Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seihj- und Jeſebedingungen. 3 8 b 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8“ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 Pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3.. b 13 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mkr.— Pf. „ 3„„=„„=, v„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 8 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 — „ 1 3 X. Mühlbach's Kleine Romane. —2— Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Vierzehnter Theil. Die Flüchtlinge in London. Zweiter Band. ——— .. Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 168 Roman von L. Mühlbach. 2 Zweeite, neu bearbeitete Ausgabe. Zweiter Pand. 8 8 . 8 Altona. Verlag von J. F. Hammezig. 1861. Fllüchtlinge in London. J. Die Novize. Die abendliche Meſſe war beendet, langſam wandelten die Nonnen durch die Kirche und tra⸗ ten durchs Refectorium zurück in den langen Kreuz⸗ gang des Kloſters, an deſſen beiden Seiten die Thüren zu ihren Zellen lagen. Langſam wandel⸗ ten ſie weiter, jede bis zu ihrer Zellenthür, an der mit weißen Lettern auf ſchwarzem Grunde der Name der Bewohnerin zu leſen war. Nun noch das leiſe Knarxren der geöffneten Thüren, dann ſchloſſen ſich dieſe hinter den Non⸗ nen, und alles war wieder lautlos und ſtill. Die ewige Lampe vor dem Bilde der heiligen Jung⸗ frau, das am Ende des Kreuzganges in einer Niſche hing, warf zuweilen aufflackernd einen matten Lichtſchein durch den langen Gang, und zeichnete geſpenſterhafte Schatten an den weißen kahlen Wänden. Vom Kloſterthurme ertönte das Gelänte Die Flüchtlinge in London, II. 1 amas nach vorn gebeugten Haltung ihrer Geſtalt; Abendglocke wie leiſes Wimmern herüber, und bei der Stille umher konnte man aus den Zellen das Aveèe Maria der Nonnen vernehmen. Die Glocke verſtummte, das Gebet mit ihr; dann trat um die Ecke des Ganges eine Nonne, an dem großen Schlüſſelbunde, das ſie in der Hand hah als Pförtnerin kenntlich. Mit dem großen Hauptſchlüſſel ging ſie zu jeder Zellenthür, verſchloß ſie bis auf zweie ſorg⸗ fältig, und wandelte dann leiſen Schrittes nach dem entgegengeſetzten Ende des Ganges, wo neben der Ausgangspforte ihre eigene Zelle lag. Sie ging hinein, verriegelte hinter ſich die Thüre, und Alles war ſtill, wie zuvor. Eine Zeit war ſo vergangen, als aus der Zelle, welche die Pförtnerin nicht verſchloſſen, und an deren Thür der Name„Natalie“ zu leſen war, eine anders Nonne trat. Es war eine hohe, ſchlanke Geſtalt, und die Lampe, die ſie in der Hand hielt, beleuchtete grell ihr Geſicht, deſſen bleiche Schönheit hervorhehdnd. Das lange ſchwarze Gewand der Nonnen umhüllte und verbarg ihre Geſtalt, der weiße dichte Schleier, kunſtvoll geordnet, legte ſich dicht an ſhre Stirn, den Kopf bedeckend, und fiel in geregelten Falten zu beiden Seiten der bleichen Wangen herab. Friede und Ergebung lag in dieſen reinen, engelgleichen Zügen, und ſprach ſelbſt aus der * nur um die ſchmalen Lippen zeigte ſich ein eigener wehmüthiger Ausdruck, und als ſie jetzt die ſchwar⸗ zen großen Augen, über die in feingezeichneter Schwingung die ſchwarzen Brauen ſich wölbten, hinwandte auf das Muttergottesbild, war eine Fülle von Schmerz und Weh, von Seele und Leid darin zu leſen. Sie beugte einen Augenblick ihre Knie und murmelte ein leiſes Gebet, aber man ſah an ihren theilnahmloſen Zügen, daß nur Gewohnheit, nicht Seelendrang ſie ſo thun ließ. Dann füllte ſie die Lampe vor dem Bilde aus dem Krug, der daneben ſtand, mit friſchem Oel, nahm wieder ihre eigene Lampe und wandelte gleichfalls den Gang hinab. Dies Alles ſchien ihr mechaniſch zu ſein; auch hatte ſie ja ſeit zehn Jahren allabendlich dieſe näm⸗ lichen Verrichtungen geübt. Wie eine Geiſter⸗ erſcheinung ſchwebte die ätheriſche Geſtalt den Corridor hinab, und nur der unter ihren Füßen kniſternde Sand verrieth, daß ſie den Boden be⸗ rühre. Durch die nur angelehnte Thüre trat ſie ins Refectorium, um auch dort die Lampe vor dem Muttergottesbilde mit friſchem Oel zu verſehen, und dann ſchritt ſie durch das Refectorium in die Kirche. Das Oeffnen der Thüre rief das Echo nuf in den hohen Kreuzgewölben der Halle und durchrauſchte den Raum wie mit Geiſterton. Die Nonne achtete es nicht, mit ruhigen un 1 58 beweglichen Zügen ſchritt ſie zum Altare, und vor dem Bilde des Erlöſers niederkniend betete ſie mit halblautem Ton ein Paternoster. Dann ſtand ſie auf, auch hier die Lampen zu füllen, und nach⸗ dem dies geſchehen, trat ſie in den kleinen Raum hinter dem Altar, holte aus einem dort befind⸗ lichen Verſchlage den ſilbernen Becher und Teller, die goldgeſtickten Decken und Meßgewänder, und ſchmückte damit den Altar. Etwas Tiefergreifendes, Schauerliches lag in dieſem ſtillen Walten, in dieſer ruhigen Geſchäftig⸗ keit; die Nonne merkte nicht darauf, und vollendete mechaniſch ihren Dienſt als Sacriſtan. Als der Altar geſchmückt, die Decken ausge⸗ breitet waren, beſtieg die Nonne eine kleine zur Seite gelegene Treppe, die zu dem Orgelchor führte. Hier hing ſie ihre Lampe an die Wand, öffnete die Orgel und legte ihre ſchlanken Finger, wie prüfend, leiſe auf die Taſten. Sie gaben ihrem Druck nicht nach und kein Ton erſchallte aus die⸗ ſen verſilberten Pfeifen. Die Nonne aber glitt leiſe auf den Schemel nieder, und das Haupt auf ihre Bruſt geſenkt, ſchien ſie in kiefe Gedanken ſich zu verlieren. Selbſt das Oeffnen und Knarren der Eingangsthüren und der Schall herannahender Schritte ſchreckte ſie nicht auf, ſie blieb ruhig in ihrer Stellung.* Die Tritte kamen indeß immer näher und jetzt betrat ein zweites weibliches Weſen das Orgelchor und eilte ſchnellen Schrittes zu der ſinnenden Nonne hin. Ihre Kleidung war nicht verſchieden von der⸗ jenigen der andern Nonne, nur der weiße Schleier, der das Haupt und Haar der andern Nonne be⸗ deckte, fehlte, und ſtatt deſſen umwallten lange dunkle Locken Stirne und Geſicht des Mädchens, und fielen nieder auf ihre Schultern. Selbſt das dicke faltenreiche Gewand vermochte weder ihre volle ſchöne Geſtalt ganz zu verbergen, noch auch den Reiz der Ingend und Schönheit, der über dieſem ganzen Weſen ausgebreitet war, zu ver⸗ hüllen. 4 Langſam erhob die Nonne ihr Haupt, und ſagte ruhig und ohne Vorwurf:„Du kommſt ſehr ſpät, meine Tochter!“ „Verzeihung, Schweſter Natalie,“ antwortete die Andere raſch, und zog die Hand der Nonne an ihre Lippen,„Verzeihung, ich war eingeſchlafen vor Kummer und Ermattung.“ „Unſere hochwürdige Aebtiſſin hat geboten, daß ich in dieſer Nacht die letzte Vorbereitung zu der morgenden Feier mit Dir begehe,“ ſagte die Nonne, „laß uns denn zum heiligen Werke ſchreiten. Komm, und laß uns beten.“ Sie zog das Mädchen neben ſich nieder zum Gebet, und in leiſem Flüſtern bewegten ſich ihre Lippen, aber der ruhige Ausdruck ihrer Züge än⸗ derte ſich nicht, und keine Begeiſterung ſchien in ihrem Gebet zu ſein. 8 Auch das Mädchen neben ihr verſuchte zu be⸗ ten, ſie faltete die Hände, ſie ſchlug die Augen empor, dann füllten ſich dieſe mit Thränen, ihr Buſen hob und ſenkte ſich in ſtürmiſchem Wallen, ſie ſprang empor und ſchrie mit lautem Ton:— „Natalie, ich kann nicht beten!“ Laut und durchdringend zitterte dieſer Angſtruf des Mädchens durch die Stille und den hohen Raum, und verſchwand in einem leiſen Rauſchen und Säuſeln, das wie Geiſtergeflüſter erklang. Die Nonne erhob ſich langſam von ihren Knien und ſagte:„Du wirſt es lernen, Effie.“ „Nein, nein,“ rief das Mädchen, und die Thrä⸗ nen, mühſam zurückgehalten, ſtürzten nun gewalt⸗ 3 ſam hervor,„nein, ich kann nicht!“ Dann, wie in Verzweiflung warf ſie ſich an den Hals der Nonne, umtlammerte ſie feſt mit 1 ihren Armen und rief:„Rette mich! rette mich! Ich kann dies morgende Feſt nicht feiern, ich kann 8 keine Nonne werden.“ Ihr Athem ſtockte und Natalie fühlte an der ſchwerer werdenden Geſtalt, daß ſie eine Ohn⸗ mächtige in ihren Armen halte. Sie legte das Mädchen ſanft nieder auf den 3 Seſſel und betrachtete die erbleichten Züge des 5 Mädchens, das mit geſchloſſenen Augen ohne Athem dalag. „Ihr wäre beſſer, ſie erwachte nicht wieder,“ flüſterte ſie,„ein ſchneller Tod hätte ſie dann die⸗ ſem Sterben jedes neuen Tages überhoben. Ich will ſie nicht wecken.“ Das Mädchen aber regte ſich ſchon, ſie ſchlug die Augen auf, ſie blickte wild umher, dann ſich beſinnend faßte ſie wieder der Nonne Hand und wiederholte:„Rette mich, Natalie, oder die Ver⸗ zweiflung tödtet mich!“ Ein ſeltſamer, faſt ſpöttiſcher Ausdruck durch⸗ flog Nataliens Züge, als ſie antwortete:„Wie leer würden die Klöſter werden, wenn Verzweiflung zu tödten vermöchte.“ „Ja, in die Klöſter hat ſich die Verzweiflung eingeniſtet,“ rief das Mädchen,„und treibt zum Wahnſinn. Natalie, ich will keine Kloſterfrau werden!“ „Und warum nicht?“ fragte die Nonne ruhig. „Weil ich nicht ſterben will, während das Le⸗ ben in mir glüht, weil ich noch Wünſche habe und Hoffnungen, weil mein Herz noch klopft und meine Sinne noch glühen!“ rief Effie leiden⸗ ſchaftlich. Die Nonne blickte ſinnend vor ſich hin, dann flüſterte ſie leiſe:„es iſt wahr, man ſtirbt ſehr langſam hinter Kloſtermauern!“ Effie faßte heftig ihre Hand und fragte:„Natalie, haſt Du es nie bereut, daß Du eine Nonns ge⸗ worden?“ Natalie richtete langſam das geſentte Haupt empor und ſah die Fragende mit einem ſo eignen, — halb verzweiflungsvollen Blicke an, daß dieſe er⸗ bebte; dann ſagte ſie tonlos:„meine Wünſche ſind geſtorben.“ „Ich aber will nicht ſterben!“ rief Effie heftig. „Ich will, ich muß leben!“. Plötzlich, wie in heftiger Bewegung, glitt ſie zu Nataliens Füßen nieder und ihre Knie um⸗ klammernd, flehte ſie:„Schweſter Natalie, erbarme Dich mein! Rette mich vor den Kloſtermauern! O ſieh, ich kann keine Nonne werden, denn mein Herz gehört dem Leben, gehört der Liebe. Rette mich um meines Geliebten willen.“ Die Nonne erbebte, und ihre Züge, ſonſt ſo unbeweglich, nahmen einen ſchmerzlichen Ausdruck an, als ſie leiſe ſagte:„armes unglückliches Kind!“ Effie flog empor und ſagte faſt freudig:„Du bedauerſt mich! O, dann willſt Du auch helfen! Dann willſt Du auch Erbarmen üben! Sprich, Natalie, rathe mir, ſage, wie kann ich dieſer mor⸗ genden Feier entgehen, wie kann ich entfliehen?“ Entfliehen“ ſeufzte Natalie.„Die Kloſter⸗ mauern ſind hoch und dick, und die Fran Aebtiſſin kennt kein Erbarmen.“ „Aber ſnde kennt es, und Natalie wird helfen!“ rief das glühende Mädchen, die Nonne umarmend. „Warum aber, mein Kind,“ fragte Natalie, „ſchwiegſt Du bis jetzt, warum ſprachſt Du nicht in dieſen drei Monaten, die Du als Novize hier im Kloſter biſt?“ „Erinnere Dich, heilige Schweſter,“ antwortete Effie,„daß dies heute das erſte Mal iſt, daß ich Dich ohne Zeugen ſpreche. Du haſt mich unter⸗ wieſen in dem heiligen Dienſte, aber ſtets war eine begleitende Schweſter bei Dir. Und ſo ſehr ich Deinen friedlichen milden Zügen ſogleich, wie ich Dich ſah, vertraute, ſo ſehr ſchreckten mich die ernſten kalten Mienen der Andern zurück. Ich fühlte, Du allein könnteſt mich verſtehen, und Dir allein dürfte ich vertrauen.“ „Warum betrateſt Du überhaupt das Kloſter? Geſchah es aus freiem Willen?“ fragte die Nonne. „Wie kannſt Du glauben?!“ ſagte Effie faſt entſetzt.„Auf meines Vaters Befehl kam ich hier⸗ her. Du mußt wiſſen, gute Schweſter, daß meine Mutter in frommer Schwärmerei mich dem Kloſter beſtimmte, und noch ſterbend von meinem Vater es ſich mit einem Eide ſchwören ließ, mich dem heiligen Dienſte zu weihen.“ „Und Dein Geliebter?“ fragte die Nonne, u blickte unwillkürlich ſcheu umher, als fürchte ſie, die heiligen Bilder möchten ſich entſetzen vor ſo unheiligen Worten. „O mein Geliebter!“ ſeufzte Effie,„mein Edward!“ Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen über⸗ flog eine tiefere Glut, als ſie fortfuhr:„wiſſe 10— Natalie, ich habe meinem Geliebten Treue bis in den Tod geſchworen; ich werde meinen Schwur halten und ſelbſt Gott ſoll mich ihm nicht untreau machen und ſoll ſich nicht zwiſchen Edward und mich drängen.“ „Wußte Dein Vater um dieſe Liebe?“ „Wie ſollte er nicht!“ rief Effie.„Edward kam täglich in unſer Haus, und in dem Glücke unſerer Liebe dachten wir Beide nicht daran, ſie zu verbergen. Als eines Tages ich in ſeligem Liebesglück an Edward's Herzen ruhte, ach zum eerſten Male, als er mir ſagte, daß er mich liebe und um meine Gegenliebe bat, da überraſchte uns mein Vater, und in glühendem Zorne riß er mich aus Edward's Armen und nannte ihn einen Verräther. Er ſchwur, mich eher zu tödten, als ſeinen Eid zu brechen. Umſonſt flehte Edward, umſonſt um⸗ ſchlang ich meines Vaters Knie, er blieb unbe⸗ weglich. Da reichte ich Edward die Hand und ſchwur ihm ewige Treue, und gelobte eher zu ſter⸗ en, als meinen Schwur zu brechen.“ „Und Dein Vater?“ fragte die Nonne theil⸗ nahmsvoll? „Durfte er ſeiner Tochter zürnen, die nach ſei⸗ nem Beiſpiel handelte?“ fragte Effie ſtolz.„Er wollte ſeinen Eid nicht brechen, ich nicht den meinen!“ „Sahſt Du Edward nicht wieder?“ „Niemals,“ ſagte Effie ſchmerzvoll.„Noch in 11 ſelber Nacht verließ mein Vater mit mir das Schloß, allein, ohne Begleitung. Er ſelbſt leitete die Pferde. Ohne anzuhalten, raſtlos, fuhren wir die Nacht hindurch, und wie viel ich auch in mei⸗ ner Pein zu Gott flehte, er möge in ſeiner Gnade⸗ mir ein Mittel zeigen, Edward Nachricht zu geben, es wollte ſich keine Gelegenheit dazu zeigen!“ Die Nonne ging einige Male ſchweigend auf und ab und flüſterte dabei mit bitterm Ton:„Ich kenne das! Ich habe oft ſo gebetet und ſtets umſonſt.“ „Du kennſt dieſe Qualen?“ ſagte Effie faſt freudig,„Du haſt gelitten, wie ich leide, Du haſt geweint und geklagt?“ Die Nonne legte ihre Hand auf Effie's Schul⸗ ter und ſagte feierlich:„mein Kind, ich habe ge⸗ weint bis meine Augen vertrockneten, und geklagt bis meine Klagen verſiegten, dann bin ich ſtille geworden!“ 4 Sie ſchwiegen Beide, und dies Schweigen, die Stille um ſie her, die dunkle, todte Kirche zu ihren Füßen, die flackernde Lampe vor dem Bilde des Gekreuzigten, Alles dies machte einen ſchauerlichen Eindruck auf Effie's leicht erregte Phantaſie; die bleiche Nonne neben ihr mit den ruhigen Zügen und den glanzloſen Augen erſchien ihr wie eine Todte, Eingeſargte, und ſie ſagte furchtſam:„Laß uns die düſtere Kirche verluſßm. Es iſt ſo un⸗ heimlich hier! Ich meine, es müßten uns hier — 12— Geiſter umſchwirren und Geſpenſter neben uns ſein!“ Natalie ſchüttelte das Haupt und ſagte melan⸗ choliſch:„wie manche Nacht habe ich hier einſam gelegen in dieſer Kirche und die Geſpenſter und Geiſter gerufen, nur, daß ſie mich tödten und er⸗ würgen ſollten, es blieb gaber alles ſtill. Fürchte die Geiſter nicht!“ „Und willſt Du, kannſt Du mich retten?“ fragte Effie dringend. „Ich will!“ antwortete Natalie nach kurzem Sinnen,„ob ich kann, das weiß nur Gott und das Schickſal.“ Ein Schrei des Entzückens entfuhr Effie's Lip⸗ pen; die Nonne aber drückte, wie entſetzt, ihre Hand auf des Mädchens Mund und ſagte leiſe: „ich beſchwöre Dich, ſchweige! Dieſe Mauern ſind es nicht gewohnt, ſolche Freudenlaute zu vernehmen, und wenn ich auch nicht an gute Geiſter glaube, die helfen, ſo glaube ich doch an böſe, die verder⸗ ben und ſchaden. Wir ſind aber beide verloren, enn die hochwürdige Aebtiſſin von unſerm Ge⸗ ſpräche Kunde bekommt.“ „Höre mich an,“ fuhr ſie fort, als Effie ſich zitternd an ſie ſchmiegte,„wir wollen verſuchen Dich zu retten; aber nur die größte Vorſicht kann uns helfen. Vor Allem laſſe allen Widerſtand fahren, nur ſo kannſt Du zum Ziele gelangen. Gieb Dir morgen den Anſchein, als ſeieſt Du voller Freude über den großen Feſttag, der Dich zu einer Braut Chriſti macht. Spare nicht die freudigen Worte, danke der Aebtiſſin, daß ſie Dich dieſer Gnade theilhaftig machen will. Dann klage über Schmerzen, ſchreie und winſele, und wenn Du kannſt, gieb Dir den Anſchein einer Ohnmacht; man wird mich, als eine der Medicin Kundige, zu Deinem Beiſtand rufen, ich werde Dich für ſehr krank erklären und es für nöthig achten, daß die Feier verſchoben werde. So gewinnen wir Zeit.“ „Und Zeit gewonnen, Alles gewonnen, ſagt ein altes Sprichwort,“ rief Effie freudig,„mit Deinem Beiſtand, Natalie, werde ich Alles ge⸗ winnen!“ Natalie reichte ihr die Hand und ſagte mit einem wehmüthigen Lächeln:„mein Kind, in dieſer Stunde empfinde ich, daß auch die Leiden ihren Segen haben; ſie lehren mich Deinen Kummer verſtehen und fordern mich auf zu Deiner Hülfe!“ „Und nun laß uns gehen,“ fuhr Natalie nach kurzer Pauſe fort,„und möge mir der Himmel verzeihen, daß Trug und Täuſchung unſere Zuflucht iſt, es gibt aber in dieſer Welt kein anderes Mit⸗ tel, zum Ziel zu gelangen. Laß uns gehen und verſuchen zu ſchlafen.“ 8 Schweigend verließen ſie Beide die Kirche und ſchritten durch das Refectorium zurück in den Gang. Die flackernde Lampe warf ihren Schein — 14— auf die beiden hohen Frauengeſtalten, wie ſie in ihren ſchwarzen faltigen Gewändern dahin ſchweb⸗ ten und beleuchteten ihre bleichen ſchönen Geſichter. Natalie begleitete Effie bis zu ihrer Zellen⸗ thür, die der ihrigen gegenüber lag; dann flüſterte ſie:„alſo Vorſicht und Behutſamkeit!“ Beide nickten ſich ſchweigend zu und traten Jede in ihre Zelle. Natalie aber ſank nieder auf den Betſchemel, der außer dem Bette das einzige Meuble des engen Raumes war, in dem ſie ihr Leben verſeufzte, und betete lange und inbrünſtig.. Dann ſtand ſie auf und nahm das große Hei⸗ ligenbild, das über dem Betſchemel hing, von der Wand, nahm aus der Rückſeite deſſelben eine An⸗ zahl beſchriebener Blätter Papier und flüſterte: „komme, du mein einziger Vertrauter und Freund, auch die Begebenheiten dieſer Nacht ſollſt du er⸗ fahren!“ Auf dem Betſchemel kniend, denn es gab in dieſem öden Raum keinen Seſſel, ſchrieb ſie mit ſchnellen Federzügen. Es waren aber dieſe Papiere Blätter aus Na⸗ taliens Tagebuch, deren Hauptinhalt mitzutheilen wir uns nicht verſagen mögen. II. Blätter aus der Nonne Tagebuch. Erſtes Blatt. Warun ſchließt ſich der Himmel nicht vor der Mauer des Kloſters, bedeckend, was dahinter liegt? Warum umhüllt nicht ein Nebel die Ferne und hindert das Schauen? Nichts als Himmel und Kloſter, Einſamkeit und Schweigen! Nur dann kann die Seele ihren Frieden bewahren! Ach, warum ſchließt ſich der Himmel nicht an der Mauer des Kloſters? Auf der Anhöhe im Kloſtergarten ſtand ich heute, und frei ſchweifte mein Blick hinaus in die Ferne! Warum ward mir da nlüßlich ſo wohl und weh!? Warum regten ſich die Sch hwingen meiner Seele wie zum Flug in die Weite, ud folgten mit dür⸗ ſtendem Auge der Lerche, die ſingend von der Mauer des Kloſtergartens ſich anfwirhelie und ——— hinflog in die Welt? Ach, warum ſtand ich auf der Anhöhe im Kloſtergarten?. Das Lied der Lerche verſtand ich, ſo ſchien mir's, und mir war, als vernähm' ich die Worte: „ſchön iſt die Welt, wenn Du mit ſchönen Augen ſie ſieheſt; heilig iſt ſie, wenn Du mit reinem Ge⸗ danken weileſt in ihrer Pracht; heilig auch iſt ſie, weil Gott ſie geſchaffen; ich fliege, fliege hin in die ſchöne, die heilige Welt, wo ſie wohnet die heilige Freiheit!“ Ach, ſo verſtand ich das Lied der Lerche!— Dicht an die Mauer des Kloſters gelehnt ſteht die Hütte des Gärtners, und wie ich ſtand und ſchaute hinweg über die Mauer, gewahrte ich ihn, wie er unter der Linde, die ſeine Hütte beſchattet, ausruhte von der Arbeit des Tages. Die Abendſonne traf mit ſcheidendem Glanze ihn und die Hütte, aus deren geöffneter Thür jetzt ſein Weib, den Säugling im Arme, heraustrat. Ich empfand einen Schmerz in der Bruſt. Warum ſteht auch dieſe weltliche Hütte ſo nah an der Mauer des Kloſters?. Mit freudeſtrahlendem Blick ſchaute der Gärt⸗ ner hin auf ſein Weib und ſein Kind, und die Mutter legte den Säugling in die Arme des glück⸗ lichen Vaters, der das lächelnde Kindlein herzte und küßte, und dann die Mutter ſanft zu ſich nie⸗ derzog auf den Sitz. Sie legte den Arm um den 17 Hals des Gatten, und nickte ihm zu, und mit freudeſtrahlendem Blick ſchaute der Gärtner ſie an. Nicht weiß ich, ob ſie es ſprachen oder ob es nur meine Gedanken. Aber mir war als vernähm' ich die Worte: auch die Liebe des Menſchen zum Menſchen kann heilig und rein ſein, und läuternd die Seele durch⸗ glühen. Gott ſchuf dies Gefühl in dem Menſchen, und was Gott ſchuf iſt geheiligt. Das Weib, das in jauchzender Freude ihr Kindlein drückt an die Bruſt, erfüllt erhabenen Beruf und Gottesdienſt iſt ihr Glück.— Sprachen die Beiden wohl ſo, oder waren es nur meine Gedanken? Wie ſchien mir das Glück der Bewohner der Hütte ſo ſchön!— Jetzt trat auch d Magd her⸗ zu und deckte den Tiſch, ſetzte Milch und Käſe darauf, und Brod und praderde Früchte. Das Kind griff nach den rothen Beeren und die Mutter ſteckte ſchäkernd ſie ihm ins rothe Mäulchen. Darauf ſprach der Mann: geſegn' es uns Gott! Und ſie aßen. Ach, nie ſah ich im Kloſter die, leckern Speiſen mit ſolcher Luſt genießen, wie dieſe das einfache Mahl! Wie iſt doch das Glück der Hütte ſo ſchön! Auf der nahen Straße flog jetzt ein Reiſe⸗ wagen heran, bepackt mit Schachteln und Kiſten, in reicher Livrée die Bedienten. Im Wagen ſaß eine ſchöne Dame und ihr zur Seite ein Mann. Sie ſchauten nicht um iic her Die Flüchtlinge in London. II. 3 2₰ — 18— ſie blickten ſich an und lächelten. Und ich dachter bei mir: auch die ſcheinen glücklich, und nichts von den Qualen und Schmerzen der Welt las ich in ihren Geſichtern. Pfeifend trieb der Schäfer die Heerde heim, und das Geläute der Glocken vom nahen Kirch⸗ thurm des Dorfes tönte harmoniſch darein. Wie ſchien mir Alles ſo lieblich und ſchön, wie lächelte die Welt mich an in ihrem Frieden und die Natur in ihrer herrlichen Schöne! Ach, in den Gärten da draußen blühen die⸗ ſelben Blumen, duften die Roſen ſo ſchön wie hier in der heiligen Erde des Kloſters, und Gott zürnt ihnen nicht und läßt ſie blühen und prangen. Jene Linde da draußen ſcheint mir ſchöner als dieſe hier hinter den Mauern, und Gott war es, der ſie ſo herrlich geſchaffen. Muß denn der Menſch allein die Sonne flie⸗ hen und die Welt, um zu erblühen zur Ehre des Herrn? Zweites Blatt. Natur iſt Gott und Gott iſt Natur!. Was zweifeln die Menſchen und fragen und ſuchen nach Gott? Was forſchen ſie nach ſeinem Weſen und wollen ergründen des Gottes Natur? Gott iſt Natur und hat nicht Natur! Schau die Blume, wie ſie blühet! Dieſe Blume iſt Gott! — 19 Schau die Sterne, wie ſie blinken, dieſe Sterne ſind Gott! 3 Wirf Dich nieder vor Blum' und Stern, und bete an, den Gott, den vergeblich Du ſuchteſt in Deiner Bruſt! Wirf Dich aber auch nieder und bete an in Deiner ſtillen Zelle! In dieſer Zelle iſt Gott, wenn Du beteſt! Wirf Dich nieder auch und bete an vor dem Bilde des Gekreuzigten, auch dies iſt Gott! Fliehe aber aus der Welt, denn nicht dort iſt Gott, weil er nicht ſein kann bei der Sünde und dem Irrthum! Fliehe in die Einſamkeit, und Du wirſt Gott finden! Drittes Blatt. Die Liebe Gottes muß uns höher ſein, denn aller Menſchen Liebe! Was iſt Liebe? In dem Verlieren das Sichwiederfinden! In der Hingabe der Beſitz. In dem Erblinden gegen Alles das Schauen des Einen! 5 Was iſt Liebe? Die Verklärung des Fleiſches! Das Genießen ohne Genuß! Befriedigte Seligkeit ohne empfundenes Ver⸗ langen! 2* — 20— Können Menſchen die Menſchen ſo lieben? Niemals! O, welche Qual ſchaffet die Liebe der Men⸗ ſchen! Wie zerwühlet ſie das Herz und richtet, ein geſchickter Baumeiſter, einen neuen Tempel auf im menſchlichen Herzen neben dem Tempel des Herrn, nund dränget dieſen zurück in Nacht und Vergeſſen! Nicht Gebet und frommer Sang ertönt in dieſem Tempel! Nur entzücktes Lallen und Jauch⸗ zen der Freude! Statt der heiligen Kerzen brennt die Flamme der Begierde, ſtatt des heiligen Fal⸗ tens der Häͤnde heben die Arme ſich zum Um⸗ ſchlingen, und nicht das heilige Kreuz küßt die flehende Lippe, ſondern berührt in irdiſcher Glut die Augen und Lippen des Menſchen! Weh! Weh! Welche trügeriſche Seligkeit in dem Gefühl ſolcher Liebe! Wie dörrt ſie das Herz uns aus und um⸗ nachtet die Seele! Für der Minute Entzücken giebt ſie uns Jahre der Pein! Für das Jauchzen der Stunde ſchafft ſie ewi⸗ ges Verſtummen den kommenden Tagen! Für flüchtige Luſt giebt ſie nie verlöſchende Qual!.. Ein verzehrendes Feuer brennt ſie im Herzen! Wohl mir! das iſt vorüber, vorüber! Zu Aſche verbrannt war mein Herz, und aus der Aſche — 21 hervor hebt ſich, dem Phönix gleich, geläutert die heilige Liebe! Ja, aufs neue erglühte dies Herz, aber in heiliger Glut! Eine Braut bin ich wieder, und in bränutlicher Luſt entzückt erglänzt mein Auge! Eine Braut des Himmels! Welche Seligkeit! Chriſtus mein Bräutigam! Welch ſtolzes Glück! Ich fühle Deine Nähe, mein Bräutigam! Dein Athem glüht an meiner Wange! Deine Braut liegt Dir zu Füßen, mein Bräutigam! Durch die hochzeitliche Kammer, welche das Grab iſt, werde ich eingehen zu der Gemeinſchaft mit Dir und anſtaunen Deine Herrlichkeit! Hinweg ihr Bilder der Welt, Truggeſtalten der Erde! Befreit iſt mein Herz, befreit und erfüllet zu⸗ gleich. Eine Braut bin ich des Himmels, und Chriſtus iſt mein Bräutigam! Viertes Blatt. Schlägt mein Herz noch? Stocken meine Pulſe nicht? Ich fühle kaum dies Herz, das ſonſt ſo ſtürmiſch klopfte, kaum noch den Puls, der ſonſt ſo erſtickend wogte. Ruhe iſt in mir, um mich, und in langen Zügen trinke ich den Athem des Friedens, der mich umweht in dieſen ſtillen Kloſter⸗ mauern, mich anlächelt aus den unbeweglichen Ge⸗ ſichtern dieſer ſchweigenden Nonnen. — 22— Es iſt Friede in mir! Hinter mir liegen die Kämpfe der Welt, und nicht über die hohen Mau⸗ ern unſeres Kl oſter gartens hinaus reichet mehr das Wünſchen und Sehnen meiner Seele. Verſchwun⸗ den iſt alles Bangen und Zagen, verſchidunden alles Begehren und Sehnen, aller Drang nach Leben und That! Ich danke Dir, allweiſer Gott, denn es iſt Friede in mir! Und dieſer Friede gleicht dem Unſchuldslächeln eines Kindes, das in ſeinem Spielwerk die ganze Welt zu beſitzen wähnt, und weil alſo, ſie auch beſitzet. Die höchſte Seligkeit iſt nichts anderes, als Friede der Seele, als Ruhe des Herzens. Ehe ich ihn beſaß, war ich wie ein im Winde ſchwan⸗ kendes Rohr, jeder Moment brachte Gefahr des Zerknickens. Nun aber bin ich ſtark wie die Eiche, die ihre Krone gen Himmel erhebt und mit ihren grünen duftenden Zweigen dem Herrn ein Lob⸗ lied rauſcht. Jetzt fürchte ich nicht die kommende Stunde, nicht den werdenden Tag. Keine Stunde, kein Tag bringt etwas Ungewohntes und Neues; einer vergeht wie der andere, und ruhig und ſtill ſchleich das Leben ſich hin, gleich einer Uhr, die in nie ſtockendem, nie verändertem Gange Stunde nach Stunde bezeichnet mit gleichmäßig ruhigem Schlage! Miein Leben iſt Mechanismus geworden, und dieſer Mechanismus iſt die höchſte Seligkeit, denn er iſt Friede, und Gott iſt es, der als großer Werk⸗ meiſter dieſen Mechanismus ordnet und lenkt, der durch ſeine Sonne mich weckt und mir den Tag verkündet, und durch der Sonne Niedergang mir ſaget, daß der Tag ſich neiget, und daß die Ge⸗ ſchäfte deſſelben beendet ſind. Und was ſind dieſe Geſchäfte? Gott dienen und zu ihm beten! In gläubigem Vertrauen Seele und Gemüth zu ihm erheben und in kind⸗ licher Zuverſicht zu ihm beten, als dem Vater! Wie herrlich iſt das Gefühl, das ſich während dieſer Geſpräche mit Gott über mich ergießt, gleich einem Himmelsthaue, und mich ſtärkt und belebt zu neuem innerem Wachsthum und zu neuem Blühen! Ja, eine Blume bin ich im Garten Gottes, die für nichts zu ſorgen hat und zu bangen. Des Segens gewiß, wie die Blume des Thaues, ſchaulle und wiege ich mich in dieſer Sicherheit, wie die Blume in der Sommerluft, und ſchließe Abends, wie die Blume ihren Kelch, keuſch und züchtig meine Augen und bin wieder des Segens gewiß. Wie der Nachtthau die Blume tränkt und er⸗ quickt, ſenkt Schlummer ſich hernieder auf mich, und ſäuſelnde Träume umwehen mich, wie die Zlume der fächelnde Wind. So geſtärkt mit neuem Balſam des Himmels weckt mich, gleich der Blume, die Sonne und läßt mich blühen zur 5* Freude des Gärtners, der lächelnd die Frucht ſei⸗ ner Pflege erſchaut. Gott iſt mein Gärtner! Ich fühle, wie er ſorgſam der Knospen meines Herzens ſich erbarmt, und ſeine welkenden Blüthen auftreibt zu neuem Daſein und Duft! Er giebt mir den Stab, an dem ich hinaufranke, und ſo wachſe ich an ſicherer Stütze des Glaubens. Gott iſt mein Gärtner! Stolz und beſeligt bin ich in dieſem Gefühl der unmittelbaren Nähe Gottes, das da draußen in der Welt unter den Kämpfen und Schmerzen des Lebens nimmer der Menſchen Eigenthum wird! Ach, die Menſchen quälen ſich ab, Gott zu finden! Sie ſuchen ihn all überall und lauſchen in zwei⸗ felndem Herzen auf das Geräuſch ſeiner Schritte, das ſeine Nähe verkünden ſoll! In der Welt krankt man nach Gott! Hier in der Stille und Einſamkeit bin ich geſundet zu Gott! Ja, geſundet! Ich ſehe ihn und erkenne ihn, ich drücke mich feſt an ſeine Vaterbruſt und empfinde den Athem ſeines Mundes, der, mich anwehend, Geſundheit und Leben mir giebt! In nebeliger Ferne liegt ſie weit von mir, die Welt, kaum daß ich durch den Nebel hindurch noch ihre Spur gewahre, oder das Geräuſch ihres to⸗ benden Lebens vernehme!. Abgedampft ſind hier die ſchlechten Dünſte der Welt, und in der geläu⸗ terten und reinen Luft dieſer Einſamkeit athme ich das Leben des Todes! Ich bin wie in einem Grabe, und Grabesſtille und Grabesfriede iſt um mich her. Längſt über⸗ wachſen mit dem Moos des Vergeſſens iſt mein einſt ſo ſtürmiſch klopfendes Herz, und hinter dicken Mauern eingeſargt bin ich geſchieden von Leben und Welt! Im Grabe bin ich und lebe doch! Abgeſchloſſen und fertig bin ich mit dem Leben, und lebe doch! Ach, und in welcher Ruhe, und in welchem Frieden lebe ich! Durch nichts erſchüt⸗ tert, in nichts geſtört! Die Begebenheiten jeder Stunde kennend, kann ich jeder Minute ihr Recht und ihren Werth geben, und vernachläſſige nicht das Eine um das Andere willen. Dies Eine aber iſt Gebet und Gottesdienſt! Fünftes Blatt. Ich werde ihr helfen, der armen Effie! Ich will es! An ihren Thränen fühlte ich meinen Frieden ſchwinden, an ihrer Verzweiflung meine Ruhe vergehen! Ein großes, lange mir ſelber verſchwiegenes Geheimniß hab' ich heute mir ſelber geſtanden! Dies iſt, daß der Friede meiner Seele nichts iſt als Erſtarrung, und dieſe Ruhe des Herzens nichts als zermarterte Kraft! Das Glück, das ich genieße, geſteh' ich's mir ſelber, iſt doch nur das bitterſte Unglück, und des Leidens nicht fähig mehr ſein, iſt ein gräßliches Leiden! Abgeſtumpft gegen Freude und Schmerz, verliert wohl dieſer ſein Herbes, aber auch dieſe den ſüßen Genuß. Der Menſch aber ſoll leiden, wie er ſich auch freuen ſoll, und die Fähigkeit zu leiden iſt ſchon ein Himmelsgeſchenk und eine nur dem Menſchen verliehene Eigenſchaft! Wozu lebe ich und laſſe die Tage meines Le⸗ bens einen nachrollen dem andern, wie die Kugeln meiner heiligen Schnur? Wem nützet dies Daſein ohne Zweck, ohne Ziel, das mehr nicht bedeutet als das Vegetiren der Pflanze? Alles iſt beſtimmt zur That und zum Nutzen! Was aber, o Gott, nutzt ein thatenloſes Gebet? Ja, Du armes, zitterndes, weinendes Kind, Du traurige Effie, ich will Dir helfen! Gehe hin in die Welt, gehe und koſte von ihren Schmerzen und Freuden! Mehr werth ſind die Thränen der Verzweiflung, als apathiſche Ruhe, mehr das Aech⸗ zen des Grams, als das ſorgloſe Hinleben der Tage, mehr die Ermattung vor Kummer, als kum⸗ merloſes Verwelken! Gehe hin in die Welt! Bete mit Thaten und diene Gott mit Leben und Wirken! Nur wer thätig iſt, lebt, nur wer wirket, dient dem Herrn! 3 Gehe hin in die Welt! Hinter den Mauern des Kloſters, in enger Zelle betet für Dich die Nonne, betet und danket Gott, daß Du nicht lebſt wie ſie, ein nutzlos verlorenes Leben! Hier endete Natalie, ſchlug die Blätter zuſam⸗ men und verbarg ſie ſorgſam wieder an ihrer vori⸗ gen Stelle. Dann flüſterte ſie vor ſich hin:„ja, ich will ihr helfen!“ 3 5 Lange und ſinnend ging ſie in ihrer Zelle auf und ab, in tiefem Sinnen überlegend, wie Effie's Flucht am beſten zu bewerkſtelligen ſei. Plötzlich blieb ſie, wie von einem mächtigen Gedanken ergriffen, ſtehen, und ein freudiges Lächeln durchleuchtete einen Moment ihre Züge, als ſie ſagte:„ja, ſo wird es gehen! Vielleicht war es ein Wink des Herrn, das er mich dieſen Weg ken⸗ nen lehrte, einen Weg, Allen hier unbekannt, ſelbſt der Aebtiſſin!“ In dieſem Moment ertönte die Kloſteruhr in langſamen Schlägen. Natalie zählte aufmerkend die Schläge und ſagte dann:„erſt elf Uhr; die Nacht iſt lang! Alles ſchlummert! Beſſer heute, wie morgen!“ So ſprechend nahm ſie ihre Lampe und ver⸗ ließ mit leiſem fliegenden Schritt ihre Zelle. III. Die Flucht. Durch die nur angelehnte Thür trat Natalie in das Zimmer der Novize Effie, die, das Ein⸗ treten der Nonne nicht gewahrend, vor ihrem Bet⸗ ſchemel in kniender Stellung verharrte. Leiſe ging Natalie näher, das Aufflackern der Lampe zeigte ihr deutlicher Effie's Geſicht, und die — geſchloſſenen Augen, der langſame, ruhige Athem verkündeten des Mädchens ruhigen Schlummer. Wunderbar war es anzuſchauen, dies ſchlum⸗ mernde Mädchen, und Natalie ſelber blieb wie ge⸗ feſſelt von dem Anblick in ihrem Anſchauen ver⸗ loren ſtehen. Das faltige Gewand der Novize hatte Effie abgelegt, hingeworfen lag es auf dem Fußboden, und das weiße Unterkleid, Hals und Nacken un verhüllt laſſend, ſchmiegte ſich eng anliegend um die vollen üppigen Glieder. Das ſchwarze lange Haar hing aufgelöſt herab, hier den Nacken be⸗ — — 29— deckend, dort die Weiße der hervorleuchtenden Schul⸗ ter nur noch glänzender hebend. Der ſchön ge⸗ formte Kopf ruhte am Pult des Betſchemels, auf dem die Schlummernde kniete. Den vollen weißen Arm hatte ſie unter ihr Haupt gelegt, und ihre Stirn faſt berührend hielt ſie in der Hand das Miniaturbild eines Jünglings. Vielleicht war es dies Bild, das jenes ſüße Lächeln um die ſanft geſchwellten Lippen der Schlummernden erzeugt, vielleicht die Erinnerung an dieſen Jüngling, das die noch nicht getrocknete Thräne hervorgerufen, die auf der jugendlichen Wange des Mädchens hing. Natalie ſah nicht auf das Bild, nur auf die Thräne, und flüſterte mit mildem Lächeln:„ſie iſt eingeſchlafen vor Traurigkeit!“ Dann dem Gange dieſer angeregten Idee fol⸗ gend, fuhr ſie fort:„nicht aber wie einſt Chriſtus, als er auch ſo ſchlummernd ſeine Jünger fand, trete ich zu ihr, wie der Herr, mit dem Ruf: „ wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet!“ ſondern ich komme ſie zu wecken, daß ſie der Anfechtung entgegengehe und dem Kampfe. In dieſem Augenblicke leuchteten Effie's Züge in einem glücklichen Lächeln höher auf und ſie flüſterte:„mein Edward, mein Geliebter!“ „Sie träumt von ihrem Geliebten,“ ſagte die Nonne melancholiſch,„ich kenne dieſe Träume. Nach ſolchen Träumen iſt es furchtbar, hinter Kloſtermauern in einer Zelle zu erwachen.“ — 3— . Efſie's Lippen hauchten leiſe:„ich liebe Dich ewig, Edward Macdeam!“ „Ewig!“ ſagte die Nonne mit bitterm Lächeln, „da draußen in der Welt weiß man nicht, was dies Wort bedeutet, und dies Nichtwiſſen bringt viel Kummer und Leid! Ewige Liebe! Giebt es die wohl hienieden?“ Sie verſank tiefer in ſich ſelbſt, und ein flüchtiges Roth, vielleicht war es das Roth innerer Erregung, vielleicht aber auch das der Krankheit, bedeckte einen Moment ihre blei⸗ chen Wangen, ſie ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt und blickte in Sinnen verloren zur Erde. Dann ſchaute ſie auf, und ſagte feſt:„nein, ich glaub' es nicht! Wäre nie endende Liebe ein Gemeingut der Menſchheit und Welt, warum würd' es denn hienieden den Menſchen ſo ſelten zu Theil?“ „ ‚ch will ſie wecken,“ fuhr Natalie fort,„es iſt nicht wohlgethan, zu den Füßen des Heilandes mit eines Jünglings Bild in der Hand und mit Liebesträumen im Herzen zu ſchlummern.“ 3 Leiſe berührte ſie Effie's Schulter, und als dieſe zuſammenzuckend die Augen öffnete, legte Natalie ihr bedeutſam den Finger auf den Mund und flüſterte:„ſtill, ſtill!“ Effie's regſamer Geiſt war ſogleich vom Schlum⸗ mer befreit, und ſich ſchnell aufrichtend flüſterte ſie:„kommſt Du zu meiner Rettung?“ „So es der Wille des Herrn iſt, will ich es verſuchen,“ antwortete Natalie.„Hülle Dich in die Kleidung, die Du trugeſt, als Du ins Kloſter kamſt, packe das Nothwendigſte zuſammen, und folge mir!“ Effie drückte ſich gewaltſam die Hand auf den Mund, um nicht aufzuſchreien vor Freude, ihre „Wangen aber erglühten im höchſten Purpur des Entzückens, und ihre Augen leuchteten in Wonne. Sie kniete nieder vor Natalie und ihre Hand küſſend, flüſterte ſie:„Natalie, wie ſoll ich Dir danken?! Du giebſt mir Glück und Leben wieder! O, wie ſoll ich Dir danken!“ „Danke mir durch Glück und Zufriedenheit,“ ſagte die Nonne,„und gedenke meiner als einer Abgeſchiedenen, die für Dich betet!“ „Aber jetzt laß uns eilen,“ fuhr ſie nach kur⸗ zer Pauſe fort,„die Stunden gehen unaufhaltſam weiter, und Du mußt ſie benutzen.“ Bald ſtand Effie in zierlicher, weltlicher Tracht, ein kleines Bündelchen unter dem Arm, vor der Nonne und erklärte ſich bereit zu gehen. „Wer in die Welt geht, muß auch die Dinge der Welt beachten,“ ſagte Natalie,„und das noth⸗ wendigſte Ding iſt Geld. Biſt Du damit verſehen?“ „Im Ueberfluß,“ antwortete Effie.„Mein Vater gab mir tauſend Guineen, als er mich hie⸗ her brachte, und noch die Hälfte davon iſt in mei⸗ nen Händen. Zudem beſitze ich noch den Brillant⸗ ſchmuck meiner Mutter, den ich morgen zur Feier meiner Einkleidung anlegen ſollte.“ — 32 „So laß uns gehen,“ ſagte die Nonne und nahm die Lampe. Leiſe und geräuſchlos öffneten ſie die Thür und ſchlüpften über den langen Corridor ins Re⸗ fectorium und durch dies in die Kirche. „Laß uns erſt vor dem Bilde des Heilandes beten, daß der Herr unſerm Unternehmen Gedeihen gebe!“ flüſterte Natalie und kniete nieder auf den Stufen des Altars. Effie folgte ihrem Beiſpiel, und wie ihre leiſe geflüſterten Gebete durch die ſtillen Räume ſchweb⸗ ten und die Luft in zitterndem Echo ertönen mach⸗ ten, mochte man wähnen, unſichtbarer Geiſter ſäu⸗ ſelndes Nahen zu vernehmen, die ſchützend dieſe Beiden umſchwehten, und ihnen Troſt und Bei⸗ ſtand zuflüſterten. Als ihr Gebet geendet, winkte Natalie dem Mädchen, ihr zu folgen, und eine Fallthür auf dem Fußboden hinter dem Altar öffnend, ſtieg ſie leiſe und behutſam eine Treppe hinab. Effie, die ihr folgte, ſagte bebend:„wohin führſt Du mich, Natalie? Es weht mich an, wie Grabesluft und Modergeruch!“ Die Nonne antwortete ruhig:„Auch kommen wir zu Gräbern und Särgen, in das Gewölbe, wo die früheren Aebtiſſinnen beigeſetzt ſind.“ 3 Sie waren jetzt unten angelangt und ſtanden mitten unter Särgen, deren ſilberne Verzierungen hell erblitzten bei dem Schein der Lampe, und .— 33— Effie's aufgeregten Sinnen wie grinſende Todten⸗ köpfe erſchienen. Sie ſchmiegte ſich feſt an Nataliens Seite, und flüſterte bang:„mir grauet vor dieſen Sär⸗ gen! Ich meine, ſie würden ſich öffnen und die Aebtiſſinnen herausſteigen, das ihnen entfliehende Opfer zürnend zurückzuhalten. „Horch,“ fuhr ſie ängſtlicher fort,„hörteſt Du Aicht Geräauſch dort?“ „Es war der Schall Deiner eigenen Stimme, der ſich an dem Spitzgewölbe brach,“ antwortete Natalie ruhig und fragte dann gütig lächelnd: „Grauet Dir ſo ſehr vor den Todten?“ „Sehr, ſehr,“ ſagte Effie,„für das Leben habe ich Muth, aber ich fürchte die Todten.“ „Es muß ſchön ſein, ſo das Leben zu lieben,“ ſagte die Nonne ſinnend,„daß man bangt vor dem Tode. Komm, lehne Dich an mich, wir müſſen durch die Reihe dieſer Särge hindurch⸗ ſchreiten zu der kleinen Todtenkapelle dort, wo die ewige Lampe brennt. „Wehe der Unglücklichen, die dieſe Lampe zu verſorgen hat,“ flüſterte Effie. „Warum wehe?“ fragte Natalie gelaſſen.„Seit zehn Jahren iſt dies mein Geſchäft, und allnächt⸗ lich ſteige ich hinab in dies Gewölbe. „Und Du empfindeſt kein Grauen?" .„Wie ſollte ich?“ antwortete Natalie.„Mein Kind, dieſe Todten liegen ſtille, ich habe ſie oft 3 Die Flüchtlinge in London. II. in Sinnen verloren, dann ſagte ſie mit leiſem — 34— in bangem Gebete angefleht, ſich mein zu erbar⸗ men und mich aufzunehmen in ihre Ruhe; ſie haben mir aber nimmer ein Zeichen gegeben.“ 3 Sie traten jetzt in die kleine Kapelle, deren ſchwarz verhangene und mit Todtenköpfen verzierte Wände Effie anſchauerten wie ein offenes Grab. Der Thür gegenüber in ſchwarzer Niſche ſtand ein hölzernes Crucifix und zu den Füßen deſſelben, wie Höllengeiſter, leuchteten zwei Todtenköpfe, die man gleichſam als Schirm den ewigen Lampen übergeſetzt, ſodaß aus den weiten Augen und Na⸗ ſenhöhlen die Flamme hervorleuchtete und grau⸗ ſiges Dämmerlicht umherwarf. Natalie beachtete es nicht, und verſtand nicht Effie's Erbeben und Schaudern. Sie ſtand Wiegen des Hauptes:„Seltſam! So dient die Verzweiflung des Einen zum Nutzen des Andern! Sieh, Effie, als ich vor elf Jahren dies Kloſter als Novize betrat, war ich jung und unglücklich wie Du, und meinte oft in bangen Jammernäch⸗ ten zu verzweifeln in meiner Qual; dann ging ich hieher zu beten, und unter den Schattengeſtal⸗ ten des Todes meinte ich Geneſung und. Tod zu ſinden.“ 8 „Arme Natalie,“ ſagte Effie, ſich liebevoll an der Nonne Bruſt lehnend,„Du warſt alſo auch unglücklich? Ach, ich meine, eine Engelsſeele, wie Du, hätte niemals leiden können. Biſt Du doch 3 8— 35— ſtets ſo ruhig und mild. Kann man denn un⸗ glücklich ſein und doch ruhig?“ „Wer immer im Unglück bleibt, verlernt es, unglücklich zu ſein,“ ſagte Natalie,„und wird ruhig und ſtill. Solche Ruhe, Kind, iſt mein; ich leide nicht mehr!“ .„O, erzähle mir, ehe wir ſcheiden, Dein Un⸗ glück,“ bat Effie,„laß mich theilnehmen an Dei⸗ nem Schmerz!“— Ddie Nonne ſchüttelte leiſe ihr Haupt:„man ſoll die Todten in ihrer Ruhe nicht wecken, und begrabenes Weh picht ſtören in ſeinem Todes⸗ ſchlummer,“ ſagte ſie leiſe.„Dereinſt am jüngſten Tage werden meine Leiden auferſtehen und vor dem Throne des Herrn den verklagen, der ſie erzeugte; ich aber will dann für ihn beten, denn ich habe verziehen! Du aber ſegne mein Unglück, denn ihm allein dankſt Du den Weg zu Deiner Rettung! Sieh, als ich einſt in troſtloſem Jammer hier zu den Füßen des Heilandes kniete und in wahn⸗ ſinnigem Schmerz ohnmächtig niederfiel auf dieſe hölzernen Stufen, da fühlte ich, erwachend, einen Lufthauch mich umwehen, und bemerkte, daß jenes Crueifix ſich zur Seite geſchoben und eine Spalte ein der Niſche ſich zeigte. Mein hinſinkender Kör⸗ per hatte eine Feder gedrückt, durch die jene ge⸗ heime Thür geöffnet ward, und der Zufall mir ſo ein Geheimniß des Kloſters vertraut. Effie,“ fuhr ſie fort, nich öffne Dir jetzt den Weg zur . 3 — 36— Rettung, einen Weg, den, wie ich glaube, Niemand hier kennt.“ Natalie beugte ſich nieder und drückte mit aller Kraft an der hölzernen Stufe. Mit leiſem Knarren ſchob ſich das Crucifix tiefer in die Niſche zur Seite, und ließ eine Spalte frei, breit genug, um einen bequemen Durchgang zu geſtatten. „Auf dieſem Wege gelangen wir in einen kur⸗ zen unterirdiſchen Gang,“ ſagte Natalie,„der in einem Gewölbe des Kloſterkirchhofes endet. Dies Gewölbe iſt mit einer eiſernen Thür verſchloſſen, der Schlüſſel aber hängt innen, und ſo gelangt man ins Freie!“ „Wie iſt es möglich,“ ſagte Efſie, über ihrer Verwunderung faſt die Freude der nahen Rettung vergeſſend,„wie iſt es möglich, daß Du ſo lange einen ſichern Rettungsweg kannteſt und doch nicht entflohen biſt?“ „Als ich ihn kennen lernte, war es zu ſpät,“ ſagte Natalie.„Seit einem Jahre ſchon hatte ich damals mein Gelübde als Nonne abgelegt, und ich meine, wenn ein ſolcher Eid dem Herrn geſprochen iſt, muß man ihn erfüllen. Zudem, wie ſollte ich fliehen? An dem Tage, wo die Novize eintritt als Nonne, werden die Kleider verbrannt, die ſie mitgebracht aus der Welt. Mein Haar war verſchnitten, und ich hatte nichts als die Tracht des Kloſters, die mich kenntlich 7 37 gemacht hätte vor aller Welt als eine flüchtige Nonne. Aber fort jetzt, laß uns eilen!“ „Hier ſind wir nun am Ziel,“ ſagte Natalie, als ſie jetzt durch den Gang in das Gewölbe tra⸗ ten.„Dieſe Thüre führt ins Freie.“ Sie ſteckte den Schlüſſel, der an eiſerner Kette neben der Pforte hing, ins Schloß, und die Thür ſprang auf. Balſamiſch und warm drang die Sommer⸗ luft hinein, und Effie warf ſich jauchzend an der Nonne Bruſt. „Dank, Dank, ich fühle mich jetzt ſchon geret⸗ tet,“ rief ſie freudig,„und eine Gewißheit des Ge⸗ lingens iſt in mir, die mich muthvoll Alles wagen läßt.“ „Wohin wirſt Du gehen?“ fragte Natalie. Ihr erglühtes Geſicht an Nataliens Schulter verbergend, flüſterte Effie:„zu meinem Geliebten! Es bleibt mir keine Wahl!“ Sie traten aus der Pforte und ſtanden nun auf dem Kirchhof unter den Gräbern der Nonnen. „So lebe wohl!“ ſagte Natalie,„wir müſſen ſcheiden!“ „Eins trübt meine Freude,“ klagte Effie,„daß ich Dich, meine Retterin, meine Freundin, von nun an miſſen ſoll, Dich, deren Blick ich ſtets gleich einem Segen und Himmelsthau empfinde, und deren mildes Angeſicht für mich Beruhigung und Troſt enthielt.“— — 38— „O Natalie,“ fuhr ſie dringender fort und ſtreichelte ſchmeichelnd der Nonne Wangen,„be⸗ gleite mich hinaus in die Welt! Sieh, der Weg der Rettung, er iſt auch Dir geöffnet; nur ein Entſchluß, und Du biſt frei. Ein Druck der Hand und jene Thür hinter Dir iſt geſchloſſen, und mit ihr die Qual und die Monotonie des Kloſters, und die Welt und das Leben begrüßen Dich freu⸗ dig als eine Auferſtandene. Komm, laß mich die⸗ ſen Mantel um Deine Schultern legen, er bedeckt Deine Kleidung, und im nächſten Orte kaufen wir, was Du bedarfſt. Komm, Natalie, ſei meine Schweſter, meine Mutter, ich will Dich lieben wie eine Tochter.“ Mit liebevollem Ungeſtüm wollte ſie Natalie vorwärts ziehen; dieſe wehrte ſie ſanft zurück und ſagte mit melancholiſcher und in Wehmuth zittern⸗ der Stimme:„nein, Du gutes Mädchen, nein! Ich kann Dir nicht folgen in die Welt! Mich bindet mein Eid! Und dann, was ſollte ich auch jetzt noch in der Welt, jetzt, wo ich es ſchon verlernt habe zu leben, wo ich nichts mehr hoffe und wünſche, wo mein Herz er⸗ ſtorben iſt und meine Gedanken eingeſargt, wo ich die Kraft zu fürchten und zu hoffen, zu begehren und zu bangen verloren habe? Alle Eigenſchaften, deren man bedarf um zu leben, ſind in mir ver⸗ trocknet, die Welt hat mir nichts mehr zu biete denn ich verlange nichts mehr. nichts als Ein⸗ ſamkeit und Ruhe. Einſamkeit wohnt hier im Kloſter in meiner Zelle, und Ruhe werde ich finden hier auf dem Friedhof.“ Der Mond, ſo lange unter Wolken verſchleiert, trat jetzt klar hervor, der Nonne bleiches, ſchönes Angeſicht mit hellem Glanz umleuchtend, und Effie, ſie liebevoll anſchanend, ſagte zärtlich:„laß mich Dein ſchönes Antlitz feſt in meine Seele ſaugen, damit ich es in mir trage, ſo lang ich lebe, und es küſſe mit meinen Gedanken!“ Natalie lehnte ſich an das weiße Kreuz des nahen Grabhügels, und wie in Verklärung auf⸗ blickend zum Himmel, ſagte ſie:„ich fühle, dieſe Prüfung hienieden wird bald geendet ſein, und dieſe Wallfahrt des Todes im Leben bald beſchloſſen. Ja, ſelig ſind die Todten, und mit freudigem Hoffen empfinde ich, dieſe Seligkeit wird bald die meine ſein!“ „Wenn Du,“ fuhr ſie fort und ſtreckte den Arm aus, ihre Hand auf Effie's Schulter zu legen, „wenn Du einſt nach Jahren in dieſe Gegend kommſt, und der Schweſter Natalie Dich erinnerſt, ſo gehe hin auf dieſen Friedhof und ſuche unter den Gräbern nach einem, auf dem der Raſen noch jung iſt und grün, und wenn Du auf dem weißen Kreuze deſſelben dann den Namen Natalie findeſt, ſo trauere nicht; freue Dich vielmehr alsdann, daß mein Herz ſtille ſteht und Nuhe gefunden hat, und bete für meine Seele. Ich ſage Dir, es wird mir wohler ſein im Tode des Lebens, als in die — 40— ſem Leben des Todes! Lebe wohl! Wandle ruhig weiter und fürchte keine Verfolgung. Meine Lippen werden Dich nicht verrathen. Aber ich werde der Aebtiſſin morgen früh melden, daß ich Dich nicht in Deiner Zelle gefunden, und ſie wird ſchweigen, um alles ärgerliche Aufſehen zu vermeiden.“ Natalie trat zurück durch die Thür, und ehe Effie Zeit hatte es zu hindern, ſchlug die Thüre ins Schloß. Die eiſerne Pforte trennte die Nonne von der Welt und die Novize vom Kloſter. Am andern Morgen ſahen die frommen Schwe⸗ ſtern die Nonne Natalie zur Frau Aebtiſſin gehen, und weil ſie ungewöhnlich lange bei derſelben ver⸗ weilte, ſchloſſen ſie daraus, ihre Unterhaltung müſſe ſehr wichtiger Art ſein. Als Schweſter Patalie dann zurückkehrte, verkündete ſie den neugierigen Nonnen, wie ſie ſagte, auf Befehl der Aebtiſſin, daß die Novize Effie in der Nacht heftig erkrankt ſei an einer bösartigen und anſteckenden Krankheit, und daß ihr, der Schweſter Natalie, der Auftrag geworden, die Novize zu pflegen. 1 Fanden ſich die Nonnen einerſeits bitter ge⸗ täuſcht, da Effie's Krankheit ihnen die freudige Hoffnung des heutigen erwarteten Feſttags der Einkleidung raubte, ſo freuten ſie ſich andrerſeits doch mindeſtens alleſammt, der traurigen und ge⸗ fahrvollen Krankenpflege überhoben zu ſein, und riefen den Segen des Himmels herab auf die mild⸗ thätige Natalie, die ſich willig als Opfer geſtellt. —— — 41— Natalie war nun einige Tage nur in Effie's Zelle und mied allen Verkehr mit den Schweſtern wegen der Novize anſteckender Krankheit. Die Pförtnerin ſetzte die Speiſen ihr ängſtlich in eini— ger Entfernung der Zellenthür hin und ging dann eilig, um keiner Anſteckung ausgeſetzt zu ſein. Nach acht Tagen verkündete Natalie, die arme Effie ſei geſtorben an ihrer Krankheit; ſie allein legte ſie in den Sarg und verſchloß ihn, und unter den Kreuzen des Friedhofs ſah man bald ein neues ſich erheben, das die Inſchrift trug: „Hier ruht die Novize Effie.“ III. Die nächtliche Wanderung. 9 g .— 1 Als Effie ſich ſo plötzlich gerettet und einſam fand, drohten die Wechſeleindrücke der letzten Stun den ſie faſt zu bewältigen; ſie ſank erſchöpft nieder auf einen der Grabhügel, und das Haupt in ihre Hände geſtützt, zogen in wirren Geſtalten verwor⸗ rene Bilder der Vergangenheit an ihr vorüber. Der Nachtwind, der mit kälterem Hauche ſie berührte, weckte ſie aus ihren wachen Traͤumen, und rief ſie zurück in die Gegenwart. Die tiefe Stille um ſie her, das kalte Licht des Mondes, das die Grabhügel und Kreuze beleuchtete, dazu das dunkle Kloſter, zu dem Effie mit ſcheuem Blick ſich hinwandte, dies Alles machte einen ſchauer⸗ lichen Eindruck auf ſie, und ließ ihr Herz in ängſt. lichen Schlägen erbeben. Effie ſtand auf und ſich feſter in ihren Man⸗ tel hüllend, flüſterte ſie:„Muth, Muth! Die E innerung an Dich, mein Edward, ſoll mich ſtärken und kräftigen!“ — 43 Sie nahm ihr Bündelchen unter den Arm, ſchwang ſich leicht über die niedrige Mauer des Kirchhofs und ſtand nun auf der daneben hinfüh⸗ renden Landſtraße. Unſchlüſſig blickte ſie um ſich, überlegend nach welcher Seite ſie ſich zu wenden habe. Dann erinnerte ſie ſich der Richtung, in wel⸗ cher ſie mit ihrem Vater ſich dem Kloſter genähert, des Gehölzes, das ſie kurz vor ihrer Ankunft am Kloſterthore paſſirten, und als ſie links vom Wege die dämmernden dunkeln Umriſſe hoher Bäume am Horizont ſich abzeichnen ſah, lenkte ſie ent⸗ ſchloſſen ihre Schritte nach jener Seite hin. Muthig ſchritt ſie weiter, und als das tiefe Dunkel des Waldes, durch den ſie jetzt dahineilte, ihren Bu⸗ ſen beklemmte und ihr unheimlich däuchte, flüſterte ſie, ſich zu ermuthigen:„Du biſt bei mir, mein Edward, mein Geliebter!“ Dieſe Gedanken belebten ihren Muth, befeuer⸗ ten ihre Kraft, und ohne Furcht ſchritt ſie weiter. Der Wald war lange zurückgelegt und eine be⸗ deutende Strecke hinter demſelben ſchon durchſchrit⸗ ten, als die Morgenſonne heraufdämmerte und Effie an das Licht und den Tag gemahnte; ſie hatte dieſen zu fürchten, da ſie vermuthen mußte, daß man vom Kloſter aus ſie verfolgen würde, und außerdem noch die Möglichkeit war, daß ihr Menſchen begegneten, die ſie vor ihrem Eintritt ins Kloſter geſehen und durch die nun ihre Flucht verrathen werden konnte. 1 — 44— Effie hatte jetzt allen ihren Muth, ihre Be⸗ ſonnenheit wieder gewonnen, und kein mädchenhaf⸗ tes Zagen und Bangen war in ihrer Seele, als ſie jetzt ruhig die Mittel zur Fortſetzung ihrer Flucht überlegte. Von Natur mit einem ſtarken und feurigen Geiſte begabt, war ihre Entſchloſſenheit noch durch die männliche Art ihrer Erziehung vermehrt wor⸗ den; unter Männern aufgewachſen und von Männern erzogen, fühlte ſie in ſich den Muth eines Mannes, geſtählt durch die glühendſte Liebe eines Weibes, die ſie in ihrem heißen Herzen für den Geliebten empfand. Sie beſtieg die Anhöhe nahe an der Straße, um von dort einen Ueberblick in die Gegend zu haben und zu erſpähen, ob dieſelbe ihr ganz fremd. Die Sonne war indeß völlig heraufgekommen, und bei der Helle des Tages glaubte Effie ferne am Horizont Umriſſe von Thürmen zu erkennen, deren Form ihr bekannt ſchienen. Dies befeuerte ihren Muth, und den Hügel eilig hinabgehend, ſchritt ſie weiter. 3 Effie hatte nicht gezittert unter dem Dunkel des Waldes und dem Schweigen der Nacht, der Anblick von Menſchen, die ſie des Wegs daher⸗ kommen ſah, erſchreckte ſie, ſcheu blickte ſie umher nach einem Orte, ſich zu verbergen.“ Keine Hütte, kein Strauch war in der Nähe, nur ein einzelner Baum ſtand am Wege, un Effie, ſeine dichtbelaubte Krone betrachtend, ſagte faſt lächelnd:„pie oft hat mein Vater meine Ge⸗ ſchicklichkeit im Klettern gerühmt und mich ſein ſchnelles Kätzchen genannt, und wie oft habe ich als Kind mit Edward um die Wette mich von Aſt zu Aſt geſchwungen. Jetzt ſollen die wilden Spiele meiner Jugend mir nützen, und ich denke, die Kindheit liegt noch nicht ſo weit hinter mir, daß ich ihre Geſchicklichkeiten verlernt hätte.“ Auf den Fußſpitzen ſtehend konnte ſie einen der herabhängenden Zweige des Baumes erfaſſen, muskelkräftig ſchwang ſie ſich auf, und wie auf⸗ geſchnellt von der Elaſticität ihres Geiſtes ſtand ſie mitten unter den grünen verhüllenden Zweigen der Krone. Von Aſt zu Aſt ſchlüpfte ſie höher hinauf, bis in die dünne Spitze, die ſich ſchwankend mit ihr beugte und ſchaukelte, dann ſtand ſie ſtill, und vor Entdeckung geſichert, blickte ſie begierig hinab zu den ſich nähernden Menſchen, deren Zahl ſich immer mehr zu ſteigern ſchien, und zu einem Zug von vielen Hunderten anwuchs. Es waren Männer und Weiber, Greiſe und Kinder, Alles in bunter Unordnung durcheinander; mit traurigen Mienen zogen ſie einher, und nur dumpfes, unheimliches Murmeln, halblaute Flüche, hier und da ein ängſtlich herausgeſtoßener Ruf an die Jungfrau Maria ließ ſich vernehmen. Unter dem Baum machten ſie Halt, ihr Früh⸗ Königin in England, ob Euch ein Unrecht geſchieht? — 16 ſtück einzunehmen, das aus einem ſpärlich zuge⸗ meſſenen Stückchen Brod beſtand, welches von Allen begierig verlangt und gegeſſen ward. Schon war der Vorrath verzehrt, und doch hatten Viele unter ihnen noch nichts erhalten von dem kärg⸗ lichen Frühſtück; dieſe brachen in wilde Ver⸗ Veinſchugen und Flüche aus gegen ihr trauriges Schickſal. „Arbeiten wir nicht mit Weib und Kind vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht?“ ſagte der Eine,„ſind unſere Hände nicht abgehär⸗ tet unter dem Mühſal beſchwerlichen Wirkens, und unſere Gedanken eingetrocknet unter dem Geräuſch klappernder Maſchinen? Und doch haben wir für all unſer Thun nicht ein Stückchen Brod, unſern Hunger zu ſtillen!“ „Ja,“ ſagte ein Anderer,„und die Fabrikherren leben in Ueppigkeit und Ueberfluß, verpraſſen ihr ſchönes Geld und thun es Fürſten gleich, und doch ſitzt an ihrem Gelde der Schweiß unſrer Hände und die Thränen unſrer hungrigen Kinder.“ „Was beſchwert Ihr Euch,“ rief ein Dritter ſpöttiſch dazwiſchen,„wer lehrt uns ein beſſeres Loos verlangen? Sind die Armen nicht da, um geknechtet und gemartert zu werden, und die Rei⸗ chen, um zu genießen? Fragt einmal unſere Frau —— 1 Sie wird Euch ſagen:«meine iriſchen Kinder, mit nichten! Es geſchieht Euch ganz recht. Der rei * 5 — 47— 4 Fabrikherr thut wohl daran, Euch den Lohn noch immer mehr herabzuſetzen und zu ſchmälern, denn er hat die Macht dazu. Es zwingt Euch ja Kei⸗ ner, für den niedrigen Tageslohn zu arbeiten. Wer nicht Luſt hat, mag es laſſen. Es giebt der Arbeiter genug, und die Fabrikherren thun wohl, nicht nachzugeben, denn die Noth wird Euch ſchon. geſchmeidig machen.“ So ſpricht unſre mütterliche Königin in England.“ 4 „Was wird ſie aber alsdann ſagen, wenn wir verhungern?“ fragte Einer. Der Andre antwortete:„Sie wird ſagen: was liegt an dem armen Volk? Es iſt gut, wenn dieſe aufrühreriſchen, hungrigen Irländer hinfallen und umkommen, denn ſie ſtören mit eihrem Jammer⸗ geſchrei und ihrem unruhigen Klagen die Vergnü⸗ gungen und Freuden meines königlichen Herzens und trüben meine Luſt. Es iſt gut, wenn dies Volk immer mehr zertreten werde', wird ſie ſagen, edamit es die Kraft verliere, ſich zu enpeeden von ſeinen Rechten zu ſchreien.““. „Aber Gott iſt allmächtig und zu jeder Stunde kann er, gerührt von unſerem Jammer, uns hel⸗ fen zum großen Werke,“ rief ein Anderer.„Ha⸗ ben wir darum zunſern Fabrikherrn verlaſſen und ſtatt des kärglichen Lohns es vorgezogen, lieber Nichts zu haben und zu darben, um nun klein⸗ müthig zu zagen? Nein, zu jeder Stunde kann dies Elend enden und Gott uns Hülfe ſchicken. — 4138— Gott wird Einhalt thun unſrer Noth und das Gebet der Völker vernehmen, und Freiheit, Frei⸗ heit wird unſer Theil werden!“ Mit der allen Irländern eigenen Leidenſchaft und ſanguiniſchen Hoffnung brachen ſie Alle aus in den Jubelruf:„ja, Freiheit, Freiheit wird un⸗ ſer Theil werden!“ Sie reichten ſich die Hände, ſie nickten ſich zu und freudiges Hoffen blitzte aus den ſchwarzen Augen dieſer Kinder Irlands. „Laſſet uns jetzt weiter gehen, um noch vor Abend zu unſern Chartiſten Brüdern zu gelangen, damit wir morgen nicht fehlen zu der großen Berathung!“ „Ja, wir wollen eilen,“ riefen Alle,„und die goldene Freiheit ſei unſer Ziel!“ Haſtig brachen ſie auf und ſchon nach wenigen Minuten waren ſie um die Biegung des Weges verſchwunden. s Effie ſich überzeugt, daß die vorige Ruhe und Stille wieder hergeſtellt ſei, ſtieg ſie herab von ihrer luftigen Höhe, und mit wehmüthigem Blick nach jener Seite hinſchauend, wo die Wan⸗ derer verſchwunden waren, ſagte ſie melancholiſch: „Ihr meine armen unglücklichen Landsleute, wie ſeid ihr ſo kindiſch in Eurem Hoffen und ſo ge⸗ duldig in Eurem Leiden! Ihr ruft Gott um Hülfe an, und hofft, er ſoll für Euch kämpfen und fechten! O mein armes Vaterland! ſeufzte — 49— ſie und ihre großen Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen,„wie manches Jahr wird noch vorüberrau⸗ ſchen, ehe Du glücklich biſt und frei, wie manches Jahr noch werden Deine Kinder mit Thränen allein den Boden tränken, den ſie lieben, und unter dem Schweiß ihres Angeſichts ſich die Hände wund arbeiten, nur um ein Stückchen Brod, ihren Hun⸗ ger zu ſtillen!“ Ein Weib kam die Straße daher, und Effie erkundigte ſich bei ihr nach dem Namen des näch⸗ ſten Dorfes und der nächſten Stadt. Wie hüpfte ihr Herz vor Freude, als ſie erfuhr, daß hinter jenem bewaldeten Hügel, der vor ihr die Aus⸗ ſicht begrenzte, das Dorf Killankean liege. Von dort war ihr die Gegend bekannt und nur eine Tagereiſe noch trennte ſie von ihrer Heimath. In jenem Dorfe ſelbſt war ſie ſicher, Hülfe und Schutz zu finden, denn dort wohnte ihre ehemalige Amme, ihr in treueſter Liehe er⸗ geben und gewiß zu jeder Stunde bereit, ihr bei⸗ zuſtehen. 3 Thränen der Freude entſtürzten ihren Augen, und die Bäuerin, die ihr Beſcheid gegeben, ſchaute verwunderungsvoll das ſchöne Mädchen an, das ſo bitterlich weinte und deren Angeſicht doch leuch⸗ tete wie in ſeliger Freude. Effie drückte ihr ſchnell ein Geldſtück in die Hand und ging weiter. Wie ward ihr der Weg nun ſo leicht, wie beflügelte die Freude ihre vor⸗ Die Flüchtlinge in London. II. 4 — 50— her ſchon ermüdeten Füße, und mit wie ela⸗ ſtiſchen Schritten eilte ſie vorwärts dem Ziele entgegen. Nach wenigen Stunden war das Dorf Killan⸗ kean erreicht, und von einem freundlichen Bauern⸗ mädchen zurecht gewieſen, klopfte ſie bald an die Hüttenthür ihrer Amme. Die Pforte öffnete ſich und die gute Alte, die herausſchauend ihren Liebling, das Kind ihres Herzens erkannte, ſchloß Effie mit Frendengeſchrei in die Arme, und zog ſie, ganz außer ſich vor Luſt, in das kleine Zimmer hinein. . Effie ſank nieder auf einen Schemel, und aus⸗ ruhend, ward ſie nun erſt ihrer Erſchöpfung und Anſtrengung ſich bewußt, fand ſie kaum Kraft, dem ungeſtümen Fragen des alten Mütterchens genügend zu antworten. Als ſie aber geſtärkt war von dem einfachen, ländlichen Mahle, das die Alte mit geſchäftiger lie⸗ bender Eile herbeitrug, erzählte Effie ihr die wunder⸗ baren Begebenheiten der letzten Nacht, oft unter⸗ brochen von den Ausrufen der Verwunderung und des Entzückens ihrer alten Pflegerin.„Und da bin ich nun gekommen, Kitty,“ ſchloß Effie ihre Erzählung,„zu ſehen, ob Du mich noch ſo liebſt wie früher und mir helfen willſt zu meiner Rettung.“ Kitty verſprach mit⸗ Thränen, Alles zu thun, was in ihren Kräften ſtehe, und Effie, ſo beruhigt — ——— über den glücklichen Ausgang ihrer Flucht, legte ſich nieder auf das ihr von Kitty bereitete Lager, um nach den Mühſalen und Beſchwerden der letzten Stunden auszuruhen in den Armen des Schlafes. IV. Lebewohl dem Vaterhaus. Es war Abend, und unter dem Schutz der Dunkelheit beſchloß Effie ihre Flucht fortzuſetzen. Der kleine mit einem Pony beſpannte Bauernwagen ſtand ſchon vor der Thür und die beiden Frauen rüſteten ſich zur Abfahrt. In der Tracht eines Matroſen ſtand Effie hold lächelnd vor Kitty, die, mit lautem Jubel ihr früheres Pflegekind betrachtend, ausrief:„da ſage man mir nun, daß es einen Zufall giebt Nein, nein, es hat ſo kommen müſſen. Und die Engel, die meine ſchöne Effie beſchützten, haben es gerade nun ſo gefügt, daß der Anzug, den mein Sohn Tom ſich beſtellt hat, gerade geſtern vom Schnei⸗ der kam, während der tolle Burſche noch auf hoher See iſt, und gewiß wenig an einen Sonntags⸗ ſtaat denkt. Ja, es hat ſo kommen müſſen, und wenn der Herr will, kann er auch durch Beinklei⸗ der ſeine Güte verkünden, denn dieſe Beinkleider ſind es, die Dich, mein Herzeuskind, erretten. Niemand wird in dieſer Tracht das hochge⸗ borne Fräulein Effie von Landstown vermuthen. Außer Einem, der ſein Feinsliebchen, glaub' ich, unter jeder Geſtalt erkennen würde. J du mein guter Gott, wenn ich noch deuke, wie der Herr Macdeam—“ „Sprich jetzt nicht von ihm,“ unterbrach ſie Effie erröthend,„wenn ich an ihn denke, werde ich weich und empfindſam wie ein Mädchen, und doch muß ich in dieſer Nacht ein Mann ſein und mein Pferd lenken zum ſchönſten Ziele hin.“ „Und es iſt gut, daß es dunkel iſt,“ ſagte Kitty,„und die jungen Bauerndirnen Dich hübſchen Burſchen nicht ſehen; ihre Herzen würden Dir nach⸗ fliegen und ſie verlangen nach einem Kuß Deiner rothen Lippen.“ „Den ich ihnen herzlich gerne gewähren wollte,“ ſagte Effie lachend,„und nun komm, Mutter Kitty, Du nuff ſchon den Schlummer dieſer Nacht mir opfern.. „Nun, nun, es iſt nicht die erſte Nacht, wo Du mir den Schlummer raubſt,“ ſagte Kitty und hüllte ſich in ihren Plaid,„ſo ein ſchönes Mäd⸗ chen Du jetzt biſt, ſo ein arger Schreihals warſt Du früher, und ich ſagte ſchon damals es vor⸗ aus, daß Du einen recht ſchönen Liebſten bekom⸗ men wirſt. Die kleinen Mädel, die ſo koſtbar ſchreien, werden ſchön und bekommen eine klare Stimme, und das gefällt den jungen Herren. Ja, ja, was ich ſagen wollte—“ „Du wollteſt ſagen, Kitty, daß wir eilen müß⸗ ten,“ unterbrach ſie Effie,„um noch vor Tages⸗ anbruch auf Edward's Gut zu ſein.“ „Ja, das wollte ich ſagen,“ erwiderte die ge⸗ ſchwätzige Alte und folgte Effie aus der Hütte, de⸗ ren Thür ſie ſorgfältig hinter ſich verſchloß. Mit liebender Sorgfalt half Effie der Alten in den Wagen, ſchwang ſich dann ſelber gewandt auf den vordern Strohſack, nahm die Zügel und fort rollte das kleine Fuhrwerk die Straße dahin zu dem Gute Edward Macdeau's. Es war ſchon Tag, als ſie daſſelbe erreichten, und Effie, in den Wechſelgefühlen ihrer Bruſt bald erröthend, bald erbleichend, bat ihre getreue Kitty, ſogleich ins Schloß zu gehen, nach dem Gutsherrn zu fragen, und ihn zu ihr in das kleine Wirthshaus, in dem ſie abgeſtiegen waren, zu bringen. „Wenn er aber nun nicht zu Hauſe iſt?“ fragte Kitty. „Er wird zu Hauſe ſein,“ rief Effie heftig und ſchwärmeriſch,„mir ſagt es eine Ahnung, daß ich ihn finden werde, und wenn man treu liebt und wahr, da täuſchen ſolche Stimmen des Herzens nicht. Geh' und rufe ihn!“ Kitiy ging und Effie in athemloſer Erwar⸗ tung, ihre Bruſt beklemmt, ſie wußte nicht ob von Angſt oder Hoffnung, ſtand am Fenſter und ſchaute den Weg dahin, auf dem ihre Abgeſandtin zurückkehren mußte.. Wie langſam ſchleppten die Minuten ihr da⸗ hin, wie ungeduldig pochte ihr Herz und wie wogte ihr Buſen in ungeſtümem Drange. Sie faltete die Hände, um zu beten, und vergaß es über dem Schauen nach jener Straße hin, ſie wollte ſich abwenden vom Fenſter und vermochte es nicht, ihre Geſtalt bebte, und ſie hatte das Gefühl, als müſſe ihr ganzes Weſen ſich auf⸗ löſen und vergehen in dieſer Angſt der Er⸗ wartung. So ſtand ſie, zitternd, athemlos am Fenſter und ſchaute und ſchaute, jetzt bebte ein Schrei von ihren Lippen, es durchzuckte ſie wie ein Blitz,— denn die Erwartete, die Botin ihrer Liebe, Kitty kam daher.. „O wie langſam, langſam ſie geht!“ klagte Effie,„ſollte die Theilnahme, das Mitgefühl ihre alten Glieder nicht geſchmeidig machen? Jetzt, da,— da iſt ſie!—“ Sie ſtürzte zur Thür, ſie bemerkte nicht Kitty's beſorgliche, trübe Miene, und die Alte jubelnd um⸗ fangend und ins Zimmer ziehend, rief ſie:„was ſprach er? Kitty, wann kommt er?“ Kitty hatte kaum den Muth leiſe zu erwi⸗ dern:„Er iſt nicht hier, er iſt verreiſt nach London!“ Effie taumelte zurück, ſie ſtarrte wie entſetzt die Alte an, ihr Athem ſtockte, und Todtenbläſſe bedeckte ihr Geſicht. Der Alten grauete, und weinend jammerte ſie: „ſo geht es nun; da kommen die Ahnungen und 1 ſagen, der Liebſte ſei hier, und Du glaubſt und vertrauſt ihnen ſo ſicher, daß Du nicht einmal an die Möglichkeit glauben wollteſt, er ſei nicht hier.“ Effie hörte ſie nicht, bewegungslos ſtand ſie da, mit weit aufgeriſſenen Augen vor ſich bin⸗ ſtarrend ohne Gedanken, ohne Blicke, und wie ge⸗ lähmt in ſich ſelber. Kitty faßte beſorgt ihre Hand und ſagte liebend:„aber Effie ſei doch nicht ſo ſtill! Weine doch, jammere doch! Das iſt ja der Vorzug, den uns der Herr vor dem lieben Vieh gegeben hat, daß wir ſo recht aus vollem Herzen jammern können.“ Effie's kräftige Natur hatte jetzt den erſten Schreck überwunden, die Berührung der Alten rief das liebende Mädchen von den Träumen und Geſichten, die an ihrem Innern vorüberklangen, zurück in die Gegenwart. Sie ſtrich ſich leiſe mit der Hand über die Augen, als wolle ſie die trüben Bilder verſcheuchen, die ſie eben erſchaut, und hoch aufathmend flüſterte ſie:„alſo nach London!“ Dann ging ſie tief ſinnend im Zimmer auf und ab, und Kitty, die mit liebender Sorge jeder 4 —,— — 57— Bewegung ihres Lieblings folgte, bemerkte mit Erſtaunen, wie Effie's Züge ſchnell einen andern Ausdruck annahmen. Ein glühendes Roth färbte ihre vorher ſo bleichen Wangen, ihr Auge blitzte im Feuer der Begeiſterung, wie in fieberiſcher Schnelle wogte ihr Buſen, und das Klopfen ihres Herzens verſetzte ihr den Athem, daß er war wie heißer Seufzer der Liebe. Jetzt breitete ſie, wie in ſeliger Verzückung, die Arme aus und mit von Thränen überſtrömen⸗ den Augen rief ſie:„mein Geliebter, ich folge Dir! Iſt doch mein Leben mit allen Banden der Liebe an das Deine gekettet, und Dein Auge mein Himmel und mein Glück. So will ich denn auch nicht zagen und nicht kleinmüthig bangen. Aus dem Kloſter führte mich die Liebe, ſie treibt mich Dir nach in die Welt, Dir nach, bis ich Dich finde!“ „Unmöglich,“ rief Kitty,„Kind, bedenke, was Du thuſt! Der weite Weg nach London, Du, ein Mädchen, allein, nein es iſt nicht möglich!“ Effie faßte heftig ihre Hand, und mit leuch⸗ tenden Augen ſagte ſie:„Ich habe mir ſagen laſſen, daß der Blick einer Jungfrau den Löwen zu bändigen vermag und ſie ungefährdet ſein laſſe— neben dem Thier der Wüſte. Und meinſt Du, daß dieſer Blick weniger vermöchte über die Menſchen? Die Liebe leitet mich und wird mich ſchützen! Ich zage nicht! Ein Stern leuchtet den Liebenden und bezeichnet ihnen die Bahn, die ſie zu gehen haben; er wird auch mich ſicher führen!“ Umſonſt war Kitty's Bemühen, Effie andern Sinns zu machen, ſie blieb ſtandhaft und erklärte mit Entſchiedenheit, morgen ſich zur Küſte begeben zu wollen, um ſich überſetzen zu laſſen nach Liver⸗ pool, und von dort mit der Poſtkutſche nach Lon⸗ don zu fahren. „Edward wird ſich unfehlbar bei meinem Oheim Lord Landstown eingeführt haben,“ ſchloß Effie ihre Rede,„und ſo wird es mir leicht ſein, ihn zu finden. Du aber, gute Kitty, rüſte Dich zur Heimfahrt, damit Deine längere Abweſenheit nicht Verdacht in Killankean errege. Mich aber überlaß dem Schutze des Herrn!“ Weinend umklammerte Kitty ihre theure Pflegetochter, den Segen des Himmels über ſie herabrufend, dann rüſtete ſie Alles zur Abfahrt, und bald fuhr ſie in ihrem kleinen Wagen zurück nach Killankean. Effie war nun allein, die Stille um ſie her that ihr wohl und ließ den Plan zu ihrer weitern Fllucht ungeſtörter in ihr reifen. Sie fühlte ſich muthig und ohne Zagen, die 4 ganze Kraft ihres Weſens hatte ſie concentrirt auf dieſen einen Zweck, den Geliebten wieder zu ſehen, ihn zu erreichen; es blieb ſelbſt zum Bangen und 2 —— —— — ⏑-— 59— Verzagen kein Raum in ihrem Gemüth, ſie war entſchloſſen und darum ruhig.— Sie aß und trank, weil ſie fühlte, daß ſie zur Erhaltung ihrer phyſiſchen Kräfte der Speiſe be⸗ dürfe; ſie legte ſich nieder um zu ſchlafen, weil ſie wußte, daß ſie der Schlummer ſtärken würde zur nächtlichen Wanderung. Als der Abend hereingebrochen und Dunkel⸗ heit die Gegend umhüllte, verließ ſie ſodann das Wirthshaus, warf einen Scheideblick hin auf Edward's Schloß, deſſen weiße Mauern ihr ent⸗ gegen ſchimmerten, und trat muthig ihre Wan⸗ derung an.. 4 Das Gut ihres Vaters grenzte an das ihres Geliebten, und ſo war keine Stunde vergangen, als Effie ſchon das Eigenthum ihres Vaters be⸗ trat. Alle Erinnerungen der Jugend, alle Träume ihrer Kindheit tauchten mit magiſcher Gewalt vor ihrer Seele auf. Es war ihr, als riefen alle dieſe wohlbekann⸗ ten Plätze ihr ein trauriges Lebewohl entgegen, als flüſtere es im Winde mit ihres Vaters Stimme einen Abſchiedsgruß, als neigten ſich die Bäume des väterlichen Parks, an deſſen Mauer ſie jetz lehnte, zu ihr hernieder, ihr den Scheidegruß zu⸗ zulispeln, ihr, der Vereinſamten, Heimathloſen; ſie ſetzte ſich nieder auf den Stein, der am Wege ſtand, und weinte bitterlich. 2 Dann ſprang ſie auf, trocknete ihre Augen und — 60— ſagte entſchloſſen:„und koſte es auch mein Leben, ich muß ihn noch einmal ſehen, muß, wenn auch ſchweigend, Abſchied nehmen von dieſen geliebten Zügen. Er war grauſam gegen mich, weil er es für ſeine Pflicht hielt, ich aber liebe ihn, weil er mein Vater iſt!“ Leicht ſchwang ſie ſich über die Mauer und ſtand nun im Parke. Es war ihr, als ſei es plötzlich Tag geworden und als leuchte Alles um ſie her im hellſten Lichte, als ſähe ſie dort links den großen Raſenplatz, wo ſie ſo oft geſpielt und geruht, hier rechts den kleinen Pavillon, in dem ſie zu ganzen Tagen mit irgend einer Zeichnung oder Arbeit beſchäftigt geweſen. Ach, ſie kannte hier jeden Baum, jeden Strauch, und begrüßte mit wehmüthiger Freude die Blumen des Bosquets, dieſe Blumen, die ſie ſonſt gepflegt und gewartet, und deren Duft ihr verkündete, daß ſie nicht minder herrlich blühten unter frem⸗ der Pflege. Wie ſie dann mit hochklopfendem Herzen die lange Allee, die zum Schloſſe führte, hinaufſchritt und an den Fenſtern ihr Licht entgegen ſchimmerte, ward ihr ganz freudig und glücklich zu Muthe, und ſie zeigte hin nach dieſen Fenſtern und flüſterte: „dort, dort iſt mein Vater!“ Nur noch wenige Schritte vom Schloß ent⸗ fernt, vernahm ſie die Worte:„gute Nacht denn Anton, es iſt Zeit zu ruhen.“ — 61— Es durchzuckte ſie wie mit elektriſchem Schlage, alles Blut drängte ihr zum Herzen hin, und heiße Thränen entſtürzten ihren Augen, denn es war ihr Vater, der jene Worte geſprochen, ſie hatte ſeine Stimme erkannt, dieſe Stimme, deren Klang ſie durch ihr ganzes Leben vernommen, die ihr ſo lieb und vertraut. Sie mußte ſich recht ſatt weinen, gleich Quel⸗ len rieſelten ihre Thränen herab über ihre Wan⸗ gen und ſchafften ihr Linderung und Erleichterung. Jetzt ſah ſie Licht im Schlafzimmer ihres Vaters, ſie ſah die Umriſſe einer Geſtalt ſich an den Vor⸗ hängen abzeichnen, und meinte des Vaters Geſtalt zu erkennen. — Ein Fenſter ward geöffnet und ſie hörte ihren Vater ſagen:„es iſt ſo ſchwül im Zimmer, die laue Nachtluft ſoll mich kühlen und wird mir . nicht ſchaden.“ Die Zeit verging, das Licht im Schlafzimmer verlöſchte, allmählig wurden alle übrigen Fenſter dunkel, die Dienerſchaft war zur Ruhe gegangen, Alles ward ſtill. Effie wartete noch einige Zeit, und als ſie ſich überzeugt, daß die Stille umher durch nichts mehr unterbrochen ward, ſchlüpfte ſie leicht wie eine Gazelle nach jener Seite hin, wo das Schlaf⸗ zimmer ihres Vaters lag, deſſen geöffnetes Fenſter niedrig genug war, um ihr den Eingang ſonder Mühe zu geſtatten. — Hier lauſchte ſie niedergekauert einige Mo⸗ mente, und als ſie an den langen ruhigen Athem⸗ zügen des Vaters erkannt, daß er ſchlummere, ſchwang ſie geräuſchlos ſich auf am Geſimſe und ſchlüpfte durch das Fenſter ins Schlafzimmer ih⸗ res Vaters. Wieder lauſchte ſie ängſtlich, ob die Ruhe des Schlummernden nicht geſtört worden, und dann ſchwebte ſie leiſe zum Bette des Vaters, deſſen Züge das brennende Nachtlicht matt erhellte. Lange ſtand ſie und ſchaute in das geliebte An⸗ geſicht mit klopfendem Herzen und unendlichem Liebesblick. In ihrer Seele waren Gebete und Segens⸗ wünſche, und ihr Herz war voll Liebe für den Schlummernden, deſſen geſchloſſene Augen zu küſ⸗ ſen ſie ſich ſehnte. Sie kniete nieder am Bett, nahm die herabhängende Hand des Schlummern⸗ den und drückte ihre heißen Lippen auf dieſe ge⸗ liebte Hand. Nun war es, als habe dieſe Berührung und dieſer Kuß ſie plötzlich aller Ueberlegung, aller Beſonnenheit beraubt, denn ſie flog empor, ſie neigte ſich über den Schlafenden und drückte einen Kuß auf ſeine Lippen. Er regte ſich, Effie warf ſich zuſammen⸗ ſchreckend zurück und verbarg ſich in den Vor⸗ hängen des Bettes. — 63—. Ihr Vater aber murmelte im Schlaf:„küſſeſt Du mich, meine Effie?“ Effie vermochte kaum ihr Schluchzen zu unter⸗ drücken, eine Fülle von Schmerz und Freude tobte in ihrem Buſen und ihr Herz klopfte hörbar in ihrer Bruſt. Als ſie ſich überzeugt, daß ihr Vater wieder in gleichmäßigem Schlummer ruhe, trat ſie wieder hervor aus dem verbergenden Vorhang, nahm die Scheere vom Nachttiſch, ſchnitt eine Locke von ih⸗ rem Haar, und ſie auf das Gebetbuch ihres Va⸗ ters legend, ſagte ſie leiſe:„dieſe Locke ſoll Dir den Abſchiedsgruß Deiner Effie bringen. Mein Vater, mein theurer Vater, lebe wohl!“ Und als fürchte ſie, die eigne Rührung möchte ſie bewältigen und lähmen in ihrem Vorhaben, wandte ſie ihren Blick ab von den geliebten Zügen, trat zurück und ſchlüpfte durch das Fenſter wieder hinab in den Garten. „Ich werde ihn nie wieder ſehen,“ ſeufzte ſie, „und doch kann ich nicht bleiben! Beſſer geſchieden von Heimath und Vaterhaus, als lebend begraben hinter Kloſtermauern!“ Wie um ſich zu ermuthigen, fuhr ſie fort:„Edward, mein Geliebter, ich komme zu Dir! Die entflohene Novize nimmſt Du als Gattin an Dein Herz!“ Der Gedanke an ihn machte ſie wieder kräftig und muthvoll; ſie fühlte das Blut heißer durch — 64— ihre Adern rollen und ihre Pulſe klopften in mächtiger Glut. „Lebet wohl, lebet wohl,“ ſagte ſie in Gedan⸗ ken zu allen Plätzen und Raſenſitzen des Parks, zu dem Raſenplatz, auf dem ſie oft als Kind ge⸗ ſpielt, zu den Bäumen und Blumen, zu der Laube, in der ſie Edward's erſten Kuß empfangen, und von deſſen Blüthenzweigen ſie jetzt einen brach und in ihrem Buſen verbarg. Sie war wohl gefaßt und muthig, aber un⸗ endlich bewegt, und es war ihr, als verſänke mit dieſem Scheiden ein Theil ihres Lebens hinter ihr in den Wellen, um nie wieder aufzutauchen. An der Ausgangspforte des Gartens angelangt, warf ſie in unendlicher Rührung ſich nieder, und ihre Hände faltend betete ſie mit verworrenen, un⸗ beſtimmten Gedanken, kaum wiſſend, was ſie wollte und begehrte, aber mit frommem Vertrauen und gläubiger Bruſt.— Dann neigte ſie ſich nieder und küßte die Erde, die theure Vatererde, und ſagte:„Lebe wohl, mein Vaterland! Mein Fuß wird Dich nicht mehr berühren und mein Auge Dich nicht wieder er⸗ ſchauen; wenn der Morgen dämmert, bin ich am Strand und verlaſſe auf immer die heimathliche Küſte. Aber meine Gedanken werden bei Dir ſein, mein unglückliches Vaterland, und in der Ferne werde ich Dein gedenken, ich, Dein heimathloſes Kind! Lebe wohl!“. Noch einmal küßte ſie in heißer Inbrunſt die kalte Erde, dann richtete ſie ſich auf und ſagte gefaßt:„Und nun hinaus, hinaus in die Welt! Gefahren bin ich entgangen, und neuen Gefahren gehe ich entgegen. Gott allein weiß, wie die Ent⸗ wickelung ſein wird! Er aber und meine Liebe werden mich begleiten!“ So verließ ſie den Park und ſchritt muthig dahin. Als der Morgen graute, ſtand ſie am Strande und rief mit fröhlichem Matrofenruf den Fährmann herbei, daß er ſie in ſeinem Boot an Bord des Dampfſchiffes bringe, das ſchon ſein erſtes Sigual zur Abfahrt nach Liverpool gege⸗ ben, und bald trieben die Wellen ſie fern ab vom heimathlichen Strande zu neuen Gefahren und Entwickelungen! Die Flüchtlinge in London. II. V. Die Rache der Vergangenheit. Arm in Arm wandelten Lord und Lady Lands⸗ town in den Laubgängen ihres Parks auf und ab in traulichem Liebesgeſpräch. „Dein liebes Angeſicht wird bleicher, meine Ellinor,“ ſagte der Lord mit liebender Sorge, laß uns hier in dieſer Laube ruhen!“ Ellinor ſchaute ihn zärtlich an und nickte gewährend. Der Lord führte ſie in das ſchattige Dunkel der Laube, und ſich mit ihr niederlaſſend auf den weichen Polſterſitzen, die darin angebracht waren, ſagte er:„komm, lehne Dein Haupt an meine Bruſt und ruhe!“ G Er legte ſeinen Arm um ihre Geſtalt und ſchweigend ruhte ſie an ſeinem Herzen, ſchweigend, bis ihr leiſes Schluchzen dem Gemahl verrieth, daß ſie weine. 8 „Thränen, Ellinor?“ fragte er und hob — 67— Haupt von ſeiner Bruſt, und ſchaute fragend in ihr von Thränen überfluthetes Angeſicht. „Laß mich weinen,“ flüſterte ſie,„es ſind Thränen des reinſten Glückes und Dankes gegen ) Dich! O mein Gemahl, wie kann ich ſie Dir lohnen, 2 dieſe ſchöne, herrliche Liebe, die Du jeden Tag mit „ neuer Segensfülle mir ſchenkeſt!“ 4 „Lohne mir mit Glück!“ ſagte er, ſie zärtlich an ſich drückend.„Aber Du biſt nicht glücklich!“ „Ich bin es, wenn ich Dich ſehe,“ rief El⸗ linor leidenſchaftlich;„ja glücklich bin ich, wenn ich den Klang Deiner geliebten Stimme ver⸗ nehme, mein Herz erbebt in freudigem Jauchzen, ) wenn Dein Blick auf mir ruht, ach, und von Deinem Arm umfangen, trotze ich allem Unglück und allem Leid!“ Sie ſchmiegte ſich feſter an ihn, und das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, ſchaute ſie zu ihm auf mit freudeſtrahlenden Blicken. 3„Iſt's denn wahr,“ ſagte ſie dann mit lieb⸗ lichem Scherz,„daß viele Jahre ſchon vergangen ſind, ſeit wir einander lieben? O ich meine, ich ſah Dich geſtern zum erſten Male, und meine Liebe 3 ſcheint mir ſo jung, daß ſie unmöglich Jahre kann überdauert haben.“ „Vierzehn Jahre fühle ich täglich neu und be⸗ ſebend die Wonne, Dich zu lieben,“ ſagte er. „Vierzehn Jahre!“ wiederholte ſie, wie er⸗ ſtaunt,„ei, da ſollte unſere Liebe ſchon zu einem . 5 4 — 68— verſtändigen Weſen herangewachfen ſein, und ſie iſt doch ſo übermüthig und tändelnd noch, wie ein junges Kind!“: „Sie fühlt eine himmliſche Jugend in ſich,“ erwiderte der Gemahl,„und tüberträgt dieſe auf unſer Herz und unfere Sinne. Ach, die wahre Liebe iſt ein geheimnißvolles Weſen, alt wie die Welt und jung wie jede Seeunde.“— „Doch ſpricht man viel von einer andern Liebe,“ ſagte Ellinor,„die nur alt und kalt, nicht jung und glühend iſt; dies iſt die eheliche Liebe. Glaubſt Du an dieſe?“ „Ob ich daran glaube? An dieſe kalte reſig⸗ nirte Eheſtandsliebe, die wie ein verlöſchendes Oel⸗ lämpchen nur dann und wann nen aufflackert, wenn irgend ein häuslicher Zwiſt und eine gehö⸗ rige Quantität Weiberthränen ihr neue Nahrung und Brennſtoff gegeben?“ „Man ſagt, die Gewohnheit des täglichen Zuſammenlebens ſtumpft die Liebe ab und ſchärft das Auge für die gegenſeitigen Fehler,“ ſagte Ellinor lächelnd. „ſt denn die Sonne minder ſchön, weil ſie alle Tage neu uns leuchtet, und der Frühling minder entzückend, weil er alljährlich wiederkehrt? Heißen wir beide darum weniger freudig will kommen, weil wir ihr Glänzen und Blühen fen⸗ nen? Wir bedürfen des Sonneulichts, wir bedi fen des Frühlings zu unſerm Glück, ihr Aus — — — — 69— ben brächte uns Kvankheit und Tod, und ſo auch bedürfen wir, und mehr als alles andere, der Liebe, ſie iſt die Sonne und der Frühling unſerer Seele, immer neu erblühend, neu erſtehend und doch ſtets dieſelbe. Nein, ich glaube nicht, daß die Liebe in der Ehe erkaltet und erliſcht; ſie iſt nichts Menſch⸗ liches, Irdiſches, das altern und ſchwinden kann, ſie iſt himmliſch und überirdiſch, darnm unwan⸗ delbar und jung.“ 1119 2192 „Nein, auch ich glaube es nicht!“ rief Ellinor. „Ich meine, die Liebe iſt eine Blüthe, und die Ehe iſt ihre Pflegerin, und nnter ihren Händen wächſt und blüht ſie täglich neu. Wie köſtlich und herzerquickend iſt ihr Duft, wie kann ſich die Blüthe unter der gleichmäßigen Pflege üppig und herrlich entwirkeln und gedeihen in ſchattiger Kühle; die glühende Mittagsſonne verdorrt ſie nur. Ach, ich meine, es giebt nichts Herrlicheres, als das Glück der Che. Dieſes ſüße Miteinanderſein, dies Lieben ohne Sorge, dieſer Austauſch aller Ideen, dies ſich ganz in das zweite und doch eigne Ich verſenken, dieſe Fähigkeit, in Blicken die Gedanken und Geſinnungen zu leſen, dies Verſtehen halber Worte und Bewegungen, dies Alles iſt eine Wonne, die nur das tägliche und immer wiederkehrende Zuſammenſein giebt. Und wenn man ſagt, daß das Glück leicht übermütthig macht und von Gott abwendet, ſo iſt es in dem Glücke der Ehe gerade entgegengeſetzt. Dies Glück macht demüthig und beſcheiden, es führt zu Gott. Ja es beſſert und bildet, lehrt uns in Liebe unſere Fehler erkennen, lehrt uns in Liebe ſie beſſern, lehrt uns die eigne Individualität verleugnen, um der andern zu genügen, ſie lehrt uns im Glück die Tugend und in der Tugend die Liebe.“ Der Lord legte ſeine Hand auf Ellinor's Herz, und ſagte in heiliger Rührung:„Dank Deinem edlen ſchönen Herzen für dieſe Worte, Dank Dir für Dich, für Deine Liebe! Lerne nur Eins, meine Geliebte, Zuverſicht und Glauben an das Glück und an mich! Denke, daß meine Liebe un⸗ wandelbar iſt und ewig, daß ſie alle Stürme über⸗ dauern und alle Klippen umſchiffen wird. Halte feſt an dieſen Worten,“ fuhr er fort und ein tiefer Ernſt lag in ſeinen Zügen,„feſt, wie an ſeinem unerſchütterlichen Fels, dann wirſt Du auch niemals bangen, und auch die Ruhe des Glückes wird Dein ſein!“ ——— — 21— Entbehrung, die fremde Gegenwart mir auferlegt. Ich meine, Küſſe ſind zu heilig, um ſie durch Oeffentlichkeit zu entweihen. Die Liebe iſt ſchweig⸗ ſam und auch das Glück!“ 4 „Aber auch das Unglück,“ ſagte Nordheim, der ſoeben in die Laube trat, und die letzten Worte vernommen hatte. Doch ſollte ich,“ ſetzte er mit anmuthiger Verneigung hinzu,„meinen Vortheil beſſer wahrnehmen, und nicht als Unglücksvogel meine heiſern Mahnungen krächzen.“ „Wird nicht durch ſolche Mahnungen das Glück erſt recht erhalten?“ ſagte Ellinor, und reichte Nordheim ihre Hand,„und ſchützen dieſe nicht vor der Sorgloſigkeit im Glück, die blind in das Ver⸗ derben hineinrennen läßt?“ „Wahr, und auch nicht,“ ſagte Nordheim, „den Propheten und Caſſandren iſt ſelten ge⸗ glaubt worden, und ſo haben ſie ſelten Unglück vermieden. Auch werden ſie ja nur durch das Eintreffen ihrer unglücklichen Prophezeiungen wirk⸗ liche Propheten, und daher bedeutend, aber durch⸗ aus nutzlos.“ „Sie halten alſo nichts von den Wahrſagern und Zeichendeutern?“ „Was nützte es dem Cäſar, daß ein Wahr⸗ ſager ihn warnte vor dem Gang aufs Capitol, was dem Wallenſtein, daß der Zeichendeuter ihn warnte vor der unglücklichen Conſtellation der Ge⸗ ſtirne? Was kommen ſoll, kommt, und keine Pro⸗ phezeiung wehrt es ab.“ „ Und was glauben Sie, daß uns Men⸗ ſchen als beſtimmt kommend erwartet?“ fragte Ellinor. „Nur Eins, dies iſt der Tod!“ erwiderte Nordheim,„das Andere iſt Sache des Zufalls!“ Ein Diener kam, den Lord abzurufen; dieſer entfernte ſich mit dem Verſprechen baldiger Nück⸗ kehr, und ließ Nordheim mit Ellinor allein. Sie verließen die Laube und wandelten eine Zeit lang ſchweigend nebeneinander her; dann fragte Ellinor ſchüchtern:„ſprachen Sie Daſſa hente?“ 3 „Noch nicht,“ antwortete Nordheim,„ich ſah ihn ſeit geſtern, wo er zu Ihnen ging, um Ihnen die Briefe zu bringen, nicht wieder.“ „So wiſſen Sie alſo nicht,“ ſagte Ellinor kummervoll,„daß er Sie täuſchte, und daß er mir die Briefe nicht gegeben.“ 9 „Und welchen Vorwand hatte der Elende, dies zu weigern?“ fragte Nordheim erglühend. „Wie können Sie glauben,“ antwortete die Lady bitter,„daß er es für nöthig erachtete, ſich mir gegenüber der Verhüllungen und Vorwände zu bedienen? Er will nicht; das, meint er, genügt, ja er drohte mir, falls Sie ihm noch einmal ähnliche Vorſchläge machten, meinem Gemahle Alles zu verrathen!“ „Laſſen Sie ihn,“ rief Nordheim raſch,„kom⸗ men Sie ſelbſt ihm zuvor! Alles Heil und alles Glück beruht im gegenſeitigen Vertrauen. Laſſen Sie dieſes walten, gewinnen Sie den Muth über ſich, dem Gemahl Alles zu ſagen, dann iſt alle Qual beſeitigt und geendet. Mißtrauen ſchafft Unheil und Jammer, führt zu Trug und Lüge. O werfen Sie dies Alles von ſich, und laſſen Sie Ihren Gemahl Ihren Vertrauten ſein!“ „Nimmermehr,“ rief Ellinor erbleichend,„ich würde es nicht ertragen, ſeinen ſtrafenden Blick auf mich geheftet zu ſehen, ſeiner Verzeihung zu bedürfen. Ach, wenn die Liebe erſt verzeihen muß, iſt ſie die wahre Liebe nicht mehr! Nein, nein, Alles will ich thun und dulden, nur dies nicht! Laſſen Sie mich nicht vor meinem Gemahl zu erröthen haben!“ .„Und was gedenken Ew. Lordſchaft nun zu thun?“ fragte Nordheim. „Ich weiß es nicht,“ ſagte Sie verzweif⸗ lungsvoll.„Sie allein können mir rathen und helfen.“ Dann blieb ſie ſtehen, und wie in einem in⸗ nern Kampf begriffen, neigte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt, und ein Zittern durchflog ihre Glie⸗ der.„Wiſſen Sie Alles?“ fragte ſie dann dumpf und bebend. Nordheim verſtand ſie wohl, und in ſeiner zar⸗ ten Weiſe begriff er die Qnal und Beſchämung 74— ₰ dieſes Augenblicks, darum ſagte er faſt eben ſo leiſe und furchtſam, wie ſie:„ich weiß, daß Daſſa grauſam genug war, Ihnen das Liebſte, was ein Weib beſitzen kann, zu rauben, daß er einer Mutter ihr Kind ſtahl.“ Ellinor, alle Scham vergeſſend über ihrer Mutterſehnſucht, richtete ihr Haupt auf, und in gewaltiger Bewegung Nordheim's Hand ergreifend, ſagte ſie athemlos:„und wo iſt es, mein Kindd Lebt es, werd' ich es wiederſehen?“ „Er gab es einer Bettlerin!“ „Hier, hier in London?“ fragte Ellinor in zit⸗ ternder Ungeduld.„O mein Kind, wo—“ Sie zuckte zuſammen, der Athem ſtockte in ihrer Bruſt, ſtarr ſchaute ſie die Allee hinab, an deren Ende eine männliche Geſtalt ſich zeigte, und ſagte leiſe:„er iſt es, Giuſeppo kommt.“ Dann wandte ſie ſich heftig an Nordheim und ſagte in fliegender Eile:„er kommt, er kommt. Auf meinen Knien will ich ihn beſchwören, daß er mir mein Kind giebt, ich fühle Kraft und Muth in mir. Erwarten Sie mich hier im Garten!“ So ſprechend eilte ſie haſtigen Schrittes, und wie getragen von innerer Bewegung, die Allee hinab, Giuſeppo entgegen, der ihr mit grauſamem Lachen die Hand reichte und ſagte:„eilſt Du mir doch heute entgegen mit einer Ungeduld, als ſeiſt —ö——— — Du noch Ellinor Landstown und ich Dein Maeſtro und Liebſter Giuſeppo.“ Ellinor antwortete mit einem Stolz und einer Würde, der er nicht zu widerſtehen vermochte: „folge mir auf mein Zimmer!“ und ſchweigend geleitete Giuſeppo ſie dahin. „Was willſt Du von mir?“ fragte er barſch, als ſie hier angelangt waren, und Ellinor, athemlos vor innerer Bewegung, niederſank auf den Divan. „Ach, er fragt noch, was ich will,“ ſagte ſie, wie zu ſich ſelber,„und kennt doch meine Qual und meine Sehnſucht.“ Giuſeppo wiederholte ſeine Frage, und Ellnor, flehend ihre Hände zu ihm erhebend, ſagte weich: „Ginſeppo, was ich will? Mein Kind will ich haben, mein geliebtes Kind!“ Giuſeppo lachte laut, und das flehende Weib mit grimmvollen Blicken betrachtend, ſagte er höh⸗ niſch:„Dein Kind! Frage doch den Lord, Deinen Gemahl, nach Deinen Kindern.“ „Jetzt, o nur jetzt keinen Hohn,“ ſagte Ellinor weich,„jetzt, wo mein ganzes Herz vor Dir in Liebe und Jammer zerfließt. Du weißt es, Giu⸗ ſeppo, welches Kind ich meine, es iſt Dein Kind, nach dem ich verlange.“ „Es iſt ein Kind, deſſen Vater Du verrathen haſt,“ ſagte Giuſeppo kalt. 1. „Dies iſt meine Schuld,“ rief Ellinor, und * —-— 76— ſchwer büße ich ſie in jeder Stunde des Tages. Giuſeppo, habe Erbarmen mit meinen Leiden, Er⸗ barmen mit dem Schmerz einer Mutter!“ „Du leideſt alſo recht?“ fragte Daſſa grim⸗ mig lächelnd. „Ob ich leide?“ ſagte ſie ſchmerzvoll.„Sieh meine bleiche Wange, meine zerfallene Geſtalt, o könnteſt Du mein zerriſſenes Herz ſehen, Du würdeſt nicht fragen, ob ich leide! Sei groß⸗ müthig, großmüthiger, wie ich es war gegen Dich, erbarme Dich mein! Gieb mir mein Kind! Du, Du hatteſt auch eine Mutter, ſie hat Dich getragen unter ihrem Herzen, hat Dich genährt mit ihrem Blut und ihrem Leben, hat für Dich geſorgt und gebangt, für Dich gewacht lange Nächte und gearbeitet lange Tage, Du warſt ihr Glück und ihr Leben, Giuſeppo, denk an die Liebe Deiner Mutter, des Weſens, das Dich geliebt hat über alles in der Welt, ach denk an Deine Mut⸗ ter und habe Mitleid mit mir!“ Wie ſie ſo ſprach, nahmen Ginſeppo's Züge allgemach einen mildern Ausdruck an, das Bild ſeiner Mutter, lange vergeſſen, tauchte in ſeiner Seele auf, und er wandte ſich ab und ſagte ſeufzend: dcoh mia cara madrely 1 33 8 Ellinor entging dieſe weichere Stimmung Daſ⸗ ſa's nicht.„Du ſeufzeſt, Du denkſt mit Schmerz an Deine Mutter?“ fragte ſie freudig, und in gewaltiger Bewegung niederſtürzend zu ſeinen —— Füßen, rief ſie:„Giuſeppo! denk an Deine Mutter, um ihretwillen erbarme Dich einer Mut⸗ ter. Du biſt ein Mann, Du kannſt nicht wiſſen, was eine Mutter leidet, wie ſie vergeht in Qual und Sehnſucht nach ihrem Kinde, das das Leben ihres Lebens, das Blut ihres Blutes iſt. Gin⸗ ſeppo, es iſt mein einziges Kind! Weißt Du, was das ſagen will, mein einziges! Nur dies Eine zu haben, das mich Mutter nennelt kann, das mit ſeinen Armen mich umſchlingt, und mir gehört mit ſeinem Leben und ſeiner Seelel Und dies Eine nicht zu beſitzen, nur wie eines Traumes ſeiner holden Augen, ſeines kindlichen Lächelns zu erinnern! Gieb mir mein Kind, fordere dafür Alles was ich beſitze, fordere mein Leben, da iſt es! Nur laß mich in meines Kindes Armen ſter⸗ ben! O wenn Du wüßteſt, wie groß und heilig die Liebe einer Mutter, ohne Begehren und ohne Egoismus, ohne Furcht und Zagen, wie ſie ganz reine Liebe iſt! Ja, aber Du weißt es, Du haſt ja eine Mutter Jeünlt Sie iſt todt, Deine Mut⸗ ter, aber Giuſeppo, ſie ſchaut in dieſer Stunde zu Dir Jrenichade ja und ich weiß, ſie ſegnet Dich, wenn Du einer Mutter Dich erbarmſt. Ginſeppo denke, daß Deine Mutter Dir nahe iſt, und ſei barmherzig!“ Und Ginſeppo dachte an ſeine Mutter, er dachte, wie ſie oft hungernd und dürſtend ihm das letzte Stück Brod, ihm den fetten Trank gegeben, — 78— für ſich ſelber nichts behaltend, wie ſie zitternd vor Froſt die letzte Hülle von ihren Schultern ge⸗ nommen, um ihn damit zu wärmen, wie ſie auf hartem Stroh geſchlafen, um ihm den weichen Pfühl zu laſſen; er dachte, wie ſie ſterbend ſeine Hand genommen und mit brechendem Blick ſeinen Namen genannt. Und wie er das Alles dachte, fühlte er eine tiefe Wehmuth ſein Herz beſchleichen, fühlte ſein Auge von einer Thräne befeuchtet, und mit wei⸗ chem Ton, wie ihn Ellinor nur in den längſt verklungenen Tagen ihrer Liebe von ihm gehört, ſagte er:„Du thateſt wohl, mich an meine Mut⸗ ter zu erinnern. Ja wahrlich, dieſe hat mich treu geliebt, und bis ans Ende ihres Lebens. Und bei dieſer Exinnerung will ich Dir ſagen, was ich von Deinem Kinde weiß. An dem Tage Deiner Verlobung,“ fuhr er fort, und ſchon ſchwand bei dieſer Erinnerung der milde Ausdruck ſeiner Züge, und der finſtre, grollende Blick kehrte zu⸗ rück,„an dem Tage Deiner Verlobung nahm ich Dein Kind und übergab es einer Bettlerin, bekannt unter ihres Gleichen unter dem Namen Teufels⸗ liſe, ihr)e Wohnung iſt Troad Street, Nro. 17. An dieſe wende Dich, und ſuche das Schickſal des Kindes zu erforſchen, was mir bis jetzt nicht gelingen wollte.“ Ellinor noch immer kniend, hatte Giuſeppo's Worten mit angehaltenem Athem, unbeweglich, als —— — 79— ſei ſie zu Stein erſtarrt, gelauſcht, mit einer Auf⸗ merkſamkeit und einem Ernſt, als vernehme ſie eines Gottes Stimme; es war ihr, als ſeien alle ihre Sinne untergegangen in dem Einen des Hörens, und durch ihre Seele, durch ihr Herz und alle ihre Glieder empfand ſie phyſiſch die Worte, die er ſprach. Nun floſſen ihre Thränen, umfaßte ſie Giuſeppo's Hand, und ſie demüthig, wie eine Sklavin, an ihre Lippen drückend, ſagte ſie freudig:„Dank, Dank Dir! Großmüthig haſt Du Dich meiner Leiden erbarmt. Ich werde mein Kind finden, und müßte ich ſelbſt eindringen in die Höhlen dieſer Bettler. Ich werde es thun, denn Mutterliebe wagt Alles, und fürchtet Nichts.“ Dann ſtand ſie auf, und aus ihrem Schmuck⸗ kaſten einen koſtbaren Brillantring nehmend, gab ſie ihn an Giuſeppo, und ſagte mit ihrem unnach⸗ ahmlichen lieblichen Lächeln:„trage ihn zur Erin⸗ nerung an dieſe Stunde.“ Giuſeppo aber hatte ſchon ſeine Faſſung und ſeinen Groll wiedergefunden, und das Haupt ſtolz zurückwerfend ſagte er:„übrigens wird Dir das wenig helfen, Teufelsliſe iſt todt, und wenn auch, immer noch habe ich Deine Briefe, habe mein Ge⸗ dächtniß und werde zur guten Stunde Deinen Ge⸗ mahl zu meinem Vertrauten machen!“ In dieſem Augenblick ſtürzte die Kammerfrau athemlos herein, mit dem Ruf:„der Lord kommt! Schnell hinweg, der Lord kommt!“ 5 neee — 30— Ellinor wandte ſich ſtolz nach ihr hin, und fragte ernſt:„Und wer bedarf der Flucht, wenn mein Gemahl kommt? Ich habe nichts vor ihm zu verbergen. Bleiben Sie Signor Daſſa!“ Ginſeppo aber verſtand zu wohl die für Elli⸗ nor ſo beleidigenden Vermuthungen der Kammer⸗ frau, er verſtand die Röthe des gekränkten Stol⸗ zes, die Ellinor's bleiche Wange überflog, und darum ſagte er:„Warum vor Deiner treuen Kammerfrau Dich verbergen? Sie wird uns nicht verrathen! Und ſich an dieſe wendend ſagte er: iſchnell, ſchnell mein Kind, verbirg mich, daß der eiferſüchtige Gemahl mich nicht findet!”“ Das Weib zog ihn durch eine Nebenthür fort, Ellinor aber, bebend vor Zorn und gekränktem Stolz, ſagte ſchmerzvoll:„Auch dies noch! Vor meinen Dienerinnen muß ich erröthen, als ſei ich im Liebesbund mit dieſem Elenden und hinterginge meinen Gemahl!“ t Als aber in dieſem Augenblick ihr Gemahl ins Zimmer trat, ſtürzte ſie mit lautem Aufſchrei an ſein Herz und umklammerte ihn feſt mit ihren Armen. li sils Id iuse VI. Der Matroſe. Als die Lady ihn verlaſſen, wandelte Nord⸗ heim, ihrer Rückkehr harrend, ſinnend im Garten auf und ab. Das Schickſal der Lady hatte ihn tief ergriffen, und er ſagte zu ſich ſelber: Welch ein unerforſchter und ſchauervoller Abgrund iſt das Herz des Menſchen, und welche tiefe Jronie liegt in ihm verſenkt, und macht, daß das edelſte Gefühl, welches die Liebe iſt, ſich plötzlich wandeln kann in Haß und Verderbniß! So liegt in dem Schönſten das Schlechteſte begraben, und in der Tugend das Laſter. Er ſtand ſticl und blickte empor zu den Wol⸗ ken, die vom Winde gepeitſcht vorübereilten, und ſein Blick ſchien den Geiſt, der über dieſen Wol⸗ ken thront, zu fragen, warum es alſo ſei und warnm das edelſte Geſchöpf zugleich auch das verworfenſte ſei. Dann ſagte er laut:„wäre es Wahrheit, was uns die Prieſter lehren, Wahr⸗ 6 Ddie Flüchtlinge in London. II.— — 32— heit, daß da droben ein Weſen throne, erhaben über alles Menſchliche und Irdiſche, ein Weſen, daß der Erſchaffer der Welt und des Menſchen, dieſem ins Herz den Samen zu allen Laſtern und allen Tugenden geſtreut, o mit welchem Gefühl müßte dies Weſen nun ſchauen, wie der Same Keime gefaßt und zur Saat herangewachſen; oder iſt ein Gott erhaben über Vorwürfe, erhaben über Gewiſſen, über Gefühl?— Wie, oder ſollten wir Armen, die wir uns Menſchen nennen und Gottes Ebenbild, ſollten wir verantwortlich ſein für Triebe und Leidenſchaften, die eben dieſer Gott in unſer Herz gepflaͤnzt, zu denen er ge⸗ ſprochen: wachſet und gedeihet! und die, herange⸗ reift nach ſeinem Worte, den Menſchen verderben? Ihnen ſollen wir entgelten, was ein Gott ver⸗ ſchuldete? Entgelten, daß wir aus zu weichem Thon geſchaffen, mit zu hitzigem Blut gefüllt ſind? Entgelten die Gedanken und das Wollen unſerer Seele, die mit ihrer unſichtbaren Gegenwart oft uns ſelber eine Qual, und von der wir nicht wiſſen, von wannen ſie kam und wohin ſie gehet? Aberwitz der Menſchheit! O Ihr Thoren, in Eu⸗ rem ſtolzen Wahn neigt Ihr mit Sklavendemuth Euer Haupt unter das Joch Eures Herrn, den Ihr nicht kennt und von dem Ihr nichts wißt, als daß er eine Hölle von Gefühlen in Eure — Bruſt gelegt, und zerquält Euch an Gaben, die Ihr wider Euren Willen empfangen habt, und zerreibt Eure Kraft im Widerſtand gegen Euch ſelber! Hinweg Kinderglaube, Märchenwahn! Laßt walten in Eurem Herzen, was walten will, laßt ſprühen die Leidenſchaften, die ſprühen wol⸗ len, kaſteiet und züchtigt nicht Euer Fleiſch, laßt ihm ſeine Rechte und ſein Wollen. Kam Euch dies Alles von Gott, ſo iſt es göttlich und heilig geſprochen, und Ihr ſollt nicht ändern und unter⸗ drücken, was Gott gegeben und Gott geſandt, Ihr ſollt es wachſen laſſen und reifen, was Gott gepflanzt, und enthoben ſeid Ihr aller Verant⸗ wortung, allem Vorwurf, Gott ſchaffte, Gott muß verantworten! Iſt es aber nicht alſo, haben wir aus uns ſelber uns genährt, ſind wir entſtanden aus uns ſelber, und gediehen durch uns ſelber, wie die Blume gedeiht und die Pflanze, iſt unſere Seele nichts weiter, als das Leben, das in der Pflanze und im Baume treibt, und ſchwindet ſie mit dem ſtockenden Blute auf ewig dahin, und löſet ſich auf in das allgemeine All, aus dem ſie entſproſſen, wozu ſoll uns dann ein Gott, wozu alsdann unſer Gebet, dann, wo wir unſer eigener Schöpfer ſind und unſer eigener Erhalter und Herr! Hätte ein Gott alle dieſe Fähigkeiten in⸗ unſer Herz gelegt, ſo ſind wir nur Sklaven ſei⸗ nes Willens; ein Gran Phosphor mehr oder we⸗ niger von dieſem ſchöpferiſchen Arzt in unſer Ge⸗ hirn gethan, macht uns zu einem Dummkopf oder Genie, eine Unze mehr oder weniger Cruor in 1 6 — 84— unſer Blut gelegt, giebt uns Leidenſchaft oder Phlegma. Und für dieſe Miſchung eines Gottes ſollten wir verantwortlich ſein? Mit nichten! Der blühende Baum dort, die duftende Blume belehren mich eines beſſern. Wie ſie, ſind auch wir ent⸗ ſproſſen aus der Natur, ſind ein Theil der Ur⸗ kraft und werden wachſen und gedeihen durch un⸗ ſern eignen Willen und unſere eigene Kraft. In dieſem Glauben ruht die Selbſtſtändigkeit und Würde des Menſchen, ruht ſeine Freiheit und Verantwortlichkeit.. Nahende Schritte weckten Nordheim aus ſeinen Betrachtungen, und als er ſich umwandte nach dem Kommenden hin, gewahrte er einen Knaben in zierlicher Matroſentracht, deſſen dunkle glü⸗ hende Augen fragend auf ihn gerichtet waren, und der mit freiem Anſtand und etwas auslän⸗ diſchem Accent ihn nach der Lady Landstown fragte. „Da mußt Du Dich an den Portier wenden, mein junger Freund,“ ſagte Nordheim, im Begriff weiter zu gehen.⸗. Der junge Matroſe faßte heftig ſeine Hand und ſagte flehend:„verlaſſen Sie mich nicht, und glauben Sie, wenn das eine ſo leichte Sache wäre, durch den Portier zur Lady zu gelangen, würde ich Sie nicht beläſtigen. Dieſer Mann aber wies mich zurück mit dem Bedeuten, daß die Lady keine Matroſen ſpreche. Nehmen Sie ſich meiner an,“ — 85— fuhr er fort,„es liegt in Ihrem Auge etwas, das mir Zutrauen einflößt, und Zutrauen berechtigt zur Bitte und fordert auf zur Gewährung. Neh⸗ men Sie, mein Herr, ſich meiner an, führen Sie. mich zur Lady Landstown, die ich ſchon vergeblich in London ſuchte. Man ſagte mir dort in ihrem Hötel, daß ſie hier ſei auf ihrem Landgut, und ich bin hieher gekommen, weil das Glück meines Lebens davon abhängt, daß ich ſie ſpreche.“ „Ihr drückt Euch ſehr gewählt aus für einen Burſchen Eures Standes,“ ſagte Nordheim, den jungen Fremden aufmerkſam betrachtend, und die⸗ ſer ſchlug vor ſeinem Blick die Augen erröthend nieder. „Wie,“ fuhr Nordheim lächelnd fort, und ſein Blick ſchien das Gewand des Fremden, das er ſchon für eine Maske zu halten begann, durch⸗ dringen zu wollen,„wie, ein Matroſe und Ihr erröthet, und ſchon in Eurem Alter habt Ihr es bis zum Matroſen gebracht, während Euer Kinn noch weich iſt, wie das eines Mädchens, und Ihr zum Schiffsjungen noch zu ſchmächtig und zart erſcheint? Anf welchem Schiffe umſegeltet Ihr denn die Welt? Es muß eine erſtaunt leichte und winzige Brigg ſein, auf der Ihr Matroſendienſt verrichtet!“ 5 „Oder,“ fuhr er fort,„hättet Ihr ſelbſt viel⸗ leicht, wie manche Brigg, falſche Flaggen auf⸗ geſteckt, und ſuchtet mit einer allerliebſten erfun⸗ — 36— denen Hiſtorie die Wahrheit in den Grund zu ſegeln?“ Der Fremde erhob den Blick, und ſeine großen von Thränen umdüſterten Augen flehend auf Nordheim richtend, ſagte er:„o habt Erbarmen mit mir!“ „Wie,“ rief Nordheim theilnahmsvoll und faßte des Fremden Hand,„Thränen? Konnte Euch mein harmloſer Scherz verletzen? Verzeiht mir. Wer Ihr aber auch ſeid, gewiß ſeid Ihr nicht das, was Ihr ſcheinen wollt, und Eure Verkleidung war übel gewählt, denn ſie verräth mehr, als ſie verbirgt, ſie verräth die Ver⸗ kleidung.“. „Führen Sie mich zur Lady!“ bat der Fremde. „Und warum nicht zum Lord?“ fragte Nordheim. „Auch zu ihm, wenn Sie wollen!“ antwortete der Unbekannte, und ſetzte ſchüchtern hinzu:„doch würde es mir leichter werden, mich der Dame zu vertrauen.“ Nordheim's prüfender Blick überflog die Ge⸗ ſtalt des Fremden, der zitternd und erröthend ne⸗ ben ihm ſtand, dann ſagte er, plötzlich einen höf⸗ lichen und zutrauenerweckenden Ton annehmend: „Sie erröthen wie nur ein Mädchen, und zwar ein unſchuldiges Mädchen zu erröthen vermag. Vertrauen Sie mir!. Seit lange gewohnt in d Zügen der Menſchen zu leſen, und die Sprache ihres Herzens, die ſich in den Mienen ausprägt, — 87— zu entziffern, meine ich, Sie zu verſtehen und zu errathen.“ „Führen Sie mich zur Lady!“ war die wie⸗ derholte Bitte. „Ich begreife, daß das Weib nur dem Weibe vertrauen kann,“ ſagte Nordheim, und dem Frem⸗ den mit zarter Aufmerkſamkeit den Arm bietend, ſagte er:„ſo kommen Sie, ich führe Sie zur Lady Landstown, denn dort ſehe ich den Beſuch, der bei ihr war, ſich entfernen, und ſo werden wir ſie nicht ſtören, und ſehen Sie, da kommt die Lady uns ſchon entgegen.“ Der Fremde riß ſich los von Nordheim und . eilte in geflügeltem Lauf der Lady entgegen, f die erſchreckt einen Schritt zurückweichend nicht wußte, wie ſie dieſe ſeltſame Erſcheinung zu dentten habe. Jetzt hatte er die Lady erreicht, und mit dem lauten Ruf,„Tante Ellinor, rette, o rette mich!“ ſank er zu ihren Füßen nieder. „Mein Gott, dieſe Stimme,“ rief Ellinor erſtaunt. „Ich bin's, erkennſt Du mich nicht? Erkennſt Du nicht Deine Effie?“ rief dieſe und riß den Matroſenhut von ihrem Haupte, daß die dunklen Locken herabwallten,„erkennſt Du mich nicht?“ „ga, Du biſt es!“ rief Ellinor,„meine auf ewig verloren geglaubte, theure Effie? Komm an mein Herz!“ 1 —— — 88— Sie zog ſie zu ſich empor, Effie umfing ſie in ſtürmiſcher Glut, und Nordheim, der indeß herzu⸗ getreten war, ſagte lächelnd:„ſo wäre alſo dieſer Matroſe eine Kloſterjungfrau?“ Effie's Kräfte aber reichten nicht aus; ſie hatten ſich erhalten unter den Beſchwerniſſen⸗ einer langen und gefahrvollen Reiſe, unter dem Fürchten und Bangen ihrer Seele und der Spannung und Aufregung der Ungewißheit; nun aber in Sicherheit, erlag ſie der Erſchöpfung und Freude. Ihre Sinne vergingen, ihre Arme ſanken herab und eine lange Ohumacht umnebelte ihre Sinne. Nordheim nahm die Ohnmächtige in ſeinen Arm und trug ſie ins Haus, und in der Lady) Boudoir. Auch der Lord war herzugekommen, und ihrmn vereinten Bemühungen gelang es bald, Effie ins Leben zurückzurufen. Sie ſchlug die Augen auf, ſie blickte umher, dann rief ſie jubelnd:„Tante Ellinor, ich bin frei!“ und ſie umſchlang die Lady in ſtürmiſcher Glut, als ſei es ihr Geliebter, Macdeam. 4 Nordheim empfahl ſich, um die vertraulichen Mittheilungen Effie's nicht zu verſchieben oder bei ſolchen ein läſtiger Jeuge zu ſein. Ellinor reichte ihm gütig die Hand.„Müſſen Sie denn gehen,“ ſagte ſie,„ſo hoffe ich, Sie keh⸗ ren heute Abend zurück. Es wird Ihnen hier ein 89 Sonne ſtrahlen, die ihnen gewiß den Abend zum hellen Tage macht.“ „Ich zweifle noch, wer von Ihnen Beiden die Sonne iſt,“ ſagte der Lord, Nordheim begleitend, nund faſt möchte ich behaupten, Sie ſeien es; denn es will mir ſcheinen, als wären es Ihre Augen, die der Baronin Angeſicht beſtrahlend dies in ſo hellem Glanze erſcheinen laſſen.“ „Mein Lord,“ erwiderte Nordheim ſchwer⸗ müthig lächelnd,„wer die Sonne war, wird ſich erſt zeigen, wenn bei Einem von uns Beiden der Glanz erloſchen iſt.“ „Wie?“ fragte Lord Landstown,„glauben Sie denn an die Möglichkeit ſolches Erlöſchens?“ „Steht denn die Sonne ewig am Himmel?“ fragte Nordheim und entfernte ſich. „Nordheim ging ins Lodging Haus, wo er, ob⸗ wohl ſich ſelten dort aufhaltend, doch immer ſeine Wohnung bewahrte, und ins Room tretend fand er dort Armand und Giuſeppo. „Willkommen, willkommen!“ rief Armand und flog leichtfüßig Nordheim entgegen, ihn mit ei⸗ nem Schwall von ⸗Begrüßungen zu empfangen. „Wahrhaftig, ſchloß er ſeine Rede, ich glaubte ſchon, Sie ſeien in einer Ihrer Verzückungen, an denen ja alle Deutſche leiden ſollen, gen Himmel gefahren, und nun ſehe ich Sie mit recht irdiſchem aßlensfehen hier wieder.“ „ Auch Ihr Ausſehen zeugt von Ihrem Woß. — 90— befinden!“ erwiderte Nordheim und ſetzte ſich zu den beiden Andern.. „Das wundert mich, wundert mich wirklich,“ rief Armand,„bei ſo vieler Arbeit und Mühe, wie ich ſie in den letzten Tagen gehabt.“ „Alſo immer noch kein Friede?“ fragte Nord⸗ heim,„immer noch jene Pläne nicht aufgegeben?“ Armand faßte ſeine Hand und ſagte heftig: „wenn der Pfeil erſt einmal abgeflogen iſt, fliegt er, bis er ans Ziel gelangt, und wenn ein Fran⸗ zoſe ſich geſchworen, ein beſtimmtes Ziel zu errei⸗ chen, ſo kann nur der Tod ihn daran hindern.“ „Auch ſind manche Ziele ſo gefährlicher Art,“ erwiderte Nordheim bedeutungsvoll,„daß ſie ent⸗ weder Tod bringen oder geben.“. „So iſt das Meine!“ rief Armand,„und ſolches allein iſt eines Mannes würdig. Ha, in jeder Secunde den Tod zu wagen, in jeder Secunde ſeien Alles verlieren können, das ſchärft die Kraft, das muthigt das Herz, das macht das Ziel erſt reizend!““ „Wenn überhaupt das Ziel ſolcher Anſtren⸗ gungen werth iſt,“ unterbrach ihn Nordheim. „Laſſen Sie mich offen ſein, mein Herr! Ich fürchte, Sie haben da einen Pfad betreten, der Sie jedenfalls irre führen wird, und Unheil und Verderben ſchafft!“— „Ja, Verderben ſchafft er,“ ſagte Armand lei⸗ denſchaftlich,„aber nicht mir, ſondern nach einer Seite hin, wo Sie es nicht ahnen!“ — 94— „Seien Sie auf Ihrer Huth!“ fuhr Nordheim fort,„und ſehen Sie nicht Dinge und Verhältniſſe anders, wie ſie in Wahrheit ſind. Sie werden mit allen Ihren Plänen nichts erreichen!“ „Das werden wir ſehen!“ unterbrach ihn Giu⸗ ſeppo höhniſch. „Und wenn Sie es ſehen, wird es zu ſpät ſein,“ fuhr Nordheim eifrig fort,„die Welt iſt noch nicht reif zur Freiheit, und zu dem, was die Beſten unter Ihnen wollen, zu einer Republik; Sie werden einen Fürſten verjagen, um den an⸗ dern auf den Thron zu ſetzen, und es wird nichts gewonnen ſein. Verſchwörungen, geheime Verbin⸗ dungen nützen zu nichts! Erſt wenn ein ganzes Volk in einmüthigem Willen und in Einheit der Kraft ſich erhebt und ſeine Rechte fordert und er⸗ kämpft, wird es ſeine mit ihm gebornen, aber ihm entzogenen Rechte erhalten; bis es aber dahin kommt, muß das Volk ſelber noch anders werden, es muß aus dem Stande der Kindheit ſich erhe⸗ ben und zur Manneskraft erſtarken.“ „Ach, das Volk,“ ſagte Armand,„das Volk wird niemals revolutioniren. Es iſt kindiſch und unverſtändig und weiß nicht, was ihm fehlt.“ „Das Volk,“ ſagte Nordheim, Armand's Worte überhörend, wie zu ſich ſelber,„das Volk iſt ſo groß und erhaben, und zugleich ſo klein und nie⸗ drig! Es beſitzt eine göttliche Kraft zu leiden, und in der Treue und Liebe zu ſeinem ange⸗ — 92— ſtammten Fürſten eine Geduld, durch dieſen zu leiden und von ihm zu hoffen, die wahrhaft herr⸗ lich iſt. Aber die Geduld wird oft zur Sklaven⸗ demuth, wie der Hund, der geſchlagen iſt und ſich dennoch demüthig zu des Herrn Füßen krümmt und um Gnade winſelt; ſo ſah ich ganze Völker, ihre menſchliche Würde vergeſſend, ſich beugen vor ei⸗ nem Tyrannen, der ihre Rechte mit Füßen trat.“ „Wir werden ſehen,“ ſagte Armand,„wer recht hat,„Sie oder ich!“ „Ja, wir werden ſehen!“ wiederhölte Nord⸗ heim ruhig,„und bis dahin wollen wir nicht ſtreiten!“ Er nickte den Beiden freundlich zu und ver⸗ ließ das Room, um ſich auf ſein Zimmer zu begeben. Auf dem Wege dahin begegnete ihm der zſterreichiſ ſche Offizier, Albert von Fahrenberg, und Nordheim gewahrend rief er lebhaft:„o eine Bitte! Sagen Sie mir den Namen jener Dame, mit der ich Sie geſtern im Hyde⸗Park fahren ſah!“ „Es war dieſelbe Dame,“ antwortete Nordheim, „die ich einſt ſo glücklich war aus einer gefahr⸗ vollen Lage zu befreien. Sie erinnern ſich wohl der Dame, deren Pferde wild geworden?“ „Und die Sie ohnmächtig hierher trugen,“ un⸗ terbrach ihn Fahrenberg,„ja wohl, ja wohl, ich erinnere mich. Und ſchon damals,“ fuhr er leiſer — 93— fort,„entſetzte mich der Ausdruck ihrer Augen und erinnerte mich— plötzlich abbrechend wandte er ſich zu Nordheim und fragte:„der Name die⸗ ſer Dame?“ „Sie heißt Aurelia von Stopford.“ „Seltſam, ſeltſam,“ ſagte Fahrenberg,„eine ſolche grauenerregende Aehnlichkeit, und doch iſt dieſe eine Engländerin!“ „Sie irren, die Dame iſt“— hier unterbrach ſich Nordheim, und wie ſich eines Andern beſin⸗ nend, fuhr er fort:„wenn Sie wünſchen, werde ich Sie bei der Dame einführen, und will ſie deshalb heute noch um ihre Zuſtimmung bitten.“ Fahrenberg war hoch erfreut über dieſen Vor⸗ ſchlag, und mit dem Verſprechen, morgen ſich von Nordheim die Antwort der Baronin zu holen, trennten ſie ſich. Nordheim war nun allein, und im Zimmer auf und ab gehend ſchien er in tiefes Sinnen verloren. In wechſelnden Bildern zogen die Be⸗ gebenheiten der letzten Stunden an ihm vorüber, und er ſagte zu ſich ſelber:„ſcheint es doch, als wolle das Leben für die Tonloſigkeit vieler Jahre mich entſchädigen und mir Gelegenheit verſchaffen, die Erfahrungen mancher kummervollen Tage an⸗ zuwenden zur That und zum Handeln! In meine Hand legt es die Fäden dieſer wunderbaren und geheimnißvollen Gewebe, die wir Schickſal nennen, und mir ſcheint es vorbehalten, zu entwirren, — 54— was unauflöslich ſcheint. Und iſt nicht dies ein ſchöner Beruf und eine würdige Sendung? Wenn das Leben uns That bietet und Handlung, wenn es uns ſchauen läßt in ſeine Abgründe und Tie⸗ fen, in ſeine Höhen und Schluchten, o dann lohnt es ſich wohl, den Stürmen zu trotzen und die Nacht zu durchſchreiten, die zum Sonnentag führt, der Gegenden erhellt, die nur den Geweih⸗ ten offen ſind!“ Seine Gedanken nahmen eine andere Rich⸗ tung, und vor dem ſchönen Frauenbilde, das über dem Divan hing, ſtehen bleibend, ſagte er in bitterm Ton:„noch immer dieſe ſchönen Augen, dies entzückende Lächeln? So überdauert denn der Schein die Wahrheit, und um dieſe Lehre zu be⸗ greifen, that ich wohl daran, Dein Bild mit mir zu nehmen, Cäcilia, und täglich neu an ihm die große Wahrheit der Vergänglichkeit zu lernen! Ja, Dein Schüler bin ich, und ich hoffe, ein ge⸗ lehriger. Gehe hin, meine Meiſterin, ſchaue Au⸗ reliens verweinte Augen, ihr ſchmerzliches Lächeln, und frage ſie um ihren Kummer, ſie wird Dir ſagen, daß ihr Geliebter ſie die Lehre von der Unbeſtändigkeit und Vergänglichkeit lehrte, und daß ſie dieſelbe an ſeinem Erkalten begriffen hat, an dem Erkalten, das er von Dir gelernt. So erbt der Fluch und die Sünde fort und überdauert die That, und eines Menſchen Fall zieht Andrer Straucheln nach!“ — 95— Er ſchwieg und ging lange ſchweigend auf und ab, dann flüſterte er leiſe:„ich liebe ſie nicht mehr! Schon iſt dieſe Glut verflogen und dieſe Leidenſchaft gekühlt, das Blut fließt wieder ruhig, die Pulſe ſtocken nicht mehr und die Augen ſehen wieder hell, was iſt. Du warſt nur ein Moment in meinem Leben, Aurelia, nicht mein Leben ſel⸗ ber, und dieſe Liebe iſt wie das Leben ſelber, ein Wechſel von Rauſch und Ermattung, von Ent⸗ ſtehen und Vergehen! Ich liebe ſie nicht mehr, und doch iſt es pikant,“ fuhr er mit einem ſchnei⸗ denden Lachen fort, das zugleich unendlich ſchmerz⸗ voll war,„pikant, das todte lebende Weib eines Andern in ſeinen Armen zu halten, eine Geſtor⸗ bene, Lebende zu umfangen, und Leben und Tod zu umſchließen an ihrer Bruſt. Wenn ich dies Alles bedenke, und wenn, wie ich faſt glauben muß, Fahrenberg nicht Geſpenſter ſieht, ſondern Wahrheit, und Aurelia ſein von ihm gemordetes Weib iſt, ſo meine ich faſt, ich liebe ſie wieder ſo heiß, als in den Tagen unſerer erſten Leidenſchaft. Ja, mein Herz klopft wieder nach ihr, und wenn dies auch nur wenige Tage dauert, ſo iſt es für ſie doch eine Friſt des Glückes! Hin, hin zu ihr!“ VII. Das Wiederſehen. „Er iſt's, er kommt,“ rief Aurelia. Sie hatte im Vorzimmer ſeinen S Schritt gehört und flog ihm entgegen mit lautem Zubelruf als er, die Thüre öffnend, jetzt zu ihr eintrat.„Biſt Du da, mein Geliebter, habe ich Dich wieder!“ Und wie ſie ihn jetzt in ihre Arme ſchloß, und er das Klopfen ihres Herzens an dem ſeinen fühlte, empfand er mit dankbarer Freude ihre Glut ſich ſeinem Herzen uritt eilen⸗ und unter Küſſen ſagte er:„lüſſe mich! Laß Dein göttliches Feuer überſtrömen in meine Seele, daß ſie flammt, wie die Deine, und dieſe zwei Flammen auflndern Eins werden in unermeßlicher Glut!“ Sie umfing ihn glühend, und flüſterte: „o mein Geliebter! Wie iſt mir doch die Welt verklärt durch Dich, durch Dich allein! Wie ſcheint mir dies Gemach an Deiner Seite ein Paradies der Liebe und des Glückes.“ — 97— „Auch wird es in dieſem Paradieſe der Liebe nicht an der Schlange fehlen, die uns zur Er⸗ kenntniß bringt, und an dem Engel, der uns aus dem Paradieſe vertreibt,“ ſagte Nordheim. „Dann wäre Schlange und Engel Eins!“ rief Aurelia,„Eins in Dir! So gewiß ich weiß, daß kein Drittes und Fremdes ſcheidend zwiſchen uns Beide treten kann, ſo gewiß weiß ich, daß ich Dich ewig lieben werde, und daß das Ende die⸗ ſes Glücks nur von Dir ausgehen kann. Du allein kannſt mein Dämon ſein, wie Du mein Engel biſt!“. Später fuhren ſie zuſammen zu Lord und Lady Landstown, und Nordheim erzählte Aurelien während der Fahrt von dem jungen Matroſen und der ſeltſamen Umwandlung deſſelben in des Lords Nichte Effie. „Wenn mich nicht alles trügt,“ ſchloß Nord⸗ heim ſeine Erzählung,„ſo iſt dies Mädchen die Geliebte des ſchwermüthigen Irländers, von dem ich Dir früher erzählte.“ „So würde ſie alſo,“ ſagte Aurelia freudig, „hier mit ihm vereint werden, und ſo, gleich mir, ein Beiſpiel ſein, daß es nicht immer wahr iſt, was Shakeſpeare ſagt: der Strom der treuen Lieb' iſt ſelten ſanft!“ 3 „Vielmehr beſtätigt er dies Wort,“ ſagte Nordheim,„denn dieſer Strom trieb den armen Maedeam weit ab nach Amerika. Als er erfahren, Die Flüchtlinge in London. II. 7 8 daß Effie Landstown Kloſterfrau geworden, verließ er England, und dies iſt es gerade, worauf ſich meine Vermuthung ſtützt.“ Der Wagen hielt, ſie betraten das Hötel und wurden im Salon vom Lord und der Lady be⸗ willkommnet. „Ich denke,“ ſagte Ellinor, Aureliens Hand liebevoll drückend,„es iſt Ihnen recht, daß wir heute ſtill und traulich allein miteinander ſind. Die Liebenden und Glücklichen bedürfen nicht der Geſellſchaften, und Ihre ſtrahlenden Augen ſagen mir, daß Sie zu den Glücklichen gehören.“ In dieſem Augenblick trat Effie herein, im zierlichen, geſchmackvollen Mädchenanzuge, der die feine ſchlanke Geſtalt nur noch ſchöner hervorhob und der ganzen Erſcheinung eine unendliche Grazie verlieh. Sie war nun wieder ganz Weib und Jungfrau, nur aus ihren dunklen Augen leuchtete ein ſeltenes ſchwärmeriſches Feuer und ein eigner Ausdruck von Entſchloſſenheit und Kraft. Der Lord ſtellte ſie Aurelien als ſeine Nichte, Effie Landstown, vor, und als ſie Nordheim ſah, ſchlug ſie, des ſeltſamen Aufzugs gedenkend, in dem er ſie zuerſt erblickt, erröthend die Augen nieder. Nordheim, dies Erröthen ehrend, er⸗ wähnte aber ihres frühern Zuſammentreffens mit keiner Andeutung, und ſo kehrte Effie's Unbefan⸗ genheit bald zurück. Als ſie dann im traulichen Geſpräch um die — 99— dampfende Theemaſchine ſaßen, ſagte Nordheim im Verlauf der Unterhaltung:„wie ſeltſam iſt es doch, daß oft ein Ton, ein Blick, irgend ein an⸗ klingender Laut uns ganze Bilder, ganz entfernt liegende Gegenſtände und Ergebniſſe zurückruft, die (aäußerlich in gar keinem Bezug zu dem anregenden Moment ſtehen.“ „Sie haben recht,“ ſagte Ellinor ſchmerzvoll, „ach, es bedarf oft nur eines fremden Seufzers, einer von fremden Augen vergoſſenen Thräne, um auf das eigne Herz die ganze Laſt des Unglücks zurückzuwälzen.“ „Oder auch das Glück und die Freude der Vergangenheit zurückzurufen,“ ſagte der Lord. „Wie oft hat auf meinen Spaziergängen mich der von fernher erſchallende Ton eines Waldhorns wie durch Zauberſchlag zurückverſetzt in längſt verklungene Tage mit allen ihren Begebenheiten und mit ihren Gedanken ſogar, und wie oft, El⸗ linor, hat mich die verglimmende Sonne gemahnt an jenen Tag, wo ich bei ihren erlöſchenden Strahlen Dich zuerſt hier eingeführt als meine Gemahlin.“ Ellinor nickte ihm liebevoll zu, und Nordheim „heute ſind Sie es, Miß Effie, die mich zu dieſer Bemerkung veranlaßte, durch den Aecent, mit dem Sie das Engliſche ſprechen.“ Cfſie ſah ihn fragend und verwundert an, und Nordheim fuhr fort:„ich erinnere mich bei dem⸗ 712 X — 100— ſelben eines Ihrer Landsleute, der es ganz in der⸗ ſelben Weiſe ſprach und vielleicht aus Ihrer Nach⸗ barſchaft gebürtig iſt.“ „Gewiß jener irländiſche Herr,“ ſagte Ellinor, den Sie die Güte hatten uns zuzuführen?“ „Derſelbe,“ erwiderte Nordheim,„und er ſteht in dieſem Augenblick in ſo klarem und deutlichem Bilde vor mir, daß ich meine, ihn wirklich zu ſehen mit ſeinen ſchwermüthigen Augen und dem trüben Ausdruck ſeiner Züge, bei deren Anblick ich immer nur denken konnte, wie ſehr dieſelben leuchten würden, wenn das Glück den Trübſinn verjagte.“ „War er denn ſo ſehr unglücklich?“ fragte der Lord theilnahmsvoll. „Gewiß war er es, oder ſchien er es zu ſein, und daß er niemals klagte, ſondern in ſtiller Er⸗ gebung, ohne Murren ſein Leid auf ſich nahm, wie eine unabwendbare Bürde, gerade dies hatte etwas ſehr Rührendes. Worte ſchienen ihm zu gering vielleicht für ſein Empfinden, denn er ſprach faſt niemals, aber in einem Liedchen, das er täg⸗ lich auf ſeinem Waldhorn blies, ſtrömte in bered⸗ ter und wohlverſtändlicher Sprache ſeine ſchweig⸗ ſame Klage und ſein ſtummer Schmerz in den —— zitternden Klängen aus, und nie habe ich ſo deut⸗ lich empfunden, welche Macht und Tiefe in der Muſik ruht, als bei dieſen Klängen, deren ein⸗ fache, ſtets wiederkehrende Weiſe doch immer et⸗ was Neues und Ueberraſchendes ausdrückte, durch die Art, wie er ſie gab, und das lebhafte bewegte Spiel ſeiner Mienen, das dieſe Töne gleichſam accompagnirte.“. „Und wohin hat dieſer traurige Irländer ſich jetzt gewandt?“ fragte der Lord. Nordheim warf einen ſchnellen und prüfenden Blick auf Effie hin, die lange ſchon athemlos und in ahnender Angſt ſeinen Worten lauſchte und ihn nur in ſeiner Vermuthung beſtätigte, dann ſagte er:„eine ſchmerzliche Nachricht aus der Heimath bewältigte ihn vollends und bewog ihn, England auf immer zu verlaſſen. Er hatte, wie er mir in der Abſchiedsſtunde ſagte, auch den letzten Schimmer von Hoffnung, der ihn bisher noch aufrecht gehal⸗ ten, verloren, und wollte nun in der Ferne Ver⸗ geſſen oder Tod finden. Er wandte ſich zuerſt nach Hamburg, wo ein Bruder von ihm lebt, und wird dann nach Amerika gehen.“ „Armer Mann!“ ſagte Ellinor mitleidsvoll, naber er irrt, wenn er dem Schmerze zu entflie⸗ hen gedenkt, der ihm doch folgen wird durch Län⸗ der und Meere. Doch,“ fuhr ſie lebhafter fort, und wandte ſich nach Efſie hin,„ich denke, Du mußt dieſen Unglücklichen kennen! Ich entſinne mich ſoeben, daß er mich nach Dir fragte und nach Deinem Wohlergehen, gerade an dem Tage, wo wir durch den Major, Deinen Vater, benach⸗ richtigt waren, daß dies der Tag Deiner Ein⸗ — 102— kleidung im Kloſter war, und ich theilte dies je⸗ nem Fremden mit.“ „Und am andern Morgen ſchon,“ ſagte Nord⸗ heim ernſt,„verließ Macdeam England.“ „Mardeam!“ ſchrie Effie erbleichend und flog von ihrem Sitz empor.„Er iſt es! Ja, mein Geliebter, mein theurer Edward iſt es!“ „Und Sie ſahen ihn,“ wandte ſie ſich an Nordheim,„und Sie hörten ſeine Stimme, ſeine liebe Stimme? Sie ſchauten dieſe ſchönen, ſchwer⸗ muthsvollen Augen ſo voller Glück und Leben ſonſt, und jetzt voll Schmerz und Trauer? O mein Edward!“ Ihre Stimme erſtarb in Thränen, und das Geſicht mit ihren Händen bedeckend, ſchluchzte ſie laut. Alle blieben ſtumm in verlegnem Schwei⸗ gen, und Niemand wagte die nur von dem Wei⸗ nen des zitternden Mädchens unterbrochene Stille zu ſtören. Als aber ihr Schluchzen heftiger ward, ging Ellinor, voll des tiefſten Mitgefühls hin zu der Trauernden; leiſe ihren Arm um Effie's Nacken legend, zog ſie ſie an ihre Bruſt und flüſterte: „armes, theures Kind!“ „ Ja wohl bin ich arm und beklagenswerth!“ hauchte Effie leiſe und ruhte einen Moment, wie erſchöpft, an Ellinor's Buſen. Dann richtete ſie ſich auf und ſagte heftig: „Ihr wundert Euch vielleicht meiner Thränen und — 107 meines Schmerzes? O ſo wißt, daß ich ihn liebe, dieſen Jüngling, ja, ich liebe ihn über Alles in der Welt. Sein Bild begleitete mich ins Kloſter und war meine Stärkung und mein Troſt. An ihn dachte ich in meinem Wachen, in meinen Träumen, um ſeinetwillen verließ ich heimlich das Kloſter und ſcheute nicht Nacht und Einſamkeit, und trotzte aller Mühe und aller Gefahr! Der Ge⸗ danke an ihn war meine Zuverſicht, und es war mir, als hörte ich ſeine Stimme mir Muth und Troſt zuflüſtern. Ach, dies Alles iſt nun dahin, muß ich nicht weinen?“ Vergebens ſuchte der Lord ſie zu beruhigen mit dem Verſprechen, ſchon andern Tags ſelbſt nach Irland zu Effie's Vater zu eilen und für ſie Verzeihung bei ihm zu erflehen, ihn zu vermögen, in eine Verbindung mit Maedeam zu willigen und dieſen dann ſogleich zurückzurufen. „Zurückzurufen, wenn vielleicht ſchon das Meer ihn verſchlungen hat!“ ſagte Effie bitter. Nordheim faßte Effie's Hand, und ſie ehr⸗ furchtsvoll an ſeine Lippen ziehend, ſagte er: „muß ich Sie, eine Heldin der Liebe, mahnen zur Zuverſicht und zum Glauben an die Wunderkraft dieſer Liebe? Haben Sie mit wahrhaft göttlichem Muthe gekämpft unter dieſem Panier, um nun nach den erſten und mühevollen Schritten zum Siege zu ermatten? Muthig, muthig, ſchöne Hel⸗ din! Die Liebe, welche Kloſtermauern bezwang, fin⸗ — 104— det auch durch Meere und Länder den Weg zu dem Geliebten hin.“ Effie ſchauete ihn an mit faſt freudigem Blick, ihre Thränen ſtockten, und wie durchzuckt von ei⸗ nem Rettungsgedanken ſagte ſie kurz:„Sie haben recht!“ Dann ging ſie, wie in tiefes Sinnen ver⸗ loren, im Zimmer auf und ab.. „Vielleicht haben Sie die Güte,“ ſagte der Lord zu Nordheim,„an Macdeam zu ſchreiben?“ „Gerne, und ich denke dieſe Zeilen werden ihn noch in Hamburg bei ſeinem Bruder treffen,“ ant⸗ wortete Nordheim. Effie ſchien jetzt einen entſcheidenden Entſchluß gefaßt zu haben, und ſich hoch und ſtolz aufrich⸗ tend ſagte ſie mit faſt gebieteriſchem. Ton:„laſſet Alles dies, bis morgen! Morgen werden wir wiſ⸗ ſen, was zu thun iſt!“ Dann wandte ſie ſich ab und verließ das Gemach. 8 Während Lord Landstown ſich an Aurelia wandte mit Entſchuldigungen über dieſe ſeltſamen und ſtörenden Auftritte, ſagte die Lady leiſe zu Nordheim:„ich habe die erſte Spur von dem Daſein meines Kindes und morgen werde ich wei⸗ ter forſchen!“ Die überraſchenden Auftritte aber hatten den Frohſinn und die Freude am Zuſammenſein geſtört, eine trübe und bedrückende Stimmung hatte ſich der vorher heitern Geſellſchaft bemächtigt, und ſo — 105— trennten ſich Aurelia und Nordheim bald von dem Lord und ſeiner Gemahlin. Als der Wagen vor ihrem Hötel hielt, zögerte Aurelia und blickte Nordheim fragend und bittend zugleich an. Nordheim mußte dieſen Blick verſtanden ha⸗ ben, denn er nickte ihr lächelnd zu, ſprang heraus und Aurelien den Arm bietend, führte er ſie die breite Treppe des Hötels hinauf und in ihre Gemächer. In ihrem Boudoir angelangt, warf ſich Au⸗ relia an ſeine Bruſt, und ihn feſt umklammernd ſagte ſie freudig:„Dank Dir, mein Geliebter! Dank, daß Du mich begleiteteſt, und nicht, wie ſchon ſo viele Tage, mich an der Schwelle meines Hötels verließeſt und der troſtloſeſten Einſamleit und Sehnſucht mich dahingabſt!“ „Ich bin geizig für uns ſelber,“ ſagte Nord⸗ heim.„Kein Genuß iſt unerſchöpflich, kein Glück ohne Ende; wollen wir denn Genuß und Glück nicht mit eines Verſchwenders Unverſtand verpraſſen, ſondern ſparſam ſein mit beiden!“ „Ich darf jetzt nicht bleiben, denn man er⸗ wartet mich. Aber ehe ich gehe, habe ich Dich um eine Gefälligkeit zu bitten. Ich gab einem Bekannten von mir mein Wort, ihn in dieſer Stunde zu Dir zu führen, und wenn Du erlaubſt, gehe ich, mein Wort zu erfüllen.“ „Obwohl die Einſamkeit mit Dir weit ſüßer — 106— iſt,“ antwortete Aurelia halb ſchmerzlich,„will ich mich doch nicht ſträuben, Deine Freunde zu ſehen.“ „Bereite Dich aber darauf vor, daß dieſer Fremde vielleicht für Dich nicht ohne Bedeutung iſt,“ ſagte Nordheim und verließ Aurelien. Mit ihr ſelber unerklärlichem Bangen wartete ſie ſeiner Wiederkunft, erbebend in einer Angſt, deren Urſprung ſie ſich nicht zu erklären ver⸗ mochte, und als ſie jetzt im Vorzimmer nahende Schritte vernahm, als der Diener ihr Nordheim und einen Fremden meldete, mußte ſie zitternd ſich zurücklehnen in den Seſſel, und fand kaum Kraft aufzuſtehen, als die beiden Herren jetzt zu ihr eintraten. Sie dachte nicht daran den Fremden anzu⸗ ſehen, denn ſie meinte, nur in ihres Geliebten Zügen Antwort finden zu können über ihre ſelt⸗ ſame Unruhe. „Herr Albert von Fahrenberg!“ ſagte Nord⸗ heim, ihr den Fremden vorſtellend. Aurelia zuckte zuſammen und wandte den be⸗ troffenen Blick auf den Fremden hin. Dieſer ſtand athemlos, bleich da, mit entſetzten Blicken ſie anſtarrend, als ſchaue er in grauenhafter Erſtarrung eines Geſpenſtes Gegenwart. Einen Moment blickten ſie ſo einander an, ſtarr, bewegungslos, dann preßte Aurelia ihre Hand auf die Bruſt, als wolle ſie den Krampf dämpfen, — 107— der ſie beengte, ihre Wangen erbleichten, mit krei⸗ ſchendem, verzweiflungsvollem Ton rief ſie:„er iſt's!“ und ſank ohnmächtig zuſammen. Fahrenberg neigte ſich über die Ohnmächtige und ſchaute ſie lange und prüfend an. Seine Züge nahmen einen milden, faſt freudigen Aus⸗ druck an, Thränen entſtürzten ſeinen Augen, er ſchante gen Himmel mit einem Blick voll⸗ Dank und Wonne, und die Hände faltend, wie zum Ge⸗ bet, ſtand er ſtumm und ſchweigend dä. Dann wandte er ſich hin an Nordheim, der, ſelber erſchüttert, nicht wagte, dieſe Scene zu unterbrechen, und mit in Freude bebender Stimme ſagte er ruhig und wie verklärt:„es iſt mein Weib, ich habe ſie alſo nicht gemordet! Es iſt mein Weib!“ VIII. Mutterliebe. Früh am andern Morgen trat Lord Lands⸗ town im Reiſeanzug in das Schlafzimmer ſeiner Gemahlin.„GWillſt Du ſchon fort?“ fragte Ellinor trübe, und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt. „Ich muß, meine Ellinor,“ erwiderte der Lord, ſie zärtlich an ſich drückend.„Je mehr ich es mir überlege, je mehr finde ich, daß es meine Pflicht iſt, ſelbſt zu meinem Bruder zu eilen, und ihn von Effie's Flucht zu benachrichtigen, ſowie mich für ihre Verbindung mit Macdeam zu verwenden.“ .„Und könnteſt Du dies nicht auch ſchriftlich? Wäre ein Brief nicht genügend?“ „Ein geſprochenes Wort,“ antwortete ihr Ge⸗ mahl,„hat Leben, ein geſchriebenes iſt todt, das Leben aber erwärmt und das Todte läßt kalt. Darum, mein geliebtes Weib, laß mich gehen und meine Pflicht erfüllen. Iſt es doch im Dienſt der Liebe, daß ich gehe, und wie ich jede gute That, harrte, und der Lord, gefolgt von ſeinem Kammer⸗ — 109— die ich gethan, Dir verdanke, ſo gehe ich auch jetzt in Deinem Dienſt, weil in der Liebe Dienſt.“ „Wann kehrſt Du zurück, mein Geliebter?“ fragte Ellinor, ihn mit ihren großen dunkeln Augen ſo ſchmerzvoll und innig anſchauend, als wolle ſie ſein liebes Bild zum letzten Male tief in ihre Seele prägen. „In einer Woche ſpäteſtens,“ ſagte der Lord; „laß mich dann dieſe theuren Augen heiterer, dies Angeſicht roſiger finden. Denke an mich, mein geliebtes Weib, als an Deinen treueſten Freund, als an Deinen Geliebten; denke aber, wenn ich fern bin, nicht mit Trauer der Trennung, ſondern mit Freude des Wiederſehens, und wenn Du dieſe einſamen Tage nachrechneſt, ſo zähle ſie nicht, um zu wiſſen, wie lange ich ſchon abweſend, ſondern um zu ermeſſen, wie wenige Tage noch fehlen bis „zu meiner Wiederkunft. Ich will es auch ſo machen, und dies wird uns hinweghelfen über die Trauer und die Trennung.“ 1 Ellinor verſprach es und umfing den Gelieb⸗ ten, Abſchied nehmend, als wolle ſie ihn nimmer laſſen von ihrem Herzen. Dann machte der Lord ſich ſanft los aus ihren umfangenden Armen, und ihr zunickend und mit der Hand Küſſe hinwerfend, verließ er das Gemach. Ellinor eilte ans Fenſter, und dieſes öffnend blickte ſie hinunter in den Hof, wo der Wagen — 410— diener, ſoeben erſchien. Er richtete ſogleich den Blick zu den Fenſtern ſeiner Gemahlin hinauf, und ſie gewahrend lächelte er ſie an. Sie winkte zum Gruß hinab mit dem weißen Tuch, der Poſtillon blies, und bald war der Lord den Augen ſeiner Gemahlin entſchwunden. Als der Ton des dahinrollenden Wagens ver⸗ hallt war, ſchloß Ellinor das Fenſter und trat zurück in ihr Gemach.„Und nun ans Werk!“ ſagte ſie entſchloſſen.„Keine Stunde iſt zu ver⸗ lieren, denn jede kann die Todesſtunde meines Kindes ſein!“ Aus einem geheimen Fache ihres Schreibtiſches nahm ſie ſodann ein zuſammengefaltetes Papier, und flüſterte:„da iſt es! Die Anweiſung, die mir Giuſeppo gegeben! Er ahnt nicht und ſoll es niemals erfahren, daß ich ſelbſt dieſe Wanderung antrete.“ Sie entfaltete das Blatt und ſagte: „aber ich muß es noch einmal leſen, um es genau inne zu haben,“ und ſie las:„Teufelsliſe iſt zu erfragen in der kleinen Troad Street. Man ge⸗ langt dahin auf folgende Weiſe:— beſſer iſt es,“ unterbrach ſich Ellinor hier ſelbſt,„ich nehme den Zettel mit mir, und richte mich genau nach dieſer Weiſung.“ Sie ſchellte, und als die Kammerfrau erſchien, ſagte Ellinor:„Betſy, ich habe heute einen Dienſt von Dir zu fordern, und wenn ich dabei auf Deine Verſchwiegenheit rechne, ſo kannſt Du hinwiederum — 111— einer großen Belohnung gewiß ſein, wenn Du genau erfüllſt, was ich ſage.“ Betſy gelobte ihre unbedingte Ergebenheit, und Ellinor fuhr fort:„Bringe mir Deinen ſchlechteſten Anzug und das ſogleich. Eile!“ Als Betſy mit den Kleidern zurückkehrte und verwundert fragte:„Befehlen Ew. Lordſchaft, daß ich ſie hier anlege,“ ſagte Ellinor ernſt:„ich ſelbſt will mich damit bekleiden.“ „Aber Ew. Lordſchaft,“ ſtammelte Betſy— „Kein Aber,“ unterbrach ſie Ellinor,„ich be⸗ darf ihrer! Komm, und ſei mir behülflich.“ „Auch dieſe ſchönen Locken ſoll ich verbergen?“ fragte Betſy. „Ich habe dafür geſorgt,“ antwortete Ellinor, „öffne jene Schachtel, Du findeſt darin, was Du bedarfſt.“ „Hilf Himmel,“ rief die Kammerfrau,„eine ſchwarze Perrücke, und die wollten Ew Lord⸗ ſchaft—“ 1 „Aufſetzen, mein Kind,“ antwortete Ellinor, und nahm ſie aus Betſy's Händen. Als dann der Anzug vollendet war, und Ellinor ſich in der Pſyche betrachtete, nöthigte ihr die völlige Unkenntlichkeit ihres Geſichts und die Ver⸗ kleidung ſelber ein Lächeln ab, und Betſy ſagte lachend:„Ew. Lordſchaft mögen mir verzeihen, wenn ich behaupte, daß Niemand bei Ihrem An⸗ blick eine Lady vermuthen wird!“ — 112— „Auch darf das nicht ſein,“ ſagte Ellinor, und ſetzte den zerdrückten ſeidenen Federhut auf.„Höre jetzt meine Befehle,“ fuhr ſie fort,„Du verläßt heute ſo wenig als möglich dieſe meine Gemächer, verkündeſt der Dienerſchaft, daß mich ein Unwohl⸗ ſein an das Bett feſſelt, läßt aus dieſem Grunde Niemand hier ein, und verräthſt durch keine Miene, keinen Blick, daß vielleicht irgend etwas Geheim⸗ nißvolles hier geſchehe. Es iſt möglich, daß ich nicht allein den Tag über, ſondern auch die Nacht entfernt bleibe. Auch dann verhältſt Du Dich ruhig und verräthſt Niemand meine Abweſenheit. Thuſt Du genau, wie ich Dir ſage, ſo ſind mor⸗ gen bei meiner Rückkehr hundert Pfund Dein!“ „Ach,“ ſagte Betſy weinerlich,„ich will wohl ſchweigen auch ohne das Geld; aber mir bangt, daß Ew. Lordſchaft Unheil geſchehe, wenn Ew. Gnaden wirklich ſo allein ſich hinauswagen wollen, der Himmel weiß, wohin!“ Als ſie ſah, wie Ellinor jetzt einen Dolch aus ihrem Secretär nahm, die Schneide ſorgfältig prüfte und dann ihn in ihrem Buſen verbarg, brach Betſy in Thränen aus und jammerte:„o Jeſus, Ew. Lordſchaft ſelber fürchten Gefahr und bewaffnen ſich, und ich, die ich mit meiner ganzen Seele Ihnen ergeben bin, ſollte ruhig ſein?! O, Ew. Lordſchaft,“ flehte ſie, und ſank auf ihre Knie, „gehen Sie nicht, mindeſtens nicht allein, mir ahnt, —,——— — 113— daß ſie einen furchtbaren Weg zu wandeln haben Laſſen Sie mich Sie begleiten!“ „Was ich zu thun habe, kann nur durch mich allein geſchehen, ich allein werde es vollbringen oder mlerehen. Stehe auf, Betſy!“ Sie bot der Weinenden gütig die Hand, und ſie emporziehend ſagte ſie:„zeige mir Deine Liebe durch pünktliche Befolgung meiner Befehle, und nun laß mich gehen!“ Betſy ſchluchzte laut und Ellinor, ſchon im Begriff zu gehen, fuhr fort:„eins hätte ich faſt vergeſſen! Da, nimm dies verftegelte Blatt! Bin ich morgen in dieſer ſelben Stunde nicht zurück, ſo ſendeſt Du dieſen Brief an Herrn Nordheim, deſſen Adreſſe die Diener kennen. Lebe wohl!“ Feſten Schrittes verließ ſie das Zimmer, und den Schleier vor das Geſicht ziehend, ſchlüpfte ſie den Corridor hinab und gelangte durch eine Seitenthür unbemerkt auf die Straß e. Sie fühlte ſich muthig und ſtark und ohne Zagen ſchritt ſie die Bondſtreet hinab, gewiß, daß Niemand ſie in ihrem Anzug zu erkennen vermöge. An der ihr bezeichneten Ecke beſtieg ſie eines jener dort ſtationirenden Cabriolets, und befahl dem Kutſcher, ſie nach Tottenham coard⸗road zu führen. — Der Mann ſah ſie verwundert an, blinzelte ihr zu, und Ellinor, innerlich erbebend, erwiderte die⸗ ſen Blick, und dahin rollte der Wagen in donnern⸗ dem Geraſſel, und mit ſeinem Stoßen und Schwan⸗ 8 8 Die Flüchtlinge in London. II. — 114— ken Ellinor, die nur gewohnt war, in bequemen und eleganten Carroſſen zu fahren, faſt betäubend. Nach einer Stunde unaufhaltſamen Fahrens gelangten ſie nach dem von Ellinor bezeichneten Orte, und der Kutſcher, ihr beim Ausſteigen be⸗ hülflich ſeiend, flüſterte ihr mit rauhem Lachen Worte zu, deren Sinn Ellinor nicht begriff. Sie reichte ihm eilig ein Goldſtück dar, und ehe der Mann Zeit hatte, ſich von ſeinem Staunen über dieſe reichliche Gabe zu erholen, war Ellinor ſchon um die nächſte Ecke ſeinen Blicken entſchwunden. Haſtigen Schrittes eilte ſie die enge ſchmuzige Gaſſe hinab, die ihr bis dahin völlig fremd ge⸗ weſen, und deren an den Ecken angeſchlagene Na⸗ men ſie ſich nicht entſann, jemals zuvor gehört zu haben. Sie blickte ſorgſam an den Häuſern auf, um unter den von Schmuz faſt unkenntlichen Nummern die ihr bezeichnete zu ſuchen.„Nummer 17, hier iſt es,“ ſagte Ellinor, und trat durch die nur an⸗ gelehnte Thüre in einen langen, finſtern Gang, den ſie in fliegender Eile durchwandelte, und worauf ſie am entgegengeſetzten Ende dieſes Durchgangs wiederum eine ſchmale Gaſſe betrat. Einige elende ſchmuzige Wagen, mit abgemagerten ſtruppigen Pferden beſpannt, ſtanden an der nahen Straßen⸗ ecke; Ellinor beſtieg einen von dieſen, und bezeich⸗ nete den Ort, wohin ſie wollte. „Iſt'nen verdammt litzlich Ding,“ ſagte der Kerl, 115— „in jene vermaledeite Schnuppergegend zu fahren. Die Spürhunde haben heute ihre Augen hier herum, und wenn die Füchſe meine Spur wittern, und mir nachkriechen, ſo iſt die Falle für mich zu⸗ geklappt.“ „Ich gebe Euch das Doppelte!“ ſagte Ellinor, „wenn Ihr mich dahin bringt.“ „Nu, wir wollen's wagen,“ ſagte der Kerl, und den mit einer ſchmuzigen wollenen Pferde⸗ decke verzierten Kutſcherſitz beſteigend, ſchlug er mit lautem Fluch auf ſein knöchernes, katzenähnliches Thier ein, bis es, aufgeſtachelt von Schmerz, ſich in Trab ſetzte und das klappernde, knarrende Fuhr⸗ werk in Bewegung brachte. Durch ſchmuzige enge Gaſſen fuhren ſie dahin, die mit ihren dunklen unanſehnlichen Häuſern einen ſchauerlichen Eindruck auf Ellinor machten. Wil⸗ des Geſchrei und kreiſchendes Singen erſchallte aus dieſen Höhlen des Laſters und Elends. Hier und da öffnete ſich ein Fenſter, und irgend ein aufgeputztes und geſchminktes Weib, den Aus⸗ druck des Laſters und der Verworfenheit in den Zügen, oder ein wildes ſtruppiges Männerange⸗ ſicht ſchaute heraus und rief, das Frauenzimmer im Wagen gewahrend, Ellinor Worte entgegen, die ihr Blut erſtarren machten. Hier lag in trunke⸗ nem Zuſtande ein Kerl im Straßenkoth, und neben ihm ſtand mit entblößtem Nacken und Schultern, im ſchrillendrothen ſeidenen Gewande, das Haar 8 — — kite= mit Blumen geſchmückt und ſelber ſchwankend vor Trunkenheit, eine Schöne, und rief mit keifendem Ton jenem lallenden thierähnlichen Menſchen Ver⸗ wünſchungen und Schimpfworte zu. Weiterhin kam ein Zug jubelnder Burſche daher, in ihrer Mitte ſingende Mädchen, und hier verfolgte mit aufgehobenem Arm und geballter Fauſt ein Kerl ſein Weib, das mit heulendem Geſchrei die Straße hinabrannte. Allmählig wurde die Gegend ein⸗ ſamer, auch dieſe letzten, obwohl ſo entſetzlichen Spuren des Lebens erſtarben, und ein dumpfes ödes Schweigen herrſchte. Der Kutſcher hielt an und bedeutete Ellinor, daß ſie zur Stelle gelangt ſeien, und als ſie den Wagen verlaſſen und dem Kutſcher ſeinen Lohn gegeben, wandte dieſer ängſtlich und ſchnell ſein Pferd, und es zur Eile antreibend, war er bald ihren Blicken entſchwunden. Ellinor erbebte, es war ihr, als ſei mit ihm ihr letzter Schutz und Beiſtand entſchwunden, und einen Moment meinte ſie, ſie müſſe ihn zurückru⸗ fen, um mit ihm dieſem Ort des Schreckens zu enteilen. Dann dachte ſie an ihr Kind, ihre Ent⸗ ſchloſſenheit und Todesverwegenheit kehrte zurück, und muthig ſcheitt ſie die Straße hinab. Welch ein Bild des Elends und Jammers um ſie her! 3u beiden Seiten der mit Koth und Unrath beworfenen Straße nichts als halb verfallene höl⸗ — 117— zerne Hütten, ohne irgend ein Fenſter oder eine andere Oeffnung, als die kaum in Angeln hangende, halb verfaulte niedrige Thüre. Kein Zeichen des Lebens um ſie her, kein Lant, der die Nähe von Menſchen verrieth. Ellinor ſehnte ſich faſt zurück in das entſetz⸗ liche grauenvolle Leben, das ſie kurz zuvor erſchaut, es war ihr, als müſſe ſie der von dem Unrath der Straße aufſtrömende Dunſt mit ſeiner verpeſteten Luft erſticken. Als ſie jetzt an einer dieſer elenden Hütten die ihr bezeichnete Nummer las, ſagte ſie faſt freudig: „hier iſt es! Wohl mir, ich werde zum mindeſten jetzt wieder ein menſchliches Angeſicht ſehen und eine menſchliche Stimme hören!“ Sie klopfte nach vorgeſchriebener Weiſe drei⸗ mal in verſchiedenen Zwiſchenräumen und verſchie⸗ dener Art an die ſchmuzige Pforte. Sogleich öffnete ſich dieſe und ein ſcheußlicher Kerl mit rothem ſtruppigem Haar, kaum mit dem zerlumpten, von Schmuz ſtarrenden Gewande ſeine Blöße bedeckend, ſchaute heraus, und ſagte, Ellinor angrinſend:„Wo kommſt hergeweht, ſchmuckes Fähnchen, und was willſt? Pfeife mal die Parole, Wetterdirnerl!“ „Teufelsliſe!“ ſagte Ellinor bebend. „S iſt richtig!“ ſagte der Kerl mit einem Grunzen, das bei ihm Lachen bedeutete.„S iſt richtig! das heißt, ˙s iſt eigentlich nicht richtig, aber's gehört Alles zuſammen! Die Teufelsliſe gehört zu'ner andern Brüderſchaft, aber,— nun wir wollen das ganze Gericht drinn ausfreſſen, und nicht hier außen kauen, wo die Spürhunde und Jäger uns nachſtellen, wie'nem angeſchoſſenen Wild. Man herein, her⸗ ein ins Loch!“ Ellinor faßte nach ihrem Dolch; als ſie ſich überzeugt, daß ſie noch im Beſitz ihrer Waffe, fühlte ſie ſich ermuthigt und geſtärkt, und betrat gebückt durch die niedrige Pforte das Innere die⸗ ſer Hütte. Es war ein dunkler, niedriger Raum, deſſen einziges mit Papier verklebtes Fenſter auf den ſchmuzigen Winkel, Hof genannt, hinauslief und bei dem Dämmerlicht, das durch dies Fenſter her⸗ eindrang, konnte Ellinor, als ſie ſich nach und nach an dies Halbdunkel gewöhnt, die Gegenſtände um ſie her deutlich unterſcheiden, und ein Bild des Schmuzes und Elendes überſchauen, von deſſen Daſein ſie früher keine Ahnung gehabt. Der Fuß⸗ boden war mit Lehm ausgeſchlagen, und ſeine Un⸗ ebenheiten und Vertiefungen dienten zum Ablager des Schmuzes und Abfalls der Speiſen; einige zerbrochene Stühle und Bänke ſtanden an den von Ruß überzogenen Wänden umher, von denen die Feuchtigkeit und Ausdünſtung in dicken Tropfen herabfloß. Auf dem hölzernen Tiſch ſtand die halbgeleerte — 119— Brandweinflaſche, dieſe Tröſterin in der Noth, und in einem Winkel lag ein Haufe ſchmuzigen naſſen Strohes, Bett genannt. Neben dieſem aber hockte niedergekauert ein Weib mit matten Zügen, aus gläſernen trüben Augen hinſtarrend auf Ellinor, und zwiſchen ihren erſchlafft herabhängenden Mund⸗ winkeln hervor Worte murmelnd, deren Bedeutung Ellinor nicht verſtand. „Komm heran, Du beſoffenes Thier,“ grunzte der Kerl dem Weibe entgegen,„recke Deine Glieder in die Höhe und ſperre Deine vermaledeit langen Ohren auf! ˙S giebt was zu hören. Willſt nicht? Soll ich erſt'nen Dreſchflegel auf Deinem Genick herumtanzen laſſen! He?“ Das Weib flog empor bei dieſer drohenden Pantomime ihres Mannes, und auf hölzernen Pan⸗ toffeln heranſchlurfend, fragte ſie mit ſchwerer Zunge: „was giebt's denn? Und was will dieſe Wetter⸗ fahne hier?“ „Ich kam, mich nach der Teufelsliſe zu erkun⸗ digen,“ ſagte Ellinor leiſe und angſtvoll. „Iſt nicht hier,“ brummte das Weib. „Weiß das eben ſo gut wie Du,“ donnerte der Mann,„hab's Madelchen aber rein gelaſſen, weil'ch ihr helfen kann, wenn ſie, verſteht ſich, wenn ſie mit ihren Fingern noch was anders zu thun weiß, als eſſen.“. Er machte die Pantomime des Geldzählens, — 120— und Ellinor ſagte:„ich geb' Euch zwanzig Guineen, wenn Ihr mich zur Teufelsliſe führt!“ „Viel Geld das,“ grinſte der Kerl,„und wollt mir woll mal die Finger verbrennen für ſo blanke Kohlen, aber's geht doch nicht, kann Euch nicht ſfelbſt hinführen nach dem Weibſen.“ „Aber heut' auf'nem Ball iſt ihr Kerl!“ kreiſchte das Weib,„und wenn die Dirn Dir die zwanzig Füchſe giebt, ſo woll'n wir ſe mitnehmen nach dem Ball!“ „Was nimmſt mir de Wort vor'nem Maul weg,“ ſchalt der Mann,„'s war's ja, was ich ſagen wollte. Das wollen wir thun,“ wandte er ſich an Ellinor,„wir wollen Euch mitnehmen auf 'nem Ball in ſchmucke Compagnie, und Ihr ſollt eſſen und trinken und tanzen nach Herzensluſt, und den Kerl von der Teufelsliſe finden. Aber 's muß reiner Mund gehalten werden! Will ſagen, daß Ihr meine Nichte ſeid, erſt Frückgekommen aus 'nem Dienſt, habt kein Unterkommen, bleibt bei mir, wollt's Handwerk lernen. Müßt p'allem Ja ſagen!“ Ellinor verſprach alle ſeine Vorſchläge genau zu befolgen und es ward nun das Nähere dieſes abenteuerlichen und gefährlichen Plans verabredet. Furchtbar waren die nun folgenden Stunden des Harrens und Erwartens, die Ellinor in dieſer dumpfen, verpeſteten Höhle verlebte, und die mit bleierner Schwere an ihr vorüberſchlichen. Die Angſt der Erwartung und die Qual der Gegen⸗ — 121— wart drohten ihre phyſiſchen Kräfte zu erſchöpfen, und mehrmals fühlte ſie ſich vor Widerwillen und pſychiſcher Ermattung einer Ohnmacht nahe. Aber durch die Nacht und das Dunkel ihrer Seele leuchtete gleich einem Hoffnungsſtern das dämmernde Bild ihres Kindes, und ſie ſagte zu ſich ſelbſt:„und kann ich es auch nur ſterbend erreichen, dies mein Kind, ſo werde ich doch in ihren Armen, in meiner Tochter Armen ſterben!“ Bei dieſem Gedanken klopfte ihr Herz in freu⸗ digem Entzücken, vergeſſen waren die Leiden und die Schauderſcenen dieſer Stunde, und die liebende und ſehnende Mutter dachte nur an ihr Kind, für das ſelbſt ihr Leben zu wagen ſie den Muth fühlte. So kam die erſehnte Stunde heran, zu der das Weib ſich nach ihrer Weiſe aufs Schönſte geſchmückt hatte, die nun ernüchtert und mit er⸗ wachendem Leben in ihren Mienen, in ihrem zer⸗ lumpten Putze neben Ellinor ſtand, und ihr mit widerlichem Lachen die künſtlichen beſchmuzten Blu⸗ men hinhielt, die Ellinor, um„ballmäßig“ zu ſein, ins Haar ſtecken ſollte. Auch der Mann war ſich, zu ſeiner Toilette, einige Mal mit den Fingern durch ſein rothes ſtruppiges Haar gefahren und hatte ſeine zerlumpte Jacke mit einem nicht viel weniger durchlöcherten Frack vertauſcht, und ſo er⸗ klärte das vor freudiger Erwartung kommender Luſt ungeduldige Paar ſich bereit zu gehen. „Aber's wird nöthig ſein, daß wir ei — 122— vor Eure Guckfenſtern hängen,“ ſagte das Weib, „denn das Geheimniß unſeres Marſches dürft Ihr nicht kennen.“ „Haſt recht, Weib!“ ſagte der Mann, und Ellinor reichte willig ihr Haupt dar, um ſich mit dem Schleier ihres Hutes die Augen verbinden zu laſſen. Dann nahm das Paar ſie in ihre Mitte und geleitete ſie aus der Hütte, und durch Gaſſen, Schlupfwinkel und Durchgänge in das ſogenannte Hötel, wo der Bettlerball heute ſtattfinden ſollte. Hier löſte das Weib die Binde von Ellinor's Augen, und ihr die Warnung wiederholend, ſich, wenn ihr das Leben lieb ſei, nicht als eine Uneinge⸗ weihte zu verrathen, klopfte ſie in beſonderer Weiſe an eine Thüre, worauf eine Stimme von innen ihr in dem Kauderwälſch ihrer gebräuchlichen Sprach⸗ weiſe ein Wort zurief, was der Kerl, die Parole erwidernd, beantwortete. Abermals ward etwas von innen gerufen, und das hierauf von dem Weibe Erwiderte mußte genügend ſein, denn die Riegel wurden innen zurückgeſchoben, und die drei Ankömmlinge betraten den Saal. Der Portier nahm mit feierlichem Anſtand Ellinor's und des Weibes überflüſſige Tücher und Kopfbedeckungen in Empfang, und als er von dem letztern erfahren, daß„dies fremde Fräu⸗ lein“ die Nichte der würdigen Dame, rief er mit donnerähnlicher Stimme in den Saal hinein:„Mr. — 123— and Mistress Trumpet, and Miss Sippi Trum- pet!“ und von der hölzernen Tribüne am an⸗ dern Ende des Saals begrüßten die Muſiker mit einer Fanfare verſtimmter quiekender Trom⸗ peten und Blasinſtrumente die neu hinzugekom⸗ menen Gäſte. 1 IX. Der Bettlerball. Trotz der Seelenangſt und der Folterqual der Erwartung, die Ellinor's Buſen beklemmte, mußte ſie faͤſt lachen, als ſie jetzt das ſeltſame Schau⸗ ſpiel überſchaute, das ſich ihren Blicken darbot, und das mit ſeiner prunkenden Armuth eine luſtige und zugleich ſchauerliche Traveſtie wirklichen Luxus und Glanzes war. Die Wände dieſes langen, niedrigen, ſtallähn⸗ lichen Raumes waren auf das Glänzendſte ver⸗ ziert. Irgend ein Winkeltheater hatte dazu ſeinen Vorrath an Feſtons und Couliſſenſchmuck gegeben, und man ſah hier in bunter Mannichfaltigkeit ge⸗ malte Felsgrotten von durchlöcherten Conliſſen, neben griechiſchen Tempeln, deren von Fettflecken und anderm Schmuz ſtarrende Vorhänge den Einblick in das Innere dieſer geweihten Räume verbargen, und hinter denen hervor Kichern und Lachen ertönte. Waldcouliſſen, deren herabhän⸗ — 125— gende Fetzen vielleicht Vögel darſtellen ſollten, ſtanden weiterhin, begrenzt von Draperien eines dunkelrothen Zeuges, bei deſſen Zerriſſenheit man ungewiß blieb, ob das Zeug oder die Löcher Haupt⸗ ſache ſeien. Ringsherum an den Wänden lief eine von morſchen und halb verfaulten Bretern zuſam⸗ mengenagelte Tribüne, auf denen hölzerne, mit Pferdedecken gepolſterte Schemel aufgeſtellt waren. Große hölzerne Geſtelle, in galgenähnlicher Form, ſtanden in den Ecken und Niſchen, auf ihren ausgeſtreckten Galgenarmen dicke Talglichter tra⸗ gend, die zu bedienen der Portier beſonders ange⸗ wieſen war, der ſie von Zeit zu Zeit auf ſehr ge⸗ wandte und gefällige Weiſe mit ſeinen Fingern putzte, das an ſeinen Fingern Haftende ſodann in ſeinen Haaren abwiſchend. Der mit Fettflecken und Koth reichlich verſehene Fußboden war zum heutigen Feſttag in ſinniger Weiſe mit grünen Blättern be⸗ ſtreut, und von der Decke herab hingen einige große Thranlampen, einen hinlänglichen Qualm verbrei⸗ tend, der in Wölkchen den Saal durchzog. Allgemach hatte der Saal ſich mehr und mehr gefüllt, nn der Portier im rothen durchlöcherten Rock, auf ſeinen Aermeln einige Streifen Gold⸗ papier als Epauletten angeſteckt, rief mit feierlicher Verneigung die Namen immer neuer Ankömmlinge in den Saal hinein. Herren und Damen nahmen in ſüßer Traulichkeit nebeneinander Platz auf der Tribüne und Mistreß Trumpet flüſterte Ellinor — 126=⸗ zu:„ſehet, dies ſind alle die Bettler, die in ge⸗ wöhnlichem Anzuge und ohne beſondere Kunſt ihr Gewerbe verrichten. Die Meiſter unſerer Kunſt haben uns aber heute eine beſondere Feſtlichkeit aufgeſpart, und werden lebende Bilder aufführen. Gebet Acht,'s wird ſtill,'s geht los.“ Der Portier ſetzte ſeinen Finger an den Mund und ließ ein ſchrillendes Pfeifen ertönen, und es öffneten ſich die Vorhänge der Tempel, der Grot⸗ ten und Niſchen, und enthüllten die ſüßen Geheim⸗ niſſe, die ſie bis dahin verborgen. Ein allgemei⸗ nes Ach! der Bewunderung durchflog die Reihen der Zuſchauer bei dem Anblick dieſer kunſtvoll gruppirten lebenden Bilder, und Ellinor wünſchte ſich eines Hogarth's Pinſel, um dieſe wunderbaren und in ihrer Scheußlichkeit lächerlichen Gruppen feſtzuhalten, die ſie hier erſchaute.. Alle dieſe Gruppen ſtellten Scenen aus dem Leben der Bettler dar. Hier in jenem Tempel kniete ein Blinder, die todten erloſchenen Augen aufwärts gerichtet, rührende Milde und Ergebung in ſeinen Zügen, die zitternden Hände gefaltet, wie zum Gebet, und neben ihm ſtand ein Mädchen, als Engel gekleidet und als ſolcher kenntlich an den Gänſeflügeln, die mit Stricken um ihre Schul⸗ tern gebunden waren, die eckige Geſtalt mit einem geflicken und durchlöcherten Seidenkleide umhüllt, Arme, Nacken und Schultern entblößt, das Geſicht mit Rothſtein zierlich geſchminkt, und reichte dem knienden Bettler mit grinſendem Erbarmungslächeln eine Kupfermünze dar. Dort in jener Grotte ſaßen in ſeliger Umſchlingung ein krüppelhafter, an allen Gliedern zuſammengeſchrumpfter Kerl und ein einarmiges bleiches Weib, hinter denen als Amor ein jämmerliches, kaum mit Lumpen bedeck⸗ tes Kind zu ſehen war. Weiterhin in einer andern Niſche ſtand ein Knabe mit einer Tafel auf der Bruſt, auf der zu leſen war:„Blindgeborner,“ und wiederum eine andere Grotte füllte eine Gruppe von Weibern, die mit den jämmerlichſten Geberden Ströme von Thränen vergoſſen und auf die natürlichſte Weiſe ſchluchzten, während hinter ihnen ein Kerl, der auf ſeiner Bruſt eine Tafel mit der Inſchrift:„Taub⸗ ſtummer“ befeſtigt hatte, die lächerlichſten Grimaſſen und Geſichter ſchnitt, um die Weinenden und Thränenüberflutheten zum Lachen zu reizen. Die Standhaftigkeit der Weinenden ward von den Zu⸗ ſchauern mit einem Bravo belohnt, worauf ſie ſich dankbar verneigten. Die Krone und das Glanzbild aber war in einem Tempel zu ſehen, wo einige Weiber und Männer mit todtesbleichem Angeſicht an der Erde lagen, mit gebrochenem Blick, athemlos, mit weit von ſich geſtreckten Armen und Beinen. Jetzt, wie auf Commando, reckten ſich die Glieder, ver⸗ zerrten ſich die Geſichter, Einige ſtöhnten laut mit krampfhaftem Zittern aller Glieder, Andere ſchlugen um ſich und ſtreckten ihre Glieder in wilden Zuckun⸗ gen. Je gräßlicher die Verrenkungen, je entſetz⸗ licher das Geheul und das Zucken, deſto ſtürmi⸗ ſcher der Beifall der Zuſchauer, und als jetzt eines dieſer Weiber gleichſam im höchſten Schmerze ſich zuſammenkrümmte, daß die Füße faſt den Kopf berührten, erſchallte ein dreimaliges donnerndes Bravo und Beifallsgeklatſche ringsum im Saale, die Muſici von ihrer hölzernen Tribüne herab blieſen in gräßlich ſchrillender Weiſe dazu einen mächtigen Tuſch, und wie durch einen Zauberſchlag änderte ſich die Scene. 3 Die zuckenden und epileptiſchen Männer und Weiber flogen empor und liefen lachend in den Saal hinein, des Blinden Augen belebten ſich, der Lahme warf den Stelzfuß weg und lief zu dem Taubſtummen hin, der ihm einen guten Tag entgegenrief; der Verkrüppelte löſte die Polſter und Wattirungen von ſeinen zuſammengebundenen Armen und Beinen, und ſtand als Wohlgewachſener da, und der Blindgeborne nickte dem Engel zu, der haſtig ſeine Kupfermünze wieder in ſeine eigene Taſche gleiten ließ. Mistreß Trumpet flüſterte mit entzücktem Grin⸗ ſen Ellinor zu:„ſo wunderſchön iſt's noch nimmer geweſen, und könnt Gott danken, juſt dieſen Tag gekommen zu ſein!“ Die Zuſchauer verließen die Tribüne, um den Darſtellern der lebenden Bilder mit ehrerbietigen — 129— Mienen und wahrer Hochachtung ihre Bewunderung auszudrücken, die zerlumpten Courmacher näherten ſich ihren Schönen, auf deren entblößte Arme und Nacken in ſchuldiger Ehrerbietung Küſſe drückend, die den Schmuz, der ihre Haut bedeckte, löfend, Spuren zurückließen, und hier und da boten einige beſonders elegante gentlemanartige Bettlergalane ihren mit Rothſtein geſchminkten und mit durch⸗ löcherten ſchmuzigen Seidenkleidern geputzten Schö⸗ nen Blumenſträuße dar, die dieſe mit einem ſüßen Huldlächeln empfingen, das einen Satyr ernſt und melancholiſch machen konnte. Jetzt erſchallte die quiekende taktloſe Weiſe eines Hopſers, und mit bacchantiſchem Jauchzen wirbel⸗ ten die Schönen ſich mit ihren Verehrern im Tanze, während die aufſteigenden Staubwolken ein ſüß verſchwiegenes, trauliches Dämmerlicht verbreite⸗ ten. Als der Tanz geendet, plumpten die er⸗ ſchöpften athemloſen Schönen auf die Seſſel nie⸗ der, und die dicken Schweißtropfen, die von ihrer Stirn herabrieſelten, löſeten Schmuz und Schminke von den jungfräulichen Wangen. Wenn ſi ſich erholt, begann ein neuer Tanz, bis die Tanzluſt erſchöpft, die Muſici ſchwiegen, und der geſchäftig herbeieilende Wirth mit ſeinen Geſellen eine große, mit einem ſchauderhaft befleckten Leinentuch bedeckte Tafel hereintrugen, die von Allen mit Jauchzen be⸗ grüßt ward. Dampfende Schüſſeln und Gerichte wurden aufgetragen, deren Düfte Alle mit t hoch Die Flüchtlinge in London. II. 9 — 130— aufathmendem Naſenſchnüffeln in ſich zogen, und mit langgereckten Hälſen beſchauten. Da gab es Paſteten vom ſchönſten Katzenfleiſch, Braten von gefallenem Vieh, Entremets von dem aus den Gaſſen aufgeſammelten Abfall andrer Küchen, da war ein fetter Mops als Ferkel in Gelée gekocht und prangte als Aufſatz in der Mitte der Tafel, und marinirte Ratten wurden als reizende Vor⸗ ſpeiſe umher gereicht. Die Beſtandtheile, aus denen dies herrliche Mahl zuſammengeſetzt, kümmerte die glänzende Geſellſchaft wenig, die hochtönenden Na⸗ men der Gerichte entzückten und machten die Ge⸗ richte ſelber entzückend. Ellinor hielt ſich ſchaudernd und erbebend an Mistreß Trumpet's Seite und nahm neben dieſer Platz an der wohlbeſetzten Ta⸗ fel, deren Herrlichkeit nur noch erhöht ward durch die großen dampfenden Punſchbowlen, in denen glühender Branntwein die Stelle des Weines ver⸗ trat. Köſtliche Witze erſchallten rings um die glänzende Tafel, und rohes kreiſchendes Lachen. „Laßt Euch erzählen,“ brüllte Einer,„was heute unſerm Freunde Dick für'ne Schnurre paſſirte. Hab's ſelbſt mit angeſehn, er kann's nicht ſtreiten. Steht er da an ſeiner Ecke mit ſeiner Blindgeboren⸗ Tafel, kommt ſo'n barmherziger Gentleman heran und lieſt ſeine Blindgeborenheit, wird ſein Herz weich wie Wachs, langt in die Taſchen und holt ein Goldſtück'raus und drückt's dem Dick in — 131— die Hand. Der blinzelt's an und brüllt vor Freude: Gott's Wunder,'s iſt'ne Guinee!“ Ein brüllendes Lachen ertönte, und Dick ſagte, nachdem es wieder ruhig geworden:„'s war aller⸗ dings als Blindgeborner nicht ganz richtig, aber 'nem Meiſter kann auch mal'nen Verſehn paſſiren, und ſchlimmer iſt's immer noch nicht, als wie's neulich dem Krüppel John ging, der nicht anders als auf allen Vieren kriechen kann. Liegt er an der Erden vor'nem Palaſt, kommt'nen Herr raußer und der John klagt ihm, daß er von Kin⸗ desbeinen an iſt ſo'nen Krüppel geweſen, hat niemals nich auf ſeinen zwei Beinen geſtanden. Den Herrn jammert's ſehr, will ihm Geld geben, als juſt ſeine Bulldogg hinter ihm raus kommt aus nem Palaſt und den John beſchnüffelt. Ich ſtand dicht derbei und hetz die Dogg'nen klein bischen; die ſetzt an auf John und der ſpringt in die Höh und nimmt auf ſeinen zwei Beinen, auf denen er noch niemals nich hat laufen können, Reißaus. Nu gab mir der Herr das Geld für den Witz von mir.— Und der Taubſtumme ſteht mit ſeiner Tafel bei'ner Kutſche an'nem Haus, kommt'ne Dame aus demſelben, will in'n Wagen ſteigen, fragt ihn mitleidig, als ſie ihm Geld giebt, wie lang er ſchon taubſtumm, antwortet der taub⸗ ſtumme John: ſo lange ich lebe, ſchöne Dame!“ Wiieder erſchallte gellendes Lachen, das Ellinor durchſchauerte wie das Hohnlachen hölliſcher Geiſter. 9* — 132— „Nun, Kapitän Harries,“ rief einer einem wohl⸗ beleibten, ziemlich wohlgekleideten Manne zu,„was für ein Unglück ernährt Euch jetzt? Denn ich höre, die verdammten Spürhunde haben's herausgeſchnüf⸗ felt, daß's nichts iſt mit dem Diebſtahl und Raub⸗ mord, der Euch arm gemacht.“ „Ich nähre mich jetzt von meinem vor acht Tagen geſchehenen unglücklichen Schiffbruch,“ ſagte der als Kapitän Harries Angeredete. „S iſt'nen gewaltig gelehrter Mann,“ flüſterte Mistreß Trumpet mit wichtiger Miene,„ſchreibt Briefe wie'nen Dokter, und für'nen Paar Pence macht er Euch die lamentabelſten Unglücksbriefe, daß alle Menſchen weinen müſſen, wenn ſie's leſen. Iſt der Briefſchreiber für de ganze Brüderſchaft. Ja, die verdammten Jagdhunde, die verſalzen einem 's unſchuldigſte Gericht. Hat der Major ſich zehn Jahr von'nem Brief genährt, in dem zu leſen ſtand, daß'r von'nem andern Kaufmann, der Bankrott gemacht, um ſein Hab und Gut betrogen iſt. Kamen jetzt die Spürhunde d'hinter, daß er niemals nicht Geld gehabt hat, und reißen ihm 'nen Brief entzwei.“ „Was gebt Ihr denn für Eure zwei quarren⸗ den Bälger?“ rief jetzt ein ſcheußlich ausſehendes Weib zu Mistreß Trumpet herüber. „Sechs Pence für jed's,“ ſagte Mistreß Trum⸗ pet,„ſechs Pence,'s iſt meiner Six wenig gnug, und d' Bälger ſchlafen bei ihrer Mutter und krie⸗ — — 133— gen Morgens von'r'nen guten Schluck Brannt⸗ wein, daß ich ihnen'nen ganzen Tag wenig ßeſſen geben brauch.“ „D'haſt Glück,“ rief die Andre,„und die Bäl⸗ ger ſeh'n ſo jämmerlich und abgemagert aus, daß 's den reichen Leuten's Herz im Leib erbarmt und ſe'nen Beutel öffnen. Ich bin ſchlechter an⸗ gekommen, und muß für'nen geſundes dickes Kind mit knallrothen Backen und hellen Augen ebenſo viel zahlen, wie Du für Deine guten magern. „Habt'r ſchon g'hört, Mistreß Trumpet,“ rief eine Andre,„was der dicke Job für'nen Glück gehabt hat? Nicht? Nu ſeht mal, hat'ne Witwe ge⸗ funden mit nur einem Aug' und zwei magern Kindern, brauch nun nich mehr arbeiten, kann'nen Branntwein ſchlucken'nen ganzen Tag, denn die Witwe hat'nen genommen, und die verdient ˙s Geld auf'nem Bettelbrief, den ſie als Ausſteuer mitgebracht hat und wodrin zlleſen ſteht, daß'r Mann die Schwindſucht hat, und ſie ſelbſtens in 'nen paar Tagen niederkommt, und ihre neun Kinder nichts z'beiſſen haben. Auf den Brief ver⸗ dient's täglich'nen paar Schilling, und die bei⸗ den Bälger bringen auch aller Abend'nen paar Schilling.“. „Der Mann hat'nen ordentlich unverſchäm⸗ tes Glück,“ ſagte Mistreß Trumpet,„iſt immer faul geweſen, hat lieber gehungert und gedurſt't, als ſich ſein Brod auf'ne anſtändige und honette * — 134— Weiſe zu verdienen, wie wir.'S iſt himmel⸗ ſchreiend, was's zuweilen für'nen unverſtändiges Glück giebt!— Seht,“ ſagte ſie dann leiſe zu Ellinor,„die Dame, mit der ich eben ſprach, iſt 'ne kluge Frau, und ſehr angeſehn in'r Geſell⸗ ſchaft. Sie hat'ne große Penſion, wie ſie's nennt, für junge Mädchen, wo ſie lehrt, wie die Mädels zu jeder Zeit brav weinen und Thränen vergießen können, ſo oft ſie's wollen, und ſo jäm⸗ merliche Geſichter ſchneiden, daß's die vornehmen Leute rührt. Und der Herr dicht neben ihr, das iſt'r Lehrmeiſter für die junge Burſche, und lehrt ſie mit'ner zitternden Stimme ſprechen und die geſunden Geſichter zu'ner Fratze verziehen, daß 's ausſieht, als wenn'r Schmerz ihnen's Ge⸗ ſicht verzieht.'S iſt'nen reicher Mann, verſicher Euch, und wenn'r auf Verdienſt ausgeht, ſo hat er oft mehr in'ner Taſchen, als die, die'm was geben.“. Als die Tafel aufgehoben, näherte ſich Mr. Trumpet vorſichtig Ellinor, und flüſterte ihr zu: „geht'mal rein in jener Grotte, und macht'nen Vorhang hinter Euch zu. Werd' gleich mit'nem Mann von'ner Teufelslis nachkommen.“ Ellinor, zitternd und erbebend, folgte ſeiner Weiſung, und ſchon nach wenigen Minuten öffne⸗ ten ſich die Vorhänge und Mr. Trumpet trat mit einem andern Kerl herein. ſchloſſen,„ich will ſuchen, es von ihr zu erfahren!“ — 135— „Seid Ihr der Mann der Teufelsliſe?“ fragte Ellinor ſchüchtern. „Meiner Siyx,'s wollt ich meinen,“ ſagte der Kerl,„' iſt zwar ſchad' um mich, der ich ein wahrer Gentleman bin, ſo'n anrüchiges dummes Weibſen'haben, was ſich beinah' hätt' von'nen Jagdhunden fangen laſſen, aber's bleibt doch wahr.“ „'S iſt'ne verdammte Nachfrage nach'ner Teu⸗ felsliſe,“ ſagte Mr. Trumpet,„war vor'nen paar Tagen'nen Gentleman da, fragt auch nach r.“ „Und hat er ſie geſprochen?“ fragte Ellinor haſtig. „J ne! Wollt nicht genug zahlen,“ ſagte Mr. Trumpet,„wollt nur zwanzig Pfund zahlen. S iſt zwenig, wenn man's Leben dabei wagt.“ „Ja, iſt'nen kitzlich Ding nach der Liſe zkom⸗ men,“ ſagte ihr würdiger Gemahl, und kratzte ſich auf ſehr graciöſe Weiſe hinter den Ohren.„Könnt, Ihr's mir nit ſagen, was'r wiſſen wollt.“ „Ich wünſchte das Schickſal eines Kindes von ihr zu erfahren, das man ihr vor fünfzehn Jahren gegeben.“ 8 „Ach, die kleine Ellen, weiß, die Liſe hat'ner ſechs Jahr auf'r gebettelt.“ „Und wo, wo iſt das Kind?“ fragte Ellinor. „Kann's nit ſagen, wo's die Liſe gelaſſen hat. Denk' ſie hat's verkauft, aber weiß nit wo.“ „So führt mich zu ihr!“ ſagte Ellinor ent⸗ — 136— „S geht nicht ſo geſchwind, glaubt mir. Und 's iſt überhaupt'nen litzlich Ding. Ihr müßt wiſſen, daß die Liſe zu'ner andern Brüderſchaft gehört, zu'ner höhern Kunſt, denn ſie hat ſich frauf gearbeitet bis zu'ner erſten Diebsklaſſe, die die ſcharfen Meſſer führen und die's rothe warme Menſchenblut wie Waſſer vergießen, wenn's ſein muß. Und als die Liſe vor ſo'n paar Jahren 'mal mit derbei war, als'nen großer Streich aus⸗ geführt ward, und wobei'nen paar Kehlen abge⸗ ſchnitten wurden, ging das Ding'nen biſſel ſchief und die Liſe wurde gefangen. Saß in'nem fin⸗ ſtern Gewölb bei Waſſer und Brod, ſollt' die Mitſchuld'gen nennen, war zuletzt ſchon ſo windel⸗ weich, daß ſie all's ſagen wollt. Haben zum guten Gl die Brüder ſie gerett't, und dermit ſe nich wieder eingefangen wird und nichts verrathen kann, haben ſie ſe in ein finſter Loch bei ſich gebracht, was ſie de Hölle nennen, und wohin denn die Teufels⸗ liſe alſo gehört,“ ſchloß der Mann mit grinſendem Lachen ſeine Erzählung. „Aber ich muß ſie ſprechen, ich muß!“ vief Ellinor verzweiflungsvoll. „Wenn Ihr Muth habt und viel Geld zahlen könnt, wird's möglich ſein!“ „Ich habe Muth den Tod zu wagen!“ ſagt Ellinor entſchloſſen. 8 „Und wie viel Geld wollt r zahlen?“ „Zweihundert Pfund ſind Euer, wenn Ihr mich zur Teufelsliſe bringt!“ „Topp, ſo ſoll's feinde ſagte der Mann ent⸗ ſchloſſen.„S hat aber Eile! Nach Mitternacht laſſen ſe Niemand nicht mehr rein! Alſo zwei⸗ hundert Pfund wollt'r geben? Aber wie ſollen wir ſe bekommen? Doch halt! da fällt mir's ein, wie's gehen wird! Trumpet kommt mit mir in mein Loch,'s iſt ja hier in'nem Haus dicht neben 'nem Salon. Wir woll'’ nicht z'ſammen'nein gehen. Jeder einzeln! Gebt wohl Acht auf mich,“ wandte er ſich an Ellinor.„Wir gehen nu zu⸗ rück in'nen Saal, und ich werd' in'ner andern Thür hinein gehen, und dahin folgt Ihr mer nachher und Mr. Trumpet auch.“ Sie traten nun zurück in den Saal, wo unter der dort herrſchenden tobenden Luſtigkeit weder ihre Abweſenheit noch ihr Kommen bemerkt ward, und vorſichtig einer nach dem andern arbeiteten ſie ſich durch das Gedränge und erreichten ungeſehen das Gemach von Teufelsliſe's Gemahl. „Hier iſt der gewöhnliche Anzug von meiner Tochter, die heut' da drin als'nen Engel iſt, den zieht über!“ ſagte der Mann.„Schiebt die Kappe recht tief ins Geſicht, daß's Geſicht nicht recht z'ſehen iſt. So! Und nun will ich Euch ſagen, wie wir's Geld kriegen können. Da!“ fuhr er fort, und reichte Ellinor ein kleines ſchmuziges Stück Papier und ein Endchen Bleiſtift hin,„Ihr — 138— könnt doch ſchreiben? Ja? Nun, ſo ſchreibt an irgend'nen Freund, daß'r morgen früh um vier Uhr mit'n zweihundert Pfund dem Mann folgen ſoll, der ihm's Briefel bringt, und daß Ihr nit eher vrück kommen könnt, eh's Geld da iſt. Wollt Ihr?“ Ellinor bejahte es, und bei dem matten Schein einer Thranlampe, die der Mann ihr hinhielt, ſchrieb ſie mit zitternden Händen an Nordheim, und bat ihn, mit der beſtimmten Summe dem Führer zu folgen, und ohne Säumen, wenn ihr Leben zu retten einigen Werth für ihn habe. Als ſie geendet und die Adreſſe Nordheim's hinzugefügt, nahm Trumpet, der ſich während des Schreibens eifrig mit dem Andern beſprochen, das Blatt und ſagte:„werd's hintragen, wenn'r mir zehn Pfund mehr gebt!“ Ellinor verſprach es, und mit dem Verſprechen, beim Tagesanbruch mit dem fremden Herrn an dem unter den Männern be⸗ ſtimmten Orte zu ſein, entfernte ſich Trumpet eilig. „Un nu will'ch Euch ſagen, was'r zu thun habt!“ ſagte Teufelsliſe's Mann.„Ihr ſeid nu de Tochter von'r Liſe, und wir gehn z'ſammen, ihr de Supp z'bringen, was de Kitty heut von wegen dem Ball noch nicht gethan hat, un Ihr braucht mit keinem Andern ſprechen, oder verſteht Ihr ˙s Rothwälſch? Nicht! Nu, ſo ſchweigt ſtill, ſonſt wird's gleich verrathen, daß'r'ne Fremde ſeid, und Euer Leben, und was noch mehr iſt, . — 139— auch mein Leben iſt ſodann verloren.'S ſteht Todesſtraf drauf,'nen Fremden da herein zu bringen! Kommt denn nu!“ Durch eine andre Thür gelangten ſie in einen finſtern Gang, und an deſſen Ende wiederum durch eine Pforte auf die Straße. „S iſt ſo dunkel, daß man nit die Hand vor Augen ſehen kann,“ ſagte der Mann,„und Ihr braucht kein Tuch um die Augen zu binden, denn was de Katz nit ſieht, kann ſe nit naſchen. Faßt mich an, und kommt.“ Teufelsliſe. Schweigend gingen ſie ſo nebeneinander, Gra⸗ besſtille war um ſie her, nur aus den Hütten, an deren Seiten ſie eilig dahin ſchlüpften, tönte hier und da das wilde Gekreiſche nächtlicher Orgien oder wahnſinniges Fluchen. Umſonſt horchte Ellinor in erbebendem Grauen auf irgend ein anderes Zei⸗ chen, das ihr die Nähe geſitteter Menſchen und der Geſittung überhaupt verkündete. Des Wächters Ruf wäre ihr wie eine Ver⸗ heißung der Rettung und Sicherheit geweſen, aber auch dieſer Ton ließ ſich hier nicht vernehmen, und das Schweigen dieſer grabesähnlichen, von keiner Lampe erhellten Nacht ward durch nichts unter⸗ brochen. Ellinor erinnerte ſich wohl, oft von jenen be⸗ rüchtigten Gegenden in London gehört zu haben, Gegenden, die zu betreten Todesgefahr bringe, wo⸗ hin kein noch ſo tapferer Mann der Polizei, kein noch ſo beherzter Wächter ſich wage, wo das Laſter * — 141— und das Verbrechen in geheimnißvollen Höhlen eine Stätte und einen Zufluchtsort habe, und wenn ſie bedachte, daß ſie allein, verlaſſen, ohne Hülfe und Beiſtand in eben dieſer Gegend ſei, ſo fühlte ſie ihr Blut in ihren Adern erſtarren und eine tödtliche Kälte zu ihrem Herzen rieſeln, und ſelbſt nicht der Gedanke an ihr Kind konnte ſie ſtählen gegen Schreckniſſe, vor denen ihre phyſiſche Natur erbebte.. In ſolchen beängſtigenden Gedanken ſtörte ſie ihres Begleiters Stimme, der ſtillſtehend ſagte: „wir ſind zur Stelle! Noch Eins, wenn'r rein kommt und es begegnet Euch Jemand, ſo ſagt Ihr guten Abend, aber in unſerer Sprache. Das iſt das Einzige, was Ihr lernen müßt! ˙S heißt: Kocherem Naba!“ „Kocherem Rabal ich werde es nicht vergeſſen,“ ſagte Ellinor bebend. Der Mann ſtand wie lauſchend ſtill, und als man aus dem Innern jener ſchwarzen Höhle, vor der ſie ſtanden, dumpfes Geräuſch vernahm, mur⸗ melte er:„S iſt gut! Sie ſind noch wach!“ Sodann ſich mit einer Art Feierlichkeit an Ellinor wendend, ſagte er ernſt:„gebt Acht auf Alles was ich Euch ſage, wenn Euch Eu'r Leben lieb iſt!'S muß das Ausſehen haben, als wenn er hier ganz bekannt ſeid, und ich darf alſo nit mit Ench gehen bis zur Halle, wo die Liſe iſt. Merkt auf, ich beſchreib's Euch! Wenn Ihr mit — 142— mir eintretet, geh'n wir z'ſammen den Gang'nauf bis zu der Hauptklingel, wo de Lampe brennt. Nehmt Euch in Acht, daß Ihr den Hacken nit berührt, der ſetzt alle Klingeln in'nem Haus in Bewegung,'s iſt de Allarmklingel, und's ganze Haus wird wach. Hütet Euch! Dann ſchlagt Ihr Euch rechts, ſteigt den langen Gang runter und drückt an der letzten Thür. Dann kommt Ihr in der Stube von'ner Wächterin. Se wird ſchlafen. Wacht ſe auf, ſo ſagt Ihr: Kocherem Raba, und zeigt Ihr den Suppentopf, dann wird ſe Euch gehen laſſen. Ihr geht gerade durch in de andre Thür und dann ſeid Ihr bei der Liſe; dürft aber nit länger als'nen paar Minuten da bleiben, ſonſt wird's perdächtig.“ „Und wo finde ich Euch,“ fragte Ellinor,„wenn ich zurückkehre?“ „Wenn Ihr wieder an der Allarmklingel ſeid, ſo huſtet und ich werd' kommen! Noch Eins. Sollt irgend'nen Unglück paſſiren und Ihr ent⸗ deckt werden, ſo lauft ſo ſchnell Ihr könnt durch alle Gänge und hier zur Thür'naus. S iſt ſo dunkel, daß Niemand nicht Euch hier außen findet. Lauft dann immer grad aus. Ich werd' auf die⸗ ſen Fall die Hausthür nur anlehnen, nicht zu⸗ drücken, denn ſie iſt nur mit'ner Feder, und Nie⸗ mand nicht, der es nit kennt, kann ſie auf⸗ oder zu⸗ machen. Jetzt laßt uns gehen! Jetzt drück ich — 143— an'ner Feder, da, die Thür iſt auf, denkt an Alls, was ich geſagt.“ Zitternd, athemlos betrat Ellinor das geheim⸗ nißvolle Haus und ſchwankte hinter ihrem Führer her den Gang hinab bis zu der Lampe, wo die Allarmglocke war. Hier winkte ihr der Kerl be⸗ deutſam zu und ging links hinab, während Ellinor ſich nach der entgegengeſetzten Seite wandte. Der Vorſchrift eingedenk, betrat ſie die bezeichnete Thür, und war nun im Zimmer der Wächterin, die ſchnar⸗ chend auf ihrem Strohbett lag. Schon hatte Ellinor die entgegengeſetzte Thür, die zu der Hölle führte, faſt erreicht, als das Weib aus ihrem Schlummer auffuhr und Ellinor mit wilden Augen anſah und in ihr völlig unverſtändlichen Worten zu ihr ſprach. „Kocherem Raba!“ ſagte Ellinor, und zeigte ihr den Topf hin, den ſie trulg. Das Weib murmelte etwas, das Ellinor nicht verſtand, ſank auf ihr Lager zurück, und Ellinor trat nun durch die Pforte in die ſogenannte Hölle. Sie ſchauderte zurück vor der dumpfen ver⸗ peſteten Luft, die ihr aus dieſem engen und nie⸗ drigen Raum entgegenſchlug, und halb ohnmächtig lehnte ſie ſich zurück an die Wand, mit zitterndem Blick den Raum überfliegend, in dem ſie ſich be⸗ fand, und der, von einer trüben Thranlampe matt erhellt, ihr ein Bild zeigte, vor dem ihre Seele erbebte. Auf halb verfaultem Stroh lag, in ſchmuzige — 144— Lumpen gehüllt, ein Weib, deſſen magere zuſam⸗ mengeſchrumpfte Glieder hier und da unter den Lumpen ſichtbar wurden, und mehr einem Gerippe als einem belebten Körper anzugehören ſchienen. Die entblößten ſchmuzigen Arme, die nur mit ſchrumplicher Haut überzogene Knochen waren, hatte ſie unter ihren Kopf zurückgelehnt; die tiefen in den Höhlen liegenden Augen waren geſchloſſen, und das glanzloſe graue Haar hing in einzelnen dünnen Streifen herab über die eingefallenen erd⸗ grauen Wangen, der zahnloſe Mund war geöffnet und ein geräuſchvolles Schnarchen verrieth, daß dies jammervolle Weſen ſchlummere.— Ellinor erinnerte ſich, daß ihr nur wenige Minuten des Bleibens vergönnt waren, und alle ihre Kraft zu⸗ ſammennehmend, ſchlich ſie hin zu der Schlafenden und berührte ſie leicht mit dem Fuß. Sogleich ſchlug das Weib die Augen auf, und Ellinor mit dem Topf in der Hand gewahrend, verzog ſie ihren zahnloſen Mund zu einem widerlichen Grin⸗ ſen und ſagte:„biſt Du da, Kitty? Bringſt Branntwein? Schnell, ſchnell!“ Zitternd ſtreckte den erſehnten Labetrunk darreichend, ſagte:„ich bin nicht Kitty.“— 3 „Wer ſeid Ihr denn?“ ſagte das Weib gleich⸗ gültig und trank in langen Zügen. „Ich bin eine unglückliche Mutter, die gekom⸗ ſie die abgemagerten Arme aus, und Ellinor, ihr men iſt, Euch nach ihrem Kinde zu fragen!“ ſagte — 115— Ellinor mit weicher bebender Stimme. Entſinnt Euch jenes kleinen Kindes, das man Euch vor fünfzehn Jahren brachte. Es war mein Kind! O, um Gottes willen, ſagt mir, wo es iſt? Er⸗ barmt Euch mein! Sagt mir, wo iſt mein Kind?“ „Die kleine Ellen meint Ihr?“ ſagte das theil⸗ nahmloſe Weib, und ſetzte einen Augenblick ab im Trinken, um aus ihren lebloſen grauen Augen Ellinor anzuſehen.„Die kleine Ellen! Ja,'s war ein hübſches Kind!“ „War?“ fragte Ellinor.„Lebt es nicht mehr? Sagt, o ſagt, wo iſt mein Kind? Trinkt nicht, nein trinkt jetzt nicht, ſondern redet zu mir. Sagt mir, lebt mein Kind?“ „Ich denk's wird leben!“ ſagte das Weib und trank weiter. „Es lebt! es lebt!“ rief Ellinor freudig, ihr Auge leuchtete in einem Entzücken, wie ſie es ſeit Jahren nicht empfunden, und ihre ſchönen Züge verklärten ſich in ſeliger Freude.„Mein Kind, es lebt!“ wiederholte ſie, mit vor Rührung erſtickter Stimme, und ihren Augen entſtürzten Thränen der heiligſten Wonne. Vergeſſen war das Gefahr⸗ volle ihrer Lage, vergeſſen die Qual martervoller Tage, vergeſſen der ſchauervolle Ort, an dem ſie ſich befand und das grauenvolle Weib neben ihr. Dies Weib war die Botin ihres Glückes, dieſer düſtere Ort ein ſtrahlender Tempel, ſie glaubte die Nähe Gottes zu empfinden, ſie fühlte ſich um⸗ Die Flüchtlinge in London. II. 10 3 — 146 weht von ſeinem Hauch; ſie faltete die Hände, und Herz und Blick gen Himmel erhoben, kniete ſie nieder und dankte Gott mit zitternder Lippe und wortloſem, gedankenreichen Gebet.— Und neben ihr lag dies ſchmuzige entwürdigte Weib, nicht die Betende beachtend, nicht die Weinende verſtehend, nicht wiſſend, daß ſie es war, die dies Gebet und dieſe Freudenthränen hervorgerufen, und in thieri⸗ ſchem Behagen an jenem unheilsvollen Trank ſich erquickend, der der einzige Wunſch und die einzige Würze ihres Lebens war.— Als ſie ſich über⸗ zeugt, daß auch nicht ein Tropfen von ihrem lie⸗ ben Getränk mehr im Topf, wandte ſie den ſtechen⸗ den Blick auf Ellinor hin und ſagte:„was habt Ihr denn? Was liegt Ihr an der Erden, und was wollt Ihr?“ Ellinor zuckte zuſammen bei dieſer Stimme, deren ſpitzer heißer Ton ſie aus ihren Entzückun⸗ gen und ihrem Gebet zurückverſetzte in die Gegen⸗ wart, und aufſtehend ſagte ſie:„mein Kind lebt, ſagt Ihr? Wo aber, wo werde ich es finden? Wo iſt es?“ „Das iſt ſchwer zu ſagen,“ erwiderte die Alte, „und ich weiß's ſelber nit!“ „Ihr wißt es nicht?“ ſagte Ellinor bebend, „und wißt doch, daß es lebt?“ „Das heißt vor ſechs Jahren, als ich's zu-⸗ letzt ſah, war's wohl und geſund,“ ſagte das Weib. Ellinor ſeufzte tief und ſchmerzvoll, und aus — 147— freudiger Hoffnung zurückgeſchleudert in hoffnungs⸗ loſen Schmerz, ſenkte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt in peinvollem Weh. Gleich Moſes war ſie mit beſtäubten Füßen und ſehnendem Herzen gewandert durch die Wüſte der Pein, hatte mit athemloſer Bruſt den Gipfel jener Höhe erklommen, hinter der das Paradies der Freude lag, und als ſie es vor ſich liegen ſah, in ſonniger himmliſcher Schöne, dies lang erſehnte Paradies, da war es verſchwun⸗ den hinter gewitterſchweren Wolken, die es ihrem todesmüden Blicke auf ewig verdunkelten.— Aber mitten in ihren peinvollen Gedanken durchfuhr ein Schimmer von Hoffnung ihre Seele; es war noch nicht Alles verloren, hatte das Kind noch vor ſechs Jahren gelebt, mochte es auch heute noch leben, ſie fühlte Muth in ſich, um ſeinen Beſitz neue Gefahren und neue Schreckniſſe zu wagen, und haſtig fragte ſie:„und wo ließet Ihr das Kind vor ſechs Jahren, als Ihr es, wie Ihr ſagt, zuletzt ſaht?“ „Ne ſchöne vornehme Dame hat's mir abge⸗ kauft,“ ſagte das Weib gleichgültig, und ſank trunken von reichlich genoſſenem Branntwein zurück auf ihr Lager. „Eine Dame?“ fragte Ellinor,„und hier in London?“ „Ja wohl, in London, wo denn ſonſt?“ ſagte das Weib mit lallender Zunge. „Nur noch Eins, noch Eins!“ bat Ellinor. „Wie hieß jene Dame?“ 85 10* 3 — 148— „Sie hat mir ihren Namen niemals nicht geſagt!“ antwortete die Gefragte, des vielen Sprechens überdrüßig.„Laßt mich in Ruh, ich will ſchlafen!“ Sie ſchloß die Augen, und ſchon nach einigen Secunden ſchnarchte ſie hörbar. Ellinor aber rich⸗ tete ſich hoch auf, und wie gekräftigt von einem innern feſten Entſchluß, ſagte ſie leiſe:„ich werde mein Kind finden! Eine vornehme Dame hat es gekauft, es iſt hier in London, ich werde es finden.“ Leichten elaſtiſchen Schrittes verließ ſie den unheimlichen Ort, durchſchritt das Gemach der ſchnarchenden Wächterin unaufgehalten und eilte den Gang hinab zu der bezeichneten Stelle. Auf das verabredete Zeichen kam ihr Begleiter von der andern Seite heran, und die Finger auf ſeine Lippen legend, zum Zeichen daß ſie ſchweigen ſolle, ſchritt er vor ihr her, den Gang hinab, und durch die nur angelehnte Pforte traten ſie wieder hinaus auf die Straße. Ellinor trank in langen Zügen die laue Luft, die ſie ſtärkend umfächelte und ſie kräf⸗ tigte, daß ſie rüſtig neben ihrem Begleiter her⸗ ſchreiten konnte. „Ihr ſeid verdammt lange geblieben,“ ſagte der Kerl,„Gott verdamm mich, glaubt ſchon's wär' Alles verrathen. Wir werden z'thun haben, zu guter Zeit an'nem beſtimmten Ort zu ſein, wo wir Trumpet mit'nem Herrn, der's Geld bringt, erwarten wollen. Nu, wir müſſen rüſtig vorwärts ſchreiten. Habt Ihr denn erfahren, was 'r wiſſen wollt?“ Ellinor antwortete kurz und ausweichend, zu mannichfach waren die Gefühle, die ihre Seele be⸗ ſtürmten, als daß es ihr möglich geweſen, ſich in ein Geſpräch einzulaſſen, und ſo ſchritten ſie lange ſchweigend nebeneinander her. Schon begann es zu tagen, das grauende Dämmerlicht des Morgens beleuchtete mit unheim⸗ lichem Dunkel die öde wüſte Gegend, die ſie durch⸗ wandelten. Ellinor fühlte ſich matt, erſchöpft bis zum Tode, ihre Füße, angeſchwollen von dem wei⸗ ten und ungewohnten Marſche auf dem harten Steinpflaſter, verurſachten ihr unerträgliche Schmer⸗ zen, ihre phyſiſchen Kräfte waren aufgezehrt, ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe, und ſo war es ihr eine unerwartet freudige Verkündigung, als ihr Begleiter jetzt ſagte:„da ſind wir am Ziel. Und ſeht, da iſt auch ſchon Mr. Trumpet, und in er ſchönen Kutſch, die dort hält, wird wohl der Herr ſein, der's Geld hat.“ Ihre letzten Kräfte zuſammenraffend, eilte ſie geflügelten Schrittes vorwärts, und jetzt trat ihr eine hohe männliche Geſtalt entgegen, und flüſterte leiſe:„Lady Ellinor, ſind Sie es?“ Sdiie erkannte Nordheim's Stimme, erkannte bei dem ſchwachen Schein des Tages ſeine Züge, u mit einem Aufſchrei der Freude ſank ſie halb ohn⸗ mächtig in ſeine Arme. Behutſam und voll Ehrerbietung trug Nord⸗ heim ſie in den Wagen, und nachdem er den Män⸗ nern die bedungene Geldſumme gezahlt, ſetzte er ſich neben Ellinor und befahl dem Kutſcher, ſie nach Bondſtreet zu fahren.. Lange ſaßen ſie ſchweigend neben einander, Ellinor fühlte ſich erſchöpft bis zum Tode, ihre Glieder zitterten, ihre trockenen Lippen brannten in Fieberhitze und ihr Herz klopfte matt und be⸗ ängſtigend in ihrer beklommenen Bruſt. Alles dies hatte ſie nicht empfunden, als Gefahr und Schreckniß ſie umgab und ihr Geiſt ihre Kräfte emporhielt und aufſchnellte; mit der überſtandenen Gefahr ließ dieſe geiſtige Spannung nach, und doppelt fühlte ſie nun ihre phyſiſche Ermattung. Nordheim, ihr Schweigen ehrend, und ihre völlige Erſchöpfung gewahrend, vermied es, durch irgend eine Frage ſie aufzuregen, und ſo ſaßen ſie ſtumm neben einander im raſch dahinrollenden Wagen. Erſt als ſie nach ſtundenlangem Fahren Bondſtreet erreicht hatten, unterbrach Nordheim dieſe Stille mit der ehrerbietigen Frage, ob die Lady befehle, den Wagen an ihrem Hotel anhalten zu laſſen. Ellinor, die mit geſchloſſenen Augen ſich zurück⸗ geelehnt hatte im Wagen, richtete ſich auf und blickt erſtaunt umher, ſie hatte im Geiſte ihr Kind ge⸗ ſehen ,hatte in unabläſſigem Sinnen auf Mittel ——— — 151— gedacht, es zu entdecken und zu erforſchen, und Nordheim's Frage weckte ſie aus dieſen Betrachtun⸗ gen, und rief ſie zu den Anforderungen der Ge⸗ genwart. „Laſſen Sie einige Schritte vor meinem Hötel halten,“ ſagte ſie in bittendem Ton,„ich werde, um Aufſehen zu vermeiden, dann zu Fuß weiter gehen.“ „Ich fürchte, die Dienerſchaft wird noch ſchla⸗ fen, und es wird nöthig ſein, Lärm zu machen, damit man Ew. Lordſchaft öffne.“ „Ich habe den Schlüſſel zur Seitenpforte bei mir,“ antwortete Ellinor,„und Niemand wird mein Kommen bemerken.“ Nordheim befahl jetzt dem Kutſcher zu halten, und der Lady beim Ausſteigen helfend, ſagte er leiſe, indem er einen Kuß auf ihre Hand drückte: „Eine große und herrliche Erfahrung danke ich Ew. Lordſchaft.“ 4 „Und welche iſt dieſee fragte Ellinor unl mat. tem Lächeln.. „Es iſt dieſe, daß es in der weiblichen Natur etwas Geheimnißvolles und Herrliches giebt, ja etwas Erhabenes und Göttliches, das von keinem Manne erreicht wird, dies iſt die Mutterliebe.“ Ellinor wiegte ſanft ihr Haupt und ſagte: „nennen Sie nicht göttlich, was nur natürlich iſt, was das Weib mit dem Thier der Wüſte theilt! Die Löwin läßt nur mit ihrem Leben von ihrer Brut, und wenn man es ihr entriſſen, kennt ſie nicht Gefahr und Schreckniß, ins Feuer ſelbſt ſtürzt ſie ſich muthig, um ihr Junges zu befreien. Das thut das wilde Thier, und ein Menſch, ein Weib ſollte weniger wagen für ihr Kind? Mein Freund, eine Mutter wagt, was ſonſt kein Menſch; dies iſt Natur, das Gegentheil iſt Unnatur.“ „So laſſen Sie mich anbeten dieſe heilige Natur, die ich ſeit lange zum erſten Mal unver⸗ fälſcht in einem Weibe finde,“ erwiderte Nordheim ernſt.„Eine ſolche Wahrheit der Empfindung iſt ein ſeltener Schatz bei einem Weibe.“ „Sie läſtern,“ ſagte Ellinor,„und nehmen das Eine zu tief, das Andere zu hoch; glauben Sie mir, jede Mutter hätte gethan, was ich ge⸗ than habe. Und hier,“ fuhr ſie fort, als ſie jetzt vor ihrem Höotel angelangt waren,„hier trennen wir uns heute. Ich bedarf der Ruhe und Er⸗ holung, bedarf vor Allem des Schlafs. Ich er⸗ letzten Tage mitzutheilen. Leben Sie wohl.“ Eilig ſchlüpfte ſie durch die geöffnete Pforte, und Nordheim, ihr nachblickend, flüſterte zu ſich ſelber:„wie herrlich und erhaben iſt dies Gefühl der Mutterliebe, es iſt die Verklärung des Weibes, und alle ihre Tugenden entfalten ſich in dieſer Blüthe ihres Weſens. Was iſt die Liebe, die das Weib dem Geliebten bringt? Nichts als Sinnen⸗ rauſch und Eitelkeit, ein Meteor, das, kaum leuch⸗ — 153— tend, ſchon zerplatzt, und ſich auflöſt in ein weſen⸗ loſes Nichts. Dieſe Liebe aber der Mutter zum Kinde iſt ohne Sinne und ohne Begehren, nichts für ſich wollend, nichts für ſich begehrend, ohne Egoismus und ohne Eitelkeit. O, du heilige, du erhabene Natur, warum ſchufſt du nicht blos die Mutter, warum auch das Weib?“ 4 Unbemerkt hatte Ellinor ihre Gemächer erreicht, und ihr Schlafzimmer betretend, gewahrte ſie Betſy, die unausgekleidet ſchlummernd auf ihrem Bette lag, und bei Ellinor's Berührung aus ihrem leich⸗ ten Schlaf erwachend mit einem freudigen Schrei vom Bett emporfuhr. „O, Ew. Lordſchaft ſind wieder da,“ jubelte die treue Dienerin und küßte ihrer Herrin Hand, „der Himmel hat mein Gebet erhört, und Ew. Gnaden wohlbehalten zurückkehren laſſen; ach, ich habe auch geſtern den ganzen Tag zu ihm gebetet für Ew. Gnaden.“ „Hat Niemand meine Abweſenheit bemerkt?“ fragte Ellinor. „Niemand,“ verſicherte Betſy, während ſie ihrer Herrin half, die Kleider abzulegen.„Gott,“ fuhr ſie fort,„verzeihen mir Ew. Gnaden, aber die Kleider ſind ſo beſchmuzt, daß man glauben ſoollte, Ew. Lordſchaft ſei durch Schmuz und Koth gewandert, ach, und die Schuhe! Wahrhaftig, co. CGnaden ſind zu Fuß gegangen!“ rief ſie, ihre Herrin mit mitleidigem Blick betrachtend. — 154— Ellinor ſchauderte beim Anblick dieſer Gewän⸗ der und bei dem Dunſt, den ſie verbreiteten, und haſtig alles von ſich werfend, befahl ſie ihr, ſogleich in dem neben ihrem Schlafgemach beſindlichen Bade⸗ zimmer ein Bad zu bereiten. Als dies geſchehen und ſie dann ſpäter in ihren ſeidnen Betten ruhte, fühlte ſie, wie nie zuvor, das Behagen und die Gemächlichkeit des Reichthums und der Eleganz; es war das erſte Mal, daß ſie dies Alles entbehrt hatte, und mit mitleidigem Her⸗ zen bedauerte ſie nun die Armen, die ihr Leben lang entbehrten, was einige Stunden zu miſſen ihr ſchon ein Unglück geſchienen. Dann wollte ſie noch ihres Kindes, ihrer Hoffnungen, es wieder zu finden, gedenken, aber ihre Gedanken wurden unklarer, verworrene Bilder gaukelten an ihr vor⸗ über, und bald ſenkte ſich ein erquickender Schlum⸗ mer auf ihre Augenlider. Als ſie nach Stunden des tiefſten Schlafes erwachte, erinnerte ſie ſich plötzlich ihrer Nichte Effie, und ihrer Kammerfrau ſchellend, fragte ſie dieſe: ob Miß Effie ſchon wach, und ob dieſer nicht ihre geſtrige Abweſenheit aufgefallen ſei? „Die junge Lady hat geſtern den ganzen Tag über ihre Gemächer nicht verlaſſen,“ berichtete Betſy, „und als ſie auf meine mehrmalige Anfragr an ihrer verſchloſſenen Thür, ob ſie nicht mindeſtens einige Speiſe verlange, immer gar nichts erwidene. wagte ich nicht weiter, ſir zu ſtören.“ — 155— „Geh ſogleich zu ihr,“ ſagte Ellinor in einer ihr ſelber unerklärlichen bangen Ahnung,„geh, und bitte ſie, ſich zu mir zu bemühen.“ Betſy kehrte zurück und berichtete, daß die Thüre noch immer verſchloſſen ſei. „So klopfe, bis man Dir öffnet,“ befahl Ellinor angſtvoll,„und wenn dies nicht geſchieht, öffne mit dem Hauptſchlüſſel.“ Kurze Zeit war vergangen, als Betſy bleich und zitternd zurückkehrte, mit der Nachricht, das Fräulein befinde ſich nicht in ihren Gemächern, die Kleider, die ſie geſtern getragen, ſeien in der jungen Lady Zimmer, hingegen der Matroſenanzug, in dem ſie gekommen, verſchwunden. Das Betttuch ſei zu einer Art Strickleiter benutzt, und hänge außen am geöffneten Fenſter, und ein Briefchen an Lady Landstown habe auf dem Tiſche gelegen. Ellinor nahm ihn mit zitternden Händen und las:„Zürnet mir nicht, Ihr Geliebten, wenn ich, unerwartet, wie ich kam, Euch wieder verlaſſe. Mein Schickſal treibt mich, ich folge ihm! Forſcht nicht nach mir! Wenn Ihr dieſe Zeilen leſet, haben mich die Wogen ſchon weit abgetrieben von Alt⸗ Englands Küſte, und Euer Ruf wird mich nicht mehr erreichen! Lebe wohl, Vaterland, Heimath, ich gehe, mir eine andere Heimath zu ſuchen, die Liebe treibt mich fort, die Liebe wird mich führen! Lebe wohl, Tante Ellinor, bete für mich!“ „Ach,“ ſeufzte Ellinor, und ſank weinend zu⸗ — 156= rück auf ihr Lager,„ach, die Liebe iſt des Wei⸗ bes Segen, aber auch des Weibes Fluch! Sel⸗ ten ein Glück, oft aber der zerſtörende Wurm, der an unſerer Blüthe nagt und unſer Leben vergiftet!“ XI. Die Ehegatten. Das Zuſammentreffen mit ihrem Gatten, Albert von Fahrenberg, hatte Aurelien tief erſchüttert, und als Nordheim, wenige Stunden nach ſeinem Zufammenſein mit Lady Landstown, zu Aurelien kam, fand er ſie, nach ruheloſer, fieberhafter Nacht, bleich und erſchöpft auf der Chaiſe longue ruhend. Ihre Augen aber leuchteten höher auf beim Anblick ihres heiß erſehnten Freundes, ein zartes Roth überhauchte ihre bleichen Wangen, und mit einem glücklichen Liebeslächeln reichte ſie Nordheim ihre Hand dar, der ſie an ſeine Lippen drückend, theil⸗ nahmvoll nach ihrer Geſundheit fragte. „Nicht mein Körper, meine Seele iſt krank,“ ſagte Aurelia heftig,„ſie iſt bis zum Tode erkrankt bei dem Anblick dieſes verhaßten Mannes, den ich in tiefſter Seele verachte. Erinnerſt Du Dich,“ fuhr ſie in geſteigerter Aufwallung fort,„jener unſrer Heimath, nach der es Menſchen giebt, — 158— die durch ihr bloßes Anblicken andere Geſchöpfe vergiften, daß ſie hinſiechen und ſterben? So hat dieſer Mann mit ſeinem böſen Blick die Ruhe meiner Seele vergiftet und meinen Geiſt mit tödt⸗ licher Krankheit behaftet.“ „ und doch,“ ſagte Nordheim mit ſarkaſtiſchem Lächeln,„war es eben dieſer Blick, der Dich einſt entzückte und Dir der Himmel auf Erden däuchte.“ „O,“ rief Aurelia ſtürmiſch,„Du biſt wie mein böſer Dämon, in alle Entzückungen meines Herzens den Wermuth böſer Zukunftsträume gießend und meine Empfindungen zu einer grinſenden Larve wandelnd. Nordheim, mein Engel biſt Du, und mein Dämon. Wenn Du mit Deinem Liebeswort mir den Himmel öffneſt, flüſterſt Du mir böſe Weiſſagungen von kommendem Unglück entgegen und zeigſt mir in der Zukunft eine Hölle der Qual. Ich ahne, ich ahne, daß durch Dich mir einſt viel Leid und Unglück kommen wird!“ Nordheim ſagte lächelnd:„warum ſo ſtürmiſch und wild, Aurelia? Warum zürnſt Du? Nur weil meine Worte Wahrheit ſind, und weil dies Dich ſelber verletzt! Und dennoch iſt es gut, dieſe Wahrheit tief in Deine Seele zu ätzen, damit Dich die Zukunft nicht rathlos und unvorbereitet finde. Lerne an Deinem eigenen Herzen die Geſchichte der Welt und des Lebens; Gefühle und Gedanken wogen in dieſem in ewigen Wechſelerſcheinung auf und ab; was Du einſt liebteſt, haſſeſt Du — 159— und ſo wird, was Du jetzt liebſt, auch in der Zu⸗ kunft Dir anders erſcheinen. Dein Herz iſt wie Welt und Leben; Wechſel iſt überall und Ver⸗ gänglichkeit, nichts iſt bleibend als der Wechſel, nichts dauernd als das ewige Vergehen und Ent⸗ ſtehen. Und denke nicht, Aurelia, daß dies Wech⸗ ſeln unſrer Gefühle ein Mangel iſt und eine Schwäche des menſchlichen Herzens! Nein, es iſt eine göttliche Kraft, es iſt die ewige Jugend des Geiſtes, die ſich in dieſem ſteten Wechſel offenbart und aus vergehenden ſterbenden Blüthen den Keim zu neuem Daſein und Leben ſchöpft; es iſt die Kraft der That, die in ſchwellendem Jugenddrang das Alte verdrängt und das Neue ſucht, ſucht, weil ſie ſtrebt nach dem Vollkommenen und Erhabenen, und immer neu ſucht, weil ſie nirgend findet! Rede mir Niemand von Beſtändigkeit,“ fuhr Nord⸗ heim eifriger fort,„Niemand von Unveränderlich⸗ keit; was da iſt, iſt halb ſchon geweſen, und nur, was ſein wird, iſt! Die Gegenwart iſt mit der wechſelnden Minute ſchon Vergangenheit ge⸗ worden, und nach Zukunft und Wechſel drängt und ſtrebt alle Gegenwart. In der Secunde, die in geheimnißvollem Walten die drei größten Momente des Daſeins, Vergangenheit, Gegenwart und Zu⸗ kunft, in ſich faßt, in dieſer Secunde liegt die große und heilige Lehre alles Lebens und Daſeins, aller Gefühle und aller Gedanken, und nur wer dieſe Lehre begriffen hat, erfaßt das Glück, erfaßt — 160— in der Secunde die Freude der Gegenwart, klagt nicht, wenn ſie Vergangenheit geworden, und er⸗ wartet von der wechſelnden Secunde nicht das Blei⸗ bende der Vergangenheit, ſondern den Wechſel der Zukunft!“ Wie Nordheim ſo ſprach, ſchaute Aurelia ihn an, ſtrahlenden Auges, hochklopfenden Herzens, ſie hörte kaum ſeine Worte und verſtand nicht deren Sinn, ſie hörte nur, daß er ſprach, nur dieſe Stimme, deren voller melodiſcher Klang, gleich den Kladniſchen Sandkörnern, alle Fibern ihres Herzens erbeben machte, ſie ſah nur ſeine hohe ſchlanke Geſtalt und das Auge, das mit ſeinem dunklen Strahlen und Leuchten ihr ein Himmel däuchte, und die mächtige gedankenvolle Stirn, und den Mund, der ſo oft den ihren geküßt; ſie ſah, ſie hörte nur ihn; aber ſie hörte nichts von ſeiner unheils⸗ vollen Lehre, und ſah nicht, daß auch ſeine Liebe ſchon begann Vergungenhei zu werden. Als Nord⸗ heim ſich ihr näherte und leicht mit der Hand über ihre Locken fahrend, fragte:„willſt Du, ſchönes, ſtol⸗ zes, glühendes Weib, dieſe Lehre begreifen?“ Da ſagte Aurelia mit entzücktem Lächeln:„begreifen will ich lernen, wie's nur ſein kann, daß Du, Du Er⸗ habener, Herrlicher, Du, vor dem meine Seele ſich beugt, in bewundernder Anbetung, Du, der das Ideal der Männlichkeit und göttlichen Menſch⸗ heit, daß Du mich lieben kannſt! Und lehren will ich alle Welt, daß empfangende und gebende — 161— Liebe das herrlichſte Glück iſt, ein Glück, um das uns die Engel beneiden müſſen, weil ſie es nicht vermögen, menſchlich zu lieben!“ Nordheim ſagte lächelnd:„o Weiber, Weiber! nie zu überzeugende, unbegreifliche Weſen! Mit männlicher Feſtigkeit beharrt Ihr bei Euren Mei⸗ nungen, und keines Mannes Beredſamkeit vermag Euch zu überzeugen!“— Als ihn Aurelia aber mit ſüß verlockendem Liebeslächeln anblickte, konnte er ſich nicht enthalten, ihre ſtrahlenden Augen zu küſſen und an ihrem glühenden Herzen vergaß er, wenn auch nur auf Momente, ſeine Lehre und Weisheit der Vergänglichkeit. Der Dämon finſterer Prophe⸗ zeihungen war gebannt von eines Weibes Liebe, und nicht gedenkend und achtend der möglichen Schreckniſſe einer Zukunft, genoß er in ungetrüb⸗ tem Glück die Entzückungen der Gegenwart. Aure⸗ lia aber flüſterte unter Küſſen:„ſchließt nicht ein ſolcher Moment das ganze Leben in ſich? Iſt er nicht Gegenwart und Zukunft?!“ 3 „Mag es, mag es ſo ſein,“ ſagte Nordheim wild,„komm, laß mich von Deinen Lippen vom Lethe trinken, der mich vergeſſen läßt, daß es eine Vergangenheit giebt. Nichts will ich wiſſen, als daß die Gegenwart ſchön iſt in Deiner Umarmung!“ Als bald darauf durch den Diener Aureliens Arzt gemeldet ward, nahm Nordheim Abſchied von Aurelien und erwiderte auf ihre Bitte, bei ihr zu bleiben:„es giebt Momente, wo jedes Wort, das Die Flüchtlinge in London. II. 11 — 162— man zu Fremden ſprechen muß, Einem eine drückende Laſt iſt. Und wenn nun eben jetzt bei mir ein ſolcher Moment iſt, warum ſollte ich mir eine Bürde auflegen, die ich vermeiden kann, wäh⸗ rend doch das Leben mit ſeinen Satzungen uns ohnedies ſchon genug der unerträglichſten Laſten aufzwingt! Laß mich gehen!“ Er küßte ſie leicht auf die Stirn und entfernte ſich eilig. Ermattet von der ruheloſen Nacht, und mehr noch von den aufregenden Gefühlen ſeines eignen Innern, empfand er, daß er der Ruhe be⸗ dürfe, und kehrte zurück ins Lodging Haus. Am Rvom vorbeigehend, vernahm er drinnen lebhaftes Sprechen und Durcheinanderreden. Er trat einen Augenblick ein, und als er dort Armand und Ginſeppo, umgeben von einer Anzahl Männer, fand, entfernte er ſich, froh, von den Erſteren nicht bemerkt worden zu ſein, eilig und die Treppe, die zu ſeinem Gemach führte, hinaufſchreitend, flüſterte er zu ſich ſelber:„es ſind Refügiés und franzö⸗ ſiſche Flüchtlinge, und ich meine in ihren wilden triumphirenden Mienen zu leſen, daß ihr toller Plan bald ſeine Reife erlangt hat.“ So trat er in ſein Gemach, und niederſinkend auf die ſchwellenden Polſter des Divans umfing bald ein erquicklicher Schlummer ſeine müden Augen, und gaukelnde Bilder des Traumes zau⸗ berten ein Lächeln über die ſchönen Züge des Schlummernden. 14 — 163— Als der Arzt Aurelien verlaſſen, ſchellte ſie heftig ihrem Diener, und befahl, ſchleunigſt an⸗ zuſpannen. Während die Kammerfrau mit Hut und Shawl herbeieilte, ging Aurelia in unruhi⸗ ger Bewegung im Zimmer auf und ab. Zuweilen ſtillſtehend und halblaute, unverſtändliche Worte murmelnd, dann wieder mit ſchnelleren Schritten auf und ab wandelnd, ſchien ihre Seele in einem innern Kampf begriffen, und ihre kummervollen Mienen verriethen, daß dieſer nicht erfreulicher Art. Dann ſagte ſie feſt und entſchloſſen:„es iſt am beſten ſo! Jeder Aufſchub vermehrt meine Qual. Und warum,“ fuhr ſie mit einem bittern ſpöttiſchen Lächeln fort,„warum ſollte ich nicht gehen, ihn aufzuſuchen, ihn, der zum Fluch meines Lebens mein Gatte war? Damit er es nicht länger iſt, will ich gehen und das ſogleich.“ Sie nahm Hut und Shawl, und als der Diener meldete, daß angeſpannt, eilte ſie hinab zum Wagen und befahl nach Leadenhall Street ins Lodging Haus Nr. 70 zu fahren. Dort angelangt, mußte der . Diener die Wirthin nach Herrn von Fahrenberg fragen, und als dieſer die Nachricht brachte, der Herr ſei zu Hauſe und in ſeinem Zimmer, eine Treppe hoch Nr. 8, verließ Aurelia den Wagen, befahl dem Kutſcher in einer Stunde zurückzukeh⸗ ren und trat ins Haus. Feſten Schrittes ging ſie die Treppe hinauf, aber an der bezeichneten Thüre angelangt, fühlte ſie es wie einen Krampf 41* — 164— in ihrem Herzen, es ſchwindelte vor ihren Blicken, und ihrer Sinne kaum mächtig lehnte ſie ſich faſſungslos zurück an die Wand.„Es muß, es muß geſchehen,“ flüſterte ſie athemlos,„noch ein⸗ mal müſſen meine Augen ihn ſehen, damit es das letzte Mal ſei.“ Sie richtete ſich auf; bebend und zitternd öffnete ſie leiſe die Thür und trat in das Gemach ihres Gatten. Da ſaß er, den Rücken ihr zugewandt, das Haupt in ſeine Hand geſtützt, ſtumm und regungslos, verſenkt in tiefernſte Ge⸗ danken, die ihn das Geräuſch von Aureliens Ein⸗ treten überhören ließen. Sie fühlte nicht die Kraft weiter zu gehen, und ſich zurücklehnend an die Wand, hauchte ſie matt:„Albert!“ Er wandte langſam den Kopf nach ihr hin und ſagte:„biſt Du ſchon da? Ich erwartete Dich!“ Dann ſtand er auf und hatte doch nicht den Muth, ihr entgegenzugehen. Er mußte ſich an einem Seſſel halten, um nicht umzuſinken, und konnte nur mit flehenden ſchüchternen Blicken hin⸗ ſchauen auf die, welche doch ſein Weib war, und die ſchweigend, athemlos wie er, wenige Schritte entfernt, ihm gegenüber ſtand, ſtolz und kalt, und ſeinem Auge mit einem ruhigen, faſt verächtlichen Blicke begegnend. So ſtanden ſie da, lautlos, ſtumm, die auf ewig Getrennten, und doch durch Eid und Geſetz zueinander Gehörenden, ſo ſtan⸗ den ſie und blickten ſich an und ſchienen Einer in — 165— des Andern Geſicht, in den durchfurchten und gram⸗ erfüllten Mienen die traurige Geſchichte jahre⸗ langer, nicht gealterter Pein zu leſen. Gleich Bildern und Geſichten zogen an ihrer Seele dieſe Jahre mit ihren Schreckniſſen und ermattenden Qualen vorüber und führten ſie in zauberhaftem Wechſel zu längſt verklungenen Tagen, zu jenen, wo ſie einander liebten, und wo das Weib ſich an des Gatten Bruſt ſchmiegte und Beide Schwüre wechſelten ewiger Liebe, ewiger Treue. Wie ver⸗ ſchieden aber war bei Beiden die Wirkung dieſer Gedanken, die doch dieſelben waren! Aurelia ſchauderte und fühlte ihren Haß und Abſcheu ge⸗ gen den Mann, der ihr gegenüberſtand, noch ver⸗ mehrt, und dieſer fühlte ſein Herz ſich weit öffnen in tiefer beſeligender Wehmuth; er ſagte zu ſich ſelber, dieſe Tage könnten wiederkehren und das Glück mit ihnen, ſie ſeien ja Beide da, Gatte und Gattin und gehörten einander in unauflöslichem Bunde. Nun ward ihm ſein Herz ſo groß und weit, nun glänzte ſein Auge in freudiger Hoffnung, und er breitete die Arme aus und ſagte mit vor Rührung erſtickter Stimme:„Aurelia, mein Weib, komm an mein Herz!“ Aurelia ſchreckte zuſammen bei dem Ton ſeiner Stimme, ſie ſchauderte vor den Worten, die er geſprochen, hoch und ſtolz aufgerichtet, zürnend und kalt ſchritt ſie durch das Gemach bis zu ihrem Gatten hin, und ſagte ruhig und feſt, ihn an⸗ — 166— ſchauend mit Blicken, vor denen er die ſeinen zu Boden ſenkte:„ſprichſt Du im Schlaf, Albert? Wache auf, und beſinne Dich! Gedenke, daß Dein Weib im Grabe liegt, und daß Du es warſt, der ſie tödtete!“ „Nein, nein!“ rief er heftig,„dies war ein Traum, ein böſer, ſchauervoller Traum! Jetzt bin ich erwacht und ſehe Dich, Dich, mein Weib, lebend, athmend, und meine Seele jauchzt in Glück und Freude. Nein, blicke mich nicht zürnend an,“ fuhr er fort,„ſchüttle nicht verneinend Dein ſchönes Haupt. Du biſt mein Weib, Du weißt, daß es ſo iſt, Du weißt, daß Du vor Gottes Altar mir gelobt, mit heiligem Eide gelobt, Dein Leben lang mir anzugehören. Du lebſt, Du biſt mein. Dieſe Hand, ſie gehört mir!“ 1 Als er ihre Hand nehmen wollte, wehrte ſie ihn heftig von ſich und ſagte:„hinweg! berühre mich nicht! Keine Gemeinſchaft iſt zwiſchen uns!! „Du biſt, Du bleibſt mein Weib!“ rief er heftiger und aufgeregter. 3 „Elender, ſchwacher Menſch, ſagte ſie mit ſchnei⸗ dender Kälte,„willſt Du zu Deinem Beiſtand Ge⸗ ſetze beſchwören, die in ihrer fluchwürdigen Be⸗ ſtimmung mich zwingen ſollen, Ketten zu tragen, die ich verabſcheue? Pfui über den Mann, der Geſetze zu Hülfe ruft, die in ihrer Unnatur feſſeln wollen, was getrennt iſt und ewig getrennt ſein muß. Du ſprichſt von Eiden, die wir vor Gott 8 — 167— gewechſelt! Wehe Dir und mir, daß es ſo iſt, wehe, daß ich in Unverſtand und Jugend Gelübde gethan, deren Sinn ich nicht verſtand, wehe Dir, daß Du ſie angenommen! Siehe, in dieſer Stunde⸗ umſchwebt mich der Geiſt meines Vaters, der ge⸗ ſtorben iſt aus Gram um mich, und deſſen War⸗ nung ich nicht hören, deſſen Bitte ich nicht beach⸗ ten wollte. Es iſt aber erfüllt, was er geſprochen, und jener Schwur, den ich Dir gethan, iſt der Fluch meines Daſeins geworden. Ja, er hat ſich wie der zerſtörende Froſt einer langen, langen Nacht auf die kaum entfalteten Blüthen meines Herzens gelegt und alle in ihrem Keim zerſtört, daß mein Herz zu einer Oede geworden, in der auch nicht eine Blume der Freude mehr ſprießt. Meinen Glauben und meine Zuverſicht, meine Hingebung an die Menſchheit und mein Vertrauen auf Gott hat er zerſtört, dieſer unheilsvolle Schwur, und lehrte mich nur zweifeln an der Menſchheit, zweifeln an Gott, der ſolche Gelübde geboten. Aus der Heimath trieb er mich fort, dieſer Schwur, und eine Heimathloſe, Namenloſe, irrte ich umher, in der Fremde, das Licht des Tages vermeidend, damit nicht eines Freundes Auge mich ſehe und die Geſtorbene erkenne als eine noch Lebende, da⸗ mit ich nicht zurückgeſchleudert würde in ein Leben mit Dir, zu dem jener Schwur mich verdammte, und deſſen Ende ich mit meinem Herzblut erkaufte, mit meinem Herzblut, das Du vergoſſen untzen — 168— „Hör' auf, hör' auf!“ flehte Albert, erbebend vor dem furchtbaren Ton ihrer Stimme, und vor dem zürnenden Blick, mit dem ſie ihn anſah. Aurelia aber fuhr fort:„und nun, da ich nach jahrelanger Pein, verſchmachtend, verzweifelnd, eine heimathloſe Pilgerin, ruhelos die Wüſte und Oede der Qual durchwandert bin, und endlich, endlich zu ihrem Ausgang gelangt, mit wunden Füßen und ermattetem Herzen ruhe von meiner Pein, und mich erhole von grauſenhafter Wallfahrt, nun, da ich kaum wieder Kraft gefunden zu leben, da die erſten Keime eines neuen Frühlings ſich in mir nach ſo öder, langer Winternacht kaum zu regen beginnen, nun kommſt Du, mich zu mahnen an jenen Schwur, der mich vernichtete, und mich zurückzuſchleudern in einen Abgrund, dem ich mit Todesgefahr, faſt verblutend, entronnen bin?! O wie armſelig muß ein Mann ſein, der durch Ge⸗ ſetze ein Weib, das ihn verabſcheut, an ſich feſſeln kann, wie armſelig müſſen die Geſetze ſein, die ihm dies geſtatten können!“ Wie ſie, todesbleich und zitternd, ſich abwenden wollte, nahm Albert ſanft ihre Hand und ſagte flehend: „höre mich, Aurelia, ſei es das letzte Mal, wenn Du es willſt, aber höre mich erſt und dann entſcheide!“ „Sprich,“ ſagte ſie kalt und gebieteriſch. Albert fuhr fort:„es iſt wahr, Aurelia, Du haſt gelitten, aber auch ich! Wir Beide machten Einer des Andern Unglück, und nun laß uns ein⸗ — 169— ander verſöhnt die Hände reichen und einander unſre Thränen trocknen. Aurelia, furchtbar waren meine Leiden, und oft in gemartertem und gram⸗ erfülltem Herzen meinte ich dieſes Leben enden zu müſſen. Wenn ich dann die Hand ausſtreckte nach der Waffe, und wenn bei dem Gedanken an den Tod ich meine Pulſe frei und freudig klopfen fühlte, da durchzuckte mich der Gedanke an Dich, und als Racheengel ſah ich Dich in ſchauderndem Geiſt herniederſteigen in meine Gruft, und auch dort aus meiner Ruhe mich aufſtacheln zu nie ermattender Pein. Dann warf ich die Waffe von mir und beſchloß zu leben, und durch Reue meine Schuld zu ſühnen! Kennſt Du die Qual der Reue? Nein, Du kennſt ſie nicht, denn Dein Leben war ſchuld⸗ los und Du hatteſt nichts zu bereuen. Du kennſt nicht dies marternde Gefühl, das jede Stunde des Tages vergiftet, das mit Scorpionenbiß uns weckt aus dem Schlummer der Nacht, und in geſpenſter⸗ haften Erſcheinungen Vergangenheit zur Gegenwart macht. Du kennſt ſie nicht, dieſe Qual, gleich dem Siſyphus mit immer neu aufgeſtachelter Kraft der Verzweiflung den Fels der Vorwürfe hinweg zu wälzen von unſerm Herzen, und doch immer neu ſeine erſticende Wucht zu empfinden. O entſetz⸗ lich, entſetzlich iſt eine ſolche Reue! Sie dringt, ein ſicherer und geſchickter Minirer, in die geheim⸗ ſtten und unergründlichſten Schlupfwinkel und Tie⸗ fen unſerer Seele, und unſer Herz untergrabend —= ——V—ÿ———————— — 170— und aushöhlend, macht ſie, daß es zuſammenbricht; ſie ſchleicht ſich, ein ätzendes Gift, in unſere Ge⸗ danken, und dieſe zerſtörend, bleibt nichts zurück als ſie ſelber, und allein, ganz allein mit ihr, umſchleichen uns Geſpenſter der Vergangenheit, umrauſchen uns ſchauerliche grinſende Larven und flüſtern uns zu, was wir gethan, und wofür wir leiden. Und enge und immer engere Kreiſe ziehen ſie mit zauber⸗ haftem Weben um uns her, wir wollen entfliehen und vermögen es nicht; Hohnlachen um uns her und ſataniſches Geflüſter des Spottes; ſtürze auf die Knie, verſuche zu beten, ha, die Geſpenſter entfliehen nicht vor Deinem Gebet; nein, ſie ſind mächtiger als dieſes, und wiſſen es mit ihrem Geflüſter zu ſtören und zu unterbrechen; fliehe hinaus in die Welt, über Meere und Länder fol⸗ gen ſie Dir, und wenn Du in irgend einem Winkel der Erde mit gelähmter Kraft hinſinkſt zu ruhen, ſo ſind ſie da, neben Dir, um Dich, und lachen und grinſen, und flüſtern wie zuͤvor, und zerflei⸗ ſchen, ein immer reger Geier, Deine Bruſt!“ Während er ſo ſprach, nahmen ſeine Züge einen ſchauerlichen Ausdruck an, ſeine bleichen Wan⸗ gen rötheten ſich, ſeine Lippen bebten, ein wahn⸗ ſinniges, unheimliches Feuer leuchtete aus ſeinen weit aufgeriſſenen Augen, ſeine Stimme hatte einen ſo ſeltſamen, hohlen und ſcharfen Klang, daß ſelbſt Aurelia zuſammenbebte, und als er, bei ſeiner furchtbaren grellen Schilderung ſcheue und angſt⸗ — — 171— volle Blicke im Gemach umherwarf, als fürchte er auch jetzt die Nähe jener Geiſter und Geſpenſter, da erkannte Aurelia mit erbebendem Herzen, daß es ein Wahnſinniger war, der zu ihr ſprach.— Vielleicht mochte ihre Phantaſie das Uebel ver⸗ größern, oder dieſe Anfälle waren ſchnell vorüber⸗ gehend; Albert erholte ſich bald, und nachdem er einige Minuten bewegungslos und ſchweigend da⸗ geſtanden, wiſchte er den Schweiß ab, der in großen Tropfen an ſeiner Stirn hing, und ſagte mit ganz veränderter, zitternder Stimme:„ſolche Qua⸗ len ſind mein, Aurelia, ſind in langen Jahren meine Nahrung und Speiſe geweſen. O, laß es genug ſein! Du lebſt, biſt da, ich habe Dich nicht getödtet; ich bin kein Mörder mehr! Wie neuer Lebensathem fühle ich es meine Bruſt durchwehen, und meine Seele regt ihre Schwingen in jugend⸗ licher Kraft. Nimm meinen Dank für Dein Leben, und laß mich weinen, zu Deinen Füßen weinen!“ Er ſtürzte nieder zu ihren Füßen, und das Geſicht in ihren Kleidern verbergend, ſchluchzte er laut. Aurelia aber ſagte ernſt und ruhig:„ſtehe auf und ſei ein Mann! Was ſollen die Weiber thun, wenn die Männer ihnen ihr einziges Vor⸗ recht auch noch entreißen, das Vorrecht, über ihr Unglück zu weinen? Stehe auf und ſei ein Mann!“ „Wäre ich es früher geweſen, damals, als Du mein Weib wardſt,“ klagte Albert,„nimmer wäre es ſo gekommen. O, jetzt weiß ich Alles, ſehe — 172— klar Alles, wie es war und wie es hätte ſein müſſen. Ein erhabenes und großes Weib, wie Du warſt, forderteſt du von Deinem Manne einen Mann, ein Weſen, zu dem Du aufblicken, das Du verehren, ja vor dem Du zittern mußteſt. Ich aber war nicht mehr wie Du; Du blickteſt zu mir her⸗ nieder, und durchſchauteſt die Schwachheit meines Weſens; ich war ein Sklave meiner Leidenſchaften, kein Mann, und darum verachteteſt Du mich!“ „Du haſt recht,“ ſagte Aurelia,„und weil Du es alſo erkennſt, wirſt Du auch fühlen, daß wir getrennt ſind auf ewig! Laß uns denn auf Mittel ſinnen, uns nie mehr zu begegnen.“ „Nein, nein,“ flehte Albert,„laß Dich verſöh⸗ nen! Sei wieder mein! Um der Leiden willen, die ich Jahre lang um Dich geduldet, habe Er⸗ barmen und ſei wieder mein!“ Aurelia lächelte bitter, als ſie ſagte:„aus Er⸗ barmen ſoll ein Weib dem Manne folgen? Und wenn Du niedrig genug dächteſt, ſolches wünſchen zu können, ſo denke ich zu hoch von meiner eignen weiblichen Natur, um an einen ſolchen Mann mich wegzuwerfen!“ „Lehre mich, wieder ein Mann ſein, laß mich, entnervt wie ich bin von Kummer und Leid, durch Glück Kraft gewinnen und Muth, und ich werde wieder ein Mann ſein!“ Aurelia ſagte:„der, den das Unglück entnervte, ſtatt ihn zu ſtählen und zu kräftigen, war nimmer — 173— ein Mann, und kann niemals ein ſolcher werden. Ein echtes Weib aber liebt nur einen echten Mann, ein Weſen, vor deſſen erhabener göttlicher Natur ſie ſich neigt, deſſen Uebermacht ſie anerkennt und vor deſſen Kraft ſie leiblich und geiſtig zuſammen⸗ ſinkt. Solch ein Weſen gefunden zu haben, iſt ein ſeltenes und himmliſches Glück, und daß es mir zu Theil geworden, beſeligt und erhebt mich über mich ſelber! Glaubteſt Du noch an die Möglichkeit, mich zu Dir zurückzuführen, ſo wiſſe denn, daß ich einen Andern liebe, daß ich ge⸗ liebt werde, daß ich ſein bin mit ganzer Seele, und daß nichts mich von ihm zu trennen vermag!“ Albert ſchreckte zuſammen und ſagte wild:„Du, Du biſt mein Weib—“ „Entſinne Dich,“ unterbrach ſie ihn ſtreng, „daß Dein Weib lange ſchon geſtorben iſt! Gehe hin und ſuche in einſamer Gruft den Sarg, in dem ſie beſtattet iſt! Ich, eine Geſtorbene, bin eine Neugeborne, Du haſt kein Recht mehr an mich!“ Albert antwortete nichts, ſondern ſtieß nur ſchwere Seufzer aus, die ertönten, wie das Ge⸗ ſtöhne eines Sterbenden, einige Male ging er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, dann drückte er ſeine Stirn an die Wand, als wollte er ihre Glut kühlen, und ächzte laut. Aurelia fuhr fort:„ich bin gekommen, um mit — am— Dir zu überlegen, was zu thun ſei! Unſere Wege dürfen nicht nebeneinander ſein, und ſollte ich den Tod herauf beſchwören, mich von Dir zu trennen, wir müſſen getrennt ſein! Keine Gemein⸗ ſchaft darf ſein zwiſchen mir und Dir, und nicht ſoll mich die Furcht quälen dürfen, einmal wieder Deinem Angeſicht zu begegnen. Fühlſt Du, daß eine Schuld gegen mich auf Deiner Seele haftet, wohlan, der Moment iſt gekommen, wo Du ſie ſühnen kannſt.“ „Sage wie, wie?“ ſagte Albert tonlos. „Gehe fort von hier,“ antwortete Aurelia faſt bittend,„kehre zurück nach Deutſchland, ſchwöre in meine Hand, nie wieder England zu betreten, nie⸗ mals ſich ſeiner Küſte zu nähern, ſchwöre mir dies und ich will Dir vertrauen und zum erſten Male glauben, daß Du ein Mann biſt, ein Mann, dem ſein Wort heilig iſt. Brauchſt Du Geld, Schätze?! Nimm, die Hälfte meines Vermögens iſt Dein, ich will es in gerichtlicher Acte Dir geben, nur laß mich Dein Angeſicht nie wieder ſehen, Deine Stimme nie wieder hören, laß mich vergeſſen, daß Du lebſt! Willſt Du dies thun?“ Albert, der bis dahin immer noch, die Stirn an die Wand gedrückt, bewegungslos dageſtanden, wandte ſich um bei dieſer Frage und ſchaute Aure⸗ lien mit troſtloſen, verzweiflungsvollen Blicken an. Sein Geſicht hatte eine fahle Bläſſe angenommen, ſeine Knie ſchlotterten, er öffnete die Lippen, um zu ſprechen, und vermochte es nicht, und ſtarrte nur aus glanzloſen Augen Aurelien an. Sie konnte es nicht ertragen, und heftig auf ihn zu⸗ gehend, legte ſie einen Arm auf ſeine Schulter und ſagte feierlich:„ich beſchwöre Dich, wenn Du ein Mann biſt und kein unmündiges Kind, ſo ant⸗ worte mir! Willſt Du thun, was ich fordere?“ „Laß mich jetzt,“ bat er kraftlos,„meine Sinne verwirren ſich und meine Gedanken erſterben. Geh, geh von hinnen, ehe die finſtre Stunde über mich kommt. Erwarte mich in einer Stunde in Deinem Höͤtel. Aber jetzt eile!“ Wieder nahmen ſeine Züge jenen wilden, wahn⸗ ſinnigen Ausdruck an, ein unheimliches Lächeln flog über ſein fahles Geſicht, er ſchlug ſich die Bruſt mit ſeinen zuſammengekrampften Händen, und winſelte und heulte laut. Aurelia entfloh eilend aus dem Gemach, und erſt als ſie die Stie⸗ gen herab war, blieb ſie ſtehen, Athem zu ſchöpfen. Da drangen an ihr Ohr die Laute einer heißgelieb⸗ ten Stimme, und klangen ihr wie eines Engels Frie⸗ densgruß, ſie wandte ſich hoch aufathmend und lächelnd um und blickte in Nordheim's ſtilles ſchönes Angeſicht; er hatte ihre vor der Thür harrende Equipage erkannt und den Zweck ihres Beſuches ahnend, ſie erwartet, um ſie zurückzugeleiten in ihr Hötel. Schweigend bot er ihr den Arm, ſie zum Wa⸗ gen zu führen, und erſt als ſie nebeneinander — 176— ſaßen und dahinrollten nach Aureliens Wohnung, brach er das Schweigen und ſagte mitleidsvoll: „armes Kind, wie zerſtört Deine Züge ſind, und wie bleich Dein holdes Angeſicht!“ Sie lehnte ſich an ſeine Bruſt und ſagte matt: „laß mich ruhen an Deinem ſchönen großen Herzen, laß mich Dein Auge ſehen und Deine Stimme hören, damit ich vergeſſe, was ich ſoeben geſehen und gehört.“ „Es war ein ſchwerer Gang,“ ſagte Nordheim, ihre Wange ſtreichelnd,„und nur eine Heldin konnte ihn unternehmen. Siehſt Du, Aurelia, ich habe mich nicht in Dir geirrt, und Du biſt in Wahrheit das große Weib, an welches ich bei Dir glaubte. Du haſt den Muth, der Gefahr und der Entſcheidung entgegenzugehen, und wirſt auch die Kraft haben, das Unglück zu überwinden.“ „Nur muß es nicht von Dir kommen!“ ſagte ſie und küßte ſeine Hand. Der Wagen hielt, und nachdem Aurelia dem Bedienten befohlen, keinen Beſuch zu melden, nur wenn Herr von Fahrenberg komme, ihn ſogleich vorzulaſſen, folgte ſie Nordheim in ihre Gemächer. Von Nordheim's Arm umfangen und getröſtet von ſeinen milden Worten, erzählte ſie ihm die traurige Geſchichte ihres Zuſammentreffens mit ihrem Gatten, und Nordheim, als ſie ihm geſchildert, in welchem Zuſtande ſie den Unglücklichen verlaſſen, ſagte ernſt:„Du haſt recht, ihn zu verachten! Wie — 177— klein muß ein Menſch ſein, der nicht die Kraft hat, ſein Geſchick zu ertragen und zu überwinden, wie niedrig eine Seele, die der Reue unterliegt, anſtatt ſie zu bezwingen. Die wahre und echte Reue kennt keine Thränen und keinen Gram, ſie iſt voller Freudigkeit und Thatkraft, und ſchafft ſo aus dem Erkennen des Unrechts den Drang zum Rechten, und aus dem Böſen das werdende Gute. Die wahre Reue vernichtet durch Gegenwart und Zukunft die Vergangenheit durch That und Kraft, während dies Weinen und Selbſtzerfleiſchen mit Vorwürfen, das man gewohnt iſt, Reue zu nennen, gar keine That, keine Zukunft hat, ſondern nur kraftlos immer wieder die Vergangenheit durch⸗ lebt und einen reuigen Sünder dieſer Art durch ſich ſelber immer mehr entwürdigt und verderbt.“ Während ſolcher Geſpräche blickte Aurelia von Zeit zu Zeit ängſtlich nach der Uhr, und als ihr der fortrückende Zeiger verkündete, daß die Stunde abgelaufen, ſchmiegte ſie ſich an Nordheim's Bruſt und flehte:„verlaß mich nicht, ach, laß mich nicht allein mit ihm! Die Stunde iſt abgelaufen, und „. jetzt wird er kommen!“ Bald hernach meldete der Diener Herrn von Fahrenberg, und Aurelia, bleich und bebend, befahl ihn einzulaſſen. Die Flüchtlinge in London. II. XII. Die Loſung. Albert trat herein, und an der Thüre ſtehen bleibend, blickte er aus hohlen, glanzloſen Augen auf Aurelia hin, die unwillkürlich Nordheim's Hand erfaßte, als wolle ſie Schutz ſuchen bei ihm. Albert ſchaute ihr zu, und dann fragte er ton⸗ los:„nicht wahr, der iſt's, den Du liebſt?“ Aurelia erwiderte feſt:„er iſt es!“ Er nickte zuſtimmend und ſagte:„Gut!“ Eine lange Pauſe folgte, eine ſchauerlich grau⸗ ſige Stille, die Keiner von ihnen zu unterbrechen wagte, und in der Albert's ächzende Seufzer un⸗ heimlich laut erklangen. Dann durchſchritt er langſam das Gemach zu Aurelien hintretend, und der Schall ſeiner Schritte machte ſie erbeben. Nun ſchaute er ſie an, lange und ſchweigend, Weh⸗ muth und Trauer, Zorn und Verzweiflung flogenn in wechſelndem Ausdruck wie vorübereilende Wol⸗ ken durch ſeine Züge, bis zuletzt die Wehmuth die Oberhand gewann, und er in Aureliens Anſchauen — 179— V verloren, leiſe, wie zu ſich ſelber ſagte:„wie ſchön, wie erhaben! Wie liebe ich ſie ſo heiß, nun, da ich ſie auf ewig miſſen ſoll, zum zweiten Male miſſen!“ „Wieder ſchwieg er und blickte ſie an, ſo innig und wehmuthsvoll, daß Aurelia es nicht ertragen konnte, und das Geſicht in ihren Händen verbarg. „Du entziehſt Dich mir auch noch im letzten Moment,“ ſagte er klagend,„und fuhr dann ge⸗ faßter fort:„ich komme, um Abſchied zu nehmen!“ Aurelia ließ die Hände von ihrem Geſicht glei⸗ ten und ſagte faſt freudig:„ſo gehſt Du ein auf meinen Wunſch?“ Albert lächelte bitter bei ihrer lebhaften Frage und antwortete:„ja, ich erfülle Deinen Wunſch, Du ſollſt mein Antlitz nie wieder ſehen und nie wieder meine Stimme vernehmen.“ „Wohin gedenkſt Du zu gehen?“ Albert ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er: „die neue Welt ſoll mich aufnehmen und mir ein neues Leben geben!“ „Und ich hoffe, Du nimmſt mein Anerbieten an, ſagte Aurelia, und theilſt mit mir, was ich beſitze?“ Fahrenberg machte eine abwehrende Bewegung unnd erwiderte:„ich bedarf deſſen nicht!“ Dann trat er dicht zu Aurelien hin und fragte weich: — „Aurelia, biſt Du nun verſöhnt? Willſt Du mir nun zu dem langen Wege, den ich zu wandeln — 480— habe, Deine Verzeihung mitgeben als Troſt und Stärkung? Willſt Du vergeſſen, was Du durch mich gelitten, vergeſſen, daß ich Dich um Deinen Frieden, um Deine Jugend betrog? Aurelia,“ fuhr er fort und ſank vor ihr nieder,„willſt Du vergeſſen, daß ich Dein Blut vergoß? Willſt Du den Fluch von mir nehmen, den einſt Deine er⸗ ſterbende Lippe ſprach? Willſt Du verzeihen?“ Aurelia war aufgeſtanden, und ihre Hände auf das Haupt des Knienden legend, ſagte ſie laut und feierlich:„ſo vergebe mir Gott in meiner letzten Stunde, wie ich Dir vergebe aus vollem, freudigem Herzen! Nicht Du haſt uns getrennt, ſondern das Schickſal, wir Beide waren nur Werkzeuge in ſeiner Hand. Gehe hin in ein neues Leben, und mein Segen, mein Gebet folge Dir nach!“ Als ſie jetzt ſchwieg, richtete Albert ſich auf, ſein Auge leuchtete wie verklärt, ſeine Wangen glühten, und mit voller, freudiger Stimme ſagte er:„ich danke Dir!— Und nun, Aurelia,“ fuhr er fort,„nun höre die letzte Bitte eines Scheiden⸗ den, erfülle den letzten Wunſch eines Menſchen, den Du niemals wieder ſehen wirſt.“ „Bitte,“ ſagte ſie,„Alles, was Du wünſcheſt, ſei gewährt!“ „Laß mich,“ bat er weich,„laß mich zum Ab⸗ ſchied Deine Lippen küſſen! Du willſt? Du nickſt gewährend zu? Allmächtiger Gott, ich danke Dir!“ — 181— Nun umfing er ſie mit einem Schrei des Ent⸗ zückens, preßte ſeine. Lippen auf die ihren, drückte ſie mit krampfhaftem Ungeſtüm an ſein Herz, bis ſie faſt unwillig ſagte:„laß mich! laß mich!“ . Er trat zurück, ſeine Arme ſanken herab, und tonlos ſagte er:„Lebe wohl!“ Dann trat er zu Nordheim, und ihm die Hand reichend, bat er:„Erzeigen Sie mir den letzten Dienſt, und kommen Sie in einer Stunde ins Lodging Haus auf mein Zimmer. Ich möchte Ihnen dort meine letzten Wünſche ſagen. Wollen Sie dieſe Bitte erfüllen?“ Nordheim verſprach es, Albert ließ ſeine Hand los, und noch einmal zu Aurelien tretend, wieder⸗ holte er:„Lebe wohl! Auf ewig, Aurelia!“ Dann durchſchritt er das Gemach mit rück⸗ wärts gewandtem Kopf, immerfort Aurelien an⸗ ſchauend. An der geöffneten Thür blieb er ſtehen, und blickte ſtarr und unverwandt zu Aurelien hin, die unter ſeinem Blicke bebte, und wie gebannt ihr Auge auf ihn gerichtet hielt. Ihr graute aber vor ſeinem Angeſicht, vor ſeinem lebloſen Auge, vor dem wahnſinnigen Lächeln, das ſeine blauen Lippen umſpielte, und vor der Bläſſe ſeiner Wan⸗ gen. Bald war es ihr, als ſähe ſie das Antlitz eines Todten, als ſei es der gebrochene Blick eines Sterbenden, der auf ſie gerichtet war, und mit einem unwillkürlichen Schrei ſank ſie zurück in die Kiſſen des Divans. Dieſer Schrei weckte — 182— Fahrenberg aus ſeiner todtenähnlichen Erſtarrung, er flüſterte noch einmal:„Lebe wohl!“ und ver⸗ ließ langſam und unhörbar das Gemach. Der Diener aber, der im Vorzimmer war, hörte ihn, wie er mit auf die Bruſt geneigtem. Haupt dahinſchritt, flüſtern:„wir müſſen getrennt ſein, und ſollte ich ſelbſt den Tod heraufbeſchwö⸗ ren, uns zu ſcheiden. So waren ihre Worte.“ „Entſetzlich,“ ſagte Aurelia, als Fahrenberg ſie mit Nordheim allein gelaſſen,„mir graut vor dieſem letzten Blick, und mir iſt, als fühle ich noch immer den Druck ſeiner kalten Lippen, die waren wie die Lippen eines Sterbenden!“ „Laß uns den Ernſt und die Feier dieſer Stunde nicht unterbrechen,“ ſagte Nordheim tief erſchüttert, denn ich ahne, daß es die Sterbeſtunde eines Unglücklichen iſt, deſſen erlöſchende Augen Dir eben den Abſchiedsgruß brachten. Der Tod aber iſt eine geheimnißvolle und heilige Weihe, und wel⸗ cher Art auch die Vergehen dieſes Armen waren, dieſe Stunde entſühnt ihn und erhebt ihn über uns. Laß uns ſeine Todesſtunde ehren!“ Stumm und befangen ſaßen ſie Hand in Hand nebeneinander auf dem Divan, Beide in ihren Gedanken beſchäftigt mit dem Unglücklichen, der ſie ſoeben verlaſſen. Plötzlich zuckte Aurelia zuſam⸗ men, ihre Lippen öffneten ſich wie zu einem Schrei, t es drang aber kein Ton aus ihrer krampfhaft be⸗ — 183— wegten Bruſt hervor, ſie blickte ſtarr und athem⸗ los nach der Thür. Sie hatte im Vorzimmer denſelben leiſen ſchleppenden Schritt vernommen, mit dem Albert ſie verlaſſen, ſie ſah die Thür leiſe ſich öffnen und eine ſchatten⸗ und nebelartige Erſcheinung an der weißen Thür ſich abzeich⸗ mnen. Die Formen wurden deutlicher und beſtimm⸗ ter, und jetzt, wie in einen Nebel gehüllt, erkannte ſie die Geſtalt und das Antlitz ihres unglücklichen Gatten. Es waren dieſelben bleichen, verzerrten Züge, daſſelbe wahnſinnige Lächeln, derſelbe ſtarre, unverwandt auf ſie gerichtete ſehnſuchtsvolle und hinſterbende Blick. So ſtand die nebelartige Er⸗ ſcheinung vor ihr da, regungslos und ſtarr. Als ſie wie bezaubert ſie anſtarrte, bemerkte ſie, daß die Kleider dieſes räthſelhaften Weſens wie durch⸗ 3 näßt erſchienen, und von den triefenden, herab⸗ hängenden Haaren tropfte das Waſſer hernieder auf das Geſicht, Thränen gleich. Dies Alles dauerte nur einen Moment, einen flüchtigen Mo⸗ ment, dann glaubte ſie einen ſchwachen Schrei zu vernehmen, und wie durch einen Zauberſchlag war die Erſcheinung verſchwunden.— „Sahſt Du ihn,“ flüſterte Aurelia zitternd und ſchaudernd,„ſahſt Du ſeinen entſetzensvollen Leichenblick?“ Nordheim flüſterte eben ſo leiſe:„ſtill, ſtill! ſtöre- ihn nicht in ſeinem Todeskampfe. Ich ſah ihn und hörte ſeinen Todesſchrei.“ 8 — 184— Aurelia barg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt und ächzte laut. Schweigend ſaßen ſie eine Zeit lang nebeneinander, dann machte ſich Nordheim ſanft los aus ihrer Umarmung und ſagte:„die feſtge⸗ ſetzte Stunde iſt vorüber. Ich muß gehen, ihm mein Verſprechen zu erfüllen.“. „Du willſt ins Lodging Haus?“ fragte Aure⸗ lia, und als Nordheim es bejaht, ſchellte ſie dem Diener und befahl anzuſpannen. „Laß den Wagen halten, nnd kehre ſchnell zu mir zurück!“ flehte ſie,„mir graut vor der Ein⸗ ſamkeit. Laß mich nicht auf Dich warten, denk an meine Angſt, und komm wieder, ſo bald Du kannſt.“ Nordheim verſprach es und eilte hinunter zum bereit ſtehenden Wagen. Im Lodging Hauſe angekommen, fragte er nach Fahrenberg. Er war nicht dort, und als Nord⸗ heim auf ſein Zimmer ging, fand er auf ſeinem Schreibtiſche zwei Briefe. Der eine verſiegelte war an Aurelia adreſſirt, der andere war offen und an Nordheim gerichtet. Er enthielt einen wehmüthi⸗ gen Abſchiedsgruß und die Bitte, ſeine wenigen Angelegenheiten mit der Wirthin zu ordnen, wozu eine hinlängliche Summe, in einem Pult des Se⸗ eretärs befindlich, angewieſen war.— Nordheim nahm den für Aurelien beſtimmten Brief und kehrte zurück zum bereit ſtehenden Wagen, zu Aurelien zu eilen. Der Weg führte nahe an der Themſe vor⸗ über, und ein Auflauf von Menſchen, der mit Ge⸗ 2* — 185— ſchrei und Lärmen auf der Brücke, die der Wagen paſſiren mußte, beſchäftigt war, hinderte am Wei⸗ terkommen. Begierig, den Grund dieſer Verzö⸗ gerung und des lebhaften Geſchreies und Rufens der Menge zu vernehmen, verließ Nordheim den Wagen, ſich nach dem Grund dieſes Auflaufs zu erkundigen. In dieſem Augenblicke theilte ſich die Menge, man rief:„da iſt erl ſie bringen ihn!“ und vier Männer in triefenden Gewändern ſchrit⸗ ten durch die vom Volk gebildete Gaſſe keuchend und athemlos daher, den Gegenſtand ihrer Be⸗ mühungen in ihrer Mitte tragend.„S ſind be⸗ herzte Leute!“ flüſterte man rings umher,„ſobald ſie jenen Menſchen ſich von der Brücke hinabſtür⸗ zen ſahen in die Themſe, und am Ufer ſtehend ſeinen Schrei vernahmen, warfen ſie ſich ins Waſſer und verſuchten ihn zu retten. Aber es iſt umſonſt geweſen, denn was ſie gerettet haben, iſt nur eine Leiche!“— Von unheimlicher Ahnung getrieben, trat Nordheim näher heran, die Züge des Ertrunkenen zu ſehen. Es war Fahrenberg, gerade ſo, wie er ihn kurz zuvor in jener räthſelhaften Erſcheinung geſehen! Dieſelben durchnäßten Kleider, ⸗daſſelbe triefende Haar, das in einzelnen Streifen tropfend hernieder hing, dieſelben im Tode gebrochenen Augen, dieſelben blauen, krampfhaft geſchloſſe⸗ nen Lippen!— Nordheim ſchauderte, und über das Antlitz des Todten geneigt, blickte er mit ſchweren Gedanken in dieſe Augen, die er kurz — 186— zuvor noch belebt von Verzweiflung geſehen, und die jetzt gebrochen waren von Verzweiflung.„Dies Herz, das ſo viel gelitten, ſteht jetzt ſtill,“ ſagte er zu ſich ſelber,„und dieſe Seele, die zerbrochen war von ſelbſtgeſchaffener Qual, iſt nun entflohen, entflohen in ein fernes unbekanntes Land, oder zer⸗ ſtäubt in ein Nichts!“— Aber es war jetzt nicht Zeit, ſolchen Gedanken nachzuhängen. Nordheim faßte ſich zuſammen, und ſich an den inzwiſchen herbeigerufenen Mann von der Schaarwache wen⸗ dend, nannte er ihm den Namen jenes„Verun⸗ glückten“ und bezeichnete ihm das Lodging Haus, wohin er die Leiche bringen ſollte. Dann eilte er zu Aurelien, die ihm mit unge⸗ duldiger Erwartung entgegen geharrt. Stumm reichte er ihr den Brief dar. Sie erbrach ihn haſtig; er enthielt nur die wenigen Worte: 4 „Ich gehe, Aurelia, gehe, um niemals wieder⸗ zukehren. Meine Seele bebt nicht mehr vor dem Tode und meine Hand zittert nicht, dieſe Worte zu ſchreiben: ich ſterbe!— Was iſt ſterben? Aus⸗ ruhen von ſeiner Qual, nach ruheloſem Daſein Ruhe finden, und aus den unſicheren und irre⸗ leitenden Wegen des Lebens den Fuß ablenken zu der ſichern Straße des Todes hin! In dieſem Augenblicke fühle ich, daß ich ein Mann bin, und daß Du, Aurelia, mir fürder nicht Deine Achtung verſagen kannſt. Dies iſt mein Troſt im Sterben! Ja, ich bin ein Mann! Es iſt nicht die Ver⸗ 4 — 187— zweiflung, die mich dem Leben entfliehen läßt, nicht die Furcht vor irdiſchem Leid, ſondern die Ueber⸗ zeugung, das Rechte gewählt zu haben. Ein zwei⸗ ter Alexander will ich mit muthigem Schwertſtreich den Knoten zerhauen, der unauflöslich ſchien. Du wollteſt frei ſein, und Du wirſt es! Du verach⸗ teteſt Deinen Mann, und Du wirſt ihn jetzt achten als Mann, als einen, der das Rechte erkannt und nicht fürchtet, es zu vollführen. Lebe wohl und ſei glücklich!“ „Sophiſtereien, nichts als ſolche,“ ſagte Nord⸗ heim, als er den Brief geleſen,„Feigheit, die ſich muthig dünkt, und Furcht, die glauben machen möchte, daß ſie beherzt iſt! In den Tod fliehen iſt nicht ſo ſchwer, als das Leben ertragen; im Tode ſtirbt man nur ein Mal, im Leben oft zu jeder Stunde!“ Dann erzählte er Aurelien die eben erlebte Scene, und ſie ſagte zuſammenſchaudernd:„ent⸗ ſetzlich! Mir graut, ſo oft ich nach jener Thüre hinblicke, und immer meine ich, ſie müßte ſich öffnen und jene geſpenſtigen Augen hereinſchauen. Ich fühle, daß ich es jetzt in dieſen Räumen, die mir wie von Grabesluft durchweht ſcheinen, nicht er⸗ tragen kann. Meine Seele bedarf der Erholung und Ruhe.“ „So laß uns hinaus nach Deinem Landgut,“ ſagte Nordheim,„auch ich bedarf der Sammlung und des Friedens!“ „Ja, nach Sweetcalmneß!“ ſagte Aurelia,„dort — 188— in der Stille und Einſamkeit wollen wir nach dieſen Stürmen und Aufregungen uns wieder im ſüß traulichen Beiſammenſein erfriſchen an un⸗ ſerm Glück.“ Nordheim eilte ins Lodging Haus, um dort das Nöthige zur Beſtattung anzuordnen, und nach⸗ dem dies vollendet, fuhr er ins Landstown Hötel. Auf ſeine Frage nach Lady Landstown übergab ihm der Portier ein Billet, das die Lady, die auf ihr Gut hinausgefahren war, für ihn zurückgelaſſen. Das Billet enthielt nebſt der flüchtigen Erzählung von Effie's Flucht, eine Einladung, ſie in der Villa zu beſuchen.„Nur nicht in den nächſten Tagen,“ ſchloß der Brief. Ich fühle mich körperlich und geiſtig erſchöpft von all dem Furchtbaren dieſer letzten Tage, und muß es vermeiden, durch die leiſeſte Berührung dieſe Wunden heftiger ſchmerzen zu machen.“ „Ueberall Schmerz, überall Sehnen nach Ruhe,“ ſagte Nordheim zu ſich ſelber,„und doch iſt das Leben nur ein ruheloſes Wandern und ein ſchmerz⸗ volles Siechen. Nirgends Ruhe, und das Höchſte, was wir als Siegeszeichen und blutige Trophäe aus dieſem Kampfe des Lebens erbeuten, iſt Er⸗ gebung und Reſignation; dieſe Trophäe aber iſt mit unſerm eignen Blute geröthet!“ Als er neben Aurelien im Wagen ſaß, und ſie dahinfuhren nach Sweetealmneß, ſägte Aurelia: nüber all dieſen erſchütternden Scenen habe ich — 189— vergeſſen, Dir etwas zu ſagen, was mir außerdem ſehr am Herzen liegt. Meine Pflegetochter Ellen wird, da ihre Erziehung vollendet, die berühmte Erziehungsanſtalt in W.... verlaſſen und zu mir zurückkehren. Ich erwarte ſie morgen.“ „Du machſt mich da mit einem Reichthum be⸗ kannt, deſſen Daſein ich nicht ahnte,“ ſagte Nordheim. „Du trägſt die Schuld, daß ich Alles vergeſſe, außer Dir,“ ſagte Aurelia zärtlich.„So geſtehe ich, daß ich in letzter Zeit dieſes Mädchens kaum gedachte, und erſt durch einen Brief der Directrice jener Anſtalt, die mir Ellen's vollendete Erziehung verkündete, wieder an ſie erinnert ward.“ „Wer iſt jene Ellen?“ fragte Nordheim. „Die Tochter einer meiner verſtorbenen Freun⸗ dinnen, und ich verſprach, Mutterſtelle an ihr zu vertreten.“ ——— —— XIII. Nach Amerika. Herr Toby Macdeam, einer der reichſten Han⸗ delsherren Hamburgs, ſaß behaglich eine Pfeife rauchend in ſeinem Zimmer, durch deſſen eine ge⸗ öffnete Thüre, die nach dem Comptoir hinführte, man das ununterbrochene Gekritzel ſchreibender Federn vernahm, für Herrn Macdeam die ſchönſte Muſik, denn es wurden mit ihr in das große Buch neue Schulduer und neue Gewinnſte einge⸗ tragen. Das Eintreten ſeines Dieners ſtörte ihn unangenehm aus allerlei ſüßen Träumen und Spe⸗ culationen, und in barſchem Ton fragte er den Diener, wie er es wagen könne, ihn zu ſo unge⸗ wohnter Zeit, wo man gar keine Geſchäfte mache, zu ſtören. Des Dieners Geſicht aber glänzte in unge⸗ wohnter Freude, und es ganz vergeſſend, daß ſein b Herr ihm befohlen, nur engliſch oder deutſch zu ſprechen, ſagte er in ſeiner treuherzigen iriſchen — 191— Mutterſprache:„Halten zu Gnaden, Herr,'s iſt 3 da draußen ein Burſche, ein hübſcher, rothwangiger Burſche, ein Landsmann von uns, und ſpricht's Iriſche, als wie nur einer es thun kann im ſchönen Irland. Er will Ew. Gnaden ſprechen, und ob⸗ wohl es nicht die Geſchäftszeit iſt, meint' ich doch, weil er's Jriſche ſo gut ſpricht und ein Lands⸗ mann von uns iſt, Ew. Gnaden thäten ihn an⸗ nehmen.“ Herr Toby Maedeam aber ſagte unwillig: „hättſt doch nicht hereinkommen ſollen! kann der Burſche nicht warten? Nun er aber einmal da i*ſt, bring' ihn herein!“ Der Diener grinſte vor Freuden und mur⸗ melte hinausgehend:„er ſpricht's Iriſche ſo ver⸗ dammt ſchön!“ „Herr Toby Macdeam wollte ſich nichts in ſeiner Würde vergeben vor ſeinem Diener; als er aber jetzt allein war, rieb er ſich behaglich ſchmun⸗ zelnd die Hände und flüſterte:„alſo ein Lands⸗ mann! Freut mein iriſches Herz!“ Die Thür ging auf und der Diener führte den Fremden herein. Es war ein ſchlanker, zier⸗ licher Burſche, faſt noch dem Knabenalter ange⸗ hörig, die derbe grobe Matroſentracht, die er trug, paßte wenig zu dem zarten ſchmächtigen Körper und dem bartloſen feinen Geſichtchen, das vom breitkrämpigen Matroſenhut beſchattet ward. Ver⸗ legen ſtand er an der Thür, die Muſterung des “ — 192— Herrn und das entzückte Anglotzen des Dieners mit niedergeſchlagenen Augen duldend. „Kommſt vom geſegneten Irland?“ fragte Herr Toby Macdeam. „Zu dienen Herr!“ antwortete der Matroſe mit zarter melodiſcher Stimme. „Biſt Du arm? Bedarfſt Du der Unterſtützung? Dann iſt's recht, daß Du zu mir kommſt! Werde meine Landsleute niemals von meiner Thüre weiſen. Nicht wahr, das iſt's, warum Du kamſt?“ „Nein Herr,“ antwortete der ſchüchterne Ma⸗ troſe, und mit zitternder Stimme fuhr er fort: „ich wollte nur fragen, ob des Herrn Bruder, Edward Macdeam, der bei Ihnen wohnt, wohl zu ſprechen ſei?“ 8 4 „Iſt nicht mehr hier,“ antwortete Herr Toby, „geſtern abgereiſt!“ „Abgereiſt?“ rief der Fremde ſchmerzlich und bedeckte ſich mit den Händen das Geſicht. „Wunderlicher Geſelle!“ brummte Herr Toby, und der Diener wiſchte ſich mit dem Rockzipfel die Augen über ſeines Landsmanns unbekannten großen Kummer. 4 Dieſer ſchien ſich jetzt erholt zu haben, er ließ die Hände von ſeinem Geſicht, das bleich war wie der Tod, und fragte kaum hörbar:„und wohin iſt er gereiſt?“ „Nach Philadelphia,“ ſagte der Handelsherr. — 193— „Aber ſag' mir, mein Burſche, kennſt Du ihn denn, meinen Bruder Macdeam?“ „Ich kenne ihn! Nach Philadelphia iſt er gereiſt? Und geſtern erſt?“ fragte der Matroſe.. „Ja, geſtern!“ antwortete Herr Toby. „Ich danke Euch; lebt wohl!“ antwortete der „Fremde und wollte das Zimmer verlaſſen. „Halt, junger Freund,“ rief Herr Toby, „könnt Ihr mir nicht ſagen, was Ihr wollt? Wünſchtet Ihr vielleicht Hülfe von Edward, eine Unterſtützung, oder dergleichen? Glaubt mir, ich gebe ſo gerne, wie Edward, und Ihr dürft Eu⸗ rem Landsmann ſchon vertrauen, wenn Ihr ihn auch nicht kennt!“ 4 „Ich bedarf nichts,“ fagte der Fremde; „lebt wohl!“ Er verließ das Gemach, und Dick, der Die⸗ ner, folgte ihm nach, um ihn zu fragen, wie's ſtehe mit dem ſchönen Irland, und ob der Him⸗ mel noch ſo blau, und das Gras noch ſo grün, ob die Häuſer in Dublin noch ſo ſchön wie ſonſt, und die Menſchen ſo fröhlich? Der ſchweigſame Matroſe aber antwortete nichts auf alle ſeine Fragen, ſondern flüſterte nur zu ſich ſelber:„alſo nach Philadelphia!“ Ddick ſchaute ihm nach, wie er jetzt das Haus verließ, und ſagte kopfſchüttelnd:'s iſt kein rech⸗ ter Irländer, wär' ſonſt nicht ſo ſtumm und Die Flüchtlinge in London. II. 13 — 194— ernſthaft. Aber ſpricht doch's Iriſch ſo ver⸗ dammt ſchön!“ „Und wohin, wohin nun?“ flüſterte der Ma⸗ troſe ſchmerzvoll und wandelte langſam die Straße hinab, ſich der Thränen nicht ſchämend, die über ſeine Wangen rollten, und doch ſo wenig paßten zu dem groben Matroſenkleide. Ohne zu wiſſen, wohin er ging, wandelte er die Straßen hinab, dem Strom der Menge folgend, die ihn vorwärts trieb. So ſtand er am Hafen, ohne es zu wol⸗ len, und vor ihm im dichten Gedränge lagen die ſchönen bewimpelten Schiffe mit den ſchlanken ſtolzen Maſten. Jubelnde, ſingende, jodelnde Matroſen kletterten ſender Zagen an den dünnen Tauen empor, hinauf und hinab, hier Stricke zuſammenbindend, dort löſend, und hingen, Katzen gleich, in den oberſten Spitzen der Maſten. Ein ſolcher Anblick pflegt eines Matroſen ſeemänni⸗ ſches Herz vor Freude hüpfen zu machen, daß er jauchzt und jodelt vor Luſt. Der arme traurige Matroſe aber blieb kalt, und flüſterte nur:„nach Philadelphia!“ Ein donnernder Kanonenſchuß ertönte von ei⸗ nem jener Schiffe, und hüllte Alles in einen wei⸗ ßen dicken Dampf. Als er ſich verzogen, blickte der Fremde nach jenem Schiffe, von dem der Schuß gekommen. Es war ein ſchöner, ſtolzer Dreimaſter, die Flagge wehte im Winde und trug die engliſchen Farben, der große und doch zierliche — 195— Rumpf hatte auf ſchwarzem Grunde ſilberne Ver⸗ zierungen und am Bugſpriet glänzte ein goldenes Frauenbild als des Schiffes Zierde und Zeichen, darunter ſtand mit goldenen Lettern geſchrieben: die Hoffnung, Kapitän Simpſon. Die Schiffs⸗ treppe war niedergelaſſen, und vom Ufer aus ſteuerte Boot nach Boot, beladen mit Paſſagieren heran, die alle, zur„Hoffnung“ eilten. Z um zweiten Male donnerte ein Kanonenſchuß, und die Leute am Ufer riefen ängſtlich den Boots⸗ leuten zu:„eilt, eilt, es iſt ſchon der zweite Signalſchuß.“ Als der Fremde neben ſich engliſch ſprechen hörte, wandte er ſich an den Sprechenden, und fragte:„wohin geht jenes Schiff?“ „Nach Philadelphia, Sir!“ „Nach Philadelphia!“ ſchrie der Andere; dann blickte er zum Himmel auf, wie verklärt, ſeine Hände falteten ſich wie von ſelbſt, und er flüſterte: „das iſt Gottes Fügung!“ Nun winkte er einen jener Bootsleute heran und zeigte nach jenem Schiffe, ſchweigend vor in⸗ nerer Bewegung. Der Mann aber verſtand dieſe ſtumme Sprache, und bald trugen die tanzenden Wellen den Fremden an Bord der„Hoffnung.“— Welch ein dichtes Gedränge auf dem Verdeck, welch ein Hin⸗ und Wiederrennen, Geſchrei der Matroſen, Rufen des Bootsmanns, die Unzahl von Paſſagieren, kaum Platz, dicht gedrängt neben⸗ 3 13 — 196— einander zu ſtehen! Wie ſahen dieſe Menſchen alle ſo traurig aus, ſo verdüſtert und ſtill. Manche kamen, begleitet von ihren Freunden, die ſie noch Abſchied nehmend bis auf das Schiff ge⸗ leitet hatten. Hier in ſtiller Umarmung umſchließt eine Mutter ihren Sohn, vielleicht den einzigen, dort reißt ſich ein Bruder von des Bruders Her⸗ zen, und hier ſitzt ſchweigend und ſtill eine ganze Familie, Mann, Weib und Kinder neben ihrer armſeligen Habe, und ſie ſchauen mit trübem Blick zurück nach dem Ufer, wo die weinenden Freunde mit weißen Tüchern den Abſchiedsgruß wehen. Dort ſteht ein Jüngling und blickt hinüber nach jenem Häuschen nahe am Ufer, wo aus dem geöff⸗ neten Dachfenſter ein weißer Mädchenarm ihm winkt, und er ſeufzt, und eine Thräne rinnt über ſein bleiches Geſicht. Wie viel Herzeleid, wie viel Thränen erzeugt doch der Abſchied! Und aus al⸗ len dieſen Erinnerungen und ſchwermuthsvollen Vergangenheitsträumen, in welche dieſe Menſchen verſenkt ſind, weckt ſie des Bootsmanns Stimme, das klingende Glöcklein, das an den Beutel be⸗ feſtigt iſt, den er in der Hand hält, indem er ruft: die Zahlung! Die Zahlung für die Ueber⸗ fahrt! Da ſtrecken ſich magere, abgezehrte Hände ihm entgegen, das Verlangte darzureichen, da giebt mit wehmüthigem Blick der Mann das Geld* für ſich, für Weib und Kind, und blickt ſie an und ſagt: es war das letzte! Und von der hei⸗ — — mathlichen Küſte wendet er den Blick, und ſchaut hinaus in die Ferne; ach, in der. Ferne, dort wohnt das Glück, und er geht, es aufzuſuchen! Armer Wanderer! Die Zahlung iſt geſchehen! Nun kommt das Letzte! Es muß geſchieden ſein. Mit naſſem Blick drücken ſich die Abſchiednehmen⸗ den die Hände, ach, zum letzten Mall Lebt wohl! Die Zurückbleibenden ſchwanken zurück zur Schiffs⸗ leiter! Noch einen Blick! Nun gleiten ſie hinab ins harrende Boot! Lebt wohl! Die Paſſagiere ſind allein auf dem Verdeck! Jetzt der dritte Ka⸗ nonendonner. Der Anker wird aufgezogen! Das Schiff bewegt ſich, es wendet ſich und durchſchnei⸗ det mit ſeinem Kiel die hellen rauſchenden Wogen. Der Wind bläht die Segel! Da wendet ſich manch naſſer Blick zum Ufer hin! Dort ſtehen die Freunde! Ade! Kleiner und kleiner werden die Geſtalten, jetzt, jetzt ſind ſie verſchwunden! Nun die nur noch dämmernden Umriſſe des Hafens, die Maſten und Wimpel, die ſich am Horizont abzeichnen! Vorüber auch dies! Das Schiff durchſchneidet die Wellen! Wechſelnde Bil⸗ der am Ufer, immer wechſelnd und ändernd! Heimath Ade!“ Der Fremde, der ſo unvorbereitet plötzlich die Reiſe angetreten, die weite Reiſe in eine neue Welt, blickte nicht zurück zum Strande, er hatte nichts dort zurückgelaſſen, nichts, das um ihn weinte. — 198— Er ſchaute hin in die nebelige Weite und flüſterte: „nach Philadelphia!“ Dann fragte er den Bootsmann nach dem Ka⸗ pitän. Der war in ſeiner Kajüte, und man zeigte dem fremden Matroſen den Weg dahin. Der Kapitän fragte barſch nach dem Begehren des Matroſen, und er erwiderte ſanft,„er wünſche den Kapitän allein zu ſprechen, weil er ihm ein Geheimniß zu vertrauen habe.“ Kapitän Simpſon winkte dem Lieutenant, ſich zu entfernen, und als dies geſchehen, ſagte er: „ſprich jetzt, was willſt Du?“ Der Matroſe nahm ſeinen breitkrämpigen Hut ab und löſete ſchweigend ſein aufgeſtecktes Haar, daß es lang herabwallend die zarte Geſtalt überfluthete. 4 „Hilf Himmel,“ rief der Kapitän erſtaunt,„das iſt nicht eines Matroſen Haar. Solche ſchöne Zöpfe wachſen nur auf eines Mädchens Kopf! Sprich, Junge, biſt Du ein Mädchen?“ „Ich bin es,“ ſagte der Andere, und wandte ſich ab, ſein Erröthen zu verbergen. „Und Sie wollen?—“ „Die Reiſe nach Philadelphia auf Ihrem Schiffe machen,“ unterbrach ihn der Andere. „Alter Mann,“ fuhr ſie gefaßter fort, und reichte dem verwunderten Kapitän die Hand dar,„Ihr Anblick flößt mir Vertrauen ein. Ich habe Zu⸗ trauen zu dieſem weißen Haar, zu dieſen durch⸗ — 199— furchten, ehrlichen Zügen, die mich an mei⸗ nen Vater erinnern. Haben Sie eine Tochter daheim?“ „Ja wohl,“ ſagte der alte treuherzige Mann, „zwei wackere Mädchen, eben ſo wacker, wie ihre Mutter, und mein altes Herz ſehnt ſich nach Phi⸗ ladelphia hin, wo ſie meiner harren!“ „O, wenn Sie Vater ſind,“ ſagte die Andere weich,„ſo werden Sie um Ihrer Töchter willen auch Mitleid haben mit einem armen unglücklichen Mädchen, und ſich ſeiner erbarmen. Hören Sie mich an.“. 3 In kurzen Zügen erzählte ſie dem Greiſe ihre Geſchichte; er hörte ihr aufmerkſam zu, ſie dann und wann mit irgend einem beifälligen Wort oder einem„das war brav,“„wahrhaftig Muth,“ „wie ein Mann“ und ähnlichen Ausrufungen unterbrechend. „Und nun,“ ſchloß ſie ihre Erzählung,„wiſſen Sie mein Schickſal, den Zweck meiner Verkleidung und meiner Reiſe!“— Der Kapitän reichte ihr mit treuherzigen Blicken die Hand, und ſagte:„hatten Sie Ver⸗ trauen zu meinem alten Geſicht, ſo hab' ich's nicht minder zu Ihrem jungen, und bin von der Wahrheit alles deſſen überzeugt, was Sie mir da erzählen! Sie ſind ein edles, muthiges Mädchen, und gewiß, ich will Sie halten, als wären Sie mein eigenes Kind! Sie ſollen meine Kajüte be⸗ 2 — 200— wohnen, Nacht und Tag, und Abends, nicht wahr, dann darf ich zu Ihnen kommen, und wir plau⸗ dern zuſammen von unſerm Vaterland Alt⸗England, und von meinen Töchtern und Ihrem Vater. Nicht, meine Tochter?“ Sie lehnte das Haupt an ſeine Schulter und weinte laut, und dieſe Thränen däuchten ihr eine Erquickung und Erleichterung. Es waren die er⸗ ſten Thränen, die Effie Landstown weinte, ſeit ſie heimlich bei Nacht das Hötel ihres Oheims ver⸗ laſſen, und zum Hafen geeilt war; ſeit ſie von dort mit dem Dampfſchiff nach Hamburg gekom⸗ men, ihren Edward zu ſuchen, ihren Edward, den ſie auch dort nicht fand und dem ſie nun folgte in eine fremde neue Welt! Ach, ſeit dieſer ganzen qualerfüllten Zeit, voll ungeduldigen Harrens und Erwartens waren es die erſten Thränen, die ſie weinte. Wie thaten ſie ihrem Herzen ſo wohl! XIV. Die Ueberfahrt. „Jetzt kommen wir auf die hohe See!“ ſagte Kapitän Simpſon zu Effie, die er ſchon liebte wie ſein eigenes Kind, und die mit inniger Dank⸗ barkeit an ihm hing.„Wenn Du Abſchied neh⸗ men willſt vom Lande, mußt Du es jetzt thun, wir werden nun die Küſte in einigen Monaten nicht wieder ſehen!“ Effie folgte ihm aufs Verdeck. Wieder war es dicht gedrängt voll Menſchen, die alle naſſen Blicks ſeufzend und klagend hinſchauten auf die Küſte, und dem Heimathslande ihr Lebewohl dar⸗ brachten. Jener ſchmale dunkle Streifen dort hin⸗ ten am Horizont, jene dämmernden Umriſſe, die dort am Himmel, ihn begrenzend, ſich abzeichnen, das iſt Land, iſt das Land der Heimath, die ihre Augen nicht mehr ſchauen, ihre Füße nicht mehr betreten werden! Immer nebeliger werden die Contouren, immer weiter tritt es zurück, das - 202 — theure Land, die Ferne legt ſich wie ein Schleier darüber hin, der Schleier wird dichter, undurch⸗ dringlicher— das Land iſt verſchwunden! Wir ſind auf hoher See! Wogen brauſen von dorther, ſie kommen wohl von der Küſte, aber dieſe, ach, iſt verſchwunden! Welch eine erhabene, feierliche Wehmuth nun in Aller Herzen! Hingegeben demn machtvollen, gewaltigen, unbezwingbaren Element, fern von allen Menſchen, fern von Hülfe, wenn die Noth kommt, auf ſchwankendem, zerbrechlichem Fahrzeug, auf ſchaukelnden Wogen, zwiſchen Him⸗ mel und Waſſer allein, angewieſen auf Wind und Waſſer, als Lenker des Fahrzeugs, angewieſen auf Geduld, als Bezwinger der Zeit des Harren! Aber das Meer iſt ſo ſchön! Göttlich, wenn es 3 ruht, wenn über ſeinen ſchlummernden Wellen fern von dort am Horizont, wo die blauen Fluthen den Himmel berühren, ſich, eins werdend mit ihm, in ihm ſich verlieren, der Himmel ſich in ſtiller Mor⸗ genfeier röthet, und die glatten Waſſer, gleich ei⸗ nes ſchlummernden Kindes Wangen, anhaucht mit roſigem Schimmer. Der Wind rauſcht heran, als Verkünder der Sonne, kräuſelnde Wogen heben ſich aus der glatten Fläche, und es klingt und rauſcht in Luft und Waſſer in Jubelhymnen der Sonne entgegen. Nun öffnen ſich die Himmel, goldne Pforten fliegen auseinander, in ſtolzer, glühender Pracht ſteigt ſie empor, die ſtrahlende Königin, der Himmel glüht, das Meer ſtrahlt im * ——— 4 —— 3 — 203— Silberglanz, die Feier iſt vollendet! Die Sonne iſt da! Wie iſt das Meer ſo ſchön! Göttlich, wenn es ruht, göttlich auch, wenn es zürnt, himmliſch, denn in ſteter Harmonie iſt es Eins mit dem Himmel, lächelt mit dieſem, zürnt mit dieſem. Wenn's lächelt, ein hernieder geſtiegener Engel, die Größe des Herrn zu verkünden, wenn's tobt, ein gefallener Engel, in ſeiner gigantiſchen Wuth auch noch verkündend die Gewalt und Größe des Herrn! Schwarz iſt dann der Himmel, ſchwarz das Meer, dort thürmen ſich am Horizont rieſenhafte Wogen, ſie brüllen und ſchreien in to⸗ bender Wuth, ſie heben ihren Rücken gleich der wuthſchnaubenden Hyäne, und in ihrem Grimm 1 ſchäumend mit ſilberweißem Schaum, der auf ih⸗ ren Spitzen glüht, wie der Hyäne Augen, wenn ſie nach Beute ſucht; ſie brüllen wie dieſe und lechzen aufwallend nach ihrem Opfer! Da iſt's, dort jenes Schiff, wie's hinabſtürzt in die Waſſer⸗ berge, wie's emporgeſchleudert wird vom Abgrund zur Höhe, von der Höhe hinabgeſchnellt in die Tiefe. Es erzittert, es kracht, die Maſten brechen wie ſchwankendes Rohr, die Seile zerreißen wie Fäden, die Wogen lecken mit giftigem Schlangen⸗ ſtachel über das Verdeck; das Opfer erliegt, es zerbricht, in wilder Wuth zerwirbelt es der ent⸗ feſſelte Rieſe, zerbricht es wie ein Spielzeug, und „von dem koloſſalen Schiff iſt nichts geblieben als — 204— einzelne Splitter, welche die Wogen in muthwil⸗ ligem Spiel einander zuwerfen!— „Was ſind alle dieſe Menſchen?“ fragte Effie den Kapitän,„und was wollen ſie?“ „Es ſind Auswanderer,“ antwortete er,„und ſie wollen in einer neuen Welt ſuchen, was ihnen die alte verſagt hat: die Freiheit, ihre Religion zu üben nach ihrer Ueberzeugung. Es ſind Lutheraner.“ „Arme Menſchen,“ ſagte Effie mitleidsvoll, „ſo vertreibt ſie die Religion, die doch des Menſchen Segen ſein ſoll, von Heimath und Vaterland.“ „Du haſt recht,“ antwortete Simpſon,„die Religion ſollte ein Segen ſein, der Menſchen Wahn aber macht ſie oft zum Fluch. Ach, welche Greuel ſind geſchehen um Gottes willen. Mit Feuer und Schwert haben die Krieger Gottes Länder verwüſtet, und ihre Brüder grauſam ver⸗ brannt und verſtümmelt zur Ehre Gottes!'s iſt ſchaudervoll! Sieh, dieſe armen, hungrigen, ver⸗ führten Menſchenkinder an,“ fuhr er fort,„das Herz im Leibe erbarmt ſich Einem, wenn man's anſieht, und oft meine ich, den heuchleriſchen Pfaffen, der ſie zu all dieſem Unweſen verleitet hat, über Bord werfen zu müſſen, damit ſeine Schafe ſich überzeugen, daß an ihrem Hirten kein Wunder geſchieht, und keine Hand Gottes herniederlangt, ihn zu erretten, wie ſie's doch —õ— — 205— gewiß Alle überzeugt ſind. Schau, da kommt der Pfaffe.“ Effie wandte den Blick nach jener Seite hin, wohin Simpſon deutete, und gewahrte einen lan⸗ gen, magern Mann mit geſcheiteltem Haar und eingefallenen Wangen, deſſen ſchmale zuſammen⸗ gebiſſene Lippen für ſie etwas Furchtbares hatten, und als er jetzt aus ſeinen kleinen grauen Augen den ſtechenden Blick prüfend über ſeine„Kinder“ hinweg gleiten ließ, ſchmiegte ſie ſich ſcheu an Simpſon's Seite, um nicht von dieſem giftigen Blick getroffen zu werden. Mit geräuſchloſen Schritten ging der finſtere Prieſter durch die Reihen der Andächtigen, die mit gefaltenen Hän⸗ den und niedergeſchlagenen Augen ihren„ehrwür⸗ digen Pfarrer“ begrüßten, der ſich jetzt an den Hauptmaſt lehnte, und die heuchleriſchen Augen gen Himmel erhoben, die Hände gefaltet, ſeine Stimme erhob und laut betete. Seine Gemeinde ſank nieder auf die Knie und murmelte leiſe ſeine Worte nach, und die Wogen rauſchten dazu wie heiliger Orgelſtrom. Dann redete der Pfarrer zu ſeiner Gemeinde, lobte ihre Standhaftigkeit und Beharrlichkeit im Feſthalten an dem einzig rechten und wahren Glauben, welches der lutheriſche ſei, und verkündete ihnen die Gnade und den Segen des Herrn. Ja, fuhr er fort, der Herr iſt Euch gnädig, indem er Euch in mir die Leuchte zeigte, die Euren dunkeln Pfad erhellen und Euch auf — 206— ſichern Wegen führen wird zum Heile hin. Der Herr iſt mit mir, und alltäglich neu verſpüre ich in meinem Geiſte die Gemeinſchaft mit ihm. Vernehmt, welche Sprache der Herr zu mir ſpricht! Allnächtlich erſcheint er mir in erhabener Majeſtät und ſpricht zu mir:„weide Deine Schafe, dunu biſt ein guter Hirte, und Dir vertraue ich meine Heerde. Und als er in letzter Nacht glänzender wie je mir erſchien, ſprach er: ein Wunder will ich an Dir offenbaren, und meine Allmacht durch Dich den Menſchen verkünden. Wenn Ihr mor⸗ gen auf die hohe See gelangt ſeid, und dies wird um die Mittagsſtunde ſein(merkt Euch, wie ge⸗ nau ſchon dies eingetroffen iſt), wenn Ihr, ſo ſprach der Herr, morgen auf hoher See ſeid, ſo zeige Dich Deiner Gemeinde, und wenn Du ſie geſegnet haſt, ſchreite ſonder Zagen vom Verdeck herab, hernieder in das Meer, und wandle auf den Wogen, und ich will mit meiner Hand Dich führen, die Wogen werden zurückweichen, und Dein Fuß ſoll nicht benetzt werden. Alles dies aber ſoll geſchehen, damit verkündet werde und klar meine Macht und bekannt werde Deinen Schafen, daß Du der Hirte biſt, den ich ſelber mir erwählte! Als der Herr ſo geſprochen, ver⸗ ſchwand er. Ich erwachte und betete zu Gott, und gelobte zu erfüllen, was er geboten. Nun bin ich hier, zu thun, was Gott will, das gethan ſei. Empfangt denn meinen Segen, und alsdann ſoll — 207— Ihr ſehen das Wunder, das der Herr an ſeinem getreuen Knechte offenbart. Kniet nieder und em⸗ pfangt meinen Segen!“ Wieder ſtürzten Alle nieder auf die Knie, mit ſtrahlenden Augen hinblickend auf den Liebling Gottes, ihren Herrn und Meiſter. Mit ſalbungs⸗ vollen Worten ſegnete er ſie und dann rief er laut:„Brüder, Schweſtern, jetzt blicket auf und ſchauet die Verklärung Eures Hirten. Singt ein Lied zur Ehre des Herrn, während ich hinab⸗ ſteige, mit unbenetztem Fuß auf den Waſſern zu wandeln.“ In einſtimmigem, andächtigem Chor ſang die Gemeinde, und der Prieſter, umwallt vom ſchwar⸗ zen Talar, trat bis an den Rand des Verdecks. Schon hob er einen Fuß, drüber hinweg zu ſchreiten, lauter und andächtiger ſangen die Lu⸗ theraner; jetzt wandte er ſich um, und mit lauter, begeiſterter Stimme rief er:„Brüder, Schwe⸗ ſtern! bei dem allmächtigen Gott beſchwöre ich Euch, die Wahrheit zu ſagen. Glaubt Ihr, daß der Herr dieſes Wunder am mir offenbaren wird? Glaubt Ihr?“ 3 Aus innig überzeugter andächtiger Seele riefen ſie Alle ein feierliches:„Ja!“ Der Prieſter trat zurück vom Rande des Ver⸗ decks und ſagte:„nun, wenn Ihr alſo in Eurer Seele davon überzeugt ſeid, ſo iſt nicht mehr nö⸗ thig, daß ich herabſteige, Euch zu überzeugen. Denn alsdann iſt ſchon das Wunder, das der Herr an mir verklären wollte, wirklich geſchehen, alsdann habt Ihr klar erkannt, daß nicht ein ge⸗ wöhnlicher Menſch, ſondern Gott in mir lebt. Welcher Menſch würde es wagen, ohne Furcht hinabzuſchreiten in die Wogen, welcher Menſch würde mit unbenetztem Fuße auf den Wogen ein⸗ herſchreiten? Ich aber vermag es; in ſchauendem Geiſte habt Ihr geſehen, wie ſich dies Wunder an mir offenbarte, wie der Herr mich bezeichnete als ſeinen auserwählten Hirten! Ein göttliches Wunder iſt alſo an mir geſchehen; laſſet uns an⸗ beten den Herrn, der ſo ſichtbarlich ſich uns geof⸗ fenbaret hat.“— Die Lutheraner riefen begeiſtert und mit Thränen im Blicke:„ein Wunder, ein Wun⸗ der iſt an uns geſchehen! Laßt uns anbeten den Herrn!“ Als der Prieſter jetzt, ſtolzer noch denn zuvor, durch ihre Reihen ſchritt, um ſich hinabzubegeben in ſeine Kajüte, ſanken ſie begeiſtert vor ihm nie⸗ der und küßten den Saum ſeines Gewandes in ſcheuer, heiliger Ehrfurcht. „Sah'ſt Du je ein herrliches Wunder?“ fragte Simpſon lachend Effie, die erſtaunt neben ihm ſtand, und da ihr das Deutſche nicht ganz geläu⸗ fig, nur die Hälfte von dem verſtanden hatte, was der Prieſter geſprochen, und den Kapitän 4 fragte, was eigentlich hier geſchehen?— Als er es ihr in ſeiner humoriſtiſchen Weiſe erklärt, konnte auch ſie eines fröhlichen Lachens ſich nicht erwehren und fragte erſtaunt:„glauben denn die Menſchen wirklich an dieſen Betrüger?“ „Sieh ſie nur an, wie ſie ſich begeiſtert ein⸗ ander umarmen, wie ſie thränenden Auges ſich die Hände reichen, und mit ihren Augen fromme Knoten ſchlagen, und Du wirſt nicht mehr fra⸗ gen,“ ſagte Simpſon.„Der Pfarrer hat ſie ganz in ſeiner Gewalt, und wenn er dies nicht wüßte, würde er dies. erſtaunliche Wunder gar nicht ver⸗ richtet haben.“ „Wohin gehen ſie denn eigentlich jetzt?“ fragte Effie, als die Lutheraner Alle das Verdeck ver⸗ ließen.„Ich habe ſchon oft darüber nachgedacht, wo alle dieſe Leute eigentlich immer ſind, da ich doch nur eine einzige Kajüte neben der unſern auf dem Oberdeck geſehen habe, und dieſe ſteht leer.“ Kapitän Siuyſon ſagte ernſt und faſt feier⸗ lich:„meine Tochter, dieſe armen Leute ſind alle Zwiſchendeckspaſſagiere.“ „Zwiſchendeckspaſſagiere?“ fragte Effie,„was iſt das?“ „Ich will Dich hinabführen, damit Du es kennen lernſt,“ ſagte der Kapitän. Als er dann ſorgſam hinausgeſpäht auf den Horizont, der klar und hell war und eine ruhige Nacht verſprach, und dem Steuermann und erſten Kientenant ſeine Die Flüchtlinge in London. II. 14 3* — 210— Befehle ertheilt, ſagte Simpſon zu Effie, die un⸗ ter der Mannſchaft als des Kapitäns Neffe und Liebling galt:„Laß uns hinabgehen, Kind, damit Du ſiehſt, wo dieſe Armen wohnen.“ Auf ſchmaler ſteiler Treppe gelangten ſie hin⸗ unter in das Zwiſchendeck, und traten durch die Breterthüre in den großen, als allgemeiner Auf⸗ enthaltsort benutzten Raum. Eine verpeſtete dicke Luft ſchlug Effie entgegen und machte ſie ſchau⸗ dern vor Ekel und Abſcheu. Der Raum war finſter, und erſt als ihre Augen ſich an dieſe Dunkelheit gewöhnt, vermochte ſie die Gegenſtände um ſich her zu erkennen und das Bild des Jam⸗ mers und Elends, das ſich ihren Blicken darbot, zu überſchauen. In der Mitte dieſes großen nie⸗ drigen Saals, der die ganze Länge des großen Schiffes einnahm, war ein ſchmaler Durchgang, und ſheiden Seiten deſſelben befanden ſich an der Wand angenagelte hölzerne Pritſchen in fort⸗ laufender Reihe, und in zwei gen überein⸗ ander. Dieſe breternen harten Pritſchen, alle fünf Fuß Länge durch ein angenageltes Bret getrennt, waren die Schlafſtellen der Auswanderer, waren ihre Wohnung, ihr Lager, der ganze Raum, auf den ſie angewieſen. Und dieſes ſchmale, enge und harte Beſitzthum nicht einmal ungetheilt zu. beſitzen! Zu beiden Seiten neben ſich zwei andere Weſen zu haben, denn jedes ſo abgetheilte Bett iſt die Schlafſtätte dreier Menſchen, zwei Weſen, —— — — ——— — 2 1 — — 211— vielleicht ganz fremde, nie geſehene! Sich im Schlaf nicht wenden zu können, ohne des Andern Körper zu berühren, keinen Seufzer ausſtoßen, ohne von fremden Ohren ihn belauſcht zu wiſſen, ſelbſt nicht unter der Stille und dem Frieden der Nacht einen Moment zu haben, wo die zerquälte Seele in Worten ſich Luft macht, ohne gehört zu wer⸗ den! Angewieſen, mit den beiden Gefährten Alles zu theilen, das Elend, den Schmuz, die Krank⸗ heiten, durch beides erzeugt. Und dicht über ſeinem Haupt, ſo niedrig, daß beim Aufrechtſitzen der Kopf ſie berührt, wieder eine ſolche Schichte höl⸗ zerner Koyen! Zwei Bettgenoſſen neben ſich, drei über ſich, bei jeder Bewegung dieſer dort oben den Schmuz und Staub durch die locker gefügten Breter herabrieſeln zu fühlen auf das Geſicht! Nicht athmen zu können, ohne die von oben her⸗ abdringenden Ausdünſtungen einzuſchlucken! Wie entwürdigend, entartend iſt eine ſolche Gemein⸗ ſchaft! Entwürdigend, denn aus der Seele des Weibes nimmt ſie auch das letzte, was ihr noch geblieben, nimmt, was dann unwiederbringlich verloren iſt, die weibliche Scham. Hier auf die⸗ ſer Seite ſchlafen die Weiber, dort auf jener, nur durch den ſchmalen Gang getrennt, die Männer, und ſo b Entſchlummern und Erwachen, beim Zubettegehen und Aufſtehen ganz nahe bei ſich Hunderte von Männern, auch von dieſen jede Bewegung belauſcht, jeden Seufzer vernommen zu 144 212— wiſſen! Entſetzlich! Jenes Mädchen, es folgte ſeinen Eltern in frommem Glaubensmuthe, es unterwirft ſich ihrem Willen und wandert mit ihnen fort von Heimath und Freunden freudigen Muthes! Ihre Seele iſt jungfräulich, ihre Ge⸗ danken ſind rein, ihr Herz iſt ſittſam. Nun die⸗ ſes erſte Zubettegehen! Dieſe dreiſten, neugierigen Blicke der fremden Männer, kein Ort, wo ſie ſich ihnen verbergen kann, keiner! Sich entkleiden müſſen vor allen dieſen offenen Augen, ſchlum⸗ mern neben Unbekannten, umringt von Männern! Welch eine Verzweiflung, welch eine Pein in des Mädchens Seele! Wie zittert ſie den ganzen Tag vor der Nacht, und erröthet beim Gedanken daran! Anfangs! Aber die Zeit, die Zeit! Gewohnheit ertödtet das Schamgefühl, die Schüchternheit weicht der Nothwendigkeit, das niedergeſchlagene Auge blickt umher, die Wangen erröthen nicht mehr! Und nicht genug, daß alle dieſe Armen Nachts, Thieren gleich, eingepfercht ſind in dieſem engen Raum, auch Tags iſt dies ihr Aufenthalt; nur eine Stunde, und auch dies nur, wenn der Him⸗ mel hell und die See ruhig, dürfen ſie hinauf⸗ gehen und friſche Luft athmen, und Licht und Himmel ſehen. Die ganze übrige Sais uaten im Zwiſchendeck. Unten, wohin keine Sonne, kein Licht dringt, wo nur durch die an jedem Ende des langen Raums am Boden angebrachten vier⸗ eckigen Luken zuweilen von hen ha ein ſchwacher E — 213— Luftzug dringt, der nie bis in die Mitte kommt. In dieſem Raum zu wohnen, zu leben neben je⸗ nen von der verpeſteten Luft Erkrankten, neben dieſen von ekler Krankheit Befallenen, umringt von Elend, Schmuz und Ungeziefer ſein Mahl einzunehmen! Welch ein Mahl! Der zuſammen⸗ geſcharrte Abhub deſſen, was die Paſſagiere des Oberverdecks, was die Matroſen übrig laſſen, das iſt die Koſt der Zwiſchendeckspaſſagiere, und das Salzwaſſer des Meeres der Trank für ihre lech⸗ zenden Gaumen!— „Welch ein Bild des Jammers und Elends,“ ſagte Effie, als ſie mit dem Kapitän dieſen ſchauerlichen Ort verlaſſen, und auf das Verdeck trat, friſche Luft zu ſchöpfen.„Wie unglücklich müſſen jene Armen ſein, wenn ſie ſolch ein mo⸗ natlanges Elend nicht ſcheuen, und die Qual ſol⸗ cher Reiſe noch dem Ausharren in der Heimath vorziehen können!“. „Glaube mir, ſie ſind mehr bethört, als un⸗ glücklich,“ ſagte Simpſon ernſt,„und jene heuch⸗ leriſchen, lügenhaften Pfaffen tragen an Allem die Schuld. Was kümmert das Volk ſich um das „Iſt“ oder„Bedeutet,“ das arme Volk, dem oft eine harte Brodkruſte ein ganzes Mittagsmahl be⸗ deutet, und das doch dabei zufrieden iſt. Dieſe Pfaffen aber verführen ſie, und mit ihrer gleißne⸗ riſchen Rede und ihren goldenen Verſprechungen ver⸗ leiten ſie die armen, dummen, bethörten Menſchen⸗ — 214— kinder. Es iſt nun das zweite Mal, daß ich ſo etwas erlebe. Vor einigen Jahren hatte die „Hoffnung“ eine ähnliche Ladung. Da waren's fünfhundert Lutheraner, angeführt von dem Pfarrer Stephan, ja wirklich angeführt von ihm, denn er führte ſie bei der Naſe herum. Hatte ihnen goldene Berge verſprochen und unermeßliche Schätze, die ihnen in Amerika von ſelbſt in den Schooß fallen ſollten. Das Volk hielt ihn für in Heiligen, und folgte ihm, wohin er wollte. Er war ihr Vater, ihr Führer und Kaſſenver⸗ walter. Eine Zeit lang hatten ſie in Amerika eine Colonie begründet, einen kleinen Staat, in dem Stephan unumſchränkter Fürſt und Herr war. Dann war das Geld aufgezehrt und von den Schätzen noch nichts eingetroffen. Das arme Volk fing an zu erkennen, daß ihr ehrwürdiger Pfarrer ein Betrüger ſei, und ward muthlos, und als endlich zwei arme unglückliche Mädchen, die der fromme Pfarrer Stephan beſonders liebte, den Muth hatten, ihn vor der ganzen Gemeinde an⸗ zuklagen, und ſeine Schandthaten zu offenbaren, da fielen ſie von ihm ab, und Viele kehrten noch ärmer, wie ſie gegangen, wieder zurück in ihre Heimath, Viele ſtarben vor Elend und Noth, und Viele unterlagen der Reiſe.“ „Aber,“ fragte Effie,„welchen Zweck können die Pfaffen haben, ſo viele Menſchen zu be⸗ trügen?“—* — 215— „Pfaffenübermuth!“ ſagte Simpſon.„Mein Kind, nichts Greulicheres, als der Stolz und Hochmuth dieſer Diener des Herrn! Sie wollen unumſchränkte Herren ſein, regieren und befehlen, wollen berühmt, gefeiert ſein! Nun ſiehſt Du, vom Herrn Pfarrer Stephan ſprach vorher Nie⸗ mand, jetzt iſt er ein berühmter Mann!“ XV. Das Wiederſehen. Eintönig und öde ſchlichen die langen Tage, Wochen und Monde dieſer langſamen Reiſe für 4 Effie dahin. Der Anblick des Meeres, ſo ſchon er anfangs iſt, verliert durch das wechſelloſe, ewig 4 gleich Bleibende von ſeiner Erhabenheit und Schönheit, und das Meer wird zuletzt zu einer großen unermeßlichen Waſſerwüſte, voll ertödten⸗. der Monotonie. 5 „Wenn das Glück uns„günſtig,“ hatte Ka⸗ 1 pitän Simpſon zu Effie geſagt,„können wir viel⸗ leicht den Piloten, der nur vierundzwanzig Stun⸗ den vor uns in See gegangen, einholen, denn die „Hoffnung“ ſegelt ſchneller, als dieſe Brigg.“ 0 Auf dem Piloten war ihr Geliebter Edward! 4 Mit welchem Verlangen, welchen Gebeten ſchaute Efſie zu ganzen Stunden, an den Maſtbaum ge⸗ lehnt, hinaus auf die See, und ſpähte in die Ferne hinein nach jenem Schiffe! Wie klopfte ihr 4 — 217— Herz, wenn weit, weit am Horizont ein Segel ſich zeigte, die Spitze eines Maſtes ſichtbar ward! O, ein Sturm wäre ihr willkommen geweſen, wenn er auch Gefahr brächte und Tod, trieb er doch vörwärts, vorwärts jenem Schiffe nach. Welche Freude, wenn ſie bemerkte, wie raſch die „Hoffnung“ ſegelte, wenn die Formen jenes an⸗ dern Schiffes deutlicher und beſtimmter hervor⸗ traten. Jetzt konnte ſie ſchon durch das Fernrohr die Maſten unterſcheiden, die Matroſen auf dem Verdeck umhergehen ſehen! „Kapitän, lieber guter Kapitän, kommen ſie ſchnell! Mitleid, Mitleid mit meiner Ungeduld! Iſt jenes Schiff dort wohl der Pilot?“ „Armes Kind! Immer nicht, immer nicht der Pilot!“ Effie ſenkt ihr Haupt auf ihre Bruſt, und eine Thräne rollt über ihre Wange herab.„Ar⸗ mes Kind! Aber die Zeit vergeht, wenn auch langſam, wenn auch mit Schneckengang. Dieſel⸗ ben Tage, die dem Einen eine Ewigkeit ſcheinen, dünken dem Andern kaum ein Moment. Ein Tag des Glücks iſt ſo kurz, ſo ſchnell enteilende eine Stunde des Unglücks ſo unermeßlich lang, ewig dauernd. Ach, Genuß und Freude macht Jahre zu Tagen, und Monde entſchwinden, Schaten gleich, 3 aber das Sehnen, das Harren und( dehnt Jahre zu Unermeßlichkeiten, und Manden ſcheinen die Dauer eines ganzen Lebens zu erlan⸗ — 218— gen. Solche Zeit des Harrens und Erwartens macht ſo alt, ſo erfahrungsreich. Dies Zittern der Ungeduld, dies ſtets ſich erneuernde Herz⸗ klopfen der Erwartung, dann dieſe Erſchöpfung vergeblichen Hoffens, dies Erlahmen der Erwar⸗ tung, die Abſpannung, die der Spannung folgt, die immer ſich gleich bleibenden Gedanken, die alles andere aus der Seele vertreiben und in ihrer ermüdenden Eintönigkeit doch unerſchöpflich ſind. Dies war während dreier Monate Effie's Leben, war die Nahrung ihrer Seele, die Speiſe ihres Herzens, eine ſaft⸗ und markloſe Speiſe, bei der all ihre Seelenkräfte zu verdorren drohten!. Da, an einem ſchönen ſtrahlenden Morgen, da rief der Matroſe vom Maſtkorb herab:„Land, Land!“ Simpſon ſtürzte in Effie's Kajüte, wo ſie noch im Morgenſchlummer ruhte, und rief:„Land, Land!“ und Effie flog empor, und halb bekleidet, Alles vergeſſend, ſtürzte ſie aufs Verdeck, und ſtarrte, ſtarrte hin in die Weite, dort, dorthin, wo fern am Horizonte jenes ſchwarze Streiſchen ſichtbar wird. Das, das iſt das Land! Ihr Athem ſtockt, ihre Augen öffnen ſich größer, ſie ſchmerzen von der Anſtrengung des ſcharfen unverwandten Hinblickens, und doch kann ſie die Augen nicht abwenden, kann nicht wegblicken von jenem Nebel⸗ ſtreifen, von dem Lande. „Freue Dich,“ ruft Simpſon,„nun nur noch — — — 219— vierundzwanzig Stunden, und wir werfen Anker vor Philadelphia!“ „Vierundzwanzig Stunden! Welche unermeß⸗ liche Zeit! Vierundzwanzig Stunden! Die ſind nicht zu zählen nach Secunden und Minuten, nicht nach Stunden und Tagen, es ſind Monate, Jahre! Ach, was beginnen mit dieſen troſtlos langen unermeßlichen vierundzwanzig Stunden? Was denken in dieſer langen, langen Zeit! Alle Geduld iſt erſchöpft, alle Reſignation beendet. Ach für vierundzwanzig Tage, auch Monate hat man wohl Geduld, aber wo ſie auftreiben für vierundzwanzig Stunden? Wo Ruhe finden in dieſer Ewigkeit des Harrens, während man das Ziel ſchon vor Augen hat!? Was beginnen? Schlafen? Ach, wer kann ſchlafen in dieſer höch⸗ ſten, bis auf die Spitze getriebenen Ungeduld?! Leſen? Die Buchſtaben hüpfen und tanzen nur umher, bis ſie ſich zuſammenſetzen zu der furcht⸗ baren Zahl: Vierundzwanzig! Eſſen, wo der Duft der Speiſen ſchon Widerwillen erregt? Nur ſehen, ſehen nach dem Ziele hin! Ach, aber dieſe vierundzwanzig Stunden ſchließen auch eine Nacht ein! Es wird dunkel! Wie das Auge ſich auch anſtrengt, es kann nichts mehr unterſcheiden, nichts! Furchtbar! Das Ziel nicht mehr ſehen, nicht mehh ſchauen, wie es näher rückt, immer näher! Ent⸗ ſetzliche, bleierne, unerbittliche Nacht! Und dann zuletzt ſchläft ſie ein vor Müdigkeit, die arme, — 220— von ihrer eigenen Sehnſucht matt gehetzte Effie, und ſchläft nach ſo viel Unruhe tief und ſchwer vor phyſiſcher Ermattung und Abſpannung. Die Sonne iſt ſchon herauf, die Küſte iſt da, ganz, ganz nahe. Schon unterſcheidet man die Men⸗ ſchen, die am Ufer hin und wieder gehen, immer näher, näher heran. Da, da iſt der Hafen! Das Schiff läuft ein! Es wirft den Anker aus! Effie ſchläft, ſchläft!“ Simpſon ſtürzt, rüſtig wie ein Jüngling, die Treppe herab, in Effie's Kajüte. Er, er muß ſei⸗ nem Mädchen zuerſt die Freudenbotſchaft bringen. Welch eine Botſchaft! „Effie, meine Effie, erwache, wir ſind im Ha⸗ fen! Wir ſind am Ziel und der Pilot liegt vor Anker!“ Sie ſchreit laut, ſie fliegt empor, zitternd und bebend, hat kaum Kraft die Treppe hinaufzu⸗ kommen aufs Verdeck! „Da liegt der Pilot! Siehſt Du das Bild, das er am Bugſpriet trägt, ſiehſt Du das Schiff mit den aufgehißten Segeln. Sieh, da ſteht's mit goldenen Lettern auf dem blauen Rumpf ge⸗ ſchrieben: der Pilot!“ „Ja, ja, das iſt er! Auf jenem Schiffe iſt—“ Aber ihr Herz ſteht ſtill, ſie hat nicht Kraſt, den Namen auch nur in Gedanken auszuſprechen, auch nur in Gedanken zu nennen ihren Geliebten, ihren Edward Macdeam. Sie zittert, ihr Auge 84 ———— —— ———ÿ—ꝛ————— — 221— füllt ſich mit Thränen, und allerlei trübe Ahnun⸗ gen bewältigen ihre Seele! Wenn es nun ein Irrthum, wenn nun Edward nicht auf jenem Schiffe war! Ach, es iſt ſo ſchwer, an das Glück zu glauben, wenn uns das Mißgeſchick ſo lange verfolgte! Simpſon weckt ſie aus ihrem Hinſtarren nach jenem Schiffe. Das Boot iſt bereit, ſie wollen ans Land. Effie eilt in die Kajüte. Ihr weni⸗ ges Gepäck iſt bald geordnet. Ihren Brillant⸗ ſchmuck, ihr Gold trägt ſie bei ſich; nun wieder hinauf aufs Verdeck, und nun die Schiffsleiter hinab in das harrende Boot, wo Simwpſon ſchon Platz genommen. „Sieh, Effie, mein geliebtes Kind,“ ſagt er, und des alten ehrlichen Mannes Antlitz ſtrahlt vor Freude und Liebe,„ſieh, dort am Strande, die drei Frauengeſtalten, das ſind mein Weib und meine Töchter! Sieh, die Wettermädels, ſie haben mich, ihren alten Vater, ſchon erkannt. Sie win⸗ ken mit den Tüchern! Komm, komm, wir wollen ihren Gruß erwidern. Huſſah, huſſah! Aber denk, Effie, ob ich Dich lieb habe, denn ſiehſt Du, ich ſteuere nicht ans Land. Zuerſt, und ehe ich Weib und Kind umarme, geht's auf den Piloten! Mein altes Herz iſt ſchon an Geduld gewöhnt. Dein junges hat's noch nicht gelernt.“ Effie umfängt ihn mit einem Freudenſchrei. „Mein Vater, mein guter Vater!“ 8 — 222 Sie ſind am Pilazgn.. 3e Kapitän Tripple nicht da?!“ Auf Simpſon's? Rufetommt de der Kapitän. Sie ſchütteln einander die Hände, wünſchen ſich Glück zur beendeten Fihrt, und Kapitän Tripple möchte allerlei fragen von Europa und dergleichen. Der gute Simpſon merkt aber Effie's Ungeduld und unterbricht den Andern,„Iſt nicht unter Deinen Paſſagieren ein Herr Macdeam?“ „Richtig, ein Irländer, Edward Macdeam. Iſt ans Land gegangen. Wohnt zu den drei Kronen!“ „Dank ſchön! Und nun, Ihr Jungens, meine wackern Matroſen, ans Land. Schaut, dort landet, wo die drei Frauen ſtehen!“ Dort landen ſie, und Weib und Töchter um⸗ fangen jubelnd den Mann, den Vater. Wie er ſie herzt und küßt, an ſeine Bruſt drückt und wie⸗ der losläßt, um ſie anzuſchauen und wieder zu umarmen! Wie er ihre Namen nennt, alle drei umfängt, und ſich der Thränen nicht ſchämt, die in ſeinen grauen Bart hinabrollen. Dann denkt er an Effie, die voll des innig⸗ ſten Mitgefühls daneben ſteht. Er ſchüttelt ſei⸗ nem Weibe noch einmal die Hand.„Geh nach Hauſe, Mary, mit den Töchtern. Ich folge glei nach. Will nur erſt dieſen jungen Matroſen. recht weiſen. Geht, und ſorgt für ein gutes Mittageſſen, ich bringe zwei Gäſte mit. Auch — — — 223— eine Stube haltet bereit für meinen Gaſt, dieſen hübſchen Matroſen.“ Lachend nimmt er Effie's, des jungen Matro⸗ ſen, Arm und eilt mit ihr in die Stadt durch Gaſſen und Straßen, bis ſie vor dem Gaſthaus zu den drei Kronen ſtehen. Den Portier fragt Simpſon nach Herrn Ed⸗ ward Macdeam. „Iſt auf ſeinem Zimmer Nro. 7.“ „Und allein?“ „Allein.“ Simpſon führte ſie die Treppe hinauf bis zur Thür Nro. 7. Dann küßte er ſie auf die Stirn und flüſterte:„weiter brauchſt Du jetzt Deinen alten Vater nicht. Was Dich da drinnen erwar⸗ tet, duldet keinen Dritten. Aber in einer oder zwei Stunden bin ich wieder hier, und hol' Euch Beide in mein Haus, und Du wohnſt bei mir, bis Du des Mannes Frau biſt. Ade!“ Effie iſt allein. Sie ſteht vor der Thür, die in das Zimmer ihres Geliebten führt. Da drin⸗ nen iſt er! Dieſe Thür nur ſcheidet ſie von ihm, nur die Hand an dieſes Schloß gelegt, die Pforte ſpringt auf, und ihn, ihn werden ihre Augen ſehen. Sie vermag es nicht! Sie iſt ganz muthlos! Sie zittert, alles ſchwindelt, dreht ſich vor ihren Auger ſie lehnt ſich an die Wand, um nicht umzuſinken! Das Glück iſt da, und ſie zagt, es zu ergreifen, * 224— zagt, die Hand auszuſtrecken! Dieſer Moment iiſt erhaben, unermeßlich! Sie hört drinnen Geräuſch, Schritte! O, das iſt ſein Tritt, ſie erkennt ihn wohl, das iſt ſein Tritt. Jetzt, horch, welch ein Ton! Hörnerklang, hinſchmelzender, ſehnſuchtsvoller Klang. Ja, das iſt das Lied, das ſie ihm ſtets geſungen! Es iſt die Weiſe ihrer Heimath! Sie ſang es ihm als Kind, als Jungfrau, ſang es an jenem Abend, wo ſie zuerſt an ſeinem Herzen ruhte, an jenem Tage, wo ſie ihn zum letzten Male ſah! Sie lauſcht und lauſcht dieſen Erinnerungs⸗ und Hei⸗ mathsklängen, Freude, unnennbare göttliche Freude ſtrahlt aus ihren Blicken, und nun hat ſie die Kraft, die Thüre zu öffnen und einzutreten! Da ſteht er am Fenſter, abgewandt von der Thür, hört nicht vor ſeinen Waldhornklängen, wie dieſe ſich öffnet und ſchließt, ſieht nicht, wie Effie matt, kraftlos ſich an die Wand lehnt, zu ihm hinſchaut, ach, mit welchem Blick! Ein ganzes Leben liegt in ſolchem Blick! Nun öffnet ſie die Lippen und ruft: Edward! Der Ton war ſo leiſe, die Stimme ſo zitternd! Edward vernimmt ihn doch, dieſen Ruf, der ſein derz erbeben macht, er weiß nicht, warum! Er dendet ſich und ſieht den Fremden an. Das⸗ iſt ſein Blick, ſein Angeſicht! Er iſt es, ihr Edward! — 225— „Edward, mein Edward!“ ruft ſie, und ſtreckt die Arme aus nach ihm, und vermag nicht, ihm entgegenzugehen, ihre Füße zittern ſo ſehr! 1 Er faßt mit der Hand an ſeine Stirn, als wolle er ſich beſinnen, und ſagt leiſe:„wie iſt mir denn? Dieſer Ton? Dieſe Stimme?“ „Edward! erkennſt Du Deine Effie nicht?“ Ein einziger Schrei, ein einziger Laut dringt von ſeinen Lippen, er ſtürzt hin zu dem Fremden, zieht ihn ſprachlos näher ans Licht, wirft den Matroſenhut von ſeinem Haar. Die langen Flech⸗ ten wallen hernieder!„Effie! Gott im Himmel! Meine Effie!“ Mit welchem Blick ſchaut ſie ihn an, ach, mit welchem entzückten Lächeln! Und er:„iſt's wahr, iſt's möglich?“ Er ſtürzt zu ihren Füßen hin, er umfängt ihre Knie, er blickt zu ihr auf, ſtrahlenden Auges, hochklopfenden Herzens.„Biſt Du es, biſt Du es wirklich? Es iſt kein Traum, kein Bild meiner Phantaſte? Du biſt's, biſt meine Effe? „Ich bin's! Edward, mein Geliebter! Deine Effie iſtis! Aus dem Kloſter bin ich entſprun gen, um Deinetwillen. Ich traf Dich nicht auf Deinem Gut, nicht in London, nicht in Ham⸗ burg. Aber hier, hier biſt Du, biee bin ich; Dir nachgefolgt, um Dich nie wieder u d laſſen.“ 4 Die Flüchtlinge in London. II. — 226— „O,“ ſagt er, wie außer ſich,„Du biſt kein Weib, ein Engel biſt Du, eine Heilige! All⸗ erbarmer, iſt es möglich, daß dies große ſchöne Herz mein iſt? Mein dies Leben, dieſe Seligkeit? Effie, Effie mein?“ Wie er ſie umfängt, wie er ſie an ſich drückt, wie ſie ſtumm ſind, einander anſchauen, ſich mit den Augen zuwinken, lächeln, die Hände geben, ſich loslaſſen, wieder anfaſſen!— Wie ſie plötz⸗ lich ein lautes helles Gelächter aufſchlagen und im Zimmer umhertanzen, wie tolle, tolle Kinder; wie ſie dann plötzlich ſo ernſt werden, wie ihre 4 Augen ſich mit Thränen füllen und ſie ſich um⸗ ſchließen, und einer an des andern Herzen wei⸗ nen, und dann, noch mit hellen Thränen in den Augen, ſich wieder aufrichten, ſich anſehen, und wieder in ein fröhliches kindliches Lachen aus⸗ brechen, wieder umher walzen, und gar nichts ſprechen, gar kein vernünftiges Wort! Und wie ſie ſo ſchäkern und lachen, und weinen und ſeufzen und jubeln ſtundenlang, bis Simpſon kommt, ſie abzuholen, und meint, ſie hätten ſich wohl Alles ausführlich erzählt, und wie 4 ſie nun einander verſtohlen und ſchelmiſch anſehen 8* und lachen und ſich gar nichts erzählt haben, und doch ſchon Alles wiſſen, weil ſie einander wieder haben! Selten, ſelten iſt es, daß das Leben ſolche Momente unendlichen Entzückens gewährt. *4 Wem ſie aber zu Theil geworden, der wird ſie mit nie erbleichenden Farben für immer als einen köſtlichen Schatz im Herzen bewahren! Ende des zweiten Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ifſniie ſnſiſſnſſſſſ ſ ſſſ 18 1 9 10 11 12 13 14 15 16 17