehren ſollten wegen ihrer vielen Kenntniſſe, oder mehr lieben ſollten wegen ihres guten und treuen Herzens. Anna Sophie verſtand zu leſen und zu ſchreiben wie ein Schulmeiſter. Für alle Frauen im Dorf ſchrieb ſie die Briefe, welche dieſe an ihre Männer oder Söhne, welche da draußen bei der Armee des Königs von Preußen ſtanden, ſenden wollten, und las ihnen die Antworten vor, welche von dort her im Dorfe an⸗ kamen. Und ſo ſchön, und mit ſo herzinnigem Aus⸗ druck wußte ſie zu leſen, daß die gerührten und glück⸗ lichen Frauen meinten, die geliebten und innigen Stimmen ihrer fernen Geliebten zu vernehmen, daß jedes geſchriebene Wort Leben und Ausdruck von ihren Lippen empfing. Aber trotz dieſer Gelehrſamkeit ver⸗ ſtand ſich Anna Sophie auch ſehr wohl auf die Ge⸗ ſchicklichkeiten, die den Frauen gebühren. Niemand im Dorfe wußte ſchmackhaſtere Speiſen zu kochen, als ſie, und Niemand that es ihr gleich im raſchen und flinken Nähen und Stricken. Alle dieſe Dinge hatte Anna Sophie von ihren Aeltern gelernt, welche lange Jahre in Brünen gelebt und auch gewirkt hatten. Denn Anna Sophieens Vater war der Schulmeiſter des Dorfes geweſen, und ſeinem Fleiß und ſeiner Thätig⸗ keit verdankten es jetzt die Frauen, daß ſie Briefe von ihren Männern und Söhnen erhalten konnten. Er hatte die Burſche ſchreiben und leſen gelehrt, und wenn die Frauen und Mädchen das nicht auch gelernt hat⸗ ten, ſo bewies das Beiſpiel ſeiner eigenen Tochter, daß das nicht an ſeiner Ungeſchicktheit, ſondern an ihrer Unluſt gelegen hatte, oder an ihrem Mangel an Muße und Zeit. Von ihrer Mutter hatte Anna Sophie ihre weiblichen Geſchicklichkeiten gelernt, von ihr war ſie unterrichtet worden in allen den Pflichten, welche einer Frau geziemen, ihre Mutter hatte ſie zu dem fleißigen, ehrbaren und tugendhaften Mädchen gemacht, welches ſie jetzt war. Ihre Mutter hatte ſie gelehrt ſtets hülfreich und gefällig, freundlich und theilnahme⸗ voll ſich zu bezeigen, und durch gute Thaten nach der Liebe ihrer Mitmenſchen zu ſtreben. Es war eine ſehr glückliche, ſehr zufriedene Familie geweſen, welche da in dem kleinen halbzerfallenen Schulhaus des Dorfes gelebt, und wenn ſie auch öfter mit allerlei Sorgen und Entbehrungen zu kämpfen ge⸗ habt, ſo hatten dieſe drei glücklichen Menſchen das niemals als ein Mißgeſchick, ſondern nur als das noth⸗ wendige Uebel des Lebens betrachtet. Sie liebten ſich untereinander, und wenn die Aeltern auf ihr roſiges, ſo herrlich emporblühendes Kind ſahen, ſo wußten ſie gar nicht, daß das Brod, welches ſie eben aßen, hart und ſchwer ſei, und vermißten gar nicht die Butter und den Käſe darauf, ohne welchen die reicheren Be⸗ wohner des Dorfes ihr Brot nicht eſſen mochten. Und wenn Anna Sophie Sonntags inmitten ihrer Aeltern zur Kirche ging, angethan mit dem verſchoſſenen Rocke — 7— 8 und dem weißen Leibchen darüber, welches Beides ſie ſich ſelbſt aus dem Brautſtaat ihrer Mutter angefer⸗ tigt, ſo hörte ſie wohl, wie die Burſche leiſe unter⸗ einander flitſterten, und von ihrer Schönheit und Lieb⸗ lichkeit ſprachen, und weil ſie dann beſchämt und errö⸗ thend die Augen niederſchlug, ſo ſah ſie nicht die höhniſch lächelnden Geſichter der übrigen Mädchen, welche wenigſtens ſtolz darauf waren, ſchöner gekleidet und reicherer Leute Kind zu ſein, als des armen Schulmeiſters Kind.— Aber all dies ſtille beſcheidene Glück hatte der Tod bald auf eine unerbittliche Weiſe geſtört. In einem Jahr hatte er den Schulmeiſter Detzloff und ſein Weib aus dieſem kleinen Hauſe hinweggeführt, das jedem Andern eine elende Hütte, ihnen aber ein Paradies däuchte.— In einem Jahr war Anna Sophie gänz⸗ lich verwaiſt und vereinſamt auf der Welt geworden, und nachdem ſie den geliebten Todten den Zoll ihrer Thränen und ihres Kummers dargebracht, mußte ſie ſich wohl emporrichten, um, da der Tod ihr Alles zerſtört, und ihre Vergangenheit gebrochen hatte, ſich mit dem Leben einzurichten, und ſich ſelber eine neue Zukunft zu ſchaffen. Die Dorfgemeinde, welche, wie das gemeinhin der Fall iſt, daß der Tod erſt empfinden läßt, wie viel der Lebende werth war, erſt jetzt der großen Vorzüge und Verdienſte des armen Schulmeiſters ſich bewußt ward, wollte jetzt wenigſtens an der Tochter vergelten, was ſie an dem Vater verabſäumt hatte. Man weiht ja Denen, welche man im Leben ſchonungslos gemiß⸗ handelt hat, ſo gern ein glänzendes Denkmal, und flicht Demjenigen im Tode gern Lorbeerkränze, dem man im Leben nur die Dornenkrone auf die blutende Stirn gedrückt.— Da der Schulmeiſter halb vor Ent⸗ behrung, Sorgen und Mühen geſtorben war, wollte man ſich freigebig gegen ſeine Tochter zeigen, und ſie vor den Nahrungsſorgen und dem Elend bewahren, an welchem man ihre Aeltern ruhig hatte ſterben laſſen. Aber Anna Sophie lehnte es ab, von den Wohl⸗ thaten der Gemeinde zu leben; Denen, welche zu ihr kamen, um ihr im Namen der Gemeinde anzuzeigen, daß man ſie durch monatliche Unterſtützung, zu welcher jeder Einzelne der Gemeinde ſeinen Beitrag ſteuere, erhalten wollte, zeigte ſie ihre ſtarken, arbeitsgewandten Hände, ihre vollen, von der Sonne gebräunten, von der harten Arbeit geſtählten Arme, und ſich mit leuch⸗ tenden Augen und einem ſtolzen Lächeln vor dem Dorf⸗ ſchulzen und dem neuen Schulmeiſter aufrichtend, ſagte ſie:„von dieſen allein will ich eine Unterſtützung an⸗ nehmen, und dieſe meine Arme und Hände allein dürfen mir Nahrung und Kleidung geben, ihnen allein will ich dankbar ſein.“ So war denn Anna Sophie ausgegangen, um ſich als Arbeiterin zu verdingen, und der reiche Pachter des Dorfes hatte gern das fleißige und kluge Mäd⸗ chen für reichlichen Lohn in ſein Haus aufnehmen wollen. Aber Anna Sophie erklärte ſtolz, daß ſie wohl arbeiten, aber keine Magd ſein wolle, daß ſie wohl ihre Hände, aber nicht ihre Freiheit verkaufen wolle. Da man für den neuen Schulmeiſter ein neues Schulhaus gebaut und eingerichtet hatte, weil das alte, in welchem der alte Detzloff mit ſeiner Fa⸗ milie gewohnt, ſo baufällig und zerfallen war, daß man täglich ſeinen Einſturz fürchten mußte, ſo hatte Anna Sophie für den Erlös ihrer wenigen Kleinodien und des überflüſſigen Hausgeräthes dieſe Hütte von der Gemeinde für ſich angekauft. Dort lebte ſie ihren — — 6 Erinnerungen, ihrer ſchönen und glücklichen Vergan⸗ genheit. Dort fühlte ſie ſich nicht einſam und ver⸗ waiſt, ſondern in der Mitte ihrer Aeltern und ihres Glückes. Bevor ſie Morgens ihre Hütte verließ, um zu demjenigen zu gehen, dem ſie für den Tag ihre Arbeit verkauft, ging ſie in den kleinen Garten, der hinter ihrer Hütte lag, und wo in der von dunkel⸗ rothen Blüthen überſäeten Bohnenlaube noch die drei Seſſel ſtanden, welche ihr armer Vater in ſeinen Muße⸗ ſtunden geflochten, wo noch der rohe geſchnitzte Tiſch ſtand, den er mit ſeinem Beil und ſeinem Meſſer zu⸗ rechtgezimmert hatte. Dann ſetzte ſie ſich einen Augen⸗ blick nieder auf dem mittelſten dieſer Seſſel, und legte auf jeden der ihr zur Seite ſtehenden eine ihrer Hände, wie ſie ſie ſonſt in den Schooß ihrer Aeltern gelegt. Und der Rhein rauſchte in der Ferne noch ebenſo me⸗ lodiſch, die Bäume hatten daſſelbe ſchöne Grün, die⸗ ſelben Blüthen und dieſelben Früchte, der Himmel ſtrahlte in demſelben ſchönen Blau oder verdüſterte ſich mit denſelben majeſtätiſch einherſchreitenden Wolken! Nichts hatte ſich verändert, Alles um ſie her war noch wie ſonſt. Nur die beiden Seſſel neben ihr waren leer! Aber Anna Sophie hatte nur nöthig die Augen zu ſchließen, um die geliebten Geſtalten der heimge⸗ gangenen Aeltern neben ſich zu ſehen, um zu fühlen, wie ſie ihre Hände drückten, um zu hören, wie ſie in ſolchen Tönen und mit den Ausdrücken zu ihr ſpra⸗ chen, welche nur die Liebe kennt und nur die Liebe verſteht. Dann ſagte ſie ganz laut: Guten Morgen, mein Vater! Guten Morgen, meine Mutter! und mit geſchloſſenen Augen ſich von ihrem Sitz erhebend trat ſie zurück aus der Laube, in denen ſie in ihren Ge⸗ danken ihre Aeltern zurückließ, welche ihr nachſchauten. — Aber Anna Sophie wandte ſich nicht ein einziges — 10— Mal nach dieſer Laube um, ſie würde dann geſehen haben, daß ſie leer war, und ſie wollte ſich die ſüße Täuſchung bewahren, um den Tag über deſto friſcher und freudiger bei der Arbeit zu ſein, um es nicht als einen Schmerz empfinden zu müſſen, wenn ſie die Frau Pachterin im Kreiſe ihrer blühenden Töchter ſah, ſon⸗ dern ſich ſagen zu können:„ich habe auch daheim meinen Vater und meine Mutter, und ſie erwarten mich.“— So kehrte ſie dann, wenn ihr Tagewerk vollbracht, mit beflügeltem Schritt heim zu ihrer Hütte, deren ödes Schweigen für ſie von hellen Liebesſtimmen der Erinnerung belebt war. Die Thür zu der einſti⸗ gen Schlafkammer ihrer Aeltern öffnend, rief ſie: Gute Nacht, mein Vater, Gute Nacht, meine Mutter! und dann ſtieg ſie hinauf in die kleine Dachkammer, wo ihr Vater immer ſo gern geweilt, und welches er, wenn Anna Sophie bei ihm war, immer ſein Fleck⸗ chen gerettetes Paradies genannt hatte. Dort ſtand der Tiſch, an welchem er immer geſchrieben, und an deſſen, an die Wand angelehnter Seite ſich das kleine Bücherpult erhob, das die koſtbarſten Schätze ihres Vaters, ſeine wenigen Bücher, enthielt. Aus dem klei⸗ nen Fenſter der Kammer konnte man den Rhein ſehen, wie er ſich grün und glänzend durch die Ebene dahin⸗ ſchlängelte, und zwiſchen den fernſtehenden Hügeln ſich verlor, und die fernen Gebirge mit ihrem violetten Duſt, und die Thurmſpitzen der Stadt Cleve. Von dort konnte man das Läuten der heimkehrenden Kuh⸗ heerde des Pachters vernehmen, und das ſanfte Tönen der Abendglocke, und das fröhliche Gepfeife der kleinen Buben, die von den Weidenruthen ſich ihre Pfeifen geſchnitzt, und den Geſang der Lerchen, die vom nahen Kornfeld emporſtiegen. Dort konnte man auch weit hinaus den Himmel ſehen, entweder überſäet mit flim⸗ — 11— mernden Sternen, oder ſtrahlend im Glanz der Sonne, die den grünen Rhein in flüſſiges Silber verwandelte, und die ganze Natur verſchönte und belebte. Dieſes„kleine Fleckchen gerettetes Paradies“ hatte ihr Vater ihr zurückgelaſſen, und dahin flüchtete ſich Anna Sophie, wenn die ſchwere Arbeit des Tages vollbracht war und ſie ausruhen durfte von ihren Mühen. Dort ſtand ſie Abends am Fenſter und ſchaute ſinnend und träumend hinaus in die allmälig ſich ver⸗ dunkelnde Landſchaft, dort ſaß ſie Morgens, und be⸗ grüßte die aufgehende Sonne, und las mit lauter Stimme, wie ſie es ſonſt bei ihrem Vater zu thun ge⸗ pflegt, zuerſt einen Morgenſegen. Dann griff ſie mit begieriger Hand nach einer der drei großen, abge⸗ griffenen Poſtillen, welche den Hauptreichthum der kleinen Bibliothek ausmachten, und die ſo wundervolle Darſtellungen und Geſchichten enthielten, nicht erfundene und erträumte Geſchichten, ſondern wirkliche Geſchich⸗ ten, wie ſie ſich hier und dort bei den Völkern begeben. Aus dieſen Büchern ſog Anna Sophie alle ihre Kennt⸗ niſſe, aus ihnen lernte ſie nicht bloß die großen Er⸗ eigniſſe der Weltgeſchichte, und die großen Erfindungen der Menſchen, ſondern auch viele nützliche Rathſchläge und Erfahrungen, auf das Landleben und den Um⸗ gang mit der Natur bezüglich, waren dort mitgetheilt, und manche weiſe Lehre, und manchen Troſt für ihr Gemüth verdankte ſie dieſen ehrwürdigen Poſtillen ih⸗ res Vaters. Von dem, was ſie geleſen, erzählte ſie in den Winterabenden den Mägden in der Spinnſtube, und bei dieſen Erzählungen flog der Faden des Flach⸗ ſes den Mägden noch einmal ſo raſch durch die Finger, und jede war flink und friſch bei der Arbeit, und keine hatte mit dem Schlaf zu kämpfen, und ließ die ermü⸗ deten Hände ſinken.— Den nützlichen Kenntniſſen — 12— und Recepten, welche ſie ihren Poſtillen entnommen, hatte es Anna Sopie zu verdanken, wenn man ſie im ganzen Dorf als eine Art Schutzengel pries, der die Bäume und die Gärten, wie das Vieh behütete, und von dieſen die ſchädlichen Inſecten, von jenem die Krankheiten zu entfernen verſtand. Aber nicht bloß den Gewächſen und dem Vieh war die Tochter des Schulmeiſters ein hülfreicher Engel, ſondern auch den Menſchen. Sie kannte Mittel gegen das Fieber und das Seitenſtechen, und aus den Kräutern, welche ſie ſich auf der Wieſe und im Walde ſuchte, wußte ſie blutſtillende heilende Salben, und ſtärkende Decocte zu bereiten, mit denen ſie den verwundeten und er⸗ krankten Dörflern in ihrer freudigen Dienſtbereitwillig⸗ keit ſtets Hülfe und Beiſtand gebracht.— Auch ver⸗ ſtand Niemand ſo gut wie ſie, dem Kranken das Kiſſen zurechtzurücken, mit liebevollen Worten ſeinen verza⸗ genden Sinn aufzurichten und ihn zu tröſten. Wenn ein gefährlicher Kranker im Dorf war, wenn irgend eine Hausfrau durch Krankheit verhindert war für ihren Mann und ihre Kinder das Mittagseſſen zu be⸗ ſorgen, dann bot ſich Anna Sophie unaufgefordert zur Hülfe an, dann entſagte ſie der reichlich bezahlten Tage⸗ arbeit beim reichen Pachter, und ging in die Hütte der Kranken, um ſie zu pflegen, und ſtatt ihrer für Mann und Kinder zu ſorgen. Das ganze Dorf ſegnete ſie daher und liebte ſie, und alle Burſche wetteiferten um den Vorzug ihrer Liebe. Aber lange ſchien es, als wenn Anna Sophie in ihrer ſcheuen und wilden Jungfräulichkeit ganz un⸗ empfänglich ſei für das zärtliche und leidenſchaftliche Gefühl der Liebe; mit entſetzten Blicken floh ſie vor Denen, welche um ihre Liebe warben, und gab den — 13— frohmuthigen Werbern immer nur eine faſt zürnende, verneinende Antwort. Wie es gekommen, daß der jüngſte Sohn des alten Schäfer Buſchmann endlich ihr Herz gewonnen, und das Verſprechen ihrer Lieve erobert hatte, das wußte ſie ſelbſt nicht. Freilich war er der ſchönſte und ſtatt⸗ lichſte Burſche im Dorf, aber es war nicht deshald, daß ſie ihn liebte, denn ſo hatte ſie ihn ſchon lange gekannt, und doch war er ihr ganz gleichgültig geweſen, und erſt ſeit einigen Wochen liebte ſie ihn. Weshalb und warum? Weil er ſie ſo zärtlich liebte, und ihr ge⸗ ſchworen hatte, er würde ſterben, wenn ſie ihn ver⸗ ſtieße? Das hatten ſchon manche der anderen Burſche auch gethan, und ihr Herz war ganz gleichgültig dabei geblieben, und dieſe Drohung hatte ſie gar nicht er⸗ ſchreckt. Was war es denn geweſen, was ihr ſtolzes und kaltes Herz gewonnen hatte? Der alte Schäfer, Karl Heinrichs Vater, war die Veranlaſſung geweſen, daß ſie ſich öfter ſahen und ſprachen. Zu ihm war ſie Abends, wenn ſie heimkehrte aus dem Pachthauſe, ſeit einigen Wochen immer gegangen, um ihm die Zei⸗ tungen und die fliegenden Blätter zu bringen, welche der gutherzige Pachter dem alten Manne immer ſandte, welcher ſechs Söhne bei der Armee des Königs hatte, und ſeinem Vaterlande ſechs Krieger geſtellt hatte.— Anna Sophie hatte, neben dem alten Manne im Graſe niederkauernd, ihm dieſe Zeitungen und Flugblätter immer vorgeleſen, und Beide hatten ſie dann über die⸗ ſen Krieg, welchen ihr König gegen ſeine übermüthigen Feinde begonnen, ſich ernſt unterhalten, und die ÜUr⸗ ſache deſſelben ſich erläutert und erklärt, und ſeine mög⸗ lichen Folgen berechnet und prophezeit.— Wenn dann Karl Heinrich, welcher gleich Annen auf dem Pachthof arbeitete, heimkehrte, ſo hatte er ſich zu ihnen geſellt, — 14— und mit ihnen geplaudert, und mit ihnen ſich begei⸗ ſtert für den großen und heldenmüthigen König, der ſo unverzagt und trotzig der Menge ſeiner Feinde ent⸗ gegengezegen war, und keine anderen Bundesgenoſſen hatte, als ſein Recht, ſeinen Muth und ſein gutes Schwert. In der begeiſterten Liebe für den großen König waren ſich ihre Herzen zuerſt begegnet, und daß Karl Heinrich bei Friedrichs Armee ſechs Brüder be⸗ ſaß, das hatte in Annens Augen ihn ſelber zu einem Helden gemacht, und ſie ſah ihn immer das Haupt umwunden von den Lorbeern, welche ſeine Brüder auf dem Schlachtfelde gewinnen würden.— Sie liebte ihn wegen ſeiner Brüder, und weil ſie ſtolz darauf war, die Braut eines Burſchen zu ſein, dem Jeder⸗ mann mit den Augen folgte, wenn er vorüberging, in⸗ dem man leiſe flüſterte:„es iſt des alten Mannes liebſtes Kind. Gott erhalte ihn für ſeinen Vater, deſſen ein⸗ zige Stütze er iſt!“ An dieſes Alles dachte der alte Schäfer jetzt, wie er da inmitten ſeiner Schafe auf der grünen Wieſen⸗ fläche ſaß, und hinüberſchaute zu dem Kornfeld des Pachters, wo ſein Sohn und deſſen Braut mit den anderen Knechten und Mägden arbeiteten. Gott ſei Dank, murmelte der alte Mann, das iſt die letzte Fuhre, die ſie aufladen, und bald wird Anna Sophie bei mir ſein. Ich habe den Poſtboten vorher ſchon in's Dorf gehen ſehen, und jetzt wird der Herr Pachter die Zeitungen ſchon geleſen haben, und er wird ſie Annen geben, damit ſie mir daraus vorleſe. Und endlich war dieſer glückliche Moment gekom⸗ men, endlich bewegte ſich der ſchwerbeladene Ernte⸗ wagen dem Gehöft des Pachters zu, und die Knechte und Mägde zogen jubelnd hinterher. Die Sicheln, welche ſie über ihre Schultern geſchlagen hatten, blitzten 4 — 15— im Licht der untergehenden Sonne, und flackerten wie tanzende Irrlichter von dannen. In der Ferne ver⸗ ſtummte das Jubeln und Lachen der Schnitter, und die Ruhe des Abends breitete ſich lächelnd und fried⸗ „ voll über der ganzen Gegend aus. Der alte Hirte faltete fromm ſeine Hände und ge⸗ dachte im ſtillen Gebet der fernen Söhne, die er Gott empfahl. Dann ſtand er auf von ſeinem Binſenſtuhl, gab mit einem gellenden Pfiff ſeinem Phylax das Zei⸗ chen, daß er die Heerde heimwärts treiben ſolle in das Dorf auf den Pachthof, und ſchlug dann ſelber mit kräftigem Schritt den Weg dahin ein. Phylax mit ſeinen Schafen hatte ihn bald eingeholt, und da er vielleicht fand, daß ſein Herr heute eiliger als gewöhn⸗ lich vorwärtsſchritt, duldete er auch nicht das kleinſte Zögern der Schafe, ſondern trieb ſie mit zürnendem Gebell zu haſtigem Laufen an. So kamen ſie, nachdem hier und dort die Schafe 3 vor den Häuſern der Bauern, deren Eigenthum ſie waren, ſtehen geblieben, und von der großen Heerde des Pachters ſich getrennt hatten, auf den Pachthof an, und Phylax trieb mit geſchäftiger Eile die Schafe in die weit geöffneten Thüren des großen Schafſtalls, aus deſſen Innern man das fröhliche und zitternde Geblöke der kleinen Lämmer vernahm, welche in ſehn⸗ ſuchtsvollem Hunger der Ankunft ihrer Mutter entge⸗ 5 genſahen. 8 Vater Buſchmann erwartete mit Ungeduld den Moment, wo das letzte der Schafe die Thür des Stalles paſſirt hatte, dann ſchritt er haſtig vorwärts dem gro⸗ ßen Pachthauſe zu, das dort drüben, jenſeits dieſes von großen maſſiven Scheunen zu beiden Seiten begrenzten Hofes, ſich erhob. Eben öffnete ſich die Thür des Hauſes, und Anna — 16— Sophie, ein Zeitungspapier in der Hand haltend, trat heraus und ſchritt mit fröhlichem Winken gerade auf den alten Hirten zu. Vater, ſagte ſie, da habe ich die Zeitungen, und wir ſind die erſten, welche ſie leſen. Der Pachter und die Frau Pachterin ſind über Land gefahren, und da hat mir der Verwalter erlaubt, daß wir ſie leſen. Und höre nur, Vater, er ſagt, er habe flüchtig hineingeſehen, und da habe ſo etwas geſtanden von einem Sieg der Preußen. Des alten Buſchmanns Antlitz erglänzte vor Freude, und mit lebhafter Bewegung ſeine Hand auf Annens Arm legend, wollte er ſie mit ſich fortziehen. Komm, komm, mein Kind, ſagte er, laß uns in meine Hütte gehen. Da iſt es ſtill und heimlich, da wollen wir die Geſchichte von dem Siege unſeres Königs leſen! Aber Anna Sophie ſchüttelte heftig ihr ſchönes Haupt. Nein, Vater, ſagte ſie, heute haben wir nicht das Recht, dieſe Zeitung für uns allein zu leſen. Die Siege des Königs gehören ſeinem Volke, gehören jedem ſeiner Unterthanen, und jedes Herz wird höher ſchla⸗ gen, wenn es von ihnen hört, und Jeder wird Gott danken, daß er die Waffen unſeres Königs geſegnet hat, und ihn nicht von der Ueberzahl ſeiner boshaften Feinde hat beſiegt werden laſſen. Wir haben nicht das Recht, mein Vater, unſeren Männern und Frauen dieſe Freude vorzuenthalten, das ganze Dorf muß daran Theil nehmen. Karl Heinrich iſt mit Erlaubniß des Verwalters ſchon in's Dorf gegangen, und ruft die Hausväter und Hausmütter zuſammen, daß ſie auf dem Rundplatz unter der großen Linde ſich vereinigen. Seht nur, auch die Knechte haben ſich beeilt ihre Pferde abzuſatteln und fertig zu machen, da kommen ſie ſchon aus den Ställen, um auch hinunter zu gehen zu dem =— I,— Lindenplatz. Komm alſo, Vater, laß uns auch dahin gehen, und den Nachbaren und Freunden von der Siegesſchlacht des Königs vorleſen. Der Sieg gehört dem ganzen Dorf, aber kommt einmal die Nachricht von einer verlorenen Schlacht, dann, Vater Buſchmann, leſen wir die Zeitungen für uns allein! 4 Aber Gott verhüte, daß wir das jemals nöthig haben, ſagte der alte Hirte, indem er mit Anna Sophie rüſtig vorwärts ſchritt. II. Der Schlachtbericht. Auf dem Platz unter der großen Linde hatten ſich ſchon die Bewohner des Dorfes verſammelt, und als jetzt der alte Buſchmann auf Anna Sophiens Arm ge⸗ ſtützt, rüſtig daherſchritt, begrüßte man ihn mit einem freudigen Jubelruf. Anna Sophie ſchwenkte die Zeitung wie eine weiße Fahne hoch empor, und in ihrer freudigen Ungeduld den Greis haſtiger vorwärts ſchiebend, rief ſie: unſer König hat eine Schlacht gewonnen! Lautes Jauchzen und Rufen war die triumphirende Antwort. 6 Hat er die Franzoſen oder die Oeſterreicher ge⸗ ſchlagen? fragte einer der Bauern, ſich dichter an Anna herandrängend und haſtig nach der Zeitung greifend. Aber Anna entzog ſie ihm mit einer ſchnellen Be⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 2 — 18— wegung. Der Herr Verwalter hat mich hergeſchickt, der Gemeinde die Nachrichten vorzuleſen, ſagte ſie, und ich werd's thun! Sagt nur, Anna, rief ein Anderer, hat er die Ruſſen geſchlagen, oder die verſchmitzten Sachſen? Ich wünſchte, er hätte ſie Alle unter ſeine Füße ge⸗ treten. 3 Er wird's thun, wenn er's noch nicht gethan hat, rief der alte Buſchmann, Kinder, glaubt doch nur, unſer König beſiegt alle ſeine Feinde, denn er iſt ein Held, und lauter tapfere Kerle fechten hinter ihm. Denkt doch nur an die dreißig friſche Burſche, die unſer Dorf allein ihm geſtellt hat. Lies, Anna Sophie, lies! rief der Chor der Neu⸗ gierigen, und Anna Sophie, bereitwillig ihrem Rufen nachgebend, trat unter die große Linde und ſchwang ſich empor auf die hölzerne Bank, welche den Baum umfaßte. Vater Buſchmann ſetzte ſich zu ihren Füßen auf die Bank, einige Mütter und Greiſe folgten ſeinem Beiſpiel, während die jüngeren Männer und Frauen in dichtgedrängter Gruppe ſich vor ihnen aufſtellten, und begierig zu dem jungen Mädchen emporſchauten, das da oben ſtand, und deren ſchönes und kühnes An⸗ geſicht vom glühenden Abendroth wie in Verklärung angeleuchtet ward. Die kleinen Buben, welche neu⸗ gierig den Aeltern gefolgt waren, beluſtigten ſich da⸗ mit, auf der äußerſten Grenze des Platzes Purzelbäume zu ſchlagen, und von dem unfern belegenen Ententeich ertönte das fröhliche Gequake der Gänſe und Enten herüber. Aber jetzt erhob Anna Sophie ihre Stimme, und mit friſchem, fröhlichem Ton begann ſie zu leſen. Es war eine blühende und begeiſternde Schilderung des großen Schlachttages bei Lowoſitz, und Anna Sophie las ſie mit immer höher erglühenden Wangen, mit immer athemloſerer Haſt. Und wie ſie jetzt las von dem anfänglichen Unterliegen der Preußen, von dem weit überlegenen Heer des öſterreichiſchen Generals Brown, deſſen mächtige Feuerſchlünde Tod und Ver⸗ derben in die Reihen der preußiſchen Krieger getragen, da ſchluchzten und wehklagten die Frauen leiſe, und ſelbſt die Männer unterdrückten nur mühſam ihre Seufzer. Aber ſie athmeten ein wenig auf, als ſie hörten, wie der König, eine ganz neue Taktik ein⸗ ſchlagend, zum Schutz ſeiner geſchwächten Infanterie in die, in der Mitte derſelben entſtandene Lücke einen Theil ſeiner Cavalerie einrücken ließ.*) Doch ihr Muth ſank bald wieder, wie der Bericht erzählte, daß der anfängliche Vortheil ſich bald wieder „verlor, daß der Feind, in immer mächtigeren Colonnen heranrückend, faſt ſchon begann die Preußen zurückzu⸗ drängen, daß der linke Flügel der Infanterie, welchen der Herzog von Bevern commandirte, und der ſechs Stunden ununterbrochen gefeuert hatte, anfing Mangel an Munition zu haben, während der öſterreichiſche Ge⸗ neral Wied, der den Poſten von Lowoſitz vertheidigte, mit ſeiner erhaltenen Verſtärkung das Feuer deſto leb⸗ hafter unterhielt, und die verzagten preußiſchen Krieger laut wehklagten und jammerten nach Pulver und Pa⸗ tronen!— 3 Anna Sophie hielt inne, ihr Herz klopfte ſo laut vor Angſt, daß es ihr die Stimme verſetzte, ſie lehnte ihr Haupt zurück an den Baum, und ſchloß die Augen vor Grauen und Entſetzen. Die Greiſe und Mütter⸗ chen, die zu ihren Füßen ſaßen, beteten und weinten — *) Charakteriſtik des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 52. 22 — — 20— leiſe, und aus dem Haufen der Männer und Frauen ſtieg ein dumpfes Gemurmel der Wehklage empor. In ihrem Schrecken hatten die guten Leute ver⸗ geſſen, daß Anna Sophie ihnen nicht von einer Nieder⸗ lage, ſondern von einem Siege zu berichten hatte, und daß die Dinge ſich daher doch zuletzt noch günſtiger gewandt haben mußten. Lies weiter, Anna Sophie, ſagte der alte Hirte nach einer bangen Pauſe. Wollen wir ſo feig ſein, nicht einmal den Bericht hören zu können von dieſer mörderiſchen Schlacht, in welcher unſere Söhne doch den Muth gehabt haben, zu kämpfen? Lies weiter, lies weiter, Anna Sophie! rief man hier und dort, und Anna Sophie öffnete wieder die Augen und hob den herabgeſunkenen Arm mit dem Zeitungsblatt wieder empor. Wieder herrſchte jetzt eine athemloſe Stille. Anna Sophie las:„In dieſem furchtbaren Moment fühlte der Herzog von Bevern, daß ein entſcheidender Ent⸗ ſchluß gefaßt werden müſſe. Indem er mit gezogenem Degen vor die Fronte der verzagten Truppen ſprengte, rief er:„Burſche, Ihr habt keine Munition mehr? Darüber ſeid unbekümmert! In welcher Abſicht hat man Euch denn gelehrt, den Feind mit gefälltem Ge⸗ wehr anzugreifen?“— Dieſe Worte, ausgeſprochen von einem geliebten und tapferen Anführer, wirkten auf die Soldaten wie ein Götterſpruch. Sogleich ſchloſſen ſie ihre Reihen, und durch das Beiſpiel ihrer Officiere angefeuert, drangen ſie mit Gewalt in den Feind. Umſonſt eilte Graf Stahremberg mit ſechs Bataillonen herbei; umſonſt ſuchte Graf Wied die Häuſer von Lowoſitz, wohin ſeine Grenadiere ſich ret⸗ teten, zu behaupten. Nichts konnte den Preußen wider⸗ ſtehen. Wie ein reißender Strom ſtürzten ſie von der — 21— Höhe des Lowos, und alles mußte ihrer ungeſtümen Tapferkeit weichen. Ein Theil der Oeſterreicher ſtürzte ſich in die Elbe und ſuchte durch Schwimmen ſein Leben zu retten. Lowoſitz ward in Brand geſteckt, und Alles, was dieſen Poſten vertheidigen ſollte, ergriff die Flucht. Die Preußen hatten einen vollſtändigen Sieg errungen.“*) Anna Sophie vermochte nicht weiter zu leſen. Das allgemeine Entzücken brach ſich Bahn in lauten Jubel⸗ rufen, in Ausrufungen der Freude und des Glücks. Die Weiber umarmten mit Thränen der Freude ihre Männer, Greiſe dankten Gott mit lauter Stimme, und die Buben, welche eine Zeitlang lauſchend inne gehalten in ihren Beluſtigungen, ſchlugen jetzt um ſo kühnere und höhere Purzelbäume. Anna Sophie allein ſagte nichts. Sie hatte ihre hohe, ſchlanke und doch volle Geſtalt ganz zurückge⸗ lehnt an den Baum. Ihr Antlitz flammte in einer dunklen Gluth, ein begeiſtertes Lächeln ſtand auf ihren halbgeöffneten Lippen, und ihre gen Himmel gerichteten Augen glänzten und funkelten wie die Sterne. Sie ſtand da, wie in einer Extaſe befangen, ſie hörte gar nicht, wie der alte Buſchmann ihren Namen rief, und ſie aufforderte weiter zu leſen. Als er ſeinen Ruf wiederholte, ſchrack ſie zuſammen, und ließ langſam ihren Blick vom Himmel niedergleiten auf die froh⸗„ bewegte Menge, welche ſie umgab. Was willſt Du, Vater? fragte ſie, wie aus einem Traum erwachend. Der alte Hirte erhob ſich, und indem er ſein Käp⸗ pel von ſeinem weißen Haupte nahm, ſagte er feier⸗ lich: Du haſt uns jetzt von dem Siege geleſen, Anna — *) Charakteriſtik des ſiebenjährigen Krieges. Bd. I. S. 63. . 2 5 Sophie, jetzt lies uns auch von denen, welche den Sieg mit ihrem Leben erkauft haben. Lies uns die Liſte der Gefallenen! Ja, lies uns die Liſte der Gefallenen! riefen die Anderen ihm nach, indem ſie ehrfurchtsvoll ihre Häupter entblößten.. Anna folgte ihrem Willen und ſuchte in dem Zei⸗ tungsblatt nach dieſer Liſte, und las. Langſam, wie einzelne Thränen, fielen die Namen der Gebliebenen von ihren Lippen, und immer mehr erhellten ſich die Geſichter, denn— Keiner der Ihrigen war darunter! Plötzlich ſtockte Anna Sophie und ein leiſer Schrei tönte von ihren Lippen. Dann ſchaute ſie mit einem ſchreckensvollen Ausdruck hinunter zu dem alten Buſch⸗ mann.— Vielleicht hatte der Greis ihren Blick ver⸗ ſtanden, denn er ſchreckte leiſe zuſammen, und ließ einen Moment ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken. Dann aber richtete er es ſtolz wieder empor, und einen faſt gebieteriſchen Blick auf Anna Sophie werfend, ſagte er: lies weiter, meine Tochter!. Aber Anna Sophie vermochte es nicht. Das Zei⸗ tungsblatt zitterte in ihrer Hand und ihr Antlitz war leichenblaß geworden. Lies weiter! rief der Greis, indem er gebieteriſch den Arm zu ihr emporſtreckte. Lies, ſage ich. Ich will es, ich, Dein Vater! Anna ſeufzte tief auf. Nun denn, ich gehorche! ſagte ſie, und einen Blick voll unausſprechlichen Jam⸗ mers auf den Greis werfend, ließ ſie zwei neue Na⸗ men, zwei neue Thränen von ihren Lippen fallen. Anton Buſchmann, Friedrich Buſchmann! las ſie, und dann die athemloſe Stille benutzend, fügte ſie ha⸗ ſtig hinzu:„Die beiden Brüder waren die Erſten ge⸗ 8 — 23— weſen, welche mit gefälltem Gewehr in den Feind ein⸗ drangen. Sie ſtarben den Heldentod.“ Sie ſchwieg; das Blatt entſank ihren zitternden Händen, und flatterte wie mit einem leiſen Seufzer zu des alten Schäfers Füßen nieder. Eine Todtenſtille trat ein. Die von Thränen verdunkelten Augen der Menge waren auf den alten Buſchmann gerichtet. Er hatte ſich taumelnd, und wie vom Sturm bewegt, wieder au die Bank niedergleiten laſſen. Sein Haupt tief auf die Bruſt ſenkend, daß Niemand den Aus⸗ druck ſeiner Züge gewahren konnte, die zitternden Hände im Schooß gefaltet, ſo ſaß er da, ein rühren⸗ des Bild des ſtummen Schmerzes.— Sein Sohn, Karl Heinrich, der Anfangs in dem Trupp der Auderen geſtanden, war jetzt leiſe zu ihm getreten, und ſich zu ihm niederbeugend und ſeine Arme auf die Schultern des Greiſes legend, rief er ihn leiſe und mit zärt⸗ lichem Ton. Der alte Schäfer ſchreckte empor. Er ließ ſeinen Blick von dem Sohn auf die Geſichter der Uebrigen ſchweifen, und begegnete überall theilnehmenden Mie⸗ nen und kummervollem Mitleid. „Nun, fragte er mit harter, rauher Stimme, warum weint ihr denn? Habt ihr nicht gehört, daß meine Söhne den Heldentod geſtorben ſind? Sind ſie nicht gefallen für ihr Vaterland und ihren König? Zu weinen würde uns geziemen, wenn ſie wie feige Mem⸗ men aus der Schlacht entflohen wären. Aber Anna Sophie hat's geleſen:„Sie ſtarben den Heldentod“. — Laßt uns alſo mit Liebe und Stolz an ſie denken, und für ſie beten. Selig ſind die Todten, denn ſie werden Gott ſchauen. Er ſank auf ſeine Kniee nieder und murmelte leiſe vor ſich hin fromme Gebete für die Ruhe der Todten, — 24— und jetzt erſt floſſen die Thränen, rollenden Perlen gleich, über ſeine Wangen hin. An ſeiner Seite kniete ſein Sohn und Anna Sophie, und die Menge, über⸗ wältigt von Rührung und Theilnahme, war ihrem Beiſpiel gefolgt, und flüſterte, auf die Knieen nieder⸗ geſunken, die frommen Sterbegebete ihrer Kirche. Plötzlich ward dieſe feierliche Stille von lautem Trommelwirbel und dem Getrabe von Pferden unter⸗ brochen. Eine Compagnie Infanterie, den Trommler und Pfeiffer an der Spitze, kam die große Straße des Dorfes heraufmarſchirt, und näherte ſich den Dorf⸗ bewohnern, welche ſich haſtig von ihren Knieen erhoben hatten, und mit geſpannter Erwartung dem anrückenden Trupp entgegenſchauten. Es ſind Preußen, ſagte der Schulze des Dorfes, welcher ſich auch unter der Menge befand. Es ſind Preußen, wiederholte die Menge mit er⸗ heitertem Geſicht, und die Männer, voran der Schulze, gingen ihnen entgegen und geleiteten ſie bis in die Mitte des Platzes, wo der Zug Halt machte. Dann näherte ſich der Dorfſchulze dem Officier, und ſich in ſeiner Würde kundgebend, fragte er nach dem Begehr deſſelben. Der Officier gab dem Trommler ein Zeichen, und dieſer ließ auf's Neue einen kräftigen Wirbel ertönen. Dann zog er eine Rolle Papier hervor und entfal⸗ tete ſie. Die Dorfleute drängten ſich in athemloſer Span⸗ nung herzu. Dicht neben dem Ofſicier ſtand der alte Schäfer, und neben ihm ſein Sohn und Anna Sophie, die bleich und athemlos auf den Officier hinſtarrte, der jetzt zu leſen begann.— Es war eine Aufforderung an die militairpflichtige, unverheirathete Mannſchaft des Dorfes, ſich zu den Fahnen des Königs zu ſtellen und ihren Platz einzu⸗ nehmen in den Reihen derer, die für das Vaterland kämpften. Die Aerndte ſei beendet, hieß es in dem Aufruf, und der König könne jetzt verlangen, daß die ſtreitbare Mannſchaft aller Städte und Dörfer zu ihm ſtoße, um ſeine Gefahren und ſeine Siege mit ihm zu theilen.— Der Officier beauftragte daher den Dorf⸗ ſchulzen, ihm eine Liſte aller derjenigen Männer, die im Dorfe unverheirathet ſeien, morgen in der Frühe zu entwerfen, damit er dieſelben aufrufen und zur wei⸗ teren Entſcheidung und Beſtimmung nach Cleve führen könne. Ein dumpfes Gemurmel lief durch die Reihen der ⸗Zuhörer, als der Officier geendet. Die freudige und begeiſterte Aufregung von vorher war jetzt einer allgemeinen Entmuthigung gewichen. Jedermann war mit Begeiſterung bereit geweſen, den gewonnenen Sieg mitzufeiern, aber Siege erkämpfen zu ſollen, das ſchien eine weniger begeiſternde Zumuthung. Der alte Schäfer ſchaute mit zürnenden Blicken umher im Kreiſe der Verzagten, und ein Ausdruck tiefer Verachtung flog einen Moment durch ſeine ehr⸗ würdigen Züge. Dann wandte er ſich zu dem Offi⸗ 3 cier hin, und mit erhobener Stimme ſagte er: ich hatte ſechs Söhne bei der Armee. Zwei von ihnen ſind gefallen in der Schlacht von Lowoſitz, und mein aarmes altes Herz weint noch um die Todten, aber es iſt doch auch wieder freudevoll, daß es dem König, welcher ruft, noch ein neues Opfer bringen kann. Ich habe noch einen Sohn; er iſt unverheirathet und hat für Niemand zu ſorgen, nicht für Weib und Kind, 4 nicht für ſeinen alten Vater, der, Gott ſei Dank, noch 3 Kraft genug in den Knochen hat, um ſich ſelber zu er⸗ nähren. Gehe alſo hin, mein Sohn Karl Heinrich, — 26— Dein König ruft Dich, gehe, und wenn es ſein muß, ſo folge Deinen Brüdern in ihr Heldengrab. Er ſchwieg und legte wie ſegnend ſeine Hand auf ſeines Sohnes Haupt. Aber Karl Heinrich ſchien die Begeiſterung ſeines Vaters nicht zu theilen. Sein Ge⸗ ſicht war todtenbleich und ſeine ganze kräftige Geſtalt erzitterte wie im Fieber. Anna Sophie ſah das, und jetzt erbleichte auch ihr vorher ſo ſtrahlendes und freudiges Angeſicht, jetzt ſenkte auch ſie den Blick gleichſam beſchämt zur Erde nieder.— Der Officier, dem die Niedergeſchlagenheit der Bauern nicht entging, wollte ihnen Zeit laſſen ſich zu ſammeln und zu erholen. Laſſen wir doch Alles dies bis morgen, ſagte er. Morgen, Herr Schulze, werden Sie mir die Liſte über⸗ reichen, und wir werden dann die unverheiratheten Burſche ausſuchen, die, das bin ich überzeugt, mit tapferer Freudigkeit dem Kriegsruf ihres Königs fol⸗ gen werden. Jetzt, Herr Schulze, bitte ich Sie, mich ſelber auf den Pachthof zu führen, wo ich übernachten will, und dafür zu ſorgen, daß meine Soldaten auf dem Pachthof und im Dorf gutes Quartier finden.„ Er nickte den Leuten freundlich zu und zog mit ſeinen Soldaten, und geführt von dem Dorfſchulzen von dannen. Die Menge folgte ihnen ſtumm und ſtaunend nach, und die muntere Dorfjugend umtanzte jubelnd und ſingend den ſtattlichen Zug. 4 — III. die Jungfrau von Brünen. Anna Sophie war gedankenvoll und ſinnend in ihr einſames Haus zurückgekehrt, und es hatte ihr ſelbſt in ihrem ‚Fleckchen des verlorenen Paradieſes“ nicht gelingen wollen, ihre Ruhe und Heiterkeit wiederzu⸗ finden. Ihre Gedanken waren mit ſtürmiſcher Sehn⸗ ſucht hinausgeflattert aus dieſem Kämmerlein, das ihr jetzt zum erſtenmal dumpf und öde erſchien, nicht wie ein Fleckchen Paradies, ſondern wie ein Zellengefäng⸗ niß, wie ein ſchweigendes Grab. Zum erſtenmal heute ſprachen ihre Erinnerungen nicht zu ihr, zum erſtenmal vergaß ſie heute, als ſie ſich endlich auf ihr Lager warf, ihren Eltern den Gutenachtgruß zuzurufen. Aber auf ihrem Lager auch konnte Anna Sophie die gewohnte Ruhe nicht finden. Seltſame Bilder gaukelten vor ihren wachen Augen, wunderbare Träume umfingen ihre nicht ſchlafenden Sinne. Zuweilen ſchien es ihr, als ob der ſiegumſtrahlte, lorbeergeſchmückte König vor ihr ſtände und ſie mit lächelnden Augen zu ſich winkte, dann wieder meinte ſie ſich ſelber zu ſehen, die flatternde Fahne in ihrer Hand, die Bruſt um⸗ hüllt von dem glänzenden Cüraß, voraufziehend den tapferen Kriegern, die ihr jubelnd Beifall zuriefen. Dann wieder ſah ſie ſich verlaſſen, einſam mit klaffen⸗ der Wunde in der Bruſt am Rande eines Grabes lie⸗ gen, die brechenden Augen gen Himmel gerichtet und mit erkaltenden Lippen murmelnd:„es iſt doch ſchön für das Vaterland zu ſterben“.— Dann war es ihr, — 28— als ſähe ſie die Brüder ihres Bräutigams ſich von dem Schlachtfelde und aus der Reihe der Todten er⸗ heben, und ihr winken mit blutenden Händen. Sie meinte zu hören, wie ſie mit tonloſer Stimme zu ihr ſagten:„räche Du unſeren Tod, da unſer Bruder zu feig iſt, es zu thun.“ Und bei dieſem Gedanken richtete ſie ſich empor, und ſetzte ſich aufrecht auf ihrem Lager hin. Er iſt feig, murmelte ſie, ich habe ihn erblaſſen und zittern ſehen. Da fühlte ich es wie ein kaltes Schwert durch mein Herz gehen, und ein ſcharfer Schnitt trennte das von meinem Herzen ab, was ihn geliebt hatte. Oh, er iſt feig, und ſtatt der Schlacht entgegen zu jubeln, zittert er vor ihr! Sie ſchlug ihre Hände vor ihr Angeſicht, als wolle ſie die Nacht ſelber nicht die Röthe der Scham ſehen laſſen, welche auf ihren Wangen brannte. So ſaß ſie lange Zeit, ganz bewegungslos, ganz ſtarr, lauſchend auf die Stimmen, die in ihrem Innern erklangen, und ſie mit wunderbaren Tönen und Zuflüſterungen bezauberten und zu ſich lockten. So ſaß ſie ſtunden⸗ lang, bis endlich der Morgen heraufdämmerte, bis die Sonne ihre erſten Strahlen durch das offen gelaſſene Fenſter ihrer Kammer zu ihr ſandte, und ſie weckte aus ihren halbwachen Träumen und Hallucinationen. Anna Sophie ſchrack zuſammen und ſprang von ihrem Lager herab. Mit zitternder Eile kleidete ſie ſich an. Die Sonne war ſchon aufgegangen und Karl Heinrich erwartete ſie gewiß ſchon am Waldesrand, wohin ſie ihn geſtern Abend noch beſchieden hatte.— Als ſie ihm geſtern beim Abſchied leiſe zuflüſterte, ſie morgen früh bei Sonnenaufgang dort zu erwarten, da wußte ſie ſelber noch nicht, was ſie ihm eigentlich zu ſagen hatte, weshalb ſie ihn zum Stelldichein ge⸗ laden. Nur das wußte ſie, daß nicht die Sehnſucht, mit dem Geliebten eine ungeſtörte Stunde allein zu ſein, ſie dazu getrieben hatte. Anna Sophie kannte dieſe Sehnſucht nicht, ihr Herz war zu keuſch, ihre Liebe zu kalt dazu. Sie hatte nur gefühlt, daß ſie Karl Heinrich etwas zu ſagen habe. Was es ſei, das wußte ſie geſtern Abend ſelber noch nicht! Aber heute Morgen wußte ſie es, heute Morgen war ihr ganz klar, was ſie wollte und was ſie zu ſa⸗ gen hatte, und darum fühlte ſie ſich auch jetzt ſo freudig und leicht, darum war eine ſo begeiſterte Entſchloſſen⸗ heit in ihr, ein ſo muthiges Wollen! Es war ihr, als habe ihre Seele Schwingen bekommen, als ſinge eine Lerche in ihr helle Jubellieder, und wie getragen von Begeiſterung, kaum ihre Füße fühlend, verließ ſie, ihr Haus und eilte den Pfad durch die Wieſe dahin, der zum Walde führte. Am Waldesrand ſtand Karl Heinrich, und wie er ſeine Braut ſo ſtolz und lächelnd, ſo ſtrahlend von Schönheit und Jugendmuth den Pfad daher kommen ſah, ſchien es ihm, ſie ſei größer und ſchöner geworden. Und wie ſie ihren Bräutigam, welcher ihr lächelnd jetzt entgegenſchritt, anſah, ſchien es ihr, er ſei kleiner und weniger hübſch geworden. Als ſie ſich gegenüberſtanden und ſich die Hände reichten, ſchauten ſie ſich Beide faſt verwundert an. Beide kamen ſich fremd und verändert vor. Anna Sophie, ſagte Karl Heinrich endlich traurig, Du haſt etwas gegen mich. Ja, ſagte ſie, ja, ich habe etwas gegen Dich. Sonſt würde ich Dich nicht hierher beſtellt haben, wo uns Niemand hören kann. Wär's was Gutes und Liebes, was ich Dir zu ſagen habe, ſo könnte die — 30— ganze Welt dabeiſtehen und es hören, da es aber et⸗ was Schlimmes iſt, ſo müſſen wir allein ſein dazu. Sie ſchwieg und ließ ſich langſam auf den moos⸗ bewachſenen Waldrand niedergleiten, indem ſie Karl Heinrich ſtumm bedeutete neben ihr Platz zu nehmen. Er that es mit einer gewiſſen Scheu, er ſetzte ſich nicht dicht zu ihr, wie er es ſonſt oft an dieſer Stelle gethan, wenn ſie Sonntags mit ſeinem Vater in den Wald gegangen waren, und während der Alte zum erquickenden Schlummer ſich unter einen Baum ge⸗ lagert hatte, hier zärtlich miteinander geflüſtert und gekoſt hatten.— Hier war's, Karl Heinrich, wo Du mir zuerſt geſagt haſt, daß Du mich lieb hätteſt, ſagte Anna haſtig. Ja, hier war's, Anna Sophie, erwiederte er. Und Du ſagteſt mir damals auch, daß Du mich wieder lieb hätteſt, und daß Du mein Weib werden wollteſt, wenn wir uns Beide genug erſpart hätten, um eine Wirthſchaft anfangen zu wollen. Aber ich hab' doch immer gefühlt, daß Du mir nicht ſo gut biſt, wie die anderen Mädchen im Dorf es ihren Liebſten ſind. Du haſt mir noch niemals Abends erlaubt, unter Dein Fenſter zu kommen, ich hab' Dich noch niemals in den Arm nehmen, und ſo herzhaft küſſen dürfen, wie es die anderen Burſche mit ihren Mädchen thun, und niemals, nein noch niemals haſt Du mir freiwillig und unaufgefordert einen Kuß gegeben, und dann auch nur, wenn mein alter Vater und ſein Phylax dabei waren. Es liegt nicht in meiner Natur zärtlich zu ſein, ſagte Anna achſelzuckend. In meiner Poſtille habe ich ein Mährchen geleſen, darin kommt ein Mädchen vor, von der ſie ſagen, daß die böſe Fee einen Reifen um ihr Herz gelegt hat, daß es nicht voll ausſchlagen kann, und darüber weint das Mädchen und klagt im⸗ mer:„ich kann nur lieb haben, aber ich kann nicht lieben.“— So iſt's vielleicht mit mir auch, aber ich weine nicht darüber, wie das thörichte Mädchen in meiner Poſtille. War's das, was Du mir ſagen wollteſt? fragte Karl Heinrich faſt ſpöttiſch. Sie ſah ihn mit einem feſten Blicke an, welcher ſchnell wieder das ſpöttiſche Lächeln von ſeinen Lippen 8 verſcheuchte. Nein, Karl Heinrich, ſagte ſie, es war nicht das, was ich Dir ſagen wollte. So ſprich das Andere, denn dies that mir weh, Anna Sophie, rief er ungeduldig. Vielleicht wird's das Andere auch thun, Karl Hein⸗ rich, ſagte ſie traurig. Aber es muß doch heraus, und ich kann's nicht verſchlucken. Höre, Karl Heinrich, vergieb mir, wenn das, was ich ſage, nicht wahr iſt, höre, was ich Dir zu ſagen habe. Ich fürchte, Du gehſt nicht gern in den Krieg, und Dein Herz klopft nicht hoch vor Freude bei dem Gedanken, daß Du bald ein Soldat ſein wirſt. Nein, gewiß, da haſt Du Recht, ich gehe nicht gern in den Krieg, rief Karl Heinrich lachend. Und wie ſollt' ich auch? Es iſt ein wildes, unordentliches Leben, das Kriegsleben, und mir ſcheint, es iſt gar nicht chriſtlich, daß die Menſchen, von denen doch der Herr Pfarrer ſagt, ſie ſollten ſich untereinander wie Brüder lieben, ſich ſtatt deſſen Arm und Bein abhauen, und aufeinander losgehen ohne Mitleid und Erbarmen, als wäre der Eine der Schlächter und der Andere der arme Ochſe, der ſich nur wehrt, weil er nicht ſein Leben laſſen möchte. Und weil Jeder der Schlächter und * Keiner der Ochſe ſein will, darum iſt es ja nur, daß Jeder tapfer einhaut und ſich ſeiner Haut wehrt. Es wäre traurig, Karl Heinrich, wenn es ſo wäre, wie Du ſagſt, rief Anna Sophie kopfſchüttelnd. Aber es iſt nicht ſo. Der tapfere Soldat denkt nicht, nein gar nicht, an ſein eigen bischen Leben, ſondern er denkt an ſein Vaterland, für das er freudig ſein Blut vergießen will, an den König, dem er Treue geſchworen, an den Ruhm, den er ſich ſelber er⸗ kämpfen will! Karl Heinrich ſchaute verwundert in Anna's erreg⸗ tes und erglühendes Angeſicht. Woher weißt Du denn das Alles? fragte er. Wer hat Dir denn geſagt, daß der Soldat ſo denkt? 3 Ich hab's in meinen Büchern geleſen, Karl Hein⸗ rich. In meiner Poſtille ſteht die Geſchichte von einem Manne, der heißt Leonidas. Der vertheidigte mit ſeinen achthundert Kriegern einen Engpaß gegen viel tauſend Feinde. Er wußte wohl, daß er nicht ſiegen konnte, und alle ſeine Soldaten wußten es auch, aber ſie wollten lieber den Heldentod ſterben für's Vater⸗ land, als feige und demüthig ihre Waffen niederlegen und um Gnade bitten, und ſo ſtarben ſie Mann für Mann und thaten's freudig und mit Jauchzen! Nun, da muß ich ſagen, daß das recht dumme Narren waren, rief Karl Heinrich empört. Ich an ihrer Stelle hätt's nicht gethan, ſondern gleich um Par⸗ don gebeten. Ich glaub's, daß Du das gethan hätteſt, Karl Hein⸗ rich, ſagte Anna ſinnend. Und darüber habe ich die ganze Nacht mich beſonnen, ob Du jetzt wohl gern und mit Freuden in den Krieg ziehſt? Ich, Gott bewahre, ich thu's nicht mit Freuden, und ich thu's gar nicht. Ich will heute früh noch zum — 33— Herrn Pfarrer gehen, damit er mir ein Zeugniß aus⸗ ſtelle, daß ich durchaus nicht in den Krieg gehen kann, weil ich meinen alten, ſchwachen und kränklichen Vater zu ernähren habe, und er verhungern müßte, wenn ich nicht da wäre. Karl Heinrich, Dein Vater iſt nicht kränklich und nicht ſchwach, und er wird nicht verhungern, wenn Du auch nicht da biſt, denn er weiß ſehr wohl ſich ſelber zu ernähren. Aber ſo alt wie er iſt kann er jeden Augenblick ſchwach und hinfällig werden und meiner Hülfe be⸗ dürfen. Ich würde Tag und Nacht keine Ruhe haben, wenn ich da draußen im Kriege wäre und dächte, daß mein alter Vater vielleicht krank und elend in ſeiner Hütte läge, und hätte Niemand, der ihn pflegte und ihm ein Stück Brot reichte. Karl Heinrich, deshalb ſei außer Sorgen, ſagte Anna feierlich. Ich ſchwöre Dir, daß ich ihn liebe und für ihn ſorgen will wie eine Tochter. Es ſoll ihm an nichts fehlen, und wenn er nicht mehr arbeiten kann, nun, ſo habe ich geſunde Hände, um für uns Beide arbeiten zu können. Geh' alſo ruhig in den Krieg, ich bleibe an Deiner Stelle hier zurück. Nein, nein, rief Karl Heinrich erbleichend, ich will nicht in den Krieg gehen. Ich kann mich von Dir nicht trennen, Anna Sophie, und ich will's auch nicht. Du haſt mir geſchworen, daß Du mein Weib werden willſt, und ſo will ich den Herrn Pfarrer bitten, daß er uns noch heute zuſammenthut. Dann werden ſie mich nicht von hier fortnehmen können, denn dann bin ich verheirathet und habe für meinen Vater und meine Frau zu ſorgen! Niicht für mich, Karl Heinrich, denn ich werde Dich jetzt noch nicht heirathen. Haben wir uns denn ſchon Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 3 ₰ — 1— ſo viel geſpart, um uns einen Hausſtand einrichten zu können? Iſt denn jetzt die Zeit, um Hochzeit zu ma⸗ chen und ſich ein Neſt zu bauen, während Sturm und Krieg wie ein Würgengel durch das Land brauſt und Unglück und Verderben überall ausſtreut? Nein, nein, Karl Heinrich, wir können jetzt nicht heirathen! Weil Du nicht magſt, Anna Sophie. Aber Du ſollſt mögen! Ich habe einmal Dein Wort, und Du mußt es halten! Ach, Anna Sophie, ich hab' ſo eine Sehnſucht, Dich meine Frau nennen zu können. Aber ich hab' gar keine Sehnſucht darnach, ſagte ſie trocken, indem ſie ruhig ſeine Arme, welche ſie umfangen wollten, zurückwehrte. Nein, Karl Hein⸗ rich, gar keine Sehnſucht zu heirathen, und,— ich will Dir etwas ſagen, wenn Du mich gern heirathen möchteſt, und zwar heute noch, ſo geſchieht das nicht aus Liebe von Dir, ſondern weil Du Dich gern retten möchteſt! Er ſchlug vor ihren großen, durchdringenden Augen, die ſo forſchend auf ihm ruhten, den Blick zu Boden. Retten? Wovor retten, Anna Sophie? Davor, Karl Heinrich, daß Du Soldat werden ſollſt! Denn ich habe geſtern Abend auf Deinem Ge⸗ ſicht geleſen, daß Du keinen Muth haſt! Das haſt Du geleſen? Ja, Karl Heinrich, ich hab' auf Deiner Stirn ge⸗ leſen, daß Du Dich fürchteſt. Nun denn, ſagte er nach einer Pauſe, ja, Anna Sophie, Du haſt recht geleſen. Ich habe keinen Muth, und ich fürchte mich! Ich bin's nicht gewohnt, ruhig ſtehen zu bleiben, wenn einer ſein Gewehr auf mich anlegt; zu ſchreien; es lebe der König! wenn die Ka⸗ nonenkugeln um mich herumſauſen, einzuhauen auf Menſchen, die mir nie etwas gethan haben und denen — 35— ich auch nie etwas thun möchte. Wenn ich nur daran denke, Anna Sophie, daß man mich zwingen wollte, das zu thun, ſo zittre ich und mein Herz ſteht ſtill. Zwinge mich alſo nicht, Soldat zu werden, denn ich ſage Dir, wenn ich in den Krieg gehen muß, ſo werde ich in der nächſten Schlacht davon laufen und hierher kommen. Mögen ſie mich nachher einfangen und als Deſerteur erſchießen, ich will lieber ſo ſterben, als auf Es lag etwas ſo Stolzes, Kaltes in ihrem Weſen, ſie war von einer ſo vornehmen Schönheit heute, daß er ſ ihr empfand, daß er dachte, ſo müſſe eine Königin ausſehen, wenn ſie ſich einmal als Bäuerin verkleidete. CEben wie er das dachte, blieb Anna Sophie vor ihm ſtehen, und ſah mit einem ſanften, faſt gnädigen Blick zu ihm nieder. Karl Heinrich, ſagte ſie, Du Perf nicht in den Krieg gehen. Ich werd's nicht eiden. Karl Heinrich ſchrie laut auf vor Entzücken und ſprang empor. Du willſt mich alſo heirathen, Anna Sophie, rief er jubelnd. Du willſt meine Frau wer⸗ den, damit ich hier bleiben kann? Du haſt mich alſo dooch ſo lieb, daß Du mich nicht laſſen willſt wollte ſie umarmen, aber ſie wehrte ihn zurück. . 3 ſagte ſie. Es iſt ſchon vorüber. Es ſind meine letzten — 36— Nein, ſagte fie, ich will Dich nicht heirathen. Aber Du darfſt doch nicht in den Krieg gehen, denn wenn Du als Deſerteur heimkehrteſt, ſo würde das Deinem Vater das Herz brechen, und es wäre eine Schande, nicht bloß für mich, ſondern für das ganze Dorf. Ueberlege alſo wohl, was Du ſagſt und was Du denkſt! Vielleicht täuſcheſt Du Dich über Dich ſelber, vielleicht bildeſt Du Dir nur ein, daß Du nicht in den Krieg gehen magſt, weil Du an Deinen alten Vater und an mich denkſt, und uns nicht verlaſſen möchteſt. Frage Dein Gewiſſen und Dein Herz, und denke, daß Gott Deine Antwort hört, Karl Heinrich! Glaubſt Du, daß Du wirklich keinen Muth haſt, und daß Du aus der Schlacht weglaufen würdeſt? Ich glaub's, ſo wahr mir Gott helfe, Anna Sophie. Nein, ich glaub's nicht, ich weiß es ganz gewiß! Es iſt gegen meine Natur, tapfer zu ſein. Ich bin nicht dazu erzogen, und ich kann's daher nicht. Ich bin ein tüchtiger Ackersmann, aber ich würde ein ſehr ſchlechter Soldat ſein, und der König würde keine Freude an mir erleben. 3 Anna Sophie ſeußzte tief auf und ſchlug beide Hände vor ihr Geſicht. So ſtand ſie lange ächzend und leiſe wimmernd ihrem Verlobten gegenüber, und er ſah, wie zwiſchen ihren Fingern dicke Thränen hervorquollen, und auf das Moos und Gras zu ihren Füßen nieder⸗ fielen, wo ſie wie helle Thautropfen in der Sonne funkelten. Warum weinſt Du denn, Anna Sophie? fragte er ganz verwundert. Was hat Dich denn auf einmal ſo traurig gemacht? Sie ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten und ſchüttelte heftig den Kopf. Ich weine gar nicht mehr, — 37— Thränen geweſen. Jetzt laß uns ruhig überlegen und bedenken, was zu thun iſt. Du darfſt nicht Soldat werden! Aber ſie werden mich zwingen, es zu werden, denn ich bin ein geſunder, kräftiger Burſche, und ſie brau⸗ chen große und ſtarke Leute zum Todtſchießen! Anna Sophie richtete ſich ſtolz empor, und ſich mit ihm Schulter an Schulter ſtellend, ſagte ſie: ich bin gerade ſo groß wie Du!. Es iſt wahr, rief Karl Heinrich mit einem harm⸗ loſen Lächeln, Du haſt meine Größe. Nun, ich denke, Anna Sophie, wir werden dereinſt ſchmucke und ſchlanke Kinder haben! Sie zuckte leicht mit den Achſeln, und ſah ihn mit einem ſeltſamen Blick von der Seite an.. Ich bin ebenſo geſund und kräftig als Du, ſagte ſie, und meine Augen ſehen ebenſo ſcharf, und meine Hand iſt ebenſo ſicher! Wenn ich Karl Heinrich Buſch⸗ mann wäre, würde ich einen ſehr guten Soldaten abgeben, denn ich, ich habe Muth, und wenn die Kanonenkugeln um mich flögen, würde ich nicht zittern. Aber Du biſt zu meinem Glück nicht ein Mann, lachte Karl Heinrich, ſondern Du biſt die ſchöne Anna Sophie, welche meine Frau wird, es noch heute wird, um mich damit von dem Krieg und dem Soldaten⸗ ſtande zu erretten. „Nein, Karl Heinrich, erſt muß der Krieg zu Ende ſein, und Karl Heinrich Buſchmann muß heimgekehrt ſein als tapferer Soldat, wenn ich mit ihm Hochzeit machen ſoll.— Du meinſt?— fragte er mit zitternden Lippen, Du meinſt, daß ich doch Soldat werden muß? Sie werden's Dir nicht erlaſſen, denn Du haſt's ſelbſt geſagt: Du biſt ein ſtattlicher Burſche, kräftig und — 38— geſund, Du biſt unverheirathet, und haſt Niemand zu ernähren, denn Dein Vater bedarf Deiner nicht. Wes⸗ halb ſollten ſie Dich alſo nicht nehmen, da der König Soldaten braucht. Es iſt wahr, murmelte Karl Heinrich ganz nieder⸗ geſchlagen, weshalb ſollten ſie mich nicht nehmen!— Dann nach einer Pauſe rief er ganz verzweiflungs⸗ voll: Aber ich will nicht Soldat werden! Ich kann's nicht! Denn es iſt wahr, ich bin feig, ich habe keine Courage. Das iſt ein angebornes Ding, Nie⸗ mand kann's ſich nehmen, Niemand kann's ſich ge⸗ ben, und ich hab's nicht! Ich kann alſo nicht Soldat werden. Und Du ſollſt es auch nicht! ſagte Anna Sophie ganz entſchloſſen. Wie willſt Du's ändern? Ich werde ſtatt Deiner Soldat werden! Karl Heinrich ſah ſie mit weit aufgeriſſenen Augen an. Erſt hatte er Luſt zu lachen, als er aber in ihr ernſtes, erglühtes Antlitz ſah, als er darin einen feſten, kühnen, unwiderruflichen Entſchluß erkannte, ward er ganz ernſthaft. Du willſt Soldat werden? fragte er. Ich will's und ich kann's, denn ich habe viel Muth, und wenn ich an den Krieg denke, ſo klopft mein Herz, aber nicht vor Angſt, ſondern vor Freude, und ich meine, es giebt keinen ſchöneren und ſeligeren Tod, als zu ſterben unter dem Donner der Kanonen, unter den Siegesliedern der vorwärtsſtürmenden Freunde, zu ſterben mit der Fahne in der Hand, und während das Blut aus der Wunde quillt, zu rufen:„Es lebe das Vaterland! Es lebe der König!“ Sie ſah ſo wunderbar ſtrahlend und begeiſtert aus, ihre Geſtalt richtete ſich ſo majeſtätiſch empor, ein ſo — 39— kühnes Feuer blitzte aus ihren Augen, ſie ſchien ſo ganz verändert in Geſtalt und Ausdruck, daß Karl Heinrich entſetzt vor ihr zurückwich. Anna Sophie, mir graut vor Dir, ſagte er ſchau⸗ dernd, Du ſiehſt ganz anders aus, wie ſonſt, Du biſt nicht mehr die, welche Du geſtern warſt! Nein, ſagte ſie, das bin ich auch nicht. Geſtern war ich Anna Sophie Detzloff, und heute werde ich noch Karl Heinrich Buſchmann ſein. Sage nichts da⸗ gegen, es muß ſo ſein, und es ſoll ſo ſein! Du ſollſt Deinem Vater nicht das Herz brechen, Du ſollſt dem Dorf keine Schande machen. Der König hat Dich gerufen, Du mußt ſeinem Ruf folgen! Nur werde ich für Dich gehen, nur wirſt Du ruhig Dein Korn dre⸗ ſchen, Dein Heu einfahren, Deinen Acker beſtellen und Deinen lieben alten Vater pflegen, während ich für Dich in's Feld ziehe und für Dich fechte. Anna Sophie, rief Karl Heinrich mit überſtrömen⸗ den Augen, ſo ſehr liebſt Du mich, daß Du für mich das Leben wagen willſt? Sie ſchüttelte langſam und ſinnend ihr Haupt. Ich weiß nicht, ob ich es aus Liebe thue, ſagte ſie, ich thu's nur, weil ich muß, und weil's keinen anderen Ausweg giebt, uns Allen zu helfen. Laß uns nicht weiter drüber reden. Sage nur, daß Du's an⸗ nimmſt? Es iſt unmöglich, Anna Sophie! Sage nur, daß Du's annimmſt, und Alles wird möglich ſein. Ich kann's nicht annehmen, es wäre eine Schande für mich! Sie preßte ihre Zähne feſt aufeinander, und ihre Augen ſprühten helle Zornesflammen. Höre nur das Siine, ſagte ſie. Ob Du nun gehſt oder bleibſt, ich 8 K A — 49— bleibe doch nicht hier. Ich ziehe doch fort, mein Glück zu verſuchen. Ich habe bis jetzt mich noch niemals glücklich gefühlt, vielleicht werde ich es im Kriege. Weil ich nichts zu verlieren habe, kann ich noch Alles gewinnen. Nun ſage, willſt Du mich ſtatt Deiner Soldat werden laſſen? Wenn Du's durchaus verlangſt, will ich es thun, Anna Sophie, ſagte Karl Heinrich traurig. Du ſagſt, Du haſt nichts zu verliern, aber ich, ich habe Dich zu verlieren, und das will ich nicht. Weil Du mir alſo böſe ſein würdeſt, und ich Dich vielleicht ver⸗ löre, wenn ich„Nein“ ſagte, nun, ſo will ich lieber „Ja“ ſagen! 4 Anna Sophie ſtieß einen Freudenſchrei aus, und zum erſten Mal umarmte ſie Karl Heinrich unauf⸗ gefordert und drückte freiwillig einen Kuß auf ſeine Lippen. Ich danke Dir, Karl Heinrich, ſagte ſie, nun wer⸗ den wir Alle glücklich werden! Karl Heinrich ſeufzte, es ſchien ihm gar nicht, als ob Anna Sophiens Prophezeiung wahr werden könne. 3 Jetzt aber, fuhr ſie eifrig fort, jetzt laß uns über⸗ legen, was wir zu thun haben! IV. 4 Der Abſchied vom Dorfe. Dank dieſer Ueberlegung begab ſich Karl Heinrich im Laufe des Vormittags mit den anderen Burſchen zum Dorfſchulzen, wo der Officier ſie beſichtigte, und diejenigen unter den Burſchen auswählte, welche für dies Mal ausgehoben werden ſollten.— Als der Of⸗ ficier Karl Heinrich's Namen nannte, und ihm ſagte, daß er ſich unter den Erwählten befände, wunderte dieſer ſich gar nicht, und ſein Antlitz blieb ganz heiter und lachend, während die übrigen Burſche ſtill und aachdenkend vor ſich hinſchauten. Nur, als der Offi⸗ cier Jedem von ihnen einen gedruckten Zettel, den er mit ihrem Namen bezeichnet hatte, übergab, und ihnen befahl, damit noch heute Abend nach Cleve zu wandern und ſich zur Einkleidung auf dem Militairamt zu ſtel⸗ len, da erbat ſich Karl Heinrich für ſeine Perſon auf einen Tag lang Urlaub. Er habe noch mancherlei Anordnungen zu treffen, ſagte er, für ſeinen Vater zu ſorgen, und wolle ihm ſein bischen Hab' und Gut und das Stück Ackerland, das er von ſeiner Mutter geerbt, noch gerichtlich verſchreiben. Der Officier bewilligte ihm den Urlaub für dieſen Tag, aber die übrigen Burſche, welche für Niemand zu ſorgen hatten und gar nicht aus dem Dorf ge⸗ bürtig waren, hieß er noch heute ihre Wanderung an⸗ treten. Karl Heinrich verließ mit heiterem Geſicht die Wohnung des Dorſſchulzen, aber ſtatt in das kleine — 42— Haus, welches er mit ſeinem Vater bewohnte, zu gehen, 5 wanderte er zuerſt nach dem alten Schulhaus, wo ſeine Braut wohnte. Sie ſtand ſchon vor der Thür und erwartete ihn.— Nun? fragte ſie haſtig. Wie geht es? Es ging Alles gut, ſagte er traurig. Ich muß Soldat werden. Da iſt der Rekrutenſchein. Er hielt ihn ihr entgegen, ſie griff darnach mit haſtiger Hand, und verbarg ihn in ihrem Buſen. Jetzt, ſagte ſie, haſt Du weiter nichts mehr zu thun, als mir morgen Abend einen vollſtändigen Anzug von Dir zu bringen. 3 Meinen Sonntagsſtaat, Anna Sophie. Er iſt noch ganz neu, ich wollte ihn auf der Kirmeß zuerſt tragen. Ich werd' ihn Dir nicht ruiniren, ſagte ſie lächelnd. Du weißt die Adreſſe des Kaufmanns in Cleve, wo ich das Packet mit Deinen Kleidern hintragen will. Es ſind ehrliche Leute und ſie werden Dir nichts neh⸗ men. Nächſten Sonntag gehſt Du zur Stadt und holſt 3 Dir Alles wieder. † Du willſt den Anzug nicht einmal zum Andenken an mich behalten? fragte Karl Heinrich traurig. Das Andenken liegt nicht im Rock, es liegt im Herzen, Karl Heinrich, und es wird beſſer aushalten, wie ein Rock, der abgetragen und ſchlecht wird. Auch iſts ja gar nicht möglich, daß ich Dich vergeſſen könnte, Karl Heinrich, denn ich werde ja Deinen Na⸗ men tragen. 8 Du wirſt ihn von nun an Dein ganzes Leben tra⸗ gen, Anna, denn wenn Du heimkehrſt, dann hältſt Du Dein Wort und wirſt meine Frau. Du haſt es mir ja verſprochen, Anna Sophie, und nicht wahr, — 43— Du wirſt es da draußen im Kriege nicht vergeſſen? Du wirſt wiederkommen und mich heirathen? Wie kann ich wiſſen, ob ich wiederkomme? ſagte ſie ausweichend. Der Tod geht immer hinter dem Soldaten her, und auf dem Schlachtfeld hält er ſeine Ernte. Vom Heirathen läßt ſich erſt reden, wenn der Krieg zu Ende iſt! Aber jetzt, Karl Heinrich, iſt's Zeit ſchlafen zu gehen. Du haſt morgen viel zu thun und ich auch. Wir müſſen Beide unſer Haus beſtellen, Du zum Schein, und damit Niemand Etwas merkt, ich im vollen Ernſt. Gute Nacht alſo, Karl Heinrich! Nicht einmal einen Kuß giebſt Du mir zur guten Nacht, Anna Sophie? fragte er traurig, als ſie ſeinem Andrängen faſt unwillig auswich. Ein Soldat küßt keinen Mann, ſagte ſie mit einem mühſamen Lächeln, es müßte denn ein Kamerad ſein, der ſterbend neben ihm auf dem Schlachtfeld liegt. Den mag er küſſen, aber keinen anderen. Gute Nacht, Kark Heinrich!—— Und Anna trat in ihr Haus zurück, deſſen Thür ſie hinter ſich verriegelte. Dann zündete ſie ſich Licht an und ſchritt hinauf in die kleine Dachkammer, in das„Fleckchen vom verlorenen Paradieſe“. Da ſetzte ſie ſich nieder an dem Schreibtiſch ihres Nates, und einen großen Bogen Papier vor ſich aus⸗ breitend, begann ſie zu ſchreiben. Es war ihr Teſtament, welches ſie aufſetzte, und ſie that es mit feſter, ſicherer Hand. Zuerſt nahm ſie darin Abſchied von allen Leuten im Dorf, und bat ſie um Verzeihung, daß ſie ihnen Kummer machen müſſſe. Aber ſie könne es nicht mehr aushalten in der Hütte, wo ſie ohne ihre lieben Eltern ſich ſo einſam und ver⸗ laſſen fühle, ſchrieb ſie. Das ganze Leben ſei ihr zum Ueberdruß, und da nun ihr Bräutigam auch zur Armee — 44— gehen wolle, wüßte ſie gar nichts mehr damit anzu⸗ fangen.— Dann vertheilte ſie ihr bischen Hab' und Gut und beſtimmte für alle ihre Freundinnen irgend ein kleines Andenken, ein Tuch, ein Band ihres Sonn⸗ tagsſtaates. Ihre Kleider vertheilte ſie unter die Mütter des Dorfes, ihr Haus aber, mit Allem was darin war, vermachte ſie dem alten Vater Buſchmann, und bat ihn wenigſtens im Sommer immer darin zu wohnen.. Dann, nachdem ſie ſo ihr Haus beſtellt hatte, legte ſie ſich ruhig auf ihr Lager hin, um nach ſo vielen Anſtrengungen und Kämpfen zu ruhen und zu ſchlafen. — Im Traum war es ihr, als ſähe ſie ihre Aeltern, welche ihr zunickten und ſie küßten und ſegneten! Geſtärkt und erhoben von dieſem Traum erwachte Anna Sophie am nächſten Morgen und ſprang freudig von ihrem Lager empor. Sie wußte nun, daß das, was ſie vorhabe, recht und gut ſei, denn ſonſt würde ihr Vater und ihre Mutter nicht mit ihr zufrieden ge⸗ weſen und ihr nicht erſchienen ſein.— So ging ſie mit frohem Muth an die Geſchäfte des Tages, welcher der letzte ſein ſollte, den ſie in der Heimath verlebte. — Zuerſt ordnete ſie ihre eigenen kleinen häuslichen Angelegenheiten, packte ihre wenige Leivwäſche zu einem Bündelchen zuſammen, und ſäuberte und putzte dann das ganze Haus, daß es glänzend und ſchmuck aus⸗ ſah, wie zu einem Feſt.— Dann blickte ſie ſich ſelber ſorgfältig an, wie gewöhnlich, und ihr Teſtament zu⸗ ſammenfaltend und in ihren Buſen ſteckend, verließ ſie ihr Haus.— Mit heiterem und ruhigem Angeſicht wanderte ſie die Straße durch das Dorf dahin, und die Frauen, welche ſie ſo eilig und ſchweigſam dahin⸗ gehen ſahen, fragten ſich verwundert untereinander, wie es wohl kommen möge, daß die fleißige Anna — 45— Sophie heute feiere und nicht zur Arbeit auf den Pacht⸗ hof gegangen ſei. Als ſie aber ihr nachſchauend ge⸗ wahrten, wie ſie den Weg zur Pfarrwohnung ein⸗ ſchlug, da verwunderten ſie ſich nicht mehr, denn ſie hatten Anna Sophie ſchon oft dahin gehen ſehen, um ſich für irgend einen Armen oder Kranken im Dorf den Beiſtand des Pfarrers zu erbitten. Aber heute war Anna Sophie für ſich ſelber zu dem frommen, alten Pfarrer gegangen, um ihm zum letzten Male zu beichten. Er kannte ſie ſo lange ſie lebte. Er hatte ſie getauft und ihr zum erſtenmale das Abendmahl gegeben. Ihm hatte ſie immer ihre ge⸗ heimſten Gedanken gebeichtet, und er hatte ihr mit einem liebevollen Lächeln für das, was ſie ihre Sünden nannte, Abſolution ertheilt. Von ihm durfte ſie nicht fürchten, daß er das heilige Geheimniß der Beichte verrathen würde, und vor ihm ſchüttete ſie daher ſon⸗ der Rückhalt ihr ganzes Herz aus.— Der alte Pfar⸗ rer war tief bewegt über das, was er vernahm, und indem er ſie ſegnete, entfielen ſeinen Augen Thränen, welche Anna, als ſie auf ihre Hand niederträufelten, andächtig fortküßte. Dann, nachdem Anna Sophie einen langen und gerührten Abſchied genommen von dem alten Pfarrer und die Spur der Thränen aus ihren Augen ver⸗ wiſcht hatte, verließ fie die Pfarrwohnung und begab ſich zu dem alten Vater Buſchmann, der heute ſeine Schafe auf der Wieſe am Rande des Waldes hütete. Er ſaß zur Seite des kleinen Fußpfades, auf derſelben Stelle, wo Anna Sophie geſtern mit ſeinem Sohn geſeſſen, und wo über das Schickſal ihres ganzen Le⸗ bens entſchieden worden war.— Wie der Greis ſie kommen ſah, winkte er ihr mit der Hand und nickte ihr freundlich den Willkommensgruß entgegen. — 46— Ich habe Dich geſtern den ganzen Tag nicht ge⸗ ſehen, Anna Sophie, ſagte der Greis, als ſie jetzt vor ihm ſtand, mein Herz iſt mir ganz ſchwer davon ge⸗ worden, und es war mir immer als fehlte mir Etwas. Dafür will ich auch heute den ganzen Tag bei Dir bleiben, Vater, ſagte ſie, indem ſie ſich neben ihm niederſetzte und ihn zärtlich küßte. Ich bin heute nicht auf Arbeit gegangen, denn mir thut's Herz weh und da will ich ausruhen. Dir thut's Herz weh, weil der Karl Heinrich fort muß, nicht? fragte der Greis mit liſtigem Augenzwin⸗ kern. Du möchteſt lieber, er bliebe daheim und würde nicht Soldat, nicht wahr? Nein, Vater, das möchte ich nicht, rief ſie lebhaft. Möchteſt Du's? Der alte Mann blickte ſinnend eine Zeitlang vor ſich hin. Dann ſagte er: Weh thut es mir allerdings, daß er geht, denn, ſiehſt Du, Anna Sophie, er war das letzte Licht aus meiner Jugendzeit, und wenn er fort iſt, wird's recht dunkel um mich ſein, und recht einſam und ſtill. Es that mir wohl, ſein hübſches, kräftiges Geſicht zu ſehen, ihn dann und wann Abends und Morgens ein luſtiges Liedchen ſingen zu hören, und wenn Ihr Beide Hand in Hand neben mir auf der Bank vor meiner Hüttenthür ſaßet, ſo war's mir immer als wär' ich ſelber wieder jung geworden, und ſäß' mit meiner lieben Alten da ſo zärtlich Hand in Hand, wie wir's zu thun pflegten, als wir Beide noch jung waren. Der Karl Heinrich wird alle meine ſchönen und beſten Erinnerungen mitnehmen, und ich verliere nicht bloß ihn allein, wenn er jetzt fortgeht, Du möchteſt alſo lieber, daß er hier bliebe, fragte Anna dringend. ſondern auch meine ganze Vergangenheit. 6 Vaters 4 . 4 1 — 47— . Ich ſage Dir, ich möchte es wohl, wenn es nur ginge, aber es geht doch nicht! Sein König hat ihn gerufen, und da muß er gehorchen. 5 Aber vielleicht wär's zu machen, daß er bliebe, Vater. Wenn Du ſagen wollteſt, und ich es Dir auf⸗ ſchreiben ſollte, daß Du ſchon zu alt und zu ſchwach wärſt, um Dich ſelber zu erhalten, und bäteſt daher Dir Deinen einzigen Ernährer und die Stütze für Dein Alter zu laſſen, vielleicht würden die hohen Her⸗ ren in Cleve ſich erweichen laſſen. Der Greis ſchüttelte langſam und bedächtig ſein Haupt. Nein, ſagte er. Das wollen wir nicht ver⸗ ſuchen, denn es wäre ein Betrug und würde uns keine Ehre bringen. Ich bin nicht ſo ſchwach, daß ich mir mein Brot nicht ſelber verdienen könnte, und für Karl Heinrich wär's eine Schande, wenn ich ihn los⸗ bettelte. Die Leute könnten denken, er ſei feig und habe nicht genug Courage um in den Krieg zu gehen. Meinſt Du denn, daß es eine ſo große Schande iſt für einen Mann, wenn er keine Courage hat? fragte Anna Sophie mit einem ſeltſamen Ausdruck von Angſt und geſpannter Erwartung. Ich mein's, ſagte der Greis ruhig. Das iſt ſo ſchlimm für den Mann, als es für die Frau iſt, wenn man ſagt ſie habe keine Tugend! Anna Sophiens Antlitz nahm einen ſtrahlenden Ausdruck an; ſie hob die großen ſchwarzen Augen zum Himmel empor mit einem Blick voll Andacht und Dank. — Dann, ihrer tiefen inneren Bewegung nachgebend, warf ſie ihre beiden Arme um des Greiſes Hals und ihr Hanpt an ſeine Schulter gelehnt, weinte ſie bitterlich. Der Greis ließ es ruhig geſchehen. Er drückte ſie zärtlich an ſich und flüſterte ihr zuweilen einige — 48— troſtreiche, liebevolle Worte zu. Er meinte ihren Kum⸗ mer zu verſtehen und die Quelle ihrer Thränen zu kennen. Er dachte ſie weine, weil ſie eben die letzte Hoffnung verloren habe, den Bräutigam bei ſich zurück zu behalten und ihn dem gefährlichen Kriegsleben zu entziehen. Weine nicht mehr, Anna Sophie, ſagte er endlich. Deine Augen werden ganz roth davon, und das wird den Karl Heinrich traurig machen, wenn er es ſieht, und wird ihm den Abſchied erſchweren. Sieh, da kommt er über die Wieſe her, gerade auf uns zu. Weine nicht mehr, mein Kinv. Anna richtete ſich mit einer zuckenden Bewegung von ſeiner Schulter empor und trocknete haſtig ihre Augen. Ich weine nicht mehr, Vater, ſagte ſie. Und ich bitte Dich von ganzem Herzen, ſag's dem Karl Heinrich nicht, daß ich geweint habe. Sag's nicht, Vater, wenn Du mir einen Leebesdienſt erzeigen willſt. Ich will Dir auch verſprechen, daß ich gar nicht mehr traurig, ſondern von ganzem Herzen ver⸗ gnügt ſein will. Nun, ich werde ſchweigen, aber halte Wort, und ſei vergnügt, damit wir den armen Jungen nicht trau⸗ rig machen! Ich werd's thun, Vater! Und Anna Sophie hielt Wort. Sie nahm eine heitere und vergnügte Miene an und hieß Karl Hein⸗ rich mit munterem Gruß willkommen, und plauderte und ſcherzte mit dem Alten, während Karl Heinrich immer trauriger und ſtiller ward, je näher der Abend kam, und je tiefer die Sonne hinabſank hinter der grünen Hügelkette da drüben am Rhein. Endlich war's Zeit, die Heerde heimzutreiben, denn die Sonne war untergegangen und Phylax hatte ſchon 3 —õ — 49— alle Schafe zuſammengetrieben. Der alte Mann erhob ſich, und ſeine Blicke andächtig zum Himmel empor⸗ richtend, und die Hände fromm ineinanderfaltend ſagte er: nehmt jetzt Abſchied, meine Kinder. Ihr werdet lange keinen Sonnenuntergang miteinander erleben! Nehmt alſo Abſchied, und ſchwört Euch hier im An⸗ geſicht Gottes und ſeiner ſchönen Welt, daß Ihr Euch immer treu bleiben, Euch immer lieben wollt! Karl Heinrich ſah mit einem ſchüchternen, flehenden Blick auf Anna Sophie hin, aber ſie wandte ihr Auge von ihm ab. Wir haben uns Alles, was wir uns zu ſagen hat⸗ ten, ſchon geſagt, Vater, ſagte ſie ruhig, und ſo wollen wir uns jetzt den Abſchied nicht ohne Noth noch ſchwer machen und uns rühren!. Oh, mir macht'’s den Abſchied leicht, wenn ich Dir ſchwören kann, daß ich Dir treu bleiben, und Dich ewig lieben werde! rief Karl Heinrich lebhaft. Mögen auch viele Jahre vergehen, ehe wir uns wiederſehen, Anna Sophie, ich werde niemals aufhören, Dich zu lieben und an Dich zu denken! Das werde auch ich thun, Karl Heinrich, ſagte Anna Sophie feierlich, ich werde jeden Tag und jede Stunde an Dich denken! Dein Name wird immer auf meinen Lippen ſein! Karl Heinrich erblaßte. Er verſtand das Zwei⸗ deutige dieſes Gelöbniſſes, und es legte ſich wie die kalte Schneide eines Schwertes auf ſein Herz. Gute Nacht jetzt, Anna Sophie, ſagte der Greis, deſſen Gebet zu Ende war. Morgen Abend, wenn Du von der Arbeit kommſt, erwarte ich Dich hier. Wir werden einander viel zu erzählen und viel zu tröſten haben. Gute Nacht, Anna Sophie! Gute Nacht, Vater, flüſterte ſie mit von Thränen Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 4 8 — 50— erſtickter Stimme, indem ſie einen heißen Kuß auf ſeine Lippen preßte. Der alte Mann umarmte ſie zärtlich, und flüſterte in ihr Ohr: Weine jetzt nicht, Anna Sophie. Morgen Abend wollen wir zuſammen weinen! Anna Sophie riß ſich heftig aus ſeinen Armen los. Gute Nacht, Vater, ſagte ſie, und dann, indem ſie forteilte, warf ſie das Haupt noch einmal zurück zu ihrem Bräutigam. Wann gehſt Du fort nach Cleve, Karl Heinrich? fragte ſie. Heute Abend zehn Uhr, ſagte er. Ich will die Nacht hindurch wandern, denn die Morgen ſind ſchon ſehr heiß, und morgen früh acht Uhr muß ich in Cleve ſein. Ich komme noch vor Deine Thür, Anna Sophie, und nehme den letzten Abſchied. Es iſt gut, ſagte ſie kurz, indem ſie ſich abwandte und raſch von dannen eilte.— Und endlich war es Nacht. Der Wächter im Dorfe hatte ſchon die zehnte Stunde verkündet, hinter den klei⸗ nen grünen Fenſterſcheiben der Bauerhütten waren längſt die Lichter erloſchen, und das geſchäftige Ge⸗ räuſch des Tages war der tiefſten Stille gewichen. Das ganze Dorf ruhte aus von der Arbeit des Tages. Aller Augen waren geſchloſſen; Niemand ſah, wie Karl Heinrich Buſchmann jetzt mit einem Paket unter dem Arm dahergeſchritten kam und den Weg nach dem einſam belegenen alten Schulhauſe einſchlug, Niemand ſah es, als der Mond, der da oben glänzend und hell am Himmel ſtand, und die Wege des einſamen Wan⸗ derers erleuchtete.— Karl Heinrich hatte nicht nöthig anzuklopfen, Anna's Thür war heute zum erſtenmal für ihn nicht verſchloſ⸗ ſen. Er durfte ungehindert eintreten mit ſeinem Paket, — 51— in welchem ſich der Anfang von Anna Sophieens Zu⸗ kunft, ihre erſte Männerkleidung befand. Eine halbe Stunde ſpäter, nachdem Karl Heinrich in das Schulhaus eingetreten war, öffnete ſich die Thür deſſelben wieder, und eine hohe, ſchlanke Män⸗ nergeſtalt trat heraus, eine zweite folgte ihr. Der Mond ſah Alles. Er ſah, daß dieſer Mann, mit dem Hut auf dem Kopf, das weiße runde Bündel an dem Wanderſtab über die Schulter gehangen, daß dieſer Mann kein Anderer war, als Anna Sophie Detzloff, die Tochter des Schulmeiſters. Der Mond ſah Alles. Er ſah auch, daß dieſer andere Mann, welcher hinter ihr ſtand, und deſſen Geſicht ſo bleich war, nicht weil ihm der Mond in's Angeſicht ſchien, ſondern weil er ſo traurig und voll bitteren Kummers war, daß dieſer Andere der feige Karl Heinrich war, der muthig genug war, ſeine Braut ſtatt ſeiner in den Krieg gehen zu laſſen! Der Mond ſah, wie die Zwei jetzt zum letzten Mal ſich die Hände reichten und einander Lebewohl ſagten. Laß mich noch ein Stück Wegs mit Dir gehen, Anna Sophie, ſagte Karl Heinrich. Die Nacht iſt ſo einſam und Du kommſt bald durch einen großen Wald. Da iſt es beſſer zu Zweien hindurch zu gehen, denn es iſt ſo finſter und ſchauerlich da. Laß mich bis durch den Wald mit Dir gehen, Anna Sophie. Mir graut nicht vor dem Walde, Karl Heinrich, ſagte ſie ſanft. Die Sterne ſtehen über mir und be⸗ wachen mich, und der Mond wird mir leuchten, damit der Wald nicht gar ſo finſter iſt. Ich muß meinen Weg fortan immer allein gehen und vor nichts auf der Welt darf mir grauen, auch vor dem Tode nicht. Bleibe alſo hier zurück, Karl Heinrich, und hab' wohl 4* —— — Acht, daß Dich Niemand morgen den Tag über in meiner Hütte ſieht. Es wird Niemand morgen dort⸗ hin kommen, denn ich hab' geſagt, daß ich auf einen Tag über Land gehe zu meiner Tante. Ich habe Dir Eſſen bereitet für den ganzen Tag. Der Tiſch iſt für Dich gedeckt, und oben in meiner Kammer findeſt Du ſchöne Bücher, um darin zu leſen. Einen Tag wirſt Du's wohl aushalten und morgen Nacht biſt Du erlöſt. Leb' alſo wohl, Karl Heinrich. Anna Sophie, geh' nicht fort, bat er weinend und zitternd. Laß mich lieber ſelbſt gehen. Ich werde mein Herz zwingen, muthig zu ſein, ich werde ſelber gehen. Bleibe Du hier! Es iſt zu ſpät, ſagte ſie, und Du kannſt es auch nicht, Karl Heinrich. Dir graut ſchon vor dem finſtern Wald, und Du bedenkſt nicht, daß das, was hinterm Walde kommt, noch viel ſchlimmer iſt. Laß es jetzt genug ſein, Karl Heinrich. Der Abſchied iſt genom⸗ men, und es iſt vorbei! Küſſe den Vater von mir, und zuweilen, wenn Ihr Abends vor der Hausthür auf der Bank ſitzt, dann erinnere ihn an mich. Ich werd's thun, Anna Sopie, flüſterte Karl Heinrich. 6 Aber Anna Sophie achtete nicht darauf. Sie hatte ſich abgewandt und ſchritt rüſtig die Straße dahin. Der Mond ſah Alles! Er ſah die Thränen, welche ſich langſam aus Anna's Augen ſtahlen, und ihr ſelber unbewußt über ihre Wangen niederrollten, während ſie mit haſtigem Schritt der Heimath den Rücken wandte, und einem Leben voll Gefahr, Entbehrung und Noth entgegenſchritt. Der Mond ſah Alles! Er ſah Karl Heinrich, welcher an die Thür ihres Hauſes gelehnt, mit weit — 53— aufgeriſſenen Augen, mit athemloſem, zitterndem Herzen ihr nachſchaute, bis er nichts mehr von ihr ſehen konnte, nicht einmal das weiße Bündel, das ihr über der Schulter gehangen, und das lange noch wie ein weißes Irrlicht dahingetanzt war, als er Anna's Geſtalt nicht mehr wahrnehmen konnte. Dann trat Karl Heinrich Buſchmann zurück in das Haus ſeiner Braut, und ſchloß die Thür hinter ſich zu. Sein Herz war ſchwer und kummervoll, am meiſten deshalb, weil er fühlte, daß er ſich ſeiner ſelber zu ſchämen habe. Er bereute, was er gethan, aber es fehlte ihm doch die Kraft, es zu ändern, und indem er bereute, und um Anna weinte, freute er ſich doch heimlich, daß er daheim bleiben konnte, daß er nicht nöthig hatte, in den wilden, fürchterlichen Krieg zu gehen. Am Morgen des zweiten Tages nach Anna So⸗ phiens Abreiſe waren alle Bewohner des Dorfes Brünen in einer mächtigen Aufregung. Zwei Neuig⸗ keiten beſchäftigten Alt und Jung.— Karl Heinrich Buſchmann war aus Cleve zurückgekehrt. Man hatte ihm den Beſcheid gegeben, daß er dies Mal noch ent⸗ behrt werden könne, und daß man ihn bis zur nächſten Aushebung zurückſtellen wolle.— Die zweite Nach⸗ richt war, daß Anna Sophie nicht von ihrem Beſuch bei ihrer Tante zurückgekehrt ſei. 3 Man erwartete ſie mehrere Tage lang, und als ſie auch dann nicht heimkehrte, ging Karl Heinrich hin⸗ über auf das Dorf, wo ihre Tante wohnte.— Aber er kehrte mit betrübtem Geſicht wieder heim. Anna Sophie war nicht dort, und ihre Tante hatte ſie gar nicht geſehen! Was war aus ihr geworden? Wo war ſie ge⸗ blieben? Niemand wußte es ſich zu erklären! Viele ſprachen von Selbſtmord. Sie habe ſich im großen See unweit vom Dorfe ertränkt, ſagten ſie, aus Kum⸗ mer über ihres Bräutigams Abreiſe.— Der Herr Pfarrer eiferte ſehr heftig dagegen, als die Tante aber kam, um Anna Sophieens Hinterlaſſenſchaft in Beſitz zu nehmen, da mußte er wohl das Teſtament zum Vorſchein bringen, welches Anna Sophie ihm gegeben, und welches den alten Schäfer Buſchmann zu ihrem Erben einſetzte.— Und jetzt zweifelte Niemand mehr, daß Anna So⸗ phie Detzloff ſich ſelber den Tod gegeben. Sie war und blieb verſchwunden, und Jedermann beklagte den armen Karl Heinrich, der ſeitdem immer ſo ſtill und traurig war, und ſeine frühere Heiterkeit ganz verloren zu haben ſchien aus Gram um ſeine Braut, die ſchöne Anna Sophie Detzloff! V. Der gefangene. Zwei Jahre waren vergangen, ſeit Friedrich von Trenck in der Feſtung von Magdeburg ſchmachtete. Zwei Jahre! Was iſt das für den, welcher arbeitet, lebt, ringt und kimpft! Eine kurze Spanne Zeit, vorüberflatternd mit raſch beflügelten Schwingen, und in der Erinnerung ſich zuſammenfaſſend zu wenigen bedeutſamen Momenten! Zwei Jahre! Was iſt das für den Gefangenen? Eine graue, undurchdringliche Ewigkeit, in welcher der träge herniederrieſelnde Waſſertropfen der Vergänglich⸗ keit nur ganz langſam und ſchläfrig den harten Stein des Lebens aushöhlt, um ihn zu einem Grabe um⸗ zuſchaffen für dieſes zeit⸗ und exiſtenzloſe Weſen, wel⸗ ches kaum mehr den Muth hat, ſich Menſch zu nennen. Zwei Jahre des vergeblichen Harrens, des ver⸗ geblichen Hoffens, der immer ſich erneuernden Täu⸗ ſchung, der ſtets vereitelten Arbeit. Das iſt die Exiſtenz, welche Trenck gehabt hat, ſeit er zuerſt die Thore der Citadelle Magdeburg durchſchritt, und als Gefangener in dieſelbe einregiſtrirt ward! Er hatte ſeitdem viel bittere Enttäuſchungen, viel geheimes Leid erduldet. Er hatte die Menſchennatur in ihrer ganzen Bosheit und Gemeinheit, in ihrer Geldgier und Beſtechlichkeit, aber auch in ihrer Größe und Erhabenheit, in ihrer Güte und Treue kennen gelernt.— Es hatte unter den Feſtungs⸗Commandanten und Officieren, die ihn zu beaufſichtigen gehabt, grau⸗ ſame und verhärtete Herzen gegeben, welche ſich heim⸗ lich ergötzten an ſeinen Qualen und glaubten, ihrem König, deſſen perſönliche Feindſchaft gegen Trenck man nur zu wohl kannte, wohlgefällig zu ſein, wenn ſie den wehrloſen Gefangenen mit raffinirter Grauſamkeit be⸗ handelten, aber er hatte auch wieder unter ihnen mit⸗ leidsvolle, warme Menſchenſeelen gefunden, die ſeines Unglücks ſich erbarmten, und gern bereit waren, ihm heimlich einige Erleichterungen ſeines traurigen Schick⸗ ſals zu verſchaffen. Und dann: niemals war die Nacht ſeines Kerkers ganz finſter und undurchdringlich ge⸗ weſen, denn immer hatte ein Stern der Hoffnung, der Liebe und der Treue ſie durchleuchtet. Dieſer Stern, der ihn an die ſchönſten und heiligſten Erinnerungen ſeiner Jugend, ſeiner Freiheit, ſeines ganzen Lebens geemahnte, dieſer Stern hieß Amalie! 4 — 36— Sie hatte niemals aufgehört an ihn zu denken, für ihn zu ſorgen, für ſeine Befreiung zu arbeiten. Sie hatte immer Mittel gefunden, ihn mit Geld, mit Hülfe, mit dienſtbereiten Freunden zu verſehen. Aber alles dies hatte doch nur dazu gedient, ſein Unglück noch zu vergrößern, die Mauern ſeines Kerkers noch zu verengen, und ſeine Ketten noch ſchwerer zu machen. — Denn der Verrath und der böſe Zufall hatten alle Fluchtverſuche vereitelt, und in einem Moment die mühevolle und traurige Arbeit langer Monate ver⸗ nichtet. Durch Verrath des treuloſen Barons von Wein⸗ garten, welcher die Rolle des Unterhändlers zwiſchen Trenck und der Prinzeſſin übernommen, war der erſte, der ſicherſte Fluchtverſuch mißlungen. Sechs Monate lang hatte Trenck mit raſtloſer Mühe, mit unerhörter Anſtrengung an einem unterirdiſchen Gange gearbeitet, der zu ſeiner Befreiung führen ſollte. Alles war vor⸗ bereitet und geordnet. Der treue Grenadier Gefhardt, den Prinzeſſin Amalie für Trenck gewonnen, hatte ihn mit den nöthigen Geräthſchaften verſehen, und ihm heimlich durch das Gitter ſeines Kerkers ſtärkende Speiſen zugeworfen, damit er ſich kräftige zu ſeiner rieſigen Arbeit. Es fehlte nun nichts mehr, als Geld, um einen Kahn zu miethen, der, wenn er ſeinen Kerker verlaſſen, ihn über die Elbe ſetze, Geld, um dann ſchleunig und raſch ſeine Flucht fortſetzen zu können! Gefhardt hatte es übernommen den Brief, in welchem Trenck die Prinzeſſin Amalie um die Mittel zu ſeiner Flucht bat, zu beſorgen. Er hatte dieſen ſeltſamen Brief, deſſen Papier ein Stückchen Leinwand von Trencks zerriſſenem Betttuch, deſſen Dinte Blut aus Trencks Adern war, durch ſeine Geliebte, die Jüdin— Rebecka, nach Berlin und an Weingarten geſandt. Und — 57— Weingarten hatte die, durch Pöllnitz von der Prin⸗ zeſſin erhaltenen zweitauſend Thaler nicht an Rebecka gegeben, ſondern er hatte ſie für ſich zurückbehalten, und dem König von Preußen den Fluchtverſuch Trencks verrathen.. Das war kurz vor Weingartens eigener Flucht ge⸗ ſchehen, und während dieſer die Früchte ſeines Verra⸗ thes in voller Freiheit genoß, mußte Trenck von der Citadelle noch tiefer hinabſteigen in das furchtbare und grauſige Gefängniß, das auf beſonderen Befehl des Königs in den unteren Caſematten eigends für Trenck gebaut und eingerichtet worden.— Denn der König, gereizt durch Trencks nie endende Fluchtverſuche, die ihn für die ganze Garniſon von Magdeburg zu einem intereſſanten und bewunderten Märtyrer machten, der König wollte dieſer Garniſon und allen ſeinen Sol⸗ daten ein abſchreckendes Beiſpiel geben, mit welcher unnachſichtigen Strenge die Verbrechen der Subordi⸗ nation geſtraft würden, und wie alle Liſt und alle Energie vergeblich ſei, um der rächenden Hand der königlichen Gerechtigkeit ſich zu entziehen.— Trenck, der Anfangs in Glatz nur zu einem halben Jahre Feſtungs⸗Arreſt verurtheilt geweſen, hatte durch ſtets erneuerte Fluchtverſuche, durch Gewaltthätigkeiten und wilde Ausbrüche ſeines Zornes es dahin gebracht, daß er zu lebenslänglicher Gefangenſchaft verurtheilt, in einem unterirdiſchen Kerker ſchmachtete, der auf aus⸗ drücklichen Befehl des Königs ſo eingerichtet war, daß es zu ſeiner Bewachung gar keiner Schildwachen und Soldaten, daß es nur eines Gefangenwärters bedurfte, um die vier Thüren dieſes Corridors zu ſchließen, welcher in dieſe grauſige, dumpfe Höhle führte, in welcher Trenck ſchmachtete.— Und es war für den Gefangenwärter ganz ſo ungefährlich, dieſen Gefange⸗ — 58— nen zu bewachen, als es ungefährlich iſt, dem Löwen, welchen man an eine Kette gelegt hat, ſo weit zu nahen, als er, von ſeinen Feſſeln gehemmt, nicht ge⸗ langen kann. Man hatte Trenck in Feſſeln geſchmiedet, wie ein wildes Thier. Eine Kette klirrte an ſeinem Fuß, ein eiſerner Gürtel umgab ſeinen Leib, und an dieſem hing die Kette, welche an der dicken, beweglichen Ei⸗ ſenſtange, die in die Wand gemauert war, befeſtigt worden. Eine andere Eiſenſtange, an deren beiden Enden ſich Handſchellen befanden, hielt ſeine Hände gefeſſelt. Man würde ein Thier nicht ſo grauſam gemartert und gefeſſelt, man würde Mitleid gehabt haben mit ſeinen Qualen, und aus Erbarmen mit einem gnädigen Schlag ſeinem Leben ein Ende gemacht haben!— Aber dieſes Geſchöpf, welches da Folterqualen erlitt und ſtöhnend mit ſeinen Ketten klirrte, dieſes Geſchöpf war ein Menſch, und man hatte daher kein Mitleid mit ihm; man würde es für ein Verbrechen gehalten haben, ſeinem Leben heimlich ein Ende zu machen, aber man hielt es für kein Verbrechen, ihn nur lang⸗ ſam, Tag um Tag zu Tode martern.— Der König hatte dem Commandanten Bruckhauſen die Bewachung Trencks zur ſtrengen Pflicht gemacht, er hatte ihm ge⸗ ſagt, daß, wenn es dem Gefangenen gelänge, zu ent⸗ weichen, der Commandant nicht allein ſeiner Stelle und ſeines Ranges entſetzt würde, ſondern auch die leergelaſſene Stelle in Trencks Gefängniß einzunehmen habe. Das war eine zu furchtbare Drohung für den ehrgeizigen und hartherzigen Commandanten Bruck⸗ hauſen, um ihn nicht die ſtrengſten Vorſichtsmaßregeln treffen zu laſſen.— Er war es daher geweſen, der ihn in Ketteu hatte ſchmieden laſſen, er hatte die künſt⸗ — 59— . liche Conſtruction dieſer Feſſeln erſonnen, und ſo oft er zur Viſitation des Gefangenen in ſeinen Kerker kam, freuete er ſich mit ſtolzer Genugthuung ſeines Werkes, wenn er ſah, wie der Gefangene kaum im Stande war, ſeine ſchweren Feſſeln zu tragen, wie er kaum vermochte zur Linken und zur Rechten zwei Schritte weit zu gehen, oder den zinnernen Trinkkrug mit ſeinen durch Eiſenſtangen auseinandergehaltenen Händen zum Munde zu führen. Und ſo oft der granſame Mann den Kerker des Gefangenen verließ, ſprach ein Aus⸗ druck höhniſcher Freude aus ſeinen Zügen, und mit wilder Luſt murmelte er:„Der wird mir nicht ent⸗ wiſchen. Den habe ich für immer zahm gemacht!“ Aber Trenck war nicht zahm gemacht, ſein Muth war nicht gebrochen! In dieſer zerfallenen, zerriebenen und ausgemergelten Geſtalt wohnte immer noch eine jugendkräftige ſtarke Scele, unter dieſem groben Hemd, deſſen rauhe Musketirleinwand ſeine Haut blutig rieb, ſchlug noch immer ein glühendes, lebenskräftiges Herz! — Man hatte ihn in Ketten geſchmiedet, von denen man glaubte, daß ſie unzerreißbar ſeien! Trenck allein glaubte nicht daran. Er glaubte an die Zaubermacht ſeines Willens und ſeines guten Sterns, der ihm noch nicht erloſchen war! Man hatte in der Wand, an welcher die Kette be⸗ feſtigt war, mit rothen Ziegelſteinen ſeinen Namen ein⸗ gemanert, man hatte die Stelle, welche ſeine Füße betraten, mit einem großen Leichenſtein bezeichnet, auf dem ſich ein Todtenkopf und ſein Name„Trenck“ be⸗ fand. Unter dieſem Leichenſtein befand ſich ſeine Gruft; und wenn man dieſe feuchten Wände, von denen das Waſſer herniederſickerte, dieſe dunkle Höhle, welche ſechs Monate hindurch von keinem Strahl des Lichts erhellt ward, betrachtete, ſo hätte man meinen ſollen, dieſer — 60— 42 Leichenſtein werde bald emporgehoben, dieſe Gruft werde bald ſich öffnen müſſen, um den armen Ge⸗ fangenen aufzunehmen, an deſſen Grabe keine anderen Thränen fließen ſollten, als die Thränen dieſes feuch⸗ ten Gemäuers, das weicher und mitleidsvoller zu ſein ſchien, als die harten Menſchen! 5 Aber Trenck glaubte nicht daran. Der Todten⸗ kopf und der mit ſeinem Namen bezeichnete Leichenſtein ſchreckten ihn nicht. Es war für ihn weiter nichts, als eine immer ſich erneuernde Warnung, ſich zuſammen⸗ zuraffen, und dieſer Drohung des Todes die feſte Zu⸗ verſicht des Lebens entgegen zu ſetzen. Wenn ſein Kerker finſter war, und von keinem Strahl des Lichts erhellt, ſo lehnte er ſich an die Mauer und ſchloß die Augen, und ſeine glühende Phan⸗ taſie gehorchte ſofort ſeinem Willen und malte ihm zauberhafte Bilder ſeiner Vergangenheit. Der Gefan⸗ gene im groben Wollenkittel mit den Ketten an Händen und Füßen verwandelte ſich ſodann in den von Glück und Liebe emporgehobenen Günſtling der Fürſten und Großen, in den Liebling der ſchönſten und lieblichſten Frau, in den bewunderten Cavalier, den beneideten Höfling!, e, 11ee Wenn der Hunger ihn trieb, ſich mit dem harten ſchweren Brod, das ſeine einzige Nahrung bildete, zu ſättigen, und mit dem trüben ſchlechten Waſſer, das in dem zinnernen Krug ſich befand, ſeinen Durſt zu ſtil⸗ len, ſo dachte Trenck dabei an die luculliſchen Mahle, die er an den Tafeln der ruſſiſchen Großen, an der Seite des allmächtigen ruſſiſchen Miniſters Beſtuſchew eingenommen, ſo erinnerte er ſich der fabelhaften Pracht welche ihn dort umgeben, und der tiefen Ehrfurch welche man ihm, dem Günſtling des Günſtlings ein Kaiſerin, damals gezollt! — 61— Wenn jetzt Niemand ihm ein Wort des Troſtes und der Theilnahme zuflüſterte, weil jeder noch die ſtrenge Wachſamkeit des Commandanten fürchtete, wenn der 8 Lfangenwärter täglich ſchweigend kam, um ihm mit mürriſcher Geberde ſein Brod und Waſſer hinzu⸗ ſetzen, und ohne Wort und ohne Gruß ihn wieder zu verlaſſen, ſo erinnerte ſich Trenck dieſer ſchönen und heiligen Stunden, in welchen die Liebe ihm ihre ſüße⸗ ſten Worte und ihre zuͤrtlichſten Namen zugeflüſtert! Und dieſe Liebe lebte noch! Sie wachte und leuchtete über ihm, als ſein ſchönſter und letzter Stern. Wes⸗ halb ſollte Trenck alſo verzagen, da die Liebe noch lebte, für ihn lebte! Nein, er wollte nicht ſterben, er wollte unter dieſem Liichenſtein nicht eingeſcharrt werden. Außerhalb dieſer dicken feuchten Wände lag die Welt, die ſchöne, blü⸗ hende Welt! Es war nur nöthig, dieſe Ketten abzu⸗ ſtreifen, dieſe mit ſchweren Riegeln verſchloſſenen fünf Thüren, welche den Corridor abſchloſſen, die zu ſeinem Kerker führten, zu öffnen, und das Leben, die Frei⸗ heit, die Welt, die Ehre und die Liebe gehörten ihm wieder! Und iſt der Menſchenwille nicht mächtiger als Ketten und Riegel? Hat der Geiſt nicht Schwingen, die ihn Nin entfeſſeltem Flug aller Kerker und aller Qualen ſpotten laſſen? Trenck war im Geiſte frei, denn er glaubte an die Freiheit! Wenn die Ketten ihn umklirrten, ſo war es ihm nur, als ob ſie leiſe ihm das Lied von der bal⸗ digen Freiheit ſängen, als ob ſie mit melodiſchem Ge⸗ flüſter ihn mahnten, ſie abzuſtreifen, und wieder ein freier glückſeliger Menſch zu werden! ud endlich eines Tages vermochte er dieſem Ge⸗ flüſter und dieſen lockenden und mahnenden Stimmen — 62— nicht länger zu widerſtehen. Wenn es ihm gelang, dieſe Ketten abzuſtreifen, ſo war der erſte Schritt zu ſeiner Befreiung ſchon geſchehen, und es blieb nur noch übrig, die fünf Thüren zu öffnen. Er hatte durch langes Beobachten und Betrachten derſelben bemerkt, daß die innerſte Thür ſeines Kerkers von Holz ſei, und der treue Gefhardt, der geſtern draußen vor der vergitterten Schießſcharte, welche das Fenſter ſeines Kerkers bildete, Wache ſtand, hatte auf ſein Befragen ihm leiſe erwiedert, daß auch die an⸗ deren Thüren nur von Holz ſeien. Ihm verdankte Trenck außerdem dieſes kleine ſcharfe Taſchenmeſſer, den koſtbarſten Schatz, den er jetzt nur beſitzen konnte, denn mit ihm mußte er ſuchen, ſich zu befreien. Aber die Ketten! Zuerſt mußten die Ketten gelöſt werden! Zuerſt mußte die rechte Hand frei ſein! Und ſie ward's! Ob auch das Blut ihm unter den Nägeln hervorſpritzte, es gelang Trenck endlich doch, ſeine Hand durch die breite Eiſenſchelle hindurch zu zwängen. Die Freiheit hatte ihn mit ihrem erſten Lächeln begrüßt. Aber die Handſchelle der linken Hand war zu eng, um auch dieſer ſeine Hand zu entwinden. Es mußte auf andere Weiſe geſchehen! Mit ſeiner Kette gelang es ihm, einige Stücken Ziegelſtein von ſeinem gemauerten Sitz loszuſchlagen. Sie dienten ihm als Feile, mit denen er an den nur nachläſſig verſchmiedeten Stiften der Handſchelle ſo lange wetzte, bis er dieſe herausziehen, und ſo auch ſeine linke Hand befreien konnte. Der Ring um ſeinen Leib war nur mit einem .Haken an der Kette, die in der Mauer hing, befeſtigt. Sich mit den Füßen gegen die Wand ſtemmend, und nun mit aller Kraft ſich vorwärts biegend, gelang es — 63— ihm, dieſen Haken ſo weit aufzubiegen, daß er die Kette mit den Händen heraus zu heben vermochte. Nun fehlte nur noch, dieſe ſchwere hölzerne Kette zu löſen, die ſeine Füße feſſelte, und unterhalb in der Mauer befeſtigt war. Mit beiden Füßen drehte er dieſelbe zuſammen, dann ſchleuderte er mit herkuliſcher Gewalt von der Mauer ſich vorwärts, und zwei Glieder der Kette ſprangen auf einmal! Er war frei! Frei wenigſtens, um ſich aufzurich⸗ ten, um in ſeinem Kerker umher zu gehen. Mit einem Gefühl unausſprechlichen Wohlbehagens richtete er ſeine rieſige Geſtalt empor, es entzückte ihn, die Arme aus⸗ breiten zu können, und er that's ſo weit, ſo mächtig, als wolle er die ganze Welt, welche ihn da draußen erwartete, an ſeine Bruſt drücken. Hätte der Commandant Bruckhauſen eben einen Blick in dieſe dumpfe lautloſe Höhle werfen können, ſo würde er gezittert haben vor Zorn und Entſetzen, wenn er dieſen ungefeſſelten, freien Menſchen geſehen hätte, der da mit leuchtenden Augen, mit einem glück⸗ ſeligen Lächeln in ſeinem Kerker ſtand, und mit empor⸗ gehobenen Armen die Geiſter der Unterwelt, die hier hauſen mochten, beſchwor, ihm ihren Beiſtand zu leihen. Aber der Commandant lag in ſorgloſer Sicherheit auf ſeinem weichen ſeidenen Lager, und ſein Auge war geſchloſſen, es konnte nicht hineinſchauen in dieſe Höhle, wo ein Menſch mit hochklopfendem Herzen, aber ſchwei⸗ gend der Freiheit entgegenjubelte, und ſich anſchickte, ihr in die Arme zu eilen. Tappend und auf den Zehen vorwärts ſchleichend, gelangte er endlich zu der Thür ſeines Kerkers, und vor derſelben niederknieend, nahm er ſein Meſſer und verſuchte unten an der nach inwendig ſich öffnenden — 64— Thür ein kleines Stückchen auszuſchneiden, um die Dicke der Mauer zu erproben. Es war nur eine kurze Arbeit, die Thür beſtand nur aus einfachen eiche⸗ nen Bohlen, und es konnte daher keine große Schwie⸗ rigkeit haben, die Stelle, wo das Schloß ſaß, zu um⸗ ſchneiden, und daſſelbe heraus zu heben. Einmal dieſe Ueberzeugung gewonnen, ſchlich Trenck vorſichtig zu ſeinem Lager hin, um zu ruhen. Denn heute noch das Werk der Befreiung zu beginnen, war unmöglich. Die Nacht war ſchon vorgerückt, und jeden Morgen um acht Uhr kam der Schließer, um zu viſitiren, und ihm ſein Brod und ſeinen Krug Waſſer zu bringen. Die Zeit bis dahin war nicht ausreichend, um das Werk der Befreiung zu voll⸗ enden. Trenck mußte alſo die Stunde der nächſten Viſita⸗ tion erſt vorübergehen laſſen, ehe er ſeine Arbeit be⸗ ginnen konnte. Er mußte warten! Aber was waren ihm, welcher Jahre lang gewartet hatte, was waren ihm dieſe wenigen Stunden! Nur ein kurzer Moment, kaum ausreichend, ſich an ſein Glück zu gewöhnen, um mit Ruhe den Gedanken zu erfaſſen:„ich werde frei ſein! Dies iſt die letzte Nacht meiner Gefangen⸗ ſchaft!“ Aber, da er noch ausharren mußte im Kerker, konnte er mindeſtens einen lange entbehrten Genuß haben. Er konnte ſich auf ſeinem Lager ausſtrecken, er konnte ſeine Glieder auf demſelben dehnen und ſtrecken, ohne von den ſchweren Feſſeln gemartert und zerdrückt zu werden, ohne bei jeder Bewegung das Ge⸗ klirr der fürchterlichen Ketten zu hören! Mit welchem Behagen, mit welchem Entzücken er ſich jetzt auf die Matratze niedergleiten ließ, wie er — 65—* Gott dankte für dieſes lang entbehrte Glück! Wie ſüß ſein Schlaf und wie köſtlich ſeine Träume waren! Geſtärkt und gekräftigt erwachte er in der Frühe des nächſten Morgens. Jetzt war's Zeit, ſich zur Vi⸗ ſitation vorzubereiten, die Ketten wieder anzulegen, und den Platz auf dem Leichenſtein wieder einzunehmen! Seine an die Finſterniß gewöhnten Augen ent⸗ deckten bald das zerſprungene Glied der Kette, das er in ſeiner Matratze verharg. Dann band er mit der Hälfte ſeines Haarbandes die beiden Enden der Kette, die ſeine Füße hielt, zuſammen, hing die zweite Kette wieder um den eiſernen Leibring, und nun blieb nur noch übrig, die eiſerne Stange mit den Handſchellen anzulegen. Die linke Hand, an welcher er die Schelle geöffnet und den Stiſt herausgefeilt hatte, war leicht zu befeſtigen, aber die rechte Hand wollte ſich nicht wieder durch die Schelle zwängen laſſen. Es war ihm geſtern Abend in der furchtbaren Aufregung gelungen, ſie gewalſam hindurch zu ſchieben, aber die Folge da⸗ von war geweſen, daß ſie hoch geſchwollen war, und allen Verſuchen widerſtand. Trenck nahm wieder ſein Stückchen Ziegelſtein zur Hand und ſuchte auch an dieſer Schelle den Stift herauszufeilen, um ſo die Schelle bequem anlegen zu können. Aber alle Bemühungen waren vergeblich. Der Stift war zu feſt verſchmiedet, es war unmöglich ihn herauszuziehen. Und immer näher und näher rückte die Stunde der Viſitation. Wenn der Gefangenwärter hereintrat, ehe ſeine Hand wieder in der Schelle war, ſo ward Alles entdeckt, und ſein ganzer Plan war vereitelt. Schon war es ihm, als höre er draußen die Riegel der erſten Thür klirren. Mit einer letzten, einer furchtbaren An⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 5 — 66— ſtrengung zwängte er ſeine Hand in die Schelle. Seine Finger knackten, als wenn ſie zerbrächen, kaum vermochte Trenck einen Aufſchrei der Qual zurückzu⸗ halten, aber die Gefahr war da, und die Freiheit konnte mit den entſetzlichſten Folterqualen nicht zu theuer er⸗ kauft werden! Er erduldete ſie ſtandhaft und ob auch ſeine ganze Geſtalt erſchauerte vor Schmerz, er überwand ihn! Die Hand ward hineingezwängt, und jetzt, wie er athemlos und faſt ohne Beſinnung an der Mauer lehnte, jetzt hörte er die Riegel ſeiner Thür klirren. Der Gefangenwärter, gefolgt, wie immer, von dem nn hchabenden Officier und zwei Schildwachen, traten erein. Die Viſitation begann. Aber das war in dieſem kleinen niedrigen Kerker, der gar kein anderes Geräthe enthielt als ein Bett, die in der Wand eingemauerte Sitzplatte und einen Tiſch, eine ſehr leichte Sache. Mit einem einzigen Rundgang an den Mauern, um zu ſehen, ob ſie nirgends beſchädigt worden, mit einem flüchtigen Blick auf Trencks Ketten, die noch alle an ſeinem Leibe klirrten, war die Viſitation beendigt, und mit einem ſtummen Kopfneigen verließ der Officier mit den Soldaten und dem Schließer wieder den Kerker. Trenck horchte in athemloſer Spannung auf die ſich ſchließenden Thüren, bis er die Riegel der fünften klirren hörte. Nun kam wieder Leben und Bewegung in ſeine Geſtalt, denn nun war's Zeit an die Arbeit zu gehen! Aber ach! Es war unmöglich die geſchundene blut⸗ rothe pulſirende Hand noch einmal durch die Schelle zu zwängen! 4 Abermals mußte er ſich bequemen zu warten, und 4 8 4 — — 62— ſich zu gedulden. Aber er that's mit freudigem Muth, in der vollen Ueberzeugung des ſicheren Gelingens ſeiner Befreiung! Endlich nach drei Tagen war die Geſchwulſt ver⸗ ſchwunden, und die Hand hatte ihre frühere Gelenkig⸗ keit wieder angenommen. Nun war es ein Leichtes ſie durch die Schelle zu ſchieben, und kaum war die Thür nach der Viſitation geſchloſſen, ſo that es Trenck. Jetzt fielen die Ketten von ihm ab. Zum letzten Mal, Gott gebe zum letzten Mal, hat er ſie klirren gehört! Es war eine Hereulesarbeit, welche er noch vor ſich hatte, aber die Freiheit ſtand draußen vor der Ci⸗ tadelle und erwartete Trenck. Er konnte ſie nicht länger warten laſſen, denn er ſelber ſchmachtete ihr mit ſo glühender Sehnſucht entgegen. Sein kleines Taſchenmeſſer ergreifend, ſchritt er auf die Thür und begann die Arbeit. Dieſe erſte Thür zu öffnen war nicht ſchwer, denn ſie öffnete ſich nach innen, und die Querſtange nebſt dem Schloß blieb alſo bei ihrem Oeffnen auswärts hängen. In einer kleinen halben Stunde war's gethan; Trenck ſchlüpfte unter der Stange hindurch, und ſchritt, in der tiefen Dunkelheit die Arme, wie die Fühlhörner der Schnecke, vor ſich herſchiebend, weiter, bis ſeine Hände einen Widerſtand fanden. Dieſer Widerſtand war die zweite Thür, welche durchſchnitten werden mußte. Aber dies war eine ungleich ſchwierigere Arbeit, denn hier genügte es nicht, das Schloß bloß zu durch⸗ ſchneiden, weil die Thür nach außen aufgehend war, alſo einen Widerſtand fand an der außerhalb vorge⸗ Wobenen und in dem Schloß befeſtigten eiſernen aange. Es war alſo nöthig, die ganze Thür oberhalb de 5*— — 68— Stange zu durchſchneiden, ſich dann an der Stange empor zu ſchwingen, und ſo den unteren Theil der Thür zu überklettern. Aber Trenck verzweifelte nicht. Muthig und un⸗ verzagt ging er an die Arbeit. Der Schweiß floß ihm in Strömen von der Stirn, und miſchte ſich mit dem Blut, das von ſeinen Händen troff. Er achtete nicht darauf. Er fühlte keine Schmer⸗ zen, keine Anſtrengungen, denn die Freiheit ſtand draußen vor der Citadelle und erwartete ihn! Endlich war's erreicht! Mit vor Entzücken zittern⸗ den Händen hob er den obern Theil der Thür aus der Angel, und ſchwang ſich über die Stange in den äußeren Raum. Hier grüßte ihn die Sonne und das Licht. Viele Monate waren vergangen, ſeit er die Sonne nicht geſehen, und nicht den Himmel und nicht das friſche Grün der Erde, und jetzt war das Alles wieder ſein! Es war ein Fenſter an dem Rande der gewölbten Decke dieſes Vorgemaches, in welchem er ſich befand, angebracht. Es war nicht ſo hoch, daß er nicht aus demſelben hätte hinausſchauen können. Er weidete ſeinen, von Thränen der reinſten Freude umdüſterten Blick an dem Anblick dieſes reinen, wolken⸗ loſen Himmels, er folgte mit ſehnſuchtsvollem Auge dem Flug der Tauben, die wie eine ſchwarze Welle am Himmel ſich dahin ſchaukelten, und ſich dann am Horizont verloren. Er ſog mit Seufzern des Wohl⸗ — behagens die reine friſche Luft ein, die ihm die Düfte aller Blüthen der Welt zu enthalten ſchien. Dann, nachdem er ſich ganz dieſem Genuß des erſten Wieder⸗ ſehens der freien Welt hingegeben hatte, dann drängte er ſeine Freude gewaltſam zurück, um nicht mehr mit entzücktem, ſondern mit beſonnenem Auge die Umge⸗ bung zu prüfen. r 2— — 69—— Er ſah, daß ſein Kerker in dem Hauptgraben des erſten Walles gebaut war, er ſah ſich gerade gegen⸗ über dem Aufgang zu dieſem Walle, und vor dem⸗ ſelben die hohen Palliſaden, die er erſt zu überklettern hatte, bevor er auf den Wall kriechen konnte. Aber die Nacht war lang, und die Schildwache, welche dort drüben auf dem Wall patrouillirte, verſchwand immer auf mehr denn fünf Minuten ſeinen Blicken. Sie hatte alſo immer einen weiten Raum zu durchmeſſen, ehe ſie zu derſelben Stelle zurückkehrte, und in der Zeit ihrer Abgewandtheit mußte die Palliſade erklettert, der Wall erſtiegen ſein. Trenck ſtieg mit frohem und glücklichem Herzen wieder auf die Erde herab. Was er da draußen ge⸗ ſehen, hatte ſeinen Muth geſtärkt, ſeine Kraft neu be⸗ lebt, und mit heiterer Entſchloſſenheit ſchritt er auf die dritte Thür zu. Dieſe bot, wie die erſte, weniger Schwierigkeiten dar, und wieder war es nur nöthig, das Schloß zu umſchneiden, um dann die nach innen öffnende Thür aufzumachen und unter der Stange hindurch zu ſchlüpfen. Die Sonne ging unter, und der Abend begann zu dämmern, als Trenck auch dies vollbracht hatte, aber— jetzt fühlte er ſeine Kräfte erſchöpft, und ſeine hochge⸗ ſchwollenen, blutenden Hände, von denen die Haut in Fetzen niederhing, verſagten ihm den Dienſt. „Mit einer tiefen Troſtloſigkeit betrachtete er dieſe vierte Thür, die ihm, wie die zweite Thür, wieder eine ungeheure Arbeit auferlegte, denn gleich dieſer öffnete ſie ſich nach außen, und es war daher wieder nöthig, die ganze Breite der Thür oberhalb des Schloſ⸗ ſes zu durchſchneiden, um ſie öffnen zu können. CGCanz erſchöpft, keuchend vor Anſtrengung ſetzte ſich Trenck neben dieſer Thür nieder, und lehnte ſein *— 70— ſchweißtriefendes Haupt gegen das kalte Holz, um es zu kühlen. So ſaß er lange Zeit, bis er fühlte, daß das Blut wieder ruhiger in ſeinen Adern pulſirte, daß der Schmerz ſeiner Hände und die Ermattung ſeiner Glieder nachgelaſſen, und er neue Kräfte ge⸗ wonnen hatte. 3 Nun erhob er ſich wieder vom Boden, nahm ſein Meſſer zur Hand und ging wieder an's Werk! Langſam wie früher rückte es vor, aber— es rückte doch vor! Es konnte kaum Mitternacht ſein, und ſchon war faſt die Hälfte der Thür durchſchnitten! Der Mond, welcher mit hellem Licht durch das Fenſter ſchien, leuchtete ihm zu ſeiner Arbeit, und zeigte ihm, was noch zu thun ſei! In zwei Stunden konnte er fertig ſein! Dann fehlte nur noch die fünfte, auf den Wall hinausfüh⸗ rende Thür, welche, wie Gefhardt ihm geſagt, nach außen mit der Eiſenſtange verſehen war und die daher wieder nur das Durchſchneiden des Schloſſes erforderte., In drei Stunden konnte Alles gethan, in drei Stunden konnte er draußen ſein in der friſchen, freien Gottesluft, ſelbſt ein freier, glückſeliger Menſch! Mit erneuertem Muth, mit erneuerter Kraft ging Trenck nach kurzem Ruhen jetzt wieder an's Werk. Mit kräftigem Ruck ſchob er ſein Meſſer wieder in den Durchſchnitt der Thür und drang damit mächtig in das Holz ein. Da plötzlich ſtockte ſeine Hand, jenſeits der Thür vernahm man ein leiſes Klirren, und mit einem dumpfen Schmerzenslaut ſank Trenck zuſammen! Die Klinge des Meſſers war gebrochen und jen⸗ ſeits der Thür niedergefallen! — 71— dd war er verloren, jetzt gab es keine Rettung mehr! Entſetzt floh er von der Thür zurück und ſtürzte an's Fenſter! War's denn nicht möglich, ſich da hin⸗ auf zu ſchwingen, von dort zu entkommen? Nein, nein! Kein Mittel da hinauf zu kommen, keine Möglichkeit durch dieſe kleine Oeffnung ſich hin⸗ durch zu zwängen. Er war verloren! Es gab keine Rettung mehr! Nun ſank er vor dieſem Fenſter auf ſeine Kniee nieder und ſtarrte zum Himmel und ſeine Lippen flüſterten leiſe Worte. Waren es Gebete, waren es Verwünſchungen, oder war es nur die leiſe Todtenklage der ſterbenden Freiheit, der entſchwindenden Hoffnung? Endlich erhob er ſich von ſeinen Knieen; ſein Ge⸗ ſicht, welches leichenblaß war, zeigte einen feſten, ent⸗ ſchloſſenen Ausdruck. Schwankend, und an den Wän⸗ den hintappend, kehrte er in ſeinen Kerker zurück, den er vorher mit ſo glücklichen Hoffnungen verlaſſen hatte. Mit dem abgebrochenen Meſſer in der Hand tappte er ſich zu ſeinem Lager hin, und ließ ſich auf daſſelbe niedergleiten. Nicht um zu ruhen, um zu ſchlafen, ſondern um zu ſterben. Er konnte nichts Anderes denken, nichts Anderes überlegen, als dieſes Eine:„ich will ſter⸗ ben!“ Sein Lebensmuth war erſchöpft, ſeine Energie war gebrochen! Er hatte mit dem Leben abge⸗ ſchloſſen! Langſam hob er die Hand mit dem zerbrochenen Meſſer empor, und alle ſeine Kräfte zu einer letzten, entſcheidenden That zuſammenraffend, neigte er ſich nieder und durchſchnitt mit einem kräftigen Ruck die Adern ſeines linken Fußes, dann richtete er das Haupt mit einem triumphirenden Lächeln wieder empor, und den linken Arm ausſtreckend, ſtieß er den Stumpf ſeines Meſſers tief hinein in die große Pulsader des Ellenbogengelenkes. Nun war's geſchehen! Nun fühlte er das Blut 5 warm und voll ſeinen Adern entquellen, er fühlte, wie mit ihm auch der letzte elende Reſt ſeiner dumpfen, eingeſargten Exiſtenz entſchwebte. Seine Sinne ſchwanden, eine wohlthätige Ohn⸗ macht ſenkte ſich auf ſein todesbleiches Haupt hernie⸗ der! Nun flatterte ſein ſeliger Geiſt frei und feſſellos hinaus aus dieſem öden Kerker, nun war alle Noth und alle Qual überwunden! Aber was war das? Wer rief da draußen an der Fenſterſpalte ſeines Kerkers leiſe ſeinen Namen, und machte die Luft dieſes Grabes erbeben mit dieſen ungewohnten Tönen? 1 Wie ſich dieſer Ruf zum zweiten Mal wiederholte, fuhr ein leiſes Zittern durch Trenck's Geſtalt dahin. Dieſer Ruf ſeines Namens hatte den entflohenen Geiſt wieder zurückgebannt in ſeine Hülle. Der göttliche Traum der Freiheit war zu Ende! Trenck lebte wieder und war wieder ein elender, qual⸗ voller Menſch. Und zum dritten Mal, dies Mal lauter und drin⸗ gender hörte er ſeinen Namen rufen, zum dritten Mal rief dieſe, gleichſam vom Himmel ertönende Stimme: Trenck! Baron Trenck! Trenuck faßte alle ſeine Kraft zuſammen, es gelang ihm, dieſe noch von dem Krampf der Ohnmacht ge⸗ ſchloſſenen Lippen zu öffneu und die Frage hervorzu⸗ ſtoßen: Wer ruft mich? 4 Ich bin's, ſagte die Stimme, ich, Ihr treuer Gef⸗ — 73— hardt! Habe ich Ihnen nicht auf der Citadelle Hülfe und Beiſtand zugeſchworen? Nun bin ich über Ihr Gefängniß auf den Wall geſchlichen, bloß um Ihnen zu ſagen, daß ich an Sie denke, daß Sie nicht ver⸗ zagen ſollen, denn die Hülfe iſt nah. Ein unbekann⸗ ter Herr hat mir geſtern wieder einen Gruß für Sie aufgetragen und mir eine Rolle Geld gegeben, die Sie zu Ihrer Flucht benutzen ſollen. Paſſen Sie auf, ich werde ſie Ihnen durch's Fenſter herunter⸗ ſchmeißen. Es iſt zu ſpät, Gefhardt, Alles zu ſpät, ächzte Trenck. Ich liege hier in meinem Blute ſchwimmend, morgen findet Ihr mich todt! Und warum ſterben? fragte die friſche, kräftige Stimme des Grenadiers. Wie können Sie ſich jetzt den Tod wünſchen wollen, jetzt, wo es für Sie viel leichter iſt zu entfliehen, als auf der Citadelle? Sie haben hier gar keine Schildwache, und ich werde ſchon Mittel finden, Ihnen Werkzenge und Inſtrumente zu⸗ zuſtecken. Suchen Sie nur herauszubrechen, für das Uebrige laſſen Sie mich ſorgen! Aber ich hab's heute Nacht verſucht, Gefhart, und es iſt mir mißlungen, ſagte Trenck, indem ein paar Thränen ſich aus ſeinen Augen ſtahlen und langſam über ſeine eingefallenen Wangen niederrollten. Das nächſte Mal wird's beſſer gelingen, Herr Baron Trenck. So oft ich hier auf der Wache bin, will ich Gelegenheit ſuchen, mit Ihnen zu ſprechen, und dann wollen wir Alles verabreden. In der gan⸗ zen Sternſchanze ſteht nur eine Schildwache vor der Wache und eine am Schlagbaum. Verzweifeln Sie nicht! Ich muß jetzt fort, denn die Sonne geht auf und man könnte mich hier ſehen! Verzweifeln Sie — 74— nicht! Gott wird Ihnen noch helfen! Verlaſſen Sie ſich auf mich!*)— Die Stimme war längſt verſchollen und Trenck lauſchte noch immer auf dieſe Töne, die wie der Gruß eines Engels ihn erquickt und ſeinen Kerker durch⸗ leuchtet hatten! Nein, jetzt wollte er nicht mehr ſterben! Jetzt fühlte er wieder Muth in ſich dem Schickſal zu trotzen und ihm den Widerſtand ſeiner energiſchen Natur ent⸗ gegenzuſetzen! VI. Die Barricade im gefängniß. Nein, er wollte nicht ſterben! Mit zitternden Hän⸗ den zerriß er das rauhe Hemde, das ſeine obere Ge⸗ ſtalt bedeckte, und verband mit den abgeriſſenen Strei⸗ fen ſeine brennenden, offenen Adern, denen ſein Blut in Strömen entfloſſen war, indem es eine Lache auf dem Fußboden bildete, die mit ihren unheimlichen Dämpfen den ganzen Raum erfüllte. Und nachdem er ſo dem Tode die Pforten ver⸗ ſchloſſen hatte, ſetzte er ſich nieder, um zu überlegen, um ein Mittel zu erſinnen, wie er wenigſtens noch größeres Unheil, noch ſchwerere Ketten, einen noch 6*) Friedrich von Trencks merkwürdige Lebensgeſchichte. Th. II. . 47. — 75— entſetzlicheren Kerker von ſich abwehren könne, um zu verhindern, daß ſeinen Leiden nicht noch neue ernie⸗ drigende Strafen hinzugefügt würden. Dantk dieſer Ueberlegung erhob er ſich endlich neu gekräftigt von ſeinem Lager und ſchritt an's Werk. Mit ſeiner eiſernen Armſtange ſtieß er ſo lange gegen ſeine Sitzbank, daß die Steine, deren Mörtel von der Feuchtigkeit des Kerkers aufgeweicht worden, ſich los⸗ löſten. ſe Steine häuſte er in der Mitte ſeines Ge⸗ fängniſſes auf, und eilte dann die zweite, durchſchnit⸗ tene Thür ſeines Kerkers zu verrammeln. Der un⸗ tere Theil derſelben hing noch feſt im Schloſſe, und über der oberen Oeffnung ſpannte er ſeine eigenen abgelöſten Ketten herüber und hinüber, zwiſchen der oberen Thürangel und dem Schloß, zu einer Art Ge⸗ gitter aus, welches jedes Eindringen unmöglich machte. Und nachdem er ſo ſeine Vorbereitungen getroffen und ſich zum Kampf gerüſtet hatte, ſetzte er ſich auf ſeiner ſeltſamen Barricade nieder, und nach ſo furcht⸗ barer Arbeit, nach ſo viel Qual und Aufregung fenüi ein wohlthätiger Schlaf ſich auf ſeine Augen nieder. Lautes Geräuſch und verworrene Stimmen weck⸗ ten ihn endlich. Trenck ſprang empor. Hinter dem Kettengitter der zweiten Thür ſah er die erſtaunten, entſetzten Geſichter der Wachtmannſchaft, die ſich an⸗ ſchickten die Ketten zu löſen. Mit einem einzigen Sprung ſtand Trenck neben der inneren Thür, und in der Rechten einen Stein hoch emporſchwingend, in der Linken ſeinen Meſſer⸗ ſtumpf haltend, ſchrie er mit wüthender Geberde: Zurück! Zurück! Niemand wage es, hier hereinzu⸗ kommen. Meine Steine treffen ſicher, und ich tödte 1 — 76— Jeden, der es wagen will, einzudringen. Sagen Sie dem Kommandanten, Herr Major, daß ich nicht länger in Ketten leben will. Ich will, daß er mich hier todtſchießen laſſe, für meinen Tod werde ich ihm dan⸗ ken, aber ich werde ihn verwünſchen und ihn fluchen, wenn er mich zwingt zum Mörder zu werden. Denn ich ſchwöre es, ich ſteinige alle Diejenigen, welche mich überwältigen wollen! Ich will ſterben! Sterben! Es war ein fürchterliches Bild, dieſen Menſchen zu ſehen, dieſe abgemagerte, nackte, bluttriefende Ge⸗ ſtalt, welche dem Grabe entſtiegen zu ſein ſchien, um mit ſeiner grauſen Geſpenſtererſcheinung ſich an den Lebenden zu rächen für die Leiden ſeines Grabes. Sein Antlitz war geiſterbleich, ſein Haar hing in auf⸗ gelöſten, langen Banden, gleich Schlangen, um ſeinen nackten Hals, ſein langer, wirrer Bart, der den gan⸗ zen unteren Theil ſeines bleichen, hageren Geſichts bedeckte und weit über die Bruſt niederflatterte, gab ihn ein wildes, wahnſinniges Ausſehen, das noch durch das Flammen und Blitzen ſeiner großen, tief in ihren Höhlen liegenden Augen erhöht ward! Mit einem wahrhaften Entſetzen und mit ſchau⸗ derndem Mitleid ſchauten Alle auf dieſen Unglücklichen hin, den die Berzweiflung jetzt zum Aeußerſten ge⸗ trieben hatte, und der taub und unempfänglich gegen alle Vorſtellungen, alle Bitten, Jedem den Tod ſchwur, der ſich ihm zu nähern wagen wollte. Vergebens war es, daß die Officiere ihn faſt zärt⸗ lich beſchworen nachzugeben und ſanft zu werden, ver⸗ gebens, daß man den Feldprediger herbeirief, und dieſer ihn im Namen Gottes beſchwor, jeden unnützen Wiederſtand aufzugeben. Der Name Gottes übte auf dieſen verzweifelten, auf's Aeußerſte getriebenen Menſchen keine Wirkung — 72— mehr! Was kümmerte ihn der Name Gottes, ihn, deſſen ſich Niemand mehr erbarmt hatte, weder Gott, noch Menſchen, ihn, den man zu einem Thier ernie⸗ drigt hatte, das man in einen Käfig einſperrt! Vergebens auch war es, daß der herbeigeeilte Kom⸗ mandant den Grenadieren befahl, die verſchanzte Thür zu ſtürmen. Trenck empfing ſie mit Steinwürfen und ſtreckte die beiden Vorderſten zu Boden, und die Uebri⸗ gen zogen ſich entſetzt zurück. Trenck hob jubelnd ſeine mit einem neuen Stein bewaffnete Hand wieder empor, und ſeine wilden trium⸗ phirenden Blicke auf den Commandanten heftend, rief er: Sie ſehen, es iſt umſonſt, mich lebendig einzufan⸗ gen und wieder in Ketten einzuſchmieden. Geben Sie alſo Befehl, mich zu erſchießen! Laſſen Sie mich ſſterben! Aber dazu fehlte dem Commandanten, wie ſehr er vielleicht auch wünſchen mochte, es zu thun, doch die Ermächtigung. Statt alſo ferner zu drohen und den Angriff der Verſchanzung zu befehlen, zog er ſich in das Vorgemach zurück und winkte dem Major ihm zu folgen. Trenck ſtand noch immer mit erhobenem Arm, mit bewaffneter Hand, als der Major zurückkehrte. Jetzt, da der ſtrenge und gefürchtete Commandant nicht mehr da war, jetzt hielt Niemand mehr die ſchmerzliche Theilnahme zurück, welche die Herzen Al⸗ ler bewegte. Trenck las dieſelbe in allen Geſichtern, in allen dieſen auf ihn gerichteten Blicken, und er, dem ſo lange jedes Wort, jeder Blick der Theil⸗ nuhme gefehlt hatte, er fühlte ſich davon jetzt tief ge⸗ rührt. 4 Seine Züge nahmen einen milderen Ausdruck an, Worte der Theilnahme, gen. Der Tod, welchem Trenck noch einmal entriſſen — 78— ſein wilder Blick ſänftigte ſich, und als er jetzt hörte, wie der Major, den er ſchon auf der Citadelle gekannt, ihn mit liebevollen Worten anredete, ihn bat, ſeiner zu ſchonen und ihn nicht in's Unglück zu ſtürzen, als er ihm ſagte, auf ihn werde die ganze Schuld fallen, weil durch ſeine Unvorſichtigkeit allein Trenck das Meſſer von der Citadelle habe mit herüberbringen kön⸗ nen, da ſenkte Trenck den Arm mit der furchtbaren Waffe, und ein Strom von Thränen entſtürzte ſeinen ugen. Nein, ſagte er weich, nein, Niemand ſoll durch mich unglücklich werden, denn es iſt ſo furchtbar, un⸗ glücklich zu ſein! Ich will Niemand mehr wehren, hier hereinzudringen, nur ſchwören Sie mir, daß man mir keine ſchwereren Ketten anlegen, daß man mir nicht unwürdige Strafen auferlegen wird.* Der Major ſchwur es ihm im Namen des Com⸗ mandanten, der ihm verſichern ließ, er werde, falls Trenck ſich ruhig füge, gar keine weitere Anzeige von dieſem Vorfalle machen. Nun denn, flüſterte Trenck mit einem ſchmerzvollen Blick aufwärts, nun denn, ſo werde ich auf’s Neue leiden, auf's Neue dulden! Er trat zu der Thür und nahm die Ketten fort. Jetzt, Schließer, ſagte er, öffnen Sie immerhin dieſe Thür. Das wilde Thier iſt wieder zahm geworden. Dann ſank er mit einem traurigen Lachen ohnmäch⸗ tig zuſammen. Man hob ihn auf und trug ihn auf ſein Lager. Thränen des Mitleids glänzten in Aller Augen, aber Trenck ſah ſie nicht, er hörte nicht die leiſe geflüſterten der Freundſchaftsverſicherun⸗ —,, — 79— war, hatte ſeine wohlthätige Zwillingsſchweſter, die Ohnmacht geſandt, daß ſie ihm, wenn auch nur auf kurze Zeit, ſeiner Leiden Vergeſſenheit ſchaffe! VII. Die Schlacht bei Collin. Verloren! Die Schlacht iſt verloren!— Das war der Schmerzensſchrei, welcher die Reihen der Solda⸗ ten durchheulte, das war das furchtbare Wort, wel⸗ ches Diejenigen, die noch den trotzigen Muth hatten, weiterkämpfen zu wollen, entwaffnete und ihre Hand lähmte. Die Preußen, welche den Feind bei Lowoſitz und Prag beſiegt hatten, ſie ſollten jetzt bei Collin die Ehre des Tages dem öſterreichiſchen Feldmarſchall Daun überlaſſen. Heldenmüthig hatten ſie gekämpft, heldenmüthig gerungen um den Sieg, und als dieſe tapferen, ſieggewohnten Preußen ſahen, daß ſie dies Mal unterliegen würden, da wollten ſie lieber ſterben, als ſolche Schmach von den verhaßten Oeſterreichern ertragen. „Brüder, Ihr habt genug der Ehre! An uns iſt jetzt die Reihe zu ſterben!“ Das war der Ruf mit dem die Bataillone einander fortdrängten von dieſer Stelle, wohin die Feuerſchlünde der öſterreichiſchen Kanonen immer auf's Neue Tod und Verderben tru⸗ gen. Die Preußen ſollten unterliegen, obwohl der König — mit ihnen war, und der tapfere Ziethen und Moritz von Deſſau, und obwohl dieſe Alle Wunder der Tapfer⸗ keit vollführt hatten. Einmal erſt den Glauben an die Möglichkeit des Sieges verloren, verbreitete ſich ein paniſcher Schrecken durch die ganze Armee!. Wir ſind verloren! Verloren! Das war der Schmerzensſchrei, welcher die Reihen der Soldaten durchheulte, welcher machte, daß ſie die Gewehre von ſich warfen und, wie von Furien gepeitſcht, von hin⸗ nen eilten, um, da die Ehre und der Sieg verloren, wenigſtens das Leben zu retten! Vergebens war's, daß ihre Generale ſie beſchwo⸗ ren, ſich zu ſammeln und auf's Neue wieder gegen den Feind vorzurücken. Sie achteten nicht auf ſie. Ver⸗ gebens ritt ſelbſt der König in die Reihen der aus⸗ einanderſprengenden Bataillone, und mit dem entblöß⸗ ten Schwert auf den Feind hindeutend, rief er: Vor⸗ wärts! Vorwärts! Kerls, wollt Ihr denn ewig leben? Sie ſahen ihn trotzig an, ſie fürchteten nicht mehr ſeinen flammenden Adlerblick und ſein Königsangeſicht. Sie ſahen ihn trotzig an und erwiederten:„Fritz, für acht Groſchen iſt's heute genug gearbeitet!“ und ſetzten ihre Flucht unaufhaltſam fort. Aber der Kö⸗ nig konnte noch immer nicht an die Wahrheit glauben! Er hoffte noch immer auf die Möglichkeit des Sieges, er klammerte ſich an dieſer Hoffnung feſt in der Ver⸗ zweiflung eines Ertrinkenden, der die Wogen über ſich zuſammenſchlagen fühlt und nach dem ſchwanken Brett greift, das ihn retten ſoll!— Er ließ ſeine Stimme ertönen, dieſe Stimme, welche ſonſt ſo viele Gewalt über ſeine Soldaten geübt, er rief ſie zu ſich und deu⸗ tete auf die feindliche Battenie da vor ihnen. Er —y—,—',—— — 881= winkte der Regimentsmuſik vor ihm her zu gehen und mit ſchmetternden Klängen ſeine Krieger zum Angriff anzufeuern.— Und noch einmal bannte ſein Nuf einige Getreue um ihn her, und ein Häuflein von vierzig tapferen Kriegern war bereit, dem König zu folgen. Iworwürts, laßt uns die Batterie nehmen! rief der König, und ſprengte vorwärts, mitten hinein in den Kugelregen der Feinde. Was kümmerte das den Hel⸗ den; was hatte er mit dem Tode zu ſchaffen, er, wel⸗ cher nur an die Ehre dachte und an den Kriegsruhm ſeiner Armee! Wenn es gelang, dieſe Batterie zu neh⸗ men, ſo mußte das ſeinen verzagten Kriegern Muth einflößen, ſo mußten ſie wieder Vertrauen faſſen zu dem Stern ihres Königs und ſich auf's Neue um ihn ſchaaren! Das war es, was der König hoffte und dachte. Das war es, was ihn der pfeifenden und brüllenden Kugeln nicht achten ließ. Gar nicht rückwärtsſchauend, immer nur an die Batterie, welche er erobern wollte, denkend, ſprengte er vorwärts. Da traf auf einmal durch das Schmettern der Trompeten, durch das Donnern der Kanonen hindurch, dieſe furchtbare Frage ſein Ohr: Sire, wollen Sie denn die Batterie allein erobern? Der König hielt ſein Pferd an und ſchaute hin⸗ ter ſich. Ja, er war allein! Niemand war bei ihm, als ſein Adjutant, der Major von Grant, welcher die Frage an ihn gerichtet hatte. Ja, er war allein! Sie hatten ihn Alle verlaſſen, Alle. Ein ſchwerer Seußzer entrang ſich der Bruſt des Königs, er neigte ſein Haupt nieder auf ſeine Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 6 — 32— Bruſt und überließ ſich ganz der Bitterkeit ſeines We⸗ hes. Eine Kanonenkugel ſchlug neben ihm in den Bo⸗ den ein, und wühlte die Erde auf, und ſchleuderte ſie ihm in's Geſicht. Der König achtete nicht darauf, zu ſehr war er verſunken in ſeinen Gram, um für etwas außer ihm noch einen Blick zu haben. Aber wie eine Kanonenkugel kam, und das Pferd des Königs ſtreifte, daß es hochauf bäumte vor Schreck und Schmerz, da griff der Major von Grant dem Pferde des Königs gewaltſam in den Zügel. Sire, rief er entſetzt, wollen Sie ſich denn durch⸗ aus erſchießen laſſen? Dann thun Sie's, aber erlau⸗ ben Sie, daß ich mich zurückziehe. Der König richtete ſein Haupt empor, und ſah den kühnen Adjutanten mit einem ſchmerzlichen Lächeln an. Wir wollen uns Beide zurückziehen, ſagte er ſanft, indem er ſein Pferd umwandte, und den Generalen entgegenritt, die ihn überall geſucht hatten, und nicht begriffen, wohin der König ſich gewendet habe. Der König begrüßte ſie mit einem ſtummen Kopf⸗ nicken und ritt, ohne ein Wort zu ſagen, an ihnen vorüber. Wohin? Keiner der Generale wußte es, aber ſie folgten ihm ſchweigend. Der König ritt der kleinen Anhöhe zu, von welcher heute Morgen ſeine Krieger wie eine glänzende Lavine ſich hernieder ge⸗ ſtärzt hatten auf den Feind, jetzt hatte ſich die Lavine in einen Blutſtrom aufgelöſt, und Leiche an Leiche bedeckte den Boden. In der Mitte der Leichen hielt der König an, und überſchaute das Schlachtfeld, und blickte hinüber nach den Oeſterreichern, die eben in geſchloſſenen Reihen, mit klingendem Spiel und fröhlichem Jauchzen ſich zur ickzogen von der dampfenden Wahlſtatt, um nun in — 83— ihrem Lager auszuruhen von ihrem ruhmvollen Siege, und dann ſchaute er rückwärts nach ſeinem Heer, wel⸗ ches in unordentlicher Flucht von dannen ſprengte. Wieder entrang ſich ein tiefer Seufzer ſeiner Bruſt, dann warf er das Haupt entſchloſſen zurück, und rief mit lauter Stimme den Fürſten Moritz von Deſſau und den Herzog von Bevern an ſeine Seite. Meſſieurs, ſagte der König feſt, das Schickſal des Tages iſt entſchieden. Wir haben die Schlacht verlo⸗ ren. Wir müſſen nun nur ſuchen, dem Feinde ſo viel als möglich die Vortheile des Sieges ſtreitig zu machen. Sammeln Sie die zerſtreuten Regimenter, und führen Sie die Armee durch das Defilé von Planian zurück nach Nimburg. Dort wollen wir das Weitere beſchließen. Ich gehe Ihnen dahin voran, und Niemand von Ihnen ſoll mir folgen.— Er wandte ſein Pferd um, ritt langſam den Hü⸗ gel wieder hinunter, und ſchlug die Straße nach Nim⸗ burg ein. Mit geſenktem Haupt, in tiefe Gedanken verloren, ritt er vorwärts. Hinter ihm her zogen ſeine treuen Gardes du Corps, die ſich auf einen ſtummen Wink des Herzogs von Bevern ihm ange⸗ ſchloſſen hatten, und traurig und tief beklommen zu ihrem Herrn hinblickten. Ein Schwarm flüchtiger Reiter und Reitknechte ſchloß ſich den Gardes du Corps an. Das war das Gefolge des ſieggewohnten Königs von Preußen. 1 1 Aber plötzlich ward dies Gefolge von paniſchem Schrecken auseinandergeſprengt; ein Reiter kam todes⸗ bleich mit verhängtem Zügel dahergeſprengt, und er⸗ zählte, daß er einem Troß feindlicher Huſaren begeg⸗ net ſei, der hierher eile. Ein Gemurmel des Ent⸗ ſetzens durchlief den Troß, und plötzlich, wie auf ein 6* * — 84— verabredetes Zeichen, ſtürmten, raſten ſie alle davon in athemloſer Flucht. Der König ritt ruhig und langſam weiter, und ruhig und langſam folgten die Gardes du Corps. So zogen ſie, wie in ſtummer Leichenparade, durch die Ebene von Planian dahin, und erreichten endlich Nimburg, das der König ſeinen Generalen zum Sam⸗ melplatz beſtimmt hatte. Der König hielt ſein Pferd an, und um ſich ſchauend gewahrte er jetzt zuerſt ſein Gefolge. Er winkte ſeinen Adjutanten herbei, und befahl ihm, den Soldaten im Ort ein Unterkommen zu ſchaffen, und den Generalen zu ſagen, daß er ſie hier erwarte. Wo? fragte der erſtaunte Adjutant. Hier! ſagte der König, auf die umgeſtürzte Brun⸗ nenröhre deutend, welche zur Seite der Staße lag. Der König ſtieg ab und winkte den Adjutanten ſich zu entfernen, und wie ſie ſich ehrfurchtsvoll fort⸗ begaben, ließ der König ſich langſam auf dieſe alte Brunnenröhre niedergleiten und ſtützte ſein Haupt auf die goldne Krücke ſeines Stockes. So ſaß er lange Zeit, verſunken in Gram, ver⸗ ſun en in Rückerinnerung an den eben vergangenen Tag. Er dachte daran, wie er die heutige Schlachtauf⸗ ſtellung ohne die Zuſtimmung ſeiner erfahrenen Ge⸗ nerale unternommen, wie ihn Moritz von Deſſau be⸗ ſchworen habe, die Armee, bevor ſie den Feind an⸗ greife, eine andere Poſition einnehmen zu laſſen. Er erinnerte ſich, wie der Fürſt gerufen: Ein Angriff von dieſer Seite könne unmöglich gelingen! Wie er den König beſchworen habe, die Armee weiter fort⸗ ziehen zu laſſen, und ſie dann zweckmäßiger aufzu⸗ ſtellen!— Er erinnerte ſich auch, wie er dem Fürſten — 85— zornig entgegengetreten, wie er mit entblößtem Degen zu ihm herangeritten war, und ihn mit drohender Stimme gefragt hatte, ob er gehorchen wolle, oder nicht?*) Und Fürſt Moritz von Deſſau hatte gehorcht, und ſeine Prophezeihung war in Erfüllung gegangen,— die Schlacht war verloren! Oh, flüſterte der König leiſe vor ſich hin, wie armſelig und klein iſt doch der Menſchengeiſt! Das Glück einer Stunde betäubt ihn, und läßt ihn auch der kommenden Stunde trotzen, während er doch wiſ⸗ ſen ſollte, daß das Glück ein ſeltener Gaſt, das Un⸗ glück aber der ſtete Gefährte des Menſchen iſt! Ich habe mich vom Glück bethören laſſen, und nun hat es mir den Rücken gewandt. Ich hätte es vermuthen ſollen, fuhr der Konig mit einem traurigen Lächeln ſort, Fortuna iſt ein Weib, und ich bin nicht galant. Fortuna iſt mit den Damen, die gegen mich den Krieg führen. Sie lauerte mir auf und benutzte meinen Fehler! Denn ein Fehler war's, daß ich mit drei⸗ undzwanzig Bataillonen Fußvolk ſechszigtauſend Mann aus einer vortheilhaften Stellung zu vertreibeu hoffte! — Ob, mein großer Ahnherr Friedrich Wilhelm, was ſagſt Du zu Deinem armen Enkel, der mit den Ruſ⸗ ſen, den Oeſterreichern, mit faſt ganz Deutſchland und hunderttauſend Franzoſen im Handgemenge iſt?**) Wirſt Du mir beiſtehen? Wirſt Du mein Heiliger ſein, der da oben für mich betet?— Du wirſt's, Du wirſt mir beiſtehen, wenn ich mir ſelber beiſtehe, und mich ſelber nicht verlaſſe! Wäre ich heute in der —— 1*) Charakteriſtik des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 129. **) Dieſe ganze Rede iſt hiſtoriſch und enttaält des Königs igene Worte. iehe: Correspondance avec Lord Maréschall. Bataille geſtorben, ſo würde ich jetzt in einem Hafen ſein, wo ich keine Stürme mehr zu fürchten hätte. Aber ſo muß ich nun noch weiter ſchwimmen auf dem ſtürmiſchen Meer, bis ich endlich unter einem Stück⸗ chen Erde die Ruhe und das Behagen finde, das ich nirgends ſonſt in dieſer Welt habe erlangen können.*) — Das iſt ein troſtreicher Gedanke und an ihm will ich mich aufrichten für das Leben. Ja, wahrlich, es iſt gut, daß ich heute noch nicht geſtorben bin! Nun kann ich meinen Fehler noch wieder gut machen und die Scharte wieder auswetzen. Denn auf mich werden ſie alle die Verantwortung werfen, und nur von meinen Feh⸗ lern werden ſie ſprechen, und Keiner wird ſo gerecht ſein zu ſagen, daß die Schlacht vielleicht doch noch ge⸗ wonnen wäre ohne Mannſteins Fehler!**) Aber ſei es darum! Es iſt eine unabweisbare Nothwendigkeit für einen Feldherrn, daß er für das einſtehen muß, was ſeine Diener thun! Ich bin's immer, der die Schlacht verloren hat, und die Weltgeſchichte wird's einregiſtriren in ihre Bücher. Aber ſie ſoll auch noch manchen Sieg hinterher zu vermerken haben, und wenn ſie jetzt vergißt, mir Mannſtein und Bevern als Entſchuldigung anzuführen, ſo ſoll ſie dann von mei⸗ nen Generalen auch nichts zu meiner Verkleinerung ſagen dürfen! Ich ſelbſt allein will auf meinen Schul⸗ tern Preußens Ruhm und Preußens Ehre tragen. *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Correspondance avec le Marquis d Argens. **)„ General Mannſtein, der von dem Koͤnig den Befehl erhal⸗ ten, nicht vorzurücken, ſondern mit ſeinen Regimentern in der Re⸗ ſerve zu bleiben, ließ ſich von Kampfesungeduld hinreißen, daß er mit drei Bataillonen das Centrum der Linie verließ, um das vor derſelben liegende Dorf Chozemitz anrzugreite, wobei er die meiſten ſeiner Leute verlor. Characteriſtik Th. I. S. 134. —— 87— Heute liegt's mit mir zu Boden geſchmettert! Mit mir allein ſoll's ſich auch wieder erheben! Und den ſtrahlenden Blick gen Himmel gekehrt, ſchien des Königs begeiſtertes Antlitz dort oben die ſtolzen Siege der Zukunft leuchten zu ſehen. Allmählig wich dann dieſe Begeiſterung dem ernſte⸗ ren, ruhigeren Nachſinnen, allmählig verdämmerte der Glanz ſeines Angeſichtes, und von dem Himmel wandte ſein Blick ſich wieder der Erde zu. Er hatte der verlorenen Schlacht ſeine Trauerrede gehalten, jetzt dachte er an die kommenden Schlachten, in denen er ſiegen wollte! Den Blick feſt auf die Erde gebeftet, zeichnete er mit ſeinem Stock Linien und Figuren in den Sand. Vielleicht war's eine Aufzeichnung der verlorenen, viel⸗ leicht die Ordnung einer nächſten Schlacht. 4 So ſehr war der König in dieſe Zeichnungen ver⸗ tieft, daß er gar nicht gewahrte, wie allmählig ſeine Generale, die mit den Trümmern ſeiner Armee ihm nachgefolgt, ſich um ihn geſammelt hatten, und in ehr⸗ furchtsvoller Entfernung ihn umſtanden. Der König zeichnete immerfort. Die Generale ſchauten in tiefem Schweigen zu ihm hinüber, andäch⸗ tig des Momentes harrend, wo Friedrich aus ſeinem Sinnen ſich emporrichten würde. Auf einmal hob der König den Blick empor. Er ſchien gar nicht überraſcht, ſeine Generale da um ſich verſammelt zu ſehen. Den Hut ein wenig lüftend, be⸗ grüßte er ſie mit einem leichten Kopfnicken, und erhob„ ſich von ſeiner Brunnenröhre SESss iſt gut, Meſſieurs, ſagte er, daß Sie da ſind. MWMir müſſen jetzt unſere Vorkehrungen ſür die Zukunft rreffen, denn nun werden die Feinde, weil wir einmal eſiegt worden, glauben, daß wir nicht mehr fähig ſind, * 3 — 33— ihnen kräftigen Widerſtand entgegenzuſetzen, und deſto wüthender werden ſie über uns herfallen. Wir wollen ihnen beweiſen, Meſſieurs, daß ſie uns wohl einen Moment niedergeſchlagen, aber nicht zerſchmettert, nicht getödtet haben. Wir wollen ihnen beweiſen, daß wir leben, leben, um ihnen die Lorbeern wieder zu entrei⸗ ßen, welche ſie uns heute genommen haben!— Herr Fürſt von Deſſau, eilen Sie ſogleich zu unſerer Armee vor Prag. Der Prinz von Preußen erhält von mir die Ordre, ſogleich die Belagerung Prag's aufzuheben. Er ſoll ſofort alle Generale zuſammenrufen und mit ihnen Kriegsrath halten über die beſte Art des Rück⸗ zuges. Er ſoll mit ihnen beſtimmen, wie die Preußen die Belagerung aufgeben können, ohne das Anſehen zu haen, als wären ſie fliehende Feinde, die nicht frei⸗ willig, ſondern gezwungen ſo handeln. Mit klingendem Spiel ſollen ſie daher die Laufgräben und verſchanzten Poſten verlaſſen und abziehen. Aber ihr Abzug ſoll nicht in Maſſen, ſondern in einzelnen vertheilten Hau⸗ fen ſtattfinden, das wird die Feinde irre machen und ihre Aufmerkſamkeit theilen. So in einzelnen Haufen ſoll auch der Rückzug der Armee durch Böhmen nach der Lauſitz hin bewirkt werden, weil das gebirgige Terram einer vereinten Armee unendliche Schwierig⸗ keiten darbietet. Doch ſoll man möglichſt nahe bei⸗ ſammen bleiben, und bemüht ſein, die leichteſten und bequemſten Straßen zu wählen. Das ſind die Anord⸗ nungen, welche Sie meinem Bruder, dem Prinzen von Preußen und den übrigen Generalen zu überbringen haben. Dem Prinzen übertrage ich den Oberbefehl über dieſen Theil meiner Armee, und ich erwarte von ihm, daß er ſie umſichtig und klug führen, und unge⸗ fährdet nach der Lauſitz bringen wird. In Bautzen will ich mit meinem Armeecorps wieder zu ihm ſtoßen, vö— — 89— und dann, Meſſieurs, werden wir eine Gelegenheit ſuchen, unſeren Feinden zu vergelten, was ſie uns heute gethan! Die Generale hatten ihm in athemloſer Spannung, in lautloſer Aufmerkſamkeit zugehört; als er jetzt ſchwieg, und ſie mit einem ſanften Lächeln verabſchiedete, wie⸗ derholten ſie mit begeiſtertem Zuruf ſeine letzten Worte: wir wollen unſeren Feinden vergelten, was ſie uns heute gethan! Und gleichſam mitbegeiſtert von dieſem Ruf der Generale, brachen die Soldaten der kurz zuvor ange⸗ kommenen Leibgarde des Königs, welche unweit von dieſer Gruppe auf dem Marktplatz des Städtchens la⸗ gerten, in ein lautes und fröhliches:„Hurrah! Es lebe der König!“ aus. Der König wandte langſam das Haupt zu ihnen hin, und wie er ihr kleines Häuflein üverſchaute, er⸗ blaßte er und preßte die Lippen aufeinander, als wolle er einen Schrei des Entſetzens zurückhalten. Dann ſchritt er heftig vorwärts, gerade zu den Soldaten hin, welche ermattet und mit blutenden Wun⸗ den bedeckt, kaum im Stande waren ſich aufzurichten. Die Generale waren dem König gefolgt und ſtanden hinter ihm.. Kinder, rief der König, das ſind Alle, die von Euch übriggeblieben ſind? Ja, Vater, wir ſind die Letzten, ſagte der alte grau⸗ bärtige Unterofficier, der neben dem König ſtand. Wir waren unſerer Tauſend und jetzt ſind wir noch zwei⸗ umder und funzig. Zweihundert und funfzig! wiederholte der König ſchmerzlich. Und es iſt nicht unſere Schuld, fuhr der Unterof⸗ fieier fort, nicht unſere Schuld, Herr König, daß wir — 90— nicht auch gefallen ſind. Wir haben eben ſo tapfer ge⸗ kämpft, wie die Anderen, aber der Tod hat uns nicht gewollt. Vielleicht hat er gedacht, es wäre gut, wenn Einige von uns übrig blieben, und unſeren König be⸗ ſchützen könnten. Und wir denken Alle ſo! Es mußten Einige bleiben, um die heutige Stunde den abſcheulichen Sachſen zu vergelten! Warum den Sachſen juſt allein? fragte der König. Weil ſie's waren, Herr König, dieſe infamen ſäch⸗ ſiſchen Dragoner, welche unſer Regiment zerſtört und aufgerieben haben. Wie die Teufel ſprengten ſie in unſere Glieder, und wenn ihre verfluchten Säbel auf 6 uns niederfielen, brüllten ſie vor Wuth:„Das iſt für Striegau!“*) Alb, ſeht Ihr wohl, rief der König, als ſie Euch ſchlugen, dachten ſie noch daran, daß ſie gewohnt ſind, von Euch beſiegt zu werden.. Und ſie ſollen daran noch öfter denken, Vater, ſagte ein anderer Soldat, ſich mühſam erhebend. Laßt nur erſt unſere Wunden heil ſein, dann wollen wir's ihnen vergelten. 7 Du biſt auch verwundet, Heinrich? fragte der önig. Ja, hier am Arm, Majeſtät. Und der alte Klaus? Iſt todt! *) v. Archenholtz Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. 1. S. 65 ſagt von ihnen:„Die Leibgarden fochten, da ſchon Alles unt 4 ſie her das Feld geräumt hatte, bis ſie den Geiſt aufgaben; ſodann deckten ſie mit ihren ſchönen Leibern, in Reiben und Gliedern ge⸗ ſtreckt, den blutigen Schlachtplatz. So wie Pyrrhus, da er zum erſten Mal Roms Legioncn bekämpfte, die erſchlagenen Römer mit Erſtaunen betrachtete, ſo blickten Thereſiens Feldherren auf d Preußiſchen Leichname, deren Geſicht gegen den Feind gewandt.“ 8. † — 91— Und der Haudegen, der Fritz Werder? Iſt todt! Liegt mit den Andern in Reih und Glied, Herr König, und ſchauen ſich jetzt den Himmel an, da ſie den Feind nicht mehr anſchauen können. Sind 3 jetzt ſiebenhundert und funfzig von uns im Himmel, und nur zweihundert und funfzig auf Erden. Aber die da oben, wie wir hier unten, rufen noch: es lebe der König! Es lebe der König, riefen Alle, indem ſie ſich Alle erhoben. Der König erwiederte nichts, er ließ ſeinen Blick 8 traurig und ſtill von einem der blaſſen, erſchöpften Ge⸗ ſichter zum anderen ſchweifen, und eine unausſprechliche Wehmuth überkam ihn. Todt, meine lieben, meine treuen Garden todt, mur⸗ melte er leiſe, ſiebenhundert und funfzig meiner ſchön⸗ ſten Leute gefallen! Und ganz überwältigt von dieſem traurigen und ſchmerzlichen Gedanken, wehrte der König den Thränen nicht, welche in ſeine Augen traten. Sie rannen lang⸗ ſam über ſeine Wangen nieder, und der König ſchämte ſich ihrer nicht. Er ſchämte ſich nicht, daß ſeine Krie⸗ ger ſahen, daß er weinte! Kinder, rief der alte Unterofficier nach einer Pauſe, indem er ſelber ſich die Thränen aus dem Bart wiſchte, von jetzt an wird's ſchön ſein zu ſterben, denn wenn 5 wir todt ſind, weint unſer König um uns. Aber, Vater, Du mußt nicht denken, daß, weil wir nur noch ſo Wenige ſind, wir auch nur noch wenig Ehre haben.„ Siebenhundert von den Unſeren ſind gefallen, aber unſere Fahnen, die haben wir behalten. Sie ſind zer⸗ fettzt und von Kugeln durchlöchert, aber ſie ſind dal Sie ſind da! rief der Chor ihm nach, und die Fahnenträger hoben dieſe zerfetzten, von Kugeln durch⸗ — 92— löcherten Fahnen empor und ſchweukten ſie hoch in die Luft, und wiederholten dazu mit fröhlichem Jauchzen: Es lebe der König!*) VII. Die feindlichen Brüder. Der König kommt! Der König zieht ſo eben in Bautzen ein! Das war das Schreckenswort, welches heute den Prinzen und die Generale erblaſſen machte. Sie, welche ſo oft freudig dem Ruf des Königs ge⸗ folgt waren, ſie zitterten jetzt vor ſeinen Blicken. Denn ſie kamen, ihm die traurigen und verwüſteten Trüm⸗ mer dieſer Armee vorzuführen, welche unter dem Ober⸗ befehl des Prinzen von Preußen den Rückzug nach der Lauſitz gemacht hatte. Und der traurigſte Rückzug war es geweſen, den jemals preußiſche Truppen ge⸗ macht; und mehr hatte er ihnen gekoſtet, als die blu⸗ tigſte Bataille, mehr Strapatzen hatten ſie in dieſen wenigen Tagen erduldet, als ſonſt in einem ganzen Feldzug. Auf hohlen, ſchmalen und ſteinigen Gebirgs⸗ pfaden waren ſie dahinmarſchirt, beſtändig zwiſchen *) Moritz von Deſſau hatte ohne Befehl des Königs die Leib⸗ garde zum Vorrücken commandirt. Den König ſchmerzte der Ver⸗ luſt ſeiner tapferen Garde ſo ſehr, und er war ſo erzürnt über den eigenmächtigen Befehl des Fürſten, übriggebliebenen Bataillone ſollten von Niemand, als von ihm„ in welchem Fall es auch ſein mochte, Befehle annehmen. v. Warnery Feldzüge Friedrichs II. Th. I. S. 144. daß er den Befehl gab, die — 93— Bergen und entſetzlichen Abgründen bald auf⸗, bald abwärts klimmend waren Tauſende vor Ermattung zuſammengeſunken, Tauſende von den Vorderſten zu⸗ rückgehalten, von den Nachfolgenden vorwärtsgeſchoben, in die Abgründe niedergeſtürzt, welche wie offene Grä⸗ ber zur Seite des Weges gähnten. Wenn ein Wa⸗ genrad brach, mußte man das Fuhrwerk verbrennen, weil man nicht Zeit hatte, es auszubeſſern, und weil es, ſtehenbleibend, die Paſſage der ganzen Armee hemmte. Zuletzt, um nur raſcher vorwärts zu kom⸗ men, vertheilte man das noch vorhandene Brot unter die Soldaten und verbrannte die Bäckerei⸗Wagen, ſo wie die Equipage⸗ und Ponton⸗Wagen.— Entſetzt über dieſe unerhörten Leiden, außer ſich gebracht von all dieſen ungewohnten Drangſalen, empfand die ganze Armee einen paniſchen Schrecken in allen ihren Rei⸗ hen. Die Soldaten hatten nicht bloß den Glauben an das Glück, ſondern auch den Glauben an ihre Führer verloren. Zu Tauſenden deſertirten ſie daher, zu Tau⸗ ſenden entflohen ſie, um dem Tode zu entgehen, der ihnen hinter jeder Felsſpitze und in jeder Vertiefung zu lauern ſchien.*) Und während ein Theil der Armee deſertirte oder vor Hunger und Ermattung ſtarb, kämpfte ein anderer Theil im Engpaß von Gabel drei Tage lang unter dem General von Puttkammer heldenmü⸗ thig gegen den überlegenen Feind, dem er zuletzt doch weichen und ſich mit zweitauſend Mann und ſieben Kanonen ergeben mußte.— Erſchöpſt von ſo vielen Verluſten, todesmatt von ſo vielen Anſtrengungen zog die Armee weiter gen Zittau. Ein Gedanke war es, der die Ermüdeten aufrichtete, den Hungrigen neue —) v. Warnery Feldzüze Friedrich des Großen. Thl. I. S. 170. — 94— Kräfte verlieh. In Zittau waren die Mehlmagszine und die Brotvorräthe, in Zittau, dieſer reichen ſächſi⸗ ſchen Stadt, welche man in ganz Sachſen„die Gold⸗ grube“ nannte, konnte man hoffen zu ruhen und ſich von ſeinen Leiden zu erholen. Aber bevor noch die unglückliche Armee bis dahin gelangt war, kam Herzog Karl von Lothringen ihnen zuvor, und mit muthwilli⸗ ger Grauſamkeit die ganze gewerbfleißige, offene Stadt einäſchernd, zerſtörte er die preußiſchen Magazine und zog über Sihutt und Leichen in den unbefeſtigten Ort ein.— Die unglückliche Armee, welche nun ihre letzte Hoffnung verloren, bezog jetzt ein offenes Lager bei Löbau und ging dann nach kurzer Raſt nach Bautzen weiter, welche Stadt der König zur Wiedervereinigung der beiden Armeekorps beſtimmt hatte. Und jetzt, einen Tag nach der Ankunft der unglück⸗ lichen Heeresabtheilung, war auch der König im Lager von Bautzen angelangt. Jetzt war der unſelige Mo⸗ ment gekommen, wo man dem König wieder unter die Augen treten mußte. Es waren tapfere Generale, der Prinz von Preu⸗ ßen, von Bevern, von Würtemberg und von Deſſau, die Herren von Kinterfeldt, Golz, Ziethen, Krockow und Schmettau. Tapfer und unverzagt hatten ſie ge⸗ kämpft in allen Schlachten, aber jetzt vor dem König zu erſcheinen, das war ſchlimmer als eine Schlacht, und dieſem fürchterlichen Moment entgegengehend, war's wohl erlaubt verzagt zu ſein. Schweigend, mit finſteren Mienen ſtiegen die Ge⸗ nerale zu Pferde und ritten die Straße entlang, voran der Prinz von Preußen und an ſeiner Seite der Her⸗ zog von Würtemberg. Wie ſie dort jetzt auf dem offenen Platz den König gewahrten, der hoch zu Roß ihnen mit finſteren Mie nen entgegenſchaute, zuckte der Prinz von Preußen zu⸗ ſammen, und ſein Pferd ganz unwillkührlich einen Moment anhaltend, neigte er ſich mit einem matten Lächeln zu dem Herzog hin. Ich habe ein Gefühl, ſagte er leiſe, als ob es mein Schickſal iſt, welches mir da in Geſtalt meines Bru⸗ ders entgegenkommt, und es ſchaut mich an mit Blicken, welche mir mein Todesurtheil verkünden. Sehen Sie nur hin, Herzog, meine Verdammung liegt in dem zornigen Antlitz des Königs. Aber nicht Sie allein wird der Zorn des Königs treffen, flüſterte der Herzog, ſondern uns Alle. Es iſt ein Gewitter, welches uns Alle zu gleicher Zeit be⸗ droht. Ein Gewitter, ja! Der Donner rollt über Alle da⸗ hin, aber der zerſchmetternde Blitz trifft nur Einen,— und dieſer Eine werde Ich ſein, ſagte der Prinz feier⸗ lich. Ich bin das Opfer, welches der König ſich aus⸗ erſehen hat, mit welchem er die finſteren Schickſalsgötter wird zu verſöhnen trachten. Gott verhüte, daß dem ſo ſeil rief der Herzog trau⸗ rig. Der König wird gerecht ſein, er wird einſehen, daß dieſes furchtbare Unglück uns unverſchuldet getroffen hat. Er wird unſeren Auseinanderſetzungen Gehör geben, er— Ich ſage Ihnen, unterbrach ihn Auguſt Wilhelm, er wird ein Opfer für ſeinen Zorn bedürfen, und ich werde dieſes Opfer ſein! Immerhin! Möge dies Opfer wenigſtens meinem Vaterlande Nutzen bringen. Laſſen Sie uns vorwärts reiten, Herzog. Er zog den Zügel ſeines Pferdes wieder an und ſie ritten vorwärs. Der König hielt noch immer auf derſelben Stelle, das ſtolze Haupt erhoben, den Ankommenden entge⸗ genſchauend mit einem eiſeskalten Blick. Wie ſie ihm ganz nahe waren, wie ſie Alle nicht mehr zweifeln konnten, daß er ſie wirklich geſehen, wandte der König langſam nach der anderen Seite um, und kehrte den Angekommenen den Rücken zu. Sie ſahen einander an mit verlegenen Geſichtern, unſchlüſſig und rathlos was jetzt zu thun ſei, und auf den Prinzen von Preußen hinblickend, in der Hoffnung, er werde vorreiten, und ſich bei dem Kö⸗ nig meldend, ihn zwingen, von ihnen Allen Notiz zu nehmen. Aber Prinz Auguſt Wilhelm that dies nicht. Feſt und unbeweglich, wie aus Erz gegoſſen, hielt er da, keine Muskel ſeines Angeſichtes zuckte, nur um ſeine bleichen zuſammengepreßten Lippen war ein leichtes Zittern bemerkbar. Die Generale folgten ſeinem Beiſpiel. Schweigend und unbeweglich hielten ſie hinter ihm, den Blick hin⸗ gewandt auf den König, der vor ihnen hielt, ihnen noch immer den Rücken zukehrend. Eine lange, eine fürchterliche Pauſe trat ein. Nie⸗ mand in der Umgebung des Königs ſprach ein Wort. Nur die Fonriere, welche für die Truppen des Königs das Lager abſtachen, gingen geſchäftig hin und wieder. Jetzt näherten ſie ſich mit ihren Meſſungen gerade der Stelle, wo der König hielt, jetzt mußte er wohl eine andere Stellung einnehmen, um ihnen Platz zu ma⸗ chen. Er warf ſein Pferd herum und hielt wieder den Generalen gegenüber. Aber jetzt war ſein Antlitz nicht mehr ruhig und kalt, ſondern es glühte vor Zorn. Indeß der Prinz von Preußen hatte doch den Muth — 97— dieſem Zorn Stand zu halten, und ſich ſeinem Bruder nähernd, verneigte er ſich ehrerbietig. Der König erwiederte ſeinen Gruß nicht, und ſchien ihn gar nicht zu bemerken. Eine finſtere Wolke lag auf ſeiner Stirn; ſie ward noch finſterer, als jetzt auch die übrigen Generale es wagten, ſich dem Kö⸗ nige zu nähern und ihm ihre Chrerbietung zu be⸗ zeigen. Plötzlich rief der König mit dieſer Stimme, welche man nur am Tage der Schlachten, oder wenn der König in der heftigſten Erregung war, von ihm gehört hatte: Golz! Komme Er hierher! Der General ritt in feſter militairiſcher Haltung aus der Reihe der Uebrigen hervor, und näherte ſich dem König. Golz, rief der König laut, und ſein flammender Blick ſchien den unglücklichen General zerſchmettern zu wollen, Golz, ſage Er meinem Bruder und allen übrigen Generalen, daß, wenn ich recht verfahren wollte, ich ihnen Allen die Köpfe abſchlagen laſſen müßte, Allen, Winterfeldt ausgenommen.*) Ein Gemurmel des Unwillens und des Zornes erhob ſich unter den Generalen, und Aller Augen wandten ſich mit zornigen Blicken auf Winterfeldt hin. Er war leichenblaß geworden und blickte vor ſich nie⸗ der, als ſchäme er ſich dieſer Auszeichnung, die ihm der König eben hatte widerfahren laſſen, als wage er nicht, Diejenigen anzuſehen, deren Schuld er theilte, ohne jetzt auch ihre Strafe zu theilen. Der König heftete indeß ſeine Augen mit einem ſo flammenden, durchbohrenden Blick auf die murrenden *) Des Königs eigene Worte. Characteriſtik des ſiebenjährigen Krieges Th. I., S. 159. jäheg Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 7 —— —— *— — 93— Generale, daß ſie ihn auf ihrem Antlitz fühlten, ohne daß ſie es wagten den König anzuſehen. Nur der Prinz von Preußen näherte ſich abermals dem König.. Sire, ſagte er mit vollkommen ruhiger Stimme,* meine Dienſtpflicht erfordert, daß ich Euer Majeſtät die Liſte der Armee überreiche. Wollen Sie die Gnade haben, dieſelbe von mir anzunehmen? Er zog die betreffenden Papiere aus ſeinem Buſen hervor und reichte ſie dem König. Dieſer entriß ſie ihm heftig und wandte ihm den Rücken. Entfernen Sie ſich, Meſſieurs, ſagte er dann, Ihr Anblick thut mir weh, denn er erinnert mich an das ſchmachvolle Unglück, das meine Armee durch die Schuld ihrer Führer erlitten hat.— Sire, rief der Herzog von Bevern, wollen Euer Majeſtät die Gnade haben unſere Rechtfertigung anzu⸗ hören? Rechtfertigung! rief der König und ſeine Augen ſprühten Flammen des Zorns. Wenn dies unerhörte Unheil, das Sie Alle über meine Armee gebracht, ſich rechtfertigen ließe, ſo würde ich Sie beklagen, während ich Sie jetzt Alle verwünſchen muß! Gehen Sie, Herr Herzog! Ich will Sie nicht ſehen! Und mit jugendlicher Lebendigkeit ſich vom Pferde ſchwingend, trat der König finſter grollend in ſein ebe vollendetes Zelt zurück. 4 1 Die Generale waren jetzt allein, ſie ſchauten einan⸗ der an mit todesbleichen Geſichtern, mit verhaltenem Zorn auf den zitternden Lippen, mit Thränen der Wuth in den Augen. 3 Sollen wir dieſe Schmach ſchweigend ertragen) fragte der Eine.“ — 99= Sollen wir uns ſchelten laſſen, wie die Schulbu⸗ ben? fragte der Andere. Sollen wir es dulden, daß man uns anklagt ohne uns rechtfertigen zu dürfen? Wie dies Gemurmel der Generale immer lauter, immer mächtiger wurde, trat der Prinz von Preußen, welcher in tiefem Sinnen abſeits geſtanden hatte, mit⸗ ten unter ſie. Ein Ausdruck ſanfter Begeiſterung ſprach aus ſeinen edlen Zügen, und ein rührendes, weiches Lächeln um⸗ ſpielte ſeine Lippen. Nein, meine Herren, ſagte er, Sie ſollen das nicht ertragen. Ich übernehme es, uns beim Könige zu rechtfertigen! Wagen Sie es nicht, Prinz, rief der Herzog von Würtemberg, wenigſtens nicht in dieſer Stunde. Der Zorn des Königs würde Sie zerſchmettern! Der Prinz blickte mit einem frommen Ausdruck zum Himmel empor. Ich ſtehe in der Hand Gottes, ſagte er. Und dann, es iſt mir lieber von dem Zorn des Königs zerſchmettert, als von ſeiner Verachtung geſchont zu werden! Mich hat der König zum Ober⸗ befehlshaber dieſes Armeekorps ernannt, und wenn er mich in dieſer meiner Eigenſchaft anklagt, ſo ſoll er jetzt auch wohl meine Rechtfertigung anhören. Ich werde ſie fordern als ſein Bruder, als Hohenzoller und als General, der berechtigt und verpflichtet iſt Rap⸗ port abzuſtatten. Er näherte ſich mit haſtigen Schritten dem Zelt des Königs; der Herzog von Bevern hielt ihn zurück. Erlauben mir Euer Königliche Hoheit, daß ich Sie begleite, ſagte der Herzog. Auch mich hat der Zorn des Königs perſönlich getroffen, und auch ich verlange daher mich rechtfertigen zu können. 7*½ — 100— Niemand ſoll mich begleiten, rief der Prinz feierlich. Mögen Sie nachher ſich rechtfertigen! Was ich mit dem König zu ſprechen habe, das ſoll Niemand als Gott zum Zeugen haben! Erwarten Sie mich hier, meine Herren, ich kehre bald zurück. Er winkte den Generalen freundlich lächelnd mit der Hand und trat in das Zelt des Königs ein. Melden Sie mich dem König, befahl er dem im Vorgemach befindlichen Kammerhuſaren, und als dieſer nach kurzem Verweilen zurückkehrte und die innere Zelt⸗ thür öffnete, trat der Prinz mit feſtem Schritt, mit hochgehobenem Haupt in das Zelt ein. Die Thür ſchloß ſich hinter ihnen, die beiden Brü⸗ der waren allein. Der König ſaß auf dem Feldſtuhl, der dort an dem mit Papieren bedeckten Tiſche ſtand. Er hielt die ihm vom Prinzen übergebene Liſte der Armee in der Hand, und ſchien darin eifrig zu leſen. Der Prinz blieb eine Zeitlang ſchweigend in mili⸗ tairiſcher Haltung an der Thür ſtehen, endlich aber, des Wartens überdrüſſig, durchſchritt er das Zelt und trat gerade vor den König hin. Dieſer erhob ſich und ſeine großen Augen heſteten ſich mit einem Ausdruck finſteren Zorns auf ſeinen Bruder. Ich habe Ihnen ein Armeekorps von dreißigtauſend Mann übergeben, und Sie bringen mir kaum ſechs⸗ zehntauſend davon zurück, ſagte der König. Wo haben Sie meine Soldaten gelaſſen? Sie liegen im Engpaß von Gabel, in den Abgrün⸗ den des Erzgebirges, ſie ſind verhungert und verdur⸗ ſtet, zum Theil auch deſertirt, erwiederte Auguſt Wil⸗ helm feierlich. — 101— Und Sie wagen mir das zu ſagen? rief der König mit flammendem Zorn. Ich wage zu ſagen, was das Schickſal an uns ge⸗ than hat! ſagte der Prinz. Das Schickſal! rief der König achſelzuckend. Das Schickſal iſt immer die Entſchuldigung der Irrthümer und Fehler der Menſchen. Ihren Starrſinn und Ihren Ungehorſam, das iſt es, was Sie das Schickſal nennen. Prinz Auguſt Wilhelm von Preußen, mit welchem Rechte konnten Sie es wagen, meinen In⸗ ſtructionen zuwider zu handeln und den Rückzug durch das Gebirge zu machen, ſtatt die gerade Straße zu gehen?. Euer Majeſtät haben mir keine Inſtruction gege⸗ ben, rief der Prinz lebhaft. Euer Majeſtät haben mir nur befohlen, bei allen Anordnungen den Rath meiner übrigen Generale einzuholen, und das habe ich gethan. Ich wäre nicht durch das Gebirge gegangen, wenn ſie nicht gerathen, wegen der Nähe des Feindes dieſen Weg einzuſchlagen! Aber ich ſage das nicht, um mich zu entſchuldigen und Jene anzuklagen, ſondern nur, um meinem Bruder zu beweiſen, daß er vielleicht Unrecht gethan, mich unter die Vormundſchaft ſeiner Generale zu ſtellen, Unrecht mir einen Mentor an die Seite zu ſtellen, der mein Feind iſt, und mich haßt und mein Verderben will! Sie wagen mir Vorwürfe zu machen? rief der König mit donnernder Stimme. In dieſer Stunde wage ich Alles, ſagte der Prinz feierlich, denn dieſes iſt die Stunde der Entſcheidung zwiſchen Ihnen und mir, mein Bruder! Es iſt ein Zweikampf der Geiſter, und obwohl ich fühle und weiß, daß ich zu ſchwach bin gegen Sie zu ſiegen, ſo will ich doch wenigſtens mit Ehren und mit dem Schwert — 102— in der Hand fallen. Ich werde fallen, aber Sie ſollen mich nicht für eine feige Memme halten dürfen, die nicht einmal ſich zu vertheidigen wagt! Ich weiß, mein Bruder, daß man mich bei Ihnen verläſtert hat, ich weiß, daß Diejenigen, welche Sie mit Ihrer Freund⸗ ſchaft begnadigen, Ihnen dieſelbe damit erwiedern, daß ſie ſich zum Kundſchafter Ihrer Brüder machen, und Euer Majeſtät hinterbringen, was ſie gehört und nicht gehört haben, was wahr und nicht wahr iſt. Ich weiß, daß man mir die Liebe meines Bruders entzo⸗ gen hat, aber ich darf nicht zugeben, daß man mir auch ſeine Achtung nehmen will! Sire, wenn Winter⸗ feldt Ihnen geſchrieben hat, und ich weiß, daß er's ge⸗ than, wenn er Ihnen geſchrieben hat, ich ſei ſtarrſinnig und eigenmächtig zu Werke gegangen, ich allein habe das Unglück der Armee veranlaßt,*) ſo rufe ich Gott zum Zeugen, daß dies eine Verleumdung iſt. Wenn Euer Majeſtät von Inſtructionen ſprechen, die ich empfangen hätte, ſo erinnere ich Sie daran, daß ich Sie vergeblich beſchworen habe, mir ſolche zu Theil werden zu laſſen, daß ich, was Euer Majeſtät mir mündlich geſagt, aufgeſchrieben, und Sie gebeten habe, demſelben entweder Ihr Gutheißen oder Ihre Bemer⸗ kungen hinzuzufügen. Aber Euer Majeſtät gaben mir das Papier zurück, ohne Ihre Unterſchrift, ohne irgend eine Bemerkung hinzuzuſügen.**) Ich ſollte allein die ganze Verantwortung auf mich laden, und wenn dieſer traurige Rückzug mißlang, ſo ſollte die ganze Welt ſa⸗ gen können:„Der Prinz von Preußen hat das gethan!“ Sehen Sie, mein Bruder, das wußte ich! Die Schlacht *) Warnery Feldzüge Friedrich II. Th. I. S. 184. **) Recueil des lettres du Roi de Prusse et-du Prince de Prusse. p. 11. — 103— von Collin fordert ihr Opfer, und man hatte mich zu dieſem Opfer prädeſtinirt! Der König ſtieß einen Schrei der Wuth aus, und ſtürzte mit aufgehobenem Arm auf den Prinzen zu. Aber plötzlich ſeine ganze Selbſtbeherrſchung wiederge⸗ winnend, faltete er ſeine Arme übereinander und ſah den Prinzen mit kalten, ſtarren Blicken an. Ich habe Sie ruhig ſprechen laſſen, ſagte er, weil ich immer noch hoffte, es würde mir möglich ſein, we⸗ nigſtens den Schimmer einer Entſchuldigung Ihrer frevelhaften Thaten in Ihren Worten zu entdecken. Aber bis jetzt habe ich keinen gefunden. Ich frage Sie daher: ſind Sie zu Ende, oder haben Sie noch Etwas zu ſagen? 3 Ich habe nur noch dies zu ſagen, Sire: ich bitte, daß Sie meine Thaten, von denen Sie ſagen, daß ſie frevelhaft geweſen, unterſuchen laſſen! Wehe Ihnen, wenn ich das thun wollte, wenn ich Ihrem tollkühnen Begehr Gehör gäbe, rief der König, und dicht vor den Prinzen hintretend und ihn mit durchbohrenden Blicken anſehend, fuhr er fort: Sie haben gehandelt, nicht als ob Sie ein Preuße, nicht als ob Sie ein General der preußiſchen Truppen, ſon⸗ dern als ob Sie ein Feind, als ob Sie ein Verbün⸗ deter der Oeſterreicher und Franzoſen wären, und nur auf Mittel ſännen, meine Armee zu Grunde zu richten, um dieſem Krieg ein Ende zu machen, von dem ich ja weiß, daß er Ihren Beifall nicht hat, weil er ſich ge⸗ gen Ihr geliebtes Frankreich richtet! Ah, mein Bruder, Sie mißtrauen mir: rief der Prinz entſetzt.. Ja, ich mißtraue Ihnen, ſagte der König heftig, ich mißtraue Ihnen, und Sie verdienen das! Sie ſagten vorhin, es ſei dies eine Stunde der Entſcheidung. — 104— Nun wohl, es ſoll ſo ſein! Ich nehme dieſes Duell der Geiſter an, welches Sie mir anzubieten die Kühn⸗ heit hatten. Aber es war nicht klug, nicht vorſichtig von Ihnen gehandelt, denn Sie ſelber haben mir die Waffen in die Hände gegeben, und dieſe Waffen ſind ſcharf genug! Ich habe durch Sie, mein Bruder, ſo lange ich lebe, viel Kummer erfahren; er begann in den Tagen unſerer Kindheit, und wird, wie es ſcheint, nur mit meinem Tode enden ſollen. Sie waren der Liebling meines Vaters, und ich entſinne mich ſehr wohl, daß er mir eines Tages vorſchlug, dem Throne zu entſagen und Ihnen meine Stelle zu überlaſſen. Ich widerſtand, und habe dieſen Widerſtand, wenn auch nicht mit meinem Leben, doch mit dem Glück meines ganzen Lebens bezahlen müſſen.— Ich will Ihnen das nicht anrechnen, und vielleicht waren Sie unſchul⸗ dig daran, aber es ſcheint, als ob Sie die Wünſche meines Vaters nicht vergeſſen haben, als ob Sie mich als einen Uſurpator betrachten, der Ihnen den Ihnen gebührenden Thron geraubt hat, und als ob Ihnen dies ein Recht gäbe, alle meine Handlungen zu bekrit⸗ teln und zu meiſtern, und ſich zum Richter über mich aufzuwerfen! Als ich dieſen Krieg unternahm, ihn unternahm im Bewußtſein meines Rechtes und meiner Königspflicht, da wagten Sie es, dagegen zu proteſti⸗ ren, da wagten Sie es in Gegenwart meiner Generale von Ihren Rechten, und von denen Ihrer Kinder zu ſprechen! Oh, mein Herr, Sie dachten ſchon an die Zeit, wo Sie dies Haupt in die Gruft legen und über meine Leiche hin zu dem Königsthrone ſchreiten woll⸗ ten. In jener Stunde ſtanden Sie mir gegenüber, nicht mehr als Unterthan, als Bruder und als Freund, ſondern als der ehrgeizige Kronprinz, der ſeinen König haßt, weil er ihn vom Thron zurückhält, der vom König — 105— gehaßt wird, weil er ihn an ſeinen Tod gemahnt. Und in keinem Moment haben Sie ſeitdem dieſen Haß ver⸗ leugnet. Oh, mein Bruder, ſagte der Prinz ſchmerzlich, Ihr eigener Haß verblendet Sie und macht Sie ungerecht. Ich habe Sie immer geliebt, Sie immer bewundert, ſelbſt dann noch, wenn ich Ihre Unternehmungen nicht zu billigen vermochte. Und doch waren Sie es, rief der König haſtig, Sie allein, welcher es wagte, über das Unglück von Collin in laute Wehklage auszubrechen. Statt, wie der Courier Ihnen und den Generalen und der gan⸗ zen Armee die Trauerbotſchaft von der verlorenen Schlacht bei Collin brachte, ſtatt da den Muth meiner Krieger zu ſtärken, ſie zu tröſten und ihnen Vertrauen zu ihrem Kriegsherrn einzuflößen, ſtatt deſſen wagten Sie es, im Angeſicht aller Generale in lautes Jam⸗ mern auszubrechen, nicht über das Schickſal, nicht über den Wankelmuth des Glückes, ſondern über das Benehmen Ihres Bruders und Ihres Königs. Statt mich dieſen ſchweigenden und beſtürzten Generalen ge⸗ genüber zu rechtfertigen, ſchuldigten Sie mich an und machten mir aus einem Unglück eine Schuld!*) Es iſt wahr, murmelte der Prinz, der Schmerz und die Beſtürzung hatten mich überwältigt und raub⸗ ten mir die Beſonnenheit. Weil Sie denn aber ſo weiſe und kriegskundig waren, fuhr der König mit einem kalten Lächeln fort, ſo wollte ich Ihnen Gelegenheit geben, das dem gan⸗ zen Volke, deſſen König Sie einſt ſein werden, zu be⸗ weiſen. Weil Sie vor meinen Generalen über meine *) v. Retzow Characteriſtik ꝛc. Th. I. S. 142. — 106— Fehler als Feldherr geklagt und gejammert hatten, wollte ich, daß Sie ihnen Proben Ihrer eigenen Kriegs⸗ kunſt und Gewandtheit geben ſollten. Ich vertraute Ihnen alſo mein drittes Armeekorps an, damit Sie es ſicher und ungefährdet von dannen führen ſollten, nachdem ich es in einer blutigen und unheilsvollen Schlacht gefährdet hatte. Ich gab Ihnen die Gelegen⸗ heit, ſich zum angebeteten Gott meiner Soldaten, zum bewunderten Vorbild meiner Generale zu machen. Wie haben Sie dieſe Gelegenheit benutzt? Sie brin⸗ gen mir zerſchlagenene, verhungerte, deſperate Solda⸗ ten, Sie bringen mir beſchämte, über ihre eigene Schuld erröthende Generale, die ich, wenn ich nach der Strenge des Geſetzes verführe, dem Kriegsgericht übergeben müßte, und dieſes Kriegsgericht würde ſie veurtheilen. Und dennoch bin ich mir keiner Schuld bewußt, rief der Prinz, dennoch wage ich zu ſagen, das Schick⸗ ſal war wider mich, aber ich hatte es nicht ver⸗ ſchuldet. 1 Und ich wiederhole Ihnen, Sie haben gehandelt, als ob Sie ein Verbündeter Frankreichs wären, als ob Sie meine Armee vernichten wollten, um dieſem Ihnen verhaßten Kriege ein Ende zu machen! Dann wäre ich ein Verräther? rief der Prinz heftig. Und wer ſagt, daß Sie das nicht ſind? rief der König. Wer ſagt, daß Derjenige, welcher, während ich mit Frankreich im Krieg lebe, mit dem früheren franzöſiſchen Geſandten Valori⸗ zärtliche Briefe wechſelt, und zu dieſem auch über den Starrſinn ſeines Bru⸗ ders, welcher ſein König iſt, Klage führt, wer ſagt, daß der nicht ein Verräther iſt? Oder wie, mein Bru⸗ der, war es Ihnen, als Sie an Valori ſchrieben, nicht bekannt, daß die Franzoſen ſchon in meine weſtphäli⸗ — 107— ſchen Provinzen eingebrochen waren? Es war Ihnen bekannt, und dennoch wagten Sie es, an einen Fran⸗ zoſen zu ſchreiben, daß Sie von dem Untergang mei⸗ nes Staates überzeugt ſind, dennoch wagten Sie auch gegen ihn mich zu tadeln und zu ſagen:„Ce seront mes enfants qui seront les victimes des fautes passées.“ — Wußten Sie nicht, daß es die Marquiſe von Pom⸗ padour geweſen, welche dieſen Krieg veranlaßt? Sie wußten es, und dennoch beauftragten Sie Valori, die Marquiſe zu veranlaſſen, ſich für Sie portraitiren zu laſſen.*) Nun, mein Herr, ich frage Sie, ſind das nicht die Handlungen eines Verräthers? Der Prinz ſtieß einen Schrei aus und legte die Hand an ſein Schwert. Sie wagen es, mich zu be⸗ ſchimpfen, Sire? fragte er. Ich wage es, Ihnen die Wahrheit zu ſagen, ſagte der König feierlich. Nehmen Sie die Hand von Ihrem Schwert, die Wahrheit iſt ein Feind, den man nicht mit Waffen, ſondern mit Thaten bekämpfen muß, und Ihre Thaten zeugen wider Sie! Der Prinz athmete hoch auf und Leichenbläſſe be⸗ deckte ſein Geſicht. Ich glaube, ſagte er matt, der Zweikampf iſt zu Ende. Wenigſtens kämpfen Euer Majeſtät gegen mich mit Waffen, die ich nicht beſitze, nicht beſitzen möchte, und gegen die ich mich ſelbſt nicht vertheidigen will. Sie laſſen meine Briefe öffnen, und aus den harmloſen Ergüſſen der Freundſchaft ſchaffen Sie eine Verrätherei. Wenn man es wagen darf, mich einen Verräther zu nennen, ſo iſt das eine Beſchimpfung, welche mich entehrt, und mit einem *) Mémoires du Marquis de Valori. Vol. II. p. 204 et p. 340. — 108— Entehrten werden Euer Majeſtät nicht kämpfen wollen! Ich ziehe mich alſo zurück. Niemand wird die Wun⸗ den ſehen, welche ich hier von Ihnen empfangen habe, und welche gerade in mein Herz eingedrungen ſind, aber ich ſage Ihnen mein Bruder, daß ich an dieſen Wunden ſterben werde! Um mich dort oben als Ihren Mörder anzuklagen? fragte der König ironiſch. Nein, mein Bruder, um dort oben für mein Va⸗ terland zu beten, daß Gott ihm gnädig ſein möge! ſagte der Prinz mit einem ſanften Lächeln. Dann ver⸗ neigte er ſich tief und ehrfurchtsvoll vor dem König, und ohne ſeine Entlaſſung abzuwarten, wandte er ſich und verließ das Zelt. Draußen ſtanden die Generale noch immer in ern⸗ ſtem Schweigen bei einander. Wie ſie jetzt den Prin⸗ zen von Preußen ſo geiſterbleich und mit ſo ſchmerz⸗ vollem Ausdruck in der Zeltthür des Königs erſcheinen ſahen, durchzuckte ein ahnungsvolles Schmerzgefühl die Bruſt Aller, und es war ihnen, als ſei das ein Ster⸗ bender, welcher da zu ihnen trat, und ibnen mit einem Lächeln voll unausſprechlicher Wehmuth die Hände reichte. Es iſt vorüber, ſagte er, der Kampf iſt zu Ende. In dieſem Augenblick trat ein Adjutant des Königs aus deſſen Zelt und näherte ſich einigen der Generale, welche in der Nähe des Prinzen ſtanden. Se. Majeſtät befiehlt Ihnen, dafür zu ſorgen, daß die Soldaten des dritten Armeekorps ſich möglichſt fern von dem übrigen Theil der Armee halten, ſagte er. Es wird den Königlichen Soldaten zugleich ein Befehl des Königs mitgetheilt werden, wonach ihnen der Umgang mit den Soldaten des dritten Armeekorps * — 109— unterſagt wird, weil dieſe Letzteren allen Muth und alles Ehrgefühl verloren zu haben ſcheinen.*) Die Befehle des Königs ſollen erfüllt werden, ſagten die Generale kalt, und der Adjutant ging weiter. Der Prinz von Preußen hatte ſich einen Moment wie zerſchmettert von dieſem neuen Schlag auf den Arm des Herzogs von Würtemberg gelehnt. Jetzt richtete er ſich wieder empor, und ſich an den General von Schulz wendend, ſagte er: gehen Sie, und holen Sie für das von mir commandirte dritte Armeekorps von dem König die Parole. Der General entfernte ſich ſchweigend, kehrte aber bald wieder bleich und finſter aus dem Zelt des Kö⸗ nigs zurück. 3 Nun? fragte der Prinz, haben Sie die Parole? Nein, Königliche Hoheit. Der König ſagte, für feige Memmen und Ausreißer habe er keine Parole, und befahl mir, mich zum Teufel zu ſcheeren! Ein Gemurmel des Zorns erhob ſich wieder in den Reihen der Generale. Der Prinz ließ ſeine Augen von einem dieſer finſteren Geſichter zum an⸗ deren gleiten.— Meine Herren, ſagte er, der Sturm wird bald vor⸗ über ſein, und die Sonne wird bald wieder für Sie ſcheinen. Ich allein bin die Wolke, welche ſie Ihnen verdunkelt, und ich werde mich zurückziehen. Wie, Sie wollen uns verlaſſen? fragten die Ge⸗ nerale traurig. d A 8 ich nicht zum dritten Armeekorps? fragte *) Characterzüge aus dem Leben Friedrich des Großen. Kü⸗ ſtrin 1788. Erſte Sammlung, S. 98. — 110— der Prinz mit einem ſchmerzlichen Lächeln. Es könnte ſein, daß der König allen ſeinen Soldaten befähle, auch mit dem Anführer des dritten Armeekorps keinen Um⸗ gang zu haben, und Sie begreifen wohl, daß ich dem zuvorkommen muß. So erlauben Euere Königliche Hoheit, daß ich Sie begleite und mit Ihnen die Armee verlaſſe, ſagte der Herzog von Bevern. Auch ich mag nicht geſchol⸗ ten und verachtet werden, ohne mich rechtfertigen zu dürfen. Der Prinz ſchüttelte heftig das bleiche Haupt. Sie werden und Sie müſſen bleiben, Herzog, ſagte er. Die Armee kann ihrer geſchickten Generale nicht ent⸗ behren, Sie müſſen ihr daher erhalten bleiben. Ich aber, ich muß gehen! Laſſen Sie mich das Opfer für Sie Alle werden! Wahrſcheinlich wird dem Könige, meinem Bruder, daran genügen.*) So erlauben Euere Königliche Hoheit wenigſtens mir, daß ich Sie begleite, ſagte der General von Schmettau, zu dem Prinzen herantretend. Der König hat mir vorher durch ſeinen Adjutanten ſagen laſſen, ich ſolle mich entfernen, und es nie wieder wagen, ihm je vor Augen zu kommen. Auch ich muß daher die Armee verlaſſen! Der Prinz reichte ihm die Hand dar. Dann ſind Sie mir ein lieber und willkommener Begleiter. Laſſen Sie uns ſofort aufbrechen und nach Bautzen reiten, wole uns erholen und dann nach Dresden gehen wollen. / *) Des Prinzen eigene Worte. Siehe: Characteriſtik ꝛc.(Th. 1. . 162. S — 111— Wie, Euer Königliche Hoheit wollen uns ſogleich verlaſſen? fragte der Herzog von Würtemberg traurig. Wollten Sie, daß ich noch einige weitere Be⸗ ſchimpfungen abwarte? rief der Prinz. Nein, es iſt genug, mehr ſchon, als man mit Ehren ertragen darf. Mein Pferd, mein Pferd! General, laſſen Sie uns aufſitzen! Die beiden Pferde wurden vorgeführt und der Prinz ſtieg auf. Die Generale ſtellten ſich in Front ihm gegenüber auf, um ihren früheren Befehlshaber nicht ohne militairiſche Ehren zu entlaſſen.— Prinz Auguſt Wilhelm ritt langſam und ſchweigend an ihrer Front herab. Ueberall begegnete er traurigen Geſichtern, und Augen, welche von Thränen getrübt waren. Auch in ſeinen Augen ſtanden Thränen, aber er ſchüttelte ſie fort. Er wollte jetzt nicht weinen, er hatte Zeit genug dazu, ſein ganzes übriges Leben hindurch.— Er zwang ſeine Stimme, daß ſie feſt war, und den Generalen und Officieren mit dem gezogenen Degen ſeinen letzten Scheidegruß zuwinkend, ſagte er: Leben Sie wohl, meine Freunde! Ich hoffe, Keiner von Ihnen wird mich für feig halten, wenn ich auch, durch den König gezwungen, die Armee verlaſſen muß.*) Er wandte ſein Pferd um, und, gefolgt von Schmet⸗ tau, ritt er langſam, mit ſtolz emporgerichtetem Haupt von dannen. Die Generale und Officiere ſchauten ihm ſchweigend und traurig nach. Nun, beim Himmel, murmelte Zie⸗ then, er ſoll nicht wie ein Geächteter das Lager verlaſſen! .) Des Prinzen eigene Woree. Siehe: Warnery, Feldzüge Friedrich II. Th. I. S. 184. 6 — 112— Ich will ihm eine Begleitung geben. Mag mich meinetwegen der König dafür ſchelten, ich werd's hin⸗ nehmen! Er winkte einem ſeiner Huſarenofficiere. Hören Sie, Herr von Wendt, ſagte er, nehmen Sie ſogleich eine halbe Compagnie, und machen Sie mit ihr Pa⸗ trouille. Schlagen Sie den Weg nach Bautzen ein, und halten Sie ſich immer dicht hinter dem Prinzen von Preußen.*) 3 Wenige Minuten nachher ſprengte der Officier mit ſeinen Huſaren auf der Straße nach Bautzen dahin, und bald hatten ſie den Prinzen eingeholt, der ſie mit einem freundlichen Kopfneigen begrüßte. Als ſie bis zum Thor von Bautzen gelangt waren, wandte der Prinz ſich um und ſchaute mit Blicken voll unendlicher Trauer noch einmal nach dem Lager hinüber. Schmettau, ſagte er, der Tod hat mich vermieden, ſo lange ich bei der Armee war, aber jetzt, wo ich ſie verlaſſe, trage ich den Tod mit mir fort, und ich werde ihn ſo lange mit mir herumtragen, bis er mich mit ſich fortträgt! Er wandte ſein Auge ab von dem preußiſchen La⸗ ger und ritt langſam in Bautzen ein. *) Warnery. Th. 1. S. 183. — 113— VIII. Die Briefe. Wenige Stunden ſpäter ſprengte ein Courier in's Lager ein. Er kam von Bautzen und brachte einen Brief des Prinzen an ſeinen Königlichen Bruder. Der König war noch immer in ſeinem Zelt mit der Durchſicht der Armeeliſten beſchäftigt. Er nahm den Brief ſeines Bruders, und ihn mit finſteren Blicken öffnend las er: Die von Euer Majeſtät erhaltenen Cabinetsbe⸗ fehle, beſonders aber die zuletzt erduldete Begegnung hahen es mir zur Genüge zu erkennen gegeben, daß ich meine Ehre und meine Reputation verloren habe. Da ich mir keine Vorwürfe machen kann, ſo erweckt dies nur Betrübniß aber keine Demüthigung in mir. Ich bin überzeugt, weder aus Eigenſinn gehandelt, noch dem Rath Derer gefolgt zu ſein, die guten Rath zu ertheilen nicht im Stande geweſen. Dies werden mir alle bei dem von mir commandirten dritten Ar⸗ meekorps angeſtellten Generale bezeugen müſſen. Ich halte es aber dennoch für überflüſſig, Euer Majeſtät zu bitten, daß Sie meine Aufführung möchten unter⸗ ſuchen laſſen; Euer Majeſtät würden mir dadurch eine Gnade erzeigen, und folglich darf ich nicht darauf rech⸗ nen.— Meine Geſundheit iſt durch die vielfachen Strapazen, mehr aber durch Gram tief erſchüttert, und ich habe mich alſo nach Bautzen begeben zur Wie⸗ derherſtellung meines kranken Körpers. Den Herzog von Bevern habe ich beauftragt über Alles, was die Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 8 — — 114— Armee betrifft, Auskunft zu geben. Möge Euer Ma⸗ jeſtät verſichert ſein, daß, des mich tief darniederbeu⸗ genden unverdienten Unglücks unerachtet, ich niemals meine Anhänglichkeit an den Staat aufgeben werde, und daß es mir, einem treuen Mitglied eben dieſes Staates, eine unausſprechliche Freude verurſachen wird, alle Unternehmungen Euer Majeſtät immer von einem glücklichen Ausgang gekrönt zu ſehen. Ihr unglücklicher Bruder Auguſt Wilhelm. Der König las den Brief mehrmals. Dann griff er raſch nach Papier und Feder und ſchrieb: Mein lieber Bruder! Ihr unſchickliches Betragen hat meine Verhältniſſe ſehr zerrüttet. Nicht die Feinde, ſondern Ihre übelgewählten Maßregeln ſind es, die mir all' dies Unglück zuziehen. Meine Genearle ſind nicht zu entſchuldigen, entweder haben ſie Ihnen ſchlech⸗ ten Rath ertheilt, oder ſie haben die Ausführung Ihrer üblen Entwürfe zugegeben, und Beides iſt gleich ſtraf⸗ bar.— Leider ſind Ihre Ohren, mein Bruder, nur an Schmeicheleien gewöhnt, Daun hat Ihnen nicht geſchmeichelt, und Sie ſehen jetzt die Folgen davon. In dieſer Lage bleibt mir jetzt nichts Anderes übrig, als das Aeußerſte zu wagen. Ich werde angreifen, und wenn wir nicht ſiegen können, ſo wollen wir uns Alle todtſchießen laſſen. Ich beklage mich nicht über Ihr Herz, wohl aber über Ihre Unfähigkeit und Ihre zu geringe Beurtheilungskraft bei der Wahl der mög⸗ lichſt guten Entſchlüſſe. Ich ſage Ihnen das, denn wer, wie ich, vielleicht nur noch wenige Tage zu leben hat, bedarf keiner Verſtellung. Ich wünſche Ihnen mehr Glück, als ich gehabt habe, und daß alles Unglück, und alle Widerwärtigkeiten, die Sie erfahren haben, — 115— Sie lehren mögen, Sachen von Wichtigkeit mit mehr Sorgfalt, Einſicht und Entſchloſſenheit zu behandeln. Der größte Theil aller widerwärtigen Begebenheiten, die ich vorausſehe, ſind Ihnen zuzuſchreiben. Aber Sie und Ihre Kinder werden davon mehr betroffen werden, als ich. Seien Sie indeß überzeugt, daß ich Sie jederzeit geliebt habe, und daß ich mit dieſer Ge⸗ ſinnung ſterben werde. Ihr Bruder Friedrich.*) Als der König den Brief geendet, überlas er ihn noch einmal und blickte gedankenvoll vor ſich hin. Ich kann keins meiner Worte zurücknehmen, ſagte er leiſe. Wäre er nicht mein Bruder, nicht mein Nachfolger, ſo würde ich ihn vor ein Kriegsgericht geſtellt haben. Aber ich will nicht, daß die Geſchichte der Hohenzol⸗ lern mehr als einen ſolchen Fall anzuführen habe. Die Nachwelt wird an meinem Schickſal genug Stoff zu Familiendramen haben, und ich will ihr keinen weiteren geben. Mag mein Bruder ſich alſo nur ſtill entfernen, mag er beten, während wir kämpfen, und die Künſte des Friedens pflegen, während wir im Felde ſtehen und Gott Mars unſere blutigen Opfer dar⸗ bringen. Vielleicht gelingt es uns, der Welt und vor allen Dingen Preußen einen ehrenvollen und dauern⸗ den Frieden zu erkämpfen, und dann mag Auguſt Wilhelm meinem Vaterlande ein beſſerer König ſein, als ich. Aber jetzt bin ich noch meinem Preußen nö⸗ *) Dieſe beiden Briefe beſinden ſich in: Recueil de lettres du Roi de Prusse et du Prince de Prusse. Leipzig 1772. S. 34 und 35. 8*½ . — 116— thig, jetzt muß es noch zu mir halten mit aller ſeiner Kraft und aller ſeiner Liebe, zu mir allein! Er ſiegelte haſtig den Brief, und rief den Kam⸗ merhnſaren, um ihm denſelben zur ſofortigen Beſorgung zu übergeben. Dann aber, als dieſer ſich entfernt hatte, ward das Antlitz des Königs wieder ernſt und traurig. Das Leben macht den Menſchen doch ſehr arm, ſagte er leiſe, und je länger er lebt, deſto mehr ver⸗ einſamt er. Wie reich war ich nicht, als ich in's Le⸗ ben eintrat, wie reich nicht noch, als ich den Thron beſtieg. So viele Freunde, ſo viele Geſchwiſter, ſo viele Illuſionen und Ideale waren mein. Oh, mir gehörte damals die Welt mit allen ihren Freuden und Entzückungen! Und jetzt? Wo ſind die Freunde? Ich habe ſie verloren, entweder durch den Tod, oder durch ihre Treuloſigkeit. Wo ſind die Geſchwiſter? Ihre Herzen ſind mir erkaltet und wollen nichts mehr von mir wiſſen. Wo ſind meine Ideale und Illuſionen? Sie ſind in alle Winde geflattert, und ihre Geſtalten haben ſich aufgelöſt in eine Fata Morgana, die meine Augen bethörte Oh, ich bin ein armer, enttäuſchter Mann, und wenn mir einſt die ganze Welt gehörte, ſo wollen ſie mir jetzt nicht einmal mehr das Stück⸗ chen Welt laſſen, welches mein iſt, und das ich mir mit meinem Blut erobert habe. Aber ſie ſollen es mir doch laſſen müſſen. Mag mein Herz gegen alle Illuſionen erkaltet ſein, die Eine iſt geblieben, die Illuſion des Ruhmes. Ich habe dem Glück entſagt und der Liebe, aber ich glaube noch an den Ruhm, und ich will wenigſtens einen unzerriſſenen Lorbeer⸗ kranz auf meinem Sarge haben. Mag dann der Tod mich treffen, wann er will, am liebſten bald, bevor 3 — 117— mein Herz noch ganz verhärtet iſt, denn ich fühle wohl, daß es verhärten wird! In dieſem Moment öffnete ſich leiſe die Thür ſeines Zeltes, und Le Catt, ſein Vorleſer und Geheim⸗ ſekretair, den er damals auf ſeiner Reiſe nach Amſter⸗ dam kennen gelernt hatte, trat ein, mehrere Briefe in der Hand haltend. Der König trat ihm lebhaft entgegen. Nun, Le Catt? fragte er. Iſt der Courier aus Berlin ange⸗ kommen? Ja, Sire, er iſt gekommen, ſagte Le Catt ſeufzend. Aber ich fürchte, er bringt keine guten Nachrichten. Keine guten Nachrichten? Iſt der Feind ſchon bis dahin vorgedrungen?. Wohl ein Feind, Sire, aber nicht der Feind, welchen Euer Majeſtät meinen. Was wiſſen Sie, welchen Feind ich meine? rief der König ungeduldig. Sind's die Ruſſen oder die Fran⸗ zoſen? Keiner von allen Ihren ſterblichen Feinden, Sire, und die Trauer, welche jetzt in Berlin herrſcht und bald in ganz Preußen herrſchen wird, iſt nicht von Ihren Feinden, ſondern vom Schickſal hervorgerufen! Der König ſah ihm mit ſeinen großen blauen Augen eine Zeitlang ſchweigend und forſchend in's Geſicht. Ich verſtehe, ſagte er dann leiſe. Es iſt einer von meiner Familie geſtorben. Iſt's nicht ſo? Ja, Sire, es iſt ſo! Ihre— Still, ſagte der König heftig, ich will's noch nicht wiſſen, wer. Ich habe noch nicht die Kraſt, es zu hören. Warten Sie noch! 3 Er faltete ſeine Hände über der Bruſt und ging haſtigen Schrittes, laut ächzend und nach Athem rin⸗ gend, einige Male auf und ab. Dann blieb er an der — 118— andern Seite des Zeltes, das Geſicht an das große, in dem Zelt angebrachte Fenſter gelehnt, ſtehen. Jetzt, Le Catt, ſagte er, jetzt bin ich auf Alles ge⸗ faßt. Reden Sie alſo! Wer iſt geſtorben? Sire, es iſt Ihro Majeſtät— Meine Gemahlin? unterbrach ihn der König. Nein, Sire, Ihro Majeſtät— Meine Mutter? rief der König mit einem ſo durch⸗ dringenden Schmerzensſchrei, daß Le Catt davon ſein Herz erzittern fühlte. Meine Mutter! 3 Er ſchlug ſeine beiden Hände vor ſein Angeſicht und ſtand lange, ächzend und ſchwankend, wie eine vom Sturm bewegte Eiche da. Die Thränen rannen zwi⸗ ſchen den Spalten ſeiner Finger hindurch und tröpfel⸗ ten leiſe zur Erde nieder, Seufzer der Qual und der bitteren Pein drangen aus ſeiner Bruſt hervor. Le Catt vermochte es nicht länger zu ertragen. Er näherte ſich dem König und wagte es leiſe einige Worte des Troſtes, der Ermuthigung ihm zuzuflüſtern. Oh, ſagte der König, tröſten Sie mich nicht. Sie wiſſen nicht, welchen Schmerz und welchen Kummer mir dieſer große Verluſt verurſacht. Doch, Sire, ich fühle ihn, ſagte Le Catt, ich fühle ihn, denn die Königin Mutter war eine der edelſten und erhabenſten Fürſtinnen. Ich kann daher Ihren Schmerz begreifen. Das können Sie nicht, ſagte der König, ſein blei⸗ ches, von Thränen überfluthetes Angeſicht emporrich⸗ tend. Sie tragen Ihren Schmerz auf Ihrer Zunge, ich trage ihn hier in meinem Herzen!*) Die Königin war eine der beſten Frauen, und mein ganzes Land Th 9 Des Königs eigene Worte. Siehe Preuß, Friedrich d. Gr. h. II. — 119— wird ſie zu betrauern haben. Es wird keine Gewohn⸗ heitstrauer ſein, ſondern ein allgemeines Wehklagen, denn ihre Tugenden und ihre großen Eigenſchaften wurden von allen denen bewundert und geliebt, die das Glück hatten, ſich ihr nähern zu können. Die Großen werden ſie betrauern wegen ihres anmuthigen Umgangs, die Niedrigen wegen ihrer Gutmüthigkeit, die Armen werden ihre Zuflucht vermiſſen, die Unglücklichen ihre Hülfe, die Gelehrten ihre Beſchützerin, und jedes ihrer Kinder und Angehörigen wird glauben den beſten Theil ſeines Selhſt verloren zu haben, und niemals aufhören ſie zu betrauern.*) Und ich fühle es, ich weiß es, ſie iſt geſtorben aus Gram über mein jetziges Unglück, über das Unglück ihres Landes. Sie war eine zu er⸗ habene Fürſtin, eine zu zärtliche Mutter, um den Un⸗ tergang Preußens, das Verderben ihres Sohnes ertra⸗ gen zu können, ſie rettete ſich in das Grab, um das Ünheil Beider nicht mehr erleben zu müſſen. Aber Euer Majeſtät wußten ja, daß die Königin an einer unheilbaren Krankheit litt, daß keine Kunſt der Aerzte im Stande war, ſie zu heilen! 1 Es iſt wahr, ich wußte das ſagte der König, ganz ermattet auf einen Feldſtuhl niederſinkend. Ich wußte, daß ich ſie vielleicht nie wiederſehen würde, und den⸗ noch trifft mich dieſe Nachricht jetzt wie ein unerwar⸗ tetes, furchtbares Unglück. 3. Euer Majeſtät werden es überwinden, wie Sie ſchon ſo vieles überwunden haben, als Philoſoph und als Held! Ah, mein Freund, ſagte der König traurig, die *) Des Königs eigene Worte, welche er in ſeiner: Histoire de la guerre de sept ans dem Andenken ſeiner Mutter gewidmet hat. Siehe: Oeuvres posthumes. Vol. III. p. 269. — 120— Philophie iſt gut um die vergangenen oder zukünftigen Leiden zu mildern, aber von den gegenwärtigen Leiden wird ſie immer beſiegt. Und dann bedenken Sie wohl, daß ich endlich auch kraftlos und ſchwach werden muß. Seit zwei Jahren bin ich wie eine Mauer, in welche das Unglück Breſche ſchießt, und ſchon bin ich von allen Seiten erſchüttert. Häusliches Unglück, geheime Schmer⸗ zen, öffentliches Unglück, ſtets wachſende Verlegenheiten, das iſt meine Nahrung! Was fehlt mir denn, um mich in der Lage des armen Hiob zu befinden? Wenn ich dieſen unheilsvollen Zeiten widerſtehen ſoll, muß ich mich mit Eingeweiden von Eiſen und einem Herzen von Stahl ausſtatten, um alle Empfindſamkeit zu ver⸗ lieren. Es iſt für mich eine Cpoche des Stoicismus. Die armen Schüler Epicurs würden für dieſe Zeit auch nicht die kleinſte Phraſe ihrer Philoſophie zu meinem Troſt bereit haben. Aber, fuhr der König ſort, und jetzt verſchwand die traurige Niedergeſchlagenheit aus ſeinen Zügen und ſie nahmen wieder einen energiſchen, ſtrahlenden Ausdruck an, aber ich will dennoch nicht unterliegen! Müßten alle Elemente zuſammenfallen, ſo will ich mich unter ihren Trümmern mit kaltem Muth und kaltem Blut begraben laſſen!*) Ah, jetzt iſt mein König wieder der Held, rief Le Catt, der Held, der nicht bloß das Unglück, ſondern auch ſeine Feinde beſiegen wird! Gott gebe, daß Sie ein Wahrſager ſind, ſagte der König lebhaft. Wir gehen großen Zeiten entgegen, und die kommenden Monate werden für mein armes ³) Dieſe ganze Rede gehört dem König ſelber an. Es ſind des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres de Frédéric le Grand. Vol. XIX. p. 44. 2 — 121— Land entſcheidend ſein. Ich werde es entweder retten oder mit ihm untergehn.*) 1 Sie werden es retten, Sire, rief Le Catt begeiſtert. Und wenn ich es gerettet habe, ſeufzte der König, in ſeine frühere Traurigkeit zurückſinkend, wenn ich es gerettet habe, wird meine Mutter nicht mehr da ſein, ſich meines Sieges zu freuen. Jeder meiner heimkeh⸗ renden Soldaten wird eine Mutter, eine Geliebte ha⸗ ben, welche ihn mit Thränen der Freude empfängt und ihn in ihre Arme ſchließt. Ich werde allein ſein! Ihr ganzes Volk wird Ihnen jubelnd entgegen⸗ eilen, Ihr ganzes Volk wird Sie mit Thränen der Freude begrüßen! Oh ja, ſagte der König mit einem bittern Lächeln, ſie werden mir entgegenjauchzen, wenn ich aber den⸗ ſelben Tag ſtürbe, ſo würden ſie rufen: Le roi est mort! Vive le roi! und würden meinem Nachfolger ebenſo entgegenjauchzen. Es iſt nichts Perſönliches in der Liebe des Volkes zu ſeinem Fürſten, und mein Volk liebt in mir ja nicht mich ſelbſt, ſondern nur den König. Meine Mutter aber, die hat mich geliebt, nicht den König, nicht den Feldherrn, ſondern ihren Sohn, den ſie unter ihrem Herzen getragen, und der, weiß Gott, in ſeinem Leben kein anderes Herz gefunden hat, auf das er vertrauen durfte! Gehen Sie, Le Catt, ſuchen Sie mich nicht zu tröſten! Ich werde bald wieder König ſein! Jetzt aber bin ich nur der Sohn nd üchte allein ſein mit meiner Mutter! Gehen ie!— Und als fürchte er, Le Catt wehe zu thun, reichte der König ihm zum Abſchied mit einem gütigen Lächeln *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres. Vol. XIX. p. 44. 4 — 122— die Hand dar. Dieſer zog ſie gerührt an ſeine Lippen und benetzte ſie mit ſeinen Thränen. Der König entzog ihm ſanft ſeine Hand und winkte ſtumm der Thür zu. Le Catt ging hinaus. Nun war der König allein. Allein mit ſeinem Schmerz und ſeiner Trauer. Allein mit ſeiner Mutter! Und in dieſer Stunde war er wirklich nur der Sohn und keine anderen Gedanken waren in ihm, als die an ſeine Mutter! Er ſprach mit ihr, er weinte um ſie. Aber dann, als ſein Schmerz milder ward, nahm der König ſeine Flöte, welche im Feldlager wie in Sansſouci auf ſei⸗ nem Tiſche lag und überall ſeine treue Begleiterin war. Nun löſte ſein Schmerz ſich auf in heilige Wehmuth, nun tönte die innere Klage ſich aus in ſanften Melo⸗ dien, und wie die Töne leiſe anſchwellend und ver⸗ hallend ſein Zelt durchſchwebten, ſchien es dem König als höre er ſeine Mutter ihm ſanfte Worte der Liebe zuflüſtern, als fühle er ihren Geiſterkuß auf ſeiner Stirn. Und allmälig, während er ſo die Flöte blaſend in ſeinem Zelt auf⸗ und abging, verſiegten ſeine Thränen, ſein Auge gewann ſein gewohntes Feuer, ſein Antlitz ſeine Kälte und Energie wieder. Der Sohn ward wieder der König. Als er drau⸗ ßen im Lager jetzt das muntere Blaſen der Fanfaren, das Rollen der Trommeln, als er das Schreien und Jauchzen der Soldaten vernahm, welche ihre Lager bezogen, da blitzte das Auge des Königs höher auf; er legte die Flöte bei Seite und lauſchte eine Zeitlang den frohen Lagerklängen, dann hob er den Arm wie zum Schwur empor. Lebe wohl, meine Mutter! ſagte er. Du biſt ge⸗ ſtorben aus Gram über meine Niederlage von Collin, —— — 123— aber ich ſchwöre es Dir, ich werde Deinen Tod und dieſe Niederlage an meinen Feinden zu rächen wiſſen, und wenn ich ihnen wieder ſchlachtfertig gegenüber⸗ ſtehe, ſo werde ich ſiegen oder ſterben. Höre mich, Geiſt meiner Mutter, und gieb Deinem Sohn Deinen Segen! Und dann, mit vor Begeiſterung ſtrahlendem An⸗ geſicht zu dem Tiſch hintretend, nahm er die Feder und ſchrieb: Malgré moi de vos bras, d ma mere, entrainé, Que ce dernier congé dans ces momens d'alarmes Par mes pressentimens fut arrosé de larmes! Mon coeur, mon triste coeur, facile à s'attendrir, Ne m'annonçoit que trop ce cruel avenir. J'espérois qu'Atropos, flexible à ma prieère, Contente de mon sang respecteroit ma mere. Helas! Je me trompois, la mort fuit mes malheurs, Pour étendre sur vous ses livides horreurs. Ce sombre monument est dont ce qui conserve Vos restes précieux, mon auguste Minerve? 1 Je vous devois les jour, je vous devois bien plus; Votre exemple m'instruisoit à suivre vos vertus: Malgré l'affreux trépas je les respecte encore, Votre tombe est pour moi le lieu saint que j'honore. Si tout n'est pas détruit, si sur les sombres bords, Les soupirs des vivans pénètrent chez les morts, Si la voix de mon coeur de vous se fait entendre, Permettez que mes pleurs arrosent votre cendre, — 124— Et qu'emplissant les airs de mes tristes regrets, Je répande des fleurs aux pieds de vos cypres.*) *) Der König legte um ſeine Mutter keine weitere Trauer an, als daß er ſtatt der goldenen Kette an ſeiner Uhr ein ſchwarzes Band befeſtigen ließ und dieſes Trauerzeichen trug er von nun an ſo lange er lebte. Als das erſte ſchwarze Band ſchadhaft geworden war, fragte der Kämmerer an, ob er nun wieder eine Kette an die Uhr befeſtigen ſolle. Aber der König erwiederte, er werde niemals wieder eine Kette, ſondern immer nur ein Trauerband an ſeiner Uhr, dieſem Zeiger der Zeit, tragen— Alle kleinen Andenken und Erinnerungen an ſeine verſtorbene Mutter bewahrte der König ſorg⸗ fältig auf, ſo unter Anderem eine Porzellanvaſe, auf deren Fuß die Königin ſelber ihren Namen geſchrieben hatte. Damit dieſe Schrift nicht erlöſche, ließ er über die ganze Vaſe eine Glasglocke machen und ſie ſo in ſein Zimmer ſtellen.— Die Königin Mutter hatte, ihren Tod ahnend, alle die Briefe und Papiere, welche ſich auf den unglücklichen Fluchtverſuch Friedrichs als Kronprinz und auf das damalige Familienzerwürfniß bezogen, zu einem Paket zu⸗ ſammengelegt, das ſie an ihren Sohn adreſſſrte. Als der König aus dem ſiebenjährigen Krieg heimkehrte, fand er dieſes Paket in ſeinem Arbeitszimmer im Schloß zu Berlin auf. einem kleinen Tiſch, wohin, wie man ihm ſagte, die Königin es ſelber gelegt. Der Kö⸗ nig nahm es, betrachtete es lange, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Er küßte die Worte, welche ſeine Mutter geſchrieben und legte das Paket wieder an den Ort, wo es gelegen, und dort lag es, auf ſeinen ausdrücklichen Befehl, ſo lange er lebte.— Noch in ſeinem ſpäteſten Alter gedachte er ſeiner Mutter mit der zärtlich⸗ ſten Liebe. Als er ſich 1779 in Breslau aufhielt, und bei dieſer Gelegenheit Garve zu ſich kommen ließ, behauptete der König in ſeinem Geſpräch mit dieſem Philoſophen, er habe in ſeinem Leben die größten Leiden des Herzens erfahren, und ſetzte, wie Garve ſagt, mit einem Ton der Güte und Vertraulichkeit, der in ſeinen Unterredungen mit mir nie ſo rührend wiederkam, hinzu:„Wenn Er wüßte, was mich zum Beiſpiel der Tod meiner Mutter gekoſtet hat, ſo würde Er ſehen, daß ich unglücklich geweſen bin, wie jeder Andere, und unglücklicher als Andere, weil ich mehr Empfindlichkeit gehabt habe.“(Siehe: Garve, Fragmente zur Schilderung des Geiſtes und Charakters Friedrichs II. Th. I. S. 286. 83 — — — 125— IX. Im Schloſſe zu Dresden. Die Königin Marie Joſephine von Polen und Churfürſtin von Sachſen ging heftig bewegt in ihrem Zimmer auf und ab. Mit ängſtlicher Spannung horchte ſie auf jedes Geräuſch, auf jede Stimme, welche einen Moment vielleicht die tiefe Stille unterbrach, die ſie umgab. Wenn er entdeckt wäre, murmelte ſie leiſe, wenn dieſer Brief aufgefangen worden, ſo iſt Alles verrathen und ich bin verloren! Sie ſchrak zuſammen, und ſelbſt die Schminke konnte die Bläſſe nicht verbergen, welche ihre Wangen plötzlich überzog. Aber bald richtete die ſtolze Kaiſer⸗ tochter ſich wieder ermuthigt empor, und ihre Augen nahmen wieder ihren gewohnten harten und kalten Blick an. Bah, verloren! ſagte ſie achſelzuckend. Wer wird es denn wagen, eine Königin angreifen und verdam⸗ men zu wollen, welche für ihre beleidigten Rechte, für ihre Ehre und ihr Vaterland kämpft! Nur dieſer rohe und übermüthige Markgraf von Brandenburg konnte dieſe Unverſchämtheit haben, die Fürſtin und die Frau in mir zu beleidigen, und er, Gott ſei Dank, iſt darnieder geſchmettert und wird ſich niemals wieder zu erheben vermögen. Aber wo bleibt nur Schön⸗ berg, unterbrach ſie ſich wieder mit ſichtlicher Un⸗ Vhe Wenn er heute nicht kommt, ſo iſt er verloren, 2 Me — 126— Laute Stimmen im Vorzimmer unterbrachen hier das Selbſtgeſpräch der Churfürſtin; ſie neigte in athem⸗ loſer Erwartung ihr Haupt vorwärts und lauſchte. Er iſt es, murmelte ſie dann, es iſt Schönberg. Der Officier verweigert ihm den Eintritt. Oh, mein Gott, dieſe Schmach iſt entſetzlich. Man behandelt mich wie eine Gefangene in meinem eigenen Schloß, und macht mir ſogar das Recht ſtreitig meine eigenen Diener zu empfangen. Sie ſchwieg und lauſchte wieder auf dieſe Stimmen im Vorzimmer, die immer lauter, immer heſtiger er⸗ tönten. Es iſt offenbar, ſagte ſie dann, er ſpricht ſo laut, um meine Aufmerkſamkeit zu erregen. Ich werde ihm zu Hülfe kommen!. Mit haſtigen Schritten ihr Gemach durchſchrei⸗ tend öffnete ſie die Thür, welche nach dem Vorſaal führte. Was bedeutet dieſer Lärm? fragte ſie verwundert, und mit welchem Recht darf man ſich ſolch ungebühr⸗ liches Toben in meinem Vorzimmer erlauben? Eine tiefe Stille folgte ihrer Frage. Die beiden Herren, welche vorher einen ſo heftigen Wortwechſel unterhalten, waren jetzt Beide verſtummt und näherten ſich mit tiefen Verbeugungen der Königin. Euer Majeſtät verzeihen, ſagte der preußiſche Of⸗ ficier, ich hatte von meinem Commandanten den ge⸗ meſſenen Befehl, heute morgen Niemand zu Euer Majeſtät zu laſſen, bevor der Herr Commandant nicht die Ehre gehabt, Euer Majeſtät ſeine Aufwartung zu machen. 3 Euer Majeſtät, ſagte der Kammerjunker von Schön⸗ berg, ich wollte zu Euer Majeſtät kommen, um zu melden, daß ich von dem kleinen Ausflug auf mein —,— — 127— Gut wieder heimgekeht bin, und wollte um die Gnade bitten, meinen Dienſt bei Euer Majeſtät wieder an⸗ treten zu dürfen. Dieſer Herr hier verweigerte mir den Eintritt. Die Königin wandte ihr Haupt mit einem Aus⸗ druck ſtolzer Verachtung auf den Officier hin. Mein Herr, ſagte ſie, bin ich denn eine Gefangene hier, die Niemand als ihren Kerkermeiſter empfangen darf? Euer Majeſtät erzeigen mir da die Gnade eine Frage an mich zu richten, die ich nicht zu beantworten weiß! ſagte der Officier. Ich bin Soldat und folge den Beſehlen meiner Vorgeſetzten, das iſt Alles! Ob Euer Majeſtät eine Gefangene ſind, iſt mir nicht bekannt! Die Königin erröthete, denn ſie fühlte, daß ſie in dem Eifer ihres Zorns ihrer eigenen Würde ein wenig vergeſſen hatte. 3 Es iſt wahr, ſagte ſie, es ſteht Ihnen nicht zu, dieſe Frage zu entſcheiden, das deutſche Reich wird das zu thun haben. Sie ſind nur eine Maſchine, welche von fremdem Willen gelenkt wird, aber ſo weit, denke ich, wird dieſer fremde Wille ſeine Macht nicht erſtrecken wollen, daß er es ſogar wagen ſollte, meine Diener von mir fern zu halten. 2 Und ohne dem verlegenen und beſtürzten Officier Zeit zu einer Antwort zu laſſen, wandte ſie ſich an den Kammerjunker. Herr von Schönberg, ſagte ſie, ich freue mich, Sie wieder zu ſehen. Sie ſollen Ihren Dienſt, wie Sie es wünſchen, ſogleich bei mir wieder antreten. Folgen Sie mir alſo in mein Zimmer. Ich habe Ihnen ſogleich einige wichtige Briefe zu dictiren.. Sie trat über die Schwelle zurück und gab dem Kammerjunker einen Wink ihr zu folgen. Aber als — 128— dieſer ſich der Thür näherte, vertrat der preußiſche Officier ihm den Weg. Verzeihen Sie, ſagte er in bittendem Ton, ich habe eben ſtrenge Ordre, Niemanden, außer der gewöhn⸗ lichen Umgebung der Königin, hören Sie wohl, mein Herr, Niemanden heute Morgen den Eintritt zu Ihro Majeſtät zu geſtatten. Ich darf alſo keine Ausnahme machen. Nun, ich gehöre aber zu der gewöhnlichen Umge⸗ bung ihrer Majeſtät, ſagte der Kammerjunker; daß ich acht Tage lang Urlaub vom Dienſt gehabt, und alſo zufällig nicht hier geweſen bin, das kann dabei keine Ausnahme machen. Herr Kammerjunker von Schönberg, befahl ich Ihnen nicht, Ihren Dienſt anzutreten, und mir in mein Zim⸗ mer zu folgen? fragte die Königin. Warum kommen Sie alſo nicht? Majeſtät, Sie ſehen, daß man mich verhindern will. Gnade, Majeſtät, Gnade, rief der Officier faſt ſchmerzlich. Ich weiß es wohl, daß ich die Ehrfurcht gegen die heilige Perſon der Königin verletze, aber ich darf nicht anders handeln. Marie Joſephine richtete ſich ſtolz und gebieteriſch empor, ihre Augen ſchoſſen Blitze des Zorns und mit lauter, mächtiger Stimme rief ſie: mein Herr, ich be⸗ fehle Ihnen, dieſen meinen Diener zu mir einzulaſſen. Hören Sie wohl, ich befehle es Ihnen als die recht⸗ mäßige Gebieterin dieſes Hauſes!. Der Officier trat zurück. Gehen Sie, mein Herr, ſagte er, ich werde nicht den Muth haben, dieſem Be⸗ fehl mich noch länger zu widerſetzen. Ein Blitz der Freude leuchtete einen Moment in dem bleichem Antlitz der Königin auf, aber ſie unter⸗ drückte ſchnell wieder dieſe augenblickliche Regung und — — 2 —,, — 129— winkte ihrem Kammerjunker mit ſtolzer Hoheit, ihr zu folgen. Dieſer ſchritt jetzt an dem Officier vorüber und trat nun zu der Königin ein. Endlich, ſeufzte Marie Joſephine, als die Thür hin⸗ ter ihm geſchloſſen war, endlich iſt dieſe Qual zu Ende und ich athme wieder auf! Nun reden Sie, Baron, nun ſtatten Sie mir genauen Bericht ab. Sie ließ ſich ganz erſchöpft vor innerer Aufregung auf einen Fauteuil niedergleiten und blickte in athem⸗ loſer Spannung auf den Kammerjunker hin. Bevor ich rede, flüſterte dieſer, erlauben mir Euer Majeſtät, erſt ein wenig zu unterſuchen, ob wir auch ganz allein ſind, ob uns auch Niemand belauſchen kann? Er ſchlich leiſe auf den Zehen im Zimmer umher, und blickte hinter jeden Vorhang und unter jedes Moeuble. Dann ging er zu der Thür des Vorſaals und beugte ſich an's Schlüſſelloch, um zu erſpähen, ob Niemand außen ſtehe und horche. Er gewahrte den Officier, welcher unbeweglich an dem entgegengeſetzten Ende des Vorſaals an der Thür ſaß; beruhigt von dieſem Anblick, ſchlich er zu der zweiten Thür des kö⸗ niglichen Zimmers und wollte auch dieſe öffnen. Die Königin rief ihn zurück. Es iſt unnöthig, daß Sie dort hineingehen, ſagte ſie, dort kann Niemand verſteckt ſein. Jetzt laſſen Sie mich endlich vernehmen, was Sie mir zu ſagen haben! Oh, Majeſtät, viel und mancherlei, ſagte der Kam⸗ merjunker mit einem triumphirenden Lächeln. Zu⸗ vörderſt habe ich Euer Majeſtät zu berichten, daß alle unſere Unterſuchungen geglückt ſind, und daß wir hoffen dürfen, ſie von den ſchönſten Erfolgen gekrönt zu ſehen. Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 9 — 130— Gelobt ſei Gott und ſeine Heiligen! murmelte die Königin. Sprechen Sie, ſprechen Sie! Erzählen Sie mir Alles ganz genau! Nachdem ich vor acht Tagen Euer Majeſtät ver⸗ ließ, begab ich mich zuerſt auf mein Gut, welches, wie Euer Majeſtät bekannt iſt, bei Bautzen liegt, und ganz unmittelbar in der Gegend, in welcher es dem König von Preußen beliebt hat, ſein Lager auf⸗ zuſchlagen.— Als Bauer mich verkleidend konnte ich ungehindert mit meiner kleinen Schaafheerde in's preu⸗ ßiſche Lager einziehen und meinen Handel treiben. Ah, ich hätte Euer Majeſtät wohl die Genugthuung gewünſcht, zu ſehen, was ich geſehen habe. Ihr er⸗ habenes Herz würde ſich gefreut haben an dem Anblick dieſer ermatteten, verhungerten, verzweifelnden Men⸗ ſchenheerde, welche der Prinz Auguſt Wilhelm ſeinem Bruder von Zittau entgegenbrachte, und Sie würden ſich froh bewußt worden ſein, daß mit ſolchen entmu⸗ thigten und demoraliſirten Truppen der Herr Markgraf von Brandenburg den herrlichen und ſiegesgewiſſen Armeen der Verbündeten nicht länger wird widerſtehen können. Die Schlacht von Collin hat ihm ſein Grab gegraben, im Engpaß von Gabel iſt ſein Sarg gezim⸗ mert worden! Und es waren die ſächſiſchen Dragoner, welche die Schlacht von Collin entſchieden! rief die Königin mit leuchtenden Blicken. Weiter, erzählen Sie weiter. Sprachen Sie des Königs Kammerdiener Anderſon? Ja, Majeſtät, ich ſprach ihn, und habe ihn vollkom⸗ men treu befunden. Ich gab ihm den Brillantring, den Euer Majeſtät die Gnade hatten, ihm zu ſenden; er war entzückt über dies koſtbare Geſchenk und ſchwur, daß er keine Gelegenheit würde vorübergehen laſſen, Euer Majeſtät zu dienen. Ich habe ihm einige — 131— ſichere Adreſſen angegeben, unter denen er mir ſchrei⸗ ben wird, und auf dieſe Weiſe werden wir ſtets Nach⸗ richt bekommen von Allem, was ſich im preußiſchen Lager begiebt, und von allen wichtigen Beſchlüſſen des Königs. Und Sie ſind von ſeiner Treue überzeugt? fragte die Königin. Vollkommen überzeugt; er iſt geizig und dient uns aus Eigennutz. Er wird zu jeder That bereit ſein, wenn wir ſie ihm mit Geld aufwiegen! In den Augen der Königin blitzte ein unheim⸗ liches Feuer auf, und ein ſeltſam drohender und lei⸗ denſchaftlicher Ausdruck ſprach aus ihrem bleichen Angeſicht. Das ſpaniſche Blut regte ſich in ihr, und ſchoß in einem glühenden Feuerſtrom zu ihrem Her⸗ zen hin. Er iſt zu jeder That bereit, wiederholte ſie. Ah, wir könnten vielleicht ſeine Bereitwilligkeit eine entſchei⸗ dende Probe machen laſſen! Aber davon ſpäter! Fahren Sie fort. Von Anderſon erfuhr ich, daß der König durchaus beabſichtige, die Verbündeten zu einer neuen Schlacht zu zwingen. Als ich das Lager verließ, war der Kö⸗ nig mit der Verproviantirung ſeiner Armee fertig, und es hieß, am nächſten Morgen wolle er aufbrechen, um Daun und Nadasdy entgegenzugehen. 3 Die Königin brach in ein lautes, höhniſches Lachen aus. Es gelüſtet ihn alſo nach einem zweiten Tage von Collin, ſagte ſie. Da ſein Grab geöffnet und ſein Sarg gezimmert iſt, will er ſich die Todtengräber holen, damit ſie ihn beerdigen. Nun, wir werden ihm dieſen letzten Liebesdienſt nicht verſagen! Nachdem ich das preußiſche Lager verlaſſen, fuhr der Kammerjunker fort, warf ich die Verkleidung wie⸗ 9⸗ 4 — 132— der von mir, und eilte mit Courierpferden der Gegend zu, wo Daun und Nadasdy ſtanden. Und Sie haben Sie getroffen? Ich habe ſie getroffen, Königin. Ich war ſo glück⸗ lich dem General Nadasdy die Briefe Euer Majeſtät übergeben zu können, und werde jetzt noch glücklicher, Euer Majeſtät die Antwort des Generals, ſo wie einige andere wichtige Papiere überreichen zu dürfen! — Er zog aus ſeiner Bruſt ein kleines Etui hervor, aus dem er ein Federmeſſer holte, und dann ſeinen goldbetreßten Federhut nehmend, löſte er mit einem raſchen Schnitt die goldenen Borten los, und trennte den unteren Rand des Hutes von der Krempe ab. Dann zog er die zwiſchen dem Filz und dem inneren Futter verborgenen Papiere hervor und reichte ſie mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung der Königin dar. Während dieſe mit haſtiger Ungeduld die Siegel erbrach und las, war der Kammerjunker eifrig damit beſchäſtigt, ſeinem Hut wieder ſein früheres Anſehen zu geben. Mit einigen Nadeln befeſtigte er den Filz wie⸗ der an der Krempe, legte dann wieder mit kundiger Hand die Treſſen um, die er mit der goldenen Schnalle zuſammenzog. Dann ließ er ſein Federmeſſer wieder in das Etui gleiten und verbarg dies wieder in ſeiner Buſentaſche. Die Königin indeß war eifrig mit der Lectüre der Briefe und Papiere beſchäftigt, und während ſie las, verklärte ſich ihr Antlitz mehr und mehr zu einer ſtolzen, triumphirenden Freude. Jetzt blickte ſie von den Papieren empor und ſah den Kammerjunker mit einem ſtrahlenden Lächeln an. Sie ſind mir wirklich ein Bote der Freude, ſagte ſie, und ich hoffe, es wird eine Zeit kommen, wo ich im Stande bin, Ihnen Ihre Treue und Ihren Dienſteifer — 133— beſſer zu lohnen, als nur mit Worten. Jetzt bitte ich Sie, öffnen Sie jene Thür dort zu meinem Kabinet und bitten Sie Pater Guarini einzutreten. Der Kammerjunker folgte ihrem Befehl, öffnete jene Thür, und Pater Guarini trat ein. Mit einem gnädigen, ſtummen Kopfnicken begrüßte er den Kam⸗ merjunker und heftete dann ſeine dunklen ſtechen⸗ den Blicke auf das Antlitz der Königin, die ſich er⸗ hoben hatte und ihm lächelnd, faſt demüthig entge⸗ genſchritt. Ich hoffe, mein ehrwürdiger Vater, Sie haben ge⸗ hört, was unſer treuer Baron und Kammerjunker uns hier berichtet hat? fragte die Königin mit faſt ſchmei⸗ chelndem Ton. Ich habe Alles gehört, erwiederte der Jeſuitenpater feierlich, ich habe gehört, daß Gott dieſen Ketzer in unſere Hand gegeben und uns auserſehen hat, die Welt von dieſem frevelnden Widerſacher der Kirche zu erlöſen. 3 Wie meinen Sie das, mein Vater? fragte die Kö⸗ nigin mit anſcheinender Befremdung. Pater Guarini ließ ſeine ſtechenden Blicke mit einem ſeltſamen Ausdruck auf ihrem Antlitz ruhen, und ein granſames Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen, blutloſen Lippen. Meine Tochter, Sie wiſſen, was ich meine, ſagte er mit leiſem, flüſterndem Ton. Glauben Sie, daß der Geiſt den Geiſt nicht verſteht? Glauben Sie, daß es für mich des leiblichen Anſchauens bedarf, um in Ihrer Seele leſen zu können, meine Tochter? Als der Herr Kammerjunker vorher über ſeine Sendung Bericht abſtattete, als er Euer Majeſtät ſagte, daß der Kam⸗ merdiener dieſes ſogenannten Königs von Preußen unſerer heiligen Sache treu ergeben und zu jedem — 134— Dienſt bereit ſei, da trennte eine dicke undurchſichtige Thür mich von Ihrem Angeſicht, und doch, meine Tochter, habe ich in Ihren Zügen die Gedanken Ihrer Seele geleſen, doch ſah ich Ihre Augen aufblitzen und Ihren Mund lächeln, und verſtand das ſtürmiſche Klopfen Ihres Herzens. Die Königin erbebte und wich ſchaudernd einen Schritt zurück. Mein Vater, flüſterte ſie, haben Sie Erbarmen mit einem ſündigen Gedanken, den ich ſchnell zu unterdrücken ſuchte, und dem ich nie wieder Gehör geben werde! Und warum wollen Sie das einen ſündigen Ge⸗ danken nennen? fragte der Prieſter leiſe und mit einem diaboliſchen Lächeln. Alle Waffen ſind gottgeſegnete und geheiligte, welche gegen dieſen Gottesleugner und Freigeiſt ſich wenden. Auch das Gift, welches in der Schierlingsſtaude und der Opiumspflanze geboren wird, iſt ein Theil von der heiligen Schöpfung Gottes; er hat es geſchaffen, damit es eine Waffe werde der Ge⸗ rechten gegen die Ungerechten, und wenn es zu edlen Zwecken verwandt wird, iſt es ein geſegnetes und hei⸗ liges Mittel! Schämen Sie ſich alſo nicht Ihrer Ge⸗ danken, meine Tochter! Wenn Anderſon wirklich ſo treu iſt, wie der Herr Kammerjunker ſagt, ſo wird es uns mit Gottes Hülfe ſehr bald gelingen, dieſem Kriege ein Ende zu machen und den Gottesleugner zu zerſchmettern! Schweigen Sie, oh, ich beſchwöre Sie, ſchweigen Sie, mein Vater! flüſterte die Königin. Meine ganze Seele ſchaudert bei dieſem fürchterlichen Gedanken. Reden wir nicht mehr davon! Suchen wir dies zu vergeſſen! Reden wir nicht mehr davon, aber vergeſſen wir — 135— es nicht! murmelte der Jeſuit mit einem tückiſchen Lächeln. Die Königin fuhr haſtig fort: Es bedarf nicht ſo fürchterlicher Waffen, um unſeren Feind zu vernichten. Er wird ſich nie wieder erheben, denn jetzt ſteht er ganz allein, und nicht einen einzigen Bundesgenoſſen hat er mehr in Deutſchland. Das ſind die wichtigen Nachrichten, welche mir der Baron gebracht hat, und die ich Ihnen Beiden jetzt mittheilen will. Ein unge⸗ heueres, ein wundervolles Werk iſt uns gelungen, der wichtigſte Vertrag iſt in Kloſter Zeven von uns und unſeren Bundesgenoſſen zur Verwirklichung gekommen. Der fromme Graf Lynar, der Bevollmächtigte, hat den⸗ ſelben zunächſt zu Stande gebracht, und damit unſerer Sache den glänzendſten und blutloſen Sieg verſchafft. Alle deutſchen Fürſten, welche noch zu dem Verräther ſtanden, ſind auf den drohenden Befehl des deut⸗ ſchen Reichsoberhauptes von ihm abgefallen, und wer⸗ den ihm nicht mehr ihre Hülfe und ihren Beiſtand leihen. So ſind die Heſſen, Braunſchweiger, Bücke⸗ burger und Gothaer, die einzigen deutſchen Truppen, welche zu Preußen hielten, und jetzt mit den Han⸗ noverauern gegen Soubiſe und Richelien fochten, nach Hauſe gegangen, und haben ſich in der Convention von Kloſter Zeven feierlich verpflichtet, nicht mehr die Waffen zu erheben für dieſen ketzeriſchen rebelliſchen König, den der Kaiſer in die Reichsacht und der heilige Papſt zu Rom in den Bann gethan hat. Auch der Kampf der Hannoveraner gegen unſere franzöſiſchen Verbündeten iſt beendigt und ein Vergleich iſt zu Stande gekommen. Man hat Waffenſtillſtand gemacht auf un⸗ beſtimmte Zeit, die Hannoveraner bleiben unthätig au der Elbe ſtehen. Der Anführer der engliſchen Trup⸗ pen, der Herzog von Cumberland iſt nach London zu⸗ — 136— rückgekehrt,*) und ſein Gegner der Herzog von Richelieu nach Paris. Die franzöſiſchen Truppen, welche jetzt noch unter dem Prinzen von Soubiſe in Deutſchland ſind, haben keinen anderen Feind mehr anzugreifen, als unſer Aller Erbfeind! Der König von Preußen ſteht jetzt ganz allein, er hat keinen Bundesgenoſſen mehr— 1 Keinen Bundesgenoſſen, als ſich Selber, unterbrach eine laute, mächtige Stimme den Vortrag der Königin, und wie ſie ſich umwandte, ſah ſie da den General von Fink, den preußiſchen Commandanten von Dres⸗ den. Er hatte leiſe und geräuſchlos die Thür des Vorſaals geöffnet und die letzten Worte der Königin vernommen. Marie Joſephine erblaßte vor Zorn, und mit ſtolz zurückgeworfenem Haupte dem Commandanten entgegen⸗ ſchreitend, ſchien ſie ihn mit ihren Blicken zerſchmettern zu wollen. 3 Mein Herr, ſagte ſie, kaum fähig ihren Zorn und zugleich ihr Entſetzen zu bemeiſtern, wer hat Ihnen die Erlaubniß gegeben, dies Zimmer hier zu betreten? Mein Herr, der König von Preußen, ſagte der General, ſich ſteif und militairiſch vor der Königin auf⸗ ſtellend. Ich komme hierher nicht aus müßiger Neu⸗ gierde, ſondern in Dienſtgeſchäften, und Euer Majeſtät werden mir ſchon verzeihen müſſen, wenn Ihnen dieſe einen unangenehmen Moment bereiten. *) Als nach der Convention von Kloſter Zeven der Herzog von Cumberland nach England zurückkehrte, empfing ihn ſein Vater, König Georg der Zweite, deſſen Liebling er bis dahin geweſen, mit großer Kälte, und ſagte vor allen Miniſtern:„Here is my son, who has ruined me, and disgraced himself.“ Der Herzog mußte alle ſeine Arnſuneden niederlegen und ſtarb wenige Jabre ſpäter, verachtet von der ganzen Nation.(Preuß Th. II. S. 80 und 81.) 4 — 137— Er winkte rückwärts nach dem Vorſaal hin, und ſogleich erſchienen vier Mann Soldaten mit einem Offi⸗ cier auf der Schwelle des königlichen Gemachs. Der Commandant von Fink ſtrekte den Arm aus und deutete auf den Kammerjunker von Schönberg, der ſich bleich und zitternd hinter dem weiten Reifrock der Königin zu verbergen trachtete. Verhaften Sie den Herrn dort und führen Sie ihn ſogleich fort, befahl der General. Der Kammerjunker ſtieß einen leiſen Schrei aus und verſchwand hinter dem gelben Atlasgewande der Königin. Wie, mein Herr, rief Marie Joſephine entſetzt, Sie wagen es in mein eigenes Zimmer vorzudringen und meine Diener und Beamte zu verhaften? Der General zuckte leicht die Achſeln. Wir leben im Kriege, ſagte er, und Jeder wehrt ſich ſeiner Feinde ſo gut er kann. Der Herr Kammerjunker hat zwar einige ſehr gute Schafe an unſere Armee verkauſt, aber es ſcheint, als ob dieſer Handel doch nicht rechtsgültig befunden iſt, denn gerade deshalb ſoll ich ihn jetzt ver⸗ haften und zur weiteren Vernehmung nach Berlin transportiren laſſen, von wo es ihm freilich ſchwer werden wird, ſeine Correſpondenz mit dem verräthe⸗ riſchen Kammerdiener des Königs ſortzuſetzen. Der General ſchwieg und ſeine Blicke auf die bleiche, verſtörte Gruppe ihm gegenüber heſtend, wei⸗ dete er ſich einige Momente an ihrem Entſetzen und Schrecken. Selbſt die Königin ſchien ganz rathlos und ver⸗ wirrt, und preßte ihre Lippen feſt aufeinander, als wolle ſie den Schrei der Angſt, der ſich aus ihrer hochwallenden Bruſt ſchien hervordrängen zu müſſen, gewaltſam zurückhalten. Ihr zur Seite ſtand Pater — 138— Guarini, deſſen Geſicht jetzt eine fahle Bläſſe angenom⸗ men hatte, und deſſen finſtere, ſtechende Blicke ſich wie vergiftete Dolche auf den verhaßten Feind heſteten. Hinter der Schulter der Königin ſah man das angſt⸗ volle, entſetzte Geſicht des unglücklichen Kammerherrn, deſſen kleine und ſchmächtige Geſtalt ganz von dem Reifrock der Königin verdeckt ward. Herr Kammerjunker von Schönberg, ſagte der Ge⸗ neral von Fink gebieteriſch, ich fordere Sie auf ſogleich hervorzutreten und ſich Ihrer Verhaftung gutwillig zu fügen. Sie werden aus Ehrfurcht vor Ihrer Majeſtät der anweſenden Königin und Churfürſtin jede Gewalt⸗ ſamkeit vermeiden wollen, und zu dieſer würde ich lei⸗ der gezwungen ſein, wenn Sie ſich nicht ſelber aus⸗ liefern. Der Kammerjunker trat jetzt bleich, aber entſchloſſen hinter der Königin hervor, und indem er ſich tief und ehrfurchtsvoll vor der letzteren verneigte, ſagte er mit zitternder Stimme: Ich muß Euer Majeſtät bitten, mich gnädigſt aus Ihrem Dienſt zu beurlauben, da⸗ mit ich dem Begehr dieſes Herrn, der, wie es ſcheint, jetzt hier der Herr iſt, genügen kann. Die Königin vermochte nicht ſogleich zu antworten. Sie fühlte es wie einen Krampf in ihrem Halſe, ſie fühlte wie die Thränen in ihre Augen traten. Oh, mein Herr, ſagte ſie mühſam und nach einer langen Pauſe, Sie wollen mich alſo aller meiner Die⸗ ner berauben? Sie haben mir die Gräfin Brühl und die Gräfin Ogilva entführt, und ſie Beide nach War⸗ ſchau geſchleppt, und jetzt wollen Sie mir noch die Dienſte dieſes treuen und bewährten Freundes ent⸗ ziehen? Ich handle auf Befehl meines Königs, ſagte der General, und es ſcheint mir, daß dieſer Befehl ſelbſt — 139— von Euer Majeſtät nur gerecht genannt werden kann. Wäre der Baron im Lager ſelbſt arretirt wor⸗ den, ſo würde man ihn als Spion erſchoſſen haben, wie das Kriegsgebrauch bei allen Völkern iſt. Nun, da ſeine Umtriebe erſt jetzt entdeckt worden, arretire ich ihn und ſende ihn nach Berlin, damit er dort ſich vertheidige gegen die Beſchuldigung, ein Verräther zu ſein.. Die Königin athmete ſchwer auf. Sie hatte jetzt ihre Selbſtbeherrſchung wiedergewonnen, und ſich mit einem ſanften Ausdruck zu dem Kammerjunker hin⸗ wendend, ſagte ſie mit einer Milde und Weiche, wie man es ſelten von ihr gehört hatte: Gehen Sie, mein Freund, und wenn man Ihre Treue dort als Ver⸗ rätherei bezeichnet, ſo vergeſſen Sie nicht, daß Ihre Königin Ihrer dankbar gedenkt und für Sie betet! Sie reichte dem Kammerjunker ihre ſchmale, weiße Hand dar, welche dieſer, vor ihr auf die Kniee ſinkend, mit ſeinen Küſſen und ſeinen Thränen bedeckte. Gehen Sie, mein Sohn, ſagte der Pater Guarini, ſeine Hände auf das Haupt des Knieenden legend, ge⸗ hen Sie! Der Herr hat Sie auserkoren, ein Märtyrer zu ſein der heiligen und gerechten Sache! Der Herr wird mit Ihnen ſein und die heilige Mutterkirche wird für Sie beten! Der Kammerjunker ſtand auf. Ich gehe, mein Vater, ſagte er, und möchte es mir vergönnt ſein, für meine Königin ſterben zu dürfen. Und mit einem theatraliſchen Pathos ſich zu dem General wendend, übergab er demſelben ſeinen klei⸗ nen Galantriedegen und erklärte ſich bereit mit ihm zu gehen. Der Commandant winkte dem Officier und gab ihm den Degen. Führen Sie den Herrn hinunter zu dem bereitſtehenden Wagen und ſenden Sie ihn ſofort unter hinlänglicher Bedeckung nach Berlin. X. Das Tedeum. Die Königin ſchaute dem Kammerjunker mit ſin⸗ nenden und traurigen Blicken nach, bis er am Ende des Vorſaals verſchwand, dann wandte ſie ſich zu dem General hin. Jetzt, hoffe ich, ſind Ihre Geſchäfte hier beendigt, ſagte ſie, und es wird mir geſtattet allein zu ſein. Euer Majeſtät verzeihen, aber ich habe erſt den kleinſten Theil der Befehle meines Herrn ausgerichtet, ſagte der General ſich tief verneigend. Wie, giebt es noch Jemand hier, den Sie verhaften möchten? fragte die Königin. Nein, gnädige Frau, aber Jemand den ich warnen möchte? Der Herr General, ſcheint es, will von mir ſpre⸗ chen, ſagte der Pater ruhig. Ja, von Ihnen, mein Herr. Ich will Sie warnen, Ihre frommen Hände nicht in dieſe weltlichen Dinge der Politik zu miſchen; und ſich begnügen zu laſſen, Ihren erhabenen Beichtkindern weiſe Lehren der Reli⸗ gion und chriſtlichen Liebe zu geben, aber nicht ſolche, welche vor dem Tribunal des weltlichen Richters als — —.— — 141— Aufreizungen zu Verrath und Mord bezeichnet werden möchten. Der Pater zuckte leicht die Achſeln und ein verächt⸗ liches Lächeln ſtand auf ſeinen ſchmalen Lippen. Die Worte„Religion und chriſtliche Liebe,“ ſagte er, neh⸗ men ſich in dem Munde eines preußiſchen Kriegers gar ſeltſam aus; auch weiß ich nicht, ob diejenigen, welche räuberiſch und gewaltſam in ein friedliches Land ein⸗ gefallen ſind, und Tauſende von Menſchen ihren böſen und ehrgeizigen Lüſten geopfert haben, nicht Mörder genannt werden. Jedenfalls weiſe ich es zurück von Ihnen Lehren empfangen zu ſollen, und vor irgend einer Gemeinſchaſt mit Ihren ſogenannten weltlichen Richtern ſchützt mich mein heiliger Stand. Nur dem Gerichte Gottes und dem Papſt zu Nom bin ich unterthan. 3 Das mag ſein in Ihren Landen, aber nicht in de⸗ nen des Königs von Preußen, ſagte der General von Fink mit überlegener Ruhe. Dort iſt Jedermann den Geſetzen unterthan, und kein Titel und kein Prieſterrock ſchützt den Verbrecher. Vor zwei Tagen hat man im preußiſchen Lager einen Spion entdeckt, welcher auch ein Prieſter war; man hat ihn gleich allen übrigen Spionen aufgehangen, obgleich er, vielleicht nur um ſein Leben zu retten, behauptet hat, er ſei ein Freund des Königlichen Beichtvaters Pater Guarini. Seine Majeſtät der König von Preußen hat mich beauftragt, Ihnen zur guten Warnung die Todesnachricht dieſes Ihres Freundes mitzutheilen. Und ich danke Seiner Majeſtät von ganzem Herzen dafür, ſagte der Pater. Ich, werde für meinen unglück⸗ lichen Freund, welchen Sie zum Märtyrer gemacht haben, Meſſen leſen laſſen. Die Königin ſah ihn mit leuchtenden Augen an — 142— und reichte ihm die Hand dar. Oh, mein Vater, ich danke Ihnen für Ihr edles Beiſpiel, welches auch mich immerdar ermuthigen ſoll, aller Drohungen und Beſchimpfungen ungeachtet, die heilige Sache und die treuen Freunde, welche für ſie gefallen ſind, nicht zu ver⸗ leugnen.— Jetzt, Herr General, hoffe ich, ſind Ihre Aufträge zu Ende und Sie werden uns verlaſſen! Ich bitte Euer Majeſtät zu glauben, daß ich es nicht wagen würde, noch einen Moment länger hier zu verweilen, ſagte der General ehrerbietig, aber der Befehl meines Königs nöthigt mich dazu. Ich habe den Auftrag Euer Majeſtät unterthänigſt zu erſuchen, daß es mir geſtattet ſein möchte, Ihnen einige Briefe und geſchichtliche Documente vorzuleſen, welche für Euer Majeſtät von einigem Intereſſe ſein möchten. Leſen Sie immerhin, ſagte die Königin gleichgültig. Da der König von Preußen zufällig meine Ohren noch nicht erobert hat, ſo wird es meine Sache ſein, ob ich zuhören will. Sie ließ ſich langſam in den Divan niedergleiten, während der Pater ſich hinter ihr, geſtützt auf die hohe Rücklehne des Moeuble, aufſtellte. Ich glaube, Euer Majeſtät werden mir die Gnade erzeigen, mir zuzuhören, ſagte General von Fink mit einem feinen Lächeln, indem er einige Schriften her⸗ vorzog und damit in die Fenſterniſche, unfern von dem Sitz der Königin, trat. Zuerſt iſt hier die Erzählung eines ziemlich drolli⸗ gen Ereigniſſes, fuhr er dann fort, das, wie der König meint, für Euer Majeſtät von einigem Intereſſe ſein möchte, weil es Ihre tapferen Bundesgenoſſen, die Fran⸗ zoſen, betrifft. Euer Majeſtät wiſſen, der Prinz von Soubiſe iſt ein tapferer General. Die Frau Marquiſe voon Pompadour ſagt es, alſo muß es wahr ſein. Vor —— — 143— acht Tagen gedachte der tapfere Fürſt ſich von ſeinen Heldenthaten ein wenig auszuruhen, und auch einem guten Theil ſeines Heeres die Gelegenheit dazu gönnen. Der tapfere Fürſt begab ſich alſo mit ſeinem ganzen Feldherrnſtab und achttauſend Mann Soldaten in das reizende und anmuthige Städtchen Gotha, um dort dem kunſtſinnigen und hochherzigen Fürſtenpaar einen Beſuch abzuſtatten.— Der Herr Herzog und ſeine Gemahlin empfingen den franzöſiſchen Fürſten und ſeinen Stab mit großen Ehren. Große Cour ward angeſagt, und gewaltige Zubereitungen wurden auf dem Schloſſe gemacht zu einem glänzenden Diner, mit welchem man den erhaben Fürſten empfangen wollte, welcher zum Glück nicht bloß Lorbeern, ſondern auch gute Speiſen liebt. Das Diner ward bereitet, die Tafeln waren gedeckt, die franzöſiſchen Feldherren hat⸗ ten ihre Toiletten vollendet, und Prinz Soubiſe wollte eben der Frau Herzogin die Hand reichen, um ſie zur Tafel zu führen, als man von der Straße herauf den lauten Schreckensruf vernahm:„Die Preußen ſind vor den Thoren!“— Der Herr Fürſt von Soubiſe ließ die Hand der Fürſtin los, aber vor dem Erblaſſen ſchützte ihn die ſchöne Pariſer Schminke, welche ſeine Wangen bedeckte. Die Thüren zum Speiſeſaal wurden geöffnet, man ſah da die glänzende Tafel, die rauchen⸗ den Schüſſeln, die blinkenden Schenktiſche, aber— die Feldherren und Generale des Prinzen von Soubiſe ſtürmten herein und beſtätigten das Gerücht, die Preu⸗ ßen rückten ſoeben in die Stadt ein.— Und das Ge⸗ rücht log nicht, General von Seidlitz war da und mit ihm fünfzehnhundert tapfere Reiter. Die Franzoſen ſind bekannt wegen ihrer Höflichkeit, und ſie bewähr⸗ ten ſie auch bei dieſer Gelegenheit!— Der Fürſt von — 144— Soubiſe mit ſeinen achttauſend Mann machte unauf⸗ gefordert dem General von Seidlitz und ſeinen funf⸗ zehnhundert Reitern Platz, und ſo eilig verließ er mit ſeinen Schaaren Gotha und das herzogliche Schloß, daß die Schüſſeln noch nicht erkaltet waren, als Seidlitz ſchon mit ſeinen Officieren an der herzoglichen Tafel Platz nahm und mit gutem Behagen die ſchönen Spei⸗ ſen eſſen konnte, die für die franzöſiſchen Herren be⸗ reitet waren.— Auch viele Gefangene und reichliche Beute machte nach Tiſche der preußiſche General. Nicht, als ob der franzöſiſche Feldherr Soldaten zurück⸗ gelaſſen; ſeine Soldaten waren alle mit ihm gelaufen, aber es war da noch ein anderes kleines Heer, welches das franzöſiſche Heer zu begleiten pflegt. Es waren die Lakaien, die Kammerdiener, Köche, Friſeure, die Tänzerinnen, die Schauſpielerinnen und Feld⸗Pater, welche alle nicht ſo raſch hatten laufen können, als die franzöſiſchen Soldaten. Die Beute beſtand in den Equipagen des Fürſten und der übrigen Feldherren, und dieſe Equipagen enthielten viele Kiſten und Kaſten mit herrlichem Inhalt. Da waren ganze Kiſten voll von wohlriechenden Waſſern und Duftſalben, ganze Koffer voll Pudermänteln, Haarbeuteln, Schlafröcken und Sonnenſchirmen. Auch mehrere ſehr gelehrte und po⸗ litiſche Papageyen erbeutete man, welche zu rufen ver⸗ ſtanden:„Vive les Français! X bas les Prussiens!“ — Der gutmüthige Seidlitz wollte das tapfere fran⸗ zöſiſche Heer aber nicht ſeiner nothwendigſten Bedürſniſſe berauben, er ſandte daher die Köche, Kammerdiener, Friſeure und Lakaien, ſo wie die Tänzerinnen, Schau⸗ ſpielerinnen und Prieſterinnen dem Prinzen Soubiſe zurück, und zwar ohne Löſegeld. Die Pommaden, Duft⸗ ſalben und wohlriechenden Waſſer aber gab er ſeinen — 145— Soldaten.*) Sie ſollten ſich auch einmal mit Wohl⸗ gerüchen umgeben, da ſie bei den Franzoſen ſchon lange in üblem Geruch geſtanden. Ah, Sie werden humoriſtiſch, ſagte die Königin, nachläſſig mit ihrem Fächer ſpielend. Das macht, Euer Majeſtät, ich ahnte nicht, daß Sie die Gnade hatten mir zuzuhören, ſagte der Ge⸗ neral mit einem feinen Lächeln. Die Königin erwiederte nichts; ſie ließ ihren gro⸗ ßen Fächer ein Rad ſchlagen und verbarg dahinter ihr Angeſicht. Der General fuhr fort: Der Fürſt Soubiſe fand indeß bei reiflicher Ueberlegung, daß er am Ende doch zu höflich geweſen. den Preußen die Plätze an der herzoglichen Tafel zu überlaſſen, er beſchloß ſeine Pom⸗ made, ſeine Pudermäntel und Schlafröcke den Preußen wieder abzunehmen und ſie aus Gotha wieder zu ver⸗ treiben. Der Reichs⸗ Feldmarſchall Prinz von Hild⸗ burghauſen vereinigte ſich mit ihm, und aus bei⸗ den Heeren wählte man nun die Kerntruppen aus, um die Preußen zu vertreiben, von denen man erfah⸗ ren, daß ſie nur zwei Regimenter ſtark in Gotha ſtänden. So zog man denn gegen Gotha vertrauens⸗ voll und ſiegesmuthig, aber zu ihrem Schrecken fanden ſie vor der Stadt nicht zwei preußiſche Regimenter, ſondern, wie es ſchien, die ganze preußiſche Armee in Schlachtlinie aufgeſtellt, und zwar in ſo großer Zahl, daß ihre Truppen eine halbe Meile weit das hügelichte Terrain bedeckten. Das kam den franzöſiſchen und deutſchen Feldherren ſo unerwartet und überraſchend, daß ſie beſchloſſen ſich lieber erſt von ihrem Schrecken Sei tt.ths v. Archenhotz. Geſchichte des ſiebenſährigen Krieges. Th. I. ei Machag, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 10 3 — 146— zu erholen, und die große preußiſche Armee nicht an⸗ zugreifen. Sie zogen alſo ab und überließen den Preußen das Feld. Wären ſie nicht abermals ſo ſchnell von dannen gezogen, ſo würden ſie geſehen ha⸗ ben, daß dieſe ganze preußiſche Armee wirklich nur aus funfzehn Bataillonen beſtand, die, Dank der Kriegs⸗ liſt des Generals von Seidlitz, einen impoſanten An⸗ blick darboten. Er hatte in langer Schlachtlinie ſeine Huſaren aufgeſtellt, dahinter die Meinecke⸗Dragoner in zweiter Reihe, und— eine halbe Meile dahinter bei einem Defilé die Dragoner von Czetrritz.*)— Den leeren Raum, der dazwiſchen lag, den konnten die Fran⸗ zoſen wegen der langen Schlachtlinie der Huſaren nicht bemerken, und ſo ſiegte Seidlitz ohne Schwertſchlag nicht durch diejenigen, welche da waren, ſondern durch diejenigen, welche nicht da waren. Es iſt genug, ſagte die Königin aufſtehend. Ich bin es müde Ihre witzigen Schlachtberichte, welche keine Schlachten betrafen, länger anzuhören. Mag der König von Preußen jetzt immerhin einen kurzen Mo⸗ ment triumphiren, und mit leichten Scherzen ſich über ſeine Niederlagen tröſten, die Stunde ſeines Unterganges hat geſchlagen, und Gott, welcher gerecht iſt und die Uebermüthigen zu Boden ſchleudert, Gott wird auch ihn ſtrafen, und der gerechten Sache den Sieg verlei⸗ hen. Die Schlacht bei Collin war für Friedrich den Zweiten das erſte Drohen des göttlichen Zorns, jetzt wird der Arm Gottes ſich immer mächtiger wider ihn erheben, und der Sturmwind wird die alten Lorbeern des Königs von Preußen zu Staub zermalmen. Ich weiß, daß das die Anſichten Euer Majeſtät ſind, und mein König weiß es auch, ſagte General von ²) Preuß, Friedr. d. Gr. Th. II. S. 85. — 147— Fink lächelnd. Ungefähr ſo ſteht es geſchrieben in den Briefen, welche Euer Majeſtät die Gnade gehabt höchſt eigenhändig an den öſterreichiſchen General Nadasdy zu ſchreiben. Die Königin zuckte zuſammen vor Schrecken, und eine tiefe Röthe übergoß ihr Angeſicht. Selbſt Pater Guarini, welcher bis dahin mit vollkommen gleich⸗ gültiger Miene dageſtanden, verrieth jetzt in ſeinen zuckenden Lippen, ſeinen erwartungsvollen, durchboh⸗ renden Blicken, daß die Scene ihn zu intereſſiren an⸗ gefangen. Was wiſſen Sie von meinen Briefen an Nadasdy? fragte die Königin athemlos. Wer ſagt Ihnen, daß ich ihm geſchrieben? 4 Gnädigſte Königin, Ihre eigene Handſchrift ſagt es, erwiederte der General. Der König, mein hoher Herr, erfuhr in Bernſtadt, daß General Nadasdy bei Oſtritz ſei, und ſchickte General von Werner auf ihn aus. Nadasdy entfloh, aber ſein Gepäck ward erbeutet, und darunter befanden ſich dieſe Originalbriefe Ihrer Ma⸗ jeſtät. Er deutete auf einige Papiere hin, die er in der Hand hielt, und zeigte die Handſchrift der Königin entgegen, um dieſelbe von der Aechtheit derſelben zu überzeugen.. Marie Joſephine wollte mit einem raſchen Griff ihm die Papiere entreißen, aber der General zog ſie zurück. Verzeihung, gnädige Frau, ſagte er, aber die Rück⸗ gabe dieſer Papiere knüpft ſich an eine Bedingung, die ich auf ausdrücklichen Befehl meines Königs Euer Mafjeſtät vortragen muß.— Sprechen Sie, ſagte die Königin muthlos. Seine Mgjeſtät der König von Preußen wünſcht, 10* — 148— daß die Churfürſtin von Sachſen die Gnade haben möchte, mir zu geſtatten, daß ich ihr eine Stelle aus einem dieſer Briefe, eine Stelle, welche der König ſel⸗ ber ausgeſucht, vorleſen dürfte. Und Sie werden mir dann alle meine Briefe wie⸗ dergeben? Alle, Majeſtät! So leſen Sie! ſagte die Königin, wieder auf dem Divan Platz nehmend, und dem Pater einen Wink gebend, ſeinen früheren Platz wieder einzunehmen. General von Fink trat wieder in die Fenſterniſche zurück, aber bevor er zu leſen begann, ſchaute er einige Minuten zum Fenſter hinaus. Vielleicht ging da Je⸗ mand vorüber, den er kannte, denn er nickte zweimal lebhaft mit dem Kopf und hob den Arm empor, als ob er Jemand winke. Dann, nach dieſem kleinen Intermezzo, dem die Königin und ihr Beichtvater in ſtaunender Erwartung zugeſehen, wandte der General ſich wieder den Briefen zu, und einen derſelben auseinanderfaltend begann er zu leſen. Es war eine ebenſo leidenſchaftliche als beredte Aufforderung der Königin Marie Joſephine an den öſterreichiſchen General, den verhaßten Feind mit aller Stärke und Energie anzugreifen, und mit Auf⸗ bietung aller Kräfte und aller Mittel ihn zu zer⸗ ſchmettern. 3 „Wenn wir energiſch handeln,“ las jetzt der Ge⸗ neral mit erhöhter Stimme,„wenn wir, ein großes und erhabenes Ziel vor Augen, dies mit ſtetigem Eifer und nie raſtender Energie verfolgen, ſo werden wir dieſen böſen Feind zerſchmettern, der nicht bloß unſer Feind, ſondern der Feind Gottes und der heili⸗ — 149— gen Kirche iſt. Bei Collin hat ihn Gott gezeichnet, und nie wird er ſich wieder von ſeinem Fall erheben, uie wird Preußen wieder ſiegen, und nie wird Preu⸗ ßens übermüthiger Beherrſcher wieder ein Tedeum zu ſingen haben.“ In dieſem Moment begannen die Glocken der na⸗ hen Kirche mit vollem feierlichem Geläut einzuſetzen, und von den dicht hinter der Kirche belegenen Wällen vernahm man den Donner der Kanonen. Die Königin fuhr entſetzt von ihrem Sitz empor und ſtürzte zum Fenſter hin. Was bedeutet das? fragte ſie athemlos. Warum läuten die Glocken? Was ſollen dieſe Schüſſe? Was— Der erneuerte Donner der Kanonen, der jetzt nicht bloß auf den Wällen hinter der katholiſchen Kirche, ſeriber auch hinter dem Schloſſe ertönte, erſtickte ihre orte. Marie Joſephine ſtieß das Fenſter auf, um zu ſehen, was ſich da unten begeben möchte, und jetzt hörte man in einem vollen harmoniſchen Strom das Geläute der Glocken von allen Kirchthürmen nah und fern, in welches dann und wann die Kanonenſchläge jubelnd hineinbrüllten. Und jetzt erhob ſich dicht unter den Fenſtern der Königin ein feierlicher Geſang, und von unſichtbaren Geiſterfittigen emporgetragen, ertönte es vor den Ohren der Königin: Te Deum laudamus! Das Auge der Königin glühte. Wem gilt das Tedeum? fragte ſie athemlos. Es gilt meinem Herrn, ſagte der General feierlich, es gilt dem König von Preußen, dem ſiegreichen Hel⸗ den, welcher geſtern bei Roßbach mit ſeinen zwei und wwanzigtauſend Mann ſechzigtauſend Franzoſen geſchla⸗ — 150— gen und in die Flucht gejagt, und über ſeine mächtigen Feinde einen glorreichen Sieg erfochten hat! Marie Joſephine ſtieß einen Schrei aus, und vom Fenſter zurücktaumelnd, ſank ſie ohnmächtig zu⸗ ſammen. 5 8 Durch die offenen Fenſter hörte man immer noch das Glockengeläute, den Kanonendonner und dazwiſchen die ſchmetternden und jubelnden Stimmen, welche den herrlichen und glorreichen Sieg des wiedererſtandenen Helden preiſend, zu ſeiner und zu Gottes Ehre das Tedeum ſangen. XI. Eine Lagerſcene. Es war ein kalter Wintertag, und in dem Lager der Preußen, welches ſie hinter Neumark aufgeſchlagen, war man bemüht, überall Feuer anzuzünden, um an demſelben die erkalteten Glieder zu wärmen. Laßt uns Holz, immer neues Holz herbeiſchleppen, ſagte ein fröhlich blickender, ſchlanker junger Soldat zu ſeinen Kameraden. Heut dürfen unſere Glieder nicht ſteif werden, denn ich denke, morgen wird's wacker losgehen, und wir werden den Oeſterreichern da drü⸗ ben eine ſtarke Suppe einbrocken. Und ſtatt der Klöße drin ſchicken wir ihnen Kano⸗ nenkugeln, ſagte der neben ihm ſtehende Kamerad. 4 — 151— Aber hört mal, Brüder, da's heut Abend noch nicht losgeht, ſo mein' ich, ſollten wir die Zeit benutzen und uns einmal ſelber eine Suppe kochen. Wenn wir ge⸗ nug Holz zu einem Feuer haben, ſo ſetzen wir den Keſſel drüber, und haſt Du nicht geſehen, iſt der Spaß fertig. Wollen wir's thun, Kameraden? Mann für Mann einen Groſchen, und der Karl Heinrich Buſch⸗ mann ſoll die Klöße kochen. Ja, der Buſchmann ſoll die Klöße kochen! Keiner verſteht's ſo gut, als er. Karl Heinrich Buſchmann! Wo ſteckt der Kerl! Pflegt doch ſonſt immer hinter dem Fritz Kober zu ſtecken, und mit ihm zu plaudern, als wären ſie zwei Liebesleut!! Buſchmann! Karl Heinrich Buſchmann! Wo ſteckſt Du denn? Hier bin ich! rief eine heitere jugendfriſche Stimme, und ein ſchlanker junger Soldat vom Regiment Prinz Heinrich trat zu den Anderen. Was ruft Ihr mich, und was wollt Ihr von mir? 8 Du ſollſt uns Klöße kochen, Buſchmann. Jeder Mann zahlt einen Groſchen und frißt dafür nach Her⸗ zensluſt. Du ſollſt's umſonſt haben, weil Du die Ar⸗ beit haſt. Ich will nichts umſonſt haben, Kameraden, ſagte Karl Heinrich ſtolz. Kann ſo gut bezahlen, wie Ihr Uebrigen, und habe vielleicht mehr Geld wie Ihr Alle. Denn während Ihr zecht und ſpielt und Taback raucht, ſtecke ich meine Groſchen bei Seite und denke, daß ich was hab', wenn ſchlimme Zeiten kommen. Ja, das iſt wahr, der Buſchmann iſt der ordent⸗ lichſte und fleißigſte Soldat von uns Allen, ſagte Fritz Kober, ſeinem jungen Freunde herzlich zunickend. Er trinkt nicht, er raucht nicht und ſpielt nicht, und nähen kann er Euch, wie'ne Jungfer, ſage ich Euch. Hat mir heute Morgen ein Hemde geflickt, wo letzthin bei Roßbach die Kugel durchgegangen war, die meinen linken Arm durchlöcherte, ich ſage Euch, das Hemd ſieht aus, als wenn es eine gelehrte Frauensperſon geflickt hätte. Na, Dir iſt's wohl leid, daß er keine iſt, ſagte einer von den Soldaten mit fröhlichem Lachen. Haſt Du nicht vielleicht eine Schweſter daheim, die Du dem Kober geben könnteſt, Buſchmann? Nein, Kameraden, ſagte Karl Heinrich faſt traurig, habe nicht Vater, nicht Mutter, nicht Schweſter oder Bruder. Ich bin ganz allein auf der Welt, und habe auch keinen anderen Freund als meinen Kameraden hier, den Fritz Kober. Wollt Ihr mir den nicht gön⸗ nen, Brüder? Wollt Ihr ihn immer necken, weil er der Freund iſt eines armen jungen Burſchen, gegen welchen Ihr doch nichts weiter auszuſetzen habt, als daß, weil er erſt ſiebenzehn Jahr alt iſt, ihm noch kein Bart gewachſen iſt, und ſeine Stimme noch ein wenig dünn iſt, und nicht ſo lärmen kann, wie die Euere? Sprecht, wollt Ihr mir den Fritz nicht mehr necken, weil er gut zu mir iſt, und für'nen armen verlaſſenen Burſchen ein bischen Liebe hat? Wenn Ihr ihn neckt, ſo macht Ihr ihn zuletzt noch desperat und er läuft mir davon, und wenn ich dann falle in der Schlacht, drückt er mir nicht, wie er's mir verſprochen hat, die Augen zu. Ich lauf Dir nun und nimmermehr davon, Bru⸗ derherz, ſagte Fritz Kober herzlich. Wir Zwei bleiben beiſammen im Lager und in der Schlacht. Du haſt mir's angethan mit Deinen ſchwarzen Augen, die juſt ſo ausſchauen, wie die Augen von meinem guten treuen Phylax. Und wir wollen den Fritz Kober auch nicht mehr necken, ſagte einer von den Kameraden. Aber nun — 153— laßt's genug ſein mit dem Plappern und laßt uns Holz holen zum Feuer! Holz, Holz laßt uns holen! brüllten ſie fröhlich durcheinander und nach allen Seiten hin zerſtreute ſich die fröhliche Schaar. Karl Heinrich Buſchmann nur blieb allein auf dem Platz ſtehen, wo das Feuer ſollte bereitet werden. Mit geſchäftiger Eile nahm er den Keſſel, den die Soldaten ſchon herbeigeſchleppt, ſprang dann zur nahen Marke⸗ tenderin und kaufte für einige Groſchen Speck, um die Klöße recht ſchmackhaft zu machen, und eilte fro⸗ hen Muthes mit ſeiner Beute wieder zur Feuerſtelle hin, um den Speck zu ſchneiden und die Klöße anzu⸗ rühren. Aber einige der ausgeſchickten Soldaten kehrten trau⸗ rig zurück. Nirgends war mehr Holz aufzutreiben, die Soldaten, welche vor ihnen gekommen, hatten ſchon Alles fortgeſchleppt. Es wäre niederträchtig, wenn wir heute Abend keine Klöße mehr eſſen könnten, ſagte Fritz Kober ingrimmig. Wer weiß ob es nicht die letzten Klöße ſein werden, die wir im Leben eſſen könnten, und ob uns morgen nicht in der Schlacht die Kugeln die Köpfe abreißen, ſo daß wir im Leben nicht mehr von Karl Heinrich's Klößen eſſen können. Drum ſage ich, was Du heute thun kannſt, ver⸗ ſchiebe nicht bis morgen, ſchrie einer der Soldaten. Wir wollen heute Klöße eſſen, und Holz müſſen wir haben, und ſollten wir's aus des Teufels Küche ſtehlen! und wie er ſich wüthend jetzt umſchaute, fiel ſein Auge auf die kleine Bauernhütte da drüben auf der andern Seite des Lagerplatzes. Jungens, rief er fröhlich, ſeht Ihr die Hütte dort? — 154— Natürlich! Der König hat ſein Quartier darin. Mag er's. Aber die alte Schäferhütte iſt mit Holz gedeckt, und das braucht der König nicht. Kommt, Pageng kommt, jetzt haben wir Holz zum Klöße⸗ ochen.— Mit einem fröhlichen Hurrah ſtürmten ſie von dannen, gerade zu der alten, verlaſſenen Schäferhütte hine in welcher der König ſein Quartier genommen atte. Hurtig wie die Katzen kletterten ſie die niedrige Hütte hinan, und jetzt krachten und dröhnten die Bret⸗ ter, jetzt flogen die Balken wie leichte Splitter empor, und wurden von den untenſtehenden Soldaten mit Jauchzen aufgenommen. Aber plötzlich trat der wachthabende Gardeofficier aus der Hütte hervor, und mit Entſetzen die Verwü⸗ ſtung gewahrend, welche die Soldaten ſchon angerichtet, befahl er ihnen ſofort wieder die Bretter in Ordnung zu legen und ſich ſacht zu entfernen. Die Soldaten lachten dazu und fuhren ruhig in ihrer Arbeit fort. Wir wollen Klöße eſſen, ſagten ſie, ordentliche Klöße von Mehl und Speck, damit wir Courage haben, morgen die Klöße von Eiſen herunter⸗ zuſchlucken. 8— Zum Klößekochen gebrauchen wir Holz, und da ir's hier finden, ſo nehmen wir es! Was, ſchrie der Lieutenant, ich verbiete es Euch, und Ihr wollt nicht gehorchen?— Wache vor! Die vier Gardiſten, welche bis dahin ſtill und theil⸗ nahmlos vor der Hütte auf⸗ und abgegangen waren, ſtellten ſich jetzt mit geſchultertem Gewehr vor der Thür auf. 3 Auf den Erſten, welcher es wagt noch ein Stück — — 155— Holz abzubrechen, gebt Ihr Feuer, ſagte der Officier gebieteriſch. Aber die übermüthigen Soldaten achteten nicht auf dieſen Befehl, den ſie für eine leere Drohung er⸗ achteten. Feuer, rief der Eine lachend, Feuer iſt es ja eben, was wir wollen. Ohne Feuer keine Klöße, und um Feuer machen zu können, müſſen wir Holz haben. Hui, da iſt mir ein großer Splitter in den Finger gefahren, ſchrie ein anderer Soldat, der oben auf einer der Dachſparren ritt, und eben einen der morſchen dün⸗ nen Balken abgebrochen hatte. Den Splitter muß ich doch aus der Hand ziehen und fortſchmeißen. Nicht wahr, Lieutenant? Und bei dieſer Frage brach der muntere Chor in ein brüllendes Lachen aus, das aber bald von den zornigen Scheltworten des Officiers unterbrochen ward. Plötzlich fragte eine ſanfte und weiche Stimme: Was bedeutet denn dieſer Lärm?— Bei dem erſten. Klang dieſer Stimme zuckten die Soldaten zuſammen, wie vom Blitz getroffen; ſie hielten inne in ihrer Ar⸗ beit, und ihre lachenden Geſichter nahmen einen ernſten und ängſtlichen Ausdruck an. Steif und unbeweglich blieben ſie da oben auf den Dachſparren ſitzen, mit hochklopfenden Herzen ihrer Strafe entgegenharrend. — Sie kannten dieſe Stimme nur zu gut, ſie hatten ſie oft ſchon im Donner der Schlacht und unter dem Schmettern der Muſik, welche zum Angriff blies, ver⸗ nommen. Sie wußten, daß es der König war, welcher da eben vor die Hüttenthür getreten war. Als der König jetzt ſeine Frage wiederholte, näherte ſich ihm der Officier. Majeſtät, ſagte er, es ſind die Dragoner; ſie brechen überall Holz von Euer Majeſtät Quartier ab. Alle — 156— Vorſtellungen ſind fruchtlos; ich habe daher die Wache heraustreten laſſen. Nun, fragte der König, was ſoll die Wache? Darunter ſchießen, wenn die Kerls ſich nicht mit Güte zurückhalten laſſen, Majeſtät. Hat Er's mit der Güte ſchon ſo recht verſucht? fragte der König ſtrenge. Und meint Er denn, daß ich am Tage vor einer Schlacht ſo viel Dragoner übrig habe, um ſie wegen einiger Stücken Holz todtſchießen zu laſſen? Der Officier murmelte einige verlegene, unverſtänd⸗ liche Worte, aber der König beachtete ſie nicht. Er wandte ſein Haupt empor zu den Soldaten, welche ſteif und regungslos auf den Dachſparren ritten. Hört einmal, Dragoner, ſagte der König, wenn Ihr ſo fortfahrt, fällt mir der Schnee heut Nacht in's Bett, und das werdet Ihr doch nicht wollen? Nein, das wollen wir nicht, Herr König, ſagte Fritz Kober beſchämt, indem er ſich leiſe und geräuſch⸗ los von dem niedrigen Dach auf die Erde herunter⸗ gleiten ließ. Die Anderen folgten ſeinem Beiſpiel, und ſchickten ſich jetzt an, mit einem wehmuthsvollen Blick auf das umherliegende Holz von dannen zu ſchleichen. 5 Der König blickte ihnen ſinnend nach und murmelte leiſe: arme Kerls! Habe ſie wohl um ein Vergnügen gebracht! He, Dragoner, rief er dann laut, hört doch einmal! Die Soldaten kehrten angſtvoll und zitternd zurück. Nun ſagt einmal, fragte der König, wozu wollt Ihr das Holz denn ſo nothwendig gebrauchen? Zum Klößekochen, Herr König, ſagte Fritz Kober. Der Heinrich Buſchmann hat verſprochen uns Klöße — 157— zu kochen, und der Speck iſt ſchon geſchnitten, aber wir haben kein Holz. Nun, wenn der Speck ſchon geſchnitten iſt, ſagte der König lächelnd, und wenn's Heinrich Buſchmann verſprochen hat, ſo muß er freilich auch Wort halten, denn ſonſt kommt er in die Hölle. Alſo nehmt nur das Holz, was Ihr ſchon abgebrochen habt, und dann macht, daß Ihr fortkommt. Hurrah, es lebe unſer König, es lebe unſer guter Fritz! riefen die Soldaten, indem ſie jubelnd mit ihrem zuſammengerafften Holz von dannen eilten. Der König trat lächelnd in die Hütte und in das niedrige, kleine Stübchen zurück. Aber einmal dort wieder allein, verſchwand das Lächeln aus ſeinen Zü⸗ gen, und ſie nahmen wieder einen trüben und ſorgen⸗ vollen Ausdruck an. Was er keinem ſeiner Freunde und Vertrauten zugeben wollte, das geſtand er ſich ſel⸗ ber: es war ein gewagtes und gefährliches Unterneh⸗ men, welches er beabſichtigte, und groß war die Kühn⸗ heit, mit ſeinem Heer von zweiunddreißigtauſend Mann dem Heer der Oeſterreicher von ſiebenzigtauſend Mann gegenüber zu treten.. Und wenn es nun mißlänge, ſagte der König ge⸗ dankenvoll, wenn ich dieſe tapferen und unverzagten Schaaren nur in den Tod jagte, ohne dem Vaterlande zu nützen, wenn ſie eines ruhmloſen Todes ſterben müßten, und wir ſtatt zu ſiegen beſiegt würden! Oh, das Glück der Schlachten liegt in des Zufalls Händen, und die weiſeſten Dispoſitionen, die ſcharfſinnigſten Be⸗ rechnungen können von einem nichtsnutzigen Ungefähr zu Schanden gemacht werden. Darf ich denn mein Heer dieſem Spiel des Zufalls ausſetzen? Darf ich das Leben ſo Vieler in die Schanze ſchlagen, um vielleicht nur meiner Ehrbegierde, meinem Stolz Genüge zu thun? — 158— — Es wäre weiſer, ſagen meine Generale, nicht an⸗ zugreifen, ſondern den Angriff abzuwarten! Oh, Win⸗ terfeldt, Winterfeldt, wärſt Du noch bei mir; Du würdeſt nicht ſo ſprechen, Du nicht! Warum hat das Schickſal Dich von mir genommen, mein Freund? Warum haſt Du mich allein gelaſſen inmitten meiner Feinde? Ach, ich weiß es wohl, ich werde Mittel fin⸗ den wider die Menge meiner Feinde, aber ich werde keinen Winterfeldt wiederbekommen!*) Der König ſenkte traurig ſein Haupt auf ſeine Bruſt und zwei große Thränen rannen über ſeine Wangen nieder. Wie das Leben einſam macht und freudenlos, ſagte er. Wie reich war ich einſt, und wie arm bin ich jetzt! Und wer weiß, wie arm ich morgen um dieſe Stunde erſt ſein werde! Wer weiß, ob ich dann noch eine Stelle haben werde, wo ich mein Haupt hinlegen kann, um auszuruhen von mei⸗ nen Sorgen, ob ich nicht ein flüchtiger, verfolgter Kö⸗ nig ohne Land bin! Wahrlich, ich habe das Schickſal des Mithridates! Es fehlt mir dazu weiter nichts als *) Des Königs eigene Worte. S. v. Retzow Th. 1. S. 220. — Winterfeldt war in einem Gefecht bei Görlitz von den Kugeln der Oeſterreicher durchbohrt gefallen. Wie v. Retzow behauptet. ward ſein Tod dadurch veranlaßt, daß der Herzog von Bevern Win⸗ terfeldt nicht rechtzeitig die erbetene und dringend begehrte Unter⸗ ſtützung ſandte, und Winterfeldt, wüthend darüber, ſich ganz ver⸗ zweiflungsvoll in den Feind ſtürzte. Der Herzog von Bevern haßte Winterfeldt ſeit jenem Tage, wo der Prinz von Preußen das Lager verlaſſen mußte, und der König allen Generalen,„Winterfeldt aus⸗ genommen“ drohte, den Kopf vor die Füße legen zu laſſen. Die⸗ ſer Haß des Herzogs hatte noch mehr Nahrung dadurch bekommen, weil der Herzog erfahren, daß Winterfeldt angewieſen ſei, dieſelbe Rolle eines Aufpaſſers zu ſpielen, die er ſonſt bei dem Prinzen von Preußen gehabt. Deshalb, ſo ſagt man, ließ der Herzog den Ge⸗ neral im Stich und ſandte ihm keine rechtzeitige Hülfe.(v. Retzow. S. 217.) 3 — 159— zwei Söhne und eine Monima.*)— Nun, fuhr der König mit einem ſanften Lächeln fort, das iſt immer doch noch Etwas, denn wer allein ſteht, hat wenigſtens den Vorzug, daß ſein Unglück ihn nur allein trifft! Aber ſtehe ich denn allein? Iſt da nicht ein ganzes Volk, welches auf mich ſchaut, und das von mir er⸗ wartet, daß ich meine Schuldigkeit thue? Sind da nicht meine braven Soldaten, welche mich ihren Vater nennen, und frohen Muthes dem Tod in’s Angeſicht ſchauen, und ihr Leben für mich in die Schanze ſchla⸗ gen? Nein, ich bin nicht allein, und wenn Mithridates zwei Söhne hatte, ſo habe ich deren zweiunddreißig⸗ tauſend.— Ich will hingehen, ihnen guten Abend zu ſagen, und ich denke, es wird mein trauriges Herz erquicken, wenn ich ihre fröhlichen Grüße vernehme. So ſprechend warf der König ſeinen Mantel um und verließ ſein Quartier, um, wie er das oft zu thun pflegte, einen Gang durch das Lager zu machen. Nie⸗ mand folgte ihm, als der wachthabende Officier, der ſeinem ſtummen Winke gehorchend, in einiger Entfer⸗ nung hinter ihm herging. Draußen begann es zu dämmern, und überall hatte man jetzt Feuer angezündet, welche die Nacht zugleich erhellen und ein wenig Schutz gegen die ſchnei⸗ dende Winterkälte gewähren ſollten. Es war ein ma⸗ leriſcher Anblick, dieſe weite Ebene zu ſehen mit den unzähligen luſtigflackernden Feuern, und um dieſelben gelagert die fröhlichen Schaaren der Soldaten, deren friſche und unverzagte Geſichter von den Flammen mit rothen Gluthen überhaucht wurden, während fern am Horizont eben der Mond voll und groß emporſtieg, *) Des Königs eigene Worte. Correspondauce avec le Mar- quis d'Argens. p. 46 und mit ſeinem bleichen, ſilbernen Licht die ganze Ge⸗ gend mit einem blaſſen Schimmer überhauchte und die Gluthen der Feuer dämpfte. Der König ging mit rüſtigem Schritt durch die Lagerſtraßen dahin, und überall, wo ſie ihn erkannten, jauchzten die Soldaten ihm entgegen und grüßten ihn mit herzlichen Liebesworten. Wie er ſich eben einem großen Feuer nahte, über welchem ein großer dampfender Keſſel hing, und die Luft mit ſeltſam appetitlichen Düften erfüllte, hörte er eine muntere Stimme rufen: Jetzt, Kameraden, jetzt ſcheert Euch her und eßt! Die Klöße ſind fertig! Hurrah! Da ſind wir! riefen die Burſche, welche unweit davon in munterem Geplauder geſtanden, und ſie ſtürzten zu dem Feuer hin, um ſich zu lagern und ihre erſehnten Klöße zu eſſen. Dceerr König, welcher die Soldaten, die ihm ſein Dach abgedeckt hatten, erkannte, ſchritt lächelnd näher zu dem Feuer hin. Soll ich auch kommen und miteſſen? fragte er freundlich. Die Soldaten ſchauten von ihren zinnernen Tellern, auf denen die Klöße ſchwammen, empor, und nickten dem König freundlich zu. Ja, Herr König, ſagte Fritz Kober aufſpringend und ſich dem König nähernd, ja, Sie ſollen miteſſen. Hier haben Sie meinen Löffel und mein Meſſer, und wenn Sie es nun verſchmähen, und uns nur geneckt haben, ſo werde ich bei meiner Seele bitterböſe. Der König lachte, und ſich nach dem Officier, welcher mit ihm gekommen war, umwendend, ſagte er, gleichſam entſchuldigend: Ich muß ſchon eſſen, denn 1 ſonſt mache ich den Mann böſe!— Gebe Er mir —— — 161— Seinen Löffel, aber hör' Er, das ſage ich Ihm, wenn die Klöße ſchlecht ſind, ſo werde ich auch bitterböſe! Er nahm den Teller und begann zu eſſen. Die Soldaten aber hatten Alle inne gehalten im Eſſen, und blickten in geſpannter Erwartung auf den eſſenden König hin. Als er den erſten Biſſen hinun⸗ tergeſchluckt hatte, vermochte Fritz Kober ſeine Neugierde nicht mehr zurückzuhalten. Nun, Herr König? fragte er triumphirend. Was ſagen Sie dazu? Kann der Buſchmann nicht ſchönere Küöße kochen, als Ihr geſchickteſter und ſchlaueſter Leibkoch? Wahrhaftig ſagte der König lächelnd, er hat mir noch niemals ſolche Klöße gekocht, und ich muß ſagen, ſie ſchmecken gut. Aber jetzt bin ich ſatt und danke vielmals. Er wollte Fritz Kober den Teller wieder zurückge⸗ ben, aber dieſer ſchüttelte heftig den Kopf. Hören Sie, Majeſtät, ſagte er, mit einem bloßen Dank kommt Nie⸗ mand von uns weg, am allerwenigſten Sie, Herr König. Jeder muß bezahlen!. Gut, ſagte der König, wie viel macht's auf mein Theil? 1 Nun, uns koſtet es Jedem einen Groſchen, aber der König zahlt nach Belieben. Borgt Er mir wohl, Dragoner? fragte der Kö⸗ nüs, der vergeblich in ſeiner Taſche nach Geld geſucht hatte. Oh ja, Majeſtät, rief Fritz Kober lachend, ich will Ihnen borgen, aber nur bis morgen früh. Denn wenn es morgen irgend einer Kanonenkugel einfallen ſollte, ſich meinen Kopf zu holen, ſo kann ich Euer Majeſtät gar nicht mehr mahnen, und Sie müſſen's mir alle Ewigkeit ſchuldig bleiben. Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 11 bis in — 162— So wird es denn beſſer ſein, ich bezahle gleich heute, ſagte der König lächelnd, indem er den Soldaten zunickte und von dannen ging.— XII. Beim Wachtfeuer. Eine Stunde ſpäter kam der Officier, welcher den König begleitet hatte, wieder zu der Feuerſtelle der Dragoner zurück und übergab Fritz Kober fünf blanke Goldſtücke, welche ihm der König zur Bezahlung ſei⸗ ner Zeche ſchickte, indem er ſich dann, ohne den Dank des überraſchten Soldaten abzuwarten, wieder ent⸗ fernte.. Fritz Kober betrachtete lange und ſinnend die Gold⸗ ſtücke, welche im Glanz des flackernden Feuers hell aufleuchteten in ſeiner Hand. Es iſt doch ſehr gut, ſagte er dann zu Karl Hein⸗ rich Buſchmann, welcher neben ihm ſaß, und die Ellen⸗ bogen auf die Knie geſtützt, mit ſinnendem Blick ſeinen Freund betrachtete, ſehr gut iſt es vom König, daß er Wort gehalten und gleich heute bezahlt hat. Und warum iſt es ſo ſehr gut, Fritz? fragte Karl Heinrich Buſchmann. Das will ich Dir ſagen, Karl Heinrich. Weil, wenn ich morgen falle, ich nun doch Etwas in der — 163— Taſche habe, was Du von mir erben kannſt. Denn, das ſage ich Dir, Niemand als Du allein ſoll mein Erbe ſein, und Alles was ich habe ſoll Dir gehören. Donnerwetter, jetzt da ich reich bin, iſt's beſſer, ich mache mein Teſtament auf den Fall, daß es morgen ſchief mit mir geht. Weil ich kein Papier und Feder habe, ſo werde ich's mündlich thun; ſo will ich die Ka⸗ meraden wecken, und ſie ſollen Zeugen ſein, wie ich mein Teſtament mache. Er ſtreckte die Hand aus nach den ſchlummernden Soldaten, welche neben ihm auf der Erde lagen. Karl Heinrich hielt ihn zurück. Laß ſie ſchlafen, Freund, ſagte er bittend. Es iſt nicht nöthig, daß wir ſie zum Zeugen haben. Genug iſt's, wenn Gott und die Sterne und der Mond, welcher da ſo feierlich heraufkommt, es hören, was wir einan⸗ der zu ſagen haben. Und was ſprichſt Du von Teſta⸗ ment und von Erbſchaft, mein Freund? Glaubſt Du denn, daß ich was darnach frage, das elende Gold zu haben, wenn Du nicht mehr bei mir biſt? Denkſt Du denn, daß ich es jemals zu etwas Anderem anwenden könnte, als um Dir einen Grabſtein mit einer goldenen Inſchrift zu ſetzen? Mir einen Grabſtein? fragte Fritz Kober mit er⸗ ſtaunten Blicken. Warum wollteſt Du einem armen, einfältigen und unbekannten Kerl, wie ich es bin, wohl einen Grabſtein ſetzen, Karl Heinrich? Fallen doch ſo viele Generale und Officiere, und die Erde trinkt ihr Blut und ſaugt es auf, und Keiner weiß es, wo ſie geblieben ſind. Und mit goldener Inſchrift, ſagſt Du? Na, neugierig wäre ich doch zu leſen, was auf meinem Grabſtein ſtehen könnte. Das will ich Dir ſagen, Fritz. Es würde auf Deinem Grabſtein ſtehen:„Hier ruht Frit Kober. Der = 164= treueſte Freund, die beſte Seele, das redlichſte Herz. Gut wie ein Kind, tapfer wie ein Held, ohne Falſch wie die Tauben und treu wie der Hund.“ Aber bin ich denn das Alles? fragte Fritz ganz erſtaunt. Ja, Freund, das biſt Du Alles, ſagte Karl Hein⸗ rich mit tiefbewegter Stimme. Haſt Dich gegen mich ſo bewieſen, und nie werde ich es Dir vergeſſen. Ich war ein armer, ſchüchterner Junge, als ich in's Lager kam, wußte von nichts und kannte nichts, und die Ka⸗ meraden, die das merkten, wollten mich aufziehen und mich hänſeln, und allerlei Kurzweil mit mir treiben. Sie verhöhnten mich, weil ich noch keinen Bart habe, ſie ſprachen mir nach, weil meine Stimme noch nicht ganz feſt iſt, und ſie meinten, ich würde ein ganz mi⸗ ſerabler Soldat ſein, weil ich zuweilen beim Exerciren und Ueben ein bischen blaß ward. Wer erbarmte ſich da meiner und nahm den Kameraden gegenüber meine Parthei? Wer ſchalt ſie um ihre Neckereien, und drohte ihnen ſie zu ſchlagen, wenn ſie mich nicht ſtill und ruhig meiner Wege gehen ließen? Wer gab ſich Mühe mit mir und übte mir das Reglement ein, und lehrte mich ein Pferd regieren? Das Alles thateſt Du, Freund, Du allein! Du ſtandeſt mir immer zur Seite, wenn die Anderen mich bedrohten, Du warſt geduldig mit mir wie eine Mutter, welche ihren klei⸗ nen Buben das ABC lehrt, und ihn freundlich anſieht und ihm gut iſt, wenn er's noch ſo dumm macht. Ohne Dich, Fritz Kober, wäre ich zu Grunde gegan⸗ gen, und es wäre nichts rechts aus mir geworden, und wenn ſie jetzt ſagen, daß ich ein tapferer Drago⸗ ner bin, ſo danke ich das Dir allein, weil Du ſo haſt. viel Geduld und ſo viel Freundſchaft für mich gehabt 3 — 165— Nu, ſagte Fritz Kober nachdenklich, es iſt weiter nichts Gutes einem Menſchen gut zu ſein, der's ver⸗ dient, und der ſelber ſo gut und brav iſt, daß man ſich vor ihm ſchämen thut, bloß wenn er Einen an⸗ ſieht. Denn ich will Dir was ſagen, Karl Heinrich, es iſt etwas Mächtiges in Deinen Augen, und mit Deinen Augen haſt Du's mir angethan. Ich denke immer, daß die Engel im Himmel ſolche Augen haben, wie Du, und wenn Du mich ſo ſanft und freundlich anſiehſt, ſo hüpft mir das Herz im Leibe vor Plaiſir, und ſogar geträumt habe ich ſchon von Deinen Augen, und im Schlaf bin ich roth geworden, weil ich träumte, ich hätte ſo'n recht herzhaften Fluch ausgeſtoßen, und da hätteſt Du mich angeſehen, denn ich weiß ſchon, Du kannſt das Fluchen nicht leiden, und auch das Trinken nicht, und nicht mal Tabak magſt Du kauen. Mein Vater war ein armer Schulmeiſter, ſagte Karl Heinrich. Wir lebten ſtill und einſam bei ein⸗ ander, und er konnt's Fluchen auch nicht leiden. Er ſagte immer:„wenn die Menſchen fluchen, ſo thut es Gott in den Ohren weh, als ob er Zahnſchmerzen hätte“, und Gott, ſagte er, hat das Korn nicht wachſen laſſen, damit man Branntwein, ſondern damit man Brod daraus mache. Deshalb trank er keinen Brannt⸗ wein; Bier und Wein konnten wir nicht bezahlen, ſo tranken wir Waſſer und waren recht vergnügt dabei. Er hat auch Recht gehabt, Dein Vater, ſagte Fritz Kober ſinnend, glaub' ſelber, daß das Korn nicht zum Branntweinbrennen da iſt, und mir ſchmeckt es jetzt gar nicht mehr, und ich will mir's ganz abgewöhnen. Weißt Du, Karl Heinrich, wenn wir den Krieg glück⸗ lich überſtehen und gute Beute gemacht haben, ſo wol⸗ len wir uns irgendwo ein Stückchen Acker kaufen, und da bauen wir uns ſelber ein kleines Haus, und — 166— da wohnen wir drin, und beſtellen unſer Land, und bauen unſer Korn, und Abends, wenn die Arbeit zu Ende iſt, da ſetzen wir uns auf die Bank vor der Thür und Du erzählſt mir von Deinen hübſchen Ge⸗ ſchichten, und ſo leben wir zuſammen, bis wir alt ſind, ſteinalt und ſterben. Aber Du haſt Eins vergeſſen, Fritz Kober! Nun, was denn, Karl Heinrich? Du haſt vergeſſen, daß Du Dir auch'ne Frau nehmen und ſie in Dein kleines Haus führen wirſt, und daß, wenn ſie drin iſt, ſie mich ſehr bald raus⸗ bringen wird. Das ſoll ſie ſich mal unterſtehen, ſchrie Fritz Ko⸗ ber mit ſchnell aufflammender Wuth, indem er die geballte Fauſt drohend erhob. Bloß probiren ſoll ſie's mal, Dir die Thür zu weiſen, Karl Heinrich, denn ſo werde ich ſie ſelber rausſchmeißen, und ſie nimmer⸗ mehr wieder reinlaſſen. Aber, fuhr er dann beſänf⸗ tigter fort, es iſt gar nicht nöthig, davon zu reden, denn ich will gar keine Frau nehmen, und es giebt keine, die ich haben möchte. Wir Zwei werden mit⸗ einander leben, und was brauchen wir da noch'ne dritte Perſon? Könnte bloß Zank zwiſchen uns bringen. Karl Heinrich erwiederte nichts. Er ſchaute lä⸗ chelnd in das verglimmende Feuer und ſah dann zu Fritz Kober empor mit einem ſo ſeltſamen, ſo zärtli⸗ chen und ſo frommen Blick, daß dieſem wieder„das Herz würde gehüpft haben vor Plaiſir“, wenn er es geſehen hätte.— Aber er war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, um darauf zu achten. Höre, Karl Heinrich fuhr er fort, wenn's nun aber nichts wird mit unſerem Stück Ackerland und unſerem Häuschen, und wenn morgen in der Schlacht meine 4 — 167— letzte Kugel kommt, und mich abholt— So werde ich den Kopf hinhalten, daß ſie mich mit Dir zu gleicher Zeit trifft, unterbrach ihn Karl Heinrich eifrig. Wenn Du das thuſt, werde ich ſehr böſe auf Dich werden, rief Fritz. Biſt noch viel zu jung, um zu ſterben, und ich werd' mich noch unter der Erde freuen, wenn's Dir auf der Erde gut geht. Und damit Dir's gut geht, mußt Du Geld haben, und darum wollt' ich nur ſagen, daß Du mein Erbe ſein ſollſt, und daß, wenn ich falle, dieſe ſchönen Goldſtücke Dir gehören, und daß ich nicht will, daß Du mir einen Grabſtein ſetzeſt. Kauf' Diren Stück Ackerland, und wenn Dein Korn drauf grünt und blüht, ſo wird dies mein ſchön⸗ ſter Grabſtein ſein. Karl Heinrich reichte ihm ſeine Hand hin und in ſeinen Augen ſtanden große Thränen. Sprich nicht mehr vom Sterben, Fritz, ſagte er weich, mir wird's Herz ſo ſchwer davon, und ich werde morgen in der Schlacht gar keine rechte Courage haben, wenn ich dran denke, was Du heute Alles geſagt haſt. Huh, wie'’s kalt iſt; meine ganze Seele ſchaudert. Weißt Du was, Karl Heinrich? rief Fritz aufſprin⸗ gend. Ich werde noch ein bischen Holz ſuchen, da⸗ mit das Feuer wieder heller brennt; dann wird Dir auch wieder warm werden. Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchlüpfte er von dannen. Karl Heinrich blieb allein beim Feuer ſitzen und ſchaute ſinnend hinein in die Gluthen, und lächelte zuweilen ſo ſeltſam vergnügt und athmete dann wieder ſo bang und beklommen, wie man's thut, wenn ein Geheimniß Einem das Herz bedrückt. Auf einmal ſagte eine Stimme neben ihm: So — 168— habe ich doch richtig das Feuer wiedergefunden! Guten Abend, Kinder! 1. Wie Karl Heinrich emporſchauete, blickte er in das ſchöne und freundliche Angeſicht des Königs, der mit ſeinen großen, flammenden Blicken ihn lächelnd be⸗ trachtete. Guten Abend, Herr König! rief Karl Heinrich auf⸗ ſpringend. Kameraden, wacht auf, der König iſt da. Nicht doch, laſſe Er die Kameraden ſchlafen, ſagte der König ihn ſanft beſchwichtigend. Ich will nur hier mir am Feuer ein wenig zu Gute thun. Es iſt richtig ſo gekommen, wie ich geſagt habe, Ihr Dragoner habt mir mein Quartier abgedeckt und nun pfeift der Wind durch die Bretter hinein, daß das Waſſer in der Stube friert. Da iſt's beſſer hier am Feuer zu ſitzen und ſich zu wärmen. Er wollte ſich eben auf dem ausgebreiteten Stroh niederlaſſen, als eine barſche Stimme hinter ihm rief: Marſch, fort da! Jeder faule Kerl ſtellt ſich an's Feuer, aber Keiner will einen Splitter holen! Es war Fritz Kober, welcher mit etwas Holz, das er mühſam hier und dort aufgerafft hatte, zurückkehrte, und verdrießlich war, da einen freniden Soldaten an ſeinem Platz neben Karl Heinrich zu ſehen. Der König wandte ſich ruhig zu ihm um. Du haſt Recht, mein Sohn, ſagte er, komme her! Ich will Dir Platz machen! Herr mein Gott, es iſt der König, ſtammelte Fritz Kober ganz entſetzt und wollte entfliehen. Der König hielt ihn zurück.. Du bleibſt hier, mein Sohn, ſagte er. Du haſt Holz geholt, und darum auch das nächſte Recht! Ich will mich nur ein wenig wärmen, und ich denke, es wird wohl Platz ſein für uns Alle! — 169— Er ſetzte ſich auf das Stroh und winkte Fritz Ko⸗ ber, neben ihm Platz zu nehmen. Dieſer gehorchte ſchüchtern, während Karl Heinrich Buſchmann ſorgſam bemüht war, das Holz recht künſtlich aufzuſchichten, damit es eine recht ſchöne, helle Flamme gebe. Der König blickte ſchweigend und in tiefe Ge⸗ danken ſich verſenkend, in die flackernden Flammen, welche nun hell aus dem dürren Holz emporſchlugen und ſein Antlitz wie mit einer Glorie umſtrahlten. Ihm zur Seite ſaß Karl Heinrich Buſchmann und Fritz Kober, welche in ehrfurchtsvollem Schweigen den König betrachteten, und rings um das Feuer la⸗ gen die ſchlafenden Dragoner.— Nach einer langen Pauſe hob der König das Haupt wieder empor, und ſchaute wieder auf ſeine Umgebung hin. Nun, Dragoner, ſagte er freundlich, morgen wird es einen heißen Tag geben, und tüchtig wollen wir den Oeſterreichern einheitzen. Wie den Franzoſen bei Roßbach, Majeſtät, ſagte Fritz Kober vergnügt. Es wird luſtig hergehen, und wenn wir mit den Oeſterreichern fertig ſind, ſo mar⸗ ſchiren wir weiter bis nach Konſtantinopel hin. Was will Er in Konſtantinopel machen? fragte der König verwundert. Nichts, Ihro Majeſtät, als nur bloß mit Ihnen dahinmarſchiren, die Türken ſchlagen und viel Geld holen. Das geht ſo geſchwinde nicht, mein Sohn! Waxum nicht, Herr König? Wir haben jetzt den Franzoſen das Leder ausgeklopft, morgen werden wir's den Oeſterreichern thun, und ſo werden wir doch auch wohl zuletzt die Türken ſchlagen können? — 170— Der König lächelte. Aber erſt müſſen wir die Oeſterreicher tüchtig geklopft haben! Bei meiner Seele, das wollen wir, rief Fritz ver⸗ gnügt. Ihro Majeſtät können mir glauben, ich mar⸗ ſchire mit Ihnen bis an's Ende der Welt und mein Freund Buſchmann da auch. Und haben wir nur etwas zu eſſen, zu trinken finden wir allenthalben, ſo mag's hingehen, wo's hinwill! Des Königs Augen leuchteten höher auf. Beim Himmel, ſolche Soldaten in die Schlacht zu führen iſt eine Freude, murmelte er leiſe vor ſich hin, und ſich dann mit einem gütigen Ausdruck an Fritz Kober wendend, fragte er ihn um ſeinen Namen und ſeinen Geburtsort. Kann Er ſchreiben? fuhr er dann in ſeinen Fra⸗ en fort. 3 Nicht ſehr gut, Majeſtät, der Karl Heinrich Buſch⸗ mann hier ſchreibt beſſer als ich. Er iſt ein Gelehrter. Iſt das wahr, Karl Heinrich Buſchmann? fragte der König heiter. Er wird„nein“ ſagen, Herr König, rief Fritz un⸗ geſtüm. Er will immer nicht, daß man ihn lobt, aber was wahr iſt, muß wahr bleiben. Er iſt der tapferſte und der klügſte Soldat in der Armee, und wenn noch Gerechtigkeit in der Welt iſt, ſo muß der Karl Hein⸗ rich noch mal es bis zum Unterofficier bringen! Erſt mußt Du’s werden, Fritz, ſagte Karl Hein⸗ rich gelaſſen. Du haſt's ſchon lange verdient, und wüßte der Herr König nur, was Du bei Roßbach Alles gethan, ſo wär'ſt Du's ſchon. Was hat er denn gethan? fragte der König. Nichts, Majeſtät. Doch, Majeſtät, rief Karl Heinrich eifrig. Er hat drein gehauen, daß die Funken ſprühten, und als die — 171— abſcheulichen Franzoſen, welche, wie uns der Herr Rittmeiſter geſagt hatte, uns unſere Winterquartiere nehmen wollten,— auch noch, wenn Fritzens Säbel über ihnen ſchwirrte, noch immer ſchrieen: Quartier! OQuartier! da ward der Fritz ganz wüthend und hieb ſie Alle zuſammen und rief dabei:„Ja, ja, Ihr Kerls, ich will Euch Quartier geben, aber in der Hölle ſoll's ſein!“*) Ja, denken Sie nur, rief Fritz mit großen Augen, wollten die Kerls uns noch verſpotten, als wir ſie ſchon in die Flucht jagten, und ſprachen, wenn wir Einen faßten, immer ganz ſpöttiſch noch auf ihre fran⸗ zöſiſche Manier von den Quartiers, die ſie uns weg⸗ mauſen wollten. Da mußte ich ſie wohl zuſammen⸗ hauen. Aber Diejenigen, welche um Pardon baten, die hat er nicht zuſammengehauen, Majeſtät, ſagte Karl Heinrich. Die hat er geſchont und bloß gefangen ge⸗ nommen. Ja, neun Gefangne hat der Fritz Kober ganz allein gemacht.**) *) Man hatte den Dragonern, welche größtentheils aus der Mark Brandenburg, geſagt, daß die Franzoſen ſich vorgenommen hätten, in der Mark Brandenburg ihre Winterquartiere zu nehmen. Die Idee eines ſolchen Beſuches war für ſie empörend. Als daher die vor der Reiterei fliehenden Franzoſen„Quartier“ riefen, und dies, um verſtanden zu werden nach deutſcher Mundart ausſprachen, hielten die Preußen das Bittwort um ihr Leben für Geſpött und deuteten es auf die erwähnten Winterquartiere in ihrem Vaterlande. Sie ſchrieen daher bei ihren Schwerdtſtreichen:„Ja, wir wollen Euch Quartier geben!“ Viele verloren durch dies Mißverſtändniß ihr Leben, bis Andere, mit der deutſchen Sprache bekannt und durch die Erwiederung belehrt, endlich daß Wort:„Pardon“ brauch⸗ ten, das denn auch bei den Reitern ſeine Wirkung that. v. Archen⸗ holtz Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 113. **) Nicolai Characterzüge und Aneedoten. Hft. 3. S. 50. — 172— Und Deine Fünfe waren wohl von Stroh, daß Dr gar nichts von ihnen zu ſagen haſt? fragte Fritz eftig. Es waren eben nur ihrer fünf, und Du haſt neun Gefangene gemacht, ſagte Karl Heinrich ernſthaft. „Der König ſchaute mit ſichtbarem Wohlgefallen von Einem zu dem Anderen hin. Mir ſcheint, ſagte er, Ihr ſeid Beide ſehr brave Soldaten, und um ſo bra⸗ ver, weil Ihr Euch Eurer Thaten nicht rühmt. Seid Ihr denn Beide ſo gute Freunde, daß Ihr immer einander etwas Gutes gönnt und wünſcht? Ja, Majeſtät, der Karl Heinrich iſt mein beſter Freund, und wenn Sie mir'nen rechten Liebesdienſt erzeigen wollen, ſo machen Sie ihn zum Unterofficier. Aber er ſagt ja, er will's nicht werden, wenn Du's nicht auch wirſt? Da wird mir alſo nichts weiter übrigbleiben, als Euch alle Beide zu befördern. Wenn Ihr morgen in der Schlacht wieder recht tapfer dreinhaut, und rechte Heldenthaten ausübt, ſo werdet Ihr Beide Unterofficiere, das iſt ganz gewiß. Aber jetzt ſtill, Kinder! Laßt mich ein wenig ruhen! Doch, damit ich nicht einſchlafe, könnt Ihr mir Geſchichten erzählen. Weiß Einer von Euch wohl eine recht hüb⸗ ſche Geſchichte? Der Karl Heinrich weiß ſehr viele, Herr König, und wenn Sie's befehlen, erzählt er gewiß. Nun, ſo erzähle, mein Sohn, ſagte der König, in⸗ dem er ſich behaglich ausſtreckte und ſein Haupt auf den Ellenbogen ſtützte. Weißt Du recht was Hüb⸗ ſches? Oh ja, Majeſtät. Ich habe manche hübſche Mährchen geleſen, und da iſt die Geſchichte von einer Fee, welche einen tapferen Königsſohn liebte, und ſich, wenn er in den Krieg zog, immer in ſein Schwert — 173— verwandelte, damit ſie immer an ihres Geliebten Seite bleiben konnte! Erzähle mir dieſe Geſchichte, mein Sohn! Und Karl Heinrich Buſchmann begann zu erzählen. Ringsum im Lager herrſchte tiefe Stille, und hier und da nur hörte man irgend ein im Schlaf geſpro⸗ chenes Wort, ein lautes Schnarchen oder das ſchläfrige Grunzen eines Pferdes. Die Feuer begannen überall zu erlöſchen und glänzten nur noch wie rothe Glüh⸗ würmer von dem dunklen Grunde empor. Der Mond ſtand groß und voll über dem Lager und beleuchtete das bunte, ſeltſame Gewirr mit allen Streiflichtern; er machte hier eine Muskete blitzen und ſpiegelte ſich dort in dem Lauf einer Kanone, während er die be⸗ leuchteten Gegenſtände ihre langen dunklen Schatten über die nächſte Umgebung werfen ließ, und dadurch die wunderbarſten Contraſte und Lichteffecte hervorrief. Ganz hinten in der Ferne, ganz hinten am Horizont ſah man einige rothglühende Punkte, gleichſam wie purpurglühende Sterne emportauchen. Das waren die Lagerfeuer der Oeſterreicher, die dort hinter Leuthen mit ihrer gewaltigen Heeresmacht lagerten. Dorthin ſchaute der König zuweilen und ſeine Mie⸗ nen drückten dann die geſpannteſte Erwartung, das aufmerkſamſte Aufhorchen aus. Aber dort drüben blieb Alles ſtill, wie im Lager ſelbſt, und wenn der König ſich immer wieder davon überzeugt hatte, ſank er wieder zurück in ſeine ruhende Stellung und horchte auf die Erzählung Karl Heinrich Buſchmanns. Und ein herrliches und ſeltſames Mährchen war's, welches Karl Heinrich erzählte, ſo wunderbar und phantaſtiſch, daß Fritz Kober ganz athemlos und mit — 174— weitaufgeriſſenen Augen zuhörte. Endlich, in der Ex⸗ taſe ſeiner Begeiſterung, und als Karl Heinrich eben erzählte, wie die ſchöne Fee, als der Königsſohn ſter⸗ bend zuſammengeſunken, aus ſeinem Schwert hervor⸗ geſchwebt ſei, und den Sterbenden wieder lebendig ge⸗ küßt habe, unterbrach ihn Fritz Kober mit einem lauten Ausruf des Entzückens. Und es iſt eine ganz wahre Geſchichte, Herr Kö⸗ nig, rief er leidenſchaftlich. Jedes Wort daran iſt wahr, wer's nicht glaubt, der iſt ein Hundspfot! Nun, nun, ſagte der König begütigend, ich glaub's ja, Dragoner.*) Karl Heinrich fuhr in ſeinem Mährchen fort, aber wie wunderbare und ungeheuerliche Dinge ſich da auch begaben, endlich überwältigte der Schlaf doch ſeines Freundes Aufmerkſamkeit und Fritz Kober hatte nicht mehr die Kraft ihm zu widerſtehen. Seine Augen ſchloſſen ſich wie von ſelber, aber im Schlaf noch mur⸗ melte er:„Es iſt Alles wahr!“ Und ſei's nun, daß Karl Heinrich Buſchmann Alles, was ſein Freund that, für nacheifrungswürdig hielt, oder daß auch er ſich ermattet fühlte von den vielen Strapatzen der vorhergehenden Tage, auch er fühlte den Schlaf ſchwer und bleiern auf ſeine Augen⸗ lieder niederfallen, die Worte kamen nur mühſam und ſtockend über ſeine Lippen und verſtummten dann ganz. Der König ſchaute mit einem ſanften Lächeln auf die ſchlummernden Soldaten hin und blickte dann wie⸗ der hinüber nach dem fernen Horizont und nach den Lagerfeuern der Oeſterreicher. Dort drüben wie hier im preußiſchen Lager war *) Aneedoten und Charatterzüge. Neue Folge Hft. II. S. 39. — 175— Alles lautlos und ſtill. Nichts regte ſich; der Mond zeigte die fernen Gegenſtände im klarſten Lichte und nirgends machte ſich etwas Verdächtiges bemerkbar. Es war eine falſche Nachricht, welche man mir da gebracht hat, murmelte der König. Es iſt nicht wahr, daß die Oeſterreicher im Anmarſch ſind und uns über⸗ fallen wollen. Sie ſchlafen und wir werden ſie erſt bei Tage ſehen! Ich kann alſo ruhig wieder in mein Quartier zurückgehen. Und der König ſchritt ruhig und leiſe durch die Reihen der ſchlummernden Soldaten dahin, mit auf⸗ gehobenem Finger dem Officier und den vier Mann Wache, welche ihm unaufgefordert gefolgt waren und unfern von dem Feuerplatz der Dragoner ſich aufge⸗ ſtellt hatten, gebietend daß ſie hübſch leiſe gehen und die Schlafenden nicht ſtören ſollten. XIII. Die Schlacht bei Leuthen. In der Frühe des nächſten Morgens trat der König vor die Thür ſeines Quartiers hinaus, wo die Generale und Stabsofficiere auf den Befehl des Kö⸗ nigs ſich verſammelt hatten und in geſpannteſter Er⸗ wartung dem König entgegenſchauten. Sein Antlitz ſtrahlte von Energie und Entſchloſſenheit, und ein wun⸗ derbares Leuchten und Flammen war in ſeinen großen “ —,— .— 176— 84 Augen. Und gleichſam begeiſtert von dem Anſchauen dieſes Heldenangeſichts erheiterten ſich die Geſichter ſeiner Generale und ihre umdüſterten Stirnen hellten ſich auf. Jedermann fühlte, daß dieſe hohe Stirn gleichſam beleuchtet war von dem Segen des Genius, und daß die Lorbeern, welche ſie zierten, niemals entweiht wer⸗ den könnten. Jedermann fühlte ſich vertrauensvoll, muthig und kampfbereit, und wie ſehr man früher auch verzagt geweſen, mit welchem Kopfſchütteln ſelbſt die muthigſten Generale den Entſchluß des Königs vernommen hatten, den dreimal überlegenen Feind anzugreifen, jetzt, da der König in ihrer Mitte war, jetzt fühlte ſich Jeder vertrauensvoll und ſiegesgewiß. Kundſchafter waren in das Lager zurückgekehrt und hatten berichtet, daß die öſterreichiſche Armee mit Sonnenaufgang ihr Lager verlaſſen und nach Leuthen vorgerückt ſei; ſie hatten auch viel erzählt von der Stärke des Feindes und der Ungeduld der Soldaten, die kleine preußiſche Armee, welche der öſterreichiſche General Luccheſi ſpottweiſe„die Berliner Wachtparade“ genannt, niederzumetzeln.— Auf den Wink des Königs war Seidlitz zu ihm herangetreten, und hatte ihm dieſe neueſten Berichte der Kundſchafter mitgetheilt.— Es iſt ein ungeheures Heer, welchem wir da be⸗ gegnen werden, ſetzte Seidlitz hinzu, ein Heer, wel⸗ ches mehr als noch ein Mal ſo ſtark iſt, als das unſrige. 3 Ein heller Blitz aus den Augen des Königs traf den General. Ich weiß es, ſagte er dann ruhig, ich kenne die Ueberlegenheit und die Stärke meiner Feinde. Aber es bleibt mir kein anderes Mittel, als zu ſieg8en oder zu ſterben. Gehen Sie nun in's Lager zu Ihren Regimentern, wandte er ſich zu den Generälen, beſtieg mit freundlichem Kopfnicken das bereit gehaltene Roß und ritt den Gardes du Corps entgegen, welche ſich be⸗ reits zu ordnen begannen. Guten Morgen, Gardes du Corps, rief der König heiter. Guten Morgen, Vater, hallte es von Aller Munde wieder, und ein alter Graubart, der dem König zunächſt ſtand, nickte freundlich lachend und wiederholte noch einmal: Guten Morgen, Vater! Heute iſt es ſehr kalt! Aber es wird warm werden, Burſche, ſagte der König, wir werden heute viel zu thun bekommen. Haltet Euch brav, Kinder, ich werde für Euch ſorgen wie ein Vater. In dieſem Moment ritt ein alter Garde du Corps mit ſchneeweißem Bart, das Geſicht zerfetzt und ent⸗ ſtellt von breiten, gerötheten Narben, langſam aus der Reihe vor und näherte ſich dem König. Majeſtät, ſagte er laut und feierlich, wenn wir nun zu Krüppeln geſchoſſen werden, was geſchieht dann? Wenn Euch das am heutigen Tage geſchieht, er⸗ wiederte der König mit erhobener Stimme, ſo ſollt Ihr vorzüglich verſorgt werden. Ein Mann, ein Wort, rief der alte Soldat, und indem er dem König ſeine Hand entgegenſtreckte, fragte er: wollen mir Euer Majeſtät die Hand darauf geben, daß Sie für uns ſorgen wollen? Eine tiefe Stille folgte dieſer Frage. Aller Augen waren mit geſpannter Erwartung auf den König und den alten Gardiſten gerichtet, Jeder hielt den Athem an, um keine Sylbe von der Antwort des Königs zu überhören. 1 Der König ſtreckte ſeine Hand aus und legte ſie in die des Soldaten. Ich gebe Euch die Hand darauf, Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 12 — 178— ſagte er, wer von Ench heute zum Krüppel wird, für den werde ich vorzüglich ſorgen. Der greiſe Krieger wandte ſich mit Thränen in den Augen zu ſeinen Kameraden um. Nun, ſagte er, habt Ihr Alle es gehört? Er iſt und bleibt der König von Preußen und unſer Vater! Ein Schurke wer ihn verläßt! Es lebe unſer Fritz! Und nun erfüllte unermeßliches Jubelgeſchrei die Luft, und von Reih' zu Reih' ertönte es laut: Es lebe unſer Fritz! Es lebe unſer König! Vorwärts! Vorwärts! brüllte der Ruf jetzt durch das Lager hin, denn drüben, am Ende dieſer langen Ebene hatte man jetzt die erſten Colonnen der feindli⸗ chen Armee bemerkt.„ Vorwärts! Vorwärts! ſchrieen die Soldaten, ihre Plätze einnehmend, und in lautes Jubeln wieder aus⸗ brechend, als der König, gefolgt von dem Lieutenant von Frankenberg mit ſeinen funfzig Mann, an ihren Reihen vorüberſprengte, um ſich an die Spitze der Colonnen zu ſtellen. Und vorwärts, vorwärts! ging es jetzt dem Feinde entgegen, deſſen ungeheuere Maſſen ſich an der entge⸗ gengeſetzten Seite der Ebene zu entrollen begannen. Ein augenblickliches, tiefes Schweigen trat bei die⸗ ſem Anblick im preußiſchen Heer ein. Plötzlich be⸗ gannen einzelne Stimmen laut und kräftig ein geiſt⸗ liches Lied zu intoniren, und nun, mit ſchmetterndem Gruß, ſtimmte die Feldmuſik die bekannte Melodie dieſes Liedes an, und von Begeiſterung durchglüht, ſangen die vorrückenden Schaaren: Gieb, daß ich thu' mit Fleiß, was mir zu thun gebühret, Wozu mich Dein Befehl in meinem Stande führet, Gieb, daß ich's thue bald, zu der Zeit, da ich's ſoll; Und wenn ich's thu', ſo gieb, daß es gerathe wohl. — 179— Einer der Generale fprengte jetzt zu dem König heran. Sire, ſagte er, befehlen Euer Majeſtät, daß die Soldaten ſchweigen? Der König ſchüttelte unwillig das Haupt. Nein, ſagte er, laſſe Er ſie ſingen! Mit ſolchen Leuten wird mir Gott heute gewiß den Sieg verleihen.*) Immer näher kamen jetzt die feindlichen Colonnen aneinander. In ungeheueren, unüberſehbaren Linien ſtellten die Oeſterreicher ſich auf der meilenlangen Ebene auf und ſtarrten hinüber nach den Preußen, deren Heer von zwei und dreißigtauſend Mann ihnen ſo klein und unbedeutend erſchien gegen ihre zwei und neunzigtau⸗ ſend Mann, daß ſie kaum an die Möglichkeit des Wag⸗ niſſes glauben konnten, daß die Preußen ſich mit ihnen 8 meſſen wollten! Aber dieſe öſterreichiſchen Feldherren, welche mit geringſchätzendem Lächeln hinüberblickten nach den anrückenden Preußen, und welche genau ihre ungeheuere Ueberlegenheit und die Schwäche des Fein⸗ des berechnen konnten, ſie hatten bei ihren Berechnun⸗ gen nur Eines nicht ermeſſen: die Verſchiedenheit der beiden Heere! Sie hatten nicht berechnet, baß während die Oeſterreicher ganz kaltblütig und im Vertrauen ih⸗ rer Uebermacht nur mit dem gewöhnlichen Kriegsmuth daherkamen, die Preußen im vollen Gefühl ihrer Ge⸗ fahr, aber voll Zuverſicht auf ihre ſchlachtfertigen Künſte, in hingebender Liebe an ihren König mit wahrer Be⸗ geiſterung und glühendem Enthuſiasmus vorwärts „krückten. Jaeetzt ſtanden ſich die Armeen in Schlachtordnung gegenüber. Der König hielt an der Spitze ſeiner Co⸗ *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Seydel vaterländiſche Feſtungen. Th. III. S. 126. 5 12* — 180— 4 lonnen, die Generale ſprengten hierhin und dorthin⸗ um die Befehle des Königs überall hinzutragen, und dieſen Befehlen folgend, ſah man jetzt das preußiſchen Heer eine neue Stellung einnehmen, neue Poſitionen ergreifen, die dem erſtaunten und verwunderten Feind ſo ſeltſam und außergewöhnlich erſchienen, daß General Daun zum Prinzen von Lothringen ſagen konnte: „die Preußen marſchiren fort, wir wollen ſie ruhig abziehen laſſen.“ Und ſo voll Sicherheit des Abmar⸗ ſchirens der Preußen waren die Oeſterreicher, daß mehrere Regimenter ihr kleines Feldgeräth, ihre Brod⸗ ſäcke, ja, ihre Torniſter ſelbſt hinter die Fronte trugen und ſie in Haufen aufeinander legten, um ſich, wie ſie meinten, anf einige Stunden von dieſer unnützen Laſt zu befreien.*) Aber plötzlich verwandelte ſich dieſe Sicherheititn Schrecken, als man die Preußen in ungewöhnlicher, kunſtvoller Aufſtellung heranrücken ſah, beide Flügel des Feindes zugleich bedrohend. Von beiden Flügeln ſprengten Boten über Boten von Nadaſty und Lucheſi zu den das Centrum commandirenden Feldherren Daun und Carl von Lothringen heran und baten dringend um Unterſtützung, denn wie eine donnernde Meeres⸗ woge ſtürmten die Preußen heran, jauchzend ſtürzten ſie ſich in den Feind, Alles zu Boden ſchlagend, Alles auseinander ſprengend, der Zahl der Feinde nicht achtend, und nicht der zerſchmetternden Kugeln, welche aus fünfhundert Feuerſchlünden ihnen entgegenbrüllten. Dann eilte endlich mit einem großen Reiterhaufen dem Grafen Lucheſi gegen die„Berliner Wachtparade“ „ *) v. Archenholtz Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th.. S. 137. — 181— zu Hülfe, aber ſchon war Lucheſi gefallen und Schrek⸗ ken und Verwirrung begann auf dieſem rechten Flügel der Oeſterreicher ſich zu verbreiten, während von dem linken Flügel her Nadaſty ſchon zehn Boten an den Fürſten von Lothringen geſandt, und ihn beſchworen hatte, ibm zunächſt Hülfe zu ſenden, da dem linken Flügel des Heeres der eigentliche Angriff der Preußen gelte, und ſie auf dem rechten Flügel nur kriegeriſche Fechterkünſte machten. Carl von Lothringen, in rath⸗ loſer Verlegenheit über die entgegengeſetzten Nachrichten beider Feldherren, entſchied ſich für den rechten Flügel, wo die Reihen ſchon zu wanken begannen. Dorthin ſandte er Unterſtützung und ließ Nadaſty unbeachtet. Und nun ergoß ſich über den linken Flügel der Oeſterreicher die rauſchende Welle der preußiſchen Kriegsmacht. Mit ſolcher raſenden Begeiſterung ſtürmten ſie heran, daß die Reihen zu wanken began⸗ nen, daß die Regimenter zurückwichen. Vergebens ka⸗ men friſche Regimenter den geworfenen zu Hülfe, aber ſie hatten nicht einmal Zeit ſich aufzuſtellen, und ſo wie ſie ſich zeigten wurden ſie zurückgeworfen. Und die ſo in paniſchem Schrecken entfliehenden Regimenter überholten, überſtürzten einander ſelber, auf die Flie⸗ henden fielen die Fliehenden, zu einem wirren entſetz⸗ lichen Knäuel löſte die Schlachtreihe ſich auf, unaus⸗ ſprechliche Verwirrung, grauſendes Entſetzen verbreitete ſich überall. Noch verſuchten es die kaiſerlichen Pan⸗ zerträger ſich in Schlachtordnung zu ſtellen, aber eine Geſchützreihe der Feinde brachte ſie bald auseinander, und die von ihren Erfolgen ſiegestrunkene und fana⸗ tiſch begeiſterte preußiſche Reiterei warf ſich jauchzend in die Reihen der gepanzerten Schaaren und jagte ſie auseinander. Ja, ſiegestrunken und fanatiſch waren ſie, die vordringenden Preußen! Mit gleichgültiger ⸗ — 182— Ruhe ſahen ſie ihre Kameraden und Freunde neben ſich wanken und zur Erde fallen, ihren Verluſt nicht beklagend, aber jeden Einzelnen der gefallenen Kame⸗ raden rächend an dreien ſeiner Feinde. Und auch die, welche fielen, behielten noch ihre Begeiſterung und ihren Siegesmuth. Ihrer Wunden nicht achtend und ihrer zerfetzten und abgehauenen Glieder nicht geden⸗ kend, ſchauten ſie den vordringenden Brüdern nach und miſchten ihr Jauchzen ſo lange in das Siegesge⸗ brüll ihrer Kameraden, bis der Tod den Siegesjubel auf ihren Lippen verſtummen machte. Ein preußiſcher Grenadier, dem beim Aufmarſch eine Kugel das linke Bein abgeſchoſſen, raffte ſich allein wieder vom Boden auf, und ſich auf ſein Gewehr, wie auf eine Krücke ſtützend, ſchleppte er ſich bis zu einem Standplatz hin, woo die Heeresmaſſen vorüber mußten, und den preu⸗ ßiſchen Kameraden, welche voll Mitleid auf ſein blu⸗ tendes Bein ſchauten, rief er mit lauter Stimme zu: „Brüder, fechtet wie brave Preußen! Siegt oder ſterbt für Eueren König!“— Ein anderer Grenadier, dem beide Füße abgeſchoſſen waren, lag in ſeinem Blute ſchwimmend auf der Erde und— rauchte ganz ge⸗ laſſen aus ſeiner kurzen Pfeife. Ein vorüberſprengen⸗ der feindlicher General, erſtaunt über dieſen Anblick, hielt ſein Pferd an und betrachtete mit bewunderndem Entſetzen den in einem Meer von Blut ſchwimmenden Krieger. „Kriegskamerad,“ rief er,„wie iſt es möglich, daß Ihr in Euerem fürchterlichen Zuſtand noch Tabak rauchen könnt? Der Tod iſt Euch ja nahe!“ Der Grenadier nahm gelaſſen ſeine Pfeife aus dem Munde und erwiederte mit ſchon erblaſſenden und er⸗ — N — 183— ſtarrenden Lippen:„Was iſt daran gelegen! Sterb ich doch für meinen König!“*) Aber überall auch inmitten ſeiner vordringenden Schaaren, überall ſah man den König. Wo die Ku⸗ geln der Feinde am dichteſten flogen, da ſprengte er hin, um den Muth ſeiner Krieger anzufeuern, um durch ſein kaltblütiges Trotzen gegen die Gefahr auch ſeine Soldaten trotzig und kaltblütig zu machen. Wo irgend eine Colonne wankte, da kam der König herbei, und ſeine muthvolle Stimme belebte die Schaaren, und ſein kühner Blick begeiſterte jeden Einzelnen und zeigte ihm in den Reihen der Feinde das leuchtende Sieges⸗ ſpiel.— Friedrich war die Seele ſeines Heeres, und weil dieſe Seele kühn war und heldengroß, darum ſiegte ſein Heer.„Cette bataille de Leuthen est propre à immortaliser le caractère moral de Frèderic, et met à jours ses grands talents militaires“ ſagte Napoleon von dieſem Tage bei Leuthen, und anderswo fügt er hinzu:„Cette bataille étoit un chef d'oeuvre de mouvemens, de manoeuvres et de résolution, seule elle suffirait pour immortaliser Fèrdéric et lui donner rang parmi les plus grands généraux. 16) Der Sieg war erfochten, die beſiegten Oeſterreicher zogen ſich in eiliger und überſtürzter Flucht zurück, und ließen über hundert Kanonen, über funfzig Fahnen und mehr denn zwanzigtauſend Gefangene in den Händen der Preußen, während auf dem Schlachtfelde über ſechstauſend Todte und Verwundete zwiſchen zwei⸗ tauſend todten und verwundeten Preußen lagen. 3 *) Archenholtz Th. I. S. 139. **) Oeuvres de Napoléon. Mélanges historiques. Vol. III. p. 200 et 331. — 184— Der Sieg gehörte den Preußen. Alle hatten ſie ſich ausgezeichnet, und vom König bis zum gemeinen Soldaten hatte Jeder ſeine Schuldigkeit gethan.— Der König durchſchritt mit ſeinem Gefolge, zu welchem jetzt nicht mehr der Lieutenant von Frankenberg mit ſeinen funfzig Mann gehörte, die dampfende, blutrau⸗ chende Wahlſtatt. Sein Antlitz war voll ſtrahlender Freude, ſeine Augen glänzten wie Sterne ſo hell. Er ſchien Jemand zu ſuchen; ſein dankbares, gerührtes Herz wollte vor allen Dingen ſich ſelber genug thun. Der, welcher am Meiſten zum Siege geholfen, das war der General Fürſt Moritz von Deſſau geweſen, der General, dem Friedrich vor der Schlacht bei Collin mmit dem Degen gedroht und dem er ſeitdem gegrollt hatte, weil der Fürſt und General damals Recht ge⸗ habt mit ſeiner Warnung.— Jetzt war kein Groll mehr in dem Herzen des Königs, und wie er damals vor allen Generalen den Fürſten bedroht und geſchol⸗ ten hatte, ſo wollte er auch jetzt vor allen Generalen ihn belohnen und ihm danken. Da drüben hielt der Fürſt, General Moritz von Deſſau, Befehle ertheilend und ſo ganz mit dem Dienſt beſchäftigt, daß er den König erſt gewahrte, als dieſer ihm ſchon ganz nahe war. Ich gratulire Ihnen zur gewonnenen Bataille, ſagte der König mit lauter Stimme. Gratulire, Herr Feld⸗ marſchall! Der General verneigte ſich ſtumm und zerſtreut, und fuhr fort ſeine Befehle zu ertheilen. Der König erhob ſeine Stimme noch lauter: Hö⸗ ren Sie nicht, daß ich Ihnen gratulire, Herr Feld⸗ marſchall? Der Fürſt zuckte zuſammen im freudigen Schreck. 2 — 185— Wie, Euer Majeſtät? fragte er zweifelnd. Sie nennen mich— Ich nenne Sie meinen Feldmarſchall, unterbrach ihn der König, und Sie haben dieſe Erhöhung wohl verdient. Sie haben Alles ſo vollzogen und mir ſo bei der Bataille geholfen, wie mir noch niemals Einer geholfen hat.*) Er reichte dem Fürſten mit einem köſtlichen Lächeln ſeine Hand dar, und wie dieſer ſie feſt und innig in der ſeinen drückte, ſtanden Thränen der Rührung nicht bloß in den Augen des neuen Feldmarſchalls und der Generale, ſondern auch in den Augen des Kö⸗ nigs!——*K Ein ſchweres, ungeheures Werk war vollbracht, und wie ſchwer es geweſen, davon zeugten dieſe Achttauſend, welche mit verſtümmelten Gliedern, mit blutenden Wun⸗ den, oder mit ſchon erſtarrten und glanzloſen Augen und gebrochenen Blicken das Schlachtfeld bedeckten; die grauſige Siegestrophäe des heutigen Tages. Aber dieſer Tag war jetzt vorüber, in der Ferne verſtummte das Geräuſch und Geſchrei des fliehenden Feindes, den Preußen gehörte der Sieg und das Schlachtfeld. Ermattet und bis zum Tode erſchöpft ſanken die Lebenden und Unverſehrten zwiſchen den Todten und Verwundeten nieder. Das, was man am meiſten bedurfte, wonach man am meiſten ſich ſehnte, war eine Stunde der Ruhe, eine Stunde der Er⸗ holung. 4 Ueber dem blutigen Schlachtfeld, über den Ster⸗ benden und Schlafenden, den Aechzenden und Seuf⸗ zenden ſtieg jetzt der Mond hervor, ſo herrlich und *) Des Königs eigene Worte. Siehe Preuß, Friedrich d. Gr. Th. II. S. 111. 3 — 186— feierlich, als wolle er die Sterbenden tröſten und die Lebenden mahnen, den dankenden Blick zum Himmel zu erheben! Und dankend wandten ſich Vieler Herzen empor, dankend für das eigene Leben und das der Freunde, und mehr, wie jemals ſonſt, waren Aller Herzen der Rührung und Andacht geöffnet. 3 Flüſternd und in leiſem Geſpräch lagen die Kame⸗ raden bei einander, denn ſo feierlich däuchte ihnen Allen dieſe Stunde, daß Niemand es wagte ein lautes Wort zu ſprechen. Aber kein Herz war von Dank ſo voll, kein Herz war ſo glücklich, wie das von Karl inrich Buſchmann, wie das von Fritz Kober. Das Gewühl der Schlacht hatte ſie von einander getrennt, 4 unnd während des Kampfes hatten ſie ſich nicht wie⸗ 6 dergeſehen. Lange ſchon hatten ſie ſich vergeblich ge⸗ 8 ſucht, ſich vergeblich gerufen, und mit erſtarrendem Herzen hatte Jeder ſchon faſt an die entſetzensvolle Möglichkeit geglaubt, daß der Andere gefallen ſei, als ein glücklicher Zufall ſie Beide gegeneinander führte, einer den anderen ſuchend. Mit lautem Freudenruf hatten ſie ſich begrüßt, und angſtvoll hatte Jeder zuerſt nach dem Wohlergehen des Anderen geforſcht. Du biſt unverſehrt und geſund, Fritz Kober? hatte Karl Heinrich Buſchmann mit hochklopfendem Herzen gefragt. Bin unverſehrt. Aber Du, Freund? Oh, ich bin leicht verwundet, ein kleiner Schmiß über die Hand, das iſt Alles. Wie viel Gefangene haſt Du gemacht? Sieben, Karl Heinrich! Wirſt alſo Unterofficier werden. — 187— Mag's nicht, wenn Du's nicht auch wirſt. Wie viel Gefangene haſt Du gemacht? Ich weiß es nicht, Fritz, ich glaube es waren neun, der Rittmeiſter weiß es! Dann werden wir Beide Unterofficier. Der König hat's verſprochen! Aber jetzt nehme ich's auch an! Was kümmert uns das jetzt, Freund, rief Karl Heinrich, was kümmert uns alles Andere! Wir haben uns wiedergefunden und alles Andere iſt mir gleich⸗ gültig! Haſt Recht, Karl Heinrich, es iſt auch gleichgültig. Aber ein harter und fürchterlicher Tag war's, und meine Füße zittern unter mir! Laß uns ein bischen ruhen! Er ließ ſich auf die Erde niedergleiten und ſtreckte die Glieder. Karl Heinrich kniete neben ihm; die Hand auf die Schulter des Freundes geſtützt, ſchaute er empor zum Himmel und grüßte mit einem ſeligen Lächeln den vollen Mond, und ein unausſprechliches Gefühl von Rührung und Andacht überkam ſein Herz. Er dachte zurück an die Heimath, an die Gräber der geliebten Eltern, auf welche der Mond in dieſer Stunde eben ſo hell herniederſchien, wie hier jetzt auf dieſes große offene Grab, das heute ſo viel Blut getrunken. Er dachte, wie Gott ſo gut und barmherzig geweſen, ihm den Freund zu erhalten, den einzigen Troſt, den einzigen Anhaltspunkt in ſeinem einſamen, abgelöſten, aus all' ſeinen Bahnen geriſſenen Leben. Dieſe feier⸗ liche tiefe Stille, welche ihn umgab, dieſes helle Mond⸗ licht, welches das Schlachtfeld erleuchtete, die Erinne⸗ rung an die ſchweren Stunden des heutigen Tages, alles das übte auf ihn eine bewältigende Wirkung. Der tapfere Soldat Karl Heinrich Buſchmann ver⸗ wandelte ſich wieder in das weichmüthige, ſanfte Mäd⸗ — — 188— chen Anna Sophie Detzloff, und nach überſtandenen Gefahren fühlte und dachte ſie wieder wie ein Weib. Eine unausſprechliche Rührung, ein tiefes Dank⸗ gebet gegen Gott durchſtrömte Anna Sophiens Bruſt. Auf ihren Knieen liegend und die Hand auf die Schul⸗ ter des Freundes geſtützt, blickte ſie zum Himmel em⸗ por und ihre Lippen öffneten ſich von ſelbſt, und ihrer unbewußt gab ſie ihrem Dank Worte, und mit mäch⸗ tigem, vollem Alt ertönte ihre Stimme, mit mäch⸗ biͤenn Ton begann ſie zu ſingen:„Nun danket Alle ott!“ Fritz Kober richtete ſich auf, und von gleichem Ge⸗ fühl durchdrungen ſtimmte er ein in den frommen Sang, und hier und dort regten ſich die Kameraden, hier und dort ſtimmte einer von ihnen ein in das ſchöne Lied, und immer mächtiger, immer gewaltiger ſchwoll die Melodie empor, wie ein Strom von An⸗ dacht und Dank rauſchte ſie über das Schlachtfeld da⸗ hin und klopfte an Aller Herzen und mahnte Alle zum Dank gegen Gott, und fand überall ein offenes Ohr. Und wie jetzt ſchon von tauſend Lippen die fromme Weiſe tönte, da auf ein Mal fiel die Feldmuſik mit ſchmetternden Jubeltönen ein und ſpielte laut und ſchallend die heilige Melodie. Der Mond ſtand groß und ſtrahlend über dem Schlachtfeld, auf welchem achttauſend Todte und Ver⸗ wundete lagen. Aber ſelbſt die Verwundeten, welche kurz zuvor noch die Stille mit ihren Wehklagen und ihrem Aechzen unterbrochen, vergaßen einen Augenblick ihrer Schmerzen und richteten ſich auf, um einzuſtim⸗ men in das fromme Lied, das jetzt nicht mehr von hundert und hundert, von tauſend und tauſend Lippen ertönte, ſondern das wie ein ungeheurer, gewaltiger Melodienſtrom über die blutige Ebene dahinrauſchte, — 189— geſungen von dreißigtauſend Kriegern, von dreißig⸗ tauſend Helden, die nach dem blutigen Tage wohl ein Recht hatten zu ſingen: „Nun danket Alle Gott!“ XIV. Im Winterquarkier zu Breslau. Der König war allein in ſeinem Zimmer, in wel⸗ ches er ſich eben erſchöpft und matt zurückgezogen hatte. Es war heute der vierundzwanzigſte Januar, das heißt der Geburtstag des Königs, und obwohl er ſich alle Gratulationen und alle Feierlichkeiten verbeten hatte, ſo war es doch nicht zu vermeiden geweſen, die oberſten Behörden der Stadt Breslau zu empfangen, und auch einigen Deputationen der Bürger ſeiner wie⸗ dereroberten Stadt einen Empfang zu geſtatten.. Aber dieſe Beſuche hatten den König erſchöpft, weil ſie ihn langweilten, und weil er ſich ver⸗ ſtimmt und traurig fühlte.— Jetzt war er allein, jetzt konnte er den trüben Erinnerungen nachhängen, die ihn wider ſeinen Willen beſchlichen, und welche hier in Breslau, in welches er vor wenigen Wochen, bald nach der Schlacht bei Leuthen, ſiegreich eingezogen war, beſonders lebendig wurden. Denn hier in Breslau hatte ſein Herz jüngſt wieder eine bittere 8 — 190— Täuſchung erfahren, und Alles in dieſem Schloſſe er⸗ innerte ihn an den verrätheriſchen Freund, den er ſo t“ geliebt und der ihn ſo ſchmachvoll verleugnet hatte.— An dieſen Freund, an den Biſchof von Schaafgotſch, dachte der König jetzt, und ein Zug tiefer, ſchmerzlicher Trauer umwölkte ſein Geſicht. Er fühlte ſich einſam und allein, es fröſtelte ihn in dieſen kalten ſchweigenden Zimmern, und der Schnee, welchen der Wind heulend an die Fenſterſcheiben blies, machte ihn traurig und ſo verzagt, wie er ſich niemals noch vor einer Schlacht gefühlt. Bei ſolchem Wetter wird der Marquis nicht reiſen, ſagte er ſeufzend, und auch meine Muſikanten werden ſich hüten, ſich auf die Landſtraße zu wagen. Sie werden ſagen, der Schnee habe die Landſtraßen ver⸗ weht und es ſei nicht möglich geweſen, durchzukommen. So werden ſie in Berlin bleiben und wenig darnach frragen, daß ich hier in Breslau die Stunden zähle, bis ſie kommen! Ja, ja, das iſt ein Beweis von der Allmacht der Könige! Einige Schneeflocken machen dieſe Allmacht zu Schanden und verwandeln den König in einen ohnmächtigen Sohn des Staubes! Was hilſt es mir, daß ich die Oeſterreicher und Franzoſen beſiegt habe, das ſind nur ausgeſäete Drachenzähne, aus de⸗ nen neue Feinde, neue Schlachten, und wer weiß! auch neue Niederlagen emporwachſen werden! Was hilft es mir, daß ich mein Herz den Freunden weihe, es ſind doch nur Schlangen die ich in meinem Buſen nähre und die mich eines Tages doch beißen werden, wenn ich es am wenigſten vermuthe; ſelbſt Diejeni⸗ gen, denen ich noch trauete, verlaſſen mich jetzt, und gerade, wenn ich ihrer am meiſten bedarf, bleiben ſie mir fern. 3 — 191— Eben ſchlug der Sturm eine ganze Wolke Schnee⸗ flocken an die Fenſterſcheiben und pfiff in dem Kamin wie mit unheimlichen Klagetönen. 2 Nein, murmelte der König, d'Argens wird gwiß nicht kommen, er wird ruhig in ſeinem geliebten Bett geblieben ſein und mir von dort aus empfindungsvolle Briefe über die Freundſchaft ſchreiben. Ich kenne das! Wenn den Menſchen das Gefühl nicht aus dem Her⸗ zen ſtrömt, ſo laſſen ſie es wenigſtens aus der Tinte ſtrömen!— Aber fuhr er dann nach einer kurzen Pauſe fort, dieſes Alles iſt Thorheit! Die Einſamkeit macht mich, wie es ſcheint, zu einem Schwärmer, der nach ſeinen Freunden ſeufzt wie ein Liebhaber nach ſeiner Geliebten. Und bin ich denn ſo ganz einſam? Habe ich nicht meine Bücher? Komm', Lukrez, du guter Freund in guten und in ſchlimmen Tagen, du Weiſer, welcher mich noch niemals ohne Rath und ohne Troſt gelaſſen, komm' und erheitere deinen Jün⸗ ger ein wenig, und lehre ihn dieſe erbärmliche Welt belächeln wie ſie es verdient! Er nahm den Lukrez von ſeinem Arbeitstiſch, und ſich auf dem Divan ausſtreckend, begann er zu leſen. Tiefe Stille umgab ihn jetzt, nur aus der Ferne ver⸗ nahm man das Läuten der Glocken, die zu Ehren des königlichen Geburtstages ertönten, denn die Breslauer, welche kurz zuvor noch die ſiegenden Oeſterreicher mit Jubel willkommen geheißen, wollten jetzt, wo der Kö⸗ nig von Preußen Breslau wiedererobert hatte, dem Sieger ihren eifrigen Patriotismus beweiſen, deshalb ließen ſie alle Glocken läuten, deshalb wollten ſie heute, am Abend des königlichen Geburtstages, in eener glänzenden Illumination die Freude ihres Her⸗ zens funkeln laſſen! Der König las immerfort, und ſo ganz hatte er — 192— ſich in ſeine Lectüre vertieft, daß er gar nicht hörte, wie die Thür, welcher er den Rücken zugekehrt hatte, ſic lei e öffnete. i der Thür erſchien jetzt die große, ſchlanke Ge⸗ ſtalt des Marquis d'Argens; gleichſam überwältigt von Rührung und Freude blieb er auf der Schwlle ſtehen und blickte mit von Thränen umdüſterten Augen auf den König hin. Dann, ſich gewaltſam zuſammenraffend, zog er leiſe die Thür hinter ſich zu. Sire, ſagte er dann, werden Sie mir verzeihen, daß ich unangemeldet komme? Der König ſprang empor und reichte dem Freunde ſeine beiden Hände hin. Willkommen, willkommen, ſagte er. Ich danke Ihnen, daß Sie da ſind. Der Marquis vermochte nicht zu antworten. Er neigte ſeine Lippen auf die Hände des Königs nieder, welche er mit ſeinen Thränen bethauete. Mein Gott, ſagte er endlich mit zitternder Stimme, wie lange hat mein armes Herz dieſem glückſeligen Moment entgegengejauchzt, wie viele Opfer habe ich dem Himmel nicht gelobt, wenn er mich ihn erleben ließe!— Und Sie haben es nicht bei dem Geloben bewen⸗ den laſſen, mein Freund, ſondern Sie haben dem Himmel, und gerade dem Himmel ein Opfer Ihrer Freundſchaft dargebracht, ſagte der König lächelnd, und welch' ein Opfer! Sie haben ſeinem Sturm und ſeinen Schneeflocken getrotzt, Sie haben Ihr Bett, wel⸗ ches Sie ſeit acht Monaten bewohnten, und welches Ihnen der Palaſt der Semiramis däuchte, verlaſſen, Sie haben die göttliche Faulheit der menſchlichen Freundſchaft geopfert, und über ſich ſelbſt einen Sieg erfochten, der wahrhaftig mehr werth iſt, als ſechs ge⸗ wonnene Schlachten. — 193— Ah, Majeſtät, rief der Marquis, deſſen ſchwarze Augen jetzt wieder in Luſt und Liebe ſtrahlten und von keiner Thräen der Rührung mehr getrübt wurden, ah, jetzt fühle ich erſt, daß mein armes Herz doch Recht hatte, wenn es behauptete, immer bei Euer Majeſtät zu ſein und gar keine Trennung anerkennen wollte. Wir ſind wirklich nicht getrennt geweſen, und Euer Majeſtät fangen heute da mit mir an, wo Sie geſtern mit mir aufgehört haben, das heißt, Euer Majeſtät verſpotten mich und mein armes Bett, welches doch ſeit mehr als einem Jahr nur die Seufzer und Kla⸗ gen gehört hat, die ich ausgeſtoßen habe, weil ich von Euer Majeſtät getrennt ſein mußte. So iſt es mir denn gar nicht ſchwer geworden, beſagtes Bett zu ver⸗ laſſen, und dem gütigen Ruf Euer Majeſtät folgend, hierher nach Breslau zu kommen. Wenn Sie das alſo einen Sieg über mich ſelber nennen, der mehr werth iſt als gewonnene Schlachten, ſo beweiſt das nur, wie leicht dem Helden von Roßbach und von Leuthen gewonnene Schlachten geworden ſind. Nicht doch, Marquis. Aber Sie wiſſen ja, was dieſer vielgerühmte König der Hebräer, dieſer ſo weiſe König, welcher tauſend Frauen hatte, geſagt hat:„Der⸗ jenige, welcher ſich ſelbſt überwindet, iſt ſtärker als der, welcher ſich Städte unterwirft.“ Und Sie, Marquis, Sie ſind dieſer ſtarke Selbſtüberwinder. Aber, mein Freund, Sie ſollen dafür auch königlich belohnt wer⸗ den. Ich habe Ihnen hier Zimmer bereiten laſſen, ſo warm und mollig, wie nur die Marquiſe ſie Ihnen herrichten könnte. Die Fenſter ſind mit Baumwolle verſtopft und am Ofen liegen Pelze, Capoten und Fußſäcke bereit, damit Ihr treuer La Pierre Sie ein⸗ wickeln und umhüllen kann, kurz es ſon Si kein Zug⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. — 194— lüftchen treffen, und für alle Ihre Bequemlichkeiten ſoll mit ſolcher Scheu geſorgt werden, als wären Sie das heilige Feuer im Tempel der Veſta, und ich die Prie⸗ ſterin, welche es zu hüten hat. Der Marquis lachte. Wenn aber das Feuer ein⸗ mal ein wenig trüber brennt, ſagte er, ſo bitte ich meine erhabene Prieſterin nur, ihre Blicke auf mich zu richten, und mir zu erlauben, daß ich an dieſen himmliſchen Blitzen meine Gluhten wieder neu belebe. — Aber jetzt, Sire, jetzt erlauben Sie mir vor allen Dingen Ihnen, nein mir ſelber, meinen Glückwunſch zu dem heutigen Freudenfeſte darzubringen, zu dieſem Tage, welcher wie eine Segnung über allen Denen aufgegangen iſt, die ein Gefühl für das Große, das Schöne, das Erhabene und Geiſtvolle haben, und die— 6 Genug, genug, Marquis, rief der König lächelnd, wenn Sie ſo anfangen, ſo flüchte ich vor Ihnen, denn dann denke ich, daß Sie auch eine dieſer langweiligen Deputationen ſind, mit welcher die Etiquette den König begrüßt. Hier, mein Freund, in dieſem Zimmer giebt es keinen König, und wenn wir Zwei allein darin ſind, ſo ſind das zwei Freunde, von denen der Eine dem Anderen nur die Hand reichen und ihm nur Glück wünſchen ſoll, daß er wieder ein ſchlimmes Jahr über⸗ ſtanden und doch noch Kraft behalten hat, noch anderen ſchlimmen Jahren mit Entſchloſſenheit entgegenzugehen. Und wenn Sie doch noch durchaus einige Wünſche hinzufügen wollen, Marquis, ſo wünſchen Sie, daß das hitzige Kriegsfieber, welches jetzt ganz Europa er⸗ griffen hat, verſchwinden möge, daß das Triumvirat von Frankreich, Rußland und Oeſterreich zerſtört werde, und daß es den Tyrannen dieſes Univerſums nicht — 195— gelingen möge, der Welt die Ketten anzulegen, welche ſie ihr ſchon bereitet haben.*) Nun, Euer Majeſtät werden ſie ſchon zu zwingen wiſſen, dieſe Ketten herauszugeben, und wenn ſie's nicht wollen, ſo wird der Held der beiden Fünfe die Drei doch auch noch zu zerſchmettern wiſſen?**) Gott gebe es, ſeufzte der König. Ich ſehne mich nach Frieden, obwohl meine Feinde die Welt glauben machen wollen, daß ich der böſe Geiſt bin, welcher den Unfrieden in die Welt gebracht hat, obwohl ſie ſagen, daß, wenn ich nicht wäre, die ganze Welt den Frieden des Paradieſes haben würde. Aber ich kann zu ihnen ſagen, wie Demoſthenes zu den Athenienſern:„Wenn Philipp todt wäre, was würde das weiter zu bedeu⸗ ten haben, oh Athenienſer, als daß Ihr Euch bald einen Philipp machtet?“ So ſage ich: Oeſterreicher! Euer Ehrgeiz, Euere Begierde Alles zu beherrſchen, die würden Euch bald wieder andere Feinde ſchaffen, und den Freiheiten Deutſchlands ſowohl, wie denen von ganz Europa wird es doch nimmermehr an Ver⸗ theidigern fehlen.***)— Doch ſprechen wir jetzt nicht mehr von dieſen unglückſeligen Dingen; ſie gehören der Vergangenheit und der Zukunft an, aber mit der Gegenwart haben ſie nichts zu ſchaffen. Für jetzt giebt es keine Feinde, und der Winter iſt der mächtige Frie⸗ densapoſtel geweſen, welcher alle Schwerter in die *) Des Königs eigene Worte. Siehe Oeuvres posthumes. Supplément. Vol. II. p. 390. **) Die Siege von Roßbach und von Leuthen waren beide am fünften Tage jedes Monats, nämlich am 5 November und am 5. Dezember 1757. ***) Des Königs eigene Worte. Siehe: Correspondance avxeg Voltaire., Oeuvres posthumes. Supplément 13 ½ II. p. 390. — 196— Scheide geſteckt, und allen Zwiſt ſo lange beendet hat, als er in unſerer Mitte weilt und unſere Flüſſe und unſere Straßen beherrſcht. Suchen wir zu vergeſſen, Freund, daß wir hier nur im Winterquartier zu Breslau ſind, und bilden wir uns ein, wir wären in meinem lieben Sansſouci. In unſerem ſchönen Kloſter, ſagte der Marquis, dem ſchon ſo lange der Abt fehlt, und deſſen Mönche in alle Winde zerſtreut ſind. Es iſt wahr, ſeufzte der König ſchnell umdüſtert, ſie ſind Alle fort, und wenn der Abt nach Sansſouci zurückkehrt, wird es ſehr einſam um ihn ſein. Oh, Marquis, wie viel habe ich verloren, ſeit wir uns nicht geſehen! Und wie viel gewonnen, Sire, ſagte d'Argens, wie viel neue Lorbeern ſchmücken Ihre Heldenſtirn! Albh, Sie reden von meinen Siegen, rief der König kopfſchüttelnd, aber glauben Sie mir nur, mein Herz hat Niederlagen erlitten, von denen es ſich nimmer⸗ mehr erholen wird. Ich rede nicht einmal von dem Tode meiner Mutter, obwohl das eine Wunde iſt, die niemals heilen wird. Aber es war das Schickſal, welches mir dieſe Wunde ſchlug, und gegen ſolche Schläge darf der Menſch nicht murren. Ich rede von dieſen anderen bitteren und grauſamen Niederlagen, welche mir das Leben und die Bosheit der Menſchen auferlegt hat. Ah, Euer Majeſtät gedenken noch dieſes unwürdigen Abbé de Prades, fragte d'Argens traurig. Nein, Marquis, obwohl auch er mir freilich weh gethan. Ich hatte ihn gern, aber ich liebte ihn nicht, er war nicht mein Freund. Sein Verrath hat mich betrübt, aber nicht überraſcht, denn ich wußte, daß er ſchwach war. Seine Verführung iſt in Dresden zu — 197— Stande gebracht; er hat mich unwürdig verkauft, und da er ſich bei mir im Lager befand, hat er die Gele⸗ Benbeit benutzt, den Feind von Allem zu benachrichtigen, was zu ſeiner Kenntniß gelangte.*) Es war eine un⸗ wiürdige und kleine Menſchenſeele, und mit ſolchen darf man nicht rechten. Aber von einem Anderen iſt mir bitteres Leid widerfahren, und glauben Sie mir nur, Marquis, ſolch' Leid legt ſich wie glühender Stahl um unſer Herz und verhärtet es mit einem undurchdring⸗ lichen Panzer. Ich habe dieſen Biſchof Schaffgotſch geliebt, Marquis, ich nannte ihn meinen Freund, und mir ſcheint, ich habe ihm wohl Beweiſe dieſer Freund⸗ ſchaft gegeben, ich hatte wohl ein Recht auf ſeine Treue zu bauen, und an ſeine Freundſchaft, die er mir ſo oft beſchworen hatte, zu glauben. Die meinige war wenigſtens uneigennützig und verdiente nicht, ſo verrathen zu werden. Aber er verrieth mich in der Stunde der Gefahr, wie Petrus ſeinen Herrn, und kaum zogen die Oeſterreicher in Breslau ein, ſo ver⸗ leugnete er mich nicht nur, nein, er ging noch weiter, er trat den Orden meines Hauſes mit Füßen und hielt im Dom ein Tedeum zur Ehre des Sieges der Oeſter⸗ reicher bei Collin!. ») Abbé de Prades, den Voltaire dem König empfohlen hatte, und der ſeit 1752 als Lecteur beim König angeſtellt war, und ſei⸗ nes Vertrauens und ſeiner Auszeichnung g genoß, verrieth den König an die Oeſterreicher, und diente ihnen zur ſelben Zeit als Spion bei Friedrich, als er von dieſen das Verſprechen,„ihm eine fette Pfründe bei dem Breslauer Dom zu geben“ erhalten hatte. Friedrich erfuhr den Verrath und ließ den Abbé verhajten und nach Magde⸗ burg führen. Auf die Verwendung des Marquis d'Argens gab ihm der König dit Freiheit wieder und wies ihm Glogau zum? Vohnſitz an, wo er bis an ſeinem Tod, 1782, von einer Gnadenpfründe des 3 Königs lebte.(Preuß, Bd. II. S. 115.) — 198— Der König ſchwieg und wandte ſein Antlitz weg, um den Marquis die Thränen nicht ſehen zu laſſen, welche ſeine Angen umdüſterten. 4 Oh, Sire, ſagte der Marquis tief bewegt, vergeſſen Sie den Undankbaren, deſſen ſeige Seele der Freund⸗ ſchaft eines Helden nicht werth war! Ich werde ihn vergeſſen, ſagte der König, aber es wird doch ein Stachel in meinem Herzen zurückbleiben, und den werde ich wider meinen Willen doch zuweilen noch empfinden.*) Und nun genug auch davon, Sie ſind da, und an Sie, Feund, glaube ich noch immer; Sie und der gute Lord Marſchall, das ſind die beiden —7»» Der König hatte die Ernennung des Grafen von Schaff⸗ gotſch zum Biſchof von Schleſien und Mähren erſt nach vielen Be⸗ mühungen beim Papſt und wider die Wünſche des Domcapitels von Breslau durchgeſetzt, und den Grafen faſt mit Gewalt in das Bisthum eingeſetzt, um der angeſehenen ſchleſiſchen Familie des Grafen Schaffgotſch einen neuen Beweis ſeiner Gnade zu geben. Der neue Fürſtbiſchof wurde ſodann im Jahre 1749 in Berlin vom König mit großer Pracht mit den Fürſtenthümern Neiße und Grot⸗ kau belehnt, und der König, welcher mit dem Verleihen ſeines gro⸗ ßen Hausordens ſonſt immer ſehr ſparſam war, verlieh ihm den ſchwarzen Adlerorden; im Jahr 1756 noch ließ der König in Sans⸗ ſouci drei Zimmer für den Biſchof prachtvoll einrichten, und Schaff⸗ gotſch hielt ſich dort einige Zeit bei ihm auf. Aber ſchon im Jahre 1757, ſowie die Oeſterreicher ſich zum Herrn von Breslau gemacht, verrieth er den König. Doch für ſolchen Verrath ward ihm ſelbſt von den Oeſterreichern nur Verachtung, und als er, nachdem Friedrich Schleſien wieder erobert hatte, nach Wien entfloh, ward er dort bei Hofe nicht empfangen. Er wandte ſich dann nach Mähren und ſchrieb an Friedrich, den er um Verzeihung bat. Der König er⸗ wiederte ihm:„Ich will Sie Ihrem eigenen Schickſale überlaſſen, überzeugt, daß eine ſo unverantwortliche Aufführung, wie die Ihrige, unfehlbar die gebührende Strafe nach ſich ziehen wird. Weder der göttlichen Rache, noch der Verachtung der Menſchen werden Sie entgehen, denn ſo verderbt dieſe auch immer ſein mögen, ſo ſind ſie 5 es doch nicht in dem Grade, daß ſie nicht vor Verräthern und Un⸗ 4 dankbaren einen Abſcheu haben.“(Preuß, Th. II. S. 114.) — 199— einzigen Stützen, auf die ich mich noch lehnen kann, wenn die Bosheit und Erbärmlichkeit der Menſchen mein gar ſchwer zu Boden drückt. Und dieſe Stützen, Sire, die ſollen Fünan nimmer ehhlen, ſagte der Marquis tiefbewegt, denn Sie ſind es, welcher ſie ſtark gemacht hat. Der König reichte ihm mit einem innigen Liebesblick die Hand dar. Jetzt wollen wir die Vergangenheit begraben, ſagte er dann mit heiterem Ton, und da wir Beide uns in unſeren ſchwachen Stunden Dichter nennen, ſo wollen wir uns jetzt nach unſerem lieben Sansſouci träumen, und denken, wir ſäßen da mit⸗ ſammen in meiner Bibliothek. Wir wollen dieſe ſchöne Zeit der Muße zu unſeren Studien verwenden, denn das iſt ohne Frage doch der beſte Gebrauch, den man von ſeiner Zeit machen kann. Auch ſollen Sie eine Sündfluth von Verſen ſehen, mit Vn ich mich im Lager ergötzt habe, und darunter Epigramme für alle meine Feinde. Aber wenn wir doch jetzt in Sansſouci ſind, Sire, ſagte der Marquis mit einem ſchlauen Lächeln, ſo iſt das eben nicht die Stunde der Studien und der Bü⸗ cher, ſondern die Stunde, in welcher Euer Majeſtät mit Quanz und Einigen von der Kapelle die Probe für die Abendconzerte zu machen pflegten. Ja, das freilich müſſen wir entbehren, ſagte der König traurig. Einen Theil meiner Kapelle habe ich wohl verſchrieben, und ſie werden in acht Tagen hier ſein, aber Graun und Quanz, die werden freilich nicht— Der König unterbrach⸗ ſich und horchte. Es war ihm geweſen, als ob er da im Nebenzimmer etwas, wie den Ton einer Geige gehört habe, und als ob eine Flöte ganz leiſe Coloraturen gemacht. . — 200— Richtig, jetzt wiederholte es ſich. Es war offenbar, man ſtimmte eine Geige, und in das leiſe Geflüſter der Flöte miſchten ſich jetzt ganz verſtohlen die tiej 6 Töne des Violoncells. 4 Ueber des Königs Antlitz flog es wie ein roſig. Schimmer der Freude: er warf einen fragenden und forſchenden Blick auf den Marquis, welcher ihm lä⸗ chelnd zunickte. Dann durchſchritt der König haſtig das Gemach und ſtieß die Thür auf, und jetzt tönte ein Ruf der freudigen Ueberraſchung von ſeinen Lippen. Da waren ſie, die Genoſſen ſeiner Abendconzerte, da war Graun mit ſeinem ſanften, träumeriſchen Künſt⸗ lerangeſicht, da war Quanz mit ſeinem mürriſchen We⸗ ſen und ſeiner breiten Stirn, deren Grollen dem König ſelbſt Reſpect einzuflößen pflegte, da war auch der junge Faſch, den der König erſt jüngſt für ſeine Kapelle ge⸗ wonnen, und der in ſeinen Abendconzerten das Violon⸗ cell zu ſpielen pflegte. Wie der König ihnen mit einem glückichen Lächeln entgegenſchritt, begrüßten ſie ihn mit einem freudigen: Es lebe unſer König! Unſer Friedrich! und ſelbſt Quanz vergaß einen Moment ſein mürriſches, verdrießliches Weſen, und lächelte wie ein Vollmond ſo breit und glückſelig. Hören Sie, Majeſtät, ſagte er, wenn Sie uns heute zürnen, weil wir ohne Ihren Befehl gekommen ſind, ſo wäre das eine Sünde, denn es iſt heute im ganzen Preußenland ein herrlicher Feſttag, und den darf Niemand durch Schelten und Zürnen entweihen, auch der König nicht. Oh, ich ſchelte auch gar nicht, ſagte Friedrich leiſe, damit ſie nicht hören ſollten, wie ſeine Stimme zitterte. Sſſhele auch nicht, ſondern ich danke Euch, daß Ihr da ſeid — 201— Birr hatten nichts Beſſeres, was wir Euer Majeſtät zum Geburtstag ſchenken konnten, nichts Beſſeres, als uns ſelber, ſagte Graun, darum kommen wir, uns zu s Königs Füßen hinzulegen und zu ihm zu ſagen: 8 Kajeſtät, nehmen Sie unſere Herzen an und verſchmä⸗ hen Sie die Gabe nicht, denn ſein ganzes volles Herz iſt immer doch das beſte Geſchenk, was der Menſch dem Menſchen darbringen kann, und Euer Majeſtät iſt ſo ſehr ein großer König, daß man es auch wa⸗ gen darf, ihm zuweilen menſchlich warm gegenüber zu treten.. Und Er, mein Graun, iſt ſo ſehr ein großer Com⸗ poniſt, daß es ſich Jedermann zu Ehre rechnen muß, wenn er von Ihm geliebt wird, ſagte der König zärtlich. Aber ich, ſagte Quanz feierlich, indem er dem Kö⸗ nig eine in Papier gewickelte Rolle übergab, ich bringe zum Geburtstag doch noch etwas Anderes mit, als bloß mein Herz, und ich bitte Euer Majeſtät, daß Sie es gnädig von mir annehmen wollen. Der König öffnete haſtig das Papier. Eine Flöte, rief er freudig, und gewiß eine Flöte, welche der große Meiſter Quanz mir ſelbſt gebaut hat. Ja, Majeſtät. So lange Sie im Felde ſtehen, habe ich daran gearbeitet, und als der Courier uns die Nachricht von der Schlacht bei Leuthen brachte, und als ganz Berlin da jubelte und die Vivatsbänder in . allen Straßen und in jedem Fenſter flatterten, da hat die Flöte zum erſtenmal ihr Schweigen gebrochen, und ihre erſte Muſik war ein Jubellied für unſeren großen König. Und da ſage man noch, daß Schlachten umſonſt geſchlagen werden, ſagte der König lächelnd. Mir hat die Schlacht von Leuthen eine Flöte von Quanz ein⸗ — 202— getragen, und das iſt beim Himmel eine größere Sel⸗ tenheit, als es in unſeren kriegeriſchen Tagen eine er⸗ 2 ſtrittene Schlacht iſt! Sire, ſagte Marquis d'Argens, indeut er jetzt eini Briefe hervorzog, auch ich habe noch einige Gaben da zubringen. Da iſt ein Brief von Algarotti aus Genua und er hat gewagt, demſelben ein Fäßchen italieniſchen Kaviar als Zeichen ſeiner Siegesfreude beizufügen.*) Da iſt ein Brief von Voltaire und einer von Lord Marſchall. Von allen fernen Freunden, und ſie haben Alle an mich gedacht, ſagte der König mit einem freund⸗ lichen Lächeln, indem er die Briefe nahm. Aber jetzt iſt’'s nicht Zeit, Briefe zu leſen. Es iſt die höchſte Zeit zur Probe, und wenn's Ihnen gefällig iſt, meine Herren, probiren wir heute gleich ein Quartett, daß ich in dieſen Tagen hier in meiner Einſamkeit compo⸗ nirt habe. Probiren wir's, ſagte Quanz mit ſeinem ungenirten Weſen und ſeinem behaglichſten Schmunzeln, indem er zum Klavier hinſchritt und es öffnete. Der König durſchritt, immer auf die Briefe hin⸗ blickend, das Zimmer und ging in ſein Wohnzimmer, um die Briefe dort auf den Schreibtiſch niederzulegen und ſeine Notenblätter zu holen. Aber bevor er in das Nebengemach zurückkehrte, rief er Marquis d'Argens zu ſich. Marquis, ſagte er, nicht wahr, Sie ſind es, wel⸗ cher Jenen dort die Idee eingegeben hat, mich heute zu überraſchen? Sire, es iſt wahr, ich veranlaßte ſie dazu, und * Preuß. Friedrich der Große mit ſeinen Verwandten und Frennden. S. 241. —— — 203— nahm die Verantwortung auf mich. Wenn Euer Majeſtät ungehalten ſind, ſo dürfen Sie es nur auf ich ſein. Und weshalb haben Sie ſich zum Poſtillon all' die⸗ Briefe gemacht, Marquis? Sire, weil— Ich will's Ihnen ſagen, Marquis, ſagte der König mit einem warmen Liebesblick, indem er ſeine Hand auf d'Argens Schulter legte, Sie haben es gethan, weil Sie wußten, daß mein Herz eine ſchwere Wunde empfangen hatte, und weil Sie ihm einen Balſam auflegen wollten. Sie wünſchten mich heute ſo mit Freunden zu umgeben, daß ich darüber den Einen, welcher fehlt und mich verrathen hat, nicht vermiſſen ſollte! Ich danke Ihnen, Marquis, Sie ſind ein gro⸗ ßes ſchönes Herz, und ich glaube, Ihr Balſam hat wirklich etwas geholfen. Dieſe Stunde hat mir ſehr wohl gethan, und dieſe Stunde danke ich Ihnen! Ich werde das nie vergeſſen, und wie ſehr es den Men⸗ ſchen auch immer gelingen mag, mein Herz mit Miß⸗ trauen zu vergiſten, Ihnen Marquis, werde ich nie mißtrauen! Er nickte dem Marquis zärtlich zu und ſchritt mit ſeinen Notenblättern wieder in das Zimmer, wo die Muſiker ihn erwarteten. Jetzt, meine Herren, wollen wir anfangen, ſagte er, indem er Quanz die Notenblätter darreichte, der ſie ſodann vertheilte und ſich ſelber an's Klavier ſetzte. Das Conzert begann. Der König mit ſeiner neuen Flöte ſtand hinter dem Klavier, vor welchem Quanz ſaß. Graun und Faſch hatten ſich in n Fenſrniſche zurückgezogen, denn da der König zuerſt Flötenſolo mit einfacher Klavierbegleitung vortrug, durften ſie ein⸗ fach dem Genuß des Zuhörens ſich hingeben.— Und — 204— ees war heute in der That ein Genuß, dem König zu⸗ zuhören, er ſpielte mit einem wahren Schwunge d Begeiſterung, mit einem ſo hinreißenden Gefühl, der Marquis d'Argens außer ſich war vor Entzüc und daß Graun ſich nicht enthalten konnte, ein lei Bravo zu murmeln. Auf einmal aber zuckten die beiden zuhörenden Mu⸗ ſiker zuſammen, wie im bangen Schrecken, und Quanz ließ ein dumpfes Knurren und Räuspern vernehmen. Sie hatten da in der Compoſition des Königs einen Fehler gehört, die große Sexte, welche der König da chiffrirt hatte, war ganz gegen die ſtrengen Regeln der Kunſt. Der König ſpielte ruhig weiter, nur ſagte er, als dieſer Satz zu Ende war: da Capo, und fing ihn von vorne an. Und wieder kam die gefürchtete Stelle, aber— diesmal zuckten Graun und Faſch nicht zu⸗ ſammen, denn Quanz hatte die Vorſchrift des Königs nicht beachtet und griff ein anderes Intepvall. Der König hielt inne. Die große Sexte, Quanz, ſagte er eifrig, indem er die Flöte wieder an den Mund ſetzte. Quanz warf ihm einen mürriſchen Blick zu. Wie Euer Majeſtät befehlen, ſagte er, und jetzt ſchlug er die Sexte ſo derb an, daß Graun und Faſch ein grau⸗ ſiges Fröſteln durchlief und Quanz ſelber ſich laut räuspern mußte, um es zu überwinden.— Nur der ungelehrte Marquis blickte mit ſelig verklärtem Lächeln auf ſeinen königlichen Freund, deſſen ſchöne Muſik ihm Thränen in die Augen trieb. Als der Satz beendet war legte der König die Flöte nieder. Set ſage Er mir einmal, Quanz, ſagte er, glaubt Er, daß die Sexte hier fülſch iſt? Ja, Majeſtät, ſie iſt falſch. Und Ihr Beide da, glaubt Ihr's auch? — 205— Wir glauben's auch, Majeſtät, ſagten Graun und Faſch. Aber wenn der Componiſt es ſo haben will? So bleibt die Sexte doch falſch, rief Quanz mürriſch. Aber wenn ſie mir gefällt, und ich finde, daß ſie da gut klingt? Das können Euer Majeſtät nun und nimmermehr finden, rief Quanz mit auffahrender Heftigkeit. Denn dieſe Sexte hier iſt ein Fehler, und ein Fehler kann Euer Majeſtät nicht gefallen. Nun, nun, ſagte der König mit einem begütigenden Lächeln. Sei Er nur nicht ſo böſe! Es iſt ja doch keine verlorene Schlacht.*) Wenn die Sexte unmöglich iſt, ſo wollen wir ſie ſtreichen. Und wenn Euer Miäjeſtät das thun, ſagte Quanz, ſo wird das eine ſehr ſchöne Compoſition ſein, und ich ſelber würde ſtolz ſein, wenn ich ſie gemacht hätte. Der König lächelte, und man ſah es dem ſchönen und zufriedenen Ausdruck ſeines Geſichtes wohl an, daß dieſes Lob ſeines ſtolzen Meiſters dem Helden von Leuthen und Roßbach außerordentlich wohlgethan. *) Des Königs eigene Worte. — 206— XV.* Das gebrochene Herz. Vor dem Luſtſchloſſe zu Oranienburg hielt eine Equipage. Die Dame, welche in derſelben ſaß, ſchaute mit angſtvoll fragenden Blicken zu den Fenſtern des Schloſſes hin, und ein ſchwerer Seufzer hob ihre Bruſt, als ſie die heruntergelaſſenen Jalouſien, die Ab⸗ weſenheit alles Lebens und aller Bewegung in dem ganzen Schloſſe gewahrte. Aus dem großen Portal deſſelben eilte indeſſen jetzt ein Officier herbei, um die Dame zu begrüßen und ihr beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Nicht wahr, er lebt noch? fragte ſie athemlos und beklommen. Er lebt noch, Gräſin, und er erwartet Sie mit Sehnſucht, erwiederte der Officier, indem er ver Gräfin den Arm bot und ſie in's Schloß geleitete. Sie erwiederte nichts, ſie hob die großen, ſeelen⸗ vollen Augen mit einem dankbaren Ausdruck zum Him⸗ mel empor, und ihre Lippen bewegten ſich als ob ſie betete. So ſchritten ſie eilig und ſchweigend durch die Reihe der glänzenden Säle dahin, die jetzt alle öde und leer waren und deren Prunk etwas Schauerliches und Schmerzliches hatte, weil er ſo wenig paßte zu der traurigen und düſteren Stimmung derer, welche ſie durcheilten. Hier ſind wir zur Stelle, Gräfin, ſagte der Offi⸗ cier, als ſie jetzt vor einer mit großen Filzdecken ver⸗ — —— —— — 207— hüllten Thür ſtehen blieben. In dieſem Gartenſalon iſt der Prinz! Ddie Dame lehnte einen Moment mit hochklopfen⸗ dem Herzen, mit todesbleichen Lippen an der Thür und ſchien nach Faſſung zu ringen. Jetzt bin ich bereit, ſagte ſie dann ſich wieder emporrichtend, jetzt mögen Sie mich dem Prinzen melden! Cs iſt nicht nöthig, Gräfin, ſagte der Officier. Der Prinz, deſſen Nerven ſo überreizt ſind, daß das kleinſte Geräuſch ihm nicht entgeht, hat das Anrollen Ihres Wagens vernommen, und weiß, daß Sie hier ſind. Er erwartet Sie, und hat ausdrücklich befohlen, daß Sie unangemeldet zu ihm kommen. Haben Sie alſo die Gnade einzutreten. Sie werden ganz allein mit ihm ſein. Er hob den Vorhang empor, und die Gräfin legte die Hand auf den Griff der Thür, um ſie leiſe zu öff⸗ nen. Aber bevor ſie das that, blickte ſie noch einmal zurück zu ihrem Begleiter. Es iſt keine Hoffnung, daß er geneſe? fragte ſie. Keine! Die Aerzte ſagen, daß er den heutigen Tag nicht mehr überleben werde. Jetzt öffnete die Gräfin die Thür, und ſo leiſe und geräuſchlos that ſie es, daß auch nicht das kleinſte Ge⸗ räuſch ihr Eintreten verrathen konnte. Nun ſank ſie nieder auf den Seſſel neben der „Thür, und ihre von Thränen verdüſterten Blicke hef⸗ teten ſich mit einem unausſprechlichen Ausdruck auf dieſe Geſtalt, welche da, das Haupt zurückgelehnt in die Kiſſen auf dem Ruhebett lag, welches an der nach dem Garten führenden, geöffneten Glasthür ſtand. Wie? Dieſe bleiche, abgezehrte Geſtalt, dieſes Ant⸗ — 208— litz mit den todesblaſſen, eingefallenen Wangen, mit den blutloſen Lippen, mit dieſen tiefen, unheilsvollen Gruben in den Schläfen, welche nur ſpärlich von dem dünnen, glanzloſen und farbloſen Haar umſchattet wa⸗ ren, war das Auguſt Wilhelm, der Geliebte ihrer Ju⸗ gend, das angebetete Traumbild ihres ganzen Lebens, das nie erblichene Ideal ihres treuen Herzens? Wie ſie ihn anſchaute tauchte die ganze ſchmerzlich ſüße, traurige und doch herrliche Vergangenheit wieder vor ihrer Seele empor, und ſie fühlte, daß ihr Herz noch eben ſo jung, eben ſo feurig ſchlug für Den, welcher jetzt als ein Sterbender vor ihr lag, als damals, wo er in der Fülle der Jugend, der Schönheit und der Kraft ihr zum letztenmal gegenüberſtand. Zum letztenmal! Damals waren ſie ſich geſtor⸗ ben, damals war ihre Jugend, ihr Glück, ihr Herz eingeſargt worden, aber jetzt, wo ſie ihm wieder gegen⸗ überſtand, jetzt ſprang der Sargdeckel wieder auf, und die Geiſter durften ſich mit eben der Liebe und Gluth begrüßen, wie es einſt die jugendvollen, lächelnden Liebenden gethan. Und jetzt weinte Laura nicht mehr! Es ſtrahlte wie eine ſelige Begeiſterung aus ihren Blicken, ſie fühlte keinen irdiſchen Schmerz, ſondern nur Freude, himm⸗ liſche Freude des Wiederſehens. Sie erhob ſich mit einem ſeligen Lächeln und ſchwebte durch das Gemach zu ihm hin. Er ſah ſie nicht, denn ſeine Augen waren geſchloſſen, vielleicht ſchlummerte er, vielleicht hatte der Tod ſchon ihm ſeinen erſten, betäu⸗ benden Kuß auf die Stirn gedrückt. Laura neigte ſich über ihn und ſah ihn an, ihre langen Locken ringelten ſich zu ihm nieder und um⸗ hüllten von beiden Seiten ſein Antlitz wie mit etnem ſchwarzen Trauerſchleier. Sie horchte auf ſeinen leiſen — 209— Athem, und immer tiefer ſich neigend küßte ſie leiſe ſeine Lippen. Jetzt ſchlug er die Augen auf, ganz ruhig, ganz oobhne Ueberraſchung, nur mit innigſter, ſeligſter Freude blickte er zu ihr empor. Nun fragte ſie nicht mehr, ob dieſe bleiche, ſterbende Geſtalt, ob das der Geliebte ihrer Jugend ſei. In ſeinen Augen fand ſie ihn wie⸗ der, in ſeinen Augen war die Liebe, die Jugend, die Seele zurückgeblieben. Langſam hob er die Arme empor und zog ſie zu ſich, und ſie ſank an ſeine Bruſt nieder und lehnte ihr Haupt an ſeine kalte Wange, und der glühende Athem ihres Mundes hauchte ihn an wie mit einem neuen Lebensſtrom, und ſchien ihm die ſchon entſchwin⸗ dende Lebenskraft wiederzugeben. Lange ſprachen ſie kein Wort. Was hätten ſie ſich auch ſagen ſollen in dieſem erſten, heiligen Moment des Wiederſehens; ſie hatten einander ſo viel zu ſagen, daß es ſich nicht in Worte faſſen ließ. Sie lagen Herz an Herz gedrückt, und nur Gott verſtand ihre halben Seufzer, ihre unausgeſprochenen Gebete, ihre zurückgehaltenen Thränen, nur Gott war bei ihnen. Er ſandte durch die geöffneten Thüren die friſchen Wohlgerüche der Blumen zu ihnen her, er rauſchte in den hohen Bäumen des Gartens, daß ſie wie mit heiligen Orgelklängen dieſe große, letzte Hymne der Liebe begleiteten, er ließ im fernen Gebüſch die Nachtigall ihre klagende und ſchmerzvolle Stimme er⸗ heben zu einem Abſchiedsliede, mit welchem die ewig lebensvolle Natur den ſterbenden Menſchenſohn be⸗ grüßen wollte. 1 Gott war bei ihnen, und ihre Gedanken waren Gebete, und ihre Blicke, welche bis jetzt nur in einan⸗ der geruht, richteten ſich jetzt zum Himmel empor. Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 14 — 210— Bald werde ich dort ſein, Laura, ſagte Prinz Auguſt Wilhelm endlich nach einer langen Pauſe. Bald werde ich wieder leben und dieſer lange Kampf des Sterbens wird vorüber ſein. Seit ſechszehn Jahren ſterbe ich, langſam, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Nicht wahr, Laura, es ſind ſechszehn Jahre, daß wir uns nicht geſehen? Sie nickte ſtumm. Nein, fuhr er lächelnd fort. Es war geſtern, Laura! Wenn ich Dich anſehe, weiß ich, es war geſtern! Denn Du biſt noch dieſelbe, die Du damals warſt! Das iſt daſſelbe ſchöne Engels⸗ antlitz, das ich hier in meinem Herzen trage. Nichts hat ſich an ihm geändert, und ich danke Gott dafür, denn es wäre ſchmerzlich geweſen, meine Laura mit einem fremden Antlitz wiederzuſehen. Nein, das iſt noch dieſelbe Laura, die mich vor ſechszehn Jahren ver⸗ ließ. Und nun ſieh mich an, ſieh' was das Leben aus mir gemacht hat! Sieh, wie es mich zerfetzt hat, wie es mich zu Tode gemartert hat mit Nadelſtichen, mit tauſend Wunden, um die ich Niemand als meinen Mörder anklagen kann, aber an denen ich doch ſterbe. Oh, Laura, Laura, warum verließeſt Du mich, warum wollteſt Du nicht mit mir dieſe elende, heuchleriſche, entſetzliche Welt der Civiliſation verlaſſen und mir folgen in die neue Welt, wo uns die Liebe, das Glück und die Wahrheit des Lebens erwartete? Ich durfte es nicht, ſagte ſie. Gott forderte dies Opfer von mir, und nur, weil ich grenzenlos liebte war ich ſtark genng es zu bringen. Aber Gott weiß auch, was es mich koſtete, und wie ich alle dieſe Jahre mit meinem Herzen vergeblich gerungen habe, um es das Vergeſſen zu lehren. Nun darfſt Du nicht mehr ringen, Laura, ſagte er, — 211— nun darfſt Du mich nicht vergeſſen wollen, denn nun ſterbe ich. Sie umſchlang ihn mit ſanfter Zärtlichkeit. Nein, nein, flüſterte ſie, Gott wird Erbarmen haben, Gott wird mir den einzigen Troſt, die einzige Freude meines armen, öden und freudenloſen Lebens nicht rauben. Ich hatte nichts weiter als dieſes eine Glück, zu den⸗ ken:„Er lebt! Er athmet mit mir dieſelbe Luft, er ſchaut mit mir zu demſelben Himmel empor und die⸗ ſelben Sterne begrüßen ihn und mich. Und ein Tag wird kommen, da werden Millionen Menſchen ihn mit lautem Jubel grüßen und ihn ihren König nennen, und wenn ich ihn dann mit ſtolzer Pracht, mit dieſem erhabenen, ſchönen Angeſicht, welches Gott mit ſeinem ſchönſten Lächeln geküßt hat, in der Mitte ſeines Volkes ſehen werde, ſo kann ich zu mir ſelber ſagen: Das ſſt mein Werk! Weil ich ihn mehr geliebt, als mich ielber, trägt er die Krone, weil ich den Muth hatte nicht bloß für ihn zu ſterben, ſondern ohne ihn zu leben, deshalb iſt er jetzt König!“— Oh, mein Geliebter, ſage nicht, daß Du ſtirbſt! Du wirſt geneſen. Du mußt geneſen! Wenn Du mich wahrhaft liebſt, ſo darfſt Du das nicht wünſchen, Laura, ſagte er. Ich ſterbe ſchon ſo lange. Seit ſechszehn Jahren ſitzt der Todeswurm in mir und bohrt, und bohrt. Ich wollte ihn ja tödten, ich wollte ja leben, wollte das Leben ertragen, weil ich Dir's gelobt hatte. Ich wollte ein Mann ſein,— ich gab die Liebe, welche Du mit unſeren Thränen und unſerem Blut getränkt zu meinen Füßen nieder⸗ gelegt hatteſt, ich gab ſie meinem Vaterland! Man ſagte mir, das Vaterland verlange von mir, daß ich mich vermähle, und ich that es. Ich legte eine Maske über mein Antlitz, eine Maske über mein Herz, ich — 212— wollte meine Rolle im Drama dieſes Lebens muthig und wie es einem Mann geziemt, zu Ende ſpielen. Ich wollte meiner Prinzenrolle, zu der das Schickſal mich angeworben hatte, Ehre machen, aber es ſcheint, ich war ein ſchlechter Schauſpieler, man jagte mich aus dem Dienſt, man riß mir die glänzenden Kleider und den Fürſtenſtern von meiner Bruſt, man ſchickte den, der als Prinz fortgezogen, man ſchickte ihn als gedemüthigten, beſchimpften, zerlumpten Bettler wieder heim. Und ich verkroch mich mit meinem Elend und meiner Schmach hier in dieſem Winkel und Niemand folgte mir hierher, Niemand hatte für den Verſtoßenen und Geſchändeten nur einen Funken dieſer Liebe, welche Alles überwindet und der Welt trotzt, und ihren Verleumdungen mit muthigem Lächeln widerſteht. Man hat mich meine Schmach allein ertragen laſſen, ganz allein, Niemand hat dieſe furchtbare Laſt mit mir tragen wollen! Ich habe ein Weib, ich habe Kinder, und doch bin ich allein, ſie leben fern von mir, und in dem Augenblicke, wo ich ſterbe, lachen ſie vielleicht! Ich bin der Erbe eines Thrones und doch ein armer Bettler, der vergeblich lange Jahre das Schickſal um ein wenig Liebe, ein wenig Erbarmen angefleht hat. Aber es hatte kein Erbarmen, als Bettler läßt es mich ſterben, und nur wenn ich todt bin, werde ich wieder ein Fürſt ſein, und ſie werden meine Leiche mit Ehren überhäufen, während ſie mich im Leben gedemüthigt und geſchändet haben! Oh, Laura, Laura, wie es da brennt in meiner Bruſt, wie fürchterlich dieſes hölliſche Feuer der Schmach iſt! Es hat das Mark meiner Knochen durchwühlt, es hat mein Ge⸗ hirn verſengt, und mein Kopf, mein armer Kopf der ſchmerzt ſo ſehr! Mit einem lauten Aechzen ſank er in die Kiſſen zu⸗ — —— — 213— rück, ſeine Augen ſchloſſen ſich, große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn, der Athem ſtockte in ſeiner Bruſt. Laura neigte ſich über ihn, ſie trocknete mit ihrem Haar ſeine feuchte Stirn und ihre heißen Thränen fielen wie glänzende Perlen auf ſein Antlitz nieder. Von dieſen Thränen erwachte er und ſchlug die Augen wieder auf. Ich will Dir noch etwas ſagen, flüſterte er, ich fühle, daß ich heute wieder geſund werde, und daß, wenn ſie ſagen, ich ſei geſtorben, ich erſt vom Tode erwacht bin. Denn dort drüben be⸗ ginnt erſt das eigentliche Leben, und was wir hier ſo nennen iſt nur ein jammervolles, trauriges Vorſpiel. Man lebt hier nur, damit man wünſchen lerne, zu ſterben, um dann zu leben! Oh, Laura, Laura, ich werde bald leben, lieben und wieder glücklich ſein! Oh nimm mich mit Dir, mein Geliebter, rief ſie aufgelöſt in Schmerz und Thränen vor ihm nieder⸗ knieend. Laſſe mich nicht allein! Es iſt ſo traurig, ſo einſam hier in dieſer kalten, fürchterlichen Welt! Nimm mich mit Dir, mein Geliebter! Aber er hörte ſie nicht! Der Tod begann ſchon ſeinen Mantel über ihn auszubreiten und hatte ihn ſchon mit der Spitze ſeiner Flügel berührt. Sein Geiſt rang ſchon mit dem ermatteten Körper und ſuchte ihm zu entflattern. Er hörte nicht mehr, daß Laura ihn rief, und doch lebte er noch, und doch hatte er die Augen wie⸗ der groß geöffnet, und doch ſprach er wieder. Aber es waren einzelne nicht zuſammenhängende Sätze, Worte, welche den Traumbildern und Geſichten an⸗ gehörten, die ſein entflatternder Geiſt erſchauete. Ein⸗ mal ſagte er mit lauter Stimme, und diesmal rich⸗ teten ſich ſeine Blicke mit vollem Bewußtſein auf Laura — 214— hin: Ich beſchließe mein Leben, ein Leben, das mir ſo viel Kummer gemacht hat; Winterfeldt iſt es, der es mir verkürzte. Aber ich ſterbe viel beruhigter, da ich weiß, daß ein ſo böſer und gefährlicher Mann weniger in der Armee iſt.*) Dann wieder verwirrte ſich ſein Geiſt und er träumte ſich mitten hinein in das Schlachtgewühl und rief mit lauter Stimme: Vorwärts! Vorwärts! Hinein in den Tod! Dann wieder ward Alles ſtill und man hörte nur wieder das Rauſchen der Bäume und das Singen der Vögel da draußen. Laura lag auf ihren Knieen und betete. Wie ſie den Blick wieder von dem glänzenden, wolkenloſen Him⸗ mel herniederſenkte auf den Geliebten, war ſein Ant⸗ litz wunderbar verändert. Es hatte einen ſtrahlenden, glänzenden Ausdruck angenommen und ſeine großen, weitgeöffneten Augen leuchteten wie in einer ſeligen Verklärung. Er richtete ſein Haupt kraftvoll empor und ſchaute hinauf zum Himmel, und grüßte die Bäume und die Blumen mit ſeinem letzten Liebesblick. Wie ſchön die Welt iſt, wenn man ſtirbt, ſagte er mit einem wundervollen Lächeln. Lebewohl, Welt! Lebewohl, Laura! Koinm, nimm mich in Deine Arme! Laß mich ſterben in den Armen der Liebe! Der Haß gehört der Welt an, die Liebe aber geht mit in's Grab! Lebewohl! Und nun neigte er ſein todesmattes Haupt an ihre Schulter,— nun noch ein letzter Seufzer, ein letztes *) Des Prinzen eigene Worte.(Siehe v. Retzows Zuſätze ad Berichtigungen zur Characteriſtik des ſiebenjährigen Krieges. . 29.) — 215— Zucken, und von dem Erben eines Thrones, dem ein⸗ ſtigen Beherrſcher vieler Millionen Menſchen, dem ſtolzen Fürſtenſohn iſt nichts mehr übrig als eine arme Menſchenleiche! Und die Bäume rauſchen fröhlich weiter, keine Wolke verdüſtert den Himmel, die Vögel ſingen und die Blu⸗ men blühen luſtig fort, und doch iſt ſoeben ein Fürſt geſtorben und eine Seele gen Himmel geflattert! Aber die Liebe drückt den letzten Kuß auf ſeine Lippen, die Liebe ſchließt ihm die Augen zu, die Liebe weint um ihn, die Liebe betet für ihn. Der Haß gehört der Welt an! Die Liebe aber geht mit in's Grab!*) *) Prinz Auguſt Wilhelm ſtarb den 12. Juni 1758, im noch nicht vollendeten ſechsunddreißigſten Jahre. Als ſein Adjutant von Hagen dem König, ſeinem Bruder, die Nachricht von dem Tode des Prinzen in's preußiſche Lager brachte, fragte der König: an welcher Krankheit iſt denn der Prinz geſtorben?— Der Gram hat ihm das Leben verkürzt, erwiederte der Officier. Friedrich kehrte ihm den Rücken und ſprach kein Wort weiter mit ihm. Auch ward dieſer Officier nie befördert.(Characteriſtik des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 130).— Der König, welcher Winterfeldt, Ziethen und Schwerin ein Denkmal errichtete, überließ ſeinem Bruder, dem Prinzen Heinrich, die Sorge, dem Prinzen von Preußen, dem ge⸗ liebteſten ſeiner Brüder auch öffentlich ein Denkmal zu weihen. Er that das in Reinerz, wo er zur Erinnerung an die Helden des ſie⸗ benjährigen Krieges eine Pyramide errichten ließ, in welche die Namen aller Generale und aller gewonnenen Schlachten eingegraben waren, und die mit dem Bruſtbild Auguſt Wilbelms, des Urgroß⸗ vaters des jetzigen Königs von Preußen geziert war. Hatte der Kö⸗ nig Winterfeldt eine Statue geſetzt und ſeinen Bruder vergeſſen, ſo vergaß jetzt der Prinz Heinrich dafür Winterfeldts Namen unter die Helden des Krieges einzureihen. Bei der Enthüllung des Denkmals hielt der Prinz eine Rede, die voll enthuſiaſtiſchen Lobes für den ge⸗ liebten, ſo früh dahingeſchiedenen Bruder war, und in vielen Wen⸗ . dungen das tiefe innere Zerwürfniß verrieth, das zwiſchen dem Prinzen Heinrich und Friedrich dem Großen immer herrſchte, und das der Prinz auch dadurch manifeſtirte, daß er des Königs in ſeiner Rede gar nicht erwähnte, auch ihn nicht unter die Helden des ſiebenjäh⸗ — 216— rigen Krieges eingereiht hatte. Indem er die Nothwendigkeit, dem geliebten Prinzen ein Denkmal zu ſetzen hervorhob, fügte er, in Be⸗ zug auf die Statue Winterfeldts hinzu: pabus des richesses et du pouvoir élève des statues de marbre et de bronze à ceux, qui n'étoient pas dignes de passer à la postérité sous l'embléeme de Phonneur.(Rouille. Vie du prince Henry de Prusse. S. 275.)— Auch in unſeren neueſten Tagen iſt dem Prinzen Auguſt Wil- helm eine glänzende Genugthuung geworden; denn ſeine Geſtalt iſt es, welche am Denkmal Friedrichs des Großen in Berlin einen Hauptplatz einnimmt und zu den ſchönſten und gelungenſten Figu⸗ ren dieſes Denkmals gehört. Ende des dritten Bandes. Druck von Bahn& Comp. in Berlin, Schleuſe 4. Eannnmmmmnnrnuumnnmmnnnnn Trraannnmmmnn Wnnmnn 1 1 12 1 13 1 0 1 3 14 6 17 18 19