— —,— — v— — — 2 9 —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mkr.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„=„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X 53 —⸗——-————4 E v g. Ein Koman aus Berlinz Gegenwart. Sweiter Theil. 6 Berlin: F. H. Mori n. 1844. I. Indeſſen hatte in Eva's und Ralph's Verhältniſ⸗ ſen eine große Umwandlung ſtatt gehabt, eine Umwand⸗ lung, die Ralph mit tiefem Kummer, Eva mit ſtolzer Freude erfüllte. Es war ihr gelungen, Ralph zu bere⸗ den, daß ſie das kleine Haus verließen, und die leer ge⸗ wordene Bel⸗Etage von Ralph's gegenüber ſtehendem großem Hauſe bezogen. Nicht ohne bittern Schmerz hatte Nappt ſich dieſem neuen Wunſche Evas gefügt, und als er endlich ihrem zärtlichen Flehen, ihren Bitten, ihren Thränen nachgegeben, und ſie nun die ihm ſo lie⸗ ben, gewohnten Räume verließen, da ging Ralph noch einmal einſam und allein durch die leeren, ſtillen Räume, von jedem Plätzchen mit ſeinen theuren und heiligen Erinnerungen Abſchied nehmend. Hier auf dieſer Stelle hatte einſt ſein Bettchen neben dem ſeiner Mutter ge⸗ ſtanden. Wie oft, wenn er als Kind Nachts erwachte und die Dunkelheit ihn ſchreckte und ängſtigte, wie oft 1* 88 4 hatte dann ſeine Mutter ihm die Hand herunter gereicht, und, ſich an dieſe Hand, wie an einen Rettungsanker anklammernd, war er wieder eingeſchlafen, ruhig und ſicher in dem Gefühl von ſeiner Mutter beſchützt zu wer⸗ den. Dort in jenem Zimmer hatte er vor ſeinem Va⸗ ter gekniet, deſſen Segen zu empfangen an jenem Tage, als er zum erſten Male zum Tiſch des Herrn ging, ach und dort an jener Stelle hatten bald nach einander die Särge ſeiner Aeltern geſtanden. Und von allen dieſen geheiligten Plätzen nahm Ralph jetzt mit überſtrömen⸗ den Augen und beklommenem Herzen Abſchied, Abſchied von all' den theuren Erinnerungen ſeiner Kindheit, ach von allen Hoffnungen und Träumen auch der Zukunft nahm er Abſchied. Dann ging er noch einmal und zum letzten Male hinauf in Eva's früheres Gemach und wie er dieſe leeren, öden Räume betrachtete, da war es ihm, als würde es auch hinfort ſo öde und leer in ſeiner eigenen Bruſt ſein, und als würde das Unglück und Leid alle ſüßen Erinnerungen des Glückes und der Riebe in ihm begraben. Wie oft, wie oft hatte er hier ſeine Eva in den ſchönen Tagen ihrer Liebe in ſeinen Armen gehalten, wie oft mit entzücktem Lauſchen ihrem holden Liebesgeflüſter zugehorcht, und ihrem lieblichen, kindlichen Geplauder. War's nicht dort auf jener Stelle, wo fie ihm kürzlich noch in die Arme ſank und ihm ſchwur, ihn ewig zu lieben, und Alles hinter ſich laſſend, 5 nur an ſein Glück zu denken, und keinen Wunſch zu he⸗ gen als dieſen? Wie Ralph das Alles jetzt dachte, da war es ihm als ſtänden alle dieſe vergangenen Tage und Stunden gleich Geiſtern um ihn her, und ſie flü⸗ ſterten und lachten, und grinzten ihn an mit ſpöttiſchem Lachen, und höhnten ihn um ſeines Glaubens und ſei⸗ ner Hoffnungen willen. Ralph lehnte ſich erſchöpft, kraft⸗ los zurück an die Mauer, ſein Haupt ſank hernieder auf die Bruſt, in der tauſend Schmerzen wühlten, und leiſe ſagte er: ja lacht nur, lacht nur über den Thoren, der meinte, dies ſchöne, herrliche Weib könne ihn lieben, ewig und immer, könne ſich genügen laſſen an dem ſtil⸗ len, beſcheidenen Glück, das er ihr bieten konnte! O es war ein Traum, aber er war doch ſo ſchön, und in die⸗ ſem Traume mindeſtens habe ich doch das reinſte und heiligſte Glück genoſſen! Sie hat mich doch geliebt, es gab doch einſt eine Zeit, wo ihr ganzes Herz mir ge⸗ hörte, wo ich ihre ganze Welt war, und wenn dieſe Zeit auch längſt vorüber gerauſcht und begraben iſt, ſo bleibt ſie doch mein und nichts kann mir die Erinne⸗ rung dieſer herrlichen Zeit entreißen! O Eva, nicht mehr meine Eva, rief er laut und ſchmerzvoll, Eva ich liebe Dich ja ſo heiß, ich kann ja nicht leben ohne Dich und dennoch biſt Du nicht mehr mein, und wenn ich die Arme öffne, Dich zu umfangen, ſo legſt Du Dich kalt und ſtolz in dieſe Arme, ohne mir zu lächeln, ohne 6 daß Dein Herz höher klopft in Liebe und Glück, und vor dieſer Ruhe fühle ich mein Herz ſtill ſtehen, und mein Blut zu Eis erſtarren. O Eva, ich habe Dich für immer verloren! Er ächzte und ſtöhnte laut, und ſchauerlich tönten dieſe Trauerklänge wieder in dem leeren, ſtillen Hauſe. Und während Ralph da drüben in der Stille ächzte und klagte, war ein reges, unruhiges Leben in der neuen eleganten Wohnung. Da ging Eva geſchäftig von Zim⸗ mer zu Zimmer, ihr zur Seite Gräſin Jelſa, und wie ſie hier prüften, ob der Tapezier auch die ſeidenen Vor⸗ hänge recht geſchmackvoll vor den hohen Fenſtern arran⸗ gire, ob die koſtbaren Meubles alle ihre paſſende und geſchmackvolle Stelle erhalten, ſagte Gräfin Jelſa: jetzt endlich, meine theuerſte Eva, fange ich an, über Ihr Schickſal ruhiger und zufriedener zu werden, denn jetzt endlich werden Sie in Räumen ſich bewegen, vie Ihrer würdig ſind. Es iſt wirklich eine ſehr wichtige Sache, in welchen Umgebungen man lebt, und wie eine feine gebildete Frau ſich leichter und bequemer fühlt in der ſchweren Atlasrobe, als in dem vielleicht viel bequemeren Anzug einer Bäuerin, ſo iſt ſie auch nur dann ganz à son aise, wenn alles andere, was ſie umgiebt, ganz die⸗ ſem Schönheitsſinne entſpricht, und ein geſchmackvolles, unfaſhionables Meuble kann und muß ſie verſtimmen. Hier aber, dieſer Salon läßt nichts zu wünſchen übrig, —,— — — 7 nd Sie können in demſelben eine Fürſtin empfangen, ohne ſich zu ſchämen. Ja, es iſt ſchön hier, ſagte Eva ſinnend, und doch bin ich gar nicht ſo freudig und glücklich darüber, wie ich wohl ſein ſollte. Ein eigenes beklemmendes Gefühl drückt meine Freude immer wieder nieder, und vorhin, als meine Mutter hier hinein ſah mit einem ſo verach⸗ tungsvollen, ſpöttiſchen Lächeln, da war es mir faſt, als ſchämte ich mich; unwillkührlich ſchlug ich die Augen nieder, und wagte nicht eher wieder aufzuſehen, als bis ich ſie ſich entfernen hörte. Ach Ihre Mutter! ſagte die Gräfin verdrießlich, ich geſtehe Ihnen, beſte Eva, daß ich Ihre Nachſicht und Geduld mit dieſer eben ſo beſchränkten als eigenſinnigen alten Frau gar nicht begreifen kann. Dieſer Eigenſinn der alten Dame gränzt ja wahrhaftig an Wahnſinn. Sie will einmal durchaus für eine ganz arme, unbemit⸗ telte Frau gelten, und ſucht, ſo viel ſie kann, auch das Gerücht zu verbreiten, daß Sie gleichfalls ganz unbemit⸗ telt waͤren, und ſie ſagt das ſo oft und mit ſolcher Be⸗ ſtimmtheit, daß man ihr wahrhaftig glauben ſollte, wenn ich nicht eben durch Ihren Gatten ſelbſt das Gegentheil wüßte. Durch Ralph? fragte Eva verwundert. Ja wohl, geſtern, als ich ihm die Rechnung zeigte über Alles, was wir gekauft haben, und ihn fragte, ob 8 er auch nicht unzufrieden ſei über die etwas ſehr bedeu⸗ tende Summe— Nun, was ſagte er da? fragte Eva geſpannt. . Daß nichts, was Ihnen Freude mache, zu theuer ſein könnte, und daß ſie vollkommene Macht und Freiheit hätten, mit Ihren Renten zu thun, wie es Ihnen beliebe, und daß er, als der bloße Verwalter Ihres Vermögens, Sie niemals beſchränken werde. Mein Mann iſt ſo edel, ſo gütig, ſagte Eva, innig gerührt von dieſem Beweiſe des tiefen Zartſinnes ihres Gatten. In der That, erwiederte die Gräfin, es giebt viele Männer, die weniger beſcheiden und rückfichtsvoll han⸗ deln, und die, wenn auch das ganze Vermögen der Frau gehört, dennoch mit demſelben ſchalten und walten, als gehöre es ihnen allein, ja, die der Frau kaum ſo viel ge⸗ ben, um davon die nothwendigſten Bedürfniſſe der Toi⸗ lette zu befriedigen. In dieſem Punkte haben Sie wirk⸗ lich Grund, mit Ihrem Gatten zufrieden zu ſein; wollte Gott, es wäre in allen andern Dingen auch ſo! Aber ſinden Sie nicht, theuerſte Eva, daß, je mehr Sie ſich in Ihrer Bildung vervollkommnen, Ihr Mann deſto mehr hinter Ihnen zurückbleibt, und dies, wie es ſcheint, ganz abſichtlich, und in dem Beſtreben, Sie immer wie⸗ der daran zu erinnern, in welche Sphäre hinein Sie durch die Grauſamkeit Ihrer Mutter verheirathet ſind! d 9 O, ich kenne Herrn Ralph, ich durchſchaue ihn, und ſehe es wohl, daß er es abſichtlich verſchmäht ſich weiter zu bilden, feinere Redeformen, ungezwungenere Manieren anzunehmen, um nicht dadurch ſeinem niedern Stande entrückt zu werden. Nein, nein, Sie irren, ſagte Eva lebhaft, Sie thun meinem armen Ralph entſchieden Unrecht. Und Sie ſind viel zu gut, theure einzige Eva, als daß Sie hören könnten, wie man Herrn Ralph ta⸗ delt, ſelbſt wenn Sie einſehen, daß man Recht hat. Und Recht habe ich! Auch äußerlich vernachläſſigt ſich Ihr Gatte auf eine wirklich auffallende Weiſe. Wie altmo⸗ diſch und unfein er ſich kleidet. Wahrhaftig, wenn Sie Beide ſo neben einander ſtehen, Sie mit Ihrer edlen, ſtolzen Haltung, Ihrem ſchön gehobenen Haupte, Ihrer impoſanten Figur, Sie, in Ihrem eben ſo einfachen als geſchmackvollen und modiſchen Anzuge, und daneben Ralph in dem langen ſpießbürgerlichen Rocke, an dem die Aermel zu kurz ſind, und die rothe, harte Hand ganz frei laſſen, mit dem krummen Rücken und dem vorn⸗ über geneigten blaſſen Haupte, wahrlich, wenn man ſie Beide ſo ſieht, man wäre viel eher geneigt, ihn für Ih⸗ ren Bedienten, als für Ihren Gemahl zu halten. Sie tragen etwas zu ſtark auf, ſagte Eva leiſe lächelnd, ſowohl zu Gunſten meiner, als auch zum Nach⸗ 1** 10 theil meines armen Ralph. Recht haben Sie, er ver⸗ ſchmäht etwas zu ſehr das Aeußere, und ſeine Haltung könnte beſſer, ſtolzer ſein, aber es thut mir dennoch weh, ihn tadeln zu hören. Er iſt ſo gut, ſo edel, ach, und zuweilen ſieht er ſo unglücklich aus, daß mein ganzes Herz erzittert vor Mitgefühl. Aber wie kann ein Mann unglücklich ſein, der ein ſo herrliches, ſchönes Weib beſitzt, rief Gräfin Jelſa vorwurfs⸗ voll, ein Weib beſitzt, deſſen Anſchauen alle Andern ſchon ſe⸗ lig macht. O Eva, wenn Sie ahnen könnten, welch' einen tiefen, ſegensvollen Einfluß Sie auf meinen armen Udo ausüben. Ja, ſeit Sie ſich zuweilen mit ihm beſchäftigen, iſt eine ſo merkwürdige und glückliche Umwandlung in ihm vorgegangen, daß ich für die Zukunft das Herrlichſte und Beſte hoffe, wenn Sie nur nicht nachlaſſen in Ihrer himmliſchen Güte und Geduld, wenn Sie ſich ſeiner nur auch ferner erbarmen, und es dulden, daß er Sie liebt, wie ſeine Heilige, ſeine Gottheit. O Eva, Theuerſte, Geliebteſte, hören Sie das Flehen einer unglücklichen Mut⸗ ter, verlaſſen Sie nicht meinen armen Sohn, und ich bin gewiß, durch Ihre Hülfe wird er vollkommen ge⸗ neſen. eſ 8 Eva reichte der Gräfin gerührt die Hand. Glau⸗ ben Sie nur, ſagte ſie innig, daß ich Alles, was in meinen Kräften ſteht, thun werde, um Ihrem armen 11 Sohne zu helfen, und Ihnen nützlich zu ſein. Aber ach es iſt ſo wenig, was ich für Sie thun kann! Sehen Sie ihn nur zuweilen gütig an, lächeln Sie ihm nur, erlauben Sie nur, daß er Ihre Hand, Ihr Kleid an ſeine Lippen drückt, das kleinſte Zeichen Ihrer Gunſt übt auf ſeinen Geiſt eine wahrhaft zau⸗ beriſche Wirkung. Ja, können Sie es denken, daß er geſtern, als Sie ihm erlaubt hatten, Ihren Fuß zu küſ⸗ ſen, nachdem Sie fort waren, faſt eine Stunde lang ganz richtig und zuſammenhängend geſprochen hat, ohne auch nur ein einziges Mal in jene unglückliche Verwir⸗ rung der Ideen zurück zu fallen? Und als er geſtern zu Bette ging, ſah ich ihn nieder knieen, die Hände falten und leiſe die Lippen bewegen. Als ich ihn fragte, für wen er bete, ſagte er mit einem entzückten Lächeln: für Eva, meinen Engel! Kommen Sie, laſſen Sie uns zu ihm gehen, ſagte Cva, in edler Aufwallung, ich habe ihn heute noch nicht geſehen, und muß ihm meinen Morgengruß bringen! Sie eilte der Gräfin voran die zweite Stiege hin⸗ auf und trat unangemeldet in das Gemach, in welchem der arme blödſinnige Jüngling ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, vor ſich hinſtierend, und ſein ſchönes. Ant⸗ litz überfluthet von Thränen.. Warum weint Udo? fragte Eva mit ſanftem Ton, und legte ihre Hand leiſe auf Udo's Schulter. 1² Er ſchreckte zuſammen, und blickte empor, und als er Eva erkannte, drang ein ſchriller, durchdringender Schrei der Freude von ſeinen Lippen. Udo nicht mehr weint, ſagte er aufſpringend, Udo nicht traurig iſt, denn Engel Eva iſt da, Udo ganz glücklich, ganz zufrieden iſt. Und will Udo auch nicht mehr weinen? fragte Cva, ihn theilnahmsvoll betrachtend. Udo nie mehr weint, wenn Engel Cva es nicht will, ſagte der Kranke ſchüchtern; Udo immer lachen will.— Und zur Beſtätigung ſeiner Worte brach er in ein lautes Lachen aus, das aber herzerſchütternd und wehmüthig zu hören war. Armer Udo, ſagte Eva mitleidsvoll, armer Udo! Der Jüngling begegnete ihren theilnahmsvollen Blicken mit entzücktem Lächeln, ſeine Augen begannen zu leuchten, und wie ein Lichtſtrahl zuckte es über ſein ſchöͤnes regelmäßiges Antlitz; es war als erwache ſeine Vernunft unter Eva's Anblicken und unter ihrer Theil⸗ nahme. Sieh mich immer ſo an, ſagte er dann mit völlig verändertem Ton, ſieh mich an, dann ſehe ich die Sonne ſelber, und fühle den Himmel ganz groß und heiß in meiner Bruſt, den Himmel mit all' ſeinen Ster⸗ nen. Ach, Engel Eva, rief er plötzlich, ſich vor ihr nie⸗ der werfend, und ihre Kniee umklammernd, Engel Eva, ſei gnädig gegen mich! ——= 13 Eva beugte ſich lächelnd zu ihm nieder: Und was wünſcheſt Du von mir? Udo jeden Abend das Crucifix küſſen muß, ſagte er, ſchon wieder in ſeine frühere Redeform zurück ſin⸗ kend, Udo jeden Morgen den Engel, der am Crueffir iſt, küßt, und Eva auch ein Engel iſt, und Udo ſie auch, ach nur einmal, ein einziges Mal küſſen möchte. Er ſah ſie dabei ſo flehend und angſtvoll an, daß Eva nicht die Kraft fühlte, ihm dieſe Gunſt zu verſagen. Und warum ſollte ich auch? dachte ſie, iſt er doch wie ein unmündiges, großes Kind, und wer wollte einem kranken Kinde eine Freundlichkeit verſagen?— Sie reichte Udo lächelnd die Hand und ſagte mild: komm, ſtehe auf, Udo, und küſſe mich, wie Du Dein Crucifix küſſeſt!— Udo flog empor mit einem gellenden Freudenſchrei, er preßte Eva in ſeine Arme, und drückte ſie feſt, feſt an ſein Herz, und bedeckte ihren Mund, ihren Hals mit ſeinen Küſſen. Vergebens ſtrebte Eva ſich aus ſeinen Armen zu befreien, feſt, wie mit eiſernen Banden hielt er ſie umſtrickt, und als ſie angſtvoll jetzt den Blick zu ihm erhob, begegnete ſie ſeinen Blicken, die im Feuer der Liebe und des Entzückens leuchteten, eines Entzückens, das nichts mehr gemein hatte mit dem Wahnſinn. Eva fühlte, daß es nicht ein blödſinniges Kind, ſondern, daß es ein Jüngling war, ein liebender Jüngling, der ſie in 14 ſeinen Armen hielt, und ihre Seele erbebte in Angſt und Entſetzen vor der entfeſſelten Gluth dieſes Jünglings. Ich befehle es Dir, mich los zu laſſen, rief ſie mit einem ſo zornigen Ton, daß Udo zuſammen zuckte, und plötzlich die Arme ſinken laſſend, ſchüchtern und de⸗ müthig zurück trat. Schon begannen die Funken des Verſtandes in ſeinem Antlitz zu verblaſſen, und als Eva ihm jetzt zürnend den Rücken wandte, ſagie er weinend: Udo artig ſein will! Udo nie wieder das Crueifix küſ⸗ ſen will! An der Thüre draußen aber ſtand Gräfin Jelſa horchend, und als ihr Sohn Eva in ſeinen Armen hielt, ſagte ſie mit einem boshaften Lächeln: der Knabe iſt gar nicht ſo dumm, wie man denken ſollte; er kommt meinen Planen ja, ohne es zu wiſſen, ganz herrlich ent⸗ gegen, und fördert ſie auf das Beſte. Gut, gut, um⸗ arme ſie nur recht feſt, dies eitle dumme, junge Weib, Du umarmſt zugleich ihren Reichthum, und ihr Geld, und wenn wir einſt Beides erobert haben, ſo will ich Dir gern die ſchöne Frau überlaſſen, und für mich nichts behalten, als den Reichthum und ihr Geld. Als Eva jetzt in der Thür erſchien, zog die Grä⸗ ſin ſie in ihre Arme, und ſagte zärtlich: o meine theure geliebte Tochter, welch' ein Engel ſind Sie! Hier auf meinen Knieen lag ich und betete zu Gott für Sie, wäh⸗ rend Sie in Ihrer Barmherzigkeit ſich meines armen — 15 Kindes erbarmten, und ſeine Krankheit beſchwuren mit Ihrer holden Nähe. O Eva, Eva, warum ſind Sie nicht frei! Mein Sohn würde geneſen, wenn Sie die Seine würden, wenn Sie ſich entſchließen könnten, ihm Ihre Hand zu reichen und ſein Weib zu werden! II. Mit dem Spätherbſt nahmen nun auch die geſel⸗ ligen Vergnügungen ihren Anfang, und Eva, ſich be⸗ wußt, daß ſie nur ohne Scheu, und ohne fürchten zu müſſen verlacht zu werden, in der Geſellſchaft erſcheinen könne, wollte nun auch in dieſer Geſellſchaft eine gewiſſe Stellung einnehmen. Gräfin Jelſa war ihr hierin nütz⸗ lich und förderlich, und konnte ſie Eva, die Gattin ei⸗ nes Mechanikus, auch nicht in die vornehmern Cirkel, in denen ſie bekannt war, einführen, ſo gab es doch an⸗ dere Kreiſe, in denen die Gräfin, wenn auch arm und zurückgezogen lebend, dennoch um ihres Titels willen eine gewiſſe Bedeutung hatte, und gern geſehen ward, Geſellſchaftskreiſe, die in Berlin, wenn auch keine be⸗ deutende, doch eine umfaſſende Stellung einnehmen. Dies ſind die Geſellſchaftskreiſe der vornehmen und rei⸗ chen Juden, welche, begierig einen Salon zu haben, nicht eben wähleriſch ſein dürfen in der Bevölkerung dieſes 4 17 Salons, und froh ſind, wenn es ihnen gelingt, einmal unter ihren Gäſten einen Baron, oder eine Gräfin auf⸗ führen zu können. So war Gräfin Jelſa um ihres Ti⸗ tels und Namens willen in dieſen Geſellſchaftskreiſen eine gern geſehene und geſuchte Erſcheinung, und ſie durfte hoffen, daß man auch dem unter ihren Auſpicien ſich darſtellenden Ehepaar freundlichſt entgegen kommen würde. Erſt nach vielfachen Unterhandlungen, nach vielem Schmol⸗ len und Weinen von Eva's Seite hatte ſich Ralph ent⸗ ſchloſſen, dieſe Viſiten mit zu machen, und als er es dann that, geſchah es mit einer völligen Reſignation und Er⸗ gebung, ohne irgend eine Klage oder einen Vorwurf. Schweigend und reſignirt verließ er nun jeden Morgen ſeine Arbeit, ſeine geliebte Werkſtatt, um die modiſchen Kleider anzulegen, die Eva ihm beſorgt hatte, und dann den eleganten Wagen zu beſteigen, um mit der Gräfin und Eva Viſiten zu fahren. Man ward überall mit Zuvorkommenheit empfangen, und als nach Verlauf von acht Tagen dieſe Antrittsviſiten beendigt waren, ſagte die Gräfin triumphirend: nun, meine theuerſte Eva, kön⸗ nen wir uns dem ſüßeſten far niente hingeben und war⸗ ten. Alle Welt iſt entzückt von Ihnen, und Sie wer⸗ den ohne Frage die lionne dieſes Winters werden. Man wird ſich beeilen, uns die nöthigen Gegenbeſuche zu ma⸗ chen, und dann werden die Geſellſchaften ſich drängen. Gräfin Jelſa hatte Recht gehabt, und in wenigen Eva. II. Theil. 2. 18 Wochen war Eva hinein gezogen in den Strudel ge⸗ ſelliger Vergnügungen und Zerſtreuungen. Ueberall war man entzückt und erfüllt von der liebenswürdigen jun⸗ gen Frau, deren Schönheit man nicht genug preiſen, deren Anmuth und Verſtand man nicht müde werden konnte, zu bewundern und zu erheben. Und Eva war ſchön; in dem vollen Gefühl das Ziel erreicht zu ha⸗ ben, leuchtete ihr Auge in Stolz und Freude, brannte ein höheres Incarnat auf ihren Wangen, und umſpielte ihre purpurnen Lippen das holdeſte, glücklichſte Lächeln. Sie war heiter und unbefangen, voll Anmuth und Gra⸗ zie, voll Witz und Laune, und wenn ſich dann und wann ein ſchwärmeriſcher, ja ein faſt ſchwermüthiger Zug auf ihrem Antlitz zeigte, wenn ſie, inmitten heitern Geſprä⸗ ches, unwillkührlich tief und ſchmerzvoll ſeufzte, ſo er⸗ höhte das Wechſelvolle ihres Weſens nur noch die An⸗ muth und das Intereſſe ihrer Erſchemung. Aber was war es, was Eva oft ſo ſchwermuthsvoll blicken, ſo ſchmerzlich ſeufzen machte? Wen ſuchten ihre Augen, wenn ſie ſo forſchend und ſehnend umher irrten? Späheten ſie nach dem Gatten, der dort einſam, ſchweigend in der Fenſterniſche ſtand, mit Niemanden ſprechend, theilnahm⸗ los und ſtill, nur nach ihr ſchauend, nur an ſie den⸗ kend? Nur einen Moment ruhten ihre Augen auf ihm, dann irrten ſie weiter, und ſchienen immer doch nur ver⸗ gebens zu ſuchen, denn grade dann pflegte Eva traurig 19 zu blicken und zu ſeufzen. Wen ſuchte ſie? Und wie kommt es, daß heute, wo ſie wieder in einer glänzen⸗ den Geſellſchaft ſteht, wo wieder ihr Auge ſpähend um⸗ her fliegt, daß heute plötzlich eine unendliche Freude aufblitzt in dieſen Augen, ein tiefes Roth ihr Hals und Antlitz überzieht, und der Athem in ihrer Bruſt ſtockt? Ihr Auge ſucht nicht mehr, es hat gefunden. Eva, theuerſte Schweſter, ich wußte, daß ich Dich hier finden würde, flüſtert eine Stimme neben ihr, als ſie ſich jetzt einen Augenblick zurückgezogen hat in eine Fenſterniſche. Von nun an werde ich jeden Abend ſein, wo Du biſt, denn überall dort habe ich Beſuche gemacht. O, ſagte ſie mit vollem ſeligem Lächeln, nun erſt werde ich zufrieden ſein, Victor, nun da Du, mein geliebter Bruder, an meiner Seite biſt! Aber, ſagte er flüſternd, nun laß uns auch zeigen, Schweſter, wie heilig uns unſer Bund iſt, indem wir ihn ſorgſam verbergen vor Jedermann und Niemand ah⸗ nen laſſen, welch' ein tiefes, herrliches Glück uns ver⸗ eint. Wohl, wohl, ſagte ſie, ich verſtehe Dich ganz. Wir wollen uns fremd ſein und kalt, und wenn wir uns nicht ſprechen können, o mein Gott, ſo ſehen wir uns doch! Niemals war Eva heiterer, ſtrahlender, ſchöner geweſen, als an dieſem Abend, nie hatte man ſie mehr bewun⸗ dert, ſie höher geprieſen. Nur Ralph nahm nicht Theil 2* 20 an dieſer allgemeinen Freude und Luſt, nur ſein Blick war umdüſtert und ſchmerzerfüllt, und endlich hielt es ihn nicht länger in dieſem wirren glänzenden Treiben; er fühlte ſich bedrückt, beklemmt, einer Ohnmacht nahe. Niemand achtete auf ihn, unbemerkt konnte er die Ge⸗ ſellſchaft verlaſſen. Er eilte hinunter, und rannte wie ein Raſender die Straße hinab, ſinnlos, außer ſich, kei⸗ nes Gedankens, keines Ueberlegens mächtig. So er⸗ reichte er ſein Haus, ſein Zimmer und warf ſich athem⸗ los, laut ächzend auf den Divan hin. Ein furchtbarer Sturm war in ihm, und alle Fibern ſeines Herzens beb⸗ ten und zitterten. DO mein Gott, mein Gott, ſchrie er dann laut und verzweiflungsvoll, iſt dies, kann dies ſein!— Er bedeckte ſein Antlitz mit ſeinen Händen und ächzte laut. So ſaß er lange, und ſeine Geſtalt bebte wie in convulſivi⸗ ſcher Pein. Dann ſprang er auf, und als die Hände von ſeinem Geſichte herab ſanken, war dies todtenbleich wie das Antlitz eines Sterbenden. Ja, es iſt ſo, ſagte er dann langſam im Zimmer auf⸗ und abgehend, es iſt ſo, ſie liebt ihn! Ich ſah dieſen ſeligen, glühenden Blick, mit dem ſie ihn empfing, ſah, wie ſie erröthete und lä⸗ chelte vor Freude, ja ſie liebt ihn, ohne ſich deſſen viel⸗ leicht bewußt zu ſein! Aber nein, nein, es iſt nicht mög⸗ lich, es kann nicht ſein, rief er nun wieder auffahrend und wild, ſie kann ſo nicht meine Liebe täuſchen, ſie 21 kann nicht treulos ſein! O Gott, Gott, für ſo viel Liebe, ſo viel Geduld nicht einmal den Troſt zu haben, daß ſie mindeſtens keinen Andern liebt! O Gott, es iſt ſo entſetzlich zu lieben und nicht geliebt zu werden!— Und wie er ſo ſprach, ſank er nieder vor dem Divan in ungeheurem Schmerz und das Haupt in den Kiſſen verbergend, ächzte und ſeufzte er laut. Dann nach einer langen, ſchmerzvollen Pauſe richtete er ſich auf, und ſchien ruhig und ergeben. Was klage ich denn, ſagte er leiſe, habe ich ſie denn verloren, wenn ſie mich nicht liebt? Bleibt ſie mir denn nicht, wenn ihr Herz mir auch nicht gehört? Ach, kann ich ſie denn zur Liebe zwingen und zur Treue, weil ſie mein Weib iſt? Ach⸗ das Herz iſt wunderbar und unerforſchlich, es läßt ſich ja nicht gebieten, und befehlen. Und hätte ich tau⸗ ſend Eide geſchworen, Eva zu vergeſſen, ſie nicht mehr zu lieben, ich würde ja dennoch alle dieſe Eide brechen, und ſie lieben, ewig, immerdar. Und iſt's nicht umge⸗ kehrt ſo mit ihrem Herzen? Haben ihre Lippen auch den Eid der Treue geſprochen, und den Schwur der ewi⸗ gen Liebe, ihr Herz kann dennoch dieſen Eid nicht hal⸗ ten, und nicht erfüllen, was der Mund gelobt. Sollte ich ihr deshalb zürnen, kann ich ihr, meiner Eva, des⸗ halb Vorwürfe machen? Und dann, ſagte er, und ein Hoffnungsſtrahl fuhr durch ſeine Bruſt, kann es nicht ſein, daß ich mich täuſchte, daß dies Erröthen, dies Lä⸗ cheln zufäͤllig, oder einen andern Grund hatte?— Ach und wäre es auch, ſagte er nach langer Stille mit ſchmerz⸗ voollem Ton, wäre es auch, daß ich mich täuſchte, bin ich deshalb weniger unglücklich? Sie liebt mich ja nicht, das iſt der große, furchtbare Schmerz, und ob ſie einen Andern liebt, das gilt dann gleich!— O mein verlor⸗ nes Glück! Nun ſchwieg er, und ſank troſtlos nieder auf ei⸗ nen Seſſel, weinend und klagend, ächzend und ſeufzend. Da öffnete ſich die Thür, und Mutter Anna trat herein. War's mir doch, als hörte ich hier weinen und klagen? ſagte ſie; auch meinte ich laut ſprechen zu hö⸗ ren, und nun biſt Du ganz allein hier, mein Sohn? Ja, ganz allein, Mutter Anna, erwiderte Ralph mit einem matten Lächeln. Auch glaube ich, daß ich laut mit mir ſelbſt geſprochen habe, Du kennſt ja dieſe meine ſchlechte Angewohnheit. Und das Weinen und Klagen? fragte Mutter Anna. Das muß wohl ein Irrthum geweſen ſein, erwie⸗ derte er leiſe, ich war es nicht. Mutter Anna nahm ſchweigend das Licht, und be⸗ leuchtete damit das Antlitz Ralph's, der vor ihren prü⸗ fenden Blicken das Auge zu Boden ſenkte. Dann ſetzte ſie das Licht wieder hin, und ſagte mit entſchiedenem Ton: Ralph, Du haſt geweint! Ralph ſchwieg.— Du haſt geweint, fuhr ſie fort, 4 23 und willſt es mir doch verbergen. Du biſt alſo unglück⸗ lich, denn ein Mann weint nur, wenn er ſehr unglück⸗ lich iſt. Und weil Du mir Dein Unglück verſchweigen willſt, ſo kenne ich es jetzt. Es iſt alſo Eva, es iſt meine Tochter, die Dich unglücklich macht.— Ralph wollte ſprechen, ſie wehrte ihm leiſe, und fuhr ſchneller fort: Ich wußte dieſes ſchon, ach ſchon lange; denn, Ralph, ſeit einiger Zeit arbeiteſt Du nicht mehr, und wir, die wir der Arbeit gewöhnt ſind, laſſen ſie nur, wenn wir ganz troſtlos ſind, ganz verzweifelt! Aber nein, Mutter Anna, ſagte Ralph, Du irrſt in der That. Wenn ich weniger jetzt arbeite, ſo geſchieht es, weil ich keine Zeit mehr dazu finden kann. Die vie⸗ len Beſuche, die vielen Geſellſchaften hindern mich ein wenig! Und wer hat dieſe Geſellſchaften geſucht und ge⸗ wollt, Du etwa, mein Sohn? Warſt Du es, der zu Eva ſagte, wir wollen das liebe kleine Haus da drüben ver⸗ laſſen, und uns eine lächerlich aufgeputzte neue Woh⸗ nung nehmen? Warſt Du es, der ſagte, wir wollen in Geſellſchaft gehen, und uns müßig herum treiben bei den reichen, müßigen Leuten? wir wollen nicht mehr arbeiten, wir wollen nur in nutzloſen Zerſtreuungen unſer Leben hinbringen? Antworte mir, Ralph, warſt Du es, der alles das wollte? Du ſchweigſt, fuhr ſie fort, denn Du weißt, daß Du es nicht warſt, Du weißt, daß alles dies veranſtaltet ward von Eva, von dieſem thörichten, eitlen jungen Weibe, die wie ein unwiſſendes Kind hinein rennt in ihr Verderben. Spriich nicht ſo, Mutter Anna, ſagte Ralph faſt ſtreng, Eva iſt mein Weib, und ich kann es ſelbſt von Dir nicht dulden, daß ſie geſchmäht wird. Eva iſt gut und edel im Grunde ihres Herzens, ſie hat Fehler und Mängel, ſie iſt aber auch ſo jung noch, und ſo lebensvoll, und end⸗ lich wird ihre beſſere Natur aus all dieſen augenblick⸗ lichen Verirrungen und Verſtimmungen ſich aufraffen, und ſich dem Rechten und Wahren zuwenden! Schilt ſie mir darum nicht, Mutter Anna, und zürne ihr auch nicht, ſondern wir wollen ſie Beide lieben mit vergebender und ſchonender Liebe! Grade die Irrenden, Mutter Anna, die bedürfen der Liebe, denn wer ſoll ihnen helfen, wieder auf die rechte Straße zu kommen, wenn es nicht die Liebe thut, und wer ſoll ſie vertheidigen und beſchirmen, wer anders, als die Liebe? Laß uns daher recht wach ſein und munter, damit wenn Eva endlich kommt, an unſer Herz zu klopfen, es ihr nicht verſchloſſen iſt, ſondern weit geöffnet, und bereit, ſie zu empfangen und zu tröſten. Denn ſie wird des Troſtes bedürfen, Mutter Anna, und wenn ſie wieder zu uns kommt, wird ſie viel Schmerz und Leid erfahren haben, und nur mit zerſchlagener Bruſt und wunden Füßen, matt gehetzt von dieſem Gange durch die Ver⸗ gnügungen und Freuden dieſes Lebens, nur ſo wird ihr 25 nach Troſt ſuchender Blick ſich wieder ſehnend auf uns heften! Darum laß uns wachſam ſein, auf daß wir dann den Balſam unſerer Liebe bereit halten, der ſie tröſtet und heilt! Mutter Anna umarmte ihn mit Thränen der Rüh⸗ rung, und einen Kuß auf ſeine Stirn drückend, flüſterte ſie: ach, warum biſt Du nicht in Wahrheit mein Sohn! Unten aber vor der Hausthür hielt eben ein Wa⸗ gen an, der Kutſchenſchlag ward geöffnet, Victor ſprang heraus, und hob dann Eva aus dem Wagen. Er hielt ſie einen Augenblick in ſeinen Armen, und flüſterte leiſe: Morgen? Morgen! flüſterte ſie zurück, und Victor reichte der Gräfin die Hand, ihr beim Ausſteigen behülflich zu ſein. 2** III. Bonaventura und Sophie bewohnten indeß noch immer die abgelegene kleine Wohnung, in welche Bona⸗ ventura die Geliebte nach ihrer Flucht geführt hatte. Einige Wochen waren vergangen, Wochen, die für So⸗ phie das reinſte, köſtlichſte Glück enthielten, und ihrer Liebe zu Bonaventura noch die Dankbarkeit für all' dies herrliche Glück hinzufügten. Ihre Liebe war der reinſten, hingebendſten Art, ſie hatte ihre ganze Seele, ihr ganzes Daſein dem Geliebten zu Eigen gegeben, und ihre Ge⸗ danken reichten mit keinem Wunſche, mit keinem Begeh⸗ ren hinaus über dieſen engen Raum, in welchem er an ihrer Seite war. Was kümmerte ſie die Welt da drau⸗ ßen, was kümmerten ſie die Menſchen mit ihren kleinli⸗ chen, nichtigen Vergnügungen! Er war ja neben ihr, Er war ihre ganze Welt, und in ihm liebte ſie die ganze Menſchheit. Und Bonaventura? Die Liebe zu Sophie war ihm wie das Opium geweſen, das alle Sinne, alle Ueberlegung gefangen nimmt, alles Wollen und Denken zuſammen faßt in einem ſchönen Traum voll entzückender Bilder und Gefühle. Aber dieſer Opiumtraum der Liebe war zu Ende, und Bonaventura war erwacht, um nun deſto empfindlicher des Lebens Laſten und Bedrängniſſe zu empfinden, um mit ernüchterten Sinnen, und erſchlaffter Seele den Traum zu verwünſchen, der ihn verlockt und verleitet, an ein dauerndes und ewiges Glück zu glauben. Dieſe Eintönigkeit, dieſe Stille langweilte ihn ſchon, ja, ſelbſt Sophieens ſich ſtets gleich bleibende, ruhige Hei⸗ terkeit verſtimmte und verletzte ihn. Mein Gott, ſagte er ihr oft verdrießlich, wie kann man nur ewig ſo zufrieden ſein, ewig lächeln, ewig vergnügt ſein! Und wie willſt Du, daß es anders iſt, fragte ſie mit einem unausſprechlich holden Ausdruck, wenn doch das Glück ſtets neben mir iſt, und mich umgiebt mit ſeiner ſegnenden Nähe? Du biſt ja da! wie kann ich dann anders, als vergnügt ſein! Aber dieſe tödtliche Eintönigkeit kann doch unmög⸗ lich Jemand befriedigen und ihm genügen, rief Bona⸗ ventura achſelzuckend. Mein Freund, ſagte ſie, ihm lächelnd die Band reichend, Ihr Männer mögt anders lieben, als wir Frauen. Aber einer Frau, glaube mir iſt es nirgends 28 eintönig, wo der Geliebte an ihrer Seite iſt, und wo ſie ſeine Stimme hört und ſein Antlitz ſchaut, da iſt ſie befriedigt. Ach Gott, nur keine Schwärmereien, rief Bona⸗ ventura verdrießlich, und Sophieen den Rücken zuwen⸗ dend, ſtellte er ſich ans Fenſter, um mit den Fingern auf den Scheiben zu trommeln, und hinaus zu ſehen auf die Straße. Nein, nein, rief er dann, wüthend im Zimmer umher rennend, dieſe Langweiligkeit, dieſe Eintönigkeit bringt mich um! Ich verliere den Verſtand, wenn ich noch länger in dieſer verwünſchten Abgeſchiedenheit und Oede leben ſoll! So laß uns doch, ſagte ſie milde, dieſe Wohnung aufgeben und in eine belebtere Gegend der Stadt ziehen! Wir können ja auch dort ſtill und ungeſtört leben, bis endlich alle Hinderniſſe beſeitigt ſind, und nichts unſerer äußern Vereinigung mehr im Wege ſteht! Pah, wie lange wird dies aber noch dauern, rief Bonaventura unmuthig. Dein Bruder will ſeine Ein⸗ willigung nicht geben, und ohne dieſe können wir, da Du leider noch nicht majorenn biſt, nicht hoffen, irgend einen Prediger zu finden, der uns verbindet. So laß uns warten und geduldig ſein, mein Ge⸗ liebter, ſagte Sophie mit glänzenden Augen, ſich ſanft an ihn ſchmiegend. Und wenn Dir die Gegenwart nicht 29 genügt, ſo hoffe auf die Zukunft; ſie wird Dir gewiß Alles das geben, was Du ſo reichlich verdienſt, Glück, Ruhm und Anerkennung. O ich ſehe noch die Zeit kommen, wo alle Welt Dir entgegen jauchzt, wo Dein Name von Mund zu Munde geht, und Alles Dich preiſt und Dich erhebt! Denke an dieſe Zeit, mein Ge⸗ liebter, wenn Dir die jetzige dürftig ſcheint und leer! Dieſe Liebe ohne Vorwurf und Empfindlichkeit aber machte dann einen tiefen Eindruck auf Bonaventura's beſſeres Ich, und er ſank vor ihr nieder, um mit tau⸗ ſend Liebesworten ihre Verzeihung zu erflehen für ſeine Härte und Rauheit; er konnte ſich ſelbſt dann hinein ſprechen in eine Exaltation, die ihn ſelber zu Thränen rührte, ach, und mit welchem Entzücken, mit welcher Dankbarkeit küßte Sophie dieſe Thränen von den Wan⸗ gen ihres Geliebten! Aber ach! die Verſtimmung Bonaventura's nahm täglich zu, und die Verſöhnungen wurden ſeltener. Er ſehnte ſich täglich mehr hinaus in die Welt, er ſehnte ſich nach Zerſtreuung, nach Menſchen, vor denen er re⸗ den, die ihn bewundern könnten! Sophieens ewig ſich gleich bleibende, ewig anſtaunende und erhebende Liebe dünkte ihn bald ſo eintönig. Es war zu wenig Ab⸗ wechſelung in der Art und dem Ausdruck ihres Ent⸗ zückens, wenn er von ſeinen Gedichten ihr vorlas. Sie war immer nur begeiſtert und erfüllt davon,— aber 30 was iſt die Begeiſterung einer Geliebten gegen das un⸗ willkührliche, ja vielleicht das widerwillige Lob der Welt, dachte Bonaventura. Könnte ich nur mindeſtens einmal in der Freitagsgeſellſchaft dieſe Gedichte vorleſen! ſagte Bonaventura dann laut. Und warum kannſt Du es nicht? fragte ſie milde. Was haſt Du denn zu fürchten, wenn Du es thuſt? Würde es Dir denn etwa willkommen ſein? fragte er ſcharf, wenn nun irgend Einer meiner vielen Freunde mich einmal hier aufſuchte, hier in dieſem gottverlaſſenen Winkel. Muß ich nicht alle dieſe Entbehrungen mir auferlegen, um Deinetwillen? Oder willſt Du etwa ha⸗ ben, daß man Dich hier bei mir ſieht, hier in dieſem engen Raume das Fräulein Blitz mit mir findet, in die⸗ ſem Zimmer, fuhr er mit rauhem Lachen fort, das zu⸗ gleich Wohn⸗ und Schlafzimmer iſt, und wo Jedem gleich unſer ganzer Hausſtand vor Augen liegt? Du haſt Recht, ſagte ſie tief verletzt, und mit Thränen in den Augen, man darf uns ſo nicht mit ein⸗ ander ſehen, bis ich Deinen Namen trage. Aber wann wird dies geſchehen, giebt es denn kein Mittel, unſere Verbindung zu beſchleunigen? Mein Gott, wie Du ſtürmiſch und ungeduldig biſt, rief er mit rauhem Ton, erwarte doch die Zeit mit Ruhe, ich habe Dir ja die Gewißheit gegeben, daß Du meine Gattin werden ſollſt. 31 Ich dachte nicht an mich dabei, ſagte ſie ſanft, ſondern nur an Dich, und daß dann endlich alle dieſe Entbehrungen aufhören werden, die Du Dir um meinet⸗ willen auferlegen mußt! Jetzt iſt ſie noch gar empfindlich, rief Bonaventura zornig mit dem Fuße ſtampfend. Warum wiederholſt Du mit ſolcher Bitterkeit meine Worte? Ich wollte nicht bitter ſein, Bonaventura. Um ſo ſchlimmer, wenn Du es unwillkührlich biſt. Sophie ſeufzte und ſchwieg. Gott, Gott, rief er, im Zimmer auf und nieder rennend, jetzt ſpielt ſie die Ergebene, die Sanfte! Mein Gott, ſo ſprich doch wenigſtens, ſchilt, zanke, thue, was Du willſt, nur um des Himmels willen, nicht dieſe af⸗ fectirte Sanftmuth und Milde. Du bringſt mich um, Du machſt mich wahnſinnig. O mein Gott, ſagte ſie zitternd, was ſoll ich denn thun, um Dich zufrieden zu machen? Nichts, ſchrie er wüthend und rannte im Zimmer auf und ab. Eine tiefe Stille trat ein, dann ſagte So⸗ phie, gewaltſam ihre Thränen unterdrückend: wäre es nicht gut, Bonaventura, wenn ich ſelbſt einmal zu mei⸗ nem Bruder ginge? Vielleicht läßt er ſich durch mein Bitten, mein Flehen erweichen, ſeine Einwilligung zu dieſer Verbindung zu geben. Ach und dann weiter? fragte Bonaventura. Wo⸗ von ſollten wir leben? Von Liebe und Mondſchein, nicht wahr? Nein, ich kann arbeiten, und ich will es! O wie gern, wie freudig will ich arbeiten, wenn Du es nur erlauben willſt! Das fehlte nur noch, rief er empört, daß meine Frau für Geld nähete oder ſtrickte; eine ſchöne Demü⸗ thigung das für einen Dichter! Nein, ich danke erge⸗ benſt für die Rolle, die Du mir da aufdringen möchteſt, ich danke ergebenſt! Ich der Gemahl einer Schneider⸗ mamſel ſein! Ha, ha, ha! Du biſt grauſam, ſeufzte Sophie, und wandte ſich ab, ihre Thränen zu verbergen. Bonaventura ſuchte ſie nicht zu tröſten. Was lag ihm daran, ob ſie weinte? War er doch ihrer Liebe gewiß und ihrer Bewunderung, gewiß, daß ſie nimmer aufhören würde, ihn zu lieben, trotz ſeines verdrießlichen Weſens, trotz ſeiner Härte. Warum alſo ſollte er vor ihr ſich verbergen und ver⸗ hüllen, vor ihr, die nicht mehr zu erobern war, die ihm ganz und ungetheilt gehörte? Bonaventura war nichts weiter als ein geſchickter Modellſteher, und ſeine Tugen⸗ den, ſeine Liebenswürdigkeit, ſein Talent, das Alles wa⸗ ren ihm die Glieder, die er nach ſeinem Willen in ir⸗ gend eine köſtliche und impoſante Stellung brachte, vor⸗ ausgeſetzt, daß die Welt ihn ſo bewunderte und abkon⸗ terfeite. Vor wem aber ſollte er hier Modell ſtehen 33 mit ſeiner Liebenswürdigkeit, hier, wo ihn Niemand ſah und bewunderte, Niemand auffaßte und malte, wo die ſchönſten Stellungen ſeiner Tugenden doch nur von zwei Augen geſehen wurden? Hier bedurfte es keines Zwan⸗ ges, keiner Anſtrengung, hier ließ er ſich gehen mit all' ſeinen Launen, ſeinen Angewöhnungen, hier war er na⸗ türlich und ungezwungen, ganz Er ſelbſt, und Sophie war die geduldige und nimmer klagende Trägerin ſeiner Launen. Ein Weib, das liebt, erträgt es, von ihrem Geliebten geknechtet und erniedrigt zu werden, voraus⸗ geſetzt nur, daß er ſie liebt. Und Sophie glaubte ſich noch geliebt. Aber noch eine andere Sorge ſollte Sophieens Glück ſtören, die härteſte und bitterſte aller Sorgen, die Sorge um das tägliche Brod. Sie hatten bis jetzt von dem gelebt, was ſie aus dem Verkauf von Sophieens Schmuck⸗ ſachen erſtanden hatten, aber mit Schrecken ſah Sophie ihre kleine Baarſchaft zuſammen ſchmelzen, ohne die Aus⸗ ſicht, ſie wieder zu erſetzen. Gern hätte ſie durch ihrer Hände Arbeit etwas zu erwerben getrachtet, aber nach der rauhen Art, mit welcher Bonaventura dieſen Vor⸗ ſchlag zurückgewieſen, wagte ſie nicht wieder darauf zu⸗ rück zu kommen, und ſah ſo die letzte Möglichkeit, etwas zu erwerben, ſich abgeſchnitten. Während Sophie ſich aber ſo ängſtigte und quälte, ſchien Bonaventura gar nicht an die Möglichkeit einer ſolchen pecuniairen Verlegenheit Eva. II. Theil. 3 34 zu denken. Aus einem nahen Speiſehauſe ließen ſie ſich ſpeiſen, und Bonaventura pflegte ſich jeden Morgen von der Speiſekarte die beſten, aber auch die theuerſten der vorhandenen Schüſſeln auszuwählen, und wenn Sophie dann, dieſe Ausgabe wieder gut zu machen, das Wohl⸗ feilſte, was auf der Karte zu finden war, für ſich er⸗ wählte, ſo ſagte Bonaventura verächtlich: mein Gott, wie kann man nur einen ſo gemeinen Geſchmack haben! Indeſſen war Sophieens Kaſſe völlig erſchöpft, und nicht ohne Zagen und Bangen war es, daß ſie Bona⸗ ventura dies endlich geſtand. Auch das noch! ſagte er mit dem Ausdruck der Verzweiflung. Es ſoll mir alſo keine Qual, keine Sorge erſpart werden! Ich ſoll den Kelch des Leidens bis auf die Hefe leeren, und den ganzen Jammer, die ganze Miſere dieſes Lebens erdulden! Mein Gott, es iſt aber doch unmöglich, daß das Geld ſchon zu Ende iſt! Ich habe mir ja die größten Entbehrungen, die härteſten Entſagungen auferlegt, es iſt unmöglich, daß es ſchon aufgezehrt iſt. Und dennoch iſt es leider ſo! ſagte Sophie ſeufzend. Dann macht es, weil Du nicht zu wirthſchaften und zu ſparen verſtehſt, rief er mit rauhem Ton, und lief heftig im Zimmer auf und ab. Und haſt Du gar nichts Ueberflüſſiges mehr, fragte er dann, nichts, was wir verkaufen könnten, keinen Ring, gar nichts mehr? 3⁵ Es iſt nichts mehr da, als Deine Brillantnadel! Nun, das fehlte noch, rief er entrüſtet, daß ich auch die hingeben ſollte, dieſes letzte Stück, das mich an beſ⸗ ſere Zeiten erinnert. Nein, und müßte ich betteln gehen, dieſe Brillantnadel wird nicht verkauft! Aber könnteſt Du nicht vielleicht Deinen Schwager Ralph um ein Darlehn erſuchen? fragte Sophie ſchüch⸗ tern. Er wird gewiß Mitleid haben mit unſerer Lage und Dir gern hülfreich ſein. Als ob mein Schwager unſere Lage kennen, als ob er ahnen dürfte, daß Du bei mir biſt! Und warum darf er dies nicht wiſſen? fragte So⸗ phie befremdet. Weil ich geſchworen habe, es Niemand zu verra⸗ then! Wem haſt Du das geſchworen? fragte ſie angſtvoll. Schon trat das entſcheidende Wort auf Bonaven⸗ tura's Lippen, aber noch liebte er Sophie genug, um zu fürchten, ihr einen Schmerz zu bereiten. Er ſagte daher ſanfter, wie er ſonſt zu ſein pflegte: ich habe es mir ſelber gelobt, Sophie! Niemand ſoll ahnen, in wel⸗ cher traurigen und niederdrückenden Lage Du Arme hier leben mußt. Erſt wenn ich in vollem Triumph meines Glückes Dich der Welt als meine Gattin zeigen kann, erſt dann, wenn Deine Ehre nicht mehr gefährdet iſt, Dein 3* 36 Ruf nicht mehr leiden kann, erſt dann zeige ich Dich meiner Schweſter und meinem Schwager! Sophie warf ſich mit Thränen der Rührung an ſeine Bruſt. O mein edler, mein hochherziger Geliebter, rief ſte mit entzücktem Ton, wie danke ich Dir für dieſe zarte Schonung und Sorgfalt! Bonaventura drückte ſie feſt an ſein Herz und be⸗ deckte ihren Mund mit glühenden Küſſſen. Ach, es war vielleicht weniger die Liebe, die ihn ſo zärtlich machte, als das nagende Gewiſſen, das ihm vorwarf, das Weib verrathen zu haben, das ſo arglos und vertrauend in ſeinen Armen hing. Aber ſolche Augenblicke des Glückes wurden im⸗ mer ſeltener, und die Noth immer dringender. Bona⸗ ventura entſchloß ſich endlich noch einmal zu Herrn Blitz zu gehen und ihn um ein Darlehn zu bitten. Es war umſonſt. Herr Blitz erklärte, vor dem angeſetzten Ter⸗ min nicht einen Heller geben zu wollen und zu können, und auch dann nur zu zahlen, wenn das Geheimniß auf das Strengſte bewahrt worden. Bei der geringſten Kunde aber, die ihm zu Ohren käme von der Verletzung dieſes Geheimniſſes, ſei ihr Contract gebrochen, und Bo⸗ naventura möge dann nur immerhin Sophie als ſeine Geliebte aller Orten präſentiren. Herr Blitz war Men⸗ ſchenkenner genug, um zu wiſſen, daß Bonaventura durch ſolche anſcheinende Gleichgültigkeit gegen den Ausgang — 37 dieſer Intrigue, nur zur ſtrengen Bewahrung des Ge⸗ heimniſſes auf's Neue angefeuert würde, und daß der nicht geneigt ſein würde, die Anſprüche auf eine bedeu⸗ tende Summe Geldes ſo leicht aufzugeben. Auch iſt es ja gar nichts ſo Schweres, was ich von Ihnen verlange, ſagte er lachend. Die Liebenden ſuchen ja immer gern die Einſamkeit und Stille, ich bin Ihnen hierin ja nur förderlich, weiter nichts! Wovon aber ſollen wir, bis dieſe vier Monate ab⸗ gelaufen ſind, leben? Das, mein Herr Fritz Wendt, iſt Ihre Sorge, und ich denke, wenn Sie genug Muth beſaßen, die Geliebte zu entführen, wird es Ihnen auch nicht an Muth feh⸗ len, für ſie zu arbeiten. Bonaventura ging zähneknirſchend vor Wuth von dannen, und zu Hauſe angekommen, warf er ſich ganz erſchöpft und außer ſich auf einen Stuhl. Es iſt alles umſonſt, rief er verzweiflungsvoll, es bleibt uns nichts übrig, als zu verhungern! Sophie ſuchte ihn zu tröſten, und ſchüchtern wagte ſie ihn noch einmal um die Erlaubniß zu bitten, für Geld arbeiten zu dürfen. Und wollte ich ſelbſt dieſe neue Schmach auf mich laden, ſagte er, und dieſe neue Demüthigung erdulden, ſo würde es Dir doch ſchwer werden, Dir Arbeit zu ver⸗ ſchaffen. 4 38 Sophie erzählte ihm ganz froh, daß nicht weit von hier eine große Weißwaaren⸗Handlung ſei, die viele Nähterinnen beſchäftige. Dahin wollte ſie gehen und ſich als Arbeiterin melden. Du ſelbſt willſt dahin gehen, rief er angſtvoll, nein, nimmer mehr darf dies geſchehen, und ich verbiete Dir hiermit auf das ſtrengſte, jemals ohne mich und ohne meine Einwilligung Dein Zimmer zu verlaſſen. Du weißt ja auch, daß ich dies nie thue, mein Freund. Aber dieſer Weg iſt ja ganz nahe. In fünf Minuten— Es darf, es ſoll nicht ſein, unterbrach ſie Bonaven⸗ tura wüthend, ich verbiete es Dir, jemals wieder davon zu reden. Ich will endlich Ruhe haben. Dieſe Geld⸗ angelegenheiten tödten mich, ſie bringen mich um! O mein Kopf, mein armer Kopf! O Sophie, wie kannſt Du mir ſo viele Qualen bereiten. Welche Schmerzen muß ich leiden um Dich! O mein Gott, rief ſie mit überſtrömenden Augen ſich vor ihm nieder werfend, und ihr Haupt an ſeinen Knieen verbergend, o mein Gott, wie elend bin ich, daß Du durch mich leiden mußt! O Bonaventura, warum mußteſt Du mich lieben! IV. Aber wenn auch alle Welt das Mährchen von der Flucht Sophieens und des reichen Lords geglaubt hatte, ſo gab es doch Einen, der nimmer daran zweifelte, es ſei dies nur ein von dem ſtolzen und hochmüthigen Herrn Blitz verbreitetes Gerücht, Einen, der mit dem echten In⸗ ſtinet der Liebe die Nähe der Geliebten ahnte und em⸗ pfand, und mit raſtloſem Eifer, mit nie ermüdender An⸗ ſtrengung aller Orten nach ihr ſpähete und forſchte. Dieſer Eine war Carl. Er allein war überzeugt, daß Sophie mit Bonaventura entflohen, und daß ſie noch in der Stadt verweile, und mit dem ganzen Aberglauben eines Liebenden ſagte er: ich muß ſie ſuchen, bis ich ſie finde, denn meine Ahnung wird in Erfüllung gehen, ſie wird meiner bedürfen!— Aber Tage, Wochen vergin⸗ gen, ohne daß er ihre Spur auffinden konnte, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte ſich ſeiner. Da endlich war der Zufall ihm günſtig. Er begegnete Bonaventura, ohne von dieſem bemerkt zu werden, folgte ihm vorſich⸗ tig nach, und ſah ihn in ſeine Wohnung gehen. Er wartete ſtundenlang, und als Bonaventura das Haus, in welches er gegangen, noch immer nicht wieder verließ, war Carl überzeugt, daß er hier wohne, und daß er dieſe abgelegene Straße nur gewählt, um in derſelben unbemerkt mit Sophieen zu ſein. In der Frühe des andern Morgens ſchon war Carl wieder in der be⸗ ſcheidenen Reſtauration, dem Hauſe gegenüber, in wel⸗ chem Bonaventura wohnte. Hier harrte er ſtundenlang, bis er endlich Bonaventura ausgehen ſah. Kaum war dieſer um die nächſte Straßenecke gegangen, ſo eilte Carl hinüber. Aber als er nun an der Thür ſtand des Zim⸗ mers, in welchem, wie man ihm geſagt hatte, ein jun⸗ ger Herr mit ſeiner ſogenannten Schweſter wohne, da ſank ihm der Muth und angſtvoll fragte er ſich ſelber: aber wird ſie mir nicht zürnen, wenn ich komme, ſie in dieſem Verſteck aufzuſuchen? Und was will ich denn eigentlich? Was kann ich ihr ſagen, um mein Kom⸗ men zu entſchuldigen?— Aber wie er zagend und be⸗ klommen da ſtand, drang leiſer Klageton und unterdrück⸗ tes Schluchzen an ſein Ohr.— O, ſagte er, wie er⸗ leichtert, ſie weint! Dann darf ich zu ihr gehen, denn die Traurigen ſind nicht ſtolz und ſtreng!— Leiſe öffnete er die Thür, und als Sophie ihn er⸗ kannte, trocknete ſie ſchnell ihre Augen, und trat ihm 41 mit einem freudigen Lächeln entgegen. O endlich ein⸗ mal ein bekanntes Angeſicht, ſagte ſie, ihm die Hand hinreichend, o das thut wohl, das erquickt! Und ſehen Sie, ich wundere mich auch gar nicht, daß Sie da ſind, denn ich erwartete Sie eigentlich alle Tage! Mein Gott, ſagte er ganz überwältigt, und ſie mit ſeligen Blicken anſchauend, mein Gott, Sie dachten alſo an mich! Sie haben den armen Carl nicht vergeſſen! O mein Gott, wodurch verdiene ich denn ſolches Glück? Sophie ſagte mit einem matten Lächeln: iſt es denn nicht natürlich, daß man ſich des einzigen Freun⸗ des erinnert, den man auf Erden hat? Waren Sie doch der Vertraute unſerer Liebe, und wir Beide, glaube ich, haben keinen andern Freund, als Sie allein. Ich darf alſo Ihr Freund ſein, ſagte er, wie be⸗ täubt von ſo viel Glück, der arme Carl darf der Freund ſein der ſchönen, vornehmen Sophie Blitz! Ich bin, gelobt ſei Gott, nicht mehr vornehm, ſagte ſie mit einem ſanften Lächeln, dieſer eitle Flitter⸗ ſtaat iſt abgeſtreift, und ich bin wieder, was ich war, die arme, niedrig geborne Sophie. Wiſſen Sie noch, Carl, als wir in Potsdam wohnten, Beide ſo arm, beide ſo unglücklich? Ach, und es war doch eine ſchöne Zeit! Wir hatten unſere Mütter, für die wir arbeiten, für die wir ſorgen konnten! O, ſagte ſie, plötzlich in Thränen ausbrechend, wie wohl iſt mir, daß ich Sie 3** ſehe, daß ich mit Ihnen von der Vergangenheit ſprechen kann! Wie er Sophieen weinen ſah, fühlte ſich Carl plötz⸗ lich ganz gefaßt, ganz ruhig; ein heiliger, männlicher Friede kam über ihn, und er ſagte zu ſich ſelber: jetzt muß ich beſonnen ſein und ſtark! Denn ſie wird mei⸗ ner bedürfen!— Laut ſagte er: aber laſſen Sie uns auch von der Zukunft ſprechen, von Ihrer Zukunft! Nein, ſagte ſie, ſchnell ihre Thränen trocknend, die Zukunft gehört meinem Geliebten, und nur Er kann über dieſelbe entſcheiden! Die Vergangenheit aber, die gehört uns. Sie ſind alſo glücklich? fragte Carl faſt traurig. Glücklich! ſagte ſie wehmüthig. Ja wohl bin ich glücklich, denn ich bin bei ihm, den ich liebe, ich höre täglich ſeine geliebte Stimme, ſehe ſein theures Angeſicht, ja wohl bin ich glücklich, denn ich habe nichts auf Er⸗ den als ihn, meinen Geliebten. Aber es giebt etwas, das zu jeder Stunde mein Glück zernichtet, und wie ein Mehlthau ſich auf jede Blume meines Herzens legt, es giebt einen Gedanken, der mein ganzes Glück zerſtört. Ach, ich fürchte, Bonaventura bereut, daß er mich liebt. Sie bedeckte ihr Geſicht mit ihren Händen und ächzte laut, und Carl ſuchte ſie nicht zu tröſten, denn 43 er wußte wohl, daß für ſolchen Argwohn es keinen Troſt giebt, und keine Linderung. Und kann ich Ihnen in nichts nützlich ſein? fragte er nach einer langen Pauſe.— Sophie blickte auf, und ſchüttelte traurig ihr Haupt, plötzlich aber belebten ſich ihre Züge, und faſt freudig ſagte ſie: doch, doch, Sie können mir nützlich ſein, Sie allein! Sie theilte ihm nun ihren Wunſch mit, zu arbeiten, und Bonaventura's ſtrengen Befehl, niemals die Woh⸗ nung ohne ihn zu verlaſſen, ſo wie ſeinen Widerwillen mit ihr in jenen Laden, wo ſie Beſchäftigung finden würde, zu gehen. Carl verſtand ſie ſogleich, und bot ſich freudig an, den Vermittler zu machen, und ihr immer Arbeit zu bringen und dieſe wieder abzuholen. Sophie reichte ihm dankend die Hand. Ich wußte es wohl, daß ich auf Sie zählen könnte, ſagte ſie, denn wir, die wir des Lebens Laſt und Leid getragen und erduldet haben, wir, wir Armen und Beladenen, wir verſtehen uns unter einander, und helfen uns, wo wir können. Alſo darf ich gleich heute für Sie dorthin gehen? Nein, nicht heute, ſagte ſie. Ich muß erſt Bona⸗ ventura fragen, ob er nichts dawider hat, und muß ihn erſt darauf vorbereiten, daß Sie hier waren. Verlaſſen Sie mich alſo jetzt, denn er wird bald zurück ſein! 44 Carl küßte die Hand, die ſie ihm darreichte, und eilte dann ſchweigend fort. Er war wie ein Trunkener, ganz berauſcht von dem Glück ſie zu ſehen, von ihrer Freundlichkeit und Güte, und leiſe ſagte er ſich: dieſer Tag iſt der glücklichſte meines Lebens, denn ich habe ſie wieder gefunden und ſie hat mich ihren Freund ge⸗ nannt! Und das will ich ihr auch ſein, ein treuer, wah⸗ rer Freund! Ach könnte ich ſie mit meinem Herzblut doch ſchützen und bewahren vor allem Kummer und Leid! Als Sophie bei Bonaventura's Rückkehr dieſem mittheilte, daß Carl da geweſen, ſtand er wie erſtarrt vor Schreck, dann rief er heftig: Himmel, ſoll ich denn keinen Tag, keine Stunde mehr Ruhe haben. Erſinnſt Du denn ewig neue Dinge, mit denen Du mich quälen und martern kannſt? Iſt dies wirklich wahr, oder iſt es nur eine Liſt, um mich zu ängſtigen und zu plagen? O mein Gott, Bonaventura, wann hätte ich Dich abſichtlich ängſtigen wollen, und wie konnte ich auch nur denken, daß es Dir Kummer bereiten könnte, wenn dieſer gute, treue Menſch hier war. Verdanken wir ihm doch ſo Vieles, Geliebter, war er doch der treue und ſichere Bote, der uns einander unſere Briefe brachte. Oh, ich wollte, er hätte es nie gethan! rief Bo⸗ naventura mit bitterm Lachen. Sophie ſchreckte zurück, und Todtenbläſſe überzog ihr Geſicht. Dann floh ſie, wie vor einem ſie ereilen⸗ den Schrecken, in den äußerſten Winkel des Gemachs, und hier auf ihre Kniee niederſinkend, weinte und ſchluchzte ſie laut. Dieſer wortloſe, tiefe Ausbruch des Schmerzes rührte Bonaventura. Er eilte zu ihr, er ſuchte ſie zu tröſten, er klagte ſich ſelbſt mit harten Worten an, und nannte ſie mit den zärtlichſten Namen. Je länger er ſprach, deſto mehr begeiſterte er ſich ſelbſt, für dieſe Idee ein reuiger Sünder zu ſein, und zuletzt hatte er ſich künſtlich ſo in Vorwürfe und die Reue hinein geſprochen, daß es ihm gelang ſich ſelbſt zu rühren, und daß Thränen in ſeinen Augen glänzten. Dieſe Rührung aber begeiſterte ihn zu neuer Gluth und zu Sophieens Füßen niederſinkend, flehete er um ihre Vergebung und ſchwur ihr neue und ewige Liebe. Sie zog ihn hoch entzückt und mit gläu⸗ bigem Vertrauen in ihre Arme; vergeſſen war aller Kum⸗ mer, alle Sorge, getrocknet waren alle Thränen des Schmerzes, und das reinſte, herzlichſte Glück beſeligte ſie wieder. Alſo Carl war wirklich hier, ſagte Bonaventura Fäter, und als Sophie es bejahete, fuhr er heſtig fort: es konnte mir nichts Schlimmeres und Verdrießlicheres begegnen! Das fehlte nur noch, daß in meiner Abweſen⸗ heit ſolche Beſuche zu Dir kommen; ich kann alſo nicht einmal ruhig mehr ausgehen, ohne fürchten zu müſſen, 46 daß während der Zeit irgend ein unberufener Freund ſtch hier einſtellt. Oh, ſagte ſie mit einem glücklichen Lächeln, nun ſehe ich wohl, daß Du mich noch liebſt, denn Du biſt eiferſüchtig. Bonaventura ſtand einen Augenblick erſtaunt und ſchweigend da, dann rief er verächtlich: Ich ſollte eifer⸗ ſüchtig ſein! Eiferſüchtig auf einen gemeinen Briefträger! Ich geſtehe, das iſt eine Ehre, vor der ich erröthe, auch nur einen Moment mit einem ſo gemeinen und niedri⸗ gen Menſchen paralleliſirt zu werden! Aber wie wäre dies auch denkbar, Dich mit ihm zu paralleliſiren? ſagte Sophie ſchüchtern. Ich gewiß denke gar nicht daran. Das hoffe und verlange ich auch, rief er mit ſpöt⸗ tiſchem Lachen. Uebrigens ſoll es mir höͤchſt gleichgültig ſein, wie viel oder wie wenig dieſer Monſieur Carl zu Dir kommt, vorausgeſetzt, daß er mir ſchwört, keinem Menſchen auf der Welt zu verrathen, daß er Dich hier geſehen. Gelobt er dies, nun dann mag er meinetwe⸗ gen kommen, wann er will, und Dich mit ſeiner geiſt⸗ vollen Unterhaltung erfreuen. Seine Unterhaltung wird wohl mehr in Dienſtlei⸗ ſtungen, als in Worten beſtehen, ſagte Sophie ſanft, und erzählte Bonaventura dann, Carl's Bereitwilligkeit, ihr immer Arbeit zu holen und zu bringen. 47 Es wäre wohl zartſinniger von Dir geweſen, er⸗ widerte er gereizt, wenn Du Niemand auf der Welt in dies traurige Geheimniß unſerer Oeconomie eingeweiht hätteſt, ſondern dieſe Beſorgungen lieber ſelbſt gemacht hätteſt. Indeſſen mag es nun ſo bleiben. Ich habe nichts dagegen, und freue mich, daß Du Dir auf dieſe Art einige Zerſtreuung und Freude bereiten kannſt. Mir iſt leider, fuhr er mit melancholiſchem Ton fort, auch dieſer letzte Troſt verſagt. Unthätig und müßig verbringe ich in dieſer öden Abgeſchiedenheit meine Tage, und bald wird Niemand in der Welt mehr des Dichters Bo⸗ naventura von Ottersheim gedenken. Er ſeufzte tief, und ſein Antlitz trug den Ausdruck des bitterſten, tiefſten Kummers. Sofort war Sophie an ſeiner Seite, und ſich innig an ihn ſchmiegend, ſuchte ſie ihn mit holden Worten zu tröſten und zu beruhigen. Aber Bonaventura gehörte zu Denen, die durch Troſtes⸗ gründe immer nur zu neuen Klagen angefeuert werden, und denen unter dem Zuſpruch des Mitleids ſich das Leid immer mit neuer Gewalt anfacht. So ſprach er ſich unter Sophieens Troſtesworten in immer größeres Clend hinein, und fühlte ſich zuletzt ein wahrer Marty⸗ rer der Liebe und Freiheit. Das Märtyrerthum aber begeiſterte ihn, und er ſetzte ſich eiligſt hin, um das Ge⸗ dicht nieder zu ſchreiben, welches durch dieſe innere Be⸗ geiſterung in ihm hervor gerufen worden, und das, als 48 er es Sophieen vorlas, er ſelbſt für das eſte, was er bis daher geleiſtet, erklärte. Ich glaube wahrhaftig, ſagte er lachend, daß es mir gut und nützlich iſt, zuweilen durch Aerger und Zorn aufgeregt zu werden. Eine ewige Ruhe und Gleichmä⸗ ßigkeit, ja ich glaube ſelbſt, eine ewige Glückſeligkeit er⸗ tödtet den begeiſterten Dichter in mir, während ſolche kleine Störungen und Zwiſtigkeiten all' mein Blut in Wal⸗ lung bringen, wo mir dann ganz neue Gedanken kommen. Sophie ſeufzte nur, und dachte, daß ſolche Poeſie doch ein wenig zu theuer erkauft ſei, und daß nicht der Himmelsthau, ſondern der Thränenthau ihres tiefen Wehes hinfort die Blüthen dieſer Poeſie werde erquicken und zum Leben ſtärken müſſen. Als Carl am Abend dieſes Tages kam, gab er Bonaventura gern das Verſprechen eines unverbrüchli⸗ chen Schweigens über Sophieens Hierſein, und nun ſchien Bonaventura ganz zufrieden und beruhigt.— Von nun an aber kam Carl täglich, Sophieen mit Arbeit zu ver⸗ ſehen, und Abends das Vollendete fortzutragen; aber einer ihm ſelbſt unerklärlichen Scheu zufolge, vermied er es, zu kommen, wenn Bonaventura zugegen war; oft harrte er ſtundenlang in der Ferne auf den Moment, wo Bonaventura ſeinen gewöhnlichen Abendſpatier⸗ gang antreten würde, und erſt wenn er dieſen hatte aus⸗ 49 gehen ſehen, eilte er mit hochklopfendem Herzen, voll freudiger Ungeduld zu Sophieen.„Er verdient es nicht, daß ſie ihn liebt,“ ſagte Carl entſchuldigend zu ſich ſelbſt, „und ich kann es nicht ruhig anſehen, wenn er ſie ſo rauh behandelt und ſo unfreundlich gegen ſie iſt.“ Heim⸗ lich aber mußte er ſich geſtehen, daß es ihm noch viel ſchwerer und beklemmender zu ſehen, wie Bonaventura freundlich und liebevoll gegen ſie ſei, und daß er lieber noch Sophieens ſchmerzbewegtes Antlitz, als ihr von Glück und Liebe verklärtes ſehen wolle. Indeſſen trug Sophieens Fleiß, ihre große Ge⸗ ſchicklichkeit in weiblichen Arbeiten ihr gute Früchte, und bei ſorglicher Sparſamkeit, ſo wie durch den von Carl bewirkten Verkauf einiger überflüſſiger ſeidener Klei⸗ der war ſie in kurzer Zeit in den Stand geſetzt, einen längſt ſchon in ihr gereiften Plan zur Ausführung zu bringen.— Als Bonaventura heute, verdrießlicher als je, von ſeinem Spaziergang zurückkehrte, legte Sophie mit ſtrah⸗ lenden Augen und erröthend vor Freude, eine kleine Rolle Geldes vor ihn hin, und als er mit mürriſchem Ton fragte, was dies bedeuten ſolle, ſagte ſie mit einem Lä⸗ cheln, von dem Niemand ahnen konnte, wie ſchwer es ihr geworden: dies Geld ſoll Dir helfen, Dich aus die⸗ Eva. II. Theil. 4 50 ſer Stille, die Dir ſo drückend iſt, zu befreien. Mit die⸗ ſem Gelde, fuhr ſie raſcher fort, denn ſie fürchtete, die Rührung möchte ſie am Sprechen hindern, mit dieſem Gelde mietheſt Du Dir recht im Mittelpunkt der Stadt ein Zimmer, und verbringſt immer einige Morgenſtun⸗ den daſelbſt. Dann kannſt Du Dich wieder aller Or⸗ ten zeigen, und auch in die Freitagsgeſellſchaft gehen, ohne fürchten zu müſſen, daß man Dich hier aufſucht, denn Du kannſt ihnen ja dann Deine andere Wohnung nennen. Sie ſchwieg hoch aufathmend, und Bonaventura rief mit ſtrahlenden Augen: Du biſt ein Engel, Sophie, o kein Weib denkt ſo groß und gut, als Du, meine theure, einzige Sophie, Du Geliebte meiner Seele! Kein Weib außer Dir iſt ſolches Opfers fähig, und ſolcher vorſorglichen Liebe. Wie richtig haſt Du erkannt und geprüft, weſſen ich bedarf, und was mir Noth thut, wie feinfühlend mein Weſen ergründet, und geſehen, daß für eine Natur wie die meine, es der Reibung mit und in der Welt bedarf, um ſie immer friſch, immer lebendig zu erhalten. O meine Sophie, dieſe Rolle Geldes iſt ein wahrer Segen, den Du über mich ausſchütteſt, und er wird mich heiligen zu großen und ſchönen Thaten; ja, nun werde ich wieder erſcheinen in der Welt; wie ein Komet will ich plötzlich wieder auftauchen am Him⸗ 51 mel, und wenn ſich aller Augen bewundernd zu mir wen⸗ den, ſo iſt es Dein Werk, meine holde, meine theure Sophie, mein ſüßes, einziges Weib, und wenn meine Lieder der Freiheit erklingen, ſo preiſen ſie Dich, die mir die Freiheit und mit ihr das Leben wieder gab.— Er knieete vor ihr nieder, und küßte voll dankbarer Zärtlich⸗ keit ihre Hände, ihr Gewand, und nannte ſie mit zärt⸗ lichen Liebesnamen. Dann aber ſprang er auf, und ſagte: aber wie, iſt heute nicht Freitag? da könnte ich ja heute noch Deiner ſüßen Erlaubniß nachkommen, mir in aller Eile ein Zimmer miethen und heute Abend in die Verſammlung gehen!— Ja, wahrlich, das geht, rief er nun ganz freudig, und griff nach ſeinem Hut. So will ich denn gehen, und gleich alles ins Werk richten! Er umarmte Sophieen und küßte ſie innig. Zum Mittagseſſen komme ich wieder, theuerſte Sophie, und nun Lebewohl!— Unter der Thür aber wandte er ſich noch einmal um, und ſagte in ernſtem Ton: giebſt Du mir Dein Wort darauf, theuerſte Sophie, die Woh⸗ nung nicht zu verlaſſen und niemals ohne mich auf die Straße zu gehen?— Sophie verſprach es ihm, und er entfernte ſich eilig.— Als er fort war, ſtürz⸗ ten helle Thränen, lang zurück gehalten, aus Sophiens Augen, und laut ſchluchzend ſagte ſie: keine Sylbe des 4* 5² Bedauerns darüber, daß er nun täglich viele Stunden von mir getrennt ſein wird, nicht einmal ein Gedanke daran. Kein Wort des Mitleids für mich, die ich einſam, mich verzehrend in Sehnſucht nach ihm, zurück bleibe! O, er iſt hart und egoiſtiſch, und er liebt mich nicht mehr! V. Als Bonaventura an dieſem Abend in der Frei⸗ tagsgeſellſchaft wieder erſchien, ward er von Allen mit herzlichem Willkommen empfangen, und Jeder beſtürmte ihn mit Fragen nach dem Grund ſeiner langen Abwe⸗ ſenheit. Es iſt eine halbe Ewigkeit, ſeit wir Sie nicht ſahen! Wir fürchteten ſchon, Sie ſeien uns für immer verloren. In der That, ſagte Herr Weinherr mit wichtiger Miene, ich hatte ſo meine eigenen Vermuthungen, und fürchtete wirklich für Sie. Bonaventura hatte alle dieſe Fragen voraus ge⸗ ſehen, und ſich darauf vorbereitet. Er nahm alſo jetzt eine ſehr ernſte Miene an und ſagte mit einem geheim⸗ nißvollen Lächeln: Ihre Vermuthungen und freundſchaft⸗ lichen Befürchtungen mögen nicht ganz unrichtig gewe⸗ ſen ſein. Ich habe in der That zu leiden gehabt, wie 54 ein liberaler Dichter unter einer tyranniſchen Regierung immer wird zu leiden haben, und ich glaube ich habe von Glück zu ſagen, daß ich dies Mal ſo leichten Kaufs davon gekommen bin. Man hat Sie alſo— Ich habe mein Wort gegeben zu ſchweigen, unter⸗ brach Bonaventura Herrn Weinherr, und ich bitte Sie, dies zu ehren. Ich verſtehe Sie, ſagte Herr Weinherr, ihm die Hand hinreichend, und faſt möchte ich Sie beneiden, um dies Märtyrerthum für unſere erhabene und edle Sache, welche ja die Sache von ganz Deutſchland iſt. Für ſeine Principien zu leiden, das iſt groß, iſt erhaben, und die Dornenkrone des Märtyrers iſt immer noch zu einem Heiligenſcheine geworden, der durch alle Zeiten hindurch leuchtet. Auch wir ſind, während Sie litten, nicht müßig geweſen, ſondern haben wieder redlich und getreu das Unſrige gethan zur Befreiung Deutſchlands. Ich allein ſchrieb in dieſer Woche mehr denn zwanzig Arti⸗ kel, von denen ganz Deutſchland wiederhallt in freudi⸗ ger Bewunderung, und die mit unwiderſtehlicher Kraft das Gefühl jedes Menſchen packen und ſein Blut auf⸗ reizen im Zorn gegen die Tyrannen. O ich bin voll freudiger, großer, herrlicher Hoffnungen. Wir werden Sieger ſein in dieſem Kampf des Rechtes gegen die Ge⸗ walt, und wenn dieſer Sieg zunächſt durch unſer hoch 5⁵ erhobenes Feldpanier, welches unſere Zeitung iſt, erfoch⸗ ten worden, ſo können wir mindeſtens mit gutem Ge⸗ wiſſen ſagen, daß wir es waren, die dies Panier erho⸗ ben, daß wir es waren, die es voran trugen in der Schlacht! Wundervoll geſagt, brach Herr Rautenweg in Ent⸗ zückung aus, Sie ſind in Wahrheit ein großer Redner, und was würde erſt aus Ihnen ſich heraus bilden, wenn wir eine Verfaſſung hätten, wenn wir in politiſchen Ver⸗ hältniſſen lebten, wo die freie Rede und das freie Wort geſtattet iſt. O was für ein großer Repealer Sie ſein könnten, oder was für ein Vergnügen müßte es ſein, Sie in der Deputirten⸗Kammer vor einer zahlreichen glänzenden Verſammlung ſprechen zu hören. Ich glaube ſelbſt, daß ich dazu berufen und be⸗ fähigt wäre, ſagte Weinherr mit beſcheidenem Augennie⸗ derſchlag, und dieſer Glaube, dieſe Ueberzeugung erfüllt um ſo mehr mein Herz mit Schmerz und Bitterkeit, wenn ich erwäge, daß es in unſern ſchmachvollen Ver⸗ hältniſſen mir verſagt iſt, dies Talent zu entwickeln und zu entfalten. Aber die Zeit, wo dies geſchehen kann, ſie wird und muß kommen! Vorwärts, das iſt unſere Loſung, und nicht eher wollen wir ruhen, als bis das Ziel er⸗ reicht iſt, das große Ziel der Völkerfreiheit, der Freiheit der That und des Gedankens! Das iſt es ja, für das 56 wir Alle ringen, für das wir Alle unſern Jugendmuth einſetzen, und unſere beſten Kräfte hingeben. Und wofür wir, rief Bonaventura begeiſtert, dereinſt unſern Lohn und unſre Segnung empfangen werden! Und nun recitirte er mit lauter Stimme: Wenn das freie Wort zieht durch die Lande, Wenn das freie Wort entfeſſelt alle Bande, Dann iſt ſie da, die gold'ne Zeit Der großen Völkereinigkeit! Wenn der ſtolze Fürſt flieht aus dem Lande, Wenn der tück'ſche Graf beſiegt liegt im Sande, Dann iſt das hohe Ziel erreicht, In dem der Menſch der Gottheit gleicht. Wenn das Geſetz einzig uns bindet, Nicht Willkühr uns mit Ketten umwindet, Dann erſt ſind wir frei und groß, Aller Tyrannen und Sclaven los! Auf denn zur Schlacht, zum blut'gen Kampfe, „Freiheit mit uns! ſchreit im Pulverdampfe!“ Fließt euer Blut auch hin, Jauchzt doch der freie Sinn! Herrlich, wundervoll, riefen Alle, als Bonaventura jetzt ſchwieg. Solche Worte, ſolche Gedanken giebt nur die höchſte Begeiſterung ein. Das iſt wirklich erhaben und groß. Merkwürdig, ſagte Weinherr, etwas verletzt von dem allzu ſtürmiſchen Beifall, den man Bonaventura zollte, merkwürdig, wie ſehr dies Gedicht meinem letzten 57 Artikel in der Zeitung gleicht. Ueberhaupt iſt es auf⸗ fallend, wie ſehr man, von Ihnen mein theurer Herr von Ottersheim, kann natürlich nicht die Rede ſein, aber auffallend iſt es, wie ſehr man meine Zeitungsartikel ausbeutet, und ſie zu Gedichten verarbeitet. Aber Gedichte ſind gut und nützlich, ſagte Rauten⸗ weg, ſie prägen ſich dem Gedächtniſſe tiefer ein, ſie gehen mehr über in das Blut des Volkes, und miſchen ſich mit ſeinen Gedanken und Anſchauungen. Wollte Gott, wir hätten noch mehrere Sänger unter uns! Inn dieſem Augenblicke erhob fich Sylvius, und ſagte: ich habe ein Sonett gemacht, das ich der Ver⸗ ſammlung vorzutragen wünſche. Er zog ein Papier hervor und las: Recept für junge Lyriker. Ein Märtyrer für Freiheit willſt Du ſein? Wohlan, ſo höre mein Recept dazu! Nicht Thaten braucht's, bleib⸗ heim in guter Ruh, Und ſchmiede Verſ' in Deinem Kämmerlein. Sonette, Madrigal, und miſch' darein Ein Quentchen Freiheit, Gleichheit; ferner thu Verachtung dran vor Fürſten, und dazu Conſtitution und Völkerlitanein. Bewein' Hannover, ſchimpf' die Pietiſten, Dein Buch verbietet dann die Polizei* Und Deutſchland jubelt ſeinem neuen Horte. Man ſchickt Dir Lorbeerkränze ganze Kiſten, Auf daß Dein Lockenhaupt geſchmücket ſei Und hochberühmt biſt Du an jedem Orte. 4**† 58 Eine tiefe Stille trat ein, als Sylvius geendet. Dann ſagte Weinherr mit verächtlichem Lächeln: das iſt allerdings eine Art von Poeſie, wie wir nicht erwarten konnten, ſie hier in unſerer Verſammlung zu hören, und die wir auch wünſchen müſſen aus derſelben verbannt zu ſehen. Es war überdies auch meine Abſicht, mit dieſem Gedicht Ihren Verſammlungen Lebewohl zu ſagen, er⸗ widerte Sylvius ruhig, und wenn ich grade dies Gedicht dazu wählte, ſo geſchah es, um Sie nicht zu täuſchen über meinen Geſinnungen, ſondern Ihnen offen und frei dieſelben zu zeigen. Sie ſind alſo legitim geworden? fragte Weinherr mit boshaftem Lächeln. Gewiß nicht, rief Sylvius feurig. Nein, ich be⸗ kenne es frei, ich werde niemals meine Geſinnungen än⸗ dern, und was ich als Jüngling erkannt, wofür ich ge⸗ ſchwärmt und gelitten, das ſoll als Mann mir heilig ſein und dem will ich mein Leben weihen! Die Frei⸗ heit des Wortes und des Gedankens, eine geregelte und nicht der Willkühr eines Einzelnen anheim gegebene Ver⸗ faſſung, Befreiung vom Cenſurzwange, und Anerkennung des Mannes, als des freien, Gott gleichen, er ſei, weß Standes er ſei, das iſt es, was den Inhalt meiner Träume, meiner Gedanken, meines Wollens macht, und das iſt es, wozu ich die edelſten Männer Deutſchlands mit mir 59 vereint ſehe zu gleichem Streben. Aber heilig ſoll uns dies erhabene Ziel ſein, in der Stille und Verſchwiegen⸗ heit unſerer Bruſt ſollen wir es wachſen laſſen und ge⸗ deihen, bis es, ein geharniſchter, kampfesdurſtiger Krie⸗ ger, vollendet da ſteht, des Sieges gewiß. Aber dem Heiligen ſoll man ſich nur ſchweigend nahen, und Ihr ſchreit es aus in alle Winde. Die Gottheit, zu der man mit hoffendem Herzen ehrfurchtsvoll beten ſoll, die habt ihr hinaus geſtoßen aus ihrem Tempel, und habt ſie zu einem Laternenpfahl gemacht, an dem jeder ſein Licht⸗ lein anzuzünden kommt, um ſich damit zu beleuchten und ſo iſt die Freiheit Euch eine Magd geworden, die Euch dienen muß zu Euren eigenen, ſelbſtſüchtigen Zwe⸗ cken; Ihr wollt nicht ſie verklären, ſondern ſie ſoll Euch mit einer Glorie umgeben, und indem ihr die Freiheit als Eure Herrin ausruft, wollt Ihr Euch zum Herrn ihrer machen, und ſie knechten zum niedern Dienſt Eu⸗ rer Selbſtſucht. Das aber iſt es, wodurch am meiſten dem großen, erhabenen Werk, für das wir Alle kämpfen und ſtreiten, geſchadet wird, daß es zerſprochen und zer⸗ nichtet wird, daß jeder Knabe ſich einen Fetzen von dem Purpurmantel der Freiheit abreißt, um ſich damit zu ſchmücken, und daß ſo die Pracht zernichtet und zerlumpt wird, und einher geht zum Geſpött unſerer Feinde und Gegner. O wer das Große und Erhabene begeiſtert und heilig erſtrebt, der hat nicht viel Zeit Worte zu 60 machen und zu ſchwatzen, und wer ſein Unglück recht tief empfindet, der kann es nicht einkleiden in ſchön klingende Phraſen. Ihr aber habt nichts als Worte, und Ihr coquettirt mit unſerer Schmach und unſerer Knechtſchaft, und legt ſie Euch als Cypreſſenkranz um das Haupt, des Zaubers gewärtig, der die Cypreſſe in einen Lorbeer verwandeln ſoll. Und ob ſolchen kindi⸗ ſchen Spiels werden wir verlacht von unſern Gegnern und Feinden, die, weil ſie nur kindiſche Worte durch einander ſchreien hören, nicht glauben, daß es unter uns auch Männer giebt, Männer, denen das Heilige noch heilig, denen die Freiheit noch eine Göttin, nicht eine Buhldirne iſt, die zum Kampfe nicht bloß Worte, ſon⸗ dern auch ein Schwert haben, die wenig ſprechen, aber viel handeln, die nicht politiſch ſingen, aber von Poli⸗ tik ſprechen und für die echte, die wahre Politik denken und handeln. Politik aber und Poeſie, das ſind zwei Gewalten, die nichts mit einander gemein haben können, und es heißt die Poeſie entweihen und ihr Gewalt an⸗ thun, wenn man aus ihren zarten Blüthen und duften⸗ den Stauden Ruthen binden will, um Tyrannen damit zu züchtigen, es heißt aber auch die Politik zu einem Kinderſpiel machen, und ihr eine Schellenkappe aufſetzen, wenn Ihr ſie fügen wollt in klingende Reime und ihr ernſtes durchfurchtes Haupt mit dem blühenden Roſen⸗ kranz, und der duftenden Myrthe der Poeſie umwinden 1 61 wollr. Die Kunſt aber ſoll niemals dazu dienen, auf den Willen zu wirken, ſondern ſie hat es mit dem rei⸗ nen, wirklichen Daſein zu thun, und Ihr weiſet ſie aus ihrer erhabenen Sphäre, und macht einen Büttel aus ihr. Und Ihr ſelbſt, die Ihr ſchreit, und immer ſchreit, was ſeid Ihr denn anders als die Büttel der Freiheit, und was ſind Eure Artikel, mit denen Ihr Euch brü⸗ ſtet, denn weiter anders als grelle Aushängeſchilder Eu⸗ res Gewerbes? Und weil Euch denn das Erhabenſte, weil Euch die Freiheit nur ein Gewerbe iſt, darum wer⸗ det Ihr mit Recht verſpottet und verſchmäht, und dar⸗ um wendet ſich jeder Mann ab von Curem hohlen Wortgeklingel und Euren hochtönenden Phraſen, jeder Mann, deſſen Wahlſpruch iſt: nicht ſprechen, ſondern handeln! Hier ſchwieg Sylvius und noch einen glühenden ſtolzen Blick auf die Verſammlung werfend verließ er hoch aufgerichtet das Gemach.— Man hatte geſchwie⸗ gen, wie erſtarrt vor Schreck über ſolche unerhörte Frech⸗ heit. Jetzt aber brach der Sturm los, und man hörte nur Flüche und Verwünſchungen, Rachegeſchrei und Ver⸗ achtung gegen Sylvius. Er iſt ein Legitimer! Ein Ueberläufer! Wer nicht für uns iſt, iſt wider uns! Schande über dieſen Abtrünnigen, der die heilige 6² Sache der Freiheit verlaſſen und ein Knecht der Ty⸗ rannen geworden iſt! Und während man ſo über Soylvius ſprach und hn ſchmähete, fuhr er mit Courierpferden nach Königs⸗ erg, um dort mit zu wirken für die heilige und erha⸗ dene Sache der wahren Freiheit, welcher er diente. — VI. Indeſſen lebte Eva im vollen Strudel winterlicher Vergnügungen, und kaum gab es einen Abend, wo ſie nicht in Geſellſchaften, Concerten, auf Bällen war, oder Geſellſchaft in ihrem Salon empfing. Die Gräfin hatte richtig prophezeit, Eva war, in gewiſſen Kreiſen minde⸗ ſtens, die lionne des Winters geworden, und ſie ſchien ganz befriedigt und glücklich dadurch zu ſein. Das Le⸗ ben einer Dame der großen Welt iſt eine nicht ſo gar ſchwer zu erlernende Aufgabe, und Eva hatte ſie vollkom⸗ men erfaßt. Sie wußte mit Anmuth und Eleganz über die wichtigſten und kleinlichſten Dinge zu ſprechen, und auch wohl ernſtere wiſſenſchaftlichere Dinge in leichter, oberflächlicher Manier, wie man es in den Salons zu thun pflegt, in die Unterhaltung zu ziehen; ſie ſprach gut, kleidete ſich geſchmackvoll, bewegte ſich anmuthig, und hatte das reizendſte, naturvollſte Lächeln. Ihr Ehr⸗ geiz war befriedigt, und dieſe Befriedigung verlieh ihrem 64 Weſen eine liebliche Milde und Ruhe, die wie ein lich⸗ ter Schleier über ihre ganze Erſcheinung ausgebreitet war. Und welche Freude glich dieſer, gefeiert und be⸗ wundert zu werden im Angeſichte deſſen, dem ſie im Geiſt alle ihre Triumphe als Tribut zu ſeinen Füßen nieder⸗ legte, und den ſie, ſich ſelbſt betrügend, ihren Bruder nannte. Und welches Entzücken glich dieſem, ihm ſagen zu kön⸗ nen: ſiehſt Du, alle meine Triumphe, alle die Huldigun⸗ gen, die ich empfange, alles, was ich bin, das verdanke ich Dir! Du haſt meinen Geiſt gebildet, Du haſt mich das Leben, die Welt, die Menſchen verſtehen gelehrt, Du biſt meines geiſtigen Lebens Schöpfer geweſen!— Aber in dieſem vollen Becher der Freude gab es auch einen bittern Wermuthstropfen, gab es Etwas, das ſtets ſte ſchweigend mahnte an die Vergangenheit und an geleiſtete, aber nicht gehaltene Eide, und Eva war nicht leichtſinnig oder verderbt genug, gegen ſolche Mahnun⸗ gen taub zu ſein. Sie ſah mit bitterm Schmerzgefühl Ralph's bleiches kummervolles Antlitz, und nannte oft in der Stille ſich ſelbſt die Urheberin ſeines Kummers. Aber, daß er überall hin ihr folgte, daß er ſtets an ih⸗ rer Seite war, daß er ſchweigend ihr folgte in jede Ge⸗ ſellſchaft, zu jedem Ball, daß er neben ihr war, immer und ewig mit ſeinem bleichen Antlitz, daß er wie ihr Gewiſſen, ſie ſtets umgab und inmitten der Freude ſtets ſie mahnte an Schmerz und Kummer, das konnte ſtie 65 ihm nicht verzeihen, und zuweilen ſchien es ihr ſelbſt, als haſſe ſie ihn, der ſo ſchweigend und ergeben, ſo ge⸗ duldig und ohne Klage neben ihr ſtand.„Er iſt kein Mann,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„und darum kann ich ihn nicht lieben. Ich handle unrecht gegen ihn, und er duldet es ſchweigend; ſtatt zu gebieten, wie es dem Manne geziemt, gehorcht er wie ein Kind, und wo er zürnen ſollte, da weint er! Ich aber kann keinen Mann lieben, den ich nicht auch fürchte, und vor deſſen Zorn ich zittere, keinen Mann, der nicht mit einem einzigen Blicke mein ganzes Wollen zerſchmettern, und mich zur Sclavin ſeiner Launen machen kann!“ Aber wenn ſie ſo ſelbſt ſich klar war über ihre Gefühle für Ralph, beſaß ſie doch Zartgefühl und Tact genug, um dies vor Andern zu verbergen, und Niemand ahnen zu laſſen, wie groß die Kluft, die ſie von ihrem Gatten trenne. Wiſſen Sie, Theuerſte, ſagte Gräfin Jelſa heute zu ihr, als Eva am Morgen zu ihr kam, um ihr von der großen geſtern erlebten Soiree zu erzählen, wiſſen Sie, Theuerſte, Ihr Mann ſcheint alles Ernſtes geſonnen ein Trappiſt zu werden; ich habe ihn geſtern beobach⸗ tet, er ſprach den ganzen Abend kein Wort, und lächelte nur zuweilen, wie ein an's Kreuz geſchlagener Heiliger. Ach, wollte Gott, er ginge doch unter die Trappiſten, Eva. II. Theil. 5 66 und in ein Kloſter, dann wäre doch meine ſchöne, herr⸗ liche Eva frei! Laſſen wir das, Gräfin, ſagte Eva ernſt, es ge⸗ ziemt mir nicht, ſolche Scherze anzuhören über einen Gatten, den ich liebe und achte, und deſſen Namen ich trage! Ja, leider tragen Sie ſeinen Namen, ſeufzte die Gräfin. Ich wüßte aber wohl einen Namen, der beſſer klingen würde, und mehr geeignet wäre für die ſtolze ſchöne Eva. Eva erröthete tief. Und welchen Namen meinen Sie, Gräfin? Fragen Sie meinen Sohn dort, wie ſein Name iſt, ſagte die Gräfin, auf Udo deutend, der ſich ſo eben leiſe zu Eva's Füßen nieder geſetzt hatte. Ach Udo, rief Eva lachend, und ſich zu ihm nie⸗ derbeugend, fragte ſie ſcherzend: Udo, willſt Du mich hei⸗ rathen? 4 Udo lachte nur, weil er Eva lachen ſah.— Ach, er verſteht Sie nicht, ſeufzte die Gräfin, und doch weiß ich, daß er geneſen würde, wenn Sie immer um ihn wären! O warum kann dies nicht ſein! Udo immer bei Eva ſein, rief der kranke Jüngling, die Worte ſeiner Mutter auffaſſend, und Eva's Kniee umklammernd, wiederholte er flehend: Udo immer bei Eva ſein! 67 Sehen Sie, ſagte die Gräfin, ſehen Sie, wie ſchön er iſt, Epa! O müßte es nicht eine Himmelswonne für Sie ſein, dieſen ſchönen Augen den Geiſt einzuhau⸗ chen, dieſe edlen Züge zu beleben mit einer denkenden, empfindenden Seele, und um dieſen Mund ein Lächeln zu zaubern, wie nur die Liebe und das Glück es ver⸗ leiht? Sehen Sie ihn an, und ſagen Sie mir, ob er, unglücklich und elend wie er iſt, nicht ein geiſtvolleres und edleres Anſehen hat, als der verſtändige und glück⸗ liche Gemahl der ſchönen Eva? Dieſe hatte ſich ſanft von Udo's Armen losgemacht, und war aufgeſtanden. Solche Vergleiche, ſagte ſie kalt, find eben ſo nutzlos als ungeziemend, und da Sie, Grä⸗ fin, heute in einer ſeltſam gereizten Stimmung gegen meinen Gatten zu ſein ſcheinen, ſo iſt es beſſer, ich ver⸗ laſſe Sie, und warte ab, daß dieſe Stimmung ſich än⸗ dert.— Sie grüßte die Gräfin ſtolz, und verließ das Ge⸗ mach. Gräfin Jelſa aber ſchaute ihr nach mit finſtern, ſtechenden Blicken. Eitle, hochmüthige Närrin, ſagte ſie hohnlachend. Albernes Bürgerweib, das ſich vermißt einer Gräfin ſich gleich zu ſtellen! O nur Geduld, Du eitle Thörin, es wird eine Zeit kommen, wo Du jedes hochmüthige Wort, das Du gegen mich geſprochen, be⸗ reuen ſollſt, eine Zeit, in der ich Dich doch ganz in mei⸗ ner Gewalt haben werde. O nur Geduld, meine Pläne 5* 68 werden gelingen! Schon hat die Saat, die ich ausge⸗ ſäet, in Deinem Herzen Wurzel gefaßt, und wie tugend⸗ haft und getreu Du auch erſcheinen magſt, ich weiß doch, daß Du Deinen Gatten nicht liebſt, daß Du ihn mit ſeinem lächerlichen, linkiſchen Weſen haſſeſt und verwünſcheſt. Nur Geduld, ich werde Dich ſchon bereden zu einer Schei⸗ dung von dieſem Ralph, und dann, o dann, habe ich geſiegt, dann gehören mir Deine Reichthümer, und Dir mein wahnſinniger Knabe. Udo, rief ſie, Udo, mein Sohn, komm'’ her zu mir! Dieſer folgte ſchweigend ihrem Ruf, und ſetzte ſich ſtill neben ihr nieder auf den Divan. Udo, höre mir zu! Ich will Dir eine Geſchichte erzählen. Aber hörſt Du auch? Udo nicht weiß, was das iſt, Eva heirathen, ant⸗ wortete er ſinnend. Eva heirathen, das iſt, ſie lieben, immer bei ihr ſein, ſie umarmen, ſie küſſen, ihr befehlen, ihr Herr ſein! Udo will Eva heirathen, rief er emporſpringend. Die Gräfin zog ihn leiſe wieder nieder auf den Divan und ſagte lächelnd: das ſollſt Du auch, mein Sohn, und das iſt es ja auch, was mich allein beſchäftigt, und dar⸗ um will ich Dir auch eine Geſchichte erzählen. Du hörſt doch? 69 Ich höre, meine Mutter, ſagte Udo mit einem Strahl von Intelligenz in ſeinen Zügen. Dies iſt die Stunde, in der er vernünftig zu ſein pflegt, und wo er mich verſtehen kann, murmelte die Gräfin leiſe vor ſich hin; dann ſagte ſie laut: ich will Dir eine Geſchichte erzühlen, eine ſchöne Geſchichte von dem Glanz Deiner Ahnen und dem Ruhm der Grafen von Jelſa!- O das waren große mächtige Herren, die erſten Grafen von Jelſa. Wo die Felſen hinein ſchauen in die grünen Fluthen des Rheins, da hatten ſie ihre Schlöſſer und Burgen hoch oben auf dem Gipfel der Felſen, und vom Wartthurm herab ſchaute der Wäͤſchter, und wenn in der Ferne das Wimpel eines Schiffes ſich zeigte, dann läutete der Wächter die große Thurmglocke, und hernieder ſiel ſogleich die Zugbrücke, und umringt von Knappen und Dienern, zogen die Grafen Jelſa in glänzendem Waffenſchmuck heraus aus der Burg und hinunter ins Thal, und beſtiegen das Schiffchen, ſiegge⸗ wohnt; ſo ſteuerten ſie dem mit Waaren und Gütern beladenen Schiffe entgegen, und beſiegten deſſen zitternde Mannſchaft, und nahmen die reiche Ladung in ihr Schiff unter Jubeln und Lachen, die ſtolzen Grafen von Jelſa. Mutter, Mutter, das ſind Mörder und Diebe, ſagte Udo furchtſam und zitternd. 3 Nein, mein Sohn, ſie handelten nur wie ſtolze Grafen und Herren, und jubelnd kehrten ſie dann heim 70 in die Burg, und in der großen Halle verſammelten ſie ſich zum feſtlichen Mahle; da ſtießen ſie an mit filber⸗ nen Bechern, und tranken vom goldenen Rheinwein, den ſie ſo eben erbeutet, und ſchwelgten und ſchwärmten die Nacht hindurch, und küßten das ſchreiende Mädchen und erſtachen lachend den eiferſüchtigen Knappen. Mutter, ſchrie Udo angſtvoll, das ſind Wilde und Menſchenfreſſer!. Nein, mein Sohn, es waren ſtolze Grafen und Herren, und Deine edlen Vorfahren, mein Knabe. Und wieder immer ſchaute der Wächter vom Wartthurm herab, und wenn auf der Landſtraße daher ein Zug von Reiſigen kam, ſo läutete er zweimal die große Glocke des Thurmes, und wieder flog die Zugbrücke hinab, und der Graf zog hinaus mit ſeinen Knappen und Die⸗ nern, und ſie zogen hinunter in's Thal, und lagerten ſchweigend am Wege hinter den Bäumen, und lauerten, bis der Zug der Reiſigen, bis die hoch mit Kaufmanns⸗ gütern befrachteten Wagen heran kamen; dann brachen ſie ſchreiend hervor, und verjagten die zitternden Reiſt⸗ gen, und führten die reichbefrachteten Wagen jubelnd hinauf in die Burg. Mutter, ſchrie Udo wieder, o ich fürchte mich, das ſind Räuber! Nein, mein Sohn, Du biſt thöricht, es ſind edle 71 Grafen, Deine Vorfahren! Schau dort hängen ſie an der Wand, die Bilder dieſer ſtolzen Ahnherren, ſchau, wie kühn ihre Auge und wie hoch ihre Stirn. Und ſchau dort weiterhin, der ſchöne Mann mit dem Stern an der Bruſt, das war eines Kaiſers Miniſter und Kanz⸗ ler. Und der dort, mit dem breiten Ordensband um Bruſt und Hüfte, mit dem hohen, gleich einer Krone gefalteten Helm, der war des deutſchen Ordens Groß⸗ meiſter, und dieſer da war einer Fürſtin Gemahl, und dieſer eines Kaiſers Kammerherr, und dieſer ein großer Feldmarſchall, und ſie Alle hießen die Grafen von Jelſa, und dieſe Alle waren Deine Ahnherren, mein Sohn! O das iſt ſchön, das iſt herrlich, rief Udo freudig, ach erzähle mir die Geſchichte noch weiter! Das will ich auch, ſagte die Gräfin, aber nun iſt die Geſchichte nicht mehr ſchön und herrlich, ſondern ſie wird finſter und trübe. Du hörſt doch, mein Sohn? Mutter, ich höre! Sieh dort, ſagte die Gräfin, und der Ausdruck des Haſſes und der Verachtung trat in ihre Züge, ſieh dort, Udo, das Bild da hinten in der Ecke, das iſt das Bild Deines Vaters, mein Sohn, es iſt das Bild mei⸗ nes Gemahls. O Dein Vater war ein ſchöner Mann und er war reich, Udo, und mein Herz zitterte vor Freude, als ich ihn das erſte Mal ſah, und ich jauchzte 7² laut auf vor Entzücken, als er mir ſeine Liebe geſtand. Ich legte meinen Reichthum und meinen gräflichen Namen, denn auch ich war eine Gräfin, mein Sohn, ich legte mich ſelbſt, und Alles, was ich beſaß, zu ſeinen Füßen nieder, und wollte nichts ſein, als ſein Weib, ſein geliebtes, liebendes Weib. Ich glaubte Deinem Va⸗ ter, und liebte ihn über Alles, Udo, und er betrog mich doch, und liebte eine Andere neben mir. Ich ertrug's, ich nahm mir nicht das Leben, ich tödtete nicht ſeine Geliebte, denn Du ruhteſt unter meinem Herzen, mein Sohn, und Du warſt meine Hoffnung und meine Zu⸗ kunft, und als ich Dich geboren hatte, verzieh ich Dei⸗ nem Vater Alles, ſelbſt, daß er meine Liebe verrathen, ſelbſt, daß mein Gram Deinen Geiſt umdüſtert hatte, ſelbſt das verzieh ich ihm, denn ich liebte ihn noch. Aber er verſchmähete mein Herz, und da erfaßte mich die Verzweiflung, und aus Verzweiflung ward ich eine Sünderin, und ward Deinem Vater treulos, weil ich ihn ſo ſehr liebte, und er nicht geliebt ſein wollte; o, ich ließ mich von andern Armen umfangen, und ſuchte Troſt an fremdem Herzen, und weinte doch, weil Dein Vater mich nicht liebte. So vergingen Jahre, Udo, traurige, ſchmerzvolle, ſündige Jahre, voll ſchwelgeriſcher Luſt, voll rauſchender Freuden und voll unendlichen Wehes. O das iſt traurig, Mutter, ſagte Udo leiſe, und 3 73 langſam rollten ein paar Thränen über ſeine Wangen nieder. Ja, rief die Gräfin mit lautem Weheton, ja, es muß wohl traurig ſein, wenn ſelbſt der Blödſinnige dar⸗ über weinen kann. Aber höre weiter, mein Sohn. Das Unglück war noch nicht erſchöpft, und eines Mor⸗ gens, da weckte mich in der Frühe ein furchtbarer, don⸗ nernder Knall, und ich fuhr empor, denn an mein Ohr drang wüſtes Geſchrei. Da ſprang ich auf, und rannte in das Zimmer Deines Vaters. Nun wußte ich Alles; er hatte gut getroffen, der Schuß war grade durch's Herz gegangen, und er hatte ſich erſchoſſen, weil er in der Nacht zuvor das Vermögen ſeines Weibes, weil er Alles verſpielt hatte, was ſein war, und womit er ſchal⸗ ten durfte. Lachſt Du, mein Knabe? Ja, das war auch luſtig, Dein Vater hatte eine ſehr luſtige Nacht durchſchwärmt, darum wollte er nun auch ausruhen in langem, ewigem Schlaf. Und nun, Udo, ward alles anders. Nun kamen die Lehnsvettern, und nahmen Dein Erbe, denn Du ſeieſt wahnſinnig, ſo ſagten ſie, Du könn⸗ eſt nicht Erbe ſein, und nun vertrieben ſie uns von un⸗ ſern Schlöſſern und Gütern, ſie, die ſonſt zu meinen Füßen geſeſſen, ſich meine Sclaven genannt, und mir ewige Liebe geſchworen, ſie vertrieben mich nun, und ihre Weiber, die ſonſt meinen Reichthum genoſſen und die reichen Geſchenke meiner Liebe getragen, ſie wandten 5** 74 ſich nun von mir, und meinten, mein ſündiges Leben habe mich ihrer Liebe unwerth gemacht. O wäͤre ich noch reich geweſen, wie zuvor, da hätte man nicht meines Lebens gedacht und meiner Sünden, aber weil wir arm waren, ſo verließ uns Alles, und vergeſſen und verachtet lebten wir auf dem einſamen, finſtern Schloß, das ſie mir angewieſen als Witwenſitz. Da legte ſich ein finſterer Schleier über mein Gemüth, und ich ſchwur ewigen Haß und Rache dem ganzen Menſchengeſchlecht, und ſchwur mit allen Kräften meiner Seele, darnach zu ſtreben, wieder reich, wieder angeſehen zu werden, um die Menſchen knechten, um mein Feinde in den Staub treten zu können! O Jahre lang habe ich geſonnen über dieſen Plan, Jahre lang mein Gehirn zerquält nach einem Mittel, dieſen einzigen Zweck, dies einzige Ziel zu erreichen, und da einſt fielen meine Au⸗ gen auf Dich, und ich ſah, daß Du kein Kind mehr, ſondern daß Du heran gereift zum Jüngling; ich ſah, daß Du ſchön warſt, und auf Deine Schönheit, auf den eitlen thörichten Sinn der Weiber, baute ich meinen Plan, und ſiehe, der Plan wird glücken. Das thörichte Weib iſt gefunden, das mir Reichthum und Macht wie⸗ der geben ſoll, willſt Du mir helfen, Udo, ſie zu er⸗ obern? Ja, ja, Du willſt, denn Du liebſt dieſe ſchöne Eva, und ich will ſie Dir verſchaffen, ſie ſoll Dein Weib werden! Hörſt Du, Udo, die ſchöne Eva ſoll Dein 75 Weib werden! Darum zeige ihr immer, wie ſehr Du ſie liebſt, und ſage es ihr immer, daß Du nichts liebſt, als ſie allein!— Udo ſchlug die Hände zuſammen, und lachte vergnügt. Ja, Mutter, Eva ſoll Udo's Weib werden! VII. Für die unter den Linden in der Mittagsſtunde auf und ab wandelnden Spaziergänger gab es heute 3 eine eigene Augenweide. Eine ſchöne reichgekleidete Ama⸗ zone ritt in der Mitte zweier Herren, und gefolgt von zwei reichgekleideten Dienern die Linden auf und ab. Es war ein ſchöner Anblick, dieſe glänzende Cavalkade, und ſelten, wie es noch immer in Berlin iſt, eine rei⸗ tende Dame zu ſehen, ſchauten alle Spaziergänger mit dem lebhafteſten Intereſſe nach der Reiterin und ihrem glänzenden Gefolge. Auch war ſie ſchön, dieſe ſtolze, ſchlanke Amazone mit dem bleichen, edlen Angeſicht, zu deſſen Seiten lange ſchwarze Locken herab fielen, ſchön mit den blitzenden ſchwarzen Augen, der edlen Naſe, und dem halb übermüthigen, halb verächtlichen Lächeln um V die ſchmalen Lippen, und wo ſie vorüber ritt, da blieb Alles ſtehen, und ſchaute ihr nach und man ſtüſterte unter einander: wer iſt fie? Sie ſieht ſo vornehm aus —— ——— —— — 77 und ſo ſtolz! Wie kühn ihre Augen blitzen; und ſeht wie gewandt ſie ihr Pferd zu lenken verſteht, daß es in kleinem Schritt daher tänzelt, ſo zierlich und graciös wie unſre Galſter oder Taglioni. Geſtehen Sie, Fürſt Rajienski, ſagte indeß die ſchöne Amazone zu einem ihrer Nachbarn, geſtehen Sie, daß das von Ihnen ſo viel geprieſene Berlin eine ſehr läſtige kleine Stadt iſt, ein Dorf, im Vergleich zu Pa⸗ ris! O ce cher Paris! Voyez, wie der neugierige Pöbel ſtill ſteht, um uns nachzuſchauen, als wären wir Wundererſcheinungen aus der Mäͤhrchenwelt. Und wer dächte das nicht, erwiderte der Angeredete, wer wähnte nicht, wenn er Sie zu ſchauen das Glück hat, Fürſtin, daß er in der That irgend eine ſchöne Fee aus der Mährchenwelt erblickt! Wie wollen Sie deshalb den armen Berlinern grollen, denen Feen und Amazonen eine gleich ſeltene Erſcheinung ſind? Sie find heute in Ihrer Laune der Galanterie, ſagte die Fürſtin mit ſtolzem Aufwerfen der Lippen, und, die Zügel ſtraffer anziehend, gab ſie ihrem Pferde einen leichten Schlag mit der Gerte, das es raſcher vorwärts tanzte, und die Herren einige Schritte zurück blieben. Plötzlich aber hielt ſie ihr Pferd an und rief einem ne⸗ ben ihr Vorübergehenden zu: bon jour, Monsieur de Ottersheim! Bonaventura, der ſo eben im Begriff war in ſeine 78 Wohnung zu gehen, blickte auf zu der ſchönen Reiterin, die ihn alſo anredete, und ein Ausdruck freudigen Er⸗ ſtaunens malte ſich in ſeinen Zügen. Fürſtin Laſchuska! rief er freudig.— Sie nickte ihm lächelnd zu, und ſagte: wir kennen uns alſo noch! Es freut mich Sie wieder zu ſehen! Kommen Sie heute zu mir! In einer Stunde finden Sie mich im Hotel de Petersburg! A revoir! Sie ſprengte von dannen, ihm flüchtig zunickend, und bald war der ganze Zug, um die nächſte Straßen⸗ ecke einbiegend, verſchwunden. Bonaventura aber eilte den Weg zurück, den er gekommen, ſeiner Wohnung zu. Sein Herz klopfte hoch vor Freude, und ſtolz und ganz vergnügt ſagte er zu ſich ſelber: wahrlich, das war ein günſtiger Zufall! O das Schickſal iſt doch den Dich⸗ tern noch günſtig! Sie hat alſo unſerer flüchtigen Be⸗ kanntſchaft in Dresden nicht vergeſſen, die ebenſo ſchöne als ſtolze Fürſtin Laſchuska, und wahrlich, daß ſie mich anredete, beweiſt, daß ich ihr nicht ohne Intereſſe bin. Sagte mir doch ihr Bruder, der mich bei ihr einführte, ſchon damals, wie nichts ſie mehr intereſſire, als Poli⸗ tik, und daß das Mittel mit ihr in freundſchaftlichen Verkehr zu treten, ſei, daß man politiſche, freiſinnige Ge⸗ dichte mache. Gott, wie begeiſtert war ſie von Her⸗ wegh's Gedichten. Sie recitirte ſie oft Stunden lang, und ſah dabei ſchön aus und kühn, wie eine Göttin des 79 Krieges Und als ich ihr einmal eines meiner Gedichte vorlas, da reichte ſie mir die Hand, und ſagte: von heute an ſind Sie mein Freund! Gut, gut, dieſe Freund⸗ ſchaft wollen wir nähren! Von der Freundſchaft zur Liebe bedarf es nur einiger kleiner Schritte, wie leicht find die gethan! Meine Gedichte ſollen die Brücke ſein, über die ſie von der Freundſchaft zur Liebe hinüber ſchreitet! O mein Gott, wenn dies gelingt, dann bleibt mir nichts zu wünſchen übrig! Bin ich erſt der Ge⸗ liebte einer Fürſtin, dann bedarf es wieder nur einiger Schritte, um ihr Gemahl zu werden! Ich, ein Fürſt, ha! zehn Jahre meines Lebens gäbe ich darum, nur einen Tag ein Fürſt zu ſein! Und iſt denn dies etwas ſo Unmögliches? Was war denn der reiche, ſchöne Fürſt Butera anders, als ein armer bürgerlicher Lieutenant, und was anders hat ihn zum Fürſten erhoben, als die Liebe einer ſchönen Fürſtin? War dieſer ein Kind des Glückes, wie viel mehr darf ich hoffen, es zu ſein!— Ach, Sophie, rief er jetzt, aus ſeinen Träumen erwachend, denn er ſtand vor der Thür ihrer Wohnung! Ach So⸗ phie, wiederholte er mit faſt verächtlichem Ton, und ſeine Stirn legte ſich in tiefe Falten. Mein Gott, ſagte er dann leiſe, wie lange iſt es denn noch, bis dieſe ewigen vier Monate verſtrichen ſind! O Hi es ſind erſt zwei Monate vergangen. Sophie empfing ihn mit einem Freudengeſchrei, mmel, ich glaube und 8⁰ flog ihm entgegen. Sie hatte ſo bald ſeine Rückkehr nicht erwartet, und ſagte ganz glücklich: o wie herrlich, mein Geliebter, daß Du ſchon wieder da biſt! Gewiß wollteſt Du mir eine Freude machen und mich über⸗ raſchen! Gott, ich denke gar nicht daran, rief er, ſie zurück drängend, es fällt mir gar nicht ein, ſo ſchwärmeriſche Ideen zu haben! Ich komme nur, um Toilette zu ma⸗ chen, und muß ſogleich wieder fort. Sophie zerdrückte die Thränen, die ihre Augen umdüſtern wollten, und ſetzte ſich ſchweigend wieder an ihre Arbeit. Bonaventura ſuchte indeſſen haſtig unter ſeinen Kleidern umher. Gott, Gott, welch' ein Elend iſt dies, rief er dann mit dem Ausdruck tiefſter Ver⸗ zweiflung, während Sophie zuſammen ſchreckte, ihre Ar⸗ beit ſinken ließ, und mit fragenden, troſtloſen Blicken zu ihm hinſchaute. Das fehlte nur noch, fuhr Bonaven⸗ tura fort, zornig mit den Füßen ſtampfend, das fehlte nur noch, um mich vollends zu erniedrigen und zu de⸗ müthigen. Jetzt habe ich ſogar nicht mehr ein paſſen⸗ des und modiſches Gewand, um damit in Geſellſchaft zu gehen. Wo iſt mein Frack, mein ſchöner Frack? Mein Gott, Du weiißt ja, ſagte Sophie ſchüchtern, zu Anfang, als wir alles Ueberflüſſige ausſuchten, gabſt Du ihn her, und meinteſt, Du bedürfeſt ſeiner für's Erſte nicht, und da ward er mit meinen Kleidern verkauft. 81 Verkauft, ſchrie Bonaventura, die Haͤnde im höch⸗ ſten tragiſchen Affert zuſammen ſchlagend, und Arme und Blick gen Himmel erhebend, wiederholte er dumpf: Verkauft! Mein Frack verkauft! O, ich bin ein elen⸗ der Menſch, geſchmiedet an das Elend des Daſeins, ſchleppe ich die Kette meiner Selaverei überall mit mir, und wo ich ermattet hinſtnke am Wege, und in ſüßen Träumen meiner Schmach vergeſſen möchte, da weckt mich das Klirren der Kette immer wieder zu neuer Qual und zu neuem Jammer. Sophie hatte, während er ſo ſprach, ihre Arbeit wieder ergriffen und nähete ruhig weiter. Sie kannte dieſe Anfälle des Jammers ſchon, und wußte, daß ſie eigentlich nichts waren, als Declamationsübungen, und daß Bonaventura niemals mit ſich zufriedener und ſtol⸗ zer auf ſich war, als wenn er ſeinem tragiſchen, ſchön geſprochenen Jammer und Leid zuhörte. Ja, fuhr er fort, und ſeine Stimme zitterte, wie in tiefer Bewegung, ja, ich bin ein Elender und Gezeich⸗ neter. Gleich der Hündin in der Aeneide renne ich um⸗ her mit dem Pfeil im Schenkel, nach Leben ſuchend und ſtrebend, und doch ſchon dem Tode verfallen! O, mein Gott, wann endlich— Aber halt, wer kommt da, un⸗ terbrach er ſich jetzt ſelbſt im ganz ruhigen, gewöhnli⸗ chen Ton. Mir war's, als hörte ich klopfen. Wirklich ward jetzt die Thür haſtig aufgeriſſen, Eva. II. Theil. 6 8² und Carl erſchien in derſelben. Er ſtutzte, als er Bo⸗ naventura ſah, dann aber ſchien er ſich zu ſammeln, und trat, Bonaventura flüchtig grüßend, zu Sophieen hin. 3 Ich bringe hier das Geld für die in voriger Woche gelieferten Arbeiten, ſagte er, eine kleine Rolle vor So⸗ phieen hinlegend, und weil es ſo wundervoll gearbeitet war, meinte die Directrice, könne ſie es nicht annehmen zu dem gewöhnlichen Preis, und hat ihn für Sie ver⸗ doppelt. Geld, rief Bonaventura freudig, das kommt mir grade recht. Wie viel iſt's? ſragte er, die Rolle ergrei⸗ fend und ſie prüfend in der Hand wiegend. Fünf Thaler, ſagte Carl leiſe. Pah, fünf Thaler, das iſt ja wahrhaftig ein elen⸗ des Verdienſt für die Arbeit einer ganzen Woche. Fünf Thaler, die reichen nicht hin, und ich will und muß Geld haben. Mein Gott, Sophie, haſt Du denn gar nichts mehr, was wir verkaufen könnten? Sie ſchüttelte verneinend das Haupt. Gar nichts mehr, Bonaventura, es iſt alles ſchon verkauft. Aber was ſehe ich denn da an Deinem Finger? rief Bonaventura, haſtig ihre Hand ergreifend. Wahr⸗ haftig, ſie trägt einen goldenen Ring, und behauptet doch, ſie habe gar nichts, was ſie verkaufen könnte. Dieſen Ring wollteſt Du verkaufen? frage ſie mit 83 bangem Schmerzenston. O mein Gott, Bonaventura, erkennſt Du ihn denn nicht! Es iſt ja derſelbe Ring, den Du mir gabſt an dem Tage, an welchem wir uns verlobten, Du ſteckteſt ihn ſelbſt an meinen Finger, und ich mußte Dir ſchwören, ihn immer zu tragen! Pah, das waren Kindereien, wie man ſte macht, wenn man verliebt iſt. Jetzt gieb ihn nur her, dieſen Ring, er iſt nicht ohne Werth, und ich denke, wenn ich ihn verkaufe, ſo reicht das mit den andern fünf Tha⸗ lern hin, um mir in einer Kleiderhandlung einen Frack zu kaufen. Schnell, ſchnell, beſte Sophie, gieb mir den Ring! Iſt dies, kann dies Dein Ernſt ſein? fragte ſie tonlos. Mein Gott, warum denn nicht? Ich habe gar keine Zeit zu ſcherzen, und muß ſogleich fort. Deshalb bitte, gieb mir den Ring! Sie zauderte noch, und ein tiefer Kampf ſchien in ihrem Innern vor zu gehen. Ihre Bruſt wogte ſtür⸗ miſch auf und ab, und ihre ganze Geſtalt erbebte. Sie heftete ihre Augen mit fragendem, forſchendem Blick auf Bonaventura's Antlitz und las in ſeinen Zügen nichts weiter als Ungeduld und Mißmuth. Da reichte ſie ihm die Hand hin, und ſagte tonlos: ſo nimm den Ring! Bonaventura griff raſch nach dieſer Hand, die kraft⸗ los und willenlos in der ſeinen hing, und ihr den Ring 6* 84 abſtreifend, ſagte er freudig: o meine Sophie, welch; ein Engel biſt Du! O, ich wußte es wohl, daß Du in Deiner großen ſchönen Liebe mir dies kleine Opfer brin⸗ gen würdeſt, wenn es auch Deinem ſchwärmeriſchen Her⸗ zen einigen Kampf koſten würde. Tauſend Dank, Du Geliebteſte, für dieſen neuen Beweis Deiner Liebe. Sophie antwortete nichts. Sie lag da mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, todesbleich, das Haupt zurückgeſunken an die Lehne des Seſſels, und nur die ſchweren Seuf⸗ zer, die zuweilen ihre Bruſt hoben, zeugten von dem tiefen Kampfe, der in ihrem Innern vorging. Wenn ich nur gleich wüßte, wo ich den höchſten Preis für dieſen Ring bekäme, ſagte Bonaventura, fra⸗ gend auf Carl blickend. Dieſer hatte ſchweigend und tief bewegt der Scene zugeſchaut, und ſagte jetzt: ich kenne hier in der Nähe einen Juden, der mir zu Gefal⸗ len den höchſten Preis für den Ring zahlen wird. Wenn Sie ihn mir anvertrauen wollen, ſo will ich hingehen. In einer Viertelſtunde bin ich wieder da! Bonaventura reichte ihm den Ring dar, und Carl entfernte ſich eiligſt. So will ich mich nur immer ſo weit ankleiden, ſagte Bonaventura, ohne weiter auf Sophie zu achten, und vor den kleinen Spiegel tretend, ordnete und glättete er ſein Haar und den ſchönen, ſorgſam gepflegten Bart, 85 dabei überlegend, von welcher Farbe der Frack ſein ſolle, in welcher er ſich der ſchönen Fürſtin vorſtellen wolle. Carl kehrte bald zurück und reichte Bonaventura ſechs Thaler, als den Erlös des Ringes, hin. Herrlich, herrlich, rief dieſer, nun kann ich mir einen eleganten, faſt noch gar nicht getragenen Frack kau⸗ fen, und wenn ich nun meine ſchöne Brillantnadel hier in das Halstuch ſtecke, ſo meine ich, darf jede Fürſtin mich in ihrem Salon empfangen. Adieu, theuerſte So⸗ phie, adieu, Herr Carl, es iſt die höchſte Zeit, ich muß fort. Ohne eine Antwort abzuwarten, oder Sophie noch einmal anzuſehen, verließ er eiligſt das Gemach, in dem nun eine tiefe Stille herrſchte. Carl wagte es nicht, Sophie, die noch immer mit geſchloſſenen Augen, bewegungslos da ſaß, in ihrem tie⸗ fen Kummer zu ſtören, und ſtand ſchweigend da, ſie nur mit mitleidigen, liebevollen Blicken betrachtend. Plötz⸗ lich öffnete Sophie die Augen, und ſich aufrichtend, fragte ſie leiſe: iſt er fort? Carl bejahete es, und fragte dann theilnahmsvoll nach ihrem Ergehen. O ſagte ſie mit einem bittern, ſchmerzvollen Lä⸗ cheln, Sie ſehen es wohl, Carl, ich bin nicht geſtorben, nicht einmal ohnmächtig geworden! Ich ſchloß nur die 86 Augen, weil es mir ſchauderte ihn zu ſehen, nachdem er ſo grauſam, ſo entſetzlich grauſam geweſen! Denken Sie nicht mehr daran, vergeſſen Sie es, arme Sophie, bat Carl leiſe. Und wie könnte ich das? fragte ſie mit einer eige⸗ nen Ruhe, die erſchütternder war, als der lauteſte Schmerz es hätte ſein können. Wie wollen Sie, daß ich vergeſ⸗ ſen ſoll, was niemals zu vergeſſen iſt? Es war ja nicht der Ring, den er nur von meinem Finger zog, er ſtreifte ja damit die ganze Vergangenheit von meinem Herzen weg, und alle Schwüre, alle Liebesverſicherungen find nun plötzlich zernichtet und nicht da geweſen. Denn wer einmal ſo hart und lieblos handeln kann, der iſt im Grunde ſeines Herzens hart und lieblos, und alles Andere war nur Schein und Maske. Sophie, ſagte Carl, ihre Hand faſſend und ihr mit einem unausſprechlichen Ausdruck, unter dem ſein Antlitz ſich verſchönte, in das bleiche, ſchöne Angeſicht ſchauend, theuerſte Sophie, ſeien Sie nicht mehr traurig. Ich bringe Ihnen Ihren Ring zurück. Wie konnten Sie auch nur glauben, ich würde dieſes koſtbare Kleinod für Geld hingeben! Er reichte ihr den Ring dar, ſie wehrte ihn leiſe zurück, und ſagte: nein, mein Freund, ich werde ihn nicht wieder tragen, er iſt mir ja nun etwas Fremdes geworden. Es iſt nicht mehr der Ring, den mir Bo⸗ 87 naventura in jener heiligſten Stunde meines Lebens an den Finger ſteckte, und den ich ihm ſchwur ewig zum Zeichen meiner Liebe und Treue zu tragen, ſondern der Ring, den er mir vom Finger ſtreifte, um ihn zu ver⸗ kaufen und für den Erlös ſich ein Kletd zu kaufen. Sie ſehen, mein Freund, daß ich dieſen Ring nicht tra⸗ gen kann und mag. Nehmen Sie ihn!— Als Carl ihn ſchweigend wieder in ſeinen Buſen ſteckte, rief ſie ſchmerzvoll: aber geben Sie ihn mir, laſſen Sie ihn mich noch einmal anſehen!— Sie nahm ihn aus Carls Händen, und ſah ihn lange und ſchweigend an, dann fielen ihre Thränen auf dieſen goldenen Reifen und erglänzten auf dem Goldgrunde, wie helle, köſtliche Diamanten; ſie küßte aber den Ring, und dieſe Dia⸗ manten waren verſchwunden, denn Sophie hatte ihre eigenen Thränen aufgeküßt, und ſte ſagte mit einem herzzerreißenden Lächeln: welch' ein bitteres Salz iſt doch in Thränen! Bonaventura haßt meine Thränen, ach aber, wie würde er ſie lieben, wenn ſie für ihn ſich in ſchimmernde Brillanten verwandeln ließen!— Dann küßte ſie wieder den Ring, und gab ihn an Carl zu⸗ rück. Da, nehmen Sie ihn, er mag vor mir verſchwin⸗ den, wie mein ganzes, ſchönes Glück. Es iſt alles nur ein Traum geweſen. Arme Sophie, ſagte Carl leiſe, arme Sophie, Sie lieben ihn alſo nicht mehr? 88 Sie ſchwieg lange, dann ſagte ſie: in dem Augen⸗ blicke, als vorhin meine Hand in der ſeinen lag und er meines Zitterns und meiner Schmerzen nicht achtete, als dieſe Hand ihm nichts weiter war, als ein Zweig mit einer goldenen Frucht, ein Baumzweig, den man fort wirft, wenn man die Frucht gepflückt, ja, in dem Augenblick, als er den Ring von meinem Finger ſtreifte, da fühlte ich hier in meinem Herzen einen furchtbaren, ſtechenden Schmerz, nicht einen phyſiſchen, körperlichen Schmerz, ſondern etwas viel Schrecklicheres, Schmerzvol⸗ leres, denn in dem Augenblicke ward es mir klar und gewiß, daß ich ihn von nun an nicht mehr lieben könne, und daß mein Herz ſich auf ewig von ihm abwenden würde. Ach die Liebe iſt wohl geduldig und ſtark, ſie vergiebt und vergißt Alles, ſo lange ſie glaubt, ſo lange ſte baut auf das Herz, das ſie liebt. Wo aber kein Herz iſt, was ſoll ſie da lieben? Und Bonaventura hat kein Herz, es iſt alles kalt in ihm und leer, und wo die Liebe wohnen ſollte in ſeiner Bruſt, da iſt nichts als Egoismus und Citelkeit. Sie lieben ihn nicht mehr, ſagte Carl tief aufath⸗ mend, dann ſind Sie auch frei und dürfen hier nicht län⸗ ger bleiben. Sie ſah ihn erſtaunt an, und ſagte faſt zürnend: bin ich denn nicht ſein Weib, ſein Weib vor Gott? Habe ich mich ihm nicht zu Eigen gegeben, ihm meine 89 Ehre geopfert und meinen guten Namen, und muß ich nicht in Geduld harren, daß er mich befreit von der Unehre, die auf mir laſtet, damit ich mein Haupt wie⸗ der frei erheben und nicht den Blick der Menſchen mehr fürchten darf. Ach Carl, man kann ja nicht der Liebe, wohl aber der Treue gebieten, und treu muß ich ihm ſein, und bei ihm ausharren muß ich, bis er ſelber mich von ſich ſtößt und mich gehen heißt! Ach, rief ſie jetzt laut und mit überſtrömenden Augen, fühle ich nicht jetzt an dem Schmerz, den ich empfinde, daß ich ihn dennoch nicht haſſen kann? O mein Gott, wie glück⸗ lich wäre ich, wenn er mich noch lieben könnte! Carl ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, und erwie⸗ derte nichts. Er wußte es wohl, wie ſchwer es iſt, die Liebe aus dem Herzen zu reißen, und daß ſie immer und immer wieder noch an Rettung glaubt, ehe ſie für im⸗ mer hinab finkt in den Abgrund. Sophie war aufgeſprungen und ging mit ſchnellen Schritten im Gemach auf und ab, ſchweigend und ſtill weinend. Dann trocknete ſie ihre Thränen und ſagte leiſe: ich bin eine Thörin, daß ich noch um ihn weine! Er verdient es nicht! Laſſen Sie uns aber jetzt von etwas Anderem ſprechen, von Ihnen, Carl! Sie haben Bonaventura Geld gegeben, und doch den Ring nicht verkauft. Alſo kam das Geld von Ihnen! Das darf nicht ſein. 6* ℳ 90 Und warum nicht? fragte er traurig. Warum wollen Sie dem, den Sie Ihren Freund genannt haben, nicht dieſe kleine Gunſt geſtatten? Warum wollen Sie nicht, daß ich Bonaventura gefällig bin, und dienſtlich? Weil Sie es nicht um ſeinetwillen, ſondern um mei⸗ netwillen thun, ſagte ſie ſtreng, und weil ich das nicht annehmen kann. Ich bitte, ja, ich fordere von Ihnen, daß Sie den Ring für ſich verkaufen. Wollen Sie mir das verſprechen? Wollen Sie mir die Hand dar⸗ auf geben, dies zu thun? Carl nahm die dargereichte Hand, und legte ſie, wie betheurend, auf ſein Herz. Es ſoll geſchehen, wie Sie wollen, Sophie! Noch Eins, fuhr Sophie fort. Sie brachten mir Geld für meine Arbeiten, noch einmal ſo viel, als mir zuſtand. Kam dies Geld wirklich von der Directrice? Hat ſie es Ihnen gegeben? Sehen Sie mich an, Carl, feſt und grade? Sie können es nicht, Sie ſchlagen die Augen nieder?— O mein Gott, auch Sie haben mich alſo betrogen! Und ich, die ich Ihnen vertraute, wie eine Schweſter dem Bruder, die ich Sie alle meine Noth, meine Armuth ſehen ließ, weil ich Sie für ſo arm hielt, als mich ſelber, und weil die Armen ſich unter einander vertrauen dürfen, die Armen, die ſich helfen müſſen mit Tröſtungen und Theilnahme! Ich darf Ihnen alſo nicht mehr vertrauen! Ich muß alſo alle dieſe Sorge und 91 Noth ganz allein und ſchweigend in meinem Buſen herum tragen; ich muß fürchten, mich vor Ihnen ſelbſt zu zeigen, wie ich bin, denn meine Klagen rufen Sie zur Hülfe auf, nicht bloß zum Troſt, und Sie wollen meiner Armuth helfen mit Ihrem Gelde! Sie haben mich betrogen, und wer weiß, wie oft ſchon! Nein, nein, rief Carl heftig, noch nie iſt es ge⸗ ſchehen, noch nie habe ich es gewagt, dies zu thun. Und jetzt, meinten Sie, war ich unglücklich genug, daß Sie es wagen durften? O ſehen Sie mich nicht ſo zornig an, bat Carl mit flehendem Ton. Ich will Ihnen ja verſprechen, es ſoll niemals, niemals wieder geſchehen. Es war nur, weil es kalt war, und weil ich geſtern mein Gehalt bekommen hatte, und ſo viel überflüſſiges Geld hatte, und da meinte ich, weil Sie mich Ihren Freund ge⸗ nannt, ſtände es mir zu, auch als Freund zuweilen für Sie zu ſorgen. O mein Gott, Sophie, was wollen Sie denn, daß ich thun ſoll? Ich ſehe Sie leiden und ich kann Sie nicht tröſten, ich ſehe Sie darben, und während ich mein Leben für Sie hingeben möchte, darf ich nicht einmal das Geringſte für Sie thun. Wozu bin ich denn, und was nütze ich denn, wenn Sie mir den geringſten Beweis von Freundſchaft verſagen wollen? fragte er mit Thränen in den Augen. 9² Sie ſind da, um mich zu tröſten, ſagte ſie mit einem matten Lächeln, um mich durch Ihre Nähe zu erinnern, daß ich auf Erden mindeſtens doch einen Freund habe, einen Freund, den ich liebe wie eine Schweſter! Und iſt das nicht viel, nicht unendlich dankenswerth? Ach, ſagte Carl leiſe, es iſt mehr, als ich jemals gehofft habe. Sie meine Schweſter! Sie wird ihn nie vergeſſen, ſie wird mich niemals anders lieben, wie eine Schweſter, ſagte Carl leiſe zu ſich ſelber, als er am Abend dieſes Tages allein in ſei⸗ ner Kammer war. Ach und ich gäbe doch mein Leben darum, von ihr geliebt zu werden, nicht wie von einer Schweſter! Aber ich weiß wohl, daß dies unmöglich iſt! Wie könnte die ſchöne, herrliche Sophie den ar⸗ men Carl lieben! Darum ruhig, ruhig, mein Herz! Ich darf ja doch ihr Freund ſein, und das iſt ſchon viel! Und heute, wie jeden Abend, nahm er Bleiſtift und Papier, und bald ſtand in lebensvollen Zügen die Scene auf dem Papier, wo Bonaventura den Ring von Sophieens Finger ſtreifte, während ein zweites Blatt den Moment darſtellte, wo Sophie den Ring zurück wies, den Carl ihr reichte. Beide Blätter waren nur leicht ſkizzirt, aber mit ſicherer, kunſtfertiger Hand leicht und doch kräftig, ausdrucksvoll und anmuthig. Carl ſelbſt 9³ betrachtete ſie mit wehmüthiger Freude und ſeufzte: o warum kann ich kein Maler werden! Dann könnte ich Sophie doch malen in lebendigeren Farben und ganz, wie ſie iſt! VIII. Eva war allein in ihrem Zimmer. Ein Buch lag aufgeſchlagen vor ihr auf dem kleinen Tiſchchen; ſie ſchien zu leſen, denn den Kopf in die Hand geſtützt, blickte ſie unverwandt in das offene Buch; aber ihre Augen folgten nicht den Zeilen, und ſie wendete das Blatt nicht, um weiter zu leſen. Längſt ſchon waren ihre Gedanken abgeſchweift von der Lectüre, die vergeſ⸗ ſen vor ihr lag, und dieſe Gedanken ſchienen ganz eige⸗ ner Art, denn ſie machten Eva bald ſeufzen, bald lä⸗ cheln, ſie trieben ein flammendes Roth auf ihre Wan⸗ gen, dem ſchnell eine tiefe Bläſſe folgte. Jetzt aber zuckte ſie zuſammen, und Purpurröthe bedeckte ihr Hals und Angeſicht, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab, und athemlos, mit halb geöffnetem Munde ſaß ſie ſchwei⸗ gend und lauſchend da. Nun ließen ſich draußen leichte Schritte vernehmen, die Thür ward geöffnet, und mit einem leiſen Freudenſchrei flog Eva empor und Victor entgegen.. Biſt Du endlich da, mein Bruder? 95 Ich ſehe Dich endlich wieder, meine Eva! O welch eine Marter waren dieſe drei Tage, die ich einſam, ge⸗ foltert von furchtbarem Kopfſchmerz, ganz überwältigt von dieſer läſtigſten aller Krankheiten, der abſcheulichen Grippe, auf meinem Zimmer zubringen mußte! Und haſt Du mein gedacht, mein Bruder? Eva, Du weißt es wohl, ich habe keine andern Gedanken, als an Dich allein, meine angebetete, meine geliebte Schweſter. Und Du, komm, ſieh mir ins Auge, und nun ſage mir, haſt auch Du an mich gedacht? Immer, immer, Victor! Und das ſagſt Du mit ſo traurigem, melancholi⸗ ſchem Ausdruck? Ich habe immer an Dich gedacht, Victor, aber dieſe Gedanken haben mich oft ſo trübe gemacht, ſie haben mir die Thränen in die Augen getrieben, und mein Herz klopfen gemacht bis zum Sterben, und doch war ich ſo glücklich, wenn ich an Dich dachte. Was iſt's aber, was mich traurig macht, während ich, Dein gedenkend, doch nichts empfinden ſollte als die reinſte, köſtlichſte Freude. Sage mir, was iſt das, was mein Herz beklemmt und es bedrückt, wie ein tiefes Leid, oder das Gefühl der Sünde? Iſt es denn Unrecht Dich zu lie⸗ ben, wie eine Schweſter, iſt es Unrecht, von Dir geliebt zu werden, wie ein Bruder? Victor führte Eva lächelnd zum Divan, der mit⸗ 96 ten im Zimmer ſtand, und ſich auf das geſtickte Kiſſen zu ihren Füßen nieder ſetzend, blickte er mit leuchtenden Augen zu ihr auf. Höre mich an, meine Eva, ſagte er mit leiſem Flü⸗ ſtern, das Eva's Herz höher klopfen machte. Höre mich an, meine Eva! Aber erſt ſage mir, werden wir auch ungeſtört bleiben und allein? Ganz allein, Victor, ich habe Befehl gegeben, jeden Beſuch abzuweiſen. Gut, meine Geliebteſte! Warum nennſt Du mich ſo, Victor, das darf nicht ſein, ſagte ſie beklommen. Nenne mich Deine Schweſter. Er ſchüttelte das Haupt und blickte mit einem un⸗ ausſprechlichen Ausdruck zu ihr auf. Nein, ſagte er dann leiſe, ich nenne Dich nicht mehr meine Schweſter. Es wäre eine Lüge, denn unſre Herzen haben eine an⸗ dere Sprache geſprochen, und wir wollen uns nicht län⸗ ger ſelber täuſchen und belügen. Du willſt von mir wiſſen, Eva, was Dein Herz beklemmt, was Dir Thrä⸗ nen in die Augen treibt, und Dir den Athem verſetzt, wenn Du an mich denkſt, was Dich mit Schmerz und doch mit Freude erfüllt. Soll ich Dir ſagen, was es iſt? Sie ſagte athemlos: Sage es mir! Er nahm ihre beiden Hände in die ſeinen, und mit flammenden, leuchtenden Blicken zu ihr aufſchauend flüſterte er: der Grund iſt, daß Du mich liebſt, Eva, 97 nicht wie einen Bruder, ſondern ſchöner, glühender! Du ſchauderſt, Geliebteſte, Deine Hände zittern in den mei⸗ nen? Und warum, Theuerſte! Nein, ſchlage Deine Au⸗ gen nicht nieder, blicke empor zu mir, erhebe den Blick zum Himmel, und laß uns Gott danken für die Liebe, denn die Liebe kommt von Gott! Oh, weine auch nicht, Theuerſte, lächle mir, denn mein Herz iſt voll himmli⸗ ſcher Freude, und nun will ich Dir Alles ſagen, denn Dein Herz verſteht endlich das Meine, Dein Gefühl hat endlich entſchieden für mich, und jetzt darf ich Dir Al⸗ les ſagen, was ich gelitten und erduldet habe durch Dich! Durch mich, o mein Gott, durch mich, ſagte ſie tonlos.— Ja durch Dich, wiederholte er, und ſich leiſe von ſeinem Sitz erhebend, ſetzte er ſich neben fie, und legte einen Arm um ihre Geſtalt. Sie ſchauerte zuſammen und ihr Haupt ſank kraftlos auf ſeine Schulter. Ja durch Dich, Eva, habe ich gelitten. Denn Eva, ſo lange ich Dich kenne, liebe ich Dich, ſo lange ich Dich kenne, verſchloß ich dieſe Liebe in meiner Bruſt, des Augen⸗ blicks gewärtig, wo endlich, endlich auch in Deinem Her⸗ zen dieſe Blüthe ſich entfalten, dies Geheimniß Deiner ſelbſt ſich erſchließen ſollte. Denn was iſt die Liebe ohne Gegenliebe? Sie ſtirbt und verzehrt ſich in ſich ſelber und tödtet das Herz, in welchem ſie wohnt. Nur wenn Eva. II. Theil. 7 98 zwei Flammen zuſammen ſchlagen zu Einer, und, ſich in ein⸗ ander auflöſend, Eins werden in Zweien, und alles Andere verzehren und vernichten, alle Vergangenheit, alle Zu⸗ kunft auslöſchen, und nichts wollen, denken und be⸗ gehren, als die Gegenwart, nur dann, Eva, iſt die Liebe beglückend, nur dann iſt ſie wirklich Liebe. Und wie willſt Du, daß ich glücklich war, wenn ich Dich ſah, neben mir, und doch mir fern, ich Dir ganz zu Eigen gegeben, und Du doch nicht mein! Mein ganzes Weſen, mein ganzes Daſein ſich hindrängend zu Dir, und doch immer wieder zurückgeſtoßen von Deiner Ruhe und Kälte! O Eva, wie oft hoben ſich meine Arme, wie von ſelbſt Dich zu umſchlingen, Dich an meine Bruſt zu drücken, um in Dein Ohr zu flüſtern von meiner Leidenſchaft und meiner Gluth, von meinen Leiden und meinen Qua⸗ len, ach, und wenn ich dem ruhigen Blick Deines Auges begegnete, Deine klare Stirn betrachtete, dann ſanken meine Arme zurück, und Alles ſchrie und jammerte in mir: ſie leidet nicht, alſo liebt ſie auch nicht! Ich habe dennoch gelitten, murmelte ſie wie un⸗ bewußt. Von nun an, ſagte er glühend und zog ſie feſter an ſein Herz, von nun an, Eva, werden wir nicht mehr leiden, jetzt wiſſen wir, was wir uns ſind und daß wir uns lieben; und weißt Du auch, Du unſchuldiges Kind, 99 weißt Du auch, daß Du bis jetzt noch nimmer geliebt haſt, weißt Du auch, daß ich Deine erſte Liebe bin? O dies Entzücken, Deine erſte Liebe zu ſein! Komm, Holde, ſieh mich an! Nein, erröthe nicht unter meinen Blicken. Errötheſt Du vor Scham, Eva, oder iſt es das Glück, das Deine Wangen färbt? Du weißt es nicht! Ich will es Dir ſagen. Beides macht Dich erröthen: Das Glück, das Dein Herz höher klopfen macht, und die ahnungs⸗ volle Scham, die ſich verhüllt bei dem Gedanken, daß Du nun mein biſt. Denn Du biſt mein, mit allen Fibern Deines Weſens, mit jedem Zucken Deines Lebens biſt Du mein, und weil dem ſo iſt, Geliebteſte, ſo wer⸗ den wir nicht mehr leiden! Denn wenn ich die Arme ausbreite, Dich zu umfangen, ſo wirſt Du kommen, Dich an meine Bruſt zu legen, und wenn Deine Lippen ſich öffnen zu einem Seufzer, ſo werde ich da ſein, die⸗ ſen Seufzer der Sehnſucht von Deinen Lippen zu küſ⸗ ſen, und wenn Du ſeufzeſt, ſo wird es nur ſein im Ue⸗ bermaße des Glückes. O mein Gott, mein Gott, ich ſterbe! murmelte ſte, ganz überwältigt, ganz berauſcht von Victors Worten. — Dann ſchwiegen Beide, und eine ſüße, wolluſtvolle Stille trat ein, nur unterbrochen von Eva's Seufzern, von ihrem leiſen Schluchzen, denn ſie weinte vor Angſt und Glück.— Und jetzt zog Victor ſte feſter an ſein 7. 100 Herz, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. War es ein Zauber, der nun ihre Arme hob, der ſie zwang, ihn feſt zu umſchlingen? Sie wußte nicht, wie's geſchah, aber ſie hielt ihn umſchlungen, ſie ruhete an ſeinem Herzen, ihre Ohren tranken ſeine Liebesworte, ihre Lip⸗ pen erwiderten ſeine Küſſe. Aber plötzlich zuckte ſie zu⸗ ſammen, und ein lauter, durchdringender Schrei tönte von ihren Lippen; ſie machte ſich heftig aus Victors Armen los, und ſtarrte zitternd, angſtvoll in den hohen Spiegel ihr gegenüber. Jetzt war er leer, nichts war zu ſehen, und doch war es vor einer Minute, daß ihre irrenden Augen den Spiegel trafen, und da ſah ſie ſich in Victors Armen, und hinter ihnen geiſterbleich, mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes, erhob ſich das An⸗ geſicht Ralphs, das Angeſicht ihres Gatten. Sie flog zu der Thür, die dem Spiegel gegenüber hinter dem Di⸗ van ſich befand. Die Thür war nur angelehnt, und Eva hatte ſelber ſie vorher zugedrückt. Es iſt alſo kein Traum, ſchrie ſie mit wildem Wehe⸗ laut, und ſank wie vernichtet zur Erde.— Victor hatte erſtaunt und ſchweigend Eva's wunderlichem Treiben zu⸗ geſchaut. Jetzt, als ſie in lautes Weinen ausbrach, trat er zu ihr, und ſuchte ſie aufzurichten. Sie ſchreckte aber zuſammen vor ſeiner Berührung und ſchauderte in ſich. 101 Eva, Geliebteſte, was eiſt es, das Dich plötzlich ſo bewegt, ſo außer Dich bringt? Willſt Du es mir nicht ſagen, mir, Deinem Geliebten? Sie flog empor, ihr Antlitz war marmorbleich, i hre ganze Geſtalt erbebte. Still, ziſchelte ſie, ſtill, Victor! Ich ſah ihn; in der Stunde der Gefahr erſchien vor mir das Antlitz deſſen, der auf Erden mich am treue⸗ ſten und reinſten liebt, oh, und mit welchem Ausdruck unendlichen Wehes waren ſeine Augen auf mich ge⸗ richtet! Aber Du täuſcheſt Dich, Eva, Niemand war hier! Ich ſah ihn, und war's nun Traum oder Wirk⸗ lichkeit, ſo war es doch ſein Antlitz, das mich beſchützte in der Stunde der Gefahr und der Sünde. Nein, ſprich nicht zu mir, Victor, ich darf Dich jetzt nicht hören. Lebe wohl, mein Bruder, ſagte ſie, die letzten Worte be⸗ tonend, dann ging ſie raſch in das andere Gemach, das ſie hinter ſich verſchloß. Und das iſt nun der Ausgang einer Scene, von der ich mir ſo viel verſprach, murmelte Victor ingrim⸗ mig, als er langſam die Straße hinab ging. Das iſt nun das höchſt proſaiſche Ende eines höchſt poetiſchen Anfanges. Ach, aber wie reizend, wie holdſelig war Eva, als ſie in meinen Armen ruhte, und wahrhaftig etwas nie Geahntes und Erwartetes geſchah mir, denn 10² ich empfand alles das wirklich, was ich ihr ſagte, ich liebte ſie wirklich, und fühlte mich ganz beſeligt von ihrem Kuß. Nun das wäre in der That der Wunder größtes, wenn mein Herz noch einmal wieder lebendig würde! IX. Seit Bonaventura's wieder erneuerter Bekanntſchaft mit der Fürſtin Laſchuska ſah Sophie ihn ſehr wenig; die ganzen Abende verbrachte er bei der Fürſtin, und wenn er dann ſpaͤt in der Nacht heimkehrte, hatte er für Sophie, die ohne zu klagen, ihn erwartete, kaum ein Wort der Begrüßung oder der Theilnahme. Anfangs weinte Sophie noch in der Stille über dieſe Härte und Liebloſigkeit, dann gewöhnte ſie ſich, auch dies ſchweigend und geduldig hinzunehmen, und wenn nun auch ihre Augen thränenlos waren, ſo fehlte ihnen doch der Aus⸗ druck der Freude und des Glückes, ſie waren trübe und glanzlos.— Deſto heller und ſchöner aber blitzten die Augen der Fürſtin, und Bonaventura ſaß ſtundenlang zu ihren Füßen, und erzählte ihr ſinnige Mährchen, die er behauptete in ihren Augen zu leſen; wenn ſie den Blick von ihm abwandte, dann verſtummte er plötzlich, und ſagte, das goldene Mährchenbuch ſei zugeſchlagen, 164 und er könne nicht weiter leſen, und dann, wenn die Fürſtin ihm hold lächelnd den Blick wieder zuwandte, fuhr er mit erneuerter Begeiſterung fort in ſeiner begon⸗ nenen Erzählung. Fürſtin Laſchuska war nicht unem⸗ pfindlich gegen ſolche Huldigungen eines jungen ſchönen Dichters, und mit Schrecken ſah der Fürſt Rajioski und ihre übrigen Bewerber, daß ſie den Herrn Bonaventura von Ottersheim ſichtlich ihnen allen vorzog, und ihm oft ihre Thür offen war, wenn ſie allen Andern ver⸗ ſchloſſen blieb. Bonaventura allein durfte zugegen ſein, wenn die Fürſtin, vor der Pſyche ſitzend, ſich ihr langes ſchönes Haar flechten ließ; mit ihm beſuchte ſie das Mu⸗ ſeum und die Kunſtausſtellungen, und er durfte vor der Chaiſe longue ſitzen, auf welcher ſte lag, wenn die Mi⸗ graine, an der ſie viel zu leiden pflegte, ſie heimſuchte, und jedem Andern der Zutritt verſagt war. Fürſtin Laſchuska war eine Polin; ihrem jungen Gemahle war ſte nach einer Ehe von wenigen Wochen in dem ver⸗ hängnißvollen Jahre 1830 als Soldat verkleidet, gefolgt in die Schlacht, an ihrer Seite war er gefallen, und ihr eigenes Roß hatte die geliebte Leiche unter ſeine Füße getreten. Jene entſetzliche Stunde hatte aber einem nimmer zu verlöſchenden Eindruck auf das Gemüth der jungen Frau gemacht, und als die lindernde Zeit den heißen Schmerz um den ſo früh verlornen Gemahl ge⸗ kühlt, flammte um ſo mäͤchtiger in ihr der Haß gegen 105 diejenigen, die Schuld an dem Tode ihres Gemahls, und die ſie die Tyrannen ihres geliebten Vaterlandes nannte. Sie weinte nicht mehr um den Gatten, denn ein Jahrzehnt des Verluſtes trocknet alle Thränen, aber ſie glühte, ihn zu rächen, und wenn die Polinnen be⸗ kanntlich diejenigen ſind, die den Untergang und die Be⸗ drückung ihres Landes am ſchmerzvollſten empfinden, ſo war dies bei der Fürſtin doppelt der Fall. Nicht ihr Vaterland bloß, auch ihren Gemahl hatten die Sie⸗ ger ihr entriſſen, und wenn ſie auch den Verluſt und den Schmerz darüber vergeſſen konnte, ſo blieb doch der Haß und die Rache immer wach in ihr, und ihre Seele flammte nach der Befriedigung dieſer beiden Eigenſchaf⸗ ten, die ſie gern ihre Tugenden nannte. Fürſtin La⸗ ſchuska hatte eine feurige, leicht erregbare Seele, ein glühendes Herz und eine mächtige Phantaſie, und dies Alles machte ſie zu einer intereſſanten, imponirenden Er⸗ ſcheinung. Aber bei allen ihr geſpendeten Huldigungen, bei allen Triumphen, die ihrer Eitelkeit wohl ſchmeichel⸗ ten, blieb doch ihr Herz kalt und ihre Seele unberührt, und wenn Fürſt Rajioski ſie der Grauſamkeit, der Ge⸗ fühlloſigkeit anklagte, ſagte ſie mit ſtolzem, verächtlichem Lächeln: gehen Sie hin, Fürſt, ſammeln Sie unſere in der ganzen Welt umher irrenden Brüder, und befreien Sie das zertretene Vaterland, dann will ich nicht bloß Sie lieben, dann will ich Sie anbeten, und den Staub 7* 7* 106 von Ihren Füßen küſſen! Wenn dann der Fürſt ihr zu beweiſen ſtrebte, wie unausführbar und unmöglich jetzt ein ſolches Beginnen, ſo wandte ſie ihm ſtolz den Rücken, und ſagte: unmöglich iſt es nur, weil die Po⸗ len keine Männer und doch auch keine Polinnen ſind!— Bonaventura allein ſchien den Jammer ihres ſtolzen, nach Freiheit dürſtenden Herzens zu verſtehen, und wenn ſie ihm alle ihre Schmerzen um das zertretene Vaterland geklagt, dann pflegte ihn dies zu begeiſtern zu den eral⸗ tirteſten, freifinnigſten Gedichten, die er dann der Für⸗ ſtin als ihr Werk, als durch iſie erweckt, zu Füßen legte. Wir Beide bedürfen einander, ſagte ſie heute zu ihm, als er ihr ein ſo eben verfaßtes Gedicht vorlas; wir beide bedürfen einander, Ottersheim, Sie verſtehen und begreifen meinen Schmerz und dieſes Verſtehen be⸗ feuert Ihre Begeiſterung. Ach, und wie könnte es auch anders ſein, fuhr ſie fort, ihre ſchönen Augen mit einem ſchwärmeriſchen Ausdruck empor ſchlagend, haben wir doch Beide für die Freiheit gelitten, ſind wir doch Beide hinaus getrieben in die Fremde. Fern von der Heimath müſſen wir umher irren und hinter uns laſſen alle die heiligen, geweiheten Stätten unſerer Kindheit und Ju⸗ gend! Auf den Gräbern unſerer Theuerſten ſchreitet der rohe Sieger hohnlachend umher, und an der Stätte, wo unſere Wiege ſtand, ſpottet er unſeres Jammers und un⸗ 1071 ſerer Klagen, Sehen Sie dort, fuhr ſie fort, auf ein Gemälde, das an der Wand hing, deutend, ſehen Sie, das iſt das Schloß meiner Väter. In demſelben wohn⸗ ten ſeit Jahrhunderten die Fürſten Laſchuski, dorthin kehrten ſie zurück aus Kämpfen und Siegen, die ſie für ihr Vaterland gefochten, und an dem heimathlichen Heerde hingen ſie den Lorbeer auf, den ſie gewonnen, und bei deſſen Anblick die erwachſenden Söhne ſich begeiſtert fühl⸗ ten, auch nach dem Heldenruhm zu ſtreben, wie ihre Vä⸗ ter. O wenn der Sieger, der ruhmgekrönte Feldherr, heim kam nach dem Schloß ſeiner Ahnen, da empfing ihn das Schmettern der Trompeten, der Jubel ſeiner Un⸗ terthanen, und auf dem Söller ſtand ſein glückliches Weib, mit Thränen in den Augen, ſtolz auf ihren Gemahl, ſtolz auf den Heldenſohn des geliebten Vaterlandes. Ach aber einmal, ſagte ſie mit leiſer, zitternder Stimme, ein⸗ mal nahete ſich auch der rückkehrende Kämpfer dieſem Schloſſe ſeiner Ahnen, aber nur das dumpfe Geräuſch der Trommeln, nur Schluchzen und Klagegeſchrei ward gehört, und nicht ein glückſeliges Weib begrüßte vom Söller herab den heimkehrenden Sieger, o, ein ſchmerz⸗ beladenes Weib ging an der Seite der Bahre, auf wel⸗ chem der Gemahl, bedeckt mit Wunden, ruhte; er war geſtorben auf dem Schlachtfeld, aber nicht als Sieger, ſondern als Beſiegter. Der letzte Fürſt des Namens Laſchuski war der erſte Beſiegte. Sehen Sie dort ne⸗ 108 ben dem Schloſſe jenes Kreuz, darunter ruht ſeine Leiche; dicht am Wege ließ ich ſie beſtatten, damit jeder vorüber⸗ ziehende Pole ein Gebet für ihn ſpräche und ſich bei der Erinnerung ſeines Todes auch erinnern ließe an die Schmach ſeines Vaterlandes und an die Schlacht, in welcher es unterlag. Damit ſolche Erinnerung ihn auf⸗ ſtachele zur Erbitterung gegen unſere Tyrannen, und zu neuem Kampf. O glichen alle Polen Ihnen, Fürſtin, ſagte Bona⸗ ventura, als ſie jetzt ſchwieg, dann würde Ihr Vaterland bald ein glückliches, freies Land, ein Paradies auf Er⸗ den ſein, eine Zuflucht der Unterdrückten aller andern Länder, eine Heimath der Heimathloſen, ein glorreiches Vorbild uns Allen, die wir zerdrückt ſind und zertreten. Dann würden auch wir kämpfen und ſiegen lernen, wir, die wir jetzt, gleich den Polen, umher irren in der Fremde, und uns verbergen müſſen vor den Au⸗ gen der Späher und Häſcher, wir, deren Schritte ſtets bewacht, deren Worte ſorgſam belauſcht werden, vir, die wir ſelbſt vor unſern Dienern nicht ſicher ſind, daß ſie nicht erkauft ſind, uns zu beobachten! Armer Freund, ſagte die Fürſtin mitleidig, und iſt keine Hoffnung, daß dieſer Bann, der auf Ihnen laſtet, gelöſt werde? Keine! erwiederte er mit dumpfem Ton. Am herr⸗ lichen Comerſee, da liegt mein vereinſamtes Schloß, da 109 liegen meine Güter, und die öſterreichiſche Regierung nennt es ſchon gnädig, daß ſie mich, den gefährlichen Carbonaro, nur verbannt hat aus ihren Staaten, und mir den Genuß und das Einkommen meiner Güter ge⸗ laſſen. Sie nennt es ſchon gnädig, daß ſie mich nur für immer ausgeſtoßen hat aus der Heimath, und be⸗ reut auch ſchon dieſe große Gnade, und möchte gern einen neuen Grund finden, mich zur Verantwortung zu ziehen, mich härter zu ſtrafen und der Mittel meiner Exiſtenz zu berauben. Deshalb umgiebt man mich mit Spähern und Spionen, und belauert jeden meiner Schritte. Mein Gott, rief die Fürſtin ganz erſchreckt, und Sie wagen es, ſo herrliche, freifinnige Gedichte nicht blos zu ſchreiben, ſondern auch zu veröffentlichen? Bonaventura ſagte mit ernſtem, feierlichem Ton: und wollen Sie, daß ich, wie ein elender Feigling, ſchwei⸗ gen ſoll um meines perſönlichen Vortheils, um meiner Sicherheit willen? Man hat mir verſagt, für die Freiheit zu kämpfen, aber man kann mir nicht verbieten, für die⸗ ſelbe zu ſprechen. Man hat die Völker mit ſyſtemati⸗ ſcher Klugheit eingeſchläfert, aber man kann mir nicht verbieten, daß ich laut meine Stimme erhebe und die ſchlummernden Völker aufrufe zum Erwachen und zum Kampf für ihre zertretenen Menſchenrechte. Dies iſt leider Alles, was ich jetzt thun kann, und wenig, wie es 110 iſt, darf ich doch dies Wenige und Geringe nicht unter⸗ laſſen, und müßte ich ſelbſt mit meinem Blute dafür büßen. O Sie ſind ein edler Menſch, rief die Fürſtin mit ſtrahlenden Augen, Sie find ein Mann, ach und es iſt ſo ſelten, daß man unter all' dieſen Selaven einmal einem Manne begegnet! Aber wiſſen Sie, fuhr ſie mit holdem Lächeln fort, daß auch der Umgang mit mir Ihnen gefährlich iſt und Ihnen ſchaden wird bei denen, die ſich ihre Regierung nennen? Man weiß, daß ich zu den ſogenannten Revolutionairen gehöre, daß bei mir der Mittelpunkt und Sammelplatz aller treuen Polen iſt, und man wird es ſchwer an Ihnen rügen, mein Freund zu ſein! Und iſt nicht dies mein herrlichſtes Glück, rief Bo⸗ naventura begeiſtert aus, iſt dies nicht eine Himmels⸗ wonne, Ihr Freund zu ſein, von Ihren holden Lippen dies Wort: mein Freund! zu hören? O Fürſtin, wiſ⸗ ſen Sie es nicht, daß ich tauſend Tode ſterben möchte, um nur einmal, einmal von Ihren Lippen ein herrliches, himmliſcheres Wort zu hören? Ein Wort, das mich zu dem Seligſten der Sterblichen, das mich zu einem Gott erheben würde? Er war, während er ſo ſprach, vor ihr niederge⸗ ſunken, und blickte flehend zu ihr empor. Sie legte — 111 lächelnd ihre Hand über ſeine glühenden Augen, und fragte: und welches Wort iſt dies, mein Dichter? Er zog dieſe Hand an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit ſeinen Küſſen. Fürſtin, wiſſen Sie nicht, wel⸗ ches Wort mein glühendes, ſehnendes Herz begehrt von Ihren Lippen zu hören? Nur, wenn Sie es errathen, wenn es aus Ihrem Munde mir ertönt, nur dann kann es mich beſeligen; es iſt aber nur ein todter, leerer Schall, wenn ich es Ihnen erſt ſagen muß! Mein Freund, ſagte die Fürſtin aufſtehend, die Zeit reift Vieles, laſſen wir ſie auch die Blüthe zeitigen und reifen, die jetzt noch als ſüßes Geheimniß in un⸗ ſerm Buſen ſchlummert. Es iſt ſüß, dem Werdenden zu lauſchen, und dem Entfalten der zarten, geheimnißvol⸗ len Knospe zuzuſchauen mit ſchweigender Begeiſterung. Wenn der werdende Schmetterling ſeine Flügel entrollt und eine rauhe Hand ihn berührt, bleibt er ein Krüp⸗ pel und hat nicht mehr die Kraft, ſeine Flügel zu ent⸗ falten; auch die Liebe darf nicht in ihrem heiligen Wachsthum geſtört werden, laſſen wir ihr Zeit, in ge⸗ heimnißvoller Stille ihre Götterflügel zu entfalten. Bo⸗ naventura, fuhr ſie fort, die Arme begeiſtert gen Him⸗ mel erhebend, Bonaventura, wenn einſt dort am Him⸗ mel die Sonne der Freiheit leuchtet, wenn fie leuchtet über Ihrem einſamen Schloß am Comerſee, und über meinem Schloſſe im geliebten Vaterlande, in dem jetzt 11² meine Feinde, die Feinde Polens, hauſen, Bonaventura, wenn dieſer Tag gekommen, und Alles licht iſt und hell, und keine Knechtſchaft und keine Sclaverei mehr, dann— Dann? fragte Bonaventura, noch immer vor ihr knieend. Dann, ſagte ſie mit einem ſchelmiſchen Lächeln, dann will ich Sie nicht mehr meinen Freund nennen! Aber jetzt ſtehen Sie auf; ſchnell, wir wollen hinaus in's Freie! Die Luft iſt hier ſo eng und beklommen, als hätten meine Freunde, die Ruſſen, ſie her geſchickt⸗ Ich muß Luft haben! Kommen Sie, wir wollen rei⸗ ten! Schellen Sie, und befehlen Sie meinen Dienern, die Pferde zu ſatteln! Ich gehe indeß mich anzukleiden! X. Mit bitterm Schmerzgefühl ſah Carl, wie allge⸗ mach Sophieens Wangen erbleichten, der Glanz ihrer Augen erloſch, und ihre zarte, ſchöne Geſtalt zuſammen fiel. Ach, ſeufzte er oft leiſe, ich, der ich mein Herzblut für ſie hingeben möchte, kann nicht einmal ihre Thraͤ⸗ nen trocknen und ihre Leiden mildern. O mein Gott, könnte ich doch auf Bonaventura alle meine Liebe über⸗ tragen, könnte er ſie doch lieben, wie ich ſie liebe, dann würde ſie doch mindeſtens glücklich ſein! Aber nun gehört ihr mein Herz ganz umſonſt, und ohne Nutzen für ſie, ach und wie traurig iſt das! Iſt es mir doch oft, als müßte ich in lautes Weinen ausbrechen, wenn ich ſie ſehe, ſo ſtill und ergeben, niemals klagend, nie⸗ mals ſich beſchwerend, und dann muß ich alle meine Thränen und meinen Jammer verſchlucken, denn ſie würde mich von ſich ſchicken, wenn ſie wüßte, daß ich um ſie Eva. II. Theil. 8 114 leide, und ſie iſt viel zu ſtolz, um das Mitleid Anderer zu wollen. So duldete Carl heldenmüthig und ſchweigend ne⸗ ben der duldenden Sophie, deren bleiche Lippen nur dann ein leiſes Lächeln umzog, wenn Carl, ihr Freund und Vertrauter, zu ihr kam. Was ſollte wohl aus mir werden, ſagte ſie ihm einmal, wenn ich Sie verlieren müßte, mein Freund, mein Bruder! Und als ſie ihm, ſo ſprechend, ihre ſchmale, abgezehrte Hand hinreichte, und die ſeine liebe⸗ voll drückte, fühlte Carl ſich entſchädigt für Alles, was er gelitten, und geſtärkt zu neuen Entſagungen und zu neuem Schweigen. So vergingen die Tage, und Sophieens Geſund⸗ heit nahm ſichtlich ab; auf ihren Wangen, die bis jetzt ſo bleich geweſen, zeigte ſich ſchon jener rothe, dunkle Fleck, das verrätheriſche Zeichen lang verſchwiegener Lei⸗ den und erduldeter Schmerzen, und ihr Athem ging oft laut und ſchwer, wie lautes Aechzen aus ihrer Bruſt hervor. Es geht nicht länger, daß Sie arbeiten, Sophie, ſagte Carl mit Thränen in den Augen, als er ſie eines Tages emſig bei einer mühſamen Arbeit beſchäftigt fand⸗ Sie müſſen ſich Erholung gönnen, Sie müͤſſen ſich zer⸗ ſtreuen. 115 Zerſtreuen, ſagte ſie leiſe, für Unglückliche giebt es keine Zerſtreuung. Aber Sie tödten ſich, wenn Sie fortfahren, ſo ewig zu arbeiten, nie zu ruhen, rief Carl verzweiflungs⸗ voll. O ſterben, ſagte ſie gedankenvoll, das wäre ſchön! Dann gäbe es keine Leiden mehr. Sterben! wie ſüß klingt dieſes Wort! Mein Gott, ſie will alſo ſterben, murmelte Carl mit ſtrömenden Thränen. Es giebt alſo nichts mehr, was Werth für ſie hat, nichts als den Tod!— Und das Haupt auf ſeine Bruſt ſenkend, ſchluchzte er laut. So ſaßen ſie neben einander, beide leidend, beide weinend, beide ohne Troſt. Aber Sophie trocknete bald ihre Thränen, ſie war ſchon ſo leidensſtark, daß ſie die äußern Zeichen des Kummers zu unterdrücken und zu ſchweigen vermochte, um dem Freunde nicht Schmer⸗ zen zu bereiten. Weinen Sie nicht, Carl, ſagte ſie mit einem mat⸗ ten Lächeln, ſehen Sie, ich bin ſchon wieder ruhig, und wenn ich vorhin vom Sterben ſprach, ſo war es ja nur, weil Sie davon angefangen hatten; ſonſt, gewiß, ſonſt denke ich gar nicht an den Tod; ich habe ja gar nicht die Zeit dazu, denn das Leben nimmt alle meine Ge⸗ danken gefangen. Sie weinen noch immer! Ach wie 8* 116 unglücklich und beklagenswerth muß ich ſein, wenn ich ſelbſt meine Freunde weinen mache! 1 Sofort trocknete Carl ſeine Thränen und verſuchte heiter zu blicken. Es könnte noch Alles gut werden und ſchön, ſagte er leiſe, wenn Sie ſich nur ſchonen wollten, Sophie, und nicht arbeiten bis tief in die Nacht hinein! Bonaventura bedarf immer des Geldes, ſagte ſie mit einem wehmüthigen Zucken um die ſchmalen Lippen, und er iſt troſtlos und in Verzweiflung, wenn ich nichts habe, was ich ihm geben kann. Carl wagte nicht, etwas zu erwidern, denn Sophie litt es niemals, daß Bonaventura angegriffen ward. Sie ſchwiegen lange, dann ſagte Carl mit bittendem Ton: wenn Sie nur wenigſtens zuweilen hinaus gehen wollten an die friſche Luft, um ſich zu ſtärken und zu erquicken. Ach, ſeufzte ſie leiſe, das würde mir vielleicht wohl thun! Ich ſehne mich oft ſo ſehr hinaus aus dieſer kleinen, engen Stube. Es ſind nun drei Wochen, ſeit Bonaventura zum letzten Male Abends mit mir ſpa⸗ zieren ging. Und ſo lange ſind Sie nicht aus dieſem Zimmer gekommen? Sophie nickte ſtumm, und verſuchte zu lä⸗ cheln, aber ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Sophie, ſagte Carl dringend, Sophie, wenn es wirklich wahr iſt, daß Sie Theilnahme für mich haben, daß Sie mir eine Freude gewähren möchten, ſo zeigen Sie es jetzt! Gewähren Sie mir dieſe einzige Bitte, laſſen Sie mich mit Ihnen hinausfahren in's Freie. Die Luft iſt heute ſchön und erquicklich, die Sonne glit⸗ zert ſo köſtlich auf dem weißen Schnee, gönnen Sie mir doch die Freude, Sophie, Sie hinaus zu führen an die Luft. Ich möchte es gern, ſeufzte ſie leiſe, aber Bona⸗ ventura würde ſchelten. Ach denken Sie doch einmal auch an ſich, bat Carl faſt ungeduldig, haben Sie doch endlich einmal einen Willen, theuerſte Sophie. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich Sie ſo bleich und leidend ſehe. O Gott, was ſagt man denn nur, um Sie zu rühren? fragte er ganz verzweiflungsvoll. Was giebt es denn fim Worte, die Eindruck auf Sie machen? Er ſah ſo leidend und unglücklich aus, daß So⸗ phie das tiefſte Mitleiden fühlte. Wohlan, mein Freund, ſagte ſie, ihm die Hand reichend, wir wollen hinaus in's Freie! Urtheilen Sie, wie gut ich Ihnen bin, wenn ich es ſogar wage, gegen Bonaventura's Willen zu handeln. Carl war außer ſich vor Freude und eilte fort, ſo⸗ gleich eine Droſchke zu holen, während Sophie ihren kümmerlichen, unſcheinbaren Anzug ordnete. Sie fuhren hinaus in den Thiergarten, und Carl ſah mit innerm 118 Entzücken, wie die reine, friſche Winterluft Sophieens Wangen mit einem lebendigeren Roth überhauchte. Plötz⸗ lich aber fuhr ſie mit einem leiſen Schrei in die Ecke des Wagens zurück, und Todtenbläſſe bedeckte ihr Ge⸗ ſicht.— Ihnen entgegen, von der andern Seite der Chauſſee, kam eine glänzende Equipage daher; in derſel⸗ ben ſaßen, vornehm zurück gelehnt, zwei Herren. Sophie erkannte ſie wohl, es war Herr Blitz, ihr Bruder, und der Graf Geſpech, um deſſentwillen ſie mit Bonaventura entflohen war. Laſſen Sie uns nach Hauſe fahren, ſagte ſie zitternd, ich glaubte zu ſterben vor Scham, als mein Bruder mich mit ſeinem höhniſchen Lächeln anblickte. O Gott, wie konnte ich vergeſſen, daß ich, mit Schande und Schmach beladen, die Blicke der Men⸗ ſchen fliehen muß, und mich verbergen vor ihrem An⸗ ſchauen! O wie Recht hatte Bonaventura, mir das Aus⸗ gehen zu unterſagen! Er wußte wohl, welche Schmer⸗ zen mir bevorſtanden! Nach Hauſe! Nach Hauſe! Es iſt alſo unmöglich, Ihnen Linderung zu ver⸗ ſchaffen! ſagte Carl verzweiflungsvoll, und ſie fuhren wieder zurück nach Sophieens Wohnung. Mein Gott, ſagte indeß Graf Geſpech zu Herrn Blitz, als ſie an Sophieen vorüber fuhren, wenn es nicht ganz unglaub⸗ lich und unmöglich wäre, beſter Freund, ſo meinte ich in der Droſchke eben Ihre wunderſchöne Schweſter So⸗ phie erkannt zu haben. 119 Ja, es war wirklich eine erſtaunenswerthe Aehn⸗ lichkeit, ſagte Herr Blitz mit anſcheinender Ruhe, wäh⸗ rend in ihm ein furchtbarer Zorn tobte, da er Sophieen ſogleich erkannt hatte. Aber Sie begreifen auch, liebſter Graf, daß es nur eine Aehnlichkeit ſein kann, da meine Schweſter mit einem Lord nach England entflohen iſt, und nicht mit einem Briefträger nach Charlottenburg. Es war ja wohl ein Briefträger, der neben ihr ſaß? Oder glauben Sie, daß meine Schyeſter fähig geweſen, mit einem Briefträger zu entfliehen? Meine Schwe⸗ ſter, eine Blitz, mit einem gemeinen Menſchen! O, Sie wiſſen, daß das unmöglich iſt, ſo kann mich meine Schwe⸗ ſter nicht täuſchen! Und wenn nun doch, Beſter, ſagte der Graf mit einem pfiffigen Lächeln, wenn nun doch! Wenn Ihre kluge Schweſter, die Ihre ſehr begründete Vorliebe für Namen und Titel kannte, um Ihren Zorn zu entwaff⸗ nen“, Ihnen als ihren Entführer lieber einen Lord, als einen Briefträger, oder ſonſt dergleichen genannt hätte! Wenn Sie geglaubt hätte, der Lordstitel würde Sie ver⸗ ſöhnen, und Sie würden in großmüthiger, brüderlicher Liebe ihr reiche, hochzeitliche Geſchenke nachſenden? Ich muß Ihnen geſtehen, man ſpricht allerlei, und der eng⸗ liſche Geſandte, den ich geſtern nach dem Lord Kilkiry, Ihrem ſchwägerlichen Entführer, fragte, behauptete, in ganz Britannien gäbe es keinen Lord dieſes Namens! 12⁰0 Es waͤre fürchterlich, wenn man mich hintergangen häͤtte, rief Herr Blitz mit fingirtem Zorn. Allerdings, fürchterlich, betheuerte der Graf lachend, und was würde die Gräfin von Stein dazu ſagen, Ihre feierliche Verlobte? Ja, ja, ſchütteln Sie nur den Kopf! Ich habe doch Recht! Die ganze Stadt ſpricht davon! Es iſt in der That läſtig, ſagte Herr Blitz achſel⸗ zuckend, fortgeſetzt der Gegenſtand der allgemeinen Auf⸗ merkſamkeit zu ſein und ſtets von ſich ſprechen zu ma⸗ chen, man handle ſo oder ſo! Was hat die Stadt ſich um meine Herzensangelegenheiten zu kümmern! Wer groß iſt, ſagte Graf Geſpech lachend, muß auch die Folgen ſeiner Größe tragen. Der Kleine, Un⸗ bedeutende verſchwindet in der Menge, der Große, Be⸗ deutende ragt über die Menge hinaus, und aller Augen ſchauen nach ihm. Sie ſind ſehr gütig, ſagte Herr Blitz, verſchämt ſich verbeugend, und der Graf biß die Lippen zuſammen, um nicht zu lachen. Als Herr Blitz den Grafen Geſpech vor ſeiner Woh⸗ nung abgeſetzt hatte und nun allein im Wagen ſaß, ließ er ſeinem Zorn freien Lauf, und zwiſchen den zu⸗ ſammen gepreßten Zähnen hervor murmelte er wilde Flüche und Verwünſchungen auf Sophie und Bonaven⸗ tura. Doch der Wagen hielt, und er war vor der Wohnung der Gräfin Sem wohin eer zu fahren be⸗ 121 fohlen, angelangt. Sofort glättete ſich ſein Geſicht, und ſeine Lippen, von denen ſo eben noch Flüche ertönt, umſpielte jetzt ein ſüßliches Lächeln, als er die Stiegen hinan ſchritt und die Gemächer der Gräfin betrat. Mein Gott, theuerſter Freund, rief ihm die Gräfin entgegen, wie echauffirt Sie ausſehen, und wie Ihre Wangen glühen! Es iſt Ihnen doch nichts widerfahren? Herr Blitz drückte ſtatt aller andern Antwort ihre Hand an ſeine Lippen. Dann ſagte er: Eudoria, ich kann dies Leben nicht mehr ertragen, und mein Glück zerſprengt mir die Bruſt, wenn ich es nicht der ganzen Welt zeigen darf. Willigen Sie ein, unſere Verlobung zu publiciren, und ich bezahle morgen früh die tauſend Thaler, um die Sie mich gebeten. Mein Gott, warum wollen wir denn warten, bis aus Wien ein Adelsdiplom für mich eingetroffen, wozu bedarf ein reicher Mann, wie ich, der Titel und Würden! Reichthum iſt der beſte Titel. Publiciren Sie immerhin unſere Verlobung, ſagte die Gräfin, die heute viel zu leiden gehabt von den groben Mahnungen ihrer Gläubiger, ich habe nichts dagegen, wenn die ganze Weit unſer Glück kennt! Aber lieber wäre es mir, wenn ich die tauſend Thaler heute ſchon erhalten könnte. Unmöglich, theure Eudoria, morgen Vormittag. werden Karten geſchickt, und morgen Nachmittag empfan⸗ 8*⁴* 1²² gen Sie das Geld! Es ſoll mein Brautgeſchenk ſin Sie ſein, theuere Verlobte!— Und jetzt, ſagte Herr Blitz vergnügt zu ſich ſelber, als er von der Gräfin heimfuhr, jetzt mag Herr Bona⸗ ventura, oder Fritz, immerhin thun, was er will. Ich bedarf keines Lords zum Schwager, denn ich habe eine Gräfin zur Braut, und überdies ſpare ich noch ſechshun⸗ dert Thaler bei dieſem Geſchäft, denn da Sophie mir im Thiergarten begegnete, iſt unſer Contract gebrochen, und er erhält von mir nicht einen Groſchen.— Zu Hauſe angelangt, ſetzte er ſich ſofort hin, an Bonaventura zu ſchreiben⸗ XI. Ganz erhitzt von dem Spazierritt mit der Furſtin kehrte Bonaventura heim in Sophieens ärmliche Woh⸗ nung. und warf ſich, ohne ſie zu begrüßen, unmuthig auf einen Seſſel. Er war in ſehr aufgeregter Stimmung, und es hätte nur eines kleinen Anſtoßes bedurft, um dieſe zum Ausbruch zu bringen. Aber Sophie kannte ihn ſchon genugſam, um in ſeinem Antlitz dieſe innere Verſtimmung zu leſen, und ſie ſaß daher ſchweigend und ſelbſt vermeidend Bonaventura anzuſehen. An Bona⸗ ventura's Aufgeregtheit aber trug Fürſtin Laſchuska die Schuld, oder vielmehr ſeine Armuth. Morgen war der Fürſtin Namenstag, ſie hatte es ihm ſelber geſagt, und er wußte, daß ſie von ihm irgend eine zarte Aufmerkſam⸗ keit erwarte, er wußte auch, daß Fürſt Rajienski nicht verſäumen würde dieſen Tag zu verherrlichen, und ſo fühlte er ſich doppelt angeregt ſich als ſinniger und frei⸗ gebiger Verehrer zu zeigen. 1²⁴ Natürlich ein Gedicht muß gemacht werden, dachte er, und das iſt auch eine Kleinigkeit, die Frage iſt aber nur, wie und worin ich es ihr überreichen ſoll. Es muß ein eben ſo elegantes, als eeinfaches Geſchenk ſein, nichts Koſtbares, aber nobel, eben ſo geſchmackvoll als finnig. Aber mein Gott, wovon ſoll ich es kaufen! Sophie, fragte er laut, haſt Du denn gar kein Geld mehr? Nein, ſagte ſie ſchüchtern, ich gab Dir geſtern, was ich in dieſen Tagen eingenommen! Pah, dieſe elenden Dreier! Dafür ſich die ganze Woche zu zerarbeiten! Es iſt faſt komiſch! Und haſt Du kein Geld mehr? fragte ſie theilneh⸗ mend.. Was kümmert es Dich, fragte er auffahrend, oder willſt Du etwa darüber Rechenſchaft verlangen, was ich treibe und thue? * O nein, gewiß nicht, Bonaventura, es thut mir nur leid, Dich etwas entbehren zu ſehen! Etwas, rief er, ich entbehre nicht Etwas, ich ent⸗ behre Alles, Freiheit, Glück, Freude, Reichthum, Alles! O mein Gott, wie lange wird dies noch dauern. Wie lange ſoll ich noch ein Selave ſein dieſer Verhältniſſe! Ja, ſeufzte Sophie, dieſe Verhältniſſe ſind entſetz⸗ lich! Wie lange werden wir uns noch verbergen müſ⸗ 125 ſen vor der Welt. Faſt ſchon ſind es drei Monate, daß wir hier leben!— Drei Monate, rief Bonaventura mit freudigem Ton, ſchon drei Monate, o dann ſei Gott gelobt! Sie ſah ihn erſtaunt, und fragend an, denn ſie ver⸗ ſtand ihn nicht. Nur noch vier Wochen, und Alles iſt gut, fuhr Bonaventura, wie mit ſich ſelber ſprechend, fort. Vier Wochen, und alle Noth hat ein Ende, und frei wie der Vogel will ich— Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn, Sophie ging, um zu öffnen. Ein Diener übergab ihr einen Brief, und entfernte ſich dann ſchweigend. Sophie ſagte bleich und zitternd: es war ein Diener meines Bruders, ich erkannte die Livrey. Mein Gott, was kann der uns zu ſchreiben haben! Gieb her den Brief, rief Bonayentura ganz freu⸗ dig, und entriß Sophieen den Brief, vielleicht daß Blitz großmüthig iſt und— Er erbrach das Schreiben mit eiligen Händen und las; plötzlich aber verzerrte die fürchterlichſte Wuth ſeine Züge, er ſtampfte mit den Füßen und wilde Flüche tön⸗ ten von ſeinen Lippen. Dann ſtürzte er mit funkelnden Augen auf Sophieen los, und ihren Arm packend ſchrie er: iſt das wahr? Antworte mir, elendes Geſchöpf, iſt 126 f das wahr? Du biſt im Thiergarten geweſen mit Carl? Antworte mir, ſage ich! Ja, es iſt wahr, aber Bonaventura— Es iſt wahr, ſchrie er überlaut, ſie iſt frech genug, es nicht zu leugnen! Bonaventura, Du zerquetſcheſt mir den Arm! Das will ich auch, zerquetſchen will ich Dich, rief er, die Zähne feſt auf einander preſſend, grimmige Schmer⸗ zen will ich Dir bereiten, Du haſt es verdient, elendes Geſchöpf. Und er preßte ihren Arm, daß ſie laut aufſchrie vor Schmerz, und zu ſeinen Füßen zuſammen ſank. Bo⸗ naventura brach in lautes, höhniſches Lachen aus, und rief dann wild: ſtehe auf, ich befehle es Dir! Mein Gott, mein Gott, wimmerte ſie leiſe, was habe ich denn gethan? Was Du gethan haſt? Ich will es Dir ſagen, ſchrie er wild. Du biſt entlaufen, aus dem Hauſe Dei⸗ nes Bruders, wie eine gemeine Dirne, und haſt in ſü⸗ ßer Gemeinſchaft mit mir gelebt, bis ich Deiner über⸗ drüßig geworden; dann haſt Du Dir einen zweiten Lieb⸗ haber angeſchafft, dieſen ganz gemeinen Briefträger Carl, und mit dieſem haſt Du, wenn ich den Rücken wandte, Dich umher getrieben an Vergnügungsorten. Bonaventura, Du läſterſt mich! ſagte ſie, ſtolz ſich aufrichtend, dies ſind elende Verläumdungen! 6 127 Nein, das ſind ſie nicht, rief er mit dem Fuße ſtampfend. Oder meinſt Du etwa, ich wäre ſo dumm geweſen, dies nicht zu bemerken? O nein, ich wußte es wohl, aber ich ſchwieg, weil es in meinen Plan paßte. Ich hatte auch meinen Plan, und während Du meinteſt, mit dieſem Herrn Carl mich anzuführen, habe ich mei⸗ nerſeits Dich auch angeführt. Chacun son tour! Was ſagſt Du da, Bonaventura? Daß ich nicht Dein Narr war, ſchrie er, als ich mit Dir floh! Daß es mir ganz gleichgültig iſt, ob Du mit einem Briefträger, oder mit einem Eckenſteher eine Liebſchaft haſt, vorausgeſetzt, daß Du mir nicht hindernd in den Weg trittſt. O, dies war Alles ſo gut eingeleitet, ſo gut geordnet, und nun muß dies Ge⸗ ſchöpf mir Alles zerſtören. Bonaventura, ſagte ſie todesbleich, aber mit edler Würde, erkläre mir, was ich gethan, Deinen Zorn zu erregen; was für Plane hatteſt Du mit mir, die nun zerſtört ſind? Sage es mir, ich will es wiſſen.. Du ſollſt es auch wiſſen, rief er ingrimmig. Du ſollſt es wiſſen, daß ich nicht ein ſolcher Narr war, an nichts als an Liebe zu denken, als ich mit Dir floh, o nein, ich dachte dabei ganz gut an den Reichthum Dei⸗ nes Bruders. O Himmel, er liebte mich alſo nicht, jam mert ſie leiſe. Das ſchmerzt Dich, fragte er höhniſch. O, das freut mich, denn Du haſt es verdient zu leiden. Höre mich alſo weiter! Du weißt, daß ich nach dem Mor⸗ gen unſerer Flucht zu Deinem Bruder ging; aber Du weißt nicht, was ich mit ihm verabredete. O, Dein Bruder iſt ein kluger Mann, und er bot mir fünfhun⸗ dert Thaler, wenn ich unſ're Flucht als tiefſtes Geheim⸗ niß bewahren wollte, vier Monate lang. Hör' auf, hör' auf, flehete Sophie ſchaudernd, ſage mir nichts weiter, ich will nichts weiter wiſſen! Du ſollſt aber, ſagte er ingrimmig, Du ſollſt Alles hören; fünfhundert Thaler ſchienen mir zu wenig, und Dein Bruder verſprach mir noch hundert Thaler mehr, wenn ich Niemanden unſer Verhältniß verriethe, ſondern alle Welt beſtaͤrkte in dem Gerüchte, das er, Dein vor⸗ nehmer Herr Bruder, ausgeſtreut, und das glauben machte, Du ſeieſt mit einem reichen Lord nach England geflohen. Wenn ich dies Geheimniß vier Monate bewahrte, ſo waren ſechshundert Thaler mein, und Dein Bruder nahm Dich wieder zu ſich als junge, ſchnell verwitwete Lady. Er hatte einen Contract hierüber aufgeſetzt, den ſollte ich unterſchreiben. Du unterſchriebſt ihn nicht, ſchrie Sophie angſtvoll und bebend, ſage, daß Du ihn nicht unterſchriebſt! Sage es aus Mitleid wenigſtens! Ich unterſchrieb ihn, ſagte er mit rauhem Lachen. 129 Deshalb, mein einfältiges girrendes Täubchen, wollte ich nicht haben, daß Monſieur Carl hierher käme, des⸗ halb ſollteſt Du nicht ohne mich ausgehen, deshalb hü⸗ tete ich Dich wie meinen Augapfel, und nicht, wie Du eitel genug warſt zu glauben, o nein, nicht aus Eifer⸗ ſucht! Und jetzt haſt Du mich um dieſe ſechshundert Thaler gebracht, jetzt biſt Du Schuld, daß ich dies wohl verdiente Geld verliere, denn Dein Bruder hat Dich im Thiergarten mit Carl fahren ſehen, und ſchreibt mir, daß er nun mir keinen Heller zahlen wird. Es iſt unmöglich, es kann nicht ſein, rief Sophie mit Jammerton. Ja, es iſt, es kann ſein! ſchrie er ingrimmig. Da, lies, da iſt der zerriſſene Contract, da lies, daß ich ihn unterſchrieben habe! Er warf ihr das Papier in's Geſicht und griff dann nach ſeinem Hut. Da, delectire Dich recht bei der Lectüre, ſagte er hohnlachend, ich will Dich nicht ſtören. Er ſtürmte zum Zimmer hinaus, und Sophie war jetzt allein!— Sie entfaltete mit convulſtviſch zitternden Händen das verhängnißvolle Blatt und las. Verkauft, ich bin verkauft, ſchrie ſie dann mit lau⸗ tem Jammerton, und ſank kraftlos, ohnmächtig zuſammen. So lag ſie lange, beſinnungslos, ohne Leben, und auf kurze Momente wenigſtens nahm eine milde Ohnmacht ihr das Bewußtſein ihrer Leiden. Aber ach, das Er⸗ Eva. II. Theil. 9 13⁰ wachen, das Bewußtſein, es kehrte mit allen ſeinen Qualen und Martern Sophieen wieder. Sie blickte im Zimmer umher 1 und als ihre Augen auf das Pa⸗ pier fielen, das am Boden neben ihr lag, zuckte ſie zuſammen. Verkauft, murmelte ſie, wie mechaniſch, er hat mich verkauft!— Dann erhob ſie ſich langſam, und wie ſie ſo da ſtand todesbleich und zitternd, das Haupt auf ihre Bruſt geſenkt, glich ſie einer vom Sturm⸗ wind geſchüttelten und zerwühlten Lilie; und war nicht die Qual gleich einem Sturmwind über ſie hingefahren und hatte alle Blüthen ihres Glückes entblättert? Fort, fort von hier, ſchrie ſie dann mit verſtörten, wilden Blicken, ich kann hier nicht länger bleiben, nicht eine Stunde länger. Er könnte wieder kommen, o ich kann ihn nicht noch einmal ſehen! Ich kann nicht! Mir graut vor ihm! O, er würde mich mit Gewalt zu meinem Bruder ſchleppen, für ſechshundert Thaler ſchleppt er mich in die Hölle ſelbſt, warum nicht zu mei⸗ nem Bruder! O ich muß fort, fort von hier! Sie war ganz außer ſich, ganz ſinnverwirrt, und ohne zu wiſſen, was ſie that, ganz mechaniſch, hüllte ſte ſich in ihren Mantel, und lief, wie von Todesangſt getrieben, hinunter auf die Straße. Es war ihr, als hörte ſie ſich rufen, als ſchrieen tauſend und ren Namen, als verfolge man ſie, iter, immer weiter die Straße hinauf⸗ Bonavente tauſend Sti und ſie rannte 131 Sie kam in belebtere Gegenden, und lief weiter, und immer weiter, und achtete es nicht, daß die Menſchen verwundert ſtehen blieben, und ihr nachblickten, und hörte nicht, wie die Männer laut unter einander ſcherzten über ihre raſende Eile, und ſich fragten: geht ſie zu einem Rendez⸗vous? Läuft ſie ihrem Liebſten nach?— Sie hörte nichts, ſie ſah nichts, ſie hatte nur die namenlo⸗ ſeſte, furchtbarſte Angſt, ſie dachte nur immer, ich muß fort, fort, weit weg, wo er mich nicht finden kann. So lief ſie, athemlos, keuchend die Linden hinunter, ihr Kopf ſchwindelte, es dunkelte vor ihren Augen, und in ihrer Bruſt ſtach es wie Meſſerſtiche. O mein Gott, mein Gott, ächzte ſie, ich kann nicht weiter! Er wird mich ſinden! Er wird mich verkaufen!— Da faßte plötzlich eine kräftige Hand ihren Arm, und eine liebe Stimme fragte: Sophie, wohin wollen Sie ſo eilig! Carl, ſchrie ſie, o nun bin ich gerettet! Und ſich an ihn anklammernd, ihn mit irren Blicken anſehend, ſagte fie angſtvoll: Carl, bringen Sie mich in Sicher⸗ heit. Er hat mich verkauft an meinen Bruder! Brin⸗ gen Sie mich hin, wo er mich nicht finden kann! Sophie, Sie ſind krank, o mein Gott, wie bleich Sie ſind. Geben Sie mir Ihren Arm, daß ich Sie zu einer Droſchke führe, und mit Ihne nung fahre! 13² Niin, nein, ſchrie ſie zitternd, nicht dahin, nie wie⸗ der dahin. Nun wohl, ſo bringe ich Sie in meine Wohnung! Eine Droſchke fuhr vorüber, Carl rief ſie an, und hob Sophie hinein. O mein Gott, ich danke Dir, mur⸗ melte ſie leiſe, nun bin ich gerettet!— Ihr Haupt ſank auf Carl's Schulter, ihr Körper erſtarrte, und leb⸗ los lag ſie in Carl's Armen.— Bonaventura war indeß in wilder Aufregung ſei⸗ ner zweiten Wohnung, die er ſonſt ſcherzweiſe ſein Ab⸗ ſteigequartier nannte, zugeeilt, und fand vor der Thür derſelben Herrn Weinherr, der ihn erwartete. Ah, gut, daß Sie kommen, rief dieſer ihm entge⸗ gen, ich habe hier ſchon faſt eine Viertelſtunde auf Sie gewartet! Es iſt heute eine Extra⸗Verſammlung un⸗ ſerer Freitagsgeſellſchaft, und zu derſelben wollte ich Sie einladen und abholen. O herrlich, rief Bonaventura, welch eine Freude iſt dies für mich, und welche Ehre, daß Sie ſelbſt kom⸗ men! Laſſen Sie uns denn ſogleich gehen, ich bin be⸗ reit!— Er nahm Weinherr's Arm, und ſie gingen wieder hinunter auf die Straße. Wiſea Sie wohl, ſagte Weinherr, ihn mit ſchalk⸗ trachtend, wiſſen Sie wohl, daß ich habe, eben irgend ein Abentheuer be⸗ haben; Ihre Augen leuchten und flammen, 133 wie Blitze, Ihre Wangen glühen, und Ihr ganzes We⸗ ſen ſcheint mir in Aufruhr! Viellecht irgend ein ſchö⸗ nes Rendez⸗vous, he? Die Liebe iſt den Dichtern günſtig, erwiederte Bo⸗ naventura geheimnißvoll, und die Muſe iſt eine Freun⸗ din des geflügelten Gottes.— Se haben Recht, theuerſter Freund, und iſt doch auch die Liebe für uns, die wir unter den Kämpfen und Stürmen dieſer Zeit einher wandeln, der herrlichſte und einzigſte Troſt! O, was ſollten wir beginnen, wie uns begeiſtern, wenn uns auch die Liebe noch genommen würde, rief Bonaventura mit ſchwärmeriſchem Ausdruck. Die Liebe, welche das ſchützende Panier iſt, unter das wir flüchten, uns vor Verzweiflung und Muthloſigkeit zu bewahren. Ach, ich ſehe, ſagte Weinherr lachend, Sie ſeufzen und ſchmachten nicht unerwiedert. Denn die unglücklichen Liebenden pflegen die Liebe gern eine grauſame Tyran⸗ nin zu nennen. Aber ich zweifelte auch gar nicht an Ihrem Glück in der Liebe. Uns, die wir heldenmäßig kämpfen, die wir uns geharniſcht haben, und kühn für das Edle und Rechte in den Kampf ziehen, uns wider⸗ ſtehen die Weiber nicht, denn die Weiber lieben die Kühn⸗ heit und den unverzagten Muth, und ſie beten uns an um unſerer Tapferkeit willen. O, dabei fällt mir ein, haben Sie meinen geſtrigen Artikel gegen die Regierung 13⁴4 geleſen? Nicht wahr, er iſt ſchön, ſchlagend und prä⸗ gnant. O wie ſie zittern mögen, dieſe feilen Tyrannen, zittern vor Morgen, denn ich habe eine Fortſetzung die⸗ ſes Artikels verheißen, und ich werde ihn ſchreiben, ja, ich werde ihn ſchreiben, und wenn die ganze Welt darü⸗ ber zu Grunde ginge. Aber, theuerſter Freund, wird man, wenn Sie ſo kühn fortfahren, nicht am Ende die Zeitung verbieten? Das wagen Sie nicht, nein, glauben Sie mir, das wagen ſie nimmermehr! Sie kennen ganz genau die ungeheure Bedeutung, den unermeßlichen Anhang, den die Zeitung bereits im Publikum hat, und zu einem ſolchen Gewaltſtreich fehlt es ihnen gänzlich an Muth. Denn ſie haben nicht den Muth, dieſe Herren von der Regierung, uns frei gegenüber zu treten, und einen of⸗ fenen Kampf mit uns zu wagen, und deshalb, ja, des⸗ halb, weil ſie nicht wagen, offen gegen uns zu kämpfen, können wir doppelt kühn und muthvoll gegen ſie ſtrei⸗ ten und kämpfen. O Gott, ſagen Sie mir nur, theuer⸗ ſter Freund, was ſollte aus Deutſchland werden, wenn es uns nicht hätte, wie ſollte die Sache der Freiheit ge⸗ deihen, ohne uns? Es iſt wahr, ſagte Bonaventura mit einem leiſen Anflug von Beſcheidenheit, wir ſind für Deutſchland nothwendig, aber verkennen wollen wir auch nicht, daß es in Berlin noch manche Männer außer uns ſind, die — 135 nach dem Rechten und nach der geſetzlichen Freiheit ſtre⸗ ben! Da iſt zum Beiſpiel Wilibald Alexis, da iſt— Pah, unterbrach ihn Weinherr mit verächtlichem Ton, pah, nennen Sie mir dieſe nicht! Was haben dieſe denn etwa gethan! Gehören ſie etwa zu uns, zur Hegel'ſchen Schule, als der einzig wahren und freien? Haben ſie etwa politiſche Gedichte geſchrieben, ja, ich frage Sie, haben ſie auch nur ein einziges Mal in un⸗ ſere Zeitung Artikel geſchrieben? Sie müſſen mir dies Alles verneinen, und daraus folgt denn ganz klar, daß dieſe Männer gar nicht genannt zu werden verdienen. Wer nicht zu uns gehört, der kann nicht liberal ſein, und den können und dürfen wir nicht anerkennen! Und Sie ſelber brechen dieſen Männern den Stab, Sie ſelber ſagen, daß ſie nur eine geſetzliche Freiheit begehren. Sehen Sie, das iſt eben das Verkehrte und Thörichte! Die Freiheit darf nichts gemein haben mit dem Geſetz, die Freiheit muß geſetzlos ſein, eine geſetzliche Freiheit iſt ſchon wieder eine bedingte, beſchränkte, eine in ſich gefeſſelte, die Freiheit muß aber eine abſolute, alſo über das Geſetz erhabene ſein! Herrlich geſagt, rief Bonaventura entzückt, o, er⸗ lauben Sie mir, daß ich über dieſen Gedanken ein Ge⸗ dicht mache. Ihre Worte und Artikel ſind immer hoch⸗ poetiſch! 8 Ja, ich bin es daher auch ſchon gewohnt, daß meine 136 Zeitungsartikel zu Gedichten ausgebeutet werden. Aber hier ſind wir vor unſerm Locale, laſſen Sie uns ein⸗ treten. Sie fanden die übrigen Mitglieder ſchon verſam⸗ melt, und eine feierliche Stille trat ein, als Weinherr einen Tiſch beſtieg, und von dort aus eine bombaſtiſche Rede von ſeinem mitgebrachten Manuſeripte ablas, eine Rede, in welcher er mit hochtrabenden Worten und küh⸗ nen Floskeln die hier Verſammelten die einzig an⸗ erkennenswerthen und wahren Freiheitshelden nannte, als diejenigen, welche dazu beſtimmt wären, das ſchlum⸗ mernde Deutſchland zu wecken, die Preſſe neu zu beleben und Deutſchland zu befreien. O, dieſe Beſtimmung kommt uns von Gott, ſagte er, und darum wehe dem, der ſie in Zweifel ſtellen will! Und das, fuhr er mit grimmigen Blicken fort, das hat Einer aus unſerer Mitte gewagt, ja, an unſerm eigenen Buſen, mit den Lehren unſerer Weisheit, haben wir die Schlange genährt und auferzogen, die ihren Stachel jetzt wider uns ſelber richtet, und mit ihrem Ziſchen uns ausziſchen möchte. Darum, meine Freunde, laßt uns ihn ausſtoßen aus unſerer Mitte; einem Peſtkranken ſich zu nähern iſt gefähr⸗ lich, und dieſer Sylvius iſt peſtkrank, iſt angeſteckt von der Epidemie des Legitimismus! O Himmel, ich möchte mein Haupt verhüllen vor Schaam, daß dies möglich war,— Einer aus unſerer Mitte übergegangen zu dem 137 Feinde! Laßt uns ihn ausſtoßen, ſage ich! Laßt uns ſchreiten zu dieſer erhabenen feierlichen Scene. Seht, dort an der ſchwarzen Tafel, auf welche wir ſonſt die Namen der neuhinzugekommenen Mitglieder zur allge⸗ meinen Kenntnißnahme der Verſammlung zu ſchrei⸗ ben pflegten, ſeht auf dieſer Tafel ſteht jetzt Sylvius, Ausgeſtoßener! O es iſt fürchterlich zu ſehen. Und ſeht, jetzt durchſtreiche ich ihn, und nun iſt er uns, nun iſt er der Freiheit, nun iſt er Deutſchland für immer geſtorben. Kommet denn, meine Freunde, und Jeder mache zum Zeichen von dem Tode des ausgeſtoßenen Sylvius ein Kreuz unter dieſen Namen, wie ich hiermit den Anfang mache! Herr Weinherr nahm, indem er ſo ſprach, ein Stück weißer Kreide und machte neben dem Namen Syl⸗ vius ein Kreuz, wie man ſie am erſten Mai zur Ver⸗ treibung der Hexen an den Thüren abergläubiſcher Bauern gemalt ſieht. Dann reichte er mit feierlicher Würde Herrn Rautenweg das Stück Kreide dar, dieſer wieder den Nächſten, und ſo machte Jeder ernſt und ſchweigend dies verhängnißvolle Kreuz. Es iſt vollendet, rief nun Weinherr, o ſeht ſie an, dieſe Tafel, es iſt ſchauerlich zu ſehen, dieſe Richtſtätte eines gefallenen Menſchen! Kehrt die Tafel um, meine Freunde, daß wir nicht mehr gezwungen ſind das Ent⸗ ſetzliche zu ſehen! 4 9* 138 Die Tafel ward umgekehrt, und Weinherr ſagte: nun meine Freunde, laßt uns zu beglückenderen und ſchönern Dingen übergehen! Herr von Ottersheim, ha⸗ ben Sie nicht wieder eins Ihrer herrlichen Gedichte uns vorzuleſen? Bonaventura erhob ſich und recitirte folgende Verſe: Ha, wachet auf, Ihr feilen Knechte Ihr Fürſtendiener all', Wir kommen, fordernd unſ're Rechte Mit Helm und Panzerſtahl. Wir kommen,— ſchaut uns muth'ge Krieger Wir kommen, ſchlachtbereit, Wir kommen, ſingen und ſind Sieger, Denn unſer iſt die Zeit. Und wo den Fuß wir hingeſetzet, a ſproßt ein neues Glück, Und wo die Feder mir gewetzet, Da weicht Ihr feig zurück. Und überall, wohin wir ſchreiten, Erblühet Feld und Au', Denn weil wir für die Freiheit ſtreiten, Sind wir wie Himmelsthau. Und Segnung ſchaffet unſer Wort Und Segnung unſ're That, Denn Freiheit, die iſt unſer Hort, Die macht uns klug im Rath. Drum zittert all', Ihr niedern Seelen, Die Rächer zieh'n heran, Und nimmer unſ're Schwerter fehlen, Mit Liedern iſt's gethan. 3 139 Was hilft's auch gegen uns zu kämpfen, Wir ha'n kein ſtählern Schwert, Und unſer Schwert, das Wort zu dämpfen, Das iſt Euch ganz verwehrt. Denn ob Ihr auch mit ſeigem Wüthen Die Preſſe preſſet ſehr, Könnt doch nur das Geſchrieb'ne hüten Und nimmer das Gehör! Und Deutſchland hört, mit off'nen Ohren Horcht es auf unſern Sang, Drum ſtreichet nur, Ihr Herrn Cenſoren, Verachtung iſt Eu'r Dank. Und wenn Ihr hier das Wort auch ſtreichet, Erwacht es dorten neu, Und ewig lebt es, unerreichet, Trotz Curer Cleriſey. Grenzenlos war der Jubel über dies Gedicht. Bo⸗ naventura empfing mit Freude das reichlich ihm ge⸗ ſpendete Lob, und fühlte ſich ganz glücklich, ganz befrie⸗ digt. Vor der geſättigten Eitelkeit trat alles Andere zurück, und vergeſſen war Fürſtin Laſchuska, vergeſſen aber auch Sophie, und alle Sorge, alle Noth. Auch Victor hatte, beſonders dazu aufgefordert, dieſer Verſammlung beigewohnt, und als er ſie jetzt ver⸗ ließ und auf die Straße hinaus kam, brach er in ein unwillkührliches, lautes Gelächter aus. Einer ſeiner Bekannten ging vorüber und fragte ihn um den Grund ſeiner Fröhlichkeit. Victor erzählte ihm die ſo eben erlebte Scene. Und darüber können 140 Sie lachen? fragte ihn der Andere. Iſt nicht Sylvius Ihr Freund? Gewiß, erwiederte Victor ernſter, aber geſtehen Sie, daß der kindiſche, hochtrabende, ſchreiende Liberalismus dieſer Helden wirklich höchſt ergötzlich iſt. Sie ſchreien und ſchreien, und richten doch nichts weiter aus, als daß ſie ſelber heiſer werden. Sehen Sie, das iſt der große Unterſchied; dieſe Herren ſchreien nur, und Syl⸗ vius handelt, ſie haben den Mund vollgepfropft voll die⸗ ſer modernen hochklingenden Phraſen und bombaſtiſchen Redensarten, und die ſpeien ſie aus, wo ſie gehen und ſtehen, ja, dieſe Phraſen und hohlen Klingwörter ſind der Speichel, der ſie zungenfertig und am Leben erhält; Sylvius aber iſt ein Character, er iſt ein liberaler Cha⸗ racter, kein liberaler Schreier, und vor dieſem Liberalis⸗ mus eines Sylvius neige ich ehrfurchtsvoll mein Haupt, denn er iſt voll Wahrheit und Thatkraft; den Liberalis⸗ mus eines Weinherrn und Conſorten, den verachte ich, denn er iſt hohl und leer. Sie mögen Recht haben, ſagte der Andere, aber erklären Sie mir nur, wie kommt es, daß grade dieſe unbefugten Liberalen ſich am meiſten hervordrängen und am meiſten ſich bemerkbar machen?. Weil, ſagte Victor, ſie ſich eben hervordrängen,“ um ſich bemerkbar zu machen, und weil ſie vielleicht dis gute ſüddeutſche Sprichwort„Krüppel tanz voran“ „ 141 auf ſich beziehen! Aber, a propos, wiſſen Sie ſchon, daß Sylvius in Anklageſtand verſetzt iſt von ſeiner Regie⸗ rung, wegen einer kürzlich von ihm herausgegebenen Bro⸗ ſchüre, die in populärer Sprache von dem Rechte der Völker und Fürſten handelt? XII. Seit jenem Tage, wo Victor ihrem gegenſeitigen Verhaltniß zu einander eine neue Richtung gegeben, und Eva klar gemacht hatte, über ihre eigenen Empfindungen und ihre Liebe zu ihm, ſeit jenem Tage war Eva's gan⸗ zes Weſen verändert. Sie war ernſt und ſtill, oft fand man ſie in Thränen, oft ſaß ſie, wie im Traum vor ſich hinſtarrend, bewegungslos da, und in ihrem Innern entwickelte ſich und durchlebte ſie das große Drama, an dem ſo manche Menſchenbruſt ſchon zerſchellt iſt, das Drama, in welcher Leidenſchaft und Pflicht mit ein⸗ ander kämpfen. Ach aber, wie ſelten, daß die kalte, ruhige, ſtrenge Pflicht obſiegt in dieſem Kampfe, wie oft daß ſie der heißen, gewaltigen, im Momente beglücken⸗ den, im Momente belohnenden Leidenſchaft unterliegt! Eva meinte es ehrlich mit dieſem Kampfe, ſie ſchlug ihrem eigenen Herzen bittre Wunden, daß es blutete in unermeßlicher Qual, ſie vermochte es, Victor von ihrer 143 Thüre weiſen zu laſſen, ohne ihn zu ſehen, ja, ſie ge⸗ wann es über ſich, dies nicht einen Tag, ſondern Wo⸗ chen lang hindurch fort zu ſetzen, aber, wenn er fort⸗ ging, dann ſtand ſie hinter dem herabgelaſſenen Fenſter⸗ vorhang, und ſchaute ihm nach; Ströme von Thränen entſtürzten ihren Augen, und ihr Herz klopfte bis zum Zerſpringen. Oft ſank ſie in unermeßlichen Jammer, in unendlichem Sehnſuchtsſchmerz nach dem Geliebten auf ihre Kniee nieder, und ihre zuckenden, ſtammelnden Lippen fleheten zu Gott um Linderung ihrer Qual, um Vergeſſen und Ruhe. Aber je tiefer ſie den Schmerz empfand, je lebendiger und reger das Bewußtſein ihrer Pflicht in ihr war, je mehr ſie ſich zwang, dieſer Pflicht nachzukommen, deſto mehr wendete ihr Herz ſich ab von Ralph, um deſſentwillen, wie ſie meinte, ſie alle dieſe OQualen erlitt, und wenn ſie ſich zwang, ihm freundlich und liebevoll zu ſein, ſo ſchauderte ſie doch unwillkührlich und fühlte ihr innerſtes Weſen erkältet und von ihm abgewandt. Die Pflicht iſt ein kaltes, widerwilliges Band, und wenn die Liebe es nicht mehr verknüpft, wird es zu einer laſtenden Feſſel, die ſich ſchmerzvoll um un⸗ ſer Herz zwängt und es bluten macht. Eva empfand zuweilen, daß ſie dieſen Ralph mit ſeinem ſtillen, ſchwer⸗ müthigen, duldenden Weſen haſſen köͤnnte, ſeine Seufzer, ſein bleiches Ausſehen, ſeine verfallende Geſtalt, alles dies ſchienen ihr gegen ſie gerichtete Anklagen, ſtumme 144 Zeugen ihres Unrechts; ſein Anblick war ihr ein ewiger Vorwurf ihrer Schuld, und ſie verabſcheuete nicht die Schuld, ſondern den Vorwurf, und wenn ſie bei der Erinnerung jener Scene, wo Ralph ſie in den Armen Vietors geſehen, beſchämt vor ihm die Augen nieder⸗ ſchlug, ſo haßte ſie Ralph faſt, weil ſie ſich beſchämt vor ihm fühlte. Und er ahnt nicht einmal, was ich für ihn leide, dachte ſie, ach und vielleicht dankt er es mir auch nicht, denn dieſe kalten ruhigen Seelen erken⸗ nen wohl das Vergehen gegen die Pflicht als eine Sünde, nicht aber das Ausharren bei der Pflicht, ob das Herz auch dabei verblutet, als ein Verdienſt an. Und wie niedrig und klein er von mir denken mag! Warum fragte er mich denn nicht nach jenem Vorfall, als weil er mich für ſchuldiger hält, als ich es bin? O, ſagte ſie mit bitterm Ton, o, er iſt ſo großmüthig, und er fordert keine Erklärung, weil er fürchtet, mich beſchämen zu müſſen, weil er fürchtet, das Bekenntniß einer tief Gefallenen hören zu müſſen. Nun, Gott ſei gelobt, ſo gar arg iſt es nicht, und ſicher wäre alles beſſer ge⸗ worden, hätte Ralph nur Vertrauen zu mir, hätte er nur den Muth und die Zuverſicht gehabt, offen mit mir zu reden!— Aber Eva war eine zu ſtarke, vollkräftige Natur, um lange in dieſem ruhigen, müßigen Schmerze hinſiechen und verharren zu können, ſie fühlte in ſich die Nothwendigkeit, ſich dieſem dumpfen Hinbrüten, die ¹ 145 ſem zehrenden Schmerz zu entreißen, und ſich mindeſtens Vergeſſenheit ihrer Qual zu ſuchen.„Und wo,“ ſagte ſie zu ſich ſelber,„wo kann ich dies anders finden, als in der Welt, als in der Geſellſchaft?“ Und ſie ſtürzte ſich mit allen ihren Sinnen, mit all' ihrem Denken in die Zerſtreuungen und Freuden der Welt, ſie eilte von Feſt zu Feſt, von Geſellſchaft zu Geſellſchaft. Aber ſie hatten für ſie keinen Reiz mehr, ihr Herz war nicht mehr dabei betheiligt, und was ihr früher erſchienen war wie das wirkliche Vergnügen, däuchte ihr jetzt nut die Maske deſſelben. Inmitten der Zerſtreuungen und Freuden der Geſellſchaft, inmitten der ihr dargebrachten Triumphe und Huldigungen mußte ſie den bittern Kern dieſer ſüßen Frucht erkennen und ſchmecken, die Schlange unter Blumen, welches der geſellige Zwang iſt. Sonſt hatte ſie in der Geſellſchaft wahr ſein können, denn fie empfand wirkliches Vergnügen dabei, ihre Seele war dabei betheiligt; jetzt aber blieb dieſe kalt und leer, und doch mußte ſie das Vergnügen, das ſie nicht empfand, zu empfinden ſcheinen, ſie mußte lächeln, während ihr Herz blutete, fröhlich ſprechen, während in ihr alles ſtumm war und freudlos, ſie mußte die ſchwere und bit⸗ tere Kunſt der Geſellſchaft, die Verſtellung, lernen. Viel⸗ leicht erſchien ſie, ſeit ſie dieſelbe erlernt, nur noch ſchö⸗ ner und glänzender, wie die Farben auf den Flügeln des Schmetterlings klarer da liegen, wenn man den Eva. II. Theil. 10 146 Staub, der ſie fanft umhüllt, abſtreift, aber der Duft ihres Weſens, der wie ein jungfräulicher Schleier über ihr geruht, war dahin. Es war eine herrliche, erſchloſ⸗ ſene Bluͤme, ſtolz und ſchön, aber nichts Verſchwiegenes, Leiſes, Verhülltes mehr; ſie war ein ſtolzes, ſchönes Weib, nicht mehr ein zartes, liebreizendes Mädchen Ihre Erſcheinung hatte mehr Haltung und Sicherheit gewonnen, denn ſie war nicht mehr, wie ſonſt, unwill⸗ kührlich, ſondern mit Bewußtſein heiter, geſprächig und fröhlich, dadurch gewann ihr Weſen an Sicherheit und Würde; ſie hatte gelitten, und Leiden verleihen dem gan⸗ zen Weſen etwas Beſtimmtes, Würdevolles, ſie ſind die Taufe der Seele, womit dieſe zu ihrer höhern Beſtim⸗ mung eingeſegnet wird.— Der Winter nahete ſich inzwiſchen ſeinem Ende, und Gräfin Jelſa machte Eva darauf aufmerkſam, daß es wohl nöthig ſei, denſelben mit einem glänzenden Ball zu beſchließen, und ſo allen denen genug zu thun, bei denen Eva, wie die Gräfin, vielfach eingeladen und ge⸗ feiert worden. Eva ergriff dieſen Gedanken mit Lebhaf⸗ tigkeit, es war eine neue Zerſtreuung, und zugleich ih⸗ rem Ehrgeiz eine willkommene Gelegenheit zu glänzen Sie dankte der Gräfin für den köſtlichen Vorſchlag und ging ſofort zu Ralph, um mit ihm das Nöthige zu ver⸗ abreden. Wie erſtaunt aber war ſie, als ſie ihn heute zum erſten Male nicht bereitwillig fand, die nöthigen 147 Geldſummen zu dieſem Feſte zu geben, als er ſanft, aber entſchieden erklärte, nicht länger im Stande zu ſein, einen ſolchen Aufwand zu erhalten, daß ihre Geldmittel nicht mehr ausreichten, und Eva ſich von nun an um ſo mehr einſchränken müſſe, als durch den Fall eines Banquier⸗ hauſes ein bedeutender Theil ſeines Vermögens vor we⸗ nigen Tagen verloren gegangen ſei, und daß, um den Verluſt unſchädlich zu machen, es der größten Sparſam⸗ keit nicht allein, ſondern auch der fortgeſetzten Thätigkeit und Arbeit bedürfe.— Eva war außer ſich, ſie glaubte nicht an die Wahrheit von Ralphs erlittenem Verluſt, und meinte, er habe dieſen nur erfunden, um ſeiner Wei⸗ gerung mehr Gewicht zu geben; er verweigere ihre Bitte nur, um ſie zu kränken, um ihr zu zeigen, daß ſie ganz abhängig von ihm ſei, und keinen eigenen Wil⸗ len haben könne. Dieſer letzte Gedanke empörte ihren Stolz und beſtärkte ſie in dem feſten Entſchluß, ihren Willen entſchieden durchzuſetzen. Sie ſagte deshalb kalt und ſtolz: und dennoch wirſt Du diesmal noch meinem Wunſche nachgeben, hoffe ich, denn ich habe bereits der Gräfin mein Wort gegeben, dieſen Ball zu veranſtalten, und Du wirſt einſehen, daß ich dies nicht zurücknehmen kann, ohne unſerm Ruf zu ſchaden. Die Welt iſt eben ſo argwöhniſch als neidiſch, und würde das Unterlaſſen einer ſolchen geſelligen Pflicht leicht für die Unmöglichkeit ihr nachzukommen, halten. 10* 148 Eine Pflicht aber iſt es für uns, nachdem wir den Win⸗ ter zu ſo vielen Feſten und Bällen eingeladen wurden, nun auch unſerſeits denen, von denen wir eingeladen worden, ein Feſt zu geben, und zwar ein recht ſchönes und glänzendes. Ich hoffe, Du giebſt mir Recht, und hebſt damit alle Schwierigkeiten, die meinem Wunſche entgegen ſtehen, auf. Aber Eva, ich ſage Dir ja, daß es nicht an mei⸗ nem Willen liegt, ſondern an der Unmöglichkeit, rief Ralph verzweiflungsvoll. Ich habe kein Geld, ja ich habe ſogar ſchon bedeutende Schulden gemacht, und ſeit dieſem neuen großen Verluſt iſt dies Haus, in welchem wir wohnen, faſt nicht mehr mein! Ich kann nicht wie⸗ der zu einem überflüſſigen Feſte Geld anſchaffen, Eva, ich kann nicht. Ich aber will, und muß Geld haben! rief Eva in heftigem Zorn! Ich verlange von Dir, daß ich dies Feſt geben kann. Es iſt eine Ehrenſache, daß ich es kann, und Du wirſt nicht wollen, daß ich abſichtlich et⸗ was thue, was mich vor den Augen der Welt herab⸗ ſetzt. Ralph blickte ſie mit wehmüthigem, mitleidigem Ausdruck an; er durchſchaute die krankhafte Reizbarkeit ihres Weſens, er hatte ſchweigend, aber unverwandt alle die Kämpfe beobachtet, die ſeit Wochen in Eva's Seele vorgegangen, und er hatte Mitleid mit ihrer Pein und 149 ihren Schmerzen, weil er an ſich ſelber die Bitterkeit des Schmerzes täglich erfuhr.— Eva aber deutete ſeine Blicke unrecht, ſie glaubte einen Vorwurf in ihnen zu leſen, einen leiſen Hohn über ihre ſtolzen Worte von ver⸗ letzter Ehre, und dieſer Argwohn empörte ſie nur noch mehr, und brachte ihr ganzes Weſen in noch heftigere Aufregung. Ich will und muß dies Feſt geben, ſagte ſie heftig, und ich betrachte den, der mich daran hindern will, als meinen Feind, als einen Tyrannen, der mich unter ſeine Füße treten will, um mir zu beweiſen, daß ich ſeine Scla⸗ vin bin, und von ihm abhängig, daß ich arm bin, und über nichts zu gebieten habe, und daß ich, ſobald es ihm beliebt, eine Bettlerin bin! O mein Gott, mein Gott, ſchrie Ralph außer ſich, und die Arme gen Himmel erhebend, iſt es denn möglich, daß Eva mich für ſo ſchlecht und niedrig hält!“ Eva ſchwieg, denn ſie bereute ſchon ihre ſtolzen, heftigen Worte, und bedauerte es, ihm ſo wehe gethan zu haben! Dann, nach einer Pauſe ſagte Ralph erge⸗ ben und matt: es iſt gut; Du ſollſt nicht glauben, Eva, daß ich Dir irgend eine Freude verſagen und entziehen möchte. Nein, nimmer ſoll von mir geſagt werden, ich habe Dir irgend ein Vergnügen geſtört. Lade immerhin unſere Gäſte ein. Morgen bringe ich Dir das nöthige Geld! Er wandte ſich um, denn er fühlte, daß er ſeine Trauer nicht länger verbergen könnte, und ging hinaus.— Eva aber ſtand ſchweigend und ſinnend da; ihr beſſeres Gefühl, ihr weiches Herz drängte ſie Ralph zu folgen, ihm die abgedrungene Einwilligung zurück zu geben und ſeine Verzeihung zu erflehen für ihr unfreundliches We⸗ ſen. Schon war ſie im Begriff, ihm nachzueilen, da flüſterte ihre CEitelkeit ihr zu, wie ſchön es ſein müſſe, ein Feſt zu geben, das alle andern an Glanz und Schön⸗ heit überträfe, ach, und es war noch eine andere Stimme, die ſie leiſe in ihrem Herzen vernahm, und deren lo⸗ ckendem Flüſtern ſie nicht widerſtand, eine Stimme, die ihr ſagte, daß an dem Tage, wo ſo viele Menſchen in ihrem Hauſe verſammelt wären, auch Victor kommen dürfe, und daß ſie ſich ja nur geſchworen, ihn niemals wieder allein zu ſehen.— Nein, nein, rief ſie heftig, und die Arme, wie abwehrend, vor ſich ausbreitend, nein, ich will ihn nicht ſehen, ich will und muß dies Opfer bringen; wenn ich ihn erſt einmal geſehen, werde ich nim⸗ mer wieder die Kraft haben, ihm zu widerſtehen. Nein, hier ſchwöre ich es, ich will ihn nicht einladen zu die⸗ ſem Feſte! Und dies Opfer ſei die Buße, mit welcher ich Ralphs Nachgiebigkeit belohne, ſagte ſie, damit künſt⸗ lich ihre eigenen innern Vorwürfe überdeckend, und ſich nun berechtigt glaubend, ihrem Willen zu folgen. Ralph war indeß auf ſein Zimmer gegängen, und 151 ſank hier erſchöpft auf dem Divan nieder. Sein Muth war gebrochen, ſeine Kraft gelähmt, er fühlte, daß er dem Unglück keinen Widerſtand mehr zu leiſten vermöchte, und er ſagte: es hilft nichts, gegen das Unheil zu käm⸗ pfen, ſo mag es denn kommen, und meine Bruſt zer⸗ fleiſchen und mein Daſein überwältigen! Es giebt Men⸗ ſchen, die vom Schickſal gezeichnet ſind, und hienieden kein Glück ſinden ſollen; ich gehöre zu ihnen, was hilft es mir alſo gegen meine Beſtimmung zu ſtreiten? Ach, und was hülfe mir auch alles Streiten, wenn Eva mich nicht liebt, wenn ihr Herz einem Andern gehört. Still, ſagte er laut, gleichſam ſich ſelbſt beſchwichtigend. Ich darf hieran nicht denken, es könnte mich wahnſinnig machen, das fühle ich an dem furchtbaren Schmerze hier in meinem Kopfe. Nein, nein, nicht daran will ich den⸗ ken, nur an ſie, nur an Eva, mit ihrem Wohl nur will ich mich beſchäftigen. Ach, und vermag ich es auch nicht, ihr Glück zu geben, ſo kann ich ſie doch mindeſtens vielleicht vor Unglück bewahren! Nein, nein, rief er dann laut und mit verzweiflungsvollem Ton, ich ver⸗ mag nicht einmal dies; nicht einmal vor Elend kann ich ſie ſchützen, und ich ſehe ſchon, wie Noth und Ar⸗ muth über ſie hereinbrechen wird, über ſie, deren Fuß ich vor jedem rauhen Pfade, deren liebes Angeſicht ich vor jedem Sturme ſchützen, über ſie, auf deren Weg ich nur Blumen und Freude ſtreuen möchte! O Him⸗ 15² mel, ich werde ſie nicht einmal vor Noth und Mangel bewahren können. Denn ſie ſelbſt will es ſo!— Er bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen, und ächzte laut, aber allgemach ward er ruhiger, und endlich ſagte er mit einem matten Lächeln: mindeſtens werde ich doch dann für ſie arbeiten können, und das iſt ja ſchon ein Glück!— O, und vielleicht, daß ſie dann die Arbeit zu ſchätzen weiß, wenn dieſe ſie ſchützt vor Mangel und Noth! O mein Gott, welch ein Glück, daß ich noch geſund bin, ich werde mindeſtens doch für ſie arbeiten können!— Nun ſprang er auf, und ſagte ganz freudig: nun will ich gehen, und Geld borgen zu dem Feſte! Eva ſoll mindeſtens ihre Freude haben! XIII. Der Abend des Feſtes war gekommen; mit freudi⸗ gem Stolz durchwandelte Cva noch einmal die glänzen⸗ den, koſtbar geſchmückten Räume, freute ſich der reichen Blumen, die mitten im Winter gleich einer Oaſe in der Wüſte hier in dem ſtillen, reizenden Boudoir in ſchönen Gruppen aufgeſtellt waren, ergötzte ſich an dem Funkeln und Glänzen der reichen Kronleuchter, die in den hohen Trümeaur ihr Licht verdoppelten, und ließ ihr Auge wohlgefällig von einem geſchmackvollen und glänzenden Meuble zum andern ſchweifen. Mit zufriedenem Lä⸗ cheln erinnerte ſie ſich jenes Abendes, als ſie in dem kleinen, früher von ihnen bewohnten Hauſe zum erſten Male eine Geſellſchaft gab, und rief ſich ihre damalige Befangenheit und Angſt, und alle die kleinen beklem⸗ menden Verlegenheiten und Mißgriffe zurück, die ihr die Freude jenes Abends getrübt und zernichtet hatten⸗ Mit ſoolzem Gefühl dachte ſie, daß ſie mindeſtens den 10** 154 Schwur, den ſie damals geleiſtet, nun gelöſt, und daß ſie nun nicht mehr fürchten müſſe wegen ihres linkiſchen Benehmens verlacht, wegen ihrer Sprachfehler verhöhnt zu werden. Mit einem mitleidigen Lächeln über ſich ſelber ſagte ſie: wie unſchuldig war ich doch, daß ich nicht einmal den Unterſchied kannte zwiſchen falſch ſpre⸗ chen und falſch ſein!— Jetzt aber rollte der erſte Wa⸗ gen vor, und Eva ging in den erſten Salon, ihre Gäſte zu empfangen. Wer aber hätte nun in dieſer ſtolzen, ſichern und gewandten Dame, die jetzt ihre Gäſte em⸗ pfing, für dieſen Herrn ein gütiges Lächeln, für jene Dame ein verbindliches Wort, für Alle die feinſte Auf⸗ merkſamkeit zeigte, wer hätte in ihr jene Eva wieder erkannt, die dort drüben in dem kleinen Hauſe vor noch nicht einem Jahre mit hochklopfendem Herzen, zitternd die erſten Beſuche empfing, und den ſie Begrüßenden nicht das kleinſte Wort zu erwidern wußte, die froh war, als der Abend beendet war, und ſtatt der gehofften Freude nichts errungen hatte als Demüthigung und Thränen?— Heute war das alles anders! Eva war eine gefeierte Dame, und ihre Geſellſchaft war eine ausgewählte, glän⸗ zende. Es waren darunter ſtolze, hochklingende und berühmte Namen, ſchöne, vornehme Damen, junge, be⸗ geiſterte Dichter, ſchöne, geſchnürte, geſchniegelte Ofſtciere, und Alles huldigte und Alles ſchmeichelte der ſchönen, reizenden, holdſeligen Wirthin. Des Wirthes aber ge⸗ 155 dachte Keiner; Ralph ſtand vergeſſen, verlaſſen in der Fenſterniſche; ihm zu ſchmeicheln, fühlte Niemand ſich gedrungen; wußte man doch, daß Eva die Herrin dieſes Hauſes, daß ihr all' dieſer Glanz, dieſer Lurus gehöre, daß ſie die reiche Frau ſei, und der ihr aufgedrungene Gatte Ralph nur arm, deshalb gar nicht weiter beach⸗ tenswerth ſei. Und wie Ralph jetzt den Blick abwandte von der Geſellſchaft und durch das Fenſter hinüber ſchauete zu dem kleinen Hauſe, da erinnerte auch er ſich jenes erſten Geſellſchaftsabendes, und es war ihm, als wenn hinter den dunklen Fenſtern da drüben Geiſter hin und wieder ſchwirrten, höhniſche, lachende Geſichter ihn an⸗ grinſeten, und er meinte zu hören, wie ſie hohnlachend ihm zuriefen: wärſt Du damals ein Mann geweſen, ſo könnte heute alles gut ſein und glücklich; hätteſt Du damals nicht weibiſchſchwach den Bitten eines Weibes nachgegeben, hätteſt Du ihrem Flehen Deinen ernſten männlichen Willen, ihrer Eitelkeit Deine Manneswürde entgegengeſetzt, ſo würdeſt Du obgeſiegt haben. Aber Du handelteſt wie ein verliebter girrender Schäfer, und nicht wie ein Mann! Trage jetzt auch die Folgen! Es iſt ſo! murmelte Ralph, und ſenkte ſchwermuths⸗ voll ſein Haupt. Um ihn tönte fröhliches Lachen und laute Freude, und Alles war Vergnügen und Luſt, denn die Dame vom Hauſe war ſo ſchön, der Wein vortreff⸗ lich, die Speiſen geſchmackvoll, und man konnte ſo un 156 genirt heiter, ſo harmlos hier ſein⸗ Aber plötzlich ver⸗ ſtummte die allgemeine Luſt, und aller Blicke richteten ſich nach der Thür des Salons, in welcher ſo eben eine eigenthümliche, und in einer ſo glänzenden Geſellſchaft auffallende Erſcheinung ſich zeigte. Dort ſtand auf der Schwelle eine alte Frau, in ärmlicher, dürftiger Kleidung, ganz das Gepräge des niedrigen Standes an ſich tra⸗ gend, und dennoch war etwas Ehrfurchtgebietendes, et⸗ was, das die Neigung zu lachen und die Mogquerie, die ſich anfangs bei ihrem Erſcheinen bemerklich machen wollte, unterdrückte und Achtung einflößte vor dieſer ſtolzen, hohen Geſtalt, vor den kühnen, blitzenden Augen, mit denen die alte Frau umher blickte. Man fragte ſich unter einander leiſe: wer iſt die alte Frau? Iſt es vielleicht ein Faſtnachtsſpiel, und iſt das eine Sibylle, die uns wahrſagen will? Sie ſieht wahrhaftig ſo zor⸗ nig aus, als könne ſie uns zur Hölle verdammen! Still, ſtill, flüſterten Andere, es iſt die Mutter der Ma⸗ dam Ralph. Sprecht nicht ſo laut! Aber ſeht, wie unſre ſchöne Wirthin erbleicht, wie ſie zittert.— Alſo wirklich ihre Mutter? Aber ihre Mutter in ſolchem Aufzug? Nun ja, Gräfin Jelſa ſagte mir ſo eben, die alte Frau ſei etwas wahnfinnig! Mutter Anna war indeß mit ſtolzem, ſicherm Schritt vorwärts geſchritten, und ein Ausdruck unendlicher Ver⸗ achtung malte ſich in ihren Zügen, als ſie jetzt, mitten 157 im Salon ſtehend, umher blickte und aller Augen auf ſich gerichtet fand. Was ſeht Ihr mich ſo erſtaunt und forſchend an, ſagte ſie mit lautem, verächtlichem Ton. Wundert's Euch, daß ich in meinem einfachen Kleide hier erſcheine, wäh⸗ rend Ihr Euch Alle geſchmückt habt, um zu meiner Toch⸗ ter zu kommen? Wundert Euch nicht, ich bin zu alt, um Komödie zu ſpielen, wie Ihr Alle es thut, und dar⸗ um trage ich heute, wie alle Tage, mein einfaches, ar⸗ mes Kleid, und ſchäme mich nicht zu zeigen, daß ich arm bin. Oder ſeht Ihr mich darum ſo erſtaunt an, weil ich heute das erſte Mal unter Euch bin, und weil Ihr mich noch niemals geſehen? Ich will Euch ſagen, ich hatte nicht Zeit, Cuer Komödienſpiel mit zu machen, und während meine vornehme Tochter in Sammt und Seide in Euren Geſellſchaften prangte, ſaß ich daheim und ſpann, um mir zu verdienen, wovon ich leben konnte! Wundert Euch alſo nicht, daß Ihr mich zum erſten Male ſehet, wir armen Leute, die wir arbeiten und unter dem Schweiß unſeres Angeſichts uns unſer Brod verdienen müſſen, wir armen Leute haben keine Zeit uns zu ver⸗ kleiden wie die Affen, und ſüß zu lächeln und zierlich hin und her zu wedeln. Aber Mutter Anna, ſagte Ralph, ganz erſchrocken zu ihr tretend und ihre Hand ergreifend, aber Mutter Anna, ich bitte Dich, was ſoll denn dies bedeuten? 158 Das ſoll bedeuten, ſagte ſie laut und ſtreng, daß ich dieſe vornehmen Leute hier fragen will, was ſie hier zu thun haben, und weshalb ſie hier ſind.— Denkt Ihr vielleicht, Ihr vornehmen Leute, fuhr ſie fort, und blickte ſtolz auf die Geſellſchaft, die ſich dicht um ſie ge⸗ drängt hatte, denkt Ihr vielleicht, Ihr ſeid hier bei Eures Gleichen, und Ihr könnt hier verpraſſen, was Eure fleißigen Urväter mühſam zuſammen geſcharrt. Denkt Ihr, daß mein Schwiegerſohn zu Denen gehöͤrt, welche die Hände müßig in den Schoos legen, und dem lieben Gott den Tag wegſtehlen könnten in nichtsthueri⸗ ſcher Faulheit. Ich glaube, daß Ihr's denkt, denn man hat mir allerlei wunderliche Dinge erzählt, und deshalb wollte ich Euch nur ſagen, daß Ihr Euch irrt. Mein Schwiegerſohn iſt ein Handwerksmann, er lebt von ſei⸗ ner Arbeit, und wenn Ihr hier ſchmarotzirt und praßt, ſo ſtehlt Ihr ihm, was er mühſam erworben hat, ſtehlt ihm ſein vergangenes Leben und ſeine Arbeit. Das darf nicht ſein, und darum wollte ich es Euch ſagen. Auch hat man mir erzählt, daß Ihr thörichten Leute meine Tochter Eva für reich haltet, daß Ihr meint, ſie habe ihrem Manne Reichthum und Gut eingebracht. Man hat Euch aber belogen, und ich, ihre Mutter, ich ſage Euch, daß Eva in Armuth geboren iſt, und daß ich ſie groß gezogen habe mit der Arbeit meiner Hände, ja, dieſer meiner von der Arbeit gehärteten Hände, ich ſage Euch, daß Eva nichts beſaß als ihr Leben und ihre Jugend, daß ſie— Aber mein Gott, Mutter Anna, ſagte Ralph, ent⸗ ſchloſſen dieſe Scene zu enden, denn er ſah an Eva's todesbleichem Antlitz, welche furchtbare Qual ſie ihr be⸗ reite. Aber Mutter Anna, befinne Dich doch. Du weißt es beſſer, wie wir Alle, daß Eva mir Glück und Schätze gebracht, daß ſie mich zu einem reichen Manne gemacht hatte. Wozu willſt Du das läugnen? Wozu dieſe Grille, Eva's Reichthum zu läugnen? Sohn, rief die alte Frau im höchſten Zorn, Sohn, biſt Du wahnſinnig geworden? Nun wohl denn, es iſt gut! Ich habe meine Pflicht gethan!— Und Ralph einen zornigen Blick zuwerfend, wandte ſie ſich um, und verließ langſam und ſtolz das Gemach. Als die Thür ſich hinter ihr ſchloß, ſchien es, als ſeien Alle von einer drückenden Laſt befreit. Man athmete hoch auf, man wagte es wieder einander anzuſehen, zu lächeln, ſich ſpöttelnde Bemerkungen zuzuflüſtern, und Gräfin Jelſa ſagte zu ihren Nachbarn: es iſt merkwürdig, die alte Frau ſoll ganz vernünftig ſein bis auf dieſen Einen Punkt, daß ſie ſich für arm und den Reichthum für eine Schande hält. In dieſer firen Idee beſteht ihr Wahnſinn, und um ſie nicht zur Raſerei zu bringen, muß ihre Tochter es leiden und geſchehen laſſen, daß ihre Mutter für Geld ſpinnt, was ſie wirklich vom Morgen 160 1 bis zum Abend mit einem in der That wahnſinnigen Fleiße thut. Dieſe Worte der Gräfin verbreiteten ſich bald in der ganzen Geſellſchaft, und indem man Eva bedauerte, be⸗ mühete man ſich durch verdoppelte Heiterkeit dieſe pein⸗ liche Scene wieder vergeſſen zu machen. Eva aber fand nicht die Kraft, in den heitern Ton ihrer Gäſte einzu⸗ gehen, man ſah, daß ihr Lächeln gezwungen, ihre Hei⸗ terkeit nur äußerlich war; ihre erbleichten Wangen, der ſchwermüthige Ausdruck ihres Angeſichtes widerſprachen ihrer fröhlichen Unterhaltung, und bald übertrug ſich dieſe gedrückte Stimmung auch auf ihre Gäſte. Man ward einſilbig, ſtill, und trennte ſich früöh.— Als der letzte Wagen fortgerollt, die Lichter der Kronleuchter aus⸗ gelöſcht, als endlich Alles ſtill und friedlich war in die⸗ ſen glänzenden Räumen, da athmete Eva hoch auf, und das ſtereotype Lächeln, mit dem ſie ihrer Geſellſchaft Le⸗ bewohl geſagt, verſchwand, um dem Ausdruck tiefſter Schwermuth zu weichen. Ihre vorher ſo ſtolz aufge⸗ richtete Geſtalt ſank zuſammen, und ſie weinte bitterlich. Als ſie aber Ralph kommen hörte, trocknete ſie ſchnell ihre Thränen, und ging ihm entgegen. Sie reichte ihm die Hand hin, und ſagte mit einem unausſprechlichen Blick: Ralph, ich danke Dir! Nimmer werde ich den Edelmuth Lergeſſen, mit dem Du mich heute Abend be⸗ ſchützt haſt. Glaube mir, dies war die härteſte Strafe 161 für mein neuliches unverzeihliches Betragen gegen Dich! Ralph, zürnſt Du mir noch? Er ſah ſie an mit dem Ausdruck der reinſten ver⸗ zeihendſten Liebe, und zog ſie ſtumm an ſeine Bruſt. Sie wehrte ihm nicht, denn in dieſem Momente erkannte ſie ganz die große aufopfernde und entſagende Liebe ih⸗ res Gatten. Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter und weinte laut.— Als Eva am andern Morgen beim Frühſtück ſaß, kam Ralph bleich und ſichtlich tief erſchüttert zu ihr. Theuerſte Eva, ſagte er leiſe, ich muß Dich auf einen Schmerz vorbereiten, der Dir bevorſteht. Mutter Anna will uns verlaſſen. Sie kommt ſchon, um Dir Lebewohl zu ſagen. Ja, ſagte Mutter Anna, die eben herein kam, und Ralphs letzte Worte gehört hatte, ja, ich komme, um Lebewohl zu ſagen! Aber mein Gott, Mutter, warum willſt Du uns verlaſſen? fragte Eva erbleichend. Den Grund will ich Dir ſagen, erwiderte die alte Frau ernſt. Als ich auf Ralphs Bitten einwilligte, bei Euch zu wohnen, geſchah es, weil ich dachte, meine Kin⸗ der würden ein würdiges, fleißiges und arbeitſames Le⸗ ben führen. Sie würden zu Gott beten, nicht um Reich⸗ 3 thum, ſondern um Arbeit, ſie würden leben, wie ihre Aeltern gelebt haben, einfach und züchtig, fleißig und Eva. II. Theil. 11 162 ftill! Und zu dieſem Leben wollte ich Euch ſegnen und mich Euer freuen. Ihr wißt aber, daß Ihr Euch ab⸗ gewandt habt von alle dem, und nun werdet Ihr auch wiſſen, weshalb ich Euch verlaſſe. Was hilft es, über dieſe Dinge noch weiter zu ſprechen. Meine Warnungen, meine Bitten ſind umſonſt geweſen, laßt uns alſo davon ſchweigen, und uns ruhig Lebewohl ſagen! Alſo willſt Du wirklich fort, ſagte Eva leiſe, und willſt ganz einſam und allein wohnen. Ich bin weder einſam, noch allein, erwiderte Mut⸗ ter Anna ſtreng, denn mein Spinnrocken begleitet mich, und bei der Arbeit iſt man nicht allein, denn Gott iſt mit den Arbeitſamen, und den Fleißigen giebt er ſeinen Segen. Auch meine Erinnerungen gehen mit mir, und wenn ich beim Spinnen Deiner gedenke, Eva, ſo will ich vergeſſen, wie Du jetzt biſt, und mich nur erinnern, wie Du einſt warſt, einſt, ehe Du reich warſt und vor⸗ nehm! Du weinſt, Eva? Und auch Du, mein Sohn Ralph? Nun, nun, Eure Thränen werden ſchnell trock⸗ nen, und wenn Ihr heute Abend wohlgeputzt in Geſell⸗ ſchaft fahrt, ſo wird die alte Mutter Anna ſchnell ver⸗ geſſen ſein. Wie grauſam biſt Du, ſagte Ralph, Du weißt es wohl, ob ich Dich vergeſſen werde! Nein, Du nicht, mein Sohn, Du wirſt meiner ge⸗ denken, und es wird Dich zuweilen verlangen nach mei⸗ 163 nem Troſt! Dann komme zu mir, meine Thür wird Dir nimmer verſchloſſen ſein. Und ich, Mutter, fragte Eva, darf ich nicht zu Dir kommen? Was ſollteſt Du zu ſchaffen haben in der aͤrmlichen Dachkammer bei der armen alten Frau, die von ihrer Hände Arbeit ſich ernährt? Nein, nein, Eva, Du darfſt nicht kommen, denn Deine ſeidenen Kleider vertragen ſich nicht mit meinen alten geflickten Gewändern, und Du würdeſt Dich meiner ſchämen, wie ich mich Deiner! Darum komme nicht, Eva, ſo lange Du eine reiche Frau biſt. Aber dereinſt, wenn Du wieder arm biſt, und ich weiß, daß Du es wieder wirſt, dann, mein Kind, dann rufe mich, und ich werde Dich hören, dann wollen wir zuſammen arbeiten und uns einander lieben! Bis da⸗ hin lebe wohl! Sie wandte ſich raſch ab, und Ralph, der ihr fol⸗ gen wollte, zurückwehrend, verließ ſie raſch das Zim⸗ mer, und ging mit feſten, jugendlichen Schritten die Treppe hinab zu der bereit ſtehenden Droſchke, in die ſie ſchon ihre wenigen Habſeligkeiten und ihr Spinnrad hatte einpacken laſſen. Nicht einen Blick mehr wandte ſie nach dem ſtattlichen Hauſe, in dem ihre Kinder am Fenſter ſtanden, harrend auf einen Gruß. Sie ſagte mit feſter, ſicherer Stimme dem Kutſcher die Adreſſe ih⸗ rer neuen Wohnung und dann rollte der Wagen die Li⸗ 11* 16¾ nienſtraße hinunter in die Auguſtſtraße. Hier hielt er an, vor einem kleinen, unſcheinbaren Hauſe, in welchem Mutter Anna ein Stübchen gemiethet hatte. Das Aus⸗ packen und Zurechtſtellen ihrer Sachen war bald geſchehen, und ſchon nach einer Viertelſtunde ſaß die alte Frau wieder vor ihrem Spinnrocken und ſpann. Ihr Geſicht war ruhig und ſtill wie immer, doch mußte ſie hef⸗ tig bewegt ſein, denn ſie drehte das Rad ſchneller als ſonſt, und zuweilen ſeufzte ſie, ja einmal war es, als falle eine Thräne aus ihrem Auge auf ihre Hand. Sie trock⸗ nete ſie aber ſchnell ab, und ſtand auf, wie vor ſich ſel⸗ ber erſchrocken. Dann trat ſie zum Fenſter und öffnete dies, und bei der Stille in der einſamen Straße, die faſt nur von armen Webern bewohnt wird, konnte ſie deutlich in den nächſten Häuſern das Geraſchel der auf und nieder gehenden Webeſtühle vernehmen. Da nickte Mutter Anna zufrieden mit dem Kopf und flüſterte leiſe: hier bin ich auch unter meinen Kindern und Verwand⸗ ten, unter den Axmen und Arbeitſamen! XIV. Sophie ſchlug die Augen auf, und blickte umher mit dem Ausdruck des Erſtaunens und der Verwunde⸗ rung. Sie fand ſich ſanft gebettet in einem ihr frem⸗ den kleinen Zimmer, und mit matter Stimme fragte ſie: wo bin ich? Da näherte ſich eine männliche Geſtalt ihrem Bette, Sophieens Augen aber waren ſo trübe, daß ſie ſie nicht erkennen konnte, erſt als Carl vor ihrem Bette auf ſeine Kniee ſank, ihre Hand an ſeine Lippen drückte, erſt als er mit vor Freude zitternder Stimme ſagte: o Gott ſei Dank, ſie lebt, ſie ſpricht wieder! erſt da erkannte ſie ihren Freund Carl, und verſuchte ihm die Hand zu drücken, aber es fehlte ihr die Kraft dazu, ihre Augen ſchloſſen ſich wieder, und ſie ſank zurück in einen tiefen, traumloſen Schlaf.— Carl ſtand an ihrem Bette mit ſtrahlendem Angeſicht, Thränen der reinſten Freude ent⸗ ſtürzten ſeinen Augen, und rollten über die eingefallenen 166 bleichen Wangen hernieder, und leiſe flüſterten ſeine zit⸗ ternden Lippen: mein inbrünſtiges Gebet iſt alſo erhört worden, Gott wollte mir meinen Engel noch erhalten, er wollte ihm noch geſtatten auf Erden zu wandeln. O mein himmliſcher Vater, Du wollteſt alſo nicht, daß ich ganz unglücklich ſei— Nun berrachtete er die Schlummernde lange, und ein himmliſches Lächeln ver⸗ ſchönte ſeine Züge; er faltete die Hände und ſeine Lip⸗ pen bewegten ſich in leiſem, inbrünſtigem Gebet. Da öffnete ſich leiſe hinter ihm die Thür, und ein männli⸗ ches Antlitz ſchaute fragend herein. Carl wandte ſich zu ihm mit dem Ausdruck himmliſcher Freude.„Doe⸗ tor, ſie ſchläft,“ ſagte er; nichts weiter, aber es lag in dieſen Worten, in dem Ton, mit dem er ſie ſagte, all' ſeine Hoffnung, all' ſein Glück, es lag darin die ganze Geſchichte ſeiner jüngſten Leiden und Schmerzen, denn ſeit vierzehn Tagen hatte kein Schlaf Sophieen's Augen geſchloſſen, ſeit vierzehn Tagen lag ſie Nacht und Tag in wilden Fieberphantaſieen, oft raſend und tobend, oft ſtill weinend und klagend auf ihrem Lager; ſeit vierzehn Tagen hatte ſie faſt nicht aufgehört laut zu ſprechen, und die ganze Geſchichte ihrer Liebe, ihrer Leiden, all ihr Jammer und Weh hatte ſie in nur zu beredten Wor⸗ ten in dieſem Zuſtande der Bewußtloſigkeit ihrem lau⸗ ſchenden, vor ihrem Bette knieenden Freunde verrathen und er ſchauderte vor den innern Qualen, die ſie erdul⸗ 167 det, ſchweigend erduldet.— Ietzt ſchlief ſie, und als der Arzt ſich über ſie beugte, und ihre Hand faßte, zuckte Carl zuſammen, wie vor innerm Entſetzen. Sie werden fie aufwecken, ſagte er angſtvoll! Der Arzt lächelte. Dieſen Schlaf zu ſtören möchte ſchwer ſein, ſagte er, denn es iſt der feſte, tiefe, ohn⸗ machtähnliche Schlaf, in welchem die Creatur nach den furchtbarſten Anſtrengungen und Aufregungen erſchöpft in ſich zuſammenſinkt, und gar nichts weiß von ſich. Selbſt ihre Sinne ſchlafen jetzt. Nun, mein Freund, faſſen Sie Muth! Es iſt heute der vierzehnte Tag, und ich ſagte Ihnen, daß heute die Kriſis eintreten würde. Sie hat ſich zum Guten gewandt, und jetzt darf ich mit Zuverſicht ſagen, Ihre Schweſter wird geneſen, wenn auch langſam, wenn ſie auch erſt nach vielen Wochen ganz hergeſtellt ſein wird, denn ſie hat furchtbar gelitten, und ihr Leben ſchwebte ſeit vierzehn Tagen wie an einem Haar. Aber ſie wird geneſen, ſagte Carl athemlos, und ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich, wie in ſtürmiſchem Wal⸗ len. Es dunkelte vor ſeinen Augen, und er mußte ſich an einen Stuhl halten, um nicht umzuſinken. Der Arzt faßte freundlich ſeine Hand und blickte ihn theilnahmsvoll an. Wie, ſagte er, jetzt wollen Sie ſchwach ſein? In den langen Tagen der Gefahr waren Sie gefaßt und ruhig wie ein Mann, und nun die Ge⸗ 168 fahr vorüber iſt, ſind Sie ſchwach, und zittern wie ein Kind? O, ſagte Carl leiſe, ich bin es ſo wenig gewohnt, Freude zu empfinden! Aber Sie ſind es werth, derſelben theilhaftig zu werden, erwiderte der Arzt gerührt, denn Sie ſind ein edler, braver Menſch, und ich darf ſagen, ich habe nie⸗ mals einen Gatten, geſchweige denn einen Bruder, voll ſo zarter und geduldiger Sorge für eine Kranke geſehen, voll ſo hingebender, aufopfernder Liebe. Keine Mutter kann ihr Kind treuer und ſorglicher pflegen, als wie Sie Ihre Schweſter gepflegt haben. Ich habe ja auch nichts auf Erden zu lieben und zu pflegen, als ſie allein, ſagte Carl. Und Sie haben ſie ſich erhalten, denn Ihrer treuen Pflege zunächſt verdankt Ihre Schweſter ihr Leben. Und Ihnen, Herr Doctor! ſagte Carl gerührt. Sie ſind zu jeder Stunde des Tages und des Nachts gekommen, nicht bloß, wenn ich Sie rief, ſondern frei⸗ willig, ach, Herr Doctor, wie ſoll ich Ihnen danken für Ihre Güte! Das bedarf keines Dankes, es war meine Pflicht, ſagte der Arzt, und wohl mir, wenn mir dieſe Pflicht ſo leicht gemacht wird, wie hier. Ein ſolcher Anblick aaufopfernder, reiner Liebe ſtärkt den Arzt in ſeinem ſchwe⸗ ren Berufe. Glauben Sie mir, mein Freund, ich habe 169 an vielen Sterbebetten geſtanden, ich habe viele Nächte am Bette ſchwerer Kranken verbracht, aber wie ſelten war es die Liebe, die an dieſem Bette weinte, die Treue, die den Kranken uͤberwachte. Ich ſah alle Leidenſchaften ſich in ſolchen Stunden enthüllen, aber ſelten die edlen und heiligen, und ſo lernt man zuletzt die Menſchen be⸗ mitleiden, aber man hört auf ſte zu lieben. Darum iſt es mir ein Troſt geweſen, Sie zu ſehen, und ich danke Ihnen, denn ein ſolcher Anblick treuer Liebe verſöhnt wieder mit der Menſchheit! Aber ich that ja nur, was ich nicht laſſen konnte, ſagte Carl einfach, Sophieen zu lieben, und für ſie zu ſorgen, iſt ſo natürlich. Nun aber ſorgen Sie auch für ſich ſelbſt, mein Freund. Sie bedürfen der Ruhe und Stärkung; ich weiß, Sie haben in vierzehn Nächten nicht geſchlafen. Jetzt aber müſſen Sie ſchlafen, ja, ich befehle es Ihnen im Namen Ihrer Schweſter, für die Sie ſich erhalten müſſen, denn ſie wird noch lange Ihrer Pflege und Sorge bedürfen. O, das iſt herrlich, ſagte Carl freudig. Darum aber ſchlafen Sie jetzt, denn Sie können es. Ihre Schweſter wird in den nächſten Stunden nicht erwachen, und ſo mögen auch Sie ruhig ſchlafen. Wol⸗ len Sie mir das verſprechen? Carl that es, der Arzt verordnete noch Einiges, 11 X*έ 170 und entfernte ſich dann. Carl aber ſank nieder vor So⸗ phieen's Lager, und betete, dann aber überwältigte ihn die Müdigkeit. Sein Haupt ſank auf Sophieen’s Hand, und vor ihrem Lager knieend, ſchlief er ein.— Der Arzt hatte recht gehabt, Sophie genas, aber langſam und kümmerlich. Wochenlang noch mußte ſie das Bette hüten, und hatte weder Kraft ſich aufzurichten, noch zu ſprechen. Sie lag wie in einem Traumzuſtand da, und wenn ſie die Augen aufſchlug, und Carl's Ant⸗ litz über ſich geneigt ſah, dann verſuchte ſie zu lächeln, und flüſterte leiſe ſeinen Namen. Aber welch ein Feſttag war dies, als Sophie zum erſten Male von ihrem Lager ſich erheben, und auf Carl's Arm gelehnt, einige Schritte im Zimmer gehen konnte. Wie klopfte ſein Herz, wie ſtrahlten ſeine Augen, und welche Dankgebete waren in ſeinem Herzen. Und So⸗ phie las in ſeinem Antlitz ſeine Freude und ſein Glück, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen der Rührung. Sie reichte dem Freunde die ſchmale, abgezehrte Hand hin, und ſagte mit einem himmliſchen Lächeln: mein Freund, mein Bruder, ich danke Dir! Es war das erſte Mal, daß ſie ihn mit dieſem traulichen Du anredete, und Carl war außer ſich vor Freude. Er bedeckte die ihm dargereichte Hand mit ſei⸗ nen Küſſen, und hatte kaum Kraft zu ſagen: Du, o mein Gott, Du, meine Schweſter! 171 Du biſt ja der Einzige, der auf der Welt ſich mei⸗ ner erbarmt, ſagte Sophie unter Thränen, der Einzige, der mich liebt, und Theil an mir nimmt. Du haſt mich gepflegt, wie eine Mutter ihr leidendes verirrtes Kind, über das ſie ſich erbarmt in himmliſcher, uneigen⸗ nütziger Liebe, und ſo lang ich lebe, will ich Dich lieben wie eine Schweſter, wie Deine treueſte Freundin. Carl unterdrückte den Seufzer, der ſich aus ſeiner Bruſt hervor drängen wollte, und ſagte mit entſagender, Alles duldender Liebe: Dank, tauſend Dank, meine Schwe⸗ ſter! Nun habe ich nichts mehr zu wünſchen auf Er⸗ den! Von nun an ſchritt Sophieen's Geneſung raſcher vorwärts, aber je mehr ihr Körper erſtarkte, und ſeine Friſche und Schwungkraft wieder erhielt, deſto nieder⸗ gedrückter fühlte ſie ſich in ihrem Innern, deſto matter und gezwungener ward ihr Lächeln und ihre Freund⸗ lichkeit. Zuweilen ſaß ſie ſtundenlang ſchweigend, in ſich verloren da, und tiefe, ſchmerzvolle Seufzer hoben ihre Bruſt, und als ſie einſt lange ſo da geſeſſen hatte, in tiefer Stille, die Carl nicht zu ſtören wagte, ſagte ſie plötzlich entſchloſſen: Carl, ich habe heute Vieles mit Dir zu ſprechen. Wir müſſen uns über viele Dinge ausſprechen. Ich wartete, bis Du ſelber es fordern würdeſt, 172 ſagte Carl, und ich bin bereit, Dir über alles, was Du fragen möchteſt, Auskunft zu geben. Wie kommt es, fragte ſie raſch, daß Du nicht mehr in Uniform biſt? Carl ſchlug die Augen nieder und ſagte: ich habe den Stand eines Briefträgers aufgegeben, er behagte mir nicht länger! Sophie ſah ihn ſcharf und prüfend an, und ſchüt⸗ telte dann traurig ihr Haupt. Du ſagſt mir nicht die Wahrheit, Carl, ſagte ſie, aber ich ahne ſie. Als Du mich pflegteſt, als Du vierzehn Tage und Nächte an meinem Krankenlager wachteſt, da ward man unzufrieden, weil Du läſſig warſt in Deinem Dienſt, und da ent⸗ ließ man Dich! Antworte mir, Carl, iſt es nicht ſo? Ja, es iſt ſo, erwiederte er kleinlaut. Alſo war ich es, rief Sophie ſchmerzvoll, die Schuld daran war, ich brachte Dich um eine ſichere Verſorgung. Ich trage die Schuld, daß Du Dich jetzt der ſchwerſten Arbeit unterziehſt. Denn das thuſt Du, Carl! Nein, leugne es nicht. Du biſt oft bis zum Tode erſchöpft, wenn Du Mittags heim kommſt, Deine Hände zittern und Du ſiehſt bleich aus. Sage mir, Carl, ich be⸗ ſchwöre Dich, ſage mir, was Du treibſt! Es iſt nichts, nichts, was Dich beunruhigen könnte, ſagte er, auch iſt es gar nicht weiter anſtrengend, liebe Sophie, gewiß nicht! Nachmittags gehe ich in das 173 Atelier eines berühmten Malers, und bin ſein Farben⸗ reiber. Und Vormittags? fragte Sophie. Vormittags ſäge und ſpalte ich Holz, ſagte er, und wenn mich das ein wenig angreift, ſo macht es nur, weil ich es nicht recht gewohnt bin. Aber Nachmittags, Sophie, Nachmittags im Atelier, ach, das iſt eine Freude, und wenn ich ſo ſtehe und Farben reibe, da iſt es mir oft, als belebten ſich unter meinem Steine die Farben, und würden Fleiſch und Blut, und ich ſehe vor mir, in meinem Geiſte ganze Bilder und Gruppen, daß ich meine nur den Pinſel ergreifen zu müſſen, um das Al⸗ les malen zu können. Auch gebe ich genau Acht, wie der Maler den Pinſel führt, die Farben miſcht, und merke mir Alles, vielleicht, daß ich noch einmal ſo viel lerne, um Dein Bild in Farben malen zu können, So⸗ phie! Sie ſagte leiſe: aber wer weiß, Carl, wo ich ſein mag, wenn Du das gelernt haſt. Ich muß Dich nun verlaſſen! 3 Du willſt mich verlaſſen, ſchrie er, erbleichend. Ich muß, Carl, ſagte ſie, ich darf es nicht länger dulden, daß Du für mich arbeiteſt, und Dich plagſt, nein, nicht eine Stunde länger kann ich dies dulden, und dann, Carl, fuhr ſie erröthend fort, was würde 174 die Welt dazu ſagen, wenn man wüßte, daß ich bei Dir wohnte! Ach, die Welt, rief Carl angſtvoll, die Welt wird es niemals erfahren, denn ſie achtet nicht auf uns, und hier im Hauſe hält Dich Jedermann für meine Schwe⸗ ſter. Auch der Arzt glaubt, daß Du meine Schweſter biſt. Du haſt alſo ſelbſt gefühlt, daß Niemand die Wahr⸗ heit erfahren dürfe, ſagte ſi ſie ſanft, und als Carl ſeuf⸗ zend ſein Haupt ſenkte, fuhr ſie fort: und wenn Bona⸗ ventura jemals dies erführe! Er, der mich beſchul⸗ digte— Sie verſtummte, denn Thränen erſtickten ihre Stimme; es war das erſte Mal, daß unter ihnen ſein Name wieder genannt wurde, und er machte Carl zit⸗ tern. Als er Sophie weinen ſah, fragte er mit troſt⸗ loſem Ton: Du liebſt ihn alſo immer noch? Nein, ſagte ſie, ſich raſch die Augen trocknend, nein, Carl, ich liebe ihn nicht mehr, und dies wollte ich Dir heute ſagen. Ich habe mich in dieſer Zeit ſtreng ge⸗ prüft, jeden meiner Gedanken, jeden meiner Seufzer er⸗ — wogen, und jetzt weiß ich, daß es nicht bloß der Zorn iſt über ſein unwürdiges Benehmen, der mich kalt läßt, wenn ich ſeiner gedenke, ſondern daß meine Liebe für ihn erloſchen und geſtorben iſt; ja, er hat ſie ertödtet in mir, und von allen den heiligen und erhebenden Em⸗ 175 pfindungen, von all' der Gluth und Begeiſterung iſt nichts mehr übrig geblieben, nichts als das traurige und demüthigende Gefühl, einen Unwürdigen geliebt zu haben. Er hat Tag für Tag an meinem Herzen gerüt⸗ telt mit roher, gemeiner Hand, bis die Liebe zu ihm dar⸗ in zerſchellte, und ſeine eigene Rohheit war die Klippe, an der ſie zerſchellen mußte. Nein, Carl, mein Herz bleibt kalt, und meine Seele regt nicht mehr ihre Schwin⸗ gen, wenn ich an ihn denke; er iſt mir verloren und für immer entfremdet. Ich liebe ihn nicht mehr. Dies wollte ich Dir ſagen, dies mußteſt Du wiſſen, damit, wenn ich Dich heute verlaſſe, Du nicht denkſt, ich gehe um ſeinetwillen von Dir, und verlaſſe Dich, um ihn aufzuſuchen. Du willſt mich verlaſſen? rief Carl verzweiflungs⸗ voll; ach, Sophie, ſage, daß Du es nicht willſt, Du töd⸗ teſt mich, wenn Du gehſt. Ach, Sophie, fuhr er fort, auf ſeine Kniee nieder ſinkend und die Hände flehend zu ihr erhebend, Sophie, laß mir dieſen einzigen Troſt, Dich täglich ſehen, Dich täglich ſprechen zu hören. Ich bin ſo ganz vereinſamt, ſo ganz verlaſſen, ich habe nichts auf der Welt, Sophie, als Dich allein! Bleibe bei mir, Sophie, verſage mir nicht dieſen letzten Troſt. O mein Gott, ich bin ja ſo unglücklich!— Thräͤnen erſtickten ſeine Stimme, er war ganz außer ſich, ſeine ganze Ge⸗ ſtalt zitterte, wie im Fieberſchauer; Sophie war tief er⸗ 176 ſchüttert, und als Carl jetzt laut ſchluchzte und klagte, und ſie ſich alles deſſen erinnerte, was er für ſie gethan, wie er ſie gepflegt und ſich ihrer erbarmt, wie er der Einzige, der treu an ihr gehangen, und ſie geſchützt und getröſtet, wie ſie das Alles bedachte, da empfand ſie, daß ſie nicht die Kraft habe, ihn zu betrüben, und leiſe ihre Hand auf die Schulter des immer noch knieenden Freun⸗ des legend, ſagte ſie: ſtehe auf, mein Bruder, und weine nicht. Du haſt mich vor den Menſchen Deine Schwe⸗ ſter genannt, ich nenne Dich hinfort vor Gott und Men⸗ ſchen meinen Bruder, und ich will Dich lieben wie eine Schweſter. Iſt auch die Liebe für immerdar in meiner Bruſt erkaltet und erſtorben, ſo hat mein Herz doch noch Wärme genug, um der Freundſchaft fähig zu ſein, und dieſe Freundſchaft gehört Dir! Du willſt alſo bei mir bleiben, bei mir, Deinem Brnder? fragte Carl angſtvoll und zagend. Gehören nicht Bruder und Schweſter zuſammen? ſagte ſie mit einem wehmüthigen Lächeln. Weil es denn alſo iſt, ſo bleibe ich bei Dir, mein Bruder, und nichts ſoll uns hinfort trennen! Carl jauchzte laut auf vor Freude, und küßte ihr Gewand, ihre Hände in ſtürmiſchem Entzücken. Aber ich habe noch einige Bedingungen zu machen, ſagte Sophie faſt heiter, denn Carl's ſichtliche Teoße Freude beglückte und rührte ſie tief. 177 Nun, ſage Deine Bedingungen, Schweſter Sophie, ſagte Carl mit einem glücklichen Lachen, und ich ver⸗ ſpreche Dir, ſie zu erfüllen, müßte ich ſelbſt den Mond vom Himmel herunter holen. So gar ſchlimm iſt es nicht, Du ſollſt nicht den Mond vom Himmel, nur Arbeit aus dem Kaufladen holen, Arbeit für mich, denn ich fühle mich wieder ganz kräftig und ſtark zur Arbeit, und trage förmliches Ver⸗ langen nach ihr. Ich ſoll alſo nicht mehr für Dich arbeiten? fragte Carl traurig. Nein, Carl, erwiderte ſie ernſt, ich muß ſelber für mich ſorgen können, und ich thue es mit Freuden, denn zu arbeiten iſt mir eine liebe Gewohnheit und Zer⸗ ſtreuung. Du verſprichſt mir alſo heute noch zu der Madam S., der Directrice, zu gehen, und ſie um Arbeit für mich zu bitten? Carl verſprach es. Und nun noch Eins, ſagte Sophie, ich habe vorhin in die kleine Kammer hinein geſehen, in welcher Du ſchläfſt. Weil Du ſie immer ſo ſorgſam verſchloſſen hältſt, ahnte ich, daß Du darin etwas verborgen hielteſt, was ich nicht ſehen ſollte, dar⸗ um merkte ich es mir, wo Du heute früh den Schlüſ⸗ ſel hinlegteſt, und habe mir die Thür geöffnet. Das war nicht recht, Sophie, ſagte er mit nieder⸗ geſchlagenen Augen Eva. II. Theil. 12 178 Es war Necht, erwiderte ſie gerührt, denn ich ſah, wie Du für mich entbehrſt und leideſt. Ein ärmlicher Strohſack iſt Dein ganzes Bette, und ich liege auf wei⸗ 8 chen Kiſſen, und für mich haſt Du ſo auf der Erde, nur bedeckt mit einer leichten Decke, geſchlafen, für mich auch dieſes letzten Troſtes entbehrt, den es für uns Arme, Beladene giebt, des Troſtes, nach den langen Tagen der Sorge und Mühe Abends endlich auszuruhen in dem Ruhe bringenden, geliebten, tröſtenden Bette. Ich danke Dir, Carl, aber ich ſchwöre Dir zu, ich werde nicht wieder ſchlafen, wenn Du mir nicht verſprichſt, die Hälfte dieſer Betten zu nehmen, und ſie in Deine Kammer zu tragen. Nein, nein, Sophie, rief Carl heftig, nimmermehr darf dies geſchehen. Ich ſchlafe ganz gut auf meinem Strohſack, ſchlafe um ſo beſſer, wenn ich weiß, daß Du mindeſtens auf weichem Lager ruhſt. Gut, ſagte ſie mit einem lieblichen Trotz, dann ver⸗ bringe ich von nun an die Nächte, auf einem Stuhl ſitzend. Denn ich habe geſchworen, nicht zu Bette zu gehen, wenn Du nicht meinem Willen nachgiebſt. Und es geht ſo gut. Alle Kiſſen ſind doppelt da, es iſt ganz darauf berechnet in zwei Theile getheilt zu werden. „ — Carl, willſt Du mir den Schlaf und die Ruhe rauben, ¹ indem Du mir dies verweigerſt? O nein, das willſt Du nicht, und ſiehſt Du, ich werde ſchnell die Betten —.„ —,., 179 aus einander ſuchen, und die Hälfte derſelben in Deine Kammer tragen. Sie ging raſch an's Werk, und als Carl ſie ſo für ſich beſchäftigt ſah, ihm ſein Lager zu bereiten, fühlte er in ſeiner Bruſt einen tiefen, ſtechenden Schmerz, und lang unterdrückte glühende Wünſche und Schmerzen er⸗ wachten wieder in ihm. Er überwand ſich aber mit mächtigem Willen, und ſagte leiſe zu ſich ſelber:„ſte wird mich niemals anders lieben, als wie eine Schwe⸗ ſter!“ Als er aber dieſen Abend ſein Lager beſtieg, küßte er mit heiliger Andacht das Kopfkiſſen, das Sophie ihm hingelegt, und auf welchem ſonſt ihr geliebtes Haupt geruht. Von nun an begann ein ruhiges, ſtill beglückendes Leben für dies ſeltſame Geſchwiſterpaar. In ruhiger Heiterkeit vergingen für Carl die Tage, und wenn er Abends heimkehrte von der Arbeit, und Sophie ihm mit freundlichem Gruß entgegen kam, und ihm zeigte, was ſie inzwiſchen gethan und geſchafft, wenn ſie ihm er⸗ zählte, wie ſie an ihn gedacht, und mit ihm alle die kleinen Angelegenheiten ihrer Wirthſchaft beſprach, oder, wenn ſie neben einander ſitzend ſich aus irgend einem ſchönen Buche vorlaſen, denn Beide liebten ſie die Lec⸗ türe, wenn er ihrer holden, melodiſchen Stimme lauſchte, die ihm vorlas, während er dabei zeichnete, dann meinte 12* 1 180 Carl, alle ſeine Wünſche ſeien erreicht, und er habe auf Erden nichts mehr zu wünſchen. Dann meinte er auf immer ſich genügen zu laſſen an dieſer ſtillen, ſchweſter⸗ lichen Liebe, und wenn zuweilen, wider ſeinen Willen, lautere, ſtürmiſchere Wünſche ſich in ihm regten, unter⸗ drückte er ſie ſchnell, denn er fühlte wohl, daß Sophie ihn verlaſſen würde, wenn ſie die wahre Beſchaffenheit ſeiner Liebe kenne. XV.* Als Bonaventura an dem Abende jenes Tages, an welchem er Sophie auf eine ſo harte und barbariſche Art behandelt hatte, heimkam, und ſie nicht fand, war er tief erſchüttert, und mit bitterm Reuegefühl rief er ſich all' ſeine Härte und Liebloſigkeit, Alles, was ſie durch ihn und für ihn hatte erdulden müſſen, zurück. Wäre Sophie in dieſem Augenblick in's Zimmer getre⸗ ten, er würde vor ihr nieder geſtürzt, er würde ſie knieend und mit Thränen um Verzeihung gebeten, und eine gänzliche Umwandlung gelobt haben; auch zweifelte er gar nicht, daß ſie kommen würde, und erſt als Stunde nach Stunde verging, und ſie immer noch auf ſich war⸗ ten ließ, erſt da glaubte er an die Möglichkeit, daß ſie ihn verlaſſen habe; dieſer Gedanke erfüllte ihn anfangs mit einer Art Freude, und er athmete erleichtert lauf, es war ihnk, als ſei eine große Bürde von ſeiner Seele genommen, und als ſei er nun endlich wieder frei ge⸗ 182 worden. Dennoch empfand er eine Art Indignation bei dem Gedanken, verlaſſen, aufgegeben worden zu ſein; je mehr er dieſer Stimmung nachhing, deſto unmöglicher ſchien es ihm, daß ſie dies wirklich vermochte. Wer mich einmal geliebt hat, ſagte er ſich, der kann mich nicht wieder vergeſſen, der kann nimmer aufhören mich zu lieben. Nein, nein, wie grauſam ich auch immer gegen Sophie war, nur mit ihrem Leben wird ihre Liebe zu mir erlöſchen. Aber wie, ſagte er zuſammenſchre⸗ ckend, wie, wenn ihr Leben ſelber erloſchen wäre? Wie wenn ſie in der Verzweiflung über meine Härte ſich ſel⸗ ber den Tod gegeben! Nein, nein, rief er aufſpringend, und heftig im Zimmer auf und abgehend, dies iſt, dies kann nicht ſein! Sie ſollte durch mich den Tod erlei⸗ den! Ich wäre zu ihrem Mörder geworden! O Schmach und Schande über mein ſündiges Haupt! Ja, ja, wie ſehr ich mich auch ſträuben mag gegen dieſen ſchauder⸗ vollen Gedanken, das Emntſeblichſte iſt dennoch wahr, ich bin ihr Mörder, für mich iſt ſie in den Tod gegangen! O Du armes, gemißhandeltes, zertretenes Weib, welche Qualen mögen in Deiner Bruſt gewüthet haben, als Du Dich anſchickteſt zu dieſer letzten, furchtbaren That! O Sophie, ich weiß, daß Du mir ſterbend dennoch ver⸗ ziehen, ich weiß, daß es mein Name war, den Du ſter⸗ — bend nannteſt! Er hatte ſich jetzt ſo tief gerührt, daß Thränen —— 183 ſeinen Augen entſtrömten, und nun warf er ſich ganz erſchöpft auf einen Stuhl und unwillkührlich eine an⸗ muthige, graciöſe Stellung annehmend, fuhr er mit lei⸗ ſem, melodiſchem Tone fort: ja, fließt nur, fließt nur, meine Thränen, Ihr fließt um das edelſte, das reinſte Weib, um ein Weib, das mich geliebt hat mit göttlicher Liebe, das mit himmliſcher Treue an mir gehangen und ſelbſt im Tode mich noch angebetet hatte. Denn ſie ſtarb, weil ſie mich anbetete, und weil ſie wähnte, mein Herz habe ſich von ihr gewandt, ſie ſtarb gebrochenen Herzens, und dennoch ſelig, denn ſie ſtarb für den Ge⸗ liebten. Ja, Sophie, ffuhr er fort, ſich immer mehr em⸗ por ſchraubend zu einer künſtlichen Begeiſterung und Exaltation, ja Sophie, jetzt erſt durchſchaue ich deine große, edle That, oder beſſer, deinen großen, edlen Opfer⸗ tod; nicht aus Verzweiflung biſt Du in den Tod gegan⸗ gen, ſondern in herrlicher, erhabener Liebe; Du glaub⸗ teſt Dir mein Herz entfremdet, und Du gingſt in den Tod, um mir meine Freiheit wieder zu geben! O gro⸗ ßes, ſchönes Herz, ſchaue vom Himmel hernieder auf mei⸗ nen Schmerz und meinen Thränen, und ſegne mich!— Seine Thränen floſſen reichlicher, er ſtand langſam auf und wankte ſchmerzbeladen zum Spiegel. Mit einem ſanften, ſchmerzlichen Lächeln ſchaute er in denſelben, und ſagte dann: o wenn mich doch jetzt die Fürſtin La⸗ ſchuska ſehen könnte. Wenn ich einſt ſo, in Thränen 184 aufgelöſt, mit dieſem Wehmuthsblick zu ihren Füßen liege, o gewiß, dann wird ſie mir nicht widerſtehen!— Dieſer Gedanke machte ihn ganz heiter, auch hatte er über ſeinem tragiſchen Monolog den Gegenſtand deſſel⸗ ben, ſo wie ſeinen Kummer gänzlich vergeſſen. Aber bald ſollte er auf andere Weiſe an ſeinen Verluſt erinnert werden, denn es fehlten ihm die treuen, für ihn ſchaffenden und arbeitenden Hände, es fehlte ihm das liebende, ſorgende Weib, die ordnende Haus⸗ hälterin, und Bonaventura ſah ſich nicht allein den klein⸗ lichen Unbequemlichkeiten, für ſich und ſeine Toilette ſel⸗ ber Sorge tragen zu müſſen, ausgeſetzt, ſondern es ſtellte ſich bald Mangel und Noth ein, und mahnte ihn bit⸗ ter daran, daß Sophieen's fleißige Hände nicht mehr für ihn arbeiteten. Jetzt zürnte er ihr, daß ſie dies Le⸗ ben von ſich geworfen, und ihren„Opfertod“ nannte er jetzt eine alberne, ſchwärmeriſche That. Aber der Mangel ward immer fühlbarer, und doch mußte Bona⸗ ventura jetzt mehr, als jemals darauf bedacht ſein daß Niemand denſelben ahne, ja, er mußte ſogar Sorge tra⸗ gen, ſich den Schein des Reichthums zu bewahren, um nicht bei ſeinen vornehmen Freunden Verdacht zu erre⸗ gen. Denn kein Tag verging, ohne daß er bei ſeiner ſchoͤnen Freundin, der Fürſtin Laſchuska, war, und je mehr ihn dieſe ſichtlich auszeichnete vor ihren übrigen Bewerbern, je mehr mußte er bemüht ſein, Alles zu —— 185 vermeiden, was dieſen ſeinen Neidern und Nebenbuhlern Grund zum Verdacht geben konnte. Aber dieſe Verbin⸗ dung mit ſeinen vornehmen Freunden konnte nicht ohne bedeutende Koſten aufrecht erhalten werden. Fürſtin Laſchuska war reich, und ſie liebte es, im launenhaften Pharoſpiel das Glück zu verſuchen, ſie ſetzte gern hohe Nummern, denn bei ihrem Neichthum ließen kleinere Gewinnſte und Verluſte ſie kalt. Natürlich durften ihre Cavaliere nicht hinter ihrer Dame zurückbleiben, und ſo war der Tiſch oft bedeckt mit Haufen Geldes, die von Allen, außer Bonaventura, mit Gleichgültigkeit gewon⸗ nen und verloren wurden. Anfangs begünſtigte ihn das Glück und er gewann bedeutende Summen, die bei einem minder üppigen und verſchwenderiſchen Leben ihm für längere Zeit eine geſicherte Exiſtenz hätten gewähren kön⸗ nen. Aber für Bonaventura genügte dies nicht; ſein Ziel war, die ſchöne und reiche Fürſtin für ſich zu er⸗ obern, und dies Ziel beſtändig vor Augen, kümmerte es ihn wenig, wie groß die Geldſummen waren, die er ver⸗ lor, vorausgeſetzt nur, daß er immer etwas zu verlieren hatte, und ſo im Stande war, bei ſeinen Verluſten eine gleichgültige Miene zu bewahren. Denn er durfte ſich nicht leugnen, daß ſein Angeſicht in ſolchen Momenten beobachtet ward, und zwar nicht von den liebenden Au⸗ gen der Fürſtin, ſondern von den mißtrauiſchen, feindli⸗ chen Blicken ſeines Nebenbuhlers, des Fürſten Rajienski. 12* 186 Dieſer konnte es ihm nie verzeihen, daß die Fürſtin ſichtlich Bonaventura ihm vorzog, und hatte ſich gelobt, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um Bonaventura aus der Gunſt der Fürſtin zu verdrängen und ſich an ihm für die erfahrene Zurückſetzung zu rächen. Er fing an, ihn genau zu beobachten; bald ſtiegen ihm Zweifel auf, und er begann dem oft gerühmten Reichthum ſei⸗ nes Feindes zu mißtrauen, als er ihn einmal bei einem bedeutenden Verluſte ſichtlich erbleichen und ein anderes Mal bei einem noch bedeutenderen Gewinn Bonaventu⸗ ra’s Augen leuchten ſah in unverſtellter Freude. Ein reicher Cavalier wird von ſolchen Dingen nicht berührt, dachte der reiche und freigebige Fürſt, folglich iſt er nicht reich, und er lügt, wenn er mit ſeinem Reichthum prahlt. Wer aber eine ſolche Lüge wagt, iſt auch noch zu an⸗ dern Betrügereien fähig!„Ich will. ihn alſo beobach⸗ ten!“ Aber, einmal argwöhniſch geworden, war es nicht ſchwer noch andere Dinge aufzufinden, die Bona⸗ ventura immer mehr verdächtigten. Die ſchwärmeriſche, und deshalb leicht zu täuſchende, Fürſtin Laſchuska hatte willig dem Mährchen, Bonaventura ſei ein von der Oe⸗ ſterreichiſchen Regierung verbannter Carbonaro, geglaubt, und nicht ein Zweifel war in ihrer Seele. Anders war es mit Fürſt Ralienski. Es ſchien ihm auffallend, daß ein Oeſterreichiſcher Unterthan, deſſen Güter am Comer⸗ ſee, alſo in Italien, lägen, nicht bloß ſo fertig deutſch, 187 ſondern das Deutſche nicht einmal im öſterreichiſchen, ſon⸗ dern mehr im Berliner Dialert ſprechen ſolle. Der Fürſt ſelber war viel gereiſt, hatte ſich an den reizenden Ufern des Comerſees Wochenlang aufgehalten, und er meinte, das uralte Schloß Ottersheim, das, wie Bonaventuraä erzählte, in romantiſcher Lage unmittelbar am Ufer des Sees läge, müßte ihm aufgefallen ſein. Ich muß hier⸗ über klar werden, ſagte der Fürſt, und ſollte ich ſelbſt einen meiner Diener mit Courierpferden zum Comerſee ſenden, und einen Plan von der ganzen Gegend aufneh⸗ men laſſen. Zuerſt aber will ich ihn ſelber ausforſchen! Am naͤchſten Abend, in welchem der Fürſt nun mit Bonaventura bei der Fürſtin zuſammen traf, und man ſich zum Spiel niederließ, ſetzte Fürſt Rajienski auf eine Karte eine ſo bedeutende Summe, daß ſelbſt die Fürſtin Laſchuska erſtaunte, und den Fürſten lächelnd einen Verſchwender nannte. Es iſt Coeur Dame, ſagte der Fürſt, und Herr von Ottersheim wird mich begreifen und es verſtehen, wenn ich behaupte, daß keine Summe zu groß iſt, um ſie auf dieſe Karte zu ſetzen. Wir Maͤnner ſind, wenn wir lieben, nicht minder abergläubiſch, als die Damen, und übertreffen dieſe vielleicht noch in dem Glauben an Zeichen und Wunder. So bilde ich mir ein, daß wenn dieſe Coeur Dame gewinnt, mir dies ein gutes Zeichen iſt, das mich ermahnt, nicht zu ermatten im Kampfe 188 nach einem andern Herzen. Aber ſelbſt dieſe Coeur Dame darf ſich nicht genügen laſſen an einem einzigen Verehrer. Herr von Ottersheim, ich biete Ihnen daher einen Kampf für Coeur Dame. Wollen Sie gegen mich ſetzen? Nun, mein Dichter, rief die Fürſtin fröhlich, nicht wahr, Sie nehmen den Kampf an? Das iſt wirklich intereſſant, und ich zweifle nicht, daß Sie der Sieger ſein werden, denn das Glück iſt mit den Muthigen, und Sie ſind des Kampfes und Sieges gewohnt. Nun al o, Sie pariren? fragte der Fürſt. Natürlich! ſagte Bonaventura. Wie hoch beläuft ſich die Summe? Dreihundert Louisd'or. Laſſen Sie uns denn im⸗ merhin anfangen! Beliebt es Ihnen zu ſetzen, Herr von Ottersheim? V Leider werde ich nicht im Stande ſein, dieſe Summe baar zu ſetzen, erwiederte Bonaventura, denn leider hat mir mein Verwalter noch immer nicht meine vierteljähr⸗ lichen Revenuen geſchickt, und da er ſonſt ſich als ein ſo ordentlicher und pünctlicher Menſch immer bewährt hat, ſo muß ich faſt fürchten, daß andere Schwierigkei⸗ ten obwalten, und vielleicht die öſterreichiſche Regierung meine Gelder zurück hält, um mich zur Rückkehr zu. zwingen. Sie werden, Sie dürfen aber nicht dahin gehen, 189 rief die Fürſtin heftig. Man würde ſich nicht genügen laſſen, Sie bloß zur Rückkehr gezwungen zu haben, man würde ſich Ihrer bemächtigen, in irgend einem entſetzli⸗ chen Gefängniß Sie der Vergeſſenheit, der Qual, der Marter einer lebenslänglichen Gefangenſchaft Preis ge⸗ ben. O mein Gott, Bonaventura, denken Sie an Pel⸗ lico, gehen Sie nicht! Sie faßte ängſtlich ſeine Hand, als wolle ſie ihn zurück halten von dieſem gefährlichen Gange. Bonaven⸗ tura küßte dieſe Hand und ſagte: ein Wort von Ihnen, Fürſtin, genügt, um mich auf ewig hier zu feſſeln, und ſollte ich auch als Bettler auf der Schwelle She Hau⸗ ſes ſterben!“ Nun, und unſere Wette? fragte der Fürſt mit rauhew Ton, Coeur Dame harrt noch immer ihres zweiten Rit⸗ ters. Herr von Ottersheim, ich gebe Ihnen Credit! Ich bin zu begierig auf den Ausgang diefes Spiels, denn ich habe meine ganze Zukunft auf dieſe Karte ge⸗ ſetzt. Laſſen Sie uns denn anfangen! Ja, fangen wir an, ſagte Bonaventura, gewinnen Sie, bleibe ich Ihr Schuldner, bis meine Gelder ein⸗ treffen.* Geben Sie her, geben Sie, rief die Fürſtin lebhaft, ich ſelber will tailliren! Rechts gilt für Sie, Fürſt Ra⸗ jienski, links für Sie, Bonaventura! Sie ſchlug die Karten auf, nach rechts und links, und murmelte dabei: 190 gagné! perdu! gagné! perdu! Perdu, rief ſie jetzt ganz freudig, Fürſt Rajienski, Sie haben verloren, Coeur Darze iſt links gefallen! Die dreihundert Louisd'or gehören Ihnen, ſagte der Fürſt ruhig, ſie Bonaventura hinſchiebend. Aber noch bin ich nicht entwaffnet und muthlos. Ich wage es noch einmal!— Er zog ſein Portefeuille hervor, und legte einen Haufen Banknoten auf Coeur Dame. Es ſind zweitauſend Thaler, Herr von Ottersheim, ich biete Ihnen einen zweiten Gang an. Sie riskiren da⸗ bei nichts, denn wir bedürfen nicht einmal der Summen Ihres Verwalters, das ſo eben Gewonnene genügt voll⸗ kommen! So laſſen Sie uns ſehen, Fürſtin, ſagte Bonaven⸗ tura ganz freudig und in der Hoffnung abermals zu ge⸗ winnen, laſſen Sie uns ſehen, Fürſtin, wem von uns Beiden Sie diesmal als holde Glücksgöttin erſcheinen werden. Die Fürſtin nahm lächelnd die Karten, und tail⸗ lirte auf's Neue. Plötzlich aber warf ſie die Karten weit von ſich und ſprang auf. Sie haben gewonnen, Fürſt, rief ſie zornig, aber ich rathe Ihnen, geben Sie Jhnichts auf Kartenglück, denn es lügt, und Coeur Dame ergiebt ſich Ihnen leichter, als ein menſchlich Herzl; Sie ſtieß beftig den Tiſch zurück, daß die Geld⸗ ſtücke glirrend durch einander fuhren, und ging einige — — 191 Male ſchweigend im Zimmer auf und ab.— Fürſt Rajienski ſteckte indeß ruhig ſein Geld wieder ein, und ſagte zu Bonaventura: es muß aber in der That unan⸗ genehm ſein, ſich ſo auf die Ordnungsliebe und Pünkt⸗ lichkeit ſeiner Leute verlaſſen zu müſſen, und von ihrer Laune gewiſſermaßen abhängig zu ſein. Vielleicht könnte ich Ihnen nützlich ſein, wenigſtens zu erfahren, wer Schuld an dieſer Zögerung trägt. Ein Freund von mir reiſt heute noch nach Italien und wird am Comerſee längere Zeit verweilen. Vielleicht könnte er ſelbſt in Ihrem Schloſſe nachfragen, ob der Verwalter das Geld abgeſchickt. Ich erbiete mich gern, meinem Freunde die⸗ ſen Auftrag zu geben, und erſuche Sie, mir nur den Namen Ihres Gutes und Schloſſes zu nennen. Ich darf Ihre Güte nicht mißbrauchen, ſagte Bo⸗ naventura, nicht ohne Befangenheit. Auch wäre eine ſolche Nachfrage vollkommen überflüſſig, da ich mich ganz auf meinen Verwalter verlaſſen kann. Nun dann, ſo erlauben Sie mindeſtens meinem Freunde, Ihre ſchöne Beſitzung in Augenſchein zu neh⸗ men, und dort vielleicht einige Stunden auszuruhen. Gewiß, dies wird mir eine Freude ſein! Wie war doch der Name Ihres Schloſſes? Nicht wahr, es heißt nach Ihnen, Schloß Ottersheim?— Bo⸗ naventura bejahete.— Seltſam, fuhr der Fürſt, ihn 19² ſcharf firirend fort, ſeltſam, daß der Name ſo ganz deutſch klingt. Wie kommt das, mein lieber Baron? Mein Vater war ein Deutſcher, und gab dem Schloß ſeinen Namen.— Und in welcher Gegend des Comerſees liegt das Schloß? Es liegt nicht weit von, von— Bonaventura ſtockte, und der Fürſt ſagte anſcheinend harmlos: von Como, nicht wahr, ſo ſagten Sie mir ſchon früher? Ja, von Como, beſtätigte Bonaventura. Aber Sie fragen, wie ein Polizeiſpion, ſagte die Fürſtin zu den beiden Herren tretend, und ich bewundere Ihre Geduld, lieber Ottersheim, ſo langmüthig auf alle dieſe Fragen zu antworten. Bonaventura ſagte: unter Ihren Blicken, geſegnet V von Ihrer Nähe, habe ich Geduld zu Allem, nur nicht, Sie mir abgewandt zu ſehen. Es geht mir damit wie den Blumen, die ihre Blüthe immer nach der Sonne wenden, und verwelken und ſterben, ſo wie die Sonne auſhört ihnen zu leuchten!. Für uns, mein Freund, giebt es auch noch eine Sonne, ſagte die Fürſtin begeiſtert, uns leuchtet noch ein ſtrahlendes, köſtliches Meteor, und wir mindeſtens wandeln nicht unter dem matten Mondenſchein alltaͤgli⸗ cher Zufriedenheit und Genügſamkeit einher, wie zum Beiſpiel Sie, Fürſt Rajienski. Ihnen genügt es, ver⸗ ———— — O—— —— — 193 bannt vom Vaterlande in Ruhe zu leben! Uns genügt dies nicht! Uns leuchtet ein köſtliches, glühendes Licht, uns verlangt nach der Sonne, daß ſie komme, uns zu erwärmen, und unſer Herz zu durchglühen mit allmäch⸗ tigem Glück. Dieſe Sonne iſt die Freiheit, die Freiheit unſeres Vaterlandes! Vielleicht, ſagte der Fürſt ruhig, vielleicht werden Sie einmal inne werden, Fürſtin, daß auch ich nicht un⸗ ter dem Mondenſchein kalter Zufriedenheit, wie Sie ſehr ſchön ſagen, einher wandle, ſondern auch nach einer Sonne verlange und nach einem erwärmenden Strahl. Meine Sonne aber liegt in Ihren Blicken! Vous étes insupportable! rief Fürſtin Laſchuska unwillig, und wandte ihm den Rücken. Er iſt ein Betrüger, ſagte Fürſt Rajienski, als er von der Fürſtin heimfuhr. Ich bin jetzt davon überzeugt, daß er ein Betrüger iſt. Es kommt nur noch darauf an, ihn zu entlarven. Wäre nur der öſterreichiſche Ge⸗ ſandte nicht verreiſt! CEva. II. Theil. 13 XVI. Indeß war Bonaventura's letzte Hilfsquelle erſchöpft, denn ſchon hatte er ſeine Brillantnadel verkauft, und den koſtbaren, ächten Stein mit einem imitirten vertauſcht. Aber auch das für dieſe Koſtbarkeit erhaltene Geld war ſchon erſchöpft, und Bonaventura ſah keine neue Hilfs⸗ quelle mehr ſich für ihn öffnen. Er entſchloß ſich da⸗ her, ſeinen faſt vergeſtenen, und ſeit Monden nicht ge⸗ ſehenen Schwager Ralph aufzuſuchen, und ihn um ein Darlehn zu erſuchen.„Er iſt ein alter geiziger Philiſter,“ ſagte er auf dem Wege zu Ralph,„aber Eva wird ihn ſchon bereden, mir eine nicht unbedeutende Summe zu leihen.“ Aber zu ſeinem Mißgeſchick traf er Eva nicht daheim, und Ralph erklärte mit Entſchiedenheit nicht im Stande zu ſein, ihm irgend ein Darlehn zu bewilli⸗ gen. Zornig und mit tiefſter Verachtung für Ralph verließ ihn Bonaventura, und kehrte in ſeine Wohnung zurück, wo er in laute Klagen ausbrach, und ſich den 195 Unglücklichſten aller Sterblichen, einen vom Schickſal Gezeichneten, einen Märtyrer der Armuth nannte, und viel tauſend ſchöne Namen und Wendungen für ſeine traurige, verzweiflungsvolle Lage erfand. Etwas Großes, Entſcheidendes muß geſchehen, ſagte er, oder die Verzweiflung übermannt mich. Mein Ge⸗ ſchick muß eine andere, entſchiedene Wendung nehmen, oder ich erliege dieſer Laſt und dieſen Verfolgungen mei⸗ nes Geſchickes! O tauſendmal, tauſendmal entſetzlicher iſt es vom Geſchick, als von den Menſchen verfolgt zu werden! Hier fehlt aller Widerſtand, aller Kampf, hier hilft nichts, als ſich zu reſigniren und ſchweigend zu dulden!— Ich aber, fuhr er energiſch fort, ich will nicht dulden und ſchweigen, will nicht unterliegen und reſigniren! Nun, mein Hirn, nun ſtrenge Dich an, et⸗ was Großes zu erſinnen, etwas Entſcheidendes, das mir zu der Fürſtin und zu Macht und Glanz verhilft! Lange ging er ſchweigend und ſinnend auf und ab, dann rief er laut und freudig: ja, ſo geht es! Bei meinem Leben, ſo geht es! Der Schrecken, die Ueber⸗ raſchung, ihre eigene Liebe zu mir wird ſie übermannen. Sie wird mir nicht widerſtehen! Und willigt ſie erſt ein, mich in ihrem Zimmer zu verbergen, nun, dann habe ich gewonnen! Aber jetzt raſch an's Werk! Er ordnete eiligſt ſeine wenigen Papiere und ſteckte ſte in ſeinen Buſen. Dann trat er zum Spiegel und 13* 196 prüfte ſein Angeſicht. Ich ſehe heute etwas blaß aus, das iſt gut, ſagte er, und wird meinen Worten mehr Gewicht geben. Auch mein Anzug muß etwas verwor⸗ ren und wild ausſehen. Dies Halstuch muß loſe, halb aufgeknüpft um den Hals liegen, ſo, und die Ordnung des Haares muß zerſtört werden!— Er fuhr ſich mit den Händen durch ſein langes ſchönes Haar, und warf es in ungeregelten Locken durch einander. Das ſieht überdies gar nicht übel aus, ſagte er, es erinnert ein wenig an Lord Byron. Nun wäre ich alſo fertig, und ſo bald es dunkelt, eile ich zu ihr!— In peinigender Ungeduld verbrachte er die Stunden, bis der Abend her⸗ ein dunkelte. Nun eilte er zum Palais der Fürſtin, und drang, ohne ſich melden zu laſſen, in das Gemach, in welchem ſie gewöhnlich zu ſein pflegte, wenn ſie allein war. Die Fürſtin lag halb ſchlummernd auf dem Di⸗ van, und als ſie Bonaventura erblickte, tönte ein leiſer Schrei der Ueberraſchung von ihren Lippen. Sie rich⸗ tete ſich halb auf aus ihrer liegenden Stellung, als Bonaventura ſich vor ihr niederwarf, und die Hände zu ihr erhebend, mit angſtvollem Ton ſagte: retten Sie mich, oder ich bin verloren! Man verfolgt mich! Man wird es vielleicht ſogar wagen, bis hierher zu dringen, um mich von hier in den Kerker zu ſchleppen! In den Kerker! ſchrie die Fürſtin erbleichend, und ihre rege Phantaſie zeigte ihr ſofort alle Schreckniſſe 197 eines Kerkers, in dem Bonaventura verſchmachten müſſe. In den Kerker! wiederholte ſie angſtvoll, und unwillkühr⸗ lich legte ſie ihre Arme um den Nacken des vor ihr knieenden Freundes. Nein, nein, nimmer ſollen ſie es wagen, Sie von hier zu entreißen, nimmer, ſo lange ich lebe! Nein, nein, rief Bonaventura, Sie, meine edle, meine erhabene Freundin, dürfen für mich nicht in Ge⸗ fahr gebracht werden, lieber tödte ich mich ſelbſt. Ich kam, um Ihnen Lebewohl zu ſagen, ach, vielleicht ein ewiges, letztes Lebewohl; denn ich fühle es wohl, die Trennung von Ihnen, von meiner Sonne, von meinem Lichte, wird mich tödten! Aber gehen muß ich, und werde ich! Hier ſind meine Papiere! fuhr er fort, ſein Portefeuille aus ſeinem Buſen ziehend, und es der Fürſtin darreichend. Nehmen Sie es, Fürſtin, es iſt gewiſſermaßen mein Teſtament, und Sie werden finden, daß Sie in allen meinen Gedanken und meinen Liedern lebten, daß Sie der Genius meines Daſeins waren! Und nun, Fürſtin, leben Sie wohl! Ich kam, Sie um ein Obdach für dieſe Nacht anzuflehen, aber nun ich Sie ſehe, nun ich wieder in den Himmel Ihres Antlitzes ſchaue, nun fühle ich alle meine Vernunft und Ruhe wiederkehren, nun fühle ich, daß ich es nicht wa⸗ gen darf, auch Sie in Gefahr zu ſetzen, und ich gehe. Leben Sie denn wohl, Licht meines Lebens! Leben Sie 198 wohl!— Er küßte ihr Gewand, ihre Füße, und dann ſprang er auf, und ſtürzte zur Thür. Aber ſchon war die Fürſtin empor geflogen vom Divan, und jetzt faßte ſie ſeinen Arm, und ſagte mit mächtiger Stimme: Bo⸗ naventura, willſt Du mich tödten! 3 Er blickte ſie, wie zweifelnd an, dann ſagte er trau⸗ rig: o nein, dies war nur ein ſchöner Traum! Ich glaubte Sie ſprechen zu hören, aber es war nur hier in meiner Seele, daß ich Sie vernahm! Leben Sie wohl! Nein, ich laſſe Dich nicht, rief ſie, ſich angſtvoll an ihn anklammernd, ich laſſe Dich nicht, mein Freund, mein Geliebter. Du ſollſt nicht dies Zimmer verlaſſen, ſte ſollen Dich mir nicht entreißen! Vor der ganzen Welt will ich Dich verbergen! Und nun ſank Bonaventura auf ſeine Kniee nie⸗ der, und die Arme gen Himmel erhebend rief er begei⸗ ſtert: o mein Gott, mein Gott, es iſt alſo kein Traum Sie liebt mich! O, nun kann ich getroſt von hinnen gehen, ihre Liebe nehme ich mit mir fort! Ja, ich liebe Dich, ſagte ſie athemlos, und Du darfſt nicht gehen! Ich dulde es nicht! Hier in die⸗ ſem Zimmer ſollſt Du bleiben, hier will ich über Dich wachen, hier hinein ſoll Niemand kommen dürfen außer mir!. Bonaventura ſagte: nun gebiete Du über mich, 199 Geliebteſte, Du liebſt mich, was kümmert mich nun die ganze Welt. Entſcheide Du nun über mein Geſchick. Du bleibſt alſo, ja Du bleibſt, ſagte ſie freudig, um nun laß uns überlegen, was zu thun iſt! Erzähle mir ſchnell Alles, was Dich bedroht! Sie ſetzte ſich auf den Divan, und winkte ihn neben ſich. Bonaven⸗ tura erzählte ihr nun, wie ſchon ſeit einigen Tagen Gens⸗ darmen in ſeiner Wohnung nach ihm gefragt, und ſich erkundigt, und heute Morgen habe ein Freund ihm eine ſchriftliche Warnung zugeſchickt, und ihm gerathen, eiligſt die Stadt zu verlaſſen. Dies Billet, das er ſelbſt zu⸗ vor geſchrieben, zeigte er der Fürſtin, und erzählte wei⸗ ter, wie er ſich ſchnell daran gemacht, ſeine Effecten zu ordnen und ſeine gefährlichſten Papiere zu verbrennen, als ſein Diener todtenbleich herein geſtürzt ſei und ihm gemeldet habe, daß mehrere Gensdarmen leiſe die Treppe herauf geſchlichen ſeien. Er ſei ſogleich durch eine Hinter⸗ treppe auf die Straße geeilt, habe vor der Thür die verſchloſſene Kutſche, in der man ihn wahrſcheinlich hatte fortführen wollen, ſtehen geſehen, und ſei nun eiligſt zu ihr gekommen, um ihr Lebewohl zu ſagen. Niicht mir Lebewohl zu ſagen, ſondern um bei mit zu bleiben, ſagte die Fuürſtin; mußt Du denn ein Ge⸗ fangener ſein, mein Bonaventura, ſo will ich mindeſtens Dein Kerkermeiſter ſein, und meine Arme ſollen die Bande ſein, die Dich halten! 200 O, und in dieſen Banden will ich immer ein Ge⸗ fangener ſein! rief Bonaventura entzückt. Wie aber, Ge⸗ liebteſte, wenn man argwöhnt, daß ich hier verbo bin? Wir laſſen ihnen nicht Zeit zum Argwöhnen und Nachdenken. Morgen noch bleibſt Du hier verborgen, während der Zeit ordne ich alles Nöthige, dann verlaſ⸗ ſen wir Berlin, und vertauſchen es mit Paris. Ich werde keine Ruhe haben, bevor Du nicht jeder möglichen Gefahr entronnen biſt! XVII. Seit Mutter Anna ihre Kinder verlaſſen und eine andere Wohnung bezogen, war Ralph immer trauriger und ſtiller geworden; eine tiefe Muthloſigkeit hatte ſich ſeines ganzen Weſens bemächtigt; er ſah in der Zukunft für ſich und Eva nur Mangel und Sorge, und fühlte nicht mehr die Kraft in ſich, dem kommenden Geſchick auszuweichen. Seit die Ueberzeugung, Eva liebe ihn nicht, ſich ihm aufgedrungen, ſchien ſeine Seele ganz ge⸗ lähmt, ſeine Willenskraft gebrochen, und die tiefe Melan⸗ cholie, die ſich ſeiner bemächtigte, konnte nur dazu die⸗ nen, das kommende Unglück, das Ralph gleich einer ſchweren Gewitterwolke den ganzen Himmel ſeiner Zu⸗ kunft deckend, über ſich hängen ſah, zu beſchleunigen. Denn ſeit er ſo muthlos und lebensſatt ſich fühlte, hatte Nalph auch den letzten Troſt, ſeine letzte Freundin, die Arbeit, vernachläſſigt und von ſich gewieſen, und weil er fühlte, daß auch die größte Anſtrengung Eva nicht 13** 202 ſichern könne vor dem kommenden Unheil, erlahmie ſeine Kraft für jeglichen Widerſtand. Auch erinnerte er ſich zuweilen mit einer Art Freude, daß Mutter Anna ge⸗ ſagt, ſobald ſie wieder ihre armen und arbeitſamen Kin⸗ der geworden, ſollten ſie ſie rufen, und ſie würde kom⸗ men, und dann auch flüſterte leiſe eine Stimme in ſei⸗ nem Herzen, daß die Armuth vielleicht ſeine Eva zu ihm zurück führen könne, daß, wenn ſie erkennen würde, wie treulos die Freuden und die Freunde dieſer Welt wären, daß ſie alsdann ſich dem wieder zuwenden werde, von dem ſie wohl wußte, daß er auf Erden ihr treueſter Freund ſei. Dieſe Gedanken waren es, die ihm zuweilen das kom⸗ mende Geſchick minder traurig erſcheinen ließen, und mit dazu beitrugen, ihn unthätig und kampfesmüde zu ma⸗ chen. Weil Ralph aber weniger als ſonſt, ſelbſt in der Werkſtatt war, weil er die ſchwierigſten Arbeiten ſeinen unbeaufſichtigten Geſellen überließ, fehlte den Arbeiten die ſonſt gewohnte Meiſterſchaft und Accurateſſe, und bald gingen mindere Beſtellungen ein, ſo daß für die große Anzahl ſeiner Geſellen keine ausreichende Arbeit mehr vorhanden war. Ralph, in einer Art Verzweif⸗ lung, entſchloß ſich, ſämmtliche Arbeiter zu entlaſſen, und als er am Ende des Monates ſie alle in der Werk⸗ ſtatt um ſich verſammelte, um ihnen ihr monatliches Ge⸗ halt auszuzahlen, kündigte er ihnen ſeinen gefaßten Ent⸗ ſchluß an. Er verſprach Jedem noch die Hälfte ſeines Lohnes für den kommenden Monat zu zahlen, und ſie follten Alle gleich heute ſich nach anderweitiger Beſchäf⸗ tigung umſehen.. Eine tiefe Stille trat ein, als er ſchwieg; die Ge⸗ ſellen ſchauten einander an mit traurigen Blicken, und ſahen dann wieder auf Ralph, der bleichen, traurigen Angeſichtes ſich an die Wand gelehnt hatte, und erwar⸗ tete, daß die Arbeiter zu ihm kommen, ihm Lebewohl ſagen, und den verſprochenen halbmonatlichen Lohn in Empfang nehmen ſollten. Die Geſellen aber traten näher an einander, und flüſterten lange mit einander, endlich ſchie⸗ nen ſie Alle einig, denn ſie nickten beifällig einander zu, und auf allen Geſichtern zeigte ſich der Ausdruck der Zufriedenheit und Uebereinſtimmung. Dann trat der älteſte und angeſehenſte von ihnen, der Werkmeiſter, vor, und ſagte: lieber Meiſter Ralph! Wir hätten Ihnen wohl eine Bitte vorzutragen. Wollen Sie uns anhö⸗ ren?— Ralph nickte ſtumm Gewährung, und der An⸗ dere fuhr fort: Sie ſagen, Sie wollen uns entlaſſen, und verabſchieden uns, und wenn Ihnen das auch leicht werden mag, ſo wird es uns doch gar ſo ſchwer und traurig, daß wir Sie verlaſſen ſollen. Wir find ſchlichte, einfache Leute, und wiſſen nicht viel Worte zu machen, aber wir lieben Sie, und das möchten wir ihnen gern beweiſen. Sie haben an uns Allen brav und treu ge⸗ handelt, ſie haben uns gehalten, als waͤren wir Ihre 204 Brüder, nicht Ihre Untergebenen, Sie haben uns einen ſo bedeutenden Lohn gegeben, daß es uns möglich gewor⸗ den, uns Alle etwas zu erſparen. Nun glauben wir aber, daß ſie uns entlaſſen wollen, weil ſeit einiger Zeit wenig oder gar keine Beſtellungen gekommen ſind, wir daher oft keine Arbeit haben, und es für Sie eine zu große Ausgabe iſt, uns Alle zu erhalten und zu beſol⸗ den, wenn wir dafür gar nichts verdienen. Deshalb, lieber Meiſter, wollen wir Sie bitten, uns dieſen Mo⸗ nat wenigſtens noch zu behalten, aber Keiner von uns will einen Lohn dafür haben. Es macht uns Freude, Ihnen für jahrelange Güte auch dankbar ſein zu kön⸗ nen. Da iſt Keiner unter uns, dem Sie nicht wohl⸗ gethan, Keiner, der nicht zu erzählen wüßte von Ihrer Nachſicht und Güte, und nun denken wir, Sie werden uns ſchon die Freude goöͤnnen, Ihnen auch zeigen zu kön⸗ nen, daß wir nicht vergeſſen haben, wie viel Sie für uns gethan, und daß ſie uns erlauben, freiwillig für Sie zu arbeiten. Lieber Meiſter Ralph, wir bitten ſehr, gönnen Sie uns dieſe Freude! O meine guten lieben Freunde, ſagte Ralph tief gerührt, ich danke Euch. Ihr habt mir durch dieſen Beweis Eurer Liebe eine große Freude gemacht, und ich danke Euch, danke Euch von ganzem Herzen, meine Kin⸗ der, wenn ich Euer Anerbieten auch nicht annehmen kann. Ich will mein ganzes Geſchäft aufgeben, denn — — 205 ich bedarf der Ruhe, meine Geſundheit iſt ſchwach, und ich habe weder Muth noch Kraft mehr zur Arbeit. Des⸗ halb laßt uns ſcheiden, meine Freunde, es kann nicht anders ſein! Die Geſichter der Arbeiter, vorher ſo hoffnungsvoll und freudig, wurden nun wieder traurig, und man hörte ſie tief ſeufzen, und hier und da machte ſich ſogar ein leiſes Schluchzen und Weinen bemerkbar. Ralph ſelbſt war tief erſchüttert, und als der Werkmeiſter ſich ihm näherte, und ihm mit Thränen in den Augen die Hand zum Abſchiede darreichte, zog Ralph ihn an ſein Herz, und ihn innig an ſich drückend weinte er laut. Aber ein neuer Streit der Großmuth und Liebe entſpann ſich, als Nalph ſeinen Geſellen den halbmonatlichen Lohn auszahlen wollte, um ihnen Gelegenheit zu geben, ſich mit Ruhe, und ohne in Noth zu gerathen, nach andern Engagements umſehen zu können. Alle erklärten ent⸗ ſchieden, dies durchaus nicht annehmen zu wollen. Erſt als Ralph, um dem Streit ein Ende zu machen und ſie zur Annahme des Geldes zu bewegen, ſagte, er habe eine große Erbſchaft gethan, deshalb allein gebe er das Geſchäft auf, und ſie könnten daher ohne Sorge ſein Anerbieten annehmen, erſt da entſchloſſen ſich die treuen Burſchen, das Geld anzunehmen.— Als nun endlich der Abſchied überſtanden, die Werkſtatt leer, nirgends mehr das Geräuſch der Hobel, der Feilen und Sägen 2⁰6 zu hören war, als Ralph ſich ganz einſam und allein fand, da erſt ſank er troſtlos und wie zerbrochen zu⸗ ſammen, und weinte bitterlich. Dann, als er ſich wie⸗ der geſammelt, ging er hinauf zu Eva, die er in ihrem Boudoir mit der Lectüre eines franzöſiſchen Romans be⸗ ſchäftigt fand. Eva, ſagte er mit einem leiſen Anflug von Bitter⸗ keit, Du wirſt von nun an nie mehr den Aerger haben, Dich Frau Meiſterin nennen zu hören, denn ich bin kein Meiſter mehr, und habe ſo eben alle meine Arbei⸗ ter entlaſſen. Gott ſei Dank, ſagte Eva. Aber wie kommt es, daß Du jetzt auf einmal einen Schritt gethan, den zu thun ich Dich ſo lange vergeblich gebeten? Die Noth trieb mich dazu, Eva. Ich hatte keine Arbeit mehr für die eſellen, und mußte ſie entlaſſen, weil ihre Erhaltung mir zu viel Koſten verurſacht. Mein Gott, rief Eva erſchrocken, was wird die Welt aber ſagen, wenn ſie dieſen Grund erfährt! Beruhige Dich, Eva, ich habe vorgegeben, eine Erb⸗ ſchaft gethan zu haben, und deshalb das Geſchäft auf⸗ geben zu wollen! Ah, das iſt ſchön von Dir, rief Eva. Wir haben aber keine Er? Haft gethan, Eva, ſagte Ralph ernſt, und ich muß Dich wieder und immer wie⸗ der daran erinnern, daß unſere pecuniären Verhältniſſe 207 zerrüttet ſind und wir nicht mehr im Stande ſind, dies Leben ſo durchzuführen. Der unerwartete Fall jenes Banquierhauſes hat uns mehr denn die Hälfte unſers Vermögens geraubt. Eva ſagte lachend: die andere Hälfte aber, mein ä8ngſtlicher Freund, wird wohl genügen für uns! Von nun an aber ward Ralph immer ſchwermü⸗ thiger und theilnahmloſer; er hätte ſein Blut tropfen⸗ weiſe hingeben mögen, Eva vor Unglück und Armuth zu bewahren, und hatte nicht einmal die Kraft, ihr mit Ernſt entgegen zu treten und durch kluge Sparſamkeit das zu erhalten, was ihnen noch blieb. Er ſah Eva am Rand eines Abgrundes ſtehen, und hatte nicht den Muth, ſie mit Gewalt zurück zu reißen, er hatte nur Bitten und Seufzer, nur heimliche Thränen, aber der Mann in ihm ſchien erſtorben, und er war weich und willen⸗ los, wie ein Kind. Sein einzigſter Troſt war, zuweilen zu Mutter Anna zu gehen, und ſich von ihr von ver⸗ gangenen Tagen, von ihrer kummervollen Jugend, ihrem arbeitsvollen Leben erzählen zu laſſen. Mutter Anna ſchien ruhig und zufrieden wie ſonſt, aber ſie war ern⸗ ſter, ſtiller, ihrem Angeſicht fehlte der Ausdruck heitern Seelenfriedens, ihren Blicken der Strahl der Zufrieden⸗ heit und Ruhe; nur wenn Ralph bei ihr war, wenn ſie ihm, von dem ſie wußte ganz verſtanden zu werden, von all' den kleinen und doch ihr ſo wichtigen Begeben⸗ 208 heiten ihres Lebens erzählte, von den Sorgen und Freu⸗ den der Arbeit, nur dann ſchien auch ſie ihre Heiterkeit wieder zu gewinnen und ward lebhaft und geſprächig. Auf Ralph aber machten die Unterredungen mit der al⸗ ten Frau einen tiefen und wohlthuenden Eindruck, ja, er fühlte ſogar zuweilen bei ihren Erzählungen ſeine ſchlummernde Liebe zur Arbeit wieder erwachen, und den Wunſch nach Arbeit und Thätigkeit ſich in ihm re⸗ gen.— In ſolcher Stimmung kehrte er einmal von Mutter Anna heim, als, langſam und gedankenvoll auf der Straße dahin gehend, er ſich laut beim Namen nen⸗ nen hörte, und aufſchauend einen Jugendfreund vor ſich ſtehen ſah, den er ſeit einer Reihe von Jahren nicht ge⸗ ſehen. Beide begrüßten ſich freudig, und Ralph ſagte: ich hatte es ſchon längſt aufgegeben, Bernhard, Dich jemals wieder zu ſehen. Als ich Dich vor acht Jahren zum letzten Male ſah, warſt Du im Begriff nach Ame⸗ rika zu gehen, um Dich dort für immer niederzulaſſen. Und das habe ich auch richtig gethan, ſagte ſein Freund Bernhard, ich habe mir dort Fabriken angelegt, habe eine Frau genommen, deren geringſter Vorzug es iſt, daß ſie reich iſt, habe zwei liebe Kinder, und bin mit Leib und Seele ein freier, glücklicher Amerikaner. Doch aber haſt Du die Heimath nicht vergeſſen, fragte Ralph, und kommſt jetzt, ſie einmal wieder zu ſehen? V 2⁰9 Hm, ja, wie man's nehmen will, obwohl ich Dir geſtehen muß, daß wir in Amerika weniger an derartige zartſinnige und empfindungsvolle Dinge denken, als da ſind Heimweh und Sehnſucht; unſere Gedanken ſind mehr auf das Practiſche und Nützliche gerichtet, und, um Dir die Wahrheit zu geſtehen, waren es eigentlich Geſchäfte, die mich nach Deutſchland riefen. Ich habe hier bedeu⸗ tende Baumwollen⸗ und Wollen⸗Einkäufe gemacht für meine Fabriken, und dann, Ralph, weißt Du wohl, daß ich hauptſächlich nach Berlin gekommen bin um Deinet⸗ willen, und daß ich eben auf dem Wege nach Deiner Wohnung war? Aber ſicherlich doch auch nicht bloß, um mich zu ſehen, und aus Sehnſucht, ſagte Ralph lächelnd, da Du, wie Du ſagſt, zu ſolchen Dingen zu practiſch biſt. Ja, Du haſt Recht, ſagte Bernhard lachend, aus bloßer Sehnſucht Dich zu ſehen, komme ich nicht von Leipzig nach Berlin her, aber Du wirſt mir zugeben müſſen, Freund, daß es doch auch ein Zeichen von Liebe iſt, daß bei einer ſehr wichtigen und bedeutenden Sache ich zuerſt an Dich denke, und zuerſt zu Dir komme! Gewiß, ſagte Ralph, dem Freunde die Hand rei⸗ chend, und ich bin Dir dankbar für dieſen Beweis Dei⸗ nes Angedenkens. Und hier ſind wir vor meinem Hauſe, Bernhard, laß uns eintreten, und ſage mir, worin ich Dir nützlich ſein kann! Eva. II. Theil. 14 210 In Ralph's Zimmer angekommen, erzählte ihm Bernhard, wie mehrere reiche Fabrikbeſitzer in Amerika, zu denen er ſelber gehöre, ſeit langer Zeit in ihren Baum⸗ woll⸗Fabriken an einer Maſchine einen bedeutenden Man⸗ gel bemerkt, ſich aber vergeblich bemüht hätten, an der Stelle dieſer Maſchine eine andere, beſſere und ihre Zwecke mehr fördernde, zu finden. Er ſetzte ihm weit⸗ läufig den Zweck und die Beſtimmung dieſer mangelhaf⸗ Maſchine aus einander, und machte ihn aufmerkſam auf alle die Mängel und Fehler derſelben. Wenn es 8 nun möglich wäre, ſagte er, eine Maſchine zu erfinden, die alle die Vortheile dieſer Dir beſchriebenen Maſchine, ohne die Mißſtände und Mängel derſelben, hätte, ſo würden wir nicht allein an jedem Tage noch einmal ſo viel Stoff verarbeiten, ſondern wir würden auch dieſen Stoſſ bei weitem feiner und ſchöner liefern können. Deshalb haben ſämmtliche Fabrikherren ſich vereinigt und einen Preis von funfzigtauſend Dollars dem Erfinder einer ſolchen Maſchine zugeſichert. Dieſer Preis, ſo hoch er ſcheinen mag, iſt doch nur gering, wenn man bedenkt, daß mehr denn hundert Fabrikherren dazu einen Beitrag zahlen, und daß die Vortheile einer ſelchen Ma⸗ ſchine unermeßlich wären! Ich begreife das, ſagte Ralph mit leuchtenden Au⸗ gen, denn ſeine frühere Luſt und Neigung zum Maſchi⸗ nenbau regte ſich mächtig in ihm. Ich begreife das, 211 und ſehe die Maſchine, die Du mir beſchreibſt, ganz klar vor mir. Sieh her!— Er nahm Bleiſtift und Papier, und zeichnete mit ſchnellen, ſichern Zügen. Sieh her, Bernhard, ſo ſtehen die Räder, ſo greifen die Fel⸗ gen in einander. Iſt's nicht ſo? Ganz richtig! ganz richtig! rief Bernhard. Und dieſes Rad hier, fuhr Ralph eifrig fort, dies Rad hier hindert Euch, hier greifen die Gelenke zu ſchwerfällig in einander, und wenn Ihr dieſe Räder hiet. in eine übermäßig ſchnelle Bewegung ſetzt, ſo fördet Ihr nicht die Arbeit, ſondern zerreißt nur den Stoff! Ganz genau ſo wie Du ſagſt! O, ich hatte ganz recht, zuerſt an Dich zu denken, Ralph. Ich ſagte mir, mein Frzund Ralph iſt der geſchickteſte, der geſcheidteſte Maſchinenbauer und Mechanikus, dazu ein mathemati⸗ ſcher Kopf, und wenn eine ſolche Maſchine, wie wir ſie wünſchen, erfunden werden kann, ſo iſt Miemand da, der ſie eher erfinden wird als Ralph. Siehſt Du, des⸗ halb kam ich nach Berlin. Deshalb erkundigte ich mich, ſo wie ich vom Wagen ſtieg, nach Deiner Wohnung, und machte mich auf den Weg dahin, und ſicher war es ein glückliches Vorzeichen, daß ich Dir ſchon unter⸗ wegs begegnen mußte! Ralph hörte kaum, was Bernhard ſaats, er ſtand über das Papier geneigt, und zog Linien und Kreiſe auf demſelben. Dieſe Maſchine muß erfunden werden 14* 212 können, ſagte er dann entſchieden, aber es muß eine ganz neue werden. Nichts von dieſen Rädern und Felgen, dieſen Haken und Kämmen darf bleiben. Es muß ganz etwas Neues werden! Ralph, rief Bernhard freudig, Ralph, Du ſiehſt ſo ſicher und freudig aus, und es iſt mir, als wüßte ich ganz genau, daß Du der Mann biſt, den wir ſuchen! Ich kann Dir nicht verſprechen zu erfinden, was Ihr braucht, aber ich werde es verſuchen, und es trifft ſich eigen, daß ich vor einiger Zeit ähnliche Maſchinen, wie die Eure, gebaut habe, und damals ſchon viel dar⸗ über nachgedacht habe, wie den ſichtlichen Mängeln der⸗ ſelben abzuhelfen wäre. Nun denn, Freund Ralph, höre mich an, ſagte Bernhard ernſt, Du ſollſt ſehen, daß ich doch Freund⸗ ſchaft und Liebe empfinden kann, wenn ich auch grade nicht empfindſam und ſehnſuchtsvoll ſchwärme. Ich ge⸗ höre mit zu dem Comité der Fabrikherren, die über die Ausführung dieſer Maſchine entſcheiden ſollen; man hat mir aufgetragen, in alle deutſchen Zeitungen die Auffor⸗ derung zu einer Concurrenz einzurücken. Biſt Du aber im Stande eine Maſchine zu liefern, die unſern Anfor⸗ derungen entſpricht, ſo ziehen wir es vor, die Sache nicht öffentlich zu machen, um nicht auch die Fabrikbeſitzer an⸗ derer Länder auf dieſe Mißſtände aufmerkſam zu machen, und ſie zum Nachdenken über die mögliche Abänderung 213 derſelben zu veranlaſſen, ſondern um auf dieſe Art einen Vortheil über ſie zu gewinnen. Deshalb mußt Du mir Dein Ehrenwort geben, mit Niemanden über dieſe Angele⸗ genheit zu ſprechen. Willſt Du das thun? Ich gebe Dir mein Ehrenwort, es ſoll ein Geheim⸗ niß zwiſchen uns Beiden bleiben! Gut, und ich warte vier Wochen lang auf Deine Entſcheidung! Glaubſt Du dieſe Zeit ausreichend, um zu einem Reſultat zu gelangen? Vollkommen, in vier Wochen muß man dies finden, oder doch wiſſen können, daß das Suchen vergeblich iſt! Wohl denn, ich vertraue Dir vollkommen, Ralph, und bin überzeugt, daß Du das Rechte finden wirſt! Dann ſind nicht allein funfzigtauſend Dollars Dein, ſondern wir werden Alles daran ſetzen, Dich für Amerika zu gewinnen. Und nun, mein Gott, rief Ralph, als er allein war, nun ſtehe mir bei, und erleuchte mich mit Verſtand und Einſicht! Ich nill dies erfinden, oder ſterben! O, alle meine Muskeln und Sehnen heben und dehnen ſich, ich fühle wieder Spannkraft in meinem Geiſte ich bin wieder ein Mann, ein denkender, wollender, ſtrebender Mann! XVIII. Während dies in Ralphs Zimmer vorging, ſaß Eva aufgelöſt in Thränen in dem ihrigen. Es waren jetzt vier Wochen vergangen ſeit jener Begebenheit mit Victor von Sendeck. Sie hatte die Kraft gehabt, ihn nicht zu ſehen und ſeine Briefe zurück zu weiſen, aber nun fühlte ſie auch ihre Kraft erſchöpft, und eine iiefe, unausſprechliche Sehnſucht war in ihr. Alle ihre Ge⸗ danken, all' ihr Sehnen drängte ſich zu ihm hin, und ſie kämpfte in ſich den harten Kampf zwiſchen Pflicht und Leidenſchaft. Oft war es ihr, als könne ſie es nicht länger ertragen, als müßte ſie zu ihm ſenden und ihn rufen, und wenn ſie ſchon im Begriff war, dies zu thun, ſo ſtockte ihre Zunge, und das Bewußtſein ihrer Pflichten erwachte in ihr. An das Alles dachte ſie jetzt, und darum weinte ſie, als plötzlich die Thür mit Hef⸗ tigkeit aufgeriſſen ward und Victor herein ſtürzte. Ein einziger durchdringender Schrei der ungeheuerſten Freude 215 tönte von Cva's Lippen; ſie ſprang auf und ſiog ihm entgegen, ihre Arme ſchlangen ſich, wie von ſelbſt um ſeinen Nacken, ihre Lippen berührten ſich, und trunken von Glück ſtanden ſie da, ſich feſt umſchlingend in in⸗ nigſter Umarmung. Vergeſſen waren alle Pflichten, aber auch alle Leiden, und Herz an Herz gedrückt, fühlte Eva nur, daß ſie liebe und unausſprechlich glücklich ſei. Als ihre Freude ruhiger geworden, als ſie auf dem Divan, und er zu ihren Füßen ſaß, und zu ihr aufſchauete mit heißen, verzehrenden Blicken, ſagte Vic⸗ tor: wie vermochteſt Du es nur, ſo hart und grauſam zu ſein? Wie gewannſt Du es nur über Dich, mich von Deiner Thür zu weiſen, meine Briefe nicht zu leſen? Eva zuckte zuſammen, als er ſo fragte, ſie hatte Alles vergeſſen, außer, daß er da war, daß ſie ihn wie⸗ der ſahz ſeine Worte aber erinnerten ſie wieder an ihre Pflicht, und um ihr Glück war es gethan. O Victor, ſagte ſie bebend, warum mußteſt Du mich mahnen an das, was ich gern vergeſſen hätte! Weißt Du denn nicht, Geliebter, daß meine Liebe zu Dir eine Sünde iſt, daß, wenn meine Arme Dich umfangen, mein Herz nach Dir ſchreit, daß ich dann eine Verbrecherin bin? Weißt Du nicht, daß Ralph⸗ zwiſchen uns ſteht, wie eine ewige, unüberwindliche Scheidewand und daß jeder Gedanke an Dich eine Sünde iſt? 216 Holdeſte, wie unſchuldig Du biſt! ſagte Victor lächelnd, und küßte ihre Hände. O Du edles, reines Weib, fühlſt Du denn nicht aber auch, daß es eine Macht giebt, die mächtiger und gebieteriſcher iſt, als jede Pflicht, die Dein Herz, Deine Seele, Deinen Verſtand, Dein ganzes Wollen gefangen nimmt, die alle andern Stimmen übertäubt, und alles andere zum Schweigen bringt? Oh wohl, wohl! murmelte ſie leiſe. Und dieſe Macht, die mächtiger iſt als alles Andere, das iſt die Liebe, meine Eva; die Liebe iſt das Einzige, Allmächtige, und darum das Größte, Göttlichſte in uns. Und darum beuge Dein Knie vor der Allmacht der Liebe, und bete an die Liebe, welche das Höchſte iſt, zu dem wir beten können, und vor der alles Andere, alle Pflich⸗ ten, alle Gedanken, alles Wollen in den Staub ſinkt, und ihr gehorchen und dienen muß. Darum ſage auch nicht, daß Du eine Sünderin biſt, weil Du ſie in Dei⸗ nem Buſen trägſt, dieſe allmächtige, göttliche Liebe, weil die Liebe Dein Herz zu ihrem Tempel gemacht, und Dich berufen hat, ihre Prieſterin zu ſein. Eine Prieſte⸗ rin der Liebe! Ein Weib, dem dies Gefühl das Höchſte und Heiligſte iſt, und die Alles in den Staub tritt, und nur betet zu der Liebe! O Eva, und wie willſt Du ihr widerſtehen können, dieſer allmächtigen Göttin, und wenn Dein Herz und alle Deine Sinne ſich zu mir . —— 217 drängen, wie willſt Du da Kraft finden, alle dieſe tau⸗ ſend Srimmen in Dir, die zum Himmel beten und ſchreien um Liebe, nur um Liebe, wie willſt Du Kraft ſinden, ſie zu übertäuben und zum Schweigen zu brin⸗ gen? Eva ſagte: ich habe keine Kraft mehr, und keinen Widerſtand, aber Du ſollſt ſie mir geben, dieſe mangelnde — Kraft, Du ſollſt die ſichere Stütze ſein, an die ich mich lehne, ja Vicior, Dich ruſe ich auf zum Beiſtand gegen mich ſelber. Wenn ich ſchwach bin, ſo ſei Du ſtark, wenn ich ſchwanke, ſo richte Du mich auf, und wenn ich vergeſſe, ſo erinnere Du mich an meine Pflicht. Siehſt Du, das iſt es, was ich von Dir erwarte, daß Du ein Mann biſt, ein freier, ſtarker Mann, den ſelbſt eine Leidenſchaft nicht unterjochen, die Liebe ſelbſt nicht zu ihrem Sclaven machen kann. Oh, mein Geliebter, gönne mir das Glück, zu Dir aufblicken zu können, als zu einem ſichern Fels, an den ich mich lehne, gegen alle Stürme des Lebens, und laß mich immer zu Dir beten dürfen um Beiſtand und Kraft, zu Dir, der Du dann in Wahrheit mein Heiland biſt, und mein Erlöſer! Wie ſie ſo flehend und demüthig ſprach, leuchtete ihr Antlitz in zarteſter, reinſter Schönheit und Viktor zog ſie ſtürmiſch an ſein Herz. Nimmer, nimmer kann ich Dich aufgeben und laſſen, rief er leidenſchaftlich, nimmer einer Liebe entſagen, die mein ganzes Weſen 14** 218 durchglüht. Nein, Eva, verlange dies nicht. O Thoren ſind die, welche der kalten Pflicht ihr Herz zum Opfer bringen, und ihr Glück! Nein, Eva, wir Beide wollen glücklich ſein! Wir wollen nicht mit frecher Hand die heilige Blüthe der Liebe in unſerm Herzen zerſtören, ſon⸗ dern wir wollen ſie pflegen, und mit Andacht ihrem hei⸗ ligen Werden lauſchen. Du biſt mein, Eva, denn Du liebſt mich, und weil Du mein biſt, will ich Dich auch beſitzen. Was kümmert uns dieſer kalte Gatte, der hem⸗ mend zwiſchen uns ſteht. Er iſt nichts als ein leeres Schattenbild, das uns nicht ſchrecken kann; was küm⸗ mert es uns, daß er Dein Gatte iſt, mir gehört Dein Herz, und darum mußt Du mein ſein, mein Weib, ob auch die Welt einen Andern Deinen Gatten nennt! Er wollte ſie wieder an ſein Herz ziehen, ſie wehrte ihn aber zurück, und ſtand auf. Ihre Augen glühten, und faſt zornig ſagte ſie: ich ſehe es wohl, Du verach⸗ teſt mich, denn Du wagſt es, zu mir zu ſprechen in Worten, vor denen meine Seele erbebt. Du wagſt es, von meinem Gatten in verächtlichem Ton zu ſprechen, 6 von ihm, der mindeſtens unſere Achtung verdient und vor dem wir erröthend unſere Augen niederſchlagen ſoll⸗ ten, und in unſerm Herzen zu ihm flehen, um ſeine Vergebung unſerer Schuld. Oh Victor, fuhr ſie wei⸗ cher fort, ſage nicht, daß ich ihn täuſchen ſoll, daß ich ſeine Gattin heißen und Dein Weib ſein ſoll, ſage das —4 õʃã·ßnꝛ——— 8₰ nicht, mein Geliebter, denn dies in Wahrheit deine Mei * 219 inn’s nicht denken, daß ng ſein könnte. Heilig und unantaſtbar iſt das Band der Ehe, und was ich auch immer empfinden mag, ich werde und will mein Herz zwingen, keine andere Stimme mehr zu hören, als die Stimme der Pflicht, und meine Pflicht iſt es, mei⸗ nen Gatten zu ehren, und ihn mindeſtens nicht zu be⸗ trügen. Meine Pflicht iſt es, Dir zu entſagen, dieſe Liebe in mir zu ertödten, dieſe Wünſche, die in mir ſprechen, zu überwinden. Nein, Victor, ſage mir nichts, antworte mir nicht. Du fühlſt, daß ich Recht habe. Du fühlſt, gleich mir, daß Alles rein und klar zwiſchen uns ſein muß! Wollen wir denn ſtreben, unſre Herzen zu über⸗ winden, und nur die reinſte, heiligſte Neigung darf uns verbinden. Laß uns verſuchen, ob wir es vermögen, wieder uns das zu ſein, was wir waren, Du mein Bruder, ich Deine Schmweſter! Oh, Du weißt, daß dies unmöglich iſt, facte Victor. Dann iſt es heute zum letzten Male, daß wir uns ſehen, erwiederte ſie beſtmmt. Nur wenn Du mir ſchwörſt, nimmer zu mir von unſerer Liebe zu ſprechen, nur wenn wir den heiligen, undurchdringlichen Mantel des Schweigens über unſer Herz legen, daß Niemand, auch wir ſelber kaum, ahnen können, was darunter wogt. und kämpft, nur dann, Victor, wenn wir nimmer das: hr eines nh ge ten haben, nar a tior, dürfen wir uns wieder⸗ ſehen. Wohlan, ſo ſe es ſagte Victor, hinfort ſoll mein Mund ſtumm ſein, u5 meine Arme ſollen ſich nicht mehr heben, Dich zu umſchlingen. Ich werde Dich lie⸗ ben, aber ſchweigen, und warten, bis Deine eigene Sehn⸗ ſucht mich zurück ruft an Dein Herz! Sie reichte ihm die Hand, und ſagte mit einem himmliſchen Lächeln: mein Bruder! O, wenn Du füh⸗ len könnteſt, wie mir jetzt ſchon wieder wohl wird und glücklich, wie meine Seele ihre Schwingen hebt in freu⸗ digem Stolz, daß ſie nicht mehr belaſtet iſt von Schuld und Sünde! O wie glücklich werden wir ſein! Victor ſchwieg und ſchwere Seufzer hoben ſeine Bruſt. Er entfernte ſich bald, und ging langſam und verſunken in traurige und doch ſüße Gedanken ſeiner Wohnung zu. O, welch' ein edles, reines Weib iſt dies, ſagte er zu ſich ſelber. Wie edel kämpft ſie gegen ihr eigenes Herz, wie muthvoll iſt ſie und ſtark, ſo ſtark, wie es nur die Unſchuldigen ſein können, die noch nichts wiſſen von der furchtbaren Gewalt und Macht der Sünde. O Du holdes, ſüßes Kind, die Du mir die Traͤume meiner Jünglingsjahre wahr gemacht, und alle meine Berechnungen zernichtet haſt mit der Glorie Deiner rei⸗ nen Weiblichkeit, ich habe nicht Dich, ſondern Du haſt 3.7* er 4. 8* 4— benheit der Unſchuld und Weiblichkeit, an die ich lange, lange ſchon nicht mehr geglaubt. Ach, und nun, da ich wieder lerne, hlhe u zu lieben, willſt Du Dich mir entziehen i Und Victor blieb⸗ feinem gegebenen Worte treu, ichtlid die Hand reichte, nannte er ſie mit einem Ton, der aber Eva's Herz beben machte, ſeine Schweſter, und wagte es nicht einmal dieſe Hand zu küſſen, die in der ſeinen ruhte.— Aber Eva, ihrem eigenen Herzen miß⸗ trauend, vermied es ſorgfältig, mit Victor allein zu ſein, ſie lud oft die Gräfin ein, ihren Vorleſungen beizu⸗ wohnen, oder wußte es geſchickt zu veranſtalten, daß Ralph zugegen war. Ja, ihr Verhältniß zu⸗ dieſem be⸗ V gann allgemach eine andere Wendung zu nehmen. Um einen ſichern Halt zu haben gegen ihre eigene Schwäche, flüchtete ſie unter den Schutz ihres Gatten, klammerte ſie ſich an ihn an, und ſuchte jetzt ſeine Nähe, die ſie ſonſt oft vermieden. Das heimliche Bewußtſein, ſeiner Verzeihung zu bedürfen machte ſie weich und mild ge⸗ gen ihn, und nun, da ihr eigener Geiſt gebildet worden, war ſie beſſer denn früher im Stande, den ſeinen zu erkennen, und alle die tiefen und köſtlichen Schütze ſei⸗ nes Gemüthes zu durchſchauen, und ſeine reine, milde und weiche Seele zu erkennen. Seine Güte, ſeine Her⸗ mich erobert, du haſt nih ſie keniten ae die Erha⸗ I und ais am nächſten Tage wiederkam, und ſie ihm 4 2222* zenseinfalt, ſeine Beſcheidenheit, Alles das rührte ſie jetzt, da ſie ſich die Mühe gab, dies Alles zu erkennen, tief, und unter dem Beſtreben ſich abſichtlich ihm zu nähern, näͤherte ſich ihr Herz ihm wirklich, und ſie begann min⸗ deſtens Ehrfurcht zu empfinden vor ſeiner einfachen ed⸗ len Natur.— Aber Ralph war jetzt nicht im Stande, dieſe Veränderung in ihrem Weſen wahrzunehmen, denn alle ſeine Seelenkräfte waren auf das Eine, große Ziel gerichtet, er war ſogar oft in Cva's Nähe zerſtreut, und beachtete nicht die kleinen Aufmerkſamkeiten, die ſie für 1 ihn hegte, und wie ſie, grade in Victor's Gegenwart, gefliſſentlich ihm, ihrem Gatten, alle ihre Freundlichkeit zuwandte, und nur mit ihm ſich beſchäftigte. Victor aber verſtand dies Beſtreben einer edlen Natur, ſich ſelbſt. wieder zu recht zu finden, wohl, und, wenn auch nicht ohne heißes Schmerzgefühl, mußte er ſich doch ſagen, daß Eva das Rechte erwählt. XIX. Bei Herrn Weinherr war heute eine außerordent⸗ liche Zuſammenkunft ſeiner Freunde, und es mußte et⸗ V was Wichtiges ſein, was ſie heute hier vereint hatte, denn ſie hatten alle ein ſehr aufgeregtes, ernſtes Aus⸗ ſehen. Es iſt unerhört, es iſt himmelſchreiend! rief nach dem Vortrag, den Weinherr ſo eben beendet, einer ſeiner Zuhörer. 1 So etwas zu wagen! ſchrie Rautenweg mit wü⸗ thender Geberde. Mich aus Berlin zu weiſen! O, ſie haben Furcht vor mir! Sie wiſſen es, welch' eine Ge⸗ walt mein Wort auf die Bürger ausübt. Sie wiſſen es, daß in den Kaffeehäuſern und Reſtaurationen Schaa⸗ ren von Verehrern ſich um mich reihen, und mit wah⸗ er Andacht meinen Worten lauſchen. O, man thut mir eine Ehre an, indem man mich verbannt, denn man eigt dadurch, wie ſehr man mich fürchtet. Es wundert 224 mich nur, lieber Weinherr, daß nicht ein gleiches Schick⸗ ſal Sie getroffen hat! Mich zu verweiſen, das wagte man doch noch nicht, ſagte Weinherr ſtolz. Das würde in der ganzen Welt V Senſation und Geſchrei gemacht haben. Man wagt wohl Etwas, aber nicht Alles! Und unter dieſem Etwas verſtehen Sie mich! ſagte Rautenweg etwas piquirt, und das„Alles“ ſind Sie? Beſter Freund, ſagte Weinherr achſelzuckend, Sie wiſſen, ich erkenne Ihre Verdienſte vollkommen an, aber b gewiß fällt es Ihnen ſelbſt gar nicht, ein meinem lang⸗ jährigen mächtigen Wirken, meinem großen Einfluß auf die Tagesbegebenheiten und die Politik Ihre jungen Be⸗ V ſtrebungen vergleichen zu wollen. Und doch hat man mich für gefährlicher gehalten, als Sie; mich verbannt man, Sie läßt man unangefoch⸗ ten! Ich ſagte Ihnen ſchon, ſagte Weinherr, der in Grunde ſehr zornig war über dieſe Zurückſetzung, ich ſagte Ihnen ſchon, man wagt es nicht, mich zu verwei⸗ ſen, um das furchtbare Aufſehen zu vermeiden. Aber man hat mich gewarnt, unſere Freitagsgeſellſchaft aufzu⸗ heben, und keine derartigen Verbindungen wieder zu ver⸗ anſtalten. Und Sie haben nachgegeben? Nimmermehr, rief Weinherr mit einem Anſtrich von 3 Kahnhei. hwmened Man ſoll ſehen, daß ich mich nicht einſchüc ztern laſſe, daß ich mit unerſchütterlichem Muthe ihnen Trotz biete! Man ſoll vor mir zittern, ja, das ſoll man, zittern und beben vor mir und meiner geiſtigen Macht, die ich kühn ihren Soldaten, ihren Pi⸗ ken und Säbeln entgegen ſtelle! Es dunkelt ſchon, laſ⸗ ſen Sie uns denn aufbrechen, meine Herren, und in un⸗ ſer gewöhnliches Local der Freitagsgeſellſchaft gehen! Sie begleiten uns doch, liebſter Rautenweg? Dieſer antwortete bejahend, und mit feierlichen Mie⸗ nen; je Zwei und Zwei zogen die kühnen Freiheitshel⸗ den durch die dunkle Straße nach ihrem gewohnten Ver⸗ ſammlungsſaal. Herr Weinherr verkündete hier den üb⸗ rigen Mitgliedern die Maßregeln und Verwarnungen der Polizei, und Schauder und Abſcheu verbreitete ſich durch die Verſammlung. Man ſchwur, der Gefahr kühn Trotz zu bieten, und deſto feſter zuſammen zu halten, je mehr man ſie verfolge, deſto unzertrennlicher zu ſein, je mehr man ſtrebe, ihre Gemeinſchaft zu zerreißen. Man ſprach viel von der Selaverei, in der Deutſchland ſchmachte, von der. geknechteten Freiheit und den zertretenen Völ⸗ kerrechten, und ſchwur mit begeiſterten Worten, alle dieſe Uebelſtände zu beſeitigen. Zuletzt beſtieg Herr Weinherr den Rednerſtuhl, und hielt einen feurigen Vortrag über ſeine eigene ungeheure Wirkſamkeit als Haupt und Vor⸗ kämpfer der liberalen Parthei, und verſicherte, daß er Eva. II. Theil. 15 226 trotz der ihn umdrohenden Gefahren, nimmer weichen würde von dem einmal betretenen Pfade. Ja, ſagte er zum Schluß, in allen Kämpfen und Nöthen, da zählt auf mich, wo Gefahr iſt, da werde ich der Erſte ſein, ihr entgegen zu treten; wo eine Schlacht uns droht, da werde ich als Euer Feldherr voran ziehen zum Kampfe, und nimmer ſollt Ihr mich wankend, nimmer mich ver⸗ zagend finden. Nichts auch ſoll mich abwendig machen können dieſer unſerer heiligen Sache, nicht Gold noch Gut, nicht Ehre noch Rang kann mich verblenden, für mich giebt es nur ein Ziel, und das iſt die Freiheit!— Ein ungeheurer Jubel ertönte, als Weinherr geendet, und laute Verwünſchungen gegen die Unterdrücker der Freiheit, gegen die Rechtsverdreher, und beſonders gegen die Polizei wurden gehört. Dieſer letztern ſchwur man einen ewigen Krieg und ewigen Widerſpruch, aber plötz⸗ lich verſtummten Alle, und zogen ſich ſcheu zurück, denn die Thür ward geöffnet, und ein Allen nur zu wohl be⸗ kannter Herr erſchien in derſelben. Er blickte mit einem heitern, faſt guthmüthigen Lachen umher, nichts verrieth an ihm den ſtrengen, gefährlichen Mann von der Polizei, nur aus ſeinen Augen ſchoſſen zuweilen forſchende, ſpähende und mißtrauiſche Blicke.— Alles war ſtill, und der Polizeirath ſchritt mit ſicherm, leichtem Anſtand bis in die Mitte des Zimmers. Meine Herren, ſagte er, entſchuldigen Sie mein uner⸗ ——— —-— 227 wartetes Eindringen in Ihre ehrenwerthe Geſellſchaft. Ich komme nur, um ſie zu bitten, dieſelbe ſofort zu beendi⸗ gen, und ſich zu ähnlichem Zwecke nie wieder verſam⸗ meln zu wollen. Dieſe Geſellſchaften ſind verboten, und Sie werden uns zu härtern Maßregeln zwingen, wenn Sie ſich nicht ſofort entſchließen, ruhig und in aller Stille dies Haus zu verlaſſen, und eine Verbindung auf⸗ zugeben, die zu nichts führen kann. Der Polizeirath ſchwieg, und blickte ſtreng umher! Wo waren nun die kühnen Kämpfer, die der Polizei ewigen Krieg und ewigen Widerſpruch geſchworen? Wo waren ſie, ihre Rechte zu vertheidigen, und für ihre Frei⸗ heit zu ſprechen?— Der Saal hatte zwei Ausgänge, und durch die hintere Thür hatten ſie ſich einer nach dem andern ſchweigend entfernt. Der Polizeirath lächelte ironiſch, und ſagte zu Weinherr, der ſich eben gleichfalls zurück ziehen wollte: o, ein Wort noch, verehrter Herr! 3 Weinherr fragte ſehr höflich, und mit etwas blei⸗ chem Angeſicht: Was befehlen Sie, hochverehrter Herr Polizeirath? Man hat mir aufgetragen, Sie zu fragen, ob Sie ſich vielleicht geneigt finden ließen, die leitenden Artikel für die*** Zeitung zu ſchreiben? Man iſt zufrieden mit der Sprache und dem Schwung Ihrer bisher ge⸗ ſchriebenen Artikel, und traut Ihnen Genialität genug zu, 15* 228 eben ſo begeiſtert im Sinn der Regierung, als bisher im Sinn des Liberalismus zu ſchreiben. Aber was veranlaßt irgend Jemand, mich eines ſol⸗ chen Widerſpruchs mit mir ſelber fähig zu halten? Ich habe dem Liberalismus ewige Treue geſchworen, und bei Gott, ich werde— Vernünftiger Ueberlegung Gehör geben, unterbrach ihn der Polizeirath. Sie ſind arm, Ihre Familie lebt in Dürftigkeit, und Ihre nächſte Pflicht iſt, für Ihre Familie, für Ihre hungernden Kinder zu ſorgen. Da haben Sie Recht, ſagte Weinherr ſchnell. Dies iſt freilich meine nächſte Pflicht, eine Pflicht, der ich ſo⸗ gar meine heiligſten Intereſſen, meine politiſchen Ueber⸗ zeugungen, opfern muß, wenn— Wenn Sie dafür hinlänglich entſchädigt werden, nicht wahr? Man bietet Ihnen ein Jahrgeld von funf⸗ zehnhundert Thalern, und für die von Ihnen gelieferten Artikel noch ein bedeutendes Spielhonorar, verzeihen Sie, Bogenhonorar wollte ich ſagen! So muß ich denn, ſagte Herr Weinherr ſeufzend, meinen Pflichten als Familienvater und Gatte wirklich dies Opfer bringen! Ja, ich fühle, ich muß es, ich hoͤre im Geiſt meine ſüßen Kinder ſchreien, mir iſt, als ſähe ich mein bleiches, ſchönes Weib flehend ihre ſchönen Hände zu mir erheben! Ja, mein Weib, ja meine Kin⸗ der, ich darf nichts denken als an Euch! 229 Sehr ſchön, ſagte der Polizeirath ironiſch, wirklich ſehr gut geſagt! Wohlan denn, mein Herr, fuhr Weinherr fort, mein Herz beſiegt meinen Verſtand, ich gebe nach! Sie ha⸗ ben mich beſiegt. Ich erkläre mich bereit, meine Ueber⸗ zeugung den höhern Pflichten des Familienvaters weichen zu laſſen! Wird mein Gehalt mir vierteljährlich aus⸗ gezahlt? Ja wohl! Monatlich wäre mir lieber! Auch werde ich um einen Vorſchuß nachſuchen müſſen, denn meine Gläubi⸗ ger drängen mich ſehr! Man wird Ihnen gewiß hierin gern gefällig vorausgeſetzt, daß Ihre Artükel die Regierung mit ern ſter Würde, mit warmer Begeiſterung vertreten, und daß Sie die namentlich in Ihrem bisherigen Organ ſo vielfach vorkommenden Verdrehungen und Irrthümer berichtigen. Morgen ſchon werde ich einen Artikel liefern, und ich bin gewiß, man wird zufrieden ſein. Noch Eins, mein Herr! Können Sie mir viel⸗ leicht Auskunft geben über einen ſogenannten Herrn Bo⸗ naventura von Ottersheim? Ich ſah ihn öfter in Ihrer Geſellſchaft! Seit einiger Zeit ſehe ich ihn ſeltener. Vor eini⸗ gen Tagen aber begegnete er mir in Geſellſchaft des reichen polniſchen Fürſten Rajienski! 8* 230 So! Seit einigen Tagen grade haben wir ſeine Spur verloren. Ich werde alſo zum Fürſten Rajienski gehen! Alſo, leben Sie wohl, mein Herr! Sein Sie klug, und die einträgliche Stelle eines Cenſors kann Ih⸗ nen nicht fehlen! Herr Weinherr eilte mit ſtürmiſchen Schritten ſei⸗ ner Wohnung zu. Dort angelangt ſchloß er ſein jun⸗ ges Weib in ſeine Arme, und rief entzückt: theuerſte Caroline, mein Plan iſt geglückt! Von nun an erwar⸗ tet Dich Freude und Glück Siehſt Du, Kind, daß ich Recht hatte, ſo z zu ſchimpfen und ſo radikal zu ſein. Es iſt mir gelungen, Aufmerkſamkeit zu erregen, man h e Gewandtheit meiner Feder erkannt. Man bietet mir Ehre und Geld, funfzehnhundert Thaler, und außer⸗ 4₰ dem noch Bogenhonorar, dafür habe ich nichts mehr zu thun, als ſonſt, wo doch mein ſpärliches Honorar kaum für das Nothwendigſte hinreichte, das Einzigſte iſt, daß ich jetzt mich für die Sache begeiſtere, gegen die ich bis⸗ her ſchrieb. Oamein Gött, das iſt nicht ſchwer! Caro⸗ linchen, freue Dich, funfz ehnhundert Thaler jährlich. Caroline war eine ihres Gatten würdige Gattin, und erröthete nicht, Herrn Weinherr iunig zu umarmen. Als Rautenweg ſpäter von dieſer Anſtellung ſeines Freundes Weinherr hörte, ſagte er inngrimmig: dieſer Menſch hat immer unverſchämtes Glück gehabt! Mich, der ich bedeutend mehr Talent habe, mich verbannt man, 231 und ihm giebt man ſo bedeutendes Gehalt! Ich würde dieſe Artikel viel beſſer geſchrieben haben! Aber ſo ſind die Regierungen, ſie machen beſtändig Mißgriffe! Der Polizeirath hatte ſich indeß, als er nach jener Unterredung Weinherr verließ, in das Hotel des Fürſten Rajienski begeben, und traf dieſen gerade heimgekehrt von der Fürſtin Laſchuska, die ſeinen Beſuch nicht angenom⸗ men.— Der Polizeirath ſagte ihm den Grund ſeines Kommens, und bat ihn, wenn er es vermöge, den jetzi⸗ gen Aufenthalt des ſogenannten Herr von Ottersheim, deſſen Spur man ſeit drei Tagen vermiſſe, anzugeben. Seit drei Tagen! ſagte Fürſt Rajiensky nachdenk⸗ lich, denn es fiel ihm auf, daß gerade ſo lange Fürſtin Laſchuska ſich vor ihm habe verleugnen laſſen, und er ahnte, daß dies in Verbindung ſtehe mit dem Verſchwin⸗ den Bonaventura's.. Vielleicht, ſagte er nach kurzem Beſinnen, vielleicht kann ich Ihnen bald hierüber Auskunft geben. Doch muß ich Sie erſuchen, falls dies nicht wider das Amts⸗ geheimniß läuft, mir den Grund zu ſagen, weshalb man Herrn von Ottersheim verfolgt. Der Grund, mein Fürſt, darf Ihnen um ſo weni⸗ ger ein Geheimniß bleiben, als Sie ſelbſt gewiß zu de⸗ nen gehören, die von dieſem Glücksritter betrogen wor⸗ den ſind. Dieſer Menſch nämlich iſt ein Abentheurer, der eigentlich Fritz Wendt heißt, ſich nach dem Geburts⸗ 232 orte ſeines Vaters, der neuen Mode unſerer politiſchen Dichter zufolge, nennt, und ſtatt ſich aus Ottersheim zu ſchreiben, lieber ſtatt deſſen das kleine Wörtchen von nimmt, dabei aber in ſeinen Gedichten wacker auf den Adel ſchimpft, und die höchſte Verachtung für denſelben an den Tag legt. Es ſteht eine Strafe von vierwöchent⸗ ligem Arreſt auf dieſe Betrügerei, ſich fälſchlich eines ad⸗ ligen Namens zu bedienen, ja, dieſe kann ſogar bis auf mehrere Jahre ausgedehnt werden, wenn mit dieſem Be⸗ trug noch andere betrügeriſche Abſichten verbunden waren. Des Fürſten Augen leuchteten vor Vergnügen, doch ward er ſchnell dieſer Regung Herr, und ſagte ruhig: alles dies wollen wir ſpäter beſprechen. Vorher aber muß ich Ihnen ſagen, daß ich allein vielleicht im Stande bin, Ihnen den Aufenthaltsort dieſes Menſchen zu ſagen, daß ich dabei aber Rückſicht nehmen muß auf eine hoch⸗ geſtellte, von mir ſehr verehrte Perſon, die in keiner Weiſe in dieſer Sache darf compromittirt werden. Wol⸗ len Sie, ich bitte, in den nächſten vier und zwanzig Stunden keine weitern Schritte in dieſer Sache thun, ſondern mir das Ganze überlaſſen.— Der Polizeirath verſprach dies, und der Fürſt ſagte: um aber den Aufent⸗ halt dieſes Herrn, vulgo Ottersheim zu erfahren, iſt es nothwendig, daß ich ein Zeugniß ſeiner Betrügerei habe. Wollen Sie mir ein ſolches ausſtellen? Einen Verhafts⸗ befehl, in welchem die Art ſeines Vergehens angegeben 233 wird?— Der Polizeirath erklärte ſich bereit dazu, und Fürſt Rajienski fuhr ſogleich mit dem Polizeirath nach deſſen Büreau, wo er einen Verhaftsbefehl mit dem Po⸗ lizeiſiegel verſehen empfing. Mit dieſem Verhaftsbefehl im Porrefeuille fuhr Fürſt Rajienski nun zur Fürſtin Laſchuska. Sie ließ ſich krank melden. Der Fürſt Najienski ſchrieb eiligſt auf ſeine Karte die Worte: ich muß Sie ſprechen, es handelt ſich um die Sicherheit einer Ihnen nahe ſte⸗ henden Perſon, deren Freiheit bedroht iſt. Dieſe Karte ſandte er der Fürſtin, und nun ward er angenommen. Was bringen Sie, ſagen Sie ſchnell, was brin⸗ gen Sie? rief ihm die Fürſtin aufgeregt entgegen. Ehe ich ſpreche, Fürſtin, ſagte der Fürſt, ihre Hand küßend, muß ich die Gewißheit haben, daß wir allein ſind! Sie ſehen, daß wir es ſind! Anſcheinend wohl, aber verzeihen Sie, Gnaädigſte, ich muß auch überzeugt ſein, daß auch Niemand uns hört, ſelbſt nicht, fuhr er leiſer fort, ſelbſt nicht Herr von Ottersheim.— Die Fürſtin erröthete, Rajienski bemerkte es, und ſagte: ich wage die Bitte, Sie in den Salon begleiten zu dürfen! Die Fürſtin winkte ihm, und ſchritt raſch ihm vor⸗ an in den Salon. Und nun, ſchnell, ſagte ſie, hier an⸗ gekommen, ſagen Sie mir, weſſen Freiheit iſt bedroht? 15** 234 „Die Freiheit eines Betrügers,“ ſagte der Fürſt. Sehen Sie hier, Gnädigſte, einen Verhaftsbefehl gegen einen gewiſſen Fritz Wendt, Sohn eines Maurers aus Ottersheim, nach welchem Orte ſich dieſer Fritz Wendt von Ottersheim nennt, und zwar mit dem ſchönen Vor⸗ namen Bonaventura, welcher Name das Einzige iſt, was er von Italien her ſich zueignen konnte. Sein einzi⸗ ges italieniſches Beſitzthum! 3 Fürſtin Laſchuska war ſprachlos vor Erſtaunen und Zorn. Sie überlas das Blatt, das ihr Rajienski ge⸗ reicht, mehrere Male, ſie beſah das Siegel und die Un⸗ terſchrift des berühmten Polizeiraths. Alles iſt ächt, ſagte ſie dann wie zu ſich ſelber, hier kann keine Taͤu⸗ ſchung obwalten! Dies iſt ſchauderhaft! rief ſie dann in tiefſter Indignation, und ging heftig im Zimmer auf und ab. 8 Rajienski kannte die Fürſtin wohl. Er wußte, daß ihr Stolz auf das Tiefſte empört ſein würde von dem Gedanken, durch einen gemeinen, niedrig gebornen Men⸗ ſchen betrogen worden zu ſein, mit dem Sohne eines Maurers in näheren und vertrauteren Beziehungen ge⸗ ſtanden zu haben, und von dieſem ihre Schwäche be⸗ nutzt, ihre Schwärmerei für die Freiheit gemißbraucht zu ſehen. Er wußte, daß auch nur dieſe Schwärmerei ſie zu Bonaventura hingezogen, und daß ſie aufhören, werde, ſich für ihn zu intereſſiren, wenn er, des Märty⸗ 235 rerſchmuckes und der äußern Ehre beraubt, als ein Be⸗ trüger vor ihr ſtände.— Sie ging lange in heftig⸗ ſter Aufregung auf und ab, mit vor Zorn blitzenden Augen und hoch wallender Bruſt; aber ſchon hatte der gekränkte Stolz alle Liebe in ihr ertödtet, der Zorn alle ſanfteren Regungen in ihr zum Schweigen gebracht. Und wie ſchlau hat dieſer elende Menſch meinen Enthuſiasmus für die edelſten Intereſſen des Lebens zu benutzen gewußt, oh, wie hat er mich umgarnt mit ſei⸗ nem Märtyrerthum und ſeiner Begeiſterung! ſagte ſie, zitternd vor Zorn. Oh, es iſt empörend! Ich ahnte ſchon lange, daß er ein Betrüger ſei, ſagte der Fürſt, und habe ihn ſchon ſeit längerer Zeit be⸗ obachtet. Und warum theilten Sie mir Ihren Verdacht nicht, mit? fagte ſie heftig. Weil Sie mir nicht geglaubt hätten, Gnädigſte. Weil dieſe poetiſche Begeiſterung des Herrn Bonaven⸗ tura Ihnen die einzig wahre ſchien! Sie haben Recht, Fürſt Rajienski, ſagte ſie, ihm die Hand reichend, ich ſehe meinen Irrthum ein! Hel⸗ fen Sie mir, mich an dieſem Betrüger zu rächen, und ich verſpreche Ihnen“— ſie ſtockte. Was verſprechen Sie mir? fragte er, ſich leicht vor ihr auf ein Knie niederlaſſend. Hinfort Ihnen mehr zu glauben, als jedem An⸗ — — 236 dern! Aber nüan davon laſſen Sie uns jetzt ſprechn Dieſer Elende muß Pabeſtraft werden! Helfen Sie mir, rathen Sie mir, wie wir ihn am ampfindlichſten treffen. Wir könnten ihn der Polizei überantworten! Nein, das nicht, rief die Fürſtin, mein Name darf nicht in dieſer Sache compromittirt werden. Und was ſind einigen Wochen Gefängnißſtrafe gegen dieſe ent⸗ ſetzliche Beleidigung! Nein, empfindlicher und ſchmerz⸗ hafter muß ſeine Strafe ſein! Sie beriethen ſich lange, dann ſagte die Fürſtin mit blitzenden Augen, und einem grauſamen Lachen: So ſoll es ſein! Ja, ſo ſoll es ſein! Oh, das ſoll mir eine ſüße Stunde ſein! Aber dies wird nicht verſchwiegen bleiben! Man wird daraus ein Stadtgeſpräch machen! Mag man dies thun! Ich reiſe fort, und verlaſſe Berlin auf immer. Und mohin, theuerſte, geliebteſte Fürſtin, wohin gehen Sie? Sie ſah ihn mit einem eignen ſtolzen und laͤcheln⸗ den Blick an, dann reichte ſie ihm die Hand, und ſagte: auf die Güter meines Verlobten, des Fürſten Rajienski; denn ich ſehe es wohl, meine glühende Begeiſterung be⸗ darf des Schutzes männlicher Beſonnenheit. Der Fürſt ſank vor ihr nieder, und bedeckte ihre Hand mit ſeinen Küſſen. ——xãx; 4* XX. Ich habe heute mehrere Freunde zum Diner gela⸗ den, ſagte Fürſtin Laſchuska andern Tages zu Bonaven⸗ tura, es war mir eine Art. Bedürfniß, vor meiner Ab⸗ reiſe noch einmal alle meine Freunde um mich verſam⸗ melt zu ſehen! Kommen Sie denn, die Gäſte ſind ver⸗ ſammelt, laſſen Sie uns zu ihnen gehen! Aber werde ich dies wagen können? fragte Bona⸗ ventura. Es könnte leicht gefährlich für mich ſein, aus meiner Verborgenheit hervorzugehen!— Fürchten Sie nichts, ſagte die Fürſtin, wir ſind unter Freunden, die mich nicht verrathen! In welchem ſeltſamen, kalten Ton Sie heute zu mir ſprechen, Theuerſte, rief Bonaventura. O ſagen Sie, Geliebteſte, was that ich, daß Sie mir Ihr göttliches Lächeln, Ihre ſtrahlenden Blicke entziehen? Ich ſah Sie ſeit geſtern nicht, und doch finden Sie heute für mich kein warmes, freundliches Wort. — 238 Sie ſahen mich ſeit geſtern nicht, ſagte die Fürſtin mit einem grauſamen Lächeln, und doch war ich nur mit Ihnen beſchäftigt! Kommen Sie denn, unſre Freunde erwarten uns! Bonaventura wollte ihr den Arm reichen, ſie wies ihn ſtolz zurück, und ſchritt ihm voran in den Speiſe⸗ ſaal. Hier fanden ſie die Gäſte verſammelt, junge vor⸗ nehme Polen, die Bonaventura öfters ſchon bei der Für⸗ ſtin geſehen, und die ihn jetzt mit einer ſeltenen, vertrau⸗ lichen Freundlichkeit empfingen. Doch ſagte die Fürſtin: vielleicht iſt Einer unter Ihnen, der meinen verehrten Gaſt, den berühmten Freiheitsdichter, Bonaventura, Gra⸗ fen von Ottersheim, nicht kennt. Ich habe die Ehre, Ihnen denſelben vorzuſtellen! O wer wollte den nicht kennen! Den berühmten Dichter! Den vornehmen Mann! Die Grafen Otters⸗ heim ſind eine der älteſten adligen Familien Italiens! riefen die Herren durch einander mit einem Lachen, das Bonaventura einen Augenblick ſtutzig machte. Doch fand er bald ſeine frühere Unbefangenheit und Sicherheit wie⸗ der, und als man ſich zu Tafel ſetzte, und man ihm den Ehrenplatz am obern Ende der Tafel anwies, als er ſah, daß hinter ſeinem Stuhl zwei reich gallonirte Diener ſtanden, während hinter den andern Stühlen immer nur einer ſtand, da klopfte ſein Herz hoch in ſtolzer Freude, und er dachte: ſie will mich ehren vor der ganzen Welt! 239 Sie überhäuft mich mit Aufmerkſamkeiten, und will ihre Neigung zu mir gar nicht mehr verhüllen! Oh, vielleicht iſt ſie gewillt, heute noch unſere Verlobung bekannt zu machen. Deshalb auch ſtellte ſie mich als Grafen Ot⸗ tersheim vor! Oh, ich verſtehe Sie, und ſie ſoll mit mit zufrieden ſein, denn ich werde dieſem Grafentitel nicht widerſprechen! So nachdenklich und ernſt, theuerſter Graf? fragte ihn Fürſt Rajienski, der ihm zunächſt ſaß. Das unendliche Glück macht ſtumm! ſagte er, und ſeine Blicke ſuchten der Fürſtin Augen; ſie waren aber von ihm abgewandt. 1 Alſo Sie ſind glücklich? fragte der Fürſt wieder. Ach, dann ſind gewiß auch Ihre erwarteten Gelder ein⸗ getroffen von dem Verwalter Ihrer Güter am Co⸗ merſee. Am Comerſee lliegen Ihre Güter? ſragte ein An⸗ derer. Das muß ja herrlich ſein. Das iſt es auch, ſagte Bonaventura mit leuchten⸗ den Augen. Ja, herrlich iſt das Schloß meiner Väter. Von Olivenbäumen umſchattet, an einen Felſen ſich leh⸗ nend, während die ſilbernen Wellen des Comerſees die marmorne Treppe der vordern Facgade beſpülen, ſo ſteht es da, das alterthümliche Schloß mit ſeinen Erkern und Thürmen, mit dem in Stein gehauenen gräflich Otterss heim'ſchen Wappen am Frontiſpiz. 83 240 Nur ein gräfliches Wappen, ſagte einer der Gäſte, wenn ich mich recht entſinne, führt die italiäniſche Fa⸗ milie Ottersheim den Fürſtentitel! So iſt es, ſagte Bonaventura, die Augen nieder⸗ ſchlagend. Wir führen eigentlich den Fürſtentitel. Hier lachte Fürſtin Laſchuska hell auf, und Bona⸗ ventura, der ſie befremdet anblickte, erſchrak vor dem Aus⸗ druck der Verachtung und des Haſſes, mit dem ſie zu ihm hinſah.— Er ſchwieg beſtürzt, und beſchäftigte ſich nun nur mit dem reichen und köſtlichen Mahl, und tank in langen Zügen von den ſtarken ſeltenen Weinen, mit denen die Diener fort und fort ſeine Gläſer neu füllten. Alſo, ſagte Fürſt Rajienski nach einer langen Pauſe, Sie ſind eigentlich ein Fürſt Ottersheim. Erlauben Sie mir denn, Sie in Ihrer neuen Würde zu begrüßen! Sr. Durchlaucht der Fürſt Ottersheim ſoll leben! rief er aufſtehend, und die Herren brachten lachend und ju⸗ belnd ihm ein dreimaliges Lebehoch. Bonaventura war ſchon vom Wein zu aufgeregt, um den ſpöttiſchen Ausdruck auf allen Geſichtern zu be⸗ merken, noch das veräͤchtliche Lachen zu ſehen, mit wel⸗ chem man ihn anblickte. O Durchlaucht, rief Einer, wie glücklich würden Sie uns machen, wenn Sie uns eins Ihrer herrlichen Freiheitslieder vortragen möchten. 241 Ja, Durchlaucht, thun Sie dies, wir bitten ſehr! Bonaventura ſtand auf, nahm ſein Glas und recitirte: Die Freiheit iſt meine Göttin, Die Freiheit, das iſt meine Lieb'! Mag Alles auch ſterben, vergehen, Wenn mir nur die Freiheit verblieb, Dann klage ich nicht, dann wanke ich nicht, Dann ſchau' ich beherzt dem Tod ins Geſicht! Die Freiheit, das iſt mein Glaube, Die Freiheit iſt meine Religion; Vor ihr lieg' ich betend im Staube, S' iſt heil'ger Geiſt, Vater und Sohn. 4 Und wenn einſt der Tod am Lager mir ſteht, Dann gilt noch der Freiheit mein letztes Gebet. Die Freiheit iſt männliche Ehre, Iſt männliche Würde und Glück, Drum, eh' ich der Freiheit entbehre Und ſinke in Knechtſchaft zurück, CEh' ſtoß' ich den Dolch in das eig'ne Herz, Die Freiheit noch Leeſſend im Todesſchmerz! Welch eine Gewalt und Macht iſt in dieſem Liede! rief Fürſt Rajienski. Wie tief empfunden und wahr ſind dieſe herrlichen Worte! ſagte ein Anderer. Ja, gewiß iſt Wahrheit darin, ſagte die Fürſtin mit ſchneidendem Hohn in ihrer Stimme, und gewiß würde Sr. Durchlaucht der Fürſt von Ottersheim lieber Eva. II. Theil. 16 N 242 ſein Leben als ſeine Ehre und ſeinen fürſtlichen Na⸗ men hingeben. Gewiß! betheuerte Bonaventura ernſt. O, wie würden Ihre Ahnen ſich freuen, Durch⸗ laucht, wenn Sie Ihren fürſtlichen Sohn ſehen könnten. Sie haben doch Ahnen? Natürlich, ich habe in meinem Ahnenſaal Bild an Bild gereiht, die ehrwürdigen Angeſichter meiner Ahnen, ſagte Bonaventura. Alle lachten laut, und Bonaventura fragte erſtaunt: 1* mei Gott, worüber lacht man denn? Beruhjgen Sie ſich, gewiß nicht über ſie, ſagte Rajienski. Aber da fällt mir eben eine merkwürdige Geſchichte ein, die ich, wenn unſere gnädige Fürſtin es erlaubt, Ihnen erzählen möchte. Erzählen Sie, ich bin begierig, ſagte die Fürſtin. Ein Freund ſchreibt mir aus Petersburg von einem ſeltſamen Betrüger, der mehrere Tage hindurch dort Senſation erregte. Von ganz gemeinem, niederm Her⸗ kommen war er frech genug, ſich nach dem Geburtsort ſeines Vaters einen volltönenden adeligen Namen anzu⸗ eignen und unter demſelben in mehreren Geſellſchaften zu erſcheinen, in denen es ihm gelungen, Zutritt zu erlan⸗ gen. Er gab vor, aus ſeinem fernen Vaterlande wegen ſetner freiſinnigen Anſichten vertrieben worden zu ſein, und deshalb als ein Maͤrtyrer der Freiheit in der Fremde 243 leben zu müſſen. Ein edles, für die Freiheit glühen⸗ des Frauenherz erbarmte ſich ſein und gewährte dem angeblich Verbannten Schutz und Beiſtand. Indeß war der vornehme Herr arm, ſehr arm, und hatte viele Schulden. Was meinen Sie wohl, welch ein Mittel er ergriff, um ſich dieſen Aengſten zu entreißen? Können Sie es errathen, durchlauchtigſter Fürſt von Otters⸗ heim? 5 Nein, in der That nicht! ſagte Bonaventura ver⸗ wirrt. Ich will es Ihnen ſagen, fuhr der Fürſt fort, ihm einen durchbohrenden Blick zuwerfend. Er kam, wie ein Wahnſtnniger, mit fliegenden Haaren, mit künſtlicher Bläſſe auf ſeinen Wangen, zu ſeiner großmüthigen Be⸗ ſchützerin und erzählte ihr ein Mährchen von Verfol⸗ gungen und Nachſtellungen der Polizei, denen er ſo eben entronnen, und flehte ſie an um ihren Beiſtand, ihren Schutz. Die edle Dame indeß hatte den Betrüger ſchon durchſchaut, und beſchloſſen, ihn zu ſtrafen; ſie gab ſich aber den Anſchein, ſeinen Worten zu glauben, um ihn ſicher zu machen. Hier blickte Bonaventura fragend zu der Fürſtin hin; ſie begegnete ſeinen Augen mit einem boshaften, kal⸗ ten Blick, und Bonaventura ſchreckte, wie von furchtba⸗ rer Gewißheit überwältigt, zuſammen. Sie nahm ihn auf in ihr Haus, und verbarg ihn. 16* 244 Dann verſammelte ſie ihre Freunde, und theilte ihnen ihren Verdacht mit. Doch dieſer Verdacht ſollte ſofort zur Gewißheit werden, denn einer ihrer Freunde zeigte ihr einen von der Polizei ausgeſtellten Verhaftsbefehl vor gegen dieſen Betrüger, den die Polizei wegen fälſch⸗ licher Annahme des Adels verfolgte. Und lieferte man ihn aus? fragte die Fürſtin. Ließ die getäuſchte, betrogene Dame ſich an dieſer gelin⸗ den Rache genügen? Gewiß nicht, Fürſtin. Sie ließ ihre Freunde eine Strafe beſtimmen, und erſt nachdem der Betrüger dieſe empfangen, übergab man ihn der Polizei. Und worin beſtand dieſe Strafe? fragte einer der Herren. Sie ließ ihm von ihren Dienern hundert Knuten⸗ hiebe geben. Bonaventura zuckte zuſammen, und wagte es nicht, die Augen zu erheben; er fühlte die Blicke Aller auf ſich gerichtet., Warum erſchrecken Sie, durchlauchtigſter Fürſt? fragte Rajienski mit einem grauſamen Lachen. Bonaventura fand nicht die Kraft zu antworten. Sind Sie nicht begierig auf den Namen dieſes elenden Betrügers? fragte wieder Rajienski. Ich werde Ihnen denſelben ſogleich ſagen, Fürſt von Ottersheim. Aber laſſen Sie uns zuvor Ihren Ahnen ein Lebehoch 245 bringen! Nehmen Sie Ihre Gläſer, meine Herren und ſtehen Sie auf. Ich trinke auf das Wohl der Aeltern dieſes Herrn, auf das Wohl ſeines Vaters, welcher ein Maurergeſell war, auf das Wohl ſeiner Mutter, welche hier in Berlin lebt, und ſich vom Spinnen ernährt. Lautes Gelächter ertönte rings um die Tafel, und jubelnd wiederholten Alle die Worte des Fürſten. Bo⸗ naventura ſaß bleich, mit blauen Lippen und ſchlottern⸗ den Knieen auf ſeinem Seſſel. Herr Fürſt von Ottersheim, fragte der Fürſt höh⸗ niſch, Sie ſtoßen nicht an auf das Wohl Ihrer erlauch⸗ ten Aeltern, des Maurergeſellen Wendt, und der Spin⸗ nerin Anna Wendt? Nehmen Sie Ihr Glas und ſto⸗ ßen Sie an! Bonaventura griff zitternd nach ſeinem Glaſe, und wollte aufſtehen. Aber es fehlte ihm die Kraft, und er ſank faſt leblos in einen Seſſel zurück. Wir wollen Sie ſtärken, mein Herr Fritz Wendt, rief der Fürſt, und winkte einem Diener. Dieſer reichte ihm auf ſilbernem Teller eine Knute dar. Mein Gott, ſchrie Bonaventura aufölickend⸗ Sie wollen doch nicht?— Sie züchtigen, ja, das will ich! Aber nein, Sie verdienen nicht dieſe Ehre, von meiner Hand Ihre Strafe zu empfangen. He, Jean, Franz, kommt her, und be⸗ lohnt dieſen Herrn! 8* 246 Bonaventura ſprang auf in entſetzlicher Angſt. Er ſtürzte zu der Fürſtin hin, und vor ihr niederknieend und flehend ſeine Hände zu ihr erhebend ſtammelte er: beſchützen Sie mich! Die Fürſtin ſtand auf, und wollte ſich von ihm wenden. Er klammerte ſich feſt an ihr Kleid: Für⸗ ſtin, nur dies nicht, ſchrie er mit Thränen der Angſt und des Entſetzens. Ich habe Strafe verdient, es iſt wahr. Nur dies nicht! entehren Sie mich nicht! Be⸗ denken Sie, Fürſtin, daß Sie mich mit Ihrer Gunſt be⸗ ehrten, daß ich Ihnen nahe ſtand! Um Ihrer eigenen Ehre willen, erlaſſen Sie mir dieſe entſetzliche Strafe! Laſſen Sie Ihre Hände von meinem Kleide! befahl die Fürſtin ſtreng. Mir graut vor Ihrer Berührung! Bonaventura gehorchte, und flehte unter ſtrömen⸗ den Thränen um Gnade und Mitleid. Fürſtin Laſchuska aber vermochte es nicht, dieſen wiverlichen Anblick länger zu ertragen; ſie ſagte leiſe zu Rajienski: beenden Sie dieſe Seene, mein Freund! Dann verließ ſie den Saal. Der Fürſt ſagte: Nun wohlan, weil Sie denn ſo gar große Angſt haben vor der Knute, ſo wollen wir Ihnen die hundert Schläge ſchenken unter der Bedingung, daß Sie knieend dieſe Knute küſſen und ſich als einen Betrüger anklagen, vorher aber eine ſchöne, begeiſterte Hymne an die Knute dichten! 247 Ja, ſo ſoll es ſein, riefen jubelnd und lachend die Herren.. Da, hier iſt ein Stuhl, hier Feder und Papier. Hier liegt die Knute vor Ihnen, damit Sie ſich an ih⸗ rem Anblick begeiſtern können. Jetzt ſchreiben Sie!⸗ Bonaventura, begierig nach dieſem letzten Rettungs⸗ anker greifend, ſetzte ſich und ſchrieb nach kurzem Beden⸗ ken: O Du erhab'nes Symbol, ſei gegrüßt mir, Scepter der Knechtſchaft, Sieh, mein Buckel der juckt, ſehnend in Liebe nach Dir. Weisheit ruhet in Dir und Ordnung gebietende Stärke, Wohl drum dem glücklichen Volk, das ſich in Demuth Dir neigt. Das mit ergebenem Sinn die geflochtenen Stränge Dir küſſet Preiſend Dich, mächtige Knut', beugend im Staube das 3 Haupt. Weisheit ruhet in Dir,— Du lehrſt ſie verachten, die Güter, Die dem menſchlichen Sinn ſonſten erhaben gedäucht. Wo Du als Scepter Dich hebſt, da ſchweigen die vorlau⸗ ten Wünſche Und der thörichte Wahn, der von der Freiheit geträumt. Da erhebt man das Haupt nicht mehr in muthigem Stolze Und verlanget nicht mehr kindiſch nach Recht und Geſetz; Du allein biſt da das Geſetz, das Recht und die Würde Demuthsvoll beugt man das Knie als Dein Selav' oder Knecht. Nichts begehrt man hinfort als von Dir die heilſamen Prügel In dem geſtriemeten Leib ſchauend das ſüßeſte Glück. Solch' ein Volk nur allein, ſolch' Volk allein iſt beglücket; Drum auch preiſ' ich Dich ſo, heiliges Knutengebild! 248 Ich bin fertig, ſagte er dann athemlos. Rajienski nahm das Gedicht und las es vor, und ein ſchallendes Gelächter ertönte aus Aller Munde. Gut, ſagte der Fürſt und jetzt knieen Sie nieder! Nehmen Sie die Knute und küſſen Sie ſie ehrfurchtsvoll. Jetzt ſprechen Sie die Worte nach, die ich Ihnen vorſagen werde. Und mit ſtotternder Zunge, zitternd und marmor⸗ bleich ſprach Bonaventura dem Fürſten nach: ich Fritz Wendt, eines Maurers Sohn, bekenne, daß ich ein elender Betrüger bin, daß ich— Mehr vermochte er nicht, ſeine Augen ſchloſſen ſich und bewußtlos ſank er zuſammen.— Der Fürſt ſtieß ihn verächtlich mit dem Fuße, und ſagte: er iſt in Ohn⸗ macht gefallen, wie eine Memme. Kommen Sie, meine Herren, die Frau Fürſtin erwartet uns.— Schließt die Thüren, befahl er den Dienern, und geht Alle hinaus, ich habe noch mit dieſem Menſchen da zu re⸗ den, wenn er wieder bei Verſtande iſt!— Als Bonaventura aus ſchwerer Ohnmacht erwachte, ſtand Fürſt Rajienski vor ihm. Seine Rache war ge⸗ ſättigt, Bonaventura hatte ſeine Strafe erlitten, und nun fühlte der Fürſt faſt Mitleid mit dieſer zertretenen, ge⸗ demüthigten Menſchenſeele. 1 Sie haben ſich ſchwer vergangen, ſagte er mit mil⸗ dem Ton, und ſchwer müſſen Sie büßen. Sehen Sie hier auch, daß ich Sie nicht bloß ſchrecken wollte. Hier 249 iſt der Verhaftsbefehl, wohl unterſchrieben und geſiegelt. Eine Feſtungsſtrafe von mehreren Jahren erwartet Sie, denn es wird leicht ſein, Ihnen zu beweiſen, daß Sie nicht bloß aus Eitelkeit, ſondern zu betrügeriſchen Zwe⸗ cken ſich des Adels angemaßt, und deshalb wird Ihre Strafe härter ſein. Ich zunnte Sie alſo den Gerichten überliefern. Aber meine erlauchte Verlobte, die Fürſtin Laſchuska— Bonaventura zuckte zuſammen, und ſeufzte tief. Der Fürſt bemerkte es und fuhr lächelnd fort: meine erlauchte Verlobte wünſcht nicht, daß ein Mann, der die Ehre hatte in ihrer Geſellſchaft geweſen zu ſein, öf⸗ fentlich vom Gericht als Betrüger geſtempelt werde. Sie will nicht, daß ein Mann, der als Gaſt an ihrer Tafel ſaß, aus ihrem Hauſe wegen eines entehrenden Verbrechens in das Gefängniß geführt werde. Auch ha⸗ ben wir Mitleid mit Ihrer Jugend, Ihrer Citelkeit, Mit⸗ leid mit Ihrer wirklich poetiſchen Begabung. Deshalb bieten wir Ihnen zwei Auswege an, um der öffentlichen Schande zu entgehen. Hier, ſagte der Fürſt, ein Piſtol aus ſeinem Buſen ziehend, und es vor Bonaventura hin⸗ legend, hier dieſe Waffe iſt geladen. Ihre Ehre iſt zer⸗ treten, einem Manne von Ehre bleibt da nichts übrig als der Tod. Denken Sie aber in dieſem Punkte nicht ſo ſchwierig, ſo ſind hier jene dreihundert Louisd'or, um die wir jüngſt mit einander ſpielten, die Fürſtin hat den⸗ 16** 250 ſelben ein bedeutendes Geſchenk hinzugefügt. Begeben Sie ſich durch dieſe geheime Thüre hier, die ich Ihnen öffnen werde, auf die verdeckte Treppe. Am Ende der⸗ ſelben führt eine Thür auf den Hof. Vor derſelben hält eine Reiſekaleſche, die Sie bis nach Hamburg brin⸗ gen ſoll. Wählen Sie alſo! Ich laſſe Sie allein! Der Fürſt drückte an emnem in der Wand befindli⸗ chen Bilde, es ſprang zurück, und die erſten Stufen einer Treppe wurden ſichtbar. Hier die Treppe, dort das Piſtol! ſagte der Fürſt lakoniſch und verließ das Gemach. 2* Bonaventura war allein. Er ſchaute umher mit irren, wahnſinnigen Blicken. Er war nie betäubt, kei⸗ nes Gedankens, keiner Ueberlegung fähig. Jetzt griff er mechaniſch nach der Waffe, aber als er ſie berührt, zuckte ſeine Hand zurück, und er ſetzte ſich hin und weinte bit⸗ terlich.— Wie meinen Sie, was wird er wählen? fragte die Fürſtin, als Rajienski von Bonaventura zurückkehrte. Wird er den Tod, oder das Leben erwählen? Das Leben! ſagte der Fürſt lächelnd. Ich behaupte, nein! rief ſie. Wenn noch ein Funke 3 von Ehre in ihm wohnt, kann er dieſen Tag nicht über⸗ leben! Er hat keinen Muth zu ſterben! ſagte der Fürſt. Aber laſſen Sie uns lauſchen. Wir werden entweder 251 das Knallen eines Piſtols, oder das Rollen eines Wa⸗ gens hören! Sie horchten lange vergeblich, kein Ton unterbrach die Stille. Jetzt aber hörte man Pferdegetrappel und das raſche Davonrollen eines Wagens. Er hat das Leben gewählt, ſagte der Fürſt mit einem verächtlichen Lächeln. O, rief die Fürſtin mit Zornesgluth auf ihrem ſtolzen Angeſicht, einem ſolchen elenden Menſchen konnte ich vertrauen! Edle Menſchen ſind leicht zu täuſchen, ſagte Ra⸗ jienski, denn ſie glauben auch bei Andern an edle Ge⸗ ſinnung und mißtrauen ſelten! Aber vergeſſen wir dies! Ich habe nur Grund, dieſem Abentheurer zu danken, denn er half mir Sie erobern. Erobern Sie, ſo wie mich unſer armes, geknechtetes Vaterland, rief die Fürſtin, und ich habe auf Erden nichts mehr zu wünſchen!— Sie reichte dem Fürſten ihre Hand, und er zog die ſchöne Braut. an ſein Herz. XXI. Gräfin Jelſa ging mit haſtigen Schritten in ihrem Gemach auf und ab, und in heftigſter Erregung ließ ſie den Zweifeln und Beängſtigungen, die ihre Bruſt be⸗ klemmten, freien Lauf; ſie achtete nicht darauf, daß ihr Sohn, der blödſinnige Udo, in der Ecke ſtill zuſammen gekauert ſaß, und ihren heftigen Bewegungen, ihren ab⸗ gebrochenen Worten mit einem ſtumpfen Lächeln zuhörte. Als aber die Gräfin in ihrem Selbſtgeſpräch den Na⸗ men Eva nannte, belebten ſich Udo's Züge, und von nun an hörte er mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. Sie liebt ihn, ja ſie liebt dieſen Victor von Sen⸗ deck, ſagte die Gräfin, ich ſah es an dem Blick, mit dem ſie ihn empfing, als er heute kam, an dem Zittern ih⸗ rer Stimme, als ſie ihn begrüßte, an ihrem Erröthen, o, an jeder Bewegung ſah ich es! So wird denn die⸗ ſer Geck alle meine Plane zerſtören, mein mühſam einge⸗ richtetes Werk zernichten, und ſich das Herz erobern, das 25³3 ich mit ſo viel Mühe, ſo unſäglicher Geduld und Klug⸗ heit erſt ihrem Gatten abwendig gemacht habe. Dies darf nicht ſein, rief ſie, zornig mit dem Fuße ſtampfend, und müßte ich zu den äußerſten Mitteln ſchreiten, dies darf nicht ſein! Dieſer Victor darf nicht erndten, wo ich ſo mühſam geſäet, und nimmer ſoll geſagt werden können, daß Gräfin Jelſa Jahrelang an einem Plane gearbeitet hätte, um nachher ihr Werk zum Spielzeug eines fremden Knaben verbraucht zu ſehen. Nein, nein, mein Knabe muß und ſoll dieſe ſchöne Eva heirathen, und das ſo ſchnell als möglich!— Sie haben wieder eine große Erbſchaft gethan, ſagte mir Ralph, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, ſie haben deshalb ſogar ihr be⸗ rühmtes und einträgliches Geſchäft aufgegeben. Sie müſ⸗ ſen alſo reich ſein, ſehr reich! Ich will auch reich ſein, ich will wieder hinaus treten in die Welt, ich will wie⸗ der die Menſchen ſich vor mir beugen, ich will wieder viele Diener zu meinen Füßen, ich will wieder Glanz und Pracht um mich ſehen! Mein Gott, ich will, ich muß wieder reich werden, und ſollte ich auch dafür meine Seele dem Teufel verſchreiben!— Ihre Züge nahmen einen wilden, ſataniſchen Ausdruck an, Zorn und Haß blitzten aus ihren Augen, als ſie, wild im Zimmer auf und nieder rennend, bald zu dem Bilde ihres Gatten, bald auf die andern Ahnenbilder, die ernſt und feierlich zu ihr hernieder ſchauten, hinblickte.— Dann ſtand ſie 254 plötzlich ſtill, und ſagte mit entſchiedenem Ton: Dieſer Ralph muß aus dem Wege geſchafft werden! Heute, morgen! So ſchnell als möglich! Dann habe ich freien Spielraum, dann iſt Eva in meiner Gewalt, und leicht berede ich ſie dann, ſich unter meinen Schutz zu begeben, noch leichter, aus Mitleid und um Udo zu heilen, ſein Weib zu werden! Ja, ſo muß es ſein, Ralph muß ſterben! Er lebt zu lange! Was ſoll uns auch ſein bleiches Angeſicht! Eva muß Udo's Weib werden, und darum muß Ralph ſterben! Ja, das muß er! Aber wie, wie vollführ' ich die That?— Ha, ſo geht es, ſagte ſie nach langem Sinnen, morgen früh ſoll es ge⸗ ſchehen! Ich habe noch genug Arſenik, um mehr ſolcher Ratten zu tödten! Sie ging mit elaſtiſchen Schritten und mit heiterm Angeſicht in ihre Vorrathskammer, und holte aus der⸗ ſelben die Schachtel mit den drei großen Kreuzen, und dem verhängnißvollen Wort: Rattengift. Udo aber ſaß noch immer auf der Erde, und wie⸗ derholte mit einem pfiffigen Lächeln: Eva muß Udo's Weib werden, und darum muß Ralph ſterben! Indeß hatte Ralph Tag und Nacht geſonnen, hatte Tag und Nacht ſeinen Geiſt zerquält, die verlangte Ma⸗ ſchine zu erdenken. Er war immer einſylbiger, immer ſtiller, immer bleicher geworden, und wenn Eva ihn ſo gebeugten Hauptes, ſchwermuthsvoll und ſtumm umher 255 gehen ſah, ſo fühlte ſie in ihrem Buſen ein unnennbares Weh, und alles ſchrie und klagte in ihr: ich habe ihn getödtet! Für mich ſiecht er dahin in ungeheurem Gram!— Nun empfand ſie alle Qualen der Reue, alle Angſt eines ſchuldigen Gemüthes, und alles, was bis dahin Werth für ſie gehabt, alle äußern Dinge der Welt, aller Glanz und alle Pracht ließ ſie kalt, und widerte ſie zuletzt an. Sie ſah nur und dachte nur die eingefallenen Wangen ihres Gatten, ſchaute nur angſt⸗ voll in ſeine trühen, hohlen Augen, und jeder bange Seufzer, der ſeine Bruſt hob, machte ſie erbeben, und drängte Thränen in ihre Augen. Sie ſuchte ſeine ir⸗ ren, ſchweifenden Blicke, und fühlte tiefen Kummer, wenn ſie ſich geſtehen mußte, daß dieſe Blicke nicht mehr die ihren ſuchten, daß er nichts mehr empfand in ihrer Nähe, weder Freude noch Zorn, weder Haß noch Liebe; er war nur gleichgültig und zerſtreut, und ſeine Gedanken muß⸗ ten fern von ihr ſein. Er liebte ſie nicht mehr, und nun brannte ſie von ihm geliebt zu werden, von ſeinen erbleichenden Lippen das Wort der Vergebung und der Liebe wieder zu vernehmen. So heftig war dies Ver⸗ langen, dies Sehnen in ihr, daß darüber Victor's Bild in ihrem Herzen verbleichte, und ſie ſogar in ſeiner Ge⸗ genwart oft zerſtreut war, und kaum hörte, was er ſprach, kaum Sinn hatte für ſeine Naͤhe. Sie dachte nur an ihren Gatten, ſie dachte nur, daß der Gram um ſie, 256 der ſeinen Körper ertödte, zugleich die Liebe zu ihr in ſeinem Herzen ertödtet habe, und dieſe Gleichgültigkeit rief ihre Liebe und Theilnahme wieder wach. Eva war ganz Weib, Weib mit allen Schwächen und Mängeln, und das Weib in ihr empörte ſich gegen den Gedanken, verſchmäht zu werden von dem, der ſie einſt geliebt, auf⸗ gegeben zu ſein von einem Herzen, das einſt ſo heiß für ſie geklopft, und das Weib in ihr glühte, dies verlorne Herz wieder zu erobern. Aber nicht allein das coquette Weib, ſondern auch das edle, demüthige Weib in ihr ſtrebte nach dieſem Ziel. Eva bereute; ihres Gatten lei⸗ dende Geſtalt hatte ihr beſſeres Selbſt geweckt, ihr Ge⸗ wiſſen wach gerufen, und die Reue zeigte ihr den Gat⸗ ten in einem verſchönernden, verklärenden Licht; ihre bit⸗ tern Thränen der Reue legte ſie als einen Kranz von Perlen auf ſein Haupt, und ſah unter demſelben ſein Antlitz leuchten, wie umgeben von einer Glorie. Alle Erinnerungen früherer Tage erwachten nun in ihr, Ralphs Worte lebten wieder auf in ihrem Gedächtniſſe, alle ſeine Liebe, alle die großmüthigen Opfer, die er ihrem Stolze, ihrer Eitelkeit gebracht, rief ſie nun mit tief bewegtem Herzen ſich zurück, und klagte ſich ſelbſt der Undankbar⸗ keit und der Sünde an.— Oft ſaß ſie Stunden lang ſchweigend und in ſich gekehrt da, und wenn Victor kam 1 und nach dem Grund ihres Trübſinns forſchte, hörte ſie oft gar nicht, was er geſagt, und fragte nur angſtvoll: 257 1 „ſahen Sie Ralph ſchon? Finden Sie nicht, daß er heute noch bleicher iſt und ſchwermüthiger als ſonſt?“ Aber es war nicht der Kummer allein, der Ralph ſo trübe und krank gemacht, es war auch die nie er⸗ mattende Anſtrengung, die er ſich auferlegt, die geiſtige Aufregung, in der er ſich befand. Er hatte ſich eine Lebensfrage aus der Erfindung dieſer Maſchine gemacht, und er ſagte: gelingt mir dies, dann will ich glauben, daß noch Alles wieder gut werden kann und glücklich! Mißlingt es, dann werfe ich ein Leben von mir, das keinen Werth und keinen Nutzen mehr hat. Möge dann das Schickſal entſcheiden! Spät noch am Abend deſſelbigen Tages, an wel⸗ chem Gräfin Jelſa ſo finſtere Mordgedanken gefaßt, ſtieg Ralph hinab in die leere Werkſtatt. Ein neuer Gedanke war ihm gekommen; Tage lang hatte er über die Stel⸗ lung und Conſtruction des einen wichtigen Rades in der Maſchine nachgeſonnen; jetzt auf einmal ſchien ihm alles klar und deutlich, und er wollte nun ſogleich verſuchen, ob ſich dieſe ihm neue Idee bewähre. Mit vor Erwar⸗ tung und Ungeduld zitternden Händen, athemlos vor innerer Aufregung ſtellte er nun nach dem neuen Plan ſeine Maſchine zuſammen, und ſiehe, Alles fügte ſich nun von ſelbſt in einander, die Felgen und Räder, die Zacken und Spitzen paßten und ſchlugen mit größter Genauigkeit ein. Das Ziel war erreicht, die von Bernhard Eva. II. Theil. 17 258 begehrte Maſchine war da, ſie ſtand, ein Wunderwerk des menſchlichen Geiſtes, vollendet da, und Ralph fiel nieder auf ſeine Kniee und betete mit überſtrömenden Augen heiße Gebete des Dankes. Nun will ich auch wieder hoffen und Vertrauen faſſen zum Leben, ſagte er, nun will ich auch wieder glauben an das Glück. O mein Gott, ich werde meiner Eva nun wirklich Glück, Anſehen und Reichthum geben können, ich werde ihr keinen ihrer Wünſche mehr verſagen dürfen, und vielleicht, daß ihr Herz ſich mir wieder zuwendet, wenn ſie ſieht, daß ich nichts wünſche, und nichts will, als ihr Glück. Ein unbeſchreibliches Gefühl von freudiger Hoff⸗ nung belebte ſeine Bruſt, ihm ward das Herz ſo groß und voll, und eine unendliche Sehnſucht drängte ihn, Eva noch einmal zu ſehen, heute noch ihr holdes, gelieb⸗ tes Antlitz zu ſchauen. Mit hochklopfendem Herzen eilte er die Stiegen hinauf, und ſchlich leiſe auf den Ze⸗ hen in ihr Schlafgemach. Sie ſchlummerte ſchon, und Ralph ſtand an ihrem Lager und ſchaute mit Entzücken in ihr holdes Angeſicht, das, vom Schlummer höher ge⸗ röthet, ihm wie in einer Verklärung erſchien. Dann beugte er ſich nieder und drückte einen leiſen Kuß auf ihre halbgeöffneten Lippen; Eva aber lächelte im Schlaf, und leiſe flüſterten ihre Lippen:„theurer Nalph!“ Wie? ſagte Ralph, zuſammen ſchaudernd in freu⸗ 259 digem Schreck, mein Name war es, den ſie nannte! O mein Gott, ſo bin ich noch nicht ganz vergeſſen? So erwacht mein Andenken mindeſtens doch, wenn ſie ſchläft, in ihrem Herzen. O Eva, theuerſte Eva, flüſterte er leiſe, und ſchaute, ſich über ſie neigend, mit entzückten Blicken zu ihr nieder, Gott ſegne 2dich, mein geliebtes, mein holdes Weib! Leiſe, wie er gekommen, verließ er das Gemach und ging wieder hinunter in die Werkſtatt. Er hatte keine Ruhe zum Schlummer, die Freude hatte ihn auf⸗ geregt, er mußte noch einmal ſeine Erfindung prüfen, noch einmal die Maſchine zuſammen ſtellen, um ſich zu überzeugen, daß Alles gut ſei. Spät erſt am Morgen ſchlief er ein, den Kopf gelehnt an die Maſchine, die zu erſinnen er viele Nächte ſich den Schlaf und die Ruhe entzogen. Jetzt war ſie da, und dies beglückende. Ge⸗ fühl gab ihm den erſten, erquicklichen Schlummer nach langer Zeit wieder. Ralph, der ſtreng ſeiner frühern einfachen Lebens⸗ weiſe treu geblieben, pflegte immer mit dem Aufgang der Sonne ſchon ſich von ſeinem Lager zu erheben, und ſofort in die Werkſtatt zu gehen. Vor derſelben befand ſich ein kleines Vorgemach, und ſeit er nun ſo eifrig bei ſeiner neuen Maſchine beſchäftigt war, hatte er befohlen, ihm ſein Frühſtück nicht wie ſonſt in die Werkſtatt zu bringen, ſondern es in das kleine Vorgemach zu ſtellen. 8 260 Von dort holte er, wenn er Muße dazu fand, es ſich ſelber herein.— Auch heute Morgen hatte die Magd, wie ſonſt, Ralphs Frühſtück, das, wie immer aus einem Glaſe kalter Milch beſtand, in dies Vorgemach hinge⸗ ſtellt, und begab ſich dann wieder an die Arbeit.— Altes war ſtill, da öffnete ſich leiſe die Thür und Grä⸗ fin Jelſa ſchaute mit ſpähenden Augen binein in das kleine Vorzimmer. Alles iſt ſtill, ziſchelte ſie leiſe, Nie⸗ mand hat mich geſehen, und wenn es wäre, kann man glauben, ich ſei Udo nachgegangen, ihn zu holen.— Udo drängte ſich hinter ihr durch die Thür und lachte vergnügt. Still, Udo, ziſchelte die Gräfin, dies iſt ein entſcheidender Augenblick!— 4 Sie trat zu dem Glaſe Milch, und ſchüttete das mitgebrachte weiße Pulver in daſſelbe. Zucker, Mutter? fragte Udo nach dem Glaſe deutend. Ja, Zucker, mein Sohn, daß Herr Ralph trinken ſoll, damit Eva Deine Frau wird! ſagte ſie mit einem höhniſchen Lachen. Dann nahm ſie den Arm ihres Sohnes, und ging wieder hinaus mit ihm. Draußen auf dem Flur ſagte ſie ganz laut: Aber Udo, welche neue Unarten ſind dies! Schon in aller Morgenfrühe rennſt Du umher, und ſtörſt mich aus meiner Ruhe, daß ich Dir nachlaufen muß, Dich zu holen! Udo ſah ſie verblüfft an, und lachte dumm. 261 Du kannſt jetzt noch ein wenig im Hauſe umher gehen, fuhr die Gräfin fort, weil es Dir denn ſo große Freude macht, will ich Dir dies geſtatten! Sie drängte Udo, der ihr in ihre Zimmer folgen wollte, mit Ge⸗ walt auf den Flur zurück, und ſchloß hinter ihm die Thür. So! ſagte ſie leiſe; es mag nun kommen, wie es will, ich kann nicht verdächtigt werden. Die Magd ſtand oben an der Treppe, und hat gehört, wie ich Udo ſchalt, daß er hinab gegangen; ſie wird alſo glauben, daß ich ihm nachgegangen, nur um ihn zu holen. Auch habe ich das Papier, worin noch etwas Arſenik enthalten, in Udo's Taſche geſteckt. Läuft die Sache ſchlimm ab, ſo wird man es bei ihm finden, und wer kann einen Blödſinnigen ſchuldig finden? Udo indeſſen ſprang draußen die Treppe auf und ab, lachend und vergnügt. Dann lief er wieder hinab zu dem Vorzimmer, und blickte hinein. Das Glas Milch ſtand noch da! Mutter Zucker hinein gethan! ſagte er, es liebäu⸗ gelnd betrachtend. Udo gern Milch trinkt! Milch mit Zucker! A Er blickte ſcheu umher, als fürchte er belauſcht zu werden, und ſagte dann kopſſchüttelnd: Udo niemals naſcht, Udo nur koſten will! 26² Er ſtreckte die Hand nach dem Glaſe aus, und zuckte dann ängſtlich zurück. Udo Schläge bekommen wird, weil er naſcht, ſagte er zitternd, und blickte wieder forſchend umher. Als er aber ſah, daß ſeiner Mutter ſtrenge Augen wirklich nicht ihn überwachten, griff er haſtig nach dem Glaſe und trank in vollen Zügen. Dann ſetzte er das halb ge⸗ leerte Glas wieder hin, und ſagte vergnügt: das ſchmeckt ſchön! Jetzt Udo fortlaufen will, ſonſt Udo Schläge be⸗ kommt! Raſch ſprang er wieder hinaus auf den Flur und die Treppe hinauf. Auf der oberſten Stufe ſetzte er ſich nieder, und ſich plötzlich der Worte ſeiner Mutter erinnernd, ſagte er leiſe: Ralph ſoll trinken, damit Eva Udo's Frau wird! Ralph ſoll ſterben, damit Eva Udo's Frau wird!— In dieſem Augenblick öffnete ſich neben ihm die Thür, und Eva trat heraus. Sie war früher als ſonſt aufgeſtanden, getrieben von innerer Angſt, und es beunru⸗ higte ſie, daß Ralph die ganze Nacht nicht auf ſeinem Bette geruht, dashalb wollte ſie in die Werkſtatt hinun⸗ ter gehen, um nach ſeinem Ergehen zu fragen. 3 Als Udo ſie ſah, nickte er ihr lachend zu, und ſagte mit dem Ausdruck des Triumphes: Eva ſoll Udo's Weib werden! Ralph muß ſterben, damit Eva Uvo's Weib wird! In 1 263 Was ſagſt Du da! rief Eva angſtvoll, und faßte Uvo's Arm. 1 Ralph muß ſterben, wiederholte Udo mit pfiffigem Ausdruck, Mutter hat es geſagt. Mutter hat Zucker in’s Milchglas geſchüttet. Ralph ſoll ſterben, und Eva Udo's Frau werden! Allmächtiger Gott! ſchrie Eva, und bleich, athem⸗ los, rannte ſie die Treppe hinab. Das Glas Milch ſtand nicht mehr im Vorzimmer. Mit convulſiviſch zit⸗ ternden Händen riß ſie die Thür zur Werkſtatt auf. Da ſtand Ralph, das Glas an ſeinen Mund geſetzt. Trink nicht, kreiſchte ſie laut, und zu ihm hinflie⸗ gend riß ſie das Glas aus ſeiner Hand. Trink nicht, Ralph. O mein Gott, mein Gott, das Glas iſt leer! — Es entſank ihren zitternden Händen, und zerſprang klirrend am Boden! Eva, rief Ralph, was bedeutet dies? Du biſt außer Dir! Udo hat es mir verrathen, ſagte ſie ganz ſinnver⸗ wirrt, und ich glaube, Udo hat Recht. Einzelne Worte der Gräſin, dunkle Andeutungen.— Aber ſo ſage mir, Eva, bat Ralph, was hat Dich ſo erregt? Ralph, ſchrie ſie, ſich beſinnend, Ralph, haſt Du getrunken von dieſer Milch? Ralph bejahte es, und Eva rief zitternd, kaum ihrer Sinne mächtig: o Allmächtiger! Es war Gift in dem Glaſe!— Nun erzählte ſie Ralph, was Udo ihr geſagt, und als Ralph lächelnd ſagte: Du glaubſt den Worten eines Blödſinnigen? Erwiederte Eva: es iſt immer Sinn in Udo's Worten, er lügt niemals. Aber was ſollte die Gräfin für einen Zweck haben, mich zu vergiften? O, ich kenne dieſen Zweck, ſie will, daß ich ihres Sohnes Frau werde. Aver Ralph, geliebter Ralph, wie iſt Dir? Du wirſt blaß?— Wirklich, mir wird ſchwinde⸗ lig! ſagte Ralph rückwärts taumelnd. Einen Arzt, ſchnell einen Arzt, kreiſchte Eva und riß an der Klingel, bis die Magd erſchien. Nimm einen Wagen, ſchnell, ſchnell zum Arzt, rief Eva ihr entgegen. Er muß ſogleich kommen, hörſt Du, ſogleich! Die Magd rannte fort; die Angſt aber gab Eva Rieſenkräfte; ſie ſchleppte Ralph, der zuſammen geſunken war, in ſein anſtoßendes Schlafzimmer und legte ihn ſanft auf das Lager. Wie iſt Dir, Ralph? ſagte ſie athemlos. Ralph, ſprich zu mir! Sieh mich an, Geliebter! O mein Gott, mein Gott, warum kann ich nicht für ihn ſterben! Ralph, um Gottes Barmherzigkeit willen, blicke mich an, rief ſte, ihn krampfhaft umſchlingend. Einmal, nur einmal noch, ſchlage Deine Augen auf, einmal nur noch ſprich zu mir, ſage mir, daß Du mir verzeihſt, daß Du mich noch liebſt! O mein Gott! kannſt Du denn 2⁵ ſterben, jetzt, da ich mein Herzblut hingeben möchte, zen da ich Dich wieder liebe, Waren es die Thränen, die aus Eva's Augen uf Ralphs Geſicht niederſtrömten, oder waren es Evais Worte, die ihn wiedererweckten? Ralph ſchlug die Augen auf, und ein ſeliges Lächeln umſpielte ſeine Lip⸗ pen. Nun iſt Alles gut, ſagte er dann leiſe, nun ſterb ich gern. Denn Du wirſt um mich weinen. Nein, nein, Ralph, ſchrie ſie, ihn feſt umklam⸗ mernd, nein, Du darfſt nicht ſterben! Sage nicht, daß Du es willſt! Sieh, Ralph, hier liege ich zu Deinen Füßen, ermanne Dich, ſage nicht, daß Du ſterben willſt. O mein Gott, ſtirb jetzt nicht, jetzt da meine Seele wie⸗ der erwacht iſt, jetzt, da ich wieder gelernt habe Dich zu lieben! Ralph richtete ſich auf, und mit ungeheurer An⸗ ſtrengung ſeine Schmerzen überwindend ſagte er: es geht zu Ende, Eva! Lebe wohl! Ich habe Dich geliebt, Eva, wie hienieden Dich Niemand wieder lieben wird, ich habe Qualen, o und welche Qualen erlitten, als Dein Herz ſich von mir wandte. Ich verzeihe Dir Al⸗ les, Alles, denn ich liebe Dich noch. Höre aber jetzt, da ich ſterbe, das letzte Wort Deines treueſten Freun⸗ des! Wende Dein Herz ab von der Citelkeit der Welt, daß dieſe nicht Deine Seele verderbe. Du biſt ſchwach, Eva, denn Du biſt eitel, lerne ſtark werden, und dieſen 17— 266 äußern irdiſchen Glanz verachten, denn nicht in dem Aeußern liegt das Glück, es liegt hier, tief im Herzen. Bewahre Dein Herz, daß es rein bleibt, und täuſche Niemand, der Dich liebt! Sei treu, Eva, treu, denn die Untreue tödtet! Eva hatte ſeinen leiſen, oft von lautem Stöhnen unterbrochenen Worten, mit gefaltenen Händen, mit athemloſer Bruſt zugehört.— Jetzt ſchwieg Ralph, ſein Aechzen verſtummte, und als Eva ſich über ihn neigte, lag er erſtarrt, ohne Leben, mit weit geöffneten Augen da. Er iſt todt, er iſt todt, ſchrie ſie, und ſank ohnmäch⸗ tig neben ihm nieder! In dieſem Augenblick hielt unten an der Thür ein Wagen an, und der Arzt kam eilig die Stiegen herauf. 4 Gräfin Jelſa indeß hatte mit ſeltſamer Beklommen⸗ heit an ihrer Thür geſtanden, und gehorcht, ſie hatte Eva's Angſtſchrei vernommen, und ſchreckte unwillkürlich zuſammen. Dann ward Alles ſtill. Gräfin Jelſa horchte noch immer. Da meinte ſie dicht vor ihrer Thür leiſes Klagen und Wimmern zu vernehmen! Es überlief ſie kalt! War dies Wirklichkeit, oder war es der Geiſt deſſen, den ſie eben gemordet? Jetzt ein durchdringender, furchtbarer Schrei! Ein Kratzen, Reißen an ihrer Thür! 3„ 267 Es iſt ein Menſch, ſagte ſie gefaßt, und öffnete die Thür. Draußen aber lag Udo, ihr Sohn, mit blauen Lippen und gebrochenen Augen, zuckend in den letzten Qualen des Todes. XXII. Indeß hatten Carl und Sophie in fanft beglücken⸗ der, geſchwiſterlicher Gemeinſchaft ruhige, ſchöne Tage verlebt, Tage des reinſten Seelenfriedens und des heiter⸗ ſten Glückes. Nicht als ob Carl's Wünſche alle be⸗ friedigt, ſeine heiße Liebe ſich abgekühlt zu ſanfter, ge⸗„ ſchwiſterlicher Neigung; aber er hatte es über ſich ge⸗ wonnen, ſeinen Wünſchen Schweigen zu gebieten, und über ſein ſtürmiſches Herz den Schleier der Ruhe zu 4 legen. Und war es nicht immer doch ein Glück, ihr nahe zu ſein, ihre ſüße Stimme zu hören, ihr holdes Angeſicht zu ſehen, zu ſehen, wie dies allgemach wieder aufblühte in Geſundheit und Friſche? War's nicht ein Glück, ihr tauſend kleine Aufmerkſamkeiten erzeigen, für ſie ſorgen, für ſie arbeiten zu können, mit ihr alle die kleinen Be⸗ 8 gebenheiten des Tages zu beſprechen und zu theilen? Nicht ein Glück, ihr gegenüber zu ſitzen, und immer, und immer wieder ihr ſchönes Antlitz zu zeichnen?— 269 Carl empfand alle die Wonne eines ſolchen genügfamen Glückes, und ſeine ganze Seele ging auf und erfüllte ſich an dieſem Glück. Er war heiter, geſprächig geworden, und das Bewußtſein, von Sophie mindeſtens als Bru⸗ der geliebt zu werden, verlieh ſeinem ganzen Weſen meht Sicherheit und Unbefangenheit. Ach, und mit welcher zarten Sorge und Liebe war er um Sophie bemüht, wie ſann er Tag und Nacht, ihr irgend eine kleine Freude, irgend einen abgelauſchten Wunſch zu erfüllen, und welche Freude verſchönte ſeine Züge, wenn es ihm gelang, Sophieen ein Lächeln abzugewinnen, ſie minde⸗ ſtens auf Augenblicke zu erheitern!— Sophieens Herz aber begann allgemach wieder zu erſtarken und zu geneſen, ihre Seele richtete ſich auf aus der langen Betäubung des Schmerzes und der Qual, ſie begann wieder zu le⸗ ben und zu hoffen, wieder Theilnahme zu empfinden für ein Daſein, das ihr täglich durch eine treue Freundes⸗ hand verſchönt und erleuchtet ward. Sie liebte Carl wahrhaft als ihren Bruder, und kein Gedanke kam in ihre Seele von der Möglichkeit, Carl möge heißer und wärmer, möge eine andere Liebe für ſte empfinden. Ach, die Liebe lag ihr ſo fern, ſie war mit ihren Thränen weit hinweg geſpült von ihrem Herzen, das ſie ganz erſtorben wähnte, und ganz leer, und ſie war ſo unbe⸗ fangen gegen Cark, wie es eine Schweſter iſt, die ihren Bruder liebt und von ihm geliebt wird.— So ver⸗ 8 * gingen ihnen die Tage in Arbeit und Genügſamkeit; aber ein Zufall ſollte Eva aus dieſer Ruhe und Stille wecken und alle ihre Gefühle umwandeln. Sie war allein in ihrem kleinen Zimmer. Ihre Arbeit war früher vollendet, als ſie erwartet hatte, ſie hatte für heute keine neue mehr anzufangen, und ſuchte deshalb nach irgend einem Buch, um die Zeit bis zu Carls Heimkunft mit Leſen zu verbringen. Sie fand keins, und doch hatte ihr vor wenigen Stunden Carl mehrere Bücher gebracht. Er wird ſie vielleicht in ſeine Kammer getragen haben, ſagte ſie, und ging hinein; da fiel ihr Auge auf ein Buch, das neben den andern lag, und auf dem mit großen Buchſtaben geſchrieben ſtand: mein Tagebuch. Dies Buch nahm Sophie, und kehrte damit zurück in ihr Zimmer. Wie überraſcht war ſie aber, darin Scenen ihres eigenen Lebens in ſchönen, ſinnigen Zeich⸗ nungen zu finden, Scenen, in denen Carl ſie geſehen, und die er dann auf das Papier übertragen. Aber dieſe Blätter erhielten noch eine andere Bedeutung durch die wenigen Worte, die unter jedes Blatt geſchrieben waren, und die jedesmalige Seelenſtimmung Carl's auszudrük⸗ ken ſchienen, die heißeſte, glühendſte und entſagende Liebe Carl's verriethen.— Sophie erröthete, und er⸗ bleichte, als dies Alles ſich für ſie enthüllte, und als ſie nun erſt die ganze Tiefe ſeiner Liebe, alle die Opfer der 271 Entſagung, welche Carl ſchweigend gebracht, verſtehen lernte. Auf einem der letzten Blätter fand ſie ſich Hand in Hand mit Carl abgebildet, darunter ſtand ge⸗ ſchrieben:„ſie will mich lieben, wie eine Schweſter! Nun, ſchweige denn, mein Herz, iſt es nicht ſchon ein Glück von ihr geliebt zu werden, wie ein Bruder?“ Armer, geliebter Freund, flüſterte Sophie leiſe, o, wie groß, wie edel iſt Dein Herz! O, und wie werde ich Dir lohnen können, was Du für mich gelitten und gethan haſt!— Eine ungewöhnliche, freudige Aufregung war in ihr, und machte ihr Herz klopfen, ihre Wangen erglühen. Es war ihr, als ſei ein unerwartetes Glück plötzlich über ſie hereingebrochen, und ſie fühlte all' den Schrecken der Ueberraſchung und die Befangenheit des Glückes. Sie aber wußte ſich ihre eigene Bewegung nicht zu deuten, und als ſie mit irren, zuckenden Augen den Vor⸗ hang, der ihr Inneres verhüllte, zu durchdringen ſtrebte, wußte ſie doch nicht, daß ihr ſelber ein Himmel dahin⸗ ter verborgen ſei. 3 Als ſie Carl's Schritt auf der Treppe vernahm, eilte ſie raſch das verhängnißvolle Buch an ſeine frühere Stelle zu legen, und erröthete tief, als Carl dann her⸗ eintrat, und ihr die Hand zum Gruße reichte. Zum erſten Male zuckte ihre Hand, wie von electriſchem Schlage getroffen, in der ſeinen und ſie zog ſie ſcheu zurück. Du entziehſt mir Deine Hand, fragte Carl verwun⸗ dert, biſt Du mir nicht mehr gut, Sophie? Habe ich irgend Etwas gethan, daß ich Deine Freundlichkeit nicht verdiene? Wie rührte Sophie ſeine ſanfte, entſagende Freund⸗ lichkeit, wie tief verehrte ſie ihn, um der ungeheuren Gewalt ſeines Willens und ſeiner Selbſtbeherrſchung! O nein, Carl, ſagte ſie, mit mühſam zurückgehal⸗ tenen Thränen, nein, ich bin Dir nicht böſe. Du thuſt nur Gutes und Schönes. 1 Carl? fragte er befremdet, Du nennſt mich nicht mehr„lieber Carl,“ nicht mehr Deinen Bruder? Aber wie Du heute biſt! ſagte ſie mit niedergeſchla⸗ genen Augen und dem ſchönen Erröthen eines jungen verſchämten Mädchens. Carl betrachtete ſie mit entzück⸗ ten Blicken, ſie war ihm nie ſo ſchön erſchienen, als in dieſem Augenblick. Sophie! ſagte er mit einem Ton, der ihr Herz er⸗ beben machte.. Carl! ſagte ſie ganz leiſe, kaum hörbar. Aber Carl empfand doch, daß ſie nimmer ſo ſeinen Namen genannt, nimmer ſo vor ſeinem Anſchauen in holder Verwirrung und Verſchämtheit die Augen niedergeſchla⸗ gen. 1 273 O mein Gott, mein Gott! rief er mit vollem, freu⸗ digem Ton, und Sophie fragte ihn nicht nach der Ur⸗ ſache dieſes Ausrufs.— Von nun an begann ihr Verhältniß ſich anders zu geſtalten, ſie waren nicht mehr Geſchwiſter, ſie waren Liebende, die ſich fliehen, um ſich zu ſuchen, ſich meiden, um ſich zu finden, die ſchüchtern einander ausweichen, und ſich doch, wie von ſelbſt immer wieder begegnen und tteffen.— Carl aber wagte noch nicht an ſein Glück zu glauben, und indem er ſich ihm ganz hingab und er⸗ ſchloß, indem er endlich ſeiner Liebe geſtattete, unverhüllt hervor zu treten, ſich in jedem Blick, in jedem Wort zu verrathen, wagte er dennoch nicht das entſcheidende Wort zu ſprechen und ſich ihr zu erkläͤren. So ſaßen ſie eines Tages, ſchweigend und befan⸗ gen, und doch unendlich glücklich, neben einander, als ſie durch lautes Klopfen an ihrer Thür erſchreckt wur⸗ den. Selten war es, daß ihre Einſamkeit und Stille durch irgend Jemand unterbrochen ward, und es war daher nicht ohne Befangenheit, daß Carl ging die Thüre zu öffnen. Draußen aber ſtand der Commiſſarius des Stadtviertels, der mit ſeltener Höflichkeit fragte, ob Fräu⸗ lein Sophie Blitz noch hier wohne, und auf Carl's Be jahung in das Zimmer trat. Mein Fräulein, ſagte er ſich tief vor ihr verneigend, ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß Ihr Herr Eva. II. Theil.. 18 274 Bruder, der reiche Herr Blitz, geſtern plötzlich geſtorben iſt, und da er nicht verheirathet iſt, ſo ſind Sie die nächſte rechtmäßige Erbin! Mein Bruder todt? fragte Sophie erſchrocken. Seit geſtern! Ein Nervenſchlag hat ihn getödtet, man fand ihn mit einem Briefe in der Hand todt auf dem Sopha liegen. Auch ſcheint dieſer Brief vielleicht an ſeinem Tode ſchuld zu ſein, denn es war ein für ihn ſehr unangenehmer Brief. Er war, wie Sie wiſſen, mit einer Gräfin Stein verlobt, und in dieſem Briefe er⸗ klärte ſie ihm, daß ſie ihr Wort zurücknähme und nim⸗ mer ſeine Gattin werden könne. Ich muß ihn noch einmal ſehen, ſagte Sophie ent⸗ ſchieden, wir haben uns im Leben lange gemieden, ich will mindeſtens von dem Todten in Frieden ſcheiden. Carl ging ſchweigend, eine Droſchke zu holen, und bald fuhr er mit Sophie nach dem Sterbehauſe ihres Bruders. Sophie ſtand tief erſchüttert neben der Leiche, und ihre Thränen benetzten deren kalten Wangen. Er hat mich nie geliebt, ſagte ſie zu Carl, der ſtumm und bleich neben ihr ſtand, und oft zürnte ich meinem Herzen, daß auch nichts für ihn empſinden konnte, nun aber empfinde ich doch, daß die geſchwiſterlichen Bande unzerreißbar ſind, und meine Seele trauert um ihn, der doch der Sohn meiner Mutter war. 275 Der Commiſſarius, der ſie begleitet hatte, war in⸗ deß bereitwillig fortgeeilt, einen Juſtizbeamten zu holen, mit dem Sophie die nöthigen geſchäftlichen Angelegen⸗ heiten beſprechen könnte, und kehrte jetzt mit dieſem zu⸗ rück. Der Tag verging mit Anordnungen und Geſchäf⸗ ten, und als Carl ſpät am Abend ſich anſchickte in ſeine Wohnung zurück zu kehren, ſagte Sophie: jetzt darf ich Dich nicht mehr begleiten, mein Bruder, denn das Auge der Welt hat uns nun wieder aufgefunden, und wir müſſen uns nun den Formen der Welt fügen! Ja wohl, ſagte Carl barſch, und verließ ſie eiligſt damit ſie ſeine Thränen nicht ſehen ſollte. Nun habe ich ſie verloren, ſagte er verzweiflungs⸗ voll, als er ſeine Wohnung erreicht hatte, und mit troſt⸗ loſen Blicken umher ſchaute in dem Zimmer, das ihre holde Nähe ſonſt verſchönt und geheiligt hatte. Ja, nun habe ich ſie für immer verloren! Denn ſie iſt reich ge⸗ worden und bedarf meiner nicht mehr! Die nächſten Tage vergingen ihm in troſtloſem, dumpfem Schmerze. Mechaniſch ging er Morgens zur Arbeit, aber in ſeiner Seele war Alles trübe und leer, und das Glück ſchien ihm nun, da Sophie wieder reich geworden, auf ewig erſtorben. So wankte er drei Tage nach jenem Creigniß Mit⸗ tags von der Arbeit heimkehrend ſeiner Wohnung zu. 18* 276 Erſt einmal hatte er Sophie geſehen, denn nur zur Be⸗ erdigung ihres Bruders war er hingegangen, und hatte einige flüchtige Worte mit ihr gewechſelt. Und ſie bat mich nicht einmal wieder zu kommen, ſagte er dumpf vor ſich hin, ſie hatte kaum einen freund⸗ lichen Blick für mich, und reichte mir nur ganz flüchtig die Hand! O mein Gott, wie traurig iſt doch dies Leben! So ging er troſtlos die hohen Treppen hinauf zu ſeiner Stube, und fand zu ſeiner Verwunderung die Thüre offen. Wie erſtaunte er aber, als er, haſtig eintretend, Sophie, einfach gekleidet, und wie ſonſt mit einer Näh⸗ arbeit beſchäftiget, an ihrem kleinen Tiſchchen ſitzen ſah. Sophie, Du hier? rief er jauchzend ihr entgegen. Und wo ſollte ich ſonſt ſein, ſagte ſie mit einem glücklichen Lächeln, wo ſollte ich ſonſt ſein, als bei Dir? Ich habe ja auf der Welt Niemand als Dich, und wenn Du es verſchmähſt zu mir zu kommen, nun da komme ich zu Dir! Ich dachte, ſagte Carl ſtotternd, ich glaubte Du ſeieſt beſchäftigt, Du— Du dachteſt, ſagte ſie ernſt, Sophie könne nun, da ſie reich geworden, Den vergeſſen, der ſich ihrer erbarmt, da ſie arm war und von aller Welt verlaſſen. Der 277 mit himmliſcher, ſtarker und entſagender Liebe gleich einem Schutzgeiſt über mir gewacht und durch ſeinen Troſt mein Unglück gemildert, durch ſeine Liebe mein Leiden geſänftigt hat! O Carl, fuhr ſie fort, während beglückende Thränen der Rührung ihre Wangen netzten, konnteſt Du denken, mein Herz könne ſich von Dir ab⸗ wenden, der Du meines Lebens Retter warſt, von Dir, den, als ich verzweifelnd, ſinnlos meiner Vergangenheit entfloh, Gott in meinen Weg führte, damit mir durch Dich eine neue Zukunft begründet werde! O mein Ge⸗ liebter, Gott ſelbſt hat uns an einander gewieſen, und wer will zerreißen, was Gott verband. Geliebter! Sie nennt mich ihren Geliebten! rief Carl mit dem Jauchzen der Freude, Und wie willſt Du, daß ich Dich anders nenne, ſagte ſie erröthend, und ſich leiſe an ihn ſchmiegend, flü⸗ ſterte ſie: Carl, ich habe geſtern meinen Bruder begra⸗ ben, ich habe nun keinen Bruder mehr! Und ich, Sophie, und ich? Du, flüſterte ſie kaum hörbar, Du biſt nicht mein Bruder, denn ich liebe Dich, Carl, ich liebe Dich mit vooller, ganzer Seele, und ich will Dich nicht meinen Bruder, ſondern meinen Geliebten, meinen Gatten nen⸗ nen! O mein Gott! mein Gott! ſchrie Carl im Ueber⸗ maß des Glückes, und hob ſeine Arme gen Himmel, als wolle er Gott zum Zeugen anrufen ſeines Glückes. Mehr ſagte er nicht! Aber ſie barg, weinend vor tiefem, hei⸗ ligem Glück, ihr Haupt an ſeiner Bruſt, und flüſterte wieder: ich liebe Dich! Ein einziger Schrei der Freude, des Entzückens tönte von ſeinen Lippen, dann ſchlang er ſeine Arme um die Geliebte, und drückte ſie feſt, feſt an ſein Herz. Seine Augen waren nach oben gerichtet, und ſeine zit⸗ ternden Lippen bewegten ſich wie im Gebet. Es iſt alſo wahr, Du liebſt mich alſo! ſagte er dann, wie zweifelnd an dem Unerhörten, Köſtlichen. Sie richtete ihr Haupt empor, und ſah ihn mit ſtrahlenden Blicken an: Carl, ich liebe nur Dich, und nichts mehr ſoll uns hienieden trennen! Ach, aber mein ganzes Leben wird zu arm ſein Dir zu lohnen, was Du für mich gethan und gelitten! Aber wie, ſagte Carl, die reiche Sophie Blitz wählt mich, den armen, niedern Carl? Nicht Du biſt arm, ſondern ich, ſagte ſie mit hol⸗ dem Lächeln, und vor ihm niederknieend legte ſie ein Papier zu ſeinen Füßen nieder. Sophie hat gar nichts, gar kein Eigenthum mhe Alles was ich bin und habe iſt Dein. Carl nahm das Papier, und las. Es war eine 8 279 gerichtlich ausgeſtellte Schenkungsacte über ihr ganzes Vermögen, das ſie ihm verſchrieben hatte. Ich bin arm, ganz arm, mein Carl! ſagte ſie, Willſt Du mich nun verſchmähen, weil ich Dir nichts zu bieten habe, als meine Liebe? XXIII. Die Gefahr war vorüber; nach mehrtägiger Angſt und Sorge hatte der Arzt erklärt, daß Ralph geneſen würde, daß die angewandten ſchnellen Mittel ihre Pflicht len würde. O, welche Freude war dies für Eva, wie dankte ſie Gott mit ſtammelnder Lippe und verklärten Blicken für dies große, köſtliche Glück. Denn dies furcht⸗ bare Ereigniß hatte ihre Seele wie umgewandelt, es war wie ein Blitz in ihr Herz geſchlagen, und hat dort Al⸗ les verzehrt und vernichtet, was an anderm Gefühl als der reinſten Liebe zu Ralph darin wohnte. Sie liebte ihn nun, als den von Gott ihr geſandten Freund und nun wie ein wüſter Rauſch, wie ein Traum, aus dem einen Moment wich ſie von dem Bette ihres Gatten, keine Hand, als die ihrige, durfte ihm die Arzeneien rei⸗ gethan, und Ralph ſich zwar langſam, aber ſicher erho⸗ Retter, und was ſie für Victor empfunden, erſchien ihr ſie ſich nun zum ſchönſten Erwachen aufgerichtet. Nicht C 281 chen, ihm das Kiſſen rücken, keiner als ſie allein durfte Nachts an ſeinem Lager wachen, und wenn Ralph die Augen aufſchlug, wenn er ihren ſtrahlenden, liebenden Blicken begegnete, die auf ihm ruhten mit unendlicher Liebe, dann lächelte er, wie in ſeliger Verklärung, und Beide nickten ſich zu, glückſelig, ſtumm vor Wonne. So war das Krankenlager Ralph's gewiſſermaßen zu einem Altar geworden, vor dem ſich ihre Herzen auf's Neue vereinigt und rerbunden hatten zu ewiger, nun unauf⸗ löslicher Liebe.— Ralph, ſagte Eva einſt, als ſie vor ſeinem Bette knieete, mein Geliebter, verzeihſt Du mir? Sieh, ich war eine Verirrte, aber Gott führte mich zurück auf die rechte Straße, und lehrte mich erkennen, wie ſchwer ich gefehlt!.. O meine Eva, ſagte Ralph, und iſt nicht das wie⸗ dergefundene Glück ſchöner als ein nie verlornes? Sich niemals von der rechten Straße verirren können, das iſt nicht verdienſtlich, aber von dem Irrwege ſich wieder zurecht zu finden, Eva, das iſt anerkennenswerth und groß!— Sie küßte ſeine Hand, und fühlte ſich von ſeinem Kuſſe wie entſündigt und geſegnet zu neuem Leben. Während aber Ralph der Geneſung zuſchritt, hatte der arme Udo das Verbrechen ſeiner Mutter mit ſeinem Leben büßen müfſen. Alle ärztliche Hülfe war umſonſt 2 18** geweſen, und nach wenigen Tagen furchtbarer Qual hatte endlich der Tod ihn erlöſt. Heute ſollte er beer⸗ digt werden, und Eva ging hinauf, die Leiche noch ein⸗ mal zu ſehen. Es war, bei einer von der Polizei an⸗ geſtellten Unterſuchung nichts Verdächtiges, was gegen die Gräfin hätte zeugen können, ermittelt worden. Die Ausſage der Magd, welche geſehen, daß Graͤſin Jelſa jenen Morgen Udo aus dem Vorzimmer geholt, und ihre Worte vernommen, hatte dazu beigetragen, ihre Unſchuld zu beſtätigen, und ſo ward der blödſinnige Udo als der alleinige Urheber einer That angeſehen, die er ſelber mit dem Tode büßen mußte.— Nur Eva war in ihrem Herzen feſt überzeugt, daß die Gräfin ſelber jenes Ver⸗ brechen begangen, und wenn ſie dennoch jetzt der Grä⸗ fin einen Beſuch machen wollte, ſo geſchah dies, weil die harte Strafe der Gräfin Eva's Mitleid wach. rief, und ſie mit ihrer Unthat faſt verſöhnte. Sie fand die Grä⸗ fin neben der Leiche ihres Sohnes ſitzen, in dumpfem, hinbrütendem Schmerz, und erſt als Eva ſie anredete, ſchreckte ſie auf, und blickte Eva an mit dem Ausdruck des finſterſten Haſſes. Was wollen Sie hier? fragte ſie ſtreng. Was wollen Sie neben der Leiche meines Sohnes? Wollen Sie ſich weiden an meiner Qual, an meinen Schmer⸗ zen? Gehen Sie! Sie ſehen, ich leide nicht, denn ich 283 weine nicht! Gehen Sie, denn ich haſſe Sie, und Ihr Anblick zieht mein Herz zuſammen in Haß und Grimm. Und warum iſt es, daß Sie mich haſſen? fragte Eva mild. Sie allein ſind Schuld an dem Tode meines Soh⸗ nes, rief die Graͤfin heftig, Sie allein! Eva ſagte ernſt: Gräfin, Sie wiſſen, daß dem nicht ſo iſt! Und wenn Udo die Schuld einer Andern büßt, ſo war doch hierbei nicht ich die Schuldige! Und wer denn? rief die Gräfin. Was wollen Sie mit dieſen Worten ſagen? Ich will damit ſagen, erwiderte Eva, die Hand auf Udo's kalte Stirne legend, ich will damit ſagen, daß die⸗ ſer Todte unſchuldig war an ſeinem Tode, und daß nicht in ſeiner Seele Mordgedanken wohnten! Die beiden Frauen blickten ſich lange einander an, und Gräfin Jelſa fühlte, daß Eva ſie verſtanden habe. Dies aber vermehrte nur noch ihren Haß und Grimm gegen ſie, und ſie ſagte finſter: dennoch ſind Sie ſchuld an ſeinem Tode, denn Udo liebte Sie! Und Gräfin Jelſa wünſchte, daß ich ſein Weib werde! flüſterte Eva. Nun wohl, ſagte die Gräfin, wenn Sie es denn wiſſen, ja, ich wünſchte dies. Aber denken Sie nicht, daß ich Sie liebte, als ich dies wünſchte, denken Sie nicht, daß es geſchah, um die thörichten Wünſche dieſes 284 armen Knaben zu befriedigen! O nein, ich ſtrebte nach einem andern Ziel, und das will ich Ihnen jetzt ſagen, denn was hilft mir jetzt alle Verſtellung, jetzt, da das Werkzeug meiner Plane zerſtört iſt? Nein, nein, jetzt foll es mir mindeſtens eine Erleichterung gewähren, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie haſſe, daß ich Sie verabſcheue! Ja, verabſcheue, denn ſie ſind glücklich und reich, und ich haſſe die Glücklichen! Seit ich Sie kannte, habe ich Sie gehaßt, und als ich Sie mit Worten der Liebe an mein Herz zog, geſchah es nur, um Sie zu verderben, und als ich mit liſtigen Worten Sie Ihrem Gatten ent⸗ fremdete, that ich dies nur, um Gewalt zu bekommen über Ihr thörichtes, eitles Herz. Sie ſollten meines Udo's Weib werden, nicht aus Liebe, ſondern um Ihres Reichthums willen, und dieſer allein feſſelte mich an Sie! So, nun wiſſen Sie es, o, und mir iſt leicht, daß ich hinfort nicht mehr mich zwingen darf, Ihnen zu verber⸗ gen, daß ich Sie verabſcheue. Wie ſehr aber haben Sie in Ihren Planen ſich verrechnet, ſagte Eva ruhig und ſtolz, Sie ſtrebten Ih⸗ rem Sohne eine reiche Frau zu geben, und dazu wähl⸗ ten Sie mich. Ich aber, Gräfin Jelſa, bin nicht reich. Ich habe niemals Reichthümer beſeſſen, und als ich Ralph's Gattin ward, hatte ich nichts, was ich mein Eigen nannte, gar nichts! O, auch dies noch! ſchrie die Gräfin. Ich habe 285 alſo umſonſt Jahre lang mich gemüht, umſonſt gehofft, umſonſt geſtrebt! Eine Betrügerin hat mich überliſtet. Nein, Eva, Sie lügen jetzt! Sie wollen mich kränken, mich verhöhnen! Nein, beim ewigen Gott, es iſt Wahrheit! ſagte Cva feierlich. Hinfort ſoll nur Wahrheit auf meinen Lippen ſein, und die ganze Welt ſoll es wiſſen, daß Al⸗ les, was mich umgiebt, meines Gatten Eigenthum, daß er die arme Eva überſchüttet hat mit den Gaben ſeiner Liebe, und daß ich Alles, was ich bin, ihm verdanke! Wehe, wehe mir! rief die Gräfin. Auch dieſer letzte Troſt iſt mir genommen! Eine Lüge hat meinem Sohne den Tod gebracht! Sie warf ſich laut ſchluchzend über die Leiche hin, und fiel dann zurück in Krämpfen und Zuckungen.— Furchtbar war der Anblick dieſer von Qualen und Pein durchwütheten Mutter neben der ſtillen, ruhigen und ſchönen Leiche ihres Sohnes; Eva entfloh mit ſchnellen Schritten, und eilte zu ihrem Gatten. Sie klammerte ſich feſt an ſeine Bruſt, und ſagte zitternd: Ralph, ich will arm ſein, ich fürchte mich vor dem Reichthum! Das Geld verderbt das Herz und verhärtet das Gemüth. O Ralph, laß uns leben in Armuth und Genügſamkeit, denn in der Armuth iſt der Friede und über den Armen ruht Gottes Segen. Ich war glücklich, als ich noch anm war, und erſt, als ich nach Neichthum begehrte, kam 7 286 Unglück und Verwirrung über mich! Ralph, mir ſchau⸗ dert jetzt vor dem Gelde und dem Reichthum, und wie nach einem Heiland ſtrecke ich meine Hände aus nach der Armuth! Gelobt ſei Gott, nun biſt Du gerettet! rief eine Stimme hinter ihnen. Mutter Annal riefen Beide freudig. Ja, Mutter Anna! ſagte die alte Frau näher tre⸗ tend und ihre Arme um den Nacken ihrer Kinder legend, jetzt bin ich wieder da, und will mich nimmer wieder von Euch trennen! Ich kam, weil ich von Ralph's Krankheit erfahren; nun aber, meine Eva, da ich Deine Worte gehört, nun weiß ich, daß endlich die Erkenntniß über Dich gekommen iſt, nun weiß ich, daß Du nun auch Deiner Mutter Dich nicht ſchämen wirſt, daß Du ſie ehren wirſt und lieben! Denn Du haſt erkannt, wie nichtig die irdiſchen Güter, und daß in dem Beſitz kein Friede wohnt, ſondern in dem Erwerb allein. Ja, meine Kinder, der Armen iſt das Himmelreich! Darum laßt uns arm ſein, und im Himmel reich! O, meine theure, geliebte Mutter, rief Eva, vor ih⸗ rer Mutter niederknieend, verzeihe mir alle meine Schuld, und gieb mir auf's Neue Deinen glückbringenden, müt⸗ terlichen Segen! Den haſt Du, mein Kind, ja, meinen Segen haſt 287 Du. Kommt an mein Herz, Ihr meine lieben Kinder Beide! Sie drückte Ralph und Eva innig an ihr Herz, und Thränen der reinſten Freude netzten ihre Wangen. Von nun an war Friede und Heiterkeit wieder ein⸗ gekehrt in Ralphs Hauſe. Eva war wieder heiter und fröhlich wie ſonſt, denn Ralphs Geſundheit war völlig wieder hergeſtellt, und das Glück machte auch ihn heiter und geſprächig.„O, wie friedlich iſt jetzt Alles in mir, ſagte Eva einſt, als ſie neben ihrem Gatten, umſchlun⸗ gen von ſeinem Arme, ſaß. Als ich noch ſtrebte nach Reichthum und Glanz, da war ein ewiger Kampf, ein ewiges Ringen in mir, ruhelos waren meine Gedanken, ruhelos meine Wünſche, und jeder befriedigte Wunſch erzeugte mir nur neues Begehren und Wollen in mir! Und jetzt iſt Alles ſo friedlich und ſtill, ſo klar und ruhig. Ich erſtrebe nichts mehr, und will nichts mehr als Deine Liebe, mein Ralph! Und dieſe Liebe, meine Eva, wird jetzt eine Prü⸗ ſung zu beſtehen haben, ſagte Ralph.— Und nun er⸗ zäͤhlte er ihr, daß Bernhard heute ihm die ausgeſetzte Prämie für die neu erfundene Maſchine gebracht, zu⸗ gleich aber ihm vorgeſchlagen, ihn nach Amerika zu begleiten und dort Fabriken anzulegen, oder Maſchinen zu bauen. Nun entſcheide Du, ſagte Ralph. Liebſt Du mich genug, um mir in die Ferne und Weite fol⸗ 288 gen zu koͤnnen, oder willſt Du, daß wir hier bleiben, und von unſerm Gelde leben. Denn jetzt, meine Eva, ſind wir wirklich reich, und können mit Gemächlichkeit von unſerm Gelde leben. Oder noch, fuhr er feierlich fort, noch ein Drittes habe ich Dir vorzuſchlagen! Iſt in Deinem Herzen eine andere Liebe, ſehnt es ſich nach dem Beſitz eines andern Herzens, als dem meinen, wohl⸗ an, ſo ſage es. Ich gebe Dich frei, und gehe allein in die Ferne, Dir zurücklaſſend Alles, was ich habe. Nicht die Pflicht, Eva, ſoll Dich an mich binden, an der Pflicht erkaltet das Glück, und die Treue iſt troſtlos und ertödtend, wenn nicht die Liebe ſie zu einer Nothwen⸗ digkeit und zum Leben ſchafft! Eva ſah ihn mit großen, hellen Blicken an, und ſagte ruhig: ich liebe Dich aber, Ralph, und liebe Nie⸗ mand als Dich! Und wenn einſt mein Herz ſich ver⸗ irrte, ſo hat es ſich wieder gefunden zu Dir freiwillig und ohne Zwang. Das möge Dir beweiſen, daß meine Liebe zu Dir nimmer erloſchen, daß nur ein Wahn, eine Krankheit ſie getrübt hatte. Jetzt aber bin ich geneſen, Raph, und wie die Geſunden ſchnell ihre Krankheit und ihr Leiden vergeſſen, ſo gedenke auch ich nicht mehr die⸗ ſer Herzenskrankheit, die weit hinter mir liegt! Und Victor? fragte Ralph leiſe, denn es war das erſte Mal, daß er vor Eva ſeinen Namen nannte. Geſtern bekam ich dies Billet von ihm, ſagte Eva, —— — 289 ihrn ein Papier darreichend. Er iſt nach Italien ab⸗ gereiſt. Ralph las das Blatt, und ſagte dann: er geht, weil er Dich liebt, und dankt Dir ſcheidend für die große Lehre, die Du ihm gegeben, für die Gewißheit, daß es noch Weiber giebt, deren reine Natur über alle Verfüh⸗ rung und Anfechtung erhaben iſt, die aus dem Inſtinct der Tugend ſtets das Rechte wählen, und ſich wohl verrirren, aber nicht fallen können.— O, geliebteſte Eva, komm an mein Herz, Du edles, ſchönes Weib! Er drückte ſie feſt an ſich, und Eva weinte Thrä⸗ nen der reinſten Freude. Dann kam Mutter Anna, und Ralph ſagte: Du kommſt zu ernſten Verhandlungen, theuerſte Mutter. Ich habe Eva vorgeſchlagen, ob wir hier bleiben, und von unſerm Gelde leben, oder nach Amerika gehen, und dort Fabriken anlegen wollen. Eva ſoll entſcheiden. Ja, Eva ſoll entſcheiden, ſagte Mutter Anna zu⸗ verſichtlich. Nein, nicht hier wollen wir bleiben, ſagte Eva, nicht in Unthätigkeit und Müßiggang wollen wir leben. Denn der Müßiggang weckt die böſe Luſt und die Sünde im Herzen, und iſt, wie ein ſchönes Sprichwort ſagt, „aller Laſter Anfang.“— In Thüätigkeit allein beruht das Glück, und ſie allein ſchafft Zufriedenheit. Laßt uns) denn nach Amerika gehen. Da wollen wir Fa⸗ Eva. I1. Theil. 19 290 briken anlegen, da wollen wir wirken und ſchaffen, und arbeiten. Denn ich fühle es wohl, theuerſte Mutter, Du hatteſt Recht, die Arbeit iſt ein Segen des Him⸗ mels, ſie iſt das Gebet, das uns vor der Sünde be⸗ wahrt, wer recht arbeitet, der hat keine Zeit zur Sünde, und deſſen Thaten ſegnet Gott. Und ſind wir denn jetzt reich, mein Geliebter, ſo laß uns unſern Reichthum anwenden zum Nutzen Anderer, zur Hülfe der Armuth. Laß uns die Armen in unſere Fabriken rufen, und ih⸗ nen helfen, indem wir ihnen Arbeit geben. Ach Ralph, wenn ſich dann viel fleißige Hände um uns regen, wenn wir den Armen Arbeit, den Hungernden Speiſe geben, wenn wir inmitten unſerer Arbeiter ſelber wirkend und ſchaffend einher gehen, dann will ich wieder mit Stolz und Freude ſagen, daß ich eine reiche Frau bin! Reich an Liebe und an Glück, reich, weil ich geben kann!— O mein Kind, meine theure Tochter, rief Mutter Anna, Eva mit Freudenthränen an ihr Herz drückend, Gott ſegne Dich für dieſes Wort! Nun kann ich in Frie⸗ den ſterben, denn Du wirſt glücklich ſein! Nein, Mutter, leben ſollſt Du, und uns begleiten ſagte Ralph; für Dich iſt noch lange nicht Zeit zum Sterben. Denn Du haſt noch vieles zu thun hienieden, und zu wirken! Du mußt mit uns gehen, Mutter, und uns helfen die Armen zu unterſtützen, Du mußt über⸗ all uns nahe ſein mit Rath und That! — 291 Wenn Euch meine alten Hände noch nützen kön⸗ nen, ſagte ſie, wohlan, dann gehe ich mit. Aber ver⸗ ſprich mir, Ralph, daß Du nicht fordern willt, ich ſolle nun die Hände ruhig in den Schooß legen in nichts⸗ thueriſcher Faulheit. So lange ich lebe, will ich arbei⸗ ten, denn nur, wenn ich in der Welt noch etwas nütze, kann ich die Welt noch lieben!— Als ſie wenige Wochen ſpäter in Hamburg das Schiff beſtiegen hatten, das ſie nach Amerika bringen ſollte, ſtanden ſie, Abſchied nehmend von der Heimath, lange noch auf dem Verdeck, bis die Ufer verſchwanden, und ringsum kein Land mehr zu erblicken war. Die Vergangenheit iſt hinter uns verſchwunden, ſagte Ralph, Eva feſt umſchlingend, möge denn die Zu⸗ kunft uns Glück bringen und Heil!— Sie wird es! ſagte Eva freudig, denn die Liebe begleitet uns aus der Vergangenheit in die Zukunft, und die Liebe iſt Gottes Segen! Mutter Anna aber zerdrückte ſtill eine Thräne in ih⸗ ren Augen, und flüſterte: Mein Fritz, lebe wohl! Meine Gedanken wiſſen Dich nicht zu finden, und Du biſt mir verloren. Aber ein Mutterherz hört doch nicht auf zu lieben und zu hoffen!— Mutter Anna erlebte ein hohes, glückliches Alter, ſie ſah ſich umringt von blühenden Enkeln, ſah ihre Kinder glücklich und geehrt, ſah ſie thätig und zufrieden, und als ſie ſtarb, waren ihre letzten Worte: Gott ruft mich zu einer andern Arbeit! Lebt wohl!— Ungefähr um dieſelbe Zeit, wie Ralph und Eva, verließ auch ein anderes junges Ehepaar Berlin, und wandte ſich dem Süden zu. Dies war Carl und So⸗ phie; ſie gingen nach Italien, wo Carl ſein Talent für die Malerei auszubilden gedachte.— Ein neuerer Schriftſteller hat einmal irgendwo geſagt, das ſchönſte Glück ſei in einem ſchönen Reiſewagen, auf einer ſchönen Landſtraße neben einer ſchönen Frau durch die ſchöne Welt zu fahren. Dies Glück empfand das junge Paar, das mit heitern, ſtrahlenden Blicken, keinen unbefriedigten Wunſch im Herzen, glückſelig dahin fuhr durch die ſehöne Gotteswelt, und von der Zukunft nichts verlangte, als daß ſie ſei wie die Gegenwart.— Aber das Glück eines„ſchönen Reiſewagens“ kann zuweilen getrübt wer⸗ den, und es war wegen eines gebrochenen Rades, daß das junge Paar einen ganzen Tag in einem elenden kleinen öſterreichiſchen Städtchen verweilen mußte. Aber dies kümmerte ſie wenig! Waren ſie doch neben einander, was kümmerte es ſie, wo ſie waren! Auch war die Gegend lieblich und angenehm, und Arm in Arm wan⸗ delten ſie durch die engen Straßen, um auf die Promenade vor der Stadt zu gehen. Da, bei einer Biegung der Straße, lag das lieblichſte Thal vor ihnen. Sieh, wie ſchön, ſagte Sophie, o wie lieblich iſt dies! ſnnnſſnfn ſſn 14 11 13 15 16 .— 1