Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Ednuard Ottmann in Gießen, 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3..— „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 1 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und bpeträgt: 3 für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——⅓⅓:—— er. auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 MNk. Pf 13. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 1 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5A— —y —————. 7.— Frauenschicksal. Zweiter Theil. Soeben ſind erſchienen: Der braune Knabe oder die Gemeinden in der Zerstreuung. Novelle von J. C. Biernatzki. 2 Baͤnde. 8. Altona, Hammerich. geh. 2 ¾ Mh. Biernatzki's Novellen haben einen großen Kreis von Leſern ſich erworben, und ſein Name wird im In⸗ und Auslande mit Achtung genannt. Der„braune Knabe“ greift lebhaft ein in die gegen⸗ waͤrtigen Verhaͤltniſſe, und iſt vom hoͤchſten Intereſſe fur jeden, der den kirchlichen Wirren der Zeit Aufmerkſamkeit ſchenkt! 3 Saͤmmtliche Buchhandlungen Deutſchlands, Oeſtreichs, der Schweiz u. ſ. w., haben den„braunen Knaben“ vorraͤthig Der Freihaken. Erſtes Quartalheft 1839 Mit Beitraͤgen 5 von C. G. Carus, Adelbert v. Chamiſſo, Noſa Maria, Theodor Mundt, Dr. Trorleh„Stephan Thurm, . Varnhagen v. Enſe, E. Willkomm u. A. 8. Altona, Hammerich. geh. 14 Mh. Unter Mitwirkung der beruͤhmteſten Schriftſteller Deutſchlands begann der Freihafen. Ganz Deutſchland hat den erſten Jahrgang mit freudiger Theilnahme entgegen genommen, da jedes neue Quartalheft das Intereſſe an dieſer hoͤchſt wichtigen literariſchen Erſcheinung ſteigern mußte. Jetzt hat der zweite Jahrgang begonnen; das erſte Quartalheft liegt mit ſeinem intereſſanten Inhalte vor. Die Namen der Mit⸗ arbeiter machen jede weitere Empfehlung uͤberfluͤſſig, kein Gebilde⸗ ter wird es verſaͤumen, dem„ Freihafen“ ſeine Aufmerkſamkeit zuzuwenden.. Der Freihafen”“ iſt in allen ſoliden Buchhandlungen zu haben, in welchen ſtets Exemplare vorraͤthig ſind. Frauenschicksal von L. Mühlbackh. Verfaſſerin der Romane:„Erſte und letzte Liebe“ und „Die Pilger der Elbe.“ Zweiter Theil. Die Kuͤnſtlerin. Die Fuͤrſtin. ———ꝛ—ꝛ—ꝛꝛꝛ—--n— Altona, Verlag von J. F. Hamme Trich. 1839. ———————— Die Künſtlerin. Dritte Abtheilung. II. 1 Erſtes Capitel. Ach, dem Glück, geliebt zu werden, Gleicht kein andres Glück auf Erden, Die geliebte Schäferin, Sie allein iſt Königin. Graf Ernſt wan einer Reiſe nach Italien zuruͤckgekeh und ſeine fruͤhern heitern Freunde hatten ihn mit Jubel b gruͤßt. An einen derſelben hatte er den Tag ſeiner Ankunft geſchrieben und ihn gebeten, ihm vorlaͤufig eine paſſende Wohnung zu ſuchen, bis er ſelbſt komme, ſein ererbtes Ho⸗ tel ſich einzurichten, da er geſonnen ſei, fuͤr laͤngere Zeit in der Reſidenzſtadt, als in der Naͤhe ſeiner Guͤter zuzubringen. Seine Wuͤnſche waren getreulich erfuͤllt worden, und im ele⸗ ganten hohen Zimmer ſaß der vor wenig Stunden Angehnge im Kreiſe von vier jungen Maͤnnern. n Die drei Jahre deiner Abweſenheit haben dich weng veraͤndert, bemerkte Baron S., und ſah theilnehmend und liebevoll in Ernſtens Geſicht, ich finde dich kraͤftiger, mehr zum Manne gereift. Mehr geeignet, die Stuͤrme des Lebens zu ertragen, be⸗ merkte Graf Ernſt mit einem faſt wehmuͤthigen Laͤcheln. 1*¼ Nicht doch, nicht doch, meinte ein Anderer, mehr ge⸗ macht, den Becher der Freude zu leeren, die Luſt zu ſchoͤpfen aus immer reicher Quelle.— Nein, nein, du fehlteſt uns in unſerm frohen Kreiſe; nun iſt er erſt wieder vollſtaͤndig. Ha, welch ein Leben ſoll jetzt beginnen!— Und hoͤrſt du, auf dich habe ich meine letzte Hoffnung geſetzt. Du mußt vollfuͤhren, was Keinem von uns gelingen wollte, du mußt unſere ſtolze Prima Donna beſiegen. Ja, ja, ſtimmten die Andern bei, du mußt uns raͤchen an der ſtolzen Sproͤden.— Und von wem iſt denn die Rede? fragte Ernſt begierig. Von wem anders, als von der erſten Saͤngerin, Fraͤu⸗ lein Emilie Minden. Ach, von der du mir immer ſo begeiſtert ſchriebſt, lie⸗ ber Carl. Nach deinem feurigen Briefe glaubte ich deiner Verlobung entgegen ſehen zu koͤnnen.— Davon ſpricht man nicht gern, meinte der Baron S. mit ſchlauem Laͤcheln, und ſummte halblaut mit ſchelmiſchen Seitenblicken auf Carl: die Trauben waren ſauer, trara, trara.— Was, fragte Ernſt mit komiſchem Erſaunen, abge⸗ wieſen?— Nun ja, entgegnete Carl verdrießlich; es geht mir eben, wie allen Andern, betonte er ſtaͤrker, Keiner kann ſich einer Auszeichnung ruͤhmen. Freundlich, aber zuruͤckhaltend gegen Jeden, lockt ſie durch ihre Anmuth und Lieblichkeit unwiderſtehlich hin, ſtoͤßt ſie ab durch ihre aſßa Kaͤlte.— Iſt ſie huͤbſch? fragte Ernſt.— 5 Das eben nicht, aber ein brchede bewegliches Ge⸗ ſicht, ſchoͤne Augen, friſche Lippen, Aarer Teint und eine ſehr ſchoͤne Figur. 4 Noch ganz jung? fragte Ernſt weiter, denn ich entſi nne mich nicht, vor meiner Abreiſe jemals von ihr gehoͤrt zu haben. Sie iſt auch erſt ſeit zwei Jahren dem Theater gewid⸗ met, und entzuͤckt ſeitdem Alle durch ihren herrlichen Ge⸗ ſang, ihr ſchoͤnes Spiel, entgegnete Carl. Ja, ich moͤchte faſt ſagen, ich ſehe ſie lieber in Tragoͤdien, als in Opern.— Alſo in beiden excellirt ſie? fragte Ernſt verwundert. Ach, in Allem, ſagte Carl. Sie ſpielt das Pianoforte meiſterhaft, ſie malt wie eine Angelika, tanzt wie— Fanny Ei hureaens ihn Ernſt lachend.— Wahr⸗ lich, das muß ein wunderbares Weſen ſein. Ich bin be⸗ gierig ſie zu ſehen. Laßt uns zu ihr gehen. Gemach, gemach, mein lieber Graf, rief Baron S.,— wahrhaftig, noch immer der Alte, noch dieſelbe Leidenſchaft, dieſelbe Gluth. Mein Himmel, das wird ein Feuer wer⸗ den, wenn dieſer holde Zephyr die ſchlummernde Gluth an⸗ facht. Da werden Flammen ſchlagen, Blitze zucken.— Ich ſehe ſchon das ganze Ungewitter heranziehen.— Morgen wollen wir zu ihr gehen.— Sie empfaͤngt nur Morgens von eilf bis zwei Uhr Beſuch, und nie den Einzelnen. Der Salon iſt alsdann Jedem geoͤffnet, der kommen mag, die Geſellſchaftsdame laͤßt Jeden eintreten, und erſt wenn mehrere verſammelt ſind, ruft ſie die holde Koͤnigin. Und dann iſt es ein Neigen und Kaͤmpfen, fiel lachend Wilhelm ein, Jeder moͤchte gern der Erſte ſein, ihre Hund 6 zu kuͤſſen, ſie zum S zu fuͤhren, nach ihrem Befinden zu fragen.— K Jetzt lachſt du, ſagte Carl halb aͤrgerlich, und keiner ſeufzt mehr bei ihr, wie eben du.— Nun ja, ich leugne nicht, ich liege im Netze, wie alle Uebrigen, und unerhoͤrt, wie Alle.— 4 Alſo auf Morgen, ſagte Eenſt, und vergeſſen wir jetzt die ſtolze Zauberin, damit nicht Eure Laune ſchwinde. Ge⸗ denken wir der Vergangenheit und der froh verlebten Stun⸗ den.— Wie iſt es, Carl, noch immer nicht deinen Eigen⸗ ſinn aufgegeben, noch immer das Maͤdchen verſchmaͤhend, die dein Papa dir erwaͤhlte? Niemals, rief Carl heftig, niemals eine andere als— Still, ſtill, ſagte Ernſt raſch, und Woß dem Freunde mit der Hand die geoͤffneten Lippen, ſprich ein ſolches Wort nicht aus. Ich denke, meine Freunde, wir ſind Alle dar⸗ uͤber einig, eine Schauſpielerin zur Geliebten zu haben, beugt uns ſchon, ihr unſere Hand zu geben, befleckt unſern Stamm⸗ baum, bringt keine Ehre. O Ariſtokrat, Ariſtokrat, ſeufßte Baron S. mit komi⸗ ſchem Pathos. Die Zeiten ſind voruͤber, Taͤnzerinnen und Saͤngerinnen ſind Jedem ebenburtig, koͤnnen ſogar zur koͤ⸗ niglichen Tafel gezogen werden, und die ſteifen Hoffraͤulein muͤſſen es ſich zur Ehre rechnen, neben ihnen einen Sitz zu erlangen.— 1 MNoglich, daß Einige dieſe Anſichten hegen, ſagte Graf Ernſt, und warf ſtolz den Kopf zuruͤck, ich aber theile ſie nicht. Ich koͤnnte eine Schauſpielerin lieben, nimmer ihr meinen Namen geben. Doch, Freunde, wozu dieß Geſpraͤch, 4 es macht uns ernſt, und wir vergeſſen, daß wir unſer Wie⸗ derſehn feiern wollten. He, Heinrich, rief er ſeinem Kam⸗ merdiener, ſorge fuͤr Erfriſchung, laſſe eine Bowle bereiten. Ja, riefen Alle, Punſch her, Glaͤſer, laßt uns an⸗ ſtoßen, laßt uns jubeln,— der Freund iſt wieder dal Bald ſaßen ſie um die dampfende Bowle im heiter ſich bewegenden Geſpraͤche, und der Name manches ſchoͤnen und gefeierten Maͤdchens ertoͤnte, und manche kleine Liebſchaft ward unter dem Siegel der Verſchwiegenheit den horchenden Freunden vertraut.— 1 Aber du, ſagte Carl, du, lieber Ernſt, ſagſt uns nichts von deinem Leben, von deinem Liebesleben insbeſondere. Was iſt aus der ſchoͤnen Biondetta geworden, in die du ge⸗ rade verliebt weßſ als ich dich in Rom verließ?— Nichts von der, ſagte Ernſt heftig und eine finſtere Wolke des Unmuths uͤberflog ſeine hohe Stirn.— Heftig preßte er dann die Lippen auf einander, und ſchaute ſtumm und ſinnend zur Erde. Auch die Freunde ſchwiegen und dieſe Stille eben ſchien Ernſt aus ſeinen Traͤumen aufzu⸗ ſchrecken. Er fuhr ſich leicht mit der Hand uͤber das Ge⸗ ſicht, und ſagte dann, ein Glas ergreifend: Die ſchoͤne Emi⸗ lie ſoll leben!— 4 Hoch, jubelten die Freunde, und die Glaͤſer klirrten hell aneinander. Du wuͤrdeſt mich verbinden, liebe Erneſtine, ſagte Emi⸗ lie M., die gefeierte Saͤngerin, andern Tages zu ihrer Ge⸗ ſellſchafterin, wenn du dich heute bemuͤhteſt, die Herren im Salon allein zu unterhalten. So eben bekam ich einen 8 ““ Brief von meinem alten Freunde, dem Geheimrath Solau, er bittet mich um eine ungeſtoͤrte Stunde. Ich darf den Freund meiner Kindheit nicht umſonſt bitten laſſen. Ver⸗ troͤſte die Herren auf morgen, ſchloß ſie mit halb ſpoͤttiſchem Laͤcheln.— Sie werden Sturm laufen, ſich nicht zufrieden geben, bis ſie dich geſehen, Emilie, bis ſie ſich an deinen Reizen erquickt haben, ſagte Erneſtine in gewohntem Pathos.— Ich bitte dich, laß dieſe Reden— du ſo wenig, wie ich, glauben das.— Sage ihnen, ich ſei beſchaͤftigt mit meiner Rolle fuͤr heute Abend, und wolle nicht geſtoͤrt ſein.— Macht Niemand eine Ausnahme, fragte Erneſtine, auch nicht Graf Carle— 4 Niemand, wiederholte Emilie ernſt. gelt. Nur der Geheimrath darf zu mir kommen. Erneſtine ging hinaus und Emilie blieb allein.— Sie war, wie Graf Carl ſie geſchildert, nicht ſchoͤn, aber ein es klin⸗ hoͤchſt anziehendes Geſicht. Aus den tiefen, dunklen Augen ſprach Seele und Gefuͤhl, freilich auch etwas Stolz, um die gluͤhenden Lippen ſpielte ein froͤhliches, anmuthiges Pachein und die roſigen Wangen, die klare Stirn zeigten, wie wenig. von dem Schmerze des Lebens dieß junge bluͤhende Weſen noch empfunden. Die volle hohe Geſtalt war ſtolz empor gerichtet und einer Koͤnigin wuͤrdig, und der Fuß, die Hand von reizender Form und Kleinheit. Jetzt ließen ſich Schritte im Vorſaale vernehmen, die Thuͤre oͤffnete ſich und ein freundlicher Greiſenkopf ſchaute hinein, und eine muntere Stimme fragte: darf ich?— 9 Gewiß, lieber Solau, ſagte Emilie, und reichte dem Eintretenden freundlich die Hand. Ich bin nur fuͤr Sie zu Hauſe und brenne vor Neugierde zu wiſſen, was Sie zu mir fuͤhrt. O uͤber Euch Weiber,— alſo auch Sie, Allerſchoͤnſte und Vortrefflichſte, leiden an dieſer Schwachheit, Sie, ſonſt uͤber alle Schwaͤche ſo erhaben.— Ich bin aber auch nur ein Maͤdchen, lachte Emilie, und leide an Untugenden, wie nur je ein Maͤdchen. Doch nennen Sie es Wißbegierde, nicht Neugierde, und Sie wer⸗ den mir geſtehen, daß Wißbegierde uͤber allen Tadel erha⸗ ben iſt.— Allerdings, Schoͤnſte, beſtaͤtigte Solau, und ich bin jetzt ganz enchantirt von Ihrer edlen— wie war doch das Wort? Wißbegierde, lieber Geheimrath! Und nun ſchnell, ſetzen Sie ſich zu mir auf's Sopha.— Sie nahmen Platz und Solau ſagte: ich verſpreche mir wenig oder gar keinen Erfolg von meiner erbetenen Unter⸗ redung. Doch gab ich mein Wort, und muß es loͤſen. Alſo heraus damit— ich komme mit einem Heirathsantrag. Weiter nichts? fragte Emilie enttaͤuſcht.— So fragen Sie, aber der, der mich ſendet, haͤlt es fuͤr etwas Großes und Wichtiges. Mein Neffe Ludwig liebt Sie. Ich wußte es, ſagte Emilie, ernſter werdend, und es rumir traurig um Ihretwillen.— 8* Und Sie lieben ihn nicht?— Sie ſchuͤttelte verneinend das Haupt und ſchwieg. Nach einer kleinen Pauſe nahm Solau wieder das Wort: aber, liebſte Ffanndin, uͤberlegen Sie Alles wohl, ehe Sie Pich 10 1 entſchieden zurückweiſen. Verſuchen Sie es, meinen arme Ludwig mit beſonderer Aufmerkſamkeit zu betrachten, er b ſitzt einen ſo reichen Schatz von Gefuͤhl und Wiſſen. Ich 1 glaube, Sie wuͤrden ihn lieben koͤnnen. Ich aber weiß, daß ich es nicht kann. Ich achte tyn ja ich koͤnnte ihn lieben, als Bruder, nicht aber ſeine Gat⸗ tin ſein. So darf ich meinem Ludwig keine Hoffnung geben? Liebſter Solau, fragte ſie weich, und nahm ſeine Hand, die ſie freundlich druͤckte, ſoll ich Unwahrheit ſagen? Sie wol⸗ len das gewiß nicht, und jede Hoffnung, hier gemacht, waͤre Luͤge. Sagen Sie ihm, daß ich ihn achte und hoch ſtelle, daß aber mein Herz ruhig bleibt. Er iſt verſtaͤndig und ru⸗ hig, und wird mich leicht verſchmerzen.— Das ſagen Sie, weil Sie die Liebe nicht kennen, liebſtes Fraͤulein.— Das Vergeſſen und Verſchmerzen iſt gar ſchwer, iſt unmoͤglich.— Nein, ſagte Emilie ernſt und richtets ſich ſtolz auf, nicht unmoͤglich,— wer ernſtlich will, der kann jegliches Gefuͤhl bekaͤmpfen,— denn er iſt ein Menſch, das maͤchtigſte, hoͤchſte Weſen in der Schoͤpfung.. Und dieß Weſen, Gnaͤdigſte, das Loͤwen zaͤhmte, das wilde Roß zu baͤndigen wußte, das der Hyaͤne Wuth zer⸗ brach, dieß ſelbe Weſen unterlag nur zu oft ſeinen eigenen Leidenſchaften. Sollte die gefuͤhlvolle Emilie, die mit ſo hinreißender Kunſt die Liebe darſtellt, die Liebe ſingt, allein nicht an ihre Macht glauben? Nein, das ſei fern von mir, ſagte Emilie ſchnell, und ihre Wange faͤrbte ſich hoͤher, und ihr Auge ſtrahlt⸗ gluͤhen⸗ 3 11 eer. Nein, ich glaube an dieſe Liebe, die freudig in Tod und Elend geht, um des Geliebten willen, die, ſich ſel⸗ ber vergeſſend, nur in dem Geliebten lebt, von dieſem allein Gluͤck und Ungluͤck empfangen kann. Ich halte mich ſelbſt einer ſolchen Liebe ſogar faͤhig. Glauben Sie mir, wenn ich auf der Buͤhne ſtehe und wenn mein Mund die Worte hoͤchſter Liebe und Zaͤrtlichkeit ſpricht, mein Herz fuͤhlt ſie mit. Ich vergeſſe dann, daß es nur Spiel iſt, ich bin dann, was ich nur ſcheine, der Geiſt, der aus mir redet, be⸗ maͤchtigt ſich meines eigenen Geiſtes, und dann liebe ich wirklich ſo heiß, ſo hingebend, wie— Griſeldis, fiel Solau ihr ins Wort, die Sie ſo wunder⸗ lieblich uns darſtellen. Und nun, liebes, holdes Weſen, fuhr er mit vaͤterlich zaͤrtlichem Tone fort, nun ſagen Sie dem alten Freunde, iſt denn das Herz noch wirklich frei? Frei? fragte ſie nach: Nein, es gehoͤrt der Kunſt, und glauben Sie mir, es iſt wohl gut, daß es ſo iſt. Ich fuͤhle zuweilen, daß mich die Liebe, wenn ſie mich packte, ver⸗ nichten koͤnnte. Ach, laſſen Sie mir dieſe Himmelsruhe, — warum das brennende Feuer, das verſengt, zerſtoͤrt? Ich mag noch nicht ſterben. Das Leben iſt ſo ſchoͤn, ſo ſchoͤn der Fruͤhling. Glauben Sie mir, ich habe eine faſt unbe⸗ ſiegbare Sehnſucht nach meiner lieben Einſamkeit, nach mei⸗ nem freundlichen kleinen Landgute. Ach, waͤre ich erſt dort! Fern von dem Geraͤuſch der Stadt, von den Menſchen, die mich toͤdten mit ihrem Lob und ihrer Bewunderung. Sie war aufgeſtanden und ſchritt ſchnell im Zimmer auf und ab. Ihr Auge blickte leuchtend grade aus, als ſchaue s8 entzuͤckt in eine ſchoͤne Landſchaft, ihr Buſen hob ſich 12 „ hoͤher, ihr Athem ging ſchneller. Der Freund aber, mit dem beweglichen Charakter Emiliens ſeit lange vertraut, blickte laͤchelnd der holden Schwaͤrmerin zu, die jetzt halb ſinnend vor ihm ſtehen blieb. Laſſen Sie ſich ſagen, lieber Solau, ſagte ſie dann faſt fluͤſternd, ich werde niemals wieder ſo gluͤcklich und zufrie⸗ den ſein, wie damals, als ich, ein armes Bauernkind, im dunklen Wald umher ſtreifte, oder mir Blumen ſuchte auf der gruͤnen Wieſe, oder die Gaͤnſe meines Vaters huͤtend, mich gemaͤchlich unter der großen Linde lagerte und meinen Jubel in Toͤnen aushauchte, denn Worte hatte ich nicht fuͤr denſelben.— Und gerade ſo fand Sie mein Bruder, als er nach lan⸗ ger Abweſenheit auf ſein Gut zuruͤckkehrte. So lagen Sie unter dem Baume und ſangen, und er belauſchte Sie? Ja, ſagte Emilie, Sie wiſſen ja, er liebte ja nichts mehr, wie eine ſchoͤne Stimme, und die— ich darf es ſa⸗ gen, die hat mir Gott verliehen. Sie wiſſen das ja Alles, lieber Solau, wie er meinen Vater bewog, mich ihm zu uͤber⸗ laſſen, wie er mich fuͤr's Theater bilden ließ.— Und wie dankbar ſind ihm, dem ſeit Jahren Verſtorbe⸗ nen, noch aller Herzen, daß er uns eine ſolche Kuͤnſtlerin gegeben.— Reden Sie nicht ſo, ſagte Emilie in faſt ſtrengem Tone. Sie erinnern mich, fuhr ſie dann weich fort, an die Schmei⸗ cheleien, deren ich bis zum Ueberdruß hoͤre, Sie erinnern mich an die Welt. Ach, und ich traͤumte ſo eben von mei⸗ nem lieben kleinen Doͤrfchen, und von der großen, gruͤnen Wieſe, wo ich mir Gaͤnſebluͤmchen pfluͤckte. Ach, damals war ich gluͤcklicher.— Und das ſagen Sie, die bewunderte, gefeierte Kuͤnſtlerin? fragte Solau, und trat ihr theilnehmend naͤher. Sie laͤchelte bitter. Glauben Sie mir, ſagte ſie, unter den Triumphen der Eitelkeit, unter dem Weihrauch der Schmeichelei blutet oft mein Herz, und wenn das ganze Haus erbebt von donnerndem Beifallsrufen, und tauſend Stimmen meinen Namen rufen, da dringt mir oft eine Thraͤne in's Auge, aber es iſt keine Freudenthraͤne. Meine Stimme, meine Declamation, was dieſe Welt ſchaͤtzt, das iſt ja nicht mein eigentliches Weſen, und nach dieſem fragt Niemand, und doch iſt es etwas werth, mehr werth als meine Talente. Ich habe gerungen und gemuͤht, um dieſe Stufe zu erklimmen, meine ganze Seele duͤrſtete nach Ruhe, der Gedanke daran erfuͤllte mich mit einem wahren Delirium der Freude. Ich verlangte nichts vom Leben als ein Grab, das nicht ſobald vergeſſen wuͤrde. Und Sie haben es erlangt, fiel Solau beſaͤnftigend ihr in das Wort, ſchon ertoͤnt Ihr Name durch ganz Deutſch⸗ land, ja aus Frankreich und England kommen Schreiben an die gefeierte Saͤngerin, mit der Bitte ſich dort zu zeigen.— Und dennoch, entgegnete ſie in ſchmerzlichem Tone, den⸗ noch bin ich nicht zufrieden, nicht gluͤcklich. Dennoch war ich es nur damals, als ich unbemerkt in meinem Dorfe lebte, als ich von der Welt nichts verlangte, weil ich nicht wußte, daß es eine Welt gaͤbe außer unſerm Dorfe. Ach, jene ſchoͤne, ſchoͤne Zeit, ſie iſt auf immer verloren!— 14 Langſam rannen ein Paar Thraͤnen uͤber Emiliens Wan⸗ gen, und heftiger fuhr ſie fort: ich werde niemals gluͤcklich ſein, ich bin im Zwieſpalte mit mir ſelber; ein ſtetes unbe⸗ friedigtes Sehnen, ein leiſes Klagen in mir, nach einem Et⸗ was, das ich nicht zu nennen weiß— Ach, Liebe, unterbrach ſie Solau, kein Menſch, ſo ſagen die Weiſen, kein Menſch geht durchs Leben, ohne Einmal geliebt zu haben,— auch Ihre Stunde wird ſchlagen, und wenn Sie dann allen Stolz, allen Ruhm zu des Geliebten Fuͤßen niederlegen, dann erſt werden Sie gluͤcklich ſein. Sie ſchuͤttelte heftig den Kopf: Nein, nein, auch dann nicht. Ich bin nicht geſchaffen, um als demuͤthiges, lieben⸗ des Weib in ſtiller Haͤuslichkeit zu leben. Ich habe die Bahn verlaſſen, die enge Grenze uͤberſchritten, die dem Weibe angewieſen ward, ruͤckwaͤrts iſt kein Pfad fuͤr mich, alſo immer fort, immer raſtlos weiter geſtrebt.— Nein, nein, eine Kuͤnſtlerin iſt wenig zu beneiden. Der Ruhm„ er iſt berauſchend, die Kunſt, ſie iſt beſeligend, aber ſie erfuͤl⸗ len nicht Alles, was man vom Leben hofft. Ach, das ſtille Gluͤck, das haͤusliche Beſchaͤftigungen, das das Walten im eigenen Hausweſen als Hausfrau gewaͤhrt, das it mir auf ewig verſchloſſen.— Nun, ſo ſuchen Sie es zu erlangen, ſagte Solau faſt ungeduldig, heirathen Sie.— 3 Jetzt aber wuͤrden mir haͤusliche Beſchaͤftigungen nicht mehr genuͤgen. Und doch ſehnen Sie ſich darnach? Nein, aber ich beklage, daß ich nicht bin wie Andere,—— ſo gehoͤre ich keinem Geichiechn an, ſtehe immer zwiſchen 15 Beiden. Zu ſchwach fuͤr das Eine, zu ſtark fuͤr das An⸗ dere, das mich nicht liebt, weil ich es wagte mehr zu ſein, als ein Weib.— Sagen Sie es Niemand, aber ich verachte das weibliche Geſchlecht, dieß ſchwache, zagende Geſchlecht, ohne Energie, ohne Feſtigkeit, vergehend und ſich verlierend in den Kleinlichkeiten des Lebens, voll Neid und Mißgunſt. Darum ſtehe ich allein unter meinen Mitſchweſtern, ich habe fuͤr Keine offenes Vertrauen, Keine verſteht mich.— Laſſen Sie mich Ihnen Freund und Freundin ſein, ſprach der Geheimrath und reichte ihr ernſt und liebevoll die Hand dar. Vertrauen Sie mir. Und thue ich es nicht? fragte ſie ſanft laͤchelnd, und legte einen Augenblick ihr gluͤhendes Geſicht auf des Greiſes Schulter. Sie verſtehen mich, denn Sie ſind ein Mann, und ich fuͤhle ſtark und kraͤftig wie ein Mann.. Aber auch gluͤhend, wie ein Weib, ſagte Solau. Und darum,— ſein Sie auf Ihrer Huth,— bewahren Sie Ihr Herz,— es bedarf nur Eines Funkens, um die Pul⸗ vermine zu ſprengen. 4 Ach, bah, ſagte ſie in wegwerfendem Tone, ich wuͤßte Niemand, der dieſen Funken in mein Herz ſchleudern koͤnnte, denn das verſtehen Sie doch wohl unter der Pulvermine?— Solau nickte.— Und nun vergeſſen Sie allen Unſinn, den ich eben geſprochen, fuhr ſie ſchnell erheitert fort, und laſſen Sie uns ein Wort uͤber meine Rolle fuͤr heute Abend ſpre⸗ chen. Es iſt das erſte Mal, das ich in derſelben auftrete. Und welche? . Herrlich, herrlich, lachte Emilie,— einer meiner Ver⸗ ehrer, und weiß nicht, in welcher Rollee ich ihn heute entzuͤcken 16 werde, und„ihn den kalten Norden vergeſſen laſſe und ihn unter Italiens gluͤhenden Liebeshimmel verſetze,“— ſo lau⸗ tete ja die Stelle in der neulichen Recenſion.— Laſſen Sie es gut ſein, fuhr ſie fort, als Solau den Mund zur Ent⸗ ſchuldigung oͤffnete,— Sie haben mir da eine Lehre gege⸗ ben, die beſſer iſt, als alle Schmeicheleien. Und wenn heute Abend mich das Heer meiner Bewunderer mit Lob uͤber⸗ ſchuͤttet, ſo werde ich ganz ſtill an dieſen Morgen denken. Meines armen Ludwigs Schickſal beſchaͤftigte mein gan⸗ zes Denkvermoͤgen.— Still, ſtill davon, lieber Freund, troͤſten Sie ihn, laſſen Sie ihn reiſen, nach Italien, nach Rom, da wird er mich vergeſſen. Und nun zu meiner Rolle, Sie kennen den Stern von Sevilla? Sie werden es dem Geſchaͤftsmanne nicht uͤbel deuten, wenn er mit Nein antworten muß. Im Gegentheil, das iſt mir angenehm. Sie muͤſſen ſich nun ſchon drein ergeben, ſich von mir das ganze Stuͤck erzaͤhlen zu laſſen, um mir zu ſagen, ob ich es richtig auf⸗ gefaßt. Setzen wir uns.— Mit dem ihr eigenen Feuer er⸗ zaͤhlte und declamirte ſie abwechſelnd ihre ganze Rolle, und begeiſterte den alten Herrn in einem Grade, daß er, trotz ſeines Neffen traurigem Schickſal, beſchloß, heute Abend ſei⸗ nes Lieblings Kunſt zu bewundern. —ͤͤͤͤ— Zweites Capitel. Uebertreibt auch nicht, Spielt der Natur getreu. Hamlet. Das Haus war zum Erdruͤcken voll. In den Rang⸗ logen ſah man die ganze vornehme Welt der großen Haupt⸗ ſtadt, ſchoͤne Maͤdchen mit glaͤnzendem Auge und bluͤhender Wange, gewandte Cavaliere, bewaffnet mit Lorgnette und Operngucker, die Reize der Frauenwelt muſternd, und manch Auge ſenkte ſich verſchaͤmt vor dem dreiſten Maͤnnerblicke, manches Auge aber auch erwiederte denſelben, und das ſtolz gehobene Haupt, der ſiegreich laͤchelnde Mund ſchienen zu ſagen: komme und bewundere meine Schoͤnheit.— In einer Loge aber, nahe an der Buͤhne, finden wir unſere jungen Freunde wieder, ungeduldig die Zeit erwartend, wo der Vor⸗ haang ſich erheben wuͤrde.— Es war wirklich aͤrgerlich, ſagte Graf Carl, ſich neben Ernſt niederſetzend, daß die Minden uns heute ſo entſchie⸗ den abwies und uns mit ihrer ſteifen gezierten Geſellſchafterin abſpeiſte. 3 II. 2 18 * Ernſt erwiederte lachend: In meinem Leben aber ſah ich nicht etwas Aehnliches von Steifheit und Ziererei. Ja wohl, ja wohl, ſtimmten die Andern ihm bei, es iſt wahrhaft komiſch anzuſehen. Man wuͤrde es ihr verzeihen, wenn ſie weniger haͤßlich waͤre, aber ſo— insupportable! kann man etwas Abgeſchmackteres ſehen, als dieſe langen, bis auf die Schulter herabhaͤngenden Locken,— wahrhaftig, ich muß dabei immer an Loͤwenmaͤhnen denken. Mit der Umſchrift noli me tangere, fiel Ernſt ihm ins Wort, nichtwahr? Richtig, lachte Graf Carl,— aber freilich, waͤre zwi⸗ ſchen der Fuͤlle dieſer Locken ein volles bluͤhendes Geſicht, friſche Lippen, helle Augen, dann moͤchten wir ſie wohl einen Heiligenſchein nennen und die Loͤwenmaͤhne zu eines Engels Glorie umſchaffen.— Und dann die Art, wie ſie ins Zim⸗ mer tritt, welche Praͤtenſion, welche ſuffiſante Anmaßung in ihrer Verneigung.— Still, ſagte Ernſt, die Ouverture beginnt. Kennſt du das Stuͤck? Was wird denn gegeben? fragte Carl, ich weiß nur, daß die Minden ſpielt.—. Hier iſt der Zettel, ſagte Baron S., ihm denſelben hin⸗ reichend, der Stern von Sevilla.— Fi done, eine Tragoͤdie, bemerkte Carl. Abgeſchmackte Idee, im jetzigen Zeitalter der Aufklaͤrungen dergleichen Thraͤnenſtuͤcke zu geben.— Ballette, meinſt du, paſſen beſſer fuͤr das Zeitalter der Aufklaͤrungen? 19 Naturellement, mon ami. Kann man etwas Schoͤne⸗ res ſehen, als wenn ſo eine Sylphide im zarten aͤtheriſchen Gewande mit einer Pirouette aus den Couliſſen hervorhuͤpft, ſich anmuthig rechts und links verneigt und nun in den ent⸗ zuͤckendſten Spruͤngen und Pas unſere Bewunderung er⸗ regt?— Was entzuͤckt dich denn eigentlich dabei ſo ſehr? fragte Ernſt laͤchelnd. Was mich dabei entzuͤckt, erwiederte Carl, und ſah ihn ſtuͤpide an, nun— eh bien, das Ganze entzuͤckt mich. Ich meines Theils habe nie begreifen koͤnnen, wie man Stundenlang dieß ewige Einerlei von kuͤnſtlichen Verrenkun⸗ gen und Schwenkungen bewundern kann. Das Gefuͤhl bleibt kalt dabei,— der einfachſte Geſang iſt mir lieber. Gefuͤhl, Gefuͤhl, ſpottete Carl, mon dieu, wer ſpricht denn von Gefuͤhl, das iſt ganz aus der Mode. Man ſpricht von Leidenſchaften, von Inclinationen, Paſſionen, aber nicht von Mondſchein, von Seufzern, vom Rauſchen in den Baͤumen, in summa nicht von Gefuͤhl. Und mein Freund, unſere ſchoͤnen Taͤnzerinnen ſingen auch mit den Fuͤ⸗ ßen, ſchlagen die reizendſten Triller, machen die bewunde⸗ rungswuͤrdigſten Cadenzen, und wenn ſie das reizende Bein ſo lang und grade ausſtrecken, kann man ein tief gefuͤhlteres Fermate denken?— Ernſt lachte, und als in dieſem Augenblicke die Muſik ſchwieg und der Vorhang empor rauſchte, bogen ſich Alle weit vor, die ſchoͤne Emilie zu ſehen. Alberne Idee, murmelte Carl, ſie iſt noch nicht da, was ſoll das langweilige Geſchwaͤtz? Aergerlich wandte er der . 2* 29 Buͤhne den Ruͤcken und lorgnettirte die glaͤnzenden Damen⸗ reihen. Ein allgemeines jubelndes Begruͤßen, ein donnerndes Haͤndeklatſchen rief ſeinen Blick bald wieder zur Buͤhne zuruͤck. Im glaͤnzenden Anzuge einer Spanierin, mit lang herabwallendem Schleier, hoch und ſtolz, wie eine Koͤnigin, die die ihr gebuͤhrenden Huldigungen empfaͤngt, ſtand Emi⸗ lie da, den Kopf etwas ruͤckwaͤrts gebogen, ein faſt ſpoͤtti⸗ ſches Laͤcheln um den ſchoͤnen Mund, winkte ſie, als wolle ſie Stille gebieten, mit der kleinen Hand. Wie gefaͤllt ſie dir? fragten die Freunde miteinander Graf Ernſt, der, im Anſchauen verloren, ihre Frage uͤber⸗ hoͤrte. Der iſt ſchon hin, lachte Graf Carl. Und jetzt oͤffnete Emilie den Mund, und mit dem gan⸗ zen Ton der Liebe, der hingebendſten Zaͤrtlichkeit begann ſie ihre Rolle: Wie ſchnell die Zeit verrinnt! Schon iſt es dunkel! Du mußt nun forr, mein Ortiz— Herrliche Stimme, fluͤſterte Graf Ernſt, da iſt Seele, iſt wirklich Gefuͤhl! Und er verwandte kein Auge mehr von der Kuͤnſtlerin. Bald aber vergaß er uͤber dem Intereſſe an der Tragoͤdie ſelbſt die Bewunderung der Schauſpielerin. Seine ganze Seele ward ergriffen von dieſem herrlichen Meiſterwerke Lo⸗ pez de Vega's, er dachte nicht mehr, daß ja Alles nur Taͤuſchung, nur Spiel. Er ſah Alles wirklich ſich ſo be⸗ geben, es ward Wahrheit, ward wirkliches Leben. Die wahre Kunſt muß auf den gefuͤhlvollen Menſchen immer 21 dieſen Eindruck hervorbringen, ſie muß uns vergeſſen laſſen, daß ſie die Natur nur darſtellt, nicht wirklich iſt, Alles Manierirte ſtoͤßt ab, die hoͤchſte Kunſt wird Natur, und wenn wir uͤber dem Gefuͤhle, uͤber der Entzuͤckung, die ſolche Anſchauung der Natur uns gewaͤhrt, die Bewunderung ganz vergeſſen uͤber ſolche Meiſterſchaft, dann iſt der Zweck der Kunſt erreicht, und in dieſem Vergeſſen liegt das hoͤchſte Lob. Sein Herz bebte bei Eſtrella's Schmerz, bei ihrer Todes⸗ qual, und ſo ergriffen war er bei der Abſchiedsſcene zwiſchen ihr und Ortiz, daß ihm ſelber unbewußt die Thraͤnen uͤber ſeine Wange rollten. 8 Mit bebender Stimme ſagte Eſtrella Emilie: Ich will dich ja nicht ſehen! mir genuͤgt, 6 Wenn nur auf dieſer Welt ich dich noch weiß— In dieſem Momente blickte ſie zufaͤllig auf und ihr Auge traf Ernſtens Geſicht, und ſie gewahrte die herabrollenden Thraͤnen.— Da war es, als ob dieß Zeichen wahren Ge⸗ fuͤhls auch in ihrer Bruſt eine gleiche Quelle oͤffne, und die Kuͤnſtlerin empfand, was ſie anſcheinend nur ſpielte, und mit uͤberſtroͤmenden Augen, mit erhoͤhtem Feuer, mit vor Ruͤhrung bebender Stimme fuhr ſie fort: Du haſt mich deine Gattin erſt genannt, Ich bin's, ſo hab' ein Recht ich auf dein Leben. Darfſt du die Gattin ſo zur Witwe machen? Es iſt ein Frevel, nein, du darfſt es nicht.— Hier brach ihre Stimme, und muͤhſam hauchte ſie: O, du biſt grauſam. Ja, du biſt ein Moͤrder Du toͤdteſt Alles, Alles, was dich liebt!— 9 22 Und vor dem Gewahren ſo tiefen Gefuͤhls verſtummte die laute Bewunderung, kein Beifallsrufen, kein Haͤnde⸗ klatſchen entweihete dieſen hoͤchſten Aufſchwung der Kunſt, aber mehr als dieſes lohnte Emilien das tiefe Schweigen im großen Hauſe, das leiſe unterdruͤckte Schluchzen, die Thraͤ⸗ nen mancher, die im Geraͤuſch der Welt ſo ſorgfaͤltig das Gewand uͤber ihr Herz legten und ſich in dieſem Augen⸗ lccke dennoch nicht des Ausbruchs ihrer Gefuͤhle ſchaͤmten. Das Stuͤck war zu Ende, und der ſo lange verhaltene Jubel, die bis dahin ſtumme Begeiſterung brach nun don⸗ nernd hervor.— Emiliens Auge aber ſtreifte einen Augen⸗ blick zu jener Loge empor, wo der ſchoͤne Fremde ſtand, deſ⸗ ſen Ruͤhrung ſie vorher bemerkt. Und als ihr Auge ſeinem gluͤhend auf ſie gehefteten Blicke begegnete, da zuckte ſie leiſe zuſammen und erroͤthete tief. Ich— ſtammelte Graf Carl und ſah Ernſt verwundert an,— ich werde zu Stein.— Sie blickt herauf, ſie ſieht dich an, Ernſt, und erroͤthet. Es waͤre ein himmliſcher Spaß, wenn ſie ſich in dich verliebte! Ernſt ſtand auf, ohne zu antworten. Laßt uns zu ihr in die Garderobe gehen, ſagte er dann ſchnell.— Die ſtrenge Schoͤne nimmt keine Beſuche dort an, ent⸗ gegnete Baron S., ſie hat es ſich vom Director ausdruͤcklich ausbedungen, ein eigenes Garderobezimmer zu haben,— dort macht ſie bei verſchloſſenen Thuͤren Toilette, und Nie⸗ mand darf es wagen, dort eindringen zu wollen. 23 Wunderbares Weſen, murmelte Graf Ernſt, und traͤu⸗ mend ſtieg er die Stiegen hinab, ohne auf die muntern Scherze ſeiner Begleiter zu achten.— Kommt, rief jetzt Wilhelm von Halden, laßt uns ihr eine Serenade bringen, vielleicht gelingt es uns, noch ein freundliches Wort von ihr zu erhaſchen. 5 Ja, laßt uns Muſicanten holen, rief Carl, und Alle ſtimmten ihm bei.— Vergebens aber ſpielten die Muſici ihre ſchoͤnſten, ſchwaͤr⸗ meriſcheſten Stuͤcke, vergebens blickten die jungen Edelleute zu den erhellten Fenſtern der Kuͤnſtlerin empor,— keine Hand zog die Gardine fort, kein Auge ſchien neugierig zu forſchen, wer wohl dort unten ſei, keine Stimme ſprach Worte des Dankes fuͤr ſo zarte Huldigung.— Sie iſt verzweifelt ſtolz, brummte Carl, und Alle gingen verdrießlich in ihre Wohnung zuruͤck. Wie lange habe ich geſchlafen! ſagte Emilie, verwundert nach der Uhr blickend, und dehnte und ſtreckte ſich gemaͤch⸗ lich im weichen Bette. Sie ſah unendlich reizend aus im kleinen zierlichen Nachthaͤubchen, aus dem hervor das reiche dunkle Haar quoil, die Wangen waren hoͤher geroͤthet vom erquicklichen Schlafe, das Auge glaͤnzte milder und weicher. Welche wunderbare Traͤume ich gehabt! fluͤſterte ſie leiſe wei⸗ ter, ich ſprach mit dem Fremden, erzaͤhlte ihm von meiner Jugend, von meiner Heimath.— Wer mochte wohl der Fremde ſein?— Wie von neuen Gedanken angeregt, erhob ſie ſich raſch, hullte ſich in den bequemen Morgenrock und trat bluͤhend 24 und friſch, wie eine junge Roſe, in Erneſtinens Zimmer, die ihr mit zierlicher Haltung, einem grazioͤs ſein ſollenden Laͤ⸗ cheln entgegentrat. Wunderbar war es anzuſehen, wie dieſe Beiden ſo neben einander ſtanden. Emilie mit den hellen Augen, den gluͤhenden Wangen, der hohen koͤniglichen Ge⸗ ſtalt, der ungezwungenen, ſchoͤnen Haltung, Erneſtine von Allem grade das Gegentheil. Steif und geziert, jede Miene berechnet, jede Bewegung wohl uͤberlegt; ſie lehnte, als ſie nun neben Emilie ſaß, die kleine Geſtalt zuruͤck, um die ſchlanke Taille hervorzuheben, ſie ſtreckte unter dem langen Gewande die Spitze des Fußes hervor, um ſeine Kleinheit zu zeigen, ſie hob langſam den Arm und ſtrich ſich mit der fla⸗ chen Hand die ſchon in fruͤher Morgenſtunde lang herab⸗ wallenden Locken aus dem Geſicht, um dabei die ſchmale, weiße Hand, die ſchoͤnen blonden Locken bewundern zu laſ⸗ ſen. Emilie ſah mit kaum merklichem Laͤcheln allen dieſen kleinen Coquetterien zu und verzieh ſie leicht, denn ſie kannte Erneſtine, ſie wußte, daß unter dieſer ſteifen, gezierten Huͤlle ein edles Herz ſchlug, das mit ſo dankbarer, inniger Liebe an ihr hing. Noth und Alleinſtehen hatte Erneſtine ver⸗ anlaßt, auf's Theater zu gehen, doch ihr unſchoͤnes Geſicht hinderte ſie in Allem; vielleicht hatte ſie Talent,— doch ward es nicht gepruͤft, denn„die Liebhaberinnen muͤſſen ſchoͤn ſein,“ ſagte der Director, ſo fielen ihr die Rollen der Ehrendamen, der Koͤniginnen zu. Emilie faßte Zuneigung fuͤr das ſtets leidende, ſtets ſchweigſame Maͤdchen, die ohne Klage und Murren ſich allen Anordnungen unterwarf, ſie bot ihr eine Stelle als Geſellſchafterin bei ſich an, unter der Bedingung, daß ſie die Buͤhne verließe. Freudig willigte 25 Erneſtine ein, und ihre ganze Seele hing bald mit ungetheil⸗ ter Liebe an ihrer großmuͤthigen Freundin. Niemand haͤtte ahnen moͤgen, welch ein heißes, gluͤhendes Herz in dieſer an⸗ ſcheinend ſo kalten Bruſt, wie ſie oft abſichtlich ſich in die Steifheit der Ehrendamen und Koͤniginnen huͤllte, um dar⸗ unter ihre Glut zu verbergen. Wie du heute ſchoͤn biſt, ſagte ſie zu Emilie, und ſpielte mit den braunen kraͤuſelnden Haaren, die unter dem Nacht⸗ haͤubchen hervorquollen. Schmeichlerin, laͤchelte Emilie. Soll ich heute Abend ſo erſcheinen? fragte ſie dann. Als Desdemona? Ja, liebe Emilie. Still, aͤndere nichts, ich hole dir den Spiegel, damit du ſelbſt ſiehſt, ob es gut ſo. uUnd mit ungewohnter Lebhaftigkeit erhob ſich Erneſtine und reichte der Freundin den Spiegel. Dieſe ſchaute laͤchelnd hinein, Ja, du haſt Recht, das kleidet mich gut ſo. Nun ja, ſo mag es mein Sterbegewand fuͤr heute Abend ſein.— Sprich nicht ſo, ſagte Erneſtine, und ſchauderte fluͤchtig zuſammen, nicht ſolche Worte mit lachendem Munde. Kleine Naͤrrin, ſpottete Emilie, wie oft bin ich ſchon ge⸗ ſtorben und dann wieder erwacht vom donnernden Beifalls⸗ rufen. Doch nun laß mich ſchnell verſuchen, ob mein liebes Weidenliedchen auch recht ſchoͤn geht. Gieb mir die Harfe, Erneſtine. Und als dieſe ſie ihr dargereicht, ſang Emilie das ſo ruͤh⸗ rende, ſo zaͤrtlich klagende Schwanenlied Desdemona's:„an einer gruͤnen Weide ſaß.“— Sie ſang es voll ſo tiefen Gefuͤhls, voll ſo viel Seele, verſenkte ſich ſelber und ihre Gedanken ſo in die Toͤne, daß Erneſtine, faſt berauſcht, daruͤber ganz ihre zierliche, ſteife Haltung vergaß, und in ungekuͤnſteltem Entzuͤcken die Freundin umarmte, als dieſe geendet hatte. Habe ich es recht gemacht? fragte dieſe guͤtig lscheind, und druͤckte leicht die rothen Lippen auf den Mund der Freundin. Ach, du machſt es immer gut und recht, erwiederte dieſe. Aber, Emilie, nun laß mich dich ankleiden, du wirſt dich er⸗ kaͤlten, wirſt heiſer werden. Sieh, ſagte ſie, vor Emilien niederknieend und in ihre Haͤnde den kleinen nackten Fuß nehmend, deine Fuͤße ſind ganz kalt, laß mich ſchnell ſie be⸗ decken. Sie legte ihr warmes kuch uͤber die roſigen Fuͤße, und ging dann, aus Emiliens Schlafzimmer den Anzug zu holen. Dieſe ſah ihr mit liebevollen Blicken nach und ſagte leiſe, gutes, liebes Maͤdchen!— Wie bringen wir den Morgen hin? fragte Emilie, als die Toilette beendet, das Fruͤhſtuͤck eingenommen war. Laß mich ſehen. Es iſt jetzt zehn Uhr. Da will ich ſchnell noch ein wenig malen an dem ſchoͤnen Engelskopfe. Iſt's nicht ein herrlicher kleiner Junge, Erneſtine? Und dann, ja dann muß ich noch einmal meine Rolle durchgehen. Alſo koͤmmſt du heute wieder nicht in den Salon? fragte Erneſtine faſt traurig. 27 Ganz gewiß, entgegnete ſie lebhaft, weiſe Niemand heute zuruͤck, denn ich erwarte— ich moͤchte wohl wiſſen.— Sahſt du, fragte ſie dann ſchnell, ſahſt du geſtern den ſchoͤ⸗ nen Mann in der Seitenloge, der ſo geruͤhrt ward von mei⸗ nem Spiel? Erneſtine verneinte. Ich moͤchte wohl wiſſen, fuhr Emilie fort, wer es war. Nun, das laͤßt ſich erfahren, er ſtand neben Graf Carl.— Warum erroͤtheſt du, Erneſtine? fragte ſie, und blickte pruͤ⸗ fend auf das arme, verlegene Maͤdchen.— Huͤte dich, fuͤgte ſie, ſchnell ernſt werdend, hinzu, huͤte dich vor dem! Er wuͤrde dich ſpielend toͤdten,— er hat kein Herz. Und ehe die Verlegene zu antworten vermochte, war Emi⸗ lie in ihr Zimmer geſchluͤpft, deſſen Thuͤre ſie hinter ſich ſchloß. 1 Drittes Capitel. Und klar auf einmal fühlt' ich's in mir werden, Die iſt es, oder keine ſonſt auf Erden. Schiller. Werden wir heute Ihr ſchoͤnes Fraͤulein ſehen? fragte Graf Carl, der ſo eben mit Ernſt in den Salon trat, die arme Erneſtine, die, von ſeinem Anblick ſichtlich erſchuͤttert, zu⸗ ſammenſchreckte. Sie wird kommen, lispelte ſie dann in ſteifer Etiquette, ſie will heute alle Beſuche empfangen.— Dann die Herren zum Sitzen noͤthigend, ließ ſie ſich ſeidſt mit dem Anſtand einer Fuͤrſtin nieder. Sie ſind heute bleich, ſchoͤnes Kind, ſagte Carl in nach⸗ laͤſſigem, gleichguͤltigem Tone. Erneſtine ſchwieg, Ernſt ſtand auf, die ſchoͤnen Gemaͤlde im Salon zu betrachten. Diable, das dauert lange, bis unſere ſchoͤne Emillie kommt, ſagte Carl, und lehnte ſich gaͤhnend in den Stuhl zuruͤck. Ein kaum merklicher Schmerzenszug legte ſich um Er⸗ neſtinens Geſicht, dann fuhr ſie ſich leicht mit der Hand 6 3 6. 29 uͤber die Stirn, ließ ſie langſam wieder herabſinken, und als ſie nun antwortete, ſchien ihre Stimme zu erbeben von Ge⸗ fuͤhl: Sie muͤſſen ſich nun ſchon der Qual unterziehen, ihrer zu harren. Graf Carl ſtutzte uͤber das nie an Erneſtinen bemerkte Beben der Stimme, er ſah ihr forſchend in's Geſicht, ruͤckte dann ſeinen Stuhl naͤher, und eine ihrer herabhaͤngenden Locken ergreifend und damit ſpielend, ſagte er: Keine Qual, ſchoͤnes Kind, es ſpricht ſich gut mit Ihnen. Kommen Sie, erzaͤhlen Sie mir von ſich, von Ihrem Her⸗ zen,— geſtehen Sie, es liebte ſchon einmal. Erneſtine aber ſchien ihre alte Rolle wieder zu ergreifen, ihr Geſicht war wieder kalt und ſteif, ſie warf den Kopf mit Wuͤrde zuruͤck, erhob ſich dann und ſagte, langſam jede Sylbe betonend: ich gehe, das Fraͤulein zu holen.— Ich glaube, ſagte, nachdem ſie hinaus war, Carl zu ſei⸗ nem Freunde, und brach in ein helles Gelaͤchter aus, ich glaube, der kleine blaſſe Engel iſt in mich verliebt. Parole d'honneur, das waͤre ein herrlicher Spaß. Nun, ich werde mich herablaſſen, ihr etwas den Hof zu machen. Bald kamen einige andere Herren und Verehrer Emiliens hinzu und ein lebhaftes Geſpraͤch uͤber die geſtrige Vorſtellung entſpann ſich, an der Ernſt, noch immer im Anſchauen der Gemaͤlde verſunken, wenig Theil nahm. Jetzt oͤffnete ſich die Thuͤre, und guten Morgen, Goͤttin — Grauſame, uns ſo lange ſchmachten zu laſſen— Wie gluͤcklich macht uns Ihr Erſcheinen,— ſo toͤnte es von allen Seiten der Kuͤnſtlerin entgegen. Mit leichtem, freiem 36 Anſtande, mit froͤhlich laͤchelndem Geſichte verneigte ſich Emilie. Wilkommen, Ihr Herren, ſagte ſie dann heiter. Ich ſtoͤrte wohl ein intereſſantes Geſpraͤch, es war ſehr lebhaft bei meinem Eintritt. Darf ich wiſſen, wovon die Rede war?—— Von wem anders, als von Ihnen, entgegnete Graf Carl, wir ſprachen von dem geſtrigen Abende, von Ihrer meiſterhaften Darſtellung. Still, ſtill, unterbrach ſie ihn ſchnell. Sie erinnern ſich nicht der Bedingung, unter der meine Zimmer Ihnen und den Herren, hier verneigte ſie ſich anmuthig, geoͤffnet ſind? Und welche war dieß, Schoͤnſte?— Durchaus kein Geſpraͤch anzuknuͤpfen uͤber mein Auf⸗ treten, das heißt keins, um nur mir einige Schmeicheleien zu ſagen, ich liebe das nicht. Wohl aber wuͤrde ich mich freuen, wenn Sie es uͤber ſich vermoͤchten, mir aufrichtig zu ſagen, wo ich fehlte, damit ich mich zu beſſern ſuchte. Sie ſehen, laͤchelte ſie, ich bin egoiſtiſch.. Nun, ſo mache ich ſogleich von dieſer Erlaubniß Ge⸗ brauch, ſagte Carl mit komiſchem Ernſt. Ich fand geſtern an Ihrem Spiel etwas Tadelnswerthes.— Alle ſtarrten ihn an. Laſſen Sie hoͤren, ſagte Emilie freundlich Das Ganze war herrlich, entzuͤckend,— Verzeihung, Schoͤnſte, ich vergaß die Bedingungen, unter denen das Pa⸗ radies geoͤffnet iſt. Nur die Trennungsſcene ſchien mir ta⸗ delnswerth.— 31 Und dennoch, unterbrach ihn Emilie laͤchelnd, und einen Augenblick ſtreifte ihr Auge des fremden Grafen Geſicht, und dennoch halte ich dieſe Scene fuͤr die gelungenſte.— Das eben iſt das Tadelnswerthe, Gnaͤdigſte, Sie waren zu hinreißend, zu wahr und gefuͤhlvoll, das greift die Ner⸗ ven an, lockt Thraͤnen in Augen, die gewohnt ſind, trocken zu ſein. Sehen Sie hier meinen Freund, den Grafen Ernſt von Haltern, den ich die Ehre habe, Ihnen vorzuſtellen, der weinte wie ein Kind geſtern, und ſcheint mir heute noch ſo angegriffen, daß er ſtumm iſt.. Geſtern erſtaunte ich uͤber die vollendete Kuͤnſtlerin, ſagte Ernſt, ſich tief verneigend, heute bewundert mein Schweigen die vollendete Schoͤnheit. Ich freue mich, entgegnete Emilie verbindlich, Ihnen meinen Dank ſagen zu koͤnnen. Ihr Mitgefuͤhl, der wahre Ausdruck von Theilnahme in Ihren Zuͤgen regte auch mich hoͤher an,— glauben Sie, eine ſolche Thraͤne des Gefuͤhls iſt der ſchoͤnſte Lohn und wohl des Dankes werth. Ernſt wollte antworten, doch Carl rief dazwiſchen: Gott, mein ſchoͤnes Fraͤulein, ruͤhrt Sie das, verpflichtet Sie das zu Dankgefuͤhlen, nun, vous verrez, Baͤche von Thraͤnen werde ich heute Abend weinen. Emilie ſah ihn ernſt und kalt an, dann ſagte ſie mit wegwerfendem Laͤcheln: ich glaube gern, Herr Graf, daß Sie Talent zum Komoͤdienſpielen haben, und wandte ſich von ihm ab zu Ernſt. Sie beſchauten ſich meine wenigen Gemaͤlde bei meinem Eintritt,— nicht wahr, es iſt manches Gute darunter? 32 Mehr als das, meine Gnaͤbigſte, es ſind faſt Alle aus⸗ gezeichnete Copien der ſchoͤnſten Florentiner Bilder. Ich ſah die Originale und finde ſie kaum ſchoͤner. 3 Sie waren in Italien, fragte ſie lebhaft, auch in Rom? Lange Zeit, Fraͤulein, von dort ging ich nach Neapel, Sicilien, Griechenland— Sie waren in Rom, rief ſie ſchnell verduͤſtert, wiſſen Sie, meine Herren, ich ſterbe faſt vor Sehnſucht nach dem ſchoͤnen, ſchoͤnen Rom. Fuͤr Eine Stunde in dem Coliſeum, dem Capitol gaͤbe ich Jahre meines Lebens hin. O Roma, Roma, welche Erinnerungen knuͤpfen ſich an dich. Jeder Fußtritt geheiligt von großen Erinnerungen, jedes Haus einſt der Wohnſitz eines beruͤhmten Mannes.— Ach, es muß doch etwas Himmliſches ſein um den Ruhm! Und das ſagen Sie, Fraͤulein, unterbrach Haltern die Begeiſterte, kennen Sie doch ſelber dieß Himmelsgefuͤhl. Ihr Name drang bis zu mir nach Rom, wie der Name des großen Roms zu Ihnen.— Sie laͤchelte faſt mitleidig, als ſie ſagte: Sie ſagen da Dinge, mein Herr, an die Sie ſelber nicht glauben. Mein Name taucht auf und vergeht, wie das fluͤchtige Leuchten einer Sternſchnuppe, waͤhrend Roms Herrlichkeit, eine leuch⸗ tende Sonne, aller kommenden Zeit ſtrahlt. Mit meiner vollen Stimme, meinen rothen Wangen ſchwindet mein Ruhm; Rom bleibt Beherrſcherin der Welt, ob auch in Truͤmmern. 3 Ja, Truͤmmer, Sie haben Recht, das iſt Alles, was von der Stadt der Caͤſaren geblieben. Unter Schutt und zerfallendem Geſteine muͤſſen Sie das alte Rom ſich ſuchen, 33 die Gegenwart bietet Ihnen keine Erkennungszeichen. Halb zertruͤmmerte Saͤulen, vernichtete Triumphbogen, durch die einſt Roms Feldherren unter Zujauchzen des Volks einzogen in die befreite Stadt, der tarpejiſche Felſen, das einſame, leere Capitol, dieſe ſagen Ihnen traurig: Hier ſtand einſt Rom!. Und dennoch lebt es ewig fort, ſagte ſie, und hob, wie begeiſtert, die ſchoͤne Hand, und von Jahrhunderten zu Jahr⸗ hunderten dringt die Kunde ſeiner Groͤße, und nach tauſend Jahren ſpricht man, wie heute, von Rom, der Welten⸗ herrſcherin!— Ernſt laͤchelte und ſchaute bewundernd auf die Begei⸗ ſterte, die mit ſtrahlendem Auge, mit hoͤher geroͤtheten Wan⸗ gen vor ihm ſtand und grade aus, wie in unbegrenzte Ferne ſchauend, die Gegenwart der Herren vergeſſen zu haben ſchien. 4 Graf Carl hatte ſich mißmuthig zuruͤckgezogen und ſchien kaum auf Emiliens Rede zu achten, ſo eifrig war er in Un⸗ terhaltung mit Erneſtine vertieft. Er hatte ſich uͤber die Lehne des Stuhls, auf den ſie ſaß, gebeugt, und fluͤſterte leiſe und eifrig Worte in ihr Ohr, denen ſie nur zu gern lauſchte.— Die anderen anweſenden Herren ſtanden umher, bald ein Buch ergreifend, bald die Waͤnde anſtarrend, dann wie⸗ der laͤchelnd auf Emilie blickend. Dieſe ſchien wie aus einem Traume zu erwachen, ſie blickte freundlich umher und ſagte mit ihrer wohltoͤnenden Stimme: Verzeihung, meine Herren, daß ich uͤber der gro⸗ ßen Vergangenheit die anmuthige Gegenwart vergeſſen konnte. II.. 3 3 * Doch Sie wiſſen, laͤchelte ſie, ich nehme immer Ihre Nach⸗ ſicht in Anſpruch. Und nun, meine Herren, ein allgemeines Geſpraͤch. Her zu mir, Graf Carl, und erzaͤhlen Sie mir die on dit des Tages. Das weiß Niemand beſſer wie Sie. Bald entſpann ſich ein lebhaftes Geſpraͤch, es ward ge⸗ lacht und geſcherzt, und oft mußte Emiliens Ernſt den zu laut werdenden Frohſinn daͤmpfen. So verging unter Scherzen die Zeit und Erneſtine hatte ſchon mehrere Male nach der Uhr geſehen, ehe ſich die Her⸗ ren anſchickten, ſich von der liebenswuͤrdigen und ſchoͤnen Kuͤnſtlerin zu trennen. S ie ſind heute Abend in der Oper? fragte ſie Ernſt beim Abſchied. Gewiß, entgegnete dieſer, und druͤckte auf die kleine Hand, die ſie ihm darreichte, ſeine gluͤhenden Lippen. Nun, ſo werde ich morgen von Ihnen erfahren, wo ich gefehlt. Ernſt erwiederte nichts, aber ſah ſie mit ſeinen großen Feueraugen ſo durchdringend und vielſagend an, daß Emilie erroͤthend die Blicke ſenkte. Ein ſchoͤner und liebenswuͤrdiger Mann, fluͤſterte ſie dann und trat ſinnend in ihr Cabinet zuruͤck. Und wirklich war er Beides. Eine hohe, edle Geſtalt, eine koͤnigliche Haltung, ein edel geformtes Geſicht, eine hohe Stirn, ein Paar Augen, aus denen Seele und Gefuͤhl ſprach. Manches Maͤdchenauge wandte ſich verlangend und ſehnend nach dem ſchoͤnen Manne, manches Mutterherz 5 wuͤnſchte den reichen Grafen zum Schwiegerſohne, und die Vaͤter meinten wohl, auch ihnen wuͤrde der geſcheidte, ger 35 lehrte Juͤngling als ſolcher gar ſehr willkommen ſein. Graf Ernſt Haltern beſaß aber auch alle Vorzuͤge feiner, geſelliger und gelehrter Bildung. Er tanzte, ritt, mediſirte und ba⸗ dinirte, wie nur je ein Hofcavalier, er war gefuͤhlvoll und empfindſam bei den Empfindſamen, boshaft bei den Bos⸗ haften, anmaßend bei den Anmaßenden, gelehrt bei den Ge⸗ lehrten,— er war Alles, denn er war im Grunde— Nichts. Die Natur, die ihn ſo reich ausgeſtattet, ihm ſo viele Ta⸗ lente, ſo viele Vorzuͤge gegeben, ſie hatte nur Eine ihrer Gaben vergeſſen. Sie gab ſeiner Bruſt Gefuͤhle, gab ihr Verſtehen fremder Gefuͤhle, nur kein Herz!— denn Leiden⸗ ſchaft iſt kein Herz! Und dieſe beſaß Ernſt, beſaß ſie fuͤr das Gute, fuͤr das Edle, aber auch fuͤr das Laſter.— Und maͤchtiger als Alles war ſein Egoismus, und das Bewußt⸗ ſein, ich bin ein Graf!— Was kuͤmmerte es ihn, ob, ſei⸗ ner Leidenſchaft zu froͤhnen, ein Menſchenherz vielleicht brach, das er lieben lehrte, er konnte kalt ſolche Qualen ſe⸗ hen, die er hervorgerufen, und konnte laͤchelnd voruͤbergehen, denn er war ein Graf, und dieſem uͤberkommenen Erbe ſei⸗ ner vermoderten Vorfahren mehr ſchuldig, ſo waͤhnte er, als dem gluͤhenden, aͤchzenden Leben, das zu ſeinen Fuͤßen in Todesqualen rang, das vielleicht Ein Wort ſeines Mundes zum ſeligen Liebesleben aufrichten koͤnnte. Er war leiden⸗ ſchaftlich, aber ohne die tiefe, gluͤhende Leidenſchaft der Liebe, die oftmals zur Liebe ſelber wird. Er konnte vielleicht Wo⸗ chen, Monde ſich uͤber ſich ſelber taͤuſchen und emeiner er habe wirklich ein Herz, er liebe wirklich,— wenn die gierde abgeſtumpft, das Verlangen geſtillt, blickte er verwun⸗ dert auf die Tage fieberiſcher Aufregung zuruͤck und ſah, daß 3* 36 ſein Herz leer war, und daß auf dem Grunde deſſelben nichts geſchrieben ſtand, als die Worte: ich bin ein Graf! Und warum, arme Emilie, warum mußteſt du auf dei⸗ nem Lebenswege grade dieſem begegnen, warum mit deinem ſo heißen, ſo edlen und ſo ſtolzen Herzen grade vor dieſer Bruſt ohne Herz ſtehen bleiben, warum mußteſt du, ſo fra⸗ gen wir, grade dieſem deine Liebe geben? Ach, das Leben, das ganze Leben iſt eine Frage ohne Antwort, die Liebe ein unaufloͤsliches Raͤthſel. In ihrem großen Reiche bleibt Al⸗ les unenthuͤlltes Geheimniß,— wir koͤnnen lieben und wiſ⸗ ſen nicht warum, und die Liebe blendet unſer Auge, um⸗ ſtrickt unſern Geiſt, und ſo taumeln wir weiter, dem Ab⸗ grunde zu;— wir folgen willenlos dem anziehenden Mag⸗ nete und vergeſſen, daß er kalter, ſproͤder Stahl, daß er naͤher locken, feſthalten, aber nicht erwaͤrmen kann.— Liebe, Liebe! toͤnt es durch die Welt, und Alles beugt ſich und hul⸗ digt ihrer Macht, und das Weib giebt ihr ihr ganzes Da⸗ ſein, ihr ganzes Herz, der Mann nur einen kleinen Platz und auf gar kurze Zeit, in ſeiner Bruſt. Das Leben mit ſeinen Wechſeleaͤllen beſchaͤftiget ſeine Seele. Feſt ſteht er da im Sturm der Welt, eine ſtarke Eiche, und leiſe und wie um Schutz flehend, ſchmiegt ſich die ſchwache Liane an den kraͤftigen Mann, und er duldet ſie zu ſeinen Fuͤßen und ihr gruͤnes, ſo ſchwaches, ſo zartes und inniges Leben mag ihn ergoͤtzen, mit ſeinem holden Daſein das ſeine verſchoͤnen, der Schutz, den er gewaͤhrt, ihm waͤrmere Gefuͤhle,— er nennt ſie Liebe— einfloͤßen und er freudig mit ſeinen ſtarken Zwei⸗ gen die Wehrloſe ſchuͤtzen, aber der Gipfel, die Krone, das Haupt dieſes Mannes ſtrebt auf zu der Hoͤhe, weiß nichts 37 von der Liane zu ſeinen Fuͤßen, die liebend und ſehnend im⸗ mer hoͤher rankt und oben gerade die Krone umſchlingen moͤchte. Unter dieſen Anſtrengungen, unter dieſem vergeb⸗ lichen Sehnen und Ringen erliegt die zarte Pflanze, ſie iſt in ihren Wurzeln getoͤdtet, ſie welkt und ſinkt, und nichts bleibt von ihr, als Staub. Und wenn nun der Sturm die hohe Eiche ruͤttelt, und die Krone, die ſo hoch ſtrebt, beugt, die Zweige ſich ſenken, die ſchwache Pflanze zu ſchuͤtzen vor dem vernichtenden Sturme, da erſt gewahrt der Stamm, daß ſie nicht mehr,— und er ſteht einſam, aber hoch und ungebeugt, und eine neue Liane mag kommen, und gleich zaͤrtlich, gleich liebevoll ihn umranken, er wird ihr gleichen Schutz gewaͤhren, er wird aus Mitleid ſie lieben, wie er der erſten gethan, und ſie mag waͤhnen, daß ſie allein ein Recht an dieſe ſtarke Eiche. Die Eiche ſteht feſt, ob auch der Sturm in ihrem Gipfel brauſt und gielleicht ſeinen ſchoͤnſten Schmuck der Blaͤtter ihm vernichtet,— ſie weiß, der Sturm wird voruͤbergehen und die Sonne wieder ſcheinen, und die Sterne wieder leuchten, die Liane aber fuͤhlte erſt ihr Daſein, als ſie an den hohen ſtolzen Stamm ſich lehnte,— der Ge⸗ danke, der einzige Gedanke ihres Lebens war, an dieſem ſich hinauf zu ranken, ſein Leben zu dem ihren zu machen, und als ihr dieſes nicht gelang, brach ſie zuſammen. So iſt des Weibes, ſo des Mannes Liebe!— Viertes Capitel. O Muſik, Nachklang aus einer entlegenen, harmoniſchem, Welt, Seufzer des Engels in uns! Wenn das Wort ſprachlos iſt, und die Umarmung und das Auge, und wenn unſere ſtummen Herzen hinter dem Bruſtgitter einſam liegen, ſo biſt nur du es, durch welche ſie ſich einander zurnfen und ihre entfernten Seuföer vereinigen in der Wiſſte. Jean Paul. Unſichtbare Loge. Es war am andern Tage ein gar reges Leben im Salon der gefeierten Saͤngerin. Jeder wollte ſeine Huldigung, ſei⸗ nen Dank darbringen fuͤr den Genuß der geſtrigen Vorſtel⸗ lung, Jeder wollte im Namen des Publikums um eine bal⸗ dige Wiederholung der Desdemona bitten. Die erſten, die geſuchteſten Herren der großen Hauptſtadt huldigten hier der ſtolzen Kuͤnſtlerin, die fuͤr Alle ein guͤtiges, aber kaltes Laͤ⸗ cheln hatte. Allmaͤhlig hatte ſich der Salon gefuͤllt, es bil⸗ deten ſich einzelne Gruppen, hier ſprachen Einige und ſpra⸗ chen vom Theater, von den Taͤnzerinnen, dort lehnten wie⸗ der Andere im Fenſter und unterhielten ſich uͤber Politik, die neueſten Zeitungsnachrichten, Don Carlos, den Brand des Winterpallaſtes ꝛc.; auf dem Divan an der einen Seite des Salons ſaß Erneſtine in gracioͤs hingegoſſener Stellung, ſie ſchien ſich heute mit ihrer Ziererei wie umpanzert zu haben, hatte den Kopf ſtolz zuruͤckgeworfen und ſchien kaum auf den Grafen Carl zu hoͤren, der neben ihr ſaß und die heiterſten Scherzesworte, dann wieder die zarteſten Reden an ſie rich⸗ tete. Neben ihm ſaßen der Baron S. und Wilhelm von Steuper, die wir Beide ſchon kennen, und hoͤrten laͤchelnd dem Freunde zu oder ließen zuweilen ein heiteres Wort mit einfließen. Auf dem gegenuͤber an der andern Seite des Salons ſtehenden Divan ſaß Emilie im eifrigſten Geſpraͤche mit vier Herren. Es waren dieſe der Director des Thea⸗ ters, der erſte Liebhaber, Graf Eenſſ und der Geheimrath Solau. Alſo, meine Herren, ſagte Emili froͤhlich, Sie waren zufrieden. Still, ſtill, fuhr ſie ſchnell fort und hob drohend die Hand, ich weiß, was Sie ſagen wollen. Und parodirend ſagte ſie: Zufrieden, Gnaͤdigſte! Gott, Sie waren hinrei⸗ ßend, die Welt ſah nie etwas Goͤttlicheres!— Alle lachten.— Sie werden mir geſtehen muͤſſen, daß ich Recht habe, fuhr ſie laͤchelnd fort, das ſind ſo die ge⸗ woͤhnlichen Phraſen, doch wiſſen Sie, ich liebe dergleichen nicht. Wahrheit, immer nur Wahrheit! Ach, glauben Sie, meine Herren, wenn man taͤglich mehrere Stunden unter der Maske iſt, ſprechen muß, was man nicht fuͤhlt, oft nicht einmal billigt, und dennoch mit dem Anſcheine der Natuͤr⸗ lichkeit es ſagen muß, da ſehnt man ſich außer dieſer Zeit nach Wahrheit!— Sie ſchwieg und ein wehmuͤthiger Zug ſpielte um die roſigen linden— Doch ſcuel ehaibet fügre ſie hinzu: 49 Sie haben uͤber meine Darſtellung Gutes geſagt. Nun aber laſſen Sie uns von der Muſik ſprechen. Wie gefaͤllt Ihnen dieſe?— Ich moͤchte wohl daruͤber Ihre Meinung hoͤren. Antworten Sie mir der Reihe nach, fuhr Sie mit dem Eigenwillen eines verzogenen Kindes fort. Erſt Sie, Herr Director.. Sie wiſſen, Fraͤulein, ſagte dieſer, ich enthalte mich je⸗ des Urtheils uͤber die Buͤhnenſtuͤcke. Man darf nicht kaͤm⸗ 3 pfen gegen den Zeitgeiſt. Othello iſt eine ſehr beliebte Oper.— Sie ſind vorſichtig, laͤchelte Emilie, und wandte ſich zum erſten Tenor:— Nach Ihrer Meinung ſollte ich kaum nachfragen, ich weiß, Othello iſt Ihre Lieblingsrolle, und waͤr's auch nur, um das Vergnuͤgen zu haben, mich zu erwuͤrgen.— Und wo ſollte ich denn eine ſo liebliche Desdemona wie⸗ der finden? ſragte der Angeredete verbindlich. Emilie verneigte ſich leicht, und wandte ſich freundlich an Solau. aigen. Nun, beſter Geheimrath, was halten Sie von der Muſik? 3 Was ich davon halte! Gott, Gnaͤdigſte, keine Gewiſſens⸗ fragen! Es ſind außerordentlich viel geiſtreiche, ja ſelbſt ge⸗ fuͤhlvolle Stellen darin. Zuweilen wird man ganz ge⸗ ruͤhrt.— Emilie lachte. Sie ſind ſarkaſtiſch, lieber Solau, und tadeln, indem Sie loben. Und Sie, fragte ſie Graf Ernſt. Dieſer ſchien wie aus einem Traume zu erwachen, ſo tief war er in ihrem Anſchauen verloren geweſen. 41 Wollen Sie mein aufrichtiges Urtheil? Gewiß, Herr Graf.—. Ich liebe keine Roſſiniſchen Muſiken. Beſter Graf, fiel Solau mit komiſchem Erſchrecken ihm in die Rede, Sie ſind ja ein Barbar.— Moͤglich, lieber Geheimrath, aber ich ſollte Wahrheit re⸗ den. Ich verlange von der Muſik nichts, als daß ſie zum Gefuͤhl, zur innerſten Seele ſpricht, daß ſie mein ganzes Weſen ergreift, mich packt, wenn ich ſo ſagen darf, mit einer Gewalt, der ich nicht widerſtehen kann. Kuͤnſtliche Schnoͤrkeleien ſind keine Muſik, ich kann die Kuͤnſtlichkeit bewundern, indem ich die entweihete Kunſt beklage. Sie * haben Recht, lieber Geheimrath, es ſind gefuͤhlvolle Stellen in Othello, aber wem koͤnnte das genuͤgen! Sie durchdrin⸗ gen nur wie ein Blitz das dunkle unentwirrte Chaos, ſie leuchten und erwaͤrmen nicht, und ſind zu ſelten, um ein klares Anſchauen zu geſtatten.— Wahrhaft ergreifend, das 6 iſt wahr, iſt das Terzett im erſten Acte:„Des Lebens Freu⸗ den ſind dahin.“ Das iſt ſchoͤn gedacht, herrlich ausgefuͤhrt. Und lieblich iſt Desdemona's Schwanenlied. Aber nun, kann man etwas Abſchreckenderes ſehen als das Herumjagen auf dem Theater in der Scene zwiſchen Othello und Desde⸗ mona. Ich geſtehe, die ganze Seele entſetzt ſich davor; es war mir immer, als muͤßte ich hinab, Ihnen zu Huͤlfe, die⸗ ſem kannibaliſchen Spiele ein Ende machen. Emilie nickte raſch einige Male mit dem Kopfe, dann ſagte ſie lebhaft: ja, ja, Sie haben Recht, ich empfinde das aauch; es iſt widerlich, die Aeſthetik leidet darunter.— Ich bitte immer dabei den großen Geiſt Shakeſpeare's um 4² Verzeihung, daß man es wagte, ſein edles Werk ſo zu ver⸗ ſtuͤmmeln. 3 Sie lieben alſo auch meinen theuren Meiſter William, fragte Emilie freudig. Und wer ſollte ihn nicht lieben? entgegnete er lebhaft. Wer von allen Dichtern vereinigt ſo Tiefe des Gefuͤhls, Klarheit der Anſchauung, und den kraͤftigſten, herrlichſten Humor. Und darum, weil er ſo vielſeitig, ſo in jeder Art meiſterhaft, darum wird er auch immer unerreichbar da ſte⸗ hen, und nicht allein unter den engliſchen Dichtern, unter allen Nationen. Wem wollten wir von unſeren deutſchen Dichtern ihm an die Seite ſtellen? Goͤthe? Gewiß nicht. Er hat Shakeſpeare's durchdringenden Verſtand, moͤchte ich es nennen, ſeine kraͤftige Sprache, nicht ſeinen Aufſchwung des Gefuͤhls. Goͤthe erſcheint mir wie der Geiſt, der uͤber den Waſſern ſchwebt, und mit ruhigem, klarem Blicke pruͤ⸗ fend betrachtet, was er geſchaffen. Shakeſpeare taucht ſich entzuͤckt zuweilen ſelber in die Fluthen, ſeine Werke reißen ihn ſelber hin in ihrer Schoͤnheit, er ſchafft nicht allein, er giebt in dem Geſchaffenen ſeine eigene ganze Seele, ſein in⸗ nigſtes Leben hin, und dennoch ſchwebt ſein Geiſt immer ruhig und beſonnen uͤber Allem, bleibt klar und groß. Schil⸗ ler hat Shakeſpeare's Glut, aber ihm fehlt, was ich eben von dieſem ſagte,— er verliert ſich ſelbſt an ſein Gefuͤhl. Der zarte, aͤtheriſche Geiſt, moͤchte ich ſagen, findet Nichts auf der Erde, was ihm genuͤgt, drum ſchwingt er ſich im⸗ mer auf zur Sonne, und weil er zu hoch fliegt, verliert er zuweilen den Haltpunkt, die Erde ſchwindet ſeinen Blicken,— die Ferne huͤllt Alles in ein dunkles truͤbes Grau, und ſo er⸗ 43 ſcheint ihm die Welt, denn er ſieht nicht, daß ſie ſchoͤn, bluͤ⸗ hend iſt. Jean Paul freilich hat Shakeſpear'ſchen Humor, und auch ſeine Tiefe, ſeine Glut. Doch fehlt ihm wie⸗ derum die ſchoͤne, ergreifende Sprache. Er iſt oft barock, ſeine Gleichniſſe ſind weniger klar, ſind oft gar ſehr ge⸗ ſucht. Mit ſichtbarer Theilnahme hatten Alle ihm zugehoͤrt, be⸗ ſonders auf Emiliens lebhaften Zuͤgen zeigte ſich das regſte Intereſſe, ihr Auge ſah klar und freudig zu ihm auf, zu⸗ weilen nickte ſie ihm Beifall oder fluͤſterte leiſe: Ja, ſo iſt es!— Und ſagen Sie nichts von Raupach? fragte jetzt Solau mit liſtigem Laͤcheln.— Herrlich, lieber Solau, lachte Emilie, wollen Sie dieſen Goͤthe und Schiller an die Seite ſetzen?— Er hat ſeine Vorzuͤge, Fraͤulein, betheuerte Solau, ich litt ſeit einigen Tagen an Schlafloſigkeit, da nahm ich ge⸗ ſtern Abend ſeine Hohenſtaufen vor und ich verſichere Sie, nach einer halben Stunde ſchon fuͤhlte ich es wie Blei in den Augen, ich loͤſchte das Licht und habe herrlich geſchlafen. Das hat mir bei Goͤthe nie gelingen wollen. Alle lachten, und Emilie ſagte ſcherzend,— alſo geben Sie den Raupach'ſchen Stuͤcken narkotiſche Kraft? Bleibt immer Kraft, Gnaͤdigſte, alſo immer beſſer wie keine.— Doch nun, erlauben Sie mir, daß ich mich em⸗ pfehle, ſagte Solau aufſtehend. Sie wollen ſchon fort? fragte Emilie. Schon? Sie ſind ſehr guͤtig, wir plaudern ſchon einige Stunden, und ſehen Sie, die Geſellſchaft faͤngt an ſich zu 44 verlieren, denn ſie kennt die ſtrengen Geſetze unſerer gebie⸗ tenden Koͤnigin. Es iſt zwei Uhr. Emilie erroͤthete leicht und reichte Solau freundlich die Hand zum Abſchied, auch der Director und Saͤnger empfah⸗ len ſich. Graf Carl ſaß mit ſeinen Freunden noch immer neben Erneſtine, und Emilie blieb an dieſer Seite des Sa⸗ lons allein neben Ernſt. Sie ſchwiegen Beide, Emilie ſichtlich befangen, Ernſt aber ſah ſie an mit gluͤhenden Blicken, vielleicht mochte ſie in dieſen Blicken, als ſie das Auge zu ihm erhob, mehr le⸗ ſen, wie die Lippe haͤtte ſagen koͤnnen, denn ſie erroͤthete tie⸗ fer und ſenkte das Auge ſchnell wieder.— Ernſt aber uͤberflog mit ſchnellem Blicke den Saal, und als er ſah, daß ſie allein, daß die froͤhlich Plaudernden an der andern Seite ihn nicht beachteten, ſagte er leiſe und wie tief bewegt: Fraͤulein, Sie haben mich in dieſen Tagen mehr gelehrt, wie lange Jahre. Und wie das? fragte ſie, und ihre Stimme zitterte. Er ſah ſie an und ergriff ihre Hand, und druͤckte einen langen Kuß auf dieſe weißen Finger, die in den ſeinen zit⸗ terten. Verſtand ſie dieſe Antwort?— Sie entzog ihm nicht ihre Hand, ſie ſchien einem unwiderſtehlichen Zauber hinge⸗ geben, kaum zu wiſſen, daß er ſie noch immer in der ſeinen hielt, ſie begegnete ſeinem Blicke, ſie ſenkte nicht mehr ihr Auge, ſie erroͤthete nicht mehr, groß und ruhig ſchaute ſie ihn an, aber aus ihren Mienen las er es: auch mich haben dieſe Tage viel gelehrt.— 45 Dann zeg ſie langſam ihre Hand zuruͤck, ſeufzte tief und ſagte ſchnell: Laſſen Sie uns zu den Uebrigen gehen.— Du warſt ja unzertrennlich von der zierlichen Geſell⸗ ſchaftsdame, ſagte Ernſt, als er mit Carl die Kuͤnſtlerin ver⸗ laſſen und ſie langſam die Straße zur eigenen Wohnung hinabgingen. Sie iſt in mich verliebt, ſagte dieſer trocken, warum ſollte ich ihr nicht die Freude machen, mich in der Naͤhe zu ſehen.— Aeußerſt großmuͤthig, ſpottete Haltern.— Auch iſt ſie gar nicht ſo uͤbel, fuhr Carl fort, ſie hat en vérité einen entzuͤckenden Fuß, eine reizende Handan und einen ſchoͤnen Hals.— Du haſt ſie dir genau betrachtet, ſcheint es.— Und was ſollte ich Beſſeres thun, fragte Carl halb aͤr⸗ gerlich, du und der alte Geheimrath nahmt Emilie ja foͤrm⸗ lich gefangen, und ich mag nicht uͤberfluͤſſig ſein, oder von der ſtolzen Prinzeß ſchnoͤde Antworten bekommen, wie ge⸗ ſtern. Ja, ſtolz iſt ſie, betheuerte Ernſt, doch liebenswuͤrdig. Das iſt ja eben das Malheur, man aͤrgert ſich und geht doch wieder hin, um ſich wieder zu aͤrgern. Hoͤrſt du, Ernſt, es waͤre ein herrlicher Streich, wenn du dieß kalte Herz er⸗ waͤrmteſt, wenn du ſie einmal die Liebe kennen lehrteſt.— Es waͤre wohl der Muͤhe werth, meinte Jener, und ver⸗ ſuchen werde ich es auf alle Faͤlle. Aber, beſter Freund, dann laß ſie ſchmachten, denn ſonſt hoͤrt aller Spaß auf. Sei ihr ſo kalt, wie ſie es uns iſt.— 46 Das moͤchte ſchwer ſein, Carl, denn, parole d'honnenr, ich fuͤhle ſchon jetzt eine Art Herzklopfen, wenn ich ſie ſehe, und wenn ich's recht bedenke, ſo glaube ich, ich bin auf dem ſchoͤnſten Wege, mich furchtbar zu verlieben.— Carl lachte. Nun denn, ſo verliebe dich, ſagte er, und liebe ſie. Wie lange wird's denn dauern, ſo iſt die Glut verraucht. Ich kenne dich, hoͤchſtens acht Wochen bleibt ſie eine Goͤttin, dann wird ſie allmaͤhlig etwas menſchlicher, dann wirſt du fuͤhlen, daß ſie im Grunde doch auch nur ein Erdenkind iſt, wie wir Alle, und dann endlich wirſt du dich nach einer andern Goͤttin umſchauen. Das ſind ſo die ge⸗ woͤhnlichen Stadien, cher ami. Der Himmel gebe nur, ſagte Ernſt, daß die Liebe bei mir nicht ernſthaft wird und mich zu dummen Streichen veranlaßt. Mein Freund, jemehr dumme Streiche, deſto beſſer. Das entzuͤckt die Schoͤnen am meiſten und ſie lieben uns dafuͤr um ſo inniger. Rede Unſinn, geberde dich wie ein Wahnſinniger, ſie verzeihen es dir und finden dich unwider⸗ ſtehlich, wenn du ſie nur merken laͤßt, daß allein die Liebe zu ihnen dich ſo albern gemacht hat. Es giebt nur einen dummen Streich, vor dem du dich zu huͤten haſt.— Und das iſt?— Daß du in der Leidenſchaft, im Sturme der Betheuerun⸗ gen dich nicht einmal ſo hoch verſteigſt, der Geliebten deine Hand anzutragen. Dann biſt du verloren, denn dieß Wort vergeſſen ſie nie, ſie halten dich damit feſt, und wenn du auch wieder loskommen kannſt, ſo wird es dir manche un⸗ angenehme Stunde machen. Ich kenne das. 47 Das waͤre Wahnſinn, ſagte Ernſt, und das war es auch nicht, was ich meinte. Aber es waͤre ſchon albern ge⸗ nug, wenn ich ſie zu meiner Geliebten machte. Carl blieb ſtehen und ſah ihn erſtaunt an. Menſch, biſt du toll? Das ſchoͤnſte, gefeierteſte Weſen deine Geliebte, und du wollteſt dich nicht gluͤcklich preiſen? Nein, Carl, denn ich verachte alle Weiber, und indem wir ſie beherrſchen, werden wir dennoch ihre Sclaven, und das entehrt den Mann. Du biſt verwettert ſtolz, ſagte Carl, als ſie langſam wei⸗ ter ſchlenderten.— Aber ich habe Recht, Carl. Zu unſeren Fuͤßen iſt der Platz des Weibes, da muͤßte es liegen und um einen Blick flehen, und jedes freundliche Wort als eine Gnade erkennen. Dann waͤre es, wie es ſein muͤßte. Nun aber aͤrgert's mich, daß ich ſelber ſchwach genug bin, zu ihnen zu flehen, vor ihnen zu knien. Erſt giebt man ſich den Anſchein, als ob man beherrſcht werde, dann aber beherrſcht man ſelber und ganz im Ernſte. Mein Freund, das iſt der Unterſchied. Du haſt Recht, Carl, und das wollen wir Beide thun. Ja, du haſt es aber beſſer wie ich. Deine gluͤhende, ſtrahlende Sonne iſt beſſer, wie mein ſchmachtender Mond⸗ ſcheinengel. Chacun à son golt, lieber Freund. So laß uns lieben und geliebt werden. Ja, Ernſt, und dann weiter fliegen, als froͤhlicher Schmetterling von Blume zu Blume. Beide lachten.— 48 Ja, ſie lachten, und dennoch handelte es ſich um Men⸗ ſchenherzen, um Lebensgluͤck. Ach, iſt es denn wirklich wahr, daß das Weib nur ein Spielwerk iſt in der Hand des Mannes, das er zerbricht, wenn es aufhoͤrt ihn zu ergoͤtzen? Iſt denn das Weib nur gemacht, um zu lieben und zertreten zu werden, und muß das ſchoͤnſte Gefuͤhl eurer Bruſt gerade euch Armen den Untergang bereiten? So vergingen Tage und Wochen, und Emilie mochte es ſich kaum ſelbſt mehr verhehlen, daß ſie fuͤr Graf Ernſt an⸗ dere Gefuͤhle hege, wie fuͤr alle anderen Maͤnner. Zu ihm nur blickte ſie hin, wenn ſie auf der Buͤhne ſtand, wenn beim Jubelrufen das Haus erbebte, und ſein Laͤcheln war ihr ſchoͤnerer Lohn als alle Huldigungen der Menge. Und mußte nicht ſeine ſo zarte Aufmerkſamkeit, ſeine gluͤhende Verrehrung, ſeine aus allen Worten hervorleuchtende Liebe, mußte nicht dieß Alles ihr Herz beſtricken? Ihre Seele kannte kein Falſch, ſie glaubte alle Menſchen wahr und auf⸗ richtig, weil ſie ſelber es warz in ihr reines Herz kam nicht der Gedanke der Maafſßdet daß man ſie hintergehen moͤchte. Sie glaubte, und die keſte Liebe iſt niemals ohne Glauben, ſie achtet ſo hoch, daß das leiſeſte Mißtrauen ihr als eine Suͤnde erſcheint, und der Glorienſchein ihrer eigenen Gefuͤhle verbreitet einen Himmelsglanz uͤber Alles, was ihr nahe ſteht, und ſo waͤhnt ſie es ſo ſtrahlend und rein, und ahnt nicht, daß nur ſie ſelber ihm dieſen Schimmer verleiht.— Auch mochte Ernſt wohl uͤber ſeine eigenen Gefuͤhle ſich taͤuſchen, mochte waͤhnen, er liebe wirklich das ſo ſeltſame, ſo ſtolze und doch ſo demuͤthige Weſen, das ſo ſchoͤn, ſo rein vor ihm ſtand, ſo offen und kindlich ihm in's Auge ſah, ſo 8 49 wahr und offen zu ihm redete, ſo gar nicht ſtrebte, ihre Ge⸗ fuͤhle ihm zu verbergen, weil ſie nicht ahnete, daß man et⸗ was zu verbergen habe. Er hatte viele Frauen gekannt, er hatte oft, wenn wir ſo ſagen duͤrfen, oft geliebt, und hatte gelernt die Frauen zu verachten,— ſie ſelber hatten ihm das ſo leicht gemacht. Nur einmal, einmal hatte er wirk⸗ lich geliebt, und das war in Italien geweſen,— damals waͤre er zu retten geweſen, als er ſeine ganze Seele voll ſo viel Vertrauen der ſchoͤnen Biondetta gab, als er entſchloſſen war, ſein Leben, ſein ganzes Leben ihr zu weihen, als er an das Maͤdchen glaubte, mit aller Kraft, ja mit der letzten Verzweiflung ſeines ſo oft getaͤuſchten Vertrauens. Damals war ſein Herz allen weicheren Gefuͤhlen offen, damals haͤtte durch ein Weib er den Glauben und die Achtung vor dem ganzen Geſchlechte wieder finden moͤgen, und gerade dieſes Weib verließ ihn, verließ ihn um eines veraͤchtlichen Men⸗ ſchen willen, und ſie, die er ſo hoch geehrt, der er aus ſei⸗ nem Herzen einen Tempel gemacht, in dem er ſie als Goͤt⸗ tin anbeten wollte, ſie war nichts, ein gewoͤhnliches, ſchwaches Weib,— da verließ ihn der Glaube an das ganze Geſchlecht. Ach, wenn doch dieſe ſchwachen, gefuͤhlvollen Weſen, wenn doch dieſe Maͤdchen, die ſo oft uͤber den Flat⸗ terſinn des Mannes klagen, wenn ſie es doch bedenken woll⸗ ten, daß ſie ſelbſt es ſind, die den Mann zu dem machen, was er iſt, daß ihr Wankelmuth, ihr Unbeſtand ſpaͤter ihr eigenes Verderben herbeifuͤhren, daß ſie mit ihrem Leichtſinn, mit ihrem Kleinmuth ſich erſt dem Manne veraͤchtlich ma⸗ cchenz wenn ſie doch bedenken wollten, daß ein von ihnen be⸗ gangener Treubruch Verderben herbeifuͤhrt fuͤr viele ihrer 11. 4 50 Mitſchweſtern, und daß die erſte Thraͤne, die ihr Flatterſinn einſt einem Mannesauge erpreßte, durch tauſend Weiber⸗ thraͤnen geraͤcht wird. Graf Ernſt hatte das weibliche Geſchlecht verachten ge⸗ lernt, er hatte ſich gelobt, fuͤr den Schmerz, den ein Weib ihm gegeben, ſich zu raͤchen am ganzen Geſchlechte. Und dennoch, wenn er ſo neben Emilie ſaß, denn ſchon hatte ſie ihm erlaubt außer den Stunden zu kommen, in denen ihr Salon Jedem geoͤffnet war, wenn ſie ihn mit ihren klaren Augen ſo liebevoll anſah, wenn jedes Wort der Zaͤrtlichkeit von ihm die Roͤthe des Gefuͤhls— nicht die der Schaam— auf ihre Wangen rief, und er das Pochen ihres Herzens ſah und den fliegenden Athem, und das ſehnende Auge, und das ſuͤße Laͤcheln des Mundes, dann zog es, wie ein leiſes Mitleid durch ſeine Seele, und eine Stimme des Gefuͤhls bat in ihm: vernichte nicht dieß reiche, ſchoͤne Leben!— Aber Ernſt hoͤrte nicht mehr auf dieſe Stimme, denn ſchon waren ſeine Sinne befangen von Leidenſchaft fuͤr das gluͤhende, ſchoͤne Weib, nicht fuͤr die ſchoͤne Seele, ſchon fuͤhlte er, daß er Alles, ſelbſt ihr Leben, nicht das ſeine, daran wagen konnte, ſie zu beſitzen, ſchon durchzuckte es ſein ganzes Weſen, wenn ſie im Geſpraͤche zuweilen ſeine Hand auf ihren Arm legte, oder wenn er dieſe kleine heiße Hand in der ſeinen hielt und das Pulſiren ihrer Finger fuͤhlte. Schon fuͤhlte er zuweilen wie von einer unwiderſtehlichen Gewalt ſich getrieben, dieſe volle, ſchoͤne Geſtalt mit ſeinen Armen zu umſchlingen, auf dieſe gluͤhenden Lippen ſeinen Mund zu preſſen, und beim Gedanken daran ward ſein Athem ſchneller, ſtuͤrzte das Blut wie Feuer durch ſeine Adern. 5¹ Ich liebe ſie wirklich, ſagte er dann zu ſich ſelbſt, und beſchwichtigte damit die beſſere, warnende Stimme in ſich. Und warum ſollte ich, fragte er ſein zuweilen noch ſich regen⸗ des Gewiſſen, warum ſollte ich thoͤrigt genug ſein, ihre Liebe von mir zu weiſen? Was kuͤmmert es mich, was die Welt davon denken mag,— ſie iſt Schauſpielerin, und wann waͤre es erhoͤrt, daß eine Schauſpielerin keine Liebhaber haͤtte, und warum ſollte man gleich dabei an's Heirathen denken muͤſſen?— Und ſein Gewiſſen ſchwieg, und immer mehr uͤberließ er ſich ſeiner Leidenſchaft. Und Emilie?— Sie wußte es ſchon, daß ſie ihn liebe, ſo heiß, ſo gluͤhend, wie nur ein Weib lieben kann. An ihn denken, ſich ſeine Blicke, ſeine Worte zuruͤckrufen, zu laͤcheln, wie er laͤchelte, zu denken, wie er dachte, alle Dinge mit ſeinen Augen anzuſehen, das war ihr Gluͤck, ihre Freude. Sie gab ihre ganze Seele an die Liebe hin, ſie unterwarf ſich dieſen ſo neuen, ſo beſeligenden Gefuͤhlen ohne Ruͤck⸗ halt, ſie jubelte es laut, ich liebe ihn!— Ich liebe ihn, mur⸗ melte ſie im Schlafe und ergluͤhte im Traume vor Entzuͤcken, ich liebe ihn, wiederholte ſie, wenn ſie erwachte und Gott dankte, daß der Morgen anbrach, daß die Sonne wieder ſchien, daß die Nacht voruͤber, die ſie vom Geliebten trennte. Ich liebe ihn, ſagte ſie, wenn ſie mit pochendem Herzen ſei⸗ nen leichten Schritt auf der Treppe vernahm,— ich liebe dich! ſagten ihre Augen, wenn er neben ihr ſaß, und ſo geiſt⸗ voll, ſo hinreißend ſchoͤn zu ihr ſprach. Ich liebe ihn, ſagte ſie, und preßte die Hand auf ihr Herz und horchte ſeinen verhallenden Schritten, wenn er von ihr ging, und ſtuͤrzte 4 5² an's Fenſter, ſeiner hohen ſtolzen Geſtalt nachzublicken.— Er wird mich bewundern, ſich uͤber mich freuen, ſagte ſie, wenn ſie Abends ſich ſchmuͤckte fuͤr die Buͤhne, fuͤr ihn erndte ich alle dieſe Bewunderung. Und nie hatte ſie ſchoͤner ge⸗ ſpielt, nie ſchoͤner geſungen. Sie gab ſich ihrer Liebe hin, nicht mit Seufzern und Thraͤnen, nicht mit Schwaͤrmerei und Schmachten, ſie gab ſich ihr hin mit allem Feuer ihres Herzens, aller Glut ihrer Gefuͤhle, ſie jubelte vor Luſt. Nun ſchien ihr das Leben erſt ſchoͤn, die Kunſt erſt begluͤckend, nun hatte ihr Daſein erſt ein Ziel, ihr Streben einen Lohn — ſeine Liebe.— Ob ſie dieſe beſitze? Sie fragte nicht.— Es ſchien ihr ſo natuͤrlich, ihre ſtolze Seele ahnete nicht die Moͤglichkeit, daß man mit ihr nur ein Spiel getrieben, ſie achtete ihn ſo hoch, wie durfte ſie den Gedanken wagen, daß er ſie taͤuſchen koͤnnte. Zudem wußte ſie ſo wenig vom Leben, hatte ſo wenig in der Außenwelt gelebt. Dieſe nur i*ſt es, die uns bedaͤchtig, die uns mißtrauiſch macht. Sie hatte anfangs nichts gekannt, als ihr ſtilles Dorf, dann von dem Gutsherrn bemerkt und aus ihrer Dunkelheit hervorgezogen, war ſie freilich in die Stadt gekommen, aber in das ſtille Haus des unverheiratheten Guts⸗ beſitzers Solau; dann ging ihr Leben hin in Anſtren⸗ gung und Thaͤtigkeit, die ausgezeichneten Maͤnner wurden ihr zu Lehrern gegeben, ſie kannte nichts als ihr Studir⸗ zimmer, kein Maͤdchen ihres Alters, mit dem ſie verkehren konnte, uͤberhaupt kein weiblicher Umgang; ihre einzige Er⸗ holung war eine Reiſe nach dem geliebten Gute ihres Wohle thaͤters, wo ſie ihre Jugend verlebt hatte. So vergingen die Jahre des Lernens, und als ihre Erziehung nun vollendet 53 war, betrat ſie, nach dem Wunſche ihres Wohlthaͤters, die Buͤhne. Nun lernte ſie Frauen kennen, doch ſie, die nur die Ideale ihrer Buͤcher kannte, entſetzte ſich vor den Weibern, denn ſie ſah kleinlichen Neid, Mißgunſt, Raͤnke und In⸗ triguen, das waren die Triebfedern ihres Handelns. Sie ſah, wie ſie einander freundlich waren und dennoch ſo ſcharf jeden Fehler ruͤgten, ſie ſah, wie ſie den Maͤnnern zaͤrtliche Blicke zuwarfen und hinterher ſie verlachten.— Dieß iſt keine Welt fuͤr mich, dachte Emilie, und zog ſich kalt und ſtolz von den Frauen und Maͤdchen zuruͤck. Sie gab ſich nicht einmal die Muͤhe, ihre Verachtung ihnen zu verbergen, denn Wahrheit war ihr Streben. Sie ſollen ſehen, daß ich ſie durchſchaue, ſagte ſie ſich ſelbſt, und verachte, damit ſie nicht glauben, daß ich ihnen gleiche. So ſchreckte ſie Alle durch ihr ſtreng abgeſchloſſenes Weſen zuruͤck, und ihre Mitſchweſtern wurden ihre erbitterten Feindinnen. Beſſer ging es mit den Maͤn⸗ nern, denn dieſe zeigten ſich ihr immer nur von ihrer beſten Seite, der Inſtinct lehrt ſie uͤberdieß, einer ſchoͤnen Frau ge⸗ genuͤber ſich gerade ſo zu zeigen, wie die Frau ſie zu ſehen wuͤnſcht und ſie ſich traͤumt. Emilie aber nahm ihr aͤußeres Erſcheinen fuͤr Wahrheit, denn ſie glaubte ja nicht an Ver⸗ ſtellung.— Doch ſie wußte aus ihren Buͤchern, daß die Maͤnner in einem Punkte gar ſchwach, in der Liebe! Sie war auf ihrer Hut und beobachtete, und ſo durchſchaute ſie gar bald Alle, weil ſie ruhig und klar war.— Nun aber liebte ſie,— Emilie, wo war nun dein ruhiger Blick? Fünftes Capitel. Ich ſchrieb' es gern in alle Rinden ein, Ich grüb' es gern in jeden Kieſelſtein, Ich ſäets es gern auf jedes grüne Beet, Mit Kreſſenſamen, der es ſchnell⸗ dertath⸗ Dein iſt mein Herz Und wird es ewig bleiben! Ich will heute hinausfahren, Erneſtine, ſieh, wie Alles ſproßt und bluͤht, der Fruͤhling, der ſchoͤne Mai laͤßt mie keine Ruhe, ich muß mein liebes Waldthal wieder ſehen, meine ſchoͤnen Blumen. Soll ich mit dir fahren? fragte Erneſtine. Emilie reichte ihr freundlich die Hand. Verzeih', liebes Maͤdchen, ſagte ſie, wenn ich dich bitte, mich allein zu laſ⸗ ſen, nur meine Kammerfrau mag mit mir gehen. Ich be⸗ darf der Ruhe, der Einſamkeit, des ſtillen Machdenkens uͤber mich ſelbſt. Wer beduͤrfte deſſen nicht, ſagte Erneſtine tragiſc Laß ſchnell Alles ordnen, bat Emilie, in einer Stunde 4 moͤchte ich fahren, uͤbermorgen kehre ich zuruͤck. In einer Stunde ſaß Emilie im Wagen. Sie athmete leichter und freier, ſie fuͤhlte ſich wieder heiter und gluͤcklich. Ich wußte es wohl, dachte ſie, mir wuͤrde beſſer werden in Ruhe und Stille. Ich war ſo truͤbe, warum war ich das? Und warum eigentlich fahre ich ſo heimlich, ohne irgend Je⸗ mand davon zu ſagen.— Frage nicht, Herz, rief ſie dann laut,— ſei ſtille, ſtille.— Sie hatte ſich den Wagen zuruͤckſchlagen laſſen und dem Kutſcher befohlen, langſam zu fahren, und mit welchem Be⸗ hagen trank ſie die warme Maienluft. Mit Blicken hoͤchſter Luſt ſchweifte ihr Auge uͤber die gruͤne Landſchaft, hing an dem jungen Laub der Blaͤtter, folgte dem Vogel, der ſich aufſchwang zu den Wolken. Koͤnnt ich mit dir fliegen, rief ſie, und winkte ihm nach, und ihre Bruſt ward ſo voll, ſo weit von Fruͤhlingsluſt und Fruͤhlingsliebe, und dann hielt es ſie nicht mehr und ſie be⸗ gann zu ſingen. Da war nichts von den kunſtvollen Saͤtzen der Opermuſik, keine Coloraturen, keine Verzierungen— es war nur der reine Ausdruck des Gefuͤhls, aus der Seele kamen dieſe Toͤne, ein Seufzer der Sehnſucht und Liebe. Anfangs ſang ſie ohne Worte, dann aber ſprach ſie es aus, was ſie den Toͤnen allein bis dahin uͤberlaſſen, und auch hier wieder uͤberließ ſie ſich ihrem freien, ſchrankenloſen Ge⸗ fuͤhl, da war kein Metrum, kein Rhythmus, die Worte floſ⸗ ſen von ihren Lippen, ſie wußte kaum, ob ſie ſie ſagte. Es waren kurze Saͤtze, oft unterbrochen von langen getrage⸗ nen Toͤnen, oft faſt ohne Sinn, mindeſtens unverſtaͤnd⸗ lich, Verſe, wie ſie der Augenblick ihr gab und wieder nahm. mein und liebt er mich? Flieg zu ihm, du Voͤglein, und 56 Sei mir gegruͤßt, ſo ſang ſie, gegruͤßt du holdes, lichtes Gruͤn, du ſaͤuſelnder Wind, der liebend die Wange mir faͤ⸗ chelt. Gegruͤßt mir du, lieblicher Schmelz der duftenden Wieſe, wo die Libelle auf Blumen ſich wiegt und die aͤmſige Biene ſummt. Vor Allem ſei du mir willkommen, tief⸗ blauer Himmel, mit den ziehenden Silberwolken am Tage, mit den leuchtenden Sternen der Nacht.— Fruͤhling und o Fruͤhlingserde, wie gleichſt du der Ju⸗ gend des Menſchen! Da ſproſſen Hoffnungen gleich jungen Bluͤthen, da iſt ein reges, gluͤhendes Leben im Herzen, wie in deinem Schooße, Natur, der Keim zum Liebesleben des Sommers, der alle deine Bluͤthen entfaltet, Natur, deine Hoffnungen verwirklichet, o Herz. Was ſingt ihr Voͤgelein, was ſaͤuſelſt du Wind? Liebe, Liebe, ſo toͤnt euer Lied. O ſagt es mir ſchnell, gedenkt er klopfe an ſein verſchloſſenes Fenſter und ſing ihm dein ſchoͤ⸗ ſtes Lied, floͤte mit deiner Silberſtimme in's Herz ihm hin⸗ ein, ſie liebt dich und dich nur allein. Eile hin zu ihm, du kuͤhlender Wind, lege dich an ſeine edle Stirn, an ſeine maͤnnlich geroͤthete Wange, beina ihm meine Seufzer, oo Zephyr.— Jetzt unterbrach ſie ſich ſelbſt mit dem lauten Ausrufe: Da liegt Waldthal, willkommen, willkommen, und ſie klatſchte froͤhlich, wie ein Kind, in die Haͤnde und warf den rothen Daͤchern Kuͤſſe hin.— Bald hielt der Wagen, Emilie ſprang leicht wie eine junge Gazelle in's Haus, begruͤßte den Ver⸗ walter, ließ ſich von ihm berichten uͤber den Ertrag des Win⸗ ters, und eilte dann in den ſchoͤnen Park.— —— 57 Wo gehſt du hin? fragte Ernſt Graf Carl, als er ihm von ungefaͤhr auf der Straße begegnete. Zu wem gehſt due gab jener die Frage zuruͤck. Zu Emilie. Zu Erneſtine. Nun, wie ſteht's, mon ami, ſchon Lie⸗ besſchwuͤre gethan? Nein, Carl, aber ſie liebt mich.— Delicieuse, und du ſpielſt den Grauſamen.— Nein, Carl, denn ich liebe ſie. Du wirſt doch nicht? fragte jener erſtaunt.— Es iſt nun einmal mein Schickſal, Carl, und ich ergebe mich darein. Que faire? Jede Stunde, die ich nicht bei ihr bin, langweilt mich, und bin ich neben ihr, da bin ich ganz dupirt, und weiß nichts zu ſagen, und bin ſchuͤchtern wie ein Maͤdchen. Und ſie? Iſt ſie zaͤrtlich? Dumme Frage! Als ob ich Proben haͤtte! Ich habe ihr noch kein Wort meiner Liebe geſagt, noch keinen Kuß em⸗ pfangen.—— He, he, he, lachte Carl, die Sache wird romantiſch! Nein, mein Theurer, da bin ich ſchneller reuͤſſirt. Erneſtine iſt wahrhaftig bei naͤherer Bekanntſchaft ganz angenehm, und zaͤrtlich, zaͤrtlich wie,— wie— nun, mir will kein Vergleich einfallen, e'est égal.— Doch hier ſind wir vor ihrem Hauſe. Entrez. Erneſtine oͤffnete ihnen ſelbſt die Thuͤr. Carl druͤckte zaͤrtlich ihre Hand an ſeine Lippen. Guten Morgen, Schoͤnſte. Sie ſind allein? 58 Erneſtine verneigte ſich bejahend, und wandte ſich dann an Graf Haltern mit halbfluͤſternder Stimme ſaͤuſelnd: Fraͤulein Minden iſt nicht zu Hauſe. Nicht zu Hauſe, ſtammelte Jener. Sie iſt in Waldthal, Herr Graf. Was iſt denn das? fragte er ungeduldig. Ein kleines Gut, ſagte Carl, das ihr der verſtorbene Solau hinterlaſſen hat. Und wann kommt ſie zuruͤck? In drei Tagen, mein Herr. Qui me néglige, me perd, fluͤſterte Carl dem Freunde zu. Setze nach. Dieſer war heftig einige Male auf⸗ und abgegangen. Wie geht der Weg, wie weit iſt es bis dahin? fragte er jetzt.— In vier Stunden biſt du dort, wenn du ſcharf reiteſt, mein Diener weiß den Weg, nimm ihn dir mit. Das nehme ich mit Dank an, aber mein Rappe iſt lahm. So nimm meinen Schimmel, Freund. Du verpflichteſt mich, Carl,— ich bin dir ſehr dankbar. Du willſt alſo nicht mit mir kommen? Was ſollte ich denn da? fragte Carl, ich habe hier beſſere Beſchaͤftigung. So leben Sie wohl, Fraͤulein, auch du Carl.— Und raſch ſtuͤrmte er fort. Der iſt in Liebel ſagte Carl, ihm nachblickend. Dann legte er vertraulich ſeinen Arm um Erneſtinens Geſtalt. Nun, mein ſchoͤnes Kind, und wir? — 59 Schon ſeit Stunden war Emilie im Parke. Sie hatte jedes Plaͤtzchen beſucht, das ihr in der Erinnerung heilig und werth geworden, hatte ſich uͤber die Blumen, uͤber das friſche Gras, uͤber Alles gefreut, und wandelte nun ſtill ſin⸗ nend in den dunklen Gaͤngen des Parks umher. Allmaͤhlig war der Abend herabgeſunken und groß und ruhig ſtieg der volle Mond, eine goldene Kugel, hinter den Baͤumen her⸗ vor und gab dem ſtillen Parke faſt Tageshelle.— In dem ruhigen, ſtillen Lichte des Mondes liegt Etwas, das unwill⸗ kuͤrlich unſere Seele zur Wehmuth neigt, unſerm Herzen Erinnerungen giebt, die unter dem Geraͤuſche des Tages ſchlummerten. Die Stille der Nacht, die klare, todte Helle, dazu das Lispeln in den Baͤumen, das leiſe, erſterbende, dann wieder hell ertoͤnende Lied der Nachtigall, die im dun⸗ keln Gebuͤſche ſaß, vor dem Emilie auf der Ruhebank lehnte, Alles dieß ſtimmte ſie immer weicher, immer ſehnender. Ernſt, geliebter Ernſt, hauchte ſie leiſe, o waͤrſt du bei mir, koͤnnte ich es dir ſagen, wie ich dich liebe!— Und ſie brei⸗ tete die Arme aus und wiederholte leiſe ſeinen Namen. Da hoͤrte ſie eilige Schritte ſich nahen, ſah im Mondſcheine eine hohe Geſtalt zu dem Platze ſich wenden, von wo ihr weißes Gewand erglaͤnzte, und eine maͤchtige, beſeligende Ahnung durchſchauerte ihre Bruſt. Raſch ſprang ſie auf und mit dem Rufe: Ernſt, biſt du es! ſtuͤrzte ſie dem naͤher Kommenden in die Arme.—. Geliebte, theure Emilie, ſprach er unter Kuͤſſen, und druͤckte ſie ſtuͤrmiſch an ſich, habe ich dich endlich, biſt du endlich mein? 60 Sie umſchlang ihn feſter und fluͤſterte mit dem Tone innigſter Liebe: mein Geliebter, war ich es nicht lange?— Und nun hatten ſie keine Worte mehr, nun lagen ſie Herz an Herzen, nun ruhten ſie Lippe an Lippe, miſch⸗ ten ihre Seufzer, ſtammelten Laute der Liebe, ohne Sinn, ohne Klang, druͤckten ſich feſter aneinander, hielten ſich inniger umſchlungen. Und leiſe glitt Emilie aus ſeinen Armen zu ſeinen Fuͤßen nieder, umſchlang mit ihren vollen, ſchoͤnen Armen ſeine Knie, und ehe er Zeit hatte zur Frage, was thuſt du rief ſie, wie außer ſich:— Laß mich hier, laß mich zu deinen Fuͤßen liegen, ſieh, meine ganze Seele iſt dir unterthan, laß mich deine Magd ſein, ſei mein Herr, Herr meines Lebens, meiner Gedanken. Du, du, den ich liebe, mehr als du es ahnen kannſt, mehr wie ich es ſagen kann, laß mich zu deinen Fuͤßen liegen, ſieh, es thut dem ſtolzen Herzen ſo wohl, ſo vor dir ſich zu demuͤthigen, ſo meinen Kopf an deine Knie zu druͤcken und zu ſagen: in deinen Haͤnden liegt mein Leben, liegt mein Tod,— ſchalte mit deiner Sclavin, du mein Herr, mein Gebieter.— Und als er ſie aufheben, als er ſie an ſeine Bruſt ziehen wollte, fuhr ſie fort:— . Nein, zieh mich nicht zu dir empor, Geliebter, hier iſt mein Platz. Laß das demuͤthige, ſchwache Weib zu deinen Fuͤßen liegen, hoͤre meinen Schwur, dich nur, dich lieb ich allein, dein Wille ſoll mir Geſetz ſein, jeder Wunſch ein Be⸗ fehl. Ernſt, lieber Ernſt, hoͤrſt du mich denn?— Ob ich dich hoͤre? ſuͤßes, holdes Weſen, ſagte Ernſt, ſel⸗ ber von Gefuͤhlen uͤbernommen, die ihn ſchwindeln machten — 61— von Wonne und Gluͤck, und uͤberwaͤltigt von der tiefen Glut des Maͤdchens. Weißt du es denn, wie lange ich dich liebe? Und er beugte ſich zu ihr hinab, ohne eine Antwort zu hoͤren oder zu verlangen, und nun fluͤſterte er heiße, gluͤ⸗ hende Liebesworle in ihr Ohr, wie nur immer die Leiden⸗ ſchaft ſie erfinden mag, und nun zog er die Geliebte zu ſich empor und bedeckte ihren Hals, ihr Geſicht, ihr Haar mit ſeinen Kuͤſſen. Und der Wind rauſchte in den Baͤumen und der Mond ſchien ſo hell, und die Nachtigall floͤtete ſo lieblich, und die zwei Liebenden hielten ſich ſo feſt umſchlun⸗ gen, als wollten ſie ſich nimmer wieder laſſen, und heiße Thraͤnen rollten aus Emiliens großen, ſchoͤnen Augen, und Ernſtens Seele ward erweicht und geruͤhrt, und in ſein Herz zogen Gefuͤhle, die er ſeit vielen Jahren nicht gekannt, und ihm ward ſo frei und edel, wie in den Tagen, wo er, ein edler, argloſer Juͤngling, von dem Maͤdchen ſeiner jungen Liebe den erſten Kuß empfing, und mit einer Wahrheit, die er vielleicht ſpaͤter ſelbſt belaͤcheln mochte, ſagte er zu der in ſeinen Armen Ruhenden: Ich werde dich immer lieben, Emilie! Sie machte ſich frei aus ſeiner Umarmung und lehnte ihr Haupt ruͤckwaͤrts zum Himmel und breitete die Arme weit aus, und mit maͤchtiger, von tiefer Bewegung ange⸗ ſchwellter Stimme rief ſie: Iſt es denn wahr, iſt es wirklich wahre er liebt mich, er liebt mich!— Der Mond beleuchtete ihr edles Geſicht, und wer ſie ſo ſah im weißen Gewande, die Arme weit ausgeſtreckt, das: 2* — b Haupt wie in ſeliger Verzuͤckung aufwaͤrts gerichtet, der mochte verſucht ſein, an die laͤngſt verklungenen Sagen fruͤ⸗ herer Zeiten zu denken, und vermeinen, Titania, die Koͤ⸗ nigin der Elfen, habe in der Vollmondsnacht den Elfen⸗ tanz gethan, und ſei bereit ſich wieder aufzuſchwingen zur Hoͤhe. O ſag' es mir, laß es mich noch einmal hoͤren, flehte ſie, ich liebe dich! Holder Engel, ich liebe dich! Da umſchlang ſie ihn noch einmal, druͤckte einen Kuß auf ſeinen Mund, auf ſein Herz, und ſagte ſchnell, gute Nacht, Ernſt,— morgen ſehen wir uns wieder, und leicht wie eine Gazelle entſchluͤpfte ſie, und hinter den Geöüſchen verſchwand ihr weißes Gewand. — Ernſt aber irrte noch lange in den Gaͤngen des Patks umher, den widerſtreitendſten Gefuͤhlen zum Raube. Er liebte das edle Weib mit aller Leidenſchaft des Mannes, aber auch mit allem Egoismus, und unter den Entzuͤckun⸗ gen der Leidenſchaft ſchwieg dennoch nicht die Stimme des Stolzes und der Rache, und ſein boͤſer Daͤmon fluͤſterte: Sie iſt dein, denn ſie liebt dich! die ſtolze, gefeierte 5 Kuͤnſtlerin hat zu deinen Fuͤßen gelegen und deine Knie um⸗ klammert. Und nun rief ſein Stolz,— wie liebe ich ſiel wie war ſie bezaubernd in ihrer Demuth!— Langſam ging er dann zum Hauſe zuruͤck. Er ſah noch Licht in den oberen Zimmern, ſah einen Schatten 63 hinter den verſchloſſenen Vorhaͤngen ſich bewegen und blieb ſtehen. Gute Nacht, rief er laut, und ſogleich bewegten ſich die Vorhaͤnge, oͤffnete ſich das Fenſter, und ihre ſuͤße Stimme toͤnte liehevoll: gute Nacht!— Sechstes Capitel. „ Das Unrecht würde man ihm verziehen haben. Aber er griff die Vorurtheile der Menge, er griff das Intereſſe der pri⸗ vilegirten Stände an, und er wurde verdammt und unterdrückt durch die Leidenſchaft und Macht dieſer furchtbaren Gegner al⸗ les Guten. Rotteck. Schon waren mehr denn acht Tage vergangen, und noch immer weilten Emilie und Graf Haltern in Waldthal.— Auf ſeine Bitte hatte ſie ihren Aufenthalt verlaͤngert, und ſelige Tage des Gluͤckes und der Liebe waren ihnen ent⸗ ſchwunden. Immer inniger, immer ruͤckhaltsloſer gab Emi⸗ lie ſich ihren Gefuͤhlen hin, kein Gedanke ihrer Seele, der ihm verborgen war, kein Klopfen ihres Herzens, das ſie ihm nicht gezeigt. Nun erſt ſchien die Welt ihr ſchoͤn, erglaͤnzte ihr die ganze Natur, laͤchelten ihr die Blumen, ſangen ihr die Voͤgel, denn ſie verſtand ihre Stimme, verſtand das Lie⸗ besleben der ganzen Natur; ſie hatte in ihrem Herzen gele⸗ ſen, und auf dem Grunde deſſelben ſtrahlte ſein Bild ihr entgegen. Ihm anzugeyoͤren, ihm zu dienen, von ihm ab⸗ haͤngig ſich zu fuͤhlen, das Alles war ihr ein Gluͤck, das ſie —— 65 fruͤher nie getraͤumt. Und verdiente er nicht ſo ganz dieſen Cultus des jungen, gluͤhenden Herzens? War er nicht in ihrer Naͤhe ſelber ſo von Liebe durchdrungen, von Gluͤck und Wonne, wie die Geliebte, die er in ſeinen Armen hielt, die er an ſein Herz druͤckte, ſchien nicht ſeine Seele jede Regung ihrer Bruſt zu verſtehen und zu erwiedern, ſchien er nicht jeden ihrer Gedanken zu errathen und zu billigen, ſchien er nicht ſo gluͤcklich, ſo befriedigt, wie ſie ſelber es war?— Ja, zu ſeiner Ehre muͤſſen wir es ſagen, noch einmal regten ſich in ihm beſſere Gefuͤhle. Das edle, das ſo ganz ver⸗ trauende Weib, das in ſeinen Armen ruhte, ohne Wunſch, ohne Begehr außer ſeiner Liebe, dieß gluͤhende, ſo ſtolze und ſo demuͤthige Weſen ruͤhrte ihn zu einer lange nicht gekann⸗ ten Weichheit und Milde, und er beklagte ſie, wenn er der Zukunft gedachte, er fuͤhlte ſogar Gewiſſensbiſſe, wenn er dachte, daß Er dieß ſchoͤne Leben vernichten wuͤrde. Aber wie kann ich es aͤndern, fragte er ſich ſelbſt, ich liebe ſie und kann ſie nicht aufgeben,— auch waͤre das ihr Tod. Ihr meine Hand bieten?— Als ihm dieſer Gedanke zum erſten Male kam, wies er ihn ſtolz zuruͤck, doch wenn er ihr in's Auge ſchaute, wenn ſie, ſo ganz Gefuͤhl, ſo ganz Liebe, in ſeinen Armen hing, dann draͤngte er immer wieder ſich ihm auf, ſo ward er nach und nach vertraut mit dieſer Vorſtellung, ja gewann ſie am Ende gar lieb. Die Welt, die ſein Herz kaͤltete, die Meinung ſeiner Freunde, die des ſtolzen Grafen Orakel war, drang nicht bis zu ihm in dieſe Einſamkeit. Hier war er noch einmal und zum letzten Mal ganz Gefuͤhl, ganz Seele, auch erhob das Bewußtſein, ſo geliebt zu werden, ſo heiß, o II. 5 * 66 gluͤhend, ihn zu einem Entzuͤcken, deſſen er ſich nicht mehr fuͤr faͤhig gehalten, und ſeine ſo geſchmeichelte Eitelkeit gab ſeiner Leidenſchaft neue Nahrung. Es war der Tag vor ihrer nun feſtgeſetzten Abreiſe. Eng aneinander geſchmiegt ſaßen ſie auf dem Divan in Emi⸗ liens Zimmer. Durch die geoͤffneten Fenſter, die auf den Garten fuͤhrten, ſchaute der Mond ſtill hinein, und leiſe lispelten die Baͤume im Abendwinde, und vom nahen Teiche drang das ſo eintoͤnige, ſo melancholiſche Gelispel der Unken. Eine truͤbe Lampe brannte auf dem Tiſche vor ihnen und beleuchtete mit mattem Daͤmmerlichte das elegante Zimmer der Kuͤnſtlerin. Eine Harfe lehnte in der einen Ecke und die einzelnen herabhaͤngenden und zerriſſenen Saiten zeigten, daß ſie vernachlaͤſſigt worden, auf dem geoͤffneten Fluͤgel la⸗ gen Notenblaͤtter, denn Emilie hatte dem Geliebten ſeine Lieblingslieder geſungen, im Fenſter ſtand die Staffelei mit dem begonnenen Bilde des Grafen. Sie ſaßen neben einander, ihr Haupt ruhte an ſeiner Bruſt, und ihr Auge ſchaute wie verklaͤrt auf zu ihm und trank von ſeinen Lippen ſeine Worte, ſeine heißen Liebes⸗ ſchwuͤre. Dann kam ein Moment jener Stille, wo das Wort verſtummt und die Lippe, wo Alles Gefuͤhl und Liebe und himmliſches Gluͤck iſt, wo tiefer das Auge dem Auge begegnet, wo die Arme ſich feſter umſchlingen, und die hei⸗ ßen ſchnellen Seufzer der gluͤhenden Bruſt allein es ſagen, was in ihr wogt und lebt. So liebſt du mich wirklich, fluͤſterte er unter Kuͤſſen. Sie ſah ihm freudig und klar in's Antlitz, als ſie er⸗ wiederte: 8 67 Weißt du es noch nicht, Ernſt? Theurer, einzig Gelieb⸗ ter, fuͤhlſt du es nicht, daß ich nichts, nichts liebe außer dir? Weißt du es nicht, daß das Leben mir nur ſchoͤn iſt, um dich, daß ich dich liebe, liebe wie meine Seligkeit, ach, Geliebter, mehr wie dieſe, daß ich auch dieſe hingeben koͤnnte um dich. Weißt du das Alles nicht? Und er, uͤberwaͤltiget, Alles vergeſſend, außer der, die er in ſeinen Armen hielt, druͤckte ſie feſter an ſeine Bruſt, hei⸗ ßer brannten ſeine Lippen auf den ihren, gluͤhender hafte⸗ ten ſeine Blicke an ihrem klaren, zaͤrtlichen, aber ruhigen Auge. Willſt du die Meine ſein? fragte er. Bin ich es nicht? ſagte ſie unſchuldig. Ja, Geliebte, du biſt es. Aber willſt du auch vor der Welt die Meine ſein? Deine Gattin? Er antwortete nur mit Kuͤſſen und Liebkoſungen, denn die entſcheidende Stunde gab ihm allen Stolz fruͤherer Tage zuruͤck, und es war ihm, als vernaͤhme er das hoͤhniſche La⸗ chen, die ſpottenden Bemerkungen ſeiner Freunde. Sie aber hielt ſeine Zaͤrtlichkeiten fuͤr eine genuͤgende Antwort auf ihre Frage, denn ihr reines, großes Herz ahnete nicht, daß man lieben und dennoch taͤuſchen kann.— Das Weib iſt in der Liebe ganz Liebe: alles Schoͤne, Edle, Erhabene, was ihre Seele begreifen kann, ubertraͤgt ſie auf den Geliebten, ſie ſchmuͤckt ihn mit allen Tugenden eines Ideals, und ſo wird er ihr ſelber zum Ideal, ſo wird er ihre Gottheit, die ſie an⸗ betet, und an der kein Makel; jeder Zweifel ſchon erſcheint ihr eine Suͤnde,— denn, ach,— ſie hat vergeſſen, daß der 5*ℳ 68 Mann nur liebt, um zu genießen, daß die Liebe ihm nur Zerſtreuung, nur Erholung von den Geſchaͤften des Lebens iſt, und weil ſie ganz liebt, weil ſie kein Opfer kennt, das ſie nicht freudig bereit waͤre darzubringen, ſo glaubt ſie von dem Geliebten das Gleiche.— Und ſie glitt aus ſeinen Armen, zu ſeinen Fuͤßen nieder, und ſtuͤtzte ihr Kinn auf ſeine Knie und ſchaute ihm laͤchelnd in's ergluͤhte Antlitz und fluͤſterte: Hoͤre mich ruhig an, mein Geliebter. Komm, gieb mir erſt noch einen Kuß, nenne mich noch einmal deine Blume, deine kleine Gazelle. Weißt du, daß ich mich gern ſo von dir nennen hoͤre? Und er laͤchelte auch und ſpielte mit ſeinen gluͤhenden Haͤnden in ihren braunen Haaren, und beugte ſich herab, ihre Augen zu kuͤſſen, und ſagte zaͤrtlich: Meine ſchlanke Gazelle, mein ſanftes Reh, mit den kla⸗ ren hellen Augen, wie biſt du mir ſo lieb, ſo theuer, wie lieb' ich dich! Wirklich? fragte ſie neckend, denn die hoͤchſte Gluͤckſelig⸗ keit der Liebe, das hoͤchſte Bewußtſein derſelben giebt der Seele Luſt zu Scherz und Neckerei.— Und nun komm, gieb mir deine lieben Haͤnde, daß ich ſie an meine Lippen druͤcke, und nun hoͤre mir zu!— Ich wußte es, mein Geliebter, daß du mir deine Hand bieten wuͤrdeſt, denn ich kenne dich und weiß, daß du immer edel und großmuͤthig denkſt.— Ihre argloſe Seele bemerkte nicht ſeine augenblickliche Befangenheit, das fluͤchtige Erroͤthen, das einen Moment 69 ſeine Zuͤge uͤberflog, bemerkte nicht, daß ſein Auge ſich vor dem ihren ſcheu zu Boden ſenkte. Nun, fragte er beklommen, und was erwiederſt du? Ich will nur dein Herz, nicht deine Hand.— Ernſt bebte zuſammen vor freudigem Schrecken,— ſie nahm es fuͤr das Erſchrecken gekraͤnkter Liebe. Zuͤrne mir nicht, flehte ſie, hoͤre mich ruhig an. Ich habe viel daruͤber nachgedacht alle dieſe Tage, denn ich wußte, daß du dieſe entſcheidende Frage thun wuͤrdeſt und mußteſt. Wozu aber unter uns dieſe Formen, dieſe Aeußerlichkeiten. Liebſt du mich nicht ſo wie ich bin? Gewiß, mein geliebtes Maͤdchen! Nun ſiehſt du, mein Ernſt, ich wuͤrde aber nicht mehr ſo ſein, wenn ich deinen Namen truͤge, wenn ich deine Ge⸗ mahlin waͤre. Du liebſt mich, das ſeltſame, außergewoͤhn⸗ liche Weib, die Kuͤnſtlerin, du erlaubſt als ſolcher mir man⸗ ches, was du an deiner Gemahlin nicht billigen koͤnnteſt. Emilie, ſagte er im Tone des Vorwurfs. Still, ſtill, unterbrich mich nicht. Du magſt dich dar⸗ uͤber jetzt taͤuſchen, denn du liebſt mich, ich darf mich nicht taͤuſchen, denn ich liebe dich. Nur wenn es mir vergoͤnnt i*ſt zu bleiben, wie ich eben bin, frei von jedem Zwang, jeder Feſſel, nur dann kann ich mir meine Freudigkeit bewahren, nur dann bleiben, was ich bin. Die Formen der Conve⸗ nienz, ſie paſſen nicht fuͤr mich, und wuͤrde es dich nicht ſchmerzen, zu ſehen, wie deine Gemahlin gegen dieſelben ver⸗ ſtoͤßt? Die hochgeborneren Graͤfinnen wuͤrden mit Stolz auf mich herabblicken, ich das arme Bauernkind, das nichts iſt, wenn es nicht mehr Kuͤnſtlerin iſt, und wuͤrdeſt du es gern 70 ſehen, wenn der Name deiner Gemahlin auf den Zetteln ſtaͤnde und deine graͤfliche Gemahlin auf der Buͤhne? Nimmermehr, rief Haltern heftig. Nun alſo, lieber Ernſt, was bin ich aber dann? die Pflichten der Haͤuslichkeit ſind mir fremd, ſind mir unan⸗ genehm. Niemals verkehrte ich mit Frauen, Maͤnner lei⸗ teten meine Erziehung, bildeten meinen Geiſt, lehrten mich denken und empfinden,— aber keins der weiblichen Talente ward an mir gebildet.— Ich weiß kaum, wie man die Na⸗ del fuͤhrt, noch weniger verſtehe ich etwas von haͤuslicher Einrichtung und Wirthſchaft, und du wurdeſt oft erroͤthen um deiner unwiſſenden Gemahlin willen, und meine eigenen Untergebenen wuͤrden mich verlachen. Ich ſelbſt wuͤrde das empfinden, wuͤrde mich bedruͤckt und nicht heimiſch fuͤhlen, wuͤrde nicht mehr heiter ſein, dann wuͤrdeſt du dein Haus fliehen und um unſer Gluͤck waͤre es geſchehen. Du malſt mit dunklen Farben, ſagte Ernſt laͤchelnd. Beſſer gleich im rechten Lichte, als wenn die Farben ſpaͤter nachdunkelten, Geliebter.— Nein, mein Ernſt, Emi⸗ lie Minden iſt zu ſtolz, ſich in einen Platz zu draͤngen, den ſie nicht wuͤrdig ausfuͤllen kann. Ich kann deine Gemahlin nicht ſein!— So willſt du mich verlaſſen, ſragte er ſchmerzlich, und druͤckte ihren Kopf zwiſchen ſeinen beiden Haͤnden und hob ihr Geſicht zu ſich auf, und preßte einen langen Kuß auf ihre rothen Lippen.— Dich verlaſſen? fragte ſie befremdet,— nein, mein Ernſt, laß mich bleiben, was ich bin, deine Geliebte.— — 71 Emilie, rief Haltern, haſt du bedacht, was du da ſprichſt? Ich habe es, ſagte ſie ruhig. Hoͤre mich an. Als Ge⸗ mahlin koͤnnte ich dich nicht gluͤcklich machen, wuͤrde ich es ſelber nicht ſein, hoͤrte ich auf zu ſein, was ich jetzt bin, und gerade ſo liebſt du mich doch. Und warum wollten wir uns Beide denn um ein Gluͤck bringen, das wir ja ſo leicht ha⸗ ben koͤnnen. Wenn ich deinen ſo großmuͤthigen Vorſchlag annaͤhme, ſo koͤnnteſt du glauben, es geluͤſtete mich nach Rang und Titeln. Nein, du edles, großes Herz, das wuͤrde ich nimmer glauben.— Sie ſchloß ihm mit ihrer kleinen weißen Hand den Mund und ſagte laͤchelnd: Still, du Schwätzer.— Jetzt freilich wuͤrdeſt du es nicht denken, aber deine Freunde, ſpaͤter du ſelbſt. Und wozu dieſe laͤhmenden Feſſeln, wozu ſich in Ketten ſchmie⸗ den, wenn die Freiheit daſſelbe uns gewaͤhrt, was wir durch dieſe Ketten zu erlangen ſtrebten. Oder wie, mein Freund, ſollteſt du wirklich glauben, daß die Hand des Prieſters, der ein Menſch iſt, wie wir, oft auf einer weit niedrigeren Bil⸗ dungsſtufe ſteht, daß dieſe den Bund zweier Herzen, die einander lieben, erſt ſegnen und heiligen koͤnnte? Ach, lie⸗ ber Ernſt, wenn die Liebe, die Treue erſt herabſinkt zu einer ſtrengen Pflicht, wenn ſie gefordert werden kann, nicht mehr freie Gabe iſt, dann wird ſie nicht mehr dankbar er⸗ kannt, und in der Ruhe und Gewißheit des Beſitzes erkal⸗ tet ſie.— Nein, mein Geliebter, die Ehe iſt geiſtig und kei⸗ nes Prieſters Hand vermag ſie zu ſchließen, nur das Herz 72 kann ſie binden und loͤſen. In dem Augenblicke, als ich dir meine Liebe geſtand, und gelobte, ſie dir zu bewahren, in dem Augenblicke ward ich dein Weib, du mein Gatte. Fuͤhl⸗ teſt du anders? Nein, meine Emilie, ich fuͤhlte wie du, und daß ich dich nimmer laſſen koͤnnte.— Lieber, lieber Ernſt, ſagte ſie zaͤrtlich und kuͤßte ſeine Hand, die ſie noch in der ſeinen hielt. Dann fuhr ſie fort: Nein, mein lieber Ernſt, laß uns eine Ehe ſchließen, die nur aus uns ſelbſt entſprungen, nur in uns ſelber ihre Ge⸗ ſetze hat. Der Altar, auf dem wir unſere Geluͤbde nieder⸗ legen, ſei unſer eigenes Herz, unſer Gewiſſen allein der Rich⸗ ter, der uns binden oder loͤſen kann. Ach, wie mancher ſchleppt ſich am Joche der Ehe hin, mit blutenden Gliedern, todesmatt, das Leben wird ihm eine Laſt und eine Qual.— Ein Wort koͤnnte ihn gluͤcklich machen und frei, und den⸗ noch ſcheut er ſich davor um des Aufſehens willen, und traͤgt lieber, bis er verzweifelnd zuſammenſinkt.— Nein, mein Ernſt, mir erſcheint dieſe aͤußere, geſetzliche. Ehe nur wie eine Barharei, und jener große Philoſoph, Chriſtus, als er lehrte, — Liebet euch unter einander!— ahnete wohl nicht, wie falſch ſeine Liebeslehre einſt wuͤrde gedeutet werden. Holde Schwaͤrmerin, ſagte Ernſt, und ſchaute bewun⸗ dernd in ihr ergluͤhtes Geſicht. Sie war aufgeſtanden und ging mit raſchen Schritten im Gemach umher,— ſie ſchien ſich kaum zu erinnern, daß der Geliebte ihr ſo nahe, ihre Bruſt hob ſich hoͤher, und wie eine Seherin, deren Auge hinaus⸗ blickt in die Zukunft, ſo ernſt und verzuͤckt ſchaute ihr Auge, — ———— und als ſie nun ſprach, war ihre Weiſe wahrhaft erhaben und groß. Nur, wenn das freie Weib zum freien Manne tritt und ſich mit ihrer Liebe und ihrem Herzen voll Glauben und Vertrauen zu ſeinen Fuͤßen niederlegt, aus freier Wahl ſich ihm ergiebt, ihm dient, ſich ihm unterthaͤnig fuͤhlt, und nur wenn der Mann es ſo erkennt, wenn nichts ſie aneinander bindet, als ihr freies Wort, wenn wir keines Prieſters mehr beduͤrfen, keiner Zeugen, keiner Gotteshaͤuſer, nur dann erſt iſt die Liebe, was ſie ſein ſoll, und auch die Ehe, nur dann erſt kann die Menſchheit gluͤcklich ſein, denn alsdann iſt ſie frei.— Da ſchleppen ſich dieſe Thoren neben einander hin ihr ganzes Leben, weil ſie einmal in Uebereilung und Wahn ein Ja geſprochen,— ihre Taͤuſchung iſt hin, ihr Gluͤck ent⸗ flohen, vielleicht fanden ſie ein anderes Weſen, und fuͤhlten, nur mit dieſem kann ich gluͤcklich ſein,— ſie koͤnnen es nicht erlangen, denn es bindet ſie ihr Wort.— Das Herz, von dem allein die Liebe kommt, das allein den Schwur der Treue ſprechen ſollte,— das Herz weiß nichts mehr von dieſer Ehe und verblutet unter den Feſſeln. 2 Aber, Geliebte, fragte Ernſt, und zog die Gluͤhende zu ſich nieder, wuͤrdeſt du nicht mit deiner Lehre der Untreue das Wort reden?— Gewiß nicht, ſagte ſie ſchnell, dann erſt koͤnnte ein wah⸗ res Liebesleben ſein. Dann erſt, wenn die, welche die Liebe allein zuſammenfuͤhrte, es wuͤßten, daß auch dieſe allein ſie aneinander bindet, dann erſt wuͤrden ſie ſtreben, dieſe Ge⸗ fuͤhle zu erhalten. Jeder wuͤrde dem Andern liebevoll und gefaͤllig ſein, um nur ſeine Liebe ſich zu bewahren, und die 74 Furcht, dieſelbe durch ein eigenes Betragen zu verſcherzen, wuͤrde den Mann milde und nachgebend, die Frau demuͤthig und ſtets liebevoll erhalten. Doppelt wuͤrden die Muͤtter ihre Kinder lieben, die nur die Liebe ihnen gab, und zaͤrtlicher wuͤrde der Vater ſorgen fuͤr die Kinder ſeines Weibes, an der er nicht zweifelte, weil ſie freiwillig ſein Weib und es keiner Taͤuſchung bedarf.— O Ernſt, wenn es ſo waͤre und wenn das Wort der Menſchheit heilig, heilig wie ein Eid⸗ ſchwur, und wenn es keiner Prieſter und keiner aͤußeren Ehe mehr bedarf, dann ſind wir, was wir ſein ſollten, Menſchen, dann feierten wir in Wahrheit unſere goldene Zeit!— Und willſt du ſo mein Weib ſein? fragte Ernſt bebend, und preßte ſeine Lippen auf ihre ſchoͤne Stirn. Sie ſah ihn an mit einem Blicke ſo voll Vertrauen, ſo voll Liebe und Hingebung, daß er, hingeriſſen von ihren Empfindungen, ſie ſelber zu theilen glaubte, und ſie mit einer Liebe an ſeinen Buſen druͤckte, die in dieſem Augen⸗ blicke mehr war als Leidenſchaft und Sinnenrauſch.— Dann richtete ſie ſich auf und reichte ihm ernſt und feierlich ihre Hand hin, und ihr großes Auge blickte ernſt und ruhig: Da haſt du mich, ſagte ſie feierlich,— ich bin dein!— Und der Gluͤckliche ſchloß ſein Weib an ſeine laut klo⸗ pfende Bruſt! Armes, edles Weſen, mit der Begeiſterung und den Il⸗ luſionen deiner achtzehn Jahre, ach, du kannteſt, als du ſo ſprachſt, nicht die Welt, nicht das Menſchenherz, nicht den Mann. Wenn Alle gleich fuͤhlten, wenn Alle gleich daͤch⸗ ten, dann koͤnnteſt du wahr geſprochen haben, dann konnte 75 wirklich jene Ehe begluͤcken, jene Ehe ohne Prieſterſegen und aͤußeres Ceremoniell,— aber nun lehnteſt du dich auf ge⸗ gen das einmal Hergebrachte, du erhobſt dich im Kampfe mit der ganzen Welt und wußteſt nicht, daß oft das Edelſte, weil es der gewohnten Sitte entgegen, falſch gedeutet und hinabgezogen wird in den Wuſt und Schmutz der Welt, die nicht verſteht, was ſie dann richtet. Und der Mann beſon⸗ ders, dieß ſo ſtarke und doch ſo ſchwache Weſen, bedarf die⸗ ſer Feſſeln, bedarf der Gewißheit und Ruhe des Beſitzes, be⸗ darf, um ſeiner Standhaftigkeit willen, der Ueberzeugung, daß nichts wieder ihn trennen kann von der, die er einmal ſich erwaͤhlte; ſo wird er vorſichtig in ſeiner Wahl, dauernder in ſeiner Neigung. Du mußteſt das einſt Alles noch empfinden, Emilie, mein Liebling; in mein Auge treten Thraͤnen, und ich be⸗ klage dich um der Begeiſterung deiner Bruſt, die, ach, ſo vergebens, um der Thraͤnen, mit denen dieſe erloſch.— Armes, edles Maͤdchen, warum war es dir nicht beſchieden, das zu erlangen, was du ſo heiß erflehteſt, warum du mit deinem gluͤhenden Herzen, warum fandeſt du nicht ein zwei⸗ tes Herz, eben ſo edel, ſo gluͤhend wie das deine, und ſaheſt ſo verwirklicht, was du dir ertraͤumteſt?— Warum?:— Ach, Tauſende vor uns und Tauſende nach uns richten dieſe Frage an jenes große, unſichtbare Weſen, dem die Menſchen einen Namen gaben und es Gottheit nannten,— und kei⸗ nem ward eine Antwort auf dieſe große Frage!— Wie oft, ihr Sterne, ſchaute ich zu euch auf, gefoltert von Schmer⸗ zen, mit ſtroͤmendem Aug', mit fliegendem Athem, wie oft fragte ich euch, warum mir dieſe Schmerzen?— Ihr gabt 76 mir keine Antwort, kalt und ruhig zogt ihr dahin auf eurer naͤchtlichen Bahn, kalt erglaͤnztet ihr, wie das Auge derer, um deren Liebesblick vielleicht ein Leben freudig hingegeben wuͤrde. Wie oft, Natur, legte ich mich, in Thraͤnen zer⸗ fließend, in deine Arme, und hoffte bei dir Troſt und Ruhe zu finden. Auch du bliebſt mir ſtumm, und dein ſo bluͤ⸗ hendes Leben, deine duftenden Blumen, deine ſingenden Voͤgel, dein leiſe fluͤſternder Wind, dein ſuͤßes Liebesathmen, es verhoͤhnte nur meinen Schmerz, und ich weinte laut und rief: wo finde ich denn Ruhe und Gluͤck? Und es war mir, als vernaͤhme ich eine Stimme,— vielleicht war es deine Stimme, du Liebling meiner Seele, du einziger Freund meines veroͤdeten Lebens, und dieſe Stimme fluͤſterte in mein Herz: verlange Nichts vom Leben, ſo wird es dir Al⸗ les gewaͤhren, waffne dich mit Kraft, mit Muth und Glau⸗ ben, dann unterwirfſt du dir den Schmerz, dann findeſt du in dir ſelber Gluͤck und Ruhe. Wer ſich ſelber uͤberwand, der ſteht auf der Hoͤhe des Lebens und zu ſeinen Fuͤßen liegt Kummer und Elend, liegt Sorge und Muͤhe, liegt Seufzer und Weinen.— Und was, ſo fragte ich, muß ich thun, um zu dieſer Hoͤhe zu gelangen⸗ Und abermals fluͤſterte die Stimme:—— Du mußt erwaͤgen, daß Alles vergaͤnglich, du mußt be⸗ ſitzen, als ob du nicht beſaͤßeſt, du mußt Alles fuͤrchten, Alles hoffen, Alles wagen, Alles meiden, du mußt niemals aͤngſtlich ſuchen, ſo wirſt du Alles finden, du mußt glauben, du mußt zweifeln, du mußt vertrauen und mißtrauen, du mußt lieben und haſſen.— Wie kann ich, rief ich ſchmerz⸗ lich, dieſe Widerſpruͤche loͤſen? Und die Stimme ſagte: das ganze Leben iſt ein Wider⸗ ſpruch dem, der es nicht verſteht,— wer es aber verſteht, dem iſt es ein enthuͤlltes Geheimniß. Lerne leben, dann biſt du gluͤcklich, lerne die Menſchen nehmen, wie ſie ſich dir ge⸗ ben, dann wirſt du geliebt, lerne das Genuͤgen, dann wirſt du zufrieden, lerne entſagen, dann wirſt du ruhig.— Entſagen! wiederholte ich und ſenkte mein Haupt auf meine Bruſt. Ich habe entſagt!— Siebentes Capitel. Des Menſchen Wille iſt ſein Glück. Schiller. O nicht ſo raſch, mein Geliebter! Befiehl dem Kutſcher langſam zu fahren. Sieh, ſchon tauchen dort am Horizonte die Thuͤrme der Stadt auf,— jede Minute nimmt uns un⸗ ſer ſtilles Gluͤck. Geht denn das Gluͤck nicht mit uns, Emilie? Halte ich es nicht in meinen Armen, druͤcke ich es nicht an mein Herz? Biſt du nicht mein Gluͤck, Emilie, ich nicht das deine?— Ja, du biſt mein Gluͤck, du biſt mein Leben, Ernſt.— Und dennoch, Geliebter, bangt mir vor der Stadt, vor der Trennung. Trennung, wiederholte Haltern befremdet.— Will meine Emilie mich verlaſſen? Sind wir nicht getrennt,— durch lange, lange Straßen getrennt. Bedarf es nicht ganzer Stunden, ehe du zu mir aus deiner Wohnung gelangſt? f 79 Ernſt zog ſie an ſeine Bruſt, ſtumm, wortlos. Viel⸗ leicht regte ſich in ſeiner Bruſt eine warnende Stimme, viel⸗ leicht war es nur der Strom der Leidenſchaft, der ihn der Sprache beraubte.— So rollten ſie dahin im leichten Wagen, innig aneinan⸗ der geſchmiegt, Emilie ganz Hingebung, ganz Liebe, Ernſt voll Wonne, voll Triumph, voll Leidenſchaft.— Und er ſagte unter Kuͤſſen: Geliebte, wuͤrdeſt du eine Bitte erfuͤllen? Und du kannſt noch fragen, Ernſt? Er neigte ſich dicht an ihr Ohr, er umſchlang ſie feſter und fluͤſterte: Willſt du bei mir wohnen?— Ob ich will, Ernſt? Biſt du nicht mein Herr, mein Ge⸗ bieter, iſt nicht dein Wunſch mir Befehl, mein Ernſt? Ja, ich will bei dir wohnen,— morgen, heute ſchon.— Das wollteſt du, Geliebte, du waͤrſt bereit zu dieſem Opfer? Sie ſah ihn verwundert an.— Ein Opfer nennſt du dase fragte ſie ernſt. Dann legte ſie leiſe ihre Hand auf ſeine Schulter und ihm mit wunder⸗ barer Ruhe in's Auge blickend, ſagte ſie: Ernſt, fuͤr mich giebt es nichts, was ich nicht freudig dir opfern koͤnnte, denn, hoͤrſt du, ich liebe dich, und in der Liebe giebt es nur ein Opfer, das iſt der Geliebte ſelber.— Nein, nein, rief ſie heftig und ihre Augen erglaͤnzten in Thraͤnen, dich auf⸗ geben, dich miſſen, das vermoͤchte ich nicht,— nun nicht mehr!— 1 80 —·¶·¶Aq—q- Ein halb ſpoͤttiſches, halb mitleidiges Laͤcheln(vielleicht war es Beides) umzuckte einen Augenblick des Grafen Ge⸗ ſicht, dann ſagte er zaͤrtlich: Und niemals werde ich dich laſ⸗ ſen, Emilie.— Komm, trockne deine Thraͤnen und laß uns von freudigeren Gegenſtaͤnden ſprechen. Und ſie, allen ſeinen Wuͤnſchen gehorſam, trocknete ſchnell die weinenden Augen und laͤchelte ihm wieder, und fragte: Nun? Von deiner neuen Wohnung, Emilie, ſagte er. Du. weißt, ich beſitze ein großes Hotel und bewohne es allein. Du beziehſt die hel étage, ich wohne unten. Heute noch laͤßeſt du deine Meubles dorthin bringen. Iſt es dir ſo recht? Sie legte laͤchelnd ihren Kopf auf ſeine Schulter und ſagte zaͤrtlich: Befiehl nur immer, es iſt ſo ſuͤß deinen Befehlen zu ge⸗ horchen.— Aber wuͤnſcheſt du es anders? Ich wuͤnſche nichts, als dich zu ſehen, bei dir zu ſein! So rollten ſie auf dem Wege zur Stadt dahin, ach— bald war dieſe erreicht.— Emilie, du hatteſt Recht, dein ſtilles Gluͤck war entſchwunden, ſo kehrt es dir niemals Zuruͤck.— Erneſtine empfing die Freundin nicht mit der Freude, die dieſe erwartet hatte. Mit allem Ceremoniell angenommener Etiquette trat ſie ihr entgegen, ihre Wange war noch blei⸗ cher, wie gewoͤhnlich, ſie ſenkte das Auge zu Boden und ging ſtumm Emilien voran in das Zimmer. und haſt du kein freundliches Wort fuͤr mich, fragte hier Emilie, und erſchrak uͤber Erneſtinens Blaͤſſe. Freuſt 81 5* 4 du dich nicht, nach ſo langer Trennung mich wieder zu ſehen? So langer Trennung? fragte Erneſtine dumpf, und ſetzte dann leiſe hinzu: mir iſt, als waͤrſt du erſt geſtern ge⸗ gangen.— Du biſt ſo ſeltſam, ſagte Emilie verdrießlich, und wandte ſich in ihr Cabinet zu gehen. Auf der Schwelle aber kehrte ſie wieder um und ſagte ſchnell: Hoͤre, Erneſtine, wir ziehen noch heute hier fort. Be⸗ ſtelle Leute, Alles fortzubringen, laß meine Kammerfrau meine Sachen ordnen, und wo moglich ſchnell. Und wohin ziehen wir? fragte Erneſtine ahnend. Wie eine aufgehende Sonne des Gluͤckes uͤberflog es Emiliens Geſicht, und mit dem Tone des innigſten Ent⸗ zuͤckens ſagte ſie: In Graf Halterns Hotel.— Und als Er⸗ neſtine etwas erwiedern wollte, winkte ſie leicht mit der Hand und trat in ihr Cabinet zuruͤck. Erneſtine aber murmelte leiſe: Dann biſt du auch ver⸗ loren, und preßte, wie in Verzweiflung, beide Haͤnde an die Bruſt, und ſchwankte langſam hinaus, die noͤthigen Befehle zu ertheilen.— Alſo ſieht man Sie endlich einmal wieder, Holdſeligſte, ſagte Solau, in Emiliens Salon tretend, in dem ſie auf den Sopha lehnte. Willkommen, rief dieſe freundlich und ſtreckte ihm laͤchelnd die ſchöͤne Hand entgegen. Setzen Sie ſich zu mir, lieber Solau. Aber wiſſen Sie, liebes Fraͤulein, daß es grauſam war, ſo lange uns zu verlaſſen. Alle Ihre Verehrer, ich an ihrer II. 6 82 Spitze, waren total in Verzweiflung. Da war ein föͤrm⸗ liches Sturmlaufen, alle Tage hierher,— immer vergeblich, die holde Philomele hatte die Stadt verlaſſen und ſang dem Haine und dem dunklen Fliedergebuͤſch ihr Lied.— Sie wiſſen, Philomele ſingt nie ſchoͤner als in der Ein⸗ ſamkeit, unter dem Schatten des Geſtraͤuches, laͤchelte Emilie. In der Einſamkeit? ſagte Solau,— doch will es mich beduͤnken, daß Philomele nicht ſo gar einſam war. Der Graf Haltern— War bei mir, unterbrach ſie ihn ruhig, und iſt erſt heute mit mir zuruͤckgekehrt. Solau war ploͤtzlich ernſt geworden, ſein Mund laͤchelte nicht mehr, und mit dem Tone vaͤterlicher Beſorgniß fragte er jetzt: Und bedachten Sie nicht, Emilie, wie ſehr ein ſolches Beiſammenſein auffallen muͤßte? Ich wußte nicht, daß er kommen wuͤrde. Vielleicht haͤtte ich ſonſt Erneſtine mit hinausgenommen. „Vielleicht“ ſagen Sie. Und was bedeutet denn, fragte er befremdet, dieſe Zerſtoͤrung in Ihren Zimmern, die Ge⸗ maͤlde ſind von den Waͤnden verſchwunden, auch die ie Stüͤhl und Tiſche fehlen hier.— Ich verlaſſe dieſe Wohnung, lieber Freund,— Wie, ſo ploͤtzlich, und wohin gehen Sie? In das Hotel des Grafen Haltern. Emilie, nein um Gottes willen, das werden Sie dichr thun, rief Solau erſchreckt. ——:ʒ:—·—O 83³ Gewiß werde ich es thun, ſagte ſie beſtimmt, und ſchon in einer Stunde bin ich dort. Solau ging ſchnell einige Mal im Zimmer auf und nie⸗ der, dann ſetzte er ſich neben Emilie, faßte ihre Hand und ſagte tief bewegt: Ueberlegen Sie, Emilie, handeln Sie nicht ſo ſchnell. Bedenken Sie, armes, ſorgloſes Weſen, bedenken Sie, daß dieſer Schritt, den Sie im Begriff ſind zu thun, uͤber Ihr ganzes Leben entſcheidet. Sie erlaubten mir einſt Freundes⸗ rechte, laſſen Sie mich dieſelben jetzt in Anſpruch nehmen. Hoͤren Sie den Freund, Sie duͤrfen nicht von hier fort gehen.— Sie erhob ſtolz das Haupt,— Niemand iſt Herr mei⸗ ner Handlungen, als der, den ich ſelbſt mir als ſolchen er⸗ waͤhlt. Sagen Sie das nicht, Emilie, ſagte er dringender. Die Kuͤnſtlerin iſt nicht Herrin ihrer ſelbſt. Die Welt, kennt ſie, richtet ſie. Die Welt, entgegnete ſie faſt veraͤchtlich. Mein Freund, wer gewohnt iſt jeden Abend ihr Lob und ihr Beifallsjauch⸗ zen zu vernehmen, der ſtumpft dagegen ab.— Gegen das Lob, ich geſtehe es Ihnen zu, nicht aber ge⸗ gen den Tadel. Und Sie, ſtets ſo zuͤchtig, ſo ſittſam, Sie, die Bewunderte, die Gefeierte, Sie koͤnnten ſo handeln?— Nein, nein, antworten Sie mir noch nicht, hoͤren Sie mich erſt. Ueberlegen Sie Alles wohl. Noch iſt es ja Zeit, noch köͤnnen Sie zuruͤcktreten.— O bedenken Sie, wie Sie dann auf einmal Ihr ganzes bisheriges Leben vernichten, das ſo 6* 84 frei von allem Tadel; um Ihrer ſelbſt willen treten Sie zuruͤck von dieſem Vorſatz.— Wie, Solau, kennen Sie mich denn ſo wenig, halten Sie mich fuͤr ſo ſchwach, daß ich unterlaſſen koͤnnte, was ich zu thun fuͤr Recht halte, und nur weil es der angenom⸗ menen Sitte widerſpricht? Aber die Sitte iſt ein heiliges Geſetz, und ungeſtraft hat Niemand noch es verletzt. Bedenken Sie, die ſpoͤttelnden Blicke, die hoͤhniſchen Bemerkungen, die auch uͤber Sie und bis zu Ihnen dringen werden. Werden Sie, ſo ſtolz der Welt gegenuͤber, das ertragen koͤnnen? Und warum ſollte denn die Welt ſo hart mich richten? Wer mich kennt, wirklich kennt, der weiß, daß ich unedler Handlungen nicht faͤhig bin, wer mich nicht kennt, nun— deſſen Beifall, Lob oder Tadel kann mir gleichguͤltig ſein. Nein, Emilie, das darf es nicht, einem Maͤdchen nicht. Ach, wenn die Pſyche erſt mit rauher weltlicher Hand be⸗ ruͤhrt und der Aetherſtaub ihrer Fluͤgel abgeſtreift iſt, dann hat ſie ihren ſchoͤnſten Schmuck verloren, iſt der Glanz ihrer Farben erblindet.— Um Ihrer ſelbſt willen, thun Sie nicht ſo, Ihr Herz wuͤrde vergehen unter der Laſt des Spottes, der Verachtung und auch der eigenen Vorwuͤrfe.— Beurtheilen Sie mich nicht, lieber Freund, nach anderen Weibern,— ich darf es wohl ohne Stolz bekennen, ich ge⸗ hoͤre nicht zu dieſen; warum mich einzwaͤngen in die engen Feſſeln, wenn ich frei ſein kann? Ach, in dieſer getraͤumten Freiheit ſind Sie meht unfee, wie in den Feſſeln. Und dann auch, unterbrach ſie ihn raſch, und ſah ihm ernſt und klar in's Auge— ich habe Ihnen ein Bekennt⸗ niß zu thun. Ich liebe Haltern und die Liebe ſcheut kein Opfer.—. Warum aber dieß Opfer? Warum koͤnnen Sie nicht ſeine Gattin ſein? Weil ich verweigerte es zu ſein, ſagte ſie ſtolz, Sie ken⸗ nen meine Grundſaͤtze uͤber die Ehe, ich darf und kann nicht, was ich ſo lange als recht aufſtellte, nun durch meine eige⸗ nen Handlungen widerlegen. Die Ehe iſt gut, ſie muß ſein fuͤr die gewoͤhnlichen Menſchen. Wir Beide gehoͤren nicht zu dieſen. Laſſen Sie es uns der Welt zeigen das Ideal einer Liebe, einer Ehe. Armes, edles Weſen, wie bitter werden Sie enttaͤuſcht werden. Ach, daß ich es Ihnen ſagen muß, Sie ſind hier abermals im Irrthume,— Graf Haltern iſt nicht, wofuͤr Sie ihn halten.— 4 Still, ſagte ſie ſtuͤrmiſch und richtete ſich hoch und ſtolz auf, kein Wort des Tadels uͤber ihn, Niemand darf es ver⸗ ſuchen, ihn in meinen Augen herabſetzen zu wollen.— Sie wollen ſich nicht helfen laſſen, ſagte Solau ſchmerz⸗ lich, und mit offenen Augen eilen Sie dem Abgrunde zu. Ihr edles, argloſes Herz kennt nicht Welt, noch Menſchen; Sie vertrauen, und das wird Ihr Ungluͤck ſein. Nein, lieber, vaͤterlicher Freund, Vertrauen begluͤckt im⸗ mer, und alle Menſchen waͤren gut, wenn ſie nur einander nicht mißtraueten. Sie ſagen, ich kenne die Menſchen, die Welt nicht.— Ich will ja auch nichts von dieſer, ich will 86 ja nichts als den Geliebten, und die Welt kann ihn mir nicht rauben.— Doch wird ſie es. O Sie kennen noch nicht den maͤch⸗ tigen Einfluß, den die Stimme und das Urtheil der Welt auf den Mann ausuͤbt, wie empfaͤnglich fuͤr ihr Lob, wie empfindlich er gegen ihren Tadel iſt. Die Welt wird Ihnen den Geliebten rauben! Und moͤgen Ihre Principien noch ſo edel, mag ihr ganzes uͤbriges Leben noch ſo keuſch und ſitt⸗ ſam ſein, nie wird die Welt Ihnen verzeihen, daß ſie es wagten, gegen ihre einmal herkoͤmmlichen Gewohnheiten zu handeln, ſie wird ſich mit bleierner Schwere an Ihre Fuͤße heften und Sie hinabziehen in den Staub, und Sie hindern dem Geliebten nachzueilen.— Und wenn Sie denn wirklich lieben, theure Freundin, ſo verbergen Sie mindeſtens dieß Verhaͤltniß, meiden Sie die Oeffentlichkeit.— Emiliens Wangen roͤtheten ſich hoͤher, und heftig erwie⸗ derte ſie: nimmermehr,— dann wuͤrde ich zu erkennen ge⸗ ben, daß ich in meinen eigenen Handlungen etwas faͤnde, was das Licht ſcheuen muͤßte. Was man verbirgt, iſt ſicher nicht ohne Tadel,— zur Luͤge bin ich zu ſtolz. Nein, mein Freund, frei und ſonder Scheu muß und werde ich der Welt es zeigen, daß ich ihn liebe, und eben dieſe Offenheit mag ihr beweiſen, daß ich nichts zu verbergen habe. Und dann bin ich ſtets gewohnt geweſen, nur mein eignes Gewiſſen als Richter meiner Handlungen anzuerkennen, nicht die Welt. Dieſe urtheilt nach dem Scheine. Wenn die Schaale nur glatt und fein,— nach dem Kerne fragte ſie nicht. Und mag ſie dann an meine Liebe ihr ſcharfes Schwert der Me⸗ 87 diſance und Verleumdung legen,— mir wird das Bewußt⸗ ſein genuͤgen, das Rechte gethan und gewollt zu haben.— Der Himmel laſſe es immer ſo ſein, entgegnete Solau tief bewegt.— Ich kann Sie nicht uͤberzeugen, ich ſehe es wohl, darum laſſen Sie uns davon ſchweigen. Ja, mein Freund, ſagte Emilie und reichte ihm laͤchelnd die Hand dar, laſſen Sie uns daruͤber ſchweigen. Aber nehmen Sie meinen innigſten Dank fuͤr Ihre vaͤterliche Theil⸗ nahme, und ſein Sie verſichert, daß ich dieſe Stunde nie vergeſſen werde. Moͤchten Sie derſelben ſtets gedenken, mit dem Gefuͤhle, daß ich falſcher Meinung war, dann bin ich zufrieden. Iſt dem aber nicht ſo, und erkennen Sie einmal die Irrthuͤmer der jetzigen Zeit, beduͤrfen Sie einer Stuͤtze, eines Freundes, dann rufen Sie mich und ich werde kommen. Bis dahin leben Sie wohl, Emilie. Wie, fragte ſie faſt ſchmerzlich.— Sie wollen fort⸗ Nein, Emilie, aber nie betritt mein Fuß ihre neue Woh⸗ nung. Jeden Abend, wenn Sie auf der Buͤhne ſtehen, werde ich im Theater ſein und aus Ihren Augen, Ihrem Spiele ſelbſt ſehen, ob Sie noch gluͤcklich, noch zufrieden ſind,— zu Ihnen kommen kann ich nicht. Es widerſtrei⸗ tet meinen Grundſaͤtzen. Sie legen die Ihrigen klar dar, laſſen Sie es mich ſo mit den meinigen thun.— Und nun, leben Sie wohl, Emilie.— Sie hatte ſich von ihm abgewandt und blickte zum m Fer⸗ ſter hinaus, ſtumm und ernſt, als ſie ſich aber wieder um⸗ wandte, ſtanden in ihren ſonſt ſo hellen Augen große Tro⸗ pfen, und mit faſt erſtickter Stimme ſagte ſie: 1 88 Leben Sie wohl!— dann aber uͤberwand ſie ſich ſchnell, fuhr ſich leicht mit dem Tuche uͤber die Augen und ſagte: Sie haben mich ganz truͤbe gemacht, lieber Freund, ach, und ich bin ja ſo gluͤcklich,— doch wieder zitterte ihre Stimme, die Ruͤhrung, die ſie hatte bekaͤmpfen wollen, drang mit verdoppelter Gewalt hervor, ſie lehnte ganz erſchoͤpft ihren Kopf an des Greiſes Schulter und ſchluchzte laut. Auch er war tief geruͤhrt, leiſe legte er die Hand auf ihre klare Stirn und ſagte: der Herr ſegne Sie und verleihe Ihnen alles Gluͤck, das Ihre edle Seele verdient, Ihr gluͤ⸗ hendes Herz ſich ertraͤumt. Dann ging er ſchnell hinaus. Emilie aber ſah ihm lange wehmuͤthig und ſinnend nach, und vielleicht ſagte eine finſtere und ſchmerzliche Ahnung ihr, daß er wahr geſprochen!— Emiliens Sachen und Meubles waren alle ſchon nach ihrer neuen Wohnung gebracht, Erneſtine mit der Kammer⸗ frau hingegangen, ſie zu ordnen. Emilie wollte erſt nach dem Theater dorthin fahren, und ging nun, den Wagen er⸗ wartend, der ſie zum Opernhauſe fuͤhren ſollte, im vollen Theater⸗Anzuge in den veroͤdeten Gemaͤchern umher. Sie ſollte heute Abend als Julia in Shakeſpeare's Romeo und Julia erſcheinen, dieſem Meiſterwerke voll gluͤhendem Liebes⸗ leben mit Italiens tiefblauem Himmel, ſeinen Orangenduͤf⸗ ten, ſeinen Myrthenhainen, ſeinen ſingenden Nachtigallen und toſenden Vulcanen. Wunderbar war es anzuſehen, wie ſie im vollen Ballanzuge der erſten Scene in den oͤden Raͤumen umherwandelte. Tiefer Ernſt lag auf ihrer hohen Stirn, ihr ſo anmuthiges Laͤcheln ſpielte nicht mehr um ihren Mund, und ihr Auge ſtrahlte von tieferen Erregungen, als 89 denen der Heiterkeit und des Scherzes. Von Zeit zu Zeit blieb ſie ſtehen und warf einen langen, ſchwermuͤthigen Blick um ſich her, gleichſam als wolle ſie noch einmal den Anblick der geliebten Raͤume, in denen ſie ſo lange gluͤcklich geweſen, tief in ſich hineinſchließen, und ihre Lippe murmelte leiſe: Lebewohl!— Hier war ich gluͤcklich, fluͤſterte ſie dann wieder,— werde ich es immer ſein? Wie, oder koͤnnte Solau wirklich Recht haben.— Truͤbe ſtarrte ſie einen Augenblick vor ſich nieder, und es ſchien faſt wie ein Schmerz durch ihre Seele zu zie⸗ hen, aber nur einen Moment,— dann richtete ſie hoch und kraͤftig ihr Haupt empor, ihr Blick war ſtolz und koͤniglich, und laut ſagte ſie: Nein, nimmermehr! Ich will ja das Edle, das Gute, und dieſes wird mich nicht taͤuſchen. Mag das Leben mir Schmerz und Truͤbſal bringen, du wirſt mir bleiben, mein Ernſt, und an deiner Bruſt trotze ich allen Stuͤrmen. Du und die Kunſt, ihr verlaßt mich nicht!—— Jetzt rollte unten ein Wagen vor und der Bediente zeigte ſich erwartend an der Thuͤr. Alſo iſt es Zeit, murmelte ſie leiſe, huͤllte ſich langſam in ihren Shawl und wandte ſich, hinaus zu gehen.— Aber auf der Schwelle blieb ſie ſtehen, und warf noch einmal einen langen Abſchiedsblick auf die veroͤdeten Gemaͤcher, ein leiſer Seufzer hob ihren Buſen, dann aber, wie gefaßt, trat ihr Fuß kuͤhner und kraͤftiger auf, ſtrahlte ihr Auge muthiger, und mit jenem ſeligen Laͤcheln, das nur begluͤckte Liebe ver⸗ leiht, ſtieg ſie in den Wagen.— Achtes Capitel. Nur Liebe iſt der Liebe Lohn. Holm. Griſeldis.— Wieder waren in der Seitenloge ganz nahe an der Buͤhne Graf Halterns Freunde verſammelt und erwarteten ungeduldig die Ankunft deſſelben. Er kommt gewiß, ſagte Graf Carl, denn ſeine Schoͤne ſpielt heute Abend und da wird und darf er nicht fehlen. Auf Ehre, Freunde, ich brenne vor Verlangen ſeine Aben⸗ teuer mit der ſtolzen Schoͤnheit zu hoͤren. Beichten muß er, Freunde, haarklein muß er bekennen. Ich zweifle, meinte Baron S., daß er es thun wird. Ich traf ihn vor einer Stunde im Prater und wollte ihn necken mit ſeiner neuen Liaiſon, er machte aber ein verwet⸗ tert unſchuldiges Geſicht, das ſehr deutlich ſagte: ich will dich nicht verſtehen,— ich ſchwieg, denn wenn einer in Liebe iſt, muß man delicat mit ihm umgehen. Graf Carl lachte. Das giebt ſich, ſagte er, und iſt im Grunde nur noch der Einfluß der Landluft, die er ſeit zehn Tagen eingeſogen,— da wird man ganz naͤrriſch tugend⸗ 91 haft. Es iſt mir auch ſchon einmal begegnet, vor einem Jahre, als ich bei meinem Oheim vier Wochen auf ſeinem Gute war. Die erſten Tage toͤdtliches Ennui, keine Jagd⸗ zeit, keine Fiſcherei, da verfiel ich denn auf Lectuͤre, lag oft zu ganzen Stunden auf dem Raſen und verſchlang die zar⸗ teſten und ſinnigſten Romane. Zuletzt ſteckte mich das Lie⸗ besleben der Buͤcher foͤrmlich mit an, mir ward ſchwermuͤthig, traͤumeriſch, ſehnſuͤchtig,— kurz, wie man das unbeſtimmte Sehnen oder die Ouvertuͤre zum Drama der Liebe uns zu ſchildern pflegt. Ich malte mir eine Geliebte nota bene in Gedanken,— ein wahres Wunder von Schoͤnheit und Lie⸗ benswuͤrdigkeit, und ſaß eines Tages ganz aufgeloͤſt vor Ver⸗ langen nach meiner Traumſchoͤnheit im Buchenwalde,— da rauſchte es in den Baͤumen, und— als ich aufblickte, ma foi, da ſtand mein Goͤtterbild verkoͤrpert vor mir da. Das nenne ich Gluͤck, lachte Wilhelm. Ja, mon ami, ich war ſtets in Fortunens Gunſt. Das Maͤdchen war wirklich ſchoͤn wie eine Venus. Sie entfloh bei meinem Anblick, ich ihr nach und ſchloß die Straͤubende beherzt in meine Arme. Und Daphne verwandelte ſich nicht in einen Lorbeer? Behuͤte, ich ließ ihr nicht Zeit, die Haͤnde flehend zum Zeus zu erheben, und druͤckte die Lebende feſt an meine heiße Bruſt.— Sie ſchrie, mais— ich lernte in meiner Jugend ein gar weiſes Lied, das ſchloß mit den Worten Du biſt mein, denn ich bin groß und du biſt klein.— Kurz, wir trafen uns taͤglich im Waͤldchen. Sie war die Tochter des Verwalters, zierlich gebildet, ſehr liebenswuͤrdig und von einer hinreißenden Unſchuld und Natürlichkeit. Ich liebte 92 ſie wirklich.— Ja, lacht ihr nur, ich ward ein ganz ande⸗ rer Menſch bei ihr, ja oft ſogar ſchaͤmte ich mich vor ihr, wenn ſie mit ihrem großen blauen Auge mich ſo vertrauend anſah und mich ihren Engel nannte, und glaubte, Niemand kaͤme mir gleich an Edelmuth und Seelengroͤße. Ich bereute die Vergangenheit und beſchloß ein ganz anderer Menſch zu werden, und mein ſchoͤnes Aennchen zu meiner Frau zu machen. Dein guter Onkel war wohl ſehr freigebig mit Cham⸗ pagner und Rheinwein, bemerkte Baron S. ſpoͤttiſch.— . Ach was, mein, parole d'honneur, es war mein ganz nuͤchterner Ernſt.— Die vier Wochen meines Urlaubs aber gingen zu Ende, Aennchen lag weinend in meinen Armen, ich ſchwur Treue bis zum Tode und druͤber hinaus, und fuhr mit Thraͤnen in die Reſidenz. Und, koͤnnt ihr's glauben, noch volle acht Tage war es mir Ernſt, ſchoͤn Aennchen zu meiner graͤflichen Gemahlin zu erheben.— Das war freilich ſehr lange, ſagte eine bekannte Stimme, denn Haltern ſtand ſchon ſeit Anigen Minuten unbemerkt hinter den Freunden. Sieh da, Ernſt, haben wir dich endlich wieder? Willkommen, Freund. Noch lebend, ſchmachtender Adonis?— So ſchallte es dem Grafen entgegen, der herzlich 66 Hand der Freunde druͤckend, ſich ohne Antwort auf ſeinen Sitze niederließ.— Carl ſetzte ſich neben ihn und fragte: Nun, Bruderherz, wie iſt dir's ergangen?— 9 Still, ſagte Ernſt, das Stuͤck beginnt, und mit unge⸗ theilter Aufmerkſamkeit richtete er das Auge auf die Buͤhne. Mercutius herrliche Erzaͤhlung von Frau Mab, die in „ihrer kleinen Nuß,“ von Herrn Eichhorn oder Meiſter Wurm gemacht, uͤber die Schlafenden dahin faͤhrt, war be⸗ endigt, die Scene im Ballſaale begann, und jetzt trat Emilie auf die Buͤhne.— Da war ein Rufen, ein Willkommenſchreien, ein Haͤnde⸗ klatſchen, da flogen Kraͤnze und Blumenſtraͤuße.— Emille, der Liebling der Theaterfreunde, war ja zehn Tage unſicht⸗ bar geweſen. Auf der Kuͤnſtlerin Seele aber ſchien das Jubelrufen, dieſe laute Aeußerung des Beifalls und der Liebe einen tie⸗ fen Eindruck zu machen. Sie ſah wie verklaͤrt aus, ganz Dank, ganz Wonne, in ihren Augen erglaͤnzten Thraͤnen der reinſten, ſeligſten Freude, ſie verſuchte zu ſprechen, aber die tiefe Ruͤhrung ſchloß ihr den Mund. Unausſprechlich reizend war ihr Anblick, das von der Glut der Freude ſtrah⸗ lende Geſicht, die hohe, kuͤhne Geſtalt, in dem leichten itali⸗ ſchen Anzuge. Ueber ihren vollen weißen Arm hingen die Kraͤnze, die ſie ſo eben empfangen, in beiden Haͤnden hielt ſie koͤſtliche Blumenſtraͤuße, auf die ſie liebevoll hinab⸗ blickte.— Meinen innigſten Dank, ſtammelte ſie endlich, fuͤr ſo viel unverdiente Liebe. Und auf's Neue und ſtuͤrmiſcher brach der Jubel los, und das Haus erzitterte von den donnernden Freudenrufen. Da hob Emilie ſtolz und groß das Haupt empor, blickte ſtrahlend wie eine Koͤnigin umher,— der ſo laute, ſo glaͤn⸗ 94 zende Triumph begluͤckte das Herz der Kuͤnſtlerin, ſaͤttigte ihren Ehrgeiz. Aber das Herz des Weibes war maͤchtiger als Kuͤnſtlerſtolz, und als ihr Auge dem Auge des Geliebten, das voll Freude auf ſie gerichtet war, begegnete, war uͤber der Liebe der Stolz vergeſſen. Sie hob einen Augenblick, wie begruͤ⸗ ßend, die weiße Hand, ein ſeliges Laͤcheln uͤberſtrahlte ihre Zuͤge und ihr trunkenes Herz ſagte: Der Geliebte ſoll meinen Triumph nicht nur ſehen, er ſoll ihn theilen. Und mit der, dem lie⸗ benden Weibe ſo eigenen Kuͤhnheit und Schwaͤrmerei trat ſie bis nahe an den Rand der Buͤhne an die Seite, an der Halterns Loge an das Theater ſtieß, einen Augenblick ſtand ſie hier ſtill,— Alles ſchwieg, athemlos der kommenden Scene harrend. Und nun ſchwand aus Emiliens Zuͤgen al⸗ ler Stolz, nur Liebe breitete ſich uͤber dieſelben, und mit der ganzen Unterwuͤrfigkeit und Demuth eines Weibes dem ge⸗ bietenden Gemahle gegenuͤber, neigte ſie ihr Haupt und legte die Kraͤnze und Straͤuße vor Halterns Loge hin. Sie war ſo bezaubernd in ihrer Demuth, ſo reizend, als ſie, gleichſam wie aus einer Verzuͤckung erwachend, jetzt tief erroͤthend zuruͤcktrat, und mit geſenkten Augen da ſtand, daß uͤber dem Entzuͤcken und der Bewunderung die Seltſamkeit der Scene fuͤr den Augenhlick vergeſſen ſchien, und dreimaliges Hoch von allen Lippen ertoͤnte. Emilie aber, wie unwillig und ermuͤdet von ſo anhaltendem Jubel, winkte leicht mit der Hand, begann ihre Rolle und das Stuͤck ging nun ohne Unterbrechung weiter. Nichts macht in den Augen des Mannes die Geliebte ſeiner Liebe werther als oͤffentliche Anerkennung, und dop⸗ pelt liebt er die, der die Welt huldigt. Sei es, daß das 95 Ungewoͤhnliche oͤffentlichen Triumphes eines Weibes, ſei es, daß der Stolz, der Herr einer ſo Gefeierten zu ſein, dem Ehrgeize, dieſem Raͤderwerk aller maͤnnlichen Gefuͤhle, ſchmeichelt, wir wagen es nicht zu entſcheiden.— Hoch klopfte Halterns Bruſt, als ſeine Geliebte, ſie, die ihn ſo gluͤhend, ſo ruͤckhaltlos liebte, ſo ſtrahlend und ſtolz, ſo jubelnd be⸗ gruͤßt, da ſtand, und er ſagte ſich ſelber, daß ſie wohl wuͤr⸗ dig, die Geliebte eines Grafen zu ſein. Ach, ſie iſt des hoͤchſten Ranges wuͤrdig, fluͤſterte ſein Herz, und ſeine Augen folgten gierig allen ihren Bewegungen, und die Glut der Leidenſchaft gluͤhte auf ſeinen Wangen, brannte in ſeinen Augen. Als Emill, die ſtolze, gefeierte Kuͤnſtlerin, ſo ganz nur liebendes Weib, ihm alle ihre Triumphe darbrachte, der ganzen verſammelten Welt es zeigte, wie ſie ihn liebe, da fuͤhlte er ſeine Bruſt geſchwellt von Gefuͤhlen des Stolzes, der Freude, des Entzuͤckens, und was er der Ungeliebten zum Verbrechen wuͤrde gemacht haben,— denn nichts iſt dem ſtolzen, kraͤftigen Manne unangenehmer, als oͤffentliche Ge⸗ fuͤhlsſcenen,— das ſchien ihm bei der leidenſchaftlich Ge⸗ liebten die hoͤchſte Tugend. Es war ihm, als muͤßte er auf⸗ ſtehen, zu ihr eilen, ſie in ſeine Arme, an ſein Herz druͤcken, unwillkuͤrlich hatte er ſich erhoben, als Carl ihn leiſe wieder auf ſeinen Sitz zog. Was willſt du thun, fluͤſterte er, bedenke, daß aller Augen auf dich gerichtet ſind,— die Scene iſt ohnedieß ſchon großartig und laͤcherlich genug; verhalte du dich min⸗ deſtens ruhig, und vergiß nicht, daß du wieder in der Welt biſt.— Ach, nur zu ſchnell erinnerte ſich Haltern daranz er ſetzte ſich . 96 nieder mit dem, fuͤr einen Weltmann ſo beſchaͤmenden Be⸗ wußtſein, ſeinen Gefuͤhlen die Herrſchaft eingeraͤumt und ſich dadurch zum Gegenſtande der Spoͤttereien gemacht zu haben. und nichts vertraͤgt ein ſtolzes Gemuͤth weniger als eben ſolche Spoͤttereien, und um dieſe zu vermeiden opfert er in Augenblicken der Aufregung die edleren Gefuͤhle ſeines Her⸗ zens.— Man ſoll nicht glauben, dachte Ernſt, daß ich ſo ganz in Liebe befangen bin, man ſoll ſehen, daß ich geliebt werde, nicht daß ich liebe.— Ach, und wenn der Liebende erſt vermag, leichtfertig und laͤchelnd uͤber das Weib ſeiner Liebe zu ſprechen, dann iſt ſie verloren! die wahre Liebe iſt heilig, erhebt den Gegenſtand derſelben zum Ideal, wir weihen ihm den ganzen Cultus eines glaͤubigen Herzens, und kein Wort des Spottes oder Tadels darf die hehre Stille in uns entweihen. Die Liebe iſt ernſt in ihrer Freudigkeit, ſie laͤchelt, aber unter Thraͤnen, ſie ſingt, aber mit Seufzern, ſie taͤndelt, aber mit Mond⸗ ſchein und Bluͤthenduft,— darum aber auch gedeiht ſie nur in der Einſamkeit unſeres Herzens, darum, herausgetreten an die Welt, iſt ſie verloren,— denn die Welt vernichtet ſtets, was ſie nicht begreift. Haltern vermochte es uͤber ſich, in den leichfertigen Ton ſeiner Freunde einzugehen, er hoͤrte nicht mehr auf die Stimme des Bedauerns in ſeiner Bruſt, er uͤbertaͤubte mit Scherzen ſein mahnendes Gewiſſen, und Emilie, die er in der Einſamkeit des Landlebens zu einem hoͤheren Weſen, einem Engel erhoben, war ihm nun nur noch ein gluͤhendes, ſchoͤnes Weib, das er brannte, an ſeinen Buſen zu druͤcken, mit ſeinen Kuͤſſen zu bedecken, das zu betruͤben, zu hinter⸗ 97 gehen er ſich nun nicht mehr ſcheuete.— Sie ſpielt magni⸗ fique, ſagte er jetzt laͤchelnd, man hoͤrt an ihrer Sprache ihrem tiefen innigen Tone, an ihrer Glut, daß ſie liebtns Und zwar dich, ſagte Carl.— Ernſt antwortete nicht, er lehnte ſich auf ſeinen Sis zuruͤck und ein triumphirendes Laͤcheln uͤberflog ſein Geſicht. Sieh, wie ſie zaͤrtlich iſt, fluͤſterte Baron S., wahrhaf⸗ tig, es wird einem ganz warm dabei,— es muß ein Goͤtter⸗ gefuͤhl ſein, das ſchoͤne Weib ſo in ſeinen Armen zu halten. Was meinſt du, Haltern?— O ja, ſagte Ernſt und gaͤhnte, es iſt ſpaßhaft. Spaßhaft,— das ſcheint mir mehr als das. Eh bien, lieber Freund, verſuche es doch, auf daß du ſelber urtheilen kannſt.— Was, ſagte Carl, Freund, du bieniſt deine Geliebte uns dar? Wenn es Euch gelingt, ihr Liebe einzufloͤßen, antwortete Ernſt, und dehnte ſich nachlaͤſſig auf ſeinem Sitze. Uebri⸗ gens, fuhr er gleichguͤltig fort, bezweifle ich das, denn ſie liebt mich ſo heiß, wie nur eine Julie lieben kann. Und biſt du nicht eiferſuͤchtig, Ernſt?— Eiferſuͤchtig, wiederholte er mit veraͤchtlichem Tone und richtete ſich ſtolz auf. Mein Freund, ich wuͤrde uͤber mich ſelber erroͤthen, waͤre ich ſo kleinlicher Schwaͤche faͤhig. Nicht, als ob ich an ihre Treue glaubte, die Weiber ſind Klle wan⸗ kelmuͤthig. Aber ich denke, ſie wird ſo leicht keinen Lieb⸗ haber finden, der ihr Graf Haltern aſeban und ihn verdun⸗ keln koͤnnte. II.— 7 Donnerwetter, lieber Ernſt, du biſt beleidigend ſtolz, ſagte Carl empfindlich. Noͤglich, mein Lieber, biſt du anderer Meinung, ſo ver⸗ ſuche es bei der ſchoͤnen Kuͤnſtlerin.— Und nun lebt wohl, meine Freunde.— Du willſt ſchon fort, fragte Wilhelm, wohin denn ſo eilige— Ernſt war aufgeſtanden, jett richtete er ſich ſtolz empor, und nie vielleicht liebte er Emilie ſo heiß, wie in dieſem Mo⸗ mente, wo ſie ſeinem Stolze einen ſo glaͤnzenden Triumph bereiten ſollte. 4 Ich gehe in mein Hotel, Emilie Minden zu empfangen, ſagte er gleichguͤltig.— Was, rief Carl, faſt laut, ſie will dich beſuchen. Beſuchen? Nein, mein Freund, ſie wird bei mir woh⸗ nen,.— Alle ſahen ihn einen Augenblick wie erſtarrt an.— Bei dir wohnen? ſtammelte Carl. Nun ja, mon ami. Ich denke doch, es iſt nicht ſo gar auffallend, daß ich meiner Geliebten geſtatte bei mir zu wohnen.— Menſch, ſagte der Baron, du biſt auf Ehre zu ſtotz Und wie iſt es dir gelungen, das ſittſame Maͤdchen deßn zu vermoͤgen?— Sehr einfach— ich ſagte ihr, daß ich es wuͤnſchte. Und deine Wuͤnſche ſind ihr Befehl? Das ſcheint mir ſehr natuͤrlich, lieben Freunde, und uehe ihr, wenn es nicht ſo waͤre. Bon soir, mes amis. 9 Emiliens Zimmer waren geordnet und geſchmuͤckt, hohe Kerzen brannten in allen Raͤumen und ſchoͤne Blumen duf⸗ reten in herrlichen Vaſen. Graf Ernſt Haltern ging pruͤ⸗ fend in den Gemaͤchern umher. Sie haben Alles ſehr ſchoͤn geordnet, ſagte er zu Erne⸗— ſtine, die ſichtbar erſchoͤpft neben ihm ging. Ich danke Ihnen. Sie ſehen ſehr bleich, liebes Fraͤulein, ich glaube Sie thaͤten beſſer, ſich zur Ruhe zu begeben. Ich glaube es ſelber, hauchte ſie kaum hoͤrbar. Doch bedarf Emilie vielleicht noch meiner.— Nicht doch, ſagte Ernſt, ich werde Sie ſchon entſchuldigen, auch iſt ja die Kammerfrau da. So empfehle ich mich Ihnen, ſagte Erneſtine mit künſt⸗ licher Verneigung, und ging hinaus.— Ernſt war nun allein, ſein Auge uͤberflog noch einmal Alles im Salon, dann oͤffnete er eine kleine Thuͤr und trat in dieſelbe hinein. Es war dieß Emiliens Boudoir, und Ernſt hatte daſſelbe nach dem Geſchmacke ſeiner Geliebter mit neuen Meubles verſehen und ſchmuͤcken laſſen. Koͤſtliche ſeidene Tapeten bedeckten die Waͤnde, an deren einer ein weicher, ſeidener Divan hinlief, in einer Ecke ſtand eine ele⸗ gante Pſyche, in der andern lehnte eine koſtbare neue Harfe. Dem Divan gegenuͤber aber ſtand ein geoͤffneter Fluͤgel, deſ⸗ ſen ſeltſame Bauart ihn als ein neues Kunſtproduct bezeich⸗ nete. Im Buͤcherſchranke ſtanden wohlgeordnet, in zierlichen Baͤnden Emiliens Lieblingswerke, und im Fenſter eine kunſt⸗ voll gearbeitete Staffelei, daneben ein Malkaſten voll der ſchoͤnſten Farben, eine von der Decke herabhaͤngende Ampel . verbreitete ein mattes Daͤmmerlicht.— Ernſt pruͤfte noch 7*½ 1* 100 einmal Alles, laͤchelte dann wohlgefaͤllig und trat zum Tiſche, auf dem ein rothes Kaͤſtchen und ein Brief lagen, dieſen nahm er und ſagte laͤchelnd: ſie ſchlaͤgt es aus, ſonſt wuͤrde ich es ihr nicht anbieten. Da vernahm er das Rollen eines Wagens, er hielt vor ſeinem Hotel, und Ernſt eilte hinab, ſeine Geliebte zu empfangen.— Von ſeinem Arm umfangen durchſchritt Emilie dann die neuen Raͤume. Aber ſie ſah ſie kaum, ſie lag ja wieder an ſeinem Herzen, hoͤrte ja wie⸗ der den ſuͤßen Ton ſeiner Stimme, was kuͤmmerte ſie nun die Außenwelt.— Jetzt betraten ſie das Boudoir, und Emilie inniger an ſich druͤckend, ſagte Ernſt: Erlaube mir, Geliebte, dir hier einen kleinen Beweis, nicht meiner Liebe, aber meines Wunſches dir eine Freude zu bereiten, zu geben. Sie hob das Haupt von ſeiner Bruſt und blickte umher. Iſt dieß dein Zimmer, fragte ſie, denn uͤber der Freude ſeine Stimme zu hoͤren, hatte ſie kaum vernommen, was er ſagte.— Nein, meine Emilie, das Deine.— Das Alles haſt du gethan fuͤr miche ſagte ſie zaͤrtlich und blickte umher. Aber, mein Ernſt, das iſt zu viel, fuhr ſie dann faſt traurig fort, warum das? Ich wollte dir eine Freude machen.— Sie neigte ſinnend das Haupt, dann ſagte ſie und druͤckte Ernſtens Hand, die ſie in der ſeinen hielt, an ihre Lippen: ein zaͤrtliches Wort von dir erfreut mich mehr, wie alle dieſe Geſchenke.— 101 Ernſt zog, wie zuͤrnend, die Stirn in Falten, und ſagte faſt hart: ſo verſchmaͤhſt du mein Geſchenk? Sie blickte erſchreckt zu ihm auf und antwortete, ſchnell ſeinen Unmuth errathend: nein, Geliebter, und ich nehme es mit freudigem Danke an. Und um ihm nun eine Freude zu machen, ging ſie im Zimmer umher und außerte bei je⸗ dem einzelnen Gegenſtand eine jubelnde Luſt, die ſie nicht empfand. Denn das Weib bedarf in der Liebe nichts als Liebe,— was ſind ihr die koſtbarſten Geſchenke fuͤr einen Liebesblick des Geliebten? Der Mann aber iſt zu ſtolz, eine Liebe, ein ganzes Leben voll Demuth und Hingebung nur ſo hinzunehmen, und weil er nicht ſo lieben kann, wie ein Weib, und weil ihn die Liebe nicht ſo ganz erfuͤllt und weil er arm iſt in ſeinem Herzen, darum giebt er von ſeinem aͤußeren Reichthume, und meint ſo ſeine innere Armuth zu verdecken. Und das Alles haſt du bedacht? ſagte Emilie, und dieſer Gedanke begluͤckte ſie mehr wie die reichen Geſchenke. Gewiß, meine Emilie.— Wie danke ich dir, mein Ernſt. Und ſie unnſchlang ihn und preßte ihre heißen Lippen auf ſeinen Mund, und unter Liebkoſungen und Kuͤſſen war bald Alles um ſie her ver⸗ geſſen. Dann fuͤhrte Ernſt ſie ſanft zu dem Tiſche, auf dem noch immer unbeachtet das Kaͤſtchen und der Brief lag.— Was iſt das? fragte Emilie, und griff nach dem Pa⸗ piere. An mich? ſagte ſie verwundert und entfaltete es, und las halblaut: 10² Ich, Ernſt Graf von Haltern, bin zu jeder Stunde be⸗ reit, wenn meine geliebte Emilie Minden es wuͤnſcht, mit ihr vor den Altar zu treten, ihr durch Prieſterwort meinen Namen zu geben, und ſo eine Verbindung, die mich beſeligt, oͤffentlich anzuerkennen. Was ſoll mir das? fragte Emilie faſt zuͤrnend.— Es ſoll dir eine Beſtaͤtigung ſein, daß, wenn ſich einſt deine Anſichten aͤnderten, ich verpflichtet bin, mein Wort, das ich dir hier ſchriftlich gegeben, zu loͤfen.— Emilie antwortete nichts, aber ſtatt aller Worte nahm jie das Papier, zerriß es und ſtreute die Stuͤckchen umher,— Ernſt ſah ihr laͤchelnd zu, ihn uͤberraſchte es nicht, denn er hatte es vorausgeſehen. Wehe mir, ſagte Emilie dann feierlich, wenn ich ſchwach genug waͤre, zu ſolchen Mitteln meine Zuflucht zu nehmen, wehe dir, wenn es ſolcher Verſchreibungen beduͤrfte, um dich an dein Wort zu mahnen. Und was iſt denn das? fragte ſie, und erfaßte das rothe Kaͤſtchen.— Oeffne es nur, ſagte Leui. und ſchlang ſeinen Arm um die volle Geſtalt Emilien Der Deckel flog 5 und ein boſtlicher Rubinenſchmuck ſtrahlte Emilien entgegen.— Aber kein Laut der Freude kam uͤber ihre Lippen, ſie trat einen Schritt zuruͤck und ſagte: willſt du mich denn erdruͤcken mit deinen Gaben? Was ſollen mir dieſe Steine? Du ſollſt dich fuͤr mich damit ſchmuͤcken, Emilie! Bedarf ich denn des aͤußeren Schmuckes fuͤr dich? fragte ſie, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr ſie fort: ver⸗ zeihe, mein Geliebter, wenn ich dich bitte, dieſe koſtbaren 84 103 Steine zuruͤckzunehmen. Du haſt mir ſchon ſo Vieles ge⸗ geben, daß ich ganz traurig bin; dieſen Schmuck darf ich nicht nehmen, wenn ich meine Heiterkeit nicht verlieren will. Es demuͤthigt mich,— meine Liebe wuͤrde dann eine Pflicht, keine freie Gabe mehr.— Du haͤtteſt mich dann erkauft, ſagte ſie kaum hoͤrbar, und ein Paar große Thraͤnen rannen langſam uͤber ihre Wangen. Ernſt fuͤhlte ſchnell, er habe hier des ſtolzen Maͤdchens Zartgefuͤhl verletzt und ſchloß ſie an ſein Herz, und kuͤßte die Thraͤnen von ihren Wangen, und nannte ſie mit den zaͤrt⸗ lichſten Liebesnamen, und beſchwor ſie ihm zu verzeihen, ihn zu lieben, ihm zu laͤcheln. Und ſie, ſtets ſeinen Wuͤn⸗ ſchen gehorſam, laͤchelte wieder, und lag wieder ganz Hinge⸗ bung in ſeinen Armen.— Dann trat ſie zum Fluͤgel und die Toͤne rollten gleich Perlen unter ihren ſchoͤnen Fingernn hin und entzuͤckt jubelte ſie: Koͤſtlich, welch ein Ton, welch eine Kraft.— Sie ſprang auf, um den Geliebten zu um⸗ faſſen, um ihm zu danken fuͤr das herrliche Geſchenk. Dann wieder huͤpfte ſie an's Fenſter und kniete nieder neben dem Malkaſten, und las mit kindiſcher Neugierde jeden Zettel an den Farbenblaͤschen. Du lieber, lieber Ernſt, nichts haſt du vergeſſen, alle Farben ſind da. O wie will ich malen, wie ſchoͤn. Dich will ich malen. Nicht wahr, ich darf doch, fragte ſie froͤhlich und ſchmiegte ſich liebkoſend, wie ein Kind, das um eine Gabe bittet, an ihn.— Du darfſt Alles, Alles, was du willſt, ſagte er bezau⸗ .. bert von ſo viel Liebreiz und Anmuth.— Weißt du, ſagte ſie, und ſchlang beide Arme um ſeinen Nacken, als du vorhin die Stirn runzelteſt, und ſo ernſt und finſter ſprachſt, da fuͤhlte ich, daß ich dich fuͤrchten koͤnnte. Das Weib muß immer den Mann fuͤrchten, laͤchelte er. Aber auch lieben? fragte ſie und druͤckte ihre Lippen auf ſeine Augen. Lieben vor allen Dingen, mein holdes, liebes Weib.— Dann zog er ſie zum Divan hin und ſetzte ſich zu ihr, und legte einen Arm um ihren Leib; ihr Haupt ruhte an ſeiner Bruſt, ſeine Hand ſpielte in ihren lang herabhaͤngen⸗ den Locken, ſeine Liebesſeufzer beruͤhrten ihre Wangen, ihre Augen hatte ſie zu ihm aufgeſchlagen und er las aus dieſen Augen alle ihr Gluͤck. Und leiſe glitt ſie vor ihm nieder und fluͤſterte zaͤrtlich: Laß mich ſo vor dir liegen, zu deinen Fuͤßen, laß mich zu dir aufſchauen, zu dir, meinem Stern, meinem Lebens⸗ gluͤck. Dann legte ſie ihr Geſicht auf ſeine Knie und umſchlang mit ihren Armen ſeine Fuͤße. Und als er, wie ſpielend, mit ſeinen Haͤnden ihren weißen Nacken, ihren Hals umfaßte, ſagte ſie: Toͤdte mich, mein Geliebter, ich moͤchte ſterben. Es muß ſo ſuͤß ſein vor Wonne zu ſterben. Noch ſuͤßer, ſagte er, und die innere Glut daͤmpfte ſeine Stimme, noch ſuͤßer zu leben, und die hoͤchſte Wonne, das hoͤchſte Gluͤck in ſeinen Armen zu halten, wie dich, Ge⸗ liebte. Nein, wir ſterben, ſagte ſie und preßte ihr Geſicht feſter an ſeine Fuͤße, und hauchte leiſe: Mein Herzblut, tropfenweiſe, moͤchte ich fuͤr dich hinge⸗ ben in dieſem Augenblicke. In die Flammen koͤnnte ich mich ſtuͤrzen fuͤr dich, die Schmerzen waͤren mir eine Luſt fuͤr dich.— Schwaͤrmerin, ſagte er, und preßte ihren Kopf zwiſchen ſeinen Haͤnden und ſein Athem ging fieberiſch. Laß mich, laß mich ſchwaͤrmen, fluͤſterte ſie ſchnell, ich fuͤhle in mir ein Leben, wie ich es nie gekannt, ich fuͤhle, daß ich mich toͤdten koͤnnte vor Liebe. Weißt du, ich be⸗ greife es jetzt, daß die Freude toͤdten kann. Suͤßes, geliebtes Weib, rief er mit einer Leidenſchaft, die ſeine ganze Geſtalt erbeben machte. Sie hob ihr Geſicht empor, es war geroͤthet von innerer Bewegung, und fragte kurz: Biſt du gluͤcklich? Nein, ſagte er, mehr als das. Sie nickte leicht mit dem Kopfe: Du fuͤhlſt wie ich. Was wir Beide hier und hier empfinden, ſagte ſie, und legte ſeine Hand auf ihr Herz, auf ihre Stirn, das iſt mehr als Gluͤck. Und wie nennſt du es, ſagte er, und verſuchte es ſie zu ſich empor zu ziehen.— Sie aber erhob ſich leicht, ſtand hoch aufgerichtet da, die hoͤchſte Begeiſterung ſprach aus ihren Mienen, ſtuͤrmiſch hob ſich ihr Buſen, dann breitete ſie beide Arme aus, und mit voller klarer Stimme rief ſie: Liebe iſt es! Ja, geliebtes Leben! rief er mit faſt erdruͤckter Stimme. Und nun umfaßten ſie ſich inniger, und nun brannten ihre Lippen auf einander, miſchten ſich ihre Seufzer, klopften ihre Herzen hoͤrbar, gluͤhten ihre Wangen, und ſtammelnde Laute des Entzuͤckens, einzelne Auazmufunden der iabe Alhein unterbrachen die Stille. 7. 2 Neuntes Capitel. Glücklich willſt du ſein in dieſem Leben? Armes Herz, wie kannſt du ſolchem Wahn, Solcher eitlen Hoffnung dich ergeben, Du, dem Schmerze ewig unterthan? Hoffen kannſt du, und in Strahlenſchimmer Kannſt du taucheu deinen Liebestraum— Aber glücklich werden,— nimmer, nimmer, Höchſtens nur erringen leeren Schaum. Altes Lied. Glaͤcklich willſt du ſein in dieſem Leben?— Und iſt nicht das Leben ſo ganz gemacht, um gluͤcklich zu ſein? Lacht nicht uns die ganze Natur, gruͤßt nicht uns der Himmel mit ſei⸗ nem tiefen Blau, gehoͤrt nicht uns Alles, was athmet, was zu unſeren Fuͤßen bluͤhet und lebt? Meiſter und Herr der Erde, du mit dem aufgerichteten ſtolzen Haupte, mit dem klaren Auge, das die Erde beherrſcht, der wilden Thiere Muth bezwingt, mit dem Geiſte, der eindringt in die tief verborgenen Myſterien der Natur, und das unerforſchlich Scheinende erforſcht,— Menſch,— warum biſt du nicht gluͤckliche Warum klopft oft dein Herz ſo aͤngſtlich hinter 108 der verſchloſſenen Bruſt, warum dringt dir die Thraͤne ſo heiß in das Auge, warum klagt deine Lippe, die laͤcheln ſollte?— O ſchaue doch umher, ſiehe doch, wie es ſo ſchoͤn iſt in der Welt, und laͤchle wieder, vergiß, was dich betruͤbt, uͤberwinde den Schmerz,— Jeder iſt gluͤcklich, der es nur ſein will.— So troͤſtet wohl der, der nimmer Schmerzen empfand,— der es nicht kennt, nicht weiß, wie die Seele leiden kann und das Herz bluten.—— Ach, der Gluͤckliche ſollte nimmer zu dem Traurigen treten,— ſein Troſt ver⸗ groͤßert nur des Armen Qual. Nur wer im Leben recht weinte und rang, wer alle ſeine Hoffnungen vernichtet, ſeine Traͤume zerſtoͤrt ſah, nur dieſer wird es verſtehen, dieß in Thraͤnen brechende Auge, dieſe unterdruͤckten Seußzer, dieſe krampfhaft geſchloſſene Lippe, und er wird nicht mit Worten ſolch Weh beſchwichtigen wollen, aber den Armen ſtumm an ſein Herz ziehen, mit ihm weinen und ſagen: laß nur immer deine Thraͤnen fließen, hindere ſie nicht,— Thräͤnen erleich⸗— tern das Herz.— Wo bin ich hingerathen, welche ſchwermuthsvolle Gedan⸗ ken beſtuͤrmen meine Seele, welche Seufzer bewegen meine Bruſt? Wollte ich nicht von deinem Gluͤcke ſprechen, Emilie, von deinem Liebesleben? War es vielleicht eine Ahnung, die mich beſchlich, eine traurige Ahnung t von kuͤnftigen Schmer⸗ zen, die einſt dein Auge truͤben, deine Wangen bleichen ſollten?— Fort, ihr finſteren Gedanken,— nur jetzt goͤnnt mir Ruhe, fort, ihr Geſpenſter meiner traurigen Naͤchte, was draͤngt ihr euch zu mir,— ſeht ihr es nicht, daß der Tag erwacht, daß die Sonne ſcheint,— ſeht ihr denn nicht, daß ich nicht einſam mehr bin, daß ich laͤchle,— fort, ihr 109 taugt nicht zur Tageshelle, ihr duͤrft mich nicht begleiten zu den Menſchen, euer trauriges Gefolge wuͤrde Alles verſcheu⸗ chen aus meiner Naͤhe,— verbergt euch— aber wenn die Sonne ſinkt, wenn die Nacht ihren Trauermantel uͤber die Erde breitet und das Leben um mich her verſtummt, dann nahet euch wieder, dann tretet hervor aus eurer Verborgen⸗ heit, in die das Tageslicht euch bannte, umlagert mein Herz, ihr Scorpione, nagt an meinem Leben,— o daß es ver⸗ ginge unter euren Angriffen, daß nicht der Tag immer neue Kraͤfte, neuen Muth gaͤbe, und der Menſch, gleich dem Prometheus der Vorwelt, von dem Geier der Schmerzen ſein innerſtes Lebensorgan zerſtoͤrt, und immer wieder erſte⸗ hen ſaͤhe, um wieder es vernichten zu laſſen!— Nur eine ewige Nacht, nur Ruhe fuͤr meine Klagen. Aber gleich dem verfolgten Wilde mit blutender Bruſt, mit ermatteten Glie⸗ dern treibt die Sonne mich immer wieder empor, tyeibt mich weiter, immer weiter, goͤnnt meinen Schmerzen ſelbſt keine Ruhe! O braͤchte mein raſtloſer Lauf mich einſt zu jenem Fluſſe, den die Fabeln der Vorwelt als die groͤßte Wohlthat Elyſiums uns bezeichnen, duͤrfte ich aus Lethe Vergeſſenheit trinken meiner Leiden!— Ha, wie ſollte dann die Welt mir wieder leuchten, meine Bruſt freudig athmen in Lebens⸗ wonne, wie wollte 9 wieder jauchzen, wie du jetzt— Emilie! Emilie liebte, ſie Wautbte ſich geliebt! Wie laͤchelte ihr die Erde, der ſie laͤchelte, wie war ihr das Leben ſo ſchoͤn! So vergingen Wochen in ungetruͤbtem Gluͤcke, in einer Selig⸗ keit, fuͤr die die Erde keine Worte hat. Ganz in ihm nur lebend, dem einen, dem Geliebten, war ihr ganzes Daſein 110 nur ein Denken an ihn, ein Seufzen nach ihm. Sie fuͤhlte ſich ihm ergeben mit ihrer Seele, mit ihrem Leben, ſein Wille war ihr Geſetz, ſie, die ſtolze, die gefeierte Kuͤnſtlerin war ihm gegenuͤber nur das demuͤthige, liebende Weib.— Und Ernſt?— Noch immer liebte er ſie, wenn wir dieß Gefuͤhl, zuſammengeſetzt aus Sinnlichkeit, Stolz und Egois⸗ mus mit dem edlen Namen der Liebe benennen wollen.— Der Cultus, der dieſes heiße, gluͤhende Herz ihm weihete, ruͤhrte ihn, ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit, aus einem Menſchen ſah er ſich ſelber zu einem Ideale verklaͤrt, und die Eitelkeit trieb ihn, ſich auf dieſer Hoͤhe zu bewahren. So war er ihr gegenuͤber immer noch der gluͤhende Liebende, der edle, geiſtvolle Mann. Zudem war es nicht das Herz allein, das bei ihr ſeine Befriedigung fand. Emilie war geiſtvoll, war untetrichtet, ein bloßes Liebesleben wuͤrde ihn ermuͤdet haben, wuͤrde nicht einmal auf Wochen befriedigend geweſen ſein.— Wir haben ſchon geſagt, er war geiſtvoll, hochgebildet, voll der regſten Theilnahme fuͤr alles Wiſſenſchaftliche, er war feurig, und mit jenem Inſtincte begabt, der leicht die Ge⸗ fuͤhle Anderer erraͤth, als die eigenen ausſpricht, und ſo er⸗ ſcheint, was er nicht iſt, gefuͤhlvoll. Er beſaß eine hinrei⸗ ßende Beredſamkeit, weil er ſelber niemals ſo ganz ergriffen war von einem Gegenſtande, daß dieß ſeine klare Denkkraft gehemmt und ihn verhindert haͤtte, ſeinen vermeintlichen Ge⸗ fuͤhlen ſchoͤne Worte zu geben.— Emilie, dieß ſo ſeltſame, ſo außerordentliche Weſen intereſſirte ihn,— ſie war ihm eine neue Erſcheinung, ſo ganz anders, als Alles, was er bis jetzt gekannt,— ſie gab ihm zu denken, er liebte es hinein zu ſchauen in dieſe Seele, die ſich niemals ihm ver⸗ . 111 huͤllte, er konnte ſogar oft die heißeſten Liebesworte ihr ſa⸗ gen,— nicht weil er ſie empfand, ſondern nur um auf ihrem Geſichte, auf ihren beweglichen Zuͤgen den Eindruck, den ſeine Worte hervorbrachten, zu beobachten.— Auch be⸗ neideten ihn ſeine Freunde,— die wahre Liebe zieht ſich zuruͤck in Einſamkeit und Stille, iſt ſich ſelber genug, der Egoismus aber will glaͤnzen, bedarf der Triumphe, will das, was er Sein nennt, bewundert ſehen von der Menge, deren Lob in ſeinen Augen erſt den wahren Werth verleiht. Emi⸗ liens Kuͤnſtlerruhm ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit, er liebte es, die bewunderte, gefeierte Kuͤnſtlerin auf der Buͤhne zu ſehen, und mit ſtolzem Laͤcheln ſich ſagen zu koͤnnen: dieß ſtolze, dieß beruͤhmte Weib iſt mein, mein Eigenthum, ich vermag es, ihrem Auge Feuer, ihrer Lippe Laͤcheln zu geben, ich ver⸗ mag es, dieſe Wangen zu bleichen, ihren Frohſinn zu ver⸗ nichten. Und ich werde es einſtl! fluͤſterte es leiſe in ihm,— aber er, horchte nicht auf dieſe Stimme. Er gedachte nicht der Zukunft, er wollte nur in der Gegenwart leben, um den Augenblick zu genießen. Die Zukunft wird ſchon kommen, ſagte er, und wenn ſie da iſt, weiß man auch, wie man ſie zu nehmen hat.— Die trivialen Reden ſeiner leichtfertigen Freunde hatten ſeiner Liebe auch das wenige Beſſere, was vielleicht noch daran haftete, genommen, und er vermochte es ſchon, in ihre frivolen Witzeleien einzuſtimmen und uͤber ein Verhaͤltniß zu witzeln, deſſen Seltſamkeit die ganze Stadt in Erſtaunen ſetzte. Die juͤngeren Maͤnner beneideten ihn, die aͤlteren Maͤnner meinten, es waͤre ihm wohl nicht zu ver⸗ denken, die Frauen und Maͤdchen zeigten ihm ein ſtolzes Laͤcheln, und fanden es anſtoͤßig, mit einem Manne viel zu 11² verkehren, der ſo aller Sitte Hohn ſprach. Ernſt lachte in ſeinem Herzen und ſagte: ruͤmpft nur immer eure vorneh⸗ men Naͤschen, im Grunde waͤrt ihr Alle gar gern in ſo ro⸗ mantiſcher Lage,— wenn nur die Welt es nicht erfuͤhre,— aber gegen keine von euch moͤchte ich meine Emilie ver⸗ tauſchen.— Noch immer war um die Mittagsſtunde Alles, was zur vornehmen Maͤnnerwelt gehoͤrte, in Emiliens Salon ver⸗ ſammelt,— ſie die Seele aller Geſpraͤche, und ihre Heiter⸗ keit belebte und erfreute Alle. Ernſt fehlte nie an ihrer Seite und Emilie verſuchte es nicht einmal in Gegenwart Anderer ihre Liebe zu verbergen. Sie wandte ſich im Ge⸗ ſpraͤche immer an ihn vorzugsweiſe, fragte ihn um ſeine Meinung, verſuchte die ihrige dieſer unterzuordnen, ſie nannte ihn oft ſcherzend: mein Gebieter, mein Herr, und zog ſeine Hand mit der Demuth einer Sclavin an ihre Lippen, oder kniete vor ihm, waͤhrend er ruhig laͤchelnd auf dem Divan ſaß.— Aber Fraͤulein, ſagte Graf Carl bei einer ſolchen Scene zu ihr, wie koͤnnen Sie nur ſo demuͤthig und unterthaͤnig ſein gegen meinen Freund, waͤhrend Sie allen Ihren Anbetern mit einer ſo ſtolzen Ruhe entgegentreten. Sie lachte; das iſt wohl nicht ſo gar ſchwer zu ſagen. Meine Anbeter ſind mir gleichguͤltig, dieſen hier liebe ich, ſagte ſie und blickte laͤchelnd zu Ernſt auf, deſſen Hand ſie in der ſeinen hielt.— Wenn nun aber einſt dieſe Gefuͤhle vergehen und Sie wieder ganz nur die ſtolze Kuͤnſtlerin ſind, werden Sie nicht dann Ihrer jetzigen Demuth ſich ſchaͤmen?— 113 Die Gefuͤhle vergehen? wiederholte ſie und ſah ihn groß und befremdet an,— kann denn die Liebe vergehen? Carl antwortete nicht, aber er ſah auf Ernſt, und einen Augenblick umzog beider Lippen ein leiſes ſpoͤttiſches Laͤcheln, — Emilie ſah es nicht, und noch immer vor dem Geliebten kniend, ſagte ſie: Sag ihm Ernſt, daß das nicht ſein kann! Dieſer aber beugte ſich zu ihr nieder, druͤckte leicht einen Kuß auf ihre Stirn und ſagte: laß ihn nur reden, Emilie, wie kann man den uͤberzeugen, der ſich nig laſſen.— Dann ſtand er auf und fuͤhrte Emilie zur Harfe,— komm, Emilie, du wollteſt uns heute das ſchoͤne Lied noch einmal ſingen aus der geſtrigen Oper. Waͤhrend ſie ſang, winkte er den Freund in eine Fenſter⸗ niſche und fluͤſterte: rede nicht ſo zu ihr, Carl, du darfſt ſie nicht betruͤben. Sie ahnt nicht die Moͤglichkeit, daß es je⸗ mals anders ſein koͤnnte, laß ihr hren Glauben von der Ewigkeit der Liebe. Aber wie lange, fragte Carl, ſoll denn dieß romantiſche Spiel noch waͤhren? Man faͤngt an, dir ernſtliche Vorwuͤrfe zu machen wegen dieſes ſo oͤffentlichen Verſtoßes, man ſpricht in den Salons ſpottend uͤber deine Liaiſon, und Mancher tadelt dich, daß du der ſo Unbeſcholtenen ihre Ehre be⸗ fleckſt.— Ernſt lachte kurz und veraͤchtlich: Du ſprichſt ja wie ein Moraliſt.— Nein, ſagte Carl, lieber Freund, ich ſpreche nicht von mir. Parole d'honneur, ich wuͤrde nicht anders handeln, II. 8 114 vielleicht noch weniger edel, wie du. Du uͤberhaͤufſt ja deine Schoͤne mit Geſchenken.— Nein, ſagte Ernſt, ſie geſtattet es mir nicht, ſo wie ich wuͤnſchte. Es waͤre mir lieber, wenn ſie Alles das naͤhme, was ich ihr geben moͤchte,— mein Gewiſſen waͤre dann be⸗ ruhigt, und ich wuͤrde es jetzt ſchon als eine kleine Suͤhne der Schmerzen betrachten, die ich ihr einſt machen muß.— Keine Elegien, lieber Ernſt,— ſie erfuͤllt ja ihre Be⸗ ſtimmung. Schauſpiel erinnen, Saͤngerinnen, Taͤnzerinnen gehoͤren uns, wir lieben ſie, ſo lange es uns gefaͤllt, und verlaſſen ſie, wenn wir ihrer uͤberdruͤſſig.— Ernſt faßte heftig ſeine Hand: rede nicht ſo, ſagte er feſt, ſie iſt mehr werth, als alle dieſe flachen Weſen, von de⸗ nen du ſprichſt.— So liebſt du ſie wirklich? Ja, ſagte Ernſt nach kurzem Stilſchweigen,— ich liebe ſie.— Du biſt ein Thor, Ernſt. Aber du wirſt doch nicht dich bethoͤren laſſen, ihr deine Hand zu geben.— Ernſt ſchuͤttelte heftig den Soyf ſie wuͤrde ſie aus⸗ lihae 1n Was, fragte jener erſtaunt, wie meinſt du? Das verſtehſt du nicht, ſagte Ernſt trocken, und ſetzte Lun nach augenblicklichem Stillſchweigen hinzu: Nein, mein Freund, ich weiß es wohl, es wird die Zeit kommen, wo ich ſie nicht mehr liebe, wo ich ihre Naͤhe meiden, ſie vergeſſen werde. Aber daß es ſo iſt, ſieh Carl, das truͤbt oft meine Heiterkeit Aber, mort de ma vie, ſaßte Carl ſtuͤpide, was willſt du denn? Heirathen willſt du ſie nicht, und machſt dir doch Vorwuͤrfe, ſie zu verlaſſen? Sieeh ſie an, ſagte Ernſt leiſe, iſt ſie nicht ſchoͤn und gluͤhend vor Leben und Luſt? Sieh ihre edle Geſtalt, voll Anmuth und Kraft. Sage Carl, iſt ſie nicht ſchoͤn? Ja, ja, ſie iſt bezaubernd. Aber was ſoll dass Carl, ſagte Ernſt leiſe, ich werde ihr Moͤrder ſein, das weiß ich,— und mich jammert ihrer. Es giebt Stunden, wo mich das Gefuͤhl vernichtet, ihr fuͤr alle ihre Liebe nur einſt Schmerzen zu geben, ihr Leben zu vernichten.— Nun ſo thue es nicht, ſagte Carl ungeduldig. Ich kann es nicht aͤndern, erwiederte Ernſt. Sie wird nie meine Gattin werden,— ja, ich werde ſie verlaſſen, aber ſie haͤtte ein beſſeres Loos verdient.— Bis aber jene Zeit kommt, ſoll ſie gluͤcklich ſein, darum Carl, kein ſolch truͤbes Wort zu ihr, thue es nicht, aus Freundſchaft fuͤr mich. So lange ich ſie liebe, ſoll ſie laͤcheln, und von mir allein ſollen ihr ihre Thraͤnen und ihre Schmerzen kommen. Du biſt ein Schwaͤrmer, Ernſt. Wer weiß, ob du dich taͤuſcheſt, ob ſie nicht dich eben ſo bald vergeſſen wird, wie du ſie.— Nimmermehr, rief Ernſt faſt laut, ſie wird mich nie vergeſſen, wird Niemand lieben als mich— doch ſtill, der Geſang iſt zu Ende, ſieh, ihr Auge ſucht mich. Laß uns zu ihr gehen.— Und mit der ganzen Glut ſeiner Beredſamkeit dankte e er ihr fuͤr ihren ſchoͤnen Geſang, von dem er— ach, keinen Ton vernommen.— Der Salon war almähtig leer Pevor⸗ 116 den, die Beſuchenden hatten ſich entfernt, und auch Carl war gegangen.— Emilie aber ſaß noch immer vor der Harfe, die Haͤnde nachlaͤſſig im Schooße ruhend, blickte ſie ernſt und ſtill vor ſich hin, als ſaͤnne ſie uͤber traurigen Ge⸗ danken. Als aber Ernſt ſeinen Arm um ihren Hals legte und ſie feſter an ſich ziehend einen Kuß auf ihre Lippen druͤckte, war ſchnell alles Truͤbe aus ihren Mienen geſchwun⸗ den und mit jenem unnachahmlichen Laͤcheln, das nur die Liebe verleiht, blickte ſie ihn an und fluͤſterte zaͤrtlich: lieber, lieber Ernſt.— Und warum warſt du ſo truͤbe, Emilie, fragte er, neben ſie ſich ſetzend. Ach, es war einfaͤltig, Ernſt, wozu daruͤber ſprechen.— Ich wuͤnſchte aber es zu wiſſen.— Nun, ich dachte noch an deines Freundes Worte, der meinte, daß unſere Liebe vergehen koͤnnte. Waͤre es moͤg⸗ lich, Ernſt? fragte ſie Kngiti, und klammerte ſich, wie za⸗ gend, feſter an ihn an. Er aber ſagte faſt ſtreng; warum ſo hörihten Gedanken dich hingeben? Lieben wir uns nicht? Ja, mein Geiizbter, o laß es immer ſo ſein. Sieh, wie eine finſtere Wolke uͤberflog es mein Gemuͤth und mir ward truͤbe und bange,— mir ward, als ſollte ich dich verlieren, hauchte ſie unter Thraͤnen und barg das Haupt an ſeiner Bruſt.— Graf Ernſt aber ſagte heftig: keine Thraͤnen, Emilie, ich liebe das nicht.— Und ſie trocknete ſchnell ihre Augen, und ihm die Hand hinreichend, fragte ſie weich: zuͤrnſt du mir? Die Unterwuͤrfigkeit, die Demuth ruͤhrte ihn, und ſeine Liebkoſungen, ſeine Kuͤſſe ſagten ihr, daß er ſie liebe.— Ich muß dich nun verlaſſen, ſagte Haltern dann, und machte ſich ſanft los aus ihren Armen.— Und wohin gehſt du, mein Geliebter? fragte ſie kla⸗ gend.— Zu Hofe, Emilie, ich bin zur Tafel geladen.— O ſchon wieder zu Hofe, warum lehnſt du es nicht ab, Ernſt? Und warum, meine Geliebte? Koͤnnen wir uns nicht lie⸗ ben und doch das Leben genießen, warum um unſerer Liebe willen uns alle andere Freude verſagen? Wir bleiben uns ja, ſind einander gewiß, und ſchließen nach kurzer Trennung uns um ſo zaͤrtlicher in die Arme. Du haſt Recht, ſagte ſie leiſe, und ſenkte das Haupt. Auch du ſollteſt mehr Zerſtreuung ſuchen, Emilie, mehr Geſellſchaft ſehn.— Sie ſah ihn groß an: Ich, lieber Ernſt, wozu das? Ich bedarf keiner Geſellſchaften. Wenn du bei mir biſt, ſehe und hoͤre ich nur dich, und biſt du fern, dann denke ich an dich, male oder ſtudire meine Rollen.— Keine Geſellſchaf⸗ ten, Geliebter. Oder, fragte ſie demuͤehig, willſt du es?— Nein, nein, Emilie, handle ganz, wie es dir gefaͤllt,— und bleib mir gut, ſagte er, und ſchloß ſie in die Arme, dann ſchied er.— Sie aber blickte ihm noch lange nach, horchte auf ſeine verhallenden Schritte, und beide Haͤnde an die Lippen legend, und dann weit ausſtreckend, als wollte ſie ihm ihre Kuͤſſe nachſenden, fluͤſterte ſie: wie lieb ich dich, mein Ernſt!— 1 118 In dieſem Augenblicke oͤffnete ſich leiſe die Thuͤr und Erneſtine, geiſterbleich, trat langſam herein.— Was fehlt dir, Liebe, fragte Emilie, erſchreckt von ihrem Ausſehen. Mir? O gar nichts, liebe Emilie, entgegnete ſie tonlos. Gar nichts,— das iſt die Antwort, die du ſeit acht Wochen mir giebſt, und doch biſt du ſo veraͤndert, doch finde ich dich oft mit verweinten Augen, doch biſt du ſo blaß und leidend. Das wird voruͤbergehen, ſagte Erneſtine.— Nein, nein, liebes Maͤdchen, das wird nicht voruͤber⸗ gehen, wenn du dir nicht willſt helfen laſſe— Komm, Erneſtine, bat ſie und umfaßte ſie liebevoll, ſage mir, was dich bedruͤckt. Du weißt, ich liebe dich, klage mir, was dir fehlt. Glaubſt du, daß ich es ſeit meiner Ruͤckkehr aus Wealdthal nicht bemerkt habe, wie ganz veraͤndert du biſt? Warum dich vor mir verbergen? Bin ich nicht deine auf⸗ richtige Freundin? Und Erneſtine, ihren Liebkoſungen nicht laͤnger wider⸗ ſtehend, verhuͤllte mit beiden Haͤnden das Geſicht, und ſchluchzte unter Thraͤnen: o Emilie, warum ſoll ich ſprechen, warum meine Schande dir geſtehen? Deine Schande, ſagte Jene, und trat befremdet einen Schritt zuruͤck.— Erneſtine aber ſank vor ihr nieder, ja ich bin eine Elende, eine Verlaſſene,— o Emilie, ich bin namenlos elend.— Faſſe dich, ſagte Emilie, und zog ſie zu ſich empor und neben ſich auf den Divan, erzaͤhle mir, was dich bedruͤckt.— 119 Erneſtine reichte ſtatt aller Antwort ihr ein Papier hin und aͤchzte kaum hoͤrbar: lies das,— es wird dir Alles er⸗ klaͤren.— Emilie las: 4 Verſchone mich endlich mit Deinen ſentimentalen Liebes⸗ klagen, und merke es Dir, es iſt das letzte Mal, daß ich ſie beantworte. Kuͤnftig erhaͤltſt Du ſie uneroͤffnet zuruͤck. Un⸗ moͤglich konnteſt Du thoͤricht genug ſein zu glauben, daß ich Dich jemals liebte. Nein, mein blaſſes Kind, Graf Carl von Erbach wahrhaft zu feſſeln, dazu gehören gluͤhendere Farben, ſchoͤnere Augen, ein lebhafterer Geiſt.— Schweige mit Deinen Klagen und erinnere Dich dankbar der ſeligen Stunden, die Du mit mir verlebteſt.— Du haſt die Freude und das Gluͤck genoſſen, trage nun auch ohne Klage die Folgen. Zum Abſchied meinen guten Rath, beherzige ihn wohl: eine Schauſpielerin, zumal wenn ſie haͤßlich iſt, ſollte nie unſeren Schwuͤren glauben. Die Blumen, die auf offenem Felde bluͤhen, fuͤr jeden ſichtbar, fuͤr jeden erreich⸗ bar, werden vom voruͤbereilenden Schmetterling fluͤchtig be⸗ naſcht, weil ſie eben da ſind,— auch findet er ſie vielleicht einen Augenblick lieblich— aber nicht laͤnger,— denn, mein Kind, ſo ein praͤchtiger, ſchoͤner Schmetterling iſt ſtolz — er mag nicht haben, was er mit jedem Inſekte, mit je⸗ dem widrigen Wurme theilen muß, und von der Blume, die fuͤr Alle bluͤht, fliegt er fort zu der ſchoͤnen ſtolzen Blume, die im ſtillen prachtvollen Treibhauſe vom Gaͤrtner ſorgſam gepflegt nur denen ſich zeigt, die es verdienen ihr zu nahen. — Dieß mein letztes Wort. Trockne deine Aeuglein, mein 120 ſchmachtender Engel,— wenn ſie gar roth ſind, wirſt Du Niemand mehr gefallen.— Graf Carl von Erbach. Schweigend faltete Emilie das Papier zuſammen, und eine gluͤhende Roͤthe des Zorns flog uͤber ihr Geſicht— dann murmelte ſie leiſe: es iſt ein elender, treuloſer Menſch, ich wußte das laͤngſt.— O Erneſtine, warum wollteſt du mir nicht glauben, als ich dich warnte? Sagte ich dir nicht, er hat kein Herz?— Ja, du haſt Recht, ſchluchzte Jene, wohl mir, haͤtte ich dir geglaubt.— Verachteſt du mich nicht, Emilie?— Ich dich verachten, armes Kind?— Du haſt geglaubt und vertraut— das thun alle gute Menſchen,— waͤreſt du weniger gut, wuͤrdeſt du mißtrauiſch geweſen ſein. Deine hingebende, glaubende Liebe ſollte ich verachten? Erneſtine, nur wer ſich ſelber entehrt, kann veraͤchtlich ſein,— was dir geſchehen, entehrt den, der dich betrog, der dein Vertrauen taͤuſchte. Erneſtine weinte laut und rief: O Gott, was aber ſoll mit mir werden?— Nein, nein, ich vermag dieſe oͤffentliche Schande nicht zu ertragen. Auch du mußt mich verlaſſen, Emilie, du darfſt mich nicht bei dir haben.— Ich dich verlaſſen? fragte ſie, und zog Erneſtine inniger an ihr Herz. Nein, liebe Freundin, Emilie verlaͤßt nur, was ihrer unwuͤrdig. Du biſt es nicht,— ich achte dich jetzt hoͤher vielleicht wie jemals.— Du haſt vertraut, du haſt geliebt,— dein Ungluͤck war es, was dich dieſem ſchlechten Mann entgegenfuͤhrte,— und ich ſollte dich verlaſſen, weil du Bücläciih: e 1 O du biſt immer groß, immer edel, ſagte Erneſtine.— Nein, Emilie, ſchaͤtze nicht zu hoch, was nur meine Pflicht iſt. Was thue ich denn? Bin ich nicht in gleicher Lage? fragte ſie weich. Liebe ich nicht, wie du? Daß mein Geliebter edler, meiner Liebe wuͤrdiger, das iſt ja nicht mein Verdienſt, iſt ja eine Gnade nur des Himmels. Und nun trockne deine Thraͤnen, ſei gefaßt und muthig. Erhole dich auf deinem Zimmer, ich werde zu dem Grafen ſenden, ich muß ihn ſprechen. Zehntes Capitel. Ich habe geträumt und bin erwacht, Die Bilder ſind alle verſchwunden. Aus meinem Himmel bin ich erwacht, Und habe die Hölle gefunden. Tromlitz. Sie haben befohlen? ſagte Carl und trat in Emiliens Sa⸗ lon. Sie hieß ihn ſtumm mit leichter Verbeugung will⸗ kommen. Wiſſen Sie, fuhr er fort und zog zaͤrtlich ihre Hand an ſeine Lippen, wiſſen Sie, Schoͤnſte, daß ich noch ganz faſ⸗ ſungslos bin uͤber das unerwartete Gluͤck, das mir zu Theil wird? Sie wollen mich ſehen, mich ſprechen, und noch dazu treffe ich Sie allein, ohne den feurigen Liebhaber, der Sie blind und taub macht gegen uns Alle.— Ernſ iſt bei Hofe, ſagte Emilie kurz.— Vortrefflich, frohlockte Carl, und da wollen Sier mir ein ſtilles Stuͤndchen ſchenken, wollen mir endlich, endlich ge⸗ ſtatten, meiner Liebe Worte zu geben. Wollen mir ſagen, daß Sie Ihre fruͤhere Grauſamkeit bereuen, und endlich mei⸗ ner treuen Liebe Gehoͤr geben.—* —— 123 Sie ſah ihn veraͤchtlich an und fragte kurz: Ernſt iſt Ihr Freund?— Ja gewiß, ſagte er gleichguͤltig, und mein theuerſter Freund.— Und dennoch ſprechen Sie mit mir, der Geliebten Ihres Freundes, von Liebe? fragte ſie ſtreng.— Schoͤnſte, ſagte er zaͤrtlich, die Liebe hebt alle Pflichten der Freundſchaft auf.— Denken wir nicht mehr an ihn, laſſen Sie uns die Stunde genießen, laſſen Sie uns lieben, — er ſieht es ja nicht.— Leicht wollte er ſeinen Arm um ihren Hals legen, als ſie ihn heftig zuruͤckſtieß, ſchnell aufſprang, und mit gluͤhen⸗ den Augen, mit edlem Zorne vor ihm ſtand. Wiſſen Sie, ſagte ſie dann, und ihre Stimme bebte vor innerer Bewegung, wiſſen Sie, daß ich Sie verachte? Sie ſcherzen, Schoͤnſte, ſagte er ſorglos. Warum noch die Sproͤde ſpielen? Sehen Sie doch, wir ſind allein,— warum mir den Sieg erſchweren, waͤhrend Sie doch beſiegt ſind?— Und abermals ſuchte er ſie zu umarmen. Wagen Sie es nicht, mich zu beruͤhren, rief ſie bebend 3 vor Zorn, Sie ſind ein elender Menſch.— Carl lachte: warum dieſe Rolle, Holdſeligſte? Wir ſi nd nicht auf der Buͤhne. Wozu haben Sie mich denn herbe⸗ ſchieden, wenn Sie mich nicht lieben?— Ich Sie lieben, ſagte ſie mit kurzem, veraͤchtlichem La⸗ chen— denken Sie beſſer von mir, Graf Carl. Von ganz anderen Dingen wollte ich mit Ihnen reden,— von Er⸗ neſtinen.— Hat Ihnen die alberne Thoͤrin einige Liebesklagen ge⸗ ſungen? fragte er gleichguͤltig.— Schweigen Sie, ſagte ſie ſtreng, ich will in meiner Ge⸗ genwart kein ſolches Wort uͤber meine Freundin hoͤren.— Freundin, ſpottete Jener, koͤnnen der bleiche Mond und die gluͤhende Sonne in Freundſchaft ſein? Sie uͤberhoͤrte ſeine Frage und ſagte: Erneſtine liebt Sie. Das weiß ich, ſagte er kalt.— Sie hat Ihnen vertraut.— Ihre eigene Schuld, unterbrach er ſie.— Ungeduldig ſtampfte Emilie mit⸗dem kleinen Fuße. Sein Sie ernſthaft, mein Herr Graf, es handelt ſich hier um die Ehre, um das Lebensgluͤck eines armen, ſchutzloſen Maͤd⸗ chens.— Ehre, wiederholte Carl lachend,— eine Kuͤnſtlerin wie Sie, ſollte ich meinen, verſpottete ſolche kleinliche Anſichten! Was iſt Ehre? Ich will es Ihnen ſagen, ſagte ſie heftig, Ehre iſt Al⸗ les, was unſerer Wuͤrde als Menſch nicht entgegen, hoch⸗ herzig handeln, edel denken, den Unterdruͤckten helfen, die Schwachen beſchuͤtzen, Vertrauen verdienen, das bringt Ehre.— Sie ſind hinreißend, eine wahre Pythia, unterbrach er ſie ruhig. Doch ſetzt mich Ihre Rede in Erſtaunen.— Ich haͤtte aus Ihrem ſchoͤnen Munde andere Worte erwartet. Zum Beiſpiel: um der Liebe willen die Ehre opfern, iſt er⸗ haben, iſt groß,— ſagte er bezuͤglich.— Ich verſtehe Sie, mein Herr, und ſage Ihnen,— was die Welt Ehre nennt, iſt ein ganz ander Ding, als was ich 125 meine. Koͤnnen Sie aber Ihr Betragen gegen Erneſtine vor Ihrem Gewiſſen rechtfertigen? Gott, Theuerſte, in der Liebe ſchweigt das Gewiſſen.— Warum war ſie ſo thoͤricht, mir zu glauben? Ein Blick in den Spiegel haͤtte ſie uͤberzeugen koͤnnen, daß ich ſie nicht liebe.— O, ſagte Emilie, und ging ſchnell im Salon auf und ab, o wie verachte ich Sie. Alſo ein Spiel nur trieben Sie mit dieſem liebenden Herzen, und keinen Augenblick empfan⸗ den Sie die Liebe, die Sie der Armen gelobten? Wie we⸗ nig, Graf, verdienten Sie die hohe Meinung, die Ernſt von Ihnen hegt.— Carl lachte und ſagte: ich will Ihnen ein Geheimniß ſagen, Ernſt iſt nicht beſſer, wie ich.— 2 Unterſtehen Sie ſich, unterbrach ſie ihn heftig, meinen Geliebten ſo zu beſchimpfen. Er Ihnen gleichen!— O wie die Nacht dem Tage, die Tugend dem Laſter, der Cdelmuth der, Niedrigkeit,— ſo gleicht Ihnen Ernſt.— Carl erhob ſich raſch vom Divan, auf dem er bis jetzt gleichmuͤthig gelehnt, er erbleichte und ſagte kurz: mort de ma vie, Sie werden beleidigend. Wer giebt Ihnen das Recht, ſo zu mir zu ſprechen?— Erneſtinens Ungluͤck, fuhr ſie immer waͤrmer fort, die um Huͤlfe flehende Verſtoßene giebt mir ein Recht. Sie haben ſie betrogen, hintergangen, ſie weint, ſie haͤrmt ſich ab, ihre Thraͤnen klagen Sie an,— das giebt mir ein Whe zu Ihnen zu reden. Herr Graf, ſein Sie edel, ſein Sie Ihres Freundes wuͤrdig, verſoͤhnen Sie, was Sie 126 entzweiten, geben Sie der Armen ihre Ehre wieder, halten Sie, was Sie verſprochen, ſein Sie ihr Gatte.— Das habe ich niemals verſprochen, ſagte er heftig, nie iſt ein ſolches Wort uͤber meine Lippen gekommen, ſie luͤgt, wenn ſie das ſagt.— Sie ſind ein Elender, ſagte Emilie veraͤchtlich. Sie un⸗ terſcheiden ſcharf. Sie ſprachen ihr von Liebe,— iſt das nicht ein Verſprechen ſie zu ſchuͤtzen, immer ihr treu zu bleiben?— Nein, nein, entgegnete er faſt lachend uͤber Emiliens Unerfahrenheit, Liebe iſt ganz etwas Anderes.— O Liebe, heilige, hohe Liebe, rief Emilie, und hob, wie flehend, die Arme empor, daß du von ſo unreinen Lippen mußteſt entweiht werden, o hoͤre es nicht, wie er dich laͤ⸗ ſtert!— Dann zu ihm ſich wendend, ſagte ſie veraͤchtlich: ein Thier darf nie von Liebe ſprechen.— Ha, rief Carl, und Zornesglut bedeckte ſein Geſicht, was wagen Sie mir da zu ſagen? Zu lange ſchon habe ich Sie angehoͤrt. Jetzt iſt's genug. Legen Sie Ihre Tugendmiene ab, Gefeierte, die Welt kennt und richtet Ihr Betragen— die Ehre, die Sie ſo hoch halten, iſt Ihnen auf ewig ver⸗ loren,— man verachtet die Maitreſſe meines Freundes.— Emilie aber richtete ſich ſtolz und hoch auf, und ſagte feſt: die Welt kann mir meine Ehre weder geben, noch neh⸗ men, nur ich ſelber,— die Welt richtet nach Aeußerlich⸗ keiten. Ich aber frage Sie auf Ihr Gewiſſen, koͤnnen Sie, wollen Sie Erneſtine verlaſſen, jetzt verlaſſen, da Sie ſo un⸗ aufloͤslich an ſie gebunden ſind?— 127 Ich bin nicht an ſie gebunden, erwiederte er ungeduldig. Ich habe nichts verſprochen.— Sie leidet, was Tauſende ihres Gleichen zu leiden haben. Sie haͤtte kluͤger ſein ſollen und vorher bedenken, ehe ſie mir vertraute.— Sie rechnen es ihr zum Verbrechen, daß ſie Ihnen ver⸗ traute, Graf! Sollte ein ſolches Vertrauen Sie nicht ehren? Ehren? lachte er,— das Vertrauen einer leichtglaͤubigen Schauſpielerin ehrt mich nicht.— Genug, mein Herr, ſagte Emilie ſtolz und ruhig. Ich ſehe, Sie ſind elender noch, wie ich glaubte. O wie beklage ich Erneſtine, daß ſie die edelſten Gefuͤhle ihres Herzens ver⸗ ſchwendete an einen Elenden.— Mein Fraͤulein! rief Carl faſt drohend.— Mein Herr! entgegnete ſie muthig. Nun, was wollen Sie? Es geziemt Ihnen ſo vor mir zu ſtehen, mit dieſer drohenden Miene, nichtwahr?— Doch ehe Carl Zeit hatte zur Antwort, oͤffnete ſich die Thuͤr und Erneſtine, geiſterbleich, mit verſtoͤrten Zuͤgen, ſtuͤrzte herein. Keine Spur ihres fruͤyeren, ſteifen Weſens, die tiefe innere Glut hatte die Schneedecke aͤußeren Ceremo⸗ niells durchbrochen,— ſie war ganz Gefuͤhl, ganz Weib.— Schnell ergriff ſie Carls beide Haͤnde, und faſt vor ihm nie⸗ derſinkend, aͤchzte ſie: Laß genug ſein, antworte ihr nicht. Beſchimpfe nicht auch ſie.— Die Scene wird immer intereſſanter, ſagte er mit hoͤhni⸗ ſchem Lachen, und machte ſich frei von Erneſtinens Haͤnden, — ich bin begierig auf das Ende.— Das Ende, entgegnete ſie, und fuhr ſich mit der Hand uͤber das Lüeich Geſicht,— das Ende wirſt du bald erfahren. 128 Emilie trat zu ihr, und legte ſanft die Hand auf ihre Schulter: komm, Erneſtine, bat ſie.— Nein, nein, ſagte ſie faſt tonlos. Laß mich noch einen Augenblick hier. Ich muß ihm einmal noch Alles ſagen. Dann zu ihm ſich wendend, fuhr ſie fort: Carl, Sie wiſſen es, wie ich Sie liebte, wie grenzenlos ich Sie liebte.— Ach, Sie waren ja der Erſte, der zu dem armen, verlaſſenen Maͤdchen von Liebe ſprach,— vermutheten Sie es, Carl? Ich wußte ja, daß ich ſo haͤßlich war,— warum ließen Sie mich glauben, daß ich Ihnen dennoch gefallen koͤnnte? Warum fluͤſterten Sie in mein Ohr Liebesworte, warum lehrten Sie mich lieben, wenn Sie mich nur verderben wollten? Und als ſie ſah, daß er antworten wollte, fuhr ſie heftiger fort: warum zeigten Sie der Veroͤdeten, daß die Welt ſo ſchoͤn und das Leben, ich hatte mich ja drein ergeben, einſam und ungeliebt zu ſein, warum oͤffneten Sie mir das Paradies, was that ich Ihnen denn, daß Sie mich verderben mußten? Und in fieberiſcher Aufregung ſank ſie vor ihm nieder und ſchrie mit Jammertoͤnen: Carl, toͤdte mich, nimm mein Le⸗ ben, aber verlaſſe mich nicht.— Emilie vermochte nicht laͤnger ihre Ruͤhrung zu bergen und weinte laut, Carl aber trat zuruͤck von der Knienden, und mit dem ruhigen Laͤcheln eines vollendeten Weltmanns ſagte er: die Scene verdient gemalt zu werden. Laſſen Sie mich nachſinnen, wer iſt denn jetzt der beſte Maler? Ach,— ich weiß ſchon.— Erlauben Sie, wandte er ſich an Emilie, daß ich dem Diener klingle und ihm befehle, ſo ſchnell als moͤglich den Maler zu rufen? 4 Emilie ſah ihn veraͤchtlich an und trat fe —— 1 Schrites 129 zu Erneſtinen: komm, du Arme, bat ſie ſanft und verſuchte ſie aufzuheben, erniedrige dich nicht vor ihm, du entwürdigſt dich.— Sie aber ſchrie krampfhaft: nein, nein, zieh mich nicht fort, ich ſehe ihn niemals wieder. Sieh ihn an, Emilie, ſieh, wie er ſchoͤn iſt. Gieb mir die Hand, Carl, weißt du, wie oft du mit dieſer Hand in meinen Locken ſpielteſt und ſagteſt, daß ſie ſchoͤn ſeien? Und weißt du jenen Tag, als du dieſe Hand mir reichteſt und mich dein Weib nannteſt? Emilie, er liebte mich, gewiß er liebte mich. Carl, ſprich zu mir, nenne mich wieder deine Sylphide, deine Blume. Sieh mich an, Carl, weißt du, wie oft du mit deinen Augen tief in die meinen ſahſt und ſagteſt, du ſaͤheſt dein Bild darin, und wie du dann meine Augen kuͤßteſt? Ja, du liebſt mich, ich weiß es. Ach, was iſt es ſchoͤn, ſo geliebt zu ſein, ſch ſie und brach in ein konvulſiviſches Lachen aus. Sie raſet, ſagte Carl, und blickte aͤngſtlich umher. Emilie aber erwiederte kalt: es iſt Ihr Werk, mein Herr. Sehen Sie das arme verlaſſene Weſen, das in troſtloſem Jammer zu Ihren Fuͤßen liegt. Dieſe Thraͤnen werden einſt in Ihrer Sterbeſtunde auf Ihrer Seele brennen. Erneſtine hatte ſie gehoͤrt, ſie richtete ſich ſchnell auf und fluͤſterte ſchaurig: nein, nein, er ſoll nicht ſterben. Leben, damit ich lebe. Nein, weine nicht, Emilie, es iſt gar zu troſtlos, weinen zu muͤſſen.— Ich kann es nicht mehr.— Sieh mich nicht ſo zuͤrnend an, Carl, ich werde nie wieder zu dir ſprechen. Nie, nie, kreiſchte ſie. Dann aber wieder ſtill, faßte ſie feine Hand und preßte ſie auf ihre Augen.— Es iſt genug, ſagte ſie tonlos, und mit jener Ruhe, die das II. 9 130 Uebermaß des Leidens ſtets in uns erzeugt, es iſt genug. Carl, ich danke dir fuͤr alle Liebe, die du mir einſt gewaͤhrt. Lebewohl! dann wandte ſie ſich, um hinaus zu gehen, kehrte aber noch einmal zuruͤck, ruhig und wuͤrdevoll. Sie legte beide Haͤnde auf Carls Schultern und blickte ihm feſt in's Auge, das er wie beſchaͤmt niederſchlug.— Ihr Blick war ruhig und klar, ſie war faſt ſchoͤn zu nennen in ihrem gro⸗ ßen Schmerze, es war einer jener Momente, wo die ganze Seele in die Zuͤge tritt, und ſie veredelt und verſchoͤnt. Carl, ſagte ſie feſt, ich werde Sie einſt dort oben wieder ſehen,— damit Sie einſt ruhig ſterben koͤnnen, ſage ich Ihnen,— ich vergebe Ihnen.— Dann ſanken ihre Arme nieder, ſie beugte das Haupt, — der erhabene Moment war voruͤber, der ganze Erden⸗ ſchmerz packte wieder ihre Bruſt und muͤhſam ſchwankte ſie hinaus. Einen Augenblick ſtand Carl ſinnend und verwirrt, mit niedergeſchlagenen Augen,— er ſchreckte empor, als Emilie jetzt ſagte: Sie vergab Ihnen, Gott wird es nicht. Gehen Sie jetzt,— betreten Sie nie wieder meine Schwelle, und laſſen Sie ſich ſagen, daß meine tiefſte Verachtung einen Elonden, wie Sie es ſind, begleiten wird. Ohne Gruß verließ ſie hoch aufgerichtet das Gemach.— Carl blickte ihr nach, dann ſchuͤttelte er ſich leicht, ſage ingrimmig: das ſoll das ſtolze Weib Büßenl und berſi den Salon.— Emilie aber ging, Erneſtinen erfzuſuchen. Sie fand ihre Zimmerthuͤr verſchloſſen und hoͤrte ſie drinnen laut 131 ſchluchzen. Es iſt gut, daß ſie weint, ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt, das wird ihren Schmerz lindern. Dann ging ſie in ihr Boudoir zuruͤck, und heftig auf und nieder gehend, uͤber⸗ dachte ſie noch einmal den erlebten Auftritt, und auf's Neue empoͤrte ſie das Betragen des Grafen.— In dieſer aufge⸗ regten Stimmung fand ſie Ernſt, als er zuruͤckkehrte, und auf ſeine Frage erzaͤhlte ſie ihm umſtaͤndlich den Hergang der Sache. O Ernſt, ſchloß ſie dann ihre Erzaͤhlung und lehnte ſich zaͤrtlich an die hohe Geſtalt des Geliebten, waͤre es moͤglich, daß ich dich noch inniger lieben koͤnnte, ſo thaͤte ich es nach dieſer Stunde. Wie edel, wie groß erſcheinſt du neben die⸗ ſem Treuloſen. Richte nicht zu ſtreng, Emilie, ſagte er, und druͤckte leicht einen Kuß auf ihr dunkles Haar,— es war auch wirklich thoͤricht von dem Maͤdchen, ihm zu glauben.— Und warum ſollte ſie nicht? fragte Emilie, wie konnte ſie denken, daß alle ſeine Liebesſchwuͤre nur Luͤge, daß er nichts von dem wirklich empfand, was er zu empfinden vorgab?— Liebes Kind, ſagte er faſt mitleidig laͤchelnd, wenn alle Schwuͤre treu gemeint waͤren, da wuͤrden nie mehr Thraͤnen verlaſſener Liebe geweint, da muͤßte am Ende auch die Dicht⸗ kunſt untergehen. Sappho haͤtte nicht geſungen, waͤre ſie nicht verlaſſen, Byron's ſchaurige, duͤſtere Lieder waͤren nicht, haͤtte das Maͤdchen ſeiner erſten Liebe ihn nicht um eines Andern willen aufgegeben. Die Thraͤnen, der Liebe geweint, tragen hohe Frucht, begeiſtern zu edlen Thaten, ſind oft, wie der Zauberſpruch, der das Verzauberte loͤſt, und ſo entwickelt 9* — 8 13² ſich nach einem ſolchen Schmerze oft erſt das glaͤnzende Ge⸗ nie, deſſen Daſein wir bis dahin kaum ahnten. Vielleicht iſt es auch ſo bei Erneſtinen. Alsdann muͤßte ſie ihm ſogar noch dankbar ſein. Emilie ſah ihn befremdet an, dann erwiederte ſie faſt traurig: wenn aber erſt alle Hoffnungen zerſtoͤrt, alle Bluͤ⸗ then des Gluͤcks gebrochen werden muͤſſen, um ein ſolches Genie, wie du es nennſt, zu entfeſſeln, dann iſt es nicht mehr erfreulich, weder fuͤr ſich, noch fuͤr andere. Der Schmerzensſchrei, die Klage der Verzweiflung kann erſchuͤt⸗ ternd, tief ergreifend ſein, aber nicht wohlthuend, und ver⸗ fehlt ſo den Zweck alles Schoͤnen, das erheitern, uns klar und ruhig und freudig machen ſoll, nicht aber fieberiſch auf⸗ regen. Mein Freund, ich moͤchte um ſolchen Preis nicht Beruͤhmtheit erlangen.— Du haſt ſie ohnedieß, ſagte Ernſt, und druͤckte ſie feſter an ſich, durch ganz Deutſchland ertoͤnt dein Name belobt und bewundert. Ha, und daß dieß Weſen, dieſe Stolze, Gefeierte, daß dieß ſchoͤne Weib mir gehoͤrt, das macht meine Bruſt hoͤher ſchwellen, macht mich oft trunken von Stolz und Gluͤck.— So iſt es, fragte ſie bebend, nur darum, daß du mich liebſt?— Sage mir, fuhr ſie dringender fort, wuͤrdeſt du mich nicht lieben, wenn ich ſtill und zuruͤckgezogen lebte wenn die Welt nichts von mir wuͤßte, ſage, wündeſte du mich dann nicht lieben?—— Ich liebe dich ſo wie du biſt, warum uns quaͤlen uͤber das, was ſein koͤnnte und nicht iſt.— Sie ſenkte traurig das Haupt und ſagte wehmuͤthig: ach Ernſt, ich ahne zuweilen, daß du mehr in mir die ge⸗ feierte Kuͤnſtlerin liebſt, wie das liebende Maͤdchen. Haltern lachte: warum trennen, was zuſammen gehoͤrt? Grade ſo, wie du biſt, liebe ich dich. Ein Gran mehr von dem einen oder dem andern, und du biſt meine Emilie nicht mehr.— Emilie antwortete nichts, aber langſam rannen ein paar Thraͤnen uͤber ihr Geſicht, ſie wandte ſich ſchnell ab, dieſe zu verbergen, denn Ernſt liebte ja keine Thraͤnen— und ſagte dann ſchnell heiter werdend: da ſind auch Briefe ge⸗ kommen aus Paris vom Grafen B..., dem General⸗In⸗ tendanten. Er bietet ein Engagement fuͤr den naͤchſten Winter. Werden wir es annehmen? Mein Contract hier iſt zu Ende. Ich daͤchte, wir gingen auf einen Winter dorthin, fagte Ernſt nach kurzem Beſinnen. Du kennſt Paris nicht und ſo wird es dich auf einen Winter ſchon unterhalten. Mit dem Fruͤhlinge koͤnnen wir ja zuruͤckkehren, wenigſtens muß ich es, da meine Guͤter meine laͤngere Abweſenheit verhin⸗ dern.—— Nun alſo auf einen Winter, ſagte Emilie fseudig,— wir wollen es annehmen. Wir ſind jetzt im September, zum erſten November muͤſſen wir dorthin. Alſo nur noch wenige Wochen ſind wir hier.— Ach, koͤnnte ich ſie mit dir ganz ſtill in Waldthal verleben.— Und warum nicht, Emilie? Ich muß dich ohnedieß auf acht Tage verlaſſen, um auf eins meiner entfernten Guͤter zu gehen 134 Und ich ſoll nicht mit dir gehen? fragte ſie.— Nein, Geliebte, es iſt dort nicht von der Art, daß dir der Aufenthalt angenehm ſein koͤnnte, auch ſind es nur wirthſchaftliche Angelegenheiten, die meine Gegenwart dort verlangen. Dieſe wuͤrden mich demnach den ganzen Tag von dir entfernt halten.— Du waͤrſt doch aber in meiner Naͤhe, ſagte ſie, ſich zaͤrt⸗ lich an ihn ſchmiegend, und fuͤgte bittend hinzu: nimm mich mit dir.— Nein, nein, ſagte er faſt ungeduldig. Wir muͤſſen ſchon, in dieſe kurze Trennung uns fuͤgen. Ich will dich den An⸗ ſtrengungen einer ſolchen Reiſe nicht unterziehen.— Wenn ich es aber gern thue, fragte ſie ſchuͤchtern. So wuͤnſche ich es nicht, entgegnete er kurz, und fuͤgte ſich beſinnend zaͤrtlicher hinzu: es waͤre eigennuͤtzig, wollte ich dieß Opfer annehmen. Die wahre Liebe vergißt uͤber der Geliebten ſich ſelber, ſie fragt nicht, was ihr erfteulich, nur was der Geliebten wohlthuend. Emilie ſeufzte ohne zu antworten. Zum erſten Nene genuͤgten ihr die Worte des Geliebten nicht mehr, ſchien ihr der Ton ſeiner Stimme weniger weich, weniger liebevoll, zum. erſten Male ahnete ſie, daß ſie nicht ſo geliebt wuͤrde, wie ſie ſelber liebe. Schnell aber unterdruͤckte ſie dieß bange Ge⸗ fuͤhl, und mit der Demuth einer Sclavin ſeine Hand an ihre Lippen ziehend, ſagte ſie: Ich gehe alſo nach Waaatha Wann ſoll ich reiſen? Morgen muß ich fort.— Alſo morgen auch ich. Wie lange bleiben wir? Acht Tage, Geliebte.— — 135 Sie nickte leicht mit dem Kopfe. Gut, ſagte ſie, ich werde es heute dem Director ſagen. Nun aber muß ich fort auf's Theater. Begleiteſt du mich? Kannſt du fragen, meine ſuͤße Emilie? Du weißt, Al⸗ ceſte iſt meine Lieblingsoper. Alſo darum, ſagte ſie leiſe und ihre Stimme zitterte in Thraͤnen.— Ernſt legte die Stirn in Falten und ſagte heftig: Du biſt heute ſentimental, Emilie, wozu das? Ach, verzeihe, ſagte ſie ſchnell und verſuchte heiter zu ſein, Erneſtinens Schickſal hat mich ſo truͤbe geſtimmt. Ich will ſchon wieder froͤhlich ſein. Und mit der ihr eigenen Beweglichkeit des Charakters ging ſie ſchnell von ſo duͤſterer Stimmung zu heiteren Scherzen uͤber. Sie war ſo liebrei⸗ zend in dem Beſtreben den Geliebten zu verſoͤhnen, ſo ſchoͤn mit der von innerer Anſtrengung hoͤher geroͤtheten Wange, daß Ernſt ſolchem Zauber immer wieder auf's Neue ſich hingegeben fuͤhlte, und daß die Triumphe, die ſie denſelben Abend noch auf der Buͤhne erndtete, ihm eine verdiente Hul⸗ digung ihrer Anmuth ſchienen und ſein Herz mit einer ſtol⸗ zen Freude erfuͤllte.— Elftes Capitel. Ich ſpreche ſtill zur Lieb' im Herzen, Wie Blume zu der Sonne Schein: Du giebſt mir Luſt, du giebſt mir Schmerzen, Dein leb' ich und ich ſterbe dein! Rückert. Bei ihrer Ruͤckkehr vom Theater trat Emilien ihre Kammer⸗ frau aͤngſtlich entgegen. Was fehlt dir, Luiſe? fragte Emilie erſchreckt.— Ach, ſtotterte das Maͤdchen aͤngſtlich, Fraͤulein Erneſtine iſt immer noch in ihrem Zimmer eingeſchloſſen und drinnen ſſt es ſo ſtill,— ich habe ſchon mehrere Male gerufen und keine Antwort erhalten.— DOhne zu antworten ging Emilie an die Thuͤr der Freun⸗ din. Aber auch ihr Rufen, ihr Bitten war ohne Erfolg, Alles blieb todtenſtill. Mit bangen Ahnungen eilte Emilie zu Ernſt, um ſeinen Rath bittend. Laß uns alles Aufſehen vermeiden, ſagte dieſer, und durch deine Zimmer gehen, gewiß hat ſie die Tapetenthuͤr, die von deinem Schlafzimmer in ihr Gemach fuͤhrt, nicht verſchlſſen.— — 137 Auf des Geliebten Arm geſtuͤtzt, denn ſie zitterte vor Angſt und Schrecken, gelangte ſie zu der Thuͤr,— ſie gab ihrem Drucke nach und ſie ſtanden in Erneſtinens Gemach, das nur ſpaͤrlich durch eine dem Erloͤſchen nahe Lampe er⸗ hellt ward. Als ſich aber ihre Augen an dieß Daͤmmerlicht gewoͤhnt hatten, ſtieß Emilie einen Schrei des Entſetzens aus, denn auf dem Bette lag die ſtarre, bleiche Erneſtine. Sie ſtuͤrzte zu ihr hin, ſie legte ihre Hand auf Erneſtinens Bruſt, — das Herz in derſelben ſtand ſtill, die Schlaͤfe waren feucht und kalt. Sie iſt todt, ſagte Emilie dumpf und ohne Thraͤnen, und das Entſetzen hatte ihre Wange bleich gemacht. Auch Ernſt war naͤher getreten, und er beſtaͤtigte Emi⸗ liens Vermuthung.— O jetzt iſt dir wohl, ſagte Emilie dann weich und wollte leiſe einen Kuß auf Erneſtinens blaue Lippen druͤcken. Ernſt aber wies ſie heftig zuruͤck. Was willſt du thun, fragte er entſetzt, koͤnnte nicht ein Tropfen des toͤdtenden Giftes an ihren Lippen kleben und auch dich toͤdten?— Und es war, als ob der Anblick der Todten die Liebe zu Emilien in ihm noch erhoͤhte,— ach, vielleicht war es das dumpfe Bewußtſein, daß auch er bald Todesſchmerzen uͤber die herbeirufen moͤchte, die jetzt ſo ſchoͤn, ſo voll Leben, ſo roſig vor ihm ſtand. Mit einem Gemiſch von Liebe und Verzweiflung druͤckte er ſie an ſein Herz und uͤberhaͤufte ſie mit Liebkoſungen. Und Emiliie vergaß uͤber der Zaͤrtlichkeit des Geliebten ſogar auf Momente die gemordete Freundin. Wunderbar und ſchaurig faſt war der Contraſt dieſes Liebe⸗ lebens und der ſtarren Leiche, truͤbe erhellte die verloͤſchende 138 Lampe das weite Zimmer, zuweilen mit ihrem helleren Auf⸗ flackern noch einmal die bleichen entſtellten Zuͤge der Todten beleuchtend, waͤhrend vor derſelben Emilie noch im vollen glaͤnzenden Buͤhnenſchmucke, in der Umarmung des Freundes ſtand.— Jetzt machte ſie ſich los und mit leiſem Vorwurfe zieh ſie ſich und den Geliebten der Theilnahmloſigkeit an dem traurigen Ende der Armen. Sie ſchellte nach Licht, und als dieſes nun das Gemach heller erleuchtete und ſie nun deutlicher die Leiche ſehen konnte, brach ſie in lautes Weinen aus.—. Endlich gelang es Ernſt ſie zu beruhigen und ſie auf zwei Briefe aufmerkſam zu machen, die auf dem Tiſche lagen. Sie waren beide ohne Adreſſe, Emilie entfaltete ſie und las: Wenn du dieſe Zeilen lieſeſt, Carl, iſt wirklich die Ge⸗ ſchichte, auf deren Ausgang du begierig warſt, zu Ende,— ich bin dann hingegangen in ein Land, von wannen noch Keiner zuruͤckkehrte.— Vielleicht wirſt du in dem Augen⸗ blicke, da dir dieß Blatt meinen Tod ſagt, mich aufrichtiger lieben, als jemals waͤhrend meines Lebens, denn ich werde dir nun nicht mehr laͤſtig ſen. Du wirſt nicht mehr mene verweinten Augen ſehen, nicht mehr meine Klagen hoͤren.— Ach, freilich wirſt du meinem Tode keine Thraͤne weinen,— Carl, auch nicht eine Thraͤne fuͤr mein zerbrochenes Leben! Carl, verdiente ich das fuͤr alle Liebe? Vielleicht ſogar wirſt du lachen und dieß Blatt zerreißen und ſagen: ſie iſt eine Thoͤrin! Sie haͤtte ſich troͤſten ſollen und froͤhlich ſein. Eine Schauſpielerin hat nichts zu verlieren, hat keine Ehre.— Carl, Schande und Schmach haͤtte ich freudig ertragen um deinetwillen, aber daß du mich vergeſſen und verlaſſen, Carl, 139 daß du mich verhoͤhnen konnteſt,— das toͤdtet mich. Ehe ich dich kannte, ehe du mich dich lieben lehrteſt, konnte ich die Einſamkeit und Oede meines Herzens ertragen,— ach, ich kannte ja nicht die Liebe, nicht die Seligkeit, die dieſe uns giebt. Warum lehrteſt du ſie mich kennen? Warum fluͤſterteſt du heiße Liebesworte in mein Ohr und ſchwurſt, mich immer zu lieben? Carl, bin ich nicht ein Menſch, wie du, empfinde ich nicht heiß und gluͤhend wie du? Regte es ſich nicht wie Mitleid in deiner Bruſt, als du mich ſo wil⸗ lenlos, gleich dem ſchwachen Wurme, der zu deinen Fuͤßen ſein niedriges Leben dahin bringt, vor dir ſahſt,— warum gingſt du nicht voruͤber, warum mußteſt du mich zertreten? — Du ſchwebteſt wie die Sonne uͤber meinem traurigen naͤchtlichen Daſein und erhellteſt es zur Tageshelle, der Ein⸗ ſamen gabſt du Liebe und mit ganzer Seele klammerte ſie ſich an dein Herz.— Wie ſoll ich nun leben, auf ewig in finſterer Nacht,— ach, ſie iſt doppelt ſchrecklich, grauſig nach einem Bluͤthentage.— Lebe wohl!— Ich weiß es, dieſe Zeilen werden die letzte Erinnerung an mich ſein, und dieß Gefühl macht meinen Tod doppelt herbe. O Carl,— Niemand wird dich lieben, wie ich es that!— Der Elende verdient es kaum, dieſen Brief zu leſen, ſagte Emilie unter Thraͤnen, und nahm dann das andere * Blatt und las: Meine theuerſte, meine einzigſe Freundin! Zuͤrne mir nicht,— ich kann nicht anders. Du wuͤrdeſt dich aufrich⸗ ten nach ſolchem Schmerze, wuͤrdeſt ihn beſiegen,— ich bin zu ſchwach,— ich muß ihm unterliegen.— Vieles koͤnnte ich dir nun noch ſagen. Wie lange ich ihn geliebt, der mich jetzt toͤdtet, wie ich abſichtlich unter ſteifer Huͤlle meine innere Glut verbergen mußte,— ach, ich wußte ja, ich die Haͤß⸗ liche, die Unbedeutende mußte verſpottet werden mit meiner Liebe zu dem ſchoͤnen reichen Grafen.— Ich koͤnnte dir ſa⸗ gen, wie er mir Liebe log, wie ich ſeinen Worten vertrauete, weil ich ihn liebte.— Aber wozu das Alles?— Ich gehe fuͤr ihn in den Tod, Emilie,— eine ſuͤße Wehmuth ergreift mich bei dieſem Gedanken, und meine Thraͤnen fallen auf dieß Blatt,— es ſind die letzten. Bald wird das Gift— das einzige Erbtheil meines Vaters, der auch durch ſolches ſein Leben endete— durch meine Adern fließen und ich werde nicht mehr ſein. Du aber, Emilie, nimm von der Sterben⸗ den den innigſten Dank fuͤr Deine treue Freundſchaft. Du allein im Leben haſt mich geliebt und mich geduldet. Emilie, ich druͤcke im Geiſte dankend Deine Haͤnde an meine Lippen, und Dir wird mein letzter Gedanke gehoͤren!— In der Fruͤhe des naͤchſten Morgens hielten zwei Reiſe⸗ wagen vor dem Hotel des Grafen Haltern. Emilie und Ernſt wollten zur ſelben Stunde die Stadt verlaſſen,— dem Leichencommiſſarius war die Sorge fuͤr das Begraͤbniß Erneſtinens uͤbertragen worden, die Koffer waren gepackt, Al⸗ les zur Abfahrt geruͤſtet. Aber es war, als koͤnnten die bei⸗ den Liebenden, die in inniger Umarmung nebeneinander ſtan⸗ den, ſich nicht zur Trennung entſchließen. Schon mehrere Male hatte Emilie ſich ſeinen umſchlingenden Armen zu ent⸗ winden geſucht und das Zimmer verlaſſen wollen. Seine gluͤhenden Bitten, ſeine verlangend ausgeſtreckten Arme hiel⸗ ten ſie immer wieder zuruͤck und an ſeinem Herzen dachte ſie kaum daran, daß dieß die Trennungsſtunde. 141 Werden wir uns wiederſehen, ſo wie wir uns verließen? fragte er unter Kuͤſſen.— Gewiß, gewiß, mein Ernſt, ſagte ſie und hob von ſeiner Bruſt ihr Haupt, und ſah ihn klar und liebevoll an: Wir Beide werden uns nimmer aͤndern.— Aber es war, als ob dieß edle Vertrauen, dieſe Zuver⸗ ſicht eine finſtere Ahnung in der Seele des Grafen erzeugte, eine Thraͤne trat in ſein Auge, und mit wilder Glut preßte er ſeine heißen Lippen auf ihre Augen, ließ ſie aus ſeinen Armen, um ſie anzuſehen und immer wieder an ſein Herz zu druͤcken.— Ernſt, mein theurer Ernſt, fragte ſie unter ſeinen Kuͤſſen, liebſt du mich? Bis zum Wahnſinn, ſtammelte er, und die Reue, die in dieſem Momente ſein Herz beſchlich und ihm waͤrmere Ge⸗ fuͤhle gab, hielt er wirklich fuͤr Liebe.— Und immer heißer wurden ſeine Umarmungen, und nun, wie im uͤberwallenden Gefuͤhle, ſtuͤrzte er vor ihr nieder und umſchlang ihre Knie. Emilie, rief er, ſieh mich zu deinen Fuͤßen, es iſt das erſte Mal, daß ich vor einem Weide knie: Emilie, ich liebe dich.. Weiß ich das nicht? fragte ſie und beugte mit dem gan⸗ zen Ausdrucke von Liebe in ihren klaren Zuͤgen ſich zu ihm nieder und legte ihre ſchoͤne Hand auf ſeine Stirn. Emilie, fragte er wieder, wuͤrdeſt du mich lieben, ſelbſt wenn ich dich verlaſſen haͤtte? Wie kannſt du ſo fragen? ſagte ſie mit einem unſchul⸗ digen Laͤcheln, wie kannſt du Dinge, die unmoͤglich ſind, als moglich darſtellen?— Nein, mein Ernſt, du verlaͤßt deine Emilie nicht. Sieh, und wenn du ſelbſt es ſagteſt, ich wuͤrde dir dennoch nicht glauben, ich kenne dich beſſer, wie du dich ſelber. Nein, mein Geliebter kann nie etwas thun, was ihm Unehre macht. Dieß Herz, ſagte ſie und legte ihre weiße Hand auf ſeine Bruſt, dieß Herz kann nur fuͤr Edles ſchlagen, iſt rein wie die Gottheit.— Und ſtumm, uͤberwaͤltigt von ſo viel Glauben und Liebe, verbarg Ernſt das Haupt in ihrem Schooße. Und nun laß uns ſcheiden, ſagte ſie, uͤber der tiefen Be⸗ wegung des Geliebten ihre eigene Wehmuth vergeſſend, und ſelber ſtark, weil ſie ihn ſtark machen wollte. In acht Ta⸗ gen ſehen wir uns wieder. Da ſtand Ernſt ploͤtzlich gefaßt und ruhig auf, und an ſeinem Arm ging Emilie die Treppe hinab an den Wagen. Er hob ſie hinein, noch einmal druͤckten ſich ihre Haͤnde, hafteten ihre Blicke aneinander,— dann rollte der Wagen fort. Ernſt ſah ihm nach, und dann ſich umwendend, und auch ſich zur Reiſe ruͤſtend, murmelte er leiſe: Sie iſt ver⸗ loren!— Und muß es ſein, ſagte eine Stimme neben ihm. Un⸗ bemerkt von ihm war Carl zu ihm getreten. Die beiden Freunde ſahen einander an und ihre Blicke ſchienen ſich zu verſtehen. Ein daͤmoniſches Laͤcheln flog uͤber Carl's Zuͤge. Eine iſt geſtorben, die andere wird ſterben, ſagte er achtlos.— Haltern aber ſchuͤttelte ernſt das Haupt: Nein, ſagte er, ſie iſt kraͤftiger, ſie wird den Schmerz beſiegen und darum doppelt elend ſein. Carl lachte. Wahrhaftig, cher ami, du ſiehſt ganz traurig aus uͤber den Abſchied von deiner Charmanten. Ich haͤtte nicht geglaubt, daß dich die Liebe ſo weich machen koͤnnte.— Sie thut es auch nicht, entgegnete Ernſt und hob ſtolz das Haupt, und jede fruͤhere Bewegung war aus ſeinen Mienen verſchwunden. Sie gingen in Ernſtens Zimmer. Du willſt verreiſen? fragte Carl. Ich muß auf eins meiner Guͤter.— Und haͤtte es nicht Zeit bis morgen? Ich weiß, du biſt auch beim Fuͤrſten L. zum heutigen Balle geladen.— Ich habe es ausgeſchlagen.— Du mußt hingehen, Freund. Die ſchoͤne Graͤfin Caͤcilie von Koller iſt dort.— Wie, fragte Ernſt haſtig, dieſelbe, die du mir geſtern im Theater zeigteſt? Richtig, ſie erſcheint heute zum erſten Male wieder in Geſellſchaft nach dem Tode ihres Mannes. Vraiment, ſie iſt entzuͤckend; eine reizende junge Witwe, um ſo reizender, weil ſie 4000 Thaler jaͤhrlicher Einkuͤnfte hat. Wahrhaftig, Ernſt, das waͤre eine deiner wuͤrdige Gemahlin. Verſuche dein Gluͤck, und urtheile von der Groͤße meiner Freundſchaft, wenn ich dir verſpreche, dir nicht hinderlich zu ſein. Großmuͤthiger Freund, ſagte Ernſt lachend, dafuͤr muß ich dir wohl einen gleichen Freundſchaftsbeweis bei der Fuͤr⸗ ſtin H. geben? Errathen, mein ſchlauer Graf. Die habe ich mir aus⸗ erſehen, und zwar ganz ernſthaft.— Mort de ma vie, mir wird aber ganz unheimlich, wenn ich daran denke. Ach, Ernſt, muͤſſen wir unſer edles Haupt wirklich in's EChejoch beugen?— Waͤre ſie nicht ſo reich— Und haͤtteſt du nicht ſo viel Schulden, unterbrach ihn Ernſt, ſo wuͤrdeſt du dir nicht die alte haͤßliche Fuͤrſtin waͤhlen.— Ja mein Freund, ſagte Carl mit tragiſcher Miene, das harte Schickſal zwingt mich dazu. Es iſt eine bittere Arznei, aber ſie hilft.— Wenn die Pillen gar zu herbe und ſchlecht, pflegen die Herren Doctoren ſie zu vergolden, da merkt man nichts vom boͤſen Geſchmacke. Und ich ſollte denken, die deinen ſind hinlaͤnglich vergoldet. Ja, aber es bleiben doch immer noch Pillen, meinte Carl. Doch halt, ehe ich's vergeſſe. Was hat denn mein blaſſer Engel hier gethan? Ich bekam geſtern einen hoch⸗ trabenden Sterbebrief.— Sie hat ſich vergiftet, ſagte Haltern ernſt.— Einen Moment erbleichte Carl, dann aber ſagte er gleichguͤltig: es war eigentlich das Kluͤgſte, was ſie thun konnte, und ich bin herzlich froh, daß ich ihrer langweiligen Klagen uͤberhoben bin.— Du ſollteſt ernſthaft ſein, ſagte Haltern, die Sache ver⸗ dient es.— Warum, lachte Carl, dergleichen bin ich gewohnt. Man erzaͤhlt von Seen, die alle Jahre ein Menſchenleben als Opfer verlangen, ſo iſt es mit mir. Dies iſt in drei Jah⸗ ren die dritte.—— Hoͤre, Ernſt, bleibe hier, gehe heute auf den Ball. Du wirſt es nicht bereuen. Die Graͤfin 145 iſt ſo ſchoͤn, wie reich, und zum Ueberfluß auch geiſtvoll. Sie muͤßte dir gefallen. Man ſagt, ſie ſei kokett.— Eh bien, ſie iſt eine Dame. Komm mit, liebſter Freund, ſie intereſſirt ſich fuͤr dich. Dein abſonderliches Verhaͤltniß zur ſchoͤnen Schauſpielerin erregt allgemeine Theilnahme. Man verdammt dich, verlacht ſie, aber Jeder moͤchte doch gerne den ſchoͤnen Grafen kennen, der ein ſol⸗ ches Wunder von Tugend, wie Emilie Minden bis dahin * war, fuͤr ſich gewinnen konnte. Du ſahſt mich geſtern in 3 der Graͤfin ihrer Loge, ſie fragte mich, ob du im Theater, und bat mich dich ihr zu zeigen, und als es geſchehen, meinte ſie hold laͤchelnd, das ſei der Minden nicht eben zu verargen, daß ſie dich liebe. Sehr ſchmeichelhaft, ſagte Ernſt ſtolz.— Nun, und du gehſt auf den Ball? Im Vertrauen ge⸗ ſagt, Ernſt, ich habe ihr geſagt, du gluͤhteſt vor Verlangen ihre Bekanntſchaft zu machen.„Stellen Sie ihn mir auf dem morgenden Balle des Fuͤrſten vor“ ſagte ſie darauf.— Aber es geht nicht, ſagte Ernſt, ſchon nachgebend.— O du fuͤrchteſt Emiliens Zorn, warf Carl leicht hin.— Ernſt erhob ſtolz das Haupt: ich fuͤrchte Niemand, am wenigſten eine, die mir unterthaͤnig.— Ich werde kommen Brav, mein ſchoͤner Graf, jubelte Carl und ſchuͤttelte des Freundes Hand. So entſchuldige mich einen Augenblick, ſagte Ernſt. Ich gehe hinaus, meinen Dienern den geaͤnderten Entſchluß zu ſagen. Ich fahre morgen erſt.— Und du faͤhrſt auch morgen noch nicht, fluͤſterte Earl II. 10 X 7 146 4 mit ſatyriſchem Lachen, als Ernſt ihn verlaſſen.— Die ſchoͤne Witwe wird ſchon klug genug dich umſtricken. Ihre Reichthuͤmer liegen im Monde,— ich wuͤrde ſonſt kein Eſel ſein, ſie einem Andern zu laſſen. Ich bemerkte es geſtern ſchon, ſie hat es auf meinen reichen Freund an⸗ gelegt.— Schoͤne Graͤfin, er ſoll dir werden.— Und er hob wie drohend die Hand empor und fluͤſterte weiter: ich habe Rache geſchworen, ſtolze Emilie, und du ſollſt ſie em⸗ pfinden. Mit der liebenswuͤrdigſten Freundlichkeit und Anmuth empfing die ſchoͤne Graͤfin auf dem Balle den reichen Gra⸗ fen. Haltern,— ihre Schoͤnheit imponirte ihm, ihr Geiſt feſ⸗* 3 ſelte ihn. Sie war Weltdame, war geſcheidt, und uͤberdies hatte ſie die Abſicht zu gefallen, Eindruck zu machen. Und wenn ein ſchoͤnes kluges Weib geſallen will, miderſteht ihr kein Mann. Sie iſt es wuͤrdig, meinen Namen zu tragen, ſagte Ernſt ſich ſelbſt, als er ſpaͤt in der Nacht vom Balle heimkehrte. Und muß ich mich denn vermaͤhlen, um einen Erben meines verloͤſchenden Namens zu haben, um ein Haus zu machen, meiner wuͤrdig, nun, ſo ſei es die ſchoͤne ſtolze Graͤfin Koller.— Aber es zog, wie ein tiefes Weh durch ſeine Bruͤſt, als er jetzt Emiliens gedachte, und das Haupt auf ſeine Ha and geſtuͤtzt, hoben tiefe Seufzer ſeine Bruſt. O warum biſt du mir nicht erſchienen, dachte er, vor vielen Jahren, damals als mein Herz noch warm und ver⸗ trauensvoll ſchlug. Damals, wie ich noch an die Ewigkeit der Liebe glaubte! Ehe noch die Welt ſich um meine Bruſt legte, und alle beſſern Gefuͤhle vernichtete, ehe noch eines — Weibes Untreue mich das Geſchlecht verachten lehrte! Ach Emilie, und warum liebſt du mich nun ſo heiß und ſo wahr? du liebſt mich und ich werde dich verderben! Und leiſe und mahnend klopfte die Reue an ſein Herz und wollte es erweichen,— da tauchte aus der Tiefe deſ⸗ ſelben der Graͤfin ſchoͤnes Bild hervor, und Ernſt ſagte laut: Mag es denn ſein! Sie ſelber hat ſich ihr Verderben be⸗ reitet! Ihre hohen Ideen von der Liebe und der geiſtigen Ehe paſſen nicht fuͤr die Welt, und iſt es meine Schuld, daß ich ein Kind bin dieſer Welt, und mich nicht aufſchwin⸗ gen kann zu ihrer Hoͤhe? Nein, Emilie, vielleicht haͤtte ich dich immer geliebt, wenn du meines Ranges wuͤrdig, wenn du meine Gattin geweſen, vielleicht haͤtte die Unabaͤnderlich⸗ keit ſolchen Bundes meine Neigung gefeſſelt, die Freiheit laͤßt alle Wuͤnſche frei, wer nicht ſehen ſoll, wenn er ſehen kann, dem muͤſſen die Augen verbunden werden. Aber alle dieſe Betrachtungen vermochten es dennoch nicht ganz ſein Gewiſſen zu uͤbertaͤuben, und ſo war ſein Erinnern an die ſchoͤne Caͤcilie nicht ohne den herben Bei⸗ ſatz ſeines ſtrafenden Bewußtſeins.— Auch hinderte ſein Stolz ſein ſchnelles Unterliegen. So viele lagen anbetend und ſchmachtend zu der ſchoͤnen Graͤfin Fuͤßen, Graf Haltern durfte nicht zu dieſen gehoͤren,— er mußte ihr zeigen, daß ſie ihm zwar gefallen, nicht aber ihn unterjochen koͤnnte. Er hatte es einmal geſagt, er wolle reiſen, und ob nun die Grafin bei einem Beſuche, den er ihr am Morgen nach dem Balle machte, ihn auch freund⸗ lich bat zu bleiben, und ihrer Abendgeſellſchaft beizuwohnen, ob ſie ſeine abſchlaͤgige Antwort auch mit einem halb unter⸗ 10* 148 druͤckten Seufzer erwiederte. Er blieb feſt, und fuhr ab, und ſich ſtolz im Wagen zuruͤcklehnend ſagte er ſich ſelbſt: Graf Haltern iſt nicht der Sclave eines Weibes. Ich will herrſchen, nicht beherrſcht werden. Emilie war indeſſen in Waldthal angelangt, und lebte ſtill und einſam in der ſtillen großen Natur. Wie es in ihrem Innern war, moͤgen wir am Beſten aus einigen Stel⸗ len ihrer Briefe zeigen, die ſie an Ernſt ſchrieb, ohne ſie ab⸗ zuſchicken, nur um ihm zu ſchreiben. Emilie an Ernſt. Erſt wenige Stunden bin ich hier, mein einzig geliebter Freund, und ſchon ſchreibe ich dir.— Warum, und was will ich dir eigentlich ſagen?— daß ich dich liebe?— du weißt es,— daß ich dein gedenke? du weißt es!— Und doch moͤchte ich es dir immer und immer wiederholen, es iſt ſo ſuͤß es dir zu ſagen! Meine Worte werden dich nicht er⸗ reichen,— wohin ſollte ich ſie ſenden? Sie wuͤrden vielleicht erſt anlangen, waͤhrend du ſchon auf der Ruͤckreiſe biſt. Und dennoch, alberne Emilie, ſchreibſt du? O laß mich ſchreiben. Mir iſt, als ſagte ich dir Alles, was meine Feder hier ſchreibt, ich traͤume dich an meine Seite,— du biſt neben mir, deinen Arm um meinen Nacken geſchlungen, meinen Kopf auf deine Schulter gelehnt, fluͤſterſt du ich liebe dich, meine Geliebte!— O ich hoͤre wohl deine Stimme, dieſe ſuͤße Stimme, meinem Ohre ſo ſchoͤne Muſik!— Komm, mein Ernſt, ſieh mir ins Auge— dein Bild allein iſt darin, komm, ſchlinge deinen Arm feſter um meine Geſtalt, druͤcke — — 14⁴9 mich an dein Herz!— Ach, Ernſt, ich fuͤhle nicht deinen Kuß,— ich bin allein. Ach waͤre auch die Liebe ein Traum, wie deine Naͤhe es war? Wie furchtbar muͤßte ein Erwa⸗ chen nach ſolchem Himmelstraum ſein!— Arme Erneſtine, wie mußteſt du ungluͤcklich ſein. O, mein Geliebter, nur wer ſelber liebt, vermag es wohl zu ermeſſen das Elend ſolchen Verlaſſenſeins! Fuͤr den Geliebten in den Tod ge⸗ hen, das iſt nicht ſchwer, aber leben, und den verachten, dem man die ſchoͤnſten, reinſten Gefuͤhle des Herzens geweiht, das iſt wohl der Erde bitterſtes Leid. Wohl mir, daß ich es nie werde kennen lernen!— Als ich heute neben Erneſti⸗ nens Leiche ſtand, und gedachte, was ihr den Tod gab, Ernſt, da fuͤhlte ich erſt den wahren Umfang meines Gluͤckes, fuͤhlte mich ſelber groß in dem Bewußtſein, von einem ſo Edlen geliebt zu werden.— Ach koͤnnte ich dies Gluͤck ver⸗ dienen, waͤre ich ganz deiner Liebe wuͤrdig!— Theures, lie⸗ bes Herz, weißt du es wohl, daß du mein einzig Gluͤck? du und meine Kunſt! Ihr gehoͤrt zuſammen, ſeid mir un⸗ trennbar, ſeid Eins. Und muß es nicht ſo ſein?— Die Kunſt muß uns das Leben verklaͤren, muß die Seele laͤu⸗ tern, und beruhigen und kraͤftigen, eine hoͤhere Anſchauung des Daſeins verſchaffen, aber wir muͤſſen ſie beherrſchen, wenn ſie etwas ſein ſoll, ſelbſt unſere Ideale ſind an Re⸗ geln und Formen gebunden,— in der Liebe, der wahren Liebe ſchwindet Alles, jedes Nachdenken, jede Form, und nur wenn wir unſer ganzes Herz ihr zu eigen geben, nichts wollen als lieben, wenn wir ſie unſere Seele, unſer Herz, unſer ganzes Empfinden durchdringen laſſen, wenn wir ſie in uns wirken und ſchaffen laſſen, dann ſchafft ſie auch aus 150 uns etwas, und tritt ins Leben wiederum als Kunſt. Und ſo moͤchte ich die Liebe die hoͤchſte Potenz der Kunſt nennen. Von ihr aus geht alle Begeiſterung, alle Poeſie, denn die Liebe iſt hoͤchſte Begeiſterung, und dieſe iſt die Mutter der Kunſt. Das wußten auch die Alten wohl. Was war es, was die kalte ſchoͤne Galatea belebte, ihrem Auge Feuer, ihrem Munde Laͤcheln gab? Die Liebe war's! Vor ihrem Flehen ſchwand ihre Kaͤlte, und was ohne Seele war, be⸗ lebte ſich,— die Liebe flehete, und bei ſolchem Flehen blieb ſebſt der Marmor nicht ohne Empfinden. Und wer gab uns des alten Athens Goͤttergeſtalten? Die Liebe war's, Aspaſia mußte da ſein, um einen Phidias zu begeiſtern, und keine Leda, keine Venus haͤtte Kleanides geſchaffen, wenn nicht die Liebe zur ſchoͤnen Lais ſeine Hand geleitet. Du wirſt mir einwenden— das iſt nicht die wahre Liebe, die durch das Anſchauen der aͤußeren Geſtalt ihre Begeiſterung naͤhrt und empfaͤngt.— Ich aber ſage dir,— es iſt den⸗ noch wahr. Durch das Auge entſteht zuerſt die Liebe, die aͤußere Erſcheinung beſticht das Auge und giebt dem Herzen den erſten Eindruck. Doch allerdings, wenn nicht die Seele der Form entſpricht, wenn es nur eine ſchoͤne Buͤſte, eine ſchoͤne Statue, wenn ihr der Goͤtterfunken fehlt, und unſer bruͤnſtiges Flehen keinen Geiſt in die ſchoͤne Form ruft, dann allerdings bleibt es beim bloßen Wohlgefallen; aber wenn nun eine ſchoͤne Seele in dieſem ſchoͤnen Koͤrper, wenn unſer Auge entzuͤckt iſt, und unſer Herz befriedigt, wenn der Geiſt, der in die Zuͤge tritt, von dieſen keine Schoͤnheit empfaͤngt, ſondern ſie ihnen giebt, dann iſt die wahre Liebe denkbar.— Man ſaget, auch der Haͤßlichſte 15¹ kann ſchoͤn ſein durch den Geiſt, der aus ihm ſpricht, kann geliebt werden.— Wehe, wenn es nicht ſo waͤre! Aber be⸗ geiſtern kann eine ſolche Liebe nicht,— ſie hat mehr von Freundſchaft in ſich, wir muͤſſen erſt durch den Verſtand unſer Herz uͤberfuͤhren laſſen, daß in dieſer unſchoͤnen Huͤlle eine edle Seele, werth geliebt zu ſein, wohne, und, mein Freund, der Verſtand begeiſtert nie! Eine ſolche freund⸗ ſchaftliche Liebe, oder beſſer liebende Freundſchaft, kann uns zu edlen Thaten erheben, nimmer aber uns begeiſtern zur Kunſt. Fuͤr ſeinen Oreſt konnte Pylades in den Tod ge⸗ hen,— er war ſein Freund,— Orpheus aber der Liebende ſtieg hinab in das Reich der Schatten, die Liebe begeiſterte ſein ganzes Weſen, und ward zur Kunſt, und ſeiner Lyra Klaͤnge ſchuf des Mitleids ſanftes Gefuͤhl in der Bruſt des finſtern Koͤnigs der Unterwelt, und er gab dem Liebenden die Gattin wieder!— Ach und wie ſchoͤn faͤhrt hier die Mythe weiter fort. Der Gluͤckliche aber, dem es nicht gnuͤgte, zu wiſſen, daß die Geliebte nun wieder ſein, der nicht genug hatte an dem Bewußtſein ihrer Naͤhe, dem das ſinnliche Anſchauen hoͤher war als der geiſtige Beſitz, der mußte auch wieder verlieren, was er einſt ſein genannt, und was ihm noch gehoͤrte, waͤren ſeine Gefuͤhle geiſtigerer Na⸗ tur geweſen, oder wenn ſein Geiſt ſeine Sinne beherrſchte, nicht ſeine Sinne ſeinen Geiſt. Von Einem zu viel, oder zu wenig, und das hohe Ideal der Liebe iſt unſerm An⸗ ſchauen entruͤckt. Fuͤr einen Voltaire kann man Bewunde⸗ rung, Achtung, Freundſchaft empfinden, fuͤr einen Goͤthe— ich ſpreche hier nur abgeſehen von ihren Schriften— Be⸗ geiſterung, Hingebung, Liebe!— Und glaubſt du denn, 152 daß ich jemals fruͤher ſo gut meine Rollen gab, ſo gut ſang, ſo gut declamirte, wie jetzt, ſeit ich dich liebe? Nein, mein Ernſt,— bis dahin war es nur Talent,— die Liebe wird es erheben zur Kunſt! Erſteres freilich muß immer vorhanden ſein, es muß ein Stoff gegeben ſein, auf den die Kraft einwirken ſoll, ohne dieſen keine Einwirkung denkbar.— Die Voͤgel, die draußen ſo lieblich ſingen, locken mich hin⸗ aus,— lebe wohl du Suͤßer, ich weiß, nachher werde ich zuruͤck eilen zu dieſem Blatte, als waͤreſt du es ſelber, du, du, den ich liebe!—— Ich war hinabgegangen in den Park und unwillkuͤhrlich wandte ich meine Schritte zu dem Platze hin, wo du, mein Geliebter, zuerſt mir entgegen trateſt, im Mondenlichte, und wo ich jubelnd an dein Herz ſank, und du mich umfaßteſt, und wir beide ſo ſelig waren. Da ſchwanden alle Formen, aller Zwang, da waren wir Beide nur Liebe, Liebe!— Und wieder, wie damals, ſchien der Mond ſo hell, ſaͤuſelte der Wind ſo leiſ' in dem Fliedergebuͤſche neben mir, aber die Nachtigall ſang nicht mehr, wie damals, und du warſt nicht neben mir, ach, wie damals! der Fruͤhling mit ſeiner Saͤngerin war fortgezogen, der Geliebte, mein Fruͤhling, war ferne. Und ich lehnte mich ganz ſtille in die Ecke der Bank, und dachte an dich, und wenn der Wind die Blaͤt⸗ ter des Geſtraͤuches bewegte, und ſie leiſe, und ſchmeichelnd mein Geſicht beruͤhrten, war es mir, als ſei es deine Hand, die zaͤrtlich koſend, wie wohl ſonſt in trauten Stunden, uͤber meine Wange glitt.— O dieſe liebe Hand, koͤnnte ich ſie einmal nur an meine Lippen druͤcken!— Ich machte die Augen zu und dachte an dich, und dachte, daß du mein ein⸗ 153 zig Lebensgluͤck, die Sonne meines Daſeins. Und mir ward das Herz ſo voll und groß, und ich weinte! Aber nicht vor Wehmuth, auch nicht vor Sehnſucht, die Fuͤlle des Ge⸗ fuͤhls erpreßte mir dieſe Thraͤnen. Es giebt Stunden, die uͤber alles Beſchreiben erhoben ſind, wo wir gleichſam allem Irdiſchen entruͤckt uns fuͤhlen, wo wir nichts ſind als Seele, einziges, großes Gefuͤhl!— In ſolchen Stunden ſchwindet Raum und Zeit, und alle Formen. Und ſo warſt du mir nahe, Geliebter, und ſo empfand ich deine Naͤhe, und gab mich dieſem Zauber hin ruͤckhaltlos. O was habe ich dir nicht Alles da geſagt von der Umwandelbarkeit meiner Liebe, und wie durch dich mir erſt das Leben klar geworden, und wie durch dich ich es nun begreife, warum wir leben, wa⸗ rum wir Menſchen da ſind. In der Stunde verſtand ich auch den großen, erhabenen Geiſt,— die Menſchen geben ihm einen Namen, und nannten ihn Gottheit— er ſprach zu mir aus ſeiner großen, liebenden Natur, und aus mei⸗ nem eigenen Herzen. Liebe nur recht, fluͤſterte es in mir, weihe nur dieſem Gefuͤhle dein ganzes Daſein, dann haſt du deine Beſtimmung erfuͤllt, dann biſt du groß und auch gut. Liebe weht durch die ganze Natur, lebt in der Blume, in der Pflanze, und alle Welt dreht ſich um Liebe, dieſe gab ihnen Daſein, und dieſe muß ſie erhalten. In der ſtil⸗ len Pflanze liegt der Keim dieſes Gefuͤhls, unbewußt, und unbegriffen. Betrachte die Tulpe,— ſieh,— ſechs Maͤn⸗ ner umſtehen in ſchweigender Stille die ſtolze Schoͤne in ih⸗ rer Mitte, und harren geduldig des Momentes, wo ſie zur voͤlligen Entwickelung gekommen ſein wird, und ſchuͤtzend umſchließt ſie Alle wiederum die Blume, dieſe Huͤlle der 1 154 Liebe, und birgt die zarten Gebilde vor den rauhen Stuͤrmen von außen. Und wenn nun der Moment gekommen, ſie den Zweck ihres Daſeins vollfuͤhrt, ſo hoͤrt ihre Exiſtenz auf, ſie welken,— die friſche Pracht der Bluͤthe ſchwindet, und bald ſinken ſie dahin, nur dem Weibchen den Platz uͤberlaſſend. Die Keime reifen, und mit der Vollendung iſt der Tod der Pflanze nicht mehr fern. So iſt das Daſein der Pflanze nur Liebe, ob auch ohne Bewußtſein. Und hoͤher hin⸗ auf, eine Stufe weiter in der Schoͤpfung ſteht das Thier, Hes lebt, hat Freiheit der Bewegung, hat Athem, Gefuͤhl, Inſtinkt,— die Nachtigall floͤtet ihre lieblichſten Weiſen dem ſtillen Weibchen, das ſorgſam und liebend nicht vom Neſte weicht. Sie hat mit dem Maͤnnchen gar emſig ſich ihr Haͤuschen gebaut, hat weiche Graͤſer, kleine Federn ge⸗ ſammelt, ſchon im Voraus bedacht, der jungen Brut ein weiches Lager zu geben. Und nun ſitzt ſie ruhig und ſtill im dunklen Gebuͤſche,— ſieht nichts von der ſchoͤnen Na⸗ tur, ſieht nicht die Sonne, nicht die Blumen. Sie pflegt die Eierchen, und weicht nicht von ihnen, und neben ihr foͤtet das Maͤnnchen ſeine Liebeslieder,— es verlaͤßt ſie nicht, und harrt des Moments, wo ſie ermuͤdet ſich von dem Neſte erhebt,— und ſchnell eilt es herbei, und nimmt ihre Stelle ein. Die kleine Brut durchbricht die Huͤlle, ſie oͤffnen die Schnaͤbel,— ſie wollen Nahrung. Nun ver⸗ ſtummt des Maͤnnchens Geſang, es eilt umher, und muͤh⸗: ſam ſucht es den Kleinen Futter— es fehlt ihm an Zeit zum Singen,— es muß ſeine Kleinen lehren, wie ſie fliegen, wie ſie ſich ſelber Nahrung ſchaffen koͤnnen.— Aber, was bei den Pflanzen nur unbewußt, was bei den Thieren der In⸗ . 155 ſtinkt, das iſt bei den Menſchen edler, reiner,— iſt Liebe.— Uns gab die Gottheit einen Funken ihres Selbſt, ſie gab die Liebe, und pflanzte ſie in unſere Bruſt, und ſo vereint hier das geiſtige, goͤttliche Element das urſpruͤnglich Ge⸗ trennte zum ſchoͤnen Ganzen.— Das Gefuͤhl der Liebe ruht darauf, daß man ſein Leben nur in dem Andern ge⸗ winnt, und durch ihn erſt wahres Leben erhaͤlt, in der Ver⸗ herrlichung, Aufopferung fuͤr denſelben, indem er als das Le⸗ ben Gebender erſcheint. Das eigene Leben, die eigene Exi⸗ ſtenz hoͤrt auf, iſt nur Verkuͤmmerung, Tod,— und wenn man dies auch vorher nicht gewußt, ſo weiß man es, nach⸗ dem man liebte.— Die Liebe ruft alle ſchoͤnen Stimmun⸗ gen hervor, und loͤſet das Raͤthſel der ganzen Natur, und unſerer Selbſt.— Liebe, ew'ge Himmelsbluͤthe, Holde, Zarte, Hocherglüh'te! Schoͤnſter Harmonienklang! Dir, du Gipfel alles Strebens Dir, du Balſam alles Lebens Dir ertoͤne mein Geſang. Schoͤnſte in des Lebens Garten, Ewig mocht ich deiner warten Nimmer dir entfremdet ſein! Moͤcht' in deinem Goͤtterfuͤhlen, Ewig lodern, nie erkuͤhlen, Moͤcht', wie du, unſterblich ſein! Dich, der alle Adern brennen Nimmer kann ich dich verkennen, Liebe wohnt ja uͤberall: In der Knospe Balſamduͤften, In des Weltalls weiten Luͤften 156 Fuͤhlt' ich deinen Wiederhall. In der Lerche lieblich Schwirren, In des Taͤubers zaͤrtlich Girren Wie in Philomelens Lied. In des Bechers murmelnd Rauſchen, In des Wildes liſtig Lauſchen, Das vor dir allein nicht flieht, In der Sterne blinkend Flimmern, In des Mondes ruhig Schimmern, In der Sonne Feuermacht. In des Juͤnglings kuͤhn Verlangen, In dem Sehnen, in dem Bangen, In der Adern Fieberglut. In der Jungfrau ſel'gem Laͤcheln, In der Wangen Roſenfaͤcheln In des Buſens Wogenfluth. Alles athmet deine Luͤfte Alles deine Balſamduͤfte, Alles, Alles huldigt dir. Wuͤrden Welten noch geboren, Haͤtteſt du ſie nur erkoren, Und geopfert wuͤrde dir. Liebe, hehre, gottgeſandte, Traute Freundin, nie Vorkannte, Balſamreiche Troͤſterin. Mutter aller wahren Freuden, Du des Schmerzes und der Leiden Ewig feſte Dulderin. Fuͤhre mich, du Glutenhelle, Fuͤhre mich zu deiner Quelle, Labe mich an deiner Bruſt. Gieb mir, Holde, deine Bande, Gieb ſie mir zum Unterpfande, Daß du mich erkoren haſt.— Und nun, gute Nacht, du Holder, Lieber. Schlafe ſanft, traͤume ſuͤß, und wenn dir im Traume mein Bild er⸗ ſcheint, o, moͤchte es dir dann ſagen, wie heiß ich dich liebe!— Weißt du wohl, mein Geliebter, daß ſelbſt dieſe Tren⸗ nung mir Genuß gewaͤhrt? Mir iſt, als gehoͤrteſt du in der Stille und Einſamkeit mir noch inniger, wie im Ge⸗ wuͤhle der Welt. Und ob dich auch mein Arm nicht um⸗ ſchließt, ob ich nicht in dein liebes Auge ſehe,— was braucht es auch der aͤußeren Erſcheinung— in meinem Herzen wohnt dein Bild, und wird es ewig wohnen. Das Zuſammenſein mit dir, ſo berauſchend in Luſt, ſo reich an Entzuͤcken laͤßt mich kaum zu dem Bewußtſein meines gan⸗ zen, großen Gluͤckes kommen,— man erkennt erſt alles Schoͤne, alles Begluͤckende, wenn man es entbehren muß,— ſo weiß auch ich erſt jetzt, was ich an dir habe,— jetzt, da ich dich miſſen muß! Ich lebe in der Vergangenheit und Zukunft, die Gegenwart exiſtirt nicht fuͤr mich, und ſo em⸗ pfinde ich ſie auch nicht......... . Ich konnte nicht ſchlafen die verfloſſene Nacht. Immer, wenn ich die Augen ſchloß, ſtandeſt du vor mir, hoͤrte ich dich zu mir ſprechen,— Liebſter, konnte ich da ſchlafen?— Schnell ſtand ich wieder auf, huͤllte mich feſter in mein Nachtgewand, und oͤffnete das Fenſter. O wie war es ſo ſchoͤn, ſo bezaubernd in der großen ſchlum⸗ mernden Natur! Eine heilige Wehmuth, ein tiefer Friede zog durch meine Bruſt,— ich trank mit langen Zuͤgen die linde ſchoͤne Luft. Der Mond ſtand da, wie das ſtille . 158 rühige Auge einer Gottheit uͤber der bewegten Erde, erha⸗ ben uͤber allen Schmerz und alles Bangen der Erde, und um ihn eine Zahl von Sternen, groß und klein. Und ich beugte mein Haupt weit zuruͤck, und verſenkte ganz den Blick in dieſe flimmernden, ſtrahlenden Welten,— und je laͤnger ich hinſchauete, deſto mehr Sterne erglaͤnzten mir, und ſchienen mich freundlich willkommen zu heißen. Und ſuchend flog mein Auge umher, bis ich ihn fand, meinen Lieblingsſtern, den Sirius, mit ſeinem rothen ſtrahlenden Lichte. Ernſt, wenn Plato Wahrheit geſprochen, und wir auf Sternen ein hoͤheres Daſein beginnen, dann wird ge⸗ wiß einſt meine Seele zum Sirius ſich aufſchwingen, und dort Wohnung finden,— ich fuͤhle ein unendliches Ver⸗ langen nach dieſem Sterne, ihn ſuch' ich immer zuerſt, und freue mich immer wieder ſeines Anblicks! O koͤnnte ich dort einſt wohnen, aber mit dir! Denn ſelbſt der Himmel koͤnnte mir keine Freuden gewaͤhren, ohne dich!— Ihr, meine ſchoͤne Sterne, wie ſchautet ihr ſo freundlich mich an, und ſchient mich zu gruͤßen, und mir zu laͤcheln. Ich blickte nach dem Guͤrtel des Orion, ich ſah den Schwan, die Sil⸗ berbruſt an die ſich ſanft ſchlaͤngelnde Micchſtraße gelehnt, es ſtrahlte mir der Anker als glaͤnzende Hoffnung, es blickte mich die Venus mit Liebesaugen an, es flog der Adler, des Ruhmes Vogel, mit dem ſtolzen Etoil am Halſe mir vor⸗ uͤber, es breitete die Taube ihr ſanftes Gefluͤgel aus, es er⸗ glaͤnzte mir Berenicens ſilbernes Haar, es gluͤhte und flammte der Regulus, es winkte mir liebend Capella. O ich konnte mich nicht ſatt ſehen an dieſen Miriaden von Welten, von denen wir nichts wiſſen,— kaum etwas ahnen, unverwandt ſchaute ich auf, und begruͤßte jeden neuen Stern, der mir auftauchte mit freudigem Rufe.— Zuweilen flogen ſtill und heimlich und ſchnell und leuchtend Sternſchnuppen von ei⸗ nem Sterne zum andern, und erſchienen mir wie Boten der Liebe. Vielleicht, daß ein paar Seelen, die ſich lieben, dieſe fernen Sterne bewohnen, und ſo ihre Gruͤße einander ſenden! Da rauſchte es hoͤher in den Baͤumen,— es war der Nachtwind, der ſie faͤchelte, und mein Blick glitt hinab, vom Himmel zu dem dunklen ruhenden Garten, in deſſen Teiche der Mond einen langen Silberſtreif zog. Alles Leben war erſtorben,— Friede lag uͤber der Erde, und Ruhe und ſeliges Schweigen der Liebe! Und Friede kam auch in meine Bruſt, und leiſe, als wolle ich die ruhende Nacht nicht wecken aus ihrem Schlummer und ihrem Liebestraume, ſchlich ich mich zu meinem Lager,— und nun entſchlum⸗ merte ich, und ſelbſt im Schlafe umgaukelten mich noch leuchtende Sterne!— Ach, zwei Sterne giebt es, die ſtrah⸗ len mir ſchoͤner, als alle die andern dort oben, zwei dunkle Sterne mit nie wechſelndem Feuer,— deine Augen ſind es, Geliebter. Ihr meine beiden ſchoͤnen Sterne, meine Plane⸗ ten, erglaͤnzt mir immer, verhuͤllt euch nicht vor dem unbe⸗ deutendern Weſen. Die Planeten ſtrahlten nicht ſo ſchoͤn, zeigten nicht die kleinern Fixſterne uns ihre Groͤße um ſo hervorſtechender.— Du biſt mein Stern,— ich der deine, und die Sternſchnuppen, die Boten von Stern zu Stern?— unſere Seufzer ſind's!— Heute habe ich den ganzen Tag im Zimmer verbracht, das Regenwetter hielt mich gefangen. Doch war ich nicht 8 einſam, du warſt bei mir, und meine Kunſt. Vormittags malte ich, und zwar an einem Bilde meiner eigenen Phan⸗ taſie. Ich ſage dir nichts davon, du ſollſt es erſt vollendet ſehen. Geliebter, es iſt doch etwas Goͤttliches um die Ma⸗ lerei, man fuͤhlt ſich mit dem Pinſel in der Hand ſelber ſchaffend,— ja ſelber Schoͤpfer,— darum liebe ich auch faſt mehr die Malerei als die Muſik. Das Reich der Toͤne i*ſt unſichtbar, erſchließt ſich nur dem Geweiheten, und mit verklungenem Geſange verhallt ſeine Macht, die Schwingungs⸗ knoten des Herzens und des Sandes ſtehen ſtill, ſo wie die Toͤne enden, die ihnen Leben, Bewegung und Form verliehn. Was die bildende Kunſt ſchaffte, ſteht auf der aͤußeren Welt ſichtbar da, uͤber Menſchenalter hinaus, iſt Jedem zugaͤng⸗ lich,— und die wahre Kunſt ſoll allgemein ſein, dem Hohen wie dem Niedern faßbar. Das iſt es auch, was mir den Muth gab auf den Brettern zu erſcheinen, vor der gaffenden, aus den verſchiedenartigſten Stoffen zuſammengewuͤrfelten Menge. Es war mir nicht um Beifall, oder Lohn,— ich that es um die Kunſt, ich fuͤhlte mich berufen ihr zu dienen, und durfte nicht anſtehen ihr jegliches Opfer zu bringen, jeg⸗ liches, auch das der maͤdchenhaften Schuͤchternheit,— die Kunſt uͤberwand Alles,— ihr gab ich all mein Empfin⸗ den. Und mit raſtloſem Eifer ſtrebte ich nun allen meinen Pflichten zu genuͤgen,— ich wollte begeiſtern, nicht fuͤr mich,— fuͤr meine Gottheit, meine Kunſt,— und der Ju⸗ bel der Menge, das Beifallsjauchzen, nicht mir galt es,— der Gottheit gehoͤrte es, deren Prieſterin ich bin. Doch nur Jungfrauen war es vergoͤnnt, das heilige Feuer im Tempel der Göttin zu naͤhren, es erloſch, wenn ſie einem ſterblichen 4 161 Weſen ihre Gefuͤhle weiheten, und im Erloͤſchen vernichtete es die Abtruͤnnige. So ſangen die Alten— ich weiß es beſſer,— die Liebe ſachte das Feuer hoͤher an, und heller flammte es auf, und begluͤckender; was ich gelernt, ſeit ich dich kenne und liebe, iſt mehr, als was ich ſonſt bis dahin in jahrelangem Streben muͤhſam errang, und ſo ſchreckt mich nicht der alten Mythe truͤber Sinn. Koͤnnte ich dir nur das entzuͤckende Gefuͤhl ſchildern, wenn nun die todte Leinwand ſich belebt, wenn ein Auge uns anblickt, ein Mund uns laͤchelt, und wir fuͤhlen, und jauchzen: das iſt mein Werk! Und iſt es nicht etwas Wunderbares um die Malereis Der Pinſel gleitet dahin uͤber die Leinwand, und wenige Linien bilden Leben, trauriges oder freudiges, je nach der Verſchiedenheit des Striches.—— Eine Linie aufwaͤrts ge⸗ zogen am Munde, ein gerundeter Strich an der Naſe giebt Lachen, umgekehrt Weinen. Und ein Auge blickt uns an, voll Seele, voll menſchlicher Seele, und ſpricht uns von dem Geiſte, der hinter dieſer weißen Bruſt ruhet. Und wo iſt denn dieſer Geiſt? Ein weißes Puͤnktchen iſt's, das wir dem Auge geben, ohne dieſes iſt es todt und truͤbe. O welche wunderbare Folgerungen koͤnnte man hier machen, auf den Geiſt des Menſchen! Woraus beſteht er? Aus Faſern und Kuͤgelchen des Gehirns, und aus dem Gehalt deſſelben an Fett, Eiweißſtoff, Schwefel und Phosphor,— ſagen unſere Doctoren, und ſuchen uns zu beweiſen, daß das geiſtige Lehen nur durch die hoͤchſte Entwickelung des Gehirns ſeine eigene hoͤchſte Entwickelung erlangen kann. Der Wahnſinnige, ſagen ſie, iſt geiſtig todt, weil Blutreiz oder ſonſtige Einfluͤſſe die Funktionen des Gehirns alieniren, Il.* 11 der Cretin iſt geiſtig todt, weil ſein Gehirn mangelhaft ge⸗ bildet iſt. Alſo waͤre der Geiſt eine fleiſchliche Maſſe, und weiter nichts? Aber kann er etwas Eigenes, Selbſtthaͤtiges, fuͤr ſich Beſtehendes ſein? Iſt er nicht wirklich ganz abhaͤn⸗ gig vom Koͤrper, von den phyſiſchen Zuſtaͤndene Wer wollte wohl in einem Trunkenen noch etwas von dem goͤtt⸗ lichen Geiſte ſehene Und doch, wenn die Wirkung des Weins verdampft, erlangt der Geiſt ſeine volle Thaͤtigkeit wieder. Wie alſo,— Wein endet geiſtiges Leben? Oder Jemand erhaͤlt durch einen Schlag eine Erſchuͤtterung ſeiner Gehirnatome— ſo hoͤrt die Faͤhigkeit zu denken auf.— Waͤre aber der Geiſt etwas Abſtractes, rein Goͤttliches, ſo duͤrfte er nie durch koͤrperliche Zuſtaͤnde getruͤbt werden.— Durchſchneidet man Jemand die Pulsadern, und laͤßt ihn verbluten, ſo ſtirbt er, und mit dem rauchenden Blutſtrahle flieht die Seele davon. Liegt ſie im Blute, oder im Ge⸗ hirne? Was iſt Geiſt, was iſt Seees h S.. Den ganzen Nachmittag trieb ich Muſit und ſtudirte meine Rolle. Du weißt, ich habe dem Director vor meiner Abreiſe noch drei Opern zugeſagt. Den Don Juan von Mozart, die Veſtalin von Spontini, und die Iphigenia von Gluck. Ich ging ſie Alle hinter einander durch, ſtaunend uͤber den Reichthum, und die Tiefe und die Verſchiedenheit dieſer Werke. Wie kann das Schoͤne doch ſo verſchieden ſein, waͤhrend es doch nur ein Grundprincip, ein Ideal al⸗ les Schoͤnen giebt! wie erhaben iſt Gluck, welche Tiefe und Wahrheit des Gefuͤhls, ſowohl in den tragiſchſten, wie in den ſanſtsſton Scenen, groß und anfach, ohne alle Caden⸗ 163 zen, Triller oder Laͤufe. Schoͤn nur durch Wahrheit des Gefuͤhls,— heimlich, einfach, wie die Kunſt es immer ſein ſoll. Ihm verwandt Mozart, mein Liebling! Faſt noch groͤ⸗ ßer, noch erhabener, noch freier von allem Zwange. Mozart darf nicht erklaͤrt werden, nach keiner Regel gemeſſen wer⸗ den,— er ſteht da uͤber alle Regeln erhaben, er unterwarf ſich dieſe,— kein pruͤfender Verſtand darf ſich an das Goͤtt⸗ liche wagen, wir ſollen glauben, und durch Gefuͤhl zur Er⸗ kenntniß, und zum Wiſſen, und zur Anſchauung gelangen. Welch ein Werk, der Don Juan! Alles, was an Glut, an Gefuͤhl, an Begeiſterung in der Bruſt des Menſchen woh⸗ nen kann, iſt erſchoͤpft in dieſem Meiſterwerke. Es iſt mehr als ein Genuß, den es gewaͤhrt, es erſchuͤttert unſer innerſtes Leben! Die letzte Scene! Muß auch nicht das verhaͤrtetſte Gemuͤth erweicht werden von der tiefen Moral der letzten Scene. Leporello's aͤngſtliche, triviale Melodie, Don Juans einzelne Schreckenslaute, des richtenden Geiſtes tiefe feierliche Toͤne, der wilde Geſang der Geiſter. Die Hoͤlle, das juͤngſte Gericht erſteht vor unſeren Augen, toͤnt vor unſeren Ohren. Und durch dieß Chaos, durch dieß Gewirre ertoͤnt rufend die Poſaune. Ich vermag niemals dem Zauber, der Gewalt dieſer durchbrechenden Klaͤnge zu widerſtehen,— ſie durch⸗ dringen gleichſam mein ganzes Weſen.— Und wie verſchie⸗ den und doch wie verwandt iſt dieſen beiden Meiſtern Spon⸗ tini in ſeiner Reſtalin,— aber auch nur in dieſer! Gluck's Geiſt ſpricht aus derſelben, in dem einfachen Geſange, in der Tiefe des Gefuͤhls, verbunden mit der Glut, dem Feuer des ſtalieniſchen Geiſtes, das Duekt im erſten Acte, wo das Feuer erliſcht, kann ich nie ohne die tiefſte Bewegung ſingen. 11* 164 Es ergreift mich in einem ſolchen Grade, daß ich vergeſſe, wie es nur Dichtung iſt,— ich fuͤhle mich ganz hinein in die Sache, und ſo erſchreckt mich denn das Erloͤſchen des Feuers jedesmal wirklich, und daher gelingt mir die nun folgende Scene gut. Es iſt nicht mein Verdienſt, ſondern Spontini's,— durch ihn trat dieß ergreifende Gemaͤlde in's Leben,— ich kann es nur in das rechte Licht ſtellen.—— Muſik, du hehre, große Prieſterin der Gottheit, dir gehoͤrt mein Empfinden und mein Leben!— Weißt du aber, Ernſt, was fuͤr mich die ſchoͤnſte Muſit iſt: ich liebe dich— wenn du es ſprichſt!— O wie klingt das ſo weich, ſo zart, welche Fuͤlle von Gefuͤhl, von Begeiſterung liegt in dieſen drei Worten!— Ich liebe dich, ſuͤßer, lieber Freund! Weißt du denn auch, was das heißt: ich liebe dich?— Es heißt, dir gehoͤrt all' meine Seele, mein Denken, mein Leben, mein Blut, wenn du es willſt. Dir hat meine Seele ſich erge⸗ ben, zu deinen Fuͤßen habe ich meinen Stolz und meine Triumphe niedergelegt,— o es iſt ſuͤß, ſich dir unterthaͤnig zu fuͤhlen. Dir gegenuͤber habe ich keinen Stolz, keinen Willen mehr, und dieſe Abhaͤngigkeit iſt mir ſo lieb. Nenne mich deine Selavin, laß es mich ſein! Dir gehorchen iſt ſo ſuͤß! f re..... J... ⸗ Morgen, morgen, mein Ernſt, morgen bin ich wieder bei dir. Holder, Lieber, Einziger, morgen habe ich dich wie⸗ der, hoͤre ich wieder deine liebe Stimme, ſehe wieder in dein liebes Auge! Ach, ich kann nichts denken, als morgen!— O Gott, welche Seligkeit gewaͤhrt das Leben! Mir iſt oft ſo bange um's Herz,— mir iſt, als muͤßte ich ploͤtzlich dieß 165⁵ Gluͤck miſſen.„Noch Keinen ſah ich froͤhlich enden, auf den mit immer vollen Haͤnden die Goͤtter ihre Gaben ſtreun!“ — O nein, du Geiſt dort oben, du der Urquell aller Liebe, du wirſt mir mein Gluͤck nicht entreißen, das du ſelber mir gegeben. Es kann nicht, kann nicht ſein! Die Erde iſt ja gemacht, um darauf gluͤcklich zu ſein, um zu lieben! Nein, mein Geliebter, ich druͤcke dich feſt an mein Herz, nichts ſoll dich mir entreißen. Das Gluͤck bleibt uns treu, wenn wir nur treu bleiben, und— wir werden es.— Klopft nicht dein Herz hoͤher bei dem Gedanken an morgen? Ernſt, laſſe mir den ſuͤßen Glauben, daß jede Frage meiner Bruſt Ant⸗ wort findet in der deinen, daß, wenn mein Herz voll Sehn⸗ ſucht ruft: Ernſt! das deine antwortet: Emilie! Es iſt wahr, die Liebe iſt voll Egoismus und Haͤrte. Siehſt du, es wuͤrde mich begluͤcken, zu wiſſen, daß du voll Sehnſucht, voll ſchmerzlichen Verlangens meiner gedenkſt, daß die Tage dir langſam und freudelos vergehen ohne mich,— ſollte ich nicht eigentlich wuͤnſchen, daß du heiter und ſorglos waͤreſt, ohne die peinigende Sehnſucht?— Ich kann's nicht, mein Geliebter,— zu ſolcher Hoͤhe ſchwingt ſich meine Liebe nicht auf!. Weißt du, Ernſt, daß ich ganz uͤbernommen bin von dem Gedanken, morgen, wirklich morgen dich wieder zu ſe⸗ hen?— Ich kann nicht mehr ſchreiben, die Luſt, die Freude laͤßt mir keine Ruhe, ich eile hinaus in den Garten, beſuche noch einmal alle Plaͤtze, wo ich mit dir einſt war,— warte, laß mich nachrechnen,— wie lange iſt es her, ſeit wir hier waren? Im fuͤnften Monate! Die ſchoͤne, liebe Zeit, wie 166 ſchnell iſt ſie verronnen! Was beginne ich nun mit dieſen Blaͤttern? Verbrennen?— o nein,— ich bringe ſie dir mit, und du lieſeſt ſie und ſiehſt daraus, wie ich ſtets dein gedacht,— doch, nicht wahr, das weißt du ohnedieß?⸗ Zwölftes Capitel. Auf ihrem Grab da ſteht eine Linde, Drin pfeifen die Vögel und Abendwinde. Und drunter ſitzt auf dem grünen Platz Der Müllersknecht mit ſeinem Schatz— Die Winde die wehen ſo lind und ſo ſchaurig, Die Vögel die ſingen ſo ſüß und ſo traurig, Die ſchwaßenden Buhlen, die werden ſtumm, Sie weinen, und wiſſen ſelbſt nicht warum. Heine. Graf Haltern war ſchon einen Tag vor der feſtgeſetzten Zeit zuruͤckgekehrt,— er wußte ſelbſt nicht den Grund ſolcher Eile, mindeſtens ſcheute er ſich daruͤber nachzudenken. Auch vermied er es ernſthaft uͤber ſein Verhaͤltniß zu Emilien zu ſinnen. Die Sachen moͤgen eben gehen wie ſie wollen, ſagte er zu ſich ſelber. Emilie wird vielleicht die Abnahme meiner Liebe bald wahrnehmen und ſich ſelbſt zuruͤckziehen. Doch nein, rief ſein Stolz, das darf nicht ſein! Verſchmäͤht darf ein Graf Haltern nicht werden oder verlaſſen. Von mir muß die Trennung ausgehen.— Vtieleicht, lockte ſeine Eitelkeit, vielleicht laͤßt ſie es ſich gefallen, deine Geliebte zu 168 ſein, und bleibt dir, trotz der hochgraͤflichen Genjahlin.— Ha, welch ein Triumph,— eine ſchoͤne Gemahlin, eine ſchoͤne, beruͤhmte Geliebte!— Ich muß es erreichen, rief er laut, und ſchritt heftig im Zimmer auf und ab. Ich muß meine Macht verſuchen, wenn ſie mich wirklich liebt, wird ſie mir bleiben. Und ſie ſoll mich lieben, ſo lieben, daß ſie auch dieß Opfer mir bringt!— Seine Bruſt hob ſich hoͤher, ſein Auge leuchtete ſtolzer und ein leichtes, ſiegendes Laͤcheln zuckte um ſeine Lippen.— O, fluͤſterte er, wenn ich ſie bitte, wenn ich zu ihr flehe, da widerſteht ſie mir nicht! Sie iſt ſo weich, ſo nachgebend in ihrer Liebe!— Ruͤhrte ihn dieſer Gedanke nichte Regte es ſich nicht wie Mitleid in ſeinem Herzen? War denn keine Stimme, die ihn warnte, nicht ſo das edle, große Herz mit kalter Ruhe zu brechen?— Ach, Eitelkeit und Stolz uͤbertaͤubten jedes andere Gefuͤhl! 4 Ich will zu ihr gehen, ſagte er dann und machte ſich ſchnell Toilette. Ich will liebenswuͤrdig, bezaubernd ſein, ſie ſoll mich lieben! Und morgen kommt Emilie, und hat ſie mich bis jetzt geliebt, da ſoll ſie mich nun anbeten,— da wird ſie mir nichts abſchlagen.— Und nun fort zur Graͤfin! Schon griff er nach ſeinem Hute, da rollte unten ein Wagen, hielt vor der Thuͤr.— Ernſt trat an’s Fenſter. Es iſt Emilie, ſagte er aͤrgerlich, und doch klopfte ſein Herz lauter und freudiger, und doch konnte er nicht ſein Ver⸗ langen beherrſchen,— es zog ihn hin zu ihr. Er ſtuͤrzte hinaus.= So eben trat ſie in die Hausthuͤr.) n n„Ernſt, rief ſie,— und er hatte die Arme geoͤffnet, und ſie ruhte an ſeinem Herzen, ſelig, ſtumm, und immer feſter 169 druͤckte er ſie an ſeine Bruſt, und immer heißer preßte er ſeinen Mund auf ihre Lippen. Alles, Alles war vergeſſen, und noch einmal umarmten ſich uͤber ihnen die Geiſter der Liebe.— Er zog ſie in ſein Zimmer und zu ſich nieder auf den Divan. Sie ſprachen nicht,— ſie fragte nicht einmal, warum auch er ſchon hier. Sie wußte nur, ſie hatte ihn wieder,— er war wieder neben ihr,— wozu auch fragen. Sie legte ihre Hand auf ſein Harsm und fragte: Schlug es fuͤr mich? Weißt du es nicht? ſagte er laͤchelnd.— O wohl, mein Ernſt! Und ſie neigte ſich und kuͤßte ſeine Bruſt, und legte dann ihr Haupt an ſeine Bruſt und blickte laͤchelnd zu ihm auf. Emilie! rief er.— Still, ſagte ſie, und druͤckte leicht ihre Hand auf ſeinen Mund. Still, ſprich nicht! Ich muß dein Geſicht ſehen, ob noch jeder Zug unveraͤndert.— Ja, die Stirn, ſie iſt noch frei und hoch und klar, wie ſonſt. Das Auge,— es leuch⸗ tet noch und blickt mich zaͤrtlich an, wie ſonſt, und— ſiehſt du, mein Bild iſt darin. Die Naſe, ſagte ſie, und fuhr ſchaͤkernd mit dem Finger uͤber dieſelbe hin— ach dieſe ſchoͤne Naſe. Und der Mund,— er iſt noch ſo heiß, ſo gluͤhend, wie ſonſt.— Ja, du biſt es, du ſo wie du warſt. Und nun ſprich,— daß ich deine Stimuns hoͤrel— Ernſt laͤ⸗ chelte und ſchwieg.— Du willſt nicht? fragte ſie. Hat dich meine Beruͤhrung verzaubert? Warte nur, ich werde dich erloͤfen.— Und ihn umſchlingend, preßte ſie ihn feſt an ihr Herz.—. 170. Theure, Einzige, ſeammeiten er unter Kuͤſſen, dich lieb' ich, dich allein!— Und er ſprach Wahrheit in dieſem Augenblicke,— er liebte ſie wirklich! Ach, warum mußte die Welt, warum mußte Eitelkeit und Stolz ihn dir wieder entreißen, Emilie! O haͤtteſt du fliehn koͤnnen, fliehen, weit fort von der Welt, haͤtteſt du dich mit ihm verbergen koͤnnen in die Einſamkeit und Stille deines freundlichen Waldthales,— vielleicht, viel⸗ leicht waͤre er dir dann geblieben! Und nun ſage mir, Geliebter, wie kommt es, daß ich dich ſchon hier finde? fragte ſie.— Die gleiche Frage gebe ich zuruͤck.— Du haſt Recht, mein Ernſt. Es hielt mich nicht laͤnger in Waldthal. Schnell war mein Entſchluß gefaßt,— ich eilte zuruͤck. Es ſchien mir, als ſei ich dir naͤher hier, mein Ernſt, und ich dachte es mir ſo ſchoͤn, dir morgen bewill⸗ kommend entgegen zu treten. Da haſt du meine Gruͤnde. Und du? Koͤnnte mich etwas Anderes hergezogen haben? fragte er. O mein Geliebter, jubelte ſie, kann wohl ein groͤßerer Einklang der Seelen gedacht werden. Selbſt unſere Gedan⸗ ken ſind Eins, wie unſere Seelen es ſind!— Und wieder umfaßten ſie ſich innig und feſt. Sie be⸗ merkten es nicht, wie ſich die Thuͤr leiſe oͤffnete und Graf Carl haſtig eintrat. Sein lautes Lachen ſchreckte ſie auf.— Delicieuse, mein Freund, rief Carl und machte Emilien eine halb ſpoͤttiſche Verbeugung. Du biſt unverbeſſerlich, immer ein zaͤrtlicher Adonis. Ich ging voruͤber und hoͤrte von deinem Diener, daß du ſchon zuruͤckgekehrt, da wollte 171 ich dich fragen, ob du mich nicht zur Graͤfin Kolleer begleiten willſt, ſie hat Soirée heute Abend.— Ernſt war aufgeſtanden und hatte ſich aͤrgerlich abge⸗ wandt. Es verdroß ihn, daß Carl ihn als zaͤrtlichen Lieb⸗ haber uͤberraſchte, ja er ſchaͤmte ſich faſt vor dem ſpoͤttelnden Freunde.— Emilie aber konnte den Anblick des Moͤrders ihrer Freun⸗ din, der ſo heiter und ſorglos da ſtand, nicht ertragen. Ich gehe hinauf, wandte ſie ſich an Ernſt, du kommſt wohl ſpaͤter zu mir.— Ernſt murmelte einige Worte, die ſie nicht verſtand, und Emilie ging.— Aber ſage mir, Menſch, wie kannſt du noch immer ſo thoͤricht ſein? fragte Carl lachend.— Ich bin Niemand Rechenſchaft ſchuldig uͤber mein Be⸗ tragen, entgegnete Ernſt kalt. Allerdings, mon ami. Aber wenn du die Graͤfin heim⸗ fuͤhren willſt, mußt du ein ſo anſtoͤßiges Verhaͤltniß auf⸗ geben.— Anſtoͤßig? ſagte Ernſt mit kurzem Lachen. Die Welt nennt es ſo, lieber Ernſt. Waͤre ſie nur deine Geliebte, ah ca, da wuͤrde man es dulden. Aber daß ſie in deinem Hotel wohnt, ganz oͤffentlich, als haͤtte ſie Nichts zu ſcheuen,— das verdrießt die Welt.— So lange die Suͤnde ſich verhuͤllt, findet ſie Entſchuldigung, man rech⸗ net es ihr an als Schaam,— tritt ſie an's Tageslicht, ver⸗ dammt man ſie. Du biſt Philoſoph geworden, ſpottete Ernſt.— Hoͤrſt du Collegia bei der reichen Fuͤrſtin?— 172 Ja und bei der Freundſchaft, Ernſt. Glaube mir, es waͤre beſſer, du braͤcheſt ſchnell mit Emilien.— Du wirſt mir ſchon uͤberlaſſen muͤſſen, ſelber mein Be⸗ ſtes zu bedenken, ſagte Ernſt kurz.— Begleiteſt du mich zur Graͤfin? fragte Carl verdrießlich und fuͤgte ſchnell hinzu: aber nein, verzeihe die alberne Frage, wie koͤnnteſt du heute es wagen,— Emilie wuͤrde zuͤrnen. Ernſtens Geſicht uͤberflog eine dunkle Glut. Wagen? wie ich es wagen koͤnnte? fragte er zuͤrnend. Carl ſah ſpoͤttiſch laͤchelnd ihn an und reizte dadurch den Stolzen nur noch mehr.— Du wirſt ſehen, ob ich es wagen kann, ſagte er. Warte einen Augenblick, ich kehre ſogleich zuruͤck, um mit dir zu gehen. Schnell eilte er fort zu Emilien. Sie ſaß ernſt und ſinnend in ihrem Cabinette,— bei ſeinem Anblicke ſchreckte ſie empor.— Du das fragte ſie zaͤrtlich.— Ich muß dir fuͤr heute Lebewohl ſagen, Emilie; Ge⸗ ſchaͤfte rufen mich fort.— Verreiſen willſt du? fragte ſie erſchreckt. Nicht doch, Emilie, ich muß,— doch nein, ich will dir die Wahrheit ſagen. Ich gehe auf den Ball zur Graͤfin Koller. Dus fragte ſie unglaͤubig laͤchelnd. O geh, du willſt mich necken.— Nein, nein, ich muß. Die Ehre fordert es.— Die Ehre? fragte ſie. Carl meinte, fuhr Einſt fort, ich wuͤrde es nicht wagen ihn zu begleiten, du wuͤrdeſt zuͤrnen.— 173— Und deines Freundes Meinung gilt dir mehr, als das Beiſammenſein mit mir nach langer Trennung? fragte ſie er⸗ bleichend.— Sprich nicht ſo, ſagte er faſt verdrießlich, kuͤßte leicht ihre Stirn und eilte wieder fort.— Emilie ſank wie vernichtet zuſammen. Iſt es moͤglich hauchte ſie leiſe, das war mein Ernſt, ſſt er wirklich fort? Stumm faltete ſie die Haͤnde, ihr Auge ſtarrte zur Erde und Leichenblaͤſſe uͤberzog ihr Geſicht. Gleich dem vom Blick des Baſilisken getroffenen Voͤgelchen, das feſtgebannt iſt an dieſen furchtbaren Blick, und nun mit gelaͤhmten Fluͤgeln, wie bezaubert, das Verderben vor ſich ſehend, ohne Willen ihm zu entrinnen, bebend nicht mehr weichen kann, ſo ſaß ſie da, ohne Bewegung, wie ein bleiches, todtes Marmor⸗ bild.— Dann loͤſte ſich der Krampf, langſam rollten einige Thraͤnen uͤber ihr Geſicht, floſſen dann raſcher und raſcher, und nun brach ſie in lautes Weinen aus. Aber mit der Gewalt des Schmerzes ſchien auch ihr Unmuth zu ſchwinden. Warum weine ich? fragte ſie ſich ſelber. Verdient mein Ernſt ein ſolches Mißtrauen? Liebt er mich nicht? Hatte er nicht Recht?— Ja gewiß, gewiß, er mußte ſo handeln, ſeine Ehre fordert es. Man ſoll nicht glauben, daß ich ihn be⸗ herrſche.— Er hat Recht, ſagte ſie dann ganz freudig, und ich danke es ihm, daß er nicht ſchwach war, ſeiner Liebe nach⸗ zugeben, wo es ſeine Ehre galt.— So entſchuldigte ihr edles, vertrauensvolles Herz den, den ſie liebte.— Die Frauen machen es immer ſo. Sie verzeihen Alles, Alles dem Geliebten, wenn er ihnen nur 174 zaͤrtlich iſt.— Selbſt der Verbrecher hat ſeine Geliebte, die zaͤrtlich weinend ihn zur Richtſtaͤtte begleitet, die aus Liebe auch das Furchtbarſte ertraͤgt, ihn von Henkers Hand toͤdten zu ſehen, die in ſein rauchendes Blut ihr von Thraͤnen ge⸗ feuchtetes Tuch taucht und es bewahrt als eine heilige Reli⸗ quie. Sie verzeihen Alles, nur nicht die Untreue. Und es bedarf vieler Beweiſe, ehe ſie an dieſe glauben. Sie wenden abſichtlich oder unbewußt immer den Gedanken ab von die⸗ ſem Schreckbilde, ſie wollen es nicht glauben, denn ſie wiſ⸗ ſen es wohl, die Gewißheit iſt vernichtend. Als Ernſt nach einigen Stunden zuruͤckkehrte, als er ſie mit verdoppelter Zaͤrtlichkeit an ſein Herz druͤckte, gleichſam als wolle er durch leidenſchaftliche Liebkoſungen den gemach⸗ ten Schmerz ihr verguͤten,— da dachte ſie nicht mehr der vergangenen truͤben Stunden, und innig an ihn geſchmiegt, ſprach ſie zu ihm von ihrem Gluͤck und ihrer Liebe. Ach, und dennoch war dieß Gluͤck ihr fuͤr immer ent⸗ flohen. Ernſt war nicht immer mehr heiter und liebevoll, ſein Gewiſſen war es, was ihn marterte. Sein Herz war von Natur edel, und wenn er ſie, die er vernichten wollte, ſo ſtrahlend von Gluͤck vor ſich ſah, wenn er ſich ſagen mußte, daß ihre große Seele auch nicht eines Funkens von Argwohn faͤhig waͤre, dann fuͤhlte er alle Qualen der Reue und des Mitleids, und in dem Beſtreben dieſe zu unter⸗ druͤcken, zu betaͤuben, ſtuͤrzte er ſich immer tiefer in Schuld und Vergehen, und wie ein finſterer Daͤmon ſtand Carl ihm zur Seite, durch ſeinen Hohn, ſeinen Spott ihn immer mehr von Emilien vertreibend, durch die Erzaͤhlung von 175 Caͤciliens gluͤhender Leidenſchaft fuͤr Haltern ſeiner Eitelkeit ſchmeichelnd und ihn ſtachelnd zum Siege uͤber ſie.— In dieſem Zwieſpalte ſeiner Seele verlor ſich ſeine Hei⸗ terkeit,— er war oft neben Emilien ſtill, oft finſter und muͤrriſch. Umſonſt ſuchte ſie durch Zaͤrtlichkeiten ihn zu er⸗ heitern, durch Witz und Scherz die Falten ſeiner Stirn zu verſcheuchen,— es wollte ihr nicht immer gelingen,— ſo ward auch ſie truͤbe und ſtill, und weinte oft in der Einſamkeit bittere Schmerzensthraͤnen. Doch huͤtete ſie ſich wohl, ihn dieſe ſehen zu laſſen.„Ich mag dich nicht wei⸗ nen ſehen,“ hatte er einſt geſagt, und ſo hatte ſie fuͤr ihn ſtets ein freundliches Laͤcheln und heitere Worte.— Er aber dachte: ſie ſieht meinen Unmuth und meine fin⸗ ſtere Stirn, und dennoch kann ſie heiter ſein und lachen und ſcherzen. So taͤuſchte ich mich wohl, und ihre Liebe mag nicht ſo gar tief ſein.— So entfernte er ſich immer mehr, — ach wenn die Liebe nicht mehr dieſelbe iſt, mißverſteht man ſich ſo leicht!— So verging die Zeit; ſchon ſprach man oͤffentlich von des reichen Grafen Bewerbung um die ſchoͤne Graͤfin Caͤcilie Koller, und man erzaͤhlte ſich ſogar, Haltern habe ihr ſeine Hand angetragen, ſie aber habe entgegnet: nur wenn die Schauſpielerin Ihr Haus verlaͤßt und Sie auf immer ſich losſagen von ihr, nur dann gehoͤrt Ihnen meine Hand. Wird er es thun, wird er es nicht thun?— dieſe große Frage beſchaͤftigte die Damen und Herren in den Salons, durchlief bald auch die Reihen der ehrſamen Buͤrgersleute. Emilie ahnte von dem Allen nichts. Sie liebte ihren Ernſt noch immer mit derſelben Liebe, ſie ahnte nicht einmal, daß 176 ſie die Urſache ſeines Unmuthes,— ſie vertrauete, denn— ach, ſie liebte.— Ernſt fuͤhlte ſich verlegen und bedruͤckt neben ihr, und ſuchte durch verdoppelte Liebkoſungen es ihr zu verbergen, er war zaͤrtlich und liebevoll,— wie ſollte ſie ihm nicht glauben!— 1 Es war nur noch wenige Tage vor der feſtgeſetzten Ab⸗ reiſe,— ſchon war Alles zu derſelben bereitet, die noͤthigen Vorkehrungen getroffen. Emillie hatte ſich in ihr Boudoir zuruͤckgezogen und ſtudirte an der Rolle der Donna Anna. Sie wollte mit ihrer Lieblingsrolle ſcheiden und ſie ſo voll⸗ kommen als moͤglich ausfuͤhren,„denn, ſagte ſie laͤchelnd zu Ernſt, ſie ſollen mich nicht ohne Bedauern ſcheiden ſehen.“— 18 Unmuthig ging Ernſt in ſeinem Zimmer auf und ab,— er kam ſo eben von der Graͤfin, nie war ſie ihm ſo ſchoͤn, ſo liebenswuͤrdig erſchienen, wie eben heute. Er hatte ſie um einen Kuß, um die endliche Zuſage ihrer Hand gebeten. „Sagen Sie mir, hatte ſie ernſt ihm erwidert, daß die Minden nicht mehr bei Ihnen, und heute noch bin ich mit meinem Leben die Ihre.“— 4-hs n Sie geht fort von hier in wenigen Tagen, hatte er er⸗ widert.— Sie aber hatte ſtolz ihr Haupt erhoben und mit gluͤhen⸗ den Augen ihn angeſehen und dann geſagt: alsdann haͤtte der Zufall, nicht Ihr Wille Sie von ihr getrennt, und wer buͤrgt mir dafuͤr, daß Sie nicht bald, meiner uͤberdruͤſſig, der Schauſpielerin nacheilen wuͤrden? Nein, Sie muͤſſen oͤffent⸗ lich und entſchieden mit ihr brechen, von Ihnen muß der 177 Bruch ausgehen, Sie muͤſſen ihr zeigen, daß Sie ſie ver⸗ ſchmaͤhen,— nur dann bin ich die Ihre. Aber mit einer Schauſpielerin mag ich den Platz in Ihrem Herzen nicht theilen. Hoͤren Sie mein letztes Wort. Bringen Sie mir morgen die Gewißheit, daß die Minden von Ihnen ſelbſt Ihre Bewerbung um meine Hand erfahren hat, und augen⸗ blicklich bin ich bereit, mit Ihnen vor den Altar zu treten,— bleibt es bis morgen, ſo wie es iſt, ſo werde ich nimmer die Ihre.. Und mit einer ſtolzen Verbeugung hatte ſie ſich entfernt. Gerade dieſer Stolz hatte ihr inniger noch ſein Herz gewonnen,— denn ſie glich ihm ſelber darin. Ein ſo ſtol⸗ zes Weib wird eine treue Gattin ſein, ſagte er, und ahnte nicht, daß die liſtige Dame ihn laͤngſt durchſchaut, und daß ſie wohl erkannt, wie ſehr ihn ein ſolches Benehmen an ſie feſſeln mußte.— Unmuthig und geplagt von Vorwüͤrfen und unbeſtimm⸗ ten Planen ging er auf und ab. Eine oͤffentliche Erklaͤrung verlangt ſie, ſagte er; wie ſoll ich die ihr geben?— Wenn doch jetzt Carl kaͤme, wenn er mir rathen koͤnntel Da trat, als haͤtte er des Freundes Verlangen errathen, Carl zu ihm ein. Gut, daß du da biſt, rief Ernſt ihm freudig entgegen, und erzaͤhlte ihm ſchnell das Geſpraͤch mit der Graͤfin.— 1 und was willſt du thun? fragte Carl.— Ich weiß es nicht, ſagte Ernſt unmuthig.— Willſt du Emilien begleiten?— Dumme Frage.— II. 12 Alſo willſt du bleiben und Emilien verlaſſen? Ernſt erbleichte und ſeufzte ſchwer. Ach, wenn die ſtolze Graͤfin dich eben geſehen.— Hoͤre, Freund, ſo geht das nicht. Du mußt dich ernſt entſcheiden und dann handeln wie ein Mann. Ich bin entſchieden, ſagte Ernſt feſt. Zu bleiben? Ernſt nickte ſtumm. So ſag' es Emilien.— Ich vermag es nicht, ſagte Ernſt heftig. Carl, wenn ſie mit ihren klaren Augen mich ſo zaͤrtlich, ſo vertrauensvoll anſieht, ſich ſo zaͤrtlich an mein Herz ſchmiegt, dann fuͤhle ich mich unfaͤhig ſie zu toͤdten, zu vernichten.— Du biſt ein Thor, lachte Jener. Soll ich es ihr ſagen? — Oder,— ja das geht.— Duñ ntüich⸗ Erklaͤrung ver⸗ langt die Koller?— Ja, ſagte Ernſt dumpf.— Nun hoͤre meinen Plan.— Anfangs ſtränone ſich Ernſt. Sie wird todt niederfallen, meinte er.— Oho, lachte Sarl, die Weiber ſchwoͤren alle Tage, daß ſie ſterben werden, und weinen, und lachen immer luſtig weiter.— Nun, ſo mag es ſein, ſagte endlich Ernſt. Beſorge das Noͤthige. Ich gehe zur Graͤfin.— So ſchieden ſie. Nach einer Stunde kehrte Ernſt zuruͤck, heiter und zu⸗ frieden, wie es ſchien. Er ging nachdenkend in ſeinem Zim⸗ mer auf und ab, dann athmete er ſchwer auf und ſagte: es 179 iſt mir, als ob eine ſchwere Laſt von meiner Seele gefallen, ich bin ganz ruhig, nun Alles entſchieden iſt. Sie wird ſich troͤſten.— Und da ich ſie morgen nun auf immer verlaſſen muß, ſo will ich den heutigen Abend noch einmal mit ihr verleben,— ſie ſoll noch einmal gluͤcklich ſein!— Ich will ſie verlaſſen, ſie aber ſoll mich lieben!— Und er ſaß neben ihr auf dem Divan, und er hatte einen Arm um ihre Geſtalt gelegt, zaͤrtlich taͤndelnd ſpielte die an⸗ dere Hand in ihren dunkelen Locken und er fluͤſterte zaͤrtliche Liebesworte in ihr Ohr.— Die Lampe warf ein mattes Daͤmmerlicht in's Gemach,— um ſie her war es ſo ſtill, ſie waren ſo allein, ſo einſam, ſie waren ſo ſtumm, ſie preß⸗ ten ſo heiß Lippe an Lippe, ſie hefteten ſo tief Blick an Blick, — ach ſie waren ſo gluͤcklich.— Es erfaßte ſein Inneres wie ein Wahnſinn, wie eine Raſerei, es tobte in ihm wie verzehrende, vernichtende, moͤrderiſche Glut,— es war die Verzweiflung, die Reue, die Qual innerer Vorwuͤrfe. Ich moͤchte ſie morden, dachte er, und legte wie pruͤfend ſeine Finger um ihren Hals.— Sie ſah von ſeiner Bruſt zu ihm auf und laͤchelte, und ſeine Finger loͤſten ſich wieder— ach, ſie war ſo vertrauensvoll!— Ich koͤnnte jetzt ihr Alles ſagen, dachte er wieder, ich koͤnnte ſie todt zu meinen Fuͤßen liegen ſehen, ich koͤnnte die Bruſt ihr oͤffnen und ſehen, ob ihr Herz noch ſchlaͤgt. O, in dieſem Momente koͤnnte ich Alles wagen, und doch lieb' ich ſie bis zur Raſerei. Wohlan, ſo will ich genießen, nur dieſen Abend noch ihr Geliebter ſein.— Laut ſagte er nun, und ſeine Stimme war gepreßt von innerer Bewegung: 12 180 Sprich zu mir, meine Geliebte,— ich liebe deine Stimme, jeder Ton derſelben bebt durch meine Seele. Soll ich dir ſagen, daß ich dich liebe? Er laͤchelte, aber ein Krampf packte ſeine Bruſt und er antwortete nichts.— Geliebter, fluͤſterte ſie, ich gedachte eben jenes Abends, des erſten Abends, den ich hier mit dir verlebte. Wir ſaßen auch ſo neben einander beim matten Lampenlichte. Mein Ernſt, Monde ſind ſeitdem voruͤber gezogen, der Fruͤhling⸗ der Sommer mit ſeinen Bluͤthen iſt entſchwunden, der Spaͤtherbſt treibt die Blaͤtter von den Baͤumen,— in uns aber iſt es Fruͤhling geblieben, keine Blume unſeres Herzens i*ſt gebrochen.— Waͤre es moͤglich, koͤnnte man noch inniger lieben, wie ich dich damals ſchon liebte, ſo moͤchte ich ſagen, es iſt ſo. Mehr noch, inniger noch gehoͤrt dir meine Seele, i*ſt eins mit der deinen. Fuͤhlſt du nicht auch ſo? Ich fuͤhle auch ſo, ſagte er mechaniſch ihr nach, und wußte kaum, was ſie geſagt.— O mein Ernſt, ſagte ſie dann wieder mit den ſuͤßeſten Liebestoͤnen, koͤnnte ich dir nur einmal, einmal ſagen wie gluͤcklich ich bin, durch dich es bin. So ſelig, daß ich oft fuͤrchte, es muß enden, dieß Gluͤck.— Schilt mich, ſage mir, daß ich eine Thoͤrin bin.— Du liebſt mich ja, und wirſt mich immer lieben!— Ernſt lachte kurz und trocken: ich werde dich immer lie⸗ ben, ſagte er, und ſeine Stimme war hart und rauh. Weißt du, ſagte ſie, und zog zaͤrtlich ſeine Hand an ihre Lippen, weißt du, daß ich dich auch lieben wuͤrde, ſelbſt wenn du mich vernichteteſt? O ich fuͤhle es, ich wuͤrde dir I 181 Alles, Alles vergeben, ich wuͤrde zufrieden ſein, wenn ich nur zu deinen Fuͤßen ſterben koͤnnte. Sterben, durch dich,— ach, es muß ſo ſuͤß ſein fuͤr dich zu leiden!— Ernſt wollte ſprechen, er vermochte es nicht, es preßte ſeine Bruſt,— ſein Herz ſtand ſtill, ſein Geſicht erblaßte, und krampfhaft ſchloſſen ſich ſeine Haͤnde. Er ſah mit bren⸗ nenden Augen auf die herab, die voll inniger Liebe das Ge⸗ ſicht an ſeinem Buſen barg und die Zerſtoͤrung ſeiner Zuͤge nicht gewahrte. Dann laͤchelte er, aber es war ein grau⸗ ſames Laͤcheln. Es ſagte,— ich will dich opfern, ich will dich toͤdten, ich will es, denn ich liebe dich nicht mehr,— einer Andern gehoͤrt mein Herz.— Mein Herz, hoͤhnte er ſich ſelber, als ob ich ein Herz noch beſaͤße!— Und der Hohn machte ihn grauſam und kalt, und er preßte die Lie⸗ bende feſter an ſein Herz und unter gluͤhenden Küſſen fragte er wild: Willſt du mir ſchwoͤren, nie einen Andern zu lieben? Bedarf es des Schwurs, fragte ſie matt, denn er er⸗ druͤckte ſie faſt. Schwoͤre es, ſagte er rauh. Ich ſchwoͤre es, ſchwoͤre es bei meiner Liebe, aͤchzte ſie, — aber preſſe mich iit ſo feſt an dein Herz, du toͤdteſt mich.— Ja, ich will dich toͤdten, ſagte er immer wilder, und eine tiefe Glut bedeckte ſein Geſicht und das Blut ſtieg ihm in's Gehirn, ſpruͤhete aus ſeinen Augen. Er preßte die Zaͤhne aufeinander, feſt und grimmig, und ſeine Haͤnde druͤckten krampfhaft ihren Hals. Du thuſt mir weh, ſagte ſie. 182 Er lachte hell— ſie zitterte in ſeinen Armen und ſagte aͤngſtlich,— du biſt ſo ſeltſam, biſt du krank? Nein, ſagte er raſend, aber ich liebe dich. Du biſt das ſchoͤnſte Weib der Erde.— uUnd nun erſtickte er ihre Worte mit ſeinen Kuͤſſen und wie Feuer tobte das Blut in ſeinen Adern, es drehte ſich vor ſeinen Augen, es ſauſte vor ſeinen Ohren,— er war wie raſend— der Krampf ging voruͤber und ſeine Zuͤge wurden weicher und milder, und es glaͤnzte faſt wie eine Thraͤne in ſeinem Auge. Aber er erdruͤckte ſie ſchnell.„Nur Weiber weinen“ fluͤſterte ſein Stolz.— Und nun blickte er mit graͤß⸗ licher Ruhe auf ſie herab— nun war ſie verloren!— 3 1 Dreizehntes Capitel. Ich beſaß es doch einmal, Was ſo köſtlich iſt, Daß man doch zu ſeiner Qual Nimmer es vergißt! Göthe. Andern Tages um die Mittagsſtunde war Emilie im Salon, umringt von vielen Herren, die Alle gekommen waren, von der ſchoͤnen und gefeierten Kuͤnſtlerin Abſchied zu nehmen.— Sie empfing ſie Alle mit freundlicher Anmuth, wußte Jedem et⸗ was Angenehmes zu ſagen. Auch der Baron S. und Wil⸗ helm von... waren zugegen und ſchienen etwas zu erwarten, denn ſie blickten oft nach der Thuͤr, dann nach der Uhr und fluͤſterten mit einander.„Weißt du denn, was Carl eigentlich bezweckte?— Nein, ſagte der Baron, er bat mich nur, um dieſe Stunde hier zu ſein und alle Bekannte zu veranlaſſen, auch hier zu erſcheinen. Er wolle uns einen himmliſchen Spaß bereiten.—. Aha, da kommt er, unterbrach ihn der Andere, und Hal⸗ tern mit ihm.— 184 Emilie erhob ſich raſch vom Divan und eilte dem Ge⸗ liebten entgegen.— Wo warſt du ſo lange? fragte ſie zaͤrt⸗ lich,— dann aber erſchrak ſie, denn ſie gewahrte die Todes⸗ blaͤſſe ſeines Geſichtes.— Biſt du krank? fragte ſie in der hoͤchſten Angſt.—. Er ſchuͤttelte mit dem Kopfe und blieb ſtumm,— dann war eine augenblickliche Pauſe, Alles trat naͤher und ahnte, daß hier eine wunderbare, ſeltſame Scene folgen mußte. Erlauben Sie, ſagte da ploͤtzlich Carl, und trat einen Schritt naͤher auf Emilien zu, erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Ehrfurcht bezeige, Schoͤnſte der Schoͤnen. Ueber den bleichen Freund haben Sie mich vergeſſen.— Wirklich, ich ſah Sie nicht, ſagte ſie, und verwandte kein Auge von Halterns bleichem Geſichte, der ſie nicht zu ſehen ſchien.—. ns 88. Und doch, mein Fraͤulein, bringe ich Ihnen eine Neuig⸗ keit, und auch Ihnen, meine Herren.— Eine Neuigkeite fragten Alle, und draͤngten ſich naͤher heran.—. Emilie hatte Ernſtens kraftlos herabhaͤngende Hand er⸗ griffen und wollte ſie an ihre Lippen ziehen.— Laß das, ſagte er rauh.— Verwundert ſah ſie ihn an.— Hoͤren Sie meine Neuigkeit, Schoͤnſte, Graf Ernſt vo Haltern hat ſich ſo eben verlobt mit der Graͤfin von Koller. Emilie laͤchelte veraͤchtlich: Sie ſind in heiterer Stim⸗ mung, mein Herr,— der Humor ſteht Ihnen wohl. Ich ſcherze nicht, entgegnete er feſt,— darf ich Ihnen dieſe Karte anbieten? Sie nahm ſie, ſie blickte darauf hin, dann fragend, ver⸗ wundert auf Ernſt. Dieſer ſchlug das Auge nieder.— Alles war ſtumm— Alle fuͤhlten die furchtbare Groͤße dieſes Moments,— nur Carl laͤchelte.— Emiliens Hand ſank herab, die Karte fiel zur Erde und ſo ſtill war Alles umher, daß das Fallen derſelben faſt ſchaurig laut klang, und Emilie davor erſchrak. Sie trat hoch und ſtolz auf Ernſt zu, ſie legte ihre Hand auf ſeine Schulter und blickte forſchend, aber ruhig ihm in's Auge. Iſt es wahre? fragte ſie laut.— Es iſt wahr, ſagte er, und ſeine Stimme bebte.— Sie ſchrie nicht auf, ſie weinte nicht, aber ihr Geſicht ward bleich wie Marmor und ihre ganze Geſtalt erbebte.— Sie taumelte zuricc— ihr Auge irrte umher,— es traf auf Carl.— O, ſagte ſie zornig und faßte krampfhaft ſeine Hand, 8 ie haben ihn mir entriſſen.— Schoͤnſte, Sie ſchwaͤrmen, ſagte er und lachte hoͤhniſch, nein, er ſelbſt entriß ſich Ihnen.— Er ſelbſt? fragte ſie tonlos. Und ſie ſtuͤrzte zu ihm hin und ſie ſank vor ihm nieder, und mit herzzerreißender Stimme flehte ſie: O ſag', daß es nur ein Spiel war! Du wollteſt nur ſehen, ob ich dich liebe, wollteſt das an meinem Erſchrecken ſehen. Ach, Ernſt, es war ein boͤſes, ein grauſames Spiel, aber ich will nicht mur⸗ ren! O Ernſt, nicht wahr, es kann nicht ſein?. Ernſt fuͤhlte alle ſeine Kraft, allen ſeinen Muth vor ihrem Schmerze ſchwinden,— aber er fuͤhlte auch, jetzt mußte er feſt ſein. Und rauh und kalt ſagte er: 186 Nein, es iſt Wahrheit! 7 Es iſt Wahrheit, ſprach ſie wild ihm nach und flog em⸗ por, und ſtand da gluͤhend vor Zorn mit ſpruͤhendem Auge. — So bin ich verrathen, ſchmaͤhlich verrathen!— Sie ſchwieg und ſchwere Seufzer hoben ihre Bruſt.— Nein, es kann nicht ſein, ſtoͤhnte ſie dann und legte die Hand an die Stirn, als wolle ſie ſich ſammeln.— Ernſt, ſagte ſie, und nun war ihre Stimme weich und aller Schluerz der Liebe lag darin, Ernſt, was that ich dir, daß du mich ſo ver⸗ rathen konnteſt? Hale ich dich nicht geliebt, geliebt wie mein Leben?— Ja, das haſt du, ſagte er faſt uͤberwaͤltigt. O, ſiehſt du, laͤchelte ſie, ſiehſt du, daß es nur ein Scherz war, daß du mich nur pruͤfen wollteſt? Du ſagſt, daß ich dich liebe,— du kannſt mich nicht verlaſſen. Und wieder zog ſie zaͤrtlich ſeine Hand an ihre Lippen.— Du doͤſer, eitler Mann, ſagte ſie faſt heiter, wollteſt du allen dieſen Herren hier zeigen, wie ganz dir mein Herz gehoͤrt, wie ganz die ſtolze Kuͤnſtlerin nur deine Sclavin iſt?— Es lag etwas Herzzerreißendes in dieſem unerſchuͤtter⸗ lichen Vertrauen, in dieſem Laͤcheln, und manches Auge wandte ſich ab, und manches, noch ſo ſehr in Weltluſt befan⸗ gene Herz tadelte bitter des Grafen Haͤrte, der jetzt mit ru⸗ higer Stimme ſagte: Nein, Emilie, glaube mir, es iſt wahr. Sieh doch die Karte an, die ſagt dir Alles.— Alſo wahr, murmelte ſie und hob mechaniſch die Karte vom Fußboden auf und uͤberflog ſie— dann ſchien ſie Alles begriffen zu haben,— ſie hob ihr Haupt, es war ernſt und 187 ſtolz, ſie richtete ihre Geſtalt auf und ſtand da wie eine zuͤr⸗ nende Koͤnigin. Es iſt gut ſo, ſagte ſie, und ſelbſt ihre Stimme zitterte nicht,— es iſt gut ſo.— Du biſt frei, Ernſt, voͤllig frei. — Ach, aber vor dem Sinne dieſer Worte ſchwand ihre Kraft, und laut weinend, kaum ihrer Sinne maͤchtig, ſank ſie wieder vor ihm nieder, ſie umklammerte ſeine Knie, ſie dachte nicht mehr der Gegenwart ſo vieler Zeugen, ſie ſprach zu ihm mit aller Zaͤrtlichkeit des Weibes.— Ernſt war kei⸗ ner Worte maͤchtig. Carl aber trat naͤher, und ſie leicht beruͤhrend, ſagte er ſpoͤttiſch: Erſchoͤpfen Sie ſich nicht, Fraͤulein, Sie werden keine Kraft behalten fuͤr heute Abend zu Ihrer Rolle.— Sie ſah ihn wild einen Augenblick an. Ja, rief ſie dann und ſprang empor, ja jetzt ſehe ich, daß ich verrathen bin, wenn Sie es wagen, mich in ſeiner Gegenwart zu beſchimpfen.— Schweigend ging ſie einige Mal auf und ab, es ſchien, als wolle ſie mit Gewalt ihre Gefuͤhle beherr⸗ ſchen. Auch gelang es ihr, die dunkle Glut ihrer Wangen verlor ſich und ihr Athem ging wieder ruhig, und als ſie nun ſprach, war ihre Stimme klar und feſt.— Lebe wohl, Ernſt, ſagte ſie und trat ihm naͤher, lebe wohl, und moͤgeſt du nie mit Reue dieſer Stunde gedenken. — Ich beklage dich,— du haſt dich ſelber verloren, nicht ich dich. Denn, ſiehſt du, der Ernſt, den ich liebte, das biſt du nie geweſen,— das weiß ich nun.— Der, den ich liebe, den werde ich immer lieben, ich ſchwur es ihm geſtern, meinem Geliebten.— Dieſer Ernſt hier, das iſt nur Ihr Freund, wandte ſie ſich zu Carl, der ohne Scheu ihrem 188 Blicke begegnete. O, um Alles moͤchte ich nicht an Ihrer Stelle ſein, Herr Graf, denn— ich ſage Ihnen, Sie ſind ein Ungeheuer.— Vielleicht ein bezaubertes? fragte Carl,— verſuchen Sie, mich zu erloͤſen.— Sie ſah ihn veraͤchtlich an,— dann gleitete ihr Blick zu den Herren, die Alle vor dieſem Blicke das Auge ſenkten, als wollten ſie es ihr erſparen, in ihrem Auge ihr Mitgefuͤhl zu leſen.— Meine Herren, ſagte ſie mit der Wuͤrde und Hoheit einer Fuͤrſtin, man hat Sie hier zu Zeugen einer Scene ge⸗ macht, die wohl nicht fuͤr die Oeffentlichkeit paßte. Aber man hat gedacht, lachte ſie bitter, daß eine Schauſpielerin es gewohnt ſei, vor der Menge zu weinen und zu klagen, daß ihr Schmerz immer nur Buͤhnenſpiel.— Gehen Sie denn, meine Herren, fuhr ſie fort und richtete ſtolzer ſich auf, ge⸗ hen Sie denn und verkuͤnden Sie das Wunder, daß Sie auch außer der Buͤhne eine Schauſpielerin weinen ſahen, heiße Thraͤnen, und daß ſie ſo natuͤrlich klagte und jammerte, wie jedes andere menſchliche Weſen.— Und nun daͤchte ich, waͤre dieſe Scene lang genug, und man wird mir erlauben, mich zuruͤck zu ziehen.— Noch einen Blick warf ſie auf Ernſt,— einen Blick, vor dem er erbebte,— ſie bemerkte es und laͤchelte bitter, dann ging ſie hohen, feſten Schrittes zur Thuͤr, verneigte ſich noch einmal und verſchwand.— Stumm blickten Alle ihr nach,— es war, als neigten ſich ihre Seelen bewundernd vor einem ſo edlen großen Schmerze— dann wandten ſich aller Augen auf Ernſt, der wie vernichtet an dem Divan lehnte. Aber die auf ihn ge⸗ 189 richteten Blicke riefen ihn zuruͤck in die Gegenwart, ſtolzen Schrittes trat er in die Mitte des Salons und ſagte ruhig: Meine Herren, Sie werden mir morgen Mittag die Freude machen meine Gaͤſte zu ſein zur Feier meiner Ver⸗ lobung. Emilie aber war in ihr Boudoir gegangen, hatte die Thuͤr hinter ſich verſchloſſen und ſank nun wie vernichtet auf einen Seſſel. Krampfhaft hob ſich ihr Buſen und ihr Auge war ſtarr und thraͤnenlos. Sie hatte kein Erinnern, keine Gedanken, ſie war betaͤubt von dem erſchuͤtternden Schlage. Der erſte Kampf ging voruͤber, und nun kam ihr die Erinne⸗ rung, und— nun weinte ſie. Stroͤme von Thraͤnen rannen unaufhaltſam uͤber ihr bleiches Geſicht, ſie gab ſich ganz ihrem Schmerze hin, ſie ließ austoben ihre innere Qual, ſie ſchloß ihr Auge nicht in weibiſchem Zagen vor dem uͤber ſie herein⸗ gebrochenen Ungluͤck,— ſie ſchaute kuͤhn es an und gab ihm ihre Bruſt hin, darin Wohnung zu nehmen. Nur große Seelen haben die Faͤhigkeit recht ungluͤcklich zu ſein, oder auch recht gluͤcklich, weil ſie allein auch großer und be⸗ waͤltigender Eindruͤcke faͤhig ſind. Emilie war gluͤcklich ge⸗ weſen mit ganzer Seele,— ſie mußte nun ungluͤcklich ſein mit ganzer Seele.— Doch ſie war auch ſtark, ſie beſaß einen kraͤftigen Geiſt, ſie kaͤmpfte mit dem Schmerze und ſie be⸗ zwang ihn. Nachdem das Weh aus ihr geweint, richtete ſie ſich auf an ihrer Kraft. Sie trocknete ihre Augen, ſtand auf und ging feſten Schrittes auf und ab. Zuweilen wohl noch hoben ſchwere, bange Seufzer ihre Bruſt, ſie unter⸗ druͤckte ſie„ich will ruhig ſein“ fluͤſterte ſie und hob ſtolzer das Haupt. Dann trat ſie zum Spiegel, und als ſie ihr 190 bleiches Antlitz, die rothgeweinten Augen ſah, laͤchelte ſie— ach, es war ein ſo ſchmerzliches Laͤcheln, ſo laͤchelte einſt Arria, als ſie mit der Todeswunde in der Bruſt dem Ge⸗ liebten den Dolch reichte und ſprach: Paete, Paete, non do- let. So laͤchelte einſt der ſtolze Roͤmer, als er die Hand in die Glut hielt und rief:„ein Roͤmer ſcheut keinen Schmerz!“— Nur Heldenſeelen haben dieß Laͤcheln— aber wer es ſieht, dem treibt es Thraͤnen in das Auge.— Sie ſchellte nach ihrer Kammerfrau, und befahl dieſer, die Vorſtellung fuͤr heute Abend abzuſagen und Alles zur Ab⸗ fahrt bereit zu halten. Wir fahren heute noch, ſagte ſie ru⸗ hig.— Als ſie aber ſah, daß die Dienerin, verwundert ſie anblickend, ſprechen wollte, winkte ſie ihr ungeduldig, ſie zu verlaſſen. Sie war nun wieder allein, ſie ſetzte ſich und ſchrieb. 5 Emilie an Ernſt. Zuͤrne mir nicht, Ernſt, daß ich Dir noch einmal ſchreibe, — es war mir Beduͤrfniß,— ich mußte Dir ſagen, daß ich Dir verzeihe, Alles verzeihe. O, ich kenne Dich, ich weiß, daß eine Zeit kommen wird, in der Du bitter bereuen wirſt, was Du mir gethan. Ernſt, Mann, den ich geliebt, wie nur ein Weib es vermag, fuͤr dieſe Zeit ſage ich Dir: es iſt kein Groll in meinem Herzen! Nein, Dich beklage ich! Nun weiß ich Alles, nun verſtehe ich Alles! Dein finſteres Stirnrun⸗ zeln, Deine truͤbe Stimmung der letzten Wochen. Armer Ernſt, was litt wohl Deine Seele im Kampfe der Liebe und— des Stolzes.— Siehſt Du, Ernſt, ich verſtehe Dich, und weil ich das thue, verzeihe ich Dir! Ich ſage Dir, — 11 ich weiß, daß Du mich liebſt, mich nie vergeſſen wirſt,— was uns Beide trennt, das iſt die Welt und— der Graf! — Dein Stolz konnte ein Verhaͤltniß nicht ertragen, was die Welt tadelte, und dem Stolze,— dem Grafen, mußte der Ernſt, der mich liebte, unterliegen.— Ich habe ein ge⸗ faͤhrlich Spiel geſpielt, ich wagte, wie der kuͤhne Schiffer, auf ein einziges Fahrzeug all' mein Gluͤck, der Sturm aber trieb es hinaus in das offene Meer,— mir iſt es verloren, und ich ſtehe da,— einſam und arm!— Ja, Ernſt, ganz arm an Hoffnungen und Lebensluſt! Und ich war doch ſo reich, — ich war ſo gluͤcklich! Ach, daß der Menſch ſich nicht ge⸗ nuͤgen laͤßt an dem, was er einſt beſeſſen, daß er nicht leben kann an der Erinnerung, und von ihr zehren in trauriger Gegenwart!— ich weiß es wohl, ich werde wieder ruhig werden, aber niemals wieder gluͤcklich. O Ernſt,— iſt es nicht traurig, ein langes oͤdes Leben vor ſich zu ſehen, ohne Gluͤck?— Ich koͤnnte dieß Leben enden, Hunderte haben es vor mir gethan und werden es thun. Aber es iſt eine Schwaͤche,— ich wuͤrde dann widerrufen, was ich durch mein ganzes Leben behauptete, daß der Menſch hoͤher ſtehen ſoll, wie das Schickſal, daß er dieſes beherrſchen ſoll, nicht ſich beherrſchen laſſene Ich ſage Dir aber, es iſt ſchwer, ſehr ſchwer zu leben, dem Ungluͤcklichen hat der Tod etwas ſo Lockendes, er iſt das ſtille Aſyl, in das er fluͤchten moͤchte vor allen Stuͤrmen, aber es iſt eine Erniedrigung ſeiner Selbſt, ſeiner Wuͤrde als Menſch. So nehme ich es denn an, dieß Leben ohne Freude und ohne Luſt, ſo nehme ich es denn an und will nicht zagen und murren! Im ſtolzen Ueber⸗ muthe wollte ich mich erheben uͤber die Welt, wollte zweien 192 Goͤttern dienen,— der eine mußte ſinken vor dem andern.— Vor dir, meine Kunſt, lege ich nun mein blutendes Herz nieder, du allein ſollſt Wohnung darin haben— wirſt du die Wunden heilen, die die Liebe mir ſchlug?— Ja du wirſt es,— aber die Narben werden nicht verharrſchen. Nein, ſie ſollen es auch nicht! Ich will nicht vergeſſen, daß ich einſt gluͤcklich war, ich will ſchwelgen in der Erinnerung und zu den vergangenen Zeiten ſagen: weicht nicht von mir, bleibt bei mir, denn auch in der Erinnerung noch ſeid ihr die Wonne meines Lebens! Ja, Ernſt, ſo werde ich Dein Bild in meinem Herzen tragen, ſo wird es nimmer aus demſelben weichen!— der Menſch empfindet nur einmal jungfraͤulich fuͤr Schmerz und Freude, und auch fuͤr die Liebe.— Ich werde keine zweite Liebe haben!— Ich glaubte einſt an die Ewigkeit der Liebe,— nun aber weiß ich, daß ſie enden kann, und daß man es uͤberleben kann,— ſollte ich noch einmal mich ihren Entzuͤckungen, ihren Qualen und Taͤuſchungen hingeben?— Nein Ernſt,— es iſt vorbei, Du warſt meine erſte Liebe, und wirſt auch die letzte ſein! Und wenn mein Herz ſich einſam fuͤhlt und verlaſſen, wenn es weint und klagt nach Dir, dann will ich fluͤchten in deine Arme, Kunſt, und du wirſt mich troͤſten und mir Muth geben!— Eine große Beſtimmung iſt mir geworden, dich ſollte ich verherrlichen, deine Prieſterin ſollte ich ſein, dein Feuer ſollte ich huͤten. Aber ich naͤhrte noch eine andere lamme,— du ſtrafteſt es.— Nun kehre ich zu dir zuruͤck mit blutender Bruſt, todesmatt, nimm mich wieder auf, heile mich,— lehre mich nicht vergeſſen, aber ruhig ſein und das Leben ertragen!— Lebe wohl, Ernſt,— ich rufe 193 es Dir zu aus voller, aus bewegter Seele, noch einmal lehne ich mich im Geiſte, wie ſonſt an Deine Bruſt, und blicke in Dein liebes Geſicht, das die Sonne meines Lebens war— ſie iſt mir untergegangen und in mir iſt es Nacht!— Lebe gluͤcklich,— laß Deine Tage nicht getruͤbt werden durch mein Bild, denke an mich, wie Du einer Wolke gedenkſt, die einſt uͤber Deinen Himmel zog und ihn einen Augenblick truͤbte, der Wind trieb ſie weiter— es war nicht Deine Schuld! Eine Bitte richte ich an Dich,— Du wirſt ſie der Scheidenden nicht weigern. Nimm von mir mein liebes Waldthal als eine Erinnerung an mich. Und wenn Du in dem ſtillen Garten biſt und auf dem Plabe, wo ich einſt ſo ſelig, ſelig neben Dir ſaß, und wenn der Mond ſcheint, wie damals, und die Nachtigall floͤtet, und der Wind lispelt, wie damals,— dann gedenke mein,— ich weiß, Du wirſt es thun! Aber nicht denke meiner mit Vorwuͤrfen und Reue. Nein, Ernſt, es iſt Alles gut ſo. Wir waren gleich zwei Sternen, die einander begegnen auf ihrer Bahn, nach den ewigen Geſetzen der Natur. Einige Augenblicke beruͤhren ſie einander, ſcheinen eins zu ſein, und heller und ſtrahlender funkelt das Licht der beiden Vereinten,— aber ihre Beſtim⸗ mung treibt ſie von einander, dieſelben Geſetze, die ſie ver⸗ einigten, trennen ſie auch wieder, und ſie muͤſſen weiter zie⸗ hen auf der bezeichneten Straße,— das Verhaͤngniß treibt ſie. Und nach Jahrhunderten mag der Moment wieder kommen, ſie moͤgen wieder einander begegnen, ſie moͤgen einander erkennen und ſich dieſes Wiederſehens freuen!— Laut ruft es in meiner Bruſt,— auch wir werden uns wie⸗ der ſehen einſt in der Ewigkeit! Ja, es giebt eine Ewigkeit! II. 13 194 Und wenn man es fruͤher auch nicht wußte, ſo weiß man es, nachdem man weinte. Ich ſage Dir, wir werden uns wie⸗ der ſehen. Und wenn den ſeligen Geiſtern ein Erinnern vergoͤnnt iſt an die Leiden und Freuden der Erde, dann werde ich dort oben Dir ſagen, wie ich es jetzt ſage: Es war doch ſchoͤn, daß ich Dich kennen lernte, ach— ein Augen⸗ blick des Gluͤckes und der Liebe iſt nicht zu theuer erkauft mit einem ganzen Leben voller Thraͤnen! Emilie an Solau. Sie hatten Recht, mein theurer, mein vaͤterlicher Freund, — o warum glaubte ich nicht Ihren Worten!— Ich bin einſam,— meine Seele ruft nach Ihnen, kommen Sie zu der Vereinſamten! Sie hatten Recht,— aber auch ich! Und jenes hohe Ideal, das ich in mir trage,— es wird nicht immer ein Traum der Phantaſie bleiben, es wird einſt in's Leben treten und wird die Menſchheit begluͤcken und ſie auf eine Stufe erheben, von der aus die jetzige Zeit klein und un⸗ bedeutend zu ihren Fuͤßen liegt, und ſie werden nicht faſſen koͤnnen, daß ſie die Hoͤhe vor ſich hatten und im niedrigen Thale ſo lange geblieben!— Aber noch werden Jahrhun⸗ derte vergehen bis zu jener Zeit,— daß ich jetzt und nicht dann lebe, das iſt mein Ungluͤck,— mein Schickſal. So bin ich eine Maͤrtyrin meines Glaubens. Ich werde ihn nicht aufgeben, waͤre er auch die Urſache meines Todes. So⸗ krates trank den Giftbecher unverzagt,— er widerrief nicht um koͤrperlicher Leiden willen, was ſeine Seele als wahr er⸗ kannt; Huß duldete des Feuertodes Qualen und ſang unter 195 ſeinen Martern das Lob ſeines Glaubens!— Auch ich dulde Todesqualen,— aber ich widerrufe nicht.— Sie gingen in den Tod fuͤr ihren Glauben,— ich werde leben,— ach, und das iſt ſo ſchwer!— Aber ich will muthig und gefaßt ſein,— Sie ſollen Ihre Freundin Ihrer wuͤrdig ſehen,— ich will den Schmerz beſiegen, ich will ſtark ſein. O welche Kraft liegt in der Seele des Menſchen, wenn er ſie nur an⸗ wenden will, wenn er nur den goͤttlichen Funken in ſich nicht verkennen will! Ich habe meine Kraft erprobt, und nun weiß ich, daß ich leben kann, daß auch in mir ein Theil je⸗ nes erhabenen Geiſtes, den wir Gott nennen, nun weiß ich, daß wir auch der Leiden beduͤrfen, um uns zu kraͤftigen und zu erheben. Wer niemals recht weinte, wird niemals frei ſich uͤber das Irdiſche erheben koͤnnen,— unter Thraͤnen glaͤnzt uns die Welt, die Menſchen und die Gottheit.— Ich reiſe heute noch und weiß, Sie werden vorher noch zu mir kommen!— Der Wagen ſtand bereit, Alles war zur Abreiſe fertig, aber Emilie kam noch immer nicht. Sie ſaß in ihrem Bou⸗ doir; ſchwermuͤthig hatte ſie das Haupt auf ihre Hand ge⸗ ſtuͤtzt, ihr Geſicht war geiſterbleich, die Augen blickten zu Boden und langſam rollten ein paar Thraͤnen unter den langen Wimpern hervor und fielen nieder auf den Buſen, der von ſchweren Seufzern ſich hob. Sie konnte ſich nicht losreißen, die vergangenen ſchoͤnen Tage zogen wie die Gei⸗ ſter laͤngſt Verſtorbener an ihrer Seele voruͤber, und Jeder gab ihr einen neuen Schmerz. Jetzt oͤffnete ſich leiſe die Thuͤr und Solau trat ein. Er ſtand einen Augenblick ſtill unter der Thuͤr, und blickte mit tiefem Mitleid auf Emilie, 13* die, ganz in ihren Schmerz verſunken, ſein Kommen nicht bemerkte. Dann trat er naͤher und ſagte leiſe: Emilie!— Sie erſchrak nicht,— in ihrer Seele war keine Kraft mehr dazu— langſam hob ſie das Auge, aber als ſie So⸗ lau erkannte, zuckte es in ihren Zuͤgen,— der Schmerz trat in dieſelben, ſie erhob ſich, ſie umſchlang mit beiden Armen den Greis und hauchte unter Thraͤnen: Mußten wir uns ſo wieder ſehen!— Armes, ungluͤckliches Kind! ſagte Solau und ſtreichelte zaͤrtlich ihre Wange.— Nennen Sie mich nicht ungluͤcklich, ſagte ſie eilend, be⸗ klagen Sie mich nicht,— ich werde dann laut ausbrechen in Schmerz.— Das darf nicht ſein.— Sie legte ihre Haͤnde wie beruhigend auf das Herz und ſchwieg.— Dann reichte ſie Solau die Hand und ſagte: o wie danke ich Ihnen, daß Sie kamen, daß Sie mich noch einmal Ihr liebes treues Geſicht ſehen laſſen. Ich mußte es ſo lange miſſen.— Sie haben mich nicht vergeſſen, Sie haben mir Ihre Theilnahme bewahrt.— Niemand wird Sie vergeſſen, der Sie einmal kannte, ſagte er geruͤhrt.— Sie bebte leicht zuſammen. Sagen Sie das nicht, fluͤ⸗ ſterte ſie,— er, der Einzige, den ich— doch nein, nicht davon wollen wir ſprechen.— Ich muß fort,— der Wagen ſteht bereit, laſſen Sie uns Abſchied nehmen. So wollen Sie fort, allein in dunkler Nacht? Sie laͤchelte wehmuͤthig: Ich bin nicht allein! Die Gei⸗ ſter meiner entſchwundenen Tage werden mit mir ziehen!— 497 Kommen Sie, ſagte ſie dann faſt aͤngſtlich, noch eine Mi⸗ nute, und ich habe nicht mehr die Kraft zu gehen.— Mit fieberiſcher Eile huͤllte ſie ſich in ihren Shawl und auf Solau's Arm gelehnt verließ ſie das Zimmer.— Lang⸗ ſam gingen ſie die Treppe hinab, aber mit jedem Schritte ſchien ihre Kraft zu ſinken, ſie bebte, und ſchwer und ſchnell ging ihr Athem. Alſo das letzte, letzte Mal betritt mein Fuß dieſe Stufen! O, es iſt furchtbar.— Nein, ſehen Sie mich nicht ſo aͤngſtlich an, ich habe Kraft, o Rieſenkraft.— Sie richtete ſich ſtolz auf und ging feſten Schrittes die Treppe hinab.— Jetzt kamen ſie an Halterns Thuͤr voruͤber. Emilie ſtand ſtill, ſie zog ihre Hand aus Solau's Arm und 4 blickte nach der Thuͤr. Ein furchtbarer Kampf erhob ſich ii ihrem Innern. Ein Druck an dieſes Schloß, und ſie war wieder bei ihm,— ach, ihn ſehen, es ſollte ihr genuͤgen, rief ihr Herz, und ſie ſagte es laut, ſich ſelber unbewußt.— Und ſchon faßte ihre Hand den Griff.— Da bebte ſie zuruͤck. Nein, er hat mich verſchmaͤht, hauchte ſie.— Nun lehnte ſie matt ihr Geſicht an die Thuͤr, nun neigte ſie das Haupt und druͤckte auf das Schloß ihre heißen, gluͤhenden Lippen. Seine Hand wird es beruͤhren, ſagte ſie. Laut rief ſie dann. Lebe wohl, Ernſt!— Und als fuͤrchte ſie ſich vor ihrer eige⸗ nen Schwaͤche, ſtuͤrzte ſie vorwaͤrts zum Wagen hin.— Die Kammerfrau ſaß neben ihr, der Bediente hatte ſich auf den Bock geſchwungen, noch einmal reichte ſie Solau die Hand hin,— dann ſank ſie entkraͤftet zuruͤck. Vorwaͤrts, rief der Bediente!— dahin flog der Wagen! Lauſchend hatte Ernſt hinter den verſchloſſenen Jalouſien geſtanden, ſein Herz klopfte hoͤrbar, ein Froͤſteln durchflog ſeine Glieder. Als der Wagen dahin rollte, da zuckte es gar ſeltſam in ſeinen Mienen, und der ſtolze, ſlarke Mann ver⸗ mochte nicht laͤnger einem tieferen Gefuͤhle zu widerſtehen, und er lehnte ſein Haupt an die Wand und— weinte!— Emilie, du waͤreſt wieder gluͤcklich geweſen, haͤtteſt du dieſe Thraͤnen geſehen!— Aber ſie war fern,— dein boͤſer Daͤ⸗ mon dir nahe.— Carl trat ein. Schnell, als ſchaͤme er ſich dieſer Schwaͤche, trocknete Ernſt die Augen. Thraͤnen, ſpottete Carl, es geziemt einem gluͤcklichen Braͤutigam wohl zu weinen.— Ich weine nicht, ſagte Ernſt ſtolz.— Iſt ſie fort? 1 Ja, ſo eben fuhr ſie dahin!— Aha, deshalb deine Thraͤnen. Ich ſage dir, Carl, ſo wie Emilie wird mich Keine wie⸗ der lieben! Albernheiten, cher ami!— die Weiber lieben alle gleich! Nein, Carl. Dieſe wird niemals mich vergeſſen.— Dich nicht vergeſſen, lachte Carl, eitler Menſch, ſie wird dich vergeſſen! Denn ſie iſt eine Schauſpielerin, und die ver⸗ geſſen leicht. Darum kein truͤbes Geſicht. Du haſt gehan⸗ delt wie ein Graf.— Eine Schauſpielerin zur Geliebten, eine Graͤfin zur Gemahlin,— das iſt brav; daß die Gemah⸗ lin die Geliebte verdraͤngt, c'est en ordre, cher ami. O es werden bald die Zeiten kommen, wo die Geliebte die Gemah⸗ lin verdraͤngt. Es giebt der Saͤngerinnen und Taͤnzerinnen ſo viele, und wozu ſind ſie denn anders da? Sie geben un⸗ ſeren muͤßigen Stunden Unterhaltung auf der Buͤhne, wir 199 erlauben ihnen uns zu lieben, aber ſie muͤſſen nicht ſo albern ſein zu glauben, daß wir ihnen auch treu ſein werden! Die Schauſpielerin iſt nur ein Zeitvertreib, ein Spielwerk unſerer muͤßigen Stunden.— Ernſt antwortete nicht, aber er griff nach ſeinem Hute. Wohin, cher ami? Zu Caͤcilien!— 1 Emilie liebte nie wieder!— Sie hatte den Glauben ver⸗ loren, und unter den Triumphen, unter den Huldigungen ihrer Verehrer blieb ihr Herz kalt. Sie lebte nur ihrer Kunſt, und bald trug Fama ihren Namen durch ganz Europa. Was ihr die Liebe verſagte, das ſuchte ſie beim Ruhme— Befriedigung,— ſie fand ſie nicht. Denn nur im ſtil⸗ len, haͤuslichen Wirkungskreiſe findet das Weib Gluͤck und Frieden,— uͤberſchreitet ſie dieſen, ſo hat ſie ihre Beſtimmung verfehlt und wird nimmer gluͤcklich ſein. Ihr Herz war ein⸗ ſam, und— mag das Weib auf der hoͤchſten Stufe der Bil⸗ dung ſtehen,— fuͤr die Einſamkeit des Herzens giebt nichts ihr Erſatz. So war es Emilien. Auch mußte die raſtloſe Thaͤtigkeit ihres Geiſtes bald ihren Untergang bereiten. We⸗ nige Jahre nur, und die einſt ſo Bluͤhende, ſo Strahlende in Schoͤnheit und Kraft ſank dahin in's Grab, mit dem ſchmerzlichen Gefuͤhle des Alleinſeins. Die oͤffentlichen Blaͤt⸗ ter verkuͤndigten ihren Ruhm, Thraͤnenſonette, Trauerreden wurden zu ihrer Verherrlichung gedruckt,— ach, aber ſie hatte Niemand, der mit liebender Hand ihr die Augen ſchloß, Niemand, der an ihr Grab kam, zu weinen.— Ihr vekklaͤrter Geiſt aber ſchwang ſich auf in's Vaterland der Kunſt, und wird dort die Raͤthſel dieſer Welt geloͤſet ſehen, wird dort 200 gefunden haben, was die Erde nicht giebt— Befriedigung und Gluͤck. Ernſt war tief erſchuͤttert bei der Nachricht ihres Todes. Er war nicht gluͤcklich in ſeiner Ehe,— zu ſtolz zur Klage zog er immer mehr ſich zuruͤck von der Welt und den Menſchen. Und in der Einſamkeit und Stille des Gartens in Waldthal trat immer lebhafter ihr Bild ihm entgegen, und mit bitterm Schmerze geſtand er ſich ſelbſt, daß jene Tage, die er hier mit Emilien einſt verlebte, die gluͤcklichſten ſeines Lebens ge⸗ weſen, daß Niemand ihn ſo geliebt, wie ſie. Die Reue, dieſer Mehlthau der Freude, legte ſich um ſein Herz und er ward finſter und ernſt. Nur in dem Garten, den ſie einſt geliebt, auf der Bank neben dem Fliedergebuͤſche, wo ſie zuerſt an ſeinem Herzen geruht, nur dort kam alles Gefuͤhl, alle Weichheit fruͤherer Tage ſeinem Herzen zuruͤck,— dort war er wieder, was er einſt geweſen, bevor noch die Welt, der Stolz ſein Inneres erkalteten,— dort war er wieder der Ernſt, den Emilie einſt geliebt, und der er, ach— damals nie geweſen!— Carl lebte ein Leben, wie Tauſende ſeines Gleichen es le⸗ ben,— ſeine aͤltere fuͤrſtliche Gemahlin ließ ihn die Herr⸗ ſchaft fuͤhlen, die hoͤherer Rang und Reichthum ſo leicht dem aͤlteren Weibe giebt. Er empfand das zuweilen druͤckend als eine Laſt— er war aber zu flach, um ungluͤcklich zu ſein.— Er war ein Weltmenſch— und genoß die Freuden dieſer Welt, — wer vom Leben nichts fordert, als Zerſtreung und Genuß, der mag ſeine Wuͤnſche befriedigt ſehen!— ‿‿ vierte Abtheilung. * Erſtes Capitel. Siehe, da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene ſtirbt. Auch ein Klag'lied zu ſein im Munde der Menſchen iſt herrlich, Denn das Gemeine geht klaglos zum Orkus hinab. Schiller. Warum ſo ſinnend, Prinzeß? fragte die Oberhofmeiſterin ſchon zum zweitenmale.— Leonore achtete nicht darauf. Schwermuͤthig das Koͤpfchen in ihre Hand geſtuͤtzt, blickte ſie zur Erde, eine Thraͤne glitt langſam uͤber die roſige Wange, fiel nieder auf die im Schooße gefaltenen Haͤnde. Die heiße Thraͤne, dieſer ſichtbare Zeuge verhaltenen Schmer⸗ zes erweckte die Fuͤrſtentochter aus ihrem Sinnen, und ſcheu und wie erſchreckt aufblickend gewahrte ſie die erſtaunt vor ihr Stehende.— Oh, ſagte ſie mit wohltoͤnender Stimme, Sie ſind da! Entſchuldigen Sie meine Zerſtreutheit.— Die Oberhofmeiſterin maß Eleonore mit pruͤfenden Blicken und agte ſtrenge: was ſollen dieſe Thraͤnen, Durch⸗ laucht? Das hohe Aelternpaar wuͤrde zuͤrnen ob dieſer Thraͤ⸗ nen, die einer jungen Braut nicht geziemen. Eleonore laͤchelte bitter, dann das Haupt leicht zuruͤckwerfend, ent⸗ 204 gegnete ſie: noch iſt es nicht entſchieden, ob ich dieſen Titel mit Recht verdiene. Ich wuͤnſche es nicht.— Sie ſchwieg einen Augenblick, dann fragte ſie raſch: iſt der Fuͤrſt, mein Vater, im Schloſſe, darf ich ihn ſprechen?— Die Oberhofmeiſterin blickte auf die Uhr. Es iſt noch nicht die Stunde, Prinzeſſin, in der die Sitte es erlaubt, daß Ew. Durchlaucht den Fuͤrſten ſehen.— Die Sitte— wiederholte Eleonore, und ſtamyfte un⸗ willig mit dem Fuße, o ewig hoͤre ich das verhaßte Wort! Welches Geſetz darf wohl einem Kinde verbieten, ſeinem Vater zu nahen?— Das Geſetz, entgegnete ſtreng die alte Dame, dem ſich der Fuͤrſt, der Herrſcher unterwerfen muß, das Geſetz der Etiquette.— Und wer unterfing ſich, fragte die Prinzeſſin ſtolz, eben den Fuͤrſten Geſetze, und ſo beengende zumal, zu geben? Die Oberhofmeiſterin zuckte leicht mit den Achſeln. Ich weiß es nicht, Fraͤulein. Von Ihren hohen Vorfahren ſind ſie Ihnen uͤberkommen, und muͤſſen und ſollen heilig gehal⸗ ten werden.— 1 Sie ſprechen wie meine erlauchte Frau Mutter. Wehe uͤber dieſe Geſetze, die mich abhaͤngiger machen, als das niedrige Buͤrgermaͤdchen, die, an keine Stunde gebun⸗ den, freie Wahl hat, zu thun was ſie willl—. O es muß ſo ſchoͤn ſein, froͤhlichen Muthes im leichten, zwang⸗ loſen Gewande auf der Wieſe umherzuhuͤpfen, zu lachen, zu ſcherzen, zu weinen, wie man eben will, nicht ewig und immer von ein paar ſtrengen Augen bewacht, die aͤngſt⸗ lich jeden Schritt beachten, ob er nicht uͤber die Graͤnze ₰ 205⁵ hinausgeht, die ſie eigenmaͤchtig gezogen. Es muß ſo ſchoͤn ſein, zu lieben, wo man mag.— Wahrlich, wahrlich fuhr ſie immer heftiger fort, die niedrige Magd iſt gluͤcklicher, wie das Fuͤrſtenkind.— Und doch, unterbrach ſie die Oberhofmeiſterin laͤchelnd, wuͤrde Prinzeſſin nicht mit ihr tauſchen wollen. Haben Sie wohl die harten, rauhen Haͤnde dieſer Armen bemerkt,— wovon wohl ſind ſie ſo rauh?— 3 Sie moͤgen wohl, ſpoͤttelte Eleonore, keine ſo ſtrenge Dame zur Seite haben, die zuͤrnt, wenn der Handſchuh einen Augenblick von den Fingern gleitet. Sie duͤrfen frei ſich ihrer Haͤnde bedienen, und Blumen pfluͤcken, wenn es ihnen beliebt.— Nicht doch, Durchlaucht, harke, ſchwere Arbeit hat dieſe Haͤnde ſo rauh gemacht, des Tages Laſt und Hitze hat die⸗ ſen Nacken gebeugt und den Geiſt abgeſtumpft.— Eleonore hoͤrte kaum mehr, haſtigen Schrittes ging ſie im Zimmer auf und ab, dann blieb ſie ſinnend einen Mo⸗ ment vor der Oberhofmeiſterin ſtehen und ſagte: melden Sie mich meinem Vater! Sr. Durchlaucht ſind in geheimer Conferenz mit dem Grafen S. Die Prinzeſſin ſchreckte leicht nuſamen⸗ es iſt gut! ſpaͤter denn!— Ich wuͤnſchte allein zu ſein!— Unmoͤglich, Gna⸗ den, die Stunde zur Toilette iſt da, und Graf S. wird nach derſelben um die Gnade bitten, Ew. Durchlaucht ſeine Ehr⸗ furcht bezeigen zu koͤnnen.—* Bitten, wiederholte Eleonore, als ob ich abſchlagen duͤrfte.— Alſo darf ich nicht allein ſein? fragte ſie bitter.— 206 Die Oberhofmeiſterin zuckte leicht die Achſeln und fragte dann: geſtatten Sie mir, daß ich die Kammerfrau rufe, und mich dann zuruͤckziehe? Wollen Sie mich hoͤhnen mit Ihren Fragen, entgegnete Eleonore immer heftiger. Sie gebieten uͤber mich, ſie wei⸗ gern mir jeden Wunſch, herrſchen uͤber mein Thun und Laſſen, und wollen Allem dennoch das Anſehn geben, als ob es mein freier Wille waͤre, der mich ſo handeln ließe.— Die Roͤthe des Zorns trat auf die jugendlichen Wangen und trieb Thraͤnen in die Augen. Durchlaucht ſind heut' ſeltſam erregt, meinte die Ober⸗ hofmeiſterin. Sie ſind uͤberreizt, eine Folge des geſtrigen Balles, des heftigen Tanzes. Mich wundert, daß die Durch⸗ lauchtigſte Frau Mutter es dem Grafen S. nicht weigerte, daß die Prinzeß Tochter in ſo anhaltendem Tanze ſich mit ihm drehte. Er fragte nicht meine Durchlauchtigſte Frau Mutter, ſondern mich, und ich gewaͤhrte es ihm gern, denn er tanzt ſchoͤn und iſt liebenswuͤrdig und geiſtvoll. Ganz anders, wie unſre ſteifen Cavaliere. Huͤten Sich nur Ew. Gnaden, zu guͤnſtige Vergleiche anzuſtellen, bemerkte die Oberhofmeiſterin, und vergeſſen Sie nie, daß er nicht fuͤr ſich ſelber wirbt, ſondern fuͤr ſei⸗ nen Herrn.— Ueber mein Herz haben Sie nicht zu gebieten, Frau Oberhofmeiſterin, entgegnete Eleonore ſtolz, und fuͤgte ſchnell hinzu: und nun ſorgen Sie, daß ich den Fuͤrſten ſprechen kann. 207 Die Oberhofmeiſterin entfernte ſich und kehrte bald zu⸗ ruͤck mit der Nachricht, daß die hohen Aeltern ihrer harrten. — So kommen Sie, ſagte Eleonore freudig.— Nicht ſo ſchnell Prinzeſſin! nehmen Sie hier die Handſchuhe, den Faͤcher. Und nun erlauben Sie mir voranzugehen und Ihre Ankunft zu melden.— Eleonore trat in das Gemach, in dem das fuͤrſtliche Paar ihrer harrte. Sie eilte auf ihre Aeltern zu, ergriff ihre Haͤnde und druͤckte ſie zaͤrtlich an die Lippen. Die Fuͤrſtin druͤckte leicht einen Kuß auf ihre Stirn und ſagte: Du biſt unſern Wuͤnſchen nur zuvorgekommen, meine Toch⸗ ter, auch wir wollten dich ſo eben bitten, zu uns zu kommen. Was fuͤhrt dich her, meine Tochter, fragte guͤtig der Fuͤrſt. Sprich, haſt du irgend eine Bitte? Wenn ich ſie gewaͤhren kann, ſoll es geſchehen, ich moͤchte dir heute ge⸗ rade Alles gewaͤhren.— Darf ich offen ſein? fragte Eleonore zagend.— Gewiß, mein Kind, entgegnete der Fuͤrſt. Nun, ſo moͤchte ich bitten, meinen gnaͤdigen Vater ganz allein ſprechen zu koͤnnen.— So folge mir in mein Cabinet, ſagte der Fuͤrſt nach kurzem Sinnen, und ging ihr dahin voran.— Sprich nun, Eleonore, wir ſind allein.— Sie aber war der Worte unfaͤhig, die zitternden Lippen verſagten allen Dienſt und ſchwere Seufzer hoben den Bu⸗ ſen. Dann raffte ſie ſich gewaltſam auf, und bittend das Auge zu ihrem Vater aufſchlagend, ſagte ſie leiſe: mein Va⸗ ter, laſſen Sie mich nicht in die Fremde ziehen!— 208 Der Fuͤrſt laͤchelte: Nicht in die Fremde, mindeſtens nicht allein, deine Mutter begleitet dich— So iſt es entſchieden, ſo ſoll ich dem ungeliebten, un⸗ bekannten Manne mich vermaͤhlen? fragte ſie ſchmerzlich. Es iſt entſchieden, und laß deinen Vater den Erſten ſein, der der zukuͤnftigen Beherrſcherin eines maͤchtigen Rei⸗ ches ſeinen Gluͤckwunſch bringt.— Eleonore aber ſank, in Thraͤnen ausbrechend, zu ſeinen Fuͤßen nieder: o ſchonen Sie meiner, machen Sie mich nicht ungluͤcklich, mein Vater! Die geringſte Ihrer Unter⸗ thanen hat usſche ſich den Gatten zu waͤhlen oder ſich ihm zu weigern Die Fuͤrſtentochter, unterbrach ſie der Fuͤrſt, hat nicht dieß Recht. Sie muß ihr Herz der Nothwendigkeit, hoͤheren Zwecken unterwerfen, ſie muß das heiße Klopfen ihres Her⸗ zens bezwingen koͤnnen, muß den Verſtand herrſchen laſſen.— Wie kann ein Maͤdchen das, mein Vater? fragte ſie bebend.— Sie kann es, wenn ſie nur will. Zunaͤchſt muß das Fuͤrſtenkind vergeſſen, daß ſie ein Herz hat, wie jedes andere Weib, ſie muß ſich erinnern, daß ihr hoͤhere Lebenszwecke gewor⸗ den, ſie muß ſich beſtreben, ihrer hohen Beſtimmung zu ge⸗ nuͤgen. Sie muß bedenken, daß an ihr Loos das Schickſal von Tauſenden geknuͤpft iſt, daß ſie das Band iſt, das die Fuͤrſten und Voͤlker enger verbindet, daß ihre Hand den Krieg enden und Frieden geben kann. Es iſt eine hohe Be⸗ 3 ſtimmung, ſo erhaben uͤber den kleinlichen Meinungen der Menge zu ſtehen, ſich ſelbſt mit ſeinen Wuͤnſchen zum Opfer A 209 zu bringen fuͤr Tauſende, die bewundernd zu ihrer Fuͤrſtin aufſchauen.— Wie aber, mein Vater, fragte ſie, wenn man es den⸗ noch nicht vergeſſen kann, daß man ein Herz hat, wenn dieſes auch unter dem Fuͤrſtenmantel nicht ſchweigen will? So laß es ſprechen, laͤchelte er, aber horche nicht ſeiner Stimme, und ſie wird gar bald verſtummen! Eleonore antwortete nicht, ſie umfaßte weinend des Va⸗ ters Geſtalt und ſchluchzte laut.— Beruhige dich, mein Kind, und vertraue mir.— Ja, hauchte ſie unter Thraͤnen, ich will Ihnen vertrauen. Wiſſen Sie denn, ich kann mich dem Fuͤrſten nicht vermaͤh⸗ len, denn— ich liebe einen Andern!—— Und glaubſt du, daß ich das nicht bemerkte? Um ſo mehr mußte ich deine Verbindung beſchleunigen. Sage mir nichts weiter, nenne nicht ſeinen Namen. Das wird vor⸗ uͤbergehen; umgeben von Glanz und Pracht wirſt du bald uͤber den erſten ſchwaͤrmeriſchen Erguß deines Herzens laͤ⸗ cheln.— Nimmermehr, mein Vater! unterbrach ſie ihn heftig.— 3 So ſagt man und denkt man, wenn man liebt. Nach⸗ her weiß man es anders. Glaube mir, du wirſt vergeſſen und auch verſchmerzen. Du biſt verſtaͤndig und klug, du biſt deinen Jahren vorausgeſchritten an Einſichten, darum vertraue ich dir und deinem Verſtande, und weiß, daß er thoͤrichte Wuͤnſche des Herzens ſchon im Keime erſticken wird, weil ſie niemals realiſirt werden koͤnnen. O und welcher Lohn wird mir fuͤr ſo ſchweren Kampf? II. 3 14 210 Der Fuͤrſt fuͤhrte ſie an das offen ſtehende Fenſter: Blicke hinab, ſagte er, ſieh, wie die geſchaͤftige Menge dort unten ſich bewegt,— du wirſt dieſe Menge beherrſchen. Dein Wille wird Geſetz ſein, auf einen Wink deiner Augen werden deine Sclaven fliegen, und die Welt wird dich die erſte Frau Europa's heißen. Und waͤhrend der Fuͤrſt ſprach, richtete Eleonore ſich hoͤher auf, und ihre Wange uͤberzog ein dunkleres Roth— ach es war nicht das holde Erroͤthen der Scham oder ſchuͤchternen Liebe— es war die dunkle Glut des Stolzes, ihr Auge leuchtete, und ſie laͤchelte faſt, als ſie ſagte: wird der, den ich liebe, mir zu Seite bleiben?— Gewiß, wenn naͤmlich die Fuͤrſtin die Geſetze der Eti⸗ quette nie verletzt, dem Gemahle vor der Welt keine Unehre macht, wenn ſie oͤffentlich nie die Schranken vergißt, die der Rang zwiſchen der Herrin und dem Diener gezogen. Wer fordert denn, daß du deinen Gemahl liebſt, wer fragt dich denn, ob du dein Herz einem andern gegeben? Nicht um deine Liebe wirbt der Fuͤrſt, nur um deine Hand die Fuͤrſtin, nicht das Weib, will er beſitzen.— Ich verſtehe Sie, mein Vater, und fuͤge mich. Sooſ gehe denn, mein Kind, rufe deine Kammerfrau und laß dich ſchmuͤcken, den Grafen S. zu empfangen. Ich habe ihm eine geheime Audienz bei dir bewilligt, dir die Wuͤnſche ſeines Herrn vorzutragen. In einer Stuͤnde wird er zu dir kommen. Sei klug, meine Tochter, vergiß uͤber dem Weibe nicht die Fuͤrſtin, aber auch uͤber der Fuͤrſtin nicht das Weib. Der Geaf iſt einer der maͤchtigſten Großen des Reichs und erinn're dich, fuhr der Fuͤrſt fluͤſternd fort, 211 erinn're dich, daß aus einer Fuͤrſtin eine Souverainin werden kann.— Eleonore ſchreckte zuſammen, dann fragte ſie, wann werde ich die Stadt verlaſſen?— In wenigen Wochen, mein Kind. Deine fuͤrſtliche Mut⸗ ter begleitet dich, um Zeuge deines Uebertritts zur katholiſchen Religion zu ſein.— Wie, mein Fuͤrſt, fragte ſie bebend, auch meinen Glau⸗ ben ſoll ich verlaſſen, das Geluͤbde, was ich vor wenigen Monden an Gottes Altar darbrachte, brechen?— Der Glaube iſt derſelbe, nur die Form iſt anders und die hoͤchſte Religion iſt Erfuͤllung der Pflicht, und die er⸗ fuͤllſt du, wenn du dich auch dieſer Ceremonie unterziehſt. Denn Ceremonie iſt jede aͤußere Darlegung des Glaubens.— Eleonore aber neigte ſchmerzlich das Haupt, und ſagte leiſe, als ſie das Gemach verließ, um ſich zur Tollette zu begeben: ach, das Leben iſt kalt und ſtarr. Die Poeſie deſſelben wohnt nur in unſrer Einbildungskraft.— Ich bin alt geworden, und nuͤchtern in dieſer Stunde!— Die Toilette war beendet, mit wohlgefaͤlligen Blicken ſchauten die Kammerfrauen und Zofen auf die junge Herrin, die, ihrer nicht achtend, nachlaͤſſig auf dem Divan lehnte.— Eleonore war nicht ſchoͤn, es mangelte ihr ſogar eine gewiſſe, der Jugend ſonſt eigene Anmuth und Lieblichkeit, ihre Er⸗ ſcheinung hatte mehr etwas Ehrfurcht Gebietendes, die hohe ſchlanke Geſtalt war wahrhaft koͤniglich und in dem ſchnel⸗ len Aufſchlagen ihrer großen Augen lag Etwas, das von Kraft und Energie, aber auch von Leidenſchaftlichkeit zeugte. Der Roſenhauch der Jugend, dieſes reizende Laͤcheln der 14* 212 Unſchuld fehlte ihren Wangen; aufgewachſen unter dem Zwange laͤſtiger, oft uͤbertriebener Etiquette, umgeben von Hofſchranzen und Schmeichlern, ohne eine Geſpielin ihrer Jugend, hatte ihr Geiſt fruͤhzeitig einen Ernſt angenommen, der wenig zu ihren jungen Jahren paßte, hatte ihr Verſtand eine Reife erlangt, die Alles, was ſie umgab, in Erſtaunen und Verwunderung ſetzte.— Doch beſaß ſie auch ein lei⸗ denſchaftliches Herz, war ſie gluͤhender Liebe faͤhig, wenn auch nicht tiefen Gefuͤhles. Denn nicht immer iſt das innigere Gefuͤhl im Gefolge der Liebe. Sie konnte mit der Liebe taͤndeln, konnte vielleicht glauben, daß ſie ſich ihr hin⸗ gebe, konnte vermeinen zu ſterben vor tiefem Weh,— aber ihrem Gemuͤthe, wie ihrer Liebe, fehlte die Tiefe und der innere Gehalt, die da befaͤhigen, auch die Schmerzen des Le⸗ bens und der Liebe freudig hinzunehmen, und ſie zu ertragen ein langes Daſein, und dieſe Schmerzen ſogar zu lieben,— ſie mußte entweder unterliegen, oder ſchnell geneſen, ein ewiges Siechthum war ihrer Individualitaͤt nach unmoͤglich — denn ſie fuͤhlte maͤnnlich gluͤhend, aber nicht weiblich innig. Und wohl ihr! Ach, das nicht Vergeſſen koͤnnen! Ach, das Erinnern! Es haͤngt wie ein finſterer Daͤmon uͤber unſerm Leben, und zerbricht alle ſeine keimenden Bluͤ⸗ hen! Auf den Fruͤhling der Natur, auf den bluͤhenden Sommer, den reichen Herbſt, o, und den Winter mit ſeiner Todeskaͤlte und ſeinen erſtarrten Bluͤthen folgt ein neuer Fruͤhling, eine neue Bluͤthenzeit, ein neues liebes Leben. Aber wenn das Herz einmal erſtarrte in winterlicher Kaͤlte, dann erſteht keine neue Sonne, vor deren Glut das Eis unſers Innern zerſchmilzt, und ſolch' inneren Froſt ein 1 213 langes Leben durch ertragen, iſt bittere Pein. Wohl alſo denen, die aus Lethe Vergeſſenheit trinken ihrer Leiden, uͤber deren Bruſt nur ein froͤſtelnder Morgenruf des fruͤhen Herbſtes ſich legte, der ſchnell an der warmen Mittagsſonne zerſchmilzt, und die Blumen des Herzens zu neuem Daſein erquickt, ſtatt ſie zu zerſtoͤren! Die feſtgeſetzte Stunde war gekommen, und klopfenden Herzens blickte Eleonore nach der Thuͤre, durch die der Graf eintreten mußte. Ihre Kammerfrauen hatten ſich entfernt, nur die Oberhofmeiſterin ſtand mit wichtigen Amtsmienen neben dem Stuhle ihrer jungen Fuͤrſtin. Jetzt hallten Schritte, die Fluͤgelthuͤren flogen auf, und unter Vortritt des Haushofmeiſters trat Graf S. ein.— Es war eine ſchoͤne hohe Geſtalt, ein maͤnnlich ſchoͤnes Geſicht, und als er jetzt vor der jugendlichen Fuͤrſtentochter ein Knie beugte, und ſeine Lippen feſt auf die dargereichte Hand preßte, er⸗ gluͤhten ihre Wangen hoͤher, hob ſich ſtuͤrmiſcher ihr Buſen. — Ich komme im Namen meines Herrn, ſagte er mit vol⸗ ler wohltoͤnender Stimme, Ihnen, Durchlaucht, ſeinen Dank zu ſagen fuͤr die Gewaͤhrung ſeiner heißeſten Wuͤnſche, und Sie zu begrüßen als ſeine kuͤnftige Gemahlin, und meine Gebieterin. Bringen Sie Ihrem Herrn, entgegnete ſie, und ihre Stimme bebte, die Verſicherung meiner Achtung, ſagen Sie ihm, daß ich mich gluͤcklich ſchaͤtzen werde, ſein Wohlwollen und ſeine Liebe zu erlangen. Sie wieg, wie erſchoͤpft von ſchwerer Anſtrengung; auch der Graf war einen Moment ſichtbar bewegt, doch ſchnell ſich ſammelnd, ſagte er: Er wird Sie lieben beim erſten 214 Erblicken, und die Herzen aller ſeiner Unterthanen werden ihrer ſchoͤnen Fuͤrſtin huldigen. Darum, im Namen aller meiner Bruͤder rufe ich: Heil Eleonoren, der Gemahlin un⸗ ſers Herrn! Und ſich faſt bis zur Erde verneigend, kuͤßte der hohe Graf Eleonorens Gewand. Als ſie es ihm ent⸗ ziehen wollte, blickte er auf zu ihr,— ihre Augen begegne⸗ ten ſich, aber nicht mit dem Erſchrecken des erſten uͤberraſch⸗ ten Blickes, des erſten Erkennens; ſie hefteten dieſe auf einander, mit der laͤchelnden Luſt der geſtandenen bewußten Liebe, und ihre Augen redeten zu einander von Gefuͤhlen, deren Daſein ihnen ſeit lange ſchon kein Geheimniß mehr war.— Doch ſo fluͤchtig war dieß Begegnen, dieß Laͤcheln, daß es ſelbſt dem wachſamen Auge der Oberhofmeiſterin zu entgehen ſchien. Schnell kehrte der Ernſt und die Unterwuͤrfigkeit auf dem Geſichte des Grafen wieder, und er fuhr fort: nach der Sitte meines Landes muß ich Ew. Durchlaucht nun um eine Gnade flehen.— Sprechen Sie, ſagte Eleonore, und wenn es in meiner Macht ſteht, gewaͤhre ich gern. Ich muß eilen, meinem Gebieter die baldige Ankunft ſeiner fuͤrſtlichen Braut zu verkuͤnden. Schon zu lange weilte ich hier. Doch nicht ohne die Beſtaͤtigung ſeiner heißeſten Wuͤnſche darf ich kommen. Wollten Ew. Durch⸗ laucht mich zum gluͤcklichen Boten einiger ſchriftlichen Worte erheben?— Eleonore verneigte ſich gew hrenb. Zuͤrnen Sie mir nicht, wenn ich meine Bitte noch wei⸗ ter ſteigere. Ew. Durchlaucht muͤſſen mir geſtatten, ſelbſt 4 215 gegenwaͤrtig zu ſein, ſelbſt Zeuge zu ſein, daß ihre eigene Hand die Zeilen ſchrieb, zu deren ehrfurchtsvollen Ueberbringer Sie mich erwaͤhlen. Niemand aber weiter darf zugegen ſein, damit nur eigene freie Wahl Ihre Hand leitet. Alſo will es die Sitte meines Landes.— Darf ich Gewaͤhrung hoffen? Entfernen Sie ſich, ſagte Eleonore ſchnell zur Oberhofmeiſterin, und als dieſe zu zoͤgern ſchien, fuhr ſie ungeduldig fort: ich werde es verantworten bei meinem fuͤrſtlichen Vater, und will, daß man mir gehorche. Langſamen Schrittes verließ die Oberhofmeiſterin das Gemach. Stumm folgten ihr Beide mit den Augen, als ſich aber die Thuͤre hinter der Dame geſchloſſen, und ſie al⸗ lein waren, breitete der Graf beide Arme aus, und fluͤſterte flehend und mit jenem Gefluͤſter, das ſo laut zum Herzen ruft: Eleonore! Und das ſtolze Fuͤrſtenkind taumelte be⸗ wußtlos faſt in die geoͤffneten Arme des Grafen!— So iſt es mir endlich einmal vergoͤnnt, Sie allein zu ſehen, ſo darf ich Ihnen endlich einmal wieder ſagen, daß ich Sie anbete, daß Sie meine Goͤttin, meine Heilige ſind? fluͤſterte er, und hauchte leiſe einen Kuß auf ihre Stirn. Sie zuckte zuſammen vor der Beruͤhrung ſeiner heißen Lippen, aber antwortete nicht. Der Graf aber ließ Sie aus ſeinen Armen, und vor ihr niederſinkend flehte er: o nur einen Blick, nur ein freund⸗ liches Wort Ihrem Sclaven! Sagen Sie mir nur, daß Sie mir nicht zuͤrnen, daß Sie Mitleid haben mit meinem Wahnſinn. Sie ſchweigen, Sie wenden Ihr Geſicht ab? O Eleonore! ſo war es nur Taͤuſchuug, ſo liebten Sie mich nicht, ſo ſpotteten Sie nur des thoͤrichten Grafen, der es 216 wagte, ſeine kuͤnftige Gebieterin zu lieben?— Und wie uͤbermannt von tiefem Schmerz verbarg der Graf das Ge⸗ ſicht in beiden Haͤnden, und ſeufzte tief. Eleonore aber neigte ſich zu ihm nieder, und zog leiſe ſeine Haͤnde fort, und ihn laͤchelnd anblickend, ſagte ſie feſt: ich liebe Sie! Er ſprang auf, er preßte ſie feſt an ſein Herz, er druͤckte in ſtuͤrmiſcher Glut ſeine Lippen auf ihren nicht widerſtre⸗ benden Mund. Die Fuͤrſtentochter lehnte ſelig und liebend in ſeinen Armen, und wehrte ſeinen Liebkoſungen nicht. Eleonore liebt mich, ſagte er mit vor Freude gedaͤmpfter Stimme, vor deren Laut alle Saiten ihres Herzens fibrirten. O, ſagen Sie es noch einmal, wiederholen Sie es mir, nur einmal, einmal noch!— Sie ſchwieg, und als er ihr Haupt von ſeinem Buſen hob, ſah er, daß Sie weinte. Sie weinen, Fuͤrſtin? fragte er.— Nennen Sie mich nicht Fuͤrſtin, rief ſie heftig, o, war⸗ um bin ich es! Warum muß ich dem ungeliebten Manne mich vermaͤhlen, warum darf ich nicht Sprechen Sie es nicht aus, unterbrach er ſie. Laſſen Sie es mich ahnen, das Gluͤck,— der Gedanke daran macht mich ſchwindeln vor Wonne,— ausgeſprochen, haͤtte ich nicht die Kraft mehr einem Entzuͤcken, das mir ſo lockend ſich zeigt, zu widerſtehen. Aber es darf nicht, kann nicht ſein! Zu tief, zu heilig iſt meine Liebe, als daß ich wuͤn⸗ chen moͤchte, daß es anders ſei, wie es iſt. Zum Herrſchen iſt Eleonore geboren, dieſe koͤnigliche Geſtalt darf ſich nicht ** beugen vor einem Hoͤheren, die erſte Frau der Erde ſoll ſie 217 ſein! Mir ſoll es genuͤgen, ſtill und unbemerkt ihrer ſtrah⸗ lenden Bahn zu folgen, mich zu ſonnen in ihrem Glanze. Und wenn ich meine Fuͤrſtin ſehe, umgeben von Fuͤrſten und Koͤnigen, und wenn ich in der Ferne unbeachtet ſtehe, ſo werde ich nicht verzagen, ſo werde ich mich aufrichten an dem Gedanken: Sie liebte mich einſt!— Außer ſich aber vor Liebe und Schmerz, alles Andere vergeſſend uͤber ihn, umſchlang in Eleonore, und rief faſt laut: Mann, du, den ich liebe, hoͤre meinen Schwur! Nie will ich meine Liebe verbergen! Die Welt mag es wiſſen, daß du es biſt, den ich liebe, dich allein! Und wenn ich einſt Herrſcherin bin, und wenn Alles huldigend ſich vor mir neigt, und wenn Tauſende von Sclaven zu meinen Fuͤßen liegen, ſo ſollſt du aufgerichtet und hoch neben meinem Throne ſtehen, ſo will ich es laut aller Welt verkuͤnden: Dieſer iſt mein Herr, denn ihn allein liebe ich!— Holdes, ſuͤßes Weſen, nein, das darf nicht ſein! Du wuͤrdeſt dein eigenes Verderben herbeifuͤhren! Wozu ſoll die Welt es wiſſen, daß du mich liebſt? Mir genuͤgt es, wenn zuweilen dein Auge liebend dem meinen begegnet, wenn ich, ich allein es ahne, daß dein Herz noch immer mir gehoͤrt. Sie richtete ſich ſtolz auf und ſagte: Eleonore wird nim⸗ mer die Wahrheit verhehlen!— Auch nicht, wenn ich darum bitte? fragte er zärtlich und druͤckte ihre Hand an ſeine Lippen.— Auch nicht, wenn ich ſage, daß, ſchon auf den Verdacht hin, daß ich meiner hohen Fuͤrſtin beſondere Gunſt erlangte, mein Untergang gewiß iſt? —— — 218 Sie legte ihm, wie entſetzt, die Hand auf die Lippen und ſagte ſchaudernd: nichts, nichts mehr davon! Der Ge⸗ danke iſt toͤdtlich. O ſo verſprich mir mindeſtens, mich nie zu verlaſſen, rathend und helfend mir zur Seite zu ſtehen, verſprich mir, mich immer zu lieben! Leonore, du, die ich anbete, der mein Herz, meine Seele, mein Leben gehoͤrt, wie koͤnnte ich je aufhoͤren, dich zu lieben?— Aber, ſagte ſie, iſt es nicht Suͤnde, einen Andern zu lieben, als meinen Gemahl?— S. laͤchelte: Unſchuldiger Engel, es iſt keine Suͤnde. Nur der Treubruch iſt Suͤnde, und Eleonore wird dem die Treue bewahren, dem ſie ſie gelobte. Der Fuͤrſt verlangt keine Liebe, nur eine Gemahlin giebt ihm ſeine Regentin Mutter, ſein Herz gehoͤrt der ſchoͤnen W. 7 Wie, ſagte Eleonore funkelnden Auges, er liebt eine Andere, und bietet mir ſeine Hand?— Und was hat die Liebe mit der Ehe gemein? entgegnete der Graf. Die Ehe iſt nur ein aͤußeres Band, nur ein obrigkeitlicher Vertrag, nur das Mittel zum Zweck. Fuͤrſt Ludwig darf der ſchoͤnen W. nicht ſeine Hand reichen, denn ſie iſt nicht ebenbuͤrtig, Eleonore darf ihren treuen Sclaven, den Grafen S., durch ihre Hand nicht zum Gluͤcklichſten aller Sterblichen erheben, denn er iſt nicht Ihres Ranges wuͤrdig. Die Politik ſchließt die Ehe unter Fuͤrſten, aber das Herz darf frei waͤhlen, wo es mag.— Eleonore ſeufzte leiſe: Ach, ſagte ſie, ſo bleibt nichts heilig? 219 Nichts, außer der Liebe, entgegnete er, und druͤckte ſie an ſein Herz. Dann aber ließ er ſie leicht aus ſeinen Ar⸗ men, und das Knie vor ihr neigend, ſagte er: ich muß fort, in dieſer Stunde noch. Vier Wochen, die bedungene Zeit meines Aufenthalts, ſind voruͤber. Ich muß fort! Schon jetzt? ſagte ſie, und hielt nicht mehr ihre Thraͤ⸗ nen zuruͤck.— Duͤrfte ich dieſe Thraͤnen mir bewahren, duͤrfte ich ſie, als die koͤſtlichſten Diamanten in meinem Ringe mit mir nehmen und in ihrem feuchten Glanze leſen, Eleonore ver⸗ gißt nicht Ihren treuen Diener!— Niicht alſo, hauchte ſie leiſe;— Eleonore vergißt nicht ihren Geliebten!— Nehmen Sie zur Erinnerung dieſer Stunde dieſen Ring, und moͤgen dieſe Brillanten Sie der Thraͤnen erinnern, die ich meiner ſcheidenden Liebe weinte. Sie ſelbſt ſchob auf ſeinen Finger den ſtrahlenden Ring, waͤhrend er noch immer vor ihr kniete und mit gluͤhenden Blicken zu ihr aufſchauend, keine Worte hatte fuͤr ſeine Ge⸗ fuͤhle.— Da hallten Schritte im Gange, Graf S. flog empor.— Der Brief aber, hauchte Sie.— Ruhig, flehte er, ich bedarf deſſen nicht.— Er neigte in ehrfurchtsvoller Entfernung ein Knie vor ihr und ſagte in demuͤthigem Tone: erlauben Sie mir, Durchlaucht, Ihnen meinen Dank fuͤr Ihre Gnade zu Fuͤßen zu legen.— In dieſem Momenten oͤffnete ſich die Thuͤr, und die Oberhof⸗ meiſterin trat ein. Der Graf aber fuhr ruhig fort: ich werde meinem hohen Herrn das Schreiben ſeiner fuͤrſtlichen Braut 220 uͤberbringen, und werde Ihren Unterthanen erzaͤhlen von der hohen Schoͤnheit und Anmuth ihrer kuͤnftigen Beherrſcherin. Mit der Grazie und dem feinen Anſtande des ausgebil⸗ deten Hoͤflings erhob ſich der Graf, und trat ehrerbietig zuruͤck. Eleonore aber war der Worte nicht maͤchtig, mit einer ſtummen Verbeugung, mit einem Winke der Hand entließ ſie den Abgeſandten, und ging in ihr Boudoir, das ſie hin⸗ ter ſich verſchloß.— Lange ging ſie ſinnend auf und ab, und der wechſelnde Ausdruck ihrer beweglichen Zuͤge, das Erroͤthen der Liebe, dem ſchnell die Blaͤſſe des Kummers, das Laͤcheln des Gluͤckes, dem der Ernſt der Ueberlegung folgte, dieß Alles zeigte von den mannigfachen Gefuͤhlen, die ihr Inneres bewegten. Dann blieb ſie ſtehen und fluͤ⸗ ſterte leiſe und ſchmerzlich: ach, wie viele Illuſionen hat die⸗ ſer Tag mir zerſtoͤrt! wie vieles Heilige mir vernichtet! Wie anders ſieht mich jetzt das Leben an,— das ich in der Be⸗ geiſterung einſt der Tugend geheiligt glaubte. Was iſt Tu⸗ gend? Klugheit und Selbſtbeherrſchung.— Ja, ſagte ſie laut, nun verſtehe ich das Leben,— ich will lieben und herrſchen!— 51 Doch weinte ſie,— und wußte kaum warum!— Zweites Capitel. Keiner hat mich lieb da draußen, Keiner drückt mir warm die Hand. Und kein Kindlein will mir lächeln, Wie daheim im Vaterland. Weinend lag Eleonore in des Vaters Armen, zum letzten, letzten Abſchied.— Ach, all' ihre Traͤume von Liebe und Macht haͤtte ſie freudig in dieſer Stunde hingegeben, waͤre es ihr dafuͤr geſtattet geweſen, in der Heimath zu bleiben. Die Bande, die uns an die Heimath, an die Staͤtte bin⸗ den, wo einſt unſere Wiege ſtand, ſind unzerreißbar, ſind dauernder, ſelbſt wie Liebe und Freundſchaft. Das Erin⸗ nern daran verlaͤßt uns weder unter den Berauſchungen der Luſt, noch unter den Entzuͤckungen des Ruhms,—— die Ferne und die Fremde mag uns Glanz geben und Gluͤck, und Liebe ſogar, aber keine zweite Heimath; der Gedanke an dieſe wird wie eine ſtille Klage ewig in unſerm Herzen toͤnen, und wir werden unſern Schmerz um die Verlorenen nie belaͤcheln. Der Schweizer ſtirbt in der Fremde vor Sehnſucht nach ſeinen hohen Schneebergen, und Italiens gluͤhende Sonne und entzuͤckende Gegend giebt dem Lapp⸗ 3 2 222 laͤnder keinen Erſatz fuͤr die lange, kalte Nacht ſeiner Hei⸗ math, nach der er ſeufzt und weint.— Und ſie ſollte ſie miſſen, dieſe Heimath, auf immer ſie miſſen! Nicht mehr jene Raͤume betreten, die ihre Kindheit geſehen, nicht mehr im ſchoͤnen Garten unter der Linde weilen, die ihre eigene Hand gepflanzt, nicht mehr auf dem ſpiegelhellen Waſſer des Fluſſes dahin fahren, ach— nicht mehr des Vaters Auge, des Vaters Stimme hoͤren! Das Alles ſollte ſie nun miſ⸗ ſen, alle dieſe ſuͤßen Erinnerungen ihrer Jugend ſollte ſie verlaſſen, und hinausziehen in die Ferne, in den kalten Nor⸗ den, dem Gemahle entgegen, der ſie nicht kannte, nicht liebte, den ſie nicht liebte, einem dunkeln, ungewiſſen Ge⸗ ſchicke entgegen. Sie erlag faſt dieſen Vorſtellungen, die herrſchſuͤchtige Fuͤrſtin verſtummte uͤber dem ſchwachen, lie⸗ benden Weibe— ſelbſt das Erinnern an ihn, der ſie liebte, und den ſie wieder ſehen ſollte, gab ihr keine Freude.— Zitternd lag ſie in des Fuͤrſten Armen, und flehete unter Thraͤnen: o laſſen Sie mich hier, mein Vater! Noch iſt es Zeit, noch darf ich bleiben, noch betrat mein Fuß nicht jenes unſelige Fahrzeug, aber bin ich erſt dort, ſind die An⸗ ker erſt gelichtet, dann bin ich Ihnen, ſind Sie mir verloren, mein Vater!— Der Fuͤrſt bezwang muͤhſam ſeine eigene Bewegung und ſagte: nicht alſo, meine Tochter! Soll die erſte Schmerzens⸗ ſtunde dich ſchwach finden? Das Fuͤrſtenkind darf nicht ſchwaͤchlichen, kleinlichen Gefuͤhlen ſich hingeben, wie das Buͤrgerweib. Hoͤhere Anſpruͤche machſt du an das Leben, macht das Leben an dich! Gehe hin, erfuͤlle deine Beſtim⸗ mung, ſei die Mutter deiner Unterthanen, bezwinge deine 223 Liebe zu Einem Weſen, gieb ſie den Tauſenden, die flehend zu den Fuͤßen deines Thrones liegen, lebe der Menſchheit und liebe ſie! Großes hat das Geſchick in deine Hand ge⸗ legt: Voͤlker zu begluͤcken, Thraͤnen zu trocknen, Wohlthaͤterin zu ſein von Millionen armer weinender Seelen! Ach, mein Vater, das liebende Weib in der beſcheidenen Huͤtte iſt dennoch gluͤcklicher! Still, ſtill mein Kind! Geſtatte es nie deinen Lippen, ein ſolches Wort zu ſprechen, verweigere deiner Seele ſolche Gedanken ſogar. Breite den Purpurmantel feſt uͤber dein Herz. Sei einſt hohe, ſtolze Herrſcherin, nicht ſchwaͤchliches, ſeufzendes Weib. Hoͤrſt du die Kanonenſchuͤſſe, Eleonore? Dein Volk ruft dich! Siehſt du durch jenes Fenſter die hohen Flaggen wehen? Es ſind die Flaggen deines Landes, — es ſind deine Farben, Eleonore! Hoͤrſt du das Rufen hier vor unſerm Schloſſe? Die treuen Unterthanen wollen noch einmal die Fuͤrſtentochter ſehen! Komme denn, mein Kind, laß uns hinabgehen! Schon hat deine Mutter mit ihrem Gefolge das Schiff beſtiegen. Komm und ſei mein ſtarkes Maͤdchen. Trockne dieſe Thraͤnen, ſie geziemen nicht der Fuͤrſtentochter. Ach, mein Vater, hauchte ſie ſchmerzlich, ſelbſt Thraͤnen ſind mir verſagt? Die Welt darf ſie nicht ſehen. Sie darf nicht ahnen, daß du ſchwach fuͤhlſt, wie alle die niedern Weiber.— Willſt du weinen, ſo verſchließe dich in deine innerſten Gemaͤcher, wohin keines Lauſchers Ohr dringt, keines Spaͤhers Auge reicht, auch nicht die Vertrauteſte deiner Dienerinnen darf bei dir ſein! Dort weine, dort jammere, 224 wenn du willſt. Aber verlaſſe das Zimmer erſt, wenn deine Thraͤnen getrocknet, deine Augen nicht mehr geroͤthet ſind. Trittſt du uͤber die Schwelle deines Gemachs, ſo ſeien deine Zuͤge erhaben und laͤchelnd; deine Unterthanen duͤrfen nicht ſehen, daß die Erſte der Sterblichen ſchwach iſt, wie die Niedrigſte ihrer Sclavinnen. Eleonore ſeufzte tief. Am Arme ihres Vaters ſchwankte ſie die breiten Stufen hinab. Jetzt ſtand ſie unter dem Portale des Schloſſes. Ein dichtes Gedraͤnge von Menſchen war im Hofe verſammelt, und ein tauſendſtimmiges Vivat empfing ſie. Du zitterſt, Eleonore, fluͤſterte der Fuͤrſt. Ermanne dich! Zwinge deine Stimme, daß ſie nicht ſchwantt: Rufe ihnen ein Lebewohl! Feſten Schrittes trat Eleonore vor, hoͤher erhob ſie ihre ſtolze Geſtalt, die innere Anſtrengung roͤthete ihre Wangen, gluͤhte in ihren Augen, und als ſie jetzt die Hand zum Gruße erhob, war ihre Haltung wahrhaft koͤniglich, glich ſie einer hohen Herrſcherin, die gnaͤdig die Huldigung ihrer Vaſallen annimmt. Das Vivatrufen verſtummte, und Todtenſtile herrſchte unter der verſammelten Menge.— Eleonore neigte freundlich das Haupt, und mit lauter, feſter Stimme rief ſie: Dank fuͤr Eure Liebe! Lebet wohl! — Ihre Worte waren verhallt, und eine Pauſe folgte ihnen, dann aber brach die allgemeine Ruͤhrung aus in einem drei⸗ maligen lauten Jubelruf. Eleonore lebe hoch! ſchallte es ihr nach, als ſie am Arme ihres Vaters mit ihrem Gefolge durch die Menge dahin ſchritt, hinab zum Fluſſe. Moͤchteſt du wohl als liebendes Weib, wie du es nennſt, unter dieſer Menge ſtehen, und bewundernd zu der Fuͤrſtin aufſchauen, moͤchteſt du eine dieſer vivatſchreienden Wei⸗ ber ſein? O, mein Vater, ich weiß es nicht!— Jetzt naͤherten ſie ſich dem Ufer; eine zahlloſe Menge kleiner geſchmuͤckter Barken bedeckten den Fluß, auf ihnen die Damen, Einwohner der Stadt, die alle noch einmal ſich des Anblickes Eleonorens erfreuen wollten. In ihrer Mitte aber lag die reich geſchmuͤckte ruſſiſche Fregatte, be⸗ ſtimmt, die Fuͤrſtin nach der neuen Heimath zu fuͤhren. Jetzt hallte von den Waͤllen der Stadt der Kanonendonner, feierlich ertoͤnte das Gelaͤute der Glocken, die Fregatte zog eine Flagge auf, der Wind blaͤhte ſie, Heil Eleonoren, ſtand mit goldenen Chiffern auf dem weißen Seidenzeuge. Heil Eleonoren, riefen die Matroſen der Fregatte, und tauſend Stimmen riefen es nach, und die Spielleute auf dem Ver⸗ deck der Fregatte fielen mit ihren Blaſeinſtrumenten ein in den allgemeinen Jubelruf. Hoͤher hob ſich Elenorens Bu⸗ ſen, ſtolzer richtete ſie das Haupt auf.— Jetzt ſtand ſie am Ufer vor der geſchmuͤckten Barke, die ſie zur Fregatte tragen ſollte. Noch einmal wandte ſie ſich um, noch einmal ſchaute ſie zuruͤck zu der Stadt, mit langen, ſehnſuͤchtigen Blicken hing ihr Auge an den Zinnen und Thuͤrmen des Schloſſes, und es arbeitete und kaͤmpfte in ihren Zuͤgen, und eine gewaltige Ruͤhrung bemaͤchtigte ſich ihrer Bruſt. Von der geliebten Stadt glitt ihr Auge hin zu dem theuren Vater, neben ihr. Ruhig und feſt ſtand er neben ihr, kein Zug ſeines Geſichts war geaͤndert,— die Zuͤge hatte der II. 15 226 Weltmann in ſeiner Gewalt,— aber in den Augen des Vaters, der fein Kind zum letztenmale ſah, erglaͤnzten Thraͤ⸗ nen— ach, dieſe Thraͤnen!— Eleonore hielt ſich nicht laͤnger, die Thraͤnen, ſo lange zuruͤckgehalten, brachen nun unaufhaltſam hervor, und ſie warf ſich an ihres Vaters Bruſt, und umklammerte ihn feſt mit ihren Armen, als ob ſie ihn nimmer laſſen wollte.— Das Jubelrufen ver⸗ ſtummte, die Muſik ſchwieg, und Aller Augen blickten ge⸗ ruͤhrt auf Vater und Kind, die in inniger Umarmung ein⸗ ander umſchlungen hielten, und Aller Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen. Feierlich hallte das Gelaͤute der Glocken, Todten⸗ ſtille herrſchte unter Tauſenden, daſſelbe Gefuͤhl, dieſelbe Wehmuth hatte ſich aller dieſer Herzen bemaͤchtigt, und machte den Fuͤrſten der Menge verwandt und gleich.— Jetzt aber riß ſich Eleonore los, und ſo groß war die Stille, daß Alle deutlich die zitternden Laute ihrer Stimme vernah⸗ men, als ſie ſprach: Lebe wohl! lebe wohll—— Ein glaͤnzender Zug von Reitern ſprengte aus den Tho⸗ ren der Reſidenzſtadt K. Der Fuͤrſt Ludwig wollte in hoͤchſt eigener Perſon ſeiner fuͤrſtlichen Braut entgegen ziehen, und ritt an der Spitze des Zuges. Es war ein kleiner Mann, deſſen Zuͤge den Stempel der Rohheit und Wildheit trugen. Aus den kleinen rollenden Augen blitzte Verſchlagenheit und Grauſamkeit, waͤhrend die kurze Stirn eben nicht viel Ver⸗ ſtand vermuthen ließ. Muͤrriſch ſchaute er vor ſich nieder, und auch nicht einmal hob er das P Aune, um zu erſpaͤhen, ob Eleonore nahe. 9 Erbaͤrmlicher Eigenſinn, murmelte er zwiſchen den ge⸗ ſchloſſenen Zaͤhnen hervor, erbaͤrmlicher Eigenſinn meiner 227 Mutter! Muß ich, wie ein verliebter Geck, meiner unbe⸗ kannten Braut entgegen ziehen, waͤhrend meine ſchoͤne Eli⸗ ſabeth daheim in Thraͤnen zerfließt, und ſich nicht troͤſten kann uͤber dieſe nichtsnutzige Heirath. Schnell auflodernd in Zorn runzelte er die Stirn, und die Fauſt drohend erhe⸗ bend, fuhr er fort: aber die Regentin irrt ſich, wenn ſie glaubt, ich werde der Aufgedrungenen Liebe und Aufmerk⸗ ſamkeit beweiſen. Unſer erſtes Begegnen ſoll ihr zeigen, daß ſie fuͤr Fuͤrſt Ludwig keine willkommene Erſcheinung iſt. Und wie belebt von kuͤnftigem Entſchluſſe ſpornte er ſein Roß, und ſprengte weit dem Zuge voraus. Sieh, ſieh, lachte Graf Seſſo, neben S. reitend, der Fuͤrſt ſcheint ungeduldig die Ankunft der Prinzeſſin Braut kaum erwarten zu koͤnnen. Sage vielmehr, er ſcheint wathde bemerkte S. Siehſt du, wie er dem armen Gaule die Sporen in die Seite druͤckt, daß das Blut ſtromweiſe daraus hervorquillt? Das iſt ja ſeine Weiſe, wenn er wuͤthend iſt.— Ein Gluͤck, daß es mindeſtens dießmal nur ein Vieh iſt, das ſeinen Zorn ent⸗ gelten muß. Geſtern war es uͤbler.. Ach ja, ich hoͤrte davon, erwiederte S. Er ſchlug mit eigener Hand nach ſeinem Kammerdiener, weil dieſer ſeinen Lieblingshund aus Verſehen getreten. Man zweifelt an dem Aufkommen des armen Menſchen. 3 3 Er iſt vor einigen Stunden ſchon geſtorben, ſagte Graf Seſſo gleichguͤltig, und fragte dann raſch: doch, ſage mir Freund, naht dort nicht deine ſchoͤne fuͤrſtliche Geliebte?— Ja, ſie iſt es, rief S., und wollte vorwaͤrts.— 15* 228 2 Nicht ſo raſch, Freund! Vorerſt ſage mir, liebſt du dieſes fremde Fuͤrſtenkind wirklich? Lieben, lieben, ſpottete S. Dann legte er den Arm auf Seſſos Schulter, und ſich dichter zu ihm neigend, ſagte er leiſe: ich liebe das Vaterland und den Ruhm. Wir duͤr⸗ fen keinem Auslaͤnder die Gunſt unſerer Fuͤrſtin geſtatten, darum warb ich um ihre Liebe. Ich ſuchte ihr Gemuͤth ihrem kuͤnftigen Gemahl zu entfremden, ſchon bevor ſie ihn geſehen, um meinen Einfluß uͤber ſie deſto mehr zu ſichern. Eleonore ſelbſt iſt geiſtvoll und klug, und ein gewiſſes Auf⸗ blitzen ihres Auges ſagt mir, daß ſie ſelber Luſt hat zu herr⸗ ſchen, darum muͤſſen wir ihr Herz beſchaͤftigen, auf daß der Verſtand und der Ehrgeiz ſchweigt.— Du biſt ein geborner Diplomat, Freund, ſagte Seſſo lachend, und dabei ein ſeltener Patriot. Armer Graf, hoͤhe⸗ ren Intereſſen opferſt du dein eigenes Herz, und zwingſt dich zu lieben.—. Nun, der Zwang iſt eben nicht ſo gar groß; Eleonore vermag es wohl, Liebe einzufloͤßen, ſie iſt ein gluͤhendes, ſchoͤnes Weib. Die Franzoſen, die Deutſchen ſogar werden ſie minder ſchoͤn,— doch halt, der Fuͤrſt blickt ſich nach uns um,— laß uns zu ihm.— Haltet hier neben mir, rief Ludwig, und ſeine Stimme verkuͤndete den innern Groll, keinen Schritt weiter reite ich, wir wollen hier die Prinzeſſin erwarten.— Immer naͤher kamen die Wagen, in deren erſtem Leonore an der Seite ihrer Mutter ſaß. Hoch klopfte ihre Bruſt, ihr Athem ſtockte, alles Blut trat ihr zum Herzen, denn der gefuͤrchtete Moment war nun 229 da, in dem ſie dem unbekannten Verlobten entgegen treten ſollte. Ach, ſeufzte ſie leiſe, und wo bleibt er, mein einziger Freund? Mir waͤre wohler, koͤnnte ich ihn nur ſehen, ſeine Blicke wuͤrden mir Muth und Faſſung geben. Jetzt war ſie der Gruppe ganz nahe, ſie uͤberflog ſie mit aͤngſtlichen Blicken, dann uͤberzog ein gluͤhendes Roth ihr Geſicht, ein Laͤcheln umſpielte die Lippen,— denn ſie hatte ihn geſehen, und ſeine entzuͤckten ſtrahlenden Blicke hatten ihr von ſeiner ungeaͤnderten Liebe geſprochen. Der Wagen hielt, der Fuͤrſt war vom Pferde geſtiegen und nahte ſich langſamen Schrit⸗ tes. S. ſprang aus dem Sattel, und oͤffnete ſchnell den Wagenſchlag, Eleonoren ehrfurchtsvoll die Hand zum Aus⸗ ſteigen darreichend. Sie ſprachen Beide kein Wort, aber der innige Druck ihrer Haͤnde entſchaͤdigte ſie fuͤr den aͤußern Zwang. Willkommen, Fuͤrſtin, ſagte Ludwig mit rauhem, un⸗ freundlichem Tone. Moͤge Ihr Einzug nicht unheilbringend fuͤr mein geliebtes Land ſein! Mein Fuͤrſt, ſtammelte ſie.— Erſparen ſie ſich unnoͤthige Verſicherungen, unterbrach er ſie, die Zeit wird uns Aufſchluß geben, ob die Regentin, meine Mutter, eine gute Wahl getroffen. Ich, meines Theils, werde es ruhig erwarten. Dann einen Blick auf den Wagen werfend, fragte er: iſt das Eure fuͤrſtliche Mutter?. Eleonore hatte keine Kraft zur Antwort, das Entſetzen uͤber den harten Empfang benahm ihr faſt das Be⸗ wußtſein. 230 Sie haben meine Frage nicht verſtanden? fragte Ludwig heftiger. Es iſt meine Mutter, die Fuͤrſtin, ſagte Eleonore be⸗ bend.— Schon gut, erwiederte Ludwig. Nun denn, willkommen meine Damen, willkommen! Eilen wir zur Stadt!— Mit rauher Hoͤflichkeit ergriff er Leonorens Hand und fuͤhrte ſie zuruͤck zu ihrem Wagen,— und bebend ſank ſie in die Kiſſen zuruͤck, eine finſtere Wolke zog uͤber ihr Ge⸗ muͤth, es war die Ahnung kuͤnftigen Mißgeſchickes und es erfaßte ſie ein tiefer Groll gegen den, der ſie bald ſeine Ge⸗ mahlin nennen ſollte.— Die Regentin empfing Eleonore mit Freundlichkeit und Guͤte, und ein glaͤnzender Ball feierte die Ankunft der Fuͤr⸗ ſtin. Eleonorens Freundlichkeit, ihre ſtolze Geſtalt, ihr ſchuͤchternes Weſen gewann ihr bald alle Herzen, und ſelbſt der Fuͤrſt ſchien mit einer Art Wohlgefallen auf ſeine junge Verlobte zu blicken. Da nahten an der Hand der Regentin Eliſabeth W. und die junge Graͤfin D., Eleonorens erwaͤhlte Ehrenda⸗ men. Ein leichter Anflug von Mißmuth uͤberflog Eleono⸗ rens Stirn bei der Nennung des Namens W.,— ſo ſchnell er voruͤber ging, war er dem beobachtenden Auge des Groß⸗ fuͤrſten nicht entgangen, und mit kaum verhehltem Zorne naͤher tretend, ſagte er: hat meine fuͤrſtliche Braut kein freundliches Begruͤßungswort fuͤr die ſtrahlende koͤnigliche Schoͤnheit, die hommeſiht Eliſabeth W.?— 231 Eleonore bebte zuruͤck, dann ſchnell gefaßt, verneigte ſie ſich tief vor der Regentin, und ſagte feſt: aus ſolchen Haͤnden kann mir nur Gutes kommen, und darum dank ich. Die Muſik begann, der Fuͤrſt reichte Eleonoren die Hand dar, und eroͤffnete mit ihr den Ball. Dann, ſie zum Sitze neben der Regentin zuruͤckfuͤhrend, eilte er fort zu ſeiner ſchoͤnen Geliebten. Bald nahte ſich S. der Fuͤrſtin, und ehrfurchtsvoll ein Knie vor ihr neigend, bat er ſie, ihm ihre Hand zum Tanze zu geſtatten. Sie erhob ſich und folgte ihm. O Eleonore!l fluͤſterte er leiſe. Geliebter, ſagte ſie, und druͤckte krampfhaft ſeine Hand. Und ward ich nicht vergeſſen? Vergeſſen? ſagte ſie, kann man vergeſſen? Ihre Stimme bebte vor Liebe und Ruͤhrung. Muthig, muthig fluͤſterte er, waͤhrend er im Tanze mit ihr ſich drehte.— Ach, ich unterliege, der Biick des Fuͤrſten macht mich bebend.— Ach, was waͤre ich ohne Sie? Vertrauen Sie mir immer, Eleonore, glauben Sie im⸗ mer an den treueſten Ihrer Diener. Sie ſind auf ſchluͤpfri⸗ gem Boden, um ſo gefaͤhrlicher, weil er Ihnen fremd. Trauen Sie Niemand hier, als mir.— Ja, Ihnen allein will ich glauben, ſagte ſie mit kind⸗ licher Unſchuld, und hing ſich wie erſchoͤpft und Schutz in⸗ chend an ſeinen Arm. Und nun geſtatten Sie mir, Sie zu Ihrem Sit⸗ zu⸗ ruͤckzufuͤhren.— 1 Ach, flehte Sie, verlaſſen Sie mich nicht!— 232 Ich muß! Heute Abend darf ich der Fuͤrſtin nicht wie⸗ der nahen. Aber morgen gewaͤhren Sie mir eine Audienz. Anf morgen denn, ſagte ſie freudig.— Das Feſt war beendet, und Eleonore zog ſich nebſt ihrer Mutter in die fuͤr ſie beſtimmten Gemaͤcher zuruͤck. Biſt du zufrieden mit deinem Empfange? fragte die Fuͤrſtin. Eleonore zwang ſich zu laͤcheln: gewiß, ſagte ſie. Auch geziemt es mir nicht, uͤber meinen kuͤnftigen Gemahl zu ur⸗ theilen. Er macht mich zur Koͤnigin. Wohl, mein Kind, ich lobe dieſe Feſtigkeit. Du wirſt deiner Beſtimmung Ehre machen.— Ich hoffe es, ſagte Eleonore kurz und zog ſich in ihr Schlafgemach zuruͤck.— Die Kammerfrauen hatten ihr Ge⸗ ſchaͤft vollendet, der laͤſtige Schmuck war abgeworfen, und im bequemen Nachtgewande lehnte Eleonore auf dem Divan. Sie winkte den Dienerinnen ſich zu entfernen, und war nun allein. Aber der ſorgloſe Ausdruck und die Heiterkeit und Freundlichkeit war aus ihren Zuͤgen gewichen, die nun das Gepraͤge des Schmerzes und Unmuthes trugen. Sie ath⸗ mete ſchwer, gleichſam als ſei ſie einer druͤckenden Laſt ent⸗ ledigt, und ſagte leiſe: Das war alſo die erſte Maskerade! Mein Vater, du wuͤrndeſt zufrieden ſein mit deiner Tochter.— Ihre Gedanken nahmen einen andern Flug, ein weicherer, Ausdruck ſchmolz ihre Zuͤge, und ſie ſeufzte: o warum darf er nicht bei mir ſein! Warum darf er nicht meine Einſamkeit theilen! Heftiger fuhr ſie fort: aber es wird eine Zeit kom⸗ men, wo ich dieſe laͤſtige Maske abwerfen will. Dann ſoll 233 die Welt es wiſſen, daß er mein Geliebter iſt, und ich werde ſtolz darauf ſein, es ſelber zu bekennen. Geopfert werde ich der Politik, nicht das Weib achtete man in mir, nur die Fuͤrſtin. Wohlan, ſo will ich die Vorrechte meines Stan⸗ des genießen, will Freude haſchen und Vergnuͤgen, und lie⸗ ben, dich lieben, mein S. Hoͤher ſtrahlte ihr Auge, ein gluͤckliches Laͤcheln erhellte ihre Zuͤge: o wie er ſchoͤn war, dem ungeſchickten Fuͤrſten gegenuͤber, wie ſtolz und köoniglich erſchien ſeine Geſtalt, wie zaͤrtlich ſtrahlte ſein Auge! Ja, mein verhaßter Fuͤrſt, liebe nur die ſchoͤne W., ich— ich liebe meinen S..— Sie ſprang auf, ſie ging heftig im Zimmer auf und ab, und wieder aͤnderte ſich der Ausdruck ihrer Zuͤge. Nicht mehr das liebende Weib, die ſtolze gekraͤnkte Fuͤrſtin war es, die jetzt ſprach: wie beleidigend war ſein Empfang! Das mir, einer Fuͤrſtin, wie er es iſt. Und ich ſollte es tragen, ſchweigen und mich ergeben!— Nimmer⸗ mehr, rief ſie laut, und ſtampfte zornig den Boden; ihr Auge funkelte, und ſie richtete ſich ſtolz und hoch auf. Nimmermehr! Es wird eine Zeit der Vergeltung kommen! Mich zu beſchimpfen vor ſeiner Buhlerin!— Wie ſprach mein Vater? Erinnere dich, daß einſt aus einer Koͤnigin eine Souverainin werden kann. Ja, ich werde mich erinnern! Ich bin ein Fuͤrſtenkind, zum Herrſchen geboren! Und ich will herrſchen, ſagte ſie feſt und entſchloſſen! Und du mit mir und uͤber mich! Und vor dem Gedanken an den Geliebten wich alles Andere, und mit ſeligen Plaͤnen eines gluͤcklichen Liebelebens entſchlummerte ſie, und ihre Traͤume zeigten ihr den Geliebten!— Drittes Capitel. Denn Weiberfurcht hält Maaß mit ihrem Lieben, In beiden gar nichts, oder übertrieben. Hamlet. Nach Eleonorens bald erfolgtem Uebertritt zur katholiſchen Religion erfolgte die Vermaͤhlung. Strahlend von Brillan⸗ ten in prachtvollem Anzuge ſtand ſie in der Kapelle neben dem ungeliebten Fuͤrſten. Aber ſie war ruhig und gefaßt, denn dieſe feierliche Ceremonie, ſo tief ergreifend ſonſt fuͤr ein weibliches Gemuͤth, hatte fuͤr ſie alles Heilige, alles Er⸗ habene verloren. Ihr war es nicht mehr das Band, das ſie auf ewig dem Gatten vereinte, ihr war es nicht das Geluͤbde der Treue und der Liebe, ſondern ein conventioneller Vertrag, eine aͤußere Form, kein Geluͤbde, es war gewiſſermaßen wie ein Contract zwiſchen zwei Handelshaͤuſern, beiden Par⸗ theien Vortheil, und dadurch mittelbar Gluͤck bringend. Ihre Seele aber, ihr innerſtes Weſen hatte nichts gemein mit dem bindenden Worte, das ihre Lippe ſprach, und darum erſchuͤtterte es ſie auch nicht. Ihr Gemuͤth hatte ſchon das zarte Weibliche verloren, jenen Heiligenſchimmer, der das 23⁵ wahre Weib ſichert vor jeder rauhen Beruͤhrung, und ſelbſt das Freche einſchuͤchtert in ſeiner Naͤhe, die Welt und das Leben war ihr entheiliget, entzaubert, ſie hatte gelernt ohne Schwaͤrmerei, ohne Taͤuſchung die Verhaͤltniſſe zu uͤber⸗ ſchauen,— die Sonne der Begeiſterung war entflohen. Nur ein Strahl, ein letzter, verglimmender Schimmer blieb zuruͤck, und ſchuͤtzte die Bruſt vor Erſtarrung und Kaͤlte,— ihre Liebe. Sie klammerte ſich feſt an dieſen letzten Anker, denn ob ſie es ſich auch nicht ſelbſt zuzugeſtehen wagte, ſo fuͤhlte ſie dennoch wohl, daß ſie hinabſinken muͤßte in das Meer des Verderbens ohne dieſen letzten vollendeten Punkt, und weil ſie das fuͤhlte, vermehrte ihre Dankbarkeit nur ihre Liebe. Alle Gefuͤhle ihres gluͤhenden Herzens, alle Gedan⸗ ken ihrer Seele widmete ſie ihm, und um ſo inniger, als das kurze Zuſammenſein mit ihm ihr Entſchaͤdigung ſein mußte fuͤr manch' haͤusliches Leid. Umſonſt war ihr Be⸗ muͤhen, mindeſtens ein friedliches Verhaͤltniß mit dem Ge⸗ mahle zu bewahren, ſein rauhes Weſen ſchreckte ſie zuruͤck, ſeine Rohheit, ſein ruͤckſichtsloſes Betragen verletzte ihr Zart⸗ gefuͤhl und ihren Stolz, und bald lernte ſie gluͤhend haſſen, wo ſie lieben ſollte— das geſellſchaftliche Treiben, die glaͤn⸗ zenden Feſte entſchaͤdigten ſie nicht fuͤr ihr haͤusliches Leid, ſie floh die Feſte und Vergnuͤgungen, und weilte am liebſten in Petershof, fern von dem Geraͤuſche des Hofes. Graf S. war ihr ſteter Begleiter, nahm Theil an ihren gei⸗ ſtigen Freuden, ihren Studien, las ihr vor, muſicirte mit ihr. Auch die Graͤfin D. durfte nicht fehlen, ſie war bald aus einem Hoffraͤulein Eleonorens vertraute Freundin ge⸗ worden, und dieſen beiden geliebten Weſen allein vertraute 236 ſie jede innere Regung ihres Innern. Dieſen beiden gegen⸗ uͤber ſchwand ihr Stolz und ihre Haͤrte, ſchwand die Hoheit und Kaͤlte der Fuͤrſtin, ſie war, und wollte nichts ſein als liebendes, zaͤrtliches Weib und ruͤckhaltlos, wie der Freundin zeigte ſie dem Geliebten ihre Liebe und ihre Zaͤrtlichkeit. Selbſt ihre Herrſchſucht, ihr Durſt nach Ruhm ſchien erlo⸗ ſchen, die Liebe allein lebte in ihr, hatte alles andere Em⸗ pfinden in Schlaf gewiegt. Ach die erſte Liebe uͤbt auf ein gluͤhendes, kraͤftiges Gemuͤth immer dieſe Macht. Sie be⸗ faͤhigt zu allem Edlen und Hohen, ſie heißt jede Begierde ſchweigen, ſie laͤutert und reiniget unſer Gemuͤth und giebt uns eine Ahnung himmliſchen Gluͤckes, durch ſie gelangen wir zu jener hoͤheren Anſchauung unſeres Daſeins, die nur dem Gluͤcklichen, dem Begeiſterten eigen iſt, durch ſie wird Alles im Leben Poeſie, erlangt Alles einen hoͤheren, himm⸗ liſchen Schein, ſie reiniget unſere Seele von allen Schlacken niedriger Wuͤnſche, und befaͤhigt uns, alles Erhabene zu ver⸗ ſtehen und zu wuͤrdigen. So lange dieſe erſte Liebe uns bleibt, koͤnnen wir nimmer untergehen, aber, wehe, wenn ſie erliſcht, wenn wir erkennen muͤſſen, daß ſie einem Unwuͤr⸗ digen geweiht war. Ach, welch' eine oͤde verzweiflungsvolle Nacht auf einen ſommerhellen Tag, welch' ein Hohn und Spott in uns, uͤber uns. Alle Gefuͤhle aͤndern ſich, alle Be⸗ geiſterung iſt vernichtet, und mit Grabes- und Verweſungs⸗. hauch weht das Leben uns an. Gleich dem Bethoͤrten, der 4 einſt von einer wohlthaͤtigen Fee erflehte, die Wahrheit zu 1 erblicken, und alle Dinge ſo zu ſehen, wie ſie wirklich waͤ⸗ ren, und der nun in der holden bluͤhenden Natur nur Staub und Aſche, an den einſt ihm ſo ſchoͤn und herrlich erſchei⸗ 237 nenden Menſchen nur Todtenkoͤpfe und Gerippe ſah, gleich dieſem armen von Leichen⸗ und Modergeruch Verfolgten, iſt auch uns alles Schoͤne, alles Liebliche entflohen, iſt nur uns alles Staub und Tod, unſer Herz gleicht dann dem ausgebrannten Krater,— es wuͤhlt und tobt in ſeinem Grunde, und das innere Feuer mag noch einmal hervorbre⸗ chen, aber nicht wohlthuend und begluͤckend, die gluͤhende, brennende Lava wird ſich zerſtoͤrend ergießen uͤber alles ihr in dem Wege Stehende, und wird Allem, was ihr naht, Vernichtung und Untergang bereiten. Der bluͤhendſte, herrlichſte Sommer entſchaͤdigte fuͤr den kalten Winter und Eleonore zog hinaus mit ihrem Gefolge auf eins ihrer Luſtſchloͤſſer. O mit welchem Entzuͤcken durch⸗ wanderte ſie an des Geliebten und der Freundin Arme die hohen Gaͤnge des Parks, begruͤßte ſie die Blumen, den Fruͤhling und die warme Sonne. Wie gerne weilte ſie im Pavillon, der in der Mitte des Parks gelegen, von dunklem Gebuͤſche beſchattet, ſo freundlich zur Stille und Einſamkeit einladete. Dort war ſie zu ganzen Stunden mit ihren beiden Geliebten und Vertrauten, und Niemand durfte alsdann die⸗ ſem Tempel der Liebe und Freundſchaft nahen. Ein Mu⸗ ſikchor war in der Ferne aufgeſtellt und ſpielte der Fuͤrſtin Lieblingsweiſen, Erinnerungen aus der Heimath, und durch die geoͤffneten Fenſter und Thuͤren drang die laue, linde Sommerluft und das liebliche Gezwitſcher der Roͤgel, dieſer reizenden Saͤnger der Natur. Eleonore ſaß dann auf dem Divan, neben ihr die Freundin, zu ihren Fuͤßen der Ge⸗ liebte, begluͤckt und ſelig zu ihr aufſchauend.— 238 O ihr Theuren, ſagte Eleonore in einer ſolchen Stunde, und blickte zaͤrtlich auf S., der ihre Fuͤße mit ſeinen Armen umſchlingend, den Kopf auf ihre Knie lehnte, dieſen ſchoͤnen Kopf, in deſſen dunklem Lockenhaar ihre weißen Finger ſpiel⸗ ten, o ihr Theuren! in dieſem Beiſammenſein mit euch, in dieſer Stille und Einſamkeit um mich her iſt es mir oft, als fehle mir nichts mehr zu meinem Gluͤcke. Selbſt die rohe Behandlung des Gemahls, ſelbſt die Sehnſucht nach der Heimath iſt vergeſſen neben euch. Mein Wuͤnſchen reicht nicht uͤber dieß Gemach: ich will nichts, nichts als euch!— Die ſchoͤne Graͤfin laͤchelte fein: wird es immer ſo blei⸗ ben? fragte ſie.—— Wenn ihr mir bleibt, entgegnete Eleonore, und blickte zaͤrtlicher zu dem Geliebten nieder. Ehe ich dich liebte, Ottokar, ehe ich meine ganze Seele dir zu eigen gegeben, ehe ich dich, die Freundin, gefunden, war ich nicht gluͤcklich. Ich zuͤrnte mit meinem Geſchicke, daß es mir ein heißes gluͤ⸗ hendes Herz gegeben, und mir alle Nahrung fuͤr daſſelbe weigerte. Ich ſagte mir ſelber in thoͤrichter Verblendung: der Fuͤrſtin ſind alle weicheren, alle menſchlichen Gefuͤhle verſagt, auf der kalten Hoͤhe, wohin das Geſchick die Prin⸗ zeſſin geſtellt, darf kein warmer Hauch begluͤckender, tieferer Gefuͤhle wehen, das Leben hatte mir ſo Vieles, was mir heilig war, vernichtet. Dem ungeliebten Gemahle mußte ich mich vermaͤhlen, die Ehe ſank mir herab zu einem buͤrger⸗ lichen Vertrage, meine Religion, der ich mich gelobt hatte fuͤr das ganze Leben, mußte ich aͤndern, um aͤußerer Ruͤck⸗ ſichten willen. Daß ich es dir nur geſtehe, Ottokar, ſelbſt meine Liebe zu dir war anfangs nur oberflaͤchlich, war mehr 239 das Haſchen nach Zerſtreuung und Betaͤubung. Ach, ich ward damals nicht gluͤcklich, bis ich mich entſchloß, dich un⸗ ausſprechlich, grenzenlos zu lieben, und dir, Sophie, ruͤck⸗ haltslos zu vertrauen. Da war mir geholfen, da fuͤhlte ich, daß auch mir, der Fuͤrſtin, das Gluͤck nicht verſagt war, das ſtille, prunkloſe Gluͤck, das im Innerſten nur wohnt, dem Geraͤuſche der Welt entflieht, und in ſeiner Verborgen⸗ heit und Stille ſo unausſprechlich gluͤcklich macht. Da war ich ausgeſoͤhnt mit meinem Geſchicke, da vermochte ich es erſt mit Ruhe und Wuͤrde auch mein haͤusliches Elend zu ertragen.— Eleonore ſchwieg in tiefer Ruͤhrung, und preßte inniger der Freundin Hand an ihren Buſen. Eine lange Pauſe folgte, und nur die ſanft heruͤberklingenden Toͤne der Muſik unterbrachen die Stille.— Ach dieſe Toͤne, begann nach langer Stille Eleonore, ſie mahnen mich an die Heimath, an mein geliebtes Deutſch⸗ land. Ach Sophie, dort ſtrahlt die Sonne lieblich und ſchoͤn, dort bluͤhen die Blumen uͤppig, und auch die Men⸗ ſchen, das Volk iſt dort ſchoͤn und freundlich. Ach die holde ſuͤße Heimath— werde ich ſie niemals wiederſehen? Nie wieder jenen ſchoͤnen Garten betreten, in dem ich als Kind zu ganzen Tagen weilte?— Die Thraͤnen traten ihr in's Auge, rannen uͤber ihre Wangen und fielen hinab auf ihre Hand, und der Geliebte kuͤßte ſie auf und ſchaute ſtumm zu der Beweglen auf. Sie aber ſchien ſich kaum der Gegenwart zu erinnern, ihr Auge ſtarrte wie in weite Ferne, und ihr Mund laͤchelte wie in ſeliger Verklaͤrung. Es war ſo ſchoͤn dort im Garten, 240 das Auge ſchweifte weit hinaus von der Hoͤhe auf den klaren Fluß mit den wehenden Flaggen und Wimpeln. Wie es dem Baͤumchen ergehen mag, das ich ſelbſt mir dort ge⸗ pflanzt, ich moͤchte es wohl wieder ſehen, es muß ſchon zu einem kraͤftigen Stamme geworden ſein! O haͤtte ich Schwingen,— koͤnnten meine Seufzer mich noch einmal zuruͤckfuͤhren in die Heimath, in die liebe, liebe Heimath! Und wollteſt du uns verlaſſen, Eleonore, fragte S. zaͤrtlich, ſollte dein armer Ottokar vergehen in Sehnſucht nach ſeiner angebeteten Herrin?— Nein, du haſt Recht, Ottokar, ich darf nicht fort. Ich wuͤrde auch dort nicht mehr gluͤcklich ſein, ich bin es nur bei dir, mein Geliebter!— Sophie aber umſchlang ſie zaͤrtlich, und fragte ſihmerz. lich: und ich bin dir nichts, Eleonore? 8 Du biſt meine theure, liebe Freundin, ſagte Eleonore zaͤrtlich, dann, beide Arme ausbreitend, rief ſie mit voller Stimme: bin ich nicht gluͤcklich, nicht uͤberſelig, einen treuen edlen Geliebten, eine zaͤrtliche, wahre Vrrundin, was kann das Leben mir nun noch geben? Macht, ſagte Sophie leiſe, und kuͤßte die Hand ihur Fuͤrſtin.— Macht, wiederholte der Graf, zum Herrſchen biſt du ge⸗ boren. O dieſe edle Stirn wird einſt die Krone tragen, ſie wird den Glanz deiner Schoͤnheit nicht erhoͤhen, aber deiner wuͤrdig ſein. Dein Volk liebt dich, liebt dich mehr, wie ſeinen angebornen Herrſcher, vor deſſen Tyrannei es erbebt, und Eleonore rufen die Herzen aller deiner Unterthanen. Still, ſtill, unterbrach ihn Eleonore, wecke mich nicht aus einem ſchoͤnen Liebestraume, goͤnne mir die Ruhe und den Frieden. Wuͤrdeſt du mich inniger lieben als Koͤnigin? Nein, beim Himmel nein, rief der Graf heftig. Nur weil ich dich liebe, moͤchte ich dich auf dem Gipfel der Groͤße und Macht ſehen. Du ſollſt die erſte Frau der Erde ſein, wie du die reizendſte biſt.— Und weil ich dich liebe, moͤchte ich immer bleiben, was ich bin, Ottokar, ſagte ſie zaͤrtlich. Doch horch, die Muſik verſtummt, und dennoch moͤchte ich ſo gerne noch dieſe melodiſchen Toͤne vernehmen. Sie machen mir das Herz ſo groß und weich, und alle laͤngſt verklungenen Erinnerungen meiner Jugend tauchen wieder empor. Der Graf ſprang auf: ich werde in deinem Namen ge⸗ bieten, daß ſie auf's Neue beginnen. O nicht doch, nicht doch, ſagte ſie, und hielt ihn zuruͤck; ſind die Armen nicht Menſchen, wie wir? Goͤnne ihnen Ruhe, ſie werden nach ſtundenlanger Anſtrengung der Er⸗ holung beduͤrfen. Dort ſteht die Harfe. Singe mir ein Lied, Sophie, eins von jenen ruͤhrenden ruſſiſchen Liedern, die du mit ſo unnachahmlicher Lieblichkeit vorzutragen weißt. Du aber, Ottokar, nimm mich an dein Herz, und laß mich traͤumen, daß ich dein Weib bin.— So verging Eleonoren das erſte Jahr ihrer Ehe, wenn wir eine Verbindung, die weder Liebe, noch Irrthum ſchloß, ſondern die Politik, ſo nennen wollen. Nach Verlauf deſ⸗ ſelben gebar ſie einen Sohn, das Reich hallte wieder von Freudengeſchrei und Jubelruf. Nur zwei Herzen, ach! und die, die es am innigſten betraf, nur dieſe beiden Herzen II. 16 242 blieben kalt. Ohne Freude vernahm der Fuͤrſt Ludwig die Geburt ſeines Sohnes, deſſen Mutter er nicht liebte, ohne Freude ſchloß Eleonore das Kind in ihre Arme, deſſen Va⸗ ter ſie haßte, dem ihr Herz auch nicht einmal gehoͤrt, und es durchzuckte ſie ein tiefes Weh, als ihr das Kind die Zuͤge des Gemahls wieder zeigte.— Doch auch die Fuͤrſtin bleibt Mutter, und bald vergaß Eleonore uͤber innigere Gefuͤhle den Vater des kleinen Weſens, das ſie mit Mutterzaͤrtlich⸗ keit an ihr Herz druͤckte; vielleicht haͤtte, wenn es ihr waͤre geſtattet geweſen, ſich dieſen neuen Gefuͤhlen hinzugeben, ſie in denſelben Erſatz gefunden fuͤr alle Maͤngel und Entbeh⸗ rungen einer elenden Haͤuslichkeit, vielleicht waͤre ſie, ganz der Mutter⸗Zaͤrtlichkeit nachgebend, voͤllig wieder zuruͤck⸗ getreten in den Kreis der Weiblichkeit und uͤber dem heilig⸗ ſten Gefuͤhle, das dem Weibe geſtattet iſt, moͤchte der Ehr⸗ geiz, der Durſt nach Ruhm, moͤchte die Liebe ſogar geſchwiegen haben,— aber die Etiquette trennte ſie von dem Kinde, und nur zu beſtimmten Stunden des Tages war es ihr geſtattet, das Kind zu ſehen und an ihre Bruſt zu druͤcken. Ach mit welchen ſehnſuͤchtigen Blicken folgte ihr Auge der Waͤrterin, wenn dieſe mit ihrem Kinde wieder das Zimmer verließ, und wie gedachte ſie in der Einſamkeit mit ſchmerzlicher Luſt ihres Kindes. Doch bald fing dieſe Einſamkeit an, ihr laͤſtig zu werden,— ach ſie trennte ſie von dem Geliebten, und ſie brannte, ſeine Stimme zu vernehmen, ſie lechzte nach dem Anblick ſeiner Augen, dieſer Augen, die fuͤr ſie der Him⸗ mel waren. Und als ſie nun wieder geneſen war, und als die Eti⸗ quette es ihr geſtattete, wieder ihre Einſamkeit zu verlaſſen 2* — 243 als er wieder neben ihr war, als er mit derſelben Zaͤrtlichkeit wieder zu ihren Fuͤßen lag, da ſchwoll ihr Herz im namen⸗ loſen Entzuͤcken, und es war ihr, als ſei ſie nach dieſem Wiederſehen das gluͤcklichſte Weib der Erde. Die Regentin verherrlichte die Geneſung ihrer geliebten Eleonore durch glaͤnzende Hoffeſte,— ach uͤber den Zerſtreuungen der Ver⸗ gnuͤgungen und der Liebe ward ihr Kind vergeſſen!— Sie war wieder Fuͤrſtin, nicht mehr Mutter, und unbeachtet vom Vater⸗ und Mutterauge ward der kleine Prinz Paul Sclaven und Soͤldlingen uͤberlaſſen. Selten ſah Eleonore den Gemahl, und geſchah dieß, ſo war es nie ohne vermehr⸗ ten Groll, daß ſie von einander ſchieden, und oft waren die Hoͤflinge Zeugen der empoͤrenden Rohheit des Fuͤrſten, der heftigen Aeußerungen ſeiner Gemahlin. Beide ſuchten ſie Troſt, fern von einander. Ludwig in den Armen ſeiner ſchoͤnen W., Eleonore an dem Herzen ihres Ottokar. War ihr gleich die Ehe, die Religion ſelbſt entwuͤrdiget, ſo gab es doch noch etwas, das ihr das Leben verklaͤrte, das ſie ver⸗ ehrte, ihre Liebe, dieſes reine Gefuͤhl, ſo frei von Eigennutz und Sinnlichkeit. Dieſe Liebe warf einen roſigen Schimmer uͤber ihr ganzes Weſen, machte ſie milde und weich gegen ihre Umgebung, freundlich und gnaͤdig gegen den geringſten ihrer Unterthanen. Jeder durfte ihr nahen, jedem lieh ſie ein williges Ohr, ſie ſelbſt ging in die Huͤtte der Armuth und des Elends, und linderte manch verborgenes Weh. So ward ſie zum Abgott ihrer Unterthanen; wo ſie erſchien, ſank Alles nieder, wie vor einer himmliſchen Erſcheinung, der Jubelruf der Menge begruͤßte ſie, wenn ſie auf oͤffentli⸗ cher Straße ſich zeigte, und die Armen, die Kranken, denen 16* 244 ſie Wohlthaͤterin geweſen, ſanken nieder, die Stelle zu kuͤſſen, die der Fuß ihrer Fuͤrſtin beruͤhrt. Stets war Graf S. bei ſolchem oͤffentlichen Erſcheinen ihr zur Seite, und wenn ein — donnerndes Lebehoch ſie begruͤßte, und wenn ſie die lauten Segenswuͤnſche der Menge vernahm, wandte ſie ſich oft tief geruͤhrt zu dem Geliebten hin: Ottokar, das Volk wuͤrde mich nicht lieben, wenn du mich nicht liebteſt. Ohne dich wuͤrde ich nicht wiſſen, wie ſelig die Liebe macht, und wuͤrde ihnen nicht geben koͤnnen, was ich nicht beſaͤße. Denn ſiehſt du, Geliebter, die Liebe iſt unermeßlich, von einem uͤbertraͤgt ſie ſich auf die ganze Menſchheit!— Graf S. allein war der Vertraute aller ihrer Handlungen, er begleitete ſie auf ihren heimlichen Wanderungen, um Ungluͤck zu er⸗ forſchen und zu lindern, und wenn ſie die niedrige Huͤtte verließen, in die ihr Erſcheinen Gluͤck und Troſt gebracht, nannte man ſegnend neben Eleonorens Namen auch den ihres Geliebten. Aber je mehr die Fuͤrſtin durch ihr mildes, leutſeliges Betragen die Verehrung und Liebe ihrer Unter⸗ thanen gewann, um ſo mehr contraſtirte dagegen des Fuͤrſten rohes, wildes Weſen, und bald begann das Volk zu mur⸗ ren, wenn es vernahm, wie lieblos der Fuͤrſt gegen ihre vergoͤtterte Eleonore.— So bereitete ſich allmaͤhlig und leiſe die verhaͤngnißvolle Kataſtrophe, die ſpaͤter hereinbrechen ſollte, vor. Abſichtslos von Eleonorens Seite vielleicht, wohl uͤberlegt von ihrem Geliebten, dem Grafen S.— Viertes Capitel. Du haſt aus meiner Ruhe mich herausgeriſſen, In wildes Drachenblut haſt du die Milch Der frommen Denkart mir gewandelt. Schiller. Wilhelm Tell. In tiefer Berathung ſaß Graf Seſſo neben ſeiner Schwe⸗ ſter, der Graͤfin Sophie D. Die Regentin wird ſchwach, ſie leidet oft ernſtlich, ſagte Seſſo, kann nicht ein ploͤtzlicher Tod ſie uͤberraſchen? Das Volk ſieht mit Angſt und Grauen dieſem Zeitpunkte entgegen, denn Alles fuͤrchtet ſich vor dem grauſamen Ludwig. Meine Spione in den Bierhaͤuſern und Schenken reizen das Volk immer mehr gegen den Verhaßten, und leiſe murmelt das Volk, daß es ſich nicht wieder beugen will unter ſclaviſche Barbarei.— 1 Das Volk, mein Bruder, entgegnete Sophie, das Volk iſt wankelmuͤthig; ſchmeichle ihm uiid es liebt dich. Sie werden murren, dieſe Sclaven, aber Niemand wird es wa⸗ gen, in der verhaͤngnißvollen Stunde laut ſeine Stimme zu erheben. Mehr hoffe ich von den Soldaten, den fremden Soͤldlingen, der Garde. Laß Geld unter dieſe vertheilen in 246 Eleonorens Namen, ruͤhre ſie durch die Erzaͤhlung der un⸗ wuͤrdigen Behandlung, die ſie vom Fuͤrſten erduldet, und begeiſtere ſie fuͤr ihre leidende Fuͤrſtin. Auch das iſt geſchehen und ſoll es ferner. Laß uns raſt⸗ los fortarbeiten fuͤr das Wohl unſeres Vaterlandes, es wird uns gelingen, ihm zu helfen, und das Reich wird es uns einſt Dank wiſſen, daß wir ihm huͤlfreich waren. Taͤuſche dich nicht, ſagte die Schweſter, es wird uns ver⸗ geſſen, wir waren nur die Werkzeuge, daran denkt man nicht, wenn das Meiſterwerk vollendet iſt, das man anſtaunt. Unſterblich wird Eleonorens Name ſein und der ihres Guͤnſt⸗ lings. Ha, dieſer Guͤnſtling! rief Seſſo, heftig im Zimmer auf⸗ und abſchreitend. Er macht mir Sorgen, er wird uns alle Fruͤchte unſerer Muͤhe und Anſtrengung entreißen. Er wird ernten, was wir geſaͤet.— Und verlangſt du andern Lohn, als des Reiches Wohl? fragte Sophie ſtreng.— Ich will anerkannt ſehen, was ich geleiſtet, ich will nicht der Guͤnſtling, aber der erſte Diener und Rathgeber meiner Koͤnigin ſein.— O nicht darum, ſagte die Graͤfin, moͤchte ich dieſen Ot⸗ tokar entfernen,— laß ihm ihre Liebe, ſie verblendet ſie nicht gegen andere ihrer Diener, aber der Graf iſt ihrer nicht werth, er taͤuſcht ſie, Und ſie dveiher ihre innigſten Gefuͤhle einem Unwuͤrdigen, einem Verraͤther.— Was ſagſt due rief Seſſo laut und heftig. Die Graͤfin aber trat dicht auf ihn zu, und den Arm 1 auf ſeine Schulter legend, neigte ſie ſich an ſein Ohr, als 247 fuͤrchte ſie, der laute Ton ihrer Stimme moͤchte Verraͤther⸗ ohren treffen, und fluͤſterte: Ottokar hat hier im Schloſſe eine Geliebte.— Der Graf fuhr zuruͤck und ſtarrte entſetzt die Spreche⸗ rin an.— Es iſt wahr, ſagte dieſe ruhig, ich weiß es aus ſicherer Quelle. In dem Pavillon, den die Regentin dem Guͤnſt⸗ linge der Fuͤrſtin zum Geſchenk machte, um, wie ſie ſagte, Eleonoren eine Freude zu machen, in dieſem Pavillon wohnt ſeit Wochen ſchon eine ſchoͤne Circaſſierin, Ottokars Ge⸗ liebte.— Seſſo ſtieß einen wilden Ausruf der Freude aus, dann ergriff er Degen und Hut und wollte fort.— Wohin willſt du? fragte Sophie, und hielt ihn aͤngſtlich am Arme zuruͤck. Zur Fuͤrſtin, ihr den Verrath zu entdecken. Willſt du dich und mich verderben, Bruder? Sie wuͤrde dir nicht glauben, ſie wuͤrde von Ottokar ſelber die Wahrheit fordern, er waͤre gewarnt und Alles waͤre umſonſt.— Beweiſe, Beweiſe laß uns geben, ſagte Seſſo heftig. Wir wollen ſie warnen, aber ſie muß nicht wiſſen, von wem dieſe Warnung kommt. Der Bote einer Hiobspoſt fin⸗ det niemals guten Lohn und freundliches Willkommen, ſagte Eudoxia. Heute Abend iſt bei der Regentin große Mas⸗ kerade. Die Fuͤrſtin erſcheint in der Maske einer perſiſchen Fuͤrſtin, ſie will unerkannt bleiben, und Niemand außer mir kennt ihren Anzug. Naͤhere dich ihr und druͤcke ihr leiſe die⸗ ſen Zettel in die Hand, und dann entferne dich raſch, damit 248 ſie dich nicht erkennt. Die Graͤfin reichte dem Bruder ein beſchriebenes Blatt hin.. Vortrefflich, lachte dieſer, du ſcheinſt Alles wohl uͤberlegt und eingeleitet zu haben. Dann las er halblaut: Der Graf iſt ein Verraͤther, er liebt eine Andere. Will Eleonore Be⸗ weiſe? So ſchweige, Fuͤrſtin, und folge dem Pagen, der ſich Dir nahen wird.— Der Page bin ich, ſagte Sophie laͤchelnd.— Wie aber willſt du ihr Beweiſe geben? fragte Seſſo. Meine Spaͤher bewachen jeden Schritt des Grafen. Er ſchleicht jeden Abend waͤhrend der Hoffeſte zum Pavillon. Auch heute wird er es nicht verſaͤumen, und ich werde Eleo⸗ noren dorthin fuͤhren. Du biſt eine herrliche Diplomatin, ſagte Seſſo, und nach laͤngerer Berathung trennten ſich die Geſchwiſter. Glaͤnzende Masken wogten in den Saͤlen des koͤniglichen Palaſtes auf und ab. Alle Nationen hatten hier ihre Ve treter, Spanier in ihren ſchwarzen Gewaͤndern, Franz e in ſteifer Hoftracht, Englaͤnder mit wuͤrdevoller Grandezze, Griechen, Aſiens ſchoͤne Toͤchter, Alles ging im lauten Ge⸗ wuͤhl durcheinander. Unter einem Thronhimmel ſaß die al⸗ ternde Regentin und uͤberſchaute mit laͤchelnden Blicken das glaͤnzende Treiben, von Zeit zu Zeit ſich an den dienſtthuen⸗ den Kammerherrn, der zur Seite des Seſſels ſtand, mit Fra⸗ gen uͤber manche Maske wendend.— Weißt du noch nicht, in welchem Gewande meine fuͤrſt⸗ liche Nichte hier iſt? 249 Niemand ahnt es, Majeſtaͤt.— Und Graf Ottokar?— Auch das iſt ein Geheimniß. Man ſagt, die Fuͤrſtin und der Graf haben ſorgfaͤltig das Geheimniß ihrer Maske bewahrt, um das Vergnuͤgen zu haben ſich zu ſuchen und zu finden. Sie ſind wie die Kinder, ſagte die Regentin laͤchelnd, und wandte das Auge wieder auf die Menge.— Jetzt nahete ſich dem Throne ein glaͤnzender Zug. Der ganze Olymp ſchien noch einmal ſeine Bewohner auf die Erde geſandt zu haben, um ſich unter die Menſchen, ihre Lieblinge zu miſchen. Venus kam an der Seite ihres Ado⸗ nis, Diana ſtuͤtzte das Haupt auf Endymions Schulter, je⸗ der Gott hatte ſeine Geliebte, jede Goͤttin ihren Freund zur Seite. Sie alle aber zogen den Triumphwagen des Gottes thronte. Das Goͤtterpaar hatte etwas wahrhaft Erhabenes in Haltung und Geſtalt, und ein Gefluͤſter ging durch die Saͤle, es ſei Eleonore mit dem Grafen. Darum ſtuͤrzte auch Alles dem Zuge nach, der jetzt vor der Regentin ſtand. Zierliche Amoretten umgaben den Triumphwagen, und der Pfau und der Schwan ſtanden zur Seite. Ceres mit dem goldenen Fuͤllhorn ſtreute ihre Schaͤtze, zierliche Sachen mit ſinnigen Deviſen verſehen, unter die Menge, und Apoll zog aus ſeinem Koͤcher manche Pfeile mit zarten Spruͤchen, ſie unter die Damen vertheilend.— Unter den Masken glaͤnzte an Schoͤnheit des Anzugs, ſo wie an hoher, ſtolzer Geſtalt beſonders eine perſiſche Fuͤrſtin hervor, doch waren Alle zu ſehr mit dem Triumphwagen und dem Goͤtterpaare in dem⸗ der Goͤtter, in dem Zeus an der Seite ſeiner ſtolzen Juno⸗ 250 ſelben, in denen ſie Eleonore und Ottokar vermutheten, be⸗ ſchaͤftigt, als daß ſie der Perſerin naͤhere Aufmerkſamkeit ge⸗ zollt haͤtten. Nur Apollo ſchien ſie nicht zu uͤberſehen, er nahte ſich ihr und druͤckte einen Pfeil aus ſeinem Koͤcher in ihre Hand, und fluͤſterte: Lies, aber allein!— Die Perſerin verbarg den Pfeil, zog ſich damit in eine Fenſtervertiefung zuruͤck und las. Ein dumpfer Schrei drang unter ihrer Maske hervor,— es war Eleonore. Krampf⸗ haft zerknitterte ſie in der zuſammengepreßten Hand das Pa⸗ pier, ihre ganze Geſtalt erbebte, ſie war kaum vermoͤgend ſich aufrecht zu halten. Dann raffte ſie ſich auf aus ihrer Ohnmacht: wo iſt er, ich will ihn ſelbſt fragen, fluͤſterte ſie. — Aber ſie wußte nicht, unter welcher Maske ſie ihn finden konnte, und blieb rathlos ſtehen. Alles drehte und ſchwirrte vor ihren Augen, die Muſik klang ihr wie Hohn, und ſie wuͤnſchte ſich fort von dieſem Treiben, weit, weit fort! Nie⸗ mand achtete ihrer, noch war Alles mit dem Goͤtterzuge be⸗ ſchaͤftigt. Da ſchluͤpfte aus der Menge ein zierlicher Page hervor, und ſich der Perſerin naͤhernd, fluͤſterte er leiſe: „folge mir.“—. Eleonore zitterte vor Schreck und Schmerz und folgte faſt beſinnungslos dem Pagen von Zimmer zu Zimmer, ohne eine Frage, einen Laut. Sie war kaum eines Gedankens faͤhig, in ihrem Herzen, in ihrem Hirne brannten die Worte: „Ottokar iſt ein Verraͤther.“ Jetzt ſtanden ſie vor einer kleinen Pforte, der Page oͤff⸗ nete dieſe, und die kalte Zugluft ſagte, daß ſie in's Freie fuͤhrte. Wohin fuͤhrſt du mich? fragte Eleonore zoͤgernd. * 251 Folge mir nur, fluͤſterte ihr raͤthſelhafter Fuͤhrer, und warf ſchnell ihr einen Mantel uͤber, den eine Hand aus der Dunkelheit des Gartens ihr reichte.— Noch wenige Schritte und ſie ſtanden vor dem Pavillon. Der Page oͤffnete behutſam eine kleine Thuͤr und ſie traten in ein kleines, finſteres Gemach. Schau dorthin, fluͤſterte der Fuͤhrer, ſieh, hoͤre und ſchweig. Er hob behutſam den Vorhang einer Glasthuͤr in die Hoͤhe, und Eleonore ſchaute in das Innere eines Gema⸗ ches, das auf's Glaͤnzendſte in morgenlaͤndiſcher Weiſe ver⸗ ziert war. Auf den ſchwellenden Polſtern des Divans, hell beleuchtet vom Kerzenlichte, ſaß ein wunderherrliches Weib. Ihre dunkelen, gluͤhenden Augen, ihre uͤppige Fuͤlle, ihre reiche morgenlaͤndiſche Tracht verrieth die Circaſſierin. Ihre ſchoͤnen mit koſtbaren Perlen verzierten Arme hatte ſi um den Nacken eines Mannes geſchlungen, der vor ihr knieend das Haupt in ihrem Schooße verbarg. Er war in glaͤnzen⸗ der franzoͤſiſcher Uniform, und Eleonore erinnerte ſich, daß ſeine hohe Geſtalt ſchon im Saale ihre Aufmerkſamkeit er⸗ regt hatte— das ſchoͤne, liebegluͤhende Maͤdchen aber ſprach zu dem Knienden in den zaͤrtlichſten, heißeſten Liebesworten, und der Ton ihrer Stimme war weich und ſchoͤn, wie Floͤ⸗ tenklang. Mein theurer, ſchoͤner Schmetterling, ſagte ſie, kommſt du endlich wieder zu deiner Roſe, die faſt verwelkte in Sehnſucht nach dir?— Sonne meiner Augen, willſt du endlich wieder die lange, kalte Nacht erwaͤrmen, in der ich faſt ſterbe ohne dich? Noch immer ſtumm, du boͤſer Mann? Haſt du kein freundlich Wort fuͤr deine Zoe? Oeffne die bluͤ⸗ henden Granataͤpfel deiner Lippen, und laß aus den Perlen⸗ 252 reihen deiner Zaͤhne hervor dein armes Voͤgelchen die Muſik deiner Stimme vernehmen— ſprich zu mir.— Da richtete der Mann ſein Haupt empor,— der Schein der Lampe beleuchtete ſein Geſicht— Eleonore taumelte zuruͤck, ſie hatte den Grafen erkannt. Ruhig, ruhig, fluͤſterte ihr Fuͤhrer, verrathe dich nicht. Horch, er ſpricht, willſt du nicht hoͤren, was er ſagt?— Ja, du haſt Recht, ſagte Eleonore athemlos, ich muß auch hoͤren! Und ſie trat wieder zum Fenſter und hob mit zitternder Hand den Vorhang; doch zuckte ſie krampfhaft, als ſie ſah, wie der Graf, von ſeinen Knieen ſich erhebend, mit aller Glut der Leidenſchaft das ſchoͤne Weſen umfaßte.— Zoe, meine Zoe, habe ich dich wieder, rief er mit jenem Liebestone, den Eleonore nur zu wohl kannte. Und haſt du mich nicht immer, wenn du willſt, Ottokar, fragte Zoe mit ſanftem Vorwurfe, und lehnte ihren Kopf an des Geliebten Schulter. Hat deine arme Zoe nicht den ganzen Tag umſonſt, umſonſt geſeufzet nach dir, wird die arme Blume nicht verwelken bei des Gaͤrtners ſpaͤrlicher Pflege?— Meine ſuͤße Roſe, biſt du nicht des Gaͤrtners ſchoͤnſtes Gut? Weißt du es nicht, daß dein Ottokar dich liebt?— Du ſagſt es, und ich glaube dir ſo gern. Doch liebſt du noch eine andere, und— Ottokar, das ſchmerzt deine arme Zoe. Und dieſe andere iſt groß und maͤchtig, iſt eine Fuͤrſtin, und du wirſt mich vergeſſen an ihrem Herzen.— Nimmer, nimmermehr, mein holdes Leben, dich, dich nur lieb' ich! Eleonore iſt mir nur die Leiter, die mich auf⸗ 253 waͤrts fuͤhrt zur Macht. Nie habe ich ſie geliebt, wie ich dich liebe.—— Mehr vermochte Eleonore, die getaͤuſchte Fuͤrſtin nicht. Mit einem dumpfen Seufzer ſank ſie zuſammen.— Der Page, oder Sophie, oͤffnete ſchnell die Pforte, und auf ein leiſes Pfeifen von ihr trat eine hohe Geſtalt ein. Sie iſt ohnmaͤchtig, mein Bruder, fluͤſterte Sophie, hilf mir ſie unbemerkt in den Palaſt tragen.— Eleonore lag noch immer mit geſchloſſenen Augen auf dem Ruhebette ihres Zimmers, in das Sophie und Graf Seſſo ſie auf geheimen Gaͤngen, unbemerkt ſogar von den Kammerfrauen, gebracht hatten. Der Graf hatte ſich ent⸗ fernt, um ſich wieder unter die Masken zu miſchen, und Sophie kniete vor dem Bette ihrer Gebieterin, aͤngſtlich de⸗ ren Erwachen entgegenſehend.— Jetzt ſchlug ſie die Augen auf und blickte wild umher. Wo bin ich fragte ſie. Die Graͤfin faßte ihre Hand, und ſie mit Kuͤſſen be⸗ deckend, ſagte ſie: in deinen Gemaͤchern, Eleonore. Wie aber gelangte ich hieher?— Ich ſah dich, Eleonore, einem Pagen foͤlgen. Eine un⸗ erklaͤrliche Angſt erfaßte mich, und ich ſchlich dir nach, um vielleicht dir huͤlfreich ſein zu koͤnnen. Ich ſah dich in dem Pavillon verſchwinden, und als du nicht wiederkehrteſt, wagte ich es leiſe die Pforte zu oͤffnen,— da lagſt du, meine an⸗ gebetete Fuͤrſtin, beſinnungslos. Der Schrecken drohte mich zu uͤberwaͤltigen. Aber ich mußte handeln. Die Noth gab mir Kraft, ich hob dich auf meinen Arm und trug dich durch den Garten, durch die verdeckte Treppe hierher. Ich wagte es 254 nicht, deine Kammerfrauen zu rufen, weil ich vermuthete, daß du ein Geheimniß zu bergen haſt.— Du haſt wohlgethan, Sophie, ſagte Eleonore matt, und druͤckte zaͤrtlich der Freundin Hand. Dann aber, wie von einem elektriſchen Schlage emporgeſchnellt, erhob ſie ſich raſch, eine dunkle Roͤthe bedeckte ihr Geſicht, ein unheimliches Feuer gluͤhte aus ihren Augen und ſtuͤrmiſch hob ſich der Buſen. So ſtand ſie da, eine zuͤrnende Nachegoͤttin, ſie erhob, wie drohend den Arm, und ihre Stimme klang er⸗ ſtickt, als ſie ſagte: Ich bin verrathen, Sophie, ſchmaͤhlich verrathen.— e 1 Es lag ſo viel Drohendes, ſolch eine furchtbare Geſchichte innerer Kaͤmpfe in dieſen wenigen Worten, daß Graͤfin So⸗ phie unwillkuͤrlich zuſammenſchreckte. Was meinſt du, Eleonore, wer hat dich verrathen?— Eleonore aber antwortete nicht. Mit großen Schritten ging ſie im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit unver⸗ ſtaͤndliche Laute murmelnd. Allmaͤhlig ſchwand das unnatuͤr⸗ liche Roth ihrer Wangen und es uͤberzog ſie eine fahle Blaͤſſe, krampfhaft preßte ſie die erbleichten Lippen feſt aufeinander, als wolle ſie die drohenden Worte, die ihnen von Zeit zu Zeit entſchluͤpften, zuruͤckhalten.— Als Sophie eben ihre Frage ſchon zum dritten Male wiederholte, blieb ſie vor ihr ſtehen, und brach in ein lautes, trockenes Lachen aus. O, es iſt eine herrliche Geſchichte, ein beluſtigendes Abentheuer fuͤr den ſchoͤnen Grafen, der mich in den Armen ſeiner Sclavin verſpottet. Lache doch, lache doch, Sophie, ſagte ſie, und ſtampfte wild mit dem Fuße, waͤhrend Thraͤ⸗ nen ihr in's Auge traten. O wie mag er der Thoͤrin ge⸗ 1 * * 25⁵ lacht haben, die ſeinen Liebesſchwuͤren vertraute, die ſo zu⸗ verſichtlich in ſeinen Armen lag.— Aber er ſoll es buͤßen, fuhr ſie heftiger fort, und ballte in wildem Zorne die Haͤnde, er ſoll es buͤßen, der Verraͤther. Nicht ungeſtraft ſoll er eine Fuͤrſtin verſpotten,— ich werde mich raͤchen.— In ſtuͤrmiſcher Aufregung ging ſie auf und ab, dann blieb ſie vor Sophie ſtehen, und ihre beiden Haͤnde erfaſſend, ſagte ſie heftig: Begreifſt du, Sophie, mich zu verlaſſen waͤhrend ich ihn liebte! Um einer Sclavin willen! O es iſt ſchmachvoll. Vergiß ihn, meine hohe Fuͤrſtin, er iſt deiner Thraͤnen nicht werth!— Weine ich denn?— fragte ſie und richtete hoch und ſtolz ſich auf. Du haſt Recht, er iſt meiner nicht werth. Nur Rache, gluͤhende Nache will ich. Und wenn ich ihn troſtlos, weinend zu meinen Fuͤßen ſehe, wenn ihm das Le⸗ ben eine Laſt iſt und er ſich den Tod wuͤnſcht, dann will ich zu ihm treten und ſagen: ſo raͤcht ſich Eleonore, Eleonore, die du verrietheſt, als ſie dich liebte, Eleonore, die dir ver⸗ traute, deren einzige Liebe du warſt. Und ſie, das Weib, das es wagte, mich aus ſeinem Herzen zu verdraͤngen, ſie ſoll es furchtbar buͤßen, in ihr Blut will ich meine Haͤnde tauchen, er, er ſoll ſie ſterben ſehen.— Eleonore, Fuͤrſtin, rief Sophie, entſetzt uͤber das wahn⸗ ſinnige Leuchten ihrer Augen, ermanne dich, raffe dich auf. Vergiß ihn, aber auch die Rache. Noch biſt du nicht all⸗ maͤchtig, die Thronfolgerin hat noch nicht zu gebieten uͤber das Leben des Volks. Du haſt Recht, ſagte ſie raſch, aber ich werde einſt Koͤ⸗ nigin ſein, und dann,— drohend erhob ſie den Arm, ballte ſie die Hand, waͤhrend das gluͤhende Auge weit hinausſtarrte, und die feſtgeſchloſſenen Lippen krampfhaft zuckten. Dann wird meine edle Koͤnigin, ſagte Sophie ſanft und erfaßte die herabgeſunkene Hand Eleonorens, des Wurmes nicht achten, deſſen leiſes Summen einen Augenblick ihre Ruhe ſtoͤrte.— Einen Augenblick ihre Ruhe ſtoͤrte, wiederholte Eleonore mechaniſch. Und es zuckte in ihren Zuͤgen; der ſtarre, grau⸗ ſame Ausdruck ihrer Mienen verſchwand, weichere Gefuͤhle kamen uͤber ſie, ploͤtzlich entſtroͤmten Thraͤnen ihren Augen, und an der Freundin Buſen ſich lehnend, ſchluchzte ſie: Ach, du weißt nicht, kannſt nicht wiſſen, Sophie, wie ich ihn geliebt habe, wie namenlos er mich taͤuſchte. Ich weiß es, meine theure Fuͤrſtin, aber ich weiß auch, daß er deiner nicht werth iſt. Sei wieder du ſelbſt, Eleonore, raffe dich auf, vergiß den Undankbaren.— Vergeſſen, Sophie, ſagte ſie, und nicht mehr die zuͤr⸗ nende, auf Rache ſinnende Furſtin, das liebende, trauernde Weib war es, die ſprach. Ach, wie kann ich ihn vergeſſen? Wird nicht jede Stunde mich an ihn erinnern, werde ich nicht taͤglich ihn ſehen und immer auf's Neue mit grauſa⸗ men Schmerze es fuͤhlen, daß ich ihn liebe?— Entferne ihn, Fuͤrſtin, noch iſt der Geſandte nach Eng⸗ land nicht ernannt. Bitte die Regentin, ihm die Stelle zu uͤbertragen.— 8 Ich ſoll ihn entfernen, und weißt du, daß ich ſterben werde ohne ihn? Ihr Alle, Alle ſeid falſch, ihr hintergeht 2⁵7 mich. Du willſt meine Freundin, meine treueſte Dienerin ſein, und kannſt mir rathen, das Einzige, was auf dieſer Erde mir theuer iſt, zu entfernen.— Und willſt du ihn ſehen, Eleonore, und dich immer auf⸗ ſtacheln zu neuem Schmerze durch den Gedanken, daß er eine Andere liebte— Er ſoll keine Andere lieben, rief ſie wild.— Die Graͤfin laͤchelte: Laͤßt Liebe ſich erzwingen und un⸗ terſagen?— Du haſt recht, ja du haſt recht, ſagte ſie dumpf. O koͤnnte ich meinem Herzen gebieten, koͤnnte ich ihn vergeſſen. Du kannſt es, wenn du nur willſt. Vergiß, Eleonore, daß du ein Weib biſt, bedenke, daß du eine Fuͤrſtin, dereinſt eine Koͤnigin ſein wirſt. Gedenke der hoͤheren Pflichten, die dir geworden, laß dein Herz offen ſein deinem Volke, ihm weihe alle deine Gefuͤhle, alle deine Gedanken. Die Seg⸗ nungen, die deinem Namen ertoͤnen werden, der Ruhm, der dich verherrlichen wird, dieß Alles ſei dir Erſatz fuͤr die uͤber⸗ wundenen Schmerzen der Liebe. Zeige dich groß, deiner Beſtimmung werth. Laß dieſe Schmerzen dir einen Beweis der Nichtigkeit aller Liebe ſein, laß ſie dich hinlenken auf das, was der Fuͤrſtin geziemt, und wenn du dann in ſpaͤte⸗ ren Zeiten zuruͤckblickeſt, wenn du alsdann groß und maͤch⸗ tig, und erhaben uͤber kleinlichen menſchlichen Schwaͤchen da ſtehſt, ſo wirſt du dieſe Stunde ſegnen, die dich aufſchreckte aus deiner weichlichen Ruhe.— Athemlos hatte Eleonore der begeiſterten Rednerin zuge⸗ hoͤrt, und ihre Zuͤge, ſtets der treue Spiegel ihrer Seele, II. 17 „ 258 zeugten von den wechſelnden Gefuͤhlen ihrer Bruſt.— Jetzt athmete ſie lang und ſchwer, und ſagte erſchoͤpft: Es ſei ſo, wie du ſagſt. Eine lange Pauſe folgte. Sinnend und geſenkten Haup⸗ tes ſchritt Eleonore im Zimmer auf und ab, Sophie folgte ihr ſtumm mit den Augen und wagte nicht durch ein Wort den Kampf im Innern der Fuͤrſtin zu unterbrechen. Jetzt blieb Eleonore vor der Freundin ſtehen und ſagte kalt und ruhig: Laß uns zuruͤckkehren zur Geſellſchaft Man wird uns vermiſſen. Sophie reichte ihr Handſchuh und Maske.— Keine Maske mehr, Sophie, mein Geſicht iſt Maske genug fuͤr mein Herz. Nicht ein Schmerzenszug ſoll ver⸗ rathen, was meine Bruſt leidet. Ich will laͤcheln, Sophie, und laͤchelnd werde ich die Regentin erſuchen, ihn zum Ge⸗ ſandten nach London zu ernennen, und ihn ſchon morgen dahin abgehen zu laſſen, und mit heiterem Geſichte will ich, ich ſelbſt es ihm verkuͤnden.— Und wirſt du es vermoͤgen, fragte Sophie, fuͤhlſt du dich ſtark genug, ſeinen Anblick zu ertragen? Ich werde ihm keine Schwaͤche zeigen, ſagte Eleonore ſtreng und ſtolz. Er ſoll keine Thraͤne in meinen Augen ſehen! Mit Gleichguͤltigkeit will ich von ihm ſcheiden, das ſei meine Rache,— einer anderen iſt er nicht werth.— Gelobt ſei Gott, rief die Graͤfin freudig, du haſt uͤber⸗ wunden, haſt geſiegt.— Ja, ſagte ſie ſchmerzlich, aber um einen ſchweren Preis. Einen Augenblick ſtand ſie ſinnend und bebend. Dann ſagte 259 ſie heftig und ſchnell: und nun vergiß, daß du mich ſchwach geſehen, vergiß, daß ich weinte. Kein Laut verrathe es ir⸗ gend einem Menſchen, auf daß er es nicht erfaͤhrt und in ſtolzem Uebermuthe ſagen kann, daß Eleonore um ihn weinte. Vergiß, daß du deiner Fuͤrſtin rathend und ermahnend durf⸗ teſt zur Seite ſtehen. Laß uns Beide unſere Rolle wieder aufnehmen, die deinige freundlich, zuvorkommend und ſervil, die meinige groß und ernſt, aber freudlos.— So ſchritt ſie ſtolz und feſt durch das Zimmer. An der Schwelle aber blieb ſie noch einmal ſtehen und ſagte ſchmerz⸗ lich: O Sophie, die Eleonore, die dieß Zimmer verließ, um zur Maskerade zu gehen, iſt eine andere, als die, die jetzt dorthin zuruͤckkehrt. Jene war voll Glauben und voll Liebe, dieſe iſt kalt und ſtarr, und weiß, daß das Leben ein elendes Gauklerſpiel iſt. In dem du aber, Eleonore, eine große Rolle ſpielen wirſt.— Ja, das werde ich. Ich fuͤhle oazu in mir die Kraft und auch den Willen.— In dem Ballſale herrſchte Verwirrung und Mißmuth, aͤngſtlich fluͤſternd ſtanden hie und da einzelne Gruppen zu⸗ ſammen und blickten ſcheu umher. Wo mag die Fuͤrſtin ſein? murmelte man leiſe, und ſchaute verſtohlen zur Regen⸗ tin hin, deren Stirn ſichtlich der Unmuth bewoͤlkte.— Es iſt unerhoͤrt, fluͤſterte der Oberkammerherr dem ne⸗ ben ihm ſtehenden Hofmarſchall zu, grade heute, an dem Feſte, das ihr zu Ehren gegeben wird, nicht zu erſcheinen, und zwar ohne ſich zu entſchuldigen. Auch Graf S. iſt un⸗ ſichtbar.— 17* 260 Sehr natuͤrlich, lachte der Hofmarſchall, er wird bei ſei⸗ ner hohen Geliebten ſein. Ja, wahrhaftig, meinte der Andens ,ich glaube, ſie liebt ihn ganz ernſtlich. So ernſtlich, ſagte der Hofmarſchau, ploͤtzlich ernſt wer⸗ dend, daß, wenn ſie Regentin waͤre, und es geluͤſtete ihm nach unſeren Koͤpfen, ſie ihm dieſe ohne Weiteres gewaͤhren wuͤrde. Glaubſt du, fragte der Kammerherr erblaſſend, und faßte aͤngſtlich nach ſeinem Haupte.— Da erſchallte am Eingange des Saales froͤhliches Ge⸗ laͤchter und unter den froͤhlich Sprechenden erkannten die Beiden Eleonorens Stimme. Das laute Gewuͤhl kam naͤ⸗ her, Eleonore ſchien froͤhlich und leutſelig mit ihrer Umge⸗ bung zu ſcherzen, und wer ſie ſah, ſtrahlenden Auges und geroͤtheter Wange, der mochte wohl nicht ahnen, welche bit⸗ tere Thraͤnen ſie noch kurz zuvor geweint.— Jetzt beugte Eleonoreuleicht ein Knie vor der Regentin und fuͤhrte ihre Hand an die Lippen: Verzeihung, meine gnaͤdigſte Tante, daß ich es wagte, das glaͤnzende Feſt auf eine Stunde zu verlaſſen. Das bunte Gewuͤhl verwirrte mich, ich fuͤhlte mich unwohl, Graͤfin D. fuͤhrte mich in mein Zimmer und blieb bei mir, bis ich mich erholte. Gnaͤdig und liebevoll ſtreichelte die Regentin Eleonorens Wange: man ſollte kaum glauben, daß Unwohlſein neben ſo ſchoͤnen Roſen ſein koͤnnte.— Die Freude, meine hohe, gnaͤdige Tante wieder zu ſehen, hat ſie zu neuem Leben geroͤthet, ſagte Eleonore zaͤrtlich, und wandte ſich dann zu der Umgebung: laſſen Sie ſich nicht ſtoͤren, meine Herren und Damen, ordnen Sie die Reihen zum Tanze. Ich verzeihe Ihnen, daß Sie mich nicht er⸗ kannten in meiner Verkleidung trotz Ihrer gluͤhenden Schwuͤre, meine hohe, fuͤrſtliche Geſtalt untet jeder Maske zu erkennen, ſagte ſie ſpoͤttiſch und winkte entlaſſend mit der Hand. Alles zog ſich zuruͤck, auf's Neue ertoͤnte die Muſik, ord⸗ neten ſich die Paare zum Tanze. Eleonore ſaß auf einem etwas niedrigen Seſſel neben der Regentin. Ich habe Ew. Majeſtaͤt um eine Gnade zu bitten, ſagte ſie und ihre Stimme bebte einen Augenblick. Bitte, mein Kind, es iſt ſo ſelten, daß du uns Gelegen⸗ heit giebſt, deine Wuͤnſche zu kennen. Schon im Voraus ſage ich dir Gewaͤhrung zu. Erlauben Sie mir, Ihnen den Geſandten nach London vorzuſchlagen?— Ach, du nimmſt uns eine Laſt von der Seele, wenn du es thuſt. Wir waren faſt rathlos. Nur Einer iſt es, der dieſer Sendung wuͤrdig iſt, und dieſen Einen mochten wir nicht waͤhlen, um ein geliebtes Weſen, das uns nahe ſteht, nicht zu betruͤben. So erlaube mir meine guͤtige Koͤnigin, dieſen Namen auszuſprechen. Wollen Ew. Majeſtaͤt geruhen, den Grafen S. zum Geſandten zu ernennen?— Kind, wirſt du die Trennung von ihm ertragen? ſragte die Koͤnigin Regentin theilnehmend. Wir ließen uns traͤu⸗ men, daß unſere ſchoͤne Nichte ſich habe gewinnen laſſen von dem ſchoͤnſten Manne unſeres Reiches.— Und glauben Sie, fragte Eleonore ausweichend, daß, wenn ich die Wuͤnſche Ew. Majeſtaͤt errieth, ich um einer 262 kleinlichen Schwaͤche willen mich nicht beeifern wuͤrde, ihnen nachzukommen? Du biſt fruͤh zu einer Philoſophie gelangt, die ſonſt nur die Jahre uns verleihen. In der Jugend pflegt man die Liebe als das Hoͤchſte zu betrachten.— Sie muß hoͤheren Ruͤckſichten weichen, ſagte Eleonore dumpf.— Wohl geſprochen, Eleonore, bewahre dir dieſe Geſinnun⸗ gen und viele Schmerzen werden dir erſpart werden. Ich war weniger weiſe in deinen Jahren, und mein Herz drohte zu brechen, als ich meinen erſten Geliebten verlor. Der Schmerz toͤdtet nicht, ſagte Eleonore ſo leiſe, daß die Koͤnigin es nicht hoͤrte.—— Dann aber, fuhr dieſe fort, und lehnte ſich laͤchelnd im Thronſeſſel zuruͤck, begriff ich, daß die Liebe nur ein Spiel⸗ werk, daß ſie nur da ſei, uns zu vergnuͤgen und uns die ſchweren Sorgen vergeſſen zu laſſen. Daß ſie uns nur Freude und Genuß gewaͤhren ſollte, und daß alle jene Schwaͤrmereien, die ich einſt mit dem Worte Liebe verband, nur Taͤuſchung. Nun liebte ich, ſo lange ich Luſt hatte, fuhr ſie, gleichſam in der Erinnerung ſchwelgend fort, und verabſchiedete meine Liebhaber, wenn ich ihrer uͤberdruͤſſig war, ich forderte und gab keine Treue. Wozu auch das laͤſtige Einerlei? Nur Eins halte feſt. Nie darf ein Mann es wagen, wenn er deine Neigung beſitzt, eine andere zu lieben. Und gewaͤhrt mir Ew. Majeſtaͤt meine Bitte? fragte Eleonore, bemuͤht, ein fuͤr ſie ſo ſchmerzliches Geſpraͤch zu beenden.— 263 Ja wohl, Eleonore, und wir danken dir, daß du ſo be⸗ reitwillig unſeren Wuͤnſchen entgegen kamſt.— Wir werden das desfallſige Patent ausfertigen laſſen.— Wird Ew. Majeſtaͤt mir nicht erlauben, es ihm ſelbſt, und zwar heute Abend noch zu verkuͤndigen, und darf er morgen ſchon nach London abgehen? Du biſt ſehr eilig, Eleonore. Biſt du denn ſo ſehr ſei⸗ ner uͤberdruͤſſige Nun wohlan, Alles ſei gewaͤhrt.— Eleonore winkte ihrem Kammerherrn: R., rufen Sie den Grafen S. hieher, er iſt in der Maske eines franzoͤſiſchen Officiers, auch die ſaͤmmtlichen Herren und Damen moͤgen ſich naͤhern, damit ſie vernehmen, was wir dem Grafen zu befehlen haben. So eben war der Graf in den Saal getreten und folgte dem Kammerherrn eilig zu den beiden Fuͤrſtinnen, ihnen nach draͤngte die neugierige Menge. Graf S. hatte die Maske abgelegt, auf ſeinem Geſichte ſtrahlte noch alles Entzuͤcken der juͤngſt verfloſſenen Stunden, und vielleicht waren es Zoe's Kuͤſſe, die ſeine Wange geroͤthet hatten, und Zoe's Liebkoſungen, die ſeinem Anzuge eine ſo reizende Nachlaͤſſig⸗ keit gegeben und den Bau ſeiner Locken in Unordnung ge⸗ bracht hatten.— Eleonore dachte das mit tiefem Grimm, und als Ottokar, nachdem er knieend der Koͤnigin die Hand gekuͤßt, nun zu ihr ſich wandte, als er ſo zaͤrtlich zu ihr auf⸗ ſchaute, und die Hand, die ſie ihm darreichte, ſo innig druͤckte, und ſie bedachte, daß dieß Alles nur Trug und Verſtellung ſei, da drohte der Zorn ſie zu uͤberwaͤltigen. Es war ihr, als muͤßte ſie ihm ihre Hand entreißen und ihn ihren ganzen 264 Zorn empfinden laſſen. Doch ſchnell ermannte ſie ſich. Gaaͤdig zu ihm ſich neigend, ſagte ſie guͤtig: Stehen Sie auf, Graf. Wahrlich, keines treueren und eifrigeren Dieners kann ich mich ruͤhmen, wie meines Ober⸗ kammerherrn, des Grafen S. Waͤhrend Alles ſich ergoͤtzte und freute, ſaß der Graf in ſeinem Pavillon in Geſchaͤften fuͤr ſeine Herrin vertieft. Ich danke Ihnen, Graf.— Ottokar erbleichte und biß aͤngſtlich die Lippe.— Ich moͤchte Ihnen erkenntlich ſein, fuhr Eleonore fort, und glaubte das nicht beſſer zeigen zu koͤnnen, als wenn ich die Regentin, unſere gnaͤdige Tante und Herrin erſuchte, Sie zum Geſandten nach London zu ernennen.— Der Graf fuhr zuruͤck, und erſtaunt ſahen die Hofleute einander an.. Das unverhoffte Gluͤck erſchreckt Sie, Graf, fuhr Eleonore ruhig fort, die Freude, das Ziel Ihrer Wuͤnſche erreicht zu haben, macht Sie ſtumm. Doch muͤſſen Sie bald nach Worten ſuchen, der Koͤnigin Regentin Ihren Dank fuͤr ſo hohe Gnade auszudruͤcken, um ſo mehr, da, nach dem be⸗ ſtimmten Befehle von Ihrer Majeſtaͤt, Sie ſchon in dieſer Nacht nach London abgehen werden.— Keiner Worte maͤchtig ſank Ottokar vor der Koͤnigin nieder, die ihre Hand ihm zum Kuſſe bot. Gehen Sie, Graf, ſagte ſie gnaͤdig, und rechtfertigen Sie das Vertrauen, das wir geneigt ſind, Ihnen zu gewaͤhren, durch Treue und Eifer in den Ihnen uͤbertragenen Geſchaͤften.— Reiſen Sie ſogleich, die noͤthigen Inſtructionen ſollen Ihnen nach⸗ Veſhict m werden durch die Secretaire. 265 Majeſtaͤt, dieſe Gnade, ſtammelte der Graf.— Wir erlaſſen Ihnen den Dank, lieber Graf. Eilen Sie ſich zur Reiſe zu ruͤſten. Mit einer Bewegung der Hand entließ ihn die Koͤnigin. S. erhob ſich und naͤherte ſich abermals der Fuͤrſtin. Ein athemloſes Schweigen herrſchte rings umher, Jeder war begierig, den Abſchied zwiſchen der Fuͤrſtin und dem Guͤnſtlinge zu ſehen, und vielleicht war es das Bewußtſein dieſes allgemeinen Beobachtetwerdens, was Eleonoren Kraft und Staͤrke verlieh.— Nicht ſo wollen wir ſcheiden, Graf, ſagte ſie heiter und freundlich laͤchelnd. Laſſen Sie unſere Trennung feoͤhlich ſein, wie unſer Zuſammenleben. Laßt die Muſik auf's Neue ertoͤnen, Ihr Herren, eine luſtige Weiſe, reichen Sie mir die Hand, Graf, ich moͤchte noch einmal mit Ihnen im Tanze mich erfreuen.— G Eleonore, fluͤſterte der Graf im Tanze, mit aller Zaͤrt⸗ lichkeit. Aber ſie ſchien es nicht zu hoͤren,— ach, es war der ſuͤße Ton der Liebe und Zaͤrtlichkeit, den ſie vernahm, und dennoch klang er ihr ſo rauh und fremd. Der Tanz naͤherte ſich ſeinem Ende, und noch immer 3 war ſie ſtumm, erwiederte ſie nichts auf ſeine heißen, flehen⸗ den Worte um einen freundlichen Blick, eine Erklaͤrung. Dann aber faßte ſie krampfhaft ſeine Hand und naͤher an ſein Ohr geneigt, fluͤſterte ſie: habe ich dir genug gedient? Bin ich dir hinlaͤnglich die Leiter geweſen, die dich zur Hoͤhe fuͤhrt? Siehe zu, daß die Sproſſe, die du jetzt betreten willſt, nicht unter dir zerbricht! Die Leiter, die dich aufdärs fähn. traͤgt dich nicht wieder zuruͤck.— 266 Iſt auch unnoͤthig, ſagte ſie gleichguͤltig.— O ſo liebſt du mich nicht mehr? Und alle jene Verſiche⸗ rungen deiner Liebe— Genug, unterbrach ſie ihn ernſt, nichts mehr davon. Laß uns jetzt ſcheiden. Einen Rath noch, Ottokar,— nimm die Roſe, die du im Pavillon birgſt, mit dir, ſie moͤchte hier verwelken.— Groß und ſtolz wandte ſie ſich ab, winkte der Graͤfin D. und zog ſich mit ihrem Gefolge zuruͤck in ihre Ge⸗ maͤcher.— Ihre Kraft war erſchoͤpft, ſie ſehnte ſich nach Ruhe, nach Stille, um den Schmerz austoben zu laſſen, um zu weinen. Laßt mich allein, ſagte ſie matt zu den Kammerfrauen, laßt mich ganz allein, ich werde rufen, wenn ich Eurer be⸗ darf.— Alle entfernten ſich, nur Graͤfin Sophie zoͤgerte.— Auch du verlaſſe mich. Dieſe aber trat naͤher, und ein Knie vor Eleonoren beu⸗ gend, ſagte ſie zaͤrtlich: nein, Fuͤrſtin, ich gehe nicht, denn du bedarfſt meiner. Ich weiß, du willſt dich jetzt deinem Schmerze hingeben, du willſt weinen. Thue es nicht, man wird morgen deine verweinten Augen ſehen und ſie deuten. Wer aber ſagt dir, daß ich weinen will?— Mein eigenes Herz, Eleonore. Aber, wo es mir, der Graͤfin, verſtattet waͤre zu weinen, mußt du, die Furſtin, uͤberwinden und laͤcheln.— Du haſt Recht, Sophie. Ach, es iſ ſchwer und ſtreng, das Loos der Fuͤrſtin.— 267 Nicht ſo gar ſehr, wie es jetzt dir ſcheint. Sieh das Le⸗ ben laͤchelnd an und es laͤchelt dir.— Rufe meine Kammerfrauen, Graͤfin, mich verlangt nach Ruhe.— Und willſt du nicht mehr weinen, Fuͤrſtin?— Nein, Sophie, du haſt mich nuͤchtern gemacht!— Fünftes Capitel. Will unter Scherzen * Liebchen die Stunde weih'n, Keime im Herzen Tragen mit Liebespein. Luſtig durch's Leben Ueber die Wolke hin, Zieht mich das Streben, Zieht mich der frohe Sinn. Es giebt ein altes Lied, das ſagt:„man wieder laͤcheln und lieben kann, betrogene Liebe ficht Nichts mehr an.“— Ach, es liegt Wahrheit in dieſen kunſtloſen Worten, eine ſchreckensvolle Wahrheit! O der bittern Thraͤnen, der To⸗ desſeufzer, wenn wir endlich erkennen muͤſſen, daß wir hin⸗ tergangen wurden! O des verwundenden Laͤchelns, wenn wir glauben, den Schmerz bekaͤmpft zu haben, und nun wieder zuruͤckkehren aus der Einoͤde in uns, und des Spot⸗ tes beim Erinnern der Illuſionen fruͤherer Tage! Wie iſt doch die Welt nun ploͤtzlich ſo anders geworden, ſo kalt und farblos! Und alle jene Entzuͤckungen vergangener Zeit, jener Zeit wo wir im Arme der Liebe von einer Ewigkeit unſerer Gefuͤhle traͤumten, alle jene edleren Gefuͤhle, die uns ſelber heiligten und unſer Daſein verklaͤrten, wo ſind ſie nun? Damals ſahen wir die Welt durch das Mikroskop unſerer Begeiſterung, und ſie war uns ſo groß und ſo ſchoͤn,— aber als die Taͤuſchung ſchwand, ward ſie uns klein und nichtig. Eleonore war eine andere geworden; das Letzte, was ihr heilig war, die letzte Begeiſterung des Lebens war ihr ent⸗ ſchwunden, die Poeſie des Daſeins ihr auf immer entflohen, und die kalte Proſa machte ſie ſelber ſo kalt. Der Menſch muß Etwas haben, fuͤr das er gluͤht, fuͤr das er ſelbſt faͤhig waͤre in den Tod zu gehen, Etwas, an dem ſeine ganze Seele haͤngt, das ſein Kleinod und ſeine Entzuͤckung iſt. Gleichguͤltigkeit iſt betaͤubend, es iſt vernichtend einen Tag nach dem andern hinzuſchleppen ohne Wunſch, ohne Ver⸗ langen, gleichguͤltig die Sonne kommen und gehen ſehen, voon keinem Tage etwas zu erwarten; es iſt toͤdtlich, und muß unſer beſſeres Sein vernichten. Eleonore wuͤnſchte nichts mehr vom Leben, ſie haſchte nach Zerſtreuung, ſie floh vor ſich ſelbſt und dem ſtillen Geſpraͤche ihres Herzens in die laute, herzloſe Welt, ſie ſtuͤrzte ſich in die rauſchende Luſt der Geſellſchaft, ſie taumelte von Vergnuͤgen zu Ver⸗ gnuͤgen, ſie ſuchte nur Vergeſſenheit, nur Zerſtreuung. Das Ideal von Liebe, was ſie ſich einſt geſchaffen, was einſt ihr Leben ihr verklaͤrte, war vernichtet, und die Liebe, die ſie nun ſuchte, jene Liebe, die ihren Urſprung und ihre Erxiſtenz bei der ſchoͤnen Geſtalt, den ſchoͤnen Zuͤgen findet, jene Liebe ward ihr gar leicht. Sie fragte nicht nach der Seele, die in dieſem ſchoͤnen Koͤrper wohnte, ach ſie liebte nur noch 270 den Menſchen, nicht den Gott in ihm, die außerere Schoͤn⸗ heit zog ſie an, und dem Beſitze folgte Saͤttigung und Ue⸗ berdruß. Sie hatte keine Thraͤnen mehr zu weinen, denn es gab fuͤr ſie keinen Schmerz mehr, weil ſie nichts mehr vom Leben erwartete, als was es ihr geben konnte. O, ſagte ſie, wie war ich ſo thoͤrig an eine Ewigkeit der Liebe zu glauben. Wie langweilig und eintoͤnig waͤre eine ſolche Ewigkeit. Das Leben und die Liebe iſt da zum Genuß, wohlan, ſo will ich genießen, und lieben und ſcherzen!— Wohl fluͤſterte oft leiſe eine andere Stimme in ihr: ach jene Zeit war dennoch ſchoͤner! Damals warſt du dennoch gluͤck⸗ licher! Aber ſie achteie nicht auf dieſe Stimme, denn ſie wußte es wohl, der Erinnerung ſich hingeben, hieße die Luſt der Gegenwart zerſtoͤren.— So liebte ſie den ſchoͤnen P. und verließ ihn, als ſie ſeiner uͤberdruͤßig, und ſuchte in den Armen eines Andern neue Luſt und Zerſtreuung. Und wenn die Welt ſie leichtfertig und vergnuͤgungsſuͤchtig nannte, ſo wußte ſie nicht, daß die Untreue des Einen, des Einzig⸗ ſten, den ſie geliebt, daß dieſe Untreue ſie ſo geaͤndert; ſo wußte ſie nicht, daß unter dieſer laͤchelnden Lippe, dieſem ſtrahlenden Auge ſich ein zerriſſenes Herz barg. Denn Eleonore war nicht gluͤcklich, ja es gab Stunden, in denen ſie ſich ſelbſt verachtete, und wie die Selbſtachtung erhebt uͤber irdiſche Schmerzen und Qualen, beugt die Selbſtver⸗ achtung uns tief hinab, und nimmt uns den letzten Troſt der innern Wuͤrde. Ach unter den Berauſchungen der Luſt, unter den Entzuͤckungen der Liebe verſtummte dennoch nicht die tiefe Klage ihrer Bruſt, ſie konnte ſie betaͤuben, aber nicht toͤdten, und was ſie auch that, wie tief ſie auch ſinken 271 mochte, es war Alles nur Folge des verlorenen Glaubens, nur Folge des verlornen Haltes in ihr ſelber!— Die Regentin war geſtorben, und Fuͤrſt Ludwig be⸗ ſtieg als Koͤnig den Thron. Welche neue Empfindungen beſtuͤrmten Eleonorens Herz, welche Fuͤlle unklarer Gefuͤhle ſchwellte ihre ſtolze Bruſt, als ſie unter dem Zujauchzen der Menge nun einzog in die Hauptſtadt als Koͤnigin. Wie fuͤhlte ſie in jener Stunde ſich ſo groß und ſo ſtolz, wie gab ihr dieſe Stunde Erſatz fuͤr Alles, was ſie verloren,— ſelbſt fuͤr ihre erſte verlorne Liebe! Ha, fluͤſterte ſie, unter dem Zurufen der Menge: hoch lebe unſere Koͤnigin! Ha, fluͤ⸗ ſterte ſie, es iſt doch ſchoͤn, ſo erhaben da zu ſtehen, uͤber Tauſenden, die groͤßte Frau der Erde! Graͤfin D., die ihr zur Seite ritt, vernahm allein dieſe Worte, die halb an ſie gerichtet, halb ein Selbſtgeſpraͤch waren. Und naͤher rei⸗ tend fluͤſterte ſie leiſe: Nur ein Weſen iſt maͤchtiger als dul! — GEleonore ſah verwundert die Freundin an, dann folgte ſie deren Blicken, und dieſe trafen den Koͤnig, ihren gehaßten Gemahl, dann begegneten ſich die Blicke der beiden Frauen, und ſie fuͤhlten, daß ſie ſich verſtanden; Sophie laͤchelte und auf Eleonorens Wange trat die dunkle Glut des Stolzes. Feſte folgten auf Feſte, das ganze Reich ſchien berauſcht in Luſt, ſchien dem Freudentaumel ſich hinzugeben, die Re⸗ gentin, ſo verherrlicht waͤhrend ihres Lebens, war vergeſſen, und alle die Schmeichler, die einſt ihr gehuldiget, die einſt dieſe die Sonne ihres Daſeins genannt, ſie wandten ſich nun ebenſo demuͤthig und unterwuͤrfig und zaͤrtlich der neuen Herrſchaft zu, und: Heil unſerm Koͤnig Ludwig und unſerer Koͤnigin Eleonore! jauchzten jetzt alle Lippen, die noch kurz zuvor in eben ſo freudiges Jauchzen beim Anblicke der Re⸗ gentin ausgebrochen waren.— Eine neue und bittere Lehre lag in dieſer Bemerkung fuͤr die neue Koͤnigin. Mich er⸗ freut dieſer Jubel nicht mehr, ſagte ſie zu der vertrauten D., das Volk iſt wankelmuͤthig, es vergißt, was es nicht ſieht, und huldiget nur der Gegenwart.— Du thuſt ihm Unrecht, dieſem Volke. Wohl ſchaͤtzen ſie die Gegenwart, aber das wahrhaft Große wird nie von ihnen vergeſſen. Frage doch die Englaͤnder, ob ſie ihre Koͤ⸗ nigin Eliſabeth vergeſſen.— Sie war, ſagte Eleonore ſinnend, die groͤßte Frau der Erde, allmaͤchtig war ihr Wille, Niemand unterthan.— Was hindert dich ihr nachzukommen, ſprach Sophie leicht. Still, ſtill, fluͤſterte Eleonore, und ſah ſich aͤngſtlich im Ballſaale um, in dem dieß Geſpraͤch gefuͤhrt ward, huͤte deine Zunge, daß kein Lauſcher uns hoͤrt. Ich ſage dir, Sophie, ich liebe den Koͤnig faſt, der mich zur Koͤnigin machte. Doch dankt er es dir nicht, daß du ſeine Koͤnigin biſt. Die Augen der ſchoͤnen W. ſind geroͤthet von Thraͤnen, daß eine Andere die Stelle einnimmt, die ſie fuͤr ſich ſelbſt wuͤnſcht. Der Koͤnig vermißt das Laͤcheln und den Frohſinn der Geliebten, und zuͤrnt der Gemahlin, die Schuld daran.— Ha, ſagte Eleonore, und richtete ſich ſtolzer auf, wehe ihm, wenn er— Still, Koͤnigin, fluͤſterte aͤngſtlich die Graͤfin. Dort naht der Koͤnig, an ſeiner Hand einen Fremden fuͤhrend. Wie ſchoͤn iſt dieſer Juͤngling, lispelte Eleonore, und ihr Athem ging heftiger, und ihr Auge leuchtete gluͤhender.— 273 Jetzt ſtand Ludwig mit ſeinem Schuͤtzlinge vor ihr, und ſagte mit rauher, gebieteriſcher Stimme: Ihr Landsmann, Koͤnigin, der Hauptmann unſerer Leibgarde, den unſer koͤniglicher Bruder auf unſern Wunſch uns uͤberſandte, um unſerer Garde Disciplin zu lehren. Empfangen Sie den Grafen Dahle guͤtig, ich fordre es. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er ſeine Gemahlin. Mit der ihr eigenen Anmuth und Lieblichkeit wandte ſich Eleonore an den ſchoͤnen Grafen. Es bedurfte nicht der Empfehlung meines Gemahls, um mich einem Deutſchen geneigt zu machen. Ach, es iſt lange her, daß es mir ver⸗ goͤnnt war, einen Deutſchen willkommen zu heißen, ich ſegne den Entſchluß meines Gemahls, ein Verbuͤndeter Ihres Koͤnigs zu werden. Erzaͤhlen Sie mir, Graf, von meiner Heimath. — Und als er nun ſprach, als ſie wieder die traulichen deutſchen Laute, und zumal aus ſo ſchoͤnem Munde ver⸗ nahm, da ward ihr Herz wunderbar weich, und zum erſten⸗ male nach langen Jahren bewaͤltigte ein tieferes Empfinden ihr Inneres, und unbewußt ihr ſelber traten Thraͤnen ihr in's Auge, und mit aller Sehnſucht, aller Innigkeit der Liebe rief ſie: o mein geliebtes Deutſchland, wann werde ich dich wieder ſehen!— Der junge Graf Dahle blickte ver⸗ wundert auf zu der Koͤnigin, die umgeben von Glanz und Pracht, dennoch eine Thraͤne hatte fuͤr die Heimath, und es war nicht bloße Verehrung der Fuͤrſtin, die ihn ihre Hand greifen, und inniger an ſeine Lippen druͤcken ließ.— Eleo⸗ nore war ſo ſchoͤn in den Thraͤnen des Gefuͤhls, ſie ſchaute den Juͤngling ſo liebegluͤhend an, ſie war ihm ſo huldvoll und gnaͤdig. Sie zeichnete den ganzen Abend ſo ſichtlich II. 18 274 vor Allen ihn aus, und ſprach ſo innige Worte,— ſie wollte bezaubern, und es gelang ihr. Zudem war der Graf ſo jung, ſo unerfahren, ſo vertrauensvoll, und Eleonore war ſo ſtrahlend in ihrem Glanze, ſo fern von allem Stolze und allem Uebermuthe der Großen, ſein Herz war noch frei von jeder Liebe, und zu der Verehrung, der Anbetung, die er ihr weihte, geſellte ſich das innigſte Mitleid, wenn er ſah, wie kalt und unfreundlich der Kaiſer gegen ſeine erlauchte Gemahlin, wie er ſo ſichtlich die Geliebte der Koͤnigin vor⸗ zog, ſie ſelbſt oͤffentlich beleidigte. Das Mitleid mit einer ſchoͤnen Frau wird gar bald zur Liebe,— und Eleonore wollte geliebt ſein. So vielen Anreizungen vermochte der junge leidenſchaftliche Mann nicht zu widerſtehen,— er ward Eleonorens Geliebter. Er gab ſich ganz dieſem Ge⸗ fuͤhle hin, er weihte ihr alle Glut, alle Andacht ſeines jun⸗ gen Herzens, ſie war ſeine Gottheit, ſeine Heilige. Und Eleonore? Sie, die ſo lange nur der unſeligeren Flamme der Liebe ſich geweiht, in ihr nur Genuß und Zerſtreuung geſucht, ſie ließ ſich berauſchen von dieſer ihr ſo neuen Art geliebt zu werden, der Cultus, den der ſchoͤne Juͤngling ihr weihte, entzuͤckte ſie,— es war ihr ſo neu, durch einen Blick, durch einen Haͤndedruck begluͤcken, beſeligen zu koͤn⸗ nen, es war ihr ſo reizend, nicht die Geliebte, ſondern die Heilige, die Gottheit zu ſein. Er, er wollte Nichts von ihr, als ihre Liebe, als die Erlaubniß, ſie lieben zu duͤrfen, die Koͤnigin hatte ihm Nichts zu geben, denn er forderte Nichts von ihr, nur die Liebe der Frau wollte er ja beſitzen. O warum verdiene ich nicht ſeine Liebe, ſeufzte ſie oft, war⸗ um bin ich nicht wirklich jenes erhabene Weſen, wie er es 275 glaubt, warum hat die Welt mich ſo kalt gemacht und ſo nuͤchtern. Einſt war ich ſo, wie er es iſt, ſo voll Ver⸗ trauen, voll Glauben. Ach warum mußte die Liebe ſelbſt mir die Liebe entwuͤrdigen!— Seine tiefe, heilige Glut, die Innigkeit ſeiner Gefuͤhle erinnerte ſie an ihrer eigene erſte Liebe; ſo liebte ſie in ihm ihre eigene Jugend, und ſomit ſich ſelbſt. Ja, dieſe ſeine Liebe, ſo begluͤckend und hinreißend fuͤr die Gegenwart, erfuͤllte ſie mit Trauer, wenn ſie der Schmerzen gedachte, mit denen er von dieſen ſchoͤnen Traͤu⸗ men zur rauhen Wirklichkeit erwachen muͤßte. Ich wollte, ſagte ſie ſich ſelbſt, ich wollte, daß ich es vermoͤchte, ihn immer zu lieben,— ach es iſt ſo bitter, verrathen, vergeſſen zu werden. O koͤnnte ich dir dieſe Schmerzen erſparen, theurer, geliebter Juͤngling, koͤnnte ich dieß Herz lehren, treu zu ſein, und Genuͤge zu finden in dem Einerlei fortdauern⸗ der, einziger Liebe! Ich wollte du waͤrſt, wie ſie alle, und liebteſt in mir die Koͤnigin, nicht das Weib. Ach es liegt ſo viel Schmach darin, ſtets bemuͤht zu ſein, ſeine Fehler zu verhuͤllen und heilig und rein zu ſcheinen, wenn man es ſo wenig iſt!— 18* Sechſtes Eapitel. Beſſer eine Erde mit Schrecken, Als eine Erde ohne Schrecken! Franz von Sickingen. Göthe. Biſt du bereit, Schweſter, deine Gaͤſte zu empfangen, ſagte Graf Seſſo, durch eine geheime Thuͤre in der Graͤfin D. Zimmer tretend.— Laſſe ſie eintreten. Meine Dienerinnen ſind entfernt, Niemand darf eingelaſſen werden, ich habe Krankheit vorge⸗ ſchuͤtzt. ar So ſchritt ſie ſelbſt zu der kleinen Pforte, und fluͤſterte: treten Sie ein, Alles iſt ſicher.— Sodann hoͤrte man Maͤnnertritte die Stufen beſteigen, und Graf Rippa und der Lieutenant Carlo traten in das Gemach. Seien Sie mir willkommen, meine Herren, ſagte die Graͤfin, und fuͤhrte die Herren in ihr Boudoir. Dann ſchloß ſie ſorgfaͤltig die Thuͤre hinter den Eingetretenen, und winkt ihnen Platz zu nehmen, waͤhrend ſie ſelbſt ſich matt in einen Seſſel warf.— 277 Ich bin erſchoͤpft. Die Ungeduld und die Spannung hat meine Nerven ungewoͤhnlich afficirt. Doch, ſehe ich, iſt es nicht weibiſche Furcht, die mich erbeben laͤßt. Auch die Herren ſcheinen mir ungewoͤhnlich ernſt.— Wir ſtehen auf gefaͤhrlichem Boden, Graͤfin, ſagte Graf Rippa. Ein belauſchtes Wort, ein unvorſichtiger Blick, und wir Alle ſind verloren.— Und der Graf hat nicht Neigung, bemerkte die Geaͤfin leichthin, die beruͤhmten Staatsgefaͤngniſſe kennen zu lernen. Warum ploͤtzlich ſo zagend, Rippa? 2 Dieſer zog die Stirn in finſtere Falten. Ein Rippa zagt nimmer, hohe Frau, ſagte er unwillig, doch uͤberlegt er alle moͤglichen Folgen. Wie nun, wenn unſer Plan mißgluͤckte?— Er wird nicht mißgluͤcken, entgegnete Sophie ungeduldig. Das Volk verwuͤnſcht den grauſamen Ludwig, der ihren geehrten Geiſtlichen die langen Baͤrte unterſagt, es ſpricht, zwar noch leiſe, aber dennoch vernehmlich von dem jungen Kronprinzen und Eleonoren. Gebt ihm das Loſungswort, und es wird euch folgen, und thun, was Ihr thut.— Das Volk liebt aber ſeine angebornen Herrſcher, ſagte Graf Seſſo, es duldet viel, ehe es ſich entſchließen wird, ſich dieſer Tyrannei zu entziehen. Doch hat es, fiel Carlo ein, ſchon hinlaͤnglich geduldet. Sind Sie der Garde gewiß, Carlo? fragte die Graͤfin. Er zuckte die Achſeln. Der einen Haͤlfte wohl.— Und die Uebrigen? fragten Alle zugleich.— Ich wagte es icht, ſagte Carlo, frei zu ihnen zu reden, ſie ſchie⸗ nen aber meine verſteckten Winke nicht verſtehen zu wollen, und meinten, was ihr Hauptmann thue, das wuͤrden ſie auchthun.— 228 Das iſt uͤbel, ſagte Sophie ſinnend. Der deutſche Graf wird Widerſtand leiſten, und dennoch kommt Alles darauf an, ihn zu gewinnen. Laß doch die Koͤnigin an ihm die Allgewalt ihrer Reize verſuchen! warf Graf Seſſo hin. Die Koͤnigin, wiederholte Sophie, biſt du denn ſchon ihrer gewiß, Bruder? Wie, fragte Rippa, iſt ſie nicht einig mit unſern Plaͤnen?— Eleonore iſt ehrgeizig, entgegnete Sophie, und ruhm⸗ ſuͤchtig, aber zaghaft. Zudem haͤlt dieſe neue platoniſche Liebe ſie gefangen. Sie iſt wieder Schwaͤrmerin, wie ſie es zur Zeit Ottokars war.— Davon, fragte Rippa frohlockend, wird ieſr Brief ſie heilen.— Wie, ſagte Sophie, und entfaltete das i ihr uͤberreichte Blatt, ein Brief, und zwar, fuhr ſie erſchrocken fort, von des Koͤnigs eigener Hand! Leſen Sie, Graͤfin, leſen Sie, laͤchelte Rippa.— Sophie uͤberflog ſchnell das Papier, dann ſagte ſie faſt freudig: Sie haben Recht, dieß wird ſie wecken aus ihrer Ruhe. Hoͤren Sie, Carlo und du Bruder, was der Koͤnig ſeiner Geliebten ſchreibt. Beruhige Dich, mein allerbeſtes Herz, nie wird dieſe ver⸗ haßte Eleonore Dich aus meiner Liebe verdraͤngen. Wer waͤre wohl ſo thoͤricht, wenn er aus dem ſchoͤnſten Becher gluͤhenden, italiſchen Wein ſchluͤrfen kann, nach dem ſchlech⸗ ten Glaſe mit herbem Landwein zu verlangen? Glaube mir nur, meine Taube, Dein Koͤnig bricht nicht ſein Wort, und 279 ehe eine Woche vergeht, wird meine ſtolze Eleonore im feſten S. von ihrem kurzen Koͤnigstraume erwachen.— Morgen kehre ich zuruͤck nach der Reſidenz, empfange Deinen Gelieb⸗ ten freundlich.— Hoͤre, Maͤdchen, Du koͤnnteſt mir eine Freude machen. Komme zu mir nach P., unter den Augen Eleonorens will ich Dich empfangen als meine Koͤnigin, Du ſollſt neben mir ſitzen bei Tafel,— ich goͤnne der ſtolzen Deutſchen dieſe Demuͤthigung.— Ha, rief Seſſo, dieß Blatt iſt unbezahlbar. Wie gelangte es in Ihre Haͤnde, Graf? Ich ließ mich herab, der wunderſchoͤnen Kammerfrau Eliſabeth's einige Artigkeiten zu ſagen, und fuͤr einige Kuͤſſe und tauſend Goldguͤlden nahm ſie es von dem Putzttiſche ihrer Herrin.— Ich gebe es Eleonoren, ſagte die Graͤfin ſchnell, es wird wundergleiche Wirkung haben. Vor der Gefahr, die Krone zu verlieren, wird alles Andere ſchweigen, und ſie wird zu Allem ihre Zuſtimmung geben.— Aber wir muͤſſen keine Zeit verlieren. Ehe eine Woche vergeht, ſo ſchreibt der Koͤ⸗ nig, iſt Eleonore auf der Feſtung S., und der Brief iſ ſchon vorgeſtern geſchrieben.— So laßt uns handeln, ſagte Sophie ſchnell, und erhob ſich von ihrem Lehnſeſſel, ſtolz und hoch vortretend. Laßt uns keine Stunde mehr verlieren. Jede Zoͤgerung bringt Gefahr und Entdeckung, nur die ſchnelle Entſcheidung bringt Gluͤck und Sieg. Ich eile ſogleich nach P. zuruͤck zu Eleo⸗ noren, zeige ihr dieß wichtige Papier und uͤberfuͤhre ſie von der Nothwendigkeit des Handelns. Und dann, wozu wollen wir die Koͤnigin erheben? fragte Carlo. 280 Zur Regentin, fiel Seſſo ſchnell ein, fuͤr den unmuͤndigen Kronprinzen. Aber unter der Bedingung, ſagte Rippa, daß ſie alle jene Beſchwerden, jene grauſamen Mißbraͤuche, unter denen das Volk ſeufzet, vernichtet, daß ſie die Truppen aus Deutſch⸗ land zuruͤck ruft, und keinen Theil weiter am Kriege nimmt. Und daß Sie nichts ohne den ihr dugethaitten Reichs⸗ rath unternimmt, ſagte Sophie.— Deſſen Praͤſidentin, laͤchelte Seſſo, meine tselnge gewandte Schweſter iſt.— Nicht das, meinte dieſe, aber gewiß deſſen Mitglied.— Wohlan, meine Herren, laßt uns handeln.— Entfernen Sie ſich ſogleich. Bereiten Sie heute Alles vor nach den ſchon fruͤher entworfenen Plaͤnen. Morgen muß es ſich entſcheiden, ob wir Sclaven ſind, oder ein freies Volk.— Auf zur That, rief Seſſo, und die Kriegerluſt gluͤhte in ſeinen Augen, und Carlo faßte inſtinctmaͤßig nach ſeinem Schwerdte.— Geben Sie uns die Parole, ſchoͤne Graͤfin, ſagte Rippa verbindlich, auf daß wir ſie allen Verſchwornen mittheilen, und uns daran erkennen moͤgen im Dunkel der Nacht.— Die Parole iſt: Eleonore! Wohlan. Lebe wohl bis Morgen denn!— Durch dieſelbe Thuͤre, die ſie eingelaſſen, verſchwanden die drei Maͤnner. Aengſtlich lauſchend ſtand Sophie; als ihre Schritte verhallen waren, athmete ſie ſchwer, und ging ſinnend einigemale im Zimmer auf und ab. Dann blieb ſie ſtehen, ihre Wange gluͤhte.— So habe ich es endlich er⸗ reicht, was ich mir erſehnte, ſagte ſie leiſe, ich werde Theil 281 nehmen an den Berathungen der Maͤnner, und mein Name wird unſterblich ſein. Du ſollſt mich lieben, Eleonore, auf daß du nichts thuſt ohne die Einwilligung deiner Freundin, ich will dich beherrſchen, und waͤhrend du zu herrſchen glaubſt, wird Sophie in Wahrheit die Herrſcherin ſein.— Dann klingelte ſie nach ihren Dienerinnen, und ehe eine Stunde verging, rollte ſie die Straße nach P. dahin. Arme Eleonore, war das die uneigennuͤtzige Freundſchaft, an die du ſo zuverſichtlich glaubteſte In heftiger Aufregung ging Eleonore in ihrem Gemache auf und ab, das verhaͤngnißvolle Blatt in der Hand, auf das ſie von Zeit zu Zeit einen forſchenden Blick warf, als wolle ſie ſich uͤberzeugen, daß wirklich kein banger, fuͤrch⸗ terlicher Traum ſie aͤffe. Sophie hatte ſich zuruͤckgezogen in eine Fenſter⸗Vertie⸗ fung, und blickte Pirſchend und faſt laͤchelnd 8 ihre Herrin. Es iſt wirklich, alſo wirklich wahr, murmelte Eleonore und zerknitterte das Papier in der feſt geſchloſſenen Hand. Er will mich vernichten.— Nicht mehr Koͤnigin!— Hoͤher blitzte ihr Auge, ſtolzer richtete ſie ſich auf.— Wohlan, Sophie, ſagte ſie, und trat entſchloſſen zu der Graͤfin hin, es iſt entſchieden! Das beleidigte, gemißhandelte Weib konnte verzeihen, die verrathene Fuͤrſtin nicht!— Alſo willigſt du in unſre Vorſchlaͤge, Koͤnigin? In Alles, Alles, ſagte ſie haſtig, und die Gewalt in⸗ nerer Erregung erſtickte faſt ihre Stimme. Handle fuͤr mich!— 282 Sophie erwiederte mit einem leichten Anflug von Spott: wer ſiegen will, darf den Kampf nicht ſcheuen. Du ſelbſt mußt handeln. Zeige dich noch heute deinem Volke, mit dieſer leidenden, kummervollen Miene, die ſo ruͤhrend zum Herzen ſpricht, ich werde ſorgen, daß es zuvor erfaͤhrt, wie die Mißhandlungen des Koͤnigs dich ſo bleich gemacht, laß Gold unter ſie ſtreuen, laͤchle den roheſten, den wildeſten unter ihnen.— Unmoͤglich, rief Eleonore heftig, der Anblick dieſer rohen Sclaven erregt mir Abſcheu und Eckel.— Dennoch ſind ſie es hauptſaͤchlich, die dir den Weg zum Throne ebnen, entgegnete die Graͤfin, dennoch, um zu ſiegen, mußt du dich ihnen in die Arme werfen. Eleonore ſeufzte ſchwer. O, fluͤſterte ſie leiſe, welch elender, qualvoller Mittel bedarf es, um zur Groͤße zu ge⸗ langen. Ich, eine Koͤnigin, ſoll mich erniedrigen, die Schmeichlerin von Halbmenſchen zu werden.— Denk' an die Feſtung S., warnte die Graͤfin. Du haſt Recht, ſagte Eleonore athemlos, und Sophie fuhr fort: den roheſten und wildeſten ſei am freundlichſten, ſprich zu ihnen, frage nach ihren Verhaͤltniſſen, verſprich ſelbſt in ihre Huͤtte zu treten. Du darfſt keinen Beweis von Gnade ſparen, um ihre Gunſt zu erlangen. Ihre Gunſt, lachte Eleonore bitter. Die Gunſt zer⸗ lumpter Sclaven.— Es muß ſein, ſagte Sophie feſt. Vergiß die Mittel um des Zweckes willen.— Auf Eleonore, Koͤnigin, Fuͤrſtin, es gilt eine Koͤnigskrone oder ewige Gefangenſchaft! Ha, rief Eleonore, und ihre Wange gluͤhte, es gilt eine Krone, es gilt Befreiung vom gehaßten Gemahl! Iſt Dahle hier, fragte Sophie.— Wohl, erwiederte Eleonore, und laͤchelte faſt liebevoll bei dem Klange des geliebten Namens. Mit ſeiner ganzen Compagnie? Ich denke nur mit dem kleinſten Theile.— Biſt du ſeiner gewiß? Seiner gewiß? wiederholte Eleonore ſchnell und befrem⸗ det, koͤnnte er etwas anderes wollen, als mein Wohl, meine Sicherheite Wenn ich ihm ſage, daß mein Leben auf dem Spiele ſteht, wird er Alles wagen, mich zu befreien!— Dich zu befreien wohl, entgegnete Sophie, aber wird ſeine ſtrenge Rechtlichkeit ihm einen Treubruch gegen ſeinen Herrn geſtatten, ihm, dem Hauptmann ſeiner Garde? Du haſt Recht, ſagte Eleonore ſinnend, er iſt edel und groß,— er wird nicht einwilligen. Doch muß es ſein, ſprach Sophie feſt, von ſeinem Beiſpiele haͤngt Alles ab.„Wir thun, was unſer Haupt⸗ mann thut“, ſo ſpricht der groͤßte Theil ſeiner Leute. O mein edler, geliebter Dahle, rief Eleonore, und brei⸗ tete die Arme aus, als wolle ſie den Geliebten umfangen, mein theurer Edmund, wie lieb ich dich!— Exrprobe nun ſeine Liebe, ſagte die Graͤfin mit einem feinen Laͤcheln beim Gewahren von Eleonorens Begeiſterung. Gewinne ihn fuͤr deine Sache, und der Sieg iſt dein. Laß die Garde dir huldigen, und alle Truppen folgen nach!— Wohlan, es ſei, entgegnete Eleonore feſt, liebt er mich, ſo wird er mir gehorchen.— Raſch ſchritt ſie einigemale 284 im Zimmer hin und her, dann blieb ſie vor Sophie ſtehen, alles Schwanken war aus ihren Mienen verſchwunden, ſie war feſt und beſtimmt, wie nach unumſtoͤßlichem Entſchluſſe. Muthig und kuͤhn blitzte ihr Auge, und mit feſter Stimme und mit der Sicherheit eines Feldherrn ertheilte ſie ihre Befehle. G Und nun geh, ſchloß ſie ihre lange Rede, geh, ich will allein ſein, Sophie. Lange noch ging ſie, Nachbem die Graͤfin ſie verlaſſen, in qualvollen Gedanken auf und ab, ſie fuͤhlte, und war es ſich bewußt, an einem gefahrvollen Abgrunde zu ſtehen. Vielleicht mochte er ſie verſchlingen, vielleicht mochte ſie uͤber denſelben hinweg ſich aufſchwingen zur Hoͤhe. Aber die Un⸗ gewißheit, der Zweifell O dieſer qualvollen bangen Stunde des Nichtwiſſens! Wie oft, ermuͤdet vom langen Kampfe, fleht man nur um Gewißheit, ob ſie auch toͤdtend und vernichtend ſei! nur um ein Ende dieſer langſamen Qual, dieſes Zitterns. Wie ſehnſuchtsvoll zerrt man an dem Schleier, der die Zukunft verhuͤllt, um zum Anſchauen deſſen zu gelangen, was er birgt, mag es auch Tod. ſein und Un⸗ heil! Der unbeſtimmte Schrecken verleiht eine ungewoͤhn⸗ liche Energie, und man iſt bereit Alles zu wagen, mit dem Ungeheuren zu kaͤmpfen, nur daß man es nahe hat, vor Augen, nicht in ferner, unbeſtimmter Daͤmmerung es ſieht! — Und wie Geiſter zogen die fruͤheren Tage ihrer Jugend, jene harmloſen Tage, wo ſie Nichts wollte, als was die Ge⸗ genwart ihr bot, an ihrer Seele voruͤber, und es war ihr, als ſpraͤchen ſie mit ſtillem Vorwurf: haſt du uns vergeſſen, wie du mit uns ſo gluͤcklich warſt, Eleonore? 285 Ja, ſeufzte ſie leiſe, ſich ſelbſt unbewußt, ja damals war ich gluͤcklich! O warum bin ich nicht geblieben, was ich da⸗ mals war?— Und niederſinkend auf einen Stuhl, brach ſie laut in Thraͤnen aus,— es waren die letzten Stimmen ihres beſ⸗ ſern Gefuͤhls!— Sie hatte nicht bemerkt, wie hinter ihr die verborgene Thuͤre, die nur dem Geliebten bekannt und erlaubt war, ſich oͤffnete und durch dieſelbe deſſen hohe Geſtalt eintrat. Mit tiefer Bekuͤmmerniß und Liebe ſchaute der junge ſchoͤne Mann auf die Weinende, dann trat er naͤher, beugte ein Knie, und fragte mit aller Innigkeit der Liebe: Eleonore weint? Sie fuhr empor, aber ihre Miene erheiterte ſich, ein Laͤcheln umzog ihre Lippen, und faſt zaͤrtlich fragte ſie: was willſt du, Ehmund?— Dieſe Thraͤne fortkuͤſſen von dieſer ſchoͤnen Hand, ſagte er, unde druͤckte Eleonorens Hand an ſeine Lippen. O dieſe ſchoͤne Hand! Ich wuͤnſchte, es waͤre wahr, was uns die Fabeln ſagen, daß der Geiſt aus einer Wohnung in die an⸗ dere geht. O dann wollte ich ſterben, und in dieſen zarten Fingern wohnen, und wenn ſie dann deine Stirn, deine Augen beruͤhrten, ſo waͤre es deines armen Edmund's Geiſt.— Und warum will mein Edmund, mein holder, ſchwaͤr⸗ meriſcher Knabe, nicht mit ſeinen eigenen Lippen dieſe Stirn, dieſe Augen beruͤhren? fragte Eleonore laͤchelnd, und neigte ihr Geſicht herab zu dem Knieenden.— Ich wuͤrde meinen Durſt kuͤhlen, aber nicht loͤſchen, wuͤrde immer wieder duͤrſten, ſagte er mit bebender Stimme. 286 Nun ſo teinke, trinke, ſagte ſie in hingebender Zaͤrtlich⸗ keit, und— wunderbar! vor der entzuͤckenden Gegenwart waren alle Schreckniſſe vergeſſen,— trinke mein holder Pil⸗ ger aus dem unerſchoͤpflichen Born der Liebe! Und laͤchelnd neigte ſie ſich tiefer, umſchloß ihn feſt mit ihren Armen, druͤckte ihre heißen Lippen auf die ſeinen, und zog ihn zu ſich empor. Und es durchſchauerte ihn mit nie geahnter Wonne, — ach es war ja das erſtemal, daß ſeine Himmliſche, ſeine Heilige als heiß athmendes, liebegluͤhendes Weib in ſeinen Armen lag. So mag Pygmalion empfunden haben, als die Goͤttin, die er ſo lange in der Ferne anbetete und liebte, der er alle Leidenſchaft, alle Begeiſterung ſeines Herzens weihte, erwachte zum Leben, zum Liebesleben.— O meine Geliebte, fluͤſterte er unter Kuͤſſen, und athem⸗ los, meine Koͤnigin!— Vergiß das, Edmund, vergiß Alles, Alles.— Ja, ſagte er, und riß ſie ſtuͤrmiſcher an ſein Herz und erſtickte ſie faſt mit ſeinen Zaͤrtlichkeiten, ja ich will Alles vergeſſen, nur nicht, daß ich dich in meinen Armen halte.— Sag, fluͤſterte ſie, biſt du jetzt nicht gluͤcklicher, als je⸗ mals ſonſt? Mußte ich dich lehren, daß ich Lippen habe, heiße Lippen, wie du? Biſt du jetzt nicht gluͤcklicher, als ſonſt, wo dein Mund nur meine Hand beruͤhrte!— Ich weiß nicht, ſagte er ſtuͤrmiſch, ich weiß nicht, will nichts wiſſen, als daß ich dich liebe.— Eleonore, koͤnnte ich ſterben, jetzt ſterben! Das Leben kann mir Nichts mehr geben— ich habe dich in meinen Armen gehalten. —— —— Eleonore laͤchelte und ſchaute mitleidig und erſtaunt auf den Begeiſterten; warum ſterben, Liebchen, ſagte ſie, mein Leben ſollſt du, und das Leben genießen!— Da iſt die einzige Weisheit, es giebt keine andere.— Komm, umarme mich!— Siebentes Capitel. Streng wird die Welt mich tadeln, ich erwart' es, Mir ſelbſt ſchon ſagt' ich, was du ſagen kannſt, Wer miede nicht, wenn er's umgehen kann, Das Aeußerſte! Doch hier iſt keine Wahl, Ich muß Gewalt ausüben oder leiden, So ſteht der Fall— nichts Anders bleibt mir übrig. Schiller. Eine ungewoͤhnliche Bewegung herrſchte andern Tages auf den Straßen der Reſidenz. Das Volk ſchien ſeltſam auf⸗ geregt und ſtand fluͤſternd in einzelnen Gruppen umher. Oft aber erhob ſich dieſes Gefluͤſter zu einem lauten Gemurmel und beſtimmte Worte, Drohungen, Fluͤche wurden hoͤrbar. Er ſoll es nur wagen, rief in einer dieſer Gruppen, wo es beſonders lebhaft zuging, ein großer, wilder, langkbaͤrtiger Kerl, er ſoll es nur wagen, ihr ein Haar zu kruͤmmen, ſo rupfen wir ihm alle ſeine jaͤmmerlichen Haare aus. Nicht wahr, Bruͤder?— Ja, wir thun es, riefen Alle ihm nach.— Was ſagte dir denn die Graͤfin D., Peter? fragte einer aus der Menge.— 6 289 Peter, der fruͤhere Sprecher, machte eine hochwichtige Miene: Was ſie ſagte? Nun, ſie beſprach mit mir das Wohl des Landes, und meinte, daß es ein Jammer waͤre, wenn der Koͤnig mich zwingen wollte, meinen ſchoͤnen Bart zu be⸗ ſchneiden. Denkt nur, Bruͤder, uns zu befehlen, unſere Baͤrte zu beſchneiden!— Donner und Wetter, wir thun es nicht, rief eine rauhe Stimme, und ein zweiter Kerl ſprang aus der Menge her⸗ vor, mit eben ſo langem Barte, wie Peter, und in zerlump⸗ ten Kleidern.— Wir wollen doch ſehen, rief er, und ſchwang drohend das Beil, das er in der Hand hielt, wir wollen doch ſehen, wer uns zwingen will!— Wir laſſen uns nicht zwingen! bruͤllte der Haufe,— dem immer mehr Volks zuſtroͤmte, ſo daß er zu einer an⸗ ſehnlichen Rotte anſchwoll.— Wißt ihr ſchon, was Ludwig mit unſerer Koͤnigin vor⸗ hat? fragte abermals Peters rauhe Stimme!— Nichts wiſſen wir, erzaͤhle!— Peter ſprang auf einen Stein, raͤuſperte ſich maͤchtig, ſtrich ſeinen langen Bart und begann: es iſt Alles wahr, was ich ſagen werde, die Graͤfin hat es mir ſelbſt erzaͤhlt. Peter, ſprach ſie, und druͤckte mir dieſe zehn Gulden in die Hand,— ſeht, hier ſind ſie! der Koͤnig giebt uns kein Geld, wir koͤnnen verhungern, was ſcheert es ihn, er haͤngt ſeiner vermaledeiten Geliebten Perlen um den Hals und Diamanten in die Ohren, fuͤr uns hat er keinen Pfennig. Mein Weib iſt krank geweſen, ihr wißt es, Bruͤder, da be⸗ gegnete ich dem Koͤnig und flehte ihn an um einen Gulden, II. 19 um die Medicin zu bezahlen, denn die verfluchten Apotheker wollen uns auch nicht die Pillen umſonſt drehen.— Der Hund kann arbeiten, bruͤllte der Koͤnig mich an, und ſchlug nach mir!— Sind wir Hunde? Und wenn wir es ſind, ſo weiß er wohl, daß die Hunde auch beißen koͤnnen.— Aber die Geſchichte, die Geſchichte, riefen Einige.— Geduld, Kinder, es gehoͤrt Alles dazu, fuhr Peter in unerſchuͤtterlicher Ruhe fort. Alſo die Graͤfin druͤckte mir die zehn Gulden in die Hand, und dann ſagte ſie, Peter, ſagte ſie,— alle Wetter, wovon mochte ſie meinen Namen wiſſen? Aber ſeht ihr, der Koͤnig nennt uns Hunde, die ſchoͤne Graͤfin kennt unſere Namen! Nun gleichviel. Peter, ſagte ſie, das Geld ſchickt dir die Koͤnigin, dafuͤr ſollſt du mit deinen Freunden auf ihre Geſundheit trinken und froͤh⸗ lich ſein, daß ſie wieder mit dem Leben davon gekommen. War ſie denn in Gefahr? fragte einer aus dem Haufen. Juſt ſo fragte ich auch. Die Graͤfin ſah mich ganz er⸗ ſtaunt an und ſagte: Weißt du es nicht, Peter? Und nun erzaͤhlte ſie mir, wie der Koͤnig unſere Eleonore habe zwin⸗ gen wollen ſeiner Geliebten, als ſie geſtern nach P. kam, freundlich bis an die Treppe entgegen zu gehen und ſie will⸗ kommen zu heißen. Nein, ſagte Eleonore, ich thue es nicht, denn die W. iſt die Verderberin des ſchoͤnen Landes. Sie verſchwendet und verpraßt Millionen, und meine lieben Un⸗ terthanen muͤſſen hun⸗ ich zu Tode arbeiten.— Sagte ſie das? riefen Aule ſeent Sie ſagte es, beſtaͤtigte Peter feieuus Fraͤfin hat es mir ſelbſt erzaͤhlt. Da ward der Koͤnig wiahend und * ** 4 7 * 291 hob den Arm nach der Koͤnigin, und haͤtte ſie getroffen, wenn nicht einer der Miniſter ihn feſtgehalten haͤtte. Er bruͤllte vor Wuth und Eleonore fluͤchtete ſich vor Schreck in ihr Zimmer, und da fiel ſie ohnmaͤchtig nieder und ſchlug mit der Stirn an einen Tiſch und das Blut lief ihr uͤber's Geſicht. Aber es war doch ein Gluͤck, daß es ſo kam. Denn haͤtte Ludwig ſie getroffen, haͤtte er ſie gewiß getoͤdtet, das iſt klar, ihr ſeht das ein, nicht wahr?— Ja, wir ſehen es ein, ſagte Martin, der zweite Redner. Aber das haͤtte er buͤßen ſollen!— Das ſagte ich auch, fiel Peter ein, da ſagte aber die Graͤfin, Eleonore haͤtte es ihr ſtreng verboten, daß davon dir Rede ſei, damit wir uns nicht betruͤbten und dem Koͤnig nicht grollten. Und, ſagte die Graͤfin, Euch, mein lieber Peter, habe ich es blos erzaͤhlt, weil ich es weiß, daß ihr ſchweigen koͤnnt und es Niemand verrathet. Das verſprach ich auch, hoͤrt alſo Kinder, laßt uns ſchweigen!— Ja, laßt uns ſchweigen, betete Martin nach. Aber wir koͤnnen es doch nicht dulden, daß das ſo bleibt? Er kann ſie ja noch ein andermal ermorden? Oder einſperren, rief eine Stimme aus dem Haufen. Der Koͤnig hat geſchworen, er will ſie heute Abend noch nach S. bringen.— Das wollen wir ſehen, bruͤllten mehr denn hundert Keh⸗ len, und drohend hob ſich manch nerviger Arm. Laßt uns ihn lieber ſelbſt einſperren, rief abermals die Stimme aus der Menge hervor.— Alle ſahen erſtaunt und verwundert einander an, und eine augenblickliche, aͤngſtliche Stille folgte dem kuͤhnen Vor⸗ 8 3 49* ſchlage. Da rief Peter der noch Lnne auf ſeinem Steine ſtand: Schaut'mal dorthin, Jungens, ich wil gehenkt ſein, wenn dort nicht die Koͤnigin kommt.— Wirklich war es Eleonore. Umgeben von einem Theil der Garde kam ſie in offenem Wagen daher. Sie war un⸗ gewoͤhnlich bleich und leidend, und ihre Stirn bedeckte ein ſchwarzes Tuch.— Neben ihr ſaß ihre Freundin und Ober⸗ hofmeiſterin, die Graͤfin D. Freundlich gruͤßend blickte Eleo⸗ nore links und rechts, Alles ſtuͤrzte zur Erde, und kein Auge wagte ſich zu erheben zu der hohen Koͤnigin— eine feierliche Stille herrſchte in dem rohen Haufen, und deutlich vernah⸗ men Alle Eleonorens klare, klangvolle Stimme, als ſie ſprach: Steht auf, meine Kinder, ich freue mich euch zu ſehen. Dann winkte ſie dem erſten Lieutenant der ſie begleitenden Garde:— Gehen Sie mit den Soldaten in die Kaſerne, wir be⸗ duͤrfen eurer nicht, wir ſind unter unſerem treuen Volke und werden ohne euch nach P. zuruͤckkehren.— Und nun erhob ſich ein tauſendſtimmiger Jubelruf, die Knienden flogen empor und Alles bruͤllte: Hoch lebe Eleo⸗ nore, unſere Koͤnigin. Peter hatte ſich dicht an den Wagen gedraͤngt und ſuchte ſich auf alle moͤgliche Weiſe bemerkbar zu machen, auch gelang ihm dieß bei der Graͤfin.— Koͤnigin, ſagte ſie, dort ſteht Peter, von dem 4 di erzaͤhlte.— Wie geht es, Peter, ſagte die Koͤnigin lichelnd, was macht dein krankes Weib?— Ach, entgegnete er mit einem freundlichen Gruͤßen, die moͤchte immer ſterben, wenn ich nur nicht das Tuch um die Stirn meiner Koͤnigin ſehen ſollte. Der Himmel weiß es, ich wollte mir lieber die rechte Hand abhacken laſſen, wenn ich dafuͤr die Stirn Eleonorens ohne Tuch ſehen koͤnnte.— Doch will ich lieber den kleinen Schmerz tragen, Peter, als eines meiner Kinder, denn meine Kinder ſeid ihr Alle, leiden ſehen.— Wuͤnſcheſt du noch etwas, Peter? Da vor⸗ erſt nimm dieſe Goldſtuͤcke, vertheile ſie unter deine Kame⸗ raden, und trinkt auf mein Wohl, Kinder! Und wenn ir⸗ gend einer von euch einen Wunſch hat, ſo vergeßt nicht, daß ich eure Mutter bin!— Mutter Eleonore, ſprach Peter, und laͤchelte von einem Ohre zum andern, Mutter Eleonore, ich habe einen unge⸗ heuren Wunſch.— Sprich ihn aus, und mein koͤnigliches Wort, ich er⸗ fuͤlle ihn.— Peter ſchmunzelte: die großen vornehmen Herrn duͤrfen deine Hand kuͤſſen,— ich moͤchte es auch einmal, Eleonore. Darf ich?— Eleonore zog ihren Handſchuh von der Hand und reichte dem kuͤhnen Sprecher dieſelbe dar, der ſeinen großen Mund darauf preßte und dann jubelnd ſeine Muͤtze ſchwenkte, und rief: Hoch lebe Mutter Eleonore!— Hoch, hoch, ſchrieen tauſend Kehlen.— Lebt wohl, meine Getreuen, ich fahre zur Kirche.— Langſam fuhr ſie weiter und das Vivakrufen ſchallte ihr nach, ertoͤnte ihr entgegen von allen den Gruppen, die auf dem Wege ſtanden. Sie aber rieb ſich die Hand und mur⸗ 294 melte: iſt es nicht eine Schmach, ſo dem Poͤbel huldigen zu muͤſſen!— Die ſchoͤne weiße Hand, ſagte Sophie lachend, iſt noch ganz geroͤthet von dem ſtachlichten Barte.— Eleonore war zuruͤckgekehrt nach P., ſchon war es Abend geworden, und Sophie hatte ſie verlaſſen, um in P. Alles mit zu lenken und zu ordnen. Mit dem Anbruch der Nacht ſollte der Aufſtand beginnen und der ſchlafende Koͤnig uͤber⸗ mannt werden. Darum hatte Eleonore ihre Erſcheinung bei der Abendtafel abgelehnt, um dieſe wo moͤglich abzukuͤr⸗ zen, und ſich zuruͤckgezogen in ihre Gemaͤcher. Aengſtlich blickten ihre Dienerinnen einander an, denn ſelten hatten ſie ihre Herrin ſo heftig und aufgeregt geſehen, und zitternd nur wartete die erſte Kammerfrau ihres Dienſtes und ent⸗ kleidete die Koͤnigin, deren Ungeduld kaum die Beendigung des Geſchaͤfts erwarten konnte.— Du biſt unleidlich heute, Marie, ſagte ſie heftig, wie lange ſoll ich warten, bis dieſer laͤſtige Kopfputz abgenommen iſt? Eile dich, Maͤdchen, du toͤdteſt mich mit kdieſer Lang⸗ ſamkeit.— bieterin das leichtere Nachtgewand uͤbergeworfen, und ſtand nun, demuͤthig die Arme uͤber die Bruſt gekreuzt, vor der Koͤnigin, ſtumm ihrer weiteren Befehle harrend. Gehe nur, geh', und ihr Alle, ich will ganz allein ſein, ſagte Eleonore ungeduldig. Niemand ſoll, bei Gefahr ſei⸗ nes Lebens, mich ſtoͤren, oder in dieſe Gemaͤcher ein⸗ dringen. Endlich hatte Marie mit zitternden Haͤnden ihrer Ge⸗ V Schweigend entfernten ſich die Dienerinnen, und jetzt oͤffnete Eleonore die Tapetenthuͤre und fluͤſterte: Komm, Edmund, ich bin allein.— Und der Juͤngling trat ein und ſtuͤrzte nieder vor ihr, und umfaßte ihre Knie, und druͤckte ſein Geſicht feſt an ihre Geſtalt.— Sie aber laͤchelte, und waͤhrend ihre Finger leicht in ſei⸗ nen Haaren ſpielten, ſagte ſie: nun, mein ſtuͤrmiſcher Juͤng⸗ ling, biſt du zufrieden, daß du mich wieder haſt? O Eleonore, verſetzte er, ob ich zufrieden bin? Frage doch den faſt verſchmachtenden Wandrer, der todesmatt in der Wuͤſte ſich weiter ſchleppt, was er empfindet, wenn endlich ſein brennendes Auge eine Quelle gewahrt, die ihn erquicken wird. Frage den Ungluͤcklichen dann, ob er zufrieden iſt. Schwaͤrmer, ſagte ſie, ſtehe auf, jetzt haſt du mich wieder.— Und habe dich miſſen muͤſſen, einen langen, langen Tag, ſeufzte er ſchmerzvoll. O warum befahlſt du nicht deinem Edmund, dich zu begleiten zur Stadt, warum goͤnnteſt du andern dieſe Gunſt? Eleonore antwortete nicht, ſondern trat an's Fenſter, und ſchaute hinaus nach einem andern Theile des Schloſſes, in dem die Gemaͤcher des Koͤnigs lagen. Ich ſehe Licht in dem Schlafzimmer, murmelte ſie, Ludwig geht zu Bette.—. Dann wandte ſie ſich nun zu Edmund, und der Juͤng⸗ ling erſchrak uͤber den kalten Ernſt ihrer Zuͤge. Edmund, ſagte ſie, und ihre Stimme klang hohl und ſtreng, ich habe dir Vieles zu ſagen!— Komm, ſetze dich neben mir, hier auf dem Divan.— Nein, laß mich zu deinen Fuͤßen. Ich ſehe dann beſſer dein ſchoͤnes Geſicht.— Gut, gut, mein Juͤngling. Aber hoͤre jedes meiner Worte wohl, es iſt von hoͤchſter Wichtigkeit. Nein, laͤchle nicht, Edmund, ſieh mich nicht ſo zaͤrtlich an.— Ich freue mich nur, daß du ſo ſchoͤn biſt, Eleonore, und ſo wahrhaft koͤniglich, und daß du mich liebſt, deinen Die⸗ ner, deinen Sclaven. Und er preßte ſeine Lippen, ſeine Augen auf der Koͤnigin Hand.— Und wird mein Sclav meinen Befehlen immer gehor⸗ chen?— Immer, immer, fordexs mein Leben, und ich gebe es freudig hin fuͤr dich.— Nun hoͤre. Der Koͤnig will mich verſtoßen und die ſtolze W. zu ſeiner Gemahlin erheben.— Edmund ſtarrte erbleichend ſie an. Dich verſtoßen, lallte er, nimmermehr.— Sieh hier den Beweis, ſagte ſie und reichte dem Grafen verſchiedene Papiere hin.— Er durchflog ſie ſchnell und Todesblaͤſſe bedeckte ſein Ge⸗ ſicht, dann ſprang er auf und rief: So wahr mir Gott helfe, das darf nicht geſchehen.— So ſprechen alle meine Diener, ſagte ſie ruhig. Weißt du ein Mittel es zu aͤndern?— Fliehe nach Deutſchland, verſetzte er haſtig, ſuche Schutz bei meinem Koͤnig, von dort vertheidige deine gerechte Sache. O ſagte Eleonore faſt veraͤchtlich, ich weiß ein beſſeres Mittel.— Und welches? fragte er athennſoa.— 297 Eleonore aber legte ihren Arm um des Juͤnglings Schul⸗ ter und ihr Haupt an ſeine Biuſt ſchmiegend, fluͤſterte ſie: laßt uns dem Koͤnig thun, was er mir thun wollte.— Ungeſtuͤm riß er ſich aus den umſchlingenden Armen, und trat zuruͤck: Wie, habe ich dich recht verſtanden? Du wollteſt— Nicht ich will etwas, ſondern mein Volk.— Und was, ſprich, was will es?— Den Koͤnig des Thrones entſetzen.— Ha, rief der Juͤngling dumpf und taumelte zuruͤck.— Und mich, fuhr Eleonore fort, zu ſeiner Souverainin er⸗ heben.— Und du, fragte er, und ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder.— Und ich, ſagte ſie, werde die Wuͤnſche meines Volkes er⸗ fuͤllen.— Dahle bedeckte mit beiden Haͤnden ſein Geſicht, und aͤchzte faſt laut— dann ſanken die Haͤnde herab und zeig⸗ ten ſeine von Entſetzen entſtellten Zuͤge.— Es iſt nicht moͤglich, ſagte er athemlos, es kann, es kann nicht ſein! Und ihre Knie umklammernd flehte er: ſage, daß es nicht iſt, um deiner Seligkeit willen, ſage es— Wie, ſollte ich meinem Verderben entgegenſehen, ohne den Willen es zu hindern?— Fliehe, fliehe nach Deutſchland, aber baing nicht die Greual einer Revolution uͤber dieß arme Land. Willſt du dei Hand mit dem Blute deiner Unterthanen beflecken, ſollen Bruͤder ihre Bruͤder morden, Vaͤter ihre Soͤhne um dich? Du maleſt mit fuͤrchterlichen Farben, ſagte ſie bebend.— Es wird kein Blut fließen— das ganze Volk ruft nach mir. 298 Es wird kein Blut fließen? wiederholte er. Bis zum letzten Athem werden meine Soldaten, werde ich meinen Herrn vertheidigen.— Dus ſagte ſie und legte ihre beiden Haͤnde auf ſeine Schulter und blickte ihm feſt und fragend in's Auge.— Er ertrug dieſen Blick und entgegnete: Ich, Eleonore! ich habe Treue geſchworen und muß ſie bewahren.— Aber hoͤre mich, Eleonore, meine mißgeleitete Fuͤrſtin. Hoͤre die Stimme deſſen, der dich liebt, dich anbetet.— Laß dieſe blutigen Plaͤne fahren! Sei wieder das große, edle, erhabene Weſen, das du immer warſt.— Eleonore, mit dem Glanze der Souverainetaͤt kannſt du dich umgeben, aber nicht den Glanz dir bewahren, den dein ſtilles Dulden, deine weibliche Wuͤrde dir verleiht; willſt du, daß die Welt dich die Moͤrderin dei⸗ nes Gemahles nennt?— Kein Haar ſoll ihm gekruͤmmt werden.— O wer vermag die einmal entfeſſelte Wuth zu baͤndigen, wer die Waſſer zu hemmen, die den Damm durchbrachen— hoͤre mich, noch iſt es Zeit. Folge mir, Eleonore, ich will dich fuͤhren, mit meinem Leben dich vertheidigen, dich geleiten, wohin du willſt. Nur nicht die Greuel einer Empoͤrung. — Sieh, fuhr er fort, und ſeine Stimme ward weich und zaͤrtlich— ſieh, du warſt ſo lange meine Heilige, meine Gottheit, ich blickte zu dir auf, wie zu der Sonne meines Lebens, in dein Auge blicken, deine Hand erfaſſen,— mehr forderte, mehr wuͤnſchte ich nicht.— Du duldeteſt meine Verehrung, du zeigteſt mir dein großes, edles Herz, du klag⸗ teſt deinem Edmund deine Schmerzen, und er durfte die Thraͤnen von deiner Hand kuͤſſen und dich troͤſten.— O, 299 wie war ich ſo gluͤcklich,— und geſtern, geſtern, Eleonore, rief er ſtuͤrmiſch, und preßte ſie an ſich, daß ſie erſchrak vor ſeiner Heftigkeit.— Geſtern, ſagte er dann leiſe, waͤre ich faſt wahnſinnig geworden vor Entzuͤcken.— Eleonore, willſt du mir mein ſchoͤnes Gluͤck vernichten? Sie antwortete nicht, aber langſam ſchlichen die Thraͤ⸗ nen uͤber ihre Wangen.— Du weinſt, fuhr er fort, ach dieſe Thraͤnen ſagen mir dein Gefuͤhl. Ja, ich weiß es, du konnteſt nur einen Augen⸗ blick ſchwanken. Nun biſt du entſchieden. Du gehſt nach Deutſchland, nicht wahr? Ach, Eleonore, nach dem ſchoͤnen, lieben Deutſchland. Dort biſt du nicht Koͤnigin, es iſt wahr, aber du bleibſt dennoch die groͤßte Frau der Erde, und Alles wird dir huldigen, und Alles wird die Fuͤrſtin anbeten, die ſo einzig groß und goͤttlich daſteht uͤber ihrem Ungluͤck. Und dein armer Edmund nimmt ſeine Entlaſſung und folgt dir nach, wohin du gehſt, und ebnet den Pfad, den du betrittſt, und haͤlt fern von dir Gefahr und Sorge.— O Edmund, rief Eleonore uͤberwaͤltigt, Edmund, warum biſt du mir nicht fruͤher erſchienen, warum kannte ich dich nicht damals, als ich ſo jung und unerfahren dieß unſelige Land betrat.— Krampfhaft umfing ſie den Juͤngling und ihre Lippen begegneten ſich und brannten auf einander in einem langen, gluͤhenden Kuß.— Da rollte dumpf in der Ferne der Donner einer Kanone, und ſie ſchreckten aus ihrer Umarmung empor, Eleonore ſtuͤrzte zum Fenſter. In dieſem Augenblicke ſtign aus der Stadt zwei Raketen in die Luft.— 300 Zu ſpaͤt, zu ſpaͤt, rief ſie geiſterbleich. Sieh dort, das verabredete Zeichen. Die Stadt iſt in Aufruhr.— Wie betaͤubt ſtand der ungluͤckliche Juͤngling einen Mo⸗ ment, dann rief er ſchmerzvoll: So lebe wohl, Eleonore, wir werden uns nie wieder ſehen, lebe gluͤcklich, wenn du kannſt! Noch einen Blick voll Liebe und Verzweiflung warf er auf die Koͤnigin, dann ſtuͤrzte er fort durch die Tapeten⸗ thuͤre.— Was will er beginnen, fragte ſie in Todesangſt ſich ſel⸗ ber und lief wie wahnſinnig im Gemache umher, flog wieder zum Fenſter und ſchaute hinab auf den Hof.— Alles war ſtill, alle Lichter im Schloſſe erloſchen, doch der Mond verbreitete Tageshelle, die Wache ging auf und ab. Dann oͤffnete ſich eine Thuͤr und deutlich erkannte ſie Edmund, von ſeinen Soldaten gefolgt, hervortreten. Sie fluͤſterten zuſammen und ſtellten ſich dann Alle vor das Ein⸗ gangsthor. Ein dumpfes Geraͤuſch ließ ſich vernehmen, es kam naͤ⸗ her und naͤher,— athemlos blickte Eleonore hinab, gewahrte eine dunkele Maſſe, die ſich von dem Stadtwege daher waͤlzte.— Jetzt waren ſie bis an das Thor gelangt.— Feuer! rief Edmunds Stimme, und die Gewehre knack⸗ ten und blitzten, und das dumpfe Stoͤhnen der Getroffenen ward hoͤrbar. Dann folgte lautes Rufen, wildes Geſchrei und uͤber die Gefallenen hin ſtuͤrmten die Angreifenden, be⸗ vor noch die Soldaten Zeit hatten auf's Neue zu laden.— Ergebt euch, bruͤllte Peters Stimme.— Nimmermehr, rief Edmund, und ſeine Soldaten riefen es nach.— 301 Ein fuͤrchterlicher Kampf begann,— Fluͤche, Verwuͤn⸗ ſchungen und das Geaͤchze und Gewimmer der Verwundeten drangpherauf, ſie ſtuͤrzte fort vom Fenſter, fiel nieder auf ihre Knie, und mit beiden Haͤnden ihr Geſicht bedeckend, rief ſie laut: o Gott, o Gott, welch eine Nacht!— Die Zeit verging, noch immer lag Eleonore regungslos auf ihren Knien,— wie lange, das wußte ſie nicht,— da flog die Thuͤr auf und Graf Seſſo, gefolgt von Soldaten, ſtuͤrzte herein. Er beugte ein Knie vor der Kaiſerin, die ſich mechaniſch erhoben hatte, und ſprach: Koͤnigin, moͤchte ich der Erſte ſein duͤrfen, der Ew. Majeſtaͤt Gluͤck wuͤnſcht zu der uͤberſtandenen Gefahr. Wir haben geſiegt!— Und der Koͤnig? fragte ſie bebend.— Das Volk hat keinen Koͤnig mähe Ludwig wird ſo eben fortgefuͤhrt nach O.=me, Ein Zittern durchflog Clonoren Korper, dann fragte ſie matt: Iſt viel Blut gefloſſen?— In der Stadt kein Tropfen, entgegnete der Graf aus⸗ weichend.— Und hier, hier?— Der Theil der Garde, der hier unter dem Harpemann Grafen Dahle war, wehrte ſich bis auf den letzten Mann. Eleonore ſtarrte den Grafen an, dann, ohne ein Wort zu ſprechen, flog ſie durch das Gemach, durch den Korridor die Stiegen hinab, daß kaum der Graf und ſeine Deslene ihr zu folgen vermochten.— Sie betrat den Hof; ſie ſchien es kaum zu gewahren, daß ſie unter Leichen und Sterbenden umherſchritt, ihr irren⸗ des Auge ſuchte nur nach dem einen, nach Edmund.— Mehr Fackeln her, rief ſie wild, und die Diener flogen herbei.— Ein wilder Aufſchrei, ein lauter durchdringender Aüner zensruf ward gehoͤrt,— die Koͤnigin hatte die Leiche des Geliebten entdeckt. Sie warf ſich uͤber dieſelbe hin, ſie um⸗ ſchlang ihn mit ihren Armen, ſie preßte ihre Lippen auf die ſeinen und ſtoͤhnte laut, denn ach! ſie waren kalt und em⸗ pfindungslos, ſie erwiederten nicht mehr den Druck der ihren.— Und ſchweigend und erſtarrt ſtanden Alle umher, er⸗ ſchuͤttert von der Gewalt des Schmerzes ihrer Fuͤrſtin. Die Fackeln warfen ein ſeltſam ſchauerliches Licht auf die Gruppe und beleuchteten grell die ſchoͤnen Zuͤge des Todten, und das vom Schmerze verzerrte Antlitz der uͤber ihn Hingeſunkenen — Niemand wagte ihr zu nahen, Jeder hielt den Athem an, um durch kein Geraͤuſch ihre Trauer zu ſtoͤren.— So biſt du dahin, klagte ſie dann, und ihre Stimme war weich und ſanft wie Muſik, ſo biſt du dahin, mein ſchoͤner, reiner Engel. So ſoll ich nicht mehr dein klares, helles Auge ſehen und deine Stimme vernehmen, und dieſe kalte ſchoͤne Geſtalt wird ſich nicht mehr erheben, mich zu umfaſſen.— Und du biſt geſtorben durch mich, und verach⸗ teteſt mich als du ſtarbſt?— Und wieder umſchlang ſie in troſtloſem Jammer die Leiche— das Blut der offenen Bruſt⸗ wunde beruͤhrte ihr Gewand und faͤrbte es, ſie achtete es nicht, ſie legte ihr Haupt auf dieſe Bruſt und weinte laut, und als ſie es wieder erhob, klebte an ihrem dunklen Haare dickes Blut —— —— 303 Wieder begann ſie ihre Klage: o Edmund, warum biſt du von mir gegangen?— Du ſtandeſt mir zur Seite, wie ein guter Engel, durch dich waͤre ich wieder geworden, wie du, gut und rein! Warum haſt du mich verlaſſen, mein Schutzengel, ich bin verloren ohne dich!— Peter, der in dem Kreiſe ſtand, ſchluchzte laut und mur⸗ melte dabei: Donner, haͤtte ich gewußt, daß es ihr Liebſter waͤre, ſo haͤtte ich mir lieber ſelbſt den Schaͤdel geſpalten, ehe ich ihr ein Leid zugefuͤgt haͤtte.— Das Geraͤuſch aber ſchreckte die aufgereizten Nerven Eleo⸗ norens, ſie flog empor, ihr Auge blitzte, drohend hob ſie den Arm und mit gewaltiger Stimme rief ſie: Wer hat ihn erſchlagen?— Alles blieb ſtumm, kein Auge erhob ſich zu der Zürnen⸗ den, nur Graf Seſſo blickte angſtvoll auf die Koͤnigin. Die⸗ ſer gewaltige Schmerz konnte alle ihre Arbeit nutzlos machen, Eleonore mußte zur Stadt, mußte ſich ihrem Volke, ihren Soldaten zeigen, und weilte hier in thatenloſen Klagen.— Wie, rief ſie und blickte veraͤchtlich umher, ihr zittert, feige Sclaven, ſchlagt euer bloͤdes Auge nieder.— O, er, er, den ihr gemordet habt, er allein war ein freier Mann, er allein ſprach zu mir, wie es dem Manne geziemt, er warnte mich. Und er, er iſt hin!— Und wieder ſank ſie nieder— da ertoͤnte das Blaſen der Trompeten, Reiter ſprengten heran. Wo iſt Eleonore, unſere Koͤnigin, rief es laut von außen.— Graf Seſſo athmete auf: Gelobt ſei Gott, murmelte er, es iſt Suhdi⸗ mit der Garde. „ 304 Die Krieger drangen in den Hof, Sophie an ihrer Spitze. Sie ſchwang ſich vom Pferde und reichte dem Bruder die Hand. Sieh dort, fluͤſterte er, da liegt Eleonore!— Dieſe blickte hin, und ein veraͤchtliches Laͤcheln ſpielte um ihre Lippen: Immer noch das ſchwache, liebegluͤhende Weib, ſagte ſie veraͤchtlich. Ich will ſie wecken, ſie muß zur Stadt.— Sie trat zur Koͤnigin, und leicht ihre Schultern beruͤh⸗ rend, ſagte ſie feſt und laut: Eleonore, dein Volk ruft dich! Es ruft, Heil Eleo⸗ noren.— Eleonore lebe hoch, hallte es im Hofe, daß die Schloß⸗ fenſter erklirrten.— Sie richtete ſich auf, ſie blickte umher, dann athmete ſie ſchwer und bang,— der Kampf war voriber, ſie war wie⸗ der Koͤnigin. Bringt die Leiche fort, ſagte ſie, aber mit rauhem Tone: daß ich ſie nicht wiederſehe. Ein Pferd,— ich will zu mei⸗ nem Volke.— Und Peter ſchrie laut: Heil unſerer Mutter Eleonore. Und alle bruͤllten es ihm nach.— Graf Seſſo fuͤhrte das reichgeſchmuͤckte Roß herbei.— Sie ſchwang ſich leicht hinauf— und ritt ſtumm aus dem Thore, und die Soldaten und alles Volk eilte ihr nach zur Stadt.— Allmaͤlig war es Tag geworden, und bei dem Daͤmmer⸗ lichte gewahrte die neben der Koͤnigin reitende Graͤfin das von Blut zuſammengeklebte Haar Eleonorens.— 305 Erſchrocken rief ſie: Eleonore, Koͤnigin, biſt du ver⸗ wundet?— Dieſe faßte mit der Hand nach dem Kopfe und ſagte kalt: nein, es iſt Edmunds Blut.— 3 Es lag eine fuͤrchterliche Ruhe in dieſen Worten, eine Ruhe, wie ſie nur das Uebermaß und die Apathie der Lei⸗ denſchaft erzeugen kann. In ihrem leidenſchaftlichen Cha⸗ rakter beruͤhrten ſich die Extreme, und von der hoͤchſten Er⸗ regung mußte ſie nicht ſtufenweiſe, ſondern ploͤtzlich uͤbergehen zur eiſigen Kaͤlte.— Achtes Capitel. Und ſie iſt nur eine welke Blume Von der Paradieſesroſe: Weib, Trümmer nur vom ſchönſten Heiligthume, Ach, ein tief gefallen, ſündig Weib. Und doch könnt' ich knien hier und beten, Beten, weinen, wie vor Heil'gen kaum, Eine Roſe liegt am Weg getreten Und mit ihr ein ganzer Himmelstraum. Anaſtaſius Grün. In der Kirche der Reſidenz ward Eleonore am naͤchſtfolgen⸗ den Tage gekroͤnt, unter dem feierlichen Gelaͤute der Glocken und dem Zujauchzen des Volkes.— Stolzer hob ſich ihre Bruſt und— ach, uͤber dem Triumphe und der Pracht ihrer Groͤße trat das Bild Edmunds in den Hintergrund.— Sie war wieder Fuͤrſtin, Koͤnigin, nicht mehr das liebende Weib!— Ermattet und kraftlos ging ſie am Abend des Kroͤnungs⸗ tages in ihr Zimmer, in ehrfurchtsvoller Entfernung ſtanden die Grafen Rippa und Seſſo, und Seſſo folgte den Schritten ihrer Herrin, wie es ſchien, eindringlich um Etwas bittend.— 307 Nein, deh, ſagte die Koͤnigin ungeduldig, nimmermehr gebe ich meine Einwilligung zu einem Morde.— Es muß ſein, entgegnete Sophie. Bedenke, dein Leben ſteht auf dem Spiele. Wenn es Ludwig gelingt, aus O. zu entkommen, wird er die Huͤlfe ſeines Volkes anrufen, nicht alle ſind dir ſo ergeben, wie hier in der Reſidenz.— Koͤnigin, rief Graf Seſſo, und beugte ein Knie vor Eleonore, und Rippa und Sophie folgten ſeinem Beiſpiele. Koͤnigin, erhoͤre unſer Flehen! Nicht nur deinetwillen l laß es geſchehen, thue es fuͤr uns, deine Diener, fuͤr dein Volk! — Willſt du uns dem Henkersbeile uͤberliefern, willſt du dich ſelbſt verderben!— ſoll alles Blut umſonſt gefloſſen ſein?— Die Koͤnigin zuckte zuſammen: ſtill, ſagte ſie, es iſt Blut gefloſſen, das ewig, ewig auf meiner Seele brennen wird.— Und ſoll es umſonſt geweſen ſein?— O, ſagte ſie ſchmerzvoll, ſo hatteſt du Recht, Edmund, ich werde die Moͤrderin meines Gemahls!— Einen Au⸗ genblick barg ſie ihr Geſicht in den Haͤnden, dann trat ſie feſt mitten in das Gemach und ſagte: wohlan, auch das noch! Ihr habt Recht! Ich darf Nichts halb thun! Was ich begonnen, muß ich vollenden. Jedes Zagen bringt Ver⸗ derben.—. Die drei erhoben ſich von ihren Knieen, und die Freude leuchtete aus ihren Augen. Eleonore bemerkte es, freut euch nicht, daß ihr euren Zweck erreicht. Ein ſolcher Mord wird mit der Ruhe und dem Frieden der Seele erkauft.— Sie, 20* Graf, beſorgen ſie das Noͤthige nach O., und nun folget mir in den Audienzſaal.— Stolz ſchritt ſie voran, und empfing die Huldigung ihrer Unterthanen.— Iſt noch keine Nachricht von O.? fragte Eleonore andern Tages die Graͤfin.— Dieſe erwiederte verneinend.— Da trat der dienſtthuende Kammerherr herein, und mel⸗ dete den Lieutnant Carl. Er mag erſcheinen, befahl die Koͤnigin, und der Gemel⸗ dete trat ein, waͤhrend der Kammerherr ſich auf einen Wink der Koͤnigin zuruͤckzog.— Carlo war bleich und verſtoͤrt, ſein Anzug war beſtaͤubt und unordentlich, und zeigte deutlich, daß er wohl ſo eben erſt von einer Reiſe zuruͤckgekehrt.— Was bringſt du mir? fragte Eleonore. Carlo kniete nieder, und ſagte leiſe: Ludwig iſt nicht mehr!— Eine furchtbare Pauſe folgte. Krampfhaft lehnte ſich Eleonore an den Seſſel, und ihr ſchwerer Athem allein zeugte von der tiefen Erregung ihres Innern.— Alſo iſt es entſchieden, murmelte ſie dann. Wie ſtarb der Koͤnig?— Sophie aber trat ſchmeichelnd naͤher, faßte der Koͤnigin Hand und flehte! o frage nicht Eleonore! Er iſt todt! Vergiß es.— Vergeſſen, ſagte ſie bitter, wird mein Gewiſſen ſchwei⸗ gen? Dann heftete ſie ihre Augen auf den noch immer knieenden Carlo. Es war ein ſchoͤner Mann; die Anſtrengung 309 der Reiſe hatte ſeine Wange hoͤher geroͤthet und ſein großes 1 brennendes Auge ruhte ſo bewundernd auf der Koͤnigin.— Es war ihr noch niemals ſo aufgefallen, wie ſchoͤn Carlo, jetzt gewahrte ſie es.— Zudem, ein in ſich zerruͤttetes Ge⸗ muͤth ſtrebt nach Betaͤubung, haſcht nach jeder Zerſtreuung, um die Stimme des Innern ſchweigen zu laſſen, und was konnte der armen Fuͤrſtin noch heilig ſein?— Bald war Carlo der erklaͤrte Guͤnſtling der Koͤnigin, er ſtieg von Stufe zu Stufe, bald trug er oͤffentlich das Bild ſeiner Koͤnigin, ſeiner fuͤrſtlichen Geliebten,— nur durch ihn gelangte Alles in Eleonorens Haͤnde.— in Eleonorens Bruſt?— Sie war eine große Regentin, eine glanzvolle Fuͤrſtin, eine Begluͤckerin ihres Volkes. Sie gab Geſetze, deren Weisheit Segen brachte, ihrem Einfluſſe gelang es, die gei⸗ ſtige Finſterniß des Volkes allmaͤlig aufzuklaͤren und den Sinn fuͤr Wiſſenſchaft und Kunſt zu verbreiten. Ganz Eu⸗ ropa ſtaunte ihr Rieſenwerk an, und ihr Ruhm durchdrang die Welt.— Aber inmitten ſo vielen Glanzes, ſo vieler Pracht, inmitten der Luſtbarkeiten und Vergnuͤgungen ihres Hofes war Eleonore dennoch freudlos.— Sie hatte es nun erreicht, ſie ſtand auf dem Gipfel irdiſcher Groͤße,— was hatte ſie gewonnen? War ihr Herz befriediget, ihre Seele ruhig? O ſie hatte zuviel erlebt, zu bittere Erfahrun⸗ gen waren ihrem Herz geworden,— der Glanz alles Da⸗ 4 Nach ſolchen Scenen fieberiſcher Aufregung folgte Ruhe im Reiche. Nur einmal noch erhob ſich die Stimme der ¹ Empoͤrung, aber ſie ward im Keime erſtickt.— Von nun an war Ruhe und Frieden im Reiche, aber— auch Friede —— ſeins,— die Liebe war auf immer dahin.— Und es gab Naͤchte, ſchlummerloſe Naͤchte! Ha, welche Qual, welche Angſt in dieſen Naͤchten! War es ihr nicht oft, als ſchleiche es leiſe in ihrem Zimmer umher, als wehe es ſie an wie Grabeshauch, als fluͤſtere es: Moͤrderin, Moͤrderin! War es ihr nicht oft, als ſehe ſie die drohend gehobene Hand ihres Gemahls, ſeine entſetzlichen, grauſenhaften Augen, die ſo racheduͤrſtend auf ſie gerichtet waren?— O,— und die Traͤume? Sah ſie nicht in ihren Traͤu⸗ men oft die Leiche des ſchoͤnen Juͤnglings, der geſtorben, die Verzweiflung im Herzen um ſie und hoͤrte ſeinen Todes⸗ ſchrei!— O,— auf dem Throne ſelbſt iſt kein Gluͤck, denn— auf dem Throne ſelbſt iſt kein Vergeſſen, und die Vergeſſenheit, die Erinnerung ſchleppt, wie die Schnecken ihr Haus, die Qual furchtbarer Gewiſſensbiſſe mit!— Selbſt in den Armen Carlo's, ihres maͤchtigen Guͤnſtlings, fand ſie keine Ruhe,— und die Liebe war ihr ſo hinabge⸗ ſunken in den Schmutz der Erde, und hatte ſo alle Heiligkeit, alle Illuſionen verloren, ſie bot ihr keinen Reiz mehr,— das lange innige Verhaͤltniß war ſo ermuͤdend, ſo einfoͤrmig. — Veraͤnderung bot Zerſtreuung,— ſo ward Carlo als Geſandter nach M. geſandt. Waͤhrend dieſer Zeit mußte ſie es erforſchen, ob wirklich der Fuͤrſt M. ſo ganz unempfindlich gegen ihre Macht und ihre noch immer nicht erloſchenen Reize.— Wie, war er wirklich ſo blind, daß er ihre freundlichen Blicke nicht ſah, ihre verſteckten Worte nicht verſtand?— O waͤhrend alle dieſe Herren begierig nach einem Blicke ihres Auges haſchten, e ſollte er, er allein kalt dagegen ſein, ihrer Gewalt trotzen? —jj—— — O der Stolze will mich reizen, ſagte ſie, um deſto mehr zu erlangen. Koͤnnen Schloͤſſer, kann Gold und Edelſteine ihm genuͤgen, er ſoll es haben.— Waͤre nur Sophie noch hier, ihn zu erforſchen! Aber auch ſie hat mich verlaſſen, weil ich ihr die Hauptmannsſtelle verſagte.— Gleichviel, ſagte ſie dann entſchloſſen,— ich bin Koͤnigin und mir iſt erlaubt, was Keiner ſonſt auf Erden.— Der Fuͤrſt M. ſoll augenblicklich erſcheinen, befahl ſie, und die Diener eilten von dannen, und bald ward er ge⸗ meldet.— Verlaßt mich, befahl ſie, Niemand wage es uns zu ſtoͤren.— Der Fuͤrſt trat ein. Es war ein ſchoͤner Mann, in der Mitte der Dreißiger, der nach vieljaͤhrigen Reiſen durch Europa erſt vor wenigen Monden zuruͤckgekehrt war, und ſeitdem an Eleonorens Hofe weilte. Er beugte ein Knie vor ſeiner Koͤnigin, kuͤßte fluͤchtig die ihm dargebotene Hand, und ſtand dann groß und kraͤftig da: Ich erwarte die Befehle meiner Herrin! ſagte er gemeſ⸗ ſenen Tones. Nichts von Befehlen, verſetzte ſie guͤtig und winkte ihm zu ſich auf ein Tabouret, waͤhrend ſie ſelbſt ſich auf den Divan ſetzte.— Nichts von Befehlen, Fuͤrſt, ich verlangte nach Ihrer Unterhaltung.— Der Fuͤrſt verbeugte ſich und ſchwieg. Eleonore ließ ihre langen, brennenden Blicke an ſeiner ſchoͤnen Geſtalt herabgleiten, und fragte dann: nun Fuͤrſt, werden Sie ſtumm bleiben?— 1 Befehlen Sie, was ich ſprechen ſoll, Koͤnigin, ſagte er kalt.— Der Koͤnigin Stirne bewoͤlkte ſich: Sie ſind ſeltſam, Fuͤrſt, ſagte ſie unmuthig, ich wuͤnſchte eine freie Unterhal⸗ tung.— Ew. Majeſtaͤt, entgegnete er faſt ſpoͤttiſch, wuͤnſchte Zerſtreuung.— Zerſtreuung und Erholung von den druͤckenden Geſchaͤf⸗ ten, Sie haben Recht, Fuͤrſt,— erzaͤhlen Sie etwas.— Ich weiß Nichts, was einer Koͤnigin wuͤrdig waͤre. Erzaͤhlen Sie mir von Ihrer erſten Liebe,— oder, fragte ſie ſchnell, haͤtten Sie noch nie geliebt?— Der Fuͤrſt blickte ſinnend vor ſich nieder, dann ſagte er ruhig: niemals! Einmal waͤhnte ich zu lieben, doch die, der ich dieſe Gefuͤhle weihte, war derſelben nicht werth, und ich vergaß ſie, verachtete ſie.— Wiſſen Sie, Fuͤrſt, ſagte ſie, und eine ſeltene Ruͤhrung machte ihre Stimme zittern, wiſſen Sie, daß es furchtbar iſt, das, was man liebt, verachten zu muͤſſen, verrathen zu werden? Ew. Majeſtaͤt koͤnnen es wohl kaum wiſſen, entgegnete er ſcharf, wer wuͤrde es wagen, einer Koͤnigin Liebe zu ver⸗ ſchmaͤhen, ſie darf ja nur gebieten, und die Herzen aller Maͤnner liegen ihr zu Fuͤßen.— Nein, nein, ſagte ſie heftig, die Maͤnner wohl, aber die Herzen nicht! Was iſt denn das Herz eines Mannes? O ihr ſeid Alle, Alle ſo voll Lug und Eigennutz, ihr taͤuſcht uns Alle, Alle.— Wir armen Weiber ſind verrathen, wenn wir glauben, geliebt zu werden!— ,313 Wie, Koͤnigin, Sie ſtellen ſich den andern Frauen gleich? Sie nennen ſich beklagenswerth, und tragen eine Krone?— Mir fehlt Etwas auf meinem Throne, mir fehlt der Freund, dem ich vertrauen, dem ich glauben kann.— Siie war aufgeſtanden, und ging heftig auf und ab, dann blieb ſie vor dem Fuͤrſten ſtehen, der, ohne ein Auge zu ihr zu erheben, ruhig daſtand.— Wollen Sie mir dieſer Freund ſein? fragte ſie haſtig und als fuͤrchte ſie eine Unterbrechung, ſetzte ſie ſchnell hin⸗ zu: eich liebe Sie, Fuͤrſt.— Er aber ſank ihr nicht, wie ſie es erwartet hatte, zu Fuͤßen, in Worte des Dankes und der Freude ausbrechend, er hob nicht den Arm, ſie zu umſchlingen. Ruhig blieb er ſtehen und richtete feſt ſeinen durchdringenden Blick auf das gluͤhende Weib, und ſie— ſchlug vor dieſem Blicke das Auge nieder.— Ich weiß es, ſagte er dann.— Sie ſchreckte zuſammen, und ein gluͤhendes Roth uͤber⸗ zog ihre Wangen. Wie, rief ſie hefti, Sie waren ver⸗ meſſen genug— In Eleonorens Augen zu leſen, Atgenetene er ruhig. Darf ich ſagen, was ich Alles darin fand?— Sprechen Sie frei, ſagte ſie raſch.— Es ſtand darin, daß Sie ihres bisherigen Geliebten uͤberdruͤßig, daß ſein wildes, rohes Betragen ſie zuruͤck⸗ ſchreckte, es ſtand darin der Wunſch, durch einen Andern den Guͤnſtling zu verdraͤngen, und dieſer Andere ſollte Fuͤrſt M. ſein, weil er eine neue Erſcheinung war, weil er nicht, wie alle Uebrigen, um eine Gunſt, einen Blick buhlte, weil 314 er ſtolz in der Ferne ſtand, und nichts begehrte; das reizte die ſtolze Koͤnigin, und ſie beſchloß den Trotz des Vaſallen zu beugen, durch Liebe zu beugen, zu triumphiren uͤber ſeinen Stolz.— Die Koͤnigin biß ſich auf die Lippe vor innerer Erregung und ſagte dann: und als Sie das Alles geleſen, was be⸗ ſchloſſen Sie zu erwiedern? Daß ich nicht beſitzen mag, was Anderer Eigenchum geweſen, entgegnete er feſt.— Eleonore fuhr zuruͤck und ſtarrte den kuͤhnen Sprecher an. Die furchtbarſte Leidenſchaft malte ſich in ihren Zuͤgen, und ihre ganze Geſtalt zitterte vor Zorn. Sind ſie raſend, ſtotterte ſie dann, daß Sie wagen ſo zu ihrer Regentin zu ſprechen? Nicht zur Koͤnigin ſpreche ich, ſagte er, ſondern zu dem Weibe, das mir ſeine Liebe antraͤgt, und dieſe muß mich hoͤren.— Was hindert mich, rief ſie wild, meine Diener zu rufen und den Unverſchaͤmten in's Gefaͤngniß zu werfen.— Dein Herz hindert dich, Eleonore, unterbrach er ſie, denn, armes Weib, dieß fuͤhlt, daß ich Recht habe, daß ein Mann, nicht ein Sclave dir gegenuͤber ſteht. Schweigen Sie, ſprach ſie heftig.— 1 Nein, ich will reden, Eleonore, und du ſollſt nich hoͤ⸗ ren. Sieh, ſagte er, und trat vor ſie hin, ſieh, ich hatte es anders beſchloſſen, als ich kam. Ich ahnte, was du wollteſt, und meine Gleichguͤltigkeit ſollte dich ſchrecken und dir meine Verachtung zeigen.— Hal rief ſie wild.— 4 315 Sei ruhig, ſagte er feſt, und es war, als wenn dieſe Stimme einen Zauber uͤber ſie uͤbte. Sie ſetzte ſich auf den Divan und gab durch Zeichen zu erkennen, daß ſie bereit ſei, ihn zu hoͤren.— 1. Ja, meine Verachtung, wiederholte er. Aber ich habe dich anders gefunden, als ich erwartete,— noch iſt nicht alles Gefuͤhl in dir erſtorben, noch biſt du weiblichen Em⸗ pfindens faͤhig. Sie ſcheinen es dennoch nicht zu glauben, ſagte ſie bit⸗ ter, daß Sie es wagen, auf ſo kraͤnkende Weiſe zu ſprechen.— Ich will dich kraͤnken, entgegnete er, ich will dir die Wahrheit ſagen, Eleonore.— Hoͤre mich an, Koͤnigin! du fragteſt, ob ich geliebt habe? Ja, ich habe geliebt,— wiſſe es, dich habe ich geliebt.— Eleonore erbebte und wollte reden. Nein, nein, ſagte der ſanft, ſprich nicht zu mir. Hoͤre mich— o Eleonore, wie habe ich dich geliebt. Haͤtteſt du dich ſehen koͤnnen, wie du warſt, damals warſt, als ich dich liebte, du wuͤrdeſt weinen uͤber dich ſelber, daß du ſo anders geworden. Ich ſah dich, als du zuerſt dieſen Boden betrateſt.— Wie war deine Miene ſo unſchuldsvoll und rein, der Engel der Tu⸗ gend wohnte auf dieſer klaren Stirn, in dieſer jungfraͤulichen Bruſt; Vertrauen und Glauben war in deinem ſuͤßen Laͤ⸗ cheln. Und als das Volk dir entgegen jubelte, wie warſt du da ſo ſchoͤn in deinem Erroͤthen. Da lernte ich dich lie⸗ ben, ich ſchloß dein Bild, dein liebes Bild feſt in mein Herz, gab ihm meine ganze Seele zu eigen, du warſt meine 5 Gottheit, meine Heilige. Dein Auge ſah ich vor mir, wenn ich in Verſuchung war, und es ſtaͤrkte mich zum Wider⸗ 1 316 ſtande, deine ſo ſuͤße, ſo milde Stimme hoͤrte ich, wenn mich der Zorn uͤbermannen wollte, und ich ward ſanft wie ein Kind, dein Name toͤnte von meinen Lippen, wenn ich beten wollte, Eleonore, du warſt der Engel meines Lebens geworden, ich liebte dich.— Sie ſah ihn an mit ſtrahlenden Augen.— O, ſagte er kalt, blicke mich nicht ſo an, deine Augen haben keine Gewalt mehr uͤber mich. Das iſt lange vor⸗ uͤber.—— An dich, an meine Heilige, an meine Maͤr⸗ tyrin denkend, denn ich war Zeuge geweſen der rohen Be⸗ handlung deines jungen Gemahls, ging ich im Garten zu P. Ich ſah im Geiſte deine leidende Engelsmiene und weinte bittere Thraͤnen uͤber dein Geſchick. Warum, rief ich, muß ſie, ſo tugendhaft und ſo unſchuldig, ſo viel leiden.— Da hoͤrte ich Stimmen im Pavillon.— Vielleicht iſt ſie es, dachte ich, vielleicht kann ich ſie noch einmal ſehen,— ich trat ein wenig naͤher, und ſah dich— dich in den Armen des Grafen S., den ich als Wuͤſtling kannte.— O Eleo⸗ nore, fuhr der Fuͤrſt nach einer Pauſe fort, in der die heftige Bewegung ihn ſtumm gemacht hatte, o Eleonore, die Qua⸗ len jenes Augenblickes vermag ich dir nicht zu ſchildern. Ich ſtand, wie an den Boden geheftet, es ſchwindelte in meinem Kopfe, es drehte ſich Alles vor meinen Augen, dann ſtuͤrzte ich fort in's Dickicht hinein.— Tage irrte ich umher, be⸗ ſinnungslos; als ich wieder zu mir kam, da fuͤhlte ich, daß ich dich haßte, wie ich dich einſt geliebt, denn du hatteſt mich um die erſten, die reinſten Gefuͤhle, um meine erſte Liebe betrogen.— 317 Waͤhrend er ſprach, waren Eleonorens Zuͤge immer weicher geworden, dann bedeckte ſie ihr Geſicht mit beiden Haͤnden und weinte laut. Schonen Sie mein, ſchluchzte ſie, o ſcho⸗ nen Sie mein! Mahnen Sie mich nicht an die Vergangen⸗ heit. Ich habe es auch kennen gelernt, jenes vernichtende Gefuͤhl verrathen, getaͤuſcht zu werden. Es iſt graͤßlich, graͤßlich!— Sie muͤſſen mich zu Ende hoͤren, ſagte der Fuͤrſt und unterdruͤckte muͤhſam ſeine eigene RNuͤhrung. Ich verließ ſo⸗ gleich den Hof, ich ging nach Deutſchland, Italien, aber dein Bild verfolgte mich uͤberall, marterte mich in den lan⸗ gen Naͤchten, den freudloſen Tagen. O es ward mir ſo ſchwer zu vergeſſen.— Aber der Ruf deiner Thaten drang in die Ferne. Bald wußte die ganze Welt von deiner Liebe zu Graf S., denn du verſchmaͤhteſt es, deine Schande zu verbergen. Dann verſtießeſt du den erſten Geliebten, und ſuchteſt neue Freude in neuen Verbindungen. Nun war ich geheilt von meiner Liebe und meinem Schmerze, denn ich verachtete dich. Es verwunderte mich nicht, als ich er⸗ fuhr, wie du deinen Gemahl vom Throne geſtuͤrzt, und ihn ſelber beſtiegen hatteſt,— denn ein herzloſes, ſchamloſes Weib iſt zu Allem faͤhig. Sehnſucht nach der Heimath trieb mich zuruͤck; ich konnte deinen Blick ertragen, das wußte ich. Ich kam, ich ſah dich und neben dir deinen Guͤnſtling, den rohen Carl, und ich wandte mich ab, denn es widerte mich an.— Eleonore, fuhr der Fuͤrſt fort, und faßte ihre Hand, die ſie ihm willenlos ließ, Eleonore, welch ein edles, großes Weſen konnteſt du ſein, welch ein Engel an Tugend,— warum biſt du es nicht geblieben? Warum mußteſt du die ————— ——————————— 318 zarte Grenze der Weiblichkeit uͤberſchreiten, warum Gottes Meiſterwerk freventlich zerſtoͤren!— Du warſt ſo gemacht, einem Volke vorzuleuchten durch Tugend. Du konnteſt ſo edel, ſo groß empfinden, warum haſt du dich ſelbſt vernichtet, Eleonore!— Ihr Haupt war auf ihre Bruſt geſunken, und Thraͤne auf Thraͤne fiel herab auf ihren Schooß.— Ja, weine, arme, ungluͤckliche Fuͤrſtin, ſagte er, weine uͤber dich ſelbſt. O es iſt ſo graͤßlich, einen gefallenen En⸗ gel zu ſehen! Sie waren ein Engel, Eleonore!— Sind Sie zu Ende, Fuͤrſt, fragte ſie und hob ihr Haupt, und trocknete mit der Hand die naſſen Augen.— Er be⸗ jahete.— Wohlan, ſagte ſie, ſo hoͤren Sie auch mich. Ja, Siie haben Recht, ich bin gefallen, bin vernichtet, aber die Welt hat mich ſo gemacht.— O Fuͤrſt, Sie wiſſen nicht, wie viel ich gelitten habe, wie grauſam das Leben mich ent⸗ taͤuſchte. Mit einem Herzen voll Liebe und Vertrauen blickte ich in's Leben, das mir ſo ſchoͤn ſchien und ſo voll Seligkeit. Meine Wuͤnſche reichten nicht hinaus uͤber meinen Garten, uͤber die Blumen deſſelben, die ich pflegte und herzte, wie meine Geſpielen. Ich wußte nicht, was Falſchheit und Tuͤcke und Argliſt, ich liebte die Welt, die Menſchen und Gott, zu dem ich betete, wie zu dem Geber alles Guten. Der erſte Mißmuth trat in mein Leben durch die ſtrengen Feſſeln der Etiquette. Man lehrte mich, daß ich meine Empfindung verbergen ſollte, man verbot mir zuweilen zu laͤcheln, wenn ich froͤhlich war, man gebot es mir, wenn ich keine Luſt dazu hatte. Und wenn ich nach dem Grunde fragte, ſo ſagte man: Sie ſind eine Fuͤrſtin!— Ach, und iſt denn die Fuͤr⸗ ſtin kein Maͤdchen— dann kam Graf Ottokar S.— Hier —— — — ——— 319 ſchwieg Eleonore und athmete ſchwer. Sie fuhr ſich mit der Hand uͤber die Augen, als wollte ſie die Thraͤnen, die hervordringen wollten, zuruͤckdraͤngen, aber umſonſt! ſie ſtuͤrzten hervor, und ganz uͤberwaͤltigt ſagte ſie: Ich liebte ihn. Ich geſtand es meinem Vater nach langem Kampfe.— Vergebens! die Fuͤrſtin durfte nicht ihrem Herzen folgen, ſie ward verhandelt, wie der Kaufmann ſeine Waaren verhandelt. Wer fragte darnach, ob ſie liebte.„Du ſollſt deinen Gemahl auch nicht lieben, ſagte mein Vater, er verlangt nur deine Hand,— deine Liebe gieb, wem du willſt.“— Armes Geſchoͤpf, rief der Fuͤrſt.— Ja wohl, arm und elend, ſagte ſie, denn, ſehen Sie, Fuͤrſt,— ich begriff nun, daß das Leben nicht ſo poetiſch und ſo koͤſtlich, wie ich einſt gewaͤhnt,— ich war alt gewor⸗ den an Erfahrung in wenig Stunden.— Und mit enthei⸗ ligter Liebe betrat ich den fremden Boden. Die Politik for⸗ derte, daß ich meinen Glauben aͤnderte, und ſo verlor ich den letzten Rettungsanker.— Doch liebte ich, und dieſe Liebe erhielt mich.— Sie erhob ſich in heftiger Bewegung, ihr Athem ging fieberiſch ſchnell, faſt ſtoͤhnend, ihr Geſicht erbleichte mehr und mehr, und muͤhſam ſagte ſie: Fuͤrſt, wiſe ſen Sie, was mich ganz elend machte?— der Verrath deſ⸗ ſen, den ich liebte.— Ich ſah ühn in den Armen einer Andern.— Wie, rief der Fuͤrſt, 3 waren Sie es mdh die ihn ver⸗ ließen? Sie ſchuͤttelte traurig den gopf Nen, 19 glnne an die Ewigkeit der Liebe— aber als er mich verließ, da ward ich eine Andere, da floh mein guter Engel, und ich wußt ——— 320 daß er nimmer zuruͤckkehren wuͤrde.— Immer heftiger fuhr ſie fort: Ich ſtuͤrzte mich in Zerſtreuung und Luſt, denn, ſe⸗ hen Sie, eine Fuͤrſtin darf ja nicht weinen,— oft lachte ich aus Yerzweiflung; die Menſchen hielten es fuͤr Froͤhlichkeit. Ach, ich war ſo elend damals. Er hatte mich gelehrt, daß die Liebe enden koͤnnte, und in neuen Banden ſuchte ich Vergeſſenheit— ich fand ſie nicht.— Dieſe Oede in mir war ſo ſchrecklich furchtbar! O wie oft lag ich in Thraͤnen auf meinem Lager, und verwuͤnſchte mich und mein Schickſal. Ach, die aͤrmſte Sclavin, duͤnkte mich, war gluͤcklicher wie die Gemahlin des maͤchtigen Koͤnigs. Er mißhandelte mich, das empoͤrte meinen Stolz. Ich war jedoch ein Menſch, Fuͤrſt, ſagte ſie weich, der Wurm kruͤmmt ſich, wenn er ge⸗ treten werden ſoll,— das Thier ſchreit, wenn es zum Tode gefuͤhrt wird,— und meine Qualen waren namenlos, und vielleicht gab mir die Groͤße Erſatz fuͤr die verlorenen Tage meines Lebens,— die Liebe hatte mich getaͤuſcht,— ich wollte Entſchaͤdigung ſuchen beim Ruhme—— ach, ich habe keine Ruhe gefunden, auch nicht auf dem Throne, mein Leben iſt eine ſtete Qual, ein Ringen nach Vergeſſen, ein Beſtreben einen Halt zu finden und Genuͤge. Ach, nichts bringt die lauten Stimmen meines Gewiſſens zur Ruhe,— ich ſuche nichts mehr vom Leben, als Betaͤubung.— Tief erſchuͤttert hatte der Fuͤrſt ihr zugehoͤrt, und nun ſtand er auf und beugte ein Knie vor Eleonoren, und ſagte ernſt und ſeine Stimme zitterte vor Ruͤhrung: Koͤnigin, ich kam als Ihr Feind, Sie haben mich beſiegt, ich beweine Sie.— O, ſagte ſie, Sie haben mich um die letzte Hoffnung betrogen. Haͤtten Sie es verſucht mich zu lieben, vielleicht 321 waͤre ich noch jetzt zu retten geweſen. Aber wie konnte der ſtolze Fuͤrſt ſich herablaſſen dazu? Es war ja ſo ein herrlicher Triumph, der ihm ward. Er durfte eine Koͤnigin ver⸗ ſchmaͤhen.— Nein, rief er heftig, der Himmel iſt mein Zeuge, nicht um des Triumphes willen verſchmaͤhete ich.— Ihren Mund umvzog ein Laͤcheln, ach und welches Laͤ⸗ cheln! es lag Verzweiflung darin. Gehen Sie, ſagte ſie, Sie ſind, wie ſie Alle, grauſam, wenn ſie lieben, grauſam, wenn ſie haſſen, Egoiſten und Barbaren.— Lange Gewohnheit des Bekaͤmpfens ihrer Gefuͤhle hatte ſie leichtſinnig gemacht, die heftige innere Aufregung war verſchwunden,— der letzte Ton aus der Jugend⸗ und Un⸗ ſchuldszeit ihres Lebens verklungen.— Vergeſſen Sie, ſagte ſie(ach und wie war ihre Stimme veraͤndert, ſie war ſo rauh und trocken, ſie zitterte nicht mehr in Thraͤnen), vergeſſen Sie, was wir ſprachen. Sie denken beſſer von mir, wie Sie ſich ſelbſt geſtehen moͤgen. Wie haͤtten Sie es ſonſt wagen moͤgen, ſo zu der maͤchtigen Herrſcherin zu reden. Ein Wort von mir, und Sie waren auf immer verſchwunden aus der Geſellſchaft,— Sie ſollen ſich nicht getaͤuſcht haben. Eleonore kennt niemals klein⸗ liches Rachegefuͤhl. Laſſen Sie ſich ſagen, Fuͤrſt,— lange nachdem wir nicht mehr ſind, nach Jahrhunderten vielleicht erſt, wird man mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen, man wird vergeſſen, wo ich fehlte, und wird bedenken, daß ich dennoch Großes geleiſtet— die Welt wird mich nicht ver⸗ geſſen! Und nun gehen Sie, Fuͤrſt.— Wir werden uns niemals wieder ſo gegenuͤber ſtehen. Vielleicht war es das * —/·³m—— ————— —— — ———— letzte Mal, daß ein menſchliches Auge mich weinen ſah. Ver⸗ rathen Sie Niemand, daß Sie Zeuge meiner Thraͤnen wa⸗ ren. Es iſt voruͤber, hinfort bin ich nur noch die Herrſche⸗ rin, Koͤnigin. Sie winkte mit der Hand und entfernte ſich ſchnell durch eine Seitenthuͤr.— Lange noch ſtand der Fuͤrſt wie betaͤubt, dann murmelte er: ja, ſie iſt dennoch eine große Seele!— Ihre Tugenden ſind die eines Engels, ihre Fehler ſind das Ergebniß ihres Schickſals. Ach, das Weib wird nicht oft gluͤcklich durch Ruhm, nicht auf dem Throne, nicht durch Glanz und Pracht,— nur in beſcheidenem Kreiſe und an dem Herzen des Mannes, der ſie liebt und achtet, nur in den Armen ihrer Kinder giebt es fuͤr ein Weib Gluͤck und Befriedigung.— Ende des zweiten und letzten Theiles. e F Druckfehler. Im zweiten Theile S. 128. Z. 8. v. o. lies: warumthaten Sie das? ſtatt: vermutheten Sie das? S. 156. Z. 5. v. o. lies: in des Baches murmelnd Rauſchen, ſtatt: in des Bechers ꝛc. S. 158. Z. 6. v. u. lies: Etair ſtatt: Etoil. 2— ſſſ Druck von Bernh. Tauchnitz jun. ———2——— fſninſnnnſiſſinnennniſſiinſiſſſſſſnſſſes 7 8 9 10 11 13 14 15 16 17 18