„ 7 ———— cybrfiocher deutſcher, engliſcher und franzöſtſcher Literatur 1 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Seih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ) 2. Lesepreis. Bei Rüntgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 6 für echentlich 2 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „ M —— auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Nr. 50 nr. 2 Mt.— Pf. 3 5. 5. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orrde odew defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. 8 Kreizehnter Theil. „ Die Flüchflinge in Pondon. . 4 — r ☛ Altona. S. Verlag von J. F. Sammerich. 1860. Fllüchtlinge in London. Roman L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Erſter Band. —-; Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. 1 * der den Racheblick eines Tigers erinnerten. Sein ſchwarzes Haar, das zu beiden Seiten des Geſichts I. Im Lodging Houſe. In einem jener Lodging Häuſer in London, an denen die Leadenhall Streat ſo reich iſt, ſaßen im ſogenannten Room oder Sprachzimmer drei Reiſende in behaglicher, gemüthlicher Ruhe. Man ſah es dieſen durcharbeiteten und ſpre⸗ chenden Geſichtern an, daß ſie nicht Neulinge und Schüler in der Welt ſeien, vielmehr drückte ſich in ihren Zügen jener dui und jener Verſtand aus, den nur das Leben und die Erfahrungen verleihen.. Der eine von ihnen ſaß abgeſondert von den beiden andern am Kamin; die Hände über den Knien gefaltet, ſtarrte er aus großen dunklen Augen vor ſich hin, oder ſchoß zuweilen ſchnelle Blicke im Zimmer umher, die mit ihrem dunklen tückiſchen Feuer an das Springen einer Hyäne Die HFlüchtlinge in London. I. 1 — herabfiel, hob die Bläſſe ſeiner Wangen nur noch mehr hervor, und verlieh, verbunden mit dem ſchwarzen ärmlichen Anzug, dem Ganzen etwas Unheimliches und Abſtoßendes. Anders und doch nicht minder unheimlich war Haltung und Ausdruck des zweiten Reiſenden, der, den Kopf in die aufgeſtützte Hand gelehnt, aus glanzloſen, tiefliegenden Augen auf das Buch nie⸗ derſtärrte das vor ihm aufgeſchlagen lag, und in dem er längſt ſchon nicht mehr geleſen, ſondern in das er, verloren in Gedanken, bewußtlos niederblickte. Gram und Sorgen ſprachen aus ſeinen Zügen, und die ſchweren Seufzer, die dann und wann ſeine Bruſt hoben, verriethen, daß auch ſeine ge⸗ genwärtigen Betrachtungen nicht frei von Kummer und Leid, dieſem Mehlthau der Luſt. Der Schnurrbart und die Offiziersuniform bekundeten den Krieger, und die breite dunkelrothe Narbe, die quer über die Sürieh ſolcher tapfer geweſen.. Dicht neben ihm ſaß der dritte dieſer ſchwei⸗ genden Genoſſen, eine kräftige Geſtalt, in den Zügen ſeines edlen, männlich ſchönen Angeſichts jenen Ernſt und jene Ruhe, die nicht den Kindern des Glückes eigen, ſondern, gleich der ruhmvollen Wunde des Siegers nach gewonnener Schlacht, nur Denen wird, die aus den Kämpfen des Lebens ſſiegend hervorgegangen. Seine Miene drückte ern⸗ zinlief, bezeugte, daß er als b b auf dies gleich mäßige Geräuſch, Als Andexe und ſtes Nachdenken aus, und nur, wenn er das große klare Auge auf ſeinen ſchweigend in das Buch ſtarrenden Gefährten, oder auf den unruhigen zuweilen leiſe Worte murmelnden Gaſt am Kamin heftete, umzog ein feines ironiſches Lächeln ſeinen Mund. Mit geräuſchloſen Schritten, ſorgſam bemüht, Niemand ihrer Gäſte zu ſtören, ging die runde flinke Wirthin hin und wieder, hier das Glas des Einen mit neuem Porter füllend, dort die ſchnur⸗ rende Katze abwehrend, die ſich dicht an die Füße des Kriegers zu umdgen aſe verſuchte. Bei der tiefen St ie umher mußte das Hallen von Schüſſen, das plötzlich ganz in der Nähe er⸗ tönte, um ſo gert nosli erklingen, und er⸗ 1 deſt 3 Der Soldat vielleicht, daß er npor, und erinnerte ſich n zu leſen, denn er nahm plötzlich das Buch Hand, und ſuchte durch eifriges Umſchlagen Ueberfliegen der Seiten das Verſäumte nachzuholen; der Andere am Ka⸗ min ſchreckte ſichtlich zuſammen, und murmelte zwiſchen den geſchloſſenen Lippen ein: Diavolo! hervor, und die rothwangige Wirthin flüſterte: der r Armand übt ſich wieder! ſe fielen die Schüſſe in regelmäßigen Pau⸗ ſen immerfort, und man achtete ſchon nicht mehr 1 — neue Töne abermals die Aufmerkſamkeit der Gäſte u aauf ſich zogen. Zwiſchen den Schüſſen, und gleichſam dieſe begleitend, ließ ſich plötzlich das ſanfte Klingen und Tönen eines Waldhorns vernehmen, und die ſchmel⸗ zenden Klänge, die in rührender einfacher Melo⸗ die dahinzogen, hallten wunderbar ſchmerzlich und ergreifend neben dem erſchütternden Geräuſch der Schüſſe, etwa wie die leiſe geſchluchzte Abſchieds⸗ klage des Mädchens, deſſen Geliebter ſoeben ſein Leben in donnernder Schlacht wagt. Die Wirthin konnte ein Lächeln nicht unter⸗ drücken, und leiſe zu dem Dritten der Gäſte tre⸗ tend, flüſterte ſie:„Hören Sie, Herr Nordheim, der gute Herr Macdeam fehlt auch nicht!“ Der Angeredete nickte leicht mit dem Kopf, und ſagte halblaut:„Die ſtets ſich erneuernde Melodie unſerer Morgenſtunden! Eine Melddie, die viel Weisheit und viel Thorheit in ſich ſchließt! Die Weisheit, daß der Kampf nie ohne Klage und Schmerz, und die Thorheit, daß man eben klagt beim Kampfe! Das iſt die Melodie dieſer Piſtolenſchüſſe und Hörnerklänge.“ Die Wirthin ſagte, dieſe Sentenz übergehend, mitleidsvoll:„Der gute Macdeam! Ich verſichere Sie, Herr Nordheim, ich kann mich oft der Thrä⸗ neu nicht erwehren, wenn ich ſein ſtilles, kummer⸗ lenen Züge betrachte.“ volles Weſen ſehe, und ſeine von Gram eingefal⸗ weich, und oft, wenn er im Garten auf ſeinem „Hat er denn Gram?“ fragte Nordheim, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort, „dann ſcheint es in der Luft Altenglands zu lie⸗ 1 gen, dem Fremden Gram und Sorhzen zu geben; denn ſeltſam, keiner der Bewohner Ihres lobens⸗ werthen Hauſes ſcheint zur Freude geſtimmt, ich müßte denn mich ſelber ausnehmen.“ „Sie, Herr Nordheim?“ fragte die Wirthin ungläubig, und fuhr dann fort:„Es iſt wahr, es geht ernſt und traurig zu unter meinen jetzigen Gäſten, und zuweilen wird mir ganz bange, wenn, während ſie Alle an der Mittagstafel ſitzen und eſſen, auch Keiner eine Silbe ſpricht, oder dem Andern ein freundliches Wort ſagt.“ „Vielleicht beruht eben in dieſem Schweigen unſere freundliche Geſinnung gegen einander,“ antwortete Nordheim,„und bezeugen wir uns da⸗ durch unſere gegenſeitige Achtung, daß wir unſer Stummſein ehren. Ich verſichere Sie, Frau Wirthin, daß ſolch äußerliches Verſtummen ge⸗ wöhnlich innerlich ſeine ſehr beredten Wider⸗ ſacher hatl“ „Mag ſein!“ ſagte die Wirthin.„Aber dieſer liebe Macdeam jammert mich immer, wenn er ſo ſtumm ſitzt, während mich oft das Schweigen der Andern faſt ärgert. Er iſt ſo. ſanft, ſo geliebten Inſtrumente, das er ſo ſorgſam delt, als wenn es ſeine Geliebte ſelber we Lieblingsliedchen, wie jetzt eben, ſpielt, habe ich ihn überraſcht, daß große Thränen aus ſeinen Augen ſtürzten und über ſeine blaſſen Wangen rollten. Der arme Herr!“. „Weiberthränen in Männeraugen,“ ſagte Nordheim,„das ſcheint mir ſo unnatürlich, wie ein Piſtol in Mädchenhand!“ „Und warum ſollten Männer nicht weinen?“ fragte die Wirthin, während ſie des Soldaten Glas füllte, das derſelbe ſoeben auf einen Zug geleert. ſagte Nordheim, wie zu ſich ſelber,„warum ſoll⸗ ten ſie nicht weinen über zertretene Rechte, ver⸗ lorene Würde! Ja wahrlich, es giebt Nationen, wo auch die Männer ein Recht haben, Thränen zu vergießen, und wo Thränen die einzigen Thaten, die ihnen möglich, ſind. So ſollten wir Deutſche Alle an den Rhein gehen, unſere Schwerter hineinwerfen und unſere Thränen hin⸗ einweinen! Wahrlich, wenn dann von unſeren Männerthränen die Waſſer höher anſchwellen, ihre Ufer überfluthen, und, weit das ſchöne Deutſchland überſchwemmend, Unfug und Be⸗ drückung hinwegſchwemmten, wahrlich, dann könnten wir uns rühmen, wir deutſche Männer, daß wir etwas gethan haben, freilich nicht wie Männer mit dem Schwerte, ſondern wie Weiber mit Thränen! Mag es ſein, wenn nur etwas gethan „Ja wohl, warum ſollten ſie nicht weinen,“ wird, gleichviel wie?! So lange wir, die wir weinen möchten, das Land unſerer Thränen noch verlaſſen, und in fremden Ländern weinen gehen, wird Alles bleiben, wie es iſt, und der Rhein wird ruhig ſeine Dampfſchiffe treiben heute wie morgen.“ Nordheim war, während dieſes halbgemurmel⸗ ten, halb nur gedachten Selbſtgeſprächs, aufge⸗ ſtanden und mit großen Schritten auf⸗ und ab⸗ gegangen, als ein plöͤtzliches heftiges Geräuſch, das von der Straße her erſchallte, ihn raſch ans Fenſter trieb. Zwei wild gewordene Pferde ſtürmten daher, 4 und das Geräuſch des Wagens, an den ſie befe⸗ ſtigt waren, donnergleich ertönend, überhallte faſt den Hülferuf der Dame in demſelben, die bittend ihre Arme aus dem Kutſchenſchlag ſtreckte. ¹ Nordheim ſtürzte hinaus auf die Straße. Dem Wagen nacheilend, fiel er den Pferden, die eben wild dahinbrauſend um die nächſte Ecke bie⸗ gen wollten, in die Zügel, und mit ſeiner ganzen Gewalt und ſeiner mächtigen ſtarken Geſtalt brachte er die Thiere zum Stehen. 4 Ein Haufen Menſchen, der dem Wagen mit 4 müßigem Geſchrei nachgelaufen, ſammelte ſich jetzt um denſelben; Nordheim gab dem Zunächſtſtehen⸗ den die Zügel in die Hand, und eilte, den Kut⸗ ſchenſchlag zu öffnen.“ 1. Die Dame lag ohnmächtig, bewegungslos da; — & Nordheim bedeckte raſch mit ihrem Schleier ihr bleiches Geſicht, hob ſie in ſeinen Arm, und trug ſie ſchnell in das Lodging Houſe, um mit Hülfe der Wirthin die Erſchreckte, Beſinnungsloſe ins Leben zurückzurufen. Das Room, wo vorher ſolche Stille geherrſcht, bot nun plötzlich einen bewegteren lebensvolleren Anblick dar, denn auf den Divan deſſelben hatte Nordheim die Ohnmächtge gelegt, und bemühte ſich mit der Wirthin, ihre Lebensgeiſter zurück⸗ zurufen. Auch die beiden Andern, die vorher ſo ſtumm und antheillos dageſeſſen, drängten ſich neugierig herzu, und ſchauten die Unbekannte an, der die Wirthin ſoeben mit kaltem Waſſer die Schläfe rieb. „Sie regt ſich!“ flüſterte Nordheim, und ſich zu den beiden Männern wendend, ſagte er,„laßt uns zurücktreten, damit ſie nicht durch den An⸗ blick unſerer ihr fremden Geſichter aufs neue er⸗ ſchreckt wird.“ Die Beiden folgten ihm an das andere Ende des Zimmers; doch der Offizier, immer zurück⸗ ſchauend nach der Dame, war noch bleicher ge⸗ worden, und als jetzt die Fremde wirklich die Augen aufſchlug, und unſichere verwund te Blicke umhergleiten ließ, bebte er wie im Schrecken zuſammen, und einen leiſen ſtoſtend, verließ er eilig das Gemach. Die Dame richtete ſich langſam vom Divan +—— — — —— „Doch, wir Weiber haben einmal das Recht, in auf, und die Hand der Wirthin, die noch immer um ſie beſchäftigt war, ergreifend, ſagte ſie mit einem mathen Lächeln und mit etwas fremdem engliſchen Accent:„Habt Dank für Eure Güte, und verzeiht dieſe unfreiwillige Unruhe, die ich Euch verurſacht. Ich entſinne mich kaum deſſen, was geweſen; nur weiß ich, daß die Pferde plötz⸗ lich ſich ſcheuten, und wüthend dahinbrauſeten. Der Kutſcher ward vom Bock geſchleudert, ein Kind, das über die Straße lief, ward überge⸗ fahren; dann das Geſchrei der Menſchen, die dem Wagen nachliefen, die Pferde nicht zu halten vermochten! Entſetzlich!— Dann verlor ich die Beſinnung, und weiß nicht, was weitek mit mir geſchehen!“ „Der Wagen brauſte hier vorüber,“ ſagte die Wirthin,„und da ſtürzte Herr Nordheim dort hinaus, fiel den Pferden in die Zügel, und rettete Sie dadurch.“ „Herr Nordheim!“ ſagte die Dame, und rich⸗ tete ihre großen dunklen Augen auf die Männer, deren Gegenwart ſie jetzt erſt bemerkte. Nordheim trat näher, und der Dame Hand an ſeine Lippen drückend, ſagte er:„Ich habe Ihrem Unfall das Glück zu danken, Sie aus venſelben befreien zu können!“ „Und mich in recht weibiſcher Schwäche ohn⸗ mächtig zu finden!“ ſagte die Dame lächelnd. — 10— Ohnmacht zu fallen, wenn wir uns fürchten,“ fuhr ſie fort,„und ich will mich deshalb nicht weiter entſchuldigen, ſondern Ihnen lieber meinen tiefge⸗ fühlteſten Dank ſagen für Ihre Hülfe!“ Sie reichte Nordheim wieder ihre Hand, und dieſer, mit der ihm eigenen edlen Anmuth einen Augenblick die Hand an ſeine Bruſt drückend, ſagte: „Irre ich nicht, ſo macht mich dieſer Zufall noch eines andern Glückes theilhaftig, indem ich in Ihnen eine Landsmännin begrüßen darf. Dem Accente nach möchte ich in Ihnen eine Deutſche— ich will nicht ſagen begrüßen, denn ich weiß nicht, ob es Ihnen einer Begrüßung werth ſcheint, ein Kind Deutſchlands zu ſein— aber erkennen!“ „Sie ſind ein Deutſcher?“ fragte die Fremde ein wenig erſchreckt, wie es ſchien;„woher? Aus welcher Gegend, aus Süden oder Norden?“ „Aus dem Norden, wenn Sie wollen,“ ſagte Nordheim lächelnd über die eiligen Fragen,„aus Preußen.“ „ Ach, aus Preußen,“ ſagte die Dame, und athmete erleichtert auf,„das iſt weit von meiner Heimath, denn ich bin aus dem Süden!“ Indeß hatte man die Pferde gänzlich zur Ruhe gebracht, der Kutſcher war auch herangekommen, und hatte ſeinen unfreiwillig verlaſſenen Sitz wie⸗ der eingenommen, und der Bediente, der zu An⸗ fang des ſchnellen Laufs ſchon ſeinen Platz hinten auf dem Wagen verlaſſen, um nach dem überge⸗ fahrenen Kinde zu ſehen, trat jetzt ins Zimmer, wohin, wie man ihm geſagt, ſeine ohnmächtige Herrin gebracht worden.„Das Kind ſei nur we⸗ nig beſchädigt,“ berichtete der Dienér,„und der Wagen ſei bereit, wenn es ſeiner gnädigen Herrin gefalle, weiter zu fahren.“ 8 „So wollen wir fort!“ ſagte die Fremde be⸗ fehlend, und richtete einige gütige, dankende Worte an die Wirthin. Dann ſich an Nordheim wen⸗ dend, reichte ſie aus ihrem Portefeuille ihm eine Karte dar, und ſagte:„Ich hoffe, mein Herr, Sie ſuchen mich in meiner Wohnung auf, wo ich Ih⸗ nen, wieder geſammelt, in beſſer gewählten Worten meinen Dank ſagen kann!“ Dann verneigte ſie ſich anmuthig und ſtolz zu⸗ gleich, und Nordheim's Arm, der ſich die Gunſt aus⸗ bat, ſie an den Wagen führen zu dürfen, annehmend, verließ ſie das Zimmer. «A revoir!» rief ſie aus dem Wagen noch einmal Nordheim entgegen, und bald entſchwand ſie um die nächſte Straßenecke den Blicken der ihr Nachſchauenden. II. Die hölzerne Birne. Als Nordheim in das Room zurückkehrte, fand er die Geſellſchaft noch um zwei Männer vermehrt: Macdeam, der Liebling der Wirthin, war von dieſer eingeladen hinunter zu kommen, um von ihr die weitläufige Beſchreibung des ſoeben erlebten Abenteuers zu vernehmen, und er horchte ihrer ausführlichen Erzählung mit dem gleichgültigen Aufmerken eines Menſchen, der innerlich mit ganz andern Dingen beſchäftigt iſt. Der andere Ankömmling ging auf Nordheim zu, und ihm die Hand bietend, ſagte er in fran⸗ zöſiſcher Sprache:„vraiment, mein lieber Nord⸗ heim, Sie ſind zu beneiden! Einem ſchönen Weibe gewiſſermaßen das Leben gerettet zu haben, iſt immer ein Glück, und ein Glück, auf das ſich Capital⸗Anforderungen an zärtliche Dankbarkeit der Geretteten knüpfen laſſen. Ich wünſche Ihnen alſo Glück!“ 13— „Und ich bedaure die Dame,“ erwiderte Nord⸗ heim lächelnd,„daß Sie nicht ſtatt meiner ihr Lebensretter waren, und, den Lohn dieſer Dank⸗ barkeit, auf die ich keine Anſprüché mache, ern⸗ ten können.“ 5„Aber wer war jene unbekannte Schöne?“ fragte Armand, und der Offizier, der ſoeben ins Zimmer trat, wiederholte mit ungeduldiger Neu⸗ gierde dieſe Frage. „Dies iſt mein Geheimniß,“ erwiderte Nord⸗ 3 heim, die Karte, die er vorher in ſeinen Buſen geſteckt, einen Augenblick hervorziehend und flüch⸗ tig betrachtend.„Hat mich einmal der Zufall 6 zum Ritter dieſer Dame ernannt, ſo will ich auch die erſte Ritterpflicht, welche die Verſchwiegenheit iſt, getreulich üben.“ „Und wir, mein werther Chevalier sans peur et sans reproche, wollen Sie durch weiteres Bitten nicht wankend machen in Ihrem Pflicht⸗ gefühl,“ ſagte Armand lachend.„Wollen wir lieber die Geſundheit der Dame trinken! Der Abend bricht herein, und da das Schickſal uns Fünf einmal auf einander angewieſen zu haben ſcheint, ſo dächte ich, hielten wir uns auch an⸗ einander, und verplauderten den langen Abend miteinander.“ 8 Alle ſtimmten ein; man ließ ſich von der Wirthin eine Bowle Punſch bereiten, und bald ſaßen die Fünf in traulichem Geſpräch um den — — — 14— dampfenden gelben Keſſel mit dem echt engliſchen Labetrank.. Nordheim, deſſen Ueberlegenheit anzuerkennen Alle geneigt waren, ſchlug vor, ſich einander, ſo viel als thunlich, mit ihrer gegenſeitigen Vergan⸗ genheit bekannt zu machen, und der Vorſchlag ward bereitwillig angenommen. „Wer aber ſoll den Anfang machen?“ fragte Armand. „Laſſen wir das Loos entſcheiden. Oder beſ⸗ ſer noch, wir gehen nach dem Alphabet,“ erwiderte Nordheim.„Nach den Anfangsbuchſtaben unſerer Namen richten wir uns und erzählen nach der Reihenfolge der Buchſtaben im Alphabet.“ „Dann werde ich ohne alle Frage den Anfang machen müſſen,“ ſagte Armand,„dann folgt, wenn ich nicht irre, Herr Giuſeppo Daſſa, dann Herr von Farenberg, dann Macdeam, und dann Sie, Herr Nordheim. Ach, ſehen Sie Ihre Liſt! Sie haben es wohl gewußt, daß Sie der Letzte ſein werden, der zu erzählen hat, und, wer weiß, ob Sie nicht, bevor die Reihe an Sie kommt, uns wieder verlaſſen haben. Nun, mag es ſein, ich beginne alſo.“ Armand ſtand auf, und das gefüllte Glas emporhebend, rief er laut:„Vive l'empereur! Nieder mit den Orleans! Tod dem Friedensfürſten Louis Philipp! Da habt Ihr mein Glaubens⸗ bekenntniß, meine Religion, meine Liebe! Noch ——„— —— Kraft verleihen, den Tod des großen — 15— mehr, da habt Ihr meine Lebensgeſchichte! Sie liegt in dieſen Worten!— Vive TAawerenn rief mein Vater, als in der Schlacht von Marengo er von einer Kugel getroffen zu Boden ſank, und als man im Lazareth ihm den zerſchoſſenen Arm ablöſte, wiederholte er freudigen Muthes ſein: vive Lempereur!— Als meine Mutter ſpäter dem Invaliden einen Sohn gebar, da zerdrückte er eine Thräne im Auge und rief: es lebe der Kaiſer, und er lebe ſo lange, bis ich meinen Sohn als Krieger kann in des Kaiſers Armee ſenden! Vive P'empereur! Dies waren die erſten Worte, die mich mein Vater lehrte, es waren die letzten, die er ſelber ſprach, als ſchon der Tod ſeine Lippen gebleicht. Er ſtarb aus Gram über den Tod des Kaiſers. Und ich, ein zehnjähriger Knabe, ſtand an der Leiche meines Vaters, und vor meinen Ohren klangen fort und fort ſeine letzten Worte: vive P'empereur! Und ich weinte heiße Thränen, daß ich nun dies Wort nicht mehr von meines Vaters Lippen hören ſollte. Ich grub es aber tief in meine Seele ein, ich machte es zu meinem Gebet, zu meinem Lebensathem, zu dem Buche, aus dem ich lernen wollte die Geſchichte der Welt und der Menſchen, zu dem Impuls meiner Liebe und meines Haſſes. Oft, ein kaum erwachſener Jüngling, kniete ich am Fuß der Säule auf dem Platz Vendöme, und betete zu Gott, er mö— rächen, und ſeinen Sohn im Triumphe einzuführen in ſeine Stadt Paris! Einſt an dem Todestage des Kaiſers ſchlich ich im Schatten der Nacht, belaſtet mit Immortellenkränzen, zu der Vendome⸗ Säule hin. Ich meine Kränze auf an dem Geländer, das die Säule umgiebt, und murmelte: vive Pempereur! Eine andere Stimme wiederholte leiſe dieſelben Worte, und flüſterte mir dann zu: „von dieſer Stunde an ſind wir Brüder! Folgen Sie mir!“ Halb bewußtlos folgte ich der verhüllten Ge⸗ ſtalt, und nachdem wir mehrere Straßen durch⸗ wandert, öffnete mein Begleiter eine Hausthüre, und wir traten ein. In einem weitläufigen Zimmer, deſſen Fenſter ſorgfältig verhangen wa⸗ ren, befand ſich eine zahlreiche Verſammlung, und mein Begleiter führte mich mitten unter ſie und ſagte:„ſeht, dieſen traf ich ſoeben, als ich beten ging an unſers Kaiſers Säule; er ſchmückte dieſe Säule mit Immortellenkränzen, und murmelte: vive l'empereur! Heißen wir ihn denn als Bru⸗ der willkommen!“ „So ward ich ein Glied der großen Kette, die ſpannt; ſo durfte 19 hoffen, meinen heißeſten Wunſch erfüllt zu ſehen, und behülflich zu ſein, den Sohn des Kaiſers auf den ererbten Thron zu ſetzen. Ganze Armeecorps, Offiziere und Generale, erwarteten Napoleon II., ihren Kaiſer, 85 waren bereit, ihr Leben und ihr Blut für ihn hinzugeben. Da ſtarb er, der Herzog von Reich⸗ ſtadt, und als ſeine getreuen Unterthanen ſich er⸗ holt hatten von dieſem furchtbaren Schlag, wand⸗ ten ſie ſich an den Neffen des Kaiſers, an den Prinzen Ludwig Napoleon, und forderten ihn auf, irgend etwas zu unternehmen gegen den Uſurpator des franzöſiſchen Throns, Louis Philipp! Ich wanderte fort aus Frankreich im Dienſt der hei⸗ ligen Sache, unter Gefahr und Mühſal über⸗ brachte ich dem Prinzen wichtige Schreiben ſeiner Anhänger, trug dann, auf meiner Bruſt verborgen, ddas Antwortſchreiben zurück, und kehrte wieder zu Louis Napoleon zurück, um, als die Zeit gekommen war, unter ſeinem Befehl den Angriff in Straßburg u wagen. Ihr Alle wißt den traurigen Ausgang ddes damaligen Unternehmens; die Helden jenes STages mußten flüchten, und die Heimath verlaſ⸗ ſend, ging ich nach England! Nicht um zu ruhen, nein, um raſtlos zu ſinnen, wie mein Vaterland zu retten ſei, wie zu befreien aus den Händen des liſtigen Uſurpators! So ſinne ich fort und fort, und werde nicht nachlaſſen, bis ſich ein Mittel mir zeigt!— Da habt Ihr meine Geſchichte, und nun füllt die Gläſer, ſtoßt an, und ruft mit mir: vive l'empereur!“ Nordheim hob ſein Glas nicht mit den Andern, er ſtimmte nicht ein in ihren lauten Nuf, ſeine Miene drückte einen kummervollen Ernſt aus, und Die Flüchtlinge in London. J. 2 während die Andern immer aufs neue ihren ju⸗ belnden Ruf ertönen ließen, murmelte er leiſe: „wehe dem Lande, dem durch ſolche Patrioten Rettung und Heil kommen ſoll, wehe uns Allen, wenn der Unverſtand ſich Heldenthum dünkt, und die Thorheit ſich umhüllt mit dem Mantel der Weisheit! So wird das wahre Heldenthum und die Weisheit ein Kinderſpott, und ſo wird es der Tyrannei und den Fürſten gelingen, auch das für Thorheit und Scheinleben auszugeben, was wahr⸗ haft Weisheit und Leben iſt!“ „„ Und wozu Ihre ſich täglich erneuernden Schießübungen?“ fragte der Offizier. Armand ſtand ſchweigend auf, nahm unter ſeinem Mantel, den er beim Eintritt neben ſeiner Piſtole niedergelegt, etwas hervor, und es auf den Tiſch ſtellend, ſagte er:„ſeht her, dieſe hölzerne Birne iſt meine Zielſcheibe! Manche Früchte hängen ſo hoch, daß man, um ſie zu tref⸗ fen, ſich erſt üben muß.“ Der Offizier und der Fremde mit den dunkeln unheimlichen Zügen, den Armand Giuſeppo Daſſa genannt, lachten und neckten Armand mit der ſelt⸗ ſamen Zielſcheibe. Macdeam, der ſchwermüthige Liebling der Wirthin, ſchien, in Träumen verloren, gar nicht zu beachten, was um ihn her vorging, und Nordheim, die Fröhlichkeit der Andern nicht theilend, betrachtete aufmerkſam die hölzerne Form, die ihm beim längern und ſchärfern Betrachten zerne Form ſchweigend an ihre vori — 19— eine immer ernſtere und traurige Bedeutung ge⸗ wann. War ſie ihm anfangs nur wie ein Stück Holz in Geſtalt einer Birne erſchienen, ſo ge⸗ wahrte er nach und nach, daß in dieſer Birnen⸗ form noch einzelne Linien eingeſchnitten waren, die ihm, je näher er hinſchaute, allgemach Form und Geſtalt gewannen, und ſich ihm endlich als den Contour eines menſchlichen Geſichts verdeut⸗ lichten. Nachdem er erſt dies entdeckt, konnte es ihm nicht ſchwer fallen, zu erkennen, wen dieſer Umriß darſtellen ſollte, der in der That die un⸗ verkennbaren Züge Louis Philipp's, des Königs der Franzoſen, trug. Die täglichen Schießübungen Armand's wurden ihm jetzt verſtändlich, und mit dem Finger auf die Stelle deutend, wo eine Ku⸗ gel gerade durch den Umriß des einen Auges auf der Birnenform gegangen war, ſagte Nord⸗ heim, Armand mit einem bedeutungsvollen Blicke anſehend:„dieſe Form hier beſtätigt Ihre vorige Erzählung.“ „Und inwiefern,“ fragte Armand,„kann Ihnen eine hölzerne Birne ein Beleg meiner Lebens⸗ geſchichte ſein?“ „Vive Pempereur! iſt Ihr Wahlſpruch, und dieſe Birne hier ſagt mir, daß der Ruf: vive le roil niemals der Ihre war!“ antwortete Nordheim. 4 Armand erwiderte nichts, ſondern trug ſeine höl⸗ ige Stelle zurück. — — 20— „Und jetzt iſt die Reihe an Ihnen, mein Herr Italiener!“ ſagte der Offizier, der Nordheim's Bemerkung nicht beachtet oder nicht verſtanden hatte, und Armand, froh, dem Geſpräche eine an⸗ dere Wendung geben zu können, ſtimmte ein. „Auch ſträube ich mich um ſo weniger,“ ant⸗ wortete Daſſa,„als ich gerade in dieſen Tagen mir zur Unterhaltung meine Lebensgeſchichte in kur⸗ zen Umriſſen niedergeſchrieben habe, um mich im Schreiben des Franzöſiſchen, das man hier in dieſem barbariſchen Lande ſonſt vergißt, zu üben!“ „Recht ſo!“ jubelte Armand,„ich ſehe, wir werden Freunde werden, mein Herr Italiener Sie lieben meine Sprache und haſſen das Kau⸗ derwälſch dieſes Landes!“ Der Italiener hatte ein Manuſcript hervor⸗ gezogen, und es vor ſich ausbreitend, ſagte er: „um meine Erzählung aber zu verſtehen, müßten Sie beſſer mit dem Charakter eines Italieners bekannt ſein, wie ich dies gewöhnlich bei Fremden bemerkt habe.“ „Sie ſind ein Neapolitaner?“ fragte Nordheim. Daſſa warf ihm einen jener Blicke zu, deſſen wilder, feuriger Ausdruck etwas wirklich Abſchrecken⸗ des hatte:«Sono di Napoli!» ſagte er ſtolz.„Aber woher wiſſen Sie das?“ „Ich glaubte es in Ihren Augen zu leſen,“ erwiderte Nordheim mit einem feinen Lächeln,„der Charakter eines Neapolitaners ſpricht daraus.“ 4 4 geben, das iſt Luſt!“ „Und welches iſt der Charakter eines ſolchen?“ ſagte Daſſa raſch.„Man pflegt uns gewöhnlich falſch zu beurtheilen! Man nennt uns leidenſchaft⸗ lich, raſch, hitzig, leicht gereizt, leicht beſänftigt, geſprächig und fröhlich. Man iſt aber im Irr⸗ thum! Dies iſt mir erſt in der Fremde, wo man uns ſo falſch beurtheilt, klar geworden. Wir ſind weder leicht gereizt und leidenſchaftlich, noch, wenn wir es ſind, leicht beſänftigt. Beharrlichkeit iſt ein Grundzug unſeres Weſens, und vor Allem Beharrlichkeit in der Rache! Dieſe iſt uns eine heilige Sache, ſie iſt die Religion des Neapoli⸗ taners, und ſie zu erlangen, ſetzt er ſein Leben dran. Fragt Ihr, welches die größte Wonne des Lebens iſt? Der Deutſche wird ſagen: die Ge⸗ liebte u umarmen! Der Engländer: eine neue Maſchine erfunden zu haben! Der Franzoſe: Con⸗ ſeilpräſident zu ſein Der Neapolitaner ſagt: ſeine Rache geſtillt zu haben! Dies iſt mehr als Liebe, als Politik, als alle Erfindungen, es iſt Lebens⸗ balſam und oft auch Lebenszweck! Ha, welche Luſt, Jahre lang das Opfer unſerer Rache mit un⸗ ſichtbaren Fäden zu umſpinnen, jeder Regung deſ⸗ ſelben einen neuen Faden anzuknüpfen, und ſo allgemach und ungeſehen dichter und dichter das Netz zuſammenzuziehen, in dem unſer Opfer zu⸗ letzt erſticen muß. Und dann es flehend wimmernd zu unſern Füßen liegen ſehen, und keine Gnade Der Italiener hatte, während er ſo ſprach, unwillkürlich ſeine Hände feſt geballt, und indem er die letzten Worte nur zwiſchen den Zähnen hervor⸗ murmelte, nahmen ſeine Züge wirklich den Aus⸗ druck einer Hyäne an, die im Begriff iſt, ihre Beute zu erwürgen; auch in ſeinen Augen zeigte ſich ein ſo wildes, tückiſches Leuchten, daß Nord⸗ heim angewidert ſich abwenden mußte. „Die augenblickliche Rache iſt nichts!“ fuhr Daſſa, nachdem er ſich geſammelt, etwas ruhiger fort;„dem, der uns ſchadete, ſogleich wieder zu ſchaden, das iſt nur Strafe! Aber Jahre lang ſich den Anſchein zu geben, als hätte man ver⸗ geſſen, als ſei man verſöhnt, und dann lang⸗ ſam zu vernichten, das iſt Rache! Und dieſe zu üben, dazu bedarf es der Ruhe und des Kaltſinns!“ 3 „Ihre Erzählung!“ ſagte Nordheim, dem des Italieners rohe Geſinnung wirklich phyſiſch be⸗ drückend war. „Ja, meine Erzählung!“ ſagte Daſſa.„Sie ſollen ſie haben! Ich habe ſie, als gänzlich voen mir abgelöſt, niedergeſchrieben, und ſo mich ſelber, als den Helden derſelben, der Bequemlichkeit wegen, als dritte Perſon erzählend angeführt. Nun alſo! Auch einen Titel habe ich meiner Erzählung ge⸗ geben. Hören Sie denn!“ „— —— —— 4 III. La Vendetta. Giuſeppo war ein Kind der Armuth, er war gewohnt zu hungern, er hatte es als Kind gethan, wenn er an der Hand ſeiner Mutter durch Neapels Straßen betteln ging, er hatte es als Jüngling gethan, da er eine Waiſe geworden und Nie⸗ mand mehr beſaß, der ſeine Klagen um ein Stückchen Brod theilte. Aber der Hunger hatte ihn ernſt gemacht, und ein ſechszehnjähriger Jüngling, kannte er die Laſt des Lebens und den Ueberdruß. Aber Giuſeppo liebte die Muſik, und wenn er unter den Olivenbäumen lag, und in ſelbſterfun⸗ denen Weiſen ſeine Stimme ertönen ließ, ſo ver⸗ gaß er Kummer und Sorgen, Hunger und Ent⸗ behrung, und Alle, die ihn hörten, waren entzückt von ſeiner herrlichen Stimme. — 24— ſenſchaft der Muſik. Er gab nun Unterricht im Geſange, und friſtete ſo kummervoll ſein Leben. Zuweilen fröhlich bis zum Uebermaß, zuweilen Tage lang ernſt und finſter war er eben, wie alle ſeine Landsleute, wie der Veſuv, der bald in Feuerſtrömen ſeine leidenſchaftliche Luſt verkündet, bald nur in finſterem unterirdiſchem Grollen da⸗ hinbrütet. Auch eine Geliebte hatte Giuſeppo, der ſieben⸗ zehnjährige Jüngling, gefunden, und er gab ihr ſeine erſten Küſſe, ſeine erſten Umarmungen und Seufzer. Als er ſie aber treulos fand, und ſie in den Armen eines Andern überraſchte, erdolchte er ſie im Uebermaß des Zorns. Er war noch ſo jung, und kannte in ſeiner Wuth keine Ueberlegung. In einem Dorfe unweit Neapel hielt er ſich. nur einige Wochen verborgen, dann kehrte er nach Neapel zurück. Eine Veränderung war in ſeinem Weſen vorgegangen,— hatte er einſt Sehnſucht gehabt nach einer Geliebten, ſo haßte er jetzt die Weiber, und bei der Berührung einer Weiberhand durchzuckte es ihn mit glühen⸗ dem Zorn. Giuſeppo ſchwur ſich, die Untreuée der Einen zu rächen an Allen, und er hielt Wort. Man⸗ ches Mädchen ward bezaubert von ſeinem Geſang, von ſeinem Angeſicht, und wenn ſie berauſcht von Liebe und Zärtlichkeit in ſeinen Armen gelegen, dann wandte ſich Giunſeppo kalt und lachend von ihr, wanderte hinauf zum Veſuv, den er liebte, und auf dem er Tage lang weilte, und murmelte zwiſchen ſeinen Zähnen: Rache allen Weibern! Und das Grollen des Veſuvs, und das Blin⸗ ken der Sonne, und das Fächeln der Luft in den Olivenhainen, deren Düfte ihn erreichten, Alles dieſes vermehrte nur ſeinen innern Zorn. Oft lag er einſam am Strande des Meeres, tief in ſich hineingrollend, ſtumm, und wie Welle nach Welle ans Ufer plätſcherte, ſagte er zu ſich ſelber: ſüß muß es ſein, mit den Wogen zu ziehen, in ihren rauſchenden Sängen zu vergehen in rauſchender Luſt! Süß mit den Waſſern ab⸗ wärts zu fluthen in ferne Lande hin! Hin zu Gefilden, wo der Himmel nicht immer ſo blau, die Sonne nicht immer ſo hell, die Gegend von minder ermattender Schönheit, wie hier: Süß unter Schnee und beeiſten Fluren umher zu wandeln und in bewältigender Glut zu ſchmel⸗ zen Schnee und Eis! O reiſen, könnt ich reiſen! Ginſeppo wußte aber, daß er es nicht konnte, denn er war arm, und dies Wiſſen vermehrte ſeinen Groll. Oft, wenn er hinunterſchauete in die Wellen, murmelten ſie ihm ein anderes Lied, ein Lied der Erinnerung, und er ſah im ſchauenden Geiſte ſich an — 26— der Hand ſeiner Mutter, ein hungernder, zittern⸗ der Knabe, bettelnd durch die Straßen gehen, und er hörte, wie man mit rauhem Wort ihm Hülfe und Speiſe verſagte. Er ſah ſeine Mutter auf der Bahre liegen, und ſein Herz regte ſich in Wehmuth. Dann aber, o Himmel, ſah er Marietta, ſeine Geliebte, in den Armen eines Andern, ſah ſie blu⸗ tend zu ſeinen Füßen niederſinken, und es krampfte ihm die Bruſt zuſammen, er ſprang empor, faßte an ſeinen Dolch und rief:„ihr iſt recht geſchehen! Rache allen Weibern! Vendetta! Vendetta!“ Jetzt ſammelte er ſich, er verhüllte den wil⸗ den Blitz ſeines Auges, gebot dem Zorn ſchwei⸗ gend in ſeine Höhle, welches Giuſeppo's Herz war, zurück zu kriechen, und außen ruhig, innen brauſend in gewaltiger Bewegung, kehrte er heim zum ſchönen Napoli. Denn die Stunde hatte ge⸗ ſchlagen, wo Giuſeppo's Pein begann, wo er für einige Scudi irgend eine Schülerin die Wiſ⸗ ſenſchaft der Töne lehren mußte, und ſie unter⸗ weiſen, das do re mi fa sol la si richtig zu ſingen. Und wenn ſo das Werk ſeines Tages voll⸗ endet war, ging er auf ſeine einſame Kammer, ſchweigend, ſtill, grollend in ſich, klanglos; oder er wanderte in eine der Oſterien, wo er für wenige Bajocchi glühenden Wein und glühende Mädchen zum Tanze fand. Und der Wein ließ — 27— ſein Gehirn erglühen, und die Mädchen ſeine Sinne, und die Sonne fachte beides zu höherer Glut, und er jauchzte vor Luſt, ſein Auge ſtrahlte in Wonne, in einem Arm das glühende Mädchen, hob er mit der andern Hand den vollen Becher und ſang in ſprudelnder Luſt das Lob des Weins und der Liebe!. Er ſang und lachte und jauchzte und tobte, und die ſchöne Stadt, der blaue Himmel, die helle Sonne, Alles vermehrte ſeine Luſt. So lebte Giuſeppo, ſo war Giuſeppo, und Tauſend und aber Tauſende in Neapel leben und ſind wie er. 3 Verſchloſſen und kalt bedarf der Neapolitaner keines Freundes, dem er ſeine Leiden klagt, dem er ſeine Wonne vertraut. Klagen, das weiß er, erniedrigt den Mann, Wonne vertrauen heißt die Wonne zerſtören!— Was er aber ſich ſelber gelobt, das hält er, und Rache vollführt er, ſei es nach Monden, nach Jahren, vollführt ſie oft mit Grauſamkeit gegen ſich ſelber, denn er duldet Mühſal und Gefahr, duldet Noth und Pein, um ſie zu erreichen. Und hält er dann mit vor Freude zitternden Händen ſein Opfer, ſieht er mit vor Freude blitzenden Augen auf den Dolch, den die gelungene Rache ſo roth gefärbt, ſo kniet er nieder vor dem Bilde der Jungfrau, und in inbrünſtigem Gebet dankt er ihr für das Gelingen ſeiner heiligen Sache! Ein reich gallonirter Diener lud Giuſeppo einſt zu Lord Dynhurſt, wo er der einzigen Tochter Unterricht in ſeiner Kunſt ertheilen ſollte. Ginſeppo ging hin, der Lord nahm ihn freundlich auf, und führte ihn ſelbſt zu ſeiner Tochter. Als Giuſeppo vor ihr ſtand, als er die ſchüch⸗ terne Jungfrau, die mit verſchämten Blicken, ſitt⸗ ſam in ihrer Schönheit erröthend, wie keines der Mädchen, die er bis jetzt geliebt, erröthet war, als er ſie ſo vor ſich ſtehen ſah, halb noch ein Kind, halb erblüht in üppiger Schönheit, da zit⸗ terte ſein Herz in Luſt, und er ſchwur ſich, ſie ſolle die Seine werden. Als ſie aber das dunkle, ahnungsvolle Auge zu ihm erhob, da war es, als flüſtere eine Stimme in ihm: ſchone ſie!—— Täglich ging Giuſeppo nun in das Haus des Lords, ſeine Tochter Ellinor im Geſange zu unterrichten.. Sie war ein wunderbares Weſen. Das Kind einer Neapolitanerin, die ſich der Lord zum Weibe genommen, hatte ſie von dieſer die Glut und Leidenſchaft einer Italienerin, von ihrem Vater, dem kalten Nordländer, die ſchmachtende Sehnſucht und Schwärmerei geerbt. Ihre Mutter war früh geſtorben, und er den Augen ihres Vaters erwachſen, hatte ihr die⸗ ſer engliſche Lehren von mädchenhafter Zurückhal⸗ tung und ſcheuer Sittſamkeit gegeben, Lehren, de⸗ nen zu jeder Stunde das wallende Blut, das ihre — 29— Mutter ihr gegeben, und das Neapels Sonne gereift, widerſprach. Und nun ein ſolches Weſen gegenüber dem Sänger, ihre Stimmen ſich einend ein ſüßen Lie⸗ besliedern, während durch die geöffneten Fenſter das Rauſchen der Myrtenhaine, das Singen der Vögel und die ſchmelzende weiche Luft zu ihnen hineindrang, während die italieniſche Cameriera im andern Gemache weilte, und wenig an ihre Schutzbefohlene denkend, ihren Liebſten durch einen Brief zum Stelldichein beſchied. Oft ſtockte Ellinor mitten im Geſang und Purpurröthe bedeckte ihre Wangen, dann ſchaute ſie verwundert, fragend empor, denn ſie wußte nicht, warum ſie ſchwieg, warum ſie erröthete, ſie wußte nicht, warum das Herz ihr ſo mächtig ſchwoll, und der Athem ihr ſo glühend heiß aus der Bruſt hervorzitterte. Ginſeppo aber wußte es, er hatte jede Regung dieſes unbewußten Herzens belauſcht, war jeder Stadie ihres wachſenden Gefühls gefolgt, und wußte, daß ſie ihn liebte. Seltſam, es regte ſich Mitleid in ſeinem Her⸗ zen, Mitleid mit ihrer Unſchuld, ihrem Erröthen, ihrem Vater, deſſen einziges Kind ſie war, und der ſie arglos ihm vertraute! Dieſer letzte Gedanke machte Giuſeppo ſtark und männlich ſtolz, er ſchwur mit einem heiligen Eide, das Mädchen zu ſchonen. Nun begann — 30— eine Zeit der Leiden! Kalt und finſter trat er von jetzt an dem glühenden Mädchen entgegen, Glut im Herzen, Ruhe in den Mienen. Tauſendmal hätte er ſie umſchlingen mögen, und tauſendmal rief er ſich den Schwur, ſie zu meiden, zurück.— Ihre Fragen beantwortete er kalt, ihrem thrä⸗ nenden Blick mied er zu begegnen. Und unter dieſem Entſagen liebte er ſie täg⸗ lich heißer, und ſeine Kämpfe wurden täglich här⸗ ter. Ja, zuweilen war es ihm, als empfände er einen glühenden Haß gegen das Mädchen, das ihn ſo heiß zu lieben gelehrt, zuweilen war es ihm, als müſſe er ſie ermorden mit ſeiner eigenen Hand im Haß der finſterſten Liebe! Der Lord war verreiſt; unter den Augen der alten engliſchen Gouvernante und der jungen ita⸗ lieniſchen Cameriera hatte er Ellinor zurückgelaſſen. Die alte Miß aber war erkrankt, und die Came⸗ riera wandelte im Garten mit ihrem Liebſten, als Giuſeppo zu Ellinor kam. Sie flog ihm entgegen, ſtrahlend in Luſt über ſein Kommen. Er erwiderte ihr freudiges Begrüßen mit kalter Verneigung; gegen ihre Lieblichkeit ver⸗ ſchanzte er ſich in grollender Härte, ihre Freund⸗ lichkeit erwiederte er mit unmuthigen Worten, ihr Herz erbebte in Qual, Thränen drangen in ihre Augen, Giuſeppo ſah es und lachte höhniſch,— er litt in dieſem Moment ſo ungeheure Qual, daß — er einen verzehrenden Haß gegen das Mädchen ſeiner Leidenſchaft empfand, und der Blick, den er jetzt auf Ellinor richtete, mußte wohl furchtbar ſein, denn ſie ſchreckte zuſammen, und ſagte erblei⸗ chend, matt:„o Gott, was that ich denn, daß mir der Maestro zürnt?“ Giuſeppo packte, im Uebermaß ſeiner Pein, ihren Arm, daß ſie erbebte, und ſagte kalt: «Chantiamol» Es war das erſte Mal, daß er ſie berührte, und es durchfuhr ihn wie mit Blitzesgewalt, ſein Blut kochte, ſeine Sinne verwirrten ſich, es dun⸗ kelte vor ſeinen Augen. cChantiamo!» wiederholte Ginſeppo zornig, und ſprang empor.. Ellinor zitterte, ſie öffnete die Lippe zum Singen, die Stimme verſagte ihr, und plötzlich in Thränen ausbrechend, ſank ſie nieder zu Giu⸗ ſeppo's Füßen, und flehte mit weicher, ſchmelzen⸗ der Stimme:„was that ich denn, daß Du mir zürnſt?“ Sie hob die ſchönen Arme zu ihm empor, ſie ſchaute ihn an, kindlich fromm, kindlich flehend, mit einem Unſchuldsblick, wie nur die Engel ihn ha⸗ ben, ihr ſchönes Geſicht überfluthet von Thränen, ein weinendes, bangendes Kind! Ginſeppo ſtieß ſie wild von ſich, und ſagte rauh:„laß mich, ich haſſe Dich!”“ Sie aber umklammerte ſeine Knie, und wie⸗ derholte:„was that ich denn, daß Du mich haſſeſt?“ 8 „Was Du mir thateſt,“ ſagte er jetzt außer ſich, überwältigt, ſeine Lippen zitterten, ſeine ganze Geſtalt erbebte, ein ſolches Feuer ſprühte in ſei⸗ nen Augen, daß ſie ihn phyſiſch ſchmerzten, und er hatte die Empfindung, als könne er ſterben in dieſem Moment.„Was Du mir thateſt,“ wieder⸗ holte er.„O ich haſſe Dich! Ich könnte Dich ermorden, weil ich Dich liebe! Weil Dein locken⸗ des, reizendes Bild Tag und Nacht vor meinen Blicken ſteht, weil ich meinen Racheſchwur ver⸗ geſſen habe über Deinem Himmelsblick, weil Du meine Ruhe zerſtört, meinen Frieden vernichtet haſt, weil ich Dich fliehen will und nicht kann!“ Ellinor war aufgeſtanden während er ſo ſprach, ihre Züge verklärten ſich, ſie ſchien größer und größer zu werden, ihre Augen ſtrahlten in Luſt, und als er jetzt geendet, da jauchzte ſie laut:„„ mein Gott, er liebt mich!“ Sie umſchlang ihn, preßte ihn feſt an ihr Herz.„Laß mich, laß mich!“ ſagte er. Umſonſt! Dann überwältigte ihn ihre Glut, er ſagte nur noch:„ſtoße mich zurück, ſage mir, daß Du mich haſſeſt!“. 4 „Ich liebe Dich,“ ſagte ſie,„ich ſchwör's, daß ich Dich ewig liebe!“ Der Gedanke war Giuſeppo neu. Ewig lieben — 33— So ſpricht keine Italienerin; dies Wort hatte ſie voon ihrem Vater geerbt. „Ewig, Du willſt mich ewig lieben?“ ſagte er. „Willſt Du's mir ſchwören?“ 8 Und ſie ſchwur es mit einem feierlichen Eide, 3 ſie ſchwur, Niemand zu gehören, als ihm, und als ſie ſo geſprochen, da ſagte Giuſeppo:„nun wohlan, ſo ſei es! Fahre denn hin, Vernunft und Wille! Wohlan, ſo ſei die Meine! Aber Schmach und Wehe über Dich, wenn Du Deinen Schwur einſt brichſt. Ungeheuer, wie meine Liebe, ſoll dann meine Rache ſein! Wehe Dir, wenn Du mich einſt täuſcheſt!“ Ellinor lächelte und ſagte:„ich fürchte Deine Rache nicht.“ „Dann,— doch wozu das Weitere! Die Nordländer werden mich nicht verſtehen,“ unter⸗ brach Giuſeppo Daſſa hier ſelbſt ſeine Erzählung, gleich Tugend, Zurückhaltung, Sittſamkeit hinein, und Eure Sonne, und Eure Luft macht Euch das leicht. Ihr wiſſet nichts von dem Einfluß, den die Sonne, die heiße Glut der Luft, den der Himmel Neapels auf das Blut ſeiner Kinder übt. Ihr ſſeeufzt, wenn Ihr liebt, wir jauchzen; Ihr nennt es Weisheit, zu entbehren, wir aber kennen die Weisheit des Genuſſes.— . Glücklich ſchöne Tage folgten nun! Sie ſahen ſich oft, noch öfter wechſelten ſie Vrieſe⸗ Ellinor, Die Flüchtlinge in London. I. 2 „Eure Liebe iſt anders, wie die unſere, Ihr miſcht — 34— die nun vom Kinde plötzlich ein vollendetes Weib geworden, ſtrömte in dieſen Briefen alle ihre Glut und ihre Empfindung aus. Ellinor kränkelte, ihr Vater bangte um ſie,— Monden vergingen, da rief eine wichtige, dringende Angelegenheit den Lord nach England; Ellinor kränkelte noch immer, er bat eine alte Dame, Comteſſa Spatza, die eine Freundin ſeiner ver⸗ ſtorbenen Frau geweſen, Mutterſtelle bei ſeiner Tochter zu vertreten, und reiſte ab. Ellinor faßte Vertrauen zu der Comteſſa, als dieſe ihr geſchworen, was ſie ihr ſagen wollte, 3 Niemand, ſelbſt nicht dem Beichtvater, zu verrathen, und vertraute ihr Alles. Als der Lord von ſeiner Reiſe zurückkehrte, war Ellinor ſchon geneſen, und am Tage nach ſeiner Ankunft brachte die Comteſſa Spatza, in feine Linnen gewickelt, ein ganz kleines Mägdelein. Sie hatte es, ſagte ſie, an der hintern Gartenpforte ſoeben gefunden. Irgend eine unglückliche Mutter mußte das Kind dort ausgeſetzt haben, dem wohlthätigen Sinne des Lords vertrauend,— er erbarmte ſich des Kindes, und ſchwur, der unbekannten Waiſe ein Vater zu ſein, und Ellinor verſprach, es zu lieben wie eine Schweſter. 1 Wenige Tage darauf verkündete aber der Lord daß er mit ſeiner Tochter Italien auf immer ver laſſen und nach England zurückkehren wolle. — ᷣo 4 8 Giuſeppo erbebte, denn die Möglichkeit ei⸗ ner Trennung von Ellinor kam ihm jetzt zum erſten Mal. Er bat den Lord, ihn nach England begleiten zu dürfen; dieſer willigte zögernd ein, und ſo reiſte Giuſeppo mit Lord Dynhurſt, Ellinor und dem angenommenen Kinde nach England zurück, wo des Lords Bruder geſtorben war, und dieſem ſeine reichen Beſitzungen hinterlaſſen hatte. Giuſeppo war jetzt oft finſter und mißmuthig, er ſehnte ſich nach Italiens Himmel und Sonne, und in ſeinem Groll ward er oft hart und bitter gegen Ellinor, der er vorwarf, daß ſie die Schuld trage an ſeinem Leiden. Ellinor ward ſcheu und zurückhaltend gegen ihn, ſie mochte wohl zuweilen daran denken, was Giu⸗ ſeppo einſt geſchworen in jener Stunde der erſten Liebe, wo er Wehe über ſie gerufen, wenn ſie je⸗ mals ihn verlaſſen würde, und ſie betrachtete ihn zuweilen mit furchtſamen, argwöhniſchen Blicken. Auch bemerkte Giuſeppo, daß ſie vermied, mit ihm allein zu ſein, und ein wilder Argwohn bemäch⸗ tigte ſich ſeines Weſens. Einige Wochen nach ihrer Ankunft verkündete ihm der Lord, er habe ſeine Tochter verlobt, und lud ihn ein, Theil zu nehmen an dieſem freudigen Feſte. Zugleich reichte er ihm eine volle Börſe dar, und deutete ihm an, daß er ſeiner Dienſte nicht weiter bedürfe. * Einen Augenblick ſtand Giuſeppo ſtarr, athem⸗ los, er hatte nicht Kraft zu fragen, wer der Ver⸗ lobte ſei, er dachte nicht einmal daran, dann lachte er laut und ſtürzte fort zu Ellinor. Er faßte kramgfhaſt ihren Arm, und fragte leiſe:„iſt es wahr, Du willſt Dich einem Andern verloben?“— Sie zitterte, dann ſagte ſie eben ſo leiſe:„o ſchone mich!“ Er ſchleuderte ihre Hand von ſich, murmelte etwas zwiſchen den feſt aufeinander gepreßten Lippen hervor, und ging mehrere Male im Zim⸗ mer auf und ab. Ihm war faſt fröhlich, denn er fühlte plötzlich wieder Mannesſtärke und Man⸗ nesglut; Jahre der Ruhe hatten ihn eingeſchläfert, er war wie in ein anderes ſtilles Land verſetzt geweſen, jetzt ſchien es, als athme er wieder die Luft ſeiner Heimath, empfinde er wieder Leben und Wärme in ſeinen Adern, ſein Blut tobte wie ſonſt, ſeine Augen ſprühten wie früher, und er fühlte alle Luſt, alles Entzücken der Rache, allen brennenden Durſt, dieſer zu genügen. „Addio!“ ſagte er dann, und blieb mit über⸗ einander geſchlagenen Armen vor Ellinor ſtehen, die bleich geworden war, wie der Tod. „Addio!“ wiederholte er mit höhniſchem Lachen. „Ich ſcheide! Aber Du ſollſt mich nicht vergeſſen! Gedenke meines Schwurs! Wehe Dir Ellinor! Du haſt mich verrathen! Denkſt Du, ein Neapo⸗ — 37— litaner werde das verzeihen! Treuloſes Weib, Rache über Dich! O weine nur,“ ſagte er lachend, als Ellinor in Thränen ausbrach,„ſo weinteſt Du in jener Stunde auch, als Du mir ewige Liebe ſchwurſt! Weißt Du noch jene Stunde, Du zärt⸗ liche Ellinor?— Weine nicht,“ ſagte er, zitternd vor Zorn,„lache mein Liebchen, denn ein neuer Freund harret Dein!“ Sie warf ſich vor ihm nieder, und flehte:„o ſchone mein!“ Er ſtieß ſie von ſich und ſah ſie an mit höh⸗ niſchen Blicken:„Sprachſt Du nicht ſo zu mir da⸗ mals, als Du mir Treue ſchwurſt!— In jener Stunde ſchwur auch ich, aber mein Gelübde galt der Rache! Ich werde beſſer als Du Wort zu halten wiſſen! Addio!“ Kalt wandte er ſich ab und wollte gehen; Ellinor klammerte ſich an ihn an und rief: „Grauſamer, furchtbarer Mann! Was willſt Du thun?“ „Mich rächen!“ ſagte er ruhig, und ſtieß ſie zurück. Er ging anf ſein Zimmer, packte ſeine Sachen, machte ſich reiſefertig, Alles mit jener Ruhe, die einem Manne eigen, der ſich ſeines Willens klar, und entſchloſſen iſt, zu handeln. Ellinor's Briefe verwahrte er ſorgfältig, ihr Bild, das ſie ihm gegeben, zertrat er unter ſeinen Füßen, und murmelte nur:«maledettal? — 38— Einen Augenblick griff er nach ſeinem Dolch, er beſann ſich aber ſogleich, und ſteckte ihn wieder langſam in ſeine Scheide. Er war ruhig und be⸗ ſonnen, wie jeder Neapolitaner es iſt, wenn er ei⸗ nen beſtimmten Racheplan verfolgt. Seine Sachen waren geordnet, Giuſeppo konnte gehen. Er ließ durch einen Diener ſein Gepäck in einen Gaſthof tragen, empfahl ſich kalt und ernſt dem Lord, reichte Ellinor ruhig und freundlich die Hand, und ſagte ihr einige liebe⸗ volle Worte. Dem Blitz ſeines Auges konnte er aber nicht gebieten, und Ellinor verſtand ihn vielleicht, denn ſie erbebte. Dann ging er.— Als der Abend gekommen, umſchlich Giuſeppo das Hötel des Lords, ſah, wie Wagen nach Wagen heranfuhr, und ge⸗ ſchmückte Gäſte brachte für die erleuchteten Säle da oben, in denen man heute Ellinor's Verlo⸗ bung feierte. Einen Moment däcſte er daran hinaufzugehen, und ſie vor aller Welt, und vor dem Verlobten,⸗ deſſen Namen er nicht einmal wußte, anzuklagen und zu verhöhnen.[ Er beſann ſich aber, daß das keine Rache, ſondern nur Strafe ſein würde. Die Rache ſchleicht langſam, verhüllt ſich Jahre lang, und läßt vor ſich zittern in unaufhörlicher Pein, und erſt, wenn ſie ihr Opfer matt gehetzt hat, dann trifft ſie. Giuſeppo faßte alle ſeine Kraft zuſammen, um ruhig und kaltblütig zu ſein,— und er war es. 8 Nur einmal packte er in kramfhaftem Zorn ſeine eigene Bruſt, und zog die Finger, vom eig⸗ nen Blut geröthet, zurück. Dann murmelte er einen wilden Fluch, und dann hatte er ſeine Faſſung äußerlich wieder gewonnen. Als die Muſik zu ihm herniederrauſchte aus den erleuchteten Sälen, ſchlich er hinein in das Hötel und in das Zimmer, wo das kleine Mäd⸗ chen, das angenommene Töchterlein, ſchlummernd in ſeinem Bettchen lag. Niemand war zugegen, und unbemerkt nahm Giuſeppo das ſchlummernde Kind in ſeinen Arm, hüllte es in ſeinen Mantel und verließ mit ſeiner Beute unbemerkt, wie er gekommen, das Hötel. Auf der Straße angelangt, blickte er noch einmal hinauf zu den hell erleuchteten Fenſtern, er hob die geballte Fauſt empor und ſagte ingrimmig:„die Nache jauchzt, wie Ihr dort oben! Addio!“ Dann ſchritt er fort durch die Nacht.“ Straße nach Straße durchwandelte er, das ſchlummernde Kind im Arm. Als er in einen der abgelegeneren Theile der Stadt gelangt war, wohin ſelten der Fuß eines Fremden kommt, wo in ſchmuzigen Höhlen nur — 410— Bettler und Diebesgeſindel hauſt, blieb er ſtehen, und ließ ein leiſes Pfeifen ertönen. Sogleich antwortete ihm ein ähnlicher Ton, und hinter der Niſche eines Hauſes ſchlüpfte ein ſchmuziges altes Weib hervor, und ſchlurfte leiſe zu Giuſeppo heran. „Die Parole!“ flüſterte ſie.„Teufelsliſe!“ antwortete Giuſeppo. „Es iſt richtig,“ ſagte das alte Weib.„Bringt Ihr das Balg?“ „Da iſt es,“ antwortete Giuſeppo, und legte das noch immer ſchlummernde Kind in des Weibes Arm.„Habt wohl Acht auf das Kind,“ fuhr er fort,„es ſoll Euch dermaleinſt, wenn es erwachſen iſt, reiche Früchte tragen.“ „Und von welcher Sorte iſt denn das Bäumchen?“ grinſete die Alte.„Soll es goldne Früchte tragen, muß es von edlem Stamme ſein.“ „Auch iſt es ſo,“ antwortete Giuſeppo.„Ihre Mutter iſt eine reiche Lady. Drum verwahrt das Mädchen wohl; wenn es erwachſen iſt, kehre ich zurück, die Jungfrau ihrer Mutter zu präſen⸗ tiren, und da wird denn für Euch manch hübſches Sümmchen klingen. Im Uebrigen erzieht das Kind ſo gut Ihr es vermögt, das heißt zu Laſter und Verderben, und wenn ihr es hin betteln führt, vergeßt nicht, ihm hübſch einzuſchärfen, daß es einer reichen Lady Tochter iſt, lehrt ſie, ihrer — 41— Mutter fluchen, und ſtreut den Samen des Haſſes in ihr Gemüth.“ „Da habt Ihr meine Geſchichte,“ ſagte Giu⸗ ſeppo aufathmend,„und wie mir ſcheint, ſind Ihre Geſichter bleich geworden. Jetzt iſt die Reihe an Ihnen, Herr von Farenberg, Sie müſſen uns Ihre Geſchichte erzählen!“ „Ein ander Mal, meine Freunde,“ ſagte Fa⸗ renberg ſich erhebend.„Es iſt ſchon ſpät, und es erzählt und hört ſich ſchlecht mit müden Sinnen.“ „Ja, Herr von Farenberg hat recht,“ ſagte Nordheim.„Laßt uns ein ander Mal fortfahren in unſern Erzählungen. Auch ich fühle mich er⸗ müdet. Auf morgen, meine Freunde! Gute Nacht.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchritt er hinaus!— Auch die Uebrigen trennten ſich bald, da es ſchon ſpät in der Nacht war. IV. Der Geiſterbeſchwörer. Am folgenden Tage ging Nordheim, die Dame aufzuſuchen, deren Bekanntſchaft er auf ſo eigen⸗ thümliche Weiſe gemacht, und deren anziehendes Weſen ihm eine Fortſetzung derſelben willkommen machte. Aurelia, verwitwete Baronin von Stopford, wie auf der Karte, die ſie Nordheim zurückgelaſ⸗ ſen, zu leſen war, bewohnte in einer der ſchönſten Straßen Londons ein glänzendes Hoͤtel, und die reich gallonirten Diener, die Nordheim entgegen⸗ traten, die elegante Ausſtattung des Vorſaals, in dem er die Rückkunft des Dieners, der ihn mel⸗ den ging, erwartete, bekundeten den Reichthum und Geſchmack der Beſitzerin. Nach kurzem Ver⸗ weilen kehrte der Diener zurück, und führte Nord⸗ heim durch eine Reihe prachtvoll geſchmückter Zim⸗ mer in das Cabinet der Baronin. Sie trat ihm entgegen mit jener Ungezwun⸗ genheit und Würde, die das Kennzeichen wahrer Weltbildung, und ihre hohe königliche Geſtalt, ihre großen funkelnden Augen, der edle Ausdruck ihres ſchönen bleichen Angeſichts, das ſanfte Lä⸗ cheln, das ihren ſchön geformten Mund umſpielte, erinnerte Nordheim an eins jener griechiſchen Bild⸗ werke, die er in Rom oft bewundert hatte. Nur die Heiterkeit, die jene erhabenen Schönheiten des Alterthums ausſtrahlen, fehlte dieſen ſchönen Zü⸗ gen; vielmehr war es ein tiefer Schmerzenszug, der ihr edles Geſicht umdüſterte, vielleicht aber ihm auch noch mehr Reiz verlieh. Nachdem die Dame ihm noch einmal mit herz⸗ lichen Worten gedankt für den wichtigen Dienſt, den Nordheim ihr geleiſtet, wandte ſich das Ge⸗ ſpräch auf ihr gemeinſames Vaterland, Deutſch⸗ land, und die Baronin ſagte:„Ich liebe mein Vaterland, ſo wie man Freunde liebt, deren Un⸗ arten uns oft betrüben, deren große Eigenſchaften uns aber zu jeder Stunde zur freudigſten Ver⸗ ſöhnung treiben, und deren Beſitz und Werth wir erſt dann recht zu ſchätzen wiſſen, wenn ſie von uns fern ſind. Obwohl ich nie an dem eigentlichen deutſchen Heimweh gelitten habe, ſo hat mich doch das franzöſiſche mal de pays Jahre lang gequält, ja thut es theilweiſe noch heut.“ „Sie unterſcheiden fein und wahr,“ ſagte Nordheim.„Das Heimweh iſt eine tief in deut⸗ ſcher Natur begründete Krankheit, deren Heilung nicht von unſerem Willen abhängt, und die, wenn ſie ohne unſern Willen vielleicht uns überfällt, wirklich auch manch phyſiſches Weh erzeugt, wäh⸗ rend dieſes franzöſiſche mal de pays eigentlich nur eine Unart, und mehr ein egoiſtiſches Ueber⸗ heben der eignen franzöſiſchen Zuſtände über die fremden iſt, als ein Leiden. Es iſt ein Uebel, das durch feſten Willen beſeitigt werden kann, eine Krankheit. Und darum werden Sie mir verzeihen,“ fuhr Nordheim mit verbindlicher Ver⸗ neigung fort,„wenn ich Ihnen zu widerſprechen wage, und behaupte, daß Sie auch darin eine Deutſche geblieben, der die franzöſiſchen Sym⸗ pathien ganz ferne liegen, daß Sie wirklich an Heimweh gelitten.“ „Kann ſein,“ ſagte die Baronin nach kurzen Sinnen,„kann ſein, daß mein Beſtreben, dieſe deutſche Krankheit abzuleugnen, nur der gute Wille war, ſie zu beſſern. Wundern muß ich mich aber, daß Sie von mir als einer Deutſchen vorausſetzen, daß mir alle franzöſiſchen Sympathien ferne lie⸗ gen, während doch alle Welt jetzt von ſolchen Sympathien ſpricht und ſchwärmt.“ „Schwärmt,“ betonte Nordheim,„Sie haben recht, man ſchwärmt davon. Es iſt dies eine Chimäre, der man ſich einige Zeit überließ, die aber in der That ganz unbegründet iſt. Der Deutſche allerdings, der in ſeiner beſcheidenen Weiſe für alles Fremde, außer ihm Liegende die — 45— größte Bewunderung und Anerkennung hegt, legt dieſe auch für Frankreich ſtets unverholen an den Tag, und überläßt ſich dem angenehmen Glauben, als ſei dies bei ſeinen franzöſiſchen Nachbarn wiederum für Deutſchland der Fall. Es iſt dies aber ein Irrthum, von dem man ſehr bald zurück⸗ kommt, wenn man nach Frankreich geht, dort jene viel beſprochenen Sympathien für deutſches Weſen zu ſuchen. Abgeſehen davon, daß ſchon unſere Sprache, deren Schwierigkeit der Franzoſe nicht zu bewältigen vermag, darum ſchon gleich einer hohen Mauer, jede freie und ungezwungene Communication hemmt, ſo iſt der franzöſiſche Cha⸗ rakter, ſo beweglich und biegſam er erſcheinen mag, doch ſo ſehr abgeſchloſſen und in ſich fertig, daß es ihm unmöglich iſt, ſich fremden Eindrücken hinzugeben, geſchweige denn ſolche außer ihm lie⸗ gende ſympathiſirend in ſich aufzunehmen. Der Franzoſe iſt durchaus Egoiſt, und daher, ſo ſelt⸗ ſam es klingen mag, ſieht er Alles nur von einem beſchränkten, einſeitigen Geſichtspunkte; er legt an Alles nur prüfend den Maßſtab ſeiner Ver⸗ hältniſſe an, und nach dem hieraus ſich ergebenden Reſultat des Zukurz oder Zulang ergiebt ſich ſein Urtheil. Wie ſoll nun da eine Sympathie beſtehen mit dem biederen, beſcheidenen und ſich unterord⸗ nenden Charakter der Deutſchen? Es müßte denn ſein, daß man hierauf das Wort anwenden wollte: les extrèêmes se touchent! Freilich kommt man — 46— mit ſolchen Sentenzen am weiteſten, und ſich mit dieſen zu begnügen, iſt eine Tugend, in welcher der Deutſche von Niemand übertroffen wird.“— „Ich theile Ihre Meinung vollkommen,“ ſagte die Baronin, die Nordheim's Worten mit Auf⸗ merkſamkeit gefolgt war,„und habe dieſe Bewun⸗ derung franzöſiſchen Weſens, der man in Deutſch⸗ land nur zu häufig begegnet, niemals begreifen können. Hingegen ſcheint mir, zur Ehre Deutſch⸗ lands, eine Grundähnlichkeit deutſchen und eng⸗ liſchen Charakters unverkennbar, und ich meine, Sie ſind gekommen, dieſem nachzuſpüren und ſtimmen meiner Anſicht bei.“ „Gewiß,“ ſagte Nordheim.„Wir Deutſche, die wir Jeder vereinzelt mit einem Herzen voller Sympathien umherlaufen, ohne bei uns einen ge⸗ meinſchaftlichen Stützpunkt zu finden, an den wir uns alle lehnen könnten, wir müſſen allerdings gehen, ſolchen in der Fremde zu ſuchen, und wenn wir ihn irgendwo finden, ſo iſt dies gewiß in Alt⸗England der Fall, deſſen großartige und die wahre Men⸗ ſchenwürde und Freiheit ehrende Verfaſſung für mich etwas wirklich Erhebendes hat.“ „Hüten Sie ſich nur,“ ſagte die Dame lächelnd, „den Engländern in allen Verhältniſſen ſolche großartige und geniale Anſchauungsweiſe zuzu⸗ trauen, denn Sie wären alsdann in einem ge⸗ waltigen Irrthum befangen. Der äußere Zwang der Formen wird nirgends ſo ſtreng beobachtet, — 47— wie eben hier; und darum möchte ich, falls Ihnen daran liegt, in der höhern Londoner Geſellſchaft eine Ihrer würdige Stellung zu erlangen, Ihnen faſt rathen, Ihre jetzige Wohnung recht bald mit einer andern zu vertauſchen, und niemals zu ver⸗ rathen, daß Sie jemals in einem Lodginghouſe der City gewohnt. Es iſt dies ein Umſtand, den kein noch ſo freiſinniger Ariſtokrat Ihnen ver⸗ zeiht, und der ganz dazu geeignet iſt, Ihnen den Zugang zu allen Familien auf immer zu ver⸗ ſchließen.“ Nordheim's Züge überflog ein ſpöttiſcher Aus⸗ druck, als er erwiderte:„Ich glaube dem Aus⸗ ſpruche jenes Weiſen, der da ſagte:„„wer es Allen recht machen will, macht es Keinem recht;““ und ſuche deshalb nur immer es mir ſelber recht zu machen. Darum kann ich auch, mit allem tief gefühlten Dank für Ihre Güte, Ihrem freund⸗ lichen Rathe nicht Folge leiſten. Außer, daß mir die City den eigentlichen Kern⸗ und Grundtypus engliſchen Weſens zu enthalten ſcheint, fühle ich mich beſonders durch die Mitbewohner und Frem⸗ den, die mit mir in jenem Lodginghouſe wohnen, und deren Verhältniſſe und Charaktere mir die lebhafteſte Theilnahme einflößen, zu längerem Ver⸗ weilen dort veranlaßt.“ 4 Die Dame billigte dieſen Grund, und nach kurzem Verweilen ſtand Nordheim auf ſich zu entfernen.. — 418— „Machen Sie mir doch die Freude,“ ſagte die Baronin Abſchied nehmend,„mir morgen Abend zu einer echt engliſchen Geſellſchaft Ihre Gegen⸗ wart zu ſchenken.“ Nordheim drückte ihre ihm dargereichte Hand an ſeine Lippen, und verließ die Baronin mit dem Verſprechen, zur morgenden Geſellſchaft zu erſcheinen.—— Als am Abend die fünf Bewohner des Lod⸗ ginghauſes wieder im Room verſammelt waren, und nebeneinander um die dampfende Bowle Platz genommen, ſagte Armand:„Und nun zur Fortſetzung unſerer Biographien; Herrn Giuſeppo Daſſa's pikante Erzählung hat mich wirklich be⸗ gierig gemacht auf ein Mehreres der Art; und ich hoffe, mein Herr Carl von Farenberg, denn Sie trifft jetzt die Reihe des Erzählens, daß Ihr Leben, obwohl Sie nur ein Deutſcher ſind, doch nicht weniger reich an intereſſanten Stoffen ſein wird, als das unſeres Italieners, wenn ich auch von dem meinen gänzlich ſchweigen will.“ Der Angeredete blickte düſter vor ſich hin und murmelte etwas zwiſchen den Lippen hervor, das Niemand verſtand; dann den Blick, in dem ein faſt wahnſinniger Ausdruck leuchtete, zu Nordheim erhe⸗ bend, fragte er plötzlich:„glauben Sie an Geiſter⸗ erſcheinungen, Herr Nordheim?“ „Was verſtehen Sie unter ſolchen?“ fragte dieſer, Farenberg prüfend betrachtend. ————— glaublich halten könnten? Meinen Sie nicht, daß ſtererſcheinung zündete, und der erſte rollende wenn ich vor meinem Geiſte das Bild eines We⸗ „Halten Sie es für möglich, daß Geiſter Ge⸗ ſtorbener den Ueberlebenden erſcheinen?”“. „Und was wäre in den Erſcheinungen der Natur und der Welt,“ ſagte Nordheim,„das wir, bevor wir es kannten, für möglich oder nur der erſte Blitz in den Menſchen gleich einer Gei⸗ Donner ihnen war wie das Sprechen eines un⸗ ſichtbaren Geiſtes? Und wer kann wiſſen, in wie vielerlei Geſtalt ſich die Natur den Menſchen ver⸗ kündet, die Natur, die ohne Ende iſt, ewig ge⸗ bärend und ſchaffend, zeugend aus ſich ſelber das Neue, das als ſolches uns immer wie ein Wun⸗ der erſcheint! Darum glaube ich auch, daß Nie⸗ mand ein Recht hat, Ihre Frage verneinend zu beantworten, und daß überhaupt eine Antwort auf dieſe Frage nur denen zuſteht, die in den Be⸗ gegniſſen ihres Lebens Momente finden, die ſie zu der Frage berechtigen.“ „So habe ich,“ ſagte Farenberg faſt heftig, „das Recht, zu fragen und zu antworten. Denn ein ſolcher Moment iſt in meinem Leben, und hat es zu einem Geſpenſt ſeiner Selbſt gemacht. Und ſens auftauchen ſehe, das einſt der Mittelpunkt meines Lebens war, wenn ich des im Tode ge⸗ brochenen Auges mich erinnere und der m benden Lippen gemurmelten Worte:„we Die Flüchtlinge in London. I. 3 50 Dich, und Fluch Deinem Leben!“ ſo meine ich, ich habe ein Recht zu fragen, ob ein in ſolcher Stunde geſprochenes Wort Kraft hat über das Leben hinaus, und ob eine ſo Geſtorbene die Macht hat, wieder zu erſcheinen und von ihrem Daſein Kunde zu geben!“ „Gewiß,“ ſagte Nordheim,„überdauert die Erſchütterung einer ſolchen Sterbeſtunde in dem Ueberlebenden Tage und Jahre, und darum, weil ſie ſich eingeätzt hat in ſein innerſtes Daſein, kann es kommen, daß ſie ſich ihm in der Phantaſie als etwas auch äußerlich Lebendes darſtellt. Auch glaube ich, daß die letzten Gedanken eines Ster⸗ benden Gewalt über den Tod haben, und daß der im Fliehen begriffene Geiſt es vermag, denen ſich zu verkünden, auf welche die letzten Gedan⸗ ken der noch im Körper weilenden Seele gerichtet waren.“ Farenberg war aufgeſprungen, und rief, die Arme vor ſich hinſtreckend, mit ſtarren Blicken: „und ihr letzter Gedanke war Fluch über mich, und ihr letztes Seufzen eine Verwünſchung meines Lebens! Im Dämmerlichte des Abends durchleuch⸗ ten ihre gebrochenen Augen die Schatten meines Gemachs, im Dunkel der Nacht ſteht ſie an mei⸗ nem Bette und wehrt den Schlaf von meinen Augen, und in der Helle des Tages vernehme ich hinter mir ihren leiſen Schritt, mich begleitend auf meinen Wegen! Und wenn ich niederſinke zum Gebet, und flehe zu den unſichtbaren Mächten, mich zu befreien von dieſer Erſcheinung, ſo flüſtert es neben mir:„Fluch über Dein Leben!“ Wenn ich den Becher an die Lippen ſetze, um im Wein Vergeſſen zu ſuchen, ſo murmelt es aus dem Becher hervor:„wehe über Dich!“ und meine zitternde Hand verſchüttet den Wein! Zuweilen kommt es, daß ich ſchlummern kann, vielleicht, weil dann der mich verfolgende Geiſt ruht,— aber furchtbarer ſind die Träume meines Schlummers, als das Wachen ſelbſt.“ „Aber wollen Sie,“ ſagte Nordheim, abſichtlich das Selbſtbekenntniß Farenberg's unterbrechend, „wollen Sie ſolche Spiele Ihrer vom Schmerz um eine geliebte Todte aufgeregten Phantaſie für eine Erſcheinung aus der Geiſterwelt halten?“ „Weiter! hören Sie mich weiter!“ rief Faren⸗ berg ungeduldig.„In Stunden der Ruhe halte ich dies Alles ſelber für Täuſchung, ich überrede mich, daß ihre Stimme nur in meinem Herzen erklingt, und ihr Blick nur meinem innern Auge erſcheint, und die Erſcheinungen in meinen Träu⸗ men nur ein Spiel meines Blutes ſind. Aber neulich, als jene Dame, die Sie, Herr Nordheim, hier ohnmächtig hereintrugen, als ſie erwachend die Augen aufſchlug, o Himmel, da war es der Blick, der gebrochene Blick einer längſt Geſtor⸗ benen, der für mich allein ſichtbar in den Augen jener Fremden lag, das Geſpenſt meines Lebens — 52— hatte ſich in dieſe Augen geſetzt und glotzte mich hohnlächelnd an. Außer mir, ſinnverwirrt ſtürzte ich fort, und es war mir, als höre ich ſie laut hinter mir rufen:„Fluch über Dein Leben!“— Nichts von den Qualen der geſtrigen Nacht, von den Qualen dieſes Morgens! Mich zu zerſtreuen ging ich aus, in der Hoffnung, die Friſche der Luft und der Glanz des Tages möge jenen Blick verſcheuchen. Umſonſt, überall ſah ich es vor mir, dieſes halb gebrochene Auge, und matt gehetzt von dieſem Blick ſank ich erſchöpft auf eine der Bänke im Hyde Park nieder. Seht, da höre ich leiſe Schritte nahen; mein Athem ſtockt in mir ſelber unerklärlicher Angſt, es war, als ſtände mein Herz ſtill in ahnendem Grauſen, und als ich den Blick ſuchend umhergleiten ließ nach der Urſache meines Schreckens, da ſchwebt eine weibliche Geſtalt mir entgegen, hoch und ſtolz und königlich, wie die ihre. Sie wandte das Auge nach mir hin,— ha! wieder der Blick jener Geſtorbenen, ſie war es, die Todte, ihre Geſtalt, ihr Angeſicht! Es ſchwindelte vor meinen Blicken, ein ſeltſames Tö⸗ nen war vor meinen Ohren, regungslos, keiner Bewegung fähig, war ich wie an meinen Platz gebannt, und erſt, als die Geſtalt verſchwunden, war ich von der Zauberfeſſel befreit.“ „Ihre Schilderung,“ unterbrach ihn Nordheim, „erinnert mich an die Mythologie der Alten. Nicht ſchöner und treffender kann wohl ein ſolcher — 53— Seelenzuſtand geſchildert werden, als in jenem Oreſtes, der von den Furien verfolgt nirgends Ruhe fand.“— „Wie wollen Sie aber,“ ſagte Armand lachend, „die Fieberphantaſien eines durch den Tod ſeiner Geliebten erkrankten Deutſchen mit den Qualen des Oreſt in Beziehung bringen? Ich ſollte doch meinen, es ſei ein Unterſchied zwiſchen den Schmer⸗ zen eines Liebenden und denen eines Mörders! Denn Sie erinnern ſich wohl, Oreſtes hatte einen Mord auf ſeiner Seele!“ Nordheim erwiderte nichts; er wandte ſeinen ſprechenden Blick auf Farenberg, ihre Augen be⸗ gegneten ſich und wurzelten einen Moment feſt in⸗ einander; dann ſagte Nordheim:„und wie ſchön iſt die Fortſetzung dieſer Mythe der Alten! Oreſt fand einen Freund, und durch ihn Geneſung. Er hatte Jemand, dem er ſeine Klagen vertrauen durfte, der ihn liebte um ſeiner Qualen willen! Und ſo löſet die Freundſchaft und Liebe zuletzt alles Leid, wie ſchon das Mittheilen des Schmer⸗ zes dieſen ſelber lindert. Farenberg reichte ihm ſtumm die Hand, und Nordheim drückte ſie mit einem milden Lächeln einen Moment in der ſeinen. Armand aber rief:„aber Ihre Geſchichte, mein Herr von Farenberg, Sie haben uns Ihre Gegen⸗ wart geſchildert! Laſſen Sie uns nun aber auch Ihre Vergangenheit wiſſen!“ „Ich habe nichts weiter zu ſagen,“ antwortete . — 54— Farenberg,„denn meine Vergangenheit iſt die Ge⸗ genwart, von der ich Ihnen erzählte!“ „Das heißt auf eine recht deutſche Weiſe er⸗ zählen,“ rief Armand,„nichts als Phantaſiegebilde und Erſcheinungen, keine Thaten, nichts als Seuf⸗ zer und Thränen und Geiſter, aber kein Leben! Doch es mag drum ſein! Jetzt alſo folgen Sie, Herr Macdeam! Laſſen Sie mich hoffen, daß Ihre Erzählung reichhaltiger ſein wird, und Ihre Unterhaltungen ſich nicht blos auf jenes Lied be⸗ ſchränken, das Sie ſtets auf Ihrem Inſtrument, welches auch jetzt neben Ihnen liegt, ſpielen! Sprechen Sie!“ Der Irländer ſah auf ſein Inſtrument, und ſchwieg. 4 4 „Gewiß,“ ſagte Nordheim,„Sie würden uns Allen eine Freude machen, wenn Sie zu irgend einer Mittheilung ſich veranlaßt fühlten.“ Mafcdeam ſchüttelte leiſe das Haupt; dann ſagte er mit in Wehmuth zitternder weicher Stimme:„ich verſtehe zu wenig von den andern Sprachen, um mich recht verſtändlich zu machen, und vielleicht, wenn ich Ihre Sprache zu reden vermöchte, würden Sie mich doch nicht verſtehen. Nur ein Irländer begreift den Irländer. Aber an Geiſtererſcheinungen glaube ich, und daß ich daran glaube, iſt mein einziger Troſt. Ja, wen ich mein Lied ertönen laſſe, und die Klänge höher und höher anſchwellen, dann meine ich, Geiſter⸗ — 55— geflüſter um mich zu hören, das Wehen eines ge⸗ liebten Athems neben mir zu verſpüren, und den leiſen Druck eines Kuſſes auf meiner Wange zu empfinden! O um die Wonne ſolchen Momentes gäbe ich gern alle übrigen Stunden des Tages hin, und die Ahnung ſolcher Nähe getrennter Geiſter iſt mein einziges Glück. Darum ſpiele ich mein Lied ſo oft, denn nur dann habe ich das Gefühl dieſer Geiſternähe.“ Armand lachte laut:„Alſo Sie eitiren Geiſter mit Ihrem Waldhorn!“ rief er,„und dem Herrn Deutſchen kommen ſie uncitirt! Da wird Einem ja ganz unheimlich bei ſo viel unſichtbaren Geiſtern.“ 8 „Mir nicht,“ ſagte Maedeam unſchuldig und ſanft wie ein Kind,„mir wird ganz heimiſch und wohl dabei!“ Dann einen faſt zärtlichen Blick auf das Waldhorn werfend, das neben ihm lag, ſetzte er es an ſeine Lippen, und ließ einzelne abgebrochene Töne erklingen. „Spielen Sie uns doch Ihr ſchönes Lied,“ bat Nordheim. Macdeam aber hörte ihn nicht, ſondern fuhr fort einzelne gleichſam rufende und lockende Töne zu ſpielen. Seine Züge nahmen einen freudigen, faſt ver⸗ klärten Ausdruck an, ſein Auge ſtrahlte wie in Wonne des Schauens, ſeine Wangen dötheten ſich x wie in Begeiſterung, und wie von ſelbſt einten ſich nach und nach jene einzelnen Töne und geſtalteten ſich zu einer ſanften, innigen Melodie. Schmelzend und ſehnend zogen die Töne da⸗ hin, und alle Sehnſucht, allen Kummer, den Mac⸗ deam ſchweigend in ſeiner Bruſt getragen, und für den er keine Worte hatte, hauchte er aus in den Tönen ſeines Liedes, das in ſeiner rührenden, naiven und einfachen Weiſe wie die unſchuldige Thräne einer kindlichen Jungfrau war. Still wurde es unter den Hörern, wie gebannt lauſch⸗ ten ſie Alle dieſen ziehenden ſchmelzenden Klängen, die, eine Welt von Empfindungen in ihnen erweckend, zugleich dieſe zur Ruhe und zum Frieden einſangen als ſchönſtes Schlummerlied. „O Weisheit der Menſchen,“ dachte Nordheim, „und Beredſamkeit des Weiſen, wie dünkt Ihr Euch Beide ſo mächtig. Alles erforſchend, Alles erfaſſend, und mit Eurem mächtigen Wort Alles ebnend und ausgleichend! O es giebt Klippen, an denen Ihr zerſchellt, und Bannſprüche, die ſelbſt die Beredſamkeit eines Weiſen nicht löſt. Kommt hieher und ſeht! Seht, was mächtiger ſpricht, als Weisheit und Beredſamkeit. Der tolle Revolu⸗ tionär iſt ſtill geworden und ſinnig, das Auge des rachedürſtenden Neapolitaners leuchtet in milderem und friedlicherem Glanz, und— o ſchaut, jener belaſtete, von Schuld zerquälte Menſch kämpft umſonſt gegen die Rührung, die ihn bewältigt und — 572— Thränen in ſeine trockenen Augen treibt. Seht, er verhüllt das Haupt in ſeiner Hand und weint. Das iſt der Zauber der Muſik! Sie Alle erliegen der mächtigen Gewalt wahrer Empfindung, die zu ihnen ſpricht in den Klängen dieſes einfachen Liedes!“— „Und ich?“ fragte Nordheim ſich ſelber und legte ſeine Hand auf ſein Herz.„Und ich bleibe ungerührt? Habe ich denn ſo lange mein Herz genährt an den Erfahrungen dieſer Welt, und mich geſättiget an dieſem Borne des Lebens, daß Empfindung und Phantaſie in mir ertödtet iſt? Warum bleibt mein Auge allein kalt und mein Herz ruhig? O Leben, Weisheit, Welt, was biſt du denn werth, wenn du das Herz ſo erkalteſt und die Empfindung ertödteſt?“ 8 Und er ſtand auf und ging hinaus. V. Ein Wiederſehen. In einem reich decorirten Gartenſalon, durch deſſen geöffnete Thüren die heiße Sommerluft, vermiſcht mit den Düften blühender Orangen, hereindrang, lag auf ſammtner Chaiſe longue eine Dame. Ihr ſchönes Angeſicht war überfluthet von Thränen, und dieſe ſtrömten hernieder auf den Brief, den ſie in ihrer Hand hielt und in dem ſie eifrig zu leſen ſchien.„Er hat Wort gehal⸗ ten!“ flüſterte ſie mit klagender Stimme.„Wie er die Ruhe meiner Seele auf ewig vernichtet hat, ſo wird er nun kommen, mir mein letztes Glück zu entreißen!“ Schritte im Garten ſchreckten ſie empor; ſie ſteckte das Papier in ihren Buſen, und richtete ſich auf.— Es iſt mein Gemahl,“ ſagte ſie leife,„er darf mich nicht in Thränen finden.“ — — 39— Raſch trocknete ſie ihre Augen und eilte zur Thür, die hinabführte in den Garten, ihrem Ge⸗ mahl entgegen. Ihre ſchwarzen Augen, vorher von Thränen verdunkelt, leuchteten jetzt in freu⸗ digem Glanz, und auf ihre ſo bleiche Wange trat ein leiſes Roth. Sie ſank dem hereintre⸗ tenden Manne in die Arme, und rief, ihn feſt umſchlingend:„biſt Du da, endlich da, mein Edward!“ „War ich denn ſo lange fort?“ fragte er liebevoll, und ſtrich mit der Hand ihre blonden Locken von der ſchönen Stirn, einen Kuß darauf zu drücken. „Drei Stunden, mein Geliebter!“ ſagte ſie in faſt vorwurfsvollem Ton.„Drei ganze Stunden, o das iſt eine Ewigkeit für die Sehnſucht!“ „Und haſt Du mich nicht immer, Du holde Träumerin, ſelbſt wenn ich fern von Dir bin?“ fragte der Gemahl.„Weißt Du nicht, daß meine Gedanken immer bei Dir ſind, und meine Sehn⸗ ſucht Dich überall erreicht?“ „Ich weiß es,“ ſagte ſie.„Aber die Angſt, es könnte Dir Schlimmes widerfahren, martert mich, wenn Du fern von mir biſt!“ „Und was ſollte mir widerfahren?“ ſagte er lachend.„In unſerm, von hoher Mauer umge⸗ benen Park möchte es ſchwer ſein, zu einem er⸗ heblichen Unglück zu gelangen. Es müßte denn ſein, Ellinor, daß die Hexe, die in der hohlen — 60— Eiche hauſet, eine Zuneigung zu mir faßte. Du kennſt doch die Eiche im Park, von der die Sage geht, daß eine Hexe drin hauſet, die, wenn ihr ein Mann gefällt, ihn zu ſich lockt, und zärtlich erwürgt? Sag;, fürchteſt Du dieſe?“ „Schilt mich,“ antwortete ſie, ſich zärtlich an ihn ſchmiegend,„nenne mich ein thörichtes, alber⸗ nes Kind, aber bedenke, mein Edward, daß es Liebe iſt, die mich ſo furchtſam macht. Siehſt Du, weil das Glück, Dich zu beſitzen, ſo unend⸗ lich iſt, ſo weit erhaben über Alles, was ich je verdienen kann, darum fürchte ich ſtets, ich könnte es verlieren. Es fehlt mir dieſe Sicherheit des Glücks, die ſich furchtlos dem Genuſſe hingiebt und nicht bangt vor der kommenden Stunde. Vielleicht aber auch, mein Edward, liebe ich Dich, weil mir dieſe fehlt, doppelt heiß, und mein Herz ſchlägt Dir täglich in neuer und heißer Liebe ent⸗ gegen, und täglich neu wirſt Du mein Geliebter, und danke ich Gott für Deinen Beſitz!“ „Und ſo wie Du biſt, liebe ich Dich,“ ſagte er,„und ich möchte Dein Bangen und Sehnen nach mir nicht miſſen! Sich der Sicherheit des Glückes hingeben, heißt, es ſchon theilweiſe ver⸗ lieren, denn dieſe Sicherheit macht das Glück zur Gewohnheit, und die Gewohnheit tödtet die Liebe! Aber wie,“ fuhr er fort, und hob ihr Geſicht, das ſie an ſeinem Buſen verborgen, empor, „meine Ellinor weint?“ — 61— „Laß mich, laß mich!“ rief ſie, ihn krampfhaft umſchlingend.„O laß mich weinen, mir wird ſo leicht und frei unter Thränen.“ Er küßte ihre weinenden Augen.„Nicht wei⸗ nen, Ellinor! Es betrübt mich, daß ich Dich ſo oft in Thränen finde, ohne daß Du mir ſagſt, warum Du weinſt! Komm, mein geliebtes Weib,“ ſagte er, ſie ſanft nach dem Divan führend und ſich neben ihr ſetzend,„komm, ſage mir, was Dich quält, lege alle Deine Sorge, allen Deinen Kum⸗ mer in meine Bruſt nieder, und fürchte nicht, daß Dein Geliebter, Dein treueſter Freund Dich mißverſtehen könnte!“. Ihre Thränen floſſen heftiger; dann ſagte ſie, das Geſicht an ſeinem Buſen verbergend:„o Ed⸗ ward, muß ich nicht weinen? Es fehlt Dir etwas zu Deinem Glück und ich kann es Dir nicht ge⸗ ben! Kein Kind, das Dich Vater nennt!“ Edward ſchwieg einen Augenblick, und ein weh⸗ müthiger Zug überflog einen Moment ſein Geſicht, er verſchwand aber ſchnell, als er ſeinen Blick zu Ellinor herniederwandte, die ſchluchzend an ſeinem Buſen lag. „Nicht darum weine, Ellinor,“ ſagte er weich. „Du biſt mein Glück und meine Freude, und ich entbehre nichts außer Dir! Du biſt mein Weib, meine Geliebte, mein Kind! Dies Alles umſchlinge ich in Dir, und wünſche und will nichts anderes. Aber weine nicht,“ bat er zärtlich, und trocknete mmit ihrem Tuch ihre Augen. „Komm', laß mich Deine Augen ſehen, dieſe räthſelhaften Augen des Südens, die immer im Kampf liegen mit dieſen blonden Locken des Nordens, Du ſchönes italiſches Kind Alt⸗Englands. So, lächle mir, Ellinor, und ſei heiter, damit ich die Erinnerung an Dein Lächeln mit mir nehme, und nicht mit Weh⸗ muth fern von Dir Deines kummervollen Blicks gedenke.“ „Willſt Du ſchon wieder fort?“ fragte Ellinor. „Du weißt, ich muß nach London,“ antwortete ihr Gemahl.„Geſchäfte, die ich nicht länger ver⸗ ſchieben kann, erheiſchen meine Gegenwart.“ „Und wann kehrſt Du zurück?“. „Morgen ſchon,“ antwortete er,„und ich hoffe, daß meine Ellinor mir dann fröhlich und heiter entgegentritt. Laß alle Sorgen, alle Thränen! Wollen wir uns doch unſeres Glückes freuen, und froh ſein im Gefühl unſerer Liebe!“ „Ja, das wollen wir!“ rief Ellinor, und um⸗ ſchlang den Gatten. Als aber ihr Gemahl ſie verlaſſen, und ſie nur noch in der Ferne das Rollen ſeines Wagens vernahm, da ſank Ellinor nieder auf den Divan, und rief laut und ſchmerzvoll:„Gott, mein Gott, wie kann man in ſeiner Bruſt ſo viel Glück und ſo viel Elend bergen! Zerriſſen von Qualen, be⸗ ſeligt von Liebe, möchte ich ſterben vor Leid und jauchzen in Lebensluſt Muß ich nicht weinen, 65— wenn ich zu jeder Stunde fürchten muß, ihn zu verlieren? Nein,“ fuhr ſie heftiger fort,„ich will hn nicht verlieren, eher Alles dulden, Alles leiden, nur nicht ihn verlieren. Alles, was von Kraft, von Ueberlegung in mir iſt, will ich daran wagen, mein Schickſal zu bezwingen, und kalt und ruhig will ich dem Unvermeidlichen entgegengehen.— Sie ſchwieg und barg das Haupt in den Kiſſen des Divans. Stille war es, nur zuweilen unterbrachen El⸗ linor's Seufzer oder einzelne unzuſammenhängende Worte, die ſie in ſich hineinmurmelte, das Schwei⸗ gen um ſie her. Noch immer lag ſie, das Haupt in den Kiſſen verbergend, als leiſe und geräuſchlos ein Mann ſich durch den Garten dem Hauſe näherte, und, ſich vorſichtig umſchauend, durch die Thür in den Salon trat. Es war Giuſeppo Daſſa, und als ſein wilder dunkler Blick, der forſchend im Gemach umherflog, die zuſammengeſunkene Geſtalt Ellinor's auf dem Divan gewahrte, flog ein wildes grauſames Lachen durch ſeine Züge, und die Arme in einander ſchlagend, blieb er ſtehen, ſeinen ſtechenden Blick unverwandt auf die Ruhende gerichtet. Zwiſchen den Lippen hervor murmelte er leiſe unverſtänd⸗ liche Worte, die wie das Ziſchen einer Schlange ertönten, und ſeine Geſtalt erbebte vor innerer Leidenſchaft. 1“ Noch ſtand er ſtill, als Ellinor ſich aufrich⸗ tete, mit einem tiefen Seufzer die Locken aus ihrer Stirn ſtrich, und wie zerſtreut im Zimmer umherblickte. Jetzt gewahrte ſie Giuſeppo, ſie zuckte zuſam⸗ men, und ein einziger ſchrillender Angſtſchrei rang ſich aus ihrer Bruſt, alles Blut wich von ihren Wangen, und ihre Lippen bebten. Sie fühlte, daß ſie keine Kraft beſaß, ſich zu erheben, keine Kraft zu ſprechen, und unbeweglich, ſtarr blieb ſie an ihrer Stelle, in athemloſem Schweigen den Blick auf Giuſeppo gerichtet, der mit höhniſchem Lächeln, ſtumm wie ſie, an ſeiner Stelle blieb. Ein grauſiges Schweigen war um ſie her, ihre Blicke begegneten ſich und hafteten feſt in⸗ einander; innen Wuth, Zorn und Verzweiflung, waren ſie außen ſtill; gleich der Schlange, die mit ihrem Blick den Vogel bannt, daß er nicht weicht von ſeiner Stelle, und, ſein Verderben wiſſend, ihm nicht mehr zu entrinnen vermag, ſo hatte er ſie mit ſeinen giftigen Augen umſponnen und die Schwungkraft ihrer Seele gelähmt. Ellinor dachte, empfand nichts; es war als wenn ein Krampf ihre Seele umfangen und alles duen⸗ alles Empfinden in ihre Augen getrieben ätte So ſchaute einſt Dido, als das abwärts fl thende Schiff ihr den treuloſen Geliebten entzog, 3 — 65— ſie ſchaute und ſchaute, denn ſie wußte, daß ſie mit dieſem Blick und dieſem letzten Schauen Ab⸗ ſchied nahm von ihrer Jugend, von ihrem Glück, voon Freude und Luſt; ſie ſah nicht die Wogen, die ihn abwärts trieben, nicht wie in der Ferne er verſchwand, ſie fühlte nichts, ſie wußte nichts, ſie ſtand und ſchaute eine neue Welt, eine Welt, in der Alles Trümmer und Aſche, Verderben und Tod, ſie fühlte ein neues Leben in ſich er⸗ wachen, aber es war das Leben des Sterbens aller Luſt. „Haſt Du meinen Brief bekommen?“ fragte endlich Giuſeppo. Ellinor zuckte zuſammen bei dem Ton ſeiner Stimme, die ihr war, wie das heiſere Krächzen des Todesvogels, und ſie antwortete kaum hör⸗ bar:„Za!“ Giuſeppo trat näher und ſeine Augen blitzten, als er ſagte:„und ſo empfängt Ellinor ihren Ge⸗ liebten, den ſie in fünfzehn Jahren nicht ſah, und dem ſie ewige Treue geſchworen? Komm, Liebchen, umarme mich.“. Er legte den Arm um ihren Nacken; bei ſei⸗ ner Berührung fuhr ſie empor, und ihn ſtolz von ſich wehrend ſagte ſie befehlend:„Wage es nicht, mich zu berühren! Wir haben keine Gemeinſchaft miteinander!“. „Nicht?!“ ſagte Ginſeppo höhniſch. Hätteſt Du ſo geſprochen vor ſechszehn Jahren, ſo wäre Die Flüchtlinge in London. I. 5 rruhig:„bleib!“ es Dir beſſer geweſen! Damals aber ſchwurſt du ewige Liebe!“ 1 „Erinnere mich nicht daran,“ ſagte ſie kalt und ſtolz,„rufe mir nicht Dinge zurück, vor denen ich noch jetzt in Schmach erröthe. Es war ein Irrthum meiner unerfahrenen Jugend, und ich meine, ich habe ihn abgebüßt. Ich wiederhole es Dir, wir haben keine Gemeinſchaft miteinander! Schmach über die Tage, die geweſen und in de⸗ nen ich Dich zu lieben glaubte. Was willſt Du weiter? Geh'!“ Ginſeppo biß ſich im Zorn die Lippe, daß das Blut hervorſpritzte; er hob die geballte Fauſt empor, ſeine Augen ſprühten in Wuth und Leiden⸗ 5 ſchaft, und er murmelte einen wilden Fluch zwi⸗ ſchen ſeinen Lippen. Es war aber nur ein Mo⸗ ment; dann zwang er ſein Geſicht, ruhig zu ſein, ſenkte den erhobenen Arm, und Ellinor mit kaltem Blick anſehend, ſagte er ruhig:„gut, ich wollte Dich ſchonen. Du willſt keine Schonung! So werde ich denn zu Lord Dynhurſt, Deinem Gemahl gehen, ihn zu fragen, ob Du Schonung verdienſt? Er wird das am beſten aus Deinen Briefen, dir ich mit mir trage, ermeſſen können.“ . Langſam wandte er ſich um, und ſchritt zur Thür. Ellinor folgte mit anſcheinender Ruhe je⸗ der ſeiner Bewegungen, und erſt, als er ſchon die Stufen zum Garten hinabſchritt, ſagte ſie — 67— Ginſeppo wandte ſich um und ſagte höhniſch: „Wirklich? Du fürchteſt alſo doch noch Deine Briefgeheimniſſe?“. „Ich fürchte nichts!“ ſagte die Lady ruhig. „Komme, was kommen mag! Lieber iſt mir die Entſcheidung, ſei ſie auch zerſtörend, als die Qual und Furcht vor der Zerſtörung.“ Ginſeppo nickte wohlgefällig mit dem Kopf und trat näher.„Du haſt alſo Qual empfunden?“ ſagte er;„mein Plan iſt alſo gelungen, und Du haſt gebüßt für Deinen Treubruch. Haſt Du nun ein⸗ geſehen, was es heißt, wenn Giuſeppo zürnt?— Nicht wahr, es iſt beſſer, ſich ihm zu verſöhnen, und ihm, wenn auch nicht die Treue zu halten, ihn doch zu lieben mit neuer Liebe?“ „Nimmermehr,“ rief Ellinor zürnend,„nie⸗ mals die Deine!“ „So laß mich gehen,“ antwortete Giuſeppo tückiſch.„Deinen kinderloſen Gemahl wird es überraſchen, wenn er aus Deinen Briefen erfährt, daß wir uns eines Kindes freuen!“ Schon wollte er abermals das Zimmer ver⸗ laſſen, als Ellinor plötzlich auf ihn zueilte, ſeine Hand ergriff, und, ihn mit einem flehenden Blick anſehend, faſt tonlos ſagte:„Du ſprachſt von meinem Kinde. Wo iſt es? Bei Allem, was Dir heilig iſt, beſchwöre ich Dich, ſage mir, wo iſt mein Kind?“ „Nein,“ fuhr ſie bittend fort,„ſieh mich nicht 5* ſo ſpottend an, o Ginſeppo, nicht dieſen kalten Blick! Sieh, es iſt eine Mutter, die vor Dir fleht, eine Mutter, die in troſtloſem Jammer Jahre lang nach ihrem Kinde geſeufzt. Giuſeppo, tödte mich, vernichte mich, aber erſt laß mich mein Kind umarmen.“ „Und willſt Du, wenn ich Dir Nachricht bringe von Deiner Tochter, Dich nicht weigern, mich bei Dir zu ſehen, mich Deinem Gemahl vorzuſtellen, mich wie einen Gaſt in Deinem Hauſe zu empfangen?“ „Alles, Alles!“ rief ſie,„bringe mir nur Nachricht von meinem Kinde!“ „Wohlan,“ ſagte er, ſie mit grauſamen bren⸗ nenden Blicken betrachtend,„komme und beſiegle dieſes Wort mit einem Kuß!“ Sie ſchreckte zuſammen.„Denk' an Deine Tochter!“ ſagte er kalt. „Ja, mein Kind!“ rief ſie, beide Arme aus⸗ breitend,„komm, umarme mich, Vater meines Kindes!“ Als er ſie aber umfing, und ſeine Lippen auf die ihren preßte, zuckte ſie ſchaudernd zuſammen, und ein Ausruf des Entſetzens rang ſich aus ihrer Bruſt. Ginſeppo ſtieß ſie wild von ſich, und ſagte in⸗ grimmig:„geh', Deine Lippen ſind kalt, und Deine Küſſe wie der Schnes Eures Nordens! Morgen ſiehſt Du mich wieder! Bis dahin Addio!“ — 69— Er nickte leicht mit dem Kopf, und ſtieg lachend die Stufen hinab in den Garten. Ellinor ſchaute ihm nach, athemlos, ſchweigend, bis er am Ende der langen Taxusallee ver⸗ ſchwunden war; dann ſank ſie in lautem Jam⸗ mer nieder, und ihre Thränen überſtrömten ihr Geſicht! VI. Die neuen Freunde. „Ich will doch hingehen, mich nach dem Mädchen zu erkundigen,“ ſagte Giuſeppo Daſſa, als er Ellinor verlaſſen hatte,„und, obwohl es nicht meine Abſicht iſt, ſie Ellinor zuzuführen, ſo möchte ich doch ſelber wiſſen, was aus der Dirne geworden, und ob ſie geeignet iſt, zur gehörigen Zeit eine Rolle nach meinem Willen zu übernehmen. So Pprechend Kandte er ſich ab von dem be⸗ eren Theile der Stadt, und durch ein Laby⸗ on Straßen und Irrgängen gelangte er in eine vorſtädte Londons, die mit ihren engen ſchmu Gaſſen, entfernt von dem Treiben der Stadt id Welt, der Schlupfwinkel ſind für Diebe und Bettler. Vorſichtig mitten auf der Straße ſich haltend, uum nach beiden Seiten ſchauen zu können, ging er die Straße hinab, und am Ende derſelben vor einer der —— * — 71— Hütten ſtehen bleibend, ſchlug er dreimal gegen die Thür. Sodann den Finger an den Mund legend, ließ er ein leiſes Pfeifen ertönen. Sogleich öffnete ſich die obere Hälfte der Thür, und ein Mann mit rothem ſtruppigem Haar, wilden, faſt thieriſchen Zügen ſchauſe heraus. Die glimmende kurze Pfeife, die ihm im Munde hing, einen Augenblick herausnehmend, grunzte er:„ein altes Zeichen, Freund! Lange verbraucht! Haben längſt ein neues! Siiſt ſchon ſechs Jahre aus der Mode! Die Fangeiſen haben Witterung davon gehabt und es nach⸗ geäfft, wurden ſechs aufgeknüpft. Hab' aber doch aufgemacht, weil Ihr's alte Zeichen gut ge⸗ macht. habt⸗—— Die Parole, mein allerliebſter Junge?“ „Teufelsliſe!“ antwortete Giuſeppo. Der Kerl warf den Kopf zurück, und verzog ſeinen breiten Mund zu einem kurzen Gelächter, das dem Grunzen eines Schweins vergleichbar war:„' iſt nichts, mein Junge!“ ſagte er dann. „Längſt aus der Mode! Die Teufelsliſe iſt längſt zum Teufel gefahren! Seid wohl lange aufm Feſtlande geweſen, Ihr Maulwurf, daß Ihr mit ſo alten Scharteken hier heran ſcharwenzelt? Nu, nu! laßt nur immer die Hand von Eurem kleinen Zahnſtocher da,“ fuhr er fort, als Giuſeppo den Dolch aus ſeiner Bruſt hervorzog, laßt duch d — 72— Spielerei, Ihr ſeht mir aus wie'n guter Freund, und ich möchte Euch gerne dienen, aber mit der Teufelsliſe iſt's vorbei.“ „Sie iſt alſo todt?“ fragte Ginſeppo. „Seit ſechs Jahren in der Hrllete grinſte der Kerl. „Und wißt Ihr nichts von dem kleinen Mäd⸗ chen, das ſie bei ſich hatte?“ „Ihr meint das kleine Balg, wo ſie ſechs Jahre darauf gebettelt hat? Weiß nichts davon, wo's jetzt herumpfeifen mag.— Sie hat guten Verdienſt gehabt an dem quarrigen Wurm, ge⸗ prügelt bis es blutete, damit die feinen Damen gerührt wurden, und ihr ein paar verdammte Pence dafür gaben.“ „Und Ihr könnt mir keine Nachricht geben, was aus ihr geworden iſt, ob ſie noch lebt?“ „Nichts, weiß nichts!“ war die lakoniſche Antwort.. „Auch nicht, wenn ich Euch zehn Pfund ver⸗ ſpreche, falls Ihr mir Nachricht bringt?“ „Halt! das ändert das Ding!“ ſagte der Andere.„Wenn Ihr mit goldnen Füchſen jagen wollt, nun, ſo will ich wohl mal Euer Jagd⸗ hund ſein!“ Sie verabredeten nun das Nähere; Giuſeppo ſollte in acht Tagen wieder kommen, und wieder anfragen, und der Mann wollte ſich in dieſer Zeit bemühen,„die quarrige Fahne,“ wie er ſagte, auszuſpüren.„Und hört,“ beſchloß er ſeine Rede,„vergeßt nur nicht, die Goldfüchſe vor Euch herzutreiben, ſonſt fangt Ihr nichts bei mir ein!“ Giuſeppo verſprach das Geld zu bringen, und kehrte zurück ins Lodging Haus. Im Room traf er Armand allein, der ihm mit freundlichem Gruß entgegentrat, und ihm die Hand reichend ſagte:„Ihr Anblick erquickt mich wahrhaft, mein Herr Giuſeppo Daſſa! Ich ver⸗ ſichere Sie, ich habe den Tag über ein wahres Verlangen nach Ihnen getragen, und war ſchon feſt entſchloſſen, das Haus hier für immer zu verlaſſen, wenn ich Sie heute wieder nicht ſehen würde. Mort de ma vie! Iſt das ein Leben hier! Schleichen nicht die Andern wie Nachteulen, die das Tageslicht ſcheuen, umher? Der Offtzier, an dem übrigens nichts Soldat iſt, als ſein Schnurrbart, und der Irländer ſehen am hellen Tage Geſpenſter, und ſcheinen darüber ganz ſprach⸗ los geworden, und der Deutſche, Herr Nord⸗ heim, iſt nun erſt gar unleidlich. Er hat, wie man zu ſagen pflegt, die Weisheit mit Löffeln gegeſſen, und iſt davon ſo überſatt geworden, daß er, wo er geht und ſteht, ſie wieder von ſich geben muß.“ Giuſeppo lachte und wollte etwas erwidern, als Armand ihn plötzlich umarmte, und rief: „Dieu soit benit! Jetzt gefallen Sie mir g 74 und gar! Ich ſehe, Sie können auch lachen! Die größte Bewunderung habe ich immer für Sie ge⸗ fühlt, aber wenn ich Ihre dunklen Augen, die wie der Cerberus leuchten, anſah, meinte ich im⸗ mer, Sie könnten Alles, nur nicht efröhlich ſein. Nun, da ich aber ſehe, daß Sie auch lachen kön⸗ nen, biete ich Ihnen meine Freundſchaft aus vol⸗ lem Herzen an!“ „Und ich nehme ſie an,“ ſagte Giuſeppo un⸗ gewöhnlich freundlich. Beide reichten ſich die Hände, und dann ne⸗ beneinander Platz nehmend, riefen ſie die Wir⸗ thin, und trugen ihr auf, eine Bowle Punſch zu bereiten. „Wir wollen Leben in Ihr Trappiſtenkloſter bringen, gute Frau,“ ſagte Armand fröhlich,„und Sie ſollen Gott danken, daß wir Ihre Todten⸗ kammer ein bischen durchjubeln.“ „Nur nicht allzu laut, meine werthen Herren!“ bat die freundliche Frau.„Der Friedensrichter in unſerm Viertel merkt gewaltig auf, und dann,— hören Sie wohl, der gute Macdeam bläſt ſchon wieder ſein Liedchen,— es wäre doch grauſam, ihn zu ſtören!“ Armand hob das dampfende Glas und rief, mit Giuſeppo anſtoßend:„Auf das Gelingen Ihrer Rache, Freund!“ „Und auf das Wohl Ihrer Schießübungen!“ rief Giuſeppo, Armand bedeutungsvoll anſehend. Armand nickte ihm zu, und leerte ſein Glas. Dann ſagte er:„Ich glaube faſt, das Schickſal hat uns für einander beſtimmt, denn nicht allein hat es uns dieſelben Sympathien gegeben, ſon⸗ dern wir haben dieſe auch in derſelben Sache thätig bewährt! Sie kämpften in Bologna für die Napoleoniden, und ich in Straßburg. Und,“ fuhr er leiſer fort,„warum ſind wir jetzt hier in London? Halten Sie mich nicht für ſo thöricht, daß ich Ihrem niedlichen Geſchichtchen da ver⸗ trauen und glauben könnte, Sie ſeien um jener Liebesgeſchichte von Italien hierher gekommen! Sie ſind ein ganzer Mann, und ich denke, es iſt nicht Männerſache, an ſolche Kleinigkeiten ſeine Tage zu vergeuden.“— „Sie meinen,“ antwortete Giuſeppo,„ich habe vielleicht an die Geſchichte in Bologna und Straß⸗ burg gedacht, als ich hierher kam?“ Armand nickte lebhaft mit dem Kopf, und rief: „Gerathen, mein Herr Daſſa! Gelt, Sie ſind einer der unſern?“. „Was ich nicht bin, kann ich werden!“ ant⸗ wortete Giuſeppo lakoniſch. „Gut, Gut!“ ſagte Armand wohlgefällig,„ich habe alſo recht geſehen! Begleiten ſie mich denn heute Abend zur Sängerin Gordon, es iſt heute Verſammlung bei ihr. Möglich, daß Sie dort auch den Prinzen treffen.“ „Sind Sie ſtark hier?“ fragte Giuſeppo. — 76— „Hinlänglich! Heute Abend das Weitere! Jetzt, mein Bundesbruder, laſſen Sie uns trin⸗ ken auf das Wohl unſerer Sache und der Na⸗ poleoniden!“ «Vive l'empereur!» rief Giuſenpo, und Ar⸗ mand rief es jubelnd nach. —— VII. Der Heirathsantrag. „Und warum wollen Sie nicht die Meine werden?“ fragte Lord Douglas, und blieb vor Aurelia von Stopford, die auf der Chaiſe longue lag, ſtehen, ſie mit feſten, durchdringenden Blicken anſtarrend. 4 „Eine kindiſche Frage, mein Lord,“ ſagte die Dame lachend,„weil ich überhaupt keines Mannes Sklavin ſein will, weil ich meine Freiheit liebe und ſie nicht aufgeben will für Ketten, deren Schwere man niemals abwiegen kann, bevor man daran gefeſſelt iſt.“ „Keine Ketten,“ rief Lord Douglas heftig, „keine Ketten will ich Ihnen anheften; ich will Ihr Sklave, Ihr erſter Diener ſein!“ Die Dame war aufgeſtanden, und ging einige Male ſchweigend auf und ab, dann trat ſie zum Flügel, und einige Töne mechaniſch anſchlagend, ſagte ſie:„Sie ſind ein Thor mit dem, was Sie — 78— da ſagen! Ein Mann kann ſich niemals dem Weibe unterordnen, und wenn er es thut, ſo wird das Weib ihn verachten!“ Nun begann ſie einen rauſchenden Walzer zu ſpielen, und Lord Douglas ſagte heftig:„Nein, Aurelia, Sie plagen mich mit Ihrer Grauſamkeit. Wozu nun dieſe tückiſche luſtige Weiſe in dieſem Augenblick, warum mich höhnen mit Tönen?“ Aurelia hielt inne, faßte ſeine Hand und ſagte in faſt mütterlichem Ton:„Kind, Kind, wollen Sie mich denn niemals verſtehen? Sie wiſſen es wohl, daß ich Sie nicht verhöhnen will, ebenſo gut wie Sie wiſſen, daß ich niemals die Ihre ſein kann!“ „Warum nicht? Warum kann es nicht ſein?“ „Bedenken Sie,“ ſagte Aurelia ernſt,„welche Kluft ſchon, abgeſehen davon, daß ich gar nicht heirathen will, in dem Unterſchied der Jahre zwi⸗ ſchen uns liegt! Sie ſind vierundzwanzig, ich vierunddreißig Jahre.“ „Was kümmert mich der Unterſchied dieſer Jahre,“ rief der junge Lord heftig,„wenn Ihr Antlitz das eines Mädchens, und Ihr Herz und Ihre Geſinnung ſo blühend und jung iſt?“ „Das verſtehen Sie nicht,“ ſagte Aurelia kurz, „und der Himmel verhüte, daß ich Sie durch Er⸗ fahrung zu dieſem Verſtändniß brächte!! „Stolze, theure Aurelia! Laſſen Sie ſich er⸗ weichen,“ bat der Lord.„Sie haben mir ſo oft daß mein Glück Ihr heißeſter Wunſch ſei; wollen Sie nun, da es darauf ankommt, Ihre Worte zu bethätigen, mein Lebensglück auf immer zerſtören? Willigen Sie ein, werden Sie die Meine, ver⸗ ſuchen Sie, an meiner Seite zu leben, ich gebe Ihnen mein Wort als Mann von Ehre, kann es in einem Jahre meinem heißeſten Beſtreben nach Ihrem Willen zu thun, kann es meiner Liebe nicht gelingen, Sie glücklich zu machen, ſo will ich alsdann ruhig in eine Trennung von Ihnen mich fügen, und ohne Murren mich darein ergeben.“ „Geſprochen wie ein Mann,“ ſagte Aurelia faſt ſpöttiſch, wie ein rechter Mann, dem nichts heilig iſt, außer ſeinem Willen, und nichts theuer als die Befriedigung ſeines Wunſches. Und wie nun, mein Lord, wenn ich in Zeit dieſes Jahres Sie wirklich lieben lernte, und dann Ihr Erkalten, das unvermeidlich iſt, mir die traurige Pflicht auferlegte, Sie wieder frei zu geben, und zurückzukehren in die Einſamkeit meiner Vergan⸗ genheit?“ „Nie, nie,“ unterbrach ſie der Lord,„meine Liebe iſt treu, iſt ewig!“ 1 „Ewig? Sie wiſſen nicht, was Sie da ſagen!“ rief Aurelia.„Ich glaube an keine Ewigkeit der Liebe und Geſinnung, das heißt, nicht bei Euch Männern! Wir armen Weiber freilich hegen noch geſagt, daß Sie mich liebten, wie eine Schweſter, — 80— zuweilen in der ſtolzen Demuth unſeres Herzens den Wahn, als ſeien unſere Gefühle für die Ewigkeit, wir lernen aber mit Thränen, daß es nicht ſo iſt!“ 2 „Und warum ſollte es auch ſein?“ fragte Aurelia auf einmal in heiterem Ton,„warum ſollten wir uns gleich bleiben, während Alles um uns her ändert und wechſelt? Während ein Sonnenſtrahl oft die bethaute Roſe in eine üppig blühende verwandelt, ein Feuerbrand den ſtolzen Palaſt verwüſtet, und ein Stocken des Herzens die rothe Wange zum Tode bleicht?“ „O,“ ſeufzte ſie, und ein tiefer Schmerzenszug trat in ihr Geſicht,„„ wenn Sie wüßten, wie oft ich das, was ich Ihnen da eben ſage, ohne daran zu glauben, wie oft ich es mir wiederholt und von meinem Herzen gefordert habe, dieſe Lehre zu begreifen, wie oft ich in Stunden der Qual mich daran getröſtet, daß mit der Stunde auch vielleicht die Qual verfliege! Ach, Stunde nach Stunde, Jahr nach Jahr iſt vergangen, und der Schmerz iſt geblieben und die Qual. Mein Herz gleicht einem Kirchhof, auf dem Jugend, Liebe, Glaube und Unſchuld eingeſargt ſind, es iſt aber kein Friedhof, denn Ruhe und Friede iſt mir fern.“ Lord Douglas faßte mitleidig ihre Hand und ſagte weich:„Arme Aurelia, ſo Vieles haben Sie gelitten! Laſſen Sie mich verſuchen, das Unglück — 81— früherer Tage Ihnen zu vergelten durch Glück und Freude.“ 3 Aurelia wies ſeine Hand faſt unwillig zurück. „Können Sie Todtes erwecken zum Leben?“ fragte ſie.„Und wenn Sie jenem Zauberer glichen, der es verſtand, die Gräber zu öffnen und die Leichen zu erwecken zum Tanze,— es würde doch nur das Tanzen von Gerippen im Leichenhemd ſein, und mir ſelber würde grauen vor ſolcher Freudig⸗ keit! Aber warum,“ fuhr ſie, ſich plötzlich zur Hei⸗ terkeit zwingend, fort,„warum erzählen wir uns Geiſtergeſchichten, die in eine Kinderſtube gehören, und nicht paſſen zu vernünftigen Leuten, wie wir es doch ſind? Laſſen wir doch den Ammen ihre ſchaurigen Geſpenſtergeſchichten, Kinder damit zu Bett zu treiben, wir werden ſchon ohnedies ſchla⸗ fen, und zwar recht feſt, denn die Luſt und der Jubel des Lebens hetzt uns matt und macht ſchläfrig. Im Ernſt, mein Lord, es iſt etwas Luſtiges um das Leben, etwas erſtaunt Fröhliches, und ich denke, wir wollen das noch oft zuſammen erkennen. Meinen Sie nicht?“ Lord Douglas ſah in ihr ſchönes Geſicht, durch das der Gram ſeine Furchen gezogen, und ihre fröhlichen Worte erſchütterten ihn darum dop⸗ pelt; auch fand er nicht die Kraft, ihr ebenſo heiter zu antworten, und reichte ihr ſtumm die Hand. „Sie zürnen mir alſo nicht?“ fragte Aurelia Die Flüchtlinge in London. 1. 6 — 82— herzlich! Wir wollen alſo Freunde ſein wie bisher? Und Sie bleiben mein Bruder?“ Deer Lord nickte mit dem Kopfe und wollte eetwas erwidern, als der Diener eintrat und Nordheim meldete. „Ach,“ ſagte Aurelia freudig,„da werden Sie meinen Lebensretter kennen lernen, und ich hoffe, mein Freund, Sie haben mich lieb genug, um meinem Retter gegenüber ein bischen dankbar zu ſein, und Ihre gewohnte Schroffheit Fremden ge⸗ genüber bei Seite zu ſetzen.“ Nordheim trat ein, Aurelia begrüßte ihn leb⸗ haft und ſtellte ihm Lord Douglas vor, der ſich zwar anſcheinend bemühte, freundlich und zuvor⸗ kommend zu ſein, aber bald unter einem leichten Vorwand ſich entfernte. Aurelia ſah ihm lächelnd nach und ſagte: „Seltſam, ſo viel Schroffheit und Kälte bei ſo viel innerer Weichheit und Glut. Erklären Sie mir das, Herr Nordheim!“ „Er iſt ein Engländer,“ ſagte dieſer lakoniſch. Aurelia lachte, und gab ihm recht. Luft, die ſie warm fächelte in ihrem Innern, ſie 6 VIII. Neue Liebe. Nordheim ward bald ein täglicher Gaſt bei Aurelia, ſie gab ſich rückhaltlos dem Zauber ſei⸗ ner Nähe hin, und es ſchien ihr, daß ſie nur die Stunden, in denen er bei ihr war, wirklich lebe, alles Uebrige war für ſie werthlos und todt. „Sproſſen denn Blumen auf den Gräbern meines Herzens,“ ſagte ſie ſich,„nun ſo will ich ſie pflegen mit aller meiner Lebenskraft.“ Bald aber hielt ſie ihr Herz nicht mehr für einen Kirchhof, ſie nahm ihn für einen Garten, der erſtarrt lag unter winterlicher Kälte, und über dem nun neubelebend die helle Frühlingsſonne auf⸗ ſtrahlte und alles Erſtarrte zu neuem Keim und Daſein weckte. Ja, es war Frühling, heller, ſchaf⸗ fender Frühling in ihr geworden.. Ihr Herz ſchlug wieder urkräftig und jung, ſie empfand wieder das Wehen reiner kräftigender empfand wieder Lebenskraft und Lebensdrang, und fröhlich, wie erwachte Schmetterlinge, flogen ihre Gedanken auf Blumen, die ſie in der Zukunft ſprießen ſah. Sie war wieder jung geworden und fröhlich, heiter und vertrauensvoll, wie ein Kind, und wenn ſie in Nordheim's ſchöne düſtere und kalte Augen ſah, ſo meinte ſie in dieſen wunderbare Räthſel eines neuen Lebens, das jung in ihr er⸗ wachte, und doch wieder ſo alt war wie ſie ſel⸗ ber, zu finden. „Kann es denn ſein,“ fragte ſie ſich ſelbſt, „daß dieſer kalte Blick, dies ſtrenge Auge mir eine Frühlingsſonne ward? Kann es denn ſein, daß mein Gefühl aufthauete unter dem Eis ſeines Herzens? Und dann ſagte ſie jauchzend und be⸗ gglückt: Ja, es iſt ſo. Er iſt meine Sonne. Er hat mir, der Geſtorbenen, neues Leben eingeathmet. Nun, ſo will ich freudig leben in ſeinem Leben! Sein und denken in ihm!“ Hatte ſie früher oft ihrem Schickſal gezürnt, daß es ſie zu einem Weibe gemacht, dem alles Handeln, alles thatkräftige Wirken verſagt, ſo rief ſie jetzt in jungfräulichem Beben:„Heil mir, ich bin ein Weib! Ich kann ihn lieben, wie kein Mann ihn lieben kann! Ich kann ihm mich ergeben, wie kein Mann es kann! Ich kann durch ihn leiden, wie kein Mann leiden kann! Und ſein Geſchöpf kann ich mich nennen, ich, ein Weib!“ 8 Oft in dem Uebermaß ihres Entzückens meinte ſie vor ihm niederſinken, ſeine Knie umſchlingen und rufen zu müſſen:„ich bin Dein!“ Und nur weil ſie fürchtete, ihm zu mißfallen, ihm, der ru⸗ hig und beſonnen ihr gegenüber ſtand und der ihr oft geſagt:„Die Weisheit des Lebens beſteht in Ruhe und Selbſtbeherrſchung,“ nur darum be⸗ ſänftigte ſie ihr heißes Herz. Jahre lang hatte ſie nicht geſungen, nun aber ſang ſie, und die Töne, die aus ihrer Bruſt hervorklangen, waren wie das Jubellied einer Lerche, die ſich gen Him⸗ mel ſchwingt. Oft drängte es ſie, Worte zu finden für ihre Glut, Worte, die ihr Empfinden ausſtrahlen, ihre Liebe ſchildern ſollten.. Dann kam ihr die Sprache ſo arm vor und ſie ſagte faſt traurig:„wie kann ich ausſprechen was nur gedacht werden kann, wie will ich ſchil⸗ dern, was nimmer erſchaut, nur empfunden wird?“ Und lächelnd in Luſt, ihre Stimme bebend vor Bewegung, ſang ſie: Würden meine Seußzer Worte, O dann thäten ſie es kund,. Was am tief verſchwiegenen Orte Ruht auf meines Herzens Grund. Tiefem Meere iſt vergleichbar, Dieſes Herz, ſo ſturmerfüllt, Auf dem Grunde, unerreichbar Ruht die Perle, tief verhüllt! — 86— Kannſt aus tiefem Meeresgrunde Perlen ziehen an das Licht; Doch auf deines Herzens Grunde, Ruht die Liebe, bis es bricht. Aurelia war ein Weib, ein naturvolles, wah⸗ res Weib, und als ſie ſich geſtand, daß ſie Nord⸗ heim liebe, da empfand ſie auch, daß ſie geliebt ſein wolle, daß ihr die Einſeitigkeit des Gefühls nicht genüge, daß ihre Liebe blühen und wachſen und gedeihen müſſe unter dem Sonnenſcheine ſei⸗ ner Gegenliebe. Vielleicht, dachte ſie, iſt es ein erhabeneres Gefühl und eine größere Gottähnlichkeit zu lieben nur um der Liebe willen, und nichts weiter zu begehren als dies. Ich aber vermag es nicht! Wenn es mich drängt mit meiner ganzen Seele zu ihm, und wenn ich meine, unter ſeinem Blick zu vergehen und zu ſterben, ſo weiß ich, es iſt nicht genug an dieſem Gefühl— ich will ge⸗ liebt ſein! und nun prüfte ſie mit ängſtlichem Zagen je⸗ ſeiner Blicke, jedes ſeiner Worte; gleich den Schriftforſchern und Zeichendeutern ſuchte ſie in dem großen vor ihr aufgeſchlagenen Buche der Liebe zu leſen. Es waren aber viele Hieroglyphen darin, die ſie nicht verſtand, denn das menſchliche Herz und die Liebe gleicht oft der unerforſchten Keilſchrift, deren Zeichen wir ſehen und nicht zu deuten vermögen.. Aurelia aber meinte, gleich andern Forſchern, ſie richtig zu deuten in ihrem Sinne und ſeufzte nur ſchwer:„ach, er verſteht mich nicht!“— Nordheim aber verſtand ſie wohl! Er hatte lange in ihrem Herzen geleſen, lange bevor ſie ſelber die Schrift, die darin eingeätzt war, ent⸗ ziffert hatte. Er hatte jedes Zucken dieſes Her⸗ zens, jedes Beben ihres Gefühls beachtet und ver⸗ ſtanden, und wohl durchdacht hatte er den immer höher ſchwellenden Fluthen ihres Gefühls den Damm der Beſonnenheit und Ueberlegung ent⸗ gegengeſetzt.. Nordheim war getränkt aus dem bittern Kelche der Erfahrung, und er durſtete nicht nach neuen Schmerzen. Er meinte längſt abgeſchloſſen zu ha⸗ ben mit dem tiefern Inhalt des Lebens, und von der Oberfläche deſſelben wollte er jetzt nur ſchöp⸗ fen, was es ihm darböte an Minutenglück und Freude der Stunde. Und doch glaubte er nicht an die Freude, und verachtete die Luſt. Er hatte überhaupt keinen Glauben mehr, und das Vertrauen war ihm wie ein Märchen aus ſeiner Kindheit. Zu viel hatte er gelitten von den Schwächen der Menſchheit, als daß er ihnen noch vertrauen konnte, zu viel von ſeiner eigenen Natur, als daß er noch glauben konnte an einen gütigen Gott.. — 88— Er glaubte nur an ſich ſelber, und meinte, weil er die Grund⸗ und Wurzelſprache des Da⸗ ſeins, welches die Erfahrung iſt, erlernt habe, ſei nun auch jede Sprache der Empfindung ihm ver⸗ ſtändlich und darum nicht begehrenswerth. Vor dem roſigen Angeſicht und dem lächelnden Jungfrauenblick, vor der Schönheit und Unſchuld hätte er ſich nimmer gebeugt, denn dies Alles ſchien ihm inhaltsleer, kalt und todt; die Furchen, die der Schmerz in ein menſchliches Geſicht und durch die Schönheitslinien, dieſe zerſtörend, ge⸗ zogen, dünkten ihm ein Schmuck, und er liebte Aurelien um ihres oft ſo kummervollen Blickes, um der Trauer, die er in ihren Zügen las, um ihrer Schmerzen und Erfahrungen willen, die in ſeinen Augen ſich ihr wie eine Glorie um das Haupt wanden. Und nun fand er es ſchön, das ſich zu träu⸗ men, an welches er nicht glaubte, und mit grau⸗ ſamer Luſt ſich einzuſpinnen in Gefühle, die in jeder Stunde, meinte er, zerreißen könnten, wie ein Spinngewebe; ſchön, alle Stadien erwachender Empfindung mit ihr zu durchwandeln, und er ſagte zu ſich ſelber:„nicht auf einmal will ich dieſe Frucht pflücken, die mit dem Genuß verſchwinden würde.“ Ich will ſie pflegen wie ein Gärtner, damit ſie nur allmählich mir reife, und ich mich ſo län⸗ ger ihres Daſeins freuen kann, denn die Blume, die ganz erſchloſſen iſt, welkt mit der kommenden Stunde. Ich glaube nicht mehr an ein ewiges Blü⸗ hen, aber wohl an neue Keime und neue Knospen, und ich will mich wieder jung träumen, ich will alle meine zerſtörten Wünſche und meine zerknickten Lebensblüthen auf einige Sunden vergeſſen, ver⸗ geſſen die zertretene, entwürdigte Menſchheit, und das rein Menſchliche in mir walten laſſen! IX. Das Bekenntniß. Nordheim ſaß neben Aurelien auf dem Divan im ſtillen, traulichen Boudoir, und Aurelie er⸗ widerte auf eine ſeiner Aeußerungen faſt heftig: „Nein! nein! In Allem bin ich Ihre willige Schülerin und glaube Ihrem Wort! Nur Ihre Verachtung der Welt und der Menſchheit kann ich nicht theilen! Ich meine ſelbſt, mein Freund, es ſei Ihnen nicht ſo gar Ernſt mit dieſer Verach⸗ tung, und wie könnte es auch! Die Welt iſt zu ſchön dazu, und Sie ſelber zu gut.“ „Sie nennen die Welt ſchön,“ antwortete Nordheim,„weil die Schönheit Ihres eigenen Ge⸗ müths ſich Ihnen darin wiederſpiegelt. Die Welt iſt immer nur das, was ſie Jedem bedeutet, und ihr Werth oder Unwerth ruht in uns, nicht in ihr. Ich maznestheils halte dieſe Welt für eine kokette, reizende Schöne, mit der zu liebeln es ſich ſchon der Mühe lohnt, und wenn ſie auch 7 — 91— zuweilen grollt und ſchmollt, ganz wie die Schö⸗ nen es thun, ſo lächelt ſie ihren Bewunderern auch wieder gar verführeriſch und lockend, und läßt ſie in gewaltiger Liebesglut an ihrem Buſen ruhen; freilich nur, um ſie dann nachher wieder hohn⸗ lachend zurückzuſchleudern und in neue Qual zu jagen. Aber das Glück einer Minute iſt nicht zu theuer mit jahrelangem Elend erkauft, und dem lockenden Lächeln einer Schönheit zu widerſtehen iſt nicht des Mannes Sache, wüßte er auch, daß es ihn vernichten kann.“ Aurelia ſah ihn faſt ſchmerzlich an, als ſie ſagte:„Und warum wollen Sie auch mich täu⸗ ſchen, mein Freund? Bin ich Ihnen denn nicht ſo viel werth, daß Sie mir gegenüber wahr ſein können? Meinen Sie, ich könnte den leichtfertigen Worten glauben, die Ihte Lippen ſprechen, wenn Ihre Augen ſo ganz anders und weit aufrichtiger ſpreche?— Mögen Sie immerhin der Welt und Natur ſpotten, Ihre Augen ſagen mir, der Spott ſei nur verhüllter Schmerz, und die Verachtung nur hoher Stöolz, der ſich der Klage ſchämt!“ „Sollte ich, wie ein verliebter Knabe, meiner launigen Kokette, Welt genannt, zärtliche Lieder girren?“ ſagte Nordheim bittere z„ Sollte ich ihr, die mir mit buhleriſchem Läch hn Irgendkraft und Jugendglauben und die ſchönſten Jünglingsjahre tückiſch entwandt, ſollte ich ihr noch länger an⸗ * — 92— hängen und ergeben ſein? Nein, ich verachte ſie, und ihr Lächeln iſt mir das eines buhleriſchen alten Weibes, die vergebens Liebhaber anzulocken ſucht.“— .„Sie ſind hart!“ antwortete Auxelia mit lei⸗ ſem Vorwurf,„und doch kann ich Ihnen nicht zürnen, denn wie der Schmerz ſich auch äußern möge, er bleibt immer ehrwürdig als Schmerz. Wie die Orange nur unter dem Sonnenſchein gedeiht und ohne dieſen einen bittern Geſchmack bekommt, ſo verbittert auch das Gemüth, wenn das Glück ihm nicht leuchtet!“ „Wer hat uns Menſchen überhaupt ein Pri⸗ vilegium gegeben auf das Glück?“ fragte Nord⸗ heim ſpöttiſch.„Wer hat uns berechtigt, auf Glück zu ſpeculiren, und unſer Leben dabei als Wechſelſchein zu wagen? Von Jahr zu Jahr ſin⸗ ken dieſe Wechſelpapiere mehr und mehr, und wir ſelber werden auf dieſe Weiſe nur ein Bankrottirer, den man verachtet.— Nein, nein, das Leben iſt ein Roulette, rouge et noir, heute ſo, morgen ſo! Beim rouge nicht jauchzen, beim noir nicht ver⸗ zweifeln, ſo gewinnt man!“ „Aber man verliert ſehr viel, wenn man ſo gewinnt,“ antwortete Aurelia,„man verliert Glau⸗ ben und Vertrauen, und gewinnt nur Zweifel und Mißtrauen!“ „Glauben und vertrauen Sie noch?“ fragte Nordheim. — 93— Aurelia ſah ihn an, innig und fragend zugleich. Ihre Blicke begeesnelen lſich, und was ſie in ſeinen Augen geleſen, mochte ſie zuverſichtlich machen, denn ſie ſagte ganz freudig:„ja, ich glaube und vertraue wieder!“ „Wohl Ihnen,“ antwortete Nordheim,„dann hat Ihr Schickſal Sie milde geführt, und Sie haben wenig gekoſtet vom Unglück und Schmerz!“ „Und wer,“ rief Aurelia in heftiger Bewegung, „wer hat gelitten, wenn nicht ich? Wer war un⸗ glücklich, wenn nicht ich? O Nordheim, Gott al⸗ lein weiß es, was mich plötzlich ſo vertrauensvoll und muthig gemacht hat, während ich doch manches Jahr ſo verzagt und verzweifelnd durchſeufzte, während meine Seele belaſtet war vom Unglück und mein Herz zerbrochen vom Schmerz!“ Thränen entſtürzten ihren Augen und über⸗ flutheten ihre bleiche Wange. Einen Augenblick überließ ſie ſich ihrem Schmerz, während Nord⸗ heim, dem ſolche Ausbrüche des Gefühls ſtets etwas Peinliches hatten, ſich abwandte, und ſchweigend die Gruppe von Amor und Pſyche, die über dem Kamin angebracht war, zu betrach⸗ ten ſchien. Dann trocknete Aurelia ihre Augen, und ſagte gefaßt:„Setzen wir uns! Ich will Ihnen erzäh⸗ len, was Niemand außer Ihnen von mir erfahren hat. Ich will mein Leben vor Ihnen ansbreiten, — 94— und Sie ſollen ſehen, daß mein Gang durch daſ⸗ ſelbe dornenvoll war!“ Nordheim küßte ihr ſchweigend die Hand, Aurelia athmete hoch auf und begann: „Ich war meines Vaters einzigſtes Kind, und dies iſt, wenn Sie wollen, immer ſchon ein Un⸗ glück, zumal wenn der Vater reich iſt und im Stande, alle kindiſchen Wünſche des einzigen Lieb⸗ lings zu erfüllen. Meine Mutter war bei meiner Geburt geſtorben, und ſo fehlte dem verzogenen Liebling des Vaters die mütterliche Pflege und Leitung. Aber ich entbehrte nicht, was ich nicht kannte, und umſchloß in meinem Vater den Lehrer, Freund, Vater und Mutter! Er allein leitete meine Erziehung, meinen Unterricht, lehrte mich denken und empfinden, und vermied es ſorgfältig, mich mit irgend Jemand außer ihm in Berührung zu bringen. Er hatte bei meiner Geburt gehofft, Vater eines Knaben zu werden, und da ihm die⸗ ſer Wunſch nicht erfüllt worden, ſuchte er ſich ſelbſt über dieſen Mangel meiner Geburt, wie er es nannte, zu täuſchen. Ich trug Knabenkleidung, und ward gehalten wie ein Knabe. Oft ſtreifte ich tagelang mit dem Vater zu Pferde durch ſeine großen Beſitzungen, oder ging mit Jagd⸗ taſche und Flinte mit ihm in den Wald, Hirſchen und Haſen aufzulauern; und kehrten wir dann abends ermüdet heim in unſer großes, alterthüm⸗ liches Stammſchloß, ſo erzählte mir der Vater — 95— ausruhend, von den Heldenthaten unſerer Vor⸗ fahren, oder ich las mit ihm lateiniſche oder grie⸗ chiſche Autoren, in welchen beiden Sprachen er mich ſorgſam unterrichtete. Ich wußte nichts von den Beſchäftigungen eines Weibes und nichts von den Gefühlen eines Mädchens. Die Jagd, der Wald, der Fiſchfang war meine Freude, und wenn ich oft zu ganzen Stunden unter einem der hohen Bäume in unſerm Park lag, ſo träumte ich von den Heldenthaten meiner Zukunft, und wie ich mich auszeichnen wollte durch Tapferkeit oder Ge⸗ lehrſamkeit! Das Säuſeln der Bäume war mir dann wie Muſik, die meine Heldenthaten verherr⸗ lichte, und das Geräuſch der Menſchen, das aus dem nahen Dorfe zu mir drang, malte mir in⸗ nerlich ſchnell die wogende Menſchenmaſſe, die einſt mich anzuſtaunen kommen würde. Dieſe Träume waren ſehr kindiſch, aber ſehr beglückend. Auch machten ſie, als ich älter ward, zuweilen andern Platz, die freilich verworrener, unklarer und mir ſelber ganz unbegreiflich waren. Mein Kammer⸗ mädchen, das einzige, weibliche Weſen, das mein Vater um mich duldete, ſagte eines Morgens, als ſie mir behülflich war, meine Knabentracht anzu⸗ ziehen, wie bedauernd zu mir:„wie herrlich müß⸗ ten Sie ſich in der Kleidung ausnehmen, die Ih⸗ nen zuſteht! Dann würde man erſt recht erkennen, wie ſchön Sie ſind!“— Ich konnte dies Wort nicht vergeſſen, umſonſt ſuchte ich mich zu zer⸗ ſtreuen durch Leſen, durch Jagdluſt und wildes Reiten, immer tönte es mir in den Ohren: „dann würde man erſt recht erkennen, wie ſchön Sie ſind!“ Es verlangte mich, ſo erkannt und bewundert zu werden, und als mein Vater mich um den Grund meines Schweigens und meiner Zerſtreut⸗ heit fragte, ſagte ich:„laß mich ſchöne Mädchen⸗ kleider anziehen!“ Umſonſt ſuchte er durch Bitten meinen Wunſch zu beſiegen, ich beſtand auf meinem Willen, um ſo mehr, da es das erſte Mal war, daß dieſem et⸗ was entgegengeſetzt ward, und mein Vater gab endlich ſeufzend nach. Ich ſprang ihm jauchzend um den Hals, und konnte die Zeit kaum erwarten, bis Schneider und Putzmacherin die erſehnten Gegenſtände beſchafft. Als ich dann zitternd vor Vergnügen zum erſten Male in die neue Kleidung mich hüllen ließ, und mit entblößten Schultern und Armen im ſeidenen Kleide zuerſt vor dem Spiegel ſtand und mit neugierigen Blicken mich ſelber als eine Fremde betrachtete, da zitterte mein Herz in bangen und doch freudigen Gefühlen, und als das Kammer⸗ mädchen, wie entzückt, rief:„ach, wie ſchön ſind Sie!“ da ſagte ich recht aufrichtig und erfreut: „ja, das iſt wahr!“— Von nun an ward ich eine Andere, die Kleidung hatte wie mit einem Zauber⸗ ſchlag mein ganzes Weſen umgewandelt, und wenn ich nun noch, wie früher auch, zu ganzen Stunden unter den ſchattigen Bäumen ſaß, ſo träumte ich nicht mehr von Heldenthaten und Ruhm, ſondern ein nie gefühltes Sehnen und Verlangen war in meinem Herzen. Thränen dran⸗ gen in meine Augen, ohne daß ich wußte warum, und mein ganzes Weſen ſchien ſich auflöſen zu wollen in weichem, unbeſtimmten Verlangen. Mein Athem kam ſo bang aus der Bruſt hervor, ich fühlte mich oft innerlich ſo heiß und begehrend, und als ich einmal im Ahnenſaal unter den Bil⸗ dern meiner Ahnen das eines jungen ſchönen Mannes ſah, der vor einigen hundert Jahren ge⸗ lebt, drängte es mich wie mit unwiderſtehlicher Gewalt hin zu dem ſchönen Geſicht, und ich preßte meine heißen Lippen auf die ſchönen Augen des Bildes. Die kalte Leinwand aber erſchreckte mich, und ich ſeufzte leiſe: ach, warum lebt er nicht!— Nun ſah ich oft im Traume dieſe Züge vor mir, das Bild gewann dann Leben und Bewegung, athmete und ſprach, ach, und mit welchem herz⸗ gewinnenden Ton! Erwachte ich dann aus dieſen ſchönen Träu⸗ men, ſo war mir, als ſei ich meinem Himmel und meinem Glück entriſſen, und ich wünſchte nur wie⸗ der zu träumen, um ihn zu ſehen und ſeine Stimme zu hören. Oft ſtand ich zu ganzen Stunden im Ahnen⸗ ſaal vor dem theuren Bilde, und Die Flüchtlinge in London. I.* — 98— recht lange und ſtarr betrachtete, ſchien es vor meinen Augen ſich zu bewegen und zu regen, ja zuweilen glaubte ich es ganz deutlich die Augen nach mir hinwenden zu ſehen. Dann jubelte ich laut und ſtürzte hin zu dem Bilde, und erſt, wenn die Lippen, auf die ich die meinen drückte, ſo kalt und ſtarr waren, wie immer, erwachte ich traurig aus meiner ſüßen Täuſchung. Umſonſt bat mich mein Vater, ihn, wie früher, in Feld und Wald zu begleiten, ich ſuchte und wünſchte nur Einſamkeit, und wenn ich durch das Schloßthor ihn mit ſeinen Jägern und Hunden dahin ziehen ſah, ſo ward mir ganz glücklich und wohl, denn ich konnte nun recht ungeſtört an meinen ſchönen Jüngling denken und meine Ein⸗ ſamkeit genießen. Dann ging ich hinaus in den Park, der mir, ſo groß er war, mit ſeinen hohen Bäumen und dem ewigen Säuſeln darin gar eng und klein erſchien, durchwandelte ihn raſch, und durch die kleine Pforte trat ich hinaus auf das freie Feld. Den nahen Hügel beſtieg ich ſchnell und ſehna ſuchtsvoll, denn von der Höhe konnte ich hinab⸗ ſchauen in die kleine Stadt, die jenſeits an ſeinem Fuße lag, und die mir erſchien wie eine neue Welt, welche ich mir zu einem Eldorado träumte. 8 Wenn der Wind den Schall der Glocke, welche die Stunde andeutete, zu mir herauftrug, durch bebte der Klang wie bezaubernd mein Herz und — 99— erfreute mich tief, und wenn ich Sonntags das anhaltende Geläute der Glocken vernahm, ſo lauſchte ich in wunderbaren wachen Träumen, mit einer Art heiliger Scheu, dieſen Klängen. Dann ſah ich die offene Kirchthür, ſah die Menge dahin⸗ wallen, ſah meinen Jüngling in ihrer Mitte und mich an ſeiner Seite! Ich hatte kaum die Kraft, dies Letzte ganz zu denken, es war mir dann, als müßte ich ſterben. So ſaß ich einſt dort oben auf dem Hügel, als ein nahendes Geräuſch mich aufſchreckte, und wie ich nach dem Grund deſſelben umſchaute, ſah lich einen Jüngling in glänzender Uniform den Hügel herauf kommen. Ich ſchrie laut auf vor Freude und Ueber⸗ raſchung, und lenkte ſo die Blicke des Fremden auf mich. Er kam raſch auf mich zu und bat mit wohl⸗ tönender Stimme um Entſchuldigung über ſeine Störung. Ich aber fand nicht die Kraft ihm zu ant⸗ woorten, es ſchwindelte vor meinen Augen, alles Blut ſtrömte zu meinem Herzen hin, ich wollte uur athmen und ſtieß unwillkürlich einen Schrei aus, dann ſtürzte ich ſchnell, wie ein geſcheuchtes „Reh, den Hügel hinab. Erſt als die Pforte, ddie in den Park führte, ſich hinter mir ſchloß, fand ich meine Beſinnung wieder und warf mich laut weinend und ſchluchzend auf den Raſen hin— 7138 — 100— In nächſter Nacht ſah ich im Traume meinen Jüngling wieder, aber er trug nun die Uniſorm des Fremden. Kaum wiſſend, was ich fhat, ging ih andern Tags wieder zum Hügel, und o meine Freude! der Fremde war ſchon dort. Er ſprach zu mir, ich verſtand ihn nicht, ich hörte nur die Muſik ſeiner Stimme, und Nonue nichts, als ihn anlächeln, und als er, verwirrt über mein Sümetgen. auch verſtummte, bat ich leiſe: Sprechen Sie, ſprechen Sie! „Doch wozu,“ unterbrach ſich Aurelia hier ſel⸗ ber,„wozu Ihnen ſchildern, was nun folgt? Die Liebe, ewig wechſelnd und verſchieden, iſt doch ſtets dieſelbe, und ich will Ihnen nicht erzählen, was Sie ſchon wiſſen. Daß ich ihn bebts wußte ich nicht, ich wußte nur, daß ich für ihn ſterben könnte, und daß mir das Leben ganz werthlos ſei ohne Ihn. Als er aber dort auf dem Piſde⸗ wo wir uns nun täglich ſahen, mich einſt umfing und mir ſagte, daß er mich liebe, da wußte ich, daß mit dieſem Wort auch nun das Räthſel meiner eignen Bruſt mir gelöſt ſei, und unter ſeinen Küſſen ſtam⸗ melte ich: ach, könnte ich jetzt ſterben! Als er aber rief: nein, leben, für mich leben! da ſagte ich: komm zu meinem Vater! Ler ſ es wiſſen, daß ich Dich liebe!— Mein Bater haßte die Welt, von der er vie Erwartung den Vergnügungen der Welt entgsgen, — 101— Böſes erfahren, um deſſentwillen er ſich zurück⸗ gezogen von allen Menſchen und ſeit mehr denn zwanzig Jahren ſtill und abgeſchlpſſen auf ſeinem Schloß gelebt hatte. Er verweigerte mir ſeine Einwilligung zu die⸗ ſem Bunde; weil ich aber ſchwur, lieber zu ſter⸗ ben, als ohne Albert zu leben, gab er ſeufzend ſeine Einwilligung, und wünſchte nur, unſere Ehe ſobald als möglich vollzogen zu ſehen, damit nicht, wie er finſter ſagte, er durch die Unruhe des Brautſtandes noch lange in ſeiner Einſamkeit geſtört⸗ würde. So ſtand ich, eine kaum erwachte Jungfrau, unbewußt faſt deſſen, was ich that, nach wenigen Tagen ſchon mit Albert vor dem Altare, um in ſeine Hand das Schickſal meines Lebens, ja, auch meiner Seele zu legen. Denn die Ehe entſcheidet über unſer ganzes Daſein; was bis dahin ver⸗ worren und unklar ſich in uns regte, wird nun zum Bewußtſein und zur Klarheit in uns geweckt, aber welcher Art dies Erwachen ſei, das wird be⸗ ſtimmt eben durch die Ehe. Dies Alles freilich bedachte ich damals nicht; den Ernſt des Lebens glaubte ich hinter mir zu laſſen bei dem finſtern Stirnrunzeln und dem traurigen Blick meines Va⸗ ters, und nur Freude und Luſt war es, was ich von der Zukunft erwartete. Mein Herz ſchlug in banger und freudiger —, 102— und ich liebte Albert nicht blos um ſeiner Schön⸗ heit willen— denn von ſeinem eigentlichſten We⸗ ſen wußte ich ja nichts— ſondern auch darum, daß er es war, der mich der Freude und den Vergnügungen entgegenführte. So folgte ich iim in das Eldorado meiner Träume, in das kleine Städtchen, wo Albert als Hauptmann mit ſeinem Regiment in Garniſon lag, und das mit ſeinen winzigen Straßen und kleinen Häuſerchen mir da⸗ mals unermeßlich groß erſchien. Faſt noch ein Kind, betrat ich, eine verheirathete Frau, das Haus, das mein Vater für mich und meinen Gatten auf das Glänzendſte hatte einrichten laſſen. Nun begann ein neues Leben, das freilich ganz verſchieden war von dem meiner früheren Tage, und durch dieſen Gegenſatz mich doppelt reizte. 3 Ich dachte nichts als Geſellſchaften, Bälle, Aſſemblées, und wenn ich ermüdet von den vielen Freuden ausruhte, ſo ergötzte mich die Zärtlichkeit 4 meines jungen Gemahls, deſſen einzige Freude darin zu beſtehen ſchien, alle meine Wünſche zu erfüllen, und der keinen andern Willen zu haben ſchien, als den meinen. Schmeichelte mir dies einerſeits, und war es mir bequem, ſtets nur die Wollende und die Gebieterin zu ſein, ſo hatte ich andrerſeits doch zuweilen ein unbeſtimmtes Ge⸗ fühl, daß nicht Alles ſo ſei, wie es ſein ſolle. Ich erinnerte mich zu Zeiten der Helden meine — 103— Mädchenträume, und konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß mein Gemahl, obgleich Soldat, wenig oder keine Aehnlichkeit mit dieſen Helden habe. Sein Heldenmuth beſtand nur in einem friedlichen Commandiren vor der Fronte ſeiner Schwadron, und erſchien mir doppelt lächerlich, wenn er über die Beſchwerden des Dienſtes klagte. Tapferkeit und Selbſtbeherrſchung, hatte mich mein Vater gelehrt, ſei die Zierde des Mannes, und letzteres nun gar vermißte ich an Albert. Er war jähzornig, und kannte in ſeiner leichtgereizten Wuth keine Schranken. Ich hatte ihn mehrere Male um kleiner Urſachen willen in unglaublicher Wuth aufbrauſen ſehen, und in dieſen Momenten nahmen ſeine Züge für mich einen thieriſchen Ausdruck an. Dies entſetzte mich, und mochte er mir nun noch ſo freundlich und liebevoll nahen, immer meinte ich in ſeinem Geſichte jene thieriſchen Züge wieder zu ſinden. Nach und nach begannen ddie ſich wiederholenden Geſellſchaften, in denen ich ſtets dieſelben Menſchen mit denſelben Phraſen und Redensarten fand, mir langweilig zu wer⸗ den; ich ſehnte mich nach andern, nach gei⸗ ſtigen Genüſſen, und bemerkte nun zu meinem Entſetzen, daß Albert hierin nicht mit mir über⸗ einſtimmte. Ihm genügte unſere Lebensweiſe vollkommen, unnd als ich ihn einſt aufforderte, irgend eine Tragödie des Sophokles mit mir zu leſen, meinte — 104— er lachend, davon verſtände er nichts, und habe es immer ſo viel als möglich vermieden, auf den Schulbänken zu ſitzen. Ich war wie erſtarrt vor Schreck; dann ſtand vor meiner Seele das Bild meines Vaters, der mir nie ſo ehrwürdig erſchienen war, wie in die⸗ ſem Augenblick, und eine Fluth von Thränen ent⸗ ſtrömte meinen Augen. Albert lachte über meinen Kummer, und ſpot⸗ tete über meine Gelehrſamkeit, wie er es nannte. Von nun an begann ich das Leben und Be⸗ tragen meines Gatten ſchärfer zu beobachten, und da fand ich, daß er ſehr viele Fehler und Schwächen, und gar wenig Vorzüge und Tugen⸗ den beſaß. Wenn aus der Ehe die Duldſamkeit der Liebe verſchwunden iſt, ſo iſt auch das Glück auf immer entflohen. Wie viel Nachſicht, wie viel Geduld, wie viel gegenſeitiges Nachgeben und Er⸗ tragen in Liebe verlangt dies tägliche Beiſammen⸗ ſein zweier Menſchen, und, ſelbſt bei der innigſten Liebe, wie viel Klugheit. Ich aber war wie ein Kind, die Kinderſpiele verlaſſend, in die Ehe getreten, deren Heiligkeit, Würde und Bedeutſamkeit mir fremd war, und von deren Pflichten mich Niemand unterrichtet hatte. Albert'’s Zärtlichkeit widerte mich nun an, ich wehrte ihn ſtolz zurück, und er meinte roh, das zieme mir nicht, als ſeiner Frau! Das empörte — 105— meinen Stolz, und an demſelben Tage noch fuhr ich hinaus zu meinem Vater, um ihn zu bitten, er möge mich wieder dulden und laſſen in ſei⸗ ner Nähe. Vor der kleinen Pforte, die in den Park führte, ließ ich den Wagen halten, um zu Fuß durch den Garten hinaufzugehen in das Schloß. O, wie war mir ſo wohl und glücklich, als ich den Park wieder betrat und unter den hohen Bäumen wan⸗ delte, deren ſtetes Säuſeln mir nun ein Schlum⸗ merlied für allen meinen Kummer zu enthalten ſchien. Thränen wehmüthiger Freude entſtrömten meinen Augen, als ich die Stufen zum Schloß hinaufſchritt. Es war das erſte Mal ſeit meiner Verhei⸗ rathung, daß ich zurückkehrte in das Vaterhaus, und das Wiederſehen dieſer geliebten ſtillen Räume that meinem Herzen unendlich wohl.„Hier werde ich wieder glücklich ſein!“ ſagte ich zu mir ſel⸗ ber, und athmete froher und freudiger, wie ſeit Wochen. Mein Vater, der, wie mir der Kammerdiener Stephan ſagte, ſeit meiner Verheirathung noch weit ernſter und finſterer geworden denn früher, war krank, und hatte ſchon ſeit mehreren Tagen ſein Zimmer nicht mehr verlaſſen können. Ich ſank ſchluchzend neben ſeinem Lehnſeſſel nieder, verbarg mein Geſicht in ſeinen Schooß und flehte leiſe, er möge mir geſtatten, wieder — 106— mit ihm zu leben.— Der Vater aber ſchüttelte mißbilligend ſein Haupt und ſprach von meinen Pflichten.. Und was für Pflichten können das ſein, rief ich empört, die einem denkenden und fühlenden Weſen gebieten können, ſein Leben hinzuſiechen an der Seite eines Mannes, den man nicht liebt? Die Pflichten einer Ehefrau, die Du vor Gott beſchworen! antwortete mein Vater traurig halb und halb ironiſch.— Mir ſchauderte, und ich ſeufzte matt: aber ich habe geſchworen, ohne zu wiſſen, was ich beſchwur, und darum will ich und kann ich nicht verpflichtet ſein, es zu hal⸗ ten.— Niemand, der in die Ehe tritt, weiß, was er beſchwört, erwiderte mein Vater, es iſt dies ein Wiſſen, das nur durch Erfahrung unſer Eigen wird! Fort und fort ermahnte er mich, zurückzukehren zu meinem Gatten. Ich war wie zerbrochen in mir ſelber, beſinnungs⸗ und muthlos. Ein Ge⸗ räuſch im Vorzimmer machte mich erbeben, ich hörte Stimmen, mahnende Fußtritte. O Gott, es war Albert, und er kam lachen⸗ den Mundes und mit Scherzworten, ſeine kleine Schwärmerin, wie er mich nannte, zurückzufordern. Er ahnte alſo nichts von meinen innern Leiden und Qualen, er verſtand nichts von meiner Pein, und keine Ahnung der Möglichkeit einer Trennung kam in ſeine Seele. — 107— Dies beugte mich vollends, und mit einer Art verzweiflungsvoller Ruhe, mich faſt ſchämend mei⸗ ner kleinmüthigen Verzagtheit, nahm ich Abſchied von meinem Vater und kehrte mit Albert zurück zur Stadt. Verzweifelnd und aufgeregt hatte ich mein Haus verlaſſen, ruhig und kalt betrat ich es wieder, aber mit belaſteter Seele und trotzigem Schmerze. Ich beſchloß, ohne Klage ein Geſchick zu er⸗ tragen, dem zu entrinnen ich nicht mehr hoffen konnte. Aber in der ſchweigenden Pein meines Schmex⸗ zes fühlte ich einen verzehrenden Haß gegen den 1 Urheber meiner Leiden, gegen Albert. Eine tiefe Verachtung gegen das Band der Ehe, das mich feſſelte überkam mich, und zornig warf ich den gol⸗ denen Reifen, dies Bindezeichen, das ich vor dem Altar empfangen, und der mir glühend am Finger zu brennen ſchien, weit von mir, daß er klirrend zur Erde fiel! 2 Und Albert ſtand dabei, und nannte mich lachend ein verzogenes und ungezogenes Kind. S Laſſen Sie mich ſchweigen von den nun kom⸗ mmenden Tagen, deren jeder für mich neue Qual unnd neue Verzweiflung enthielt, ſchweigen von der tiefen und vernichtenden Demüthigung, die ich em⸗ pfand, wenn ich Liebkoſungen erdulden, Küſſe em⸗ pfangen mußte, ohne auch nur für einen Moment meine verachtende Kälte und ſtarre Gefühlloſigkeit — 108— ſchmelzen zu fühlen.— Unter ſolchen Qualen mußte der Tod meines Vaters, der nach kurzer Krankheit dahinſchied, mich aufs Furchtbarſte er⸗ ſchüttern. Denn der Gedanke an ihn war mir der letzte Schimmer von Hoffnung geweſen, die letzte Ausſicht einer doch vielleicht noch zu erlan⸗ genden Freiheit, der Anhaltepunkt aller meiner Pläne! Ich hatte nun Niemand mehr auf der Welt, als Albert, denn die einzige Verwandte, eine Schweſter meiner Mutter, wohnte weit fort in einem Schloſſe am Rhein, und nur als Kind hatte ich ſie einmal geſehen. Der Gedanke aber, nun für immer und allein an Albert gewieſen zu ſein, machte mich faſt raſend, und in ſinn⸗ loſem Schmerze beſchwor ich Albert, mich frei zu geben. Als er aber ſagte, die Trauer um den Vater habe nur meinen Verſtand verwirrt, in ru⸗ higern Stunden werde ich ihn ſchon wieder lie⸗ ben, und er werde daher nie in eine Trennung von mir willigen, wandte ich ihm kalt und ſchwei⸗ gend den Rücken, und verſchloß mich in meinen Gemach. Furchtbar waren die Stunden dieſes Tages und undenkbar meine Qualen. Zum erſten Male in meinem Leben fühlte ich mich von fremder Gewalt beherrſcht, empfand eine Macht über mir X. Lord Douglas. Früher wie ſonſt erwachte Nordheim am an⸗ dern Morgen, ſein Herz trieb ihn wach, und wäh⸗ rend er ſich ankleidete, ſagte er zu ſich ſelber: „ wohl mir, daß dieſe innere Apathie endlich, wenn auch nur auf Stunden, warmer Regſamkeit ge⸗ wichen iſt, und daß dieſem Schweigen des Todes in mir wieder ein Athmen des Lebens folgt. Hat denn Welt und Erfahrung mein Gefühl verhärtet und mein Herz zu Stein gemacht, ſo fühle ich freudig, daß dieſer Stein noch Funken giebt, die freilich bald verſchwinden und wieder in ein Nichts ch auflöſen werden. Aber ich will nicht fragen nach der Zukunft, die Gegenwart iſt mein, und ich will ſie genießen! Thorheit iſt es, im Ge⸗ nuſſe zu fragen nach deſſen Dauer, während doch Genuſſe Vergangenheit, Gegenwart und Zu⸗ ſich zuſammendrängt in dieſen einzigen Mo⸗ Und weil ich denn innerlich mich be 8* c beſchäf. — 116— tigt fühle, und weil mein Herz wieder warm und lebensvoll klopft, ſo will ich nicht fragen und klü⸗ geln, ſondern genießen das Glück der Stunde, und, ein thörichtes, aber weiſes Kind, mich wiederum in die Wogen des Gefühls ſtürzen. Die Beſonnen⸗ heit wird, wenn es Zeit iſt, mich zurücktreiben an das nackte Ufer. So ſprechend verließ er ſein Zimmer und fuhr zu Aurelien. Sein Geſicht erheiterte ſich, als er im Begriff, die Thüre zu ihrem Boudoir zu öff⸗ nen, von innen ihre Stimme vernahm, und er ſagte zu ſich ſelber:„welch eine tiefe Muſik liegt in dieſer Stimme!“ Er fand Aurelien aber nicht allein, und dies verſtimmte ihn, und zeigte ihm, wie theuer ihm ſchon dies ſüße und traute Ungeſtörtſein mit ihr war. Lord Douglas, den er ſeit ſeinem erſten flüchtigen Begegnen mit ihm nicht wieder geſehen, war dort, und Nordheim bemerkte, wie er ein aufmerkſamer Beobachter Aureliens und Nordheims ſelber ſei. Er ſprach wenig, und ſchien nur darauf be⸗ dacht zu ſein, Aureliens und Nordheim's gegen⸗ ſeitiges Verhältniß zu erforſchen. Als die Baronin im Laufe des Geſprächs Nordheim mit einem innigen Liebesblick anlächelte, erbleichte der Lord, und ſein Geſicht nahm einen ſchmerzlichen Ausdruck an. 3 Dieſe ſtete Achtſamkeit eines Dritten beläſtigt — .. — 117— begleiten!“ Nordheim verneigte ſich ſtumm, und Aurelia ſagte ſcherzend:„wenn ich nicht Ihre friedlichen Geſinnungen kennte, mein Lord, ſo möchte man nach Ihrer Miene faſt glauben, daß Sie Herrn Nordheim zu einem ſehr ernſten Gange begleiten wollen. Sie laden ihn zu einem Spaziergang mit einem Geſicht, als ging es zum Duell.“ Lord Douglas erwiderte nichts, ſondern küßte ſchweigend die Hand der Baronin. Stumm verließen beide Männer das Haus, und ſchritten eine Zeit lang ſo nebeneinander her. „Laſſen Sie uns,“ ſagte Nordheim endlich, „doch dieſe geräuſchvolle Straße verlaſſen. Sie haben mir ſo gütig Ihre Begleitung angetragen, und ſind dadurch meinem Wunſche eines längeren Beiſammenſeins mit Ihnen nur zuvorgekommen. Laſſen Sie uns denn gehen, wo wir ungeſtörter ſind.“ Coord Douglas ſtimmte ihm bei, und ſie gingen nach Hyde Park. Die Stunde, wo die faſhionable Welt ſich dort zu ergehen und zu erholen pflegt, war noch nicht gekommen, und ſo wandelten ſie ungeſtört durch die langen und ſchattigen Alleen ahin. 133 aber Nordheim, und er ſtand bald auf, ſich zu empfehlen, als der Lord mit einem gezwungenen Lächeln ſagte:„Sie erlauben mir wohl, Sie Iu SLord Douglas ſchien ſich abſichtlich den abge⸗ —————— — 118— legeneren Theilen zuzuwenden; als ſie jetzt in einen Gang einbogen, wo Stille und Einſamkeit ſie umfing, blieb er plötzlich vor Nordheim ſtehen, und ſah ihm feſt ins Geſicht:„Sie werden mrr eine Frage verzeihen,“ ſagte er ernſt,„die Sie, ſo ſeltſam ſie Ihnen erſcheinen mag, mir doch als Gentleman gewiß aufrichtig beantworten werden.“ „Fragen Sie,“ antwortete Nordheim,„ich gebe Ihnen mein Wort, daß meine Erwiderung aufrichtig ſein ſoll.“ Lord Douglas ſchwieg einen Augenblick, und der Kampf ſeiner Seele ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen wieder; dann fragte er faſt tonlos:„lieben Sie die Baronin Stopford?“ Nordheim lächelte und erwiderte ruhig:„dies iſt eine Frage, mein Lord, von ſo zarter und ge⸗ fährlicher Art, daß ich bis jetzt vermied, ſie mir ſelber zu beantworten. Doch, Ihnen meine Ach⸗ tung zu beweiſen, will ich wahrer gegen Sie ſein, wie bisher gegen mich ſelber. Ja, ich liebe Au⸗ relien.“ „Und ſie,“ fragte der Lord athemlos,„ſie, de Baronin Aurelia, liebt ſie wiederum auch Sie?“ Nordheim ſah ihn einen Augenblick ſcharf und prüfend an; dann erwiderte er:„Um eine ſolche Frage zu beantworten, muß ich Sie für einen Ehrenmann halten, dem der Ruf einer Dame hei⸗ lig iſt, und ich thue es. Wenn mich mein Herz nicht trügt, ſo liebt ſie auch mich!“ — 119— „Ich danke Ihnen, leben Sie wohl,“ ſagte Lord Douglas kurz und wandte ſich eilig ab, zu gehen. Nordheim aber faßte ſeine Hand und ſagte haben noch mancherlei zu beſprechen. Haben Sie einmal durch Ihre Fragen mir eine Art Zutrauen bewilligt, ſo erlauben Sie auch mir nun eine Frage: Sie lieben gleichfalls Aurelien?“ „Ja, ich liebe ſie,“ erwiderte er heftig,„mit aller Glut meines Herzens, und ihre Güte und Freundlichkeit ließ mich eine Erwiederung meines Gefühls hoffen. Schon träumte ich mir die Se⸗ ligkeit einer Zukunft, deren Mittelpunkt ſie, Au⸗ relia, war. Da kamen Sie, mein Herr, und ha⸗ ben durch Ihr Erſcheinen meine Zukunft und mein Glück geſtört.“ „Sie irren, mein Lord,“ unterbrach ihn Nord⸗ heim,„und wenn ich auch Ihre jetzige Aufregung verſtehe, und Sie, weil ich ſelber einmal jung war, begreife, ſo müſſen Sie mir doch verzeihen, wenn ich es wiederhole: Sie ſind im Irrthum!“ „ Und wie,“ rief Douglas heftig,„wie wollen Sie mir beweiſen, daß ich mich täuſche, wenn ich doch daß mein Glück und meine Zukunft zer⸗ ſtört iſt?“ „ Ein Glück, das zerſtört werden kann,“ ant⸗ ortete Nordheim,„iſt gar keins, und die Liebe nes Weibes, die Ihnen entriſſen werden kann, gütig:„Bleiben Sie, mein Lord! Ich denke, wirr — 120— war niemals wirklich Liebe. Schauen Sie nun aber umher, betrachten Sie die Welt und die Geſchichte, mein Lord, ſo werden Sie ſehen, daß Glück und Liebe niemals dauerte, daß beides ſtets verging, wie ein Meteor der Nacht, welches, wenn wir es für Sonne oder Licht halten, uns daran zu wärmen oder zu erleuchten, durch ſein Zer⸗ platzen uns plötzlich und unvorbereitet dann in Finſterniß und Kälte zurückverſetzt. Je früher wir aber dieſe Weisheit lernen, deſto mehr ſind wir zu preiſen.“ „So hätte ich,“ ſagte Lord Douglas bitter, „Ihnen zuletzt noch meinen Dank zu ſagen, daß Sie, indem Sie mir Aureliens Liebe entwenden, und mich ſo zu der grauſamen Qual des Ent⸗ ſagens verdammen, mich die Weisheit von der Un⸗ beſtändigkeit des Glückes begreifen lehren.“ „Gewiß iſt es ſo,“ antwortete Nordheim ernſt. „Wohl mir, hätte ich, als ich ein Züngling war, wie Sie, auf eben ſo milde Art dieſe Weisheit gelernt! Hier nun aber ſind Sie in doppeltem Irrthum befangen und halten für Glück, was doch nur das Elend Ihres Lebens machen würde! Un⸗ terbrechen Sie mich nicht, mein Herr! Hören Sie vielmehr das Wort eines Mannes, der es wahr und redlich meint, und dem Ihre jetzige Aufregung und Ihr Schmerz ehrwürdig und heilig iſt. Sie glauben Lady Stopford zu lieben, und ſind ge⸗ kränkt, weil dies Gefühl nicht erwiedert wird. Was — 121— aber, mein Lord, konnten Sie von ſolcher gegen⸗ ſeitigen Neigung hoffen? denn ich leſe in Ihren Augen, daß Sie von derſelben nicht die Beſchäf⸗ tigung einer Stunde forderten, ſodedn ſie zum Zweck ihres ganzen Lebens machen wollten. Was Ihnen aber jetzt ein Glück ſcheint, würde Ihnen ſpäter eine belaſtende Feſſel ſein!“ „Nimmermehr,“ rief Douglas heftig,„ich liebe Aurelien wahr und innig, wie wäre da ein ſolcher Wechſel möglich!“ „Sie lieben ſie jetzt, wo die Schönheit ihrer Geſtalt, der kummervolle Zug, der, ihr Geſicht beſchattend, es nur verſchönt, dieſem Angeſicht einen doppelten Reiz verleiht. Denken Sie aber einige Jahre weiter. Sie ſelber, in der Kraft und Fülle der Jugend, und Ihnen zur Seite das Weib Ihrer erſten Liebe, eine zerfallene Geſtalt, ſſchlaffe Züge, das Geſicht von Runzeln entſtellt, wo bleibt dann die Liebe? Werden Sie ſich nicht vielmehr Ihrer erſten Neigung ſchämen?“ „Wahre Neigung,“ antwortete Douglas,„fragt nicht nach der Schönheit des Angeſichts, ſondern der Seele, und die Erhabenheit und Schönheit dieſer letztern beſtimmt die Unwandelbarkeit der Liebe.“ „ Wie jung Sie ſind!“ rief Nordheim, den Züngling faſt mitleidig betrachtend.„Noch in ner Begeiſterung, die in edlem Aufwallen ver⸗ wechſelt, was doch ſo verſchieden iſt. Sie lpiechen — 122— von Freundſchaft, und meinen doch Liebe! Dieſe aber bedarf des Aeußern, bedarf der Schönheit des Angeſichts, bedarf des Lächelns und des Rei⸗ zes der Jugend, und unterſcheidet ſich eben dadurch von der Freundſchaft; ſie iſt mehr Aufwallung der Sinne und des Blutes, als bewußtes Gefühl der Seele, und darum eben iſt ſie ſo wandelbar, und darum eben dürfen Sie Ihr junges Leben nicht an ein Weib feſſeln, das älter iſt wie Sie ſelber.“ „Betrachten Sie dieſe Blume, mein Lord,“ fuhr Nordheim fort, und blieb vor der Nelke ſtehen, die im Bosket am Wege ſtand,„ſehen Sie dieſe volle üppige Blüthe, und nun daneben dieſe ſchweigende kleine Knospe. Sie werden ſich heute der erblühten freuen, und ich rathe Ihnen, in vollen Zügen ihre Schönheit einzuathmen. Kehren wir aber morgen zurück, und Sie werden die blühende verwelkt und die knospende in Blüthe 4 finden. Ich glaube kaum, daß Sie die erſtere dann vorziehen werden, weil ſie geblüht hat, vor⸗ ziehen vor der, die erſt zu blühen beginnt. Sie werden es nicht thun, weil Sie jung ſind und noch viele Tage warten können auf das Erblühen der Knospe. Ich aber, ſehen Sie, ich nehme die volle Blüthe, denn ich habe nicht Zeit auf das Erblühen der andern zu warten, und mir genügt der Genuß des Augenblicks, weil ich nicht mehr an Ewigkeit, ſondern nur an Augenblicke glaube.“ „Seltſam,“ ſagte Lord Douglas nachdenklich, * — 123— „Sie lieben und werden geliebt, und ſcheinen doch nicht glücklich?“ „Wenn Sie in meinem Alter ſind, werden Sie das begreifen. Sie werden dann wiſſen, daß die Liebe nicht das Leben füllt, ſondern nur ein Moment iſt in demſelben, und, weil ſo, auch nicht dauerndes Glück geben kann, ſondern höchſtens nur Vergeſſen des Unglücks. Auch habe ich dem Glauben und der Zuverſicht an das Glück längſt entſagt, und gelernt, daß es im Glück viel Schmerz und im Unglück viel Genuß giebt. Seit ich dies weiß, bin ich zufrieden mit dieſer Welt und nehme dankbar die Freude des Augenblicks.“ „Aber ſehen Sie, mein Lord,“ fuhr Nordheim fort, als ſie jetzt aus einer Nebenallee plötzlich in den Hauptgang einbogen, wo jetzt die glänzenden Carroſſen mit ſchönen Damen auf und nieder fuhren, ſchlanke Amazonen auf zierlichen Rennern, beglei⸗ tet von einer Cavalcade Gentlemen vorüber brau⸗ ſten,„ſehen Sie, da ſind wir ploͤtzlich recht im Mittelpunkt der Welt, und mich dünkt, ich ſehe manches glühende Mädchenauge ſich ſehr beredt auf den jungen und ſchönen Lord Douglas wenden. Muthig, mein Herr,“ fuhr er plötzlich, einen ſcherzenden Ton annehmend, fort,„muthig! Wer kann wiſſen, zu welchen großen Dingen Ew. Lord⸗ ſchaft noch berufen iſt, und ob Ihnen nicht ein Thron noch aufgeſpart iſt! Sehen Sie, dort kommt Ihre jungfräuliche achtzehnjährige Königin — 124— herangeſprengt. Wahrlich, wäre ich ein Lord, ich wollte nichts begehren, als dieſe königliche Jung⸗ frau.“ „Wollen Sie mir rathen, die Zahl der Narren im Bedlam, die von dieſen königlichen Reizen ihres Verſtandes beraubt wurden, noch um einen zu vermehren?“ fragte Lord Douglas. „Narren ſind ſehr glücklich,“ antwortete Nord⸗ heim,„und genießen als wirklich, was wir um⸗ ſonſt erſehnen.“ Jetzt ritt die Königin, begleitet von zahlreichem Gefolge, im brillantenbeſetzten Reitkleid vorüber, und erwiederte des Lords tiefe Verneigung mit einem gütigen und erkennenden Lächeln. Fahrende, Reitende, Fußgänger, Alles ſtrömte ihr nach, und hatte nur Aug' und Sinn für die junge Herrſcherin, die, anmuthig ſich links und rechts verneigend, eine gewandte Reiterin, dahin pirouettirte. Nord⸗ heim ſagte leiſe zu Douglas:„Sehen Sie, mit ge⸗ wandter Hand leitet eine Königin mit höchſteignen Händen dort ihr Roß, das ſtolz darauf zu ſein ſcheint, ein ganzes Königreich auf ſeinem Rücken zu tragen. Sehen Sie die Wandelbarkeit des Glückes! Der einſtige Beherrſcher eben dieſes Königreichs rief einſt:«ein Königreich für'n Pferd.» Gewiß würde Königin Victoria auch nicht Einen ihrer Sklaven in Indien hingeben um ein Pferd, oder einen ihrer gemißhandelten Irländer befreien um ein Pferd, und doch, mein Lord, kann es — 125— kommen, daß ein König ruft: ein Königreich für'n Pferd!— Mir iſt, ſeit ich dies weiß, ein Pferd faſt lieber, als ein Königreich!“ Am Ausgang des Parks wartete Lord Douglas Diener mit dem Tilbury, und die Herren ſchieden mit der Verſicherung gegenſeitiger Achtung und Freundſchaft. „Muß ich denn Aurelien entſagen, ſo ſind Sie der Mann, dem ich willig den Vorzug zuge⸗ ſtehe!“ ſagte Douglas verbindlich, und reichte Nordheim die Hand. „Ich meine, daß Sie dabei gewonnen, Au⸗ relia aber verloren hat,“ erwiderte Moadheint Dann trennten ſie ſich. b Y, A. Sy, XI. Die Einladung. Als Nordheim ins Lodging Haus zurückkehrte, erinnerte er ſich, daß er ſeit mehreren Tagen ſchon nicht mehr im Room geweſen, oder ſeine Haus⸗ genoſſen geſehen hatte, und er lenkte ſeine Schritte dorthin. Faſt mußte er lachen, als er, die Thür öffnend, Alles noch ganz unverändert fand. Der Oeſterreicher ſaß ernſt vor ſich hinblickend wie immer, an ſeiner Stelle, vor ſich die dam⸗ wfende Bowle. Ee ſih din d aedeam, ſein geliebtés Inſtrunend hebe ſich, ſaß weiter hin und ſchien, den Kopf i Hand geſtützt, nicht zu beachten, was unn vorging. 8 Auch Armand's Piſtole und hölzer fehlte nicht, und dieſer ſelbſt ging, die M trällernd, im Zimmer auf und ͤau. Nur an Giuſeppo Daſſa war eine Verändern zu bemerken. Früher einfach, faſt ärmlich g — 127— det, war er jetzt im modiſchen Anzug, geſchmückt mit Ketten und brillantenen Ringen, die in der Sonne ſpielen zu laſſen er ſich ſoeben ergötzte. Armand, der Nordheim zuerſt gewahrte, rief ihm ein fröhliches Bon jour! entgegen und bot ihm die Hand dar.„So wären wir endlich ein⸗ mal wieder beiſammen,“ fuhr er lachend fort, „und unſre Langweiligkeit ſcheint ſich gut conſer⸗ virt zu haben. Denn auch Ihr Geſicht ſcheint mir noch ebenſo lang, wie ſonſt, Herr Nordheim.“ „Beſſer, es conſervirt ſeine Länge, als daß es zuſammenſchrumpft,“ ſagte Nordheim lachend, und ſetzte ſich zu den Uebrigen. „ Und wie iſt es Ihnen ergangen, ſeit wir uns nicht ſahen?“ fragte Nordheim.„Ich dächte, wir tauſchten die Erlebniſſe dieſer letzten Tage mit⸗ einander aus.“ 5 „Damit es wieder geht, wie mit unſern Bio⸗ graphien, Herr Nordheim,“ rief Armand,„wo Sie uns auch entſchlüpften. Indeſſen, ſei es darum! Irgend Jemanden muß der Menſch haben, mit dem er über ſeine Angelegenheiten plaudern i, wie überhaupt das Plaudern eine herrliche Sache iſt. Nicht wahr, mein geſprächiger Mac⸗ Der Irländer blickte bei Nennung ſeines Na⸗ ens auf, verſank aber ſogleich wieder in ſein ummes Hinbrüten, und Armand fuhr fort:„mir — 128— irgend einer bevorſtehenden Feſtlichkeit eines großen Herrn die Speiſen vorbereitet, aber dabei einen hungrigen Magen und wenig Ausſicht hat, einige Knochen und Broſamen bei dem ſpätern Feſtin zu erhalten. Indeß, man gewinnt nichts, wenn man in thatenloſer Ruhe hungert, und immer iſt es intereſſanter, Küchenjunge zu ſein, als gar nichts.“ „Auch haben die Küchenjungen,“ ſagte Nord⸗ heim,„bei dem großen bevorſtehenden Feſt, deſſen Sie erwähnen, vielleicht Gelegenheit, hie und da ein Hühnchen für ſich ſelber zu rupfen.“ „Wenn aber, mein Herr Armand,“ fuhr Nord⸗ heim fort, und zeigte auf Armand's wohlbekannte höl⸗ zerne Form,„viel Birnen von der Art der Ihrigen vort dabei vorkommen, ſo mag ſich wohl mancher dabei für immer den Magen verderben. Und wann ſoll denn dies Diner aufgetragen werden?“. „Die Speiſen kochen ſchon,“ antwortete Ar⸗ mand,„ſobald ſie fertig, wird's geſchehen. Und nun, Herr Giuſeppo Daſſa,“ wandte er ſich an den Italiener,„ſind Sie, ein tapferer Schütze, Ihrem flüchtigen Wild ſchon auf der Spur?“ Daſſa lächelte ingrimmig und ſagte:„ich denke, ich hab' es ſchon ein wenig matt gehetzt und hin ihm auf den Ferſen. Es iſt ein luſtiges Treibe jagen, und das ſchöne Wild zappelt recht artig in meinem Garn. Ha,“ fuhr er fort,„da fällt mir ein, daß ich Euch für dieſen Abend ein Ver⸗ gnügen ſchaffen kann. Es iſt heute Abend Ge⸗ ſellſchaft bei der Lady Landstown, und ich läde Sie hiermit ſämmtlich ein, mich dorthin zu beglei⸗ *ten. Wollen Sie?“ „Unmöglich!“ rief Armand.„Man möchte uns dort gerade nicht ſehr zuvorkommend empfan⸗ gen, und uns den Weg hinaus leichter zeigen, wie den hinein!“ „Wenn ich Sie einlade,“ ſagte Daſſa, und warf den Kopf ſtolz rückwärts,„ſo haben Sie dergleichen nicht zu fürchten. Die Lady wird ent⸗ zückt ſein, meine Freunde bei ſich zu ſehen.“* „Alſo die iſt es!“ ſagte Nordheim zu ſich ſelber.„Armes Weib! Ein rachedürſtender Nea⸗ politaner ſcheint mir furchtbarer, wie das Thier der Wüſte. Der Löwe iſt großmüthiger, wie es dieſer iſt.“ Ginſeppo, der, gleichſam als wolle er Nord⸗ heim's Gedanken errathen, aus ſeinen ſchwarzen blitzenden Augen einen lauernden Blick auf dieſen gerichtet hatte, fragte jetzt:„Und Sie, Herr Nord⸗ eim, nehmen Sie meine Einladung an?“ „Ich habe mich dem Lord Landstown, der ir perſönlich bekannt iſt, für dieſen Abend zu⸗ geſagt,“ erwiderte Nordheim,„und würde es wahrlich außerdem nicht wagen, als ungeladener Gaſt mich ſeiner Lady, die alle Ehrfurcht verdient, zu nahen.“ Giiuſſeppo lachte laut auf.„Alſo Ehrfurcht Die Flüchtlinge in London. I. — 130— haben Sie vor ihr?“ ſagte er dann ſpöttiſch. „Ich kenne Menſchen, die ganz andere Geſinnun⸗ gen für ſie hegen, und bei ihren rothen küßlichen Lippen an gar keine Ehrfurcht denken. Ich, zum Beiſpiel.“ „Sie,“ unterbrach ihn Nordheim unwillig, „kennen ſo gut wie wir die Geſetze der Ehre, die einem Manne unterſagen, den Ruf einer achtungs⸗ werthen Dame leichtſinnig zu beflecken.“ „Herr, wollen Sie mich meiſtern?“ fuhr Giu⸗ ſeppo wüthend auf.„Wohlan, ſo wiſſen Sie denn, dieſe achtungswerthe Lady Landstown iſt—“ „Schweigen Sie!“ rief Nordheim heftig, und packte Giuſeppo's Arm. Dieſer ſtieß einen wilden Fluch aus, und ſich von Nordheim's Hand be⸗ freiend, rief er:„Sie wagen es, mir zu befehlen! Maledetto! Das wollen wir ſehen! Ich wieder⸗ hole es, dieſe Lady Landstown iſt— „ Sie ſind ein Elender, wenn Sie nicht ſchwei⸗ gen,“ donnerte Nordheim— „Elender Du ſelber!“ knirſchte Giuſeppo, und mit Blitzesſchnelle aus ſeinem Gewande den Dolch hervorziehend, ſprang er, gleich einer blutgierigen 1 Tigerkatze, auf Nordheim hin. Ebenſo ſchnell hatte dieſer ihm die Waffe ent⸗ riſſen, ſie weit fort in eine Ecke des Zimmers ſchleudernd, packte er mit rieſenhafter Stärke beide Arme des Italieners, und ſie feſthaltend, ſagte er ruhig:„Sie geben uns da ein Beiſpiel ünlienſſhe — 131— Tapferkeit, wie man es von einem Neapolitaner nur wünſchen kann.“ Hände ſträubend. „Sie ſehen, mein Herr,“ ſagte dieſer lächelnd, „daß man hier in unſerm Norden doch noch weit ſicherere Waffen hat, wie Ihre ſcharf geſchliffenen Dolche es ſind. Und nun, laſſen wir den Scherz!“ fuhr er gelaſſen fort, ſeine Hände von Ginſeppo zurückziehend, der ſich ſchüttelte, wie ein von Ket⸗ ten befreiter Tiger. „Herrlich, ſuperb!“ lachte Armand.„Sie haben uns da ein köſtliches Schauſpiel gegeben, Herr Nordheim, daß Sie nicht in den Zeiten der alten Roma lebten! Sie wären wahrlich ein be⸗ rühmter Gladiator geworden.“ „Aber ſeht, ſeht ein Wunder!“ unterbrach er ſich hier ſelbſt, und wandte ſeine Blicke auf Mac⸗ ddeeam hin, der ſich von ſeinem Sitz erhoben hatte, und auf Ginſeppo zugehend, mit leiſer, wohltönen⸗ der Stimme fragte:„nannten Sie nicht den Na⸗ men Landstown, und wollten Sie nicht uns Alle zu der Lady führen? O, mein Herr, ich bitte, nehmen Sie dies Wort nicht zurück, laſſen Sie mich Sie begleiten. Ich kenne die Familie Lands⸗ town, es giebt nur eine dieſes Namens. Ich wußte aber nicht, daß ſie hier in Londen ſei.. „Laſſen Sie mich los!“ rief Giuſeppo ingrim⸗ 8 miig, ſich gegen Nordheim's feſt umklammernde meine Herren. Welch ein Jammer aber, mein⸗ — 132— Die Worte Macdeam's, der zum erſten Male in ſo zuſammenhängender Weiſe geſprochen, machte auf Alle einen faſt komiſchen Eindruck. Bewegungslos und ſtill lauſchten ſie dieſer ſo leiſe geſprochenen Rede. Nordheim ſah auf ihn hin mit dem Blicke wahrer und milder Theilnahme; der Offizier, Herr von Farenberg, der bis dahin in ſich verſunken dageſeſſen, hatte ſeinen Kopf auf⸗ horchend aufgerichtet, und zeigte in ſeinen Mie⸗ nen die lebhafteſte Ueberraſchung. Giunſeppo ſah, während Macdeam ſprach, mit halb tückiſchen und halb erſtaunten Blicken ſtarr auf die Lippen des Irländers, und ſchüttelte, als er geendet, ſtirnrunzelnd den Kopf und murmelte: „verſtehe nichts von dem Kauderwelſch.“ Armand ſprang in toller Luſt im Zimmer um⸗ her und rief, als Macdeam ſchwieg, mit lautem Lachen:„Ein Wunder! Ein Wunder! Die Mem⸗ nonsſäule klingt! Die Steine reden und die Fel⸗ ſen bekommen eine Sprache. Ein wahrer Arion ſind Sie, Herr Giuſeppo, wandte er ſich zu die⸗ fem, ihn in toller Fröhlichkeit umſchlingend, be keben das Lebloſe und geben dem Erſtarrten Be⸗ weglichkeit!“ „Was will denn der Signor?“ fragte Daſſa. „Sie zur Lady Landstown begleiten!“ rief Armand. Gerührt von den vermuthlichen Reizen dieſer unbekannten Schönen ſehnt er ſich, ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen. O Weiber, Weiber, wie — 137— ſagte freundlich:„laſſen Sie uns doch ein wenig dieſe Räume durchwandeln!“ und ſo bewegten ſie ſich mühſam eine Zei in dem wogenden Gedränge umher, als plötzlich Macde 8 eiligem on fragte, wo er wohl Lady Landstowu finden könne, ihr, als der Wirthin, ſeine Ehrfurcht zu bezeigen.„O bitte,“ fuhr er fort,„ helfen Sie mir, die Dame finden, i i ch muß ſie ſprechen, und doch kenne ich ſie nicht einmal-ä4 chwandelten nun ſuchend die Räume, bis es ihnen zu werden.* Nordheim ſtellte ih nach der erſten Begrü⸗ zeihen Sie mir eine Fra „Die Familie meines Gemahls ſtammt aus Zrland,“ erwiderte die Lady güti„und wohnt auch der einzige Bruder meines, Gemahle, der Colonel L „ ich kenne ihn, i Macdeam, und fragt⸗ Tochter Effie, 18 „Sie ſcheinen der Familie ſehr det, da ſogar der V bekannt iſt!“ f wurf. murmelte „und ſeine genau befreun⸗ — 138 ſtern erhaltenen Briefe des Colonels erfahren, gerade am heutigen Tage als Nonne im Kloſter der grauen Schweſtern eingekleidet.“ Der Irländer zuckte zuſammen, wie vom Blitz getroffen und ſtand bleich und erſtaurrt da. In dieſem Augenblicke ward die Lady abgerufen und entfernte ſich, ohne vielleicht Macdeams ſichtliche Erſchütterung zu bemerken. Dieſer lehnte ächzend an der Wand, ſeine ganze Geſtalt erzitterte, und „alſo verloren, verloren auf im⸗ leiſe ſeufzte er:„a mer!“““ aum Gottes willen faſſen Sie ſich!“ flüſterte Nordheim,„kommen Sie, laſſen Sie uns wenig⸗ Dann trocknete er nell— reichte den Beiden die Hand, ch danke Ihnen! Zetzt aber muß ich einſam ſein! Leben Sie wohl! Ich geh ins Lodging Haus!’”“ Eilig verließ er die Beiden, und auch Giu⸗ ſeppo wollte ſich entfernen, als Nordheim ihn ſanſt — 139— zurückhielt, und ſagte:„ich habe eine Bitte an Sie zu wagen, mein Herr!“ „Und welche?“ fragte der Andre lauernd. „Es iſt dieſe,“ antwortete Nordheim,„mir in dieſer Geſellſchaft, in der wir Beide ziemlich fremd ſind, zu erlauben in Ihrer Nähe zu bleiben, damit wir gegenſeitig nicht ganz einſam ſind.“ „Sehr gütig!“ erwiderte Daſſa kurz.„Doch rufen mich vor der Hand Geſchäfte, die keinen Aufſchub erleiden. A rivederla!l,“"“, heim, feſt beharrend auf ſeinem Vorſatz, folgte ihm, Wiederum wollte er ſich entfernen, doch Nord⸗ und ſagte:„und wenn es gerade dies Geſchäft wäre, das mich wünſchen ließe, bei Ihnen zu bleiben?“ „ Was wiſſen Sie von meinem Geſchäfte?“ ief Giuſeyoy. ſagte Nordheim ernſt.„Ich hörte Sie vorher Lady Landstown um eine Zuſammenkunft hier imn SGarten bittennn. „ Ich bitte nicht, wo ich befehlen kann!“ ſagte Daſſa ſtolz. dem Weibe gegenüber niemals befehlen!“ erwi⸗ derte Nordheim.„Verzeihen Sie, Signor, aber Sie haben durch die vertrauliche Mittheilung einer wichtigen Epoche Ihres Lebens auch mich gewiſſer⸗ maßen zu Ihrem Vertrauten gemacht, und ſo „Laſſen Sie mich offen ſein, mein Herr!“ „Doch in ſo zarter Sache ſollte ein Mann — 440— müſſen Sie mir ſchon erlauben, die Rechte eines ſolchen in Anſpruch zu nehmen. Irre ich nicht, ſo fanden Sie in Lady Landstown die unglückliche Ellinor wieder?“ „Errathen! mein Herr! Aber warum nennen Sie ſie unglücklich? Iſt ſie nicht umgeben von Reichthum und Pracht? die Gemahlin eines ſchö⸗ nen und vornehmen Lords? die Zierde der Ge⸗ ſellſchaft? das Schooßkind des Glückes? Warum nennen Sie Ellmor unglüdlich; 2** fragte Daſſa höhniſch. „Sie thun da eine Frage an mich, deren Ant⸗ wort Sie ſchon wiſſen,“ entgegnete Nordheim. „Wohl haben Sie recht mit allen den Vorzügen, ——— ddie Sie nennen, aber es iſt eine traurige Wahr⸗ nehmung, daß unter allen Anzeichen des Glückes der Menſch doch ſo entſetzlich elend ſein kann. 5 ſo Flehendes, Mitleiderweckendes, und darum Und Ellinor iſt es! Sehen Sie ihre von Kum⸗ 8 mer zerſtörte rührende Schönheit, dieſen ſchmerz⸗ lich gepreßten Mund, dieſe klagenden, fuumnnen . Augen, und dieſe gebengte ſchöne Geſtalt! O mein Herr, im Kummer eines Weibes liegt et zeihen Sie, wenn ich, dieſem Gefühle nachgebe d zu Ihnen rede, wie ein Mann es ſtets zum Manne thun ſollte, offen und wahr. Laſſen Sie es ge⸗ nug ſein! Quälen Sie nicht länger dies arme hülfloſe Geſchöpf, laſſen Sie ſich mindeſtens er⸗ weichen von der Wehrloſigkeit ihrer Lage.“ ————— tigkeit, er will nur Rache!“ unterbrach ihn Daſſa — 141— „Ich ſchwur der Treuloſen eine ewige Rache!“ ſagte Daſſa ingrimmig.. „Und Sie haben bis dahin Ihren Schwur getreulich gehalten!“ erwiderte Nordheim.„Es iſt wahr, man hatte Sie tief gekränkt und Sie Ihres Glückes beraubt. Eigene, bittere Erfahrung läßt mich die Größe Ihrer Qual ermeſſen, und ich begreife Ihren Rachedurſt. In welcher Män⸗ nerbruſt regt ſich dies Gefühl nicht, wenn man ſich verrathen, getäuſcht ſieht, und wen drängt es nicht mit allen ſeinen Sinnen zur Rache hin? Auch halte ich die Rache für ein edles Gefühl, denn es liegt zugleich ſo viel Stolz und Feſtigkeit: darin, nur muß der Gegenſtand derſelben den Manne ebenbürtig ſein!?“ „Ein Neapolitaner fragt nicht nach Ebenbü „Aber bedenken Sie, es iſt ein Weib!“ rief Nordheim,„was Sie an ihr ſtrafen wollen, wWar nicht Verbrechen ihres Willens, ſondern ihrer Natur, und Sie werden nicht rächen wollen, was eigentlich ohne Schuld geſchah.“ Giuſeppo lachte höhniſch„und ſagte:„ich ver. 8 ſtehe mich nicht auf Ihre Sophiſtereien und mag ſie auch nicht verſtehen. Aendern werden Sie meinen Entſchluß nicht, und damit bastal „Beſinnen Sie ſich!“ ſagte Nordheim faſt bittend.„Ich hake das Unglück geſehen in alleit Geſtalten uns unter allen Formen, nie iſt es mir ohnmächtigen Zuckungen. Dies tt nicht t Nache, — 142— aber rührender und ergreifender geweſen, als in dieſer Dame. Ihr Verbrechen war die Schwäche ihrer Natur, und auch ihr Leiden jetzt iſt wiederum nur eine Schwäche des Weibes. Ein kräftiger Entſchluß, und ſie könnte es auf immer von ſich abwehren und ſich glücklich machen und frei, und doch trägt ſie in bangem Zagen die ganze Laſt der Pein, und zuckt nur angſtvoll und ſeufzend unter dieſen Qualen, die Sie immer neu ihr be⸗ reiten. 4 p„ ‚Ja, ich denke, ſie leidet ſehr ⸗ rief Daſſa mit freudeblitzenden Augen. „ Beſchämen Sie Ellinor durch Großmuth!“ 8 fuhr Nordheim fort.„Um Ihrer eigenen Würde thun Sie es. Es iſt aber eines Mannes nicht werth, das ſchwächere Geſchöpf mit grauſamer NRuhe zu martern und zu jauchzen unter ſeinen ſondern Barbarei.⸗) „ Und was berechtigt Sie, ſo zu mir zu re⸗ den 5 fragte Daſſa heffttitg. 4 „Die Rechte der Menſchheit, die Sie i Lady angreifen,“ entgegnete Nordheim feſt.„Die Recht, das jeder Mann hat, wenn er das ſchwvach Weib ſchmachvoll gekränkt ſieht. Es bedarf nicht der Bande des Blutes, nicht der äußeren Geſetze der Welt, um die Berechtigung zu verleiher liegt tief in der menſchlichen Hatur und in der Würde des Mannes Pegründete d ver ihtet — 143— ſogar den Mann, dem ſchwachen Weibe, wenn es gekränkt wird in ſeinen Rechten, Beiſtand und Schutz zu verleihen. Und zu Folge dieſer Rechte ſage ich Ihnen denn, laſſen Sie ab von dieſem zer⸗ marterten Weibe, und haben Sie Ehrfurcht vor dem Schmerz einer menſchlichen Bruſt.“ „Ich ſehe nicht ein,“ unterbrach ihn Giuſeppo, „was mich verpflichten könnte, Ihren hochtrabenden Worten nachzukommen. Was ich gelobte, werde ich halten, und dies iſt Rache.“ 8 8 „Nun wohlan,“ rief Nordheim entſchloſſen, und ſein Auge leuchtete in edlem Zorn,„ſo ge⸗ lobe ich denn von dieſer Stunde an der gemiß⸗ handelten Dame meinen Schutz und Beiſtand. Was überall auf Ihrem Wege finden, und ſeien Sie überzeugt, keine Kränkung, die Sie von jetzt der Dame noch anzuthun wagen, ſoll ungehindert und ungerächt geſchehen. Ich kenne die Dame, und iyr edles, erhabenes Weſen ruft mich zu ihrem Be⸗ ſchützer; kennte ich ſie aber auch nicht, ich würde dennoch in gleicher Weiſe thun, denn es handelt ich hier nicht um einen einzelnen Menſchen, ſon⸗ ich lebe, will ich, wenn ich es vermeiden kann, es dulden, daß auch nur ein Glied dieſer heiligen Gemeinſchaft, die ſich bewegt und leidet nach ewigen Geſetzen, frech zerſtört würde. Sie kennen mich, mein Herr, und wiſſen, daß in meinen Sehnen Sie auch unternehmen mögen, Sie ſollen mich ern um die Menſchheit, und nimmer, ſo lang — 144— Kraft liegt, den Schutz, den ich gelobte, zu hal⸗ ten, und ich ſage Ihnen, von heute an zähle ich jeden Seufzer, den Sie dieſem Weibe erpreſſen, und für jede ihrer Thränen ſind Sie mir Rechen⸗ ſchaft ſchuldig.“ 4 Nordheim's erhabene Ruhe und Feſtigkeit ver⸗ fehlte ihren Eindruck auf Giuſeppo nicht, und feig, wie alle Neapolitaner, fühlte er Furcht, den Zorn eines Mannes noch weiter zu reizen; er ſagte des⸗ halb ruhiger:„Sie nehmen die Sache ernſter, wie ſie wirklich iſt! Auch will ich die Lady ja nicht unglücklicher machen, ſondern nur von Zeit zu Zeit Geld von ihr erpreſſen. Es fehlt mir an allen Mitteln, und ſie hat Geld im Ueberfluß. Ich denke, dieſe Geldbußen ſind nur eine gerechte Strafe ihrer Schuld gegen mich.““ Bei dieſer ſchamloſen und frechen Entſchul⸗ digung blieb Nordheim wie entſetzt ſtehen, und ſah den Italiener erſtarrt an; dann murmelte er in tiefer und ſchmerzlicher Bewegung:„kann man die Menſchheit noch lieben, wenn ſie ſo ſich ent würdigt, wenn ſie, berufen zu der höchſten ſtimmung, hinabſinkt in Schmuz und Erniedrigung? Schweigend gingen ſie eine Zeit lang neben⸗ einander hin; dann ſagte Nordheim ruhig:„ich werde der Lady ſagen, daß ſie ihre Ruhe erkaufe kann von Ihnen, und danke Ihnen für Ihre Auf richtigkeit. Laſſen Sie uns denn zurückkehren zur Geſellſchaft. Ich ſage Ihnen aber, daß es Ihnen — 145— heute nicht mehr gelingen ſoll, Lady Landstown zu ſprechen.“ „Auch iſt dies nicht meine Abſicht mehr!“ ſagte Giuſeppo tückiſch.„Ich denke ſie wird mich bis jetzt wohl hier im Garten erwartet haben, und dies vergebliche Warten iſt für heute De⸗ müthigung genug.“ Wirklich kam ihnen, als ſie ſich dem Hauſe näherten, Lady Landstown aus einer andern Allee 1 des Gartens entgegen, wo ſie in bangem Gehor⸗ ſam auf Giuſeppo geharrt hatte. „Ihr Auge blickte heiterer und freier, nun da ſie für heute mindeſtens dieſem qualvollen Zwie⸗ geſpräch überhoben ſchien, und unwillkürlich warf ſie Nordheim, den ſie für das unbewußte Werk⸗ zeug ihrer diesmaligen Befreiung hielt, einen dan⸗ kenden Blick zu; er erwiederte ihn mit einem Lä⸗ cheln, und ihre Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lip⸗ pen ziehend, bat er ſie, ihm zu erlauben, daß er ihr am andern Tage ſeine Aufwartung mache. Die Lady ſagte es zu, und kehrte dann mit den Beiden zurück zur Geſellſchaft. Als dieſe ſpä⸗ ter auseinander ging, fuhr Nordheim zu Aurelien. Seiin Herz klopfte freudig und ſehnſuchtsvoll, und der Weg zu ihr ſchien ihm heute ſo lang. Nordheim lächelte über ſeine eigene Ungeduld, und murmelte in ſich ſelber:„bin ich nicht ein Thor mit dieſem ſtürmiſchen Drang und dieſem unruhigen Sehnen? Spiele ich nicht gleich einem Die Flüchtlinge in London. I. 10 — 146— Kinde am Ufer eines Meeres, während doch die nächſte Welle mich verſchlingen kann? Mein Herz ſchlägt Aurelien entgegen, und meine Sinne wallen in freudigem Sehnen nach ihr. Wie lange, wie lange, unnd dies Herz klopft wieder matt und die Sinne ſind wieder erſtorben! Dies Alles weiß ich, und dennoch?“— In dieſem Augenblick hielt der Wagen vor Aureliens Hötel, und Nordheim dachte nicht mehr daran, ſeine letzte Frage ſich ſelber zu beantwor⸗ ten, er dachte nur ſie! Und ſo eilte er die Stie⸗ gen hinauf. Aber vor der Thür ihres Gemaches angekom⸗ men, blieb er ſtehen, er athmete ſchwer, gleichſam um dieſer innern Beängſtigung und Aufwallung Luft zu machen, er gab ſeinen Zügen einen ruhigeren Ausdruck, und als der ihn meldende Diener zu⸗ rückkehrte, ihn zu der Lady zu führen, war nichts von der früheren Aufregung mehr an ihm wahr⸗ zunehmen. XIII. Die Liebeserklärung. Mit welcher Sehnſucht hatte Aurelia ihn er⸗ wartet, wie flog ſie ihm entgegen in Freude und Luſt des Wiederſehens, wie erbebte ihr Herz, als ſie ſeinen Schritt im Vorzimmer vernahm. Zitternd in gewaltiger Bewegung, athemlos ſtand ſie da, und nun öffnete er die Thür, und trat ihr entgegen mit ſeinem ruhigen, fried⸗ lichen Blick, mit dem freundlichen, aber kalten Lächeln. Aurelia fühlte es wie einen eiſigen Hauch über ihr Herz hinwehen, und ſie ſenkte einen Moment ihr Haupt auf ihre Bruſt im ſtummen Schmerze. Immer aber doch war er da, ſie vernahm doch ſeine Stimme, ſie ſah die geliebte, theure Geſtalt, und ſie flüſterte zu ihrem eigenen ſtür⸗ miſchen Herzen:„laß dir genügen, genügen an ſeinem Anblick!“ 4 10 — 148— Als ſie dann zuſammen auf dem Divan ſaßen, bat Nordheim ſie um die Fortſetzung ihrer Er⸗ zählung, und Aurelia, die ihre Ruhe und Selbſtbeherrſchung an der ſeinen wieder gefunden, fuhr fort: „Nach ſtundenlanger Ohnmacht fand ich mich auf meinem Lager wieder. Stephan, meines Va⸗ ters Kammerdiener, und der Arzt, der Freund meiner Jugend, der ſeit zwanzig Jahren mit mei⸗ nem Vater auf dem einſamen Schloſſe gelebt und auch jetzt noch dort weilte, ſaßen an mei⸗ nem Lager. Kaum mich beſinnend, fragte ich, was mit mir geſchehen, und verſuchte mich aufzurichten. Ein brennender Schmerz in der Bruſt warf mich zurück, und erinnerte mich plötzlich des Vorgefallenen. Ich fragte nach Albert. Man hatte ihn gleich nach der That, ehe Jemand etwas davon er⸗ fahren, haſtig hinabeilen ſehen in den Hof, wo er ſein Pferd forderte, es beſtieg und eilig da⸗ vonjagte. Stephan hatte mich leblos am Boden gefun⸗ den, und Böſes ahnend, heimlich den Arzt ge⸗ rufen; dann hatten ſie die Thüren verſchloſſen, mich auf das Lager gelegt, und meine Wunde verbunden. Iſt ſie tödtlich? fragte ich den Arzt. 8 t n 4³— 149— Er verneinte es; die Wunde war leicht und gefahrlos. Ich bedauerte dies faſt, denn der Gedanke, durch den Tod meinem Elend zu entfliehen, war mir beglückend und tröſtlich, und mit Schauder erfüllte mich die Vorſtellung, zu leben, ſo zu leben, wie ich gelebt hatte.„Ich will ſterben!“ rief ich, „o laßt mich ſterben!“ Nur allmählich gelang es den beiden Vertrau⸗ ten, mich zu beruhigen und mich zu verhindern, den Verband von meiner Wunde zu reißen. Dann, erſt verworren, nach und nach immer deutlicher und beſtimmter geſtaltete ſich in mir ein Plan zu meiner Rettung.* Albert wieder zu ſehen war mir unmöglich. Daß er mich verwundet, konnte ich ihm verzeihen, nimmer aber, daß er mich ſchlug. Ich wollte entfliehen aus dieſer Gegend, die mir verhaßt geworden, fort von allen den Men⸗ ſchen, die ich verachtete, und meine Flucht ſollte augleich eine tiefe und nachhaltende Rache für Albert ſein. 3 Meinen Vertrauten theilte ich meinen Plan mit, und als ſie ſich ſträubten, mir zu helfen, und ihn für unausführbar hielten, ſchwur ich, mich vor ihren Augen zu tödten. Nun gaben ſie nach, und als das Nähere verabredet war, ſchritten wir ſogleich zur Ausführung meines Vorhabens.— — 150— Der Arzt mußte zuvörderſt die Dienerſchaft von meiner Krankheit, die mich plötzlich überfallen, benach⸗ richtigen, und Sorge tragen, daß die Kunde davon in der Gegend und Stadt verbreitet ward. Vielleicht war dieſe Nachricht his zu Albert gedrungen, denn er kehrte am andern Tage zurück, und verlangte vom Arzte unter Thränen, ihn zu mir zu führen. Dieſer eröffnete ihm nun, daß mein Tod in Folge jener erhaltenen Wunde unvermeidlich ſei, daß ich aber, meinen nahen Tod wohl wiſſend, befohlen, Niemand die Urſache deſſelben zu ver⸗ rathen, weil ich Albert nicht verderben und außer⸗ dem vermeiden wolle, meinen Namen und mein Schickſal zum Gegenſtand öffentlichen Geſprächs zu machen. Albert hatte in krampfhaftem Schmerz den Arzt beſchworen, ihn zu mir zu führen, was dieſer aber wegen meiner angeblichen Schwuͤche ſtreng verſagt hatte. So vergingen einige Tage, in denen meine Wunde raſch der Heilung entgegen ſchritt, und als ich mich endlich ſtark genug fühlte, mein be⸗ gonnenes Werk zu vollenden, berief ich den Geiſt⸗ lichen aus der Stadt zu mir, um, eine Sterbende, die Sakramente zu empfangen, und in ſeiner und einiger andern Zeugen Gegenwart mein Teſta ment zu machen. In dieſem ſetzte ich Albert die Hälfte meines Vermögens aus, die andere vermachte ich meiner — 151— Tante, und Stephan ſollte gleich nach meinem Tode mit meinen letzten Abſchiedsgrüßen für dieſe unbekannte einzige Verwandte zu ihr reiſen. Ganz beſonders beſtimmte ich ſodann, daß Niemand meine Leiche ſehen ſolle, da ich auch im Tode nicht wünſche, die Blicke der neugierigen und theilnahmloſen Maſſe auf mich zu ziehen; Stephan und der Arzt ſollten meine Leiche in den Sarg legen und dieſen ſchließen. In meiner Seele aber war ein entſetzlicher Kampf, und die tiefernſte Bedeutung dieſer Stunde trat nun erſt in ihrer Rieſengröße vor meine Seele. Ich fühlte mich wirklich eine Sterbende, und ich war es. Meine Iugend, mein Glück war zu Grabe getragen, und auch mein Name und mein Gedächtniß ſollten ſterben.. Schon empfand ich die Wirkung des genom⸗ maenen Opiumtrankes, meine Sinne drohten zu ſchwinden, als die Thür haſtig aufgeriſſen ward, und Albert todtenbleich hereinſtürzte und an mei⸗ nem Lager niederſank. Ich fühlte einen furchtbaren tödtlichen Haß gegen ihn, der die Urſache war meiner Qualen und Leiden, und mit letzter Kraft richtete ich mich auf und rief: Fluch über dich und dein Leben! Dann ſank ich zurück, kraftlos, todesmatt. Ich hörte noch den Arzt ſagen: ſie ſtirbt! Es ward Nacht vor meinen Blicken, ich ſank zurück. Als ich nach zwölf Stunden, wie der Arzt es — 152— berechnet, erwachte, ſtand dieſer und Stephan ne⸗ ben meinem Bett. Schweigend reichte ich ihnen die Hand, und erhob mich dann ſchnell. Der Sarg, der in der Mitte des Zimmers ſtand, erregte mir Grauen, und ich mußte meine Augen abwenden von dieſem dunkeln, engen Hauſe, das zu bewohnen mich doch früher ſo verlangt hatte. Schnell hüllte ich mich in die ſchon bereit liegende Tracht eines Bauernmädchens, barg mein Haar unter dem großen runden Hut der Bäuerinnen, und kniete dann, in tiefer Bewegung, nieder vor dem Arzt, ſeinen Segen zu empfangen. Er ertheilte ihn mir weinend und geleitete mich dann ſelber durch Gänge, Corridore und ge⸗ heime Treppen zu einer kleinen verdeckten Pforte des Schloſſes, wo ich mit Stephan, der mich ge⸗ leiten ſollte, von ihm Abſchied nahm. 4 Die ganze Größe meines Unternehmens bela⸗ ſtete mein Herz in dieſem Augenblick, als mein Blick noch einmal jene Mauern überſchaute, die der Mond geſpenſterhaft hell beleuchtete, und nur Stephau's wiederholtes Bitten konnte mich ver⸗ mögen, das Auge abzuwenden von dieſen theuern Erinnerungszeichen meiner Jugend, und ihm zu folgen zum bereit ſtehenden Wagen, den er ſel⸗ ber leitete. Nun fuhren wir dahin, die ganze Nacht hin⸗ durch, raſtlos, ruhelos. Den Tag über ruhten wir, und in nächſter Nacht ging es weiter, im⸗ mer weiter. 3 Acht Tage waren verfloſſen, da erreichten wir das Schloß meiner Tante, in dem dieſe einſam, ihr Leben der Pflege der Armen und Kranken geweiht, lebte. Nach und nach machte Stephan, den ſie aus frühern Tagen kannte, ſie mit meinem Schickſal bekannt, und führte mich, die ich mich bis dahin verborgen gehalten, zu ihr. Weinend umfing ſie mich, und ſchwur der ein⸗ zigen Tochter ihrer geliebten Schweſter eine treue und verſchwiegene Mutter zu ſein. Sie gab mich für eine weitläufige Verwandte aus, die ſie für immer zu ſich genommen und als ihre Tochter betrachtet ſehen wollte, und es war kein Grund vorhanden, ihren Worten nicht zu glauben. So verfloſſen nun ſtill und friedlich meine Tage, aber mein Herz war kummervoll und trau⸗ rig, es darbte nach Leben, Thätigkeit und Glück. Ach, oft erſchien ich mir ſelber wie ein Geſpenſt und eine Geſtorbene, und es graute mir vor mei⸗ nem eigenen Bilde. Ich war geſtorben und ſollte doch leben, ein neues Daſein beginnen, neu denken, neu empfinden; die Tage, die geweſen, ſollte ich vergeſſen, und an neue und fremde meine Gedanken und Empfindun⸗ gen richten. Ach, aber dieſe en. wie ſchlichen ſie ſo langſam und geräuſchlos dahin, wie wickel⸗ — 154— ten ſie umſonſt ſich ab von dem großen Knäuel der Zeit, umſonſt und thatenlos. Oede und leer war es in meinem Innern, und mein Daſein war nur ein Vegetiren. Meine Tante, die mich wohl innig liebte, konnte weder meine Sehnſucht begreifen, noch dies innere Drängen nach Leben verſtehen; Ruhe ſchien ihr die höchſte Freude des Lebens, und die Pflege der Armen und Kranken, die ſtets willige Auf⸗ nahme fanden in ihrem Schloſſe, beſchäftigte aus⸗ ſchließlich ihre Gedanken. Andere Bekanntſchaften anzuknüpfen durfte ich nicht wagen, aus Furcht, der Zufall könne mir irgend Jemand entgegenführen, der mich früher ge⸗ kannt, und durch den ich verrathen werden könnte. Dieſe Leere, dieſe innere Einſamkeit war entſetz⸗ licher noch, als die früheren Tage, in denen doch mindeſtens Leben und Mark geweſen; dieſe Ruhe drohte mich zu bewältigen, und brachte mich oft zu einer Verzweiflung, die an Wahnſinn grenzte. Entſetzlicher war noch die Qual dadurch, daß es nichts gab, worüber ich klagen konnte und was mir wirklichen Grund gab zum Kummer. Um bemitleidet zu werden, mußte man mich verſtehen! Ach, und von wem durfte ich dies fordern? Wem durfte ich dies von einem ſchweren Geheimniß belaſtete Herz öffnen und ſagen: ſieh, mein zer⸗ tretenes, qualyalles Innere, komm und lindere meine Pein! — 155— Nur in der Stille der Nacht, in dem Schwei⸗ gen meines einſamen Zimmers durften meine Thränen fließen, meine Klagen Worte finden. Eine tiefe, unendliche Sehnſucht nach der Welt erfüllte meine Bruſt doppelt glühend, weil dieſe Welt mir ja verſchloſſen war. Ich beueidete das Bauermädchen, das unter der Pflege meiner Tante geheilt von ihrer Krankheit unſer Schloß verließ und hinausſchritt in die Welt; meine Augen folgten thränenſchwer dem Vogel, der in die Weite flog. Ach in der Weite, in der Ferne wohnt das Glück! ſeufzte ich ihm nach, und mir war als müßte ich mich ſelber vernichten in ohnmächtigem Schmerz. Wie ich aber einſt ſo einſam ſaß im Garten unter dem Schatten ſäuſelnder Bäume, friedliche Stille um mich her, da war es, als geſchehe in mir ſelber ein Wunder; nie geſehene Bilder tauch⸗ tten vor meinem innern Auge auf, es war mir, als erklänge in meiner Seele eine ſüße, wonnevolle Muſik, Gedanken und Worte ſproßten wie von ſelber in mir und fügten ſich abſichtlos zu Reim und Lied. Und nun war es mir, als ſprudelte plötzlich ein neuer Lebensquell durch meine Adern, als ſei der Damm, der bis dahin meine Seele und Em⸗ pfindungen eingeengt, durchbrochen, und alle Feſ⸗ ſeln ſeien von mir gefallen.. Unter der Einſamkeit und Stille, unter der ſtummen Qual meiner Bruſt war ein mir unbe⸗ 1 — 156— wußtes Talent in mir gereift, und drängte ſich nun hervor zu That und Wort. Neues Leben war in mir erwacht, ein zweites Weſen, ſchien es, lebte in mir ſelber, und ihm konnte ich meine Gefühle erklären, mein Unglück klagen. Und ſeltſam, dies zweite Leben theilte ſich nun auch, wie durch einen Zauberſchlag, Allem mit, was mich umgab, und was mir bis dahin todt und empfindungsleer geweſen. Die ganze Natur lebte mir, ich verſtand die Blume, verſtand den ſäuſelnden Wind und die murmelnde Welle, und wußte ihnen Allen Worte und Gedanken zu geben in meiner Weiſe. Be⸗ geiſterte Lieder entſtrömten meinen Lippen und er⸗ füllten mich ſelber mit Wonne und Glück. Es war wie ein Pfingſtfeſt meiner Seele, der heilige Geiſt der Poeſie hatte ſich herniedergeſenkt auf mein Haupt, und redete aus mir in einer Sprache, die ich zuvor ſelber nicht verſtanden. Nun war ich nicht mehr einſam, nicht mehr unverſtanden, Heiterkeit und ſüßer Friede erfüllte fortan meine Bruſt, und machte mich freundlich und milde gegen Alles, was mich umgab. Ein Jahr war vergangen, da ſtarb meine Tante, und hinterließ mir ihre Reichthümer, ihre Beſitzun⸗ gen, deren ein großer Theil in England war, wo ſie mit ihrem Gemahl, einem Lord Stopford, bis zu dem Todendeſſelben gelebt hatte. Mein Sehnen nach der Welt erwachte in mir, — 157— Herrin einer Million, wollte ich gehen und ſehen, ob die Welt wirklich ſo ſchön, wie ich ſie oft in meiner dichtenden Begeiſterung erſchaut. Ich ver⸗ kaufte das Schloß und alle Beſitzthümer, und zog fort nach England. Dort durfte ich nicht fürch⸗ ten, erkannt zu werden, dort winkte mir Freiheit und Glück! ich in innerer Herzensarmuth. Meine Seele ſehnte ſich nach Liebe, es drängte mich, wie die Liane, mich anzuranken an den hohen und kräftigen Stamm Ich engagirte Lehrer für Malerei und Muſik, n Künſten mit Eifer und Er⸗ — 158— folg; ich machte mich bekannt mit der Literatur meines Vaterlandes und Englands, und fand hierin Belehrung, Freude und Genuß; auf einige Jahre füllte dies mein Inneres aus; aber das Leben iſt länger als einige Jahre, und meine Sehn⸗ ſucht überdauerte dieſe. Das Unglück der Ver⸗ gangenheit hatte meinen Blick geſchärft, und ich hatte gelernt, der Menſchheit zu mißtrauen. Oft aber vergaß ich auch dies Mißtrauen, und glaubte den Worten, die man mir ſprach, glaubte an die Zuneigung, die manche Freundin mir mit zärt⸗ licher Miene gab. Ich mußte aber ſpäter oft mit bitterm Schmerz erfahren, daß man mich hintergangen, und daß die Liebe nur der Deckmantel war, unter dem man eigenſüchtige Pläne verbarg. So zog ich mich mehr und mehr in mich ſel⸗ ber zurück, und lernte die bittere Kunſt des Ge⸗ nügens. Ich legte über mein Antlitz die glatte Maske zuvorkommenden Lächelns, ich lehrte meine Zunge die Sprache, die der Weltton erheiſcht, ich lehrte meine Züge ruhig und friedlich ſein unter dem Zuckeg mnende Herzens, und forderte von mir ſelber, nichts zu begehren vom Leben, was es nicht leiſten könne. Gegen Jedermann gleich freundlich, zeichnete ich Niemand mehr aus, verlangte von Keinem, er ſolle mehr ſein, als was er war, un forderte weder Freundſchaft noch Liebe mehr. Aber mein Herz verdorrte und meine Phantaſt — 459— erſtarb. Ich war ſo kalt und ernüchtert in mir ſelber; Lied und Poeſie war in mir verſtummt, die Begeiſterung mir auf ewig entflohen. In meiner Einſamkeit konnte ich in ſehnſuchtsvoller Glut von den Entzückungen der Welt und der Wonne des Lebens ſingen. Wovon ſollte ich aber nun ſingen, da ich gelernt, daß dieſe Entzückungen nur Schein und dieſe Wonnen nur leerer Wahn? — Ich hatte nichts mehr, für das ich mich be⸗ geiſtern konnte, und ſtumm hüllte ich mich in Ent⸗ ſagen und Schweigen. So lebte ich, ſo lebe ich, ſagte Aurelia er⸗ ſchöpft, wenn ein ſolches Dahinwelken Leben heißt! Oft frage ich mich ſelber in bitterm Weh, warum ich bin, warum ich athme, ſpreche, lache, da alles dies für mich und Andere werthlos und unerfreu⸗ lich? Für wen leide ich denn als für mich ſelber, für wen ſchmücke ich mich, wer nimmt denn theil an meinem Leben, für wen hat es Werth und Berdeutung?— Mein Schmerz iſt umſonſt geweſen, unnd meine Erfahrungen traurig, aber nutzlos,— ich bin einſam!— „Nun kennen Sie mich,“ fagte Aurelia erſchöpft, „mit allen meinen Fehlern und Irrthümern. Ich bin wahr geweſen gegen Sie, ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin, durch dieſe freie Enthüllung meiner Ver⸗ gangenheit in Ihrer Achtung zu verlieren. Rich⸗ ten Sie nun über mich!“ Nordheim war, während ſie ſo ſprach, auf⸗ — 160— geſtanden, und ſich ihr mit einem wahrhaft edlen Ausdruck ſeiner Züge nähernd, legte er ſeine Hände einen Augenblick wie ſegnend auf ihr Haupt und ſagte feierlich:„Tochter des Unglücks und der Schmerzen, wie webt ſich Dein Leiden Dir ie eine Glorie um Dein ſchönes Haupt. Wie ud Deine Augen ſo ſchön, verdunkelt von Thrä⸗ nen, und wie ehrwürdig iſt das ſchmerzliche Zucken Deines Herzens!— O Aurelia,“ fuhr er fort, und faßte ihre Hand,„wie danke ich Ihnen für Ihr ſchönes edles Vertrauen und Ihre Zuverſicht zu mir. Sie haben gefehlt und geirrt. Aber ſich erheben und aufrichten in Würde aus Fehlern und Irrthümern iſt erhabener, als nie in ſolche verfallen zu ſein. Sie haben viel gelitten, und ich verehre Sie um Ihrer Leiden willen. Heilig iſt das Unglück, und nur den Auserleſenen wird es zu Theil, und nur dier Auserleſenen wiſſen es zu bewältigen, und nur dieſe verſtehen ſich unter⸗ einander. Die Unglücklichen ſind eine große ge⸗ heime Geſellſchaft, deren Glieder ſich an nur ihnen verſtändlichen Zeichen erkennen. Als ich Sie zum erſten Male ſah, erkannte ich in Ihren ſchönen Zügen, daß Sie zu den Unſern gehören und be⸗ grüßte Sie freudig als ſolche.“ Immer glühender fuhr er fort:„Und meinſt Du denn, Du holdes, thörichtes Kind, Du jung⸗ fräuliches Weib, meinſt Du denn, daß ich nicht verſtanden hätte, was ſich in Deiner glühenden — 161— Bruſt geregt? Daß ich an dem Zucken Deiner Augen, an Deinem Erröthen, an Deinem Blick es nicht gewußt, daß Du mich liebteſt? Aurelia, ich wußte es wohl, aber ich wollte mich bezwingen. Nun aber fahre hin, Ueberlegung und Klugheit! Aurelia, komm an mein Herz!“ Er breitete ſeine Arme nach ihr aus, und mit einem Schrei des Entzückens ſank Aurelia an ſeine Bruſt. Und nun umfing er ſie und drt ſie feſter und feſter an ſein Herz, und unter Küſſen flüſterte er:„laß mich die Welt vergeſſen, nur ei⸗ nen Moment vergeſſen! Laß mich nichts denken, als Dich, nichts begehren, als Dich! Aurelia, erſticke alle Erinnerung in mir mit Deinen Küſſen!“ Und ſie ſchaute, weinend vor Luſt, zu ihm auf, 4 und fragte:„liebſt Du mich?“ Lange und ſchweigend ſah er ſie an, mit einem Blick, wie ſie ihn nie zuvor gewahrt, und vor dem ihr Herz erzitterte in freudigem Weh. Seine Züge nahmen einen ernſten, faſt wehmüthigen Aus⸗ druck an, und als ſie leiſe ihre Frage wiederholte, ſagte er:„Ja, ich liebe Dich! Aber ich weiß, Au⸗ relia, daß es kein Glück giebt in der Liebe, und daß dieſe Wonne enden wird. Und weil ich dies weiß, wollte ich dem Entzücken dieſes Augenblicks entſagen, um Dir die Qual der Zukunft zu er⸗ ſparen. Du aber, Du träumſt noch von Glück, und darum ſei es geſprochen das Wort: ich liebe Dich!“ Die Flüchtlinge in London. I. 11 7 — 162— Aurelia umfing ihn jauchzend, und ruhte, ein ſeliges Weib, an ſeiner Bruſt, und Nordheim bedeckte ihre Lippen und ihre Augen mit ſeinen Küſſen. Dann entriß er ſich plötzlich ihren Armen und ſagte:„Keinen Kuß mehr! Wollen wir doch dem Glück, das hienieden ſo kärglich erblüht, nicht die wenigen Blüthen, die es uns aufbewahrt hat, auf einmal entreißen!“ So ſprechend, küßte er noch einmal ihre Hand und verließ ſie eilig. Aurelia aber ſank auf den Divan nieder und Thränen entſtürzten ihren Augen, ſie wußte nicht, ob vor Wonne oder Schmerz. 3 3 XIV. Der Helfer in der Noth. Als Nordheim am andern Morgen ſein Früh⸗ ſtück einnahm, trat Macdeam mit haſtigen Schrit⸗ ten in ſein Zimmer, und Nordheim die Hand hin⸗ reichend, ſagte er leiſe:„Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu ſagen! Ich gehe nach Amerika!“ „Und was wollen Sie in dieſem kalten indu⸗ ſtriellen Lande?“ fragte Nordheim. „Was ſoll ich hier?“ entgegnete Maedeam. „Sdier, wo das Unglück mich verfolgt?“ „Wenn das Unglück Sie verfolgt, wird es auch übers Meer hin Ihre Spur finden!“ ſagte Nordheim;„beſſer iſt es, Sie bieten ihm die heim; 7 Spitze, ſo allein beſiegen Sie es!“. Macdeam ſchüttelte traurig den Kopf.„Nein,“ ſagte er,„ich kann es nicht beſiegen; es iſt be⸗ ſchloſſen, ich gehe! In einer Stunde geht ein Dampfſchiff von hier nach Hamburg, und auf demſelben werde ich die Fahrt machen, um in 11* — 164— Hamburg von meinem einzigen dort lebenden Bruder Abſchied zu nehmen, und dann fort, fort in die neue Welt.“ „Ich fürchte, Sie handeln übereilt, und miß⸗ kennen in Ihrer Trauer Ihre Lage!“ ſagte Nord⸗ heim theilnahmsvoll; möchten Sie nicht mindeſtens noch einige Tage warten mit der Ausführung Ihres Entſchluſſes? Vielleicht daß Sie bei größerer Ruhe anders dächten. Denn, obwohl ich mich nicht in Ihr Vertrauen eindrängen möchte, meine ich doch zu errathen, daß der geſtrige Abend in genauer Verbindung mit Ihrem jetzigen Vor⸗ haben ſteht.“ Maedeam nickte ſchweigend. „Nun alſo,“ fuhr Nordheim lächelnd fort, „vertrauen Sie doch dem Stern, der, wie die Dichter lehren, die Liebenden beſchützt, und le⸗ gen Sie nicht willkürlich zwiſchen ſich und den Gegenſtand Ihres Kummers Meere und Länder, die zu durchmeſſen ſchwieriger ſelbſt ſind, als Kloſtermauern zu beſiegen.“ „Es iſt beſchloſſen, ich gehe,“ ſagte Macdeam mit dem Eigenſinn der Schwermuth,„mein Platz iſt ſchon beſtellt, leben Sie wohl!“. „Muß es denn ſein,“ antwortete Nordheim, „nun, ſo mögen meine beſten Wünſche Sie beglei⸗ ten, und wenn dieſe auch keine Kraft haben, Ihnen zu helfen, ſo mögen Sie doch meiner gedenken als eines Mannes, der Ihnen ſtets die öüumſe — 165— V Theilnahme bewahren wird! Und ich denke, dies iſt, inmitten dieſer freundloſen, kalten Welt auch V etwas werth.“ Noch einmal reichten ſie ſich die Hand, dann begleitete Nordheim Macdeam ins Room hinab, wo ſie Armand und Giuſeppo fanden, beide lachend über die ſonſt ſo fröhliche Wirthin, die jetzt mit Thränen des Irländers Reiſegepäck ordnete und dabei ſchluchzte:„ja, lachen Sie nur, meine Herren, Sie werden mir doch meinen Kummer nicht wegraiſonniren und lachen. Will nun der 1 arme Herr hinaus in die weite Welt, aus reiner Deſperation glaube ich, und habe ich ihn doch gepflegt wie mein eigenes Kind. Za, wenn er ſo abends ſein Liedchen ſpielte, da ward mir's ganz warm ums Herz, und meine ganze Jugend ſtieg wieder vor meiner Seele auf, und ich meinte, wieder ein junges Mädchen zu ſein, und vor meinem Fenſter meines Liebſten Lied zu vernehmen, der, Gott hab' ihn ſelig, nun auch ſchon längſt begraben liegt; und dann ward mir ſo wonnig und ſo weich, und ich hätte den lieben Macdeam uumarmen mögen, und mir einbilden, er ſei mein Schatz. Und alles dies muß ich nun entbehren und miſſen; dies iſt für unſereins, dem es ſelten einmal ankommt, ein bischen zu ſchwärmen und zu ſeufzen, wie die vornehmen Leute, kein Spaß, ſondern ſehr ernſthaft, und darum laſſen Sie mich immerhin weinen.“ — 166— Als ſie ſich jetzt umwandte und Maedeam ge⸗ wahrte, deſſen Eintreten ſie vor ihren eigenen Klagen nicht bemerkt, floſſen ihre Thränen reich⸗ licher, und ſie fuhr fort:„und wenn Sie wenig⸗ ſtens noch klagen und jammern wollten, Herr Macdeam, ſo wüßte man doch, warum Sie ſo traurig ſind. Aber ſo ſtumm und ſtill wie Sie ſind, weint man in die Welt hinein, ohne ſich einmal Rechenſchaft von ſeinen Thränen geben zu können. Gerade, wie mein ſeliger Mann, ver auch immer ſo verſteckt war, und immer ſtumm, ich mochte ſagen, was ich wollte, und auch ſo ſtumm geſtorben iſt, ohne mir ein Wort zu ſagen. Abends geſund zu Bette gegangen, und andern Morgens war er todt. Da lobe ich mir doch 'nen rechtſchaffenen Jammer, oder wenn's ſein muß, ein paar Flüche, die immer beſſer ſind als ſolch Stummſein!“ „Ich muß fort,“ ſagte Macdeam, und blickte nach der Uhr. 1 „Wenigſtens Ihr ſchönes Liedchen ſpielen Sie uns noch zum Abſchied!“ bat die Wirthin, und die Uebrigen ſtimmten ein in ihren Wunſch. Maedeam nahn ſchweigend ſein Inſtrument und ſetzte es an die Lippen. Wie die Töne in ihrer einfachen, herzinnigen Melodie dahinzogen, fühlten ſich Alle wunderbar bewegt, die Wirthin barg ſchluchzend ihr Geſicht in ihrer Schürze, und ſelbſt Armand blieb ſtill und wagte nicht zu lachen. — 167— Als Macdeam die Melodie geendet, begann er noch einmal, aber nun in veränderter, noch mehr klagender Weiſe der weichern Molltonart; leiſe und wie zerſchmelzend in unendlicher Wehmuth flü⸗ ſterte das Lied dahin, in ſeinen zitternden Klängen des Irländers Abſchiedsklage tragend. Still war es unter ſeinen Zuhörern; die Weh⸗ muth und der Friede der Melodie ſchien ſich Allen mitzutheilen. Maedeam's Züge erheiterten ſich während des Spiels ſichtbar, er ſchien wie verklärt und ſein Auge ſtrahlte in ſchwärmeriſchem Feuer.— Als er dann geendet, winkte er ſchweigend mit der Hand ein Lebewohl und verließ das Gemach. Die Wirthin ſorgte, daß ſein Gepäck in das bereit ſtehende Cabriolet gebracht ward, in dem Macdeam ſchon Platz genommen, und bald rollte der Wagen mit dem ſchwermüthigen Irländer zum Hafen hin. Auch Nordheim verließ das Lodging Haus, nachdem er Daſſa erſucht, bei ſeiner Zurückkunft iym eine Unterredung in wichtigen Angelegenheiten u bewilligen, und dieſer es zugeſagt hatte. Lady Landstown, zu der Nordheim ſich ſodann begab, empfing ihn mit ihrer gewohnten ſchwer⸗ müthigen Freundlichkeit, und erwiderte auf Nord⸗ heim's Frage nach ihrem Wohlſein mit einem wehmüthigen Lächeln:„Sie fragen nach meinem Wohlſein, und meinen wohl mein Krankſein, das ggen ſpricht? Und wo Jugend, iſt auch Kraft zur der Tod.“ 168— mir freilich ſeit vielen Jahren weit vertrauter iſt, wie das Gegentheil. Das Gefühl, geſund zu ſein, liegt wie ein ferner Jugendtraum hinter mir, und kehrt, wie die Jugend ſelber, nimmer zurück. Auch habe ich längſt Beiden entſagt und begehre nicht mehr, was unerreichbar iſt.“ Nordheim lächelte.„Und wie wollen Ew. Lordſchaft dem entſagen, was Sie ohne Ihr Zu⸗ thun noch beſitzen?“ fragte er verbindlich;„wie eine Jugend verleugnen, die doch aus Ihren Zü⸗ Geſundheit und Balſam für alle Schmerzen.“ Die Lady wiegte ſchweigend ihr Haupt und ſagte leiſe:„es giebt nur einen Balſam und ein Linderungsmittel für alle Schmerzen, dies iſt „ Als ich ein Jüngling war,“ erwiderte Nord⸗ heim,„und mein Gemüth erfüllt hatte mit allerlei Ahnungen einer Seligkeit, die nach dieſem Leben des Menſchen Eigenthum, da bedeutete mir der Tod daſſelbe, und ich nahm in frommem Kinder⸗ glauben Sterben für den Anfang eines ſeligen Lebens, und ſehnte mich recht mädchenhaft nach dem Tode.“ „Und haben Sie ſeitdem dieſen Glauben ver⸗ loren?“ fragte die Lady raſch. „Wie ſollte ich nicht?!“ rief Nordheim. Un⸗ ſer Jahrhundert iſt das der Thatſachen, und dar⸗ über iſt uns der Glaube zerronnen. Das Leben — 169— überhaupt lehrt mißtrauen und zweifeln, und un⸗ ſer Jahrhundert zumal hat ſeine beſten und edel⸗ ſten Kräfte in thätigem Wirken darauf verwieſen, das Dieſſeits zu erheben und es in Harmonie zu bringen mit den Anforderungen der Menſchheit. Ueber dieſem Beſtreben, das begriffene und er⸗ faßte Dieſſeits zu verherrlichen und zu ſeiner ihm beſtimmten Würde zu erheben, tritt das in einen nebeligen unbeſtimmten Dunſt gehüllte Jenſeits zu⸗ rück, und es verlangt uns nicht mehr, durch den Nebel zu greifen nach einem Etwas, deſſen Werth oder Unwerth wir nicht zu erforſchen vermögen. Als ich dies begriffen, hörte ich auf, den Tod zu begehren, und ſuchte, an das Leben angewieſen, mit muthigem Wollen deſſen Qualen zu beſiegen. Und dies Wollen iſt ſchon der Anfang des Sieges.“ „Männer ſind beſtimmt zu kämpfen und zu wollen,“ ſagte Lady Landstown,„wir aber, wir armen Weiber, müſſen unterliegen und dulden.“ „Verzeihen Sie, wenn ich das bezweifle,“ rief Nordheim.„Gerade das Weib hat in ſeinem ſcchmiegſamen, elaſtiſchen Weſen, in der von keinem Manne erreichten Fähigkeit zu dulden, ohne zu unterliegen, von der Natur die Waffen zum Kampfe mit dem Leben erhalten; die Natur aber in ihrer Weisheit giebt und thut nichts Zweckloſes, und ſtraft den, welcher ihre Gaben unbenützt läßt. So iſt auch Krankheit nur ein Ungehorſam gegen — 170— die Natur, und verfolgt nur diejenigen als Strafe, die der Natur nicht gehorchen und nach ihren Geſetzen leben!“ „Es giebt aber eine Krankheit der Seele,“ ſeufzte die Lady,„für welche die Erde keinen Bal⸗ ſam hat und keine Linderung!“ Nordheim ſchwieg einen Augenblick, und be⸗ trachtete die Lady, die, ihr Haupt auf die Bruſt geſenkt, ſich in ſchwwermüthigen Gedanken zu verlieren ſchien, mit theilnahmsvollen Blicken. Dann ſagte er plötzlich feſt und entſchloſſen: „Laſſen Sie mich aufrichtig ſein, und der Wahr⸗ heit, in der alles Heil liegt, gehorſamen. Als ich Ew. Lordſchaft um eine Ünterredung bat, geſchah es nicht allein, um Ihnen meine Ehrfurcht zu be⸗ zeigen, ſondern um Ihnen meine Dienſte anzu⸗ bieten, wie gering dieſe auch immer ſein mögen. Wüßte ich auch weiter nichts von Ihren Schick⸗ ſalen, ſo hätte mich der Ausdruck Ihrer Miene gelehrt, daß Sie leiden und minder glücklich ſind, als Sie zu ſein verdienen. Nun aber hat der Zufall mich zu einem Mitwiſſer Ihrer Pein ge⸗ macht, und weil es alſo iſt, habe ich auch das Recht, Ihnen meine Hülfe anzubieten. Giunſeppo Daſſa—“ „Was iſt mit ihm?“ unterbrach ihn die Lady angſtvoll. „War grauſam genug,“ fuhr Nordheim fort, ein Geheimniß früherer Tage mir zu verrathen, — 171— und ſo fremden Ohren mitzutheilen, was einem Ehrenmanne unverbrüchliches Schweigen gebieten ſollte. Ich kenne Ihre Leiden, und darum darf ich auch wahr und rückhaltlos ſein.“ Ellinor brach in heftiges Weinen aus, ihre Thränen überflutheten ihr Geſicht, das im Erröthen der Scham erglühte, und ſie fand nicht die Kraft zu ſprechen, ſondern ſchluchzte laut. „Zürnen Sie mir? Mißdeuten Sie meine Auf⸗ richtigkeit?“ fragte Nordheim ſanft. „Nein, nein!“ ſchluchzte Ellinor. „Oder fürchten Sie, Ihr Geheimniß ſei bei mir gefährdet?“ „O neinl! ich fürchte nichts mehr!“ rief Ellinor, ſich gewaltſam zuſammenfaſſend,„wer ſo viel ge⸗ litten an innern Qualen, wie ich, der fürchtet nichts mehr. Laſſen Sie mich aber weinen, meine Seele möchte ich ausſtrömen in Thränen, es ſind die erſten Freudenthränen ſeit vielen Jahren.“ Und plötzlich, wie in übermächtiger Bewegung, ſank Ellinor nieder auf ihre Knie und rief, die Hände gen Himmel erhebend:„Gott, mein Gott, ich danke Dir! Du haſt mir Hülfe und Beiſtand geſandt! Mein Flehen iſt nicht umſonſt geweſen, Du haſt die Verzweiflung meiner Seele begriffen, und ſendeſt Linderung. O Du, Du, Dank ſei . Dir und Preis—“ Ihre Stimme ward ſchwächer, ihr Athem ſtockte, ohnmächtig ſank ſie zurück. ſſ— — 172— Nordheim bettete ſie ſanft auf den Divan und öffnete das Fenſter; die hereindringende friſche Luft gab der Lady bald ihre Beſinnung wieder. Sie ſchlug die Augen auf, und Nordheim die Hand reichend, ſagte ſie:„Wüßten Sie, wie furcht⸗ bar ich gelitten unter dieſer Laſt des Schweigens, wie dies Geheimniß, von dem ich zu keinem Men⸗ ſchen reden konnte und durfte, mir faſt das Herz abgedrückt und mich zur Verzweiflung getrieben hat, Sie würden begreifen, wie mich Ihre Worte ſo tief erſchüttern konnten. Es iſt mir, als wäre mein Unglück ſchon halb beſiegt, nun, da ich Je⸗ mand habe, zu dem ich klagen darf. Dies iſt ja das Entſetzliche meiner Qual, daß ich ſie vor ihm, dem meine ganze Seele gehört, vor meinem Ge⸗ mahl verbergen muß, und ihn nicht darf ahnen laſſen, warum ich leide.“. „Und nun helfen Sie, rathen Sie,“ fuhr ſie heftiger fort,„ſagen Sie mir ein Mittel, dieſen Furchtbaren, bei deſſen Erwähnung ſchon ich er⸗ zittere, zu erweichen und zu zähmen in ſeinem wilden Zorn.“ „Das blutdürſtige Thier entflieht vor dem Schein des Feuers,“ antwortete Nordheim;„dieſer iſt nicht beſſer, als ein Thier, und vor dem Glanz des Goldes wird ſeine Wuth entfliehen.“ „Sie glauben?“ fragte Ellinor freudig. „O geben Sie ihm Alles, Alles, was ich be⸗ ſitze. Meine Güter, meine Juwelen, Alles will ſͤͤͤͤ — 173— ich ihm zu Füßen legen, und dafür nichts begeh⸗ ren, als die Freiheit, und nur die Freiheit, unbe⸗ ängſtigt meinem Gram nachzuhängen und den Vor⸗ würfen meines eigenen Gewiſſens. Er ſoll fordern ſo viel er mag, nur Freiheit, Freiheit!“ Nordheim verabredete nun mit Ellinor, dem Italiener eine anſehnliche Summe auszuzahlen, für welche er die Briefe an Nordheim ausliefern ſollte; außerdem wollte man ihm ein reichliches Jahrgeld ausſetzen, das ihm regelmäßig ausge⸗ zahlt werden ſollte, wenn er dafür ſich verpflichtete, ſogleich nach Italien für immer zurückzukehren, und niemals den Verſuch zu machen, Ellinor's Ruhe in irgend einer Weiſe zu ſtören. „Er wird, denke ich, dieſen Vorſchlag eingehen,“ ſagte Nordheim zuverſichtlich.. „Der Himmel gebe, daß Sie recht haben,“ ſeufzte Ellinor.„Vielleicht habe ich ſchon zu viel gelitten, um noch hoffen zu können. Ich fürchte, ich kenne ihn beſſer, und die Befriedigung ſeiner Rache gilt ihm mehr als Gold und Schätze.“ „In Ihrer edeln Seele halten Sie auch ihn zu edel!“ erwiderte Nordheim. „Sie werden ſehen,“ ſeufzte die Lady, und als Nordheim ſich ſodann entfernen wollte, reichte ſie ihm mit einem dankenden Blick die Hand hin und ſagte:„wie es aber auch kommen mag, dieſe Stunde verpflichtet mich Ihnen für immer, und lehrt mich, Ihre erhabene Geſinnung erſt recht er⸗ — 174— 3 kennen. Die Schonung und Achtung, die Sie, obgleich Sie die Schuld meiner Jugend kennen, mir dennoch beweiſen, giebt mir einen Theil mei⸗ nes Selbſtbewußtſeins wieder, und daß Sie die Sünde meiner Jugend kennen, beſchämt mich nun weniger, als es mich erhebt. Ich danke Ihnen! Siie haben an mir edel und weiſe gehandelt! Und ich glaube, dies iſt die wahre Weisheit, ſich der Gefallenen zu erbarmen, aber nicht mit Vor⸗ wurf und Ueberhebung, ſondern mit Milde und Troſt!“ „Sie nennen weiſe,“ ſagte Nordheim,„was nur rein menſchlich iſt. Weil ich in meinem Le⸗ ben des Schmerzes und Unglücks ſo viel erfahren, drängt es mich, wo ich kann, es zu lindern. Dies Beſtreben, zu lindern und zu helfen, iſt der Segen, den das Schickſal dem Unglücklichen giebt, und darum möchte ich es faſt nicht miſſen, das Unglück, das mich Jahre lang verfolgte.“ „Und jetzt?“ fragte Ellinor,„ſind Sie jetzt wieder glücklich?“ 4 „Sofern man es hienieden ſein kann, wenn man weiß und nie vergißt, daß Glück und Freude nur von kurzer Dauer iſt, bin ich glücklich,“ ant⸗ wortete Nordheim. 4 Nachdem er ſodann der Lady verſprochen, bald möglichſt ihr die Antwort Giuſeppo's zu bringen, empfahl ſich Nordheim und kehrte zurück ins Lodging Haus, wo der Italiener ſeiner harrte. — 175— Vorſichtig und ſchonend theilte Nordheim ihm der Lady Anerbieten mit, und obwohl die Verach⸗ tung, die er vor ihm, dieſem rohen, ungebändigten und niedrigen Charakter empfand, Nyrdheim zu bewältigen drohte, zwang er ſich dennoch zu ruhiger Freundlichkeit, um nicht durch Darlegung ſeiner wirklichen Geſinnung des Neapolitaners Ingrimm noch mehr zu reizen. Auch ging dieſer anſcheinend auf Ellinor's Plan ein, und erklärte ſich bereit, für die ge⸗ nannte Summe die Briefe auszulöſen.„Und was,“ fragte er dann mit tückiſchem Lachen,„bietet mir Ellinor für meine Erinnerungen und für das, was ich erzählen könnte? Womit will Sie mein Schweigen erkaufen?“. Nordheim nannte ihm die zweite Summe und die Bedingungen, unter denen dies Jahrgeld aus⸗ gezahlt werden ſollte. Daſſa brach in, ein lautes und anhaltendes Lachen aus, das ſchaurig klang bei ſeinen wild blitzenden zornigen Augen, wie das Gelächter des Schakals, der blutgierig die Oede durchſtreifend die Beute gewahrt, die er zerreißen will. Dann ward Daſſa's Geſicht plötzlich ernſt, und er ſagte ruhig:„ich werd' es überlegen!“ „Und wollen Sie mir die Briefe einhändigen?“ ſagte Nordheim. „Wozu das?“ fragte Daſſa trocken. 20 denke mit Ellinor ſelbſt darüber zu unterhandeln, und meine, dies ſei natürlicher und der Ordnung gemäß.“— „Ich hoffe,“ ſagte Nordheim,„daß Sie min⸗ deſtens dabei jene ſchonende Berückſichtigung, die ein Cavalier einer Dame ſchuldig iſt, nicht ver⸗ geſſen werden!“ So trennten ſie ſich, und Nordheim, als er allein war, ſagte freudig:„und nun zu ihr, zu meiner Geliebten!“ Dann eilte er haſtig die „Stiegen hinab, und fuhr zu Aurelien. XV. Das Wiederzehen. Leiſe, um ſie zu überraſchen, öffnete er die Thür ihres Boudoirs, und ſchaute lächelnd hinein. Aurelia aber bemerkte ihn nicht; ſie lag auf dem Divan, laut ſchluchzend, das Geſicht in den Kiſſen verbergend. Nordheim trat ein, und die Thür ſorgſam ſchließend, blieb er einen Augenblick, Au⸗ relien betrachtend, ſtehen. „O,“ ſchluchzte dieſe jetzt,„wie iſt mir ſo weh und traurig! Er kommt nicht, immer noch nicht! Iſt es denn möglich, inöglich, daß er nur ein Spiel getrieben mit mir? Nordheim, Geliebter, kannſt Du mich verlaſſen, nun Du weißt, wie ich Dich liebe?“— Ihr Schluchzen erſtickte ihre Stimme, ſie ſchien wie aufgelöſt in Schmerz. Leiſe trat Nordheim zu ihr heran, und ſich über ſie neigend, flüſterte er:„Holdes, böſes Weib! Warum verleumdeſt Du Deinen Geliebten?!“ Die Flüchtlinge in London. I. 12 — 178— Sie flog empor, und mit einem Freudenſchrei an ſeinen Hals.„Biſt Du da, endlich da?!“ jubelte ſie und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt. Dann, mit lieblichem Schmollen zu ihm aufblickend, ſagte ſie:„Du böſer, theurer Mann! Mich ſo viele Stunden umſonſt harren zu laſſen!“ Nordheim lächelte und küßte ihre Augen. „Werde weiſe, weiſe, meine ſchöne Schwärmerin,“ ſagte er zärtlich,„lerne doch Beſonnenheit im Glück, und Mäßigung in der Freude, damit auch ſpäter das Unglück und der Schmerz Dich be⸗ ſonnen finde.“ „O ſprich nicht vom Unglück,“ rief ſie heftig, ihn umſchlingend.„An Deiner Bruſt ruhend um⸗ fange ich Wonne und Glück, und alle Luſt des Lebens. Ein Entzücken iſt in mir, wie ich es nie gekannt, und ich fühle mich wieder jung und glücklich!“ „Liebe mich, liebe mich, ſo heiß Du kannſt,“ ſagte er, ſie feſter an ſich drückend,„laß uns alle Glut, alles Glück zuſammendrängen in dieſen Moment, und uns vergeſſen, daß der Zeiger wei⸗ ter rückt und andere Tage bringen wird. Laß mich Deine Lippen küſſen; ſie ſollen mir der Lethe ſein für die Vergangenheit, für Ueberlegung und Erfahrung.“ Nun waren ſie ſtumm in jenem Schweigen des Entzückens, das nur mit Seufzen und Blicken, mit Lächeln und Dundedelcen ſpricht. 1 — 179— „Ich habe eine Bitte,“ flüſterte Aurelia dann. „Bitte,“ ſagte er lächelnd,„Alles, was Du willſt, ſoll geſchehen!“ „Laß uns hinausfahren auf mein Gut, es iſt ſo ſchön dort und einſam! Niemand, der uns ſtört; die ganze Welt dort fern, die ganze Welt dort nah in Dir!“ „Ja, fort, fort von hier!“ ſagte Nordheim, „wollen wir einige Tage mindeſtens nur uns ſel⸗ ber haben, und nichts, als uns!“— Aurelia hatte ſchon, Nordheim's Zuſtimmung vorausſetzend, Alles ordnen laſſen, und fröhlich, wie ein Kind, hüpfte ſie an Nordheim's Arm zum bereit ſtehenden Wagen. Aureliens Villa, nahe an Hyde⸗Park gelegen, war bald erreicht, und Hand in Hand durchwan⸗ delten ſie beide nun die eleganten, ſchön geſchmück⸗ ten Räume. „O, wie bin ich ſo froh, ſo zufrieden, daß es Dir hier wohlgefällt,“ ſagte Aurelia,„und wie freue ich mich ſelbſt jetzt dieſer geſchmückten Zimmer. Dies Alles iſt ja Dein! Wie Du Herr biſt über meine Seele und mein Herz, ſo iſt auch Dein Alles, was ich beſitze. Willſt Du mir recht zeigen, daß Du mich liebſt?“ fragte ſie dann und ſchmiegte ſich inniger an Nord⸗ heim's Bruſt. „Gewiß, fordere nur, Alles, was Du willſt, ſoll geſchehen!“ ſagte er. 12* — 180— „Nimm dieſe Villa und den Park als Geſchenk von mir an,“ ſchmeichelte ſie. Nordheim's Stirn umwölkte ſich einen Moment, dann ſagte er:„Sind wir nicht hieher gekommen, Aurelia, um in dieſer Einſamkeit die ganze Welt zu vergeſſen? Und Du bringſt doch dieſe Gedan⸗ ken der Welt und des Irdiſchen mit? Nein, Au⸗ relia, nicht wieder ſolche Gedanken! Rede mir nicht wieder von Geſchenken. Willſt Du mir aber et⸗ was geben, ſo laß es dies Lächeln ſein, das ſo entzückend iſt, und dieſen Blick, der mein ganzes Herz bezaubert!“ „Du willſt mein Geſchenk nicht?“ fragte ſie mit lieblichem Schmollen. „Nein, ich will es nicht, aber ich begehre ein größeres, Dich ſelbſt!“ ſagte Nordheim, und küßte ſie. Sie traten in das Boudoir, in dem Aurelia, wenn ſie in der Villa war, zu wohnen pflegte, und ſie ſagte:„o mein Geliebter, wie kann es denn ſein, daß wenige Tage unſer ganzes Innere gleichſam umgeſtalten und uns wie zu einem neuen Weſen ſchaffen können. Als ich zum letzten Male hier war, da fühlte ich mich verlaſſen und einſam, troſtlos und verzweiflungsvoll, und ich glaubte an dem trägen Klopfen meines Herzens mit Freuden zu fühlen, daß es bald ſtille ſtehen würde. Und nun? Iſt es mir doch, als lebe ich in einer neuen Welt, als ſeien es neue Räume, die mich umgeben, — 181— als athme ich eine andere Luft. Meine Gedanken, meine Gefühle ſind wie durch einen Zauberſchlag ge⸗ ändert, mir iſt, als ſei ich wieder ein Kind geworden, und doch dabei unendlich weiſe, und als verſtände ich Alles, ohne zu wiſſen, wie und wodurch.“ Nordheim umfing ſie leidenſchaftlich.„Meine Prieſterin der Liebe,“ ſagte er,„komm, lehre mich zu ihr beten mit frommem Kinderglauben. Komm, wo man liebt, iſt man in ihrem Tempel; Prieſterin, lehre mich beten!“ So ſprechend ſank er vor ihr nieder, und ihre Knie umfangend ſchaute er mit liebeſtrahlenden Augen zu ihr empor. Ein Lächeln des Entzückens verklärte ihre Züge, und im Uebermuth der Luſt eingehend auf ſeinen Scherz, flüſterte ſie:„ja, ich will Dich beten lehren. Merk' auf: ich liebe!“ „Ich liebe!“ ſagte er lächelnd nach. „Du liebſt!“ fuhr ſie fort. „Du liebſt!“ wiederholte er. „Wir lieben!“ jauchzte ſie, und zog ihn em⸗ por au ihr Herz.. XVI. Natur und Liebe. In leiſem Säuſeln regten ſich die hohen Bäume des Parks und murmelnd ſchlüpften die kräuſeln⸗ den Wellen des kleinen Sees, der in deſſen Mitte lag, an das blumenumkränzte Ufer. Die Thüren des Pavillons, der daneben ſtand, waren geöffnet, und auf dem Divan in dem In⸗ nern deſſelben ſaßen Aurelia und Nordheim, in⸗ ſchweigendem Entzücken hinausſchauend auf das liebliche Stillleben. Die Sonne begann hinabzuſinken und vergal⸗ dete die Spitzen der Bäume, und der laue Wind trug die Blumendüfte zu ihnen her. „Wie ſchön, wie ſchön!“ ſagte Aurelia, und lehnte ihr Haupt an Nordheim's Schulter.„Wie entzückend iſt doch dieſes Schweigen der Natur, und wie köſtlich dieſe Einſamkeit! Müſſen wir denn morgen wieder zurück in die Stadt, ſo laß —— — 183— uns mindeſtens heute noch dieſe Schönheit der reinern Luft in vollen Zügen trinken.“ „Ja, komm,“ ſagte Nordheim,„wollen wir uns dort auf jene Raſenbank nahe am See ſetzen, und Abſchied nehmen von dieſer herrlichen Schön⸗ heit der Natur.“ Sie verließen den Pavillon, wandelten Arm in Arm hinab zum Ufer des Sees, und ruhten auf der Moosbank nebeneinander. Still war es um ſie her, in ſüßem Schweigen ſchien die Natur ſelber zu ruhen, langſam plät⸗ ſcherten die Waſſer ans Ufer, als fürchteten ſie die wonnige Stille zu unterbrechen und den Abſchieds⸗ kuß zu ſtören, den die ſcheidende Sonne der Erde gab, die unter ihr glühte. „Wie iſt die Welt ſo ſchön!“ ſagte Aurelia; „o wie bin ich ſelber ſo ſelig!“ „Still, ſtill,“ ſagte Nordheim leiſe, und drohte lächelnd mit dem Finger,„verrathe nicht unſer Glück. Die Najaden des Sees möchten es be⸗ lauſchen, und das ſüße Geheimniß, das nur ſicher iſt, wenn man es verſchweigt, hinausmurmeln in die Welt.“ „Ach, die Welt!“ ſeufzte Aurelia,„mir graut vor der Welt, und wenn ich daran denke, daß wir morgen zurückkehren zur Stadt, ſo fühle ich mich wunderbar beängſtigt, und ein ſeltſames Bangen erfüllt meine Bruſt. Ja, ich meine dann, daß dieſe ſchönen Tage nie zurückkehren werden.“ — 184— „Kehrt denn die Welle dort zurück,“ ſagte Nordheim und zeigte hinab in das Waſſer,„ſieh, ſie bricht ſich am Ufer und verſchwindet. Aber neue kommen nach ihr und verſchwinden wie ſie. Gleich Wogen und Waſſern rinnen die Tage ab⸗ wärts, einer folgt dem andern und verſchwindet nach ihm, und keiner kehrt zurück. Das Leben gleicht dieſem See; da kräuſelt ſich Welle neben Welle, wie ein Tag aufrauſcht neben dem andern im ewigen Wechſel. Und ſchau, wie jetzt die Sonne darüber hinglänzt, und den See purpur⸗ roth färbt, ſo—“ So verklärt die Liebe das Leben,“ unter⸗ brach ihn Aurelia,„und durchglüht alle Tage deſſelben.“. „Und wenn die Sonne hinabgeſunken, dann liegt der See, erſt ſo hell, finſter und ſchweigend da in farbloſer Nacht. So das Leben, wenn die Liebe hinabgeſunken. „Nein, nein,“ rief Aurelia heftig, und umſchlang den Geliebten„nein, dieſe Sonne iſt ewig, und ſie kann niemals untergehen.“ „Sie kann es, und wird es,“ ſagte Nordheim ſchwermuthsvoll, und je heller ſie leuchtet und glüht, deſto raſcher verglimmt ſie auch.“ „Wie biſt Du heute ſo ernſt!“ ſagte Au⸗ relia vorwurfsvoll.„Biſt Du denn nicht mehr glücklich?“ „Das Glück iſt es eben, was mich ernſt macht,“ — 185— erwiderke er,„weil ich ſein tückiſches Weſen kenne, und weiß, daß, wenn wir es mit allen Sinnen in ſtürmiſchem Drang erfaſſen, es uns verläßt; und die ſchweigende kalte Nacht, die dann im Herzen folgt, iſt doppelt entſetzlich nach dem glü⸗ henden Tage.“ „O ſprich nicht ſo,“ bat Aurelia,„Du äng⸗ ſtigſt mich, und verdüſterſt mir mein ſonnenhelles Glück. Laß uns lieber ſehen, wie es ſo ſchön iſt in der Welt. Sieh, ſchon werden die Lichter matter, die Purpurſtreifen verſchwinden auf den Waſſern, nur der Schwan, der dort langſam und majeſtätiſch herangeſchwommen kommt, iſt wie in Sonnenglut getaucht. Vergleichſt Du das Le⸗ ben dem See, ſo biſt Du mir, wie der Schwan auf demſelben, ſo ſtolz und erhaben und ſo ſchön.“ „Der Schwan iſt ein tückiſch Thier,“ ſagte Nordheim lachend,„und wenn er zornig iſt, zerſchlägt er mit ſeinen Flügeln, was ſich ihm naht.“ „Du böſer Mann,“ ſagte Aurelia, und berührte lächelnd mit ihrer Hand ſeine Wange,„verdirbſt mir alle meine ſchönen Gleichniſſe und Bilder! Und warum? Muß ich denn durchaus die Lehre von der Vergänglichkeit lernen?“ 1 „Gewiß,“ antwortete er,„damit Du allem Kommenden gefaßt entgegenſiehſt!“ „Ich trotze der Zukunft und dem Schickſal,“ — 186— rief ſie, ſich feſter an ihn ſchmiegend,„mein Hort und meine Zuflucht iſt Dein Herz.“ Er drückte ſie an ſich und flüſterte:„Ruhe mindeſtens aus an dieſer Bruſt. Ruhe giebt neue Kraft zum Kampf.“ „Wie bin ich doch ein ſo ſeliges, ſeliges Weib,“ murmelte ſie,„das größte Glück iſt mein, und wird es ewig bleiben. Nicht wahr, Du Gelieb⸗ ter, ewig?“ Wie ſie mit ihren ſtrahlenden verklärten Blicken ihn anſchaute, fand er nicht die Kraft zu einem„nein!“ und er neigte ſich, ihre Augen zu küſſen. Aurelia aber, wie in heiliger Begeiſterung, richtete ſich auf, und beide Arme ausbreitend, rief ſie:„Dank Dir, mein Gott, daß eine Menſchen⸗ bruſt ſo viel Glück faſſen kann und ſo viel Wonne! Und plötzlich zu Nordheim's Füßen nie⸗ derſinkend, fuhr ſie fort:„und Du, Du Theuerer, Du Geliebter meiner Seele, wie danke ich Dir für dieſe Wonne! Du haſt mich wieder jung gemacht, und lebensvoll, freudig und glücklich. Mein Herz regt ſich in ſeligem Lebensdrang, und meine Seele jauchzet in Liebesluſt. Jetzt erſt lebe ich, und Du biſt mein Leben. O wie kann ich Dir danken?!“ Nordheim zog ſie zu ſich empor, und bedeckte ihren Mund mit Küſſen. — 187— „Nicht wahr, Du wirſt mich ewig lieben,“ ſtammelte ſie. Er drückte ſie heißer an ſich, und ſagte faſt uunwillig:„warum die Zukunft beſchwören und die kommende Stunde?! Laß uns die Gegenwart ge⸗ nießen, nicht vorwärts denken!“ Er zog ſie zu ſich nieder auf den Raſenſitz und ihre Lippen begegneten ſich. Die Sonne war hinabgeſunken, und ein ſanf⸗ tes Dämmerlicht umhüllte die Natur. Allgemach tauchten Sterne am Himmel auf und ſpiegel⸗ ten ſich ab im klaren Waſſer des Sees, und „Aurelia, dies gewahrend, ſagte lächelnd:„Dein Gleichniß vorher iſt nicht richtig, wie ich ſehe. Nach dieſen vergoldenden Sonnenblicken ſollte eine ſchweigende Nacht den See verdunkeln, und ſchau, wie Du geirrt, die Sterne ſpiegeln ſich in ihm!“ „Doch hab' ich recht mit meinem Gleichniß,“ ſagte er,„und wie dieſer glühenden Sonne die kalten Sterne folgen, ſo wird dereinſt unſere ſchöne, heiße Liebe verglühen; wohl uns, wenn dann mindeſtens das ruhigere Licht der Freund⸗ ſchaft uns bleibt.“ Aurelia ſeufzte:„Du biſt grauſam!“ „Aber wahr!“ ſagte er, und küßte ſie, und relia beſtritt es nicht, denn unter ſeinen Lieb⸗ ungen vergaß ſie ſeine Worte. —— — 188— Der See murmelte fort und fort, die Sterne leuchteten, und in den Bäumen lispelte der Wind, nnd die zwei Liebenden ruhten in ſe ligem Liebesvergeſſen aneinander. 5. Ende des erſten Bandes. 4 Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. — ſſſiſmſnſffnſniſſiſſſſſſigſfſiſiiſſſſſſſnſnſnſmennhen 6 8 9 10 11 12 13 14 15 16