6 8 G e. 8 I Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 3 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlr. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. p 14 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für mithentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 7— 5— 1 1— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. A 8 1 1 8 2 1 nahuah⸗ Kleine Romanr. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Fünfzehuter Theil. 4 Die Flüchtlinge in London. Dritter Band. Aſtona. Verlag von J. F. Hammerich. 1861. 3 — Die Flüchtlinge in London. Roman Von L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Dritter Band. —,—— Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 8 1861. J. Der Neffe des Kaiſers. „So wollen Sie wirklich London verlaſſen und nach Frankreich zurückkehren?“ fragte Nord⸗ heim Armand, der zu ihm gekommen war, um Abſchied zu nehmen. „Wirklich,“ ſagte Armand fröhlich,„und ich hoffe, Sie werden von meiner Ankunft daſelbſt hören! Keine Bedenklichkeiten! Sie ſind ein Deutſcher, ich ein Franzoſe; laſſen Sie uns jeder nach unſerer Weiſe handeln! Leben Sie wohl!“.. Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er da⸗ von, ordnete mit der Wirthin ſeine wenigen Angelegenheiten und fuhr ſodann hinunter zum Hafen! Das Dampfſchiff Edinburgh⸗Caſtle lag zur Abfahrt bereit, und Louis Napoleon, der es zu einer Reiſe nach St. Omer gemiethet, war im Begriff, ſich mit ſeiner Equipage einzuſchiffen. Die Flüchtlinge in London. III. 1 Armand wechſelte mit einigen von des Prinzen Begleitern einige geheimnißvolle Worte und folgte ihnen ſodann auf das Schiff. Mit ſechzig Paſ⸗ ſagieren an Bord fuhr das Dampfſchiff dahin. Kleiner und kleiner wurden in der Ferne die Thürme Londons, jetzt verſchwammen ſie allgemach im Nebel; nun keine Spur mehr von all den Häuſermaſſen, vorwärts, vorwärts rauſcht das Dampfſchiff, die Küſte ſchwindet, die hohe See iſt erreicht. An den Maſtbaum gelehnt ſteht ein junger Mann, die Arme ineinander geſchlagen, es ſchaut ſein Blick in die Weite, dorthin nach Frankreichs Küſte, und ſeine Lippen flüſtern zu⸗ weilen einzelne unverſtändliche Worte. Sein edel geformtes Geſicht erinnert in einigen Zügen an Frankreichs großen Kaiſer Napoleon, das iſt ſeine hohe Stirn, ſein feiner Mund, das iſt die Form ſeines Angeſichts, die Farbe ſeines Haars. Eins nur fehlt, des Kaiſers Auge, des Feldherrn, des Kriegers Blick. Dieſe Augen erinnern nicht an den, der durch ſeines Blickes Gewalt ganze Ar⸗ meen zittern machte, oder ſie begeiſterte zur tod⸗ bringenden Schlacht; nicht ſo ſchaute der Held von Marengo, der Sieger von Arcole; wo iſt das Feuer, das aus jenen Augen blitzte, der Muth, die Energie, die es beſeelte, wo iſt das Alles zu finden in den hellen, ernſt blickenden, aber nicht feurigen Augen dieſes jungen Mannes, der immer noch daſteht an den Maſtbaum gelehnt und hin⸗ —— ſtarrt in die Weite? Wo iſt Napoleon? Dies iſt nur ein Schatten, eine ſchwache Erinnerung an ihn. Aber auch dies ſchon genügt, genügt er⸗ grauten Männern, die unter dem Kaiſer gefochten und geſiegt; ſollte es ihm nicht ſelber genügen, ihm, dem Neffen des Kaiſers, Louis Napoleon? Er glaubt an ſich, weil er an die Macht Napo⸗ leon's glaubt, er vertraut ſeiner Sache, weil es die Sache des Kaiſers iſt, und er ſagt zu ſich ſelber: nicht für mich will ich dieſen Thron, den mein Oheim beſeſſen, nicht um Glanz und Hoheit iſt es, daß ich kämpfe; die Freiheit will ich ſetzen auf dieſen Thron, und ich will ihr erſter und treuſter Diener ſein; für die Rechte des Volkes will ich kämpfen, und erobern will ich dem Volke, was es verloren hat, ſeine Privilegien und ſeine Rechte. Meine Seele iſt voll Muth und mein Herz ohne Zagen, denn was ich will iſt gut, und meine Sache iſt die Sache des Volkes. Es ruft mich das Volk der Franzoſen, ſie wollen mich, den Neffen ihres Kaiſers, in ihrer Mitte wiſſen, mich berufen ſie zu dem Throne, den ein Uſur⸗ pator beſitzt. Wohlan, ich komme, und wie das Schiff die Wellen durchſchneidet, nähert ſich Kaiſer Napoleon der Zweite ſeines Landes Küſten! Sein Name wird neben ihm genannt, und er wendet ſich, den unwillkommnen Störer zu be⸗ trachten. Es iſt Armand, glühend von Wein, kaum im Stande, ſich aufrecht zu halten auf ſei⸗ 1: nen ſchwankenden Füßen. Mit lallender Zunge ſagte er:„ich habe gethan, was Sie geboten, Prinz Louis Napoleon, bald Kaiſer von Frank⸗ reich, ich vertheilte Wein unter die Mannſchaft und die Paſſagiere; ſchon ſind ſie begeiſtert und zu Allem bereit, und als ich jetzt, wie Sie mir geboten, jedem von ihnen ein Zehnfrankenſtück ge⸗ geben, riefen ſie jubelnd Ihren Namen. Horch! Schon wieder!“ «Vive Louis Napoleon!) erſchallte von der andern Seite des Verdecks herüber der brüllende Jubelruf. Des Prinzen Geſicht ſtrahlte in Freude, und er flüſterte zu ſich ſelber:„ja, ſie lieben mich wahrhaftig und treu. O, wie will ich ihnen lohnen, wenn ich erſt Kaiſer bin!“— Dann befahl er Armand:„ruft mir General Mon⸗ tholon!“ Armand entfernte ſich ſchweigend und nach wenigen Minuten trat der Gerufene auf das Verdeck. Es war eine hohe, ſtolze Geſtalt, die Weiße ſeines Haupthaares bekundete das vorge⸗ rückte Alter, aber ſein Auge ſtrahlte wie das eines Jünglings, und ſeine Haltung war eines Helden und Kriegers würdig. Wie er in glän⸗ zender Feldmarſchalls⸗Uniform vor Louis Napoleon ſtand, legte dieſer lächelnd ſeine Hand auf des Generals Schulter, und ſagte freundlich:„nun, mein Freund Montholon, laßt uns zum Werke ſchreiten! Ich ſehe, Ihr ſeid entſchloſſen, mir zu folgen, Gefahr und Sieg mit mir zu theilen. Und alle die Bedenklichkeiten, die Ihr vorhin hat⸗ tet, als ich Euch mit meinem Plan bekannt machte, ſind der Ueberlegung gewichen?“ Der General ſchüttelte verneinend ſein Haupt, und ſagte in melancholiſchem Ton:„nein, mein Prinz, ſie ſind nicht gewichen, und wenn ich dies Gewand, das Ew. Königl. Hoheit ohne mein Wiſſen mit auf dies Schiff hat bringen laſſen, wenn ich es angelegt, ſo geſchah es nicht, um mich als Ew. Hoheit erſter Feldherr in dieſen Kampf zu begeben, ſondern, weil Sie denn käm⸗ pfen wollen, an Ihrer Seite zu ſein, und Ihr Leben, das Leben des Neffen meines Kaiſers, zu ſchützen, ſo viel ich vermag.“ „Wo iſt Parquin, Vaudrey und die andern Freunde?“ fragte der Prinz. „Dort drüben in der großen Kajüte,“ ant⸗ wortete der General,„ſie haben gezecht und ge⸗ trunken mit der Mannſchaft, bis weder ſie, noch dieſe, gehörig auf den Beinen zu ſtehen vermoch⸗ dirs Ach mein Prinz, ich habe keine Hoffnung zu einem Feldzuge, zu dem man die Krieger durch Wein anfeuern muß. Ich fürchte—“ „Dem General Napoleon's geziemt es nicht, zu fürchten,“ ſagte der Prinz ſtolz,„was würde mein kaiſerlicher Oheim geſagt haben, wenn Sie jemals ſo zu ihm geſprochen!“ “ „Verzeiht,“ erwiderte General Montholon,„er befahl mir niemals einen ſolchen Feldzug. Sechzig Krieger gegen ein ganzes Königreich!“ „Thorheit,“ ſagte der Prinz ungeduldig,„wer würde ſo etwas unternehmen! Wer würde thun, was ich thue, wenn er nicht des Erfolges gewiß wäre, wenn er nicht wüßte, daß dies Königreich ihn erwartet, daß die Herzen aller Franzoſen ihm entgegenſchlagen, daß die Armee nur auf ſeine Ankunft wartet, um ſich ihm zu unterwerfen?! General, nur wenige Stunden noch, und wir ſind in Frankreich, und tauſend und aber tauſend Kehlen werden mit dem donnernden Ruf: Vive Tempereur! vive Louis Napoleon!» uns be⸗ grüßen. Mein Wort darauf! Jetzt harrt hier mein! Ich gehe hinunter, um meine Uniform an⸗ zulegen. Sobald ich zurückkehre, ruft die ganze Mannſchaft und alle Paſſagiere auf das Ver⸗ deck. Parquin ſoll die Proclamationen bereit halten!“ So ſprechend eilte der Prinz hinab in die Kajüte, ſchellte ſeinem Kammerdiener und ließ ſich die glänzende Feldmarſchallsuniform anlegen. Als die Toilette beendet, trat er zu dem großen glän⸗ zenden Meſſingkäfig, in dem ein ſchwarzer, herr⸗ licher Adler hefindlich, und dem Thier, das ſeine feurigen ſchwarzen Augen auf ſeinen Herrn ge⸗ richtet hielt, gleichſam als verſtände es ihn und ſeine Worte, ein Stück Zucker reichend, ſagte er: * 2 „ da, mein Aar, mein Kaiſervogel, nimm und ſtärke Dich, damit auch Du Dein Theil zum Siege Dei⸗ nes Herrn beitragen kannſt!“ Der zahme, ſtolze Vogel reckte, als verſtände er ihn, ſeinen Hals durch die weitläuſigen Stäbe des Käfigs; der Prinz ſtrich ihm mit der Hand über den befiederten Hals, und fuhr fort:„wirſt Du auch nicht vergeſſen, welch ein wichtig Amt das Deine iſt? Merk' auf, mein Vogel: wenn ich in Boulogne als Sieger eingezogen, und neben der Kaiſersſäule ſtehe, dann ſteigſt Du hernieder aus der Luft und ſetzeſt Dich auf Deines Kaiſers Haupt, ein wahrer Himmelsbote.“ Das Thier verſuchte die Flügel auszubreiten, ſtieß ſich an den engen Seitenwänden des Käfigs, und ließ ſie matt wieder ſinken! Louis Napoleon ſagte tröſtend:„Geduld, Ge⸗ duld, mein Aar! Noch kurze Zeit, und Dir, wie mir, ſind die Schwingen gelöſt!“ Dann ging er zurück auf das Verdeck, wo Parquin und Vaudrey inzwiſchen das ganze Schiffsperſonal verſammelt hatte. Er grüßte die erſtaunten, verwunderten Menſchen leicht mit der Hand, und ſeine Stimme erhebend, ſagte er ernſt und feierlich:„meine Freunde, ſchaut, dort am Horizont, jener weiße Nebelſtreifen! das iſt Frankreich, iſt das Land meiner Geburt, das Eure, meine Freunde und Begleiter! Verbannte, Heimathsloſe irrten wir bis jetzt umher, verbannt — — —— ——— von einem Tyrannen, der ſich den König der Franzoſen nennt. Wäre ich es allein, der un⸗ glücklich wäre, ſo würde ich mich nicht beklagen; ich würde meine Verbannung mit jenem Muthe ertragen, der dem Neffen des großen Kaiſers ge⸗ ziemt; aber auch der Ruhm und die Ehre Frank⸗ reichs ſind verbannt; dies heilige Panier will ich zurückbringen in mein Vaterland! Ich weihe mich der Sache des Volks! Sie iſt die Meine! Zeit iſt es, daß die Ungerechtigkeiten und die Tyrannei deſſen, der den Thron Frankreichs uſurpirt hat, beſtraft werden! Zeit, daß wir gehen, ſie zu fragen, was ſie aus dem glorwürdigen, einigen, großmüthigen Frankreich von 1830 gemacht ha⸗ ben!? Komnt, laſſet uns gehen! Folgt mir! Das gemißhandelte Volk der Franzoſen ruft mich, den Neffen ſeines Kaiſers, mich, den Erben ſeines Throns. Ich will Frankreich ſein Glück und ſeine Ruhe wieder geben, ich will es wieder ſo groß, ſo erhaben machen, wie es war, und ſeine Frei⸗ heit will ich wiederherſtellen! Franzoſen, ich ſehe vor mir eine glänzende Zukunft des Vaterlandes! Ich fühle hinter mir den Schatten des Kaiſers, der mich vorwärts treibt, und ich werde nicht eher anhalten, bis ich den Degen von Auſterlitz wieder gewonnen, die Adler wieder auf unſeren Fahnen befeſtigt und das Volk wieder in ſeine Rechte eingeſetzt habe! Dies iſt die Fahrt, zu der ich Euch berufen, dies der Zweck der Reiſe, deren Beſtimmung Ihr bisher nicht kanntet! Ich zweifle nicht an Eurer Ergebenheit, an Eurer Treue! Geht, und vernehmt von Euren Generalen und Hauptleuten die nähern Befehle!“ Armand war der erſte, welcher rief:&vive ''empereur! vive Louis Napoleon!y und Alle riefen es jubelnd nach. Sodann ertheilte der Prinz General Mon⸗ tholon, Parquin und Vaudrey ſeine nähern Be⸗ fehle, vertheilte mit eigener Hand Proclamatio⸗ nen und ermahnte zur Zuverſicht in ihre gute Sache. Uniformen mit der Nummer 40 waren von London mitgebracht, Waffen in genügender Anzahl heimlich auf das Schiff geſchafft; jeder von den Paſſagieren ward damit verſehen, und bald ſah man ſtatt der einfachen Civilkleider nur Uniformen und Epaulettes. Armand, als Offtzier gekleidet, ſtolzirte auf dem Verdeck umher, ſchon jetzt in der Erwartung ſiegestrunken, und rief in fanatiſcher Begeiſterung immer fort ſein:«vive l'empereur! vive Napoleon second!) Und wieder ſtand Louis Napoleon an den Maſtbaum gelehnt und blickte hinüber nach Frank⸗ reich, Siegesträume und Zuverſicht des Erfolges in ſeiner Seele, um ihn her ſeine Generale und Hauptleute, ſechs an der Zahl, die ihm helfen ſollten Frankreich zu erobern! Nein, nicht erobern; 2 en u, 9,2 5 7, 97 7. Cu nu, — 10— dies, meinte er, war ſchon gethan; die ihm helfen ſollten es zu beherrſchen! Die Küſte tritt deutlicher und beſtimmter her⸗ vor, dort liegt Boulogne, das Ziel, und hier, eine Stunde vor der Stadt, liegt das Dorf Wi⸗ meraux!„Kapitän, ſteuert landwärts, hier wollen wir landen, bei Wimeraux!“ II. Die Gefangennehmung. Der Anker wird ausgeworfen, die Mannſchaft ausgeſchifft! Gehüllt in ihre Soldatenmäntel, die Waffen unter denſelben verborgen, betreten ſie das Ufer. Da ſtellen die Diener der Douane ſich ih⸗ nen da, das Reiſegepäck zu unterſuchen. Man war nicht darauf vorbereitet, man ſtutzt.— Das Reiſegepäck beſteht nur aus Pulver und Gewehren und Proclamationen! Soll man dieſe unterſuchen laſſen? Da tritt Armand keck und unerſchrocken vor, er legt dem Douanenlieutenant die Hand auf die Schulter und flüſtert:„Beruhigt Euch! Er⸗ kennt Ihr ihn nicht? Seht Ihr nicht den Stern auf dem Kleide dieſes Herrn?— Es iſt Prinz Louis Napoleon. Schweigt, und folgt uns!“ „Ja, folgt uns!“ ruft Prinz Ludwig und reicht dem Lieutenant die Hand,„folgt uns zu Sieg und Ehre!“ Die Soldaten nehmen die neu Geworbenen — 12— in ihre Mitte, und weiter geht's gen Bou⸗ logne hin! „Entfaltet die Fahne! Der Adler des Kaiſers ſei unſer Panier!“ General Montholon befiehlt's, und Armand, der Fahnenträger, entrollt das hei⸗ lige Banner, und hoch über den Häuptern des klei⸗ nen Heeres weht und rauſcht ſie im Winde, die weiße Fahne mit dem kaiſerlichen Adler! Jetzt, jetzt ſind die Thore Boulognes erreicht! Kein Widerſtand ſetzt ſich ihrem Einmarſch ent⸗ gegen. Man hält ſie für eine Abtheilung des Regiments 40, das in Calais ſteht. Niemand ſieht hin nach dem kleinen Trupp, der ſchweigend und ſtill die Straßen durchzieht, bis ſie zur großen Kaſerne, in der zwei Compagnien des 42. Regiments liegen, gelangt ſind. Die Pforten ſind geſchloſſen!„Wie, ſollte Aladenize, unſer Freund, uns verrathen haben? Aladenize, der für uns heimlich und bei Nacht ſein Regiment in Calais verließ, Aladenize, der uns um dieſe Stunde hier erwarten muß, der uns die Pforten dieſer Kaſerne öffnen, die Soldaten uns entgegenführen ſollte?— Nein, er täuſchte uns nicht, ſeht, die Thüren öff⸗ nen ſich, ſeht, dort ſtehen ſie in Reih' und Glied, die tapfern Soldaten, und vor ihrer Linie auf und ab geht der treue Lieutenant Aladenize.“ Prinz Louis mit ſeinem Heer von ſechzig Mann zieht ein in den Hof der Kaſerne. Was er ſeinen Begleitern auf dem Schiffe geſagt, wie⸗ — 13— derholt er hier den Soldaten. Er kommt ſie zu befreien vom Joch der Tyrannei, er kommt, ihnen die Zeiten des Kaiſerreichs zurückzubringen! Groß⸗ müthig will er für ſein Volk die Laſt auf ſich nehmen, den kaiſerlichen Purpur zu tragen. Pro⸗ elamationen werden vertheilt unter die Soldaten; ſie ſehen ſie an, erſtaunt, verwundert, aber ſchwei⸗ gend. Der Prinz umarmt die Offiziere und ver⸗ ſpricht ihnen, Hauptleute zu werden, er drückt hier und da den Soldaten die Hand und erhebt ſie zu Offizieren in ſeinem Heer. Sie danken nicht, ſie neigen ſich nicht vor ihrem neuen Kaiſer. Schweigend ſtehen ſie da. Aladenize ruft:«vive Louis Napoleon! vive l'empereur! Des Prin⸗ zen Heer ruft es nach, die Soldaten— ſchwei⸗ gen! Horch, da dringt von dem geſchloſſenen Kaſernenthor, das Vaudrey mit einigen Leuten beſetzt hält, des Oberſten bekannte Stimme an das Ohr der Soldaten!„Zu mir! Zu mir, meine Soldaten!“ „Das iſt unſer Colonel!“ rufen die Krieger, und plötzlich kommt Bewegung in ihre Reihen. Sie ſtürzen nach jenem Thore, Vaudrey mit den Seinen will ihnen den Ausgang wehren! Um⸗ ſonſt, ſie umzingeln ihn, drängen ihn zurück, reißen das Thor auf, und Colonel Puygellier, den Degen in der Hand, ſtürzt in den Hof, die Soldaten begrüßen ihn mit dem Ruf: Cvive notre Colonel! vive le roily * — 14— Der Prinz, muthig und entſchloſſen, tritt ihm entgegen, er ſchlägt den Mantel aus einander, zeigt nach dem Stern auf ſeiner Bruſt, zeigt nach der Fahne mit dem Adler hin und ſagt:„ich bin Louis Napoleon, folgt mir und meinem Banner! Seid der Unſere, und ich werde Euch lohnen mit Allem, was Ihr wünſcht!“ Der Colonel weiſt die dargebotene Hand zu⸗ rück, und erwidert ernſt:„Prinz Ludwig, ich kenne Sie nicht, will Sie nicht kennen! Na⸗ poleon iſt todt, und in Frankreich regiert Louis Philipp, unſer König! Man verlaſſe meine Kaſerne!“ Wie der Prinz es weigert, befiehlt der Co⸗ lonel ſeinen Kriegern, vorzudringen. Nun Ge⸗ ſchrei, Rufen, Waffengeklirr! Die Inſurgenten werden zurückgedrängt, ſie müſſen den Hof ver⸗ laſſen! Noch einmal ſchickt der Prinz ſeinen Fah⸗ nenträger Armand, mit Colonel Puygellier zu unterhandeln, ihn zum Uebertritt zu bewegen. Umſonſt; der Colonel weigert jede Unterredung; Armand bringt dieſe niederſchlagende Antwort dem Prinzen. Er entbrennt in Zorn, ſeine Pläne drohen zu mißglücken, ſeine Hoffnungen zu ver⸗ eiteln! Kaum wiſſend, was er thut, faßt ſeine Hand nach dem Piſtol, das in ſeinem Gürtel ſteckt, er zielt, drückt es ab auf den Oberſten. Aber nicht dieſer wird getroffen, der Schuß geht ſeitwärts, und die Kugel trifft einen der Soldaten gerade in den Mund. Blutend, mit zerſchmetterter Kinnlade ſtürzt er zu Boden! Das Signal zum Kampfe iſt gegeben! Der erſte Schuß iſt gefallen! Blut wird fließen, muß 3 vergoſſen werden! Nun ſtürzen die Krieger wuthbrüllend auf die Fremden hin, ſie ſtoßen ſie zurück, zurück aus ih⸗ rem Hof, und krachend fliegen hinter den Zurück⸗ geſchlagenen die Pforten der Kaſerne zu und ver⸗ wehren ihnen den Eingang. Nun Geſchrei, Lärm, Aufruhr in den Straßen! Hier die Tambours des 42. Regiments, die trom⸗ melnd durch die Gaſſen ziehen und die Bürger zu den Waffen rufen; hier die Inſurgenten mit klin⸗ gendem Spiel, voran die Fahne, die einherſchrei⸗ ten mit dem Ruf:«vive Jempereur! Der Pö⸗ bel, der mit Geſchrei und Jauchzen ihnen folgt! Schreien, Rufen, Fragen überall! Die Bürger treten aus ihren Häuſern, und ſehen theilnahmlos den Vorüberziehenden entgegen, die in mehreren Abtheilungen die Straßen durchziehen und ſchreien: cvive P'empereur!) Keiner dieſer Bürger ſchließt ſich ihnen an! Pflichtgetreu eilen ſie auf ihren Poſten! Hier Getümmel, Schreien, Drohen, Flü⸗ che, wilder Lärm! General Montholon mit ſei⸗ nem Trupp iſt gefangen! Dort, wie ein Echo, erſchallen von der nächſten Gaſſe gleiche Töne herüber. Colonel Parquin iſt gleichfalls Gefangener mit ſeiner Mannſchaft! Noch iſt der Prinz freil Seinen Fahnenträger voran, gefolgt von einem kleinen Häuflein Krieger und einer großen Maſſe Volks eilt er zum großen Platz, wo die zur Ehre des Kaiſers errichtete Säule ſteht. Hier pflanzt Armand ſeine Fahne auf, hier ſtellt ſich der Prinz auf die Stufen, die zur Säule führen, den ent⸗ blößten Degen in der Hand. Umſonſt vermahnen ihn ſeine Begleiter zu fliehen, zu fliehen, da es noch Zeit; der Prinz ruft mit dem Muthe der Verzweiflung:„Nein! Hier will ich ſterben! Hier will ich den Tod erwarten!“ Da zieht die lange Straße herauf, gerade der Säule entgegen, das 42. Regiment, angeführt vom Colonel Puygellier! „Flieht, flieht!“ ruft mitleidsvoll das Volk und umringt den Prinzen. Vergebens weigert er ſich, Armand faßt ſeinen Arm, die Freunde um⸗ ringen ihn, das Volk drängt zum Ufer hin. Die Barke nimmt ihn auf, ihn und ſieben ſeiner Be⸗ gleiter, unter ihnen Armand. Sie ſtoßen ab vom Ufer! Sie ſind gerettet! Athemloſes Schweigen umher! Alles ſchaut nach der Barke hin, hin nach den Wellen, die ſie abwärts tragen, und mit ihrem Wogen und Schaukeln, mit ihrem Abwärtsfluthen den Prinzen retten ſollen. Aber, o Himmel! das Boot ſchwankt, die Menſchen in demſelben bewegen ſich zu haſtig, eine hohe Woge brauſt einher, nimmt leicht, wie eine Feder, die Barke auf ihren Rücken, ſchnellt ſie hinab in die Tiefe! Ein gellender Schrei erreicht das Ufer und wiederholt ſich dort unter den Zuſchauern. Das Boot iſt umgeſchlagen, und die darin waren, käm⸗ pfen mit den Wellen! Hier hebt ſich ein Arm, dort zeigt ſich ein Kopf; nun brauſen Wogen dar⸗ über hin, Alles verbergend! Nun werden ſie wie⸗ der ſichtbar! erſcheinen aufs neue! Man ſieht ſie kämpfen in Todesangſt und Verzweiflung! Hier erſchlafft ein Arm, ſenkt ſich ein Kopf, ein durchdringender Schrei, und, ein Spiel der Wellen, wird der Körper abwärts getragen.— Prinz Ludwig kämpft muthig, und ſchon iſt faſt eine Viertelſtunde verfloſſen unter ſeinen Anſtrengungen, das Dampfſchiff zu erreichen! Da naht ein Boot! Er erfaßt ſeinen Rand! Man hebt ihn hinein! Schon befinden ſich zwei ſeiner Gefährten, Bally und Armand, in demſelben! Sie ſind gerettet! „Zum Dampfſchiff! zum Dampfſchiff hin!“ ruft der Prinz athemlos. Das Boot ſteuert zum Ufer hin, Ludwig Napoleon iſt gerettet, aber gefangen. Er bedeckt mit ſeinen Händen das Geſicht und ſeufzt:„ach, warum bin ich nicht geſtorben! Mir wäre beſſer geweſen, im Meere zu ertrinken, als gerettet zu werden zum ſchmachvollen Unterliegen!“. Sie betreten das Ufer. Soldaten umringen ſie. Colonel Puygellier fordert des Prinzen Degen Er reicht ihn ſchweigend dar. Während man um Die Flüchtlinge in London. III.— 2 18— den Prinzen beſchäftigt iſt, gleitet Armand leiſe zur Erde, ſchlüpft kriechend durch die Haufen des gaffenden Volkes, das gutmüthig ihm Bahn macht und ihn in ihre Mitte nimmt. Einige Zeit folgt er mit dem Pöbel, um Aufſehen zu vermeiden, dem Zug der Soldaten, der den Prinzen als Ge⸗ fangenen in ihrer Mitte zur Stadt führt. Dann wendet er ſich zur eiligen Flucht. Am Abend dieſes Tages fuhr der Prinz in verſchloſſener Kutſche aus den Thoren Boulognes. Zu beiden Seiten des Wagens ritten Gensd'ar⸗ men, ebenſo hinter und vor demſelben. Der Zug ging nach Paris, wo im Palaſt Luxemburg ſchon Zimmer bereitet wurden, den Prinzen auf⸗ zunehmen als Gefangenen. Neben dem Prinzen ſaß im Innern der Kutſche General Montholon, geſenkten Hauptes, Kummer und Sorge in den ehrwürdigen Mienen. Der Prinz blickte ihn mit einem wehmüthigen Lächeln an, und ſeinen Arm auf die Schulter des Greiſes legend, ſagte er in liebevollem Ton:„nicht muth⸗ los, General! Wollen wir unſer Schickſal ertra⸗ gen, wie es Männern geziemt! Ich ſehe, der Stern der Napoleoniden iſt untergegangen und das Glück auf ewig erloſchen. Wollen wir uns tröſten mit dem Gedanken, das Rechte gewollt und nach dem Edlen geſtrebt zu haben. Erfolg oder Mißlingen iſt Sache des Zufalls!“ „Aber das Mißlingen ſtempelt Begebenheiten, — — 19— die, wenn ſie Erfolg haben, Heldenthaten ge⸗ nannt werden, zu Thorheiten!“ ſeufzte der General.. Der Prinz erwiderte ernſt:„da mögen Sie recht haben! Man wird uns unbeſonnene, thö⸗ richte Schwärmer nennen! Und wie die Sachen ſtehen, hat man auch Grund dazu! Ich ſehe, man hat mich bitter getäuſcht, man hat mir Vor⸗ ſpiegelungen gemacht von der Liebe und Sehn⸗ ſucht des Volks nach den Kaiſertagen und nach mir, Vorſpiegelungen, die ungegründet ſind. Die Wahrheit aber iſt ſchmerzvoll und traurig! Um ſo trauriger, weil ich ihre Kenntniß nur mit dem Unglück meiner Freunde erkaufen konnte! Dies iſt es, was mich daniederbeugt, daß Sie und ſo viele meiner Freunde durch meine Schuld leiden!“ „O nicht doch, nicht doch!“ ſagte der Ge⸗ neral bewegt;„wie gern würden wir leiden, wenn Sie, mein Prinz, nur nicht auch von dieſem Leiden berührt würden! Es iſt bitter und ſchmerzvoll, den, dem man mit Leib und Seele anhängt, vom Unglück daniedergebeugt zu ſehen!“ „Nicht daniedergebeugt, mein Freund!“ er⸗ widerte der Prinz,„ſondern muthig es duldend und gefaßt!“ Unter ſolchen Geſprächen fuhren ſie dahin und legten Meile nach Meile ihrer traurigen Fahrt 2* zurück. Endlich waren d ſie am Ziel; unfer dem Schweigen und dem Dunkel der Nacht fuhr der Wagen in die Thore von Paris ein, und bald ſchloſſen ſich hinter ihnen die Hofthore des Pa⸗ laſtes Luxemburg. Der Prinz umarmte ſchwei⸗ gend den General und flüſterte ihm Troſtesworte zu, dann ward der Kutſchenſchlag geöffnet und ſie ſtiegen aus. Und wieder nach einiger Zeit hielt in finſterer Nacht eine verſchloſſene Kutſche unter ſtarker Gensd'armeriebegleitung vor den Thoden von St. Pelagie, um Prinz Louis an den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung zu bringen. Der Pairshof hatte ſein Urtheil geſprochen, der Prinz war Gefangener auf Lebenszeit und in Ham war ſein Gefängniß bereit. Wieder beſtieg er, gefolgt vom General Montholon den Wagen, und fort ging der Zug nach Ham. Als der Wagen donnernd einfuhr in den finſtern Hof der Citadelle, ſchauderte der Prinz und ſeufzte:„alſo hier, hinter die⸗ ſen dicken Mauern wird mein Leben dahin⸗ ſchleichen!“ General Montholon aber, der tapfere Krieger, weinte wie ein Kind; nicht über ſein Mißgeſchick, ſondern über das Unglück von dem Neffen ſeines Kaiſers. In denſelben Zimmern, in denen einſt Karl's des Zehnten Miniſter ſchmachtete, wohnt Prinz Louis Napoleon, und oft kann man ihn an den vergitterten Fenſtern ſeines Gemaches erblicken, wie er ernſten und ſchwermuthsvollen Blickes hin⸗ unter ſtarrt in den Hof. Wenn dann plötzlich ſeine Züge einen freundlicheren, milderen Ausdruck annehmen, wenn ein Lächeln um ſeine Lippen zuckt und er ſich haſtig umwendet, ſo ſieht man dann die zarten, ätheriſchen Umriſſe eines zweiten We⸗ ſens hinter den trüben Scheiben, eines Weſens, deſſen Stimme wohl jenes frohe Lächeln auf ſeine Lippen zauberte und jenen Lichtblick in ſeine Au⸗ gen, eines Weſens, das mit ſüßem Lächeln und ſanftem Liebeswort die großen blauen, ſeelenvollen Augen auf ihn heftet. „Wer iſt jenes Weſen, jenes zarte, junge Weib mit den ſchmachtenden, zärtlichen Augen, der Nymphen⸗Geſtalt, der durchſichtigen überſinnlichen Schönheit? Ein Geheimniß umhüllt ſie, und ein ehrfurchtsvolles Schweigen. Heimlich flüſtert man ſich zu: an einem Abend ſei ein verſchleiertes Weib in den Schloßhof getreten, und habe mit etwas engliſchem Accent verlangt, den Comman⸗ danten zu ſprechen. Man habe ſie zu ihm ge⸗ führt, und will nachher dieſen ſelber jene Ver⸗ ſchleierte in die Gemächer des Prinzen haben geleiten ſehen und Freudenlaute und entzückte Ausrufungen aus den ſonſt ſo ſtillen Zimmern des fürſtlichen Gefangenen vernommen haben. Man glaubt dieſem Gerücht, und warum ſollte man nicht?! Das Herz voll Liebe iſt auch voll — 22— Muth, und nur ein Meer trennt England von Frankreich. Wann hätte die wahre Liebe gezagt vor Woge und Brandung! Daſſelbe Element, das Leander zu ſeiner Hero trug, wogt noch und. lebt; dieſelbe Liebe auch! 2 III. Ein letzter Entſchluß. 2 Den Kopf in die Hand geſtützt, verloren in ſchwermüthiges Sinnen ſaß Lady Ellinor in dem Gartenſalon ihres Landhauſes. Sie hatte von der Einſamkeit und dem Frieden, die ſie umgaben, Linderung ihrer Seelenpein gehofft, und gemeint, in der Stille um ſie her auch in ſich ſelber wie⸗ der ſtille zu werden und friedlich. Aber wie ſollte ſie Ruhe finden, während doch ihre Gedanken ſie begleitet hatten und ihre Schmerzen, während der Gegenſatz ihres eigenen Innern zu dem Frieden um ſie her mit doppelter Pein ihre Seele be⸗ laſtete? Wie ſollte ſie lernen zu vergeſſen ihre Sorgen und ihre Schmerzen, während der Ur⸗ heber aller dieſer Qualen immer neu den ver⸗ wundenden Stachel in ihren Buſen ſenkte, wäh⸗ rend Giuſeppo auch hierher auf die Villa ihr ge⸗ folgt war, und mit neuen beleidigenden Anfor⸗ derungen, mit ſpottender, höhniſcher Zärtlichkeit ſie — 24— beſtürmte? Wie Vieles, Vieles hatte ſie gelitten! 1 Wie war ihre Seele alt geworden, ihr Herz ver⸗ dorrt in Jugendfriſche! Sie hatte gar keine Kraft V mehr auf Glück zu hoffen, an ſich ſelbſt zu glau⸗ ben, und die Liebe ſelbſt zu ihrem Gatten, ihrtm verlorenen Kinde, dieſe Doppelliebe, die doch als 2 ſo warmer Lebensquell in ihrem Buſen fluthete, M nahm ſie nur für einen ſchmerzenden Pfeil, der ſich tief und tödtend in ihr Herz gebohrt; ſie meinte zu verbluten an Liebe, und ſie ſagte zu ſich ſelbſt:„o mir wäre beſſer ganz ohne Liebe zu ſein, und ohne Empfinden! Dann gäb' es für mich kein Leiden mehr und keine Qual, denn nur die Bruſt ohne Herz iſt ruhig! Mir wäre beſſer Gleichgültigkeit und Apathie, als Lethetrank an meine heißen Lippen zu bringen, als täglich neu den vergifteten Trank des Liebeskummers zu trinken!“— Dann aber gedachte ſie ihres Gatten, ſie meinte, ſein geliebtes Angeſicht vor ſich zu ſehen, meinte den Blick ſeiner Augen zu empfinden, ge⸗ dachte ihres Kindes, des ſo früh verlornen, heiß geliebten, und inmitten ihrer Qualen und Sorgen fühlte ſie dennoch ein tiefes unendliches Glück in ſich, ein Glück, für das ſie willig Alles zu leiden ſich ſtark fühlte, und ſie ſagte:„ach, das Glück, ſo heißer Liebe fähig zu ſein, iſt eine Wonne, 3 die durch kein Leiden zu theuer erkauft wer⸗ den kann!“ — —— — 25— In ſolchen widerſtreitenden Gedanken ſaß ſie jetzt im Salon; vor ihr lagen drei geöffnete Briefe. Der eine von ihrem Gemahl, der noch immer bei ſeinem Bruder verweilte. Er berichtete ihr von dem Erfolg ſeiner Bemühungen, denſelben mit Efſie und Maedeam zu verſöhnen und hoffte in einigen Tagen die Rückreiſe antreten zu können. Der zweite Brief war von ihrem Geſchäftsführer aus London, durch den ſie„im Auftrag einer Freundin,“ wie ſie ihm geſchrieben, eine anonyme Aufforderung hatte in einige Blätter rücken laſſen, an jene unbekannte Dame gerichtet, die vor ſo und ſo viel Jahren einem Bettlerweibe ein Kind abgekauft. Dieſe Aufforderung war, wie ihr Ge⸗ ſchäftsführer berichtete, bis jetzt ohne Erfolg ge⸗ blieben, und er fragte an, ob ſie wiederholt wer⸗ den ſollte? Der dritte Brief endlich kam von Ginſeppo Daſſa, der ihr darin befahl, ſich heute zu Hauſe zu halten, da er zu ihr kommen wolle. Den Kopf in ihre Hand geſenkt blickte Ellinor traurig nieder auf dieſe drei Blätter, deren jedes für ſie eine Quelle der Schmerzen enthielt, und langſam rollte die Thräne, die bis dahin in ihren langen dunkeln Wimpern gehangen, hernieder über ihre bleiche eingefallene Wange. „Er wird kommen,“ flüſterte ſie,„er, mein Gatte, mein Geliebter wird zurückkommen, und wird mich finden, wie er mich verlaſſen, traurig und kummervoll; ach, und mein Herz, das ihm ſo 7 26— heiß ergeben iſt, ſchlägt ihm nicht freudig entgegen, es ſtockt im Krampf der Furcht, und meine Arme, die ſich öffnen möchten, ihn zu umſchlingen, ſin⸗ ken kraftlos herab bei dem Gedanken, meine Schulld könnte ihm verrathen ſein, und er aufgehört ha⸗ 4 ben mich zu lieben! Ha, und auch er wird kom-⸗ men, der Dämon meines Lebens, und meine Hand, die ihn zurückſtoßen möchte, muß die ſeine drücken, meine Augen, die ihn verabſcheuen, müſſen ihn willkommen heißen mit freundlichen Blicken, und meine Lippen Worte der Theilnahme ſprechen, von denen meine Seele nichts weiß; ha, wo ich haſſe, muß ich Liebe heucheln, und wo ich liebe, muß ich täuſchen!— Nein,“ rief ſie plötzlich laut und ſtürmiſch,„nein, dieſe Qual iſt ärger als der Tod!“— Wie ſie dies Wort ſprach, zuckte ſie zuſammen, wie ein Blitzſtrahl hatte dies Wort ihre Seele getroffen und ſie zu glühenden Gedan⸗ ken erhitzt! Sie ſtand auf und ging heftig bewegt im Zimmer auf und ab! Ihr ganzes Weſen hatte ſich verändert; vorher ſo bleich und kummervoll, ſo gebeugt und niedergedrückt, war ihre Geſtalt jetzt ſtolz und hoch aufgerichtet, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab, ihre Wangen glühten, ihre Augen leuchteten, und ein Ausdruck finſterer Ente ſchloſſenheit und Energie war über ihre Züge ge⸗ breitet. Durch die geöffneten Thüren drang die laue Sommerluft herein und trug balſamiſche Düfte der Blumen, die im nahen Bosket blühten, — 27— zu ihr her, ſie empfand es nicht; ein zwitſcherndes Vögelein kam ſorglos nahe an die Thür gehüpft, und ſchaute, gleichſam wie aus Neugierde, zu ihr herein, ſie ſah es nicht; der Wind trug das Ge⸗ läute der Abendglocke von der kleinen Kapelle, die im Parke ſtand, zu ihr herüber, und die Bäume rauſchten dazu wie im Abendgebet, ſie hörte es nicht; vor ihrer ſchauenden Seele ſah ſie finſtere und grauenvolle Gebilde in geſpenſterhaftem We⸗ ben vorüberſtreichen, und ſie hörte nur jene Stimmen, die in ihrem Herzen flüſterten, und ihr eine Geſchichte voll Graus und Schrecken erzähl⸗ ten. Dann ſagte ſie laut, und ihre Stimme klang dumpf und gepreßt von innerer Bewegung: „Der Tod! Ja, der Tod endet Alles. Wie, wenn ich den Tod entſcheiden ließe? Es muß ein Ende ſein! Es muß!“ Sie richtete das große brennende Auge gen Himmel, und den Arm erhebend ſagte ſie feierlich: „wenn ein Gott dort oben thront, ſo weiß er, was ich gelitten habe, weiß, welche Qualen ich erduldet, wie ich Tag um Tag zu ihm gebetet habe um Hülfe und um Rettung! Ja, mit zer⸗ riſſener Seele und todeswundem Herzen bin ich gekommen und habe in gläubigem Vertrauen all meine Qual vor ihm ausgeſchüttet! Habe meine Hände wund gerungen, und meine Augen thrä⸗ nenlos geweint, und habe auf ihn gehofft, auf ihn, zu dem ich betete, ach, mit welchem Gebet! — 28— Aber er blieb taub meinem Flehen, taub meinem Gebet, und wenn ich mit zerſchlagener Seele kam vor ihm zu beten, ſo hat er mir niemals ein Zeichen gegeben, daß er mich erhören, meine Lei⸗ den enden und mir Balſam ſenden wolle für die ſchmerzenden Wunden, die mir das Leben geſchla⸗ gen! Es iſt alſo keine Hoffnung für mich, keine Gnade im Himmel! Meine Gebete ſind umſonſt geweſen, und mein Flehen ohne Erhörung! Wohl⸗ an, ich bete nicht mehr, und wenn ich bete, ſo ſoll es zu mir ſelber ſein! Ja, mit Thaten will ich beten, mit Thaten will ich mir Ruhe erkaufen! Meine Geduld iſt aufgezehrt und meine Hoffnung erſchöpft! Kein Gott hat mir beigeſtanden, wollen wir denn ſehen, ob ich mir ſelber nicht beiſtehen kann! Ja, ich will mir Ruhe erkaufen! Und wenn ein Menſch will, wo iſt die Gewalt, die ihn hindern kann?!“ Wie ſie ſo ſprach, glühend vor innerer Lei⸗ denſchaft, blitzenden Auges und ſtrahlenden Ange⸗ ſichts, mit gen Himmel emporgehobenen Armen, mochte man ſie jenen Statuen der Niobe vergleichen, welche die Rache des Himmels über den Mörder ihrer Kinder zu erflehen ſcheinen. Ihre Züge nahmen jetzt einen andern Ausdruck an, Wehmuth und Rührung zuckte gleich Wetter⸗ leuchten durch ihr Angeſicht, und in ihren Händen ihr Haupt verbergend, ſagte ſie in jammerndem Ton:„wo giebt es Eine ſo voll Qual und Schmerz, wie ich es bin?“ Laut ächzend ſank ſie auf den Divan nieder, und ihr Angeſicht in den Kiſſen verhüllend, ſchluchzte ſie laut. So bewältigend war ihr Kummer, daß ſie nicht bemerkte, wie die Thüre dem Garten gegenüber leiſe geöffnet ward und Ginſeppo hereintrat. Als er Ellinor aufgelöſt in Schmerz, ſchluchzend und weinend hingeſunken ſah, trat ein grauſames Freudenlächeln in ſeine Züge, und einen Augenblick ſtand er ſtill, ſein zuckendes, jammerndes Opfer zu betrachten. Dann ging er geräuſchlos bis zu dem Tiſche, der vor dem Sopha ſtand, und auf dem er jene drei offenen Briefe bemerkt hatte. Er nahm den erſten, ſeine Hand⸗ ſchrift erkennend, warf er ihn verächtlich fort, und griff nach dem zweiten. Es war Lord Landstown's Brief; Giuſeppo überflog ihn raſch, und nahm den dritten. Als er auch dieſen ge⸗ leſen, wandte er ſich ruhig an Ellinor, die, noch immerfort weinend, ihn nicht bemerkt hatte, und ſagte:„alſo Lord Landstown kehrt in einigen Tagen zurück, und von Deiner Tochter keine Nachricht?“ Ellinor richtete ſich langſam aufV; ſie hatte ſich wieder ganz weiblich geweint, und von dem frü⸗ heren Zorn der Verzweiflung war kaum mehr eine Spur in ihren Zügen zu finden. „Keine Nachricht,“ ſagte ſie leiſe,„und mein ö 30 ahnendes Herz, ſo lange an Unglück gewöhnt, ſagt mir, daß alle meine Bemühungen umſonſt ſein werden. Ich werde mein Kind nicht wieder ſehen!“ „Was thut es auch?“ ſagte Giuſeppo mit iro⸗ niſchem Lächeln,„ein Weib ſoll den Vater ihres Kindes mehr lieben, als ihr Kind. Ich bin Dir ja geblieben, und mich, das verſpreche ich Dir, ſollſt Du noch oft wieder ſehen!“ Ellinor ſah ihn mit einem ſchmerzlich bitten⸗ den Blicke an, und ſagte ſanft:„Giuſeppo, laß es genug ſein! Sieh mich an, zerfallen und zer⸗ rüttet wie ich bin! Es iſt Dein Werk, laß es genng ſein!“ Ginſeppo ſah ſie wild und ingrimmig an, und ſagte:„Weißt Du nicht, daß ich Dir ewige Rache geſchworen?“ „Ich weiß, ich weiß,“ ſeufzte ſie. Dann nahm ſie ſeine Hand und ſagte mild und ſanft:„ſieh, Giuſeppo, mein ganzes Herz geht vor Dir auf in dieſem Moment. Mir iſt, als wären alle die Jahre verſchwunden, die zwiſchen Jetzt und Da⸗ mals liegen, ich fühle in mir daſſelbe Vertrauen, das ich damals zu Dir empfand, dieſelbe Zuver⸗ ſicht. Und zu dieſem Giuſeppo, der Du damals warſt, zu dieſem will ich ſprechen.“ Daſſa ſtieß ihre Hand unſanft zurück, und ſagte rauh:„Unmöglich! Jener Giuſeppo iſt längſt geſtorben, er liegt begraben neben Deinen “ t 1 — 31— vermoderten Liebesſchwüren, und was geblieben, iſt nichts als ein in ſeiner Ehre und ſeiner Liebe gekränkter und bis zum Tode verwundeter Mann, der es zur Aufgabe und zum Studium ſeines Lebens gemacht hat, die Schmach, die ihm ge⸗ ſchehen, zu rächen!“ „Und Du haſt es gethan,“ ſagte Ellinor ſchmerzvoll,„Du haſt Dich gerächt! Mein Leben iſt zerbrochen! Laß es genug ſein. Gönne mir für die wenigen Tage, die mir noch geblieben, o gönne mir für dieſe mindeſtens Ruhe. Laß mein Herz zermartert, wie es iſt von eigenen Vorwür⸗ fen und Gewiſſensqualen, laß es Frieden finden. Laß mich meinen Gatten lieben dürfen ſonder Furcht, ihn in der nächſten Stunde zu ver⸗ lieren, durch Dich zu verlieren. Laß meine Sünde abgebüßt ſein und meine Schuld geſühnt, und mit meinem letzten Seufzer will ich Dich ſegnen, und die Gnade des Himmels über Dich herabflehen!“. „O Giuſeppo,“ fuhr ſie fort, und die Hände flehend zu ihm emporgehoben, ſank ſie zu ſeinen Füßen nieder:„erbarme Dich mein! Habe Mit⸗ leid mit mir und erlöſe mich von meiner Qual! Strafen und Rächen iſt eine grauſame Luſt, das Vergeben aber iſt eine himmliſche Freude. Giu⸗ ſeppo, vergieb mir! Vergieb mir um meiner Qualen willen, um des Kindes willen, das ich verloren. Sieh, wie eine Gottheit ſtehſt Du vor mir! In Deiner Hand ruht Segen oder Fluch meines ganzen Lebens. Du vermagſt meine Thränen zu trocknen, mich wieder glücklich zu machen oder mich ohne Ende ſchmachten zu laſſen in peinvoller Angſt und Verzweiflung. Sei mild, wie eine Gottheit, Giuſeppo, nimm den Fluch von mir und ſegne mich! Laß mich nicht in jeder Stunde fürchten, Du könnteſt mich meinem Ge⸗ mahl, ihm, den ich liebe mit meiner ganzen Seele, verrathen, und mir das ſchönſte Theil ſeiner Liebe, ſeine Achtung, die ich unter Schauern des Ent⸗ zückens und der Qual empfange, Du könnteſt mir dieſe entreißen. Gieb mich frei! Laß, was die Zeit längſt zerriſſen hat, zerriſſen ſein! Giuſeppo, um meiner, um Deiner Seligkeit willen gieb mich frei! Sprich dies eine, eine Wort, und mein Herz ſoll in unbegrenzter Dankbarkeit Dir gehören, Du ſollſt mein Bruder ſein, mein Freund! Schwöre mir, mich nicht meinem Gemahl zu verrathen, und vergeſſen ſoll ſein Alles, was ich durch Dich gelitten, was ich leide, und ſegnen, ſegnen will ich Dich!“ Ihre Stimme erloſch in Thränen, und kraft⸗ los ſenkte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt. Giu⸗ ſeppo ſah zu ihr nieder mit einem Blick, wie ihn die Schlange auf ihre Beute heftet, wenn ſie voll Mordluſt und Grimm den giftgeſchwollenen Zahn in das Fleiſch des zuckenden Opfers ſetzt, und ſeine Stimme war ſchneidend und rauh, als er ſagte: 18* 8. — 33— „welch ein Thor müßte ich ſein, wenn ich ver⸗ geben wollte, was nimmer zu vergeben iſt! Du nennſt mich Deine Gottheit! Vergiebt denn der Gott da droben auch nur die kleinſte Sünde, die der Menſch gethan? Stehet nicht vielmehr ge⸗ ſchrieben: Die Sünde der Menſchen ſoll gerächt werden bis ins dritte und vierte Glied? Wohlan, ſo will ich Deine Gottheit ſein, und die Sünde, die Du an mir begingſt, rächen, ſo lang Du lebſt, ſo lang ich lebe! Deine Tage ſollen voller Qual, und Deine Nächte ohne Schlummer ſein! Sieh, vierzehn Jahre, vierzehn lange Jahre war die Hoffnung, Dich einſt ſo vor mir zu ſehen, ſo zerbrochen und zitternd, wie Du jetzt daliegſt, mein einzigſter Troſt, war die Speiſe meines ver⸗ rathenen Herzens, die Nahrung meiner geſchän⸗ deten Ehre! Und jetzt, nun ſie da iſt, dieſe Zeit, die ich mir vom Teufel als die einzigſte Gabe für meine verlorene, durch Dich verlorene Seele erflehte, nun Du zuckend, zertreten, winſelnd vor mir liegſt, nun ſollte ich, ein thörichter Knabe, zurücktreten von meinem Willen und mich er⸗ weichen laſſen von Deinem Flehen? Denke beſſer von Deinem Giuſeppo, dem Du ewige Treue geſchworen, achte ihn als einen Mann, der, was er gelobt zu erfüllen, auch ſicherlich er⸗ füllen wird!“ Ellinor ächzte laut, und Giuſeppo, ein Päck⸗ chen Briefe aus ſeinem Buſen ziehend, luhr fort: Die Flüchtlinge in London. III. „ſieh her! Dies ſind Deine Briefe! Geſtehe, daß ich ein feuriger Liebender bin! Seit vierzehn Jah⸗ ren trage ich ſie Tags auf meiner Bruſt und liegen ſie Nachts unter meinem Kiſſen! Ha, Du wußteſt nicht, was Du thateſt, als Du ſie ge⸗ ſchrieben! Du wußteſt nicht, daß dieſe Liebes⸗ ſchwüre, die ſie enthalten, einſtmals wider Dich aufſtehen und Dich verklagen würden! Du haſt mir die Geißel, mit der ich Dich züchtigen kann, ſelbſt in meine Hand geliefert, und bei Gott, ich werde ſie gebrauchen!“ „Was willſt Du thun?“ jammerte Ellinor. „Was ich thun will?“ fragte er ingrimmig. „Deinem Gemahl will ich dieſe Briefe geben! Nicht heute, nicht morgen! Erſt nach Monaten, Jahren, wenn Du an der Angſt jedes Tages Dich matt gelebt, vielleicht erſt an Deinem Todestage, erſt in der Stunde, wo Du in ſeinen Armen ſterben willſt, vielleicht erſt dann will ich zu ihm hintreten, und ihm dieſe Briefe zeigen, die ihm ſagen, daß ſein unſchuldiges liebendes Weib die Buhlerin eines Andern war.“ „Du biſt ein Ungeheuer!“ rief Ellinor empört und ſprang empor. 4 Giuſeppo hatte kaum gehört, was ſie geſagt; ſeine grauſame Seele ſchwelgte in den Plänen für die Zukunft, in den Rachegedanken, die für ihn eine unnennbare Wolluſt enthielten.„Aber nicht alle Briefe,“ fuhr er dann, die Zähne grimmig „N 2 — 35— aufeinander gepreßt fort,„nicht alle Briefe ſoll er haben, Dein zärtlicher Gemahl! Oh, es müſſen einige übrig bleiben für die Welt. Die vornehme Welt, bei der Lady Landstown in ſo hoher Achtung ſteht, lieſt doch Journale, und ich denke, es müßte ihr für eine Stunde Vergnügen machen, in dieſen Blättern einige Briefe der Lady Landstown an Ginſeppo Daſſa, ihren Liebſten, abgedruckt zu ſehen!“ Giuſeppo warf, wie im Gefühl der Freude, den Kopf zurück und brach in ein wildes rohes Lachen aus. Ellinor zuckte zuſammen; es arbeitete und kämpfte in ihren Zügen; eine furchtbare Bewegung war in ihrer Seele, die wilden und grauſamen Gedanken, die ſie vor Giuſeppo's Ankunft gehegt, kehrten zurück. Sie fühlte ſich in den erſten, den heiligſten Menſchenrechten angegriffen, ſie fühlte ſich bereit, für dieſe mit Allem zu kämpfen, was ein Menſch beſitzt, mit dem Tode zu kämpfen um die Ruhe ihres Lebens! Sie richtete das geſenkte Auge empor und ſah Ginſeppo feſt und unverwandt an. Ihre Augen zuckten nicht, ohne Furcht begegnete ſie ſeinem wilden Blick und erwiderte ſein ſtolzes höhniſches Lächeln. „Wir kennen einander,“ ſagte ſie dann, und der Ton ihrer Stimme war plötzlich geändert, war ſchneidend und hart,„wir kennen nun ein⸗ 3 ½ — 36— ander! Ich ſage Dir, Du wirſt dieſer Stunde gedenken! Man ſagt, Niemand iſt erfinderiſcher und grauſamer, wenn es gilt ſich zu rächen, als ein Italiener. Du haſt mir gezeigt, daß es wahr iſt; aber Du haſt mich auch erinnert, daß in mei⸗ nen Adern wie in den Deinen italieniſches Blut fließt! Der Geiſt meiner Mutter komme über mich! Du haſt mich herausgefordert zum Kampf! Ich habe Alles verſucht! Bitten, Flehen! Es iſt vorbei! Jaetzt, jetzt lerne mich fürchten!“ Drohend ſtreckte ſie den Arm gegen ihn, und ſah ihn durchbohrend und wild an. Dann wandte ſie ſich ab; ſtolz und hoch auf⸗ gerichtet wie eine Königin, ging ſie mit feſten Schrit⸗ ten durch das Gemach, und verſchwand durch eine Seitenthür, die ſie hinter ſich verſchloß. — — IV. Ellen. Aureliens Pflegetochter Ellen war aus der Er⸗ ziehungsanſtalt zurückgekehrt und befand ſich ſeit einigen Tagen mit Aurelia in der Villa Sweet⸗ calmneß. Aurelia, die mit Mutterzärtlichkeit an Ellen hing, wünſchte ihre ſchöne Tochter nur im Glanze des Putzes und der Mode der Welt zu zeigen. Schneider, Haarkünſtler und geübte Kam⸗ merfrauen wurden aus London beſtellt. Aurelia ordnete Alles ſelbſt, und fand ihre Freude daran, die glänzendſten und koſtbarſten Stoffe auszuwäh⸗ len; jetzt war ſie nach London gefahren, um dort Bijouterien und Putzſachen für Ellen auszuſuchen, während dieſe ruhig in der Villa blieb, da ſie auf Aureliens Wunſch ſich nicht zeigen ſollte, bis ddie moderne Toilette aus London angelangt. Selbſt Nordheim ſollte das junge Mädchen nicht ſehen, bevor nicht die ſchwarze Ordenstracht, die Ellen aus der Penſion mitgebracht, mit weltlichern faſhio⸗ — — 38— nableren Kleidern vertauſcht worden. Vielleicht war aber nicht dies allein der Grund, daß Aurelia nach London geeilt; Nordheim war den ganzen verfloſſenen Tag nicht in Sweetcalmneß geweſen; wie träge, düſter und eintönig war dieſer Tag vorübergerauſcht; ſie fürchtete, irgend ein Unwohl⸗ ſein möchte ihn zurückhalten, eine Verſtimmung gegen ſie; tauſend ſchlimme Ahnungen bedrängten ihre Seele! Die Liebe iſt ſo erfinderiſch im Fürch⸗ ten und Beängſtigen. Der Diener aber, den ſie gleich nach ihrer Ankunft in London in Nordheim's Wohnung ſandte, brachte ihr die beruhigende Botſchaft, er ſei ſoeben nach Sweetcalmneß hinausgefahren, und freudigen Herzens beeilte ſie ihre Geſchäfte, um bald wieder zurückkehren zu können auf ihre Villa. Nordheim war indeß dort angelangt, und ging, Aureliens Rückkunft abwartend, hinab in den Park, unter deſſen hohen Bäumen, in den einſamen ſtillen Gängen zu wandeln ihm ſtets eine be⸗ ruhigende und ſtärkende Freude gewährte. Es war ein herrlicher Sommertag, die ganze Natur prangte wie im Feſtgewande, die Blumen blüheten und dufteten, der Himmel ſtrahlte im ſchönſten Blau, koſende Winde kühlten die heiße Luft, und die Gipfel der hohen Eichen, in denen muntere Som⸗ mervögel zwitſcherten, vergoldeten die letzten Strah⸗ len der untergehenden Sonne. Hingegeben dieſer beglückenden und köſtlichen Stille der blühenden Natur wandelte Nordheim die lange Allee hinab, — 39— als eine Biegung des Weges ihn zu dem Teiche führte, unter deſſen Trauerweide am Ufer ſein Lie⸗ blingsplatz ſich befand. Heute aber war die Bank ſchon beſetzt, und Nordheim ſtand ſtill, das Mädchen zu betrachten, das, ihn nicht bemerkend, ungeſtört weiter las in dem Buche, das ſie in der Hand hielt. Welch ein Ausdruck von Unſchuld und Frieden in dieſem ſchönen, kindlichen Mädchenan⸗ geſicht! Das blonde geſcheitelte Haar legte ſich an die hohe Stirn, deren durchſichtige Weiße von den feinen ſchwarzen Bogen der Augenbrauen noch mehr hervorgehoben ward. Die Wangen waren in zartem Roth angehaucht, die feine, ſanft ge⸗ krümmte Naſe verlieh dem ſchönen Geſichtchen etwas Beſtimmtes und Ernſtes, dem die ſchalkhaf⸗ ten Grübchen in Kinn und Wangen und die ge⸗ ſchwellten rothen Lippen widerſprachen. Wie zier⸗ lich ſaß der Kopf auf dem ſchlanken Halſe! Die zarte ätheriſche Geſtalt umhüllte ein einfaches ſchwar⸗ zes Gewand, das eng anliegend hinaufreichte bis zum Hals, und Schultern und Nacken verhüllend dennoch die ſchönen Formen hervortreten ließ. So, ein Bild ſittſamer Schönheit und jungfräulicher Unſchuld, ſaß ſie da, und als ſie jetzt von ihrem Buche aufblickend, umherſchaute, überraſchte Nord⸗ heim der Ausdruck von Kindlichkeit und Ernſt, der zugleich aus ihrem ſchwarzen Auge ſtrahlte. Sie hatte den Fremden bemerkt und ſtand haſtig auf, ſich zu entfernen, als Nordheim auf ſie zu trat — 40 und ſie freundlich bat, ſich nicht von ihm vertrei⸗ ben zu laſſen. „Sie werden ſich ſchon an meinen Anblick ge⸗ wöhnen müſſen!“ fuhr er lächelnd fort;„wenn ich nicht irre, habe ich das Glück, Fräulein Ellen un⸗ erwartet zu begegnen—“ „Und Sie ſind Herr Nordheim, nicht wahr?“ fragte Ellen in heiterem, zutraulichem Ton, und ſchaute freundlich zu dem hohen, ſchlanken Manne empor, der ihr aus Aureliens Erzählungen ſchon kein Fremder mehr. Als ſie aber ſeinem Blicke begegnete, ſenkte ſie ſcheu das Auge zu Boden und erröthete tief. Dies Erröthen entzückte Nordheim, es war ſo voll Un⸗ ſchuld und Wahrheit. „Mein Name iſt Ihnen alſo nicht fremd mehr?“ fragte er mit jener herzgewinnenden Freundlichkeit, die ihm eigen und ſo Zutrauen erweckend war. „Gewiß nicht!“ ſagte ſie mit kindlichem Lächeln. „Meine theure Mutter hat mir von ihrem Freunde erzählt.“ „Und darf er ſo kühn ſein zu hoffen, daß der Baronin wohlwollende Geſinnung ſich auf Sie übertrage?“ fragte Nordheim. Ellen erwiderte in zutraulichem Ton:„Wie können Sie zweifeln? Meine Mutter, ſonſt oft ſo traurig und voll Kummer, iſt durch Sie heiter und lebensfroh geworden. Sollte ich, die ich ihr Alles ſchulde, nicht dafür gegen Sie Dankbar⸗ keit empfinden?“ Lächelnd reichte ſie ihm ihre Hand dar. Nordheim küßte ſchweigend dieſe Hand, die ſie bebend zurückzog. Dieſe Offenheit und Aufrichtig⸗ keit ihres Weſens bei ſo viel Schüchternheit und Unſchuld war ihm neu und überraſchte ihn auf wunderbare Weiſe. Es war ihm intereſſant, dies holde Angeſicht zu betrachten, das ſo rein war von allen Spuren des Lebens, eine unberührte glänzende Pſyche, von deren Aetherſtaub die Welt noch nichts abgeſtreift. Er konnte ſich, mit ihr auf und ab wandelnd im Garten, nicht ſatt ſehen an dieſen ſtrahlenden Augen, die ſo viel verbor⸗ genes und unangefachtes Feuer enthielten; er ver⸗ tiefte ſich im Anſchauen dieſes klaren durchſichtigen Angeſichts, deſſen kindliche Schönheit ihm märchen⸗ haft däuchte. Märchenhaft, denn nie, ſeit den Kindermärchen ſeiner Jugend, hatte er an das Daſein ſolcher zarten, unſchuldigen Jungfrau ge⸗ glaubt, und ihn, der ſich ſo ſicher dünkte in ſeinen An⸗ ſichten und Erfahrungen, ihn überraſchte die Lehre, die er aus dieſen kindlichen Mädchenaugen ſchöpfte, die Lehre, daß alle Weisheit nur trügeriſch, und die Erfahrung eines ganzen Lebens durch die Er⸗ fahrung einer einzigen Minute umgeſtoßen werden kann. Ihr Geſpräch, ſo unbedeutend es auch war, hatte für ihn einen unendlichen Reiz; ihn entzückte die klare melodiſche Stimme, das reine, helle Lachen, der ſtrahlende frohe Blick dieſes jungfräulichen — 32— Kindes, dies Alles ſchien ihm neu und nie geſehen. Er ſchaute in dies Antlitz, das für ihn wunder⸗ bare Räthſel enthielt, und gereift von Erfahrun⸗ gen der Welt, geſtählt, wie er ſich glaubte, gegen die Verſuchungen der Welt, bebte er zurück vor dieſem zarten Weſen, das mit lächelndem Munde und fröhlichen Blicken nichts ahnend, nichts wiſſend, mit den zarten Kinderhänden in das ſtolze Ge⸗ bäude ſeiner Weisheit griff und zu zerſtören drohte, was er ſo mühſam ſich erbaut.„Kann es ſein,“ fragte er ſich ſelber,„daß dies holde Geſchöpf ein Weib iſt? Dieſer Blick, wie ich ihn nie geſehen, iſt eines Weibes Blick, und dies frohe Lachen iſt auf Erden gediehen? O, wenn es iſt, dann müſſen Greiſe bei Kindern lernen gehen, und Männer von Mädchenlippen Weisheit vernehmen. Wahrlich, in dieſem unſchuldsvollen Angeſicht iſt mehr Weis⸗ heit, als ich je von eines Weiſen Lippen vernom⸗ men. Es iſt Natur und Wahrheit!“ Der glänzende, freudige Blick, den er jetzt auf Ellen richtete, machte ſie erbeben. Purpurröthe be⸗ deckte ihre Wangen, und Nordheim, hingeriſſen von dieſem Erröthen, faßte des Mädchens Hand, und mit einer Ehrfurcht und Andacht, wie er ſie nie, ſelbſt nicht vor den ſtrahlenden und gefeierteſten Schönheiten empfunden, drückte er ſeine Lippen auf dieſe zitternde Hand.. „Nicht ſo,“ ſagte ſie bebend und leiſe,„der —— — 43— Weiſe darf dem Kinde nicht ſolche Zeichen der Ehrfurcht geben.“. „Jſt es denn nur die Ehrfurcht, die in ſolchem Kuß ſich äußert?“ fragte Nordheim fröhlich. Sie ſah ihn zutraulich an und verſichernd ſagte ſie:„gewiß! Meine Lehrer lehrten es mich.“ „Und glauben Sie denn unbedingt, was dieſe ſprachen?“. Sie ſah ihn verwundert an und ſagte ernſt: „wie ſollt' ich nicht? Sie, die ihr ganzes Leben dem ſchweren Dienſt geweiht, die unmündige und un⸗ wiſſende Jugend zu belehren und zu erheben, ſie verlangen dafür nichts als Glauben und Befolgung ihrer Lehren. Wer könnte ſo undankbar ſein, ihnen dies zu verſagen?“ Nordheim vermied es, ihrem fragenden Blick zu begegnen, er fühlte ſich beſchämt, verwirrt, zum erſten Mal ſeit langen Jahren, und wußte ihr nichts zu erwidern; es war ihm nicht möglich, dieſe Einfalt zu verſpotten, oder ihr zu widerſprechen, und ſo gingen ſie ſchweigend eine Zeit lang neben⸗ einander her. „Sie waren lange in jener Erziehungsanſtalt?“ fragte Nordheim dann. „Seit meinem ſiebenten Jahre,“ antwortete ſie und eine trübe Wolke flog über ihre hellen Züge.„Zehn Jahre war dort meine Heimath, und eine Heimath aufgeben iſt ſo ſchwer!“ Sie wandte den Kopf zur Seite, um die Thrä⸗ — 4 nen nicht ſehen zu laſſen, die in ihre Augen tra⸗ ten, und Nordheim fragte erſtaunt:„wie, Sie ſchei⸗ nen jenen Aufenthalt zu vermiſſen, und ſehnen ſich vielleicht gar zurück in dieſe Einſamkeit und klöſterliche Stille, die, wie ich mir habe ſagen laſſen, durch nichts unterbrochen wird und wohin kein Geräuſch der Welt zu dringen vermag? Iſt jene Erziehungsanſtalt nicht in einem Kloſter, mitten in einem großen Park gelegen, über deſſen hohe Mauer kein einziger Blick hinaus ſchweifen mag in die Welt?“ „Wir lebten ſtill,“ ſagte Ellen lächelnd,„und ſahen Niemand, aber die Welt haben wir nicht vermißt, denn jenes Haus und jener Park waren unſere Welt und für uns reich an Begebenheiten und Ereigniſſen. In einer kleinen Welt ſind kleine Dinge ſo groß und wichtig, wie große in der großen Welt, und nicht minder bedeutſam wie dieſe. Kein Graf kann ſtolzer ſein auf den Orden, den ihm ſein Fürſt verlieh, und mehr geehrt von ſeiner Umgebung, als wir es waren, wenn der Lehrer uns lobte und mit unſern Arbeiten zufrieden war, und wir ſchlugen dieſe Arbeiten nicht geringer an, als etwa ein Held, der eine Feſtung erſtürmt. Das macht,“ ſagte ſie mit hellem Lachen,„wir kannten nichts Größeres, und dieſe griechiſchen und lateiniſchen Schriftſteller waren für uns keine klei⸗ nen Feſtungen.“ „So gelehrt ſind Sie?“ fragte Nordheim in ——— — 45 fröhlichem, ſcherzenden Ton. Sie kennen Griechiſch und Latein?d „Iſt das gelehrt, zu wiſſen, was Jedermann wiſſen muß?“ fragte ſie unbefangen, und fuhr fort: „auch unſere Künſtler hatten wir, und ich entſinne mich noch gar wohl, wie ſtolz ich war, als mir beim Zeichnen die erſte Naſe gelungen war, wofür man mich acht Tage Apelles nannte. O, wir hatten unſere Michel Angelo's, Raphaels, Guido⸗Reni's unter uns, je nachdem wir zu einer oder der an⸗ dern Manier im Malen uns bekannten.“ „Und darf man wiſſen, welchen Künſtlernamen Sie führten?“ „Ach,“ ſagte ſie, die über ihren Erinnerungen ganz vergeſſen, daß ſie zu einem Fremden ſprach, halb ſchmollend:„die tollen Mädchen nannten mich den Raphael ohne Arme.“ „Warum das?“ fragte Nordheim. Ellen ſchlug die Augen nieder und ſagte:„der Lehrer hatte mein Talent gelobt, und weil wir kurz zuvor Leſſing's Emilia Galotti geleſen, wo es heißt, daß Raphael auch ohne Arme der größte Maler geweſen ſein würde, nannte man mich ſpott⸗ weiſe ſo.“ „Sie verſtehen auch Deutſch?“ fragte Nord⸗ heim freudig. „Wie ſollte ich nicht?“ antwortete Ellen ruhig; „eine unſerer Lehrerinnen war eine Deutſche, und ich bewohnte ſieben Jahre mit ihr daſſelbe Zim⸗ — — 46— mer. Und meinen Sie,“ fuhr ſie mit Wärme fort, „daß ich nicht geſtrebt, gerade dieſe Sprache zu lernen, welche die Sprache meiner Mutter iſt, meiner theuern Mutter, der ich Alles danke?“ „Laſſen Sie uns deutſch ſprechen!“ ſagte Nord⸗ heim tief bewegt,„es iſt die Sprache Ihrer Mutter und auch meine Mutterſprache!“ Ellen verneigte ſich lächelnd und ſetzte ihre Unterhaltung deutſch fort. Wie ſüß klangen Nord⸗ heim dieſe Heimathsklänge von Ellen's Lippen; nie hatte er ſo klar, wie jetzt empfunden, welche Muſik in dieſer Sprache, nie war er ſich bewußt geweſen, daß er niemals in ſeiner Seele aufhören würde ein Deutſcher zu ſein, als jetzt, wo die heimathlichen Laute Perlen gleich von ſo holden Lippen rollten. Als bald darauf Aureliens Wagen in den Hof rollte und Ellen ins Haus flog, ſie zu em⸗ pfangen, fühlte er ſich unzufrieden und verſtimmt; ihn däuchte, als habe er ſeit langen Jahren nicht ſo viel Vergnügen empfunden, wie im Geſpräch mit Ellen, und doch war dies Geſpräch ſo unbe⸗ deutend geweſen. Aurelia kam allein hinab in den Garten, und wie ſie Nordheim jetzt entgegeneilte, mit freudigem Winken und Lächeln, ſagte er zu ſich ſelber:„wie wenig gleicht ſie Ellen!“ „Du böſer, theurer Mann!“ ſagte Aureliga und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt,„ich ſollte Dir zür⸗ 7 — 47— nen über Deine lange, lange Abweſenheit, und doch vermag ich's nicht, wenn ich Dich ſehe; ver⸗ mag nichts, als Dir zu danken, daß Du jetzt wie⸗ der da biſt! Weißt Du's denn, daß achtundvierzig Stunden vergangen ſind, ſeit wir„uns ſahen?“ „Geſchäfte verhinderten mich!“ ſagte er kühl. „O, wie haſſe ich dieſe Geſchäfte!“ rief Aure⸗ lia,„dieſe Dinge der Welt, die Herz von Herz und Seele von Seele trennen!“ „Doch beſitzt ſie Jeder,“ ſagte Nordheim,„Du wie ich, und einige von dieſen Stunden der Trennung haſt Du verſchuldet! Ich erwarte Dich ſchon lange.“ „Ich war zur Stadt, für Ellen einzukaufen! Du ſahſt ſie; iſt ſie nicht eine kleine Wilde, uner⸗ zogen, ungebildet? Ich fürchte, es wird Mühe koſten, ſie die Formen der Welt zu lehren, von denen ſie gar nichts weiß! Seit zehn Jahren, nur umgeben von einigen Mädchen ihres Alters, von Lehrerinnen und Lehrern mit weißem Haar, ſind ihr alle übrigen Menſchen und deren Sitten fremd, und Du biſt der erſte Mann außer ihren ergrauten Lehrern, zu dem ſie geſprochen.“ „Ein Vorzug, auf den ich ſtolz bin,“ ſagte Nordheim;„auch empfindet man in ihrer Nähe ſich wie abgelöſt von aller Welt, in einem neuen Daſein.“. „Doch macht mir dieſe Unbekanntſchaft mit der Welt Sorge,“ ſagte Aurelia ſinnend,„und faſt — 48— bereue ich, Ellen in ſo einſamer und abgeſchloſſener Anſtalt gehalten zu haben; es kann an Verſtößen nicht fehlen, und nichts verzeiht man in dieſer Welt ja weniger, als eben dies Sündigen gegen Geſetze, die,⸗wie nichtig ſie ſind, dennoch in der Welt entſcheiden.“ Ein ironiſches Lächeln zuckte um Nordheim's Lippen, als er erwiderte:„nicht von Deinen Lip⸗ pen hätte ich dies ſtrenge Wort erwartet. Ich meine, wir Beide ſollten Nachſicht predigen! Fürchte aber nichts,“ fuhr er nach kurzer Pauſe fort, „nichts für Ellen. Ihr richtiger Takt wird ſie ſtets das Rechte wählen laſſen, denn in ihr wal⸗ tet und weht die heilige und unberührte Natur, die ſie wie mit einem Heiligenſchein umgiebt. Die Natur aber in ihrer ewigen Wahrheit und Klarheit kann nimmer fehlen und irren, und an Heiligen krittelt man nicht: Ellen aber iſt eine Heilige im Tempel der Natur, voll Grazie und Unſchuld und unbewußter Schönheit.“ Aurelia war ernſt geworden, während er ſo ſprach, und jetzt ſagte ſie heftig:„wie ein Geſpenſt packt mich jetzt die Erinnerung an Deine Lehre vom ewigen Wechſel! O, Nordheim, laß ſie mich nicht begreifen, und zwinge mich nicht, an ſie zu glauben! O bleibe mein! Laß Alles wechſeln, nur nicht uns!“ Nordheim ſagte ernſt:„den ewigen Geſetzen ſind wir unterworfen, wie das All; ſollten wir — — — 49— nicht wechſeln wie dies? Wir wachen und ſchlafen, und ſchlafen und wachen, ſollte nicht auch die Seele, ſollten nicht die Gedanken ihr Erwachen und Entſchlummern haben? Die Gefühle wechſeln wie Tage und Stunden; was der Jüngling empfand, liegt dem Manne fern, und der Greis weiß nichts von dem Gedanken des Mannes! Wie wollen denn wir eine Ausnahme machen? Wo iſt der Zauber, der ewig jung erhält, und macht, daß das Herz und die Seele ewig glüht, während das Blut kalt wird und das Haar bleicht?“ „O, ich kenne dieſen Zauber,“ rief Aurelia, „es iſt die Liebe, die ewige, unvergängliche, nie alternde, nie endende!“ „Ich glaube nicht an ſie,“ ſagte Nordheim rauh;„es iſt ein Ammenmärchen, Kinder in den Schlaf zu lullen, ein Fraubaſenlied, kein Schlacht⸗ geſang, der zum Kampf mit dem Leben ſtärkt.“ „Du biſt grauſam!“ ſagte Aurelia ſchmerzvoll. „Aber wahr!“ entgegnete Nordheim,„und wer die Wahrheit ſcheut, iſt verloren.“ Als Nordheim nach einiger Zeit den Pavillon, in welchem er neben Aurelien ſaß, verlaſſen wollte, fragte Aurelia bang:„nicht wahr, Geliebter, Du willſt nicht fort? Nicht, wie Du pflegſt, ohne Ab⸗ ſchied Dich entfernen? Sieh, die Nacht bricht herein! Ich dächte, Du kehrteſt nicht mehr zurück zur Stadt. Du bleibſt, nicht wahr?“ Die Flüchtlinge in London. III. 4 — 50— „Gewiß, ich muß,“ ſagte er, und küßte leicht ihre Wange. „Und warum?“ Nordheim neigte ſich an ihr Ohr und flüſterte leiſe:„ſoll Ellen vor ihrer Mutter zu erröthen haben?“ Aurelia verſtand ihn kaum, und blickte ihn fragend und verwundert an. Nordheim ſagte in ernſtem Ton:„Mag die Tugend und Sittſamkeit nur eine Chimäre ſein; wo wir ſie finden, wenn auch nur als beglücken⸗ den Wahn, da wollen wir ſie ehren!“ „Das, das ſagſt Du?“ fragte Aurelia erblei⸗ chend,„Du, der Du mich lehrteſt die Sitte ver⸗ achten, Du, der Du es klein nannteſt und meiner unwürdig, mich dieſen Formen zu unterwerfen? 77 Sie ſtockte, denn ſie ſah, daß ſie allein war, Nordheim hatte ſich ſchweigend entfernt. Aurelia ſeufzte tief, und verbarg weinend das Haupt in ihren Händen. Nordheim kehrte indeß zur Stadt und ins Lodging Haus zurück. Er befand ſich in einer ihm ſelber unerklärlichen Aufregung; die Luft im Zim⸗ mer dünkte ihm drückend und ſchwül, er öffnete das Fenſter, und ſich weit hinaus lehnend, trank er in langen Zügen die kühlende Nachtluft. Der tiefblaue Himmel war mit Sternen überſäet, die glänzend funkelten auf dem dunkeln Grunde, und — — 51— mit ihrem Frieden und ihrer Klarheit einen grellen Contraſt bildeten zu dem Getreibe und Gewühl der Welt, das ſich in den Straßen bewegte unter dem Sternenhimmel und, unbekümmert um Sterne und Welten dort oben, dem Vergnügen oder den Geſchäften nacheilte. Nordheim wandte ſeinen Blick ab von dieſem Gewirre und wüſtem Treiben der Straßen, und ſchaute empor zum Himmel, deſſen Stille ihm heute ſo wohlthuend und beruhi⸗ gend ſchien, und tiefernſte Gedanken bewegten ſeine Seele. Es war einer jener Momente der Einkehr in ſich ſelber, wo die Seele gleichſam im Doppel⸗ leben ſich ſelber beſchaut und zum zweiten Daſein in ſich ſelber wird. Alle Tage, die geweſen, keh⸗ ren in ſolchen Momenten zurück, die Gedanken ſelbſt, die gedacht ſind; lächelnd oder weinend be⸗ grüßen uns verfloſſene Stunden, und längſt Ge⸗ ſtorbenes lebt wieder auf in uns. Und wie Nord⸗ heim ernſt und ſtill in ſich hinaufſchaute zum Himmel, ſagte er zu ſich ſelber:„wie oft, wie oft habe ich doch aufgeblickt zu dieſen unbekannten, fernen Welten, und mit wie verſchiedenen Gefüh⸗ len! Als ich ein Kind war, ſaß ich zu ganzen Stunden im Garten, und den Kopf rückwärts ge⸗ lehnt, blickte ich hinein in die Sterne. Da träumte ich mir goldene Schlöſſer und Feengärten, wo ſil⸗ berne Quellen rauſchten und diamantene Früchte an goldenen Bäumen hingen; liebliche Feen und verzauberte Prinzeſſinnen wandelten auf und ab, Engel flogen in den Lüften und Vögel ſangen in den Zweigen. O, wie ſehnte ich mich nach jenen Sternen mit den Zaubergärten, wie gern wäre ich geſtorben, um zu ihnen zu gelangen. Und wieder, als ich ein Jüngling war, blickte ich em⸗ por, ach, und mit welchen Gefühlen! Meine Seele voll Begeiſterung, mein Herz voll Liebe, Seele und Herz voll Glauben, und unter den Sternen ſuchte ich nach einem, der ſo hell und ſo rein, wie meiner Geliebten Augen, und ſo ſtrahlend wie ihr ſchönes Angeſicht! Ich betete zu Gott, der über den Sternen mir thronte, und wünſchte dort dro⸗ ben auf einer dieſer glänzenden Welten voll ſeli⸗ ger Geiſter vereint zu ſein mit ihr, deren Name in meinen Gedanken lebte! Nun ich ein Mann geworden, blicke ich empor mit ernüchterten Sinnen und erſtorbener Begeiſterung. Dort droben iſt noch derſelbe Himmel, und hier unten ſtehe ich, derſelbe Menſch und doch ein anderer! Jene Sterne bedeuten mir jetzt nichts mehr, als Laternen, die die gütige Mutter Natur bei Nacht heraushängt, damit die ſtolpernden Kinder hier unten nicht in Abgründe fallen, und von allen den hohen Ge⸗ fühlen, von allen den Begeiſterungen und Phan⸗ taſien iſt nichts geblieben, als ein nüchternes Er⸗ wachen. Die Sterne mit ihrer Unwandelbarkeit lehren mich, daß hier unten alles wandelbar, und ihr reines Licht erinnert mich, daß hienieden alles getrübt iſt. Alles!“ 1 Wie er ſo ſprach, tauchten in ſeiner Seele gleich lieblichen Sternen zwei helle Augen empor, die er heute geſchaut und die mit ihrem wunder⸗ baren Leuchten ihm ſelber ein Wunder geſchienen. „Kann es denn ſein,“ ſagte er,„daß ſolch ein Blick noch hienieden gedeiht, und ſolch ein Antlitz voller Unſchuld und Lieblichkeit? Alle Träume meiner Kindheit wachen wieder auf in mir, wenn ich dieſes holden Angeſichts mich erinnere und dieſes reinen Mädchenlächelns. So ſah ich in meinen Jünglingsphantaſien das heilige, das keuſche Weib, und ſuchte ſie allüberall, bis ich lernte, daß dies Suchen eine Thorheit, und daß ich vom Weibe nur ein Weib, nicht einen Engel begehren dürfte! Und nun, da ich dieſe traurige Wiſfenſchaft erlernt, da ich nichts mehr will, als den Genuß des Augenblicks und die Freude einer Stunde, nun ſollen mir, dem Manne, dieſe Augen, nach deren Schauen ich mich als Kind und Züng⸗ ling geſehnt, leuchten und Alles wankend machen, was ich mühſam in mir erbaute? Nimmermehr! Hinweg, hinweg von mir, thörichte Gedanken! Laßt mich denken was iſt, nicht was ſein ſollte! Alles iſt Täuſchung und Wahn, Alles, auch dieſer Unſchuldsblick! Nichts iſt ewig, als der Wechſel, nichts beſtändig, als die Unbeſtändigkeit. Es giebt keine Unſchuld, keine Tugend, und wo wir ſie zu erblicken glauben, iſt es nur eine Maske, hinter der ein liſtiges Weib ſich verhüllt!“ Während — 54— er dies dachte, empfand er es als einen Vorwurf in ſich ſelber, es war ihm, als hohnlache eine Stimme in ſeiner Bruſt, und als ſähe er Ellen's Augen mit ſanftem Tadel auf ſich gerichtet. Er zürnte mit ſich, mit der Welt, und zornig ſagte er: „bin ich denn ein Thor, daß jede Minute mich zu ändern vermag? Soll denn ein Kind mich irre machen? Nein! kommt über mich all ihr finſtern Gedanken, her zu mir ihr Erfahrungen, die ich gekoſtet, und ihr Stürme, die mich durch⸗ tobten! Lehrt mich ein Mann ſein! Her zu mir, Tage der Vergangenheit, ich will eure Stimme vernehmen, eurem Geflüſter lauſchen.“ Er ſtürzte, wie außer ſich, hin zu dem Bilde, das über dem Divan hing, und ſchaute lange und prüfend auf das ſchöne lächelnde Bild. Dann lachte er laut und rief:„ja, dieſe Augen ſtrahlen auch in Unſchuld, und dieſe Wangen in lieblichem Erröthen, und ſie war doch nur ein Weib, wie alle Weiber es ſind! Nein, es giebt keine Treue und keine Ewigkeit, keine Unſchuld und Tugend!“ Mit heftigen Schritten ging er im Zimmer auf und ab, und ſeine Züge, vorher ſo ſtürmiſch bewegt, nahmen allgemach einen friedlicheren Aus⸗ druck an, die Ruhe, die gewöhnlich in ſeinen Zü⸗ gen lag, kehrte zurück, die Leidenſchaften waren gebändigt, der Verſtand und die Reflexion hatten wieder ihre Herrſchaft erlangt, und er lächelte über ſich ſelber, als er ſagte:„bin ich nicht ein Thor, — 55— durch zwei ſchöne Augen mein ganzes Syſtem er⸗ ſchüttert zu fühlen, und durch zwei erröthete Wan⸗ gen zum Zweifler an meinen Zweifeln zu werden?“ Wieder trat er zum Fenſter und lehnte hinaus, aber er blickte nicht mehr zu den Sternen empor, ſondern ſchaute hinab in die Straße mit ſchleppen⸗ den ſtillen Gedanken. Allmählig erloſch das Ge⸗ räuſch der Gaſſen, Alles ward ſtill; Nordheim, verloren in wechſelnde Betrachtungen, lehnte noch immer im Fenſter, als der Schall nahender Fuß⸗ tritte ihn ſtörte, und er in dem Manne, der ſich dem Lodging Hauſe näherte, Giuſeppo Daſſa zu erkennen glaubte. Bei dem Schein der Straßen⸗ laternen ſah Nordheim, daß er ſich nicht getäuſcht. Es war Giuſeppo, der ins Haus ſchlüpfte, und Nordheim ſagte zu ſich ſelber:„Dank meinem Dä⸗ mon, der mir dieſen ſoeben entgegenführte, um meine Zweifel zu löſen. Iſt nicht Lady Lands⸗ town eine der Edelſten und Begabteſten ihres Ge⸗ ſchlechts? Und doch liebte ſie dieſen Daſſa, der nicht beſſer iſt als ein Thier!“ Lange noch wandelte er ſchweigend in ſeinem Zimmer auf und ab, bald vor dem Bilde ſtehen bleibend, bald ſich einen Moment hinauslehnend in die kühle Nachtluft. Dann ſchloß er klirrend das Fenſter und flüſterte:„die Liebe bleibt dennoch das Ewige, ſich ſelbſt ewig verzehrend und ewig erneuernd, ewig wechſelnd und ändernd, und doch immer dieſelbe.“ — 36— Unter ſolchen Gedanken ſuchte er ſein Lager, und unter den gaukelnden Bildern des Traumes, die den Schlummernden umſchwirrten, ſah er Ellen's Geſtalt und Ellen's Augen. V. Die Briefe. Ginſeppo Daſſa lag auf ſeinem Lager und ſchlummerte. Da kroch leiſe und geräuſchlos unter demſelben ein Weib hervor, ſchaute vorſichtig in ſein Angeſicht und lauſchte ſeinen langſamen Athemzügen. „Schläft feſt!“ ſagte ſie grinſend,„'s wird angehen!“. Behutſam näherte ſie ihre Hand ſeinem Kopfe, er regte ſich nicht;, ſie ſchlüpfte mit der Hand unter ſein Kiſſen, und ſchaute, wieder vorſichtig und prü⸗ fend ihn an. Er bewegte ſich, regungslos mit angehaltenem Athem blieb ſie; jetzt ſchlief er wieder feſt, ſachte zog ſie die Hand wieder vor, in der ſie jetzt ein kleines Päckchen Papiere hielt. Raſch verbarg ſie es in ihrem Buſen, und ſich vollends erhebend ſchlich ſie auf den Fuß⸗ ſpitzen, immer ängſtlich nach ihm umſchauend, durch das Zimmer. 3 — 58— Jetzt hatte ſie die Thür erreicht; ſchnell mit einem einzigen Ruck, damit ſie nicht knarre, öffnete ſie dieſe, und trat hinaus; dann ſteckte ſie noch einmal den Kopf durch die Thür und lugte nach Giuſeppo. Er ſchlief, ſie nickte ihm höhniſch zu, ſchloß die Thür und ſchlüpfte die Stiege hinab. Ungewöhnlich früh erwachte Lady Landstown am andern Morgen; raſch erhob ſie ſich und klei⸗ dete ſich an. Eine ſeltſame Unruhe und Haſt war in ihren Bewegungen, und während ſie ſich an⸗ kleidete, faltete ſie zuweilen unwillkürlich die Hände und flüſterte!„der Himmel gebe, daß es gelungen iſt!“ Jetzt ſchellte ſie ihrer Kammerfrau, und als dieſe erſchien und in Ausrufungen des Erſtaunens ausbrechen wollte über ihrer Herrin ungewohnt frühes Aufſtehen, befahl Ellinor mit einer Unge⸗ duld, die ihr ſonſt nicht eigen, ſo ſchnell als mög⸗ lich einſpannen zu laſſen!- Wie träge und ſchleppend verging ihr die kurze Zeit, bis der Diener meldete, daß der Wagen be⸗ reit; mit welcher Schnelle eilte ſie hinunter zum Wagen. „Nach Trottenhamcoard⸗road!“ befahl ſie dem Diener,„und ſchnell!“ Dahin brauſete der Wagen, und Ellinor blickte flehend gen Himmel und flüſterte:„laß es gelun⸗ gen ſein, mein Gott!“ 2 — 59— Der Wagen hielt, der Diener öffnete den Schlag, Ellinor ſtieg aus, und quer über die Straße eilend, trat ſie in ein kleines ſchmuziges Haus. Der Diener ſchaute ihr verwundert nach, und ſah dann kopfſchüttelnd den Kutſcher an, der mit weit aufgeriſſenen Augen nach der Thür glotzte, durch welche die Lady verſchwunden war. Dann zuckte er die Achſeln, und ſich an den Diener wendend, ſagte er:„ſag' mal, John, iſt's'ne neue Mode von den vornehmen Ladies, daß ſie in ſol⸗ chen Kramladen gehen, wie der da?“ „S wird wohl ſo ſein,“ antwortete John, „ſie kaufen vielleicht hier Rococo!“ „Gott beſſer's!“ brummte Dick, und lehnte ſich auf ſeinem Sitze zurück, um zu ſchlafen. Ellinor war indeß nicht, wie John und Dick vermutheten, in den Rococoladen getreten, ſondern ſchlüpfte über den langen finſtern Gang, und ſtand am andern Ende deſſelben wieder auf der Straße. Als ſie forſchend und ſuchend umherſchaute, näherte ſich ihr von der andern Seite der Straße her daſſelbe Weib, das die Nacht zuvor auf ſo ſeltſame Weiſe den Italiener verlaſſen, und nickte der Lady in zutraulicher Weiſe zu. „Nicht wahr, Du biſt Teufelsliſe's Tochter?“ fragte Ellinor leiſe. „Habt mich ja geſtern geſehn, als Ihr beim Vater geweſen, die Beſtellung zu machen!“ brummte das Mädchen. — 60— „Und dieſe Beſtellung?“ fragte Ellinor raſch, „iſt ſie gelungen?“ Das Mädchen zog das Päckchen Papiere, die ſie Daſſa entwandt, hervor, und reichte ſie Ellinor hin, indem ſie grinſend ſagte:„ſchlief ganz feſt, hat nix gemerkt!“ Ein Strahl der Freude belebte Ellinor's Züge, als ſie das Packet empfing, und ſie drückte des Mädchens Hand mit einer Herzlichkeit, als begrüße ſie eine Freundin. „Dank, Dank, mein gutes Kind! Hier nimm dieſe Börſe! Sie enthält fünfzig Pfund, ſie iſt Dein!“ „Iſt's ſo accordirt?“ fragte die Dirne. „Nein, nein, dies iſt Dein! Die ausbedun⸗ gene Summe bekommt Dein Vater morgen. Erſt muß heut Abend das Weitere gethan ſein!“ „'S wird nicht ſchwer ſein zu thun!“ brummte das Mädchen,„'s iſt ſchon Alles verabredet!“ „Morgen früh triff mich hier an derſelben Stelle mit Deinem Vater, und nun lebe wohl!“ Eiligſt entfernte ſich Ellinor, und als ſie ihren Wagen wieder erreicht, und die Pferde heimwärts eilten, faltete ſie ihre Hände zum heißen inbrün⸗ ſtigen Gebete, und Thränen der Freude entſtürzten ihren Augen. „Ich habe ſiel ich habe ſie!“ flüſterte ſie dann, „ich bin gerettet! Dieſe Briefe mindeſtens können nicht mehr gegen mich zeugen!“ — 61— In ihrem Boudoir angelangt, verſchloß ſie ſorgfältig hinter ſich die Thür, und Shawl und Hut von ſich werfend, entfaltete ſie das Packet und legte die Briefe auseinander.“ „Sie ſind es! ſie ſind es!“ ſagte ſie mit vor vor Freude zitternder Stimme,„das ſind meine Schriftzüge!“ Wie ſie in einen dieſer Briefe hineinſchaute, fiel ihr Auge auf die Worte:„ſo lang ich lebe, werde ich Dich lieben!“ Sie ſchauderte, und den Brief weit von ſich ſchleudernd, ſagte ſie:„entſetzlich! Grinſen nicht dieſe Worte mich an gleich einem Geſpenſt, und erkälten mein freudeglühendes Herz!“ Sie verſank in tiefes Sinnen, mechaniſch ſpiel⸗ ten ihre Hände mit den Briefen, die in ihrem Schooße ruhten, dann flüſterte ſie:„meine eigenen Worte ſtehen wider mich auf und verklagen mich bei mir ſelber! Ich habe es ihm geſchrieben,«ſo lang ich lebe, werde ich Dich liebeny, und kaum ein Jahr ſpäter, und von allen den Entzückungen und Schwüren lebte nichts mehr in meinem Her⸗ zen, als eine ſchreckensvolle Erinnerung! Kann's denn ſein, daß die Liebe alſo endet? Sind unſere Gefühle nichts als ein Wolkengebilde des Zufalls, das der erſte Sturm auseinander zu treiben ver⸗ mag, und die Ahnungen einer Seligkeit, die wir in der Liebe empfinden, nichts als die Regungen des heißen Blutes, das in unſern Adern kocht? 8 — 62—. Ich weiß, welch ein Entzücken in meiner Seele war, als ich dieſe Briefe ſchrieb, ich weiß, daß jedes Wort darin aus meinem Herzen ſtrömte und Wahr⸗ heit war. Und nun iſt die Wahrheit ſelber eine Lüge geworden, und die Liebe eine Täuſchung! Wehe, wenn es alſo iſt, wer kann alsdann glück⸗ lich ſein, wer iſt ſicher in ſeinem Glück, wenn doch die Liebe lügt und das Herz?“ In heftiger Bewegung ſtand ſie auf, und wie die Briefe, die auf ihrem Schooße gelegen, zur Erde fielen, klang ihr dieſer Ton in der Stille um ſie her unheimlich laut, und ſie ſagte erbebend: „es war mir als hohnlachten die hölliſchen Geiſter um mich her!“ Mit großen Schritten ging ſie im Gemach auf und ab, hingegeben den Wechſelgebilden ihrer Phan⸗ taſie, bald gequält von Erinnerungen, bald er⸗ friſcht von Hoffnungen für die Zukunft! „Es giebt eine ewige Liebe,“ flüſterte ſie,„ich empfinde ſie in meinem Herzen und in meiner Seele; nur darin irrte ich, daß ich ſie damals zu empfinden glaubte, wo es doch nichts war als Sinnenrauſch und Gefühlstäuſchung! O, mein Geliebter, mein Gemahl, ich weiß, daß es eine ewige Liebe giebt, eine heilige, reine, eine läuternde und erhebende! Dank Dir, daß ich es weiß.“ Nun klingelte ſie, und befahl dem Diener: „Licht!“ und als er es gebracht, verſchloß ſie wie⸗ der die Thür, raffte die Briefe vom Boden auf, 4 — 63— zündete einen von ihnen am Lichte an, legte ihn ins Kamin und ſchichtete ſorgfältig die andern darüber hin. Nun kniete ſie nieder vor dem Ka⸗ min und blies in die Flamme, daß ſie höher hin⸗ auf leckte, und ſagte:„ein Scheiterhaufen iſt es, und die Irrthümer meiner Jugend, meine Jugend ſelber ſoll darauf verbrennen!“ Dann blickte ſie in die Flamme, die luſtig emporſchlug, mit athem⸗ loſem Hinſtarren. Ihr graute vor dem Kniſtern und Brennen, und vor ihren aufgeregten Sinnen glaubte ſie Todtengerippe und grinſende Geſpenſter ſich aus der Flamme emporheben zu ſehen; ſie ſtreckte drohend den Arm wider ſie; ſie meinte ein höh⸗ niſches Lachen zu vernehmen; nicht mehr war es todtes Papier, was da brannte, es lebte, es be⸗ wegte ſich, es zuckte im Schmerzgefühl, es ſeufzte leiſe, leiſe, doch ſie vernahm es, ſie empfand ſelber einen Schmerz in ihrer Bruſt, phyſiſches Mitleid mit jenen zuckenden, zitternden, lebenden Briefen überkam ſie; wie die Flamme die Papiere röthete und ſie durchglühte, meinte ſie zu ſehen, wie das Blut herabträufelte, Tropfen nach Tropfen, wie es ſich geſtaltete zu den Worten:„ſo lang ich lebe, lieb' ich Dich!“ Sie ſchrie laut auf, es zog in ihrem Herzen, es war ihr als ſei es ihr eigenes Blut, das da brenne, ihr Herzblut! Nun lachte es aus der Flamme, ſie hörte es ganz deutlich, nun meinte ſie ein Paar Kinderaugen daraus her⸗ — 64— vorleuchten zu ſehen, leiſes Wimmern zu hören!— Sie bedeckte ſich laut ächzend mit ihren zitternden Händen ihre Augen, die vom unverwandten Hin⸗ blicken in die Flamme wie Feuer glühten, ihr Kopf brannte in Fieberhitze, es ſauſete vor ihren Ohren, ſie war ganz außer ſich. Als ſie wieder hinblickte nach der Flamme, war ſie ſchon er⸗ loſchen, ein leichter, ſchwarzer Aſchenhaufen lag an deſſen Stelle, hier und da wanderten noch ein⸗ zelne kleine Flämmchen, Irrlichtern gleich, durch die ſchwarze ſtaubartige Maſſe; dann erloſchen auch dieſe. Da klopft es an ihre Thür laut und ſtürmiſch. Mit einem Schrei des Schreckens fliegt Ellinor empor. Es klopft noch einmal, ſie öffnet bebend. —„Ha, Giuſeppo iſt's!“— Mit einem Schrei der Angſt ſtürzte ſie zurück und zieht die Klingel! „Meine Briefe, meine Briefe ſind mir geſtoh⸗ len,“ ſagte er außer ſich, wuthentbrannt. Eine hohnlächelnde Freude durchblitzt ihre Züge, ſie richtet ſich ſtolz empor und zeigt hin auf das Kamin.„Da ſind ſie!“ 1 Giuſeppo ſtürzt hin, er faßt wuthknirſchend nach den verbrannten Blättern, ſie zerſtäuben in ſeinen Händen, und fliegen in ſchwarzen Flöckchen durch das Zimmer. Ginſeppo ſtampft mit wildem Fluch den Bo⸗ den.„Wehe Dir, Ellinor, noch hab' ich meine Erinnerungen!“. „Sie werden ſterben, wie Deine Briefe,“ ſagte ſie mit ſchneidender Kälte; dann ſinkt ſie kraftlos, erſchöpft von ſo viel Aufregung ohnmächtig in die Arme der eintretenden Kammerfrau. Die Flüchtlinge in London. III. 5 VI. Alte und neue Liebe. Bleich und zitternd ſaß Aurelia auf der Chaiſe longue im Gartenſalon, ſchweigend, athemlos, mit Thränen in den Augen; Nordheim, gleichfalls ſchweigend, ging mit großen Schritten auf und ab; dann blieb er vor Aurelien ſtehen, und die Arme ineinander ſchlagend blickte er ſie an. Sie empfand ſeinen Blick, ob ſie gleich nicht das Auge zu ihm erhob, und weinte heftiger. Nordheim wiegte mit leichtem Stirnrunzeln das Haupt, dann ſagte er mit vorwurfsvollem Ton:„daß doch die Weiber ſich darin alle gleichen, die höchſte der niedrigſten und die ſtärkſte der ſchwächſten, daß ſie ihren Unmuth in Vorwürfen und Thränen aus⸗ laſſen!“ „Muß ich nicht weinen,“ ſagte Aurelia,„wenn Du mir nicht antworteſt auf meine Frage?“ „Was fragteſt Du?“ — 67— Sie ſah ihn zärtlich an und ſagte:„ob Du mich noch eben ſo heiß liebſt, wie ſonſt?“ Nordheim blickte ſie ernſt, faſt ſchwermuthsvoll an und ſchwieg; dann wandte er den Kopf und ſchaute lange ſinnend hinaus in den blühenden Garten. „Du antworteſt mir nicht?“ fragte Aurelia zagend. „Frage die Blume, ob ſie geſtern ſo blühte wie heute,“ ſagte er ernſt,„oder die Abendſonne, ob ſie ſo brennt, wie am Mittag? Dieſe Kinder der Natur werden Dich lehren, was das Geſetz der Natur iſt! Nichts, was iſt, bleibt, und in dem Sein ruht auch das Geweſen. Alles was iſt, trägt in ſich den Keim des Todes, und ſtirbt ſchon, indem es lebt. Das Vergehen kommt nie⸗ mals plötzlich, es bereitet langſam und allmählig ſich vor im Beſtehen, und alles, was beſteht, muß vergehen!“ „Ach,“ ſeufzte Aurelia,„immer dieſe wieder⸗ kehrende Lehre!“ „Muß ich ſie nicht wiederholen,“ ſagte Nord⸗ heim ſanft,„da Du ſie immer noch nicht begriffen haſt? Entſinne Dich, Aurelia, daß ich Dir nie⸗ mals von einer Ewigkeit der Gefühle geſprochen, entſinne Dich, daß, als ich Dir meine Liebe ge⸗ ſtand, es nur mit Widerſtreben und innern Vorwürfen geſchah. Ja, inmitten der höchſten Freude und Entzückung, an Deinem Herzen, 5* — 68— in Deinem Arm war der Gedanke an die Ver⸗ gänglichkeit des Glücks, das ich empfand, der Wermuthstropfen, der mir den Trank der Freude verbitterte, war das ätzende Gift, das ſich in mein offenes Herz ergoß, daß es ſchmerzte inmitten des Genuſſes. Vielleicht, Aurelia, iſt es, weil ich der Schwäche meiner eigenen Natur und des Men⸗ ſchen überhaupt mir bewußt geworden, vielleicht bin ich nur aufrichtiger dexer i und Dich, wie Andere es ſind, und ſuche die menſchliche Ohnmacht und Schwäche nicht zu beſchönigen; Du weißt, ich glaube nicht an die Unvergänglichkeit der Liebe!“ „Dies iſt Deine Antwort,“ ſagte Aurelia mit gepreßter Stimme,„ich habe ſie verſtanden: Deine Liebe iſt erloſchen, iſt hin!“ Sie blickte ihn zürnend und fragend an, ſie hoffte auf eine Antwort; Nordheim aber ſchwieg. Sie flog empor von ihrem Sitz, der Zorn röthete ihre Wangen, ihre Geſtalt bebte, und dicht vor Nordheim hintretend ſagte ſie mit funkelnden Augen:„iſt das mein Lohn für alle meine Liebe, das der Dank für Alles, was Du mir geweſen? Treuloſer! Undankbarer! Haſt Du, einer Schlange gleich, Dich an mein Herz gelegt, nur um es bis zum Tode zu verwunden?! Und Du, der ſtolze, weiſe Mann, Du ſprichſt von der Schwäche des Weibes? Wer iſt denn hier ſtark? Wahrlich, Du biſt es nicht! Schwach biſt Du, ohnmächtig in Deinem Herzen, ſo ſchwach, daß nicht ein Mal X 2* —— ein ſtarkes Gefühl Dich zu durchdringen vermag, ſo ſchwach, daß nichts in Dir ewig iſt! O ja, ich weiß, was Du mir erwidern wirſt,“ fuhr ſie ſpöttiſch fort,„Du wirſt ſagen, nur das Vergäng⸗ liche iſt ewig und dauernd! Ich aber weiß, daß es anders iſt! Ich weiß, daß das Weib, ſo ſchwach es iſt, dennoch eine Stärke beſitzt, die kein Mann, keiner dieſes ſtarken Geſchlechts mit ihr theilt, die er nicht einmal verſteht, das iſt die Kraft der Treue! O, freilich, davon wißt Ihr Herren der Schöpfung nichts, und Ihr predigt von der Lehre der Vergänglichkeit, die freilich für Euch ſehr will⸗ kommen iſt!“ Während ſie ſo ſprach, hörte Nordheim ſie mit gütigen Blicken, faſt lächelnd an, und als ſie jetzt erſchöpft auf einen Seſſel niederſank, ſagte er mit freundlichem Ton:„ich habe Dich nicht unterbrochen, weil ich weiß, daß es dem Weibe eine Erleichterung ſcheint, Zorn und Schmerz in Worten auszu⸗ ſprechen und verdampfen zu laſſen, und ich er⸗ widere Dir nichts, weil, was Du ſprachſt, nicht Gedanken und Wahrheiten ſind, ſondern nur mo⸗ mentane Gefühlsſtimmungen, Waſſerblaſen, die leicht zerplatzen, weiter nichts! Wenn dies vor⸗ über, werde ich zurückkehren, lebe wohl bis dahin!“ Er wandte ſich zu gehen, Aurelia ſtürzte zu ihm hin; ihr ganzes Weſen war verändert; vor⸗ hin zornig und ſtolz, war ihre Miene jetzt voll Schmerz und Demuth; ſie faßte Nordheim's Hand — 70— und ſagte flehend:„o, verlaß mich nicht! Bleibe bei mir! O, verlaß mich nicht!“ Ihre Stimme ſtockte, kraftlos ſank ſic nieder, und ihre Arme um ſeine Knie ſchlingend, weinte ſie laut. Er wollte ſie emporziehen, ſie wehrte ihn zurück.„Nein, nein, laß mich hier, bis Du mir vergeben, bis Du mir ſagſt, daß Du meinen thörichten Worten verzeihen willſt. Der Schnierz hat ſie erzeugt! O, es ſchmerzt ſo ſehr, mein armes Herz! Tödte mich, aber verlaß mich nicht!“ Nordheim ſagte ernſt, faſt befehlend:„Still, Aurelia! Stehe auf!“ Und ſie, demüthig und gehorſam wie eine Magd, erhob ſich und trocknete die Thränen von ihren Wan⸗ gen.„Du liebſt mich alſo noch?“ fragte ſie dann. Er mußte lächeln über dies„alſo,“ dies Lächeln nahm ſie für ein Liebeszeichen, und mit einem Aufſchrei der Freude ſtürzte ſie in ſeine Arme. Er drückte ſie leicht an ſich und ſagte freundlich: „ſind wir nicht Kinder und Thoren? Quälen wir uns nicht, während wir doch froh ſein könnten? Was fehlt uns denn? Werde doch weiſe, Aurelia, weiſe und ruhig!“ „Lehre es mich,“ ſagte ſie, und lehnte ſich an ſeine Bruſt. „Höre mir zu! Lege nie den Wärmemeſſer an unſere Herzen, laß es Dir genügen, daß ſie warm ſind; frene Dich deſſen, dann werden ſie nie erkalten, und wenn ſie es thun, dem allge⸗ — —— — 71— meinen Geſetze der Natur gemäß, ſo weine nicht, denn Thränen, ſo heiß ſie ſind, kühlen in dieſem Falle nur noch mehr! Du wirſt mir ewig theuer ſein, ja; ich achte Dich ſo hoch, daß ich empfinde, wir werden uns niemals verlieren. Der Rauſch der Liebe iſt vorübergehend, uns aber wird, wenn er vergangen, ſich aus der Aſche dieſes Feuers ein Phönix erheben, welcher mit ſeiner heiligen Glut uns bleiben wird; dies iſt die Freundſchaft, welche der edelſte Theil der Liebe iſt, und der Prüfſtein derſelben. Selten iſt es, daß dieſe als Bodenſatz zurückbleibt, wenn der Kelch der Liebe geleert iſt, und nur wenn der Trank echt war, bleibt ihm dieſer Bodenſatz. Uns ſoll er bleiben, wir wollen ihn aber nicht mit Thränen auflöſen, ſondern mit Stolz und Freude ihn uns bewahren. Wahrlich, Liebe findeſt Du aller Orten, die Freund⸗ ſchaft aber iſt ein köſtliches und ſeltenes Gut. Deiner edlen und ſtarken Natur kann die erſte nicht genügen, Du biſt berufen, für die zweite zu zeugen. Ja, zu Größerem biſt Du berufen, als an die Liebe Dich zu verlieren!“ Aber als er ſo ſprach, ſtockte er plötzlich, denn vom Garten her vernahm er Ellen's Stimme, er ſah durch die geöffnete Thür ihre leichte Geſtalt die Allee hinunterſchweben, und ſchaute ihr nach, bis die Biegung des Wegs ſie ſeinen Augen ent⸗ zog. Aurelia ſchmiegte ſich feſter an ihn, und ſagte leiſe:„laß mich ewig hier ruhen.“ Er wandte 2⸗ — 72— wie erſchreckt den Blick zu ihr hin,— er hatte gar nicht mehr an ſie gedacht! Bald darauf ward Aurelien ein Beſuch gemeldet, und während die Baronin ſich ins Empfangszimmer begab, wandelte Nordheim hinab in den Garten. Eiligen Schrittes durchſtrich er die Gänge, ſein Auge ſpähte nach Ellen, und als er ſie jetzt wieder, wie bei ſeinem erſten Begegnen mit ihr, auf der Raſenbank am Teiche ſitzen ſah, flog ein freudiger Ausdruck durch ſeine Züge, er eilte raſcher vorwärts, und begrüßte Ellen mit frohem Angeſicht. „Ihr Anblick iſt immer ein dankenswerthes Geſchenk,“ ſagte er heiter,„er regt nur zu be⸗ glückenden Gedanken an!“ „Und was dachten Sie ſoeben von mir?“ fragte ſie mit ihrer ſüßen hellen Stimme. „Ich dachte,“ ſagte er, ſich neben ſie ſetzend, „ich dachte, wie mich ſoeben Ihr Anblick überraſchte, welch eine große Spanne Zeit ich im Laufe einiger Tage durchmeſſen habe. Als ich Sie vor einigen Tagen auf eben dieſer Stelle zum erſten Male ſah, glaubte ich eine Fremde zu ſehen, und jetzt iſt es mir, als habe ich, ſo lang ich lebe, Sie gekannt. Ja, ich meine, Sie lebten in meinen Kinderträumen, in meinen Knabengedanken, in mei⸗ nen Jünglingshoffnungen.“ „Auch in den getäuſchten Hoffnungen des Man⸗ ues?“ fragte ſie neckiſch. „In dieſen nicht,“ ſagte er ernſt,„aber in den — 33 wieder erwachenden. Dieſen ſind Sie der Heiland, der den Lazarus erweckte!“ Ihr heiteres Geſicht nahm einen ernſten Aus⸗ druck an, und mit leiſem Tadel ſagte ſie:„das iſt Frevel! Man ſoll das Heilige nicht mit dem Irdiſchen vergleichen!“ „Sind Sie ſo fromm?“ fragte Nordheim heiter. „Kann man an dieſer Stelle anders als fromm ſein?“ fragte Ellen, und deutete auf die liebliche Landſchaft vor ihnen.„Kann man überhaupt in dieſer ſchönen blühenden Welt anders ſein als fromm?“ „Die Welt blüht nicht immer!“ ſagte Nord⸗ heim,„ſie leidet oft an einem kalten ſtrengen Win⸗ ter; da iſt's erlaubt, daß auch das Frommſein erkaltet.“ „Das iſt nicht erlaubt,“ ſagte ſie in lieblichem Eifer,„wir ſollen nicht fromm ſein um Gottes willen, ſondern um unſertwillen, und da der Winter au ch eine Segnung und Schönheit iſt, ſo ſollen wir auch im Winter fromm ſein!“ „Sie ſprechen vom äußern Winter, ich von dem innern!“ ſagte Nordheim ſchwermuthsvoll, „und freilich, wohl wiſſen Sie in Ihrem jungen Frühlingsleben nichts von dem! Ach, es giebt aber einen Winter des Herzens, der Alles, was da lebt, erſtarren macht, und es giebt im Leben — 74— Nachtfröſte der Seele, die die ganze Saat des Sommers in einem Moment vernichten!“ Sie ſah ihn mit einem Blick voll des tiefſten Mitgefühls an, und legte, wie unwillkürlich, leiſe ihre Hand auf ſeine Schulter. Dieſe zarte wort⸗ loſe Theilnahme entzückte Nordheim mehr, als es je das Liebeswort der ſtolzeſten Schönheit gethan, und tief gerührt nahm er ihre Hand und drückte ſeine Lippen auf dieſelbe. Sie erröthete und ſchämte ſich jetzt ihrer Vertraulichkeit, und Nordheim ſagte: „man erzählt von Heiligen, die durch das Auf⸗ legen ihrer Hand unheilbare Wunden heilten, und Schmerzen ſchmerzlos machten! Von heute an glaube ich dieſer Sage!“ „Warum auch nicht?“ fragte Ellen unſchuldig, „warum dies Wunder nicht glauben, wie doch ſo viele andere, die wir täglich ſich offenbaren ſehen? Wer hätte wohl, ehe die Sonne da war, an das Wunder des Sonnenaufgangs geglaubt, oder bei dem Keime der erſten Pflanze an die herrliche, duftende Blüthe? Alles, was iſt, iſt ja ein Wunder!“ „Sie ſind es, wahrlich!“ ſagte Nordheim mit Wärme. „Und jener Schmetterling auch!“ rief Ellen, und deutete auf den Tagfalter hin, der ſich eben nahe bei ihr auf das blühende Geſträuch geſetzt, und ſeine Flügel auf⸗ und zuſchlagend behaglich in der Sonne ſich ſchaukelte.. —— „Wie ſchön er iſt!“ ſagte Ellen leiſe.„Laſſen Sie ihn uns haſchen, um ſeine glänzenden Flügel zu betrachten!“ Dann machte ſie Nordheim ein Zeichen ſtille zu ſein und ſchlich langſam auf den Fußſpitzen zu der Stelle hin, wo der Schmetterling ſaß. Jetzt war ſie ihm ganz nahe, vorſichtig beugte ſie ſich vorwärts, und ſpitzte die zarten Finger ihn zu haſchen; ihre Mienen waren geſpannt vor Er⸗ wartung, ihre ſtrahlenden Augen unverwandt auf den Schmetterling gerichtet, und ein frohes Lächeln umſpielte ihre Lippen. Lieblich war es anzuſchauen dies Bild, Nordheim wünſchte ſich, ein Maler zu ſein, um die holde Geſtalt ſo ſich zu bewahren. Wie ſie jetzt mit angehaltenem Athem dem Schmet⸗ terling ihre geſpitzten Finger noch näher brachte, war es auch Nordheim, als ſolle eben etwas recht Wichtiges geſchehen, und mit geſpannter Erwartung blickte er nach Ellen hin. Da!— jetzt greift ſie zu, und der ſchöne Sommervogel fliegt weiter zur nächſten Blume hin! Ellen lachte laut, und ihre ſtrahlenden Augen auf Nordheim richtend, ſagte ſie:„Laſſen Sie ihn uns haſchen!“ „Ja, laſſen Sie es uns verſuchen,“ ſagte Nord⸗ heim mit einem Frohſinn, wie er ihn in langen Jahren nicht empfunden.. Nun begann ein luſtiges Jagen und Rennen dem Schmetterlinge nach, bald hier, bald dort hin. Jetzt ſaß er Nordheim ganz nahe auf einer Blume, und er näherte ſich ihm mit einer Behutſamkeit und Vorſicht, als gelte es einen Schatz zu heben; jetzt faßte er nach ihm,— weg iſt das Thierchen. Ellen lacht, und Nordheim ärgert ſich faſt, daß er ihn nicht gefangen! Jetzt ſitzt er bei Ellen! Wie ſie Nordheim zuwinkt, ſtille zu ſtehen und ſich nicht zu bewegen, damit nicht der Schatten auf das Thierchen fällt, und es weiter fliegt, und wie Nord⸗ heim nun regungslos daſteht und mit geſpannter Erwartung nach Ellen hinblickt, die jetzt überzeugt iſt, daß ſie ihn bekommt, und doch nur die leere Luft greift, und wie Nordheim ſie auslacht, und Ellen ganz böſe thut, und ſie Beide weiter rennen, bis ſie ſich ganz athemlos getummelt und doch den Schmetterling nicht gefangen haben, der weit, weit fort über die Mauer geflogen iſt. Nordheim hatte nicht daran gedacht, ob Je⸗ mand ihn bei dieſem Kinderſpiel beobachten könnte, ihn, den ernſten Mann, mit ſolchem Eifer bemüht, einen Schmetterling zu greifen. Er dachte nur Ellen, nichts weiter, und er bemerkte nicht, daß ſie ſich in ihrer Jagd der Villa genähert hatten, bemerkte nicht, wie Aurelia in der offenen Thüre des Sa⸗ lons ſtand, und unverwandt nach ihm hinſchaute, nach ihm, der jetzt in frohem Lachen und Schäkern erſchöpft und athemlos von vielem Rennen nchen Ellen auf der Moosbank ſaß und ihr mit frohen Blicken in die glänzenden Augen ſchaute. Ach, — 77— er bemerkte ſie nicht, ſie aber ſah Alles, und wenn ſie auch nicht hören konnte, was er ſprach, ſo las ſie doch aus ſeinen Augen, ſeinen Mienen alle ſeine Worte. Jetzt ſtanden ſie auf und wandelten den Gang hinauf, näher dem Hauſe zu; Aurelia trat zurück, um nicht geſehen zu werden, aber nahe an der offenen Thüre blieb ſie ſtehen und lauſchte. Sie waren ihr ganz nahe. Nordheim pflückte aus dem nahen Bosket eine Sternblume und reichte ſie Ellen hin. „Dieſe Blume,“ ſagte er,„erinnert mich an meine Heimath, denn wo ich ſie ſehe, meine ich wieder einen Augenblick ein ſchwärmeriſcher dent⸗ ſcher Jüngling zu ſein und aus ihren Blättern mein Schickſal erfahren zu können.“ „Welches Schickſal?“ fragte Ellen. „Ein ſchwärmeriſcher deutſcher Jüngling kennt nur Ein Schickſal,“ ſagte Nordheim lachend,„das i*ſt, ob die Geliebte ihn wieder liebt?“ „Und das erfährt man durch dieſe Blume?“ „Geben Sie Acht!“ ſagte Nordheim, und zupfte Blatt nach Blatt von der Blume, und flüſterte: „ſie liebt mich, ſie liebt mich nicht!“ Das letzte Blatt ſprach:„ſie liebt mich nicht!“ Nordheim warf halb zürnend den kahlen Stengel fort, und ſagte:„ein wahres Wort! Wahrlich, die Blume iſt eine echte Prophetin!“ „Laſſen Sie mich auch verſuchen,“ rief Ellen eifrig, und pflückte eine zweite Blume, zupfte die 4 — 78— Blätter aus, und murmelte:„ſie liebt mich, ſie liebt mich nicht!“ „Halt, das geht nicht!“ rief Nordheim lachend, „bei Ihnen muß es heißen:«Er liebt mich!»“ „Ich habe aber keinen Er!“ ſagte ſie lächelnd und unbefangen, ganz ohne Abſicht, ohne Koketterie. Nordheim fühlte und ehrte das, und ſagte ur:„doch müſſen Sie es ſo verſuchen, der Ord⸗ nung halber, denn nur dann hat die Blume ihre prophetiſche Kraft!“ Er reichte ihr ſtatt der ſchon halb zerrupften eine neue dar, und ſie begann lächelnd daſſelbe Spiel, und flüſterte:„Er liebt mich, liebt mich nicht!“ Das letzte Blatt hieß:„er liebt mich!“ Sie war zu unſchuldig, um dadurch befangen zu wer⸗ den, ſie dachte an gar nichts anderes, als daß ihre Blume glücklich prophezeit, und ſie jubelte:„ge⸗ troffen, getroffen!“ „Ja, wahrlich getroffen!“ ſagte Nordheim mit tiefer Empfindung, und faßte ihre Hand. Nur bei dieſer Berührung zuckte ſie zuſammen und erröthete. Aurelia hatte Alles geſehen und gehört, ſie vermochte nicht, es länger zu ertragen, raſch trat ſie vor und ging zu den Beiden hin. Ellen ſagte aufathmend,„ach, die Mutter!“ Ihr war ſo beklommen und ängſtlich geweſen, ohne daß ſie wußte weshalb! Sie eilte Aurelien entgegen und ſagte freudig — 79— und ohne Verſtellung:„wie ſchön, daß Du kommſt, es iſt gar herrlich heute!“ Dieſe Worte ſchienen Nordheim zu verletzen, denn ſeine Stirne bewölkte ſich; auch entfernte er ſich bald. VII. Selbſthülfe. Es war Nacht; Giuſeppo Daſſa kehrte aus der Oper zurück und ſchlenderte gemächlich den Weg nach dem Lodging Hauſe hin, als in der Nähe ſeiner Wohnung ein Weib ihm entgegentrat, und ſich ihm nähernd, mit ſchmeichelnder Stimme ihm leiſe Worte zuflüſterte. Anfangs verſuchte Giuſeppo ſich loszumachen, das Weib aber ließ nicht nach in ihrem Liebes⸗ geflüſter, und als Daſſa beim Schein der Stra⸗ ßenlaterne ihr Angeſicht betrachtet, und geſehen, daß das Weib ſchön ſei und jung, lächelte er, legte ſeinen Arm in den ihren, und ſagte zärtlich: „ich bin Dein! Komm, laß uns gehen! Wohin aber?“ Ein Cabriolet hielt in der Nähe, dahin wand⸗ ten ſie ihre Schritte; das Mädchen flüſterte dem Kutſcher zu, wohin er fahren ſolle, ſie hentn ein und fort rumpelte der Wagen. Als ſie eine Stunde — 81— gefahren ſein mochten, hielt der Wagen in einer öden, menſchenleeren, wüſten Straße, aus deren nie⸗ drigen ſchmuzigen Häuſern hie und da wüſtes Ge⸗ ſchrei und Lärmen erſchallte, oder unheimliches Stöhnen und Gekreiſch der Angſt. Trübe Thran⸗ lampen hingen in beträchtlichen Entfernungen quer über die Straße und erhellten den Koth derſelben mit melancholiſchem Düſter. „Wohnt ein ſo ſchönes Kind, wie Du, in dieſer öden berüchtigten Gegend?“ fragte Giuſeppo. Das Mädchen lachte ſpöttiſch und ſagte:„nur keine Furcht, wir ſind bald zur Stelle.“ Sie faßte ſeinen Arm feſter und zog ihn vor⸗ wärts. Als ſie jetzt um eine Ecke bogen, näherten ſich ihnen von jeder Seite der Straße her zwei Männer, und folgten in einiger Entferung dem ſchäkernden lachenden Paar. Die Gegend war indeß noch öder und verlaſſener geworden, die Thranlampen brannten trüber und in noch größeren Zwiſchenräumen; ſchauerliches Schweigen und wüſte Stille rings umher! Ginſeppo ſtand ſtille und fragte:„wohin führſt Du mich? Iſt hier in einer dieſer elenden Hütten Deine Wohnung?“ Das Mädchen ſchlug ein gellendes Lachen auf und ſich umwendend rief ſie einige für Giuſeppo völlig unverſtändliche Worte. Sogleich näherten ſich ihnen die beiden Männer, und jeder einen Arm Giuſeppo's ergreifend, ver⸗ ſuchten ſie ihn vorwärts zu treiben. Er wollte 6 Die Flüchtlinge in London. III. — 82— ſich losreißen und rief wüthend:„was iſt das? Wer wagt mich anzugreifen? Halt, ſag' ich, laßt mich los oder ich rufe um Hülfe.“ „Verſuch's nur,“ ſagte einer der Kerle, mit grunzendem Lachen,„und wenn Euch Euer Ge⸗ quik mehr hilft, als daß Ihr vielleicht die hung⸗ rigen Ratten auftreibt, ſo will ich verdammt ſein!“ Jetzt war es Giuſeppo gelungen, den einen Arm frei zu bekommen; er langte in ſeinen Buſen nach ſeinem Dolche, er war verſchwunden, und das Mädchen, die bei der Thranlampe, an der ſie eben vorübergingen, ſeine Bewegung beobachtet hatte, ſagte lachend:„' iſt umſonſt, mein Schätzchen! Das ſpitze Dingelchen hab' ich Dir abgenommen.“ Giuſeppo knirſchte wüthend mit den Zähnen; dann rief er mit lauter Stimme:„Zu Hülfe, Mör⸗ der, Diebe! Wächter, Wächter!“ Alles blieb ſtill. Wie laut er auch ſeine Stimme erheben mochte, kein Ton, der ihm Antwort gab! „Sagt ich's nit,“ höhnte der Kerl,„daß Nie⸗ mand nich hier herummer Euch hört? Kein Wäch⸗ ter kommt hierher,'s würd' ihm auch bald ſein Stumpelchen Lebenslicht hier ausgeblaſen werden! Aber laßt uns ihm's Maul verſtopfen,“ fuhr er fort, als Giuſeppo noch immer um Hülfe ſchrie, „woll'n wir'n lehren, ſo'ne unverſchämte Muſik zu machen.“ 2— Man band trootz ſeines Widerſtrebens ein Tuch — 83— um ſeinen Mund, und zog ihn vorwärts bis zu einer zerfallenen niedrigen Hütte hin. „Hier iſt's, mein Goldprinz,“ grinſte der Eine, „Ihr kennt's wohl,'s Haus von'ner Teufelsliſe. Waret öfter mal da. Ja, ja,'s wär beſſer, Ihr hättet damals ein paar Goldfüchſe mehr ſpringen laſſen, dann wär't Ihr vielleicht heute nich hier! Aufgemacht, Wetterdirne!“ brüllte er dann, und klopfte heftig an die niedrige Pforte. „Nur Geduld, Geduld,“ kreiſchte eine Stimme von innen,„ich komme ſchon.“ Die Thür ward geöffnet und ein Mädchen er⸗ ſchien mit einer Lampe in der Hand; Giuſeppo zitterte vor Wuth; er erkannte dies Mädchen wohl, es war dieſelbe, die ihm in der Nacht zuvor die Briefe geſtohlen. Er wollte ſprechen, das feſtge⸗ undene Tuch verhinderte ihn; er konnte nichts als ſie mit grimmigen wuthflammenden Blicken anſehen; das Mädchen ertrug dies gleichgültig und nickte ihm vertraulich grinſend entgegen. „Biſt hitziges Blut,“ ſagte ſie, nkommſt heut' ſchon wieder nacher mir, ſchönſter Liebſter?“ Alle vier ſchlugen ein gellendes rohes Lachen auf; Giuſeppo fühlte ſich dem Tode nah vor Zorn und Wuth. Mit den Füßen ſtemmte er ſich gegen die offene Thür, feſt entſchloſſen das Aeußerſte zu wagen, um zu verhindern, daß jene finſtere Höhle ihn aufnehme. „Willſt noch Sperenzien machen!“ ſagte der 6* — 34— Kerl, der ihn führte,„wart, das wollen wir Dir vertreiben!“. Seine geballte Fauſt traf mit ſolcher Wucht Giuſeppo's Schädel, daß ihm die Sinne vergingen; widerſtandlos ſchleppte man ihn ins Haus. Die Thür ward verſchloſſen; jetzt vernahm man von innen einen ſchwachen Schrei; dann ward Alles ſtill!—— Früh am Morgen begab ſich Lady Ellinor zur feſtgeſetzten Stunde an dieſelbe Stelle, wo ſie Tags zuvor mit Teufelsliſe's Tochter die Briefe em⸗ pfangen. Dieſe mit ihrem Vater war ſchon dort, und beide nickten der Lady mit vertraulichem Gruße einen guten Morgen zu. „ſt's gelungen?“ fragte Ellinor, athemlos vor Furcht und Angſt des Mißlingens. „Alles gut!“ ſagte der Kerl mit wohlgefälligem ſtolzen Grinſen,„ſind nicht die Leute darnach, wir, uns ſo'n Fiſch wegſchwimmen zu laſſen. Hatten 'ne Angel ausgeworfen, mit'nem hübſchen Köder dran; hat der Fiſch richtig angebiſſen und iſt ge⸗ fangen. Liegt in'nem Loch und zappelt und ſchreit ganz mörderlich!“ „Es iſt gut, gut!“ ſagte Ellinor mit leiſem Schauder; hier nehmt das Gold! Es enthält mehr als die ausbedungene Summe, nehmt, es iſt Euer! Es iſt alſo ganz gewiß, daß Ihr ihn gefangen habt?“ „Wollt Ihr'nen ſehen, ſo kommt mit!“ ſagte der Kerl.. —— —— — 85— „Nein, nein, ich glaube Euch,“ erwiderte Elli⸗ nor, die ſchon bei dem Gedanken, Giuſeppo ſehen zu können, bebte,„ich glaube Euch! haltet ihn gut! Mißhandelt ihn nicht! Aber um keinen Preis darf er entſchlüpfen! Alle Monate trefft mich hier auf dieſer Stelle und empfangt von mir das Geld für ſeine Beköſtigung, bis er mit einer guten Ge⸗ legenheit deportirt werden kann. Thut, wie ich Euch ſage, und nun lebt wohl!“ Sie entfernte ſich eilig, und als ſie verſchwun⸗ den war, blickten die Beiden ſich an und lachten laut. „Sag' mal, Mädel,“ ſagte der Kerl, und ſchlenderte mit ihr die Straße hinab,„glaubſt wohl, daß wir'n gut halten werden??“ „Ob er wohl'nen gutes Gericht alle Mittag fürs Koſtgeld bekommen wird?“ fragte die Dirne zurück. „Ich denke, wir geben ihm'n Gericht, wornach er kein zweites mehr nicht braucht!“ entgegnete ihr würdiger Vater mit einer Armbewegung, wie ſie etwa der Schlächter macht, wenn er einen Ochſen fällt. Auch verſtand ihn ſein zartes Töchterlein gar wohl, und mit verſchmitztem Augenblinzeln ſagte ſie:„das Koſtgeld können wir brauchen ohne ihn, und in dem Brunnen hinter unſeren Hütten iſt ſchon manche Katze verſoffen.“ Ihr Vater nickte ihr zuſtimmend zu, und Arm in Arm wandelte das würdige Paar weiter. VIII. Die Eiferſüchtige. Lady Ellinor war indeß in ihr Hötel zurück⸗ gekehrt und lehnte erſchöpft und tiefſinnend in ihrem Fauteuil. Ihr war ſeltſam beklommen und un- heimlich. Der Gegenſtand ihrer Furcht war auf immer beſeitigt und unſchädlich gemacht, und doch konnte ſie zu keiner Freudigkeit kommen! Zuwei⸗ len ſchauderte ſie unwillkürlich zuſammen, und blickte ſcheu und ängſtlich umher, als fürchte ſie ſich belauſcht und verrathen, dann ſtarrte ſie wie⸗ der regungslos auf den Fußboden hin in todten⸗ ähnlicher Bewegungsloſigkeit ihrer Züge. „Wie iſt mir denn,“ flüſterte ſie leiſe,„ich habe Alles erreicht, was ich gewollt, und doch kei⸗ nen Frieden, keine Ruhe? Meine Bruſt iſt be⸗ klemmt, wie in der Ahnung eines ſchweren Unheils, und eine namenloſe Angſt bedrückt meine Seele! Was habe ich denn gethan, das mich ſo zittern macht?“ Dann ſagte ſie feſt:„ich habe gethan, 2. 2 „ — —— — 8— was ich thun mußte! Ich habe gethan, was der Menſch, wenn er in ſeinen erſten und nächſten Rechten angegriffen wird, thun muß; ich habe den Skorpion, der ſeinen Giftſtachel in mein Herz bohrte, abgewehrt, weil der natürliche Lebenstrieb es alſo fordert. Ich habe ihn aber nicht getödtet! Nein,“ ſagte ſie laut und heftig, wie um ſich ſelbſt zu beſchwichtigen,„ich habe ihn nicht getödtet!“ In ſtürmiſcher Aufregung ging ſie auf und nieder; aber die Stille um ſie her beängſtigte ſie, ihr graute vor dieſem Schweigen und dieſer Ein⸗ ſamkeit:„ich muß Menſchen ſehen, Menſchen ſprechen hören,“ ſagte ſie bang,„damit die Ge⸗ ſpenſter aus meiner Bruſt verſchwinden!“ Sie ſchellte heftig und befahl einzuſpannen.— Aureliens Landgut, Sweetcalmneß, begrenzte das ihre, dorthin gebot Lady Landstown zu fahren, und als der Wagen hielt und der rückkehrende Diener meldete, die Baronin Stopford ſei in der Villa und erwarte die Lady, fühlte ſie ſich freudig angeregt. Sie hatte gefürchtet, Aurelien zu ver⸗ fehlen, weil ſie die Einſamkeit ſcheute. Auch Nordheim war anweſend; Ellinor freute ſich ſeines Wiederſehens und reichte ihm mit herz⸗ lichem Gruß die Hand. Sie hatte ihn ſeit jener morgendlichen Fahrt nicht wieder geſehen, und be⸗ dauerte es aufrichtig, daß er mehrere Male, wenn er in der Villa geweſen, ſie nicht angetroffen. „Laſſen Sie mich hoffen, Sie morgen zu ſehen,“ 3 ſagte ſie freundlich,„ich habe Ihnen Mittheilun⸗ gen zu machen über Macdeam, Ihren Freund.“ Dann wandte ſie ſich an Aurelien, die ihr heute ungewöhnlich bleich und ernſt erſchien, mit theil⸗ nehmenden Fragen nach ihrem Wohlbefinden, die voon dieſer mit ſchwermüthigem Lächeln erwidert wurden. „Dies iſt das unendliche Leiden und der Fluch dieſes Lebens,“ ſagte Ellinor,„daß Alles hienieden ſo wechſelnd und veränderlich iſt, daß wir in jeder Minute nicht ſicher ſind, ob die nächſte der ver⸗ gangenen gleicht! Wir ſind unſerer ſelbſt nicht gewiß! Unſere phyſiſche Natur hindert es, unſere phyſiſche Natur, die ſtets der Krankheit und dem Leiden unterworfen iſt. Die Erinnerung an Ihre ſtrahlenden Augen und roſigen Wangen war mir oft ein Troſt, wenn ich mich leidend fühlte; es iſt für mich ſchon halbe Geneſung, an das Glück meiner Freunde zu denken. Und heute, wo ich komme, mich an Ihrem Anblick zu erlaben, finde ich Ihre Wange bleich, und doch iſt es ſicher nur der Körper, welcher leidet und Ihre Seele nie⸗ derdrückt!“ Aurelia lächelte matt und Nordheim ſagte: „Ew. Lordſchaft ſehen alſo Seele und Körper als zwei verſchiedene getrennte Dinge an?“ „Wie ſollte ich nicht?“ fragte Ellinor lebhaft. „Wo ſitzt denn aber die Seele?“ fragte Nord⸗ heim.„Hat ſie im Körper irgend eine beſtimmte — 89— Kammer, ein heimliches Boudoir, das ſie bewohnt? Dann wundert's mich nicht mehr, wenn manche Menſchen beſtändig eine Oede in ſich fühlen, weil jene Kammer leer ſteht! Mancher Geizhals möchte dann gern bereit ſein, dieſe Kammer zu vermiethen, und gäbe für den Erlös gern ſeine Seele hin. Ich meines Theils, ich glaube nicht an dies Logis, und bin ſchon mit den zwei Herzenskammern, die der Menſch mit jedem Thiere theilt, vollkommen zufrieden!“ „Sie ſind alſo ein Ungläubiger?“ fragte Lady Ellinor,„und leugnen vielleicht die Unſterblichkeit der Seele auch ab?“. „Es iſt ein Geheimniß der Natur, das ich nicht zu enträthſeln wage!“ erwiderte Nordheim, „und wenn ich auch oftmals angenommen, die Seele ſei nichts als Blut, weil mit dem ſtockenden Blut auch das Leben und die Thätigkeit der Seele endet, ſo habe ich doch, fuhr er mit anmuthiger Verneigung fort,„aus ſchönen Frauenaugen oft eine ſolche Fülle und Glut des Geiſtes ſtrahlen ſehen, daß ich an meinem Syſtem ſelber irre wurde.“ Unter ſolchen Geſprächen verging die Zeit, und als Lady Ellinor ſich dann entfernte, begleitete ſie Nordheim hinunter zum Wagen.„Laſſen Sie uns den Weg durch den Park nehmen!“ ſagte die Lady,„der Wagen mag an jener Pforte dort un⸗ ten warten.“ Sie wandelten eine Zeit lang ſchweigend neben⸗ einander her, Jeder erwartend, daß der Andere ein Geſpräch beginne, Nordheim aus zarter Schonung, Ellinor in ſcheuer Furcht. „Waren Sie heute ſchon in London?“ fragte Ellinor endlich leiſe, und ſchaute Nordheim mit bedeutſamen Blicken an. 1 „Erſt ſeit einer Stunde bin ich von dort ent⸗ fernt!“ erwiderte Nordheim. „Sahen Sie Ginſeppo Daſſa?“ fragte die Lady mit niedergeſchlagenen Augen kaum hörbar. Nordheim ſchwieg einen Augenblick; dann ſagte er langſam und ernſt:„ich ſah ihn heute nicht, auch geſtern Abend nicht; den geſtrigen Tag ver⸗ brachte er in großer Aufregung, man hatte ihm Nachts zuvor wichtige Briefe entwandt, und geſtern Abend verließ er das Haus, und iſt ſeitdem nicht zurückgekehrt!“ Die Lady erhob einen Moment ihre Augen, ihr ſcheuer Blick begegnete den ſcharf und durch⸗ dringend auf ihr ruhenden Augen Nordheim's. Es war nur ein Moment, dann ſenkte Ellinor den Blick zur Erde, und Nordheim neigte wie zuſtimmend das Haupt; er hatte in ihrem Blicke Alles geleſen, und Ellinor wußte, daß ſie verſtan⸗ den war. „Er wird nicht zurückkehren!“ ſagte Nord⸗ heim leiſe.— „Niemals!“ erwiderte Ellinor feſt. Nordheim erfaßte ihre Hand und zog ſie mit — 91— dem Ausdruck tiefer Ehrerbietung an ſeine Lippen. Dann ſagte er mit ernſter, feierlicher Stimme: „von heute an zähle ich Sie zu den größten Wei⸗ bern! Es iſt zuweilen groß, ſich dem Schickſal duldend zu unterwerfen, größer aber iſt es, in die Speichen des ewig rollenden Schickſalsrathes mit feſter Hand einzugreifen; ſelbſt auf die Gefahr hin, daß die Hand dabei zerſchelle, dieſem Rade zu gebieten: ſtehe ſtill! und ihm dann eine andere Bahn anzuweiſen. Dulden iſt Inſtinct aller Wei⸗ ber, Handeln lernen nur die höher Begabten und die von dem Urgeiſte Bezeichneten! Sie ſind eine dieſer Auserkorenen, gehen Sie denn hin und ſeien Sie glücklich! Sie können es, denn Sie haben recht gehandelt! Wir Alle ſind berufen, mitzuarbeiten an dem großen Bau des Weltalls; die Armen thun es mit Thränen und Seufzen, mit Fluchen und Verwünſchungen, mit Entbehrung und Noth! Wir Neichen im Geiſte mit Thaten und Handlungen, und jemehr das Gebäude ſich hebt und wölbt, deſto klarer wird unſer Blick, deſto gebeugter unſere Geſtalt, und ernſter das Auge! Die Müßigen aber gehen lächelnd vorüber, ihren glänzenden Augen iſt der Tempel verborgen, an dem wir arbeiten und in deſſen gewölbten Hallen wir beten gehen! Dieſer Tempel heißt: die Er⸗ fahrung, und auf ſeinen Säulen ſtehen mit bluti⸗ gen Lettern die Worte geſchrieben:„Schmerz und Unglück!“ Wir gehen aber hin und küſſen — 929— dieſe Worte, die uns als Wahrzeichen höherer Be⸗ fähigung in unſerer Seele brennen. Glauben Sie mir, die Glücklichen haben nie wahrhaft gelebt! Gehen Sie denn, Geweihte des Schmerzes, Ge⸗ ſegnete Ihrer Pein; Sie werden glücklich ſein, weil Sie das Unglück kennen; Sie werden ge⸗ nießen, weil Sie wiſſen, daß der Genuß ſchwindet!“ Ellinor ſchüttelte leiſe das Haupt, und den thränenſchweren Blick auf Nordheim richtend, ſagte ſie:„nein, nein! In der Fülle des Genuſſes werde ich darben, und inmitten des Glückes werde ich umſonſt ſeufzen nach Glück!“ „Nicht alſo,“ ſagte Nordheim,„Sie werden ein neues Leben beginnen!“ „Aber in dieſem das frühere Leben nicht ver⸗ geſſen können,“ erwiderte Ellinor mit ſchmerzlichem Lächeln,„das frühere Leben, aus dem mir eine große ungeſtillte, nie ermattende Sehnſucht zurück⸗ bleibt, die Sehnſucht einer Mutter nach ihrem Kinde.“ 3 „Alſo immer keine Spur?“ fragte Nordheim, „und auch jener heldenmüthige Gang war ver⸗ geblich?“ Ellinor ſchüttelte traurig das Haupt.„Mor⸗ gen erwarte ich Sie, um Ihnen dies Alles mit⸗ zutheilen,“ ſagte ſie,„hier ſind wir am Ausgang und dort harrt auch mein Wagen; leben Sie wohl!“ Ernſt und langſam ging Nordheim die lange Allee wieder hinauf, um zum Hauſe zurückzukehren. — 93— Er fühlte ſich heute ungewöhnlich trübe und ver⸗ ſtimmt, es war ihm, als mangele ihm etwas, und eine ſeltſame Unruhe beklemmte ihn, ohne daß er ſich deren Urſache zu erklären vermochte. Vielleicht auch ſcheute er es zu erforſchen, ſcheute ſein Herz zu fragen, warum es ſo ſtürmiſch klopfe, und ſeine Augen, warum ſie ſo oft ſich ſpähend ſeitwärts wandten. Vielleicht vermied er ſich ſelber Rede zu ſtehen, weil er ſich über ſich ſelber zu täuſchen wünſchte; denn würde ſein Herz nicht auf ſeine Frage geantwortet haben, daß es ſo ſtürmiſch klopfe nach jenem zarten, kindlichen, jungfräulichen Mädchen, deſſen Name es erbeben und zittern mache; würden ſeine Augen nicht erwidert haben, daß ſie verlangen nach dem Anſchauen jener reinen, überirdiſchen Schönheit, jenes kindlichen und doch ernſten, jenes unbefangenen und doch weiſen Blickes, welches alles Niemand beſaß, als die Einzige, als Ellen?“ Wie ſtrahlte jetzt ſein Auge, welch ein freudiger Ausdruck erhellte ſeine Züge! Dort, dort ſtand ſie unter den Blumen jenes Boskets, halb zur Seite gewandt, ganz beſchäftigt mit ihren blühen⸗ den Lieblingen. Nordheim ſtand ſtill ſie anzuſchauen, und ihre Lieblichkeit tief in ſeine Seele ſich einzuprägen. Wie reizend war die zarte Geſtalt in dem weißen klaren Gewande, das jetzt, ſtatt des ſchwarzen, ihre Glieder umfloß, wie zart und weiß die un⸗ — 94— verhüllten, ſchön geformten Arme! Ein leichtes, roſenfarbenes Tuch hatte ſie um den Hals ge⸗ ſchlungen, das die runden, weißen Schultern nur halb bedeckte, und über das blonde Haar hatte ſie den runden Strohhut geſetzt, der das Geſichtchen lieblich beſchattete. Nordheim empfand eine tiefe, heilige Freude in ſeiner Seele, er ſchaute auf das Mädchen hin mit Blicken voller Ehrfurcht und Anbetung, und er ſagte zu ſich ſelber:„gleicht ſie nicht, wie ſie ſo daſteht in ihrer keuſchen heiligen Schönheit, einem Engel, der hernieder geſtiegen iſt, die Herrlichkeit der Himmel zu verkündigen? Ja, wahrlich, ein Engel iſt ſie, und ich meine, in ihrer Nähe verſtummt alles menſchliche Wünſchen und Begehren! Sie wandelt ſicher und ungefähr⸗ det durch das Leben, denn ſolche Unſchuld und Reinheit, wie ſie aus ihren Augen ſtrahlt, iſt eine Glorie, vor der ſelbſt der Wildeſte und Roheſte erbebt, und die er nicht zu berühren wagt. Ja, wahrlich! Wären ihre Züge minder ſchön, und ihr Angeſicht minder reizend, ſie würde dennoch die Schönſte ſein in ihrer unberührten Keuſchheit und Unſchuld.“ Er verſtummte und ſchaute ſie an, entzückt und lächelnd; dann ſagte er in tiefer freudiger Rührung:„ich habe nie Eine geſehen, die ihr ver⸗ gleichbar wäre!“ „Jetzt hatte ihn Ellen bemerkt, ſie nickte im entgegen und winkte ihn zu ſich, und er folge ihrem Winke mit einer ſo ſtürmiſchen Haſt, als gelte es, die Befehle einer Königin zu vernehmen. Auch nahte er Ellen mit mehr Ehrerbietung und Er⸗ gebenheit, als er je für eine Fürſtin empfunden, vor der er das Knie gebeugt; hier kniete ſeine Seele! 3 „Sehen Sie, ſehen Sie dieſe herrlichen Blüten!“ rief Ellen in frohem Eifer ihm entgegen, und zeigte auf den Strauß, den ſie in der Hand hielt.„Gab es je eine ſchönere Roſenknospe, als dieſe hier? Wie wird ſich Mutter Aurelia freuen, wenn ich ihr dieſen Strauß bringe!“ „Die arme Knospe!“ ſagte Nordheim wie be⸗ dauernd.„Sie ſind grauſam, Ellen! Warum nicht dieſe Roſe hier lieber pflücken, die ſchon ent⸗ faltet iſt, die ſchon gelebt hat?! Warum jene arme Knospe tödten, die erſt leben wollte?“ „Beklagen Sie lieber die Roſe,“ ſagte Ellen heiter,„das arme Ding, das ſeine Beſtimmung verfehlte.“ „Welches iſt ihre Beſtimmung?“ fragte Nord⸗ heim.„Bitte, belehren Sie mich! Ich wußte nicht, daß die arme Roſe dies traurige Loos mit den Menſchen theilt, eine Beſtimmung zu haben, ſtatt frei zu handeln und zu leben?“ „Der Roſe Beſtimmung iſt, gepflückt zu wer⸗ den, dem Menſchen zur Freude und zur Luſt; wenn ſie gar ſchön iſt, vielleicht gemalt zu werden, ſonſt im Glaſe zu verwelken! Und getödtet habe ich dieſe Knospe nicht, weil ich ſie pflückte,“ fuhr ſie Cfrig. fort,„denn nichts, was lebt, kann ſterben!“ „Lebt denn die Blume?“ fragte Nordheim mit einer Aufmerkſamkeit und einem Ernſt, als lauſche er dem Ausſpruch eines Weiſen. Ich glaubte, ſie blühe nur!“ „Sie lebt auch!“ betheuerte Ellen,„ſie empfin⸗ det! Die Senſitive ſchließt ihre Blätter, wenn ſie mit zu rauher Hand berührt wird. Sie iſt die Jungfrau unter den Blumen.“ Nordheim pflückte lächelnd eine Roſe, und ihre Blätter auseinander faltend, zeigte er Ellen den ſchwarzen Käfer, der den Kelch zerfraß.„Würde die Roſe, wenn ſie lebte, nicht dieſen Zerſtörer ihres Lebens vernichten?“ „Dafür iſt ſie eine Roſe,“ ſagte Ellen,„und im Dulden beruht ihre Größe! Es geht ihr wie uns Mädchen und Frauen! Nicht das Auflehnen gegen das Geſchick iſt Weibertugend, ſondern das Dulden und Tragen!“ „Wie?“ fragte Nordheim,„Sie würden alſo im Unglück nicht ſtreben, es von ſich abzuwälzen, Sie würden nicht kämpfen um das Glück?“ „Gewiß nicht,“ ſagte ſie, und blickte ernſt und fromm aufwärts,„ich würde darum beten.“ „Ach beten,“ rief Nordheim ungeduldig,„wann hätte Gott ein Gebet erhört?“ „Immer,“ erwiderte ſie zuverſichtlich,„ſo oft aus voller Seele zu ihm gebetet wird!,. Wenn 1* 8‿ 4 4 — 97— wir es auch nicht wiſſen, wenn es auch in andrer Weiſe geſchieht, wie wir wünſchen und erwarten, her erhört uns doch! Ja, und wenn ſelbſt das Gebet keine andere Kraft hätte, als daß es uns ſtärkt und erhebt, daß es uns beſſert und läutert, ſo iſt auch dies ſchon ein Segen und eine Er⸗ hörung. Aber,“ unterbrach ſie ſich ſelbſt und erröthete tief,„Verzeihung meinem kindiſchen Ge⸗ ſchwätz. Sie haben mich verleitet, daß ich, uner⸗ fahren wie ich bin, es vergeſſen, wie es ſich für mich nicht ziemt, dem gelehrten Mann gegenüber ſo zu ſprechen. Verzeihung!“ Nordheim, tief bewegt, nahm ihre Hand und führte Ellen zur nahen Moosbank, und ſich vor ihr im Graſe niederſetzend, ſagte er, und ſeine Stimme zitterte in Rührung:„ſprechen Sie, ſprechen Sie, Ellen! Es iſt hohe Weisheit auf Ihren Lip⸗ pen! Und wenn Sie auch zuweilen in einer Sprache reden, die ich nicht verſtehe, ſo kommt dies, weil Sie aus einem andern und ſchönern Lande ſind, aus einem Lande der Seligen und Unſchuldsvollen! O, möchten Sie mich lehren können, ihre Sprache zu verſtehen!“ Ellen zitterte und wußte nicht weshalb, dann ſagte ſie leiſe, kaum hörbar:„Sie glauben alſo doch, daß es ein ſolches Land giebt? Und geſtern hörte ich Sie meiner Mutter ſagen, das Glück und die Unſchuld ſei nur ein Wahn der Thoren.“ „Wirklich,“ ſagte Nordheim tief bewegt und Die Flüchtlinge in London. III. 7* — 98— faßte des Mädchens beide Hände,„wirklich, ſagte ich das?! O, dann kommt es, Ellen, weil ich in dem Momente Dein Auge nicht ſah und Dei⸗ nen lächelnden Mund, weil ich Deine Stimme nicht hölte, dieſe Stimme, die mich immer an die Grenzen mindeſtens jenes Landes bringt, aus dem Du entſproſſen, und mich zum lehrbegierigen Kinde, Dich zu meinem Meiſter macht!“ Ein lauter und durchdringender Schrei ertönte jetzt nahe bei ihnen. Ellen, bleich und zitternd, flog empor.„Es war hier, ganz nahe bei mir!“ ſagte ſie angſtvoll, und zeigte nach dem dichten Fliedergeſträuch. Nordheim eilte dorthin, von Ellen gefolgt. So nahe, daß ſie jedes Wort Nordheim's hatte verſtehen können, lag Aurelia, hingeſtreckt auf der Erde, todesbleich, ohne Athem, ohnmächtig. Ellen brach in Thränen aus und kniete neben der Regungsteſen nieder, ſie mit den zärtlichſten Namen rufend. „Still, ſtill,“ ermahnte ſie Nordheim,„helfen Sie mir, ſie in den Pavillon zu tragen! Er iſt kaum zwanzig Schritte von hier.“ Leiſe und behutſam hoben ſie die Regungsloſe empor, und ſchon als ſie den Paovillon erreicht und Aurelien ſanft auf die Chaiſe longue gebettet hatten, gab ſie noch immer kein Zeichen des Le⸗ bens von ſich. „Sie ſtirbt, ſie ſtirbt!“ jammerte Ellen wei⸗ nend, und umklammerte die Ohnmächtige in tiefem Schmerze. Nordheim zog ſie zurück.„Still, ſie regt ſich! Sie wird erwachen! Laſſen Sie mich hier ver⸗ weilen, Fräulein, und eilen Sie nach Riechfläſch⸗ chen und Tropfen!“ Ellen flog von dannen, und Nordheim, die Thür des Pavillons ſchließend, flüſterte:„es wäre nicht gut, wenn ſie bei der wahrſcheinlichen ſtür⸗ miſchen Scene des Erwachens zugegen geweſen!“ 1, . Die Entdeckung. Aurelia ſchlug die Augen auf, ſie blickte um⸗ her, noch halb im Traume. Dann ſchien ſie ſich zu beſinnen, Thränen entſtürzten ihren Augen, und mit verzweiflungsvollem Ton rief ſie:„Un⸗ glückſelige, die ich bin!“ „Was weinſt Du?“ fragte Nordheim ſanft. Sie flog empor, Schmerz und Wuth tobte in ihren Zügen, und heftig Nordheim's Hand faſſend, ſagte ſie:„Du fragſt, warum ich weine? Ver⸗ räther, Treuloſer! Wiſſe denn, ich ſtand im Bos⸗ ket, ich hörte Alles, hörte Deine ſüß ſchmeichelnde Stimme, hörte jedes Wort der Begeiſterung, was Du zu Ellen ſprachſt.“ „Du haſt alſo gehorcht!“ ſagte Nordheim kalt. „Wehe über Dich, daß es dahin gekommen,“ rief Aurelia verzweiflungsvoll,„wehe, daß ich zu ſo niedrigen, entwürdigenden Mitteln meine Zuflucht nehmen muß, um zu erfahren, was ich von Dir zu aſſen habe!“ ——— — 101— „Du bedurfteſt deren nicht,“ ſagte Nordheim feſt,„Du hätteſt mich ſelber fragen ſollen, und Du kennſt mich hinlänglich, um zu wiſſen, daß Du von mir nur Wahrheit zu erwarten haſt!“ „O,“ ſagte Aurelia ſchmerzvoll,„mußte Ellen, die ich ſo liebe, mußte gerade ſie mir Dein Herz entwenden!“ „Weder Dieſe noch ſonſt Eine hat dies gethan,“ ſagte Nordheim,„mein Herz iſt Dein, und wenn ſich auch der Ausdruck meiner Gefühle für Dich geändert hat, wenn auch dieſe Empfindung kälter und ruhiger geworden, ſo trägt Niemand daran die Schuld, als unſere eigene gebrechliche menſch⸗ liche Natur, die uns hindert, was wir heiß be⸗ gehren und glühend erfaſſen, mit eben ſolcher Glut und ſolchem Verlangen auch feſtzuhalten. Ich ſagte Dir das im Anfang unſerer Liebe, ich wie⸗ derhole es Dir jetzt: mein Herz hat für Dich die innigſte Zuneigung, und wird Dir ſtets mit der reinſten Ergebenheit und Freundſchaft angehören!“ „Du liebſt alſo Ellen nicht?“ fragte Aurelia hoffnungsvoll. Nordheim ſchwieg einen Augenblick; dann ſagte er ernſt:„ich liebe ſie nicht, ich bete ſie an, wie man Heilige anbetet, nach deren Beſitz man nicht verlangt, zu denen man aber betet, und die man liebt mit keuſcher, reiner Liebe, ohne alle Sinne und ohne alles Verlangen.“ Aurelia weinte laut, und die Hände verzweif⸗ — 102— lungsvoll ringend, jammerte ſie leiſe:„wehe über mich und mein armes, mitleidsvolles Herz. Iſt das der Lohn dafür, daß ich dieſes Bettlerkindes mich erbarmte? daß ich es emporzog aus Elend und Noth, damit es nun mich um mein Glück betrüge? O welcher Lohn erwartet uns denn für böſe Thaten, wenn ſchon die guten ſo hart be⸗ ſtraft werden?“. „Was ſagſt Du?“ fragte Nordheim mit un⸗ gewohnter Heftigkeit.„Ellen iſt—“ „Ein Bettlerkind!“ ſagte Aurelia ſtolz. „Du nannteſt ſie mir die Tochter Deiner Ju⸗ gendfreundin!“ rief Nordheim ungeduldig. „Ich that's, weil ich mich ihrer Herkunft ſchämte! Hätte ich gewußt, wie viele Schmerzen ſie mir bereitete—“ „Sprich jetzt nicht davon,“ unterbrach ſie Nord⸗ heim ſchmerzlich.„Laß, aus Liebe zu mir, für einen Moment dieſe weibliche Schwäche und Eifer⸗ ſüchtelei, die Deiner edeln Natur unwürdig iſt. Glaube mir, Aurelia, glaube mir doch, daß Du mir ewig theuer biſt, quäle nicht Dich und mich mit Eiferſucht! Bei Gott, dadurch zerſtörſt Du, anſtatt aufzubauen!“ Aurelia ſchmiegte ſich beſchämt und bittend an ihn; ſie hatte keine Kraft, ihm zu zürnen, keine Kraft, ſeinen Blicken und Worten zu widerſtehen! „Willſt Du meiner Heftigkeit verzeihen?“ fragte . ſie leiſe. „Alles, Alles!“ ſagte er ungeduldig und küßte ihre Augen,„und nun ſage mir, wer iſt Ellen, wer ſind ihre Eltern, von wem bekamſt Du ſie?“ „Ich kaufte ſie einem alten, ſchmuzigen Weibe ab, das an der Straßenecke kauerte, und das zitternde, kaum mit Lumpen bedeckte Kind an ihrer Hand hielt. Das leiſe Wimmern deſſelben erbarmte mich. Die dicken Thränen rollten dem armen, kleinen Geſchöpfe über die Wangen, und es flehte mit herzzerreißendem Ton: Kach, liebe Teufelsliſe, gieb mir Brod, mich hungert ſo ſehr!y Die Alte ſchlug wüthend auf das Kind. Ich konnte den Anblick nicht ertragen! Einſam und verlaſſen, wie ich war, ſehnte ich mich nach Liebe, nach einem Weſen, das mein ſei! Ich kaufte das Kind von jenem Weibe, und ließ es erziehen als mein eigenes!“ Nordheim war während ihrer Erzählung heftig bewegt auf und ab gegangen; jetzt blieb er vor Aurelien ſtehen und ſagte in ſtrengem, tadelndem Tone:„daß doch die Unwahrheit und die Lüge auch den edelſten der Weiber ſo leicht wird, und ihnen ſo reizend ſcheint; dies iſt der Fluch Eures Geſchlechts, und die Urſache alles Unheils, das Ihr ſäet! Hätteſt Du den Muth gehabt, wahr zu ſein, ſo würdeſt Du einem edeln Herzen viel Kummer und Leid erſpart haben, n Schweigen die Urſache vieler Thrät fahren iſt!“ Mit ſtürmiſchen Schritten verließ er den Pa⸗ — 104— villon, und ſo ganz war ſeine Seele in die Ge⸗ danken, die ſie beſchäftigten, verſenkt, daß er ſelbſt Ellen, die ihm mit der Kammerjungfer entgegen⸗ kam, nicht bemerkte. Ohne einen Gruß, ein freund⸗ liches Wort eilte er vorüber und in den Hof, befahl ſein Pferd zu ſatteln und ſprengte nach wenigen Minuten auf ſeinem Renner davon. Mit ver⸗ hängtem Zügel, ſauſend im Winde, dem Pferde die Sporen in die Seiten preſſend, daß es in geflügelter Eile dahinrannte, ſo durchmaß Nord⸗ heim den Weg nach der Villa Landstown. Eine große, reine Freude war in ihm, und er dankte dem Geſchick, daß es ihm geſtattet, Bote des Glückes zu ſein.„Unheilsvolle Botſchaft,“ ſagte er leiſe,„bringt einer dem andern ſo oft im Leben, aber es iſt ſelten, Kunde von herrlichem Glücke bringen zu können!“ Jetzt ſprengte er in den Hof, gab dem Diener ſein Pferd, und fragte nach Lady Landstown. Sie war in ihrem Boudoir. Der Kammerdiener ging, Nordheim zu melden; wie träge vergingen ihm die Minuten, bis dieſer zurückkehrte und ihn zur Lady führte. Als er eintrat, rief Ellinor ihm freudig ent⸗ boeben empfing ich Nachricht von mei⸗ er wird morgen hier ſein! Aber,“ ſich ſelbſt,„auch Ihnen ſcheint et⸗ was Freudiges widerfahren zu ſein! Nie ſah ich Ihr Auge ſo leuchten und Ihre Wange ſo glühen!“ ——···‧– „Es iſt auch Freude in mir,“ ſagte Nord⸗ heim,„große Freude, und Lady Ellinor muß ſie theilen! Nein, nicht theilen, allein beſitzen und 3 genießen!“ F„Wie, Sie bringen mir Freude,“ fragte die Lady erbleichend,„und welche?“ „Denken Sie ſich die ſchönſte, die Sie denken können,“ ſagte Nordheim heiter. „Mein Kind, mein Kind!“ rief Ellinor bebend und erröthend im Glück.„Sprechen Sie, o ſeien Sie nicht grauſam, ſprechen Sie, iſt es ſo?“ „Es iſt!“ ſagte Nordheim tief bewegt,„ſeien Sie gefaßt auf Glück.“ „Ich bin's, ich bin's,“ erwiderte Ellinor, und war doch ſo ſchwach, daß Sie ſich ſetzen mußte, ihre Füße zitterten ſo ſehr.„Ich bin's! Wo, wo iſt mein Kind?“ „Nur eine kurze Fahrt, und es ruht in Ih⸗ ren Armen!“ „Zu meinem Kinde wollen Sie mich führen?“ hauchte Ellinor leiſe— die Freude hatte ihr allen Athem genommen,— ſie wollte aufſte⸗ hen, und ſank kraftlos zurück,—„ſchellen Sie und befehlen das Einſpannen,“ ſagte ſie zu Nordheim. „Ich erlaubte mir, in Vorausſetz felhles, ſchon bei meiner Ankunft die und horch, da fährt der Wagen vor. „Laſſen Sie uns denn eilen, eilen!“ bat El⸗ — 106— linor, und hüllte ſich mit zitternden Händen in ihren Shawl.„Während der Fahrt erzählen Sie mir Alles!“ „Wenn Sie im Stande ſind, Erzählungen zuzuhören!“ ſagte Nordheim lächelnd, und bot ihr den Arm, ſie hinunter zu führen zum Wagen. Als der Wagen vor Aureliens Villa hielt, und Ellinor auf Nordheim's Arm gelehnt, die breite Treppe hinauf ſchritt, ſtand ſie ſtill und ſagte leiſe:„Sie führen mich dem ſchönſten Be⸗ ſitze, dem reichſten Glücke entgegen, und doch zit⸗ tern meine Füße und meine Bruſt iſt beklemmt; mir iſt, als ginge ich dem Unglücke entgegen. Ach, traurig und kummervoll, wie ich es ſeit lan⸗ gen Jahren bin, habe ich nicht mehr die Kraft, an Glück zu glauben!“ Nordheim ſagte tief bewegt:„ein Augenblick des Glückes wird alle dieſe Jahre verwiſchen, und Sie werden ſich kaum noch entſinnen, daß Sie gelitten!“ „Und die Baronin?“ fragte Ellinor erröthend, „wird ſie mich nicht gering achten um der Sünde meiner Jugend, wird ſie ſchweigen?“ „Ueberlaſſen Sie es mir, ſie vorzubereiten,“ bat Nordheim,„und auch Ellen! Die Baronin wird ſchweigen und Sie noch höher achten, wenn ſie erfährt, daß Sie auch menſchlich irren konnten. Schwieriger iſt es mit Ellen. Wir müſſen ihr herein!„Noch nicht, noch nicht,“ ſagte ſie leiſe, — 107— die Wahrheit verhehlen; ihre Seele iſt ſo voll Unſchuld und Reinheit, ſo leidenſchaftlos und hei⸗ ter. Wollen wir ihr dies ungetrübt bewahren! Geruhen Sie denn hier einzutreten und geſtatten Sie mir, die Baronin und Ellen aufzuſuchen und zu Ihnen zu führen.“ Nordheim ging und ließ Ellinor im Salon allein. Nie, nie, ſo lange ſie lebte, hatte ſie em⸗ pfunden, wie jetzt. Freude, Entzücken, Schmerz und Scham, Reue und Seligkeit, alles dies wogte in ihrem Buſen auf und ab, bis die Mutterliebe, das Mutterſehnen alles dies verdrängte, und nichts zurückblieb, als die heißeſte Sehnſucht nach ihrem Kinde. Ja, ſie hätte in dieſem Moment vor die ganze Welt hintreten und ihre Schuld ſelbſt ver⸗ künden mögen, wenn es galt, dadurch ihr Kind zu erlangen; was war ihr die Achtung der Welt gegen einen Blick ihres Kindes! Es ſehen ſollen, es umarmen, ſeine Stimme hören, in ſein Auge ſchauen,— o zu viel, zu viel des Glückes! ihr Athem ſtockte, ihr Herz ſtand ſtill, ſie fühlte ſich dem Tode nahe und flüſterte:„nur jetzt nicht, jetzt nicht ſterben! Halte aus, mein Herz, noch wenige Minuten, bis ich mein Kind geſchaut, dann magſt Du brechen!“ 3 Nahende Schritte machten ſie erbeben, außer ſich, todesbleich ſtürzte ſie nieder auf ihre Knie, es war ihr, als bräche das Weltgericht über ſie — ich fühle mich noch nicht ſtark genug, das Glück zu ertragen! Es würde mich tödten!“ Und wie ſie ſo ſprach, hoffte ſie doch, die Thür würde ſich öffnen, und ſie ihr Kind erſchauen!— Umſonſt, Alles blieb ſtill!—„Ich will beten!“ ſagte ſie, und faltete ihre zitternden Hände und blickte empor! Und gewiß betete ſie, wenn auch mit verworrenen Gedanken und Worten ohne Sinn, wenn auch ohne an Gott zu denken und ohne ſeinen Namen zu nennen! Sie betete, wenn auch ihre Lippe nur flüſterte:„mein Kind! mein Kind!“. Jetzt, horch! Jetzt nahen wirklich Schritte, jetzt öffnet ſich die Thür! Ellinor hat nicht die Kraft ſich umzuſchauen, ſich vom Boden zu erhe⸗ ben. Sie ächzet laut, dann, wie mit gewaltiger Kraftanſtrengung, richtet ſie ſich auf, und wendet raſch das Haupt. Nun, ein einziger, durchdrin⸗ gender Schrei, dann ſtürzt ſie vor mit ausgebrei⸗ teten Armen, nun ruft ſie laut:„mein Kind!“ und nun antwortet eine zarte, reine Stimme: „meine Mutter!—“ „Mutter!“ ruft Ellinor,„Mutter,“„Kind!“ „Gott, mein Gott!“ Mehr ſagte ſie nicht, aber Thränen entſtürzten ihren Augen, welche Thränen! Nun preßte ſie die zarte, holde Geſtalt an ihren Buſen, feſt, feſt! O, dieſe Arme, die ſich um ih⸗ ren Nacken legen, es ſind die Arme ihres Kindes, dieſer Athem, den ſie an ihrer Wange fühlt, es — 109— iſt der Athem ihres Kindes, dieſer Kuß, ach dieſer Kuß! Vierzehn Jahre lang hat ſie ſich umſonſt geſehnt, dieſe Lippen zu küſſen!„Meine Tochter! mein Kind!“ Sie läßt ſie los und breitet die Arme gen Himmel,„mein Gott, mein Gott!“ Nun faßt ſie ſie wieder, küßt ihre Hände und lispelt:„es ſind meines Kindes Hände!“ Nun nimmt ſie Ellen's Haupt in ihre beiden Hände und ſieht ſie an, lange, lange, und bittet leiſe: „nenne mich Mutter!“ Und Ellen, ſelber zerfließend in Thränen, kaum im Stande zu ſprechen vor bewältigender Rührung, flüſtert doch:„meine Mutter!“ Ellinor jauchzet laut! Ein ſolcher Schrei! Die Freude, das Entzücken, der Schmerz eines ganzen Lebens lag darin. Mit ſolchem Ton mögen dort oben die ſeligen Geiſter ſich begrüßen, die ſich hier unten liebten, durch ſolchen Ton mögen die Pforten des Fegefeuers ſich öffnen, und die Ver⸗ dammten begnadigt einziehen in das Paradies! Ja, durch die Qualen des Fegefeuers war Ellinor gewandelt, hatte alle ſeine Qualen und Schmer⸗ zen empfunden in ihrer Bruſt, und jetzt, ja wahr⸗ lich, jetzt hatte ſie ſie erreicht, die Pforte, die ſie aus der Stätte des Schmerzes führte, und mit trunkenen Sinnen, mit geblendeten Augen und za⸗ genden Füßen ſtand ſie im Paradieſe, und ſchaute, wie ſchön es ſei! Ja, ein Paradies war es ihr, ein blühender Garten der Freude, und wie ſie auf — 110— ihr Kind blickte, in Ellen's ſonnenklares Angeſicht, meinte ſie eine nie geſehene Blüthe von wunder⸗ barer Schönheit zu erſchauen. Sie ſah nur ihr Kind! Nichts als dies! Sah nicht Aurelien, die weinend in der Freude des Mitgefühls mit gefaltenen Händen hinter Ellen ſtand, ſah nicht Nordheim, der ſich in die Niſche des Fenſters zurückgezogen und mit leuchtenden Blicken auf Mutter und Tochter hinſchaute. Seit langen Jahren nicht hatte er eine ſo heilige, ungetrübte Freude in ſich ſelber empfun⸗ den, wie bei dem Anſchauen dieſes Glücks; es war ihm, als müſſe er dem Gott, zu dem er lange nicht geſprochen, Abbitte thun für ſeinen Kleinmuth, ſeine Verzagtheit, ſeine Verachtung der Welt, und er ſagte zu ſich ſelber:„was iſt die Weisheit und Klugheit der Menſchen! was nützt mein Unglaube und Zweifel! In dieſem Moment hat Gott geſprochen, hat ſich verkündet in ſeiner Herrlichkeit! Ja, wahrlich, ſolch eine Seligkeit kann nur die Seele empfinden, und was ſo em⸗ pfinden kann, ſo über alles Irdiſche erhaben, das muß unſterblich ſein!“ X. Mutter und Kind. „Du biſt's, Du biſt mein Kind,“ rief Ellinor, und drückte Ellen an ſich,„und hätte ich keinen andern Beweis dafür, ſo fühle ich es an dem Beben und Ziehen meines Herzens, fühle es an der tiefen Rührung und Freude, die bei Deinem Anblick mein Herz durchglüht, Du biſt meine Tochter!“ Ellen's holdes Angeſicht ſtrahlte in ſeliger Luſt, ſie ſchmiegte ſich feſt, feſt an Ellinor's Buſen, und flüſterte mit vor Freude erſtickter Stimme:„ich bin keine Waiſe mehr, ich habe eine Mutter!“ Dann fühlte ſie in ihrer zarten Seele, was dieſe Worte für Aurelien Schmerzliches enthielten, und ſich leiſe losmachend aus Ellinor's Umarmung, lehnte ſie ſich an Aureliens Buſen:„ich war keine Waiſe, ſeit Du mir Mutter geworden. Nun, dop⸗ — 112— pelt reich, habe ich zwei Mütter, und Beide gleich will ich Euch lieben!“ Ellinor dachte erſt jetzt daran, wem ſie den Beſitz ihres Kindes verdanke, ſie hatte ganz ver⸗ geſſen, daß es noch andere Menſchen gebe außer ihrer Tochter; ſie näherte ſich Aurelien, und nicht die beredteſten Worte des Dankes hätten vermocht das auszuſprechen, was in Ellinor's Blicken lag, in ihrem Lächeln und in dem Ton ihrer Stimme, als ſie Aurelien umfing und einen langen, inni⸗ gen Kuß auf ihre Lippen drückend, ſagte:„meine Schweſter!“ 4 Nordheim vermochte es nicht länger zu ertra⸗ gen, er fühlte Thränen in ſeinen Augen und ſchämte ſich ihrer. Dieſer Moment hatte ihn irre gemacht an Allem, was er bis jetzt geglaubt und für wahr gehalten, hatte das ganze Syſtem ſeiner mühſam errungenen Weltverachtung erſchüttert, er fühlte, daß auch hienieden ein reines, heiliges Glück gedeihen könne, und nun kam ihm ſein Leben ſo nutzlos und verworren vor, er ſcheute die Rührung, die ihn zu bewältigen drohte, und ging leiſe hinaus. In den einſamſten Schatten⸗ gängen des Parks wandelte er lange auf und ab, die Einſamkeit war ihm nothwendig, ſollte ihm helfen den Kampf in ſeiner Bruſt beſiegen, ſeine Faſſung wieder zu erlangen und Ruhe zu ge⸗ winnen. Es gab alſo hienieden reines und un⸗ getrübtes Glück! Mit grauſamer Selbſtquälerei — 113— rief er ſich alles Elend zurück und allen Kummer, den er empfunden, alle Momente, in denen er geglaubt, das Glück zu erfaſſen, und alle die, in— denen es ſpurlos ihm entflohen war; ſein eigener Todtengräber, wühlte er umher in den begrabenen Schmerzen ſeiner Bruſt, nach den Skeletten ge⸗ ſtorbener Freude, die für ihn zeugen ſollten und für ſeine Lehre von der Vergänglichkeit des Glückes, und dann dachte er an das, was er eben erſchaut, und ſagte:„dies Glück kann ihnen doch niemals entriſſen werden! Was man einmal un⸗ getrübt empfunden, iſt für die Ewigkeit unſer eigen! Ja, es giebt alſo hienieden ein reines und ungetrübtes Glück!“ Als er zu den Damen zurückkehrte, fand er ſie in traulichem, herzinnigen Geſpräche neben⸗ einander. Ellinor reichte ihm die Hand dar mit einem ſeligen Lächeln, und ſagte:„Sie hatten recht! Was ich in dieſer Stunde empfinde, hebt alle Leiden vergangener Jahre auf. Alles, was ich gelitten, erſcheint mir jetzt wie ein Traum, und das Glück iſt ein ſchönes Erwachen für mich geworden!“ „Möge das Entſchlummern der Freude von Ihnen ferne bleiben!“ ſagte Nordheim innig. „Giebt es hienieden ein dauerndes Glück, ſo wird es Ihnen zu Theil werden im Beſitz Ihrer Tochter!“ Ellen umfaßte ihre Mutter und ſagte ernſt: 8 Die Flüchtlinge in London. III. — 114— „Zweifeln wir nicht! In ſolcher Stunde iſt jeder Zweifel auch Frevel! Es giebt ein dauerndes Glück, und wenn wir es nicht erlangen, ſo iſt es, weil wir es uns durch Irrthümer und Feh⸗ ler verſcherzten! Aber berufen ſind wir dazu, Gott liebt die Menſchen und will ſie glücklich wiſſen!“ Vor wenigen Tagen noch würde Nordheim dieſe Anſicht beſtritten haben, jetzt lächelte er nur, und blickte Ellen freudig aber ſchwei⸗ gend an. Aurelia, die ſich einen Augenblick entfernt hatte, kehrte jetzt zurück, und Ellinor einen kleinen Goldreif hinreichend, ſagte ſie:„als ich das Kind von jenem Weibe, Teufelsliſe genannt, kaufte, übergab mir die Bettlerin dieſen Ring, und er⸗ zählte mir dabei, daß jener Mann, der ihr das Kind gegeben, ihr anbefohlen, den Ring aufzu⸗ bewahren; es ſei dies das Einzige, woran die Mutter des Kindes daſſelbe einmal erkennen würde. Sie war dieſem Befehle nachgekommen, weil ſie hoffte, auf dieſe Weiſe einmal ſpäter, wenn wirk⸗ lich die Mutter das Kind entdeckte, reichlichen Lohn dafür zu empfangen!“ Ellinor hatte indeß den Ring aufmerkſam be⸗ trachtet; es war ein einfacher Goldreif mit den verſchlungenen Buchſtaben E und G. Sie erkannte ihn wohl; ſie ſelbſt hatte ihn in den erſten Tagen ihrer Liebe an Ginſeppo gegeben!— Haſtig und — tief erröthend ſteckte ſie ihn in ihren Buſen, und ſagte leiſe:„es iſt mein Ring!“ „Und wer war jener Mann, der mich— hier ſtockte Ellen, und ihrer Mutter mit ihrer unnach⸗ ahmlichen Lieblichkeit die Hände küſſend, ſagte ſie: „Verzeihung, theuerſte, liebe Mutter! Ich vergaß Deine Bitte!“ „Welche Bitte?“ fragte Ellinor verwundert. „Die Ew. Lordſchaft durch mich Fräulein El⸗ len wiſſen ließen!“ ſagte Nordheim haſtig;„die Bitte, das tiefe und undurchdringliche Geheimniß, das über jener ganzen Begebenheit ruhe, zu eh⸗ ren und niemals zu verſuchen, es durch Fragen zu ergründen.“ „Und gewiß, ich will genau ſo thun, wie Du wünſcheſt,“ rief Ellen zärtlich, und ſchmiegte ſich an ihrer Mutter Bruſt!„Ich will nicht fragen, wie man mich Dir rauben konnte, ich will mich nur des Glückes freuen, daß ich Dir zurückge⸗ geben bin!“ Ellinor drückte ſie mit heißen Thränen an ihr Herz!„Laß es ſo ſein, meine Tochter, mein hol⸗ des, theures Kind!“ Dann reichte ſie Aurelien ihre Hand und ſagte mit Blicken voller Dank und Liebe: „Sie haben mir einen Engel erzogen! Wie kann ich Ihnen danken?!“ Aurelia drückte die ihr dargereichte Hand an ihre Bruſt und ſagte herzlich„habe ich Dank ver⸗ dient, ſo empfing ich ihn in ſchöner Fülle in die⸗ 8 — 116— ſer Stunde! Darf ich aber wünſchen und bitten, ſo iſt es, Sie möchten mir Ihre Freundſchaft bewahren, und möchten Ellen lehren, mich nicht ganz zu vergeſſen, mich ein bischen noch zu lie⸗ ben! Ach, ich bin ja ſonſt ſo einſam und ver⸗ laſſen, habe Niemand, Niemand, der mich liebt! Und dieſe Einſamkeit iſt ſo entſetzlich!“ Sie lehnte ſich an Ellinor's Bruſt und weinte laut. Die Lady ſchaute nach Nordheim hin; ernſt und ſtill, mit ruhigem und kaltem Blick ſah er auf die Weinende; Ellinor las in dieſem Blick die Geſchichte von Aureliens Thränen, ein weh⸗ müthiger Ausdruck trat in ihre Züge; ſie neigte ſich über Aurelien hin, drückte einen Kuß auf ihre Locken und ſagte voll tiefen Mitgefühls: „arme Freundin! weinen Sie! Thränen thun ſo wohl!“ Ellen war indeß zum geöffneten Flügel getre⸗ ten, hatte hie und da einige Töne angeſchlagen, und dabei leiſe und abgebrochen geſungen, gleich⸗ ſam als ſuche ſie in ihrem Gedächtniß nach irgend einer vergeſſenen Melodie. Jetzt ſagte ſie fröh⸗ lich:„ich habe es! Ich weiß es!“ Dann ſpielte ſie eine einfache Melodie, erſt leiſe und zagend, dann beſtimmter und ausdrucksvoller und flüſterte leiſe:„ſo iſt es richtig!“ Jeetzt hielt ſie inne, und flog zu Aurelien hin, und ſagte:„es iſt kein Traum mehr, wie mich mein Lehrer und Du überreden wollteſt. Zetzt — 117— tauchen alle Erinnerungen wieder ganz lebhaft in mir auf. Früher, wenn ich davon erzählte, ſagte man mir, das ſeien Kinderträume, und zuletzt glaubte ich es ſelbſt. Man verbot mir, davon zu ſprechen, um Dich, meine theuerſte Mutter Aurelia, nicht zu betrüben, und da ſchwieg ich natürlich und vergaß es! Aber jetzt ſteht Alles wie in deutlichen Bildern vor meiner Seele! Ich ſehe jenes alte häßliche Weib in ihren ſchmuzigen Lum⸗ pen, die ich Teufelsliſe nannte, mich ſelbſt, zitternd, frierend, hungernd, in Lumpen, wie ſie, noch viele andere häßliche, ſchauderhafte, fratzenartige Geſichte ziehen in mir vorüber. Ich meine krächzende, widerliche Stimmen, rohes gellendes Lachen zu vernehmen! O, mir iſt, als fühlte ich noch die Schläge der Alten und die kreiſchende Stimme, mit der ſie mich lehrte, ſo die Hand auszuſtrecken, den Arm zittern zu laſſen und die Vorübergehen⸗ den um eine Gabe anzuſprechen! Dabei ſollte ich weinen; ach, dies ward mir nicht ſchwer, mich hungerte und fror ſo ſehr!“ „Armes, geliebtes Kind!“ rief Ellinor noch jetzt erbebend, und umfaßte Ellen. Sie machte ſich ſanft los, und erglühend, wie ſie pflegte, wenn ihre Seele von irgend einem Gegenſtand heftig angeregt war, mit glänzenden Augen fuhr ſie fort:„auch ein Liedchen lehrte mich die Alte, und erzählte mir dabei, jener finſtere Mann, der mich ihr gebracht, habe ihr ö 2——— — 118— dies Liedchen aufgeſchrieben und mit dem Befehl übergeben, es mich zu lehren, damit ich es in den Straßen ſinge. Meine Mutter würde mich daran erkennen. Hört zu, ich ſing' es Euch!“ Sie flog wieder zum Inſtrument zurück, und ſtimmte wieder jene Melodie an, die ſie vorhin geſpielt. Dann öffnete ſie die Lippen und ſang mit ihrer ſchönen glockenreinen Stimme: ————————— e 2 ⸗ b ſ2 A.— 2 1 3 V F 8 88 5 i 5 V 3 S A. 4 5 8. N 1[. S 99 V 81 4 25 N ⸗ f2 Vn S5 Se 2 5,8 14 tr 8 3 5 1—ℳ f9⸗ — 6 3. 6 5 A 8 3 5 A H.— J. 3 8 4 1 5 8 — — 2. — — 4 Allegretto. 6 Frau 9 8— 131 ₰½ — 182 4— 2 9 74 82s 2 2 — 5 und . — — — +‿ 4 Zitternd hier in Froſt 1 klei⸗nes Kind, 0 Denkt daheim an Eure Kleinen Laßt mich länger hier nicht weinen, Mitleidsvoll ſeid mir geſinnt, Hunger quält mich armes Kind. Glücklich ſeid Ihr, ohne Sorgen, Quält Euch nicht ums Heut und Morgen, Kennt nicht armen Kindes Noth, Das nichts wünſcht als trocknes Brod! Wie ich fleh' um eine Gabe, Fleht' mein Vater ſchon als Knabe, Weint' in gleicher Sorg' und Noth, Weinte um ein Stückchen Brod. Erblich iſt das Mißgeſchick, Erblich iſt es, wie das Glück, Darum Ihr, des Glückes Erben, Laßt der Armuth Kind nicht ſterben! Die einfache, rührende Weiſe, die Worte des Liedchens ſelbſt und die tief ergreifende Art, in welcher Ellen es vorzutragen wußte, verbunden mit den Erinnerungen und Bildern, die es in der Seele ihrer Zuhörer hervorrief, erſchütterte Alle tief. Ellinor, die anfangs neben ihrer Tochter geſtanden, war leiſe bis an das andere Ende des Zimmers gegangen, und lehnte tief ergriffen in der Fenſterniſche. Ach, dieſes Liedchen, es war ihr wohl bekannt, und hatte ſie auch in manchem Jahre ſeiner nicht gedacht, jetzt wußte ſie jedes Wort, jede Silbe, ſchon ehe Ellen ſie geſungen, — 122— jetzt, wie mit einem Zauberſchlage, tauchten in hellen und glänzenden Farben Bilder in ihr auf, die bis dahin unter dem Staub des Vergeſſens geruht; ſie war wieder in Italien, wandelte unter den blühenden Myrthen und duftenden Orangen ihres Gartens, und neben ihr Giuſeppo; ſie hörte ſeine volle melodiſche Stimme, er erzählte ihr in einfacher, rührender Weiſe die traurige Geſchichte ſeiner Jugend, wo er an der Hand ſeiner Mutter durch Neapels Straßen betteln ging, und dann erhob er ſeine Stimme zum Geſang, o, ſie glaubte noch dieſen Ton zu hören! und er ſang ihr jenes Liedchen, das er als Bettlerknabe hungernd und dürſtend oft geſungen, ſang es ſo tief ergreifend, mit ſolcher Wahrheit des Gefühls, daß ſie weinen mußte. Und jetzt hörte ſie dies ſelbe Lied von ihrer Tochter Lippen, wenn auch mit anderer Me⸗ lodie; es waren doch die Worte und ihr Kind hatte es bettelnd geſungen, wie der Vater ihres Kindes, bettelnd! Der Vater ihres Kindes! Wie ſie jetzt an ihn dachte, fühlte ſie in ihren Empfin⸗ dungen zu ihm ſich umgewandelt. Sie konnte ihn nicht mehr haſſen, ihn, den Vater ihres Kin⸗ des, mit Wehmuth und Schmerz, aber ohne Groll gedachte ſie ſeiner. Und wie ſollte ſie ihm nicht Alles vergeben?! Dort ſtand Ellen, das jung⸗ fräuliche Kind, dort ſtand ſie, die zarten Wangen erglüht von der Gewalt ihrer Empfindung, lä⸗ chelnd und lieblich, ſchön und unſchuldig, in ihrer — durchſichtigen Schönheit einem Engel gleich. Aber in dieſem holden Angeſicht erkannte ſie des Vaters Züge; das war ſein Mund, ſein Auge, wenn auch mit anderm Blick, die Form ſeines Ange⸗ 4 ſichts! Wie konnte ſie ihm zürnen, da ihre Toch⸗ ter ſeine Züge trug, da ſein Kind das ihre war!? Aller Kummer war verſchwunden, alle Qual war vergeſſen, ſie empfand, daß ſie ihm Alles verzeihen müſſe und könne, ihm, der der Vater ihres Kin⸗ des war, und ſie gelobte ſich ſelbſt, ihn aus ſeiner Haft zu entlaſſen und frei zu geben!— Ellen hatte ihr Liedchen beendigt, und Aurelia ſagte:„dies war der Geſang, der mich auf Dich aufmerkſam machte. Ich weiß, ich hörte Dich zuerſt f die letzte Strophe ſingen, ihr Sinn ergriff mich tief und war die Haupturſache, daß ich beſchloß, Dich mir zu erwerben!“ Ellen war nachdenklich geworden, und ſagte leiſe, wie zu ſich ſelber:„die Worte kamen mir früher ganz natürlich und wahr vor, früher, als ich mich von Geburt eines Bettlers Kind glauhte, aber jetzo enthalten ſie unauflösliche Räthſel. Jene Zeilen:„wie ich fleh' um eine Gabe, fleht' 8 mein Vater ſchon als Knabe!“ Nordheim, der ihre Worte vernommen, unter⸗ brach ſie hier, indem er lächelnd ſagte:„ſind dieſe IZeilen denn ſo ſchwer zu deuten? Wer iſt hie⸗ nieden nicht ein Bettler und flehet nicht um eine Gabe? Wer iſt nicht arm und hungrig in ſich —-—— — 124— ſelber? Ach, der Reichthum iſt oft voller Armuth und Elend!“ „Gewiß,“ ſagte Aurelia leiſe, und zog Ellen an ihr Herz,„wie arm war ich in meinem Reich⸗ thum, als ich Dich jenes Liedchen ſingen hörte, das Du mir doch, als der„Erbin des Glücks,“ ſangſt. Nur Liebe macht reich und glücklich, und darum iſt der Arme oft ein Reicher, und der Reiche kommt bei der Armuth betteln gehen!“ „Du aber biſt reich!“ rief Ellen zärtlich und ſchlang ihre Arme um Aureliens Nacken,„reich, weil Du ſo herrlich lieben kannſt, und ſo geliebt wirſt. Bin ich nicht Dein Kind, nicht Deine Tochter? Gehört Dir nicht mein Herz mit treuer Liebe? Haſt Du nicht einen Freund, einen treuen edlen Freund, der Dich ebenſo heiß liebt, wie ich es thue! Ich habe mir ſagen laſſen, die Freund⸗ ſchaft ſei noch ein ſchöneres Gut als die Liebe, und wer kann ſich einer herrlicheren und innigeren Freundſchaft rühmen, als ſie Dich und Nordheim verbindet!“ Sie war ſo arglos in ihrer Unſchuld, ſo be⸗ geiſtert in ihrem Glauben von der Wahrheit deſſen, was ſie ſprach, und ſie wußte nicht, welche tiefe und ſchmerzende Wunden ſie bei Aurelien berührte! bei Aurelien, deren Augen jetzt von Thränen über⸗ floſſen und die einen Blick voll flehender Bitte auf Nordheim heftete. Er näherte ſich ihr ernſt, und ihre Hand neh⸗ — 125— mend, ſagte er feierlich:„Ellen ſpricht wahr! So lang ich lebe, und wo ich auch ſein mag, immer werde ich Aureliens Freund, ihr treuer, unverän⸗ derlicher Freund ſein, ihr mit der wärmſten Bru⸗ derliebe ergeben!“ Aurelia zog leiſe ihre Hand aus der ſeinen und ſeufzte tief. Sie fühlte es wie einen ſtechen⸗ den Schmerz in ihrer Bruſt! Was ſollte ihr eine Liebe, die nichts war als der Abglanz und das Abendroth einer untergegangenen Sonne, von deren Feuer ſie doch ſo heiß noch glühte! Ellinor hatte ſich jetzt wieder erholt von ihren Erinnerungsſchmerzen, ſie trat zu den Uebrigen, und miſchte ſich in ihr Geſpräch. Es begann zu dunkeln, Ellinor ſehnte ſich nach Ruhe und Stilee, ſehnte ſich nach einer ein⸗ ſamen, unbelauſchten Stunde mit ihrem Kinde, und bat Aurelien, ihr dieſes für dieſe eine Nacht zu überlaſſen. „Nur für dieſe eine Nacht!“ ſagte ſie.„Ich darf meine Rechte als Mutter nicht geltend machen, während Sie gleiche Rechte haben an meine Toch⸗ ter, und darf nicht für immer mir aneignen, was Ihnen mit gehört. Aber dieſen Abend laſſen Sie mir ungetheilt meine Tochter!“ 5 Aurelia willigte freundlich ein, und bald fuhr Ellinor, begleitet von ihrer Tochter, nach ihrer Villa zurück. Welche jubelnde Freude, welch Entzücken war — 126— in ihrer Seele, als ſie jetzt an ihres Kindes Hand in ihr Boudoir trat. Ach, wie oft hatte ſie an eben dieſer Stelle ſich die Hände wund gerungen in Mutterſchmerz, wie oft mit zerriſſenem Herzen und todesmüder Seele auf ihren Knien gelegen, und Gott angefleht um ihr Kind, ihre Tochter! Und nun war ſie da, ruhte an ihrem Herzen, ſie konnte ihr in die Augen ſchauen, konnte ihre Stimme vernehmen, dieſe Stimme, deren Ton alle Fibern ihres Herzens erbeben machte! Sie fühlte eine tiefe und bewältigende Rührung, ernſte und heilige Reue erfaßte ihre Bruſt. Hatte ſie nicht oft in kleinmüthigem Zagen hier an dieſer Stelle gezweifelt an der Kraft des Gebetes, gezweifelt an Gott, hatte ſie nicht ſich abgewendet von Gott, und geſagt:„nicht zu ihm, zu mir ſelber will ich beten?“ Und doch, war es nicht Gott, unverkennbar Gott, der ihr ihr Kind zurückgeführt, der Alles ſo wunderbar gefügt, wie keines Menſchen Verſtand und keines Menſchen Wille es vermocht? Sie fühlte Gottes Nähe, ſie war in ſeinem Tempel, und ſie ſank auf ihre Knie nieder in wortloſem inbrünſtigem Gebet. „Ja, laß uns beten, laß uns Gott danken!“ ſagte Ellen leiſe, kniete neben ihr, faltete im from⸗ men Kinderſinn ihre zarten Hände, und lispelte heilige und fromme Worte zu Gott empor! Dann neigte ſie ſich tiefer, lehnte ihr Haupt an Ellinor's Knie, und ſagte bebend vor gewaltiger — — 127— Rührung:„meine Mutter! laß mich Deine Hand auf meinem Haupte fühlen, zum erſten Male einer Mutter Hand! Der Segen einer Mutter iſt eine Gottesgabe und ein Schutz für das ganze Leben. Meine Mutter, ſegne Dein Kind!“ Und Ellinor, Aug' und Seele gen Himmel erhoben, legte ihre Hände auf das Haupt ihrer Tochter; ſie fühlte ſich ſelber entſühnt in dieſem Moment, und ihrem Kinde den Segen ihres Mutterherzens ertheilend, fühlte ſie ſelber Segen auf ſich hernieder träufeln; und ſie ſagte feierlich: „ſo ſegne Dich Gott, wie ich es thue, aus voller bewegter Seele; ſo begleite er Dich durch das Leben, wie ich es mit meinen Gedanken und mei⸗ nem Gebete thun werde!“ Dann, noch auf ihren Knien, umarmten ſie ſich, und ſtanden auf in dieſer Umarmung. „Und nun heute nichts mehr!“ ſagte Ellinor. „Wollen wir uns die Feier dieſer Stunde durch keine andere Gedanken mehr trüben laſſen! Auch bedürfen wir nach den Stürmen dieſes Tages der Ruhe und Erholung!“ 1 Sie führte Ellen in das für ſie bereitete Schlaf⸗ gemach, drückte ſchweigend noch einen Kuß auf ihrer Tochter Lippen und entfernte ſich dann. Ellen war allein; ſie fühlte ſich matt und er⸗ ſchöpft, ihre Knie zitterten, ihre Gedanken ver⸗ ten ſich, ſie war in einem traumartigen Zu⸗ r Erſchöpfung und Abſpannung. Sie — 128— entkleidete ſich raſch und ſuchte ihr Lager. Dann faltete ſie ihre Hände zum Gebet; müde, wie ſie war, und trunken von Schlaf, wollte ſie es doch nicht unterlaſſen, zu Gott zu beten; ſie hatte es an jedem Abend ihres Lebens gethan, ſie konnte es auch heute nicht verſäumen. Sie betete. Stille war es und lautlos um ſie her, leiſe flüſterten ihre Lippen unſchuldsvolle Gebete, die Niemand wußte und verſtand als Gott, und Niemand konnte belauſchen, was hier die Jungfrau ſprach mit ih⸗ rem Gott, mit dem ſie allein war und deſſen Nähe ſie empfand. Dann entſchlummerte ſie, mit gefal⸗ teten Händen, lächelnd; und gewiß, wenn es deren giebt, umſchwebten Gottes Engel dieſes jungfräu⸗ liche Lager, den ſüßen und friedlichen Schlummer dieſer reinen Jungfrau zu bewachen und ihr holde Träume zuzufächeln! XI. Die Vergebung. Ermattet von ſo viel Aufregung hatte Ellinor in tiefem feſtem Schlummer die Nacht verbracht, und erwachte, geſtärkt und erquickt. Ihr erſter Gedanke galt ihrer Tochter:„ob ſie ſchon wacht?“ flüſterte ſie, erhob ſich von ihrem Lager, kleidete ſich eilig an und trat leiſe in Ellen's Schlafzimmer, das neben dem ihrigen war. 3 Ellen ſchlummerte noch! Leiſe auf den Zehen ſchlich Ellinor an ihr Bett und ſchaute lange und liebevoll auf ihr ſchlafendes Kind. Wie lieblich war ſie anzuſchauen, ihre ſammtnen Wangen zart geröthet, das blonde Haar in ungekünſtelten Locken hatte ſich unter dem zierlichen Nachthäubchen her⸗ vorgedrängt, und beſchattete lieblich ihre Stirn und das Oval ihres Angeſichts; Ellinor ſehnte ſich, dieſe geſchloſſenen Augenlider mit den langen ſchwarzen Wimpern, dieſe ſchwellenden, von einem holden Lächeln umſpielten Lippen zu küſſen und Die Flüchtlinge in London. III. 9— — 130— ſcheute ſich doch, Ellen zu wecken, die ſo ſüß ruhte in leiſem friedlichem Schlummer. Wie ſie hinſchaute auf ihr Kind voll Mutter⸗ freude und Glück, wurden ihre Gedanken zum Gebet und ſie faltete ihre Hände und dankte Gott! Dann blickte ſie wieder auf ihr Kind, und als ſie in ihre reinen klaren Züge ſchaute, fühlte ſie, daß ſie ſie nicht mehr laſſen könnte, ſich nicht mehr von ihr zu trennen vermöchte. Sie bebte bei dem Gedanken, daß Aurelia ſie ihr entreißen könnte, und zitternd in der Augſt der Liebe neigte ſie ſich jetzt über die Schlummernde und druückte einen Kuß auf ihre Stirn.— Ellen ſchlug die Augen auf und blickte in das Angeſicht ihrer Mutter, lächelte und nickte ihr zu, und legte ihre Arme um Ellinor's Nacken, ſie zu ſich niederziehend, und flüſterte:„meine Mutter!“. „Mein Kind!“ rief Ellinor freudig. Ach, die⸗ ſer Name Mutter! Sie hatte ſich Jahre lang nach dieſem Klange matt geweint und geſehnt— mußte er ſie jetzt nicht immer aufs neue ent⸗ zücken?! Sie drückte Ellen an ihre Bruſt und ſagte: „nicht wahr, Du verläßt mich nicht? Nie wie⸗ der! Nicht wahr, Du bleibſt bei mir, immer, immer?“ 855 1 Wie ſie ſo ſprach, zuckte Ellen zuſammen; leiſe flüſterte eine Stimme in ihrem Buſen Nor ⸗ — 131— heim's Namen, es war ihr, als fühlte ſie den Blick ſeiner ſtrahlenden ſchönen Augen, ſie empfand es wie einen Schmerz in ihrer Bruſt, ohne zu wiſſen, warum, und doch ſuchte ſie in jungfräu⸗ lichem Inſtinct dies Alles zu verbergen, bemühte ſich zu lächeln und ſagte, ſich an ihre Mutter ſchmiegend:„wenn Aurelia mich laſſen will, bleibe ich bei Dir!“ Ellinor jubelte laut und ihre Tochter immer und immer wieder an ihren Buſen drückend, rief ſie freudig:„Du liebſt mich alſo? Liebſt Deine Mutter? Willſt mich nicht verlaſſen?“ Dann half ſie Ellen beim Ankleiden,— wie hätte ſie dieſe liebe Arbeit einer Kammerzofe über⸗ laſſen mögen! Ihr Kind bedienen, ihrer Tochter behülflich ſein, ihre langen Haare auflöſen und durch ihre Hände ziehen, ſie an ihre Lippen drücken zu können, ſie zu flechten, zu kräuſeln und zu be⸗ feſtigen; ihre Schultern und Arme entblößt zu ſe⸗ hen, und den niedlichen kleinen Fuß, das ſchlanke zierliche Bein, ach, eine Mutter, wenn ſie auf ihre ſchöne Tochter blickt, iſt nicht blos Mutter, ſondern Liebhaber und Anbeter!. Sie beachtete es nicht, wie ein Wagen heran⸗ rollte und am Thore anhielt, wie es im Hof le⸗ bendig ward,— ſie war ja mit ihrer Tochter beſchäftigt! Da ſtürzte Betſy mit freudigem Geſicht herein:„Der Lord iſt da! Der Lord erwartet Ew. Gnaden in Ihrem Bondoir!“ — 132— Ellinor ſchreckte zuſammen! Ach, in ihrem Mutterglück hatte ſie ſelbſt ihres Gemahls, ihres Geliebten nicht gedacht!„Komm mir nach, ſo ſchnell Du kannſt,“ rief ſie Ellen haſtig zu; dann ſtürzte ſie fort, hin, hin in ſeine Arme, ruhte an ſeinem Buſen, ſchaute wonnetrunken in ſeine treuen, lie⸗ ben Augen, in ſein ſtilles, ſanftes Angeſicht, und fühlte, von ſeinem Arm umſchlungen, daß ſie ihm Alles ſagen müſſe! In dieſem Augenblick trat Ellen ein und neigte ſich ſcheu und erröthend vor den fragend auf ſie gerichteten Blicken des Lords. Wer war dieſer Mann, der Gemahl ihrer Mutter, war es ihr Vater? Ach, ſie wußte es nicht und durfte nicht fragen. Hatte ihr nicht Nordheim geſagt, ſie dürfe vorerſt zu Niemanden, ſelbſt nicht zu dem Gemahl Ellinor's, ihrer Mutter, das Geheimniß ihrer Ge⸗ burt verrathen, oder darnach fragen, wenn ſie nicht Schmerz und Unglück über das Haupt ihrer Mutter herbeirufen wolle! Nordheim hatte ſie gebeten zu ſchweigen, ach, ſie mochte ſo gern erfüllen, was er gebeten, und doch ward es ihr ſo ſchwer, ſich zu verſtellen, Dem gegenüber fremd zu ſcheinen, dem ſie ſich doch ſo nahe verwandt glaubte! Ellinor lehnte in tiefer Bewegung an ihres Gatten Bruſt und flüſterte:„ſiehe ſie an, gleicht ſie nicht einem Engel? Ich will Dir ſagen, wer ſie iſt! Ach, ich habe Dir ſo vieles zu ſagen! Siehe ſie an, iſt ſie nicht ſchön und lieblich??“ — 133— Lord Landstown hatte das zitternde Mädchen mit ſcharfen, durchbohrenden Blicken, die doch vol⸗ ler Güte waren, angeſchaut; jetzt neigte er ſich dicht an ſeiner Gattin Ohr und flüſterte:„ſie gleicht Dir, wie eine Tochter ihrer Mutter, und hat doch wieder Züge, die mich an Jemand an⸗ ders erinnern. Davon nachher!“ ſagte er ab⸗ wehrend, als Ellinor reden wollte,„laß uns jetzt das Wiederſehen feiern, und mich Deine junge Freundin begrüßen, denn daß ſie ſolche iſt, ſehe ich in Deinen Blicken, Ellinor!“ Dann begrüßte er Ellen mit freundlichen, gü⸗ tigen Worten und ſeiner gewandten, zarten und ſchonenden Weiſe gelang es bald, eine heitere und ungezwungene Unterhaltung unter ihnen zu erzeu⸗ gen. Während des Frühſtücks erzählte er Ellinor von ſeiner Reiſe, von ſeinem Bruder, daß er ihn vermocht, Effie zu verzeihen und in eine Verbin⸗ dung mit Macdeam zu willigen, und daß er heute noch in alle Zeitungen eine Aufforderung an das entflohene Paar wolle einrücken laſſen, zurückzu⸗ kehren zu ihrem verzeihenden Vater. G Es entging ihm nicht, wie Ellinor nur mit halbem Ohr ſeinen Worten lauſchte, er ſah ihre zerſtreuten Blicke, die ſich dann und wann mit dem Ausdruck der zärtlichſten Liebe auf Ellen hefteten, er hatte Mitleid mit ihrer Unruhe und Pein; auf⸗ ſtehend bat er Ellinor, mit ihm einen Gang durch den Garten zu machen und entſchuldigte ſich an⸗ — 134— muthig bei Ellen, wenn er ihr ſeine Gemahlin auf einige Minuten entziehe!“ Sie gingen hinab in den Garten. Auf ihres Gemahls Arm gelehnt, fühlte er, wie Ellinor bebte und ſie gütig und liebevoll anſehend, fragte er: „zitterſt Du vor mir, Ellinor?“ „Nein, nein,“ ſagte ſie,„ich weiß nicht, was mich ſo beängſtigt!“ Dann gingen ſie ſchweigend eine Zeit lang weiter. Endlich ſagte der Lord:„ich las in den Zeitungen eine Aufforderung meines und Deines Geſchäftsführers an eine Dame, die vor Jahren von einem Bettlerweibe ein Kind gekauft habe. Dies erinnerte mich an jenes Kindchen, das Dei⸗ nem Vater an unſerm Verlobungstage geraubt ward. Haſt Du keine Spur von dieſem Kinde, Ellinor?“ Sie ſah ſcheu zu ihm auf, ihre Blicke begeg⸗ neten ſich, der ſeine ſchien bis in ihre Seele drin⸗ gen zu wollen; ſie vermochte nicht eine Silbe zu ſprechen, nicht ſein Anſchauen zu ertragen und ſenkte das Auge wieder zur Erde. Wieder ſchwiegen Beide.—„Laß uns hier in dieſen Pavillon eintreten,“ ſagte der Lord,„es iſt ſtill hier und lieblich. Niemand kann uns hier belauſchen!“ Als ſie nebeneinander auf der Ottomane ſaßen, fuhr er fort:„Wie doch die Erinnerung an geliebte Verſtorbene ſich oft an äußere, nichtige — 135— Gegenſtände heftet! So gedenke ich nie mit ſolcher Lebhaftigkeit und Sehnſucht Deines Vaters, als an dieſer Stelle!“ „Und warum gerade hier?“ fragte Ellinor verwundert. Der Lord ſchwieg einen Augenblick; dann ſagte er ernſt:„an eben dieſer Stelle hat mir Dein Ba⸗ ter einſt ein großes und ſchweres Geheimniß mit⸗ getheilt. Er kannte mich wohl und wußte, daß er mir vertrauen durfte.“ „Dies Geheimniß?“ fragte Ellinor bebend. Der Lord ſagte:„es war eine Geſchichte vol⸗ ler Schmerz und Thränen, voll Liebe und Irr⸗ thum. Der Schauplatz Italien, die Perſonen: ein junges, glühendes, unſchuldiges Mädchen, ohne Mutter aufgewachſen, und ohne Schutz ihrer Un⸗ erfahrenheit, dann ein feuriger, leidenſchaftlicher Italiener, ein Sänger. Beide, das Mädchen und der Züngling, jung und heiß, ohne Rath und Schutz. Des Mädchens Vater arglos, zu arglos, wie dieſes ſelbſt. Das Mädchen war zu unſchul⸗ dig, als daß ſie die Schuld hätte fürchten können, der Jüngling zu leidenſchaftlich, als daß er die Verſuchung hätte beſiegen können, und ſie lieb⸗ ten ſich!“ 4 Ellinor erbleichte und zitterte, während er ſo ſprach; dann faltete ſie die Hände und blickte ihn flehend an und ſchweigend, der Lord aber fuhr mit etwas ſtrengem Tone fort:„bis hierher waren — 136— ſie ohne Schuld; nicht ſie, ſondern die Verhält⸗ niſſe waren anzuklagen, nur dieſen waren ſie un⸗ terlegen, und ihrer Jugend und Unerfahrenheit, die ſie flüchtige, vorübergehende Neigung für Liebe halten ließ. Sie wären ohne Schuld geblieben, hätten ſie jetzt nicht geſchwiegen, hätte das Mäd⸗ chen voll Vertrauen ſich an ihres Vaters Bruſt geflüchtet und ihn zu ihrem Beiſtande aufgerufen. Sie that es nicht! Sie nahm ihre Zuflucht zur Verſtellung und zur Liſt, und dieſe erzeugte ſtets Unheil und Elend! So auch hier! Durch eine Vertraute ihres Fehltritts erfuhr der Vater, als es ſchon zu ſpät war, die Irrungen ſeiner Toch⸗ ter, und ſchwieg, weil nichts mehr zu ändern war, und er ſeiner Tochter es erſparen wollte, vor ihm zu erröthen. Er nahm das Kind, das man ihm als einen Findling brachte, in ſein Haus, und kehrte mit ſeiner Tochter und jenem Kinde nach England zurück.“. Ellinor, in gewaltiger Bewegung, zitternd, weinend, ſank nieder auf ihre Knie, und hauchte athemlos:„Du weißt Alles! Sprich nicht weiter! Die Scham tödtet mich! Ich kann Deine Worte nicht ertragen! Das Gericht bricht über mich her⸗ ein, die Stunde der Vergeltung naht, Du kommſt mich zu ſtrafen!“ Der Lord hob ſie empor und ſagte gütig: „Ellinor, faſſe Dich! Denke, wie ich Dich liebe und vertraue mir!“ — 137— Sie klammerte ſich mit leidenſchaftlichem Auf⸗ ſchrei an ſeine Bruſt:„Du liebſt mich, liebſt mich noch, und weißt doch Alles?!“ „Ich wußte es ſchon ſeit manchem Jahr, und liebte Dich, wie ich Dich liebe, treu und wahr!“ ſagte ihr Gemahl feierlich. „Meine Ellinor, glaube an mich, lehne Dich an meine Bruſt und fühle, daß Du hier Schutz und Beiſtand findeſt gegen alle Anfechtungen der Welt!“ „O Du, Du!“ hauchte ſie leiſe.„Mit wel⸗ chem Namen kann ich Dich nennen, Du, über alle Schwäche und alles Zürnen Erhabener!“ „Nenne mich Deinen Geliebten!“ ſagte er,„dann haſt Du gewiß den rechten Namen genannt!“ „Wie konnteſt Du mich lieben, wenn Du meine Schuld kannteſt?“ flüſterte ſie.. Der Lord ſagte:„mein Kind, als ich Deinen Irrthum erfuhr, liebte ich Dich ſchon, und Du weißt, die Liebe kann nicht zürnen, ſie leidet und duldet und vergiebt. Und wie hätte ich Dir auch zürnen können? Du hatteſt nicht gegen mich, nur gegen Dich gefehlt, und hatteſt ſchwer gebüßt! Deine Vergangenheit war nicht mein, ich hatte keine Anforderungen an ſie zu machen. Mir ge⸗ hörte die Gegenwart und die Zukunft, und ich wußte, daß ich in dieſen beiden Deiner Liebe und Deiner Treue gewiß war, ich wußte, daß ich in Wahrheit Dein Geliebter, ja, Deine — 138— erſte Liebe, und daß ich in Dir einen Engel beſaß!“ „Du, Du biſt ein Engel, mein guter Engel!“ ſagte Ellinor unter Thränen. „Nicht alſo,“ erwiderte ihr Gemahl, ſie an ſich drückend,„ich folgte nur meinem Herzen!“— „Und warum ſchwiegſt Du, da Du Alles wußteſt?“ „Ich ſchwieg,“ ſagte er ernſt,„weil ich es der Zeit überlaſſen wollte, Dich mir zu nähern, weil ich wünſchte, Du mögeſt ſo ganz meiner Liebe glauben, daß Du ſonder Furcht mir Alles zu ſagen vermöchteſt. Habe ich Dir etwas zu ver⸗ zeihen, ſo iſt es Dein Mangel an Vertrauen!“ „Ach,“ ſeufzte Ellinor,„wie viele Qualen und Schmerzen, wie viele Thränen hätte ich mir er⸗ ſparen können, wenn ich den Muth gehabt, wahr und aufrichtig gegen Dich zu ſein!“ „Gewiß,“ erwiderte der Lord,„das erſte Be⸗ dingniß alles Glückes iſt Wahrheit, und rückhalt⸗ loſes Vertrauen iſt in der Ehe die Grundlage alles Friedens! Ja, die Ehe iſt ſo heilig, ſo er⸗ haben und göttlich, daß wir nur mit geläuterter Seele und reinen entſündigten Gedanken ihr na⸗ hen, und in ihrem Tempel alleSünde und alle Lüge von uns entfernt fühlen ſollten. Und das Glück der Ehe iſt ſo zart, ſo leicht verletzlich, daß der kleinſte Hauch der Sünde es wie einen. Spiegel trübt. Nur die treueſte Liebe vermag V V V — 139— dieſen Hauch zu verwiſchen. Die meine hat es gethan!“ Ellinor umfaßte ihn und ſagte feierlich:„wenn es noch in meinem Herzen eine Stelle gab, wo⸗ hin meine Liebe zu Dir nicht gedrungen, wenn in meiner Seele noch Raum zu etwas Anderem, als der Liebe zu Dir, ſo hat dieſe Stunde das Alles hinweggenommen, hat alle Furcht, alles Zagen und Bangen verſcheucht, und unbedingte Hinge⸗ bung und grenzenloſes Vertrauen zu Dir durch⸗ glüht meine Seele! Ja, hinfort bin ich Dein mit meinem Leben, mit meiner Seele, und wie ein aufgeſchlagenes Buch, ſo ſoll mein Inneres vor Dir liegen, und Du in meinen Gedanken leſen können. Ich fühle, wie unzertrennbar und ganz ich mit Dir verbunden bin, eins mit Dir im Geiſte und im Herzen! Ja, jetzt erſt fühle ich, welch eine heiligende Kraft in der Ehe liegt, und in dieſem Augenblick bin ich Dein geheiligtes Weib, denn die Ehe hat mich geheiligt, und mich veredelt durch Dich! Wer ein gutes Ehegemahl beſitzt, ſagt ein frommes Buch, der hat an ſei⸗ nem Tiſche einen Engel bewirthet. Ja, wahr⸗ lich, mein Geliebter, ich habe in Dir einen Engel bewirthet!“ Lange ruhten ſie tief gerührt, ſchweigend aneinander, dann fragte Ellinor:„und wie kam es, daß Du gerade jetzt mir alles dies enthüllſt?“ 5 — 140— „Ich las in Deinen Blicken, daß Du mir ver⸗ trauen wollteſt, und wollte Dir dazu behülflich ſein! Jenes Mädchen iſt—“ „Meine Tochter!“ rief Ellinor freudig. „Ich ahnte es!“ erwiderte der Lord.„Der Zufall ließ mich einſt ohne meinen Willen eine Unterredung mit Dir und Daſſa belauſchen. Du flehteſt um Nachricht von Deinem Kinde, er ver⸗ wies Dich an eine Bettlerin mit Namen Teufels⸗ liſe. Nun las ich jetzt jene Aufforderung unſeres Geſchäftsführers an die Dame, die das Kind von Teufelsliſe gekauft. Ich ſchloß daraus, daß Du irgend eine nähere Spur aufgefunden haben muß⸗ teſt, und als ich nun dieſen Morgen jenes Mäd⸗ chen ſah, die Dir ſo gleicht und ihrem Vater, als ich ſah, mit welchen Blicken voller Liebe und Zärtlichkeit Du ſie anſchauteſt, konnte ich da noch zweifeln, daß es Deine Tochter ſei?“ „Deinem ruhigen Scharfblick iſt nichts ver⸗ borgen geblieben,“ ſagte Ellinor,„und hinfort will ich nie wieder verſuchen, Dir etwas zu verbergen!“ „Und Deine Tochter, weiß ſie Alles?“ „Nichts weiß ſie! Ach, ich ſcheue mich, ihr die traurige Geſchichte von ihrer Mutter Schuld zu erzählen, vor meinem Kinde zu erröthen! Ihre reine Seele weiß nichts von Sünde und Leidenſchaft, nichts von Schuld. Sollte ich die Erſte ſein, die ſie damit bekannt macht?“ — 141— „Weiß ſie von ihrem Vater?“ fragte der Lord nachdenklich. „Nichts, ſie ahnt nicht, wer es iſt, ſie weiß nichts, als daß ich ihre Mutter bin, und daß man in ihrer zarten Kindheit mich ihrer beraubte!“ „So möge ſie nie etwas erfahren!“ ſagte ihr Gemahl ernſt. „Wie aber wird dies möglich ſein?“ fragte Ellinor kummervoll.„Was ſoll ich ihr erwidern, wenn ſie nach ihrem Vater fragt?“ Der Lord nahm ihre Hand, und blickte ihr liebevoll in ihre fragenden Augen. Es zuckte und kämpfte in ſeinen Zügen, eine tiefe Rührung ſchien ſeine Seele zu bewältigen, und er ſagte leiſe: „Ellinor, mein Weib! Der Himmel hat es mir verſagt, ein eigenes Kind an meine Bruſt zu drücken. Vielleicht geſchah es ſo, damit in meinem Herzen Raum bliebe für Dein Kind! Wollen wir es denn alſo anſehen! Führe mir Deine Tochter entgegen, daß ſie in mir ihren Vater umarmt. Ich will ſie lieben, wie mein Kind!“ Er wandte ſich ab, die Thräne zu verbergen die in ſein Ange trat; Ellinor aber umfing ihn, außer ſich, ſie lehnte ſich an ſeinen Buſen, und weinte laut. Es waren Thränen der rein⸗ ſten Freude! Ein Diener kam und meldete Nordheim's An⸗ kunft; dieſer ſelbſt folgte ihm auf dem Fuße, und ward von dem Lord mit Herzlichkeit willkommen geheißen! „Er weiß Alles!“ ſagte Lady Landstown leiſe zu ihrem Gemahl,„Daſſa ſelbſt hatte ihn zu ſei⸗ nem Vertrauten gemacht, und ſo bot mir Herr Nordheim großmüthig ſeine Dienſte an.“ „Ich komme, um der Baronin Stopford Pflege⸗ tochter in ihrem Auftrage zurückzuführen,“ ſagte Nordheim. „Nennen Sie Ellen nicht mehr Aureliens Pflegetochter,“ ſagte Ellinor heiter,„nennen Sie ſie mein Kind! Es bedarf keiner Verſchwiegenheit mehr, mein Gemahl weiß Alles!“ „Dies iſt mir eine wahrhafte Freude,“ rief Nordheim, und reichte dem Lord ſeine Hand; „und nun, Mylady, glaube ich an die Unerſchüt⸗ terlichkeit Ihres Glückes. Alles. Heil beruht in der Wahrheit, und daß man dieſe heilige Tugend hienieden ſo wenig übt, dies iſt die Urſache alles Uebels!“— Dann fragte er haſtig:„und Fräulein Ellen, weiß ſie um alle Geheimniſſe?“ „Um keine,“ ſagte der Lord,„und ſie ſoll nie davon erfahren! Sie wird in mir einen Vater finden, und ich denke, mein Name wird ſie und Lady El⸗ linor gegen alle Verleumdung ſchützen!“ Nordheim ſagte mit Wärme:„Mylord, ich be⸗ wundere Sie! und wahrlich, nur ein Weſen, wie Ellen, iſt ſolcher Handlung werth!“ 3 Ellinor ſagte freudig:„und nun darf ſich — 143— Ellen nicht mehr von mir trennen, nun iſt ſie ganz mein!“ „Wird Ellen einwilligen zu bleiben, die Ba⸗ ronin ganz zu verlaſſen?“ fragte Nordheim. „Gewiß wird ſie es,“ erwiderte Ellinor zuver⸗ ſichtlich,„die Stimme der Natur wird und muß in ihr ſprechen, und ſie feſter und ſicherer hier zurückhalten, als alle Bande der Dankbarkeit ſie fortzuziehen vermögen.“ Nordheim ſagte mit ſchwermüthigem Lächeln: „ich glaube nicht an dieſe Stimme der Natur! Ich ſah Mütter ihre Kinder verleugnen und Vä⸗ ter ihren Söhnen nach dem Leben trachten, und keine Stimme der Natur warnte ſie vor ſolcher Uebelthat!“ „Fragen wir Ellen ſelbſt,“ ſagte der Lord, und zeigte die Allee hinauf,„dort kommt ſie. Laßt uns hinaustreten, damit ſie unſerer gewahr wird.“ Sie verließen den Pavillon und gingen Ellen entgegen, die mit elaſtiſchem Schritt, zart und leicht daherſchwebte, mit holdem Grüßen und Winken und freudig ſtrahlenden Augen. Sie hatte von Nordheim's Anweſenheit erfahren und kam, um nach Aurelien zu fragen! Nichts weiter! Sie mindeſtens ahnte nicht, daß vielleicht noch ein anderes Gefühl ſie hinabtriebe in den Gar⸗ ten, und als bei Nordheim's Anblick ihr Herz hö⸗ her klopfte, meinte ſie, es ſei das Verlangen, von Aurelien zu erfahren! — 144— „Wie geht es in Sweetcalmneß?“ fragte ſie heiter und reichte Nordheim unbefangen ihre zarte Hand.„Bringen Sie mir Grüße von der theuern Mutter?“ „Die beſten!“ ſagte Nordheim,„und die Bitte, mit mir zurückzukehren!“— „Willſt Du gehen, Ellen?“ fragte Ellinor und zog das Mädchen an ihre Bruſt.„Sprich, kannſt Du mich verlaſſen?“ Ellen ſchwieg und ſah ſie Alle fragend und zweifelnd an; dann ſagte ſie leiſe:„ich werde heute irre an Dem, was ich bis jetzt für Recht gehalten, und mir wird bange! Wenn ich es ſonſt für ein Verbrechen an mir ſelber gehalten, auch nur eine Unwahrheit zu denken, ſo zweifle ich jetzt, ob es recht iſt, die Wahrheit immer zu ſagen, und zage, zum erſten Male auszu⸗ ſprechen, was ich empfinde, in der Furcht, Unheil zu erzeugen.“ Nordheim ſah das ſinnende, bangende Mädchen mit leuchtenden, verklärten Blicken an und ſagte leiſe: „Engel der Wahrheit, ſprich zu uns!“ „Sage Alles, Alles, meine Ellen,“ flüſterte Lady Landstown tief bewegt,„ich habe kein Geheimniß mehr vor meinem Gemahl— Dei⸗ nem Vater!“ „Mein Vater! Iſt der mein Vater?“ jubelte Ellen!„O, ich glückſeliges, ſeliges Kind, ich habe auch einen Vater!“ Und ſie warf ſich in des — 145— Lords geöffnete Arme, ruhte an ſeiner Bruſt, rich⸗ tete ſich auf, ihn anzuſchauen, küßte ſeine Hände, ſeine Augen und ſagte zärtlich:„ja, Du biſt's, biſt mein Vater! Ich fühle es in meinem Herzen, daß Du's biſt! Was ich hier in meinem Herzen für Dich empfinde, das kann nur eine Tochter für ihren Vater empfinden! O Du lieber, lieber Va⸗ ter, wie will ich Dich lieben!“ Der Lord drückte ſie in tiefer Bewegung an ſein Herz und ſagte:„ja, liebe mich, liebe mich recht, Du mein geliebtes Kind, meine Tochter! Ich habe ja kein Kind weiter außer Dir, Du meine Einzige!“ Sie ſtreichelte ſchmeichelnd ſeine Wange, und ſagte in ihrem kindlichen Uebermuth des Glückes: „und Du ſollſt genug haben an mir! Ich will Dich lieben für viele Kinder, und auch unartig ſein für Viele!— Dann vahmen ihre Züge wie⸗ der einen ernſten, heiligen Ausdruck an, ſie blickte gen Himmel, faltete die Hände und ſagte leiſe: „wodurch habe ich ſo viel. Glück verdient! ſo un⸗ ausſprechliches!“— Nun ſenkte ſie die Augen und ſaah mit leuchtenden Blicken bald auf Ellinor, bald auf den Lord und jubelte dann laut:„meine Mutter, mein Vater!“ und zog ſie Beide in glei⸗ cher Umarmung an ihr Herz. Nordheim wandte ſich ab mit bitterm Schmerz⸗ gefühl und fragte ſich ſelber:„wer ſollte ſich hie⸗ nieden nicht täuſchen und irren„wenn ein Engel, Die Flüchtlinge in London. III. 10 — 146— wie dieſe, ſich in ihren heiligſten Gefühlen wiſſen⸗ los zu betrügen vermag, wenn Ellen dieſem fremden Manne gegenüber für ihn Kindesliebe zu empfinden glaubt?“ „Nicht wahr, mein geliebtes Kind, Du bleibſt nun ganz bei uns?“ fragte Ellinor. Ellen ſchwieg und ſah nachdenkend zur Erde, dann blickte ſie auf, ſanft erröthend, und ſagte leiſe:„es iſt ein Zwieſpalt in mir, den ich ſelber noch nicht zu löſen vermag! Schwer würde es mir werden, Euch, meine geliebten Eltern, die ich kaum gefunden und in neuer Liebe beſitze, zu ver⸗ laſſen; ſchwer aber auch, Aurelien, der ich in al⸗ ter dankbarer Liebe gehöre, zu entbehren, und auch— ſetzte ſie ſtockend und erröthend, mit einem ſcheuen Blicke auf Nordheim hinzu— auch Sie möchte ich nicht miſſen! Ich fühle, daß ich noch ſo Vieles von Ihnen zu lernen habe.“ Nordheim, in heftiger und tiefer Erſchütterung murmelte einige Worte, die Niemand verſtand, näherte ſich Ellen, und ſich ehrfurchtsvoll vor ihr neigend, küßte er ihr Gewand und entfernte ſich eilig.. Ellen ſchaute ihm verwundert nach und fragte: „ich habe ihn doch nicht gekränkt, und doch ſcheint er im Unmuth von uns zu gehen?“ Ellinor zog ſie lächelnd an ihre Bruſt:„Du reiner, unſchuldsvoller Engel! Sorge nicht! Was 4 3 in ſeinem Buſen wogt, iſt vom Zürnen und von —— — 147— Unmuth weit verſchieden. Es iſt der Stolz des Mannes, der ihn zwingt, ſich zu entfernen, und der doch bezwungen iſt! Und nun laß uns zur Baronin fahren und Dich von ihr erbitten.“ In Sweetcalmneß angelangt, fanden ſie Au⸗ relien in Thränen, die ſie mühſam zu verbergen ſuchte, und auf Ellinor's Bitte, ſie in dem unge⸗ theilten Beſitz ihrer Tochter zu laſſen, ſagte ſie wehmüthig:„nehmen Sie ſie hin! Alle Bande der Liebe zerreißen, und eine Einſame und Verlaſſene werde ich hinfort mein Leben vertrauern!“ „Sage das nicht,“ ſchmeichelte Ellen, und lehnte ſich an ihre Bruſt,„Du bleibſt meine Mutter, ich Dein Kind, und ſo lang ich lebe, will ich Dich lieben!“ „Wirklich, willſt Du das?“ ſagte Aurelia tief bewegt, und ſtrich mit der Hand über Ellen's blondes Haar.„Willſt Du mich immer lieben? Ach, Ellen, Du weißt nicht, was das heißt, im⸗ mer— wohl Dir, wenn Du es nie zu Deinem Schmerz erfährſt.“ „Das aber weiß ich,“ ſagte Ellen feſt,„daß in des Menſchen Bruſt wahre Liebe und Dank⸗ barkeit nimmer ſchwindet, daß dieſe Gefühle eine Ewigkeit beſitzen, wie wir ſelber.“ Aurelia ſagte ſinnend:„wer aber weiß, wann er die wahre Liebe empfindet!? Dann raffte ſie ſich zuſammen und bemühte ſich heiter zu ſein, und verſprach täglich die benachbarten Freunde 10 — 148— zu beſuchen und ihre Tochter Ellen. Auch ihre Thränen drängte ſie zurück, als Ellen Abſchied nehmend an ihrem Halſe hing; lächelnd und hei⸗ ter gab ſie ihr den Abſchiedskuß, und winkte vom Fenſter aus noch in den Wagen hinunter Ellen ihre Grüße zu mit heiterm Angeſicht. Dann als die Ferne ſie ihren Blicken entzog, ſchaute Au⸗ relia umher im großen ſchweigenden Salon, als wolle ſie ſich überzeugen, daß ſie nun wirklich ganz verlaſſen und einſam ſei, und dann— erſt dann ſank ſie auf einen Seſſel nieder und überließ ſich dem letzten Troſt, dem Troſt der Thränen! XII. Die Befreiung. Ellinor hatte im rückhaltloſen Vertrauen zu ihrem Gemahl dieſem auch die Weiſe, wie ſie ſich des Italieners entledigt hatte, geſtanden, und es ward beſchloſſen, ihn, da Ellinor dem Vater ihrer wieder gefundenen Tochter nicht mehr zu zürnen vermochte, ſo bald als möglich aus ſeiner Haft zu befreien. „Daß er nicht, wie er gedroht, ſeine Jugend⸗ erinnerungen in Bezug auf Dich aller Welt ver⸗ rathe,“ ſagte der Lord,„dies ſei meine Sorge. Ich ſelbſt werde mit ihm hierüber verhandeln, und ihm die Bedingungen ſagen, unter denen allein er der Freiheit wieder gegeben werden kann.“ „Und Nordheim wird auf Deine Bitte gewiß es übernehmen, zu ihm zu gehen, und ihn zu Dir zu führen,“ ſagte Ellinor.„Er kennt jene Gegend, in welcher Daſſa verborgen ward, und 6 — 150— übt einen mächtigen Einfluß auf ihn aus, wie ich glaube.“ „Mag es ſo ſein,“ erwiderte ihr Gemahl,„laß uns denn Herrn Nordheim ſchriftlich mit unſern Anſichten und Wünſchen bekannt machen. Ihn hierher zu bitten zur mündlichen Unterredung, würde, da er nach London zurückgekehrt iſt, zeit⸗ raubend ſein, und mir ahnt, daß, wollen wir noch einen glücklichen Ausgang dieſer Sache erreichen, jede Minute koſtbar iſt.“ Der reitende Bote, der ſodann mit des Lords Brief zur Stadt geſchickt ward, traf Nordheim zu Hauſe, und ſchon nach kurzer Zeit fuhr Nordheim in jene berüchtigte Gegend, in der er Giuſeppo Daſſa aufſuchen ſollte. Ellinor ſelbſt hatte ihm eine genaue Bezeichnung des Weges und der er⸗ forderlichen Vorſichtsmaßregeln aufgeſchrieben, und dieſen genau folgend ſtand Nordheim endlich vor Mr. Trumpet's Hütte, der, nach dem üblichen Klopfen und den geſprochenen Stichwörtern, ihm öffnete, und für einige Guineen ſich bereit finden ließ, Nordheim zu Teufelsliſens Mann zu führen. Durch ein neues Labyrinth von Straßen und Durchgängen hatten ſie endlich die elende Hütte dieſes würdigen Herrn erreicht, und Mr. Trumpet ſtellte demſelben Nordheim vor, als„nen Bur⸗ ſchen, der ihn mit'nen paar Goldfüchſen herge⸗ trieben,“ von dem er aber nicht wiſſe, worauf er „Jagd mache.“ ——— — 151— „Ich wünſchte Sie in Angelcgeihekten jeuer Dame zu ſprechen, die Sie vor einigen Tagen am Durchgang zur Tottenham coart⸗road getroffen,“ ſagte Nordheim mit bedeutſamem Winken. Der Kerl ſah ihn einen Augenblick mißtrauiſch und zweifelnd an, dann brummte er:„woran ſoll ich riechen, daß Ihr nicht'nen verwetterter Spür⸗ hund ſeid und hierher geſchnüffelt kommt, um hier herummer was auszuſchnuppern?“ „Haſt recht,“ ſagte Mr. Trumpet,„fühl'n erſt auf'nen Zahn, ehe Du ihm was ſagſt! Die verdammten Spürhunde!“ Nordheim ſagte ruhig:„Sie wiſſen ſelbſt, daß ich nicht im Stande bin, dies zu thun. Ich weiß weder in welcher Gegend Sie wohnen, noch wie Sie heißen, und es ſollte mir ſchwer werden, mich durch alle die Schlupfwinkel und Gäßchen, durch die Mr. Trumpet mich zu Ihnen geführt hat, wieder ohne ſeinen Beiſtand zurück zu finden. Sie ſehen alſo, daß ich in Ihrer Hand bin und vielleicht mehr von Ihnen zu fürchten habe, denn Sie von mir. Ich vertraue aber Ihrem Ehr⸗ gefühl, das Sie verhindern wird, einen Wehr⸗ loſen, der ſich Ihnen freiwillig naht, zu verletzen oder ihm zu ſchaden, und ſo laſſen Sie uns denn ſonder Mißtrauen von dem Geſchäfte ſprechen das mich hergeführt!“ Nordheim's Scharfblick hatte hier die richtige Weiſe getroffen, und indem er an das hrgefu *— 152— zweier Diebe und Bettler appellirte, rief er in ihnen das Bewußtſein ihrer Würde und ihres Stolzes hervor. Sie ſahen ſich Beide an mit einem wohlgefälligen und zuſtimmenden Kopfnicken, und Mr. Trumpet murmelte:„s iſt'nen Gent⸗ leman, denk ich, und ſoll uns als Gentlemen kennen lernen.“ „Darf ich vor dieſem Herrn hier offen ſpre⸗ chen, ohne Gefahr Ihr Zartgefühl zu verletzen?“ fragte Nordheim Teufelsliſens Gemahl, Herrn Snartby. „Thun Sie's,“ ſagte dieſer,„'s iſt mein Freund, wenn'r auch in'nem andern Fach ar⸗ beitet, als ich.“ „Und darf man ſo kühn ſein zu fragen,“ ſagte Nordheim, wirklich beluſtiget von den beiden Kerls, in welchem Fach er arbeitet?“ Mr. Trumpet zeigte mit einem Grinſen, das ſeinen Mund von einem Ohr bis zum andern öffnete, Nordheim ſein eigenes Taſchentuch nebſt einigen andern Gegenſtänden dar, und ſagte:„ich arbeite, wie Sie ſehen, im Geſchäft der Beutel⸗ ſchneider und Taſchenangelegenheiten. Sie haben nen ſehr hübſches Tuch,“ fuhr er fort, Nordhein's Tuch wohlgefällig auseinander nehmend und prüfend betrachtend,„ich hab' in'ner ganzen Woche nicht ſo nen hübſchen Lappen gearbeitet.“ „Sehr verbunden,“ ſagte Nordheim lachend, „ich hoffe, Sie werden es als ein Andenken — 153— an mich aufbewahren. Und Sie, mein Herr,“ wandte er ſich an Snartby,„welches iſt Ihr Geſchäftszweig?“ Der Kerl warf ſtolz den Kopf zurück und ſagte:„ich arbeite in einer höhern Klaſſe, die Gefahr und Anſtrengung hat. Ich gehöre zur Klaſſe der nächtlichen Arbeiter, der Fenſtereinſteiger und Schlöſſeraufmacher, und wenn's ſein muß, der Blutablaſſer.“ „Ich ſehe, Sie ſind der Mann, deſſen ich bedarf,“ ſagte Nordheim unerſchrocken,„und ge⸗ wiß konnte die Dame, die mich ſchickt, jenen Ita⸗ liener keinen beſſern Händen anvertrauen, als den Ihren.“ „Ah,“ ſagte Snartby,„Sie pfeifen aus die⸗ ſem Loche!“ und dann ſetzte er mit einem gellen⸗ den Lachen über den Witz, den er zu machen im Begriff war, hinzu,„ja, ja, der Kerl der Italiener, pfeift aber aus dem letzten Loche.“ „Ich hoffe, es geht ihm wohl, er iſt geſund?“ fragte Nordheim. „Sein Se mal ſtill,“ ſagte Snartby,„und Du Trumpet, halt auch Dein Maul, dann werrn mir hören, ob's ihm gut geht.“ In der Stille, die nun folgte, konnte man deutlich dumpfes Stöhnen und Wimmern verneh⸗ men, das, wie es ſchien, gerade über ihren Häup⸗ tern ertönte. — 154— Herr Snartby nickte beifällig mit dem Kopf und murmelte:„ja,'s geht ihm wohl!“ Nordheim ſagte erleichtert:„er lebt alſo doch noch!“ „Ja, noch lebt er, betonte Snartby,„aber's wird wohl nicht lange mehr dauern! Hat in ganzer vier Tagen, daß'r hier logirt, keinen Biſſen nich gegeſſen. Hat keinen Appetit nich, der arme Kerl!“ „Sie geben ihm doch zu eſſen?“ fragte Nord⸗ heim entſetzt. „Mit nichten nicht,“ erwiderte Snartby ſpöttiſch, „er hat keinen Appetit nich, und's Eſſen würd' ihm gewiß ſchlecht bekommen ſind!“ „Ihr wollt ihn verhungern laſſen?“ rief Nordheim erbleichend.„Dies iſt wider die Ab⸗ rede! Sie verſprachen der Lady, ihn gut zu halten.“ „Hab' ihn auch gut gehalten,“ ſagte der Kerl zweideutig,„ſo gut, daß r gewiß nie⸗ mals nicht entlaufen ſoll! Halt' ihn gut, mei⸗ ner Treu!“ Beide Kerle brachen in ein wildes Lachen aus, und Mr. Trumpet ſagte:„ſollten woll 'ne Wärterin für den Patron halten, ihn zu pflegen?“ „Wir ſind keine Narren nich!“ ſagte Snartby, „und können’s Geld ohne ihn gebrauchen! Und ˙s iſt nicht unſere Schuld nich, wenn der Kerl ſich 4 — 155— nich dran gewöhnen thut, ohne Eſſen zu leben, und wenn'r dran ſtirbt, kann Niemand nich ſa⸗ gen, daß wir'n todt gemacht haben! Was kön⸗ nen wir derfür, wenn'r ne abzehrende Krank⸗ heit hat?“ Wieder lachten Beide laut, und Nordheim ſagte tief erſchüttert:„hören Sie mich an, hören Sie mich an! Ich komme, um dieſen Unglücklichen zurückzufordern, ihn wieder mit mir zu nehmen. Ich weiß, Sie bekommen von der Dame einen monatlichen Lohn; dieſer ſoll Ihnen ſtets un⸗ verkürzt bleiben, ſelbſt wenn Sie mir geſtatten, den armen Menſchen mit fort von hier zu nehmen!“. „Du hör' mal, da iſt Vortheil darbei!“ ſagte Mr. Trumpet. „S iſt keiner nich derbei,“ ſagte der liſtige Snartby.„Was denn für'nen Vortheil, als daß man uns vielleicht'ne Falle legt, und uns die Schlinge über die Ohren ziehen will! Was denn für'nen Vortheil, wenn doch der Kerl in'nen zwei oder drei Tagen ſo ſchon's Leben aufgeben thut! Ich ſage, aus der Sachen wird nichts, vor folchen niedrigen Preis ge⸗ wiß nicht!“ „Ich biete Ihnen noch außerdem zwanzig Pfund!“ rief Nordheim dringend. „Nichts da!“ ſagte Snartby kopfſchüttelnd. „S Monatsgeld gefällt mer überhaupt nich und — 156— 's zu unſicher. Kann die Dame nich verreiſen oder gar ſterben, und könnt' ich mal einen Mo⸗ nat an der verabredeten Ecke kommen, und thät ihr nich finden, kriegt's Geld nich, niemals nich mehr!“ „Fordern Sie, fordern Sie dann,“ ſagte Nordheim ungeduldig. „Möcht's Monatsgeld im Ganzen ausbezahlt bekommen!“ ſagte Snartby,„ein für allemal. Laßt mal nachrechnen, wieviel das beträgt? Ich denke noch ſo'n dreißig Jahr z'leben, das macht — wie viel Monat ſind das, Herr, denn könn'n wir ja ſehen, wie viel's macht.“— „Hört Ihr nicht, das Stöhnen und Aechzen da oben wird immer lauter und angſtvoller,“ rief Nordheim ſchaudernd,„es iſt keine Zeit mehr zu verlieren!“ 1 „Was woll'’n Sie geben?“ fragte Snartby. „Fordert, was Ihr wollt,“ ſagte Nordheim, „hört, hört, ſchon wieder dieſes Angſtgeſtöhne! O kommen Sie, kommen Sie, laſſen Sie uns ihm mindeſtens etwas Brod bringen.“ „Was wollen Sie geben?“ wiederholte Snartby mit unerſchütterlicher Ruhe. „Ich geb' Euch tauſend Pfund!“ rief Nord⸗ heim,„führt mich nur zu ihm!“ „Legen Sie hundert zu!“ „Auch das! auch das!“ rief Nordheim. 2 — 157— „Und's wird ſogleich baar ausgezahlt, wenn wir'n frei laſſen und Ihnen überliefern?“ „Sobald Sie ihn mir ſicher bis zu meinem Wagen gebracht haben, zahle ich Ihnen die Summa.“ „Wo hält Ihr Wagen?“ Nordheim bezeichnete ihm die Straße, und Snartby antwortete:„Bis dahin können wir'n bringen. Und dann ſolln wir's Geld ſogleich haben? Tragen Sie's denn bei ſich?“ „Nein! Aber Sie begleiten mich zu einem mir bekannten Banquier, und empfangen dort die ganze Summe.“ „Das geht nicht!“ ſagte der vorſichtige Snartby. „Halten Sie mich für ſo'n dummes Thier, daß ich ſo leicht in de Falle gehen ſollte?“ „So beſtimmen Sie ein anderes Mittel!“ „Geben Sie mir'ne Verſchreibung,'nen Wechſel auf'nen bekanntes Banquierhaus,“ ſagte Herr Snartby,„und'nen andrer Kerl, einer von unſern nicht anrüchigen Agenten, ſoll'n einlöſen!“ „So ſoll es ſein!“ ſagte Nordheim.„Ich habe mich mit ſolchem Wechſel verſehen.“ „Tragen Se'n bei ſich?“ fragte Trumpet ſchnell. „Nein,“ erwiderte Nordheim lächelnd;„es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß Sie Ihre Kunſt hieran nicht werden üben können. Der Wechſel iſt in meiner Brieftaſche, die ich ab⸗ 2 158— ſichtlich im Wagen zurückgelaſſen habe. Sowie wir denſelben erreicht haben, empfangen Sie den Wechſel.“ Mr. Snartby erklärte ſich endlich zufrieden ge⸗ ſtellt und ſagte:„nun, ſo wollen wir denn raufer gehn, den winſelnden Kerl zu befreien!“ „Nehmen Sie etwas Brod mit und einiges Getränke!“ bat Nordheim. „Wollen Sie's extra bezahlen?“ „Gern, gern, nur laſſen Sie uns eilen!“ Herr Snartby nahm etwas Brod und Brannt⸗ wein, und deutete Nordheim an, ihm zu folgen. Auf einer ſteilen Leiter, an der hier und da die Sproſſen fehlten, und die ſich knarrend unter ihnen bog, als ſei ſie jeden Augenblick bereit, un⸗ ter ihrer Laſt zuſammenzubrechen, kletterte Nord⸗ heim mühſam hinter Mr. Snartby hinauf nach dem dunkeln, von einer kleinen Dachluke nur matt erhellten Bodenraum. Jetzt konnte man das StöIhnen und Winſeln des halb Verhunger⸗ ten ſchon deutlicher und näher vernehmen, und Nordheim fragte erſchaudernd:„ſind wir zur Stelle?“ „Laſſen Sie mich erſt de Kammer uf⸗ ſchließen,“ ſagte Snartby,„dann werden wir zur Stelle ſind.“ Aber bei der Dunkelheit war es ſchwer, den Schlüſſel in das Schloß zu bekommen, und Herr Snartby in ſeiner ſtoiſchen Ruhe ſtrengte ſich eben — 159— nicht ſonderlich an in ſeinen Bemühungen; ſchon fürchtete Nordheim das matter und ſchwächer wer⸗ dende Geſtöhne, das von innen her ertönte, möge das Sterben des Unglücklichen bezeichnen, als die Thür endlich aufflog, und Herr Snartby Nord⸗ heim einlud, ihm zu folgen. Völlige Finſterniß herrſchte in dem Raum, den ſie jetzt betraten, auch nicht die kleinſte Fuge, oder Luke geſtattete hier das Einziehen des Tages⸗ lichtes und der friſchen Luft; ein verpeſteter ekeler Dunſt ſchlug Nordheim entgegen, und nöthigte ihn faſt zurückzutreten, aber das Jammergeſchrei des Unglücklichen, das jetzt lauter und gräßlicher er⸗ tönte, ließ ihn dieſen phyſiſchen Widerwillen über⸗ winden, und die Hände vor ſich haltend, um nicht in der Dunkelheit anzuſtoßen, ſchritt er nach jener Seite hin, von welcher das Klagegeſchre ertönte. „Gebt mir Brod, nur ein Stücdchen Brod!“ jammerte Giuſeppo. „Da, da habt'r was'r wollt,“ ſagte Snartby, und reichte ihm das mitgebrachte Brod dar. Einen Augenblick ward alles ſtill, man hörte nur das haſtige Eſſen und Schlucken des Hungern⸗ den, das Nordheim in dem Schweigen rings um⸗ her grauſig erklang. „Da, nu trinkt auch mal,“ fuhr Herr Snartby fort und gab Daſſa die Flaſche—„ſo, und nu, hört an, was'ch Euch ſagen will;'s iſt'n guter -— 160— Freund von Euch hier, und hat Euch los gemacht, daß'r mit ihm gehen könnt!“ „Wer iſt er? wie heißt er?“ fragte Daſſa ſchwach. „Ich bin's, Giuſeppo Daſſa,“ ſagte Nordheim ernſt,„erkennen Sie meine Stimme?“ „ga, ich erkenne Sie,“ ſagte er freudig und verſuchte aufzuſtehen, ſank aber kraftlos zurück. „Erbarmen Sie ſich meiner! Geben Sie mir noch etwas Brod, damit ich wieder gehen kann! Kommen Sie hierher zu mir, daß ich Ihre Hand faſſe, ich, ich—“ Seine Stimme erloſch, er war zu ſchwach zum Sprechen, und Nordheim ſagte:„laſſen Sie uns ihn hinabtragen, Mr. Snartby, die friſche Luft und das Licht wird ihm wohlthun.“ Sie hoben ihn auf, tappten mühſam zurück zu der offenen Thür und gelangten endlich über die zerbrechliche Leiter hinunter in Snartby's Zimmer, wo Mr. Trumpet ihrer harrte. Hier legten ſie den kaum noch Athmenden auf das Bett, und erſt jetzt konnte Nordheim einen Blick auf das Angeſicht des Geretteten werfen. Welch ein Anblick! Wie war es möglich, daß wenige Tage ein menſchliches Angeſicht ſo zu ändern vermoch⸗ ten?! Die eingefallenen, nur mit runzeliger Haut bedeckten Wangen mit den ſpitzen Backenknochen waren von einer fahlen, leichenartigen Bläſſe, die glanzloſen, todten Augen ruhten tief in ihren — 161— Höhlen, die blauen Lippen waren halb geöffnet wie im Krampf des Todes, und die langen ma⸗ gern Hände mit den hochliegenden Adern hingen ſchlaff und kraftlos herab. Dazu das ſchwarze unordentliche Haar, das über die gelbe, ſchweiß⸗ bedeckte Stirn herabhing, die zerriſſene, ſchmuzige Bekleidung, das wahnſinnige Hinſtarren dieſer er⸗ loſchenen Augen!— Nordheim vermochte es kaum zu ertragen, ſelbſt ſeine geſtählte, kräftige Natur erlag dieſem entſetzensvollen Anblick menſchlichen Elends, und ſein Geſicht mit ſeinen Händen be⸗ deckend, ächzte er laut. Inzwiſchen hatte Herr Snartby einige nach dem Hofe führende Fenſter geöffnet, und die her⸗ eindringende Luft ſowie eine zweite Stärkung von Brod und Branntwein begann auf Daſſa's Körper und Geiſt einen wohlthätigen Einfluß zu üben. Sein Auge ſchaute weniger ſtier und an⸗ theillos, ſein Athem ward kräftiger, ein matter Anflug von Röthe kehrte auf ſeine Wangen zurück, und er hatte ſchon die Kraft, leiſe Nordheim's Namen zu rufen, und ihm mit einer grüßenden Kopfbewegung die Hand zu reichen. Nach Verlauf einiger Stunden, die er im ru⸗ higen Schlummer, nur dann und wann auf⸗ wachend, um aufs neue etwas Brod und Brannt⸗ wein zu ſich zu nehmen, verbracht hatte, erklärte er ſich, auf Nordheim's Frage, ſtark genug, um auf ſeinen und Snartby's Arm geſtützt gehen zu Die Flüchtlinge in London. III. 11 162— können, und nachdem„für beſondere Bezahlung“ auch Daſſa's Rock und Hut wieder herbeigeſchafft worden, verließen ſie das Haus und gelangten auf denſelben Wegen, wie ſie gekommen, wieder zurück zu Mr. Trumpet's Wohnung, und von da bis zu jener Straße, wo der Wagen Nord⸗ heim’s harrte. Nachdem ſie Giuſeppo Daſſa ſorg⸗ fältig hineingehoben, ſagte Snartby:„und nun die Bezahlung!“ „Hier iſt ſie!“ ſagte Nordheim, und nahm aus ſeinem in einer der Wagentaſchen befindlichen Portefeuille einen ihm von Lord Landstown zu dieſem Zwecke überſandten Wechſel,„nehmen Sie!—“ „Und für das Brod und den Branntwein?“— Nachdem auch dieſe Rechnung bezahlt, trennte ſich Nordheim von den würdigen Herren Snartby und Trumpet, die als Abſchiedsgruß grinſend die Hüte ſchwenkten, und raſch rollte der Wagen mit Nordheim und dem vor Ermattung ſchlafenden Italiener in das Lodging Haus zurück. Mühſam gelang es Nordheim, Daſſa zu wecken, als jetzt der Wagen vor ihrer Wohnung hielt, und mit Hülfe der herbeigerufenen Wirthin, die ganz ſprachlos vor Erſtaunen war über den Anblick des Wiedergefundenen, brachte er ihn hinauf in ſein Zimmer. „ Aber, mein Himmel,“ ſagte die Wirthin, endlich ihrer Verwunderung Luft machend,„wo — 163— iſt denn der Herr dieſe ganze Zeit geweſen? Und wie er ausſieht! Als wenn er ſchon im Grabe gelegen und die Würmer ihn angefreſſen hätten!“ „Auch iſt er dem Tode nahe geweſen,“ ſagte Nordheim,„eine plötzliche, furchtbare Krankheit hat ihn bei einem Bekannten, bei dem er zum Beſuch war, überfallen, und erſt heute iſt es mir gelungen, ihn dort aufzufinden und hierher zu ſchaffen, wo er unter Ihrer Pflege gewiß bald geneſen wird. Sehen Sie, er ſchläft ſchon wieder! Sorgen Sie für eine ſtärkende Brühe, und überlaſſen wir das Weitere ſeiner kräftigen Natur!“ Die Wirthin entfernte ſich kopfſchüttelnd, und Nordheim, nachdem er ſich überzeugt, daß Giu⸗ ſeppo in einen ruhigen erquicklichen Schlummer verfallen, verließ leiſe das Gemach, bedeutete die Wirthin, den Kranken zu pflegen, und begab ſich hinaus in die Villa zu Lord und Lady Landstown. Mit bangem Herzpochen, und zitternd in ah⸗ nungsvoller Furcht hatte Ellinor die langen Stunden des Tages auf Nordheim gehofft, und jede neu abgelaufene Stunde hatte nur ihre Angſt vermehrt. Wie, wenn er ihn nicht mehr fand, wenn es zu ſpät war? Jene grauſamen Menſchen waren wohl eines Mordes fähig; ſie hatte es in ihren Mienen geleſen, und o, mit welchen bittern 111 — 164— Qualen geſtand ſie ſich, daß ſie wohl heimlich ſo⸗ gar darauf gehofft hatte. Wie, wenn es nun ſchon gethan wäre, und ſie ſelber ſo zur Mörderin ge⸗ worden?!— Sie klammerte ſich, als ſie dies dachte, feſt an ihres Gemahls Buſen, und ein Strom von Thränen machte ihrem angſtvollen Herzen Luft. Da, horch, da rollt ein Wagen in den Hof, und der hereintretende Diener meldet Nordheim. Als dieſer eintritt mit ſeinen friedlichen ſchönen Zügen, ſeinem klaren, ruhig heitern Blick, da ath⸗ mete Ellinor erleichtert auf,— ſie hat in den Zügen ihres Freundes geleſen, daß er ihr minde⸗ ſtens keine ſchlimme Botſchaft bringt! Der Lord umarmte Nordheim mit heißen Dankesworten für die übernommene ſchwere Mühe, und fragte ihn dann nach demn Erfolg ſeiner Bemühungen. In ſchonender Weiſe erzählte Nordheim, wie er Daſſa gefunden. Lady Ellinor verbarg ſchau⸗ dernd ihr Geſicht in bhren Händen und klagte: „und alles dies durch meine Schuld! Wehe mir!“ „Sagen Sie nicht ſo,“ erwiderte Nordheim ernſt, „Sie waren nur in der Hand der Vorſehung das Werkzeug der Strafe, und was er gelitten, 8 nur eine kleine Vergeltung für die Qual und Pein, die er Ihnen bereitet. Dieſe Vergeltung aber bleibt hienieden niemals aus, und jede böſe That findet ſchon auf Erden ihren Lohn!“. —— 3 — — 165— „Wie wohl muß es Ihnen ergehen, wenn auch jede gute That ihren Lohn findet,“ ſagte der Lord, Nordheim mit Herzlichkeit die Hand reichend. „Das Böſe unterlaſſen, und das Gute thun, iſt unſere Pflicht,“ ſagte Nordheim,„und wird nicht belohnt, wie das Böſe beſtraft wird. Aber ich denke, das wenige Gute, was wir hienieden zu thun vermögen, findet doch in ſich ſelber den ſchönſten Lohn durch unſer eigenes Bewußtſein.“ „Und dies muß Ihnen ein Balſam für alle Schmerzen des Lebens ſein,“ erwiderte der Lord, „wer, wie Sie, ſtets bereit iſt, zu helfen und zu lindern, wer im großmüthigen Selbſtvergeſſen und Aufopfern, zu jeder Stunde helfend, vermittelnd, rathend und zum Beſten lenkend ſeinen Freunden zur Seite ſteht, und nur das Rechte will und das Edle, und an dieſes große Wollen alle Kräfte ſeines Daſeins giebt, ohne eigene Leidenſchaften und eigenes Begehren, wahrlich, der iſt erhaben über alles irdiſche Leid!“ „Sie überſchätzen mich,“ ſagte Nordheim leiſe, „und bedenken nicht, daß Alles dies, was Sie an mir rühmen, und weit glänzender und ſchöner ſehen, als es wirklich iſt, daß Alles dies doch nur eine Folge iſt meiner eigenen Fehler und Mängel. Mein Lord, nur erſt nach verzehrenden Leiden⸗ ſchaften und innern Stürmen, nur erſt, wann wir matt gehetzt ſind von eignem Begehren und Wünſchen, vergeblich matt gehetzt, nur erſt, — 166— wenn Fehler und Schwächen, Irrthümer und Vergehen uns ſelber in Elend und Noth gebracht, ja, wahrlich nur erſt dann lernt man die Men⸗ ſchen tragen und dulden, wie ſie ſind, lernt ihren Fehlern verzeihen, ihre Mängel überſehen, und fühlt ſich bereit, ihnen zu helfen, wenn es in un⸗ ſere Macht gegeben. Vergeſſen Sie aber nicht, mein Lord, daß dies nur iſt, weil man ſelber durch die Schule der Sünde und des Unglücks gewandelt iſt, und daher es beſſer als Andere gelernt hat, die zu verſtehen, die mit uns dieſe Schule theilten, und die vielleicht weniger ſchnell ihre traurigen Lehren begriffen!“ „Wer aber möͤchte nicht durch dieſe Schule ge⸗ hen, wenn man ſo edel und erhaben, wie Sie, daraus hevorgeht,“ ſagte der Lord. Nordheim ſchüttelte leiſe das Haupt und ſagte mit melancholiſchem Lächeln:„es iſt ein zu mühe⸗ volles Tagewerk geweſen, als daß ich es meinen Freunden wünſchen ſollte, und die Wunden, die der Zuchtmeiſter, Leben genannt, mir mit grauſamen Ruthenſtreichen geſchlagen, ſchmerzen noch, wenn ſie auch ſchon vernarbt ſind.“ „Haben Sie ſo viel gelitten?“ fragte Lady Ellinor mitleidsvoll und reichte Nordheim ihre Hand hin, die er an ſeine Lippen drückte.„O laſſen Sie Ihre Freunde bemüht ſein, Ihnen Ihr Leid vergeſſen zu machen!“ „Vergeſſen?“ fragte Nordheim,„kann man— ————4 ⁰ͦõ——— —“ Hier ſtockte er und ſeine Miene erhellte ſich, — er erkannte den leichten elaſtiſchen Schritt, der vom Vorſaal ertönte, und mit freudigem Ausdruck wandte er den leuchtenden Blick hin zu der Thür, die ſich jetzt öffnete. Ja, es war Ellen; Nord⸗ heim's Ankunft nicht ahnend, kam ſie, ihrer Mut⸗ ter einen Strauß friſcher Roſen zu bringen; ſie kam mit heiterem roſigen Angeſicht und glänzen⸗ den Augen, mit heller lachender Stimme ein Scherzwort ihrer Mutter entgegenrufend, dann ſah ſie Nordheim, und mitten im angefangenen Satze verſtummte ſie, und das Lachen verſchwand von ihrem holden Munde, der doch auch nicht ernſthaft ward, ſondern nur leiſe lächelte; die Wangen übergoß eine Purpurröthe und das helle Auge ſenkte ſich. So ſtand ſie da, den Roſen⸗ ſtrauß in ihrer Hand, ſelber eine zarte liebliche Roſe, leiſe bebend in unbekannten Gefühlen, die, wie ein Windhauch die Roſe, ihr Herz zittern machten; es war nur ein Moment, aber er war für Nordheim reich an Glück, und als Ellen lang⸗ ſam und ſchüchtern das Auge erhob, begegnete ſie Nordheim's glänzenden, freudeſtrahlenden Blicken, die ſie wieder erröthen machten, und dann ſagte ſie leiſe:„Herr Nordheim!“ O dieſe Stimme! Nordheim meinte, nie eine ſchönere Muſik gehört zu haben; auch lag in dem Klang, mit dem ſie ſeinen Namen nannte, für ihn eine tiefe und inhaltsreiche Melodie! — 168— „Fräulein Ellen!“ ſagte er faſt eben ſo leiſe und befangen, wie ſie, und dann ſahen ſie ſich wieder an, und ſchienen im Anſchauen ganz zu vergeſſen, daß noch zwei andere Menſchen zugegen waren; auch bemühten Lord und Lady Landstown ſich nicht, ſie ſich deſſen erinnern zu machen. Sie waren in eine Fenſtervertiefung getreten, und be⸗ ſprachen ſich dort in leiſem lebhaften Geſpräch über Giuſeppo Daſſa, und Alles das, was ſie mit Nordheim, in Bezug darauf, verabreden wollten. „Wie ſchön dieſe Roſen ſind!“ ſagte Nordheim, auf Ellen's Strauß deutend. 4 „Und wie ſchön es von Ihnen wäre,“ erwi⸗ derte Ellen, nun ſchon wieder unbefangen,„wenn Sie dieſen Strauß recht ſorgſam mitnehmen und meiner geliebten zweiten Mutter als einen Gruß von mir bringen wollten!“ „Geben Sie her,“ ſagte Nordheim,„denn ob⸗ wohl es nicht meine Abſicht war, heute nach Sweetcalmneß zu gehen, ſo werde ich es doch jetzt thun, dieſen Gruß zu bringen.“ „Und zum Lohn dafür, rief Ellen heiter, mögen Sie ſich eine dieſer ſchönen Roſen nehmen!“ „Ein Geſchenk, das man nimmt, iſt nur ein halbes, ein gegebenes erfreut doppelt,“ ſagte Nordheim;„wollen Sie mir nicht eine dieſer Blüten geben?“ Ellen wählte prüfend unter den Roſen, legte — 169— jede Blüte zwiſchen ihre zarten Finger, und ſah ſie an, und keine ſchien, wie ſchön ſie immer ſein mochte, ihr gut genug. Nun nickte ſie lächelnd und befriedigt, und nahm aus dem Strauß eine volle, halb noch geſchloſſene Knospe, und reichte ſie Nordheim dar. „Die iſt für Sie,“ ſagte ſie freudig.„Ich gebe Ihnen nur eine Knospe, damit Sie ihr Ent⸗ falten und Blühen, ihr Prangen und Duften noch ganz genießen können, damit nichts Ihnen vorweg genommen iſt, und ſo, als eine ſolche noch zu er⸗ wartende Blüte wünſche ich Ihnen das Leben und die Zukunft.“ Nordheim erwiderte nichts, er war zu bewegt, und konnte Ellen nur mit ſeinen Blicken danken; er drückte, auf ſie hinſchauend, die Roſenknospe an ſeine Lippen, und verbarg ſie dann an ſeiner Bruſt. Ellen zuckte leiſe zuſammen und wandte ſich ab; in dieſem Augenblicke trat der Lord mit ſeiner Gemahlin, deren Geſpräch beendet war, zu Nordheim und Beide baten ihn um eine Unter⸗ redung in Bezug auf Daſſa. Nordheim nahm Abſchied von Ellen und folgte Beiden in das anſtoßende Gemach. Lange noch, als er fort war, ſtand Ellen und ſchaute nach der Thür, durch welche Nord⸗ heim verſchwunden, und wunderbare Gedanken mochten in ihrem Buſen auf und ab wogen, denn jetzt ward ihre Wange von Purpurröthe über⸗ — 170— goſſen, dann erbleichte ſie wieder, bis dieſe Bläſſe einer neuen Röthe wich. Ellen aber verſtand ihre eigenen Gedanken nicht und ſchüttelte, verwundert über ihre ſeltſame Beklemmung, wie mißbilligend den Kopf; dann blickte ſie umher, und als ſie ſich überzeugt, daß ſie wirklich allein war, bückte ſie ſich, um das Blatt aufzuheben, das ſich von der Roſenknospe, die ſie Nordheim gegeben, abgelöſt hatte. Sie nahm es und drückte es verſtohlen, ſich ſcheuend vor ſich ſelber, an ihre Lippen, wie Nordheim die Knospe, und ſchob es dann in ihren Buſen. Als ſie es aber that, erröthete ſie und ſeufzte, und ſchlüpfte dann leiſe hinaus. XIII. Vendetta. Stärkende Nahrung und der erquickliche Schlaf einer ungeſtörten Nacht hatten Giuſeppo's Kräfte ſchnell wieder gehoben. Er fühlte ſich im Stande, aufzuſtehen, und im Zimmer umhergehend, über⸗ legte er, wie er an Ellinor für dieſe neue ihm zugefügte Schmach eine furchtbare Rache nehmen könne. Eine grenzenloſe Wuth tobte in ihm, un⸗ willkürlich ballten ſich ſeine Hände zur Fauſt, und zähneknirſchend murmelte er wilde Flüche und Ver⸗ wünſchungen über das Haupt derjenigen herab, die zu haſſen und zu peinigen ihm die Beſtimmung ſeines Lebens däuchte. Er fühlte ſeine Kraft ſich ſtärken an ſeinem Zorn, ſeine phyſiſche Schwäche ſich ſtählen an ſeiner Wuth. „Mag denn ein neuer Kampf beginnen,“ mur⸗ melte er ingrimmig, und hob drohend die geballte Fauſt empor,„ein Kampf auf Leben und Tod! O, ich werde ſie noch einmal halten hier, hier zwiſchen meinen Händen, und mit meinen Zähnen will ich ſie zerreißen, ſie, die mich jetzt vier Tage lang der peinvollſten Qual hingegeben!“ — 172— Ein Geräuſch an der Thür weckte ihn, und der Blick, den er auf den Eintretenden heftete, war ſo zornſprühend, daß der Menſch zuſammen⸗ ſchreckend einen Schritt zurücktrat, und ganz ſchüch⸗ tern berichtete: Se. Herrlichkeit, Lord Landstown, folge ihm auf dem Fuße, und wünſche Herrn Daſſa zu ſprechen. Ehe Giuſeppo Zeit hatte, etwas zu erwidern, öffnete ſich abermals die Thür, und der Lord trat ein; er winkte dem Diener, ſich zu entfernen, ver⸗ ſchloß dann ruhig die Thür und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Daſſa hatte ihm verwundert zugeſchaut und fragte jetzt barſch:„was machen Sie da, mein Herr?“ „Ich verſchließe die Thür, damit Niemand uns ſtören kann,“ erwiderte der Lord ruhig,„denn was wir zu ſprechen haben, duldet keinen Zeugen.“ Giuſeppo ſah ihn mit einem langen und ſpöt⸗ tiſchen Blick an, ſchlug dann die Arme ineinander und fing an, wie es ſchien, ganz ſorgkos im Zim⸗ mer auf und ab zu gehen. Nur einmal ſtand er, wie zufällig, vor dem Fenſter ſtill und neigte ſich, anſcheinend um hinunterzuſchauen auf die Straße. Der Lord aber, der mit ſcharfem Blicke jeder ſeiner Bewegungen gefolgt war, gewahrte, wie Ginſeppo ſchnell nach dem Dolch griff, der auf dem Fenſterbret lag, und ihn zu ſich ſteckte.„Be⸗ merken Sie,“ ſagte er ruhig zu Daſſa, der ſich zu ihm wandte,„bemerken Sie, daß ich auf Ihren Angriff vorbereitet bin.“ So ſprechend zog er mit vollkommener Seelen⸗ ruhe ein Terzerol aus ſeinem Buſen, zog den Hahn auf, legte Pulver auf, und ſagte während dieſer Beſchäftigung ganz gelaſſen:„es iſt ſcharf geladen, und ich verſichere Ihnen auf meine Ehre, machen Sie nur den geringſten Verſuch, ſich mir auf zwei Schritte zu nahen, ſo drücke ich ab. Und nun ſetzen Sie ſich dorthin, mir gegenüber, ich bleibe hier, laſſen Sie uns unſre Verhandlungen beginnen.“ Mit leiſen Flüchen und wilden Blicken auf das geſpannte Terzerol ließ ſich Giuſeppo auf den be⸗ zeichneten Seſſel niedergleiten, und der Lord ſagte lächelnd:„ich ſehe mit Freuden, daß ſie einem Manne und vielleicht mehr einem geladenen Piſtol gegenüber weniger Drohungen und Gewaltthätig⸗ keiten üben, als wenn Sie allein ſind mit einem ſchwachen wehrloſen Weibe!“ „Was wollen Sie von mir?“ fragte Daſſa, was berechtigt Sie, gewaltſam in mein Zimmer einzudringen, und mich, gleich einem Räuber, zu überfallen?“ Der Lord zuckte leicht die Achſeln und ſagte ironiſch:„Nothwehr! Ihr edles Beiſpiel hat mich dazu ermuthigt; aber bedenken Sie, unſer Kampf iſt nicht ganz ſo ungleich, wie der, den es Ihnen beiebe mit Ihrer Herrlichkeit der ad Lands⸗ . town zu führen. Wir Beide ſind Männer, Jeder von uns mit tödtlichen Waffen verſehen; dort aber kämpften Sie mit einem ſchwachen Weibe, die als Waffe nichts hat, als Thränen. Mein Herr, ein ſolcher Kampf war eines Neapolitaners würdig!“ „Mein Herr!“ ſchrie Giuſeppo wüthend,„Sie unterſtehen ſich, mich zu beleidigen, Sie erlauben ſich eine verächtliche Sprache—“ „Die ganz genau das ausdrückt, was ich em⸗ pfinde,“ unterbrach ihn der Lord.„Ja mein Herr, ich verachte den Mann, der ein junges, unerfah⸗ renes, unſchuldiges Mädchen, deſſen Lehrer man ihn zu ſein gewürdigt, hinter dem Rücken ihres vertrauenden Vaters mit Liebesnetzen umgarnt, und ſie verführt; ich verachte den Mann, der, wenn das Mädchen aufhört ihn zu lieben, weil ſie zur Erkenntniß ſeiner Unwürdigkeit gekommen, als eine Pflicht fordert, was nur ein freies Geſchenk ſein ſollte, nämlich Liebe; ich verabſcheue den Mann, der, wie ein blutgieriges Thier, feig bei Nacht nach Beute ſchleicht, und ſeiner früheren Geliebten das Kind ſtiehlt, deſſen Vater er iſt; o ich verabſcheue den Mann, der noch wilder iſt, wie das Thier der Wüſte, das doch ſeine Jungen liebt, den Mann, der ſein eignes Kind wiſſentlich und abſichtlich in das Verderben und den Jammer des Lebens ſtürzt, und der dann feig und tückiſch wie ein Orang⸗ Utang zurückkehrt, um ein wehrloſes Weib zu mar⸗ tern. Ja, ein ſolcher Mann iſt verächtlich und verabſcheuungswürdig, und dieſer Mann ſind Sie!“ Der Lord heftete, während er ſprach, ſo leuch⸗ tende, flammende Blicke der Verachtung auf Giu⸗ ſeppo, daß dieſer verwirrt einen Moment ſeine Augen ſenkte, dann raffte er ſich gewaltſam zu⸗ ſammen, blickte ſeinen Gegner mit tückiſchem Aus⸗ druck an und ſagte:„wirklich, ich hätte nicht ge⸗ glaubt, daß Se. Herrlichkeit der Lord Landstown ſich herablaſſen könnte, den Liebhaber ſeiner Ge⸗ mahlin zu beſuchen, ich werde davon zu erzählen wiſſen. Kommen Sie,“ fuhr er mit rauhem wil⸗ den Lachen fort, und ſtreckte Lord Landstown ſeine Hand entgegen,„wir Beide müſſen Freunde ſein. Wie ſollten zwei Männer, die ein und daſſelbe Weib beſitzen und umarmen, ſich haſſen können? Nimmermehr, wir ſind Freunde!“ „Meinen Sie,“ ſagte der Lord,„daß ich das Ziſchen einer Natter fürchte?“ „So lange ſie ruhig im Graſe liegt und man ihr die Füße nicht auf den Kopf ſetzen kann, ſollte man ſie allerdings fürchten,“ erwiderte Giuſeppo mit erkünſtelter Fröhlichkeit.— Dann nach einer Pauſe fuhr er fort:„Es ſcheint, daß Sie der weinenden jammernden Lady Geheimniſſe erforſcht haben? O, ich möchte ſie haben winſeln hören bei dieſer unwillkommenen Dazwiſchenkunft ihres geliebten Gemahls.“ 4 „Sie irren,“ ſagte der Lord ſtolz,„nicht ich 126— erforſchte dieſe Dinge, meine Gemahlin ſelbſt ent⸗ deckte ſie mir aus freiem Willen, und ich liebe ſie darum nur heißer. Es iſt Ihnen alſo nicht ge⸗ lungen, der Lady Glück zu trüben.“ „Ich denke doch,“ ſagte Giuſeppo mit einem grauſamen Lachen,„die zärtliche Mutter wird nicht aufhören, ſelbſt an Ihrem Herzen nach ihrem Kinde zu ſeufzen!“ „Auch hierin irren Sie,“ erwiderte Lord Lands⸗ town ruhig,„das Kind iſt gefunden und iſt ein ſchöner Theil von der Lady ungetrübtem Glück.“ Giuſeppo preßte knirſchend die Zähne aufein⸗ ander und ſtampfte wild den Boden.„Verdammt!“ murmelte er ingrimmig,„alſo Alles mißlungen!“ „Ja, wirklich mißlungen,“ erwiderte der Lord. „Sie ſehen, mein Herr, Sie ſind beſiegt, und die Rache, die Sie heraufbeſchworen, iſt zurückgefallen auf Ihr eigenes Haupt. Es war ein Kampf des Böſen mit dem Guten. Sie forderten die Macht des Schickſals heraus, es hat ſich gerächt an Ihnen; alle Ihre Pläne ſind mißlungen, die Rachegedan⸗ ken langer Jahre ſind umſonſt geweſen, und alle Ihre Hoffnungen ſind gebrochen.“ „Noch nicht alle, nicht alle,“ ſagte Giuſeppo, noch habe ich meine Erinnerungen, die mir Nie⸗ mand rauben kann, und noch giebt es in England eine freie Preſſe, und viel Lords und Ladys, die es nicht verſchmähen werden, die Liebesaventuren der Lady Landstown gedruckt zu leſen.“ „Ich fürchte nur,“ ſagte der Lord mit uner⸗ ſchütterlicher Ruhe,„daß ſie nicht dazu kommen werden, Ihre ſchätzbaren Erinnerungen zum Drucke zu bringen. Man iſt es nicht gewohnt, die Do⸗ kumente Wahnſinniger zu drucken, wenn dieſe es auch wünſchen.“ „Wahnſinniger?“ ſtammelte Giuſeppo. „Ich ſagte ſo,“ fuhr der Lord fort,„und hier ſind wir denn endlich wirklich bei unſerm Geſchäft angelangt. Ich komme, um mit Ihnen einen Ver⸗ gleich zu Stande zu bringen!“ „Niemals, niemals!“ ſagte Giuſeppo mit wil⸗ dem Fluch. „Beliebt es Ihnen, mich erſt zu Ende zu hö⸗ ren. Nachher mögen Sie wählen! Es iſt natür⸗ lich, daß Lady Ellinor ſo wenig als ich wünſchen können, daß Sie in England bleiben, um ſo mehr, da Ellen, der Lady ſchöne und liebliche Tochter, ſowie alle Welt, keine Ahnung hat von des Mäd⸗ chens eigentlichem verabſcheuungswürdigem Vater. Man hält ſie für meine Tochter, und ſie führt meinen Namen. Sie ſehen, daß auch hierin Ihre klugen Berechnungen Sie täuſchten. Das Mädchen macht weder ihrer Mutter Schande, noch ſich ſelber! Sie müſſen alſo entfernt werden von hier: Ein Deportationsſchiff liegt im Hafen; ich habe einen Platz für Sie auf demſelben gekauft, ich verſehe Sie mit einem hinlänglichen Kapital, damit Sie ſich in der neuen Welt ankaufen und gemächlich Die Flüchtlinge in London. III. — 178— leben können, und Sie verlaſſen noch in dieſer Nacht auf jenem Schiffe für immer England und Europa.“ „Nie, nie!“ rief Giuſeppo, zitternd vor Wuth. „Nie wird das geſchehen! Nie, ſo lang ich lebe, ſoll dies Weib ruhig und ohne Sorge ihre Tage leben. Nein, wie ein Geſpenſt ſoll ſie die Furcht martern, die Furcht, ich könnte zurückkehren und ihre Schmach enthüllen, und die Schande ihres Kindes! So lange noch Athem in mir iſt, wird es das Ziel und der Zweck meines Lebens ſein, Rache zu nehmen an dieſer Verruchten, die ich haſſe mit aller Kraft meines Weſens! 1 „Sie gehen alſo nicht ein auf meinen Plan?“ fragte der Lord ernſt. „Nimmermehr!“ rief Daſſa wild. „ In dieſem Falle,“ fuhr Lord Landstown ruhig fort,„beſorge ich, daß Sie noch heute eine unfreiwillige Fahrt nach Bedlam antreten müſſen. Sie wiſſen vielleicht, daß dies ein Irrenhaus in der Nähe von London iſt, und ich weiß, daß man dort eine Zelle eingerichtet hat für einen Diener des ver⸗ ſtorbenen Lord Dynhurſt, des Vaters meiner Ge⸗ mahlin, welcher Diener an unheilbarem Wahn⸗ ſinn leidet.“ „Wer wird dies alberne Märchen Blauben, 44 ſagte Giuſeppo, anſcheinend ſorglos. 2 „Sie bemerkten ſelbſt, daß wir in England eine freie Preſſe haben, und daß unſere Lords und Ladys gerne leſen. Erlauben Sie mir, Ihnen einen klei⸗ nen Artikel vorzuleſen, der, falls Sie auf meinen erſten Vorſchlag nicht eingehen, unfehlbar morgen früh in der Morning Chronicle zu leſen ſein wird.“ Der Lord zog ruhig ein Papier aus ſeinem Buſen und las:„Geſtern Abend ſah ſich Lord Landstown genöthigt, einen der Diener ſeines ver⸗ ſtorbenen Schwiegervaters, des Lord Dynhurſt, nach Bedlam bringen zu laſſen. Derſelbe, ein Neapolitaner von Geburt, war dem Lord nach England gefolgt, und lebte bis jetzt ſtill und fried⸗ lich auf einem der Güter des Lords. Seit eini⸗ ger Zeit, vielleicht in Folge des Heimwehs in Trübſinn verfallen, zeigten ſich täglich heftigere Spuren von Wahnſinn bei ihm. Er verſchwand von dem Gute und zeigte ſich plötzlich in London, kam nach der Villa Landstown, behauptete, ein Sänger und der Lehrer der Lady zu ſein, und trieb ein ſolches Unweſen überhaupt, daß der edle Lord ſich endlich genöthigt ſah, ihn auf Lebenszeit nach Bedlam zu bringen, wo er einer ſorgfältigen Pflege übergeben worden iſt.“—„Sie ſehen,“ ſagte der Lord, nachdem er geleſen,„daß dieſe Erzählung einige Wahrſcheinlichkeit für ſich hat!“ Giuſeppo antwortete nichts; er rannte, wie außer ſich, im Gemach hin und her, zuweilen ein⸗ zelne Schreie der Wuth ausſtoßend, gleich denen einer gefeſſelten Hyäne; dann wieder mit der ge⸗ ballten Fauſt ſich ſelber die Bruſt ſchlagend, dann 12* 3* * — 180— ſeine Augen mit zornſprühenden Blicken im Zim⸗ mer umherrollend, als ſuche er einen Gegenſtand, an dem er ſeine Wuth auszutoben vermöchte, dann wieder ſtill ſtehend und Worte ohne Sinn und Zuſammenhang murmelnd, und mit ganz entſtell⸗ ten, todesbleichen Zügen den Boden ſtampfend, glich er in der That einem Wahnſinnigen im Krampf der Raſerei. „Wollen Sie ſich entſcheiden?“ fragte der Lord. „Laſſen Sie mich! Ich will Ihre verhaßte Stimme nicht mehr hören! Laſſen Sie mich allein!“ „Nicht eher, als bis Sie ſich entſchieden haben!“ erwiderte der Lord feſt. „Wozu ſoll ich mich entſcheiden?“ fragte Giu⸗ ſeppo, der ganz ſinnlos war. „Entweder heute Nacht deportirt zu werden, oder ſogleich nach Bedlam zu wandern. Zu dieſem letztern Falle ſteht ſchon ein Wagen bereit, und vier meiner ſtärkſten Diener harren vor Ihrer Thür nur eines Winkes von mir. Entſcheiden Sie ſich!“ „Nicht jetzt, nicht jetzt,“ ſagte Giuſeppo athem⸗ los,„laſſen Sie mir Zeit.“ „Auch das!“ ſagte der Lord aufſtehend,„ich laſſe Ihnen eine Stunde Bedenkzeit, nach dieſer kehre ich zurück. Leben Sie wohl bis dahin!“ Er öffnete die Thür, trat hinaus und ver⸗ ſchloß ſie wieder. Giuſeppo war nun allein; er ſank nieder auf — 181— den Divan und ſtarrte in finſtern Grübeleien vor ſich hin. Alle ſeine Wünſche waren alſo zerſtört, und die Pläne von vierzehn Jahren, die er mit ſeinem Herzblut, mit ſeiner Seele genährt, waren alle auf einen Schlag zertrümmert. Wozu hatte er nun gelebt, wozu würde er leben? Er, der ſeine Seele daran geſetzt, der es zur Aufgabe ſeines Da⸗ ſeins gemacht, Ellinor's Glück und Frieden zu vernich⸗ ten, und den jetzt die Dämonen alle, die er zu ſeiner Hülfe gerufen, und denen er ſich ſelbſt dahingegeben, den ſie jetzt alle verlaſſen hatten! Sie war glücklich! O, der Zorn drohte ihn zu erſticken bei dieſem Gedanken,„ſie iſt glücklich, und ſeine Rache kann ihr Glück nicht mehr beängſtigen! Sie iſt ſeiner Gewalt entzogen! Mehr als das. Er iſt be⸗ zwungen; gedemüthigt, erniedrigt ſteht er vor ihr da! Sie, die er zerſtören wollte, glücklich, er, zer⸗ brochen und elend, nur für die Zukunſt die trau⸗ rige Wahl zwiſchen einer wüſten Inſel oder dem Irrenhauſe!“ Als er dies dachte, brach er in wildes lautes Lachen aus und blickte dann wüthend umher und fragte:„wer lacht da?“ Er wußte gar nicht, daß er es ſelbſt gethan! Dann ſprang er auf und rannte wüthend umher, und ſchlug mit den Fäuſten auf den Tiſch, daß alles darauf Befindliche klirrend emporfuhr, rannte mit dem Kopf gegen die Wand, daß es krachte, und ſtampfte dann mit den Füßen vor Schmerz und ſtieß wilde Flüche aus. — 182— „Mich nicht rächen können! Ihr zum Spott zu werden!“ rief er wild.„Nimmermehr! und müßte ich mir ſelbſt das Herz aus dem Leibe rei⸗ ßen, müßt' ich mich ſelbſt in die brennende Hölle ſtürzen, es wäre beſſer als zu leben und zu wiſſen, daß ich von ihr bezwungen bin, und daß mein elendes Leben ihr Werk iſt.“ Jetzt haftete ſein Blick zufällig am Fenſter, ein Gedanke durchzuckte ihn, und er jauchzte:„dort iſt Rettung!“ Er ſtürzte zum Fenſter und ſchaute hinab, dann prallte er zurück und ſagte fluchend: „auch das unmöglich!“ Seine beiden Fenſter gingen auf den geſchloſſe⸗ nen Hofraum des Lodging Hauſes, und er ſah dort unten vier Männer in der Livree Lord Lands⸗ town's ſtehen, die unverwandt nach ſeinen Fenſtern emporblickten. Er ward alſo auch dort bewacht, und auch dort war an kein Entkommen zu denken! Wieder rannte er in wilder Wuth und in ohnmächtigem Zorn auf und ab, in eigener ver⸗ zehrender Leidenſchaft ſich ſelber bis zum Wahn⸗ ſinn ſteigernd. Es war ihm, als flüſtre und lache es um ihn her, als umtanzten ihn hohnlachende Dämonen, und flüſterten ihm zu von ſeiner ver⸗ eitelten Rache, und nannten ihn einen Wahnſinni⸗ gen, einen Deportirten, und dann wieder meinte er Ellinor's Geſicht zu ſehen, und ſie nickte ihm ſpöttiſch zu und lachte;„mein iſt die Rache! Ich habe geſiegt!“ Immer dichtere und engere Kreiſe —— — 183— zogen die Dämonen um ihn her, inmer gellender erſchallte ihr Hohngelächter um ihn, und dazwiſchen kreiſchte es:„vierzehn Jahre umſonſt gearbeitet! Umſonſt Deine Seele dem Teufel verſchrieben! Ellinor iſt glücklich und Du allein biſt elend!“ „Schweigt, ſchweigt!“ ſchrie Giuſeppo mit den Füßen ſtampfend und ſich die Ohren zuhaltend, „ſchweigt, ich will Euch nicht hören!“— Sie ſchrien aber lauter und lauter, und betäubten ſeine Ohren und nahmen ihm die Sprache, daß er nicht ein⸗ mal mehr gebieten konnte:„ſchweigt!“— Dann es ihm, als nage ein Wurm an ſeinem Her⸗ zen, langſam, aber qualvoll, und wie er ſeine Hand feſt auf ſein Herz drückte, ſah auch der Wurm ihn grinſend an und lachte:„haſt vierzehn Jahre umſonſt gearbeitet? Ich arbeite nicht umſonſt.“ Und Ginuſeppo ſchlug ſich mit der Fauſt ſein eige⸗ nes Angeſicht und raufte ſich ſein Haar und kreiſchte: „Vierzehn Jahre und keine Rache! Sie ſoll nicht über mich triumphiren! Sie ſoll nicht glücklich ſein!“ — Die Teufel in ihm aber lachten ſo laut, daß er ſchweigen mußte, weil er ſeine eigene Stimme nicht mehr zu unterſcheiden vermochte. Und nun, mit welchen Flüchen ſank Giuſeppo zur Erde nie⸗ der und raufte ſich ſein Haar! Die Gewalt ſeiner Leidenſchaft hatte ſeine Sinne übermannt und ſeine Vernunft umnebelt; der dort am Boden mit ſchäumendem Munde Verwünſe hur ausſtoßend ſich windet und krümmt, der iſt wirtſich ein — 184— Wahnſinniger, der Vernunft Beraubter!— Zu⸗ weilen kehren ihm helle Gedanken zurück, aber nur, um mit ihrer Pein und ihrem Hohne ihn aufs neue zum Wahnſinn zu treiben. Da, jetzt, horch! Da klopft's und Lord Lands⸗ town's Stimme ruft von außen:„Haben Sie ſich entſchieden?“ Giuſeppo fliegt empor, Todesſchweiß auf der Stirne, mit zitternden Lippen und ſchlotternden Gliedern, bleich, wie eine Leiche— ſein irrer Blick ſchweift umher, nach Rettung, nach Hülfe ſuchend, und der Lord von außen wiederholt ſeine Frage. — Nun greift Ginſeppo in ſeine Bruſt, ſeine Hand faßt den Dolch, er zieht ihn aus der Scheide und ſchwingt ihn hoch über ſeinem Haupte mit einem triumphirenden Lächeln, daß ſeine weißen Zähne zwiſchen ſeinen blauen Lippen ſichtbar werden. Nun bricht er in ein lautes Gelächter aus, wie der Schakal lacht in blutgieriger Freude. Der Lord ſchließt die Thüre auf, Ginſeppo hört's! Noch einmal ſchwingt er hoch den blinken⸗ den Dolch, dann ſenkt er ihn tief in ſein eige⸗ nes Herz. Die Thür geht auf, der Lord tritt herein und wiederholt zum dritten Male ſeine Frage:„Haben Sie ſich entſchieden?“ Ein Ausdruck des Triumphes und wilden Spot⸗ tes flog durch Giunſeppo's Züge, und laut und kräftig ſagte er:„Ja!“— Dann ſinkt er nieder — 185— zur Erde, und nun mit der letzten Kraftanſtrengung reißt er den Dolch aus der Wunde. In einem hohen vampfenden Strahl ſchoß das Blut daraus hervor bis an die Decke des Gemachs, und über⸗ ſtrömte dann den Boden. Giuſeppo's Augen ſind ſtarr und unverwandt auf den Lord gerichtet, deſſen ſichtbares Erſchrecken und Entſetzen ihn auch noch im Tode zu erfreuen ſcheint, denn ein grauſames Lächeln umſpielt noch die Lippen des Geſtorbe⸗ nen!— XIV. Herzenskämpfe. Von nun an war Nordheim ein täglicher u ſtets willkommener Gaſt in der Villa Landstown, und ihm ſelber ſchienen die Stunden, die er nicht dort zubrachte, verloren und zwecklos. Alle ſeine Gedanken und Empfindungen waren auf Ellen gerichtet; war er von ihr fern, ſo ſaß er zu gan⸗ zen Stunden ſchweigend und ſtill, und ließ an ſeiner Seele ihr geliebtes Bild vorübergleiten, malte ſich jeden Zug dieſes holden Angeſichts, jedes Lächeln dieſer purpurnen Lippen, jedes Er⸗ röthen dieſer ſammtnen Wangen, jede Bewegung dieſer leichten grazienhaften Geſtalt, träumte ſich neben ſie, glaubte ihre Stimme zu hören, in ihr glänzendes Auge zu ſchauen, und ihren Worten voller Frohſinn und tiefem Ernſte zu lauſchen. O, dieſes holde Weſen, wie hatte es mit ſeiner Anmuth und Lieblichkeit ihn bezaubert, mit ſeiner Unſchuld und Jugend ihn ſelber unſchuldig gemacht — 187— und jung! Ja, er war wieder ein Jüngling ge⸗ worden, ein vertrauensvoller, hoffender Jüngling voller Zukunftsträume und Wünſche! Vergeſſen und verſchwunden war Alles, was das Leben ihn gelehrt in bittern ſchmerzvollen Erfahrungen und enttäuſchten Hoffnungen, und wenn er in Ellen's Angeſicht ſchaute, ſo meinte er in dieſen reinen Zügen auch für ſich eine neue Jugend und Reinheit ſtrah⸗ len zu ſehen. Ein neues Leben war in ihm auf⸗ gegangen, ein Leben, an das er lange, lange nicht mehr geglaubt, das ihm nur in den Träumen ſei⸗ 85 Jugend möglich und erreichbar geſchienen, und deſſen Ahnung er längſt in das Meer der Schmer⸗ zen und Erfahrungen verſenkt hatte. Wo war ſeine Verachtung der Welt, ſein Ueberdruß und Mißmuth, ſein Unglaube und Zweifeln, ſein Glaube an die Unbeſtändigkeit und Vergänglichkeit, wo war das Alles, Alles hin? Ein junges unerfahrenes ahnungsloſes Weſen hatte mit ſeiner Unſchuld und naturvollen Weisheit alles dies gewandelt, und aus dem Angeſicht einer Jungfrau las er eine neue Schrift in Lettern, die nur nach und nach ſeinem innern Verſtändniß erkennbar wurden, eine Schrift, die ihm predigte von der Schönheit und Herrlichkeit der Welt, von der Heiligkeit des Men⸗ ſchen und der Unſterblichkeit und Ewigkeit einer Seele, die ſo herrlich aus dieſen Mädchenaugen ſtrahlte; von der Unſchuld und erhabenen Weib⸗ lichkeit, der er dieſen reinen Zügen gegenüber mit — 188— ſtummen ehrfurchtsvollem Flehen Abbitte that für ſein Zweifeln und Spotten, und an die er jetzt glaubte mit zitterndem, jauchzendem, demuthsvollem Herzen; von dem Daſein und Walten eines Gottes und Schöpfers, an den er lange, lange Jahre nicht gedacht, und zu dem er jetzt täglich nun fromme Gebete in glaubensvoller Inbrunſt empor⸗ ſandte.— Er fragte ſich nicht mehr, wie das Alles ſein könnte, und wie wenige kurze Wochen das Gebäude mancher langen Jahre umzuſtoßen vermochten, er fragte nichts mehr und rrtelush nichts mehr, und fühlte doch, daß er in ſei Unweisheit nun erſt weiſe geworden. So lebte er die Tage hin, ſinnig froh in harmloſem Glücke. Und war es nicht ein Glück, an Ellen's Seite durch die hohen Laubgänge des Parks zu wandeln, hier von dieſem Hügel aus mit ihr das Verſinken der Sonne ſchweigend und ſtaunend zu bewundern, dort an jenem Blumenbeete die prangenden Blüten zu ſchauen, und eine der ſchönſten ihr pflücken zu dürfen, zu ſehen, wie ſie ſie an ihren Buſen ſteckte, und auch die Verwelkte nicht fort warf, ſondern ſorgſam aufbewahrte? War es nicht ein Glück, neben ihr am Flügel zu ſitzen, die Stimme mit der ihren zu einen, im Geſang ihren Athem zu fühlen, oder im Doppelſpiel Beethoven'ſcher Muſik die leiſe Berührung ihrer Hände durch alle Adern zu empfinden? War es nicht ein wonnevoller Ge⸗ nuß, ihr gegenüber zu ſitzen, verloren in ihren 9 — 189— 7 Anblick, und dabei wie Quellengemurmel’ und Nachtigallengeſang ihre Stimme zu vernehmen, wie ſie aus irgend einem ihrer Lieblingsſchriftſteller vorlas, ſich ſelber oft unterbrechend mit Ausrufun⸗ gen des Entzückens und der Bewunderung, in tie⸗ fer Rührung erbebend bei den erhabenen und hei⸗ ligen Worten, lachend und kindlich froh bei den heitern und witzigen?— Ach, und was war Alles dies gegen die Stunden traulichen, gemüthvollen Geſprächs, in denen ihre Seele, einer duftenden einen Lilie gleich, ſich vor ihm entfaltete, und it ihrem Glanz und ihrer Reinheit ihn bezau⸗ berte und zur Bewunderung und Ehrfurcht zwang. Gegen jene Stunden, wo ſie in ihrer harmloſen Unſchuld ihn tief in ihr Herz blicken ließ, in ihr Herz, von dem ſie gar nicht wußte, daß es für Nordheim zittre und glühe; von dem er's aber wußte, es erkannt hatte mit Schauern des Ent⸗ zückens und der Beſeligung, und doch nicht wagte auch nur mit einem Wort, einem Blick ihre Hin⸗ gebung und Liebe zu mißbrauchen. Gegen jene glücklichen Stunden, wo dieſe zwei Seelen im Aus⸗ tauſch ihrer Gedanken und Geſinnungen ineinan⸗ der zu verſchmelzen und aufzugehen ſchienen, wo er ſie belehrte aus dem Schatz ſeiner Kenntniſſe und Erfahrungen, und doch für ſich neue Belehrung und Erfahrung ſchöpfte aus dem Born ihrer Un⸗ ſchuld und Unkenntniß. Und Alles dies unter dem Schutz und dem Segen des mütterlichen Blides, — 190— ungezwungen und frei, nichts was verborgen, was heimlich genoſſen werden mußte. Nichts von der Heimlichkeit des Liebesglückes, keine verſtohlenen geraubten Blicke, was ihm doch ſonſt allein pikant und begehrenswerth geſchienen! Wahrheit und Frieden, Wahrheit und Ungezwungenheit des Glückes. Nordheim verſtand wohl Ellinor's Blicke, wenn ſie ihre leuchtenden Augen gedankenvoll auf ihm und Ellen, die an ſeiner Seite ſaß, ruhen ließ, ver⸗ ſtand ihr ſtilles Lächeln, mit dem ſie ihre Tochter an ihren Buſen zog, und ihm mit freundlich Nicken und thränendem Blicke die Hand reichte, und wenn ſie dann Beide auf das holde Mädchen blickten, das ihr erröthendes Geſicht bang und za⸗ gend in unbewußter Liebe an dem mütterlichen Her⸗ zen barg, ſo ſchwiegen ſie doch und ſchauten ſich nur ſtumm und verſtehend an. Langſam und un⸗ berührt, unter dem Sonnenſchein der Liebe, ſollte dies jungfräuliche Herz wachſen und reifen, und die Blüte ihrer Empfindung nicht vor der Zeit be⸗ rührt werden durch irgend eine vermittelnde Hand, ein erklärendes Wort; durch ſich ſelbſt ſollte ſie wachſen und ſich erſchließen! Während ſo das Glück und die Liebe in der Villa Landstown an jedem Tage neu ihre Feſte und Hymnen feierten, war aus einem andern Her⸗ zen Beides auf ewig gewichen, und nur Trauer⸗ klage und ſchmerzliche Seufzer durchzitterten die einſamen und ſtillen Gemächer, in denen ein ein⸗ * 191— ſames Weib ſchwermuthsvoll und ſchmerzbeladen ihre freudloſen Tage dahin lebte. Arme Aurelia! Aermer war ſie jetzt denn je zuvor, doppelt ver⸗ armt, weil ſie einmal reich geweſen, doppelt un⸗ glücklich, weil ſie einmal glücklich geweſen! Arme Aurelia! Wie furchtbar dieſe Einſamkeit, die ſie jetzt umgab, und die doch ſo belebt war von den Erinnerungen an vergangene Luſt. Wie peinvoll dies Schweigen um ſie her, in dem tauſend und tauſend Stimmen flüſterten von verronneneni Glück. Ach, wie der Sand im Stundenglaſe, ſo war das glück verronnen aus ihrem Herzen, und nichts war zurückgeblieben, als ein öder leerer Raum, den nur ihre Seufzer und Klagen belebten mit dem Leben des Todes. Einſam war ſie und verlaſſen, vergeſſen und ungeliebt, und ſie fragte ihr zermartertes Herz immer und immer wieder, warum ſie es ſei. Ach, ſie fragte die Bäume ihres Parks, unter denen ſie mit dem Geliebten gewandelt, ſie fragte die Luft, die ihre Entzückungen vernommen, fragte jede Raſenbank und jeden Platz, wo ſie mit ihm geſeſſen, ſie fragte alle dieſe, die ihr die verklunge⸗ nen Freudentage zurückriefen, ſie fragte ſie Alle, warum ſie jetzt ſo einſam ſei und allein? Manche bange und ſchmerzvolle Stunde ſaß ſie mit gefal⸗ tenen Händen und brennenden, trockenen Augen vor dem Bilde ihres Geliebten, das er ihr einſt in einer ſchönen Stunde gegeben, und wollte in — 192— ſeinen Zügen, in ſeinen Blicken leſen, warum er ſie nicht mehr liebe? Und verſenkte ihre Seele in dieſe Augen, die ihr der Himmel däuchten auf Erden, in das Anſchauen dieſes Mundes, deſſen Lächeln ſie erwärmt hatte wie Sonnenſchein. Und wenn ſie ſo lange, lange hingeſtarrt auf das Bild, ſchien es vor ihren Augen zu leben und ſich zu bewegen, nicht mehr war es ein todtes lebloſes Bild, er war es, er ſelbſt, lebend, liebend! Er war zurückgekehrt, er war wieder da! Sie brei⸗ tete die Arme aus, ihn zu umfangen— ach, Täuſchung, nur leere Luft, die ſie umfing! Ihre Arme ſanken herab, ſie neigte das Haupt auf ihre Bruſt und ſeufzte laut! Aber es gab noch andere Stunden, als dieſe des reinen ungetrübten Schmerzes, wo die Thrä⸗ nen doch eine Erleichterung, ein wehmuthsvolles Glück ertheilten! O, es gab Stunden, in denen Zorn und Wuth in ihrem Herzen tobten, in denen ſie Nordheim zu haſſen meinte, und in wilder Leiden⸗ ſchaft die Rache des Himmels über ſein treuloſes Herz herab beſchwor; wo es ihr eine Wolluſt däuchte, ihn unglücklich, leidend und verlaſſen ſich zu denken, ſo wie ſie es war, unglücklich und ver⸗ laſſen. Stunden, wo einer giftigen Schlange gleich die Eiferſucht ſich zu ihrem Herzen ſchlich, und ſie mit grauſamen Qualen ihren aufſtachelnden Biß empfand. Ha, welche Marter, ihn ſich zu denken, Ellen gegenüber, Blicke und Worte der Liebe mit — 1932 ihr wechſelnd, und alle dieſe ſüßen kleinen Ver⸗ traulichkeiten, die ihr ſonſt gehörten! O, eine Fremde im Beſitz alles deſſen, was ihr ſonſt zu eigen war! Eine Andere in ſeinem Herzen, in ſeinem Andenken! O, dieſe Andere! Sie wußte nichts mehr, gar nichts mehr von dieſer, als daß ſie ihr ſein Herz entwandt, daß ſie durch dieſe Nordheim's Liebe beraubt ward, und daß ſie dieſe Andere dafür haſſe mit tödtlichem verzehrendem Haß. Und dann wieder ſtürzte ſie nieder auf ihre Knie und rang ſich die Hände wund im heißen inbrünſtigen Flehen zu Gott, daß er ſie bewahre vor dem Haß und vor den ſündigen Rachegedanken, die in ihr tobten! Die Ruhe der Ermattung, die nach ſolchen Stürmen folgte, nahm ſie dann für Ergebung und Dulden, und weinte wehmuthsvolle Zähren über ihr verlorenes Glück, bis aufs neue und immer aufs neue das Gift der Eiferſucht durch ihre Adern ſchlich, und immer wieder ſie empor ſchnellte zur Qual und zum Haß. Seit zwei Tagen hatte ſie Nordheim nicht ge⸗ ſehen, und als er zum letzten Male bei ihr war, hatte er ſie zürnend verlaſſen. Sie klagte ſich jetzt ſelbſt an, daß ſie dies veranlaßt habe, daß ſie nicht bedacht, wie durch Klagen und Vorwürfe nichts gewonnen, ſondern nur noch mehr und Alles ver⸗ loren würde, wie es erbittere, anſtatt zurückzufüh⸗ ren! Und ſie hatte ihm an jenem Tage Vorwürfe gemacht, bittre und verletzende Worte geſprochen, Die Flüchtlinge in London. III. 13 — 194— hatte, als er ſie daran erinnerte, wie er ſie ſtets ge⸗ warnt, nicht an Beſtändigkeit und Ewigkeit der Liebe zu glauben, dies mit Hohn und Spott er⸗ widert! Und dann war ſie jammernd und flehend zu ſeinen Füßen niedergeſunken, und ſeine Knie umfangend hatte ſie ihn beſchworen, ſie nicht zu verlaſſen, ſie zu lieben, und hatte alle ſeine Er⸗ mahnungen und Troſtesworte nicht beachtet! Sie glaubte noch zu hören, wie er in ſeiner ruhigen klaren Weiſe ſie ermahnte zur Weisheit und Ruhe, wie er geſprochen:„Nimm mich an als Deinen Freund! Laß es uns empfinden dies Verſchmelzen der Seelen ineinander, dies Vertrauen ohne Egoismus, dies Lieben ohne Wunſch! Sei das große Weib, das Du wirklich biſt!“ Und auf Alles dieſes hatte ſie nur ſtürmiſch und zornig faſt erwidert:„ich kann nicht, ich kann nicht!“ Da war Nordheim aufgeſtanden mit finſteren Zügen. O ſie meinte noch den kalten Blick zu ſehen, mit dem er ſie angeſchaut, und der tief in ihre Seele gedrungen war, ſie meinte noch den herben verachtungsvollen Ton zu hören, mit dem er geſagt hatte: Dies iſt ein Wort, das ich nicht verſtehe und das keines Menſchen würdig iſt!— Dann war er hinausgegangen, und ſie hatte ihn nicht wieder geſehen. *. Seit zwei Tagen ihn nicht geſehen! Ach, wie bleiern ſchlichen die Stunden hin, wie farblos und traurig! Sie dachte an ihn und ſeufzte nach ihm, — 195— und liebte ihn, indem ſie doch meinte, ihn zu haſſen. — In ſolchen peinvollen Gedanken ſaß ſie jetzt in ihrem Gartenſalon, die Hände müßig im Schooße gefalten, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, das bleiche Angeſicht überfluthet von Thränen. Das Heran⸗ rollen eines Wagens weckte ſie nicht und ſtörte ſie nicht in ihrer einſamen Trauer. Jetzt öffnete ſich leiſe die Thür, und Ellen's blühendes Ange⸗ ſicht ſchaute herein, und ihre helle Stimme fragte liebevoll:„Darf ich?“ Aurelia ſchreckte empor und ſtarrte Ellen an, ungewiß, ob nicht die Erſcheinung nur ein Blendwerk ihrer Phantaſie, nur herauf⸗ beſchworen von ihrer Seele, in der jenes Angeſicht ſtets mit ſo qualvoller Pein gegenwärtig war? Ellen aber, als ſie Aurelien's bleiches Geſicht, ihre in Thränen ſchwimmenden Augen gewahrte, fragte nicht mehr, ob ſie kommen dürfe. Haſtig trat ſie ein, flog zu Aurelien hin, und ſie in ihre Arme ſchließend, fragte ſie im Tone des tiefſten Mitge⸗ fühls:„meine Mutter, meine theure, liebe Mutter, Du weinſt? O wie ſchön, daß ich gerade jetzt kommen muß! Laß mich Deine Thränen,“ fuhr ſie ſchmeichelnd fort,„laß ſie mich von Deinen Wan⸗ gen küſſen! O ſag' mir Deinen Kummer, laß Deine Tochter, Deine Ellen, Theil nehmen an Deinem Schmerz!“ Während ſie voll Liebe und Mitgefühl ſo ſprach, und ihre Arme um Aureliens Nacken ſchlingend, ſie feſt an ihren Buſen drückte, ſchluchzte Aurelia 13-7 — 196— laut in krampfhaftem Schmerz. Nie, nie hatte ſie ihr Elend ſo klar gefühlt, wie in dieſem Augen⸗ blick! Nie war ſie ſo deutlich ſich bewußt geweſen, daß ſie nicht ohne Nordheim's Liebe zu leben ver⸗ möge, daß ſie ihn nimmer, nimmer aufzugeben im Stande ſei. Sie war wie in Verzweiflung, ganz zerriſſen von Schmerz und Pein, ohne Nachdenken und Ueberlegung, ſie dachte an nichts, als daß ſie ihn wieder haben, ihn wieder beſitzen wolle und müſſe! Außer ſich, faſt beſinnungslos, in gewal⸗ tiger Leidenſchaft ſtürzte ſie plötzlich nieder zur Erde, und die Hände flehend emporgehoben, mit von Leidenſchaft und Schmerz entſtellten Zügen rief ſie mit herzzerreißendem Ton:„gieb ihn mir wieder Ellen, Ellen, o laß ihn mir! Es iſt mein einziges, letztes Gut, mein einziges Lebensglück! O Ellen, laß ihn mir! Du biſt noch ſo jung, biſt ſo reich an Liebe, Alles, Alles hat das Leben Dir noch zu bieten, mir iſt er das Letzte und Einzigſte!“ Ellen hauchte kaum hörbar:„Wer? wer? Wen ſoll ich Dir wiedergeben?“ 1 Aurelia ſagte mit kreiſchendem Tone:„Nord⸗ heim! Meinen Geliebten, der mich um Deinet⸗ willen verlaſſen hat!“ Ellen ſchreckte zuſammen, ihre ganze Geſtalt erbebte, ihre Wangen erbleichten, es ſchwindelte vor ihren Blicken und ſie mußte ſich an einem Seſſel halten, um nicht umzuſinken. Wie mit einem Zau⸗ — 197— berſchlag war der Schleier zerriſſen, der ihr bis dahin ihr eigenes Innere verbarg, es war, als erwache ſie aus einem Schlummer und Traum, einem Lichte gleich dämmerte das Bewußtſein in ihrer Seele auf— ja, es ward Tag in ihr, ſie wußte nun, was ſie bis dahin nicht gewußt, und doch ſchon ſo lange und heiß empfunden, ſie wußte nun, daß ihre Seele und ihr Herz mit nie zu löſenden Banden an Nordheim hange, daß ſie ihn liebe! Das Geheimniß ihrer eignen Seele war ihr enthüllt, und mit tiefer und bewältigender Macht erfaßte ſie dieſe Entdeckung, die ſie an ſich ſelber gemacht. Ihr Herz ſtand ſtill, ſie fühlte kaum die Kraft zu athmen, es war, als wenn ein Krampf ihr die Bruſt zuſchnüre; ein unendliches Glück meinte ſie in ſich zu empfinden, und doch wieder ein namenloſes Leid. „Du ſchweigſt,“ rief Aurelia angſtvoll und zitternd,„Du willſt ihn mir nicht geben, willſt ihn nicht laſſen? O Ellen, Ellen, ſieh, wie ich zerbrochen und troſtlos hier vor Dir liege! Ellen, o muß ich Dich erinnern an das, was ich Dir gethan? Sieh, ſo tief bin ich geſunken, daß ich die Wohlthaten, die ich Dir erzeigt, Dir zurück⸗ rufen muß! O Ellen, um der Dankbarkeit, die Du mir ſchuldig biſt, gieb ihn mir wieder, gieb ihn frei! Höre auf, ihn zu lieben, hilf, daß er zu mir zurückkehrt, daß er wieder mein wird, mein!“ Ein ſchwerer und bitterer Kampf war in Ellen's — 198— Seele; tiefer und bewältigender Schmerz zuckte durch ihre ſanften Züge, Thränen traten in ihre Augen. Sie konnte ſie nicht zurückhalten, und langſam rollten ſie über ihre erbleichten Wangen hernieder, Thautropfen gleich, die im Kelch der Roſe hangen.— Ellen aber in ihrer ſanften jung⸗ fräulichen Natur war doch ſtark und kräftig im Wollen, und groß, wenn es galt, um Anderer willen ſich ſelber aufzuopfern und zu vergeſſen. Bleich und zitternd, aber doch entſchloſſen, neigte ſie ſich über Aurelien, die zuſammengeſunken, kraft⸗ los am Boden lag, und ihre Stimme klang wie tonloſes Geiſtergeflüſter, als ſie ſagte:„ſo nimm ihn hin, Mutter, meine Mutter, ich gebe ihn Dir! Es iſt das größte Opfer, was eine Tochter Dir bringen kann, und indem ich es freudig Dir bringe, erliſcht das Wort Mutter auf meinen Lippen. Du haſt nun keine Tochter mehr in mir, aber eine Schweſter des Leides und der Schmerzen!“ Leiſe drückte ſie einen Kuß auf Aureliens Haar, die noch immer am Boden lag, dann wandte ſie ſich ab und ſchwebte unhörbaren Tritts durch das Gemach; als Aurelia aufblickte, hatte Ellen ſchon das Zimmer verlaſſen, und der fortrollende Wagen ſagte Aurelien, daß ſie allein ſei. In der Villa Landstown angelangt, ging Ellen ſogleich in ihr Gemach, und verſchloß die Thür hinter ſich. Sie bedurfte der Einſamkeit und Stille; ſie konnte Niemand ſehen, Niemand ſprechen, ſelbſt — 199— nicht Ellinor, ihre Mutter. Jetzt war ſie allein; Niemand, der ihre Thränen, ihre Seufzer, ihre Klagen vernehmen konnte. Niemand als Gott. Ellen zagte nicht vor Gottes Nähe, zagte nicht, ihn in ihr Herz blicken zu laſſen. Sie ſank auf ihre Knie nieder, und in heißem Gebete flehte ſie zu ihrem Vater da droben, er möge ihr Kraft geben zu ihrem ſchweren und ſchmerzvollen Opfer! Sie fühlte ſich geſtärkt von ihrem Gebet, und muthig das zu thun, was ſie für ihre Pflicht hielt. „Niemand ſoll es wiſſen, daß ich leide,“ flüſterte ſie leiſe,„auch nicht eine Thräne ſoll man mich vergießen ſehen, und ſo wird Niemand wiſſen, daß ich überhaupt zu leiden habe!“ Mit dem Bewußtſein der Liebe war auch der Stolz der Jungfrau erwacht, und gab ihr Kraft, ſich zu faſſen. Ach, Ellen wußte aber nicht, daß ihre Liebe Niemand mehr ein Geheimniß geweſen außer ihr ſelber, daß nur ſie allein in ahnungs⸗ loſer Unſchuld nicht gewußt, welch eine Blüte ſich in ihrem Herzen entfalte! Mit feſtem, ſichern Schritt ging ſie zu ihrem Schreibtiſch, aus deſſen geheimſten Fach ſie ein zuſammengebundenes Päckchen nahm, und es ſeuf⸗ zend vor ſich ausbreitete. Es waren liebe und traute Erinnerungszeichen aus jüngſt verfloſſenen glücklichen Tagen, und wie Ellen ſie jetzt eins nach dem andern in ihre Hand nahm, und mit von Thräneng umdüſtertem Blick — 200— betrachtete, ſtand die Vergangenheit in lebendiger bitterſüßer Deutlichkeit vor ihr. Hier dieſe verwelkte Roſe! Es war dieſelbe, die Nordheim einſt ihr gab, und den Kelch auseinan⸗ der faltend, ihr den Wurm zeigte, der ſie zerfraß! Jenen Tag, als er dann ſich zu ihren Füßen nie⸗ derſetzte, und ihre Hände faſſend wunderbare Worte zu ihr ſprach, die damals und noch jetzt ihr Herz erbeben machten. Sie glaubte noch den durch⸗ dringenden Schrei Aureliens, die ſie ohnmächtig im nahen Bosket fanden, zu vernehmen. Jetzt wußte ſie auch, was Aurelien damals ſo ſchmerz⸗ lich bewegt. Sie ſeufzte leiſe:„arme, arme Mutter!“ und das Mitgefühl ſtärkte ihre Kraft zum Entſagen. SHier dies Blümchen pflückte er ihr an dem Tage, an welchem ſie ihre zweite Mutter fand; er ſagte dabei nichts, und ſah ſie nur an, und wie ſie es an ihren Buſen ſteckte, lächelte er und küßte ihre Hand.— Auf dies Blättchen Papier ſchrieb er neulich, während ſie nebeneinander ſaßen im Geſpräch, ganz gedankenlos mit dem Bleiſtift ihren Namen, Ellen, Ellen, immerfort ihren Na⸗ men! Niemand ſah es, außer ihr, und als ſie hinab⸗ gehen wollten, zögerte ſie abſichtlich, bis Alle hin⸗ aus waren, und dann ſteckte ſie jenes Blättchen zu ſich.— Dies zuſammengerollte Papier war ein Briefchen, das er ihr jüngſt geſchrieben, und jenes dort ein Gedicht, das er ihr gegeben. Sie drückte dieſe Pläͤtter an ihre zitternden Lippen, und — 201— dann mit tiefem Seufzer zerriß ſie dieſelben. Es zuckte aber in ihrem Herzen, als ſie es that, und ſie meinte, dabei einen tiefen Schmerz in ihrer Bruſt zu empfinden. Dann drückte ſie ihre gefaltenen Hände feſt an ihren Buſen, als wollte ſie den Schmerz zurück⸗ halten, der darin nagte, und ihr frommer Blick richtete ſich nach oben, um Beiſtand in ihrem ſchweren Kampfe flehend. Ein Klopfen an ihre Thür machte ſie erbeben; es war Ellinor, die ſie um Einlaß bat. Ellen fühlte ſich noch nicht ſtark genug, ſie zu ſehen. ſie wußte, den theilnehmenden mütterlichen Augen gegenüber würde ihre ganze Kraft ſie verlaſſen, und mit ihren Thränen ihre Faſſung verrinnen. Schluchzend und leiſe mit gefaltenen Händen lehnte ſie ſich an die verſchloſſene Pforte, vor der außen ihre Mutter ſtand, und mit halb ver⸗ ſagenden Worten bat ſie, nur noch kurze Zeit ſie allein zu laſſen, und nicht zu fragen um ihr Leid. Als Ellinor ihren Bitten nachgab und ſich ent⸗ fernte, raffte Ellen alle dieſe theuren Erinnerungs⸗ zeichen zuſammen, und ſie wieder zuſammenbindend, ſagte ſie wehmuthsvoll:„Lebt wohl! Meine ganze Vergangenheit, mein ganzes Glück verläßt mich mit euch! Und doch muß ich dies Alles ihm zurückgeben, damit er ſieht, daß es mir ernſt iſt mit meinem Entſchluß!“„ 8— — 202— Ach, arglos und unerfahren wie ſie war, dachte ſie nicht, daß gerade dies, was ihm zeigen ſollte, daß er ihr gleichgültig, nur neue Zeichen waren, wie heiß ſie ihn liebe, und welchen Werth ſie auf alle dieſe Dinge gelegt! Es klopfte wieder an ihre Thür, Ellinor war es, die ihr ſagte, daß Nordheim gekommen ſei, und im Salon ihrer harre. Sie zuckte zuſammen bei ſeinem Namen, und heiße Thränen entſtürzten ihren Augen, dann ſagte ſie:„ich werde kommen, ſorge, daß außer Dir und a Nordheim Niemand zugegen iſt. Niemand, auch mein Vater nicht!“ Ellinor verſprach es und ging. Und nun außer ſich mit ſtrömenden Zähren und gewaltiger Bewegung warf ſich Ellen nieder auf ihre Knie, und die Hände gen Himmel erhebend, flehte ſie laut:„Du weißt es, mein Gott, mein Vater, Du allein weißt es, was dieſes Opfer mich koſtet, aber Du weißt auch, daß ich es bringen muß! O mein Gott, ſtärke mich mit Deiner Macht, und lehre mich gedenken, welche Pflichten die Dank⸗ barkeit und Kindesliebe mir auferlegt! Segne mich zu dieſem ſchweren Werke und gieb mir Deine Gnade! Ein ſchwaches, zerbrochenes Mädchen, flehe ich Dich um Deinen Beiſtand an, mein Gott! O um der ewigen Liebe willen, die höher — iſt denn Sann Menſchen Liebe, erbarme Dich mein und ſtärke mich! 1 — 203— Ihr Haupt ſank auf ihre Bruſt, ihre Lippen zitterten leiſe Gebete, und demuthsvoll die Hände auf ihrem Buſen gefaltet, regungslos lag ſie da! Allgemach kehrte Ruhe und Ergebung in ihre ſanf⸗ ten Züge zurück, ſie athmete erleichtert, ſchaute gen Himmel mit heiterm, ſtillen Blicke, und ſagte: „Du haſt mich erhört, mein Gott, ich fühle Deinen Frieden in mir!“ Nun erhob ſie ſich leiſe von ihren Knien, nahm das Päckchen und ging hinunter in den Salon. Niemand war dort als Ellinor und Nordheim, und als Ellen eintrat und ſie Beide ihre fragenden Blicke auf ſie richteten, erſchraken ſie vor der Bläſſe und dem Schmerzenszug, der auf des Mädchens holdem Angeſichte lag. Sie vermied es, ihren Augen, deren Blicke ſie doch empfand, zu begegnen, und mit niedergeſchlagenen Augen ſchwebte ſie durch das Gemach zu Nord⸗ heim hin, der angſtvoll und bange in einer Fenſterniſche lehnte. Eine Pauſe trat ein, in der nur Ellen's angſt⸗ volles, ſchnelles Athmen vernommen ward, und die Niemand zu unterbrechen wagte. Dann ſagte Ellen mit einer Stimme, ſo leiſe und zitternd, daß Nordheim aufmerkſam lauſchend ſich näher zu ihr neigen mußte, um ſie zu verſtehen:„Herr Nordheim, Sie dürfen mir nicht zürnen über das, was ich ſagen will, und nicht denken, daß ich Ihnen wehe thun möchte. Gewiß nicht, ich möchte — 204— Niemand Schmerz bereiten und Kummer, denn ich weiß jetzt, daß man ſo ſchwer daran zu lei⸗ den hat!“— Wieder ſchwieg ſie einen Angenblick, nach Faſſung ringend, dann fuhr ſie fort:„hier nehmen Sie! Es ſind Erinnerungszeichen aus vergangenen Tagen, die nun ſchon weit, weit hinter mir liegen! Nehmen Sie! Es ziemt mir nicht, ſolche Dinge von dem Verlobten einer An⸗ dern zu bewahren, von dem Verlobten meiner Mutter, der ich in ewiger Dankbarkeit verpflich⸗ tet bin!“ Nordheim fragte mit verhaltener Leidenſchaft: „wer ſagt, daß ich es bin?“ Ellen erwiderte feſt:„Aurelia ſelbſt! Und ich bin nur traurig, daß ſie mir, ihrer Tochter, nicht früher vertraute, daß ſie ſo ſpät erſt mich mit dieſer Verbindung bekannt machte, ſo ſpät erſt mich Theil nehmen ließ an ihrem Glück. Uner⸗ fahren, wie ich bin, ahnte ich nichts davon, und nahm für Freundſchaft was doch— Liebe war!“ ſetzte ſie unhörbar hinzu. Nordheim hatte indeß das Dargereichte ent⸗ faltet, ſein Auge ſtrahlte in Freude vor dieſen Zeichen einer ſtillen, jungfräulichen Liebe, er wandte ſich zu ihr hin mit ſtrahlendem Blick und konnte nichts ſagen, als:„Ellen!“ Sie bebte zuſammen vor dem Ton, mit dem er ihren Namen rief, und der„ihre Seele ſo freudig bewegte, ſie fühlte ihre Kraft ſie verlaſſen, 205— und ſagte haſtig,„gehen Sie jetzt! Laſſen Sie uns jetzt! Morgen, morgen ſehen wir uns bei Aurelien!“ Dann lehnte ſie ſich an Ellinor's Bruſt und umfing ſie feſt mit ihren Armen. Nordheim aber blickte ſie lange an mit ver⸗ klärtem, freudeſtrahlenden Angeſicht, nahm ihre herabhängende Hand und drückte ſie in der ſeinen und ſagte bittend:„ein Wort noch Ellen! Ein einziges Wort noch! Iſt das, was Du da ſagſt, die Stimme Deines Herzens und der Ausdruck Deiner Empfindung?“ Sie ſagte kaum hörbar:„es iſt ſo!“ Es zuckte und kämpfte in Nordheim's Zügen, ſein ganzes Innere war in heftiger, leidenſchaft⸗ licher Aufregung, und mit einer Stimme, in der ſeine ganze Seele zitterte, fragte er:„Ellen, ich beſchwöre Dich, mir die Wahrheit zu ſagen. Ellen, liebſt Du mich nicht?“ Eine tiefe, bange Pauſe trat ein; ſo ſtill war es, daß man das bange Herzklopfen, die zitternden Seufzer vernehmen konnte, ſo ſtill, daß 73. unheimlich laut erklang, als Ellen jetzt ſagte: „Nein!“ Nordheim ſchleuderte ihre Hand von ſich und wilde Worte ohne Sinn und Bedeutung murmelnd, ſtürzte er einem Raſenden gleich von dannen. Ellen klammerte ſich feſt an ihrer Mutter Hals und ſchrie angſtvoll und aufgelöſt in Schmerz: — 206— „Mutter, meine Mutter, verlaß mich nicht! Ach, es iſt ſo ſchwer, Recht zu thun!“ „Weine, weine meine Ellen,“ ſagte Ellinor, und drückte ihr Kind, ſelber in Thränen zerfließend, an ihr Herz.„Und wenn Du mich, Deine Mutter, noch liebſt, ſo vertraue mir auch, und ſage mir, wie dies Alles gekommen und was es bedeutet. Willſt Du?“ Ellen antwortete ihr nicht. Sie war ohn⸗ mächtig geworden. XV. Das Opfer. Aurelia war allein in ihrem Zimmer, ihre Seele voll Unruhe und Angſt; ſie ſchämte ſich jetzt ihrer Leidenſchaft, ſchämte ſich der Worte, die ſie zu Ellen geſprochen, ihres Kleinmuths und ihrer Schwäche, als die Thür haſtig aufgeriſſen ward, und Nordheim bleich, athemlos in heftigſter Be⸗ wegung hereinſtürzte. 3 „Das iſt alſo Dein Werk,“ ſagte er mit von innerer Leidenſchaft erſtickter Stimme,„das iſt alſo die Liebe eines Weibes, die nur an ſich denkt, und ihren egoiſtiſchen Wünſchen jedes andere Glück opfert. Und Ihr kleinlichen, armſeligen Weſen, zuſammengeſetzt aus Egoismus und Sinn⸗ lichkeit, Euch ſollte man eine ewige Liebe weihen! O welch ein Thor ich war, bei Dir an Größe und Edelmuth zu glauben, Dich für eine Aus⸗ Alorne zu halten. Du biſt nichts, als ein eib!“ — 208 Aurelia zitterte vor dem wildem Zorn, der aus ſeinen Augen ſprühte, vor der Verachtung, mit der er ſie anſchaute, ſie faltete die Hände und flehte leiſe:„vergieb mir, vergieb mir, mein Ge⸗ liebter! Ach, ich weiß, daß ich fehlte, aber die Liebe, die heiße, innige Liebe zu Dir ließ mich fehlen!“ Als ſie ſich an ihn lehnen wollte, wehrte er ſie heftig ab und ſagte verächtlich:„Liebe! Ihr führt dies Wort auf den Lippen, und entheiligt es, indem Ihr es ausſprecht! Höre mich an,“ fuhr er heftiger fort, und faßte wild Aureliens Arm,„höre, was ich Dir zu ſagen habe. Du haſt mich um ein Glück betrogen, um ein Glück, an das ich lange nicht mehr zu glauben wagte, ja, das ich mit verzagendem Herzen und zittern⸗ der Seele niemals zu erlangen hoffte, und das, als es ſich mir nahte, einem Zauber gleich meine Seele umgeſtaltete, und mich wieder ſo rein, ſo gläubig und vertrauend machte, als ich es war, bevor eine Deiner Schweſtern, bevor ein Weib mich lehrte, daß Lug und Trug hienieden und ewiges Wandeln und Wechſeln, daß den Worten, die Eure Lippen ſprechen, nicht zu trauen, und nicht der Seele, die aus Euren Augen ſpricht. Und nun, da ich wieder jung geworden bin und glücklich, da wieder Glauben und Zuverſicht in meiner Seele iſt, da ich zitternd wie ein Knabe, beſchämt und reuevoll vor einer Jungfrau ſtehe, an deren Daſein ich nicht mehr geglaubt, einer Jungfrau an Leib und Seele, da ihr reines Herz ſich mir ergiebt, nun kommt wiederum ein Weib, mir das Alles zu entreißen, und mich zurückzu⸗ ſchleudern in Einſamkeit und Elend!“ „O verzeihe, verzeihe,“ flehte Aurelia,„nicht dieſen furchtbaren Blick, er tödtet mich!“ Nordheim fuhr nach einer Pauſe fort:„mag es denn ſein! Du haſt mich getrennt von ihr, aber auch von Dir! Wir werden uns niemals wiederſehen!“ 4 „Nordheim!“ kreiſchte Aurelia und klammerte ſich an ſeine Geſtalt, er ſtieß ſie zurück und ſagte wild:„Niemals wieder! Lebe wohl!“ Heftig verließ er das Zimmer, und Aurelia hatte nicht Kraft, ihm zu folgen, ihre Füße ver⸗ ſagten ihr den Dienſt. 1 „Er wird wiederkehren!“ ſagte ſie leiſe, und glaubte doch ſelbſt nicht an dieſes Wort.—„Er muß wiederkehren!“ ſagte ſie verzweiflungsvoll, als Stunde nach Stunde verging, ohne daß er zurückkehrte, und nach einer ſchlafloſen Nacht, die ſie unter Schmerzen und Kämpfen, unter Weinen und Gebet verbracht, ſagte ſie feſt und entſchieden:„er ſoll wiederkehren!— Ja,“ fuhr ſie begeiſtert fort,„er ſoll dies harte Wort zurücknehmen, er ſoll nicht ſagen, daß ich ein gewöhnliches Weib bin; er ſoll es er⸗ kennen, daß meine Liebe ſtark iſt und mächtig; Die Flüchtlinge in London. III. 14 — 210— er ſoll ſeiner Freundſchaft mindeſtens mich wür⸗ dig finden!“ 3. Thränen wollten in ihre Augen treten, Seuf⸗ zer aus ihrer Bruſt ſich hervordrängen, ſie kämpfte ſie nieder und gebot ſich ſelber Ruhe.„Dieſe Genugthuung mindeſtens, dieſe will ich mit mir nehmen,“ ſagte ſie,„daß er mit mir zufrieden iſt, daß ich in ſeiner Erinnerung lebe als eine, die er hochzuachten ſich gezwungen fühlt, und von der geliebt zu werden, wenn kein begehrenswerthes Gut, doch auch keins, vor dem man zu erröthen habe. Ja,“ fuhr ſie fort, mit ſchwärmeriſchem Ausdruck, ſich ſelber begeiſternd in ihrem Ent⸗ ſchluſſe,„ja in Ellen's Armen, an ſeiner Gelieb⸗ ten Herzen ſoll er meiner gedenken als eines Weibes, die es muthig wagen darf, mit ihr in die Schranken zu treten, und die mit Todesmuth ihr eignes Herz auf dem Altar der Liebe für ih opferte! Ich fühle mich wieder muthig und ſtark, neues Leben glühet in mir und neue Gedanken; alle meine Kräfte, die ſchlummerten, ſind nun er⸗ wacht, und fordern That und Leben! Stark bin ich und gewaffnet, allem Kummer Trotz zu bieten und weil es alſo iſt, werde ich ihn auch beſiegen! O dieſe Kraft, die jetzt in mir glüht, dieſe Kraft, das Unglück ſelbſt auf meine Schultern zu wäl⸗ zen, ſie iſt ſegenbringender und wohlthätiger, als thatenlos unter der Laſt des Unglücks ſich beugen. Ich, ich will es tragen,“ ſagte ſie und richtete ſich ſtolz und kühn empor,„will es tragen, wie einen Schmuck und eine Krone, und wenn es auch nur eine Dornenkrone iſt, ſo will ich bedenken, daß ſelbſt der Heiland der Welt im erhabenſten Momente ſeines Daſeins auch nur mit einer ſolchen geſchmückt war, und daß gerade in den Stunden ſeiner Leiden die Menſchen fühlten, daß ein Gott unter ihnen war. Und ſo ſoll auch dies mein Leiden meinem Leben eine Bürgſchaft ſein, und ſoll beſiegeln die Lehre, die ich gekom⸗ men bin zu verkünden, die Lehre, daß das Weib göttlich iſt und groß, daß ſie erhaben iſt in ihrer Liebe, und daß ſie kein Opfer ſcheut, wenn ſie wahrhaft liebt! Dies iſt meine Sendung, ich will ſie erfüllen!“— Glühend und zitternd, aber nicht vor Schwäche und Kummer, ſondern in der Begeiſterung und dem Feuer ihrer Seele, ſchrieb ſie mit fliegender Eile einige Worte an Ellen und bat ſie ſogleich in ihrem Wagen, den ſie ihr zu dieſem Zwecke ſandte, zu ihr zu kommen. Sie ſchellte, übergab dem Diener das Billet und befahl ihm, ſo raſch als möglich einzuſpannen, und nach der Villa Landstown zu fahren, Fräulein Ellen zu holen. Dann als der Wagen vom Hofe rollte, nickte ſie befriedigt und flüſterte:„es iſt geſchehen!“ Nun⸗ ging ſie mit feſten ſtolzen Schritten im Zimmer auf und ab, zuweilen am Fenſter ſtille ſtehend, und die Straße, die Ellen kommen mußte, hinauf⸗ 3 14* — 212— blickend, dann wieder weiter wandelnd in tiefen ernſten Gedanken. Sie war ganz entſchloſſen, ganz geſammelt, und nicht das kleinſte Zagen, nicht das mindeſte Wanken war in ihrer Seele; ja, ſie fühlte ſich nicht einmal mehr unglücklich und verlaſſen, ſondern freudig angeregt zum Kampf, muthvoll zum Siege; eine Prieſterin des Unglücks dürſtete ſie nach Thaten und fühlte ſich bereit ſonder Murren ihr eignes Herz im frommen Dienſt zu opfern.— Der Wagen kehrte zurück, Aurelia blickte hinab, ſah Ellen ins Haus treten, und ſagte feſt: „ſie kommt, ich will ſie empfangen.“ Nun lehrte ſie ihre Züge lächeln, und ihr Auge freudig blicken, und eilte zur Thür, dieſe zu öffnen, und Ellen ein heiteres Wort der Begrüßung entgegen⸗ zurufen. O wie war Ellen ſo bleich, wie waren ihre Augen von Thränen geröthet, wie hatte ein Tag und eine Nacht des Schmerzes ihrem Geſicht ei⸗ nen ſo kummervollen Ausdruck gegeben! Aurelia ſah es, und drückte ihre Ellen an ihr Herz, ihre Tochter, die ſie nun wieder liebte, nun da ſie ganz entſchloſſen, ganz reſignirt war; ſie küßte dieſe Augen, die ſo heiß waren vom vielen Wei⸗ nen, und dieſe Lippen, die ſo ſchmerzlich zuckten; aber ſie durfte ihrem tiefen Mitleid, durfte ihrer Wehmuth ſich nicht hingeben, und ſagte heiter: „Du böſer kleiner Trotzkopf! Muß ich Dich zu — 213— mir zurückrufen, und keine Stimme ſprach für mich in dieſem kleinen eigenſinnigen Herzen! Grollt Ellen mit ihrer Mutter, ihrer Aurelia?“ „Nein, nein!“ ſagte Ellen leiſe, und ſchmiegte ſich an ihre Bruſt. „Und doch gingſt Du geſtern von mir ohne Abſchiedsgruß,“ fuhr Aurelia fort, ihr lächelnd mit dem Finger drohend, und wärſt vielleicht auch heute nicht gekommen, mich aufzuſuchen!“ Ellen ſchlug erröthend die Augen nieder und ſtammelte:„ich dachte nicht, wirklich nicht, daß Du mich erwarteteſt!“ „Doch, doch,“ ſagte Aurelia,„ich erwartete Dich, und habe Dir Vieles zu ſagen. Zuerſt, meine Ellen,“ fuhr ſie fort, und zog ſie zu ſich nieder auf den Divan,„zuerſt wollte ich Dich bitten, meine Heftigkeit und Leidenſchaftlichkeit von geſtern zu vergeſſen. Ich war aufgeregt, ſchwer⸗ müthig, litt an Migräne, fühlte mich einſam und verlaſſen.“. „In ſolchen Stunden ſieht man Alles trauriger und dunkler, als es wirklich iſt, und da war es mir entſetzlich, ganz zerſtörend und niederdrückend, denken zu müſſen, daß die Liebe mir auch den letzten Freund, den einzigſten, den ich auf Erden beſitze, entreißen könnte. In dieſer aufgeregten, verzweiflungsvollen Stimmung fandeſt Du mich und, daß ich es Dir nur geſtehe,“ fuhr ſie mit einem Lächeln fort, von dem Ellen nicht ahnte, wie ſchwer ſie es ihrem zerquälten Herzen abge⸗ wann,„ich war eiferſüchtig auf Dich, eiferſüchtig, daß Nordheim um Deinetwillen und in ſeiner ſchönen edlen Liebe zu Dir doch mich, der er ſo oft eine ewige Freundſchaft gelobte, vergeſſen konnte, ich glaubte mich ganz verlaſſen und ver⸗ ſtoßen. Dies war der Grund meiner leidenſchaft⸗ lichen Aufregung. Es war Unrecht von mir. Ich hätte bedenken ſollen, daß Liebe und Freund⸗ ſchaft ſo ganz verſchieden ſind, daß ſie wohl ne⸗ beneinander beſtehen können, ohne daß eins das andere verdrängt; ich hätte bedenken ſollen, daß, wenn auch die Liebe zu Dir ihn von mir ent⸗ fernte, die Freundſchaft zu mir ihn mir ſtets zurückführen würde, und daß er ſo, wenn auch Dein, immer auch mein bleibe! Dies war mein Unrecht, das ich Dir jetzt von ganzem Herzen abbitte!“ „O ſprich nicht, ſprich nicht ſo!“ ſagte El⸗ len halb freudig, halb zweifelnd, zagend und ungewiß. Aurelia fuhr fort:„leugnen will ich nicht, daß es mir in einer Hinſicht lieb iſt, daß Alles ſo gekommen, wie es iſt. Ich hoffe, daß dies eine Annäherung zwiſchen Dir und Nordheim herbei⸗ führen und ſo ſchneller zur Entſcheidung bringen wird, was doch entſchieden werden muß. Das Glück iſt ſo flüchtig, daß man nicht zögern ſollte, es zu erfaſſen, wenn es ſich naht. Euch iſt es erſchienen und Ellen, Deine Mutter, Deine Aurelia will Deine Hand nehmen und ſie leiten, daß ſie es ſicher erfaſſe, vas Glück! O meine Ellen, laß die Freundin, die treueſte und heißeſte Freundin Deines Geliebten, laß dieſe es Dir zuerſt ſagen, daß Du ihn liebſt! Gönne dieſer das Glück, Dich in ſeine Arme zu führen!“ „Meine Mutter,“ hauchte Ellen leiſe und barg das erglühte Angeſicht an Aureliens Her⸗ zen,„o meine Mutter! Ich weiß nicht, was ich thun, was ich denken ſoll. Leite Du mich, hilf Du mir.“ „Nicht wahr,“ fragte Aurelia,„nicht wahr, Du liebſt ihn doch, meinen Freund?“ Ellen ſchwieg und drückte ſich feſter an Au⸗ reliens Herz, dann ſagte ſie kaum hörbar: „ich glaube!“ Nur einen Moment zuckte es in Aureliens Zügen, dann wurde ihr Angeſicht wieder heiter und hell, ſie richtete Ellen ſanft empor, drückte einen Kuß auf ihre Lippen und ſagte:„Du mußt mir einen Dienſt erweiſen, Ellen! Nordheim zürnt mit mir um der geſtrigen Scene willen, und hat mir geſchworen, nicht wieder zu mir zu kommen. Du begreifſt, daß, obwohl ich ihn liebe, wie meinen theuerſten Freund, doch mein Stolz mich hindert, ihn zu bitten, daß er zurückkehre. Du, Du böſe Ellen, Du biſt die Urſache unſeres Zwiſtes ge⸗ weſen, Du mußt uns verſöhnen.“ — 216— „Wie kann ich das?“ fragte Ellen. „Da, ſetze Dich und ſchreibe auf dies Blatt einige wenige einladende Worte, die ihn nach Sweetcalmneß rufen.“ „Bitte ihn, ſogleich zu kommen, weil Du ihm Wichtiges zu ſagen habeſt, und ich wette, er kommt.“ Sie drückte Ellen die Feder in die Hand und legte das Papier vor ſie hin.. Schon begann Ellen zu ſchreiben, dann blickte ſie auf und fragte leiſe und hoffnungsvoll:„Du warſt alſo nicht mit ihm verlobt, nicht ſeine Braut, und er iſt nicht Dein Geliebter?“ Aurelia brach in ein lautes fröhliches Lachen aus, das ihr aber faſt die Seele zerſchnitt und ſagte:„nein, nein, meine Ellen, ich war niemals ſeine Braut, und werde es niemals ſein! Aber mein Geliebter iſt er, mein Freund, und ſo wird er mir immer gehören! Das heißt, wenn Ellen nichts dagegen hat, und nicht eiferſüchtig ſein will!“ Ellen wandte ihr erröthetes Angeſicht haſtig wieder auf das Papier und ſchrieb, was Aurelia von ihr gefordert. Als ſie vollendet, faltete Aurelia es zuſammen, ſchellte dem Diener und befahl ſogleich mit dem Cabriolet nach London zu fahren zu Herrn Nordheim, und dann, als dies geſchehen, und Ellen, bang und zitternd, bald erröthend, bald — 217— 4 erbleichend in jungfräulichem Zagen und Schämen ruhelos umher irrte, kaum Kraft in ihrer Bruſt zum Athmen, nicht wiſſend, ob ſie weinen oder lachen ſolle, da rang es Aurelia ihrem eignen zermarterten Herzen ab, ruhig zu ſein, ja ſie ver⸗ mochte es über ſich, zu ſcherzen und zu lachen, und über Ellen's Unruhe mit ſanftem Scherz zu ſpotten. Ach und doch fühlte ſie ſich jelber ganz athemlos und todesmatt!—— Endlich, endlich fuhr ein Wagen in den Hof, Aurelia trat zum Fenſter, Ellen hatte nicht die Kraft, ihr zu folgen, ſie ſank zurück auf den Di⸗ van, von dem ſie ſich erheben wollte und fragte tonlos:„iſt er's?“ „Er iſt es!“ erwiderte Aurelia ernſt, und als ſie ſich umwandte, war ihr Geſicht geiſterbleich, doch ſagte ſie mit feſter Stimme:„laß mich einen Augenblick allein mit ihm, Ellen. Tritt dort in mein Boudoir, ich rufe Dich!“ Schon vernahm man im Vorzimmer Nord⸗ heim's nahende Schritte, Ellen ſtürzte athemlos und bebend ins Boudoir.— Und jetzt öffnete ſich die Thür und Nordheim trat ein; ſtolz und ernſt, bleich und leidend waren ſeine Züge, er begrüßte Aurelia mit ſtummem Gruß und fragte dann, umherblickend im Zimmer:„iſt Ellen hier? Sie hat mich gerufen!“ Aurelia erwiderte feſt und ernſt:„ſie iſt hier, Nordheim! Ehe Du ſie aber ſiehſt, und ehe ich — 218— ſelber ſie Dir entgegenführe, mußte ich erſt je⸗ nen Zwiſt ausgleichen, der uns zu trennen droht! Höre mich an! Lege nicht Deine Stirne in finſtere Falten, blicke mich nicht ſo zürnend an! Es iſt kein Grund vorhanden, daß wir uns nicht ferner lieben ſollten, und ich denke, wir wollen es im⸗ mer thun.“ „Ein Mißverſtändniß war es,“ fuhr ſie be⸗ deutungsvoll fort,„das Ellen meine Worte anders deuten ließ, als ſie gemeint waren; ſie weiß das jetzt, weiß, daß Du mein Freund biſt, mein Freund, den ich liebe, wie man einen Bruder liebt. Ellen iſt ſo unſchuldig, daß ſie nicht einmal wußte, welch ein Unterſchied zwiſchen der Liebe einer Freundin und dem, was ſie empfindet. Ich habe es ihr erklärt und Ellen weiß nun, daß meine Liebe zu Dir neben der ihren beſtehen kann. Ellen weiß es, daß es mein ſchönſtes Glück, meinen Freund und ſie glücklich und vereint zu ſehen, und daß ich ſelber nichts opfere, wenn ich ſie Dir zuführe als Deine Geliebte!“ Nordheim ſah ſie fragend und erſtaunt an, ſie wich ſeinem Blicke nicht aus, ſie ertrug ruhig die for⸗ ſchend auf ſie gerichteten Augen und begegnete ihnen mit feſtem Anſchauen und unbewegten Zügen. „Muß denn Alles ſich vereinen,“ ſagte Nord⸗ heim leiſe, wie zu ſich ſelber,„Alles, um mich zu beſchämen in meinem Unglauben, und mich zu de⸗ müthigen in dem, was ich meine Weisheit der — 219— Erfahrung nannte? Hat ſich denn die Welt ge⸗ wandelt und ſind mein die unedlen Gedanken und die fündigen Zweifel, Euer die edlen Thaten, die ſelbſtopfernden Handlungen? Aurelia, Du, Du könnteſt—“ Sie ſagte freudig:„Dein Glück höher achten, als das meine! Urtheile, ob ich Dich liebe, da ich es vermag, Dich aufzugeben.“ „Ich habe endlich jetzt Deine Lehre begriffen, und hinfort werd' ich nimmer vergeſſen, daß alles Glück hienieden wandelbar und alle Liebe enden kann. Laß mich aber aus dieſem Schiffbruch meines Daſeins das ſchönſte Kleinod mir retten, Deine Achtung! Dieſe ſoll als koſtbarer Schmuck mich durch das Leben begleiten und mich zieren noch im Grabe.“ „Aurelia, theure Aurelia!“ rief Nordheim tief bewegt,„wahrlich, Du biſt eine Heldin, ein großes Weib! Du wirſt in meinem Gedächtniß, in meiner Seele wohnen, und neben Ellen's Na⸗ men wird es der Deine ſein, der in meinem Herzen lebt!“ Aurelia ſchaute ihn an mit begeiſterten Blicken, und ſagte mit voller, freudiger Stimme:„dies Wort von Deinen Lippen! Ich danke Dir!“ Nun reichten ſie ſich die Hände und drückten ſie feſt ineinander, und ſchauten ſich an mit leuchtenden Blicken und mit Gedanken, die über aalles Irdiſche erhaben waren, mit Gedanken, durch — 220— welche die Seele der Seele ſich verkündete und offenbarte. Als Nordheim aber einen Arm um ſie ſchlingen wollte, als er ſich neigte, ihre Lippen zu küſſen, wehrte ihn Aurelia ſanft und leiſe zurück: „micht alſo, ich bin nicht ſtark genug, dies zu er⸗ tragen!— Und nun,“ fuhr ſie mit freudiger lauter Stimme fort:„nun ſollſt Du aus meinen Händen Deine Braut empfangen. Es iſt das letzte Mal, daß ich meine Rechte als Mutter in Anſpruch nehme, und ich weiß, Ellinor wird mir dies verzeihen!“ Sie öffnete die Thür und bat Ellen einzutreten, und als dieſe geſenkten Auges, erröthend und erbleichend ihrem Rufe Folge leiſtete, als ſie unſchlüſſig, bebend von ferne ſtand, nicht wagte das Auge aufzuſchlagen, da faßte Aurelia mit ſanftem Liebeswort ihre Hand und führte das erglühende, zitternde Mädchen ihrem Geliebten ent⸗ gegen, und ihre Hände ineinander legend, ſagte ſie feierlich:„nimm ſie hin, Nordheim, nimm ſie hin, das Kind meines Herzens, und Du, Ellen, nimm ihn hin, den Freund meiner Seele!“ Als ihre Hände ſich berührten und inein⸗ ander ruhten, durchzuckte es ſie Beide wie mit elektriſchem Schlage, ſie blickten empor und ſchau⸗ ten einander an, lange und ſchweigend, ihre Lip⸗ pen bewegten ſich, ſie lächelten, und dann ſagte Nordheim ganz leiſe, denn er war in reiner Liebe ſchüchtern geworden, wie ein Knabe, ganz leiſe: „o Ellen, o meine Geliebte!“ 8 — 221— Und ſie neigte ſchüchtern und ſchamvoll über dieſes Wort ſich vor, ihr Antlitz zu verbergen und nun ruhte es an ſeiner Bruſt, er umfing ſie und drückte ſie an ſein Herz und Einer an des Andern Buſen, ſich umſchlingend und ihrer Liebe zum er⸗ ſten Male ohne Rückhalt ſich bewußt, drängte Wonne und Schmerz, Entzücken und Seligkeit, Leben und Ewigkeit ſich zuſammen in dieſen ein⸗ zigen Moment! Aurelia aber, bleich und farblos wie eine Ge⸗ ſtorbene und doch lächelnd wie ſelige Geiſter es pflegen, neigte ſich über ſie und flüſterte leiſe: „ſeid glücklich!“— XVI. Ein nenues Leben. Wochen waren vergangen, in ihren dahinrau⸗ ſchenden Tagen dem ſeligen Liebespaare ſtündlich neue Wonne bereitend. Nordheim war vom Lord und der Lady Lands⸗ town mit Freuden als Eidam begrüßt und ange⸗ nommen, und es ward beſchloſſen, daß das junge Paar auch nach ihrer Vermählung ſich nicht tren⸗ nen ſollte von denen, deren höchſtes Glück die kaum erſt errungene Tochter.— Nordheim's nicht unbedeutendes Vermögen nach England aus Deutſchland zu überſiedeln, waren kundige Geſchäftsmänner beauftragt, und ſo ſich ganz losmachend aus ſeiner früheren Heimath, wollte er hier neben den Angehörigen ſeiner El⸗ len eine neue Heimath ſich gründen. Die Saiſon wollte man in London, gemeinſchaftlich das Hotel Landstown bewohnend, verleben, die ſchönere Zeit des Jahres, die auch jetzt noch nicht vorüber, ab⸗ * 223— wechfelnd in der Villa und auf den übrigen Gütern des Lords hinbringen. Die weitausſehendſten Pläne und glänzendſten Bilder für die Zukunft wurden entworfen, deren Ausführung man freudig von kommenden Tagen hoffte, und in dem Wider⸗ ſchein des ſchönſten und ungetrübteſten Glücks der Liebenden fühlten Alle, die ſie umgaben, ſich ſel⸗ ber wie umſtrahlt und aufgerichtet von eignem Zukunftsglück, und ſonnten ſich in dem Abglanz dieſer reinen Seligkeit. Es war der Vorabend von dem Hochzeitstage Nordheim's und Ellen, und während Alles beſchäf⸗ tigt war mit Anordnungen und Veranſtaltungen für das morgende Feſt, ſaß das Brautpaar, un⸗ bekümmert um Alles dies, auf der einſamen Bank am Ufer des Teiches. Stille war es um ſie her; flüſternd rauſchte der Wind in den Wipfeln der Erlen und Buchen, die das Waſſer umgrenzten, und deren Spitzen die letzten Strahlen der hernie⸗ dergehenden Sonne golden umſtrahlten; leiſe plät⸗ ſcherten die leicht gekräuſelten Wellen ans Ufer, mit ihrem Murmeln lieblich die Stille unter⸗ brechend, und mit träumeriſchen Blicken und glänzenden Augen ſchauten die beiden Glücklichen ſchweigend auf das liebliche Stillleben um ſie her, ſchweigend vor Ueberfülle der Gedanken und des Glücks. Dann ſagte Nordheim mit ſeiner ſanften, klangvollen Stimme, die für Ellen ſtets die herr⸗ — 224— lichſte Muſik enthielt:„und nun noch eine Nacht, eine einzige nur, meine Ellen, und Du wirſt mein, mein für das ganze Leben!“ Sie barg ihr erglühendes Angeſicht an ſeinem Buſen, er drückte ſie feſter an ſich und fuhr fort: „und indem ich dieſes Glückes gedenke und der nie endenden Wonne einer Zukunft mit Dir, fühle ich mich zagend und kleinmüthig, weil ich weiß, daß ich deſſen nicht werth bin!“ „O,“ ſagte ſie begeiſtert,„wer wäre des ſchönſten Glückes werth, wenn nicht Du! Wer iſt ſo herrlich, ſo erhaben und groß, wie Du es biſt? Oft wenn ich daran denke, aller der Vorzüge, der hohen Geiſtesgaben mich erinnere, die Dich ſchmücken, ſieh, ſo frage ich mich zagend, wie es ſein kann, daß Du mich liebſt, mich, die ich nichts bin, nichts als was ich durch Dich und unter dem Sonnenſchein Deiner Blicke geworden bin, und was alſo Dein iſt; daß Du mich liebſt, mich, das unbedeutende, einfache, unwiſſende Mäd⸗ chen, das nichts weiß und verſteht, als nur zu lieben, Dich zu lieben.“. „Und wahrlich, die Liebe iſt eine erhabene und heilige Wiſſenſchaft,“ ſagte Nordheim,„eine Wiſ⸗ ſenſchaft, in der alle Tugenden des Weibes wur⸗ zeln, und durch die alle jene himmliſchen Kräfte, die in der Bruſt des Weibes ruhen, ſich entfalten zur ſchönſten Blüte und Frucht. Ja, es iſt eine Wiſſenſchaft, der gegenüber der Mann gedemüthigt — 225— und klein iſt, und die er in ſeinen ſchönſten Stun⸗ den nur anzubeten, niemals zu begreifen vermag. O Ellen, erhalte mir dieſe Liebe, die Dein köſt⸗ lichſtes Theil iſt, der Schmuck und Glanz meines Lebens, und gegen deren Beſitz Königreiche und Welten mir klein und nichtig ſind!“ Ellen flüſterte:„kann ich denn anders als Dich lieben? O dies Gefühl, es iſt ja nicht mein, nicht von mir ſelber; Gott hat es in meine Bruſt ge⸗ pflanzt, es iſt meine Seele, mein Leben, und wird auch nur mit meinem Leben enden, aber mit mei⸗ ner Seele fortleben, ſich aufſchwingen zum Himmel, um dort ewig, ewig zu ſein.“ Nordheim ſagte feierlich:„ich glaube Dir! Ja, ich glaube wieder an eine Ewigkeit der Liebe! Und daß es alſo iſt, daß wieder Glaube und Vertrauen in mir iſt und himnliſche Zuverſicht zum Leben und zum Sterben, das danke ich Dir, Dir, meiner Geliebten! Ja, aus Deinen Augen habe ich eine heilige Botſchaft vom Himmel em⸗ pfangen, und in Deinem Lächeln hat ſich mir aufs neue die ganze Welt verklärt! O Ellen, ein neues jugendvolles Leben erſchließt ſich mir durch Dich, ein Paradies, deſſen Wächter Du biſt, Du, mit Deiner unbefleckten Unſchuld und heiligen Weiblichkeit, Du, mit Deiner Seele voll Kinder⸗ gedanken und Altersweisheit, mit Deinem blühen⸗ den Herzen, das noch duftet in unentweihter Blüthe. Ja Ellen, Du haſt ein neues Leben in Die Flüchtlinge in London. III. 15 —————— mir wach gerufen, und wie ein Sterbender an der Pforte dieſes neuen Daſeins möchte ich alle Schuld, die hinter mir liegt, alle Verirrungen und Sünden der Vergangenheit Dir beichten, um von Dir, Du mein Engel, entſündigt und begnadigt zu werden! Ellen, höre mich an! Sieh, ich fühle Deiner Unſchuld gegenüber mich ſo ſchuldbeladen und ſo klein, gegen Deine ſonnenhelle Sünd⸗ loſigkeit ſo fündig und ſtrafbar; es iſt mir, als müßte ich Dir Abbitte thun für alle Verirrun⸗ gen der Vergangenheit, und habe mit dieſen ge⸗ gen Dich geſündigt und mich Deines Beſitzes unwerth gemacht.“ Ellen ſchaute ihn an mit leuchtenden Blicken, voller Zuverſicht, und ſagte ernſt:„ſprich nicht ſo, nicht ſo, mein Geliebter. Du konnteſt irren und fehlen, wie wir Menſchen es thun; ich freue mich, daß Du es konnteſt, und der Gedanke daran ſoll mich tröſten und ſtärken, wenn ich mich Deinem erhabenen Geiſte gegenüber ſo klein und nichtsbedeutend finde! Du konnteſt irren, aber nicht ſündigen.“ „Und doch Ellen, doch,“ ſagte er ernſt,„doch habe ich ſelbſt gegen Dich gefündigt, weil ich nicht glaubte an ein Weſen, wie Du es biſt! Habe geſündigt, indem ich in kleinmüthigem Zagen zwei⸗ felte an Gott, an den Menſchen, an der Welt, zweifelte an der höheren Beſtimmung des Daſeins, an der Heiligkeit des Lebens, aus dem mir mit ) 8 1 EA — 227— der Gottheit auch der Ernſt und die Ewigkeit ver⸗ loren war, und in dem mir nichts geblieben als ein Haſchen des Moments und der Genuß der flüchtigen Minute. Ja, Ellen, ich habe geſündigt, indem ich aufhörte an die Ewigkeit der Liebe zu glauben, und indem ich zweifelte an ihrer Heilig⸗ keit, indem ſie mir nichts ward als der flüchtige Genuß eines Augenblicks und das Ergötzen einer Stunde; habe geſündigt, indem ich aufhörte zu glauben an das Weib, an das heilige reine Weib, das in ſeiner urgöttlichen Kraft eine Segnung und Verklärung des Daſeins iſt, indem ich aufhörte an die Sittſamkeit und Keuſchheit des Weibes zu glauben, und Euch in meinen Gedanken erniedrigte zu farbloſen, ſchillernden Geſtalten voller Unwahr⸗ heit, Täuſchung und Lüge. Dieſes Alles habe ich geſündigt! O Ellen, kannſt Du mir verzeihen?“ Wie er ſo ſprach, ſank er zu ihren Füßen nieder und ſchaute mit flehenden Blicken und tiefbewegten Zügen zu ihr auf. Sie legte ihre Hand auf ſein Haar und ſpielte in den dunklen Locken und lächelte ihn an, und ſagte ernſt:„wenn Du alſo fehlteſt und irrteſt, ſo iſt es nicht an Dir, ſondern an mir, Dir Ab⸗ bitte zu thun. Denn ſicherlich, nur das Weih allein iſt Schuld, wenn es in den Gedanken des Mannes von ſeiner Heiligkeit und Würde verliert, und wenn er ihrer anders als mit reinen und ehrenden Gedanken ſich erinnert. So laß mich 15* denn Deine Verzeihung erflehen für mein ganzes Geſchlecht, das Dein Irren und Fehlen ver⸗ anlaßte!“ Er flog empor und drückte ſie an ſein Herz, und fühlte ſich entſündigt und neugeboren durch die erührung ihrer purpurnen Lippen. Dann ruhten ſie wieder aneinander auf der Moosbank in jenem ſüßen Geflüſter der Liebe, das keinem andern Ohr verſtändlich, keinem an⸗ dern Herzen erreichbar, das in ſeinen harmloſen hingeworfenen Worten Gedanken für die Ewigkeit enthält, und in den Blicken, die ſie begleiten, eine Sprache hat, die über allen Ausdruck erhaben und zu heilig iſt für alles Wort! Fort und fort ſäuſelten die von der Abend⸗ ſonne vergoldeten Bäume, in denen hie und da zwitſchernde Sommervögel ihr Lied ertönen ließen und mit ihrem lieblichen Singen anmuthig die ſüße Stille unterbrachen, fort und fort murmelten die Wellen des Teiches, auf deſſen Waſſer in friedlicher Stille ſtolze weiße Schwäne auf und ab zogen; und jetzt begann von der nahen Kapelle im Parke und vom Thurme der Dorfkirche herüber das feierliche Läuten der Abendglocken, das den morgenden kommenden Feſttag ankündigen und die ländlichen Bewohner des Dorfes einladen ſollte zum Gebet für das Glück der allgeliebten Braut. Und nun leiſe, leiſe ſchwebten Orgelklänge heran und miſchten ſich mit dem Säuſeln der Bäume ₰ — und dem Murmeln der Welle, leiſe ertönte der Geſang des heiligen Liedes, in ſeinen feierlichen Tönen den ſchweigend Lauſchenden ſeligen Frieden des Glückes und fromme Ruͤhe des Gemüths bringend. Die ganze Vergangenheit, das ganze Leben riefen dieſe Klänge in Nordheim's Buſen wach, in wechſelnden Bildern zog vorüber an ſei⸗ ner Seele, was er je empfunden und erlebt; er lehnte ſein Haupt an Ellen's Schulter, und er⸗ zählte ihr von ſeiner Jugend, von ſeiner Mutter, die ihm früh entriſſen, und an deren Sarge er geſtanden unter ſolchen Orgelklängen, wie ſie jetzt ertönten, von ſeiner Mutter, welche die Einzige ge— weſen, die ihn geliebt, und nach deren Tode er eine einſame verlaſſene Waiſe geweſen; er erzählte ihr von ſeinem Vater, der ihn gehaßt, weil ſein Weib ihm ihr ganzes Vermögen entzogen und es dem Sohne zugewandt; er erzählte von der Ein⸗ ſamkeit und Troſtloſigkeit ſeiner Kinderjahre, und wie er oftmals unter ſolchen Orgelklängen als Knabe an dem Raſenhügel gekniet, unter dem das einzige Herz in Aſche zerfiel, das ihn geliebt, und mit weinenden Augen Gott gebeten, ihn zu er⸗ löſen von dieſer Erde. Und wie die melodiſchen Töne leiſe fort erklangen in dem feierlichen Schwei⸗ gen um ſie her, wie alle längſt begrabenen Erin⸗ nerungen immer neu in Nordheim's Buſen wach wurden, und wie er gedachte, daß er einſt ſo un⸗ glücklich war und verzagend, dann ſo reſignirt und abgefunden mit der Welt, und jetzt durch den Be⸗ ſitz dieſes holden Weſens, das an ſeiner Seite zitterte, ſo ausgeſöhnt mit dem Leben, und über allen Ausdruck glücklich, wie er dies Alles bedachte, da fühlte er eine tiefe fromme Rührung ſeine Seele bewältigen. Er ſagte leiſe:„laß uns Gott danken!“ Dann umfing er die Geliebte, an deren Buſen er ausruhen wollte von den Stürmen des Daſeins, und er drückte ſie feſt an ſein Herz und weinte laut! Das Geräuſch nahender Schritte weckte die Liebenden aus ihrer ſchweigenden Feier und An⸗ dacht, und als ſie emporblickten, ſtand Aurelia vor ihnen, und ſchaute ſie an mit Blicken voller Liebe und Zärtlichkeit; ein ſchmerzliches Lächeln zuckte um ihre Lippen, und ihre Wange war bleich und farblos, ihr Auge trübe und geröthet vom vielen Weinen. Doch war ſie gefaßt und muthig, und Ellen umarmend ſagte ſie mit feſter Stimme: „ich komme, Abſchied zu nehmen, meine Ellen! Ein dringendes Geſchäft zwingt mich, ſogleich zu verreiſen!“ „Heute ſchon, jetzt ſchon?“ fragte Ellen ſchmerz⸗ lich.„Und Du willſt fort, ohne Deine Ellen, Deine Tochter, an ihrem ſchönſten Feiertage ge⸗ ſehen zu haben, ohne ihr den Brautkranz in das Haar zu. flechten, und ihr Deinen Segen zu er⸗ theilen? O Nordheim,“ fuhr ſie eifrig und er⸗ 2 glühend in innerer Rührung fort,„komm, hilf — 231— mir meine theure Mutter erbitten, daß ſie bleibt, nur bis morgen noch!“ Nordheim murmelte einige Worte, die Ellen nicht verſtand; Aurelia ſah ihn an und lächelte ſchmerzvoll, dann ſagte ſie feſt:„Nordheim weiß, meine theure Ellen, daß das, was ich zu thun habe, keinen Aufſchub leidet, daß ich ſogleich verreiſen muß! Laß uns denn jetzt ſcheiden!“ Weinend umfaßte Ellen ihre geliebte Freundin und Mutter, und unter tauſend Küſſelt und Zärt⸗ lichkeiten flehte ſie ſie an, ihrer zu gedenken und bald zurückzukehren! Aurelia fühlte Thränen in ihre Augen treten, fühlte ihre mühſam errungene Kraft ſchwinden, ſie fühlte, daß ſie ſcheiden müſſe. Sanft machte ſie ſich los aus Ellen's Umarmung, flüſterte leiſe: „Lebe wohl! Folge mir nicht!“ und wandte ſich ab zu gehen. Nordheim geleitete ſie die lange Allee hinab, die zu dem Ausgang führte, wo Aureliens Wagen harrte. Schweigend und in tiefernſten Gedanken gingen ſie nebeneinander her. Dann, nahe ſchon dem Ausgang, ſtand Aurelia ſtill und ſagte ernſt: „hier laß uns ſcheiden!“ „Aurelia,“ ſagte Nordheim tief bewegt,„ich will nicht fragen, wohin Du geheſt, nicht fragen, was Dein edler Geiſt beſchloſſen hat. Aber ſa⸗ gen muß ich Dir, daß ich Dich nie heiliger und reiner, nie wahrhafter geliebt habe, als jetzt, und daß Du in meiner Erinnerung leben wirſt als eine erhabene, große Erſcheinung, die zu erſchauen hie⸗ nieden es ſelten dem Menſchen gewährt wird.“ Aurelia erwiderte leiſe:„ich danke Dir für dieſes Wort! Es ſoll mich begleiten als milder Troſt auf meiner Pilgerfahrt, es ſoll der Balſam ſein, der mich heilt von den Wunden, die mir das Leben geſchlagen! Lebe wohl, lebe wohl! In meinen beſten Stunden will ich Deiner gedenken als meines Freundes!“ „Du gehſt, ohne mir zu ſagen wohin, ohne uns eine Rückkehr hoffen zu laſſen?“ fragte Nordheim. „Wohin ich gehe?“ ſagte Aurelia wehmüthig und nachdenklich.„Gott weiß es! Wohin der Zufall mich führt, die Laune des Moments mich treibt; ich reiſe, um zu ſuchen, was vielleicht die Erde nicht hat, um zu ſuchen nach Frieden und Ruhe. Sollte ich es aber gefunden haben, Nord⸗ heim, dann, aber nur dann kehre ich zurück, und dann ſoll es mein einziges Glück ſein, mich des Deinen zu freuen, und mich zu laben an Deiner Freundſchaft! Und nun, Deine Hand, zum letzten Mal Deine Hand!“ Nun legte ſie ihre Hand in die ſeine, und Nordheim neigte ſich, einen Kuß auf dieſe Hand zu drücken. Sie entzog ſie ihm raſch, richtete ſich ſtolz und groß empor, und bleich wie der Tod, aber unendlich ruhig, deutete ſie mit der erhobenen — 233— Rechten den Gang hinab, wo Ellen's weißes Ge⸗ wand durch das Laubwerk ſchimmerte, und ſagte feierlich:„gehe hin, Nordheim, gehe hin, zu Dei⸗ ner Braut! Hüte ſie aber vor der Lehre von der Vergänglichkeit!“ Dann wandte ſie ſich raſch um, trat eiligſt durch die Ausgangsthür, und ehe Nordheim Zeit hatte ihr zu folgen, rollte der Wagen mit ihr dahin. „Lebe wohl, lebe wohl!“ rief er ihr nach, und wie ein hinſterbendes Echo tönte es zurück: „lebe wohl!“ Dann verhüllte eine Staubwolke den enteilenden Wagen, und in der Ferne erſtarb das Geräuſch der rollenden Räder. XVII. Die Wiedervereinten. Die Aufforderung, die durch die Zeitungen von Lord Landstown an die entflohene Nichte und ihren Geliebten ergangen war, hatte das glücklichſte Reſultat herbeigeführt; freudig dem Rufe der Liebe und Verſöhnung Folge leiſtend, war Macdeam mit ſeiner jungen Frau zurückge⸗ kehrt nach Europa und zu den Freunden. Wenige Tage nach Nordheim's Vermählung mit Ellen wurden ſie von der unvermutheten An⸗ kunft der Rückkehrenden überraſcht, und ſo barg die Villa Landstown jetzt drei glückliche Paare, deren heitere Geſichter und ſelige Mienen von dem tiefen und erquicklichen Frieden wahren Glückes zeugten, das in ihrer Seele lebte, von dem Glück, ddas ihnen geworden im Beſitz der Geliebten und in einem Bunde, über den die Ehe ihren heiligen⸗ den Segen geſprochen, die Ehe, die ſelber gehei⸗ liget ward durch die Liebe! — 235— Gleich nach Macdeam's und Effie's Ankunft hatte der umſichtige Lord Landstown einen Courier an ſeinen Bruder abgeſandt, und kaum war eine Woche verfloſſen, als auch dieſer in der Villa eintraf, um ſeiner geliebten Tochter, ſeiner lang vermißten Effie, die mit heißen Thränen ſeine Knie umfing, zu verzeihen und an ſein väter⸗ liches Herz zu drücken, um ſeinen Sohn Macdeam zu ſegnen, der, das ſah er in Effie's ſtrahlendem, verklärten Angeſicht, ſein Kind zu einem ſo glück⸗ lichen Weibe gemacht. So ſaßen ſie in traulichem Geſpräch neben⸗ einander im Salon, jeder in ſeinem ſichern Glücke ſich doppelt des Glückes der Andern freuend, und in ſtill heitern, ſinnigen Geſprächen ſich die Begebenheiten der Vergangenheit zurückrufend, deren überwundene Schmerzen elächelnd und bemitleidend. Ellinor, deren Geſicht wieder aufgeblüht war unter dem Sonnenſchein des Glückes, ſchaute mit leuchtenden Augen umher in dem Kreiſe ihrer Freunde, ließ ſie auf dem roſigen Angeſicht ihrer Tochter weilen, die in ſtillem Liebesgeplauder mit Nordheim, ihrem jungen Gatten flüſterte, und wandte dann den entzückten Blick auf ihren Ge⸗ mahl, der lächelnd ſie anſchaute. Sie lehnte ihr ſchönes, ſinniges Haupt an ſeine Schulter und flüſterte leiſe:„ein Geheimniß muß ich Dir ent⸗ hüllen, ein ſchönes Geheimniß, deſſen ich mir a ie 8 — 236— ſo deutlich bewußt geweſen bin, als jetzt. Sieh, ehe ich meine Tochter gefunden, meinte ich in Sehnſucht nach ihr zu vergehen und mich zu ver⸗ zehren in Schmerz um ihren Verluſt, und nun ich ſie gefunden, und ſie wieder mein iſt, und ich ſie lieben und an mein Herz drücken kann, nun weiß ich, daß es doch eine Liebe giebt, die ſtärker noch iſt, als die Mutterliebe. Es iſt die Liebe der Gattin. Ja, mein Geliebter, und gälte es aufs neue Einen von Euch zu miſſen, Dich oder Ellen, ich weiß, daß ich mich von Allen trennen könnte, von Allen außer Dir. O, und wie könnte es anders ſein! Mutter und Kind, wie innig auch verbunden, ſind immer doch zwei Weſen, zwei voneinander getrennte, verſchiedene Weſen, und wie die Jahre kommen und gehen, wie ſich die Gedanken ändern und die Gefühle umgeſtalten, wie das Kind ins Leben tritt, und die Mutter eine Matrone, die Tochter ein Weib wird, ſo ent⸗ fremden dieſe Jahre Beide einander, und Verſchie⸗ denheit der Lebensverhältniſſe legt ſich trennend und entfernend zwiſchen Mutter und Kind! Wie anders, wie herrlicher und ſchöner iſt dies im Verhältniß des Gatten zur Gattin. Da mögen Jahre kommen und gehen, ſie trennen nicht und entfremden nicht, ſie binden und vereinen nur fe⸗ ſter. Die Zeit, die ſonſt Alles ändert, hier än⸗ dert ſie nichts; trennt ſie dort Mutter und Kind, bindet ſie hier nur feſter. Ja, dieſelbe Zeit, die — 237.— dort zwei Leben, aus Einem entſproſſen, trennt zu zwei ganz voneinander abgelöſten Leben, dieſelbe Zeit macht, daß hier zwei Leben ſich binden zu Einem, daß ſie mehr und mehr ineinander ver⸗ wachſen, und in einem Doppeldaſein doch nur Ein Leben bilden, ein Leben, deſſen Wurzeln ſo inein⸗ ander verſchlungen ſind, daß ſie ſich ſelbſt nicht mehr auseinander finden können, und die, Beide verwachſen zu einem einzigen Stamme, Nahrung empfangen aus derſelben himmliſchen Quelle, aus der Liebe. O mein Geliebter, gäbe es nur Worte, Worte, um das auszudrücken, was ich empfinde, um es würdig zu preiſen das Glück der Ehe, das reine, heilige, unantaſtbare Glück! Und daß Du es mich kennen lehrteſt, daß Du mich es empfinden lehrteſt, o, dafür Dir zu danken iſt mein Leben zu arm!“ 3 „Dein Glück iſt ſchon ein Dank,“ erwiderte der Lord, die Gattin feſt an ſein Herz drückend, nund ſo meine ich, kann auch ich für Deinen Beſitz nicht beſſer danken, als durch Glück! Ja, meine Geliebte, wohl haſt Du recht, eine glückliche Ehe iſt die Quelle alles Segens und die Wurzel aller Tugend! Und wenn ich in Dir Alles umfange, was das Leben mir bietet an Wonne, ſo biſt Du mir mehr als nur meine Gattin, biſt mein Weib, meine Geliebte, mein Freund, meine Freundin und mein Kind! Und ſo, Ellinor, ſo wird es immer ſein!“ — 238— Effie's Vater, der ſtets der unzertrennliche Begleiter ſeiner Tochter war, und ſich nicht ſatt ſehen konnte an ihrem heitern, ſchönen Angeſicht, ſaß auch jetzt neben ihr, und ließ ſich von ihr die Geſchichte ihrer Flucht aus dem Kloſter und aller der folgenden wunderbaren und gefahrvollen Begebenheiten erzählen, denen allen ſie doch ſo glücklich entgangen und ihren Geliebten wieder ge⸗ funden. Als ſie erzählte, wie ſie zu Maedeam eingetreten, während er gerade jenes ihr aus der Heimath her ſo wohlbekannte Lied geſpielt, ſagte Nordheim, der mit ſeiner jungen Frau der Er⸗ zählung zugehört, zu Macdeam:„gewiß war dies daſſelbe Lied, das Sie im Lodging Hauſe ſpielten, und deſſen liebliche Weiſe uns damals ſchon Alle ſtets ſo tief ergriff.“ Macdeam nickte bejahend, und Ellen ſagte leb⸗ haft:„o ſpielen Sie es uns jetzt! Haben Sie mit dieſem Liede Abſchied genommen von London, ſo müſſen Sie es nun auch wieder damit begrüßen, nun da ſich Alles ſo herrlich und ſchön ans Ziel geführt hat.“ Die Uebrigen vereinten ihre Bitten mit den ihren, und Macdeam erklärte ſich gern bereit, ih⸗ rem Wunſche nachzukommen. Das Inſtrument ward geholt, Macdeam nahm es, und ſeiner Effie mit freudeſtrahlenden Augen liebevoll zunickend, ſetzte er es an die Lippen. Zuerſt leiſe und flüſternd, dann immer mächtiger und gewaltiger — flehte:„o Erbarmen, Herr, Erbarmen! Ein un⸗ glücklicher Flüchtling ſteht vor Ihnen, der mühſam nur dem Gefängniß und ewiger Einkerkerung ent⸗ ronnen iſt. Erbarmen mit einem Sohne Frank⸗ reichs, der ſeine Freiheitsträume mit ewigem Elend bezahlen muß!“ Ja, Nordheim hatte ſich nicht getäuſcht, er war es, war es wirklich, der begeiſterte Republi⸗ kaner, der ſiegestrunkene Freiheitsheld, der Fran⸗ zoſe Armand, jetzt ein Bettler! 5 S 3 82 3 2 2 8 Druck von F. ſnffnnnſſſfnſnſſſnſſinſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 ———