f. 85 6 4 4 † Leihbibliothee deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 von Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ·——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 53„„„ 3„=.„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. —4 RAriedrich der Große ſein n gef Zweite Folge: Friedrich der große und ſeine geſchwiſter. ————— Hiſtoriſcher Roman von 4 L. Mühlbach. Zweite Auflage. Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Auednd der Große und ſeine Geſe beſchwiſtet Hiſtoriſcher Roman von L. Mühlbach. Erſte Abtheilung. Erſter Band. Zweite Auflage. Berlin 1857. Verlag von Otto Janke. 3 N „ A* 8 Vorwort. Dieſer dritte und letzte Cyelus meiner Dar⸗ ſtellungen aus dem Leben und der Zeit Friedrichs des Großen, dem ich den Titel„Friedrich der Große und ſeine Geſchwiſter“ gegeben habe, glie⸗ dert ſich in zwei Abtheilungen, deren erſte in den hier vorliegenden drei Bänden erſcheint. Ich glaube zunächſt an dieſen äußerlichen Umſtand anknüpfen zu müſſen, um der hinundwieder rege gewordenen Anſicht mancher Kritiker, als ſei die künſtleriſche Einheit und Totalität meiner Compoſition durch ein rhapſodiſches Aneinanderreihen einzelner Si⸗ tuationen gefährdet und unmöglich gemacht wor⸗ den, ſogleich durch den Hinweis auf die noch rückſtändige Schlußabtheilung des ganzen Werkes entgegenzutreten. Ueberhaupt glaube ich, daß erſt die Geſammtanſicht meiner Arbeit, die doch nur in letzter Inſtanz die entſcheidende werden kann, die richtige Anſchauung über das Verhältuiß des Einzelnen zum Ganzen zu gewähren im Stande ſei. Mein Beſtreben iſt allerdings darauf ge⸗ richtet geweſen, ein Ganzes zu liefern, das ſich freilich vorzugsweiſe an den Faden der großen königlichen Perſönlichkeit, die den Gegenſtand mei⸗ ner Darſtellungen bildet, anreihen mußte. Da⸗ bei durfte ich wohl mancher individuellen Einzel⸗ Schattirung der Zeit reichlicher nachgeben, wenn ſie Motive in ſich zeigte, durch welche die Wir⸗ kungen, die Friedrich der Große nach allen Seiten und in alle Gebiete ſeiner Zeit hinübertrug, in ihrer ganzen Fülle und Ausgiebigkeit hervortreten konnten. Dem hiſtoriſchen Roman, wie geſchloſſen und ſtraff auch ſeine Aufgabe in ſich ſelber iſt, VII wird man doch das bildneriſche Sichgehenlaſſen im individuellen Einzelleben der Zeit um ſo mehr geſtatten müſſen, je mehr dadurch die ganze Fülle der charakteriſtiſchen Lebendigkeit einer Epoche her⸗ aufbeſchworen und zur Geſtaltung gefördert wird. Das große Lebensbild, welches auf der Höhe ſeiner Zeit ruhte, zeigt auch darin ſeine univerſale Bedeutung für dieſelbe, daß alle einzelnen Er⸗ ſcheinungen der Epoche gewiſſermaßen zu ihm wie zu ihrem wahren Begriff zurückſtrebten und in ihm nur ihren Gipfelpunkt charakteriſiren halfen. Wenn ich in dieſem Sinne mein Unternehmen zu Ende zu führen ſtrebe, ſo wünſche ich, daß die Gunſt meiner Leſer, die mir auf dieſem wei⸗ ten Wege gefolgt, auch bei dem von mir erreichten Abſchluſſe des Ganzen verweilen möge. Meine begeiſterten Grundanſchauungen von der Perſön⸗ lichkeit Friedrichs des Großen, wie von der origi⸗ nalen ſchöpferiſchen Fülle ſeines Genius und Charakters, haben ſich mir im Fortgang meiner Arbeit nicht beſchränken und abſchwächen können, obwohl ich in den letzten Partieen meines Buches den verhängnißvollen Umſchlag zu entwickeln hatte, welcher die eigentliche Lebensfrucht Friedrichs des Großen zu nennen iſt, und welcher die friſche Hinge⸗ bungsfülle der Jugend und des männlichen Alters zu einer der Welt entgegengekehrten und gänzlich negativen Härte verknöchert zeigt. Ich glaubte mich aber ſowohl in meinem Enthuſiasmus wie in meiner Kritik über die Perſönlichkeit Friedrichs des Großen von allen willkührlichen Auffaſſungen durch ein treues und vielſeitiges Studium aller Zeitquellen befreien zu müſſen und dieſe Bedin⸗ gung habe ich mir, wie man hoffentlich finden wird, in den Fortſetzungen meines Werkes in einer noch ſtrengeren und ausgreifenderen Weiſe auf⸗ erlegt. Das Studium der Werke Friedrichs ſelbſt ſtand mir dabei obenan und ich fügte mir aus IX ihnen die große und zuſammenhangsvolle Inner⸗ lichkeit eines Charakters zuſammen, in dem die idealen und realen Seiten zwar oft einen unver⸗ einbaren Widerſpruch bilden, der aber doch als Herrſcher, Held und Menſch in einer glänzenden Einheit ſeiner geſchichtlichen Kraft und Größe er⸗ ſcheint. Die Kränze der Dichtung, die ich an dem großen Geſchichtsbilde aufzuhängen gewagt, durf⸗ ten nur aus dem innerſten Geiſt deſſelben herge⸗ nommen und gebildet werden, und in dieſem Sinne wurde die hiſtoriſche Wahrheit ſelbſt meine eigentliche Muſe, der ich ein treues und allſeiti⸗ ges Bild der Wirklichkeit, ohne Rückſicht auf die Stellung deſſelben zur heutigen Gegenwart, ab⸗ zugewinnen ſuchte! Berlin, den 1. Juni 1854. Clara Mundt. f. Mühlbach. Inhaltsverzeichniß des erſten Zandes. Kapitel I. ⸗ II. ⸗ III. „ IV. 2 V. VI „ VII ⸗ VIII. . 1X. ⸗ X. ⸗ Xl. „ XII. „ XIII. XIV. XV. Der König als Familienvater Prinz Heinrich Luiſe von Kleiſt. Auf dem Maskenball Ein heimlicher Hauptmann Der Nachlaß des Pandurenobriſten von Trenck Die Aufhebung der Tortur. Der Bräutigant wider Willen Die erſte Enttäuſchung Der Beſiegte...... Die reiſenden Muſikanten Reiſeabenteuer Auf der Treckſchuite. In Amſterdam. Der König ohne Schuhe. —— Seite — Erſtes Buch. Prinz Heinrich. Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. — J. Der Rönig als Familienvater. Der König legte ſeine Flöte bei Seite und ging nachdenklich, die Hände auf dem Rücken gefaltet, in ſeinem Arbeitszimmer in Sansſouci auf und ab. Sein Anlitz war jetzt wieder ruhig, ſeine Stirn wolkenlos, denn er hatte mit Hülfe der Muſik ſeine Seele wieder friedlich geſtimmt, und das Mißvergnügen und der Zorn, den er kurz zuvor noch ſo lebhaft empfunden, hatte den melodiſchen Tönen ſeiner Flöte weichen müſſen. Der König war nicht mehr zornig und mißver⸗ gnügt, aber wehmüthig und faſt traurig, und das Lächeln, welches auf ſeinen Lippen zitterte, hatte etwas ſo Reſignirtes und Schmerzliches, daß der treue Mar⸗ quis d'Argens, wenn er es geſehen hätte, in laute Klagen würde ausgebrochen ſein, daß ſogar das bei⸗ ßende Scherzwort auf Voltaire’s Lippen würde ver⸗ ſtummt ſein. Aber weder der Marquis d'Argens, noch Voltaire, noch ſonſt einer der Freunde der heitern Tafelrunde war jetzt in Potsdam anweſend. D'Argens war mit ſeiner jungen Gattin Barbe Cochois zum Beſuch nach Frankreich gereiſt, Voltaire hatte ſich in Folge langer * 1* F —— Zwiſte und Streitigkeiten für immer entfernt, General Rothenburg hatte ſich auch für immer entfernt, nur daß er abgereiſt war in ein Land, von wannen keine Wiederkehr iſt, nur daß er geſtorben war. Mylord Marſchall war heimgekehrt nach Schottland, wie Alga⸗ rotti nach Italien, und Baſtiani hielt ſein Amt in Breslau feſt. Sansſouci, welches ſonſt der Mittel⸗ punkt heiterer Freude und lachenden Witzes geweſen, Sansſouci war jetzt einſam und ſtill; die Jugend, die Schhönheit, der Frohſinn ſchienen es auf immer verlaſſen zu haben, der Ernſt und die Pflicht hatten ſie ver⸗ drängt und thronten jetzt in ernſter Majeſtät in dieſen Räumen, welche ſonſt ſo oft das Lachen und den hei⸗ tern Scherz der glücklichen Genoſſen und Freunde des glücklichen Königs gehört hatten.— Daran dachte der König, als er jetzt mit auf den Rücken gefaltenen Händen auf⸗ und abging, und die Tage, welche geweſen, an ſeinem innern Auge vor⸗ beiziehen ließ. Ganz in dieſe Gedanken verſenkt blieb er vor jenem Bilde ſtehen, das dort drüben über ſei⸗ nem Schreibtiſche an der Wand hing, und welches Barbarina darſtellte in dem reizenden Coſtüm einer Schäferin, in welchem der König ſie vor zehn Jahren zum erſten Male geſehen, und in welchem Pesne ſie für den König hatte malen müſſen. Welche Erinne⸗ rungen, welche Träume zogen durch die Seele des Königs, als er jetzt den Blick auf dieſes anmuths⸗ volle, lächelnde Geſicht, auf dieſe großen feurigen Augen heftete, deren Anſchauen ihn einſt ſo beglückt hatte. Aber freilich, dieſes Einſt war ſchon lange her, es war vorübergerauſcht, wie ein Sonnenblick an einem trüben ſtürmiſchen Tage, es hatte ſich längſt unter dunkle Wolken gebettet und begraben. Aber dennoech erwärmte die Erinnerung daran das Herz des Könige. der jetzt ſo einſam und liebeleer dieſem Bilde gegen⸗ überſtand, und dieſem einſt ſo geliebten Angeſicht ge⸗ ſtand, was er ſich ſonſt ſelber nicht geſtehen mochte: daß ſein Herz ſich einſam fühle, daß er ſich langweile. Aber dieſes ſchwermuthsvolle Rückerinnern, dieſes wehmüthige Verſenken in die Vergangenheit dauerte nicht lange. Der König entriß ſich mit Gewalt dieſen gefährlichen Träumereien, und indem er von dem Bilde zurücktrat, warf er einen faſt gehäſſigen Scheide⸗ blick auf daſſelbe. Dieſes Alles iſt Thorheit, ſagte er leiſe. Man ſoll die Todten nicht wecken und von der Gegenwart nicht verlangen, daß ſie noch die Farben der Ver⸗ gangenheit trage. Alle Farben bleichen, wenn ſie dem Sonnenſchein, dem Sturm und dem Regen ausgeſetzt ſind, und das Leben iſt nicht mit dauerhafteren Far⸗ ben angeſtrichen, wie irgend eine andere Decoration. Es ſind Waſſerfarben, nichts als Waſſerfarben; der erſte Regen löſcht ſie hinweg, und gut iſt es, daß es ſo iſt, man verliert dadurch ſeine Illuſionen und Täu⸗ ſchungen, man lernt erkennen, wie wenig das Leben werth iſt, und wie wenig ächt ſeine buntſchillernden Farben ſind. Fort alſo mit dieſen Gedanken, die einem Manne, und am allerwenigſten einem Könige nicht ziemen. Ich will arbeiten! Er trat zu dem Schreibtiſch und griff nach den verſiegelten Briefen und Paketen, welche dort für ihn hingelegt waren. Ein Brief und ein Paket von der Königin, ſagte er dann verwundert, indem er den erſten Brief öffnete und ihn mit flüchtigem Blick über⸗ ſchauete. Dann flog ein ſpöttiſches Lächeln über ſein Angeſicht. Sie ſendet mir ihre franzöſiſche Ueber⸗ ſetzung eines Andachtsbuches, ſagte er achſelzuckend. Arme Königin, ihr Herz will immer noch nicht ſter⸗ —— ——— —— — — ben, obwohl es, beim Himmel, lange genug ſchon unter der Luftpumpe der Schmerzeu zittert. Arme Königin! 3 Er warf den Brief achtlos bei Seite, ohne nur einen Blick auf das Buch zu werfen, das die Königin ihm geſandt, und deſſen traurige und klagende Gebete nur ein Wiederhall der Gedanken waren, die in ihrem Herzen zitterten... Bagatellen, weiter nichts! murmelte der König, nachdem er auch die andern Briefe geleſen, und auf jeden derſelben einige bezeichnende und inhaltsvolle Worte geſchrieben, nach denen die Kabinetsſecretaire die Antworten auszuarbeiten hatten. Dann klingelte er haſtig und befahl dem eintretenden Lakayen, den Herrn von Pöllnitz, ſowie er im Vorzimmer erſcheine, zu ihm zu beſcheiden. Der Herr Baron iſt ſchon da, bemerkte der Lakay, und eilte fort ihn herbeizurufen. Wenige Minuten ſpäter öffnete ſich wieder die Thür, und das alte, verſchmitzte, ſüß lächelnde Antlitz des nnverwüſtlichen Höflings ſchaute herein. Treten Sie näher, ſagte der König, und indem er Pöllnitz einige Schritte entgegenging, fragte er haſtig: bringen Sie mir endlich ſeine Unterwerfung? Will mein Bruder Heinrich endlich einſehen, daß es ver⸗ geblich iſt, meinem Willen zu trotzen? Baron Pöllnitz zog mit einem Jammerblick die Schultern empor. Sire, ſagte er ſeufzend, der Prinz will es noch immer nicht begreifen, daß ein Prinz kein Herz haben darf! Er beharrt in ſeinem Ungehorſam und behauptet, ein Mann müſſe ſich nur dann einem Weibe veruählen, wenn er Liebe für daſſelbe empfinde, und derjenige wäre ſehr verächtlich und ſehr ſeig, . welcher ſich zwingen laſſe zu dem, was nur die freie Wahl des Herzens ſein dürfe. Pölluitz hatte mit niedergeſchlagenen Augen und mit ehrerbietiger Miene geſprochen, und ſchien es gar nicht zu ſehen, daß der König erröthete, und daß ſeine Augen aufflammten in Zorn. Ah, das wagte mein kleiner Bruder zu ſagen, rief der König. Er hat alſo den utopiſchen Gedanken, zu glauben, daß er ſeinen Willen gegen den meinigen durchſetzen werde. Sagen Sie ihm, daß er ſich irrt, daß er ſich Mir unterwerfen muß, wie ich es meinem Vater habe thun müſſen. 1 Das eben führt er als Beiſpiel an, warum er ſich nicht unterwerfen wird, ſagte Pöllnitz. Er meint, eine gezwungene Ehe könne niemals eine glückliche werden. Euere Majeſtät hätten durch Ihre gezwungene Ehe Sich ſelber nicht allein, ſondern auch die Königin un⸗ glücklich gemacht, und keine Frau ſei in Ihren Landen, welche mit Ihrer Gemahlin würde tauſchen mögen. Der König ließ ſeine Blicke mit einem durchboh⸗ renden Ausdruck auf Pöllnitzens ehrfurchtsvollem Ant⸗ litz ruhen. Weiß Er, ſagte er, daß es vielleicht weiſer und klüger wäre, wenn er einige der Worte meines ſuperklugen Bruders vergeſſen hätte? Euere Majeſtät haben mir befohlen, Ihnen getreu⸗ lich jedes Wort des Prinzen wieder zu ſagen. Und Er iſt zu ſehr ein Mann der Wahrheit und des Gehorſams, zu wenig em Höfling und ein Augen⸗ diener, um nicht jede Lüge vermeiden zu wollen, nicht wahr? Ah, vraiment, jetzt macht Er ein Geſicht, als ob Er ſich der heiligen Inquiſition gegenüber befände und ſich als zerknirſchten Sünder fühle. Laſſe Er das! Ich kenne Ihn, und ich weiß ſehr wohl, daß Er ein doppeltes Spiel ſpielt, und daß es Ihm im Grunde ——— — Seines Herzens Freude macht, dieſe Familienzwiſte in unſerer Familie mit Seinen hämiſchen Zwiſchenträge⸗ reien zu ſchüren. Er hat es ſo gemacht mit mir und meinem Vater; Er iſt der Vertraute meiner unglück⸗ lichen Schweſter Amalie geweſen und jetzt will Er es abermals ſo machen mit mir und meinem Bruder Heinrich. Aber ich warne Ihn, folge Er nicht ſo ſehr Seinem boshaften Herzen, ſondern nehme Er nach derjenigen Seiner Religionen, der Er am längſten an⸗ gehangen hat, ein wenig Weisheit und Milde an, und ſuche Er das, was ſchon ſchlimm genug iſt, nicht noch ſchlimmer zu machen. Ich will, daß mein Bruder Heinrich ſich vermähle, hört Er wohl, ich will es, und Ihn, mein Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter Baron von Pöllnitz, Ihn wird mein Zorn treffen, wenn es nicht geſchieht. Und wenn es geſchieht, Sire, fragte Pöllnitz in ſeiner lächelnden unverſchämten Weiſe. Wenn ich den Prinzen überrede, ſich dem Willen Euerer Majeſtät zu fügen, welcher Lohn wird mir dann? Denn ich kann unmöglich glauben, daß es für das Mißlingen nur Strafe, für das Gelingen aber keinen Lohn für mich gäbe. Für das Gelingen hat er den Lohn Seines Be⸗ wußtſeins, ſagte der König lächelnd, und bei jedem neuen Prinzen, welchen die künftige Gemahlin meines Bruders unſerm Lande ſchenkt, wird Ihm ſein Be⸗ wußtſein ſagen können, daß Er es eigentlich iſt, wel⸗ cher dem Vaterlande dieſen neuen Krieger zur Welt bringt, weil Er der Vater dieſer Ehe iſt. Ah, Majeſtät, rief Pöllnitz lachend, ich habe die Vaterſchaft noch niemals für eine Belohnung meiner Thaten gehalten, ſondern immer für ein höchſt unglück⸗ liches, Zeit und Geld raubendes Ereigniß. 3 „ Der König lachte. Beruhige Er ſich nur. Ich kenne ſein Herz und weiß, daß Er nicht ein empfind⸗ ſamer Schwärmer iſt, dem der Lohn Seines Bewußt⸗ ſeins genügen ſollte. Ich werde Ihn alſo auf andere Weiſe belohnen müſſen. Am Tage der Verlobung meines Bruders Heinrich werde ich Sein Gehalt um fünfhundert Thaler erhöhen und Seine Schulden be⸗ zahlen. Ah, Sire, rief Pöllnitz kläglich, in welches fürchter⸗ liche Dilemma bringen Sie mich da. Euere Majeſtät wünſchen, daß Prinz Heinrich ſich bald verloben möge, und ich muß jetzt wünſchen, daß dies ſo ſpät als mög⸗ lich geſchehe. Und weshalb dies?. 3 Weil ich mich beeilen muß, noch ſo viel als mög⸗ lich Schulden zu machen, damit Euere Majeſtät mög⸗ lichſt viel zu bezahlen haben und mich nicht vielleicht gar für einen Geizhalz anſehen. Er iſt und bleibt ein ausgemachter Narr, und das Alter ſelbſt curirt Ihn nicht, rief der König lächelnd. Hüte Er ſich aber doch zu viel Schulden zu machen, oder den alten nun noch neue hinzuzufügen, denn ich bezahle nur die Schulden, die Er bis heute gemacht hat, und wenn Er vom heutigen Tage an noch Schul⸗ den macht, ſo werden Ihm dieſe von Seinem Gehalte abgezogen. Jetzt rede Er! Hat Er Hoffnung, daß mein Herr Bruder endlich Vernunft annehmen werde? Wollen mir Euere Majeſtät als Erwiederung eine Frage erlauben? Fragen Sie Baron! Wodurch gelang es Sr. Majeſtät dem hochſeligen König, den Widerſtand ſeines Kronprinzen zu über⸗ winden und ſeine Einwilligung zu ſeiner Vermählung mit der Prinzeſſin von Braunſchweig zu erhalten? Er weiß das ſo gut, wie ich ſelber, ſagte der Kö⸗ nig mit verdüſtertem Geſicht. Beantworte Er ſich dieſe Frage alſo ſelber! 3 Pöllnitz machte eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. Es geſchah, ſagte er, weil der Kronprinz endlich des ewigen Zwiſtes und Haders müde war, weil er ſich nach ein wenig Freiheit und Ruhe ſehnte, weil er, unvermählt, an die Perſon ſeines Königs wie ein Schatten gefeſſelt war, während er bei ſeiner Vermäh⸗ lung ſicher war, ſein eigenes Palais, ſeine eigene Dienerſchaft und ſein eigenes Landhaus zu haben, wo. er doch auf ein wenig Muße und Freiheit hoffen durfte. Der Kronprinz ſchlug ſich in die Feſſeln der Ehe, weil er doch dafür ein wenig Freiheit von ſeinem Kö⸗ nig erhielt. Und Er meint, ich ſolle daſſelbe Mittel bei meinem Bruder anwenden? fragte der König nachdenkend. Es iſt indeß ein verzweifeltes Mittel, glaube Er mir, nnd da mein Bruder Heinrich nicht der Kronprinz iſt, ſo weiß ich nicht, ob ich nicht ſein Junggeſellengelüſte beſriedigen und ihn unvermählt laſſen ſollte. Aber ſage Er mir doch, hat mein Bruder wirklich einen ſo unüberwindlichen Abſcheu vor der Ehe, und iſt ſein Herz wirklich ſo empfindungslos und kalt, wie er be⸗ hauptet? Pöllnitz zuckte mit einem ſchlauen Lächeln die Ach⸗ ſeln, aber er ſchwieg. Des Königs durchdringender Blick ſchien auf dem Grunde ſeiner Seele leſen zu wollen. Sie wollen mir nicht antworten? fragte er. Mein Bruder hat alſo ein Liebesverhältniß und Sie ſind der Vertraute deſſelben? Ach, Sire, alle Glieder Ihrer erhabenen Familie kennen zu ſehr meine unerſchütterliche Treue und Er⸗ — — 11— gebenheit, um nicht volles Vertrauen zu mir haben zu müſſen. Ja, es iſt wahr, Sie kennen die geheime Geſchichte unſeres Hauſes ſehr wohl, ſagte der König ernſt. Sie kennen ſie ſeit dem Anbeginn unſers Königthums und noch von früher her. Sie haben niemals auf dem Felde der Ehre, aber oft genug auf dem Felde der Hof⸗Intriguen ſich Ihre Lorbeeren erkämpft. Sie waren dabei, als mein Großvater ſich zum König krönte und ſeinen prunkvallen Einzug hielt durch dieſe neue Berliner Straße, welche man ſeitdem die Kö⸗ nigsſtraße genannt hat; Sie waren auch dabei, als ſeine wahnſinnige dritte Gemahlin mit lautem Geheul im weißen Nachtkleide in ſein Krankenzimmer kam und ihn zum Tode erſchreckte, weil er vermeinte, er habe die weiße Frau geſehen.*) Er ſtarb wirklich an die⸗ ſem Schreck, und Sie ſchwuren einem neuen König Treue und Gehorſam, und wurden der Vertraute der Familien⸗Intriguen des neuen Hofes, und verriethen gelegentlich unſere kleinen Intrignen an den König, wie Sie deſſen Geheinniſſe früher auch gelegentlich an ſeinen Vater, den frühern König, verrathen hatten. Sie ſind ein allzeit gehorſamer Diener deſſen geweſen, der ſich König nannte und der die Macht und das Geld hatte, Ihren Verlegenheiten abzuhelfen. Sie haben es insgeheim immer mit dem Kronprinzen ge⸗ halten, aber Sie haben ihn immer doch an den König verrathen. Ich will, daß das auch ferner ſo ſein ſoll. Ich muß in den Gedanken meiner Brüder leſen kön⸗ nen, um dieſelben zu lenken oder mich vor ihnen zu *) Mémoires pour servir à Thistoire des quatres derniers souverains de la maison de Brandebourg royale de Prusse. Par le baron desböllnitz. Vol. I. P. 393. — n 3 ———— — 12— hüten. Ich muß wiſſen, was meiner Brüder wol⸗ len, um darnach beſtimmen zu können, was ſie ſollen. Denn die Prinzen des Königlichen Hauſes haben ſo gut eine Miſſion zu erfüllen, als der König ſelber: ſie haben die Miſſion, dem König zu gehorchen, dem ganzen Lande voranzugehen, als ein Beiſpiel freu⸗ digen und ſchweigenden Gehorſams und ſtrengſter Pflichterfüllung. Ich will, daß auch meine Brüder dieſe Miſſion erfüllen, und da Er einmal der Karren⸗ gaul iſt, auf welchem die Familie Hohenzollern ihre kleinen häuslichen Geheimniſſe abladet, ſo vergeſſe Er niemals, daß das Kabinet des Königs allein der Ort für Ihn iſt, wo Er ſich der Laſt dieſer Geheimniſſe entledigen und ſie ablagern darf. Sage Er alſo ſchnell! Hat mein Bruder irgend eine Amour, die ihn von einer legitimen Ehe zurückhält? Sire, es iſt von des Prinzen Seite, wie ich glaube, nur eine Amour der Langenweile, obwohl er ſchwört, daß es ſeine erſte Liebe ſei. Das iſt ein Schwur, den man bei jeder neuen Verliebtheit wiederholt, und der mich daher nicht er⸗ ſchreckt, ſagte der König lächelnd. Und wie heißt Sie, welche außer dem Mond allein ſeine verliebten Schwüre gehört hat? Ohne Zweifel iſt es eine Fee, eine Göttin der Schönheit. Ja, Sire, ſie iſt jung, ſie iſt ſchön, und da auch ſie ſchwört, daß der Prinz ihre erſte Liebe iſt, ſo hat Niemand das Recht daran zu zweifeln, denn Niemand verſteht ſich beſſer auf die Liebe als dieſe Frau, welche Niemand anders iſt, als die ſchöne Frau von Kleiſt, die, wie Euere Majeſtät ſich erinnern werden, vor einiger Zeit ſich von ihrem Gemahl ſcheiden ließ. Und nun wieder auf Freiersfüßen iſt, wie es ſcheint, ſagte der König mit einem verächtlichen Lücheln. 8 * — 13— Dieſe ſchöne Louiſe von Schwerin iſt aber ein toll⸗ kühnes und gefährliches Weib und wir müſſen ihrem geſchickten Angriffsplan eine Contremine legen. Wenn ſie ſich in den Kopf geſetzt hat, von meinem Bruder geliebt zu werden, ſo beſitzt ſie Erfahrung und Mittel genug, um ihr Ziel zu erreichen, und ihn möglicher Weiſe zu den tollſten und widerſinnigſten Streichen zu verleiten. Es muß alſo dieſe Sache ſchnell zur Entſcheidung gebracht werden, und da es nicht anders ſein kann, ſo werden wir wohl von Ihrem Vorſchlag Gebrauch machen müſſen und den Prinzen Heinrich als Kronprinzen behandeln. Der Prinz gedenkt heute Abend mit ſeinen beiden Freunden nach Berlin zu gehen, zu dem von dem Prinzen von Preußen veranſtalteten Maskenfeſt flüſterte Pöllnitz. Ah, es iſt wahr, des Prinzen Arreſt geht um 6 Uhr zu Ende, aber er wird doch nicht vergeſſen, daß er des Urlaubs bedarf, um Potsdam zu verlaſſen. Er wird es vergeſſen, Sire. Der König ging einige Male ſchweigend auf und ab und ſein Antlitz nahm jetzt einen drohenden und zürnenden Ausdruck an. Laſſe Er den Prinzen immer⸗ hin ſeinen Willen thun, ſagte er dann, mahne Er ihn nicht an ſeine Pflicht. Dieſer ärgerliche Zwiſt ſoll zu Ende gebracht werden, und das ſobald als irgend möglich. Mein Bruder muß ſich unterwerfen. Sorge Er alſo dafür, daß ſein Entſchluß nicht zurückgenom⸗ men wird und daß der Prinz nicht etwa doch noch auf den Gedanken komme, Urlaub zu nehmen. Gehe Er zu ihm, und ſobald er abgereiſt iſt, bringe Er mir Beſcheid. Lange noch, nachdem Pöllnitz ihn verlaſſen, ging der König ſinnend auf und ab. Armer Heinrich, =— flüſterte er einmal leiſe, ich darf kein Mitleid mit Dir haben, denn Du biſt ein Königsſohn, das heißt ein Selave Deines Standes. Warum hat das Schickſal den Königsſöhnen auch ein Herz gegeben andern Menſchen, warum dürſten wir denn ſo ſehr nach dem Liebesglück, da dieſer berauſchende Neltar⸗ trank doch immer unſern Lippen verſagt iſt, oder wir ihn doch nicht trinken dürfen Zauberin ihn uns darreicht. Und ganz unwillkührlich hafteten ſeine Blicke jetzt wieder auf dem ſchönen Bilde der Barbarina. Aber Nimm das Bild dort von der W Er ſchaute mit ruhigem Auge zu, wie der Lakay das Bild von der Wand nahm und es hinaustrug. Aber dann ſeufzte er und ſein Blick heftete ſich auf gehangen hatte. Leer und kahl, ſagte er, die letzte Erinnerung an meine Jugend iſt ausgelöſcht. Ich werde jetzt nur noch der König ſein und, wenn das Schickſal meinen Willen ſegnet, vielleicht der Vater meines Volkes! Prinz Heinrich. Den Kopf auf den Arm geſtützt, ſaß der Prinz Heinrich ſtill und unbeweglich in ſeinem einſamen Ge⸗ mach. Seine großen Augen, dieſe Augen, welche ſo ſehr denen ſeines königlichen Bruders glichen, waren ſtarr zu der Decke des Zimmers empor gerichtet, und es mußten finſtere Gedanken ſein, welche ſeine Seele bewegten, denn ſeine Stirn war umwölkt, und ſeine Lippen waren wie im Zorn zuſammengepreßt. Wer ihn nicht kannte, würde geglaubt haben, es ſei der König, welchen er da vor ſich ſehe, ſo groß und auf⸗ fallend war beim erſten Anſchauen die Aehnlichkeit der beiden Brüder. Es war dieſelbe Figur, daſſelbe An⸗ geſicht, daſſelbe große blaue Auge, dieſelbe hohe zurück⸗ gebogene Stirn, derſelbe Schnitt der Naſe und des Mundes. Aber doch, je länger man dieſes Geſicht anſchaute, deſto mehr ward man ſich der Unterſchiede bewußt, und wenn man damit angefangen hatte, eine frappirende Aehnlichkeit zwiſchen dem König und dem Prinzen Heinrich zu finden, ſo hörte man damit auf, dteſe Aehnlichkeit ganz und gar zu beſtreiten. Es war nur eine Aehnlichkeit der äußern Formen, nicht aber des geiſtigen Ausdrucks. Es fehlte den Augen dieſes bald ſchwärmeriſche, bald leidenſchaſtliche Feuer des Königs, es fehlte ſeinem Mund dieſes ſo ſanfte, faſt rührende und wehmüthige Lächeln, es fehlte ſeinem ganzen Angeſicht, ſo ſchön es immer war, doch dieſer Zauber der Genialität, dieſer ſtrahlende Ausdruck der —— — 16— Begeiſterung, der ſelbſt in den kühlſten und nüchtern⸗ ſten Momenten das Antlitz des Königs wie ein Son⸗ nenſtrahl erleuchtete. Die Augen des Prinzen waren faſt immer gebieteriſch und ſtreuge, ſein Mund zeigte ſelten ein mildes und wehmüthiges, ſondern oft ein ſpottendes und geringſchätziges Lächeln, ſeine Stirn leuchtete von Verſtand und Hoheit, aber ſie war nicht gezeichnet mit dem Lichtſtrahl der Begeiſterung. Der Prinz beſaß vielleicht einen hohen Geiſt, einen ſcharfen Verſtand, aber es fehlte ihm die Seele eines Dichters, es fehlte ihm das innere poetiſche Schauen, das wie eine göttliche Verkündigung aus den Augen blitzt und Jedermann zur Bewunderung und zur Liebe hinreißt. So war der Prinz ganz das Ebenbild und zugleich das Widerſpiel des Königs, das andere Ich ſeines königlichen Bruders, nur daß ihm die Genialität fehlte. Und da die klugen und verſtandesſcharfen Menſchen die begeiſterungsvolle Genialität gewöhnlich als ein überflüffiges und verwirrendes Etwas betrachten, ſo erlaubte ſich der Prinz zuweilen über die dichteriſchen Beſtrebungen des Königs und über ſeinen vertrau⸗ lichen ungezwungenen Verkehr mit Schriftſtellern und Dichtern zu ſpotten und die Handlungen ſeines Bru⸗ ders auf eine nicht jedes Mal vorſichtige und ſchonende Weiſe zu kritiſiren. Der König, welcher das wußte, denn ſelbſt die Könige haben Freunde, welche ihnen die unangenehmen Dinge hinterbringen, der König war dadurch gereizt gegen ſeinen Bruder, und ſehr geneigt die kleinen Unbeſonnenheiten und Subordina⸗ tionsfehler des Prinzen für einen vorbedachten und überlegten Widerſtand gegen ſeinen Willen zu halten. Mit deſto größerer Strenge ahndete er daher die klei⸗ nen Vergehen, je heftiger und rückſichtsloſer der Prinz ſich gegen dieſe Strenge opponirte. So war dieſer —— —— — 17— kleine Krieg entſtanden, der ſeit einiger Zeit zwiſchen den beiden Brüdern geführt ward. Der König wollte in dem Prinzen nichts ſehen, als einen Oſſizier, einen Unterthan, der ſeine Pflicht und das Reglement ver⸗ letzt hatte; der Prinz verlangte, daß er außerdem in ihm noch den freien Menſchen und den Prinzen aner⸗ kennen und ihm einige Vorrechte bewilligen ſollte, und je mehr des Königs ſtrenges und unbeirrtes Rechts⸗ gefühl dies weigerte, um ſo glühender und ungeſtümer ſchien der Prinz dabei beharren zu wollen. So war es gekommen, daß der Prinz ſeit einigen Wochen faſt immer in Arreſt geweſen, und auch jetzt ſich in demſelben befand. Der Prinz wollte nicht an⸗ erkennen, daß er, außer den Dienſtſtunden immer doch nur der Offizier, niemals der freie, ſelbſtſtändige Mann ſei, berechtigt zu gehen, wohin er wolle, ohne dazu die Erlaubniß irgend eines Andern einzuholen. Der Kö⸗ nig aber verlangte, daß der Prinz ebenſo gut wie je⸗ der andere Offizier ſich, wenn er ſeinen Garniſonsort verlaſſe, dazu erſt den Urlaub ſeines Vorgeſetzten er⸗ wirke, und da der König den in Potsdam ſtationirten Ofſizieren immer ſelbſt dieſen Urlaub ertheilte, ſo ſollte auch ſein Bruder denſelben von ihm erbitten. Aber Prinz Heinrich gab ſich immer wieder den Anſchein dieſen Willen des Königs nicht zu kennen, oder wollte ſich vielleicht nicht der Gefahr ausſetzen, ſein Urlaubs⸗ geſuch mit einem Nein beantwortet zu ſehen, wie das oft den andern Offizieren zu geſchehen pflegte. So machte er es, wie die andern Offiziere und ging heim⸗ lich nach Berlin hinüber, um dort die Zerſtreuungen und Freuden aufzuſuchen, von denen freilich in dem ſtillen und äußerlich ſo eintönigen Leben in Sansſouci keine Spur zu finden war.— Aber der König, wel⸗ cher ſich oft ſo nachſichtig gegen dieſes Vergehen an⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 2. 1 6 — 18— derer Offiziere bewieſen, war unerbittlich, ſobald es ſich um den Prinzen handelte. Jede heimliche Reiſe nach Berlin ward mit einigen Tagen Stubenarreſt ge⸗ ahndet, und da die jungen Freunde und Genoſſen des Prinzen es für eine Ehre hielten, die Strafe und die 5 Ungnade des Prinzen zu theilen, ſo war ſeit einiger Zeit unter den jungen vornehmen Offizieren eine Art Wetteifer entſtanden, gleich dem Prinzen in Arreſt ge⸗ ſchickt zu werden,*) und ſie waren ſtolz auf ihre Strafe, wie auf eine Bevorzugung welche ſie dem Prinzen nur noch näher ſtellte. 3 Auch jetzt wieder hatte der Prinz einige Tage Ar⸗ reſt gehabt, denn ſein öfter wiederholtes Vergehen hatte eine Verſchärfung der Strafe nach ſich gezogen und ſtatt einen Tag hatte der Prinz jetzt vier Tage einſam und im Arreſt auf ſeinem Zimmer zubringen müſſen. Aber die Stunde der Erlöſung näherte ſich jetzt und Prinz Heinrich erwartete ſie mit Ungeduld. Endlich jetzt vernahm man von der nahen Schloß⸗ kirche her den lauten Schall der Thurmuhr, welche die ſechste Stunde verkündete. Sofort öffnete ſich die Thür und ein Ordonnanzoffizier erſchien, um dem Prinzen im Namen des Königs anzukündigen, daß ſein Arreſt abgelaufen ſei. Der Prinz antwortete mit einem ſtummen Kopf⸗ nicken und blieb ſitzen, indem er nur mit einer ge⸗ bieteriſchen Handbewegung nach der Thür hindeutete. Aber als der Offizier wieder hinausgegangen war, erhob ſich der Prinz haſtig von ſeinem Sitz und ging mit raſchen Schritten einige Male auf und ab. Er behandelt mich wie einen Schulknaben, mur⸗ *) Thiébault: Souvenirs de vingt ans de séjour à Berlin. Vol. II., P. 136. 4 — 19— melte er, aber ich werde ihm beweiſen, daß ich auch meinen Willen habe. Ich werde mich nicht einſchüch⸗ tern laſſen, nicht nachgeben, und wenn der König nicht nachläßt mit ſeinen Tracaſſerien, und wenn er fortwährend vergeſſen will, daß ich der Sohn und der Bruder eines Königs, kein Leibeigner und kein Sclave bin, nun wohl, ſo werde auch ich vergeſſen, wer ich bin, ſo ſollen auch mich keine Rückſichten mehr binden, ſo will ich gleich ihm vergeſſen, daß ich ein Prinz bin und mich nur erinnern, daß ich ein freier und ſelbſtſtändiger Mann bin, welcher wohl das natür⸗ liche Mannesrecht hat, Diejenige, welche er liebt, auch beſitzen zu wollen, und ſie zu ſich an ſein Herz zu er⸗ heben, allen Hinderniſſen und allen ſogenannten Un⸗ möglichkeiten zum Trotz. Ja, ſo ſoll es ſein. Wenn mein Brnder mich auf's Aeußerſte treibt, ſo werde auch ich zum Aeußerſten greifen. Er will, daß ich mich verheirathe, deshalb iſt es, daß er mich verfolgt und mich mit Spionen umgiebt, deshalb bin ich ver⸗ dammt, hier in Potsdam zu leben, wo es keine andere Ausſicht giebt, als die Höhle des Löwen von Sans⸗ ſouci auf der einen Seite und Bajonnette und Sol⸗ daten auf allen andern Seiten. Deshalb iſt meine Appanage ſo gering geſtellt, daß ich es kaum vermei⸗ den kann, Schulden zu machen, während der König ſchon zum zweiten Male das alte verworrene und widerſinnige Geſetz, welches verbietet, den Prinzen Geld zu leihen, hat öffentlich bekannt machen laſſen. Der König will mich zwingen, ſeinen Willen zu thun und mich zu verheirathen. Nun ja, ich werde mich verheirathen, aber ich ſelber werde mir meine Gemah⸗ lin wählen, und es wird wohl einen mitleidigen und beſtechlichen Prieſter geben, welcher meine Ehe ein⸗ ſegnet trotz des Königs. —— So weit war der Prinz in ſeinem Selbſtgeſpräch gekommen, als die Thür leiſe geöffnet ward und ein Lakay eintrat mit der Meldung, daß die Herren von Kalkreuth und Kaphengſt im Vorzimmer der Befehle des Prinzen warteten. Der Prinz hieß ſie eintreten und ging ihnen mit lächelndem Gruß entgegen, um ſeinen beiden jungen Freunden, deren Rieſengeſtalten ihn ſelber um einige Kopflängen überragten, die Hand zu reichen. Willkommen, willkommen, ſagte er. Der Käfigt iſt wieder geöffnet und ich darf wieder ein wenig Luft und Sonnenſchein genießen. Laſſen Sie uns alſo nicht zögern, von dieſer Erlaubniß Gebrauch zu machen. Unſere Pferde ſollen geſattelt werden. Sie ſind ſchon geſattelt, Königliche Hoheit, ſagte Baron Kalkreuth. Ich habe ſie hinausführen laſſen vor’s Thor, und ſobald es ganz dunkel geworden iſt, gehen wir dorthin und beſteigen ſie. Wie, Sie meinen alſo nicht, daß wir vor meiner Thür auſſteigen und frank und frei von dannen reiten ſollten? fragte der Prinz verwundert. Ich bin der Meinung, daß wir dies thun ſollten, rief Baron Kaphengſt fröhlich lachend. Jedermann wird glauben, daß Se. Königliche Hoheit nur einen Spazierritt unternimmt, und Niemand wird etwas Anderes glauben, während man neugierig werden wird, wenn wir zu Fuß die Stadt verlaſſen. Ich denke, es ſieht aus, als ob ich mich fürchtete, wenn ich ſo heimlich und auf Schleichwegen mich ent⸗ ferne, ſagte der Prinz ſinnend. Und die Heimlichkeit und die Schleichwege ſind gut für Prieſter und für alte Weiber, nicht aber für uns, rief Kaphengſt lachend. * v — 21— Die Heimlichkeit paßt ſich für Jeden, der etwas Unrechtes thun will, ſagte Kalkreuth ernſt. Der Prinz blickte raſch zu ihm empor. Sie mei⸗ nen alſo, daß wir im Begriff ſind, ein Unrecht zu be⸗ gehen? fragte er. Ich wage nicht, von Euerer Hoheit zu ſprechen, aber wir Beide begehen jedenfalls ein Unrecht, denn wir ſind im Begriſſ, den ſchlimmſten Fehler, den ein Offizier begehen kann, zu machen, den Fehler der Inſubordination. Dennoch aber, mein Prinz, bin ich bereit dazu, denn Sie haben es gewünſcht daß wir Sie begleiten, und ich denke, gerade darin ſoll ſich meine Liebe und Verehrung für Euere Königliche Ho⸗ heit zeigen, daß ich mit Freuden Das thue, was ich als ein Unrecht verdammen muß. Der Prinz erwiederte nichts, ſondern trat zum Fenſter hin und blickte ſinnend und ſchweigend in die Abenddämmerung hinaus. Wiſſen Sie, daß Sie zuweilen unleidlich ſind mit Ihren Sentenzen, lieber Freund? murmelte Kaphengſt. „Die Heimlichkeit paßt ſich für Jeden, der etwas Un⸗ rechtes thun will.“ Wahrhaftig, ich fürchte, mit dieſer Sentenz werden Sie uns um das ſchönſte Maskenfeſt bringen, das in dieſem Jahre in Berlin gefeiert wird. Wären Sie mit Ihrer Weisheit mindeſtens ein bischen früher gekommen, ſo hätten wir Urlaub nehmen können. nun aber—— Der Prinz wandte ſich wieder vom Fenſter zu ſei⸗ nen Freunden um, und ſein Antliß leuchtete jetzt von Entſchloſſenheit und Energie. Kalkreuth hat Recht, ſagte er. Es war ein Un⸗ recht, welches wir da begehen wollten und es wird beſſer ſein, dies zu vermeiden. Unterwerfen wir uns alſo den Geſetzen, wie es jedem Offizier geziemt. Ich werde an den König ſchreiben und um Urlaub für uns Drei bitten. Das wird leider unmöglich ſein, Königliche Hoheit, ſagte eine ſüßliche Stimme hinter ihm, und als der Prinz ſich umwandte, blickte er in das lächelnde Aut⸗ 3 litz des Herrn von Pöllnitz, der eben ſeine ſchönſte und kunſtgerechteſte Verbeugung muchte. Verzeihung, Königliche Hoheit, daß ich es gewagt habe, unangemeldet einzutreten, aber Sie ſelbſt hatten mir erlaubt, um dieſe Stunde zu kommen und Ihnen Bericht zu erſtatten über Ihre gnädigſt mir ertheilten Befehle.. Weshalb ſagen Sie, daß es unmöglich iſt, vom König heute Urlanb zu bekommen? fragte der Prinz haſtig. Weil Se. Majeſtät ſich bereits in den Conzertſaal begeben hat und mit Quanz ein neues Flötenconzert probirt. Euere Königliche Hoheit wiſſen wohl, daß es ſtreng verboteu iſt, ihn im Conzertſaal zu ſtören. Nun, ſo werden wir unſern Plan aufgebeu und hier bleiben müſſen, ſagte der Prinz mißmuthig, wäh⸗ rend Herr von Kaphengſt ſeinem Freunde Kalkreuth wüthende und drohende Blicke zuwarf. Und weshalb wollten Euere Königliche Hoheit das thun? fragte Pöllnitz erſtaunt. Alle Vorbereitungen ſind getroffen, alle Ihre Befehle und Aufträge ſind pünktlich von mir erfüllt. Ich habe für Sie und Ihre beiden Freunde Maskenanzüge beſorgt, wie Euere Ho⸗ heit befahlen, und dieſelben liegen in meiner Woh⸗ nung in Berlin bereit, dort werden Sie ſich maskiren und den Wagen beſteigen, der Ihrer harrt und Sie zu dem Palais des Prinzen von Preußen führt. Nie⸗ mand wird Sie in Jgrer Verkleidung erkennen, oder wenn es geſchieht, wird doch Niemand es wagen, — Euere Königliche Hoheit an den König zu verrathen. Außerdem wiſſen nur zwei Perſonen mit Beſtimnit⸗ heit, daß Sie den Ball beſuchen werden, das iſt der Prinz von Preußen und eine ſchöne Frau, deren ſchö⸗ nen Augen Thränen der Freude entſtürzten, als ich ihr die Botſchaft Euerer Königlichen Hoheit überbrachte. „Sagen Sie dem Prinzen“, flüſterte Sie mit ihrer bezaubernden Sirenenſtimme,„ſagen Sie ihm, daß ich ihn dort erwarten würde und wenn ich wüßte, daß der Zorn des Königs mich nachher zerſchmettern würde.“ Der Prinz erröthete vor Glück und zugleich vor Schaam. Und Sie ſagen, daß es unmöglich iſt den König jetzt noch zu ſtören? fragte er. Unmöglich, mein Prinz. Ich wenigſtens würde nicht den Muth haben, mich ihm im Conzertſaal mit einer Depeſche oder einem Brief zu nähern. Der Löwe iſt immer gefährlich, ſelbſt wenn er die Flöte bläſt. Aber wenn das Conzert beendet iſt? Sollte man ihm dann nicht einen Brief von mir überreichen dürfen? Alle Briefe, die heute noch einpaſſiren, werden in das Arbeitscabinet des Königs gebracht, wo er ſie morgen früh lieſt, es müßte denn ſein, daß es wich⸗ tige Regierungs⸗Angelegenheiten oder plötzliche Un⸗ glücksfälle beträfe, und ich denke nicht, daß der Brief Euerer Königlichen Hoheit in dieſe beiden Kategorieen ehört. Wir müſſen alſo darauf verzichten, ſagte der Prinz ſeufzend. Verzichten den König zu ſehen, ja! denn der Kö⸗ nig iſt für heute unzugänglich und wird ſeine Zimmer in Sansſouci nicht mehr ve ſen. — 24— Dennoch wären wir vollkommen ſicher, daß er un⸗ ſere Entfernung gar nicht bemerkt, und nicht erfährt, ſagte Herr von Kaphenſt eifrig. Vollkommen ſicher, beſtätigte Pöllnitz. Vorausgeſetzt, daß der Baron von Pöllnitz dem König nicht ſelbſt dieſe Nachricht bringt, ſagte Baron Kalkreuth, deſſen ruhige und klare Blicke auf dem lächelnden Antlitz des Höflings ſeine innerſten Gedan⸗ ken zu leſen ſchienen.. Sie meinen alſo, daß ich eine Gelegenheit ſuche, von dem König fortgejagt zu werden? fragte Pöllnitz lachend. Nein Baron, ſein Sie ohne Sorgen, ich werde ſchweigen, denn ich möchte nicht als Mitſchuldi⸗ ger erkannt werden. Mitgefangen, mitgehangen, das iſt ein gutes altes deutſches Sprüchwort. Oh, ein— kluger Mann wie Sie weiß den Kopf immer zur rechten Zeit aus der Schlinge zu ziehen, und dafür den Kopf eines Andern hinein zu ſchieben, rief Kalkreuth heftig. Baron Pöllnitz warf auf ihn einen mißtrauiſchen und ängſtlichen Blick. Baron Kalkreuth, ſagte er, ich wüßte nicht, daß ich mir Geld von Ihnen geliehen und Ihnen dadurch das Recht gegeben hätte, grob gegen mich zu ſein. Aber da Sie es eben geweſen ſind, ſo haben Sie es ohne Zweifel auf Abſchlag ge⸗ than, und ich muß Sie bitten, mir wenigſtens funßzig Louisd'or zu leihen, damit Ihr Ausfall gegen mich einen Milderungsgrund gewinne. 1 Ruhig, meine Herren, rief der Prinz, welcher bis jetzt ſinnend und mit ſeinen eigenen Wünſchen kämpfend dageſtanden hatte. Nehmen Sie Ihre Mäntel und gehen wir ſpazieren. Sagten Sie nicht, daß die Pferde vor dem Thore uns erwarteten, Baron Kalkreuth? Ich ſagte es, Königliche Hoheit. — 25 ⅜— Und Sie Pöllnitz, ſagten Sie nicht, daß in Ber⸗ lin in Ihrer Wohnung drei Maskenanzüge unſerer warten? Ich ſagte es, Königliche Hoheit. V Und Sie, Baron Kaphengſt, werden Sie nicht * ohne alle Frage auf dem Maskenball meines Bruders eine ſchöne Frau finden, welche Sie lieben und von der Sie mit Sehnſucht erwartet werden? Ich werde deren Viele finden, mein Prinz, denn ich liebe alle ſchöne Frauen, und bin hochmüthig ge⸗ nug zu glauben, daß mehr als Eine mich mit Sehn⸗ ſucht erwartet. Nun denn, ſagte der Prinz mit einem glücklichen Lächeln, wir dürfen die Pferde vor dem Thore, die Maaskenkleider in Berlin und die zärtlichen Schönen des Herrn von Kaphengſt nicht länger warten laſſen! Kommen Sie, meine Herren, wir reiten nach Berlin! Wahrhaftig, es hat Mühe gekoſtet ihn abreiſen zu laſſen, flüſterte Herr von Pöllnitz, als er wieder auf der Straße war und den drei jungen Männern nach⸗ ſchaute, deren Geſtalten ſich in der Ferne und der Dunkelheit zu verlieren begannen. Der gute Prinz hatte eine ganz tugendliche Aufwallung und mein Plan war nahe daran zu ſcheitern. Wenn der König 8 das wüßte, wäre er im Stande in der Aufwallung ſeiner Freude dem Prinzen Alles zu verzeihen und die ganze Idee ſeiner Verheirathung aufzugeben. Da⸗ 52 mit würde ich aber um meine Gehaltszulage und um die Bezahlung meiner Schulden kommen. Das darf alſo nicht ſein und ich werde mich wohl hüten, dem König von dieſen innern Kämpfen feines Bruders zu erzählen. Nun? fragte der König, als Pöllnitz zu ihm ein⸗ trat. Iſt mein Bruder wirklich nach Berlin gegangen?— — — 26— Nein, geritten, Majeſtät, und zwar in Begleitung der beiden Herren von— Laſſe Er das, rief der König haſtig, ich will ihre Namen nicht wiſſen, ſonſt müßte ich auch ſie beſtrafen. Er iſt alſo gegangen und zwar ohne alles Zandern und Bedenken? Ja, Sire, ohne alles Bedenken. Er meinte, er ſei vollkommen in ſeinem Recht, zu gehen, wohin es ihm beliebe, und ſich zu amüſiren, wie er es verſtände, und da er nicht die Flöte blaſen könne, wolle er auf dem Parquet ſeines Bruders wenigſtens verſuchen, den Contrabaß zu ſtreichen. Und ich werde den Takt zu dieſer Muſik machen, rief der König. Der Wagen ſoll vorfahren. Pöllnitz, Er begleitet mich nach Berlin. Ohne Zweifel hat mein Herr Bruder den Reitweg über die Wieſe ein⸗ geſchlagen, der etwas näher iſts Ja, Sire! Nun, dann werden wir nicht Gefahr laufen, ihm zu begegnen und uns unſer gegenſeitiges Incognito zu verrathen, und da wir überall Relais legen laſſen, ſo werden wir vielleicht noch vor ihm in Berlin ſein. III. Luiſe von Rleiſt. Frau von Kleiſt befand ſich allein in ihrem Bou⸗ doir und betrachtete in dem großen Venetianiſchen Spiegel mit ſichtbarem Wohlgefallen ihre Toilette welche ſo eben vollendet war. Und in der That, ſie hatte wohl Urſache zufrieden zu ſein. Dieſes Coſtüm einer Odaliske ſtand ihr außerordentlich gut und paßte ganz zu ihrer üppigen Schönheit, zu dieſen großen, ſchwimmenden blauen Augen, zu den vollen, purpur⸗ rothen Lippen und zu dieſer ſchmiegſamen, vollen Geſtalt, die bei aller Ueppigkeit doch ſchlank, und im ſchönſten Ebenmaß war.— Luiſe von Kleiſt war noch immer vou einer ſtrahlenden Schönheit trotz ihrer acht und zwanzig Jahre und trotz der mancherlei Stürme und Schmerzen, welche zuweilen ihr ſchönes Angeſicht wie mit Wolkenſchleiern umhüllt. Aber die Roſen auf ihren Wangen waren davon nicht erbleicht, die Ju⸗ gend war in ihrem Herzen ebenſo wenig geſtorben, wie in ihrem Angeſicht. Luiſe von Kleiſt glich in ihrem Innern noch ganz der kleinen Luiſe von Schwerin der frühern Tage, dieſer kleinen übermüthigen Schwärmerin, welche es romantiſch fand, einen jungen Gärtuer zu lieben und ganz bereit war, mit ihm in das Paradies der Liebe zu entfliehen.) Damals hatte des Königs Fürſorge ſie von ihrer romantiſchen Thorheit gerettet und ihr einen andern Gemahl gegeben. Aber dieſe unglück⸗ liche Ehe mit dem armen Herrn von Kleiſt, dem Gold⸗ macher und Teuſelsbeſchwörer, war jetzt überwunden und vorüber, und Luiſe von Kleiſt war jetzt wieder frei und feſſellos. Sie fühlte in ihrem Herzen noch immer etwas von der wilden und abenteuerlichen Ro⸗ mantik der kleinen Luiſe von Schwerin, ſie hatte ſich noch immer dieſen glücklichen Leichtſinn, dieſen phan⸗ taſtiſchen Durſt nach Abenteuern bewahrt: ſie war noch .) Siehe Friedrich der Große und ſein Hof. Roman in drei Bänden. Von L. Mühlbach. 4 3 — 28— immer die tollkühne, ſchwärmeriſche, leicht bewegte Luiſe von Schwerin,— nur daß ſie weniger unſchul⸗ dig war, nur daß die kleine Coquette aus Inſtinct ſich in eine Coquette mit vollem Bewußtſein und mit voller Herrſchaft über die ihr zu Gebote ſtehenden Mittel Doch hatte die ſchöne, ſelbſtbewußte Coquette jetzt daſſelbe phantaſtiſche Gelüſte, welches einſt die ſchöne, unbewußte, unſchuldige Coquette gehabt hatte. Luiſe von Kleiſt träumte von einer Mesalliance ſo gut, wie einſt Luiſe von Schwerin gethan, aber mit dem Unter⸗ ſchied, daß die Letztere ihre Blicke nach unten, die Erſtere ihre Blicke nach Oben gerichtet hatte. Luiſe von Schwerin wollte zu dem Gärtner hinunterſteigen, Luiſe von Kleiſt wollte ſich zu dem Prinzen empor⸗ ſchwingen, das war der ganze Unterſchied! Sie ſtand vor dem Spiegel und prüfte noch ein⸗ mal ihre ganze Erſcheinung, und dann geſtand ſie ſich mit einem zufriedenen Lächeln, daß ſie ſchön genug ſei, um alle Männer bezaubern zu können und in Aller Herzen eine ſchmerzliche Sehnſucht nach ihrer Liebe zu erregen. Aber ich will und werde jetzt Niemand mehr lie⸗ ben, als den Prinzen allein, ſagte ſie dann, und wenn meine Gewalt über ihn wirklich ſo groß iſt, daß ich ihn zu einer Verheirathung mit mir bewegen kann, ſo will ich es ihm durch Treue und völlige Hingabe in ſeinen Willen lohnen. Oh, gewiß, ich will eine tugendhafte Gattin und eine treue Mutter ſein und meine holde kleine Camilla ſoll an ihrer Mutter ein gutes und würdiges Vorbild haben. Ich will meinem Engel das mit einem Abſchiedskuß verſprechen und dann fort auf den Ball. Sie hüpfte in das anſtoßende Schlafgemach und zu dem Bette ihres Kindes hin. Ein ſeltſamer An⸗ blick war es, dieſe Frau in dem phantaſtiſchen und üppigen Anzug ſich mit ſo frommen und zärtlichen Blicken über das Lager dieſes kleinen Mädchens neigen zu ſehen, mit gefaltenen Händen und leiſe flüſternden Lippen, die vielleicht ein Gebet oder einen frommen Wunſch lispelten. Wie ſchön ſie iſt, flüſterte Luiſe, gar nicht ahnend, daß ihre eigene Schönheit in dieſem Moment in einem faſt rührenden Glanze ſtrahlte, daß die Mutterliebe ſie aus einer verführeriſchen Coquette in eine anbetungs⸗ würdige Heilige verwandelt hatte. Wie ſchön ſie iſt, wiederholte ſie noch einmal, und wie wenig ſie noch von der Unreife des Kindes an ſich hat. Wahrhaftig, man ſollte glauben dieſes Kind von zehn Jahren ſei ſchon ein junges Mädchen, eine Hebe, welche ganz würdig iſt, die Götter zu bedienen. Ein luſtiges, ſchallendes Gelächter ihrer Tochter unterbrach ſie, das Kind ſchlug die großen ſchwarzen Augen auf und blickte vergnügt zu ihrer Mutter empor. Böſewicht, Du ſchliefſt alſo nicht? fragte die Mut⸗ ter lächelnd. Nein, Mama, ich ſchlief nicht, lachte Camilla. Ich ſpielte nur ein wenig Comödie. Ach, und von wem haſt Du denn das gelernt, Comödie zu ſpielen, mein kleiner Tollkopf? fragte Luiſe zärtlich. Das Kind blickte mit ihren großen Augen nach⸗ denklich eine Zeitlang vor ſich hin, wie das Kinder zu zu thun pflegen, wenn ſie von irgend einer Frage überraſcht und zum Nachdenken aufgefordert werden. Ich glaube, Mama, ſagte ſie dann langſam, ich glaube, ich habe das von Dir gelernt. Von mir, Camilla? Comödie ſpielen ſehen? Oh, ſehr oſt, rief ſie lachend. Vor einigen Tagen noch, Mama! Denke doch daran, wie wir ſo herzlich mit einander lachten und ſcherzten. Da ward Dir der Prinz Heinrich gemeldet und Du ſchickteſt mich in die andere Stube, aber die Thür blieb auf und ich ſah ſehr wohl, daß Du plötzlich ein ſehr betrübtes Geſicht machteſt und ich hörte, wie der Prinz Dich nach Dei⸗ nem Befinden fragte und da antworteteſt Du:„Ich bin krank, Hoheit, und wie ſollte es auch anders ſein, da ich immer weine und mich verzehre in Kummer und Sehnſucht.“ Nun, Mama, war das nicht Co⸗ mödie geſpielt?* Luiſe von Kleiſt antwortete nicht; ſie legte nur hochathmend ihre Hand auf ihr Herz, denn ſie fühlte da einen dumpfen, ahnungsvollen Schmerz, ein unbe⸗ ſchreibliches Angſtgefühl. Camilla fuhr fort: Oh, ich habe auch geſehen, wie zärtlich Dich der ſchöne Prinz dann anſah und wie er Deine Hand küßte und ſagte, Du wärſt ſchön wie ein Engel. Oh, Mama, ich werde auch ſchön wer⸗ den und dann will ich auch von einem Prinzen geliebt werden. Aber um ſchön zu werden, muß man vor allen Dingen gut, verſtändig und tugendhaft ſein, ſagte die ſchöne Odaliske mit ernſter Miene. Die kleine Camillla ſetzte ſich in ihrem Bett auf⸗ recht; das weiße Nachtgewand war von ihren Schul⸗ tern herabgeglitten und ließ ihre weichen, lindlichen Formen ſehen, ihre braunen Locken ringelten lang über den entblößten Nacken nieder nud verloren ſich dann unter dem weißen, ſpitzenbedeckten Nachtkleide. Die Ampel, welche von der Decke niederhing, beleuchtete Wann haſt Du mich denn mit hellem Schein ihr reizendes Angeſicht und machte die Gold⸗ und Silberſtickerei und die Brillanten an dem phantaſtiſchen Anzuge ihrer Mutter höher funkeln. Camilla war in dieſem Moment, wie ſie, die nack⸗ 3 ten Arme über der Bruſt kreuzend, zu ihrer Mutter emporſchaute, wirklich ſchön wie ein Engel, aber es waren doch ſchon irdiſche und gefährliche Gedanken in ihrem Herzen. Mama, ſagte ſie, warum willſt Du denn, daß ich tugendhaft ſein ſoll, da Dn es auch nicht biſt? Luiſe erbebte und blickte ihre Tochter entſetzt an. Wer hat Dir geſagt, daß ich nicht tugendhaft ſei? fragte ſie. Mein armer, lieber Papa hat mir das geſagt, als er zum letzten Male hier war und ich einige Stunden bei ihm ſein durfte. Oh, er hat mir ſehr viel erzählt, Mama, fuhr das Kind mit ſchlauem Lächeln fort, er hat mir erzählt, wie Du einen ſchönen Gärtnerbur⸗ ſchen geliebt haſt und mit ihm davon gelaufen biſt und wie der Papa Dich auf Befehl des Königs ge⸗. heirathet und von der Schande errettet hat. Und er ſagte, Du wärſt gar nicht dankbar dafür geweſen, ſon⸗ dern habeſt ihn oft verrathen und betregen und bloß weil er ſo unglücklich durch Dich geworden, habe er zuletzt ſo viel Wein getrunken, um ſein Unglück zu vergeſſen. Ach, Mama, Du glaubſt nicht wie er * weinte, der arme Papa, als er mir das Alles erzählte und wie er mich beſchwor, ich ſollte gar nicht ſo wer⸗ den wie Du, ſondern mir Mühe geben, ganz anders zu werden, damit alle Menſchen mich achten und lie⸗ ben könnten. Während Camilla ſo ſprach, war ihre Mutter lang⸗ ſam, wie zerſchmettert, neben ihrem Bette zuſammen⸗ 1. gebrochen und ihr Antlitz an dem 32 Bette ihres Kindes verbergend, lichzte und ſchluchzte ſie laut. Weine nicht, weine nicht, Mama, rief Camilla ängſtlich. Glaube mir nur, ich will gewiß nicht thun, was der Papa ſagt, und ich werde nicht ſo dumm ſein und mit ihm in eine kleine Stadt ſo ſtill und einſam iſt.— ziehen, wo es Als die Mutter noch immer fort weinte, fuhr Ca⸗ milla lebhafter und gleichſam um ſie zu beſchwichtigen fort: ich will auch ſo werden wie Du, Mama, gewiß das will ich! Oh, Du ſollſt nu ganz ir ſehen, ich gebe immer Acht wie Du Alles machſt, wie Du alle Herren ſo freundlich anlächelſt, und was Du zuweilen und wie Du dann wieder ſo ſtolz und kalt, und dann wieder ſo zärtlich aus⸗ ſiehſt. Oh, ich habe mir das Alles gemerkt, und ich ich will auch mit einem für große Augen machſt, will es gerade ſo machen, und Gärtner fortlaufen, gerade wie? dann nicht von Pa Mama, logen hat? I, daß er mich haßte, ſchlechten Dinge von Ja, mein Kind, ich kann es Dir ſchwören! lanfen? Nein, meine Tochter, Du biſt alſo nicht mit einem Gärtner davonge⸗ ich ſagte Dir ſchon, ein tugendhaftes Mädchen läuft nicht davon. — 33— Du haſt Papa nicht unglücklich gemacht, und nicht, als Du ſeine Frau warſt, andere Männer geliebt? Nein, meine Tochter! Mama, fragte das Kind nach einer Pauſe, kannſt Du mir darauf die rechte Hand geben und es mir ſchwören? Luiſe zögerte einen Augenblick und ein eiſiger Schauer durchrieſelte ihre Glieder; ſie hatte ein Ge⸗ fühl, als ob ſie im Begriffe ſei, einen Meineid zu be⸗ gehen. Aber wie ſie in das ſchöne Antlitz ihres Kin⸗ des ſah, deſſen große Augen mit einem ſeltſamen Aus⸗ druck auf ſie gerichtet waren, überwand ſie ihre eigene Unentſchloſſenhai Hier haſt Du meine rechte Hand, ſagte ſie, ich ſchwöre Dir, Alles, was Dein Vater Dir erzählt hat, iſt unwahr. Camilla brach wieder in ein luſtiges Lachen aus. Siehſt Du, Mama, rief Sie, jetzt habe ich Dich attrapirt. Du willſt immer, daß ich die Wahrheit ſage und niemals ſchwöre, und niemals die rechte Hand darauf gebe, wenn das, was ich ſage, eine Lüge iſt. Und nun haſt Du es ſelber ſo gemacht! Was habe ich gemacht? fragte ihre Mutter bebend. Du haſt mir die rechte Hand gegeben und ge⸗ ſchworen, daß Alles, was der Papa geſagt hat, nicht wahr ſei, und es iſt doch wahr, und Du haſt jetzt ge⸗ logen und falſch geſchworen! Ihre Mutter zitterte ſo heftig, daß ſie ſich an die Lehne des Bettes halten mußte, um nicht umzuſinken. Warum glaubſt Du das, Camilla? fragte ſie Ich glaube es nicht, ich weiß es, ſagte das Kind mit einem luſtigen Lächeln. Denn als der Papa zum letzten Mal mit Dir ſprach und für immer von Dir Abrchied nahm, da ſagte er zu Dir daſſelbe, was er Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 4 3 zu mir geſagt hatte. Oh, ich war dabei und hörte Alles! Ihr hattet nur nicht geſehen, wie ich hinter Euch in's Zimmer geſchlichen war und mich leiſe hin⸗ ter dem großen Kaminſchirme verkrochen hatte. Da ſagte Papa auch zu Dir, Du ſeieſt Schuld an all ſeinem Unglück und ſeiner Schande. Von dem Tage, an welchem Du mit dem Gärtner davongelaufen und er, auf Befehl des Königs, Dir habe nachſetzen und Dich heirathen müſſen, von dem Tage an ſei er ein verlorener Mann geweſen. Und wie er das ſagte, da weinteſt Du nur, aber Du ſagteſt nicht zu ihm, wie Du jetzt zu mir ſagſt, daß der Papa gelogen habe. Luiſe antwortete nicht. Dieſer letzte Schlag hatte ihr Herz wie ein Blitzſtrahl zerſchmettert und ſie ganz und gar betäubt. Sich immer noch an der Lehne des Bettes haltend, blickte ſie mit einem unausſprechlichen Wehegefühl zu ihrem Kinde hin, deſſen ſchalkhaftes Lächeln ihre Seele jetzt noch wie mit einem Dolchſtoß verwundete. Verloren, murmelte ſie leiſe, wir ſind alle Beide verloren! Dann warf ſie ſich mit einer leidenſchaftlichen Ver⸗ zweiflung über ihr Kind hin und es feſt in ihre Arme ziehend, küßte ſie es mit heftiger Innigkeit und über⸗ ſtrömte ihr Antlitz mit ihren glühenden Thränen. Nein, Camilla, nein, Du ſollſt nicht verloren gehen, flüſterte ſie, Du ſollſt rein und tugendhaft bleiben. Jedes Kind hat ſeinen guten Engel, der es bewacht, bete mein Kind, bete, daß Dein Engel nicht von Dir weiche! Sie ſchloß ſie noch einmal heftig in ihre Arme und kehrte dann wieder in ihr Toilettenzimmer zu⸗ rück, troſtlos und tieftraurig, wie ſie ſich nie zuvor gefühlt. Aber dieſe ungewöhnliche Traurigkeit fing bald an ſie zu beläſtigen; ihr Herz war nicht daran gewöhnt, Schmerzen zu empfinden und ſie erſchauerte vor dieſer einſamen, dumpfen Oede, welche ſie in ſich fühlte. Wenn nur der Wagen käme, um mich abzuholen, flüſterte ſie, und dann, gleichſam um ihr leichtſinniges Herz vor ſich ſelber zu entſchuldigen, fügte ſie hinzu: jetzt iſt es für mich eine heilige Pflicht, dem Prinzen auf eine rechtmäßige und legitime Weiſe anzugehören. Ich muß mir die Achtung meines Kindes wieder er⸗ werben, ich muß ihrem Leben eine feſte und gediegene Baſis geben. Ja, ja, dazu iſt es durchaus noth⸗ wendig, daß ich nicht des Prinzen Geliebte, ſondern ſeine Gattin werde. Und ich werde dieſes Ziel ſchon erreichen, denn der Prinz liebt mich wahrhaft und in ſeinem Munde iſt das Wort einer erſten Liebe keine Lüge. Und jetzt war ſie wieder die coquette Frau, deren reizendes Lächeln wieder vollkommen mit ihrem co⸗ quetten Anzug harmonirte, nicht mehr die zärtliche Mutter, die von Reue und Selbſtvorwürfen gemarterte Sünderin! Jetzt ſtand ſie wieder vor dem Spiegel und legte die zerknitterten Falten ihres Gewandes wieder zurecht und ordnete wieder ihre etwas verſchobene und zer⸗ drückte Friſur. 3 Ich will heute bezaubernd und ganz hinreißend ſein, flüſterte ſie mit einem Lächeln, das die beiden Reihen ihrer perlenweißen Zähne ſehen ließ. Der Prinz ſoll aus meinen Blicken Begeiſterung und Muth ſchöpfen, das Ungeheuerlichſte zu wagen und mir ſeine Hand anzubieten. Oh, ich weiß ſchon, daß er ganz in der Stimmung iſt, es zu thun, und wär's auch 32 — 36— 3 nur, um ſeinem königlichen Bruder ein Aergerniß zu bereiten.. Wie ſie jetzt von der Straße her das Vorfahren eines Wagens vernahm, flammten ihre Augen und ſie flüſterte hochaufathmend: Die Schlacht beginnt! Auf 2 denn zum Siege! IV.— Kuf dem Maskenball. Das Feſt hatte ſchon begonnen, und als Luiſe voon Kleiſt, die ſchöne Odaliske, in den großen Tanzſaal trat, ward ihr Auge faſt geblendet von dem bunten Gemiſch der Masken, die da in ihren fabelhaften, phantaſtiſchen, von Gold und Geſchmeide funkelnden Gewändern auf⸗ und abwogten; von dem Lichterglanz, 1 der von den Kronleuchtern aus Bergkryſtall ſich wie lein funkelndes Lichtmeer über dieſen von Spiegeln und Goldverzierungen glänzenden Saal ergoß und das Parquet wie eine dunkle Eisbahn erglänzen machte. — Die Feſte des Prinzen von Preußen waren be⸗ rühmt, ſowohl wegen ihrer geſchmackvollen Anordnung als wegen des Luxus und Glanzes, den der Thron⸗ erbe dabei entfaltete, und den er vielleicht wie einen funkelnden Schleier über die Augen ſeiner Gäſte legen wollte, damit ſie ſein eigenes ſtilles und ſchwermüthi⸗ ges Antlitz nicht beachten, ſondern ſein Leben und ſein Glück nach dem Glanze ſeiner Feſte beurtheilten.— Unerkannt ſchlüpfte die ſchöne Odaliske in dem bunten Und wo iſt mein Sultan? fragte ſie leiſe. Hier iſt er, ſagte die zweite Maske, der ſchönen Frau den Arm reichend, und Luiſe ſah durch die Maske dieſe großen brennenden blauen Augen ihr entgegen ſtrahlen, welche Niemand auf der Welt außer dem König und dem Prinzen Heinrich beſaß. Ach, mein Prinz, flüſterte ſie leiſe und faſt vor⸗ wurfsvoll, Sie ſehen, daß ich es war, welche er⸗ wartete. Der Prinz antwortete nicht, er führte ſie nur haſtig durch das Gedränge, während Pöllnitz vorauf ſchritt und ihnen den Weg anzudeuten ſchien, wel hen ſie gehen ſollten. So gelangten ſie bald an das Ende des Saals zu dieſer kleinen Treppe, über welche man zu dem kleinen Boudoir gelangte, aus welchem man auf den Balcon trat, der die obere ſchmale Seite des Saals begrenzte. Von dieſem Balcon aus konnte man den ganzen Saal überſchauen, aber wenn man nur unbemerkt und unbeobachtet von der Geſellſchaft da oben in dem Boudoir ſein wollte, ſo hatte man nur nöthig, dieſe ſchweren ſammetnen Vorhänge, welche das kleine Kabinet von dem Balcon trennten herab⸗ zulaſſen und man befand ſich alsdann in einem reizen⸗ den kleinen Boudoir, zu dem die Muſik und das Ge⸗ räuſch des Tanzſaals nur wie das Geräuſch der Wogen, die ſich an der Inſel der Glückſeligen brachen, empor⸗ tönte. Zu dieſem Boudoir führte Herr von Pöllnitz jetzt das ſchweigende Paar. Mit geſchäftigem Eifer öffnete er ihm die Thür und hieß es eintreten; nachdem er dann die Balconvorhänge hatte herniederrauſchen laſſen, verneigte er ſich ehrerbietig und ſchlüpfte hinaus. Mein Gott, flüſterte Luiſe mit wohlerkünſteltem Schrecken, wenn man uns hier überraſchte, Hoheit, wenn man— Fürchten Sie nichts, man wird uns nicht über⸗ raſchen, ſagte ihr Begleiter, Pöllnitz hält Wache vor der Thür. Da wir alſo ungeſtört und allein ſind, ſo wollen wir zuerſt eine Maske von unſerm Antlitz nehmen, vielleicht bleibt doch noch eine darauf haften! So ſprechend nahm der vermeintliche Prinz Hein⸗ rich ſeine Maske ab und warf ſie auf den Tiſch. Der König, rief Frau von Kleiſt, entſetzt einen tt zurückweichend. Des Königs große Augen ruhten mit einem durch⸗ bohrenden Ausdruck auf ihr. Wie? fragte er, Sie ſpielen alſo noch immer Maskerade? Sie ſtellen ſich erſtaunt, und doch wußten Sie ja, daß ich es war! Wem anders als dem König würde ſonſt wohl die ſchöne Frau von Kleiſt eine ſolche Auszeichnung wider⸗ fahren laſſen? Zu welchem andern Cavalier könnte ſie wohl ein ſo unbedingtes Vertrauen haben, daß ſie ihm hierher folgte, in dieſes einſame Boudoir, das mit ſeinem roſigen Ampellicht und ſeiner geräuſchvollen Stille wirklich für jeden Andern gefährlich ſein würde, und ganz geeignet iſt die ruhigſten Sinne und das kälteſte Herz zu entflammen? Wem anders als dem König allein würde Luiſe von Schwerin, nicht doch, Luiſe von Kleiſt auf dieſe Art ihre Ehre, ihren Namen und ihre Perſon überantworten? Aber Sie wiſſen, daß Sie ganz außer Sorgen ſein dürfen, denn in Meiner Nähe ſein, heißt ſich unter Meinem Schutze beſinden, unter dem Schutze eines Königs, dem die Sorgen und Laſten ſeiner Königspflichten längſt das Herz eines Mannes überwuchert und erſtickt haben. Ich danke Ihnen, daß Sie mich richtig erkannt haben und mir hierher gefolgt ſind.“ — 40— Luiſe fühlte ſich zu ſehr verwirrt von des Königs durchbohrenden Blicken, zu ſehr beſchämt von ſeinen leiſe ſpöttelndeu Worten, um einer Antwort fähig zu ſein. Sie verneigte ſich ſchweigend und ließ ſich von dem König zu dem Divan führen, der die Wand, dem Balcon gegenüber, einnahm. Setzen wir uns und plaudern wir ein wenig, ſagte der König. Sie wiſſen, ich haſſe das Geräuſch der Feſte, und liebe es mich in guter Geſellſchaft, in irgend eine Ecke zurückzuziehen, wo man nicht 2 achtet und nicht geſtört wird. Kaum hatte mir alſo Pöllnitz verrathen, welch' eine liebenswürdige Fee unter dieſem Anzug einer Odaliske verborgen ſei, als ich wußte, daß ich meine gute Geſellſchaft gefunden hatte und Pöllnitz nur befahl, uns einen ſtillen Plau⸗ derwinkel zu zeigen. Da ſind wir, plaudern wir alſo! Fangen Sie an! Wovon befehlen Euer Majeſtät, daß ich ſprechen ſoll? fragte Luiſe verwirrt und angſtvoll, denn ſie be⸗ griff ſehr wohl, daß der König durchaus nicht zufällig ihre Geſellſchaft gewünſcht hatte, ſondern daß er da⸗ mit einen ganz beſtimmten Zweck verfolge. Oh, das iſt in der That eine Frage, deren Naive⸗ tät mich an die kleine Luiſe von Schwerin früherer Tage erinnert, rief der König lächelnd. Wovon Sie ſprechen ſollen? Nun, ſprechen wir zunächſt von dem, was jeden Menſchen am Meiſten zu intereſſiren pflegt, ſprechen wir von Ihrem Glück. Sie ſeufzen? Soll⸗ ten Sie auch Ihren Tribut ſchon an die Vergänglich⸗ keit des Glückes gezahlt haben? Ah, Majeſtät, eine unglückliche Ehe iſt der ſchlimmſte Tribut, den man zahlen kann, ſeufzte Frau von Kleiſt, und Euer Majeſtät wiſſen, daß ich den ſehr lange 4 zahlen mußte, bis ich endlich vor kurzer Zeit durch Ihre Gnade aus meiner Sclaverei erlöſt ward. Ach ja, es iſt wahr, Sie ſind geſchieden! Und wann werden Sie ſich wieder verheirathen? 3 Luiſe blickte überraſcht empor? Wie ſtotterte ſie 86 verlegen, Euer Majeſtät meinen— Daß Sie ſich wieder verheirathen werden, aller⸗ dings! Denn eine ſo ſchöne Frau, wie Sie es ſind, iſt natürlich immer von Freiern umlagert, und ich wengegee nicht dulden, daß Sie, wie die höchſt ehr⸗ ſan enelopeia, um Ihre Freier zu täuſchen, Nachts das Gewand wieder zertrennen, an welchem Sie den Tag über gewebt haben. Nein, ich wünſche aufrichtig, daß Sie ſich wieder verheirathen; Sie ſollen damit meinen Brüdern, Ihren Jugendgeſpielen, als würdi⸗ 4 ges Beiſpiel vorangehen, und ich will zu meinem Bruder Heinrich ſagen: Die Ehe iſt wahrhaftig nicht g ein ſo übles Ding, wie Du meinſt, und man kann ſich ihr wohl unterwerfen. Hat doch die ſchöne Frau von Kleiſt ſchon zum zweiten Male den Muth gehabt, ſich zu vermählen, und Du, welcher ein Mann biſt, Du wollteſt ſchon vor dem erſten Male zurückſchrek⸗ ken?— Vraiment, ich hoffe, daß dieſe Worte wie eine Beſchwörungsformel auf ihn wirken werden, und ich wünſche daher Ihre Vermählung nicht bloß zu Ihrem eigenen Glü ſondern auch als ein Liebes⸗ 2 opfer, welches Sie em Hauſe darbringen ſollen. Nur zweifle ich, Sire, ſagte Luiſe ſchüchtern, daß 4„ das Beiſpiel einer ſo geringfügigen Perſon den Prin⸗ 4 zen von ſeinem Widerwillen gegen die Che zurückzu⸗ — führen vermag. Aber dieſer Zweifel iſt ungerecht und entſpringt aus einem Irrthum. Der Prinz hat eine zu große Jugendanhänglichkeit für Sie, um nicht der Ueber⸗ redung Ihres ſchönen Beiſpiels Folge zu leiſten. Ver⸗ mählen aber ſoll und muß ſich der Prinz, das heißt, ſtandesgemäß und legitim. Ich liebe nicht dieſe Aus⸗ nahmeehen der Prinzen, welche vermeinen aus ihrer Maitreſſe eine ehrliche Frau machen zu können, wenn ſie ihr ſtatt ihres Namens und ihres Ranges die linke Hand darreichen und Gott, die Menſchen und ihr eigenes Gewiſſen mit einigen frommen Tugendphraſen von Ehre und Sittlichkeit verblenden wollen. Eine Frau der linken Hand, was iſt das? Eine priyile⸗ girte Maitreſſe, weiter nichts! Das Gelöbniß, es man ihr vor dem Altar ablegt, giebt ihr nicht einmal die Sicherſtellung, daß ihr Gemahl ſich nicht noch außer ihr legitim vermählen kann. Und was bleibt alsdann dieſer Frau der linken Hand? Die Religion und die allzeit käufliche Kirche hat ihr einen eitlen Titel gegeben, das iſt Alles, die Geſetze gewähren ihr nichts, die Welt bewilligt ihr nur die Neugierde der Niedrigen, die Verachtung der Hohen, und wenn das Schickſal ihre Zwitterehe mit Kindern ſegnet, ſo wer⸗ den ihre Kinder einſt ihrer Mutter fluchen, welche ſie zu einem Leben mit zweifelhafter Ehre und zweifel⸗ haftem Namen verdammt hat. Ach, Sire, Sie malen da ein fürchterliches Bild, rief Luiſe bebend. Ich thue es, weil ich wün te, daß Sie, welche meinen Bruder ſo lange reunſi verſuchen möchten, in gutem und edlem Sinn auf ihn zu wirken, denn man ſagt mir, daß der Prinz im Begriff ſei eine große Thorheit zu begehen. Man verſichert mich, daß er aus Trotz gegen mich und meinen Willen, ſich heimlich und illegitim vermählen wolle. Noch kenne ich den Namen ſeiner Maitreſſe nicht, aber ich werde auch den erfahren, und wenn ich mir erſt einmal die Mühe gegeben habe, ihn in mein Gedächtniß aufzu⸗ nehmen, dann wehe ihr, denn ich werde alsdann ohne Gnade ſein. Sagen Sie das meinem Bruder, ich bitte Sie darum. Sagen Sie ihm, daß ich niemals eine ſolche illegitime Ehe anerkennen werde, daß für 2 mich dieſe Frau der linken Hand immer nur ſeine 3 Maitreſſe bleiben würde, welche ebenſo gut ihren Lieb⸗ ſtenſchein bedürfe, wie die Soldatenliebſten in meiner Armee,*) daß ich die Kinder dieſes Bündniſſes gleich denen der übrigen Soldatenliebſten als Waiſen be⸗ trachten und in das Waiſenhaus zu Potsdam bringen, daß ich aber vor allen Dingen Sorge tragen würde, daß ſeiner Maitreſſe die Thüren aller Familien mei⸗ nes Hofes verſchloſſen bleiben und man ſie überall nur als eine Ausgeſtoßene und Verachtete fortweiſen ſolle! Euer Majeſtät ſind ſehr ſtreng und mitleidslos gegen den armen Prinzen, ſagte Frau von Kleiſt, welcher es gelungen war, ihre eigene Erregung zu unterdrücken und die ſich jetzt, auf die Abſicht des Königs eingehend, gern das Anſehen geben wollte, ſelber ganz unbetheiligt bei dieſer Angelegenheit zu er⸗ 4 ſcheinen. Nein, ſagte der König, ich bin nicht grauſam und nicht mitleidlos, ich muß nur die Dinge anſehen mit den Augen eines Königs, der nicht bloß das Wohl ſeiner Familie, ſondern mehr noch das Wohl ſeines Volkes zu bedenken hat. Meine Brüder ſollen meinem *) Der König litt es nicht, daß die Soldaten ſich während ihrer Dienſtzeit verheiratheten. Aber es wurde ihnen erlaubt in freier Gemeinſchaft mit einer Auserwählten zu leben, nur mußte füͤr dieſe bei den obern Militairbehörden ein Liebſtenſchein gelöſt 8 werden, welcher ſie dann vor der Polizei und dem Geſetz ſicherte. Preuß, Th. I. S. 426. — 44— Volk nicht allein in allen Dingen mit einem guten und würdigen Beiſpiel vorangehen, ſondern fie ſollen auch für das Wohl meines Landes und meines Volkes mit mir Sorge tragen. Sie ſollen ſich daher ſtandes⸗ gemäß vermählen, nicht bloß um ihrem Vaterlande edle Söhne und tapfere Heerführer zu geben, ſondern auch um ſich mit reichen Prinzeſſinnen zu verbinden, welche neues Geld und neue Erwerbsquellen meinem Lande und meinem Volke zuführen. Armer Prinz, flüſterte Luiſe, Euer Majeſtät wollen alſo ſein Herz wie einen Goldklumpen ausmünzen, und das ſchöne Göttermetall zu ſchmutziger Kupfer⸗ münze für das Volk umprägen? Ich denke nicht, daß die Hände des Volkes das Gold in Kupfer verwandeln, ſondern das Kupfer wird in ſeinen fleißigen Händen zu blankem Golde, an dem der Segen Gottes haftet. Wer ſich dem Wohl des Volkes opfern muß, dem hat das Schickſal eine große und ſchöne Beſtimmung gegeben, und die Geſchichte wird ihm dafür ein Denkmal ſetzen. Auch mein Bru⸗ der Heinrich gehört der Geſchichte an, und er darf ſich daher nicht verlocken laſſen von der Syrenenſtimme ſeiner Geliebten, ſondern er muß ſich die Ohren mit Wachs verkleben und ſich an den Maſtbaum ſeiner Fürſtenpflicht anbinden laſſen. Sagen Sie das dem Prinzen, und nun, fuhr der König mit einem ver⸗ bindlichen Lächeln fort, nun aſſen Sie uns wieder von Ihnen reden. Sie werden ſich alſo wieder ver⸗ mählen: Haben Sie Vertrauen genug zu mir, um mir den Namen ihres glücklichen Bräutigams zu nennen? Sire, rief Luiſe lächelnd, noch kenne ich ihn ſelbſt nicht, und um Ihnen zu beweiſen, welch ein unbe⸗ dingtes Vertrauen ich in Euere Majeſtät ſetze, ſo ge⸗ 4 nicht einmal ob ſich zahlreichen Verehrern Einer befindet, Nachfolger des Herrn von Kleiſt ſein r leicht, ſehr viele Courmacher zu dieſen einen Epouſeur ſtehe ich Ihnen, noch weiß ich unter meinen welcher der möchte. Es iſt ſeh haben, aber ſehr ſchwer unter zu finden. Und doch brauchen wir einen Epouſeur, damit er die Schaar der lockern Freier und Courmacher verjage, ſagte der König lächelnd. Sinnen wir alſo ein wenig nach. Laſſen Sie die Courmacher die Revue paſſiren. Sollte wirklich nicht ein einziger Epouſeur ſich unter dieſelben verirrt haben? Luiſe blickte nachdenkend vor ſich nieder. Der Kö⸗ nig beobachtete ſie mit ſcharfen und forſchenden Blicken. Nun? fragte er nach einer Pauſe, haben Sie einen Epouſeur gefunden? Frau von Kleiſt ſeufzte und es trat etwas wie eine Thräne in ihr ſonſt immer ſo heiteres und glän⸗ zendes Auge; ſie nahm in dieſem Moment Abſchied von ihren ſchönſten und ehrgeizigſten Träumen, Ab⸗ ſchied von einer Zukunft des Glanzes und der Liebe! Ja, ſagte ſie, ich glaube einen Epouſeur gefunden zu haben, einen Courmacher, den ich nur zu ermuthi⸗ gen habe, um den beſcheidenen und ſchmachtenden Liebhaber in einen todesmuthigen Freier umzuwandeln, der mir ſein Leben und ſeine Hand anbietet. Er iſt von gutem Adel, nicht wahr? Ja, Sire! Militair? Ja, Sire, und zwar trägt er nur die Haupt⸗ mann's⸗Epauletten. Euer Majeſtät ſehen, daß ich beſcheiden bin. Ich werde den Hauptmann am Tage Ihrer Ver⸗ mählung zum Major machen. Wenn die Kirche dieſe = 46— Liebe geſegnet hat, ſoll ihm auch der Segen des Kö⸗ nigs nicht fehlen. Wir ſind alſo einig! Wann wer⸗ den Sie ſich verloben? 4 Sire, das häugt von der Zähigkeit meines Freiers ab, und wann endlich es mir gelingen wird ihn zum Sprechen zu bringen. Nehmen wir an, daß dies in acht Tagen ſei. Sie ſehen, daß ich es ſehr eilig habe, einen glücklichen Sterblichen mehr auf Erden zu wiſſen, und ich denke, daß der Gemahl der ſchönen und geiſtvollen Frau von Kleiſt ein ſehr glücklicher Sterblicher ſein wird. In acht Tagen alſo feiern Sie Ihre Verlobung und um das Maaß Ihrer Güte voll zu machen, werden Sie meinem Bruder Heinrich ſelber Ihre Verlobung anzeigen. Verſteht ſich, daß Sie ihn nicht ahnen laſſen, daß Ihr großmüthiges Beſtreben, ihm ſelber ein gutes Beiſpiel zu geben, Sie zu dieſer Verlobung be⸗ wogen hat. Nein, Sie werden Ihr großmüthiges Werk vollenden, Sie werden ihm ſagen, daß die Liebe und nur die Liebe Sie zu dieſem Schritt bewogen habe, und damit er gewiß nicht an Ihren Worten zweifelt, werden Sie ihm das mit heiterer Stirn und lachendem Munde ſagen!. Sire, das iſt zu viel, das vermag ich nicht, rief Frau von Kleiſt, bei der jetzt die empörte Eitelkeit der Frau die Unterwürfigkeit der reſpectvollen Hofdame überwand. Es iſt genug, daß ich mein eigenes Herz auf die Schlachtbank lege, Euer Majeſtät können nicht noch fordern, daß ich vorher noch dem Herzen des Prinzen ſoll den Todesſtoß geben! Ein zorniger Blick flammte in des Königs Auge auf, aber er hielt ſich noch zurück. Den Todesſtoß, wiederholte er achſelzuckend. Als ob ſich das Men⸗ ſchenherz an ſolchen kleinen Nadelſtichen verblutete. = 1, Sie wiſſen das doch beſſer, denn Sie ſind eine Mei⸗ ſterin in der Liebe und wiſſen, daß der Grabhügel der einen Liebe immer nur die Wiege einer zweiten Liebe iſt. Seien Sie vernünftig und thun Sie wie ich Ihnen ſage. In acht Tagen werden Sie verlobt ſein und dann werden Sie die Güte haben, den Prinzen Heinrich ſelber mit Ihrem neuen Liebesglück bekannt zu machen. Oh, Sire, ſeien Sie nicht ſo grauſam dies zu for⸗ dern, rief Luiſe, in der Gewalt ihrer Bewegung von dem Divan hernieder auf ihre Kniee gleitend. Seien Sie barmherzig, Sire. Sie ſehen mich bereit mich den Befehlen meines Königs zu fügen und das Opfer zu bringen, welches man von mir fordert, nur muß dieſes Opfer kein übermenſchliches ſein. Wenn aber Euer Majeſtät verlangen, daß ich ſelber mir den Fluch und die Verachtung zuziehen, daß er mich nicht bloß aufgeben, ſondern auch mich verachten ſoll, Sire, ſo iſt das zuviel von einer Frau verlangt, mehr als das ſtärkſte Herz es zu leiſten vermag. Denn Euer Majeſtät wiſſen es wohl, ich bin es, welche der Prinz liebt, und vielleicht dachte er in einer ſchwachen Stunde daran, dieſem Weibe, welches ihn anbetet und welches ſicher und gewiß war, an ſeiner Hand wieder in das Paradies der Unſchuld und der Liebe einzutreten, die⸗ ſem Weibe, ſage ich, ſeine Hand zu geben und ſie zu der Gemahlin ſeines Herzens zu machen, da er ſie nicht zu der Gemahlin ſeines Namens machen darſ. Oh, Sire, vielleicht wäre Ihr Bruder durch mich ein in Ungnade gefallener Prinz geworden, aber er wäre ein glücklicher Mann geweſen und ich frage den König, ob das nicht am Ende das Beſte und Schönſte iſt, ich frage den König, ob er zufrieden und glücklich ge⸗ worden iſt, ſeit er ſein Herz getödtet und die Liebe ——j—— — 48— wie eine zerfetzte Standarte zu den Füßen ſeines Thrones niedergelegt hat! Sie verlangen, daß Ihr Bruder thue, was auch Sie gethan haben! Nun wohl, Sire, ich unterwerfe mich, ich bin ſelbſt bereit nicht bloß zu entſagen, ſondern mich ohne Liebe auf's Neue in die Feſſeln der Ehe zu legen. Vielleicht wird dadurch meine Seele verloren gehen, aber was liegt daran! Sie iſt ein Spielzeug in den Händen meines Königs, möge er es zerbrechen, aber es ſoll wenigſtens nicht verläſtert und in den Schmutz getreten werden. Der Prinz ſoll aufhören mich zu lieben, aber ich will nicht von ihm verachtet werden, ich will nicht, daß er, wenn er an mich denkt, mich eine elende Coquette nenne und mich verachten, indem er mich verlacht! Nun, Sire, mögen Sie mich mit Ihrem Zorn zer⸗ ſchmettern, ich habe geſagt, was ich ſagen mußte! Sie neigte ihr Haupt faſt bis zur Erde nieder, und wie ſie jetzt ſo, in ſich zuſammengekauert, die Hände über der Bruſt gefaltet, zu den Füßen des Königs ſaß, hätte man ſie in der That für eine Oda⸗ liske halten mögen, nur daß ihr von Thränen über⸗ fluthetes Antlitz nicht zu der Situation und dem Co⸗ ſtüm paßte. Eine Pauſe trat ein, eine bange, angſtvolle Pauſe, in welcher der König kämpfte mit ſeinem Zorn und Luiſe mit ihrem Schmerz. Aus dem Tanzſaal drang das Geräuſch frohen Lachens und murmelnder Stim⸗ men in dumpfem Gebrauſe zu ihnen empor und jetzt plötzlich ward es übertönt von heitern Fanfaxen und luſtiger Tanzmuſik. Der Ball hatte ſeinen Anfang genommen und drunten drehten ſich jetzt Paare im fröhlichen Tanz. Der Klang dieſer Töne weckte den König aus ſei- nem Nachſinnen und machte Lniſens Herz erſchauern. — 419— Sie wollen alſo meine Vitte nicht erfüllen? fragte der König ſtrenge. Sire, ich vermag es nicht, jammerte Luiſe, ihre Hände flehend zu dem König erhebend. Sie vermögen es nicht, rief der König, deſſen Geſicht jetzt flammte in Zorn. Sie vermögen es nicht, das heißt, Sie wollen es nicht, weil Sie in der Eitelkeit und Coqunetterie ihres Herzens nicht die Liebe des Prinzen aufgeben wollen. Sie entſchließen ſich, ſeiner Hand zu entſagen, weil Sie es müſſen, aber Sie wollen ſich ſeine Liebe retten. Er ſoll an Sie denken, wie an ein himmliſches Ideal, das man anbetend unter die Sterne verſetzt, wenn man es nicht an ſein Herz ziehen darf. Ah, Madame, das würde nur heißen, ihn mit ſeinen Erinnerungen verheirathen, und die Kluſt, welche zwiſchen mir und ihm beſteht, nur noch tiefer machen. Sie ſagen, Sie wollen ſich wenigſtens ſeine Hochachtung retten! Nun, Madame, ich frage Sie, was haben Sie gethan, um ſich dieſe Hochachtung zu verdienen? Sie waren eine undank⸗ bare und pflichtvergeſſene Tochter, denn Sie dachten nicht an die Schmach und den Gram, welchen Sie Ihren Aeltern bereiteten, als Sie damals mit dem Gärtnerburſchen von dannen liefen. Es gelang uns damals noch Sie von der Schande zu erretten, indem wir Sie einem jungen, tapfern und liebenswürdigen Cavalier vermählten: Jetzt wäre es an Ihnen ge⸗ weſen, ſich ſeine Liebe und Hochachtung zu erwerben. Aber Sie waren eine pflichtvergeſſene Gattin, wie Sie einſt eine pflichtvergeſſene Tochter geweſen. Sie hat⸗ ten kein Mitleid mit den Schwächen und Thorheiten Ihres Mannes, und wenn Sie denn, wie Sie ſagen, ein Paradies der Unſchuld und Liebe in Ihrem Her⸗ zen bewahren, ſo haben Sie doch wahrhaftig Ihrem Mühlbach, Friedr. d. Gr. zꝛc. I. 4 Mann dazu die Pforten nicht geöffnet. Sie haben ihn hinausgetrieben in die Wüſte der Verzweiflung, Sie haben ihn umher gehetzt mit den Bildern ſeiner Schande und ſeines Elends, ſo lange bis der arme, betäubte Menſch, um nur nichts mehr zu ſehen, um ſeinen Gedanken zu entfliehen, ſich dem Laſter der Trunkenheit ergab. Denn da er kein Gott war, ſon⸗ dern nur ein armer Erdenſohn, konnte er ſich das Vergeſſen nicht aus der Lethequelle, ſondern nur aus dem Weinfaß holen. Und Sie, ſtatt ihm jetzt ſchützend und rathend zur Seite zu bleiben, Sie verließen ihn und jammerten ſo laut über ſeine Schande, daß ich, um nur dem Seandal ein Ende zu machen, und dem Wunſche Ihres Oheims zu genügen, in Ihre Schei⸗ dung willigte. Sie waren aber nicht bloß eine pflicht⸗ vergeſſene Tochter und Gattin, ſondern auch eine pflichtvergeſſene Mutter, denn Sie haben Ihrem Kinde den Vater genommen, Sie haben ſie zu einer Waiſe gemacht, welche nicht einmal auf das Grab ihres Va⸗ ters kann beten gehen, Sie haben ihre junge Seele beſchmutzt mit den ſtrafwürdigen Bildern der Zwie⸗ tracht und des ehelichen Unglücks, Sie haben ihr die Achtung vor ihren Aeltern geraubt. Und jetzt, nach alle dem, wollen Sie noch, daß mein armer Bruder Sie anbete wie eine Heilige, und in unglücklicher Liebe zu Ihnen ſchmachte? Nein, Madame, davor werde ich ihn zu bewahren wiſſen. Ich werde ihm die Augen öffnen und ihm und der Welt eine Ge⸗ ſchichte von der kleinen Luiſe von Schwerin erzählen. Noch lebt Fritz Wendel, und wenn Sie es wünſchen, will ich ſeinen Körper wie ſeine Zunge frei geben. Er mag erzählen, was er weiß! Oh, zum zweiten Male ſchon heute höre ich dieſen verhaßten Namen, murmelte Luiſe, die Vergangen⸗ — 51— heit iſt eine Erynnie, welche uns ohne Gnade durch das ganze Leben verfolgt und uns niemals wieder frei läßt! Wählen Sie, Madame, ſagte der König nach einer Pauſe, wollen Sie meinem Bruder auf eine heitere und ungezwungene Weiſe Ihre Verlobung ankündigen, oder ſoll ich Fritz Wendel rufen, damit er die un⸗ glückliche Liebe des Prinzen mit ſeiner romantiſchen Geſchichte in den Schlaf ſinge? Luiſe von Kleiſt hatte ſich ſchon, während der Kö⸗ nig vorher ſprach, langſam von ihren Knieen aufge⸗ richtet und wieder ihren Platz auf dem Divan einge⸗ nommen. Jetzt erhob ſie ſich und indem ſie ſich tief verneigte, ſagte ſie mit bebenden Lippen und tonloſer Stimme: Sire, ich bin zu Allem bereit, was Sie be⸗ fehlen! Ich werde dem Prinzen meine Verlobung ſelbſt anzeigen und zwar heiter und ohne Seufzen, nur haben Sie die Gnade mich von dieſem Schreck⸗ bild zu befreien, das mich wie eine Furie verfolgt, nur laſſen Sie dieſen Menſchen verſchwinden, der wie ein Geſpenſt zugleich vor meiner Vergangenheit und meiner Zukunft ſteht. Den armen Fritz Wendel meinen Sie? fragte der König lächelnd. Ich denke, er iſt genug geſtraft für ſeine Thorheit und ſeinen Verrath, und nachdem wir ihn jetzt mit Strenge beſtraft haben, wollen wir ihn mit Großmuth verſöhnen. An dem Tage, an welchem Sie ſich vermählen, werde ich ihn als Soldat zu einem meiner Regimenter an der polniſchen Grenze ſchicken. Dort mag er den Waſſerpolaken von ſeinen einſtigen Abenteuern erzählen, ſie werden ihn nicht verſtehen und nicht auf ihn hören. Sind Sie nun zufrieden? Ich danke Ihnen, Sire, ſagte Luiſe matt. Ah, ich ſehe, unſere Unterredung hat Sie ein geleiten. wenig angegriffen, ſagte der König. Nun, glücklicher Weiſe ſind wir jetzt zu Ende und vollkommen einig. Sie werden ſich alſh im Laufe der nächſten acht Tage verloben? Ja, Sire! Am Verlobungstag ge werde ich Ihren Capitain zum Major machen. Sie werden meinem Bruder Heinrich ſelbſt, und zwar heiter und unbefangen, ihre Verlobung anzeigen? 2 Ja, Sire, und Sie werden dafür den Gärtner⸗ burſchen für immer verſchwinden laſſen? Das werde ich. Aber halt, noch Eins! Wo wer⸗ den Sie meinem Brnder Ihre Verlobung anzeigen, und vor welchen Zeugen? Wo und vor welchen Zeugen es Euer Majeſtät befehlen, ſagte Frau von Kleiſt ganz reſignirt. Der König ſann einen Augenblick nach. Sie wer⸗ den es in meiner Gegenwart thun müſſen, ſagte er, denn ich werde in dieſer Sache nur meinen eigenen Augen und Ohren trauen können. Ich werde Ihnen durch Pöllnitz Ort und Zeit angeben laſſen, und daß Sie bis dahin den Prinzen weder ſehen noch ihm ſreiben können, das ſei meine Sorge. Wir ſind zu Ende, Madame, und wenn's Ihnen jetzt gefällig iſt, gehen wir hinunter in den Saal. Ich denke mir, daß Ihr Epouſeur dort nach Ihnen ſeufzt. Mag er ſeufzen, Sire. Ich bitte um die Gnade mich zurückziehen zu dürfen, und wär's auch nur, um dem Prinzen Heinrich nicht zu begegnen, denn ich fühle mich noch nicht ſtark genug, ihm mein Herz zu verläugnen.. Gehen Sie, Madame, wohin es Ihnen beliebt, ſagte der König, Pöllnitz ſoll Sie zu Ihrem Wagen — 53— Er reichte Frau von Kleiſt mit einer freundlichen Verneigung die Hand dar und geleitete ſie zu der Ausgangsthür. 3 Leben Sie wohl, Madame, ſagte der König freund⸗ lich. Ich denke, wir ſcheiden als gute Freunde? Frau von Kleiſt lächelte ſchmerzlich. Sire, ſagte ſie, ich kann nur zu Ihnen ſprechen, wie es die bis auf den Tod zerſchlagenen, blutenden Soldaten thun, welche für irgend ein Vergehen haben Spießruthen laufen müſſen.„Ich danke für gnädige Strafe.“ Euer Majeſtät haben heute mein armes Herz Spieß⸗ ruthen laufen laſſen. Sire,„ich danke für gnädige Strafe.“ Sie verneigte ſich tief und verließ dann eiligſt das bün⸗ um den König ihre Thränen nicht ſehen zu aſſen. Ein heimlicher Hauptmann. Der König blickte ihr lange ſchweigend nach, Au⸗ fangs mit dem Ausdruck tiefen Mitleids, das aber bald einem heitern ſpöttiſchen Lächeln weichen mußte. Sie iſt nicht eine Frau, welche den Kummer ernſt⸗ haft zu nehmen verſteht, ſagte der König dann; wenn ihr die ſchwarze Trauer nicht kleidſam erſcheint, wird ſie ſich bald wieder in das Noſenroth der Freude kleiden. Sie iſt eine Coquette, weiter nichts! Es iſt alſo nicht nöthig, ſie zu beklagen! m n.— — 54— Er trat jetzt zu dem in den Saal hineinmünden⸗ den Balcon und ſchaute verſtohlen hinter der Gardine hervor auf das bunte Getümmel da unten im Saal. Und das nennen die Menſchen ſich amüſiren, ſagte er dann nach einer Pauſe. Kleiden ſich an, wie die 1 Affen, legen über ihre Larve eine andere Larve, ren⸗ nen und laufen gegeneinander an, tanzen im Schweiße ihres Angeſichts, und wenn ſie dann todesmatt und erſchöpft heimkehren, ſo ſeufzen ſie:„Das war ein herrliches Feſt! Ich habe mich deliciös amüſirt.“ Oh, arme, thörigte Menſchenkinder, wie weiſe könntet Ihr ſein, wenn Ihr nicht gar ſo kindiſch wäret, wenn Ihr die Freude und das Glück nicht immer gerade da ſuchtet, wo Ihr gewiß ſein könnt, es nicht zu fin⸗ 3 den! Aber wie, unterbrach ſich der König, dieſe bei⸗ den Rieſengeſtalten, welche da zu beiden Seiten jenes kleinen Armeniers einherſchreiten, das ſind ohne Zwei⸗ fel die Herren von Kalkreuth und Kaphengſt, und es iſt alſo mein Bruder, welcher da in ihrer Mitte geht! Armer Heinrich! Du haſt Deine Freiheit ſchlecht an⸗ gewendet und wirſt ſie daher ſchnell genug wieder verlieren müſſen! Ah, wie er ſuchend das Haupt umherwendet und nach ſeiner ſchönen Odaliske ſpäht! Vergebens, mein Bruder, vergebens! Wir haben ſie für heute Abend wenigſtens in eine büßende Magda⸗ lena verwandelt, morgen wird ſie aber ſchon wieder 1 eine lebensluſtige Aspaſia ſein! Ah, jetzt trennt ſich 3 der Prinz von ſeinen Begleitern, ſie vertheilen ſich im Saal, um zu ſuchen. Ich hätte wohl dem(uſtigen Kaphengſt ein Wort in's Ohr zu ſagen! Der König trat von dem Vorhang zurück und nachdem er ſeine Maske wieder vor ſein Antlitz gee legt hatte, verließ er das Balconzimmer, um in Be⸗ gleitung ſeines Ober⸗Ceremonienmeiſters wieder in den großen Ballſaal zurückzukehren. Dort herrſchte jetzt ein fröhliches, bewegtes Leben. Masken drängten ſich an Masken. Hier ſtanden Grup⸗ pen in fröhlichem Geplauder neben einander, dort tanzte man, dort drüben an dem andern Ende des Saals hörte man dem Spielmann zu, der in komi⸗ ſchen, deutſch⸗franzöſiſchen Verſen zu ſeiner Drehorgel die kleinen Begebenheiten und Aventüren des dies⸗ jährigen Hoflebens beſang, und bald heiteres Ge⸗ lächter, bald verlegenes Schweigen und verſchämtes Erröthen hervorbrachte, und hier wieder ergötzte man ſich an dem heitern und witzigen Geplauder des Soh⸗ nes des Prinzen von Preußen, des kleinen zehnjähri⸗ gen Prinzen Friedrich Wilhelm, der als Liebesgott gekleidet, mit Köcher und Bogen umhertänzelte und in frühreifem Inſtinet nur auf die ſchönſten und reizendſten Damen ſeine Pfeile richtete. Prinz Heinrich achtete auf dies Alles nicht, ſein irrender Blick ſuchte nur umher nach der ſchönen Odaliske und ein dumpfer Seufzer entwand ſich ſeiner Bruſt, als er ſie immer noch nicht fand. Haſtig eilte er vorwärts durch die Reihen der Tänzer, deren buntes Gewoge ſeine beiden Cavaliere eben von ihm getrennt hatte. Es ſcheint, flüſterte der Baron Kaphengſt ſeinem Freunde Kalkreuth in's Ohr, es ſcheint, der Prinz möchte unſerer ein wenig ledig und ganz unbeobachtet ſein. Ich denke, auch wir können dabei nur profitiren und ſomit verabſchiede ich mich von Ihnen, um ein wenig meinen eigenen Abenteuern nachzugehen. Nur rathe ich Ihnen, auf morgen kein Rendezvons zu verabreden, flüſterte Baron Kalkreuth lachend. Und warum nicht, Freund? Weil Sie nicht im Stande ſein würden, zu er⸗ ſcheinen, da Sie morgen ohne Zweifel gleich mir im Arreſt ſein werden. Das iſt wahr! Nun immerhin, ich danke Ihnen für Ihren vorſichtigen Rath und werde alle meine Rendezvous bis übermorgen verſchieben! Leben Sie wohl! Herr von Kaphengſt wandte ſich lachend einem an⸗ dern Theil des Saals zu, als ſich plötzlich eine Hand auf ſeine Schulter legte und eine leiſe Stimme ſeinen Namen flüſterte. Entſetzt wandte er ſich um. Ich bin nicht der, den Du ſuchſt, Maske, ſagte er, aber wie er jetzt die⸗ ſen beiden großen brennenden Augen begegnete, die da aus der ſchwarzen Maske hervorſchauten, erbebte er, und ſelbſt ſein keckes und unverzagtes Herz ſtand einen Moment ſtill vor Entſetzen. Nur der König hatte dieſe Augen, nur Er hatte dieſen gebieteriſchen flammenden Blick! Du ſagſt, Du biſt nicht der, den ich ſuche, ſagte die Maske. Nun ja, Du ſprichſt weiſe, denn ich ſuchte in Dir einen tapfern und gehorſamen Offizier, und es ſcheint, daß Du das wirklich nicht biſt! Du biſt alſo in der That nicht der Lieutenant von Kaphengſt? Kaphengſt beſann ſich einen Augenblick. Er war ganz feſt überzeugt, daß es der König war, welcher mit ihm ſprach, denn Friedrich hatte ſich nicht die Mühe gegeben, die Stimme zu verſtellen. Da er ein⸗ mal entdeckt war, blieb ihm nur noch übrig, zu ver⸗ ſuchen, den König durch einen Scherz zu verſöhnen. Er neigte ſich alſo dichter zu dem König hin. Höre, Maske, flüſterte er, da Du mich einmal er⸗ kannt haſt, will ich Dir die Wahrheit geſtehen. Ja, ich bin der Lieutenant von Kaphengſt und bin in⸗ 1 —y,—j cognito, Du verſtehſt mich doch? incognito auf die⸗ 88 Ball gegangen. Ein Schuft aber, der's wieder⸗ agt! Und ohne eine weitere Antwort des Königs abzu⸗ warten, eilte Herr von Kaphengſt fort, den Prinzen und Kalkreuth aufzuſuchen und ſie von der Anweſenheit des Königs zu benachrichtigen, um ſchnell mit ihnen dem Zorne des Königs zu entfliehen. Aber Prinz Heinrich, den das vergeblichen Suchen nach ſeiner Geliebten noch zorniger und trotziger ge⸗ macht hatte, erklärte, daß er den Ballſaal nicht vor der Beendigung des Feſtes verlaſſen werde, und daß er es dem König anheimgeben wolle, ob er hier öffent⸗ lich und vor aller Welt ſeinen Bruder beſchimpfen und üen Prinzen ſeines Hauſes demüthigen und ſtrafen wolle. Da ich aber leider nicht das Glück habe, zu den Prinzen des Königlichen Hauſes zu gehören, ſagte Kaphengſt traurig, ſo fürchte ich, möchte der König leicht mich als die Katze betrachten, welche die heißen Kaſtanien aus der Aſche holen muß, und ich dürfte für uns alle drei büßen müſſen. Ich bitte alſo Euer Königliche Hoheit mich zurückziehen zu dürfen. Gehen Sie, und wenn Sie Kalkreuth begegnen, fordern Sie ihn auf, Sie zu begleiten. Sie, als Offiziere, dürfen die Inſubordination nicht weiter treiben; ich wage es, als Prinz und Hohenzoller, aber ſein Sie verſichert, ich werde meinen Uebermuth ſchon büßen müſſen. Leben Sie wohl und eilen Sie! Ver⸗ geſſen Sien aber nicht, Kalkreuth zu benachrichtigen! Indeſſen waren die Bemühungen des Herrn von Kaphengſt vergeblich, der Oberſt von Kalkreuth war nir⸗ gends aufzufinden und Kaphengſt mußte ſich daher ent⸗ ſchließen, den Rückweg nach Potsdam allein anzutreten. — /58— Jetzt aber werde ich mich wohl hüten, den Befehl des Königs, mich in Arreſt zu ſchicken, erſt abzuwar⸗ ten, ſagte Herr von Kaphengſt zu ſich, als er auf der Landſtraße gen Potsdam dahin ritt. Ich werde Sorge tragen, daß ich ſchon im Arreſt bin, wenn die König⸗ liche Ordre anlangt. Vielleicht ſänftigt das ſeinen Königlichen Zorn. Demgemäß nahm Herr von Kaphengſt, als er an der Thorwache in Potsdam anlangte, das Weſen eines berauſchten und händelſüchtigen Offiziers an, und ſpielte ſeine Rolle ſo vortrefflich, daß es ihm aller⸗ dings gelang vor den Commandeur geführt und in Arreſt geſchickt zu werden. Eine Stunde ſpäter langte bei dem Commandeur der Königliche Befehl an, den Lieutenant von Kap⸗ hengſt in Arreſt zu ſchicken, und mit lächelnder Ver⸗ wunderung erhielt er die Antwort:„Befindet ſich ſchon ſeit einer Stunde in Arreſt.“— Indeſſen hatte Kaphengſt ſich nicht verrechnet. Während der Prinz Heinrich auf acht Tage, der Herr von Kalkreuth auf drei Tage Arreſt bekam, wurde er ſelber ſchon am andern Morgen ſeiner Haft entlaſſen, und zwar noch früh genug, um auf der Parade er⸗ ſcheinen zu können. Als der König inmitten ſeiner Generale die Front herunter kam, bemerkte ſein lächelnder Blick ſofort den verwegenen jungen Offizier, der ihn mit fragenden und zugleich bittenden Blicken anſah.— Der König winkte ihn zu ſich, und wie Herr von Kaphengſt in ſeiner ſteifen militairiſchen Haltung vor ihm ſtand, ſagte der König lachend: Bei Seiner Länge iſt es wahrhaftig ſchwer, mit Ihm Geheimniſſe aus⸗ zutauſchen. Neige Er ſich zu mir, ich habe Ihm etwas in's Ohr zu flüſtern! 4 — 59— Und die Kameraden und Offiziere, ja ſogar die Herren Generale ſahen nicht ohne Neid und Verwun⸗ derung, daß der König dem jungen Lieutenant von Kaphengſt ſich ſo überaus gnädig erzeigte, ihm ver⸗ traulich einige Worte in's Ohr zu flüſtern, und dann lächelnd und mit gnädigem Kopfneigen weiter ritt. Es war daher natürlich, daß, als der König ſich wieder entfernt hatte, Jedermann ſich beeiferte dem jungen Lieutenant ſeine Glückwünſche darzubringen und ihn zu fragen, was denn der König ihm in'’s Ohr ge⸗ flüſtert habe. Aber Herr von Kaphengſt verweigerte mit tiefem Ernſt jede Auskunft, und nur ſeinem Oberſten flüſterte er vertraulich, aber laut genug, um von Jedermann gehört zu werden, das Wort:„Staatsgeheimniſſe“ zu. Dann verneigte er ſich tief und ging ernſt und gravi⸗ tätiſch ſeiner Wohnung zu, um in Muße ſich die Worte des Königs zu wiederholen, dieſe zugleich ſo gnädigen und ſo grauſamen Worte, welche ihm eine Beförde⸗ rung ankündigten, und doch ihn zugleich dazu ver⸗ dammten, dieſe Beförderung vor Jedermann zu ver⸗ bergen. Die Worte des Königs waren geweſen:„Er iſt Hauptmann. Aber ein Schuft, der's weiter ſagt!“ So war der Herr von Kaphengſt Hauptmann, nur daß es Niemand ahnen konnte, nur daß der Haupt⸗ mann in den Augen aller Welt noch immer der Lieutenant blieb. 8 VI. Der Nachlaß des Pandurenobriſten v. Trenck. Der Baron Weingarten, der neue Legationsſeeretair bei der öſterreichiſchen Geſandtſchaft in Berlin, ging mißvergnügt und miit tief gerunzelter Stirn in dem Geſandtſchaftsbureau auf und ab. Es waren die Dienſtſtunden, in denen Jeder, der mit der öſter⸗ reichiſchen Geſandtſchaft Geſchäfte abzumachen, Päſſe zu viſiren oder Contracte abzuſchließen hatte, das Recht hatte, in das Bureau zu kommen, und es war die Aufgabe des Barons dieſe Leute zu empfangen. Aber heute wollte ſich Niemand zeigen, Niemand wollte ſeine Thätigkeit oder ſeine Vermittelung beanſpruchen, und das war es, was den Baron von Weingarten ſo mißvergnügt und verſtimmt machte. Nicht als ob der Mangel an Arbeit und Thätigkeit ihn mißſtimmte, Herr von Weingarten würde das dolce far niente ſehr willkommen geheißen haben, wenn nicht unglück⸗ licher Weiſe mit demſelben auch ein Ausfall au der Geldeinnahme verbunden geweſen wäre. Denn die Gebühren für das Paß⸗Viſum und die Sporteln der übrigen durch die Geſandtſchaft beſorgten Geſchäfte bildeten einen Theil der Einnahme des Legations⸗ ſecretairs, und Herr von Weingarten, welcher außer⸗ dem kein Vermögen beſaß, war alſo ganz und gar auf dieſelben angewieſen. Seine Dürftigkeit allein hatte ihn dazu vermocht, ſeine ariſtokratiſche Unabhän⸗ gigkeit und Freiheit aufzugeben; er war in en Staats⸗ dienſt getreten, nicht aus Ehrgeiz, ſondern nur um 1 —— des Geldes willen, nur um die Mittel zu haben, ſeine Mutter und ſeine beiden unverheiratheten Schweſtern zu unterſtützen und ſelber ſeinem Stande und ſeinem alten ariſtokratiſchen Namen gemäß leben zu können. Sich Geld, und zwar möglichſt viel Geld zu erwerben, war daher ſein einziges Ziel, und wenn der Baron Weingarten ſich zuweilen auch ſeinen phantaſtiſchen Träumen, ſeinen Zukunftswünſchen überließ, ſo beſtan⸗ den dieſe immer nur darin, ſo viel Geld erwerben zu können, um das verfallene Stammſchloß ſeiner Ahnen wiederherzuſtellen, die alten Familiengüter wieder an⸗ kaufen und dort in behaglicher, vornehmer Zurückge⸗ zogenheit mit ſeiner Familie leben zu können.— Aber dieſe Träume und Wünſche wurden von den Verhältniſſen in immer weitere Ferne hinausgerückt und niemals wollte ſich dem armen Legationsſecretair eine günſtige Gelegenheit, um recht viel Geld zu ver⸗ dienen, darbieten. Er hatte genug, um anſtändig leben und ſeine in einer kleinen öſterreichiſchen Stadt leben⸗ den Mutter und Schweſtern nothdürftig unterſtützen zu können, aber dieſe Unterſtützung reichte nicht ein⸗ mal hin, um ſeine Schweſtern von der traurigen und demüthigenden Pflicht zu entbinden, durch Unterricht⸗ ertheilen und Handarbeit ihre Einnahme zu vergrößern, und Herr von Weingarten zitterte immer, daß irgend ein dämoniſcher Zufall die„gute Geſellſchaft“ mit dieſer Schmach ſeiner Familie bekannt machen möchte. Herr von Weingarten würde daher bereitwillig jedes Opfer gebracht, jedem Dienſte ſich unterzogen haben, wenn er ſich dafür Reichthum hätte erwerben könneln Die Armuth hatte ihn demoraliſirt, der ariſtokratiſch Dochmnth hatte ſich wie ein Mehlthau auf ſein 8 gelegt und alle edleren Blüthen und Keime deſſelben erſtickt. Wie er heute den Brief ſei⸗ — 62— ner Mutter geleſen, welcher klagte über Noth und Entbehrung, welcher ihm die Nachricht brachte, daß ſeine Schweſter von einem jungen Offizier geliebt werde und ihn doch nicht heirathen könne, weil ſie Beide arm und mittellos ſeien, da erfaßte ein dumpfer Zorn das Herz des Legationsſecretairs und er würde in dieſer Stunde ſelbſt bereit geweſen ſein, ein Ver⸗ brechen zu begehen, wenn er dafür ſich den Reichthum hätte erkaufen können. In dieſer verzweiflungsvollen und traurigen See⸗ lenſtimmung war er heute aus ſeinem Zimmer in das Geſandtſchafts⸗Bureau hinuntergegangen und wartete vergeblich auf Clienten, welche ihm Geld und Verdienſt bringen ſollten. Aber die Stunden vergingen in ungeſtörter Stille und Herr von Weingarten war eben ſchon wieder im Begriff das Bureau zu verlaſſen, als der eintretende Diener ihm den Baron von der Walltz und den Hof⸗ rath Zetto aus Wien meldete. Ah, ſie werden kommen ſich ihre Päſſe viſiren zu laſſen, dachte Weingarten, ich werde alſo doch wenig⸗ ſtens einige Thaler gewinnen! Er ſchritt daher den beiden eintretenden Herren mit lächelndem Angeſicht entgegen und hieß die öſter⸗ reichiſchen Landsleute herzlich willkommen. Die beiden Herren indeß nahmen ſchweigend die ihnen angewieſeuen e auf dem Sopha ein, wäh⸗ rend Herr von Weingarten ſich ihnen gegenüber auf einem Lehnſtuhle niederließ. Eine peinliche, verlegene Pauſe trat ein. Der große, majeſtätiſche Baron von der Walltz ſchaute ſchweigend zur Decke empor, während die ſchwarzen, ſtechenden Augen des kleinen Hofrath e mit einem ſeltſam forſchenden und durchdringenden Ausdruch — 38— das Antlitz des Herrn von Weingarten zu prüfen ſchienen. Sie kommen von Wien? fragte endlich Wein⸗ garten, um dieſem verlegenen Schweigen ein Ende zu machen. Wir kommen aus Wien, antwortete der Baron mit gravitätiſchem Kopfneigen. Und wir ſind mit Courierpferden hierher gereiſt, fügte Hofrath Zetto hinzu, bloß um eine Unterredung mit Ihnen haben zu können. Mit mir? fragte der Legationsſecretair ver⸗ wundert. Mit Ihnen! bekräftigte der Baron würdevoll. Wir wollten Sie auffordern, dem Könige von Preußen einen wichtigen Dienſt zu leiſten, ſagte Hof⸗ rath Zetto feierlich. Weingarten erröthete lebhaft und fragte verwirrt: dem Könige von Preußen? Sie vergeſſen wohl, meine Herren, daß meine Dienſte allein der Kaiſerin Königin Maria Thereſia gehören? Er entſchuldigt ſich ehe man ihn anklagt, ſagte Hofrath Zetto zu ſich ſelber, es iſt alſo richtig, wie man uns ſagte, er ſpielt ein doppeltes Spiel, er dient Oeſterreich und Preußen zugleich. Laut ſagte er: dies wäre auch zugleich ein Dienſt, den Sie unſerer erhabenen Kaiſerin erwieſen, denn ſicherlich würde es ihr nicht bloß betrübend, ſon außerdem ſehr un⸗ angenehm und compromittire eerſcheinen, wenn ein öſterreichiſcher Offizier ſich in Preußen einer Mordthat ſchuldig gemacht hätte. Einer Mordthat? rief der Legationsſecretair ent⸗ ſetzt. Es handelt ſich alſo hier um einen Mord? Und einen vorſätzlichen Mord, ſagte Herr von der Walltz emphatiſch, um einen Mord, den ein öſter⸗ — 64— reichiſcher Offizier an dem König von Preußen be⸗ gehen will! Und deſſen Verhinderung Ihnen zehntauſend Gul⸗ den eintragen wird, fügte Hofrath Zetto hinzu, indem er das Antlitz Weingartens mit durchbohrendem Aus⸗ druck betrachtete. Er ſah, wie der Legationsſeeretair der eben noch bleich geweſen vor Entſetzen, jetzt erröthete, und wie ein freudiger Blitz in ſeinen Augen aufflammte. Er iſt käuflich, dachte Zetto mit heimlichem Froh⸗ locken, wir werden ihn alſo kaufen können. Und was kann ich thun, um dieſen Mord zu ver⸗ hindern und an wem ſoll er begangen werden? fragte Weingarten haſtig. Er ſoll an dem König von Preußen begangen werden, ſagte Baron von der Walltz, Sie aber ſol⸗ len dieſen Mord verhindern, indem Sie den König warnen. 4 Aber um zu warnen, muß ich Beweiſe in Händen haben! Wir ſind bereit unſere Angaben zu Protokoll zu geben. 1 Ich muß aber von der Richtigkeit Ihrer Angaben und Ihrer Anklage mich zuvor überzeugt haben! Ich hoffe, das Ehrenwort eines Baron von der Walltz wird Sie von der Wahrheit meiner Angaben überzeugen, ſagte der Baron pathetiſch. Der Legationsſecretair verbeugte ſich mit einem zweideutigen Lächeln, welches dem Hofrath Zetto nicht entging. Er zog ſeine Brieftaſche hervor und nahm aus derſelben ein kleines, zuſammengefaltetes Papier, das er dem Herrn von Weingarten darreichte: Wenn ich meine Ausſage mit dieſem Papiere be⸗ glaubige, werden Sie uns dann vertrauen? fragte er. Weingarten blickte freudig überraſcht auf das dar⸗ gereichte Papier. Es war ein Schein auf zweitauſend Gulden. Die Ausſteuer meiner Schweſter, dachte Weingarten mit frohem Herzklopfen, aber im nächſten Augenblick kam der Zweifel und die Ueberlegung. Wie, wenn man ihn nur prüfen, wenn man ſich nur überzeugen wollte, ob er beſtechlich und käuflich ſei? Vielleicht ahnte man in Wien, daß er zuweilen das preußiſche Gouvernement mit Nachrichten aus Oeſterreich ver⸗ ſehen und ihm den Inhalt gewiſſer geheimer Depeſchen mitgetheilt hatte, welche der Graf Puebla, der öſter⸗ reichiſche Geſandte, unmittelbar aus dem Kabinet der Kaiſerin erhalten hatte. 4 Das Feuer erloſch in den Augen des Legations⸗ ſecretairs, und mit einer ernſten, abweiſenden Miene legte er das Geldpapier wieder auf den Tiſch. Sig haben ſich vergriffen, mein Herr, ſagte er kalt, das da iſt kein Document, ſondern nur ein Kaſſen⸗ ſchein. Für den man indeß ſehr viele Documente kaufen kann, lächelte Hofrath Zetto, indem er das Papier wieder in ſeine Brieſtaſche legte und ein anderes, grö⸗ ßeres daraus hervor nahm. Vielleicht überzeugt Sie dies Document? fragte er, indem er es vor den Legationsſecretair hinlegte. Es war ein Kaſſenſchein auf dreitauſend Gulden. Aber Herr von Weingarten hatte jetzt alle ſeine Beſonnenheit wiedergeſunden. Er ſagte ſich, daß dieſe beiden Männer, um ſo handeln zu können, entweder Spione oder Verbrecher ſein müßten, daß es ſich ent⸗ weder darum handele ihn auf die Probe zu ſtellen, oder ihn zu einem Bubenſtück zu verleiten. In beiden Fällen mußte er auf ſeiner Huth ſein. Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 4 5 ——————— — 66— Ich bitte Sie, mich auf eine andere Weiſe zu überzeugen, ſagte er daher mit einem kalten Blick auf das Papier. Eine Mordthat iſt eine ſo furchtbare Beſchuldigung, daß man dabei wohl vorſichtig und beſonnen zu Werke gehen muß. Sie ſagten ein öſter⸗ reichiſcher Offizier beabſichtige den König von Preußen zu ermorden. Woher wiſſen Sie das? Aus ſeinem eigenen Munde, ſagte Baron von der Walltz. Er hat mir ſelber dieſe Abſicht mitgetheilt, und mir den ganzen Plan ausführlich anvertraut. Es ſcheint alſo, bemerkte Weingarten ſpöttiſch, daß dieſer Menſch Urſache zu haben glaubte, Ihnen ein ſo fürchterliches Geheimniß anvertrauen zu können. Sie ſehen indeß, daß er ſich darin getäuſcht hat, ſagte der Baron lächelnd. Denn ich fordere Sie auf, den König von Preußen zu warnen, und ihm anzu⸗ zeigen, welche Gefahr ihn bedrohe. Ich werde ihm indeß dieſe Gefahr näher bezeichnen und ihm die nähern Umſtände angeben müſſen, wenn er mich nicht verlachen ſoll mit einem Mährchen, das ſeinen Heldenſinn nicht ſchrecken wird. Sie werden ihm alſo die nähern Umſtände ange⸗ ben, mein Herr, Sie werden ihm ſagen, daß dieſe Mordthat geſchehen ſoll, wenn der König ſich zur Herbſtrevue nach Königsberg begiebt. Dorthin wird ſich auch der Offizier heimlich begeben, ſobald er von der Ankunft des Königs Nachricht erhält. Bis dahin wird er in Danzig verweilen. Und wie wird es ihm gelingen, die preußiſche Grenze zu überſchreiten? Er iſt mit einem öſterreichiſchen Paſſe verſehen und hat, unter dem Vorwand im Preußiſchen eine Erbſchaft erheben zu müſſen, einen vierwöchentlichen Urlaub erhalten, — 67— Nun bleibt mir nur noch die Frage, weshalb dieſer öſterreichiſche Offizier den König ermorden will? Welche Motive ihn dazu verleiten könuten? Es iſt eine That der Rache, ſagte Baron von der Walltz feierlich. Eine That der Rache und des Zorns, denn der öſterreichiſche Offizier, welcher den König von Preußen ermorden will, iſt der öſterreichiſche Ritt⸗ meiſter Friedrich von Trenck. Herr von Weingarten zuckte zuſammen vor Schreck und ſeine Mienen drückten Unruhe und Beſorgniß ans. Als aber ſein Blick wieder auf das gewichtige Geldpapier fiel, welches vor ihm auf dem Tiſche lag, lächelte er wieder und jede Sorge ſchwand aus ſeinen Zügen.—. Nun bleibt mir nur noch eine Frage übrig, ſagte eer. Weshalb, da Ihre Geſchichte wirklich ganz glaub⸗ würdig und wohl geeignet iſt, ſelöſt den tapfern König von Preußen ſtutzig zu machen, weshalb hielten Sie es für nöthig meinen Zweifel mit dieſem Document da zu vertilgen? Der Baron von der Walltz ſchwieg und blickte gleichſam auffordernd den Hofrath Zetto an. Weshalb ich Ihnen dies Document reichte, Herr. Baron von Weingarten? fragte dieſer mit einem ſüßen Lächeln. Weil Geld immer Geld bleibt, gleichviel ob man es aus den Händen einer preußiſchen Prinzeſſin, oder aus den Händen eines öſterreichiſchen Hofraths empfängt. Mein Herr, Sie wagen es mich zu beleidigen? rief der Legationsſecretair heftig. Hofrath Zetto lächelte. Nicht doch, ſagte er, ich wollte Ihnen nur audeuten, daß wir ſehr wohl wiſſen, daß Sie es ſind, durch welchen der Baron von Trenck ſeine Geldſendungen von einer gewiſſen vor⸗ 5* — 68— nehmen Dame aus Berlin empfängt. Es iſt daher für Sie doppelt wichtig, daß der König durch Sie von dieſer Abſicht, ihn zu ermorden, die erſte Nach⸗ richt erhält, damit er Sie nicht für einen Mitſchuldi⸗ gen halte. Herr von Weingarten war durch die ſchwere Be⸗ ſchuldigung des Hofraths nicht aus ſeiner Faſſung ge⸗ kommen; er ſchien dieſelbe gar nicht einmal gehört zu haben. Um den König warnen zu können, ſagte er mit vollkommener Ruhe und Gelaſſenheit, müßte ich erſt ſelber an dieſe Geſchichte glauben können und ich geſtehe Ihnen, das iſt nicht der Fall, obwohl ich nicht begreifen kann, welche Gründe Sie haben könnten, den armen Herrn von Trenck ſo abſichtlich in's Un⸗-⸗ glück zu ſtürzen? Ah, Sie wollen Gründe haben, Sie mißtrauen uns, rief Hofrath Zetto lebhaft. Nun wohl, wir werden Ihnen beweiſen, daß wir indeſſen Ihnen ver⸗ trauen und Ihnen unſer Geheimuiß mittheilen wollen. Kennen Sie die Erbſchaftsgeſchichte des Herrn von Treuck? Er iſt der Univerſalerbe des Pandurenhäuptlings Franz von Trenck. Richtig, und kennen Sie die Geſchichte des Pan⸗ durenhäuptlings Trenck? Ich hörte ſie nur verworren und unbeſtimmt, und habe mich niemals näher damit beſchäftigt. 8 Es iſt indeſſen eine ſehr lehrreiche und unterhal⸗ tende Geſchichte, aus der man erſehen kann, wie weit 1 ein Menſch mit einem unerſchütterlichen Willen und einer großen Energie kommen kann, wenn er nur auf ein Ziel alle ſeine Gedanken richtet. Herr von Treuck wollte reich werden, unermeßlich reich, das war das Ziel ſeines Strebens und ſeines Lebens, er kannte — 69— kein anderes. Aus Liebe zum Gelde ward er zum Räuberhauptmann ſeiner Panduren, zum Mordbrenner und Barbar, zum Mörder und Kirchenſchänder,⸗ zum tapfern Soldaten und zuletzt ſogar zum frommen Büßer. Wo er in den beiden ſchleſiſchen Kriegen er⸗ ſchien, da brandſchatzte er, gleichviel ob Freund oder Feind, und wie er bei Sohr das ganze Gepäck, alles Silbergeräth, ja ſogar die ganze Kriegskaſſe des Kö⸗ nigs von Preußen erbeutet hatte, ſo plünderte er einige Tage ſpäter auf öſterreichiſchem Gebiet ein rei⸗ ches Kloſter, von deſſen Mönchen er behauptete, daß ſie preußiſch geſinnt ſeien. Ueberall brandſchatzend, überall raubend hat er wirklich Millionen zuſammen⸗ gebracht, und aus Baiern, Elſaß und Schleſien hatte er ganze Schiffsladungen voll Kaufmannsgütern, Lein⸗ wand, Barren Gold und Silber, Perlen und Ju⸗ welen auf ſeine Güter geſchickt. Außerdem beſaß er die auserleſene Gewehrkammer, die Sattelkammer und das große ſilberne Service Kaiſer Karls des Sieben⸗ ten, welches Alles er, als eine gute Beute aus Mün⸗ chen mitgeſchleppt hatte.*)— Sie ſehen, Herr Baron, daß man wirklich nur des feſten Willens bedarf, um reich zu werden. Der Pandurenhäuptling Franz von Trenck war bald ſo reich, daß er den Neid der vor⸗ nehmſten und reichſten Männer des Kaiſerſtaats er⸗ regte, ſo reich, daß er ſogar dem mächtigen und ein⸗ flußreichen Grafen Löwenwalde große Summen Geldes leihen konnte. Oh, der Thörichte, ſagte Weingarten achſelzuckend, einem mächtigen und vornehmen Manne Geld borgen, heißt ſich einen unverſöhnlichen Feind machen. Sie ſprechen wie ein Prophet, rief Hofrath Zetto, ) Treuck'’ Memoiren. Th. I., S. 257—59. — 70— denn wie Sie ſagten ſo geſchah es. Löwenwalde ward Trenck's unverſöhnlicher Feind. Er klagte ihn der Unterſchlagung kaiſerlicher Gelder, des Verrathes und der Treuloſigkeit an, und Trenck, der unermeßlich reiche Trenck ward gefänglich eingezogen. Aber ſeine Millionen befreiten ihn, nicht wahr? Nicht doch! Seine Millionen brachten ihn immer tiefer in das Elend. Seine Güter wurden mit Se⸗ queſter belegt und eine eigene Verwaltungs⸗Commiſ⸗ ſion ward für dieſelbe ernannt, an deren Spitze der Graf von der Marcken ſtand. Auch der Herr Baron von der Walltz und ich ſelber gehörten zu jener Com⸗ miſſion. Ah, jetzt fange ich an zu begreifen, murmelte der Legationsſeeretair! Hofrath Zetto fuhr mit einem feinen Lächeln fort: Die Verwaltungs⸗Commiſſion machte indeſſen zu ihrem Schrecken bald die Erfahrung, daß das Gerücht die Reichthümer des Pandurenobriſten weit übertrieben hatte. Namentlich war von den reichen Silberſervicen des Kaiſers Karl und des Königs von Preußen, von ſeinen Edelſteinen und Gold⸗ und Silgerbarren keine Spur zu finden. Doch ſagten Sie vorher, daß er das Alles beſaß? fragte Weingarten lächelnd. Vorher ſprach ich als Publikum, ſagte Zetto lächelnd, jetzt aber ſpreche ich als Mitglied der Ver⸗ waltungs⸗Commiſſion. Wir fanden, wie geſagt, nicht ſo große Schätze, aber deſto mehr Schulden, und um zuerſt den Umfang ſeiner Schulden berechnen zu kön⸗ nen, erließen wir in der Wiener Zeitung die Auffor⸗ derung an alle Gläubiger, ſich zu melden, und ver⸗ ſprachen ihnen von dem Tage ihrer Meldung bis zu ————. 3 8 ——— —— — 71— der Beendigung des Trenckſchen Prozeſſes einen Du⸗ caten Diäten täglich.*) Hoffentlich gehörten die beiden anweſenden Herren auch zu den Gläubigern? fragte Weingarten. Gewiß, wir gehörten dazu, ebenſo wie der Graf von der Marcken, der Vorgeſetzte der Verwaltungs⸗ Commiſſion. Demgemäß bezogen Sie einen dreifachen Vortheil ooon Trencks Gefangenſchaft. Erſtens, Ihr Gehalt als Mitglied der Verwaltung⸗Commiſſion, die natür⸗ lich aus den Einkünften der Trenkſchen Güter glän⸗ zend honorirt werden mußte. Zweitens als Gläubiger, die einen Ducaten Diäten bezogen. Und drittens, mein Herr? Sie ſprachen von drei⸗ fachem Vortheil? Und drittens, ſagte Weingarten lachend, in dem Suchen nach den Schätzen und den beweglichen Gütern des Herrn von Trenck, die ſich freilich unglücklicher Weiſe nicht auffinden ließen, vermuthlich weil ſie in irgend einen Abgrund gefallen waren, oder in irgend eine unrichtige Taſche. Ah, mein Herr, Sie ſprechen da genau ſo, wie Diejenigen, welche uns bei Hofe verdächtigten, und die Kaiſerin Königin wollten glauben machen, wir hätten uns ſelber bereichert bei unſerm mühſeligen Geſchäft als Verwaltungs⸗Commiſſion. Man ging ſo weit auf eine Unterſuchung anzutragen, welche indeß von der Kaiſerin niedergeſchlagen ward. Bald darauf ſtarb Frauz von Trenck, der Pandurenhäuptling, und Friedrich von Trenck eilte von Petersburg herbei, um die Erbſchaft ſeines Oheims anzutreten. Wie groß war ſein Erſtaunen, als er ſtatt der erhofften Millio⸗ ) Trencks Memoiren. Th. I., S. 157. — 72— uen nur einige wüſte ſequeſtrirte Güter, ein mit Be⸗ ſchlag belegtes baares Vermögen von hunderttauſend Gulden und außerdem drei und ſechszig Prozeſſe mäch⸗ tiger Gläubiger fand, die auf das Vermögen Anſprüche machten. Er hätte ſich mit in die Verwaltungs⸗Commiſſion des Trenck'ſchen Nachlaſſes aufnehmen laſſen ſollen, bemerkte Herr von Weingarten ſpöttiſch. Vielleicht wäre er dann beſſer zu ſeinem Vermögen gekommen. Er verſuchte es auf eine andere Weiſe, und man muß ihm zugeſtehen, daß er ein ſehr energiſcher Mann. iſt, der vermöge Geld, Beſtechungen und Ueberredungs⸗ kunſt bereits vier und funfzig ſeiner drei und ſechszig Prozeſſe gewonnen hat und in einigen Tagen auch die noch übrigen gewinnen wird. Und dann wird er ohne Zweifel die Verwaltungs⸗ Commiſſion veranlaſſen wollen, Nechenſchaft abzulegen und ihre Bücher abzuſchließen? So iſt es. Er hat ſchon bereits den Anfang da⸗ mit gemacht. Er hat eine Unterſuchung eingeleitet gegen den Quartiermeiſter und den Regiments⸗Com⸗ mandanten des frühern Trenck'ſchen Regiments, welche Trenck beſchuldigt hatten, achtzigtauſend Gulden kaiſer⸗ licher Gelder unterſchlagen zu haben; er hat es dahin getrieben, daß man erklärte, nicht Trenck, ſondern ſeine Ankläger hätten dies gethan und Friedrich von Trenck habe noch eine Forderung von achtzigtauſend Gulden an die kaiſerliche Kriegskaſſe. Die Folge da⸗ von war, daß der Quartiermeiſter abgeſetzt ward, und daß es dem Regiments⸗Commandeur faſt ebenſo er⸗ gangen wäre, wenn er nicht hohe Protection gefunden hätte. 4 Und jetzt wird dieſer gefährliche Friedrich von Trenk auch die Verwaltungs⸗Commiſſion der Güter angreifen? —— — Er würde es thun, wenn wir ihn nicht daran zu verhindern wüßten, wenn wir nicht alle Mittel in Bewegung ſetzten, dieſen gefährlichen Schreier und Querulanten, der jetzt ſchon Jahre lang das Reichs⸗ hofgericht und die Hofkriegskammer mit ſeinen Zän⸗ kereien und Anklagen beläſtigt, und in ſeinem tollen Uebermuth ſelbſt die vornehmſten und angeſehenſten Männer anzuklagen und zu verfolgen wagt, dieſen Scandalmacher zu entfernen, dem es ſchon gelungen, die größten Familien in Gefahr zu bringen, der Schmach einer Betrügerei verdächtig zu ſein. Glauben Sie mir, nicht wir Beide allein wünſchen ſein Ver⸗ ſchwinden, hinter uns ſteht eine große und mächtige Partei, welche mit uns denſelben Wunſch, daſſelbe Verlangen hegt, und freudig bereit iſt, Demjenigen, welcher ihr dazu hilft, dieſen Trenck zu beſeitigen, eine Summe von zehntauſend Gulden auszuzahlen. Ein einziger Blitz leuchtete in den Augen des Le⸗ gationsſecretairs auf, und ſein Herz ſchlug wie ein kampfbereites Schlachtroß gegen ſeine Bruſt. Aber er unterdrückte dieſe freudige Aufwallung und fand die Kraſt in ſich, ſeine vollkommene ruhige und gleichgül⸗ tige Miene beizubehalten. Meine Herren, ſagte er gelaſſen, ſobald es ſich hier wirklich um ein Verbrechen, und noch dazu um ein Verbrechen an der erlauchten Perſon eines Monarchen handelt, bin ich natürlich zu jedem Dienſt bereit, und es bedarf dazu keines Geldes und keiner Beſttechungen, um meine thätige Mitwirkung zu er⸗ aufen. Sollte er wirklich ein Ehrenmann ſein und man hätte uns falſch berichtet? dachte Zetto, der ſich einen Moment von der ruhigen und ſanften Tugendmiene des Legationsſecretairs wirklich täuſchen ließ. — 24— Indeſſen werden Sie doch denen, welchen Sie einen Dienſt zu erweiſen im Begriff ſtehen, nicht die Freude entziehen wollen, Ihnen ihre Dankbarkeit zu beweiſen? fragte der Baron von der Walltz. Jeder⸗ mann hat doch das Recht, einem Andern ein Geſchenk der Dankbarkeit zu machen. Mein Herr, ſagte Herr von Weingarten lächelnd, man hatte bis jetzt mit mir nicht von einem Geſchenk, ſondern nur von Bezahlung, oder um mich deutlich auszuſprechen, von Beſtechung geredet, und Sie wer⸗ den begreifen, daß dies ein Begriff iſt, der jeden Ehrenmann verletzen muß. Ah, er läßt ſich eine Hinterthür offen, dachte Zetto mit heimlichem Frohlocken, er iſt alſo gewonnen, er iſt doch käuflich, nur werden wir ihn nicht beſtechen, ſondern beſchenken!— Sie haben Recht, mein Herr, ſagte er dann laut, wir thaten Unrecht, Ihnen das vorher anzubieten, was nachher eine freie Gabe der Dankbarkeit ſein ſoll. Reden wir alſo nicht mehr da⸗ von. Reden wir nur von der Gefahr, welche den König von Preußen bedroht. Sie allein können dieſe von ſeinem Haupte abwenden, indem Sie ihn warnen und ihm ſo glaubwürdige Umſtände anführen, daß er nicht zweifeln kann. Sie glauben alſo wirklich, daß Friedrich von Trenck die Abſicht habe, den König zu ermorden? fragte Weingarten. Wir wollen es glauben, ſagte Hofrath Zetto mit einem zweideutigen Lächeln. 3 Wir müſſen es glauben, rief Baron von der Walltz emphatiſch. Es handelt ſich hier darum an ſeine mör⸗ deriſchen Abſichten zu glauben, oder uns für Betrüger und Marodeurs zu halten, und Sie werden es natür⸗ lich finden, daß ich das Erſtere vorziehe, und daß, — 75— da er uns verderben will, wir ihm zuvor kommen und ihm ſelber eine Falle ſtellen, in die er hineinge⸗ rathen muß. Und warum konnten Sie ihm dieſe Falle nicht in Oeſterreich ſtellen, meine Herren? Warum konnten Sie ihn nicht der frevelhaften Abſicht beſchuldigen, die* Kaiſerin Königin ermorden zu wollen? Zetto zuckte die Achſeln. Weil das nicht glaub⸗ würdig geweſen wäre, ſagte er. Weil Friedrich von Trenck gar keinen Grund hätte, Maria Thereſia zu ermorden, während er an Friedrich dem Zweiten ſehr wohl einen Mord aus NRache begehen könnte. Sie wiſſen, der König und Friedrich von Trenck ſind per⸗ ſönliche Feinde. Trenck hat ſich dieſer Feindſchaft oft und laut genug gerühmt, um von aller Welt ver⸗ ſtanden zu ſein, und ich glaube nicht, daß dies die Feindſchaft des Königs gegen ihn gemildert hat. Feinde haben den natürlichen Wunſch ſich zu verderben, und es kommt nur darauf an, wer von Beiden zuerſt im Stande iſt dieſen Wunſch zu befriedigen. Trenck würde es ſein, wenn wir den König nicht warnten, und die⸗ ſem nicht die Mittel an die Hand gäben, ſeinem Feinde zuvorzukommen. Worin aber werden dieſe Mittel beſtehen, und was kann verhüten, daß unſere Anklage ſich nicht zuletzt in ein Nichts auflöſe? Beabſichtigt der König nicht in der That zu den Herbſtmanoeuvren nach Königsberg zu gehen? Es iſt allerdings die Rede davon geweſen. Nun, Trenck wird ſich jetzt in der That nach Danzig begeben, und er hat ſich berühmt zu gleicher Zeit mit dem König von Preußen in Königsberg zu ſein, ohne daß dieſer es wagen würde ihn zu ver⸗ haften.— — 76— Ich habe deshalb mit ihm auf hundert Louisd'or gewettet, ſagte Herr von der Walltz, und zu mehrerer Sicherheit haben wir über dieſe Wette ein ſchriftliches Document aufgenommen. Haben Sie daſſelbe mitgebracht? Hier iſt es! Und der Baron reichte dem Legationsſecretair ein Papier dar, das dieſer haſtig entfaltete und mehrmals überlas. Das iſt allerdings in ſehr zweideutigen Worten abgefaßt, und ganz dazu geeignet Trenck zu verderben, wenn es in die Hände des Königs gelangt, ſagte Ba⸗ ron Weingarten mit einem graufamen Lächeln. Hofrath Zetto erwiederte dies Lächeln. Ich habe das Document abgefaßt, ſagte er, und Sie werden es natürlich finden, daß ich die Worte deſſelben ſehr genau abgewogen habe. Und wer hat alsdann den Brief abgeſchrieben? fragte Weingarten. Ohne Zweifel war Herr von Trenck nicht ſelber ſo großmüthig, das zu thun! Herr Baron von der Wallttz iſt ein ſehr großer Künſtler im Nachahmen von Handſchriften, und er beſaß glücklicher Weiſe einige eigenhändige Briefe von Trenck, ſagte Hofrath Zetto lächelnd. M Sie werden es natürlich finden, wenn ich mich bemühe, meine Wette auf jedem möglichen Wege zu gewinnen, ſagte Baron von der Walltz. Wenn Herr 1 von Trenck gefangen genommen wird, bevor er nach ſ Königsberg kommt, habe ich meine Wette gewonnen, und die Verwaltungs⸗Commiſſion muß mir dieſe hun⸗ dert Lonisd'or auszahlen.— Alle Drei lachten. 5 Ah, es iſt doch eine ſchöne Sache, um eine ſolche* Verwaltungs⸗Commiſſion ſagte der Legationsſecretair. 4* 1 ——ÿ — 77— Dieſe Commifſion wird Ihnen nächſtens zehntau⸗ ſend Gulden auszuzahlen haben, flüſterte Hofrath Zetto. Hier iſt eine Schuldverſchreibung. An dem Tage, an welchem Friedrich von Trenck der Gefangene des Kö⸗ nigs von Preußen wird, iſt die Verſchreibung fällig, und Sie werden dann ſehen, ob die Verwaltungs⸗ Commiſſion des Trenckſchen Vermögens läſſig im Zahlen iſt. Zetto legte das Document zu den Kaſſen⸗ ſcheinen auf den Tiſch hin. Sie werden nun die Güte haben, uns zu Protokoll zu vernehmen, und wenn Sie es wünſchen, wollen wir auch unſere An⸗ klage beeidigen, oder wenigſtens können Sie in Ihrem Protokoll bemerken, daß dies geſchehen ſei. Herr von Weingarten antwortete nicht. Er ſtarrte ſinnend auf die verhängnißvollen Papiere hin, welche da auf dem Tiſch lagen; eine reuevolle Angſt folterte ſein Herz, und auf einen Moment noch ſchien ſein guter Genius mit ſeinem Dämon um den Beſitz die⸗ ſer Seele ringen zu wollen. Es handelt ſich vielleicht um ein Menſchenleben, ſagte er leiſe. Es iſt eine furchbare Anklage, welche ich da ausſprechen ſoll. Wenn der König ihn nicht tödtet, wird er ihn wenigſtens in jahrelanger Ge⸗ fanenſchaſt halten, und ich werde die Schuld daran haben. Hofrath Zetto's aufmerkſames Ohr hatte jedes ſeiner Worte gehört, er ſtand neben ihm wie der Ver⸗ ſucher, und ſeine glühenden durchbohrenden Augen ſchienen auf dem qualvoll bewegten Antlitz Wein⸗ gartens jeden ſeiner Gedanken zu leſen. Und haben auch Sie nicht in jahrelanger Gefan⸗ genſchaft ſchon gelebt? fragte Zetto mit unheimlich leiiſer, flüſternder Stimme. Sind Sie nicht immer ein Sclave der Armuth geweſen, ein Gefangener, dem — 78— die Noth die Füße gebunden und ihn verhindert hat zu gehen, wohin er wollte? Wollen Sie jetzt ſo thöricht ſein, aus albernem Mitleid die Gelegenheit vorübergehen zu laſſen, welche Sie frei machen und Ihre Sclavenketten löſen kann? Zehntauſend Gulden ſind kein Reichthum, aber ſie können der Anfang des⸗ ſelben, ſie können der Ariadnefaden ſein, welcher Sie aus dem Labyrinth der Armuth an die Freiheit und das Licht hinausgeleitet. Und wer dankt es Ihnen, wenn Sie dieſen Faden nicht ergreifen, wer wird Ihnen Ihre Großmuth lohnen und Sie bezahlen für Ihren Edelſinn? Wenn Sie den klugen und weiſen Menſchen davon erzählen, ſo werden ſie Sie verſpotten und beachſelzucken, und wenn die Dummen es hören, werden Sie von Ihnen nicht verſtanden werden. Jeder⸗ mann iſt ſeines Glückes Schmidt, wehe dem, der es ver⸗ ſäumt, das Eiſen zu ſchmieden, wenn es noch heiß iſt! Herr von Weingarten fühlte jedes dieſer Worte wie einen Nadelſtich, aber er wußte doch nicht, ob ſie ein menſchlicher Mund geſprochen, oder ob ſie nur da innen in ſeiner eigenen Seele erklangen. Es iſt wahr, ja es iſt wahr, rief er mit lauter angſtvoller Stimme, ein Thor, welcher die Hand des Glückes nicht ergreift, wenn die lächelnde Göttin ſie ihm darreicht, ein Narr, wer ſeine Feſſeln nicht zer⸗ reißt, wenn er die Kraft dazu hat. Kommen Sie, meine Herren, wir wollen das Protokoll aufnehmen, und wenn das geſchehen iſt, führe ich Sie zu unſerm Geſandten, dem Grafen Puebla., Nicht, doch, wenn das geſchehen iſt, reiſen wir mit Courierpferden wieder ab. Ihnen allein ſoll der Dank und der Lohn zu Theil werden. Jetzt an's Werk! Nehmen Sie das Protokoll auf! 3 — 79— VII. Die Aufhebung der Torkur. Der König ging mit haſtigen Schritten auf und ab, ſein Antlitz war blaß, ſeine Lippen zitterten und ein zorniges Blitzen war in ſeinen Augen. Plötzlich blieb er vor dem öſterreichiſchen Lega⸗ tionsſecretair, Herrn von Weingarten ſtehen und ſah ihm lange und feſt in die Augen. Aber dieſer hielt den Blick, vor welchem ſchon ſo Viele gezittert, ruhig und mit einer Miene ſo vollkommener Unſchuld aus, daß es ſelbſt dem Körig imponirte. Ich ſehe, Sie ſind überzeugt von Dem, was Sie mir da berichteten, ſagte der König endlich. Sie glauben alles Ernſtes, daß dieſer wahnſinnige Menſch wirklich den Gedanken gefaßt hat, mich zu ermorden? Ich bin davon überzeugt, Sire, erwiederte Herr von Weingarten demüthig, und ich mußte wohl über⸗ zeugt ſein, da ich ja die Beweiſe ſeiner Abſicht in Händen habe. Die Beweiſe? Was für Beweiſe? Dieſes Papier, welches ich mir erlaubte, Euer Majeſtät zu überreichen, und welches Euer Ma⸗ jeſtät da auf den Tiſch gelegt haben, ohne es zu leſen! Ah, es iſt wahr, ich habe das in der Aufregung vergeſſen, ſagte der König ſanft. Ich kann mich immer noch nicht gewöhnen, die Menſchen wie wilde Beſtien zu betrachten, welche man in eiſerne Käſige ſperren muß, um nicht von ihnen gebiſſen zu werden. — 80— Leſen Sie mir den Inhalt dieſes Papiers vor, ich bitte Sie darum! 3 Herr von Weingarten empfing mit einer ehrfurchts⸗ vollen Verbeugung das Papier, welches der König ihm darreichte, und ſeine Stimme zitterte gar nicht, als er die inhaltſchweren Worte las, welche die raf⸗ finirte Bosheit und die grauſame Habſucht auf dieſem Papier verzeichnet hatte, und die, übel ausgelegt, zu einer ſchweren Anklage werden mußten. Dieſe Worte lauteten: In Folge einer Wette mache ich mich anheiſchig, auf meiner jetzigen Reiſe nach Danzig auch nach Königsberg zu gehen, und zwar gerade an demſelben Tage, an welchem König Friedrich von Preußen, mein grauſamer Feind und Verfolger dort eintreffen wird. Ich werde dahin gehen, um dem König gegenüber zu thun, was Keiner vor mir gethan hat, und Keiner nach mir thun wird. Wenn es mir nicht gelingt, mein Werk auszuführen, oder wenn die Häſcher des Königs mich verhaften ſollten, ſo habe ich meine Wette verloren und bin dem Ba⸗ ron von der Walltz hundert Louisd'or ſchuldig, welche ihm von der Verwaltungs⸗Commiſſion der Trenck'ſchen Güter ausgezahlt werden ſollen. Freiherr Friedrich von Trenck. Und Treuck hat das ſelbſt geſchrieben? fragte der König. Wenn Euer Majeſtät die Handſchrift Trencks ken⸗ nen, ſo mögen Sie vielleicht die Gnade haben, die Handſchrift ſelbſt zu prüfen. Ich kenne die Handſchrift, ſagte der König, geben 4 Sie her! Er nahm das Papier und überflog es mit for⸗ ſchendem Blick. Es iſt ſeine Handſchrift, murmelte er, aber ich will ſie noch einmal prüfen. — 81— So ſprechend durchſchritt der König haſtig das Gemach und trat zu ſeinem Schreibtiſch, aus deſſen einer Chatoulle er einige vergilbte, eng beſchriebene Blätter Papier hervorzog und ſie ſorgſam prüfend mit dem Document verglich, welches ihm Weingarten gegeben. Ach, wie wenig hatte Trenck damals, als er jene Blätter geſchrieben, es ahnen können, daß dieſe einſt wider ihn zeugen und ihn zu einem Verbrecher ſtem⸗ peln könnten. Und doch waren auch ſie ſchon in den Augen des Königs ein Verbrechen geweſen, denn es waren zärtliche Briefe, welche Trenck von Wien aus an die Prinzeſſin Amalie zu ſchreiben gewagt hatte, die aber niemals in ihre Hände gekommen waren. Und jetzt mußten dieſe zärtlichen Ergüſſe einer thränenreichen, unglücksvollen Liebe noch Zeugniß ab⸗ legen gegen den, der ſie geſchrieben und mußten ihn zum zweiten Male verdammen. 4 Es iſt ſeine Handſchrift, ſagte der König, indem er die Briefe wieder in die Chatoulle ſchob und ſie verſchloß. Ich danke Ihnen Herr Baron, Sie haben mich vor einem unangenehmen Aergerniß bewahrt, denn wenn ich auch nicht glauben will, daß der Trenck wirklich einen Mord beabſichtigte, ſo war er doch jedenfalls Willens einen eclatanten Auftritt zu veran⸗ laſſen und wäre es auch nur, um ſeiner Eitelkeit zu genügen und wieder von ſich reden zu machen. Denn er hat jetzt, wie es ſcheint, ſeine Rolle ſo gut in Wien, wie in Petersburg und in Berlin zu Ende geſpielt und die Welt würde ihn vergeſſen, wenn er nicht durch einen tollen Streich ihre Blicke wieder auf ſich zöge. Wie er das hat machen wollen, nun das weiß ich nicht, aber gewiß nicht durch einen Mord! Nein, an einen Mord will ich nicht glauben! Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 6 82— Euer Majeſtät ſind immer großmüthig und edel, doch ſcheint mir, daß der Sinn dieſer Worte hier kaum anders gedeutet werden kann. „Ich werde nach Königsberg gehen,“ ſchreibt Herr von Trenck,„um dort dem König gegenüber zu thun, was Keiner vor mir gethan hat und Keiner nach mir thun wird.“ Heißt das nicht ſeine frevelhafte Abſicht klar genug ausſprechen?. Nur für den, der dieſe Abſicht kennt, oder ver⸗ muthet, ſagte der Könlg kopfſchüttelnd, für jeden Un⸗ befangenen können dieſe Worte auch einen andern Sinn, irgend eine romantiſche Drohung bedeuten, weiter nichts! Herr von Trenck iſt bekanntlich ein Renommiſt, eine Art von Don Qnixote, der immer gegen Windmühlenflügel kämpft und meint, daß es Ritter oder gar Könige ſind, die ihm die Ehre anthun, ſeine Feinde zu ſein. Ich habe den Trenck geſtraft, als er in meinen Dienſten ſtand und einen ſchweren Subordinationsfehler beging; jetzt iſt er nicht mehr in meinen Dienſten, und ich habe ihn vergeſſen. Aber freilich, wehe ihm, wenn er mich zwingt, ſeiner wieder zu gedenken. Euer Majeſtät werden ja ſehen, ob er falſch be⸗ ſchuldigt worden, ob dieſe glaubhaften und vollkommen unbeſcholtenen Männer, welche eigens hierher gekom⸗ men, um Euer Majeſtät durch mich zu warnen, und die ihre Ausſage auf das Crucifix beſchworen haben, ob dieſe den Herrn von Trenck nur verleumdet, indem ſie wider ihn zeugten. Wenn er nicht nach Danzig geht, nicht nach Preußen kommt, nun dann haben ſie gelogen und Trenck iſt unſchuldig. Er wird es nicht wagen die Grenzen meiner Staaten zu überſchreiten, denn er weiß, daß er als dann als Deſerteur dem Kriegsgericht verfallen iſt. 4——“ Aber ich bin überzeugt, daß er in kecker Nenommiſterei ſich wohl berühmt hat, mir zu trotzen, und das wäre freilich ſchon Etwas, was keiner vor ihm gethan hat und Keiner nach ihm thun wird. Aber bei dieſer Renommiſterei wird es verbleiben, darauf verlaſſen Sie ſich. Herr von Weingarten verneigte ſich und ſchwieg. Der König fuhr mit einem anmuthigen Lächeln fort: Jedenfalls aber, Monſieur, bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet, und es ſoll mir lieb ſein, wenn Sie mir Gelegenheit geben denſelben abzutragen! Herr von Weingarten, welcher bis dahin mit ehr⸗ furchtsvoll geſenktem Haupte dageſtanden, richtete ſich höher empor, und ſein Blick hatte die Kühnheit dem Auge des Königs zu begegnen.. Sire, ſagte er mit dem edlen Ausdruck eines un⸗ ſchuldigerweiſe Beleidigten, Sire, ich fordere und wünſche keinen andern Dank, als daß meine Warnung von Euerer Majeſtät beachtet werden möge. Wenn dieſe fürchterliche Gefahr, welche das Haupt des Kö⸗ nigs von Preußen bedrohte, durch mich abgewandt worden, ſo wird das mein ſchönſter und einzig begeh⸗ renswerther Lohn ſein, und jeden andern würde ich ablehnen müſſen. Der König nickte ihm beifällig lächelnd zu. Sie ſprechen wirklich in dem Ton der Ueberzeugung, ſagte er, und es ſcheint, Sie glauben wirklich an dieſe Ge⸗ fahr. Nun denn, ich werde Ihnen meinen Dank vor⸗ läuſig auf die von Ihnen gewünſchte Weiſe ausdrücken, ich werde Ihre Warnung reſpectiren, und mich vor der Gefahr, welche mir droht, hüten. Aber um das zu können, und um zugleich uns überzeugen zu kön⸗ nen, daß Trenck wirklich ſo ſchlimme Abſichten hegte, müſſen wir über die ganze Angelegenheit ein unver⸗ 68I — 84— brüchliches Schweigen beobachten, und Sie müſſen mir Ihr Wort geben, zu keinem Menſchen weiter dar⸗ über zu reden. Sire, mir ſchien das Geheimniß in dieſer Sache ſo nothwendig, daß ich ſogar dem Grafen Puebla nichts davon mitgetheilt, ſondern es gewagt habe, auf meine eigene Gefahr zu Euerer Majeſtät zu kommen. Und daran haben Sie ſehr wohl gethan, denn der Trenck wird nun unerwartet in die Falle gehen, die wir ihm aufſtellen wollen. Außerdem liebe ich es nicht, mit meiner Perſon und meinen Privatverhält⸗ niſſen die thörichten und klatſchſüchtigen Menſchen zu beſchäftigen und von ihnen bedauert, oder bemitleidet zu werden. Schweigen wir alſo für immer von die⸗ ſer Sache, und nur dann wollen wir ſtumm derſelben gedenken, wenn ich dieſe Tabatière in Ihren Händen ſehe. Wenn Sie eines Tages eine Bitte an mich zu richten haben, ſo kommen Sie zu mir mit dieſer Ta⸗ batiere in der Hand. Dann werde ich der jetzigen Stunde gedenken und Ihnen, wenn es in meiner Macht ſteht, gewähren, was Sie zu bitten haben. Er reichte Weingarten ſeine eigene goldene mit Brillanten beſetzte Tabatière hin und ließ ſich ſeinen glühenden Dank mit lächelnder Freundlichkeit gefallen. Als er aber dann den Legationsſekretair verab⸗ ſchiedet hatte, und ſich wieder allein befand, wich das Lächeln und die Freundlichkeit aus den Zügen des Königs und ſein Antlitz war jetzt tief traurig und verſtimmt. 4 Alſo dahin iſt es gekommen, ſagte er, mit auf dem Rücken gefaltenen Händen auf und abgehend, dahin iſt es gekommen, dahin hat dieſe unſelige Geſchichte geführt, daß dieſer Menſch, den ich einſt geliebt habe, jetzt daran denkt mich ermorden zu wollen! Ach, Ihr ſtotzen Fürſten, welche Ihr Euch vermeßt, die Eben⸗ bilder Gottes auf Erden zu ſein, Ihr ſeid nicht ein⸗ mal ſicher vor dem Dolch eines Mörders und Euere Haut iſt ſo leicht verwundbar, wie die des gemeinſten Bettlers.— Und weshalb will er mich ermorden? Wäre ich ein phantaſtiſcher Romanheld, ſo würde ich ſagen: um über meine Leiche hin die Hand ſeiner Geliebten zu erobern. Aber Amalie iſt keine Geliebte mehr, um die ein Menſch ſein Leben wagt. Sie iſt nur noch eine Erinnerung deſſen, was fie geweſen, nur noch der traurige, thränenbethaute Aſchenkrug ihrer Schönheit. Aber es iſt wahr, ihr Herz lebt noch, und es iſt jung geblieben und es gehört noch immier Trenck. Wie, und jetzt ſoll ich ihr auch dieſe letzte Illuſion nooch rauben? Jetzt ſoll ſie noch erkennen müſſen, daß der, den ſie geliebt hat, nichts iſt als ein gemeiner Mörder? Nein, ich will ihr dieſen Kummer erſparen! Ich will Trenck nicht die Gelegenheit geben ſein Werk zu vollführen, die Abſicht ſelber ſoll zweifelhaft ſein. Möge er für dieſelbe nur Gott und ſeinem Gewiſſen verantwortlich werden! Ich werde nicht nach Königs⸗ berg gehen, ich werde ihm die Gelegenheit entziehen, ſeine böſe That ausführen zu können, und wenn er in ſeinem übermüthigen Rachedurſt vielleicht ſogar daran denken ſollte hierher zu kommen, ſo wollen wir ſchon dafür ſogen, ihm dieſe Luſt vergehen zu laſſen, denn er wird alsdann ſeiner Strafe nicht eutgehen. Ach, ach, dieſer kleine Käfer dünkt ſich ein Löwe zu ſein! Verſuche es nur, meine Grenzen zu überſchrei⸗ ten, Du wirſt da ein Netz finden, in welchem Du Dich fangen wirſt und einen Käfig, dem Du nicht wieder entfliehen kannſt. Ja, ſo foll es ſein! Ich will ihn ſtrafen für ſein frevelhaftes Wollen, aber weder die Welt, noch er ſelber ſoll es ahnen, daß es deshalb geſchieht. Mögen ſie mich verdammen, mögen meine Feinde und meine Neider mir dereinſt den Trenck als ein Beiſpiel meiner Grauſamkeit und Härte vorhalten, was liegt mir an dem Beifall der Thoren und an dem Lobe der kurzſichtigen Menſchen! Feſt und unbeirrt will ich meine Straße gehen und nur Gott und meinem Gewiſſen werde ich Rechenſchaft zu geben haben über mein Thun! Mein Gewiſſen aber ſpricht mich hier frei von jeder Schuld! Trenck hat die Abſicht mich zu ermorden, ich muß meinem Volk ſeinen König erhalten, denn ich bin mir bewußt, daß es meiner bedarf und daß das Schickſal mich hierher berufen hat, weil es durch mich große Dinge voll⸗ führen will. Nein, meine Miſſion iſt noch nicht voll⸗ endet, ich habe meinem Vaterlande noch wichtige Dienſte zu leiſten, und wenn ein giftiges Inſect ſich auf meinen Weg drängt und mich aufhalten will in meinem Lauf, nun wohl, ſo zertrete ich es! Und der König klingelte heftig und ließ den ſtets bereiten Geheimen Cabinetsrath, der heute den Dienſt außer den gewöhnlichen Dienſtſtunden zu verſehen hatte, eintreten. Der König diktirte demſelben zwei Briefe. Der eine war an den Herrn von Reimer, ſeinen Geſandten bei dem kleinen Freiſtaat Danzig, gerichtet und der König ertheilte ihm darin den Befehl, bei dem Ma⸗ giſtrat von Danzig im Namen des Königs um die Auslieferung des ehemaligen preußiſchen Lieutenants von Trenck nachzuſuchen, im Fall dieſer es wagen ſollte, nach Danzig zu kommen.„Ich weiß,“ ſchrieb ihm der König,„daß der Trenck die Freiheit ſo weit treibt, ſogar in meine Staaten kommen zu wollen, obwohl er ein preußiſcher Deſerteur und ein Mörder iſt, der bei ſeinem letzten Ausbruch von der Feſtung Glatz zwei Schildwachen getödtet hat. Würde er erſt in meinen Staaten verhaftet, ſo gäbe es keinen Par⸗ don mehr, und das Kriegsgericht würde den Deſer⸗ teur zum Tode verurtheilen. Weil aber viel Lärmen und Trouble dadurch entſtehen möchte, ſo trachten Sie, den Deſerteur ſchon in Danzig, entweder auf offene, oder auf liſtige Weiſe verhaften zu laſſen. Ich werde Ihnen eine genügende Anzahl Soldaten, die mit den nöthigen Inſtructionen verſehen ſind, zur Verfügung ſtellen laſſen.“ Der zweite königliche Brief war an den Komman⸗ danten der Feſtung Magdeburg gerichtet, und enthielt die Ordre eins der feſten Gefängniſſe in den Kaſe⸗ matten zur Aufnahme eines Militairgefangenen in Bereitſchaft zu halten.„Aber,“ lautete die Ordre weiter,„wählen Sie ein Gefängniß, welches vollkom⸗ mene Sicherheit darbietet und aus dem zu entfliehen unmöglich iſt. Denn Derjenige, welcher es bewohnen wird, iſt nicht bloß ein kühner Deſerteur, ſondern auch ſchon bekannt wegen der Kühnheit und Verwegenheit, mit der er es verſteht, aus den Gefängniſſen zu ſeſ hen. Treffen Sie alſo Ihre Vorkehrungen dar⸗ nach*). Nachdem der König dieſe beiden Briefe diktirt, unterzeichnete er ſie beide mit feſter Hand und ver⸗ abſchiedete dann den Kabinetsrath. Jetzt, ſagte er mit einem traurigen Lächeln, als er wieder allein war, jetzt wird meine arme Schweſter Amalie immer noch das Recht haben, dieſes Idol ihrer Phantaſie als das arme Opfer meiner Nachſucht und Unverſöhnlichkeit zu beklagen; ſie ſo wenig als die Welt wird ahnen, daß ich mich nur vor dem Dolch *) Trenck. Merkwürdige Lebensgeſchichte. Th. I. S. 250. — 88— eines hinterliſtigen Mörders geſichert habe. Freilich iſt er nur ein Mörder ſeiner Abſicht nach, und ich ſtrafe ihn für ſeine Gedanken. Aber ſollte ich warten bis er die That vollführt, oder auch nur verſucht hat, damit ganz Europa von dieſem Mordgeſchrei erfüllt werde, und die Bänkelſänger auf den Gaſſen meine Geſchichte ableierten, wie die Geſchichte von Ravaillac oder Cartouche?— Mein gutes Volk, welches ſo be⸗ gierig iſt auf Mordthaten, hat ja eben einen ſo köſt⸗ lichen Biſſen an dieſer Mordgeſchichte in dem Stelzen⸗ krug am Alexanderplatz, es iſt alſo nicht nöthig, daß ſein König ihm eine neue derartige Ballade liefere. In dieſem Moment öffnete ſich die Thür und der Lakay meldete den Großkanzler von Cocceji. Der König ging dem vielbewährten Freund und Staatsmann mit herzlichem Gruß entgegen. Sie kom⸗ men ohne Zweifel, um mir Rapport abzuſtatten über dieſe Mordgeſchichte, ſagte der König lächelnd, und da muß ich Ihnen nur geſtehen, daß Sie meiner Neu⸗ gierde ſehr gelegen kommen, denn ich dachte eben an dieſelbe. Euer Majeſtät haben richtig errathen, ich komme, um Rapport abzuſtatten, erwiderte Cocceji ehrfurchts⸗ voll. Ganz Berlin iſt in Bewegung und Aufruhr über dieſe Sache, und ſelbſt die friedliebendſten Bür⸗ ger ſind plötzlich zu Unruheſtiftern und Schreiern ge⸗ worden und verdammen das königliche Kammergericht, welches doch nur gethan, was Rechtens iſt. 8* Und was nennen Sie Rechtens? fragte der König ernſt. 3 Das, was das Geſetz vorſchreibt, Sire. Der König wiegte ſinnend ſein Haupt. Und da⸗ gegen ſollte das Volk ſich auflehnen? Darüber ſollte es murren? Nein, mein Freund! Das Volk hat — 39— eine große inſtinctmäßige Scheu vor dem Geſetz und dem Recht, und nur in der Entartung und Verwilde⸗ rung wird es wagen, ſich gegen dieſe beiden mächtig⸗ ſten Säulen des Staates aufzulehnen. Mein Volk iſt aber weder entartet noch verwildert, und ich muß alſo annehmen, daß es in dieſer Sache, wenn es murrt und unzufrieden iſt, auch einen Grund hat. Erzählen Sie mir alſo die Geſchichte noch einmal, und ganz ausführlich, ganz genau. Und indem der König ſich auf den lederbezogenen Fauteuil vor ſeinem Schreibtiſch niederließ, winkte er dem Großkanzler, auf dem Seſſel ihm gegenüber Platz zu nehmen. Jetzt erzählen Sie mir Ihre Mordgeſchichte, befahl der König. Sire, ſie iſt an ſich ganz einfach und ganz ge⸗ wöhnlich. Eiue alte, ziemlich bemittelte Frau, ohne Familie und Dienerſchaft, bewohnte ſeit vielen Jahren ein kleines Haus am Alexanderplatz, den ſogenannten Stelzenkrug. Außer ihr wohnte in dieſem Hauſe nur noch ein armer ſtiller Kandidat, der ſich allein da⸗ durch ſeinen Lebensunterhalt erwarb, daß er den Kin⸗ dern achtbarer und angeſehener Bürgersleute Unter⸗ richt ertheilte. Zu dieſem Zweck pflegte er gewöhnlich Morgens neun Ühr ſchon das Haus der Frau Schultze zu verlaſſen und erſt am Abend um ſechs oder ſieben Uhr heimzukehren; alsdann waren ſeine Unterrichts⸗ ſtunden beendigt und er pflegte dann ſich in ſeinem Zimmer mit Leſen und Studiren zu beſchäftigen, bis ihn Frau Schultze zu ihrem einfachen Nachteſſen in ihr Zimmer rief. Wenn er dies eingenommen, kehrte er in ſein Zimmer zurück, um weiter zu ſtudiren, während Frau Schultze ſich ſofort in ihre Schlaf⸗ kammer und zur Ruhe begab. So lebten die beiden — 90— ſtillen Leute ſeit vier Jahren in ungeſtörter Regel⸗ mäßigkeit, und ihre Nachbarn kannten ihre Pünktlich⸗ keit ſo genau, daß, wenn Abends das Licht in dem kleinen Eckfenſter erloſch, ſie genau wußten, die Uhr habe jetzt neun geſchlagen und Frau Schultze ſei zu Bett gegangen, und daß, wenn das Licht in dem Zimmer des Kandidaten noch nicht erloſchen war, die zwölfte Stunde noch nicht geſchlagen habe. Ebenſo regelmäßig ſah man jeden Morgen um acht Uhr die Thür des Stelzenkruges ſich öffnen und Frau Schultze erſchien mit einem Korb und einem kleinen Topf, um aus dem nahen Bäckerladen ſich ihren Bedarf an Semmel und Milch einzuholen. Sie war die erſte Kundin des Bäckers, der nach ihr ſeine Uhr zu ſtellen pflegte. Zehn Minuten vor neun Uhr öffnete ſich dann wieder die Thür des Stelzenkruges und der Kandidat erſchien mit ſeinen Büchern unter dem Arm, um ſeinen Lauf als Inſtructor anzutreten. Wenn die Aeltern der umliegenden Häuſer das ſahen, pflegten ſie ihre Kinder nach der Schule zu treiben, denn ſie wußten dann, daß es gleich neun Uhr ſchlagen werde. Bei dieſer Regelmäßigkeit eines Uhrwerks können Euer Majeſtät leicht denken, welch' eine Senſatiou es er⸗ regen mußte, als dies Uhrwerk plötzlich ſtill zu ſtehen ſchien. Die Frau Schultze hatte von dem Bäcker nicht ihr Frühſtück abgeholt, ihre Fenſterläden waren ſogar noch um halb neun Uhr geſchloſſen, und als es neun Uhr war, öffnete ſich nicht die Thür und der Kandidat trat nicht, wie ſonſt, aus derſelben hervor. Das Haus blieb⸗ ſtill und lautlos, wie es die Nach⸗ barn nie geſehen. Sie vermutheten daher ſofort, daß irgend ein ungewöhnliches Ereigniß den geregelten Lebenslauf der beiden Bewohner des Stelzenkruges unterbrochen habe, und um ſich davon zu überzeugen, wollten der Bäcker und der Schlächter ſelber zur Frau Schultze gehen. Sie fanden aber ihre Hausthür ver⸗ ſchloſſen und auf wiederholtes Klopfen und Rufen ward ihnen nicht aufgethan. Nun wandten ſie ſich an die Gerichtsbehörde und dieſe ſandte einen Bevoll⸗ mächtigten zur nähern Unterſuchung ab. Man ließ die Thüren von einem Schloſſer öffnen und drang in das Haus ein. In dem Wohnzimmer der Frau Schultze fand man den Secretair offen ſtehen, die Chatoullen mit Papieren ohne Werth an der Erde liegen, ebenſo waren auch die Chatoullen der Com⸗ mode geöffnet und ihr Inhalt lag auf dem Tiſche und Sopha zerſtreut umher. In der Schlafkammer der Schultze ſtanden die Stühle und der Waſchtiſch nicht an ihren gewohnten Plätzen, ſondern in wilder Un⸗ ordnung mitten in dem Raum; Alles zeugte davon, daß hier fremde Hände ihr Weſen getrieben und in Kiſten und Kaſten umher gewühlt hatten. Endlich trat man zu dem Bett der Frau, welches äußerlich ganz glatt und unberührt erſchien. Als man aber das weiße Betttuch emporhob, fand man unter dem⸗ ſelben die Frau Schultze ſteif und bewegungslos, eine ſchon erkaltete Leiche, mit einem Strick um den Hals, die Augen ſtarr und weit geöffnet, mit heraushängen⸗ der Zunge, mit blutunterlaufenem Geſicht, kurz mit allen Zeichen einer Erdroſſelten. Nun wandte man ſich in die obere Etage, um nach dem Hausgenoſſen der Ermordeten zu ſpähen. Sein Zimmier war offen und in demſelben befaud ſich Alles in der gewohnten Ordnung, alle Meubles, ſowie die Bücher ſtanden auf ihren alten Plätzen, kein fremder Fuß ſchien dieſe Schwelle überſchrtiten zu haben. Aber der Kandidat war nicht da, und alle Nachbarn, welche das Haus ſeit der Morgenſtunde beobachtet hatten, verſicherten, daß er heute Morgen keinen Falls daſſelbe verlaſſen habe, ſondern die Nacht ſchon müſſe außer war, öffnete ſich indeſſen die Thür und der Kandidat trat em, mit bleichem, verſtörtem Angeſicht, mit be⸗ ſtaubten Kleidern, mit beſchmutzten Stiefeln, die von weitem Wandern zeugten. „ſagte der König haſtig. Es iſt keine Frage, er hat es gethan; er hat die arme Frau ermordet! oeceji verneigte ſich. Ich danke Euer Majeſtät für dieſes Wort, ſagte er, es wird mir für meine Handlungen zur Recht⸗ fertigung dienen und mich entſchuldigen, wenn ich fehlgriff. Der Kandidat ward natürlich ſofort ver⸗ haftet und zum Verhör gezogen. Er leugnete indeß mit größter Entſchiedenheit die That, und ſchien er⸗ griffen, als man ihn in die Schlafkammer führte und ihm die Leiche der Ermordeten zeigte. Als man ihn fragte, wo er die Nacht zugebracht, habe am verfloſſenen Tage, welch weſen, einen ihm befreundeten Land Meilen von Berlin beſucht, zu dem er ſtunden zu verſäumen, habe er ſich trotz der Bitten Dämmerung auf um nach Berlin zurückzukehren. Indeſſen habe er bei der ſchnell eintretenden Dunkel⸗ heit ſich verirrt, und immer weiter wandernd ſei er immer weiter von ſeinem Wege abgekommen, ſo daß er endlich erſchöpft und matt auf offenem Felde nie⸗ dergeſunken und dort in einen tiefen Schlaf verfallen 3 ſei. Aus dieſem ſei er erſt erwacht, als der Tag be⸗ Leugnen beharrte, und trotz der augenſcheinlichſten Be⸗ reits angebrochen geweſen und da habe er ſich aufge⸗ macht, um ſeine Wanderung nach Berlin fortzuſetzen. In dem nächſten Dorf habe er erfahren, daß er ſich über drei Meilen von Berlin und zwar in einer ganz andern Richtung, als von wo er ausgegangen, beſinde, und ſo habe er ſich denn mühſam von Dorf zu Dorf weiter gefragt, bis er endlich Berlin geſehen und eben in demſelben eingetroffen ſei. Eine ſchlecht erſonnene Ausflucht, ſagte der König kopfſchüttelnd. Eine Lüge, welche man ihm unmöglich für ein Alibi konnte gelten laſſen. Ich danke Euer Majeſtät abermals, ſagte der Großkanzler ſich verneigend. Euer Majeſtät geruhen da meine eigenen Worte auszuſprechen. Da der De⸗ linquent indeſſen, trotz aller gegen ihn zeugenden Umſtände, und trotz dem, daß er kein Alibi auftreiben, ja nicht einmal die Stelle bezeichnen konnte, wo er die Nacht zugebracht haben wollte, da der Delinquent, ſage ich, trotz alle dem leugnete und nichts von der Unthat wiſſen wollte, mußte ich wohl von den Mit⸗ teln Gebrauch machen, welche das Geſetz in ſolchen Fällen vorzeichnet, die Euer Majeſtät, indem Sie bei Ihrem Regierungsantritt die Tortur im Allgemeinen aufhoben, beſonders hervorgehoben hatten. Dieſe Aus⸗ nahmefälle, wo die Tortur noch angewendet wird, ſind ſolche, wo der Verbrecher, trotz aller ihn über⸗ führenden Beweiſe, trotz der klaren, belaſtenden That⸗ ſachen, ſeine Schuld nicht eingeſtehen will und bei ſeinem Leugnen beharrt. Alsdann ſoll nach dem Ge⸗ ſetz von dem Delinquenten das Eingeſtändniß ſeiner Schuld durch die Tortur verſucht werden. Dieſem königlichen Geſetz gemäß ließ ich den Kandidaten, welcher trotz des eindringlichſten Zuredens bei ſeinem — 94— weiſe ſeine Unſchuld betheuerte, verhaften und in die Folterkammer abführen. Oh, in die Folterkammer! ſagte der König, indem er aufſtand und ſich dem Fenſter näherte, um gedan⸗ kenvoll ſeine Stirn an die Scheiben zu lehnen. Re⸗ den Sie weiter, ſagte er dann nach einer Pauſe. Reden Sie, ich höre Ihnen zu. Der Kandidat ward, wie geſagt, in die Folter⸗ kammer geführt und man unterwarf ihn dem leichte⸗ ſten Grad der Tortur. Man legte ihm die Daum⸗ ſchrauben an. Der König ſtieß einen tiefen Seufzer aus und trommelte haſtig und ungeduldig auf der Feuſter⸗ ſcheibe. Weiter, weiter, befahl er dann. Cocceji ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er hochathmend und mit ſeltſam feierlichem Ton: Der Delinquent vermochte dieſen leichteſten Grad der Tortur ſelbſt nicht zu ertragen. Der Schmerz entriß ihm ſogleich ein Geſtändniß, das die eindring⸗ lichſte Rede ihm nicht hatte erpreſſen können. Er be⸗ kannte ſich der Mordthat ſchuldig. Der König, noch immer am Fenſter ſtehend, wandte das Haupt mit einer haſtigen Bewegung um und ſein feuriger Blick ruhte mit einem flammenden Ausdruck auf dem edlen, würdevollen Angeſicht des Großkanzlers. Cocceji, ſagte der König, dieſe Tortur gefällt mir ganz und gar nicht. 3 Mir auch nicht, Majeſtät, erwiederte Coeceji achſel⸗ zuckend. Aber ſie ſteht in den Criminalgeſetzen ver⸗ zeichnet, es mußte dem Geſetz Genüge gethan werden. Es iſt indeſſen ein kannihaliſches Geſetz, murmelte der König, ein Geſetz, das der Menſchenwürde und Menſchenliebe Hohn ſpricht! Wie kann man einem Menſchen durch Martern und Granſamkeiten die Wahr⸗ heit abpreſſen wollen, wie eine Seele beſiegen wollen, indem man den Körper foltert. Sire, die Prieſter ſind es bekanntlich geweſen, welche in ihren Inquiſitionsgefängniſſen die Tortur erfunden haben.. Freilich, rief der König, die Tortur iſt auch eine Liebesgabe der Prieſter Chriſti; mit Daumſchrauben und glühenden Roſten haben ſie die ungläubigen Sünder von der Göttlichkeit der chriſtlichen Religion zu überzeugen gewußt. Aber ich bin kein frommer Prieſter und kein fanatiſcher Chriſt, ich verabſcheue daher jede Tortur und jede Folter, und würe ſie ſelbſt im Stande die Menſchen zu ihrem ewigen Heil zu bekehren! Aber— wir vergeſſen Ihren Mörder! Er bekannte alſo? Ja, Sire, er bekannte und ward in ſein Gefäng⸗ niß zurückgeführt. 1 Und er widerrief nicht, als man ihm die Daum⸗ ſchrauben abgenommen? 4 Nein, er widerrief nicht, aber er weinte inmmer⸗ fort, und in ſeinem Gefängniß hörte man ihn die ganze Nacht mit lauter Stimme beten. Ich fürchte, ſeine zerriſſenen Hände wurden nicht wieder geſund davon! ſagte der König achſelzuckend. Und was iſt nun weiter in dieſer Sache geſchehen? Am andern Morgen nach dem Geſtändniß des Kandidaten war ganz Berlin erfüllt von dieſer Neuig⸗ keit, und ſeltſamer Weiſe waren alle Diejenigen, welche geſtern noch den Kandidaten für ſchuldig erklärten, heute, nachdem er bekannt hatte, von ſeiner Unſchuld überzeugt.. Das kommt daher, ſagte der König, weil die Tor⸗ tur ein ſo verabſcheuenswürdiges und grauſames In⸗ ſtitut iſt, daß Diejenigen, welche davon gemartert wer⸗ den, in den Augen der Menſchen zu Märtyrern und Heiligen ſich verklären müſſen. Mir geht es wie den Berlinern. Seit der Kandidat auf der Tortur ſich als Mörder erklärt hat, halte ich ihn für unſchuldig! Ganz Berlin ſprach, wie Euer Majeſtät, und ſo kam geſtern eine Deputation von zwanzig der ange⸗ ſehenſten Bürger zu mir, um mich im Namen der ganzen Bürgerſchaft zu bitten, die Unterſuchung auf das Ernſteſte und Gründlichſte zu verfolgen. Dieſe Deputation beſtand aus Männern, bei denen der Kandidat Jahre lang als Lehrer ihrer Kinder thätig geweſen, und ſie waren Alle fo feſt von der Unſchuld des Kandidaten überzeugt, daß ſie ſich mit ihrem Le⸗ ben und ihrem Vermögen bei mir verbürgen wollten. Meine Berliner gefallen mir, ſagte Friedrich heiter, ich liebe ihre raſche Energie und ihre Unerſchrockenheit. Nichts auf der Welt iſt im Stande ihnen zu imponi⸗ ren, und was ſie für Rechtens halten, das thun ſie. Das war alſo der Aufſtand und die Revolte, von welcher Er vorher ſprach? Das war es, denn Euer Majeſtät müſſen wiſſen, daß, während dieſe Leute bei mir waren, Tauſende von Menſchen auf der Straße ſtanden und riefen: Er iſt unſchuldig! Er hat ſich falſch angeklagt! Fluch und Schande über die Tortur! Die Schultze hat ſich ſelbſt erdroſſelt! Ließ Er ſich einſchüchtern von dem Geſchrei? Nein, Sire, aber ich ließ mich zur Raiſon bringen von den überzengungsvollen Worten der Leute; ich würde es für grauſam und gewiſſenlos gehalten haben, wenn ich dieſen braven Männern gegenüber mich in die Unantaſtbarkeit meiner Stellung zurückgezogen und ſie vornehm abgewieſen hätte. Es war ja möglich, daß bei der Unterſuchung irgend ein Thatbeſtand falſch angeſehen, irgend eine Sache überſehen worden. Ich ordnete daher eine nochmalige genaue Unterſuchung an Ort und Stelle an. Der König nickte mehrmals lebhaft. Recht ſo, ſagte er, ein tapferer Mann muß immer den Muth haben, auch einzugeſtehen, daß er einen Fehler begehen kann. Diejenigen, welche ſich für un⸗ fehlbar halten, ſind gewöhnlich die ſtupideſten Dumm⸗ köpfe. Nur der Weiſe kann es einſehen und begrei⸗ fen, was für Thoren und Narren wir Menſchen Alle ſind. Er ordnete alſo eine nochmalige Unter⸗ ſuchung an.. 3 Ja, Sire, und zu dieſem Zweck ſchickte ich vor allen Dingen eine ſehr gewichtige und einflußreiche Perſon an den Ort der Unthat, eine Perſon, welche, ſobald es ſich um einen Gehängten handelt, vor allen Dingen geeignet iſt, ein Urtheil abzugeben. Ich meine den Scharfrichter von Berlin, Sire. Ich be⸗ auftragte ihn, zu unterſuchen, ob es möglich ſei, daß die Frau auf dieſe Weiſe und in der Stellung in welcher man ſie gefunden, ſich ſelbſt habe erdroſſeln können. War denn die Leiche noch in dem Hauſe? In dem Hauſe und ganz ſo, wie man ſie gefun⸗ den, denn es herrſcht noch immer das Vorurtheil, daß man die Leiche eines Gemordeten nicht berühren darf, wenn man nicht ſelber von dem Fluch, der auf den ſterbenden Lippen geſtanden, betroffen wer⸗ den will. Und wie lautete das Urtheil des Scharfrichters? Ss lautete: es ſei ganz unmöglich, daß die Schultze ſich auf dieſe Weiſe erdroſſelt haben könne. Sie ſei 7 1 Mühlbach, Friedr. d. Gr. zc. I. — 98— jedenfalls von einem Andern, und mit einem ganz kunſtgerechten Knoten erwürgt worden. Was heißt das: mit einem kunſtgerechten Knoten? Das fragte ich den Scharfrichter auch, Sire, und er erwiederte mir, das ſei eine eigene Art Knoten, welche man in den Strick ſchürze, wenn ein Dieb ge⸗ henkt werden ſolle, und der ſo ſicher und feſt ſei, daß der Strick nicht nachlaſſen könne, und alſo der Tod dadurch beſchleunigt und erleichtert werde. Er fügte hinzu, es ſei ziemlich ſchwer, einen ſolchen Knoten zu ſchürzen und nur die Leute vom Mätier ſeien bewan⸗ dert darin. Demgemäß, fragte der König, müßte der Kandidat erſt bei einem Scharfrichter in die Lehre gegangen ſein, um dieſen Mord zu vollführen? Oder ein wirklicher Scharfrichter hatte den Mord verübt, Sire! 4 Sie ließen nun natürlich auf alle Scharfrichter fahnden? Ich ließ mir, und das geſchah geſtern, Sire, eine genaue Polizeiliſte aller derjenigen fremden Leute ge⸗ ben, welche in der Zeit, wo die That geſchehen, nach Berlin gekommen waren, und ſo ermittelte ich denn, daß am Abend vor dem Morde zwei Scharfrichter⸗ knechte aus Spandau in Berlin einpaſſirt ſeien. Die⸗ ſen Beiden ward nachgeforſcht und es ergab ſich, daß es die beiden Brüder der Ermordeten und ihre zu⸗ künftigen einzigen Erben waren. Den Morgen nach jener Nacht, in welcher die Mordthat geſchehen, hatte man ſie Beide in Spandau einpaſſiren ſehen, und ſie hatten ſeitdem in Saus und Braus gelebt und ſehr viel Geld ausgegeben. Ich ließ ſie geſtern Abend verhaften und nach Berlin bringen. Und auch in die Folterkammer, Cocceji? — 99— Nein, Sire, die Folter war unnöthig, denn heute Morgen ſchon haben ſie freiwillig ſich zu dieſem Morde bekannt, den ſie begangen haben, um deſto früher in dden Beſitz der Erbſchaft zu gelangen. Dies Euer Majeſtät zu berichten, kam ich her. Eine Pauſe trat ein. So iſt es in der Welt, ſagte der König dann mit einem bittern Lächeln, die Unſchuldigen werden gefol⸗ tert und die Schuldigen gehen frei aus. Aber in meinen Staaten ſoll es nicht ſo ſein, wenn ich es verhindern kann. Cocceji, es iſt eine traurige Ge⸗ ſchichte, welche Sie mir da erzählten, aber ich meine doch, es iſt gut, daß ich ſie gehört, denn ich habe viel dabei gelernt und auf's Neue gefühlt, daß wir Für⸗ ſten auch nur jämmerliche Thoren und kurzſichtige Menſchenkinder ſind, welche ſelbſt dann noch irren und fehlen, wenn ſie darnach trachten, das Gute und Rechte zu thun. Ich hob die Tortur theilweiſe auf, um die Marterwerkzeuge aus den Händen der Prieſter 3 zu nehmen und Niemand mehr foltern zu laſſen, um Gottes und ſeines Gewiſſens willen. Ich beſchränkte ihre Anwendung anf überführte Verbrecher, welche nicht bekennen wollten. Aber wer kann ſagen, daß er im Stande iſt, einen Menſchen zu überführen und ſeine Schuld zu erkennen? Nur Gott ſchauet in die Herzen der Menſchen und kennt ihr Denken und Thun. „ Weil wir nicht das Auge Gottes beſaßen, nahmen wir ſtatt deſſen die Tortur! Cocceji, es iſt ein for⸗ midables Aequivalent, und wir wollen's jetzt für alle Zeiten von uns ſchleudern! Die Daumſchrauben des armen Kandidaten haben uns die Augen geöffnet. Geſegnet ſei mein König für dieſes Wort! rief Cocceji begeiſterungsvoll. Nie habe ich ſo lebhaft als in dieſen Tagen die unnatürliche Grauſamkeit dieſes 7 ½ — — 100— Geſetzes empfunden, nie iſt es mir ſo klar geweſe f welch' eine große und ächt königliche That es geweſe daß Euer Majeſtät die Anwendung der Folter ſo be⸗ ſchränkt hatten. Sie iſt eine furchtbare Geißel der Menſchen geweſen! Eine Geißel, welche heute noch in aller Herren Ländern geſchwungen wird, und der die Völker i in Ita⸗ lien, Spanien, Portugal und Deutſchland, ja ſelbſt in dem aufgeklärten Frankreich, in dem Vaterlande eines Voltaire, ſich noch unterwerfen. Aber in Preußen ſoll's nicht mehr ſein, in Preußen ſoll die Vernunft und das Geſetz allein herrſchen, und wenn mich die frommen Prieſter deshalb als den Antichriſten ver⸗ ketzern und ſchmähen, ſo mögen ſie das immerhin thun. Wenn die chriſtliche Kirche mich verſtößt, nun, ſo wird vielleicht Gott mich dafür willkommen heißen und mir ein Plätzchen in Abraham's Schooß an⸗ weiſen, den die frommen Chriſten verachten werden, denn ſo viel ich weiß, war Abraham ein arger Jude. — Nehme Er die Feder, mein lieber Cocceji, und wenn's Ihm recht iſt, dictire ich Ihm gleich ein Re⸗ ſeript in die Feder, durch welches wir die Tortur in Preußen ein für alle Mal, auch für Verbrecher, ab⸗ ſchaffen! Und dieſe Stunde wird nach Jahrhunderten noch von Ihrem Volke geſegnet werden, rief Cocceji, nein, nicht nur von Ihrem Volke, ſondern von allen Völ⸗ kern, denn dieſes Licht der Aufklärung und der Frei⸗ heit, das von meines Königs Augen ausſtrahlt, wird bald die ganze Welt durchleuchten, und ſelbſt die Au⸗ gen der kurzſichtigſten Fürſten werden endlich ſeinen Glanz ſehen müſſen! Das iſt ein kühnes Wort, was Er da ſpricht, ſogie der König lächelnd. Die Fürſten ſind wie die 1 4 † — 101— Machtenlen. Wenn das Licht ihre Augen blendet und ſiess nicht ſehen wollen, ziehen ſie die weißen Haut⸗ deckel darüber und verdauen fort in angenehmer Dämmerung. VIII. Der Bräutigam wider Willen. Prinz Heinrich hatte alſo abermals acht Tage im Arreſt zugebracht, acht Tage der Langenweile, des ohnmächtigen Zorns, der peinvollen Demüthigung. Diesmal war der Arreſt auf des Königs ausdrück⸗ lichen Befehl ſo ſtrenge geweſen, daß Niemand zu dem Prinzen hatte gehen dürfen, Niemand außer Pöllnitz, der, wie der König ſagte, zu dem Inventarium des Hauſes Hohenzollern gehörte, und daher alle Thüren für ſich offen fand. Pöllnitz hatte daher allein den Vorzug gehabt, die Klagen und Vorwürfe des Prinzen und die bittern Anſchuldigungen zu vernehmen, welche der Prinz ge⸗ geen ſeinen königlichen Bruder erhob, und mit denen er ſich rächte für die Langeweile und Einſamkeit, die der König ihm auferlegt hatte.— Pöllnitz hatte ſtets ein aufmerkſames Ohr für dieſe Klagen, und wenn er den Prinzen mit dem Anſchein aufrichtigſter Theil⸗ nahme und warmen Mitgefühls getröſtet hatte, ſo eilte er zum König um ihm mit niedergeſchlagenen Augen und frohlockendem Herzen all' die bittern und gehäſſi⸗ gen Worte zu wiederholen, welche der argloſe Prinz — 102— zu ihm geſprochen hatte, und die ſehr wohl geeignet waren, die Verſtimmung auch auf Seiten des Königs noch zu vergrößern und ſie unheilbarer zu machen*)— Der Prinz ſchwur noch immer, daß er niemals nachge⸗ ben und ſich nicht vermählen werde, und der König beſtand darauf, daß ſein Bruder ſich ſeinem Willen fügen und unterwerfen müſſe. So waren acht Tage vergangen und Pöllnitz kam heute zu dem Prinzen mit der Frendenbotſchaft, daß ſein Arreſt abgelaufen und er wieder frei ſei. 3 Das heißt, ich habe die Freiheit in Petsdam um⸗ herzugehen, ſagte der Prinz mit Bitterkeit. Mein Vruder wird mir erlauben dieſe langweiligen Straßen zu durchwandeln, bei ihm zur Tafel zu erſcheinen, um meine Kleider von ſeinen unausſtehlichen vierbei⸗ nigen Freunden, und meine Ohren von dem lang⸗ weiligen, pedantiſch witzelnden Geſchwätz ſeiner nicht minder unausſtehlichen zweibeinigen Freunde be⸗ ſchmutzen zu laſſen. Euer Königliche Hoheit können alle dieſe kleinen Unannehmlichkeiten leicht und für immer von ſich ab⸗ wehren, ſagte Pöllnitz achſelzuckend. Sie haben dazu weiter nichts nöthig, als ſich zu vermählen. Pah, mich zu vermählen, das heißt, meiner armen Schwägerin Eliſabeth Chriſtine eine Gefährtin zu geben, damit die beiden Unglücklichen gemeinſam die Pſalmen ihrer Ehequalen ſingen können. Nein, ich habe nicht die Tapferkeit meines königlichen Bruders, eine Frau, das heißt, ein menſchlich fühlendes Weſen unglücklich zu machen, um der Staatspolitik zu genügen, ich be⸗ ſitze nicht dieſen Egoismus, mich mit dem Lebensglück *) Thiébault, Souvenirs etc. Vol. II. p. 188. ——y— . — 103— eines andern Menſchen von meinen eigenen Leiden loskaufen zu wollen. Aber, mon dieu, mein Prinz, ſagte Pöllnitz in ſeiner eyniſchen Weiſe, Sie faſſen die Sache zu tugend⸗ haft auf. Nicht alle Frauen ſind ſo ehrbar und und keuſch, wie die arme Königin Eliſabeth Chriſtine, und gemeinhin wiſſen ſie ſich anderswo ſehr wohl zu entſchädigen für die Gleichgütigkeit ihres Gemahls. Euer Königliche Hoheit denken über dieſe ganze An⸗ gelegenheit überhaupt viel zu bürgerlich und ſittſam. Es handelt ſich hier ja nicht um eine gewöhnliche Ehe, ſondern um die Vermählung eines Prinzen. Sie ver⸗ mählen nicht Ihr Herz, ſondern Ihre Hand, und legen ſich dieſe Ehefeſſeln an, wie Sie Ihren, mit einem fürſtlichen Stern gezierten Rock anlegen; es iſt eine Aeußerlichkeit, Hoheit, die zu nichts verpflichtet, weder zur Liebe, noch zur Treue. Aber eine Aeußer⸗ lichkeit, welche ihre ungeheueren Vortheile hat, und um die alle anderen nicht fürſtlichen Männer Sie be⸗ neiden müſſen. Vraiment, eine ſolche Ceremonien⸗ Heirath iſt ein ſchützender Talisman, den man jeder andern Frau vorhalten kann, und an dem all' ihre egoiſtiſchen Wünſche und ihre ertravaganten Forderun⸗ gen, wie an einem ehernen Schilde abprallen müſſen. Außerdem iſt ein verheiratheter Mann ſür jedes un⸗ verheirathete Frauenzimmer ganz und gar sans cou- séquence, und wenn ſie einen Solchen liebt, ſo darf dieſer glückliche Sterbliche überzeugt ſein, daß ihre Liebe wirklich eine Caprice des Herzens, und nicht eine Berechnung des Eigennutzes oder der Heirathsluſt iſt. Der Prinz betrachtete den lächelnden Höfling mit ernſten, faſt zürnenden Blicken. Wiſſen Sie, ſagfe er, daß das, was Sie da ſagen, mir ziemlich unmoraliſch ſcheint? . — 104— Unmoraliſch? fragte Pöllnitz verwundert. Was iſt das? Ich kenne dies Wort nicht. Euer Königliche Hoheit wiſſen, ich habe meine Bildung zumeiſt am franzöſiſchen Hofe, unter der ſchützenden Aegide des Regenten von Orleans und der Princeſſe Palatine er⸗ halten, und dort habe ich dies Wort„Unmoraliſch“ niemals gehört. Wollen Euer Königliche Hoheit viel⸗ leicht die Gnade haben, es mir zu erklären? Das würde heißen, tauben Ohren predigen! ſagte der Prinz achſelzuckend. Wir wollen uns nicht um die Bedeutung eines Wortes ſtreiten. Ich wollte Ihnen nur erklären, daß ich durchaus nicht Willens bin, um des von plaisir meines Herrn Bruders willen, mich zu vermählen, und daß ich zu ſehr und zu tief das Unglück, die Demüthigung und die Abhängigkeit meiner Lage begriffen habe, um nicht davor zurückzu⸗ ſchrecken, noch Andere, außer mir damit zu belaſten. Nein, ich will mich nicht vermählen, ich will nicht die Race dieſer armen, elenden Prinzen fortpflanzen, die ganz nutzlos und folglich dem Staat zur Laſt ſind.*)— Oh, welch' eine unſelige Poſition iſt die eines apana⸗ girten Prinzen, und wie wenig kennen Diejenigen, welche uns beneiden, unſere geheimen Schmerzen und Demüthigungen! Zugleich vom Thron und vom Volke ausgeſchloſſen, haben wir eine traurige Zwitterſtellung, die uns über das Loos der andern Menſchen erhebt, und uns doch achtlos und bei Seite zu den Füßen eines Thrones erhält, in dem Schatten eines Lichtes, das immer ſehr eiferſüchtig darüber wacht, daß auch 3 nicht ein wenig ſeines Glanzes unſere düſtere und freudloſe Poſition erhelle. Ein apanagirter Prinz iſt kein Privatmann und kein Fürſt, er iſt ein willenlos *) Des Prinzen eigene Worte. Siehe Thiébault II., — 105— abhängiges Spielzeug in den Händen ſeines nächſten Blutsverwandten, eine verachtete und koſtſpielige Laſt in den Augen des Volkes, von dem wir nicht einmal verſuchen dürfen, geliebt zu werden, um nicht die Eifer⸗ ſucht und den Neid des Herrſchers zu erwecken. Oh, wenn der Himmel mir wenigſtens Gelegenheit gäbe, mich auszuzeichnen und dieſem Volke, welches mit ſchelen Augen auf mich ſehen muß, weil ich ihm ſo viel Geld koſte, dieſem Volke zu beweiſen, daß ich noch etwas mehr bin, als ein apanagirter Prinz, daß ich die Fähigkeit beſitze, ihm zu nützen, ihm meine Dienſte, ja mein Leben freudig zu weihen! Mein Gott, gieb mir nur die Gelegenheit mich auszuzeichnen, und dieſem Namen der jetzt ſo klein, ſo nichtig, ſo er⸗ bärmlich iſt, einen Klang, eine Farbe, eine Bedeutung zu verleihen! Euer Königliche Hoheit ſind ehrgeizig, ſagte Pöllnitz, als der Prinz jetzt ſchwieg und in tiefer Bewegung auf⸗ und abging. Ja, ich bin ehrgeizig, murmelte der Prinz, ich dürſte nach Thaten, nach Ruhm, nach Thätigkeit. Ich verwünſche dieſes monotone, eng begrenzte, farbloſe Daſein, zu welchem das Schickſal mich verdammt hat, dieſes Garniſonsdaſein, ohne Zweck und ohne Ziel. Mein Gott, wie glücklich wäre ich, wenn ich anſtatt die Rolle eines Prinzen ſpielen zu müſſen, ein einfacher Privatmann, ein ſchlichter Gutsbeſitzer ſein könnte, der, wenn nicht über ein Reich, doch mindeſtens über einige Hufen Landes Herr wäre, und es verſuchen könnte, einige hundert Menſchen, die ſich ſeine Unterthanen nennen würden, glücklich zu machen. Aber ich bin nichts, als der Bruder eines Königs, habe nichts, als meine hohlen Titel und den Fürſtenſtern auf mei⸗ nem Rock; mein Einkommen iſt ſo gering und ſo — 106— jammervoll, daß es kaum hinreichen würde, meine wenigen Diener zu bezahlen, wenn der König ſie nicht zugleich als meine Spione beſoldete. Aber dieſes Alles wird aufhören, ſobald Sie das entſcheidende Wort geſprochen haben, ſobald Sie ſich bereit erklären, ſich zu vermählen, mein Prinz! Und das wagen Sie mir zu ſagen, rief der Prinz mit flammenden Augen, Sie, welcher wiſſen, daß ich eine Frau liebe, welche unglücklicher Weiſe keine Prin⸗ zeſſin iſt? Oder meinen Sie, daß ein armer Fürſten⸗ ſohn nicht einmal das Herz eines Mannes habe, daß er nicht auch dieſe glühende Sehnſucht, dieſes ſchmerz⸗ voll ſelige Begehren habe, die Frau, welche er liebt, auch beſitzen zu wollen? Ach, ach, die Frauen ſind es gar nicht werth, daß wir ſie ſo glühend lieben und zu ſo großen Opfern bereit ſind. Sie ſind Alle flatterhaft und wankelmüthi⸗ gen Herzens. Glauben Sie mir, mein Prinz! Der Prinz warf einen raſchen, fragenden Blick auf das lächelnde Antlitz des Höflings. Weshalb ſagen Sie mir das? fragte er beklommen. Weil es meine Ueberzeugung iſt, Königliche Hoheit. Weil ich nicht glaube, daß irgend eine Frau die Kraft hat, eine Liebe zu bewahren, wenn ſich derſelben Hin⸗ derniſſe in den Weg ſtellen, weil ich nicht glaube, daß ſie uns acht Tage lang treu bleiben, wenn wir acht Tage von ihnen entfernt geweſen. Der Prinz ſtutzte und heftete ſeine großen Augen mit einem ſchreckensvollen Ausdruck auf des Barons Antlitz. Acht Tage! murmelte er, es iſt acht Tage, nein, zwölf Tage, ſeit ich Luiſe nicht geſehen habe. Ach, zwölf Tage! Und Euer Königliche Hoheit — v — — 107— haben dieſen wahrhaft heroiſchen und paradieſiſchen Glauben, noch von ihr geliebt zu werden? Der Prinz ſtieß einen Seufzer aus und eine Wolke lagerte ſich auf ſeiner Stirn. Aber dies dauerte nicht lange; ſein Antlitz erheiterte ſich wieder und ſeine Au⸗ gen nahmen wieder ihren ſtrahlenden Glanz an. Ich habe dieſen paradieſiſchen Glauben, ſagte er, und wie ſollte ich nicht, da doch mein Herz auch dieſe Prüfung überſtanden hat. Habe ich ſſe auch zwölf Tage nicht geſehen und keine Kunde von ihr erhalten, nun denn, ich fühle, daß meine Liebe zu ihr noch ebenſo heiß, ebenſo glühend iſt, ja, mir ſcheint, als klopfe mein Herz bei dem Gedanken an ſie noch ſehnſuchtsvoller und ſtürmiſcher, als wenn ich ſie in meinen Armen halte. Das macht, ſagte Pöllnitz faſt mitleidig, Euer Kö⸗ nigliche Hoheit ſind noch bei Ihrer erſten Liebe, wäh⸗ rend Frau von Kleiſt, ich weiß nicht bei ihrer wie⸗ vielſten Liebe ſteht. Prinz Heinrich ſchleuderte auf ihn einen zornigen Blick. Sie ſind ſehr boshaft, ſagte er, und ſehr un⸗ gerecht gegen dieſes arme, ſchöne Weib, das ſich in⸗ mitten der verderbten und fürchterlichen Verhältniſſe, in welche das Schickſal ſie ſo früh ſchon hineinge⸗ ſchleudert hat, dennoch rein und tugendhaſt erhalten hat. Jede andere, minder edle, minder ſtarke Frau würde untergegangen ſein, ſie aber iſt es nicht. Sie hat ſich ein keuſches Herz, eine unbefleckte Seele be⸗ wahrt, ihr Unglück hat ſie nur geläutert, nicht ernie⸗ drigt, nnd darum liebe ich ſie, darum meine ich, daß Gott mich auf ihren Weg geſtellt hat, um nach ſo vielem Unglück ihr das Glück zu bringen, um ihre verwundete Seele zu heilen und zu verſöhnen durch die Liebe, und ihr gebeugtes Herz wieder außzurichten. e — 108— Oh, gerade um ihrer Schmerzen, und um der bos⸗ haften und ſchändlichen Verläumdungen willen, die ſie immer verfolgt haben, wie die klaffenden Hunde den ſchönen Edelhirſch verfolgen, gerade wegen alles deſſen, was man ihr zum Vorwurf macht, liebe ich ſie. Nun, mein Prinz, ſeufzte Pöllnitz mit einem tragi⸗ komiſchen Geſicht, ich ſah niemals einen kühneren Hel⸗ den und einen frömmeren Chriſten, wie Euer König⸗ liche Hoheit es iſt. Was wollen Sie damit ſagen, Pöllnitz? Es gehört eine ungeheure Tapferkeit dazu, Prinz, die Frau von Kleiſt für keuſch und unſchuldig zu hal⸗ ten, und nur ein frommer Chriſt kann ſich ſo hinge⸗ bend zu Denen zählen, von welchen Chriſtus ſagt: „Selig, die da nicht ſehen und doch glauben!“— Möge Ihnen eine gütige Fee noch lange dieſe Tapfer⸗ keit und dieſes Chriſtenthum erhalten!— Aber freilich, Euer Königliche Hoheit müſſen ſehr triftige und ſehr überzeugende Gründe haben, um an die Unſchuld und die Treue dieſer Frau zu glauben, Gründe, welche ich nicht kenne und daher nicht ermeſſen kann. Denn das geſtehe ich, jeder andere Mann würde in ſeinem Götter⸗ glauben ein wenig entmuthigt werden durch die That⸗ ſachen. Denn es iſt eine Thatſache, daß Frau von Kleiſt ſeit zwölf Tagen mich auch nicht einmal mit einer Botſchaft an Euer Königliche Hoheit beauftragt hat, es iſt eine Thatſache, daß ſie nicht auf jenem Maskenball war, daß ſie ſich deshalb nicht einmal entſchuldigt hat, daß ſie, ſo oft ich in dieſen Tagen zu ihr ging, um ihr die Briefe Euer Königlichen Hoheit zu bringen und ihre Briefe in Empfang zu nehmen, mich niemals annahm, ſondern ſich immer verleugnen ließ, und daß ich demgemäß weder ihre Briefe empfan⸗ gen, noch die Euer Königlichen Hoheit an ſie abgeben — 109— konnte. Es iſt eine Thatſache, daß, als ich erfuhr, ſie ſei in den letzten Tagen immer bei Ihro Majeſtät der Königin Mutter und ich mich dahin begab, um ſie zu ſprechen und mindeſtens eine mündliche Bot⸗ ſchaft von ihr zu erhalten, ſie es abſichtlich vermied mit mir allein zu ſein, ſondern ganz unzertrennlich ſchien von der Königin, welche ſie lachen machte mit ihrem witzigen Geplauder und ihren heiteren Scherzen. Und waren Sie nicht heute in der Frühe ſchon in Berlin? Gingen Sie nicht, wie ich Ihnen aufgetra⸗ gen, zu ihr, um ihr zu ſagen, daß ſie mich heute Abend erwarten möchte? Ich begab mich in ihr Haus, aber vergeblich. Sie war ſchon wieder zur Königin abgeholt, und man ſagte mir, daß ſie erſt ſpät am Abend zurückkehren werde. Ich habe alſo Ihre Botſchaft nicht ausrichten können, Königliche Hoheit! Der Prinz ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden und ging haſtigen Schrittes einige Male auf und ab. Seine Stirn war umwölkt und ſeine Lippen zitterten vor innerer Bewegung. Das ſcharfe Auge des Barons verfolgte mit aufmerkſamem, mit⸗ leidloſem Blick jedes Zucken ſeines Züge, jedes bange Seufzen ſeiner beklemmten Bruſt, um daraus ermeſſen zu können, ob dieſe Saat des Mißtrauens und der Eiferſucht, welche er ausgeſtreut, in dem Herzen des Prinzen aufgehen würde. Aber Prinz Heinrich war noch ſo jung, ſo tapfer und ſo vertrauensvoll, und es war noch ſeine erſte Liebe, welche man ihm vergiften wollte. Seine jugend⸗ kräftige, geſunde Natur widerſtand daher dem Gift, und überwand deſſen unheilsvolle Wirkungen. 1 Sein Antlitz nahm wieder ſeinen feſten und ruhi⸗ — 110— gen Ausdruck an und die Wolken verſchwanden von ſeiner Stirn. Wiſſen Sie, ſagte er, vor Pöllnitz ſtehen bleibend und ihm lächelud in das verſchmitzte Angeſicht ſehend, wiſſen Sie, was ich glaube? Daß Sie nicht, wie wir übrigen Menſchenkinder, von Adam und Eva ab⸗ ſtammen, ſondern in directer Linie ein Urenkel von der berühmten Schlange ſind, und wahrhaftig, Sie machen Ihrer Aeltermutter alle Ehre. Ihnen iſt auch kein Paradies heilig, und das Böſe zu thun gewährt Ihnen Freude! Aber mein Paradies ſollen Sie mir doch nicht zerſtören können, und wie ſehr auch immer der alte Adam in mir ſtecken mag, ſo werde ich doch wenigſtens nicht ſo thöricht ſein und von dieſer bittern Frucht eſſen, welche Sie mir darreichen. Nein, es ſoll Ihnen nicht gelingen, mich mißtrauiſch und eifer⸗ ſüchtig zu machen, es ſoll Ihnen nicht gelingen, mir meinen Glauben zu vernichten, und ſehen Sie, die da glauben, die ſind noch immer im Paradieſe, trotz Ihrer Aeltermutter, der Schlange. Mein Prinz, ſagte Pöllnitz achſelzuckend, Euer Kö⸗ nigliche Hoheit ſcheinen mich für eine Art Meſſias zu halten, wenigſtens geruhten Sie mir nur eine Mutter zu geben und keinen Vater, und ſo bleibt es mir überlaſſen, anzunehmen, daß der heilige Geiſt auch mein Aeltervater geweſen. Aber ach, mein Prinz, wenn ſie Recht haben mit meiner Abſtammung, ſo haben ganz gewiß die Philoſophen und Schriftgelehrten Unrecht, welche behaupten, die Schlange des Paradieſes habe als furchtbarſtes Erbtheil den Menſchen das Geld gegeben. Ich verklage meine Aeltermutter die Schlange, denn ſie hat mich enterbt und mich dadurch zu einem Bettler gemacht, der dazu verdammt iſt, von der Groß⸗ muth ſeiner Freunde und Gönner zu leben. v 82 — 111— Er ſchaute mit einem ſchlauen, begehrlichen Blick zu dem Prinzen hin. Aber dieſer hatte ihn nicht ver⸗ ſtanden, er war ganz in Gedanken verſunken an’'s Fen⸗ ſter getreten, und ſtarrte empor zum Himmel, an wel⸗ chem ſich die Wolken jagten. Sie wird alſo heute den ganzen Tag über bei meiner Mutter ſein und ich werde ſie nicht ſehen, mur⸗ melte er leiſe vor ſich hin und verſank dann tiefer in ſich ſelbſt. Plötzlich wandte er ſich haſtig zu Pöllnitz um. Wie geht es mit dem Befinden der Königin Mutter? fragte der Prinz. Hat man mir nicht geſagt, daß ſie leidend geweſen? Freilich, Königliche Hoheit. Ein heftiger Gichtan⸗ fall hat Ihre Majeſtät an ihren Rollſtuhl gefeſſelt und hält ſie noch gefangen! Arme Mutter! Ich habe ſie lange nicht geſehen! Es iſt wahr, die Königin klagte darüber, als ich das letzte Mal die Gnade genoß, ſie zu ſprechen, ſagte Pöllnitz mit vollkommen ernſthaftem Geſicht, aber mit innerem Frohlocken. Wieder trat eine Pauſe ein; der Prinz ſchien zu überlegen und mit ſeinen eigenen Gedanken und Wün⸗ ſchen zu kämpfen. Pöllnitz ſtand hinter ihm und beob⸗ achtetete jede Bewegung, jeden Seufzer des Prinzen mit ſeinem boshaften Höflingslächeln. Ich glaube, ſagte endlich Prinz Heinrich mit noch immer abgewandtem Geſicht, vielleicht um Pöllnitz ſein Erröthen nicht ſehen zu laſſen, ich glaube, daß es wohl angemeſſen wäre, wenn ich vor allen Dingen mich heute perſönlich nach dem Befinden meiner Mutter er⸗ kundigte. Es iſt dies nicht blos eine Pflicht der Höf⸗ lichkeit, ſondern ein Bedürfniß meines Herzens. Ihre Majeſtät wird ſehr glücklich ſein, ihren ge⸗ 112 liebteſten Sohn wiederzuſehen, und dieſe Freude wird gewiß ihre Geneſung befördern. Der Prinz wandte ſich haſtig um und ſah Pöllnitz mit ſcharfen Blicken an, als wollte er in ſeinen Zü⸗ gen ſeine innerſten Gedanken leſen. Aber das Ge⸗ ſicht des Höflings war vollkommen ernſthaft und ehr⸗ erbietig. . Wenn das Ihre Meinung iſt, ſagte der Prinz mit einem glücklichen Lächeln, ſo erfordert es ja die Soh⸗ nespfiicht, daß ich mich möglichſt beeile zu der Königin zu kommen, und ich denke, ich werde ſogleich nach Berlin fahren. Nur, da ich zu meiner Mutter und lediglich um ihretwillen nach Berlin gehe, will ich das in der gehörigen Form und ganz nach der Regel thun. Haben Sie daher die Güte, für mich bei dem König um Urlaub nachzuſuchen; bringen Sie mir ge⸗ fälligſt ſogleich die Antwort meines Bruders, denn ich erwarte nur dieſe, um abzureiſen! Und ich eile, Euer Königlichen Hoheit dieſelbe zu holen, ſagte Pöllnitz, indem er ſich beurlaubte. Prinz Heinrich ſah ihm mit ſinnenden Blicken nach. Ich werde ſie alſo ſehen, murmelte er. Sie wird mir Rede ſtehen müſſen, und ich werde von ihr er⸗ fahren, warum ſie ſich mir ſo lange entzogen hat. Oh, ich weiß es, ſie wird ſich zu rechtfertigen wiſſen, und dieſe Verleumdungen und dieſe Bosheiten werden vor ihren Blicken auseinander ſtieben, wie Wolken vor den Strahlen der Sonne!— Pöllnitz indeſſen begab ſich mit eilfertigen Schritten nach Sansſouci, wo ihn der König ſogleich empfing. Majeſtät, ſagte er frohlockend, der junge Löwe iſt in das Netz gegangen, das wir ihm aufgeſtellt. Er wird alſo nach Berlin zur Köuigin Mutter gehen? fragte der König lebhaft.. — 113— Er läßt Euer Majeſtät um Urlaub zu dieſer klei⸗ nen Reiſe bitten. Hat er Ihm das wirklich aufgetragen? Ja, Sire. Es ſcheint, daß ſein Starrſinn ſich zu löſen beginnt, und er daran denkt, ſich zu fügen! Der König ſchwieg und ging ſinnend und mit be⸗ wölkter Stirn auf und ab. Dann blieb er vor Pöll⸗ nitz ſtehen und ſah ihn mit ſcharfen und ſtechenden Blicken an. Er freut ſich, ſagte er kalt, aber Er denkt dabei nur an Seinen eigenen Vortheil, und der Kummer, den wir dem Prinzen bereiten müſſen, iſt Ihm ganz gleichgültig; Er denkt nur daran, daß ich Ihm Seine Schulden bezahlen werde. Ja, ich werde das thun, aber ich werde Ihm doch niemals vergeſſen, daß Er das Vertrauen meines Bruders ſo arg hintergan⸗ gen hat. Ich handele ja nur nach den Befehlen Euer Ma⸗ jeſtät! ſagte Pöllnitz beſtürzt. Freilich thut Er das, aber wenn Er Sich dagegen geſträubt hätte, würde ich das eſtimirt und Ihn dafür hachgeſchätzt haben. Jetzt bezahle ich Ihn nur und verachte Ihn, denn Er iſt ein ganz ſchlimmer Geſelle, und da Er ſich Alles mit Geld bezahlen läßt, hat auch Niemand Urſache, Ihm dankbar zu ſein. Sire, ich begehre auch keinen anderen Dank, als dieſen, ſagte Pöllnitz demüthig. Hätten die Menſchen mich für geleiſtete Dienſte immer mit Geld, ſtatt mit ſchönen Redensarten bezahlt, ſo wäre ich jetzt ein Crö⸗ ſus an Schätzen. Und ein Bettler an Tugenden, ſagte der König lächelnd. Geh' Er nur! Ich that Unrecht, Ihm Vor⸗ würfe zu machen. Er hat Seine Schuldigkeit gethan, denn wenn ich ein Windſpiel auf ein Edelwild hetze, Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 8 e — 114— ſo muß es drauf gehen, es iſt dazu abgerichtet. Nun, ſo mögen denn die Dinge ihren Gang gehen. Ich fahre jetzt nach Berlin, und wenn mein Bruder dort anlangt, werde ich ſchon dort ſein. Gehen Sie jetzt, mein Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter, und bringen Sie dem Prinzen Urlaub auf drei Tage. IX. Die erſte Enttäuſchung. Einige Stunden ſpäter fuhr die Equipage des Prinzen Heinrich in den Vorhof von Monbijou ein, und der Prinz ließ bei ſeiner Mutter, der verwittweten. Königin, um die Enlaubniß nachſuchen, ihr ſeine Auf⸗ wartung machen zu dürfen. Sophie Dorothea war in der That ſehr leidend, die Gicht, dieſe mit Schneckenlangſamkeit, aber ſicher vorwärts kriechende Todeskrankheit, welche nicht auf einmal, ſondern nur langſam Glied nach Glied tödtet, die Gicht hatte ihre Füße ſchon abſterben gemacht und die arme Königin an den Rollſtuhl gefeſſelt. Heute hatte ſie, geplagt von Schmerzen, nicht einmal dieſen erreichen können, ſondern war an ihr Bett gebannt. Sie konnte demgemäß den Prinzen nicht als Königin, ſondern nur als Mutter empfangen, ganz ohne alle Etiquette und ohne alles Ceremoniell. Ihre Damen und Geſellſchafterinnen mußten daher, um dieſes Bei⸗ ſammenſein zwiſchen Mutter und Sohn von aller Gene zu befreien, das Schlafzimmer der Königin ver⸗ — — — 115— laſſen, und als Prinz Heinrich in daſſelbe eintrat, ſah er durch die andere Thür die Damen ſich entfernen. Die letzte derſelben machte eben ihre Abſchiedsvernei⸗ gung und küßte ehrfurchtsvoll die Hand, welche die kranke Königin ihr darreichte. Dieſe letzte, das war Luiſe von Kleiſt, das war ſie, um deretwillen der Prinz gekommen war, nach der ſein Herz ſich ſo lange und ſchmerzvoll geſehnt hatte. Oh, er hätte aufjauchzen mögen vor Entzücken, als er ſie da ſah in ihrer bezaubernden Lieblichkeit und ihrer üppigen Schönheit, er hätte zu ihr hin⸗ ſtürzen mögen, um ihre Hände mit Küſſen zu bedecken und ihr zu ſagen, wie viel er um ſie gelitten habe, wie viel er noch leide. Aber Luiſe von Kleiſt ſchien ihn gar nicht zu ſehen, gar nicht ſein Eintreten bemerkt zu haben. Sie hatte nur Auge und Ohr für die Königin, welche eben mit gewinnender Freundlichkeit ſie entließ, indem ſie ſie aufforderte im Schloß zu bleiben, und auf den Ruf der Königin zu ihr zurückzukehren. Ich werde bleiben und die Befehle Ihrer Majeſtät abwarten, ſagte. Frau von Kleiſt, indem ſie ſich raſch zurückzog, während die Königin, als ob ſie den Prin⸗ zen erſt jetzt bemerkte, ihn freundlich begrüßte, und ihn einlud auf dem Fauteuil neben ihrem Lager Platz zu nehmen. Der Prinz gehorchte, aber er war zerſtreut und unruhig, und je mehr die Königin ſich bemühte ihn in eine harmloſe und unbefangene Unterhaltung zu verſtricken, deſto einſilbiger und befangener fühlte ſich der arme Prinz, der immer nur daran dachte, daß da draußen im Salon ſeine Geliebte ſei, und daß nur eine einzige Thür ihn von ihr trenne, und ihm das Anſchauen ihrer Schönheit entziehe. 8* 3 — 116— Ja, Luiſe von Kleiſt war wirklich in dem neben dem Kabinet der Königin befindlichen Salon. Sie war ganz zerbrochen und matt auf dem kleinen Divan neben der Thür niedergeſunken, das Lächeln war von ihren Lippen gewichen, und dieſe ſonſt immer ſo glän⸗ zenden, ſo bezaubernden Augen waren jetzt von Thrä⸗ nen umdüſtert. Luiſe von Kleiſt weinte. Sie weinte um ihren letzten Jugendtraum, um ihre letzte Hoffnung auf Glück und Tugend, um ihre traurige, beſchattete Zu⸗ kunft, und vielleicht auch ein wenig aus Eitelkeit und gekränktem Ehrgeiz, denn ſie ſollte heute ihren ſtolzen Wünſchen, deren Erfüllung ſie ſo lange und mit ſo viel Energie nachgeſtrebt, ſie ſollte dieſer glänzenden Zukunft, welcher ſie ſchon ſo nahe geſtanden, für immer entſagen! Aber es war vergeblich ſich gegen dieſe harte Nothwendigkeit zu ſträuben. Der König hatte ihr ſeinen ſtrengen und gemeſſenen Befehl gegeben, und eer war da, um ſelber die Ausführung derſelben zu überwachen. Er ſaß dort drüben hinter jener Por⸗ tiere, welche in den großen Salon führte, und indem er Luiſe eben verlaſſen und ſich dorthin begeben, hatte er mit jenem ſtrengen und gebieteriſchen Tone, der keinen Wiederſpruch leidet, zu ihr geſagt: Sie werden meine Befehle genau erfüllen. Dafür bürgt mir Ihr Wort und Ihre Klugheit. Sie wiſſen, daß Fritz Wendel lebt und daß ich unerbittlich ſein werde, wenn Sie nicht ſo handeln, wie Sie zu thun verſprochen. Luiſe von Kleiſt hatte ſich ehrfurchtsvoll den Be⸗ fehlen des Königs gefügt, ſie hatte ihr Geſchick ange⸗ nommen, aber indem ſie es that, weinte ſie doch und ihre Thränen floſſen unaufhaltſam, als ſie das Auge des Königs jetzt nicht mehr auf ſich ruhen fühlte. — 117— Aber vielleicht hatte Friedrich ſie doch geſehen, oder⸗ ihre Schwäche geahnt, denn die Portiere öffnete ſich ein wenig und man ſah in der Oeffnung des Königs edles aber ſtrenges Antlitz erſcheinen. Madame, ſagte der König ernſt, wenn der Prinz Sie mit verweinten Augen ſieht, wird der Prinz nicht an das Glück glauben, welches Sie ihm verkünden wollen. Luiſe lächelte ſchmerzvoll. Oh, Sire, ſagte ſie, er kann ja glauben, daß es das Glück iſt, welches mich weinen gemacht hat. Ich habe oft gehört, daß man auch weinen kann vor Glück. Der König erwiederte nichts, und ließ die Portière wieder zuſammenfallen. Luiſe trocknete ihre Augen. Ich werde nicht mehr weinen, ſagte ſie, ich habe mein Geſchick einmal ange⸗ nommen, und ich will es erfüllen, indem ich an meine Tochter denke. Es handelt ſich ja mehr noch um Ca⸗ milla's Glück, als um das meine. Ich will mir die Achtung meines unglücklichen Kindes wieder erwerben. Und indem ſie das ſagte, lächelte ſie, und es flog wie ein Sonnenſtrahl über ihr Antlitz hin. Aber jetzt zuckte ſie zuſammen und preßte ihre Hände angſtvoll auf ihr Herz. Sie hatte da in dem Kabinet der Königin Schritte gehört, welche ſich der Thür näherten. Jetzt bewegte ſich die Klinke. Auf einen Moment erſchien dort drü⸗ ben das Antlitz des Königs, welcher ihr zuwinkte. Muth, Muth! flüſterte Luiſe, und in einer inſtinct⸗ mäßigen Angſt flog ſie von der Thür weg und ſtellte ſich in die Niſche des letzten Fenſters. Um zu ihr zu gelangen, mußte der Prinz nun doch erſt den Salon durchſchreiten, und das war eine Friſt — 118— für ſie, ſich zu erholen und an ſeinen Anblick zu ge⸗ wöhnen. Da ging die Thür auf und Prinz Heinrich trat ein. Mit einem raſchen Blick überflog er den Salon und erblickte dort drüben die, welche er ſuchte. Oh, Luiſe hätte aufſchreien mögen vor Qual als ſie dieſes ſeelige Lächeln gewahrte, mit welchem er ſie begrüßte und ſich des Alleinſeins mit ihr freute. Er war ihr niemals ſo ſchön, ſo edel und herzgewinnend erſchienen, als in dieſem Moment, wo ſie ihn für im⸗ mer verlieren ſollte. Aber es war jetzt nicht Zeit, daran zu denken, nicht Zeit zur Klage und zum Bedauern. Er war ſchon da, er ſtand ſchon neben ihr, er reichte ihr ſchon ſeine beiden Hände hin und begrüßte ſie mit Worten der zärtlichſten Liebe, der leidenſchaft⸗ lichſten Aufregung. Luiſe hatte eine Rolle zu ſpielen, und ſie durfte ihr Herz nicht hören, welches ächzte vor Qual. Ah, mein Prinz, ſagte ſie mit einem Lachen, das ihr ſelber erklang wie das Lachen der Verdammten, ah, mein Prinz, nehmen Sie ſich in Acht! Wir Frauen ſind ſo leichtgläubig, und ich wäre im Stande Ihre ſcherzhaften Liebesworte für Wahrheit zu nehmen. Nun, und ich rathe Ihnen das zu thun, ſagte Heinrich glücklich und unbefangen. Ja, wahrlich, Luiſe, ich rathe Ihnen das, denn Sie wiſſen wohl, daß meine ſcherzhaften Worte einen ſehr ernſten Sinn haben. Und jetzt kommen Sie, wir ſind allein und es giebt alſo keine Eitiquette und kein Ceremoniell unter uns. Jetzt kommt es darauf an ſich vor einem Liebhaber zu rechtfertigen, vor einem Liebhaber, welcher das Unglück hat eiferſüchtig zu ſein. Ja, ja, Luiſe, das iſt meine Schwäche, aber ich will ſie Ihnen nicht verleugnen. — 119— Ich bin eiferſüchtig! Eiferſüchtig auf alle dieſe Men⸗ ſchen, welche Sie mir entzogen haben, welche machten, daß ich nicht einmal Briefe von Ihnen empfangen konnte. Briefe von mir? fragte ſie verwundert. Aber, Königliche Hoheit, weshalb ſollte ich Ihnen Briefe ge⸗ ſchrieben haben? Ich denke nicht, daß es Sitte iſt, daß Damen an einen Herrn ſchreiben, ohne von ihm dazu veranlaßt zu werden. Ich habe von Ihnen ſeit vierzehn Tagen keine Briefe empfangen. Weil es meinem Boten unmöglich war, ſie Ihnen zu übergeben, Luiſe, weil Sie ganz unnahbar waren, wenigſtens für mich. Aber Sie hätten dennoch wiſſen müſſen, daß meine Gedanken immer bei Ihnen waren, und daß mein Herz ſich ſehnte, Nachricht und Troſt von Ihnen zu erhalten! Nein, vraiment, das habe ich nicht gewußt, ſagte Luiſe lachend. Das haben Sie nicht gewußt,? fragte Heinrich verwundert. Nun, was dachten Sie denn? Ich dachte, ſagte ſie nachläſſig, ich dachte, daß Prinz Heinrich die kleine Faſtnachtslaune ſeines Herzens überwunden und vergeſſen habe. Und dann?. Dann beſchloß ich ſeinem Beiſpiel zu folgen, und von ſeiner Weisheit Vernunft anzunehmen. Dann hielt ich meinen thörichten Augen, welche weinen woll⸗ ten, eine lange Strafpredigt.„Hört, ſagte ich zu ihnen, ihr närriſchen Dinger habt gar nicht Urſache Thränen zu vergießen, ſondern ihr könnt immer heiter blicken, wenn ihr auch den Prinzen Heinrich nicht mehr ſeht. Denn eigentlich iſt das ein großes Glück für euch, weil ihr am Ende im Stande geweſen, meinem Her⸗ zen allerlei dumme und alberne Gedanken zuzuſliſtern. — 120— Der Prinz iſt jung, ſchön und liebenswürdig, und es macht ihm Spaß, die Frauen in ſich verliebt zu machen. Hättet ihr ihn noch länger geſehen, ſo wär's möglich, daß ihm auch bei mir dieſer Spaß gelingen könnte, und daß dieſe kleine verliebte Schäkerei, die wir mit einander getrieben, für mich zu einer ernſten Liebe werden könnte, und das wäre ein großes Unglück. Lacht alſo und blickt fröhlich um euch, meine Augen, denn ihr habt mich vor einer unglücklichen Liebe be⸗ wahrt, und es iſt alſo gar nicht nöthig, Thränen zu vergießen. Blickt um euch und ſucht mir einen ande⸗ ren Mann, der mich vielleicht ſo innig lieben könnte, daß er mich nicht vergeſſen möchte, und deſſen Liebe ich erwiedern dürfte!“— Sehen Sie, mein Prinz, das war die kleine Strafpredigt, welche ich meinen Augen hielt, als ſie weinen wollten. Und hat dieſe Strafpredigt geholfen? fragte der Prinz mit bleichen zitternden Lippen. Haben Ihre Augen umhergeſchaut nach dieſem anderen Mann? Ah, Königliche Hoheit, wie können Sie daran zwei⸗ feln? Meine Augen ſind meine Vaſallen, und ſie müſ⸗ ſen mir wohl gehorchen. Ja, ſie haben umhergeſchaut, und ſie haben das Glück gefunden, welches ich ſuchte! Was für ein Glück? fragte Heinrich anſcheinend ganz ruhig, indem er ſeine Hand krampfhaft um die Lehne des Seſſels preßte, welcher neben ihm ſtand. Was für ein Glück haben Ihre Angen für Sie ge⸗ funden? Luiſe blickte ihn an und ſeußzte tief auf. Das Glück, ſagte ſie, und wider ihren Willen klang ihre Stimme ernſt und feierlich, das Glück, welches allein eine edle, ernſte und wahre Liebe zu gewähren ver⸗ mag, und welche ich daher freudig als ein Geſchenk Gottes in mein Herz aufgenommen habe. — 121— Prinz Heinrich lachte laut auf, aber ſein Geſicht hatte dabei einen wilden, verzweifelnden Ausdruck, und ſeine Hände ſchloſſen ſich noch feſter um die Lehne des Stuhls. Ich verſtehe Ihre heiligen und frommen Worte nicht, ſagte er rauh. Was bedeuten ſie, was wollen Sie mir damit ſagen? Sie bedeuten, daß ich mich wirklich und dies Mal ſo ernſthaft verliebt habe, daß ich mich dem Manne, welchen ich liebe, zum Weibe verſprochen habe, ſagte Luiſe mit erzwungener Heiterkeit. Der Prinz ſtieß einen Schrei aus und hob die Hand empor, als wolle er einen Fluch auf Diejenige ſüendern⸗ welche ihn eben ſo ſchmerzvoll verwundet atte. Wenn dem ſo iſt, ſagte er mit gepreßtem, dumpfen Tone, ja, wenn dem ſo iſ, ſo verachte ich Sie, ſo haſſe ich Sie, ſo haben Diejenigen Recht, welche Sie eine herzloſe Coquette, eine leichtſinnige Buhlerin nennen. Ah, mein Prinz, Sie beleidigen mich! rief Frau von Kleiſt empört. Ich beleidige Sie! ſagte er mit wildem Lachen. Wahrhaſtig, ich glaube, dieſes Weib hat noch den Muth, mir Vorwürfe zu machen! Mir, welcher an ſie ge⸗ glaubt, welcher ſie vertheidigt hat gegen alle Verleum⸗ dungen, mir, welcher den Muth hatte, ſie zu lieben und ihr zu vertrauen, wo Alle ihr mißtrauten, wo Alle ſie ſchmäheten. Ja, Madame, ich habe Sie ge⸗ liebt, ich habe die tollkühne Tapferkeit gehabt, in Ihnen eine Göttin zu ſehen, wo Andere nur eine Coquette gewahrten. Oh, ich verehrte Sie um dieſer Verleum⸗ dungen willen, ich betete Sie an, als das unſchuldige Opfer der menſchlichen Bosheit, welche mir von mei⸗ nem Engel ſagen wollte, daß er ein gefallener ſei. — 122— Ich ſah auf Ihrem Haupte eine Märtyrerkrone, und ich wollte ſie Ihnen vertauſchen mit der Myrthenkrone des Glücks! Und das Alles iſt nun umſonſt geweſen und wird zu einem Hohngelächter, das ich über mich ſelbſt und meinen thörichten Kinderglauben ausſtoßen muß, das Alles iſt nur leerer Staub und Dunſt ge⸗ weſen, und das Götterbild will ſich mir zu einer Fratze verzerren. Aber das iſt zum Wahnſinnigwerden, das iſt zum Erſticken vor Wuth und Beſchämung! Und ganz außer ſich, ganz der Gewalt ſeiner Lei⸗ denſchaft und Wuth hingegeben, rannte der Prinz mit wilden Schritten auf und ab, nach Luft ſchöpfend, nach Faſſung ringend, und dann und wann auch wieder Worte der Verwünſchung, des Zorns ausſtoßend. Luiſe von Kleiſt erwartete ſchweigend und in ſtiller Reſignation das Ende dieſer ſchmerzvollen urd ſtür⸗ miſchen Kriſis. Nur fragte ſie in ihrem Herzen, ob dieſe Stunde nicht eine hinlängliche Sühne ſei, für alle ihre Verirrungen und Thorheiten, ob ſie mit den Qualen, welche ſie eben erduldete, nicht ihre ganze Vergangenheit ausgelöſcht und verſöhnt habe. Eine Pauſe trat ein. Der Prinz rannte noch im⸗ mer heftig auf und ab. Dann aber blieb er plötzlich, wie von einem neuen Gedanken ergriffen, mitten im Salon ſtehen und ſchaute mit ſeltſam verändertem An⸗ geſichte zu dieſer Frau hinüber, welche einen Moment ihre Rolle vergeſſen hatte, und bleich und niederge⸗ ſchlagen, mit traurigen Mienen da drüben in der Fen⸗ ſterniſche lehnte. Vielleicht hatte er ihre angſtvollen Seufzer gehört, vielleicht hatte er dieſe Thräne geſehen, welche einzeln und kalt aus ihrem niedergeſenkten Auge hervorge⸗ quollen und wie eine abgelöſte Perle auf ihre Hand niedergerollt war. ———., — 123— Der Zorn verſchwand aus ſeinen Mienen, ſeine Stirn entwölkte ſich und wie er ſich Luiſen jetzt wieder näherte, glänzten ſeine Augen von einem ganz anderen, milderen Feuer. Luiſe, ſagte er leiſe, und ſeine Stimme, welche vorher wie ein Ungewitter tobte und grollte, war jetzt ſanft und flehend. Luiſe, verzeihen Sie mir, haben Sie Erbarmen mit mir, denn ſehen Sie nur, ich er⸗ rathe und ich weiß jetzt Alles. Ich habe Ihre Worte nur falſch gedeutet, ich habe in der Thorheit meiner Eiferſucht den zweideutigen Sinn Ihrer Rede nicht begriffen, und doch wollten Sie mich nur prüfen, und nur ſehen, ob meine Liebe gepanzert und ſtark, ob ſie wirklich ſo muthig und glaubensfeſt ſei, als ich mich oft vor Ihnen gerühmt habe. Nun denn, ich habe die Prüfung ſchlecht beſtanden, ich bin kleinmüthig und ſchwach geweſen! Aber vergeben Sie mir, denn wenn ich fehlte, ſo geſchah es doch nur in der Angſt meiner Liebe, und in der mißtrauiſchen Beſcheidenheit, Ihr Herz nicht ausfüllen zu können. Vergeben Sie mir alſo, Luiſe, und panzern Sie mein Herz mit Glauben und Zuverſicht! Er wollte ihre Hand faſſen, aber Luiſe entzog ſie ihm. Jetzt, Königliche Hoheit, ſagte ſie, muß ich zu Ihnen ſagen, wie Sie vorher zu mir ſagten: Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht! Was wollen Sie mir damit ſagen? Ah, ſehen Sie da, rief Heinrich lächelnd, das iſt wieder ganz meine ſpottſüchtige, boshafte Luiſe, welche mich mit meinen eigenen Worten ſchlägt. Nun denn, ich will erklären, was Sie nicht verſtehen, und dann werden Sie dem ungläubigen Sünder vergeben. Sag⸗ ten Sie nicht, daß Sie ſich dies Mal ſo ernſthaft ver⸗ liebt hätten, daß Sie ſich dem Manne, welchen Sie liebten, zum Weibe verſprochen haben? — 124— Das ſagte ich, Hoheit!. Und ich, rief der Prinz, ihre beiden Hände faſſend und ſie mit glühenden Blicken anſehend, ich war ſo kurzſichtig und ſo undankbar, dieſe Worte nicht zu ver⸗ ſtehen. Die vielen Verſtimmungen und Verdrießlich⸗ keiten, welche ich fern von Ihnen erdulden mußte, hatten meine Augen getrübt, daß ſie nicht leſen konn⸗ ten, was doch mit goldenen Lettern in Ihrem ſüßen Lächeln und Ihren ſtrahlenden Blicken zu leſen war. Oh, Luiſe, haben Sie Dank für Ihre köſtlichen Worte, für dieſe endliche Beantwortung meiner ſo oft wieder⸗ holten Frage an Ihr Herz. Endlich alſo wollen Sie ſich überwunden erklären, endlich wollen Sie ſich ent⸗ ſchließen, das Weib des Mannes zu werden, welcher Sie liebt, und den Sie mit Ihrer Liebe belohnen wollen. Ich danke Ihnen, Luiſe, ich danke, und ich ſchwöre Ihnen, daß kein Thron der Welt mich jemals ſo ſtolz und ſo glücklich machen könnte, als die Zu⸗ ſicherung Ihrer Liebe es heute gethan hat. 3 Luiſe ſah mit einem Ausdruck tiefen Schreckens in ſein ſchönes, lächelndes Angeſicht. Ach, mein Prinz, ſagte ſie, meine Worte hatten nicht dieſen Sinn, welche Sie ihnen unterlegen. Ich ſagte ganz einfach die Wahrheit. Mein Herz hat gewählt, und ich habe mich geſtern dem Manne, welchen ich liebe, verlobt, das heißt, ich bin ſeit geſtern die Braut des Hauptmanns du Trouſſel. Das iſt nicht wahr, rief der Prinz, ihre Hände ungeſtüm fortſchleudernd. Sind ſind ſehr grauſam heute, Luiſe. Sie martern mich mit Ihren fürchter⸗ lichen Scherzen. Nein, Königliche Hoheit, ich ſpreche im Ernſt. Seit geſtern bin ich die Braut des Hauptmanns du Trouſſel. Seit geſtern bin ich die Braut des Hauptmanns — 125— du Trouſſel, wiederholte der Prinz, indem er ſie mit wirren Blicken, mit zitternden Lippen anſtarrte. Und Sie ſagen, daß Sie ihn lieben? Ja, Königliche Hoheit, ich ſage, daß ich ihn liebe! ſagte Luiſe von Kleiſt mit einem matten Lächeln. Aber das iſt unmöglich, rief der Prinz außer ſich, das iſt eine Lüge! Und weshalb ſollte ich Euer Königliche Hoheit be⸗ lügen? Weshalb?— Ah, jetzt verſtehe ich Alles! Oh, Luiſe, arme, theure Luiſe. Wie kurzſichtig ich war, das nicht gleich zu begreifen, nicht zu bedenken, daß mein Bruder, welcher überall ſeine Spione hat, wel⸗ cher jeden meiner Schritte belauern und überwachen läßt, endlich auch meine Liebe für Sie entdeckt haben wird. Pöllnitz, welcher Alles für Geld thut, Pöllnitz hat uns verrathen, und der König, welcher mich durch⸗ aus ſtandesmäßig verheirathen will, der König hat darauf beſtanden, daß Sie ſich verloben mußten, um mich frei zu geben. Sie ſind ein Opfer der unglück⸗ ſeligen Hauspolitik meines Bruders geworden, Sie ſollen ſich beugen unter ſeinen ſtarren Willen, wie wir, ſeine Geſchwiſter, es thun müſſen. Oh, Luiſe, ſagen Sie, daß es ſo iſt, geſtehen Sie mir, daß nicht Ihr wankelmüthiges Herz, ſondern der Befehl des Königs es war, welcher Sie zu dieſer Verlobung trieb. Denn es iſt ja nicht möglich, es kann ja nicht ſein, daß Sie die Schwüre ſchon vergeſſen haben, welche wir vor kaum zwei Wochen mit einander ausgetauſcht, es kann nicht ſein, daß Sie, welche ich ſo tief, ſo heilig und rein geliebt habe, daß Sie mein Herz nur als ein müßiges Spielzeug betrachtet haben, welches man bei Seite wirft, wenn man der Tändelei müde iſt. Nein, nein, Luiſe, ich habe es oft genug in Ihren ſtrahlen⸗ .* den Augen, in Ihrem begeiſterten Lächeln, in den ſüßen Schauern, welche Ihre Geſtalt durchbebten, ich habe es an allen dieſen geheimnißvollen, heiligen und unſag⸗ baren Symptomen geſehen, daß Sie mich geliebt haben, und jetzt ſehe ich es an Ihrem bleichen Angeſicht, an Ihren trüben Blicken, daß Sie mich noch lieben, und daß man uns trennen will. Oh, mein armes, holdes Kind, Sie haben ſich alſo einſchüchtern laſſen, Sie haben dieſem Mährchen von der Allgewalt eines Kö⸗ nigs Glauben geſchenkt. Sie haben angenommen, daß mein Bruder, welcher über Millionen Menſchen herrſcht, niemals auf ſeinem Wege einen Widerſtand finden darf, und daß es daher umſonſt iſt, ihm zu wider⸗ ſtehen. Aber Sie haben ſich geirrt, Luiſe, Sie haben vergeſſen, daß ich ſein Bruder bin, daß das ſtolze und unbezwingliche Blut der Hohenzollern auch in meinen Adern fließt, daß ich einen nicht minder ſtarken Willen, einen nicht minder unbezähmbaren Trotz beſitze. Oh, mein Bruder ſoll es nur verſuchen, mich zu be⸗ zwingen. Ich werde kein willenloſes Werkzeug in ſei⸗ nen Händen ſein, ich werde mit der Kraft einer Stahl⸗ feder immer wieder emporſchnellen, und immer ich ſel⸗ ber bleiben. Das haben Sie nicht bedacht, Luiſe, als Sie ſich dieſem tyranniſchen Befehl unterwarfen. Sie hatten nicht die rechte Zuverſicht zu Ihrem Geliebten, Sie wußten nicht, daß er bereit iſt, mit ſeiner ganzen Familie zu brechen, um Ihretwillen, Sie wußten nicht, daß er ſich ſelber geſchworen hat, dem Weibe, welches er liebt, ſich zu vermählen, und daß er dies heute noch thun wird, thun muß, um ſeinem Herzen und ſeiner Ehre zu genügen, und dem König zu beweiſen, daß der Prinz Heinrich auch ein freier Mann, ein ſelbſt⸗ ſtändiges Geſchöpf iſt, wie er ſelber, und trotz des Kö⸗ nigs. Jetzt, Luiſe, jetzt ſagen Sie mir, ob ich nicht — 127— Alles richtig errathen habe, ob ich nicht den Plan des Königs durchſchaut habe? Ob es nicht wahr iſt, daß er Sie zu dieſer Verlobung zwingen wollte, um Sie von mir zu trennen?— Ah, Sie antworten nicht, Sie ſchweigen? Ich verſtehe! Der König hat Ihnen ohne Zweifel den Schwur abgefordert, kein Wort von dieſen Verhandlungen zu verrathen. Nuͤn denn, ſagen Sie kein Wort. Nur ſehen Sie mich an, nur machen Sie mir irgend ein Zeichen mit der Hand, nur winken Sie mir mit den Augen zu, und ich werde Sie ver⸗ ſtehen. Und dann werde ich Sie in meine Arme neh⸗ men und Sie zum Traualtar tragen, wo Sie mit mir, verſtehen Sie wohl, Luiſe, mit mir ſich vermählen ſollen. Mein Gott, Luiſe, ſehen Sie denn nicht, daß ich auf dieſes Zeichen warte, daß ich in Todesangſt bin? Luiſe richtete ihr Haupt empor. Ihr Herz war beſiegt. Sie hatte Alles vergeſſen, Alles, ſie fühlte ſich bereit, Gott, dem König und der ganzen Welt zu trotzen und dieſe ſchöne und große Liebe anzunehmen, welche der Prinz ihr darbrachte. Aber wie ſie jetzt den Blick erhob, fiel ihr Auge doch ganz unwillkührlich nach jenem Vorhang hinüber, hinter welchem der König ſich befand. Sie meinte den Vorhang ſich bewegen zu ſehen, es war ihr, als ſähe ſie die flammenden, zürnenden Augen des Königs, welche ihr drohten. Sie dachte an ihre Tochter, an Fritz Wendel, an das Hohn⸗ gelächter der Welt!— Sie war überwunden und ge⸗ richtet. Sie ſchweigen noch immer? fragte der Prinz. Sie antworten mir mit keinem Blick und keinem Zeichen? Luiſe raffte ſtch gewaltſam zuſammen. Nur hatte ſie ein Gefühl, als ob eben eine eiſerne Fauſt in ihren Buſen faſſe und ihr Herz zerfleiſche. Ich bin wirklich in Verlegenheit, was ich antworten — 128— ſoll, ſagte ſie mit einem leichtfertigen Ton, welcher ſie ſchaudern machte. Es gefällt Euer Hoheit einen hei⸗ teren Scherz in einen tiefen Ernſt umwandeln zu wollen, und dann muß ich mir ſelber wie eine arge Sünderin und Frevlerin erſcheinen. Und doch bin ich unſchuldig, mein Prinz, und wahrhaftig, Sie ſind es auch. Denn ſehen Sie nuͤr, es fällt Ihnen ja gar nicht ein, dieſe kleine Liebeslaune für eine ſo großmächtige Leiden⸗ ſchaft zu halten. Sie haben Sich nur in dieſe Exal⸗ tation hineinphantaſirt, wie man einen Traum oft für Wahrheit hält und Schattenbilder für Wirklichkeit nimmt. Denn im Grunde haben wir Beide doch nur uns die Liebe bis jetzt zu Schattenbildern an der Wand ver⸗ arbeitet, und deshalb, als Sie mir verſtummten, als ich vierzehn Tage lang gar keine Kunde von Ihnen erhielt, da glaubte ich ganz einfach, es habe Ihnen nicht mehr gefallen, die Lampe unſerer Scherze mit Oel und Licht zu verſorgen, und Sie wollten keine Liebesſchattenbilder mehr an der Wand tanzen laſſen, ſondern ſich nach der Wirklichkeit umſehen und Ihren Träumen entſagen zu Gunſten der Realität. Ich glaubte das, und fand das ganz natürlich, und machte Ihnen weder einen Vorwurf daraus, noch empfand ich darüber Kummer. Nur fand ich, daß nichts langweiliger ſei, als mit einem unbeſchäftigten leeren Herzen allein zu ſein, mit einem Herzen, welches gar nicht ſpricht. Ich ſuchte alſo einen Gefährten und Geſellſchafter für mein Herz, und ich fand ihn bald, nur daß ich ſtatt eines Geſellſchafters einen Beherrſcher gefunden habe, und daß ich mich dies Mal der Liebe unterworfen habe, ſtatt mit ihr zu ſpielen. Daher, als Herr du Trouſſel mich ganz ernſthaft um meine Hand anflehte, hatte ich nicht den Muth,„nein“ zu ſagen, denn man iſt nicht gern grauſam gegen ſich ſelber, und wenn man ſich — 129— das Glück gewähren kann, ſo thut man es.— Das alſo, Königliche Hoheit, iſt mein ganzes Verbrechen, daß ich nicht grauſam gegen mich war, ſondern das Glück annahm, welches ſich mir darbot. Mein Gott, mein Prinz, man hat mich lange genug eine flatter⸗ hafte Coquette genannt. Es iſt alſo wohl Zeit, daß ich mich feſſeln laſſe und der Welt beweiſe, daß die Liebe mich zu einer ehrbaren Fran umwandeln kann. Wollen mich Euer Königliche Hoheit nun deshalb tadeln? Der Prinz hatte ihren Worten mit athemloſer Auf⸗ merkſamkeit zugehört, und allgemach hatten ſeine Züge einen anderen Ausdruck angenommen, allgemach war die Farbe aus ſeinen Wangen und der leuchtende Glanz aus ſeinen Augen verſchwunden. Wohl ſtand noch ein Lächeln auf ſeinen feſt zuſammengepreßten Lippen, aber es war ein kaltes, verächtliches Lächeln; wohl flamm⸗ ten und glühten ſeine Augen noch, aber nur in kaltem Zorn, in unausſprechlicher Verachtung. Eine furcht⸗ bare, ungeheure Umwälzung war in ſeinem Inneren geſchehen, das Götterbild war von ſeinem Altar herun⸗ tergefallen und lag zerſchmettert zu ſeinen Füßen, die angebetete Heilige hatte ſich in eine gemeine Buhlerin verwandelt. Er würde ſich ſelber verachtet haben, wenn dieſe Verwandelung ihm jetzt auch nur eine Thräne, einen Seufzer abgepreßt hätte. Er würde es ſich nie verziehen haben, wenn er dieſe Frau, welche er jetzt haßte und verachtete, nur die Schmerzen hätte ahnen laſſen, welche ſeine Seele zerriſſen. Nein, Madame, ſagte er daher vollkommen ruhig und mit jener ſtolzen Gleichgültigkeit, für welche nur die Fürſten den rechten Ton und das rechte Mienen⸗ ſpiel haben, nein, Madame, es fällt mir nicht ein, Sie zu tadeln. Ich finde vielmehr, daß Sie vollkommen Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 9 — 130— Recht gehandelt haben und bringe Ihnen von ganzem Herzen meinen Glückwunſch zu Ihrer Verlobung dar. Der Hauptmann du Trouſſel wird ein ſehr glücklicher Mann ſein, denn er wird die ſchönſte, graciöſeſte und geiſtvollſte Frau der Welt beſitzen. Wann wird Ihre Vermählung ſtattfinden? Frau von Kleiſt fühlte ſich ganz außer Stande zu antworten. Sie ſtarrte mit unverhehltem Entſetzen in dieſes kalte, eherne Angeſicht, das ſich ihr plötzlich ſo verändert hatte, ſie lauſchte mit einer Art Grauen auf dieſe Stimme, deren weiche, ſanfte Töne ſich plötzlich wie Stein verhärtet hatten. Der Prinz wiederholte ſeine Frage, und ſeine Stimme war noch rauher und gebieteriſcher. Ich weiß es in der That nicht, ſagte Luiſe zuſam⸗ menſchreckend. Wir werden dazu erſt die Einwilligung des Königs erbitten müſſen. 3 Und ich werde dafür ſorgen, daß Ihnen dieſe nicht vorenthalten werde, ſagte der Prinz ruhig. Ich ſelber werde bei dem König Ihre Bitte unterſtützen. Und jetzt, Madame, müſſen Sie mir verzeihen, wenn ich mich von Ihnen beurlaube. Viele Grüße an Ihren Herrn Verlobten! Ich werde ihn mir morgen bei der Parade vorſtellen laſſen. Leben Sie wohl, Madame! Er machte eine kurze, leichte Verbeugung, und ohne ſie nur noch eines Blickes zu würdigen, wandte er ſich ab und verließ langſam und ſtolz aufgerichtet den Salon. Luiſe ſchaute ihm nach mit weit aufgeriſſenen Au⸗ gen, mit ſchmerzvoll zuckendem Angeſicht. Aber er ſah das nicht, er blickte nicht ein einziges Mal nach ihr um. Er ſah nicht, wie ſie jetzt, als die Thür ſich hinter ihm ſchloß, ganz zerbrochen und wie vom Blitz zerſchmettert zu Boden ſank, und ihre Hände zum — 131— Himmel emporſtreckte, als wolle ſie ihn um Gnade und Schutz anflehen. Aber ſelbſt dieſes Ausſtrömen ihrer Klagen, dieſer Ausbruch ihrer Verzweiflung ſollte ihr nur einen Mo⸗ ment vergönnt ſein. Die Portiere da drüben ward zurückgeſchlagen und der König trat ein. Sein Antlitz war bleich, und in ſeinen Augen zeigte ſich ein feuchter Schimmer, aber ſie nahmen einen zürnenden Ausdruck an, als ſie auf dieſes zur Erde geſunkene Weib fielen. Sie war für ihn nichts als eine herzloſe Coquette, und er zürnte ihr um der Schmerzen willen, die ſein Bruder jetzt um ſie erduldete, und für die er das tiefſte Mitleid, das innigſte Erbarmen empfunden hatte. Aber das war jetzt vorüber. Der Bruder hatte, hinter dem Vorhang verborgen, eine Thräne des Mit⸗ leids weinen können, der König mußte hart und un⸗ erbittlich ſein. 4 Wie er ſich ihr näherte, erhob ſie ſich langſsm von der Erde und machte ihm eine tiefe, ceremonielle Ver⸗ beugung. 8 Sie haben Vieles wieder gut zu machen, Madame, ſagte der König ſtreng. Denn, ich ſehe es wohl, Sie haben mit meinem Bruder ein freventliches Spiel geſpielt, und Sie haben gemacht, daß er Sie wirk⸗ lich liebte. Ich denke, Sire, daß ich das jetzt geſühnt habe, ſagte Luiſe matt. Der Prinz liebt mich nicht mehr, er verachtet mich. Der Wille Euerer Majeſtät iſt alſo geſchehen. Und jetzt darf ich wohl um die Gnade bitten, mich zurückziehen zu dürfen? 1 Gehen Sie, Madame, ſagte der König. Sie haben heute Ihre Schuldigkeit gegen mich gethan und ich werde daher auch die meinige gegen Sie thun. Ich 9 /* 8 — 132— werde nichts vergeſſen, was ich Ihnen verſprochen habe. Werden Sie bald Madame du Trouſſel, und dann wollen wir Alles, was die Frau von Kleiſt be⸗ trifft, ganz und gar vergeſſen! Er grüßte ſie mit einem leichten Kopfneigen und folgte ihr mit ſeinen Blicken, bis ſie in der, nach den Gemächern der Hofdamen führenden Thür verſchwun⸗ den war. In dieſem Moment hörte man in dem Vorſaal, wohin Prinz Heinrich ſich zurückgezogen hatte, einen dumpfen Fall. Gleich darauf öffnete ſich die Thür, und Herr von Pöllnitz eilte mit bleichem, verſtörtem Antlitz herein. Was giebts da draußen, Pöllnitz? fragte der König haſtig. 1,, Sire, der arme Prinz Heinrich iſt in Ohn⸗ macht gefallen. Der König zuckte zuſammen vor Schreck und eilte haſtig einige Schritte vorwärts der Thür zu. Dann aber blieb er ſtehen und ſeine Züge nahmen wieder ihren ruhigen Ausdruck an. Er wird ſich erholen, ſagte er, ja, er wird ſich er⸗ holen, denn er iſt ein Mann! Ich bin früher auch einige Male vor Kummer in Ohnmacht gefallen, und ich habe mich auch erholt! —— Schmerzlich und bitte die Tage, welche dieſer Er verbrachte ſie in einſiedleriſcher Stille, in ſtarrem Hinbrüten in ſeinen einſamen Gemächern. Niemand durfte um ihn ſein, kein heiteres Wort, kein fröhliches Lachen durſte in ſeiner Nähe ertönen. Seine Diener betrachteten ihn mit kummervollen Blicken, und als der Prinz, am Tage nach jenem Ungewitter, welches, wie er meinte, ſein Lebensglück zerſchmettert hatte, auf der Parade erſchien, fand ſelbſt der König ihn ſo bleich und leidend ausſehen, daß er ihn bat, einen achttägigen Urlaub anzunehmen, und etwas zu ſeiner Erholung und Stärkung zu thun. 4 Der Prinz lächelte ſchmerzvoll zu dieſem Vorſchlag des Königs, aber er nahm den Urlaub an und lebte zurückgezogen und ſtill in ſeinen Gemächern. Er fühlte ſein Herz bis zum Tode wund und er⸗ mattet, ſeine Seele, welche von der Welt den erſten Dolchſtoß erhalten, rang mit ihrer Qual und fühlte ſich faſt verbluten an der empfangenen Wunde. Aber das dauerte nur einige Tage; dann hatte die Iugend ihren ſänftigenden Balſam auf dieſe klaffende Wunde gelegt und ſie geſchloſſen, dann hatte der Trotz und die Verachtung die Thränen in ſeinen Augen ver⸗ wiſcht und die Wehklagen in ſeinem Herzen verſtum⸗ men gemacht, dann hatte die Rache ihm lockende Worte rrer rinz Heinrich i Enttäuſchung folgten. 2 — 134— von Vergeltung und Beſchämung zugeflüſtert, und ſeine Manneskraft und ſeinen Stolz wachgerufen. Der König hatte Recht gehabt, wenn er von ſei⸗ nem Bruder ſagte:„er wird ſich erholen, denn er iſt ein Mann.“. Er erholte ſich wirklich, und dieſe Tage des Grü⸗ belns, des Kämpfens und Sinnens hatten ihn zum Manne gereiſt, ſie hatten auf ſeine ſonſt ſo klare und jugendfriſche Stirn die erſten heiligen Schriftzüge des Kummers gezeichnet, ſie hatten die Linien ſeines An⸗ geſichtes feſter, den Ausdruck ſeiner Züge ſchärfer und beſtimmter gemacht.— Er hatte ſeine erſte Enttäu⸗ ſchung erfahren, und es war eine bittere und ſchmerz⸗ volle geweſen, aber ſie hatte ihn geſtählt und gekräf⸗ tigt,— ſie hatte ihn zum Manne gemacht. Die acht Tage des Urlaubs waren noch nicht vor⸗ über, als der Prinz das Edikt, welches ſeine Freunde und Geſellſchafter von ihm fern hielt, wieder aufhob und ſeine Thür öffnete für den Kreis ſeiner Ver⸗ trauten. Der erſte, welchen er indeß zu ſich einlud, war der Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter Baron von Pöllnitz, der ſich ſofort beeilte, der an ihn ergangenen Auffor⸗ derung Folge zu leiſten. Prinz Heinrich ging ihm mit heiterem Geſicht und frohem Willkommgruß entgegen. Wiſſen Sie, warum ich Sie habe rufen laſſen? fragte er. Sie ſollen mir ein weuig von der chronique scandaleuse unſerer höchſt ehrſamen und tugendhaften Reſidenz⸗ ſtadt erzählen. Fangen Sie alſo immerhin gleich an. Welches iſt das neueſte on dit des Tages? Ach, Königliche Hoheit, es iſt jetzt ein langwei⸗ liges und eintöniges Leben, ſeufzte Pöllnitz. Man wird wirklich, wie Sie zu ſagen beliebten, außerordent⸗ 135— lich ehrſam und tugendhaft. Kein einziger glänzender Scandal, keine pikante Aventure begiebt ſich mehr. Alles wird langweilig und tugendhaft zimperlich. Kind⸗ taufen, Hochzeiten, Begräbniſſe, das iſt noch das Ein⸗ zige, was ſich begiebt; die Pfaffen finden dabei ihre Rechnung, aber der Geiſt ſchläft ein, und ſtatt zu plau⸗ dern gähnt man jetzt in der Geſellſchaft. Es iſt wirk⸗ lich ein höchſt miſerables Daſein, denn da ich nicht taufen laſſe, nicht heirathe, und noch nicht vor Ennuyance geſtorben bin, ſo weiß ich wirklich nicht mehr, weshalb ich eigentlich exiſtire. Aber Diejenigen, welche heirathen und taufen laſſen, wiſſen ohne Zweifel, warum ſie exiſtiren, ſagte der Prinz lächelnd. Erzählen Sie mir alſo ein wenig von dieſen. Welches iſt zum Beiſpiel die neueſte Heirath? Die neueſte Heirath? fragte Pöllnitz zögernd. Um das zu beantworten, muß ich mir erlauben, Euer Kö⸗ nigliche Hoheit erſt nach dem Geſundheitszuſtande Ihres Herzens zu fragen. Leidet es noch an Zuckungen, hat es noch Fieberanfälle, brennt es noch? Nein, rief der Prinz, es brennt nicht mehr, man hat ihm eine tüchtige Douche von eiskaltem Waſſer ge⸗ geben und die hat es von ſeiner Fieberhitze für im⸗ mer geheilt. 3 Freut mich, das zu hören, Königliche Hoheit, und meinen herzlichen Glückwunſch zu Ihrer Geneſung, denn, vraiment. es giebt keine ſchlimmere Krankheit, als ein fieberheißes Herz. Wer das Glück, die Liebe und die Frauen für immer an ſich feſſeln will, der muß vor allen Dingen ein kaltes Herz haben und es ſich zu bewahren wiſſen. Sie glauben alſo, daß man lieben kann mit einem kalten Herzen?. 3 Man kann ſich damit geliebt machen, Hoheit, und — 136— das iſt immerhin ein viel größeres Glück, als ſelbſt zu lieben. Wer ein kaltes Herz hat, der allein iſt im Stande, alle Frauen zu beſiegen und ſich von Allen geliebt zu machen. Das iſt indeſſen eine traurige Lebensweisheit, ſagte der Prinz ſinnend, und ich glaube, man muß ſich erſt an ſehr bitteren Wunden verblutet haben, ehe man zu ihr gelangt. Aber laſſen wir das. Ich habe Ihnen geſagt, daß ich geneſen bin,— erzählen Sie mir alſo ohne Scheu, was Sie wiſſen! Sie ſprachen von einer Heirath. Wer hat ſich verheirathet? Königliche Hoheit, die Frau von Kleiſt hat ſich verheirathet, flüſterte Pöllnitz leiſe und mit niederge⸗ ſchlagenen Augen. Der Prinz hielt dieſen Schlag aus, ohne nur zu zucken, ohne nur die geringſte Bewegung zu verrathen. Wann war die Hochzeit? fragte er mit vollkommener Gelaſſenheit. Geſtern, mein Prinz, und ich verſichere Euer Kö⸗ nigliche Hoheit, daß ich niemals eine glücklichere, ſtrah⸗ lendere Braut ſah, wie dieſe. Die Lebe ſcheint ſie wahrhaftig wieder zu einer erröthenden, ſchüchternen Jungfrau verklärt zu haben, oder wenigſtens wußte ſie eine ſolche mit vollkommener Meiſterſchaft darzu⸗ ſtellen. Prinz Heinrich drückte mit einer raſchen, unbewuß⸗ ten Bewegung ſeine Hand auf ſein Herz. Vielleicht mochte er finden, daß daſſelbe doch noch nicht ſo ganz abgekühlt und fieberlos war, als er ſich gerühmt hatte, oder daß es noch zu wund ſei, um von rauhen, mit⸗ leidsloſen Händen berührt zu werden.— Aber er wollte dennoch kein Mitleid mit ſich ſelbſt haben und keins von Anderen beanſpruchen. Ich kann mir denken, daß ſie ſchön war, ſagte er, — 137— mit einer gewaltigen Kraftanſtrengung ſeine Stimme beherrſchend, daß ſie nicht zitterte. Frau von Kleiſt iſt glücklich, und das Glück verſchönt immer. Und der Bräutigam, Herr du Trouſſel? War er auch ſo glück⸗ lich und ſo ſchön? Ah, Euer Königliche Hoheit wiſſen den Namen des Bräntigams? fragte Pöllnitz anſcheinend ver⸗ wundert. Darüber ſtaunen Sie? Die Frau von Kleiſt hat ihn mir ſelber genannt, als ſie mir ihre Verlobung 4 anzeigte. Aber ich kenne ihren Auserwählten nicht! Iſt er hübſch? Hübſch und liebenswürdig, Königliche Hoheit. Au⸗ ßerdem ein ſehr guter Officier, was daraus hervor⸗ geht, daß der König dem Herrn du Trouſſel als Hoch⸗ zeitsgeſchenk ein Majorspatent geſandt hat. Demgemäß heißt alſo die ſchöne Luiſe von Kleiſt jetzt Frau Majorin du Trouſſel! ſagte der Prinz mit einem mühſamen Lächeln. Waren Sie bei der Trauung gegenwärtig? Ja, Königliche Hoheit, im Namen des Königs. Und ſprach ſie das entſcheidende Ja, dieſen Eid der Treue und Beſtändigkeit, mit rechter Innigkeit und Zuverſicht? Erröthete ſie nicht dabei und ſchlug das Auge nieder? Nicht doch, mein Prinz, ſie lächelte, wie in einer 3 Verzückung, und hob den Blick zum Himmel empor, als ob ſie zu Gott bete, den Schwur ihrer Treue zu ſegnen. und Gott wird das ſehr nöthig haben, ſagte der Prinz rauh, indem er langſam und ſinnend einige Male auf⸗ und nieder ging. Nur noch Eins, ſagte er dann, ſeine großen klu⸗ gen Augen mit einem forſchenden Blick auf Pöllnitz — 138— heftend. Was ſpricht man von mir? Wie deutet man dieſe Heirath in Bezug auf mich? Hält man mich für einen verſchmäheten Liebhaber, oder für einen treulo⸗ ſen? Sagt man, daß dies eine Heirath aus Déäpit oder aus Malice ſei? Denn ohne Zweifel wußte doch ganz Berlin um mein Liebesverhältniß zu dieſer Frau, da Sie unſer Vertrauter waren. Oh, mein Prinz, das iſt ein ſehr hartes und ſehr grauſames Wort, rief Pöllnitz traurig. Euer König⸗ liche Hoheit können nicht im Ernſt glauben, daß— Keine Betheuerungen, ich bitte, unterbrach ihn der Prinz. Ich habe in dieſen Tagen viel nachgedacht und Vieles einſehen und durchſchauen gelernt, was mir ſonſt unverſtändlich und dunkel geweſen. Ich glaube auch Sie jetzt zu kennen und ein wenig in Ihr Herz, oder nein, auf die leere Stelle in Ihrer Bruſt, wo bei Anderen das Herz ſitzt, geſchaut zu haben. Ich zürne Ihnen aber nicht und mache Ihnen keine Vor⸗ würfe. Sie füllen Ihre Beſtimmung vollkommen aus. Sie ſind ein Höfling, und noch dazu Einer von der beſten und ſeltenſten Sorte, denn Sie haben Geiſt und Kennntniſſe, außerdem viel Lebenserfahrung und savoir vivyre. Ich wüßte mir keinen beſſeren Geſellſchafter zu wünſchen, als Sie es ſind, nur muß man von Ihnen nicht verlangen, daß Sie noch außerdem ein Menſch ſein ſollen. Wer darauf hin mit Ihnen verkehren will, der hat ſich die Folgen ſelber zuzuſchreiben. In⸗ deſſen bitte ich Sie doch, einen Moment nicht Höfling zu ſein, ſondern mir ganz offen und der Wahrheit ge⸗ mäß— hören Sie wohl, Pöllnitz, der Wahrheit gemäß, zu ſagen, was die Welt von mir ſpricht, und wie ſie dieſe Heirath in Bezug auf mich deutet? Euer Königliche Hoheit befehlen, daß ich Ihnen die Wahrheit ſage? — 139— Wenn Sie das lieber hören, nun ja: ich befehle es Ihnen. Jetzt iſt der entſcheidende Moment gekommen, dachte Pöllnitz frohlockend. Weun ich jetzt die richtigen Worte und Wendungen zu finden weiß, glaube ich wohl, daß wir zum Ziel gelangen, und daß ich meine Gehalts⸗ zulage und die Bezahlung meiner Schulden mir er⸗ wirken kann.— Laut ſagte er dann: Nun denn, Kö⸗ nigliche Hoheit, ich werde Ihnen die Wahrheit ſagen, ſelbſt auf die Gefahr hin, Ihnen zu mißfallen. Sie wollen wiſſen, was die Welt von Ihnen ſpricht in Bezug auf dieſe Heirath der Frau von Kleiſt? Ich fürchte, mein Prinz, man hält Sie für einen ver⸗ ſchmäheten Liebhaber, und der klugen Frau von Kleiſt iſt es gelungen, ſich einen Heiligenſchein um die ſchöne Stirn zu legen, denn man ſagt, ſie hätte Ihre unehr⸗ erbietigen Anträge zurückgewieſen und es vorgezogen, ſtatt die Maitreſſe eines Fürſten, die tugendhafte Frau eines Majors zu werden. Weiter, weiter! befahl der Prinz, als Pöllnitz jetzt ſchwieg und den Prinzen forſchend anſah. Was ſagt man von mir? Man ſagt, daß Euere Königliche Hoheit in Ver⸗ zweiflung wären über dieſe tugendhafte Unerbittlichkeit ihrer Angebeteten, und daß Sie deshalb, von Gram und Reue gefoltert, Sich in Ihre Gemächer wie ein Einſiedler verſchloſſen hätten, um zu weinen und zu klagen, und nach Ihrer verlornen Geliebten zu jammern. Ah, ſagt man das, rief der Prinz mit zornflam⸗ menden Augen und finſterem Stirnrunzeln. Nun, ich werde dieſer leichtgläubigen, ſchwatzhaften Welt bewei⸗ ſen, daß ſie ſich geirrt hat. Am Ende wäre ſie noch im Stande, dieſes alberne Gerücht auch der Frau von Kleiſt, nein, der Majorin du Trouſſel zu hinterbringen. — 140— Königliche Hoheit, ich fürchte, man hat das ſchon gethan, denn die kleine Majorin rief mich geſtern zu ſich, um mich nach Ihrem Befinden zu fragen, und als ich ihr ſagte, daß Euer Königliche Hoheit in tief⸗ ſter Einſamkeit und Traurigkeit in ihren Gemächern weilten,— Ah, warum ſagten ſie ihr das, rief Heinrich un⸗ willig, heftig mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend. Weeil es die Wahrheit iſt, und weil ja ganz Pots⸗ dam und Berlin es ohnedies ſchon weiß. Und was erwiederte ſie Ihnen auf dieſe vertrau⸗ liche Mittheilung? Sie ſeufzte tief.„Armer, unglücklicher Prinz,“ ſagte ſie,„ich beklage ihn tief und bemitleide ihn um dieſer Liebe willen, die ich indeſſen doch nicht erhören durfte, nicht erhören konnte, denn da mein Herz nicht für ihn ſprach, konnte es meine Tugend und Ehrbar⸗ keit nicht überwinden.“ Ah, dieſe ehrbare, tugendhafte Frau, rief der Prinz mit einem wilden, höhniſchen Lachen. Nun, ich will ihr beweiſen, daß ich ihres Mitleids nicht bedarf, und daß ſie das füglich für ihren eigenen Gemahl ver⸗ ſparen kann.— Iſt der König in Sansſouci? Ja, Königliche Hoheit! So gehen Sie und melden Sie meinen Beſuch. Ich folge Ihnen auf dem Fuß!— Gewonnen, Sire, wir haben gewonnen, jubelte Pöllnitz, als er zu dem König eintrat. Der Prinz bittet, Euer Majeſtät ſeinen Beſuch machen zu dürfen, und wird ſogleich hier ſein. Und weiß Er, was mein Brnder bei mir will? fragte der König. Ich weiß es nicht, aber ich ahne es, Sire. Er wird ſich aus Dépit gegen ſeine treuloſe Geliebte ver⸗ — 141— mählen wollen. Ah, Sire, ich höre ſchon ſeinen Wa⸗ gen vorfahren.— So gehen Sie den Prinzen zu empfangen und zu mir zu führen. Dann bleiben Sie im Vorſaal und warten auf meinen Ruf. Als Pöllnitz ſich zurückgezogen hatte, nahm der König mit einer haſtigen Bewegung die Flöte von ſeinem Schreibtiſch, und begann, im Zimmer auf⸗ und abgehend, eines dieſer weichen, ſchmelzenden Adagios zu ſpielen, in deren Vortrag er Meiſter war. Er ſpielte noch, als die Thür geöffnet ward und Pöllnitz den Prinzen Heinrich anmeldete; er unterbrach ſich nicht, als ſein Bruder eintrat, und ſteif und mili⸗ tairiſch an der Thür ſtehen bleibend, dem König ſeine ceremonielle Verbeugung machte. Der König ſpielte, auf⸗ und niedergehend, immer weiter. Sanft und klagend zogen die weichen Flöten⸗ töne durch den ſtillen Raum, wie ein Geiſtergruß trafen ſie das Herz des Prinzen und ſänftigten deſſen ſtür⸗ miſches, wildes Toben. 3 War das die Abſicht des Königs, oder wollte er ſich ſelber erſt ruhig und harmoniſch ſtimmen, ehe er 2 zu ſeinem Bruder ſprach? Vielleicht wollte er beides, denn auch des Königs Blick ſänftigte ſich, auch ſeine Züge nahmen einen milden, freundlichen Ausdruck an. Als das Adagio beendet war, legte der König ſeine Flöte bei Seite und näherte ſich dem Prinzen. 5 Verzeihen Sie, mein Bruder, ſagte er, ihm freund⸗ lich die Hand darreichend, verzeihen Sie, daß ich Sie habe warten laſſen. Allein ich liebe nicht, das, was ich angefangen habe, unbedingt fortzuwerfen; ich muß Alles, was ich thue, ganz thun, und mag niemals auf halbem Wege ſtehen bleiben. Hätte ich mein Adagio nicht zu Ende geſpielt, ſo würde es mir in der Kehle — 142— ſtecken geblieben ſein und meine anderen Gedanken wären mir daran erſtickt. Jetzt ſtehe ich ganz zu Ihren Dienſten, mein Bruder, und da ich leider nicht ge⸗ wohnt bin, von Ihnen freundſchaftliche und unabſicht⸗ liche Beſuche zu empfangen, ſo muß ich Sie wohl fragen, was Sie zu mir führt und womit ich Ihnen dienen kann? Aber das heftige und ungeſtüme Naturell des Prinzen war von den ſanften Flötentönen nur leiſe eingeſchläfert worden. Jetzt erwachte es wieder nnd machte ſeine Pulſe und ſein Herz wieder höher klopfen. Sie fragen gnädigſt, womit Sie mir dienen kön⸗ nen, mein Bruder? fragte er haſtig und athemlos. Nun denn, ich will es Ihnen ſagen: Mit Wahrheit, Sire! Der König warf ſein Haupt ſtolz zurück und ſchleu⸗ derte einen flammenden Blick auf das glühende Antlitz des Prinzen.. Ich bin es nicht gewohnt, die Wahrheit zu cachi⸗ ren, ſagte er, Jedermann findet ſie bei mir zu ſeinem eeigenen Schaden. 8 Nun, ſo haben Sie die Gnade mir zu ſagen, wes⸗ halb Sie mich ſo lange und ſo hartnäckig mit Ihrem⸗ Zorne verfolgten, mein Bruder? Was ich gethan habe, um mir ſo ſehr Ihren Unwillen und dieſe Demüthi⸗ gungen, Beſchämungen und Kränkungen zu verdienen, deren beſtändiges Opfer ich ſeit einigen Monaten bin? Fragen Sie lieber was Sie gethan haben, um Sich meine Zufriedenheit, meine Liebe oder mein Ver⸗ trauen zu erwerben? fragte der König ſtreng. Und dann beantworten Sie Sich die Frage ſelber, und auch der Wahrheit gemäß! Ah, Sie haben mir verſprochen, mir auf meine Frage zu antworten, und jetzt weichen Sie mir aus! — 143— Aber ich will Ihnen zuvorkommen, Sire, ich will mir dieſe Frage, welche Sie mir befahlen, mir ſelber vor⸗ zulegen, ich will ſie mir beantworten. Ich habe nichts gethan, was mir die beſondere Zufriedenheit und Liebe meines königlichen Bruders verdienen konnte, aber auch nichts, was mich derſelben unwürdig gemacht hat. Weshalb aber verfolgen mich Euere Majeſtät mit Ihrem Zorne? Warum ſind Sie, welche ſonſt gegen Jedermann milde und gütevoll ſind, warum ſind Sie gegen mich allein ſo ſtrenge und unnachſich⸗ tig? Wodurch habe ich dieſe fortgeſetzten Tracaſſerien, dieſe ſich immer erneuernden Ausbrüche des Unwillens verdient? Sie fragen viel und viel auf ein Mal, ſagte der König ernſt; aber ich will Sie vollſtändig befriedigen. Ich will Ihnen die Wahrheit ſagen! Sie haben mei⸗ nen Unwillen, ja, meinen Zorn verdient, weil es Sie gelüſtet, ein freier Menſch zu ſein, weil Sie dieſes Joch, welches das Schickſal auf Ihren Nacken gelegt, abſtreifen wollen, weil Sie den ſtolzen Uebermuth haben, der Herr Ihres Willens ſein zu wollen. Und wollen Euere Majeſtät etwa verlangen, daß ich dieſem nächſten und natürlichſten Menſchenrecht ent⸗ ſage? fragte der Prinz glühend.. Ja, das will ich verlangen, rief der König, und ich darf ſagen, ich bin meinen Brüdern darin mit einem guten Beiſpiel vorangegangen. Aber Sie thaten es, ſo viel ich weiß, auch nicht freiwillig, ſondern Sie wurden gezwungen, wie Sie uns jetzt zwingen wollen, da Sie ohne Zweifel längſt vergeſſen haben, welche Qualen und Martern Sie in Sich durchlämpften, ehe Sie Sich für überwunden und beſiegt erklärten. Nein, ſagte der König ſanft, ich habe das nicht — 144— vergeſſen, denn ich fühle noch die Narben davon in meiner Seele und in meinem Herzen, und ſie brennen noch zuweilen!. Und dennoch, mein Bruder— Dennoch will ich kein Mitleid mit Ihnen haben. Dennoch ſage ich zu Ihnen, wie mein Vater zu mir ſagte:„Du mußt Dich unterwerfen. Denn Du biſt ein Prinz und ich bin Dein König!“ Oh, ich habe zes jetzt lange ſchon erkannt, wie ſehr mein Vater Recht hatte mit ſeinem Zorn und ſeiner Strenge gegen mich, denn ich war nicht bloß ein ungehorſamer Sohn, ſondern auch ein rebelliſcher Unterthan, und mir wäre Recht geſchehen, wenn ich das Blutgerüſt hätte be⸗ ſteigen müſſen, wie es Katt Recht geſchah, daß er es thun mußte! Ah, mein Bruder, ich weiß eine Zeit, wo Sie dieſen treuen und unglücklichen Freund noch beweinten, obwohl Sie ſchon ein König waren, rief der Prinz vorwurfsvoll. 4 Ich habe ihm das Opfer meiner Thränen gebracht, um ſo mehr darf ich jetzt wagen ihn zu verurtheilen, wie ich mich ſelber verurtheile. Die Söhne der Kö⸗ nige haben nicht das Recht, ihren eigenen Weg gehen zu wollen; das Schickſal hat ihnen denſelben vorge⸗ zeichnet, und ſie müſſen ihn wandeln, ohne nach ihren eigenen Wünſchen und Neigungen fragen zu dürfen; durch den Mund ihres Königs und ihres Herrn wird ihnen ihr Schickſal kund gethan, und ſeine Worte müſſen daher für ſie ein Orakel ſein, ſo heilig und unantaſtbar wie das Orakel zu Delphi. Ich danke es meinem Vater noch im Grabe, daß er nach dieſem „Grundſatz mit mir verfahren iſt, und meines Jam⸗ mers und meines Widerſpruchs nicht achtend, dem⸗ ſelben Geltung verſchafft hat. Ich würde ſonſt nicht — 145— das Recht haben, meinerſeits jetzt auch dieſes Prinzip zu verfolgen, und dann allein dürften Sie mich der Härte und der Tyrannei beſchuldigen.— Freilich kön⸗ nen Sie Sich über die Härte Ihres Geſchicks bekla⸗ gen, aber, mein Bruder, ich bin es nicht, welcher Ihnen daſſelbe auferlegt hat. Ich habe weder auf mein Haupt die Krone, noch auf Ihren Nacken das Joch Ihrer Würde gelegt. Wir müſſen Beide tragen, was Gott oder das Schickſal uns zugemuthet, und wir müſſen es mit Würde tragen. Sich auflehnen gegen die Wünſche und Befehle des Königs, heißt aber nicht der Würde ſeiner Pflicht genügen, ſondern wie ein wildes Roß in Zügel beißen, von denen man wohl weiß, daß ſie am Ende den Sieg über den ungebän⸗ digten Willen davon tragen werden.— Sie, mein Bruder, haben gehandelt, wie dieſes wilde Roß, und ba habe ich die Zügel ſtraffer angezogen, das iſt das Ganze. Und ich fühle ſchon, daß Sie mich gebändigt und gezähmt haben, ſagte der Prinz mit einem matten Lächeln, nur fühle ich noch, daß der Zügel ſchmerzt, und meine Glieder zittern noch. Aber ich bin bereit mich zu unterwerfen, und ich komme her um Ihnen das anzuzeigen. Sie wollen, daß ich mich vermähle, nun wohl, vermählen Sie mich! Nur mache ich Sie verantwortlich für dieſe Ehe, welche nicht die Herzen ſondern die Politik geſchloſſen, nur werde ich Sie dereinſt vor dem Throne Gottes zur Rechenſchaft zie⸗ hen, da Sie ſagen, daß ich es hier auf Erden nicht nur werde ich dort oben, der Menſch den Men⸗ ſchen fragen:„mit welchem Recht haſt Du mich um heiligſte und ſchönſte Beſitzthum der Menſchen, um meine Freiheit betrogen? Mit welchem Recht haſt Du an meine Hand und an mein Herz eine Kette ge⸗ Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 10 ¹ . — 146— legt, welche die Liebe mir nicht tragen hilft?“ Nur werde ich, wenn die Laſt dieſer Kette mir zu ſchwer wird, und dieſes unnatürliche Verhältniß einer Ehe ohne Liebe und ohne Uebereinſtimmung mich zermar⸗ tert und zur Verzweiflung treibt, nur werde ich auf Ihr Haupt dann den Fluch meines Unglücks ſchleudern und Sie verantwortlich machen für mein zerbrochenes Daſein und meine zerſchellten Hoffnungen.— Nehmen Sie dieſe Bedingungen an, mein Bruder, wollen Sie nun noch, daß ich mich vermähle? Ich nehme dieſe Bedingung an, ſagte der König feierlich, ich will, daß Sie Sich vermählen, denn es iſt für den Thron eine Nothwendigkeit, daß er um⸗ geben ſei von Prinzen, die durch ihre Familienintereſſen an das Intereſſe des Königs gefeſſelt ſind, die mit ihren Kindern und Söhnen den Thron ſtützen und an ihn das Intereſſe und die Liebe des Volkes feſſeln. Denn das Volk hat eine heilige Scheu vor dem Fa⸗ milienglück und es glaubt ſich ſelber glücklicher und geſegneter, wenn auch die Familie ſeines Fürſten glück⸗ lich und geſegnet iſt; die Kinder ſeiner Fürſten und ſeiner Prinzen ſind gewiſſermaßen auch die Kinder des Volkes, es nimmt Theil an ihrem Wohlergehen und an ihrer Erziehung, denn es weiß, daß die Söhne dazu beſtimmt ſind, ſeine Feldherren und Anführer zu wer⸗ den, die Töchter, um in anderen Ländern ein Beiſpiel abzugeben ſeiner eigenen Geſittung und Bildung. Die Familie iſt das feſteſte Band, welches die Völker und ihre Fürſten vereinigt.— Das, mein Bruder, ſind die Gründe, aus denen ich Ihre Vermählung wünſche, und da Sie von mir die ganze Wahrheit fordern, ſo will ich auch noch höchſt proſaiſcher Weiſe hinzufügen: ich wünſche auch um deswillen, daß meine Brüder ſich vermählen, weil die Verbindung mit anderen Län⸗ — 147— dern meinem Volke neue Erwerbsquellen eröffnet, und weil die Mitgift einer Prinzeſſin auch neues Geld und neuen Verkehr in mein Land bringt. Ich bin es daher ſehr wohl zufrieden, daß ich nur Brüder und keine Schweſtern mehr zu verheirathen habe, denn es iſt beſſer zu nehmen, als zu geben, und jedenſalls nehmen wir, wenn wir heirathen. Demgemäß darf ich wohl vermuthen, daß Euer Majeſtät auch ſchon für mich gewählt, und mir eine Braut mit möglich reichſter Mitgift ausgewählt haben? Sie haben Recht, cher trere, ich habe Ihnen die Prinzeſſin Wilhelmine, Tochter des Prinzen Max von Heſſen⸗Caſſel, ausgewählt; ſie bringt Ihnen nicht allein eine Ausſteuer mit, ſondern auch Schönheit, Jugend, Anmuth und Liebenswürdigkeit. Ich danke Ihnen, Sire, ſagte der Prinz kalt und förmlich. Ich würde mich auch vermählen, wenn ſie häßlich, alt und unliebenswürdig wäre, denn es kommt bei dieſer Geſchäftsſache durchaus nicht auf dergleichen äußere kleine Nebendinge an. Wenn man ſich als Selave verkauft, iſt es gleichgültig, ob der Käufer häßlich oder ſchön, alt oder jung ſei. Iſt es mir in⸗ deſſen erlaubt, an meine Einwilligung zu dieſer Hei⸗ rath einige kleine Bedingungen zu knüpfen? Sprechen Sie, meine Bruder, ich höre Ihnen zu. Der Prinz antwortete nicht ſogleich. Er athmete raſch und ſchwer und eine glühende Röthe überflog einen Moment ſein bleiches, zuckendes Angeſicht. Er war ſich bewußt, daß er jetzt am Wendepunkt eines neuen Daſeins ſtehe und daß ſeine Worte jetzt wie der Zauberſpruch ſein würden, vor welchem die ver⸗ ſchloſſene Pforte ſeiner Zukunft ſich aufthun müſſe. Sgprechen Sie, mein Bruder, wiederholte der König. Nennen Sie mir Ihre Bedingungen. 10* — 148— Nun wohl, es ſei, ſagte der Prinz aufathmend. Meine erſte Bedingung iſt, daß Sie mir geſtatten zur Feier meiner Verlobung ein glänzendes Feſt zu geben, zu welchem ich die ganze Hofgeſellſchaft nicht nur, ſon⸗ dern auch noch einen guten Theil der nicht hoffähigen Berliner einladen möchte. Ich wünſche, daß ganz Berlin Theil nehmen möchte an meinem Glücke, und daß Jedermann ſich durch den Glanz meines Feſtes und durch meine Heiterkeit überzeugen möge, daß ich freudig und freiwillig, und nicht gezwungen und wider meine Neigung, mich der Prinzeſſin verlobt habe. Des Königs Augen ruhten mit einem eigenen ge⸗ rührten, wehmüthigen Ausdruck auf dem Antlitze ſeines Bruders. Er verſtand vollkommen dieſes arme, ſchmerz⸗ zuckende, ſtolze Herz, dieſe verwundete Seele, welche den Dolch aus ihrer Wunde ziehen und ihn ihrem Mörder vor die Füße ſchleudern wollte, indem ſie lächelnd ſagte:„Die Wunde ſchmerzt nicht mehr, und ich ſterbe nicht daran, denn der Balſam der Verach⸗ tung hat mich geheilt.“ Er wußte, daß der Prinz mit ſeiner Verlobung und ſeinem Feſte nur eine De⸗ monſtration machen wolle gegen ſeine treuloſe Geliebte, daß er ſich dem Willen ſeines Bruders nur unter⸗ warf, weil ſein ſtolzes Herz ſich aufbäumte gegen den Gedanken, als ein verſchmähter Liebhaber bemitleidet zu werden. Aber er wollte ſich in zartſinnigem Tact⸗ gefühle nicht den Anſchein geben, ihn zu verſtehen und ihn durchſchaut zu haben. Ich nehme dieſe erſte Bedingung an, ſagte der König nach einer Pauſe, und ich hoffe, daß Sie mir erlauben, bei dieſem ſchönen Feſte gegenwärtig zu ſein. Berlin mag ſich überzeugen, daß wir in herzlichem Einverſtändniſſe leben.— Haben Sie keine weiteren Bedingungen? — 149— Doch! Noch eine, Sire! Und dieſe iſt? Daß meine Vermählung in ſpäteſtens vier Wochen ſtattfinde! 3 Sie erfüllen damit meinen beſonderen und ganz perſönlichen Wunſch, ſagte der König lächelnd. Denn es liegt mir ſehr viel daran, dieſe Vermählung bald geſchloſſen zu ſehen, weil ich nach den beendigten Feſt⸗ lichkeiten eine kleine Reiſe unternehmen möchte. Da alle Vorbereitungen getroffen, alle Unterhandlungen be⸗ endigt ſind, ſo ſteht der Vermählung, denke ich, kein Hinderniß mehr im Wege. Haben Sie noch einen anderen Wunſch, mein Bruder? Nein, Sire, ich bin zu Ende. Dann erlauben Sie mir, Sie noch um die Erfül⸗ lung einer Bitte zu erſuchen. Ich wünſche, daß dieſe Stunde eine freundliche Erinnerung in Ihrem Herzen zurücklaſſe, und möchte Ihnen deshald gern ein An⸗ denken an dieſelbe geben. Nehmen Sie alſo von mir mein Schloß Rheinsberg, mit Allem, was drin, dran und drum iſt, als Geſchenk an. Wollen Sie mir dieſe Freude machen, mein Bruder? Er reichte mit einem köſtlichen Lächeln dem Prinzen ſeine Hand dar und hörte mit ſichtbarer Befriedigung den lebhaften und innigen Dankesworten ſeines Bru⸗ ders zu. Ich wählte für Sie Rheinsberg, ſagte er dann freundſich, nicht bloß, weil es mein Lieblingshaus iſt und ich dort ſchöne und heitere Tage verlebte, ſondern, weil keins meiner anderen Häuſer ſo gut für einen unzufriedenen, mit ſeinem König grollenden Prinzen ge⸗ eignet iſt. Ich habe das an mir ſelber erfahren, und gebe Ihnen Remusberg, wie es mir mein Vater gab, als eine angenehme Retraite, wo man ein wenig der — 150— ſtrengen Beobachtung des Königs entzogen iſt, und ſich zuweilen einbilden mag, man ſei ein freier, ſelbſtſtän⸗ diger Mann. Gehen Sie alſo, wenn Sie mit mir und der Welt grollen, nach Rheinsberg, dort werden Sie ſich verſöhnen und ein freier ſelbſtregierender König ſein, um ſo glücklicher, weil Sie kein Volk, ſondern eben nur ſich ſelbſt und Ihren Hof zu regieren haben. In Rheinsberg werden Sie auch am füglichſten den erſten Monat nach Ihrer Vermählung zubringen, und gebe das Schickſal, daß er für Sie ein Honigmond ſei. Der Prinz antwortete nur mit einem kalten Lächeln und bat um die Erlaubniß, ſich zurückziehen zu dürfen, um die nöthigen Vorbereitungen zu ſeinem Verlobungs⸗ feſt zu machen. Wir wollen Beide unſere Vorbereitungen treffen, mein Bruder, ſagte der König, dem Prinzen zum Ab⸗ ſchiede die Hand reichend. Sie mit Ihrem Haushof⸗ meiſter und den Decorateurs, ich mit dem Baron von Pöllnitz, den ich als außerordentlichen Geſandten nach Caſſel ſchicken will, um feierlich für Sie zu werben. Gehen wir alſo Beide an unſere Geſchäfte! XI. Die reiſenden Muſikanten. Die Feſtlichkeiten waren beendigt; Berlin, welches ſeine Fackelzüge, ſeine Illuminationen, ſeine Bälle und Redouten zu Ehren des Prinzen Heinrich und ſeiner neuvermählten Gemahlin, der Prinzeſſin Wilhelmine, — — 151— gebabt hatte, Berlin ruhte aus von ſeinen Freuden und war wieder ruhig und ſtill geworden. Der Prinz hatte ſich mit ſeiner jungen Gemahlin und ſeinem neucreir⸗ ter Hofſtaate nach Rheinsberg zurückgezogen, und man erählte ſich in Berlin viel von den glänzenden Feſten, mi welchen er dort ſeine ſchöne Gemahlin feiere. Shön war ſie wirklich, die junge Prinzeſſin Wilhel⸗ mine, und die guten Berliner, welche ſie immer mit Jauchzen begrüßt hatten, wenn ſie an der Seite des Prinzen entweder auf dem Balcon, oder im offenen Wagen ſich dem Volke zeigte, die guten und empfind⸗ ſamen Berliner wollten behaupten, daß es kein glück⸗ licheres, verliebteres Paar geben könne, als der Prinz und ſeine Gemahlin; ſie wollten geſehen haben, daß die großen ſchwarzen Augen der Prinzeſſin mit einem überaus zärtlichen und glühenden Ausdrucke ſich immer auf den Prinzen gerichtet hattten, und daß der Prinz dieſen Blicken immer mit einem glückſeligen Lächeln begegne ſei.— Es war alſo entſchieden, der Prinz war ein ſehr glücklicher junger Ehemann, und die Se⸗ genswünſche der Berliner folgten daher der ſchönen Prinzeſſin nach Rheinsberg hin, wo, wie der König beſtimmt hatte, das junge Paar ſeinen lune de miel feiern ſollie. 3 5 Während in Rheinsberg der Prinz Heinrich glän⸗ zende Feſte gab, mit denen er vielleicht ſich ſelber be⸗ täuben, vielleicht nur die Welt über ſeine wahren Empfindungtn täuſchen wollte, verließ der König Sans⸗ ſouci, um einee ſeiner gewöhnlichen militäriſchen In⸗ ſpektionsreiſen anzutreten. Aber er ging nicht, wie man vermuther hatte, nach Königsberg, und wenn Treuck wirklich die Abſicht gehabt hätte, den König bei ſeiner Anweſenheit daſelbſt zu ermorden, ſo war ihm das jetzt — dog durch dieſe Umgeſtaltung, welche der König mit ſeinen Reiſeplane vorgenommen, unmöglich gemacht. Der König begab ſich dies Mal in die Rheinpw⸗ vinzen. In Cleve aber entließ er ſein Gefolge, wal⸗ ches nach Berlin zurückkehrte. Der König erklärte, er bedürfe der Erholung und wolle einige Tage in galz ungeſtörter Stille auf Schloß Moyland zubringen. Nie⸗ mand begleitete ihn dorthin, als der Obriſt von Bally, einer der vertrauten Freunde des Königs, und ſein treuer Kammerhuſar Deeſen. Der König war in einer ungewöhnlich heiteren Stimmung, ſein Auge ſtrahlte in Freudigkeit und zuſt, und als er auf dem Schloſſe, welches dicht an der hol⸗ ländiſchen Grenze lag, angelangt war, und nach kur⸗ zem Ausruhen in ſeinem Zimmer den Obriſt Balby zu ſich rufen ließ, fand ihn dieſer zu ſeiner äuferſten Verwunderung damit beſchäftigt, das Innere eines Koffers zu unterſuchen, welcher indeß nichts enthielt, als einige Kleidungsſtücke von unanſehnlichem Aeußern, und wenig geeignet, um die Aufmerkſamkeit eines Kö⸗ nigs zu erregen. Balby, ſagte der König, indem er mit feierlichem Ernſt und doch zugleich mit einem ſchalkhaften Blitzen der Augen dem Obriſten einen einfachen Rock von brau⸗ ner Farbe überreichte, Balby, ich bin Dir eine Beloh⸗ nung für Deine treuen Dienſte und Dein⸗ herzliche Freundſchaft ſchuldig, und dieſe Belohnung ſoll wahr⸗ haft fürſtlich ſein. Es iſt wahr, ich hätte Dir eine Viertelelle Band geben können als Abzeichen unter der Heerde meiner Schafe, deren treuer Hirte ich bin, aber das iſt eine ſo gewöhnliche Auszeichnung, daß Seelen, wie die Deine, ſich eher davon erniedrigt als beglückt fühlen können. Ich habe mir alſo für Dich eine ganz neue, noch nie verliehene Gunſt erſonnen. Nimm hier — 153— dieſes braune Gewand als ein Zeichen meiner Freund⸗ ſchaft an, und damit Du Dich überzeugen mögeſt, daß ich ſchon lange mit dieſer Ueberraſchung, welche ich Dir bereiten wollte, mich beſchäftigt habe, will ich Dir erzählen, daß ich ſchon in Berlin Rock und dieſes Bein⸗ kleid für Dich bei Deinem Tailleur heimlich habe an⸗ fertigen laſſen und es Höchſtſelbſt in dieſen Koffer ge⸗ packt habe, um es Dir hier feierlich zu überreichen. Nimm es, mein Freund, und trage es zu meinem Andenken. Und mit einem ernſten Neigen des Hauptes über⸗ reichte der König dem Obriſten Balby die beiden Klei⸗ dungsſtücke. Der Obriſt empfing dieſes ſeltſame Gnadengeſchenk mit einem ſo verlegenen und erſtaunten Geſichte, daß es den König lachen machte. Wie, fragte er dann pathetiſch, biſt Du etwa nicht zufrieden mit meiner Gunſtbezeugung? Obriſt Balby merkte jetzt an dem ſchalkhaften Weſen des Königs, daß hinter dieſem braunen Kleide noch ein Geheimniß verborgen ſein müſſe, und daß es da⸗ her das Beſte ſein würde, auf des Königs Weiſe ein⸗ zugehen. Sire, ſagte er daher emphatiſch, Sire, zufrieden iſt nicht das rechte Worte für das, was ich empfinde. Ich bin begeiſtert, ſprachlos, außer mir, über dieſe un⸗ erhörte Gunſtbezeugung. Und wie ſollte es mich nicht zur tiefſten Dankbarkeit bewegen, daß Euer Majeſtät die Gnade gehabt für mich ein neues Coſtüm zu er⸗ finden, ein Coſtüm, das ich mit keinem Menſchen theile, das in ſeiner liebreizenden Farbe mich als eine ver⸗ größerte, gebrannte Kaffeebohne wird erſcheinen laſſen und alle Kaffeeſchweſtern in mich verliebt machen wird. Der König lachte. Dieſes Kleid hat allerdings die — 154— „Gabe der Verzauberung, ſagte er, und wenn Du es angelegt haſt, wird der Obriſt von Balby aus der Reihe der Lebendigen ausgeſchieden ſein. Aber Du wirſt dieſe Transfiguration Deiner ſelbſt nicht allein vornehmen, denn ſiehe, hier iſt ein ähnliches braunes Gewand und das, mein Freund, iſt für mich beſtimmt. Wenn ich es anlege, werde ich den König von Preußen ansgezogen haben und mein Kammerdiener ſoll ihn bis auf Weiteres in den Kleiderſchrank hängen, denn in dieſem braunen Gewande werde ich nicht König ſein, ſondern ein freier, glücklicher Menſch. Ah, es handelt ſich hier um eine Verkleidung? rief der Obriſt. Oder vielmehr, wir wollen die Verkleidungen von uns werfen und einmal ohne Maske und ohne Mum⸗ menſchanz umhergehen. Wir wollen uns einmal den Spaß machen, gewöhnliche Menſchen zu ſein, und un⸗ beachtet und unbeſchwatzt umher zu wandern. Biſt Du damit einverſtanden Balby, oder iſt Deine Obriſten⸗ Uniform Dir wichtiger, als Dein Menſchenthum? Ob ich damit einverſtanden bin, Sire, rief der Obriſt, ich bin entzückt über dieſen genialen Gedanken! So nimm Deine Kleider, Freund, und begieb Dich damit in Dein Gemach, um ſie anzulegen. Aber halt! Haſt Du, wie ich Dich bat, Deine Violine mitgebracht? Zu Befehl, Sire. Nun denn, wenn Dein Anzug fertig iſt, nimm Deine Violine, packe ſie in ihren Kaſten, und mit die⸗ ſem Kaſten unter dem Arm und etwas Geld in der Taſche begieb Dich in den Garten, und nach jenem kleinen Pavillon, der an dem äußerſten Ende deſſelben dicht neben dem kleinen Hinterpförtchen liegt. Dort in dem Pavillon wirſt Du mich treffen. Nun eile, mein Freund, denn wir haben keine Zeit zu verlieren. —— — 155— Als der Obriſt Balby ſich nach einiger Zeit, dem Befehle des Königs gemäß, in den Garten und nach jenem kleinen Pavillon verfügte, den der König ihm zum Rendezvous bezeichnet hatte, fand er indeſſen dort nicht den König, ſondern nur zwei ihm völlig unbe⸗ kannte Männer. Der Eine von dieſen trug einen brau⸗ nen Rock von der Farbe des Kleides, welches Balby trug, verziert mit großen Knöpfen von geſchnitzter Perlemutter, dazu ein ſchwarzes Pantalon und Schuhe mit großen Schnallen, deren Einfaſſung von weißen Steinen nicht den feurigen Glanz wirklicher Diaman⸗ ten, ſondern nur den trüben Schimmer geſchliffenen Glaſes hatte. Auch die Spitzen an ſeinem Jabot, und die Manſchetten, welche aus den Aermeln ſeines brau⸗ nen Rockes hervorſchauten, waren nur von ziemlich grobem und gewöhnlichem Gewebe und verriethen we⸗ nig Eleganz. Auf dem Kopfe trug dieſer Fremde ein ziemlich grobes dreieckiges Hütchen, ohne allen Zierrath, ja ſelbſt ohne die gewöhnliche ſilberne Treſſe und Ein⸗ faſſung, und unter dem Hut wallte ſein langes, brau⸗ nes, ungepudertes Haar in langen Locken bis auf die Schultern hernieder, während es hinten vermittelſt einer großen ſchwarzen, mit langen Enden verſehenen Schleife zu einem ſchönen Haarbeutel zuſammengefaßt war. Hinter dieſem Fremden ſtand ein Anderer, in ein⸗ facher, ſchlichter Tracht, wie ſie etwa die Kellner der Gaſthöfe, oder die Bedienten bürgerlicher Leute, welche damals noch nicht berechtigt waren, ihre Diener in Liorée erſcheinen zu laſſen, zu tragen pflegten. Dieſer Mann trug unter dem einen Arm einen kleinen Man⸗ telſack und unter dem andern ein langes ledernes Fut⸗ teral, das entweder eine Elle oder eine Flöte enthalten mochte. Er erwiederte den flüchtigen Gruß des Obriſten — 156— mit einem ſeltſamen Grinſen und einer tiefen Ver⸗ beugung. Eine kleine Pauſe trat ein, dann rief der vermeint⸗ liche Fremde mit einem fröhlichen Lachen: Balby, kennſt Du mich nicht? Der Obriſt ſchrak zuſammen bei dem Klange dieſer Stimme, und trat entſetzt einen Schrittt zurück. Wie, Sire, ſagte er, Sie ſind es? Sie ſelber? Ja, ich ſelber, das heißt ich, Friedrich, aber nicht der König! Der hängt wirklich da oben im Kleider⸗ ſchrank, und ich habe mir einen neuen Menſchen an⸗ gezogen, der ſich des Lebens freuen, und da er ſo viel Galle hat trinken müſſen, es einmal verſuchen will, ob es für ihn nicht auch einen ſüßen Labetrank und ein wenig Luſt und Menſchenfreude giebt. Ja, ich bin Friedrich, und dieſer capitale Diener da iſt mein guter Deeſen, der mir feierlich geſchworen hat, unſer In⸗ cognito nicht zu verrathen, und Niemand ſeine hohe Würde als königlicher Kammerhuſar ahnen zu laſſen. Er wird ſich, uns zu Liebe, herablaſſen, auf ein paar Tage der Diener von zwei unbeſternten und unbetitel⸗ ten Muſikanten zu ſein, welche in der Welt umher⸗ reiſen, ihr Glück zu verſuchen, und denen es leider ein wenig an Protectionen und Empfehlungsbriefen fehlt. Aber die ſich durch ihre Kunſt und ihr erhabenes Talent überall ſelbſt empfehlen werden, ſagte Balby mit einer ehrfurchtsvollen Verneigung. Der König lachte laut. Balby, ſagte er, Du ver⸗ gißt, daß Du ein armer Muſikant biſt, der zu Seines⸗ gleichen ſpricht. Wahrhaftig, dieſe Verbeugung paßt zu Deinem Rock wie ein Spitzenſchleier zu dem groben Anzug einer Bäuerin, oder eine Brillantnadel ſchmutzigen Hemde eines Bettlers. Du mußt Dei⸗ feinen Manieren, mi r A — 157— in den Salons biſt, jetzt ein wenig bei Seite legen, denn Du würdeſt damit in dieſem Gewande den der⸗ ben Schönen, denen wir vielleicht auf der Wieſe oder im Kuhſtalle begegnen, nur wie ein Zieraffe erſcheinen, den ſie verlachen und verſpotten, ſtatt ihn zu umarmen und zu küſſen. Ah, wir wollen alſo die Schönen auf der Wieſe und im Kuhſtall aufſuchen, fragte Balby, nicht mehr im Stande ſeine Neugierde zu unterdrücken. Wir wollen alſo wohl ein Schäferſpiel aufführen, und als Thyrſis und Damon uns unſere Galathee und Aminta aufſuchen? Sagen Sie mir, Sire, was wir thun und wohin wir gehen wollen, oder Sie riskiren, daß ich ſterbe vor Neugierde. Verſuche es einmal und ſtirb, ſagte der König hei⸗ ter, Du wirſt finden, daß das nicht eine ſo leichte Ar⸗ beit iſt, wie Du denkſt. Aber ich will Dich doch nicht martern und qnälen, ſondern Dir Deine Fragen be⸗ antworten. Was wir thun wollen? fragſt Du. Nun, wir wollen leben, glücklich ſein, und Abenteuer auf⸗ ſuchen. Wohin wir gehen, fragſt Du? Frage doch einmal den Sperling, der da eben am offenen Fenſter ſitzt, wohin er geht und welches das Ziel ſeiner Reiſe iſt? Der nächſte Baum, der nächſte Strauch, wird er Dir ſagen, oder der Gipfel einer Trauerweide, die auf irgend einem Grabe ſteht oder der Maſtbaum irgend — eines Schiffes, das auf dem Meere ſchaukelt, oder der Zweig einer Linde, die vor dem Fenſter eines ſchönen Mädchens ſteht. Ebenſowenig wie man von einem Vogel verlangen kann, daß er das Ziel ſeiner Reiſe im Voraus beſtimme, ebenſo wenig kannſt Du das von mir verlangen, mein Freund. Denn frei ſind wir, wie der Vogel in der Luft, und unſere Seele hat Scchwingen bekommen, um ſich zu erheben über dieſen Wuſt und Staub, dieſe Erbärmlichkeit und Jämmer⸗ lichkeit der Erde. Komm, komm, laß uns fliegen, flie⸗ gen, Freund, denn ſieh nur, auch der Sperling dort flattert von dannen. Laß uns ihm folgen. Und mit einem glückſeligen, ſtrahlenden Lächeln, das ſein Antlitz verklärte wie der Glanz der Morgenſonne, nahm der König den Arm ſeines Freundes und ver⸗ ließ den Pavillon, gefolgt von ſeinem Diener, dem Kammerhuſaren Deeſen. Deeſen, jetzt ſei für uns der Engel mit dem flam⸗ menden Schwerte, ſagte der König, als ſie vor dem kleinen Thor ſtanden, das in der Mauer angebracht war, öffne uns die Pforte des Paradieſes, aber nicht um uns auszuſtoßen, ſondern um uns einzulaſſen. Deeſen ſchloß die Pforte auf und ſie traten hinaus in's Freie. Laß uns hier einen Moment ſtüll ſtehen, ſagte der König, ſeinen ſtrahlenden Blick über dieſe weite, grüne Landſchaft, die ſich vor ihnen ausbreitete, hinſchweifen laſſend. Oh, mein Gott, wie ſchön und wie prächtig erſcheint mir heute die Welt, ſo, als ob ſie ſich ein Feierkleid angezogen hätte, um zwei freie Menſchen zu begrüßen, welche keinen andern Herrn ſür den Moment haben, als Gott allein, und keine andere Pflichten, als möglichſt heiter und glücklich zu ſein. Merke nur auf dieſe erhabene Stille in der Natur. Ich habe ſie vor dem Geräuſche meiner ſchnatternden Höflinge niemals ſo heilig und groß empfunden, wie jetzt, und doch, trotz dieſer Stille, ſcheint mir, ſingt und klingt es in der Luft wie mit tauſend und aber tauſend Jubelſtim⸗ men, und dieſer Wind, welcher da oben in furchtbarer Herrlichkeit heranflattert und die Bäume ſchüttelt und die Blumen und die Gräſer erzittern macht, iſt das nicht der Herold, welcher das Nahen Gottes verkün⸗ — — 159— det? Und dieſe weißen Wolken, welche da oben am blauen Himmel träumeriſch und ſinnend einherwallen, ſind das nicht die ſtrahlenden Schleier, hinter welchen die ſchönen Göttinnen des Olymps ihre eigene Schön⸗ heit verhüllen, um nicht von unſeren niedrigen, ſterb⸗ lichen Augen beläſtigt zu werden? Oh, ſage mir doch, Balby, haſt Du jemals die Natur ſo ſchön und ſo ſtrahlend geſehen? Oh, Sire, ſagte Balby, mit bewundernden, zärt⸗ lichen Blicken in das ſchöne Antlitz des Königs ſchauend, oh, Sire, meine Augen haben nicht Muße die Natur anzuſchauen, denn ſie ſchauen Sie an, und in Ihrem Anſchauen fühle ich, daß es Wahrheit iſt, wenn man den Menſchen die Blüthe der Schöpfung und das Eben⸗ bild Gottes nennt. Nun, wenn ich Gott wäre, ſo würde ich mich da⸗ für bedanken, mit dieſem meinem welkenden, zerarbei⸗ teten Geſichte Portrait⸗Aehnlichkeit zu haben, ſagte der König lächelnd. Komm jetzt, laß uns fürbaß ſchreiten. Gieb mir mein Inſtrument, Deeſen, ich will es ſelbſt tragen, damit ich doch ein wenig Beſchwerde und Un⸗ bequemlichkeit bei'm Wandern habe. So, nun komme ich mir vor wie ein Handwerksburſche, der, ſeinen Ränzel auf dem Rücken, auszieht ſein Glück zu ver⸗ ſuchen. Die ganze Welt ſteht ihm offen, und ihm ge⸗ hört die ganze Welt. Herr Gott, wie beneidenswerth glücklich doch ſo ein Herr Handwerksburſche ſein muß! Nun wahrlich, es wird ſich keiner von ihnen träu⸗ men laſſen, daß ein König ihn um ſein Handwerks⸗ burſchenglück beneidet! rief Balby lachend. Und doch ſind ſie beneidenswerth, ſagte der König, denn ſie ſind frei. Aber nein, nein! Jetzt eben be⸗ neide ich Niemand. Mein iſt die Welt, mein liſt der Sonnenſchein und der Nachtfroſt. Ich werde Hitze und Kälte, Hunger und Durſt, Ermattung und Be⸗ ſchwerde haben, ich werde auf einige Tage ein ver⸗ kanntes Genie, ein armer Wanderburſch ſein, der ſich Ruhm und Geld ſuchen will. Denn, daß Sie's nur wiſſen, mein ſehr ehrenwerther Herr Obriſt von Balby, Sie werden nicht reiſen, wie es vielleicht Ihrem frü⸗ heren Range und Stande angemeſſen iſt, ſondern wie es zwei armen Muſikanten geziemt, zuweilen zu Fuß, zuweilen zu Wagen, zuweilen mit einer Treckſchuite; wir werden übernachten in ſchlechten Gaſthöfen, zu Mittag eſſen, wo wir eben um die Mittagszeit ſind, und bleiben, wo es uns wohlgefällt. Das Ziel unſe⸗ rer Reiſe iſt indeſſen Amſterdam, und da wollen wir uns die Muſeen und Gallerien anſchauen und unſere Kunſtſtudien machen. Ich danke Ener Majeſtät, rief Balby lachend, Sie haben mich von dem furchtbarſten Tode, dem Tode des Verſchmachtens und der Neugierde gerettet. Jetzt fühle ich mich wieder kräftig und ſtark und kann Schritt halten mit dem kräftigen Wanderſchritt Euer Majeſtät. Schweigend ſchritten ſie eine Zeitlang weiter, bis ſie dieſe zwei hohen ſchlanken Pfähle erreicht hatten, die da dicht hintereinander aufgerichtet waren, und von denen aus ſich links und rechts in langer Linie von Zeit zu Zeit große, weiß angeſtrichene Steine bemerk⸗ bar machten. Hier ſind wir auf der Grenze, ſagte der Obriſt auf die beiden Grenzpfähle deutend. Nehmen wir alſo hier Abſchied von den preußiſchen Farben, die wir hier an dieſem Pfahl zum letzten Mal ſchauen, Sire, be⸗ grüßen wir ſie mit ehrfurchtsvollem Neigen! Er nahm ſeinen Hut ab und verneigte ſich tief vor dem Pfahl mit der ſchwarz⸗weißen Farbe, eine Be⸗ — 161— grüßung, welcher Deeſen im echt preußiſchen National⸗ gefühl nacheiferte. Der König ſtimmte nicht mit ein in ihren patrio⸗ tiſchen Gruß und ihr Hurrah, er ſtand vorn überge⸗ neigt nnd ſchrieb mit ſeinem Krückſtock Zeichen in den vom Regen erweichten Lehmboden zu ihren Füßen. Komm einmal her, Balby, und lies das, ſagte er dann auf die Schriftzüge deutend. Kannſt Du's er⸗ kennen? Gewiß, ſagte Balby, es ſteht da geſchrieben:„Ma⸗ jeſtät! Sire!“ So iſt es, mein Freund, denn ich laſſe dieſe bei⸗ den Worte hier auf der preußiſchen Grenze neben dem ſchwarz⸗weißen Pfahl zurück. Vielleicht finden wir ſie wieder, wenn wir heimkehren, und dann wollen wir uns mit ihnen ſchmücken und den Mummenſchanz un⸗ ſerer Herrlichkeit wieder aufnehmen. Aber ſo lange wir auf holländiſchem Boden ſind, giebt es keinen Sire und keine Majeſtät. Wir verbannen dieſe beiden her⸗ melinbemäntelten Worte aus dem Dictionär unſerer Umgangsſprache, und wollen die heitere Luft der Ge⸗ neralſtaaten, welche ſich unterſtehen, ohne einen König und einen Sire zu exiſtiren, nicht mit dieſen Worten trüben. Aber wie werde ich alsdann meinen König zu nennen haben? fragte Balby. Du wirſt ihn„mein Freund“ nennen, voila tout! Und ich? fragte Deeſen ehrfurchtsvoll. Wollen Euer Majeſtät nicht die Gnade haben mir zu befehlen, wer Sie ſind? Ich bin der Herr Zollern, rief der König lachend, reiſender Flötenvirtuoſe und Muſikant, und wenn Dich Jemand fragt was ich in Amſterdam will, ſo ſagſt Du, ich wolle ein Concert dort geben. En avant, mes Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 11 3 8 — 162— amis! Dort liegt das erſte kleine holländiſche Städt⸗ chen. In einer Stunde ſind wir dort. Da nehmen wir Poſt und fahren eine Strecke weiter hinein in's Land. En avant, en avant! Es lebe die Freiheit und das ſchöne Wanderleben! XII. Reiſeabenteuer. Vor dem Poſthaus zu Grave hielt der Poſtwagen und harrte ſeiner Paſſagiere. Die Abfahrt des Poſt⸗ wagens war allemal für die Bewohner des kleinen Städtchens ein wichtiges Ereigniß, eine Begebenheit, welche doch auf einen Moment das eintönige Einerlei ihres Lebens unterbrach und ihnen wenigſtens dann und wann ein fremdes Geſicht zeigte, welches ihnen zu denken gab, und ſie träumen machte von der Ferne und der großen Stadt, wohin der beneidete Reiſende mit dem Poſtwagen gelangen konnte. Aber heute war ganz Grave in einer Art Span⸗ nung und Aufregung, denn ein unerhörter, höchſt ſel⸗ tener Fall war eingetreten, drei Fremde waren in dem Poſthaus, welches zugleich ein Gaſthof war, angelangt, und hatten, nachdem ſie ein Mittagseſſen von der beſten Sorte beſtellt, ſich drei Plätze im Poſtwagen genom⸗ men.— Die guten Einwohner von Grave ſollten alſo heute drei fremde Geſichter aus den kleinen Fenſtern der Caleſche herausſchauen ſehen, ſie ſollten über das Schickſal und die möglichen Reiſezwecke dreier unbe⸗ — 163— kannten Individuen nachdenken können! Sie fingen ſchon jetzt damit an, während dieſe Fremde noch in ihrer Mitte weilten. Einer hatte ſie mit beſtaubten Kleidern und ſichtbar erſchöpft in die Stadt einwan⸗ dern ſehen, und er mußte geſtehen, daß die dreiſten und und ungenirten Blicke, mit welchen die beiden Unbekannten in den brauuen Röcken ſeine junge Frau betrachteten, welche auf ſeinen Ruf das Fenſter ge⸗ öffnet hatte, ihm ſehr frech, ja ſogar verdächtig vorge⸗ kommen waren. Auch ſchien es ihm auffallend, daß Leute, die zu Fuß, und in ſo gewöhnlichen Kleidern in Grave einwanderten, einen Diener bei ſich führten. Denn offenbar war dieſer Menſch, welcher hinter ihnen herſchritt und den kleinen, höchſt winzigen Mantelſack trug, ihr Diener; aber wahrhaftig, er ſchien ein ganz übermüthiger und ſtolzer Geſelle, und trug den Kopf ſo hoch und ſtolz, als wäre er ein General oder Feld⸗ marſchall, und erwiederte nicht einmal die freundlichen Grüße der Leute, an denen ſie vorübergingen. Doch konnten ſeine Herren gar nicht vornehm und reich ſein, denn ſie trugen ja ſogar ſelber Jeder einen Kaſten unter dem Arm. Was mochte in dieſem länglichten Kaſten ſtecken, welche Geheimniſſe mochten ſich in dem⸗ ſelben derbergen? Vielleicht hatten ſie Piſtolen darin, und man hatte es mit Räubern und Mördern zu thun, welche von Ort zu Ort wanderten, um die Leute zu morden und zu berauben. Das Ausſehen der Fremden war martialiſch und wild genug, und ihre unverſchämten, frechen Blicke ließen wirklich das Aller⸗ ſchlimmſte vermuthen. Die ganze Stadt war, wie geſagt, in Bewegung, nud Jeder war begierig dieſe Fremden zu ſchauen, deren Anftreten ſo räthſelhaft und die ſich wie große Herren gebärdeten, während ſie doch nur gewöhnliche 11* 8 — 164— Leute zu ſein ſchienen. Es hatte ſich daher vor dem Poſthaus ein Kreis müßiger Zuſchauer gebildet, welche leiſe flüſternd und murmelnd die Fenſter des im Parterre belegenen Gaſtzimmers anſtarrten, wo, wie man wußte, die beiden Fremden, bedient von ihrem martialiſchen Diener, ihr Mittagseſſen einnahmen.— Und jetzt end⸗ lich ſollte ihr Verlangen befriedigt werden! Jetzt end⸗ lich ſah man den Diener mit dem Mantelſack erſchei⸗ nen, um dieſen in den Wagen zu legen und dann die beiden Kaſten zu holen, deren Inhalt man ſo gern gekannt hätte. Nun ſtieß der Poſtillon in's Horn, der Augenblick der Abfahrt war da.. Ein Gemurmel durchflog die Reihen der neugieri⸗ gen Kleinſtädter. Da kamen die beiden Fremden, da näherten ſie ſich dem Wagen, und warfen ſo ſtolze, gebieteriſche Blicke auf die Zunächſtſtehenden, daß dieſe ſcheu zurückwichen, als fürchteten ſie von den Blicken dieſer Mörder ſchon allein getödtet zu werden. Der Poſtillon ließ zum zweiten Mal ſeine Fan⸗ faren ertönen. Die Fremden wollten einſteigen. In der Hausthür ſtand der Herr Poſthalter, hinter ihm ſeine Frau, die hochgebietende Frau Poſthalterin. Hörſt Du, Niclas, flüſterte ſie, ich will und muß durchaus wiſſen, wer dieſe Fremden ſind. Die Frau Bürgermeiſterin ärgert ſich zu Tode, wenn ich etwas weiß, was ſie nicht weiß, und ſie ſoll's von mir nimmermehr erfahren wer die Fremden ſind. Aber wiſſen will ich's, Niclas! Gehe alſo und fordere ihre Päſſe. 1 Und der an Gehorſam gewöhnte Herr Niclas trat hinaus und rief dem Poſtillon, welcher eben die Peitſche hob, um ſeinen Pferden das Zeichen zur Abfahrt zu geben, ein donnerndes Halt! zu. — 165— Dann trat er zum Wagen und öffnete den Schlag deſſelben. Ihre Päſſe, meine Herren, ſagte er rauh. Sie haben vergeſſen mir Ihre Päſſe zu zeigen. Die neugierigen Zuſchauer athmeten mit ſichtbarer Befriedigung auf, und nickten dem kühnen Poſthalter ermuthigenden Beifall zu. Ihr freut Euch, murmelte die Frau Poſthalterin, welche von ihrer Thür aus Alles beobachtete und die Gedanken ihrer gaffenden Freunde zu errathen ſchien, Ihr freut Euch, aber Ihr werdet doch nichts erfahren. Ich werde Eure Neugierde nicht befriedigen. Herr Niclas indeſſen ſtand noch immer an der ge⸗ öffneten Wagenthür, ohne daß man ſeiner Forderung Folge geleiſtet hatte. Er wiederholte dieſelbe zum drittenmal. Und iſt das hier der Brauch, Monſieur, fragte eine ſtolze, gebieteriſche Stimme aus dem Innern des Wagens, iſt das hier der Brauch den Reiſenden ihre Päſſe abzufordern? Wir können's wenn wir wollen, ſagte der Poſt⸗ halter rauh. Es iſt eine Verordnung, daß wir von jedem Poſtreiſenden, wenn es uns beliebt, ſeine Pa⸗ piere fordern dürfen. 3 Und warum beliebt es Ihnen, die unſrigen zu for⸗ dern? fragte die Stimme wieder. Es beliebt mir, weil es mir beliebt, war die Antwort. Aber jetzt ſah man aus der Thür des Wagens ein ſtrenges, von Zorn geröthetes Angeſicht hervor⸗ ſchauen, und ſeine zürnenden Blicke auf den Poſthalter ſchleudern.. Herr, bedenken Sie Ihre Worte wohl, und hüten Sie ſich— — 166— Still, unterbrach ihn die Stimme deſſen, der zu⸗ vor geſprochen. Fangen wir nicht unnöthigen Scan⸗ dal an, mon ami.— Weshalb, mein Herr Poſthalter, beliebt es Ihnen unſere Päſſe zu fordern? Weshalb? fragte Niclas, der ſehr ſtolz darauf war, vor ſeinen Freunden eine ſo glorwürdige Rolle zu ſpielen. Weshalb ich Ihre Päſſe fordere, wollen Sie wiſſen? Nun denn, weil Sie mir verdächtig vor⸗ kommen! Aus dem Innern des Wagens erſchallte ein fröh⸗ liches Gelächter. Und warum kommen wir Ihnen verdächtig vor? fragte dann die erſte Stimme. Weil ich niemals Leuten ohne Gepäck traue, war die ſtolze, lakoniſche Antwort. Bravo! Sehr gnt geantwortet! murmelten die Zuſchauer, und ſelbſt Frau Niclas ſagte ſich erſtaunt, daß ihr Mann zum erſtenmale Muth und Tapferkeit bewieſen. Wir bedürfen keines Gepäcks, ſagte die Stimme, wir ſind reiſende Muſiker, welche nach Amſterdam gehen. Reiſende Muſiker! Um ſo mehr Grund, Ihnen zu mißtrauen, denn von herumziehenden Muſikanten hat man noch niemals Gutes gehört! Herr jetzt werden Sie unverſchämt, rief die zweite Stimme, und jetzt ſprang der größte nud jüngſte der beiden Fremden, jetzt ſprang Balby aus dem Wagen, während zugleich der Diener ſich von ſeinem Sitz neben dem Poſtillon niederſchwang und ſich drohend und mit wuthentflammtem Geſicht dem Poſthalter ge⸗ genüber neben ſeinem Herrn aufſtellte. 1 Wagen Sie es noch, ein einziges, beleidigendes Wort zu ſagen, rief Balby, ſo ſind Sie verloren, ſo— Aber eine Hand legte ſich auf ſeine Schulter und — 167— eine Stimme flüſterte in ſein Ohr:„Compromittiren Sie uns nicht!“— Es war der König, welcher jetzt gleichfalls den Wagen verlaſſen hatte, und mit ſeinen leiſe flüſternden Worten den tobenden Zorn ſeines Begleiters beſchwichtigt hatte. Verzeihen Sie, mein Herr, wenn mein Freund zu heftig ward, ſagte der König, indem er ſich mit einem ironiſchen Lächeln vor dem Poſthalter verneigte. Wir ſind es nicht gewohnt, auf dieſe Weiſe ausgefragt und beargwohnt zu werden, und ich darf Sie verſichern, daß wir, obwohl nur herumziehende Muſikanten, wie Sie zu ſagen beliebten, doch ehrliche Leute ſind, welche ſchon vor Königen und Fürſten ihre Kunſt haben hören laſſen. Wenn Sie ehrliche Leute ſind, ſo zeigen Sie mir Ihre Päſſe! Kein ehrlicher Menſch reiſt ohne Paß und Legitimation.— 1 Mir ſcheint hingegen, daß kein Spitzbube ohne Paß reiſen ſollte, ſagte der König. Man kann es Niemanden anſehen, daß er kein Spitzbube iſt, Ihnen auch nicht! Balby ſtieß einen Schrei des Zorns aus, und trat dichter auf den verwegenen Poſthalter zu, während ſein Diener ſeine geballten Fäuſte drohend gegen Niclas erhob. Der König wußte indeſſen ſchnell wieder mit einem einzigen flammenden Blick ihre Zornausbrüche zu bannen.. Mein Herr, ſagte er zu Niclas, Gott hat mein Geſicht gemacht, es iſt alſo nicht meine Schuld, wenn es Ihnen nicht gefällt. Was aber die Päſſe anlangt, ſo liegen ſie wohl verwahrt in meinem Mantelſack. Ich denke, das wird Ihnen genügen. Nein, das genügt mir durchaus nicht, ſchrie Herr — 168— Niclas. Zeigen Sie mir Ihre Päſſe, wenn ich glau⸗ ben ſoll, daß Sie keine Vagabunden ſind! Herr, Sie unterſtehen Sich, uns für Vagabunden zu halten? rief der König, deſſen Geduld jetzt auch erſchöpft ſchien, und deſſen klare, hohe Stirn ſich leicht bewöllte. Die Polizei muß Jeden ſo lange für einen Ver⸗ brecher halten, bis er bewieſen hat, daß er keiner iſt, ſagte Niclas emphatiſch. Der Zorn des Königs hatte ſich ſchon gelegt und ſeine Stirn war wieder klar und heiter. Das Ver⸗ brecherthum iſt alſo in den Augen der Polizei eigentlich der Normalzuſtand der Menſchen? fragte er lächelnd. Mein Herr, Sie haben durchaus nicht das Recht, der Polizei ſpitzfindige Fragen vorzulegen, rief Herr Nielas ſtrenge. Sie ſind da, um zu antworten und nicht um zu fragen! 3 3 t Der König hielt lachend den drohend erhobenen Arm ſeines Begleiters auf. Mon Dieu, flüſterte er, ſiehſt Du denn nicht, daß mich dieſe Scene ungemein beluſtigt, und daß ich nach ſeinen Grobheiten ſchmachte, wie ein verliebtes Mädchen nach dem Kuß ihres Ge⸗ liebten? Laut ſagte er dann: Fragen Sie alſo, mein Herr, ich bin bereit zu antworten! Haben Sie einen Paß? Ja, Herr! So geben Sie ihn mir, damit ich ihn viſire. Um das zu können, muß ich erſt meinen Mantel⸗ ſack öffnen, und das iſt unbequem. Aber wenn das Geſetz es durchaus erfordert, ſo werde ich es thun! Das Geſetz erfordert es durchaus! Der König gab ſeinem Diener einen Wink und — — 169— befahl ihm den Mantelſack aus dem Wagen zu heben und in das Haus zu tragen. Aber wozu dieſe Umſtände, fragte Herr Niclas, das iſt ein unnöthiger Zeitverluſt und der Poſtillon darf nicht mehr warten. Wenn er zu ſpät auf der nächſten Station anlangt, muß der Poſtillon Strafe zahlen! Ich warte keine Minute mehr, rief der Poſtillon entſchloſſen. Steigen Sie ein, oder ich fahre ab! Zeigen Sie mir Ihre Päſſe, und dann ſteigen Sie ein, rief Niclas. Die Fremden machten ein verlegenes unentſchloſſe⸗ nes Geſicht, und man ſah es ihnen an, daß ſie ſich beklommen und unbehaglich fühlten. Herr Niclas ſchaute triumphirend auf den zahl⸗ reichen dichtgedrängten Kreis ſeiner Zuhörer, die ihn mit bewundernden Blicken anſtarrten, und in athem⸗ loſer Stille der Entwickelung dieſer Scene entgegen⸗ harrten. Steigen Sie ein oder ich fahre ab, wiederholte der Poſtillon. Geben Sie mir Ihre Päſſe, oder ich laſſe Sie nicht abfahren, ſchrie Herr Nielas, indem er die beiden geheimnißvollen Kaſten aus dem Wagen nahm und ſie entſchloſſen vor den Fremden niederſetzte. Laſſen Sie uns in's Haus gehen, flüſterte der Kö⸗ nig ſeinem Freunde zu. Wir müſſen ſchon bonne mine à mauvais jeu machen. Und er näherte ſich entſchloſſen der Hausthür. Aber da ſtand die Frau Poſthalterin mit funkeln⸗ den Augen und einem ſchadenfrohen Lächeln. Der Poſtillon fährt ab und Sie verlieren dann ihr Geld, ſagte ſie. Die Poſt giebt niemals das Geld, „was ſie einmal bekommen hat, wieder heraus. — 170— ſchaft, rief der König lachend. Aber immerhin möge die Poſt behalten, was ſie hat. Zeigen Sie mir ge⸗ fälligſt ein Zimmer, wo ich in Muße meinen Mantel⸗ ſack öffnen kann, und ſorgen Sie für Kaffee und ein gutes Glas Wein! Es lag etwas ſo gebieteriſches in der Stimme des Königs, etwas ſo imponirendes in ſeiner ganzen Er⸗ ſcheinung, daß ſelbſt die ſieggewohnte Frau Poſthalterin ſich davon gebändigt fühlte und ſchweigend den Herren voranſchritt, um ihnen ihr ſſchönſtes Logirzimmer zu öffnen.— Der Diener folgte ſeinen Herren mit den beiden Kaſten und dem Mantelſack, den er auf dem Tiſch niederlegte und ſich dann wieder vor die Thür 3 Ah, ich dachte nur die Kirche hätte dieſe Eigen⸗ begab. Jetzt, Madame, verlaſſen Sie uns, befahl die ge⸗ bieteriſche Stimme des Königs, und thun Sie, was ich Ihnen geſagt habe. — Frau Niclas entfernte ſich und die Herren blieben allein. Nun, was fangen wir jetzt an? fragte der König lächelnd. Ich glaube, wir ſind in Gefahr, mit unſe⸗ rem ganzen wundervollen Reiſeplan zu ſcheitern. Euer Majeſtät haben ja nur nöthig, ſich dem Poſt⸗ halter zu erkennen zu geben, ſagte Oberſt Balby. Und wenn er mich nicht erkennen will, dieſer Fri⸗ pon, welcher behauptet, man könne es mir nicht an⸗ ſehen, daß ich kein Spitzbube bin? Wenn dieſer blöde 3 Thor das göttliche Zeichen nicht auf meiner Stirn leſen will, welches meine Höflinge ſo deutlich da ge⸗ ſchrieben ſehen? Nein, nein, mein Freund, das iſt kein richtiges Mittel! Wir haben es einmal unter⸗ nommen, als ordinaire und gewöhnliche Menſchenkin⸗ der zu reiſen. Wir müſſen nun ſchon einmal erproben, — 171— wie man es macht, um als ein gewöhnliches Men⸗ ſchenkind durch die Welt zu kommen. Es iſt alſo nothwendig, daß wir uns in den Augen der Polizei als ehrliche Menſchen zu erkennen geben. Glücklicher Weiſe glaube ich, die Mittel dazu in Händen zu ha⸗ ben. Oeffne doch unſeren ominöſen Mantelſack, Freund Balby. Ich denke, Du wirſt darin mein Portefeuille entdecken, und in demſelben einige offene Paßblankets und mein Staatsſiegel. Du ſiehſt, ich war vorſichtig und beargwöhnte ein wenig die Ueberredungsmacht meiner göttlichen Phyſiognomie. Obriſt Balby that, wie ihm der König befohlen hatte, und nahm aus dem Mantelſack das Portefeuille mit ſeinem koſtbaren Inhalt hervor. Der König hieß Balby ſich niederſetzen und die einzelnen Rubriken des Paſſes, welche er ſelber ihm dictirte, ausfüllen.. Der Paß ward ausgeſtellt auf die beiden Brüder Friedrich und Heinrich Zollern, welche in Begleitung eines Dieners eine Kunſtreiſe durch Holland beabſich⸗ tigten, und aus Berlin gebürtig waren. Der König ſetzte lächelnd ſeine Unterſchrift unter dies gewichtige Actenſtück. Jetzt iſt nur noch nöthig, das große Staats⸗ ſiegel darunter zu ſetzen, ſagte er, und wir werden frei ſein. Aber wie fangen wir's an, Licht zu be⸗ kommen? Ich werde ſogleich Licht holen, rief Balby zur Thür eilend. Der König hielt ihn zurück. Mein Bruder, ſagte er, Du biſt ungeheuer unvorſichtig und unſchuldig, und vergißt ganz, daß man uns als Verbrecher be⸗ argwöhnt. Wenn wir jetzt Licht fordern und gleich darauf mit unſerem Paß zum Vorſchein kommen, glaubſt Du nicht, daß dieſer Drache von Poſthalter 4 — 172— dann auf den Gedanken kommen würde, wir hätten uns dieſen Paß ſelber gemacht, und ein gefälſchtes Siegel darunter geſetzt? Aber wie ſollen wir dann Licht bekommen? fragte Balby verlegen. Der König ſann einen Augenblick nach, dann lä⸗ chelte er vergnügt. Ich habe ein NMittel gefunden, ſagte er. Du wirſt hinunter gehen, und Dir im Speiſeſaal, wo wie ich bemerkte, eine ewige Lampe, nicht zu Ehren der Mutter Gottes, ſondern der Ta⸗ backraucher brennt, Deine Cigarre anzünden. Wenn ſie gehörig in Brand iſt, kommſt Du mit ihr zurück. An Deiner brennenden Cigarre mache ich das Siegel⸗ lack brennen und wir haben dann noch den Vortheil, daß der Tabacksdampf den Geruch des Siegellacks übertäubt.. Balby flog von dannen und kehrte bald mit ſeiner brennenden Cigarre zurück, an deren Gluth der König den Siegellack entzündete, um ſein Siegel unter den Paß zu ſetzen. Da iſt unſer Ablaßbrief, welcher uns rein ſpricht von allen Verbrechen, ſagte der König dann. Jetzt, Bruder Heinrich, rufe uns den würdigen Herrn Poſt⸗ halter Niclas! Als Herr Niclas aus den Händen des Königs den Paß empfing, erheiterte ſich ſein ſtrenges Geſicht, und er machte den beiden Herren Zollern eine reſpectvolle Verbeugung, indem er ſie um Entſchuldigung bat we⸗ gen der Strenge, zu welcher ihn ſein Dienſt ver⸗ pflichtet hätte. Wir haben uns alſo jetzt in Ihren Augen voll⸗ ſtändig als ehrliche Leute producirt, ſagte der König lächelnd, und Sie vergeben es uns, daß wir ſo wenig Gepäck bei uns haben? * — 173— Nun, ich begreife, ſagte Herr Niclas verlegen. Muſikanten ſind ſelten reich, ſondern leben von der Hand in den Mund, und müſſen Gott danken, wenn das Kleid, welches ſie tragen, gut und ungeflick iſt. Die Ihrigen ſind aber ganz neu, wozu alſo bedürfen Sie des Gepäckes? Der König lachte. Wir dürfen alſo jetzt abfahren? fragte er. Ja, aber wie, mein Herr? Denn ohne Zweifel haben Sie doch gehört, daß der Poſtillon gleich wie Sie in's Haus traten, von dannen gefahren iſt? Demgemäß ſind wir jetzt ohne Fuhrwerk? Dem⸗ gemäß haben wir unſere Plätze umſonſt bezahlt und können nun in dieſem elenden Neſt bleiben? fragte der König mißmuthig. Herr Niclas erröthete vor Unwillen. Mein Herr, ſagte er, mit welchem Recht erlauben Sie ſich, die Stadt Grave ein elendes Neſt zu nennen? Glauben Sie nur, es würde Ihnen ſehr ſchwer werden in die⸗ ſem elenden Neſt Bürger zu werden, denn man muß dazu beweiſen können, daß man genügende Exiſtenz⸗ mittel beſitzt, um auf eine anſtändige Weiſe leben zu können, und mir ſcheint— 4 Daß wir die nicht beſitzen, nicht wahr? fragte der Köuig. Vraiment, Sie haben Recht, unſere Exiſtenz⸗ mittel ſind ſehr ungenügend, und da die weiſen Be⸗ wohner von Grave mir alſo nicht das Bürgerrecht ihrer Stadt verleihen werden, ſo thue ich beſſer, ſo⸗ gleich abzureiſen. Haben Sie alſo die Güte, uns dazu die Mittel anzugeben. Es giebt zwei Mittel, ein vornehmes und geringes, ſagte Herr Niclas ſtolz. Man fährt entweder mit Extrapoſt, oder mit der Treckſchuite. Das erſtere iſt für anſtändige Leute, das zweite für Diejenigen, welche nichts haben oder nichts ſind. Alſo für uns, erwiederte der König lachend. Nicht wahr, Bruder Heinrich, wir werden gut thun, mit der Treckſchuite zu fahren? Wir werden ſehr gut thun, Bruder Friedrich. So habe die Güte, unſern Diener zu rufen, daß er unſeren Mantelſack nimmt, und Sie, Herr Poſt⸗ halter, geben uns gefälligſt einen Boten mit, der uns den Weg zum Kanal hinunter zeige. Der König nahm ſeinen Flötenkaſten und näherte ſich der Thür. Uud mein Kaffee und die Flaſche Wein? fragte die Frau Poſthalterin, welche eben mit den Getränken eintrat. Wir haben jetzt nicht Zeit, davon Gebrauch zu machen, Madame, ſagte der König, indem er an ihr vorübergehen und das Zimmer verlaſſen wollte. Aber Madame Niclas hielt ihn zurück. Nicht Zeit davon Gebrauch zu machen? rief ſie. Ich habe aber Zeit haben müſſen, den Kaffee für Sie zu kochen, und den Wein aus dem Keller zu holen. Mais, mon Dieu, Madame, ſagte der König unge⸗ duldig. Mais, mon Dieu, Monsieur, vous croyez, que je travaillerais pour le roi de Prusse, c'est-à-dire sans payement? Der König brach in ein herzliches Gelächter aus, in welches Balby wider ſeinen Willen mit einſtimmen mußte. Bruder Heinrich, ſagte der König lachend, mir ſcheint, das iſt eine wundervolle Redensart; travailler pour le roi de Prusse heißt alſo hier: umſonſt arbei⸗ ten!— Ich bitte Dich, beweiſe birſir edlen Dame, — 175— daß ſie nicht für den König von Preußen gearbeitet hat, und bezahle ihr unſere Schuld. Madame, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, und ſeien Sie verſichert, daß es mich immer erheitern wird, an Sie zu denken und mir Ihre allerliebſte Redensart in's Gedächtniß zurückzurufen! Und der König nahm lachend ſeines Freundes Arm und nickte der Frau Poſthalterin freundlich zu, während er die Treppe hinabſtieg. Weißt Du was, fragte Madame Niclas, als ſie mit ihrem Manne in die Hausthür trat und den bei⸗ den Fremden nachſchaute, welche in Begleitung des Führers und ihres Dieners die zum Kanal führende Straße hinabſchritten, weißt Du was, mein Freund? Ich traue dieſen Fremden gar nicht! Beſonders der kleinere von ihnen hat ein ſehr verdächtiges Geſicht. Aber ſein Paß war vollſtändig in Ordnung! Gleichviel! Es iſt doch nicht Alles mit ihnen in Ordnung, darauf wette ich. Dieſe Fremden ſind ent⸗ weder verkleidete Fürſten, oder verkleidete Räuber, das iſt meine feſte Ueberzeugung! XIII. Auf der Treckſchuite. Welch ein buntes Gewimmel, welch ein Geſchrei, ein Lachen und Plaudern! Wie dieſe Leute, welche nichts haben und nichts ſind, dieſe Paſſagiere der Treckſchuite, wie ſie harmlos ſind und heiter, wie fröhlich ſie lachen und plaudern, mit welchem ſtoiſchen Gleichmuth ſie dieſes langſame Fortbewegen des un⸗ beholfenen Fahrzeuges als eine unabänderliche Noth⸗ wendigkeit hinnehmen, und gar nicht murren, weil ihnen die heiße Nachmittagsſonne prall auf die Köpfe brennt! Wie ſie einander hülfreich ſind und gefällig, mit welcher natürlichen Höflichkeit die Männer den Frauen die beſten Plätze überlaſſen, wo ſie ein wenig Schatten finden, oder weniger im Gedränge ſind! Aber das Boot iſt zu ſehr überladen mit Menſchen, denn es giebt deren, welche nichts ſind und nichts haben, und doch, von einem Ort zum andern müſſen gar Viele. Die Männer, welche am Ufer einher⸗ ſchreitend, vermittelſt der an dem langen Boot befeſtig⸗ ten Stricke daſſelbe vorwärts ziehen oder„trecken“, wie der Holländer ſagt, dieſe zweibeinigen Pferde, dieſe Locomotiven der Treckſchuite ächzen vor Anſtren⸗ gung, und der Schweiß rinnt in dicken Perlen über ihre gebräunten Stirnen nieder; der Dudelſackpfeifer auf dem Boot ſpielt ſeine luſtigen Weiſen, aber er lockt damit die jungen Leute vergeblich zum Tanz; es iſt kein Platz zum Tanz, der ganze große Raum des Bootes iſt überdeckt mit Menſchen, und ſelbſt Frauen, ſelbſt Greiſe müſſen ſtehen, weil es für ſie auf den zu beiden Seiten des langen Raumes befindlichen Bänken keine Plätze mehr giebt. Der König hatte dieſem Treiben eine Zeitlang mit ſichtbarem Wohlgefallen zugeſchaut, dies ungenirte Leben um ihn her, dieſes gänzliche Unbeachtetſein ſei⸗ ner eigenen Perſon ergötzte ihn, und kam ihm unge⸗ mein behaglich vor. Er lehnte ſich lächelnd zurück an das Deck der Kajüte, vor welcher er ſaß, und blickte mit heiteren Augen in das Menſchengewühl vor ſich. Plötzlich fühlte er ſeine Schulter nicht eben auf die — 177— ſanfteſte Weiſe berührt, und wie er emporblickte, ſchaute er in das verdrießliche, rothe Geſicht eines Bauers, der zu ihm haſtige Worte ſprach, welche der König indeſſen, da ſie holländiſch waren, nicht verſtand. Er zuckte daher leicht die Achſeln und blieb ruhig ſitzen. Aber der erzürnte Bauer geſticulirte immerfort, und deutete lebhaft auf den König und dann wieder auf dieſe bleiche junge Frau, welche mit zwei Kindern im Arm unfern von ihm ſtand. Der König wiederholte ſein ſtummes Achſelzucken, als aber der erzürnte Mann ihn zum zweiten Male berühren wollte, machte der König eine ſo ſtolze ab⸗ weiſende Bewegung und ſein Auge blitzte ſo kühn und gebieteriſch, daß der Bauer erſtaunt und entſetzt einen Augenblick zurückwich. Aber dies dauerte nur einen Moment, dann erhob ſich ein unwilliges Gemurmel unter den Leuten und Viele drängten ſich herzu, wie es ſchien, um dem Bauer beizuſtehen, der ſich jetzt wieder mit entſchloſſe⸗ ner und drohender Miene dem König näherte. Der König ſaß noch immer ruhig auf ſeinem Platz, und blickte erſtaunt und verwundert auf die murrenden und zürnenden Phyſiognomien dieſer Leute, deren haſtige Worte er ſich vergeblich zu enträthſeln ſuchte.. Aber jetzt ward dieſes ſich immer vergrößernde Gewühl von zwei kräftigen Armen zertheilt, und Balby, welcher am anderen Ende des Bootes mit einem Fremden geplaudert hatte, näherte ſich jetzt in Beglei⸗ tung deſſelben dem König, an deſſen Seite er ſich mit drohenden und zornigen Mienen aufſtellte. Sagen Sie mir nur, was dieſe Leute von mir wollen, mon amis? fragte der König haſtig. Aber frei⸗ lich, wir Beide verſtehen kein Holländiſch. Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 1 12 e — 178— Ich verſtehe es, mein Herr, ſagte der Fremde, welcher mit Balby gekommen war. Dieſe Leute machen Ihnen Vorwiürfe, wie es ſcheint! Vorwürfe? Und weshalb? Der Fremde wandte ſich an den Bauer, welcher zuerſt geſprochen und jetzt lebhaft und aufgeregt ſich wieder vernehmen zu laſſen begann. Monſieur, ſagte der Fremde dann, dieſe guten Leute ſind erzürnt auf Sie, und mir ſcheint nicht ganz mit Unrecht, denn es giebt eine Sprache, welche man ſelbſt ohne Worte verſteht, und die ihr Vocabulaire im Herzen hat. Da iſt eine arme, kranke Frau, welche ihre Zwillingskinder im Arm trägt und keinen Platz hat finden können, um zu ſitzen. Nun ſind Sie, Monſieur, der einzige Mann, welcher ſitzt, und darum haben dieſe guten Leute gemeint, es würde ſich wohl ſchicken, wenn Sie der kranken Frau Ihren Platz ab⸗ träten. Aber das iſt eine Unverſchämtheit, rief Balby em⸗ pört, indem er ſich entſchloſſen vor den König hinſtellte. Niemand wage es nur einen Fußbreit näher zu treten, oder— Ruhig, cher frère, ſagte der König, dieſe Leute haben vollkommen Recht, und ich ſchäme mich, daß ich ſie nicht verſtanden habe. er ſtand auf, und mit ruhigem, freundlichem Ge⸗ ſicht durch die Reihen der Männer dahinſchreitend, welche voll Erſtaunen zurückwichen vor dieſem Mann, ddeer ſie gar nicht zu beachten und zu ſehen ſchien, nä⸗ herte der König ſich der jungen Frau, die ermattet und kraftlos auf der Erde kniete. MNit einem liebreichen, theilnahmsvollen Lächeln richtete der König ſie empor, und geleitete ſie ſorgfältig zu ſeinem Platz hin. Es lag in ſeinem Weſen etwas — 179— ſo Chevaleresques, Nobles und Herzgewinnendes, daß die Leute, welche kurz zuvor noch ſo empört und zor⸗ nig geweſen, ſich unwillkürlich davon ergriffen und ge⸗ rührt fühlten. Ein Gemurmel des Beifalls erhob ſich und die rauhen Geſichter erhellten ſich zu einem freund⸗ lichen Lächeln. Der König achtete nicht darauf. Er war noch im⸗ mer mit der Frau beſchäftigt, und indem er mit den Kindern zu tändeln ſchien, drückte er jedem derſelben ein Goldſtück in die Hand. Aber dieſe kleinen Hände waren nicht gewohnt ſo glänzende Laſt zu tragen, oder zu ſchwach, um ſie zu halten. Die beiden Goldſtücke rollten zur Erde nieder und ihr heller Klang verkün⸗ dete den Umſtehenden die glänzende Gabe. Sie brachen in ein lautes und ſtürmiſches Jubelgeſchrei aus und ſchwenkten ihre Hüte hoch empor. Der König erröthete und blickte erſchrocken und verlegen zur Seite. Der Bauer, welcher dem König zuvor ſo heftig entgegengetreten und zu deſſen Füßen die Goldſtücke hingefallen waren, hob ſie auf und gab ſie den Kin⸗ dern zurück, dann reichte er dem König mit einem lau⸗ ten Lachen ſeine breite rauhe Hand hin und ſprach leb⸗ haft und in herzlichem Ton. 3 Der gute Mann ſagt Ihnen ſeinen Dank, mein Herr, erläuterte der Fremde. Er findet, ſagt er, daß Sie doch ein recht anſtändiger und gutmüthiger Mann ſind, und bittet um Entſchuldigung, wenn er vorher heftig geweſen. Der König antwortete nur mit einem ſtummen Neigen des Kopfes; er, welcher gewohnt war, das Anſchanen der ganzen Welt als einen ſchuldigen Tribut hinzunehmen, er fühlte ſich jetzt faſt verwirrt und be⸗ ſchämt von dem Beifall dieſer armen, niederen Leute, die ihm freilich nicht in der Würde ſeines Königthums, — 180— ſondern in der Würde ſeines Menſchenthums zujauchz⸗ ten, und dem Menſchen einen Beifall ſpendeten, wie ihn der König noch niemals empfangen hatte. Der König hatte alſo ganz Recht gehabt, zu ſagen, daß er ſein Königthum und ſeine Majeſtät in den Klei⸗ derſchrank gehängt und einen neuen Menſchen ange⸗ zogen habe. Er fühlte ſich wirklich als Menſch befan⸗ gen und verwirrt, und war froh, als Deeſen jetzt kam, um ihm anzuzeigen, daß das Vesperbrod für ihn in der Kajüte ſervirt ſei. Er gab Balby einen Wink ihm zu folgen und zog ſich raſch und mit einem flüchtigen Gruß in die Kajüte zurück. Nun wahrlich, ſagte er, wenn das Leben alle Tage ſo viel Abenteuer darbietet, ſo begreife ich nicht, wie ſich die Menſchen jemals über Langeweile beklagen können. Wie viele und wie köſtliche Abenteuer habe ich nicht zum Beiſpiel heute ſchon erlebt. Aber unſere Abenteuer liegen nur in der Eigen⸗ thümlichkeit unſrer Situation, ſagte Balby. Alle dieſe kleinen Dinge waren bloß ärgerliche und unangenehme Tracaſſerien, während ſie freilig jetzt höchſt ſpaßhaft und komiſch ſind, weil ſie einen verkleideten König treffen. Aber der verkleidete König lernt dabei mancherlei, ſagte Friedrich lächelnd. Von heute an werde ich mich nicht mehr wundern, wenn man die Polizei ein ver⸗ haßtes Inſtitut nennt, denn vraiment, ſie hat etwas Verabſcheuenswürdiges, obwohl ſie eine Nothwendigkeit iſt. Die Polizei iſt der öffentliche Ankläger der Men⸗ ſchen, und dieſer würdige Herr Poſthalter hatte ganz Recht zu ſagen, daß die Polizei Jeden ſo lange für einen Verbrecher halten muß, bis er ſich als ein ehr⸗ licher Mann ausgewieſen hat. Ah, wie weit haben — 181— wir uns von unſerm Normalmenſchenthum entfernt, denn die Weiſen ſagen ja, daß der Menſch von Natur gut ſei, und jetzt iſt es ſo weit, daß uns die Polizei wieder gut machen, und uns den Teufel austreiben will. Redet mir jetzt niemals wieder von einer Gott⸗ ähnlichkeit und dem leuchtenden Siegel, welches Gott auf die Stirn jedes Fürſten gedrückt, wodurch er ihn kenntlich gemacht habe vor allen Menſchenkindern. Herr Niclas hat nichts davon auf meiner Stirn geleſen, und ich hatte für ihn eines Verbrechers Angeſicht, bis ich mich durch meinen Paß als einen ehrlichen Menſchen legitimirt hatte. Arme, beklagenswerthe Menſchheit, wie tief biſt Du von Deiner Höhe gefallen, ſeit Frau Eva den Verführungskünſten der Schlange unterlag, und wie weit haben wir uns Alle von dem Paradieſe der Unſchuld entfernt! Aber dies ſind phantaſtiſche Träumereien, denen wir jetzt zu Gunſten dieſer duſ⸗ tenden Paſtete entſagen wollen. Komm, Freund, laß uns eſſen! Und während der König aß, plauderte er in be⸗ haglicher Gemüthlichkeit mit Balby von den ergötzlichen Abenteuern des heutigen Tages. Wahrhaftig, ſagte er lachend, als ſie ſich die Scene auf dem Boot jetzt wieder in ihren einzelnen Details vergegenwärtigten, wahrhaftig, ohne die Dazwiſchenkunſt dieſes gelehrten, holländiſch verſtehenden Fremden hätte es kommen können, daß Seine Majeſtät der König von Preußen in ſehr unangenehme, handgreifliche Berüh⸗ rung mit den ehrenwerthen, holländiſchen Bauern ge⸗ kommen wäre! Ah, und ich habe dieſem Rettungs⸗ engel noch nicht einmal meinen Dank geſagt. Du en mit ihm, Bruder Heinrich. Wer iſt er? Wie eißt er? Das weiß ich nicht zu beantworten, da ich ſeinen — 182— Paß nicht kenne. Aber er ſchien mir ein höchſt lie⸗ benswürdiger, gebildeter Mann von feinen Manieren und nobler Denkungsart. Geh, und lade ihn von mir zu einem Stückchen Paſtete ein, ſag' ihm, Herr Zollern möchte ihm gern danken für ſeinen Beiſtand, und bitte ſehr um die Ehre ſeines Beſuches. Merkſt Du wohl, Freund, daß ich ein wenig lerne höflich zu ſein, und mich zu ſchmiegen und zu biegen, wie es einem armen, reiſenden Muſi⸗ kanten geziemt? Ich bitte, wähle Deine Worte recht höflich, ſonſt iſt dieſer Menſch im Stande uns ſeinen Beſuch zu verweigern, und ich dürſte nach Menſchen. Balby ging und kehrte nach einigen Minuten mit dem Fremden zurück. Hier, mein Freund, ſagte Balby lächelnd, hier bringe ich Ihnen unſeren Retter in der Noth. Er möchte auch ſeinen Antheil an der Paſtete haben! Und er hat ihn wohl verdient, ſagte der König. in⸗ dem er den Fremden mit einem freundlichen Neigen des Kopfes begrüßte. Ja, wahrlich, Monſieur, ich bin Ihnen verpflichtet, und dieſes Stück Paſtete, welches ich die Ehre habe, hier für Sie aufzulegen, iſt ein ſehr ſchlechter Lohn für Ihren geleiſteten Dienſt. Mir ſcheint, ich habe nie ſo große Fäuſte geſehen, wie die dieſer Holländer, und eine nähere Bekanntſchaft derſel⸗ ben wäre mir wirklich höchſt läſtig geweſen. Ich danke Ihnen alſo, daß Sie eine ſolche verhütet haben. Auf der Reiſe macht man freilich Bekanntſchaften der verſchiedenſten Art, rief der Fremde lachend, indem er ſich mit einer ungemeinen Vertraulichkeit, welche Balby heimlich entſetzte, neben den König auf der har⸗ ten ledernen Bank niederließ. Die Ihrige, meine Herren, rechne ich zu den Annehmlichkeiten, nnd danke Ihnen, daß Sie mich derſelben theilhaftig werden laſſen. — 183— Ich hoffe, Sie werden auch die Bekanntſchaft dieſer Paſtete zu den Annehmlichkeiten rechnen, ſagte der Kö⸗ nig. Eſſen Sie, mein Herr, und laſſen Sie uns dabei plaudern! Aber Bruder Heinrich, was ſtehſt Du denn da mit ſo ernſthaften, ehrfurchtsvollen Mienen, und wagſt nicht einmal Dich zu ſetzen? Ich fürchte nicht, daß dieſer Herr ein verkleideter Fürſt iſt, welcher In⸗ cognito reiſt, und deſſen Größe Du indeß erkannt haſt? Nein, mein Herr, nehmen Sie immerhin Platz, rief der Fremde lachend, fürchten Sie nicht die Eti⸗ quette dadurch zu verletzen, denn ich gebe Ihnen mein Wort darauf, ich bin kein verkappter Fürſt, aber auch kein Fürſtendiener, und geſtehe Ihnen, daß ich auf Beides gleich ſtolz bin. Ah, Sie ſind alſo ſtolz darauf, kein Fürſt zu ſein? Gewiß, mein Herr! Mir ſcheint indeß, ſagte Balby mit einem beſorgten Blick auf den König, mir ſcheint, daß es eine ſehr er⸗ habene und große Beſtimmung iſt, ein Fürſt zu ſein. Aber eine Beſtimmung, welcher leider wenige Fürſten würdig nachzukommen wiſſen, ſagte der König lächelnd. Es ſind kleinliche, furchtſame, in Vorurtheilen befangene Leute, unſere Könige und Fürſten von heute, und ſel⸗ ten iſt es, daß man unter ihnen einem Menſchen be⸗ gegnet. Wer möchte alſo wohl wünſchen können, der Diener dieſer kurzſichtigen, kleinlichen Leute, oder gar einer von ihnen ſelber zu ſein. Beneidenswerth iſt je⸗ der freie Mann, der ſich ſelbſt genügt, und frei iſt in ſich ſelber! Sie ſprechen da ganz meine Gedanken aus, mein Herr, ſagte der Fremde, welcher eben mit lebhaftem Eifer angefangen hatte ſein Stück Paſtete zu verzeh⸗ ren. Glücklich iſt nur, wer frei iſt! Sind Sie es? fragte der König. 83 — 184— Ja, mein Herr, für den Augenblick wenigſtens bin ich es noch. Was für ein Landsmann ſind Sie? Mein Herr, ich bin ein Schweizer! Ein ſehr reſpectables Volk!— Aus welcher Ge⸗ gend? Aus dem kleinen Städtchen Morges! Alſo nicht weit von Lauſanne, von den Ufern des Genferſee's! Nicht weit von Ferney, wo der große Voltaire ſeine Reſidenz aufgeſchlagen, und heute auf diejenigen ſeinen Blitzſtrahl ſchleudert, welche er geſtern geſegnet hat.— Sind Sie mit Ihrer Regierung zu⸗ frieden? Sind Ihre Patrizierfamilien nicht ein wenig ſtolz, ſogar die Bürger von Bern, wenn ſie zu Ihnen kommen? Sind ſie nicht preciös, anmaßend, hart? Darüber haben wir uns ſelten zu beſchweren, und wir werden durch ſo manche Vortheile ſchadlos ge⸗ halten. Haben Sie ſich hier in Holland niedergelaſſen? Nein, ich bin nur ein Reiſender, erwiederte der Fremde verdrießlich, indem er verſuchte, den Biſſen Paſtete, welchen er ſchon ſo lange anf der Gabel ge⸗ halten, endlich in den Mund zu ſchieben. Der König achtete nicht darauf; er hatte ganz ver⸗ geſſen, daß nur die Fürſten das Recht haben, die Con⸗ verſation nur mit Fragen zu führen, und daß dies dem Herrn Zollern wenig ziemen mochte. Weshalb ſind Sie hergekommen? fragte er haſtig. Meine Studien zu vollenden, erwiederte der Fremde, indem er mit gerunzelter Stirn die Gabel mit der auf⸗ geſpickten Trüffel wieder auf den Teller legte. Aber der König fuhr unaufhaltſam fort mit ſeinen Fragen. Werden Sie ſich hier niederlaſſen? Ich glaube nicht, oder vielmehr, ich weiß es noch — 185— nicht, erwiederte der Fremde mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln, welches Balby in Verzweiflung brachte. Verwirrt das Buntſcheckige der vielen in der Schweiz angenommenen Regierungsformen nicht die Begriffe in politiſcher Hinſicht? Nein, denn man weiß, daß jeder Canton frei iſt, ſo wie er es ſein wollte. Führt es aber nicht zum Skeptieismus, oder zur Gleichgültigkeit? Der Fremde fühlte ſeine Geduld erſchöpft; ohne auf des Königs Frage zu antworten, ſchob er den Teller zurück und ſtand auf. Mein Herr, ſagte er unwillig, ich erlaube mir zu bemerken, daß dies für einen Biſſen Paſtete, den Sie mich überdies zu eſſen verhindern, der Fragen zu viel ſind. Oh, Sie haben Recht, und ich bitte deshalb um Verzeihung, rief der König, indem er mit einem lächeln⸗ den Blick Balby zuwinkte, ruhig zu bleiben; Sie wiſſen ja, man reiſt, um ſich zu unterrichten, und Sie wer⸗ den mich um ſo eher entſchuldigen, wenn ich mich die⸗ ſer Neigung um ſo freudiger hingab, je ſeltener es iſt, daß man dieſelbe befriedigen kann. Aber Sie haben Recht! Ich werde Ihnen zuerſt Muße gönnen, Ihr Stückchen Paſtete zu eſſen. Eſſen Sie alſo, mein Herr, und nachher, wenn es Ihnen gefällig iſt, plaudern wir noch ein wenig! Als der Fremde nach einiger Zeit, nach anregender und lebhafter Unterhaltung, aufſtand um ſich zu ent⸗ fernen, reichte ihm der König zum Abſchied lächelnd die Hand. Geben Sie mir Ihre Adreſſe, ſagte er, das heißt,— ich bitte Sie ergebenſt darum. Sie ſa⸗ gen, daß Sie ſich noch zu keinem Stande beſtimmt haben. Vielleicht habe ich Gelegenheit Ihnen nützlich 8. 8 8 — 186— zu werden, und Ihnen einen annehmlichen Vorſchlag zu machen. Der Schweizer übergab ihm mit lebhaften Dankes⸗ äußerungen ſeine Karte und kehrte auf das Verdeck zurück. Der König ſah ihm ſinnend und lächelnd nach. Dieſer Menſch gefällt mir ſehr, und ich werde ihn zu mir kommen laſſen, wenn ich nicht mehr der arme Muſikant bin. Nun, und was ſagſt Du, Bruder Hein⸗ rich, zu dieſem Herrn, der, wie ich ſehe, ſich Herr le Catt nennt? Ich finde ihn etwas ſehr freimüthig und kurz an⸗ gebunden, ſagte Balby, Er iſt ein ächter Republikaner, wie es ſcheint. Ah, Du meinſt, weil er die Fürſten haßt, und mir einige Grobheiten geſagt hat. Was das Erſtere anbe⸗ trifft, ſo muß man das einem Republikaner verzeihen, und ich geſtehe Dir, daß ich es in ſeiner Stelle viel⸗ leicht eben ſo machen würde. Was aber das Letztere, ſeine Grobheiten anbetrifft, ſo hat er Recht gehabt, den Herren Zollern ein wenig Mores zu lehren. Der arme Kerl kann ſich immer noch nicht recht finden in die Gebräuche der gewöhnlichen Welt, und macht, wie es ſcheint, allerlei Verſtöße gegen den guten Ton, denn wie mich dünkt, iſt es heute nicht das erſtemal, daß man ihn wegen ſeines Mangels an Lebensart zurecht⸗ weiſen muß. Der Herr Zollern iſt in jedem Zoll ein König, ſagte Balby lachend, und er will mit dem gewöhnlichen Maaß gemeſſen werden! Da ärgern ſich nun die Leute, wenn er in ihr Maaß doch nicht hineinpaßt, und weil ihre Elle zu kurz für ihn iſt, zürnen ſie ihm deshalb! Und ſie haben Recht, rief der König, wer ſich unter 9 — — 187— die Wölfe begiebt, muß mit ihnen heulen, und wenn er auch ein Löwe iſt.*) *) Dieſe ganze Unterredung des Königs mit dem Herrn le Catt iſt hiſtoriſch.(Siehe dazu: Thiébaut. Vol. I., p. 218. folgd. — Preuß: Friedrich der Große Th. I. S. 368. 411.) Der König vergaß dieſes Reiſeabenteuer nicht, ſondern ließ bald nach ſeiner Rückkehr aus Holland, Herrn le Catt eine Stelle in ſeiner nächſten umgebung, nämlich als Lektor anbicten. Le Catt folgte dem Ruf und genoß zwanzig Jahre hindurch die Gunſt und das Vertrauen des Königs. Dann aber ward er eines geheimen Briefwechſels mit d'Alembert beſchuldigt, mit dem er Eindrücke und Anſchaunngen, welche mau dem König einflößen wollte, ſollte verabredet haben; auch gab man ihm Schuld, daß er ſich verbindlich gemacht, ver⸗ mittelſt ſeines Einfluſſes Gunſtbezeugungen des Königs zu ver⸗ ſchaffen, und auch wirklich dergleichen zuweilen durch falſche, dem König gemachte Vorſtellungen, bewirkt habe. Nichts war dem Kö⸗ nig mehr zuwider, als dergleichen geheimes Getreibe. Da aber der Verdacht gegen le Catt nicht zureichend bewieſen war, ſo wurde der⸗ ſelbe nur dadurch beſtraft, daß er zwar in ſeinem Poſten blieb, aber nie mehr zum König gerufen ward. So erſchien denn le Catt, dem der König kein Wort des Mißfallens oder des auf ihm ruhenden Verdachtes jemals geſagt, einige Jahre hindurch regelmäßig zur ge⸗ wohnten Morgenſtunde im Vorzimmer des Königs, mußte aber, nachdem er einige Stunden vergebens gewartet, ungerufen abtreten. Endlich ſuchte er ſeinen Abſchied nach, den er auch erhielt.(Denk⸗ würdigkeiten meiner Zeit. Von Chriſtian Wilhelm von Dohm. Th. IV. S. 589.) 2 XIV. In Amſterdam. Erſchöpft und todesmatt kehrte der König mit Balby in den Gaſthof zum ſchwarzen Naben, welcher damals der berühmteſte in Amſterdam war, zurück. Sie waren den ganzen Tag nmhergewandert, und mit nie ermat⸗ tender Aufmerkſamkeit, mit höchſter Freude und Theil⸗ nahme hatte der König alle dieſe zahlreichen Samm⸗ lungen, Kunſtſchätze der reichen und ſtolzen Patricier von Amſterdam, ſo wie die öffentlichen Muſeen in Augenſchein genommen. Niemand hatte geahnt, daß dieſer kleine Mann in dem unſcheinbaren Gewande, mit den beſtaubten Schuhen und dem groben ungeſchmück⸗ ten Hut, daß dies ein König ſei, und zwar ein König, deſſen Ruhm ſchon ganz Europa durchhallte. Ueberall hatte der König daher die Freude gehabt, unbeobachtet und ungeſtört ſeine Studien machen zu können, ohne in ſeinem ſchönen romantiſchen Abenteuer und in ſei⸗ nen Träumen vom Glück des unabhängigen Menſchen⸗ thums geſtört worden zu ſein. Aber jetzt hatte das freie Menſchenthum in ihm ſich doch überwunden und beſiegt gefühlt, beſiegt von dem Hunger, dieſem Erb⸗ feind aller großen Ideen und aller erhabenen Gefühle und Gedanken. Der König war hungrig geworden! Deshalb hatte er ſich unterbrechen müſſen in ſeiner Kunſtwanderung, deshalb hatte er dem gebieteriſchen Spruch dieſer phy⸗ ſiſchen Macht, welcher auch ein König gehorchen muß, — — 189— ſich unterworfen, und war mit Balby in den Gaſthof zurückgekehrt, um zu ruhen und zu eſſen. Und ſorge, Freund, daß wir etwas Gutes und Er⸗ quickendes bekommen, ſagte der König, ſich behaglich auf dem Divan ausſtreckend. Es iſt mir eine wahre Luſt, mir eine gute Mahlzeit vorzuſtellen, eine Luſt, um welche der Könzg den Herrn Zollern noch oft be⸗ neiden wird, denn hungrig zu ſein, und dann eſſen zu können, das iſt ein Hochgenuß, welcher den Köni⸗ gen verſagt iſt, und doch, fügte der König leiſe und gedankenvoll hinzu, doch iſt unſer ganzes Leben nichts als ein fortgeſetztes Hungern nach Glück, Befriedigung und Ruhe, für das es auf Erden, fürchte ich, keine Sättigung giebt.— Bruder Heinrich, laß uns eſſen und fröhlich ſein, und auf ein gutes Mal ſinnen, wie ein verliebtes Mädchen auf ein Liebesgedicht ſinnt, das ſie ihrem Liebſten in's Stammbuch ſchreibeu, will. Wahrlich, Diejenigen ſind Thoren, welche da in ihrer⸗ ſublimen Ueberſinnlichkeit ſich den Anſchein geben, als ſei ihnen der leibliche Genuß nur ein nothwendiges Uebel, und als wäre das Eſſen eine höchſt unbequeme Angelegenheit des Körpers. Thoren ſind ſie, welche nicht begreifen, daß das Eſſen auch eine Kunſt und eine Wiſſenſchaft iſt, die eigentliche Seele unſerer Seele, der Kompaß unſerer Gedanken und Gefühle.— Balby, ſchaffe uns alſo ein köſtliches Mahl, denn ich möchte heute gern heiter und frei bleiben, leichten Sinnes und fröhlichen Herzens— dazu gehört aber vor allen Din⸗ gen, daß wir unſern Körper pflegen, und ihn nicht beſchweren mit gemeinen irdiſchen Dingen. Wir wollen ihm, hoffe ich, das Sublimſte geben, was die holländiſche Erde trägt, ſagte Balby lachend. Denn Herr Friedrich Zollern weiß noch gar nicht, daß — 190— wir hier in einem Hotel ſind, deſſen Wirthin von allen Holländern wahrhaft angebetet und verherrlicht wird. Und dieſes ſublime Stück Menſchenfleiſch willſt Du mir vorſetzen? rief der König entſetzt, mit dieſer hol⸗ ländiſchen Schönheit willſt Du mich ſatt machen? Geh', geh'’, Bruder Heinrich. Ich theile das Entzücken der Holländer nicht, ich finde dieſe Frau nicht anbetungs⸗ würdig ſchön, ſondern verabſchenenswürdig häßlich und alt. Ah, Herr Zollern, die guten Mynheers beten ja die Frau van der Blaken auch nicht an wegen ihrer Schönheit, ſondern wegen einer Paſtete, welche ſie allein in ganz Amſterdam zu machen verſteht. Ah, das iſt etwas anderes, Bruder Heinrich. Ich fange an, die Holländer zu achten, und werde mich ihrer Anbetung anſchließen, wenn die Paſtete gut iſt. Gut? rief Balby mit komiſchen Pathos. Bemerk⸗ ten Euer— nein, bemerkten Sie nicht, Bruder Fried⸗ rich, daß ich mich, während Sie ganz voller Begeiſte⸗ rung vor Rembrandt's berühmtem Nachtwächterbild ſtanden— Ein Bild, welches ich leider nicht bekommen werde, ſeufzte der König, dieſe ſtolzen Mynheers nennen das ihren Nationalſchatz, und wollen es nicht verkaufen! Bemerkten Sie nicht, wie ich mich da mit drei oder vier dieſer kleinen dicken, pausbäckigen, wohlbehäbigen Mynheers ſo eifrig unterhielt? Denken Sie nicht etwa, daß wir da ſo eifrig von dem herrlichen Gemälde ſprachen, vor welchem wir ſtanden, und daß es des⸗ halb war, daß die guten Holländer ſo entzückt die Augen verdrehten. Nein, mein Herr, wir ſprachen von einer Paſtete. Die neugierigen Mynheers fragten mich, da ſie uns als Fremde erkannt hatten, woher wir kämen und wo wir hier logirten, und als ich —— — 191— ihnen den ſchwarzen Raben nannte, geriethen ſie in eine wahre Extaſe, wegen der Rebhühnerpaſtete der Frau van der Blaken. Sie erzählten mir, daß dieſe Dame durch ihre Paſtete, deren Recept Niemand kenne, und die ſie immer ganz allein und bei verſchloſſenen Thüren anfertige, in ganz Holland berühmt geworden, daß man ihr Portrait an den Schaufenſtern aller Bilderläden ausgehangen habe, und daß der Statt⸗ halter faſt alle Monate einmal im Gaſthof zum ſchwar⸗ zen Raben ſpeiſe, bloß dieſer Paſtete zu Gefallen, und weil die Frau van der Blaken weder durch Befehle und Drohungen, noch durch Bitten und Geſchenke ſich habe bewegen laſſen das Recept zu geben, oder auf's Schloß zu kommen und dort ſelber die Paſtete anzu⸗ fertigen. Sie ſagt, dieſe Paſtete ſei das ſchönſte Be⸗ ſitzthum des ſchwarzen Raben, und wer des Glückes, ſie zu genießen, theilhaftig werden wolle, müſſe eben in den ſchwarzen Raben kommen und ſie an ihrer Tafel verſpeiſen. Balby, Balby, eile Dich, und laß uns dieſe Paſtete haben! rief der König eifrig. Ah, welch' ein Glück für uns, daß wir im ſchwarzen Raben wohnen! Eile Dich alſo, ſage ich, eile, fliege zur erhabenen Frau van der Blaken!— Und Balby eilte lachend von dannen, die Frau van der Blaken aufzuſuchen und ſich bei ihr melden zu laſſen. Frau van der Blaken empfing ihn in ihrem Bou⸗ doir, in welches ſie ſich eben zurückgezogen hatte, um ein wenig auszuruhen von der Arbeit des Tages, welche für ſie indeſſen immer ein Sieg und eine Ver⸗ mehrung ihres Ruhmes war, denn Niemand in Am⸗ ſterdam konnte ſich rühmen, eine beſſere Tafel zu füh⸗ ren und ſchönere Gerichte anzufertigen, als die Be⸗ ſitzerin des Hotels zum ſchwarzen Raben,— Sie war noch in voller Toilette, denn ſie kam eben aus dem Speiſeſaal, wo ſie als Dame des Hauſes an der Table d'Haôte präſidirt und die Lobſprüche ihrer Gäſte empfaͤngen hatte.— Dieſe Lobſprüche tönten noch wie eine ferne Melodie in ihren Ohren wieder und ſie ließ ſich wohlbehaglich auf's Canapee niedergleiten, um der⸗ ſelben zu lauſchen. Da ward die Thür geöffnet und der Oberkellner meldete ſeiner Herrin den Herrn Zol⸗ lern.— Das Geſicht der Frau van der Blaken ver⸗ finſterte ſich und ſie war eben in Begriff, eine abwei⸗ ſende Antwort zu geben. Aber es war ſchon zu ſpät, denn der übermüthige Herr Zollern hatte die Dreiſtig⸗ keit gehabt, gleich hinter dem Oberkellner einzutreten, und machte der hochgebietenden Dame jetzt ſeine re⸗ ſpektvolle Berbeugung. Frau van der Blaken erwiederte dieſelbe nur mit einem leiſen Neigen des Kopfes und betrachtete den Fremden in ſeiner unſcheinbaren, durchaus nicht vor⸗ nehmen Toilette, mit einem geringſchätzenden Lächeln. Dieſer Mann konnte in der That nur aus Verſehen in ihr Hôtel gekommen ſein, er war weder durch Rang noch durch Reichthum oder Berühmtheit berechtigt in dem erſten Gaſthof von Amſterdam zu wohnen, und Frau van der Blaken machte in ihren Gedanken ihrem Oberkellner die heftigſten Vorwürfe, daß er ſich herab⸗ gelaſſen, Leute dieſer Art, ſolche„Herren von Habe⸗ nichtſe“ in ihrem Hauſe aufzunehmen. Mein Herr, ſagte ſie in ſchneidendem, kalten Ton, Sie kommen ohne Zweifel mir eine Entſchuldigung zu ſagen, weil Sie mit Ihrem Bruder heute wieder, wie alle Tage an meiner Table d'Hoôte gefehlt haben, denn gewiß hat man Ihnen geſagt, daß es hier zum Anſtand gehört, in dem Gaſthof, in welchem man logirt, auch — 193— zu Mittag zu eſſen. Beruhigen Sie ſich aber, Mon⸗ ſieur, ich bin durchaus nicht beleidigt, ſondern, indem ich Sie anſehe, begreife ich vollkommen, weshalb Sie nicht bei mir zu Mittag gegeſſen, ſondern es vorge⸗ zogen haben, ſich anderswo Ihr beſcheidenes Mal zu ſuchen. Die Table d'Hôte im ſchwarzen Raben iſt allerdings die theuerſte in ganz Amſterdam, und nur vornehme oder reiche Leute ſetzen ihre Füße unter meinen Tiſch und eſſen von meinen Tellern. Und indem ſie ſo ſprach, ließ ſie ihre verächtlichen und prüfenden Blicke über Balby hingleiten, welcher es indeß gar nicht zu beachten, und ihre höhniſchen Worte nicht zu verſtehen ſchien. Madame, ſagte er, ich erlaube mir zu bemerken, daß wir heute noch gar nicht zu Mittag gegeſſen haben. Mein Bruder, deſſen Willen ich gewohnt bin in allen Dingen zu folgen, mein Bruder liebt es nicht an Table d'Hote zu ſpeiſen, ſondern zieht es vor, ſein Mahl in ſeinem Zimmer einzunehmen, wo man mit mehr Behaglichkeit und Stille ſich dem Genuß Ihrer köſtlichen Speiſen wird hingeben können. Er iſt es, der mich zu Ihnen ſendet, Madame. Man hat ihm überall von der wundervollen Rebhühnerpaſtete er⸗ zählt, welche Sie, Madame, anzufertigen verſtehen, und ich ſoll Sie alſo in ſeinem Namen erſuchen, ihm zu ſeinem heutigen Diner gefälligſt eine ſolche anzu⸗ fertigen. Frau van der Blaken lachte laut auf. Wirklich, ſagte ſie, Ihr Herr Bruder hat keinen üblen Einfall. Allerdings, meine Rebhünerpaſtete iſt in ganz Holland berühmt, und ich habe gewöhnlich eine Paſtete vor⸗ räthig, wenn irgend ein vornehmer und reicher Gaſt eine ſolche begehren wollte. Aber dieſe Paſtete iſt nicht für Jedermann. 3 Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 13 — 194— Deshalb wünſcht mein Bruder ſie auch nicht für Jedermann, ſondern nur für allein zu haben, Madame, ſagte Balby mit feſtem und entſchiedenem Ton, welcher der ſtolzen Gaſtwirthin ein wenig imponirte. Mein Herr, ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, ver⸗ zeihen Sie mir, wenn ich ganz offen zu Ihnen rede. Sie wollen eine meiner berühmten Paſteten eſſen, und Sie wollen ſie noch dazu ganz allein auf einem be⸗ ſonderen Zimmer haben, wie es der General⸗Statt⸗ halter thut, oder die hohen Potentaten, die ſonſt bei mir logiren. Nun gut, ich habe heute Morgen eine Rebhünerpaſtete mit Trüffeln und indianiſchen Vogel⸗ neſtern angefertigt, aber— Sie werden dieſelbe nicht bekommen, denn, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, dieſe Paſtete iſt enorm theuer, und weder Sie, noch Ihr Bruder ſehen mir darnach aus, daß Sie dieſelbe bezahlen können. Jetzt war es an Balby laut aufzulachen, und er that das mit der Heiterkeit und Ungenirtheit eines Mannes, der ſich durchaus ſicher und gar nicht belei⸗ digt oder genirt fühlt. Frau van der Blaken fühlte ſich ein wenig ver⸗ wirrt durch dies ungenirte Gelächter. Sie lachen, mein Herr, ſagte ſie eifrig, aber ich denke, ich habe wohl Grund, Ihnen keine Schätze zuzutrauen. Sie ſind in beſtaubten Kleidern zu Fuß in meinen Gaſt⸗ hof gekommen, nur begleitet von einem Diener ohne Livree, der einen ganz kleinen Mantelſack trug. Sie haben alſo weder Equipage, noch Dienerſchaft, noch Gepäck mitgebracht. Sie empfangen keine Beſuche und ſcheinen auch keine zu machen, ſondern bleiben immer in ihrrn langweiligen, unſcheinbaren, braunen Röcken. Sie haben noch nicht einmal bei mir zu Mittag ge⸗ geſſen, ſondern verbringen den ganzen Tag außer dem — 195— Hauſe, und wenn Sie Abends Beide heimkehren, ſo verlangen Sie nichts weiter, als eine Taſſe Thee und einige Butterſchnitte. Mein Herr, das iſt nicht die Art, wie vornehme und reiche Leute zu reiſen pflegen, und ich habe daher wohl ein Recht zu fragen, ob ſie meine Paſtete bezahlen können, denn ich weiß noch nicht einmal, wer und was Sie ſind, und was Ihr Bruder, der meine Paſtete verlangt, eigentlich in der Welt vorſtellt. Oh, ſagte Balby, den der Eifer der Gaſtwirthin beluſtigte, oh, mein Bruder ſtellt ſehr viel in der Welt vor, und ich verſichere Sie, Madame, daß er ein Mann iſt, deſſen Ruhm in ganz Deutſchland wie⸗ derhallt. Bah, Herr Zollern! ſagte die Wirthin achſelzuckend. Für uns hier ein ganz unbekannter Name. Was iſt denn Ihr Bruder, und wodurch iſt er berühmt ge⸗ worden? Durch ſeine Flöte, erwiederte Balby vollkommen ernſthaft.— Frau van der Blaken fuhr empor und ſah Balby mit einem zornigen Blick an. Sie erlauben ſich, mit mir Spaß zu treiben? ſagte ſie in drohendem Ton. Nicht im Mindeſten, Madame. Ich ſagte Ihnen die ernſthafte Wahrheit. Mein Bruder iſt ein berühmter Virtuos. Ein Virtuos, wiederholte die Holländerin kopfſchüt⸗ telnd. Das iſt ein Wort, welches ich nicht verſtehe. Was iſt ein Virtuos? Ein Virtuos, Madame, iſt ein Künſtler, welcher Muſik macht, und zwar eine Muſik, wie ſie außer ihm Niemand machen kann. Deshalb giebt er denn Con⸗ zerte und verkauft ſeine Billets zu hohen Preiſen, und die Leute ſtrömen herbei, ſeine Muſik zu hören nnd 13. — 196— anzuſtaunen. Mein Bruder iſt ein Virtuos auf der Flöte, und ich verſichere Sie, Madame, er weiß ſie ſo wundervoll zu ſpielen, daß alle Leute nach ſeiner Flöte tanzen müſſen. Er nimmt daher ſehr viel Geld ein mit ſeiner Flöte, und wenn er hier ein Conzert giebt, ſo werden Sie ſehen, daß alle vornehmen Leute mit Freuden kommen werden, um den berühmten Virtuoſen Friedrich Zollern ſpielen zu hören. Sie können ihm alſo ohne Gefahr Ihre Paſtete geben, denn er iſt wohl im Stande, ſie zu bezahlen. Frau van der Blaken erhob ſich, ohne ein Wort zu ſagen, von ihrem Canapee und näherte ſich der Thür. Kommen Sie, mein Herr, ſagte ſie dann, kommen Sie zu Ihrem Bruder! Und ohne eine Antwort abzuwarten, ſchritt ſie hin⸗ aus und über den Corridor hin, an deſſen Ende ſich die Thür zu den Zimmern des„Virtuoſen“ befand. Sie klopfte leicht an wollte dann ſogleich öfinen. Balby hielt entſetzt ihre Hand zurück. Madame, ſagte er, erlauben Sie, daß ich erſt hineingehe und um Erlaubniß frage, ob Sie eintreten dürfen. Er wollte ſie ſanft von der Thür zurückdrängen, aber die Gaſtwirthin vom ſchwarzen Raben war nicht eine Frau, welche ſich zurückdrängen ließ. Um Erlaubniß fragen, ob ich eintreten darf! wieder⸗ holte ſie achſelzuckend. Ich werde wohl dieſe Erlaub⸗ niß in meinem Hauſe haben! Und mit entſchloſſener Hand klopfte ſie noch einmal an die Thür, welche ſie dann ſogleich auch öffnete und zu dem Virtuoſen eintrat; gefolgt von Balby, der mit ſtummem Geberdeſpiel ſich beſtrebte den König . — 197— um ſeine Verzeihung für dieſe Ungebührlichkeit an⸗ zuflehen. Der König achtete nicht darauf; ſeine großen blauen Augen waren nur auf dieſe Frau gerichtet, welche mit ſtolzem, lächelndem Antlitz auf ihn zuſchritt und ihm mit holländiſcher Gemüthlichkeit ihre breite derbe Hand zum Gruß darreichte. Mein Herr, ſagte ſie in ihrer raſchen, entſchloſſenen Weiſe, ich komme ſelbſt, um mich zu überzeugen, ob das, was mir Ihr Bruder von Ihnen geſagt hat, wahr iſt. Nun, Madame, was hat Ihnen mein Bruder von mir geſagt? fragte Friedrich mit einem heiteren gütigen Lächeln. Er hat mir geſagt, daß Sie ſo wundervoll pfeifen können, daß Alles nach Ihrer Pfeife tanzen müßte. Flöte, Madame, ich habe Flöte geſagt, rief Balby entſetzt. Nun, Flöte oder Pfeife, das iſt daſſelbe, ſagte Frau van der Blaken vornehm. Seien Sie ſo gut, mein Herr, und pfeifen Sie mir etwas vor, ich werde mich dann entſcheiden über die Paſtete. Der König ſah Balby mit erſtaunten und fragen⸗ den Blicken an. Willſt Du die Güte haben, mein Bruder, ſagte er, mir zu erklären, wovon Madame redet und was ſie von mir verlangt? Erlauben Sie, daß ich Ihnen darüber ſelbſt Aus⸗ kunft gebe, ſagte die Wirthin. Dieſer Herr kommt zu mir und fordert im Namen ſeines Bruders von mir eine Paſtete, die den Ruhm und den Glanz meines Hauſes gemacht hat. Ich habe allerdings eine ſolche vorräthig, aber ich wollte ſie Ihrem Bruder nicht geben. Wiſſen Sie warum? Weil meine Paſtete ſehr theuer iſt, und ich durchaus nicht Urſache habe zu — 198— glauben, daß Sie im Stande ſind, theure Sachen zu bezahlen. Das ſagte ich Ihrem Bruder, und ich hätte noch hinzufügen können, daß es mir wahrhaft leid thut, Sie in meinem Gaſthof zu ſehen. Nicht wegen Ihrer Perſonen, im Gegentheil, Sie ſcheinen mir Beide ganz gemüthliche und beſcheidene Leute zu ſein, aber wegen Ihrer Börfe, welche wahrſcheinlich die Rechnungen erſter Hotels noch niemals kennen gelernt hat, und ſich ein wenig verwundern wird, wenn Sie von hier abreiſen. Aber Ihr Brnder verſicherte mir, als ich ihm meine Bedenken mittheilte, daß Sie ſehr wohl im Stande wären, meine theure Paſtete zu be⸗ zahlen, und daß Sie viel Geld einnähmen, denn Sie wären ein großer Virtuoſe, und gäben Conzerte, zu denen die Billets zu hohen Preiſen verkauft würden. Nun will ich mich überzeugen ob er Recht hat, und ob Sie wirklich ein großer Muſikant ſind, der ſich etwas verdienen kann. Pfeifen Sie mir alſo etwas vor, und dann werde ich mich entſcheiden, ob Sie die Paſtete haben können. Der König hatte ihr mit heiterem Lächeln zuge⸗ hört, und gab jetzt Balby einen bedeutungsvollen Wink. Bringe mir die Flöte, lieber Bruder, ſagte er, ich will verſuchen, die Frau van der Blaken zu über⸗ zeugen, daß ich wirklich ein Virtuoſe bin, welcher Geld verdienen kann. Hören wir alſo, ſagte Frau von der Blaken, in⸗ dem ſie ſich ganz behaglich auf das Canapee ſetzte, von welchem der König eben aufgeſtanden war. Der König nahm die Flöte und machte mit un⸗ erſchütterlichem Ernſt vor der Frau Gaſtwirthin eine tiefe Verbeugung. Dann ſetzte er die Flöte an den Mund und begann zu ſpielen. Aber nicht in ſeiner gewohnten, meiſterhaften Weiſe, nicht mit dieſem ſee⸗ — 199— lenvollen, erhabenen und erhebenden Ausdruck, nicht mit dieſer getragenen, ſchwebenden Melodie, mit dieſen verduftenden, klagenden, aufjauchzenden Tönen, wie er ſonſt zu ſpielen pflegte. Es war ein glänzendes, ſchil⸗ lerndes Allerlei, ein brillantes Hin⸗ und Herrollen von Tönen, es waren die glänzendſten Coloraturen und Fiorituren, die ſchönſten Doppeltriller und Läufe auf und nieder, es mar eine ſtaunenerregende Muſterkarte aller überwundenen Schwierigkeiten ſeines Inſtrumen⸗ tes, nur fehlte dieſem bunten, glanzvollen Gewirr die Seele und der Gedanke, nur fehlte ihm die Melodie. Es war nur ein glänzendes Virtuoſenſtück, aber keine Muſik. Frau van der Blaken indeß hörte mit immer wach⸗ ſendem Entzücken dieſen wunderbaren Exercitien zu; dieſe Triller, die von Octaven zu Octaven ſprangen, entlockten ihr laute Beifallsrufe, dieſe wachſenden, vollendeten Läufe machten ſie erbeben vor Entzücken, und als der König jetzt mit einer brillanten Cadenz ſchloß, klatſchte ſie mit lautem Jubelruf in die Hände. Dann ſtand ſie auf, und ſich faſt ehrfurchtsvoll vor dem Künſtler in dem unſcheinbaren braunen Rock verneigend, ſagte ſie feierlich: Ihr Herr Bruder hat Recht, Monſieur. Sie ſind wohl im Stande mit Ihrer Pfeife da Geld zu verdienen, denn Sie pfeifen noch ſchöner als mein Dompfaff. Sie ſollen alſo meine Paſtete haben, ich gehe ſie Ihnen zu beſorgen. Sie nickte den beiden Herren Zollern freundlich und wohlwollend zu, und entfernte ſich dann mit ge⸗ ſchäftiger Eile. Nun, ſagte der König lachend, das war doch in der That eine allerliebſte Scene, für welche ich Dir wirklich dankbar bin, Bruder Heinrich. Wahrhaftig, es iſt doch ein ſtolzes und glückliches Gefühl, zu wiſſen, daß man im Stande iſt, auf ſeinen eigenen Füßen zu — 200— ſtehen und ſich ſelbſt ſeinen Lebensunterhalt zu erwer⸗ ben. Mag nun Deutſchland zu Grunde gehen, ich werde nicht verhungern, denn ich werde mir mit meiner Flöte Brod verdienen. Frau van der Blaken ſagt, daß ich es kann, und ſie iſt eine gewiegte Kunſtken⸗ nerin. Aber ſage ſelbſt, Bruder Heinrich, habe ich nicht eminent geſpielt? Ja, es war das glänzeudſte Concertſtück, welches man hören konnte, ſagte Balby, und Herr Friedrich Zollern kann wirklich darauf reiſen, nur will ich ihm nicht rathen, es dem König Friedrich von Preußen vorzutragen, denn der würde ſagen, das ſei keine Muſik, ſondern nur leeres Tongeklingel. Bravo, Freund, rief der König, ſeinem Liebling die Hand darreichend. Ja, das würde er ſagen! Der Herr Zollern hat geſpielt wie ein ächter Virtuoſe, das heißt, ohne Geiſt und ohne Seele, er hat nicht Muſik, ſondern Kunſtſtücke gemacht. Ah, aber da kommt die Paſtete, und ich ſage Dir, ſie ſoll mir köſtlich behagen, denn es iſt as erſte Mal, daß ich mir mit meiner Flöte etwas verdient habe. Laß uns eſſen, Bruder Heinrich!— 6 XV. Der Rönig ohne Schuhe. Die Paſtete machte ihrem Rufe wirklich Ehre, und der König genoß ſie mit dem heiteren Behagen, wel⸗ ches man immer empfindet, wenn man den ſich ent⸗ — 201— gegenſtellenden Schwierigkeiten einen Genuß abgerun⸗ gen hat. Er war fröhlich und geſprächig, und er⸗ götzte ſich in Rückerinnerung all der kleinen, vielfachen Abenteuer, welche dieſe kleine Incognito⸗Reiſe von fünf Tagen ihnen ſchon dargeboten hatte. Aber ſie werden bald tempi passati ſein, dieſe giorni felice, ſagte er dann ſeufzend. Es iſt heute der letzte Tag unſerer Freiheit und unſeres Glücks, und morgen müſſen wir ſchon unſer Joch wieder auf uns nehmen, und wieder den ſchönen braunen Virtnoſen⸗ rock mit der eitlen Uniform unſerer Herrlichkeit ver⸗ tauſchen. Nun, ich weiß wenigſtens Einen, der darüber ſelig ſein wird, rief Balby lachend. Das iſt der unglück⸗ liche Deeſen, welcher mir eben mit feierlichem Pathos geſchworen hat, daß er ſich in's Y werfen wtrd, wenn er noch lange dieſe unwürdige Rolle eines Bedienten ohne Livrée, eines Bedienten von zwei unanſehnlichen Muſikanten ſpielen ſoll. Er hat mir mit Thränen ge⸗ klagt, daß kein ordentlicher Menſch hier im Hauſe ihn eines Wortes würdigt, daß keines der hübſchen Mäd⸗ chen ſeine zärtlichen Seufzer und ſeine gefühlvollen Reden beachtet, nur die Viehmagd und der Stallknecht haben ihn geſtern Abend zum Thee im Pferdeſtall ein⸗ geladen, und dieſe Einladung hat ihn noch mehr ge⸗ kränkt, als der ignorirende Stolz der Andern. Der König lachte. Kleider machen Leute, ſagte er. Wenn Deeſen ſeine Kammerhuſarenlivrée trüge, wür⸗ den dieſe ſtolzen Schönen, die ihn jetzt verſchmähen, ihm ſehnſuchtsvoll entgegenlächeln, und die arme Vieh⸗ magd und der Stallknecht würden es vor lauter Re⸗ ſpect nicht wagen, ihn anzureden. Wie wunderlich conſtruirt ſich doch dieſe Welt! Zuweilen möchte man auf den Gedanken kommen, daß es nichts iſt mit un⸗ — 202— jetzigen Beſitzer handeln müſſen. Balby. Stunden, Balby! ich noch einen ſehr wichtigen Geſchäf Und der König nahm ſeines Freundes Arm, und ſerer vielgerühmten Menſchenwürde iſt, ſondern daß Gott ſich nur einen Spaß gemacht und eine höhere Affenart geſchaffen hat, welche ſich Menſch nennt, und ſich ein⸗ bildet etwas Beſſeres zu ſein, als alle anderen leben⸗ den Geſchöpfe. Wir unterſcheiden uns von den Affen dadurch, daß wir nicht nackt gehen, und unſere Kleider nennen wir Cultur. Aber über den Kleidern vergeſſen wir ſo oft die Menſchen, die darin ſtecken, der Rock recht bunt ſchillert, wirſt ſich das dumme Volk zur Erde, und betet an, und ſieht vor lauter Entzücken nicht, daß ein Pavian und kein Gott im ſchönen, goldnen, beſternten Kleide ſteckt. wollen uns durch ſolche Gedanken heute nicht unſere gute Laune verderben laſſen, ſondern die wenigen Stunden unſerer Freiheit noch gehörig ausbeuten und nutzen. Wir haben noch einige Sammlungen zu be⸗ ſchauen, in denen herrliche Rembrandt's und Rubens zu verkaufen ſein ſollen, und über die und wenn Nun, wir wir mit ihrem Dann zuletzt habe tsgang zu machen, zu dem mächtigen und großen Banquier Witte, von welchem ich den Betrag eines Wechſels einzuziehen habe. Denn Du weißt, die Frau van der Blaken iſt theuer, und die Bilderhändler werden uns auch nicht auf unſer redliches Geſicht hier die Bilder aus⸗ liefern, wenn wir ſie kein Geld ſehen laſſen! Befehlen Eure— befehlen Sie nicht, daß ich zum Banquier gehe, und das Geld eincaſſire? fragte Nicht doch! Es iſt ein ſo wundervoller Genuß, ſich ſelbſt zu bedienen, und ſein eigener Herr nnd Diener zu ſein. Gönne ihn mir noch auf einige — 203— ging mit ihm wieder auf die Wanderung nach käuf⸗ lichen Gemälden und Kunſtſchätzen, welche der König für ſeine Gallerie in Sansſouci und Berlin erwerben wollte.— Man kam ihnen überall mit der zuvorkom⸗ mendſten Freudlichkeit, der reſpectvollſten Höflichkeit entgegen, denn man wußte, daß ſie nicht als müßige Beſchauer, ſondern als Käufer kamen, und daß man da nicht leere Kunſtenthuſiaſten, ſondern gefüllte Börſen zu begrüßen habe. Der König begriff ſehr wohl dieſe kriechende Höf⸗ lichkeit der Kunſthändler und Antiquare, und als ſie jetzt das Haus des letzten reichen Handelsmannes ver⸗ ließen, ſagte er aufathmend: ich freue mich, daß das vorüber iſt! Die Grobheiten des Poſthalters in Grave waren mir lieber, als die Höflichkeiten dieſer Leute. Jener betrachtete doch wenigſtens meine Phyſiognomie, mein eigenes Ich, das ihm als das eines Verbrechers erſchien, dieſe Menſchen ſehen nicht mich, ſondern nur meine Börſe, und das iſt widerlich. Es giebt nur einen Potentaten auf Erben, deſſen Macht unerſchüt⸗ terlich iſt, und deſſen Herrlichkeit niemals angezweifelt werden kann, dieſer Potentat, das iſt das Geld, aber vraiment, der kann ſich nicht von Gottes Gnaden nen⸗ nen. Komm, Balby, wir haben jetzt genug Bilder ge⸗ kauft, jetzt wollen wir nur noch Bilder ſehen und uns der Kunſt ohne Egoismus freuen. Der reiche Banquier Abramſon ſoll eine ſchöne Sammlung von Gemälden beſitzen, die wollen wir jetzt noch beſehen, und dann geht's zum Eincaſſiren des Wechſels. Das ſchöne, glänzende Haus des Banquier Abram ſon war bald gefunden; die beiden Brüder Zollern traten keck und zuverſichtlich in die Vorhalle ein, und forderten von dem dort befindlichen, reich gallonirten Livrsebedienten, ſie in die Gallerie zu führen. — 204— Es iſt hente nicht der Tag, ſagte der goldblitzende Diener, mit verächtlichem Achſelzucken die beiden Fremden muſternd. Nicht der Tag, was für ein Tag nicht? fragte der König barſch. Nicht der Tag, wo die Gallerie für Jedermann geöffnet iſt. Sie müſſen bis zum nächſten Dienſtag warten. Unmöglich! Wir reiſen morgen ab. Gehen Sie zu Ihrem Herrn und ſagen Sie ihm, zwei Fremde einſchreiſen Gallerie zu ſehen und bitten, daß er ſie ihnen öffnen möge. Es lag ſo etwas Stolzes und Unwiderſtehliches in der Art des Fremden, daß der Diener, faſt verwun⸗ dert über ſeine eigene Nachgiebigkeit, doch nicht wagte ihm zu widerſprechen, ſondern ging, um ſeinen Herrn zu benachrichtigen. 4 Nach einigen Minuten kehrte er zurück, um den Fremden anzukündigen, daß Herr Abramſon ſelbſt kom⸗ men würde, die Fremden zu ſprechen. Gleich darauf öffnete ſich die Thür und Herr Abramſon trat in die Vorhalle. Sein Geſicht, welches Anfangs freundlich und lächelnd geweſen, verfinſterte ſich indeſſen, als ſeine ſchwarzen, funkelnden Augen dieſer beiden Fremden anſichtig wurde, welche da in der Mitte der Vorhalle ſtanden. Sie haben verlangt mich zu ſprechen? ſagte er in dem hochfahrenden Ton, den die reichgewordenen Ju⸗ den oft anzunehmen pflegen. Was haben Sie zu wünſchen von mir? 3 Des Königs heitere Stirn verfinſterte ſich ein wenig, und ein zorniger Blick ſeines Auges traf den über⸗ müthigen Geldmann, der mit ſtolz zurückgelehntem Haupt, die beiden Hände in den Taſchen ſeiner Pan⸗ — 205— talons, ihm gegenüber ſtand, und ſich nachläſſig auf ſeinen Stiefelabſätzen wiegte. Dann aber nahm ſein Antlitz wieder ſeinen heiteren Ausdruck an, und mit vollkommener Gelaſſenheit ſagte er: mein Herr, wir haben zu wünſchen, daß Sie uns Ihre Gallerie zeigen. Der Ton, mit welchem er ſo ſprach, war aller⸗ dings weniger bittend, als gebieteriſch, und reizte daher den leicht erregbaren Zorn des ſtolzen Parvenu. Mein Herr, ſagte er, ich habe eine Gallerie von Kunſtſchätzen zu meinem Vergnügen angelegt, und ſie mit meinem eigenen Gelde bezahlt. Ich bin auch gern bereit, ſie denen zu zeigen, welche nicht Geld genug haben, um dergleichen Kunſtſchätze zu kaufen, und habe um die Neugierde der Fremden zu ſättigen, einen Tag jeder Woche feſtgeſetzt, wo ich meine Gallerie ihnen öffne. Aber es fällt mir gar nicht ein, mich wegen zweier kleinen unbekannten Muſici zu incom⸗ modiren.*). Das heißt, Sie wollen uns Ihr Muſeum nicht zeigen? fragte der König lächelnd, indem er leiſe ſeine Hand auf Balby's Arm legte, gleichſam um ihn zu feſſeln, und ihn am Ausbruch ſeines Zorns zu hindern. Das heißt, mein Muſeum iſt heute geſchloſſen, und— Eben rollte mit heftigem Donner ein Wagen vor das Haus, die äußere Thür der Vorhalle ward haſtig aufgeriſſen, ein reich gallonirter Livréediener trat her⸗ ein, und indem er gerade auf Herrn Abramſon zu⸗ ſchritt, ſagte er: der Lord Middleſtone aus London bittet um die Ehre, Ihre Gallerie ſehen zu dürfen. *) Die eigenen Worte des Banquiers. Siehe Thiébault, Vol. I., p. 217. — 206— Das Antlitz des jüdiſchen Banquiers ſtrahlte vor Vergnügen. Seine Herrlichkeit möge die Gnade haben auszuſteigen, ſagte er. Ich ſchätze es mir zur Ehre, ihm meine kleinen Kunſtſachen zu zeigen. Meine Gal⸗ lerie iſt zwar heute geſchloſſen, aber für Lord Middle⸗ ſtone, nur für ihn werde ich ſie öffnen. Sein geringſchätzender Blick traf dabei die beiden armen Muſikanten, welche zur Seite getreten und ſtumme Zuhörer dieſer Scene geweſen waren. Und jetzt wurden die beiden Thorflügel geräuſch⸗ voll geöffnet. Auf die Arme zweier Bedienten geſtützt, ſchwankte eine kleine, zuſammengeſchrumpfte Menſchen⸗ geſtalt, ein kleiner zitternder, in Pelze gehüllter Greis herein. Das war ſeine Herrlichkeit der Lord Middle⸗ ſtone! Und Herr Abramſon ſtürzte ihm mit tiefer Ehrerbietung entgegen, und ging rücklings vor ihm her, nach jener Thür, die in die Gallerie führte. Aller Augen waren auf dieſe traurige Herrlichleit gerichtet, jeder fühlte, daß dem Hauſe des Herrn Abramſon eben hohe Ehre wiederfahren, denn Lord Middleſtone, der Geſandte des Königs von England, war zu ihm gekommen, um ſeine Kunſtſchätze zu ſehen! Das war eine Anerkennung, welche das Herz des Banquiers hoch erfreute, und einen neuen Glanz über ſein Haus verbreitete.— Während jetzt die Thüren zur Gallerie weit geöff⸗ net wurden und Herr Abramſon ſeine Lordſchaft de⸗ müthigſt dahin geleitete, verließ der König unbeachtet mit Balby das Haus des Banquiers. Eine Wolke lag auf ſeiner Stirn, und ſchweigend und in ſich gekehrt ſchritt er eine Zeitlang auf der Straße dahin. Dann plötzlich blieb er ſtehen, und Balby ſtarr anblickend, brach er in ein ſo lautes, herz⸗ liches Gelächter aus, daß die Vorübergehenden zu⸗ — 207— ſammenſchraken und verwundert nach ihm ſich um⸗ ſchaueten. 4 Balby, mein Freund, ſagte der König, noch immer⸗ fort lachend, ich will Dir etwas ſehr Komiſches ge⸗ ſtehen. Ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht ſo gedemüthigt und beſchämt gefühlt, als in dem Mo⸗ ment, wo Seine Herrlichkeit im Triumph in die Gal⸗ lerie eintrat, und wir Beide in Demuth zum Hauſe hinausſchlichen. Wahrhaftig, ich bin ein ſolcher Thor, daß ich mich geärgert habe, und doch fühle ich jetzt, daß dieſe Scene von einer unwiderſtehlichen Komik war. Oh, oh, Balby, lache doch mit mir. Denke doch, wir Beide, die wir uns einbilden, ein paar ſtatt⸗ liche, hübſche Männer zu ſein, die wir ſchwärmen für den Gedanken, nicht durch unſere Titel und Namen, ſondern durch unſeren hohen Werth, durch unſer edles Menſchenthum etwas zu bedeuten, wir werden aus dem Hauſe gewieſen, während man dieſen kleinen, ver⸗ ſchrumpften, ekelhaften Greis mit hohen Ehren em⸗ pfängt. Er roch wie ein Salbenkaſten, wir duften nach Ambra, vergeblich, Herrn Abramſon roch er wie Manna. Herr Abramſon hat keine feine Naſe, lachte Balby, ſonſt würde er in Ohnmacht gefallen ſein vor Ent⸗ zücken über dieſen Geruch des Königthums. Aber im Ernſt, dieſer Herr Abramſon iſt ein unverſchämter Ge⸗ ſelle, und ich flehe Euer Majeſtät an, den Herrn Zollern an ihm zu rächen. Das will ich, und zu Gunſten Deiner Bitte will ich Dir die unziemliche Majeſtät auf neutralem Boden vergeben. Ja, dieſer Abramſon iſt ein Unverſchämter, welcher Strafe verdient hat. Er hat mich als Mann und Menſch beleidigt, der König ſoll ihn dafür züch⸗ tigen. Das können wir Beide von ihm als Entſchädi⸗ gung für unſere Demüthigung verlangen.*)— Und jetzt zu unſerem letzten Gange. Jetzt wollen wir Geld eincaſſiren bei Herrn Witte. Nun, ich wette, der weiſ't uns nicht ab, denn mein Wechſel lautet auf zehntau⸗ ſend Thaler, und er wird alſo Reſpect haben, nicht vor uns, aber vor unſerem Gelde!— Die würdige und wohlbehäbige Madame Witte war ſo eben mit dem Abſtäuben und Reinigen ihres Prunkgemaches fertig und überflog noch einmal mit einem Kennerblick das ganze Zimmer. Dann lächelte ſie zufrieden und geſtand ſich, daß nichts mehr zu wünſchen übrig ſei. Die Spiegel und Fenſterſcheiben waren von durchſichtiger Klarheit, der parquetirte Fuß⸗ boden glänzte wie eine braune Eisbahn, kein Stäub⸗ chen lag auf den ſeidenen Meubles, den blankpolirten Tiſchen, den koſtbaren Nippes, die hier und da auf klei⸗ nen Marmortiſchchen nnd Conſolen ſtanden. Es war ein untadelhaftes Zimmer, und ſelbſt eine reinliche Holländerin durfte mit der Reinlichkeit deſſelben zu⸗ frieden ſein. Faſt fühlte ſich Madame Witte betrübt darüber, und der Seufzer, mit welchem ſie das Zim⸗ mer verließ und die Thür hinter ſich ſchloß, ward ihr nicht von dem Gefühl des Behagens, ſondern von dem Gefühl des Bedauerns entriſſen. Sie mußte nun die nächſten Tage ihrer Lieblingsbeſchäftigung entſagen, es gab nichts mehr abzuſtäuben und zu putzen in ihrem *) Der König hielt Wort. Niemals konnte der Jude Abramſon, welcher nachher voll Entſetzen erfuhr, daß es der König geweſen, den er ſo ungebührlich abgewieſen, ſeine Verzeihung erhalten. Rie⸗ mals erlaubte der König, daß dieſer Mann zu denen gerechnet ward, mit denen das preußiſche Gouvernement in Holland negociirte, mochte dies nun in Bank⸗ oder in Handelsgeſchäften ſein; und Herr Abramſan ward alſo bitter geſtraft für ſeine Unziemlichkeiten. (Thiébault, Vol. I. p. 216.) 1 4 — 209— Prunkgemach, ſie mußte alſo warten; denn nur das Putzzimmer durfte das Feld ihrer wirthſchaftlichen Thätigkeit ſein, nur dort durſte ſie ihrer Lieblings⸗ neigung fröhnen und ſelber fegen und reinigen, nur dort hatte ihr Gemahl ihr erlaubt, die Magd zu ſpie⸗ len; außer demſelben verlangte er von ihr, daß ſie die Dame des Hauſes, die vornehme Frau des reichen Banquiers darſtellen ſollte, und das war eine Rolle, welche der guten Holländerin wenig behagte. Sie ſchloß daher, wie geſagt, mit einem Seufzer die Thür des Prunkzimmers, und zog im Vorſaal ihre Schuhe, welche ſie beim Betreten ihres Putzzimmers ſtets aus⸗ zuziehen pflegte, wieder an, um vorſichtig auf dem Teppichſtreifen, welcher den Vorſaal durchzog, nach der anderen Thür hinzuſchreiten.— In dieſem Moment hörte man draußen an der Klingel der Hausthür heftig ſchellen; Frau Witte bewegte ihre corpulente Geſtalt raſcher vorwärts, um, dem Drange ihrer weiblichen Neugierde folgend, zu ſehen, wer zu ſo ungewöhnlicher Zeit Einlaß begehrte. Es waren zwei Fremde, welche ſchon in die Vor⸗ halle getreten waren und von dem Comtoirdiener, welcher zugleich die Geſchäfte eines Portiers zu ver⸗ richten hatte, verlangten, zu Herrn Banquier Witte ge⸗ führt zu werden. Der Herr Witte iſt nicht zu Hauſe, und wenn Ihre Geſchäfte nicht dringend ſind, ſo kommen Sie morgen früh gefälligſt wieder. Aber meine Geſchäfte ſind dringend, ſagte Herr Friedrich Zollern haſtig. Ich muß den Herrn Witte heute noch durchaus ſprechen. Sollte er vielleicht Geld von ihm borgen wollen? dachte Madame Witte, welche durch die halbgeöffnete Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. I. 14 Thür die beiden Fremden beobachtete. Borgen oder Credit verlangen, das werden ſeine Geſchäfte ſein. Und darf man fragen, worin Ihre Geſchäfte be⸗ ſtehen? fragte der Comtoirdiener. Denn um Herrn Witte, welcher auf dem Caſino iſt, bolen zu dürfen, muß ich erſt wiſſen, was Sie von ihm wollen. Ich will einen Wechſel auf zehntauſend Thaler bei ihm eincaſſiren, ſagte Friedrich Zollern barſch. „Jetzt öffnete ſich haſtig die Thür und Madame Witte trat heraus, um den Fremden und ſeinen Be⸗ gleiter zu begrüßen. Wenn es Ihnen gefällig iſt, meine Herren, ſo bitte ich Sie, einzutreten, ſagte ſie verbindlich, und meinen Mann zu erwarten. Er wird in einer Viertelſtunde hier ſein. Laufe, Andres, und hole ihn. Andres ſprang von dannen und Madame Witte geleitete die beiden Fremden ſchweigend den Teppich⸗ ſtreifen des Vorſaals entlang. Vor der Thür des Putzzimmers angelangt, zog ſie mit einem raſchen Schwunge ihre Schuhe aus und blieb dann ſtehen, indem ſie die beiden Fremden erwartungsvoll anblickte. Nun, Madame? fragte der König. Sollen wir hier vor dieſer Thür den Herrn Witte erwarten, oder wollen Sie uns vielleicht in das nächſte Zimmer führen? Gewiß will ich das, ſagte fie gutmüthig, aber um 5 das zu thun, warte ich nur auf Sie? 1. 3 Auf uns? Und was ſollen wir thund Nun, das, was ich gethan habe, Ihre Schuhe aus⸗ ziehen! 84 Niemals, mein Herr. Das iſt der Brauch hier ch ſeit meinem Großvater her. Er ließ das Haus bauen, —— — 211— und niemals ſeitdem hat man dies Zimmer anders als auf Socken betreten. Ziehen Sie alſo gefälligſt Ihre Schuhe aus! Balby beeilte ſich ihrem peremtoriſchen Befehl zu folgen. Ich denke, Madame, es wird genügen, wenn ich dieſem Familiengebrauch Ihres Hauſes nachkomme, ſagte er. Sie werden meinem Bruder dieſe Ceremonie erſparen kannen? Und weshalb ſollte ich das? fragte Madame Witte erſtaunt. Seine Schuhe ſind nicht reiner und ſchöner als die Ihrigen, oder die irgend eines anderen Men⸗ ſchen. Haben Sie alſo die Güte, mein Herr, Ihre Schuhe gleichfalls auszuziehen. Sie haben Recht, Madame, ſagte der König ernſt⸗ haft, muß man doch, um in das Himmelreich zu ge⸗ langen, erſt ſeinen ganzen alten Menſchen ausziehen; es iſt daher ſehr wenig gefordert, daß man, um in Ihr Putzzimmer zu gelangen, bloß ſeine Schuhe aus⸗ ziehen ſoll. Er bückte ſich nieder, um die Schnallen ſeiner Schuhe zu löſen; als Balby ihm dabei behülflich ſein wollte, wehrte er ihn zurück. Nicht doch, ſagte er, Du ſollſt mir nicht die Schuhriemen löſen, Bruder Heinrich, denn Du biſt mehr werth, als das, und die Madame Witte möchte ſonſt denken, ich ſei ein an⸗ maßender Menſch und tyranniſire meinen Bruder. So, Madame, die Schnallen ſind gelöſt, da liegen meine Schuhe, und jetzt ſind wir würdig in das Himmelreich Ihres Putzzimmers einzutreten. Frau Witte öffnete mit unerſchütterlichem Ernſt die Thür und ließ ſie eintreten, und indem ſie ſich dann in ihr eigenes Zimmer begab, ſagte ſie vergnügt vor ſich hin: Jetzt werde ich morgen wieder abzu⸗ ſtäuben haben, denn die Kleider dieſer Fremden waren 14 ſehr beſtäubt, und alle Meubles werden blind davon ſein! Die beiden Herren Zollern erwarteten indeß im Putzzimmer die Ankunft des Herrn Witte. Der König freute ſich mit fröhlichem Lachen der komiſchen Situa⸗ tion, während Balby ſeufzend auf die unbeſchuheten Füße des Königs blickte und meinte, der König hätte der wunderlichen Laune dieſer Holländerin nicht nach⸗ geben und ſeine Schuhe nicht ausziehen ſollen, denn der Fußboden ſei kalt und der König riskire krank da⸗ von zu werden. Oh, nicht doch, ſagte Friedrich, man wird nicht ſo leicht krank. Die Menſchennatur in mir kann einen guten Puff vertragen, und wir haben noch von großem Glück zu ſagen, daß wir ſo wohlfeilen Kaufes davon gekommen ſind. Denn ein ſo reicher Banquier, wie Herr Witte, iſt hier ſo viel wie der Papſt in Rom, und es ſcheint mir daher gar nicht viel gefordert, daß wir, um den holländiſchen Papſt zu ſehen, unſere Schuhe ausziehen mußten. Denke doch, was Kaiſer Heinrich der Vierte Alles ausziehen mußte, ehe er den römiſchen Papſt zu ſehen bekam. Nicht bloß ſeine Majeſtät und ſein Kaiſerthum, nicht bloß ſeine Schuhe, ſondern auch ſeine Strümpfe und einige andere Dinge mehr. Im bloßen Hemde und auf bloßen Füßen mußte er den Papſt erwarten. Madame Witte iſt wirklich ſehr gütig, daß ſie nicht ein ſolches Coſtüm von uus für ihren Papſt von Amſterdam verlangt. Aber nachher bekam der Kaiſer neben Papſt Gregor dafür auch die ſchöne Mathilde zu ſehen, ſagte Balby lachend, und mir ſcheint, Madame WVitte iſt eine ſchlimme Entſchädigung für unſer Büßercoſtüm. Sie iſt— Die Thür hinter ihnen ward haſtig geöffnet und — 213— Herr Banquier Witte trat ein. Anfangs ſchritt er mit ruhigem Lächeln vorwärts, dann blieb er, wie vom Schreck gelähmt, ſtehen und blickte den König an. Mein Gott, Se. Majeſtät der König von Preußen, ſtammelte er. Oh, Majeſtät, welche ungeheuere Gnade, laſſen Sie meinem Hauſe wiederfahren, daß Sie es mit Ihrer Gegenwart beehren. Sie kennen mich alſo? fragte der König lächelnd. Nun denn, ich bitte, daß Sie mein Incognito bewahren und dem Herrn Friedrich Zollern auf dieſen Wechſel hier zehntauſend Thaler auszahlen wollen. Er ſchritt auf den Banquier zu, um ihm den Wechſel zu überreichen; aber jetzt ſtieß Herr Witte einen Schrei des Entſetzens aus und ſtürzte mit ge⸗ rungenen Händen auf ſeine Kniee nieder. Er hatte erſt jetzt geſehen, daß der König ohne Schuhe war.. 3 Oh, Majeſtät, Gnade, Gnade, flehte er händerin⸗ gend. Verzeihung für meine unglückliche Frau, die nicht ahnen konnte, welch' ein Verbrechen ſie begangen hat. Aber mein Gott, warum haben Euer Majeſtät ihrer unſeligen Leidenſchaft auch nachgegeben, warum haben Sie es nicht verweigert, die Schuhe auszu⸗ ziehen? Warum ich das nicht gethan habe? Nun, ma ſoi, weil ich dem König von Preußen eine Demüthigung erſparen wollte, denn ich glaube, die Madame Witte würde mich eher zum Hauſe hinausgeworfen, als mir erlaubt haben, daß ich mit meinen Schuhen dies Putz⸗ zimmer hier beträte. Nein, Majeſtät, nein, ſie würde— In dieſem Moment öffnete ſich die Thür und Ma⸗ dame Witte, angelockt von den lauten Jammertönen ihres Mannes, trat ein. 3 Frau, rief ihr Mann, ſich von ſeinen Knieen erhe⸗ bend, komme her, falle nieder auf Deine Kniee und bitte um Verzeihung. Nun, was habe ich denn gemacht? fragte ſie ver⸗ wundert. Du haſt von dieſem Herrn verlangt, daß er die Schuhe auszöge. Nun, und weiter? Nun, ſagte Herr Witte feierlich, indem er den Arm auf die Schulter ſeiner Frau legte und ſie nie⸗ derzudrücken verſuchte, nun Frau, dieſer Herr iſt Se. Majeſtät der König von Preußen! Aber dieſes inhaltsſchwere Wort that nicht die Wirkung, welche ihr Mann gehofft hatte.— Madame Witte blieb ruhig lächelnd auf ihren zwei unbeſchuheten Füßen ſtehen und blickte den König nur neugierig und erſtaunt an. 3 Jetzt flehe den König um Verzeihung an wegen Deiner Unziemlichkeit, befahl ihr Mann. Bedenke doch, Du haſt ihn die Schuhe ausziehen laſſen. Nun, warum iſt denn das eine Unziemlichkeit? fragte ſeine wackere Ehehälfte. Ziehe ich nicht ſelber jedes Mal die Schuhe aus, wenn ich hier eintrete? Und es iſt doch mein Zimmer, nnd nicht das des Kö⸗ nigs von Preußen. Herr Witte ſchlug mit einer Geberde des Ent⸗ ſetzens die Hände über ſeinem Haupt zuſammen. Der König aber brach in ein lautes und herzliches La⸗ chen aus. Ah, Sie ſehen alſo, daß ich Recht hatte, mein Herr, ſagte er, nur dadurch, daß ich mich in Gehorſam fügte, konnte ich dem König von Preußen eine Demüthigung — 215— erſparen!*) Aber laſſen Sie uns jetzt in Ihr Ge⸗ ſchäftssimmer gehen und unſere Geldangelegenheiten ordnen. Dort werden Sie mir wohl erlauben, Ma⸗ dame, meine Schuhe anzulegen. Herr Witte ſtürzte ohne ein Wort zu ſagen in das Vorzimmer und holte die Schuhe des Königs, die er mit geſchäftiger Eile,— nicht vor den König, ſondern vor der Thür niederſetzte, welche in ſein Geſchäfts⸗ zimmer führte.. Der König ging mit einem lebhaften Kopfnicken auf dem Teppichſtreifen zu ſeinen Schuhen hin, und ließ ſie ſich von Balby anziehen. Madame, ſagte er, ich ſehe, daß Sie wirklich Herrin in Ihrem Hauſe ſind, und daß man Ihnen nicht mehr aus Zwang, ſondern ſchon aus Inſtinct gehorcht, ſelbſt wenn man zu rebelliren ſcheint. Gott erhalte Ihnen Behen ſtarken Willen, und Ihren— guten Mann! dien! Und jetzt, ſagte der König, als ſie mit ihrem Gelde den Banquier Witte verlaſſen und in ihr Hotel zurück⸗ gekehrt waren, jetzt wollen wir alle Anſtalten treffen, morgen in der Frühe abreiſen zu können, denn um unſer Incognito iſt es geſchehen. Herr Witte hat uns zwar ſein Wort gegeben, zu ſchweigen, aber Madame Witte nicht; demgemäß wird morgen ganz Amſterdam wiſſen, daß der König von Preußen hier iſt. Zum Glück weiß Herr Witte nicht, wo ich wohne, und ſo boffe ich heute noch Ruhe zu haben, aber morgen iſt's vorbei!— *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Nicolai, Anecdoten und Charakterzüge aus dem Leben Friedrichs des Großen. Samm⸗ lung 5., S. 31. — 216—„ Der König hatte ganz recht prophezeiht. Frau Witte war eifrig bemüht geweſen, ihren Freundinnen die wichtige Nachricht mitzutheilen, daß der König von Preußen ihren Mann perſönlich beſucht habe und in Amſterdam ſei. Die Nachricht wälzte ſich wie eine Lawine von Haus zu Haus, von Straßenzu Straße, und gelangte ſelbſt bis an die Thür des erſten Bür⸗ germeiſters von Amſterdam, der trotz der ſpäten Abend⸗ ſtunde noch die Mitglieder des Magiſtrats zuſammen⸗ berief, und mit ihnen eine wichtige Berathung hatte, in Folge deren Polizeibeamte nach allen Hötels eilten, um die Liſte der in den letzten Tagen dort eingetroffe⸗ nen Fremden einzufordern, denn um den König zu begrüßen, mußte man vor allen Dingen erſt erfahren, wo er wohne. In der Frühe des nächſten Morgens hielt ein ein⸗ ſacher Kaleſchwagen, nur mit zwei Poſtpferden be⸗ ſpannt, vor dem Hôtel zum ſchwarzen Raben. Die Gebrüder Zollern wollten abreiſen, und hatten eben zu dem größten Erſtaunen der Frau van der Blaken nicht nur ihre Rechnung ohne Murren bezahlt, ſondern auch ein überaus glänzendes Douceur für die Diener⸗ ſchaft gegeben. Die Frau Wirthin war daher ſelbſt auf den Hausflur getreten, um den beiden würdigen Herren Zollern Lebewohl zu ſagen, und nickte ihnen freundlich zu, als ſie jetzt eben die Treppe hinunter⸗ kamen. Hinter ihnen ging der Diener mit dem kleinen Mantelſack und den beiden Muſikkaſten. Als er die Gaſtwirthin und den hinter ihr ſtehenden Oberkellner gewahrte, neigte Deeſen ſich näher zu dem König hin. Majeſtät, darf ich? flüſterte er leiſe. Jetzt noch nicht, erwiederte der König lächelnd. Erſt wenn wir im Wagen ſitzen! — 217— Er ſchritt die Treppe hinunter, mit freundlichem Kopfneigen begrüßte er die Wirthin, und trat mit Balby aus der Hausthür. Siehſt Du, Freund, wie richtig ich prophezeit hatte? ſagte er, mit dem erhobenen Finger die Straße hinauf deutend. Laß uns einſteigen, es iſt die höchſte Zeit abzureiſen, denn ſieh nur dort, wie die ſchwarzen Naben herangeflogen kommen, weil ſie einen Braten für ihren Schnabel gewittert haben.. Richtig! Von dem Ende der Straße her kam ein feierlicher langer Zug von Menſchen herangeſchwankt. Voran die beiden Bürgermeiſter in den ſchwarzen, mit breiten rothen Aufſchlägen verſehenen Talaren, ge⸗ ſchmückt mit den ſchweren goldenen Amtsketten, und den großen, gepuderten Allongeperücken. Ihnen folg⸗ ten in ähnlichen Aufzügen die Herren Senatoren, denen ein unabſehbarer Zug der reichſten und vornehmſten Vürger der Stadt ſich angeſchloſſen hatte. Frau van der Blaken war hinausgetreten auf die kleine vor dem Hauſe befindliche Rampe und betrach⸗ tete erſtaunt den ſich nähernden Zug. Indem ſie noch mit ihren Kellnern und Mägden überlegte, was derſelbe zu bedeuten haben möchte, hatten die bei⸗ den Herren Zollern den Kaleſchwagen beſtiegen, und der Diener ſich neben den Poſtillon auf den Bock geſetzt. Darf ich jetzt? fragte Deeſen, ſich zu dem König umwendend. Jetzt darfſt Du, ſagte der König, aber eile Dich, denn ſonſt wälzt ſich der Zug da heran, und die Allon⸗ geperücken ſchnappen Dir Dein Geheimniß fort. Frau Wirthin, rief Deeſen von ſeinem Sitz her⸗ nieder, Frau Wirthin! Wiſſen Sie, was der Zug da zu bedeuten hat? Nein, ſagte ſie vornehm, ich weiß es nicht. Nun, ich will es Ihnen ſagen, und merken Sie wohl auf. Der Magiſtrat kommt hierher, um den König von Preußen zu begrüßen. Den König von Preußen! ſchrie Frau van der Blaken außer ſich. Wo iſt er. Da iſt er! rief Deeſen mit einem entzückenden Grinſen, indem er auf den König deutete. Und ich bin der Kammerhuſar Seiner Majeſtät. Jetzt vor⸗ wärts, Poſtillon, raſch vorwärts. Deer Poſtillon hieb auf die Pferde und der Wagen rollte von dannen, dicht vorbei an dem Herrn Bür⸗ germeiſter und ſeinen Senatoren, welche mit feierlichen Amtsmienen weiter marſchirten, um den König von Preußen im ſchwarzen Raben zu begrüßen, und keine Ahnung davon hatten, daß er eben mit einem ſchaden⸗ frohen Lächeln an ihnen vorüberfuhr.— Zwei Tage ſpäter ſtand der König mit Balby und ſeinem Kammerhuſaren wieder neben dem preußiſchen Grenzpfahl, wo er beim Beginn der Reiſe in den vom Regen erweichten Lehmboden die Worte: Sire, Ma⸗ jeſtät! mit ſeinem Krückſtock eigezeichnet hatte. Sieh, ſagte er, auf den Boden deutend, die beiden verhängnißvollen Worte ſind nicht verwiſcht. Die Sonne hat den Boden verhärtet, und ſie ſind ſtehen geblieben. Nun muß ich ſie wieder vom Boden auf⸗ nehmen, und auf meine Schultern laden. Gieb mir Deine Hand, Balby. Der arme Muſikant Friedrich Zollern will von ſeinem Bruder Abſchied nehmen. Aber ich nehme hier nicht bloß von Dir Abſchied, ſondern, wie ich fürchte, auch von meiner Jugend. Dieſe Reiſe iſt mein letzter Jugendſtreich geweſen! 4— 219— Jetzt werde ich alt und— auch kalt werden. Aber Eins will ich Dir noch ſagen, ehe ich wieder König werde! So ganz unzufrieden bin ich damit nicht, denn, im Vertrauen geſagt, es ſcheint mir ziemlich ſchwer ein gewöhnlicher Menſch zu ſein, und es iſt mir ſo vorgekommen, als ob damit manche Demüthi⸗ gungen und manche unvermeidliche Beleidigungen ver⸗ bunden ſind. Die Menſchen, ſcheint es, lieben und vertrauen ſich nicht ſonderlich untereinander, und Einer rächt ſich am andern für die Unbill, die er ſelber vom Dritten erfahren hat.— Außerdem verſtehe ich mich nicht recht auf die Höflichkeiten des gewöhnlichen Le⸗ bens, und man hat mir deshalb, wie Du weißt, manche Naſe zu Theil werden laſſen. Da ſcheint's mir denn doch im Ganzen bequemer, Naſen auszu⸗ theilen, als zu empfangen, und ſo will ich denn mich entſchließen wieder König zu ſein. 4 Wollen mir Ener Majeſtät noch ein Wort erlau⸗ ben? fragte Deeſen vortretend. Sprich, Deeſen! Nun, ſo danke ich dem Herrn Zollern, daß er mir das Leben gerettet hat, denn ſo wahr ein Gott lebt, ich wäre erſtickt vor Aerger, wenn ich dieſen hoch⸗ müthigen Holländern nicht hätte ſagen dürfen, wer der Herr Zollern und wer ich ſelber ſei! Das Letztere war wohl die Hauptſache debei, ſagte der König lächelnd, der König ſollte dem Kammer⸗ huſar nur als Folie dienen. Nun vorwärts! Lebe wohl, blauer Himmel, Freiheit und Jugendluſt! Lebe wohl, Friedrich Zollern! Da! Jetzt ſtehe ich auf preußiſchem Boden, die heitere Stunde iſt vorüber, und ich fürchte, Balby, der Ernſt des Lebens wird uns bald möchtig faſſen. Mag es denn ſein! Ich nehme meine Beſtimmung auf mich! Ich bin wieder Friedrich von Hohenzollern! Und ich habe die Ehre der Erſte zu ſein, welcher Euer Majeſtät auf preußiſchem Boden begrüßt, ſagte Balby, indem er ſich tief vor dem König verneigte. Ende des erſten Bandes. Nrnfnfffffſfſſſſſſſſſſſn 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 esss —