— — ¹ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 5 von. 6. 3 Edujard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 14. 0ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſo jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 4 .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe terlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ☛——— wird. 3 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für agtehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 4 Monat: 1 NMk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt. Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird † ders d f aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen r t ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 —— Moman aus Berlins Gegenwart. Von L. Mühlbaſch. Ertter Th eil. Berlin: F. H. Morin. 1844, I. In dem kleinen netten Häuschen des Meiſter Ralph war heute Alles in freudiger Bewegung. Die drei Ge⸗ ſellen und zwei Lehrlinge hatten, obwohl es kein Feſttag oder Sonntag war, die Werkſtäͤtte verlaſſen und ſich vor der Hausthür, welche mit dicken Blumenguirlanden ver⸗ ziert war, aufgeſtellt. Sie ſchauten in ſichtlicher Span⸗ nung die lange Linienſtraße hinunter und jeder Pferde⸗ kopf, der ſich dort unten ſehen ließ, entlockte ihnen einen Ausruf der Erwartung oder getäuſchter Hoffnung. Auch in den Haͤuſern der Nachbarſchaft hatte ſich hier und da ein Fenſter geöffnet und manche neugierige Augen ſchauten heraus, um den Grund der großen Aufregung und des ſeltſamen Anlaſſes, der die fleißigen Geſellen des Meiſter Ralph heute ſo müßig da ſtehen ließ, zu er⸗ ſpähen, und die Blumenguirlanden, mit denen„das kleine Haus“ geſchmückt war, mit ſpöttiſchem Lächeln zu be⸗ trachten. Das„kleine Haus“ hatte ſich dieſes Beiwort 1 3 1*₰ .,“ 4 nicht mit Unrecht in der Nachbarſchaft zugezogen, denn es ſtand unter den andern Häuſern da, wie ein Zwerg unter Rieſen, und die umliegenden vier und fünf Stock⸗ werk hohen Häuſer ſchienen gleichſam mit ſtolzer Ver⸗ achtung auf das niedrige Dach und die zwei Stockwerke des„kleinen Hauſes“ herab zu ſehen und ſich mit ſtol⸗ zer Vornehmthuerei zu fragen:„wie kommt dies kleine winzige Gebäude hierher nach Berlin, wo es ſonſt nichts giebt als große caſernenartige Häuſer und Palläſte?“ Aber das kleine Haus ſah ganz aus, als lächle es dazu, denn es hatte eine durchaus freundliche Phyſiognomie und neben den hohen Häuſern mit den vielen Fenſtern, die kaum hier und da mit einem Vorhang verſehen waren, machte es durchaus den Eindruck der Behaglichkeit und Zufriedenheit. Vor allen Fenſtern ſtanden blühende Blu⸗ men in bunten irdenen Töpfen, hier und da halb ver⸗ ſchleiert von den weißen durchſichtigen Vorhängen, die in zierlichen Falten hernieder fielen, und der helle glän⸗ zende Anſtrich der Mauer ließ neben den dunklen ſchmu⸗ tzigen Wänden der Nachbarhäuſer das Flleins Haus“ noch mehr hervortreten. Sie kommen, ſie kommen! rief jetzt einer der Lehr⸗ jungen, der ſich auf den nahen Prallſtein der Ecke ge⸗ ſtellt und unverwandt die Straße hinab geſtarrt. Sie kommen! riefen auch jetzt die Geſellen, nun laßt uns in die Werkſtatt gehen!— Alle traten eilig — ⸗ —— —— 5 in das kleine Haus zurück und verſchwanden hinter der Thür. Von jener Seite der Straße aber, wohin ſie ſo eif⸗ rig geſchaut, kam jetzt ein kleiner, mit nur einem Pferde beſpannter offener Wagen daher gerollt und hielt vor dem kleinen Hauſe an. Der junge ſchlanke Mann, der den Wagen gelenkt, ſprang jetzt eilig vom Vorderſitze herab und dem ruhigen Pferde die Zügel überwerfend, öffnete er den Wagentritt und reichte ſeine Hand hinauf, den beiden Frauen behülflich zu ſein. Die erſte, ein al⸗ tes bejahrtes Mütterchen, ward von ihm mit ehrfurchts⸗ voller Sorgfalt und liebender Furcht faſt aus dem Wa⸗ gen gehoben, und erſt als er ſie langſam und vorſichtig bis auf den Hausflur geleitet, kehrte er zu dem Wagen zurück, in dem das junge ſchöne Weib ſeiner harrte. Ewva, meine ſüße Eva, ſagte er mit bewegter Stimme, wir ſind daheim und jetzt will ich meinen köſtlichſten Schatz in mein Haus einführen. Er reichte ihr die Arme hinauf, ihr behülflich zu ſein, aber kaum hatten ihre niedlichen kleinen Füße den Tritt berührt, als der junge Mann ihre Kniee umfaßte und die ſchlanke Geſtalt ſeiner Eva emporhebend, ſie auf ſeinen Armen in das Haus trug. Ralph, was thuſt Du, ſagte ſie erſchrocken und er⸗ röthend und doch mit jenem ſüßen Lächeln, das deutlich zeigte, ſie zürne dem Verwegenen nicht. ——— Deine hübſchen kleinen Füße ſollen heute wenigſtens nicht das ſchmutzige Straßenpflaſter betreten dürfen, ſagte Ralph zaͤrtlich, und ſo auf meinen Armen will ich Dich meinen Geſellen vorſtellen und in meine Werkſtatt füh⸗ Eva ſträubte ſich vergeblich, Ralph ſtieß die nächſte Thür auf und als er jetzt durch dieſelbe in die Werk⸗ ſtatt trat, wurden ſie mit einem dreimaligen lauten Vi⸗ vatrufen von Geſellen und Lehrburſchen begrüßt, und unter dieſen lauten freudigen Zurufungen trug Ralph ſeine liebe Bürde bis mitten in das Gemach zu dem ein⸗ zeln ſtehenden Tiſche, an welchem er ſonſt zu arbeiten pflegte. Hier ließ er ſich halb auf ein Knie nieder und als Eva erröthend und verlegen aus ſeinen Armen auf die Erde ſprang, ſagte er: ſeht da, meine Kinder, Eure Frau Meiſterin; ſie wird jetzt dieſe Stelle einnehmen, welche ſonſt mein war, und von hier aus ſoll ſie uns Alle regieren und commandiren, wie ſonſt ich es that.— Aber was iſt das, fuhr er fort und ſchaute im Zimmer umher, habt Ihr unſre Werlſtatt in ein Treibhaus ver⸗ wandelt? Wirklich bot dies einfache Gemach heute einen glän⸗ zenden Anblick dar. Die ſchönſten blühenden Gewächſe reihten ſich ſchön geordnet an den Wänden umher, da⸗ hinter war grünes Laubgezweige, die Wände verdeckend, angebracht, daß das Ganze ausſah, wie eine große, grüne 7 blühende Laube. Aber am ſchönſten war die Stelle ge⸗ ſchmückt, wohin Ralph ſein junges Weib geführt, die Stelle, an welcher der Sitz Ralphs ſich befand. Hier hatte die Liebe und Dankbarkeit ſeiner Geſellen dem jun⸗ gen Meiſter mit zarter Aufmerkſamkeit ihre Huldigung dargebracht. Die prächtigſten Blumengewinde umrank⸗ ten den Seſſel, Kränze hingen zu beiden Seiten des hohen alterthümlichen Stuhls und auf dem Tiſche davor prangte ein mächtiger runder Kuchen mit der zuckernen Deviſe: Heil unſerm Meiſter Ralph!— Und wie Ralph das Alles betrachtete mit glänzenden, freudeſtrahlenden Augen ſahen die Burſche lächelnd vor Glück und voll innerer Zufriedenheit über die gelungene Ueberraſchung zu ihrem Meiſter hin mit ſolchem Ausdruck von Liebe und Glück, daß Eva’s Augen ſich mit Thränen füllten und ihr Herz höher klopfte vor Freude und Stolz.— Wie ſchön Ihr das Alles geordnet und geſchmückt habt, ſagte Ralph, und Eva meinte zu bemerken, daß ſeine Stimme weniger feſt ſei, als ſonſt. Wir haben es mit Freuden gethan, ſagte der äl⸗ teſte der Geſellen, vortretend und ſeinem Meiſter die Hand darreichend, die dieſer herzlich in der ſeinen drückte; wir haben es mit Freuden gethan, denn es geſchah für un⸗ ſern lieben Meiſter und Herrn. Da war Keiner von uns, dem Sie nicht wohlgethan, Keiner, der nicht ein Liedlein hätte zu ſingen gewußt von Ihrer Großmuth 8 und Menſchenliebe. Haben Sie nicht mich, als ich vor drei Jahren krank und arm nach Berlin eingewandert kam, und zu meiner Empfehlung nichts hatte als mein Elend, denn auch mein Wanderbuch hatte ich verloren, haben Sie da nicht aus reinem Erbarmen mich aufge⸗ nommen und mir ein Kämmerlein eingeräumt und mich ſelber gepflegt? Damals habe ich mir geſchworen, Ihnen Ihr Erbarmen zu lohnen durch Dankbarkeit und Treue und Sie zu lieben, wie meinen Vater, denn, obwohl ich älter bin an Jahren, ſind Sie doch in allen Dingen mir überlegen und haben an mir gehandelt als wie Va⸗ ter. 4 Und meinen Sie, wir ſollten nicht dankbar ſein, ſagte der zweite Geſelle, wenn Sie immer ſo freundlich und liebevoll für unſer aller Wohl bedacht ſind? Ha⸗ ben Sie nicht meine arme blinde Mutter, als ich auf der Wanderſchaft war, gepflegt und gekleidet, als wäre ſie Ihre eigne Mutter, und haben ihr die Augen zuge⸗ drückt? An mir aber haben Sie das Größte gethan, ſagte Anton, der dritte Geſelle, denn Sie haben mich von der Schande befreit; Sie waren es, der durch ſeine liebevol⸗ len Ermahnungen mich auf den Weg des Guten zurück⸗ führte. Ich war ein leichtſinniger wilder Burſche, als ich Ihr Lehrjunge ward, Meiſter Ralph. Ich beſlahl Sie, und als Sie den Diebſtahl entdeckten, da jagten — 9 Sie mich nicht fort, Sie ſuchten mich von meinem Ver⸗ brechen zu überzeugen und redeten in mein Gewiſſen, bis es ganz zerknirſcht ward und weich, und ich mir ſchwur, aus Liebe zu Ihnen ein guter Menſch zu wer⸗ den. 4 Und Du haſt Wort gehalten, ſagte Ralph tiefge⸗ rührt, und reichte Anton die Hand dar; Du biſt ein bra⸗ ver, geſchickter Geſelle geworden. Und uns Beiden, riefen die Lehrjungen weinend, uns armen Waiſenknaben, haben Sie, Meiſter Ralph, aus Betteljungen zu Ihren Lehrlingen gemacht, Sie ſind uns Vater und Mutter geweſen, und Lehrer, Ihnen dan⸗ ken wir alles, was wir ſind. Das Alles aber, ſagte Anton mit einem Kratzfuß ſich an Eva wendend, das Alles haben wir heute bloß wiederholt, um Ihretwillen, Frau Meiſterin, denn wir wiſſen wohl, daß Meiſter Ralph von all' dem Guten, was er thut, nicht ſpricht und es auch nicht gern hat, wenn Andere davon ſprechen. Aber wir mußten es Ih⸗ nen erzählen, damit Sie es auch recht wiſſen, welch einen herrlichen, braven Mann Sie da bekommen haben und damit Sie ihn dafür ſo ſehr lieben, wie Sie nur immer können. Evazs ſchönes Angeſicht war laͤngſt ſchon von Thrä⸗ nen überfluthet und mit Blicken der unausſprechlichſten Liebe hatte ſie zu Ralph empor geblickt. Jetzt warf ſie 1*½* 10 ſich an ſeine Bruſt und ihn feſt mit ihren Armen um⸗ ſchlingend, rief ſie: o mein geliebter, mein theurer Ralph! Gott ſegne Dich, Gott ſegne Dich! Gott ſegne ihn, riefen die Männer wie aus Einem Munde und falteten die Hände, verſtummend im Gebet.— Gott ſegne Dich, mein Schwiegerſohn, ſagte Eva's alte Mutter, die unbemerkt dem jungen Paar gefolgt war und jetzt ihre Hand auf Ralph's Haupt legte, Gott ſegne Dich und gebe Dir Glück! Du verdienſt es, denn der, welcher von ſeinen Untergebenen geliebt wird, iſt ein guter braver Menſch. Gott ſegne Deine Arbeit und gebe Allem, was Du beginnſt, Gedeihen! O, ſagte Ralph, gen Himmel blickend, und langſam rollten ein paar Thränen aus ſeinen Augen über ſeine Wangen, o, dieſer Augenblick belohnt mich überreichlich für alles Gute, was ich jemals thun konnte. Er drückte ſein junges Weib feſter an ſeine Bruſt und leiſe flüſterte er in ihr Ohr: Eva, Dich ſegne Gott und gebe, daß ich Dich glücklich mache! Ich bin es, bin es ganz, ſagte ſie ſchluchzend. Ralph küßte ſie, und ſie ſanft aus ſeinen Armen laſſend, nahm er die Hand ſeiner Schwiegermutter und ſagte: ſeht, meine Freunde, dieſer Tag macht uns doppelt reich. Ich habe Euch eine Frau Meiſterin gegeben, nun bringe ich Euch auch eine Mutter. Eurer Meiſterin Mutter werder Ihr lieben und verehren, das weiß ich, und ich brauche Euch 11 nicht zu ſagen, daß Ihr unſerer Mutter Achtung und Gehorſam ſchuldig ſeid. Es lebe unfre Mutter, unſre brave Mutter! riefen die Burſche, und dann trat jeder heran, der alten Frau die Hand zu drücken und zu küſſen. Sie ließ es mit der Würde geſchehen, die oft den alten Frauen der nie⸗ dern Stände eigen iſt, denn grade in dieſen verleiht das Alter noch eine Würde, die ehrfurchtsvoll von der Ju⸗ gend anerkannt wird, und der Greis und die Greiſin mit ſilberweißem Haar haben dort noch eine Autorität und Anerkennung, wie ſolche in den höhern gebildetern Stän⸗ den der menſchlichen Geſellſchaft nicht gefunden wird. Dann kam die Magd, ihrer jungen Frau Meiſterin die Hand zu küſſen und zu melden, daß das Mittagseſ⸗ ſen im vordern Zimmer aufgetragen ſei. Ralph gab ſeiner Schwiegermutter und Frau die Hand und von den Geſellen und Burſchen begleitet be⸗ gaben ſich Alle zu Tiſche, um, nachdem die Mutter Anna den Segen geſprochen, den ſchmackhaften, kräftigen Ge⸗ richten ihre Anerkennung widerfahren zu laſſen. Dann kam die dampfende Punſchbowle, und wie die Gläſer ge⸗ füllt waren, ſtießen Alle zuerſt an auf das Wohl der „Mutter Anna, die heute trotz ihrer ſiebenzig Jahre von 7 jugendticher SHaitergt uid Bewoglichkeit war und in dem außnſchieenden ſch an ede, mit dem w⸗ 8 ge⸗ 12 Linnenhäubchen gar ehrwürdig und freundlich anzuſehen war. Ein tiefer inniger Frohſinn lag auf allen Ge⸗ ſichtern und Eva's ſchönes Antlitz leuchtete in höherem Roth der Freude und Liebe. Sie konnte ihre Blicke gar nicht abwenden von Nalph, der ihr heute noch weit liebenswerther und edler erſchien, wie jemals zuvor und ihr der ſchönſte, gelehrteſte und gewandteſte aller Män⸗ ner deuchte. In einer kleinen, unbedeutenden Provinzial⸗ ſtadt unweit Berlin lebend, hatte Ralph auf einer Be⸗ rufsreiſe dorthin ſie kennen gelernt und nach kurzer Be⸗ kanntſchaft um ſie geworben. Eva, die Tochter der ar⸗ men Mutter Anna, hatte in dem kleinen Hüttchen, das ihr alleiniges Eigenthum geweſen, einſame ſtille Tage mit ihr verlebt und wenn Ralph der erſte Mann war, der ihr ſein Herz und ſeine Hand geboten, ſo war er auch der erſte, den Eva überhaupt näher kennen gelernt und öfter geſprochen. Aber Ralph hätte auch den Ver⸗ gleich mit andern Männern ſonder Scheu beſtehen kön⸗ nen. Sein edles, ausdrucksvolles Geſicht, ſeine ſchöne hohe Geſtalt verfehlten nicht, überall Eindruck zu machen und für manche hübſche Bürgerstochter Berlins war er der Gegenſtand heimlicher Wünſche geweſen. Eine große Ruhe und Würde war ſeinem Weſen eigen und dabei 4 zeigten ſeine Züge den Arlct Nen olchen Mille N Herzensgüte, daß ſein Anblick“ unwillkürlich Vertrauen und Achtung gewann. auSe va jetzt, ſeit geſtern 85 —— X 13 Ralph's Weib, an ſeiner Seite ſaß, da klangen in ihrem Herzen alle die Lobſprüche wieder, welche ihm vorher von den Geſellen ertheilt worden und eine unausſprech⸗ liche, ſtolze Wonne ſchwellte ihre Bruſt. So lange ich lebe, will ich ihn lieb haben, ſagte ſie und ihm gut ſein, denn er iſt der klügſte und beſte aller Menſchen, das iſt gewiß und auch der reichſte. Wie ſchön iſt hier Alles und wie glänzend. Ihren nicht verwöhnten Augen däuchte jeder polirte glänzende Tiſch ein koſtbares Meubel und ſie fragte ſich nur immer ſtaunend, ob ihr das Alles gehöre und ob ſie wirklich die Gattin des reichen und ſchönen Meiſter Nalph geworden. II. Nach eingenommener Mahlzeit winkte Ralph mit geheimnißvollem Lächeln ſeiner Frau, ihm zu folgen, gab Mutter Anna den Arm und geleitete ſie die Treppe hinauf in die zweite Etage des Hauſes. Auf einem klei⸗ nen Entrée blieb er ſtehen und die Thüren zu beiden Seiten deſſelben aufſchließend ſagte er: hier, Mutter Anna, iſt Dein eignes Stübchen, dahin kannſt Du Dich flüch⸗ ten, wenn es Dir bei uns zu laut und lärmend wird, und hier, meine Eva, iſt Dein Zimmer und ich ver⸗ ſpreche Dir, es nur dann zu betreten, wenn Du mich lieb haſt und mit mir zufrieden biſt. Er legte ſeinen Arm um ihre Taille und ſchob ſie leiſe vorwärts in das geöffnete Zimmer. Es war ein großes, hohes Gemach, einfach, aber geſchmackvoll einge⸗ richtet. Der Sopha, wenn auch in ſeiner Form nicht nach der neueſten Mode, nahm ſich ganz gut aus mit ſeinem glänzenden Cattunbezug, dazu paſſende Stühle 15 ſtanden an den Wänden umher, an der Spiegelwand über der birkenen Commode war ein mit vergo detem Rah⸗ men gezierter Spiegel aufgehüngt und in der Niſche des einen Fenſters ſtand ein hübſcher Nähtiſch mit einem zierlichen, bequemen Lehnſeſſel davor. Dahin führte Ralph ſein junges Weib und ſie in den Seſſel nieder drückend ſagte er:„ſiehſt Du, meine Eva, das iſt Alles, was ich Dir bieten kann und wenn ich Dich anſchaue, wie Du ſo ſchön biſt, ſo ſchäme ich mich, daß es nicht mehr iſt und nicht beſſer, ich möchte ein Fürſt und Kö⸗ nig ſein, bloß um Dich fürſtlich zu beſchenken und Dir all' das Schönſte und Beſte zu Füßen zu legen.—“ Und iſt es nicht ſchön hier, nicht prächtig, ſagte Eva freudig, nimmer ſah ich ein koſtbareres Zimmer. Sieh den ſchö⸗ nen Sopha und der iſt auch mein! Weißt Du, Ralph, ich habe noch nie auf einem Sopha geſeſſen. Sie hüpfte durch das Zimmer und ſetzte ſich dann ganz behutſam und ängſtlich auf den Rand des Sopha's. Wie weich das iſt, ſagte ſie und wie bequem. Ach ich möchte wohl einmal darauf liegen! Und mit einem ſüßen kindlichen Lächeln zog ſie ihre Füße empor und ſtreckte ſich behaglich auf dem Polſter aus. Ach, das iſt prächtig, ſagte ſie, wie ſchön und gut haben es doch die vornehmen Leute, immer ſich ſo ſtre⸗ cken und ausruhen zu können. 3 Du ſollſt es auch ſo haben, meine Eva, ſagte Ralph, 16 Du biſt viel zu ſchön und zu gut dazu in der Küche zu ſtehen und zu arbeiten, dazu haben wir eine Magd, die das gut verſteht. Du ſollſt nichts thun, als was Dir eben gefällt und niemals dies Zimmer verlaſſen, als wenn Du eben Luſt haſt..’. O, Du guter, Du lieber Ralph, rief Exa und flog ihm um den Hals, ich werde alſo eine vornehme Dame ſein! Ach wie prächtig! Ich werde ſo weiche Hände haben, wie die Damen, für die ich früher immer nähete. Sage, werde ich nichts zu thun haben, als was ich will? Nicht im Winter in der Dunkelheit aufſtehen, um den Ofen zu heizen? Nicht Waſſer vom Brunnen holen, zitternd vor Froſt? Nicht im heißen Sommer am Heerd ſtehen, bei dem heißen Feuer, um zu kochen? Das Al⸗ les habe ich nicht nöthig? Das Alles darfſt Du ſogar nicht thun, ſagte Ralph⸗ lächelnd, denn Du biſt nun eine Madame und ſo etwas läßt man von den Mägden thun. Eine Madame! ſagte ſie, die Hände zuſammenſchla⸗ gend vor Erſtaunen, aber warum haſt Du mir denn das nicht gleich geſagt, du böſer Ralph. Werden mich auch die andern Menſchen ſo nennen und nicht Frau Meiſterin? Wenn Du es lieber haſt, gewiß! Aber es klingt doch auch gut, Frau Meiſterin, es erinnert an mein gu⸗ tes ſchönes Gewerbe, dem wir es doch allein verdanken 17 daß wir bequem und zufrieden leben können. Denn, ſiehſt Du, meine Eva, ich bin ſtolz darauf mir Alles durch meiner Hände Arbeit verdienen zu können und mir ſcheint immer,„Herr Ralph“ klinge lange nicht ſo gur, wie„Meiſter Ralph.“ Es kann ſich wohl Jeder Herr nennen, aber nicht Jeder kann ſich einen Meiſter nennen, und daß ich das darf, ſiehſt Du, das iſt meine höchſte Ehre. Es iſt auch eine Ehre, ſagte Eva ein wenig be⸗ klommen, und ich will es immer gern haben, wenn man mich Frau Meiſterin nennt. Aber wie ſchön iſt dort mein Nähtiſch.. Sie ſprang hin, und öffnete ihn und jauchzte vor Vergnügen über die vielen kleinen Knauel bunter Seide und verſchiedener Zwirnſorten, über das hübſche Nähna⸗ delnbuch mit den vielen feinen und groben Nähnadeln, über den ſilbernen Fingerhut mit dem Namen Eva auf ſeinem Rande.. Und das Alles haſt Du für mich beſorgt, mein Ralph, ſagte ſie freudig, an das Alles haſt Du gedacht? Wie ſollte ich, ſagte er einfach, nicht an Alles den⸗ ken, was Dir Freude machen kann! Aber was werde ich nähen? fragte ſie. Ralph zog die untere Schublade des Tiſches auf und nahm ein ro⸗ ſaſeidenes Tuch hervor. Da iſt Arbeit, Eva, ein Tuch für Dich! 1 2 18 Ach wie ſchön, wie ſchön, ſagte ſie freudig, ja das will ich mir ſäumen, gleich, heute noch! Sie ſetzte ſich und war ſchon im Begriff, die paſſende Seide dazu zu ſuchen, dann ließ ſie plötzlich die Hand ſinken und ſagte kopfſchüttelnd: Nein, das geht nicht! Die erſte Arbeit, die ich als Deine Frau mache, hier in dem ſchönen Zim⸗ mer, mit all' dem ſchönen Nähzeug, was Du mir ge⸗ ſchenkt, die erſte Arbeit muß für Dich ſein. Ralph erröthete vor Freude und Glück, und ſeinem anſpruchsloſen beſcheidenen Sinn ſchien dieſer Zug des natürlichen weiblichen Zartſinnes ein großes ſchönes Lie⸗ beszeichen. Nein, nein, Du ſollſt nicht für mich arbeiten, ſagte er gerührt, für mich ſollen ſich Deine Hände nicht abmühen. Und für wen denn? fragte ſie unſchuldig, und für wen lieber als für Dich? Auch weiß ich ſchon, was ich Dir zuerſt nähen will. Ja, ja, lache nur, ich ſage es Dir nicht. Das iſt mein Geheimniß! Ralph küßte ihren rothen lachenden Mund und empfand eine unausſprechliche Freude bei dem Gedanken, von ſeiner Eva geliebt zu werden. Jetzt laß uns hinüber zu Deiner Mutter gehen, ſagte er dann, wir dürfen in unſerm Glück ſie nicht ver⸗ nachläſſigen. Sie fanden die alte Frau in trüber nachdenklicher Stimmung am Fenſter ſtehen und ſie empfing die Ein⸗ 19 tretenden nicht mit ſo freundlichen Blicken, wie ſie es ſonſt von ihr gewohnt waren. Fehlt Euch etwas, Mutter Anna, fragte Ralph beſtürzt ihr näher tretend, während Eva die hübſche be⸗ queme Einrichtung des kleinen Zimmers bewunderte. Ja, mein Sohn, ſagte ſie, oder nein, mir fehlt nichts, aber ich habe zu viel und ich bin traurig darü⸗ ber, daß ich Dir eine Freude verderben muß. Aber es kann doch nicht anders ſein, ich kann alle dieſe prächti⸗ gen Sachen nicht annehmen. So, nun iſt es heraus geſagt und es wird mir nun ſchon wieder ganz leicht. Ich danke Dir auch, Schwiegerſohn, für Deine Liebe und Aufmerkſamkeit, aber ich werde Dir noch mehr dan⸗ ken, wenn Du alle dieſe ſchönen Sachen wieder fort⸗ nimmſt. Ich brauche keinen Lehnſtuhl und keinen So⸗ pha, keine Polſterſtühle und Gardinenbettſtelle. Aber, liebſte Mutter, ſagte Eva furchtſam, es iſt doch ſo hübſch und ſo bequem. Bequem! wiederholte die Alte ſtreng, laß den fau⸗ len Reichen und den gebrechlichen Alten ihre Bequem⸗ lichkeit, ich mag ſie nicht. Ralph, komme her, mein Sohn, gieb mir Deine Hand, und ſage, daß Du mir nicht böſe biſt, wenn ich all' das Zeug da heraus bringe. Gewiß nicht, ſagte Ralph, ich weiß doch, daß Mut⸗. ier Anna meinen guten Willen nicht verkennt! Nein, aber ich würde unglücklich ſein, müßte ich 2 20 das Alles behalten. In Armuth bin ich geboren und aufgewachſen, und unter Sorgen und Armuth habe ich gelebt; ſo ſind die Sorgen meine vertrauteſten Freunde und die Armuth iſt meine liebſte Geſellſchaft geworden. Wir verſtehen uns zuſammen, die Armuth und ich, und wiſſen, was wir an einander haben, aber dieſe ſchönen be⸗ quemen Dinger da, die verſtehe ich nicht und weiß gar nicht, was ich mit ihnen anfangen ſoll. Das iſt aber meine größte Freude und mein Stolz, Kinder, daß ich das nicht weiß. Denn das grade iſt ein Glück der ar⸗ men Leute, daß ſie ſo wenig Bedürfniſſe haben und daß ihnen alle dieſe Bequemlichkeiten und die Pracht der vor⸗ nehmen Leute nur wie überflüſſiger Plunder erſcheint, den ſie gar nicht haben mögen und nicht brauchen kön⸗ nen. Wir Armen ſteben darum auch freier und unab⸗ hängiger da, als alle die reichen Leute, denn wir brau⸗ chen ſo wenig, um zufrieden zu ſein und mit dem Stück⸗ chen Brot, das wir uns ſelber verdient, ſind wir glück⸗ licher, als die reichen Leute an ihrer üverladenen Ta⸗ fel. Du biſt eine herrliche Frau, Mutter Anna, ſagte Ralph freudig und küßte ihre harte runzelige Hand mit der aufrichtigen Liebe eines Sohnes. Verzeihe mir, daß ich Dich nicht beſſer verſtanden habe, und grade in dem Wunſch Dir ein Vergnügen zu bereiten, das Richtige verfehlt habe. —-—— 21 Wir werden uns ſchon immer beſſer verſtehen, ſagte 3 Mutter Anna gütig lächelnd, denn im Grunde denken wir ganz gleich und ehren die Armuth und Dürftigkeit als unſern Freund, der uns durch unſer ganzes Leben begleitet hat. Aber Ralph, als Du ſo viele ſchöne Sa⸗ chen für mich beſorgteſt, die ich nicht brauchen kann, haſt Du doch eins vergeſſen, was mir ganz nothwendig iſt, mein Spinnrad. O, ſagte Ralph bittend, ich dächte, Mutter Anna, Du ließeſt das ſein und genöſſeſt endlich der wohlver⸗ dienten Ruhe. Es greift Dich an und Du haſt mir ſelbſt geſagt, daß Dir die Augen zuweilen weh' thun von dem Staub des Flachſes. Was will mein Schwiegerſohn damit ſagen? fragte Mutter Anna ſtreng und ihre Augen blitzten in jugend⸗ lichem Feuer, als ſie hochaufgerichtet und ſtolz einen Schritt zurück trat und Ralph ihre Hand entzog. Ich ſoll nicht mehr arbeiten? Nun, und wovon ſoll ich denn leben? Oder meint ihr, daß ich ehrlos genug wäre, meine Hände müßig in den Schooß zu legen und mich füt⸗ tern zu laſſen? Kennt Ihr Mutter Anna ſo wenig, daß Ihr glaubt, ſie würde ein Gnadenbrot annehmen, während ſie noch Augen hat zu ſehen und Häͤnde ſich zu rühren? Ralph, Ralph, das thut mir wahrhaft weh, denn es iſt eine Mißachtung. Ich ſollte die Arbeit verlaſſen, die Arbeit, die das ganze Leben mein Troſt und mein Freund 22 geweſen iſt, die mich aufgerichtet hat, wenn ich traurig war, die mit mir geplaudert hat, wenn ich einſam war? Nein, nein, die Arbeit iſt mein Leben und nur ſo lange ich mir mein Brod ſelber verdiene, kann ich zufrieden und glücklich ſein. Aber was werden die Leute dazu ſagen, fragte Eva ſchüchtern, denn ſie kannte ihrer Mutter ſtrengen, ſtol⸗ zen Sinn, was werden ſie ſagen, wenn ſie hören, daß Du Dich abmüheſt und quälſt, um Dir in Deinem Al⸗ ter Dein Brot noch ſelber zu verdienen? In meinem Alter? Ich bin nicht alt, denn ich kann noch arbeiten, meine ſiebenzig Jahre ſind mir keine Laſt und wer recht thut und nach ſeinem Gewiſſen han⸗ delt, der fragt nichts darnach, was die Leute ſagen. Von meinem ſechsten Jahre an habe ich redlich und ge⸗ treu mir meinen Unterhalt erworben und die Arbeit iſt mein größter Putz und mein einzigſter Stolz geweſen. Als ich Deinen Vater kennen lernte, Eva, da war ich ein achtzehnjähriges Mädchen, hatte nicht Vater oder Mutter und erwarb mir mein Brod durch Nähen und Stricken, denn andern Leuten dienſtbar zu ſein, war mir immer nicht möglich, und niemals habe ich als Magd unter einem fremden Dache gewohnt. Ich wollte meine Freiheit nicht aufgeben, um Sclavin zu werden. Dein Vater war ein armer Zimmergeſelle und er weinte, als er mir ſagte, daß er mich lieb habe, denn er meinte, ——y— 23 ich würde nicht ſeine Frau werden wollen, weil er ſo arm ſei. Ich zeigte ihm meine Hände und legte ſie in die ſeinen, und fragte ihn: werden nicht vier geſunde Huͤnde für zwei glückliche und zufriedene Menſchen Brot ſchaffen koͤnnen? Acht Tage darauf wand ich ſein Weib, und wenn wir den ganzen Tag gearbeitet hatten, ſo wa⸗ ren doch die Abende unſer, ach und wie Vieles hatten wir uns da zu erzählen. Doch,— das iſt längſt da⸗ hin, ſprechen wir nicht weiter davon. Dein Vater ſtürzte vom Gerüſt und ward mir todt in's Haus gebracht, und ich ſaß da mit zwei kleinen Kindern, troſtlos und ver⸗ zweifelnd. Was hätte ich da anfangen ſollen, ohne Ar⸗ beit? O, die Arbeit, die tröſtete mich, und weil ich im⸗ mer daran denken mußte, für Euch zu arbeiten, für meine lebenden Kinder, konnte ich kaum an den Todten denken, ich konnte ihn nur noch lieben in Euch, in ſeinen Kin⸗ dern, für die ich arbeitete, Tag und Nacht! Du haſt Dein ganzes Leben für uns geopfert, ſagte Eva mit Thränen, Dir keine Freude gegönnt um unſertwillen. Ihr wart ja meine Freude, ſagte die alte Frau einfach, was braucht denn eine Mutter mehr als ihre Kinder? Und ich dachte nur daran, Euch zu braven, ehrlichen Menſchen zu erziehen, und Euch zu lehren in Eurer Armuth glücklich zu ſein. Du haſt mehr gethan, Mutter Anna, ſagte Ralph 24 gerührt, Du haſt mir in Deiner Eva einen Engel er⸗ zogen, das ſchönſte Glück meines Lebens. Nun, nun, nicht ſo ungeſtüm, lächelte die alte Frau, wollen ſchon zufrieden ſein, wenn ſie kein Engel iſt, ſon⸗ dern ein gutes braves Weib. Aber nun, Ralph, ſchaffe mir die Sachen da fort, damit es hübſch gemüthlich und ordentlich in meiner Kammer wird. Ich will's thun, ſagte Ralph, wenn Du mir er⸗ laubſt, ſie hinzuſtellen, wo ich will, und wenn Du ver⸗ ſprichſt, kein verdrießliches Geſicht darüber zu machen! Ich will's verſprechen, ſagte Mutter Anna, weil Du kein verdießliches Geſicht gemacht haſt darüber, daß ich die Sachen nicht haben mochte. Nun, ſo ſtelle ich den Lehnſtuhl und Sopha hin⸗ über in Eva's Zimmer. Du guter, lieber Ralph, rief Eva freudig, und ſchlang ihre Arme um ihres Mannes Nacken. Mutter Anna ſchüttelte den Kopf, aber ſie erinnerte ſich zu rech⸗ ter Zeit, daß ſie verſprochen nicht verdrießlich zu ſein, und ſo ſagte ſie nur mitleidig: Eva iſt noch zu jung, um verſtändig zu ſein. 28 —— III. So in Zufriedenheit und Glück waren die erſten Wochen vergangen und mit jedem neuen Tage fühlte Ralph ein immer ſchöneres, köſtlicheres Glück in ſeine Seele einziehen. In ihm und um ihn war Alles ver⸗ ändert,— nicht mehr war er der Einſame, Verlaſſene, der Alleinſtehende auf Erden, ſein Herz hatte einen An⸗ haltspunkt gefunden und mit allen Fibern ſeines Lebens klammerte er ſich feſt an ein zweites, nur zu geliebtes Herz. Seit ſeinen erſten Jünglingsjahren war Ralph eine Waiſe geworden, kurz hinter einander waren ihm beide Aeltern geſtorben und Ralph hatte weder Geſchwiſter noch Verwandte, die ſeinen Schmerz theilen, ihre Thrä⸗ nen mit den ſeinen miſchen konnten. Aber weil er äu⸗ ßerlich ſeinen Kummer beſchweigen mußte, hatte er ſich nur um ſo tiefer in ſein Inneres eingebohrt und Jahre lang hatte Ralph an dieſem erſten Leid ſeiner Jugend 8 heimlich gezehrt und gelitten. Vielleicht war es dieſer 2** große Kummer, der mit dazu beigetragen, ſeinem Ge⸗ müth jene Weiche und Innigkeit zu verleiben, die ihm eigenthümlich war, jene tiefe und um jeden Preis zur Hülfe bereite Menſchenliebe, die durch die Erinnerung an den eignen großen Schmerz immer neu genährt ward. Ralph konnte keine Thränen ſehen, ohne ſofort das tiefſte Beſtreben zu fühlen, ſolche zu trocknen, ſei es auch auf Koſten ſeiner ſelbſt. Und bei dieſer Weichheit ſeines Gemüthes hatte die jahrelange Einſamkeit, das gänzliche Alleinſtehen im Leben ſeinem Weſen eine wehmüthige Reſignation, eine ſchmerzliche Milde gegeben. Er ſehnte ſich, geliebt zu werden, ein Weſen neben ſich zu haben, das ſein, ſein alleiniges Herzenseigenthum, dem er alle dieſe tiefe Liebesfähigkeit ſeines Herzens weihen, alle die verborgenen Quellen ſeiner Seele enthüllen und zeigen durfte, er ſeufzte nach dieſem Weſen, wie wir in langer, ruheloſer, ſchn eigender Nacht nach dem Morgen ſeufzen, der Bewegung und Leben, der die Sonne bringt. Jah⸗ relange Einſamkeit iſt der Art, daß ſie entweder das Ge⸗ müth verhärtet und die Wärme deſſelben erſtarren macht in egoiſtiſcher Kälte, oder daß ſie dem Gemüth eine ſchwärmeriſche Weichheit, eine durch jeden neuen einſa⸗ men Tag neu angefachte Gluth verleiht. Auf Ralph hatte die Einſamkeit den letztern Einfluß gehabt und in dem Bedürfniß zu lieben, ſeine Seele, ſein Herz hinzu⸗ 4 geben an ein fremdes Sein hatte er, was ihm verſagt wor⸗ 27 den der Einzelnen zu geben, der ganzen Menſchheit ge⸗ weiht. Nimmer gab es eine reinere, wärmere Menſchen⸗ liebe, nimmer ein Gemüth, das gegen Alle, außer gegen ſich ſelbſt, milder, ſchonender, verzeihender geweſen. Auch hatte er eine Freundin, die ihn tröſtete in ſeiner Ein⸗ ſamkeit, ihn ſtärkte in ſeinem Alleinſtehen, und die, je⸗ mehr er ihr Liebe gab, immer mehr ihn zu ſich hin zu ziehen, ihn zu tröſten ſuchte,— dieſe Freundin war die Arbeit. Sie war die treue Gefährtin ſeiner Tage, die nie verſtegende Quelle des Troſtes und Genuſſes, ihr verdankte er die köſtlichſten, die ſchönſten Freuden ſeines Lebens. Und weil er ſie alſo liebte und ſich ihr K hingab, hatte ſie es ihm gelohnt durch innern Frieden und äußern Wohlſtand. Ralph's Vater war bekannt und berühmt geweſen als geſchickter Drechslermeiſter und der Sohn hatte vom Vater ſein Handwerk erlernt und ſeine Geſchicklichkeit ererbt. Aber bald genügte dies ſei⸗ nem ſtrebenden ſchaffenden Geiſte nicht mehr, nicht Ehr⸗ geiz, nicht Sucht in der menſchlichen Geſellſchaft eine höhere Stellung einzunehmen, ſondern der reine innere Drang eines ſtrebenden Geiſtes ließ ihn bald aus dieſer Laufbahn ſich empor ſchwingen zu dem feinern und kunſt⸗ vollern Geſchäft eines Mechanikus. Mit Eifer und uner⸗ müdlichem Fleiß widmete er ſich dieſer neuen Beſchäfti⸗ gung, und bald war es ihm gelungen, auch in dieſem Zweige ſeinem Namen eine Bedeutſamkeit zu geben. 28 Die von ihm verfertigten Inſtrumente und Geräthſchaf⸗ ten waren von der größten Sauberkeit und Genauigkeit und kamen den engliſchen gleich an geſchmackvoller Form und Gediegenheit der Arbeit; bald gingen von allen Sei⸗ ten ſo vielfache Beſtellungen und Aufträge ein, daß Ralph trotz ſeines beſcheidenen Sinnes erkennen mußte, es ſei dieſer ſchnelle Erfolg ſein Verdienſt und der gerechte Lohn ſeines Fleißes. Neben ſeiner großen Drechslerwerkſtatt errichtete er nun eine zweite; hier gingen in Metall, dort in Holz wahre Kunſtwerke aus den Werkſtätten hervor, und ſo konnte es nicht fehlen, daß Ralph's Wohlſtand ſich täglich häufte und mehrte. Das kleine beſcheidne Vermögen, die Hinterlaſſenſchaft ſeiner Aeltern, hatte ſich bald verdoppelt, verdreifacht, war zu einem bedeutenden Capital heran gewachſen, vermehrte ſich mit jeder neuen Woche, und ſo war Ralph im Lauſe weniger Jahre ein, für ſeine Verhältniſſe, reicher Mann geworden. Aber es war ohne Freude, daß er ſeinen Wohlſtand ſich meh⸗ ren, ſein Capital ſich vergrößern ſah,— für wen war er ein reicher Mann, wer genoß die Frucht ſeines Flei⸗ ßes? Niemand! Niemand war da, dem er dieſe goldnen Früchte ſeiner Arbeit geben, den er genießen laſſen konnte von dem, was ihm überflüßig däuchte und unerquicklich. Er arbeitete nur aus Liebe zur Arbeit, aus innerm Drang nach Beſchäftigung, und weil die Arbeit bis dahin ſeine einzige Freundin geweſen, und ſeine einzige Luſt, hatte 29 er eben auch weder Luſt noch Freude, einen andern Lohn als eben die Arbeitsfreude zu kennen. Da hatte ein Zu⸗ fall ihn, als er bedeutende bei ihm beſtellte Arbeiten und Inſtrumente ſelbſt in einer kleinen Stadt unweit Berlins ablieferte, mit Eva bekannt gemacht. Sie war bei ſei⸗ nem zurückgezogenen arbeitſamen Leben faſt das erſte Mädchen, mit der er mehr als einige flüchtige Worte ge⸗ ſprochen, ſicherlich die erſte, die ihm ein ſo lebhaftes dauerndes Intereſſe eingeflößt, daß er darüber ſelbſt ſeine geliebte Arbeit vernachläſſigen konnte, und ſtatt, da ſeine Geſchäfte vollendet, nach Berlin und zu ſeiner geliebten Werkſtatt zurück zu kehren, mehr denn acht Tage in dem kleinen Städtchen blieb, um Eva zu ſehen und ihr Herz zu gewinnen. Und liebte er ſie mit all' der lange ver⸗ ſchwiegenen und unterdrückten Liebe und Sehnſucht, die endlich ihr Ziel und ihre Ruhe gefunden, ſo war es für ihn zugleich eine unausſprechliche Wonne, daß Eva, das Mädchen ſeiner erſten Liebe, arm war, daß ſie nichts hatte, als mas die Arbeit ihrer Haͤnde ihr jeden Tag brachte, daß ſie ſo kümmerlich mit ihrer Mutter durch Nähen, Stricken und Spinnen ſich nährte und erhielt. Er konnte ſeiner Geliebten Wohlſtand und Gemächlichkeit, er konnte ihr mehr, als das bloß Nothwendige bieten, er konnte ſie ſchmücken und ſie umgeben mit den Annehmlichkeiten und den kleinen tauſend Bequemlichkeiten, die ſo viel zu der Annehmlichkeit des ganzen Lebens beitragen. Sie 30 durfte nicht mehr arbeiten und ſich mühen, Er war da für ſie zu arbeiten, für ſie ſeine Hände zu rühren, und ſeine Augen anzuſtrengen, und nun liebte er die Arbeit nicht mehr bloß um ihrer ſelbſt willen, ſondern auch um des goldnen Lohns willen, den ſie ihm brachte und der da war, ſeiner Eva Freude und Genuß zu geben, ihr Leben zu ſchmücken und zu verſchönen. Wie ganz anders waren jetzt ſeine Gefühle, wenn er in ſeiner Werkſtatt ſaß, und mit geſchickter ſorgſamer Hand die feinen, zarten Feilen über das harte Metall führte, die feinſten, künſtlichſten Inſtrumente zu ſchleifen. Von all' ſeinem Thun war Eva der innerſte Grund, die Triebfeder ſeiner Handlungen und Gedanken. War es nicht für ſie, daß er dieſes neue künſtliche Schloß, dieſe neue vielfach gewundene Schraube erfunden? Nicht für ſie, daß ſeine Gehülfen hier ſo eifrig arbeiteten, nicht für ſie, daß aus der Drechslerwerkſtatt daneben das Geräuſch knarrender Räder und des unter den Maſchinen ächzenden Holzes ertönte? O und endlich, was unterbrach zuweilen die Stille der Arbeit und des Fleißes, und er⸗ tönte ihm, wie Lerchengeſang ſo lieblich und herzinnig? War das nicht ihre Stimme, die ſich in kunſtloſer Weiſe, aber mit ſo reinem, köſtlichem, jubelndem Ton ein Lied⸗ chen ſang? Wer öffnete zuweilen ganz uuvermuthet, wie es vordem nie geſchehen, ohne anzuklopfen, die Thür, und hüpfte herein, und hockte zu ihm nieder, und hielt 31 ſeine Hände, daß er nicht arbeiten konnte, und ſchäkerte und lachte, daß er ſich ein Gott fühlte vor Entzücken und Glück, und daß die ehrbaren Geſichter der Geſellen ſich aufheiterten zum hellſten Sonnenſchein und die Lehr⸗ burſchen lachten über das ganze Geſicht? War das nicht ſie, ſein neues, ſein köſtlichſtes Eigenthum? Weſſen Schritt ertönte zuweilen, vielleicht nur ihm vernehmbar, über ſeinem Haupte? War nicht ſie dort oben in dem Zimmer, wo ſonſt alles ſo einſam geweſen und ſtill? Und o, wer umfing ihn mit weichen Liebesarmen nach vollendeter Arbeit in dem ſtillen, ſchweigſamen Gemach, wo er ſonſt ſo einſam geweſen und allein? War das nicht ſie, ſeine Eva, ſein Weib, ſeine Geliebte, das köſt⸗ lich glänzende Juwel ſeines Lebens, der reichſte Schatz ſeines Beſitzes?. Aber Anna, Mutter Anna dürfen wir nicht ver⸗ geſſen! Auch ſie war da zu ſeiner Freude; nach ſo vie⸗ len, ſchmerzvollen Jahren des Entbehrens hatte er wie⸗ der eine Mutter gefunden, hörte er wieder mit dem ſchö⸗ nen Namen Sohn ſich nennen, und dies von einer Mutter, die mit ihm dieſelben Geſinnungen theilte, mit der er in ſeinem innerſten Sein übereinſtimmte. Nim⸗ mer, wie ſehr Eva ſeine Gedanken, ſein Herz erfüllte, nimmer vernachläſſigte er darüber Mutter Anna, und mochte er zuweilen eine Einſamkeit mit Eva der Gegen⸗ wart einer Dritten vorziehen, ſo verrieth doch nimmer die leiſeſte Andeutung, das kleinſte Zeichen von Mißbe⸗ hagen dieß Gefühl. Oft machten ſie zuſammen kleine Spaziergänge hin⸗ aus in den Thiergarten, den einzigen ſchattenreichen und anmuthigen Spaziergang der Berliner, und bei dem Grün der Bäume, dem Zwitſchern der hie und da, wenn auch ſelten, in den Zweigen ſich wiegenden Vögel erheiterte ſich ihr Geſicht und glänzten ihre Augen in Freude. Es war ihr großes Vergnügen, vor dem kleinen Teiche mit Goldfiſchen zu ſtehen und von dem zu dieſem Zweck mitgebrachten Brod einzelne Brocken in das Waſſer zu werfen, und ſie lachte ganz herzlich, wenn die kleinen glänzenden Fiſche dann heran geſchwommen kamen, um den herrlichen Biſſen begierig aufzuſchnappen. Nur Kinder und alte Leute, ſagte ſie, verſtehen es mit der Natur und mit Thieren umzugehen, und ſich damit zu freuen, Ihr jungen Leute ſeid noch viel zu be⸗ fangen in Eurem eignen Leben, um ſo ein Leben außer Euch recht verſtehen zu können. Wenn man aber die Eitelkeit der Jugend und die Neugierde Menſchen zu ſehen, abgelegt hat, dann erſt iſt man ſo klug, ſich mit der Natur und den Thieren freuen zu können. Der Ton, mit dem ſie ſo ſprach, war weniger freund⸗ lich, wie gewöhnlich, und ihr Auge ſchweifte mit einem unwilligen Blick nach Eva hin, die, ohne den Teich mit den Fiſchen, oder das Grün der Baͤume zu beachten, den 33 Kopf ſeitwärts gewandt nach jener großen Allee, in wel⸗ chem die ſchöne geputzte und vornehme Welt Berlins ihre Promenaden zu machen pflegt. Ein höheres Roth faͤrbte ihre Wangen und ihre Augen blitzten vor Freude und Vergnügen. Schilt nur immerhin, Mutter, ſagte ſie lächelnd, ich bin ja noch jung und alſo darf ich auch die Fehler der Jugend haben. Mir würde es weit beſſer gefallen, da in der Allee auf und nieder zu gehen, und mir di ſchönen Damen mit den prächtigen Kleidern anzuſehen, als hier die ſtummen kleinen Fiſche, wo einer grade ſo ausſieht, wie der andere. Ach ſeht doch, wie prächtig, da kommt ein Wagen mit vier Pferden angefahren! O, das muß ſicher eine Prinzeſſin ſein, die da ausſteigt. Kommt, kommt, das müſſen wir ſehen! Sie zog Ralph mit ſich fort und Mutter Anna folgte ihnen kopfſchüttelnd. Nun gingen ſie auf und ab unter den Spazier⸗ gängern und dieſe auf und nieder wogende Menge machte Eva große Freude. Es muß doch herrlich ſein, flüſterte ſie Ralph zu, aber leiſe, damit Mutter Anna es nicht hören ſollte, es muß doch herrlich ſein, wenn man eine vornehme Dame iſt. Sieh' nur, wie dort die glänzenden Officiere die Dame ſo ehrerbietig grüßen, und wie ſtolz ſie dankt, da, ſchon wieder verneigen ſich ein paar Herren, ſo tief, ſo 2 Eva. I. Theil. 3 34 tief, und ſie iſt nicht einmal hübſch, aber die vornehmen Damen brauchen gar nicht hübſch zu ſein, man iſt doch ſo höflich und ergeben gegen ſie. Wenn die Schönheit vornehm machte, ſagte Ralph lächelnd, dann wäre meine Eva wenigſtens eine Fürſtin; Du biſt ſchöner, als alle dieſe Damen und glaube nur manche von dieſen, die hier vorüber gehen und ſo ehr⸗ erbietig gegrüßt werden, möchten gern Deine Jugend und Schönheit eintauſchen gegen all' ihren Reichthum und Rang, der oft mehr eine Laſt als eine Freude iſt. Ach, Du ſprichſt im Spaß, ſagte Eva lachend, ich glaube nicht, daß auch nur Eine ſo thöricht ſein könnte. Mutter Anna war indeß ſchweigend neben ihnen gegangen und ihre Blicke hatten die vielen vornehmen geputzten Leute mit einem Ausdruck von Verachtung und Widerwillen betrachtet. Laß uns nach Hauſe gehen, Schwiegerſohn, ſagte ſie dann, ich halte es nicht länger aus unter dieſen Narren und Närrinnen umher zu gehen, die einander Geſichter ſchneiden, als wollten ſie vor lauter Glück vergehen und ſich anbeten, wie die Heiden ihre hölzernen Götzen. Kei⸗ ner von ihnen denkt daran, daß er hier in Gottes ſchö⸗ ner, freier Luft ſich befindet und ſpazieren geht, Jeder iſt nur gekommen, um zu ſehen und geſehen zu werden. Das iſt widerlich anzuſehen, lauter ſolche leere, nichts⸗ ——— 35 ſagende Geſichter und wie die Herren ſich verneigen, wie die Affen vor einem Stück Zucker. Ralph lächelte, Eva aber ſagte: mein Gott, Mut⸗ ter, wie kannſt Du nur ſo ſprechen von vornehmen Leu⸗ ten! Vornehme Leute, ſagte die alte Frau verächtlich, was gehen mich die vornehmen Leute an! Ich babe gar keine Ehrfurcht vor ihnen und der Holzhauer, der ſich im Schweiß ſeines Angeſichtes ſein Brod verdient, i*ſt mir weit ehrwürdiger, als der Reiche, der die Hände müßig in den Schooß legt und dem lieben Gott nur gradezu den Tag wegſtiehlt. Bah, Ehrfurcht vor den reichen Leuten, vor ihren ſchönen Kleidern und all' dem Krims⸗ krams, mit dem ſie ſich belaſten! Sie müſſen Ehrfurcht haben vor uns, vor den Armen und Arbeitſamen, ohne die alle dieſe reichen, faulen Leute gar nichts anzufan⸗ gen wiſſen. Was ſollte wohl aus ihnen werden, aus ihnen, die nichts verſtehen, wenn wir nicht für ſie ar⸗ beiteten und uns müheten. Mutter Anna hat Recht, ſagte Ralph, wir kön⸗ nen die vornehmen Leute entbehren, ſie uns aber nicht! Und hier wollen wir nun wieder umkehren und in die Stadt zurück gehen. Wie ſchön! wie ſchön flüſterte einer der vorüber⸗ gehenden Herrn, Eva mit unverſchämten Blicken betrach⸗ tend. Eva erröthete tief, aber doch empfand ſie eine 3* 3 36 2 Art Freude über das Lob, und es ſchmeichelte ihr, daß ein Mann, in ſo ſchöner Uniform ſie beachtet hatte. Ich dächte, ſagte Ralph, als ſie das Brandenburger Thor erreicht hatten und durch daſſelbe auf den prächtigen Pa⸗ riſer Platz traten, ich dächte, Mutter Anna ſetzte ſich hier in eine dieſer Droſchken und führe nach Hauſe, wäh⸗ rend ich mit Eva einen Beſuch mache, bei einem meiner frühern Bekannten, der zu gleicher Zeit mit mir gehei⸗ rathet hat. Eva muß doch auch einige Bekanntſchaften machen! Eva nickte ihm freudig zu und Mutter Anna er⸗ klärte ſich bereit. Sie näherten ſich den Droſchken und Ralph, nachdem er die alte Frau hinein gehoben, wollte den Kutſcher bezahlen, als ſie, ſeine Hand zurückdrängend ſagte: Schwiegerſohn, laß das bleiben, wenn ich fahre, weiß ich auch, daß ich es kann. Sie hatte dabei den ſtolzen Ausdruck einer gebieten den Königin, die ſich in ihren Rechten und Würden be⸗ leidigt ſieht, Ralph wagte nicht zu widerſprechen und mit einem ſtolzen Kopfnicken fuhr ſie von dannen. Weißt Du, ſagte Ralph, mir iſt jetzt ein Mittel eingefallen, wie wir, wenn das Andere nicht geht, ihr unbemerkt und ohne daß ſie beleidigt wird, hülfreich wer⸗ den können. Das Mittel, welches Du zuerſt vorſchlugſt, geht auch nicht, ſagte Eva, denn es iſt unmöglich, auch nur —— 37 einen Groſchen in ihre kleine Börſe zu thun, ohne daß ſie es bemerkte. Sie kennt genau ihre kleine Baarſchaft und würde es uns nie vergeben, wenn wir ſie in dieſer Art hintergehen wollten. Nun, ſo machen wir es anders! Ich habe ſchon mit einigen Webern in der Nachbarſchaft geſprochen und ſie werden morgen kommen, um mich um Rath zu fra⸗ gen, wo ſie Garn kaufen können. Ich habe ihnen eine Stunde beſtimmt, wo Mutter Anna in Deinem Zimmer iſt, und dann wird es ſich ganz natürlich machen, daß ſie einen Handel mit ihnen eingeht. Aber ich ſehe noch nicht den Vortheil ein, den Mut⸗ ter davon haben wird. Nun, die Weber werden ihr einen viermal höheren Preis bieten, wie Andern, und Mutter Anna, welche die hieſigen Preiſe nicht kennt, darf ſich nicht wundern, wenn hier Alles weit theurer iſt, als in der kleinen Stadt. Wie gut Du biſt, ſagte Eva und drückte den Arm ihres Mannes feſter an ſich. Sie fanden den Brauer Sanders und ſeine junge ſchöne Frau in ihrem Wohnzimmer in traulicher Unter⸗ haltung beiſammen und wurden von ihnen mit Herzlich⸗ keit empfangen. Eva fühlte ſich aber verlegen, der jun⸗ gen geputzten Frau gegenüber, und ſie dachte mit einigem Unbehagen daran, daß ihr eignes ſchönſtes Kleid nicht beſſer ſei, als das Hauskleid dieſer Frau, die mit ihrer 38 lebhaften Berliner Geſchwattzigkeit und jener Tournüre und Ungenirtheit, die den Großſtädtern überhaupt und namentlich den Berlinern eigen iſt, ihr ſehr imponirte. Auch überraſchte es ſie zu finden, daß ihr Zimmer, das ihr bis jetzt doch das köſtlichſte und geſchmackvollſte ge⸗ ſchienen, lange nicht ſo elegant und koſtbar eingerichtet war, wie das der Frau Sanders. Sie hatte ein nie empfun⸗ denes Gefühl von Mißbehagen und Verdrießlichkeit, ſie ärgerte ſich, daß ſie der jungen, geputzten, redſeligen Frau gegenüber ſo befangen und ſtumm war, und doch war es ihr nicht möglich dieſe Befangenheit zu überwinden. Die beiden Männer waren hinaus gegangen, um die neueingerichtete Brauerei in Augenſchein zu nehmen, und Frau Sanders, im Gefühl ihres jungen Glückes und ſtolz in ihrem Reichthum, begann nun von ihrer gro⸗ ßen Hochzeit zu erzählen, von den vielen vornehmen Gä⸗ ſten, die da geweſen, von den köſtlichen Gerichten und ſeltenen Weinen, die auf der Tafel geweſen und von ihrem viel bewunderten Brautſtaat. Und meine Ausſteuer, o die iſt prächtig, fuhr ſie fort, ich kann mich gar nicht ſatt daran ſehen und mag ſie noch gar nicht in die Kiſten und Schränke thun. Es ſteht noch Alles im Saal nebenan aufgeſtellt. Kom⸗ men Sie, ich zeige es Ihnen! Sie nahm Eva's Arm, ſchloß die Thür auf, und führte ſie in das anſtoßende Gemach, ihre Schätze zu 39 zeigen. Da lagen ganze Stöße von Leinenzeug und Tiſchgedecken, von feiner Leibwäſche und Toilettengegen⸗ ſtänden; an der Wand hingen eine Menge Kleider, Hüte und Hauben ſtanden auf dem Tiſche, Silbergeſchirr prangte daneben und das zierlichſte feinſte Küchengeſchirr. Und all' dieſen Koſtbarkeiten und Schätzen gegenüber dachte Eva mit bitterm Wehgefühl daran, daß ſie ganz arm und mittellos ihrem Manne in ſein Haus gefolgt und daß ſie nichts gehabt ihm darzubringen, nicht die kleinſte Gabe; zum erſten Male empfand ſie dies, wie eine De⸗ müthigung und ſchämte ſie ſich ihrer Armuth. Die Thrä⸗ nen, die ſich in ihre Augen drängten, als ſie dieſe reichen Schätze betrachtete, gehörten nicht dem Schmerz, ſondern dem gekränkten Stolz, und in ihrem Innern war eine heftige und ſtürmiſche Aufwallung, ſie fühlte die erſten Regungen des Ehrgeizes und ſie ſagte zu ſich ſelbſt: Nie⸗ mand, Niemand darf es wiſſen, daß ich ſo arm bin, nicht einmal eine Ausſteuer ins Haus gebracht zu haben. Und Sie, Liebe, wo haben Sie Ihre Ausſteuer ge⸗ kauft, fragte Frau Sanders, nicht wahr, Sie zeigen mir auch Alles. Es iſt gar ſo hübſch, ſo etwas zu beſehen! Während ſie ſo ſprach, verweilten ihre Blicke noch mit freudigem Ausdruck auf ihren Schätzen und ſo be⸗ merkte ſie Eva's ſchnelles Erröthen und Erbleichen nicht. Ich habe gar keine ſo große Ausſteuer, ſagte ſie dann, mein Mann zog es vor, den größten Theil mei⸗ 40 naes Vermögens in ſein Geſchäft zu nehmen und den an⸗ dern auf Zinſen auszuthun, wir lieben beide die Ein⸗ fachheit.— Ihr Herz klopfte hörbar in ihrer Bruſt, eine bren⸗ nende Röthe bedeckte ihre Wangen und die Worte wa⸗ xen kaum geſprochen, als ſie ſchon Reue empfand und ſich ihrer ſchämte. Frau Sanders, die jenen Geldſtolz beſaß, der oft den Leuten mittlerer Klaſſe eigen iſt hatte unzart genug prahlen wollen vor Eva, von welcher ein Gerücht ihr geſagt, daß ſie arm ſei. Jetzt bei Eva's Worten fühlte ſie ihren Reſpect vor der jungen Frau ſich ſteigern und ſie ſagte weniger hochfahrend: da haben Sie, glaube ich, klüger gethan, als ich. Man thut tAn Ganzen immer beſſer ſein Vermögen zuſammen zu halten. Aber, wiſ⸗ ſen Sie, es freut mich ſehr, was Sie mir da ſagen. Man wollte mich glauben machen, Sie ſeien ganz arm, und ich habe Sie deshalb recht bedauert, denn es muß gar ſo ſchmerzlich und niederdrückend ſein, gar nichts Eigenes zu beſitzen und von ſeinem Manne Alles an⸗ nehmen zu müſſen. Ich kann mir nichts Schrecklicheres denken! Ja, es iſt ſchrecklich! ſagte Eva gedankenvoll. Aber woher mag das Gerücht Ihrer Armuth ent⸗ ſtanden ſein? fragte Frau Sanders. Das iſt ganz einfach, ſagte Eva jetzt mit jenem 41 Scharfſinn und jener Schlauheit, welche gewöhnlich nach einer erſten Lüge das Reſultat der Furcht iſt vor Ent⸗ deckung und zu einer zweiten Lüge führt. Das iſt ganz einfach, meine Mutter hat ſeltſame Grillen und ſie will durchaus für arm gelten, ſie ſagt, dies ſei ihr größter Stolz. Ja, ja, die alten Leute, ſagte Frau Sanders, ſie haben gewöhnlich ſchreckliche Launen, und wenn ſie geizig ſind, iſt es gar gräßlich. Sie müſſen ſich aber recht un⸗ glücklich fühlen bei ſolcher geizigen Mutter, durch die Sie in den Ruf kommen, arm zu ſein, denn die Armuth iſt doch immer eine Schande. Nun, laſſen Sie mich nur machen, ich will ſchon dazu thun, daß alle Ihre Bekannte erfahren, wie die Dinge eigentlich zuſammen hängen. Aber, da kommen unſre Männer! Cva ging Ralph entgegen und ſeinen Arm nehmend ſagte ſie: laß uns gehen, es wird Zeit ſein zu Tiſche zu gehen. Sie empfahlen ſich dem jungen Ehepaar, verſpra⸗ chen bald wieder zu kommen und wurden von ihnen bis zur Hausthür geleitet. Höre, Mann, ſagte Frau San⸗ ders, den Beiden nachſchauend, die Frau iſt keineswegs arm, ſondern ſehr vermögend und jetzt begreife ich auch ſehr gut, warum Herr Ralph ſo eilig war mit der Hoch⸗ zeit. Er bedurfte ihr Geld und hat den größten Theil . 3*1*1 deſſelben in ſein Geſchäft genommen! Ja, die Männer, die Männer, ſie ſehen alle auf Geld! Indeſſen wandelte Eva ſchweigend an Ralphs Seite dahin, ſeine Fragen und Bemerkungen nur flüchtig oder gar nicht beantwortend und immer raſcher vorwärts eilend, um nur recht bald ihre Wohnung zu erreichen. Dort angekommen eilte ſie auf ihr Zimmer und warf ſich er⸗ ſchöpft auf den Sopha hin. Ein Sturm von Gefühlen tobte in ihr, ihre Bruſt wogte, ihr Herz klopfte hörbar, Zorn und Schmerz kämpften in ihr und ſie ballte die Hände zuſammen, wie im krampfhaften Schmerz. Es muß ſchrecklich ſein, Alles von ſeinem Mann annehmen zu müſſen, flüſterte ſie, ſchrecklich nichts Eige⸗ nes zu beſitzen, ſo ſagte die Frau, und ich fühlte, daß ſie Recht hatte, und Alles ſchrie und ächzte in mir: es iſt auch ſchrecklich! Oh, Jahre meines Lebens möchte ich darum geben, wenn ich nicht arm wäre, mein Blut möchte ich für Gold hingeben, nur um nicht denken zu müſſen, daß ich gar nichts beſitze, nur um die Demü⸗ thigung nicht zu empfinden, wie eine Bettlerin in das Haus meines Mannes gekommen zu ſein und Alles von ihm als Geſchenk annehmen zu müſſen! Ach, die Ar⸗ muth iſt ein großes, ſchweres Unglück, das fühle ich, das weiß ich. Nun nahmen ihre Gedanken eine andre Richtung, ſie erinnerte ſich der Worte, die ſie geſprochen und jetzt 43 bedeckte die Gluth der Scham ihre Wangen. Ich habe gelogen, ſchmaͤhlich gelogen, ſagte ſie zitternd, ich habe die Wohlthaten meines Mannes verläugnet und meine Mutter verläumdet! Oh, ich werde meine Augen nicht wieder zu ihnen aufſchlagen können, ſie ſind viel beſſer, viel edler, als ich. Thränen entſtürzten ihren Augen, ſie ließ ihr Haupt in die Kiſſen des Sopha's ſinken und weinte und ſchluchzte in ſtürmiſchem Schmerz der Demüthigung und Beſchä⸗ mung. Da öffnete ſich die Thür und Ralph trat ein. Er näherte ſich ihr leiſe und legte ſeinen Arm um ſie. Berühre mich nicht, ſagte ſie, ohne aufzublicken, ich ver⸗ diene es nicht, daß Du gut mit mir biſt, ich verdiene nicht, daß Du mich liebſt. Denn ich habe es gemacht wie Petrus und habe meinen Herrn verrathen und ver⸗ läugnet. Oh, die Schaam, die Demüthigung hatte mich? ganz betäubt. Ralph, ich habe nie daran gedacht, daß ich ſo ganz arm bin und Dir wie eine Bettlerin in Dein Haus gefolgt bin! Sie bebte vor Schmerz und Ströme von Thränen entſtürzten ihren Augen. Das alſo iſt es, meine arme Eva, ſagte Ralph lie⸗ bevoll, ihr Haupt an ſeine Bruſt ziehend, ſie haben Dir alſo mit ihrem Weltverſtand und ihrer klugen Berechnung Dein reines ſchönes Bewußtſein vergiftet! O ich Thor, 44 daß ich nicht dieſe Moͤglichkeit bedachte und Dich davd zu ſchützen ſuchte. Nein, rief ſie heftig, es iſt weit beſſer ſo, nun erſt habe ich das rechte Bewußtſein alles deſſen, was ich Dir verdanke und wenn es mich auch kränkt und verletzt.— Es könnte Dich verletzen, unterbrach er ſie, daß Du mich glücklich machſt und mir erlaubſt, für Dich zu arbeiten, für Dich meine Hände zu rühren und meine Kräfte anzuſtrengen? Willſt Du mir dieſen ſchönſten Theil meines Glückes nicht gönnen? Habe ich nicht von Dir das höhere, das ſchönere Geſchenk angenommen, Dich ſelbſt, Dein junges köſtliches Leben, Deine Schönheit und Jugend, und was köſtlicher iſt als Alles, Deine Liebe? Und während ich ohne zu erröthen alle dieſe Schätze von Dir annehme, willſt Du mir nicht einmal geſtatten, meine kleinen irdiſchen Güter vor Dir nieder zu legen? Ein wundervoller Ausdruck von Milde und Liebe war auf ſeinem Antlitz, während er ſo ſprach, und Eva, ihn anſchauend, ſagte gedankenvoll, wie zu ſich ſelber: und dieſen edlen Mann konnte ich verläugnen und vor ſeiner Güte erröthen! Dann ſprang ſie auf und ſich heftig in ſeine Arme werfend ſagte ſie: ich will Dir Alles bekennen und Du ſollſt der Beichtvater ſein für alle meine Sünden! Nun flüſterte ſie ihm leiſe ins Ohr, was ſie der 45 Frau Sanders geſagt und wie ſie ihrer Armuth den Anſtrich des Reichthums zu geben gewußt. Einen Au⸗ genblick ſchwieg Ralph nach dieſem Bekenntniß und ſeine Züge nahmen einen ſchmerzvollen, wehmüthigen Ausdruck an, dann aber ſchien er ſich ſchnell zu ſammeln und mit einem gütigen Lächeln ſagte er: Du haſt die Wahrheit geſagt, meine Eva, und wenn alles das, was ich beſitze, Dir genügend ſcheint, um für reich zu gelten, ſo biſt Du auch eine reiche Frau, denn dies Alles iſt Dein und ſo empfange ich täglich aus Deinen Händen einen Theil Deines Beſitzthums! Auch ſorge nicht, es ſoll Niemand Deinen Worten widerſprechen können, und ich ſelbſt werde dazu thun, daß alle Leute erfahren, meine Eva ſei keine, wie ſie es nennen, arme Frau, ſondern beſitze ein nicht unbedeutendes Vermögen. Und da trifft es ſich denn ſehr glücklich, daß ich grade in dieſer Zeit bedeutende rückſtändige Zahlungen von einigen der größten meiner Kunden empfangen habe. Es ſind mehrere tauſend Tha⸗ ler, und ich werde den Herrn Sanders um Rath fragen, wo ich dieſen kleinen Theil Deines Vermögens unter⸗ bringen kann! Du guter, großmüthiger Ralph, ſagte Eva, ihn zärtlich küſſend, und ihre Thränen waren plötzlich ver⸗ ſiegt, ihr Schmerz gelindert. Vielleicht mochte, ihr ſel⸗ ber unbewußt, die Furcht vor der Entdeckung ihrer Lüge einen eben ſo großen Antheil an ihren Thränen 46 gehabt haben, mie die Reue, vielleicht war es die richtige Kenntniß von Ralphs edlem und großmüthigem Charak⸗ ter, die ſie inſtinctmäßig leitete, ihm zu vertrauen und ihn zu ihrer Hülfe herbei zu rufen. Sicher iſt, daß ſie nicht ohne ein Gefühl von Genugthuung und Freude nun daran dachte, daß Ralph ihre Worte beſtätigen, alle Welt von nun an ſie für eine reiche Frau halten würde. Mit dem Selbſtbewußtſein und der Unerfahrenheit einer glücklichen Kleinſtädterin ſagte ſie zu ſich ſelber: wenn ich nun wieder im Thiergarten ſpazieren gehe, werden die Herren und Damen nicht mehr ſo achtlos und ſtolz an mir vorüber gehen; ſie werden mich auch grüßen und mich anſehen, denn dann werden ſie es ſchon wiſſen, daß ich eine reiche Frau bin! IV. Am andern Morgen, als ſie mit Mutter Anna am Frühſtückstiſch beiſammen ſaßen, klopfte es an die Thuůr und ein junger Mann, in dem Anzug und der Uniform der Briefträger, trat herein. Ohne Gruß und Wort nahm er aus ſeinem ledernen Täſchchen einen Brief her⸗ vor und die Adreſſe: An Frau Eva Ralph! laut le⸗ ſend, reichte er ſchweigend der jungen Frau den Brief dar. 4. Ralph hatte den jungen Mann aufmerkſam ange⸗ ſehen, und jetzt, als dieſer ſich anſchickte, mit einem kur⸗ zen Gruß das Zimmer zu verlaſſen, eilte er auf ihn zu und ihn innig umarmend rief er: Karl, mein lieber Karl, erkennſt Du mich nicht, Deinen alten Jugendfreund und Schulkameraden Ralph? Nun das wollte ich meinen! ſagte der Andere freu⸗ dig, und ich kam ja eben ſo ſtumm und einſilbig herein, um zu ſehen, ob der alte Freund mich noch erkennen 48 will, oder ob er zu vornehm iſt, um der Freund eines armen Briefträgers zu ſein! Aber es drückte mir faſt das Herz ab, als ich Dich da ſah und Dir nicht gleich um den Hals fallen konnte. Nun Gott ſei Dank, daß Du mich noch nicht vergeſſen haſt! Das iſt doch noch ein Troſt! Konnteſt Du an mir zweifeln? ſagte Ralph vor⸗ wurfsvoll. Selbſt wenn ich Dich nicht gleich erkannte, hätteſt Du wiſſen müſſen, daß mein Herz Dich nie ver⸗ geſſen und daß nur die Augen Dich nicht gleich aus dieſer Form heraus zu finden vermochten. Aber nun komm, ſetze Dich zu uns, und zuerſt, Karl, laß Dir hier meine junge Frau Eva, und ihre und meine Mutter Anna vorſtellen. Karl nickte ihnen herzlich zu, und drückte Eva ſo kräftig die Hand, daß ſte nur mit Mühe einen leichten Schrei unterdrückte. Dann ſetzte der Freund ſich an Ralphs Seite und während er die Taſſe Kaffe, die Eva ihm reichte, trank, hatte ſie Muße ihn zu betrachten. Es lag nichts An⸗ ziehendes in ſeinem Aeußern, ſeine Züge waren ſogar hart und abſchreckend zu nennen durch eine gewiſſe Strenge und Starrheit, die ihnen eigen waren, nur die großen blauen Augen milderten etwas dieſen Eindruck und aus ihnen leuchtete eine Fülle von Güte und Seele. Die Geſtalt war klein und gedrungen, ganz darauf angelegt, — 49 des Lebens Drangſal und Mühe auf dieſe breiten mus⸗ kulöſen Schultern zu nehmen. Seine Bewegungen hat⸗ ten leicht etwas Linkiſches und Ungeſchicktes, und als Eva ihn unwillkürlich mit dem neben ihm fitzenden Ralph verglich, dachte ſie: welch' ein Unterſchied iſt doch zwi⸗ ſchen den Beiden, und wie vornehm und ſchön ſieht Ralph neben dem häßlichen und ungeſchickten Menſchen aus! Aber Ralph iſt auch ein vornehmer reicher Mann und der iſt nur ein armer Briefträger. Nun aber erzähle mir, Freund Karl, ſagte Ralph, wie es ſo gekommen, daß Du Deinen frühern Lebens⸗ plan aufgegeben haſt. Wie das ſo kommt, ſagte Karl mit einem Ton, der in dem Beſtreben ſeine innere Rührung zu unter⸗ drücken, rauh und hart klang, wie das ſo kommt! Du weißt, ich wollte Maler werden, und ich wäre auch wohl ein tüchtiger Maler geworden, denn der liebe Gott hatte mir Talent und Geſchick dazu gegeben. Mein Vater war ein reicher Bürger in Potsdam, und er wollte, daß etwas Rechtes aus mir würde, ein Mann im Staate, wie er ſagte, und wenn ich ihn bat, mir den Willen zu thun und mich das werden zu laſſen, wozu ich ſo große Luſt hatte, ſo ſchalt er mich einen undankbaren Sohn und drohte mir mit ſeinem Fluch. Nun, ich dachte dar⸗ an, daß es eine Pflicht iſt, den Aeltern zu gehorchen, und ſo fügte ich mich denn darein, meinen Lieblings⸗ Eva. 1. Theil. 4. 50 wunſch aufzugeben, und zu thun, was mein Vater wünſchte! Braver Menſch, ſagte Mutter Anna herzlich, und das wird gewiß zu Eurem Beſten geweſen ſein, denn der Aeltern Segen baut den Kindern Häuſer. Und grade Häuſer wollte mein Vater, daß ich bauen ſollte, fuhr Karl fort, und ſo ward ich denn ein Zimmermann. Da, grade als ich Geſelle werden ſollte und meine Lehrzeit überſtanden hatte, ſtarb mein Vater, und Gott möge es mir verzeihen, daß mir mitten in meiner Traurigkeit einſiel, ich könnte nun doch meinen Wunſch erreichen und Maler werden. Aber Gott ſtrafte mich gleich ſür dieſe Freude, die einem betrübten Sohn ſchlecht anſtand; als mein Vater kaum begraben war, kam es zum Vorſchein, daß er,— nun, mit einem Wort— 1 wir waren arme Leute, und Alles, was wir hatten, reichte nicht hin, die Gläubiger zu befriedigen. Meine Mutter wollte nicht, daß ein Makel auf dem Namen ihres Man⸗ nes ruhe, und ſo gab ſie ihr eignes kleines Vermögen hin, das grade hinreichte, um alle Schulden zu bezah⸗ len. Wir hatten nun freilich gar nichts, waren blut⸗ arm, aber es blieb uns doch ein ruhiges Bewußtſein und wir konnten jedem Menſchen ohne Erröthen grade in die Augen ſehen. Armer, guter Karl, ſagte Ralph mitleidsvoll, was ſingſt Du nun aber an? 4 51 Was er angefangen hat? fragte Mutter Anna ſtolz und freudig, was wir ehrlichen Leute anfangen, wenn wir arm ſind, er hat gearbeitet. Sieh' ſeine Hände an, Ralph, fuhr ſie fort, eine von Karls Händen neh⸗ mend, und mit ihren Fingern über die innere Fläche derſelben hinſtreichend, fühle dieſe Hand, ſie iſt ganz hart und voller Schwielen; ſolche Schwielen ſind die ſchönſten Narben und kleiden eben ſo gut wie den Sol⸗ daten, der für's Vaterland gefochten hat, ſeine Narben kleiden. Er hat auch gefochten, Dein Freund, er hat um's Leben und um's Brod gekämpft, und an dieſen rauhen Händen kannſt Du ſehen, daß er Sieger geblie⸗ ben iſt; das ſind lauter Ehrenmale der Arbeit! Ralph ſah die alte Frau mit zärtlicher, ehrfurchts⸗ voller Liebe an. Sie war wirklich ſchön in dieſer in⸗ nern jugendlichen Gluth und ihre Augen leuchteten in freudigem Glanz; ſie wußte es gar nicht, daß ſie ſo be⸗ geiſtert geſprochen, es war ihr nur ſo der natürliche Aus⸗ druck ihres Gefühls geweſen. Ja, freilich habe ich gearbeitet, ſagte Karl, und der Gedanke, daß ich für meine liebe alte Mutter arbeitete, gab mir Muth und Kräfte. Wenn Jemand wirklich ar⸗ beiten will, da giebts immer zu thun, und ich bin oft, fuhr er lachend fort, an einem und demſelben Tage Laſt⸗ träger, Handlanger bei den Maurern und Fremdenfüh⸗ rer durch die Schlöſſer von Potsdam geweſen. 4* Und alles das für Eure alte Mutter, ſagte Mut⸗ ter Anna, recht ſo, mein Sohn, Ihr ſeid ein braver Menſch. Ach, was will das ſagen, es war meine Pflicht, ſagte Karl einfach, und meine Mutter war eine ſo gute, brave Frau. Was ich gethan habe, das war nichts, und ich hätte gar nicht anders handeln koͤnnen, denn ich hatte täglich das Beiſpiel vor Augen, wie ein gutes Kind han⸗ deln ſoll und muß. Ach, was für ein Beiſpiel! Ihr hättet das Mädchen kennen ſollen, die mir gegenüber wohnte mit ihrer Mutter, mit welcher Engelsgeduld ſie Nacht und Tag ihre Mutter pflegte, für ſie arbeitete und ſich quälte, und von Morgens früh, ehe die Sonne aufging, bis ſpät in die Nacht hinein ihre fleißigen wei⸗ ßen Hände rührte, nähete und ſtickte, um für ihre Mut⸗ ter Brod zu ſchaffen. Und was für eine Mutter war dies! Für meine gute alte Mutter zu arbeiten, das war wohl eine Freude und eine Luſt, denn ſie hatte mich ſo lieb, und ſprach immer, als wenn ich etwas ganz Außerordentliches an ihr thäte. Aber Sophiens Mut⸗ ter war eine böſe alte Frau; das gute, fleißige Maͤdchen that ihr niemals genug, niemals war ſie zufrieden mit dem, was das junge ſchöne Mädchen doch ſo mühſam verdiente und ſo freudig für ſie hingab. Niemals hat die arme Sophie ein gutes Wort, einen Dank von ihr bekommen, und doch klagte ſie niemals, blieb immer 8 .53. freundlich und ehrfurchtsvoll gegen ihre Mutter, ſchwieg ſtill zu ihren ungerechten Vorwürfen und arbeitete un⸗ verdroſſen und freudig einen Tag, wie alle Tage, ſich ſelbſt niemals eine Freude, eine Erholung gönnend. Da⸗ für ward ſie aber auch von der ganzen Nachbarſchaft ge⸗ liebt, und wir nannten ſie Alle den guten Engel, und immer war's, wenn ſie Einem des Morgens früh begeg⸗ nete, und Einen anſchaute, und mit ihrem freundlichen herzigen Lächeln den Morgengruß erwiderte, als ſcheine die Sonne noch einmal ſo hell, und ich wußte immer, daß ich den Tag Glück haben und viel Arbeit finden würde. O, und Ihr hättet den guten Engel ſehen pol⸗ len, als ihre Mutter immer kränker, und dabei immer heftiger und böſer ward in ihren Schmerzen. Wie ſie da Nacht und Tag ſie gepflegt und gewartet hat mit unverdroſſener Liebe, wie ſie, ſich ſelbſt gar keine Ruhe gön⸗ nend, an dem Bette ihrer Mutter gewacht hat. Oft wenn dieſe gar zu viel Schmerzen hatte, und immer lauter ſchrie und fluchte, dann knieete Sophie an dem Bette nieder und betete, und ſie war ſchön anzuſehen, wie ein wirklicher Engel, wenn ſie ſo, von der Lampe beleuchtet, neben dem Bette knieete, die Hände gefaltet, die großen ſchwarzen Augen gen Himmel gerichtet und die rothen Lippen leiſe bewegend im Gebet, dazu laͤchelnd ſo ſelig und mild, wie nur die Engel im Himmel lächeln kön⸗ nen. 54 Und konnteſt Du denn das gute Mädchen auch Nachts immer ſehen, fragte Ralph den Freund, der in ſeinem begeiſterten Lobe jetzt ſchwieg, und verloren in Er⸗ innerungen träumeriſch und ſinnend vor ſich hinblickte. Eva, die innig gerührt, ihm zugehört, war erſtaunt über die wunderbare Veränderung, die in Karls Zügen vorgegangen. Waren ihr dieſe vorher ſo rauh und hart erſchienen, ſo leuchteten ſie jetzt in milder Freude und erſchienen durchgeiſtigt von innerer Schönheit, die auch ſeine Züge ſchön machte und edel. Jetzt ſchien er Eva nicht mehr häßlich und abſtoßend, ſondern ſchön und freundlich und mit dem allen Weibern eignen Inſtinct wußte ſie, daß Karl nur ſo begeiſtert ſprechen könne von dem Madchen, das er liebe, und vies erhöhete na⸗ türlich noch ihr Intereſſe für ihn. 4 Ralph mußte ſeine Frage wiederholen: konnteſt Du denn das Mädchen auch Nachts ſehen, und wiſſen, was ſie that? Dann erſt ſchien Karl ihn zu hören, und aus ſeinen Träumen aufſchreckend, ſagte er: ich wohnte ihr gegenüber und konnte von meinem Fenſter aus ihre ganze kleine Kammer überſehen, beſonders Nachts, wenn Alles ſonſt finſter war und nur da drüben ihre Lampe brannte. 4 Und Du zogſt ihren Anblick dem Schlafe vor? fragte Ralph mit gutmüthiger Neckerei. Ich konnte ſie Tags ſo wenig ſehen, ſagte Karl * 5⁵5 unſchuldig, weil ich dann ſelbſt nicht zu Hauſe war; auch arbeitete ich immer viel freudiger, wenn ich Sophie in der Nacht hatte ihre Mutter pflegen und zu Gott beten ſehen. Das war meine größte Lebensfreude, und wenn ich Sophie auch niemals geſprochen habe, ſo kannte ich ſie doch ſo genau, wie kein Menſch auf Erden, und ſchaute in ihre innerſte Seele hinein, denn ihre Seele lag auf ihrem Angeſicht, wenn ſie betete, und ſte wußte nicht, daß dann noch andere Augen als die ihres Got⸗ tes auf ihr ruhten. Vor Gott aber verſtellt man ſich nicht, wie man es oft vor den Menſchen muß. Du haſt ſie alſo nie geſprochen? Und was iſt denn aus ihr geworden? Hat ſie etwa geheirathet? Geheirathet? rief Karl auffahrend und erbleichend. Dann beſann er ſich und ſagte ruhig: nein,— noch weit ſchlimmer, ſie iſt reich geworden. Wenige Tage nach dem Tode ihrer Mutter kam ihr reicher Bruder hier aus Berlin, der ſich Jahre lang nicht um ſie be⸗ kümmert, und auf keinen ihrer Briefe geantwortet hatte, in einer prächtigen Kutſche angefahren und nahm ſie mit fich. Seine Frau war geſtorben und Sophie ſollte ihm nun die Wirthſchaft führen. Nun, da er ihrer bedurfte, dachte er an ſeine Schweſter. Ja, ja, ſo find die reichen Leute, ſagte Mutter Anna kopfſchüttelnd; ſie denken nur immer an ſich, und nur, wenn ſie unſer bedürfen, denken ſie der Armen! Aber, * 56 Ihr habt uns noch nicht geſagt, wie es kommt, daß Ihr nun in Berlin ſeid und nicht mehr in Potsdam bei Eu⸗ rer Mutter? Meine gute Mutter, rief Karl ſchmerzlich, vor drei Monaten iſt ſie geſtorben, und weil ich ſo einſam war und verlaſſen, und Alles mich in Potsdam an meine Mutter erinnerte und mich traurig machte, wanderte ich nach Berlin. Und nicht wahr, weil Sophie in Berlin iſt? fragte Ralph lächelnd. Karl ſchwieg und blickte zur Erde, Mutter Anna aber ſagte unwillig: ſo ſeid Ihr junges Volk nun! Im⸗ mer ſoll Einer gleich verliebt ſein! Warum willſt Du es denn nicht glauben, daß er bloß aus Trauer um ſeine verſtorbene Mutter Potsdam verlaſſen hat. Wieeil er noch zum jungen Volk gehört, Mutter Anna, ſagte Ralph lachend. Karl war aufgeſtanden und ſchickte ſich an zu gehen. Ich habe noch einige Briefe zu beſorgen, ſagte er, und ich hätte, wenn ich heute im Dienſt wäre, überhaupt gar nicht ſo lange hier bleiben können, aber es iſt heute mein Sonntag, und ich habe dieſe Straße nur einem Camera⸗ den abgenommen, der gern mit ſeiner Frau nach Char⸗ lottenburg gehen wollte. Aber nicht wahr, nun kommſt Du bald wieder? 57 fragte Ralph herzlich, und die beiden Frauen ſtimmten ein in die Frage. Wenn ich Euch nicht zu ſchlecht bin und zu dumm, ſagte Karl lächelnd; und ihnen zunickend entfernte er ſic. Ein herrliches Gemüth! ſagte Ralph. Ein braver Sohn! rief Mutter Anna. Ich möchte die ſchöne Sophie wohl kennen, ſagte Eva; ſchade, daß wir ihn gar nicht gefragt haben, wie ihr Bruder heißt. Du haſt Recht, ſagte Ralph, wenn er wieder kommt, wollen wir ihn fragen. Aber nun, meine Eva, Deinen Brief! Den haben wir ja ganz vergeſſen. Lies ihn doch, Eva! Das iſt wahr! ſagte Eva, das Siegel erbrechend und das Papier aus einander ſchlagend. Dann ſchaute ſie lange hinein, und Ralph ſah, wie eine dunkle Gluth ihr Geſicht und ihren Nacken überzog, dann traten Thrä⸗ nen in ihre Augen und immer noch blickte ſie ſtarr in das Papier. Enthält er ſchlimme Nachrichten? fragte Ralph ge⸗ ſpannt und ängſtlich. Gva ſagte mit kaum hörbarer Stimme, ihm das Blatt hinreichend: lies Du ihn, ich kann nichts Geſchrie⸗ benes leſen! Das iſt auch ganz unnöthig, ſagte Mutter Anna 4** 58 ruhig; um ein gebildetes Herz zu haben, iſt es nicht von Nöthen Briefe leſen zu können. Ich wußte, daß Eva darauf angewieſen ſein würde, zu arbeiten, und mit dem Fleiß ihrer Hände ſich ihr Brod zu erwerben, und ſo war ihre Zeit zu koſtbar, um ſie an überflüſſige Schreib⸗ übungen zu verwenden. Aber gedruckte Bücher zu leſen, habe ich ſie ſelber gelehrt, und in der Bibel kann ſie ganz ſchön und fertig leſen. Mehr bedarf es nicht! Zum erſten Male war Mutter Anna andrer Mei⸗ nung als Ralph, er ſchwieg aber beſcheiden ſtill, um die alte Frau nicht zu erzürnen, und ſagte, um die eintre⸗ tende verlegene Pauſe auszufüllen: ſoll ich den Brief vorleſen, liebe Eva? Sie nickte bejahend und Ralph las:„Beſte Schwe⸗ ſter! Aus dem Brief, den Du mir haſt ſchreiben laſſen, erſehe ich mit Vergnügen, daß Du Dich verheirathet haſt und zwar an einen wohlhabenden Mann! Das iſt ſehr gut, denn Geld und Gut iſt Ehre und Anſehen, und es iſt mir ſehr willkommen, daß meine Schweſter eine anſtändige begüterte Frau geworden iſt, um ſo lie⸗ ber, als ich längſt die niedrige Stellung, zu der mich das Schickſal verdammen zu wollen ſchien, verlaſſen habe und nicht mehr Buchdruckergeſelle bin. Ein Handwerker, ich, mit meinen Gaben, meinen Talenten, ſollte ein Hand⸗ werker werden! Nein, ſtatt Bücher zu drucken, laſſe ich jetzt die Eingebungen meines Genius drucken und habe 59 4 im freien Reich der Geiſter, in der Republik der Poeſie ſelber Sitz und Stimme eingenommen. Die goldene Zeit der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Macht des Volkes mit herauf zu beſchwören, dazu hat mich das Schickſal berufen, das Volk hat mich zu einem ſeiner Vertreter aufgerufen und ich bin ſeinem Ruf nicht taub geweſen! Ich nehme ſie an, die Krone, die das Volk mir reicht, und gelänge es auch den fürſtlichen Barbaren, ſie in eine Märtyrerkrone zu verwandeln! Auch ein Märtyrer zu ſein, iſt groß und macht unſterblich, und endlich wer⸗ den wir doch ſiegen, wir, die wir kämpfen für die Frei⸗ heit des Volkes, endlich werden wir dieſe große Völker⸗ freiheit doch erkämpfen, und müſſen wir dazu auch noch viele Throne umſtürzen und Fürſten ermorden, um ſo beſſer!“ Das iſt ja ein ganz unſinniger Brief, brach Mut⸗ ter Anna, die ſchon lange nur mühſam ihre Ungeduld und Mißbilligung unterdrückt hatte, jetzt aus, der Fritz ſcheint ganz toll geworden zu ſein. Es ſcheint wirklich ſo, ſagte Ralph lächelnd, dann las er weiter:„Schon habe ich zur Vollendung dieſes großen Werkes der Völkerfreiheit einen Band Gedichte drucken laſſen, die überall das enthuſiaſtiſcheſte Lob aller Edlen und Liberalen erregt haben, und ich ſchicke mich jetzt an zu einer jener Triumphreiſen, wie ſie die glor⸗ reichen Dichter unſerer Tage durch ganz Deutſchland ma⸗ 60 chen, nachdem ihre Lieder mit Enthuſtasmus überall auf⸗ genommen worden. Ich denke dieſe meine große Tour in Berlin anzufangen, und werde deshalb in aller Stille von Dresden aus, wo ich mich jetzt befinde, nach Ber⸗ lin kommen, und incognito einige Tage Dir und Dei⸗ nem Gatten weihen, welcher Letztere es gewiß als eine Ehre erkennen wird, wenn ich ihn um ein Darlehn zu mei⸗ ner Reiſe erſuche,— der Ruhm, den ich auf dieſer Reiſe ernte, wird ihm gewiß der ſchönſte Erſatz und die glän⸗ zendſten Zinſen ſeines Capitals dünken! Und ſomit Gott befohlen! Noch Eins, ich nenne mich nicht mehr Fritz Wendt, das klingt gar ſo gemein, Fritz! Jeder Menſch kann Fritz heißen; ich habe dieſen Namen in Bonaven⸗ tura umgetauft und nenne mich nach dem Geburtsort unſeres Vaters Bonaventura von Ottersheim. Unter die⸗ ſem Namen ſind auch meine Gedichte erſchienen. Grüße die Mutter und bereite ſie vor auf die Freude des Wie⸗ derſehens. 1 Dein Bruder Bonaventura von Ottersheim.“ Dieſe Freude wird eben nicht gar groß ſein, ſagte die alte Frau verſtimmt. Es wäre mir lieber geweſen, er kehrte als armer tüchtiger Buchdruckergeſelle zurück, ſtatt daß er jetzt etwas bedeuten will, wozu er einmal doch nicht berufen iſt. Und dann, ſeinen ehrlichen Na⸗ men zu verläugnen! Das heißt auch den Vater ver⸗ 1 — 61 läugnen, deſſen Namen er trägt und die Mutter, die ihn geboren. O, er kennt mich nicht, wenn er glaubt, ich ſei eine ſo ſchwache Mutter, ihn zu bewundern, wenn er ſo albern und hochtrabend ſpricht! Sie nahm den Brief und ging damit hinüber in ihr Gemach. Eva hatte gedankenvoll dageſtanden und kaum auf die Vorleſung des Briefes gehört. Ihre Seele war ſicht⸗ lich mit etwas Anderem beſchäftigt, und als ſie jetzt allein waren, ſagte ſie: Ralph, ich habe eine Bitte an Dich, die Du aber der Mutter nicht verrathen darfſt. Die ich aber errathen darf, ſagte Ralph, und Eva in ſeine Arme ziehend, flüſterte er ihr zu: morgen Vor⸗ mittag um neun Uhr wird ein Schreiblehrer hier ſein. Eva nickte ihm lächelnd zu, und küßte den Gatten, der ihre Wünſche ſo gut zu errathen gewußt. V. In der Friedrichsſtraße nahe den Linden hatte der reiche Herr Blitz ſich ein ſchönes großes Haus gekauft, deſſen belle Etage er ſelbſt bewohnte, während er die übrigen Stockwerke vermiethet hatte. Aber, ſagte Herr Blitz zu ſeinem Kammerdiener, dem das Geſchäft oblag, diejenigen herum zu führen, die kamen, die vacanten Wohnungen in Augenſchein zu nehmen, aber Jean, ſieh darauf, daß ich nur ſolche Miether habe, die meiner wür⸗ dig ſind. Es ziemt einem Manne von meinem Vermö⸗ gen nicht, ſich mit gemeinen, bürgerlichen Vermiethern herum zu plagen, und wer die Ehre haben will in mei⸗ nem Hauſe zu wohnen, muß wenigſtens ein Baron oder Graf, ganz ſicherlich aber von Adel ſein. Und höre, Jean, kommen dergleichen vornehme Leute, ſo ſagſt Du ihnen einen ſehr hohen Miethzins, ſetzeſt aber hinzu, wenn ſie ſelbſt mit mir ſprechen wollten, würde ich aus beſondern Rückſichten, und um ihnen gefällig zu ſein, ge ——,— — 63³ wiß gern einen niedrigeren Preis anſetzen. Auf dieſe Art mache ich dann vornehme Bekanntſchaften, und, wenn ich einmal Bekanntſchaft gemacht habe, ſo werde ich ſchon dafür ſorgen, ſie nicht wieder fallen zu laſſen. Dank dieſer klugen Marime war Herrn Blitzens Haus nur von Nobleſſe bewohnt, aber von jener No⸗ bleſſe, die ſehr lebhaft an Don Ranudo nebſt Gemahlin erinnert, deren Titel lang ſind, und deren Einkommen kurz, die keinen Reichthum und Glanz weiter beſitzen, als eben ihren Namen, und die deshalb gern bereit find, Andern, die deſſen bedürfen, den Glanz ihres Namens zu leihen, um dafür von ihnen etwas Anderes, nicht minder Glänzendes zu borgen. Nur ſolche Leute von Adel hat⸗ ten ſich bequemen wollen, das Haus des Herrn Blitz unter der von ihm unumſtößlich feſtgeſetzten Bedingung beziehen zu wollen. Dieſe Bedingung nämlich war, daß fie mit Herrn Blitz einen freundſchaftlichen Verkehr un⸗ terhielten, und jeden Donnerstag, als an dem Tage, wo er Geſellſchaft empſing, in ſeinem. Salon regelmäßig er⸗ ſchienen. Wer darauf einging, bekam die Wohnung um funfzig Thaler billiger, als der eigentliche Preis war. Es giebt in Verlin eine hinlängliche Menge armer Ba⸗ rone und Grafen, die alle mit Freuden auf dieſe Bedin⸗ gung eingehen würden, und ſo konnte es denn nicht feh⸗ len, daß Herrn Blitzens Haus in wenigen Wochen ganz vermiethet war, und er die Freude hatte an den Haus⸗ 64 thürklingeln nur volltönende untadelige Namen auf den glänzenden Meſſingplatten zu leſen.— Herr Blitz war zu Anfang ſeiner Laufbahn ein armer Strumpfwirkergeſelle geweſen, der mit ſeinem Bündelchen auf dem Rücken be⸗ ſcheiden einwanderte in Berlin, und kaum einige Gro⸗ ſchen beſaß, um ſich dafür ſo lange eine Schlafſtelle zu miethen, bis es ihm gelungen, Arbeit bei einem Strumpf⸗ wirker zu finden. Indeß ließ das Glück, müde den ar⸗ men, hungrigen Burſchen länger zu quälen, ihn ſchon am erſten Tage finden, was er ſuchte, und bei dem reich⸗ ſten Strumpfwirker trat er als erſter Geſelle in die Fa⸗ brik, wußte ſich die Liebe der einzigen Tochter ſeines Brodherrn zu gewinnen, und ward, als dieſer nach we⸗ nigen Jahren ſtarb, der Beſitzer der großen reichen Fabrik und alſo ein reicher Mann.„Wer hat, dem wird gegeben!“ Dieſem Spruch zufolge gewann Herr Blitz in der Lotterie das große Loos von 200,000 Tha⸗ lern, und zog ſich mit dieſen in den Privatſtand zurück, ſeine große Fabrik verkaufend für eine eben ſo große Summe. Herr Blitz war ein ſehr reicher Mann, und er nannte ſich doppelt reich, als ſeine Frau plötzlich ſtarb und ihn zum trauernden Witwer machte. Das arme Weib hatte ſich nicht daran gewöhnen können, eine reiche vornehme Dame zu ſein, und ſie war in das Grab geſunken un⸗ ter der Laſt ihres Glücks und ihrer Schätze. 65 Heute war in der Wohnung des Herrn Blitz eine beſondere Bewegung, Mägde und Bediente liefen hin und wieder, und in der Küche war der Koch mit wich⸗ tiger Amtsmiene am Heerde thätig. In einigen Tagen ſollte ein großes Feſt gegeben werden, und Herr Blitz hatte befohlen, daß Alles ſo glänzend wie möglich ſein ſollte. Herr Blitz ſaß in ſeinem Boudoir, deſſen überlade⸗ ner Prunk ſchon das Beſtreben des Beſitzers hinlänglich verrieth, mit ſeinem Reichthum auf jene bemerkenswer⸗ the Weiſe zu glänzen, wie dies den Parvenues und Em⸗ porkömmlingen eigen zu ſein pflegt. Schwere ſeidene Tapeten zierten die Wände, zum Theil aber überdeckt von Gemälden, die in breite Goldrahmen gefaßt, ohne Ordnung und Wahl umher hingen, elegante Meubles, genug, um einen Salon damit zu füllen, waren in dem kleinen Gemach angehäuft, ſo daß nur ein ſchmaler Gang durch daſſelbe geblieben, der aber in der Mitte noch wie⸗ der verengt ward von einem vergoldeten Tiſchchen, auf welchem ſilberne und goldene Becher und Kannen prang⸗ ten. So in dieſer Ueberladung glich das Ganze einem ſchön ausgeſtatteten Kaufladen, in welchem Lurusgegen⸗ ſtände mannigfacher Art zur Anſicht ausgeſtellt waren. Herr Blitz ſelber in ſeiner eleganten Toilette, das Haar gebrannt und friſirt nach der neuſten Mode, die Finger bedeckt mit ſchimmernden Brillantringen hatte ganz das Cva. 1. Theil. 5 66 . Ausſehen eines eleganten Ladendieners, und wenn er, bei einem unerwarteten Beſuch dem Fremden entgegen trat und mit ſüßlicher Miene fragte: womit kann ich dienen? eine Redensart, die ihm noch von frühern Zeiten her geblieben war, glich er vollkommen einem Commis voya- geur, der bereit iſt, ſeine Waare anzupreiſen.— Heute war Herr Blitz aber mit ſehr ernſten Dingen beſchäftigt, denn es galt, die Gäſte, die zu ſeinem Feſte geladen wer⸗ den ſollten, zu wählen, und ihre Namen dann auf die Einladungskarten zu ſchreiben, und Herr Blitz war ganz durchdrungen von der Wichtigkeit dieſer Stunde. So, ſagte er jetzt, einen Augenblick ausruhend, und in den Lehnſeſſel zurück ſinkend, hundert Karten ſind jetzt ausgefertigt, aber das reicht freilich nicht zu einem großen Ball, und doch, ſo viel ich mich beſinne, weiß ich Niemand mehr, dem ich eine Einladung ſchicken könnte. Es iſt merkwürdig, wie difſicil die Menſchen ſind, ſelbſt wenn man nichts von ihnen haben will, wenn man ſie ſogar noch mit Leckerbiſſen füttern will! Da iſt der Graf Oskar, der ein Jahr in meinem Hauſe gewohnt hat und mein täglicher Gaſt geweſen iſt, jetzt iſt er ausgezogen, hat ſich eine reiche Frau genommen, und giebt ſich das Anſehen, als kennte er mich nicht mehr, hat nicht einmal mir ſeine junge Frau vorgeſtellt und ſchlägt beharrlich alle meine Einladungen aus! Ja, ja — 8 die Welt iſt undankbar. Nun, ich will mich heute nicht 67 weiter ärgern, es bleiben mir doch noch genug adlige Gäſte. Laß doch ſehen, wie viele habe ich denn! Er nahm das geſchriebene Verzeichniß der Einzula⸗ denden und überzählte ſich laut die adligen Namen. Hier dieſe drei Grafen, und vier Barone ſind mir ſicher, denn es ſind meine Miether und koſten mir zuſammen an baarem Abzug von der Miethe dreihundert und funf⸗ zig Thaler. Jeder von ihnen hat mir verſprochen, noch einige adlige Officiere mit zu bringen. Aber Damen, ſchöne junge Damen fehlen mir, und dann Menſchen, die meinen Reichthum bewundern können und meine Pracht anſtaunen, denn dieſe vornehmen Herren thun immer, als ob ihnen gar nichts hier auffiele, als wäre das Alles nur ſo in der Ordnung, und wenn ich die ſchönſten gol⸗ denen Becher vor ihnen hinſtelle, ſo halten ſie es nicht der Mühe werth, nur ein Wort darüber zu ſagen. Ich bedarf einiger Menſchen, die mein ſchönes Haus, meine ſchönen Meubles bewundern, die mich früher gekannt ha⸗ ben, wie ich noch arm war. Halt, da fällt mir etwas ein! Den Mechanikus Ralph, den könnte ich einladen; man ſagt, er ſoll eine ſehr ſchöne und reiche junge Frau geheirathet haben, und wenn ich ihn auch freilich in den letzten Jahren ſehr vernachläſſigt habe, nun, ich denke, er wird es ſich doch zur Ehre ſchätzen, bei mir zu er⸗ ſchheinen, und ich will deshalb ſelbſt mit Sophie hinfah⸗ ren, um meine Einladung mündlich zu machen! 5*. 68 Er ſtand auf und rief in die nächſte Thür hinein mit gebieteriſcher Stimnte: Sophie, Sophie!— Sogleich zeigte ſich auf der Schwelle ein Mädchen im einfachen, geſchmackvollen Morgenanzug, ſchlank und zart wie ein halbes Kind, und für ein ſolches hätte man ſie halten mögen, wenn nicht der tiefe, faſt ſchwermuthsvolle Blick ihrer großen ſchwarzen Augen von durchlebten, traurigen Jahren und von Erfahrungen geſprochen hätte. Auch um den kleinen Mund, um die ſchmalen Lippen zeigte ſich ein eigner, wehmüthiger Zug, dem ſchönen jugend⸗ lichen Antlitz einen eignen Zauber und Reiz verleihend; denn die Schönheit eines Antlitzes wird noch dadurch er⸗ höht, wenn wir gewahren, daß dieſe Schönheit ſelbſt des Lebens Leid empfunden und verſchwiegene Pein erduldet hat. Was iſt das nun wieder, Sophie, ſagte Herr Vlt 4 ſürnrunzelnd, es iſt ſchon zwölf Uhr vorüber und Du biſt noch im Negligée. Verzeihung, mein Bruder, erwiederte ſie ſanft, ich war an meiner Stickerei beſchäftigt, und wollte die Roſe erſt fertig haben, ehe ich an die läſtige Toilette ging. Immer ſtickſt Du, immer finde ich Dich mit der Nadel in der Hand. Mein Gott, warum biſt Du ſo fleißig, man ſollte wahrhaftig glauben, Du müßteſt für Geld arbeiten! Ich vergeſſe noch zuweilen, daß ich es nicht mehr 69 nöthig habe, ſagte ſie mit ſchmerzlichem Lächeln, die Ge⸗ wohnheit vieler Jahre läßt ſich in wenigen Monaten nicht ablegen⸗ Ich ſage Dir aber, Du ſollſt ſie ablegen; es iſt durchaus nicht faſhionable fleißig zu ſein, und faſhio⸗ nable zu werden, das muß und ſoll Dein einziges Be⸗ ſtreben ſein. Ich fürchte, es wird mir nicht gelingen, erwiederte ſie mit einem Seufzer, es fehlt mir dazu alles Geſchick, und auch, verzeihe mir, Johann, alle Neigung. Johann, rief Herr Blitz, zornig mit dem Fuß ſtam⸗ pfend, wie oft ſoll ich Dir noch verbieten, mich mit die⸗ ſem plebejiſchen Namen zu nennen. Mein Kammerdie⸗ ner darf Johann heißen, ich, der reiche Blitz, aber nicht! Mein Name iſt Alfred, merke Dir das! Ich will es thun, erwiederte ſie unterwürfig, und Herr Blitz fuhr fort: ich bin überhaupt gar nicht mit Dir zufrieden, und Du erfüllſt wenig meine gerechten Forderungen und Anſprüche. Ich habe Dich der Noth und Armuth entriſſen, nicht um hier Dich ewig ſtill, ewig ſeufzend umher gehen zu ſehen, ſondern um durch Dich mein Haus intereſſanter zu machen. Du biſt hübſch, ja ſogar ſchön, warum gebrauchſt Du Deine Schönheit nicht, um damit irgend einen dieſer vornehmen armen Schlucker zu fangen; es wäre mir grade erwünſcht, ſa⸗ gen zu koͤnnen, mein Schwager, der Graf, meine Schwe⸗ 70 ſter, die Gräfin! Warum giebſt Du Dir gar keine Mühe, mir dieſe Freude zu bereiten? Warum biſt Du gegen alle dieſe Herren ſo ernſt und kalt? Warum ſchlägſt Du die Augen nieder, wenn ſie mit Dir ſprechen, ſtatt ſie aufzuſchlagen und ſie mit einem jener glühenden, bren⸗ nenden Blicke anzuſehen, die andern Damen zu Gebote ſtehen und denen kein Mann widerſteht? Ich verſtehe die Kunſt nicht, ſolche Blicke zu wer⸗ fen, ſagte Sophie kalt, und ihre zarte Geſtalt richtete ſich ſtolzer und höher auf, während eine Gluth der Schaam ihre weißen Wangen überhauchte, und ich will dieſe Kunſt auch niemals erlernen, denn mein Gefühl ſagt mir, daß ein Mädchen ſich dadurch ſelbſt erniedrigt. Unwiſſend und ungebildet wie ich bin, glaube ich doch nicht, daß mein Herz mich irre führt, und mein Herz zieht ſich im⸗ mer ſchmerzhaft zuſammen, wenn Du mir ſolche Zumu⸗ thungen machſt! Dein Herz! rief ihr Bruder verächtlich, ob Dein Herz ſich zuſammen zieht, oder nichtz, ich will, daß Du meinen vornehmen Miethern, und namentlich dem Gra⸗ fen Queerfeldt freundlich begegneſt. Ich hoffe wirklich, daß dieſer vielleicht meinen Wunſch erfüllt und Dich hei⸗ rathet. Er ſpielt wie unſinnig, und ſteckt bis über die Ohren in Schulden, und wenn er gar nicht mehr weiß, was er anfangen ſoll, werde ich ihm anbieten ſeine Schul⸗ 71 den zu bezahlen, und ihm ein bedeutendes Jahrgeld aus⸗ zuzahlen, unter der Bedingung, daß er Dich heirathet. Sophiens Lippen entfuhr ein ſchwacher Schrei, dann ſagte ſie ernſt und mit der Würde gekränkter Weib⸗ lichkeit: thue das nicht, mein Bruder, denn ich ſchwöre Dir, niemals will ich auf dieſe Weiſe einem Manne meine Hand reichen. Unbedeutend und arm, wie ich bin, fühle ich mich doch zu gut, einem Manne gegen einen bezahlten Wechſel eingehändigt zu werden und aus Gnade gegen eine Schuldverſchreibung die Gattin eines vornehmen Wüſtlings zu werden! Undankbares Geſchöpf, rief Herr Blitz außer ſich, nahm ich Dich deshalb in mein Haus, um für alle meine Wohlthaten nichts als Undank zu ernten! So⸗ phie, bedenke, was ich Alles an Dir that! Ich zog Dich aus der Armuth und Dunkelheit hervor, und gab Dir eine Stellung in der Welt, indem ich Dich als meine Schweſter anerkannte, ich gab Dir ſtatt Deiner ärmlichen Kleider die theuerſten und beſten, überhäufte Dich mit Ueberfluß und Glanz! Du darfſt nicht mehr hungern, nicht mehr arbeiten, Du kannſt nur die Hand ausſtrecken, nur befehlen, und Alles iſt da! Und für alle dieſe Wohlthaten lohnſt Du mir mit ſo ſchwarzem Undank! Sophie ſchüttelte leiſe ihr Haupt, dann ſagte ſie nicht ohne einen Ausdruck von Bitterkeit: Du läſſeſt mich 72² Theil haben an Deinem Ueberfluß jetzt, da Du meiner bedarfſt, und Du würdeſt mich zurück ſtoßen in das Elend, ſobald ich Dir läſtig und überflüſſig wäre, und meine Stimme würde Dich dann eben ſo wenig errei⸗ chen, als die Stimme unſrer armen Mutter, die ſterbend umſonſt nach ihrem einzigen Sohne rief. Nun ja, ich ſehe es ein, ſagte Herr Blitz unmu⸗ thig, ich habe Unrecht an der alten Frau gehandelt, ich ſchämte mich ihrer, auch wußte ich nicht, daß es Euch ſo ſchlimm erging. Nun aber will ich ja gern mein Unrecht an Dir wieder gut machen, Du mußt mir nur dabei behülflich ſein, aber es ſcheint, als ob Du mir zum Trotz durchaus ſo unwiſſend und ungelehrt bleiben willſt, wie Du warſt, und wie es der Schweſter des rei⸗ chen Herrn Blitz nicht wohl anſteht. Deine Lehrer be⸗ klagen ſich über Dich, beſonders Dein Geſanglehrer. Ich kann nicht ſingen, ſagte Sophie, eine freud⸗ loſe Jugend hat meine Stimme verdorrt, und die Töne find in meiner Bruſt verſtummt, ich habe keinen einzi⸗ gen Ton zum Singen in mir. Nun ſo wollen wir den theuern Geſanglehrer ab⸗ ſchaffen, ſagte Blitz ärgerlich, und die Summe, welche er koſtete, in Zukunft zu Deinem Taſchengelde hinzufü⸗ gen. Du kannſt damit thun, was Du willſt. Sch werde für einen Theil derſelben Bücher kaufen, ſagte Sophie lebhaft. 3 73 Thue das, ich bin's zufrieden, wenn man Dich für eine Gelehrte hält; auch ſind Deine Sprachlehrer alle mit Dir zufrieden, und loben Deinen Eifer. Und für dieſen Unterricht allein bin ich Dir dank⸗ bar, ſchaffe den Mufiklehrer, den Tanzlehrer und den Maler ab, ich werde es niemals zu einiger Geſchicklich⸗ keit in dieſen Dingen bringen, aber ich werde ſtreben, den Anforderungen meiner übrigen Lehrer zu entſprechen. Gut, gut, ſagte Herr Blitz wohlgefällig, Du drückſt Dich wahrhaftig ſchon recht gut und gewählt aus, ich bin wirklich mit Dir zufrieden. Und jetzt, Sophie, mache Deine Toilette, wir wollen einen Beſuch machen beim Mechanikus Ralph. Laß Deine Toilette aber ſo glän⸗ zend wie möglich ſein und vergiß nicht, die neue goldne Kette umzulegen, die ich Dir geſtern mitgebracht habe, damit Ralph und ſeine junge Frau gleich ſehen, mit wem ſie es zu thun haben und Reſpect vor uns bekom⸗ men. Und dann, Sophie, ich wiederhole, ja ich befehle es Dir, ſei freundlich gegen den Grafen Querfeldt und lege dieſe alberne Ziererei ab, welche nur dazu dient, alle Bewer⸗ ber von Dir zurück zu ſchrecken, die ſonſt um Deines reichen Bruders willen ſich in Schaaren um Dich ſammeln würden.— Ich will auch nur dem meine Hand reichen, der mich liebt, mich um meiner ſelbſt willen, und nicht an Deine Reichthümer denkt, ſagte Sophie mit einem ſchwär⸗ maeriſchen begeiſterten Ausdruck. 5** 74 Das ſind ſolche Grillen, wie man ſie aus Roma⸗ nen lernt, ſagte Herr Blitz unwillig, und wenn Du das aus den Büchern lernſt, ſo erlaube ich nicht, daß Du noch eine Zeile lieſeſt, denn— Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn, und auf ſein Herein! öffnete ſich die Thür und der Briefträger Karl trat ein. Was hat denn das zu bedeuten, rief Herr Blitz, wo ſind meine Leute, mein Kammerdiener? Warum geben Sie die Briefe nicht an ihn ab? Sie haben mir ja ſelbſt befohlen, keinem Andern die Briefe zu geben, ſagte Karl, während ſeine Blicke ſchüchtern und verſtohlen auf Sophieen weilten; Sie ha⸗ ben mir ja geſagt, ich ſoll immer hier klopfen und nur Ihnen die Briefe geben. Ja, wenn ich Beſuch habe, damit die Leute ſehen, in wie vielen Geſchäftsverbindungen ich ſtehe und Reſpect vor mir bekommen. Nun, es macht auch nichts aus! Aber hört, Freund, Ihr müßt mir einen Dienſt erzeigen, ich will Euch gut belohnen. Ich thue es auch ohne Lohn, ſagte Karl ſtolz, ſagt nur raſch, was es iſt. Wartet nur, ich komme gleich wieder. Herr Blitz nahm den von Karl gebrachten Brief und verließ das Zimmer. Jetzt war Karl allein mit Sophieen. Es war das erſte Mal daß er ſo lange ſie und ſo nahe ſehen 75 konnte, und er hätte aufſchreien mögen vor Freude und vor Glück. Sein Herz klopfte zum Erſticken, und er mußte ſich an die Wand lehnen, um nicht umzuſinken in der Gewalt ſeines Gefühls. Sophie aber bemerkte ihn nicht. Sie lehnte, in Träume verſunken, im Divan und den lieblichen Kopf in ihre Hand geſtützt, blickte ſie gedankenvoll und ohne etwas zu ſehen, auf das Bild ihr gegenüber. Wie ſchön, wie himmliſch ſie ausſieht, dachte Karl, ganz verloren in ihren Anblick, o könnte ich ſie ewig, ewig ſo anſchauen! Aber ich möchte ſie wohl ſprechen hören. Ihre Stimme muß ſein wie Muſik. Leiſe, kaum hörbar, denn ſeine innere Bewegung erflickte jeden Ton in ſeiner Bruſt, ſagte Karl dann: Und haben Sie nichts mir aufzutragen? Sophie ſchrak zuſammen, und blickte zu ihm um,— ſie hatte es ganz vergeſſen, daß noch ein anderer im Zimmer war.⸗ Nein, ſagte ſie, ich danke Ihnen, ich correſpondire mit Niemanden. Wieder ward Alles ſtill, Karl ſpielte verlegen mit ſeiner Brieftaſche, dann allen ſeinen Muth zuſammen nehmend, ſagte er raſch: haben Sie vielleicht etwas zu beſtellen nach Potsdam? Ich gehe heute dahin! Ich habe nichts dort, was mir befreundet iſt, ſagte Sophie wehmüthig, nichts als ein Grab. 76 Soll ich nachſehen, ob vie Roſenſtöcke blühen, die Sie darauf gepflanzt? fragte er ſchüchtern. 3 Wie, Sie kennen das Grab meiner Mutter? Es liegt dicht neben dem Grabe meiner guten Mut⸗ ter, ſagte Karl, und ſeine Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen. Ach, die gute Frau Marthe war Ihre Mutter, ſagte Sophie lebhaft, dann alſo ſind Sie der treue Sohn Karl, den die ganze Nachbarſchaft pries wegen ſeiner treuen Sohnesliebe. Nun, meine Mutter machte es mir ſo leicht ſie zu lieben,— und dann,— fuhr er ſchüchtern fort,— Sie wohnten mir gegenüber, und da konnte ich wohl lernen ein gutes Kind zu ſein, denn Sie wiſſen es wohl, Ihre Mutter— Laſſen wir ſie in Frieden ruhen, unterbrach ihn So⸗ phie ernſt, der Todten ſoll man ſich nur mit Liebe erinnern. Beten Sie für mich an dem Grabe meiner Mutter und wenn Sie wollen, bringen Sie mir einen Zweig von dem Roſenſtocke mit. Darf ich Ihnen den morgen ſelbſt bringen? fragte Karl haſtig. Gewißl erwiederte ſie freundlich und zwar in mein eignes Zimmer. Sagen Sie nur dem Bedienten, Sie wollten mich ſelber ſprechen, dann wird er Sie zu mir führen. Es freut mich, und es thut mir ſo wohl, ein⸗ — oe — 4 3 77 mal mit Jemanden von der Vergangenheit geſprochen zu haben, denn, wie traurig ſie auch immer ſein mochte, man hat ſie doch lieb. Sie grüßte ihn freundlich und verließ das Zimmer. In demſelben Augenblick trat Herr Blitz wieder ein, in ſeiner Hand eine Menge verſiegelter Briefe haltend. Hört, guter Freund, ſagte er, Ihr könntet mir einen großen Gefallen erzeigen. In drei Tagen iſt Ge⸗ ſellſchaft bei mir, kommt dann Abends zu mir, verlangt mich ſelbſt zu ſprechen und tretet haſtig in den Salon ein. Dann gebt mir alle dieſe Briefe, die Ihr bis zu dem Abend aufbewahren mögt. Ich habe ſie alle fran⸗ kirt, und werde Euch ein ſo hohes Porto dafür zahlen, als kämen ſie wirklich von Petersburg oder Paris. Nein, nein, ſagte Karl ſtolz, für Geld thue ich das nicht. Wenn ſie ſich aber von dem armen Briefträger Karl wollen einen Gefallen erzeigen laſſen, nun, dann will ich Ihnen den Spaß machen und die Briefe da bringen.. 4 Ihr ſeid ein närriſcher Kauz, ſagte Herr Blitz la⸗ chend, nun ſo thut es mir zu Gefallen! Karl nickte ihm zu und verließ das Gemach. Mit ſchnellen Schritten, und immer einige Worte vor ſich hin⸗ murmelnd, eilte er die Straße hinab zu ſeiner Wohnung, die in einem Dachſtübchen in der Schillingsgaſſe, eine der abgelegenſten Straßen Berlins, beſtand. Beflügelten 78 Schrittes, wie gehoben von innerer Bewegung, eilte er die ſteilen und finſtern Treppen hinauf, und in ſeinem kleinen, ärmlichen Gemach angekommen, warf er Hut und Brieftaſche von ſich und griff nach Papier und Blei⸗ ſtift, das auf dem Tiſche lag. Jetzt habe ich es, ſagte er leiſe, und ſeine Stimme zitterte in tiefer Bewegung. Deutlich und mit klaren Zügen ſteht ihr Bild vor meiner Seele, und ich meine, es muß mir gelingen, das, was ich ſo klar ſehe, auch auf das Papier zu bringen. Er zog mit kunſtgeſchickter, ſicherer Hand leichte Um⸗ riſſe auf das Papier, und wie er immer eifriger, zitternd vor innerer Bewegung und doch mit ſicherer Hand wei⸗ ter zeichnete, ſah man bald auf dem Papier es ſich re⸗ gen und bewegen, wie ein werdendes Leben. Ein lieb⸗ licher Mund ſchien zu lächeln, zwei große Augen ihn ſinnend zu grüßen, das holde Oval ihres Angeſichts war umfloſſen von kräuſelnden Locken, und leicht vorwärts geneigt zeigte ſich die zarteſte Mädchengeſtalt. Und Karl, begeiſtert von ſeinem eignen Werk, ſchaute entzückt auf die vollendete Zeichnung und rief: ja, das iſt ſie, das iſt Sophie! O mein Gott, bin ich nicht ein glücklicher Menſch, daß ich dies Bild zeichnen konnte! Und nun will ich auch niemals mehr klagen, daß ich kein Maler geworden! Ich habe ihr Bild gezeichnet, was braucht es denn mehr!— Aber nun fort, fort, ermahnte er 79 ſich ſelbſt, und ſprang auf, ich muß nach Potsdam! Ich darf ja morgen dann zu ihr gehen und ihr einen Zweig bringen von dem Roſenſtock, der auf ihrer Mut⸗ ter Grabe ſteht. Ich werde ſie alſo morgen ſehen! Und wieder rannte er unermüdet durch Straßen und Gaſſen der weitläuftigen Stadt, bis er athemlos am Bahnhofe vor dem Potsdamer Thore angelangt war. So eben geht der Zug ab, ſagte ihm der Mann an der Kaſſe, Sie kommen zu ſpät. Da nehmen Sie Ihr Geld zurück! Zu ſpät, ſagte Karl traurig, und ich muß doch nothwendig hin, ihr einen Zweig von dem Roſenſtock zu bringen. Nun, wenn es weiter nichts iſt, lachte der Mann, der Karl's Selbſtgeſpräch gehört, da kaufen Sie doch hier einen Roſenſtock, und ſagen Sie, daß er von Pots⸗ dam kommt. Karl ſah ihn mit großen, verwunderten Augen an. Ihm war die Idee eines ſolchen Betruges ſo neu und befremdend. Ich kann ja auch zu Fuße gehen, in vier Stunden bin ich dort, ſagte er leiſe, und wohlgemuth wanderte er von dannen die Straße nach Potsdam da⸗ hin. Hinter ihm her ſcholl das ſpöttiſche Lachen des Kaſſirers, der gar nicht begriff, wie man ſo dumm ſein konnte, aus Potsdam zu holen, was in jedem Blumen⸗ keller in Berlin zu haben ſei. 80 Karl aber ſchritt rüſtig fort, und als er nach ſtun⸗ denlangem, erſchöpfendem Marſch in Potsdam auf dem Grabe ſeiner Mutter knieete und die heilige Erde küßte, die ihre Hülle bedeckte, da war es ihm, als kehre Friede und Freude ein in ſeine Seele, und in ſeinem Herzen waren nur Gebete für die, welche er liebte, für Sophie. VI. Mutter Anna ſaß mit ihren Kindern Eva und Ralph in traulicher Unterhaltung in Eva's Zimmer, als die Thüre heftig aufgeriſſen ward und ein junger Mann in das Zimmer trat. Mit leichtem Kopfnicken ſchritt er zu Mutter Anna's Sitz hin, und ihr, mit dem Ausdruck vornehmen Wohlwollens, die Hand darreichend ſagte er mit nachlaͤſſigem Ton: nun, ich denke, Mutter Anna, ich durfte Deine Sehnſucht nicht länger auf die Probe ſtellen, und ſo habe ich denn aus dem Strudel der Freude, und trotz der Klagen und Weherufe meiner Verehrer, mich losgeriſſen, um Dir Deinen Sohn Bo⸗ naventura von Lindau, welches ich ſelber bin, zu zeigen. Die alte Frau hatte ihn, während er ſprach, un⸗ verwandt betrachtet, und ihre großen Augen blitzten in verachtungsvollem Zorn, als ſie, den Kopf ſchüttelnd, erwiederte: ich kenne keinen Bonaventura von Lindau und mag ihn auch nicht kennen. Kommt aber mein Eva. I. Theil.— 6 82 Sohn Fritz Wendt zu ſeiner alten Mutter, ſo wird er niederknieen und um meinen mütterlichen Segen bitten. Oh, oh, das iſt Rococo, rief der Fremde lachend, und da das Alte wieder neu geworden, nun, ſo können wir die Mode mit machen.— Er ließ ſich leicht auf ein Kniee nieder, und ſagte dann: nun, Mutter, ſo ſegne Deinen Sohn Fritz. Der ſtrenge Ausdruck in den Zügen der alten Frau machte jetzt der Milde und Liebe Platz, und das Haupt des Knieenden zwiſchen ihre beiden Hände legend, ſchaute ſie lange in das Antlitz des Jünglings und Thränen füllten ihre Augen. Ja, Du biſt es, biſt mein Sohn, biſt Deines Vaters Kind, ſagte ſie mit leiſer, zitternder Stimme. Mir iſt, als ſei ich wieder jung geworden und ſchaute wieder in das Angeſicht meines Mannes. Nun, Gott ſegne Dich, mein Kind, und mache, daß Du Deinem Vater gleichſt an Rechtſchaffenheit und Treue. Es lag etwas ſo Ehrfurchtgebietendes in dem We⸗ ſen der alten Frau, daß der junge Mann das ſcherzende Wort, das ihm auf die Lippe trat, unterdrückte, und ehrfurchtsvoll die Hand küßte, welche ihn eben geſegnet. Unrd jetzt, mein Sohn, ſagte Mutter Anna, ſtehe auf, und umarme Deine Schweſter Eva und Deinen Schwager Ralph. Bonaventura ſprang ſchnell auf, und als er jetzt Eva und Ralph, die in ehrfurchtsvollem Schweigen der 8³ Begrüßung zwiſchen Mutter und Sohn zugeſchaut, um⸗ armte, nahmen ſeine Züge ſofort wieder den frühern hochfahrenden und übermüthigen Ausdruck an. Ah, Eva, Du biſt wirklich eine hübſche Fra⸗ er lachend, und ich würde ſtolz auf Dich ſein das Schickſal in eine beſſere Sphäre erhoben. ſein Sie gegrüßt, Herr Schwager Ralph, ich hoffe, wir werden gute Freunde werden! Gewiß, ſagte Ralph herzlich, meiner Eva Bruder ſoll auch der meine ſein! Nun, das iſt gut, erwiederte Bonaventura gleich⸗ gültig und warf ſich nachläſſig auf den Divan. Ah, ich bin verdammt müde, ſo eine Eiſenbahnfahrt greift doch entſetzlich an, vorzüglich wenn man ſich ſo weit er⸗ niedrigen muß, auf dem dritten Platz zu fahren, und leider mußte ich das, denn das Geld war mir ausgegan⸗ gen. Das iſt auch der Grund, warum Ihr mich in dieſen abgetragenen, ſchlechten Kleidern ſeht. Ich habe meine beſſern Kleider verkaufen müſſen, um mir Reiſe⸗ geld zu ſchaffen. Eva's Blicke begegneten in dieſem Au⸗ genblick denen ihres Mannes, und Ralph verſtand die Bitte, die aus den Augen ſeines Weibes ſprach. Ich habe grade funfzig Thaler in meinem Pulte liegen, die noch keine Beſtimmung haben, ſagte er zu Bonaventura, und es würde mir eine Freude ſein, wenn Sie dieſelben als ein Darlehn von mir annehmen wollten . 6* 4 84 Ennfzig Thaler, hm, das iſt eigentlich blitzwenig, ſagte Bonaventura nachläſſig, indeſſen wird es für meine erſten Bedürfniſſe atsreiihen Ich nehme ſie alſo an, bis Weiteres! 1 Nur tter Anna ſchüttelte mißbilligend ihr Haupt, und ihre Stirne umwölkte ſich, während Ralph gutmüthig lächelnd ſie anſah, gleichſam als wolle er dadurch den aufſteigenden Zorn der alten Frau beſchwichtigen. Wie kommt es, ſagte Mutter Anna nach einer Pauſe, daß Ihr Euch Beide noch Sie nennt. Solche vornehme Manieren paſſen nicht für Leute unſeres Stan⸗ des, und ich dächte, Ihr gäbt Euch deshalb ſchnell den Bruderkuß. Um Gottes willen nur keine Familienſcenen, ſagte Bonaventura gähnend, und ſtreckte ſeine Füße gemächlich auf Eva's Divan aus, nichts langweiliger als ſolche Sce⸗ nen à la Iffland. Auch geziemt es überdies nicht dem Dichter Bonaventura von Lindau, ſich mit dem Mecha⸗ nikus Ralph zu dutzen. A propos, lieber Herr Schwa⸗ ger, Sie haben doch ein anſtändiges Zimmer für mich in Ihrem Hauſe? Nein, rief Mutter Anna, ehe Ralph Zeit hatte zu antworten, nein, das hat Dein Schwager nicht! Er hat kein anſtändiges Zimmer für Jemand, der, ohne dankbar zu ſein Wohlthaten annehmen möchte und der ſeinen ehrlichen Namen verleugnet. Suche Dir bei Deinen vor⸗. —— verſiegt. 8⁵ nehmen Freunden eine Wohnung; ſo lange Mutter Anna lebt, ſoll der Herr Bonaventura nicht von den Wohltha⸗ ten ſeines Schwagers erhalten werden. Mit feſter, ſtolzer Haltung ſtand ſie auf und ver⸗ ließ das Zimmer. Bonaventura blickte ihr lachend nach und ſagte dann kopfſchüttelnd: bei ſolchem Alter noch ſo heftig! Wirklich, das iſt auffallend, aber intereſſant! Solche Erſcheinungen aus der alten Zeit haben immer etwas Piquantes. Ah, ich werde ein Gedicht darüber machen und will es mir deshalb gleich in meiner Schreib⸗ tafel notiren. Es ſoll heißen: der alte Wegweiſer am Kreuzwege der jungen Zeit. Die Idee iſt neu und pi⸗ quant und wird Aufſehen machen. Ralph war indeſſen hinaus gegangen, und kehrte jetzt mit einer Rolle Geldes zurück, die er ſchweigend ſeinem Schwager darreichte. Ah, die funfzig Thaler, ſagte dieſer, die Rolle in ſeiner Hand wiegend, wie leicht das iſt und wie leicht ich das in alle Winde hinſtreuen werde. Das Geld hat für mich gar keinen Werth, es iſt mir eben nur das Mittel zum Zweck und ich achte es nur wie eine Quelle, die über die Wieſe ſprudelt und dieſe in der Blüthe er⸗ hält. Wenn die Quelle verſiegt, ſo verdorret die Wieſe, und ſo iſt es, wenn die goldene Quelle in unſerer Hand Man muß alſo männlich darnach ſtreben, daß ſie „9* Gedichte geſchrieben, und ſogar drucken laſſen, unter 86 niemals verſtopft werde, ſagte Ralph ruhig, und ihr ein ſo tiefes Bett graben, daß man ihren fortgeſetzten Lauf ermeſſen kann. Bonaventura hatte, während Ralph ſo ſprach, vor dem Spiegel ſeine Toilette in Ordnung gebracht, und wandte ſich jetzt lachend zu ſeinem Schwager hin: recht gute, recht vernünftige Ideen, liebſter Meiſter Ralph, die ich bei einem Handwerksmann nur loben kann! A pro⸗ pos, wollten Sie wohl die Güte haben mir eine Droſchke zu holen! Ich kann unmöglich in dieſem Anzug mich auf der Straße zeigen. Bitte gehen Sie für mich! Ralph ſah ihn einen Augenblick mit einem ſpötti⸗ ſchen Lächeln an, dann ſagte er ruhig: Sie haben es ganz nahe bis zu einer Droſchke. Gehen Sie nur links die Straße hinauf, ſo finden Sie an der nächſten Ecke ſolche Wagen. Ab, da fährt eben eine leere Droſchke vorüber, ſagte Bonaventura, der an's Fenſter getreten war. Er rief dem Wagen zu halten, und eilte dann, ohne Abſchied zu nehmen, fort. Ralph, ſagte Eva, als ſie nun allein waren, mich dünkt, Du warſt nicht freundlich gegen meinen Bruder, wenigſtens gewiß nicht ſo ſehr, als er es verlangen kann. Denke doch, wie gelehrt und vornehm er iſt. Er hat einem ſo vornehmen ſchönen Namen; auch merkt man 87 es ihm gleich an, daß er mit vornehmen Leuten umge⸗ gangen iſt, er hat ſo etwas Sicheres und Vornehmes in ſeiner Haltung. Wie leicht und ungenirt er ſich auf meinen Sopha hinlegte, auf dem ich kaum zu ſitzen wage. Daran ſieht man recht, daß er gewohnt iſt, mit ſolchen Dingen umzugehen, daß ihm das gar nichts Beſonderes iſt. Und gegen ſolchen geſcheidten, ausgezeichneten Men⸗ ſchen, der noch dazu mein Bruder iſt, biſt Du ſo un⸗ freundlich, daß Du ihm nicht einmal ſeine Bitte erfüllſt und ihm eine Droſchke holſt! Ralph hatte Eva, während ſie ſo ſprach, mit weh⸗ müthigen, faſt kummervollen Blicken betrachtet, und ſtand jetzt unbeweglich, ſchweigend da. Ein ſo tiefes Weh aber ſprach aus ſeinen Zügen, daß Eva erſchreckt ausrief: aber, lieber Ralph, was fehlt Dir, biſt Du unglücklich? Wie Du traurig ausſiehſt! Mein Gott, habe ich etwas geſagt, was Dich verletzen kann? Nein, ſagte Ralph, tief aufathmend, es war nur eine trübe Ahnung, die mich einen Augenblick beſchlich. Eine Ahnung? fragte Eva, ſich an ihn ſchmiegend. Ja, ſagte Ralph, melancholiſch lächelnd, es war als flüſtre eine Stimme mir zu: Du wirſt Eva nicht glücklich machen! Du biſt ihr nicht vornehm und ge⸗ bildet genug! Ralph, rief Eva, geliebter Ralph! Und ſich in eine Arme werfend und ihn feſt umſchlingend, flüſterte 88 ſie: jetzt verſtehe ich Dich! Jetzt weiß ich, warum Du traurig warſt! Ich trage die Schuld daran mit mei⸗ nen unüberlegten, kindiſchen Worten. O habe nur Nach⸗ ſicht mit mir, Ralph, Nachſicht und Geduld! Dies Al⸗ les, was mich umgiebt, das ganze Leben, in das Du mich eingeführt, iſt mir ſo neu und glänzend, daß ich ganz davon geblendet bin und daß ſich oft meine Gedan⸗ ken darüber verwirren! Aber, nicht wahr, Ralph, Du haſt Nachſicht mit mir, Du glaubſt an mich? Ich glaube an Dich, ſagte Ralph innig, denn ich liebe Dich, denn Du biſt für mich der Inbegriff alles Glückes, Du biſt meine Zukunft und meine Hoffnung, auf Dein Herz habe ich alle meine Träume und Wünſche niedergelegt und Dich zum Mittelpunkt meines ganzen Lebens gemacht. Ich glaube an Dich, weil ich Dich liebe und weil die Liebe ſo voll Zuverſicht iſt. Aber auch Du mußt an mich glauben, theuerſte Eva und mußt feſt an mir halten! 3 Wie er ſie innig an ſein Herz drückte, überſtröm⸗ ten Thränen der Rührung Eva's Angeſicht, und in ih⸗ rem Herzen gelobte ſte Nalph eine ewige, dankbare Liebe, und leiſe flüſterte ſie in ſein Ohr ſüße und heilige Worte, denen Ralph mit entzücktem Lauſchen zuhörte.— Bo⸗ naventura's Rückkehr unterbrach die Beiden in dieſem holden Geplauder der Liebe und verwundert ſchauten Beide auf den jetzt völlig veränderten Bruder. Die neue, 89 elegante Kleidung, der modiſche Ueberrock, die ſammtne Weſte, über die eine glänzende Uhrkette herabſiel, das Alles hatte ſeiner Erſcheinung einen wohlthuendern und angenehmern Ausdruck verliehen. Seine Geſtalt erſchien größer und ſchöner, ſein Haupt war ſtolz und zuverſicht⸗ lich gehoben und aus ſeinen Zügen ſprach eine glückliche Zufriedenheit und Ruhe. In dieſen neuen, ihm anpaſ⸗ ſenden Gewändern ſchien er ſich erſt behaglich und be⸗ quem zu fühlen, und Eva, die ihn bewundernd betrach⸗ tete, mußte ſich geſtehen, daß ſie nie einen ſchönern Mann geſehen, als ihren Bruder Bonaventura. Dieſer ſelbſt war zum Spiegel getreten, und ſich wohlgefällig betrach⸗ tend ſagte er: ſchau mich an, Schweſter Eva, und dann ſage mir, ob ich nicht Recht gethan, meinen niedrigen Stand und meinen niedrigen Namen weg zu werfen! Es giebt Menſchen, denen die Natur es ſchon auf das Antlitz gezeichnet hat, daß ſie zu Großem berufen ſind und daß ihr Weg nicht einer der gewöhnlichen Wege iſt. Wohl dem, der dieſe Schriftzüge des Schickſals in ſei⸗ nem Angeſichte leſen kann, wohl mir, daß ich ſie gele⸗ ſen habe. Ja, ja, ich verſtehe etwas von der Phyſiogno⸗ mik und ich meine auf der Stirne jedes Menſchen ſeine Beſtimmung leſen zu können. Sie, zum Beiſpiel, Herr Schwager, tragen auf Ihrer Stirn ein einziges Wort geſchrieben, ein großes, niederdrückendes Wort, das ſchon Ihren Nacken gebeugt, und die freie Bewegung Ihres 6**½ 3 90⁰ Hauptes gehemmt hat, dies Wort heißt: Arbeit! Ja, ja, ſehen Sie mich nur erſtaunt an, es iſt dennoch wahr, Ihr Leben iſt an die niedrige Beſtimmung des Daſeins, an die Arbeit, gefeſſelt, Sie werden nie etwas Großes leiſten! Wohl mir, ſagte Ralph ruhig lächelnd, wohl mir, daß ich arbeiten kann, wohl mir, daß die Arbeit meine treue Begleiterin durch das Leben iſt und ſein wird! In der Arbeit liegt Segen und Glück, Ruhe und Frie⸗ den, und wenn ich damit auch vielleicht nichts Großes gethan, ſo habe ich doch mindeſtens getreulich meine Pklicht erfüllt! Ei, ſagte Bonaventura, ſein lockiges ſchwarzes Haar ordnend, Sie verſtehen ſich ja ganz gut auszudrücken! Das freut mich wirklich! Aber horch, hält nicht da ein Wagen vor der Thür? Ja, wahrhaftig, und zwar eine ſehr elegante Equipage! Eine Dame und ein Herr ſteigen aus! Mein Gott, Schweſter, es ſcheint, Du be⸗ kommſt Beſuch! Ich werde hinunter gehen, Deine Gäſte zu empfangen! Laſſen Sie das, ich bitte, ſagte Ralph, mit einem leichten Anflug von Spott, man möchte Sie ſonſt für einen meiner Geſellen halten, denn vermuthlich ſind es Herrſchaften, die bei mir irgend eine Arbeit beſtellen wollen! 5 Ah, ich vergaß! ſagte Bonaventura unwillig mit 91 dem Fuße ſtampfend; unmöglich aber würde es Jemanden. einfallen, mich mit einem Handwerksmann zu verwech⸗ ſeln! Wer weiß, erwiederte Ralph lächelnd, man iſt es ſo gewohnt, die Geſellen ſich mit falſchen Ketten, wie Ihre da, putzen zu ſehen! Bonaventura biß unwillig die Lippen zuſammen, während Eva mit leiſem Vorwurf ſagte: Ralph, Du biſt grauſam! In dieſem Augenblick ward an die Thür geklopft und der eintretende Bediente meldete Herrn Blitz und ſeine Schweſter! Sind mir ſehr willkommen, ſagte Eva ganz ver⸗ wirrt und befangen, denn es war der erſte Beſuch, den ſte empfing, und ſie fühlte ihr Herz zittern vor Angſt und Verlegenheit. Auch wußte ſie nichts zu erwiedern auf die lange und wohlgeſetzte Rede, mit der Herr Blitz ſie begrüßte, und in welcher er ihr auseinanderſetzte, wie er gern die Etiquette bei Seite geſetzt, um eine ſo ſchöne Frau kennen zu lernen, und wie ſein Herz ihn gedrängt, diesmal die Dehors zu verletzen, um den Freund, der ihm ſeine junge ſchöne Frau nicht vorgeſtellt, ſelber auf⸗ zuſuchen. Ich dachte nicht, ſagte Ralph, als Eva noch immer verlegen ſchwieg, ich dachte nicht, daß der reiche Herr Blitz ſich meiner noch erinnern würde; die reichen und durch Reichthum vornehm gewordenen Leute haben oft ein ſo ſchlechtes Gedächtniß! Nun, ich hoffe über ſolche kleinliche Schwächen erhaben zu ſein, ſagte Herr Blitz ſelbſtgefällig. Im Ge⸗ gentheil, wenn ich jetzt den Reichthum und Glanz, der mich umgiebt, betrachte, ſo denke ich grade dann am öf⸗ teerſten an jene Zeit, wo ich arm war und ſelbſt des Nothwendigſten entbehrte! Ja, ich war arm, ſehr arm, mancher Tag verging, wo ich kaum ein Stückchen Brod hatte, meinen Hunger zu ſtillen, wo ich nicht wußte, wie und mo ich die Nacht hinbringen ſollte; und wenn ich bedenke, vaß ich jetzt, kaum zwölf Jahre ſpäter, ein wohlhabender, ja, ich darf wohl ſagen, ein reicher Mann bin, ſo bin ich oft ſelbſt ganz erſtaunt und verwundert darüber. Während Ralph und Eva Herrn Blitz zuhörten, hatte ſich zwiſchen Bonaventura und Sophie eins jener Geſpräche angeknüpft, mit denen man eine Bekanntſchaft zu eröffnen pflegt. Mit niedergeſchlagenen Augen, ſchüch⸗ tern und verſchämt, aber unendlich reizend in ihrer Ver⸗ wirrung, ſaß Sophie da, und nur leiſe und flüſternd beantwortete ſie Bonaventura's Fragen und Anreden. Sie leben ſeit lange in Berlin, Fräulein? Nein, erſt ſeit einem halben Jahr! Ah, und wo waren Sie früher? In Potsdam! 93 Eva, die dies letzte Geſpräch gehört, fragte ſich ſelbſt: ware es möglich, daß dies das Mädchen, von welcher der Briefträger Karl erzählte und die er den Engel nannte? In dieſem Augenblick ſagte Herr Blitz: nun So⸗ phie, haſt Du denn ſchon mit der ſchönen Madam Ralph Bekanntſchaft gemacht? Sie heißen alſo Sophie und waren früher in Pots⸗ dam, ſagte Eva lebhaft, und pflegten dort ihre arme kranke Mutter? Sophie nickte bejahend.— O, dann kenne ich Sie ſchon, fuhr Eva herzlich fort, dann weiß ich ſchon, daß Sie der Engel ſind, der die arme kranke Mutter ſo himmliſch gepflegt, für ſie geduldet und ge⸗ arbeitet.— Das muß doch in der That ein Irrthum ſein, un⸗ terbrach ſie Herr Blitz unmuthig, Sie können doch nicht glauben, daß meine Schweſter nöthig hatte zu arbeiten, um meine Mutter zu erhalten? Es iſt auch ein Irrthum, ſagte Ralph ruhig, ob⸗ wohl vom Gegentheil überzeugt. Ganz kann es doch wohl kein Irrthum ſein, ſagte Bonaventura, ſich tief vor Sophie verneigend, Du ſag⸗ teſt, Eva, jene Sophie ſei ein Engel geweſen, und aus dieſem Grunde möchte ich glauben, daß wirklich jene Sophie und Fräulein Sophie hier dieſelbe Perſon ſei. Hm, wirklich recht fein, ſagte Herr Blitz zufrieden ** 94 das Geſpräch eine andere Wendung nehmen zu ſehen, und ſich an Bonaventura mit Fragen über ſeinen frühern Aufenthalt, den Zweck ſeines Hierſeins u. ſ. w. wendend. Die Unterhaltung ward bald allgemein, und Bonaven⸗ tura's Lebhaftigkeit, ſein Witz und Humor, die liebens⸗ würdige Art, mit der er von ſeinen Reiſen zu erzählen und dazwiſchen drollige Anekdoten einzuflechten wußte, ge⸗ wann ihm bald Herrn Blitzens vollkommenſte Zuneigung. Bonaventura verſtand es, liebenswürdig zu ſein, wenn er wollte, und er wußte genau jedes Mal, wo er Eindruck machen wollte, die Unterhaltung ſo zu führen, wie er ſie der Individualität ſeiner Zuhörer anpaſſend hielt. Es giebt Menſchen, bei denen die Eitelkeit das ſicherſte Tactgefühl iſt; Bonaventura gehörte zu dieſen. Wo er gefallen wollte, da lehrte ihn ſeine Eitelkeit ſogleich das Wie, und machte ihn einnehmend, liebenswürdig, ge⸗ ſprächig, geiſtreich und witzig. Seinem Weſen ſchien dann eine neue Spannkraft, ſeinen Zügen ſelbſt eine höhere Schönheit verliehen, und in der glücklichen Ueberzeugung liebenswürdig zu ſein, ward er wirklich liebenswürdig. Auch heute verfehlte er nicht, den günſtigſten Eindruck auf ſeine Zuhörer zu machen, und als Herr Blitz zu dem Zweck ſeines Beſuches kam, zu der Einladung zum be⸗ vorſtehenden Feſte, verfehlte er nicht dieſe Einladung auch auf Bonaventura auszudehnen. Man verſprach freudig zu kommen, und trennte ſich endlich, gegenſeitig zufrieden. ᷑ 95 Aber nicht wahr, ſagte Eva zu Ralph, als ſie al⸗ lein waren, mein Bruder iſt doch unendlich liebenswür⸗ dig! Ich glaube, kein Mädchen kann ihm widerſtehen. O ja, er weiß gut zu reden, ſagte Ralph. Und dabei hat er etwas ſo Vornehmes, fuhr Eva ganz begeiſtert fort, ich ſchäme mich ordentlich in ſeiner Gegenwart, und meine immer, es kann ihm bei uns Al⸗ les nicht gut genug ſein. Er iſt es gewiß viel beſſer und ſchöner gewohnt! Ach, Ralph, es muß doch herr⸗ lich ſein, wenn man ſo vornehm und fein gebildet iſt. Meinſt Du nicht auch? Aber Du ſiehſt mich ſo trau⸗ rig an? Habe ich Dich gekränkt, mein Ralph? Nein, meine Eva! Ich bedaure nur, daß ich Dir nicht geben kann, was Du wünſcheſt, und daß ich hicht vornehm und fein gebildet bin! O Ralph, zürne mir nicht, bat Eva, ſich an ihn ſchmiegend, es war thöricht von mir, ſo etwas zu ſagen, und künftig will ich Dir auch nie wieder ſo dumme Ge⸗ danken ſagen. 3 Nein, nein, meine Eva, ſage mir immer, was Du denkſt und fürchte niemals mich zu kränken. Nur Mut⸗ ter Anna's Ohren laß ſolche Wünſche nicht hören! Ach, wie würde die mich ſchelten, ſagte Eva, lä⸗ chelnd wie ein Kind, aber Du, Ralph, Du ſchiltſt mich niemals, Du haſt immer Nachſicht, immer Geduld mit mir, Du biſt immer freundlich, immer gut, darum liebe 96 ich Dich auch ſo ſehr, liebe Dich tauſend Mal mehr, als meine Mutter. Sie iſt ſo ſtreng und ernſt, und will immer, daß man nur das Rechte und Beſte thut, darum fürchte ich mich ſo ſehr vor ihr und kann gar kein Zutrauen zu ihr faſſen, wie ich es doch zu Dir habe, mein Freund, mein Geliebter! Wohl, ſagte Ralph zu ſich ſelbſt, ſie ſoll niemals eine Verſtimmung in meinen Mienen leſen, ſonſt wird ſie aufhören mich zu lieben und mir zu vertrauen. VII. Am Morgen des Tages, welcher zu dem Feſte beim Herrn Blitz beſtimmt war, erwachte Eva früh. Sie hatte im Traum ſelbſt ſich nur mit dem Balle beſchäf⸗ tigt, und nichts als glänzende Kronleuchter, herrlich ge⸗ putzte Damen und lockende Muſik geſehen und gehört. Sie fühlte ſich ſeltſam und freudig erregt, und heimlich flüſterte ſie zu ſich ſelbſt: iſt es mir doch, als ſei heute ein großer Feſttag und als müßte mir heute etwas Gro⸗ ßes, Unerhörtes geſchehen! Und es iſt ja auch etwas Großes! Ich werde heute zum erſten Male auf einen Ball gehen, werde in einer Geſellſchaft ſein mit Grafen und Baronen, werde vielleicht auch ſogar zu einem Tanze aufgefordert werden O mein Himmel, ich werde tanzen, tanzen nach Muſik, nach ordentlicher, ſchöner Mufik! Wie ein junges Kind, ſo ungeſtüm und fröhlich, ſo roſig und lächelnd, ſprang ſie vom Lager empor und kleidete ſich an mit zitternder Haſt. Ich muß doch noch Eva. I. Theil. 7 98 einmal meinen Putz muſtern, ſagte ſie, ob Alles in Ord⸗ nung iſt, und recht hübſch. Eilig trat ſie dann in ihr Wohnzimmer, und nahm aus dem Schrank ihr ſchwarzſeidenes Kleid, das ſie als Braut an ihrem Hochzeitstage getragen; ſie breitete es über dem Divan aus, legte den rothſeidenen Shawl, die weißen Handſchuhe, die einfache Perlenſchnur und die ſeidenen Schuhe daneben, und betrachtete Alles mit vor Vergnügen glänzenden Augen. Dann ſprang ſie jubelnd und lachend im Zimmer umher, als ſich die Thür öffnete und Ralph eintrat. Ich hörte unten in der Werkſtatt hier oben Dei⸗ nen leichten Schritt, ſagte er, ſie umſchlingend, und da komme ich, Dir guten Morgen zu ſagen! Du biſt ſchon wieder ſo lange fleißig, ſagte Eva freundlich, und ich habe ſo feſt geſchlafen, daß ich nicht einmal gemerkt habe, wann Du aufgeſtanden biſt. Aber ich träumte auch ſo ſchön, Ralph, ich träumte vom heu⸗ tigen Ball, und ich ſah mich ſelber ſo ſchön, ſo ſchön! Da bin ich raſch aufgeſtanden und habe mir meinen Putz in Ordnung gebracht. Sieh, da liegt Alles ſchon be⸗ reit. Ich werde grade ſo ſchön angezogen ſein, wie am Tage meiner Hochzeit, nicht wahr, Ralph, das wird ſchön ſein! Gewiß, meine Eva! O, ich ſehe Dich noch in die⸗ ſem Anzug, als ich kam Dich zur Trauung abzuholen. 99 Weißt Du noch, es war ein trüber, regniger Tag, und ſchwere Wolken hingen am Himmel, darum konnten wit nicht zu Fuße in die Kirche gehen, wie wir es anfangs wollten, ſondern ich kam gleich mit einer Kutſche bei Dir vorgefahren, Dich abzuholen. Und wie ich die Thür öff⸗ nete, da ſtandeſt Du vor mir, mit niedergeſchlagenen Augen, erröthend und zitternd, Deine Bruſt hob ſich im unerklärlichen, bräutlichen Bangen, Thränen hingen in Deinen Augen, und Mutter Anna ſtand tief in den Winkel gedrückt und betete für unſer Glück und für unſre Zukunft. Und ich breitete die Arme aus, und fragte: Eva, willſt Du mir jetzt folgen und mein Weib werden? Da ſielſt Du an meine Bruſt und weinteſt laut, und ich ſchwur mir in meinem Herzen Dich glücklich zu ma⸗ chen, um jeden Preis, und an nichts zu denken, als an Dein Glück, und für nichts zu ſorgen, als für Dich. Ich ſchwur nicht, Dich ewig zu lieben, denn ich wußte wohl, daß ich nimmer aufhören könnte dies zu thun, aber ich ſchwur, von Dir immerdar geliebt werden zu wollen, weil ich ſtreben wollte, mir durch alle Handlun⸗ gen meines Lebens Deine Liebe zu erhalten. Und ich werde Dich auch ewig lieben, ſagte Eva tiefbewegt, ihr Haupt auf ihres Gatten Schulter lehnend. Habe nur Nachſicht und Geduld mit mir, mein Gelieb⸗ ter, und höre nicht auf mich zu lieben, wenn ich kin⸗ diſch bin und unverſtändig. Das ganze Leben, das Glück, 7*. 1⁰0 die Liebe, der Wohlſtand, Alles iſt mir neu und ich muß mich erſt daran gewöhnen, um es vernünftig zu genießen. Ralph drückte ſie innig an ſich, dann ſagte er leiſe: und weißt Du noch, Eva, wie es Abend geworden an unſerm Hochzeitstag, und wie Mutter Anna uns geſeg⸗ net, und dann uns allein gelaſſen, und Du wieder zit⸗ ternd vor mir ſtandeſt in dieſem ſchönen Kleide, und ich Dich bat dieſen Putz abzuwerfen, und wie ich Dir half, das Kleid— Eva legte ihm erröthend die Hand auf den Mund, Ralph aber machte ſich lachend los, und küßte das Braut⸗ kleid ſeiner Eoa. Nun, und Du wirſt alſo heute Abend grade ſo angezogen ſein, wie an Deinem Hochzeitstage, ſagte er neckend, und man wird Dich doch nicht für eine Braut halten, denn Eins fehlt,— der Myrtenkranz⸗ Den habe ich mir erobert, und er liegt wohl verſchloſſen in meinem Schrank. Ja, den bekommſt Du nicht wie⸗ der und darfſt ihn nimmer wieder tragen! 2 2 Das iſt wahr, ſagte Eva trübſelig, ich werde nun . nicht ſo gut geputzt ſein, denn es fehlt der Kranz im Haar. Ich bringe Dir eine Entſchädigung dafür, ſagte Ralph, und zog aus ſeiner Bruſttaſche ein rothes Etui, hervor, das er Eva hinreichte.— Sie öffnete es haſtig, und ſchrie dann laut auf vor Erſtaunen, denn ein ſchö⸗ 101 ner Halsſchmuck blitzte ihr entgegen, zarte, goldene Kett⸗ chen, zuſammen gehalten durch ein großes Schloß, das von Brillanten und echten Perlen blitzte. Das ſoll mein ſein, ſagte Eva, ganz betäubt und in Anſchauen verloren, dieſen koſtbaren, glänzenden Schmuck ſoll ich tragen? Es giebt nichts, was für Dich koſtbar genug wäre, ſagte Ralph, und wenn ich ſelbſt beſondern Werth auf dies Geſchenk lege, ſo hat das einen ganz andern Grund. Mein Vater ſchenkte meiner Mutter dieſen Schmuck als Brautgeſchenk; ſie trug ihn an ihrem Hochzeitstage, wie ihn die Mutter meines Vaters an ihrem Hochzeitstage getragen, denn es iſt ein altes Erbſtück in unſerer Fa⸗ milie, und ſpäter hat meine Mutter nur noch zweimal dieſen Schmuck angelegt. Einmal an dem Tage, an welchem ich getauft ward, und dann an dem Tage, an welchem mein Vater begraben ward. Sie hatte an die⸗ ſem traurigen Tage ihren ganzen ſorgſam aufbewahrten Brautſtaat angelegt, und ſie ſagte: von heute ab bin ich wieder meines Geliebten Braut! So will ich denn auch gekleidet ſein, wie eine Braut, die zu jeder Stunde be⸗ reit iſt, ihrem Bräutigam zur ewigen Vereinigung zu folgen!“ Wirklich erkrankte ſie ſchon nach einigen Ta⸗ gen, und folgte bald ihrem Geliebten, meinem Vater, nach! Und dies heilige Kleinod willſt Du mir geben, rief Eva gerührt, o Ralph, wie machſt Du mich ſtolz und“ 10² glücklich, und wie fühle ich mich gehoben und geehrt durch dies Geſchenk, an dem ſo theure Erinnerungen haften! Da haſt Du Recht, ſagte Mutter Anna, die un⸗ bemerkt von ihnen eingetreten war, und den letzten Theil von Ralph's Erzählung gehört hatte, gewiß, da haſt Du Recht, Eva, daß Du Dich geehrt fühlſt von einem ſol⸗ chen Geſchenk. Aber es ſcheint mir, daß Du dieſen koſt⸗ baren Schmuck heute nicht anlegen dürfteſt. Nur an den höchſten und heiligſten Feſttagen haben Ralph's Mutter und Großmutter dieſen Schmuck getragen, und Du willſt ihn heute entweihen, indem Du ihn anlegſt zu einem ganz gewöhnlichen, unbedeutenden Vergnügen, von dem ich überhaupt wünſchte, daß Du es nicht mit⸗ machteſt. m Gönne mir die Freude, Mutter Anna, ſagte Ralph, meine ſchöne Eva zu dieſem Ball zu führen, und an ih⸗ rem Halſe den Schmuck meiner Mutter zu ſehen. Wir find Beide noch zu jung, um nicht Vergnügen zu fin⸗ den an ſolchen Feſten, und wenn man denn ſolche Ge⸗ ſellſchaften beſucht, muß man auch gut und paſſend ge⸗ kleidet ſein. In dieſem Augenblick ward die Thür ungeſtüm auf⸗ geriſſen, und Bonaventura ſtürmte herein. Oh, guten Morgen, guten Morgen, rief er, aber vor allen Dingen, Eva, ſchaffe mir ein gutes Frühſtück, 10³ mich hungert ganz entſetzlich, denn ich habe heute mor⸗ gen noch nichts genoſſen! Und warum nicht, Fritz, fragte Mutter Anna, mich dünkt, es wäre paſſender, Du frühſtückteſt in Deiner ei⸗ genen Wohnung, als daß Du Deinem Schwager im⸗ mer zur Laſt fällſt. Ich weiß, daß es für Ralph eine Freude und keine Laſt iſt, wenn ich ſeine Gaſtfreundſchaft in An⸗ ſpruch nehme, ſagte Bonaventura hochmüthig, und bald wird es mir ſo mit der ganzen Welt gehen. Wenn meine Gedichte erſt verbreitet und bekannt ſind, dann wird jeder Deutſche es ſich zur Ehre rechnen, in mir ſeinen Landsmann, den Dichter Deutſchlands, feiern zu können. Dann werden auch Sie, Frau Mutter, gern aufhören, mich mit dem unwürdigen Namen Fritz zu nennen, denn ein Theil von des gefeierten Bonaventura's Ruhm wird zurückſtrahlen auf das Haupt der Mutter, der Frau, die ihn geboren hat! Ich verſtehe nicht, was Du da redeſt, ſagte Mutter Anna kopfſchüttelnd. Als ich Dich geboren hatte, da betete ich zu Gott, daß er möge einen fleißigen und ar⸗ beitſamen Menſchen aus Dir machen, daß er Dich lehren möge, die Armuth nicht als einen Fluch, ſondern als einen Segen zu betrachten, und daß Du erkennen möch⸗ teſt, wie verächtlich der leere Reichthum und die nichti⸗ gen Güter dieſer Welt ſind. Gott hat mein Gebet nicht er⸗ 104 3 hört; das Geld und die Eitelkeit der Welt hat Dich verlockt, und erſt, wenn es zu ſpät iſt, Fritz, wirſt Du einſehen, daß es beſſer iſt zu arbeiten und im Schweiß feines Angeſichtes ſein Brod zu verdienen, als nach dem zu ſtreben, wozu Deine Geburt Dich nicht beſtimmt hat. Ach, da iſt endlich das Frühſtück! rief Bonaven⸗ tura der eintretenden Eva entgegen, froh, der Unterhal⸗ tung eine andere Wendung geben zu können. Aber ſage mir, Schweſter Eva, was iſt denn das für ein Trauer⸗ anzug, der hier auf dem Sopha liegt? Es iſt Dir doch Niemand geſtorben? Nein, ſagte Eva ſchüchtern, es iſt der Anzug, den ich heute Abend zum Ball anziehen werde. Bonaventura lachte laut. Dieſen Anzug willſt Du zu einem Ball anziehen? Aber Schweſter, ich bitte Dich, das iſt ja ganz unmöglich. Man hat Dich ja nicht zu einem Leichenſchmauſe gebeten, ſondern zu einem fröhlichen Feſte, und da ziemt es ſich einer jungen ſchö⸗ nen Frau nicht in ſolchem düſtern Anzug zu erſcheinen. Ach, ich ſehe wohl, Gva, es iſt nöthig, daß ich Deine Toilette prüfe, wenn man nicht heute Abend über Dich lachen ſoll. Und das, mein Kind, iſt das Uebelſte, was Einem in der Welt geſchehen kann, ausgelacht zu werden. Man verzeiht weit leichter eine ſchlechte That als eine Lächerlichkeit. Da, dieſen Schmuck, Eva, kannſt Du auch nicht tragen, er iſt altmodiſch, aber nicht in 195 der Art, die man unter dem Namen Roccoco wieder in Mode gebracht hat. Die Mode, ſagte Mutter Anna verächtlich. Was kümmert uns die Mode! Laß dieſe den thörichten Reichen und den vornehmen Leuten, die nicht wiſſen, wozu ihnen Gott das ſchöne Leben geſchenkt habe, und die den gan⸗ zen Tag nichts zu thun haben, als auf Thorheiten und Nichtigkeiten zu ſinnen. Uns arme Leute aber, die Gott berufen hat zur Arbeit und Thätigkeit, uns kümmert es wenig, ob unſer Anzug nach der Mode iſt, oder nicht, und wir allein verachten dieſe kleinlichen Dinge der Welt. Daran thut Ihr ſehr Unrecht, ſagte Bonaventura gleichgültig, denn Ihr werdet Euch durch ſolches Be⸗ tragen ſehr lächerlich machen, was mir heute Abend doppelt unangenehm wäre, weil ich Eva's Bruder bin und ein Theil dieſer Lächerlichkeit auf mich zurück fallen würde. Es geht deshalb unmöglich an, daß Eva in dieſem ſchwarzen Kleide und mit dieſem abgeſchmackten Halsband in der Geſellſchaft erſcheint. So werde ich alſo zu Hauſe bleiben müſſen, ſagte Eva wehmüthig, und ihre Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen. Ralph hatte ſie lange ſchon ſchweigend beobachtet, als er jetzt ihren Kummer ſah, und ihre feuchten Au⸗ gen, verließ er ſchnell das Gemach, und kehrte ſogleich 7*ε* 106 mit einer Rolle Geldes zurück, die er in Eva's Hände legte. Da, ſagte er mit einem leiſen Zittern der Stimme, da, meine Eva ſind funfzig Thaler, fahre ſchnell mit Deinem Bruder in irgend einen Laden, und kaufe ein, was Du bedarfſt. Ralph! rief Mutter Anne vorwurfsvoll, während Eva aufjauchzte vor Freude, und Bonaventura zufrieden lachte. Ralph! wiederholte die alte Frau faſt drohend. Er machte ſich los aus Eva's umſchlingenden Armen, und trat zu der alten Frau hin, die ihn mit zürnenden Blicken betrachtete. Mutter Anna, ſagte er feſt, ich will nicht, daß irgend ein Menſch ſich ſchäme, mit meiner Eva in Ge⸗ ſellſchaft zu gehen.. 1 Es iſt gut, ſagte Mutter Anna mit verhaltenem Zorn, und auf Eva einen glühenden, verächtlichen Blick werfend, vor dem dieſe die Augen niederſchlug, verließ ſie ſchnell das Gemach. 3 Gut, daß ſie fort iſt, ſagte Bonaventura, mir iſt immer ſo beklommen in ihrer Nähe. Jetzt aber beeile Dich, Schweſter, wir haben viel zu thun; zuerſt ſchöne Stoffe einzukaufen, und dann ſie zum erſten Schneider zu bringen. Aber wird der noch zu heute Abend ein Kleid machen können? fragte Eva angſtvoll. 107 Bah, wir müſſen ihm ſeine Zeit mit Geld aufwiegen! Geld, Eva, das iſt der Talisman, der Wunderdinge ſchafft und ſelbſt eine Schneiderſeele zur Thatkraft be⸗ geiſtert. Auch müſſen wir noch zum Juwelier fahren, daß er dieſe ſchönen Steine in eine andere Faſſung bringt. Ich denke, es wird gehen, daß er einen Stein von dieſen vielen für mich in eine Nadel faßt. Du biſt doch damit einverſtanden, Schweſter? Auch der Schmuck ſoll geändert werden? fragte Eva nachdenklich, und ihre Augen ſuchten Ralph, der am Fenſter ſtand, und ihr jetzt zunickte mit einem Läͤcheln, von dem Eva nicht ſah, wie ſchmerzvoll es war. O, wie gut und lieb Du biſt, ſagte ſie innig und küßte ihn Abſchied nehmend. Dann verließ ſie mit Bonaventura das Zimmer. Ralph ſchaute vom Fenſter aus ihr nach, wie ſie mit Bonaventura die Straße hinab ging; er hoffte, ſie würde noch einmal zu dem Fenſter empor ſehen, ihn zu grüßen, ihm zuzulächeln. Aber ſie unterhielt ſich ſo angelegentlich mit ihrem Bruder, ſie blickte nicht auf, und Ralph ſeufzte. Er trat vom Fenſter zurück und ging langſam im Zimmer auf und ab. Seine Züge waren ſchmerzlich bewegt, ſeine Lippen zitterten, ein leidenſchaftlicher Ausdruck von Schmerz und Weh zuckte durch ſein Angeſicht. Er war allein, Niemand . ſah ihn jetzt, er durfte nicht fürchten, Jemand wehe zu thun, und ſo überließ er ſich ungehindert den bittern 108 und ſchmerzvollen Empfindungen und Ahnungen, die fort und fort in ſeiner Seele flüſterten, die Sonne ſeines Glückes ſei erloſchen, und die Zukunft werde für ihn nichts ſein, als eine Nacht voll Schmerz und Leid. Ich will arbeiten, arbeiten, ſagte er endlich, ſich emporraffend, und haſtig, als gelte es einem lieben Freunde entgegen zu eilen, ſtieg er hinab in ſeine Werkſtatt. Als der Abend kam, ſtand Eva in geſchmackvollem, modiſchem Anzug vor dem Spiegel, und betrachtete ſich noch einmal mit jenem zufriedenen und triumphirenden Blick, der nur ſchönen Frauen in ſolchen Momenten ei⸗ gen iſt. Sie ſah ſchön aus in dem leichten rothen Florge⸗ wande, unter dem das weiße Atlasgewand hervor leuch⸗ tete. Die Brillanten in ihren Ohren und an ihrem Buſen blitzten nicht köſtlicher als ihre leuchtenden Au⸗ gen, und ihre Wangen waren ſo roſig und zart, wie die Roſen in ihrem Haar. Sie lächelte mit einem glückſe⸗ ligen Lächeln, und ſagte zu Bonaventura, der neben ihr ſtand: o wie wird Ralph ſich freuen, wenn er jetzt kommt. Gewiß, er wird mich ſchön finden. Bah, ſagte dieſer, ſich die Brillantnadel, die für ihn von Eva's Schmuck erübrigt worden, am Buſen⸗ ſtreife befeſtigend, bah, das kann Dir ganz gleichgültig ſein, ob Dein Mann Dich ſchön findet, oder nicht. — 10⁰9 Nichts komiſcheres, als wenn ein Mann gegen ſeine Frau zärtlich iſt, oder ſie von ihm Schmeicheleien verlangt. Das mußt Du Dir abgewöhnen, Schweſter. Aber Recht haſt Du, Du biſt ſchön, und ich denke Du wirſt Eroberun⸗ gen machen heute Abend. Eva ſah ihn mit einem Blick des Schreckens an, und ſagte faſt ſtolz: bedenke, mein Bruder, daß ich eine verheirathete Frau bin, und daß ich als ſolche Achtung verdiene. Als in dieſem Augenblick Ralph ins Zimmer trat, eilte ſie ihm zärtlich entgegen und ſeine Hand faſſend, ſagte ſie innig: Siehe mich an, mein Geliebter! Fin⸗ deſt Du mich ſchön? Ich habe mich geputzt für Dich, und will auch nur ſchön ſein für Dich! CGva, meine theure Eva, rief Ralph mit einem Aus⸗ druck des Glückes, der Eva's Herz beben machte, und nun betrachtete er ſie mit leuchtenden Augen, ſtumm und lächelnd. Eva verſtand dieſe ſtumme Anerkennung ihrer Schönheit, und ſagte lächelnd: ich ſehe, daß Du mit mir zufrieden biſt! Er blickte ſie an, und nickte ihr zu. Aber nun ſah er die blitzenden Brillanten. Der theure Schmuck ſeiner Mutter war zerſtört, nur die Steine waren davon übrig geblieben. Sie leuchteten und ſchimmerten wohl ſchön, aber ſie erfreuten ihn nicht. Das Glück verſchwand aus ſeinen Mienen und er blickte faſt traurig auf den 110 glaͤnzenden Schmuck. Eva verſtand dieſen Blick. Sie ſchlug beſchämt die Augen nieder, und ſtammelte: der Bruder meinte, ich könnte den Schmuck nicht in der al⸗ ten Faſſung tragen, und deshalb— Dein Bruder hat ganz Recht gehabt, um ſo mehr, da bei der alten Faſſung keine Brillantnadel für ihn erübrigt werden konnte, ſagte Ralph, Bonaventura mit einem ſtolzen Blicke meſſend. Sie fangen ja an witzig zu werden, Herr Schwa⸗ ger, ſagte Bonaventura nachläſſig. Aber komm, Eva, es iſt Zeit, der Wagen wartet.— Er bot ihr den Arm, Ralph aber drängte ihn leiſe zurück, und ſeiner Frau den Arm gebend, ſagte er lächelnd, aber mit entſchiedenem Ton: Erlauben Sie, Schwager, daß ich hierin ein wenig altmodiſch bleibe, und es keinem Andern überlaſſe, meine Frau zu führen, ſelbſt nicht dem berühmten Dichter, ihrem Bruder. Muüſſen wir der Mutter Lebewohl ſagen? fragte Eva etwas beklommen, denn ſie fürchtete ihren ſtrafenden, prüfenden Blick. Ja wohl, ſagte Ralph, aber nimm Deinen Shawl etwas feſter zuſammen, beſte Eya, damit Mutter den veründerten Schmuck nicht ſieht. Mutter Anna's Thüre aber war verſchloſſen, und ſie rief ihnen von innen zu: geht nur, geht nur! Ich liege ſchon im Bett und kann nicht mehr öffnen. 111 Sie gingen ſchweigend hinab zum Wagen. Ralph blickte hinauf zu dem Fenſter ſeiner Schwiegermutter, es war noch Licht in ihrem Zimmer, und er flüſterte ſchmerz⸗ voll: ſie iſt noch auf, aber ſie will uns nicht ſehen! Und ſo war es. Mutter Anna ſaß in ihrem Zim⸗ mer und ſpann. In wirbelnden Kreiſen drehte ſich das ſchnurrende Rad, ein Zeichen der leidenſchaftlichen Er⸗ regung der alten Frau, denn wenn ſie ſich aufgeregt oder bewegt fühlte, dann ſchien auch ihr Freund, das Spinnrad, dieſe Erregung zu theilen, und drehte ſich raſcher und raſcher, wie die Finger der Spinnerin in fieberiſcher Haſt den Faden drehten. Nur wenn Mutter Anna recht ſtill war und zufrieden, dann ſpann ſie langſam, und das leiſe Schnurren des Rades ſchien dann die gemüthliche Begleitung ihrer ſtillen Gedanken. Aber heute Abend wollte gar keine Ruhe über ſie kommen. Sie ſchaute mit ahnendem Geiſt in die Zukunft und ſah darin für ihre Kinder viel Trübes und viel ſelbſt⸗ verſchuldetes Leid. Eva iſt eitel, ſagte ſie kopfſchüttelnd, und Ralph iſt zu weich gegen ſie. Und mein Sohn? Ich glaube faſt, ich liebe ihn gar nicht, ſagte ſie ganz laut, und ſpann haſtig weiter. Ich bin nicht eine ſo ſchwache Mutter, daß ich ihn blos lieben ſollte, weil er Blut von meinem Blut iſt. Ich kann ihn nicht lie⸗ ben, wenn er nicht brav iſt und edel; er iſt aber nichts als ein Narr, und ich verachte ihn. Und doch, flüſterte 4. 112 ſie nach einer Pauſe, doch gleicht er ſo ſehr ſeinem Va⸗ ter, doch hat er ganz deſſen Augen. Ach dieſe ſchönen Augen ſeines Vaters! Wie konnten die mir ins Herz hinein blicken, wie konnten ſie mich tröſten und aufrich⸗ ten, wie ſtärkten ſie mich zur Arbeit die ſchönen Augen meines Mannes!— Und bald ſpann Mutter Anna ganz leiſe und langſam, denn die Erinnerungen ihrer Jugend waren über ſie gekommen, ſie gedachte ihres heiß geliebten, immer noch von ihr betrauerten Gatten, und ſie zürnte ſeinen Kindern nun nicht mehr. VIII. In den Geſellſchaftsſälen des Herrn Blitz wogte indeß eine geputzte, glänzende Geſellſchaft auf und ab, den Glanz dieſer Raͤume, die koſtbaren Meubles, die ſchönen Bilder, das reiche Silbergeſchirr mit neugierigen und ſpöttiſchen Blicken betrachtend. Es gab da Grafen und Barone, Militairs von hohem Rang, und wenn Herr Blitz dieſe alle betrachtete, ſo hob ſich ſeine Bruſt höher und er dachte ſtolz: dieſe alle wohnen entweder in meinem Hauſe, oder ſind meine Schuldner, dieſe Alle ſind gewiſſermaßen von mir abhängig. O und wie freundlich waren dieſe Herren, wie vertraulich redeten ſie mit Herrn Blitz, dem ehemaligen Strumpfwirker, wie freundſchaftlich legten ſie, während ſie mit ihm ſprachen, ihre Hand auf ſeine Schulter, und nannten ihn ihren lieben Freund. Wie bewunderten ſie dieſe prächtig decorirten Zimmer und wie ſelig über das Alles war Herr Blitz. Selig! denn er ſah weder das ſpöttiſche Eva. I. Theil. 8 114 Lächeln ſeiner vornehmen Freunde, noch hörte er die hämiſchen Bemerkungen, die ſie einander zuflüſterten, wenn er nicht neben ihnen ſtand. O über dieſe Ariſtokratie des Geldes, ſagte der General von Gerbock zum Major von Wanderberg, der neben ihm in einer Fenſterniſche ſtand. Sie ſind, ich weiß es, ein Philoſoph und ein Liberaler dazu, aber geſtehen Sie, daß unſer ariſtokratiſches Weſen lange nicht ſo verwerflich iſt, als die Ariſtokratie des Geldes. Schauen Sie dieſen aufgebläheten, glückſeligen Menſchen, den Herrn Blitz, an. O ich entſinne mich noch ganz wohl der Zeit, wo ich meine ſeidenen Strümpfe von ihm kaufte, und jetzt nennt er ſich unſern Wirth, und iſt dreiſt genug uns einzuladen. 1 Und wir nennen ihn unſern Freund, ſagte der Major lachend, wir drücken ihm die Hand, und behan⸗ deln ihn wie unſers Gleichen. Warum thun wir das? Um unſers eigenen Vortheils willen. Sie, mein Gene⸗ ral, bewohnen eine prachtvolle Bel Etage ſeines Hauſes, die er Ihnen für zweihundert Thaler wohlfeiler läßt, blos um die Ehre zu haben, Sie ſeinen Miether nennen zu können, und ich habe mir von dem guten Manne einige tauſend Thaler geliehen. Geſtehen Sie, daß wenn wir Ariſtokraten die Ariſtokratie des Geldes zu unſerm Vortheil benutzen wollen, wir es dieſer auch nicht ver⸗ argen dürfen, wenn ſie uns wiederum zu ihrem Vor⸗ 11⁵ theil benutzt und ſich durch uns eine Stellung in der Geſellſchaft zu geben trachter. Ja, ja, die Geſellſchaft, ſagte der General, das iſt eine perfide Schönheit, der wir Alle huldigen, und die uns Alle verderbt. Aber ſehen Sie dort, Major, die Gräfin von Stein. Auch ſie verſchmäht es nicht, in dem Salon des Strumpfwirkers zu erſcheinen, nun dann ſind wir vollkommen gerechtfertigt. Die Gräfin iſt eine geborne Fürſtin von K. und eine der ſtolzeſten Ariſto⸗ kratinnen, zugleich aber eine der größten Verſchwende⸗ rinnen. Ach, ſehen Sie, Sie nähert ſich uns.— Laſſen Sie mich hier einen Augenblick Luft ſchö⸗ pfen, ſagte die Gräfin, zu den Herren tretend, reine ari⸗ ſtokratiſche Luft, es iſt hier zum Erſticken bürgerlich. Geſtehen Sie, Graf, es iſt nichts Komiſcheres, als einen Parvenue, dies Miſchwerk von Borniertheit und Gran⸗ dezza, von Beſcheidenheit und Uebermuth, von knechti⸗ ſcher Ergebenheit und hochfahrendem Stolz. O, es iſt hoch komiſch! Und die Dame lachte ſo herzlich hinter ihrem Fä⸗ cher, daß die beiden Herren unwillkürlich einſtimmen muß⸗ ten. O Sie hätten ſehen ſollen, fuhr die Gräfin lachend fort, mit welcher echten Chevalerie er mir entgegen trat und mir die Hände küßte, die beiden Hände, General, und was für ſüßliche Geſichter er ſchnitt, und wie er mich triumphirend fragte, ob es nicht ganz prachtvoll 8* 116 bei ihm ſei, ob ich ſchon etwas Schöneres geſehen hätte, als dieſe Bilder, dieſe Spiegel, dieſe Meubles. O, es iſt köſtlich! Meine Gnädigſte, Sie ſind unwiderſtehlich, aber ſehen Sie, dort kommt Herr Blitz grade auf uns zu. Laſſen Sie uns ernſthaft ſein. Nun, wie geht es unſerm freundlichen Herrn Wirth? ſagte die Gräfin, Herrn Blitz mit ihrem Fächer näher zu ſich heran winkend. Sie müſſen, wenn Sie Ihre Gäſte anſehen, ſich ſehr glücklich fühlen. Alle bewun⸗ dern Sie und Ihren Reichthum, Alle ſind entzückt von dieſem herrlichen Abend. Ich fühle mich auch unendlich glücklich, gnädigſte Gräſin, ſagte Herr Blitz mit ſtrahlenden Blicken. Ich fühle mich um ſo glücklicher, wenn ich den jetzigen Zu⸗ ſtand meines Glückes mit frühern Tagen vergleiche. O wenn Sie wüßten, wie arm ich war, als ich nach Ber⸗ lin kam! Wie arm! Ich hatte keinen Ort, mein Haupt hinzulegen, ich wußte nicht, wovon ich leben, wovon ich mich kleiden ſollte. Ich war ein Bettler! Und jetzt, ſehen Sie dieſe koſtbaren Meubles, dieſe ſchweren ſeidenen Vor⸗ hänge, dieſe Gemälde mit den prachtvollen Goldrahmen, dies Silberzeug, dieſe Kronleuchter, das Alles iſt mein, gehört mir, ich kann es bezahlen, kann den ganzen Lu⸗ rus beſtreiten, und doch, wie Sie wiſſen, noch Geld aus⸗ leihen. 117 Il est affreux, flüſterte die Gräfin erröthend vor Unmuth, während der Major ſich ſtirnrunzelnd ab⸗ wandte. Herr Blitz, ohne zu ahnen, daß er verletzt habe, fuhr fort: ja, ich bin glücklich, und bald werde ich es noch mehr ſein, denn Sie müſſen wiſſen, daß ich die größte Hoffnung habe, einen Titel, ja vielleicht ſogar einen Orden zu bekommen. Und worauf beruht Ihre Hoffnung? fragte der General, ironiſch lächelnd. Das will ich Ihnen ſagen, fuhr Herr Blitz ver⸗ traulich fort. Ich habe mich an mehrere Fürſten mit meiner Bitte gewandt an Fürſten, die mir perſönlich ver⸗ pflichtet ſind; ich habe Sie an dieſe Verpflichtungen er⸗ innert, und als einzige Belohnung um einen Titel oder Orden gebeten. Und worin beſtehen die Verpflichtungen dieſer Für⸗ ſten gegen Sie? Das ſchreibt ſich noch von frühern Zeiten her, ſagte Herr Blitz geheimnißvoll. Im Vertrauen geſagt, noch aus der Zeit, als ich Strumpfwirker war. Dem Für⸗ ſten von K. habe ich damals ein paar ſeidene Strümpfe gewoben, die ein wahres Meiſterwerk waren, nämlich die Kunſt beſtand darin, daß ich in den Strumpf gleich ein paar ſchöne volle Waden eingewebt hatte, ſo daß der Fürſt gar keiner läſtigen Wattirung mehr bedurfte, ſon⸗ . 5* 118 dern nur dieſe Strümpfe anzuziehen hatte. Dem Für⸗ ſten von R. aber ließ ich eine Schlafmütze weben, die ſo elaſtiſcher Art war, daß ſie feſt an den Kopf anſchloß, er mochte ſie mit oder ohne Perrücke tragen. Für ſolche Meiſterſtücke glaube ich mit Recht auf Orden und Titel Anſprüche machen zu können, und zweifle gar nicht, daß mir beide hohe Herren hierin gern gefällig ſein werden. Die Gräfin lachte laut, und warf einen komiſch wehmüthigen Blick auf die mit Orden behangene Bruſt des Generals, der nur mit Mühe ſeinen Unwillen zurück⸗ hielt. Sie haben Recht, lieber Blitz, ſagte ſie, die Erfindung eines wattirten Strumpfes und einer elaſti⸗ ſchen Schlafmütze, wird am beſten mit einem Orden be⸗ lohnt. Ein Titel wäre mir lieber, denn ſehen Sie, meine Gnädige, es klingt gar ſo gemein, Herr Blitz. Ja, da haben Sie Recht, vollkommen Recht, ſagte der General. Denken Sie, fuhr Herr Blitz freudeſtrahlend fort, denken Sie, wie herrlich es klingen würde, Herr Hof⸗ rath Blitz. O, an dem Tage, wo ich einen Titel be⸗ komme, will ich Ihnen Dreien, Ihnen, meinen theuer⸗ ſten beſten Freunden, einen Gefallen erzeigen, ja, gnädige Gräfin, an dem Tage, wo Sie mich zuerſt Herr Hofrath nen⸗ nen, können Sie eine Summe fordern, ſo groß ſie im⸗ 119 mer ſei, ich leihe ſie Ihnen, und wäre ſie noch ein⸗ mal ſo groß, als die, welche— Aber mein Gott, rief die Gräfin erröthend und ihn unterbrechend, wie ſeltſam, ein Briefträger kommt in Ih⸗ ren Salon. Was, ein Briefträger, rief Herr Blitz mit dem An⸗ ſchein der Entrüſtung und auf denſelben zuſchreitend, fragte er dieſen barſch nach ſeinem Begehr. Es war Karl, der die von Berrn Blitz ihm gege⸗ benen Briefe brachte; während er ſein Eintreten damit entſchuldigte, daß auf allen Briefen ſtände:„nur an ihn ſelbſt abzugeben,“ er alſo hätte darnach handeln müſſen, ſuchten ſeine Augen Sophie, aber vergeblich. Er begeg⸗ nete nur ſpöttiſchen lächelnden Geſichtern, die mit dem Ausdruck des Stolzes und der Verachtung auf ihn ge⸗ richtet waren, Sophien's holdes ſchönes Angeſicht war nirgend zu ſehen, und traurig entfernte er ſich. Ja, ja, meine Herren, ſagte Herr Blitz, die Briefe einen nach dem andern entfaltend und mit einer Ruhe leſend, als ſei er ganz allein in ſeinem Arbeitszimmer, ja, ſo geht es uns reichen Leuten. Wir werden über⸗ häuft mit Briefen und Bittſchriften. Da iſt Einer, den ſoll ich ſtudiren laſſen, ein Anderer, ein Maler, wünſcht Geld zu einer Reiſe nach Italien, ein großer Virtuoſe bittet um die Erlaubniß, einmal in einer meiner Soireen ſpielen zu dürfen. Nun wir werden ja ſehen. Ich 120 werde dieſe Talente prüfen, und finde ich ſie der Beach⸗ tung werth, ſo werde ich ſie unterſtützen. Während dies in dem einen Salon vorging, hatte ſich in dem andern ein dichter Kreis um Bonaventura gebildet, der mit herrlicher, volltönender Stimme einige neugriechiſche Freiheitslieder nach einer, wie er ſagte, von ihm verfaßten, Ueberſetzung ſang und ſich ſelbſt dazu am Piano begleitete. Sophie ſtand hinter ſeinem Stuhl und lauſchte den Prechn Geſang mit entzücktem Lä⸗ cheln und mit Bk en, in denen ihre ganze Seele lag. Etwas ſeitwärts ſaß Eva. Ihre Aufmerkſamkeit war getheilt zwiſchen ihrem Bruder und dem ſchönen jungen Manne, der an ihrer Seite ſaß, und zu ihr ſprach mit einem Feuer der Beredtſamkeit, wie ſie es nie zuvor ge⸗ hört. Was ſprach er? Sie wußte es kaum, es klang ihr nur wie himmliſche Muſik vor den Ohren, und glän⸗ zende, lockende, entzückende Bilder rauſchten an ihr vor⸗ über. Zuweilen citirte er die Worte irgend eines fran⸗ zöſiſchen oder engliſchen Dichters, dann war es, als durch⸗ zucke es Eva's Bruſt mit einem tiefen Weh und ſie ſeufzte ſchmerzvoll. Der junge Mann lächelte befriedigt bei ſolchen Seufzern, denn er glaubte ſich verſtanden, er glaubte, die glühenden Worte des Dichters ſchwellten die Bruſt des ſchönen jungen Weibes und machten ſie ſeuf⸗ zen in beklemmender Wonne. Zuweilen auch war er in⸗ nerlich erſtaunt, daß ſie dieſe glühenden Verſe, die er auf 121 ſeine Gefühle für ſie gern anwenden wollte, ſo lächelnd und freudig, ohne beleidigt und verletzt zu ſein, aufnahm, und er geſtand ſich, daß er hier eine ſchnelle Eroberung gemacht, und daß man bei dieſer jungen ſchönen Frau viel wagen könnte. Eva aber ſeufzte nur, weil ſie die fremde Sprache nicht verſtand, und weil ſie ſich ihrer Unwiſſenheit ſchämte, und ſie war nur ſo unbefangen, weil ſie eben gar nicht wußte, was der junge Mann ſo kühn geſprochen. Doch ſagte ſie, als er ſie endlich fragte, ob ſie häufig das franzöſiſche Theater beſuche, erröthend Ja, und als er ſie fragte, ob ſie ſchon das ſchöne Drama Mademoiselle de Belle Isle geſehen, ſagte ſie wieder Ja, ohne zu ahnen, daß der junge Mann ſie da nach einem recht leichtfertigen und ſchlüpfrigen Machwerk der Fran⸗ zoſen gefragt. Eva war in dieſem Fall ganz unſchuldig, weil ſie unwiſſend war, ſie war nur ſo glücklich, darum lächelte ſie. Auch war ſie innerlich ganz ſtolz darauf, daß ein ſo vornehmer Herr aus der Geſellſchaft, wie ihr Nachbar, ein Herr von Sendeck, war, ſie ſchön fand, und das Gefühl ihrer Schönheit durchleuchtete ihr ganzes Weſen und machte ſie noch ſchöner.— Ralph aber ſtand verlegen und ſchweigend in einer Fenſterecke. Er fühlte ſich ſelbſt befangen; unter all' dieſen lächelnden, gewandten, unbefangenen Menſchen, die alle ſo vertrau⸗ lich mit einander ſchwatzten, vielleicht ohne ſich zu kennen, ward ihm ganz bange und wehmüthig, und ſelbſt der 8* 12² Muth zu ſprechen, oder zu gehen, verging ihm. Er fühlte ſich ſo gedemüthigt und klein, ſo linkiſch und un⸗ beholfen, und ein unendliches Gefühl der Oede und des Allein ſeins überkam ihn inmitten dieſer großen Geſell⸗ ſchaft. Gern wäre er neben Eva geweſen, aber es fehlte ihm ſchon der Muth, durch den Kreis der Herren und Damen ſich Bahn zu machen, um zu ihr zu gelangen, und ſo blieb er in der fernen Fenſterniſche ſtehen, und ſchaute nur zu ihr hinüber, und freute ſich ihrer un⸗ befangenen Heiterkeit, und ſeufzte doch über die lächeln⸗ den Blicke, die ſie ihrem Nachbar zuwarf.— Bonaven⸗ tura aber war heute in ſeiner hinreißendſten, beſten Stimmung. Er hatte ſich vorgenommen, liebenswürdig zu ſein, und er war es. Er öffnete alle Schleuſen ſei⸗ nes Geiſtes und ließ deſſen Inhalt ausſprudeln, daß es ſchien, als ſei es ein nie zu erſchöpfender Born. Er machte die Ernſthaften lachen durch ſeine pikanten Witze, und entlockte den Heiteren Seufzer der Wehmuth durch die Schilderungen trauriger Scenen und Bilder, denen er auf ſeinen Reiſen begegnet. Er ſprach mit be⸗ geiſterten Worten von der großen Freiheit der Völker, die am Horizonte heraufdämmere, und nannte ſich ſelbſt einen Prieſter, der dieſe Sonne mit viel tauſend andern begeiſterten Prieſtern herauf beſchwören helfe. Auch ſagte er, daß ſie Alle, dieſe jungen Prieſter, bereit ſeien für ihren Glauben, welches die Freiheit ſei, Märtyrer zu 123 werden und zu leiden; er ſprach mit Begeiſterung und Feuer, mit blitzenden Augen und gerötheten Wangen. Er ſprach ſo ſchön, man hörte ihm ſo gern zu, er hörte ſich ſelber mit wirklichem Entzücken, die Damen lächel⸗ ten mit ihrem holdeſten Lächeln dem jungen, begeiſterten Freiheitskämpfer, in Sophien's Augen aber glänzten Thränen, und Bonaventura ſah das, und wußte nun ganz, was er zu thun habe, dieſe, die Schweſter des reichen Herrn Blitz, zu gewinnen. Er ſprach von ſeinen Gedichten, und jetzt bat man ihn von dieſen einige vor⸗ zutragen. Er ſagte geheimnißvoll, die Polizei habe ſchon ein Auge auf ihn, und man ſei faſt nirgends ſicher vor Spionen; auch vermuthe er, daß ſeine Gedichte jetzt ſchon in Sachſen verboten ſeien. Natürlich bat man ihn nun noch dringender, ſie zu leſen, denn nichts reizt die Neugierde mehr, als ein Verbot. Bonaventura machte den Vortrag ſeiner Gedichte abhängig von Sophieen, und als ſie ihn dann erröthend und ſchüchtern gebeten, zu leſen, las er, obwohl, wie es ſchien, nur gezwungen, nur nachgebend. In ſeinen Gedichten war viel die Rede von Freiheit und Conſtitution, von Tyrannen, die geſtürzt, und von Völkern, die erhöht werden ſollten. Die jun⸗ gen liberalen Dichter wurden Vorkämpfer der Freiheit, Helden des Vaterlandes genannt; das letzte Gedicht aber, was er las, ſchloß mit folgenden Verſen: 124 „Eine Glorie iſt uns ums Haupt gewoben, „Es iſt die Glorie der Freiheit! „Wenn Alles einſt iſt erloſchen, zerſtoben, „Uns bleibt noch die heilige Dreiheit: „Der köſtliche Muth, der begeiſtert uns hat „Zu ſtehen zuvörderſt im Streite, „Zu eilen raſtlos von Stadt zu Stadt, „Die Freiheit in unſerm Geleite. „Der Ruhm, der uns zu den Sternen erhebt, „Das Märtyrerthum unſ'rer Leiden, „Die Unſterblichkeit, die unſern Namen umſchwebt, „Uns ſchaffet hoch himmliſche Freuden! „Drum kämpfet und ſingt, und ſinget und kämpft, „Voran mit dem Liede zum Kampfe, „Und ob auch Polizia die Rede uns dämpft, „Feſt ſtehn wir im Pulverdampfe.“ Ein brauſender Beifallsſturm belohnte den Dichter, und Alles drängte ſich um ihn, denn in Geſellſchaft prunkt Jeder gern mit ſeinem Liberalismus, der gewiſſermaßen ein moderner Schmuck geworden iſt, den zu tragen zum guten Ton gehört, den man aber veräͤchtlich bei Seite werfen wird, wenn eine andere Mode, vielleicht der Ser⸗ vilismus, ihn verdrängt. Bonaventura war der Lion des Abends und er wußte dieſe Rolle mit Glück und Geſchick zu ſpielen. Bei Tafel, wo er neben Sophieen ſaß, brachte er frei⸗ ſinnige Toaſte aus, die um ſo enthuſiaſtiſcher aufgenom⸗ men wurden, je mehr man ſich wunderte, daß ſo etwas 125 in der Hauptſtadt Preußens, in Berlin, vorkommen könnte. Als die Geſellſchaft beendet war und Bonaventura ſpäͤt in der Nacht heim kehrte, ſagte er zufrieden zu ſich ſel⸗ ber: jetzt iſt es gut, ich werde der Held des Tages wer⸗ den, und der Gatte der reichen und ſchönen Sophie Blitz. Herr Blitz hatte bei Tafel neben der Gräfin von Stein, der gebornen Fürſtin K., geſeſſen, und bot ihr nach aufgehobener Tafel den Arm, indem er dabei zufrieden lächelnd ſagte: ſo macht man es ja jetzt in den vorneh⸗ men Geſellſchaften, man führt ſeine Dame zu ihrem Platz zurück. Ja wohl, mein lieber Herr Hofrath, ſagte die Dame ſchalkhaft lächelnd. Wie, wäre es möglich, rief Herr Blitz entzückt, Sie wüßten vielleicht ſchon— Daß Sie mir tauſend Thaler leihen wollten, wenn ich Sie das erſte Mal Herr Hofrath genannt hätte. Ach, ich verſtehe, lachte Herr Blitz; nun wohlan, Gnädigſte, morgen früh ſtehe ich zu Ihrem Befehl, wenn Sie mir dafür geloben, den Winter hindurch niemals in meinen Soireen zu fehlen. Die Gräfin verſprach es, denn ſie bedurfte Geld. IX. Als Eva am andern Morgen erwachte, war es ihr, als ſei der geſtrige Abend nur ein Traum, eine himm⸗ liſche Erſcheinung geweſen. Sie fragte ſich, ob ſie das wirklich Alles erlebt, ob ſie all' dieſen Glanz und dieſe Pracht wirklich erſchaut, aber mitten in ihren Zweifeln meinte ſie plötzlich wieder jene ſchöne, halb flüſternde Stimme ihres Nachbars vom geſtrigen Abend zu hören, und mit dem Erröthen eines jungen Mädchens, mit hoch pochendem Herzen warf ſie ſich in die Kiſſen zurück. Die berauſchendſten und entzückendſten Träume ſind ſolche, die man mit offenen Augen träumt, wo man, mitten in der wachen Wirklichkeit die Geſtalten des Traumes zu ſich herüber zieht und ſie zu Wirklichkeiten macht. So träumte Eva mit pochendem Herzen, mit glühenden Wan⸗ gen und ſtrahlendem Blick. Sie träumte von all' den 8 melodiſchen und ſchönen Worten, die ihr Herr von Sen⸗ deck geſagt, und dieſe Worte, die geſtern ihr wie ein un⸗ 127 verſtandener holder Geſang geweſen, tönten doch heute ganz deutlich und verſtändlich in ihrem Herzen und machten ſie erbeben. Eva war ſo jung und es war ihr noch ſo neu die Sprache der feinern, abgeſchliffenern Welt zu hören. Auch iſt es etwas Perfides um die Sprache unſerer Salons, wo die heiligſten und herrlich⸗ ſten Worte gemißbraucht werden zur hohlen Phraſe, und wie kleine neckende Teufelchen herum ſpringen, wie ge⸗ fallene Engel, die einſt bei Gott waren. Eva kannte noch nicht einmal das Wort Phraſe, wie konnte ſie alſo wiſſen, daß Victor von Sendeck in unſern geſellſchaftli⸗ chen Phraſen zu ihr geſprochen. Er hatte ihr geſagt, daß ſie ſchön ſei; das hatte ihr Nalph ſchon oft geſagt, aber nimmer hatte ſeine Stimme dabei jenen das Herz durchſchauernden, leiſen vibrirenden Ton gehabt, wie die leiſe geflüſterten Worte des jungen Herrn von Sendeck. Er hatte ihr auch geſugt, ſie werde eine Zierde der höhern Geſellſchaft ſein. Als ſie ſich dieſer Worte erinnerte, war es, als ſchlüge plötzlich ein leuchtender Funke in ihr Herz und entzünde ihr ganzes Weſen. Und das will ich auch ſein, ſagte ſie ganz laut, und erhob ſich eilends von ihrem Lager, als gelte es, ſogleich eine That zu thun und ein beſchloſſenes Werk zu vollbringen. Wie hatte eine Nacht die Züge der jungen Frau geändert und den ganzen Ausdruck ihres Weſens umgewandelt! Etwas Feſtes, Beſtimmtes ſprach aus ihrem Antlitz, 128 und ihre Augen blitzten ſtolz und feſt; nichts mehr von jenem Weichen, Maͤdchenhaften, nichts mehr von jenem ſanften, ſchwimmenden Blick, Alles war ſicher und be⸗ ſtimmt in ihrem Weſen. Der geſtrige Abend war über ſie gekommen, wie ein Sturmwind, und hatte alle Dek⸗ ken und Hüllen weggeriſſen von dieſem Frauenherzen, um das ans Tageslicht zu fördern, was bis dahin tief und verborgen in dieſem Herzen geſchlummert, und jetzt vielleicht zu ihrem eigenen Verderben, vielleicht zu ihrem Heil, erwacht war, nämlich der Ehrgeiz. Für eine Frau i*ſt es aber meiſtens ein Unglück, wenn ſie in ihrer Seele dieſes raſtloſe, nimmer ermattende, ewig brennende, ewig ſchmerzende, und nie zu befriedigende Feuer des Ehrgei⸗ zes trägt; wenn dieſe, dem Manne beſtimmte Gabe, die⸗ ſer Genius aller großen Thaten, ſich einmal in eine Frauen⸗ ſeele verirrt hat, ſo wird ſie leiden und ſterben müſſen an den Zuflüſterungen dieſes Genius, der für ſie nichts iſt als ein Dämon, welcher ihr täglich tantaliſche Qua⸗ len bereitet. Was ſoll den Weibern der Ehrgeiz! Wir haben in unſern Staatseinrichtungen keine einzige Sproſſe, keine einzige Stufe, zu der das Weib emporklimmen könnte oder dürfte, kein einziges, öffentliches Ziel, zu dem das Weib ihre Arme emporſtrecken und rufen könnte: ich will Dich erreichen, Du ſollſt mich verklären und meinen Namen erheben! Iſt doch nach dem Ausſpruch eines großen deutſchen Dichters das die beſte Frau, von 129 der Niemand ſpricht! Arme deutſche Frauen, deren ein⸗ ziger Ehrgeiz ſein ſoll, ungenannt und ungekannt an der Feſſel harter Nothwendigkeit und Pflicht durch das Le⸗ ben zu gehen, oder indem Ihr Euch frei macht, die ganze Welt im Kampf gegen Euch zu ſehen; der Neid, die Er⸗ bitterung, im Kampf gegen Eure Begeiſterung und Gluth!— Eva war ehrgeizig, ſie fühlte in ſich dies mächtige Drängen und Wogen einer vorwärts ſtrebenden, verlan⸗ genden Seele; ſie fühlte ihre Seele die Schwingen re⸗ gen und gegen ihre Bruſt ſchlagen mit der Sehnſucht nach Freiheit, und ſie wußte nicht, wohin ſich retten mit all' dieſen neuen und ſtürmiſchen Gefühlen, die wie eine zerſtörende Woge über ihr Herz hingefahren waren, um Alles zu zerſtören, was bis jetzt darin angebaut worden. Aber auch etwas Gutes hatte dieſer kaum erwachte Ehr⸗ geiz ſchon in ihr bewirkt; ſie gedachte jetzt ohne Errö⸗ then, ohne Herzklopfen des ſchönen Victor von Sendeck, ſie hatte alle ſeine Worte vergeſſen, alle ſeine ſchönen Phraſen, ſie erinnerte ſich nur, daß er geſagt hatte, ſie würde eine Zierde der Geſellſchaft ſein, und ihr Ehrgeiz, dem es verſagt war, nach dem Größern und Höhern zu ſtreben, ſtürzte ſich nun auf das Nichtige und Kleine; da ihm die Welt verſagt war, wollte er ſich mindeſtens die Geſellſchaft erobern. Eva kleidete ſich heute mit mehr Sorgfalt, als ge⸗ Eva. I. Theil. 9 130 wöhnlich, dann trat ſie zum Spiegel, und ordnete ihr ſchönes Haar, und freute ſich ſelbſt, daß es ſo weich und ſchön, und wie nun ihr ganzer Anzug vollendet, trat ſie zum Fenſter und öffnete es. Sogleich öffnete ſich auch drüben am gegenüberſtehenden Hauſe ein Fenſter; eine Dame zeigte ſich gleichfalls an demſelben und grüßte Eva mit freundlichem Nicken. Dies große Haus da drüben gehörte gleichfalls Ralph; er hatte es aber vor⸗ gezogen, in dem kleinen einſtöckigen Hauſe, wo er allein ſein konnte, zu bleiben, und jenes in mehreren Abtheilun⸗ gen zu vermiethen. Auch Bonaventura hatte da drüben ein Zimmer bezogen, und jene Dame, die Eva eben ge⸗ grüßt, war eine von Ralph's Miethern, die Gräfin Jelſa. Schon ſeit mehreren Tagen war ſie regelmäßig am Fen⸗ ſter erſchienen, ſo oft Eva ſich an dem ihren zeigte, und hatte ſie freundlich gegrüßt; und geſtern, als ſie ihre Magd mit irgend einer Beſtellung an Ralph, ihren Haus⸗ wirth, geſandt, hatte ſie ſogar fragen laſſen, ob denn des Herrn Ralph's ſchöne Frau ihr gar keinen Beſuch ma⸗ chen werde, wie das doch ſonſt Mode ſei unter Wirthen und Miethern. Ralph, ſagte Eva haſtig zu ihrem Manne, der ſo eben in's Zimmer trat, Ralph, ich will der Frau Grä⸗ fin Jelſa heute einmal meinen Beſuch machen. Ralph ſah ſie erſtaunt an; das Feſte, Entſchloſſene in ihrer Art zu ſprechen fiel ihm auf, aber er ſagte 1 131 ſanft: und das ſagſt Du mir, bevor Du mir noch einen Guten Morgen gewünſcht? Als er ſie ſo zärtlich und mild zugleich anblickte, fühlte ſie ſich wieder ganz Weib, ihr Herz erwärmte ſich und ſie ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, ihn mit holden Worten grüßend und ihn innig umarmend. Dann gin⸗ gen ſie zuſammen zu Mutter Anna, die ſie freundlich empfing, aber mit keiner Sylbe des geſtrigen Abends ge⸗ dachte. Als ſie wieder in Eva's Zimmer kamen und ihr Frühſtück eingenommen, bei dem Ralph ungewöhnlich geſprächig und heiter geweſen, vielleicht um ſie ihres vor⸗ her ausgeſprochenen Wunſches vergeſſen zu laſſen, ſagte Eva plötzlich: gehſt Du mit mir zur Gräfin Jelſa? Es iſt alſo wirklich Dein Ernſt, ihr einen Beſuch zu machen? fragte Ralph. Gewiß, ſagte ſie beſtimmt, ich finde es ſogar un⸗ ſchicklich, daß ich es nicht ſchon früher gethan. Aber bedenke, beſte Eva, bat Ralph freundlich und mild, bedenke, wohin das führen ſoll, und ob Dir eine wirkliche Freude daraus erwachſen kann. Die Gräfin Jelſa iſt eine, wenn auch arme, doch ſehr ſtolze und vor⸗ nehme Frau; wir ſind einfache Bürgers⸗ und Hand⸗ werksleute, wie kann denn da von Beſuchen die Rede ſein. Und warum ſind wir denn ſo einfache Bürgersleute? fragte Eva etwas gereizt, und warf den Kopf zurück. 9* 132 Iſt doch Herr Blitz auch nichts weiter als ein einfacher Bürger und Handwerksmann geweſen, und doch beſuchen ihn jetzt Grafen und Barone; warum ſollten wir es nicht eben ſo machen können? 8 Ralph ſah ſie einen Augenblick verwundert und fragend an, dann ſagte er ruhig: Herr Blitz iſt auch ein ſehr reicher Mann, und die vornehmen Herren haben über ſeinem Gelde vielleicht vergeſſen, was er früher war. Aber wir, ſind wir denn nicht auch reich? fragte Eva faſt heftig? Ralph ſagte nach einer Pauſe: wir ſind es, ſo lange wir fleißig und arbeitſam ſind, ſo lange wir unſer Ca⸗ pital in den Werkſtätten benutzen und es ſo dreifache Zinſen tragen laſſen. Wir ſind reich, ſo lange wir ein⸗ fache Handwerker ſind und dem gemäß leben; ſo lange wir die Arbeit als unſere Stütze und unſern Halt be⸗ trachten, ja, ſo lange ich durch ſorgfältige Beauf⸗ ſichtigung meiner Leute gewiß bin, meinen Kunden gute, untadelhafte Waare zu liefern und mir ſo ihr Vertrauen zu erhalten. Wäre dies aber nicht der Fall, verließen wir die Arbeit, und wollten ein unthätiges, üp⸗ piges Leben führen, wie Herr Blitz zum Beiſpiel, ſo wür⸗ den wir arm ſein inmitten des Reichthums unſerer Zim⸗ mer und unſerer Kleidung, denn unſer Capital iſt nicht 133 bedeutend genug, um in ſo vornehmer Weiſe davon le⸗ ben zu können. Eva wandte ſich faſt verächtlich von ihm, und ver⸗ barg ihr Angeſicht in den Kiſſen des Sopha's. Ralph aber faßte ihre Hand und fuhr ruhig, aber beſtimmt fort: laß uns, beſte Eva, heute einmal uns über dieſen Punkt vollſtändig ausſprechen. Ich fühle, daß dies nöthig iſt, und wenn ich Dir dadurch eine unangenehme Stunde bereite, ſo verzeihe mir um meiner Liebe willen. Willſt Du mich anhören? Sie ſagte ein halb unwilliges Ja; Ralph drückte ihr, wie dankend, die Hand und ſagte dann nach einer Pauſe: es iſt ſeit einiger Zeit eine Veränderung in Dei⸗ nem Innern vorgegangen, theuerſte Eva, und ſo herrlich und gut Dein Herz iſt, hat es doch nicht ganz den Zu⸗ flüſterungen und Verlockungen der eitlen Welt wider⸗ ſtehen können. Du biſt nicht mehr zufrieden mit dem, was ich Dir bieten kann, und wenn ich auch hoffe, daß Du mich genug liebſt, um Dich meiner nicht zu ſchämen, ſo ſchämſt Du Dich doch unſeres beſcheidenen Namens und haſt es Deinen Leuten unterſagt, Dich, wie das bisher geſchehen, Frau Meiſterin zu nennen. Meine Geſellen haben es mir mit Thränen in den Augen ge⸗ klagt, und ich habe ſie zu tröſten geſucht. Das alles ſind kleine, augenblickliche Kränklichkeiten Deines Gemü⸗ thes, und werden ſchnell vorüber gehen, denn ſie ſind 134 durch einen Irrthum entſtanden. In unſerer Zeit, wo die Induſtrie ein ſo mächtiges Triebrad aller Bewegun⸗ gen geworden, iſt es auch keine Schande ihr zu dienen und ihr alle Kräſte ſeines Lebens zu weihen. Die In⸗ duſtrie hat einen höhern, einen geiſtigern Inhalt gewon⸗ nen, und wenn ich die neu erfundenen kunſtvollen Ma⸗ ſchinen anfertige und zuſammenſetze, ſo erfaßt mich oft eine heilige Ehrfurcht vor dem Menſchengeiſt, der das Alles erſonnen und erdacht. Die Induſtriellen ſind eine Stütze des Staats geworden, und wenn wir uns eines langen Friedens erfreuen, wenn keine Revolutionen zu Stande kommen können, ſo iſt dies zunächſt das Ver⸗ dienſt der Induſtrie, welche die beſtehenden Verhltniſſe ſo geſättigt und gefeſtigt hat, daß eine lange Andauer des Beſtehenden grade der Wunſch des Bürgers iſt, und er Vieles duldet und trägt, nur um die Ruhe und das Beſtehende zu erhalten. Und weil Dein armer Mann alſo, meine Eva, ein kleines Glied iſt in dieſer Gemein⸗ ſchaft der Induſtrie, ſo darfſt Du Dich ſeiner nicht ſchä⸗ men.— Das thue ich auch nicht, gewiß nicht, unterbrach ihn Eva lebhaft. Sie hatte ſich ſchon längſt aufgerich⸗ tet, und hörte Ralph, den ſie nie ſo ernſt, klar und be⸗ ſtimmt hatte ſprechen hören, aufmerkſam an. Nie, nie⸗ mals, fuhr ſie fort, ſchäme ich mich Deiner, mein ge⸗ liebter, mein theurer Ralph, und wenn ich dennoch wünſche 135 wir möchten reiche, vornehme Leute ſein, ſo geſchieht es, ſo iſt es, weil— Weil meine Eva eine ſo ſchöne Frau iſt, daß ſie eigentlich viel zu prächtig iſt für einen armen Bürger, ſagte Ralph, Eva an ſich ziehend und umarmend. Aber höre mich zu Ende, fuhr er dann, wieder ernſt werdend, fort. Ich ſagte Dir vorher, daß wir zu unſerm Wohl⸗ ſtande der Arbeit und Thätigkeit bedürften. Aber wenn Du, meine Geliebteſte, die Zerſtreuungen der Welt liebſt und mich an Deine Seite rufſt, um ſie zu genießen, ſo wird dieſer Ruf nimmer von mir überhört werden, und nim⸗ mer werde ich fern von Dir ſein, wenn Du mich in Deiner Nähe wünſcheſt. Die Arbeit, die durch mein ganzes Leben bis jetzt meine alleinige Tröſterin und Freundin war, wird Dir, meiner Geliebten, weichen, wenn Du mich von ihr rufſt, denn ich werde nicht Kraft ge⸗ nug haben, einem Blick Deiner Augen, einem Wunſche Deines holden Mundes zu widerſtehen. Siehſt Du, Eva, das iſt die Gewalt, die Du über mich haſt. Du kannſt aus mir machen, was Du willſt, und wie von Dir allein mir alles Glück, ſo kann auch von Dir allein mir alles Unglück kommen. Denn in Dir allein wurzelt fortan mein ganzes Daſein, und Alles, was ich bin und habe, das iſt Dein, wie ich ſelbſt mit jedem Athemzug, mit jedem Gedanken Dein bin. Darum, meine Eva, bei dieſer Gewalt, die Du über mich haſt, flehe ich zu Dir 136 wolle nicht, daß ich mehr ſei, als was ich bin, wolle nicht hinaus über unſere Verhältniſſe, laß uns genüg⸗ ſam ſein und zufrieden, und nicht ſtreben nach dem, was Schickſal und Geburt uns verſagt hat. O, laß uns, eingefriedigt in die ſtillen und genußvollen Schatten des Daſeins, nicht nach dem blendenden, hellen und ver⸗ ſengenden Sonnenſchein des Lebens ſtreben. Wie Ralph ſo ſprach, drückte er Eva faſt ängſtlich an ſein Herz, als fürchte er, die Welt komme ſchon, ihm dieſes Kleinod ſeines Daſeins zu entreißen. Eva aber ſagte gerührt: Du haſt Recht, mein Ralph, laß uns zufrieden und Gott dankbar für unſer Glück ſein. Habe nur Nachſicht mit mir, und denke, daß ich Dich über Alles liebe, und daß ich niemals etwas Anderes wollen kann, als Dein Glück und Deine Zufriedenheit. Durch Dich bin ich ja Alles, was ich bin, und Du allein ſollſt mich bilden zu einer Gattin, wie ſie Deiner würdig iſt.— Eva ſagte das ſo tief empfunden, ſo wahr, daß Ralph, außer ſich vor Glück, ihre Hände an ſeine Lippen drückte und ſie mit Küſſen bedeckte; auch glaubte Eva ſelbſt an ihre Worte und an die Beſtündigkeit des eben gefaßten Entſchluſſes; ganz freudig und beſtimmt fuhr ſie fort: Auch verſpreche ich Dir, der Gräfin Jelſa keinen Beſuch zu machen, denn Du haſt ganz Recht, es kann für mich keine wahre Freude daraus erwachſen. Ralph küßte ſie entzückt und nannte ſie mit den † 137 ſüßeſten Namen. Nun laß uns wieder heiter ſein, ſagte er, und niemals, das gelobe ich Dir, wollen wir wieder von dieſen Dingen ſprechen. Und ſie waren heiter wie die Kinder, und lachten und ſcherzten, wie lange nicht. Jetzt aber, ſagte Ralph aufſtehend, jetzt lebe wohl, ich muß hinunter in die Werkſtatt. Ich habe heute eine ſehr künſtliche Maſchine zuſammen zu ſetzen.— Laß ſie mich ſehen, wenn ſie fertig iſt, bat Eva.— Ralph ſagte ganz beglückt über dieſe Bitte: ſobald ich damit zu Stande bin, hole ich Dich und Mutter Anna. Und Du, meine Eva, womit willſt Du Dich beſchäftigen? Mein Schreiblehrer kommt heute, ſagte ſie erröthend, und da will ich mich üben. Aber Ralph, ich habe noch eine Bitte, fuhr ſie ſchmeichelnd fort. Sieh, Du willſt nicht, daß ich ſelber die Küche beſorge, oder ſonſt ſchwe⸗ rere häusliche Geſchäfte, Du hältſt mich wie eine Prin⸗ zeſſin. Ich ſitze hier oben in meinem hübſchen Zimmer, und habe nichts zu thun als zu nähen. Aber was ſoll ich immer nähen; wir bedürfen jetzt Beide nichts. Und ſiehſt Du, ich bin ſo ganz dumm und einfältig, daß ich fürchte, Du mußt Dich meiner ſchämen. Gieb mir daher Lehrer, laß mich unterrichten; ich verſpreche Dir fleißig zu ſein.— Ralph ging bereitwillig auf Eva's Wunſch ein, und verſprach, ſich recht bald nach geeigne⸗ ten Lehrern umzuſehen. Dann ging er hinunter in die 9**† 138 Werkſtatt, und Eva ſetzte ſich, um die zierlichen Buchſtaben nachzuſchreiben, die ihr der Lehrer aufgezeichnet, als die Magd eilig herein geſtürmt kam und meldete, die Gräfin Jelſa ſtehe unten auf dem Flur und laſſe fragen, ob ſie der Madame Nalph ihren Beſuch machen könne. Eva's Herz klopfte laut vor Ueberraſchung und Freude. Sie war ſchon im Begriff der Gräfin entgegen zu gehen, dann zögerte ſie, denn ſie dachte an Nalph. Aber ich kann doch die Gräfin unmöglich wieder fort⸗ ſchicken, entſchuldigte ſie ſich ſelbſt, und befahl der Magd, die Dame herauf zu führen.— Als die Gräfin kam, fühlte ſich Eva unendlich ver⸗ legen, und vermochte kaum ein Wort der Begrüßung hervor zu ſtottern. Aber Gräfin Jeiſa war eine gewandte und kluge Frau; ſie gewahrte ſchnell Eva's Verlegenheit, und wußte bald durch die entgegenkommendſte Freundlichkeit, durch die harm⸗ loſeſte Vertraulichkeit Eva gleichfalls vertraulich und unbefan⸗ gen zu machen. Sie pries laut Eva's Schönheit, und ihrem ſcharfen Blick entging nicht das wohlgefällige Lächeln der jungen Frau, die erröthend vor ſich niederſchaute, während der Gräfin durchdringende kluge Augen mit ei⸗ nem forſchenden, ſpähenden Blick auf der jungen Frau ruheten, als wolle ſie ihre innerſten Gedanken und Empfin⸗ dungen erſpähen. Sie ſchilderte Eva ihr inniges Ver⸗ langen ſie zu ſehen, ſie nannte ſich eine arme, einſa Witwe und rief Eva's Großmuth auf, ſich W 1 139 Freundſchaft anzunehmen. Sie war ſo demuthsvoll und beſcheiden, ſo anſpruchslos und dabei ſo voll Ach⸗ tung für Eva, daß dieſe bald ganz gerührt und ent⸗ zückt war von der Liebenswürdigkeit der klugen Frau, und ihr beim Scheiden mit offener Herzlichkeit verſprach, recht bald zu ihr zu kommen. O welch eine liebenswürdige Dame iſt dies, ſagte Eva, als ſie allein war, und wie angenehm weiß ſie ſich auszudrücken, wie zierlich ſind alle ihre Bewegungen. Ohne es zu wiſſen, kann man ſchon an ihrem Betragen die vornehme Dame erkennen. Ach könnte ich doch das von ihr lernen, ſeufzte ſie, und Ralph's Worte, Ralph's Bitten begannen ſchon in ihrem Herzen zu verklingen. X. Bonaventura hatte ſich an dieſem Morgen ſehr ſpät erhoben, und ſaß jetzt, ganz verloren in die Erin⸗ nerung ſeiner geſtrigen Triumphe, im Divan vor dem Tiſche mit dem dampfenden Kaffe, den Eva eben herüber geſandt. Das war ein ſchöner Abend, ſagte er endlich wohl⸗ gefällig lächelnd, und ich meine, es wird Niemand dort geweſen ſein, der ſich nicht noch lange mit Vergnügen meiner erinnern wird. Ha, ha, und mit welchem Schrecken hörten Einige meine liberalen Lieder an. O, ich wußte wohl, was ich that, als ich ſie ſchrieb. Ich wußte wohl, daß dies jetzt die einzige mögliche Art iſt Aufſehen zu erregen, und daß, um ſich recht ſchnell einen Namen zu erwerben, man ſprechen und ſingen muß à la Carl Moor, wo möglich noch ärger. Wenn auch etwas Unſinn darunter läuft, iſt es nur liberaler Unſinn, ſo ſchadet es nichts, und wird eigentlich nur um ſo mehr bewundert, als 141 die Ueberſchwänglichkeit eines glühenden jugendlichen Enthuſiasmus. O, fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräch fort, und griff haſtig nach Papier und Bleiſtift, da fällt mir eben ein neues Gedicht ein, wenigſtens der erſte Vers. Er recitirte laut, und ſchrieb dabei: O Deutſchland, theures Heimathsland, Wie lange willſt Du ſchlafen, Wie lange willſt Du, abgewandt, Von Fürſten und von Grafen Dich beugen laſſen in den Staub Und ihrer Habgier ſein ein Raub? O Deutſchland, theures Heimathsland, Wann wird die Zeit erſtehen, Wo Du der Freiheit reichſt die Hand, Vereint mit ihr zu gehen Zum hehren Kampf für Deutſchlands Rechte, Zum Streite gegen Fürſtenknechte. O Deutſchland, theures Heimathsland, Die Zeit iſt da, erwache! Uns hat der Himmel Dir geſandt Zum Heil Dir und zur Rache, Für dieſe feilen Sclavenrotten Die unſres hehren Wollens ſpotten; Die uns das Wort, das freie Wort Fort von dem Munde ſtehlen, Die Jugend plagen fort und fort, Und unſre Recht' verhehlen, Die ſchwören, doch den Schwur nicht halten Und immer neue Ränk' entfalten. 14² Auf gegen dieſe Feinde all' Auf gegen Knecht und Fürſten! Bis daß der Graf einſt ſteht im Stall Uns unſre Pferd' zu bürſten; Bis dahin ſoll gekämpfet ſein, Bis dahin hau'n wir muthig drein. Der letzte Vers iſt faſt ein wenig zu ſtark, ſagte Bonaventura, das Ganze noch einmal durchleſend, aber ich weiß wahrhaftig auf Fürſten keinen andern pikanten Reim, als Bürſten, und auf„all“ kam mir der Reim Stall ganz wie von ſelbſt. Nun mag es denn immer⸗ hin ſtehen bleiben! Ein lautes Klopfen an der Thür unterbrach hier ſein Selbſtgeſpräch, und ohne ſein Herein abzuwarten, traten drei Herren herein, von denen der eine Victor von Sendeck war. Bonaventura hatte geſtern Abend dieſen kennen gelernt und ihm ſeine Adreſſe ſagen müſſen. Ich bringe Ihnen hier zwei meiner vertrauteſten Freunde, ſagte Victor von Sendeck, die durchaus den berühmten liberalen Dichter Bonaventura von Ottersheim kennen lernen wollten, und die ſelber eine bedeutende Rolle in der Tagespolitik ſpielen; Ihnen werden gewiß die Namen Weinherr und Nautenweg bekannt ſein. Wie wäre dies anders möglich, ſagte Bonaventura lebhaft, jeder, der für die Freiheit Deutſchlands glüht, der das Herz voll Trauer hat über unſre bedrückten, beklemmten Zuſtände, und nach dem Höhern, dem Beſſern, 143 nach der göttlichen Freiheit ſtrebt, ja, dieſe Alle kennen Sie, meine Herren, Sie, die Sie mit Todesverachtung und furchtloſem Muth für Deutſchland kämpfen, und deſſen heiligſte Rechte verfechten! Ich ſchmeichle mir, ſagte Herr Weinherr, das Haupt ſtolz zurück werfend, ich ſchmeichle mir, daß ich Ihre Worte mit Recht auf mich beziehen kann. Ich widme mein Leben, meine Zeit, dem einzigen hohen Ziel, der Befreiung Deutſchlands, und wenn ich Morgens mindeſtens drei Stunden Zeitungsartikel geſchrieben, finde ich noch Kraft und Muth in mir, Nachmittags mehrere Stunden hinter einander in den Kaffeehäuſern und Leſe⸗ kabinetten zu ſein, um durch lebendiges Wort und ei⸗ fernde Rede den Muth meiner Freunde zu beleben und ihre Kraft anzufachen. So kann ich jeden Abend mit dem lohnenden Gefühl zur Ruhe gehen, wieder mein Theil zur Befreiung Deutſchlands gethan zu haben, und wieder glorreich beſtanden zu ſein im Kampf wider die Finſterlinge und die Servilen. Herr Weinherr ſchwieg und blickte mit ſolzem Ausdruck ſeine Zuhörer an. Es war etwas Komiſches in dem Ausſehen dieſes Herrn, die verwaſchenen, un⸗ ausgeprägten Züge, die kleine Naſe mit den großen höhlenartigen Naſelöchern, die kleinen wäſſerigen Augen, das blonde Haar, und die kleine unbedeutende Geſtalt, Alles das gab Herrn Weinherr etwas Eigenes, Unbe⸗ 144 deutendes, das, weil er es zur ganzen Aufgabe ſeines Lebens gemacht hatte, bedeutend zu ſein, nur noch greller hervortrat. Es war eine von jenen froſchartigen, naß⸗ kalten Naturen, in deren Nähe man ſich nie wohl fühlt und nie erwärmt, weil man fühlt, daß ſie nie erwärmt werden können, die nie begeiſtern können, weil man nie an ihre eigene Begeiſterung glaubt, die an Niemand glauben, und doch von Allen Glauben verlangen, die keiner großen That fähig ſind, und doch meinen, mit jedem Wort eine große That gethan zu haben. Eine ſolche naßkalte Seele war Weinherr, der Vorkämpfer der Freiheit, und ihm gleich ſein Freund, Herr Rautenweg. Ja, ja, wir mühen uns hinlänglich, ſagte Letzterer, möge Deutſchland ſich dereinſt erkenntlich zeigen, daß wir ihm jetzt unſre Zeit und Jugend opfern. Ah, ich ſehe, Sie haben ſchon wieder gedichtet, rief Victor von Sendeck nach dem Papier greifend. Oh, eine unbedeutende Kleinigkeit, ſagte Bonaven⸗ tura, die gar nicht würdig iſt, von Ihnen geleſen zu werden.— Man beſtürmte ihn natürlich mit Bitten, und dann las er. Vortrefflich, ganz vortrefflich, riefen die Herren, als er geendet. Der letzte Vers beſonders iſt von erſchütternder Wirkung, ſagte Herr Weinherr, Chamfort ſelbſt hätte 145 dieſen Gedanken nicht kräftiger, nicht prägnanter aus⸗ drücken können. Das iſt auch der einzige Vers, mit dem ich wirklich zufrieden bin, ſagte Bonaventura. Die vier andern Strophen ſind viel zu mild, viel zu ſanft. Sie haben Recht, erwiderte Weinherr und verſuchte grimmig auszuſehen, es muß jetzt Alles ernſt, kernig, gewaltig ſein. Die Zeit der Milde iſt vorüber, wir ſind jetzt in das eiſerne Zeitalter getreten, und hinfort darf nur die Strenge und die rückſichtsloſeſte Schärfe uns leiten und aus uns ſprechen. Haben Sie meinen Artikel in der** Zeitung vorgeſtern geleſen? Sehen Sie, das iſt ein Artikel, wie ihn unſere Zeit bedarf. Jedes Wort ein Schwert, jeder Gedanke ein ſicher treffender Schlag. Ja, rief Herr Rautenweg, dieſer Artikel wird und muß eine ungeheure Aufregung verurſachen, Du haſt mit dieſem Artikel eine ganze Schlacht geſchlagen, und gewonnen, mein theuerſter Freund. Ich habe dies aun öffentlich in mehreren Journalen anerkannt. Aber Du weißt, daß auch ich nicht blind bin ge⸗ gen Deine großen Verdienſte, lieber Rautenweg, ich habe ſogar geſtern einen Artikel an unſer Organ geſandt, worin ich Deinen Artikel in der Zeitung gebührend an⸗ erkenne, und ihn dem liberalen Publikum empfehle. Und da dieſer Artikel noch nicht abgeſandt iſt, fuhr Eva. 1. Theil. 10 146 Weinherr fort, ſich an Bonaventura wendend, ſo werde ich Gelegenheit nehmen, auch Ihre Gedichte darin lobend zu erwähnen. Bonaventura äußerte mit beredten Worten ſeine Dankbarkeit, und verſprach vafür Herrn Weinherrs Ar⸗ tikel wieder in den Journalen, für welche er correſpon⸗ dire, gebührend zu loben. So iſt es ſchön, rief Victor von Sendeck begeiſtert, ſo iſt es recht, und ſo muß es ſein, wenn aus Deutſch⸗ land etwas werden ſoll. Feſt vereint, unzertrennlich müſſen wir daſtehen, Alle für Einen, und Einer für Alle, nur dann können wir etwas wirken und etwas Großes ſchaffen. Alſo auch Sie ſind Schriftſteller? fragte Bona⸗ ventura. Nicht grade ausübender Schriftſteller, ſagte Victor von Sendeck, aber ich leſe jeden Tag die Zeitungen, und bin ein Freund dieſer Herren. Das iſt genug, Ihnen meine ganze Achtung zu ſichern, ſagte Bonaventura verbindlich. Aber ſage, beſter Freund, rief Rautenweg, haſt Du 4 ſchon den heftigen Artikel gegen Dich geleſen in der 4 *** Zeitung? 4. Ja, erwiderte Weinherr ruhig, und da Wich mit Be⸗ ſtimmtheit zu wiſſen glaube, von wem dieſer Artikel iſt, ſo habe ich natürlich ſchon meine Rache genommen in B 147 einem andern Artikel. Uebrigens macht dies gar nichts aus, unſre große Sache muß ihre Feinde haben, das iſt natürlich, und wenn ich der Vorkämpfer dieſer großen Sache bin, ſo muß auch ich viele und bedeutende Feinde haben. Das Hämiſche aber in dieſem Artikel iſt, daß er die Sache gar nicht angreift, ſondern ſie eine heilige, geweihete nennt, und behauptet, Du ſeieſt derſelben gar nicht würdig, Du ſeieſt nichts als ein aufgeblaſener Schreier, ein kleiner unbedeutender Hegeling, der ſich nur der heiligen Sache der Freiheit hingegeben mit hoh⸗ lem Wortgeklingel und müßigen Redensarten, und um eine Art Bedeutung dadurch zu erlangen.— Herr Rautenweg lächelte ein wenig ſchadenfroh, als er ſeinem theuren Freunde dieſe Mittheilungen machte, und Herr Weinherr ſagte, bleich vor Zorn: es iſt gut; dieſe Läſterungen kommen ganz ſicherlich von Sylvius; ich werde heute noch einen fulminanten Artikel gegen ihn ſchreiben. Er iſt ein Abtrünniger, ein Serviler gewor⸗ den, und läſtert jetzt uns, die wir die Treue bewahrt haben. Ich glaube, beſter Freund, ſagte Victor von Sendeck, ich glaube, Sie thun Sylvius Unrecht. Nach Allem, was ich von ihm höre, iſt er der liberalen Sache treu. Herr Weinherr warf ihm einen giftigen Blick zu, und ſagte dann: das iſt unmöglich; mich ſchmähen, und 10* 148 die liberale Sache lieben, das iſt eine Unmöglichkeit, denn wir Beide gehören unzertrennlich zu einander. Aber laſſen wir das; ich werde dieſen Sylvius beobachten. Er kommt noch immer zu Stehely und in unſere Freitags⸗ geſellſchaft. Ach, Herr von Ottersheim, fuhr er fort, ſich an Bonaventura wendend, wollen Sie nicht Theil nehmen an unſern Freitagsgeſellſchaften? Es war ein Grund unſeres Herkommens, Sie zu dieſen einzuladen. Bonaventura nahm dieſe Einladung mit Vergnü⸗ gen an. Dann beſchloß man ſogleich zu Stehely zu gehen, um die neueſten Zeitungen zu leſen. In unſerm Organ, ſagte Herr Weinherr, wird heute ein Artikel von mir ſtehen, der in ganz Deutſch⸗ land von der furchtbarſten, welterſchütterndſten Wirkung ſein wird. Bonaventura, ſchon im Begriff mit den Herren fort⸗ zugehen, erinnerte ſich glücklicherweiſe, daß er kein Geld habe, und erſt von Ralph ein neues Darlehn haben müſſe. Er verſprach deshalb bald nachzukommen. Aber hören Sie, ſagte Herr Weinherr im Fortge⸗ hen, Sie müſſen ſich bald möglichſt nach einer andern Wohnung umſehen. Dieſe Straße iſt ſehr abgelegen und ganz unfaſhionable. Sie müſſen durchaus in eine beſ⸗ ſere Gegend ziehen.— Das werde ich auch, vielleicht heute noch, erwiderte Bonaventura. Ich blieb auch in 149 A dieſer Wohnung nur meiner armen Schweſter zu Ge⸗ fallen. Der ſchönen Madame Ralph? fragte Victor von Sendeck lebhaft. Derſelben. Sie hat, dem Befehl unſerer grillen⸗ haften, höchſt ſeltſamen Mutter gehorchend, eine Mes⸗ alliance gemacht, und den Mechanicus Ralph geheirathet. Sie können denken, wie die Arme jetzt leidet, denn ſie hat das Unglück auch noch die Mutter bei ſich zu ha⸗ ben, die jeden Schritt ihrer Tochter überwacht, ob ſie auch ſtreng in der niedern Sphäre bleibt, die ſie in ih⸗ rem Eigenſinn ihr angewieſen. Das muß eine ſeltſame Dame ſein, Ihre Frau Mutter, ſagte Victor, wie ſehr beklage ich die arme junge Frau!— Ja, ſeltſam iſt ſie, meine Mutter, und grauſam dazu. Meinen Vater, ihren Gemahl, haßte ſie ſchon wenige Jahre nach ihrer Verheirathung in einem ſolchen Maße, daß ſie, ohne irgend einen Grund, auf Scheidung drang, und nachdem dieſe erfolgt war, nahm ſie einen gemeinen bürgerlichen Namen an, und erzog, nur um meinen edlen, feinfühlenden Vater zu kränken, ſeine einzige, geliebte Tochter gleich einer Magd; ließ ſie in völliger Unwiſſenheit aufwachſen, und zwang ſie dann zu dieſer Heirath mit dem Mechanikus. Man bedauerte die junge Frau, und verwünſchte die arme Mutter Anna. Dann trennten ſich die Herren, 150 und Bonaventura ging hinüber zu ſeinem Schwager Ralph.— Er fand dieſen in der Werkſtatt allein, mit der Aufſtellung einer Maſchine beſchäftigt, und ſagte nachläſſig: gut, mein Herr Schwager, daß ich Sie treffe⸗ Es kommt darauf an, mir ein zweites Darlehn von Ihnen geben zu laſſen. Erſtens bedarf ich Geld, um meinem Stande gemäß leben zu können, und zweitens um mir eine Wohnung in einer faſhionablern Gegend zu miethen. Denn hier, wo nur Handwerksleute und armes Geſindel wohnt, kann ich unmöglich bleiben. Ralph ſah ihn mit ſpöttiſchem Lächeln an, und ſagte ruhig: und was, wenn ich fragen darf, iſt Ihr Stand, dem gemäß Sie leben müſſen? Bonaventura warf den Kopf ſtolz zurück. Ich bin Dichter, ſagte er, und zwar ſchon ein berühmter Dichter. Mein Name hat einen guten Klang in der gebildeten Welt, und ich denke, Sie werden ſich freuen, daß Sie mein Schwager ſind. Ralph lächelte nur, dann, nach einer Pauſe ſagte er: Sie haben mich um ein Darlehn gebeten. Darf ich fragen, wann Sie ſolches mir wieder zu erſtatten gedenken? Bonaventura preßte zornig die Lippen auf einander. Sie ſcheinen ſehr ängſtlich, mein Herr Schwager, rief er heftig, aber ſein Sie ohne Sorge, ſchon in wenigen Wochen werde ich Sie vollſtändig befriedigen können, 151* denn es wird mir nicht ſchwer werden, hier für den zweiten Band meiner Gedichte einen Verleger zu finden, der mir freudig und gern eine bedeutende Summe zahlt, und ſo wie dies geſchehen, werde ich meine Schuld an Sie abtragen. Ralph ſchüttelte ungläubig den Kopf, dann ſagte er: und wie viel wünſchen Sie? Vorläufig funfzig Thaler! Ralph zog ſeine Brieftaſche hervor, und ſagte: ſo eben hat mir ein alter Schuldner hundert Thaler gebracht. Ich hatte dieſe Summe lange ſchon als verloren betrach⸗ tet, und war daher ganz erſtaunt, als mir der ehrliche Mann heute das Geld brachte. Dieſe Summe ſchenke ich Ihnen, denn es würde mich in noch größeres Er⸗ ſtaunen ſetzen, wenn ich Sie, als Darlehn betrachtet, jemals von Ihnen wieder erſtattet bekäme. Ich ſchenke ſie Ihnen, als dem Bruder meiner Eva, und zugleich gebe ich Ihnen mein Wort, als Mann von Ehre, daß ich von jetzt an für Sie auch nicht das kleinſte Geſchenk oder Darlehn habe, und ich bitte Sie, dies nicht zu vergeſſen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß ich nie wieder von Geldgeſchäften mit Ihnen ſprechen werde. Hier, mein Herr Schwager, ſind die hundert Thaler und hier ſind noch andere hundert Tha⸗ ler, die ich Ihnen anbiete, wenn Sie mir dafür ver⸗ ſprechen, daß dies heute einer der letzten Beſuche iſt, mit 15² denen Sie mein Haus beehren. Ich finde, daß Ihre Er⸗ mahnungen und Lehren, ſo ſchön ſie immerhin ſein mö⸗ gen, für Eva nicht wohlthätig ſind, und es wäre mir lieb, wenn Sie ſie weniger beſuchten. Ich lege dieſe hundert Thaler hier zu den andern. Nehmen Sie die⸗ ſelben, ſo ſoll es uns ein Abſchiedszeichen ſein. Er reichte ſie Bonaventura hin, dieſer ſtieß ſie ſtolz zurück, und ſagte hochmüthig: Ich bin kein Bettler, dem man mit ſchnöden Worten eine Gabe hinwirft. Behalten Sie Ihr Geld. Ralph antwortete nichts, er zuckte nur mitleidig mit den Schultern, legte das Geld vor Bonaventura hin, und ging dann hinaus.— Bonaventura ging mit großen Schritten, die Zähne feſt auf einander gebiſſen, auf und ab. Er war in heftigſter Aufregung und fühlte ſeinen Stolz tief verletzt.— Niemals, niemals werde ich das Geld nehmen, das mir faſt verächtlich von einem gemeinen Handwerksmann dargereicht wird. Nein, niemals, und ſollte ich lieber verhungern! Er blieb vor dem Tiſche ſtehen, und blickte ſtolz auf die Papierſcheine, auf welchen mit großen lockenden Buchſtaben geſchrieben ſtand: Hundert Thaler. Dann nach kurzem Schweigen fuhr er fort: nein, ich kann dies Geld nicht nehmen, ich kann nicht! Es würde mir ſein, als hätte ich meine Seele verkauft um elenden Mammons willen, meine Freiheit hingegeben um irdiſches, eitles Gut. Ha, die 153 Freiheit meiner Seele bingegeben! Das iſt der Fluch des Geldes und des Reichthums, daß es den Beſitzenden die Ketten in die Hand giebt, um die Armen damit zu feſſeln und in Banden zu ſchlagen. Aber ich, ich will frei ſein, ich will meine Seele erheben über dieſe nichtige Erbärmlichkeit, und frei wie der Aar ſoll meine Seele ihre Schwingen heben!— Wohin blickte Bonaventura aber ſo eifrig, während er dieſen begeiſterten Monolog decla⸗ mirte, wohin waren ſeine Augen forſchend gerichtet? Dort an der Wand hing ein großer, ſchöner Spiegel, den Ralph bei der Zuſammenſetzung ſeiner Maſchinen vielfach gebrauchte, um in demſelben die Gleichheit und Richtigkeit der Verhältniſſe zu prüfen. Dieſer Spiegel gab ganz vortrefflich Bonaventura's Antlitz und einen Theil ſeiner Geſtalt wieder, und da hinein ſchauete er, während er ſprach. Jetzt hob er die Arme empor, und fuhr fort: nehmt mich denn auf, ihr heiligen Räume der Freiheit, und wenn ich arm bin an nichtigen Gü⸗ tern, ſo macht mich reich an dem himmliſchen Gut des Selbſtbewußtſeins, verklärt mich— ich hätte doch ein Schauſpieler werden ſollen, unterbrach ſich Bonaventura hier ſelbſt, und ſchaute ganz entzückt ſein Spiegelbild an. Mein Mienenſpiel iſt vortrefflich, und wie voll und herrlich tönt meine Stimme.— Es war ihm anfangs wirklich Ernſt geweſen mit ſeinem Unwillen und mit dem Entſchluß, das Geld nicht 3 19* 154 zu nehmen, er hatte auch wirklich ſein Ehrgefühl tief verletzt gefühlt, aber er konnte ſich niemals widerſtehen, wenn er ſich reden hörte, und über dem Entzücken ſeinen begeiſterten Worten zuzuhören, vergaß er dann oft die Urſache einer Aufregung, mit deren Wirkung er ſo voll⸗ kommen zufrieden ſein durfte. Der Zorn verging ihm gewöhnlich über den ſchönen und wohlgeſetzten Aus⸗ brüchen ſeines Zorns.— Auch jetzt nahm er ruhig das gewichtvolle Papier, und es in ſeine Bruſttaſche ſteckend, ſagte er: nun will ich mir auch heute noch eine angemeſſene Wohnung ſuchen. Gleich wieder ganz er⸗ füllt von dieſem neuen Gedanken verließ er, ohne Eva aufzuſuchen, das Haus ſeines Schwagers. XI. Einige Tage ſpäter machte Eva der Gräfin Jelſa einen Beſuch. Ralph ſelbſt hatte es angemeſſen und nothwendig gefunden, daß Eva dies thue, und Mutter Anna ſelbſt hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Eva's Herz klopfte laut, als ſie nun die Treppe hinauf ſchritt und an der Wohnung der Gräfin klingelte. Faſt wünſchte ſie, die Gräfin möchte nicht zu Hauſe ſein, ſo angſtvoll und beklommen fühlte ſie ſich, ja, vor dieſer Thüre ſtehend, beſchlich ſie ein banges, ahnungsvolles Gefühl, und es war ihr als ſolle ſie lieber wieder um⸗ kehren und nimmer dieſe Schwelle überſchreiten. Aber die Thüren wurden ſchon geöffnet, und die Gräfin ſelbſt kam ihr entgegen, und führte ſie durch das Vorzimmer in ihren Salon. Da ſaß nun Eva auf dem ſeidenen Diyan neben der Gräfin, deren freundliche Fragen ſchüch⸗ tern beantwortend, und von Zeit zu Zeit einen flüchti⸗ gen Blick im Zimmer umher werfend. Dies trug ganz 156 das Gepräge alterthümlicher Pracht und eines verblichenen Luxus. Hohe gerade Lehnſtühle mit vergoldeten Füßen, mit ſchwerem Goldbrocat überzogen, ſtanden neben dem dazu paſſenden Sopha. Auch die etwas verſchoſſenen Gardinen waren von demſelben Stoff. Spiegel mit breiten Goldrahmen und künſtlichem Schnitzwerk des Renaiſſanceſtyls ſtanden zwiſchen den Fenſtern, und an den Wänden hingen die in Goldrahmen gefaßten lebens⸗ großen Ahnenbilder der Gräflich Jelſa'ſchen Famillie. Auf kleinen Marmortiſchen ſtanden Vaſen von ſchönem Porzellan von Ssvres, und ein bunter koſtbarer Teppich bedeckte den Fußboden. In dieſem ganz im vollendete⸗ ſten Rococoſtyl decorirten Zimmer ſaß nun Eva neben der Gräſin, die bald wieder durch bezaubernde Freund⸗ lichkeit die Verlegenheit der jungen Frau verſcheucht und ſie zutraulich und unbefangen gemacht hatte. Auch fühlte ſich Eva ganz gehoben und glücklich in dem Ge⸗ danken, daß endlich ein Theil ihrer ſtillen Wünſche ſich zu erfüllen begann; ſie ſaß neben der Gräfin, ſie hatte ihr verſprochen, oft zu kommen, und ſomit war denn der erſte Schritt gethan, ſie in die höhere Geſellſchaft einzu⸗ führen; von der Gräfin wollte ſie den höhern feinern Anſtand, die Art ſich auszudrücken, das ſichere freie Be⸗ nehmen lernen. Das waren die Gedanken, die durch Eva's Seele flogen, als ſie neben der Gräfin ſaß, und als dieſe jetzt ſie abermals bat, auch gewiß nun täglich 4 157 4 zu ihr zu kommen, denn ſie liebe ſte ſchon, wie ihre Tochter, und habe ſchon lange, vom Fenſter aus ſie täg⸗ lich ſehend, das innigſte Verlangen nach ihr gehegt, bis es ſie zuletzt nicht mehr gelitten, und ſie allen Formen zum Trotz, endlich habe zu ihr hinüber gehen müſſen; als ſie dies Alles mit jenem freundlichen, herzgewinnenden Ton ſagte, der ihr eigen war, und gewöhnlich ein Vorrecht der höhern Stände iſt, da füllten ſich unwillkührlich Eva's Augen mit Thränen und ſie ſagte: wenn es wahr iſt, theuerſte Gräfin, daß Sie mich wirklich lieben, und daß mein Geſicht Sie an Ihre verſtorbene Tochter erinnert, o ſo nehmen Sie ſich auch mütterlich meiner an, und lehren Sie mich ſo werden, wie Sie es ſind. Die Gräfin ſchloß das gerührte junge Weib in ihre Arme, aber ein ſeltſamer ſarkaſtiſcher Ausdruck durch⸗ flog ihre Züge, als ſie Eva's Kopf an ihren Buſen drückte, und ſie warf einen raſchen, ſtolzen Blick auf die Bilder ihrer Ahnen, als wolle ſie ſehen, ob dieſe nicht errötheten über dieſe Umarmung mit der kleinen Eva. Dann ſagte ſie zärtlich: Bleiben Sie, wie Sie find, Theuerſte, denn grade in dieſer argloſen, ſchönen Natür⸗ lichkeit ſind Sie hinreißend. Glauben Sie aber jemals meines Rathes, meiner Hülfe zu bedürfen, ſo wenden Sie ſich an mich als eine wahre, treue Mutter! O ich werde Ihrer zu jeder Stunde bedürfen, ſagte Eva herzlich. Ich bin ganz unwiſſend, ganz ungebildet. 2 158 Die Grͤfin lächelte fein. Sie ſind zu beſcheiden, Theuerſte. Eine junge Frau von Ihrem Reichthum kann unmöglich ungebildet ſein, und muß eine feine, ſorgfäl⸗ tige Erziehung gehabt haben. Oder iſt es wirklich wahr, was mir mein Kammermädchen erzählte, daß Ihre Mut⸗ ter eine ſo ſtrenge, ſeltſame Frau iſt, allen Geſellſchaften abhold, kein Vergnügen liebend und es auch Ihnen ſtreng unterſagend. Eva machte eine bejahende Bewegung. Meine Mut⸗ ter liebt nichts als die Arbeit, ſagte ſie, und ſo ſehr verachtet ſie die Welt, daß ſie mich abſichtlich ganz ohne alle Erziehung hat aufwachſen laſſen. Das iſt empörend, rief die Gräfin, um ſo mehr empörend, weil nur der Geiz die Urſache ſein kann. Iſt es denn wahr, daß Ihre Mutter den ganzen Tag ſpinnt und das Geſponnene verkauft? Leider! ſagte Eva, es iſt dies eine Grille, die ich ihrem Alter zu Gute halten muß. Wie viel Sie leiden müſſen! rief die Gräfin, ar⸗ mes Kind, ſo jung, ſo ſchön, ſo reich, geliebt von einem braven Mann, der Ihnen ſein ganzes Glück verdankt, und doch Kummer! Eva war ganz verwirrt, ganz betäubt. Es ſchmei⸗ chelte ihr unendlich, von der Gräfin für reich gehalten zu werden, ſie konnte dieſem ſtolzen, wohlthuenden Ge⸗ 159 fühl nicht widerſtehen, ſie vermochte es nicht über ſich, ihre Armuth zu geſtehen. Wiſſen Sie, daß man Sie allgemein für eine kleine Millionnairin hält? fragte die Gräfin. Eva ſagte lächelnd und erröthend: ich bin ganz zu⸗ frieden mit dem, was ich beſitze, wenn ich auch grade keine Millionnairin bin. Die Gräfin hatte dieſen Worten mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört und athmete nun wie erleich⸗ tert und befriedigt hoch auf. Sie überhäufte Eva mit zärtlichen Worten und Freundſchaftsverſicherungen, und als Eva ſie endlich verließ, fühlte ſie ihr ganzes Herz in dankbarer Liebe der Gräfin ergeben.— Gräfin Jelſa aber ging mit triumphirendem Lä⸗ cheln in ihrem Rococoſalon auf und ab, und ſagte leiſe vor ſich hin: ſie iſt alſo wirklich ſehr reich; ſie iſt fer⸗ ner jung, unerfahren, unbekannt mit der Welt, wie es ſcheint ſehr eitel, und ehrgeizig genug, nach einer Stel⸗ lung in der Geſellſchaft zu trachten. Darauf baue ich meinen Plan, und ich denke, er wird gelingen. Ich muß mir zuvörderſt ihr unbeſchränktes Vertrauen gewinnen und ihre ganze Liebe. Ich muß mich ihr unentbehrlich zu machen ſuchen, und ihr Ohr jedem andern Rathſchluß als dem meinen verſchließen.— Oh, es wird ſchon gehen, rief ſie laut und triumphirend. Ich ſehe ſchon die Zeit vor mir, wo ich dieſe elende Gaſſe verlaſſe, und 160 ein Palais unter den Linden beziehe, wo ich wieder die gefeierte vornehme Dame, nicht mehr die arme verlaſſene Gräfin bin, die Gott danken muß, daß ſie eine anſtän⸗ dige Retraite gefunden, und in ihrem alten verwitterten Schloß noch altmodiſche Meubles genug waren, um die⸗ ſen Salon würdig auszuſtatten. Ich werde wieder her⸗ vorgehen aus meiner Dunkelheit und werde endlich, end⸗ lich wieder leben! Hinter ihr öffnete ſich die Thüre und ein bleicher, ſchöner junger Mann erſchien in derſelben. Er horchte mit ſeltſamem Ausdruck den letzten Worten ſeiner Mut⸗ ter, und lächelte dazu, aber es war ein Lächeln, vor dem man erſchrecken mußte, denn es gab ſeinem ganzen Ge⸗ ſicht den Ausdruck des Blödſinns und Stumpfſinns. Biſt Du es, Udo? ſagte die Gräfin, ſich zu ihm wendend. Biſt Du nun wieder vernünftig, und willſt nicht mehr mit den bleiernen Soldaten ſpielen, ſondern in dem Buche da leſen, wie ich, Deine Mutter, es Dir befohlen? Der Sohn nickte ſchweigend mit dem Kopfe, und ſagte dann kaum hörbar: Udo hungrig, Udo durſtig, Udo traurig. Ein paar große Thränen rollten langſam ſeine Wan⸗ gen hinab, und mit einem Ausdruck unendlichen Flehens blickte er auf ſeine Mutter hin. — 161 Wenn Du vernünftig biſt, darfſt Du eſſen, ſagte dieſe. Udo ganz vernünftig, verſicherte der Blödſinnige, und folgte dann lachend ſeiner Mutter in das anſtoßende Gemach. Eva. I. Theil. 3 11 XII. Der Beſuch bei der Gräfin hatte auf Eva einen gewaltigen Eindruck gemacht, und ihr ganzes Weſen wieder in Aufruhr gebracht. Ralph's Worte und Bit⸗ ten waren vergeſſen, der Ehrgeiz war wieder ermacht, und fand in dem Gedanken an die Gräfin immer neue Nahrung. Hinaus aus dieſer Beſchränktheit des bür⸗ gerlichen Lebens ſehnte ſich ihr Geiſt, und tauſend lok⸗ kende Bilder ſchuf ihr die Phantaſie von den Freuden der Welt und den Entzückungen der Geſellſchaft. Und in dieſer Welt, in dieſer Geſellſchaft eine Stelle einzu⸗ nehmen, dahin drängte ſich jeder Wunſch, jeder Gedanke der jungen, thörichten Frau. War ſie in der Beſchränktheit der Armuth aufgewachſen, hatte ſie ruhig und zufrieden gelebt in dieſem ſtillen, lautloſen, von unüberſteiglichen Bergen umſchloſſenen Thal der Niedrigkeit und der täg⸗ lichen Kümmerniß, ſo war es geweſen, weil ſie die lok⸗ kende Welt, die hinter dieſen Bergen lag, nicht kannte; —— * 163 ſie hatte nichts erſehnt und erwünſcht, weil ſie nichts ſah, das ihr wünſchenswerth erſchienen. Aber nun war Ralph gekommen, ſie mit ſchützender Hand aus dieſem Thal des Entbehrens zu führen, ſie hinaus zu geleiten in die Welt, und weil ſie nun wußte, daß es eine Welt gab, und ein Glück, weil keine Hemmniſſe mehr ihren Blick beengten, und ſie nun das Leben ſah mit allen ſei⸗ nen Lockungen und Reizen, ſo wollte ſie auch Alles ſich zu Eigen machen, von Allem koſten, von Allem genießen. Ralph hatte ſie gelehrt, daß eine Straße hinaus führe, und nun wollte ſie nicht ſtill ſtehen am Anfang des Weges; ſie fühlte in ſich die Kraft weiter zu ſchreiten, ſie ſah lockende Thäler vor ſich und ſonnige Höhen, und ſtatt ſich genügen zu laſſen an dem Glück der Hütte, glühte ihr Herz nach dem Glanz des Pallaſtes. Und Eva war noch ſo jung, und die Jugend ſtrebt nach der Welt und ihren Gefahren, ſie war noch ſo unſchuldig und erfahrungslos, ſte war ſo glühend und thatenkräf⸗ tig, ihr Blut hüpfte ſo jugendmuthig durch ihre Adern und ihre Phantaſie, die bis dahin geweſeng wie eine ausgeſpannte Malerleinwand, auf die noch keine Farbe gekommen, war jetzt plötzlich angehaucht mit lockenden Bildern, die Eva entzückten, und von denen ſie nicht wußte, daß ſie, wie alle Gemälde, nur von einem Blend⸗ rahmen gehalten werden. Aber wie ſollte ſie zu dem gelangen, was ihr Herz 11* 164 begehrte, wie das Ziel erreichen, nach dem ſie ſtrebte, dies große Ziel, eine bedeutende Stellung in der Geſell⸗ ſchaft einzunehmen? Das war es, was jetzt Eva's Ge⸗ danken beſchäftigte, und wofür ſie doch keinen andern Rathgeber hatte, als ihr eigenes, glühendes Wollen und Wünſchen, welches ſie überdieß noch Nalph und ihrer Mutter ſorgfältig verbergen mußte.— Da kam ihr Bonaventura zu Hülfe, aber ohne es zu wollen, nur ſei⸗ nen eigenen, egoiſtiſchen Wünſchen nachgebend, und Eva zur Vertrauten derſelben machend. Er entdeckte ihr, daß er ſich ſehne Sophie oft und viel zu ſehen, daß dies nicht anders geſchehen könne, als wenn Eva nähere Be⸗ kanntſchaft mit ihr mache, und daß, um dieſe einzulei⸗ ten, es nothwendig ſei, eine größere Geſellſchaft zu geben, zu der Herr Blitz mit ſeiner Schweſter eingeladen werde.— Eva ging mit Freuden auf dieſen Gedanken, der ihr gleichſam als Schleier für ihre eigenen Wünſche dienen konnte, ein, und fragte Bonaventura mit jener regen Theilnahme für Herzensangelegenheiten, die den Frauen eigen iſt, ob er Sophie wirklich liebe und ſie zu heira⸗ then wünſche, eine Frage, die Bonaventura lächelnd be⸗ jahete und Eva zu ſeinem Beiſtand aufrief, ein Beiſtand, deſſen er um ſo mehr bedürfe, da Herr Blitz wahrſchein⸗ lich ſchwer zu überreden ſein werde, ſeine Schweſter einem Unbemittelten zu geben. Aber was kümmrt Dich die Einwilligung des Bru⸗ V V ders? fragte Gva Anſchuig..auu kümmert Dich Herr Blitz, wenn nur Sophie Dich liebt und Dir folgen will. Bei Dei. und beſtehe werden. kon ien„und überall geehrt 55 geachtet 1 er ſchien, ſie 8; dieſem Glauben zu laſſen, denn er kannte die Frauen genug, um zu wiſſen, daß ſie gern einen Liebenden unterſtützen, von Dem aber, der in der 1 Liebe ſeinen Vortheil berechne 2 t, ſich verächtlich abwenden. Dceenn die Liebe iſt den Frauen ein Sakrament, und jeder eigennützige Gedanke ſcheint ihnen ein Sacrilegium. Eva verſprach Bonaventura, ihrem Gatten des Bruders Herzensgeheimniß nicht zu verrathen, und da⸗ mät hatte ſie nun das erſte Geheimniß vor Ralph. Aber wie eerden wir eine Geſellſchaft laden kön⸗ nen, fragte ſie ihren Bruder, da ich hier faſt Niemand kenne, außer der Gräfin Jelſa. Eine Gräfin? O das iſt herrlich, rief Bonaven⸗ tura. Eine einzige Gräfin in Deiner Geſellſchaft, und Du bedarfſt keiner Damen weiter. Für die Herren werde hiicch Sorge tragen, und Dir einige der berühmteſten und gefeierteſten jungen Männer Beilins zuführen. Einer 166 von dieſen, fuhr er leiſer fort, und Eva mit einem nek⸗ kenden Lächeln zuwinkend, Einer von dieſen iſt Victor von Sendeck, der ganz in Extaſe iſt über meine ſchöne Schweſter. 4 Eva wandte ſich erröthend ab und ſchwieg. Als ſie nach dieſer Unterredung mit ihrem Bruder mit Ralph allein war, trug ſie dieſem ihren Wunſch vor, eine kleine Geſellſchaft zu geben, um Herrn Blitz und deſſen Schweſter, ſo wie Gräfin Jelſa bei ſich zu ſehen. Ralph's Geſicht zeigte anfangs ein ſchmerzliches Erſtau⸗ 1 nen; er faßte ſich aber bald und ſuchte Eva durch freund⸗ liches Zureden von ihrem Wunſche abzubringen; aber dies war vergebens, alle Ueberredung ſcheiterte an Eva's dringendem Wunſche, und als Ralph endlich leiſe die Bemerkung wagte, ob Eva im Stande ſein werde, bei einer Geſellſchaft die Honneurs zu machen, ſagte Eoa ge⸗ reizt und empfindlich: ich werde Gräfin Jelſa bitten, mich darin zu unterweiſen, damit Du Dich meiner nicht zu ſchämen haſt.— Dann brach ſie in Thränen aus, und Ralph, um ſie beruhigen und eine Scene, die ihn ängſtigte und quälte, zu beendigen, willigte endlich in Eva's Wunſch. Nun waren ihr Entzücken und ihre Freude eben ſo groß, wie zuvor ihr Unmuth. Sie ſchmiegte ſich an Ralph's Bruſt, ſie küßte ſeine Augen, ſeine Lip⸗ pen, ſie nannte ihn mit den zärtlichſten Namen, und war ganz erfüllt von Dankbarkeit und Freude. Aber 167 heute zum erſten Male fühlte ſich Ralph nicht ganz be⸗ ſeligt und berauſcht in Eva's Umarmung, zum erſten Male hatte er unter ihren Küſſen und Zuflüſterungen noch ein offenes Ohr für die Zuflüſterungen ſeines In⸗ nern, für die bangen Ahnungen ſeiner Bruſt, heute zum erſten Male hatte er, Eva an ſein Herz drückend, noch andere Gedanken, als nur an ſie, und dieſe Gedanken waren ſchmerzvoller Art. Er hielt ſein Weib, die Ge⸗ liebte ſeines Herzens, in ſeinen Armen, er fühlte ihr Herz mit ungeſtümen Schlägen an dem ſeinen pochen, er fühlte ihren heißen Athem, ihre glühenden Küſſe, und inmitten der Berauſchungen und des Glückes trug er in ſeinem Buſen ein unendliches Weh. Dies Gefühl, dies Schwanken zwiſchen Glück und Elend, zwiſchen Ent⸗ zücken und Verzweiflung trieb ſein Weſen empor zu einer Leidenſchaft, die ihm ſonſt fremd war. Er wollte den Tropfen Wermuth, den er getrunken, hinweg ſpülen mit dem vollen Becher der Freude, er wollte Alles betäuben, Alles vergeſſen. Das Blut tobte in ſeinen Adern, ſeine Wangen brannten, ſein Herz pochte hörbar; er ſtürzte nieder vor Eva und küßte ihre Füße, und ſprach zu ihr in einer Sprache, wie ſie ſolche nie zuvor von ihm gehört hatte, ſo glühend und leidenſchaftlich, daß jeder Nerv davon in ihr erzitterte und erbebte. Sein ganzes Daſein ſchien ſich aufzulöſen in dieſen ſinnloſen Dithy⸗ ramben, die von ſeinen Lippen ſtrömten, und er drückte 168 Eva an ſich mit der Kraft der Wuth, des Zorns, er küßte ſie, daß ſie zu erſticken meinte. Es war ihm ge⸗ lungen, ſeinen Schmerz zu bewältigen, ſeine Wehmuth hinweg zu treiben mit den Entzückungen dieſer Stunde, aber aus dieſem Taumel aller ſeiner Sinne erwachend, fühlte er ſich grenzenlos elend, und der heitern Ruhe ſeines Glückes auf immer entfremdet. Ja, es ſchien ihm als ſei ſeine keuſche und reine Liebe entweiht, und ſeine Eva entheiligt von einer Zärtlichkeit, deren Quell nicht die volle, Alles verklärende Liebe geweſen, ſondern Leidenſchaft, Zorn und Verzweiflung. Zum erſten Male hatte er in Eva nur das Weib, nicht den Engel geküßt und geliebt, und ein Strahl war zerbrochen in dem Hei⸗ ligenſchein, den er um das Haupt ſeiner Geliebten ge⸗ legt hatte.— Eva aber fühlte ſich ganz beſeligt, Ralph erſchien ihr heute in ſeiner Leidenſchaftlichkeit und Gluth doppelt liebenswerth, und ſie horchte ſeinen heißen Liebesworten mit entzücktem Lauſchen. Sprich immer ſo zu mir, ſagte ſie bebend, laß es mich immer ſo hören, daß Du mich liebſt, das beſeligt, das entzückt mich. Ich liebe Dich doppelt ſo heiß, wenn ich höre, daß Du eben ſo heiß und rückhaltlos lieben kannſt, wie ich fühle, daß ich es kann. Und weißt Du, fuhr ſie hold lächelnd fort, wann ich Dich am meiſten liebe? Wenn Du mir eine Bitte gewährſt, die Du mir eigentlich verweigern möchteſt und ſollteſt. Dann fühle ich, daß ich volle Ge⸗ 169 4 walt über Dich habe und das macht mich ſo ſtolz und glücklich. Deshalb, mein Ralph, bereue es nicht, mir auch heute meine Bitte erfüllt und eingewilligt zu ha⸗ ben in dieſe Geſellſchaft; ich liebe Dich nun noch heißer 4 und dankbarer. 8— Sie wollte ihn umarmen, er wehrte ſie leiſe zu⸗ rück und ſagte plötzlich nüchtern und kalt geworden: gut denn; dieſe Geſellſchaft ſoll ſtatt finden. Wir wollen noch heute die Einladungen machen. Eins nur wünſche ich und bedinge ich mir aus. Lade Du die Gräfin Jelſa ein, und wen Du ſonſt immer willſt; ich aber lade meinen Freund, den Briefträger Carl. Eva erſchrak, aber ſie wagte nicht zu widerſprechen, denn ſie hatte Ralph noch nie ſo entſchieden und be⸗, ſtimmt ſprechen hören. Die Einladungen an Herrn Blitz und deſſen Schwe⸗ ſter, ſo wie an die Gräfin waren gemacht, und von Al⸗ len angenommen worden. In einigen Tagen ſollte nun die Geſellſchaft ſtatt finden, und in dem ſonſt ſo ſtillen und friedlichen Hauſe Ralph's herrſchte in dieſen Tagen eine ungewohnte Unruhe und Bewegung. Ueberall ward geputzt, abgeſtäubt und geſäubert, es war, als ſolle das ganze Haus ſein Feſttagsgewand anlegen für dieſe erſte wichtige Geſellſchaft. Eva's Zimmer ward gänzlich um⸗ geſtaltet; ſie hatte die von Mutter Anna verworfenen Meubles noch den ihren hinzugefügt, und Graͤfin Jelfat 11** 170 hatte das Arrangement derſelben übernommen. Neue Fenſtervorhänge mußten beſchafft werden, denn die Grä⸗ fin hatte die alten ein wenig zu altmodiſch befunden, auch ein moderner Känguru⸗Lehnſtuhl war gekauft wor⸗ den, und von der Decke hernieder hing ein ſchöner glän⸗ zender Kronleuchter. Ralph hatte zu Allem willig und ſchweigend das Geld gegeben, und Eva war mit der Gräfin Jelſa in die Läden gegangen, alle dieſe ſchönen Dinge zu kaufen.— CEYva ſelbſt aber war in einer ſte⸗ ten Unruhe und Bewegung, bald ſaß ſie nachdenklich und ſchweigend da, um zu überlegen, ob nun auch Alles in Ordnung, ob nun auch nichts mehr fehle, bald eilte ſie hinüber zur Gräfin, ſich von dieſer Raths zu erholen; dann wieder antwortete ſie zerſtreut auf die Fragen ihres Gatten, oder ſie zwang ſich zu einer Fröhlichkeit, die zu fieberiſch und aufgeregt war, um für natürlich zu gel⸗ ten.— Mutter Anna verließ faſt ihr Kämmerchen nicht mehr. Dort ſaß ſie und ſpann, und man hätte ſie für ruhig halten mögen, wenn nicht die ſchnellen Schwin⸗ gungen des Rades ihren Seelenzuſtand verrathen hätten. Seit zwei Tagen war ſie ſelbſt nicht mehr zum Mittags⸗ eſſen hinunter gegangen. Die Stille und Bedrücktheit, die jetzt immer an der ſonſt fröhlichen Mittagstaſel herrſchte, Eva's heftiges, ungleiches Weſen, Ralph's blei⸗ ches, trübes Geſicht, das Alles ängſtigte und quälte Mutter Anna, und weil ſie beſchloſſen, ihre Tochter frei 171 walten zu laſſen, wollte ſie lieber nicht ſehen, was ſie hätte tadeln müſſen.— Zuweilen kam Ralph zu ihr hinauf und die Unterhaltung dieſer Beiden nahm dann eine eigenthümliche, halb ſcherzhafte, halb ernſte Wen⸗ dung. Mutter Anna erzählte ihm gern von den kur⸗ zen Freuden und den langen Leiden ihres Lebens, Lei⸗ den, die ſich ihr allgemach zu Freuden verklärt hatten, und über welche die Zeit einen mildernden und verſöh⸗ nenden Schleier geworfen. Sie erzählte ihm auch von der großen Noth, in der ſie oft nach dem Tode ihres Mannes geweſen, wie ſie oft ganz verzagt und muthlos geweſen, wenn die Kinder nach Brod verlangt und ſie doch keinen Biſſen mehr gehabt, ihnen zu geben, und* wie Gott dann ſichtlich mit ihr geweſen, und ihr oft von einer Seite her, wo ſie es gar nicht ahnen konnte, Arbeit geſandt habe. Sie ſagte, Arbeit ſei der rechte wahre Segen Gottes, und nur diejenigen ſeien gottver⸗ laſſen und beklagenswerth, die umſonſt nach Arbeit ſtreb⸗ ten und ſuchten, und ſie meinte, je härter und ſchwerer ſie gearbeitet, deſto näher hätte ſie ſich Gott gefühlt; das Arbeiten ſei ihr ſo recht der Kirchgang zum Herrn geweſen, und ein lebendiges Gebet um das Wohl ihrer Kinder. Und wenn ich jetzt, ſagte ſie, meine harten Hände anſehe, und die vielen Schwielen in denſelben, und be⸗ denke, daß alle dieſe Arbeit und Mühe für meine Kin⸗ 172 der nutzlos geweſen, und daß meine Gebete den Kindern keinen Segen gebracht, ſiehſt Du, Ralph, dann möchte ich ganz verzagen und muthlos werden, und meine Hände ſcheinen mir dann wie lauter Leichenſteine, unter denen alle meine Hoffnungen und Freuden begraben ſind. Sieh einmal her, mein Sohn, fuhr ſie fort, und reichte ihm ihre dürre, zitternde Hand hin. Sieh die Narbe dort. Die bekam ich, als mein Sohn Fritz zwölf Jahre alt war. Es war Winter, und ihn fror in ſeinem leichten, dünnen Röckchen, und ich konnte ihm kein wärmeres kaufen, denn ich hatte keinen Groſchen mehr, und auch ſeit mehreren Tagen war alle Arbeit ausgeblieben. Da ging ich traurig hinaus auf die Straße, und betete zu Gott, er möchte mich Arbeit finden laſſen, und Gott war mir wieder gnaͤdig. Gleich, wie ich um die erſte Stra⸗ ßenecke komme, ſteht da vor einem großen Hauſe ein gan⸗ zer Wagen voll Holz, und der Arbeitsmann, der dane⸗ ben ſtand, fragte mich, ob ich Niemand wüßte, der ihm helfen könnte, das Holz zu ſägen und zu ſpalten, ſein Freund, der ihm habe helfen ſollen, ſei eben krank gewor⸗ den. Da bot ich mich gleich ſelbſt an, und als der Mann mich auslachte, und meinte, das ſei Männer⸗Ar⸗ beit und für ein Weib zu ſchwer, da nahm ich ſeine Art, und ſpaltete einen Kloben, und ſpaltete das Holz in kleine Stücke, und wie er das ſah, nahm er mich zu ſei⸗ nem Kameraden an, und wir ſägten und haueten das 173 Holz zwei Tage lang. Dann nahm der Mann mich mit ſich zu einer andern Stelle, wo wir Holz ſägten, und wieder zu einer andern, ſo daß ich über acht Tage lang zu thun hatte, und dieſe Arbeit wird ſehr gut be⸗ zahlt. Mutter Anna ſchwieg, und das langſame Schnur⸗ ren des Rades zeugte von ihrer zufriedenen Stimmung; auch lächelte ſie ſo heiter und befriedigt, als freue ſie ſich noch der gethaenen Arbeit. Ralph fragte ganz gerührt: und da haſt Du, arme Mutter Anna, die kalten Wintertage auf der Straße Holz geſchlagen? O mir ward ſehr warm dabei, und ich fühlte keine Kälte, ſagte ſie, fröhlich lächelnd. Aber die Narbe, dieſe breite, harte Narbe? fragte Ralph, Mutter Anna's Hand, die er noch immer in der ſeinen hielt, zärtlich drückend. Nun, grade am letzten Tage bekam ich beim Holz⸗ machen von dem Kameraden einen Schlag mit der Art da, daß das Blut gleich herunter floß. Ach, wie der arme Mann traurig war; er weinte ganz laut, und rief Gott zum Zeugen an, daß er es wider ſeinen Wil⸗ len gethan. Nun, das wußte ich ſchon, denn wie wird Einer eine arme Mutter abſichtlich verletzen, die für ihr Kind arbeitet. Ralph küßte ſchweigend dieſe Narbe und fragte 174 dann mit vor Rührung zitternder Stimme: mußteſt Du lange leiden? Ach, gar wenig, ſagte ſie verächtlich, was iſt denn ſo ein körperlicher Schmerz auch weiter zu beklagen! Und dann, wenn's ein wenig ſehr wehe that, dann ſah ich ſchnell auf den warmen Rock, den ich meinem Sohn verdient hatte, und dann fühlte ich gar keine Schmer⸗ zen mehr. Zum Glück war's ja auch die linke Hand, und da hinderte es mich nicht zu lange an der Arbeit. Und hier dieſe andere Narbe, Mutter Anna, die über die ganze Hand und auch noch über den Arm geht?, Ddie bekam ich ein anderes Mal, und zwar für Eva. Sie ſollte confirmirt werden, und ich wollte ihr gern eine Bibel kaufen, eine recht ſchöne, neue Bibel, denn ich mag's nicht haben, wenn man ſo eine alte zer⸗ fetzte Bibel hat, wie ich es oft bei andern Leuten ſehe. Gehe ich doch zum Tiſch des Herrn in meinem beſten Kleide, und der Altar iſt ſchön geſchmückt und ausſtaf⸗ firt, ſo muß auch das Buch, in welchem uns das Wort des Herrn verkündet wird, ſchön geſchmückt und ſauber ſein. Darum ſollte Eva auch eine ganz neue, ſchöne Bibel haben, und die wollte ich ihr ſchenken. Einen neuen Anzug, um darin confirmirt zu werden, hatte ſie ſich ſelbſt beſchafft, ſie war fleißig geweſen, und hatte Tag und Nacht genähet und ſich ihren Anzug redlich 175 verdient. Die Bibel mußte ſie doch aber von ihrer Mut⸗ ter bekommen. Und wie ſingſt Du's an, ſie zu kaufen? Oder warſt Du grade reich genug? Ach, bah, reich! Es war mitten im Winter, da iſt unſer Eins nicht reich. Ich lief Straß auf, Straß ab, da war nirgends Arbeit zu finden! Endlich, da gehe ich an dem kleinen Fluß vorüber, der durch die (Stadt fließt; da ſtand am Ufer ein großer Wagen, und auf dem Fluſſe waren Leute beſchäftigt, großte Eisblöcke loszuſchlagen und auf den Wagen zu bringen. Es ſollte für den Eiskeller eines Conditors, der den vorneh⸗ men Leuten davon ſchöne Dinge zubereiten wollte. Sieh, und wie ich ſo ſtand und das anſah, da fielen einige Regentropfen. Bis dahin war's kalt geweſen, nun in- derte ſich plötzlich das Wetter und es fing ein wenig an zu thauen. Die Leute, die das Eis ſchlugen, ſchrieen, ſie müßten mehr Arbeiter haben, denn ſie brauchten ſehr viel Eis, und müßten es heute und morgen beſchaffen. Da lief ich hin, und bot mich an, und ward angenom⸗ men, und wie es immer ſo leiſe fort regnete, da dankte ich Gott, und bei jedem Tropfen, der mir ins Geſicht ſiel, dachte ich: das ſind keine Regentropfen, das ſind Thränen, die die lieben Englein aus Mitleid geweint ha⸗ ben, als ſie eine Mutter ſahen, die für ihr Kind arbei⸗ ten wollte. Ja wahrhaftig, Schwiegerſohn, ich war ganz 176 ſtolz auf den Regen, und meinte im vollen Ernſt, die Englein weinten mir zu Gefallen, damit die Menſchen ges für Regen hielten und mir Arbeit gäben aus Furcht vor dem Thauwetter. Man iſt zuweilen ſo ſtolz und dumm! Aber denke Dir, Schwiegerſohn, ich hatte kaum einige Stunden gearbeitet, da ſiel ein großer Eisblock vom Wagen herab, und mit ſeiner ſcharfen Kante mir grade über die Hand und den Arm, und nun konnte eich nicht mehr arbeiten. Das muß ein furchtbarer Schmerz geweſen ſein, ſagte Ralph ſchaudernd. Ja, das war es auch, viel ſchmerzhafter war es, als mit dem ſcharfen Beil, und unmöglich konnte ich arbeiten mit den Händen. Aber mit den Füßen, Ralph, mit den Füßen ging es noch, und andern Tags, als der Arm verbunden war, da ging ich in die Tretmühle; es war mir anfangs ein wenig traurig, da ſo wie ein Pferd herum zu laufen, aber nach und nach gewöhnte ich mich daran, und nach ein paar Wochen da war meine Hand wie⸗ der geſund, und ich hatte ſo viel zuſammen geſchafft, daß ich für Eva eine ganz neue, ſchöne Bibel kaufen konnte.— Aber was iſt denn das, Ralph, Du weinſt? Komm, laß mich Dein Antlitz ſehen, warum weinſt Du, warum biſt Du traurig? Ich bin nicht traurig, Mutter, ſagte Ralph, und ſeine Thränen fielen heiß und glühend auf die Hand, 177 die für ſeine Eva geblutet. Ich weine nur aus Freude und weil Deine ſtille, beſcheidene Größe mein ganzes Herz bewältigt und weil ich Dich über Alles liebe und verehre. Er hatte ſich halb auf ein Knie vor ihr nieder ge⸗ laſſen, und küßte ihre Hände mit der Andacht und Liebe eines Sohnes. Mutter Anna drückte ſeinen Kopf an ihre Bruſt, und ſagte wehmüthig: liebe mich nur recht, mein Sohn, das thut meinem alten Herzen wohl; ja Du mußt und ſollſt mich auch lieben, denn der Himmel hat uns zu einander gewieſen. Du haſt keine Mutter mehr, und darum will ich Deine Mutter ſein, und ich habe keinen Sohn mehr außer Dir. Sprich nicht ſo, Mutter Anna, bat Ralph, gieb ihn noch nicht auf, Deinen Sohn Fritz, hoffe noch, daß er zu Dir zurück kehrt und in Wahrheit wieder Dein echter, guter Sohn wird. Mutter Anna ſchüttelte wehmuthsvoll ihr Haupt. Nein, ſagte ſie dann leiſe, aber feſt, nein, er wird nicht zurück kehren; er hat kein Herz und keine Demuth, und wo das fehlt, da iſt Alles verloren. Da hilft auch kein Flehen und kein Ermahnen, denn wer ſeine Bruſt gepanzert hat mit Kälte und Eigendünkel, da dringt kein flehendes mütterliches Wort hindurch, und da helfen keine Eva. I. Theil.. 12 178 Thränen. Ich habe ihn verloren, Ralph, und er iſt mir geſtorben. Oh, ich habe dieſe Nächte viel um ihn gelitten, jetzt iſt es vorüber; er hat mich verläugnet und ſeinen Vater, und indem er ſich einen andern Na⸗ men gab, ſtreifte er alle die Bande der Liebe ab, die Ael⸗ tern und Kind vereint; darum zieht ſich mein Herz auch ſo ſchmerzlich zuſammen, wenn ich ihn ſehe; ich werde noch für ihn beten, aber ich kann ihn nicht mehr lieben. Sprich das nicht aus, denke es nicht einmal, nein, verbiete Dir ſolche Gedanken, ſagte Ralph dringend. Er iſt Dein Sohn, Gott hat ihn an Dich gewieſen, und wenn er eitel iſt und übermüthig, ſo iſt er auch noch ſo jung und lebensmuthig; das Leben aber wird ihn ſchon bilden und zähmen, und er wird ſchon zum Be⸗ wußtſein kommen. Wenn er dann nach Dir ruft, Mut⸗ ter Anna, wirſt Du dann die Stimme Deines Sohnes nicht hören, willſt Du dann Dein Herz verſchließen vor dem, der Deines Gatten Sohn iſt, der Sohn Deines Blutes?— Nein, ſagte ſie tief gerührt, wenn er mich ruft und mich ſucht, dann ſoll er mich finden. Aber ich weiß, daß er mich nicht rufen wird.— Hoffe dennoch, Mutter Anna, und bis dahin liebe uns, und laß Dich tröſten von mir und Deiner Toch⸗ ter! 179 Ach, Eval ſagte die alte Frau ganz erſchüttert, und faltete die Hände wie zum Gebet, ach Eva! Ralph, wenn auch die mir verloren ginge, dann möchte ich mich auch nur hinlegen und ſterben, denn Dein Jammer, mein armer Sohn, würde mir das Herz brechen! Sprich nicht ſo, Mutter Anna, ſagte Ralph faſt ſtreng. Eva kann nimmer verloren gehen, und nimmer kann durch ſie Jammer über mich kommen. Ihr Herz iſt edel und rein, ihre Seele iſt wahr und ohne Falſch, ihr Gemüth iſt weich und empfänglich, und ſo wie ſie iſt, ſo iſt ſie das ſchönſte, das herrlichſte Glück meines Lebens, und ſo danke ich Dir, daß Du ſie mir gegeben haſt! Aber Ralph, ſagte Mutter Anna ſinnend, Du biſt zu weich gegen ſie, zu nachſichtig gegen ihre Fehler; ſie iſt noch ein Kind, Du mußt ſie leiten und Dich ihrer in ſtrenger Liebe erbarmen. Sie iſt mein Weib, ſagte Ralph lächelnd, und nicht mein Kind, und zudem, Mutter Anna, entſpringen auch ihre kleinen Fehler nur aus ihren Tugenden. Ihre glühende, friſche Seele nimmt jeden neuen Eindruck gleich ſo glühend auf, und wie ein unſchuldiges Kind ſtreckt ſie ihre Hände verlangend nach jeder glänzenden Frucht aus. 12* 180 8— Das klingt Alles recht ſchön, ſagte Mutter Anna, und warf auf Ralph einen durchdringenden prüfenden Blick. Aber Schwiegerſohn, ich habe immer bemerkt, daß die Menſchen grade dann am ſchönſten ſprechen, wenn ſie an ihre eigenen Worte nicht glauben; die Lüge wird immer mit den ſchönſten Worten geputzt und geſchminkt; die Wahrheit iſt unbemäntelt und einfach. Du haſt aber vorhin zu ſchöne Worte geſprochen, und darum, Schwiegerſohn, glaube ich auch nicht, daß ſie ganz wahr ſind.— Jedenfalls, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, haſt Du Unrecht gethan, darein zu willigen, daß ſte morgen eine Geſellſchaft giebt; das paßt nicht für eine einfache Bürgersfrau, und Du hätteſt es niemals erlauben ſollen. Ralph wagte nicht der ſtrengen Frau zu geſtehen, daß er nur widerſtrebend und halb gezwungen nachge⸗ geben. Es macht Eva Freude, ſagte er, warum ſoll ich ihr eine Freude verſagen, die ich ihr gewaͤhren kann? O fürchte nur nichts für Eva, beſte Mutter, ja, wenn ſie ſich auch augenblicklich verirrte, ſo wird ihr richtiges Gefühl, ihre reine, edle Seele ſie ſchon von ſelbſt auf die rechte Straße zurückführen, und ſie wird ſich dann vielleicht erſt um ſo inniger an mich anſchließen, wenn ſie fühlt, daß ſie ſich verlieren kann. Darum laſſen wir ſie ruhig gewähren, und zürne ihr nicht, Mutter Anna, wenn ihre Wünſche und ihr Verlangen anders ſind, wie die Deinen. Das Leben ſoll ihr leicht ſein, und glücklich, 181 und wo ich eine Blume pflücken kann, da will ich ſie auf ihren Weg ſtreuen. Bis zuletzt für Dich und ſie nichts übrig bleibt, als Dornen, ſagte Mutter Anna, halb zürnend, halb gerührt. XIIII. Der Abend des Feſtes war gekommen, die Lichter des Kronleuchters warfen ihr helles Licht durch das ge⸗ ſchmückte Gemach, in welchem Eva freudeſtrahlend an Ralph's Seite auf⸗ und abging. Sie war heute von wunderbarer Schönheit; ihr Geſicht ſtrahlte in Zufrie⸗ denheit und Glück, ihre Wangen waren von dem dunk⸗ len Incarnat der Freude tiefer geröthet, und um ihre ſchmalen Lippen ſpielte ein glückſeliges Lächeln. Sie drückte Ralph's Hand an ihren Buſen und dankte ihm mit Worten und Blicken für alle dieſe Freuden, die er ihr bereitet, für alle die Opfer, die er ihr gebracht, und vor dieſen holden Worten, dieſen ſtrahlenden Blicken fühlte Ralph allen Unmuth aus ſeiner Seele ſchwinden, und er freute ſich nur, daß Eva zufrieden war.— Bald kam auch Gräfin Jelſa; ſie prüfte noch einmal Eva's Anzug und ſagte: es iſt ganz gut, Liebe, daß Sie heute in Schwarz erſcheinen; das iſt das nobleſte Haus⸗ 183 kleid, und beſonders, wenn man Gäſte empfängt, am paſ⸗ ſendſten. Aber, wenn ich mir eine Bemerkung erlau⸗ ben darf, ſo iſt es dieſe. Das brillantene Halsband iſt für heute zu elegant. Das müſſen Sie nur anlegen, wenn Sie en grand parure ſind, nicht aber als Wirthin. Die höchſte Einfachheit iſt da das Eleganteſte, und dar⸗ an erkennt man am beſten die Dame von gutem Ton, wenn ſie zu rechter Zeit einfach, und zu rechter Zeit en parure, immer aber à quatre épingles iſt. Eva nahm erröthend ihr koſtbares Halsband ab, und Ralph, froh einen Grund zu haben, um das Zim⸗ mer zu verlaſſen, trug es fort.— Bald kam auch Herr Blitz mit ſeiner Schweſter Sophie, und Bonaventura mit den von ihm geladenen Herren, unter denen Vietor von Sendeck, Herr Weinherr, Rautenweg und mehrere Andere. Auch der Briefträger Karl ſtellte ſich ein, zog ſich aber verlegen und ſchweigend in eine Fenſtervertie⸗ fung zurück, kaum den Muth findend, Nalph auf ſeine freundlichen Fragen zu antworten, oder die Taſſe Thee zu nehmen, die ihm dargereicht ward. Die erſte halbe Stunde verſtrich ſo langſam und langweilig, wie dies in allen Geſellſchaften der Fall zu ſein pflegt. Verge⸗ bens bemühete ſich die Gräfin, eine allgemeine, anregende Unterhaltung zu veranlaſſen; ihre Bemühungen ſcheiter⸗ ten an dem ungenirten, rückſichtsloſen Betragen der jün⸗ gern Herren, die bereits unter ſich cin lautes und hefli⸗ 184 ges Geſpräch über Politik begonnen hatten, während Bonaventura ſich neben Sophien geſetzt hatte, und in halb flüſterndem Ton zu ihr ſprach von ſeiner unendli⸗ chen Sehnſucht, ſie zu ſehen, von ſeiner tiefen innern Zer⸗ riſſenheit, die ein Blick von ihr zu lindern begonnen, und ſie heſchwor, ihm doch öfter das Glück ihrer Nähe zu gönnen und ſeiner Schweſter Eva eine Freundin zu werden. Gräfin Jelſa mußte ſich endlich genügen laſſen, von Herrn Blitz angehört zu werden, und dieſer war auch wirklich ganz Ohr für die Worte, welche ihm von gräflichen Lippen tönten. Eva fühlte eine entſetzliche Angſt und Verlegenheit bei dieſer ſchwülen, beklemmen⸗ den Stille; ſie blickte vergebens nach ihrem Manne hin, um ihn zu ſich zu winken; Ralph ſtand in der Fenſter⸗ niſche neben Carl, und unterhielt ſich leiſe und angele⸗ gentlich mit ihm, und ſo ſaß Eva ängſtlich und ſtumm da, froh, als endlich Vietor von Sendeck ſich zu ihr ſetzte, die flüchtige Bekanntſchaft mit ihr zu erneuern. Aber auch dieſe ruhige und ergötzliche Unterhaltung mit dem fröhlichen und witzigen Victor ſollte ihr nicht un⸗ getrübt bleiben, denn mit Schrecken bemerkte ſie die Un⸗ geſchicklichkeit ihrer aufwartenden Magd. Bald ſtieß dieſe gegen einen Stuhl, bald warf ſie etwas zur Erde; es war ein beſtändiger Lärm, eine beſtändige Unruhe, und Graͤfin Jelſa hatte doch zu Eva geſagt, das Haupt⸗ erforderniß einer guten Geſellſchaft ſei, daß die Bedienung 185 lleiſe und geräuſchlos ſei. Die Angſt machte Eva miß⸗ trauiſch und ſie meinte bald hie und da ſpöttiſchen Bli⸗ cken, boshaftem Lächeln zu begegnen, und das vermehrte nnoch ihre innere Unruhe. Sie war froh, als man ſich endlich in das anſto⸗ ßende Gemach zum Souper begab, und ſuchte ihre Ver⸗ legenheit und Sorge dadurch zu vergeſſen, daß ſie ihre Gäſte viel und dringend zum Eſſen einlud, bis ſie das vverſtohlene Lächeln mancher derſelben, und die abwehren⸗ den Winke der Gräſin bemerkte, und nun gewahrte, daß ſie wahrſcheinlich abermals einen Fehler gegen die Re⸗ geln des guten Tons gemacht. Sie war nun ganz ſchweigend und ſtill, und Victor, der zu ihrer Linken ſaß, fand jetzt für ſeine Unterhaltung ein aufmerkſames und williges Ohr. Als das Souper beendigt war, trennte ſich die Geſellſchaft bald. Bonaventura führte Sophien zum Wagen, und als Herr Blitz ihn einlud, ihn recht oft und bald zu beſuchen, fragte er ſie flüſternd, ob er auch ihr willkommen ſei, oder ob ſie ihn für im⸗ mer aus dem Paradies ihrer Nähe verſtoßen wolle? Sie antwortete nicht, und Bonaventura fragte dringen⸗ der und mit jenem leiſen Geflüſter, das zur Seele dringt: ſprechen Sie nur ein einziges Wort, ſagen Sie, ob ich kommen darf, oder ob ich mir heute noch den Tod ge⸗ ben ſoll?— Da ſagte ſie leiſe: kommen Sie! Bo⸗ naventura drückte ihre Hand an ſein Herz, und küßte 12** 186 dann ehrfurchtsvoll dieſe Hand, die nur zu wilig in der ſeinen ruhte Eva athmete erleichtert auf, als die Gäſte ſie ver⸗ laſſen, und als Ralph ſie mit einem gütigen Lächeln fragte: nun Eva, biſt Du zufrieden? warf ſie ſich an ſeine Bruſt und weinte laut. Vergebens ſuchte Ralph ſie zu beruhigen, ihre Thränen floſſen unaufhaltſam, und auf Ralph's theilnehmende Fragen antwortete ſie nur: ich habe mich lächerlich gemacht, und man wird ſich über mich aufhalten. Als Bonaventura am andern Morgen kam, fragte ihn Eva, welche die ganze Nacht kaum ein Auge geſchloſ⸗ ſen: willſt Du mir eine Frage recht aufrichtig beant⸗ worten?. Er verſprach es ihr, und nun erzählte ſie ihm, daß ſie mehrere Male, wenn ſie geſprochen, bei einigen der jungen Herren ein ſpöttiſches Lachen wohl bemerkt habe, ja, Bonaventura ſelbſt habe einmal nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken können. Und darum frage ich Dich jetzt, warum dies geſchah, und was ich Auffallendes ſagte? fragte ſie heftig und mit Thränen in den Augen. Bonaventura ſchwieg verlegen, und Ralph ſagte begütigend: Du wirſt Dich ſicherlich getäuſcht haben, beſte Eva, und warum willſt Du, ſelbſt wenn man lachte, annehmen, daß Du die Veranlaſſung dazu warſt? Wie oft kommt Einem nicht plöͤtzlich irgend ein komiſcher 187 Gedanke, eine lächerliche Erinnerung, und man lacht, ohne zu ahnen, daß man vielleicht einen Andern dadurch verletzt. Eva ſtampfte unwillig mit dem Fuße, und ſagte zürnend: bin ich denn ein Kind, Ralph, dem man Zu⸗ ckerbrod hinreicht, wenn es ſchreit, nur um es zu beruhi⸗ gen? Warum mir Dinge vorreden, an die Du ſelbſt nicht glaubſt? Bonaventura, ich verlange von Dir, daß Du mir die Wahrheit ſagſt. Nun, wenn Du es denn durchaus wiſſen willſt, ſagte dieſer brüsque, ſo will ich es Dir ſagen. Man lacht über Dich, weil Du entſetzlich falſch ſprichſt. Eva ſah ihn erſtaunt und fragend an, dann rö⸗ thete ein edler Zorn ihr Angeſicht, und ſich an Ralph wendend, ſagte ſie: ich ſoll falſch ſein? Wer wagt es mich der Falſchheit zu beſchuldigen? Ralph, Du kennſt mich, Du weißt, wie ich bin, Du kennſt alle meine vie⸗ len Fehler und Schwächen; ſage es dieſem da, daß die Falſchheit wenigſtens nicht darunter iſt, ſage ihm, daß ich wahr bin, und ohne Falſch, ſage ihm, daß ich der Verſtellung und Falſchheit nicht fähig bin. Bonaventura brach in ein lautes Gelächter aus, vor dem Eva verletzt zuſammen ſchrak, Ralph aber legte leiſe ſeinen Arm um ihren Nacken, und ſagte gütevoll: Niemand wird es wagen, meine Eva, Dich der Falſch⸗ heit zu beſchuldigen; auch haſt Du Deinen Bruder miß⸗ 188 verſtanden. Er meinte nur, Du ſprächeſt falſch, das heißt, nicht nach denjenigen Regeln, die man einmal in der deutſchen Sprache angenommen hat. O jetzt verſtehe ich, ſagte Eva tief erröthend und zitternd, jetzt verſtehe ich dies Lachen. Man lachte über meine Unwiſſenheit, man hörte es an meiner Sprache, daß ich ganz unwiſſend, ganz ungebildet bin. Oh, das i*ſt entſetzlich!— Sie bedeckte ihr Geſicht mit ihre Händen, und ſchwieg lange, dann faßte ſie plötzlich ihres Gatten Arm, und ſagte heftig: Ralph, ich will Lehrer haben, heute noch, in dieſer Stunde noch. Ich habe Dich ſchon einmal gebeten, mir Lehrer zu geben, Du haſt es nicht gethan! Warum nicht? Ich muß aber, ich will aber Lehrer haben! Bonaventura, ſchaffe mir Leh⸗ rer, ſchaffe mir Männer, die mich unterrichten, die mich lehren, wie man ſprechen muß, um nicht ausgelacht zu werden! Wenn ich Dir dadurch einen Gefallen erzeige, ſagte Bonaventura, ſo will ich gern ſogleich gehen, mich nach einem Lehrer umzuſehen. Thun Sie das, Herr Schwager, ſagte Ralph, ich habe mich ſchon mehrere Tage vergeblich bemüht. Heute noch will ich den Unterricht beginnen, rief Eva aufgeregt, und nicht eher, das ſchwöre ich, werde ich jemals wieder eine Geſellſchaft beſuchen, als bis mir ——f—— 189 mein Lehrer das Zeugniß giebt, daß ich es thun kann, ohne mich lächerlich zu machen. So ſprechend verließ ſie das Gemach und ſchloß 3 ſich in ihrem Schlafzimmer ein, Bonaventura aber eilte, NRalph flüchtig grüßend, von dannen, um nach Lehrern für Eva zu ſuchen, und zu fragen. Auf dem Gensd'ar⸗ menmarkt begegnete er Victor von Sendeck, der ihn fragte, wohin er ſo eilig gehe? Meine arme Schweſter hat ſich endlich gegen die Tyrannei ihrer Mutter aufgelehnt, ſagte Bonaventura, und fordert mit Beſtimmtheit unterrichtet und in dem gebildet zu werden, was ihr fehlt. Pah, was nützt die Bildung! ſagte Victor lächelnd, Ihre Frau Schweſter iſt ohnedies ein Engel an Schön⸗ heit und Lieblichkeit! Sie würde ſich freuen, dieſe Worte von Ihren Lip⸗ pen zu hören, ſagte Bonaventura betonend. Uebrigens bin ich wirklich in einiger Verlegenheit, wo ich die Leh⸗ rer finden ſoll. Sie beſteht darauf noch heute ihren Unterricht zu beginnen. Und worin wünſcht Ihre Frau Schweſter unter⸗ richtet zu werden? fragte Victor ſinnend. In Allem, was man zu einer feinern Bildung wiſ⸗ ſen muß. Im Deutſchen, im Franzöſiſchen, in Geogra⸗ phie und Geſchichte, kurz in Allem. Victor ging eine Zeitlang ſchweigend weiter, dann 190 ſagte er: bieten Sie mich Ihrer Frau Schweſter als Lehrer an, das heißt, bitten Sie ſie in meinem Namen, mir zu erlauben, täglich eine Stunde zu ihr zu kommen, und mit ihr die deutſchen und franzöſiſchen Dichter zu leſen. Für das rein Praktiſche des Unterrichts aber kann ich Ihnen einen jungen Mann empfehlen, der ſehr ge⸗ übt iſt im Unterrichten. Sie ſind wirklich ſehr freundlich, ſagte Bonaven⸗ tura, und ich danke Ihnen außerordentlich im Namen meiner Schweſter. Nun bleibt nur noch eins zu erör⸗ tern, nämlich die Bedingungen, unter denen Sie— Ich habe gar keine Bedingungen zu machen, un⸗ terbrach ihn Victor ſchnell. Ich bin vermögend, ja, man behauptet ſogar, ich ſei reich, eine Behauptung, die mir vielleicht einen großen Theil meiner zahlreichen Freunde zugezogen hat. Alſo nichts von Bedingungen. Aber Sie dürfen auch nicht wähnen, daß ich Ihnen die⸗ ſen Vorſchlag ganz ohne Egoismus gemacht; ich muß Ihnen vielmehr geſtehen, daß ich zunächſt dabei an mein Vergnügen und mein perſönliches Ergötzen gedacht habe. Ich leide an einer bittern und ſchmerzvollen Krank⸗ heit— Wie? unterbrach ihn Bonaventura, Sie mit Ihrem friſchen, blühenden Ausſehen, mi tIhren glänzenden Au⸗ gen, deren Blick nie von einem Schmerz getrübt ſcheint, Sie wären krank? 191 Und zwar krank an einem Leiden, für das die Aerzte kein Heilmittel wiſſen. Dies Leiden iſt die Lan⸗ geweile! Jung, wie ich bin, habe ich dennoch alle Freu⸗ den, alle Entzückungen des Lebens kennen gelernt, habe von allen Genüſſen gekoſtet, und bei jedem den bittern Wermuthstropfen geſchmeckt, den das Schickſal hämiſch jeder Freude beigemiſcht hat. Ich bin des Lebens ſatt, und verlange nichts mehr als Zerſtreuung. Mich über⸗ raſcht, mich befremdet, ja mich erfreut nichts mehr. Aber die Politik, die Weltereigniſſe, ſagte Bonaven⸗ tura, dieſe ſcheinen doch mindeſtens noch Ihr lebendiges Intereſſe zu erregen. Sie ſind ein Freund von Wein⸗ herr und Rautenweg. Victor zuckte die Achſeln. Was man ſo im Leben Freund nennt, ſagte er faſt verächtlich. Ich gehe mit ihnen in die Kaffeehäuſer, ſie eſſen und trinken mit mir, und benutzen häufig meine Loge im Theater. Dafür höre ich ruhig ihre Tiraden von Völkerfreiheit und Gleich⸗ heit an, und ſtimme mit ein, wenn grade meine Laune ſo iſt. Dieſe Art von Großſprecherei und künſtlichem Enthuſiasmus iſt mir neu und amüſirt mich zu Zeiten, daher meine Freundſchaft mit Weinherr und Rautenweg. Glauben Sie auch nicht, fuhr er fort, daß dieſe Herren etwas Anderes vermuthen, oder daß ſie etwas Tieferes für mich fühlen! Sie kennen meine Geſinnungen ganz genau, und würden ſich lange von mir zurückgezogen 192 haben, wenn es ſich nicht grade ſo träfe, daß man von meiner Theaterloge aus ſehr gut ſieht, und daß Mein⸗ hard, Jagor, und wie die Speiſewirthe alle heißen, mir bedeutend mehr Credit geben, und es lieber ſehen, wenn ich mit ihnen zuſammen ein Diner beſtelle, als wenn ſie es allein thun. Sehen Sie, das iſt meine Freund⸗ ſchaft mit dieſen Herren. Und was meine politiſchen Anſichten anbetrifft, nun darüber ſprechen wir ein ander Mal! Beantworten Sie mir nur die Eine Frage, ſagte Bonaventura mit einem lauernden, mißtrauiſchen Blicke, ſind Sie wirklich einverſtanden mit dem Gedicht, wel⸗ ches ich Ihnen und den Herren neulich vorlas? Sie fordern da in aller Kürze mein ganzes poli⸗ tiſches Glaubensbekenntniß, ſagte Victor lachend, und das will ich Ihnen grade ein anderes Mal geben, alſo bleibe ich Ihnen lieber heute die Antwort ſchuldig. Und meiner Schweſter wollen Sie wirklich Unter⸗ richt ertheilen? fragte Bonaventura ablenkend. Wenn ſie mich nicht verſchmäht, gewiß! Ich will Ihnen etwas ſagen; es giebt auf der Welt nur Eins, was des Nachdenkens und tiefern Studiums werth iſt, und doch alle Berechnungen, alle Erfahrungen, alle Ver⸗ nunftſchlüſſe immer wieder täuſcht und zernichtet, dies Eine große, unergründliche Geheimniß iſt das Weib. — 193— Und Sie möchten dies Geheimniß gern ergründen? fragte Bonaventura ſchalkhaft lachend, und darum wol⸗ len Sie meiner Schweſter Unterricht ertheilen! Sie haben es errathen! Es liegt etwas Eigenes, Unerforſchliches, Tiefes in dem Antlitz Ihrer Schweſter, und wüßte ich nicht, wie groß die Koketterie und das Schauſpielertalent der Frauen iſt, ſo würde ich überzeugt ſein, daß Ihre ſchöne Frau Schweſter das reinſte, un⸗ ſchuldigſte, naturvollſte Weſen iſt, das ich kenne. Es liegt in ihren Augen eine wunderbare Tiefe und Gluth, und um ihren Mund zuckt es zuweilen, wie Verachtung und Stolz. Sie ſind ein großer Menſchenkenner, ſagte Bona⸗ ventura, denn Sie haben Recht in dem, was Sie im Angeſicht meiner Schweſter geleſen haben. Nur thun Sie ihr Unrecht mit Ihrem Mißtrauen. Eva weiß nichts von Koketterie; dieſe künſtlichen Dinge ſind ihr fremd, ſie iſt, wie ich ſchon geſagt habe, unter einer tyranni⸗ ſchen Mutter in voͤlliger Unbekanntſchaft mit der Welt aufgewachſen, und ihr Gatte war der erſte Mann, den ſie jemals geſprochen. Dann hat Ihr Schwager ein unerhörtes, beneidens⸗ werthes Glück erobert, und ich gäbe die Hälfte meines Lebens willig hin, hätte ich an ſeiner Stelle ſein können! Aber hier ſind wir vor dem Hauſe Ihres Schwagers! Eva. I. Theil. 3 13 194 Wollen Sie hinauf gehen und Ihrer Schweſter meinen Plan vorſchlagen? Ich erwarte Sie hier. Bonaventura kehrte bald zurück, mit der Nachricht, daß Eva ſich entſchieden weigere, Unterricht zu empfangen, ohne denſelben honoriren zu können. Das war zu erwarten, ſagte Victor, Sie hätten ihr das nicht ſagen müſſen! Aber bitte, melden Sie mich Ihrer Schweſter, ich werde mir ſelber das Wort reden müſſen! Eva empfing Victor mit tiefem Erröthen, und Vic⸗ tor, ihr ehrfurchtsvoll die Hand küſſend, ſagte: Ihr Herr Bruder hat mich zum Vertrauten Ihres Geheimniſſes gemacht, und ich weiß, daß es Ihnen nicht genügt durch Ihre Anmuth und Natürlichkeit zu bezaubern, Sie wol⸗ len auch glänzen durch Ihren Geiſt, und die ſeltenen Gaben deſſelben wecken und fördern. Ich bewundere Sie darum. Und wiſſen Sie Jemand, der die Mühe, mich zu unterrichten, übernehmen möchte? fragte Eva ſchüchtern⸗ Victor nannte ihr einen jungen Mann ſeiner Be⸗ kanntſchaft, der mit Freuden eine ſolche Stellung über⸗ nehmen, und den er ihr gleich heute noch ſenden werde. Er iſt eben ſo wohlunterrichtet, als arm, ſagte er, und ſo wird ihm eine ſolche Unterſtützung ſehr nützlich ſein. Nun aber habe ich eine Bitte an Sie, gnädige Frau, durch deren Erfüllung Sie mich glücklich machen. Ge⸗ 195 währen Sie mir die Gunſt, täglich zu Ihnen kommen zu dürfen, und mit Ihnen unſere beſten und erhaben⸗ ſten Dichter leſen zu können. Sie werden, fuhr er ra⸗ ſcher und Eva an einer Antwort verhindernd, fort, Sie werden mich dadurch zu ewigem Dank verpflichten, denn Sie geben mir ſo die Gelegenheit, alle meine Lieblings⸗ dichter noch einmal zu leſen und mich ihrer zu freuen. Auch wird Einem beim gemeinſchaftlichen Leſen Manches erſt deutlich und verſtändlich, was früher unklar gewe⸗ ſen. Eva ſagte ganz heiter: gewiß wäre eine ſolche Lectüre angenehm und lohnend, nur kommt es darauf an, ob Ihnen Zeit und Stunde gleichgültig ſind.— Vic⸗ tor verſicherte, ihr durchaus die Beſtimmung derſelben überlaſſen zu können. So wollen wir meinen Mann fragen, welche Stunde ihm am bequemſten iſt, ſagte Eva arglos. Es fiel ihr gar nicht die Möglichkeit ein, ohne dieſen eine ſolche Unterhaltungslectüre haben zu können, und ſie bat die Herren, ſie hier zu erwarten, während ſie zu Ralph gehen wollte, um dieſen zu fragen. Geſtehen Sie, ſagte Bonaventura lachend zu Vic⸗ tor, während ſie allein waren, geſtehen Sie, daß es eine Unbefangenheit und Argloſigkeit giebt, die weniger ſchön als läſtig iſt. Wenigſtens war es ſicherlich nicht Ihr Wunſch, auch meinen verehrungswürdigen Schwager mit unſern herrlichen Dichtern bekannt zu machen. 13* 196 Victor zuckte ſchweigend die Achſeln, und Eva kam eiligſt wieder, um von ihrem Manne zu ſagen, daß ihm jede Nachmittags⸗ oder Abendſtunde genehm ſei.— Dieſe ward näher beſtimmt, und dann trennte man ſich. Victor ſagte, als er ſeiner Wohnung zuſchritt, leiſe zu ſich ſelber: dies wird mir auf Monate eine angenehme Zerſtreuung gewähren. Dieſe Eva iſt ſo natürlich, ſchön und naiv, daß ſie wohl im Stande wäre, einen Adam zu verführen. Auch iſt es ein gutes Wort, das da ſagt: ein Lehrmeiſter wird oft ein Mehrleiſter! Von nun an kam Victor von Sendeck regelmäßig jeden Nachmittag, mit Ralph und Eva zu leſen. Sie begannen mit Schillers Dichtungen, und hier war es eine Freude, Eva's Entzücken, ihre Begeiſterung und Gluth zu ſehen, zu gewahren, wie ihr nach und nach das tiefere Verſtändniß dieſes Dichters ſich erſchloß, wie ihre Stimme, wenn ſie las, in ſanften Modulationen ſich hob und ſenkte, und bald ſich herausbildete zu dem ſeelenvollſten Vortrag. Bei den Tragödien pflegten ſie gern, wenn nicht zu viele Perſonen in einer Scene bei⸗ ſammen waren, dieſe mit vertheilten Rollen zu leſen; das war für Eva eine ganz beſondere, unendliche Luſt, und die Geſtalten, die der Dichter vor ihr hingezaubert, pflegten ſich dann mit ihrem eigenen Weſen ſo zu iden⸗ tificiren, und eins mit demſelben zu werden, daß ſie alle Luſt, allen Jammer als etwas ihr Geſchehenes in ſich 197 gufnahm und empfand. Sie erröthete als Thecla, wenn Marx ihr erſchien, ſie war erhaben und gefaßt, wenn ſie Thecla's letzten Monolog ſprach, und jede Fiber ihres Körpers ſchien zu erbeben, wenn ſie den Tod ihres Ge⸗ liebten erfahren. Wie zart, wie innig war ihr Aus⸗ druck, wenn ſie die Luiſe las, und wie blitzte ihr Auge, wie kühn richtete ſie ſich empor, wie ſtolz hob ſich ihre Bruſt, bei den Monologen der ſchlachtenmuthigen Jung⸗ frau. Dieſe Rolle ſagte ihr am meiſten zu, begeiſterte, entzückte ſie vor allen Andern und nahm ihr ganzes gleich⸗ Weſen in Anſpruch. Dieſen erſten Entzückungen, ſam dieſer erſten Auferſtehung eines ſo mächtigen, glühen⸗ den Geiſtes beizuwohnen, war für Victor ein neuer, nie gekannter Lebensreiz, und oft war es ihm, als müßte er vor ihr niederſinken, ſie anzubeten in ihrer himmli⸗ ſchen Begeiſterung, oft hätte er ihr alle ſeine Anbetung, ſeine Verehrung ſchildern mögen, wenn Ralph nicht ge⸗ weſen wäre. Aber Ralph war da, und fehlte keinen Tag. Für ihn auch war es eine unendliche Freude, ſein junges herrliches Weib in den erſten Entzückungen ihrer werdenden Intelligenz zu beobachten, und oft, wenn ſie las, entſank das Buch ſeiner Hand, und ohne zu hören, was ſie las, verlor er ſich im Anſchauen dieſes holden Angeſichtes, auf dem alle Empfindungen, denen der Dich⸗ ter Worte gegeben, ſich wieder ſpiegelten, die erröthete und erbleichte, deren Augen blitzten in der Begeiſterung 198 des Kampfes, der Liebe, oder ſich mit Thränen füllten vor Schmerz und Weh. Aber inmitten dieſer Freude über Eva durchzuckte oft ein tiefes Schmerzgefühl Ralph's Bruſt, und wenn er ihre glühenden Blicke gewahrte, den tiefen Seelenton hörte, mit dem ſie die Worte der Liebe las, dann dachte er oft ſchaudernd: es iſt in ihrer Seele noch eine tiefe unberührte Stelle, nach der die Liebe zu mir nicht hingedrungen; ſie hat in ihrer Stimme Töne der Liebe und der Entzückung, die ich nimmer von ihr vernommen, o, und ich fühle es wohl, ſie iſt einer Lei⸗ denſchaft fähig, deren Gegenſtand ich aber nimmer ſein werde!— So waren mehrere Wochen vergangen, als eine unerwartete, größere Arbeit, eine neue große Ma⸗ ſchine, deren künſtliche Zuſammenſetzung Ralph ſeinen Letzten nicht anvertrauen mochte, ihn zwangen, den gan⸗ zen Tag in der Werkſtatt zu ſein. Victor frohlockte innerlich und Eva, die anfangs ein wenig befangen und verlegen geweſen, gewann bald ihre frühere Unbefangen⸗ heit und Natürlichkeit wieder.— Sie hatten jetzt die Schiller'ſchen Tragödien beendet, und ſich zu Göthe wen⸗ dend, ſchlug Victor vor, die Lectüre deſſelben mit Wer⸗ ther's Leiden zu beginnen. Eva kannte nicht die Gefahr und ſchaute ſie daher auch nicht, und ſo laſen ſie denn zuſammen Werther's Leiden. XIV. Bonaventura indeß, je weniger er jetzt zu Eva kam, deſto mehr ſah man ihn in Geſellſchaft der jungen, ſo⸗ genannten Liberalen, oder im Hauſe des Herrn Blitz, dem er bald ein lieber unentbehrlicher Geſellſchafter ge⸗ worden. Zwei Dinge waren es, die Bonaventura jetzt vorzugsweiſe beſchäftigten, er wollte von Sophien geliebt werden und ſich zu einem berühmten, gefeierten Dichter erheben. Letzteres meinte er faſt ſchon erreicht zu haben, und wirklich war er in der Freitagsgeſellſchaft, in welche er durch Weinherr eingeführt worden, der Held des Ta⸗ ges, dem man nicht ſäumte, die aus Lorbeeren geflochtene Dichterkrone zu reichen. Je extravaganter und ausſchwei⸗ fender ſeine Gedichte waren, deſto mehr wurden ſie er⸗ hoben und geprieſen, und deſto mehr beeiferte ſich Herr Weinherr, dieſelben in lobenden Zeitungsartikeln zu prei⸗ ſen, und ſolches Lob pflegte dann Bonaventura wieder mit einem Lobgedicht auf Herrn Weinherr zu erwidern 200 Dann ſorgte Rautenweg, daß dies in einem andern Jour⸗ nal abgedruckt ward, wofür Herr Weinherr dann wieder zum Lobe Rautenweg's anderswo einen„Artikel“ ver⸗ faßte. Es war ein ſtetes Hin⸗ und Wieder⸗Loben, bei dem Jeder gewann, und ſich den andern verpflichtete, und wobei Jeder doch nur zum Wohl des Landes, zur endlichen Befreiung Deutſchlands zu wirken vorgab. Wir müſſen die Einheit Deutſchlands damit begin⸗ nen, ſagte Herr Weinherr in der heutigen, zahlreich be⸗ ſuchten Freitagsgeſellſchaft, daß wir unter uns ſelber einig ſind. Ganz Deutſchland blickt auf uns mit prü⸗ fenden, verlangenden Blicken; wohlan, zeigen wir ihm denn, daß wir feſt ſtehen und unerſchüttert, Alle durch⸗ drungen von derſelben Geſinnung, belebt von denſelben Gedanken, und ſo an einander hangend in unerſchütter⸗ licher hingebender Treue. Möge Deutſchland uns nach⸗ eifern und folgen, dann wird es bald da ſtehen feſt und unerſchüttert, ein großer, nicht zu bewältigender Rieſe.— Er blickte umher, beifallsdurſtig, und als ihm dieſer gezollt worden, ſagte ier: und nun laßt uns, meine Freunde, wie immer die Sitzung damit beginnen, daß wir uns Rechenſchaft ablegen über das, was wir in verfloſſener Woche zum allgemeinen Wohl und zur Befreiung Deutſchlands gethan haben. Ich, meinestheils, habe täglich einen Artikel für die** Zeitung geſchrieben, in dem ich die höchſten und heiligſten Intereſſen des 201 heiligen Deutſchlands in unwiderlegbarer hinreißender und klarer Weiſe geſchildert und verfochten habe. Außer⸗ dem ſchrieb ich einige Artikel für Journale, und griff darin mit kühnem Muthe einige hochſtehende Männer der feindlichen Parthei an; das erregt Aufſehen, und unſer Beſtreben muß zunächſt darauf gerichtet ſein. eben Aufſehen in jeder Hinſicht zu erregen. Ich, ſagte Herr Rautenweg, als Weinherr ſchwieg, ich habe wenigſtens zehn Artikel in dieſer Woche ver⸗ faßt, alle für die Freiheit der Preſſe, und Befreiung vom läſtigen Cenſurzwang mit Ungeſtüm begehrend. Außer⸗ dem ging ich Nachmittags in die Bier⸗ und Weinhäu⸗ ſer, um dort die ruhigen Bürger anzuregen, und ſie zu belehren über das, was ſie fordern und verlangen müſ⸗ ſen, und ſie durch begeiſterte Rede aus ihrer Lethargie und Apathie aufzuſchrecken und zur That zu befeuern.— Und ich, ſagte ein Anderer, ſchrieb gegen einige Behör⸗ den eine Broſchüre in der kräftigſten energiſchen Sprache. Es iſt wahr, ich hatte hier und da einige übertriebene Angaben gemacht, aber es geſchah mit weiſem Vorbe⸗ dacht, um recht großes Aufſehen zu erregen, und das iſt mir gelungen, denn, wie ich ſo eben erfahre, wird dieſe Broſchüre verboten werden. Ein allgemeiner Freudenſchrei machte ſich hörbar. Das iſt herrlich! Das iſt vortrefflich! hörte man von allen Seiten rufen. Mögen ſie nur ſo fortfahren die 13** 20² Herren Miniſter und die Polizei! ein einziges ſolches Verbot nützt uns mehr als hundert angreifende Artikel gegen die Cenſur! Das greift ein, das dringt ins Blut jedes Einzelnen, denn jeder Einzelne wird dadurch ver⸗ letzt an ſeiner perſönlichen Freiheit! So lange nur die Literaten von der Cenſur bedrückt werden, iſt der Bür⸗ ger ruhig und zufrieden, denn das behindert, das drückt ihn nicht, aber wenn man ihm verbieten will, ein Buch zu leſen, durch welches er ſich belehren könnte über die Verwaltung und die Behörden, ſo empfindet er das als einen unleidlichen Zwang, und wird ſich dagegen aufleh⸗ nen!— Die Nachricht von dieſem Verbot muß ſich in⸗ deſſen ſchon allgemein verbreitet haben, ſagte der Ver⸗ faſſer der verbotenen Broſchüre, denn, denken Sie ſich, meine Herren, heute Morgen in aller Frühe ward mir ein Packet und ein Brief von einem Unbekannten über⸗ — bracht, der ſich, ohne mir Rede zu ſtehen, ſogleich wie⸗ der entfernte. Der Brief enthielt nichts als die Worte: dem Märtyrer der Cenſur von einem Verehrer ſeiner Broſchüre, und in dem Packet war ſo viel Tuch zu ei⸗ nem neuen Rock, deſſen ich übrigens ſchon ſeit einiger Zeit bedurfte. So muß es ſein, ſagte Herr Weinherr, Deutſch⸗ land muß für die Männer ſorgen, die ſich ſeinem Dienſte hingeben und ſich ihm weihen; erſt wenn die Freiheit uns auch kleiden und ernäͤhren kann, erſt dann iſt es 203 eine goldene Zeit, und erſt dann koͤnnen wir hoffen, das Ziel zu erreichen!— Und Sie, Herr von Ottersheim, wandte er ſich dann an Bonaventura, werden Sie uns nicht wieder einige Ihrer herrlichen und ſchönen Gedichte vortragen? Bonaventura nahm ſeine Schreibtafel hervor und las: „O ſprecht, wann iſt denn endlich Ruh, „Wie lange woll'n wir kämpfen? Bis daß der letzte König ſchweigt, Die Freiheitsſonne aufwärts ſteigt, Kein Cenſor mehr die Feder führt, Und das lebend'ge Wort ſcalpirt; Bis daß der dreizehnte Paragraph Urkräftig auch in's Leben traf Und uns Conſtitution gewährt Und unſ're Völkerfreiheit ehrt, Bis daß das Recht der einz'ge König Und Königstitel nur gar wenig, Der Graf den Bauer Bruder nennt Und nur das Recht als Fürſt erkennt; Bis daß uns reicht vom hohen Throne Die Freiheit eine Bürgerkrone, Kein Prieſter, keine Pfaffen mehr, Miniſter nicht, und ſteh'ndes Heer, Bis daß der Bürger iſt ein König, Die Freiheit ihm iſt unterthänig Und Oeffentlichkeit, mündlich Wort Ertönet hier und aller Ort, So lange woll'’n wir käͤmpfen, Erſt dann iſt endlich Ruh!— Lauter Jubel dankte ihm für dies Gedicht; man draͤngte ſich um ihn, ihm die Hand zu reichen, und 204 ihm zu danken für dieſe neuen, großen und ſchönen Worte, und trennte ſich endlich noch ganz entzückt und berauſcht. Hier alſo hatte Bonaventura ſein Ziel erreicht, man nannte ſeinen Namen mit Auszeichnung, mit Ent⸗ zücken und Enthuſiasmus. Aber es gab noch ein zwei⸗ tes Ziel, nach dem er ſtrebte, hatte er auch dies er⸗ reicht? Wird auch dort ſein Name mit Entzücken und Enthuſiasmus genannt? Tönt er von den holden Lip⸗ pen jenes ſchönen Mädchens, von dem geliebt zu wer⸗ den vielleicht das noch wünſchenswerthere, und heißer begehrtere Ziel Bonaventura's iſt? Werfen wir, dies zu ergründen, einen Blick in Sophien’s Gemach. — XV. Sie war allein; den Kopf in die Hand geſtützt blickte ſie aufwärts, Träumen und Erinnerungen hin⸗ gegeben, die erfreulicher Art ſein mußten, denn um ih⸗ ren Mund ſpielte ein holdes Lächeln, und ihre Augen glänzten in Freude und Glück. Zuweilen tönte, wie ein unwillkührlicher Seufzer, ein Name von ihren Lippen, aber ſo lind und leiſe, daß der Ton ſchon erſtarb, wie er von ihren Lippen kam, und ſelbſt den Wänden nicht das Geheimniß ihres Herzens verrieth. Aber ſo oft ſie dieſes einzige Wort, dieſen einzigen Namen geſprochen, war es, als habe ein Zauberſchlag ihr Herz getroffen, denn ſie zuckte zuſammen, wie in freudigem Schreck, eine dunkle Röthe überzog ihr Antlitz und ihr Buſen hob und ſenkte ſich in ſtürmiſchem Wallen. Vor ihr auf dem Tiſche lag ein Roſa⸗Papier, eng beſchrieben, wie es ein Liebender ſeiner Geliebten zu ſchreiben pflegt, denn die Liebenden haben ſich ſtets ſo Vieles zu ſagen und zu 206 ſchreiben; das nahm Sophie und blickte es an, und las es wieder, drückte es dann an ihre Bruſt, und bedeckte es mit Küſſen; als es aber jetzt an ihre Thüre klopfte, ſteckte ſie es raſch in ihren Buſen und eilte dann, die verſchloſſene Thüre zu öffnen. Draußen ſtand Carl, der Briefträger, und Sophie unterdrückte kaum einen Schrei der Freude, denn ſie ahnte ſchon, von wem er ihr einen Brief zu bringen habe. Freundlich bat ſie Carl näher zu treten, und als er ihr den Brief hinreichte und mit trunkenen, ſeligen Blicken ſie anſchaute, gewahrte ſie dies nicht, denn ſie dachte, und ſah nur den Brief, den ſie raſch erbrach, und mit fliegenden Blicken überlas. Dann ſagte ſie ſchnell zu Carl: wollen Sie mir einen Gefal⸗ len thun? Ihnen einen Gefallen? ſagte er ganz glücklich und athemlos. Oh, ſagen Sie nur, was es ſein ſoll, und wäre es das Schwerſte, es ſoll geſchehen! Nehmen Sie die Antwort mit bis zur nächſten Stadtpoſt, ſagte ſie, und trat zu ihrem Schreibtiſch, um ſchnell einige Worte auf das Papier zu werfen, die ſie dann eiligſt zuſammen faltete. Carl ſtand noch immer in ihrem Anſchauen verloren, ganz trunken von Glück bei dem Gedanken, ihr gefällig ſein zu können; da reichte ſie ihm ſchon das fertige Briefchen hin, und bat ihn, es recht raſch zu befördern. Dann nickte ſie ihm den Abſchiedsgruß mit einem ſo holdſeligen Lächeln, daß 207 Carl kaum einen Schrei des Entzückens unterdrücken konnte, und eiligſt das Zimmer verließ, um ſich nicht zu verrathen. Draußen aber ſank er ganz außer ſich, ſelig und berauſcht vor ihrer Thüre nieder, und küßte die Schwelle, über die ihr Fuß dahin ſchreiten, und küßte die Thürklinke, die ihre Hand berühren mußte; dann aber fiel ihm ein, daß ſie ihm befohlen, das Briefchen raſch zu befördern, und er erhob ſich raſch, und eilte die Treppe hinab in athemloſem Lauf, das Briefchen an ſein Herz drückend, als gehöre es ihm, als ſei es ihm ge⸗ ſchrieben worden. Erſt auf der Straße ſiel ihm ein, es zu betrachten; als er aber die Adreſſe geleſen, tönte ein einziger Schrei, ein Schrei des tiefſten Jammers und Entſetzens von ſeinen Lippen, Todesbläſſe bedeckte ſein Geſicht, und faſt ſinnlos taumelte er zurück gegen die Mauer des Hauſes. Dieſer Brief war an einen Herrn adreſſirt, alſo mußte auch der Brief, den ſie empfangen, und auf den dies die Antwort war, von einem Herrn geweſen ſein! Das war das Einzige, was er denken konnte, und dieſer Gedanke ſchien ihn ſinnlos zu ma⸗ chen; aber inmitten ſeiner Betäubung und ſeines Schmer⸗ zes erinnerte er ſich wieder, daß ſie den Brief raſch befördert wünſchte, und mit übernatürlicher Gewalt raffte er ſich zuſammen weiter zu gehen. Ich will ihn wenig⸗ ſtens ſehen, murmelte er vor ſich hin, und ſtatt den Brief auf die Stadtpoſt zu geben, eilte er ſelbſt nach Ar 208 der angegebenen fernen Straße, wo der Herr von Ot⸗ tersheim wohnen ſollte. Jetzt ſtand er vor ſeiner Thüre, athemlos, kaum ſeiner Selbſt ſich bewußt.„Wenn ich dieſe Thüre öffne,“ dachte er,„dann werde ich ihn ſehen, den ſie liebt, denn ſie liebt ihn, das ſah ich an ihren Mie⸗ nen, als ich ihr den Brief brachte.“ Sie liebt ihn! Ein furchtbarer, entſetzlicher Grimm gegen dieſen unbekannten Nebenbuhler erfaßte ihn, und ſeine Hand ballte ſich un⸗ willkührlich zur Fauſt. Nein, nein, ſagte er, ich kann ihm dieſen Brief nicht bringen, ich würde ihn ermor⸗ den mit dieſer meiner Hand, die ihm den Brief reichen ſoll.“ Aber hatte ſie ihn nicht gebeten, den Brief raſch zu befördern? Hatte ſie mit ihrer ſüßen Stimme, die ſeinem Ohre Himmelsmuſik war, ihn nicht aufgefordert, ihr dieſen Gefallen zu erzeigen? Nun, es ſei, ſagte er, ſich aufraffend, und ſich mu⸗ thig emporrichtend klopfte er an die Thür. Ein lau⸗ tes Herein ertönte von innen, und Carl, die Thür öff⸗ nend, reichte den Brief hin: an Herrn von Ottersheim! Das bin ich, ſagte der junge Mann, in dem Carl zu ſeinem Schrecken den Bruder Eva's erkannte. Ralph hatte ihm wohl erzählt, daß dieſer Bruder ein Dichter geworden, und ſich einen andern Namen gegeben, aber es war ihm gleichgültig geweſen, und er hatte nicht nach dem neuen Namen gefragt. Jetzt wußte er ihn, ach, und er war ſeinem Herzen für immer eingeprägt.— 2 209 Guter Freund, was bin ich ſchuldig? fragte Mmg⸗ ventura, den Brief leſend. Nichts, rief Carl mit rauhem Ton, und eilte v von dannen.— Mechaniſch, wie betäubt und ſinnlos, beſorgte er ſeine Geſchäfte, und dann erſt ging er heim, um in ſeiner einſamen Kammer ſeinen Schmerz austoben zu laſſen, ſeiner Pein Worte zu geben. Er ſtürzte nieder zur Erde, und weinte laut, alle Muskeln ſeines Körpers ſchienen angeſpannt von einem ungeheuren Schmerz, und der Athem ging wie ein krampfhaftes Stöhnen aus ſeiner Bruſt hervor. Der Schmerz hatte hier noch ſeine ganze, ungeſchwaͤchte Kraft, und übte noch ſeine urkräftige naturvolle Pein auf dieſes urkräftige, natur⸗ volle Gemüth. Carl hatte noch nichts angenommen von den Verfeinerungen der Welt, vonsder Bildung, die alle ſcharfen Ecken abſchleifend, auch die Schärfe und Kraft unſerer Empfindungen abſtumpft und mildert, und un⸗ ſere Pein ſänftigt, vielleicht aber ſie ätzender und lang⸗ dauernder macht. Sein Herz und ſeine Seele waren noch wie ein unbebautes Feld, aus dem jedes Samenkorn der Freude oder des Schmerzes gleich in üppiger Natur⸗ kraft ſproſſend hervorquoll und zum Baum erwuchs. Da war nichts Ungetheiltes, Halbes in dem Gemüth dieſes Naturkindes, ganz dem Glücke, oder ganz dem Unglücke war es zu eigen, und als ſich jetzt der Schmerz gleich einer Lawine über ſein Herz deckte, da meinte er Eva. I. Thel. 44 210 das Glück ſei darunter auf ewig begraben und verſchüt⸗ tet. Wie hatte er Sophien geliebt, wie war er mit al⸗ len Regungen ſeiner Seele ihr zu eigen geweſen, wie war ſie das Ideal ſeiner Träume, die Entzückung ſeines Wachens geweſen! Er hatte nie daran gedacht, daß er jemals ſie beſitzen könne, ſie war ihm viel zu erhaben, viel zu heilig erſchienen, und doch, ſeltſamer Widerſpruch der Natur, fühlte er jetzt eine namenloſe Pein bei dem Gedanken, ſie nun wirklich unwiederbringlich verloren zu ha⸗ ben. Er ſchlug ſeine Bruſt in wilder Verzweiflung, er raufte ſich das Haar in unerhörter Pein, und der Schmerz entſtellte ſeine unſchönen Züge, daß ſie in abſchreckender Häßlich⸗ keit erſchienen. So unter Seufzen und Thränen, unter Verwünſchungen und Klagen verbrachte er einen Theil der Nacht, dann begann der Sturm ſich zu legen, die wilden Wogen ſeines Schmerzes ſich zu ſänftigen, und als die Sonne am Hinmmel erſchien, und die niedrigen Fenſter ſeiner Kammer leiſe röthete, da ſagte Carl mit einem matten, verſagenden Lächeln: was klage ich denn? Iſt ſie nicht, wie die Sonne, die jeden Morgen über uns aufgeht, und Jeden beglückt, und doch Keinem ge⸗ hört als Gott? Und kann ich ſo mich nicht ihrer freuen und von ihr beglückt werden? Bin ich alſo nicht ein Thor, daß ich klage und jammere, als um ein verlor⸗ nes Kleinod, da ich dies Kleinod doch nie beſitzen konnte?— Dann verſank er tiefer in ſich ſelbſt und ſaß lange un⸗ * 211 beweglich und ſchweigend da. Das ganze Leben, die ganze Zukunft ſchien an ſeinem innern Auge vorüber zu gehen, und leiſe ſagte er dann: mir ahnt, daß ſie nicht glücklich wird. Ralph nannte ſeinen Schwager eitel und eingebildet, und wer eitel iſt, kann keinen Andern mehr lieben, als ſich ſelbſt. Ach Sophie, warum muß⸗ teſt Du denn grade Dieſen lieben, der Dich nicht glücklich machen wird!— Nun, fuhr er nach einer langen Pauſe fort, kann ich ſie denn nicht beſitzen, ſo kann ich doch vielleicht ihr nützlich ſein, ſo kann ich doch ſie bewachen, wie der Hund die Schwelle ſeines Herrn bewacht, und jeden Feind wittert und zurück treibt! Ja, ſo will ich über ſie wachen, und mir ahnt, daß ſie meiner noch einmal bedürfen wird!— Nun ward er ganz freudig und heiter, und aufſpringend ſagte er: nun wohl, ſo will ich mich denn für die Zeit ſtärken und erhalten, wo ſie meiner bedarf, wo ich ihr nützlich ſein kann! Und ſo will ich auch nicht mehr klagen, ſondern auf Alles gefaßt ſein, und für Alles! Dann ging er noch lange in ſeiner kleinen Kam⸗ mer auf und ab in tiefem, ernſtem Nachdenken, bis er endlich ganz freudig und mit ſtrahlenden Augen aus⸗ 1 rief: Ja, ſo ſoll es ſein! Heute Morgen noch gehe ich zu ihr!— Nun ſchien eine tiefe göttliche Ruhe über ihn gekommen zu ſein, und das Bewußtſein, über ſich ſelbſt den Sieg errungen zu haben, leuchtete aus ſeinen 14* 212 * 4 6 Blicken, hob ſeine Geſtalt; ſtolzer und elaſtiſcher ſchritt er einher, und wer ihn in dieſem Augenblick geſehen, würde nimmer dies Antlitz für häßlich gehalten haben, das jetzt durchgeiſtigt und durchleuchtet ſchien von der ſchönen, edlen Seele. Er war ganz ruhig, ganz gefaßt, und wenn er zuweilen einen tiefen, ſtechenden Schmerz in der Bruſt empfand, ſo legte er ſeine Hand darüber hin und dachte: ich werde ihr nützlich ſein können! Dann, als die Stunde gekommen war, wo er ſeinen ge⸗ wöhnlichen Tagesberuf antreten mußte, verließ er ruhig und gelaſſen ſeine Kammer und ſchritt die ſteilen Trep⸗ pen hinunter auf die Straße. Es war eine ſchöne, er⸗ quickliche Morgenfriſche, die ihm unendlich wohl that und ſein Herz erkräftigte. Er kaufte von der an der Ecke ſitzenden Hökerin für einige Pfennige friſches Obſt, und nachdem er dies frugale Frühſtück verzehrt und auf der Poſt die Briefe, die er auszutragen, empfangen hatte, ſchritt er leichten, elaſtiſchen Schrittes die Linden Pinab, und in die Friedrichsſtraße zum ſchönen Hauſe des Herrn Blitz. Er klopfte an Sophieen's Thür, ſie rief ihm ein fröhliches Herein, denn ſie erkannte ihn ſchon an ſeiner Art des Klopfens; für ein liebendes Weib iſt der Briefträger der ſtets erſehnte Liebesbote, und ſie hat einen Inſtinet für ſeine Nähe, und liebt ihn, wie man ſein Kleid, ein Buch liebt, das dem Geliebten gehört. Carl trat ein, und heute um erſten Male fühlte er ſich 213 Sophieen gegenüber nicht verlegen und befangen, ſondern ganz ſicher und ruhig, denn er kam mit dem Bewußt⸗ ſein, ihr nützlich ſein zu wollen, und dies Bewußtſein ſtärkte ihn.— Sophie ſtreckte ihm lächelnd die Hand entgegen, ungeduldig den Brief zu empfangen. Ich habe heute keinen Brief, ſagte Carl ruhig.— Sie ſah ihn befremdet an, und ihr Blick ſchien zu fra⸗ gen, warum Carl denn da ſei, wenn er nichts zu brin⸗ gen habe. Carl verſtand dieſen Blick und ſagte: freilich habe ich nur ein Recht dies Zimmer zu betreten, wenn ich als Bote komme, und Sie könnten mich nun von Ih⸗ ren Dienern hinaus weiſen laſſen, wenn Sie nicht zu gut dazu wären! Aber ich habe eine Bitte an Sie. Wollen Sie mir nicht zürnen, wenn ich ſie Ihnen ſage? Sophie ſetzte ſich auf den Divan, und ihm freund⸗ lich einen Stuht anweiſend, ſagte ſie: ſprechen Sie! Carl lehnte ſich gegen die Thür, und als ſie ihn bat ſich zu ſetzen, ſagte er faſt ironiſch: ich weiß wohl, daß es für einen armen Briefträger nicht paßt, an⸗ ders als ſtehend zu einer Dame zu ſprechen. Laſſen Sie mich daher immer hier, auch bin ich es durch mein ganzes Leben immer gewohnt, Sie ſo in der Entfernung zu ſehen. Ach in Potsdam, ſagte Sophie nachlaͤſſig. Ja, in Potsdam, fuhr Carl mit leicht bewegter Stimme fort. In Potsdam, wo man Sie den guten Engel nannte, und wo Segenswünſche Ihnen überall 2 folgten, wenn man Sie auf der Straße ſah. Und wo man Sie, unterbrach ihn Sophie gütig lächelnd, den guten Sohn nannte. Warum war ich ein guter Sohn, fragte er faſt heftig, als weil ich Sie täglich ſah, weil ich Ihnen ge⸗ genüber wohnte, und täglich gewahren konnte, mit vel⸗ cher Milde und Geduld, mit welcher Aufopferung g und Liebe Sie Ihre ſchweren Pflichten erfüllten. Sehen Sie, das hat mich gut gemacht und fromm, daß ich Sie oft beten ſah, und für alles das Gute, was Sie an mir gethan, möchte ich mich Ihnen ſo gern dankbar bewei⸗ ſen. Darf ich Ihnen nun meine Bitte ſagen? Sophie nickte ihm zu mit Thränen in den Augen. Sie gaben mir geſtern einen Brief, fuhr Carl lei⸗ ſer und mit niedergeſchlagenen Augen fort, und da Sie ihn raſch befördert zu haben wünſchten, zog ich es vor, ihn nicht auf die Stadtpoſt zu geben, ſondern ihn ſelbſt zu befördern. Sie trafen ihn alſo? fragte Sophie haſtig und tief erröthend, und Sie wiſſen nun— Daß Sie mit dieſem Herrn correſpondiren, ja, das weiß ich, und nichts weiter! Aber es iſt genug! Und da bin ich denn gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie mir immer dieſe Briefe anvertrauen wollen? Es iſt oft 215 gefährlich, ſolche Briefe in frembe Hände zu geben. Die Dienſtboten ſind oft nicht zuverläſſig, nicht treu, und leicht könnte ein ſolcher Brief in unrechte Hände kom⸗ men, und von Augen geleſen werden, denen Sie ihn verbergen wollten. Woher glauben Sie, unterbrach Sophie ihn mit einem Anflug von Stolz, daß ich in dieſem Briefwech⸗ ſel etwas zu verbergen habe? Daher, ſagte Carl feſt, daß Sie es geſtern vorzo⸗ gen, mir und nicht Ihren Leuten den Brief zur Beſtel⸗ lung zu geben. Auch denke ich mir, daß ſelbſt, wenn Sie nichts zu verbergen hätten, es Ihnen doch wün⸗ ſchenswerth ſein muß, keine fremden Augen dieſe Briefe ſehen zu laſſen. Und die Dienſtboten ſind ſo nachläſſig, wie leicht könnten ſie einmal einen ſolchen Brief verlie⸗ ren, daß irgend ein Fremder ihn findet und lieſt. Oh und das muß entſetzlich ſein! Sie fühlen das ſo tief, ſagte Sophie theilnehmend, daß ich gewiß bin, Sie haben auch eine Geliebte, der Sie Briefe ſchreiben, für die Sie fürchten! Iſt's nicht ſo? Nein, ſagte Carl ruhig. Aber ich weiß, daß ich nicht belauſcht ſein möchte, wenn ich zu Gott bete, und ſo, denke ich mir, ſo heilig ſind Einem auch ſolche Briefe. Gewiß, ſagte Sophie, und um Ihnen zu beweiſen, wie dankbar ich bin für Ihre freundliche Aufforderung, 216 nehme ich ſie an, und will Ihnen hinfort meine Briefe anvertrauen, und auch Herrn von Ottersheim ſagen, daß Sie ſeine Briefe mir bringen wollen. M Ich danke Ihnen, ſagte Carl freudig; ich werde von nun an täglich zwei Mal bei Ihnen anfragen, auch täg⸗ lich zu dem Herrn hingehen, um ſeine Briefe in Em⸗ pfang zu nehmen. Sie ſind ſo bewandert in dieſen Dingen, nagts Sophie ſcherzend, daß ich faſt glaube, Sie ſind geübt darin, ſolche Briefe zu beſorgen. Nein, erwiderte Carl mit nelancholſchem Ton, es iſt das erſte und einzige Mal! Sie reichte ihm die Hand hin, und ſagte: ich danke Ihnen für alle die Mühe, die Sie meinetwegen ſich auferlegen, ich danke Ihnen von Herzen, und ſo oft ich Sie ſehe, werde ich an Potsdam denken, und an die Zeit, wo ich Sie täglich Ihre arme leidende Mutter hinaus tragen ſah in die Luft und die Sonne, und wo Alles Ihnen nachrief: der gute Sohn! Carl erwiderte nichts, ſeine Stimme war erſtickt von Thränen. Er küßte Sophieen’'s Hand, und ging dann ziligſt von dannen. Ich werde ſie nun voch mindeſtens tägich ſehen können! ſagte er ergeben und ruhig, und ging zu Bo⸗ naventura, um ihm zu ſagen, daß Sophie ihn ſchicke und er ihm alle ſeine Briefe an ſie anvertrauen möchte.— 217 Sie ſind ein ſpeculativer Kopf, guter Freund, ſagte Bonaventura, nachdem er Carl angehört hatte, Sie ſchei⸗ nen Sich ſehr gut auf Ihren Vortheil zu verſtehen! Denn eine ſolche Correſpondenz zu beſorgen, das iſt loh⸗ nend, und bringt Ihnen etwas ein! Da hier haben Sie einen Brief, und hier haben Sie gleich für die erſte Woche Ihren Lohn! Er reichte ihm ſtolz und geringſchätzend einige Tha⸗ ler hin, und als Carl ſie nicht nahm, ſagte er gleich⸗ gültig: Sie wollen Sie nicht? Hat das Fräulein Sie etwa großmüthiger bezahlt? Ja, ſagte Carl ganz ergeben und ſtill, ſie hat mich für immer bezahlt und belohnt! 14** XVI. Eva hatte indeſſen mit unermüdlichem Eifer ihre begonnenen Studien fortgeſetzt, und ihr junger, von Victor ihr empfohlener Lehrer mußte täglich über ihren unermüdlichen Fleiß, über ihre ſchnelle Faſſungskraft und ihr Gedächtniß erſtaunen. Schon hatte ſie das Deutſche völlig inne, und wußte ſich mit Gewandtheit und Anmuth auszudrücken; eben ſo raſche Fortſchritte machte ſie in den übrigen Unterrichtsſtunden, und wenn ſie dann Nachmittags mit Victor las,— ſie waren jetzt bei Shakeſpeare's Tragödien— ſo gewahrte dieſer mit Erſtaunen und Entzücken, wie täglich ſchöner und tiefer ſich ihr Geiſt entfaltete und offenbarte, und wie die Bil⸗ dung gleich einem geſchickten Bergmann, täglich aus dem tiefen verborgenen Schachte ihres innern Seins neue Schätze zu Tage förderte, neue Kleinode offenbarte.— Aber wie viel Anſtrengung, wie viel Mühe, wie viel ſchlafloſe Nächte ihr dieſe Zeit koſtete, das wußte Nie⸗ 219 mand als Ralph. Er allein ſah, mit welcher Willens⸗ kraft und Selbſtbeherrſchung ſie lernte und ihrem Ge⸗ dächtniſſe täglich, ſtündlich neue Laſten auferlegte; er al⸗ lein fühlte, daß ſie für nichts Anderes mehr zugänglich, für nichts Anderes mehr empfänglich ſei, als für ihre Studien; er ſah aber auch, wie ihre Wangen erbleichten, das Feuer ihrer Augen matter ward, und der Frohſinn und die Unbefangenheit ihres ſonſtigen Weſens täglich mehr dahin ſchwanden. Wie oft bat er ſpät in der Nacht mit Thränen in den Augen, ſie möge ſich jetzt endlich Ruhe gönnen, endlich die Feder fortlegen, und das Buch, aus dem ſie lernte und las, ſchließen; aber ſie blieb taub gegen ſeine Bitten, und ſein Schmerz be⸗ wegte ſie nicht mehr. Habe ich nicht geſchworen ſo zu werden, daß Nie⸗ mand über meine geringe Bildung lachen kann, ſagte ſie, habe ich nicht gelobt, nicht eher wieder unter Men⸗ ſchen zu erſcheinen, als bis ich nicht mehr fürchten darf verlacht und verſpottet zu werden? Dann wandte ſie ſich wieder ihren Büchern zu, und hörte nicht die ſchmerz⸗ vollen Seufzer des armen, traurigen Gatten.— Nach und nach zog ſie ſich gänzlich auf ihr Zimmer zurück, dort war ſie entweder mit ihren Arbeiten beſchäftigt, oder ſie ging hinüber zu der Gräfin Jelſa, zu der ſie täglich mehr Zutrauen und Liebe empfand, und die, einer un⸗ ausgeſprochenen Bitte ahnend entgegen kommend, ihr an⸗ 220 geboten hatte, ſie in dem zu unterweiſen und anzuleiten, wie man ſich als vornehme Dame zu benehmen habe, wie man ſtehen, gehen, was man ſprechen und was ver⸗ ſchweigen müſſe. Zuweilen auch ſagte ſie ihr, wie eine ſchöne Dame blicken, wie ſie lächeln müſſe, um zu feſſeln und anzuziehen; dann aber erröthete Eva tief, und ſagte faſt unwillig: Sie vergeſſen, Gräfin, daß ich verheirathet bin, und daß alſo ſolche Künſte ſich nicht für mich zie⸗ men. Graäfin Jelſa aber pflegte dann mit einem feinen Lächeln zu ſagen: nous verrons! Auch heute war ſie zur Gräfin hinüber gegangen in aller Morgenfrühe; ſie hatte nicht einmal darauf ge⸗ wartet, daß Ralph, wie er zu thun pflegte, auf ihr Zim⸗ mer gekommen war, ihr den Morgengruß zu bringen. Das Zimmer war leer; er blickte umher in demſelben mit einem wehmuthsvollen, troſtloſen Blick, dann ging er wieder hinaus und leiſe an Mutter Anna's Zimmer vorbei, denn er wagte nicht, ſich ihr jetzt zu zeigen mit ſeiner Trauer und ſeinem Schmerz. Er ging wieder hinab in die Werkſtatt, und ſetzte ſich zur Arbeit. Ach, auch dieſe vermochte ihn nicht mehr zu tröſten und auf⸗ zuheitern, auch dieſe ſprach nur zu ihm von vergangenen Freuden und abgeſtorbenen Blüthen. Einſt war es ſo heiter und fröhlich in dieſer Werkſtatt. Da tönte von oben hernieder ihr liebliches, fröhliches Singen, gleich Lerchengeſang ſo jugendvoll und friſch, da öffnete ſich 221 oft plötzlich die Thür, und die Geliebte hüpfte herein mit roſigen Wangen und lächelndem Munde, und ſie hockte zu ihm nieder und ſah ihm zu bei der Arbeit, und erzählte und plauderte ſo hold und ſo lieb, und wußte ſo herzige Geſchichtchen zu erzählen und lachte da⸗ bei ſo melodiſch und lieblich, daß es unwiderſtehlich zum Mitlachen reizte, und Geſellen und Lehrburſchen, aller Achtung vor der Frau Meiſterin zum Trotz, doch ein⸗ ſtimmen mußten in dieſes köſtliche Lachen. Dann pflegte Eva, nach ſo köſtlichem Conzert den Geſellen freundlich zuzunicken, und Dieſen und Jenen, den ſie kannte, nach ſeinem Ergehen zu fragen, nach ſeiner alten Mutter, die er ernährte, oder nach dem kleinen Brüderchen, das er in ſeinen Freiſtunden unterrichtete. Und wenn ſie dann Ralph liebevoll und mit einem himmliſchen Ausdruck ihrer Augen zugenickt hatte und die Werkſtatt wieder verließ, ſo ſtand auf allen Geſichtern ein heiteres, glückliches Lächeln, ein Ausdruck von Glück und Ver⸗ gnügen, und es war, als ſei die Sonne ſelber gekommen, dieſe ruhigen, gleichgültigen Geſichter zu erwärmen und ſie zu erquicken mit einem belebenden Strahl der Liebe und Freude. Das Alles war einſt geweſen, vor weni⸗ gen Monden noch, ach, und wie anders war Alles heute. Kein fröhliches Lachen, kein herziges Plaudern ertönte mehr in der ſtillen, öden Werkſtatt; ſchweigend und trübe *ſaßen die Geſellen bei ihrer Arbeit, nur zuweilen theil⸗ 222 nahmsvolle und mitleidige Blicke nach Ralph werfend, der vor der Maſchine ſaß, gedankenvoll und ſtumm, und die Hände müßig im Schooße ruhend, der Arbeit ſelbſt vergeſſen hatte. Die Sonne aber ſchien ſo hell und freundlich hinein in die Werkſtatt, und als Ralxh nun daran dachte, daß ſie auch heute vor einem Jahr eben ſo freundlich und hell geſchienen, heute vor einem Jahr, als er Cva, ach ſeine nur zu heiß geliebte Eva, zum erſten Male ſah, als er dies dachte, da war es ihm, als chnüre eine fremde, ungeheure Gewalt ihm die Bruſt zuſammen, als müſſe er erſticken vor Wehmuth und Schmerz. Er ſprang haſtig auf und verließ die Werk⸗ ſtatt. Fort, fort, hinaus in's Freie drängte es ihn, an die Luft, hinaus in die Stille und den Frieden der Na⸗ tur! Er wollte einmal einſam ſein, und in der Stille den heimlichen, oft verſchwiegenen Klagen und Trauer⸗ klängen ſeiner Seele lauſchen und ſich ihnen hingeben. Ach, aber dem Einſamkeit und Stille Suchenden wird es in Berlin ſehr ſchwer zu finden, was er ſucht. Dieſe langen Straßen, die Ralph zu durchwandern hatte, ehe denn er zum Thor kam, dieſer Staub, der ihm den Athem benahm, dies Gewühl von Menſchen, die hinaus ſtrömten zum Thiergarten, den ſchönen Herbſttag zu ge⸗ nießen und abzuſpazieren. Endlich ſtand er am Bran⸗ denburger Thor, ganz erſchöpft ſchon, und vor ihm lag der Thiergarten, und überall in den Laubgängen wim⸗ 223 melte es von Spaziergängern, von geputzten Damen, co⸗ quettirenden Herren und jauchzenden, ſchreienden Kindern, überall Leben und Bewegung, nirgends Einſamkeit und Stille. Er ſetzte ſich in einen von den Wagen, die dort am Thore hielten, und ließ ſich nach Charlottenburg fahren bis zum königlichen Garten. Da hinein ging er nun, dort endlich fand er Stille und Ruhe, dort be⸗ gegnete ihm ſelten ein einſamer Wanderer, Alles war wie ausgeſtorben und öde. Und immer tiefer und tiefer ging er hinein in das Dickicht des Buſchwerks, und ſeine Bruſt hob ſich, wie beſreit von einer drückenden Laſt; er war jetzt endlich allein, jetzt endlich einſam. Er durfte jetzt endlich klagen um ſein verlornes Glück, trauern um die verſchwundenen Sonnentage ſeines Lebens. Und das that er auch. Er ſtand am Ufer der Spree und blickte hinunter in das Waſſer, und die murmelnden Wellen ſchienen ihm leiſe Klagelieder zu ſingen und er ſagte: ja ſingt nur und klagt nur mit mir, ihr Wellen! Habt nur Mitleid mit mir Armen und Verlaſſenen und trö⸗ ſtet mich nur! Warum ſollten nicht Klagelieder eben ſo gute Wiegenlieder ſein, die uns einlullten zu Frie⸗ den und Schlaf?— Dann ging er zum Maunſoleum, wo die edle Königin unte 1 ausruht in tiefer Gruft Leiden der Welt, und wo ſie harrte, bis der nimmer ihrer vergeſſende Gemahl kam, an ihrer Seite zu ruhen beſchattenden Trauerweiden on allen Wonnen und allen 224 in kalter, unterirdiſcher Gruft, während oben über den Saͤrgen die edle Geſtalt der königlichen Frau aus dem Grabe die ſteinerne marmorne Auferſtehung hielt, und in durchſichtiger Schöne lächelnd zu ſchlummern ſchien auf dem weißen Marmorbette. Ralph ſetzte ſich nieder auf den Stufen des Mauſoleums und wie der Wind leiſe durch die Trauerweiden fuhr und ſie ſich flüſternd und ſeufzend bewegten, da ward es ihm unendlich wohl in überfließender Wehmuth, und er legte ſein Haupt auf die kalten ſteinernen Stufen und weinte laut, und dachte: ach könnte ich doch ſterben zu dieſer Stunde, aber ſterben an ihrem Herzen, in ihren Armen. Ach könnte ich doch ſterben; vielleicht daß ſie dann in meiner Todesſtunde um mich weinte, daß ſie ſich meines Kummers erbarmte; ach es müßte ſo ſchön ſein zu ſterben, ſanft bethaut von ihren Thränen, ſterben mit dem Bewußtſein, von ihr ge⸗ liebt zu werden, mindeſtens im Tode doch von ihr ge⸗ leebt zu werden!— Und wie die Bäume fort und fort rauſchten und flüſterten, war es ihm, als ſterbe er jetzt wirklich und aus den flüſternden Bäumen meinte er Eva's Stimme heraus zu hören, Eva's Stimme, die ihm den Abſchiedsgruß rief. Aus ſolchen Träumen und Phan⸗ taſieen weckten ihn lautes chter und nahende Men⸗ ſchenſtimmen; er richtete ſi eilig auf, und floh von dannen, und ſuchte wieder die tiefſten, einſamſten Gänge, und ſank endlich nieder auf die Bank neben dem klei⸗ 225 nen, von hohem Laubwerk umgebenen Teiche. Wie war es hier ſo unendlich lieblich und lauſchig. Der Herbſt hatte das Laub der Bäume gefärbt mit den verſchieden⸗ ſten Farben und Tinten, und wie ein großer Kranz la⸗ gerte es um die klaren Waſſer des Teichs, aus dem hie und da nur ein Fiſchchen ſchnappend das Köpfchen hervorſteckte, oder ein Froſch ſein melancholiſches eintö⸗ niges Quaken vernehmen ließ, während zwei ſtolze Schwäne im langſamen majeſtätiſchen Lauf daher gezo⸗ gen kamen, und hinter ſich durch das Waſſer einen lan⸗ gen Silberſtreif zogen. Allmälig leuchteten glühendere Lichter durch die Bäume, die Sonne kam höher geſtie⸗ gen und machte das Waſſer des Teichs erglänzen und verklärte das Herbſtlaub der Bäume, in denen der Wind rauſchte und ſang. Und auch da drinnen in Ralph's Bruſt ward es lichter und heller. Er gedachte Eva's mit unendlicher Sehnſucht und Liebe, denn Liebe iſt ſo voll himmliſchen Glaubens, voll ſeliger Hoffnung, und leiſe flüſterte er: o wärſt Du jetzt bei mir, meine Ge⸗ liebte, bei mir an dieſem ſtillen, friedlichen Platze, o ich weiß, Du würdeſt dieſem lieblichen Naturfrieden, dieſer holden Ruhe nicht widerſtehen. O ich weiß, Du wür⸗ deſt Dein Haupt an uen legen, und würdeſt fühlen, daß es voch auf Erden kein anderes Glück giebt, als in Liebe, und daß Niemand auf Erden Dich ſo liebt, als ich. O Eva, meine Geliebte, warum biſt Du nicht Eva. 1. Theil. 15 226 bei mir, warum kann ich Dich nicht hier, hier im An⸗ geſicht Gottes und der Natur in meine Arme drücken, und Dir Alles ſagen, was mich bewegt und betrübt, und Dir ſagen, wie ich Dich liebe, und ohne Dich, ohne den Segen Deiner Gegenliebe nicht beſtehen kann!— Ich will zu ihr, ſagte er plötzlich aufſpringend, und die Arme ausbreitend, als ſei er ſchon neben ihr, als wolle er ſie umfangen. Ja, ich will zu ihr! Offen und frei will ich zu ihr reden; ich weiß, ſie wird mich hören, ſie wird mich verſtehen!— Haſtigen Schrittes verließ er nun den Garten, und beſtieg den Wagen, um nach Ber⸗ lin zurück zu fahren.— Eva war ſo eben von der Gräfin zurückgekehrt, und ſaß erſchöpft von allem Lernen und Aufmerken in ihrem Zimmer, als die Thür ſich öff⸗ nete und Ralph hereintrat, mit glänzenden Augen und heitern Angeſichtes. In ſeiner Hand hielt er einen Blu⸗ menſtrauß, den reichte er Eva jetzt hin, und ſagte lä⸗ chelnd: heute iſt ein Feſttag, meine Eva, und da weiß ich Dir nichts Schöneres zu bringen, als Blumen, die ſchönſten Blumen, die der Herbſt noch gedeihen läßt. Er legte die Blumen in ihren Schooß, und küßte ihre Hände, Eva aber fragte befremdet: welch' ein Feſt⸗ tag iſt denn heute? Heute, L er, ſich neben ſie ſetzend, heute iſt es ein Jahr, daß ich Dich, meine Eva zum erſten Male ſah. O das war ein ſchöner, ein koͤſtlicher Augenblick, und in meinem Herzen ward es plötzlich ſo 227 lebendig und hell, und wie Du ſchüchtern und erröthend an mir vorüber gingſt, denn ich mochte Dich wohl in meinem freudigen Schrecken zu auffallend und unver⸗ wandt betrachtet haben, wie Du ſo vorüber gingſt, da war es, als zöge es mich Dir nach mit unſichtbarer Gewalt, und ich folgte Dir, und redete Dich an; da ſahſt Du mich an mit einem einzigen Blick, ſo zürnend und ſtolz und doch ſo mädchenhaft zagend, daß ich er⸗ röthete vor meiner eigenen Kühnheit und nicht wagte, an Deiner Seite zu gehen. Siehſt Du, wie Du mich fo anſchauteſt, da lag in dieſem Blick Deine ganze Seele, und da fühlte ich, daß ich Dich lieben würde, und ein⸗ ſam und unglücklich wie ich bisher geweſen, empfand ich, daß hinfort das Glück mir lächeln wolle, und daß ich Dich beſitzen müſſe. Denn die Liebe iſt ſtark und mächtig, und was ſie recht ernſtlich will, das führt ſie auch aus. Ich aber wollte Dich kennen, Dich ſehen, Dich hören, ich wollte Dich lieben dürfen, und weil ich es ſo recht von Herzen wollte, ſo gelang es mir auch; ich ſah Dich oft, ſah Dich endlich täglich und weil ich ſühlte, daß ich Dich ewig lieben würde, warb ich um Dich. Weißt Du noch den Tag? O wohl, ſagte Eva lächelnd und ſich an ihn ſchmie⸗ gend. Sie hatte ihm längſt ſchon mit glänzenden Au⸗ gen und gerötheten Wangen zugehört, die Erinnerung war über ſie gekommen mit holdem Winken und Grü⸗ 15* 228 ßen, und Eva war ihr widerſtandlos gefolgt in die ver⸗ gangenen Tage. Sie war nun wieder das junge, lie⸗ bende Weib, und die Träume des Ehrgeizes waren auf einen Augenblick mindeſtens vergeſſn. O wohl, ſagte ſie, wohl weiß ich noch den Tag, als Du um mich warbſt. Es war ein Montag, und ich kehrte zurück von einem Gange in die Stadt, da begegneteſt Du mir, und gingſt neben mir her, und wir waren Beide ganz ſtumm, bis wir an unſere Wohnung kamen; die Mutter war nicht zu Hauſe. Da kamſt Du mit in unſer Stübchen und da— Da ſagte ich Dir, unterbrach ſie Ralph, daß ich Dich liebte mit einer Liebe, die ſo ſtark ſei, und ſo voll Vertrauen, daß ich Dir mein ganzes Leben darbringen wolle, daß ich kein Glück empfangen wolle, als aus Dei⸗ nen Händen, und daß ich nur glücklich ſein könne, wenn Du die Meine würdeſt. O meine Eva, welch' ein Mo⸗ ment war dies, und wie fühlte ich mich plöͤtzlich, wie durch einen Zauberſchlag, los gelöſt von der ganzen Ver⸗ gangenheit, und einem neuen Leben hingegeben, als Du mir jetzt in die Arme ſankſt und mir erröthend Deine Liebe geſtandeſt. Ach Eva, Du liebteſt mich, Du warſt bereit, Hand in Hand mit mir durch das Leben zu ge⸗ hen, Kummer und Sorge, Freude und Luſt mit mir zu theilen. Du wollteſt mein Weib werden, wollteſt Dir genügen laſſen an dem beſcheidenen Glück, das ich Dir 229 bieten konnte, wollteſt in Vertrauen und Liebe mich Dei⸗ nem Herzen der Nächſte ſein laſſen, o Eva, Theuerſte, Geliebteſte, laß mich Dir danken für das herrliche Glück jener Stunde! Eva's Augen waren längſt ſchon überfluthet von Thränen, und als Ralph ſie jetzt ſtürmiſch an ſein Herz drückte, flüſterte ſie unter Schluchzen: ach Ralph, ich fühle den Vorwurf wohl, der in Deinen Worten liegt, ich habe nicht gehalten, was ich Dir verſprach, ich bin— Mein Engel biſt Du, ſagte er, ihren Mund mit Küſſen ſchließend, mein einziges Glück, meine einzige Zuverſicht, und darum iſt auch der heutige Tag, an dem ich Dich zum erſten Male ſah, ein Freudentag. Und er ſoll es Dir immer bleiben, ſagte Eva mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen, er ſoll es Dir immer bleiben. Ich will alle thörichten und eitlen Freu⸗ den hinter mich werfen, alle Bücher, und alle Studien, ich will nichts Anderes ſuchen als Dein Glück, und nach nichts Anderem ſtreben, als nach Deiner Liebe! Arm und unwiſſend, wie ich war, haſt Du mich dennoch an Dein Herz genommen, und haſt mich geliebt, trotz mei⸗ ner Unwiſſenheit und Dummheit, ſo will ich denn nun auch nichts anderes ſein wollen, als Dein glückſeliges Weib! Sie warf ſich an ſeine Bruſt, und umſchlang ihn mit ihren Armen, und Ralph weinte laut vor Freude und vor Glück. Da öffnete ſch die Thür und Mutter 230 Anna trat herein. Sie blieb anfangs verwundert auf der Schwelle ſtehen, und als die Beiden, die ihr Kom⸗ men ganz überhört hatten in der Fülle ihres Glückes, jetzt zu einander ſprachen, in Worten dankbarer Liebe und Zärt⸗ lichkeit, da verklärte ein mildes Lächeln die Züge der alten Frau, und näher tretend ſagte ſie mit freudigem Ton: Gott ſegne Euch, meine Kinder, und erhalte Euch Eure Liebe und Euer Glück. Denn das Glück der Ehe iſt das ſchönſte und köſtlichſte Erdenglück, und die Liebe zweier Ehegatten iſt die keuſcheſte und heiligſte Empfin⸗ dung, und erhebt das Herz weit hinaus über die Erde! Sie iſt wie ein Schild, der da ſchützt gegen Unrecht und Sünde, ſie heiligt und erhebt das Gemüth und führt uns endlich zu Gott empor. O möge er Euch ſegnen immerdar, meine Kinder! Sie umarmte ſie innig, und als Eva ihr die Hand küſſen wollte, ſagte Mutter Anna lächelnd: nein, Du kluge und gelehrte Frau, das iſt viel zu demüthig, komm lieber an mein Herz, an das treue Herz Deiner Mutter! Glückſelige Stunden folgten nun, es war ein wirk⸗ licher Feſttag, und auf allen Geſichtern leuchtete Freude und Zufriedenheit. Man ſcherzte und lachte, und ſelbſt Mutter Anna verſchmähete es nicht, einzuſtimmen in das herzliche Gelächter ihrer Kinder. Auch die Arbeiter und Geſellen ſollten heil haben an dem häuslichen Feſttag, und ſo hatte Ralph len für den übrigen Theil des 231 Tages die Arbeit erlaſſen, und ihnen Freiheit gegeben. Jeder war zufrieden, Jeder war glücklich, Ralph's Ant⸗ litz ſtrahlte in Entzücken und Luſt, und er ſagte zu ſich ſelbſt: der trübe Regentag iſt vorüber gezogen, und nun wird die Sonne mir wieder ſcheinen, ewig und immer⸗ dar!— So glücklich war er, daß er gar nicht bemerkte, wie Eva allgemach ſtiller ward und ſinniger, wie ihr heiteres Lachen verſtummte, und zuweilen, inmitten fröh⸗ lichen Geſpräches, ſchwere Seufzer ihren Buſen hoben. Ach ſie zürnte wohl heimlich mit ſich ſelbſt, und konnte es ſich doch nicht verhehlen, daß dieſe einfache Unterhal⸗ tung, dieſe harmloſen Erzählungen ihrer Mutter ihr nicht mehr genügten! XVII. Aber des Menſchen Wollen iſt ſchwankend, wie ein Rohr im Winde, und ſeine Gedanken von heute gleichen oft nicht denen von geſtern.— Als Eva am andern Morgen erwachte, war ihr der geſtrige Abend wie ein Traum, wie ein Bild, deſſen Farben ſchon erloſchen und verblaßt. Sie erinnerte ſich ſchnell, daß ſie geſtern die Zeit nutzlos verſäumt, daß ſie nichts gelernt habe. Ha⸗ ſtig kleidete ſie ſich an, und als Ralph kam, fand er ſie ſchon ſo ganz mit ihren Büchern beſchäftigt, daß er vergebens auf ein freundliches Wort, einen herzlichen Morgengruß harrte, und traurig wieder hinunter ging in die Werkſtatt. Eva ſaß und lernte und las, da klopfte es an die Thür, und als dieſe ſich öffnete, und Victor herein trat, erhob ſich Eva raſch und ſchritt ihm mit freundlichem Lächeln entgegen. Sie legte ihre Hand in die ſeine, und begegnete ſeinen Blicken, und dann ſchie⸗ 233 nen ihre Augen wie gebannt von einem Zauber, ſo⸗ lange, ſo tief und forſchend, ſchauten ſie einander an. Endlich, ſagte Eva leiſe, endlich ſind Sie wie⸗ der da! Drei Tage, drei ewig lange Tage mußte ich fern ſein, ſagte er, mit einem ſo glühenden, verzehrenden Blick, daß Eva unwillkührlich die Augen ſenkte, und nicht wagte, ihn mehr anzuſehen.— Drei Tage mußte ich dieſer ſchönen und köſtlichen Stunden entbehren! Wiſſen Sie wohl, Eva, daß die Freundſchaft egoiſtiſch macht und kalt gegen alles Andere? Sehen Sie, als ich am Sarge meiner Schweſter ſtand, meiner einzigen Schweſter, da dachte ich nur an Sie, und in meinem Herzen dankte ich Gott, daß nicht Sie ſo vor mir lagen, daß es mir nicht aufbehalten war, Ihre ſchöne Geſtalt ſo eingeklemmt und lang geſtreckt in dem engen Sarge ſehen zu müſſen; ja ich dankte Gott, daß er mir die Schweſter, nicht die Freundin genommen. Ach Eva, und es war doch meine einzige Schweſter; ich hatte mit ihr die Tage meiner Kindheit getheilt und die unſchuldigen Spiele, ſie war die Vertraute meiner jugendlichen Hoffnungen und Träume, die Tröſterin meiner jugendlichen Schmerzen geweſen; ſie war auch meine einzige Anverwandte, die Einzige auf Erden, die meinen Namen trug; ich war mit ihrem Tode ganz verwaiſt, ganz einſam, und doch klagte ich 15** 234 nicht, ſondern dachte an Sie, und dankte Gott für Ihr Leben! Sie ſollen nicht einſam ſein und verwaiſt, ſagte Eva hoch erröthend in tiefer innerer Bewegung, Sie ſollen nicht ſagen dürfen, daß Sie Niemand mehr be⸗ ſitzen, dem Sie vertrauen, auf den Sie bauen könnten. Ich will Ihre Schweſter ſein, Ihre treue, Sie ewig lie⸗ bende Schweſter, mir ſollen Sie vertrauen, auf mich ſollen Sie bauen können, ja, von dieſer Stunde an bin ich ſchon Ihre Schweſter!— Sie, meine Schweſter? ſagte er mit einem ſeltſamen Ausdruck, und wie er ihre Hand ergriff und an ſeine Lippen drückte, verbarg er auch damit ein ſpöttiſches Lä⸗ cheln, das um dieſe Lippen zuckte. Ja, fuhr er dann in begeiſtertem Tone fort, ja, ſo ſoll es ſein, und das war es vielleicht, was mich am Sarge meiner Schwe⸗ ſter ſo freudig durchſchauerte, es war vielleicht die Ah⸗ nung, daß mir nur eine Schweſter geſtorben, um mir wieder geboren zu werden in Ihnen; Eva, in Ihnen! O nehmen Sie meinen Dank für dieſes herrliche Wort, was Sie geſprochen, nehmen Sie ihn auch für die Thräne, die jetzt in Ihren Augen glänzt, und dem ſchön⸗ ſten, heiligſten Mitleid entſpringt, nehmen Sie ihn für das Zittern dieſer Hand, die jetzt in der meinen ruht, 3 und die das Einzige iſt, was mich nun noch an das Leben bindet. Schweſter Eva, laß Dich von mir lie⸗ 235 ben mit treueſter Bruderliebe, und nenne mich nun auch, Du holdeſte, ſüßeſte Schweſter, mit dem Namen Bru⸗ der! Sieh, ich knie hier zu Deinen Füßen, wie man vor Gott knieet, wenn man bittet um ſeinen Segen. Eva, meine Schweſter, ſegne mich mit dem Brudernamen! Wiie er zu ihr aufſchaute mit dieſem edlen, blei⸗ chen Angeſicht, mit dieſen großen, glühenden Augen, da fühlte Eva ihr Herz wunderbar bewegt und befangen; ſie neigte ſich zitternd, einen Kuß auf ſeine Stirn zu drücken, und ſagte leiſe: mein Bruder!— Meine Schweſter! rief er jubelnd, und hob ſchon die Arme, ſie zu umfaſ⸗ ſen. Dann ſchien er ſich zu beſinnen, er ließ die Ar⸗ me ſinken, und küßte mit dem Ausdruck tiefſter Ehr⸗ furcht ihr Gewand. Heilig ſollſt Du mir ſein, nun und immerdar, ſagte er dann, und Dein himmliſches Ver⸗ trauen ſoll nimmer von mir hintergangen werden. Mit dieſem Kuß, den Du auf meine Stirn gedrückt, haſt Du mich gefeit und gewappnet gegen alle Stürme und Anfechtungen der Welt, und wenn ich Dich meine Schwe⸗ ſter nenne, ſo biſt Du doch meine Heilige, zu der ich nur beten, die ich niemals begehren kann. Das eben iſt das Herrliche, das Schöne, ſagte Eva mit glühenden Wangen und ſchwärmeriſchen Blicken, daß wir das Band, das uns mit einander verbindet, ſo offen und ohne Scheu der Welt zeigen können, daß wir die Augen nicht niederſchlagen, ſondern frei erheben dür⸗ 236 fen vor der ganzen Menſchheit, vor der ganzen Welt, und daß kein unheiliger Gedanke einen Bund entweiht, deſſen Zeuge Gott war, und der nicht die Finſterniß, ſondern das Licht ſucht. Hand in Hand mit Dir, mein Bruder, kann ich meinem Gatten gegenüber treten; ich werde ihm ſagen: das iſt mein Bruder, den ich liebe, wie eine Schweſter, liebe auch Du ihn! Victor ſchüttelte leiſe das Haupt und ſagte in melancholiſchem Ton: es giebt Dinge, die zu heilig ſind, als daß die Welt ſie verſtehen und in ihrer himmliſchen Schönheit begreifen könnte, Dinge, die nur erhaben ſind, ſo lange ſie von Zweien gewußt und erſchaut, und wo die Mitwiſſen⸗ ſchaft und das Auge eines Dritten, wie der Mehlthau iſt, der die köſtlichſte Blüthe zerſtört und vernichtet. Nein, meine Eva, laß uns ihn Niemand verrathen, dieſen Bund der Seelen; wie man das Allerheiligſte im Hauſe des Herrn den Augen der profanen Menge entzieht und es einſchließt in geheiligtem Schrein, ſo wollen wir in un⸗ ſerer Bruſt verbergen dies Allerheiligſte unſeres Bundes, und nur Gott ſoll deſſen Zeuge ſein. Willſt Du mir das verſprechen? Willſt Du mir verſprechen, daß Niemand, Niemand auf der Welt von unſerm Bunde erfahren ſoll? Ich verſpreche es Dir, ſagte ſie, ihm ihre Hand hinreichend, ich verſpreche es Dir, mein Bruder, ſelbſt mein Gatte nicht ſoll es erfahren, und wenn es ein Un⸗ recht iſt, ein Geheimniß vor meinem Gatten zu haben, 3 14 237 ſo wird Gott es mir verzeihen, denn er ſieht in unſre Herzen, und weiß, daß kein ſündiger Gedanke unſern rei⸗ nen Seelenbund befleckt. Späͤter laſen ſie zuſammen; Victor hatte dazu Ro⸗ meo und Julia gewählt, und nie war ſein Vortrag lei⸗ denſchaftlicher, nie ſeine Stimme verführeriſcher und wei⸗ cher geweſen, und nie hatte Eva mit ſolcher Gluth des Gefühls, mit ſolcher Innigkeit und Wahrheit geleſen, als heute, wo dieſer Bund der Seelen geſchloſſen worden. Arme Eva! Sie war ſo vertrauensvoll und arg⸗ los, ſo unſchuldig und rein. Sie wußte nicht, daß Vie⸗ tor mit geübtem Kennerblick jede Regung ihres Gefühls beobachtete und überwachte, daß er ſich genau ſein Be⸗ nehmen vorſchrieb, und daß er mit ihr alle Stadien der Empfindung durcheilen und durchempfinden wollte, um endlich auf dieſem genußvollen und lohnenden Pfade zum Gipfel der Leidenſchaft zu gelangen, auf welchem ſie jauchzend und ſelig hinſinken und der ganzen Welt ver⸗ geſſen ſollte in ſeinen Armen. Sie war ihm nichts als ein armer Wurm, den er auf eine Nadel geſteckt, um durch das Mikroſcop alle ſeine Schönheiten zu er⸗ ſchauen, jede Bewegung, jedes Zucken ſeines Lebens zu beobachten, und ſich ſeines Hinſterbens und ſeiner Qua⸗ len als eines Studiums zu erfreuen, an ſeinen Todes⸗ zuckungen ſeine Kenntniſſe zu erweitern, und ſtolz darauf zu ſein, wenn alle ſeine Berechnungen richtig geweſen, 238 und das Leben und die Qualen nicht länger gedauert und nicht früher erloſchen waren, als wie er es berech⸗ net hatte. Gleich jenen herz⸗ und empfindungsloſen Forſchern und Aerzten, die der Schmerzen nicht achten, und der menſchlichen Pein, wenn es gilt eine neue For⸗ ſchung zu machen, die die prüfende Sonde mit ruhigem Auge in die blutende Wunde ſenken, und das zuckende ächzende Opfer fragen: ſchmerzt dies auch? gleich die⸗ ſen wollte er dieſer werdenden Krankheit im Gemüthe Eva's folgen, nicht um ſie zu heilen, ſondern um ſeine eigene Wiſſenſchaft von ſolcher Krankheit zu bereichern.— Die Männer ſind ſo egoiſtiſch und hartherzig, ach, und wie oft wird ein armes, liebendes Weib dieſem Egois⸗ mus und dieſer Härte zum Opfer gebracht, und ſie dul⸗ det es ſchweigend und ſinkt lächelnd ins Grab, denn die Hand, die ihr den Todesſtoß gab, es war doch die Hand des Geliebten!— Welch' eine köſtliche Unterhaltung iſt dies! ſagte Victor, als er heute Eva verlaſſen, und langſam unter den Linden auf und ab ging. Wirklich, ich habe mich ſeit Jahren nicht ſo heiter und friſch gefühlt, und mich ſo gut unterhalten. Es iſt wirklich ein herrliches Weib dieſe Eva, ſo ſchön und lieblich, ſo naturvoll und un⸗ ſchuldig, o, und ſo leicht zu durchſchauen, daß man jede deegung ihres Gefühls ſchon vorher berechnen und wiſ⸗ ſen kann. Sie hat alſo richtig vieſem Mährchen von 239 einer verſtorbenen Schweſter geglaubt, und hat, wie ich berechnete, in edler Aufwallung ſich des Vereinſamten und Verlaſſenen erbarmt. Das bringt mich dem Ziele um Vieles näher. Der Name Bruder wird ſie arglo⸗ ſer machen, und ihr bis jetzt ſo waches Gewiſſen, ihr reges Pflichtgefühl einſchläfern; dies Geheimniß vor ih⸗ rem Manne wird ſie dieſem mehr und mehr entfremden und ſie mir noch mehr zu eigen geben. Und wenn ich ſie in meine Arme nehme und ſie Schweſter nenne, ſo wird ſie dem Bruder anfangs nicht wehren, ihr den keu⸗ ſchen Kuß des Bruders zu geben, bis ihr eigenes Herz in Wallung geräth, und mit ſeinem ungeſtümen Pochen den Namen des Bruders übertäubt, und ſie das Wort: Geliebter! ſprechen lehrt. Gut denn, ich ſehe alſo noch ſchöne und genußvolle Wochen vor mir, und ich will ſie genießen, ſo wie der Geizige, der den vollen Becher köſt⸗ lichen Weins an die Lippen ſetzt, und ihn langſam und allgemach ausſchlürft, um ſeinen Genuß zu verlängern! Eine bekannte Stimme, die ſeinen Namen rief, weckte Victor aus ſeinem Selbſtgeſpräch. Es war der Schriftſteller Sylvius, der ihm entgegen kam und ihm freundlich die Hand reichte. Wirklich, ich freue mich Sie zu ſehen, ſagte er hei⸗ ter, und wenn ich ein wenig erſtaunt war, Sie ſo ernſt und mit philoſophiſcher hinbrütender Miene daher kom⸗ men zu ſehen, ſo mindert das doch meine Freude nicht 240 im Geringſten, denn vielleicht theilen Sie mir das Re⸗ fultat dieſes ernſten Vorſichhinſtarrens freundlichſt mit. . Victor nahm lachend des Andern Arm, und mit ihm weiter ſchlendernd, ſagte er: bis zum Reſultat bin ich ſelber noch nicht gekommen, theurer Freund, ſondern noch mitten im Grübeln und Forſchen. Und was erforſchen Sie? Ein Frauenherz! Ah, das iſt eine ſchwere Wiſſenſchaft, ſagte Syl⸗ vius plötzlich ernſt werdend, und ich rathe Ihnen, ſein Sie vorſichtig, auf daß es Ihnen nicht ſo ergehe, wie manchem Adepten des Mittelalters, der, indem er das Geheimniß des Goldurſtoffs ergründen wollte, ſeinen ei⸗ genen Kopf mit in die Luft fliegen machte. Das Frauen⸗ herz iſt auch ſo ein Urſtoff und ſo unerforſchlich wie das Gold. 1 3 Ah bah, es iſt aber ein bedeutender Zuſatz von Kupfer und ſchlechten Metallen bei dem Gold des Frauen⸗ herzens! Doch ſagen Sie mir, beſter Freund, waren Sie kürzlich in der Freitagsgeſellſchaft? Ja wohl, ſagte Sylvius plötzlich umdüſtert, und ich glaube, dieſe Freitagsgeſellſchaft wird mich vor der Zeit aus Berlin treiben! Wie kann dies ſein, und wie iſt es möglich, daß eine ſo hohle Großſprecherei Sie im Ernſt afficiren kann? fragte Victor. 2 41 Das eben iſt's, rief Sylvius, daß das Heiligſte und Edelſte uns ſo zerſprochen und zerpflückt wird, und in den Staub getreten von den rohen Füßen eitler Gecken. O glauben Sie mir, meine Seele iſt tief be⸗ trübt, und ich kann kaum noch hoffen für unſere Zu⸗ kunft!— Und Sie waren doch ſo voll Hoffnung, als Sie nach Berlin kamen! Ach, ich batte ſo Vieles gehört von der edlen, freien Geſinnung, die allgemach in Preußen ihre Schwingen zu entfalten begönne, und anfangs blendeten mich die begeiſterten Worte dieſes Herrn Weinherr und ſeiner Freunde. Und nachher, unterbrach ihn Vietor lachend, nach⸗ her ſahen Sie, daß Sie es doch nur mit Schauſpielern zu thun hatten, die ihre Rolle ziemlich gut gelernt hat⸗ ten, nicht aber um ein Kunſtwerk, das Meiſterwerk irgend eines Dichters zu verherrlichen, ſondern um vom Publi⸗ kum applaudirt zu werden, und wo möglich einen Lor⸗ beerkranz zu erhalten, ihr Haupt damit zu kränzen! Das iſt es, ſagte Sylvius traurig, es ſind Schau⸗ ſpieler, und alle Augenblicke ſchaut unter der edlen Maske ihr eignes gemeines Angeſicht hervor, und hohnlächelt über die Phraſen, die der begeiſterte Schauſpieler eben geſprochen. Es iſt aber entſetzlich, daß ſo Etwas ſein kann. Daß die höchſten, die heiligſten Intereſſen des Eva. 1. Theil. 3 16 242 Mannes ausgebeutet werden zu ſo elenden egoiſtiſchen Zwecken, und wie ein Modewaarenlager betrachtet wer⸗ den, wo Jeder ſich einen Anzug kaufen kann, der ihm grade paßt und durch die Mode geheiligt iſt. Ja, ja, Kleider machen Leute, ſagte Victor, und Worte machen Geſinnungen, oder gelten für Geſinnun⸗ gen, das iſt einmal der Lauf der Welt. Was giebt es Erhabeneres und Edleres, fuhr Syl⸗ vius fort, was giebt es Heiligeres, als die Freiheit, die Freiheit des Wortes, des Gedankens, und ſo lange uns dieſe Freiheit freventlich entzogen und vorenthalten wird, ſo lange ſind wir nichts weiter, als geiſtige Eunuchen, von denen der wahre Mann ſich verachtend abwendet. Heißt es aber nicht Spott treiben mit unſerm Elend und unſerer tiefen Noth, die zu Gott ſchreit um Erbar⸗ men und Rettung, heißt es nicht Spott treiben mit un⸗ ſerer Schmach, wenn wir ſie fügen in wohlklingende Reime und tönende Verſe, und unſere eigene Schande zu einem Liedchen machen, das man nach der Melodie irgend eines beliebigen Gaſſenhauers abſingen kann, wäh⸗ rend man die Hände müßig in den Schooß legt, und wartet und wartet, bis zum jüngſten Tage? Mit auf⸗ rühreriſchen Liedern wird noch nichts geſchafft und ge⸗ than, und lieber als ſolches thatenloſe Singen iſt mir das Dhurnaſitzen der Indier, das doch bei allem Mü⸗ ßigſein eine entſchiedene That iſt. Ach wären wir bei 243 unſern gedrückten Zuſtänden, in unſerer heilloſen Knecht⸗ ſchaft mindeſtens doch erſt bis zum Dhurnaſitzen gekom⸗ men, es wäre doch der Anfang einer That! Und was bedeutet dies Wort? fragte Victor. Die Indier, wenn ſie mit der Verwaltung ihrer Regierung unzufrieden ſind, und auf vielfaches Klagen und Bitten keine Abſtellung ihrer Beſchwerden erlangen können, dann hüllen ſie ſich in ihre Gewänder, und zie⸗ hen zu ganzen Schaaren, viel Tauſende, Männer, Wei⸗ ber und Kinder, hinaus auf das Feld; dort ſetzen ſie ſich nieder, ſchweigend und ſtill; ohne zu eſſen, ohne ſich zu bewegen, es mag regnen und ſtürmen, ſitzen ſie ſo Tage und Nächte hindurch. In den Städten iſt es indeß öde und leer, die Geſchäfte des Tages bleiben unverrich⸗ tet; kein Bäcker iſt da, Brod zu backen, kein Fleiſcher, Vieh zu ſchlachten, Alle ſitzen ſie da draußen, ſchwei⸗ gend und unbeweglich, bis endlich die Regierung Hun⸗ gersnoth und alle möglichen Uebel vor ſich ſehend, nach⸗ geben muß, und einen Geſandten hinaus ſendet zu den Dhurnaſitzern, um ihnen anzuzeigen, daß ihren Beſchwer⸗ den abgeholfen werden ſoll. O GSott, Gott, ſagte Victor lachend, wollten doch die Berliner ein einziges Mal das Dhurnaſitzen probi⸗ ren, Platz genug iſt da auf den Sandflächen, mit de⸗ nen uns Gott geſegnet hat. Aber es iſt keine Hoff⸗ nung dazu da. Denn ohne Weißbier ſetzt ſich kein Ber⸗ 16* * 244 liner nur auf eine Stunde in freier Natur hin, geſchweige denn zu tagelangem Dhurnaſitzen. Denken Sie, welche Unmaſſen von Weißbier erſt hinaus geſchafft werden müßten auf das Feld, ehe denn die Dhurnaſitzer hin⸗ ausgingen, ach, und unter dieſen Vorbereitungen ver⸗ fliegt ihr Unmuth und die guten Bürger würden einſe⸗ hen, daß es doch beſſer ſei daheim zu bleiben in guter Ruh, als ſich für liberale Geſinnung und um ein ganz klein wenig Knechtſchaft willen naß regnen zu laſſen, oder zu hungern.* Das iſt eben unſer Unglück, daß das Volk zu bequem iſt, ſagte Sylvius. Auf das Volk dürfen wir deshalb auch niemals rechnen, es wird uns nur unter⸗ ſtützen, wenn wir es mit Gold erkaufen. Unſer Volk hat keine Geſinnung, es hat nur Bedürfniſſe, und ſo lange es in dieſen nicht gehindert wird, ſo lange man ihm nicht verwehrt in größter Freiheit zu eſſen und zu trinken, ſo lange man ihm keine neuen Auflagen auf⸗ erlegt, die über ſeine Kräfte gehen, ſo lange bleibt es ruhig. Dann hätten ja diejenigen Recht, die da behaup⸗ ten, das Volk ſei nochf nicht reif zur Freiheit! Das iſt es auch nicht, aber es muß dazu heran⸗ gebildet werden; es muß nicht eingeſchloſſen ſein in das Dunkel der Knechtſchaft; denn wie jede Frucht nur reift, wenn ſie die Sonne erwärmt und durchglüht, ſo muß A 245 auch der Geiſt Licht und Sonnenſchein haben, um zu reifen und zu gedeihen. So lange wir aber gefeſſelt und eingekerkert im Dunkeln da liegen, kann unſer Geiſt nicht reifen. Und hätte Kaspar Hauſer, dieſes große Kind, noch zwanzig Jahre in ſeinem Kerker gelegen, er wäre doch ein unmündiges, unreifes Kind geblieben; ſo bald man ihn aber aus ſeinem Dunkel hervor und ans Licht brachte, ſo bald man ihm die Freiheit gab, hörte er auf ein unmündiges Kind zu ſein, und reifte und ge⸗ dieh nur um ſo ſchneller. Wofür er dann auch gebührend beſtraft ward, ſagte Victor, und ermordet ward, weil man das zum Manne gereifte Kind fürchtete. Glauben Sie nicht, daß es uns auch ſo gehen würde, wenn wir aufhörten, Kaspar Hau⸗ ſers zu ſein? Aber hier ſind wir vor Krantzler. Laſſen Sie uns eintreten und Eis eſſen! XVIII. Noch ganz verloren in ſüße Erinnerungen an die köſtlichen Stunden, die ſie heute mit Victor verlebt, an den geliebten Bruder, den ſie heute gewonnen, ſaß Eva in ihrem Zimmer, als Ralph und Mutter Anna herein⸗ traten, und Eva aus ihren ſeligen Träumen aufſchreck⸗ ten. Als ſie ihre Mutter ſo wohlgeputzt und vergnüg⸗ ten Angeſichtes erblickte, da erinnerte, ſich Eva erſt, daß ſie geſtern verſprochen, heute mit den Ihrigen einem Volksfeſte in Pankow beizuwohnen, und dieſer Gedanke erfüllte ſie jetzt mit Schrecken und Grauſen. Nun, ſagte Mutter Anna fröhlich, biſt Du bereit, meine Tochter? Die Droſchke ſteht ſchon vor der Thür, und ich denke, wir wollen ſie nicht warten laſſen. Ach, ſagte Eva unmuthig, ich dächte doch, wir lie⸗ ßen dieſe abentheuerliche Fahrt. Ich habe auch gar nicht geglaubt, daß es geſtern Euer Ernſt war mit dieſer Parthie! 247 Und warum nicht, Tochter? fragte Mutter Anna ſtreng, und ſchon zeigten ſich Falten des Unmuths auf ihrer Stirn, und ihre Augen blitzten höher auf. Und warum glaubteſt Du nicht, daß es Ernſt war? Nun, ich will es Dir ſagen, Mutter, weil es doch unmöglich ein Vergnügen gewähren kann, ſich ſo unter dem Pöbel umher zu treiben, und weil es überdies gar nicht paſſend iſt, Sonntags an einem öffentlichen Orte zu erſcheinen, wie mir Gräfin Jelſa noch geſtern geſagt hat. Sonntags bleibt jeder anſtändige Menſch gern da⸗ heim, denn dann begegnet man aller Orten dem niedrig⸗ ſten Volk, das ſich einmal den Schmutz der Woche ab⸗ gewaſchen, ſich geſäubert und angezogen hat. Und das iſt meine Tochter, die ſo ſpricht! rief Mutter Anna zitternd vor Zorn, das iſt mein Kind, das ich unter meinem Herzen getragen und mit meinem Blut ernährt habe, für die ich arbeitete und mich plagte! Sie verachtet das Volk, deſſen Kind ſie iſt, und will nicht hinaus auf die Gaſſe, um nicht denen zu begeg⸗ nen, die unter dem Schweiß ihres Angeſichtes gearbei⸗ tet haben ſechs Tage lang, und nun ausruhen von der Arbeit, und dankerfüllt ſind gegen Gott für dieſen Ru⸗ hetag. Und dieſes arme, geduldige, ſtets zufriedene Volk das nennt ſie den niedrigen Pöbel! Gehe nur hin, fuhr ſie immer heftiger fort, gehe nur hin, unter die Vor⸗ nehmen und Reichen vor der Welt, da wirſt Du den 248 Pöbel finden, den Du verachten kannſt, da wirſt Du der Faulheit und Unzufriedenheit, der Großſprecherei und Herzloſigkeit begegnen, und dann wende Dich ab von ihnen, denn das iſt der Pöbel, den man verachten muß. Vor dem Volk aber, vor den Arbeitern da neige Dich in Demuth und küſſe die rauhe, harte Hand des Grei⸗ ſes, denn die Arbeit hat dieſe Hand ſo rauh gemacht und ſo hart, die Laſt des Tages hat ſeinen Rücken ge⸗ beugt.— Da, da iſt meine Hand, ſieh ſie an, ſie iſt voller Schwielen und Narben, ſieh ſie an, und ſprich, ob Du es wagſt, Dich Deiner Mutter zu ſchämen, Dei⸗ ner Mutter, die— Halt ein, Mutter Anna, unterbrach ſie Ralph, der bis dahin bleich und tief erſchüttert da geſtanden hatte, halt ein, Mutter Anna, und laß uns in Frie⸗ den uns verſtaͤndigen. Sicher haben wir Eva mißver⸗ ſtanden, und ihre Worte ſchienen härter, als ſie es dachte!— Eva ſchüttelte trotzig das Haupt. In der aufgeregten, leidenſchaftlichen Stimmung, in welcher ſie ſich heute be⸗ fand, war ihr Herz weichern, verſöhnendern Empfindun⸗ gen verſchloſſen, und ihre leidenſchaftliche Erregung machte ſie hart und grauſam. Auch erinnerte ſie ſich, wie oft ihr Gräſin Jelſa den Vorwurf gemacht, ſie laſſe ſich tyranniſiren von ihrer Mutter, und Eva dachte: ich will es nun nicht länger dulden, ſie ſoll es ſehen, daß ich ſie nicht fürchte!“— Als Ralph ſie daher jetzt fragte: 249 nicht wahr, Eva, es war nur ein Mißverſtändniß? erwie⸗ derte ſie ruhig und kalt: nein es war mein Ernſt, und ich bin überzeugt, daß ich Recht habe in dem, was ich ſagte. Ich verachte das Volk von Grund meiner Seele, es iſt ſo roh und thieriſch, ſo niedrig denkend und ungebildet! da iſt kein Funken von Zartheit und Geiſt in ihm, und nur auf die Befriedigung der nächſten, thieriſchen Bedürfniſſe iſt ſein Sinnen und Denken gerichtet. In der täglichen Plage und Anſtrengung ihres Körpers, in dieſer phyſiſchen Arbeit geht ihr Geiſt unter und wird abgeſtumpft. Und darum iſt es ſo gemein und erniedrigend, von der Arbeit zu leben, von dieſer äußerlichen, körperlichen Arbeit, mit welcher der Geiſt nichts zu ſchaffen hat, die nur vielmehr den Geiſt zertritt und in den Staub erniedrigt, und dar⸗ um ſollte man, wenn man gezwungen iſt, die Arbeit als Exiſtenzmittel zu betrachten, dies mindeſtens nur als ein trauriges, unglückliches Geheimniß Jedermann verbergen. Ralph hatte ihr ſchweigend zugehört, und der tiefſte Schmerz arbeitete und kämpfte in ſeinen Zügen; jetzt entſtürzten Ströme von Thränen ſeinen Augen, und ohne ein Wort zu ſagen, Eva nur mit einem unausſprechli⸗ chen Blick voll Schmerz und Liebe anſehend, eilte er hinaus. Dieſer Blick aber hatte Eva's Herz getrof⸗ fen, und das tiefſte Mitleid, die ſchmerzlichſte Reue be⸗ mächtigte ſich ihrer Bruſt. Sie wollte ihm nacheilen, ihn um Verzeihung bitten, Mutter Anna aber hielt ſie 16** 250 zurück. Mit glühenden Augen, todtenbleich und zitternd ſtand ſie da vor ihrer Tochter, und den Arm drohend gegen ſie erhebend, ſagte ſie mit voller, mächtiger Stimme: Eva, Eva, wehe über Dich! Wehe über Deinen eitlen, thörichten Sinn, er wird Dich ins Verderben führen! Falle nieder auf Deine Knie und bete zu Gott, daß er Dir beiſtehen möge, denn Dein Untergang iſt vor der Thür! Bete, bete, damit Dir verziehen werde, daß Du Vater und Mutter verachteſt, Deine Mutter verachteſt, die Dich groß gezogen hat mit der Arbeit ihrer Hände, mit der heiligen, von Gott geweihten Arbeit!— Eva hörte kaum die Worte ihrer Mutter, ſie dachte nur an Ralph, es ſchmerzte ſie unendlich, dieſen gekränkt und betrübt zu haben, und froh war ſie, als ihre Mutter jetzt das Zimmer verließ und in ihrem Gemach ſich einſchloß. Eiligſt lief Eva die Stiegen hinab zur Werkſtatt. Ihr Herz voll Liebe und Zärtlichkeit, öffnete ſie die Thür. Da ſaß Ralph anſcheinend ruhig ſchon wieder bei der Arbeit, und ſuchte alle die künſtlichen kleinen Gelenke ei⸗ ner Maſchine in einander zu fügen. Er ſchien ſo ver⸗ tieft, daß er ihr Eintreten gar nicht gehört hatte, und emſig weiter arbeitete. Eva ſtand noch immer in der offenen Thür, und wie ſie ihn ſo ruhig beſchäftigt ſah, dachte ſie: wie thöricht war ich, mir Vorwürfe zu ma⸗ chen, und zu glauben, er habe mich ſo ſchnell verlaſſen, weil ihn der Schmerz übermannte. Er hat ſich alſo 251 bei dem, was ich über die Arbeit ſagte, nur erinnert, daß ſeine Arbeit noch nicht vollendet war, und deshalb iſt er ſo eilig hinunter gegangen in die Werkſtatt. Wie eitel war ich, zu glauben, daß meine Worte ihm Schmerz verurſacht. O die Arbeit iſt ſeine eigentliche Geliebte, und ſo lange er dieſe hat, macht nichts ihm Kummer! Leiſe auf den Zehen ſchlich ſie wieder von dannen, ohne von Ralph bemerkt zu werden. Er arbeitete raſt⸗ los weiter, aber Thräne nach Thräne fiel hernieder auf ſeine thätigen Hände, und zuweilen drang es wie krampf⸗ haftes Schluchzen aus ſeiner Bruſt hervor. Und dann überwältigte ihn der Schmerz, er ſank kraftlos zuſam⸗ men neben der Maſchine, und rief mit herzzerreißendem Ton: o mein Gott, ſie liebt mich nicht mehr! Sie verachtet mich um meiner Arbeit willen! XIX. So iſt dies Ihr letztes Wort? fragte Bonaventura mit verhaltenem Zorn. Mein letztes Wort, ſagte Herr Blitz ruhig. Sie wollen mir alſo nicht die Hand Ihrer Schwe⸗ ſter geben? Sie wollen nicht einwilligen, daß ſie die Meine wird, obwohl ich Ihnen ſage, daß ſie mich liebt, daß ſie geſchworen, nimmer einem Andern, als mir, ihre Hand zu reichen? Bah, Maͤdchenſchwüre! rief Herr Blitz verächtlich, ich muß Ihnen ſagen, daß ich ſolche Schwüre höchſt lächerlich und abgeſchmackt finde, und niemals daran glaube. Ein Mädchen weiß niemals, was ſie will, und was ſie heute begehrt, das läßt ſie morgen verachtend fal⸗ len. Ach glauben Sie doch nicht an die Schwüre eines Mädchens! Ich glaube daran, rief Bonaventura leidenſchaftlich, ja, ich glaube an Sophiens Liebe, ich weiß, daß ſie mir 7 — —— „„ — — ——— —— 6 . 253 treu ſein wird bis in den Tod, daß ſie bereit iſt, Alles mit mir zu theilen, Alles mit mir zu tragen, daß ſie mich liebt mit ewiger, unvergänglicher Liebe! Das klingt Alles recht ſchön, unterbrach ihn Herr Blitz, und ich rathe Ihnen, machen Sie ein Gedicht daraus, das wird ganz prächtig klingen, und ich werde es Sophieen an ihrem Verlobungstage mit dem Grafen von Galpech auf Atlas gedruckt überreichen. Ihre Frau wird ſie aber nun und nimmermehr! Wie mein Herr, denken Sie wirklich, ich ſei ſo thöricht, meine einzige Schweſter ei⸗ nem jungen Manne zu geben, der nichts bedeutet, nichts hat, nichts iſt! Mein Herr, rief Bonaventura außer ſich, erröthend vor Zorn, mein Herr, ich nenne mich Bonaventura von Ottersheim. Nun ja, auf Ihren Gedichten nennen Sie ſich Bonaventura von Ottersheim, aber eigentlich heißen Sie Fritz Wendt, das weiß ich recht gut, und wenn ich es Niemand ſage und vor der Welt Sie mit dem ſchönen, adeligen Namen nenne, ſo geſchieht dies nur, weil mir daran liegt, daß man ſieht, wie ich nur mit Leuten von Stand und Adel umgehe und ſpreche! Deshalb nenne ich Sie Herr von Ottersheim, und werde Sie auch ferner ſo nennen, denn ich hoffe, daß dieſe kleine Zwi⸗ ſtigkeit unſer freundſchaftliches Verhältniß nicht ſtören 254 werde, und daß Sie nach wie vor meinen Salon beſu⸗ chen werden. Herr Blitz, ſagte Bonaventura faſt flehend, geben Sie mir die Hand Ihrer Schweſter! Und hätten Sie die Schätze der ganzen Welt, Sie bekämen doch nicht meine Schweſter zur Frau, denn es iſt mir nicht um Reichthum und Gold zu thun, ſondern um einen vornehmen Namen; ich will ſagen können, mein Schwager, der Graf, meine Schweſter, die Gräfin, und iſt der Graf ſo arm, wie eine Kirchenmaus, ſo gilt mir das gleich. Ich habe genug Geld mit ihm zu theilen. Sie aber ſind kein Graf, Sie heißen Fritz Wendt, folglich können Sie eü der Mann meiner Schweſter werden! Sie ſind ein Unmenſch, ein Barbar! rief Bona⸗ ventura zornig. Um ihrer elenden Eitelkeit willen wol⸗ len Sie zwei Herzen trennen, die ſich lieben, wollen die eigene Schweſter dieſem niedrigen Egoismus opfern. Aber ich ſage Ihnen, hüten Sie ſich vor mir; noch giebt es keine Geſetze, welche die Schweſter dem Bruder unterordnen; Sie haben nicht die Gewalt eines Vaters oder Vormunds über ſie! Frei darf ſie wählen, wen ſie will, und ungehindert kann ſie dieſes Haus verlaſſen und mir folgen, Ihnen zum Trotz. Nehmen Sie ſich alſo in Acht. Treiben Sie mich nicht auf's Aeußerſte! 255 Sie liebt mich, und wenn ich ſie rufe, mir zu folgen, wird ſie dem Rufe der Liebe nicht widerſtehen. Rufen Sie nur, ſchreien Sie nur, ſagte Herr Blitz lachend, ſie wird Ihnen doch nicht folgen, denn ich habe ſie eingeſchloſſen, und der Schlüſſel ſteckt hier in meiner Taſche. Nun, ſo mögen Sie es denn haben, rief Bonaven⸗ tura, zitternd vor Zorn, ich ſchwöre Ihnen, Sophie wird dennoch mein Weib, und müßte ich Ihr Haus anzünden, um Sie aus den Flammen mir zu entführen! Zünden Sie es immerhin an, ſagte Herr Blitz ge⸗ laſſen, ich bin verſichert! Bonaventura ſah ihn verächtlich an, und ſtürzte von dannen. Wie ein Raſender eilte er in ſeine Woh⸗ nung, dort warf er ſich aufgelöſt in Schmerz und Wuth auf den Divan, auf Mittel ſinnend, wie er Sophie ſich erobern und ſie die Seine nennen könne. Denn nun, da ſich ſeinem Wunſche Hinderniſſe in den Weg ſtellten, ſchien ihm Sophie das einzig begehrenswerthe Glück der Erde, und fühlte er für ſie die heißeſte, leidenſchaftlichſte Liebe. Es gab in dem Gemüthe Bonaventura's zwei Gewal⸗ ten, die ſein ganzes Daſein beherrſchten: Eitelkeit und Stolz. Aus dieſen beiden Gewalten entſprangen alle ſeine übrigen Eigenſchaften, ſeine Fehler und ſeine Vor⸗ züge. Die ECitelkeit war es, die ihn getrieben, die nie⸗ drige Sphäre, in der er aufgewachſen, zu verlaſſen, und 256 nach Höherem zu ſtreben, und der Stolz feuerte ihn dann an, auf dem einmal betreitenen neuen Pfade muthig wei⸗ ter zu ſchreiten, ohne der Beſchwerden zu achten, ohne über die Mühe zu klagen. Unter den härteſten Entbeh⸗ rungen jeglicher Art hatte er Jahre verbracht, in an⸗ geſtrengtem Studium„hungernd oft und dürſtend, die Nächte für niedrigen Lohn langweilige Abſchriften ma⸗ chend, Tags Kinder im Schreiben unterrichtend, und den Erlös ſeiner Mühe und Arbeit hatte er dann dazu ver⸗ wandt, die Unterrichtsſtunden zu bezahlen, die er ſelbſt bei den erſten und ausgezeichnetſten Lehrern nahm; es gab Tage, wo er nichts hatte, ſein Leben zu friſten, als ein Stückchen trockenes Brod, ein Glas Waſſer; er aß dies aber mit dem friſchen Muth eines Weiſen, ohne zu klagen, oder zu murren; er entbehrte und duldete, er gab ſein mühſam erworbenes Geld hin für theuren Unterricht, aber nicht aus Liebe zu den Wiſſenſchaften, nicht um dieſem innern Drange nach Kenntniſſen und Erkenntniß zu genügen, ſondern aus Stolz, um der hö⸗ hern Geſellſchaft angehören zu können, aus ECitelkeit, um in dieſer höhern Geſellſchaft glänzen zu können. So hatte er erreicht, was er wollte;z wenige Jahre hat⸗ ten genügt, um ſeinem Geiſte eine der Welt genügende, wenn auch oberflächliche Bildung zu geben, und ihn der höhern Kreiſe der Geſellſchaft würdig zu machen. Was bei Eva Ehrgeiz, war bei ihrem Bruder Eitelkeit; einer 257 ſeltſamen Laune des Schickſals zufolge ſtrebten beide Kinder der Frau, der das Volk und die Arbeit das Hei⸗ ligſte und Ehrwürdigſte ſchien, ſtrebten dieſe beiden, in Niedrigkeit und Armuth gebornen Kinder, nach dem eit⸗ len Glanz der Welt, und dem nichtigen Tand der Ge⸗ ſellſchaft, ſchien es Beiden das allein wünſchenswerthe Ziel in dieſer Geſellſchaft eine bedeutende Stelle einzu⸗ nehmen. Und in dieſem Streben ward Bonaventura durch ein ihm wirklich inne wohnendes poetiſches Talent unterſtützt, durch einen ſcharfen Verſtand, der, wenn er nicht umnebelt ward von Eitelkeit, ihm ſtets das Rechte zeigte. Er fühlte, daß es an der Zeit ſei, politiſche Gedichte zu machen, und er machte ſie, und verſchaffte ſich dadurch eine Art Ruf, wenn auch dieſer nur vor⸗ übergehend ſein mochte. Er wußte, daß in unſerer Zeit nichts ſo ſehr geſchätzt wird, als das Geld, und er gab ſich geſchickt das Anſehen bedeutenden Reichthums; weil man ihn aber nun für begütert hielt, würde ſein Stolz ihn ſtets gehindert haben, irgend Jemand ſeine oft drü⸗ ckenden Geldverlegenheiten zu zeigen, oder ihn ahnen zu laſſen, wie viel er entbehre. Wenn er aber hierin eine Ausnahme machte mit Ralph, ſo geſchah dies, weil Ralph ja ſeine Verhältniſſe kannte, ſein Stolz alſo die⸗ ſem gegenüber ſchweigen mußte, und weil Bonaventura in ſeiner Eitelkeit ſeinen Schwager ſo tief und niedrig unter ſich erblickte, daß es ihn gar nicht berühren konnte, Eva. I. Theil. 17 258 von Ralph Geld zu empfangen, ja daß es für dieſen immer nur eine Ehre war, Geld zu borgen; auch hatte Bonaventura kein eigentliches Ehrgefühl, ſondern nur Stolz, und wo dieſer ſchweigen mußte, trat leicht eine brutale Unempfindlichkeit gegen die zarteren Sachen der Ehre an deſſen Stelle, oder der Egoismus übertäubte dieſe leiſen Regungen des Ehrgefühls.— So war es auch anfangs nur Egoismus geweſen, der ihn getrieben, um Sophieens Liebe zu werben, um die Schweſter des reichen Herrn Blitz; als ſich aber ſeiner Werbung Hin⸗ derniſſe entgegenſtellten, als ſein Stolz verletzt, ſeine Ei⸗ telkeit gekränkt ward, da ſteigerte ſich der Wunſch, So⸗ phieen zu beſitzen bei Bonaventura zum leidenſchaftlich⸗ ſten Verlangen, und er fühlte nun für die ihm ver⸗ ſagte Schweſter des reichen Herrn Blitz die glühendſte, ver⸗ zehrendſte Liebe, eine Liebe, die ihn ſelbſt jedes eigennützi⸗ gen Wollens und Begehrens vergeſſen ließ, und nur nach dem Beſitz der Geliebten noch ſtrebte. Jetzt liebte er ſie wirklich ohne Nebengedanken, ohne Nebenwünſche, jetzt wollte er ſte beſitzen, nur um ihrer ſelbſt willen, aber es war nicht Sophieens Liebreiz, nicht ihre An⸗ muth und Güte, nicht ihre eigene, heiße, hingebende Liebe zu ihm, die ſo alle egoiſtiſchen Pläne in ihm erſtickte und zum Schweigen brachte, ſondern es war der empörte Stolz, der ihn trieb, nach dem zu trachten, was ihm verſagt ward, und für ſich mit kühner Hand die zu 4 „— 1 * 259 erobern, die man dem Grafen bewahren wollte. Wol⸗ len wir aber auch zu ſeiner Rechtfertigung nicht vergeſ⸗ ſen, daß er ſelber ſich des Urſprunges dieſer Liebe nicht bewußt war, und daß, als er ſich ſchwur, ſich Sophieens Beſitz zu verſchaffen um jeden Preis, er ſelber an ſeine leidenſchaftliche Liebe für Sophie glaubte, und weder an die Zukunft, noch an ſeine eigene Armuth dachte. Ich will, ich muß ſie mein nennen! niederholte er ſich nur immer und immer wieder, und als nun meh⸗ rere Tage vergangen waren, ohne daß er ſie geſehen, oder von ihr Kunde erhalten, denn auch Karl hatte der mißtrauiſche Herr Blitz den Eintritt zu Sophieen verwehrt, da ſann Bonaventura nur noch auf Mittel ſie zu ſehen, ſie zu ſprechen.— Nun ſchlich er in der Dämmerung in das Haus, und zu ihrer Thür; Niemand bemerkte ihn; er aber kaunte jede Thür in dieſem Hauſe wohl. Er wußte, daß dieſe Thüre da in ein Entree⸗ zimmer führte, durch das man in Sophieens Gemach kam. Schnell ging er an's Werk, und auf die Gefahr hin von irgend einem Vorübergehenden für einen Dieb gehalten zu werden, verſuchte er an der verſchloſſenen Thür die mitgebrachten und von ihm ſo eben erſtande⸗ nen Dietriche, und o Freude, die Thür gab endlich nach, ſie flog auf, und geſtattete ihm den Eingang. Die zweite Thür war nur angelehnt. Es war Licht in ihrem Zim⸗ mer, war ſie allein, oder war ihr Bruder bei ihr? Er 17* 260 ſtand und horchte. Da hörte er hinter der entgegenge⸗ ſetzten Thüre, die zu Herrn Blitz führte, dieſen ſprechen. Er war alſo nicht in Sophieen's Zimmer. Leiſe öffnete er die Thür und trat ein. Alles nar ſtill bier, und von Niemand geſehen ſchlüpfte er hinter die langen, her⸗ abhängenden Fenſtergardinen. Endlich öffnete ſich wie⸗ der die Thür, und Sophie ſtürzte herein; ſie warf ſich nieder zur Erde und weinte und ſchluchzte laut. Dann hob ſie flehend ihre Arme gen Himmel, und rief: o mein Gott, mein Gott! Es iſt alſo keine Rettung mehr, keine! Ich bin verkauft an dieſen Wüſtling, an dieſen Elenden! Und morgen ſchon iſt der Tag, wo ich ihm meine Hand reichen ſoll, morgen ſchon ſoll ich die Seine werden, und ich kann ihm keine Kunde geben, ich kann ihn nicht ein⸗ mal ſehen, ihn, meinen Geliebten, meinen Bonaventura! O mein Gott, warum kann ich nicht ſterben zu dieſer Stunde, ſterben, da ich ihm noch treu bin, da ich noch nicht entweiht bin von den Umarmungen dieſes entſetz⸗ lichen Menſchen! Sie bedeckte ihr Geſicht mit ihren Händen, und weinte und ſchluchzte laut. Da legte ſich ein Arm um ihre Geſtalt, und eine Stimme flüſterte in ihr Ohr: meine Geliebte!— Sie ſchauerte in ſich zuſammen wie vor einer Geiſtererſcheinung und einer Ohnmacht nahe vor Schreck und Ueberraſchung, ſchloß ſie die Augen. Als ſie ſie aber wieder aufſchlug, begegneten ihre for⸗ —— — 261 ſchenden, irren Blicke denen ihres Geliebten, ihres Bo⸗ naventura. Er hielt ſie in ſeinen Armen, er drückte ſie an ſeine Bruſt, er bedeckte ſie mit glühenden Küſſen. Er war da, an ihrer Seite, wie eine Erſcheinung des Himmels, zu dem ſie eben noch um ihn gefleht, war er plötzlich zu ihr getreten, und in ihrer ſchwärmeriſchen Aufgeregtheit glaubte ſie ihn nun wirklich vom Himmel zu ihrer Rettung geſandt. Sie klammerte ſich an ſeine Bruſt, ſie umſchlang ihn feſt mit ihren Armen und flehete nur: o erbarme Dich mein, o verlaß mich nicht, mein Geliebter! Sie wollen mich verkaufen und hin⸗ opfern für Gold und Titel. Ich aber kann nicht ohne Dich leben, nicht ohne Dich, der Du das Leben meines Lebens biſt. Gehe nicht von mir, Bonaventura, ſie ſchleppen mich zum Altar, wenn Du nicht bei mir biſt, ſie zwingen mich, dieſem entſetzlichen Grafen meine Hand zu geben! Er drückte einen heißen Kuß auf dieſe flehenden Lippen, und ſagte nur: Komm mit mir! Sie ſchreckte zuſammen und machte ſich ſanft los aus ſeinen Armen. Nein, ſagte ſie dann tief erröthend, nein, Bonaventura, wohin kann ich mit Dir gehen? Ich habe keine Heimath als dies Haus, und von hier kann ich nur meinem Gatten folgen. Du biſt mein, ſagte er faſt rauh, Du haſt mir geſchworen, mir treu zu ſein Dein Lebelang, willſt Du 262 Deinen Schwur brechen und morgen mit einem Andern zum Altar treten? Nein, nein, ſagte ſie bebend und rathlos. So komm! wiederholte er, komm, folge Deinem Gatten, denn das bin ich, war ich von dem Augenblicke an, da Dein Herz mir gehörte. Und als ſie noch zagte und ſchwankte, zog er ſie in ſeine Arme und flüſterte in ihr Ohr ſüße, bezaubernde Worte der Liebe, hinreißende Worte des Flehens und des Entzückens. Sophie wider⸗ ſtand nicht länger; ſie lehnte ſich willenlos in ſeine Arme und flüſterte mit vergehender Stimme: ſo nimm mich mit Dir. Hinfort biſt Du auf Erden meine einzige Zu⸗ flucht, mein einziges Glück! Nimm mich denn hin, ich bin die Deine! Und Bonaventura ſank vor ihr nieder in unausſprechlichem Entzücken, ihre Füße zu küſſen und ihr Gewand, und ihr tauſend zärtliche Namen zu geben, und ihr immer auf's Neue wieder ſeine Liebe zu ſchwö⸗ ren. Dann ſprang er auf, und ſagte dringend: ſo laß uns gehen! Nimm ſchnell das Nothwendigſte und komm! Sie raffte eiligſt einige Kleidungsſtücke und ihren Schmuckkaſten zuſammen; er hing ihr den Mantel um, dann löſchten ſie das Licht aus, und ſchlichen leiſe hinaus. Nie⸗ mand bemerkte ſie, und ungeſehen verließen ſie das Haus. In einem der abgelegenſten und am wenigſten be⸗ ſuchten Theile der Stadt hatte Bonaventura vorſorglich ein kleines freundliches Stübchen gemiethet. Dahin fuhr „. 3 der Liebe hinzugeben, die 263 er jetzt mit der Geliebten, und als ſie angekommen wa⸗ ren in dieſem ſtillen und verſchwiegenen Zufluchtsort ih⸗ rer Liebe, und Sophie, um ſich ſchauend, nun erſt zum vollen Bewußtſein deſſen, was ſie gethan hatte, kam, als ſie ſich geſtehen mußte, daß dieſer enge Raum hinfort ihre einzige Heimath, und der Geliebte ihre ganze Welt, da ſank ſie zitternd und erglühend in Bonaventura's Arme und flüſterte unter Thränen: wirſt Du mich auch immer lieben, wirſt Du mich niemals verachten, weil ich Dir heute gefolgt bin? Er ſank vor ihr nieder und untklammerte ihre Knie, und rief: Nimmer, nimmer kann meine Liebe zu Dir enden und erlöſchen, und von dieſer Stunde an biſt Du mein Weib, mein Weib vor Gott und den Menſchen! Sophie glaubte ihm, denn ſie liebte ihn; ſie zog ihn in ihre Arme und wehrte ſeinen Küſſen nicht.— Die nächſten Tage verbrachten ſie in ſüßeſter Ein⸗ ſamkeit und Stille, und hingegeben einem Glück, das ihnen über allen Ausdruck erhaben und herrlich erſchien. Und war es nicht ein Glück, ſo die langen, herrlichen Stunde Tas s eins neben dem Andern, ruhend Herz an Herz, h zubringen, ſich holde Worte zuzuflü⸗ ſtern und ſich allen jenen Thorheiten und Tändeleien kindiſch und doch ſo heilig ſind? War's nicht ein Glück, ſo Herz an Herzen Pläne zu entwerfen für die Zukunft, eine Zukunft ohne Tren⸗ nung und ohne Entbehren? War's nicht auch ein Glück, ganz ſtumm neben einander zu ruhen, verloren in die ſüßeſten und herrlichſten Träume, ſich nur anzuſehen, ſich zuzulächeln, ſich mit ſtummer Lippe unendliche Dinge zu ſagen?— Liebende leben wie auf einer Inſel, und der Ocean trennt ſie von der Welt. Aber ach, wie lange, und däb den Ocean herüber ſendet die Welt ihre hen mit ſüß verlockender en der Welt, und ennende Ses bleibt übrig,— über den nig ſe der leichte K wenn ſie drüben ſind am Ufer de elt, ſo ſinkt 3 ihnen die Inſel hinab in das Meer des Vergeſſens, und wenn ſie aus demſelben auch noch zuweilen herbor taucht und wie ein luftiges Traumbild am fernen Horizont erſcheint, ſo führt doch kein Nachen mehr zu ihr zurück.— Arme Sophie, wie lange wird Dir ein gütiges Geſchick geſtatten, auf dieſer Inſel zu weilen und der Welt um Dich her zu vergeſſen? Hörſt Du ni ſchon das Rufen und Jauchzen der B ſchon die ſüß verlockenden Stimmen fen wollen? Siehſt Du d ſchon vom Lande ab, un zu führen zur Welt? Sie ſieht ihn nicht denn ihr ent⸗ fidt Auge blickt nur zum Himmel und danket Gott 265 Bonaventura aber hat ihn geſehen, er hat alle die lo⸗ ckenden Stimmen gehört, und ihr Flüſtern verſtanden. Der Traum iſt zu Ende! Er weiß ſchon, daß er nicht auf einer Inſel lebt, ſondern inmitten der Welt. Du willſt mich verlaſſen, Geliebter? Ich muß, theuerſte Sophie! Ueber acht Tage ſind vergangen, ſeit wir hier ſind. Ich muß nun hinaus, um zu ſehen, wie unſere Angelegenheiten ſtehen. O, ſagte ſie zärtlich, kann uns dies Alles nicht gleichgültig ſein? Iſt nicht dies kleine Gemach unſer Paradies? Was brauchen wir mehr als dies? iſt ſchön hier, weil Du hier biſt, ſagte er la⸗ 4 n der That, immer möchte ich nicht in die⸗ ſem Hefängniß bleiben. Ich ſehne mich hinaus. Und da laß mich gehen, um zu erforſchen, ob wir nicht wenigſtens in cen meine andere Wohnung gehen kön⸗ Bruder die Sache aufgenommen nen, und wi Blitz. Dieſer er die Flucht außer ſich geweſen vor Zorn und r nach Bonaventura's Wohnung Vonaventura ging zu Hern zn it kalter Ruhe. Er war, Sophieens erfah n, Wuth. Er gefahren, ſi ſeine Entrüſtung, dort zu finden, und grenzenlos war als er dort keine Nachricht von ihr er⸗ hielt. Die Polizei zu ſeinem Beiſtand herbei zu rufen, 17*X* 266 daran hinderte ihn anfangs die geheime Hoffnung, ſie noch zu entdecken, und Bonaventura für eine bedeutende Geldſumme zum Rücktritt zu bewegen. Er erzählte dem erſtaunten Grafen Galpech, daß ſeine Schweſter zu einer kranken Freundin gereiſt ſei, und in zwei Tagen zurück kehren würde. Als aber dieſe zwei Tage vergangen waren, ohne daß er Sophieens Aufenthalt erfahren, da entſchloß ſich Herr Blitz, nach langem Toben und Wü⸗ then wieder der Vernunft Gehör gebend, aus der un⸗ angenehmen Sache den möglichſten Vortheil zu ziehen. Unter dem Siegel der Verſchwiegenheit vertraute er ſei⸗⸗ nem gehofften Schwager, dem Grafen Galpech, ſeine Schwe⸗ auf einer Reiſe kennen gelernt, und der nach Berlin gefolgt ſei, entführt worden. Blitz, habe durchaus dieſe Parthie nich zu ſehr liebe, um in eine ſo weite Entfernung willigen 1 Denn der Lord habe ſie ſogleich nach ſe Schottland entführen wollen. Nun aber entführt, und in einem Briefe aus eben erhalten, hätten ſie ihm Lebew griff das Dampfſchiff zu beſteigen g gehen.— Natürlich wußte Graf Galpeckh chm an⸗ vertraute Geſchichte möglichſt raſch zu verbreiten und in 267 den nächſten Tagen war die Flucht der ſchönen Sophie mit dem ſteinreichen Lord der Gegenſtand der Unterhal⸗ tung aller Cirkel und Coterien. Alle Bekannte des Herrn Blitz kamen, um ſich perſönlich nach der Wahr⸗ heit dieſer Geſchichte zu erkundigen, ihm ihr Beileid und zugleich ihre Glückwünſche zu ſagen, und der reiche Lord Schwager ſchien Herrn Blitz wirklich in der Geſellſchaft eine Stufe höher zu heben. Das Alles erzählte Herr Blitz ſelbſt mit kurzen, ruhigen Worten an Bonaventura. Jetzt verlange ich von Ihnen, mein Herr Fritz Wendt, ſagte er dann ernſt und ſtreng, daß Sie das Ih⸗ rige dazu thun, daß man allgemein dieſer Geſchichte glaubt. Und wenn ich dies nicht thue? So iſt dies Ihr eigener Schade, ſagte Herr Blitz ruhig, denn alsdann laſſe ich Sie nicht aus dieſem Zim⸗ mer, ehe denn die Polizei da iſt, Sie als den Entfüh⸗ rer meiner unmündigen Schweſter in Haft zu nehmen. Auch möchte, da Sie mit einem Nachſchlüſſel die Thüre öffneten, es nicht ſchwer ſein, glauben zu machen, Sie hätten mir zugleich eine bedeutende Summe Geldes ent⸗ wendet. Ich hoffe, Sie ſehen ein, daß jede Halsſtarrig⸗ keit Ihnen hier nur ſchaden könnte. Und went ich ſchweige? fragte Bonaventura mit einem lauernden Blick. Wenn Sie mir das ſtrengſte, unverbrüchlichſte Schweigen geloben, wenn Sie ſich nirgends mit Sophie zeigen, Niemand, auch ſelbſt Ihrer Schweſter nicht, ein einziges Wort von dieſer Geſchichte verrathen, wenn ich darauf rechnen kann, daß das Ganze mit einem tiefen, undurchdringlichen Schleier bedeckt wird, ſo empfangen Sie nach Verlauf von vier Monaten, wohl verſtanden, wenn bis dahin auch nicht ein Wort dieſer abentheuer⸗ lichen Geſchichte verlautet, die Summe von fünfhundert Thalern. Das iſt wenig, ſehr wenig, ſagte Bonaventura ver⸗ ächtlich. O, Sie wollen handeln, rief Herr Blitz lachend, nun wohl, ich lege noch hundert Thaler zu, und gebe Ihnen ſechshundert.— Und Sie willigen in unſere Verheirathung? Niemals, ſagte Herr Blitz entſchieden. Ja, Sie ſelbſt müſſen begreifen, daß dies unmöglich iſt.„Wo und wie ſollte dieſe Trauung ſtatt finden? Sie bedür⸗ fen dazu Ihrer Papiere und Ihres Namens, Fritz Wendt, und auch Sophie desgleichen würde nicht allein meinen Namen nennen müſſen, ſondern auch meiner Einwilli⸗ 3 gung bedürfen, denn ſie iſt noch nicht majorenn und ich bin ihr natürlicher Vormund. Sie ſehen, daß dies der nächſte Weg iſ, die ganze Geſchichte an's Tageslicht zu 8 Dund in ungefähr einem halben Jahr kehrt ſie in tiefer bringen, Sie begreifen alſo, daß ich meine Einwilligung nicht geben kann und r werde, und da Sie, fuhr er la⸗ chend fort, nicht der reiche junge Lord find, um eine Ent⸗ führung zur Trauung nach Gretna⸗Green möglich zu machen, ſo denke ich, werden Sie dieſen tugendhaften Wunſch nach und nach in ſich zu unterdrücken ſuchen.— Nun, ſind Sie entſchloſſen? Willigen Sie in meinen Vorſchlag? Geloben Sie unverbrüchliches Schweigen, und wollen Sie dafür nach vier Monaten ſechshundert Thaler empfangen?—— Was aber gedenken Sie nach dieſer Zeit zu thun? Mein Gott, das wird ſich finden, wir werden uns dann ſchon weiter zu arrangiren wiſſen. Vielleicht ſind Ihnen dann ſchon die tugendhaften Heirathsplaͤne ver⸗ gangen, und wir ſetzen die Comödie fort, laſſen zum Beiſpiel meine Schweſter als junge Witwe zurück kehren mit einem ſehr ſchönen, vornehmen Namen, und ſie macht dann wieder als junge Lady die Honneurs meines Hau⸗ ſes. Vier Monate, das iſt eine lange Zeit für Sie, um ſich zu beſinnen und vernünftig zu werden, und um eine Leidenſchaft abzukühlen. Dann können wir die junge Lady noch einige Zeit auf Reiſen ſchicken, Trauer als Wilwe heim. Ha, ha, ha! Der Einfall iſt ſüperb! Nun, Herr Bonaventura, haben Sie ſich ent⸗ ſchloſſen? Wollen Sie dies Papier hier unizazeichun; —— Es enthält Ihrerſeits das Verſprechen zu ſchweigen, mei⸗ nerſeits das Verſprechen, Ihnen nach vier Monaten die genannte Summe zu zahlen. Sehen Sie, da ſteht mein Name ſchon, wollen Sie den Ihren daneben ſetzen? Bonaventura ſtand lange und ſchweigend da, dann trat er entſchloſſen näher,— und unterſchrieb. Ende des erſten Theils. ₰ 4 SeerEe Siene en 5 ſſnmſſſſi nfſiſ 15 16 5 ſ d 6 7 8 9 11 12 13 14