1 4. — . .—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n vo Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen⸗ 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen⸗ 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— 2 4— F ür Hin⸗ und Zurückſendung Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ſene, verlorene und ſ Kupfern ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ ⸗ Werkes, ſo iſt 3 „ 3.„„ 3 5. 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Trenck auf dem Transport....... 23 ⸗ III. Prinz Heinrich und ſeine Gemahlin.... 45 IV. Das Feſt im BWalde.......... 60 ⸗ V. Intriguen............ 74 ⸗ VI. Die geheime Audienz......... 88 - VII. Der Perräther.........„.. 102 ⸗ VIII. Die Kriegserklärung:......... 120 NX. Der König und ſeine Brüder....... 136 ⸗ X. Der Lorbeerzweig......... 148 ⸗ XI. Das Feſt beim Grafen Brühl...... 155 ⸗ XII. Das geſtörte Feſt........... 173 ⸗ XIII. Das Archiv in Dresden......... 188 ⸗ XIV. Das gedemüthigte Sachſen........ 204 Zweites Buch. Der Rrieg. Mühlbach, Friedr. d. Gr. t. II. 1 I. Die unglückliche Rachricht. Prinzeſſin Amalie war allein in ihrem Zimmer. Sie lag, in tiefes Sinnen verloren, auf dem Canapee, mit gen Himmel gewandten Augen, mit zitternden Lippen, welche zuweilen ein Wort der Klage oder des Flehens murmelten. Amalie war krankw; ſie war es geblieben ſeit jenen unheilsvollen Tagen, wo ſie abſichtlich ihr Antlitz ent⸗ ſtellte, um dadurch ſich zu erretten vor der verhaßten Heirath.*) Ihre Augen hatten niemals ihren frühe⸗ ren Glanz, ihr früheres Feuer wieder erhalten, ſie waren immer geröthet und wie von Thränen ver⸗ ſchleiert. Ihre Stimme hatte für immer den Metall⸗ klang und die Jugendfriſche verloren, ſie drang wie dumpfe Grabestöne aus ihrer ächzenden und keuchen⸗ den Bruſt hervor. Peinvolle Schmerzen durchrüttelten zuweilen ihren ganzen Körper, und zogen ihre Glieder in wilden Krämpfen zuſammen. 3 Sie hatte das Anſehen einer Frau von ſechszig .“) Siehe: Friedrich der Große und ſeine Freunde. Von L. 8 Mühlbach. Bd. 2. 1r Jahren, welche dem Grabe zuſchwankt. Aber in die⸗ ſem ſo hinfälligen, ſo zerbrechlichen, zitternden Körper wohnte immer noch eine ſtarke, kräftige, geſunde Seele, in dieſem zerfallenen ächzenden Buſen wohnte ein glü⸗ hendes, jugendfriſches, leidenſchaftliches Herz. Und dieſes Herz hatte mit einer eigenſinnigen und krankhaften Gewalt ſich angeklammert an die Liebe ihrer erſten Jugendjahre, es hatte in wildem Trotz gegen ihr eigenes Verhängniß ſich ſelber das Gelübde gethan, nimmer zu entſagen, nimmer die Treue zu brechen, ſondern Alles zu dulden, Alles zu leiden um der Liebe willen, und unter den Stürmen und Schmer⸗ zen eines vereinſamten, unverſtandenen und viel ge⸗ mißbilligten Daſeins einherzugehen mit unerſchütterlicher Reſignation, mit nie zu beugendem Muth.— Sie war die Märtyrerin ihrer Geburt und ihrer Liebe ge⸗ worden, und ſie hatte ihr Märtyrerthum auf ſich ge⸗ nommen mit trotziger Entſchloſſenheit, mit begeiſterter, freudiger Reſignation. Jahre waren vergangen, ſeit ſie Trenck zum letzten⸗ male geſehen, aber ſie liebte ihn noch. Sie wußte, daß er nicht mit der Treue, welche ſie ſich gegenſeitig geſchworen, ſeine Liebe bewahrt habe,— aber ſie liebte ihn noch! Sie hatte ihrem königlichen Bruder feier⸗ lich gelobt, dieſen thörichten und phantaſtiſchen Wün⸗ ſchen einer endlichen Vereinigung mit dem Geliebten für immer zu entſagen, aber ſie liebte ihn noch. Da ſie nicht für ihn leben durfte, wollte ſie wenigſtens für ihn leiden, da ſie ihn nicht beſitzen konnte mit ihrer Perſon, wollte ſie ihm wenigſtens angehören mit ihrer Seele und ihren Gedanken. Und in ihren Ge⸗ danken war ſie Sein, ganz nur Sein; er hatte ein heiliges, unverlierbares Recht auf ſie, denn im Ange⸗ ſicht Gottes hatte ſie ſich für das ganze Leben und 8 über das Grab hinaus ihm zum Weibe gelobt; freilich war kein Prieſter dabei geweſen, aber Gott ſelber war der Prieſter geweſen, der ſie vereinte! Freilich hatten keine menſchlichen Zeugen ihre heiligen Gelübde ver⸗ nommen, aber die Sterne waren zugegen geweſen, ſie hatten mit funkelnden Liebesaugen zu ihr hernieder⸗ geſchaut, und die heiligen Schwüre der Liebe gehört, welche ſie mit Trenck einſt ausgetauſcht.— Sie war alſo ſein, unverlierbar, ewig! Er hatte alſo ein Recht auf ſie, auf ihre Treue, ihre Liebe, ja, auch auf ihre Duldſamkeit und ihr Verzeihen. Wenn er ſich auch von ihr verirren mochte, ſie durſte es nicht thun, ſie mußte immer bereit ſein, ſeinen Ruf zu hören und ihm die Hülfe darzubringen, welche er begehrte. Dieſe Liebe war ihre Religion, ihre Lebenskraft, ihr Lebenszweck geworden; ſie hatte ſie als einen Talis⸗ man auf ihre zerfallene Bruſt gelegt, um aus ihr Stärkung einzuathmen; ſie würde geſtorben ſein, ohne ſie, und nur um ihr zu dienen lebte ſie und bekämpfte ihre Schmerzen.. Aber es war ein ſchmerzvolles, freudloſes Daſein, eine nie endende Marter, ein unausgeſetzter Kampf. Einſam und ungeliebt ſtand ſie da inmitten ihrer Fa⸗ milie, gefürchtet und gemieden von dieſer leichtfertigen, 1 vergnügungsluſtigen, nach Zerſtreunng und Genuß 4 jagenden Hofgeſellſchaft, die in ihrer trüben Nähe ſich ¹ immer wie von unwillkührlichem Grauen, wie von einem Athemzug des Todes angefröſtelt fühlte; ihrer Umgebung und ihrer Dienerſchaft ein Gegenſtand der Laſt und Mühwaltung, für Niemand ein Gegenſtand der Liebe, der freiwilligen Pflege und Anhänglichkeit. Die einzige, welche ſie treu und wahrhaft geliebt, ihr Hoffräulein Erneſtine von Haak, auch dieſe hatte ſie verlaſſen und war*† ihrem Gatten weithin in di T ⸗ lichkeit des Glückes verſagt hat, und die daſſelbe daher Ferne gezogen. Prinzeſſin Amalie war jetzt ganz allein. Sie hatte Niemand, dem ſie ihre Klagen, ihre Sorgen und Befürchtungen ausſprechen konnte, Niemand, der den unterdrückten Angſtſchrei ihres Buſens verſtand, für ihre qualvollen Seufzer ein Wort des Troſtes und des Mitgefühls gehabt hätte. Sie war ganz allein; aber dies Bewußtſein ſtählte ihre Kraft und legte ſich wie ein undurchdringlicher Panzer um ihre Seele. In dieſem Bewußtſein gab ſie ſich ganz hin an ihre Gedanken, an ihre Träume. So lebte ſie ein wunderbares, zauberhaftes Doppel⸗ leben, ein zweifaches Daſein. Von außen alt, gram⸗ erfüllt, krank und zerbrochen, war ſie innerlich jung, lebensfriſch, gluthvoll und energiſch, ausgerüſſtet mit unerſchütterlicher Kraft und geſtählt an den Feuern ihrer eigenen Schmerzen. Sie lag auf dem Canapee und blickte zräumend gen Himmel. Eine ſeltſame, unerklärliche Angſt war in ihr, und machte ſie erbeben in geheimnißvollen Schauern. Immer hatte ſie das gefühlt, wenn ihm irgend ein Unglück begegnet, wenn ihr von Trenck eine ſchlimme Nachricht gekommen war. Es war, als ob ihre Seele an ihn wie durch eine electriſche Kette gebunden ſei, und ſie vermöge des electriſchen Stroms im ſelben Moment den Schlag empfände, der ihn be⸗ troffen.— Amalie glaubte an ſolche Vorbedeutungen, ſie glaubte au Träume und Prophezeihungen, wie es leicht Diejenigen thun, welchen das Schickſal die Wirk⸗ nur in ihren Träumen und Geſichten aufſuchen kön⸗ nen.— Sie liebte es daher, ſich von Wahrſagern und Kartenſchlägern ihre Zukunft verkünden, und ſich vor bereiten zu laſſen auf die dunklen und traurigen E eigniſſe, welche ihr bevorſtand 4 Geſtern hatte der berühmte Sterndeuter Pfannen⸗ ſtiel ſie vor nahem Unglück gewarnt, und ihr geſagt, daß eine Wolke von Thränen im Begriff ſei, ſich auf ſie niederzuſenken. Prinzeſſin Amalie glaubte an ſeine 4 Worte, und erwartete mit entſchloſſenem Muthe das Zerplatzen dieſer Wolke, von der ſie ſich jetzt ſchon wie in graue Schleier eingehüllt fühlte. In ſolchen Gedanken ward ſie durch ein leiſes Klopfen an ihre Thür unterbrochen, und ihre Hof⸗ dame trat herein, um ihr zu melden, daß der Ober⸗ Kaidnerher Baron von Pöllnitz ſie um eine Audienz itte. Amalie ſchreckte zuſammen und richtete ſich mit un⸗ gewohnter Kraft aus ihrer ruhenden Stellung empor.. Laſſen Sie ihn eintreten, ſagte ſie haſtig. Die 4 — Hofdame entfernte ſich, um ihn zu holen; Amalien ſchien dieſer kurze Moment der Erwartung eine Ewig⸗ keit der Angſt; ſie preßte ihre Hand auf ihr Herz, welches mit ſeinen ſtürmiſchen Schlägen ihre Bruſt zu zerſprengen drohte, ſie blickte mit ſtarren weit aufge⸗ riſſenen Augen nach der Thür hin, durch welche er eintreten mußte, und ein Schauder überlief ſie, als ſie das ewig lächelnde, ewig unveränderte Antlitz des un⸗ verwüſtlichen Höflings gewahrte, der jetzt an der Seite des Fräuleins von Marwitz ihr Boudoir betrat. I 8 Wiſſen Sie, Pöllnitz, ſagte ſie in ihrer rauhen, 4 4 herriſchen Weiſe, wiſſen Sie, daß ich glaube, Ihr Ge⸗ ſicht iſt nicht von Fleiſch und Blut, ſondern es iſt aus Stein gehauen, oder es iſt wenigſtens eines Tages verſteint. Vielleicht hat einmal, als Sie gerade über irgend eine Bosheit lachten, die Uhr geſchlagen, und da iſt Ihr Lächeln verſteinert und es thaut nun nie⸗ mals wieder auf und Sie müſſen immer lächeln mit ſ rſteinerten, fratzenhaften Lächeln, das ich nun 8.*. 355 3 * kenne, ſo lange ich lebe, und das immer am hellſten auf Ihrem Geſicht leuchtet, wenn Sie irgend ein Un⸗ glück zu verkünden haben. Nun, dann muß es heute wenigſtens ſehr trübe ſein, dieſes verſteinerte Lächeln, ſagte Pöllnitz lachend, denn ich komme durchaus nicht als Unglücksbote, ſon⸗ dern wenn Euer Königliche Hoheit erlauben, als eine Art posrillon d'amonr. Prinzeſſin Amalie zuckte leicht zuſammen und ein einziger Blick ihres Auges flog hinüber nach ihrer Hofdame, dem Fräulein von Marwitz, von welcher ſie ſehr wohl wußte, daß dieſe von ihrer Mutter ihr als Aufſeherin und Spionin zuertheilt worden, und daß ſie die Pflicht hatte, jeden Tag der Königin Mutter zu referiren, was ſich in den Zimmern der Prinzeſſin zugetragen habe. Sie ſah ſehr wohl, daß Fräulein von Marwitz mit ſchärfſter Aufmerkſamkeit Pöllnitz be⸗ obachtete, und ſeine Mienen wie ſeine Worte ihrem ſtrengſten Examen nnterzog. Pöllnitz fuhr indeſſen vollkommen unbefangen fort: Sie erſtaunen, Königliche Hoheit? Es ſcheint Ihnen, daß dies verſteinerte Geſicht ſich wenig ſchicken will für einen postillon d'amour, und dennoch bin ich ein ſolcher, und ich muß Euer Königliche Hoheit um Er⸗ laubniß bitten, Ihnen ſogleich meine Botſchaft vortra⸗ gen zu können. Aber ich gebe Ihnen dieſe Erlaubniß nicht, ſagte Amalie rauh. Ich habe nichts zu ſchaffen mit Amor, und finde ihn eben ſo langweilig und alt, wie den Boten, den er mir geſandt hat. Gehen Sie alſo zurück zu Ihrem Gott und ſagen Sie ihm, daß meine Ohren taub geweſen für ſeinen Liebesgruß, und daß das heiſere Gekrächze des Raben mir melodisſer erklingt, als die zarteſten Liebesworte, die Pöllnitz flöten kann. Die Prinzeſſin ſagte das in der ſcharfen, abſtoßen⸗ den Weiſe, welche ihr eigen war, und die ſie gewiſſer⸗ maßen als einen Stachelpanzer um ihre wunde Bruſt gelegt, um ſich damit zu ſchützen vor jeder Berührung u und jeder Annäherung. Und ſie hatte dieſen Zweck vollkommen erreicht; man kannte und fürchtete ihre ſtachlichte Nähe, und wich ihrer Berührung, welche immer verwundete, gern aus; man erzählte ſich ihre ſcharfen und beißenden Bonmots, man machte aus ihren ſanglanten und ſchneidenden Witzworten einen willkommenen und erheiternden Stoff der Unterhal⸗ tung und Beluſtigung, und Niemand ahnte und wußte, daß Amalie nur deshalb ſolche ſpitzen und verwunden⸗ den Pfeile um ſich her ſchleuderte, um allein zu ſitzen auf dem Iſolirſtuhl ihres Kummers, um Alle ſo fern von ſich zu halten, daß Niemand ihre Seufzer und ihr Aechzen hören und den Gram in ihren Mienen leſen könne. Und dennoch, allergnädigſte Prinzeſſin, bitte ich um Gehör, ſagte Pöllnitz mit ſeiner unverwüſtlichen guten Laune. Wenn meine Stimme rauher iſt, wie die jenes Naben, nun, ſo gebe mir Euer Königliche Hoheit Zuckerbrod und ſie wird ſanft werden, wie die eines unſchuldigen Mädchens. 1 Ich denke, ein Ducaten wäre Ihnen lieber, Pöllnitz, ſagte Amalie ſcharf. Mit Zuckerbrod iſt Pöllnitz nicht zu gewinnen, aber für Geld folgt er dem Teufel ſelbſt in die Hölle.. Da haben Euer Königliche Hoheit Recht. Ich wünſche überhaupt nicht in den Himmel, ſondern in ddie Hölle zu kommen, denn dort werde ich immer in ddeer beſten und intereſſanteſten Geſellſchaft ſein. Die genialen Leute ſind alle geborene Teufelsbraten, und ine gewiſſe Genialität haben mir Euer Hoheit ja — 6 immer zuerkannt. Sei es alſo, ich nehme die Duca⸗ ten an, welche Euer königliche Hoheit mir bieten und erlaube mir nun, meine Botſchaft vorzutragen. Ich komme nämlich als Bote Sr. königlichen Hoheit des Prinzen Heinrich. Er ſendet ſeiner vielgeliebten Prin⸗ zeſſin Schweſter ſeine herzlichen Grüße, und bittet, daß Höchſt Sie ihm die Ehre erzeigen, ihn heute über acht Tage zu einem Feſte, das er in Rheinsberg geben wird, zu beſuchen. 8 Iſt der Herr Ober⸗Kammerherr des Königs jetzt Hoffourier des Prinzen Heinrich geworden? fragte Amalie. Nein, königliche Hoheit, ich pfuſche heute nur dem Fourier gelegentlich in's Handwerk, denn dieſe Einla⸗ dung iſt nicht der Hauptzweck meiner Sendung, ſon⸗ dern nur eine gelegentliche Beſtellung. Ich wußte es wohl, ſagte Amalie mit ironiſchem Lachen. Mein Bruder liebt mich nicht ſo ſehr, daß er mich zu ſeinen Feſten einladen ſollte, wenn er damit Prinz Heinrich von mir? Eine Gefälligkeit, Königliche Hoheit. Er wünſcht zum Geburtstag ſeiner Gemahlin von ſeinen franzöſi⸗ ſchen Schauſpielern Voltaire's Rome sauvéc aufführen nigliche Hoheit ſo große Triumphe feierten. Der Prinz erinnert ſich, daß Voltaire die Rolle der Aurelie damals für Sie eingerichtet, und mit Zuſätzen und Abänderungen verſehen hat, und bittet daher durch Rheinsberg, ob Sie ihm dieſe Rolle nicht gnädigſt für ſeine Actrice überlaſſen wollten. dieſe Rolle zu ſpielen? fragte die Prinzeſſin mit eine nicht einen Nebenzweck verbindet. Nun, was will der zu laſſen, in welchem vor einigen Jahren Euer Kö⸗ mich, den augenblicklichen directeur des spectacles de Warum fordert er mich nicht lieber auf, ſelbe — — 11— grauſamen Spott über ſich ſelber. Mir ſcheint, ich würde mich ſehr gut ausnehmen als Aurelie, und meine ſanfte Flötenſtimme würde ſehr viel Eindruck auf das Publikum machen müſſen. Es iſt ſehr grau⸗ ſam von meinem Bruder, mir eine Rolle abfordern zu laſſen, in deren Beſitz ich noch bin. Das heißt mir beweiſen, daß ich alt und häßlich geworden bin. Nein, Königliche Hoheit, das heißt nur, daß dies⸗ mal dieſe Tragödie von wirklichen Schauſpielern, und nicht wie damals von Liebhabern geſpielt wer⸗ den ſoll. Sie haben Recht, ſagte Amalie, plötzlich ernſt wer⸗ dend, damals ward ſie von Liebhabern aufgeführt. Das iſt jetzt vorüber, unſere Träume ſind ausge⸗ träumt, wir ſind keine Liebhaber mehr.— Fräulein von Marwitz, haben Sie die Güte, und holen Sie doch dieſe Rolle, welche mein Bruder fordert. Es iſt ein Manuſcript zum Theil von Voltaire's eigener Hand geſchrieben. Sie finden es in dem Bureau, poelches in meinem Toilettenzimmer ſteht. nirende Hoffräulein entfernen zu können. Jetzt hö ren Frräulein von Marwitz entfernte ſich, das Verlangte zu holen, aber indem ſie es that, blickte ſie argwöh⸗ niſch noch einmal auf Pöllnitz zurück und ließ, wie in Zerſtreutheit, die Thür nach dem Nebengemach, wel⸗ ches ſie zu paſſiren hatte, um in das Toilettenzimmer zu gelangen, offen. Indeß kaum war das Hoffräulein in der zweiten Thür verſchwunden, als Pöllnitz mit jugendlicher Eil⸗ fertigkeit nach der Thür hinſprang und dieſe ſchloß. Prinzeſſin, ſagte er dann haſtig, dieſer Auftrag des Prinzen war nur ein Vorwand; ich habe dem Kam⸗ merherrn des Prinzen dieſe Beſtellung abgenommen, um ohne Auſſehen zu Ihnen gelangen und das ſpio⸗ — 12— Sie mich wohl an. Der öſterreichiſche Legationsrath von Weingarten war heute bei mir. Ah, Weingarten, murmelte die Prinzeſſin, und ihre ganze Geſtalt erbebte. Er hat Ihnen alſo einen Brief für mich gegeben? Schnell, ſchnell, geben Sie ihn mir! Nein, Königliche Hoheit, er hat mir keinen Brief gegeben, denn es ſcheint, als wenn Derjenige, welcher ſonſt ihm Briefe ſandte, nicht mehr im Stande iſt, das zu thun. Er iſt todt? rief Amalie entſetzt, indem ſie, wie vom Blitz getroffen, zuſammenſank. 4 Nein, Prinzeſſin, er iſt nicht todt, aber in ßer Gefahr. Es ſcheint, daß Herr von Weingarten in großer Geldnoth iſt, denn für hundert Louisd'or, die ich ihm verſprach, vertraute er mir, daß man Trenck bei dem König verdächtigt und ihm geſagt habe, Trenck beabſichtige einen Mordverſuch auf ihn. Die elenden Lügner und Verlzumder! rief ud verachtungsvoll. Der König, wie es ſcheint, hat an dieſe Verläun dung geglaubt, denn er hat an ſeinen Miniſterreſiden⸗ ten in Danzig die Ordre ergehen laſſen, bei dem Senat von Danzig auf die Auslieferung Trench's an⸗ zutragen. Trenck iſt nicht in Danzig, ſondern in Wien. 4 Trenck iſt in Danzig, oder vielmehr war in Danzig.* Und jetzt? 8 Jetzt, ſagte Pöllnitz feierlich, jetzt iſt er auf dem Transport nach Königsberg, und von da wird er wei⸗ ter transportirt nach irgend einer anderen Feſtung, uerſt aber nach Berlin. 4 Die unalüicliche Prinzeſſin ſtieß einen Schrei aus, der dumpf und unheimlich wie das Todesgeſchrei der Nachteule erklang. Er iſt alſo gefangen? ächzte ſie. Ja, gefangen, Königliche Hoheit, aber noch auf dem Transport. So lange er noch nicht die Schwelle ſei⸗ nes Kerkers überſchritten hat, iſt es noch möglich ihn zu retten. Herr von Weingarten, welcher, wie es ſcheint, Euer Königlichen Hoheit ſehr ergeben iſt, hat mir für Sie die ganze Transporttour aufgezeichnet. Hier iſt ſie. Er reichte der Prinzeſſin ein kleines Blatt Papier hin, das dieſe mit zitternder Hand ergriff, indem ſie mit haſtigen Blicken deſſen Inhalt überflog. Er kommt durch Cöslin, ſagte ſie dann faſt freu⸗ 3 dig. Das iſt noch eine Ausſicht auf Rettung. In Cöslin ſteht mein Jugendfreund, der Herzog von Würtemberg, er wird mir beiſtehen ihn zu retten. Pöll⸗ nitz, Pöllnitz, ſchnell, ſchaffen Sie mir einen Courier, der ſofort abgehen und dem Herzog einen Brief von mir überbringen kann. 2 Das wird ſchwer, wenn nicht unmöglich ſein, ſagte Pöllnitz bedenklich. Sie flog mit jugendlicher Lebendigkeit von ihrem Sitz empor. Ihre Augen hatten ihr altes Feuer, ihre Züge ihre frühere Elaſticität und Beweglichkeit wieder gewonnen. Die Gluth ihrer Seele hatte die Schwäche ihres Körpers überwunden, ſie hatte ihre ganze Ener⸗ gie und Thatkraft wieder gefunden. Nun denn, ſagte ſie entſchloſſen und feſt, und ſelbſt ihre Stimme war jetzt feſt und tonvoll, nun denn, ſo werde ich ſelbſt gehen, und wehe dem, der es wagen will, mich zurückzuhalten. Man hat mir Seebäder ver⸗ ordnet, ich reiſe heute in dieſer Stunde noch ab, um ſie in Cöslin zu gebrauchen. Aber nein, nein, ich — 14— werde nicht raſch genug reiſen können. Pöllnitz, Sie müſſen mir einen Courier ſchaffen. Ich will es verſuchen, ſagte Pöllnitz. Für Geld kann man Alles haben auf der Welt, und ich denke, es wird Euer Königliche Hoheit auf einige Louisd'or mehr oder weniger nicht ankommen.. Schaffen Sie mir einen Boten, und ich will ihm jede Stunde Weges mit einem Goldſtück bezahlen. Dann werde ich einen Boten ſchaffen, ich werde meinen eigenen Diener ſchicken, Königliche Hoheit. In einer halben Stunde ſoll er reiſefertig ſein. Gott ſei gelobt! ſeufzte Amalie, es wird alſo viel⸗ leicht doch noch möglich ſein, ihn zu retten. Laſſen Sie mich jetzt raſch den Brief ſchreiben, und dann ſen⸗ den Sie Ihren Boten ab. Er ſoll eilen, als ob er Flügel hätte, als ob der Wind ihn auf ſeinen Rücken genommen. Je früher er mir das Antwortſchreiben des Herzogs bringt, deſto größer ſoll ſeine Belohnung ſein. Oh, ich will ihn belohnen, als ob ich eine ſtolze Königin und nicht eine arme, ſchmerzbeladene Prin⸗ zeſſin wäre!. Schreiben Sie, Prinzeſſin, ſchreiben Sie, drängten Pöllnitz. Oder nein, haben Sie die Gnade mir, be⸗ vor Fräulein von Marwitz zurückkehrt, die hundert Louisd'or zu geben, welche ich Herrn von Weingarten für ſeine Benachrichtigung verſprochen habe, und dann mögen Euer Königliche Hoheit, wenn Sie wollen, für mich die Ducaten hinzufügen, von welchen Sie die Gnade hatten zu ſprechen. Prinzeſſin Amalie antwortete nicht. Sie trat zu ihrem Schreibtiſch, und ſchrieb mit feſter und ſicherer Hand einige Zeilen, die ſie alsdann Pöllnitz hinreichte. Nehmen Sie, ſagte ſie faſt verächtlich. Es iſt eine Anweiſung auf meinen Banquier, Herrn Orquelin; er wird Ihnen für dies Papier das Geld des Herrn von Weingarten und die verſprochenen Ducaten für Sie auszahlen. Ich danke Ihnen, daß Sie ſich Ihre Dienſte bezahlen laſſen, denn das überhebt mich der Laſt der Dankbarkeit. Dienen Sie mir auch ferner treu und Sie ſollen meine Hand immer offen und meine Börſe immer gefüllt finden. Und jetzt laſſen Sie mir Zeit, an den Herzog zu ſchreiben und ihm— Prinzeſſin, ich höre das Hoffräulein kommen, flüſterte Pöllnitz. Amalie entfernte ſich eilfertig von dem Schreib⸗ tiſch und ſchritt auf die Thür zu, durch welche Fräu⸗ lein von Marwitz eintreten mußte. Ah, endlich kommen Sie, ſagte ſie, als das Hof⸗ fräulein jetzt die Thür öffnete. Ich war ſchon im Be⸗ griff ſelbſt zu gehen, weil ich fürchtete, Sie könnten die Papiere nicht finden. 6 Es iſt mir allerdings ſchwer geworden, ſie aus der Maſſe anderer Bücher und Papiere herauszufinden, ſagte Fräulein von Marwitz, deren argwöhniſche Blicke im Zimmer umherflogen. Indeſſen iſt es mir endlich dooch gelungen. Hier ſind die Papiere, Königliche Hoheit. Die Prinzeſſin nahm ſie und blätterte darin ſuchend umher. Ah, ich dachte es mir, ſagte ſie dann. Es fehlt da ein Monolog, welchen Voltaire für mich ge⸗ ſchrieben. Ich gab das Manuſcript an den König, und habe es noch nicht wieder erhalten. Aber ich denke, mein Gedächtniß iſt das Einzige, was an mir geſund geblieben iſt und ſeine Kraft nicht verloren hat; vielleicht iſt dies das einzige Unglück, an welchem ich kranke, daß ich nicht vergeſſen kann, ſondern ein gutes Gedächtniß habe. Nun, ich will es heute einmal er⸗ roben, und dieſen ſchönen Monolog aus dem Ge⸗ —= 16— dächtniß aufſchreiben. Aber dazu muß ich allein ſein! Ich bitte alſo, Fräulein von Marwitz, gehen Sie mit Pöllnitz in den Salon. Er mag Ihnen dort etwas von der chronique scandaleuse unſeres tugendhaften Hofes erzählen, während ich hier den Monolog auf⸗ ſchreibe. 3 Und nun, ſagte ſie, als ſie allein war, nun, Gott! gieb mir die richtigen Worte ein, um die Seele des Herzogs zu rühren, und ihn für meinen Plan zu ge⸗ winnen! Mit feſter und ſicherer Hand ſchrieb ſie: Weil Sie glücklich ſind, Herzog, werden Sie des Unglücks ſich erbarmen, weil Sie ſeit einigen Tagen an der Seite Ihrer jungen neuvermählten Gemahlin das reine Glück 1 vereinigter Liebe kennen gelernt, werden Sie die Ver⸗ zweiflung derer ermeſſen können, welche lieben und ſich niemals angehören können. Im Vertrauen darauf er⸗ innere ich Sie an jenen Tag, wo ich Ihnen bei dem König, meinem Bruder, einen Dienſt erweiſen konnte. Damals verſprachen Sie mir, wenn es einſt in Ihrer Macht ſtände, mir zu vergelten, und ich mußte Ihnen verſprechen, wenn ich einſt in irgend einer Sache der Hülfe bedürfe, mich an Sie allein zu wenden. Der Augenblick, dies Verſprechen einzulöſen, iſt gekommen! Ich bedarf der Hülfe. Nicht für mich! Mir kann nur Gott helfen und der Tod! Ich bedarf der Hülfe für einen Mann, der mit mir dieſelbe Galeerenkette des Unglücks trägt. Sie kennen ihn, erbarmen Sie ſich ſein. Vielleicht trifft er mit meinem Brief zugleich bei Ihnen ein. Herzog, wollen Sie der Gefangen⸗ wärter eines Unglücklichen ſein, der nur deshalb leiden mußte, weil ich eine Fürſtentochter bin? Freund, ſol⸗ len Ihre Ofſtziere die Büttel ſein, welche das Schlacht⸗ opfer unſeliger und von mir Tag und Nacht beweinter — 12— Verhältniſſe in einen ewigen Kerker abführen? Oh, mein Gott, mein Gott, Du haſt dem Vogel ſeine Flü⸗ gel gegeben, und dem Roß ſeinen raſchen Lauf, Du haſt geſagt, daß der Menſch der König der Schöpfung ſein ſoll, Du haſt ihm das Siegel der Freiheit auf die Stirn gedrückt. Es iſt ſein heiligſtes Beſitzthum! Freund, wollen Sie es zugeben, daß man einem edlen Menſchen, welcher nichts mehr hat, als dieſes letzte Beſitzthum, daß man ihm es raube? Oh, Herzog, ſeien Sie für meinen unglücklichen Freund einmal die Gottheit, welche den Menſchen frei macht, und ich will Sie dafür ſegnen und verehren mein ganzes Leben lang! Amalie.“ Wenn er dieſen Schmerzensſchrei meiner Seele nicht hört und nicht verſteht, flüſterte Amalie, indem ſie das Papier zuſammenfaltete und ſiegelte, wenn er den grauſamen Muth hat, mich umſonſt zu ihm flehen zu laſſen, ſo werde ich ihm dereinſt in meiner Sterbe⸗ ſtunde noch fluchen, und ihn anklagen als den Mörder meiner letzten Hoffnung! Sie rief Pöllnitz wieder zu ſich zurück und über⸗ gab ihm mit einem vielſagenden Blick den Brief. Mein Gedächtniß hat mich wirklich nicht betrogen, ſagte ſie mit einem matten Lächeln zu ihrer Hofdame, welche hinter Pöllnitz eingetreten war, und deren ſchar⸗ fes Auge auf den Brief in des Barons Hand ſich richtete. Ich bin im Stande geweſen, den ganzen Mo⸗ nolog aufzuſchreiben. Bringen Sie alſo dieſes Papier meinem Bruder, Pöllnitz. Ich habe einige freundliche, eertſchuldigende Worte für ihn hinzugefügt, denn ich — 2 kann ſeine Einladung nicht annehmen, und werde der Aufführung des Drama's nicht beiwohnen. Gehen Sie zu meinem Bruder, Herr Ober⸗Kammerherr! 3 Nun, ich denke, ich habe da ein ziemlich lucratives Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. 2 * — 18— Geſchäft gemacht, ſagte Pöllnitz zu ſich ſelber, als er die Prinzeſſin verlaſſen hatte, funfzig Friedrichsd'or habe ich Weingarten verſprochen, bleiben alſo für mich funfzig Friedrichsd'or übrig, ungerechnet die Ducaten, welche mir Prinzeſſin Amalie noch außerdem verſchrie⸗ ben hat, und deren Zahl ich nicht einmal kenne. Zu⸗ dem werde ich kein ſolcher Eſel ſein, meinen Spitz⸗ buben von Diener, welcher mich alle Tage beſtiehlt, die Belohnung wiſſen zu laſſen, welche die Prinzeſſin ihm beſtimmt hat, er iſt mein Sclave, und wenn ich ihn für Andere arbeiten laſſe, ſo iſt das meine Ange⸗ legenheit, und mir gebührt der dafür ausgeſetzte Lohn. Höre einmal, Jean, ſagte, als er in ſeine Woh⸗ nung zurückgekehrt war, und ſein Kammerdiener, wel⸗ cher indeß zugleich auch ſein Reitknecht, ſein Jokey und ſein Kutſcher war, höre einmal, Jean, weißt Du ganz genau, wieviel Du im Ganzen für mich ausgelegt haſt? Ganz genau, Herr Baron, erwiederte der Diener mit einem freundlichen Aufblitzen ſeiner Augen, weil er glaubte, die Stunde der Bezahlung ſei endlich ge⸗ kommen. Euer Gnaden ſchulden mir drei und funfzig Thaler, vier Groſchen und fünf Pfennige. Gemeine Seele, welche im Stande iſt, ſolches Ba⸗ gatell bei Heller und Pfennig im Gedächtniß zu be⸗ halten! rief Pöllnitz mit verächtlichem Achſelzucken. Nun höre, ich habe einen dringenden und wichtigen Auftrag für Dich. Du wirſt ſogleich Dein Pferd ſat⸗ teln und dieſen Brief an ſeine Adreſſe bringen, an den Herzog von Würtemberg in Cöslin nämlich. Du wirſt Tag und Nacht reiten und nicht eher ruhen, als bis Du dort biſt und den Brief in die eigenen Hände des Herzogs abgeliefert haſt. Dann erlaube ich Dir einen Raſttag für Dein Pferd und für Dich. Deine Rückreiſe machſt Du eben ſo ſchnell, wie Deine Hin⸗ 1 — 19— reiſe, und wenn Du heute in acht Tagen wieder hier biſt, werde ich Dich königlich belohnen. Das heißt, Euer Gnaden? fragte Jean in höchſter Spannung. Das heißt, ich werde Dir die Hälfte Deiner Aus⸗ lagen wiedererſtatten, wenn Du in acht Tagen wieder hier biſt. Bleibſt Du einen Tag länger, ſo bekommſt Du nur ein Drittel. Und wenn ich einen Tag früher komme? fragte Jean ſeufzend.. 9 So gebe ich Dir noch einen Thaler extra zur Be⸗ lohnung, ſagte Pöllnitz mit feierlicher Würde. Aber Euer Gnaden werden mir doch außerdem wenigſtens noch ein Reiſegeld bewilligen? fragte Jean ſchüchtern. Elender, unverſchämter Bettler, welcher immer mehr fordert, je mehr man ihm bewilligt, rief Pöllnitz mit edlem Unwillen. Lerne an Deinem Herrn, daß es nichts Gemeineres und Miſerableres giebt, als das Geld, und daß nur derjenige eine wahrhaft noble Ge⸗ ſinnung hat, welcher niemals um des Geldes, fondern nur um der Ehre willen, Anderen Dienſte leiſtet. Aber Euer Gnaden, da ich die Ehre gehabt habe, alle meine Erſparniſſe für Euer Gnaden auszulegen, habe ich auch nicht einen Groſchen mehr, um damit auf der Reiſe für mich und mein Pferd Lebensmittel anzuſchaffen.„ Was Deine Erſparniſſe anbetrifft, ſagte Pöllnitz, ſo ſind ſie jedenfalls bei mir ſicherer aufgehoben, als bei Dir. Du würdeſt ſie vergeudet haben, während ich ſie Dir zuſammenhalte. Zudem giebt es leider kein anderes Mittel mehr, die Diener treu und anhänglich zu erhalten, als indem ihre Herren ſie durch das ge⸗ meinſte und elendeſte Band, durch den Eigennutz, an 2*⅔ ſich feſſen. Du würdeſt mir ſchon hundertmal ent⸗ laufen ſein, wenn der Eigennutz Dich nicht an mich feſſelte, denn Du weißt ſehr wohl, daß wenn Du Dich ohue meine Erlaubniß von mir entfernſt, ich Dich da⸗ durch ſtrafen würde, daß ich Dir Dein Geld nicht wiedergäbe, ſondern es an die Armenkaſſe auslieferte. Aber jetzt genug des müßigen Plauderns. Mache Dich reiſefertig, in einer halben Stunde muß Berlin ſchon hinter Dir liegen. Ich bewillige Dir einen Thaler Reiſediäten für jeden Tag. Nun eile Dich! Und denke daran, daß, wenn Du länger als acht Tage ausbleibſt, ich Dir nur ein Drittheil Deiner Erſparniſſe, die Du mir in Verwahrſam gegeben, auszahlen werde. Dieſe fürchterliche Drohung mußte bei dem armen Jean ihre Wirkung gethan haben, denn genau acht Tage ſpäter konnte Pöllnitz mit triumphirendem Ge⸗ ſicht der Prinzeſſin Amalie verſtohlener Weiſe ein klei⸗ nes Briefchen in die Hand drücken, das ſo lautete: „Ich danke Ihnen, Prinzeſſin, daß Sie meiner ge⸗ dacht, und mir Gelegenheit gegeben haben, einem Un⸗ glücklichen hülfreich zu ſein. Sie haben Recht, Gott hat die Menſchen geſchaffen, um frei zu ſein. Auch bin ich kein Gefängnißwärter und meine Offiziere ſind keine Büttel. Sie haben freilich die Pflicht, den un⸗ glücklichen Mann, welcher ſeit geſtern hier iſt, und den ich auf drei Tage als Gaſt in mein Haus genommen habe, von hier aus weiter zu geleiten, aber ſeine Füße werden frei ſein, wie ſeine Hände, und wenn er von den Vögeln die Schnelle, und von dem Roſſe den raſchen Lauf gelernt hat, wird ſeine Flucht ihm dies⸗ mal weniger Mühe machen, als einſt die Flucht aus der Citadelle von Glatz, denn meine Offiziere wachen nicht immer und Gottes Welt iſt ſo groß, daß ſie dieſelbe unmöglich ganz und gar überwachen können. Bis zu dem Flecken Böslin ſtehen meine Regimenter. Den Offizier, welcher abgeſetzt wird, weil er nichl wachſam genug geweſen, empfehle ich Ihrer Gnade! Ferdinand.“ Er wird meine Gnade nicht allein, ſondern meine ewige Dankbarkeit haben, flüſterte Prinzeſſin Amalie, indem ſie mit leidenſchaftlicher Innigkeit den lakoniſchen Brief des Herzogs an ihre Lippen drückte. Oh, mein Gott, heute fühle ich, was ich nie für möglich gehal⸗ ten, man kann glücklich ſein, auch ohne das Glück!— Nun, ich werde niemals mehr murren, niemals mehr mich beklagen, wenn das Schickſal dies⸗ mal Gnade übt, wenn es das edle Beſtreben des Her⸗ zogs nicht vereitelt, wenn Trenck gerettet wird. Ich verlange nichts weiter vom Schickſal. Ich verlange nicht einmal ihn wiederzuſehen, wieder Briefe von ihm zu haben. Ich will nur, daß er frei und vielleicht auch glücklich ſei! 3 Und in der Freude ihres Herzens erfüllte ſie nicht bloß das Pöllnitz geleiſtete Verſprechen, dem Boten für jede Stunde Weges einen Louisd'or zu zahlen, ſondern ſie fügte noch für Pöllnitz eine koſtbare Bril⸗ lantnadel hinzu, die der, in ſolchen Dingen ſehr er⸗ fahrene Baron, indem er der Prinzeſſin mit zitternder Stimme ſeinen Dank abſtattete, doch in Gedanken ſo⸗ gleich taxirte, indem er fand, daß ſie wohl funfzig 8 Louisd’or werth ſein mochte.. Der Herr Baron kehrte daher vollkommen befrie⸗ digt mit ſeiner Brillantnadel und ſeiner Börſe voll Louisd'or in ſeine Wohnung zurück, und hieß mit einer gewiſſen feierlichen Würde Jean ihm in ſein Boudoir folgen.. Jean, ſagte er, ich bin mit Dir zuſrieden. Du haſt meine Befehle treu und pünktlich erfüllt. Du biſt ſogar ſchon am ſiebenten Tage wieder hier geweſen, — 22.— und haſt Dir ſomit den Thaler verdient, welchen ich Dir als Extrabelohnung verſprochen habe. Deine Schuld betrug,— wie viel? Dreiundfunfzig Thaler vier Groſchen und fünf Pfennig, Euer Gnaden. Und die Hälfte davon iſt? Siebenundzwanzig Thaler, vierzehn Groſchen, zwei und einen halben Pfennig, ſagte Jean mit hochklopfen⸗ dem Herzen und einem ſeligen Lächeln, denn er ſah, wie ſein Herr eine wohlgefüllte Börſe hervorzog, und daraus einige Goldſtücke nahm. Du bekommſt alſo mit Deinem Extrathaler acht⸗ undzwanzig Thaler vierzehn Groſchen zwei und einen halben Pfennig, ſagte Pöllnitz, indem er einige Gold⸗ ſtücke auf den Tiſch zählte. Da ſind ſechs Louisd'or oder dreißig Thaler Gold, denn das Agio zu be⸗ rechnen, iſt unter meiner Würde. Nimm ſie, ſie ſind Dein! Jean ſtieß einen Schrei des Entzückens aus, und ſtürzte mit vorgeſtreckten Händen zu dem Tiſch hin, um ſeine Goldſtücke zuſammen zu raffen. Schon hatte er zwei Louisd'or erfaßt, als die kraftvolle Hand des Barons ihn zurückhielt. Jean, ſagte er, ich leſe in Deinen lüſternen Mie⸗ nen, daß Du ein toller Verſchwender biſt, und dieſes Geld, welches Du ſo ſchwer erworben haſt, in grenzen⸗ loſem Leichtſinn raſch vergenden willſt. Es iſt meine Pflicht als Dein treuer Herr, das zu hindern und für Dein Wohl zu wachen. Du wirſt daher nicht die ganze Summe in Deine leichtſinnigen Hände bekommen, ſondern nur die Hälfte, nur drei Lonisd'or, die ande⸗ ren drei werde ich zu Deinen übrigen Erſparniſſen legen, und ſie Dir aufhaben. Er ſteckte mit feierlicher Würde die drei Louisd'or — 23— wieder zu ſich, währind Jean ſeufzend ſeine von Thrä⸗ nen verdunkelten Augen auf die drei Louisd'or richtete, die er erbeutet hatte. Wie hoch beläuft ſich jetzt die Summe der Erſpar⸗ niſſe, die Du in meinem Verwahrſam gegeben? fragte Pöllnitz gravitätiſch. Zweiundvierzig Thaler vierzehn Groſchen und fünf Pfennige, ſagte Jean nach kurzem Beſinnen, dazu das Agio von den drei Louisd'or macht noch einen Thaler acht Groſchen mehr. Elender Gauner, ſchrie Pöllnitz zornig, Du wagſt es Deinem Herrn von den Goldſtücken, die er Dir in ſeiner Großmuth ſchenkt, das Agio berechnen zu wollen. Das iſt eine Gemeinheit, welche ihre exemplariſche Straſfe verdient! 4 Und er nahm ſein Bambusrohr, um es weidlich auf dem Rücken ſeines armen geprellten Dieners herum⸗ tanzen zu laſſen. II. Trenck auf dem Transpork. Vor dem Palais, in welchem der Herzog von Wür⸗ temberg in Cöslin reſidirte, ſtand ein leichter offener Kaleſchwagen, mit dem der Herzog zuweilen ſeine Spa⸗ zierfahrten zu machen pflegte, wenn er Luſt hatte ſelbſt einmal die Zügel zu führen, und ohne Etiquette die freie Natur und die friſche Gottesluft zu genießen.— — 24— Heute aber war dieſer Wagen nicht zu einer Spazier⸗ fahrt, ſondern zu dem Transport eines Gefangenen beſtimmt, und dieſer Gefangene war kein Anderer, als der unglückliche Friedrich von Trenck, den die feigen, von den Drohungen des preußiſchen Königs geängſtig⸗ ten Behörden der Republik Danzig an die zu dieſem Zweck dorthin geſandten Polizeiſoldaten Preußens aus⸗ geliefert hatten, und der nun auf dem Transport nach Berlin ſich befand. Die Kunde ſeines unſeligen Ge⸗ ſchickes zog wie ein Herold vor ihm her, und über⸗ all, wohin er mit ſeinem traurigen Gefolge von zwölf Huſaren kam, fand er die liebevollſte Theilnahme, be⸗ mühte man ſich, ihm die unzweideutigſten Beweiſe des Bedauerns und Mitgefühls zu geben. Selbſt die Of⸗ fiziere, welche ihn begleiteten, und von Station zu Station wechſelnd, neben ihm in der verſchloſſenen Kutſche ſaßen, ſchienen gerührt von ſeinem Schickſal und ſprachen nicht zu ihm, wie zu einem Gefangenen, ſondern wie zu einem lieben Waffengefährten. Aber während Alle für ihn zagten, Alle um ihn ſeufzten, war Trenck allein heiter, war ſein Antlitz allein ent⸗ ſchloſſen und muthvoll, und nicht einen Moment wäh⸗ rend dieſer drei Tage, die er im Hauſe des Herzogs verbracht hatte, war ſein ſchönes, jugendvolles Geſicht von einem Schatten getrübt worden, nicht einen Mo⸗ ment hatte ihn die heitere Laune verlaſſen, durch welche er ſich Aller Herzen zu gewinnen verſtand. An der Tafel des Herzogs war er der heiterſte, witzigſte Ge⸗ ſellſchafter geweſen, und ſeine munteren Geſchichten und drolligen Einfälle hatten nicht bloß den Herzog und ſeine Cavaliere, ſondern auch die junge Herzogin und ihre Damen herzlich lachen gemacht. In den Abendſtunden hatte er im Salon der Herzogin den ganzen vornehmen Geſellſchaftskreis in Erſtaunen ge⸗ ſetzt durch ſeine Improviſationen nach gegebenen The⸗ mata's, und durch die reizende und geſchmackvolle Art, mit der er die allerliebſten Lieder zu ſingen verſtand, die er auf ſeinen Reiſen in Italien, Deutſchland und Nußland dem Volke abgelauſcht hatte. Zu anderen Stunden hatte der Herzog ſich mit ihm in ernſte, wiſſenſchaftliche Geſpräche eingelaſſen, und war erſtaunt geweſen über das tiefe Wiſſen und die gediegenen, vielſeitigen Kenntniſſe des jungen Mannes, der ein ebenſo kenntnißreicher Militair, als gewandter Diplo⸗ mat, ein ebenſo tiefer Philoſoph, als gelehrter Ge⸗ ſchichtsforſcher zu ſein ſchien, und durch ſeine blendende Vortragsweiſe ſeine Zuhörer zu intereſſiren und zu feſſeln verſtand.. Aber es war nicht mehr möglich, die Friſt noch zu verlängern, und den Gefangenen noch länger zu⸗ rückzuhalten. Drei Tage der Raſt waren ſchon das äu⸗ ßerſte Maaß, welches man, ohne Verdacht zu erregen, bewilligen konnte. Der Herzog hatte daher ſeufzend zu Trenck geſagt, daß es ſeine Pflicht erfordere, ihn jetzt weiter escortiren zu laſſen auf ſeiner traurigen Reiſe; aber Trenck hatte dieſe Nachricht mit entſchloſ⸗ ſener Ruhe empfangen, und ſich mit vollkommener Unbefangenheit und voll heiteren Dankgefühls für die wohlwollende Aufnahme des Herzogs und ſeiner Ge⸗ mahlin von ihnen verabſchiedet. Ich hoffe, daß meine Gefangenſchaft nicht von langer Dauer ſein wird, ſagte er, indem er ſich von dem Herzog beurlaubte, und dann werden Euer Durch⸗ laucht die Gnade haben müſſen, mir zu erlauben, daß ich zu Ihnen zurückkehre, um Ihnen als freier Mann meinen Dank abzuſtatten. Möchten wir uns bald wiederſehen, ſagte der Her⸗ zog, und ſein forſchender Blick ſchien in dem Antlitz — 26— Trenck's ſeine innerſten Gedanken leſen zu wollen. Sobald Sie frei ſind, kommen Sie zu mir, ich werde Sie nicht verlaſſen, unter welchen Umſtänden Sie auch Ihre Freiheit erlangt haben mögen. Hatte Trenck den Sinn dieſer letzten, ſcharf be⸗ tonten Worte des Herzogs verſtanden, und wußte er ſie richtig zu deuten?. Der Herzog wußte es nicht! Kein Wink mit den Augen, kein ſtummes, noch ſo leiſes Zeichen verrieth ihm, daß Trenck ſeine Andeutung begriffen hätte. Er verneigte ſich lächelnd und verließ dann feſten Schrit⸗ tes und heiteren Angeſichts das Zimmer, um den Wagen zu beſteigen, der ihn von dannen führen ſollte. Der Herzog rief den Ordonnanz⸗Officier, welcher ihn bis zur nächſten Station zu begleiten hatte, zurück. Sie haben meinen Befehl nicht vergeſſen? fragte er. Nein, Durchlaucht, ich habe ihn nicht vergeſſen, und es iſt mir eine freudenvolle Pflicht, ihn getreulich zu erfüllen. Sie werden ihn in meinem Namen dem Officier auf der nächſten Station wiederholen, und ihn beauf⸗ tragen, daß dieſer mein Befehl auf jeder Station, ſo weit die Standquartiere meines Regimentes reichen, wiederholt werde. Jeder ſoll bedacht ſein, Trenck ſchwei⸗ gend, und natürlich ohne ihm irgend eine Andeutung zu machen, die Gelegenheit zur Flucht zu geben. Es wird dann von ihm abhangen, den günſtigſten Moment zu benutzen. Ich wiederhole, daß es ſich von ſelbſt verſteht, daß maan ihm nichts mit Worten von meinen guten Abſichten für ihn ſage, er muß die Handlungen verſtehen; ſo wird derjenige, welcher das Unglück hat, ſeinen Gefangenen einzubüßen, nur einen Tadel wegen Unachtſamkeit verdient haben, und auf mich allein wird die Verantwortung dem König gegenüber fallen. Es — 27— ſollen immer nur täglich fünf bis ſechs Meilen zurück⸗ gelegt werden, ſo werden Sie alſo am vierten Tage die letzten Standquartiere meines Regiments erreicht haben, und dieſe vier Tage führen durch Wälder und menſchenleere Landſtriche. Jetzt gehen Sie, und Gott möge mit Ihnen ſein! Und der Herzog trat an's Fenſter, um Trenck noch einen letzten Gruß zuzuwinken, und zu ſehen, wie er an der Seite des Ordonnanz⸗Officiers in dem leichten kleinen Kaleſchwagen von dannen fuhr. Nun, wenn er in dieſen Tagen nicht frei wird, ſo iſt es wahrlich nicht meine Schuld, murmelte der Her⸗ zog, und Prinzeß Amalie wird mir keine Vorwürfe zu machen haben. Während er gedankenvoll und wider Willen von trüben und unheilsvollen Ahnungen gequält, zu ſeiner Gemahlin ging, fuhr Trenck mit ſeinem Begleiter zum Thor hinaus. Für ihn war dieſe Fahrt in dem leich⸗ ten offenen Wagen, der, gleichſam beſchwingt, über die Landſtraße dahinrollte, ein wahres und herrliches Ver⸗ gnügen. Er ſog die warme Sommerluft mit friſchen Zügen ein, er ließ ſeine Augen mit entzücktem Lächeln über die wogenden Kornfelder oder die duftigen, blü⸗ henden Wieſen, an denen ſie vorüber kamen, dahin ſchweifen, er wetteiferte mit der Lerche, die zu den Wolken ſich emporwirbelte, in fröhlichem Singen und munterm Jauchzen, er fühlte ſich glücklich, unſchuldig und ſorglos wie ein Kind. Die Natur, welche er, in der finſteren verſchloſſenen Kutſche ſitzend, ſo ſchmerz⸗ lich entbehrt hatte, ſie grüßte ihn jetzt mit ihrem hei⸗ terſten Lächeln, ihren köſtlichſten Reizen; es ſchien ihm, als habe ſie für ihn mit ihren duftendſten Blumen, ihrem ſtrahlendſten Sonnenſchein ſich geſchmückt, a ſende ſie den lauen Wind, ſeine Wangen zu küſſe — 28— und ihm holde Liebesgrüße in's Ohr zu flüſtern. Er folgte mit träumeriſch ſeligen Blicken dem raſchen Flug der Vögel und der flatternden weißen Wolken. Er war ſo glücklich unter dieſem Anſchein der Freiheit, daß er ihn mit der Freiheit ſelber verwechſelte. Der Wagen fuhr jetzt auf der ſandigen Landſtraße langſam in einen Wald ein. Der friſche Duft der von der Sonne gedörrten Tannen entlockte Trenck einen Ausruf des Entzückens, und mit wahrem Wonne⸗ gefühl lehnte er ſein Haupt zurück unter die dunklen Waldesſchatten, nachdem er ſo⸗ lange die Gluth der Sonne hatte ertragen müſſen. Wir werden mehrere Stunden bedürfen, ehe wir dieſen Wald hinter uns haben, ſagte der Ordonnanz⸗ Officier. Es iſt eins der dichteſten Gebüſche dieſer Gegend, und das Schreckniß der Polizei. Denn Flücht⸗ linge, denen es gelingt, ſich hier zu verbergen, ſind, wenn ſie klug und vorſichtig ſind, vor jeder Entdeckung geſichert. Es iſt unmöglich, ſie in dieſem dichten dunklen Geſträuch wirkſam zu verfolgen, und jenſeits dieſes Waldes hat man nur noch eine Stunde Weges bis zum Meeresnfer, wo immer Fiſcherkähne bereit liegen, die Flüchtigen aufzunehmen, und ſie an irgend eins der vorüberſegelnden Schiffe abzuliefern. Aber entſchuldigen Sie mich, mein Herr. Die Sonne, die uns ſo heiß auf den Köpfen brannte, hat mich müde gemacht, und ich werde dem Beiſpiel unſeres Kutſchers folgen. Sehen Sie nur, er ſchläft ganz feſt, und die Pferde ſchleichen von ſelbſt in dem dichten Sande weiter. Gute Nacht, Herr von Trenck. Er ſchloß die Augen, und bald verrieth ſein lautes Schnarchen, und das Hin⸗ und Herſchwenken ſeines Hauptes, daß er ſicher und feſt eingeſchlafen ſei. Eine tiefe Stille herrſchte jetzt ringsum; Trenck — 29— gab ſich ihr mit Behagen hin. Dieſe friedliche Waldes⸗ ruhe, nur zuweilen von dem ſchläfrigen Gezwitſcher eines in den dunklen Zweigen ruhenden Vogels, dem Geſchnaufe der Pferde oder dem ſanften Rauſchen der Bäume unterbrochen, erfüllte ihn mit einem tiefen Wonnegefühl. Es iſt klar, ſagte er zu ſich ſelber, dieſe ganze Ge⸗ fangennahme in Danzig war nur ein Manövre, mit dem man mich ſchrecken wollte. Da ich den Antrag des preußiſchen Geſandten in Wien, nach Berlin und wieder in preußiſche Dienſte zurückzukehren, abgelehnt habe, hat mich der König dafür ſtrafen wollen, indem er mich etwas Furcht und Schrecken erdulden ließ. Aber dies iſt nur eine Comödie, ein Scherz, den der König mit mir treibt. Würde man es ſonſt waͤgen, mich in dieſer Art zu transportiren, wenn man mich wirklich als einen Gefangenen und einen Staatsver⸗ brecher, als einen Deſerteur betrachten wollte? Anfangs behandelte man mich mit Ernſt und Strenge, um mich zu täuſchen und zu erſchrecken, und wahrhaftig, dieſe zwölf reitenden Huſaren, welche beſtändig den dicht⸗ verſchloſſenen Wagen umgaben, das Alles trug ein ſo ernſtes und lugubres Anſehen, daß ich mich völlig täuſchen ließ. Aber jetzt iſt die Maske gefallen, und ich ſehe dahinter wohl das lächelnde, gütevolle Antlitz des Königs. Er hat mich einſt wahrhaft geliebt, er war gütig gegen mich, wie ein Vater, und die alte Liebe iſt wieder erwacht in ihm, und hat zu meinen Gunſten geſprochen. Er will mich wieder in Berlin haben, das iſt Alles, und zudem weiß er ſehr wohl, daß ich ihm nützen kann, denn Er, welcher überall ſeine Spione hat, Er weiß auch, daß Niemand ihm ſo gut als ich Aufſchluß geben kann über die Abſich⸗ ten und Pläne Rußlands, daß Niemand ſo genau weiß, g ſ . 8 3 8 2 8 — 30— was dieſe Rüſtungen zu bedeuten haben, welche im ganzen ruſſiſchen Reich vorgenommen werden. Ja, ja, ſo iſt es! Friedrich will mich in ſeinen Dienſten haben, weil er mein Verhältniß zur allmächtigen Kanz⸗ lerin Beſtuſchew kennt, weil er weiß, daß ich mit ihr in lebhaftem Brieſwechſel ſtehe, und durch ſie von allen Plänen des ruſſiſchen Gouvernements unterrichtet bin.*) Vielleicht beabſichtigt der König gar, mich als geheimen Vermittler nach Petersburg zu entſenden. Das würde mir eine Carriere eröffnen, die mich zu hohen Ehren bringen, und vielleicht Dinge möglich machen könnte, die jetzt immer nur wie wundervolle Traumbilder mich umgaukelten. Oh, Amalie, edelſtes und treueſtes Weib, wenn dennoch einſt die Träume unſerer Jugend ſich verwirklichen könnten, wenn das Schickſal, erweicht von Deinen Thränen und Deinem ſtillen Heldenmuth, Dich endlich doch mit dem vereinte, den Du ſo lange und ſo treu geliebt, und der, wie oft auch die Jugend, der Uebermuth und Leichtſinn ihn an ſeinen heiligen Erin⸗ nerungen freveln und ihnen untreu werden ließ, doch die Liebe zu Dir als einen Talisman auf ſeiuem Herzen trug, zu dem er immer wieder zurückkehrte, zu dem er betete, auf den er hoffte, und an den er noch glauben wird, wenn er Alles Andere anzweifelt! Oh, Amalie, Schutzengel meines Lebens, ich werde alſo jetzt zu Dir zurückkehren! Ich werde Dich wiederſehen, wieder in Deine ſchönen Augen blicken, und zu Deinen Füßen knieend meine Abſolution empfangen für meine begangenen Sünden, die indeß nur Sünden des Flei⸗ ſches waren, an denen meine Seele keinen Antheil hatte. Ja, ich werde zu Dir zurückkehren, um frei, glücklich und geehrt an Deiner Seite zu leben. Das *) Friedrich von Trencks Memoiren. Th. I., S. 294. — 31— ſehe ich an der Freundlichkeit des Herzogs, das ſehe ich an der nachläſſigen und auffallenden Weiſe, mit der man mich jetzt transportirt, das ſehe ich an dieſer unbefangenen Art, mit der mir mein Begleiter eben, bevor er einſchlief, erzählte, wie ſicher man ſich in dieſem Wald verbergen könne. Ich aber habe nicht nöthig, mich zu verbergen, mich bedroht kein Unglück, ſondern mir winkt das Glück und die Ehre. Ich werde alſo nicht ſo thöricht ſein, zu entfliehen, wäh⸗ rend das Leben mir wieder neue Bahnen öffnet, und mich wieder mit neuen Hoffnungen begrüßt!*) Und ganz erfüllt von dieſen Gedanken lehnte Trenck ſich in die Kiſſen des Wagens zurück, und überließ ſich ſeinen zukunftsgewiſſen Träumereien. Langſam ſchlichen die Pferde durch den tiefen, weichen Sand, der das Rollen der Räder geräuſchlos machte, und die Tritte der Menſchen in ſeinen zuſammenrieſelnden Wellen verwiſchte. Der Officier ſaß noch immer tief ſchlafend neben ihm, der Kutſcher hatte die Zügel auf das Spritzleder ſeines Wagens zurückfallen laſſen, und ſchwankte, wie in ſeliger Trunkenheit, hin und her.— Der Wald war öde und leer. Kein menſchliches Ant⸗ litz ließ ſich erblicken, keine menſchliche Wohnnng war ringsumher zu ſehen. Hätte Trenck fliehen wollen, es hätte nur eines Sprunges von dieſem offenen, niedri⸗ gen Wagen bedurft, nur hundert raſcher eiliger Schritte, um ſich im nahen Dickicht zu bergen, der Wagen wäre ruhig weiter gerollt, und die Schläfer in demſelben hätten bei ihrem Erwachen nicht einmal anzugeben ge⸗ wußt, an welcher Stelle des Waldes Trenck entflohen ſei, und der lockere Sand würde ſeine Fußtritte nicht *) Trencks Memoiren Th. I., S. 294. — 32— gezeichnet und die rauſchenden Bäume würden ihn nicht verrathen haben. Aber Trenck wollte nicht fliehen! Er war voll Glauben, Zuverſicht und Hoffnung! Sein ſanguini⸗ ſches Temperament malte ihm die Zukunft mit den lockendſten Farben. Nein, er wollte nicht entfliehen, denn er glaubte noch an ſeinen Stern! Das ernſte Spiel des Lebens hatte für ihn noch ein lachendes Angeſicht, und die bittere Wahrheit nahm er noch für eine neckiſche Täu⸗ ſchung! Der König wollte ihn nur prüfen, meinte er, der König wollte nur ſehen, ob er wirklich ſo ſchreckhaft und ängſtlich ſei, um ihm entfliehen zu wollen. Er ließ ihm die Gelegenheit zur Flucht geben, aber wenn er ſie benutzte, war er in den Augen des Königs für immer verloren, und ſeine Ausſichten waren vernichtet. Wenn er ſie ungenutzt vorübergehen ließ, und an⸗ ſcheinend als Gefangener nach Berlin kam, ſo blieb dem König die angenehme Enttäuſchung, und Trenck hatte ihm alsdann bewieſen, daß er zuverſichtlich und ganz ohne Furcht auf ſeine Gnade rechnete, er hatte ihm bewieſen, daß ſein Gewiſſen von keiner Schuld belaſtet ſei und er ſich ohne Zagen dem Urtheil des Königs unterwerfen könne. Nein, Trenck wollte nicht fliehen! In Berlin er⸗ wartete ihn die Freiheit, die Liebe und Amalie! Das Alles hätte er verloren durch die Flucht, das Alles bewahrte er ſich, wenn er blieb und ſich nicht verlocken ließ durch dieſe ſchmeichleriſche Göttin, Gelegenheit, die hinter jedem Baumſtamm und aus jedem Dickicht ihm 3 hervorwinkte mit lächelndem Gruß! Er widerſtand 4 ihren Verlockungen und ihrem Winken drei Tage lang; 1 er ließ ſich mit ſorgloſem Lächeln drei Tage lang durch —— —— — 35— dieſe öden menſchenleeren Gegenden dahinfahren, und beachtete in ſeiner übermüthigen Verblendung nicht die beſorgten und ängſtlichen Blicke der Officiere, die ihn geleiteten, und hörte nicht auf die leiſen, ſchüchternen Andeutungen, welche ſie ihm zu machen wagten. Hier iſt Ihr letzter Raſttag, ſagte der Ofſicier, wel⸗ cher ihn auf der letzten Station begleitet hatte. Sie werden dieſen Nachmittag hier bleiben, und in der Frühe des nächſten Morgens wird Sie der Rittmeiſter von Halber nach Böslin fahren, wo die Standquar⸗ tiere unſeres Dragoner⸗Regiments zu Ende ſind. Dort fängt die Infanterie⸗Garniſon an, welche dann für Ihren weiteren Transport zu ſorgen hat. Und ich werde ihr das nicht ſchwer machen, ſagte Trenck heiter, Sie ſehen wohl, ich bin ein ſehr gut⸗ müthiger Gefangener, für den es gar keiner Argus⸗ augen bedarf, und der durchaus nicht die Abſicht hat, zu entfliehen. 3 Der Officier ſchaute ihm mit tiefem Erſchrecken in das ruhige und lächelnde Antlitz und ging hinaus, um ſich mit dem Rittmeiſter von Halber, in deſſen Hauſe ſie abgeſtiegen waren, zu beſprechen und ihm ſeine Befürchtungen mitzutheilen. Vielleicht waren die Gelegenheiten, welche man ihm bisher geboten hat, zu undeutlich, ſagte der Ritt⸗ meiſter, vielleicht hat er ſie nicht bemerkt, oder ſie nicht für ſicher genug gehalten und fürchtete das Mißlingen. Und darin hat er Necht, eine mißlungene Flucht wäre für ihn viel ſchlimmer und nachtheiliger, als wenn er ruhig und ohne Widerſtand ſich fügt. Aber ich werde jetzt dafür ſorgen, daß er eine ganz ſichere und un⸗ fehlbare Gelegenheit zur Flucht bekommt, und glauben Sie mir nur, er wird ſchlau genug ſein, davon Ge⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. 3— 34= brauch zu machen. Sagen Sie das Sr. Königlichen Hoheit dem Herzog. Aber vergeffen Sie nicht, daß der Herzog befoh⸗ len hat, Trenck durch kein Wort, durch keine Andeu⸗ tung die Abſicht unſerer Gelegenheitsmacherei zu ver⸗ rathen; das würde den Herzog und uns Alle com⸗ promittiren. Ich begreife vollkommen, ſagte der Rittmeiſter, wir wollen alſo nicht mit Worten, ſondern mit Thaten zu ihm reden. Und treu dieſem Vorſatz verließ der Rittmeiſter, nachdem er mit Trenck und einigen Officieren ein heiteres Mahl eingenommen, ſein Haus, begleitet von ſeinem ganzen Dienſtperſonal. Die Pferde müſſen ſpazieren geführt werden, ſagte der Rittmeiſter, und da er unverheirathet war, blieb Niemand in dem kleinen Hauſe zurück, Niemand als Trenck allein. 3 Sie werden für einige Stunden mein Hauswart ſein, ſagte der Rittmeiſter, als er ſein Pferd beſtieg und Trenck, welcher unter der Thür ſeines Hauſes ſtand, zum Abſchied begrüßte. Sie werden mein Haus⸗ wart ſein, aber ich hoffe, es wird Niemand kommen, Ihre Einſamkeit zu ſtören, denn alle Officiere reiten mit mir und weiter habe ich keine Bekannte in dieſem kleinen Städtchen. Sie werden alſo ganz allein ſein, und wenn Sie bei meiner Rückkehr Sich in Nebel und Duft verflüchtet haben, ſo werde ich denken, die Langeweile habe Sie getödtet und in ein weſenloſes Nichts aufgelöſt. MNun, ich denke, das wird er doch wohl verſtanden haben, brummte der Rittmeiſter vor ſich hin, als er, gefolgt von ſeinen Dienern, die Straße dahinſprengte. Er müßte wahrhaftig taub und blind ſein, wenn er jetzt nicht eiligſt ſich aus dem Staube machte. — 35— Aber Trenck hatte ihn nicht verſtanden. Er konnte ihn nicht verſtehen, weil er an keine Gefahr glaubte und daher nicht ſie zu vermeiden trachtete. Er fühlte ſich nur nnendlich gelangweilt in dieſem lautloſen, ſtillen Hauſe, deſſen Zimmer er durchwanderte, um nach irgend einem Gegenſtand der Unterhaltung, nach irgend einem Buch zu ſuchen, deſſen Lectüre ihm Zer⸗ ſtreuung gewähren könnte. Aber der Rittmeiſter von Halber war mehr ein tüchtiger und geſchulter Soldat, als ein eifriger Schriftgelehrter, und mit Büchern hatte er ſich niemals zu ſchaffen gemacht. Trenck's Suchen war daher vergeblich, und mißlaunig und verſtimmt, geplagt von Langeweile und Unruhe, ſetzte Trenck ſeine Wanderung durch die verödeten Zimmer fort. Als ihm dies nicht mehr genügte, trat er hinaus auf den kleinen Hofplatz, der an der entgegengeſetzten Seite von den Stallgebäuden der Pferde eingeſchloſſen war. Aus dieſem Gebände drang Geräuſch an ſein Ohr und machte Trenck's Herz freudiger klopfen. Er war 3 alſo nicht ganz allein, irgend ein lebendes Weſen war da, welches ihm Geſellſchaft leiſten konnte. Mit ra⸗ ſchem Schritte ging er über den Hof und trat in den Stall. Da ſtanden an der Krippe zwei ſchöne, muthig ſchnaubende und ſtampfende Roſſe. Offenbar waren es Reitpferde, denn neben ihnen an der Wand hing das vollſtändige Sattelzeug. Die ſchönen Thiere ſchie⸗ nen mit Ungeduld den Moment zu erwarten, wo ſie aus dieſem dumpfen Halbdunkel des Stalles in die Luft und die grüne heitere Gotteswelt entlaſſen wür⸗ den. Sie ſtampften mit den Füßen, ihre Nüſtern flogen, mit rückwärts geworfenem Kopf athmeten ſie die Luft ein, welche durch die geöffnete Stallthür zu ihnen drang, und es ſchien Trenck, als. ob ihre glän⸗ — 36— zenden Augen mit einem bittenden Ausdruck auf ihn geheftet waren. Arme Thiere, ſagte Trenck, zu ihnen tretend und ihren Hals ſtreichelnd, arme Thiere, Ihr ſehnt Euch nach der Freiheit und hofft von mir, daß ich ſie Euch bringe. Aber ich kann es nicht, und ich darf es nicht. Gleich Euch bin ich ein Gefangener, aber gleich Euch nur ein Gefangener meines Willens. Wenn Ihr Euere Kraft gebrauchen wolltet, würde ein Ruck Eurer Muskeln genügen dieſen Lederriemen zu durchreißen, der Euch hält, und Euere Füße würden Euch wie Flügel durch die Lüfte dahintragen. Wenn ich die Gelegenheit benutzen wollte, hätte ich jetzt nur nöthig Euch zu feſſeln, um mich frei zu machen; nur nöthig, das Riemzeng und den Sattel auf einen Euerer Rücken zu legen, mich ſelbſt darauf zu ſchwingen, die Pforten zu öffnen und hinaus zu ſprengen. Dann hätten wir Beide unſer Ziel erreicht, dann wären wir Beide frei, und doch wären wir Beide verloren; eines Tages würde man uns wieder einfangen und uns den kurzen Traum der ſelbſtgeſchaffenen Freiheit bitter be⸗ reuen laſſen. Es iſt alſo für uns Beide beſſer, daß wir bleiben, was wir ſind: Gefangene unſeres Willens, gefeſſelt, nicht durch Ketten, die man unſerem Körper, ſondern die man unſerem Bewußtſein angelegt hat, und denen wir uns daher nicht entziehen dürfen. Er ſtreichelte zärtlich den glänzenden Hals der Thiere, und ihr freudiges luſtiges Wiehern erfüllte ſein Herz mit einer eigenen wehmuthsvollen Angſt. Ich muß Euch verlaſſen, murmelte er zuſammen⸗ ſchauernd, denn Euer Wiehern klingt ſo verlockend und luſtig, es erinnert mich an grüne Wieſen und duftige Wälder, an die ſchönen freien Landſtraßen, und das herrliche Gefühl der Freiheit, deſſen man genießt, wenn — 37— man auf dem Rücken eines ſchönen und muthigen Pferdes durch die Welt dahinſchweift. Nein, nein, ich darf Euch nicht linger heben, denn Ihr wäret im Stande, all' meine Weisheit und Beſonnenheit zu Schanden zu machen, und mich zu verleiten, daß ich durch Euch jetzt ſchon die Freiheit mir verſchaffte, die ich doch erſt in Berlin durch den König empfangen kann. Und mit haſtigen Schritten verließ Trenck das Stallgebäude und kehrte in das einſame Haus zurück, um ſich in dem Wohnzimmer des Rittmeiſters auf den Divan hinzuſtrecken und ſeinen Zukunftsträumen nach⸗ zuhängen.— Der Abend war bereits hereingebrochen, als der Nittmeiſter von Halber mit ſeiner Mannſchaft wieder heimkehrte von dem langen Spazierritt. Alles iſt ſtill und ruhig, ſagte er, als er in das Haus trat. Der Vogel iſt ausgeflogen, und diesmal iſt ihm die Gelegenheit günſtig vorgekommen. Mit einem zufriedenen Lächeln durchſchritt er den Corridor und trat in ſein Wohnzimmer. Aber jetzt veränderten ſich ſeine Mienen und ſeine zitternden Lip⸗ pen murmelten einen kräftigen Soldatenfluch. Da auf dem Divan hingeſtreckt lag Trenck im friedlichen, behaglichen Schlummer. Sein ſchönes, ju⸗ gendfriſches Antlitz war heiter und ſorglos, und ſchöne Träume mußten es ſein, die ihn umgaukelten, denn er lächelte im Schlaf. Armer Kerl, ſagte der Rittmeiſter kopfſchüttelnd, muß wahnſinnig ſein, oder mit Blindheit geſchlagen, daß er ſein Unglück nicht ſehen kann. Er weckte Trench, um ihm ſeine Rückkehr anzuzeigen. Und womit haben Sie ſich dieſe langweiligen Stun⸗ den, wo Sie allein waren, unterhalten? fragte der Rittmeiſter. 6 Ich habe mir Ihr Haus beſehen, und als ich da⸗ mit fertig war, bin ich in Ihren Stall gegangen und habe mich über Ihre ſchönen Reitpferde gefreut. Donnerwetter, Sie haben meine Reitpferde geſehen, fragte der Rittmeiſter ganz verblüfft. Iſt Ihnen denn dabei gar nicht der Wunſch entſtanden, eines derſelben zu beſteigen und damit frank und frei hinaus zu reiten in die ſchöne, freie Welt? Friedrich von Trenck lächelte. Dieſer Wunſch iſt mir wohl aufgeſtiegen, ſagte er, aber ich habe ihn mannhaft zu unterdrücken geſucht. Denn ſagen Sie ſelbſt, lieber Herr Rittmeiſter, wäre es nicht ſehr un⸗ dankbar und unritterlich geweſen, Sie auf eine ſo heim⸗ tückiſche und feige Weiſe zu hintergehen, während Sie ein ſo großmüthiges Vertrauen in mich geſetzt hatten? Wahrhaftig, Sie ſind ein Ehrenmann, rief der Rittmeiſter gerührt. Daran habe ich noch gar nicht gedacht, aber es iſt wahr, es wäre nicht nobel geweſen, aus meinem Hauſe zu entfliehen. Aber morgen wird er's thun, dachte der gutmüthige Soldat bei ſich ſelber, morgen wird Trenck fliehen, und ich werde ihm die Gelegenheit dazu geben.— Früh am anderen Morgen fuhr der Rittmeiſter von Halber mit ſeinem Gefangenen von dannen, nm ihn nach Böslin zu transportiren. Niemand ſonſt beglei⸗ tete ſie, Niemand war mit ihnen als der Kutſcher, der ſtill und lautlos auf ſeinem Bock ſaß und niemals rückwärts ſchauete zu den beiden Herren hinter ihm. Der Weg führte wieder durch einen großen Wald, und der Rittmeiſter machte es wie der Lieutenant, welcher Trenck am erſten Tage transportirt hatte. Er erzählte ſeinem Gefangenen von der merkwürdigen Un⸗ durchdringlichkeit dieſes Dickichts, und von den vielen — 39— Flüchtlingen, welche ſich ſchon mit Glück darin ver⸗ borgen gehalten. Dann lud er Trenck ein, mit ihm ein wenig aus⸗ zuſteigen und einige Zeit lang zu Fuß neben dem Wagen herzugehen, und als Trenck bereitwillig dieſer Einladung nachkommend, neben ihm in ſorgloſeſter Un⸗ befangenheit daher ſchritt, bemerkte der Rittuteiſter plötzlich, daß der Grund des Waldes mit den ſchönſten Champignons überſüet ſei. Laſſen Sie uns einige davon ſammeln, ſagte er. Die junge Frau eines meiner Freunde verſteht aus dieſen Champignons eine ſehr ſchmackhafte Speiſe zu bereiten, und es wäre wohl eine recht hübſche Auf⸗ merkſamkeit, wenn ich ihr eine anſehnliche Sammlung davon mitbrächte. Nehmen wir alſo unſere Taſchen⸗ tücher und unſere Mützen und ſammeln wir. Sie gehen rechts in den Wald, ich links, in einer Stunde finden wir uns hier am Wagen wieder zuſammen. Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchritt der gute Nittnreiſter fürbaß, links in den Wald hinein, und bald hatte er, immer den Champignons nachgehend, ſich im dichten Gebüſche verloren. Als er indeſſen nach einer Stunde wieder zu ſeinem Wagen zurückkehrte, fand er dort Friedrich von Trenck, welcher lächelnd ſeiner Rückkehr hatte. Der gutmüthige Soldat erblaßte vor Schrecken, und mit einem Ausdruck wahrhaften Entſetzens fragte er: Sie haben ſich alſo nicht verirrt? Sie haben früher als ich den Weg hierher zurückgefunden? Ich habe mich nicht verirrt, ſagte Trenck ruhig, und ich habe eine ſchöne Anzahl Champignons mitge⸗ vracht.— Er reichte dem Rittmeiſter ſein mit ſchönen runden kleinen Champignons angefülltes Taſchentuch dar, dieſer aber warf ſie mit einer Art verzweiflungs⸗ — 40— voller Wuth in den Wagen und ſtieg dann ohne ein Wort zu erwiedern hinein, indem er Trenck einen Wink gab, ihm zu folgen. Laſſen Sie uns jetzt unſere Reiſe fortſetzen, ſagte er dann kurz. Fahr' zu, Kutſcher! Er lehnte ſich in den Wagen zurück und ſtarrte mit finſter zuſammengezogenen Augenbrauen zum Him⸗ mel empor. Langſam bewegte ſich das knarrende Fuhr⸗ werk im Sande weiter, es ſchien, als ob die keuchen⸗ den Pferde ſelber ſich ſcheuten, das Ziel ihrer Reiſe zu erreichen, und an der Grenzſtation der Würtem⸗ bergiſchen Dragoner anzulangen. Trenck hatte gleich ſeinem Begleiter ſich in den Wagen zurückgelehnt, aber während Jener traurig und ooll finſterer Ahnungen vor ſich hinblickte, war Trenck's Antlitz heiter und unbefangen, und keine Spur von Mißmuth oder Sorge war in ſeinen Zügen zu leſen. So ging die Fahrt ſchweigend und ſtill weiter. Die Luft war heiter und wolkenlos, und doch ſchwebte eine ſchwere Wolke des Unheils über dem Haupte dieſes verblendeten jungen Mannes; die Vögel ſangen in den Zweigen, aber Trenck verſtand ſie nicht. Er verſtand nicht, daß ſie ſangen von der Freiheit und dem Glück, nicht, daß ſie ihn riefen, ihrem Beiſpiel zu folgen, und ſeine Füße zu beſchwingen zu eiliger Flucht. Der Wald rauſchte mit mächtigen Orgelklängen, und Trenck meinte, das ſeien die heiligen Hymnen der ruhenden Gotteswelt, er hörte nicht, daß die Bäume mit war⸗ nendem Ton ihm entgegenmurmelten: Flieh! Flieh! Komm unter unſere Schatten! Wir bergen Dich! Flieh, flieh, denn das Unglück ſchwebt über Dir wie der mörderiſche Geier, und ſeine Fänge ſind ſchon aus⸗ geſtreckt, Dich zu packen.— Und wie der Wind mit ſeltſamer Eile dahergewirbelt kam und den Sohn des — 141— Unglücks einhüllte in eine Wolke von Staub, flüſterte er ihm leiſe in's Ohr: Flieh! Flieh! Nimm ein Bei⸗ ſpiel an meiner Eile und flieh! Denn das Unglück kommt Dir entgegen und der Bach der Thränen rie⸗ ſelt den Weg zu Dir entlang. Wende alſo Dein Haupt und entfliehe, bevor ſie Dich ereilen.— Und in den knarrenden Rädern ſtöhnte und ächzte es: Flieh! Flieh! Wir rollen Dich dem dunklen Kerker entgegen. Hörſt Du die Ketten nicht klirren, ſiehſt Du nicht den Grabſtein zu Deinen Füßen? Das ſind Deine Ketten, und Dein Grab iſt's, das iſt da ge⸗ graben. Flieh alſo, flieh! Noch biſt Du frei!— Die Wolken, welche in feierlicher Majeſtät am Himmel dahin zogen, hatte das Abendroth mit glühender Pur⸗ purſchrift gezeichnet: Flieh! Flieh! Sonſt ſiehſt Du uns zum letzten Mal!— Und auf dem ſorgenvollen Antlitz des Rittmeiſters war es wieder zu leſen: Flieh! Flieh! Jetzt iſt es die höchſte Zeit! Dort ſchon iſt das Ende des Waldes, und ſchon zeigen ſich die erſten Häuſer von Böslin! Flieh alſo, flieh! Denn es iſt die höchſte Zeit! Aber Trenck's Augen waren geblendet und ſeine Ohren waren taub. 3 Diejenigen, welche der Dämon verderben will, die ſchlägt er zuerſt mit Blindheit!— Der Dämon hatte Friedrich von Trenck' Augen mit Blindheit geſchlagen, er hatte Trenck' Verderben beſchloſſen, es gab für ihn kein Entrinnen mehr! Deer Wagen hat ſchon den Ausgang des Waldes erreicht, er rollt ſchon mit dumpfem Geraſſel über das holprichte Steinpflaſter von Böslin dahin. Und was bedeutet dieſes Gedränge da vor dem ſtattlichen Hauſe, welches über ſeiner Thür das preu⸗ ßiſche Wappen trägt? Was bedeutet dieſer Trupp — 42— Soldaten, der da mit finſteren Geſichtern die dunkle, mit verſchloſſenen Jalouſien verſehene Kutſche umgiebt, und die neugierige Menge abzuwehren ſucht, welche dieſes traurige Fahrzeug gern in der Nähe betrachten möchte! Wir ſind in Böslin, ſagte der Rittmeiſter, auf jene Gruppe hindeutend. Das da iſt das Poſthaus, und wie Sie ſehen, erwartet man Sie ſchon. Jetzt zum erſtenmal erblaßte Trenck, und ſeine Mienen waren voll Entſetzen und Schrecken. Ich bin verloren, ſtammelte er, ganz überwältigt in die Kiſſen zurückſinkend, und indem er einen wilden Blick um ſich her warf, faßte er mit krampfhafter Hand des Rittmeiſters Arm. Seien Sie barmherzig, mein Herr. Laſſen Sie langſamer fahren, laſſen Sie umwenden, nur bis zum Ausgang des Waldes hin, oh, nur bis zum Ausgang dieſer Straße! Sie ſehen wohl, daß das unmöglich iſt, ſagte der Rittmeiſter traurig. Man hat uns ſchon geſehen, und wenn wir jetzt umwenden, ſo würde man uns mit Flintenſchüſſen bewillkommnen. Es wäre beſſer für mich, zu ſterben, als dort jenen ſinſteren Kaſten, jenes offene Grab beſteigen zu müſſen, ächzte Trenck. Sie wollten indeß nicht fliehen, Sie wollten mich nicht verſtehen, wir haben Ihnen oft die Gelegenheit geboten, und Sie haben es verſchmäht, davon Gebrauch zu machen! Weil ich wahnſinnig war, jammerte Trenck, weil ich mich für ſicher hielt, weil ich an den Segen eines guten Sternes glaubte, wo nur der Fluch meines Dämons mich verfolgte. Oh, mein Gott! Ich bin verloren, denn jetzt ſehe ich, daß alle meine Hoffnungen — — — 43— Täuſchungen waren! Der König iſt mein unverſöhn⸗ licher Feind, und er wird jetzt meine Vergangenheit an meiner Zukunft rächen. Aber dieſes Alles iſt jetzt zu ſpät. Oh, laſſen Sie langſamer fahren, langſamer, Rittmeiſter! Ich muß Ihnen noch mein Teſtament ſagen. Merken Sie wohl auf, denn es ſind die letzten Worte eines Menſchen, der ſchlimmer daran iſt, als ein Sterbender. Hören Sie. Oh, es iſt nur ein kleiner Dienſt, den ich fordere, aber meine ganze Exi⸗ ſtenz hängt davon ab. Fahren Sie ſogleich zu Ihrem Regimentschef, zum Herzog von Würtemberg, und ſagen Sie ihm dies: Friedrich von Trenck ſendet dem Herzog ſein letztes Lebewohl! Er iſt ein Gefangener und in Todesnoth! Möge der Herzog ſich ſein er⸗ barmen, und Ihr, die er kennt, die Nachricht geben, daß Trenck gefangen iſt und auf Sie allein noch hofft! Wollen Sie mir ſchwören, dies zu thun? Ich ſchwöre es Ihnen, ſagte der Rittmeiſter tief gerührt, ich— Der Wagen hielt, der Rittmeiſter ſprang hinunter und begrüßte den Officier, der mit dem weiteren Trans⸗ port des Gefangenen beauftragt war. Ddie Soldaten ſtellten ſich in militairiſcher Ordnung zu beiden Seiten der Kutſche auf, deren Schlag man ſchon geöffnet hatte. Trenck warf einen letzten, verzweiflungsvollen, flehenden Blick zum Himmel empor, dann verließ er mit feſter ruhiger Haltung den Wagen und ging zu der geöffneten Kutſche hin. Schon im Begriff, dieſe zu beſteigen, wandte er ſich noch einmal zu dem Rittmeiſter um, deſſen helle freundliche Augen von Etwas, wie von einer Thräne, verdunkelt waren. Sie werden nicht vergeſſen, mein Herr? fragte Treuck, und i feierlichen und unheilsvollen Schweigens, ſie umgab, hatten dieſe ſo ein⸗ fachen, ſo traurig ausgeſprochenen Worte eine ſeltſame, erſchütternde Wirku und machten ſelbſt die Herzen der ſtrengen, ernſten Krieger erbeben. Nein, ich werde nicht vergeſſen erwiederte der Rittmeiſter feierlich. Trenck nickte leicht mit dem Kopf und ſtieg dann ſchnell ein. Der Officier folgte ihm und ſchlug die Thür des Wagens hinter ſich zu. Die Jalouſien wur⸗ den aufgezogen, und langſam und feierlich, wie ein Leichenzug, bewegte ſich die Kutſche, umgeben von den Soldaten, vorwärts. Der Rittmeiſter ſchaute ihm traurig nach. Er hat Recht, murmelte er, er iſt ſchlimmer daran, als ein Sterbender! Ich will jetzt eilen, ſein Teſtament zu beſtellen.— Acht Tage ſpäter erhielt Prinzeſſin Amalie durch Pöllnitzens Vermittelung ein Billet des Herzogs von Würtemberg. Als ſie es geleſen, ſtürzte ſie mit einem herzzerreißenden Jammergeſchrei beſinnungglos und in furchtbaren Krämpfen zuſammen. Der Brief des Herzogs enthielt uichts als die Worte:„Alle Bemühungen waren vergeblich geweſen. Er wollte nicht fliehen, und glaubte nicht an den Ernſt ſeines Unglücks.— In den Kaſematten von Magde⸗ burg ſitzt jetzt ein armer Gefangener, deſſen Teſtament, welches er an mich gerichtet hat, aus dieſen Worten beſteht: Sagen Sie Ihr, welche Sie kennen, daß ich gefangen bin und auf Sie allein noch hoffe!“— — III. Prinz Heinrich und ſeine gemahlin. Prinz Heinrich ging in ſeltſamer Unruhe in ſeinem Studierzimmer auf und ab. Seine Stirn war finſter und umwölkt, und ein düſteres Feuer flammte in ſei⸗ nen Augen. Er fühlte ſich verſtimmt und auf's Aeu⸗ ßerſte gereizt, und doch wußte er kaum den Grund davon anzugeben. Nichts war geſchehen, was ſeine heitere Laune trüben, oder die Veranlaſſung zu ſeiner Verſtimmung hätte geben können. Alles außer ihm zeigte den gewohnten, heiteren und feſtlichen Anſtrich. Man war heute, wie faſt alle Tage, ſeitdem der Prinz mit ſeinem Hof in Rheinsberg reſidirte, mit der Ver⸗ anſtaltung zu irgend einem kleinen Feſt, einer heiteren Abendunterhaltung beſchäftigt, man wollte im Walde ein ländliches Feſt geben, bei dem man im idealen Schäferanzug erſcheinen ſollte. Der Prinz hatte ſich alſo in ſeine Gemächer zurückgezogen, um das ſchöne und geſchmackvolle Coſtüm anzulegen, welches er ſich zu dieſem Tage nach ſeinen eigenen Zeichnungen hatte anfertigen laſſen.— Aber er hatte dieſe Abſicht ganz vergeſſen. Der Schneider und der Friſeur erwarteten ihn vergebens in der Garderobe, der Prinz hatte ihre Exiſtenz ganz vergeſſen, er ging noch immer mit großen Schritten in ſeinem Studierzimmer auf und ab, und ſeine feſt zuſammengepreßten Lippen öffneten ſich nur zuweilen, um einige haſtige, unverſtändliche Worte zu murmeln. 3 Woran dachte der Prinz? Vielleicht wußte er es 4 — 46— ſelber nicht, oder, wenn er es wußte, wollte er es ſich doch nicht geſtehen. Vielleicht ſcheute er ſich in ſein Herz zu blicken, und auf dem Grunde deſſelben ganz neue Gefühle, ganz neue Wünſche zu finden. Zuweilen blieb er ſtehen und blickte mit ſeltſam fragendem Ausdruck zum Himmel einpor, als ſolle der ihm Antwort geben auf irgend eine geheimnißvolle Frage, die ihm ſeine Seele zuflüſterte. Dann wieder ſchüttelte er ſein Haupt und fuhr ſich haſtig mit der Hand über die Stirn, als wolle er die Gedanken ver⸗ ſcheuchen, die wie ein läſtiges Inſect ſein Haupt be⸗ unruhigten.— Er hörte es gar nicht, wie nach einiger Zeit leiſe an die Thür geklopft ward, er ſah es gar nicht, wie dieſe ſich jetzt öffnete und des Prinzen ver⸗ trauteſter Freund, der Graf Kalckreuth im vollſtändigen Coſtüm eines Schäfers hereintrat. Der Graf indeſſen that nichts, um dem Prinzen, welcher eben am Fenſter ſtand, ſeine Gegenwart be⸗ merklich zu machen. Er blieb neben der Thür ſtehen und ſchaute hinüber zu dem Prinzen. Auch ſein Ant⸗ litz war finſter, auch aus ſeinen Augen leuchtete ein düſteres Feuer, und der Blick, welchen er auf den Prinzen heftete, hatte faſt einen gehäſſigen Ausdruck. Aber als dieſer ſich jetzt umwendete, veränderten ſich ſchnell des Grafen Mienen, und mit dem Ausdruck vollkommener Heiterkeit auf ihn zuſchreitend, ſagte er: Königliche Hoheit, Sie ſehen wohl, das Erſtaunen über Ihre noch nicht vollendete Toilette und Ihren gedanken⸗ vollen Tiefſinn hatte mich wahrhaft erſtarrt, und ich ſtand wie Lot's ſlige Gemahlin auf Ihrer Thürſchwelle feſt. Sie haben alſo vergeſſen, Prinz, daß Sie be⸗ fohlen, wir ſollten Alle Punct vier Uhr fertig ſein? Nun denn, hören Euere Königliche Hoheit, eben ſchlägt die Schloßuhr die vierte Stunde, alle Damen und 4 6 — 47— Herren werden ſich im Muſikſaal verſammeln, den Euer Königliche Hoheit zum Verſammlungsort beſtimmt haben, und jetzt ſind Sie noch nicht im Coſtüm! Es iſt wahr, ſagte der Prinz zerſtreut, ich vergaß das, und werde jetzt eilen, meinen Fehler wieder gut zu machen. Er durchſchritt das Gemach, um ſich in ſeine Gar⸗ derobe zu begeben, aber nicht raſch und eilig, ſondern langſam und mit geſenktem Haupt. Bei der Thür angelangt blieb er ſtehen und blickte noch einmal nach dem Grafen um. Du biſt ſchon im Coſtüm, Freund? fragte er, jetzt erſt den phantaſtiſchen Anzug des Grafen gewahrend. Wirklich, Du ſiehſt wundervoll aus in dieſer Tracht, und die ſeladonfarbene Atlasjacke zeigt Deine Geſtalt ebenſo ſchön, als die Hauptmannsuniform. Was be⸗ deutet aber dieſe Schleife, welche Du da auf Deiner Schulter trägſt?. 1. Es iſt die Farbe meiner Schäferin, ſagte der Graf mit einem erzwungenen Lüächeln. Und wer iſt Deine Schäferin, Freund? Euer Königliche Hoheit fragen das, und haben ſie mir doch ſelber beſtimmt! rief der Graf erſtaunt. Ab, das iſt wahr, ich vergaß das, ſagte der Prinz mit dem Anſchein der Zerſtreuung. Deine Schäferin iſt die Prinzeſſin, meine Gemahlin. Nun, ich wünſche Dir, daß Du ſie heiterer und freundlicher finden mö⸗ geſt, als Ihre Königliche Hoheit mir heute Morgen begegnet iſt, und daß Du die Schönheit dieſer Roſe ſehen darfſt, welche mich nur ihre Dornen fühlen läßt. Während der Prinz ſo ſprach, war das Antlitz des Grafen leichenblaß geworden, und er warf einen raſchen, mißtrauiſchen Wick auf den Prinzen. Es iſt wahr, ſagte er dann, die Prinzeſſin iſt ſehr — 48— fremd und zurückhaltend gegen ihren Gemahl. Aber ſie thut das ohne Zweifel nur, um Euer Königlichen Hoheit nicht läſtig zu fallen, und das Verhältniß auch ihrerſeits ſtreng in den Grenzen zu halten, welche Sie mein Prinz, vor einem Jahr bei Ihrer Vermählung gleich feſtgeſetzt haben. Die Prinzeſſin weiß vielleicht nur zu gut, daß ihrem Gemahl der Ausdruck ihres Geſichts vollkommen gleichgültig iſt, als daß ſie ſich in Ihrer Gegenwart nicht ganz ungenirt ihrer Verſtimmt⸗ heit überlaſſen ſollte. Es iſt wahr, ſagte der Prinz traurig, ſie iſt mir vollkommen gleichgültig, und ich habe ihr das ſelbſt geſagt. Aber ſprechen wir nicht mehr davon. Was kümmert mich die Verſtimmtheit der Prinzeſſin. Ich will mich ankleiden, geh Du indeß in den Muſikſaal und bitte die Geſellſchaft in meinem Namen um Ver⸗ zeihung wegen meiner Verzögerung. In einigen Mi⸗ nuten werde ich bereit ſein, meine Gemahlin aus ihren Zimmern abzuholen und ſie Euch zuzuführen. Er nickte dem Grafen freundlich zu und verließ das Zimmer. Dieſer aber ſchaute ihm mit finſteren, ſorgenvollen Mienen nach. Wie ſeltſam er heute iſt, flüſterte er dann, ſollte er vielleicht einen Verdacht hegen, und dieſe anſcheinend argloſen Fragen und Bemerkungen, dieſes zerſtreute haſtige Weſen,— aber nein, nein, das iſt ja unmög⸗ lich, er kann nichts wiſſen, und Niemand kann ihm etwas verrathen haben. Es iſt nur die Angſt meines Gewiſſens, welche mich furchtſam macht. Und das muß ich hinnehmen, denn es ſind die Abgaben, welche ddas Glück mich zahlen läßt. cEr ſeußzte tief auf, und ging, um ſich des erhal⸗ tenen Auftrages zu erledigen. Nach einer Viertelſtunde war die Toilette des Prin⸗ zen vollendet, und er giug nach dem anderen, von der Prinzeſſin bewohnten Flügel des Schloſſes, um ſeine Gemahlin abzuholen und in den Muſikſaal zu geleiten.. Mit eiligen, haſtigen Schritten ging er durch die Säle dahin, und ſein vorher ſo trübes und verſtimm⸗ tes Antlitz war jetzt erwartungsvoll und geſpannt, ſeine Augen blitzten in einem kühnen, glänzenden Feuer, und eine ungeduldige Haſt war in ſeinem ganzen Weſen ausgeprägt. In ſeiner Hand hielt er ein köſt⸗ liches Bouquet von weißen Camelien, auf das er zu⸗ weilen, während er durch die Säle dahinſchritt, ſeine Augen mit einem faſt zärtlichen Ausdruck heftete, und als er jetzt bei dem Vorzimmer ſeiner Gemahlin an⸗ gelangt war, erblaßte er, und lehnte ſich zitternd und nach Athem ringend einen Moment an die Wand. Dann aber raffte er ſich gewaltſam wieder empor; haſtig die Thür des Vorzimmers öffnend, trat er ein, und befahl der dort befindlichen Kammerfrau, ihn ſo⸗ gleich ſeiner Gemahlin zu melden. Prinzeſſin Wilhelmine empfing ihren Gemahl mit einer ſteifen, ceremoniöſen Verbeugung, die in ihrer ſtrengen Hofetiquette wenig zu dem Coſtüm paßte, welches ſie angelegt hatte, und welches die ſtolze, ſchöne Prinzeſſin in eine reizende, nicht minder ſchöne Schäferin verwandelte. Und in der That, es wäre ſchwer zu entſcheiden geweſen, ob die Prinzeſſin ſchö⸗ ner war, wenn ſie in voller Hoftoilette, geſchmückt mit Brillanten, ein funkelndes Diadem auf der hohen klaren Stirn tragend, ſtolz und ſiegesgewiß einher⸗ ſchritt, oder jetzt in dieſem maleriſchen Coſtüm, das ihre Erſcheinung minder ſtolz, aber vielleicht deſto an⸗ muthiger machte. Sie trug über einem Unterkleid von weißem Atlas ein rothes Florgewand, das rings⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. um in Feſtons aufgenommen, von Bouquets weißer Roſen gehalten ward. Das weiße, mit Silber ge⸗ ſtickte Atlasmieder umſchloß eng ihre volle und doch zugleich zarte Geſtalt, und ließ ihre volle üppige Büſte in ihrer ganzen Schönheit ſehen. Ein Bouquet von ro⸗ then Roſen war auf jeder Schulter angebracht, und hielt den leichten Silberflor, welcher den halb ent⸗ blößten Buſen und den ſtolzen Nacken ein wenig um⸗ hüllte, an dem Mieder feſt. Das ungepuderte, ſchwarze Haar fiel in langen Locken, die ſich wie Schlangen um den blendend weißen Hals ringelten, hernieder, und faßte wie mit einem glänzenden, dunklen Rahmen ihr ſchönes, von Geſundheit, Jugend und Liebreiz ſtrahlendes Antlitz ein. Auf ihrem Haupt trug ſie einen vollen Kranz von weißen und rothen Roſen, und ein eben ſolches Bouquet prangte an ihrem Buſen. Sie war in dieſem Coſtüm wirklich von bezau⸗ bernder Schönheit, und vielleicht wußte ſie das, denn ihre dunklen Augen ſtrahlten in einem ſtolzen Feuer, und ein leiſes Lächeln umſpielte ihre Lippen, während ſie den Prinzen anſah, der ſtumm und verlegen ihr gegenüber ſtand, und wie es ſchien, keine Worte finden konnte, um ſeine Ueberraſchung oder ſeine Zufrieden⸗ heit auszudrücken. Wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Gemahl, ſo laſſen Sie uns zu der Geſellſchaft gehen, ſagte die Prinzeſſin endlich, um dieſer ſtummen Scene ein Ende zu machen. Sie reichte mit einem kühlen Ausdruck ihrem Ge⸗ mahl die Hand dar. Er nahm ſie an und hielt ſie feſt, aber er blieb ſtehen und ſah immer nur auf ſeine Gemahlin hin.. Madame, ſagte er endlich leiſe und ſchüchtern, Ma⸗ dame, ich habe eine Bitte an Sie. — 51— Befehlen Sie, mein Gemahl, erwiederte ſie kalt. Was ſoll ich thun? Ich ſage Ihnen ja, daß ich nicht fordere, ſondern nur bitten will, ſagte der Prinz. Nun denn, mein Gemahl, ſo bitten Sie! Der Prinz reichte ſeiner Gemahlin das Bouquet von weißen Camelien dar, und ſagte mit zugleich ſchüchterner und flehender Stimme: ich bitte Sie, daß Sie dies Bouquet von mir annehmen, und es heute an Ihrem Buſen tragen möchten, obwohl es nicht Ihr Schäfer iſt, welcher es Ihnen giebt. Nein, nicht mein Schäfer, aber mein Gemahl, ſagte die Prinzeſſin, indem ſie mit einem faſt zornigen Ausdruck das Roſenbouquet von ihrem Mieder löſte. Ich werde alſo die Blumen tragen müſſen, die er mir giebt. Und ohne das Bouquet nur eines Blickes zu wür⸗ digen, wollte ſie es an Ihren Buſen ſtecken. Wenn Sie es nicht um meinetwillen thun, Ma⸗ dame, ſagte der Prinz bittend, nun, ſo thun Sie es um der Blumen willen, denn Sie können wenigſtens gewiß ſein, daß keine der anderen Schäferinnen ein ſolches Bouquet trägt. Es iſt wahr, ſagte die Prinzeſſin, das Bouquet anſehend, das ſind keine weißen Roſen, es ſcheinen überhaupt keine natürlichen Blumen zu ſein. Ihre Blätter ſind hart und durchſichtig wie Alabaſter, und dabei glänzend weiß wie Schnee. Was ſind das für Blumen Prinz? .Es ſind Camelien, Prinzeſſin. Ich hörte Sie neu⸗ lich von dieſer neuen Blumenart, welche jetzt erſt nach Europa gekommen iſt, ſprechen, und da dachte ich, würde Ihnen angenehm ſein, dieſelbe kennen zu ernen. 4* Gewiß, mein Gemahl! Nur wußte ich nicht, daß dieſe neue Blume ſchon hier bei uns blühe. Das thut ſie auch nicht, ſagte der Prinz einfach. Dieſes Bouquet kommt aus Schwetzingen, denn dort allein in den berühmten Treibhäuſern des Markgrafen von Baden ſind dieſe Blumen in ganz Deutſchland zu ſehen. Und wie ſind Sie denn zu Ihnen gelangt, mein Gemahl? fragte Prinzeſſin Wilhelmine erſtaunt. Ich ſandte einen Courier nach Schwetzingen, ſie zu holen, und Sie ſehen, die Blumen haben ſich in ihrer Umhüllung von feuchtem Moos ſehr gut conſervirt, denn ſie erſcheinen noch ganz friſch, obwohl ſie ſechs Tage unterwegs geweſen. Uud Sie haben ſie für mich holen laſſen? fragte die Prinzeſſin. Sagten Sie nicht, daß Sie neugierig wären, dieſe ſeltene Blume kennen zu lernen? fragte der Prinz zu⸗ rück, und ſeine Blicke ruhten mit einer ſo verzehren⸗ den Gluth auf ihr, daß ſie erröthend das Auge fenkte, und ſtill und verſchämt ihm gegenüber ſtand. Und Sie ſagen mir nicht das kleinſte Wort des Dankes, fragte der Prinz nach einer Pauſe. Sie hef⸗ ten das Bouquet nicht an Ihren Buſen, damit die Blumen dort eines ſeligen Todes ſterben? Oh, Sie ſind ſehr hart, ſehr grauſam gegen mich, Prinzeſſin, und wie mir ſcheint, dürfte Ihr Gemahl wohl auf eiin wenig mehr Freundlichkeit und Güte Anſpruch machen! Mein Gemahll rief die Prinzeſſin mit einer ſpötti⸗ ſchen Betonung, und indem ſie mit einem verwunder⸗ ten, ſuchenden Blick ihre Augen im Zimmer umher⸗ wandern ließ, fuhr ſie fort: Wie mir ſcheint, ſind wir hier allein, und durchaus unbeobachtet, wir haben da⸗ her nicht nöthig, Comödie zu ſpielen, und uns einan⸗ der mit dem Namen zu nennen, mit dem wir uns vor der Welt ſchmücken, und den Sie mich gelehrt haben nur als einen leeren Titel zu betrachten. Es iſt möglich, daß eine Frau gegen ihren Gemahl freund⸗ licher und zuvorkommender ſein müßte, aber ich glaube nicht, daß irgend eine Dame gegen einen Cavalier freundlicher ſein darf, wie ich es gegen Euer König⸗ liche Hoheit bin. Indeſſen ſind Sie gegen alle Uebrigen freundlicher als gegen mich, rief der Prinz heftig. Sie, welche für Jedermann ein freundliches Wort, einen bezaubernden Blick, ein gütevolles Entgegenkommen haben, Sie ſind gegen mich allein kalt und hart, Ihr Antlitz verfinſtert ſich, ſobald ich Ihnen nahe, das Lächeln verſchwindet von Ihren Lippen, auf dieſer ſonſt ſo himmelsklaren Stirn lagert ſich alsdann eine Wolke, und Ihre Augen richten ſich auf mich mit einem geringſchätzigen Blick. Ich ſehe es wohl, Madame, Sie haſſen mich, nun wohl, haſſen Sie mich denn, aber Ihre Verachtung verdiene ich nicht, und will ſie nicht ertragen. Es iſt genug, wenn Sie mich heimlich und ungeſehen mit Ihrer ſchneidenden Kälte, Ihrer zerſchmetternden Gleich⸗ gültigkeit zu Tode martern. Die Welt ſoll es wenig⸗ ſtens nicht ſehen, daß Sie mich haſſen, und vor ihren Augen will ich nicht von Ihnen gedemüthigt werden. Was that ich Ihnen zum Beiſpiel heute, daß Sie ſo kalt und abſtoßend waren? Warum verſtummten Sie mitten in Ihrem heiteren Lachen, als ich in's Zimmer trat? Warum verweigerten Sie mir die kleine Blume, die Sie in der Hand hielten, und welche Sie doch nachher achtlos zur Erde warfen? Prinzeſſin Wilhelmine ſah ihn mit flammenden, zor⸗ nigen Blicken an. Sie fragen viel, mein Herr, und ——— ——— A — 544— 4 2 vielerlei, ſagte ſie ſcharf. Ich glaube nicht, daß ich nöthig habe, Ihnen darüber Auskunft zu geben. Laſſen Sie uns, wenn es Ihnen gefällig iſt, zu unſerer Ge⸗ ſellſchaft gehen. 3 Sie machte eine leichte ſtolze Verbeugung und wollte vorwärts ſchreiten, aber der Priuz hielt ſie zu⸗ rück. Gehen Sie noch nicht, ſagte er flehend, gehen Sie noch nicht. Sagen Sie erſt, daß Sie mir ver⸗ ziehen haben, daß Sie mir nicht mehr zürnen? Oh, Wilhelmine, Sie wiſſen nicht, was ich leide, Sie ha⸗ ben keine Ahnung von dieſen Qualen, welche meine Seele foltern. Ich weiß es wohl, ſagte ſie kalt, denn Sie haben es mir ja ſchon am Tage unſerer Vermählung geſagt, und es war nicht nöthig, jetzt darauf zurückzukommen, denn ich habe Ihre Worte von damals nicht vergeſſen. Was meinen Sie denn, fragte der Prinz, ſie mit verwirrten Blicken anſtarrend. Wie konnte ich Ihnen denn an unſerem Vermählungstage ſchon von den Schmerzen geklagt haben, die ich damals noch nicht kannte, und an deren Möglichkeit ich gar nicht glaubte? Es iſt möglich, daß dieſe Schmerzen noch heftiger geworden ſind, als Sie dasmals glaubten, ſagte die Prinzeſſin kalt, aber ihr Daſein vertrauten Sie mir damals ſchon, und ich darf ſagen, es war des einzige Mal während der ganzen Zeit unſerer Vermählung, daß wir uns etwas anzuvertrauen hatten. Unſer ein⸗ ziges Geheimniß iſt: daß wir uns nicht lieben, und uns niemals lieben werden, daß wir nur vor der Welt, nicht aber in unſeren Herzen vermählt ſind! Oh, Prinzeſſin, Sie wollen mich alſo tödten? mur⸗ melte Heinrich, ganz erſchöpft auf einen Stuhl nieder⸗ ſinkend. Prinzeſſin Wilhelmine betrachtete ihn mit kaltem 8 — 55— Auge und ganz ungerührten Mienen. Sie tödten? fragte ſie. Und weshalb ſollte ich das? Man tödtet nur Diejenigen, welche man liebt oder haßt, und Beides iſt nicht unſer Fall. Ich bin Ihnen nur vollkommen gleichgültig? fragte der Prinz mit einem traurigen Lächeln. Ich denke, das war es, was Sie am Tage un⸗ ſerer Vermählung von mir forderten, und ich habe mich bemüht, Ihren Wünſchen nachzukommen, und Ihnen dadurch wenigſtens zu beweiſen, wie ſehr ich Ihrem Willen mich gehorſam fühle. Oh, ich werde dieſe Stunde nie vergeſſen, fuhr die Prinzeſſin fort, ich kam fremd, allein und ganz krank von Angſt und Heimweh in Berlin an. Ich hatte keinen Freund, Niemand auf den ich mich lehnen, der mir rathen und beiſtehen konnte. Man hatte mich vermählt, wie man eben Prinzeſſinnen zu vermählen pflegt, das heißt, ohne mich zu fragen, ohne daß ich den Mann kannte, dem ich ewige Liebe und Treue ſchwören ſollte. Man hat Sie ebenſo an mich vermählt, wir kannten uns Beide nicht, wir ſahen uns zuerſt an dem Tage, an welchem wir vor Gottes Altar hintraten, und unter Glockenläuten und Kanonendonner unſere Schwüre austauſchten. Ich denke mir immer, daß man bei ſolchen fürſtlichen Vermählungsfeierlichkeiten nur um deshalb ſo viel Geräuſch macht, damit Gott und die Menſchen unſer Jal nicht hören, welches auf unſeren widerſtrebenden Lippen faſt wie ein Nein! wie ein Mißton, wie eine zerſprungene Saite klingt.— Die Glocken läuteten damals ſo melodiſch und die Kanonen donnerten ſo laut, daß Niemand unſer verneinendes Jal hörte, Niemand als wir allein. Aber Sie waren edel, Sie hatten vor dem Altar eine erzwungene Lüge ſagen können, als wir aber am Abend in unſerem * — 56— Gemach allein waren, ſagten Sie mir eine freiwillige Wahrheit. Die Wahrheit: daß wir Beide uns nicht liebten und uns niemals lieben könnten, weil eben der Zwang uns zuſammengeführt. Sie waren gütig ge⸗ nng, mich aufzufordern, Ihre Freundin, Ihre Schweſter zu ſein, und um mir gleich einen Beweis Ihres brüderlichen Vertrauens zu geben, ſagten Sie mir, daß Sie mit aller Gluth und Extaſe Ihres jungen Heerzens eine Fran geliebt hatten, welche Sie betrog, und welche damit für immer die Liebe in Ihrem Herzen ertödtet hätte.— Ich, mein Prinz, konnte Ihrem Vertrauen nicht mit gleichem Beiſpiele nach⸗ kommen, denn ich hatte nichts zu vertrauen, ich hatte nicht geliebt und liebte nicht, und deshalb war ich Ihnen ſehr dankbar, als Sie mir ſagten, daß Sie keine Liebe von mir forderten, ſondern daß wir in ruhiger Gleichgültigkeit nebeneinander hergehen und nur vor der Welt uns mit den leeren Titeln Gemahl und Gemahlin ſchmücken wollten. Ich ging freudig auf dieſen Vorſchlag ein, Ihnen eine ganz gleichgültige Perſon zu bleiben und Sie auch ſo zu betrachten, und ich begreife daher nicht, wie Sie mir das jetzt zum Vorwurf machen können! Sie haben Recht, ich ſagte das Alles, ich that das Alles, rief der Prinz bleich und zitternd, vor innerer Erregung, aber als ich das that, war ich ein Wahn⸗ ſinniger, mehr als das, ein Gottesleugner! Denn die Liebe iſt wie Gott, heilig, unſichtbar und ewig, und wer ihre ewige Jugend, ihr unſterbliches Leben und ihre allmächtige Gegenwart nicht glaubt, der iſt den wilden Heiden gleich, die nur an den Gott glauben, deſſen Bild ſie ſich ſelber aus Holz geſchnitzt, und deren Auge zu blöde iſt, die unſichtbare Herrlichkeit zu begreifen. Mein Herz hatte damals ſeine erſte Wunde empfangen, und weil es blutete und ſchmerzte, glaubte ich, es ſei geſtorben und wollte es einhüllen in meine grauſamen Erinnerungen, wie in einen eiſer⸗ nen Sarg, aus dem kein Entrinnen mehr möglich iſt. Aber ein Engel nahte dieſem Sarge und legte ſeine Hand auf denſelben, und er ſprang auf, und mein Herz ging daraus hervor, geneſen von ſeinen Wunden nicht allein, ſondern wieder jung, vertrauensvoll und hoffend auf ein Glück und eine Zukunft. Anfangs wollte ich mir das ſelber nicht geſtehen, Anfangs ſuchte ich dieſe junge köſtliche Wiedergeburt meines Herzens wieder einzuhüllen in den Trauerſchleier meiner Er⸗ fahrungen. Aber mein Herz war ein Rieſenknabe, welcher alle Umhüllungen von ſich warf, und wie Her⸗ kules in ſeiner Wiege, die Schlangen zerriß, welche ihn umziſchten. Oh, es war ein ſchmerzlich ſeliges Gefühl zu wiſſen, daß ich da wieder ein Herz habe, daß ich noch einmal im Stande ſei, dieſe Entzückungen und Schmerzen, dieſes Sehnen, Hoffen und Fürchten, dieſe Begeiſterung nnd Exaltation, dieſe Begeiſterung und Furcht, welches Alles die Liebe iſt zu empfinden. Und dieſes Gefühl, wem danke ich das anders, als Ihnen, Ihnen, Wilhelmine, Ihnen, meiner Gemahlin! Sie wenden Ihr Haupt ab, Wilhelmine, und ein ſpöttiſches Lächeln ſteht auf Ihren Lippen? Es iſt wahr, ich habe nicht das Recht, Sie meine Gemahlin zu nennen, Sie ſind frei, mich von ſich zu ſtoßen und mich zu dieſem kalten, fremden Verhältniß, welches einſt der Wahnſinn und die Blindheit der Verzweiflung mich fordern ließ, auch ferner zu verdammen. Aber bedenken Sie, Prinzeſſin, daß Sie damit einen finſte⸗ ren Trauerſchleier über mein ganzes Leben ausbreiten würden, bedenken Sie, daß es meine ganze Zukunft iſt, welche ich zu Ihren Füßen niederlege, eine Zu⸗ ——— — — 58— kunft, welcher das Schichſal vielleicht große Pflichten und große Thaten aufbehalten hat. Nun denn, ich werde dieſe Pflichten nicht erfüllen, dieſe Thaten nicht ausführen können, wenn Sie mir dazu nicht den Se⸗ gen des Glückes verleihen. Ich werde ein ruhmloſer, überflüſſiger, nichtsſagender Prinz ſein, der traurige und nutzloſe Anhang eines Thrones, die verachtete und ungeliebte Laſt eines Volkes, wenn Sie meiner kranken Seele, welche gefangen und demüthig vor Ihnen liegt, nicht die Freiheit und die Kraft Ihrer Schwingen wiedergeben. Wilhelmine, laſſen Sie die furchtbare Qual dieſer letzten Monate enden, erlöſen Sie mich von dem Bann, welcher mein ganzes Leben gefeſſelt hält, ſprechen Sie ein Wort, und ich werde die Kraft haben, die ganze Welt zu bezwingen, um Ihnen zu beweiſen, daß ich Ihrer würdig bin, ich werde die Sterne vom Himmel herunter zwingen, um ſie als Diadem auf die Stirn meiner Wilhelmine zu legen. Sagen Sie, daß Sie es verſuchen wollen, mich zu lieben, und ich werde Ihnen Glück, Seligkeit und Liebe, ich werde Ihnen eine ruhmvolle Zukunft zu danken haben!. Er war ſo erfüllt von ſeiner eigenen Gluth und Begeiſterung, daß er gar nicht bemerkte, wie Prin⸗ zeſſin Wilhelminen's vorher ſo glühendes Antlitz jetzt von einer tödtlichen Bläſſe bedeckt war, daß er den Blick des Entſetzens und der Angſt nicht ſah, mit dem ſie einen Moment ihre Augen auf ſeinem Antlitz ruhen ließ, und ſie dann gleichſam beſchämt zu Boden ſenkte. Derr Prinz faßte ihre beiden, ſchlaff herabhängenden Hände und drückte ſie feſt an ſeine Bruſt. Sie ließ es willenlos geſchehen, ſie war wie betäubt und erſtarrt. Seien Sie barmherzig, Wilhelmine, bat er in fle⸗ — hendem, einſchmeichelndem Ton. Sagen Sie, daß Sie mir verziehen haben, daß Sie mich lieben wollen! Seine Gemahlin zuckte zuſammen und blickte ſchüch⸗ tern zu ihm empor. Ich ſoll das ſagen, ſtammelte ſie, und Sie haben mir noch nicht einmal geſagt, daß Sie mich lieben! Der Prinz jauchzte laut auf vor Entzücken, und vor ihr auf die Kniee niederſtürzend, ſagte er: Ich liebe Dich, Wilhelmine, nein, ich bete Dich an, ich will nichts, wünſche nichts, begehre nichts, als nur Dich allein. Du biſt meine Liebe, meine Hoffnung, meine Zukunft. Wilhelmine, wenn Du nicht willſt, daß ich zu Deinen Füßen ſterben ſoll, ſo ſage, daß Du mich nicht verſtößeſt, ſo bffne Deine Arme und hebe mich empor an Dein Herz! Sie ſtand einen Moment bleich und bewegungslos da, mit geſchloſſenen Augen, ſchwankend und zitternd. Ihre Lippen öffneten ſich wie zu einem Schrei und ein ſchmerzliches Zucken war in ihrem Angeſicht. Der Prinz bemerkte es nicht, er hatte ſeine Lippen auf ihre niederhängenden Hände gedrückt, und ſchaute nicht zu ihr empor. Er ſah nicht, wie ſeine Gemahlin jetzt die Lippen feſt aufeinander preßte, um den Schrei zurück zu drän⸗ gen, wie ſie die Augen jetzt öffnete und mit einem berweiſlnndedollen Jammerblick zum Himmel empor⸗ ſchaute. Der Kampf war vorüber. Prinzeſſin Wilhelmine 4 neigte ſich zu dem Prinzen nieder, und ihre Hände n hoben ihn ſanft empor. — ——y——ͤy Stehen Sie auf, flüſterte ſie ſo leiſe, daß nur da* aufmerkſame Ohr des Prinzen ſie zu hören vermochte.* Stehen Sie auf! Ich darf Sie nicht ſo zu meinen — 60— Füßen liegen ſehen, denn Sie haben ein Recht auf mich und meine Liebe. Sie ſind mein Gemahl! Der Prinz ſprang empor und ſchloß ſie feſt und innig in ſeine Arme. IV. Das Feſt im Walde. Niemals war ein Feſt heiterer und ſonniger ge⸗ weſen, als das, was man heute in Rheinsberg beging. Es iſt wahr, die Hofgeſellſchaft hatte ſehr lange auf das Beginnen deſſelben warten müſſen, und es waren Stunden vergangen, ehe das fürſtliche Paar zu ſeinen Gäſten in den Muſikſaal gekommen war, aber dafür waren ſie auch wie die leuchtende Sonne des Glücks über ihnen aufgegangen, dafür hatte man auch die Prinzeſſin niemals ſchöner, roſiger und ſo verſchämt erröthend über ihre eigene Lieblichkeit, dafür hatte man den Prinzen niemals ſtolzer, heiterer und ſtrahlender geſehen, als eben heute. Seine glänzenden, flammen⸗ den Augen ſchienen die ganze Welt zum Kampf mit ſeinem Glück herausfordern zu wollen, ſein Lächeln war triumphirend und zugleich freundlich und milde, der ganze Ausdruck ſeines Antlitzes war zugleich ſtrah⸗ lend und ſanft, und niemals hatte er für jeden ſeiner Gäſte einen ſo gütevollen Gruß, eine ſo ſanfte Freund⸗ lichkeit gehabt, als eben heute. Man war daher allgemein angeregt, glücklich und heiter, man gab ſich mit ganzer Seele dem lieblichen, — 61— idylliſchen Feſte hin, zu welchem man ſich heute unter dem Schatten des nahe am Schloß belegenen, duftigen Waldes verſammelt hatte, und in Arkadien ſelbſt konnte es keine glücklicheren und heitrere Schäfer und Schäfe⸗ rinnen gegeben haben, als da heute in Rheinsberg verſammelt waren. Man lachte und ſchäkerte, man führte anmuthige kleine Idyllen auf und gab ſich mit glücklicher Laune dem lieblichen Spiel und dem harm⸗ loſen Scherz des glücklichen Angenblicks hin. Hier wanderte ein Schäfer mit ſeiner Schäferin in heiterem Geplauder auf und ab. Dort lagerte ein Schäfer unter dem Schatten einer Eiche, und ſang zu ſeiner Zither verliebte Klagen über ſeine grauſame Schäferin, waährend dieſe dicht daneben, auf einem kleinen Wieſen⸗ platze, zwei weiße Lämmlein am Bande führte, und des Schäfers Klagen mit munterer, launiger Ironie beantwortete. Auf dem kleinen See, in deſſen Umge⸗ bung man ſich gelagert hatte, zogen weiße Schwäne auf und nieder, und reizende Schäferinnen ſtanden am Ufer und lockten die Schwäne zu ſich heran, und ver⸗ höhnten die ausgeſtoßenen Schäfer, die auf der kleinen bewimpelten Barke umherruderten, und überall von den Schäferinnen zurückgeſcheucht, nirgends eine Stelle finden konnten, um zu landen. Prinz Heinrich liebte dieſe Art der Feſte, und hatte oft ſchon ähnliche in Rheinsberg veranſtaltet.*) Aber niemals hatte man ihn ſelbſt bei einem derſelben ſo heiter und glücklich geſehen wie heute. Während Alle ſich dieſer Beobachtung freueten, gab es indeß Eine, welche nur ſeufzend und mit bitterem Wehegefühl dieſe ſichtbare Veränderung des Prinzen gewahrte. *) Thiébault Vol. II. p. 140. 8 —— ——— — 62— Dieſe Eine war Luiſe du Trouſſel, einſt Luiſe von Kleiſt— einſt des Prinzen angebetete Geliebte! Sie war vermählt, ſie hatte neben ſich einen jun⸗ gen, liebenswürdigen, geiſtreichen und ſchönen Gemahl, aber die alten Wunden brannten noch in ihr, und ihr Stolz blutete noch immer an dieſer Verachtung des Prinzen, an dem Bewußtſein, daß er keine Ahnung habe von dem unermeßlichen Opfer, welches ſie ihm gebracht, daß er ſie geringſchätzte, ſtatt ſie zu bewundern und zu bemitleiden. Der Prinz, um ihr ſeine völlige Gleichgültigkeit und Verachtung zu bezeigen, hatte ſie mit ihrem Ge⸗ mahl an ſeinen Hof gezogen. In dem Stolz ſeines gekränkten und verwundeten Herzens kam es ihm dar⸗ auf an, die Welt der Lüge zu zeihen, wenn ſie glau⸗ ben wolle, er ſei von der ſchönen Luiſe von Kleiſt ver⸗ ſchmäht und aufgegeben worden. Indem er ſie und ihren Gemahl an ſeinen Hof zog, indem er in Luiſens Gegenwart ſeiner Gemahlin mit freudigſter Bewun⸗ derung huldigte, wollte er ſeiner treuloſen Geliebten beweiſen, daß er ſie weder beklage, noch ſie fliehe, daß er ſie ganz und gar vergeſſen habe. Aber Luiſe du Trouſſel ließ ſich von dieſem Spiel nicht täuſchen. Beſſer als der Prinz ſelber hatte ſie auf dem Grunde ſeines Herzens geleſen, beſſer als er ſelber wußte ſie, daß ſeine Gleichgültigkeit, ſeine Ver⸗ achtung und ſein Spott, daß das Alles doch nur dunkle Trauerſchleier waren, welche er ſeinem todeskranken, verrathenen und wunden Herzen übergeworfen, damit ſie ſein Leiden und ſeine Schmerzen nicht ſehen, und nicht ahnen ſolle, daß er noch immer um ſie leide. Sie hatte alſo den Muth gehabt, die Nähe des Prinzen nicht zu vermeiden, ſondern ſeinen Einladungen zu folgen und mit ihrem jungen Gemahl zu den Feſten * — 63— zu kommen, welche der Prinz ſeit ſeiner Vermählung mit einer Art Oſtentation ſeines Glückes in Rheins⸗ berg feierte. Sie hatte den Muth gehabt, ſeine ſchnei⸗ dende Kälte, ſeine grauſamen Sarkasmen, ſeine kalte Verachtung mit lächelnder Ruhe und freundlicher Un⸗ terthänigkeit hinzunehmen. Sie hatte mit ſtoiſchem Lächeln ihre wehrloſe Bruſt den verwundenden Pfeilen ſeines höhnenden Spottes dargeboten, und die Schmer⸗ zen und Qualen, welche ſie dabei empfunden, hatten ihr doch noch köſtlich und ſüß geſchienen, denn ſie waren ihr immer doch ein Zeugniß geweſen, daß der Prinz ſie noch immer nicht vergeſſen und aufgegeben, daß ſeine erheuchelte Gleichgültigkeit und Verachtung nichts ſei, als die Verſchleierungen einer immer noch nicht ertödteten Liebe. 3 Seit einiger Zeit war das anders geworden, und dem ſcharfen, geübten Blick der vielerfahrenen Coquette war es nicht entgangen, daß in dem Weſen des Prin⸗ zen eine Beränderung vorgegangen. Früher hatte er ſich den Anſchein gegeben, ſie nicht zu ſehen, jetzt ſah er ſie wirklich nicht. Früher hatte er die gleichgültig⸗ ſten Dinge niemals anders als in gereiztem, ſcharfen Ton zu ihr geſprochen, jetzt war er vollkommen ruhig und gelaſſen, und konnte ſogar ganz milde und freund⸗ lich zu ihr reden. Die Wunden heilen, hatte Luiſe du Trouſſel zu ſich ſelber geſagt, er zürnt mir nicht mehr, weil er mich nicht mehr liebt! Aber ſie hatte nicht daran gedacht, daß er nicht bloß aufhören könnte, ſie zu lieben, ſondern daß er auch anfangen könnte, eine Andere zu lieben. Dieſer Gedanke war ihr heute zum erſtenmale ge⸗ kommen. An den ſtrahlenden Augen, dem heiteren Lächeln, den glücklichen, ſtolzen und ſeligen Blicken, 1 — 64— welche er auf ſeine Gemahlin heftete, hatte Luiſe er⸗ rathen, daß der Prinz die alte Liebe nur in ſich be⸗ graben, um eine neue in ſich emporſtrahlen zu laſſen. Dieſe Erkenntniß traf Luiſen's Herz wie ein ver⸗ gifteter Pfeil; der Zorn der Eiferſucht ließ ſie aller Rückſichten, aller Furcht vor dem König vergeſſen. Sie hatte den Prinzen aufgeben müſſen, aber ſie wollte ihn nicht verlieren. Vielleicht kehrte er zu ihr zurück, wenn er erkannte, welch' ein furchtbares Opfer ſie ihm gebracht, wie unſchuldig er ſie dieſes ganze Jahr lang gequält und gemartert hatte. Sie wollte das verſuchen, ſie wollte ihren letzten Trumpf ausſpielen, und Alles wagen, um ihn wieder zu gewinnen! Dort drüben ſtand der Prinz. An einen Baum gelehnt, blickte er lächelnd und ſinnend hinüber nach ſeiner Gemahlin, welche eben mit einigen Schäferinnen und ihrem Schäfer, dem Grafen Kackreuth, am Rande des kleinen See's ſtand und die Schwäne fütterte. Der Prinz war allein. Lniſe du Trouſſel faßte einen raſchen Entſchluß und ging gerade auf ihn zu. Prinz Heinrich begrüßte ſie mit einem leichten Kopfnicken, und indem er wieder hinüberſchaute nach ſeiner Gemahlin, fragte er gleichgültig: Sind Sie auch hier, Frau Majorin du Trouſſel? Euer Königliche Hoheit haben mir die Ehre er⸗ zeigt, mich einzuladen, ſagte Luiſe, und da ich gewohnt bin, immer die Befehle Euer Königlichen Hoheit zu er⸗ füllen, ſo bin ich hierher gekommen. 3 Das iſt ſehr freundlich, erwiederte der Prinz ganz zerſtreut, und immer nach ſeiner Gemahlin hinüber⸗ blickend. 4 Luiſe du Trouſſel ſeufzte tief, und indem ſie dem Prinzen noch näher trat, fragte ſie leiſe: zürnen Sie „ — 65— mir noch immer, mein Prinz? Wollen Sie mir noch immer nicht verzeihen? Was denn? fragte Prinz Heinrich ruhig. Ich ent⸗ ſinne mich gar nicht, daß ich Ihnen etwas zu verzeihen hätte? Ah, ich ſehe, Sie verachten mich noch immer, rief Luiſe heftig. Aber ich will das nicht länger ertragen, ich will nicht länger kummervoll dahinſchleichen, belaſtet mit dem Fluch Ihrer Verachtung und Ihres Zornes. Sie ſollen wenigſtens wiſſen, was es meinem Herzen gekoſtet hat, mir dieſe Verachtung zu verdienen, und welch' ein furchtbares Opfer man mich genöthigt hat, Ihrem vermeintlichen Glück darzubringen. Ich habe das höchſte Glück meines Lebens opfern müſſen, aber ich kann und will nicht in Ihrer Erinnerung länger beſchimpft ſein, und wenn Sie zuweilen noch an mich denken werden, ſo ſoll es ohne Zorn geſchehen können. Ich denke auch nicht mehr mit Zorn an Sie, ſagte der Prinz lächelnd. Dieſe Schmerzen haben ſich längſt ausgeblutet. In Ihrem Herzen, Prinz, aber nicht in dem mei⸗ nen. Meine Schmerzen bluten noch, und werden ewig bluten, es müßte denn ſein, daß Sie mir vergeben und mich wieder achten wollen. Hören Sie alſo, und ſo wahr ein Gott über uns iſt, der uns hört:— ich habe Sie nicht betrogen, ich bin Ihnen nicht treulos geweſen. Meine Seele und mein Herz hatte ich ſelig, und Gott dankend für die Fülle meines Glückes, zu Ihren Füßen niedergelegt. Mein ganzes Sein und Denken, meine ganze Zukunft war an Sie gelkettet, Prinz, ich hatte keinen eigenen Willen, kein Hoffen und Wünſchen mehr! Ich war Ihr Geſchöpf, ich wollte nichts als von Ihnen geliebt werden! Und da kam dieſer Monſieur du Trouſſel und Muühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 5 — —— — — 66— machte Ihren Willen wieder frei, und gab Ihrem angeketteten Herzen ſeine Schwingen wieder, ſagte der Prinz ironiſch. Nein, da kam der König und befahl mir, Sie aufzugeben, murmelte Luiſe. Da kam der König und forderte von mir, daß ich Ihrem Glück und Ihrer Wohlfahrt mich ſelbſt und meine Liebe zum Opfer darbringen ſolle. Oh, mein Prinz, entſinnen Sie ſich noch jener furchtbaren Stunde, in welcher wir uns trennten, in welcher ich Ihnen ſagte, daß ich mich dem Obriſt du Trouſſel verlobt habe, daß ich aus freier Wahl, aus reiner Liebe die Seine werden wolle? Ich entſinne mich dieſer Stunde. Nun denn, wir waren damals nicht allein! Der König ſtand hinter der Portiere und hörte mir zu. Der König hatte mir befohlen, ſo zu Ihnen zu ſpre⸗ chen, er hatte mir mit ſeinem furchtbarſten Zorn ge⸗ droht, wenn ich es wagen wollte, mit einem Wink, mit einem Blick, mit einem Wort Ihnen ſeine An⸗ weſenheit zu verrathen, oder Ihnen zu geſtehen, daß ich nicht freiwillig und aus Liebe, ſondern nur nach dem furchtbarſten Kampf, nur nachdem ich den König vergeblich auf meinen Knieen und unter tauſend Thrä⸗ nen um Erbarmen angefleht hatte, mich dieſem unge⸗ liebten, ja ich möchte ſagen, dieſem verhaßten Manne verlobt hatte. Und welche Mittel konnte der König anwenden, welche Drohungen gab es, die Sie zu ſolchem Schritt zwingen konnten? fragte der Prinz mit einem ungläu⸗ bigen Kopfſchütteln. Drohte er Ihnen, Sie zu tödten, wenn Sie nicht gehorchten? Nun denn, wenn man wirklich liebt, fürchtet man den Tod nicht! Sagte er Ihnen, er würde mich tödten, wenn Sie mich nicht frei gäben? Sie wußten, daß ich einen ſtarken Arm 67— und einen feſten Willen habe, und Sie hätten beiden vertrauen, Sie hätten Ihr Schickſal und Ihr Glück in meine Hände legen und von keinem anderen Men⸗ ſchen Geſetze und Befehle annehmen ſollen, außer von mir.— Soll ich Ihnen übrigens die Wahrheit ſagen? Ich glaube nicht an dieſes Opfer, denn wenn Sie es gebracht hätten, ſo wäre es nicht nur ein übermenſch⸗ liches, ſondern auch Ihrerſeits ein grauſames geweſen. Sie ſahen, was ich litt, welche furchtbare Qualen mein Innerſtes zerfleiſchten. Nein, nein, Madame, entweder Sie haben dieſes Opfer nicht gebracht, oder, indem Sie es thaten, liebten Sie mich nicht. Denn hätten Sie mich geliebt, ſo würden Sie nicht die Kraft gehabt haben, mich leiden zu ſehen, ſo würden Sie mir die Wahrheit geſagt haben, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß der König Sie hörte und uns be⸗ drohte. Ueber die wahre Liebe hat kein Menſchenwille Macht, ſie lebt nur ſich und empfängt nur von ſich ihre Geſetze!— Nein, Madame, ich glaube nicht an dieſes Opfer! Sie haben es erfunden, um damit mein krankes Herz zu heilen, oder weil es Ihren Stolz be⸗ leidigte, von mir nicht ſo hoch geachtet zu werden, als Sie es ſonſt von Jedermann verdienen! Oh, mein Gott, mein Gott, er glaubt mir nicht, murmelte Luiſe ſchmerzvoll. Nein, ich glaube Ihnen nicht, ſagte der Prinz freundlich, aber dennoch ſollen Sie nicht denken, daß ich Ihnen noch zürne. Nein, ich habe Ihnen nicht allein Alles vergeben, ſondern ich danke Ihnen. Denn Sie ſind es eigentlich doch, welcher ich für mein jetzi⸗ ges Glück, für alle dieſe edlen und köſtlichen Freuden, welche eine wahre Liebe gewährt, Dank ſchulde. Sie und der König! Oh, es war ſehr weiſe von dem König, mir das zu verweigern, was ich damals für 5* —j — 68— mein Glück hielt, und welches ſpäter doch unſerer Beider Verzweiflung, Unglück und Schmach geworden wäre! Denn die Liebe, welche das Tageslicht ſcheuen und ſich in den Winkeln verbergen muß, ſtirbt bald hin, und verblaßt und verwelkt, denn ſie bedarf des Sonnenlichts des Himmels und des Segens Gottes! Der unſrigen hätte das Alles gefehlt, und es war daher für uns Beide ein Glück, daß Sie das einſahen und dem zweifelhaften Glück an meiner Seite das ge⸗ wiſſe und ſichere Glück an Herrn du Trouſſel's Seite vorzogen. Ich danke es Ihnen von ganzer Seele, denn ſehen Sie nur, welch ein köſtlicher Schatz für mich aus dem Grabe dieſer verrathenen Liebe empor⸗ geblüht iſt! Sehen Sie dieſes ſchöne junge Weib da, welche, obwohl ſie eine Schäferin ſcheint, doch wie eine gebietende Königin daſteht inmitten aller anderen Frauen, eine Königin der Schönheit, der Anmuth und Lieblichkeit. Nun denn, dieſes ſo reizende, ſo ſchöne, ſo unſchuldige und ſo keuſche Weib, es gehört mir an, es iſt meine Gemahlin, und Ihrem Wankelmuth danke ich es, daß ſie es iſt. Oh, Madame, ich habe alſo wohl Grund, Ihnen Alles zu verzeihen, ich habe wohl Grund, Ihnen mein ganzes Leben lang dankbar zu ſein, denn Sie allein waren die Veranlaſſung, daß ich mich der Prinzeſſin vermählte. Was keine Dro⸗ hungen, keine Bitten und keine Befehle des Königs zu Stande bringen konnten, das bewirkte Ihre Treu⸗ loſigkeit. Ich vermählte mich! Oh, Madame, Gott hatte in ſeiner Güte Sie zum Vermittler zwiſchen mir und dem Schickſal auserleſen, er hat gewollt, daß ich aus Ihrer Hand mein ſchönſtes Glück und meine ſelig⸗ ſten Genüſſe empfangen ſollte. Sie mußten mich erſt heilen von der Lüge einer irrenden Liebe, um mich die Wahrheit einer reinen und geſegneten Liebe empfin⸗ — 69— den zu laſſen, einer Liebe, wie Sie jetzt für meine Gemahlin meine Seele und mein Herz, mein Sein und Denken durchdringt! Ah, Sie ſind ſehr grauſam, flüſterte Luiſe, kaum im Stande die Thränen des Zorns, welche in ihre Augen ſchoſſen, zurückzudrängen. Ich bin nur wahr, Madame, ſagte der Prinz lä⸗ chelnd. Sie wollten von mir wiſſen, ob ich Ihnen noch zürne, und ich ſagte Ihnen, daß ich nicht nur verziehen habe, ſondern daß ich Ihre Treuloſigkeit ſeg⸗ nete. Und damitt, ich bitte Sie, enden wir dieſes Ge⸗ ſpräch, welches wir niemals wieder anknüpfen wollen. Laſſen wir die Vergangenheit geſtorben und begraben ſein. Wir haben Beide ein neues Leben angefangen, unter dem Sonnenſchein einer neuen Liebe, welches wir uns von keiner Wolke der Erinnerungen wollen trüben laſſen. Sehen Sie nur, die ſchönen Schäferin⸗ nen ſuchen Blumen auf der kleinen Wieſe und meine Gemahlin ſteht allein am Rande des See's. Erlauben Sie mir, zu ihr zu gehen, und wär's auch nur, um zu ſehen, ob der See ihr Bild ſo reizend und ſchön wiedergiebt, als es in Wahrheit iſt! Er nickte ihr leicht und lächelnd zu, und ging dann eiligen Schrittes den Pfad dahin, welcher zum See hinabführte. Luiſe du Trouſſel ſah ihm mit zornigen Blicken nach. Er verachtet mich, murmelte ſie leiſe, und er liebt ſie. Aber ſie? Liebt die Prinzeſſin ihn? Ah, nicht doch! Ihre Blicke ſind ſo kalt und eiſig, wenn ſie ihn anſieht, und heute ſah ich ſie erblaſſen, als der Prinz ſich ihr näherte. Nein, ſie liebt ihn nicht! Aber wen denn? Wen denn? Sie iſt zu jung, zu feurig, und auch, wie mir ſcheint, zu empfänglich, um ganz ohne Liebe ſein zu können. Ah, ich werde das — ——o d — 70— ergründen, und ein Tag wird kommen, wo ich Rache nehmen werde für dieſe Stunde! Dieſen Tag werde ich erwarten! Während Luiſe ihr Geſicht zur Heiterkeit zwang, um ihrem Gemahl unbefangen entgegen zu gehen, und der Prinz den Weg zum See hinabging, ſtand die Prinzeſſin, unfern von ihren Damen, noch immer mit dem Grafen Kalkreuth, den ihr Gemahl für den heutigen Tag ſelber zu ihrem Cavalier erwählt hatte, am Ufer des Sees. Sie ſchien ihre ganze Aufmerk⸗ den Schwänen zugewandt zu haben, welche vor ihr ſich ſchankelten und ihre ſchlanken Hälſe ihr entgegen⸗ ſtreckten, um immer wieder neues Futter aus ihren Händen zu empfangen. Aber indem ſie ſich niederneigte, die Schwäne zu füttern, flüſterte ſie leiſe: Hören Sie, Graf, was ich Ihnen zu ſagen habe. Wenn Siess können, ſo lachen Sie, damit meine Damen es hören, laſſen Sie Ihr Geficht heiter ſein, denn dort drüben ſehe ich meinen Gemahl kommen, und er blickt uns an. In zehn Minuten wird er bei uns ſein. Können Sie verſtehen, wenn ich ſo leiſe ſpreche? Ich verſtehe Sie, Prinzeſſin, flüſterte der Graf. Ah, ich fürchte, ich verſtehe Sie auch ohne Worte. Ich habe in den Augen Ihres Gemahls meine Ver⸗ urtheilung geleſen. Der Prinz hat Argwohn geſchöpft. Nein, ſagte ſie traurig, indem ſie ſich tiefer in das Gras niedertauchte und einige Veilchen abriß, um ſie den Schwänen hinzuwerfen, nein, er hat keinen Arg⸗ wohn geſchöpft, aber— er liebt mich! Der Graf fuhr empor, als habe der Stich einer Natter ihn verwundet. Er liebt Sie! rief er mit lau⸗ tem, faſt drohendem Ton. Um Gotteswillen, leiſe, flüſterte die Prinzeſſin. 4 — 71— Sehen Sie nur, die Damen wenden ſich nach uns um, und möchten neugierig horchen, die Schwäne ſind entſetzt vom Ufer zurückgewichen. Mein Gott, lachen Sie doch, ſprechen Sie laut einige heitere, ſcherzende Worte!— Ich vermag es nicht, ſagte der Graf ganz außer ſich. Gebieten Sie, daß ich mich hinunterſtürze in den See, ich werde es freudig thun, und indem ich ſterbe, werde ich Ihren Namen ſprechen und Sie ſegnen. Aber verlangen Sie nicht, daß ich lachen ſoll, wenn Sie mir ſagen, daß der Prinz Sie liebt. Ja, er liebt mich, und er hat es mir heute ge⸗ ſtanden, ſagte die Prinzeſſin zuſammenſchauernd. Oh, es war ein fürchterlicher, ein entſetzlicher Moment, denn er machte zu einer Sünde, was bis dahin ſchuld⸗ los und rein geweſen. So lange mein Gemahl mich nicht liebte, und meine Liebe nicht forderte, war ich frei, ſie zu vergeben, an wen ich wollte, ſobald er mich liebt, und von mir Liebe fordert, bin ich eine Verbrecherin, wenn ich ſie ihm verweigere. Und ich ein Verräther an der Freundſchaft, mur⸗ melte der Graf. Wir müſſen uns alſo trennen, flüſterte ſie. Wir müſſen eine Liebe, welche keuſch und ſchön in unſeren Herzen gelebt hat, jetzt darin begraben, und dies hier muß unſer Leichenbegängniß ſein. Sie ſehen wohl, ich habe ſchon damit begonnen, das Grab mit Blumen zu ſchmücken, und glauben Sie nur, daß das nicht ohne Thränen geſchehen iſt. Sie deutete mit ihrer von Juwelen funkelnden Hand auf das Bouquet von weißen Camelien, das ihren Buſen ſchmückte. So grauſam ſind Sie, nicht einmal mehr meine Blumen zu tragen, klagte der Graf. War's nicht rneene — — 72— genug, mich ſelber zu zerſchmettern, mußten Sie auch meine armen Blumen, die ich mit meinen Küſſen und meinen Zuflüſterungen geweiht hatte, unter Ihren grauſamen Füßen zertreten! Die rothen Roſen, welche Sie mir gegeben, ſagte ſie leiſe, die werde ich als Erinnerung aufbewahren, als Erinnerung an einen ſchönen und herrlichen Traum, welchen die rauhe und nüchterne Wirklichkeit vernichtet hat. Dieſe Blumen hier ſind prächtig, aber ohne Duſt und farblos wie meine ganze Zukunft. Ich mußte ſie wohl tragen, denn es war mein Gemahl, welcher ſie mir gab, und ich ſagte Ihnen ja, ich habe damit das Grab meiner Liebe geſchmückt. Leben Sie alſo wohl; hinfort darf ich nur noch meinen Pflichten le⸗ ben; da ich Ihre Liebe nicht mehr annehmen darf, will ich mindeſtens Ihre höchſte Achtung verdienen. Leben Sie wohl, und wenn wir von heute an ein⸗ ander kalt und fremd gegenüberſtehen müſſen, ſo ver⸗ geſſen Sie niemals, daß unſere Seelen zu einander gehören, und daß, wenn ich nicht mehr an Sie den⸗ ken darf, ich doch für Sie beten werde! Oh, Sie haben mich nie geliebt, flüſterte der Graf mit bleichen zitternden Lippen. Hätten Sie das, ſo würden Sie mich nicht ſo raſch aufgeben können, ſo würden Sie nicht den grauſamen Muth haben, mich zu verſtoßen. Aber Sie ſind meiner überdrüſſig, und ſeit der Prinz Sie liebt, verſchmähen Sie dieſes arme, demüthige Herz, welches ſich vertrauensvoll zu Ihren Füßen niederlegte und ganz in Demuth und Gehorſam ſich von Ihnen wird zertreten laſſen. Ah, freilich, ich kann nicht rivaliſiren mit dieſem Manne, wel⸗ cher ein Prinz und der Bruder eines Königs iſt, welcher— 3 3 Welcher mein Gemahl iſt! rief ſie ſtolz, und wel⸗ 8= cher, da er mich liebt, verlangen darf, daß ich ſeine Liebe annehme! Ah, jetzt zürnen Sie mir, jammerte der Graf, jetzt— Still, flüſterte ſie leiſe, ſehen Sie denn nicht, daß mein Gemahl uns ganz nahe iſt? Mein Gott, ſo la⸗ chen Sie doch, bücken Sie ſich nieder, geben Sie dem Schwan dieſe Blume. Der Graf nahm die Blume, aber während er ſie dem Schwan reichte, flüſterte er: Prinzeſſiu, geben Sie mir wenigſtens ein Zeichen, daß Sie mir nicht zürnen, und daß Sie die Liebe des Prinzen nicht er⸗ wiedern. Werfen Sie dieſes verhaßte Bouquet, wel⸗ ches das meine verdrängt hat, in's Waſſer. Es iſt mir, als ſchaute es mich mit vergifteten Pfeilen an. Still! flüſterte die Prinzeſſin, und indem ſie ſich umwandte, hieß ſie den Prinzen mit freundlichen Wor⸗ ten willkommen.. Prinz Heinrich war ſo glücklich, ſie zu ſehen, und ſo befangen von ihrem Anblick, daß er des Grafen traurige und gedrückte Mienen gar nicht bemerkte, ſon⸗ dern heiter und ſcherzend ihn anredete. Während der Graf ſich bemühte, ihm heiter zu antworten, neigte die Prinzeſſin ſich wieder zu den Schwänen nieder, die ſie mit Liebkoſungen und Lecker⸗ biſſen dicht zu ſich heran an's Ufer lockte. Auf ein⸗ mal ſtieß ſie einen Schrei aus, und blickte hülferufend nach den beiden Herren um ſich. Der große weiße Schwan hatte das ſchöne weiße Camelienbouquet von dem Buſen der Prinzeſſin ge⸗ riſſen, und ſegelte jetzt, es ſtolz im Schnabel tragend, auf dem klaren Waſſerſpiegel des See's dahin. ———-—— Intriguen. Während Prinz Heinrich in Rheinsberg loylliſche Feſte feierte und ſich ganz dem Glück ſeiner Liebe hin⸗ gab, lebte der König in ſtiller philoſophiſcher Zurück⸗ gezogenheit auf Sansſouci, von wo er ſelten nur nach Berlin kam, um der immer gefährlicher erkrankenden Königin Mutter einen Beſuch zu machen, oder den Sitzungen irgend eines Regierungs⸗Collegiums beizu⸗ wohnen. Niemals hatte der König ſo geräuſchlos und ſtill gelebt, niemals hatte man ſo wenig Gäſte in Sansſouci geſehen, und niemals hatte die Welt über⸗ haupt ſo wenig von dem König von Preußen zu re⸗ den gehabt, als eben jetzt. Es ſchien, der König hatte genug an den Lorbeeren, welche die beiden ſchleſiſchen Kriege um ſeine Heldenſtirn gelegt, und er hege jetzt nur den Wunſch, dem von langen und vielfachen Krie⸗ gen erſchöpften Europa die Ruhe und den Frieden zu erhalten, deſſen man ſich überall mit ſo viel Behagen zu erfreuen ſchien. Diejenigen, welche Gelegenheit hatten, den König zu ſehen, und die mit einer Ein⸗ ladung nach Sansſouci beehrt worden, wußten nur zu erzählen von des Königs paradieſiſch ſchöner Ein⸗ ſiedelei, von ſeiner heiteren, harmloſen Fröhlichkeit, von der friedvollen Stille, welche ganz Sansſouci be⸗ herrſchte, und auf jedem Antlitz ihren Wiederſchein fand. Der König kümmere ſich gar nicht mehr um Politik, erzählten ſich die kannegießernden Berliner, der König wolle hinfort nur den Wiſſenſchaften und — 715= Künſten, und vor allen Dingen dem Wohl ſeines Volkes leben. Die auswärtigen Verhältniſſe kümmer⸗ ten ihn nicht mehr, er denke weder an Eroberungen, noch an irgend einen Krieg. Morgens beſchäftige er ſich mit wiſſenſchaftlichen Arbeiten, ſchreibe an ſeiner histoire de mon tems, oder an ſeine Freunde, und nehme die nöthigen und täglich wiederkehrenden Re⸗ gierungsgeſchäfte mit ſeinen Kabinetsräthen vor. Die übrige Zeit des Tages werde mit Beſichtigung der Gärten in Sansſouci, mit Spaziergängen, mit heite⸗ ren Geſprächen und endlich mit Muſik ausgefüllt. Je⸗ den Abend fanden in den Zimmern des Königs Con⸗ certe ſtatt, in denen der König immer ſelbſt thätig war, und jeden Tag übte der König außerdem einige Stunden unter der Anleitung von Quanz einige der ſchwierigeren Concertſtücke ſeiner eigenen oder von Quanzens Compoſition. Auch mit ſeiner Gemälde⸗ gallerie beſchäftigte der König ſich angelegentlich, und der Kaufmann Gotzkowsky mußte eigends nach Italien reiſen, um für die Gallerie des Königs Gemälde der berühmten italieniſchen Meiſter anzukaufen. Der König ſchien alſo ſein Ideal erreicht zu ha⸗ ben, wenigſtens das, was er in den Stürmen des Krrieges oft ſein Ideal genannt hatte. Er konnte auf ſeinem ſchönen reizenden Sansſouci das ſtille und zu⸗ rückgezogene Daſein eines Philoſophen führen, er konnte ungehindert den Wiſſenſchaften und den Künſten leben, und die Welthändel kümmerten ihn gar nicht, oder vielmehr, es gab gar keine Welthändel mehr. Ganz Europa erfreute ſich einer vollkommenen Ruhe. Maria Thereſia war durch die letzten Dresdener Friedens⸗ tractate gebunden. Außerdem hatten die beiden ſchleſi⸗ ſchen Kriege ihrem Lande ſo tiefe Wunden geſchlagen, daß ſie dieſe nothwendig erſt heilen laſſen mußte, ehe — 76— ſie daran denken konnte, den König von Preußen, welchen ſie trotz ihrer frommen, chriſtlichen Geſinnung von ganzem Herzen haßte, auf's Neue anzugreifen, um ihm den ſchönen ſchleſiſchen Edelſtein, welchen er aus ihrer Krone gebrochen hatte, wieder zu entreißen. England hatte ſich mit Rußland zu innigem Freund⸗ ſchaftsbündniß vereint, und Frankreich hatte für den Moment zu viel mit den reizenden und zauberiſchen Feſten zu thun, welche die ſchöne Marquiſe von Pom⸗ padour in Verſailles veranſtaltete, um nicht mit Jeder⸗ mann in Frieden und Einigkeit leben zu wollen. So⸗ gar mit ſeinem Erbfeind, Oeſterreich, deſſen Geſandter Graf Kaunitz am Hofe von Paris durch ſein kluges und gewandtes Benehmen die Wolken des Mißtrauens zu beſeitigen verſtand, die ſo lange ſich zwiſchen Oeſter⸗ reich und Frankreich aufgethürmt hatten. So war es geblieben bis zum Ende des Jahres 1755. Da ward dieſe friedliche Stille zuerſt durch das ferne Echo eines Kanonenſchuſſes auf einen Mo⸗ ment unterbrochen. Europa erſchrak und richtete ſich lauſchend aus ſeiner behaglichen Stellung empor, um nach der Urſache dieſes bedrohlichen Geräuſches zu for⸗ ſchen. Dieſe Urſache lag freilich ſehr fern ab, dieſe Kanonenſchüſſe, deren Echo man nur gehört, waren gar nicht in Europa abgefeuert worden, ſondern in Amerika. Aber freilich von einer europäiſchen Macht, von England, welches in ſeinem berechnenden Eigen⸗ nutz, den es immer gern für eine lobenswerthe und ehrliche Politik ausgeben mochte, ſeine kaufmänniſchen Intereſſen in Amerika von Frankreich gefährdet er⸗ achtete, und vor Verlangen dürſtete, nicht bloß eine oſtindiſche Compagnie, ſondern auch eine weſtindiſche zu haben. Die franzöſiſchen Colonieen in Amerika hatten Englands Neid und Habſucht ſchon lange ge⸗ — 77— reizt, und da es ihm an einem genügenden Vorwand zum Kriege fehlte, war es kühn genug den Krieg ohne Weiteres zu beginnen. Mitten im Frieden, und ohne vorherige Kriegserklärung griff es daher die auf der Grenze des franzöſiſchen Canada am Ufer des Ohio belegenen Plätze an, eröffnete eine Schlacht gegen dreihundert franzöſiſche Kauffahrteiſchiffe, die unter Be⸗ deckung zweier Kriegsſchiffe den Ohio heraufſegelten, und nahm dieſe als gute Priſe weg*) Das waren die Kanonenſchüſſe geweſen, welche ganz Europa aus ſeiner träumiſchen Ruhe und ſeinem behaglichen Schlummer aufgeſchreckt hatten, und jetzt war es um ſeine Ruhe und ſeine Behaglichkeit ge⸗ ſchehen! Die Kaiſerin von Oeſterreich begann umfaſſende Rüſtungen in Böhmen vorzunehmen, und an der ſäch⸗ ſiſch⸗böhmiſchen Grenze bedeutende Streitkräfte zuſam⸗ men zu ziehen. 3 Die Kaiſerin von Rußland unterbrach ſich in ihren üppigen Feſten und ihren ſchwelgeriſchen Orgien, um gleichfalls Truppen zu rüſten und ſie an den Grenzen von Curland aufzuſtellen; zugleich ſchloß ſie mit Eng⸗ land ein Bündniß ab, durch welches ſie ſich verpflich⸗ tete, Georgs des Zweiten deutſche Lande zu ſchützen, wenn vielleicht Frankreich es einfallen ſollte, auf die in Amerika genommenen dreihundert Schiffe mit der Wegnahme von Hannover, unter dem möglichen Bei⸗ ſtand des Königs von Preußen, antworten zu wollen. Für dieſen verſprochenen Schutz erhielt Rußland von England die Summe von 150,000 Pfund Sterling Subſidiengelder, die freilich dem prunkſüchtigen Miniſter *') Charakteriſtik der wichtigſten Ereigniſſe des ſiebenjährigen 1. S. 20. Krieges. Von einem Zeitgenoſſen(v. Retzow). Th. ——y——— 1 — 73— der Kaiſerin Eliſabeth, dem mächtigen Beſtuſchew, ſehr gelegen kamen. Auch Sachſen rüſtete und ſtellte ſeine Truppen an der ſächſiſch⸗preußiſchen Grenze auf, wofür es von Oeſterreich ſeine Subſidiengelder erhielt, die dem prunk⸗ ſüchtigen Miniſter des Königs Auguſt des Dritten von Polen und Sachſen, dem allmächtigen Grafen Brühl, ebenſo gelegen kamen, wie dem ruſſiſchen Miniſter die engliſchen. Der König von Frankreich nur ſchien allein zu ſtehen, ebenſo allein, wie der König von Preußen, und es war daher ſehr natürlich, daß aller Augen ſich jetzt auf dieſe beiden Staaten richteten, welche vom Schickſal darauf hingedrängt ſchienen, einander die Hände zu reichen und ſich mit einander zu verbünden, ſo gut, wie Rußland es mit England, und Oeſterreich es mit Sachſen gethan. Dieſer Händedruck Frankreichs und Preußens wäre das Signal geweſen zu einem allgemeinen Kriege, zu welchem ſchon alle Mächte den mit dem Schwert bewaffneten Arm erhoben hatten. Aber— Frankreich ſtreckte ſeine Hand nicht früh genug aus, um die Freundſchaft Preußens zu erbitten. Frankreich hegte ſo gut ſein Mißtrauen gegen Preu⸗ ßen, wie es Oeſterreich, Rußland, England und Sach⸗ ſen gegen den jungen, kühnen Emporkömmling hegten, der ſich erſt ſeit einem halben Jahrhundert in die Reihen der Großmächte geſtellt hatte, und vermeſſen genug war, in denſelben ſchon eine mächtige, ſelbſt⸗ ſtändige Stellung einnehmen zu wollen. Frankreich, das heißt Ludwig der Funßzehnte, Frankreich, das heißt die Marquiſe Pompadour, em⸗ pfand einen zornigen Haß gegen den König von Preu⸗ ßen, der in ſeinem witzigen Freimuth die Verhältniſſe des franzöſiſchen Königshofes oft genug gegeißelt hatte. 5 — 79— Oeſterreich, das heißt Maria Thereſia und ihr Miniſter Graf Kaunitz, empfanden nicht minder zor⸗ nigen Haß gegen den König von Preußen, der ſich Schleſien erobert hatte. Rußland, das heißt Eliſabeth und ihr Miniſter Beſtuſchew, haßten den König von Preußen aus den⸗ ſelben Gründen, wie Frankreich, weil Friedrich's witzige Stachelreden den ruſſiſchen Hof ſo gut gegeißelt hat⸗ ten, wie den franzöſiſchen. Sachſen, das heißt Auguſt der Dritte und ſein Miniſter Graf Brühl, haßten den König aus Inſtinet, aus Neid, aus dem unbeſtimmten Gefühl, daß dieſer einſt ſo kleine, unbedeutende Nachbar ſich ſo hell und ſtrahlend neben ihm emporſchwingen werde, daß Sach⸗ ſen dadurch in den Schatten geſtellt und klein und unbedeutend erſcheinen werde⸗ England haßte Niemand, aber es fürchtete Preußen und Frankreich, und dieſe Furcht ließ es den alten eingewurzelten Nationalhaß überwinden und ein Bünd⸗ niß mit Rußland ſchließen. Aber das Volk ſchien die Furcht ſeines Königs nicht zu theilen, es murrte über dieſes ruſſiſche Bündniß, und dieſes Murren, welches in den Parlamentsſitzungen ſeinen Ausdruck fand, ward bald ſo laut, daß der König von Preußen es wohl vernehmen, und daraus ſeine Schlüſſe ziehen mochte. Oder vernahm er es nicht? War der Klang ſeiner Flöte ſo laut, war ſein Studirzimmer ſo hermetiſch verſchloſſen, daß kein Laut deſſen, was außerhalb ge⸗ ſchah, an ſein Ohr drang? Er unterbrach ſich nicht in ſeinem ruhigen, philo⸗ ſophiſchen Stillleben. Er allein haßte Niemand, er allein rüſtete gar nicht. Seine Soldaten exereirten jetzt nicht mehr, wie ſonſt, aber— freilich ſie exercirten, — 0— und auf ſeinen erſten Kriegsruf konnten 160,000 Mann unter die Waffen treten. Aber der König ſchien gar nicht geneigt ſie zu rufen, gar nicht geneigt die Stille von Sansſouci mit dem Geräuſch des Kriegslagers zu vertauſchen. Er ſchien in friedlichem Einvernehmen mit allen Mächten leben und alle Mächte ſich geneigt machen zu wollen. Deshalb war er beſonders freund⸗ lich und zuvorkommend gegen das öſterreichiſche Ge⸗ ſandſchaftsperſonal, und nicht bloß ward der öſter⸗ reichiſche Geſandte Graf Puebla oft zur königlichen Tafel gezogen, ſondern auch der Geſandchſafts⸗Secre⸗ tair Baron von Weingarten durfte oft in Potsdam und Sansſouci erſcheinen, ja der König ſchien ihm beſonders gewogen, und hatte nichts dawider, wenn er häufig nach Sansſouci kam, um ſich in den könig⸗ lichen Gärten zu ergehen.— So weit ging des Kö⸗ nigs herablaſſende Güte gegen die Diener und Unter⸗ thanen anderer deutſchen Mächte, daß er ſogar gegen die Unterbeamten des ſächſiſchen Geſandtſchafsperſonals ſich perſönlich freundlich bewies, und als die Frau des einen derſelben, des Canzelliſten Reichert, in Pots⸗ dam niederkam, geſchah es auf des Königs ausdrück⸗ lichen Wunſch, daß ſein geheimer Cabinetsrath Eichel bei dem Kinde zu Gevatter ſtand.*) Um ſich mit Sachſen in gutem Einverſtändniß zu erhalten, ſandte der König außerdem einen ſeiner ſchönſten, gewand⸗ teſten und einſchmeichelndſten Cavaliere, den Grafen Maltzahn, an den Dresdener Hof, und dieſer durfte in verſchwenderiſcher Pracht ſogar es wagen, mit dem Grafen Brühl zu wetteifern. Auf Sachſen ſchien der König überhaupt einen beſonderen Werth zu legen, *) Charakteriſtik der wichtigſten Ereigniſſe des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 23. 3 — 81— und mit keinem ſeiner Geſandten ſtand er in einem ſo lebhaften, ſchriftlichen Verkehr, als mit dem Grafen von Maltzahn. Freilich erzählte man ſich, daß dieſer Schriftenwechſel ſehr unſchuldiger und harmloſer Natur ſei, und daß es bei demſelben ſich um nichts weiter handele, als um Gemälde, welche der Graf aus der königlichen ſächſiſchen Gallerie ankaufen ſollte, um Muſik⸗ ſtücke, die der König aus dem Nachlaſſe des verſtorbe⸗ nen Haſſe anzukaufen, oder um einen italieniſchen Sänger, den der König dem Dresdener Theater zu entführen wünſchte. Der ſonſt ſo tapfere, heldenmüthige und kriegs⸗ bereite König von Preußen ſchien wie Herkules die Rüſtung abgelegt, und das Schwert mit dem Spinn⸗ rocken vertauſcht zu haben. Nur daß es keine Omphale geweſen, welche ihn beſiegt hatte, nur daß er freiwillig und aus eigener freier Neigung die Stille und den Frieden ſeines„Kloſters“ dem Geräuſch der Welt vor⸗ gezogen, und lieber als Abt von Sansſouci, denn als König von Preußen leben zu wollen ſchien. Aber die Welt gönnte ihm dieſen Frieden und dieſe Stille nicht. Wenn auch Friedrich keine Politik zu machen ſchien, ſo machten Maria Thereſia, Eliſabeth von Rußland, Auguſt von Sachſen, und— die Mar⸗ quiſe von Frankreich deſto mehr Politik. Frankreich hatte es nicht vergeſſen, daß der Allianz⸗Traktat, der bis dahin zwiſchen Frankreich und Preußen beſtanden, im Begriff war, abzulaufen, und es wußte außerdem, daß der Subſidien⸗Vertrag zwiſchen Rußland und England von dem engliſchen Parlament noch nicht ſeine Beſtätigung erhalten hatte.— Es konnte alſo möglich ſein, aus dieſen beiden Dingen noch Vortheil zu ziehen. Demzufolge ſandte Frankreich einen beſon⸗ deren Abgeſandten, den Herzog von Nivernois, nach Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. J. 6 1 Berlin, um mit dem König von Preußen über die Erneuerung des Allianz⸗Traktats zu verhandeln. Der Herzog von Nivernois kam alſo mit einem glänzenden Gefolge in Berlin an, und ward an dem preußiſchen Hofe mit aller ſeinem Range und officiellen Character zuſtehenden Auszeichnung aufgenommen.— Der Ober⸗Ceremonienmeiſter Baron von Pöllnitz mußte ihm einige Stunden Weges entgegenfahren, und ihn im Namen ſeines Königs einladen, in dem Fürſten⸗ hof, einem der königlichen Häuſer in Berlin, abzu⸗ ſteigen. Daſelbſt waren alle Zimmer zum Empfang des franzöſiſchen Geſandten prachtvoll decorirt, und kaum war der Herzog von Nivernois angekommen, als man zwei Schildwachen vor das Fürſtenhaus ſtellte, eine Auszeichnung, welche der König ſonſt nur regierenden Fürſten zu Theil werden ließ. Der Herzog nahm alle dieſe Gunſtbezeugungen mit lebhafter und dankbarer Freude auf, und bat vor allen Dingen um die Gunſt einer feierlichen Audienz, um dem König ſeine Creditive überreichen zu dürfen. Pöllnitz war beauftragt mit dem Herzog die nöthigen Verabredungen zu treffen, und mit ihm Tag und Stunde der Ceremonie zu beſtimmen, denn der König, um dem franzöſiſchen Herzog ſeine Achtung zu beweiſen, wollte dieſe erſte Präſentation ſo glänzend als möglich machen, und ganz Berlin ſollte Zeuge ſein von dem freundlichen Einvernehmen, das noch immer zwiſchen dem franzöſiſchen und preußiſchen Hofe herrſchte. Deshalb ſah man an dem feſtgeſetzten Tage von dem Fürſtenhauſe aus einen feierlichen, glänzenden Zug von Equipagen ſich nach dem königlichen Schloſſe zu bewegen. Die Equipagen waren die königlichen Gallawagen, und in denſelben ſaßen die Mitglieder der franzöſiſchen Geſandtſchaft, denen eine lange Reihe * v I — 83— von Wagen folgte, in welchen die hohen Würden⸗ träger des preußiſchen Hofes ſaßen. Langſam und feierlich bewegte dieſer pompöſe Zug ſich durch die Straßen, und ward an dem Portal des königlichen Schloſſes von der in Reih und Glied aufgeſtellten Garde empfangen. Reichgekleidete Pagen, an deren Spitze der Ober⸗ Ceremonienmeiſter mit dem goldenen Stabe ſich be⸗ fand, geleiteten den franzöſiſchen Abgeſandten und ſein Gefolge in den weißen Saal, wo der König, in vol⸗ lem Königsornat auf dem Thron ſitzend, und umgeben von allen Prinzen ſeines Hauſes ihn empfing. Die feierliche Ceremonie begann. Der Herzog von Nivernois näherte ſich dem Königsthron und das Knie beugend, übereichte er dem König ſeine Creditive, welche dieſer mit einem freundlichen Neigen des Kopfes entgegennahm. Dann begann der Herzog ſeine Rede, ſie war blumig und voll ſchöner Phraſen, ganz der Feierlichkeit angemeſſen. Friedrich hörte ihr mit ern⸗ ſter Aufmerkſamkeit zu, und als ſie beendet war, ant⸗ wortete er in würdevoller, gemeſſener und höchſt la⸗ koniſcher Weiſe. Damit war die ceremonielle Vorſtellung beendet, und es kam jetzt der wichtigſte Theil der Audienz, die vertrauliche Beſprechung. Gerade dieſer hatte der Herzog, mit lebhafter Ungeduld entgegengeſehen, um dieſer willen war er überhaupt nur nach Berlin ge⸗ kommen! Dceer König ſtieg vou ſeinem Throne herab, und jetzt die erhabene, feierliche Würde der Etiquette mit dem angenehmſten und verbindlichſten Weſen vertau⸗ ſchend, näherte ſich der König dem Herzog, um ihn freundlich und herzlich willkommen zu heißen, und ihm zu ſagen, daß er ſich aufrichtig ſeines Kommens freue. 3 6* — 834— Ach, Sire, erwiederte der Herzog lebhaft, wie glück⸗ lich wird mein König ſein, zu hören, daß ſein Abge⸗ ſandter bei Euer Majeſtät eine ſo willkommene Auf⸗ nahme gefunden. Der König lächelte. Ich glaubte, die Ceremonie ſei vorüber, ſagte er, und ich ſpräche jetzt nicht mehr zu dem Abgeſandten, ſondern zu dem Herzog von Ni⸗ vernois, den ich kenne und liebe, und deſſen geiſtreiche Unterhaltung genießen zu dürfen für mich eine wirk⸗ liche Freude iſt. Laſſen Sie uns alſo harmlos plau⸗ dern, Herzog, und vergeſſen wir doch dieſes Ceremoniell, deſſen Laſt wir ja heute ſchon Beide zur Genüge ge⸗ tragen haben. Erzählen Sie mir von Paris, Mon⸗ ſieur, von dieſem ſchönen, coquetten, übermüthigen Paris, das man liebt, indem man es ſchilt, und dem man nachahmt, indem man es tadelt. Ah, Sire, wenn ich Ihnen von Paris erzählen ſoll, ſagte der Herzog, ſo muß ich zuerſt von dem König erzählen, von meinem König, welcher nichts ſehnlicher wünſcht, als daß die freundſchaftlichen Be⸗ ziehungen zwiſchen Ihm und Ener Majeſtät ſich auf's Neue befeſtigen, und eine recht lange Dauer ge⸗ winnen möchten, welcher— Das iſt ſehr gütig von Seiner Majeſtät, unterbrach ihn der König, und ich theile gewiß die freundlichen Wünſche meines erhabenen Bruders von Frankreich. Aber erzählen Sie mir jetzt ein wenig von dem ge⸗ lehrten Paris. Wie ſteht es in Ihrer Akademie? Verweigert man immer noch Voltaire einen Sitz, wäh⸗ rend man ſo viele unbedeutende Unbekannte zu Akade⸗ mikern gemacht hat? Ja, Sire, dieſe Herren Akademiker ſind noch immer ſtarrköpfig in ihren einmal gefaßten Beſchlüſſen, und da die Akademie eine Art Gelehrten⸗Repnblik bildet, — — — 95— ſo iſt der König ganz machtlos in derſelben. Wäre das nicht, ſo würde mein erhabener Herr König Lud⸗ wig, um Euer Majeſtät gefällig zu ſein, allen ſeinen Einfluß anwenden, um— Ah, Monſieur, unterbrach ihn der König, es iſt indeſſen ſehr ſchön, daß die Akademie der Wiſſenſchaf⸗ ten eine Republik iſt, welche ſich von dem Einfluß der Könige nicht abhängig machen will, denn die Wiſſen⸗ ſchaft bedarf zu ihrer Blüthe der Freiheit des Gedan⸗ kens und des Wortes, und ich, welchen das Schickſal als einen König hat geboren werden laſſen, ich fühle mich, wenn ich allein in meinem Studierzimmer, allein mit meinen Büchern bin, vollkommen als ein Republi⸗ kaner im Reiche der Wiſſenſchaft, und, um Ihnen die Wahrheit zu geſtehen, wenn ich ſo als ein wiſſenſchaft⸗ licher Republikaner ein wenig in den Büchern der Geſchichte leſe, ſo kann es mir zuweilen geſchehen, daß ich die Fürſten in dem freien Staat, deſſen Bürger ich dann bin, als ziemlich überflüſſige Luxusartikel er⸗ kenne, die mir ein mitleidiges Achſelzucken abnöthigen! Und doch, Sire, ſind die Wiſſenſchaften des Schutzes der Fürſten ſo ſehr bedürftig, und daß die Republik der Geiſter ſehr wohl im Lande eines Königs beſtehen und blühen kann, das zeigt ſich hier in Preußen, wo ein königlicher Republikaner und ein republikanifcher König zugleich ſein Volk regiert, und die Wiſſenſchaften frei gemacht hat. Frankreich darf ſehr ſtolz und glück⸗ lich darauf ſein, daß Euer Majeſtät ſo viele ſeiner Söhne als Bürger in Ihre Republik der Geiſter auf⸗ genommen haben, und wir wagen daraus den Schluß zu ziehen, daß Euer Majeſtät dieſes Bündniß der geiſtigen Intereſſen nicht bloß auf die Wiſſenſchaften deſchränken werden, ſondern, daß dieſes Bündniß zwi⸗ 4 ſchen Frankreich und Preußen, welches mein König ſo lebhaft wünſcht, auch— Unglücklicher Weiſe, unterbrach ihn der König leb⸗ haft, ſind diejenigen Franzoſen, mit denen ich, wie Sie ſagen, ein geiſtiges Bündniß geſchloſſen habe, gerade ſolche, welche ihre ſtrenggläubige Mutter, la Prance, als eutartete Söhne von ihrem Buſen verſtoßen hat. Voltaire lebt in Ferney, Jean Jacques Rouſſeau, den ich bewundere, wenn auch nicht liebe, hat in Genf ſich eine Zuflucht ſuchen müſſen, und wie man mir ſagt, hat man d'Alembert die Penſion, welche man ihm in einer guten Stunde gewährt hatte, wieder entzogen. Oder hat man mich darin falſch berichtet, und wäre mein Freund d'Alembert wirklich nicht in Ungnade ge⸗ fallen, und betrachtet man meine Freunde, die Ency⸗ elopädiſten, wirklich nicht als Uebelthäter und Hoch⸗ verräther, weil ſie das freie Recht der Forſchung für ſich in Anſpruch nehmen, und nicht blind glauben, ſondern mit offenen Augen ſehen und erken⸗ nen wollen? Der Herzog von Nivernois antwortete einige ver⸗ wirrte und verlegene Worte, und ein Schatten ver⸗ dunkelte ſein vorher ſo heiteres Angeſicht. Drei Mal hatte der König ihn unterbrochen, wenn er von dem König von Frankreich und von deſſen Freundſchaft für den König von Preußen hatte ſprechen wollen. Der Herzog durfte es alſo nicht wagen, ein viertes Mal dies Thema anzuſchlagen, welches dem König offenbar ein unliebſames war. Er mußte ſich alſo darein fü⸗ gen, heute ganz auf die Abſichten des Königs einzu⸗ gehen, und ſtatt von Geſchäften, nur von den Wiſſen⸗ ſchaften und Künſten zu ſprechen. Und nachdem der Herzog dieſen raſchen Entſchluß 3 2 —— —— — 87— gefaßt hatte, glättete ſich ſeine Stirn wieder, und mit aller Liebenswürdigkeit, Geiſtesfeinheit und Lebhaftig⸗ keit antwortete er jetzt auf die Fragen des Königs, ging er ein auf dieſe Unterhaltung, welche jetzt in un⸗ unterbrochener Anmuth und Heiterkeit weiterging. Bei der nächſten Audienz werde ich wohl Gelegen⸗ heit finden, von Politik zu ſprechen, tröſtete der Herzog ſich ſelber, als er von dieſer erſten Audienz heimkehrte. Der König wird nicht immer ſo unzugänglich ſein, wie heute! Aber die zweite Audienz und die dritte Audienz kam, und der König blieb ebenſo unzugänglich, als das erſte Mal. Er unterhielt ſich mit dem Herzog auf das Lebhafteſte und Angelegentlichſte, er bewies ihm das gnädigſte Wohlwollen und die herablaſſendſte Ver⸗ traulichkeit, aber ſo oft der Herzog es verſuchte, von Politik und von den Intereſſen, welche ihn hergeführt, anzufangen, unterbrach ihn der König und wußte dem Geſpräch ſofort eine gleichgültige und harmloſe Wen⸗ dung zu geben. Das dauerte faſt zwei Wochen, und inzwiſchen er⸗ wartete der franzöſiſche Hof mit Sehnſucht die Be⸗ nachrichtigung des Herzogs, daß die Ratification des erneuerten Allianz⸗Vertrages vollſtreckt ſei, und man alſo von Preußen gar nichts zu fürchten habe. Dieſer Zuſtand der Ungewißheit fing an unerträg⸗ lich zu werden, und der Herzog von Nivernois be⸗ ſchloß, ihm mit einem Schlag ein Ende zu machen. Err ſchrieb an den König und bat um eine geheime Audienz.— Zu ſeiner größten Freude ward dieſe Bitte nicht abgelehnt, ſondern der König lud ihn ein, aam anderen Tage nach Sansſouci zu kommen. Endlich, ſagte der Herzog aufathmend, endlich! Und mit der ſtolzen Sicherheit eines Franzoſen fügte 2* 5 Tusculum. — 88— er hinzu: morgen alſo werden wir dieſen Allianz⸗ Traktat erneuern, der Preußen die Hände bindet, in⸗ dem er uns freien Spielraum läßt! VII. Die geheime Audienz. Dies Mal empfing der König den franzöſiſchen Abgeſandten ganz ohne Ceremoniell, und ohne könig⸗ lichen Prunk, mit der Einfachheit und Ungenirtheit eines Privatmannes. Da waren keine Garden, keine Pagen, kein Schwarm neugieriger und lauernder Höf⸗ linge, da waren nur einige vertraute Freunde des Königs, welche den Herzog willkommen hießen und ſich mit ihm unterhielten, während Pöllnitz in das nächſte Zimmer ging, um dem dort befindlichen König die Ankunft des Herzogs zu melden. Seine Majeſtät bittet den Herrn Herzog einzutreten, ſagte Pöllnitz zurückkehrend, und die Thür zu dem Bibliothekzimmer des Königs weit öffnend. Und jetzt erſchien auf der Schwelle dieſer Thür der König ſelber. Er war heute nicht feſtlich gekleidet, ſondern in einfacher Uniform ohne weitere Auszeich unng, ſelbſt ohne den goldgeſtickten Stern auf ſeinem Nock, den er ſonſt gewöhnlich zu tragen pflegte. Kommen Sie, mein Herr Herzog, ſagte der Kö mit einem freundlichen Lächeln. Kommen Sie in — 89— Er trat zurück in ſein Bibliothekzimmer, in welches der Herzog ihm folgte. Nun, mein Herr, ſagte der König, ſich zu ihm um⸗ wendend, nun ſind wir in dieſem Zimmer, von wel⸗ chem ich Ihnen neulich ſagte, daß es mich in einen Republikaner umwandelt. Sie haben die Schwelle der Republik der Geiſter überſchritten. Aber ich ſehe doch einen König vor mir, rief der Herzog ſich tief verneigend, einen König, welcher dieſe Republik beſiegt, und alle großen Geiſter ſich unter⸗ worfen hat! Der König ließ ſeine großen, ſtrahlenden Augen über dieſe Schränke dahingleiten, angefüllt mit Büchern, deren Rücken in goldenen Lettern die berühmteſten Namen aller Zeiten ausſtrahlten.. Tacitus, Homer, Livius, Petrarca, und wie Ihr Alle heißt, Ibr großen Geiſter meiner Republik, rief er lächelnd, hört Ihr, wie dieſer Verräther Ench ver⸗ läſtert? Wie ich Sie ehre, Sire! Denn es iſt wohl eine ſtolze Ehre, ſich einem ſolchen König, wie Friedrich der Zweite es iſt, zu unterwerfen, und ihm dienſtbar zu werden in Verehrung und Hingabe! Der König warf auf ihn einen raſchen, durchdrin⸗ genden Blick. Sie wollen mich betäuben durch Schmei⸗ cheleien, Herzog, ſagte er. Sie wiſſen, daß die Schmeichelei ein ſehr ſüßes Opium iſt, welches die FFürſten gerne einathmen, und an dem ſie gemeinhin auch zu Grunde gehen. Aber wiſſen Sie nur, Her⸗ zog, in dieſem Zimmer hier bin ich geheilt gegen derlei Opiumdünſte, und hier in meiner Republik wollen wir Beide jetzt die ſchwarze ſpartaniſche Suppe ddeerr Wahrheit genießen. Glauben Sie nur, Monſieur, das iſt zuweilen eine ſehr geſunde Speiſe, wenn ſie — 90— auch dem von Zuckerbrod verwöhnten Magen des verweichlichten Menſchengeſchlechtes etwas bitter und ungenießbar erſcheint. Ich kann ſie gut verdauen, und da Sie einmal zu mir gekommen ſind, ſo werden Sie ſie heute mit mir genießen müſſen. Und ich bin hungrig darauf, Sire, hungrig wie ein Menſch, der ſeit zwei Wochen gefaſtet hat, ſagte der Herzog. Seit zwei Wochen, rief der König lächelnd. Es iſt wahr, juſt ſo lange ſind Sie hier. Und ſo lange ließen mich Euer Majeſtät faſten, nach dieſer koſtbaren ſchwarzen Suppe der Wahrheit, ſagte der Herzog mit leiſem Vorwurf. Das macht, meine Suppe war nicht gahr, rief der König heiter. Sie brodelte noch im Topf, jetzt iſt ſie fertig und wir wollen ſie mitſammen verſpeiſen. Setzen wir uns alſo Herzog! Er ließ ſich auf einen der beiden Lehnſtühle, welche vor ſeinem Schreibtiſch ſtanden, nieder, und bedeutete den Herzog auf dem gegenüber ſtehenden Lehnſeſſel Platz zu nehmen. Als der Herzog von Nivernois zögerte, und ſu⸗ chend nach einem Stuhl umherſchaute, lächelte der König. Sagte ich Ihnen nicht, daß wir hier in einer Republik ſind? fragte er. Nehmen Sie alſo Ihren Fauteuil, und laſſen Sie die Ehre des Tabourets Ihren neugebackenen franzöſiſchen Herzoginnen und Marquiſen. Der Herzog verneigte ſich und nahm ſchweigend Platz. Eine kurze Pauſe trat ein. Der Herzog ſchien beſcheiden abwarten zu wollen, daß der König das Geſpräch beginne, und der König war boshaft genug, 1 dem franzöſiſchen Geſandten mit keiner Frage und keiner Einleitung zu Hülfe zu kommen. Durch die geöffnete — 91= Thür ſah man die in dem kleinen Salon befindlichen Hofherren in ihren goldgeſtickten uniformen, welche mit geſpannten Zügen und lebhafteſter Neugierde ihre Blicke unverwandt in das Bibliothekzimmer hinein⸗ bohrten, und in der Ungeduld ihrer Erwartung ganz der gewohnten gleichgültigen, lächelnden Höflingsphy⸗ ſiognomie vergaßen. Hätte der König ſich in dieſem Moment umgewandt, ſo würde er geſehen haben, wie der Ober⸗Ceremonienmeiſter Baron von Pöllnitz ſogar es wagte, leiſe auf den Zehen ein wenig näher zu ſchleichen, und ſich unfern von der geöffneten Thür placirte, um beſſer hören und ſehen zu können. Aber der König hatte ſeine Blicke nur auf den Geſandten gerichtet, und erwartete noch immer ſeine Anrede. Als er noch einige Minuten vergeblich ge⸗ wartet hatte, und der Herzog noch immer ſchwieg, fragte der König lächelnd: Finden Sie, Herr Herzog, daß unſere Suppe noch zu heiß iſt, um genoſſen zu werden? Nein, Sire, ſagte der Herzog⸗ſich verneigend, aber ich warte, daß Euer Majeſtät den erſten Löffel davon nehmen. Oder befehlen Sie, daß ich erſt jene Thür dort ſchließe? Nicht doch, erwiederte der König haſtig. Ich ließ ſie in guter Abſicht für Sie geöffnet, damit Ihre Au⸗ gen nicht allzu ſehr von meiner unſcheinbaren Republik hier erſchreckt würden, ſondern ſich zuweilen an dem Anblick meiner Hofherren und an dem Flitterglanz des Königthums ergötzen möchten. Er ließ ſie geöffnet, dachte der Herzog, damit ſeine Hofherren Alles hören, was hier geſprochen wird, damit die ganze Welt erfahre, wie er Frankreichs Freundſchaft zurückweiſt! 92 Aber indem er das dachte, verneigte er ſich und lächelte. Nun denn, rief der König entſchloſſen. Ich will meinen Löffel voll haben. Fangen wir alſo an, und zwar ohne weitere Umſchweife: Herr Herzog von Ni⸗ vernois, Sie ſind gekommen, weil der im Jahre 1744 zwiſchen Frankreich und Preußen geſchloſſene Allianz⸗ Traktat jetzt zu Ende geht, und weil Frankreich mir einbilden möchte, daß ihm an der Erneuerung deſ⸗ ſelben und an der Freundſchaft Preußens etwas ge⸗ legen ſei. Weil Frankreich das Euer Majeſtät nicht einbil⸗ den, ſondern Sie davon überzeugen möchte, Sire! Ueberzeugen! rief der König ironiſch. Und wodurch, wenn es Ihnen beliebt? Dadurch, daß der König Ludwig von Frankreich Euer Majeſtät vorſchlägt den. Allianz⸗Traktat nicht allein zu erneuern, Sire, ſondern auch die Bande der Freundſchaft noch feſter zu knüpfen, welche Frankreich mit Preußen verknüpfen. Und zu welchem Zweck? fragte der König. Denn Sie wiſſen wohl, Herzog, in der Politik darf man niemals die perſönliche Neigung in die Waggſchale werfen; wäre dies, dann würde es mir vergönnt ſein, ohne weiteres Nachſinnen die mir ſo freundlich entge⸗ gengeſtreckte Hand meines Bruders von Frankreich an⸗ zunehmen, denn die ganze Welt weiß, daß ich Frank⸗ reich liebe, und ſtolz bin auf die Freundſchaft Ihrer großen Geiſter. Da hier aber unglücklicher Weiſe nicht von Sympathien, ſondern von Politik die Rede iſt, ſo wiederhole ich meine Frage: zu welchem Zweck ſucht Frankreich Preußens Freundſchaft? Was ſoll ich ihm dafür leiſten? Ah, Sie ſehen wohl, Herzog, ich — 93— bin ein ſchlechter Diplomat, ich mache keine Umſchweife, ſondern gehe gerade auf das Ziel los. Und das iſt vielleicht gerade die feinſte Diplomatie, bemerkte der Herzog ſeufzend, eine Diplomatie, welche ſofort alle Schleier zerreißt, und auf den Grund ſehen will. Vielleicht weil ſie da Perlen zu finden hofft, rief der König. Alſo mein Herr Herzog, ſagen Sie mir, was macht Frankreich ſo begierig auf Preußens Freund⸗ ſchaft? Der Wunſch, Sire, in Ihnen einen Bundesge⸗ noſſen zu haben, und Ihr Bundesgenoſſe zu ſein. Durch Erſteres wird Frankreich in Deutſchland eine mächtige Hülfe, einen wirkungsvollen Beiſtand haben, wenn es die deutſchen Lande des Königs von England angreift, durch Letzteres wird Euer Majeſtät eine mächtige Hülfe und einen wirkungsvollen Beiſtand haben, wenn es von Rußland oder Oeſterreich ange⸗ griffen wird. Laſſen Sie uns zunächſt von dem Erſteren ſprechen, ſagte der König ruhig. Frankreich gedenkt alſo dieſen Krieg mit England jetzt auf deutſchen Boden zu ver⸗ pflanzen? Ueberall dahin, Sire, wo die engliſchen Farben die herrſchenden ſind. Auf England allein falle die Ver⸗ antwortlichkeit dieſes Krieges. Es hat uns auf eine ſchmachvolle Weiſe in unſeren amerikaniſchen Colonieen überfallen, es hat ſelbſt das Privat⸗Eigenthum unſerer Kaufleute nicht geachtet, ſondern in räuberiſcher, bru⸗ taler Weiſe hat es ihre Schiffe überfallen, und die Flagge der franzöſiſchen Kriegsſchiffe, welche dieſe Schiffe geleiteten, beſchimpft. Es iſt wahr, England war der angreifende Theil, ſagte der König. Aber Frankreich hat doch, wie mir — 94— ſcheint, eine hinlängliche Rache genommen. Wenn England ſich zum Alleinherrſcher auf dem Ohio ge⸗ macht hat, ſo hat Frankreich ihm darauf mit einem glücklichen Griff geantwortet, denn es hat ſich durch die Eroberung der Inſel Minorka die Herrſchaft auf dem Mittelländiſchen Meer erobert und geſichert. Es hat dadurch England eine ſo tiefe Wunde geſchlagen, daß es in der Verzweiflung ſeines Schmerzes ſeine Waffe, welche Frankreich beſiegt hatte, gegen ſich ſelber kehrte. Der Admiral Bing hat es mit dem Tode be⸗ zahlen müſſen, daß er von Ihrem Admiral Marquis de la Galliſſionaire beſiegt worden iſt.*) Ich ſollte meinen, Frankreich könnte mit dieſer Sühne zufrie⸗ den ſein. ͤ Frankreich wird ſeine Beſchimpfung in engliſchem Blute abwaſchen, und Minorka iſt kein Erſatz für Ca⸗ nada und den Ohio! England iſt uns Genugthuung ſchuldig und wir werden ſie in Hannover nehmen! Wenn Sie eine ſolche da bekommen können, rief der König mit einem raſchen, zornigen Blitz ſeiner Augen. Hannover wird unſer ſein, Sire, wenn England in Deutſchland keine Bundesgenoſſen hat, es wird unſer unſer ſein, wenn Euer Majeſtät uns als Bundes⸗ genoſſe zur Seite ſteht. Zwiſchen zwei Feuern ſtehend, wird England unterliegen müſſen, und kein Entrinnen *) Der Admiral Bing ward in einem entſchei⸗ von dem Marquis de la Galliſſionaire beſiegt, un dadurch Minorka und die Herrſchaft auf dem Mi⸗ Dieſer Verluſt ſchmerzte die Engländer ſehr. Die und ſo wie einſt Mago der Wuth der Carthaginienſe! 3 jetzt Bing dem aufgebrachten Pöbel aufgeopfert. Schiff erſchoſſen, welches er kurz zuvor noch als A (Charakteriſtik des ſiebenj. Krieges. Th. I. S. 30 —,——::eÿ—e —,——::eÿ—e — 95— wird ihm möglich ſein.— Das iſt der nächſte Vor⸗ theil, Sire, welchen Frankreich von dem Bündniß mit Preußen zu erwarten hat. Aber ich erlaube mir jetzt von den Vortheilen zu ſprechen, welche Euer Ma⸗ jeſtät durch unſere Allianz geboten werden. Euer Majeſtät wiſſen beſſer als wir, daß Preußen ringsumher von Feinden bedroht wird, daß Oeſterreich und Ruß⸗ land ſich in böſer Abſicht ſeinen Grenzen nähern, und daß vielleicht bald ein Tag kommen wird, wo Maria Thereſia ſich dieſes Schleſien, welches ſie in ihrem Herzen noch immer das ihrige nennt, wiedererobern möchte. Nun denn, an dieſem Tage werden Euer Majeſtät nicht allein ſtehen, denn Ihr Bundesgenoſſe, denn Frankreich wird an Ihrer Seite ſein; es wird Ihnen durch thätigen und treuen Beiſtand vergelten, was Euer Majeſtät ihm in Hannover gethan haben, und es wird ein wohlbegründetes Recht dazu haben. — Denn wenn Euer Majeſtät Frankreich geholfen ſich Hannover zu erobern, ſo wird Frankreich Preußens Nachbar, und es iſt wohl in der Ordnung, daß ein Nachbar dem andern ſchlitzend zur Seite ſtehe. Aber nicht bloß durch ſeinen Beiſtand und ſeine Hülfe wird Frankreich Preußen ſeine Dankbarkeit bezeigen, ſondern es wird Preußen auch Theil nehmen laſſen an den Vortheilen ſeines Sieges. Hannover iſt ein reiches Land, nicht bloß reich an Produkten, ſondern reich an Schätzen anderer Art. Die Churfürſten von Hannover haben in ihren Reſidenzen nicht bloß ihre mit Gold gefüllten Koffer, ihre Brillanten und Juwelen, ſondern auch die herrlichſten Gemälde und Kunſtgegenſtände jeglicher Art. Nun denn, es iſt wohl natürlich, daß wir uns in Hannover bezahlt machen für die Koſten, die uns dieſer von England muthwillig angefachte Krieg verurſacht hat, daß wir als gute Priſe betrachten, was — 96— wir finden, und was unſer ſein wird durch das Recht der Eroberung.*) Da Euer Majeſtät uns helfen wer⸗ den zu erobern, ſo werden Sie auch die Vortheile der Eroberung mit⸗ uns theilen. Aber auch dies kann der Dankbarkeit Frankreichs Euer Majeſtät gegenüber nicht genügen, und wir wiſſen ſehr wohl, daß Frank⸗ reich, wenn es mit Preußens Hülfe Hannover gewon⸗ nen hat, Preußen anderen Lohn wird bieten müſſen, als nur die Theilung der Kriegsbeute. Frankreich bietet daher als eine weitere Entſchädigung Preußen eine ſeiner Colonieen, es bietet ihm die Inſel Tabago, als ein Pfand ſeiner Freundſchaft und ſeiner Liebe an**). Wo liegt die Inſel Tabago? fragte der König lakoniſch. In Weſtindien, Sire! Und wo liegt Hannover? Der Herzog ſah den König verwundert an und ſchwieg. Der König wiederholte ſeine Frage. Nun denn, ſagte der Herzog nügernd, Hannover liegt in Deutſchland. Und für dieſes deutſche Land, welches ih Frankreich helfen ſoll zu erobern, bietet man mir als Lohn in Weſtindien die kleine Inſel Tabago an, welche mir nicht einmal den Vortheil einer prise de contenance darbietet. Denn dieſer Tabago iſt ſo weit entfernt, daß mein Arm zu kurz iſt, ihn zu erreichen.— Sind Sie jetzt zu Ende, Herzog, oder haben Sie mir noch weitere Propoſitionen zu machen? Sire, wenn es Euer Majeſtät beliebt, ich bin zu Ende, und erwarte Euer Majeſtät Antwort. *) v. Dohm Denkwürdigkeiten meiner Zeit. Th. IV. S. 235. *) Ebendaſelbſt. 3 —— — 97— Und dieſe Antwort ſoll Ihnen werden, Herzog, in klarerer und offenerer Weiſe, als die Frage vielleicht geweſen. Zuvörderſt, Herzog, muß ich Ihnen auf den Schluß Ihrer Rede antworten, und Ihnen ſagen, daß, wie gering Eueren verblendeten Augen zuweilen auch der König von Preußen, den Ihr in Euerem Ueber⸗ muth zuweilen den Markgrafen von Brandenburg zu nennen beliebt, erſcheinen mag, er Euch doch niemals erlaubt hat, ihn für einen spadassin oder einen Wege⸗ lagerer zu halten, und daß er dieſe glänzende Rolle ſonder Neid Frankreich allein überlaſſen will. Wenn ich mich einer Macht als Bundesgenoſſe anſchließe, ſo wird niemals dazu der ſchmutzige Eigennutz und die niedere Habſucht mich leiten, ſondern ich werde mich dazu nur von den Gründen der Politik, der Vernunft und des guten Rechts bewegen laſſen. Ihr weſtindi⸗ ſches Tabago kann alſo für mich keine Lockung ſein, und im Fall ich darauf einginge, Frankreichs Bundes⸗ genoſſe zu ſein, würde ich doch jedenfalls darauf ver⸗ zichten müſſen an der Plünderung der Hannover'ſchen Lande Theil zu nehmen. Meine Soldaten ſind ge⸗ wohnt, gute Mannszucht zu halten, und die Maro⸗ deurs ſind bei mir immer erſchoſſen worden. Sie können alſo denken, daß ich nicht meine ganze Armee zu Marodeurs erniedrigen will. Das iſt meine Ant⸗ wort auf den Schluß Ihrer Rede, mein Herr. Ich komme jetzt zu dem Anfang derſelben. Frankreich bietet mir ein Bündniß an. Aber, mein Herr Herzog, ſeit heute Morgen bin ich nicht mehr im Stande, ein ſolches Bündniß anzunehmen. Denn ſeit heute Mor⸗ gen iſt der Traktat unterzeichnet, der Traktat, mein Herr, welcher mich zu einem Bundesgenoſſen Englands macht! Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. 7 Das iſt nicht möglich, Sire, rief der Herzog, mit allen Zeichen des tiefſten Erſchreckens zurückweichend. Der König weidete ſich einen Moment an ſeiner Beſtürzung. Er hielt ſeine großen, flammenden Augen feſt auf das erblaſſende Antlitz des Herzogs gerich⸗ tet, und des Königs Antlitz leuchtete in ſtolzer, kühner Energie. 8 Nicht möglich, ſagen Sie, rief der König, und den⸗ noch iſt es wahr. Ich habe mit England einen Allianz⸗ Traktat abgeſchloſſen. Jetzt, mein Herr, werden Sie begreifen, warum ich ſo viel mit Ihnen von den Künſten der Akademie und ſo wenig von der Politik geſprochen. Die ſchwarze Suppe, von der wir vorher ſprachen, war noch nicht gahr. Mein königlicher Bru⸗ der von England mußte erſt einen Tropfen Tinte aus der Feder dazu thun, mit welcher er den Allianz⸗ Traktat unterzeichnet hat. Das iſt jetzt geſchehen. Heute Morgen hat mir der Courier den ratificirten Vertrag zurückgebracht. Dieſer Allianz⸗Traktat iſt alſo eine abgemachte Sache. Die Umſtände hatten ihn mir als eine Nothwendigkeit auferlegt. Sie wiſſen wohl, daß wir ſelten derſelben Meiſter ſind. Wir leiten die Begebenheiten nicht, ſondern wir werden von ihnen geleitet. Ich bin der Alliirte Ludwigs des Funfzehn⸗ ten geweſen; ich habe mich nicht über ihn zu beklagen gehabt, und ich liebe ihn. Nun wohl, dennoch bin ich jetzt ſein Feind! Es bleibt mir nur eine Hoffnung, daß die Begebenheiten ſich einſt wenden möchten, daß eine für mich glücklichere Zeit kommt, wo ich mich dem König von Frankreich wieder annähern darf. Sagen Sie ihm, ich bitte Sie, wie ſehr ich wünſche, dieſe Zeit kommen zu ſehen, ſagen Sie ihm, wie ſehr ich ihm attachirt bin und es immer war! Und indem der König ſo ſprach, reichte er mit einem gütigen Lächeln dem Herzog die Hand dar, gleichſam um ihn durch ſeine Freundlichkeit als Menſch zu entſchädigen für die Unfreundlichkeiten, welche ihm der König hatte ſagen müſſen. 4 Der Herzog berührte die flüchtig, der Schrecken, ſich ſo eclatant dupirt zu ſehen, ließ noch gar kein anderes Gefühl in ihm lebendig werden. Ach, Sire, ſeufzte er, welch ein Unglück iſt dies! Wie ſoll ich es wagen, eine ſo unerwartete und be⸗ trübende Nachricht meinem Monarchen mitzutheilen, meinem Monarchen, der Euer Majeſtät ſo zärtlich liebt, der mich nur zu Ihnen geſandt hat, um die Bande einer Freundſchaft, die Ihnen Beiden ſo gemäß zu ſein ſchien, nur noch feſter zu knüpfen, der nichts ſehnlicher wünſcht, als daß Frankreich Preußen zu ſei⸗ nem Alliirten habe! Ah, mein Herr, ſagte Friedrich lächelnd, Frankreich bedarf nur Schiffe zu ſeinen Alliirten!*) Dieſe habe ich ihm nicht zu bieten. Aber England hat ſie mir zu bieten, und wird ſie wirkſam werden laſſen, wenn Nußland mich angreifen möchte, ebenſo wie ich meine Landtruppen wirkſam werden laſſe, wenn Frankreich Hannover angreifeu möchte. Es iſt alſo eine entſchiedene Feindſchaft? fragte der Herzog traurig. Es iſt ein nothwendiges Uebel, welches leider ohne Linderung iſt! Aber Ludwig der Funfzehnte kann leicht andere Allianzen ſchließen, fuhr der König mit einer leiſen Ironie in ſeiner Stimme fort. Er kann zum dargereichte Hand nur ») Des Königs eigene Worte. Characteriſtik des ſiebenjährigen . 28. 7* Krieges. Th. I. S 1 100— Beiſpiel ſeine Irtatſn nn denen des Hauſes Oeſter⸗ reich vereinenn Der Herzog erblaßte, und ſchlug vor den durch⸗ dringenden, ſpöttiſchen Blicken des Königs die Augen verlegen nieder. Euer Majeſtät ſprechen nicht im Ernſt, denke ich, ſagte er verwirrt. 4 Warum nicht, Herzog? fragte der König leichthin. Eine Allianz zwiſchen Frankreich und Oeſterreich iſt ſo natürlich.*) Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich meinem Hofe dieſe Idee vorſchlagen. Glauben Sie mir, es können uns oft ſogar von unſeren Feinden gute Rathſchläge kommen, und der weiſe Mann wird nicht zögern, davon zu profitiren. Ah, Euer Majeſtät betrachten Frankreich alſo ſchon ganz definitiv als Ihren Feind? fragte der Herzog ſchmerzlich. Ich muß das wohl, da England mein Alliirrter iſt, und Sie mit England in offenem Kriege leben, er⸗ wiederte der König, indem er aufſtand und damit dem Herzog das Zeichen gab, daß die Audienz be⸗ endet ſei. In dieſem Fall, ſagte der Herzog, ſich beurlaubend, muß ich ſogleich einen Courier an meinen Hof ab⸗ ſchicken, und ich werde nicht ermangeln zu berichten, daß Euer Majeſtät uns ſelbſt den Rath geben, uns mit Oeſterreich zu verbinden! Sie werden ſehr gut daran thun,— das heißt, fuhr der König mit einem ſcharfen Blick und einem bedeutungsvollen Lächeln fort, das heißt, wenn Sie glauben, daß Ihrem Hofe ein ſolcher Rath noch noth⸗ *) Des Königs eigene Worte. S. Thiébault Vol. IV. p. 241. —— —— — 101— △. wendig geweſen, und er nicht ohnedies ſchon gehandelt hat. Und wann werden Sie abreiſen, Herzog? Morgen in der Frühe, 5 Der König reichte ihm mit einem freundlichen Kopfnicken die Hand. Leben Sie alſo wohl, Herzog, und vergeſſen Sie nicht, daß ich in meinem Herzen immer Frankreichs Freund bin, ſelbſt wenn wir uns in der Schlacht als Feinde gegenüberſtehen werden! Der Herzog verneigte ſich ſtumm und verließ ſeuf⸗ zend das königliche Bibliothekzimmer,„die Republik der Geiſter“, um ſchleunigſt nach Berlin zurückzu⸗ kehren. Der König ſchaute ihm ſinnend nach. Die Würfel ſind alſo gefallen, ſagte er leiſe vor ſich hin. Wir werden alſo Krieg haben! Die Tage der Ruhe ſind vorüber, und die Tage der Gefahr und des Kampfes nahen ſich uns wieder in ihren langwallenden, blutigen Trauerſchleiern! Er verſank in tiefes Nachdenken und ſchaute ſinnend vor ſich hin. Dann plötzlich richtete er das Haupt raſch empor, und indem ſeine leuchtenden Blicke auf jenen Schrank hinfielen, deſſen Bücherreihen in großen goldenen Buchſtaben die Namen Tacitus, Julius Cäſar und Livius trugen, ſagte er heiter und zuverſichtlich: Nun denn, Ihr erwartet von mir, daß ich meine Schuldigkeit thue! Ich werde Euere Erwar⸗ tungen nicht täuſchen. Er trat zu ſeinem Schreibtiſch und nahm von dem⸗ ſelben ſeine Flöte, und indem er ſie an den Mund ſetzte und zu ſpielen begann, verklärte ein ſtrahlendes Lächeln ſein Angeſicht. —— VIII. Der Verräther. Die Sonne war eben aufgegangen und goß ihre goldenen Lichtſtrahlen über den Garten von Sansſonci aus, und küßte die Gipfel der Bäume, welche ihr da⸗ für mit freudigem Erzittern ihren Morgengruß ent⸗ gegenrauſchten, und ſchmückte die eben erwachenden Blumen mit funkelnden Thautropfen, die in ihren ſich öffnenden Kelchen wie Brillanten glänzten. Tiefe Stille herrſchte ringsum, nichts ſchien bis jetzt erwacht, als die Natur ſelber, kein Menſch zeigte ſich in dieſen langen Alleen und Schattengängen des königlichen Gartens, und kein Laut ward gehört als das Rauſchen der Bäume, das Murmeln der Waſſerfälle und das träumeriſche halblaute Gezwitſcher irgend eines erwa⸗ chenden Vogels. Der unberührte Gottesfrieden ruhte noch auf dieſem Naturerwachen, welches noch nicht un⸗ terbrochen ward von den menſchlichen Lauten der Weh⸗ klage, des Jammers und der Leidenſchaft. 3 Dieſer Garten von Sansſouci hatte in ſeiner jung⸗ fräulichen Schönheit und Unberührtheit etwas ſo Hei⸗ liges, Keuſches und Urſprüngliches, daß man hätte meinen können, er ſei ein gerettetes Stückchen von dem Paradieſe, welches längſt von den Thränen der Men⸗ ſchen überſchwemmt und in dieſem Meer begraben ſei. Bis hierher ſchienen die Menſchen noch nicht gedrungen zu ſein, hier herrſchte noch Friede und Ruhe, hier hatte die Schlange noch nicht ihre Verführungskünſte an der ſchwachen Menſchheit geübt!— Aber nein! — 103— Dies iſt nur ein ſchöner Traum; eine von dem Frie⸗ den des erwachenden Morgens, von der heiligen Ur⸗ ſchönheit der emporſteigenden Sonne bewirkte Chimaire. Die Menſchen ſind da, aber ſie ſind nur noch nicht erwacht. Sie ruhen noch aus von den Sorgen und Mühen des vergangenen Tages, und träumen auf ihren Lagern von dem Glück und dem Frieden, von welchem in ihrem wachenden Daſein ſo wenig zu fin⸗ den iſt. Die Menſchen ſind da! Sie kommen ſchon, die heilige Stille der Natur mit ihrem lauten Schreien zu unterbrechen, und in die harmoniſchen Geſänge der Schöpfung die Disharmonien ihrer Klagen zu miſchen. Dort öffnet ſich das kleine Gitterthor am äußerſten Ende der Allee, da tritt ein Menſch in den Garten ein! Und das Stückchen Paradies ſinkt hinab in das Thränenmeer, und der Traum iſt zu Ende, und Sans⸗ ſonci iſt nur noch ein ſchöner Garten, aber kein Para⸗ dies mehr, denn der Fuß des Menſchen hat ihn ent⸗ heiligt! Da eilt er den Gang hinauf, der zu den Terraſſen führt, auf deren Höhe das Königsſchloß ſteht. Keuchend und in athemloſer Haſt ſtürzt er vorwärts. Sein Antlitz iſt farblos und bleich, ſein aufgelöſtes Haar flattert im Morgenwind, ſeine Augen ſehen nichts von der köſtlichen Morgenſchönheit des Gartens. Sie ſind ſtarr und voll Angſt und Entſetzen. Sein Anzug iſt beſtäubt und unordentlich, ſeine Schuhe zeugen von langem Wandern auf der beſtäubten, ſchmutzigen Land⸗ ſtraße, und doch ſcheint er nur eben erſt aus ſeinem Hauſe zu treten, denn ſein Kopf iſt unbedeckt, und er iſt auch nicht im Reiſeanzug, ſondern im geſtickten Feſt⸗ gewande. Es liegt etwas Ungewöhnliches, Erſchreckendes in der plötzlichen und unerwarteten Erſcheinung dieſes — 104— Menſchen. Die Natur ſcheint nicht mehr zu lächeln, ſeit er da iſt, die Bäume ſcheinen inne zu halten in ihrem Geflüſter, ſeit er unter ihnen dahinwandelt, die Vögel verſtummen in ihren melodiſchen Geſängen, ſeit der wirre angſtvolle Blick ſie getroffen.— Der Na⸗ turfriede iſt gebrochen, denn der Menſch, das heißt das Elend, das Unglück, die Enttäuſchung, der Menſch, das heißt die Sünde, die Schuld, die Erbärmlichkeit iſt da, und ſchüttet den vernichtenden Gifttropfen in den goldglänzenden Freudenbecher der Schöpfung! Haſtig, athemlos eilt er vorwärts, nicht ſchauend zur Rechten und Linken, nicht ausruhend von dem er⸗ müdenden Aufſteigen der Terraſſen, nicht einathmend den Duft dieſer hohen Orangen und Lorbeeren, die wie ſtolze Krieger in vollem Paradeſchmuck mit ihren Blüthen und Früchten auf den Abplattungen der Ter⸗ raſſen in Parade ſtehen. Immer hinauf, hinauf die Terraſſen keucht und ſtürzt er vorwärts. Jetzt iſt er auf der Höhe angelangt; jetzt hält er einen Augenblick inne, um Athem zu ſchöpfen. Er ſieht nichts von dem herrlichen Panorama, das ſich zu ſeinen Füßen aus⸗ breitet, er ſieht auch nicht den Himmel, der ſich in ſtrahlendem Blau über ſeinem Haupte wölbt, ſein Auge iſt blind für Alles außer ihm, er iſt ganz allein in der Welt, allein mit ſeinem Schmerz und ſeiner Qual. Nun eilt er weiter fort, weiter nach der hinteren Seite des Schloſſes. Die Schildwachen, welche auf⸗ und niedergehen, kennen ihn und wiſſen, wohin er geht, ſie ſchauen kaum nach ihm zurück, wie er jetzt mit ſtarkem Finger an die Scheiben jenes Eckfenſters klopft, ſo lange, ſo haſtig und ſtark klopft, bis endlich dieſes Fenſter geöffnet wird. Ein junges Mädchen im Nachthäubchen, noch ganz — 105— verwirrt von Schreck und Beſtürzung ſchaut hervor, und wie ſie dieſes blaſſe, angſtvoll zerwühlte Menſchen⸗ antlitz gewahrt, das ſich vergebens abmüht ihr zuzu⸗ lächeln, da ſchreit ſie laut auf und faltet ihre Hände, wie zum Gebet. Still, ſagt er rauh und kalt, ſtill, Roſa, laß mich ein! Dir iſt ein Unglück zugeſtoßen? fragt ſie entſetzt. Ja, Roſa, ein großes Unglück. Aber laß mich ein, wenn Du nicht willſt, daß ich verloren bin! Das junge Mädchen verſchwindet vom Fenſter und der Mann eilt der nahebelegenen Seitenpforte des Schloſſes zu. Jetzt wird dieſe geöffnet und der Mann ſchlüpft hinein. Tiefe Stille herrſcht jetzt wieder im Garten von Sansſouci, die Natur hat ihr Lächeln und ihren Frie⸗ den wieder aufgenommen, denn ſie iſt wieder allein mit ihrer Unſchuld, der Menſch iſt nicht mehr da! Aber drinnen im Schloß, drinnen in der Wohnung des Schloßcaſtellans, drinnen in dem Zimmer ſeiner ſchönen, liebreizenden Tochter Roſa wird es jetzt leben⸗ dig, da hört man es flüſtern und klagen, und ſeufzen und jammern, da ſteht die ſchöne Roſa angſtvoll und bebend, mit von Thränen überſtrömtem Angeſicht, und ihr gegenüber ihr bleicher, verſtörter Geliebter. Ich bin die ganze Nacht gewandert, ſagte er mit mattem, dumpfem Ton. Ich wußte gar nicht, daß Berlin ſo weit von Potsdam entfernt iſt, und hätte ich's gewußt, ſo würde ich doch nicht gewagt haben, mir einen Wagen oder ein Pferd zu nehmen. Ganz heimlich, ganz leiſe und geräuſchlos mußte ich von dannen ſchleichen. Während Graf Puebla mein Ge⸗ mach bewachen läßt, und glaubt, daß ich mich in dem⸗ ſelben befinde, bin ich an dem Weingeländer, das bis — 106— zu meinem Fenſter hinaufreicht, in den Garten hinab⸗ geklettert. Der Gärtner ahnte nicht, wie ich hinabge⸗ kommen in den Garten, er lächelte verſchmitzt, als ich ihn bat, mir die kleine in der Stadtmauer belegene Thür zu öffnen, er dachte, daß ich zu irgend einem Rendezvous gehen wolle. So kam ich hinaus und wanderte in Angſt und Schmerzen, in Verzweiflung und Wuth immer weiter, weiter, und es ſchien mir, als ob dieſer Weg ſich in eine Unendlichkeit ausdehnte. Oft ſtand ich ſtill, weil ich meinte, hinter mir Geſchrei und wilde Verwünſchungen, und das Stampfen von Pferden, und das Rollen von Rädern zu vernehmen. Aber es war nur meine eigene Angſt, welche das Alles hörte, und die Verwünſchungen tobten nur in mir, nicht außer mir. Oh, es war ein fürchterlicher Weg,— ein Weg durch das Fegefeuer der Hölle. Aber jetzt iſt es vorüber! Jetzt darf ich nicht mehr ſchwach ſein, denn es handelt ſich um meinen Namen, um mein Leben, um meine Ehre!— Warum lachſt Du, Roſa? rief er, plötzlich von der äußerſten Er⸗ ſchöpfung in wilde Heftigkeit übergehend. Wagſt Du es, zu lachen, weil ich von meinem Namen und von meiner Ehre ſpreche? Mein Gotwf, ich lache ja gar nicht, ſagte Roſa ent⸗ ſetzt und faſt ängſtlich auf das wilde, verſtörte Antlitz ihres Geliebten blickend. Ja, rief er mit einem ſchmerzlichen Aufſchrei, Du lachſt, und Du haſt wohl Grund zu lachen, wenn ich von meiner Ehre ſpreche! Ich, welcher die Ehre ver⸗ rathen und meinen Namen geſchändet habe! Ich, welcher auf ſeine Stirn das Kainszeichen des Bruder⸗ mordes gedrückt hat, denn ich bin Schuld an dem Verderben eines Menſchen, und die Ketten, welche an ſeinen Händen klirren, verfluchen meinen Namen! —— — 107— Mein Gott, er iſt wahnſinnig geworden, murmelte Roſa angſtvoll. Nein, ich bin nicht wahnſinnig, ſagte er mit einem herzzerreißenden Lächeln. Ich weiß Alles, Alles! Oh, wäre ich wahnſinnig, würde ich nicht ſo unglücklich ſein, hätte ich mein Bewußtſein verloren, würde ich weniger leiden! Aber ich weiß Alles, und ich beſinne mich auf Alles. Ich weiß, wie das Uebel entſtand, und wie es fortſchritt, wie es allmählig gleich einem unheilbaren Krebsſchaden weiterfraß in meinem Herzen, und endlich meinen ganzen Organismus vergiftete. Dieſes Uebel war meine Armuth und meine Habgier, oder vielleicht auch mein Ehrgeiz. Ich wollte nicht dazu verdammt ſein, ewig an dieſer Kette der Dienſt⸗ barkeit zu ſch pen, ich wollte mich frei machen von der Noth, ich wollte nicht immer zu zittern brauchen, daß irgend eine indiscrete Hand dieſe bunten, prun⸗ kenden Fetzen zerreißen möchte, unter denen ich meine und meiner Familie Armuth verborgen hatte. Ich wollte nicht, daß man immer noch ſagen konnte:„die Schweſtern des Barons von Weingarten müſſen ſich durch ihrer Hände Arbeit ihr Brod verdienen, und während er an königlichen Tafeln ſpeiſt, hungert und friert ſeine Mutter.“— Das war's, was mein Ver⸗ derben bewirkte. Dieſe fürchterlichen Worte ſummten ſo lange vor meinen Ohren, bis ich in der Verzweif⸗ lung ſie um jeden Preis verſtummen machen wollte, und müßte es auch mit einem Verbrechen ſein!— So beging ich mein erſtes Verbrechen und empfing den goldenen Lohn für meine Verrätherei. Meine Schweſtern hatten nun nicht mehr nöthig zu arbeiten und meine Mutter hungerte nicht mehr.— Ich kaufte ihnen ein eigenes Häuschen, ich gab ihnen Alles, was ich erhalten hatte. Es ſchauderte mir vor dieſem Blut⸗ — 108— gelde, und nicht ein Goldſtück davon wollte ich für mich behalten. Ich gab ihnen Alles hin. Ich war wieder der arme Legationsſecretair von Weingarten, — aber meine Familie war nicht mehr hülflos, und ich brauchte nicht mehr zu fürchten, daß einer dieſer ſtolzen vornehmen Leute mir die Armuth und den red⸗ lichen Fleiß meiner Schweſtern als Schandflecken auf der Stirn leſen könnte, deshalb hatte ich das Kains⸗ zeichen des Verrathes darüber geklebt. Wem erzählte er das Alles? Gewiß nicht dieſem jungen Mädchen, das bleich und zitternd ihm zuhörte, und deren Zähne wie im Fieberfroſt aufeinanderſchlu⸗ gen! Er ſelber war im Fieber, und in dieſem Pa⸗ roxismus der Schmerzen wußte er kaum, daß er ſprach, daß er laut dachte, und daß noch irgend ein Weſen außer ihm da ſei!— Er hatte dieſes junge Mädchen ganz vergeſſen, die er ſonſt in den Tagen des Glückes ſeine Geliebte genannt. Als ſie jetzt weinend und leiſe jammernd ſeinen Namen flüſterte, als ſie vor ihm, der auf einen Seſſel hingeſunken war, zur Erde niederglitt und ihr Antlitz auf ſeine Hände preßte, die ſie mit ihren Thränen be⸗ thauete, da ſchreckte er empor aus ſeiner Betäubung, da erinnerte er ſich, daß er nicht allein ſei, daß noch ein Weſen außer ihm ſeine Gedanken oder ſeine Worte gehört habe.. Mit einer ungeſtümen Bewegung zog er ſeine Hände von ihrem Angeſicht fort. Was habe ich geſagt? fragte eer wild. Warum weinſt Du? Ich weine, weil Du mich vergeſſen haſt, ſagte ſie ſanft. Ich weine, weil Du, indem Du Dich anſchul⸗ digſt, gar nichts zu Deiner Entſchuldigung anführſt, nicht einmal die Liebe zu Deiner armen Roſa. Es iſt wahr, ſagte er traurig, ich hatte die Liebe — 109— vergeſſen. Und doch iſt ſie meine Entſchuldigung, daß ich zum zweiten Male fiel. Ich hatte mir vorgenom⸗ men, ein guter Menſch zu bleiben und dieſes eine Ver⸗ brechen zu ſühnen durch mein ganzes Leben. Aber da ſah ich Dich, und Deine Schönheit reizte mich, und Deine Coquetterie zog mich an. Ich liebte Dich, oder hing ich vielleicht meinem Geiz und meiner Hab⸗ ſucht nur dieſen neuen goldfunkelnden Schleier über? Bekleidete ich meinen nackten Egoismus nur mit dem Sternenmantel der Liebe, um mich über mich ſelber zu täuſchen? Ich ging mit offenen Augen in die Netze, welche Du mir ausgeſtellt, Roſa, und ich that, als ob ich blind ſei, ich ließ mich verlocken von Deinem Si⸗ renengeſang, und ich wußte doch, daß er mich in einen Abgrund hinabziehen mußte. Ach, ach, ſtöhnte Roſa, wie kalt und grauſam Du von unſerer Liebe ſprichſt! Von unſerer Liebe, wiederholte er achſelzuckend. Kind, in dieſer Stunde ſchwinden alle Schleier und wir können wahr gegeneinander ſein. Wir haben uns niemals wahrhaft geliebt. Du liebteſt an mir meinen vornehmen Namen, und dieſe Stellung, welche freilich der Tochter des Caſtellans wohl eine glänzende und begehrenswerthe ſein mochte. Ich liebte an Dir Deine Jugend, Deine Schönheit, Deine anmuthige Coquet⸗ terie, ich liebte Dich mit meinen Sinnen, wie Du mich mit Deiner Eitelkeit liebteſt. Aber unſere Seelen wuß⸗ ten nichts von einander, und unſere Herzen hatten nichts mit einander gemein, als den Eigennutz. Du gabſt Dich mir, nicht weil Du mich liebteſt, ſondern weil Du mich verführen wollteſt, und kein anderes Mittel dazu hatteſt, als eben Deine Liebe. Ich ließ mich verführen, weil,— weil Dnu ſo verführeriſch — 110— ſchön warſt, und weil ich den goldenen Lohn ſah, den Deine verführeriſche Liebe mir einbringen konnte. Du biſt grauſam und ungerecht gegen uns Beide, ſagte Roſa traurig. Du höhnſt unſere Liebe und legſt unſeren edelſten Gefühlen gemeine Motive unter. Traurig genug, wenn Du wirklich wahr ſprichſt, wenn Du mich nie wahrhaft geliebt haſt, ich aber, ich habe Dich geliebt, ich habe Dir mein ganzes Herz geweiht. Und indem Du das thateſt, unterbrach er ſie rauh, indem Du Dich ganz Deiner ſchönen Liebe hingabſt, hatteſt Du doch Beſonnenheit genug, an Dein Ziel zu denken, und den Zweck Deiner Zärtlichkeit im Auge zu behalten. Während Deine Arme mich feſt um⸗ ſchlangen, ſuchte Deine kleine Hand, welche auf mei⸗ nem Herzen zu ruhen ſchien, nach dem Schlüſſel, den ich immer in meiner Weſtentaſche trug, und von wel⸗ chem ich Dir kurz zuvor auf Dein Befragen geſagt hatte, daß es der Schlüſſel zu meinem Pulte ſei, in welchem ich die wichtigſten Actenſtücke der Geſandt⸗ ſchaft aufbewahre. Du fandeſt dieſen Schlüſſel, Roſa, und ein ſüßer Schauer des Entzückens durchrieſelte Deinen ganzen Leib. Warum hätte das auch nicht ſein ſollen? Du lagſt ja in meinen Armen und ich küßte Dich!— Du fandeſt dieſen Schlüſſel und ich fühlte, wie Du ihn nahmſt, aber ich lachte nur, und damit Du dieſes Hohnlachen über uns Beide nicht ſehen ſollteſt, drückte ich Dich feſter an mich und küßte Dich inbrünſtiger. Fürchterlich, fürchterlich, murmelte Roſa mit blei⸗ chen Lippen. Er wußte Alles und ließ es geſchehen. Ja, ich ließ es geſchehen, ſagte er, denn ich wollte nicht beſſer ſein, als Du, welche ich liebte, und da Du mich verführen wollteſt, ſo ließ ich mich verführen. Ich ließ es geſchehen, denn der Dämon des Geldes d —=— — 111— hatte ſchon wieder Gewalt über mich, und ich wußte, daß Diejenigen, welche Dich angeleitet mir den Schlüſſel zu ſtehlen, auch bereit ſein würden, mir meine Ge⸗ heimniſſe mit Gold aufzuwiegen. Und ich hatte mich nicht verrechnet! Ich nahm die wichtigen Papiere aus dem Pulte, zu welchem Du mir den Schlüſſel geraubt, ich nahm ſie und verbarg ſie an einem anderen Ort. Und nun kamen ſie und flüſterten von goldenem Lohn und von ewiger Dankbarkeit, und von zukünftigen Ehren, und von reicher Mitgift für Dich, und dieſe dämoniſchen Zuflüſterungen verlockten meine Seele, und ich verkaufte meine Ehre und ward ein Verräther! Und das Alles um des Geldes willen! Oh, oh! Wäre ich nicht von vornehmer Geburt, und dabei arm ge⸗ weſen, ſo würde ich ein guter tugendhafter Menſch ge⸗ worden ſein, aber die Armuth flüſterte meinem Hoch⸗ muth ſo demüthigende Worte in's Ohr, daß ich es nicht zu ertragen vermochte und mich verkaufte, um nur meinem Hochmuth genug zu thun! So bin ich gewor⸗ den, was ich jetzt bin. Ich mache Dir keine Vorwürfe, Roſa, ich wäre vielleicht auch ohne Dich dahin gekom⸗ men, denn die Habgier war in mir, und der Durſt nach Gold und nach Freiheit, und früher oder ſpäter hätten ſie mich doch verleitet. Aber was iſt es denn, was Dich jetzt bedroht? fragte Roſa. Die gerechte Strafe für den Verräther, ſagte er dumpf. Aber Du errinnerſt mich zu rechter Zeit, daß die Gefahr hinter mir her iſt, und daß ſie vom Winde die Flügel leihen wird, um mich zu erreichen. Gieb mir ein Glas Wein, Roſa, damit ich mich wieder ſtark und kräftig mache, damit ich Faſſung gewinne, um zum König zu gehen. ee'Eei een — 112— Zum König! In dieſer frühen Morgenſtunde willſt Du zum König gehen? Warum nicht? Bin ich nicht ſchon oft ſo früh zu ihm gegangen, wenn ich ihm eine wichtige Nachricht, oder eine Depeſche zu bringen hatte? Leuten meiner Art verweigert man, ſo lange man ſie braucht, nie⸗ mals den Eintritt, ſie mögen kommen, zu welcher Zeit ſie wollen; erſt wenn ſie überflüſſig und nutzlos ſind, dann weiſt man ihnen die Thür und kehrt ihnen ver⸗ ächtlich den Rücken zu. Der König weiß aber noch nicht, daß er mich nicht mehr gebrauchen kann, und alſo wird er mich heute noch annehmen. Gieb mir alſo ein Glas Wein, damit ich mich ſtärke und dann zum König gehe! Roſa eilte hinaus, um das Geforderte zu holen; Weingarten erwartete in dumpfem Hinbrüten ihre Rückkehr, dann trank er in haſtigen Zügen das dar⸗ gereichte Glas aus, und füllte es noch einmal, um es wieder zu leeren. So, ſagte er aufathmend, jetzt fühle ich wieder, daß ich lebe, das Blut ſchleicht nicht mehr eiskalt durch meine Adern und mein Herz ſteht nicht mehr ſtill. Jetzt will ich zum König gehen. Er trat zum Spiegel, um ſein Haar und ſeinen Anzug ein wenig zu ordnen, dann drückte er einen kalten Kuß auf Roſa's zitternde Lippen und ging hinnaus. Mit feſtem, ſicherem Schritt eilte er über die Corridore und durch die Gemächer dahin. Niemand hielt ihn auf, denn Niemand war da, welcher ihn ſehen konnte. Nur im Vorzimmer des Königs ſaß Deeſen und trank ſeine Chocolade aus dem Déjeuner des Königs, das er eben aus dem Schlafzimmer des Königs gebracht. Der König ſchon auf? fragte Weingarten. — 113— Die Sonne iſt ſchon über eine Stunde auf, alſo iſt auch der König ſchon auf, ſagte Deeſen ſtolz. Melden Sie mich Sr. Majeſtät. Ich habe ihm wichtige Nachrichten zu bringen! Es war nicht das erſte Mal, daß der Seeretair der öſterreichiſchen Geſandtſchaft ihm ſolchen Auftrag ge⸗ geben, und Deeſen weigerte ſich daher nicht, ihn zu erfüllen. Er ging in das Zimmer des Königs und kehrte dann ſofort zurück, um Herrn von Weingarten ein⸗ zulaſſen. Der König ſaß auf einem Lehnſeſſel am Fenſter, das er geöffnet hatte, um die friſche, laue Sommerluft einathmen zu können. Sein weißes Windſpiel, die Amalthea, lag zu ſeinen Füßen und blickte mit ihren ſchwarzen ſanften Augen zu ihm empor. In der rech⸗ ten, auf der Lehne des Seſſels ruhenden Hand hielt der König die Flöte, mit welcher er eben, wie er pflegte, den Tag und die Sonne in irgend einem ſchönen melodiſchen Adagio begrüßt hatte. Wie er das Haupt jetzt ſeitwärts wandte, um den eintretenden Herrn von Weingarten zu begrüßen, traf ein Strahl der Morgenſonne ſein Antlitz und umgab es wie mit einer Glorie. Sie kommen ſehr früh, Monſieur, ſagte der König, Sie haben alſo ſehr wichtige Nachrichten? Ja, Sire, ſehr wichtige, ſagte Weingarten näher tretend. 3 Der König ſtreckte die Hand aus. Geben Sie her! ſagte er. Sire, ich habe keine Depeſche! Alſo eine mündliche Nachricht! Sprechen Sie. Sire, es iſt Alles verloren! Graf Puebla argwöhnt, was ich gethan habe. 8 Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. 8 — 114— Der König ſchrak zuſammen, aber er faßte ſich ſo⸗ gleich und nahm wieder ſeine ruhige Miene an. Er argwöhnt, alſo er weiß es noch nicht gewiß? Nein, Sire. Aber ſein Argwohn iſt faſt ſchon Gewißheit. Ich war geſtern Abend damit beſchäftigt, eine Depeſche, welche in der Nacht abgehen ſollte, und für Euer Majeſtät von der höchſten Wichtigkeit war, zu copiren. Plötzlich ſtand der Graf neben meinem Schreibtiſch. Er hatte ſich ganz leiſe und geräuſchlos in mein Zimmer geſchlichen. Das beweiſt, daß er ſchon vorher Argwohn gefaßt, und mich beobachtet hatte. Mit einem raſchen Griff erfaßte er die Papiere und prüfte ihren Inhalt.„Für wen haben Sie dieſe Copie beſtimmt? fragt er mit drohendem Ton. Ich ſtammelte einige Worte der Entſchuldigung, ich ſagte, daß ich mir zu einem Geſchichtswerk, welches ich ſchrei⸗ ben wolle, von allen Depeſchen Abſchrift nehme, um ſie für mein Werk zu benutzen. Er ließ mich nicht ausreden.„Sie ſind ein Verräther, rief er mit don⸗ nernder Stimme. Ich ahnte Ihren Verrath ſchon lange. Jetzt iſt er zur Gewißheit geworden! Morgen werde ich die Unterſuchung einleiten. Für dieſe Nacht bleiben Sie als Gefangener auf Ihrem Zimmer.“ — Dann verſchloß er mein Pult, in welchem meine Papiere ſich befinden, und ſteckte den Schlüſſel zu ſich, und indem er die Depeſche und meine Abſchrift nahm, ging er ohne ein Wort weiter zu ſagen, hinaus. Ich hörte, wie er meine Thür verſchloß und den Riegel vorſchob. Ich war alſo wirklich ein Gefangener. Aber Sie brachen aus? fragte der König. Ich entkam durch das Fenſter und floh hierher, um mich zu Euer Majeſtät Füßen niederzuwerfen, und um Gnade, um Schutz und Hülfe zu flehen! Und ſo ſprechend warf er ſich vor dem König zur — 115— Erde nieder, und wollte ſeine Knie umfaſſen. Aber das weiße Windſpiel richtete ſich jetzt mit drohendem Geknurr empor und blickte ihn mit wuthblitzenden Augen an. Stehen Sie auf, ſagte der König. Sie ſehen wohl, die Amalthea iſt eiferſüchtig und will ihren Platz mit keinem Menſchen theilen. Stehen Sie auf. Es bedarf keines Kniefalls, um mich an die Erfüllung meines Wortes zu mahnen. Ich habe Ihnen im Fall der Entdeckung Schutz und Hülfe zugeſagt, ich werde meine Zuſage erfüllen. Sagen Sie mir alſo Ihre Wünſche. Wir wollen ſehen, ob ſich dieſelben verwirk⸗ lichen laſſen. Zuerſt flehe ich Euer Majeſtät an, mir eine ſichere Zufluchtsſtätte zu gewähren, wo ich vor den Verfol⸗ gungen des Grafen Puebla ſicher bin. Sie werden hier in meinem Hauſe, in der Woh⸗ nung des Caſtellans ſich verbergen, bis wir einen paſſenden Wohnort für Sie ermittelt haben, ſagte der König. Weiter! Welche Plane haben Sie für Ihre Zukunft entworfen? Dann wollte ich Euer Majeſtät demüthigſt erſuchen, mir in Ihren Staaten eine meinem Stande und Range angemeſſene Anſtellung zu gewähren, wie mir Solches von Euer Majeſtät verſprochen worden iſt. Oh, Sie berufen Sich zu viel auf Verſprechungen, rief der König achſelzuckend. Wiſſen Sie denn nicht, daß man dem Eiſen, welches man anlocken will, den glänzenden Magnet entgegenhält, damit es ihm folge? Sie ſind dem Magnet gefolgt, mein Herr, weiter nichts! Euer Majeſtät wollen mir die verſprochene Anſtel⸗ lung nicht gewähren? fragte Herr von Weingarten zitternd. 8* — 116— Ich entſinne mich nicht, Ihnen eine ſolche verſpro⸗ chen zu haben, ſagte der König achſelzuckend. Leute Ihres Gewerbes bezahlt man, aber man belohit ſie nicht. Ich habe Nutzen gezogen von Ihrem Verrath, aber deshalb bleiben Sie doch in meinen Augen im⸗ mer noch ein Verräther, und einen ſolchen kann ich nicht in meine Dienſte nehmen! Ich bin alſo verloren, ſtammelte Weingarten mit Thränen in den Augen. Meine Ehre, mein guter Name, meine Zukunft iſt vernichtet. Ihre Ehre haben wir mit Gold aufgewogen, ſagte der König ſtreng, und ich denke, ich habe ſie hö⸗ her bezahlt, als ſie werth war. Ihr guter Name freilich, der wird ſich für alle Zeiten jetzt in einen ſchlechten Namen verwandeln, und Ihre Mutker wird erröthen, wenn ſie ihn auszuſprechen hat, und die Ge⸗ ſellſchaft wird ihre Thüren zuſchließen, wenn er ge⸗ nannt wird. Deshalb rathe ich Ihnen ihn fahren zu laſſen und unter einem anderen Namen ein neues Daſein zu beginnen, und eine neue Zukunſt ſich zu begründen. Eine Zukunft ohne Ehre, ohne Namen, ohne Stel⸗ lung! ſeufzte Weingarten verzweiflungsvoll. Der König ließ ſeine flammenden Blicke mit einem verächtlichen Ausdruck auf ſeinem zerknirſchteu Ange⸗ ſicht ruhen. So ſind die Menſchen, ſagte er leiſe; unverſchämt und trotzig, wenn ſie ſicher glauben, feige und haltungslos, wenn ſie in Gefahr ſind. Sie wa⸗ ren alſo vermeſſen genug, zu glauben, daß Ihre Thaten immer unter dem Schleier des Geheimniſſes verborgen ſein würden? Sie dachten gar nicht an eine mögliche Entdeckung und rüſteten ſich nicht für dieſen Fall? Wenn man die Wege wandelt, welche Sie ge⸗ wandelt ſind, muß man jedem Schritt, welchen man — 117— thut, mißtrauen, überall verborgene Abgründe und unſichtbare Klippen, und in jedem Menſchen einen Verräther vermuthen! Sie haben das, wie es ſcheint, nicht gethan! Sie wollten die Früchte Ihres Ver⸗ rathes in harmloſer Sicherheit genießen, aber Sie ha⸗ ben nicht den Muth für einen Verräther gelten zu wollen. Legen Sie alſo dieſen Namen ab, welcher Sie fortgeſetzter Gefahr und Beſchimpfung ausſetzt. Fliehen Sie die Orte, wo man Sie und Ihre Thaten kennt. Suchen Sie unter einem angenommenen Na⸗ men ſich irgendwo in meinen Staaten ein ländliches Aſyl. An Geld, um ſich anzukaufen, wird es Ihnen nicht fehlen, und wenn das, was Sie ſich bei mir verdient haben, nicht hinreicht, ſo wenden Sie ſich an mich, ich werde Ihnen noch Weiteres leihen und Ihnen behülflich ſein. Ich werde es nicht vergeſſen, daß mir Ihre Verräthereien von großem Nutzen ge⸗ weſen, und darum werde ich Sie nicht verlaſſen, wenn ich auch den Verräther verachte. Und ſomit leben Sie wohl, mein Herr. Es iſt dies das letzte Mal, daß wir uns ſprechen. Melden Sie ſich heute Nach⸗ mittag bei meinem Kämmerer. Er wird Ihnen noch einmal zweihundert Louisd'or auszahlen. Wenn Sie noch ſonſt etwas von mir wünſchen und erbitten ſoll⸗ ten, ſo wenden Sie ſich an den Caſtellan, er ſoll's mir hinterbringen. Gehen Sie! Mit einem verächtlichen Blick auf dieſes zerknickte, haltungsloſe Menſchenantlitz wandte der König ſich ab, und trat zum Fenſter. 2 Weingarten ſchlich hinaus. Seine Füße trugen ihn kaum, er fühlte ſich todesmatt, gebrochen und ver⸗ nichtet. So ſchwankte er vorwärts den Corridor hin⸗ unter, ſo öffnete er langſam und leiſe die Thür zu Roſa's Zimmer und trat bei ſeiner Geliebten ein. — 118— Sie las in ſeinem aſchfarbenen Angeſicht, in ſeinen troſtloſen Blicken, ſeiner zerknickten Geſtalt, daß er ihr nur Unheil zu verkünden habe. Es iſt Alles umſonſt geweſen? fragte ſie athemlos. Umſonſt! rief er mit einem höhniſchen Lachen. Nein, nicht umſonſt. Der Köuig hat mich gut be⸗ zahlt, beſſer wie Judas Iſcharioth bezahlt ward. Nein, nichts iſt umſonſt geweſen. Ich habe mir viel Geld verdient, und ich werde mir noch tauſend Thaler ab⸗ holen. Beruhige Dich, Roſa, wir werden ſehr glück⸗ lich ſein, denn wir haben Geld. Nur fragt es ſich, ob die ſtolze Tochter des königlichen Caſtellans ſich herablaſſen wird, einem Menſchen, der ihr keine Stel⸗ lung und keinen Namen mehr zu bieten hat, ihre Hand noch zu reichen. Roſa, ich warne Dich! Be⸗ denke wohl, was Du thuſt, bedenke, daß Du ein ſchlimmeres Loos haben wirſt, wie Pylades, wenn er dem Oreſt zur Seite ſtand. Die Furien verfolgen mich überall hin, aber ihre Schlangengeißeln werden auch Dich treffen, denn Du biſt nicht ſchuldlos wie Pylades es war. Bedenke, daß ich ein mit Schmach beladener Menſch bin, dem das Licht ein Verräther und die Dunkelheit allein ein Schutz ſein wird. Du haſt mich geliebt, weil ich ein Baron bin, und Dir eine Stellung zu bieten hatte. Nun denn, von heute an habe ich keine Stellung und keinen Namen, keine Ehre und keine Familie mehr, von heute an bin ich ein Ausgeſtoßener, Verlaſſener, Verfluchter und Ge⸗ ſchändeter. Wie Ahasverus werde ich raſtlos wandern durch die ganze Welt, glücklich und Gott dankend, wenn ich irgendwo einen ſtillen Winkel finde, wo man mich nicht kennt und meinen Namen nie gehört hat. Da werde ich mich niederlaſſen und den Zufall um einen Namen bitten, und in einſamer friedloſer Stille — 119— mein düſteres Leben vertrauern. Roſa, willſt Du dies Daſein ohne Sonne, ohne Ehre, ohne Namen mit mir theilen? Sie ſtarrte ihn an mit thränenloſen Augen, ſie zitterte ſo heftig, daß ihre Lippen kaum im Stande waren zu ſprechen. Ich habe keine Wahl, ſtammelte ſie endlich, ich muß Dir folgen, denn meine Ehre fordert, daß ich Dein Weib werde. Ich muß mit Dir gehen, unſer Verhängniß will es ſo! Mit einem kreiſchenden Aufſchrei ſank ſie ohnmäch⸗ tig zur Erde nieder. Weingarten hob ſie nicht empor. Er ließ ſich neben ihr auf einen Stuhl gleiten, und ſtarrte zu dieſem bleichen lebloſen Weibe, das da zu ſeinen Füßen lag, mit wirren Blicken nieder. ir ſind Beide verdammt, murmelte er. Beide haben wir unſere Ehre verloren, und mit dieſem Kainszeichen auf der Stirn werden wir ruhelos durch die Welt dahinwandern!*)— Der König indeſſen war, nachdem Weingarten ihn verlaſſen hatte, noch lange gedankenvoll in ſeinem Ge⸗ mach auf⸗ und abgegangen. Zuweilen hob er das Haupt empor und ſchaute mit einem ſtolzen fragenden Blick zum Himmel empor, zuweilen blieb er ſtehen und ſtarrte mit gerunzelter Stirn und feſt zuſammen⸗ gepreßten Lippen vor ſich hin. Große Gedanken, mäch⸗ tige Entſchlüſſe wogten in ihm auf und ab, und die Weltgeſchichte ging hinter ihm her, um ſeine Gedanken, welche Thaten werden ſollten, mit diamantenem Griffel — *) Der Baron von Weingarten entkam glücklich. Er heira⸗ thete ſeine Geliebte, die Tochter des Caſtellans, ging nach der Altmark, wo er ſich ankaufte und unter dem Namen von Weiß noch lange Jabre lebte.(Charakteriſtik des ſiebenjährigen Krieges⸗ Th. I. S. 37.) — 120— 4 in ihr goldenes Buch einzuſchreiben, und ſeinen Na⸗ men in die Reihen der Unſterblichen einzutragen. Auf einmal warf der König ſein Haupt ſtolz zu⸗ rück und ſeine Augen flammten und glühten. Es iſt an der Zeit, ſagte er mit lauter, voller Stimme. Die Stunde des Zauderns iſt vorüber. Jetzt möge das Schwert entſcheiden zwiſchen mir und meinen Feinden! Er klingelte heftig, und dem eintretenden Kammer⸗ huſaren befahl er, ſofort einen Courier nach Berlin zu ſenden, und die Generale von Winterfeld und von Retzow, ſo wie den Feldmarſchall von Schwerin nach Sansſouci zu berufen. IX. Die Rriegserklärung. Wenige Stunden nach der Abſendung des Couriers an die Generale in Berlin verkündete das raſche Her⸗ anrollen von Wagen dem König, welcher lange ſchon am Fenſter geſtanden und erwartungsvoll jedes Ge⸗ räuſch beachtet hatte, die Ankunft der Erwarteten. Als der Kammerhuſar bald darauf eintrat und die Generale meldete, nickte der König lebhaft und ging haſtig der Thür zu, um ſie zu öffnen und die Herren willkommen zu heißen. 1— Ah, ſagte der König lächelnd, indem er ihnen zum Gruß die Hand entgegenſtreckte, ich ſehe, daß ich doch nicht ſo ganz ohne Freunde bin, wie meine Gegner — 121— vermeinen. Ich brauche nur zu rufen und der Feld⸗ marſchall Schwerin, das heißt die Weisheit und der Sieg, iſt an meiner Seite, und die Generale Winterfeldt und Retzow, das heißt die Jugend, der Muth, die Kühnheit und die beſonnene Tapferkeit ſind bereit mir Beiſtand zu leiſten. Ich danke Ihnen, Meſſieurs, daß Sie ſo pünktlich und ſchnell meinem Rufe gefolgt ſind. Setzen wir uns, und hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe, und in welchen ernſten und wichtigen Din⸗ gen ich Ihren Rath verlange.. Und der König begann in kurzen und raſchen Zü⸗ gen ihnen die Situation Europa's und ſeiner einzelnen Staaten zu zeichnen, um ſeine Zuhörer vorzubereiten auf die wichtigeren und entſcheidenderen Dinge, welche er ihnen noch zu ſagen hatte. Sie wiſſen jetzt, ſchloß er ſeine Rede, warum ich ſo ſchnell bereit war, dieſes mir von England ange⸗ tragene Bündniß anzunehmen. Ich konnte hoffen, da⸗ durch auch Rußland, welches mit England verbündet war, auf meine Seite zu bekommen. Aber dieſe Hoff⸗ nung hat mich getäuſcht. Rußland hat im Haß über Britanniens Bündniß mit mir, die engliſche Allianz abgebrochen. Beſtuſchew hat wohl einen Moment ge⸗ ſchwankt zwiſchen ſeiner Leidenſchaft für die Guineen und ſeinem Haß gegen mich; aber der Haß hat ihn fortgeriſſen. Die Kaiſerin Eliſabeth, ſeit der Geſandt⸗ ſchaft de la Chetardies Frankreichs Feindin, zog es doch vor ſich dieſem bis dahin ſo verhaßten Hofe zu verbinden, als nur den Schatten einer Verbindung mit einer Macht zu erhalten, welche ſich zur Alliirten Preußens erklärt: der Hof von Wien, welcher an allen Höfen Europa's ſeine geſchickten Unterhändler und Späher hat, wußte überall die Leidenſchaft der Sou⸗ veraine und ihrer Miniſter zu benutzen, um ſie ſich — 122— anzuziehen und ſie nach ſeinen vorgezeichneten Zwecken zu lenken.*) Aber Frankreich zu ſich herüberzuziehen wird ihm nicht gelingen, ſagte der General Retzow heftig. Wenn es Euer Majeſtät Weisheit und Geſchicklichkeit gelingt, Frankreich mit England auszuſöhnen und ſich zum Bundesgenoſſen dieſer beiden Mächte zu machen, ſo mögen Oeſterreich, Rußland und Sachſen ſich immer⸗ hin verbünden, wir werden ihnen die Stirn bieten können. Wir werden ſie ihnen bieten können, hoffe ich, auch ohne Frankreichs Allianz, rief der König unge⸗ ſtüm. Denn auf Frankreichs Beiſtand müſſen wir verzichten, Meſſieurs. Frankreich iſt der Verbündete Oeſterreichs geworden. Was Kaunitzens Klugheit an⸗ gefangen, das hat Maria Thereſia's rechtzeitige Schmei⸗ chelei glücklich zu Ende geführt. Der Unterrock herrſcht jetzt in der Weltgeſchichte, und Weiberliſt und Weiber⸗ bosheit iſt mächtiger und ſchlauer als Männerklugheit. Frankreich vergißt ſeines dreihundertjährigen Haſſes und reicht Oeſterreich die Hand zum Bunde, weil die Kaiſerin von Oeſterreich ihren Stolz beugte, und die⸗ ſer ſtolzen, übermüthigen Marquiſe von Pompadour in einem eigenhändigen Briefe, in welchem ſie der Marquiſe dieſe Allianz vorſchlägt, ihr die Anrede„ma chere cousine“ bewilligte. Dieſe Allianz iſt zu Stande gekommen, meine Herren, in Verſailles iſt der Allianz⸗ Traktat unterzeichnet worden. Der Wille einer eitlen Maitreſſe hat die Feindſchaft, welche ſeit Carl dem Fünften und Franz dem Erſten zwiſchen Frankreich und Oeſterreich beſteht, ausgelöſcht, ein Federzug des *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres de Fréderic le Grand. Histoire de la guerre de sept ans. Vol. I. P. 33., — V—— — — 123— ſchwelgeriſchen und wollüſtigen Königs hat das Staats⸗ gebäude des großen Richelien vernichtet, und die ſtolze Pompadour, welche, indem ſie die Geſchicke Frankreichs auf ihren roſigen Fingerſpitzen tänzeln läßt, übermüthig ausruft:„après nous le déluge“, dieſe Pompadour kann ſich wenigſtens rühmen mit ihrem Verſalller⸗ Traktat ganz Europa in Staunen verſetzt zu haben. Frankreich alſo hat ſich meinen Feinden angeſchloſſen, und es iſt bereit Theil zu nehmen an dem Kampf, der ſich bald von allen Seiten gegen mich erheben wird. Schon rüſten aller Orten meine Feinde zu dieſem Zweck. Die ruſſiſchen Regimenter nähern ſich der Grenze meines Landes. Sachſen hat eine wohl⸗ ausgerüſtete Armee an der ſchleſiſchen Grenze aufge⸗ ſtellt, und die Kaiſerin Königin begnügt ſich nicht, an die franzöſiſche Marquiſe und die ruſſiſche Kaiſerin zärtliche Briefe zu ſchreiben, ſondern ſie rüſtet auch ihre Armee, ſie hebt Truppen aus, und ſendet ein ganzes Armeekorps nach Böhmen hin. Meine Feinde haben beſchloſſen mich, ſobald ſie gerüſtet ſind, anzu⸗ greifen. Ich aber bin immer gerüſtet, zum Angriff bereit, und feſt entſchloſſen mit den Waffen in der Hand das Vorhaben meiner Feinde zu vernichten. Ich habe in der Stille Alles eingeleitet, Alles geordnet, die Vorbereitungen zum Marſch der Armee ſind be⸗ endet, und jetzt kommt es nur noch darauf an, mit Ihnen zu berathen, auf welche Weiſe der Krieg am vortheilhafteſten zu führen ſei. Der König ſchwieg und ließ ſeine leuchtenden Blicke im Kreiſe umherſchweifen, um aus dem Ange⸗ ſicht ſeiner Generale ihre Gedanken und Meinungen zu errathen. Feldmarſchall Schwerin blickte ſchweigend und mit leiſem Kopfſchütteln vor ſich hin, eine düſtere Wolke — 124— ſtand auf General von Retzow's Stirn, und nur das jugendlich ſchöne Antlitz Winterfeldts ſtrahlte in dem⸗ ſelben entſchloſſenen Kriegsmuthe, der von des Königs Stirn glänzte. Nun, Herr Feldmarſchall, ſagte der König unge⸗ duldig, wollen Euer Liebden mir nicht Ihre Meinung ſagen? Meine Meinung, Sire? fragte der greiſe Feldherr ſeufzend. Ich ſehe meinen König umringt von dro⸗ henden und mächtigen Feinden, ich ſehe ihn allein in⸗ mitten ſeiner kampfbereiten, verbündeten Gegner. Ich ſehe, daß ihre Waffen ihn wie eine eherne Schlange umzingeln, und ihn in ihrer übergewaltigen Umſchlie⸗ ßung erdrücken werden! So Vielen gegenüber ſehe ich meinen König allein, ohne irgend einen mächtigen Bundesgenoſſen, denn England kann uns vielleicht Geld, aber gewiß keine Truppen ſenden, ſondern wir werden ihm helfen müſſen, Hannover zu vertheidigen. Ich kann zu dieſem Kriege nicht rathen, denn mächtige Feinde ſtehen rings umher und Preußen ſteht allein. Nein, rief der König, den begeiſterten Blick zum Himmel erhebend, nein, Preußen ſteht nicht allein. Sein gutes Recht, ſein Schwert und das Glück ſind ſeine Alliirten, und mit ihnen wird es ſiegen.— Reden Sie jetzt, General von Retzow, laſſen Sie uns auch Ihre Meinung wiſſen? Sie ſtimmt mit der des Herrn Feldmarſchalls überein, ſagte General von Retzow feierlich. Gleich ihm meine ich, daß Preußen dieſen Kampf nicht wa⸗ gen darf, weil es zu ſchwach iſt, ſeinen Feinden die Stirn zu bieten. Es iſt daher beſſer, nichts zu über⸗ eilen, ſondern bloß auf alle Fälle vorbereitet zu ſein, denn es können glückliche Veränderungen eintreten, die Niemand vorauszuſehen im Stande iſt. Die Streit⸗ — 125— axt zuerſt aufheben iſt um ſo bedenklicher, da dieſer Schritt die Eiferſucht aller europäiſchen Höfe, auch derjenigen, welche jetzt noch neutral ſind, erwecken würde, denn ſie Alle ſehen mit Neid und Entſetzen die Vergrößerung des Hauſes Brandenburg. Das Wiener Cabinet würde einen glücklichen Vorwand ha⸗ ben, dieſen Krieg als einen Beweis von der Erobe⸗ rungsſucht des Königs von Preußen auszuſchreien, es würde die Sturmglocke läuten, ganz Europa in Bewe⸗ gung ſetzen, und alle Gewährsmänner des weſtphäli⸗ ſchen Friedens auffordern, ſich zur Aufrechthaltung der deutſchen Reichsverfaſſung zu waffnen. So würde Preußen eine Unzahl von Feinden zu bekämpfen ha⸗ ben, welchen auch die ausgezeichnetſte Tapferkeit end⸗ lich unterliegen muß und wird.*) Sie reden ſo klug und weiſe, wie nur immer Fa⸗ bius Cunctator es gethan haben würde, ſagte der Kö⸗ nig nach einer Pauſe. Zaudern und Abwarten, Laviren und Hinhalten, Neutralbleiben und Zuſchauen das iſt Euere Kriegskunſt. Der Löwe ſoll ſich in Mauſefallen verſtecken, und ſtatt ſeine Mähne zu ſchütteln, ſie in's Waſſer ſtecken, um Fiſche damit zu fangen!— Nun, und Deine Meinung Winterfeldt, iſt die auch für das Zaudern und Abwarten? Nein, Sire, rief Winterfeldt, nein, meine Meinung iſt für das Angreifen, und nie waren die Umſtände dazu günſtiger, als eben jetzt. Man muß die Un⸗ thätigkeit, in welche die Ruſſen zurückgefallen ſind, da⸗ zu benutzen, das Haus Oeſterreich zu ſchwächen. Jetzt iſt Oeſterreich noch nicht mit ſeinen Kriegsrüſtungen fertig, ſeine Armeen ſind noch zerſtreut, ſeine Finanzen noch nicht geordnet. Jetzt alſo iſt es noch ein Leichtes, *) v. Retzow Charakteriſtik ꝛec. Th. I. S. 40. 4 — 126— den Schauplatz des Krieges nach Oeſterreich hin zu verlegen, die überraſchten feindlichen Truppen zu wer⸗ fen, die von ihnen beſetzten Länder wegzunehmen, und dann allen Denen die Spitze zu bieten, die es wagen ſollten, als Preußens Feinde aufzutreten. Außerdem ſcheint es mir der Verfaſſung unſeres Heeres ſowohl, als der Lage der preußiſchen Monarchie weit ange⸗ meſſener anzugreiſen, als angegriffen zu werden, und deshalb bin ich für den raſchen, entſchloſſenen An⸗ griffskrieg. Der König nickte ihm lächelnd zu, und ſich dann wieder an die beiden finſter blickenden Generale wen⸗ dend, ſagte er ruhig: Wir wollen uns von dem Ju⸗ gendfeuer dieſes tollkühnen Trotzkopfes nicht hinreißen laſſen. Er iſt der jüngſte unter uns, und wo er vor⸗ wärts ſtürmen möchte, ziemt uns die weiſe Beſonnen⸗ heit. Ich will Ihnen beweiſen, Meſſieurs, daß es mir an dieſer nicht gefehlt hat, daß ich Alles verſucht habe, den Frieden aufrecht und die Gleichheit Europa's unerſchüttert zu erhalten. Als ich die Rüſtungen Oe⸗ ſterreichs in Böhmen ſah, beauftragte ich meinen Ge⸗ ſandten von Klinggräf in Wien von der Kaiſerin Kö⸗ nigin eine beſtimmte Erklärung zu fordern, was die Abſicht dieſer Rüſtungen ſei. Sie ließ mir antworten: „In der ſtarken Kriſis, in welcher ganz Europa ſich befinde, erfordere ihre Pflicht und die Würde ihrer Krone hinreichende Maßregeln, ſowohl zu ihrer eigenen, als ihrer Freunde und Bundesgenoſſen Sicherheit zu ergreifen.“— Aber dieſer Beſcheid ſchien mir zu orakelmäßig und ich ließ mir die klare und ausdrück⸗ liche Zuſicherung erbitten, daß die Kaiſerin Königin nicht, weder in dieſem, noch in dem kommenden Jahre mich anzugreifen beabſichtige, und daß kein Bündniß wider mich zwiſchen ihr und Rußland beſtehe.— . — 127— Maria Thereſia fand es für nöthig, die Antwort auf dieſe Frage von ihrem Miniſter Grafen Kaunitz ab⸗ faſſen zu laſſen, und las die Antwort von dem Pa⸗ pier ab. Dieſe Antwort lautete:„Ihr Vertrag mit Rußland ſei lediglich ein Schutzvertrag; ſie habe kein Trutzbündniß geſchloſſen; wiewohl Europa's mißliche Lage ſie gezwungen, ſich zu rüſten, ſo ſei ſie doch nicht geſonnen, den Dresdener Frieden zu brechen, wolle ſich aber durch kein Verſprechen binden laſſen, nicht nach Erforderniß der Umſtände zu handeln!“*)— Sie ſehen, meine Herren, man kann auf eine ehrliche Frage keine ausweichendere und krummere Antwort geben. Auch genügte ſie mir nicht, und ich mäßigte mich ſo weit, noch einmal um eine klare, entſcheidende Antwort zu bitten.— Aber,— man weigerte mir dieſe Antwort, man weigerte ſie mir in einer ſchnöden, ſtolzen, ja, ich darf ſagen, in einer unter gekrönten Häuptenn ganz unanſtändigen und ſeltſamen Art.— Das iſt der Dank Oeſterreichs dafür, daß ich bloß aus Mäßigung und Friedensliebe ſo lange bei Vor⸗ ſtellungen verweilte, und an der Spitze einer formi⸗ dablen Macht mich herabgelaſſen, gleichſam um Sicher⸗ heit für meine Staaten zu bitten.*) Jetzt iſt es Zeit, um die Bitte in einen Befehl umzuwandeln, rief Winterfeldt mit blitzenden Augen. Jetzt iſt es Zeit, dem ſchwerfälligen öſterreichiſchen Doppeladler zu beweiſen, daß der junge preußiſche Adler herangewachſen iſt, und daß ſeine Fänge ſtark *) Friedrichs des Großen Lebensgeſchichte von Preuß. Th. II Seite 5. 3 **) Des König reichiſchen Veter igene Worte. Siehe: Geſtändniſſe eines öſter⸗ 6. Cogniazo). Th. I. S. 193. — 128— genug ſind, alle ſeine Feinde zu packen und in den Abgrund hinabzuſchleudern. Und wenn der junge Adler nun, trotz ſeiner Kühn⸗ heit, dennoch vor der Ueberzahl unterliegen müßte? fragte Feldmarſchall Schwerin traurig. Wenn die Ku⸗ geln ſeiner Feinde ihm die Schwingen lähmten und ihn dadurch auf immer verhinderten, ſich höher aufzu⸗ ſchwingen? Wär's nicht beſſer dieſe Möglichkeit zu vermeiden, und nicht vor der ganzen Welt den Vor⸗ wurf auf ſich zu laden, daß Preußen aus bloßer Er⸗ oberungsſucht einen Krieg angefangen, den es füglich hätte vermeiden können, um lieber durch kluges Hin⸗ halten der Welt den Frieden zu erhalten? Zudem wäre dies ein Krieg, den man ohne hin⸗ längliche Beweggründe, ohne genügende Urſache be⸗ ginnen müßte, ſagte General von Retzow. Denn die feindliche Geſinnung Oeſterreichs, Sachſens und Ruß⸗ lands iſt noch immer keine feindliche That, und wenn Oeſterreich durch ſein Freundſchaftsbündniß mit Frank⸗ reich die Welt überraſcht, ſo hat Preußen durch ſeine Allianz mit England es ihm darin ſchon zuvorgethan. Die Soldaten werden kaum wiſſen, wofür ſie in den Krriieg gehen, und es wird ihnen daher an der Be⸗ geiſterung und Freudigkeit fehlen, welche immer erfor⸗ derlich iſt, um eine Armee zu heldenmüthigen Thaten und todesfreudiger Entſchloſſenheit zu befeuern. Es ſoll ihnen an dieſer Begeiſterung nicht fehlen, und die Armee ſowohl, wie Sie ſelber, Meſſieurs, ſollen erfahren, was dieſer Krieg für Urſachen hat! rief der König. Meine bisherigen Gründe haben Ihnen nicht genügt! Nun wohl, ich werde Ihnen andere geben, und beim Himmel, mit dieſen we Si frieden ſein können. Sie meinen, d ſinnungen Oeſterreichs ſeien noch k — 129— will Ihnen die Beweiſe geben, daß ſie im Begriff ſind, Thaten zu werden! Und indem der König die Aktenſtücke und Papiere, welche auf ſeinem Schreibtiſche lagen, emporhob, fuhr er fort: Dieſe Papiere werden Ihnen beweiſen, was Sie nicht glauben zu wollen ſcheinen, daß Oeſterreich, Sachſen, Rußland und Frankreich gerüſtet ſind, um mit vereinter Macht über Preußen herzufallen, und das Königreich Preußen wieder in das kleine Mark⸗ grafthum Brandenburg umzuwandeln. Dieſe Pa⸗ piere werden Ihnen authentiſche Beweiſe ſein von der Gefahr, welche wie der Geier über unſerem Haupte ſchwebt, und die wir nur abwehren können, indem wir den Geier tödten.— Zuerſt will ich Ihnen ſa⸗ gen, wie ich zu dieſen Papieren gelangte, damit Sie von ihrer Aechtheit und Unzweifelhaftigkeit ſich über⸗ zeugen mögen!— Seit langer Zeit ahnte ich, daß unter meinen Feinden ein Bündniß beſtehe wider mich, daß ſie einen Traktat abgeſchloſſen, in welchem ſie ſich zur Vernichtung Preußens feierlich und ſchriftlich an⸗ heiſchig gemacht. Es kam nur darauf an, dieſe meine Ahnung zur Gewißheit zu machen, und die Beweiſe dieſes wider alles Völkerrecht ſtreitenden Bündniſſes in Händen zu haben. Die Beweiſe lagen in den Archiven Sachſens und in den Depeſchen der öſter⸗ reichiſchen Geſandtſchaft. Es kam alſo darauf an, zu dieſen Archiven den Schlüſſel zu haben, und von die⸗ ſen Depeſchen Abſchrift zu bekommen. Beides iſt mir gelungen. Ein Zufall, oder, wenn Sie es lieber hö⸗ ren, die göttliche Vorſehung mußte mir dabei zu Hülfe kommen. Der ſaächſiſche Canzelliſt Reinitz, ein früherer Bedienter General Winterfeldt's, kam eines — Tages von Dresden nach Potsdam, um Winterfeldt aufzuſuchen, und ihm zu vertrauen, daß ein Freund Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. 9 — 130— von ihm, der Kabinetscanzelliſt Menzel in Dresden, ihm vertraut habe, daß die zwiſchen den Höfen von Wien, Dresden und Petersburg gewechſelten Staats⸗ ſchriften im Dresdener Archiv, zu welchem er den Schlüſſel habe, aufbewahrt würden.— Winterfeldt brachte mir dieſe wichtige Botſchaft, und Reinitz mußte die erſten Unterhandlungen mit Menzel führen, welche ich ſodann meinem Geſandten in Dresden, dem Gra⸗ fen Maltzahn, übertrug. Menzel war arm und hab⸗ gierig. Es gelang alſo ihn zu beſtechen. Seit drei Jahren empfing Maltzahn durch ihn von jeder De⸗ peſche, welche die drei Höfe wechſelten, Abſchriften, und das, was man nicht ſchriftlich, ſondern nur münd⸗ lich verhandelte, das erfuhr Maltzahn von der Gräfin Brühl. Denn mit guter Abſicht hatte ich an den Dresdener Hof einen meiner ſchönſten und gewandte⸗ ſten Cavaliere geſandt. Die Gräfin Brühl iſt ſehr empfänglich, ſowohl für Männerſchönheit, als für koſt⸗ bare Geſchenke, und Beides hatte Maltzahn ihr darzu⸗ bieten. Auf meinen Rath knüpfte er mit dieſer ränke⸗ ſüchtigen, ehrgeizigen und verſchwenderiſchen Frau ein Liebesverhältniß an, und ich darf ſagen, daß wir dem⸗ ſelben die wichtigſten und geheimſten Nachrichten zu verdanken haben.*)— Was aber die Unterhandlun⸗ gen zwiſchen Oeſterreich und Frankreich, und die öſter⸗ reichiſchen Intriguen überhaupt anbetrifft, ſo konnte ich auch dieſe genau verfolgen, denn der Secretair der hieſigen öſterreichiſchen Legation, Baron von Wein⸗ garten, gab mir für Verſprechungen und Geld Av⸗ ſchrift von allen Depeſchen, welche aus Wien kamen und dahin beförvert wurden. Sie ſehen, Meſſieurs, die Corruption der Menſchheit hat mir gute Früchte *) Charakteriſtik des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 23. — 131— getragen, und das Geld iſt ein Zauberſtab, welcher alle Geheimniſſe aufſchließt.— Jetzt laſſen Sie uns einen raſchen Blick auf dieſe Papiere werfen, zu deren Beſitz Verrätherei und Beſtechung mir verholfen hat! Er nahm unter den Papieren ein vergilbtes Blatt hervor, und breitete es vor den erſtaunten und erwar⸗ tungsvollen Generalen aus. Sehen Sie da, fuhr er fort, dies iſt der Grund⸗ text aller Verhandlungen. Es iſt die Abſchrift eines Theilungsvertrages, den die Höfe von Wien und Dres⸗ den ſchon im Jahre 1745 mit einander abgeſchloſſen haben, und in welchem Preußens Untergang als eine ſo unzweifelhafte Sache feſtgeſtellt wird, daß man ſchon die Theile beſtimmte, welche jede der beiden Mächte ſich von meinen Staaten aneignen wollte. Oeſterreich ſollte Schleſien und Glatz, Sachſen aber Magdeburg, Croſſen, den Schwiebuſſer Kreis und die Lauſitz bekommen.— Dieſem Theilungsvertrage, den man gültig beſtehen ließ, trotz des Dresdener Friedens, trat im Jahre 1746 auch Rußland bei, wie Sie das aus dieſem zweiten Document hier erkennen mögen; darin wird feſtgeſetzt, daß die beiden Groß⸗ mächte zur geeigneten Stunde den König von Preu⸗ ßen mit Krieg überziehen wollen, und„daß zu dieſer Conquéte ein jeder von den beſagten Höfen ſechszig⸗ tauſend Mann hergeben wolle.“— Sachſen hatte man vorläufig aus zarter Schonung von dem förmlichen Beitritt zu dieſem Bunde dispenſirt, der Gefahr wegen, welcher Sachſen zunächſt bei einem Kriege zwiſchen Preußen und Oeſterreich ausgeſetzt ſein würde. Sehen Sie nur dieſes Actenſtück hier, das darüber die merk⸗ würdigſten Aufſchlüſſe giebt. Es iſt ein Bericht des ſüchſiſchen Geſandten in Petersburg, des Herrn von — 132— Funck, an ſeinen Hof.— Winterfeldt, ich bitte Dich, dieſen Herren einmal dieſe Stelle hier vorzuleſen. Winterfeldt nahm aus den Händen des Königs das dargereichte Blatt und las:„Ich ermangelte nicht, die alten, von mir ſo oft vorgebrachten Wahrheiten 4 in Erinnerung zu bringen, daß unſer bekannter Zu⸗ ſtand uns ſchwerlich vergönnen dürfte, uns in ein ſo großes und gefährliches Spiel zu wagen, uns mit einem übermüthigen Nachbar einzulaſſen, ehe, und be⸗ vor dieſer nicht außer Stand geſetzt würde, uns ſonſt auf einmal zu ecraſiren. Man war ſo billig, dieſer Vorſtellung ſogleich Platz zu geben und geſtand ſelbſt: „„Freilich müßten wir nicht die erſten ſein, die ſich auf 1 den Turnierplatz wagten, ſondern ſo lange warten, bis der Ritter im Sattel wanke und bereit ſei hin⸗ unterzuſtürzen.*)““ 4 Der König hatte, während Winterfeldt las, ſich in ſeinen Fauteuil zurückgelehnt, und betrachtete mit ſcharfen, aufmerkſamen Blicken die Geſichter Schwerin's und Retzow's. Ein heiteres Lächeln flog über ſein Antlitz, als er ſah, wie Schwerin, gleichſam um einen Ausruf des Zorns zurückzudrängen, ſeine Lippen feſt 4 aufeinander preßte, wie Retzow's ernſthaftes Antlitz von einer dunklen Gluth überhaucht ward und ſeine Hand ſich unwillkührlich zur Fauſt zuſammenballte. Als Winterfeldt geendet hatte und Schwerin die Lippen öffnete, um zu ſprechen und ſeinem ſichtbaren *) Frédéric le Grand. Histoire de la Guerre de sept ans. Vol. I. P. 65, und Mémoires raisonnés sur la conduite des Cours de Vienne et de Saxe, et sur leurs desseins dangereux contre sa Majesté le Roi de Prusse. Avec les Pièces origi- nales et justificatives, qui en fournissent les preuves. Ber- lin 1756. — 133— 0 Ununihs Worte zu leihen, unterbrach ihn der König haſtig. Hören Sie mich erſt ganz zu Ende, ſagte er, be⸗ vor Sie mir Ihre Meinung ſagen. Sie kennen noch nicht die Beſchlüſſe, welche man in Petersburg faßte, und zu denen das, im Handeln feige, im Intriguiren ſtarke Sachſen zu allermeiſt den Anſtoß gegeben. Se⸗ hen Sie hier dies Papier, es iſt das Referat einer Senatsverſammlung in Petersburg vom Jahre 1754. Die ſächſiſchen Intriguen und Verleumdungen haben, wie Sie aus demſelben erkennen werden, die üppigſten Früchte getragen, denn in dieſer ruſſiſchen Senats⸗ ſitzung ward ein für alle Mal der Grundſatz feſt⸗ geſtellt,„daß Rußland ſich nicht nur allem ferneren Anwachſe der preußiſchen Macht widerſetzen, ſondern auch die erſte bequeme Gelegenheit ergreifen müſſe, um das Haus Brandenburg mit überwiegender Kraft zu unterdrücken.“*) Dieſe Entſchließung erneuerte man nicht allein jetzt vor einigen Monaten, ſondern in einer neulichen Sitzung des ruſſiſchen Staatsrathes fügte man den älteren Beſtimmungen noch dieſe neuere hin⸗ zu:„daß Rußland den König von Preußen ſelbſt dann attaquiren wolle, wenn er von einem oder dem andern ſeiner deutſchen Alliirten entamiret werden würde.“ Jetzt, Meſſieurs, werden Sie die Rüſtungen Rußlands und Oeſterreichs beſſer verſtehen, jetzt wer⸗ den Sie die Bedeutung dieſer öſterreichiſch⸗franzöſiſchen Allianz beſſer begreifen können, und die ſchnöden Ant⸗ worten des Wiener Hofes werden Ihnen beweiſen, daß Oeſterreich jetzt die lang ausgeſtreuten Saaten gereiſt glaubt, und mit ſeinen Alliirten bereit iſt, y) Preuß. Friedrich der Große. Th. II. S. 11. — 134— 8* 8 Preußen anzugreifen. Wenn Ihnen dieſe Beweiſe noch nicht genügen ſollten, ſo will ich noch hinzufügen, daß, trotz dieſer wilden Feindſchaft Rußlands, ich am ruſſi⸗ ſchen Hof doch einen hohen, wenn auch leider für jetzt noch nicht einflußreichen Freund habe, der wenigſtens Alles erfährt, was die drei Höfe beſchließen, wenn er es auch nicht zu ändern vermag. Dieſer hohe und treue Freund*) hat mir vor einigen Tagen auf ge⸗ heimen Wegen die Nachricht zugehen laſſen, daß die Höfe von Petersburg und Wien jetzt beſchloſſen haben, mich anzugreifen, daß aber die Ausführung bis zum nächſten Frühling verſchoben ſei, weil es Rußland an Rekruten, an Matroſen und Magazinen fehle.*) Nun, Meſſieurs, werden Sie erſehen, welche Gefahr über meinem Haupte ſchwebt.. Und indem der König ſein Haupt ſtolz erhob und ſeine kühnen Blicke auf ſeine Zuhörer heftete, fuhr er fort: Unter dieſen Umſtänden bin ich es mir ſelbſt, meiner Ehre und der Sicherheit meines Staats ſchul⸗ dig, die Oeſterreicher und Sachſen zu überfallen, und ſo ihr abſcheuliches Vorhaben in der Geburt zu er⸗ ſticken, bevor noch ihre Bundesgenoſſen im Stande ſind, ihnen Beiſtand zu leiſten. Ich bin gerüſtet, und werde nicht ſäumen, meine Armee in Bewegung zu ſetzen, ſobald die Frage entſchieden iſt, wie der Feld⸗ zug am vortheilhafteſten eröffnet werden kann. Zu dieſer Entſcheidung, Meſſieurs, habe ich Sie herbeige⸗ rufen. Jetzt bin ich zu Ende! Und jetzt, Feldmarſchall Schwerin, ſprechen Sie! 6 Der greiſe Feldherr erhob ſich von ſeinem Sitz, *) Peter III., damals Großfürſt, und Friedrichs glühender Verehrer. 4 *4) Fiſcher. Geſchichte Friedrichs II. Th. I. S. 39. — — 135— und ſei's nun, daß er wirklich von des Königs ein⸗ dringlichen Worten überzeugt worden war, oder daß er nur erkannte, wie des Königs Wille ſchon unwider⸗ ruflich feſtſtehe, und alles Widerſtreben fruchtlos ſei, er ſchien jetzt die kriegeriſche Stimmung des Königs und Winterfeldts vollkommen zu theilen. Wenn einmal Krieg geführt werden ſoll und muß, rief er begeiſtert aus, ſo laßt uns morgen aufbrechen, Sachſen in Beſitz nehmen, und in dieſem kornreichen Lande Vorrathshäuſer anlegen, um unſere künftigen Operationen in Böhmen zu ſichern!*) Ah, daran erkenne ich meinen alten Schwerin! rief der König freudig, indem er. dem Feldmarſchall die Hand darreichte. Genug des Zauderns und der Un⸗ entſchloſſenheit! Das Abwarten liegt nicht in meinem Sinne, das Zuvorkommen iſt mein Grundſatz und ſoll, ſo Gott will, immer Preußens Grundſatz ſein! Und die preußiſche Armee iſt es ſeit Jahrhunderten gewohnt, ſich nicht bloß zu vertheidigen, ſondern anzu⸗ greifen, rief Winterfeldt mit ſtrahlenden Blicken. Ah, es wird uns endlich vergönnt ſein, unſere Erbfeinde anzugreifen, dieſem tückiſchen Oeſterreich, dieſem intri⸗ guanten Sachſen, dieſem barbariſchen Rußland und endlich dieſem lügenhaften und wollüſtigen Frankreich in offenem Kampfe gegenüber zu ſtehen und ihnen zu beweiſen, daß wir ihren Zorn nicht ſürchten, aber ihren Haß von ganzem Herzen theilen! Und Sie, General von Retzow? fragte der König ſtreng, ſich zu dem General wendend, der ſchweigend und mit geſenktem Haupte da ſaß. Theilen Sie die ————— *) Schwerins eigene Worte. Siehe v. Retzow: Charakte⸗ riſtik ꝛc. Th. I. S. 41. — 136— Anſichten Schwerins nicht? Meinen Sie noch immer, daß es beſſer ſei, abzuwarten und zu zaudern? General von Retzow lächelte traurig. Euer Ma⸗ jeſtät haben mich ſchon vorher einen Fabius Cunctator genannt, ſagte er, ich will alſo wenigſtens meinem Charakter getreu bleiben. Ich halte das Abwarten und Zaudern noch immer unter dieſen drohenden und gefährlichen Umſtänden für das Weiſeſte, ich— Das Eintreten eines Kammerherrn, welcher ſich dem König näherte und ihm einige Worte zuflüſterte, machte den General verſtummen. Der König wandte ſich lächelnd zu ihm hin. Sie können an dem Schluß Ihrer Rede auch meine Brüder Theil nehmen laſſen, General, ſagte er, die Prinzen ſind eben angelangt. Ich hatte ſie zu dieſer Stunde hierher beſchieden, um ihnen das Reſultat unſerer Berathung nittzutheilen, und wie mir ſcheint, kommen ſie gerade zu rechter Zeit. Bitten Sie daher die Prinzen, einzutreten. X. Der Rönig und ſeine Brüder. Der König gab dem Kammerherrn einen Wink und dieſer eilte, die Thür zu öffnen, durch welche die beiden Prinzen eintraten. Zuerſt der Prinz von Preu⸗ ßen, deſſen bleiches ſchwermüthiges Antlitz heute noch bleicher und trauriger zu ſein ſchien, als gewöhnlich, dann der Prinz Heinrich, deſſen ſcharfe, blitzende Au⸗ gen ſich mit einem fragenden Ausdruck auf den Ge⸗ — 137— neral von Retzow hinwandten.—. Dieſer zuckte un⸗ erklich mit den Achſeln, und machte eine verneinende pfbewegung. Prinz Heinrich mußte ihn verſtanden haben, denn ſeine Stirn legte ſich in leiſe Falten und ein glühendes Roth ſchoß einen Augenblick über ſeine Wangen hin. Der König, welcher Alles geſehen, Alles beobachtet atte, lächelte ſpöttiſch; er ließ die beiden Prinzen den Saal durchſchreiten und dicht zu ihm herantreten, be⸗ vpor er ſie anredete. Meſſieurs, ſagte er, ich habe Sie gebeten hierher zu kommen, weil ich Ihnen eine wichtige Nachricht mitzutheilen habe. Die Zeit des Friedens und der Feſte iſt vorüber. Der Krieg wird beginnen. Der Krieg, mit wem? fragte der Prinz von Preu⸗ ßen ernſt. Der Krieg mit unſeren Feinden, der Krieg mit Denen, welche Preußens Untergang geſchworen haben! rief der König mit flammenden Augen. Der Krieg mit Oeſterreich, Frankreich, Sachſen und Rußland. Das iſt nicht möglich, mein Bruder, rief der Prinz * heftig. Sie können nicht daran denken, einen Krieg gegen ſo mächtige, ſo überlegene Feinde beginnen zu wollen. Sie können nicht an die Möglichkeit glauben, die Uebermacht zu beſiegen. Wie überlegen und all⸗ gewaltig Ihr Geiſt auch ſein mag, er wird ſich doch 1 der materiellen Gewalt hier beugen, und der rohen, überlegenen Kraft den Sieg zugeſtehen müſſen. Oh, mein Bruder und mein König, haben Sie Erbarmen mit ſich ſelbſt, mit uns, mit unſerem Vaterlande. 8 Wollen Sie nicht das Unmögliche! Wagen Sie ſich 1 nicht hinaus auf das hohe ſtürmiſche Meer des Krie⸗ ges, um in einer kleinen, unbedeckten Barke zu kämpfen gegen die großen mächtigen Kriegsſchiffe, in denen — 138— Ihre Feinde Ihnen gegenüberſtehen! Es iſt unmt lich in dieſem Kriege zu ſiegen, und unſer herrlich Triumph würde nur der ſein, daß wir wie Leon und ſeine Krieger Mann für Mann hinſtürben Vertheidigung unſeres Vaterlandes. Erhalten unſerem Vaterlande Ihr eigenes koſtbares und das ſeiner Söhne, welches nutzlos und Sieg in dieſem fürchterlichen Kriege verloren ge würde! Des Königs Antlitz flammte in Zorn, und ſein großen Augen waren mit einem Ansdruck tiefen Haſſes auf den Prinzen gerichtet. Wahrlich, mein Bruder, ſagte er mit kaltem, ſchnei⸗ dendem Ton. Die Furcht hat Sie ſehr beredt ge⸗ macht; ich hörte Sie niemals ſo begeiſtert ſprechen, wie eben jetzt.— Der Prinz ſtieß einen leiſen Schrei aus, und legte unwillkührlich ſeine Hand an ſein Schwert. Todes⸗ bläſſe bedeckte ſein Antlitz, und ſeine Lippen zitterten ſo heftig, daß er kaum im Stande war, zu ſprechen. Furcht! ſagte er mühſam. Das iſt eine Beſchuldi⸗ gung, welche Niemand außer dem König auszuſprechen wagen darf, und von der ich mich reinigen werde, wenn es wirklich zu dieſem unglückſeligen Kriege kom⸗ men ſollte, den Euer Majeſtät beabſichtigen, und gegen den ich jetzt noch proteſtire im Namen meines Rechts, meiner Kinder und meines Vaterlandes! Und ich, rief Prinz Heinrich feierlich, ich trete die⸗ ſem Proteſte meines Bruders bei. Oh, Majeſtät, ha⸗ ben Sie Erbarmen mit uns Allen. Wie ſehr mich auch dürſtet nach Ruhm und Krieg, wie oft ich Gott bitte, mir die Gelegenheit zu ſchaffen, mich auszuzeich⸗ nen und meinem dunklen Namen den hellen Glanz des Ruhms zu verleihen, ſo ſchwöre ich doch, daß ich — 139— für immer meine Ruhmbegierde unterdrücken und meinen Ehrgeiz bezähmen will, wenn ich ihm nur durch dieſen fürchterlichen und ausſichtsloſen Krieg Genüge verſchaffen könnte. Gönnen Sie unſerem Vaterlande Frieden, Sire! Wollen Sie die Lorbeern, welche Haupt ſchmücken, nicht der Gefahr ausſetzen, von dem wilden Sturme der Schlachten Ihnen wieder ent⸗ riſſen zu werden! Sie ſtehen allein und ohne Bun⸗ desgenoſſen, es iſt unmöglich zu ſiegen. Warum alſo den Kampf wagen gegen die Ueberlegenheit, warum alſo den gewiſſen Untergang vom Schickſal gleichſam ertrotzen wollen?— Des Königs Antlitz war fürchterlich anzuſehen, ſeine Augen ſchoſſen Blitze des Zorns, und als er jetzt ſprach, klang ſeine Stimme wie mächtiger Donner, ſo voll und ſo drohend zugleich. 5 Genug, ſagte er. Sie ſind hierhergerufen, Meſ⸗ ſieurs, nicht um Rath zu ertheilen, ſondern um meine⸗ Befehle zu empfangen. Der Bruder hat Sie geduldig angehört. Jetzt iſt es der König von Preußen, wel⸗ cher vor Ihnen ſteht, und von Ihnen Gehorſam und Unterwerfung fordert. Der Krieg iſt unwiderruflich beſchloſſen, und Ihre Klagen und Befürchtungen wer⸗ den meine Entſchlüſſe nicht wankend machen. Allen Denen aber, welche Furcht hegen, mir auf das Schlacht⸗ feld zu folgen, Allen Denen ſtelle ich es frei, daheim zu bleiben und Schäferſpiele zu feiern, und phantaſti⸗ 6 ſchen oder verliebten Träumen nachzuhängen, während wir ſiegen werden! Wer von Ihnen Allen, meine Herren, dies vorzieht, der ſpreche es aus, und ihm ſoll 1 gewillfahrt werden! 3 8 Keiner iſt unter uns, der das thun möchte! rief 8 Prinz Heinrich leidenſchaſtlich. Wenn der König von Preußen ſeine Krieger ruft, ſo werden ſie Alle kom⸗ — 140— men, und freudig ihrem Kriegsherrn folgen, und ginge es auch dem ſichern Tod entgegen! Ich habe Ihnen zu⸗ vor meine Anſicht geſagt als Individunm und als Mann. Jetzt bleibt mir nur noch übrig Ihnen zu gehorchen, als Soldat und als Unterthan, und ich werde das freudig und ohne Murren thun.— Und auch ich werde das thun, ſagte der Prinz Auguſt Wilhelm feierlich. Gleich meinem Bruder werde ich meine perſönlichen Anſichten und Befürchtungen zu unterdrücken wiſſen, und in ſchweigendem Gehorſam meinem König und Kriegsherrn folgen, wohin er im⸗ mer gehen möge. Der König heftete auf das bleiche erregte Antlitz des Prinzen einen finſteren, gehäſſigen Blick. Sie wer⸗ den mir nur dahin folgen, wohin ich von Ihnen be⸗ gleitet ſein will, ſagte er ſcharf, und gleichſam, um ſeinem Bruder jede Gelegenheit zu einer Antwort ab⸗ zuſchneiden, wandte er ſich haſtig an den Feldmarſchall Schweriu. Nun, Feldmarſchall, wollen Sie vielleicht von mir Urlaub erbitten für die Dauer dieſes Krieges? Ich ſagte Ihnen ja ſchon, daß ich ihn Niemand verwei⸗ gern will! Ich erbitte uiir von Euer Majeſtät nichts weiter, als daß Sie mich an der erſten Schlacht gegen Ihre Feinde Theil nehmen laſſen, rief Schwerin. Ich frage nicht mehr, wer Ihre Feinde ſind, denn die Stunde der Berathung iſt vorüber und die Stunde der Thaten iſt gekommen. Laſſen Sie uns alſo handeln, Sire, und das ſo ſchnell wie möglich! Ja, laſſen Sie uns handeln, Sire! rief General von Retzow feierlich. Sobald Euer Majeſtät ſagen, daß der Krieg unwiderruflich iſt, giebt es für Ihre Soldaten keine Bedenken mehr, und wir werden, — 141— freudig in die Schlacht ziehen, um zu ſiegen oder zu ſterben. Und Du, Winterfeldt? fragte der König, ſeinem Liebling mit einem zärtlichen Blick die Hand dar⸗ reichend. Sagſt Du mir gar nichts? Oder haben die Befürchtungen des Prinzen von Preußen Dich an⸗ geſteckt, und wankt auch Dein Muth?. Oh, Sire, rief Winterfeldt, die dargereichte Hand des Königs an ſeine Bruſt drückend, wie könnte mein Muth wanken, wenn es Preußens Heldenkönig iſt, der uns in die Schlacht führt. Wie ſollte ich nicht freudig und ſiegesgewiß ſein, wenn Friedrich uns ruſt, um zu kämpfen gegen die Schaar ſeiner ränkeſüch⸗ tigen, boshaften und übermüthigen Feinde. Nein, ich fürchte nichts! Mit uns iſt Gott und unſer gutes Recht! Prinz Heinrich trat jetzt näher zu dem König her⸗ an, und ſeine Blicke mit einem feſten und ſtolzen Aus⸗ druck auf das Antlitz des Königs heftend, ſagte er: Sire, Sie fragten den General Winterfeldt, ob er die Befürchtungen des Prinzen von Preußen theile? Ich bitte Euer Majeſtät ſich zu erinnern, daß, wenn nicht der General Winterfeldt, ſo doch ich die Befürch⸗ tungen meines theuren und tapferen Bruders voll⸗ kommen theile. Ich ſage, meines tapferen Bruders, denn gewiß gehört in dieſer Stunde mehr Muth dazu ſeine Furcht auszuſprechen und zu geſtehen, daß man dieſen Krieg für ein gefährliches Wagniß hält, als be⸗ geiſterungsvoll bloß zuzuſtimmen, und Siege zu pro⸗ phezeihen, die außer dem Felde der menſchlichen Be⸗ rechnung liegen! Indem der Prinz ſo ſprach, warf er auf Winter⸗ feldt einen finſteren, zornigen Blick, welcher den Ge⸗ neral erbleichen machte. Er öffnete ſchon den Mund — 142— zu einer heftigen Erwiederung, aber der König hielt ihn zurück. Still, Winterfeldt, ſagte er, wir haben den Krieg noch nicht erklärt, ſo lange laßt uns alſo im eigenen Hauſe wenigſtens in Frieden leben.— Dann trat er dicht zu dem Prinzen Heinrich heran, und ihm die Hand auf die, Schulter legend, ſagte er gütevoll: Wir wollen uns einander nicht erbittern, mein Bruder. Sie ſind eine edle und hochherzige Seele, und Nie⸗ mand wird es wagen, an Ihrem Muthe zu zweifeln. Daß Sie meine Anſichten über die Nothwendigkeit dieſes von Preußen anzufangenden Krieges nicht thei⸗ len, ſchmerzt mich, aber ich weiß, daß ich dennoch an Ihnen in dieſem Kriege eine feſte nnd zuverläſſige Stütze haben werde, und daß Sie meine Gefahren und Beſchwerden, und, will's Gott, auch meine Siege mit mir theilen!. Und nicht ich allein werde das thun, rief Prinz Heinrich, ſondern auch mein Bruder Auguſt Wilhelm, der Prinz von Preußen, deſſen Herz nicht minder tapfer, deſſen Muth— Still, Heinrich, ich bitte Dich, unterbrach ihn der rinz von Preußen mit einem traurigen Lächeln, ſprich icht von meinem Muth. Ihn angreifen wollen, heißt vermuthen, daß man ihn bezweifeln könnte, und das wäre eine Demüthigung, welche ich von Niemanden ertragen würde. Der König ſchien dieſe Worte gar nicht gehört zu haben. Er war zu dem Tiſch getreten, auf welchem die Papiere lagen, und indem er ſie zuſammenfaßte und emporhob, ſagte er: Wir ſind jetzt zu Ende, Meſ⸗ ſieurs. Es bleibt mir nur noch übrig Ihnen zu ſagen, daß ich der Anſicht des Feldmarſchalls Schwerin bin. Brechen wir zuerſt in Sachſen ein, und wär's auch —j—— dieſer Papiere aus dem n, damit wir der Welt au⸗ önnen, daß Preußen, in⸗ den Krieg hervorzurufen ſcheint, doch nur gedrungen und zu ſeiner Ver⸗ theidigung ſein Schwert gezogen! Nach Sachſen alſo, meine Herren! Aber bis zun Tage des Ausmarſches laſſen Sie uns verſchwiegen fein und den nahe bevor⸗ ſtehenden Krieg als Geheimniß bewahren! Er grüßte die Herren mit einem freundlichen Kopfneigen, und durchſchritt dann, die Papiere im Arm haltend, den Saal, um ſich in ſein Bibliothek⸗ zimmer zu begeben. Eine lange Pauſe trat ein, nachdem der König den Saal verlaſſen hatte. Der Prinz von Preußen hatte ſich, ganz erſchöpft von den Stürmen, welche ſeine Seele bewegten, in eine Fenſterniſche zurückgezogen, und blickte ſchweigend und mit tief traurigen Blicken zum Himmel empor. Prinz Heinrich, welcher unfern von den Generalen, in der Mitte des Saals ſtand, nur, um uns die Origin Dresdener Archiv zu h thentiſche Beweiſe vorle, dem es anzugreifen — ſchaute zu ſeinem Bruder hinüber, und ein ſchmerza⸗ licher Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Dann winkte er den General von Retzow zu ſich heran. Sie ſind alſo unſerer Bitte nicht eingedenk geweſen?. fragte er leiſe. Sie haben meine und meines Bruders Wünſche nicht erfüllen wollen? Ich habe Alles verſucht, was in meinen Kräften ſtand, mein Prinz, ſagte der General ſeufzend. Ihre Königliche Hoheiten wünſchten, daß ich dieſen unglück⸗ ſeligen Krieg, wenn es ſein könne, hintertreiben, daß, wenn der König meinen Rath fordere, ich ihn dahin abgeben ſolle, daß wir zum Angriff zu ſchwach, und darum auf den Frieden bedacht ſein müßten. Nun denn, ich habe das Alles geſagt, nicht bloß, um dem 5 Willen der Königlichen Prinzen zu genügen, ſondern weil ich Ihre Anſichten vollkommen theilte, und dieſen Krieg für ein ſchweres Unglück halte. Aber der Wille des Königs war 1a Seit Jahren ſchon ſinnt er auf dieſen Krieg. Seit Jahren ſchon hat er mit Winterfeldt dazu die Vorkehrungen getroffen, und mit ihm ſeine Plane vorbereitet. VWinterfeldt, murmelte der Prinz vor ſich hin, ja Vinterfeldt iſt der böſe Dämon, deſſen Zuflüſterungen den König verleitet haben! Wir ahnten das Beide ſchon lange, und mußten doch ſchweigend geſchehen laſſen, was wir nicht hindern konnten. Und ſeinem leidenſchaftlichen und heftigen Naturell nachgebend, ſchritt der Prinz gerade auf den General von Winterfeldt zu, welcher im leiſen Geſpräch mit Feldmarſchall Schwerin an dem Actentiſch ſtand. Freuen Sie ſich, General, ſagte der Prinz lebhaft, Ihre Abſichten ſind jetzt erreicht, und Sie können jetzt an der Kaiſerin von Rußland Ihre Privat⸗Rache üben! Winterfeldt begegnete den zornigen Augen des Prin⸗ zen mit ruhigem, faſt heiterem Blick. Euer König⸗ liche Hoheit erzeigen mir wirklich zu viel Ehre, ſagte er, wenn Sie annehmen, daß ein armer Soldat, wie ich, mit einer erhabenen Kaiſerin in perſönlicher Fehde ſein könne. Was könnte die ruſſiſche Kaiſerin mir wohl gethan haben, das mich berechtigte, Rache an ihr zu nehmen? Was Sie Ihnen gethan hat? fragte der Prinz mit einem ſpöttiſchen Lachen. Sie hat Ihnen zwei Dinge gethan, welche die Menſchen am allerwenigſten ver⸗ zeihen mögen. Sie hat Sie überliſtet, und Sie um Ihren Reichthum gebracht. Ah, Herr General, ich fürchte dieſer Krieg wird doch vergeblich ſein, und r Ehrgeiz angefachte Krieg ein verderblicher ſein wird. Ich würde, wenn es auf Erden keine Strafe giebt für ſolche ſchwere Schuld, ich würde Sie vor dem Throne Gottes derſelben anklagen, und das Blut der hinge⸗ ſchlachteten Söhne meines Vaterlandes, das Blut meiner künſtigen Unterthanen, würde um Rache wider Sie zum Himmel emporſchreien! Wehe Ihnen, wenn dieſer Krieg ein für Preußen verderblicher ſein ſollte, wiederholte Prinz Heinrich. Auch ich würde Ihnen das nie verzeihen, auch ich würde Ihren Ehrgeiz dafür verantwortlich machen, denn Sie beſitzen das Ohr und das Herz des Königs, und ſtatt ſein Mißtrauen gegen die anderen Staaten zu zerſtrenen, haben Sie geſucht es zu erhalten und zu nähren, ſtatt ſeinen Zorn zu beſänſtigen, haben Sie ihm immer neue Nahrung gegeben. Was ich gethan habe, rief Winterfeldt die Rechte zum Himmel erhebend, mit lauter, feierlicher Stimme, was ich gethan habe, das that ich im Gefühl meiner Pflicht, meiner Vaterlandsliebe, und in dem unerſchüt⸗ terlichen Glauben an meines Königs Stern, der nicht erblinden, ſondern immer höher und ſtrahlender auf⸗ leuchten wird! Möge Gott mich ſtrafen, wenn ich von anderen und unedlen Motiven mich leiten ließ! Ja, möge Gott Sie ſtrafen, ſagte Prinz Auguſt Wilhelm, möge er aber Ihre Schuld nicht an unſerm armen Vaterlande rächen.— Das iſt mein letztes Wort über dieſe traurige Sache! Hinfort werde ich meine perſönliche Meinung ganz unterdrücken, und nur den Befehlen meines Königs folgen. Was er von mir fordert, das werde ich thun, und wohin er mich ſchickt, da werde ich hingehen, ohne zu forſchen, ohne zu grübeln und zu überlegen, ſondern gehorſam und freudig, wie es einem echten Soldaten geziemt. Ich 10* bitte Dich, mein Bruder, ich bitte Sie, Herr Feld⸗ marſchall von Schwerin, und Sie, Herr General von Retzow, daß Sie darin meinem Beiſpiel folgen wollen. Der König hat befohlen, wir werden ihm willig ge⸗ horſamen! Der König hat befohlen, wir werden ihm willig gehorſamen! wiederholte Prinz Heinrich, und die beiden Generale ſagten es ihm nach. Dann nahm der Prinz von Preußen den Arm ſeines Bruders, und die Herren mit einem freundlichen Lächeln begrüßend verließen die beiden Prinzen den Saal, um nach Berlin zurückzukehren.— XI. Der Lorbeerzweig. Während das im Saal geſchah, hatte der König ſich in ſein Bibliothekzimmer zurückgezogen, und ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet, lange in demſel⸗ ben auf und ab. Sein Geſicht war ernſt nnd ſor⸗ genvoll, eine ſinſtere Wolke ſchwebte auf ſeiner Stirn, ſeine Lippen waren feſt aufeinander gepreßt, und die Röthe ſeiner Wangen und das Zlitzen ſeiner Augen verriethen die tiefe und mächtige Bewegung, welche ſein ganzes Weſen in Aufruhr gebracht. Einmal blieb er ſtehen, und das Haupt ſtolz er⸗ hebend, ſchien ſein ſcharfer und durchdringender Blick gleichſam zu lauſchen auf die Gedanken und Zuflüſte⸗ rungen ſeiner Seele. — ſein Leben vertrauert, und mit dem Schickſal grollt, * — 149— Ja, ſagte er, das waren ſeine Worte:„Ich pro⸗ teſtire gegen dieſen Krieg im Namen meines Rechts, meiner Kinder und meines Vaterlandes!“ Ach, er denkt alſo ſehr daran, daß er mein Nachfolger ſein wird, er meint, daß er Rechte hat, die außer mir ſtehen, und kraft deren er proteſtiren kann gegen das, was ich thue! Er iſt ein Rebell, ein Hochverräther! Er wagt es an die Zeit zu denken, wo ich nicht mehr bin, an die Zeit, wo er oder ſeine Kinder dieſe Krone tragen werden. Ich fühle, daß ich ihn haſſe, wie mein Vater mich gehußt hat, weil ich ſein Nachfolger war weil mein Anblick ihn immer an ſeinen Tod gem. Ja, ich haſſe ihn, denn dieſer ſanfte, weichliche Knabe wird das Werk zerſtören, welches ich außzurichten ge⸗ denke; unter ſeinen ſanften Händen wird dieſes Preu⸗ ßen, das ich groß und ſtark machen will, wieder zer⸗ bröckeln, und meine Kämpfe und meine Eroberungen werden umſonſt geweſen ſein, denn er wird ſie nicht zu benutzen verſtehen! Ich will mein Preußen zu einem großen, mächtigen und gefürchteten Staate er⸗ heben, ich will es frei machen von der Furcht vor Rußland und der unterthänigkeit gegen Oeſterreich, ich will, daß es im Rath der Fürſten gleichberechtigt ſei, und vor Niemand ſich beugen und vor Niemand zurückſtehen ſoll! Und wenn ich das mit einem ruhe⸗ loſen Leben, mit der Arbeit und dem Nachdenken mei⸗ nes ganzen Daſeins und mit dem Blut meiner Unter⸗ thanen erkauft habe, ſo wird mein Waßden kommen, dieſes Werk zu zerſtören, an dem ich ſo mühſam ge⸗ arbeitet, dem ich meine Ruhe, meine Behaglichkeit und meine Neigungen geopfert habe. Preußen bedarf eines ſtarken und thatkräftigen Königs, nicht eines weich⸗ müthigen Knaben, der um ein verlorenes Liebesglück weil es ihn zu einem Königsſohn gemacht hat. Ach, ich fühle, daß ich ihn haſſe, denn ich ahne in ihm den Zerſtörer meines Werkes, den Heroſtratus, welcher den Tempel vernichtet, den ich gebaut habe!— Aber nein, nein, fuhr der König nach einer Pauſe fort, ich thue ihm Unrecht, und mein argwöhniſches Herz ſieht viel⸗ leicht die Dinge zu ſcharf an. Ach, es iſt ſchon dahin gekommen, daß auch ich den Tribut zahle, den die Fürſten für ihre armſelige Herrlichkeit dem Geſchicke müſſen! Ich beargwöhne meinen Nachfolger, d ſehe in ihm meinen heimlichen Feind! Das Miß⸗ uen hat ſchon ſeine finſteren Schatten über meine reele geworfen, und ſie trübe und unklar gemacht. Und finſterer noch wird es in ihr werden. Ich fühle ſchon, wie der Wurm heimlich in mir bohrt und pocht, der Wurm der Menſchenverachtung und des Miß⸗ trauens! Ich ſehe ſchon, wie die Schleier allmählig herabſinken, und mir die Sonne der Liebe verhüllen, welche ſonſt ſo hell und ſtrahlend in mir glühte. Oh, es wird einſt eine kalte und finſtere Nacht in mir ſein, und inmitten meiner Herrlichkeit werde ich allein ſtehen! Er ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſtand lange ſchweigend und unbeweglich da. Und bin ich nicht jetzt ſchon allein, fragte er dann leiſe und ſeine Stimme hatte jetzt einen weichen, ſchmerzvollen Klang. Stehe ich nicht jetzt ſchon allein und ganz vereinſamt da? Meine Brüder ſind wider mich, und weil ſie mich nicht begreifen, bekritteln ſie mein Thun und Wollen, meine Schweſtern fürchten mich, und weil der Krieg ihre Behaglichkeit und Ruhe ſtört, werden ſie mich verwünſchen. Meiner Mutter Herz iſt erkaltet, weil ich ihr keinen Einfluß auf meine Regierung bewilligen konnte, und Eliſabeth Chriſtine, welche die Welt meine Gemahlin nennt, weint in der Einſamkeit über die ſchweren Ketten, welche ſie und mich zuſammenhalten. Niemand von ihnen liebt mich, Niemand von ihnen glaubt an mich und meine Zukunft; was ich will, nennen ſie ein Wagniß, und über den Krieg, den ich beginne, rufen ſie ihr Wehe aus! Iſt er denn ein Un⸗ recht? Verdiene ich denn, daß man mich einen Erobe⸗ rungsſüchtigen nennt, weil ich mich nicht vernichten laſſen will, weil ich die Schlingen ſehe, welche man mir gelegt hat, und weil ich ſie zerreißen will? Sollte ich nicht vielmehr ihre freudige Zuſtimmung, ihren liebevollen Troſt beanſpruchen dürfen? Sollten ſie nicht mindeſtens meinen Muth und meine Unerſchrockenheit anerkennen müſſen, daß ich inmitten meiner mächtigen und ſtarken Feinde unverzagt vorwärts ſchreite, und auf nichts anderes hören will, als auf den Ruf meiner Ehre und meiner Königspflicht? Aber ſtatt mich auf⸗ zurichten mit ihrer Liebe, wollen ſie mich beugen mit ihrem kleinlichen Widerſtreben, ſtatt ſich um mich zu ſchaaren, fliehen ſie vor mir und laſſen mich allein! Ach, wer Großes will, iſt ſtets allein und die Kleinen verläſtern ihn! Wäührend der König ſo klagte und ſich ſeinen trü⸗ ben und melancholiſchen Gedanken überließ, hatte er das leiſe Klopfen an der Thür, welches ſich ſchon mehrmals wiederholt hatte, nicht gehört. Jetzt ertönte es wieder, und diesmal ſo laut und kräftig, daß der König es wohl hören mußte. Er ging zur Thür hin und öffnete dieſe. Draußen ſtand Winterfeldt, ain ſei⸗ haltend, das er dem Entſchuldigung mich geſtott haſt r wieder in das ner Hand ein verſiegeltes Pa⸗ König darreichte, indem er zur bat, den König geſtört zu haben. Es iſt vielleicht gut, dar Freund, ſagte der Könit — 152— Zimmer zurücktrat, und dem General winkte näher zu treten. Ich befand mich eben in Geſellſchaft ſehr ſchlim⸗ mer Geſellen, in Geſellſchaft böſer und verdrießlicher Gedanken, das iſt ganz gut, daß Du gekommen biſt, ſie zu vertreiben. Und beſſer als ich, Sire, wird es wohl dieſer Brief ‚hier verſtehen, ſagte Winterfeldt, dem König denſelben darreichend. Es iſt ein Courier aus Berlin gekommen, und hat ihn gebracht. Briefe von meiner Schweſter Wilhelmine*) aus Italien, rief der König freudig, indem er das Siegel erbrach und die Papiere auseinander faltete. Es waren mehrere loſe, eng beſchriebene Blätter darin, dazwiſchen ein weißes zuſammengefaltetes Papier, welches etwas Anderes einzuſchließen ſchien. Der König behielt dies in der Hand und begann dann eifrig zu leſen. Während er las, verlor ſich allmählig der finſtere und ſtrenge Ausdruck ſeiner Züge, ſein Antlitz war wieder hell und klar, ſeine Stirn erheiterte ſich wieder, und um ſeine ſchmalen Lippen ſpielte wieder dieſes ſanfte, ſchöne Lächeln, das immer die Strenge ſeiner durchdringenden Blicke milderte, und Vertrauen ein⸗ flößte zu dieſem ſchönen, königlichen Angeſicht. Plötz⸗ lich aber flog es jetzt wie ein heller Strahl der Freude über ſein Antlitz hin, ſein Auge leuchtete, wie in freu⸗ diger Begeiſterung, und mit einer ungeſtümen Haſt den Brief auf den Tiſch hinlegend, nahm er das weiße Papier und entfaltete es. Ein Lorbeerzweig war darin enthalten, ein zarter und doch kräftiger Zweig mit ſchönen Blättern, welche das Zimmer mit einem zarten Duft erfüllten, und in 18 3 ³) Die Markgräfin von Baireuth. r — friſcheſtem, hellſtem Grün prangten, als ſei der Zweig eben erſt vom Baum gepflückt. Der König hob dieſen Lorbeerzweig hoch empor, und ließ ſeine entzückten Blicke darauf ruhen. Ach, Freund, ſagte er dann ganz begeiſtert und mit einem ſtrahlenden Lächeln, ſieh nur, wie gnädig das Schickſal mit mir iſt. An dieſem ſchweren Tage ſendet es mir ein herrliches Zeichen, einen Lorbeerzweig! Meine Schweſter hat ihn an meinem Geburtstag für mich gepflückt. Weißt Du wo, Freund? Beuge Dein Haupt mit mir, und ſei andächtig! Denn wiſſe nur, das iſt ein Zweig von dem Lorbeerbaum, der ſich über Vir⸗ gils Aſchenkrug neigt, und ſein Grab beſchattet. Oh, Freund, ein heiliger Schauder durchrieſelt mich, und es iſt mir, als ob die großen und erhabenen Geiſter der Alten mich grüßten und mir winkten mit dieſem Lorbeerzweig, der auf dem Grabe eines ihrer herr⸗ lichſten Dichter gewachſen. Meine Schweſter von Bai⸗ reuth ſendet ihn mir mit einem ſchönen und ſinnigen Gedicht, das ſie ſelbſt verfaßte.*)— Dieſe Lorbeeren auf Virgils Grabe, ſagt eine ſchöne und ſinnige Fa⸗ *) Das Gedicht, welches die. Markgräſin dem König mit dem Lorbeerzweig ſandte, lautete: 5 Sur burne de Virgile un immortel laurier De l'outrage du tems seul a sü se défendre Toujours vert et toujours entier. Je voulais le cueillir, et n'osais Pentreprendre. Prevenant mon effort, je Pai vu se plier 4 Et cette voix se fait entendre: Approche, auguste soeur du moderne Alexandre! Frédéric de ma lyre est le digne heéritier, Jy joins un nouveau don, que lui seul peut prétendre. Déjh son front par Mars fut cinq fois couronné, Qu'aujourd'hui par ta main il soit encore orné 3 Du lanrier, qu'Apollon flt naitre de ma cendre. bel, ſind von ſelbſt gewachſen und ſind unvertilgbar. Möge das für mich ein gutes Omen ſein! Sei mir gegrüßt, Du heiliger Schatten Virgils, ich neige mein Haupt vor Dir und küſſe in Demuth Deine Aſche, welche ſich in einen Lorbeer verwandelt hat! Und ſo ſprechend, mit Thränen in den Augen, mit vor Begeiſterung ſtrahlendem Angeſicht, beugte der König ſein Haupt und drückte ſeine Lippen mit einer inbrünſtigen Gluth auf den Lorbeerzweig. Dann reichte er ihn Winterfeldt dar. Küſſe auch Du ihn, Freund, ſagte er, Deine Lip⸗ pen ſind es werth, dieſen heiligen Zweig zu berühren, und den Duft einzuathmen dieſer Blätter, welche auf Virgils Grabe ihm die Lobgeſänge der Natur gerauſcht haben. Küffe dieſen Zweig, und nun ſchwöre mit mir, daß wir dieſes Kuſſes uns würdig machen wollen. Schwöre mit mir, daß wir in dieſem Kriege, dem wir entgegenſchreiten, entweder den Lorbeer auf unſerer Stirn oder auf unſerem Grabe haben wollen! Er hielt den Lorbeerzweig hoch empor, Winterfeldt hob die Rechte auf und berührte mit ſeinen Fingern den Lorbeer. Ich ſchwöre in dieſem Kriege den Lor⸗ beer entweder auf meiner Stirn oder auf meinem Grabe zu haben! Amen! ſagte der König. Gott und Virgil haben uns gehört! 1 — 155— XII. Das Feſt beim grafen Brühl. Graf Brühl, der Premierminiſter des Königs von Sachſen, gab heute in ſeinem prächtigen Palaſte zu Dresden ein glänzendes Feſt zu Ehren ſeiner Gemah⸗ lin, die heute den Tag ihrer Geburt feierte. Das Feſt mußte um ſo glänzender werden, da der König von Polen und Churfürſt von Sachſen, Auguſt der Dritte, und ſeine Gemahlin, Marie Joſephine, dem⸗ ſelben beiwohnen wollten. Das war eine Gunſt, welche die ſtolze Königin ſelbſt dem mächtigen Günſtling heute zum erſtenmale gewährte, denn ſie, welche am Hofe die ſtrenge ſpaniſche Etiquette eingeführt hatte, wie ſie am Hofe Kaiſer Joſeph's des Erſten, ihres Vaters, Gebrauch geweſen, ſie hatte noch niemals an der Tafel irgend eines ihrer Unterthanen gegeſſen, ja, ſo heilig däuchte ihr die königliche Perſon, daß ſie nicht einmal den Geſandten der auswärtigen Mächte geſtattete, mit ihr an einer Tafel zu ſpeiſen. Bei allen Feſten am Königshofe zu Dresden ſah man daher die königliche Familie in ſtrengſter Abgeſchloſſenheit inmitten ihrer zahlreichen Gäſte an einer kleinen Tafel allein ſpeiſen, und nur der Premierminiſter Graf Brühl und ſeine Gemahlin durften der Ehre theilhaftig werden, mit dem König und ſeiner Gemahlin an demſelben Tiſche zu eſſen. Das war eine Etiquette, welche Niemanden will⸗ kommener war, als dem Grafen ſelber, denn ſie ſicherte ihn vor der Gefahr, daß irgend ein Unbefugter ſich dem königlichen Paar nahen, und ihm vielleicht Dinge ſagen konnte, von denen der Graf wünſchen mochte, daß ſie nicht geſagt würden. Es gab ſo viele Ver⸗ leumder in dieſem ſchlimmen Königreich, ſo viel Neider, welche dem Grafen Brühl ſeine hohe Stellung miß⸗ gönnten und zu behaupten wagten, daß der Premier⸗ miniſter die Gunſt des Königs nur zu ſeinem eigenen Beſten und nicht zum Wohl des Landes verwende. Es gab ſo viel Unzufriedene, welche behaupteten, der Graf Brühl verpraſſe in fabelhaftem Luxus in ſeinem Hauſe die Einkünfte eines ganzen Königreiches, und während der Hof kärglich lebte, das Volk hungerte, die Armee gar nicht, oder nur zum Schein in werthloſen Steuer⸗ ſcheinen bezahlt werde, ließe der Graf Brühl in ſeinen Schlöſſern die Verſchwendung eines Lucull, die fabel⸗ hafte Pracht eines Sardanapal walten. Boshafte Neider wollten ihm nachgerechnet haben, daß er in jedem Jahr zu ſeinem Haushalt über eine Million Thaler verwende, Andere behaupteten, daß er nichts⸗ deſtoweniger in den Banken von Rotterdam, Venedig und Marſeille mehr denn fünf Millionen Thaler nie⸗ dergelegt habe, und wieder Andere berechneten, daß die von ihm angekauften Landgüter mindeſtens ſieben Mil⸗ lionen Thaler gekoſtet hätten.*)— Einer dieſer Nei⸗ der und Verleumder konnte ſich bis zum König drän⸗ gen, und ſeine boshaften Verleumdungen in das königliche Ohr ergießen, einer dieſer Uebelwollenden konnte die Kühnheit haben, ſogar ſeine ungerechten Klagen vor der Königin auszuſchreien! Das war es, wovor Graf Brühl immer zu zittern hatte, das war es, was ihm den Schlaf ſeiner Nächte, die Ruhe ſeiner *) Leben und Character bes Grafen Brühl. In vertraulichen Briefen entworfen. Th. 1 S. 46 folgd. — 157— Tage raubte, das war es, was als der bittere Wer⸗ muthstropfen immer auf dem Grunde dieſes von Bril⸗ lanten funkelnden, goldenen Bechers der Freude, den er alle Tage auf's Neue an ſeine Lippen ſetzte und ausleerte, zurückblieb: die Furcht vor dem Verräther! Die Furcht vor dem möglichen Sturz! Er kannte nur zu wohl die Geſchichte von dem Grafen Lerma, dem Miniſter des ſpaniſchen Königs Philipp des Vierten. Auch Lerma war der Beherr⸗ ſcher eines Königs geweſen, und wie Brühl über Sachſen, hatte er über Spanien geherrſcht. Seiner Macht und ſeinem Einfluß hatte Alles ſich unterwor⸗ fen, und ſelbſt die königliche Familie zitterte vor einem Stirnrunzeln des Grafen Lerma, und fühlte ſich be⸗ glückt von ſeinem Lächeln. Was war es, was den allmächtigen Miniſter, den unangreifbaren Günſtling ſtürzte? Ein einfacher kleiner Zettel, den König Philipp einſt unter der Serviette auf ſeinem Teller fand! Auf dieſem Zettel ſtand weiter nichts, als eine Adreſſe. Dieſe Adreſſe lautete:„An Philipp den Vierten, einſt König von Spanien und Beider Indien Herr, jetzt in Dienſten des Grafen Lerma.“— Dieſer Zettel war das Unglück des Grafen Lerma, König Philipp fühlte ſich von dieſer Adreſſe wie von einem Dolchſtoß getroffen, und Graf Lerma fiel in Ungnade. Graf Brühl kannte die Geſchichte, und ließ ſich von ihr warnen. Er wußte, daß die Luft, welche er athmete, verpeſtet ſei von den Verwünſchungen ſeiner Neider, daß die Leute, welche auf der Straße ſtillſtan⸗ den, um ihn ehrfurchtsvoll zu grüßen wenn er in ſeiner goldenen Karoſſe vorüberfuhr, im Innerſten ihres Herzens ihm fluchten, daß die Freunde, welche ſeeine Hand drückten und ſeine Loblieder ſangen, ſich In ſeine erbittertſten Feinde verwandeln würden, — 158— ſobald er aufhörte, ſie für ihre Freundſchaft mit Stel⸗ len, mit Penſionen, mit Ehren und Orden, mit Allem, was die Habſucht verführen, den Ehrgeiz verlocken kann, zu bezahlen. Er gab jährlich Hunderttauſende aus um ſich Freunde und Lobredner zu erwerben, und doch mußte er beſtändig zittern, doch konnte es ſein, daß irgend ein Uebelwollender, noch nicht Be⸗ ſtochener ſich der Perſon des Königs nahen, ihm einen Zettel unter die Serviette legen mochte, wie einſt dem König von Spanien. War doch auch Aehnliches ſchon ihm geſchehen! Hatte man doch einſt zu den Zeiten, wo er die Gunſt des Königs noch mit den Grafen Sulkowsky und Hennicke theilen mußte, beim harm⸗ loſen Kartenſpiel dem König ein Geldſtück gegeben, deſſen Gepräge die Krone von Polen darſtellte, ruhend auf den Schultern von drei Männern, und verſehen mit der Unterſchrift:„Es ſind unſerer Drei, zwei Pagen und ein Lakay.“— Und König Auguſt von Polen war über dieſes ſatyriſche Geldſtück ſo in Zorn gerathen, wie der König von Spanien über den ſaty⸗ riſchen Zettel. Aber Graf Brühl hatte den Zorn des. Königs ſo zu wenden gewußt, daß er nicht ihn zer⸗ ſchmetterte, ſondern nur die beiden anderen Schulter⸗ träger der Krone, nur den früheren Pagen, Grafen Sulkowsky, und den früheren Lakayen Grafen Hennicke. Sie Beide fielen in Ungnade, und wurden vom Hofe verbannt,— der frühere Page, Graf Brühl, blieb, und herrſchte über Sachſen, ja über Polen ſelbſt, als unumſchränkter Herr und Gebieter. 4 Aber indem er herrſchte, zitterte er doch, und des⸗ halb begünſtigte er das ſpaniſche Gelüſte der Königin nach der ſtrengſten Etiquette, und deshalb durfte Nie⸗ mand außer dem Grafen Brühl mit der königlichen Familie an der Tafel ſpeiſen, und deshalb nahm der Graf ſelbſt immer die Serviette von den Tellern, und reichte ſie dem Königspaar; deshalb durfte Niemand ſich den Herrſchern nahen, der nicht von dem Premier⸗ miniſter, welcher zugleich Ober⸗Ceremonienmeiſter, Ober⸗ Hofmarſchall und Ober⸗Kammerherr war, und für alle dieſe Chargen wahrhaft königliche Beſoldungen er⸗ hielt, vorgeſtellt war. 3 Die Etiquette und die Angſt des allmächtigen Günſt⸗ lings hielt das königliche Paar wie in einer Gefangen⸗ ſchaft, und niemals durften ſie auch nur ihr Zimmer verlaſſen, ohne daß die beiden Kammerherren vor ihnen vorausſchritten, um aus den übrigen Gemächern und den Corridoren Jedermann zu entfernen, dem der Graf nicht die Erlaubniß ertheilt, dazuſtehen. Aber heute ſollte die Etiquette ein wenig durchbro⸗ chen werden, heute ſollte das königliche Paar von ſeiner Höhe herunterſteigen, um dem Hauſe des ſtolzen Günſtlings einen neuen Glanz zu verleihen. Heute durfte der Graf ganz unbekümmert und ſorglos ſein, denn er hatte nicht zu fürchten, daß unter ſeinen Gä⸗ ſten ſich ein Verräther einſchleichen könnte. Er ſelber hatte mit ſeiner Gemahlin die Liſte derſelben entworfen, und wenn auch unter ihnen Manche ſein mochten, welche den Premierminiſter haßten, und gern bereit ſein mochten, ihm zu ſchaden, ſo hatte doch der Mi⸗ niſter Jedem dieſer Verdächtigen einen ſeiner getreue⸗ ſten und am höchſten beſoldeten Freunde beigegeben, der den Auftrag hatte ihn keinen Moment unbeobachtet zu laſſen, und keines ſeiner Worte, keinen ſeiner Blicke zu überſehen. Zudem verſtand es ſich von ſelbſt, daß der Graf und ſeine Gemahlin keinen Moment von der Seite des königlichen Paars weichen durften, und daß Jeder, der das Königspaar ſprechen wollte, erſt ihm von dem Grafen vorgeſtellt werden mußte. — 160— Der Graf konnte alſo heute ganz unbeſorgt, ganz heiter ſein, und er war es auch. Er hatte ſoeben die Veranſtaltungen zu dieſem Feſte in Augenſchein genom⸗ men und durfte ſich mit frohem Behagen geſtehen, daß dieſelben ſeinem Hauſe Ehre machten. Es ſollte ein Sommerfeſt ſein, und der Graf hatte daher ſein gan⸗ zes Palais in ein Treibhaus verwandeln laſſen, das indeſſen dem eigentlichen Feſtſaal nur als Entrée diente. Dieſer eigentliche Feſtſaal war der ungeheure Garten. Dort waren, inmitten der ſeltenſten und koſtbarſten Blumengruppen, ungeheure Zelte von Silberſtoff er⸗ richtet, deren Seitenwände, mit goldenen Quaſten in Feſtons emporgehoben, die langen Tafeln mit den funkelnden Aufſätzen von Silber, und dem herrlich gemalten Meißner Tafelgeſchirr ſehen ließen. In der Mitte aller dieſer Zelte befand ſich ein kleineres, das an ausgeſuchter und raffinirter Pracht alle anderen überſtrahlte. Das Dach dieſes Zeltes ruhte auf acht goldenen Säulen, und war zuſammengeſetzt aus dunkel⸗ rothem Sammet, über den ſich leichter Silberflor, mit goldenen Sternen durchwirkt, in zierlichen, von gol⸗ denen flatternden Amouretten gehaltenen Feſtons aus⸗ breitete. Die unter dieſem Baldachin ausgeſtellte Tafel, unter der ein koſtbarer türkiſcher Teppich lag, war mit ſchwerem, goldenem Geſchirr und dem herrlichſten ve⸗ netianiſchen Glaſe ſervirt, und dieſer große goldene Aufſatz, welcher in der Mitte derſelben ſtand, und den Sturz der Titanen darſtellte, war ein Meiſterwerk Benvenuto Cellini's das der Graf für hunderttauſend Thaler in Rom erſtanden hatte. Nur ſieben Couverts waren an dieſer Tafel aufgeſtellt, denn Niemand als das Königspaar, der Churprinz mit ſeiner Gemahlin, 8 der Prinz Xaver und der Graf und die Gräfin Brühl 4 ſollten an derſelben ſpeiſn. Das war ein neuer * d- — 161— Triumph, den der Premierminiſter ſich bereitete, und durch den er, ſeinen Gäſten gegenüber, die excluſive königliche Stellung aucht für ſich beanſpruchte. Und Niemand konnte dieſen Triumph ignoriren, denn von jedem Platz unter den übrigen Zelten hatte man eine Ueberſicht des Königszeltes, das auf einer kleinen Er⸗ höhung ſtand, und von welchem man wiederum die ringsumherliegenden Zelte und den ganzen Garten überſchauen konnte, deſſen zauberiſche Pracht an die Mährchen von der Roſenfee erinnern mochte. Ueberall rauſchten Cascaden, ſtiegen herrliche Marmorgruppen empor; in Bosquetten und Lauben der ſeltenſten Stau⸗ dengewächſe hörte man das Zwitſchern und Girren, das Flöten und Krächzen der in bunteſtem Farben⸗ ſchmuck prangenden fremden Vögel, deren Käfig aus ſo feinem Silberdraht geflochten war, daß man ihn kaum gewahrte. Hinter einer hohen Baumgruppe, und von⸗ieſer ganz verdeckt, erhob ſich ein hoher Bau, eine von rieſenhaften Tritonen und Seepferden getragene Muſchel, in welcher ein Chor von funfzig Muſikern Platz fand, um die Luft mit melodiſchen Klängen zu durchziehen, welche aber doch niemals ſo laut werden ſollten, um das Ohr zu beläſtigen, oder die leiſeſte Unterhaltung zu ſtören. Und wenn dieſes ganze Enſemble des Gartens, der Zelte, der rauſchen⸗ den Cascaden, der köſtlichen Gewächſe, der funkelnden Vögel ſchon jetzt am hellen Tage einen bezaubernden Anblick gewährte, ſo mußte der Abend ihn doch noch ſteigern, und dann erſt, wenn die tiefen Schatten der Nacht von tauſend und aber taufend Lampen, von flatternden Ballons, von funkelnden Girandolen er⸗ leuchtet waren, dann erſt ſtand das Feſt auf ſeinem Höhepunkt.. Graf Brühl, wie geſagt, hatte noch einmal im Ge⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. 11 — 162— folge ſeiner Haushofmeiſter und ſeiner Haus⸗Officiere alle Veranſtaltungen in Augenſchein genommen, und war jetzt in ſeine Gemächer zurückgekehrt, um unter dem Beiſtand ſeiner zwölf Kammerdiener und ſeines Garderobemeiſters ſeine Toilette zu machen, wie die Gräfin ſchon ſeit einigen Stunden mit ihren Frauen, und ihren pariſer Friſeurs und Garderobiers damit beſchäftigt war. Der Herr Graf legte heute ein Galla⸗ kleid an von blauem Sammet. Der Werth dieſer Stickerei von Silber und echten Perlen, welche den Kragen und die Aufſchläge der Aermel zierten, hätte hundert der armen hungernden und nach Brot ſchreien⸗ den Familien des nahrungsloſen Erzgebirges glücklich gemacht, die Brillanten ſeiner Schuhſchnallen würden genügt haben, um dem Heer, welches ſchon ſeit Mo⸗ naten vergebens auf Löhnung wartete, wenigſtens einen Theil ſeines rückſtändigen Soldes auszuzahlen, und die großen von Perlen eingefaßten Diamanten, welche die Knöpfe ſeines Rockes bildeten, waren vielleicht der Er⸗ trag der Waiſengüter, welche der Graf unter dem Vor⸗ geben eingezogen hatte, daß er als Premierminiſter der natürliche Vormund aller Waiſen im ganzen König⸗ reich, und daher verpflichtet ſei, ihre Güter zu ver⸗ walten. Als die Toilette beendigt war, begab ſich der Graf in ſein Arbeitskabinet, um noch einen flüchtigen Blick den Regierungsgeſchäften zu widmen, und wenigſtens die Briefe zu leſen, welche die heutigen Poſten und Couriere für ihn aus allen Gegenden der Welt ge⸗ bracht, und die ſein Geheimſekretair immer um dieſe Stunde in dem Kabinet des Grafen niederzulegen hatte. Mit haſtiger Hand erbrach er die Siegel, und wenn er die Briefe mit flüchtigen, zerſtreuten Blicken überflogen, ließ er ſie achtlos zur Erde niederfallen, — 163— um ein neues Siegel zu brechen, und auf’s Neue die Klagen und Bitten, die Schmeicheleien und Liebes⸗ verſicherungen ſeiner Briefſteller zu leſen. Aber dieſe alle waren ſehr wenig im Stande die Aufmerkſamkeit des Premierminiſters zu eeregen. Gegen Klagen, Vor⸗ ſtellungen und Bitten hatte ſich ſein Herz lange ſchon verhärten müſſen, und was die Schmeicheleien und Liebesverſicherungen anbetraf, ſo hatten ſie für ihn weiter keinen Werth, als den der Auslagen, welche ſie ihm an Penſionen, Stellen, Titeln und Orden ge⸗ koſtet hatten. Aber es ſchien, als ob nicht alle Briefe von dieſem hergebrachten und gewöhnlichen Inhalt waren, denn das gleichgültige Antlitz des Grafen nahm jetzt, wäh⸗ rend er das Schreiben, welches er eben entfaltet hatte, las, einen durchaus anderen Character an. Dieſes Schreiben war von dem ſächſiſchen Geſand⸗ ten von Flemming in Berlin, und enthielt gar ſelt⸗ ſame und abenteuerliche Gerüchte. Der König von Preußen, hieß es darin, habe am geſtrigen Tage Berlin mit allen Prinzen und ſeinem ganzen Generalſtabe ver⸗ laſſen, und Niemand wiſſe genau, wohin er ſich ge⸗ wandt habe. Im Publikum aber erzähle man ſich, daß der König mit ſeiner Armee in Eilmärſchen nach Sachſen marſchire. Als Graf Brühl dies las, brach er in ein lautes, fröhliches Gelächter aus. Nun, ſagte er, man muß dieſem kleinen Dichterkönig Friedrich wenigſtens das Verdienſt zuerkennen, daß er allerliebſte Mährchen ſei⸗ nem Volke aufzubinden verſteht, und jeder ſeiner Hand⸗ lungen eine enorme Wi ftigkeit zu verleihen weiß. Ohne Zweifel iſt er unchiien um irgend eins dieſer müßigen und albernen Manveuvres zu veranſtalten, welche bekanntlich bei den Herren von Hohenzollern 112 — — — — ———yõ—— —†—— — 164— als einzige Hoffeſte gelten, und um dieſem kindiſchen Kriegsſpiel einen romantiſchen Anſtrich zu verleihen, macht er ſein dummes, begeiſterungsluſtiges Volk glauben, er ſei ausgezogen, um wie der Ritter Don Quixote gegen Windmühlen Schlachten zu liefern. Ah, mein Herr Markgraf von Brandenburg, wir werden bald die Freude haben, Ihnen dieſe uſurpirte Krone wieder von dem Haupte zu nehmen, und der ſiegreiche Held wird ſich wieder in einen geſchlagenen und ganz zu Boden geſchleuderten Ritter ohne Land verwandeln. Feiere Du nur jetzt Deine Paraden, und mache der Welt glauben, daß Deine Kinderſpiele einen ernſten Sinn haben, und daß Deine Scheinmanveuvres wirk⸗ liche Kriegsangriffe ſind; bald wird ein Tag kommen, wo wir Dein Kinderſpiel in blutigen Ernſt⸗verwandeln, und Dir die Lorbeern von Striegau wieder abfordern werden! 3 Mit einem triumphirenden Lächeln warf der Graf das Schreiben des Geſandten bei Seite und griff nach einem anderen. Noch ein Schreiben von Flemming, ſagte er verwundert, indem er das Papier entfaltete, der gute Graf iſt ſehr ſchreibſelig geworden, wie es ſcheint. Oh, fuhr er fort, nachdem er es flüchtig ge⸗ leſen, das ſind Warnungen! Flemming behauptet, ganz beſtimmt zu wiſſen, daß der König in Sachſen ein⸗ fallen will, er ſtehe ſchon an unſeren Grenzen, ſagt er. Dann fügt er hinzu, der König habe Kenntniß von dem Bunde, den wir mit nnſeren Freunden gegen ihn geſchloſſen, und ihm ſei bekannt, daß wir beſchloſſen, ihn anzugreifen. Nun, guter Flemming, es gehört nicht viel Scharfſinn dazu, zu berechnen, daß wenn der König unſer Bündniß kennt, er um ſo mehr auf ſeiner Huth ſein, und abwarten, und zur Vertheidigung ſich rüſten wird. Denn nimmermehr könnte er doch ſo 3— 165— tollkühn ſein, einen Angriff gegen unſere vereinten, ihm drei Mal überlegenen Armeen unternehmen zu wollen. Nein, nein, wir werden unſere Regimenter ruhig in Polen laſſen, unſer Heer von ſiebenzehn⸗ tauſend Mann genügt vollkommen! Ah, es fehlte nur, ſich noch mehre dieſer müßigen Schreier aufzuladen, welche immer nach Brot und Löhnung ſchreien, und immer hungrig ſind!— Er wollte den Brief bei Seite werfen, aber indem er ihn fortſchleuderte, flatterte aus demſelben ein zwei⸗ tes beſchriebenes Blatt hervor, und fiel gerade zu des. Grafen Füßen nieder. Graf Brühl bückte ſich und hob es auf. Wie, ſagte er lachend, das ſind ja Verſe. Wird Flemming in ſeiner Angſt vor dem preußiſchen König ſogar zum Dichter? Er entfaltete das Papier und las laut: Ein Ge⸗ dicht, welches mir geſtern von einem Freund, dem Baron von Pöllnitz, mitgetheilt ward, und deſſen Ver⸗ faſſer der König von Preußen iſt. Ah, wahrhaftig, rief der Graf lachend, das iſt ein Gedicht an mich. Nun, der poetiſche König erzeigt mir eine große Ehre, indem er mich beſingt. Wir wollen einmal ſehen. Vielleicht ſind dieſe Worte würdig, heute bei Tafel vorgetragen zu werden, und uns zu einigem Ergötzen zu dienen. Prüfen wir ſie alſo. Ode au Comte de Brühl. Mit der Ueberſchrift; II ne fant pas sün- quiéter de l'avenir! Nun, das ſſt ein höchſt weiſer, philoſophiſcher Satz, der indeſſen jedenfalls nicht in dem poetiſchen Gehirn Seiner preußiſchen Majeſtät ent⸗ ſprungen iſt. Leſen wir jetzt einige Verſe: Und das Blatt hoch empor haltend, las der Graf: — 166— Esclave malheureux de ta haute fortune, D'un roi trop indolent souverain absolu, Surchargé de travaux dont le soin t'importune, Brühl, quitte des grandeurs l'embarras superflu. Au sein de ton opulence Je vois le dieu des ennuis, Et dans ta magnificence ELe repos fuit tes nuits. Descend de ce palais dont le superbe faite Domine sur la Saxe, en s'élevant aux cieuv, D'ou ton esprit craintif conjure la tempéte Que sonlève à la cour un peuple d'envicux; Vois cette grandeur fragile Et cesse enfin d'admirer. L'éclat pompeux d'une ville Ou tout feint de t'adorer.*)* Der Graf hatte Anfangs mit lauter pathetiſcher Stimme, mit einem ironiſchen Lächeln, geleſen, aber allmälig war ſein Ton ernſter und leiſer geworden, und endlich zu einem leiſen Flüſtern herabgeſunken. Das Lächeln war einem finſtern Ernſt gewichen, und eine zornige Röthe leuchtete dann und wann in ſeinem Antlitz auf, während er halbleiſe das königliche Gedicht weiter las. Allmälig hob ſich ſeine Stimme wieder, und mit einer Art Begeiſterung las er jetzt die beiden letzten Strophen: Connaissez la Fortune inconstante et légère: La perfide se plait aux plus crucls revers, *) Wer dieſe Ode, welche aus zehn Verſen beſteht, weiter leſen will, findet ſie in den Oeuvres de Frédéric le Grand. Tome X. p. 45. — 167— On la voit abuser le sage, le vulgaire, Jouer insolemment tout ce faible univers; Aujoud'hui c'est sur ma téôte Qu'elle répand ses faveurs, Des demain elle s'appréète A les emporter ailleurs. Fixe-t'=elle sur moi sa bizarre inconstance, Mon coeur lui saura gré du bien qu'elle me fait; Veut-elle en d'autres lieux marquer sa bienveillance, Je lui remets ses dons sans chagrin, sans regret. Plein d'une vertu plus forte J'épouse la pauvreté, Si pour dot elle m'apporte L'honneur et la probité. Der Graf ließ die Hand, in welcher er das Papier hielt, ſinken, und blickte gedankenvoll vor ſich hin. Ein Ausdruck ſeltener Rührung flog über ſein Antlitz, wel⸗ ches man, trotz ſeiner funfzig Jahre, doch immer noch ſchön nennen konnte, und mit leiſer, zitternder Stimme wiederholte er: J'épouse la pauvreté, Si pour dot elle m'apporte L'honneur et la probité. Die Sonne, welche durch die hohen Fenſter ſchien, traf gerade ſeine Geſtalt, und machte die vielen Bril⸗ lanten ſeines Gewandes funkeln, daß ſie wie große Sterne auf dem lichtblauen Grunde leuchteten, und ihn in Glanz und Pracht gleichſam einhüllten. Der große Brillantring an ſeiner Hand, die das Papier hielt, und welcher ein Geſchenk der Kaiſerin Eliſabeth — 168— von Rußland war, flammte in tauſend Strahlenlich⸗ tern, deren buntes Farbenſpiel auf dem Papier um⸗ hertanzte. Der Graf wiederholte gedankenvoll zum dritten Mal: j'épouse la pauvretéè,— da ward die Thür, welche in die Gemächer ſeiner Gemahlin führte, haſtig geöffnet, und die Gräfin, im vollen Glanz einer könig⸗ lichen Toilette, ſtrahlend von Brillanten, trat herein. Ihre lange Schleppe von weißem, mit Gold geſtickten Sammet ſchleppte hinter ihr her, das Brillantdiadem, welches ihre Stirn begrenzte, ſunkelte wie eine Ster⸗ nenkrone. Der Graf war zuſammengeſchreckt bei ihrem Ein⸗ treten. Jetzt brach er in ein lautes, ſpöttiſches Lachen aus. Vraiment, Comtesse, rief er lachend, Sie ⸗konn⸗ ten keinen beſſeren Moment finden, um mich zu über⸗ raſchen. Denken Sie nur, ich war in eine empfind⸗ ſame Schwärmerei verfallen, und wunderliche Träume fuhren durch meinen Kopf, wie eine wilde Jagd da⸗ hin. Sie haben ſich wiederum als meinen Schutz⸗ geiſt bewährt, Antonia, indem Sie die böſen Geiſter verjagten. Er nahm die Hand ſeiner Gemahlin, und drückte einen innigen Kuß auf dieſelbe. Dann ſchaute er ſie an, und ſeine Züge nahmen einen ſtrahlenden Aus⸗ druck an. Mein Gott, rief er gleichſam verwundert, wie ſchön Sie wieder ſind, Antonia. Man ſollte mei⸗ nen, Sie tauchten ſich alle Morgen in den geheimniß⸗ vollen Fluß, welcher die ewige Jugend verleiht, und verjüngten darin immer wieder Ihre Schönheit, die alle Tage einen neuen Strahlenkranz erhält. Die Gräfin lachte. Nun, ſagte ſie, man weiß ja, daß der Graf Brühl der Meiſter ſchöner Worte iſt, — 169— und daß Niemand ſo köſtlich zu ſchmeicheln verſteht, als er. Aber man bezahlt mir nicht immer mit gleicher Münze, Antonia, ſagte der Graf verdüſtert. Sehen Sie nur dieſes Gedicht, welches der König von Preu⸗ ßen auf mich gemacht hat. Das iſt wahrhaftig keine Schmeichelei. Die Gräfin nahm das dargereichte Papier und las es. Nicht eine Muskel ihres ſtolzen Antlitzes zuckte, während ſie las, nicht die kleinſte Wolke zeigte ſich auf ihrer klaren, ſtrengen Stirn. Und finden Sie, daß das ein ſchönes Gedicht iſt? fragte ſie dann vollkommen gleichgültig. Nun, es hat ein gewiſſes Feuer, welches, ich ge⸗ ſtehe es, mein eigenes Herz ein wenig glühen machte. Ich finde es nur geſchwätzig und langweilig, ſagte ſie ſtreng. Das Einzige, was mir daran gefällt, iſt dieſe Ueberſchrift: II ne faut pas s'inquiéter de l'avenir. Der kleine König von Preußen hat ſehr nöthig, das zu ſeinem Wahlſpruch zu machen; wenn er es nicht thäte, würde es jetzt ſchon für alle Zeiten um ſeine Ruhe geſchehen ſein, denn wie mir ſcheint, wird ſeine Zukunft eine ſehr demüthigende ſein. Der Graf lachte. Ach, wie Recht Sie haben, ſagte er, und welche köſtliche Antwort das iſt auf dieſes ſchwatzhafte Gedicht! Reden wir nicht mehr davon, es iſt nicht werth beachtet zu werden. Er zerriß das Papier in kleine Stücke, die er mit einer anmuthigen Kniebeugung zu der Gräfin Füßen niederlegte. Ein kleines Opfer, ſagte er, welches ich meiner Göttin darbringe. Setzen Sie Ihren Fuß darauf, und zertreten Sie die Worte eines Königs unter Ihrem Feentritt. Ah, was kümmert uns der König von Preußen. Wir haben für ihn nur noch ————— — 170— das Intereſſe, welches die Schlange an dem kleinen Zaunkönig hat, den ſie verſchlingen will. Zertreten Sie das Poem des kleinen Zaunkönigs, meine Feen⸗ königin. Die Gräfin ſetzte lachend ihren Fuß auf das Pa⸗ pier. Aber jetzt, Graf, ſagte ſie dann, wollen wir noch einen Moment von ernſten Dingen ſprechen. Ich habe Briefe von unſerem Sohn aus London erhalten. Der arme Henry iſt ſehr in Noth und Verzweiflung, und er hat mich angefleht, die Vermittlerin zwiſchen ihm und ſeinem Vater zu machen. Sie waren immer ſehr ſtreng gegen ihn, mon ami, und daher fürchtet er jetzt, wo er eine kleine Unbeſonnenheit begangen hat, Ih⸗ ren Zorn. Nun, was hat er denn begangen? fragte der Graf. Ich hoffe nicht, daß er ſich in Händel eingelaſſen, viel⸗ leicht gar duellirt hat. Das könnte mich in der That böſe machen, denn er weiß wohl, daß ich die Raufe⸗ reien nicht liebe. Es iſt auch nichts dergleichen, mein Gemahl! Seine Unbeſonnenheit iſt ganz anderer Art. Mit einem Wort, es fehlt ihm an Geld. An Geld? fragte der Graf erſtaunt. Wenn ich mich recht entſinne, habe ich ihm vor kaum einem Monat die Summe von ſechsmalhunderttauſend Tha⸗ lern geſandt. Das macht mit dem, was er vor drei Monaten von hier mitnahm, eine anſtändige Summe, denn es beträgt mehr als eine Million Thaler. Aber was wollen Sie, es i*ſt in England ſehr theuer, mein Gemahl, ſagte die Gräfin nachläſſig, und um unter dieſen reichen Lords ſich hervorzuthun, und ihnen zu imponiren, bedarf es wirklich eines außergewöhn⸗ lichen Aufwandes. Es ſcheint, unſer Carl Joſeph hat ſich da in eine Lady verliebt, deren Schönheit ganz —— —— — 171— London anbetete, und die, gleich der Helena, alle Männer⸗ herzen verzauberte. Aber die Schöne ſcheint ſehr kalten Herzens zu ſein, und Niemand erhören zu wollen. Die Schmeicheleien, welche man ihr macht, verlacht ſie, und die Geſchenke weiſt ſie kalt zurück. Sie ſchien eine uneinnehmbare Feſtung, aber unſer Sohn hat ſie, Dank einer Kriegsliſt, doch beſiegt. Ich bin wirklich neugierig, wie er das angefangen, ſagte der Graf lächelnd. Er ſpielte eine Partie Ecarté mit ihr. Sie ſpielten um Banknoten im Betrag von zehn Pfund, und An⸗ fangs gewann Joſeph, zum Aerger der ſtolzen Lady, die niemals unterliegen wollte, nicht einmal im Karten⸗ ſpiel. Joſeph bemerkte das, und wußte das Glück zu corrigiren. Er ließ die Lady gewinnen, und zwar ſo lange, bis ſie ihm achtzigtauſend Pfund Sterling ab⸗ gewonnen hatte.*) Achtzigtauſend Pfund Sterling, rief der Graf. Aber das iſt ja eine halbe Million Thaler. Wollen Sie etwa ſagen, daß das zu viel Geld ſei, um dafür die Gunſt einer ſchönen Dame zu erkaufen? fragte die Gräfin erzürnt. Nicht doch, es iſt nicht zu viel, aber— es iſt je⸗ denfalls genug. Man könnte ſich dafür eine ganze Armee kaufen. Ich hoffe wenigſtens, daß er nicht umſonſt verlor. Die Feſtung, die er belagerte, ergab ſich ihm? Sie ergab ſich ihm, und ganz London ſpricht jetzt mit Begeiſterung von dem genialen und freigebigen Sohn des deutſchen Grafen Brühl. Ich hoffe, mein Gemahl, Sie werden dafür ſorgen, daß Joſeph ſofort 3*) Leben und Charaeter des Grafen von Brühl. Tbh. II. . 38Sg. * — 172— neue Geldſendungen erhält, damit er dem Range ſeines Vaters Ehre machen kann. Ich werde die General⸗Steuerkaſſe einmal wieder leeren müſſen, ſagte der Graf achſelzuckend. Aber wiſſen Sie wohl, Gräfin, daß es übel wäre, wenn der König von dieſer Geſchichte etwas erführe? Sie wiſ⸗ ſen, der König hält auf Sparſamkeit, und er iſt zu meinem Glücke überzeugt, daß ich ſelbſt ein ſehr ſpar⸗ ſamer Mann bin. Unſere Feinde, welche nicht mehr wagen, uns ſelber anzuſchwärzen, werden mindeſtens verſuchen, unſeren Sohn beim König zu verläſtern, ſie werden ihm die Geſchichte von den achtzigtauſend Pfund Sterling erzählen. Kommen wir dem alſo zuvor, ſagte die Gräfin. Erzählen wir ſelbſt die Geſchichte, aber verſichern wir den Majeſtäten dabei, daß das eine ſehr alberne Er⸗ findung unſerer Feinde ſei, und daß unſer Sohn von Ihnen immer nur geſcholten werde, weil er durchaus nicht mit dem Auſwand lebe, wie es dem Sohn eines Mannes gebühre, der die Ehre habe, der Premier⸗ miniſter des Königs von Sachſen zu ſein. Oh, Sie ſind ein vortreffliches Weib, Antonia, rief ihr Gemahl. Ihr Rath iſt weiſe, und wir wollen ihn befolgen. In dieſem Augenblick ließ ſich ein leiſes Kratzen an der Thür vernehmen, und auf des Grafen gebiete⸗ riſches Herein trat ſein Geheim⸗Secretair mit einem verſiegelten Brief ein. Ein Courier aus Torgau bringt ſo eben dieſes Schreiben des Commandanten von Torgau, ſagte er. Der Graf runzelte unwillig die Stirn. Wie, Ge⸗ ſchäfte, und immer nur Geſchäfte? ſagte er. Ich be⸗ greife nicht, daß Sie es wagten, ſogar dieſen Feſttag meiner Gemahlin mir damit zu trüben! — 173— Verzeihung, Excellenz, ſtammelte der Secretair, aber der Courier brachte mit dieſem Schreiben zu⸗ gleich ſo ſeltſame und unerhörte Nachrichten mit, daß ic glaubte, ſie Euer Excellenz mittheilen zu müſſen, enn— Eine ſchmetternde Fanfare von Trompeten, das laute Donnern von Kanonen unterbrach ihn. Der König und die Königin ſteigen ſo eben in den Wagen um hierher zu kommen, rief der Graf. Heute nichts mehr von Geſchäften, mein Freund. Ver⸗ ſparen wir das auf morgen! Kommen Sie, Antonia, laſſen Sie uns den Majeſtäten entgegengehen. Er nahm die Hand ſeiner Gemahlin, und winkte ſeinem Secretair, die Thüren zum Vorſaal zu öffnen. XIII. Das geſtärke Feſt. Wie der Graf und ſeine Gemahlin in den Vor⸗ ſaal eintraten, hätte man meinen ſollen, ſie Beide ſeien das Königspaar, welches eben im Begriff ſei, die Huldigungen des Hofes zu empfangen. Denn Alles, was in Dresden durch Rang und Stellung berechtigt war, an den Hoffeſten Theil zu nehmen, war in die⸗ ſem Vorſaal des Grafen Brühl vereinigt. Da ſah man nur die goldgeſtickten Uniformen der Generale und Geſandten, da glänzten hohe Ordenszeichen auf jeder Bruſt, da waren die ſchönſten und ſtolzeſten Da⸗ men der Ariſtokratie, die glänzendſten Namen des ſäch⸗ — 174— ſiſchen Adels, da waren Fürſten und Grafen, Barone und Staroſten, und Alles neigte ſich ſehr tief und an⸗ dächtig vor dem allmächtigen Premierminiſter und ſeiner Gemahlin, andächtiger vielleicht, wie man es vor dem Könige ſelber that. Und jetzt, auf einen Wink des Oberhofmeiſters des Grafen, traten aus dem zweiten Saal die Pagen der Gräfin in ihren weißen ſilbergeſtickten Gewäͤndern herzu, um hinter der Gräfin ſich aufſtellend die Schleppe ihres Kleides zu tragen. Zu ihren beiden Seiten ſchritten die Haus⸗ Offiziere der Gräfin, hinter ihnen her folgte die ganze Reihe der vornehmen Gäſte im feierlichen, ſchweigen⸗ den Zug. So ging man durch den dritten Vorſaal, wo das Heer der Livreebedienten des Grafen, zwei⸗ hundert an der Zahl, in militairiſchen Reihen aufge⸗ ſtellt war, und weiter dann hinaus bis zum großen Hausflur, der heute in einen Tempel der Flora um⸗ gewandelt war. Eben hielt die königliche Equipage vor dem Ein⸗ gangsthor an. Das gräfliche Paar trat unter die Thür, die königlichen Gäſte zu empfangen, die auf der äußern, nach der Elbe hin belegenenen Terraſſe aufgeſtellten Kanonen verkündeten mit lautem Ge⸗ donner den Bewohnern Dresdens die Ankunft des königlichen Paares beim Grafen Brühl, wie ſie vor⸗ her die Abfahrt vom königlichen Schloß gemeldet hatten. Vom Garten herüber ertönten die Fanfaren und Trompeten. Der König trat mit einem lächelnden Gruß in die Mitte dieſes blumengeſchmückten Raumes, in welchem ringsumher die glänzende Geſellſchaft ſich aufgeſtellt hatte, und ſich faſt auf die Kniee ſenkte in ehrfurchts⸗ voller Erwiederung des königlichen Grußes. Die Königin ſtrahlend von Brillanten, und ihr —-— — 175= ſtolzes Antlitz gleichfalls zu einem freundlichen Lächeln mildernd, ſtellte ſich an ſeine Seite, und wie beide Majeſtäten jetzt hier und dort an die Verſammelten einige freundliche, gnädige Worte richteten, ſchien es, als ob die Sonne jetzt erſt über allen dieſen ſtolzen, vornehmen, reichen und mächtigen Menſchenkindern auf⸗ gegangen ſei. Auf jedem Antlitz ſtand ein Wiederſchein dieſer ausſtrahlenden Königsſonne, und höher noch als die Brillanten ihrer Kleider glänzten die Augen der Hochbeglückten, welche ein Strahl der königlichen Gunſt getroffen. Die Erdengötter waren von ihrem Olympos her⸗ niedergeſtiegen, um den entzückten Sterblichen die be⸗ feuernde Gunſt ihrer Gegenwart zu gewähren, und es ſich wohl ſein zu laſſen im Kreiſe der Menſchen! Und wohl durfte es ſelbſt einem König ſein in dieſem reizenden Garten, unter dieſem zugleich ſo pracht⸗ vollen und ſo zierlichen Zelte, das die Gegenwart der Majeſtäten jetzt für die Höflinge in einen Tempel um⸗ gewandelt hatte. Die Luſt war ſo weich und mild, und trug ſo balſamiſche Düfte von allen Blüthen her, die Cascaden murmelten ſo lieblich, und begleiteten mit ihrem ſanſten Geflüſter die rauſchenden Klänge der Muſik, die hoch oben in der Luft gleich Engels⸗ fittigen zu ſchweben ſchien. Wenn das Königspaar im Kreiſe umher blickte, begegnete es überall nur ſchönen, ſtolzen, glücklichen und befriedigten Geſich⸗ tern, und von dieſen erſten und höchſten Vertretern ſeines Volkes auf ſein ganzes Volk zurückblickend, mochte der König wohl dem ſüßen Wahn ſich hin⸗ geben, ſein ganzes Volk ſei ebenſo glücklich, ebenſo zufrieden, wie die Elite deſſelben, welche ihn hier 5 umgab. Froh dieſes Gedankens und ganz befriedigt von — 176— den Anordnungen dieſes Feſtes überließ daher der König ſich einem Genuſſe, der, wenn er vielleicht auch ein wenig ſeine Gottähnlichkeit trübte, doch ſein großes menſchliches Behagen hatte. Der König überließ ſich dem Genuß des Eſſens. Er verzehrte mit einer Art von gutmüthigem Erſtaunen dieſe ſeltenen und auser⸗ leſenen Gerichte, deren viele ſelbſt ſeinem verwöhnten und gelehrten Gaumen, als ein pikantes und nicht zu enträthſelndes Geheimniß erſchienen, und welche nicht bloß aus London und Paris, ſondern ſogar aus an⸗ deren Welttheilen für dieſen Tag waren verſchrieben worden. Er trank mit ſinnender Freude dieſe golde⸗ nen und purpurnen Weine, deren Vaterland er nicht kannte, nud deren wundervolle Blume ihm noch ſchö⸗ ner duftete, als die koſtbarſten Blumen des Gartens. In ſeiner harmloſen Gutmüthigkeit ergötzte es ihn ſo⸗ gar nach den Namen dieſer Weine zu fragen, und von dem Grafen ſich die Herkunft derſelben erzählen zu laſſen. Der Graf that das mit jener ehrfurchts⸗ vollen Beſcheidenheit, welche er dem König gegen⸗ über immer zu beobachten pflegte, und die doch dabei ganz fern von aller Scheu und allem kriechenden We⸗ ſen war. Er ergötzte den König durch die Aufzählung der Schwierigkeiten, welche es zum Beiſpiel gemacht, die⸗ ſen Wein vom Cap der guten Hoffnung zu bekommen, welcher zwei Mal die Lnie paſſiren muß, um ſeine höchſte Vollkommenheit zu erreichen. Er erzählte ihm, daß er, ſeit zwei Jahren auf den beſeligenden, heuti⸗ gen Tag hoffend, ſeit dieſer Zeit ein Schiff auf der See habe, welches dieſen Wein zu ſeiner Reife habe bringen müſſen. Dann wieder machte er ihn auf⸗ merkſam auf dieſe ſeltſam geformten Hummerſorten, welche nur in den Seen China's zu finden ſeien, und — 177— von dieſem Anknüpfungspunkt ausgehend, erzählte er ihm von den wunderlichen und komiſchen Sitten und Gebräuchen der Chineſen, und machte die ſtolze Köni⸗ gin ſelbſt lachen durch ſeine humoriſtiſchen und pilanten Schilderungen. 3 Mitten in dieſen Geſprächen ward indeß der Graf auf eine ſeltſame und ungewöhnliche Weiſe unter⸗ brochen. Sein Geheim⸗Seecretair, der Legationsrath Willmar näherte ſich plötzlich der königlichen Tafel, und ohne nur ein Wort der Entſchuldigung zu ſagen, ohne nur den König ehrfurchtsvoll zu begrüßen, reichte er dem Grafen ein verſiegeltes Schreiben dar. Das war ein ſo unerhörter, unbegreiflicher Fehler gegen die Etiquette, daß der Graf in ſeinem Entſetzen nicht einmal Worte der Entſchuldigung für den König wußte, ſondern nur einen wüthenden, zerſchmetternden Blick auf den Legationsrath ſchleuderte. Aber wie er jetzt dieſes blaſſe, entſetzte Geſicht des armen Willmar gewahrte, erfaßte ihn ſelbſt ein unwillkührliches Beben und er ſenkte ſeine Augen auf das Schreiben nieder, das er in ſeiner Hand hielt, und das ohne Zweifel den Schlüſſel zu dieſem Räthſel enthalten mußte. Vom Commandanten von Leipzig, flüſterte der Geheimſecretair. Ich beſchwöre Euer Excellenz zu leſen! 4 Aber bevor der Graf noch Zeit hatte, ſich zu ent⸗ ſcheiden, trat ein neues, noch ungewöhnlicheres Ereig⸗ niß ein. Der preußiſche Geſandte, welcher die Ein⸗ ladung des Grafen Brühl zu dem heutigen Feſte, unter dem Vorgeben krank zu ſein, abgelehnt hatte, erſchien plötzlich, begleitet von ſeinen vier Legationsſecretairen, in dem Garten, und näherte ſich dem königlichen Zelt. Sein Antlitz trug indeß durchaus nicht das Gepräge des Leidens und Krankſeins, vielmehr war es ſtrah⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. II. 12 — lend und leuchtend, und ein Ausdruck ſtolzer Befriedi⸗ gung ſprach aus ſeinen Zügen. Während er ſo den Weg zu dem königlichen Zelt dahinſchritt, verſtummte plötzlich das fröhliche Geplau⸗ der an allen Tafeln, ſchwieg das Klappern der Tel⸗ ler, das Klirren der Gläſer; jeder Mund verſtummte, und Aller Blicke richteten ſich ſtaunend auf dieſen kühnen Eindringling, der es wagte, das ſonnenhelle Feſt mit ſeiner dunklen Erſcheinung zu trüben. Das Plätſchern der Waſſerfälle, welches vorher ſo melodiſch geweſen, machte jetzt faſt einen grauſigen, unangeneh⸗ men Eindruck, es klang wie das unheimliche Geflüſter Unglück verkündender Geiſter, die Muſik, welche mit ihren Jubeltönen die Luft erfüllte, hatte jetzt etwas Verletzendes, Ohrenzerreißendes. Jedermann war ſich bewußt, daß ſich da etwas Unerhörtes, Gewaltiges er⸗ eigne, daß hinter dieſem Geſandten des preußiſchen Königs die Weltgeſchichte dahinſchreite zu dem König von Sachſen, um die Worte, welche jetzt gewechſelt werden ſollten, aufzuzeichnen in ihren unvertilgbaren Büchern. Der Graf von Brühl erhob ſich jetzt und dem preußiſchen Geſandten einige Schritte entgegengehend, begrüßte er ihn mit einigen kalten, ceremoniellen Wor⸗ ten. Aber Graf Maltzahn erwiederte ſie nur mit einer ſtummen Verbeugung, dann ſagte er, laut genug um von den Majeſtäten ſelber vernommen zu werden: Herr Graf, ich erſuche Euer Excellenz, mir kraft mei⸗ ner Eigenſchaft als Geſandter Sr. Majeſtät des Kö⸗ nigs von Preußen, ſofort eine Audienz bei Sr. Ma⸗ jeſtät dem König von Sachſen zu erbitten. Ich habe eine wichtige und unaufſchiebbare Depeſche meines Königs zu verleſen, und muß bitten, daß Se. Ma⸗ — 179— jeſtät der König und Churfürſt mir ſogleich Gehör ſchenke. Graf Brühl, gleichſam von Entſetzen und Schrecken gelähmt, ſtarrte ihn an, und fand nicht ſogleich die Kraft zu einer Erwiederung. König Auguſt aber er⸗ hob ſich einen Moment von ſeinem Sitz, und den beiden Herren mit ſeiner Hand winkend, ſagte er: Graf Brühl, ich bitte Sie, mir den Abgeſandten mei⸗ nes königlichen Bruders von Preußen hierher zu führen. Ich bin bereit, ihm dieſe, auf ſo ungewöhn⸗ liche Weiſe geforderte Audienz, welche daher auch einen ungewöhnlichen Zweck haben muß, zu bewilligen. Sofort traten die beiden Grafen unter das könig⸗ liche Zelt. Ich weiß nicht, ſagte Graf Maltzahn feierlich, ob Euer Majeſtät befehlen wollen, daß dieſe glänzende Geſellſchaft Zeuge deſſen ſein ſoll, was ich zu ſagen habe. Ich erhielt von meinem königlichen Herrn den Befehl, Euer Majeſtät um eine Privat⸗ Audienz zu erſuchen. 3 Schließen Sie die Vorhänge, befahl der König.— Graf Brühl drückte mit zitternder Hand an der in einer der vergoldeten Säulen angebrachten Feder und ſofort rauſchten die ſammetnen Vorhänge, in deren Mitte ſich ein goldenes Gitterwerk befand, um Luft und Licht einzulaſſen, herunter. Die in dem Königs⸗ zelt Verſammelten waren jetzt von der übrigen Ge⸗ ſellſchaft wie durch eine Mauer abgetrennt. Jetzt, mein Herr Graf, ſagte der König, indem er ſich wieder neben der ſtolzen und ſchweigenden Köni⸗ gin niederließ, jetzt reden Sie! Graf Maltzahn verneigte ſich tief, dann zog er ein Papier aus der Bruſttaſche hervor und begann mit lauter und feierlicher Stimme zu leſen. Es war ein Manifeſt des Königs von Preußen, 12* welches an alle europäiſchen Höfe gerichtet war, und welches Friedrich ſelbſt abgefaßt hatte. In demſelben verwahrte der König ſich feierlich gegen die Beſchul⸗ digung, eroberungsſüchtige Wünſche und willkührliche Kriegsgelüſte zu haben, erklärte ſich vielmehr nothge⸗ drungen und wider ſeinen Willen veranlaßt, den Krieg, den Oeſterreich durch ſeine großartigen Kriegs⸗ rüſtungen an ſeinen Grenzen und durch ſein beleidi⸗ gendes Betragen gegen Preußen offenbar provocire, anzufangen, und fügte hinzu, daß dies ſeinerſeits nicht ein Angriffs⸗ ſondern nur ein Vertheidigungskrieg ſei, da er aus den genaueſten und unzweifelhafteſten Quel⸗ len das Bündniß der deutſchen und ausländiſchen Mächte wider ihn erfahren habe, und durch ſeinen vertheidigenden Angriff ihrem provocirenden Angriff nur zuvorkomme! Eine Pauſe trat ein, nachdem der Graf dieſes Manifeſt verleſen hatte. Das gutmüthige, wohlbe⸗ häbige Geſicht des Königs hatte einen unbehaglichen mißmuthigen Ausdruck angenommen, das blaſſe Antlitz der Königin war, wie immer, gleichgültig, kalt und ſtolz. Sie ſchien die Vorleſung des Geſandten kaum beachtet zu haben, und indem ſie ſich jetzt an die neben ihr ſitzende Churprinzeſſin wandte, richtete ſie an die⸗ ſelbe eine durchaus gleichgültige Frage, welche dieſe indeß nur mit leiſer, kaum hörbarer Stimme erwie⸗ derte. Die Gräfin Brühl hatte indeß ihre Augen niedergeſenkt, vielleicht um ihren treuloſen Geliebten, den Grafen Maltzahn, deſſen liſtige politiſche Liebes⸗ intrigne ſie in dieſem Moment vollkommen durch⸗ ſchauete, ihre Verwirrung und ihren Schmerz nicht ſehen zu laſſen. Die beiden Churprinzen ſtanden ernſt, 8 und die Schwere dieſer Stunde vollkommen begreifend, hinter dem König, und ihnen zur Seite befand ſich — 181— der Graf Brühl, deſſen ſchönes, vorher ſo ſtrahlendes Antlitz jetzt von einer tödtlichen Bläſſe bedeckt war. Dieſer ganzen, in ſich geſchloſſenen, tiefjbewegten Gruppe gegenüber ſtand der preußiſche Geſandte, deſſen ſtolze, ruhige Erſcheinung einen wunderbaren Contraſt zu der anderen Gruppe bildete. Sein ruhiger, klarer Blick heftete ſich beobachtend auf jedes dieſer Geſichter, und ſchien auf dem Grunde ihrer Seelen ihre Gedanken leſen zu wollen. Seine hohe impoſante Geſtalt war ſtolz aufgerichtet, und ein Ausdruck edelſter Befriedi⸗ gung ſprach aus ſeinem ſchönen und ausdrucksvollen Angeſicht. Nachdem er eine Zeit lang geſchwiegen, und ver⸗ geblich eine Erwiederung erwartet hatte, legte er mit einer tiefen Verbeugung das Manifeſt vor dem König auf der Tafel nieder. Ich habe nun nur noch meinerſeits einige Worte hinzuzufügen, ſagte er dann. Ich bitte Euer Majeſtät mir dazu die Erlaubniß zu gewähren. Sprechen Sie, ſagte der König lakoniſch. Se. Majeſtät, mein königlicher Herr, fuhr Graf Maltzahn mit erhöheter Stimme fort, hat mir aufge⸗ tragen, ſeinerſeits Euer Majeſtät die beruhigendſten Verſicherungen zu geben, und Sie zu vergewiſſern, daß ſein Einmarſch in Sachſen durchaus nicht in feindlicher Abſicht geſchehen, ſondern daß er nur das⸗ ſelbe in der Nothwendigkeit ſeines Durchzuges nach Böhmen paſſire. Jetzt verlor das Antlitz des Königs ſeinen be⸗ häbigen, gutmüthigen Ausdruck, und ſelbſt die Kö⸗ nigin bewahrte nicht ganz ihre ſtolze, gleichgültige Haltung. 3 Wie, rief der König, der König von Preußen will uns die Ehre eines Durchzuges durch unſere Lande — 182— ohne vorherige Anfrage gewähren? Er will nach Sachſen kommen? Sire, ſagte Graf Maltzahn mit einem feinen Lä⸗ cheln, Se. Majeſtät iſt ſchon gekommen! Seine Armee hat in drei verſchiedenen Colonnen die Grenzen Sach⸗ ſeus ſeit geſtern überſchritten. Der König ſtieß einen leiſen Schrei aus, und er⸗ hob ſich unwillkührlich von ſeinem Sitz. Das Antlitz der Königin ward todtenbleich und ihre Lippen zitter⸗ ten, aber ſie ſchwieg und warf einen Blick des tödt⸗ lichen Haſſes auf den Abgeordneten ihres Feindes hinüber. Graf Brühl lehnte mit dem Ausdruck tief⸗ ſter Unentſchloſſenheit und zitternden Schreckens hinter dem Fauteuil des Königs, der ſich jetzt nach ihm um⸗ wandte, und mit einem ſchweigenden Wink ihn an ſeine Seite rief. Ich frage meinen Premierminiſter, ob er weiß, wie weit der König von Preußen in meinen Landen vorgedrungen iſt? fragte der König. Sire, ich weiß nichts von dieſem unerhörten Er⸗ eigniß, ſagte der Graf. Der König ſcheint uns über⸗ raſchen zu wollen, wie nur der geſchickteſte Escamoteur es je vermochte. Oder iſt dies Ganze etwa auch nur ein Aprilſcherz, wie der König von Preußen, wie man ſich erzählt, ſie zuweilen auszuüben liebt! Euer Excellenz müſſen am beſten wiſſen, erwiederte Graf Maltzahn ernſt, ob Sie das Einnehmen von Städten und Feſtungen für einen Scherz zu halten belieben! Wenn ich recht berichtet bin, haben Euer Excellenz heute ſchon zwei Couriere empfangen, welche Sie über die Marſchroute meines königlichen Herrn aufklärten. Wie, Herr Graf Brühl, rief der König erſtaunt, Sie wußten von dieſem abenteuerlichen Durchmarſch, — — 183— und ſagten mir nichts? Sie empfingen Couriere mit darauf bezüglichen Depeſchen? Sire, es iſt wahr, ich empfing zwei Couriere, ſagte der Graf verwirrt. Die Depeſchen des Einen wur⸗ den mir übergeben in dem Moment, als die König⸗ lichen Majeſtäten die Gnade hatten, mein Haus zu betreten, die Andere empfing ich eben, als der Herr Geſandte hier eintrat. Ich habe daher beide Depeſchen nicht geleſen. Wenn Euer Exeellenz mir geſtatten wollen, ſagte Graf Maltzahn lächelnd, werde ich die Ehre haben können, Ihnen den Iuhalt derſelben mitzutheilen, denn da ich weiß, woher die Couriere kommen, kann ich den Inhalt der Depeſchen errathen. Dann bitte ich, mir denſelben mitzutheilen, befahl der König ernſt. Nun denn, Sire, die erſte dieſer Depeſchen kam aus Torgau, und brachte die Nachricht, daß Se. Ma⸗ jeſtät der König von Preußen mit ſeiner Heeresabthei⸗ lung dieſe Feſtung, ſo wie auch die Feſtung Wittenberg, ohne irgend einen Widerſtand zu finden, eingenommen habe. Ein leiſes Gemurmel des Erſtaunens ließ ſich ver⸗ nehmen. Der König war mit einem leiſen Aechzen in ſeinen Fauteuil zurückgeſunken, die Königin war noch bleicher geworden als zuvor. Graf Brühl hielt ſich mit krampfhaft geſchloſſener Hand an der Lehne des königlichen Seſſels feſt, und ſeine übermüthige, ſtolze Haltung war jetzt einer muthloſen Zerknirſchung gewichen. 4 Weiter! ſagte der König mit dumpfem Ton. Die zweite Depeſche, Sire, fuhr Graf Maltzahn lächelnd fort, die zweite Depeſche brachte dem Herrn Premierminiſter die Nachricht, daß der König von — 184— Preußen, mein gnädiger und ſiegreicher Herr, mit ſeinem Heer weiter vorgedrungen, und auch Leipzig, ohne Widerſtand zu finden, ſeingenommen habe. Wie? rief der König. Er iſt ſchon in Leipzig? Sire, ich glaube, er war dort, ſagte Graf Malt⸗ zahn lichelnd. Denn es ſcheint, als ob die Preußen unter Anführung ihres Königs von dem Winde die Schnelligkeit und den beflügelten Lauf geliehen hätten. Der König war in Leipzig, als der Courier abging, jetzt wird er ſich ſchon auf dem Wege nach Dresden befinden. Aber, indem der König hofft, hier bald einzutreffen, beauftragt er mich, Euer Majeſtät die Verſicherung zu wiederholen, daß er nur einen Durch⸗ marſch durch Sachſen beabſichtige, und Euer Majeſtät nur erſuchen will, in dieſem Kriege meines Königs mit Oeſterreich die vollkommenſte Neutralität beobach⸗ ten zu wollen. Ah, Neutralität, rief der König unwillig, Neutra⸗ lität, wenn man ohne Entſchuldigung und ohne Anfrage in mein Land einbricht, und alſo auf eine unerhörte Weiſe den Reichsfrieden zu brechen wagt!— Haben Sie mir ſonſt noch eine Botſchaft zu ſagen, Herr Graf? Nein, Sire, ich bin zu Ende, und erlaube mir nur noch die unterthänige Frage, ob ich meinem König irgend eine Antwort Euer Majeſtät auf ſein Erſuchen mitzutheilen habe? So ſagen Sie dem König, Ihrem Herrn, daß ich meine Stimme erheben will, um im deutſchen Reiche Klage zu führen gegen einen ſolchen willkührlichen und ganz unerhörten Bruch des Reichsfriedens, daß ich meine Klage wider den König von Preußen vor den Thron des deutſchen Kaiſers bringen, und fragen werde, mit welchem Recht der König von Preußen es wagen — 185— darf, mit ſeinem Heer in mein Land einzudringen, und meine Städte zu beſetzen! Gehen Sie, mein Herr, ich habe Se. Majeſtät keine Antwort weiter zu ertheilen. Der Graf Maltzahn verneigte ſich tief vor dem König und ſeiner Gemahlin, und verließ dann ſchwei⸗ gend das Königszelt. Als er gegangen war, wandten Aller Blicke ſich auf den Premierminiſter; von ihm, welcher gewiſſer⸗ maßen die Seele des ſächſiſchen Königreichs war, von ihm erwartete man jetzt allein auch Hülfe und Rath. Man war es ſo gewohnt ihn in allen Din⸗ gen entſcheiden und handeln zu ſehen, daß man jetzt die Entſcheidung auch nur von ſeinen Lippen er⸗ wartete. Aber der allmächtige Günſtling, welcher ſonſt bei allen Intriguen immer Rath gewußt, war jetzt den allmächtigeren Thatſachen gegenüber vollkommen rath⸗ los und entmuthigt. Zudem wußte er, beſſer wie der König und die Churprinzen, wie ganz unmöglich es ſei, dieſem plötzlichen Ueberfall des Königs von Preu⸗ ßen Widerſtand eutgegenzuſtellen. Man hatte auf dem Papiere alle Vorbereitungen zu dieſem Kriege wider den König vorbereitet, aber in Wirklichkeit fehlte noch ſehr viel an der Ausführung dieſer Intriguen. Es fehlte vor allen Dingen an einem ſtreitkräftigen Heer. Wozu hätte man auch die Armee jetzt ſchon auf den Kriegsfuß ſetzen ſollen, da man erſt im nächſten Früh⸗ ling den Krieg mit den Verbündeten gegen Preußen beginnen wollte? Der Herr Premierminiſter hatte alſo nicht allein die in Polen befindlichen Regimenter nicht zurückgerufen, ſondern, da ſeine Kaſſen leer wa⸗ ren, und ſein Luxus ſehr viel Geld erforderte, hatte er vor einigen Monaten erſt die Kriegerzahl im Lande — 186— vermindert.*)— Der Graf Brühl wußte daher, wie geſagt am beſten, wie wenig Sachſen geeignet ſei, dem Angriffe des Königs von Preußen kräftigen Wider⸗ ſtand entgegenzuſetzen, und die friedlichen Verſicherun⸗ gen des preußiſchen Geſandten hatten für ihn nichts beruhigendes gehabt. Nun? fragte der König endlich nach einer langen Pauſe. Nun, Graf, wie werden wir dieſen ſeltſamen Neutralitätsantrag Friedrichs des Zweiten erwiedern? Aber ehe noch der Graf Zeit hatte zu einer Er⸗ wiederung, rief die Königin: Mit einer Kriegserklä⸗ rung, mein Gemahl! Das allein iſt Ihrer Ehre ge⸗ mäß! Wir ſind beleidigt, und es geziemt Ihnen alſo, Ihrem übermüthigen Gegner den Handſchuh hinzu⸗ werfen. Während er ihn aufhebt, werden unſere Ver⸗ bündeten ſchon an unſerer Seite fein, und mit uns die Beleidigung rächen.. Der König nickte lebhaft. Wir wollen dieſe Be⸗ rathung in meinen Zimmern fortſetzen, ſagte er dann aufſtehend. Dieſer Ort iſt nicht geeignet dazu. Unſer ſchönes Feſt iſt uns auf eine ſehr brutale Art geſtört worden. Laſſen Sie uns aufbrechen, meine Gemahlin. Und Sie, Herr Graf, berufen Sie ſämmtliche Miniſter; in einer Stunde will ich Sie Alle auf dem Schloſſe empfangen! Dieſe Stunde gehört mir, dachte die Konigin, in⸗ dem ſie ſich erhob, in dieſer Stunde werde ich das ſanfte Herz meines Gemahls zu einem tapfern und kriegeriſchen Entſchluß aufzuſtacheln ſuchen, und er wird meinen Bitten und meinem Zürnen ſich wohl fügen müſſen. *) v. Archenholtz. Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. I., S. 7. 3 3 — 187— Sie nahm mit einem ungewöhnlich heiteren Lä⸗ cheln den Arm ihres Gemahls, und trat mit dem König und gefolgt von den Prinzen und dem gräf⸗ lichen Paar aus dem Zelt. Mit ſchweigenden und raſchen Grüßen gingen die Majeſtäten an dieſen feſt⸗ lichen Tafeln vorüber, an denen die Gäſte ſich erhoben hatten, um das Königspaar zu begrüßen, und deren verſtohlene Blicke in ihren Mienen die Auflöſung die⸗ ſes Räthſels zu leſen ſuchten, welches die glänzende Geſellſchaft ſeit dem Erſcheinen des preußiſchen Ge⸗ ſandten ſchon beſchäftigte, und über welches man ſich flüſternd und angſtvoll ſeine Bemerkungen mitgetheilt hatte. Aber die Geſichter des Königs und der Königin hatten ſchon ihre gewohnte Gleichgültigkeit wieder an⸗ genommen. Der König lächelte zwar nicht, wie er ſonſt zu thun pflegte, aber ſein gutmüthiges Antlitz verrieth durchaus keine Sorge und Angſt. Die Köni⸗ gin hatte ihre gewohnte kalte Haltung, und nichts ſchien vorgefallen, was ihr hochgehobenes, ſtolzes Haupt zu beugen vermochte. Nachdem die königlichen Gäſte in ihren vergoldeten Caroſſen ſich entfernt hatten, kehrte der Graf zu ſeinen Gäſten zurück. Auch er hatte jetzt ſeine gewohnte Heiterkeit ſchon wiedergefunden. Mit unbefangener Freundlichkeit wandte er ſich hier und dort an ſeine Gäſte, und indem er ſie mit den ſchmeichelhafteſten Worten erſuchte das Feſt ſeiner Gemahlin noch länger mit ihrer Gegenwart zu ſchmücken, bat er zugleich um Erjaubniß ſich ſelber auf eine kurze Zeit entfernen zu dürfen. Dann winkte er hier und dort den Miniſtern, an welchen er vorüberkam, und flüſterte ihnen einige Worte zu, auch mit dem ruſſiſchen, öſterreichiſchen und franzöſiſchen Geſandten ſprach er heimlich und leiſe — 188— einige Worte. Dann ſah man dieſe gleich den Mi⸗ niſtern ſich entfernen, und auch der Graf Brühl ver⸗ ſchwand. Das Feſt aber ging ruhig weiter, die Muſik be⸗ gann wieder ihre heiteren, melodiſchen Weiſen, die Cascaden rauſchten weiter, die bunten Vögel ſangen und krächzten, die Blumen dufteten und glänzten noch ebenſo ſchön, die Brillanten an den Prachtgewändern der Herren und Damen blitzten noch ebenſo feurig. Nur ihre Augen waren minder ſtrahlend und hell, und von ihren Lippen war das heitere Lächeln ver⸗ ſchwunden. Sie ahnten Alle das Unheil, welches über ihrem Haupte ſchwebte. XIV. Das Archiv in Dresden. Graf Maltzahn hatte richtig prophezeiht, der König von Preußen war wirklich nach Dresden gekommen, und er hatte hier, wie überall in Sachſen, keinen Widerſtand gefunden. Der Schrecken und das Ent⸗ ſetzen der Ueberraſchung war vor ihm hergegangen und hatte jeden Widerſtand entwaffnet und jede That⸗ kraft gelähmt.— Der König und Churfürſt war ſchon lange nicht mehr gewohnt einen Willen zu haben, und der Graf Brühl, der Günſtling des Glückes, zeigte ſich matt und kraftlos in der Stunde des Unglücks. Es bedurfte der feſten Energie der Königin, der kraft⸗ vollen Vorſtellungen des franzöſiſchen Geſandten von — 189— Broglio, um ihn aus dieſer Lethargie zu muthigem oder wenigſtens entſchloſſenem Handeln außzurichten. Und was die Vorſtellungen des Herrn von Broglio, die Befehle und Bitten der Königin begonnen, das vollendete der Haß. Graf Brühl richtete ſeinen ſin⸗ kenden Muth wieder auf an dem Gedanken, daß es noch gelingen könne, den König von Preußen zu ver⸗ nichten, daß man ſeiner Siegeslaufbahn endlich hier eine Grenze ſetzen werde. Es kam Alles darauf an, den König aufzuhalten, ihn ſo lange von der böhmi⸗ ſchen Grenze zurückzudrängen, bis die öſterreichiſche Armee ihm ſchlagfertig gegenüberſtehen könne, bis die franzöſiſchen Truppen von einer anderen Seite her in die preußiſchen Lande einzudringen Zeit gehabt. Graf Brühl ſandte daher Couriere über Couriere an die Verbündeten ab, welche den Hülferuf Sachſens an alle befreundeten Höfe tragen mußten; ſodann rief er die Regimenter zuſammen, und ließ ſie bei Pirna, un⸗ weit der böhmiſchen Grenze, ein Lager beziehen, und da dieſes Lager, einerſeits von der Elbe, andererſeits von den hohen Felſen geſchützt, durchaus uneinnehm⸗ bar ſich zeigte, wuchs der Muth des Grafen ſo ſehr, daß er beſchloß, ſich ſelber als Kriegsheld zu zeigen, und dem ſächſiſchen Heer das befeuernde Bewußtſein zu geben, daß in der Stunde der Gefahr ſein König in ihrer Mitte ſein wolle. Der König alſo begab ſich, um in der Mitte ſeiner Armee zu ſein, nach der Feſte Königsſtein, und dahin begleitete ihn Graf Brühl, während er es dem General Rutowski überließ, ſein Zelt am Fuße des Königsſteins, wirklich inmitten der ſiebenzehntauſend Mann ſtarken Armee aufzuſchlagen. Einmal in Königsſtein angelangt, und ganz ſicher, hier nicht von dem verhaßten König von Preußen über⸗ fallen zu werden, überließ man ſich ganz wieder dem — 190— ſorgenloſen, genußvollen Leben früherer Tage. Man hatte nur den Wohnort, nicht aber den Charakter ge⸗ ändert, man träumte nur von zukünftigen Siegen, von den Provinzen, die man dem König von Preußen ab⸗ gewinnen werde, und in Ausſicht auf dieſen Gewinn ſetzte man das luxuriöſe, prunkende und üppige Leben fort. Was kümmerte es den Grafen Brühl, daß die Armee nur für vierzehn Tage mit Lebensmitteln ein⸗ gerichtet und daß dieſe vierzehn Tage bald abgelaufen ſeien, ohne daß es möglich geweſen, dem Heer neue Nahrungsmittel zuzuführen. Denn der König von Preußen hatte ringsum die Ausgänge des Engpaſſes beſetzt, und ließ keinen Wagen, außer dem Fourage⸗ wagen des Königs, die Straße paſſiren. Beſſer als die Generale der ſächſiſchen Armee kannte der König den fürchterlichen, den nnüberwindlichen Feind, welcher auf das Lager von Pirna heranmarſchirte. Was hal⸗ fen gegen dieſen Feind die Verhaue, die Böſchungen und Palliſſaden, mit denen man ringsum das Lager gegen den Feind von außen geſichert. Dieſer Feind war in dem Lager, nicht außerhalb deſſelben, er hatte nicht nöthig die Palliſſaden und Verhaue zu erklettern, durch die Luft kam er dahergeflattert, und ließ auf jedem der Zelte als unheimlicher Todesvogel ſein grauſiges Wehegeſchrei vernehmen! Dieſer Feind war der Hunger, der entnervende, entmuthigende, demo⸗ raliſirende Hunger! Die vierzehn Tage waren abgelaufen, und im La⸗ ger von Pirna ſchmachteten ſiebenzehntauſend Menſchen. Schon wurden die Brod⸗Portionen immer kleiner, ſchon wurde nur noch der dritte Theil der gewöhnlichen Fleiſchrationen ausgetheilt, und auch den Pferden ihre Nahrung um ein Drittheil verkürzt. Trauer und Weh⸗ klage herrſchte im Lager.— Was kümmerte das den — 191— Grafen Brühl? Er lebte da oben in üppiger Pracht mit dem König, und wenn er aus einem der glänzen⸗ den Säle herunterſchaute in das Thal, ſo ſah er da unten zu den Füßen des Berges auf der kleinen Wieſe neben der Elbe die Heerde von Kühen und Kälbern, von Schafen und Rindern, welche lebten, um für ihren König zu ſterben, gleich den ſächſiſchen Kriegern! Dieſe Heerde von Thieren war für die königliche Ta⸗ fel beſtimmt, und man hatte alſo nicht zu fürchten, daß der Feind, welcher die Armee heimſuchte, ſeinen Weg auch fortſetze bis hinauf in die Prunkſäle der königlichen Feſtung. Außerdem war es bei Todes⸗ ſtrafe verboten, eins dieſer Thiere, welche für die kö⸗ nigliche Tafel beſtimmt waren, dieſem edlen Berufe zu entziehen, um es etwa dazu zu verwenden, die hungrigen Krieger zu ſättigen, und Graf Brühl konnte daher ganz ruhig erwarten, bis die öſterreichiſche Armee, deren eine Heeresabtheilung unter dem General Brown ſchon in Geſchwindmärſchen daherzog, zum Erſatz des ſächſiſchen Lagers angelangt ſei. Während der König von Polen daher mit ſeinem Miniſter glückliche und ſybaritiſche Tage auf der Feſte Königſtein verlebte, war die Königin mit den Prinzen des Königshauſes in Dresden zurückgeblieben; und obwohl ſie den ſchwankenden und unentſchiedenen Cha⸗ rakter ihres Gemahls kannte, und wußte, daß der König von Preußen, auf dieſen rechnend, ſich mit ihm in einen Briefwechſel eingelaſſen hatte, um den Chur⸗ fürſten zur entſchiedenen Neutralität zu bereden, ſo fürchtete die Königin diesmal doch nicht, ihren Gemahl nachgeben zu ſehen. War doch Graf Brühl, der glü⸗ hende und unverſöhnliche Feind Preußens, an ſeiner Seite, und hatte der König ſeiner Gemahlin doch, be⸗ vor er in's Lager abgereiſt, mit feierlichem Handſchlag — 192— gelobt,„lieber alles Unglück über ſich ergehen zu laſſen, als die Partei ihres Feindes zu ergreifen“.*) Die Königin fühlte ſich alſo von dieſer Seite voll⸗ kommen ſicher, und ſie war deshalb in Dresden aus zweierlei Gründen zurückgeblieben, einmal um den König von Preußen zu bewachen, und dann,— um das Archiv vor jedem Angriff zu ſchützen, dieſes Ar⸗ chiv, welches die koſtbarſten Schätze der ſächſiſchen Diplomatie, die wichtigſten Geheimniſſe ihrer Verbün⸗ deten enthielt. Höher als die im grünen Gewölbe aufbewahrten Juwelen der Krone ſchätzte die Königin von Polen dieſe Papiere des Archivs, und wenn ſie die Aufbewahrung jener den dazu angeſtellten Beam⸗ ten überließ, ſo ſchien ihr Niemand ſicher genug, um dieſe bewachen zu können. Niemand als ſie allein konnte als unbezwinglicher Drache dieſen koſtbaren Schatz ſicher beſchützen, und keinem anderen Menſchen wollte ſie daher dieſes Geſchäft anvertrauen. Das Staatsarchiv ward in drei Zimmern des Schloſſes aufbewahrt, die keinen anderen Ausgang nach außen hatten, als nur dieſen Einen, welcher in eines der Zimmer der Königin führte. Dieſes Zimmer nun wählte die Königin zu ihrem bleibenden Aufenthalts⸗ ort, dort lebte ſie, dort arbeitete und ſchlief ſie, dort ertheilte ſie Audienzen und empfing die Beſuche der Churprinzen und der fremden Geſandten, immer dieſe heilige Pforte bewachend, zu welcher ſie allein einen Schlüſſel beſaß, den ſie an goldener Kette um ihren Hals trug. Und dennoch zitterte ſie noch immer um dieſen koſt⸗ baren Schatz, und die Freundlichkeit und anſcheinende *) Charakteriſtik des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. S. 52. — 195— zu ſeinen Beamten zu ernennen, daß alle öffentlichen Aemter und Stellen nur von Ketzern verſehen werden dürfen? Aber die Sündfluth wird hereinbrechen über dieſes ſündige Volk und wird es vernichten. Die Königin bekreuzte ſich und murmelte leiſe Ge⸗ bete vor ſich hin. Gräfin Ogilva fuhr fort: Und auchnin dieſem hölli⸗ ſchen Unglauben beſtärkt dieſer ketzeriſche König das ketzeriſche Sachſenvolk. Er, von dem man weiß, daß er aller Religion, ſelbſt ſeiner eigenen ſpottet, er hat geſtern die proteſtantiſche Kirche beſucht, um allem Volk zu zeigen, daß er ein Beſchützer ſeiner Reli⸗ gion ſei. Wehe, wehe über ihn! wimmerte die Königin. Mit aufmerkſamem Ohr hat er dem Vortrag ihres ſogenannten Predigers zugehört und hat dann laut ſeinen Beifall mit dieſer Rede geäußert. Weil er aber wohl wußte, daß dieſer Prediger ein Liebling des Ketzervolkes in Dresden iſt, wollte der ſchlaue König ihm noch ein beſonderes Zeichen ſeiner Gnade geben. Wollen Euer Majeſtät wiſſen, was für ein Geſchenk er dieſem Prediger gemacht hat? Nun, rief Marie Joſephine mit einem höhniſt Lachen, vielleicht eine Bibel mit Randbemerkungen ſeinen verruchten Freunden Voltaire und la Mettr Nein, Majeſtät. Der König ſandte dem beredten Kanzelredner ein halbes Dutzend Flaſchen Champagner⸗ wein.*) Er iſt ein gottesläſterlicher Spötter ſelbſt an dem, was er für heilig erklärt, rief die Königin. Aber die Strafe wird ihn ereilen, ſie ſchwebt ſchon wie d S. 137 * *) v. Archenholtz. Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Bd. 1. 10. — 196— Geier über ihm und hat ihre Fänge nach ihm aus⸗ geſtreckt. Schon erſchallt die Stimme meines erhabe⸗ nen Neffen, des Kaiſers von Deutſchland, durch das ganze Reich, ſchon wird in allen deutſchen Städten das Dehortatorium des Kaiſers verkündet, welches den ländergierigen König ermahnt, von ſeiner unerhörten, höchſt frevelhaften und ſträflichen Empörung abzulaſſen, dem König von Polen alle Koſten zu erſtatten, und ſtill und ruhig nach Hauſe zu gehen. Es iſt möglich daß der König in ſeinem Uebermuth nicht darauf achtet, aber ein offneres Ohr wird hoffentlich der deutſche Kaiſer bei den Generalen und Kriegsoberſten des Uſurpators finden. Dieſen befiehlt der Kaiſer durch Avocatoria„ihren gottloſen Herrn zu verlaſſen, und ſeine entſetzlichen Verbrechen nicht zu theilen, wofern ſie ſich nicht der Ahndung des Reichsoberhauptes bloß⸗ ſtellen wollten.“*) 3 Ich fürchte, ſeufzte Gräfin Ogilva, die Augen zum Himmel wendend, ich fürchte, ſie werden in ihrem Uebermuth die heilige Stimme des rechtgläubigen Kai⸗ ſers nicht hören. So werden ſie die Stimme ſeiner Kanonen hören müſſen, rief Marie Joſephine ungeſtüm, ſo wird der Donner unſerer Geſchütze mit dem Zorn Gottes über ſie hinfahren und ſie zerſchmettern, und wie vom Blitze zerſchlagen werden dieſe ketzeriſchen Schaaren zu Boden ſinken vor den Schwertern, die der heilige Vater, der Statthalter Gottes, geſegnet hat! In dieſem Moment ward die Thür des Vorſaals haſtig geöffnet, und der dienſthabende Kammerherr der Königin erſchien auf der Schwelle. *) Preuß. Lebensgeſchichte Friedrichs des Großen Th. II. Seite 9. — 197— Euer Majeſtät, ſagte er, ein Abgeſandter des Kö⸗ nigs von Preußen bittet um die Gnade einer Audienz. Die Königin runzelte die Stirn und erröthete vor Zorn. Sagen Sie dem Herrn Abgeſandten, befahl ſie, daß ich durchaus verhindert bin, ſeinen Beſuch zu empfangen. Er möge daher die Güte haben, Ihnen ſeinen Auftrag mitzutheilen. Es wird wieder eine ſeiner heuchleriſchen Freund⸗ ſchaftsverſicherungen ſein, ſagte die Königin, als der Kammerherr ſich entfernt hatte. Ohne Zweifel führt er wieder etwas Böſes im Schilde, und will uns da⸗ her ſtreicheln bevor er uns kratzt. Eben kehrte der Kammerherr zurück, aber ſein vorher lächelndes Geſicht war jetzt bleich und ſchrek⸗ kensvoll. Nun? fragte die Königin, welche Botſchaft bringt mir der Herr Abgeſandte des Königs von Preußen? Oh, Majeſtät, ſtammelte der zitternde Höfling, meine Lippen werden es nicht wagen ſeine Worte zu wiederholen, und nie würde ich den Muth haben zu ſagen, was er fordert.. Er fordert etwas? rief die Königin. Iſt es da⸗ hin ſchon gekommen, daß ein fremder Fürſt in unſe⸗ ren Landen ſtatt zu bitten fordern darf? Gehen Sie, Frau Gräfin, ich ſende Sie, um in meinem Namen, und von mir bevollmächtigt die Botſchaft des Königs von Preußen zu vernehmen, und ich befehle Ihnen mir die Wahrheit zu ſagen! Die Oberſthofmeiſterin, Gräfin Ogilva, verließ mit dem Kammerherrn das königliche Gemach, Marie Jo⸗ ſephine blieb allein. Und allein mit ſich ſelber hatte ſie nicht mehr nöthig dieſe Maske der ſtolzen Ruhe, der überlegenen Sicherheit zu bewahren, allein mit ſich ſelber durfte die Königin ſich erlauben, Weib zu ſein. — 198— Sie drängte die Thränen, welche in ihre Augen ſchoſſen, nicht mehr zurück, ſie unterdrückte nicht mehr die bangen Seufzer, welche ihre Bruſt beklemmten, ſie weinte und klagte, ſie bangte und zitterte, wie ein Weib. Als ſie aber Geräuſch im Vorzimmer vernahm, trocknete ſie ſchnell wieder ihre Thränen und legte die ſtolze Maske ihres Königthums wieder an. Es war die Gräfin, welche zurückkehrte. Schwei⸗ gend und langſam durchſchritt ſie das Gemach. Ihr gelbes, farbloſes Antlitz hatte einen finſteren, zornigen Ausdruck, ein Zug wilden Spottes umſpielte ihre ſchmalen blaſſen Lippen. Der König von Preußen, ſagte ſie dann mit leiſer, flüſternder Stimme, als ſie dicht vor der Königin ſtand, der König von Preußen verlangt, daß ſeinem Abge⸗ ſandten, dem Major von Wangenheim, die Schlüſſel zum churfürſtlichen Staatsarchiv ausgeliefert werden. Die Königin ſtieß einen Schrei aus, und ſich von ihrem Sitz erhebend, richtete ſie ſich ſtolz und hoch empor. Sagen Sie dem Executor des Markgrafen von Brandenburg, daß er dieſe Schlüſſel niemals bekom⸗ men wird, rief ſie mit gebieteriſcher Stimme. Die Gräfin verbeugte ſich, und ging wieder hin⸗ aus. Er iſt fort, ſagte ſie dann, zu der Königin zu⸗ rückkehrend. Aber er ſagte, er fürchte, daß er oder ein Anderer wiederkehren werde. So laſſen Sie uns jetzt berathen, was zu thun iſt, ſagte die Königin. Rufen Sie Pater Guarini, da⸗ mit auch er uns ſeinen Rath ertheile. Dank dieſer Berathung Marie Joſephinens mit ihrem Beichtvater und ihrer Oberhofmeiſterin ließ ſie den Abgeſandten des Königs von Preußen, als er nach einer Stunde um eine Audienz nachſuchen ließ, — 199— nicht abweiſen. Dies Mal war es nicht der Major von Wangenheim, ſondern der General von Wylich, der preußiſche Commandant von Dresden, welchen der König ſandte. Marie Joſephine empfing ihn in dieſem Zimmer, welches an das Archiv grenzte. Sie ſaß auf dem Divan neben der verhängnißvollen Thür, und hörte mit ſtolzer Gleichgültigkeit dem General zu, welcher die frühere Forderung wiederholte, und im Namen ſeines Königs die Schlüſſel zum Staatsarchiv forderte. Die Königin wandte ſich an ihre Oberhofmeiſterin. Wie, Frau Gräfin? ſagte ſie, ſind Sie ſo nachläſſig in Ihrem Dienſt? Befahl ich Ihnen nicht, auf dieſe Botſchaft des Königs, welche indeſſen wahrlich keine königliche Botſchaft iſt, zu erwiedern, daß ich dieſe Schlüſſel, welche das Eigenthum des Churfürſten von Sachſen ſind, und die er mir anvertraut hat, in keines anderen Menſchen Hände niederlegen werde, als in die meines Herrn und Gemahls? Majeſtät, ich hatte die Ehre Ihre Befehle zu er⸗ füllen, ſagte die Gräfin ehrerbietig. Die Königin wandte ihr ſtolz zurückgeworfenes Haupt zu dem General von Wylich hin. Wie kommt es alsdann, mein Herr, ſagte ſie, daß Sie es wagen, mir noch einmal eine Bitte vorzutragen, auf die ich ſchon abſchläglich und verneinend geantwortet habe? Oh, Majeſtät wollen mir gnädigſt verzeihen, rief General von Wylich tief bewegt, aber Se. Majeſtät, mein Herr und mein König, hat mir die gemeſſenſten Befehle ertheilt, mich der Schlüſſel des Archivs zu be⸗ mächtigen, und ihm die Papiere deſſelben zu über⸗ bringen. Ich bin daher in die traurige Nothwendig⸗ keit verſetzt, Euer Majeſtät anzuflehen, dem Willen meines Königs zu willfahren. 1 Niemals wird das geſchehen, rief die Königin, ſich ſtolz erhebend, niemals wird dieſe Thür dort ſich Ihnen öffnen, niemals werde ich Ihnen den Eingang zu der⸗ ſelben geſtatten. Oh, Majeſtät, ſeien ſie barmherzig, flehte der Ge⸗ neral, ich darf nicht von hier fortgehen, ohne des Kö⸗ nigs Befehle erfüllt zu haben. Haben Sie Mitleid mit meinem Kummer, Majeſtät. Geben Sie mir gnädigſt die Schlüſſel zu jener Thür. Hören Sie, ſagte die Königin, bleich vor Zorn und mit flammenden Augen, ich werde Ihnen dieſe Schlüſſel nicht geben, und wenn Sie dieſelben mit Ihrem Schwert öffnen wollen, ſo werde ich mit mei⸗ nem Leibe ſie decken. Jetzt, mein Herr, wenn Sie die Königin von Polen morden wollen, ſo öffnen Sie die Thür. Und ihre ſtolze, impoſante Geſtalt hochaufrichtend, ſtellte die Königin ſich mit ausgebreiteten Armen vor die Thür hin. Gnade, Gnade, Frau Königin, rief der General. Zwingen Sie mich nicht zu dem Entſetzlichſten, Ma⸗ jeſtät. Wollen Sie mich nicht zum Verbrecher machen an der geheiligten Majeſtät. Ich darf nicht ohne die Papiere des Archivs zu meinem König zurückkehren. Ich flehe daher Euer Majeſtät auf meinen Knieen an, mir dieſe Schlüſſel auszuliefern! So ſprechend beugte der General ſich auf ſeine Kniee nieder vor der Königin, welche noch immer hoch⸗ aufgerichtet an der Thür des Archiv's lehnte.. Ich werde Ihnen dieſe Schlüſſel nicht geben, ſagte ſie mit einem triumphirenden Lücheln. Ich weiche 6 dieſer Thür, und werde ſie Ihnen nicht nen! General von Wylich erhob ſich von ſeinen Knieen. — Sein Antlitz, welches todteubleich war, zeigte einen feſten entſchiedenen Ausdruck. Wenn man in dieſes energiſche kühne Geſicht ſah, fühlte man, daß der Ge⸗ neral ſeinen feſten, unerſchütterlichen Entſchluß gefaßt habe, daß der Cavalier dem gehorſamen Soldaten habe weichen müſſen. Frau Königin von Polen, Frau Churfürſtin von Sachſen, ſagte er mit ſtarker, feſter Stimme, ich habe die gemeſſenſten Befehle des Königs, ihm die Papiere des Archivs zu bringen. Unten vor dem Schloßportal halten ſchon die Wagen, welche dazu beſtimmt ſind, die Papiere fortzufahren. Ein Detachement Soldaten ſteht neben denſelben. Ich habe nur nöthig, das Fen⸗ ſter zu öffnen, und ihnen einen Wink zu geben, ſo kommen ſie herauf. Im Vorſaal ſtehen die vier Offi⸗ ziere, welche mich hierher begleitet. Ich habe nur nöthig, dieſe Thür zu öffnen, um ſie an meiner Seite zu haben. Was wollen Sie damit ſagen? fragte die Königin mit minder feſtem Ton, und ihre erhobenen Arme, welche ſie über die Thür gebreitet, ſanken herab. Ich will damit ſagen, daß ich dieſe Thür um je⸗ den Preis öffnen muß, daß, wenn man mir die Thür nicht öffnet, ich meine Soldaten rufen werde, um ſie zu durchbrechen, wie ſie gelernt haben, die Mauern einer Feſtung zu durchbrechen, daß, wenn die Königin von Polen ihre erhabene Stellung nicht ſo hoch ſchätzt, um ſie vor jedem Angriff zu ſichern, ich ein Ver⸗ brechen an Ihrer Majeſtät begehen, und an die ge⸗ heiligte Perſon einer Fürſtin Hand anlegen muß, um ſie von jener Thür fortzudrängen, bevor meine Sol⸗ daten kommen, ſie einzuſchlagen. Aber bevor ich das thue, beuge ich noch einmal meine Kniee, und flehe — 202— Euer Majeſtät an, mich vor dieſem Verbrechen zu be⸗ wahren, und Gnade zu üben. Und zum zweiten Mal beugte der General ſein Knie und wiederholte feierlich: Gnade, Euer Majeſtät, Gnade! 3 Gnade! Gnadel riefen die Oberhofmeiſterin und der Beichtvater, welche in dem Antlitz des Generals geleſen hatten, daß er Alles das thun würde, was er geſagt hatte, und die jetzt neben ihm vor der Königin auf ihre Kniee niederſanken. Euer Majeſtät haben Alles gethan, Ihrer Ehre und Ihrer Würde zu ge⸗ nügen. Jetzt iſt der Moment gekommen, wo Euer Majeſtät Ihre geheiligte Perſon vor einer Beſchimpfung erretten müſſen. Gnade alſo, Gnade mit Ihrer be⸗ droheten Majeſtät.. Nein, nein, murmelte die Königin, ich kann es nicht. Oh, oh, das Sterben wäre ſüß, gegen dieſes demüthigende Unterliegen! 8 Jetzt erhob ſich der Beichtvater der Königin, der Jeſuitenpater Guarini von ſeinen Knieen, und ſeinen Arm gegen die Königin ausſtreckend, rief er mit ge⸗ bieteriſcher Stimme: meine Tochter, kraft meines Amtes als ein Diener der geheiligten Mutterkirche, welcher Sie Gehorſam und Treue ſchuldig ſind, be⸗ fehle ich Ihnen, den Schlüſſel zu jener Thür dieſem Manne hier zu überliefern! Die Königin ſeufzte tief auf und ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt, aus welcher ein dumpfes, krampfhaftes Stöhnen hervordrang. Dann mit einer raſchen Be⸗ wegung zog ſie den Schlüſſel aus ihrem Buſen hervor und machte ihn von der Kette los. Ich gehorche Ihnen, mein Vater, ſagte ſie. Herr General, hier haben Sie den Schlüſſel. Es ſteht Ihnen frei, das Archiv zu öffnen. Der General von Wylich nahm noch knieend den Schlüſſel an, und küßte ehrfurchtsvoll die Hand, welche ihn darreichte. Dann erhob er ſich und ſagte mit ge⸗ rührter Stimme, ſich tief vor der Königin verneigend: Jetzt habe ich Euer Majeſtät nur noch um dieſe letzte Gunſt anzuflehen, dieſes Zimmer gnädigſt verlaſſen zu wollen, damit ich meine Soldaten rufen kann, um die Papiere fortzuſchaffen.*) Die Königin erwiederte kein Wort, ſie wandte ſich ab, und ohne den General auch nur weiter eines Blickes zu würdigen, verließ ſie, gefolgt von der Grä⸗ fin Ogilva und dem Pater Guarini, das Zimmer. Jetzt, ſagte ſie zu ihrer Oberhofmeiſterin, als ſie in den kleinen Empfangsſaal der Königin eintraten, jetzt ſenden Sie ſofort Boten nach allen Geſandten der auswärtigen Mächte, und laſſen Sie dieſelben auffordern zu mir zu kommen! *) Dieſe Papiere, die Originalſchriften aller jener Briefe und Depeſchen, welche der König durch die Verrätherei des ſächſiſchen Canzelliſten Menzel erhalten, wanderten nach Berlin, und aus ihnen mußte der Miniſter von Hertzberg in acht Tagen jenes be⸗ rühmte„Mémoire raisonné“ verfaſſen, das ſodann gedruckt und nicht bloß an allen Höfen, ſondern auch in allen Städten vertheilt wurde, um aller Welt ein Zeugniß abzulegen, daß er dieſen Krieg nicht muthwillig begonnen habe, ſondern von ſeinen intriguiren⸗ den verbündeten Feinden, dazu gedrängt worden ſei.(. reuß. Friedrich der Große. Th. II. S. 11.) „ XV. Das gedemüthigte Säͤchſen. Eine halbe Stunde ſpäter waren die Geſandten von Frankreich, Oeſterreich, Holland, Rußland und Schweden in dem Empfangsſaal der Königin ver⸗ ſammelt. Die Königin ſtand in ihrer Mitte, bleich und zit⸗ ternd vor Zorn. Mit dem ganzen ſtolzen Pathos des Unglücks und der gedemüthigten Majeſtät ſchilderte ſie ihnen die widerfahrene Kränkung, und forderte ſie auf, ſofort an ihre Höfe zu ſchreiben, und die befreundeten Herrſcher um Beiſtand für das ſchwer bedrohte Chur⸗ fürſtenhaus anzuflehen. 3 Und indem Ihre Fürſten uns Hülfe ſenden gegen dieſen Uſurpator, rief ſie mit glühenden Augen, indem ſie mich vertheidigen, werden ſie ihre eigenen Rechte, ihre eigene Ehre vertheidigen. Denn meine Sache iſt jetzt die Sache aller Könige, und dieſe frevleriſche Hand, welche ſich wider mein Haupt erhob, hat ſich gegen die Kronen aller Fürſten erhoben.*) Der län⸗ derſüchtige Markgraf von Brandenburg, welcher ſich König von Preußen nennt, wird uns Alle vernichten, wenn wir ihm nicht zuvorzukommen wiſſen, und ihn vernichten. Ich meinestheils ſchwöre ihm einen ewi⸗ gen Widerſtand, eine ewige Feindſchaft! Möge ich in dieſem Kampfe untergehen, wenn nur meine Beleidi⸗ *) v. Archenholtz. Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Th. I. Seite 12. ——— — — 205— gung gerächt wird, wenn nur meine Ehre ungefährdet bleibt! Eilen Sie daher, meine Herren, und verkün⸗ den Sie Ihren Höfen, was hier geſchehen iſt! Ich werde der Erſte ſein, welcher das thut, ſagte der franzöſiſche Geſandte, Graf Broglio, indem er ſich der Königin näherte. Ich werde dem Könige, meinem erhabenen Herrn, die Worte wiederholen, welche Euer Majeſtät ſo eben geſprochen, ich werde der Dauphine von Frankreich, Euer Majeſtät erhabenen Tochter, die Leiden ſchildern, welche ihre königliche Mutter hier zu dulden hat, und ich weiß, ſie wird Alles anwenden, um Hülfe zu ſenden. Haben Euer Majeſtät die Gnade, mich zu beurlauben. Ich reiſe noch heute nach Paris. 4 Wie rief die Königin, Sie reiſen? Sie verlaſſen meinen Hof in der Stunde des Unglücks? Oh, Majeſtät, ich würde der Letzte ſein, dies zu thun, aber die Nothwendigkeit zwingt mich dazu. Der König von Preußen hat mich verabſchiedet und mir meine Päſſe geſandt. Ihre Päſſe geſandt, Sie verabſchiedet! rief die Kö⸗ nigin mit flammenden Augen. Wie, habe ich denn recht gehört? Sprechen Sie nicht von dem König von Preußen? Hat er ſich denn zum König von Sachſen gemacht? Ehe irgend Jemand Zeit hatte dieſe ſchmerzliche Frage der Königin zu beantworten, öffuete ſich eine Thür und herein traten die Conferenz⸗Miniſter des Churfürſten und Königs, hinter ihnen ſah man das angſtvolle, bleiche Geſicht des Grafen von Lenke, des Kammerherrn des Königs von Polen. Langſam und ſchweigend durchſchritten dieſe Herren das Gemach und näherten ſich der Königin. Wir kommen, ſagte der Graf von Hoymb, ſich tief — 206— verneigend, wir kommen um uns von Euer Majeſtät zu verabſchieden! 4 3 Die Königin trat erſtaunt einen Schritt zurück, und blickte die vier Miniſter, welche traurig und mit geſenkten Häuptern vor ihr ſtanden, entſetzt an. Hat der König, mein Gemahl, Sie gerufen, fragte ſie, und wollen Sie ſich verabſchieden, um zu ihm auf den Königſtein zu gehen? Nein, Majeſtät, wir kommen uns zu verabſchieden, weil wir ſo eben von dem König von Preußen aus unſeren Aemtern entlaſſen worden ſind.*) Die Königin erwiederte nichts. Sie zuckte nur leiſe in ſich zuſammen und ließ ihre wirren Blicke auf den Geſichtern der Verſammelten umherſchweifen. Jetzt hafteten ſie auf dem bleichen Antlitz des könig⸗ lichen Kammerherrn. Nun? fragte ſie, und Sie? Bringen Sie mir eine Botſchaft von meinem Gemahl? Kommen Sie vom Königſtein? Ja, Majeſtät, ich komme vom Königſtein, aber es iſt keine gute Botſchaft, welche ich bringe. Der König von Polen und Churfürſt von Sachſen hat mich nach Dresden geſandt, um von dem König von Preußen Päſſe zu erbitten, für den König und den Grafen Brühl. Päſſe zu einer Neiſe nach Warſchau, wohin Se. Majeſtät ſich wegen des zu eröffnenden Reichs⸗ tages begeben muß. Oh, ächzte die Königin, zu denken, daß mein Ge⸗ mahl der Päſſe bedarf, um in ſein Königreich zu rei⸗ ſen, und daß er dieſe Päſſe von unſerem Feinde er⸗ bitten muß!— Und haben Sie die Befehle meines *) v. Archenholtz. Geſchichte des fiebenjährigen Krieges. Th. 1. Seite 12. 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