Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 ſ „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— J 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— ene auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 N. f — 1 1— II— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X. Mühlbach's KRKleine Romancet. 4 5* Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. X Sechzehnter Theil. Mademoiſelle Clairon. 4 ——=— E Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1861. Mademoiſelle Clairon, oder vier Tage aus dem Leben einer Schauſpielerin. Von L. Mühlbach. 9 1 Vdmn Verlag von J. F. Hammerich. 1861. neues Stück aufgeführt werden, ein neues Stück von Haupt⸗ und Titelrolle Merope ſpielen. —. deren erhabenes, großartiges Talent alle Mademoiſelle Clairon. 5— Erſter Tag. J. Am Morgen. Im Theatre francais ſollte heute Abend ein ¹ Voltaire, und Hippolyte Clairon ſollte darin die Das war ein Ereigniß, welches ganz Paris in Bewegung ſetzte, welches ſeit einer Woche ſchon alle Salons, alle Schöngeiſter beſchäftigte und bei Hofe, in den Kaffeehäuſern, auf der Straße den 8 Gegenſtand der Unterhaltung bildete. Denn Voltaire und Hippolyte Clairon, das waren die beiden anerkannten Lieblinge von ganz Paris, von ganz Frankreich, ja von ganz Europa. Aus allen Ländern Europas kamen die vor⸗ nehmen und kunſtſinnigen Reiſenden nach Paris, um die große Schauſpielerin Claixon zu ſehen mit Bewunderung und Entzücken erfüllte, deren Hoheit und Anmuth, deren Leidenſchaft, Glut und Innigkeit Jedermann hinriß, bewältigte. In allen Ländern Europas las man Arouet Voltaire's Werke, deren ſanglanter Witz, deren ſcharfe Dialektik, deren hohe Poeſie und ſchneidende Wahrheit von Jedermann bewundert ward, und ihrem Verfaſſer ebenſo viel Verehrer und Freunde, als Gegner und Feinde zuzog. Seine Feinde, und unter dieſen die mächtige Schaar der Prieſter, waren es geweſen, die be⸗ wirkt hatten, daß Voltaire mehrere Jahre lang aus Frankreich verbannt und gezwungen ward, die Gaſt⸗ freundſchaft Englands in Anſpruch zu nehmen. Seine Freunde aber hatten es bewirkt, daß der König Ludwig der Fünfzehnte endlich in Gna⸗ den die Strafe aufhob. Voltaire war alſo im Jahre 1739 aus ſeinem Exil nach Frankreich zurückgekehrt, er durfte jetzt wieder in Paris leben, er durfte ſeine boshafte Geißel über die Kirche, die Prieſter, über die Gläubigen, wie über die Heuchler ſchwingen; er durfte ſeine Tragödien mit ihren erhabenen Heldengeſtalten, ihren begeiſterten Tugendmärty⸗ rerinnen, ihren glühenden Liebenden über die Bret⸗ ter gehen laſſen. Daß er dieſes Alles durfte, ver⸗ dankte er dem Einfluß jener Frau, welche damals Frankreich beherrſchte, weil ſie den König von Frankreich beherrſchte, verdankte er der Marquiſe voonn Pompadour. Sie war es geweſen, welche die Verbannung Voltaire's aufgehoben, ſie hatte den Muth, ſeinen Feinden zum Trotz laut das erhabene Genie des Dichters Voltaire zu preiſen, und es war daher natürlich, daß der ganze Hof, der ganze Adel in dieſe Lobpreiſungen der mächtigen und gefährlichen Frau einſtimmten. Aber nicht blos der Hof und der Adel, ſondern auch das ganze übrige Publikum, das ganze franzöſiſche Volk fühlte ſich entzückt und begeiſtert von dem Dichter, der es verſtand, ihnen in ſeinen Tragö⸗ dien Thränen zu erpreſſen, ihr Herz mit Begei⸗ ſterung und Entſetzen zu erfüllen, ſie mit ſei⸗ nen ſatiriſchen Schriften lachen z Und von dieſem Liebling d heute am zwölften März des A neue Tragödie aufgeführt werden. Und in dieſer Tragödie ſollte der Liebling der Pariſer, die ſchöne, bezaubernde, großartige Schau⸗ ſpielerin Hippolyte Clairon auffteten, ſollte in der Merope ſich eine neue Rolle„creiren“. War das nicht ein Ereigniß, wohl geeignet, ganz Paris in Bewegung zu ſetzen, und alle Ge⸗ müther zu beſchäftigen? Schon ſeit der Frühe des Morgens herrſchte daher ein lebhaftes ⸗Treiben in der Rue de la e lanteriedegen an der Seite, in den von breiten koſtbaren Spitzenmanſchetten umgebenen Händen ungeheuere Blumenbouquets haltend. Mit feier⸗ lichen Mienen ſchritten ſie mit ihren Bouquets in das Palais der Schauſpielerin, und der goldbe⸗ treßte Schweizer an der Thür ſchien es gar nicht auffällig zu finden, daß ſo viele vornehme Herren wie ſonſt alle Tage, blickte auf die vornehmen Perren hin mit der Gravität eines her ſich bewußt iſt, daß es in ſeine Macht gegeben, den Sterblichen den Himmel zu war noch immer nicht aufgegangen, ſie hatte ſich nde Morgen⸗ goldgeſtickten Sammetgewändern, den goldenen Ga⸗ ſonne ihren erwartungsvollen Bewunderern zu leuch⸗ ten. Sie weilte noch immer in dem Cabinet da drüben, nach deſſen verſchloſſener Pforte die ſehn⸗ ſuchtsvollen flammenden Blicke aller Cavaliere ge⸗ richtet waren. Aber endlich jetzt thaten ſich dieſe Pforten auf, und eine allgemeine freudige Bewegung entſtand. Jedermann drängte vorwärts, denn da drüben in der geöffneten Pforte, da ſtand ſie, da ſtand Hippo⸗ lyte Clairon. Wie eine Königin des Morgenlan⸗ des war ſie anzuſchauen in dieſem wundegharen phan⸗ taſtiſchen Anzug, den ſie ihr Negligé nann te, und deſſen Reich ſthum und Pracht jeder Königin würdig ge⸗ weſen wäre. Ein weites langes Gewand von goldgeſticktem Atlas floß in ſchweren Falten über ihre ſchöne ſtolze Geſtalt nieder bis auf die Füße, die in weißen Atlaspantoffeln ſteckten, welche mit ech ten Perlen und Rubinen geſtickt waren. Ein breiter goldener Gürtel, mit Rubinen und Brillanten aus⸗ gelegt, hielt das weite Gewand um die Taille zu⸗ ſammen, die weiten offenen Aermel ließen ihre wundervoll geformten Arme frei, und ließen die goldenen, von Brillanten funkelnden Spangen ſehen, welche dieſelben zierten. Ihr Haar, aufgelöſt und noch ungepudert, hing in kunſtloſen, wirren ſchwar⸗ zen Locken über ihren Nacken und zu beiden Sei⸗ ten ihrer Wangen nieder, und ward nur leicht von der goldenen Binde zufammengehalten, die nach Art der Römexinnen des Aiteriſans de Stirn * umgab und zu beiden Seiten des Hauptes nieder⸗ hing. Und zu dieſem prachtvollen, wahrhaft könig⸗ lichen Anzug paßte das Antlitz Clairon's ganz voll⸗ kommen, denn es war auch ein wahrhaft könig⸗ liches. Dieſe breite hohe Stirn war umfloſſen von Majeſtät und Hoheit, dieſe großen ſchwarzen Augen voll edlen Feuers ſchienen nur für die Leidenſchaft, den Stolz, den Zorn und die Erhabenheit, aber niemals für ſanftere Gefühle Blicke zu haben; dieſe edle, leichtgebogene feine Naſe erinnerte an die Pantratis e römiſchen Kaiſerin Julia, und gab ihrem Antlitz Würde und Hoheit; dieſer kleine Mund mit den purpurrothen, feingeſchwungenen Lippen war ſtets umſpielt von einem halb verächt⸗ lichen, halb ſpöttiſchen Lächeln, das aber zuweilen ſich verklärte zu einer wunderbaren Lieblichkeit und Milde, und dann Jeden, den es anſtrahlte, wie eine ſeltene Gunſtbezeugung mit Freude und Glück erfüllte. Dieſes ſchöne, edle Oval ihres Ange⸗ ſichts hätte dem Phidias ſelbſt zu dem Antlitz einer Juno als Vorbild dienen können, und juno⸗ niſch war die ſtolze Haltung ihres Hauptes, war die hohe prachtvolle Geſtalt, deren edle, wahrhaft ſchöne Formen eine keuſche Strenge, eine züchtige Sittſamkeit hatten. So war Hippolyte Clairon, die große Schauſpie⸗ lerin des Theatre francais, ſo war die Göttin, die da jetzt eben in der Thür ihres Boudoirs vor den entzück⸗ ten Blicken ihrer Bewunderer erſchien, und mit einem huldvollen Lächeln wie mit einem Sonnenſtrahl den ganzen glänzenden Kreis ihrer Verehrer überſtrahlte. Und alle dieſe Herzoge und Prinzen, dieſe Marquis und Vicomtes, dieſe Grafen und Barone, alle dieſe Herren von dem höchſten alten Adel Frankreichs beeilten ſich jetzt zu der Schauſpielerin Clairon hinzuſtürzen, um von ihr einen Blick, ein Wort zu erhaſchen, um von ihr bemerkt und aus⸗ gezeichnet zu werden. Aber Clairon ſchien heute Niemand zu bemer⸗ ken, auf Niemand zu achten. Mit ſtolz gehobenem Haupte ſchritt ſie vorwärts, bis in die Mitte des Salons. Nun erſt neigte ſie ſich langſam und würdevoll nach allen Seiten hin, und begnadigte hier und dort einen Herzog, einen Marquis mit einem beſondern Kopfnicken, einem leichten Druck ihrer Hand. Ihre Verehrer kannten dieſe Art der Begrüßung, ſie hatten ſich ſchon daran gewöhnt, daß Hippo⸗ lyte Clairon auch außer der Bühne die Königinnen und Heldinnen weiter ſpielte, die ſie jeden Abend mit ſo viel Würde und Hoheit zur Anſchauung brachte, daß ſie, wie Clairon ſelber ſagte,„immer Königin blieb, um niemals aus der Rolle zu fallen.“ „Man ſchmeichelte ihr daher damit, daß man ihr geſtattete, dieſe Königinnen⸗Rollen der Bühne auch in ihrem Salon weiter zu ſpielen, daß man ihr huldigte, als wäre ſie wirklich eine gebietend nigin, zu deren großer Cour man ſich demuthsvoll und unterwürfig eingefunden. Und zum Zeichen ihrer Huldigung legten jetzt die Cavaliere ihre wundervollen Bouquets, von denen viele mit Schnüren von echten Perlen ſtatt des Bandes zuſammengehalten waren, die zwiſchen den natürlichen Blumen gar oft ein Juwel, eine Roſe von funkelnden Brillanten hervorleuchten ließen, zu den Füßen ihrer Göttin nieder. Wie ein ungeheurer Kranz ſchl dieſe Blumen und dieſe Bouquets ſich zuſammen, und in der Mitte deſſel⸗ ben ſtand Clairon, die erhabenſte, die ſtolzeſte aller Blumenköniginnen. Aber nun, da die erſte feierliche Repräſen⸗ tation vorüber war, nun geruhte Clairon von ihrer Höhe herniederzuſteigen, und ihren anbetenden Va⸗ ſallen eine gnädige und herablaſſende Herrin zu ſein. Sie hob hier und dort eines der Bouquets, das durch irgend ein blitzendes Geſchmeide ſich be⸗ ſonders auszeichnete, mit eigener hoher Hand em⸗ por und begnadigte den Geber mit einem huld⸗ vollen Lächeln, und nachdem ſie ſo den Kranz ge⸗ lüftet und den magiſchen Kreis gebrochen, trat ſie aus ihm heraus, um als Sterbliche mit den Sterb⸗ lichen zu ſprechen. 1 Aber es gab heute doch nur ein Thema, wel⸗ ches ein würdiger Gegenſtand des Geſpräches ſein konnte. Dies war das Ereigniß des heutigen Abends, die erſte Aufführung der Mexrope. zog,“ ſagte Clairon nachläſſig.„Sie werden heute „Ich brenne vor Verlangen, Sie in dieſer neuen Rolle zu ſehen,“ rief der Herzog von Guines, ſeine eigenen Fingerſpitzen küſſend und dann nach Clairon hinwerfend. „Und Sie thun wohl daran, mein lieber Her⸗ Abend einen großen Genuß haben, denn das neue Werk Voltaire's iſt von erhabener Schönheit, von hinreißender Wirkung.“ „Ach ich ſpreche nicht von Voltaire, dem bos⸗ haften Menſchen, der Gott und die ganze Welt verſpottet,“ rief der Herzog ärgerlich,„ich ſpreche von Ihnen, von der edlen Muſe, welche alle Welt begeiſtert, und welcher Herr Voltaire es heute wiederum verdanken wird, wenn man ein Drama von ihm bis in die Wolken erhebt.“ „Wiſſen Sie, Schönſte der Schönen, daß man geſtern Vormittag in den Couloirs des Theaters wahrhaft mörderiſche Schlachten geliefert hat, um ein Billet zur heutigen Vorſtellung zu erlangen,“ ſagte ein junger Herr, ſich der Künſtlerin nähernd, und ſie mit einem leichten, ziemlich vertraulichen Kopfnicken begrüßend. „Ich weiß es, mein Herr Prinz von Soubiſe,“ erwiderte Clairon, leicht die Stirn runzelnd, als habe dieſe vertrauliche Annäherung eines Prinzen von königlichem Geblüt ſie tief verletzt.„Ich weiß es, und ich wundere mich gar nicht darüber. Das Publikum wird heute belohnt werden. hrern dies große Geheimniß nicht vorzuenthalten, einen ſeltenen Genuß haben an dem erhabenen Werke Voltaire's, und Clairon wird ihm eine Ueberraſchung bereiten, die es nicht ahnt und ver⸗ muthet.“ „Was für eine Ueberraſchung?“ fragte der Prinz von Soubiſe.„Sagen Sie es mir, meine Schöne!“ „Wenn ich Ihre Schöne wäre, würde ich es Ihnen gewiß ſagen müſſen,“ rief Clairon achſel⸗ zuckend,„da dies aber nicht der Fall iſt, ſo müſſen Sie mir ſchon erlauben, Ihnen meine Ueberraſchung zu verſchweigen. Aber ich rathe Ihnen, meine Herren, verſäumen Sie nicht, der heutigen Vor⸗ ſtellung beizuwohnen, denn ich ſage Ihnen, dieſe Vorſtellung wird für die ganze Zukunft des Theatre francais ein Ereigniß ſein, ſie wird eine Re⸗ volution auf der Bühne hervorbringen, und nach Jahrhunderten noch wird man von der heutigen Vorſtellung als von einem großen wichtigen Mo⸗ ment in der Kunſtgeſchichte ſprechen. Ein Gemurmel der Ueberraſchung, des Stau⸗ nens machte ſich in dem ganzen glänzenden Kreis ihrer Bewunderer hörbar. Man flüſterte und fragte hin und wieder, man zerbrach ſich den Kopf, welcher Art dies Ereigniß ſein könne, man beſchwor Clairon mit tauſend zärtlichen Worten und Phra⸗ ſen, ihren begeiſterten und enthuſiaſtiſchen Ver⸗ — 11— ſie vielmehr einzuweihen in die erhabenen Myſte⸗ rien des heutigen Abends. Allein Clairon ſchüttelte in ſtolzer Ruhe ihr Haupt.„Ich will ganz Paris überraſchen, alſo auch Sie, meine Herren Cavaliere,“ ſagte ſie mit der Würde einer Königin, dann aber vergaß ſie doch einen Moment ihre erhabene Rolle, und mit der ganzen Coquetterie einer Schauſpielerin ſich lächelnd nach allen Seiten neigend, fuhr ſie fort: „ich rechne heute Abend auf Ihre Protection und Ihre Freundſchaft, meine Herren! Sie werden es nicht dulden, daß meine Feinde mich beſchimpfen und mir meinen Triumph trüben.“ „Ich werde meine Spione im Parterre haben,“ rief der Marquis de Latude,„und den Erſten, der es wagt, zu ziſchen, den laſſe ich von meinen Be⸗ dienten hinauswerfen und durchprügeln.“ „Der Donner unſeres Applaudiſſements wird jeden boshaften Mißlaut Ihrer elenden Feinde übertönen,“ ſagte der Graf Beſancon emphatiſch. „In ganz Paris giebt es heute Abend keine Blumen mehr,“ rief der Vicomte Maubouge,„ich habe ſie alle aufgekauft, um damit unſere Muſe zu begrüßen, wenn ſie in den Entreacts unſern ſehnſuchtsvollen Rufen folgen und erſcheinen muß, um unſere Huldigungen zu empfangen.“ Clairon horchte auf alle Lieſe Betheuerungen mit einem ruhigen ſanften Lächeln, und der ſonſt ſo feurige Blick ihrer Augen ward milder.„Ich — — 12— zähle auf Ihre Güte und Ihren Beiſtand,“ ſagte ſie, indem ſie durch die Reihen ihrer Bewunderer dahin ſchritt, und ſich wieder ihrem Boudoir näherte. Dies war der große, entſcheidende Moment, auf den Alle gewartet hatten, und deshalb dräng⸗ ten alle Cavaliere ungeduldig vorwärts, der Thuͤr des Boudoirs zu. Denn, wenn Clairon dieſen großen Staatsempfang beendet hatte, wenn ſie wieder zurückgetreten war in das Boudoir, dann hörte ſie auf Königin zu ſein, dann ließ ſie ihre hohen Alluren und ihr unnahbares Weſen in dem Empfangsſaal zurück, und da drinnen in ihrem Boudoir, da war ſie alsdann die bezaubernde Künſtlerin voll Geiſt und Laune, voll Bosheit und Witz, da geſtattete ſie den Verehrern den glühen⸗ den Ausdruck ihrer Gefühle, hörte ſie ihren heißen Liebesgeſtändniſſen zu, und erlaubte es, um ihre Gunſt zu werben, ſei es mit Worten oder mit Geſchenken. Nach dieſer Thür des Boudoirs drängten da⸗ her alle die Cavaliere, Jeder wollte der Erſte ſein, der hinter Clairon in daſſelbe eintreten durfte, denn nur Einem zur Zeit war der Eintritt in das Allerheiligſte geſtattet, obwohl die Thüren zu dem Boudoir weit geöffnet, die Portièren zurückgeſchla⸗ gen blieben und Jedermann Clairon ſehen konnte, wie ſie da drüben, der offenen Thüre gerade gegenüber, auf der prachtvollen goldgeſtickten Otto⸗ mane ſaß und ihr gegenüber auf dem Fauteuil, 13— dem Salon den Rücken zugekehrt, derjenige glück⸗ liche Sterbliche, der eben den Vorzug einer Privat⸗ Audienz genoß. Denn dieſe Unterredungen im Boudoir waren gleich den Privat⸗Audienzen der Königinnen, die ſie im Beiſein ihres ganzen Hofes den einzelnen Begünſtigten ertheilen, und welche daher Niemand durch unbefugte Annäherung zu ſtören wagt. Heute indeßda ein Prinz, da der Freund des Königs Ludwig des Vielgeliebten in dem Salon der Künſtlerin ſich befand, heute war das Wogen und Drängen der Cavaliere minder ungeſtüm, und da man ſah, daß der Prinz Sonybiſe, der nicht blos der Freund des Königs, ſondern auch der Günſtling der Marquiſe Pompadour war, ſich der Thür des Boudoirs zu nähern ſuchte, wichen die Cavaliere ehrfurchtsvoll zurück und gaben dem Prinzen Raum. 4 Er dankte es den Cavalieren mit einem lächeln⸗ den Gruß ſeines Hauptes und trat dicht hinter Clairon in das Boudoir ein. „Wiſſen Sie, ma toute belle,“ ſagte er, in⸗ dem er ſich mit vornehmer Nachläſſigkeit, und ohne Clairon's Erlaubniß abzuwarten, in den Fauteuil niedergleiten ließ,„wiſſen Sie, daß Sie heute von einer wahrhaft dämoniſchen Schönheit ſind? Bei Gott, wenn man Sie anſchaut, ſollte man meinen, ſich nicht mehr in der Reſidenz des Allerchriſtlich⸗ ſten Königs von Fraͤnkreich zu befinden, ſondern — 11— plötzlich in die glücklichen Zeiten des Heidenthuns zurück verzaubert zu ſein, wo noch Göttinnen ſich zuweilen herabließen, ſterbliche Hülle anzunehmen und auf die Erde hernieder zu ſteigen, um ſchöne Hirten oder muthvolle Helden zu beſtricken und zu beglücken. Schwören Sie mir, daß Sie nicht die Königin der Himmel, daß Sie nicht Juno ſelber ſind, ſchwören Sie es mir, damit ich es Ihnen glaube.“*4 „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht die Ge⸗ mahlin des treuloſeſten, verführeriſchſten, leicht⸗ ſinnigſten und gefährlichſten aller Götter bin,“ ſagte Clairon lächelnd.„Ich ſchwöre Ihnen, Prinz, daß nicht Zeus mein Gemahl iſt, und daß er es niemals werden wird.“ „Boshafte!“ rief Soubiſe lächelnd,„wie ab⸗ ſcheulich Sie ſind! Sie wiſſen es recht wohl, daß die lieben Pariſer mir den Beinamen des Zeus gegeben haben, weil ſie behaupten, ich hätte ebenſo viele Aventuren wie der Gott der Götter, und verſtände es, mich zu verkleiden und zu ver⸗ wandeln, wie es Zeus zur Eroberung ſeiner Schö⸗ nen ſo oft gethan! Aber man thut mir Unrecht, ich ſchwöre es Ihnen, bezaubernde Hippolyte, ja wahrlich, man thut mir Unrecht. Ich habe kein flatterhaftes Herz, ich bin treu, wie es Zeus niee⸗ mals geweſen! Nur der Einen, Einzigen gehört feit langer Zeit mein Herz, und dieſe Einzige ſind Siel. — 15— „Ach Prinz!“ rief Clairon,„was würde Made⸗ moiſelle Guiman, die ſchöne Tänzerin, ſagen, wenn man ihr dieſe Ihre Worte wiederholte?“ Der Prinz lachte:„Ich rathe Ihnen nicht, dies zu thun,“ ſagte er,„denn die Guiman würde Ihnen ohne Zweifel die Augen auskratzen. Sie iſt einmal vernarrt in mich, das arme Ding, und behauptet, daß ſie mich grenzenlos liebt. Ich er⸗ laube ihr, mich anzubeten, und laſſe es die Welt immerhin glauben, daß die Guiman meine Ge⸗ liebte iſt.“ „Und da man Sie doch einmal den Zeus von Paris nennt,“ ſagte Clairon,„ſo ſagt man, daß Sie der ſchönen Tänzerin immer nur als Gold⸗ regen nahen, und daß ſie es verſteht, Ihnen gegen⸗ über die Danae zu ſpielen.“ „Man übertreibt, foi de gentilhomme, man übertreibt,“ betheuerte der Prinz.„Guiman liebt mich ſo ſehr, daß ſie gar nicht beabſichtigt, mich zu ruiniren, wie es leider ſo vielen Fürſten und Cavalieren heut zu Tage von habſüchtigen Tän⸗ erinnen und Actricen geſchehen iſt. Guiman iſt be⸗ beſcheiden, und iſt es ganz zufrieden, daß ich ihr für ihre Tafel nur hunderttauſend Francs, für ihre menus plaisirs nicht mehr als fünfzigtauſend Franes zahle.“ „Hunterttauſend Francs Tafelgelder,“ rief Clairon faſt erſtaunt.„Und dieſe ungeheure Summe, mit welcher man zehn ehrbare Jungfrauen aus⸗ 1(6— ſteuern könnte, geben Sie einer leichtſinnigen Tän⸗ zerin, deren ganze Kunſt darin beſteht, mit den Füßen zu zappeln, und Minauderien zu machen!“ „Sie finden dieſe Summe bedeutend?“ fragte der Prinz.„Urtheilen Sie alſo, was ich für die Göttin thun würde, die ich liebe, die ich anbete, der jeder Athemzug meines Lebens, jeder Seufzer meiner Bruſt gehören würde, urtheilen Sie, was ich für Sie thun würde, wenn Sie endlich einwilligten einen Blick der Gnade auf mich zu werfen, auf mich, der als demüthiger Sklave zu Ihren Füßen ſchmachtet, dem Sie die Sonne, das Glück und das Leben ſind!“ „Und was würden Sie für mich thun, Prinz?“ fragte Clairon, indem ſie nachläſſig ihren Fuß ein wenig emporhob, und den IJuwelen funkelnden Pantoffel auf der Spitze ihrer Zehen tänzeln ließ. „Laſſen Sie einmal hören, Prinz, was würden Sie für mich thun?“ „Was ich für Sie thun würde?“ rief Prinz Soubiſe lebhaft.„Ich würde Ihnen nicht hundert⸗ tauſend Francs, ſondern eine halbe Million Tafel⸗ gelder anbieten, ich würde für Ihre menus plaisirs Ihnen monatlich zwanzigtauſend Francs bereit halten, ich würde trachten, daß Niemand, ſelbſt nicht die Königin, ſo ſchöne Brillanten, ſo herrliche Spitzen, ſo auserleſene engliſche Pferde, ſo koſt⸗ bare Livréen, ſo bewunderungswürdige Equipagen, ein ſo prachtvoll eingerichtetes Palais beſäße, wie Hippolyte Clairon, die Geliebte, die Angebetete, die — 17 Göttin des Prinzen Soubiſe! Ja, glauben Sie es mir, Clairon, Sie ſind meine Göttin, die ich an⸗ bete. Man ſpricht von meinen ungeheuern Reich⸗ thümern, von den tauſend Millionen, die ich von meinen Vorfahren, den tapfern Rohans ererbt habe. Nun ja, ich bin reich, geben Sie mir die Erlaub⸗ niß, es für Sie zu ſein, und ich werde ganz Paris in Erſtaunen ſetzen, durch die Wunder der Pracht, mit denen meine Liebe Sie umgeben ſoll. Alle Märchen des Morgenlandes will ich für Sie zur Wahrheit machen, und was Abdallah von den Zau⸗ bergärten der Semiramis träumte, das ſoll bei meiner Semiramis Clairon Wirklichkeit ſein. Sie haben mich heute ſchon unendlich begnadigt, 8 Sie haben das Negligé, das ich Ihnen heute Morgen geſandt, der Ehre werth gehalten es an⸗ zulegen, und—“ „Wie, Prinz,“ untebrag ihn Clairon mit dem Ausdruck des Entſetzens,„Sie ſind die unbekannte Dame, welche, wie mir mein Kammerdiener ſagte, dieſes Negligé für mich hergeſandt hat?“ „Reizend geſpielt, meine Himmliſche,“ ſagte Prinz Soubiſe, ihr lächelnd zunickend.„Sie wuß⸗ ten es wohl, und weil Sie es wußten, hatten Sie die Gnade, dies kleine Geſchenk anzunehmen. Sch hörte die Cavaliere da vunnen in Ihrem Salon, als Sie vorhin eintraten, ſagen, daß dies die wahr⸗ haft prachtvolle Morgentoilette einer Königin von Saba ſei. Nun wohl, erhören Sie meine Liebe Mademoiſelle Clairon. 2 — 5 — 18— und ich ſchwöre es Ihnen, ich werde meiner Kö⸗ nigin von Saba Staatstoiletten darbringen, gegen welche dieſes Negligé als der armſelige Anzug einer Magd erſcheint; ſo hören Sie meine Liebe, und ich lege mein ganzes Vermögen, mein Leben, mein Herz, mich ſelbſt zu Ihren Füßen nieder.“ „Sie verſprechen wirklich viel,“ ſagte Clairon mit einem wunderbaren ſtolzen Ausdruck.„Sie verſprechen mir Reichthum, unermeßlichen Reichthum, glühende Liebe, ewige Dankbarkeit. Aber Eins ha⸗ ben Sie doch vergeſſen, Prinz, und wie mir ſcheint, iſt das gerade die Hauptſache.“ „Nennen Sie es, meine Allerſchönſte,“ rief der Prinz glühend,„ſagen Sie mir, was ich vergeſſen habe, Ihnen anzubieten, und ich ſchwöre Ihnen bei meiner Liebe, Sie ſollen mich nicht vergeblich daran gemahnt haben, ich werde es zu Ihren Füßen niederlegen, es ſei, was es ſei.“ „Nun, das Eine, was Sie vergeſſen haben, Prinz, das iſt dies: Sie haben mir nicht geſagt, an welchem Tag Sie mir das wichtigſte Geſchenk machen wollen? An welchem Tage Sie mir Ihren Namen geben wollen?“ „Wie denn, meinen Namen?“ fragte der Prinz. Nun, einfach, Prinz, da Sie mir alle dieſe ſchönen Dinge, Ihr Vermögen, Ihr Herz, Ihr Leben anbieten, ſo folgt daraus doch ganz einfach, daß Sie mich zu Ihrer Gemahlin erheben wollen. 4 4 1 — 19— Nun alſo, ſagen Sie es kurz, Prinz, wann iſt unſer Hochzeitstag?“ Der Prinz fuhr zurück, als habe ihn eine Natter geſtochen.„Unſer Hochzeitstag?“ rief er entſetzt. Hinter ihm erſchallte ein lautes, ſpöttiſches Lachen, und als der Prinz ſich zornig umwandte, ſah er da drüben, was Clairon ſchon lange ge⸗ ſehen hatte, ſah er das boshafte, von Geiſt und Laune ſtrahlende Antlitz Voltaire's. Er, als der Freund, der Dichter Clairon's, durfte ſich wohl erlauben, was Niemand außer ihm gewagt haben würde, er durfte auch ungerufen in das Boudoir eintreten, und den emphatiſchen Liebes⸗ betheuerungen des Prinzen als ungeſehener Zeuge lauſchen. Jetzt, da der Prinz mit zornigem Gefühl ſich aus dem Fauteuil erhob, eilte Voltaire zu ihm hin, um ihn mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Ver⸗ beugung zu begrüßen. „ ch bitte Ew. Hoheit um Vergebung,“ ſagte er demuthsvoll,„aber dieſe Scene war zu wunder⸗ voll, und hätten Ew. Hoheit Sie in einem meiner Stücke geſehen, Sie würden ſelber herzlich gelacht haben über den liebeglühenden Anbeter, dem man das Wort Hochzeitstag entgegenhält, gleich dem Crpeifix, mit dem man den verkleideten Teufel zwingt, ſich in ſeiner wahren Geſtalt zu zeigen.“ „Es iſt wahr,“ rief der Prinz lachend,„es muß eine allerliebſte Scene geweſen ſein. Aber — 2* 3 8 Clairon ſpielte auch ſo täuſchend, daß ich mich wirklich betrügen ließ, und ihren Scherz für Ernſt nahm.“ „Wie denn, Prinz? Sie glauben, daß ich ſcherze?“ fragte Clairon hoheitsvoll.„Sie wa⸗ gen es, mir ein Palais, eine halbe Million Tafel⸗ gelder, königliches Geſchmeide, koſtbare Equipagen, reiche Livréen, ein fürſtliches Palais anzubieten, und Sie thun mir den Schimpf an, zu ſagen, ich habe nur geſcherzt, wenn ich Sie darauf frage, auf welchen Tag Sie unſere Vermählung feſtgeſetzt haben.“ „Nun ja, meine Allerſchönſte,“ rief der Prinz, „dieſe Frage kann ja doch nur ein Scherz ſein. Denn Sie wiſſen es ja, ich bin vermählt, ich habe eine Gemahlin.“ „Wahrhaftig, Ew. Hoheit erinnern Sich deſſen endlich,“ ſagte Clairon achſelzuckend.„Sie hab eine Gemahlin und dennoch wollen Sie mir Ihr ganzes Vermögen darbringen, dennoch wollen Sie mir Ihre Liebe, Ihr Herz, Ihr Leben weihen. Für mich die Reichthümer, der königliche Luxus, aber neben dem Reichthum die Schande, neben dem königlichen Luxus die Schmach des morali⸗ ſchen Schmuzes! Für Ihre Gemahlin die Armuth, die Einſamkeit, aber neben der Armuth der ſtrah lende, leuchtende Fürſtentitel, neben der Einſamkeit das tröſtende Bewußtſein fleckenloſer Tugend. Ge⸗ hen Sie, Prinz, das iſt eine ungleiche Vertheilung, und mit allen Ihren Millionen und Ihren Brillan⸗ ten würden Sie Clairon nicht erſetzen können, was Sie Ihr raubten, ihre Ehre, ihren Stolz, ihren Künſtlerruhm!“ „Ach, das iſt meine Clairon,“ rief Voltaire glühend.„Sehen Sie da meine Semiramis, Hoheit, meine Königin, welche eine Welt unter Ihre Füße tritt, und mit Kronen wie mit Nürn⸗ berger Tand ſpielt.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Prinz lächelnd,„Clai⸗ ron iſt immer bewunderungswürdig, ſelbſt wenn ſie unbegreiflich iſt. Ich lege Millionen zu Ihren Füßen nieder, und ſie hebt ſie nicht auf.“ „Nein, ſie hebt ſie nicht auf,“ rief Clairon glühend.„Was kümmern mich Ihre Millionen, bin ich nicht ſelber reich? Sie bieten mir ein Pa⸗ hirr⸗ ſchauen Sie ſich um, mein Herr, Sie ſind ier in meinem Palais und wie mich dünkt, iſt es der Ehre werth, ſelbſt einen königlichen Prinzen in ſeinen Räumen aufzunehmen. Ich habe auch meine Pferde, meine Eqnipagen, meine Brillanten und meine Dienerſchaft. Glauben Sie, mein Prinz, daß ein bischen mehr oder weniger von dieſem elenden Tand der Erde eine Clairon verführen könnte? Dies Alles ſind ſterbliche Dinge, aber mich reizt nur das Unſterbliche.“ „Wie denn, das Unſterbliche?“ fragte Prinz Soubiſe mit ſeinem faden Lächeln.„Sind Sie am Ende gar unter die Frommen gegangen, chere — 22— belle? Sagen Sie doch, was iſt das für ein Unſterbliches, das Sie reizt? Ich verſtehe Sie nicht.“. „Verzeihung, Hoheit,“ ſagte Voltaire lebhaft, „ich verſtehe, was unſere herrliche Muſe Clairon ſagt, und da ſie ſo oft meine Gedanken illuſtrirt, möge ſie mir erlauben, auch einmal ihren Ge⸗ danken Worte zu geben. Ew. Hoheit haben Clai⸗ ron alle Schätze der Erde angeboten, wenn ſie Ihnen dafür ein wenig Liebe ſchenken wollte. Sie haben ihr einen königlichen Tauſch angeboten, Clairon ſollte Ihnen Wohnung geben in dem kleinen Zimmer ihres Herzens, und dafür bietet: ihr der Prinz Soubiſe ein Palais als Wohnung an. Und dieſes Palais ſollte ſicherlich mit den glänzendſten, reichſten Meubles, mit allem Luxus eines großen Schloſſes ausgeſtattet ſein; a0 Clairon nimmt dieſes Palais nicht an, denn unter allen dieſen Meubles, dieſen Sophas und Fauteuils fehlt unglücklicher Weiſe der eine Stuhl, der allein eine Clairon zu reizen vermöchte, für den allein ſie vielleicht ihre Liebe, ihre Herzenskammer hingeben könnte. Dieſer eine Stuhl aber, Hoheit, das iſt der Stuhl der Unſterblichen. Bieten Sie Clairon einen dieſer vierzig Stühle der Unſterblichen in der Akademie an, und ſie, die durch keine Reich⸗ thümer verlockt werden kann, wird vielleicht durch dieſen einzigen Stuhl ihr ſtolzes Herz bezwingen laſſen.“ 3 — 23— Ah, parbleu,“ rief der Prinz,„Sie wollen ſagen, daß Clairon ruhmſüchtig iſt?“ G „Ich will ſagen, daß ſie den Ruhm liebt, wie ich ihn liebe, wie alle erhabenen Seelen ihn lieben, denn der Ruhm iſt, wie Tacitus ſagt, die Leidenſchaft des Weiſen. Und Clairon iſt weiſe, trotz ihrer dreiundzwanzig Jahre! Nun, Clairon, meine Muſe, meine Blume der Weisheit, nun will auch ich zu Ihnen ſprechen. Ich habe das Geſtändniß des Prinzen angehört, es iſt daher nur billig, daß er auch mein Geſtändniß höre. Auch ich liebe, ich vergöttere Sie, Clairon! Jal ja, lächeln Sie nicht darob, Diavolezza, zucken Sie nicht die Achſeln, Prinz, ich liebe Clairon trotz meiner zweiundfünfzig Jahre, oder vielmehr gerade wegen meiner zweiundfünfzig Jahre, denn die Liebe des Mannes, der viel gelebt, der viel gelitten hat, dennoch es wagt, aufs neue ſein Herz den Stür⸗ men darzubieten, iſt leidenſchaftlicher, glühender und treuer in ſeinem Gefühle, als die eines jun⸗ gen Mannes, der weiß, daß er bei ſeinem letzten Traum von Glück angekommen iſt, denn der hängt ſich an ihn, wie der Ertrinkende ſich an den Strohhalm hängt, der ihn vom Tode erretten ſoll. Süße Clairon, ich bin nahe dran zu ertrinken, und in das Grab des Alters hinabzuſinken. Errette mich noch auf eine Viertelſtunde vom Tode, laß mein Herz ſich an Dich anklammern, reiche mir den Strohhalm Deiner Liebe dar, ich gebe Dir vafür den Stuhl der Unſterblichen. Ich habe ihn, dieſen Stuhl; dieſe ſtolzen Herren Akademiker ver⸗ meinten, daß der Baronet Voltaire nicht unſterb⸗ lich bleiben könnte, wenn ſie ihm nicht ein wenig behülflich wären, und ſo haben ſie mir denn ge⸗ rade heute in Gnaden einen ihrer vierzig Stühle angeboten. Er iſt breit genug für uns Beide. Clairon, ich biete Dir einen Platz auf meinem Stuhle an. Gieb mir Deine Hand, Muſen ſetzen Dich neben mir auf dieſen Stuhl der Unſterblichen, ich ſchwöre Dir, Voltaire wird es zur ſchönſten Aufgabe ſeines Lebens machen, ſeine Clairon un⸗ ſterblich zu machen, oder ihr wundervolles Haupt mit einer Strahlenkrone des Ruhmes zu umgeben. Nur meine Liebe zu Clairon ſei meine Muſe, be⸗ geiſtere mich zu meinen erhabenſten Dichterwerken, ich verſpreche Dir, daß ich Dir immer neue Tri⸗ umphe, neue Wonnen des Ruhmes— bereiten will.“ „Brav geſprochen, Voltaire,“ rief Prinz Sou⸗ biſe lächelnd,„jetzt wollen wir hören, was Clairon uns zur Antwort giebt. Denn eine Antwort wollen und müſſen wir haben, und ſie muß ſich entſchei⸗ den zwiſchen uns Beiden. Ich bot ihr die Schätze der Sterblichen, Sie bieten ihr die Schätze der Unſterblichen, ich bot ihr den Genuß, Sie hieten ihr den Ruhm. Nun, Clairon, ſprechen Sie, wen von uns Beiden wählen Sie? Sie ſchweigen, ma toute belle? Sie lächeln uns an mit königlicher — 25— Verachtung? parbleu, erklären Sie uns doch die⸗ ſes Lächeln?“ „Dieſes Lächeln, Prinz, gilt einer Erinnerung,“ ſagte Clairon, indem ihre Wangen, die ſonſt blaß zu ſein pflegten von der edlen Bläſſe des Alabaſters, ſich leicht zu röthen begannen, und ihrer ſtolzen Schön⸗ heit einen neuen, wunderbaren Zauber verliehen. „Ja, einer Erinnerung galt mein Lächeln,“ fuhr Clairon glühender fort,„und ich will Ihnen Beiden, dem königlichen Prinzen und dem berühm⸗ ten Dichter, dieſe Erinnerung erzählen, ſie ſoll meine Antwort ſein auf Ihre beiden Anträge. Sind Sie damit zufrieden?“ „Was hälfe es mir, wenn ich es nicht wäre?“ fragte der Prinz achſelzuckend.„Sie ſind die Göttin meines Schickſals, und ich muß daher wohl an⸗ hören, wie Sie über mich beſtimmen.“ „Und ich,“ ſagte Voltaire, indem er ſich auf ein Tabouret ſetzte,„ich freue mich auf Clairon's Erinnerung, denn wenn ſie auch vielleicht mein Herz verletzt, ſo wird ſie meinen Geiſt beſchäftigen, und was der Liebhaber verliert, wird der Dichter gewinnen.“ „Nun alſo, Clairon,“ rief der Prinz ungedul⸗ dig,„erzählen Sie uns die Geſchichte Ihrer Er⸗ innerung.“ „Die Geſchichte meiner Erinnerung,“ ſagte Clairon träumeriſch,„ja, ich will ſie Ihnen Bei⸗ den erzählen, und ich gebe Ihnen Beiden damit — 26— ein Zeichen meiner Hochachtung und meines Ver⸗ trauens. Man nennt nich die ſtolze Clairon, man beſchuldigt mich, daß ich kein Herz habe, kein Herz für die Liebe, und vielleicht kommt es daher, daß die ſchönen Herren vom Hofe und die reichen Cavaliere von überall her ſo viel Mühe darauf verwenden, mir Liebe einzuflößen. Es iſt ein Wettkampf, in welchem Jeder aus Eitelkeit Sieger ſein möchte. Man überhäuft mich daher mit Hul⸗ digungen, mit Geſchenken, man glaubt, daß Geld und Brillanten die Kraft haben, ein verſchloſſenes Herz zu öffnen, und daß die Liebe, wenn ſie ſchläft, durch Geſchenke ſich erwecken läßt. Sie, mein Prinz, bieten mir für meine Liebe Reichthümer, Sie, mein Dichter, bieten mir Ruhm und Unſterb⸗ lichkeit. Aber ich will Ihnen die Wahrheit ſagen: Clairon's Herz iſt ein eigenſinniges Ding, und damit Sie es verſtehen, erzähle ich Ihnen jetzt meine Erinnerung. Es war vor drei Jahren, und damals war Clairon noch eine arme, unbekannte Schauſpielerin, die von Stadt zu Stadt zog, und ſich in der Provinz einige verwelkte Lorbeerblätter mühſam zuſammenſuchen mußte, weil man ſie ihr in dem ſtolzen hochmüthigen Paris verſagt hatte. Aber meine ganze Seele ſehnte ſich doch nach Paris, nach dem Capitol des Ruhms, wo allein der Künſt⸗ ler von den Händen des Publikums ſeine Krone em⸗ pfangen kann. Man gab mir wohl in Lyon, wo ich damals engagirt war, ein ziemlich gutes Gehalt, — man applaudirte fürchterlich, ſo oft ich erſchien, man brachte mir Serenaden, und die guten Fabri⸗ kanten und Seidenwirker, die ſich die Schöngeiſter von Lyon nannten, ſchenkten mir recht viel Kleider und ſchöne Stoffe als Beweiſe ihrer Zufrieden⸗ heit. Aber Lyon blieb doch immer was es war, eine Provinzſtadt, und die ſeidenen Kleider der Fabrikanten hatten durchaus keine Aehnlichkeit mit der Lorbeerkrone, die ich erſehnte.“ „Und Hippolyte Clairon dachte nicht, wie Cä⸗ ſar,“ ſagte Voltaire lächelnd.„Sie ſagte nicht, es iſt beſſer in einer kleinen Stadt die Erſte zu ſein, als in einer großen Stadt mit dem zweiten Platz vorlieb nehmen zu müſſen. Sie ſagte: ich will haben, was mir gebührt, ich will in der größten Stadt, in der Stadt des Ruhms, in Paris die Erſte ſein.“ „Sie haben es errathen, mein Dichter, das ſagte ich mir,“ rief Clairon mit blitzenden Augen, „und deshalb brach ich meinen Contract, bezahlte meine Schulden, indem ich meinen Gläubigern alle die ſchönen Seidenſtoffe, die gewirkten Liebesbriefe der Fabrikanten in Zahlung gab, und ihnen meine Meubles und meine wenigen echten Brillanten überließ. Ich hatte gelebt als eine grande dame, aber ich war zu ſtolz, und vielleicht zu ehrlich, um von dannen zu gehen, und die Leute glauben zu laſſen, ich ſei meinen Schulden entflohen, wäh⸗ rend ich doch nur weiter ging, um meine Lorbeeren 3 ſuchen. So gab ich alſo Alles hin, was ich — — 28— Mein nannte, und als ich Lyon verließ, beſaß ich nichts weiter als den Wagen, in dem ich fuhr, eine leidliche Garderobe, und ſo viel Louisdors, um von Lyon nach Paris mit vier Pferden Extra⸗ poſt zu fahren, unterwegs im Nachtquartier an⸗ ſtändige Douceurs zu geben, und in Paris einige Tage im Höotel zu leben, bis es mir gelungen ſein würde, von dem Director des Theatre francais wenigſtens ein Gaſtſpiel zu erhalten.— Mein Nacht⸗ quartier nahm ich in Macon, einem allerliebſten kleinen Städtchen, das den Vorzug hatte, nicht einmal ein Theater zu beſitzen, dagegen aber von ſehr ſchlechten Landſtraßen umgeben zu ſein. Dieſe Landſtraßen machten, daß mein Wagen kurz vor der Stadt brach, und daß der Schmied, der ihn zu repariren hatte, mich dazu verurtheilte, vierund⸗ zwanzig Stunden in Macon zu bleiben. Vier⸗ undzwanzig Stunden, das war eine Ewigkeit für Jemand, der nach Paris gehen wollte, um Ruhm und Lorbeeren zu erkämpfen, und nun zu der Un⸗ thätigkeit einer kleinen Stadt gezwungen wird. Ich langweilte mich daher fürchterlich, und um dieſer ſchlimmſten aller Krankheiten zu entfliehen, verließ ich mein einſames Gaſtzimmer, gab meine Rolle als grande dame auf, und ging zur table qhôte hinunter in den Speiſeſaal, mit dem feſten Entſchluß, mich zu amüſiren, und mit irgend Je⸗ mand eine Unterhaltung anzuknüpfen.“ 8 „Welch ein Glücksſtern wäre es für mich ge⸗ weſen, wenn mein Weg mich gerade an jenem Tage nach Macon geführt hätte,“ ſeufzte Prinz Soubiſe. „Ich hätte Sie errettet von der Langeweile, hätte Sie dadurch zur Dankbarkeit verpflichtet, die Dank⸗ barkeit würde ſich vielleicht mit der Zeit in Liebe umgewandelt haben! Aber ſagen Sie, Schönſte der Schönen, wen trafen Sie an der table d'hôte? Ich will hoffen, daß es nur einige alte Weiber waren, die Sie vor der Bosheit und Treuloſig⸗ keit der Pariſer warnten.“ „Nein, Prinz, ich traf da drei Cavaliere, drei junge Männer, die einander indeſſen gar nicht weiter kannten, ſondern gleich mir dem Regenwetter und den ſchlechten Wegen ihren Aufenthalt in Macon verdankten. Merkwürdiger Weiſe vertraten dieſe drei Herren zu gleicher Zeit drei Nationali⸗ täten, der eine war ein Engländer, der zweite ein Spanier, der dritte ein Franzoſe. Aber ſie waren alle drei jung, heiter, liebenswürdig und von feinen Manieren. Zwei von ihnen theilten mit mir daſſelbe Schickſal, ſie mußten in Macon bis zum andern Tage bleiben, um ihre gebrochenen Equipagen ausbeſſern zu laſſen; der Franzoſe war⸗ tete auf die Diligence, die ihn nach Paris führen ſollte, und die erſt am nächſten Tage abging. Vielleicht hatten wir Alle uns mit dem feſten Ent⸗ ſchluß an die Wirthstafel begeben, uns zu amüſi⸗ ren um jeden Preis. Gewiß iſt, daß wir uns amüſirten, und daß Jeder allen Witz, alle An⸗ — 30— muth ſeines Geiſtes aufbot, um zur allgemeinen Erheiterung beizutragen, daß uns Allen der Tag auf die angenehmſte und ſchnellſte Art verging. Wir blieben beiſammen bis ſpät Abends, und als uns der Hötelier die Eröffnung machte, daß wir am andern Tage noch nicht abreiſen könnten, weil die Reparatur unſerer Equipagen noch lange nicht vollendet ſei, waren wir alle es ſehr zufrieden, indem wir gewiß waren, den nächſten Tag ebenſo heiter und vergnügt zuzubringen, wie den eben durchlebten. Und darin hatten wir uns nicht ge⸗ irrt, der nächſte Tag glich dem andern, nur daß wir, da wir uns näher kannten, noch heiterer und ungezwungener miteinander verkehren konnten.“ „Ich hoffe,“ ſagte Voltaire lächelnd,„ich hoffe, oder vielmehr ich fürchte, der kluge Hötelier ver⸗ ſtand ſeinen Vortheil, die Reparatur der Equi⸗ pagen war auch am nächſten Tage noch nicht vollendet.“. 3 „Sie haben recht, ſo geſchah es. Wir muß⸗ ten noch einen Tag länger bleiben, und an dieſem dritten Tage machte ich unglücklicher Weiſe die Bemerkung, daß es mit der guten Laune meiner drei Cavaliere vorbei ſei, und daß ſie leider ſich alle drei in mich verliebt hatten. Jeder war eifer⸗ ſüchtig auf den Andern, Jeder ſtrebte mit mir allei zu ſein, um mir ſeine Liebe mit glühenden Schwü⸗ ren zu betheuern, um meine Gegenliebe zu erflehen. Jeder begann den Andern zu haſſen, und ſeine — 31— Gegenwart läſtig zu finden, und um die frohe Laune, die heitern Scherze war es geſchehen.“ „Ich,“ fuhr Clairon in ihrer Erzählung fort, „beſchloß, dieſer unangenehmen Situation ein ra⸗ ſches Ende zu geben, ich berief daher die drei jungen Herren in mein Zimmer, und wie da Jeder eilig kam, voll Hoffnung mich allein zu finden, und wüthend, da ſeinen Nebenbuhlern zu begegnen, ſagte ich zu ihnen:«Sie lieben mich alle drei, und Sie haben es mir alle drei geſagt, und meine Gegenliebe gefordert. Seitdem Sie das gethan haben, ſind Sie mürriſch, verdrießlich und unan⸗ genehm geworden; ſtatt miteinander zu lachen, zanken Sie ſich; ſtatt zu ſcherzen, ſtreiten Sie mit⸗ einander. Ich liebe die Zänkereien und die Eifer⸗ ſüchteleien nicht, und um dieſen Unannehmlichkeiten zu entgehen, werde ich mir ſogleich einen Wagen miethen und auf der Stelle abreiſen, und mit Niemand von Ihnen wieder ſprechen, wenn Sie nicht die Bedingungen erfüllen wollen, die ich Ihnen ſtellen will.“— Alle drei ſchwuren, daß ſie mit Freuden jede Bedingung erfüllen würden, um mich zu längerem Bleiben und zu längerem Beiſammen⸗ ſein zu veranlaſſen.— Nun wohl), fuhr ich fort, chören Sie meine Bedingungen. Keiner von 1 Ihnen wagt es heute den ganzen Tag wieder auch nur ein einziges Wort von Liebe zu mir zu ſprechen, aber Jeder wirbt dadurch um meine Gegenliebe, daß er ſich ſo liebenswürdig, geiſtreich und ange⸗ — 32— nehm als möglich darſtellt, ſich durch ſeine Heiter⸗ keit, ſeine geiſtreichen Scherze, die Anmuth ſeines Betragens, mein Herz zu erobern ſucht. Da aber die Liebe außerdem auch ihre ganz proſaiſche Seite hat, und eine Art Handelsgeſchäft iſt, ſo mache Jeder von Ihnen mir ſeine Anträge und Vor⸗ ſchläge ſchriftlich, und ſchreibe mir heute Abend, wenn wir uns getrennt haben, einen Brief, in welchem er mir ſagt, was er eigentlich von mir begehrt, und was er mir zu bieten hat.» „Vortrefflich,“ rief Voltaire,„Sie haben da ein Luſtſpiel aufgeführt, welches ſo geiſtreich iſt, daß ich Sie um die Idee beneide, meine Muſe. Ich möchte bei dieſem geiſtigen Wettkampf Ihrer drei Cavaliere zugegen geweſen ſein.“ „In der That, es war wilrklich ein geiſtiger Wettkampf,“ ſagte Clairon lächelnd,„und ich ge⸗ ſtehe es gern, es war der heiterſte und vergnüg⸗ teſte Tag meines Lebens. Meine drei Liebhaber waren von der bezauberndſten Liebenswürdigkeit. Jeder bemühte ſich, vor mir ein wahres Feuer⸗ werk von Geiſt und Witz aufflammen zu laſſen, und meine Augen ſo zu verblenden, daß ich die Feuerwerke der andern Beiden nicht zu ſehen ver⸗ mochte. Ich aber ſah Alles, und ich fand alle drei gleich liebenswürdig, und daher kam es, daß ich mich in keinen von ihnen dreien verlieben konnte. Spät am Abend trennten wir uns, um nach einem Tage des heiterſten und unſchuldigſten Bergnügen⸗ 4 2 ————— 4 — 33— zu ruhen und zu ſchlafen. Am andern Morgen, als ich erwachte, fand ich auf meiner Toilette die drei Briefe meiner drei Anbeter.“ „Ich hätte dieſe Briefe leſen mögen,“ rief der Prinz Soubiſe,„und ich wette ſie würden mich mehr amüſirt haben, als die geiſtreichen Briefe der Madame de Sevigné.“ „Sie waren wirklich ebenſo intereſſant als ori⸗ ginell,“ fuhr Clairon fort.„Der erſte Brief, den ich erbrach, war von dem Engländer, dem Mylord Toweskin. Er geſtand mir in demſelben, daß er ein Gelübde gethan, ſich niemals zu vermählen, weil drei ſeiner Freunde durch ihre Ehe ſehr un⸗ glücklich geworden. Nichtsdeſtoweniger wünſche er ſich für ſeine großen Beſitzungen einen Erben, und von meiner Schönheit und Liebenswürdigkeit un⸗ widerſtehlich gefeſſelt, habe er, wenn ich es ihm erlauben wolle, mich dazu erwählt, ihm dieſen Er⸗ ben zu geben. Er habe weiter keine Verwandten, und er werde daher mich und ſein Kind zum allei⸗ nigen Erben einſetzen.“ „Ein wahrhaft engliſcher Liebesantrag,“ ſagte Voltaire lachend,„ich wette, dieſer Lord war ein rothhaariger Irländer, dem die Kartoffel im Kopf brannte.“ „Unterbrechen wir Clairon nicht, mein Herr Unſterblicher,“ rief Prinz Soubiſe lebhaft.„Ich bin unendlich begierig auf die andern Briefe. Was ſchrieb der Spanier?“ Mademoiſelle Clairon. 3 „Des Spaniers Brief war ganz mit der ſtol⸗ zen Grandezza eines Caſtilianers geſchrieben, mein Prinz. Don Fuantos ſchwur mir darin, daß ich ihm unter allen Sternen des Himmels als der glänzendſte erſcheine, meine Augen wären zwei Son⸗ nen, welche die Welt erleuchteten, mein ganzes Ge⸗ ſicht ſei ſchöner als der Mond, der die Nacht er⸗ helle. Seit er mich geſehen, wäre ſein Herz von glühenden Flammen verzehrt, dennoch habe er nicht die Vermeſſenheit, mich um Beweiſe irgend einer Gunſt zu bitten, nur die Hoffnung ſolle ich ihm laſſen, daß es nach und nach vielleicht in zehn Jahren ſeinem eifrigen Bemühen gelingen könne, ſich meine Liebe zu gewinnen, dieſe Hoffnung ſchon wäre für ihn ein himmliſches Geſchenk, und für daſſelbe erlaube er ſich mir als Gegengeſchenk einen Brillantſchmuck von zweitauſend Dublonen an Werth anzubieten.“ „Diable, der Spanier war beſcheiden,“ rief Prinz Soubiſe lachend, ich—“ „Hoheit,“ unterbrach ihn Voltaire,„Sie haben vorhin befohlen, daß Niemand unſere holde Er⸗ zählerin unterbrechen ſolle. Folgen wir dieſem Befehl! Ich bin geſpannt auf den Brief des Franzoſen. Wie lautete er, himmliſche Clairon? Was konnte der Franzoſe Ihnen bieten, womit er die Anträge der Andern überflügelte? Was ſchrieb er?“ „Mein franzöſiſcher Anbeter ſchrieb mir, er wolle mir offen ſagen, er ſei zwar arm an aͤußern Glücksgütern, aber deſto reicher an Liebe. Er geſtand mir ehrlich, daß er nach Paris gehen wolle, um dort ſein Glück zu verſuchen, daß er aber jetzt nichts weiter beſitze, als einen Hund und einen Louisdor. Der Hund ſei ſein einziger Freund auf der Welt, mit dem Louisdor habe er die Reiſekoſten bis Paris bezahlen und dort einen Tag leben wollen, bis er irgend ein Placement gefunden. Dennoch, um mir einen Beweis ſeiner grenzenloſen Liebe zu geben, böte er mir dieſen Louisdor als ein Geſchenk an, und würde mit Freuden zu Fuß nach Paris gehen und Hungers ſterben, wenn ich ihm nur jetzt dafür eine glück⸗ liche Stunde der Unterhaltung mit mir ohne Zeu⸗ gen ſchenken wolle.“ „Ich hoffe, Sie ſchenkten ihm dieſe glückliche Stunde,“ rief Voltaire,„Sie ließen ſich rühren von dieſem Jüngling, der Ihnen ein größeres Ge⸗ ſchenk anbot, als der Engländer und der Spanier zuſammen genommen, denn Jene boten Ihnen von ihrem Ueberfluß, dieſer wollte Ihnen ſein gan⸗ zes Hab und Gut zum Opfer darbringen, er wollte ſein Leben riskiren für eine glückliche Stunde.“ „Beruhigen Sie ſich, mein Unſterblicher,“ ſagte Clairon lächelnd, und faſt verſchämt die Augen niederſchlagend,„ich rettete ſein Leben und ließ ihm ſeinen Louisdor.“ 3 „Wie denn, Sie verſchmäheten dies großmüthige — 36— Geſchenk eines leidenſchaftlichen Herzens?“ fragte Voltaire ärgerlich. „Ich lobe Sie deshalb,“ rief Soubiſe,„Sie zogen es vor, die zweitauſend Dublonen des Spa⸗ niers anzunehmen, nicht wahr? Sie überließen dem Franzoſen ſeinen Hund und ſeinen Louisdor und erlaubten ihm, für denſelben in der Diligence nach Paris zu fahren.“ „Ach, mein Prinz,“ ſagte Clairon lächelnd, „halten Sie mich wirklich für ſo grauſam? Denken Sie, ich hätte es dulden ſollen, daß der arme junge Mann ſeinen letzten Louisdor für einen Platz in der Diligence ausgeben ſollte, während er doch in meinem Wagen umſonſt einen Platz bekommen konnte?“ „Bravo, meine Muſe,“ rief Voltaire,„Bra⸗ viſſtma! Sie haben gehandelt mit der göttlichen Verſchwendung eines edlen und ſtolzen Herzens. Sie ließen den Spanier und den Engländer in ihren Equipagen weiter fahren und nahmen den Franzoſen in ihre Equipage auf. Geſtehen Sie es nur, göttliche Clairon, Sie liebten den jungen Brauſekopf ein wenig.“ „Wenigſtens war ich unbeſonnen genug, ihm dieſen Glauben nicht zu nehmen,“ ſeufzte Clairon, und er baſirte darauf ganz unbegründete Forderun⸗ gen. Aber meine Geſchichte iſt zu Ende, meine Herren! Ich denke, Sie haben damit meine Ant⸗ wort verſtanden, und Sie verzeihen mir?“ „Das heißt, Sie weiſen mich ab, wie Sie den Engländer abgewieſen haben,“ ſagte Prinz Soubiſe. „Sie nehmen mir jede nung, wie Sie es dem Spanier gethan?“ fra Voltaire.„Sie wollen nicht neben mir auf dem Stuhl der Un⸗ ſterblichen ſitzen?“ „Ich will verſuchen, ob ich mir allein ein bis⸗ chen Unſterblichkeit und Ruhm verdienen kann,“ lächelte Clairon.„Voltaire hat recht, meine Liebe gehört dem Ruhm, aber meine Freundſchaft ge⸗ hört den edlen Männern, die mich Ihrer Liebe würdig halten. Wird der königliche Prinz, wird⸗ der unſterbliche Dichter meine Freundſchaft, die ich Ihnen Beiden aus redlichem Herzen biete, zurück⸗ weiſen?“ „Ah, Sie bieten uns ſtatt der Ambroſia, die wir genießen wollen, kalte Küche an,“ rief Voltaire, „aber da ich hungrig bin, nehme ich ſie an, und getröſte mich, daß— Aber wer ſpricht denn da ſo laut? Wer“ „Clairon!“ rief drinnen im Salon eine laute Stimme,„wo iſt Clairon? Ich muß, ich will ſie ſehen! Niemand ſoll mich zurückhalten, Nie⸗ mand ſoll mich hindern.“ „Ach, er iſt es,“ ſeufzte Clairon. „Der Mann mit dem Louisdor?“ fragte der Prinz lachend. „a leider, Prinz, er liebt mich noch immer, und er behauptet ein Recht auf meine Gegenliebe zu haben. Aber ich will ein Ende machen, gleich auf der Stelle!“ „Kommen Siezameine Herren, begleiten Sie mich in den Salon!“ Und mit hochgehobenem Haupt, mit glühenden Wangen, mit zornblitzenden Augen durchſchritt Clairon das Boudoir und trat in den Salon. „Laßt mich los, Ihr Herren,“ rief da drinnen dieſelbe Stimme. Gebt mir den Weg frei! Ich weiß, daß Clairon in ihrem Boudoir iſt. Ich muß, ich will ſie ſehen!“ „Und Sie ſollen ſie ſehen, mein Herr,“ ſagte Clairon, entſchloſſen vorwärts ſchreitend.„Hier bin ich, was giebt es, was haben Sie mir zu ſagen?“ Der Kreis der Herren öffnete ſich, und aus demſelben ſtürzte ein junger Mann hervor und warf ſich mit einem lauten Schrei zu Clairon's Füßen nieder. „Was ich Ihnen zu ſagen habe?“ fragte er glühend, ſein ſchönes von Schmerz und Leidenſchaft zuckendes Antlitz zu ihr emporhebend.„Ich habe Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe, grenzenlos liebe, daß ich nicht leben kann, nicht leben will ohne Sie.“ „Ach, Parbleu, das ſagen wir Alle,“ rief der Marquis de Solanges,„aber die grauſame Göttin hört nicht darauf.“ „Sie ſoll aber darauf hören,“ rief der junge — 39— Mann, einen ſeiner glühenden Blicke auf den Mar⸗ quis hinſchleudernd.„Ja, ſie ſoll auf meine Liebe hören, ich will es, ich verla ee es, und ich habe ein Recht dazu. Denn ich ee ſie grenzenlos, und die Liebe eines ehrenhaften Mannes giebt ihm ein Recht auf das Weib, welches er anbetet. Clai⸗ ron, ich liebe Sie.“ „Mein Herr,“ ſagte Clairon kalt und ernſt, „das haben Sie mir ſeit drei Jahren ſo oft wie⸗ derholt, bis es mich tödlich langweilte. Ich ver⸗ bot Ihnen deshalb mein Haus, da ich die Lange⸗ weile haſſe, ich befahl meinem Portier, Sie nie⸗ mals wieder eintreten zu laſſen, ich gab meinen Dienern Befehl, wenn es Ihnen dennoch gelänge, bis in die Antichambre zu kommen, Sie mit Ge⸗ walt zu entfernen, ich ſchickte Ihnen Ihre Briefe uneröffnet zurück! Mit welchem Recht können Sie es alſo wagen, dennoch hier einzudringen? Sie ſagen, mit dem Recht, welches Ihnen Ihre Liebe verleiht? Aber ich wiederhole Ihnen ſeit drei Jahren täglich, daß ich Ihre Liebe verſchmähe, wie können Sie alſo die Vermeſſenheit ſo weit treiben, mir aufzudringen, was ich nicht haben will, mein kleiner Herr Dubois.“ „Clairon!“ rief der junge Mann aufſpringend, und mit drohendem Geſicht ſich ihr gegenüberſtellend, treiben Sie mich nicht auf das Aeußerſte, reizen Sie mich nicht mehr, denn ich wäre im Stande, dieſen Herren allen zu ſagen, woher ich die Ver⸗ —— 40— meſſenheit ſchöpfe, hier trotz Ihres Willens ein⸗ zudringen.“ „Ach, ich will Ihnen dieſe Mühe erſparen, mein Lieber,“ atßtane mit ſeiner kalten iro⸗ niſchen Stimme.„Ich will dieſen Herren ſagen, woher Sie Ihre Vermeſſenheit ſchöpfen. Aus der Großmuth und Güte der Mademoiſelle allein. Hören Sie, meine Herren, woher Clairon dieſen Monſieur kennt. Sie traf ihn vor drei Jahren auf der Landſtraße, er geſtand ihr, daß er nichts weiter beſitze, als einen Hund und einen Louisdor, und daß er dieſen Louisdor für einen Platz in der Diligence zahlen müſſe, wenn Clairon ihm nicht großmüthig einen Platz in ihrer Equipage bewilligen wolle. Sie that es, ſie nahm den klei⸗ nen Monſieur Dubois in ihrer Equipage mit nach Paris, ſie unterſtützte ihn, und verhinderte es in ihrer Großmuth, daß er Hungers ſtarb. Seitdem quält er ſeine großmüthige Gönnerin mit ſeiner Liebe; indem ſie ihm einen Platz in ihrer Equi⸗ page einräumte, meint er, ſie könne die Großmuth ſo weit treiben, ihm auch einen Platz in ihrem Herzen zu geſtatten. Nun, ſprechen Sie, mein Herr Dubeis, iſt's nicht ſo? Habe ich nicht die Wahrheit geſagt?“ Der junge Mann ächzte tief auf, ſeine großen dunkeln Augen ruhten mit einem Ausdruck unend⸗ licher Liebe, unendlichen Schmerzes auf Clairon, die es vermied, ſeinen Blicken zu begegnen. Als — 41— er das ſah, flog ein bitteres Lächeln über ſein ſchönes, ſchmerzzuckendes Antlitz hin, er legte ſanft ſeine Hand auf ihren Arm, und ſich dicht an ihr Ohr neigend flüſterte er:„Fürchte nichts, Clairon, ich werde nicht verrathen, was Du verſchwie⸗ gen haſt.“ „Mein Herr!“ ſagte Clairon, ſtolz zurücktre⸗ tend,„ich habe keine Geheimniſſe mit Ihnen zu theilen. Sie haben mir nichts zu ſagen, was nicht Jedermann hören könnte.“ „Sprechen Sie lieber mit uns, Monſieur Du⸗ bois,“ rief Voltaire.„Antworten Sie mir doch, 4 habe ich die Wahrheit geſagt?“ *½ Dubois wandte langſam ſein Antlitz ihm zu. „Ja,“ ſagte er ſanft,„Sie haben die Wahrheit geſagt, wie der große Dichter Voltaire ſie immer geſagt hat und ſagen wird!— Ja, meine Herren, Sie, die ſtolzen Grafen, Vicomte und Barone, Sie Alle, welchen Ihre Titel, Ihr Rang und Ihr Reichthum das Vorrecht verleihen, in dem Salon der gefeierten Clairon zu⸗ erſcheinen, während man mich, den armen Menſchen ohne Rang, ohne Titel und Reichthümer an der Thür abweiſt, Sie Alle ſollen es wiſſen, daß Clairon einſt meine Wohl⸗ thäterin war, daß ich ihr ewige Dankbarkeit ſchulde. Ja, es iſt wahr, ſie nahm mich mit ſich, als ich arm und einſam ihr auf dem Wege nach Paris begegnete, in ihrer Equipage, an ihrer Seite fuhr ich in Paris ein, ihr mächtiger Einfluß verſchaffte — 412— mir in einem der größten Handlungshäuſer die Stelle eines erſten Buchhalters mit einem Gehalte, der weit meine Bedürfniſſe und meine Anſprüche überſtieg.“ „Ah, wie großmüthig! Wie erhaben! Wie edel!“ riefen die Cavaliere.„Nur Clairon iſt ſolcher Großmuth fähig!“ „Ja, nur Clairon iſt ſolcher Großmuth fähig!”“ wiederholte der junge Mann, die großen flammen⸗ den Augen unverwandt auf Clairon gerichtet.„Aber ich verlange nicht Clairon's Großmuth, ich verlange ihre Liebe. Ich verlange, daß ſie mein iſt, nur Mein, daß ſie mir ein Recht giebt, ſie zu lieben, ſie zu ſchützen, zu ehren, wie meines Lebens höch⸗ ſten und einzigen Schatz.“ „Sie ſind vermeſſen, mein Lieber,“ rief der Vicomte Senatour ſtolz,„Sie erlauben ſich unſer Rival zu ſein, und wir können Sie nicht einmal dafür zum Duell fordern, denn Sie ſind uns nicht ebenbürtig, Sie ſind kein Edelmann!“ „Doch, mein Herr,“ ſagte der junge Mann ſanft,„ich bin ein Edelmann. So lange ich arm und in abhängiger Lage war, verſchwieg ich meinen Namen. Aber jetzt darf ich ihn ſagen, jetzt darf Jedermann es wiſſen:„ich heiße nicht Dubois, mein wahrer Name iſt Graf Penoöl de St. Andeme. Ich kann mich als ſolcher vor Jedermann legiti⸗ miren, der es wagen ſollte, an meinem Namen — 413— zu zweifeln, aber ich werde für dieſen Zweifel mit dem Degen in der Hand Rechenſchaft fordern.“ Ein Gemurmel des Erſtaunens, der Ueber⸗ raſchung ging durch den Kreis der Cavaliere, das höhnende Lächeln, die ſpöttelnden Blicke verſchwan⸗ den, und ganz unwillkürlich wichen Alle einige Schritte zurück, als wollten ſie dem jungen Gra⸗ fen dadurch ihre Ehrfurcht, ihre Achtung bezeugen, daß ſie ihn ungehindert in Clairon's Nähe ließen. Der junge Graf de St. Andeme ſchien das gar nicht zu bemerken, ſeine Blicke ruhten immer noch auf Clairon.„Sie ſehen es,“ ſagte er leiſe und ſchmerzlich.„Sie können mir nicht entrinnen. Geben Sie es auf, mich von Ihrem Angeſicht ver⸗ bannen zu wollen, denn ich kann Ihnen nicht ge⸗ horchen, meine Liebe verbietet es mir! O, ant⸗ worten Sie noch nicht, Clairon, hören Sie erſt, was ich Ihnen zu ſagen habe, denn dieſe Stunde entſcheidet über mein Leben. Sie haben mich grau⸗ ſam und unwürdig behandelt, und dennoch liebe ich Sie. Sie haben mich von Ihren Dienern wie einen Hund vor die Thür jagen laſſen, und dennoch liebe ich Sie! Sie haben ſeit drei Wochen meine Briefe, die ich täglich an Sie richtete, mir unerbrochen zurückgeſandt, und dennoch liebe ich Sie! Und meiner Liebe iſt es gelungen, alle Hin⸗ derniſſe zu überwinden, alle verſchloſſenen Pforten zu öffnen, alle Diener, die mich von dieſer Thür zurückhalten wollten, fort zu ſchleudern. Ich bin hier, ich ſtehe Ihnen gegenüber, und da Sie meine Briefe nicht leſen wollten, ſo will ich Ihnen jetzt hier vor allen dieſen Zeugen ſagen, was ich ſchrieb. Hören Sie, Clairon, und Sie Alle, meine Herren, hören auch Sie:«Ich bin nicht mehr der arme Dubois, der Buchhalter des Herrn Lemoine, ich darf meinen Namen bekennen, denn ich habe nicht mehr nöthig, von der Arbeit meiner Hände zu leben. Ich bin ſeit drei Wochen reich, unabhängig. Ein Bruder meines verſtorbenen Vaters, den die Armuth und der Verfall unſeres Hauſes zur Ver⸗ zweiflung gebracht, wanderte aus und ging unter einem angenommenen Namen nach Amerika, um dort in ungeſehener Armuth ſeine ſtolze Herkunft vergeſſen zu machen. Wir betrachteten ihn als einen Verſchollenen, Geſtorbenen. Aber jetzt, vor drei Wochen bekam ich Nachricht von ihm. Mein Oheim iſt jetzt erſt geſtorben, er iſt in New⸗York als ein reicher Handelsherr geſtorben, und hat mich zu ſeinem alleinigen Erben eingeſetzt. Hier Clairon,y fuhr er fort, indem er eine Rolle Pa⸗ piere aus ſeinem Buſen hervorzog, und ſie Clairon darreichte,«hier ſind die Beweiſe. Hier iſt eine gerichtliche Abſchrift des Teſtaments. Hier iſt ein Certificat von der amerikaniſchen Bank über die Summen, welche für mich dort niedergelegt ſind, ein Nachweis über meine Erbſchaft. Sehen Sie, Clairon, ich bin reich, o, ſehr reich, ſehen Sie da die Summe! Mein Vermögen beträgt zwanzig Millionen Francs.) 18 „Zwanzig Millionen Francs!“ riefen die Ca⸗ valiere voll Ehrfurcht und Staunen. „Und jetzt ſage man noch, daß die reichen On⸗ kels aus Amerika nur in unſern Luſtſpielen zu fin⸗ den ſind,“ rief Voltaire mit komiſchem Pathos. Clairon allein ſchien gar nicht überraſcht, gar nicht verwundert zu ſein, ihr Antlitz war immer noch kalt und ſtolz. Sie hatte die Papiere, welche der junge Graf ihr darreichte, nicht angenommen, ſie würdigte ſie nicht eines Blickes. „Clairon,“ rief Graf St. Andeme flehend und angſtvoll zugleich,„Clairon, nehmen Sie die Pa⸗ piere, überzeugen Sie ſich, daß ich Ihnen die Wahrheit geſagt!“ „Und weshalb?“ fragte ſie mit der Würde einer Königin ihn anſchauend.„Was kümmert es mich, daß Sie einen neuen Namen angenommen haben? Was habe ich für ein Intereſſe dabei, zu wiſſen, wie hoch ſich die Summe Ihrer Erbſchaft beläuft?“ „Sie haben ein Intereſſe dabei,“ rief er un⸗ geſtüm„denn dies Vermögen gehört Ihnen, ja Ihnen! Ich, der Graf Penoël de St. Andeme, ich ſchenke es Ihnen.“ „Und ich, ich Claire Joſepha Hippolyte Leyris de Latude, ich nehme keine Geſchenke an von Men⸗ ſchen, die ich nicht liebe, für die ich keine Freund⸗ ſchaft fühle, die mir fern ſtehen, die mir nicht — 46— verwandt ſind. Ich bin keine Almoſen⸗Empfängerin, wie es der Herr Dubois war!“ Und indem ſie ſo ſprach, ſchleuderte Clairon ei⸗ nen ihrer erhabenſten ſtolzeſten Blicke auf den jungen Grafen hin. Er begegnete ihm mit einem ſanften Lächeln, einem Blick voll Zärtlichkeit und Liebe. „Du ſollſt auch von mir kein Almoſen empfan⸗ gen, Clairon,“ ſagte er ſanft.„Du ſollſt nur Dein rechtmäßiges Eigenthum nehmen, denn was Mein iſt, ſoll Dein ſein, Du ſollſt ein Recht haben auf mein Vermögen, meinen Namen, mein Herz und mein Leben. Hippolyte Clairon, im Beiſein aller dieſer Zeugen werbe ich, der Graf Penoël de St. Andeme, um Ihre Hand, beſchöre ich Sie, werden Sie meine Gemahlin, folgen Sie mir noch hente zum Traualtar, und werden Sie die Gräſin de St. Andeme!“ „Ach, er bietet ihr ſeine Hand an! Er will ſie heirathen! Er iſt ein Millionär, ein Graſ, und er will Clairon heirathen!“ murmelten die Ca⸗ valiere untereinander. Er will eine Schauſpielerin zu einer wirklichen Gräfin machen! Quelle bètise! Ein Heirathsantrag in aller Form, und er ein veritabler Graf!“ Hatte Clairon dieſes Murmeln und Flüſtern gehört? Hatte ſie auf den erſtaunten ſpöttiſchen und indignirten Geſichtern der Cavaliere ihre inner⸗ ſten Gedanken geleſen? Eine Purfurröthe ſchoß über ihr Antlitz hin, mit einem einzigen, flammen⸗ — — — 17— den Blitz überflog ihr Auge alle Anweſenden, dann richtete ihre ganze Geſtalt ſich höher, gebieteriſcher empor, und ſie ſtand da, gleich einer zürnenden gebietenden Herrſcherin in der Mitte ihrer Vaſallen. „Ach, der Unglückliche,“ murmelte Voltaire leiſe in ſich hinein,„ich leſe ſein Todesurtheil auf ihrer Stirn geſchrieben.“ „Clairon!“ ſagte Graf Penoël de St. Andeme mit leiſer, flehender Stimme.„Sie haben mir noch nicht geantwortet. Clairon, ich meine es ehr⸗ lich! Im Beiſein aller dieſer Zeugen wiederhole ich es: ich biete Ihnen nicht blos mein Vermögen, ich biete Ihnen auch meine Hand an. Werden Sie meine Gemahlin, geben Sie mir Ihre Hand, hören Sie meine heißeſten Wünſche, werden Sie die Gräfin de St. Andeme.“ „Und im Beiſein aller dieſer Zeugen will ich Ihnen Antwort geben,“ rief Clairon mit ſtarker, machtvoller Stimme.„Im Beiſein aller dieſer Zeugen, die erſtaunt waren, daß ein Graf, ein Millionär ſich ſo weit herablaſſen konnte, einer Schauſpielerin ſeine Hand anzubieten, ſie zu ſeiner Gemahlin machen zu wollen, im Beiſein aller die⸗ ſer Zeugen ſchlage ich Ihre Hand aus.“ Ein Schrei der Ueberraſchung tönte von den Lippen der Cavaliere, ein Schrei des Entſetzens von den bleichen Lippen des Grafen de St. Andeme. „Clairon!“ ſchrie er, zu ihr hinſtürzend, und ihre beiden Hände faſſend,„Clairon, das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich. Meine Sinne haben mich getäuſcht, irgend ein Dämon hat die Worte auf Deinen Lippen verfälſcht, denn es kann nicht ſein, daß Clairon die Hand, die ich ihr biete, zurückſtößt, es iſt nicht möglich, daß ſie mich ver⸗ ſchmäht.“ „Mein Herr,“ rief Clairon mit flammendem Zorn,„mein Herr, Sie werden unverſchämt. Laſſen Sie mich los, geben Sie meine Hände frei, oder, beim ewigen Gott, ich vergeſſe, daß es Ihnen be⸗ liebt, ſich einen Grafen zu nennen, ich rufe meine Bedienten, damit ſie mich von Ihnen befreien.“ „Thu's!“ flüſterte er keuchend vor Zorn, ihre Hände feſter packend, daß ſie bebte vor Zorn, „wage es noch weiter zu gehen, und ich beſchimpfe Dich, ich reiße dieſe ſtolze Tugendmaske von Dei⸗ nem Angeſicht, ich rufe allen dieſen Deinen Anbe⸗ tern entgegen, daß ich ein Recht auf Dich habe, daß Du zwei Jahre lang meine Geliebte warſt, daß Du—“ „Antoine, Jacques,“ rief Clairon mit lauter, gebieteriſcher Stimme,„hierher zu mir! Bringt dieſen Herrn hinaus, er beläſtigt mich!“ Graf St. Andeme ſtieß einen Schrei aus und eine tödliche Bläſſe überflog ſein Geſicht. Er ſchleuderte Clairon's Hände zurück, und Clairon mit entſetzten, weit geöffneten Augen anſtarrend, that er einige Schritte rückwärts. Dann erloſch der Blick ſeiner Augen, dann taumelte er wie ein — — 49— Trunkener, zog mit einer krankhaften Haſt ſein Taſchentuch hervor, und drückte es an ſeine Lippen. Sofort färbte ſich dieſes Tuch purpurroth von dem Blut, das aus ſeiner Bruſt auf ſeine Lippen empor⸗ ſtieg, und mit einem lauten Aechzen ſank er be⸗ wußtlos zuſammen. „Antoine, Jacques,“ rief Clairon vollkommen ruhig, tragt den Herrn hinaus, laßt einen Fiacre holen und ihn in ſeine Wohnung bringen.“ „Der Herr Dubois iſt in einer prächtigen Equipage gekommen,“ ſagte der Bediente ehrfurchts⸗ voll,„ſeine vier Lakaien warten im Vorzimmer.“ „So rufe ſeine Lakaien, daß ſie ihren Herrn in ſeine Equipage tragen,“ befahl Clairon. Die Diener gehorchten und durch die geöffnete Thür traten vier rieſengroße Lakaien in pracht⸗ vollen goldgeſtickten Livxéen von braunem Sammet, mit der gräflichen Krone auf den goldenen Knöpfen, näherten ſich ehrfurchtsvoll dem Grafen St. Andeme, der eben die Augen aufſchlug, und mit einem träu⸗ meriſchen, verwunderten Blick um ſich ſchaute. Mit ſorglichen Händen hoben die Lakaien ihn empor und trugen ihn hinaus. Clairon ſchaute ihm mit einem ſtolzen Aus⸗ drucke nach; nicht eine Spur von Erbarmen oder Mitgefühl war in ihrem ſchönen Antlitz zu leſen. „Schönſte der Schönen,“ flüſterte Prinz Sou⸗ biſe ihr zu,„ich fange an, mich vor Ihnen zu fürchten. Ich glaube, Sie haben kein Herz, und 4 3 Mademoiſelle Clairon. — 50— die Liebe hat keine Gewalt über Sie. Sind Sie doch wahrhaftig eben anzuſehen wie ein ſchöner Dämon, der mit triumphirendem Hohn die Liebes⸗ qualen der Menſchen verſpottet, und ſehr geneigt iſt, mit Menſchenherzen wie mit Federballons zu ſpielen. Wahrhaftig, ich habe Furcht vor Ihnen, und ich wollte, ich könnte Ihnen gegenüber meinem Herzen ein Panzerhemd anlegen, damit es nicht mehr verwundet wird von den vergifteten Pfeilen Ihrer Augen. Parbleu, Sie ſind ja eine unein⸗ nehmbare Feſtung. Nichts vermag Sie zu rühren, weder ein Gemüthsantrag, noch glühende Liebe, noch Reichthümer.“ „Doch, mein Prinz, Eins vermag mein Herz zu rühren,“ ſagte Clairon laut,„dieſes Eine: das iſt der Ruhm. Alle Schätze der Welt, alle Ehren und Titel verachte ich, aber den Ruhm, den liebe ich, den bete ich an, und für eine Stunde des Triumphes gebe ich freudig, wenn es ſein muß, ein Jahr meines Lebens hin.“ „Nun, ich hoffe, meine Muſe wird heute Abend eine ſolche Stunde des Triumphes feiern,“ rief Voltaire,„und dieſe Stunde wird ihr nicht ein Jahr ihres Lebens koſten, ſondern ſie wird ſie un⸗ ſterblich machen. Denn der Ruhm iſt es, wel⸗ cher unſterblich macht.“ „Und ſo wird es Voltaire ſein, der mir Un⸗ ſterblichkeit verleiht,“ ſagte Clairon mit einem ſtrahlenden Ausdruck.„Meine Herren, ich erwarte — 51 Sie heute Abend in der neuen Tragödie unſeres großen Dichters Voltaire! Er wird mit ſeiner Merope dem Publikum einen Hochgenuß, ich werde in der Merope dem Publikum eine Ueberraſchung bereiten. Ich hoffe, Sie werden den Dichter lob⸗ preiſen und der Künſtlerin Ihre Nachſicht gewäh⸗ ren. Nach dem Theater findet bei mir eine kleine Feſtlichkeit ſtatt. Mein ganzes Haus wird geöff⸗ net, alle meine Freunde und Gönner werden will⸗ kommen ſein! Sie Alle ſind geladen, meine Herren, mit Ihnen Allen will ich den neuen Triumph des großen Voltaire feiern!“ II. Am Abend. Ein ungeheures Wogen und Drängen war in den Räumen des Theatre francais, jeder Platz war beſetzt, und Tauſende hatten an der Kaſſe umſonſt um ein Billet, um einen wenn auch noch ſo ſchlechten Platz gekämpft. Die Logen, das Parquet waren mit einem glänzenden und aus⸗ erleſenen Publikum gefüllt, in dem Balcon des erſten Ranges ſah man die Damen der hohen Ariſtokratie in ihren glänzenden Toiletten, funkelnd von Brillanten und koſtbarem Geſchmeide, mit den ungeheuern Fächern ſich Kühlung zuwehend, und mit ihren hellen Augen, deren Feuer durch die ſtark aufgelegte Schminke und die koketten Mouches noch erhöht ward, unter der Schaar der vorneh⸗ men Cavaliere, welche das Parquet erfüllten, nach ihren Freunden oder Anbetern ſpähend. Im Parterre hatten ſich alle Schöngeiſter von Paris, alle Journaliſten, Dichter und Dichterlinge — 53— verſammelt, und je nachdem ſie zu den Freunden oder den Feinden Voltaire's gehörten, zeigten ſie freudige oder düſtere, milde oder ſtrenge Züge, hatten ſie das Anſehen freudiger Erregung, oder ſtrengen Richterthums. In allen Logenrängen herrſchte heute Spannung und Erregung, und die Namen Voltaire, Clairon und Merope waren die Parole des heutigen Abends. Jetzt auch erſchien da drüben in der großen Loge der königliche Hof, Ludwig der Fünfzehnte an der Seite ſeiner Gemahlin. Mit raſchen Schrit⸗ ten trat der König bis dicht an die Brüſtung der Loge, und ſofort erhob ſich das ganze Publikum, um ſeinen damals noch geliebten Monarchen mit lau⸗ tem Jubelruf zu begrüßen. Ludwig dankte lächelnd nach allen Seiten hin, und trat dann zurück, um die bleiche, traurig blickende, unſcheinbare Königin nach ihrem Fauteuil zu geleiten und alsdann eine Dame zu begrüßen, vor welcher ſich eben die beiden Flügel der großen Logenthüre geöffnet hatten, und bei deren Erſchei⸗ nen die im Hintergrund der Loge verſammelte Schaar der Höflinge ſich tief und ehrfurchtsvoll verneigte, als ſei ſie die gebietende Königin und Herrin. 3 Und ſtolz und gebietend war ihre Geſtalt, ihr ganzes Erſcheinen. Der ungeheure Reifrock, der ſie wie mit einer Feſtung umgab, ließ ihre von einem eng anſchließenden Mieder umgebene Büſte * nur noch ſchlanker und zarter erſcheinen, das weiß⸗ gepuderte, mit Brillanten, Rubinen und Papillons gezierte Haar, welches ſich in einem halbmondför⸗ migen Bogen über ihrer Stirn wölbte, machte ihre Geſtalt noch höher und majeſtätiſcher, die von Brillanten eingefaßten Mouches hoben die Weiße ihrer ſchönen gedankenvollen Stirn nur noch glän⸗ zender hervor, die Schminke ihrer Wangen ließ ihre großen mandelförmig geſchlitzten ſchwarzen Augen noch feuriger und blitzender erſcheinen, und das Lächeln, das ihre vollen purpurrothen Lippen umſpielte, überſtrahlte ihr ganzes Angeſicht wie mit einem Sonnenglanz. Dieſes Lächeln aber galt weder den Höflingen, die ſich ſo tief vor ihr neig⸗ ten, noch auch dem Publikum, das mit hundert und aber hundert Augen ſie ſpähend betrachtete, es galt nur dem König Ludwig, nur für ihn hatte die Marquiſe Pompadour ſich geſchmückt, nur für ihn hatte ſie ein Lächeln, hatte ſie holde Worte und ſprudelnden Witz, und deshalb begrüßte Ludwig ſie jetzt auch mit ſeinem gnädigſten Lächeln, denn die Marquiſe Pompadour verſtand es, ihn zu amüſiren, und die Langeweile, welche ihn zuweilen beängſtigte, aus ſeiner Nähe zu verſcheuchen. „Glauben Sie, Marquiſe, daß wir uns in dieſer neuen Tragödie des Monſieur Voltaire amü⸗ ſtren werden?“ fragte der König haſtig. „Ew. Majeſtät iſt zu edel und gefühlvoll, um die Leiden und Schmerzen der Menſchenſorgen als 3 . lieben, und nach ſolchem Worte thäte man am — 55— Amüſement betrachten zu können,“ ſagte die Mar⸗ quiſe lächelnd,„Ew. Majeſtät werden von der hohen Poeſie dieſer neuen Dichtung Voltaire’s zur Bewunderung hingeriſſen werden!“ „Ah bah, meine Liebe,“ murmelte der König, „ich bewundere nichts mehr, und mich reißt nichts mehr hin.“ „Ach Sire!“ ſeufzte die Marquiſe,„das iſt freilich ein Todesurtheil für diejenigen, welche Sie beſten zu ſterben!“ „Sie haben mich alſo falſch verſtanden,“ ſagte Ludwig raſch,„ich wollte ſagen, ich bewundere nichts mehr, und mich reißt nichts mehr hin, ſeit ich Sie kenne, denn Ihnen gehört meine ganze Liebe und Bewunderung. Und jetzt laſſen Sie mich Ihre Stirn wieder heiter ſehen, Marquiſe, Sie wiſſen es wohl, ich bedarf deſſen, um zufrie⸗ den zu ſein!“ „Mein theurer Sire, wie gnädig Sie ſind,“ rief die Marquiſe mit einem bezaubernden Lächeln. „Aber zum Dank dafür will ich Ew. Majeſtät auch ein Geheimniß ſagen. Ew. Majeſtät wer⸗ den allerdings heute Abend auch ein Amüſement haben. Etwas Ungewohntes, Ueberraſchendes wird geſchehen.“ 1 „Was denn?“ fragte der König lebhaft.„Sa gen Sie, Marquiſe, was wird es geben?“ „Sire, wenn ich es Ihnen ſagte, würde es — 36— dann noch für meinen theuren König eine Ueber⸗ raſchung ſein? Geben Sie Befehl anzufangen und wir werden ſehen!“ „Sie haben recht, fangen wir an,“ rief der König, indem er den Ceremonienmeiſter ein Zei⸗ chen gab. Dann ſetzte er ſich in den Fauteuil neben die Königin, während die Marquiſe auf dem Tabouret hinter der Königin, als Palaſt⸗ und Ehrendame Ihrer Majeſtät, Platz nahm. Der Herr Ceremonienmeiſter trat an den Rand der königlichen Loge, und gab dem Director der Maſchinerie, der neben dem Vorhang ſtand, das Zeichen. Eine ungeheuere athemloſe Stille entſtand ſo⸗ fort in dem weiten Saale, Aller Augen richteten ſich der Bühne zu, deren verhüllender Vorhang langſam emporrauſchte. Das Stück begann; im ernſten Schweigen lauſchte das Publikum den erſten einleitenden Scenen. „Ich ſehe noch keine Ueberraſchung,“ murmelte der König, ſich nach der Marquiſe umwendend. „Ich langweile mich nur, das iſt alles!“* „Warten Sie nur, Sire,“ lächelte die Pom⸗ padour,„die Ueberraſchung wird ſchon kannmem noch iſt Clairon ja nicht erſchienen.“ Eben entſtand unten im Parterre ein Flüſtern und Rauſchen, eine wunderbare Bewegung ging 1 — — 57— durch das ganze Haus, der König wandte ſich wieder der Bühne zu. Die weiten Thüren des Königspalaſtes da auf der Bühne hatten ſich aufgethan, zu beiden Seiten derſelben ſtanden die Diener und Hofleute, ihre Fürſtin Merope erwartend; jetzt kündigen Trom⸗ petenſtöße ihr Nahen an, und nun tritt Merope⸗ Clairon auf die Bühne. Ein lautes Gemurmel wogte wie Wellenrau⸗ ſchen durch das ganze Haus, auf allen Geſichtern malte ſich Erſtaunen, Ueberraſchung und Unwillen, ſelbſt der König zeigte ein überraſchtes, verwun⸗ dertes Geſicht.— Allerdings etwas Unerhörtes, etwas Ueberraſchendes war geſchehen. 3 Clairon war auf die Bühne getreten, aber ſie hatte nicht, wie das bis jetzt immer geſchehen, eine Toilette gemacht, wie ſie die Mode vorſchrieb, wie die Damen des Hofes ſie trugen. Sie trug nicht den großen Reifrock, benſo wenig das gepuderte Haar, ſie hatte ihr Antlit nicht geſchminkt und mit Mouches verſehen, ſie hielt nicht einen großen Fächer in der Hand,— ſie kam nicht daher, um als Dame, als modiſche Franzöſin im Reifrock eine Königin der alten Welt darzuſtellen, ſondern ſie erſchien im Coſtüm, ein Coſtüm, wie es zu ihrer Rolle paßte. Sie kam als Königin, mit dem goldenen Dia⸗ dem auf dem ſchwarzen ungepuderten Haar, das .. in ſanften Wellenlinien ihre edle Stirn umfloß, — 58— und am Hinterkopf nachläſſig in einen Knoten zu⸗ ſammengeſchlungen war, aus welchem einzelne rin⸗ gelnde Locken hervorquollen. Sie trug keinen Reifrock, ſondern erſchien im antiken griechiſchen Coſtüm. Das weite goldgeſtickte Unterkleid hing in weiten Falten lang wallend bis auf die Füße nieder und war um die Taille von einem goldenen Gürtel loſe zuſammengehalten; ihre wundervollen Arme waren unbedeckt und geſchmückt mit golde⸗ nen Spangen; eine goldene Agraffe faßte ober⸗ halb des Armes an der Schulter das Peplum zuſammen, das loſe und durchſichtig über das Unterkleid bis zur Taille niederfloß. An dieſen Agraffen war hinterwärts ein goldgeſtickter Pur⸗ purmantel befeſtigt, der in langer Schleppe bis zur Erde niederfiel. So, in dieſem Coſtüm, dem erſten, das je⸗ mals auf der franzöſiſchen Bühne geſehen ward, ſchritt Clairon mit der Erhabenhei und Majeſtät einer Königin über die Bühne bis dicht zu den Lampen hin.*)—. *) Die zweite Rolle, in welcher Clairon im Coſtüm auftrat, war die Electra des Sophocles. In dieſer Rolle wagte ſie noch eine weitere Neuerung. Während ſonſt elbſt die Rollen der Gefangenen und Sterbenden immer im großen Coſtüm mit dem Fächer in der Hand geſpielt wurden, erſchien Clairon als Gefangene im langen ſchmuckloſen Wollengewande, die Hände mit Ketten ge⸗ feſſelt. Sie machte ungeheures Furore in dieſer Rolle, in dieſem Coſtüm, das Publikum jauchzte ihr zu, Vol⸗ Aber das Publikum, welches ſie ſonſt bei ih⸗ rem Erſcheinen mit lauten Beifallsſalven zu be⸗ grüßen pflegte, das Publikum blieb ſtumm. Das Gemurmel im Parterre ward lauter und unwil⸗ liger, die ſchönen und ſtolzen Damen im erſten Rang wandten ſich entſetzt ab, oder ſchlugen ihre großen Fächer auseinander, um dahinter ihre er⸗ röthenden Geſichter zu verbergen, um dieſe ſcham⸗ loſe Schauſpielerin nicht zu ſehen, welche frech ge⸗ nug war ohne Reifrock vor das Publikum zu tre⸗ ten, in einem Gewande zu erſcheinen, das in dich⸗ ten, ſchweren Falten an ihrer Geſtalt niederfloß, und bei jeder Bewegung die ſchönen und ſtolzen Formen dieſer Geſtalt verrieth. Die Herren im Parquet und den Orcheſterlogen ziſchelten und lachten untereinander, und ſelbſt die eifrigſten Bewunderer der Künſtlerin, ſelbſt die Cavaliere, welche heute Morgen in Clairon's Salon ſich ihr zu begeiſterten Rittern und Veriheidigern geſchwo⸗ ren, ſelbſt ſie wagten nicht einem Coſtüm zu applau⸗ diren, das ihnen ſelbſt ſo lächerlich erſchien, das loſe und kunſtlos wie ein Nachtgewand ohne alle Grandezza und Würde die Geſtalt umgab. Aber Clairon ſchien dieſen wachſenden Unwillen des Publikums gar nicht zu gewahren, ihr Ange⸗ taire belobte ſie in Verſen und Briefen, die Maler be⸗ eilten ſich Clairon in allen Momenten dieſer Rolle zu malen, und in dieſem Coſtüm ward Clairon's Porträt in viel tauſend Exemplaren verkauft. — 60— ſicht behielt ſeinen erhabenen, königlichen Ausdruck, ihr Blick flammte und leuchtete im edlen Feuer der Begeiſterung, ſie ſchien das Lächeln, das Flü⸗ ſtern, das Murmeln gar nicht zu hören, mit einer wahrhaft königlichen Bewegung hob ſie den Arm empor, um dem Prieſter, der zu ihr geſprochen, Schweigen zu gebieten. Aber dieſer vollkommen nackte, unverhüllte Arm erſchien dem Publikum als eine neue Abſur⸗ dität und Schamloſigkeit. Ein lautes Lachen ent⸗ ſtand in den Logen, im Parterre vernahm man einzelne Ziſchlaute, und als einige kühne Ritter Clairon's es jetzt wagten, das ſich erhebende Un⸗ gewitter beſchwichtigen und mit ihrem Applaudiſ⸗ ſement unterdrücken zu wollen, entſtand in allen Räumen des Hauſes ein Ziſchen und Lachen, das laut genug war, die wenigen applaudirenden Hände zum Schweigen zu bringen. Der König wandte ſich lebhaft zu der Mar⸗ quiſe hin.„Sie haben recht,“ ſagte er,„das iſt eine allerliebſte Ueberraſchung. Aber wie albern dieſes Publikum iſt. Ich finde, daß Clairon da eine vortreffliche Idee gehabt hat. Der widerliche Reifrock verbarg ihre ſchönen Formen, ſie that recht, ihn abzulegen. Auch finde ich, daß ſie wunderſchöne Arme hat.“ „Mein theurer Sire,“ flüſterte die Marquiſe, „ich bitte um eine Gnade. Sehen Sie denn nicht, daß dieſes Publikum nur deshalb Clairon und das — 61— Drama Voltaire's ſtürzen will, weil man weiß, daß ich Voltaire nach Frankreich zurückgebracht habe, und die Clairon protegire? Mein theurer Sire, eine Gnade! Retten Sie das Stlück, retten Sie Clairon! Sehen Sie nur, mit welcher erha⸗ benen Würde Clairon daſteht, keine Muskel ihres Antlitzes zuckt, nur iſt ſie bleich geworden, wie eine Sterbende.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Ludwig,„ſie ſieht bleich aus, und das Publikum wird immer wilder und ungeſtümer. Es hat ganz und gar meine Anwe⸗ ſenheit vergeſſen, aber ich beklage mich deshalb nicht, denn dieſe Scene iſt wirklich amüſant, und ich würde ſie nicht erleben, wenn man die Etiquette beobachtete. Hören Sie nur, wie dieſe Meſſieurs im Parterre pfeifen, und Clairon hat noch immer den Muth zu bleiben, in ihrer königlichen Haltung dazuſtehen. Aber nein, jetzt ſchwankt ihre Ge⸗ ſtalt, und wie blaß ſie iſt, ſie iſt im Stande todt zur Erde niederzufallen.“ „Sire, mein theurer Sire,“ flehte die Mar⸗ quiſe,„retten Sie Clairon. Applaudiren Sie!“ Eben ſchwankte Clairon, nicht mehr im Stande ihren Zorn, ihren Schmerz zu bewältigen, einige Schritte rückwärts, und das Publikum verſtummte eeinnen Augenblick, neugierig zu ſehen, was ſie jetzt beginnen werde. „Sire, ich beſchwöre Sie, applaudiren Sie jett, 44 flüſterte die Pompadour noch einmal. Der König nickte lächelnd, und mitten in der plötzlich eingetretenen Stille vernahm man auf ein⸗ mal lautes Applaudiren, das aus der königlichen Loge hervor kam. Erſtaunt wandten Aller Blicke ſich dorthin— ja, da ſaß Ludwig, der Vielgeliebte, mit lächeln⸗ dem Angeſicht, und wagte, was Niemand anders in dieſem Moment wagen konnte,— er app⸗ laudirte! Und nun wie auf einen Zauberſchlag änderte ſich die ganze Situation. Die Ziſcher verſtumm⸗ ten, das unwillige Murmeln ſchwieg, alle Hof⸗ herren, alle Cavaliere folgten dem Signal, das der König gegeben, und applaudirten, ließen don⸗ nernde Salven des Beifalls erſchallen, und die⸗ jenigen, welche vorher in ihrem Unwillen die An⸗ weſenheit des Königs vergeſſen hatten, beeiferten ſich jetzt ihr Verſehen wieder gut zu machen, in⸗ dem ſie lauter noch applaudirten, als ſie vorher geziſcht hatten. 8. 3 „Ich glaube, ich habe eben ein Menſchenleben gerettet,“ ſagte der König, ſich behaglich in ſeinen Fauteuil zurücklehnend. „Sire,“ flüſterte die Marquiſe,„Sie ſind der edelſte, der großmüthigſte aller Könige, und gren⸗ zenlos wie Ihre Güte ſoll meine Dankbarkeit ſein!“—— 3 Ja, der König hatte recht, er hatte wirkli ein Menſchenleben gerettet. Clairon wäre geſto —— — 63— ben vor Scham, vor Schmerz, vor Zorn, wenn ſie dem Sturm hätte weichen müſſen. Sie ſchwur ſich, daß ſie es nicht thun wolle, daß ſie lieber ſterben, als freiwillig die Bühne verlaſſen wolle; ſie fühlte ſchon ihr Herz ſtocken, und ſtill ſtehen, ſie fühlte ihre Glieder erſtarren, ihr Leben ſchwin⸗ den, es begann vor ihren Augen zu dunkeln, ſie fühlte, daß ſie ſchwankte und taumelte und ſie ſagte zu ſich ſelber:„das iſt der Tod, er kommt, mich zu erlöſen!“ Das laute Applaudiren erweckte ſie aus ihrer Betäubung, wie die Muſik der Sphären ſchlug es an ihr Ohr, wie ſelige Harmonien umrauſchte es ſie und gab ihr Kraft, Beſonnenheit und Muth zurück. Ihr Blut floß wieder ihrem Herzen zu, ihre Seele regte wieder ihre Schwingen, ihr Auge flammte wieder auf im Feuer der Begeiſterung, und mit machtvoller, gewaltiger Glut begann ſie zu ſprechen, rollte ihre ſturmvolle Rede dahin. Das Publikum hörte ihr anfangs ſchweigend zu, aber bald begann es das, was es vorher ver⸗ lacht hatte, zu bewundern. Dieſes faltige, dicht ſich anſchmiegende Gewand, wie viel anmuthiger, naturvoller und künſtleriſcher war es doch, als der ſteife, unſchöne Reifrock, der jede Bewegung der „Glieder verhüllte, jede Freiheit hemmte und mit ſſeiner Unnatur die natürliche Schönheit der Men⸗ ſchengeſtalt zerdrückte. Bis jetzt hatte man nur Schauſpielerinnen, welche eine Rolle ſpielten, auf 8 Alten daſtand, brach das Publikum in einen wah⸗ — 64— der Bühne geſehen, heute ſah man eine Natur der antiken Welt Leben und Bewegung annehmen, heute fühlte man ſich plötzlich wie durch einen Zau⸗ berſchlag in gi untergegangene Welt der Griechen zurückverſetzt, und eine Griechin, die Königin von Meſſenien war es, welche ſich da vor ihnen in ihren griechiſchen Gewändern bewegte. Clairon fühlte es, welchen Eindruck ſie hervor⸗ brachte, wie allmählig das Staunen in Bewun⸗ derung, der Unwille in Uebereinſtimmung überging, ſie verſtand dieſes Gemurmel, das jetzt im Par⸗ terre und in den Logen ſich zu erheben begann, und das dem Ohr der Künſtlerin ein höherer Lohn däuchte, als das laute Applaudiren, denn ſie wußte, daß man nur den lauten Ausbruch der Bewun⸗ derung zurückhielt, weil man kein Wort vexlieren mochte, weil man dieſe erhabene, großartige Scene nicht mit dem trivialen Geräuſch des Beifalls unterbrechen wollte. Und immer flammender ſchlug die Begeiſterung der Künſtlerin empor, immer freier, edler bewegte ſie ſich in ihrem Coſtüm; einmal, wie ſie in der Gewalt des Zornes, der Leidenſchaft ſich dem Poly⸗ phontes gegenüber in ihren Mantel hüllte, mit einer raſchen, ſtolzen Bewegung in wundervoller Drapirung ganz wie eine der ſchönen Statuen der ren Sturm der Begeiſterung aus, dann wiede ward Alles ſtill, denn man wollte kein Wort dieſer — 65— großartigen Scene verlieren, man wollte aus Be⸗ wunderung für die Künſtlerin nicht die erhabenen Verſe des Dichters überhören.— Aber jetzt, als Merope endlich den lange entbehrten Sohn wieder ſieht, als ſie Aegytos jauchzend in ihre Arme ſchließt, als ſie ihn umhüllt mit ihrem Mantel, gleichſam ihn an ihrem Herzen vor der ganzen Welt verbergend, als ſie dann ſo in einer wundervollen Gruppe, umſchloſſen von dem faltigen Gewande daſteht, des Sohnes Haupt von ihrem Buſen emporhebt, und mit freudeſtrahlendem Antlitze jauchzt: Ah, c'est mon fils! da konnte das Publikum ſeine Begeiſterung, ſein Entzücken nicht mehr zu⸗ rückhalten. Jetzt wie der Donner des Himmels brach der Sturm los, erbebten die Mauern von den Beifallsſalven, dem Brava, Brava! des Publikums. Ein ſtrahlendes Lächeln des Triumphes durch⸗ leuchtete Clairon's Angeſicht, und dieſes Lächeln glänzte noch in ihren Zügen, als ſie jetzt hinter die Couliſſen trat, als ſie nach ihrer Garderobe ging, um, ſo lange es ihre Rolle erlaubte, von der gewaltigen Anſtrengung zu ruhen. Aber jetzt, wie ſie in ihre Garderobe trat, wie ſie eben erſt hochathmend ſich auf den Divan hatte niedergleiten laſſen, jetzt ſtieß ſie einen Schrei des Entſetzens aus, denn da drüben in der Thür, da ſtand der Graf St. Andeme. Mit bleichem Antlitz, mit farbloſen Lippen, mit verwil⸗ Mademoiſelle Clairon. 5 — 66— dertem Haar, mit glanzloſem Auge ſtand er da, und ſtarrte ſie an! Sie erſchauerte unter ſeinen Blicken, und wollte aufſtehen, um zu entfliehen. Aber er hatte ſchon die Thür hinter ſich verriegelt, und zu ihr hin⸗ ſtürzend, drückte er ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt wieder in den Divan nieder. „Bleib,“ ſagte er mit dumpfem Ton,„bleib, ich befehle es Dir!“ „Sie wollen mich ermorden,“ rief ſie entſetzt, und auf einen Moment aller ihrer Erhabenheit, ihrer Königswürde vergeſſend. „Was hülfe es mir, wenn ich Dich ermordete?“ fragte er mit einem bittern Lächeln.„Würdeſt Du nicht doch fortleben in meinem Herzen, um mit jedem Athemzug mich zu vergiften, mit jedem Wort mein Herz zu zerfleiſchen? Nein, ich will Dich nicht ermorden! Aber ich will auch von Dir mich nicht ermorden laſſen. Hippolyte, ich bin hier, um Dich vor einem Verbrechen zu bewahren, Hippolyte, bei Allem was Dir heilig iſt, nimm Dein Wort zurück, das Du heute Morgen im Zorn geſprochen. Ich kann nicht leben ohne Dich, ſo erbarme Dich mein, und lebe für mich. Du weißt es, daß ich Dich grenz nlos liebe, und hundertmal haſt Du mir ſonſt geſchworen, daß auch Du mich liebteſt. Oh, werde jetzt keine Meineidige, beleidige nicht Gott und die Men ſchen, indem Du die heiligen Schwüre Deiner —— — G6— Liebe zu einer lügenhaften Fratze entſtellſt. Hippolyte, ſei barmherzig, liebe mich, werde meine Gemahlin, denn ich, ich liebe Dich grenzenlos!“ Clairon hatte ſchon ihre Ruhe, ihren Stolz wieder gefunden, und ſie brach jetzt in ein lautes ſpöttiſches Lachen aus. „Sie wollen aus mir eine barmherzige Schwe⸗ ſter machen,“ rief ſie ſpottend,„aus Barmherzig⸗ keit ſoll ich Sie lieben. Ach, mein armer Narr, das Herz Clairon's iſt kein Hospital, in welches ſie die Liebeskranken aus Erbarmen aufnimmt, ſondern ein ſtolzes Königsſchloß, in welchem ſie wohl einen Tag lang einem geiſtreichen Geſell⸗ ſchafter Gaſtfreundſchaft gewährt, deſſen Pforten aber ſich vor jedem langweiligen, thränenreichen Geſellen verſchließen. Sie haben vor mir zu viel geſeufzt und gegirrt, und ſo iſt es gekommen, daß ich mich gelangweilt habe. Die Langeweile aber treibt die Liebe aus, und wo man gähnt, da entflieht der leicht beflügelte Gott Amor. Merken Sie ſich das, mein Lieber, und nehmen Sie dieſe gute Lehre als ein letztes Andenken von mir an.“ „Clairon,“ ſchrie der Graf St. Andeme ent⸗ ſetzt,„Clairon, Du kannſt lachen, während ich in Todesqualen Dir gegenüber ſtehe? Aber dies iſt nicht Dein Ernſt, nein, Dein Herz iſt edel und gut, es wird mich nicht zurückſtoßen, es wollte — 68— mich nur ein wenig martern und quälen, um mich nachher deſto herrlicher zu beglücken. Nun laß es genug ſein, meine holde Geliebte, öffne mir wie⸗ der Deine Arme, ſage, daß Du mich noch liebſt, ſage, daß Du meine Gemahlin ſein willſt, und Alless iſt wieder gut, und ich bin wieder der glück⸗ lichſte der Menſchen, denn Clairon iſt wieder mein, auf ewig mein!“ 4 „Clairon wird niemals die Ihre ſein,“ rief ſie, ſich ſtolz erhebend und den Arm gegen ihn ausſtreckend.„Clairon gehört nur ſich ſelbſt an, und dem Ruhm. Sie wird niemals die Gemah⸗ lin des kleinen Grafen St. Andeme, ſie hat ſich dem Ruhm vermählt, und nur ihm allein! Ge⸗ ben Sie die Thür frei, mein Herr, laſſen Sie mich hinaus. Der Ruhm und das Publikum er⸗ warten mich!“ Mit hochgehobenem Haupt, ſtolz wie eine Kö⸗ nigin ſchritt ſie der Thür zu. Aber der Graf, bleich wie eine Leiche, an al⸗ len Gliedern bebend, mit zornblitzenden Augen, ſtand vor dieſer Thüre. „Du willſt gehen?“ fragte er mit drohendem Ton.„Du willſt mich verlaſſen, mich aufgeben?“ „Ich will Sie verlaſſen, und mögen wir uns nimmer wieder ſehen! Geben Sie die Thür frei, mein Herr! Verfolgen Sie mich nicht länger mit Ihrer läſtigen Liebe.“ 8 „Das iſt Dein letztes Wort? Auch wenn ich — 69— Dir ſage, daß ich ſterben werde, daß Du mich in den Tod jagſt mit dieſem Wort?“ „Es iſt mein letztes Wort! Was kümmert mich Ihr Leben oder Sterben! Gehen Sie!“ „Nun,“ ſchrie der Graf außer ſich, ihre bei⸗ den Hände packend, ihr mit flammenden Blicken ins Antlitz ſchauend,„nun höre auch mein letztes Wort! Du jagſt mich in den Tod, um von mir befreit zu ſein. Wohlan, ich ſterbe, aber mein Tod ſoll Dich nicht von mir befreien! Auch nach meinem Tode werde ich Dich verfolgen, werde Dich täglich an mich erinnern und Dich ſtrafen für Deine Grauſamkeit, das ſchwöre ich bei dem unſterblichen Geiſt, der in mir wohnt, das werde ich nochmals ſchwören, wenn ich ihn aus ſeiner irdiſchen Hülle entlaſſe.— Jetzt, Madame, gehen Sie, wenn es Ihnen noch ſo gefällig iſt.“ Er ſchob ſelbſt den Risgel zurück, trat dann bei Seite, um Clairon den Weg frei zu laſſen. Aber ſie ſtand und zauderte und blickte faſt ängſt⸗ lich in ſein bleiches, ſchmerzentſtelltes Angeſicht. „Clairon! Mademoiſelle Clairon!“ rief es da draußen.„Es iſt die höchſte Zeit, Ihr Stichwort wird gleich kommen! Mademoiſelle Clairon, wo bleiben Sie ſo lange? Eilen Sie!“ 5„Ich komme!“ rief Clairon, und ohne den Grafen noch eines Blickes zu würdigen, riß ſie die Thür auf, und ſtürzte vorwärts nach den Couliſſen. Der Graf ſtand und ſchaute ihr nach mit ei⸗ nem langen glühenden Blicke. Jetzt ſah er ſie nicht mehr, aber er hörte das Beifallsjubeln, das Applaudiren, das Jauchzen des Publikums, und es klang vor ſeinen Ohren wie das Hohn⸗ gelächter der Dämonen. „Sie ſoll an mich denken!“ rief er, ſeine bei⸗ den Arme mit einer zornigen Geberde gen Him⸗ mel ſchleudernd.„Ja, das ſchwöre ich, ſie ſoll an mich denken, und auch nach meinem Tode noch will ich ſie verfolgen, ſie, meine Mörderin Clairon!“ Nun wandte er drohend ſeine geballte Fauſt nach der Seite hin, von welcher das Jubelgeſchrei ertönte, dann ſtürzte er fort, und verließ in ra⸗ ſender Eile das Haus. Das Theater war zu Ende. Die Anbeter Clai⸗ ron's waren ihrer Einladung gefolgt, und hat⸗ ten ſich in ihr Palais begeben, um den Triumph des heutigen Tages mit ihr zu feiern, und der großen Künſtlerin zu huldigen, die heute ſich eine neue Krone des Ruhmes erobert hatte. Das ganze Palais Clairon's ſtrahlte im Glanze der Lichter, eine doppelte Wagenreihe er⸗ füllte zu beiden Seiten ihres Hauſes die Straße, alle Zimmer waren feſtlich geſchmückt, in denſelben bewegte ſich die glänzendſte, die auserleſenſte Ge⸗ ſellſchaft. Alles, was Paris an hohen ariſtokr tiſchen Namen, an Gelehrten und Berühmtheiten l(öſte die flatternden Bänder ab, um die Gedichte — 71— Zählte, fand ſich heute Abend in den Salons der Künſtlerin beiſammen. Alle Männer von Rang, Reichthum, Geiſt und Witz waren ja die Anbeter Clairos, was Wunder, daß ſie an einem ſol⸗ chen Abend des Triumphes herbeieilten, um zu den Füßen ihrer Göttin ihre Huldigungen nie⸗ derzulegen. 1 Mit ſtrahlendem Geſichte, mit der Herablaſ⸗ ſung einer Königin nahm Clairon dieſe Huldi⸗ gungen entgegen. Sie wußte, daß ſie ihr gebühr⸗ ten, und ſie fand es ganz natürlich, daß man ihr darbrachte, worauf ſie ein Recht hatte. Alle die Bouquets, die Lorbeerkränze und Blumengewinde, mit welchen ſie das entzückte Publikum heute am Schluſſe der Vorſtellung überſchüttet hatte, lagen in der Mitte des Salons auf einem großen Tiſche aufgehäuft, und um denſelben drängten ſich die Cavaliere, um die Sinngedichte zu hören, welche auf Atlasbändern gedruckt an den Kränzen und Bouquets befeſtigt waren, um die funkelnden Schmuckſachen zu ſehen, welche neben den Gedichten bei den Blumen ſich befanden. Clairon ſelbſt ſtand in der Mitte der Cava⸗ liere neben dem Tiſch und unterſuchte mit eigenen Händen die köſtlichen Gaben, und löſte die Per⸗ lenſchnüre und Armſpangen, die Ringe und Bril⸗ lantnadeln von den Blumen ab, um ſie in den ſilbernen Korb zu legen, der neben ihr ſtand, — 72— voll Lob und Begeiſterung mit lauter Stimme vorzuleſen. Dann hob ſie aufs neue ein Bouquet empor, an dem eine ſilberne Schleife prangte, auf deren Ende ein Gedicht gedruckt war. Wie ſie die Schleife aufzog, fiel aus derſelben ein Etui hervor. Clairon drückte lächelnd den Deckel auf und ein Schrei der Ueberraſchung tönte von ihren Lippen, denn in dem Käſtchen lag ein Halsband, zuſam⸗ mengeſetzt aus den größten und wundervollſten Brillanten, die wie die Sterne des Himmels fun⸗ kelten, und mit ihrem wundervollen Farbenſpiel das Auge entzückten. „NVraiment,“ rief der Marquis de Seignac,„das iſt ein Geſchenk, für das man ein Landgut eintau⸗ ſchen könnte. Selbſt eine Kaiſerin könnte ſtolz ſein, ſolche Brillanten zu beſitzen.“ „Und iſt Mademoiſelle Clairon nicht erhabe⸗ ner, nicht größer als eine Kaiſerin?“ fragte ein junger Mann mit beſcheidenem, ſchüchternem Tone, und mit einem Accent, der den Engländer verrieth. „Sie haben recht, Mylord Spencer,“ ſagte der Marquis lächelnd,„Clairon iſt größer als eine Kaiſerin, denn ſie iſt eine Künſtlerin, Clairon verdient es, daß man ihr ſolche Brillanten zu Füßen legt, nur muß man, um das zu können, ein Nabob ſein, und die ſind leider ſehr ſelten in der Welt.“— —— — 3— „Da Clairon lebt, müßte es gar keine ge⸗ ben,“ erwiderte der junge Lord erröthend,„alle Schätze der Welt müßten ihr zu Füßen gelegt werden.“ „Wie grauſam Sie ſind, Mylord,“ rief der Marquis,„wenn Clairon ſchon alle Schätze gehör⸗ ten, was bliebe uns dann übrig, um es ihr, un⸗ ſerer Göttin, als Dankopfer darzubringen?“ „Unſer Herz und unſere Treue,“ ſagte der junge Mann innig. „Ach Mylord,“ rief Clairon lächelnd,„Sie nennen da die einzigen Schätze, welche der Mar⸗ quis de Seignac und alle dieſe Cavaliere hier nicht mehr ihr eigen nennen, ſondern längſt an die Welt verſpielt und verloren haben! Still, keine Betheuerungen, meine ſchönen Herren, keine fal⸗ ſchen Eide! Laſſen Sie uns lieber die Gedichte weiter leſen, und hören Sie zu, welche ſchöͤne Poeſien es hier noch giebt.“ Und indem Clairon ſo ſprach, legte ſie den koſtbaren Brillantſchmuck in den ſilbernen Korb, aber das Bouquet, an dem er befeſtigt geweſen, warf ſie nicht zu den andern hin, ſondern ſie nahm es, und ſteckte es mit einer der brillantenen Nadeln, die man ihr heute dargebracht, an ihren Mieder feſt. Der junge Lord, der jede ihrer Bewegungen beobachtete, erröthete und ſein Angeſicht ſtrahlte in einem glücklichen Lächeln. 3 — 171— Clairon nahm ein anderes Bouquet empor, und band die Schleife auf, um das Gedicht zu leſen.„Ach Mylord,“ rief ſie, das ſind engliſche Verſe, kommen Sie doch her, und leſen Sie uns vor.“ Sofort war der Jüngling an ihrer Seite. Sie reichte ihm mit einem köſtlichen Lächeln die Blumen dar; er nahm ſie, und faßte damit zugleich ihre Hand, ſie duldete und erwiderte leiſe den Druck ſeiner Finger. „Nun Mylord, überſetzen Sie uns das,“ ſagte ſie, das Band noch immer feſthaltend. Er neigte. 4. ſich näher zu ihr, um die Worte zu leſen, ihre Häupter waren dicht aneinander geneigt, ihre Haare berührten ſich, und dieſe unmittelbare Nähe 1 der Geliebten goß einen Flammenſchein über das 1 ſchöne Angeſicht des jungen Mannes hin— in dieſem Moment ſah man plötzlich zwiſchen den Häuptern der Beiden ein blitzartiges Aufflammen, dann knallte ein Schuß, ſo heftig, daß die Fenſtr klirrten, daß die Lichter auf dem Tiſch erloſchen.— Die große Pendule auf dem Kamin begann eben 4 mit langſamem und tönendem Schlag die elfte 3 —ͤ Stunde anzuſchlagen. 4 Mit einem lauten Schrei war Clairon zu Bo⸗ den geſunken, neben ihr lag der junge Lord, be⸗ wußtlos wie ſie ſelber. Alles ſtürzte voll Entſetzen zu ihnen hin. „Sie ſind ermordet. Man hat ſie Beide er⸗ ſchoſſen! Clairon iſt todt! ſchrien und riefen Alle durcheinander. Laßt uns den Arzt rufen. Laßt uns die Polizei rufen! Der Schuß kam gerade durch das Fenſter!“ Während Einige mit dem Beiſtand der herbei⸗ gerufenen Kammerfrau Clairon, die noch immer bewußtlos war, auf den Divan trugen, Andere ſich um den jungen Lord beſchäftigten, der langſam ſich zu erholen begann, eilte der Marquis de Seignac, ein naher Verwandter des Polizei⸗ Lieutenants von Marville mit ſeinem Wagen zu dieſem hin, um ihn ſofort zur Unterſuchung der furchtbaren That herbeizuholen, und wieder ein anderer der Cavaliere fuhr zu Clairon's Arzt, damit dieſer verſuche, ob noch Rettung möglich ſei. Eine halbe Stunde war kaum vergangen, als der Arzt und der Polizei⸗Lieutenant in den Salon eintraten, in welchem noch immer alle Cavaliere, die beiden Kammerfrauen und die ganze Diener⸗ ſchaft der Künſtlerin ſich befanden. Man führte den Arzt an den Divan, auf welchem Clairon noch immer ohne Bewußtſein lag, während der junge Lord ſchon wieder mit offenen Augen und athmend, aber wie betäubt und ſeiner Sinne beraubt auf einem Fauteuil ſaß. Der Arzt unterſuchte Clairon's Haußt, welches nach dem Urtheil ſämmtlicher Augenzeugen von dem Schuß getroffen war. — 76— Der Polizei⸗Lieutenant unterſuchte das Fen⸗ ſter, durch welches nach dem Urtheil ſämmtlicher Augenzeugen der Schuß in den Salon gedrun⸗ gen war. Keine Spur einer Verletzung fand ſich an Clairon's Haupt, nicht eine Locke ihres Haares war verbrannt, oder auch nur angeſengt, nirgends ein Tropfen Blut oder eine Wunde. Keine Spur eines Schuſſes fand ſich an dem Fenſter; nicht eine der großen Fenſterſcheiben war verletzt oder geöffnet, ſodaß ein Schuß hätte hin⸗ durchdringen können, nirgends an den Wänden zeigte ſich irgend ein Fleck, der das Eindringen einer Kugel verrieth. Ein Schuß war gefallen, das beſtätigten mehr als zwanzig Augenzeugen, die das Pulver hatten aufblitzen, die Lichter von dem Dampf hatten ver⸗ löſchen ſehen, die den furchtbaren Knall und das Klirren der Fenſterſcheiben gehört hatten. Ein Schuß war gefallen, aber er hatte keine Spur zurückgelaſſen, und man wußte nicht, von woher er gekommen war. Der Polizei⸗Lieutenant mit ſeinen Officianten unterſuchte den Salon, die benachbarten Zimmer, das ganze Haus, er ging endlich hinaus auf die Straße, um auch dort ſeine Nachforſchungen fort⸗ zuſetzen, er ließ ſich das gegenüber liegende Haus allen Bewohnern deſſelben. aufſchließen, und hielt eine ſtrenge Unterſuchung bei ———— 4* ———— — 72— Aber es wohnten durch einen ſeltſamen Zufall nur alte bejahrte Leute in dieſem Hauſe, die man ſämmtlich aus dem Schlafe wecken mußte, um ſie ins Verhör zu nehmen; nicht eine einzige Feuer⸗ waffe fand ſich trotz der ſorgfältigſten Nachfor⸗ ſchungen in dem ganzen Hauſe. Der Schuß alſo mußte durchaus in dem Salon ſelber gefallen ſein; der Polizei⸗Lieutenant kehrte daher mit ſeinen Officianten in das Palais Clairom's zurück, um den Salon noch einmal ſorg⸗ fältig zu durchſpähen. Clairon hatte indeß, Dank den Bemühungen des Arztes, dem angewandten Aderlaß, den Riech⸗ ſalzen und Einreibungen, ſich aus ihrer Betäu⸗ bung wieder erholt und ſaß aufgerichtet, aber mit ſchwankendem Haupte, mit todesbleichen Wangen auf dem Divan. Der Polizei⸗Lieutenant Herr v. Maxville eilte zu ihr hin, um ihr Bericht zu erſtatten über ſeine Unterſuchungen und das Reſultat derſelben, um ſie zu fragen, ob ſie gegen irgend Jemand einen Verdacht hege, ob irgend Jemand, den ſie kenne, die Abſicht ſie zu ermorden hätte. „ ch kenne wohl Jemand, der einer ſolchen That fähig wäre,“ ſagte Clairon mit bleichen, bebenden Lippen,„aber dieſer Eine, der vielleicht meinen Tod wünſcht, war heute Abend nicht hier.“ „ und wann ſahen Sie ihn zuletzt?“ fragte Herr v. Marville dringend. ue — 78— „Heute Abend, vor zwei Stunden vielleicht. Er begehrte durchaus, daß ich ſeine Gemahlin werde; da ich es verweigerte, ging er im Zorn von mir.“ „Ah, da haben wir alſo den Mörder,“ rief Herr v. Marville triumphirend,„wenn wir erſt ihn haben, werden wir auch erfahren, mit welchem ſeltſamen Inſtrument er ſeinen Schuß geführt hat. Haben Sie die Güte, Mademoiſelle, mir den Na⸗ men und die Adreſſe Ihres wüthenden und mör⸗ deriſchen Freiers anzugeben.“ „Er nannte ſich bis jetzt Dubois,“ ſagte Clairon leiſe,„hat aber jetzt ſeinen wirklichen Namen Graf St. Andeme wieder angenommen, und wohnt in der Rue St. Honoré Nummer undert und drei.“ „Madame, in einer Stunde werde ich wieder i Ihnen ſein, und in Ihrer Gegenwart das Verhör des Mörders beginnen,“ ſagte Herr v. Marrpille, indem er ſeinen Officianten winkte, und mit ihnen den Salon verließ. Die Freunde und Cavaliere, welche Clairon nicht eher verlaſſen wollten, bis ſie das beruhigende Bewußtſein ihrer Rettung, ihres wiedererwachten Lebens mit ſich nehmen konnten, wollten ſich jetzt entfernen und von Clairon verabſchieden. Allein Clairon bat ſie mit ſo ungewohnter Innigkeit, ſo angſtvoller Stimme, bei ihr zu bleiben, ſie nicht allein zu laſſen in dieſer fürchterlichen Nacht, in — 79— dieſem grauſigen Salon, daß Alle ſich freudig be⸗ reit erklärten, zu bleiben und die Rückkehr des Polizei⸗Lieutenants abzuwarten. Eine Stunde war kaum vergangen, als Herr v. Marville wieder in den Salon Clairon's ein⸗ trat. Er kam mit ernſten, feierlichen Zügen, ein kleines verſiegeltes Briefchen in ſeiner Hand hal⸗ tend, aber ſeine Officianten folgten ihm nicht, ſie führten den angeblichen Mörder nicht herein. „Sie haben ihn gefunden? Sie haben ihn ver⸗ haftet?“ rief Clairon ihm angſtvoll entgegen. „Madame,“ ſagte Herr v. Marville feierlich, „ich habe den Grafen St. Andeme gefunden, aber ich habe ihn nicht verhaftet, denn ich fand nur ſeinen Leichnam und dieſes Briefchen, das an Sie adreſſirt iſt.“ Clairon nahm es mit zitternden Händen, erbrach das Siegel und ſchlug das Papier auseinander, dann reichte ſie es Herrn v. Marville dar. „Leſen Sie es, Herr Polizei⸗Lieutenant,“ ſagte ſie matt,„die Buchſtaben tanzen vor meinen Au⸗ gen, ich vermag nicht zu leſen. Herr v. Marville nahm das Billet, und mit lauter Stimme las er:„Grauſame, ich ſterbe, weil ich Dich liebe, und Du mich verſchmähſt. Aber mein Tod ſoll Dich nicht von mir befreien! Ich halte meinen Schwur! Auch nach meinem Tode verfolge ich Dich, und täglich ſollſt Du an mich denken und vor mir zittern!“? „Nun,“ rief der Marquis Seignac achſel⸗ zuckend,„da er todt iſt, wird man ihn nicht wegen Meineids zur Rechenſchaft ziehen können, ſelbſt wenn er ſeinen Schwur nicht hält!“ Herr v. Marville ſchaute mit einem ſeltſamen, düſtern Blick zu ihm hin.„Was war die Uhr, als der Schuß gehört ward?“ fragte er.„Wiſſen Sie es genau anzugeben?“ „Ja, ganz genau,“ ſagte der Marquis.„Eben als der Schuß gefallen war, ſchlug die Pendule dort elf Uhr, und— ſehen Sie nur wie ſeltſam, der Zeiger ſteht noch auf elf! Die Uhr iſt nicht weiter gegangen!“ „Nun hören Sie,“ ſagte der Polizei⸗Lieutenant feierlich:„Der Bediente des Grafen St. Andeme befand ſich im Vorzimmer ſeines Herrn, und zählte eben die Schläge der Uhr, welche die elfte Stunde angab, als in dem Zimmer ſeines Herrn der Schuß erfolgte. Genau um elf Uhr hat ſich Graf St. Andeme erſchoſſen.“ Clairon ſtieß einen Schrei aus und ſank ohn⸗ mächtig zuſammen. ——‧ Zweiter Tag I. Am Morgen. Clairon ſtand vor dem Spiegel und prüfte aufmerkſam und mit dem ſtrengen Ernſt eines Richters ihr Angeſicht. Sie hatte heute eine fürchterliche Entdeckung gemacht, ſie hatte auf ihrer Stirn, deren ſtolze Schönheit man ſo oft bewundert und beſungen hatte, die erſte Spur einer Runzel entdeckt! Die erſten Schriftzeichen, mit denen das Alter die Zahl ihrer Jahre zu zeichnen begann. Ja, Clairon konnte es ſich jetzt nicht mehr verhehlen, ſie ward alt, und ſie konnte es auch nicht mehr ganz der Welt verbergen. Seit zwan⸗ zig Jahren war ſie der gefeierte, bewunderte Lieb⸗ ling des Pariſer Publikums, ſeit zwanzig Jahren kannte man in ganz Europa ihren Namen, pries man ſie als die größte Schauſpielerin der Welt. Mademoiſelle Clairon. — 382— Seit zwanzig Jahren war der Brief gedruckt, in welchem Voltaire ſie ſeine„Muſe von zwanzig Sommern“ nannte. Clairon durfte es alſo nicht wagen, ihre vierzig Jahre zu verleugnen, denn der Ruhm hatte ihr vor zwanzig Jahren den Taufſchein geſchrieben, und dieſer war nun un⸗ ſterblich wie der Ruhm ſelber! Ja, Clairon war vierzig Jahre, das mußte ſie der Welt zugeſtehen; nur die vier Jahre, die dar⸗ über waren, die gehörten ihr, die durfte ſie hoffen, der Welt verſchweigen zu können. Dieſe vier Jahre waren ihr Geheimniß, und wie ſie jetzt vor dem Spiegel ſtand, fragte ſie nur angſtvoll ſpä⸗ hend ihr Angeſicht, ob dies auch nicht ihr Ge⸗ heimniß verrathen, ob es verſchwiegen ſein werde, wie ſie ſelber. 1 Aber während ſie ſo ſich ſelber beſchaute und prüfte, zogen die Jahre der Vergangenheit, dieſe zwanzig Jahre ſtolzer Triumphe, an ihrem innern Auge mit ihren leuchtenden Siegeskronen vorüber, und trat ſie faſt entſetzt von dem Spiegel zurück. „Es wäre fürchterlich, wenn ich das Alles jetzt entbehren müßte,“ ſeufzte ſie in ſich erſchauernd, während ſie in den Fauteuil ſank, der nahe genug dem Spiegel gegenüber ſtand, um ihr immer noch einen Einblick in denſelben zu gewähren.„Ja, fürchterlich wäre es,“ fuhr ſie fort,„wenn Clairon auf einmal von ihrem Thron herniederſteigen, wenn Semiramis, Ariadne, Merope, Phädra, wenn 83 22 alle dieſe erhabenen Fürſtinnen, deren Kronen auf meinem Haupte vereinigt ſind, jetzt von dem grau⸗ ſamen Feind, dem Alter, entfernt werden ſollten, wenn Clairon auf einmal dazu verdammt würde, nichts mehr zu ſein, als eine penſionirte Schau⸗ ſpielerin, eine Ruine ihrer eigenen Größe.“ Sie ſprang, von dieſem Gedanken wie von einem Erdbeben erſchüttert, heftig empor, und ging mit großen Schritten, einer verwundeten Löwin gleich, im Gemach auf und ab. „Nein,“ rief ſie ſtürmiſch,„nein, ich kann, ich will nicht enden wie alle Schauſpielerinnen enden, vergeſſen, verhöhnt, verlacht. Eine Clairon kann nicht auf gewöhnliche Weiſe aufhören zu herrſchen, ſie kann nicht von dem Thron der Bühne in ir⸗ gend ein gewöhnliches Privathaus niederſteigen, nicht die Frau eines Banquiers, oder eines ver⸗ armten adeligen Cavaliers werden. Wenn ich die Bühne, auf welcher ich ſeit zwanzig Jahren eine Fürſtin war, verlaſſen ſoll, ſo muß es mit einem glänzenden Eelat geſchehen, ſo muß ich die Welt, indem ich ſcheide, noch in Erſtaunen ſetzen, und nicht mit Hohn und Spott, ſondern mit Neid und Staunen ſoll man mir nachblicken! Ja, ſo ſoll es, ſo muß es ſein! So nur kann Clairon enden! Von ihrem Thron der Bühne herabſteigend wird ſie einen andern wirklichen Thron beſteigen, die Königin von Babylon wird wenigſtens eine Fürſtin von Anspach werden!“ 6 — 34— Ein Ausdruck ſtolzen Triumphes flog über ihr Antlitz, ſie trat wieder zu dem Spiegel, und be⸗ obachtete nochmals prüfend ihre eigene Geſtalt, dann glitt ſie mit einer hoheitsvollen Bewegung, immer noch die Blicke dem Spiegel zugewandt, wieder in den Fauteuil nieder. „Der Markgraf ſagt mir täglich, daß ich für ihn die ſchönſte Frau der Erde bin,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin,„und ich ſehe es, noch bin ich ſchön, noch habe ich die Macht, ihn zu meinem Sklaven zu machen, ihn zu beherrſchen. Ich muß alſo meine Zeit benutzen. Der Markgraf liebt mich, er ſchwört es mir alle Tage, indem er um meine Gegenliebe fleht! Aber ich werde ſie ihm nie in dieſer Weiſe gewähren! Bah, Clairon wird ſich nicht ſo weit erniedrigen, die Maitreſſe eines Fürſten zu ſein! Nein, niemals! Aber wird der Fürſt etwas Anderes mir gewähren können? Er hat es mir geſagt, er iſt vermählt, aber nur der Form nach, er kennt ſeine Gemahlin kaum, lebt getrennt von ihr ſeit dem Tage ihrer Vermählung. Weil er den Eclat haßt, will er ſich nicht ſchei⸗ den laſſen!“ „Aber er muß ſich ſcheiden laſſen,“ rief ſie nach einer Pauſe ungeſtüm.„Ja, er muß ſich ſcheiden laſſen, denn Clairon will eine Fürſtin werden, Clairon iſt dazu geſchaffen, ein Land zu regieren, zu herrſchen! Aber wie fange ich es an-? Der Markgraf von Anspach iſt ſtolz, er vergißt mahlin werden! Nun raſch ans Werk! Heute iſt es nie, daß er der Neffe des Königs von Preußen iſt, den man ſeit ſeinem langen Kriege Friedrich den Großen nennt. Er würde es jetzt noch für ein Verbrechen halten, eine Schauſpielerin zu der legitimen Nichte des Königs von Preußen zu ma⸗ chen! Aber es kömmt darauf an, ihn allgemach an dieſen Gedanken zu gewöhnen, ihn langſam Schritt für Schritt zu dem Traualtar zu führen! Er will nach Anspach zurückkehren, warum bietet er mir nicht an, ihn dahin zu begleiten, als ſeine Freundin, ſeine Schweſter bei ihm zu wohnen? Ah, ich würde dann ſeinen Geiſt ſchon ſo leiten, daß endlich die Freundin und Schweſter zu einer Gemahlin ſich verklärte! Es gilt einen Plan zu entwerfen, einen raſchen, entſcheidenden Plan!“ Sie ſtützte ihren noch immer ſchönen Arm auf die Lehne ihres Fauteuils, ließ ihr Haupt in ihren Arm niederſinken, und ſaß eine lange Zeit ſinnend da. 88 „Ja,“ rief ſie dann laut,„ſo wird es gehen. Ich werde mit einem Eclat von der Bühne zurück⸗ treten, ich werde dadurch den Markgrafen zwin⸗ gen, mir ein Aſyl in ſeinen Staaten anzubieten. Ich werde bei ihm bleiben, ich werde allgemach ihn an den Gedanken gewöhnen, ſich von ſeiner kranken Gemahlin ſcheiden zu laſſen, und dann— dann, wenn das geſchehen, werde ich ſeine Ge⸗ der entſcheidende Tag! Noch heute muß es gethan — 386 ſein. Ja, Clairon, Clairon, wappne Dich mit Muth, Du wirſt Deine papiernen Kronen und Deine Lorbeeren tragen, um Dir eine wirkliche Krone zu erkämpfen und Deine Lorbeeren gegen. einen Myrtenkranz einzutauſchen! Auf, auf zur That!“ Und mit entſchloſſenem Schritt trat Clairon zu dem Tiſche und ſchellte.„Jacques,“ rief ſie dem eintretenden Kammerdiener entgegen,„iſt noch keine Antwort vom Theater angelangt?“ „Zu Befehl, Ew. Gnaden,“ lautete die Ant⸗ wort,„der Theater⸗Inſpector war ſoeben hier, und brachte die Anzeige von der Theater⸗Direction, daß es durchaus bei dem angeſetzten Stück ſein Verbleiben haben, und daß„Phädra“ heute zur Aufführung kommen müſſe. Die Rollen wären bereits, wie Mademoiſelle es wüßten, ausgetheilt, und nichts könne mehr daran geändert werden. Der ganze königliche Hof wird heute Abend im Theater gegenwärtig ſein.“ „Es iſt gut, Jacques. Jetzt ſchicken Sie ſo⸗ gleich den Lakaien zu Herrn Baron und Herrn„ Lekain. Er ſoll die Herren einladen, ſogleich zu mir zu kommen. Ich hätte Wichtiges mit ihnen Beiden zu ſprechen, und ließe ſehr bitten, daß ſie ſogleich kämen.“— Baron und Lekain, die beiden größten und berühmteſten Schauſpieler jener Zeit, wohnten nur einige Häuſer von Clairon entfernt, und es waren ** daher kaum zehn Minuten vergangen, als Beide in den Salon Clairon's eintraten. „Meine Freunde,“ rief Clairon ihnen entgegen, „wißt Ihr ſchon das Unerhörte, das Fürchterliche, das man uns anthun will? Die Beleidigung, welche man uns, den Koryphäen des Theaters, zufügen will?“ „Man will uns zwingen, einen Dieb, einen ehrloſen Menſchen, welcher erſt geſtohlen, dann im Bagno geweſen, dann der Polizei als Aufpaſſer und Spion gedient hat, als unſern Kunſtgenoſſen anzuerkennen,“ rief Baron. „Man verlangt, daß wir mit dieſem Polizei⸗ ſpion, dieſem Galeerenſklaven und Dieb zuſammen auf der Bühne erſcheinen,“ ſagte Lekain mit einem verächtlichen Achſelzucken.„Ah, es iſt bewunde⸗ rungswürdig, der Galeerenſträfling hat plötzlich Talent zum Theater in ſich verſpürt, der Dieb will ſich in die Künſtlerlaufbahn hinein ſtehlen, und die Polizei findet es ganz bequem, eines ihrer Geſchöpfe in das Theatre frangais hinein zu ſetzen, gleichwie man alle ausgedienten Militärs mit Ci⸗ vilverſorgungen begnadigt.“ „Und wollen wir's dulden?“ fragte Clairon mit flammenden Blicken.„Soll Phädra ſo ent: ehrt werden, daß ſie einen Verbrecher lieben muß? Soll Theramen zu erröthen haben vor ſeinem Zögling Hippolyte? Soll Theſeus der Vater eines Ehrloſen ſein, der nicht Herzen, ſondern gemeine, erbärmliche Louisdors ſtahl? Freunde, ich frage Euch: wollen wir es dulden, daß man die Kunſt entweiht, und ihre heiligen Tempelhallen ſchändet durch den Fuß eines Unreinen, vor dem die Mu⸗ ſen ſchamvoll entfliehen müſſen, und den Apoll niemals ſeinen Jünger nennen kann? Baron, ich frage Sie, den großen Schüler des großen Mo⸗ liere, wollen Sie den Theramen ſpielen, wenn der Darſteller des Hippolyte ein Menſch iſt, mit dem Sie außerhalb des Theaters erröthen würden ein Wort zu ſprechen, dem Sie den Rücken kehren würden, wenn er es wagte, Sie als ſeinen Be⸗ kannten anzureden? Lekain, ich frage Sie, den großen Künſtler, der niemals anders als erhaben, groß und würdig vor der Welt, dem Publikum und ſich ſelber da geſtanden, welcher als der reine unentweihte Prieſter in dem Tempel des Apollo heiligen Opferdienſt der Kunſt dargebracht hat, ich frage Sie, Lekain, wollen Sie den Theſeus ſpielen, wenn man Ihnen einen Sohn giebt, gegen deſſen Verbrechen Sie nicht den Zorn der Götter, ſondern nur die ganz gemeine Strafe der Polizei anrufen würden? Aber ehe Ihr Beide antwortet, hört, was ich Euch zu ſagen habe: niemals wird Clairon wieder die Phädra darſtellen, wenn der Jüngling, den ſie lieben ſoll, ein Menſch iſt, deſ⸗ ſen Nähe, deſſen bloße Berührung ſchon für ſie eine Entwürdigung iſt. Nie wird Clairon ſich zwingen laſſen, einen beſtraften Dieb, einen Po⸗ lizeiſpion als einen Kunſtjünger anzuerkennen, und wenn ſich für ihn die heiligen Hallen des Tem⸗ pels der Kunſt öffnen, ſo werden ſie ſich für Hippolyte Clairon auf immer ſchließen! Das iſt, was ich Euch zu ſagen hatte! Nun antwor⸗ tet mir!“ „Ich will Ihnen antworten,“ rief Baron, deſ⸗ ſen Augen trotz ſeiner ſechzig Jahre noch immer im Feuer innerer Jugend leuchteten.„Sie haben mich gefragt, ob ich für einen ſolchen Hippolyte der Lehrer Theramen ſein will? Nein, Clairon, nein! Der Ausſätzige darf ſich nicht dem Reinen nahen, das gemeine Verbrechen läßt ſich durch die göttliche Prieſterbinde des Apoll nicht abwaſchen! Wer ſeine Hände beſchmuzt hat durch Diebes⸗ handwerk, darf den Göttern kein Opfer darbrin⸗ gen, denn ſie würden es verwerfen, wie ich, der Diener des Apoll und der Muſen, dieſen Hippolyte verwerfe, und niemals ihm ein Theramen ſein werde. Möge er heute Abend Hippolyte ſein, er wird keinen Theramen neben ſich ſehen, mindeſtens wird es Baron, der Schüler des großen Moliere, nicht ſein! Und Sie, mein großer, mein würdiger Freund Lekain, was ſagen Sie?“ „Ich ſage, daß der Paria, der Ausgeſtoßene, nicht ſeine unreinen Hände in die Hände der Prieſter, der Götter, legen darf,“ rief Lekain. „Ich ſage, daß ich es vorziehen würde, einen 8 3 . 6— be eeir zer. Unglücklichen meinen Sohn zu nennen, der in der Gewalt der Leidenſchaft und Eiferſucht ſeine Ge⸗ liebte ermordete, als einen Menſchen, der aus eitlem Eigennutz und ganz gemeiner Beutelſchnei⸗ derei das Eigenthum Anderer ſtahl! Der Mör⸗ der kann trotz ſeiner Unthat ein guter Menſch ſein, der Dieb iſt eine gemeine Seele, der ſich ſel⸗ ber ſeine Ehre geſtohlen hat. Und mit einem Ehrloſen hat Lekain nichts zu ſchaffen, er wird nicht mit ihm auf der Bühne erſcheinen! Niemand hat das Recht, mich zu einer Entehrung zu zwin⸗ gen. Ich ſpiele den Theſeus nicht, wenn der be⸗ ſtrafte Dieb, wenn dieſer Vauture den Hippolyte darſtellt.“ „Gebt mir Eure Hände, meine Freunde,“ ſagte Clairon feierlich,„wir ſtehen vereint zu feſtem Bunde, und ſchwören den Muſen, und ſchwören der Kunſt, deren geweihte Diener wir ſind, daß wir ihrem heiligen Dienſt leben und ſterben, daß wir nicht ſie und uns entehren laſſen wollen, und müßten wir deßhalb auch Verfolgung und Strafe zu erdulden haben!“ „ Ja, das ſchwören wir,“ riefen die beiden Männer.. „Wir ſchwören, daß wir heute Abend nicht ſpielen, wenn man von uns fordert, mit Vauture zugleich aufzutreten!“ rief Clairon. „Ja, das ſchwören wir,“ wiederholten Baron und Lekain. „Wir haben unſern Eid geleiſtet, und die — 91— Götter und die Muſen haben ihn angenommen,“ ſagte Clairon feierlich:„jetzt wollen wir mit Ruhe und Standhaftigkeit erwarten, was geſchieht. Kehrt jetzt heim, meine Freunde, und laßt uns thun, was nothwendig iſt. Laßt uns ſchriftlich der Direction anzeigen, daß wir heute Abend nicht auftreten, daß wir niemals wieder auf⸗ treten würden, wenn man nicht Vauture ſogleich entließe.“ „Sagen wir, daß wir niemals mit ihm an einem Abend auftreten werden,“ rief Baron. „Ja, dies iſt genügend,“ ſagte Lekain. „Gut,“ rief Clairon,„wenn es für genügend erſcheint, ſo ſagt dies. Mir genügt es nicht! Wenn Vauture bleibt, gehe ich! Einem Ver⸗ brecher geſtatte ich nicht, ſich meinen Confrere zu nennen!“ Sie reichte Baron und Lekain zum Abſchied die Hand und eilte dann zu ihrem Schreibtiſch, um ſofort in ſtolzer und peremptoriſcher Weiſe ihr Schreiben an die königliche Direction des Theatre francais aufzuſetzen. 4 „So,“ ſagte ſie eifrig, indem ſie es zuſammen⸗ faltete,„die Würfel ſind gefallen! Ich ſiege als Künſtlerin, oder ich ſteige von meinem Throne der Bühne hernieder, um, ſo Gott will, einen wirk⸗ lichen Thron zu beſteigen!“ Sie ſchellte haſtig und übergab dem eintreten⸗ den Kammerdiener das Schreiben zur Beſorgung an den Director der königlichen Theater. „Wenn man fragt, ob ich etwa krank ſei,“ befahl ſie,„ſo antworten Sie, ich ſei vollkommen geſund und ganz bereit heute Abend zu ſpielen, vorausgeſetzt, daß man meine Bedingungen er⸗ fülle. Eilen Sie und bringen Sie mir ſofort die Antwort hierher, wenn auch Beſuch bei mir iſt!“ „Ich hoffe, der Markgraf wird anweſend ſein,“ ſagte ſie lächelnd zu ſich ſelber.„In einer Stunde kann Jacques wieder hier ſein, und das iſt gerade die Zeit, in welcher der Markgraf zu kommen pflegt. Oder ſollte er heute nicht kommen; ſollte meine geſtrige Strenge und Kälte ihn wirklich zurückgeſcheucht haben? Wie, könnte es ihm ſo leicht werden, mich aufzugeben? Kann man Clai⸗ ron entſagen, blos weil ſie keine gefällige Schön⸗ heit iſt, welche für jedes Wort der Liebe ein Lächeln hat? Ah, es wäre furchtbar, wenn ich mich ſo verrechnet hätte, wenn—— Ah, da hält ein Wagen vor meiner Thür! Wer kann das ſein, wer kommt zu ſo früher Morgenſtunde?“— Sie vergaß einen Moment ihre königliche Hal⸗ tung und ſtürzte zum Fenſter hin, um verſtohlen hinter den Vorhängen hervor einen Blid hinunter zu werfen in den Vorhof. „Er iſt es, es iſt ſeine Equipage, 4 rief ſie triumphirend, er kommt heute früher noch als 93— ſonſt! Das beweiſt mir, daß er mich liebt, daß— „Se. königliche Hoheit, der Herr Markgraf von Anspach,“ riefen die Lakaien, die Flügelthüren weit aufreißend, und ein ſchlanker, junger Mann von kaum mehr als dreißig Jahren, in glänzen⸗ der goldgeſtickter Uniform, trat ein. Sein Geſicht zeigte in Form und Schnitt ſehr viel Aehnlichkeit mit ſeinem Oheim, dem König Friedrich dem Zweiten, nur fehlte ihm das Eine, was das Ant⸗ litz des großen Friedrich verklärte, es fehlte ihm das ſtrahlende, geiſtſprühende Auge, es fehlte ihm das wunderſchöne, ſanfte Lächeln. Das Auge des Markgrafen war von einem matten Blau, ſein Blick war trübe und geiſtlos, und wenn zuweilen ein Lächeln ſeine Lippen umſpielte, ſo war es nur ein melancholiſches Lächeln, das nur aus Höflichkeit ſich zuweilen zeigte, um ſchnell wieder zu erblaſſen. 8* Clairon eilte dem Markgrafen mit dem Aus⸗ drucke des höchſten Erſtaunens entgegen. „Ew. königliche Hoheit ſind alſo noch nicht ab⸗ gereiſt?“ fragte ſie verwundert.„Sie haben alſo Ihren grauſamen Entſchluß aufgegeben, und wollen nicht nach Ihrem düſteren, kalten Deutſchland zu⸗ rückkehren?“ „Ich habe meinen Entſchluß nicht aufgegeben,“ ſagte der Markgraf, ihr die Hand küſſend,„aber ich konnte und wollte nicht gehen, ohne Sie noch — 94— einmal geſehen, ohne von Ihnen Abſchied genom⸗ men zu haben.“ 3 „Abſchied,“ ſeufzte Clairon,„welch ein trau⸗ riges Wort, und wie beklagenswerth ſind diejeni⸗ gen, welche es ſprechen müſſen. Wie viel bekla⸗ genswerther noch diejenigen, welche es empfangen müſſen. O mein Fürſt, wie ſchnell gewöhnt man ſich doch an das Glück, aber wie bitter ſchmerzt es, ihm entſagen zu müſſen. Ich war ſo ſelig in dem ſtolzen Bewußtſein, die Freundſchaft des edlen erhabenen Markgrafen zu beſitzen, daß ich Arme gar nicht daran dachte, daß ein Tag kommen würde, wo ich den theuren, angebeteten Freund verlieren könnte. Und nun auf einmal iſt dieſer Tag da, der mich von Ihnen trennen wird!“ „Ich würde dieſen Tag nicht überleben,“ ſagte der Markgraf feierlich,„wenn ich nicht wüßte, daß mir bald ein Tag des Wiederſehens ſtrahlen wird. Ich eile nur auf wenige Wochen in mein Land, um einige nothwendige Regierungsgeſchäfte abzu⸗ thun. Dann aber kehre ich nach Paris, das heißt zu Ihnen zurück.“ „Wer weiß, ob Sie mich dann noch finden werden,“ ſeufzte Clairon.. „Ich werde Sie ſinden, und wären Sie bis ans äußerſte Ende des Weltmeeres geflohen,“ rief der Markgraf.„Die Liebe hat ja die göttliche Kraft, daß ſie alle Schwierigkeiten überwindet, aller Feſſeln ſpottet. Ich werde Sie finden, Clairon!“ „Aber werden Ew. königliche Hoheit es auch dürfen?“ fragte Clairon traurig.„Werden nicht am Ende die Thränen Ihrer Gemahlin, ihre Schmerzensklage um die Trennung von Ihnen Ihr edles und großmüthiges Herz rühren? Wer⸗ den Sie nicht um Ihrer Gemahlin willen die arme Freundin Clairon aufgeben und meiden und daheim bleiben in Ihrer ſtolzen Reſidenz, um Ihren Völkern das ſeltene Beiſpiel einer glücklichen Ehe auf dem Fürſtenthron zu gewähren?“ „Meine Gemahlin wird mich weder mit ihren Thränen, noch mit ihren Bitten beläſtigen,“ ſagte der Markgraf düſter.„Sie weiß, daß ich ſie nie geliebt habe, und ihr ſteinern Herz iſt keiner Liebe fähig. Der Wille meines Vaters hat mich, als ich faſt noch ein Knabe war, zu dieſer Ehe mit der ſiechen, reizloſen Prinzeſſin von Coburg ge⸗ zwungen. Ich hatte nur die Wahl zwiſchen dem Gefängniß, oder dieſer Verbindung. Ich war, wie geſagt, faſt noch ein Knabe, und mein ſchüch⸗ ternes Herz entſetzte ſich vor dem furchtbaren Zorn meines Vaters und der angedrohten harten Ge⸗ fangenſchaft.*) So in meiner kindiſchen Thorheit ließ ich mich einſchüchtern, und ließ mich in ewige Feſſeln ſchlagen, um nur meine körperliche Freiheit *) Memoirs of the Marggravine of Anspach. 1. 1313 zu ſichern. Aber indem ich es that, indem ich die Prinzeſſin von Coburg zu meiner Gemahlin an⸗ nahm, ſagte ich ihr unverhohlen, daß ich ſie nicht liebe, ſie niemals lieben werde. Ach, ich war ſchwärmeriſch genug, zu hoffen, daß dieſe ihr eine halbe Stunde vor der Trauung gemachte Eröff⸗ nung ſie zu einem heldenmüthigen edlen Entſchluß veranlaſſen würde, daß die Prinzeſſin, um ſich und mich von der fürchterlichen Ehe ohne Liebe zu retten, vor dem Traualtar mich verſchmähen, ſtatt des vom Prieſter geforderten Ja's ein lau⸗ tes, feſtes Nein antworten werde. Aber ſie that es nicht, ſie nahm meine Hand an, und in dem Augenblick, als ſie das entſcheidende Ja ſprach, ſchwur ich mir, daß ſie dennoch niemals meine Gemahlin werden, daß ſie niemals aufhören ſolle, mir eine Fremde zu ſein. Ich habe dieſen Schwur treulich gehalten, die Prinzeſſin von Coburg trägt meinen Namen, aber ſie iſt weder meine Gemah⸗ lin, noch meine Freundin, noch die Genoſſin mei⸗ nes Lebens. Ich weiß nichts von ihr, und ſie nichts von mir. Wenn ich in Anspach bin, ſehen wir uns nur bei Tafel, im Beiſein unſeres Hofes, niemals allein, und niemals wird zwiſchen uns ein Wort gewechſelt, das mehr als die bloßen Ge⸗ meinſätze des Lebens behandelte.“ „Aber das iſt ja keine Ehe,“ rief Clairon, „das iſt eine bloße drückende Feſſel, die Ew. könig⸗ liche Hoheit ſich beeilen müſſen von Ihrer Hand 3 — 97— abzuſtreifen. Sie ſind es Ihrem Lande, Ihren Unterthanen ſchuldig, mein theurer, geliebter Fürſt. Sie müſſen dieſer kranken ungeliebten Prinzeſſin, der Sie nur Ihren Namen, nicht Ihr Herz gegeben haben, auch dieſen edlen koſtbaren Namen entziehen. Jaede noch ſo ſchöne, noch ſo ſtolze Prinzeſſin wird ſich glücklich und geehrt fühlen, ihn tragen zu dürfen, die Gemahlin eines Fürſten zu werden, der ſeinem großen Oheim, dem König von Preußen, nicht blos in der äußern Erſcheinung, ſondern auch in den edlen und erhabenen Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens gleicht.“ „Nein,“ ſagte der Markgraf ernſt und feſt, „nein, ich werde den Fehler meiner Jugend tra⸗ gen bis ans Ende. Ich habe es verſchuldet und ich muß es büßen. Da ich nicht den Muth gehabt, dem Zorn meines Vaters zu trotzen und ſeinem Willen den meinen entgegenzuſetzen, ſo muß ich jetzt den Muth haben, die Folgen meiner Unent⸗ ſchloſſenheit zu tragen, ſolange es Gott gefällt. Ich bin einmal vor Gott und der Welt der Ge⸗ mahl der Prinzeſſin Clotilde von Coburg, ſolange ſie alſo lebt, bin ich verbunden, ſie als meine Ge⸗ mahlin gelten zu laſſen, ſie anzuerkennen und zu beſchützen. 715) „ Nein,“ rief Elairon ungeſtüm,„nein, Ew. ) Des Markgrafen eigene Worte. Siehe: Memoirs of the Marggravine of Anspach. Vol. I. 130. Mademoiſelle Clairon. 7 98— Hoheit laſſen ſich da von der Großmuth Ihres ſchönen Herzens zu einem Opfer verleiten, das die Prinzeſſin nicht annehmen, das Ihr Volk nicht dul⸗ den darf! Sie ſind es nicht blos Ihrem eigenen perſönlichen Glück, ſondern Sie ſind es auch dem Glück Ihres Volkes, Ihres Landes ſchuldig, die formellen Bande dieſer unnatürlichen Ehe zu zer⸗ reißen, um eine neue legitime Ehe zu ſchließen und Ihrem Volke, das jetzt von dem ſchlimmſten aller Uebel, von dem Uebel bedroht iſt, dereinſt einem fremden Fürſtenhauſe als Erbſchaft zu verfallen, eine Fürſtin zu geben, welche Ihrem Lande einen Erben, einen legitimen Nachfolger ſchenkt.“ 3 „Ach, es iſt nicht ein ſo dankbares Geſchäft, regierender Fürſt zu ſein,“ rief der Markgraf,„daß ich es auf einen Sohn übertragen möchte. Wer weiß, ob ich nicht ſelber noch dieſes ſchwere Ge⸗ ſchäft von mir abſchütteln und ſtatt Unterthanen zu haben es vorziehe, mein eigener Herr zu ſein.*) Aber ſprechen wir nicht mehr von dieſen Dingen. Ich erklärte Ihnen nur das Verhältniß meiner Ehe, damit Sie mich keiner Treuloſigkeit zeihen, wenn ich es wage, Sie zu lieben und es Ihnen zu ſagen. Ja, Clairon, ich liebe Sie, und die *) Der Markgraf von Anspach verkaufte ſpäter ſein Land an den König von Preußen und zog ſich mit einer Leibrente von einer Million Thalern jährlich nach England zurück. 3 — 99— Liebe führt mich bald zu Ihnen zurück. Damit aber Sie, die angebetete, umſchmeichelte, vergötterte Clairon, mich nicht während meiner Abweſenheit vergeſſen können, damit Sie gezwungen ſind, meiner zuweilen zu gedenken, habe ich Ihnen etwas mit⸗ gebracht, das Sie mir ſchwören müſſen bis zu meiner Wiederkehr immer zu tragen, es nie von Ihrem Arm zu laſſen! Sie haben es mir ſtets verweigert, von mir irgend ein Geſchenk anzunehmen, aber dies dürfen Sie mir nicht ausſchlagen, dies müſſen Sie annehmen!“ Und der Markgraf zog aus ſeinem Buſen ein rothes Maroquin⸗Etui hervor, das er Clairon darreichte. 4 Sie nahm es und ließ den Deckel aufſpringen. „Ihr Portrait,“ rief ſie freudig,„ach, und welch ein gelungenes, wundervolles Portrait!“ „Und nicht wahr, Clairon, Sie verſprechen mir, dies Portrait immer an Ihrem Arm zu tragen?“ „Es iſt wahr,“ ſeufzte Claivon,„es iſt ein Armband, ich hatte bis jetzt nur das Portrait ge⸗ ſehen, jetzt ſehe ich erſt, daß es zugleich ein koſt⸗ bares Bracelet iſt. Ein Kranz von den wunder⸗ vollſten Brillanten umgiebt das ſchöne Angeſicht meines erhabenen Freundes. Wie ſchön würden dieſe Steine leuchten, wenn ſie nicht dies Portrait umgäben! Aber neben den Sternen Ihrer Augen verlieren die herrlichſten Brillanten ihren Glanz und ihren Werth! Ach,“ fuhr ſie freudig fort, in⸗ — 100— dem ſie das Armband näher betrachtete,„das Portrait läßt ſich aus der Brillantfaſſung heraus⸗ nehmen. Jetzt iſt es ein einfaches, in einen ſchmalen Goldreifen gefaßtes Medaillon, das man an ein⸗ facher Schnur auf ſeinem Herzen tragen kann. Ach, mein theurer fürſtlicher Freund, nun nehme ich das Geſchenk Ihres Portraits freudig an. Geben Sie dies Armband von Brillanten Ihrer Gemahlin, ſie wird ſich des koſtbaren Schmuckes freuen, denn er iſt es werth, von einer Fürſtin getragen zu werden. Mir aber, mir ſchenken Sie dies geliebte ſchöne Partrait. Ich verſpreche Ihnen, es niemals von mir zu laſſen, es immer zu tragen, bis ſtatt des geliebten Portraits das edle, verehrte Original wieder mich begrüßt.“ „Sie ſind ein wunderbares Weib,“ rief der Markgraf, ſie mit zärtlichen Blicken anſchauend. „Ich bringe Ihnen da Brillanten, von denen Sie ſelber ſagen, daß eine Fürſtin ſich freuen würde, ſie zu empfangen, und Sie verſchmähen ſie?“ „Ich verſchmähe die Brillanten, aber ich freue mich Ihres Portraits,“ ſagte Clairon mit einem ſtrahlenden Lächeln.„Was kümmern mich Brillanten, ich habe deren mehr als genug, denn es giebt ſo viele Männer, welche ſo thöricht ſind, Clairon zu huldigen, und welche vermeinen, ihre Neigung durch Brillanten und koſtbaren Schmuck erkaufen zu können. Ich nehme dieſe Brillanten alle an, ich nehme ſie von denen, welche mir gleichgültig ſind, — 101— und daher kommt es, daß ich ſo viele Brillanten— beſitze. Man hat mir bis heute ſehr viel koſtbaren Schmuck dargebracht und ich habe ihn bis hente niemals verſchmäht. Aber von Ihnen, Hoheit, von Ihnen nehme ich keine Brillanten an!“ „Clairon,“ rief der Markgraf freudig,„es iſt alſo wahr, ich bin Ihnen nicht gleichgültig, Sie ſtellen mich nicht in die Reihe Ihrer anderen Be⸗ wunderer und Anbeter? Sie—“ Eben öffnete ſich haſtig die Thür und der Kammerdiener erſchien in derſelben. Clairon wandte ſich zu ihm hin mit einem ſtolzen zürnenden Ausdrucke. „Sie wagen es hier einzutreten, wenn Se. Hoheit hier iſt?“ fragte ſie zürnend. „Verzeihung!“ ſtammelte Jacques angſtvoll, „aber ich muß Ew. Gnaden die Antwort des Herrn Directors bringen. Ich hatte die Ehre, dem Herrn Director den Brief von Ew. Gnaden zu überbringen. Er las ihn aufmerkſam durch; wie er ſich dann an mich wandte, funkelten ſeine Augen vor Zorn. Sagen Sie der Mademoiſelle Clairon, ief er, daß ich wohl die Mittel habe ſie zu zwingen, ihre Pflicht zu thun, und daß ich von dieſen Mitteln Gebrauch machen werde. Sie wird heute Abend auftreten, ſie wird die Phädra ſpielen, und Herr Vauture wird die Rolle des Hippolyte ſpielen. Das ſagen Sie Ihrer Herrin!“ „Und was weiter?“ fragte Clairon nit ihrer * 4 — 102— ſtolzen, hoheitsvollen Haltung.„Man hieß Sie ruhig gehen, um mir dieſe Botſchaft zu bringen?“ „ Nein, Ew. Gnaden, der Theaterdirector ließ mich durch eine Patrouille von zwanzig Mann hierher begleiten, und dieſe Soldaten haben jetzt alle Thüren Ihres Hötels beſetzt. Sie ſagen, ſie verwehren Niemand den Ein⸗ und Ausgang, nur Mademoiſelle Clairon darf das Haus nicht ver⸗ laſſen.“ „Es iſt gut, Jacques, gehen Sie,“ ſagte Clairon, dem Diener mit einer königlichen Bewe⸗ gung winkend, daß er das Zimmer verlaſſe. „Aber um Gott,“ rief der Markgraf entſetzt, „was bedeutet dies? Mit welchem Recht wagt man es, Sie zu beleidigen? Sie in Ihrem eigenen Palais als Gefangene zu behandeln?“ „Mit welchem Recht?“ rief Clairon mit aller Gewalt ihrer impoſanten Königshoheit.„Mit dem Recht, welches die rohe brutale Gewalt über den Geiſt und das Genie ſich anzueignen wagt! Man will mich zwingen, mit einem Menſchen aufzutreten, den ich verachte, man will, daß ich die heilige Kunſt, der ich diene, entweihen ſoll, indem ich einen Ehrloſen neben mir in den heiligen Tempelhallen dulde. Aber nie wird dies geſchehen, nie wird Clairon ſich erniedrigen laſſen. Ich bin ein ein⸗ ſames, ſchutzloſes Weib, ich habe keine Soldaten, die für mich kämpfen, keine Geſetze, die mich be⸗ ſchützen, aber ich nehme dennoch den Kampf auf, — — 103— den Kampf des Heiligen gegen das Gemeine, den Kampf der Kunſt gegen brutale Gewalt. Eilen Sie, mein Fürſt, eilen Sie, mich zu verlaſſen. Reiſen Sie ab, in dieſer Stunde noch, damit Sie nicht Zeuge ſind des traurigen Schauſpiels, das ſich heute Abend hier begeben wird. Man will mich zwingen zu ſpielen, aber ich werde mich nicht zwingen laſſen. Man kann mich von den rohen Armen der Häſcher, die mein Haus umſtellt haben, auf die Bühne ſchleppen laſſen, aber man kann mich nicht zwingen zu ſprechen. Dem Menſchen kann man wohl Gewalt anthun, aber dem Künſtler nicht! Ich werde heute Abend nicht ſpielen, und müßte ich dafür mein ganzes übriges Leben in der Baſtille bleiben. Leben Sie wohl, mein theurer angebeteter Fürſt, möge Gott Sie ſchützen auf allen Ihren Wegen. Gedenken Sie mein, aber ſorgen Sie nicht um mich. Nie wird Clairon ſich ſelbſt, nie der heiligen Kunſt ungetreu. Ein ſchutzloſes Weib wird ſie muthig kämpfen gegen alle ihre Feinde, ſie kann in dieſem Kampfe untergehen, aber ſie kann ſich nicht demüthigen. Dies ſei mein Lebe⸗ wohl! Eilen Sie, mein Fürſt, verlaſſen Sie mich!“ „Ja, ich eile,“ ſagte der Markgraf,„ich ver⸗ laſſe Sie, aber nicht um abzureiſen, ſondern um für Sie zu handeln. Ich werde es Ihnen beweiſen, daß Sie nicht verlaſſen, nicht ſchutzlos ſind. Mögen Ihre Feinde Sie angreifen, Ihre Freunde werden 8 Sie beſchützen. Leben Sie wohl, Clairon, aber nicht auf lange Zeit! Ich verlaſſe Paris nicht, ehe Sie nicht von Ihren Feinden befreit ſind!“ „Ach,“ rief Clairon, ihm mit ſtrahlenden Augen nachblickend.„Ich werde mein Ziel erreichen, ich werde Markgräfin von Anspach werden!“ Am Abend. Wieder war im Theatre francais jeder Platz im Zuſchauerraume beſetzt, wieder, wie ſchon vor zwanzig Jahren, als Clairon zum erſten Male die Phädra im Coſtüm darſtellte, ſah das Publikum in höchſter Spannung dem Beginn des Stückes entgegen, und wieder war es Clairon, deren Name auf allen Lippen ſchwebte, mit der man ſich im Parterre wie in den Logen, im Parquet wie in dem ariſtokratiſchen erſten Rang beſchäftigte. Ein ſeltſames Gerücht von einem Zwieſpalt Clairon's mit der Theaterdirection hatte ſich in Paris ver⸗ breitet, man wollte wiſſen, daß Clairon ſich ge⸗ weigert habe, heute als Phädra aufzutreten, daß darauf der königliche Directeur des Spectacles Clairon mit Gewalt, von Soldaten escortirt, habe ins Theater ſchaffen laſſen, und daß den beiden Schauſpielern Baron und Lekain daſſelbe geſchehen ſei. Jedermann war daher in der äußerſten Span⸗ — 106— nung und Bewegung, jeder wollte erfahren, wie viel an dem Gerüchte wahr, wie viel von der all⸗ geſchäftigen Fama hinzugefügt worden und nie, ſelbſt nicht an den Tagen, wenn Clairon eine neue Rolle creirte, hatte man den Beginn des Stückes mit größerer Ungeduld erwartet, als eben heute. Endlich gab die Klingel das Zeichen und der Vorhang rollte empor. In athemloſem Schweigen ſtarrte das Publikum nach der Bühne hin. Da ſtand Hippolyte, der neue Schauſpieler Vauture, und ihm gegenüber mit finſterem Geſicht, mit zornblitzenden Augen ſein Lehrer Theramen, des Publikums langjähriger Liebling Baron. Aber hinter Baron ſah man vier Soldaten mit geſchultertem Gewehre ſtehen. Während das Publikum noch ſtaunend dieſe vier ungewohnten Statiſten anſtarrte, begann Hip⸗ polyte ſeine Rede. Niemand achtete darauf, Jeder⸗ mann wartete nur ungeduldig auf das letzte Wort Hippolyte's, auf das Stichwort für Theramen. Jetzt ſchwieg Hippolyte und Theramen ſollte ſeine Antwort beginnen. Aber Theramen, Baron, ſchwieg— vergebens wiederholte Hippolyte ſeine letzten Worte— The⸗ ramen gab ihm keine Antwort, ſeine Augen ſtarrten mit einem Ausdruck unausſprechlicher Verachtung auf Hippolyte hin— Theramen⸗Baron's Augen ſprachen, aber ſeine Lippen blieben ſtumm. Aus der Couliſſe aber ſchritt jetzt ein königlicher Gens⸗ —— — 107— darmerie⸗Offizier hervor und mit aufgehobenem Arm, das Antlitz den Soldaten zugewandt, befahl er ihnen mit lauter Stimme:„Im Namen des Königs verhaftet den Schauſpieler Baron und führt ihn in die Baſtille.“ Die Soldaten näherten ſich Baron und ſtreckten die Hände nach ihm aus, als wollten ſie ihn er⸗ greifen. Baron aber, ſie mit flammenden Blicken und ſtolzer Würde anſtarrend, trat einen Schritt zurück und ſtreckte abwehrend den Arm gegen ſie aus. Dann wandte er ſich um, gebot mit einem Wink ſeiner Hand den Soldaten ihm zu folgen, ſchritt langſam und ſtolz, einem Herrſcher gleich, in die Couliſſen, und gleichſam als wären ſie ſein demüthiges Gefolge, ſchritten die Soldaten hinter ihm her. Das Publikum, das bis dahin vor Neugierde, Ueberraſchung und Staunen geſchwiegen hatte, ſchien jetzt wie aus einem Traum zu erwachen und begann laut zu applaudiren und Baron! Baron! zu rufen. Aber plötzlich mitten in ſeinem Geſchrei ver⸗ ſtummte es wieder, denn aus den Couliſſen trat ein anderer Theramen hervor, und mit lauter Stimme, ruhig und gelaſſen, als ſei nichts vorge⸗ fallen, begann er ſeine Rolle. Vor Erſtaunen, vor Neugierde wagte es Nie⸗ mand ihn zu unterbrechen. Aber ſo ſehr auch Hip⸗ polyte⸗Vauture ſich anſtrengte, den Beifall des — 108— Publikums zu gewinnen, ſo viel wirkliches und ſchönes Talent er auch entfaltete, das Publikum blieb ſtumm. Es beachtete ihn gar nicht, es hatte weder ein Zeichen des Beifalls oder des Mißfallens für ihn, es beſchäftigte ſich nicht mit den Anwe⸗ ſenden, ſondern mit den Abweſenden, es flüſterte untereinander:„Wird Clairon ſpielen? Wird auch ſie von Soldaten begleitet erſcheinen? Wird man auch ſie auf der Bühne verhaften?“ Jetzt ging die Scene zu Ende, Oenone ſtürzte auf die Bühne und verkündete das Nahen Phädra's. Hippolyte zog ſich zurück, und kaum war er mit Theramen in den Couliſſen verſchwunden, als Phädra⸗Clairon hervortrat. Ja, auch ihr folgten vier Soldaten und ſtellten ſich neben den Couliſſen auf, aber— ein Gemurmel des Beifalls, des Staunens durchlief das ganze Haus, denn Phädra blieb nicht. ſtumm, Phädra ſprach! Clairon hatte ihren Plan geändert, und als man Baron in die Baſtille abführte, hatte ſie ihm ins Ohr geflüſtert:„Ich werde eine furchtbare Rache nehmen für uns alle drei. Ich werde das Publikum, das nicht weiß, weshalb wir nicht ſpie⸗ len wollen, darüber aufklären. Ich werde ſpielen bis zu der entſcheidenden Scene!“ Demzufolge ſpielte jetzt Clairon. Mit aller Glut, aller Hoheit und Poeſie ihres Genies ſpielte ſie ihre große Scene mit Oenone, und nie hatte — — — 109— man dieſes berühmte:„C'est toi qui l'as nommé“ mit mehr Feuer, mehr Schmierz und Entzücken zu⸗ gleich von ihr gehört, als an dieſem Abend. Das Publikum, begeiſtert, hingeriſſen, jauchzte ſeinem Liebling ſeine ſtürmiſchen Beifallsgrüße zu, und als Phädra⸗Clairon am Ende ihrer großen Scene ſich zurückzog, als der Vorhang hinter ihr niederrollte, rief das entzückte Publikum ſo laut, ſo ſtürmiſch nach Clairon, bis ſie endlich erſchien, um die Grüße, die Kränze, die Bouquets und Gedichte, die von allen Seiten zu ihr niederrauſchten, zu empfangen. Unbemerkt und unbeachtet faſt gingen die erſten Scenen des zweiten Actes vorüber, man hatte kein Ohr für Hippolyte, und ſeine Liebesſcene mit Aricia erregte nicht die Theilnahme der Zuhörer. Man erwartete Clairon, nur ſie, man war ge⸗ ſpannt ſie in ihrer großen Scene mit Hippolyte zu ſehen. 4 Nun war der Moment gekommen, nun, auf den Arm Oenonens geſtützt, ſchwankte Phädra aus dem Hintergrunde daher, während die vier Soldaten wieder ihren Platz vor den Couliſſen eingenommen hatten. Jetzt ſtand Phädra dem Hippolyte gegenüber, jetzt wandte ſie ſich zu ihm hin. Aber mit welchem Ausdruck der Verachtung, mit welchem flammenden Zögnesblick durchbohrte ſie ſein Angeſicht. ſs ſtand ſie ſtumm, aber mit einer furchtbaren, zerſchmetternden Drohung in ihrem edlen königlichen Geſicht dem erbleichenden, ſchwankenden Hippolyte gegenüber, dann wandte ſie ſich mit einer hoheits⸗ vollen Bewegung den Soldaten zu. „Verhaftet mich,“ rief ſie mit lauter gebieteriſcher Stimme,„verhaftet mich und führt mich ins Ge⸗ fängniß! Beſſer iſt es, freiwillige Gefangenſchaft zu ertragen, als gezwungen ſein, die entehrende Nähe des Verbrechers zu erdulden!“ Außer ſich, mit einem Schrei der Wuth und des Entſetzens ſtürzte Hippolyte zu ihr hin, aber die Soldaten hielten ihn vor ihr zurück, ſie ſtellten ſich zwiſchen ihn und Clairon, die ruhig, ſtolz und erhaben mit langſamen Schritten über die Bühne dahin ſchritt, und einer gefangenen Königin gleich, gefolgt von ihren Trabanten, durch den großen Haupteingang ſich zurückzog. Hinter ihr her tobte und ſchrie das Publikum und rief mit ſtürmiſchem Ungeſtüm ihren Namen. Aber Clairon durfte ſeinem Rufen nicht folgen, die Soldaten ſtanden hinter ihr wie eine undurchdring⸗ liche Mauer und wehrten ihr die Rückkehr. Clairon aber ſchritt vorwärts, als ſei dies ihr eigener Wille, vorwärts nach der Thür hin, welche die Couliſſenwelt hinter der Bühne abſchloß. Aber jetzt nahte ſich ihr von der entgegengeſetzten Seite Lekain in ſeinem Coſtüm als Theſeus. Mit ruhiger edler Haltung näherte er ſich Clairon ſnd bot ihr den Arm. ——— — —!. —— . — 111— „Mein Herr,“ ſagte er lachend, ſich an den Offizier wendend, der mit feierlicher Amtsmiene neben Clairon einherſchritt,„mein Herr, Sie werden es dem König Theſeus nicht verargen, wenn er ſeine erhabene Gemahlin auf ihrem ſchweren Gange begleitet, die edle Königin Phädra iſt unſchuldig an dem ſchweren Verbrechen, das man ihr zur Laſt legt. Sie hat ſoeben vor dem ganzen Pub⸗ likum ihre Unſchuld und Tugend bewieſen, und man darf ſie hinfort nicht mehr einer verbrecheriſchen Liebe zu dem Stiefſohn zeihen. Sie hat es offen vor aller Welt gezeigt, daß ſie den Hippolyte nicht liebt, ſondern ihn verachtet und verabſcheut. Sie iſt alſo in meinen Augen nicht blos gerechtfertigt, ſondern ich bete ſie an wegen der Verachtung, die ſie meinem unwürdigen Sohn bewieſen. Kommen Sie, meine Königin und Gemahlin, ich begleite Sie. Wohin man Sie auch führen möge, ich bleibe bei meiner edlen, erhabenen Phädra.“ Der Offizier wagte es nicht, Lekain zurück⸗ zuſtoßen, und mußte es geſchehen laſſen, daß ſie Beide vor ihm her durch die Corridore hinab⸗ ſchritten, um ſich zu dem vor dem Thore harren⸗ den Wagen zu begeben, der ſie nach der Baſtille bringen ſollte. Eine halbe Stunde ſpäter ſaßen die drei Schick⸗ ſalsgenoſſen, Clairon, Baron und Lekain, in einem der eleganten ſogenannten Gaſtzimmer in der B⸗ ſtille fröhlich beiſammen. In dieſen„Gaſtzimmern: fanden diejenigen Aufnahme, deren Aufenthalt in der Baſtille nicht an ein beſtimmtes Zeitmaß ge⸗ knüpft, die nicht verurtheilt, ſondern nur erſt auge⸗ klagt waren, und die Geld genug beſaßen, um die hohe Miethe und die theuern Rechnungen für Speiſe und Trank, welche man in dieſem theuerſten aller Gaſthäuſer forderte, zu bezahlen. Clairon hatte für ſich das ſchönſte der Gaſtzimmer in Be⸗ ſitz genommen, ſie hatte bei dem Koch des Gou⸗ verneurs ein ausgeſuchtes Souper für drei Per⸗ ſonen beſtellt, und ihre beiden Freunde, die beide zuſammen ein Zimmer neben dem ihren bewohnten, zu ſich eingeladen, um mit ihr zu ſoupiren. Das Souper hatte nicht lange auf ſich warten laſſen, denn da die„Gaſtzimmer“ der Baſtille da⸗ mals ſehr häufig von Prinzen und vornehmen Herren bewohnt wurden, war der Koch des Gou⸗ verneurs immer auf dergleichen unvermuthete„sou⸗ pées fins“ eingerichtet und Clairon's Beſtellung hatte ihn daher nicht unvorbereitet gefunden. Die Speiſen waren vortrefflich, die Weine auserleſen und der feurige Champagner rief ſelbſt auf Clairon's bleiche Wangen einen flüchtigen Schimmer von Röthe. „Meine Freunde!“ rief Baron, indem er ſich die Hälfte eines mit Trüffeln geſpickten Faſans auf ſeinen Teller ſchob,„ich habe in meinem langen und thatenreichen Leben vielerlei Abenteuer erlebt, aber ich geſtehe, daß mir dies als das unvergleichlichſte — — 113—— und liebſte von allen erſcheint. Als Märtyrer der Kunſt ſind wir in die Baſtille eingegangen und fanden auf einmal, daß wir in ein Paradies ge⸗ kommen ſind, wo Einem die gebratenen Faſanen in den Mund fliegen, Champagnerquellen rieſeln und ſchäumen und goldene Orangenäpfel funkeln und duften, die man obendrein eſſen kann, ohne von der Muhme Schlange verführt zu ſein und ohne fürchten zu müſſen, von Gott Vater aus dieſem Paradieſe vertrieben zu werden.“ 8 „Im Gegentheile,“ ſagte Lekain lächelnd,„der Vater dieſes Paradieſes, der Herr Gouverneur der Baſtille, wird durchaus nicht geneigt ſein uns auszutreiben, ſelbſt wenn wir uns ihm als von der Schlange Verführte reuig zu Füßen werfen und um die Austreibung bitten wollten. Ich fürchte, wir werden noch lange genug hier bleiben und von dem Baume der Erkenntniß ſo lange naſchen können, um inne zu werden, daß wir uns durchaus nicht im Paradieſe, ſondern doch zuletzt im Gefängniß befinden. Unſer übermüthiger Directeur des Spec⸗ taeles, der liebe Graf d'Albert, war wüthend und er drohte mir alles Ernſtes, daß wir wenigſtens ein Jahr lang in der Baſtille bleiben werden!?“ „Und ich ſage, daß wir hier nicht Einen Tag, nicht Eine Nacht bleiben werden,“ rief Clairon mit einem ſtolzen Lächeln. „Wie denn, nicht Eine Nacht?“ fragte Baron verwundert,„Sie meinen doch nicht, göttliche Mademoiſelle Clairon. 8 — *— 114— Clairon, daß wir jetzt, da unſer Souper vollendet iſt, dieſen reizenden Salon verlaſſen werden, um unſerem liebenswürdigen Wirth, dem Gouverneur, für ſeine gaſtfreie Aufnahme zu danken, unſere Equipagen zu beſteigen und nach Hauſe zu fahren?“ „Ich meine es ungefähr ſo,“ ſagte Clairon, „wenn ich auch nicht behaupten will, daß wir jetzt ſogleich nach unſerem Souper uns von hier fort⸗ begeben können, aber wir werden nicht die Nacht hier zubringen. Da ſchlägt die Pendule auf dem Kamin eben zehn Uhr! Nun, ich behaupte, wir werden noch vor Mitternacht frei ſein und im Triumph von hinnen gehen.“ „Ach, das wäre herrlich,“ ſeufzte Lekain,„denn ich geſtehe meine Schwäche, die Gefängnißluft macht mich melancholiſch, ſie riecht mir nach Verzweiflung, Wahnſinn und Verweſung. Dieſe Wände, ſo ele⸗ gant ſie ſind, tragen für mich unheimliche Schrift⸗ züge und erzählen mir traurige Verzweiflungs⸗ geſchichten der früheren Bewohner dieſer Räume. Wer weiß, ob nicht der Mann mit der eiſernen Maske, deſſen furchtbare Geſchichte Voltaire kürz⸗ lich veröffentlicht hat, in dieſem Salon gewohnt hat, ob—“ „Um Gottes willen, Unglücklicher, verderben Sie uns nicht mit Ihren melancholiſchen Betrach⸗ tungen die wichtige Verdauungsſtunde nach dem ſeine Hand ungeſtüm auf Souper,“ ſchrie Baron, — 115— Q Lekain's Arm legend.„Aber ſagen Sie, erhabene Clairon, glauben Sie wirklich, daß wir heute noch von hier erlöſt werden?“ „Ich bin überzeugt davon. Unſere Feinde haben uns in die Baſtille gebracht, unſere Freunde werden uns aus derſelben erlöſen.“ „Ach, von meinen Freunden hoffe ich nicht viel,“ ſeufzte Lekain,„denn ſie ſind nicht mächtig genug, um den Zorn des Polizeiminiſters zu ent⸗ waffnen, und dieſer iſt es ja, den wir beleidigt haben, indem wir uns weigerten, eine ſeiner Crea⸗ turen als unſern Kunſtgenoſſen anzuerkennen.“ „Und was meine Freunde anbelangt,“ ſagte Baron,„ſo weiß ich keine, auf deren Treue und Beſtändigkeit ich rechnen könnte, außer meinen Gläubigern. Dieſe aber werden es ganz zufrieden ſein, wenn ich eine Zeit lang hier bleiben muß und dadurch verhindert werde, weitere Schulden zu machen.“ „Aber ich habe Freunde, welche mächtig und treu ſind,“ rief Clairon ſtolz,„Freunde, welche es als eine Schmach Frankreichs betrachten werden, daß wir, die Heroen der Kunſt, daß in uns die Kunſt ſelber beleidigt und angegriffen wurde, und die daher all ihren Einfluß anfbieten werden, um uns noch heute aus dieſer unwürdigen Situation zu befreien. Ich wiederhole es Euch, ich bin über⸗ zeugt, daß wir keine Nacht in dieſem Hauſe des Jammers und der Qual⸗ ſchlafen werden. Laßt 8½ 8 uns alſo bis Mitternacht wenigſtens zuſammen⸗ bleiben und ruhig und gelaſſen die Dinge, die da kommen werden, abwarten.“ „Ja, bleiben wir beiſammen,“ ſagte Baron in ſeiner lebhaften, raſchen Weiſe.„Und da wir ein⸗ mal, was ſo ſelten geſchieht, mit Clairon, unſerer angebeteten Clairon, allein ſind, ſo möchte ich thun, was ich mir ſchon ſo lange erſehnt habe, ſo möchte ich eine Bitte zu Clairon's Füßen nieder⸗ le 3 Lenluch ich will dieſe glücklichen Stunden benützen,“ rief Lekain,„auch ich will mir erlauben, eine Frage zu den Füßen unſerer Muſe niederzulegen.“ „Ah, Verräther,“ ſagte Baron,„Sie wollen es mir gleich thun, aber Sie ſollen mir wenigſtens nicht zuvorkommen. Ich war es, der zuerſt ſprach, Clairon wird gerecht ſein und meine Bitte zuerſt berückſichtigen.“. „Zuerſt will ich Eure Bitte und dann Eure Frage hören“ ſagte Clairon. Sprechen Sie alſo, Baron, was wollen Sie von mir erbitten?“ „Erbitten, erflehen will ich von Clairon, mir die Geſchichte des unglücklichen Grafen St. Andeme zu erzählen, von der man mir ſo viel geſagt hat, und die ich nur glauben werde, wenn Sie ſelber mir die Wahrheit derſelben beſtätigen.“ Clairon war leiſe zuſammengeſchreckt und ihre Wangen hatten ſich leicht geröthet, aber ſie wandte — 117— 9 ſich dennoch mit anſcheinender Gelaſſenheit an Lekain. „Und Sie, Freund,“ ſagte ſie,„was wollten Sie mich fragen?“ „Parbleu!“ rief Lekain lächelnd,„ich wollte Sie fragen, Schönſte der Schönen, ob die fabelhafte Spukgeſchichte, die man ſich vom Grafen St. An⸗ deme erzählt, wirklich auf einer Wahrheit beruht, ob wirklich ſein Geiſt Sie immer noch verfolgt, ob der Piſtolenſchuß—“— „Still,“ rief Clairon angſtvoll und faſt ent⸗ ſetzt,„ſtill, wecken Sie ihn nicht, zweifeln Sie nicht, ſonſt werden wir ihn bald zu unſerem Entſetzen hier vernehmen, und er wird Ihnen beweiſen, daß die unſelige Geſchichte wirklich Wahrheit enthält. Die Stunde naht, der Dämon, der mich ſeit zwanzig Jahren verfolgt, hat mich ohne Zweifel auch ſchon hier entdeckt und wird mir, wenn Ihr zweifelt, ſeine Gegenwart kund thun.“ „Mein Gott, es iſt alſo wirklich wahr,“ fragte Baron erſchrocken.„Dieſe Spukgeſchichte, von welcher ganz Paris ſeit Jahren fabelt—“ „Sir iſt wahr,“ ſeufzte Clairon ſchmerzlich,„Ihr wißt, ich bin eine Freundin Voltaire's un Ihr dürft deshalb glauben, daß ich nicht zu den Myſtiken Leichtgläubigen gehöre, welche ſich von ihrer verleiten laſſen, an Wunderdinge und 1 lbernatürliche Erſcheinungen zu glauben, und dennoch ſage ich Euch, dieſe unſelige Geſchichte iſt wahr. Ihr habt drrh 9 118 Eure Frage und Bitte ohne Zweifel den ſchlum⸗ mernden Dämon geweckt, der mich ſeit zwanzig Jahren verfolgt, der, wenn er Jahre lang ge⸗ ſchwiegen, mich plötzlich wieder durch ſeine fürchter⸗ liche Nähe erſchreckt. Er wird, ich zweifle nicht daran, auch heute ſich vernehmen laſſen, und es iſt umſonſt, durch Schweigen und Verleugnen ihm aus⸗ zuweichen. Ich darf Euch alſo die Wahrheit ge⸗ ſtehen, ich will Euch die unglückſelige Geſchichte, die Baron erbeten hat, erzählen, ich will die Frage beantworten, die Lekain an mich gerichtet hat! Man hat Euch ohne Zweifel erzählt, daß der Graf St. Andeme ſein Leben durch einen Piſtolenſchuß endete, und daß er in einem vor ſeinem Tode an mich gerichteten Brief mir feierlich geſchworen, mich auch nach ſeinem Tode zu verfolgen, mir keine Ruhe zu laſſen und ſich zu rächen dafür, daß ich ſeine Liebe verſchmähte und nicht ſeine Gemahlin werden wollte!“ „Ja, man hat mir das viel und oft erzählt,“ ſagte Lekain,„und Jedermann bewunderte Clairon's Stolz und Ehrlichkeit, einen Mann zu verſchmähen, der ihr einen ſtolzen Namen und ein glänzendes Vermög⸗ u Füßen legte, ihn zu verſchmähen, weil ſie icht liebte.“ 45 „Iſt d es, was Sie Beide wiſſen?“ fragte Clairon. „Nein,“ ſagte Baron,„ich weiß noch mehr. Ich weiß, daß in demſelben Moment, in welchem — 119— der Graf durch einen Piſtolenſchuß ſeinem Leben ein Ende machte, dieſer ſelbe Piſtolenſchuß in Ihrem Salon ertönte, mitten zwiſchen Ihnen und einem Lord Spencer, der gerade neben Ihnen ſtand, hin⸗ durchfuhr und faſt Sie Beide getödtet hätte.“ „Auch das iſt wahr,“ ſeufzte Clairon.„Es war ein furchtbarer Moment! Der arme kleine Lord hat ſeitdem ein wahres Grauen vor meiner Nähe ge⸗ habt, er wollte meinen Salon nie wieder betreten, und verließ Paris, um der Verſuchung, ſich den⸗ noch von ſeiner Liebe zu mir verleiten zu laſſen, zu entgehen. Das war gleich das erſte Mißgeſchick, welches die Rache des todten Grafen mir bereitete. Aber nein, er iſt nicht todt, der Graf St. Andeme, er lebt, er verfolgt mich mit ſeiner unſichtbaren Nähe, mit ſeiner fürchterlichen Eiferſucht, er beunruhigt ſeit zwanzig Jahren mein Leben und beobachtet alle meine Schritte. Es hilft nichts, daß ich oft, wenn die unſelige Stunde nahte, auf meine Knie niedergeſunken bin und mit Thränen, mit Schluchzen zu ihm gefleht habe, ſich endlich verſöhnen zu laſſen, endlich zu verzeihen und Mitleid zu haben mit meiner Reue. Als ich das zum aſen eane that, ließ er ſich vernehmen in einem ſo furchtbaren, dämoniſchen Gelächter, daß ich vor Entſetzen in Ohnmacht fiel, daß die Freundin, welche ſi neben mir befand, voll Grauen entfloh und für immer meiner Freundſchaft entſagte. Aber in der Angſt meines eigenen Grauens wiederholte ich dennoch zu —-— 120— andern Zeiten mein demüthiges Flehen, und zu⸗ weilen machte es Eindruck auf den ruheloſen Geiſt, der mich verfolgt. Er verſtummte oft auf Wochen, auf Monate, aber plötzlich eines Tages, wenn ich ſeiner faſt gänzlich vergeſſen hatte, ließ er mich wieder ſeine furchtbare Gegenwart empfinden und mahnte mich wieder an den grauſamen Schwur, mit dem er geſtorben, mir niemals zu verzeihen, mich ewig zu verfolgen.“ „Und er läßt ſich immer noch als Piſtolenſchuß vernehmen?“ fragte Lekain mit leiſer, gedämpfter Stimme, als fürchte er, daß der Geiſt des Geſtor⸗ benen ihn hören möchte. „Nein,“ erwiderte Claivon,„er nimmt ver⸗ ſchiedene Formen und Laute an, und nur die erſten Jahre verfolgte er mich mit dem fuürchterlichen Piſtolenſchuß, der meine Nerven ſo zerrüttete, daß ich, ſobald die unſelige Stunde nahte, immer in ein convulſiviſches Zittern gerieth und es gern ge⸗ macht hätte, wie die furchtſamen Leute im Theater, welche das Haus verlaſſen, wenn ſie wiſſen, daß in der Scene ein Schuß fällt. Ach, ich konnte dieſem Schuſſe nicht entlaufen, denn wohin ich ging, mein Peiniger verfolgte mich überall, wie ſehr ich mich auch verbergen mochte, er entdeckte mich doch! Immer durch daſſelbe Fenſter fuhr er herein, wenn ich mich in meinem Hauſe befand, die ganze Nachbarſchaft hörte den Knall, ſah das auſblitzende Fener, aber nirgends konnte man die — 121— Spur irgend eines Menſchen entdecken, der den Schuß hätte abfeuern können, und die Fenſterſcheibe, durch welche der Schuß ſiel, war niemals verletzt. — Eines Abends indeß wollte ich den Verſuch machen, dem furchtbaren Schuſſe zu entgehen, in⸗ dem ich um die gefährliche Stunde mich in keinem Hauſe, weder in dem meinen, noch in dem irgend eines meiner Freunde befände. Madame Dumesnil hatte mich eingeladen, mit einigen Freunden bei ihr zu ſoupiren. Ich nahm die Einladung an und ließ ihr ſagen, ich würde nach dem Theater, bald nach elf Uhr bei ihr ſein. Ich hatte an jenem Abend Semiramis geſpielt, und nachdem ich nach⸗ her raſch meine Toilette geändert, ließ ich meinen Wagen vorfahren und ſtieg, begleitet von meiner Kammerfrau, ein. Es fehlten nur noch zehn Mi⸗ nuten an elf Uhr, und da es eine weite Entfer⸗ nung bis zum Hauſe der guten Dumesnil war, konnte ich ſicher ſein, um die gefürchtete Stunde noch nicht dort angelangt zu ſein. Zudem hatte ich meinem Kutſcher befohlen, langſam zu fahren. Es war eine wunderſchöne Mondſcheinnacht, und ſo hell war es, daß ich, wie wir jetzt über die Boulevards fuhren, die Inſchriften über den Laden⸗ fenſtern gunz deutlich erkennen konnte. Eben fuhren wir an dem Hauſe vorüber, in welchem der Graf St. Andeme geſtorben war, ich ſchaute empor zu den Fen⸗ ſtern ſeines damaligen Zimmers und zeigte ſie meiner Kammerfran. In demſelben Moment ſah — 122— ich an dem Fenſter das Aufblitzen von Feuer, ein furchtbarer Knall rollte daher, ein Schuß fuhr durch meinen Wagen hindurch mit ſo furchtbarer Gewalt, daß wir Beide ohnmächtig zuſammenfanken! Der Kutſcher, in der Meinung, es ſeien Räuber, die uns angefallen, jagte in raſender Eile von dannen und hielt in wenigen Minuten ſchon vor der Wohnung der Dumesnil. Man hob mich be⸗ ſinnungslos aus dem Wagen, und erſt nach Stun⸗ den erwachte ich, um meinen Freunden das furcht⸗ bare Ereigniß zu erzählen. Jedermann glaubte, es ſeien in der That Räuber geweſen, welche einen Raubanfall verſucht hatten— aber mein Wagen zeigte auch nicht eine Spur jenes Schuſſes, der mitten durch denſelben hindurchgegangen wäre, und das Fenſter, an welchem ich das Aufblitzen des Schuſſes geſehen, war unverſehrt, Niemand hatte ſich in dem Zimmer befunden, es war ſeit Jahren verſchloſſen, da Niemand ſeit jenem unglück⸗ lichen Selbſtmord des Grafen den Muth gehabt, daſſelbe zu bewohnen.— Von dieſem Tage an kam der Schuß indeß nicht vegelmäßig jeden Abend mehr, und nach einigen Monaten verſtummte er ganz.“ „Und ſeitdem ſind Sie von Ihrem Peiniger befreit?“ fragte Baron haſtig. „Befreit?“ ſeufzte Clairon.„Ich fürchte, er wird ſeinen Schwur halten und mich verfolgen, ſo lange ich lebe. Nur der Piſtolenſchuß iſt ſeitdem — 123—1 verſchwunden. Statt deſſen ertönte ſeit jener Nacht um die verhängnißvolle Stunde in dem Zimmer, in welchem ich mich gerade befand, ein Schrei, ein lang nachhallender herzzerreißender Schrei, der wie der letzte furchtbare Schmerzensſchrei eines Ster⸗ benden, wie das Klagelied gemarteter Geiſter das Herz jedes Hörers mit Entſetzen und Grauen er⸗ füllt. Jedermann in meinem Hauſe, ja ſogar auf der Straße und in den gegenüber liegenden Häuſern hat Jahre lang allnächtlich dieſen Schrei gehört, die Polizei ſtellte Wachen aus, um den Uebelthäter zu erſpähen, der ſo hartnäckig die nächtliche Ruhe zu ſtören wagt. Aber alle Nachforſchungen waren 3 vergeblich, der Schrei fuhr wie ein kalter Blitz⸗ ſtrahl aus der Luft hernieder, unſichtbare Geiſter⸗ lippen, über welche die Polizei keine Gewalt hat, ſtießen ihn aus. Und der Schrei wie der Piſtolen⸗ ſchuß verfolgten mich überall hin, ich konnte den Geiſterſchwingen der unſterblichen Rache niemals entfliehen. Eines Tages war ich mit Madame Grandval nach Verſailles gefahren, um dort mit ihr der Aufführung eines neuen Schauſpiels beizu⸗ wohnen. Nach demſelben begaben wir uns in das Gaſthaus, wo wir nach langem Bitten von dem Wirthe wenigſtens noch eine Kammer mit drei Betten erhielten, während ſämmtliche Gemächer ſchon von Prinzen und Grafen in Beſchlag ge⸗ nommen worden waren. Es war eine entſetzliche Nacht, draußen heulte und tobte der Sturm und 124— ſchlug den Regen praſſelnd gegen die kleinen Fen⸗ ſterſcheiben unſerer Kammer. Madame Grandval hatte ſich ſchon in das Bett gelegt, ich war eben im Begriff daſſelbe zu thun und fragte meine Kammerfrau, die mir beim Auskleiden behülflich war, wie viel Uhr es ſei.“ «Es iſt in zwei Minnten elf Uhr,» ſagte ſie, «die verhängnißvolle Stunde naht, Madame. Aber wir ſind hier in Verſailles und in einer elenden Dachkammer, in welcher Niemand die große Made⸗ moiſelle Clairon ſuchen würde. Das Wetter iſt abſcheulich und der Sturm iſt fürchterlich. Es ſoll dem Schrei daher wohl ſchwer werden, Sie hier zu finden.) In demſelben Augenblicke ließ ſich der Schrei furchtbarer, kreiſchender und durchdringender denn jemals vernehmen und erfüllte Madame Grandval mit ſolchem Entſetzen, daß ſie aus dem Bette ſprang, und nicht achtend ihres leichten Nachtgewandes auf den Corridor hinausſtürzte und nach Hülfe ſchrie. Das ganze Haus hatte den Schrei gehört und Jedermann eilte herbei, um der furchtbaren Er⸗ ſcheinung nachzuforſchen und zu ſehen, ob dem Un⸗ glücklichen, deſſen Todesſchrei man vernommen, noch Hülfe zu leiſten ſei.— Einige Tage ſpäter ver⸗ ſtummte jener Schrei und ſtatt deſſen vernahm ich Jahre lang unter meinem Fenſter ein langaus⸗ tönendes mächtiges Beifallsklatſchen.“ „Parbleu! der ſchlimme Geſelle fängt alſo an ſich zu civiliſiren,“ rief Lekain lächelnd.„Das Applaudiren iſt niemals eine Schreckensmuſik und kann Ihre Ohren, ſo ſehr Sie daran gewöhnt ſind, doch niemals verletzen. Sie haben ohne Zweifel durch Ihr göttliches Spiel den böſen Dämon be⸗ ſiegt und ſein Applaudiren ſoll Ihnen anzeigen, daß er Ihnen nicht allein vergeben hat, ſondern daß er ſich Ihres Genies freut. Ich wünſche Ihnen, ſüße Clairon, daß Sie Ihr ganzes Leben lang dieſe göttliche Muſik des Applaudiſſements als Serenade unter Ihrem Fenſter hören.“ „Dieſer Wunſch kommt zu ſpät, mein Freund,“ ſagte Clairon achſelzuckend.„Seit einigen Jahren applaudirt mein Dämon nicht mehr, ſondern er ſingt. Er läßt mich eine ſo ſanfte, rührende, klagende und liebliche Muſik vernehmen, daß mein Herz in Sehnſucht und Wehmuth zittert, daß ſich meine Augen mit Thränen füllen und eine unaus⸗ ſprechliche ſchmachtende Trauer mein ganzes Weſen überfluthet.*)— Aber ſtüll, die Uhr ſchlägt elf und jetzt, o Gott, hören Sie nichts?“ „Ja, wir hören,“ flüſterten die beiden Männer, *) Goethe hat dieſe ſeltſame Begebenheit aus dem Leben der Clairon in den„Erzählungen deutſcher Aus⸗ gewanderter“ benützt. Einige Stellen derſelben ſtimmen Wort für Wort überein mit dem, was Lady Craven, die Markgräfin von Anspach, darüber berichtete. Siehe Memoirs of the Marggravine I. 162. — 126— deren Wangen erbleichten, auf deren Stirn große Schweißtropfen perlten. In der That, ein leiſes Tönen und Klingen rauſchte auf einmal durch den Saal hin, die Luft ſchien wie von Harfenklängen durchzittert, immer mächtigere vollere Accorde erklangen, die ausath⸗ menden ſehnſuchtsvollen Töne eines Waldhorns miſchten ſich darein und— Auf einmal ward dieſe wunderbare Muſik von den rauhen Tönen der Wirklichkeit unterbrochen, man hörte das Nahen eiliger Schritte, es ward laut und ungeſtüm an die Thür geklopft. Baron und Lekain fuhren wie aus einem Traume von ihren Sitzen empor, Clairon erhob ſich ſtolz aus ihrem Fauteuil und rief ein gebieteriſches „Herein!“ Die Thür öffnete ſich und der Markgraf von Anspach trat ein, während der Gouverneur der Baſtille ehrfurchtsvoll an der geöffneten Thür ſtohen blieb. Mit einem ſtolzen, triumphirenden Ausdruck ſchritt der Markgraf gerade zu Clairon hin, die ihm ſtrahlenden Auges entgegenſchaute. „Sie ſehen, ich halte Wort,“ ſagte er,„ich be⸗ weiſe Ihnen, daß Sie nicht nur Feinde, ſondern auch treue, zuverläßliche Freunde haben. Sie ſind freit 1 mnig Ludwig ſelbſt hat durch ſeinen Macht⸗ ſpruch Sie erlöſt. Auch Sie meine Herren,“ fuhr er fort, ſich mit einer Lnäpigen Kopfbewegung an die beiden Künſtler wendend,„auch Sie ſind frei. — 127— Ich habe dem Gouverneur ſchon Ihre beiden Ent⸗ laſſungsſcheine übergeben, und vor der Thür er⸗ wartet Sie ein Wagen, um Sie in Ihre Wohnung zu fahren.“ „Ach,“ rief Baron,„wie ſollen wir Ew. könig⸗ lichen Hoheit danken für dieſe Gnade, wie—“ „Danken Sie Beide mir dadurch, daß Sie ſo⸗ gleich ſich entfernen,“ ſagte der Markgraf gütig lächelnd.„Danken Sie mir dadurch, daß Sie ſich bewähren als die großen Künſtler, welche Sie immer ſind. Leben Sie wohl, meine Herren! Auf Wiederſehen!“ Baron und Lekain, wohl erkennend, daß der Markgraf wünſchte mit Clairon allein zu ſein, be⸗ eilten ſich dieſem Wunſch zu genügen und verließen, gefolgt von dem Gouverneur, den Salon. „Nun, Clairon,“ fragte der Markgraf, als ſie allein waren,„haben Sie jetzt die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie nicht einſam und allein ſtehen, daß Sie einen treuen Freund beſitzen, der über Sie wacht und Sie behütet?“ Clairon reichte ihm mit einem ſtrahlenden Ge⸗ ſicht ihre beiden Hände dar.„Die Freundſchaft eines großen Mannes iſt ein Geſchenk der Götter,“ rief ſie emphatiſch.„Ja, Racine hat rocht, ein Gnadengeſchenk der Götter iſt eine ſol reund⸗ ſchaft, und aus dem tieſſten Grunde er Seele danke ich Ihnen, daß Sie mich dieſe Wahrheit — 128— haben erkennen gelehrt. O, mein Fürſt, in dieſem Moment des Glückes ſoll mein Herz unverſchleiert vor Ihnen liegen und ſein innerſtes Geheimniß Ihnen aufdecken. Mein Geheimniß aber iſt: ich hoffte auf Sie, mein Fürſt, ich erwartete Sie ganz beſtimmt als meinen rettenden Engel hier ein⸗ treten zu ſehen. Hätte dieſe Erwartung mich ge⸗ täuſcht, ſo würde ich geſtorben ſein vor Gram und Verzweiflung. Das, mein theurer angebeteter Fürſt,“ fuhr Clairon leiſe und hocherröthend fort,„das iſt Alles, was ich Ihnen zu ſagen habe!“ „Es iſt genug, um mich zu dem glückſeligſten aller Menſchen zu machen,“ rief der Markgraf, Clairon's Hände an ſeine Lippen drückend.„Und jetzt, Clairon, kommen Sie, mein Wagen erwartet uns.“) „Wohin ſoll er mich führen?“ fragte Clairon. „Vorläufig in Ihr Höotel,“ erwiderte der Mark⸗ graf lächelnd.. „Aber bevor ich dahin gehe, müſſen Ew. Hoheit mir erlauben, eine Frage an Sie zu richten!“ „Fragen Sie, Clairon.“ „Hat der König mich unbedingt begnadigt? Hat er keine Bedingungen an meine Freilaſſung geknüpft?“ morgen Abend als Phädra aufzutreten, während „Danh, Clairon, der König hat Sie begnadigt giest Sie frei, indem er Ihnen aber befiehlt, — 129— der Monſieur Vauture die Rolle des Hippolyte ſpielt.“ „Ich kann dieſem Befehle nicht genügen,“ rief Clairon leidenſchaftlich.„Ich habe geſchworen, das Theatre francais nicht wieder zu betreten, wenn dieſer Vauture, deſſen Gegenwart die Kunſt und die Künſtler entehrt, nicht ſofort entlaſſen wird. Man behält ihn, und alſo kann ich nicht bleiben. Ich muß entweder ewig hier als Gefangene in der Baſtille verharren, oder ich muß der Bühne für immer entſagen!“ „Das ſollen Sie auch,“ ſagte der Markgraf mit einem zärtlichen Lächeln,„ja, Sie ſollen der Bühne entſagen. Man hat es gewagt, die große Künſtlerin Clairon zu demüthigen, Clairon rächt ſich, indem ſie denen, die ihrer unwürdig ſind auf immer den Rücken wendet. Clairon, ich verlaſſe morgen früh Paris, um in mein Land zurückzukehren. Werden Sie einwilligen, als meine angebetete Freundin, meine hochgeehrte Schweſter in meinem Schloſſe zu wohnen? Werden Sie einwilligen, durch Ihre holde Nähe die düſtere Langeweile aus meiner Nähe zu verjagen, werden Sie die Sorge der Arbeit mir erleichtern, indem Sie dieſelbe mit mir theilen? Clairon, Freundin, Schweſter, werden Sie mit mir vereint Paris verlaſſen?"“ Sie ſchaute mit einem langen prüfenden Blick in das ernſte erregte Antlitz des Markgrafen, dann Mademoiſelle Clairon. 9 — 130— legte ſie langſam ihre Rechte in ſeine dargebotene Hand. „Ich willige ein,“ ſagte ſie ernſt und feierlich. „Ja, ich verlaſſe mit Ihnen Paris, um als Ihre Freundin, Ihre Schweſter bei Ihnen zu bleiben.“ — von den Trauergewändern, die in langer Schleppe Dritter Tag. I. Am Morgen. Das dumpfe Glockengeläute, das ſeit vier Ta⸗ gen von dem Thurm des Schloſſes zu Anspach erſchallte, war jetzt endlich verſtummt, die Fackeln, unt denen man die Leiche der Fürſtin in die Fa⸗ miliengruft hinuntergeſenkt, waren ausgelöſcht, die markgräflichen hohen Beamten, welche der düſtern Feierlichkeit beigewohnt, hatten das Schloß wieder verlaſſen, der Markgraf hatte ſich in ſeine Gemächer zurückgezogen, und auch Clairon, welche die Leiche bis in die Gruft geleitet, kehrte jetzt langſam und feierlich in ihre Appartements zurück. Mit ernſten ſchwermüthigen Mienen, umwall hinter ihr her rauſchten, wandelte ſie durch die Corridore und durch die weiten öden Säle dahin, gefolgt von ihrer Kammerfrau und dem Haushof⸗ meiſter des Fürſten. An der Thür angelangt, die zu ihren Privatgemächern führte, blieb Clairon 9* — 132— ſtehen und wandte ſich mit einer halben Kopfbe⸗ wegung zu dem Haushofmeiſter um. „Sie haben einen Auftrag an mich auszu⸗ richten?“ fragte ſie kalt und ſtolz. „Zu Befehl, Ew. Gnaden,“ erwiderte der Haus⸗ hofmeiſter, ſich tief verneigend.„Se. königliche Hoheit, der Herr Markgraf wünſchen heute den ganzen Tag in tiefſter Stille und Einſamkeit zu verbringen und durch Nichts in ſeinen Betrach⸗ tungen und ſeiner Trauer geſtört zu werden. Ich ſoll daher von Ew. Gnaden mir Befehl einholen, um welche Stunde Sie geruhen wollen, in Ihren Appartements das Diner einzunehmen.“ „Beſtellen Sie es um die gewöhnliche Stunde,“ ſagte Clairon vollkommen ruhig,„um vier Uhr!“ Sie nickte dem Haushofmeiſter einen gnädigen Gruß zu und trat dann in die Thür ihres Vor⸗ ſaals ein. Der Valet de chambre ſtürzte herbei, um den langen Trauermantel, den Clairon nach⸗ läſſig von ihren Schultern zur Erde niedergleiten ließ, aufzuheben, der Lakai in der goldbetreßten Livrée eilte, die Thür zu dem Wohnzimmer auf⸗ Aureißen und dann ſich demüthig neben dieſer offenen Thür aufzuſtellen, der Befehle harrend, die ſeine Herrin vielleicht noch an ihn richten möchte. Aber Clairon rauſchte ſtolz und ſchweigend an ihm vorüber, nur zu der Kammerfrau, die ihr in vas Wohnzimmer nachfolgen woltte, wandte ſie langſam das Haupt ein wenig herum.„Ich will allein ſein,“ ſagte ſie ſtreng,„Niemand ſoll mich ſtören. Bleiben Sie im Toilettenzimmer, Ma⸗ dame, ich werde klingeln, wenn ich Ihrer bedarf.“ Die Kammerfrau trat, ſich verneigend, in den Vorſaal zurück, der Lakai ſchloß die Thür, und Clairon war nun endlich allein. Einen langen, forſchenden Blick warf ſie in dem weiten Gemach umher, um ſich zu vergewiſſern, daß wirklich Nie⸗ mand da ſei, der ſie belauſchen könne; dann trat ſie raſch zu dem großen Spiegel hin und ſchaute ſich an mit einem langen prüfenden Blick. „Frau Markgräfin von Anspach,“ ſagte ſie ſich tief vor ihrem eigenen Bilde verneigend,„Frau Markgräfin von Anspach, ich bringe Ihnen meine Huldigung dar. La Marggravine est morte, vive la Marggravine! Das Ziel iſt erreicht, nach ſieb⸗ zehn Jahren des Harrens, der Geduld, des Schmei⸗ chelns und der Intrignen— endlich erreicht! Die Markgräfin iſt todt und ich werde ihre Nachfol⸗ gerin ſein!“ Sie trat von dem Spiegel zurück und ging mit großen ſtolzen Schritten auf und ab.„ZJa, ſagte ſie leiſe vor ſich hin,„ja, ich werde ihre Nach⸗ folgerin ſein. Der Markgraf liebt mich und fürchtet mich zugleich, er wird es nicht wagen, mich um irgend einer andern Frau willen aufzugeben. Ich habe ihm ſiebzehn Jahre meines Lebens geopfert, er wird, er muß mich jetzt belohnen für meine Treue, meine Liebe und Hingabe. Es waren ſiebe — 134— zehn Jahre voll Langeweile, Eintönigkeit und klein⸗ licher Intriguen, die ich hier in dieſem düſtern Schloß unter dieſen langweiligen Menſchen verbracht habe. Zuweilen hatte ich ein Gefühl, als könnte ich es nicht länger ertragen, als müſſe ich dieſem langweiligen Deutſchland für immer entfliehen. Aber ich hatte mein Ziel vor Augen, ich ſchaute auf die mehr und mehr hinſiechende Markgräfin, ich ſah auf ihrem kranken Haupte meine Fürſtenkrone empor⸗ wachſen und ich blieb! Nun ſteh ich am Ziele, das kranke Haupt der Fürſtin iſt endlich in die Gruft gefallen und meine Krone iſt vollendet.“ „Ja, Clairon,“ fuhr ſie fort, indem ſie haſtig wieder zu dem Spiegel hinſchritt,„ja, Clairon, deine Fürſtenkrone iſt vollendet, und noch heute ſchmückt ſie dein würdiges Haupt!“ Sie ſchaute ſich lächelnd an, aber allmählich er⸗ blaßte dies Lächeln und ein Schatten flog über ihre Züge hin. „Dieſe ſiebzehn Jahre ſind auf meinem Ant⸗ litz verzeichnet,“ flüſterte ſie,„es hilft nichts mehr es abzuleugnen: Clairon iſt alt geworden! Dieſes furchtbare unerbittliche Geſpenſt, das Alter, hat eine Maske über mein ſchönes Antlitz gelegt, und wäh⸗ rend mein Herz noch ſchlägt mit der Kraft und Glut eines Mädchens von ſechszehn Jahren, be⸗ ſchuldigt mich meine Maske, daß ich mehr als funfzig Jahre alt ſei. O, Clairon, Clairon, durfte das Alter ſich auch an deine Künſtlergeſtalt heran- — 135— wagen, mußte auch deine edle klare Stirn ſich vor ihm beugen, damit das Ungethüm die Zahl deiner Jahre auf derſelben verzeichne? Hinweg, hinweg,“ rief ſie gebieteriſch, indem ſie mit der flachen Hand ſich über die Stirn hinſtrich,„hinweg ihr Runzeln, ihr Jahreszahlen, eine Krone ſoll ſich über dieſer Stirn wölben, was trübt ihr alſo ihren reinen Glanz?“ Aber ach, die Runzeln wichen nicht dem Macht⸗ gebot der großen Künſtlerin, ſie blieben und hockten Geſpenſtern gleich auf ihrer Stirn. Clairon ſah es und trat ſeufzend wieder von dem Spiegel zurück, um wieder mit ungeſtümen Schritten auf und ab zu gehen. Plötzlich, mitten im haſtigen Wandeln, blieb ſie vor dem großen Marmortiſch in der Mitte des Salons ſtehen. Ihr flüchtig umherſchweifendes Auge hatte da einen Brief entdeckt, einen Brief, welcher wahrſcheinlich mit dem Courier gekommen, der heute Morgen aus Paris angelangt war, und der für ſie, während ſie noch in der Fürſtengruft geweſen, war übergeben worden. Mitt einer haſtigen Bewegung hob ſie den Brief empor. Ja, ſie hatte ſich nicht geirrt, es war ein Brief aus Paris, und er kam von ihrem Banquier, der in Paris ihr Vermögen verwaltetee. Ein unbeſtimmter Schrecken fuhr durch Clairon's Herz, als ſie ihn erbrach, denn nicht ein Mal in die⸗ ſen ſiebzehn Jahren hatte Monſieur Levy an ſie — 136— geſchrieben, außer regelmäßig alle Vierteljahre, wenn er ihr die Zinſen ihres Vermögens ſandte. Aber es fehlten noch vier Wochen bis zum Ende des Quartals,— was konnte Monſieur Levy ihr alſo außer der Zeit zu ſchreiben haben? Ihre Hände zitterten, als ſie das Siegel er⸗ brach und den Brief auseinander ſchlug. Dann, als ſie ihn las, zuckte ſie zuſammen wie in jähem Schreck, und ein Schrei des Entſetzens drang von ihren Lippen. „Ruinirt, ich bin ruinirt,“ ſtöhnte ſie,„faſt mein ganzes Vermögen iſt dahin. Mein Gott, ich glaubte meine Kapitalien ſo ſicher angelegt, und jetzt machen die vier größten Banquierhäuſer in Paris bankerott! Und Clairon iſt eine Bettlerin, wenn ſie nicht heute eine Fürſtin wird!“ Sie überlas den unſeligen Brief noch einmal und ſeufzte tief auf.„Eine halbe Million Francs, die Erſparniſſe meines ganzen Künſtlerlebens ſind verloren,“ ſtöhnte ſie,„nichts iſt mir geblieben als die funfzigtauſend Francs, die ich hier von den Erſparniſſen meiner Zinſen erübrigt und dem Mark⸗ grafen geliehen habe. Funfzigtauſend Francs, das iſt mein ganzes Vermögen! O Gott, Gott— aber ſtill,“ unterbrach ſie ſich ſelber,„keine Thräne, kein nutzloſes Jammern! Was ſchadet es, daß Clairon arm iſt, da ſie ſich doch zu einer Markgräfin ver⸗ klären wird! Nein, nein, keine Thräne, kein Be⸗ dauern! Niemand darf ahnen, welch ein Verluſt ,f — 137— mich heute betroffen hat! Niemand— aber wie,“ unterbrach ſie ſich ſelber,„höre ich da nicht die Stimme des Markgrafen unten auf dem Hof, rollt nicht eine Equipage vor?“ Sie eilte zum Fenſter und ſchaute hinunter. „Ja, er iſt es,“ rief ſie entſetzt,„er beſteigt den Wagen, er fährt fort! Und er ſieht nicht einmal herauf zu mir! Er hat keinen Blick für mich! Mein Gott, was bedeutet dies? Mir läßt er ſagen, daß er in ungeſtörter Einſamkeit in ſeinen Gemächern bleiben will, daß ich allein ſpeiſen ſoll. Und jetzt verläßt er das Schloß, ohne mich zu benachrichtigen, ohne um meine Begleitung zu bitten? Aber das iſt ja eine Empörung, ein offener Treubruch! Und wohin fährt er? Ich muß das wiſſen!“ Sie eilte zur Wand und ſchellte haſtig und ſchaute dann in athemloſer Spannung nach der Thür hin. Endlich that ſich die Thür auf und die Kammerfrau trat ein.. „Madame Senay,“ rief Clairon ihr entgegen, „ich ſah Sie ſoeben auf dem Hofe ſtehen, als der Herr Markgraf fortfuhren. Nicht wahr, Sie waren es?“ „Zu Befehl, Ew. Gnaden,“ ſagte Madame Senay,„ich war unten auf dem Hofe. Ich war neugierig zu wiſſen, wohin der Markgraf fährt, wenn er meiner erhabenen Gebieterin ſagen läßt, daß er ſich in die Einſamkeit ſeiner Zimmer zurück⸗ ziehen wolle.“ — 138— „uUnd wiſſen Sie, wohin der Markgraf ge⸗ fahren iſt?“ „Ja, Ew. Gnaden. Er iſt nach Anspach hinunter in das Höͤtel zum goldenen Hirſch ge⸗ fahren. Ich hörte, wie er dem Kutſcher ſeine Befehle gab.“ „Nach dem großen Hötel in der Stadt,“ ſagte Clairon ſinnend.„Es müſſen alſo dort ſehr wichtige und ſehr vornehme Fremde angelangt ſein?“ „Ja, Ew. Gnaden,“ flüſterte die Kammerfrau, „es ſind dort wichtige Fremde, aber ſie ſind nicht erſt heute angekommen, ſondern ſie ſind ſchon ſeit acht Tagen dort und jeden Tag hat der Markgraf ſie Abends beſucht.“ „Unglückliche, und das ſagen Sie mir erſt jetzt?“ rief Clairon zürnend. „Ich konnte es Ew. Gnaden nicht früher ſagen, denn ich habe es ſelbſt erſt ſoeben erfahren. Ich habe dem Herrn Dubois, dem vertrauten Kammerdiener des Markgrafen, mit vieler Mühe und vielen Schwierigkeiten dies Geheimniß abgelockt, und nur nachdem ich feierlich geſchworen, daß ich Ew. Gnaden nichts davon verrathen will, hat er es mir anvertraut.“ „Und wiſſen Sie auch, wer jene Fremden ſein mögen, welche der Herr Markgraf ſeit acht Tagen im Hötel beſucht?“ „Ja,“ ſagte Madame Senay leiſe,„ich weiß es.“ — — 139— „Nun, ſprechen Sie, wer iſt es?“ „Ew. Gnaden, es iſt eine Dame, eine junge ſchöne Dame. Ew. Gnaden kennen ſie. Ew. Gnaden haben ſchon vor einem Jahre, als ſie hier zum Beſuch war, viel und bitter um ſie geweint.“ Clairon zuckte zuſammen und trotz der Schminke ſah man ſie erbleichen.„Lady Craven?“ fragte ſie eutſetzt.„Sprechen Sie, iſt es Lady Craven?“ Die Kammerfrau nickte.„Leider, Ew. Gnaden, ſie iſt es.“ Clairon ſtieß einen Schrei aus wie eine gereizte Löwin und ſchleuderte ihre beiden Arme zum Himmel empor.„Ich bin betrogen,“ rief ſie,„ſchmachvoll betrogen! Meine Todfeindin iſt wieder da, obwohl der Markgraf mir vor einem Jahre geſchworen, ſie nie wieder zu ſehen— ſie iſt wieder da, ſie iſt gekommen, mir wie eine Mörderin mein Lebensglück zu tödten. Aber ich will es nicht dulden, nein, ich will kämpfen um mein Glück! Ah, ſie ſollen ſehen, daß Clairon kein Weib iſt, welches man verrathen und hintergehen kann. Senay, gehen Sie an das kleine Erkerfenſter, von wo man den Weg nach der Stadt überſchauen kann. Sobald Sie die Equipage des Markgrafen daherkommen ſehen, ſo benach⸗ richtigen Sie mich. Ah, wenn der Markgraf für dieſe kleine Lady Craven ſichtbar iſt, wird er es wohl auch für die große Clairon ſein! Gehen Sie, Senay, geben Sie wohl Acht!“ Die Kammerfrau eilte hinaus und Clairon — 140— ſank wie zerbrochen auf einen Fauteuil nieder.„Mein Vermögen verloren,“ murmelte ſie,„und nun auch meine Zukunft, mein Lebensglück gefährdet. Aber nein, ich darf nicht klagen und jammern, ich muß handeln! Was kann ich aber thun, dies drohende Ungewitter zu verzögern? Wie kann ich den Mark⸗ grafen ſchnell und für immer dieſem Dämon ent⸗ reißen, der es wagt, ſich zwiſchen mich und ihn zu ſtellen?“ Sie ſchwieg und verſank tiefer in ſich ſelbſt. Dann nach einer langen Pauſe richtete ſie ſich ent⸗ ſchloſſen empor.„Ja,“ rief ſie mächtig,„ſo ſoll es ſein! Ich muß Alles wagen, um Alles zu ge⸗ winnen! Ich muß in allem Schmerz meiner ge⸗ kränkten Liebe vor ihn hintreten und bereit ſcheinen, mich für immer von ihm loszuſagen. Das wird ihn aufſchrecken, das wird ihn fühlen laſſen, daß er mich liebt, daß er nicht ohne mich leben kann. In dem Moment, wo ich ihm die Möglichkeit er⸗ öffne, daß er mich verlieren kann, wird er empfin⸗ den, daß er den Verluſt nicht zu ertragen ver⸗ moöchte! Raſch ans Werk! Den Brief geſchrieben, die Geſchenke zuſammengepackt!“ . Sie nahm haſtig den Brief, der die ſchlimmen Nachrichten aus Paris gebracht hatte, und eilte in ihr Boudoir, um das unſelige Papier zu ver⸗ ſchließen und ſelber einen Brief zu ſchreiben.— Eine Stunde mochte vergangen ſein, als die Kammerfrau in das Boudoir Glairons eintrat. eran isrenteeree— ———— „Ew. Gnaden,“ ſagte ſie haſtig,„der Herr Markgraf kommen zurück.“ „Es iſt gut, ich bin bereit,“ rief Clairon, welche eben damit beſchäftigt war, eine ziemliche Anzahl großer und kleiner Schmuckkäſten in einem ſilbernen Korb zuſammenzulegen.„Warte, Senay, warte! Du ſollſt Dich mit dieſem Korb und dieſem Brief in der Antichambre des Markgrafen aufſtellen und wenn er kommt, Beides in ſeine eigene Hand nieder⸗ legen.“ „Aber wenn der Herr Markgraf ſich weigern, den Korb und den Brief von mir anzunehmen?“ „Es iſt wahr, er kann ſich weigern,“ murmelte Clairon,„und er wird ſich weigern, wenn er Böſes gegen mich beabſichtiget. Ich werde ſelbſt gehen, ich werde ihm ſelbſt dieſe Sachen übergeben, und damit ich ſicher bin, daß er den Inhalt des Briefes kennt, werde ich ihm denſelben ſelbſt vorleſen.“ „Ew. Gnaden, beeilen Sie ſich, der Wagen fährt ſchon in den Hof ein!“ „Fort alſo, fort,“ rief Clairon mächtig,„der Moment der Entſcheidung iſt da!“ Sie nahm den Korb und den Brief, ließ ſich von der Kammerfrau den Trauermantel um die Schultern werfen und eilte von dannen, eilte mit jugendlicher Haſt durch die Säle und Corridore dahin nach dem andern Flügel des Schloſſes, den der Markgraf bewohnte. Eben als ſie athemlos, keuchend vor der Anti⸗ — 142— chambre angelangt war, trat der Markgraf um die Ecke des Corridors. Er ſtutzte und ward verlegen, als er Clairon da bleich, athemlos neben der Thür lehnen ſah, und eine Wolke zog über ſeine Stirn hin. Aber er verbarg ſie ſchnell unter einem Lächeln, und indem er näher herantrat, ſtreckte er Clairon ſeine Hand entgegen. „Wie,“ fragte er leichthin,„ich finde Sie hier, Clairon? Man hat Ihnen alſo nicht geſagt, daß ich Sie bitten ließ, heute allein zu diniren?“ „Man hat es mir geſagt, Hoheit,“ ſagte Clairon feierlich. Aber ich komme dennoch! Ich komme, mir von Ew. Hoheit in ſehr wichtigen Angelegenſeiten eine Audienz zu erbitten.“ „Eine Audienz? Wie förmlich das klingt, Clai⸗ ron,“ rief der Markgraf mit erzwungener Heiterkeit. „Aber Sie ſollen ſie haben, ſogleich! Haben Sie die Güte einzutreten.“. Er öffnete ſelbſt die Thür der Antichambre und ließ Clairon vor ihm eintreten und ſchritt dann ſtumm neben ihr her, bis ſie ſein Cabinet erreicht hatten. „Nun reden Sie,“ ſagte er, die Thür des Cabinets hinter ihnen Beiden ſchließend,„was giebt es? Was haben Sie mir Wichtiges zu ſagen?“ „Ich habe Ew. Hoheit dies zu bringen,“ rief Clairon, den Mantel zurückſchlagend und den Korb mit den Schmuckkäſten darreichend. — 113— „Nun, was iſt das?“ fragte der Markgraf. „Hoheit, es ſind die Andenken, welche Ihre Freundſchaft und Güte mir ſeit ſiebzehn Jahren geſpendet hat und die ich Ihnen heute zurücker⸗ ſtatten muß.“ „Und warum müſſen Sie das?“ fragte der Markgraf.„Wer zwingt Sie zu ſolchem harten Schritt?“ „Das, Hoheit, das ſteht in dieſem Brief, mit dem ich die Schmuckſachen Ew. Hoheit überſenden wollte. Aber ich überlegte mir, daß Ew. Hoheit es nicht lieben Briefe zu leſen und daß Ew. Hoheit mir ſeit ſiebzehn Jahren die Ehre gönnten, ſich Ihre Briefe von mir vorleſen zu laſſen. Ich bitte Ew. Hoheit auch heute um dieſe Gunſt. Hoheit, erlauben Sie mir gnädigſt, Ihnen dieſen Brief vorzuleſen?“ „Nun, ſo thun Sie es,“ ſagte der Markgraf lächelnd.„Nehmen Sie Platz und erlauben Sie mir, Ihnen gegenüber zu ſitzen. So, nun bin ich ganz Ohr! Leſen Sie, theuerſte Clairon!’“ Clairon faltete ihr Papier auseinander, und mit vollkommen dramatiſcher Action, bald ſchluchzend, bald zürnend, bald wehmüthig, bald im vollen Sturm der Leidenſchaft begann ſie zu leſen. Der Brief Clairon's lautete: 3 Der Schleier iſt gefallen. Ich ſehe, daß ich ſtets das Opfer Ihrer Launen, Ihrer Selbſtſucht geweſen bin. Die Gewohnheit, Sie zu lieben, Ihren —— — 144— Tugenven zu vertrauen, hat mich bisher beſtimmt, Nichts anzuhören, was Sie herabſetzen könnte. Darum habe ich Alles ertragen, habe ſogar oft unter harmloſem, lächelnden Aeußern die Schmerzen meiner Seele verborgen. Ich traute ſo feſt auf Ihre Freundſchaft, Ihre Liebe. Aber nun ſehe ich, daß ich mich getäuſcht! Sie haben mich abermals betrogen, ach und Sie haben mich vielleicht niemals geliebt. Denn hätten Sie mich geliebt, ſo würden Sie mir das Vertrauen erhalten haben, das ich niemals aufgehört zu verdienen. Hätten Sie mich geliebt, ſo würden Sie die Gefühle und das Be⸗ tragen eines Weibes geachtet haben, das Si ſeit ſiebzehn Jahren kennen, ſo würden Sie tleid mit meiner Schwäche gehabt, an den Nutzen und die Uneigennützigkeit meines Rathes ſich erinnert haben. Durch Erfahrung überzeugt von meinem Gehorſam in Ihren Willen, von meiner Nachſicht gegen Ihre Launen und Leidenſchaften, würden Sie nicht eine Frau verſtoßen, die Sie ewig lieben wird. Es iſt mir unmöglich zu begreifen, wie Sie nicht vor mir, vor ſich ſelber erröthen, indem Sie zu der Feigheit des Betruges ſich herabließen! Großer Gott, iſt das der Mann, den ich geliebt habe als ein Ideal, als ein Muſter aller Tugen⸗ den?— Ich erfahre nicht ohne verzweiflungsvollen Schmerz Alles, was Sie ſeit acht Tagen unter⸗ nommen! Ihre tiefe intriguante Verſtellungskunſt iſt mir enthüllt. Ich ſehe die Nothwendigkeit, allen Anſprüchen zu entſagen, ich erkenne, daß unſere Bande für immer gelöſt ſind. Ohne Zweifel freuen Sie ſich Ihrer Thaten, während ich mich ohne Troſt verlaſſen ſehe! Mein Herz, ſo liebend als unveränderlich, wird die Gefühle, die ich Ih⸗ nen geweiht habe, mit ins Grab nehmen. Ich bedaure, ich bemitleide Sie, und verzeihe Ihnen, — ja, ich wünſche, daß Sie in eben dem Grade glücklich ſein mögen, als ich in Kummer und Sehnen mich verzehre.“ „Mit unbeſchreiblichem Schmerz lege ich Ih⸗ nen die Andenken zu Füßen, die ich im Lauf der Zeiten von Ihnen erhielt. Ich kann mir nicht verhehlen, daß Sie dieſen Schritt als eine Ver⸗ letzung Ihrer Würde anſehen werden; doch iſt jede Beleidigung fern von meiner Abſicht. Ach, Ihr Betragen hat es mir zur Pflicht gemacht, ſo zu handeln. Erinnern Sie Sich, daß ich niemals für mich Etwas verlangt, nie daran gedacht habe, mir Vermögen zu erwerben. Ach, Ihr Glück war meine einzige Sorge. Erinnern Sie Sich, daß Sie nicht mein Souverän ſind, und daß wenn ich Ihnen erlauben ſollte, mein Wohlthäter zu ſein, Sie Sich mir als treuer Freund müß⸗ ten bewährt haben! Ich bin Nichts, gnädiger Herr, ich habe dies jederzeit ohne Bedauern und ohne Beſchämung geſtanden. Meine Seele aber iſt immer Etwas und mit meinem letzten Seuf⸗ zer will ich Sie zwingen, mich wenigſtens zu 10 Madewoiſelle Clairon. — 146— 2 achten. Leben Sie wohl! Auf immer, leben Sie wohl!“*) Clairon ſchwieg und wandte ihre thränen⸗ ſchweren Blicke auf den Markgrafen hin. Er lächelte und nickte ihr zu. „Ein wunderſchöner Brief, ganz meiner edlen und erhabenen Freundin Clairon würdig. Ich danke Ihnen, daß Sie ſelber ihn mir vorgeleſen, denn auf Ihren Lippen klangen mir die harten Beſchuldigungen ſelbſt wie wundervolle himmliſche Muſik. Dank Ihnen, theuerſte Clairon, tauſend Dank!“ „Und Ihre Antwort?“ fragte Clairon athemlos. Der Markgraf lächelte und ſchaute ihr lange und tief in die Augen.„Sie wollen alſo durch⸗ aus eine Antwort, grauſame, ſtolze Clairon? Eine Antwort auf Ihre Anklagen und Vorwürfe? Nun wohl, ich unterwerfe mich wie immer Ihrem Willen. Sie ſollen meine Antwort haben. Hal⸗ ten Sie Sich heute Abend um acht Uhr bereit. Laſſen Sie Ihre Reiſekoffer packen, legen Sie ſelber Ihre Reiſetoilette an, und erwarten Sie meine Botſchaft. Genau heute Abend um acht Uhr ſollen Sie meine Antwort haben! Und jetzt, *.) Dieſer Brief Clairon's iſt authentiſch. Die Lady Craven, nachherige Markgräfin von Anspach, theilt ihn ſelber mit in ihren Memoiren. Theil I. S. 152. 147 theuerſte Clairon, erlauben Sie mir, Ihnen den Arm zu bieten und Sie in Ihre Gemächer zurück⸗ zuführen. Das Körbchen mit den Schmuckſachen ſchicke ich Ihnen heute Abend mit meiner Antwort zurück. Nun, kommen Sie, Clairon.“ II. Am Abend. Der Tag war endlich zu Ende und die Dun⸗ kelheit des Abends hatte ſich über die Erde gelegt. Wie ſchwer und langſam waren für Clairon die Stunden dahin geſchlichen, wie hatte ſie alle ihre Kraft zuſammennehmen müſſen, um ihre ſtolze Haltung, ihre fürſtliche Ruhe ſich wenigſtens im Beiſein Anderer zu bewahren. Welche Gedanken, welche Hoffnungen hatten dieſen ganzen langen Tag ihre Seele bewegt, mit wie viel Fragen hatte ſie ruhelos ſich ſelber gemartert. Was bedeutete es, daß der Markgraf ihr nicht ſogleich antwortete? Wollte er ſie überraſchen? Wollte er mit ihr eine Reiſe antreten, und unterwegs ganz in der Stille irgendwo ſich mit ihr trauen laſſen? Wie kam es, daß er, der ſonſt ſo leicht gereizt, ſo empfindlich war, heute der Vorleſung ihres Briefes mit ſo ruhiger Gelaſſenheit zugehört, auf alle ihre An⸗ ſchuldigungen gar nicht geantwortet hattte 8 — 149— Horch, da rollt ein Wagen in den Hof— die Reiſekutſche des Markgrafen,— und da ein zweiter Wagen!— Die Equipage, welche der Markgraf vor einigen Wochen erſt Clairon ge⸗ ſchenkt hat! „Ja, es iſt ſo wie ich dachte, jubelte Clairon, der Markgraf will mit mir eine Reiſe antreten! Unſere Hochzeitsreiſey! Sein Zartgefühl ſträubt ſich dagegen, hier im Schloſſe, wo eben erſt die Leiche ſeiner Gemahlin geſtanden, ſeine zweite Vermäh⸗ lung zu feiern. O er hat ein edles, großmüthiges Herz! Er verdient es, daß Clairon ihn liebt! Horch, da ſchlägt es acht Uhr, die entſcheidende Stunde naht! Ach, ſie ſoll mich gefaßt, ſie ſoll mich ruhig finden!“ Eben klopfte es an die Thür, Clairon ließ ſich langſam in einen Fauteuil niedergleiten, und rief ein gebieteriſches„Herein!“ Sofort öffnete ſich die Thür und der Haus⸗ hofmeiſter des Markgrafen trat ein. In feierlichem Schweigen ſchritt er durch das Gemach zu Clairon hin, und überreichte ihr den ſilbernen Korb mit den S muckkäſten, in deren Mitte ſich ein Brief und ein verſiegeltes Packet befanden. „Se. Hoheit der Herr Markgraf haben mir befohlen, Ew. Gnaden dies zu übergeben,“ ſagte der Haushofmeiſter.„Se. Hoheit läßt Ew. Gna⸗ — 150— den melden, daß der Brief und das Packet die Antwort des Herrn Markgrafen enthalte.“ „Es iſt gut, gehen Sie,“ befahl Clairon mit einer gebieteriſchen Handbewegung nach der Thür hin. „Verzeihung, Ew. Gnaden, Se. Hoheit wün⸗ ſchen von Ew. Gnaden eine kleine ſchriftliche Be⸗ ſcheinigung, daß Sie die Schmuckſachen, den Brief und das Geld richtig erhalten haben.“ „Das Geld?“ fragte Clairon verwundert. „Wo iſt das Geld?“ Der Haushofmeiſter deutete mit dem Finger auf das verſiegelte Packet hin.„Dort, Ew. Gna⸗ den. Es ſind vier Rollen mit Louisd'ors, jede Rolle enthält eintauſend zweihundert und fünfzig Stück, zuſammen alſo fünftauſend Louisdor's. Haben Ew. Gnaden nur die Güte ſich zu über⸗ zeugen.“ Clairon brach mit zitternder Hand die Siegel des Packets auseinander, und zerriß das Papier. Ja, es befanden ſich wirklich vier ſchwere Geld⸗ rollen darin und wie ſie eine derſelben vonein⸗ ander brach, rollten die Goldſtücke mit luſtigem Geklingel ihr in den Schooß. „Ew. Gnaden ſehen, daß ich recht habe,“ ſagte der Haushofmeiſter lächelnd.„Darf ich jetzt um die Beſcheinigung bitten?“ 8 „Geben Sie mir dort von dem Tiſch Papier und Bleiſtift her,“ befahl Clairon, mit dem Ein⸗ — 151— ſammeln der Goldſtücke von ihrem Schooß be⸗ ſchäftigt. Der Haushofmeiſter flog leiſe auf den Zehen zu dem Schreibtiſch hin und brachte das Ver⸗ langte. Clairon nahm den Crayon, ſchrieb mit feſter Hand:„Ich habe die Schmuckſachen, den Brief und das Geld richtig erhalten,“ und übergab dann das Papier dem Haushofmeiſter. „Nun?“ fragte ſie ungeduldig, als der Haus⸗ hofmeiſter noch nicht ging.„Haben Sie noch et⸗ was zu beſtellen?“ „Nein, Ew. Gnaden! Ich wollte mir nur er⸗ lauben zu fragen, wann Sie heute Abend ab⸗ reiſen?“ „Wie? Beſtimmt der Markgraf nicht die Ab⸗ reiſe?“ fragte Clairon verwundert. „Se. Hoheit haben mir geſagt, es ſolle ganz allein von dem Willen Ew. Gnaden abhängen, ob Sie heute Abend oder morgen früh abzureiſen gedächten.“— „Seltſam,“ murmelte Clairon.„Ich muß zu⸗ erſt den Brief Sr. Hoheit leſen. Der⸗wird mir Aufſchluß geben. Gehen Sie ins Vorzimmer. Ich werde Sie ſogleich rufen.“ Der Haushofmeiſter verbeugte ſich und ſchlüpfte hinaus. Clairon öffnete mit zitternden Händen den Brief und ſchlug ihn auseinander. „Mein Gott!“ flüſterte ſie hochathmend,„was — 152— bedeutet dies Alles? Warum ſchreibt er mir, ſtatt ſelbſt zu kommen. Warum—“ Wie ſie jetzt ihre Blicke auf den Brief heftete, ſtieß ſie einen Schrei aus, und ihre Züge nahmen den Ausdruck des Entſetzens an. „Nein,“ rief ſie,„nein, es iſt unmöglich, es kann nicht ſein, meine Sinne verwirren ſich, die Buchſtaben hüpfen vor meinen Augen. Ich will noch einmal leſen!“— Eben rollte ein Wagen mit donnerndem Geräuſch von dem Hofe fort. Clairon achtete nicht darauf. Sie hob wieder die Hand mit dem Briefe empor, und halblaut, als wolle ſie ſich nicht blos mit den Augen, ſondern auch mit dem Gehör von dem Inhalt des Briefes überzeugen, las ſie:„Theuerſte Clairon! Sie ha⸗ ben recht, ich bin ein Undankbarer, der Ihrer Freundſchaft nicht mehr würdig iſt, der alle die Vorwürfe verdient, welche Sie mit junoniſchem Zorn auf ſein Haupt niederſchleudern. Die har⸗ ten Vorwürfe, welche Ihr Brief enthält, haben mich zerſchmettert, und im vollen Schuldbewußtſein wage ich nicht mehr Ihnen gegenüber zu treten. Ja, ich habe Sie getäuſcht, ich habe mich nicht begnügen laſſen an Ihrer edlen und ſchönen Freundſchaft, ſondern ich bedurfte zu meinem Glück* auch noch der Liebe eines jungen und edlen Wei⸗ bes. Zürnen Sie mir, aber verdammen Sie mich nicht. Empfangen Sie anbei die Geſchenke zurück, die ich Ihnen, meine Freundin, in ſchöneren Ta⸗ — 153— gen gegeben. Tragen Sie dieſelben zu meinem Andenken. Empfangen Sie auch die fünfzigtauſend Franes, welche Sie mir vor zehn Jahren gelie⸗ hen, mit Dank zurück, und verzeihen Sie es mir, wenn ich die Summe verdoppelt habe, denn ich weiß, Clairon hat eine großmüthige Hand— und ſie iſt wohlthätig. Erlauben Sie mir alſo Ihnen für Ihre Armen ſtatt der zweitauſendfünfhundert Louisd'ors deren fünftauſend zu ſenden. Und jetzt, meine Freundin, leben Sie wohl! Kehren Sie nach Paris zurück und gedenken Sie mein. Ich gehe nach Italien. Lady Craven begleitet mich, und ſie hat eingewilligt, meine Gemahlin zu wer⸗ den. Wir werden uns am Ziele unſerer Reiſe in England niederlaſſen, und ich werde niemals⸗ wieder zurückkehren nach Anspach, wo ich an der Seite meiner Freundin Clairon ſiebzehn ſo ſchöne und glückliche Jahre verlebt habe. Ich bin es müde ein Regent zu ſein und werde mich begnü⸗ gen, fortan ein freier Mann zu ſein. Ich habe mein Land an den König von Preußen verkauft, und Lady Craven, meine zukünftige Gemahlin, iſt nicht ehrgeizig genug, um mir deßhalb zu zürnen. Sie verlangt nicht zu herrſchen, ſondern nur zu lieben und geliebt zu werden. Und nun noch ein⸗ mal leben Sie wohl! Wenn Sie dies leſen, bin ich ſchon fern von Ihnen und wir werden uns ohne Zweifel niemals wiederſehen. Immer aber verbleibe ich Ihr Freund Alexander!““ — 154— „Abgereiſt, er iſt abgereiſt,“ ſchrie Clairon außer ſich,„er flieht mich, er geht mit ihr. Aber nein, nein, dies Alles iſt eine Täuſchung. Es iſt nicht möglich, daß er geht, ohne von mir Abſchied zu nehmen. Er iſt hier! Ich will, ich muß ihn ſehen!“ Sie ſtürzte zu der Thür hin und rief mit lauter Stimme nach dem Haushofmeiſter. „Was war das für ein Wagen, der vorher da fortfuhr?“ fragte ſie den Eintretenden. „Die Reiſeequipage des Herrn Markgrafen, die ihn in München erwarten ſoll.“ „Ah, der Markgraf iſt alſo noch nicht abge⸗ reiſt?“ fragte Clairon triumphirend. „Verzeihung, Ew. Gnaden, der Herr Mark⸗ graf iſt ſchon vor zwei Stunden mit Lady Craven abgereiſt. Er begab ſich zu Fuß in das Hötel und iſt von dort in dem Reiſewagen der Lady mit ihr abgereiſt.“ Clairon antwortete nicht. Sie ſtand hoch auf⸗ gerichtet ſtolz da, die beiden Hände feſtgeklammert um die Lehne des Fauteuils, neben dem ſie ſtand, die Wangen todesbleich, die Lippen bebend, das Auge ſtarr und kalt. Dem Haushofmeiſter ward es unheimlich in ihrer Nähe, er mußte ſie wecken aus ihrer Betäubung. „Ew. Gnaden,“ ſagte er mit lauter Stimme, „wann gedenken Sie abzureiſen? Heute Abend, oder erſt morgen früh?“ — — 155— Sie wandte langſam und ſtolz das Haupt zu ihm um.„Man ſoll ſogleich anſpannen,“ ſagte— ſie mit dumpfer Stimme.„Ich will dieſes Haus ſogleich verlaſſen!“ Und ſie that einige Schritte vorwärts, der Thür zu. Aber dann auf einmal ſchwankte ſie und fiel ohnmächtig zuſammen. Vierter Tag. 1. Am Morgen. Drei und zwanzig Jahre waren vergangen, ſeit jenem Tage, an welchem Clairon gedemüthigt und voll dumpfer Verzweiflung das Schloß von Anspach verlaſſen hatte und nach Paris zurück⸗ gekehrt war. 3. Drei und zwanzig Jahre! Sie hatten in Frankreich eine neue Ordnung der Dinge herbei⸗ geführt, ſie hatten Frankreich durch die Greuel und Schreckniſſe der Revolution in die Republik geführt und der Heldenarm des erſten Conſuls Bonaparte herrſchte jetzt, im Jahre achtzehnhundert und drei, über Frankreich. Es war an einem kalten trüben Novembertag dieſes Jahres, daß vor einem der letzten Häuſer in dem Dorfe Paſſy bei Paris ein Fiacre anhielt. Ein Herr, dicht eingehüllt in ſeinen Pelz, ſtieg aus demſelben und richtete ſeine Blicke prüfend auf das eiſerne Gitter, das den Vorplatz des Hauſes einſchloß. „Es muß hier ſein,“ murmelte er vor ſich hin. „He, Kutſcher, könnt ihr die Nummer an der Hausthür dort leſen?“ „Numero fünfzig, gnädiger Herr!“ „Alſo es iſt die richtige Nummer. Ah, und da iſt auch eine Thür, und eine Glocke daneben.“ Und der Herr begann an dem Rehfuß, der an einem dicken Draht befeſtigt den Klingelgriff darſtellte, heftig zu läuten. Aber das düſtere Haus im Hintergrunde des Vorhofes öffnete ſich nicht, nirgends hinter den trüben Scheiben zeigte ſich ein menſchliches Geſicht, nur vernahm man aus dem Innern des Hauſes das tobende Ge⸗ räuſch mehrerer wild durcheinander bellender und heulender Hundeſtimmen, deren zarte Nerven ohne Zweifel von der Muſik der heiſern, immerfort tö⸗ nenden Klingel unangenehm berührt worden. Endlich öffnete ſich die Hausthür und eine alte Frau, umgeben von vier ſpringenden, heulenden und bellenden Hunden ſchlurfte langſam über den Vorplatz daher. Dieſe alte gebückte Greiſin, auf deren runzelichtem Geſicht das Alter wohl mehr als achtzig Jahre verzeichnet hatte, ſchien durch die Glocke gleichſam aus einem langen, hundert⸗ jährigen Schlaf erweckt zu ſein, und ſtellte ſich jetzt dar in einem Coſtüm, wie ſie damals die Soubretten auf der Bühne zu tragen pflegten, nur daß ihr Haupt von einem römiſchen Turban umgeben war, und daß ſie ſtatt des Mantels eine verblaßte, hier und da zerriſſene griechiſche Tunika über ihre Schultern geworfen hatte. Aber das kurze mit Band verzierte Kleid, das weiße faconnirte Muſſelinſchürzchen, das an den Ta⸗ ſchen mit roſa Bandſchleifen garnirt war, verrieth die klaſſiſche Soubrette früherer Tage und mochte vor ſechzig Jahren Moliere's Cleantis angehört haben. Die alte achtzigjährige Soubrette hatte jetzt endlich das Gitterthor erreicht und ihre ſchwarzen trüben Augen auf den Fremden heftend, fragte ſie mit matter Stimme nach ſeinem Begehr. „Ich bin der Secretär des Miniſters Chaptal,“ ſagte der Herr mit gewichtigem Tone,„und ich komme—“. „Ich weiß, ich weiß,“ rief die Alte freudig, indem ſie ſich beeilte, das Gitterthor zu öffnen. „Treten Sie ein, mein Herr. Mademoiſelle wird ſehr glücklich ſein, Sie zu ſehen. Kommen Sie, mein Herr!“ E Sie ſchritt rüſtig vor dem Fremden einher; während ſie mit dem ledernen Riemen, den ſie in der Hand hielt, zuweilen die allzu zudringlichen Hunde mit einem geſchickt geführten Hieb abwehrte, ſagte ſie keuchend und hüſtelnd:„Ach, wie wird — 159— Mademoiſelle ſich freuen, Sie zu ſehen, mein Herr! Es war aber auch die höchſte Zeit, daß wir Hülfe erhielten. Die allerhöchſte Zeit! Wir litten Mangel an Allem, und doch wäre Made⸗ moiſelle lieber geſtorben, als daß ſie Hülfe von Fremden beanſprucht hätte. Aber Frankreich, das iſt etwas Anderes, von Frankreich durfte ſie wohl Hülfe beanſpruchen, denn Frankreich iſt ihr Dank ſchuldig und hat ihn noch nicht an Mademoiſelle abgetragen. Nun hier ſind wir im Vorzimmer von Mademoiſelle,“ fuhr ſie fort, indem ſie jetzt in ein vollkommen leeres Zimmer eintraten,„war⸗ ten Sie gefälligſt nur einen Moment, bis ich Sie gemeldet habe!“ Sie trippelte raſch durch das Zimmer der ge⸗ genüberliegenden Thür zu und im Begriff dieſelbe zu öffnen, wandte ſie ſich noch einmal nach dem Fremden um.„Ihr Name, mein Herr?“ „Menneval!“ 5 „Herr v. Menneval,“ rief die alte Soubrette, indem ſie die Thür weit öffnete,„Herr v. Men⸗ neval, Secretär Sr. Excellenz des Herrn Mini⸗ ſters von Chaptal.“ „Eintreten,“ rief eine gebieteriſche Stimme aus dem Innern des Zimmers, und Herr Menneval ſchritt lächelnd vorwärts nach der offenen Thür, neben welcher die alte Soubrette als wunderlicher Huiſſier ſich aufgeſtellt hatte. „Meine Liebe,“ ſagte er im Vorbeigehen,„Sie — 160— vergeſſen, daß wir in der Republik leben und daß der Adel aufgehoben iſt.“ „Mein Herr, der wirkliche Adel kann niemals aufgehoben werden, denn er iſt unſterblich,“ ſagte die Soubrette mit einem ſtolzen Achſelzucken. „Treten Sie ein!“ Menneval folgte ihrer Einladung us ber ſchritt jetzt die Schwelle zu dem nächſten Gemach. Die alte Soubrette folgte ihm, ſchloß leiſe hinter ihm die Thür, und ſtellte ſich dann hinter dem in der Mitte des Zimmers ſtehenden Fau⸗ teuil auf. In dieſem Fauteuil ſaß eine Dame, älter vielleicht noch als ihre Soubrette, aber trotz ihres Alters und ihrer Umgebung von wunderbar im⸗ ponirendem Aeußern. Sie mußte in ihrer Jugend eine edle ſtolze Geſtalt gehabt haben, denn noch jetzt überraſchte ſie durch die ſchönen und reinen Formen derſelben. Ihre weißen, ungepuderten Haare waren hinterwärts nach griechiſcher Art zu⸗ ſammengeknotet und bildeten über der edlen hohen Stirn eine Art Toupet, ihre dunkeln Augen, be⸗ ſchattet von fein geſchweiften ſtolzen Augenbrauen, waren lebhaft und feurig und verriethen nichts von dem Alter, das die Runzeln auf Stirn und Wan⸗ gen makkirt hatten. Ihre Toilette war ebenſo ſeltſam, wie die ihrer alten Soubrette. Ein leichtes Mäntelchen von weißem Muſſelin war nach Art eines antiken Mantels um ihre — 161— Schultern geſchlungen. Unter demſelben trug ſie eine Art von Tunika, deren Rand mit einer Guirlande von künſtlichen Lorbeerblättern eingefaßt war, und gleich dieſer war auch das weiße faltige Gewand, das unter der Tunika hervorquoll und bis auf die Füße niederfiel, mit Lorbeerzweigen beſetzt. Seitwärts neben ihr befand ſich ein gro⸗ ßer runder Tiſch mit Büchern beladen, auf den ſie ihre linke Hand von untadelhafter Weiße und Schönheit aufgeſtützt hatte. Ihr gegenüber an der Wand ſtand eine Kommode, auf welcher ſich zwei Büſten befanden, eine in weißem pari⸗ ſchen Marmor ausgeführte Büſte Voltaire's und eine faſt ebenſo ſchöne Büſte Lekain's; mehrere andere Büſten und Porträts waren ringsum an den Wänden angebracht, die mit einer ſchlechten Tapete bekleidet waren, welche von der Feuchtig⸗ keit verſtockt hier und da in Fetzen herabhing. Nur wenige alte, halb verfallene Meubles befan⸗ den ſich in dieſem Gemach, deſſen Oede und Troſt⸗ loſigkeit einen peinlichen, herzerſchütternden Ein⸗ druck machte. Als die alte Dame, welche in dem Fauteuil gleich einer Königin thronte, des eintretenden Herrn anſichtig ward, zog ſie wie im zornigen Unwillen ihre Augenbrauen zuſammen und preßte ihre Lippen feſt aufeinander, als wolle ſie das zürnende Wort zurückdrängen, das ſchon auf ihre Lippe ſchwebte. Mademoiſelle Clairon. 11 — 162— „Mademoiſelle,“ ſagte Herr Menneval, ſich tief verneigend,„der Herr Miniſter Chaptal ſendet mich zu Ihnen.“ „Thut er das?“ rief ſie, das Haupt ſtolz zurückwerfend.„Erinnert er ſich endlich daran, daß die Muſe Frankreichs ſo weit ſich hat demü⸗ thigen müſſen, um Frankreichs Hülfe anzurufen, damit ſie nicht verhungert. Aber warum hat der Miniſter Chaptal ſich nicht ſelbſt hieher bemüht? Er hätte ſich dann mit eigenen Augen von der Güte des Aſyls überzeugen können, das der Idomené, Semiramis und Electra geblieben iſt!“ Und wie ſie ſo ſprach, erhob ſie langſam und ſtolz den Arm, und deutete auf eine Stelle im Plafond, durch welche der Regen in einzelnen Tropfen niederſiel. „Schauen Sie,“ fuhr ſie mit erhobenem Pathos fort,„das iſt das troſtloſe Ende eines ruhmgekrönten Daſeins! Clairon, die Muſe des vorigen Jahrhunderts, Clairon, der eine Welt zu Füßen lag, Clairon muß bei Frankreich betteln gehen um ein Stück Brod, damit ſie Frankreich nicht die Schmach aufbürde, daß man von ihm ſagen muß: das undankbare Frankreich ließ ſeine große Clairon verhungern.“ „Der Miniſter Chaptal fühlte ſich deshalb auch mächtig ergriffen von dem Schreiben, das Sie an ihn richteten, Mademoiſelle,“ ſagte Menneval mit ichtsvoller Freundlichkeit,„und er ſendet mich, — 163— damit ich ſehe, welcher Art die Unterſtützung iſt, deren Mademoiſelle Clairon bedarf.“ „So ſchauen Sie ſich um, da ſehen Sie,“ rief ſie emphatiſch.„Sehen Sie dies feuchte, verfal⸗ lene Landhaus, das Clairon's letzte Zuflucht iſt, und aus dem ſie, um zu leben, nach und nach das ganze Ameublement, ihr ganzes Hab und Gut verkauft hat. Sehen Sie die Oede, die Stille, welche Frankreichs größte Künſtlerin umgiebt. Sehen Sie Electra, Amenaide, Semiramis, ſehen Sie die Künſtlerin, welche von Voltaire beſungen, von Furoga verherrlicht ward, ſehen Sie ſie jetzt im Elend, in der Erniedrigung, vergeſſen von al⸗ ler Welt, bei Frankreich bettelnd um ein Stück Brod, das ſie vom Hungertod erretten ſoll! Denn ich ſage Ihnen, ich fühle mich ſterben, ich fühle das Nahen des Todes, der ſeine Hand nach mir ausſtreckt! Vielleicht, wenn Sie eine Stunde ſpäter gekommen wären, hätten Sie Clairon als Leiche gefunden.“ „O Mademoiſelle, meine theuere angebetete Mademoiſelle! ächzte und ſchluchzte die alte Sou⸗ brette, indem ſie hinter dem Lehnſtuhl hervorſtürzte und neben Clairon niederkniete. Haben Sie Er⸗ barmen mit mir, ſprechen Sie nicht vom Tode, zerreißen Sie nicht mein armes, gemartertes Herz, das auf der Welt nichts liebt, als Clairon allein.“ „Es iſt wahr, Senay, Du biſt ein treues großes 11* — 164— Herz, ſagte Clairon, ihre Hand auf das Haupt ihrer ſchluchzenden Kammerfrau legend.„Mein Herr, verzeihen Sie meiner guten Madame Senay ihre Erregung und ihren Kummer. Sie hat dreißig Jahre in meinen Dienſten geſtanden, ſie hat mit mir gelebt in den Tagen des Glanzes und ſie hat treulich bei mir ausgehalten in den Tagen der Armuth, als ich nichts mehr hatte, das ich mit ihr theilen konnte, nichts als meine Thränen! Weine nicht mehr, Senay, gönne es mir zu ſterben, mich aufzuſchwingen zu den Unſterblichen, die mich er⸗ warten. Ach, wie verlangt es mich nach einem Geſpräch mit meinem unſterblichen Freund Vol⸗ taire, wie ſehne ich mich Moliere und Baron zu begegnen.“ „Ich werde,“ fuhr Clairon fort,„ihnen traurige Kunde zu bringen haben, ich werde ihnen ſagen müſſen, daß es in Frankreich keine Kunſt und keine Künſtler mehr giebt. O, es iſt Zeit, daß Clairon ſich von der Welt erhebe, denn die Welt iſt Clai⸗ ron's nicht werth!“ „Aber ſie möchte ſich doch ſo viel als möglich gegen die große Clairon dankbar bezeigen,“ ſagte Menneval freundlich.„Se. Excellenz wünſcht nichts ſehnlicher, als Sie vor jedem Mangel zu behüten und Ihre Lebenstage von jeder unwürdigen Sorge zu befreien. Es ſoll nicht geſagt werden, daß Frankreich undankbar geweſen gegen die große Clairon.“ 8 — 165— „Ah, mein Vaterland iſt immer ſehr dankbar und ſehr freigebig gegen mich geweſen,“ rief Clairon mit einem bittern Lächeln,„Frankreich hat mir ſehr viele Kronen dargebracht. Sehen Sie, dort ſind ſie, alle dieſe Kronen!“ Sie deutete mit der Hand auf die Büſte Vol⸗ taire's hin, deren Fuß umgeben war von aufge⸗ häuften welken Lorbeerkränzen, von vergilbten At⸗ lasbändern, auf denen Verſe gedruckt waren, von verwelkten Bouquets und allerlei Druckſchriften und Zeitungsausſchnitten, welche ohne Zweifel glühende Lobrecenſionen für Clairon enthalten mochten. „Sehen Sie,“ fuhr ſie emphatiſch fort,„dort liegen die Kronen der entthronten Königin. Ich habe alle dieſe Huldigungen, die man mir darge⸗ bracht, zu den Füßen Voltaire's niedergelegt, denn dem Meiſter verdankt die Schülerin ihre Erfolge.“ Und mit einer letzten Kraftanſtrengung erhob ſich Clairon und begann mit mächtiger Stimme eine Ode zu recitiren, welche Voltaire einſt zu ihrem Lobe gedichtet, und in welcher er Clairon allein den Erfolg ſeines neuen Dramas zuſchrieb. Dann ſank ſie laut ächzend und ſtöhnend in den Fauteuil nieder und lehnte, die Augen ſchließend, ihr Haupt in die Polſter zurück, während die alte Soubrette in lautes Klagen und Jammern ausbrach. Dem Secretär des Miniſters ward es unheim⸗ lich in der Nähe dieſer beiden Mumien eines b — 166— gangenen Jahrhunderts und einer untergegangenen Herrlichkeit. Als er ſah, daß Clairon langſam die Augen wieder öffnete und ihr Haupt wieder aufrichtete, näherte er ſich ihr und wagte es, einige Goldſtücke neben ihr auf den Tiſch hinzulegen. „Erlauben Sie,“ ſagte er leiſe und ſchüchtern, „daß ich im Namen meines Miniſters dieſe Gold⸗ ſtücke zur augenblicklichen Abhülfe niederlege.“ Clairon nickte gravitätiſch.„Sie ſind mir ſehr willkommen,“ ſagte ſie,„denn der Schlächter will der Königin von Babylon nichts mehr borgen.“*) „Ich werde mich beeilen, dem Herrn Miniſter meinen Bericht abzuſtatten,“ fuhr Menneval fort. „Ich zweifle nicht, daß er gleich heute mich wieder zu Ihnen ſenden wird, um auf energiſchere Weiſe den Verlegenheiten einer ſo großen Künſtlerin Ab⸗ hülfe zu bringen.“ „Eilen Sie ſich, zurückzukehren,“ ſagte Clairon matt,„eilen Sie ſich, damit die Geſchichte nicht dereinſt zu melden hat, daß Frankreich ſeine Clai⸗ ron Hungers ſterben ließ! Senay, gieb dem Herrn das Geleit!“ Die alte Soubrette erhob ſich langſam und ſtöhnend von ihren Knien und ſchwankte nach der *) Clairon's eigene Worte. Siehe Memoires de la duchesse d'Abrantès. Vol. V. 245. — 167— Thür hin, indem ſie Menneval ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Clairon ſchaute den Beiden nach, wie ſie durch das öde Vorzimmer dahin gingen.„Er wird zu ſpät kommen,“ murmelte ſie,„ich fühle mich ſterben!“ II. Am Abend. Als der Abend dieſes Tages heraufdämmerte, hielt wieder ein Fiacre vor dem einſamen, zerfal⸗ lenen Landhauſe zu Paſſy an, und wieder war es Herr Menneval, der Secretär des Miniſters Chaptal, der ausſtieg und ſich dem Gitter näherte. Aber diesmal hatte er nicht nöthig die Klingel zu ziehen und zu warten, bis man ihm öffnete. Die Gitterthür ſtand auf, und Niemand wehrte ihm den Eingang. Selbſt die Hunde, welche heute Morgen ſo wüthend gebellt, kauerten jetzt ſchweigend vor der Pforte des Hauſes und erhoben ſich nicht, obwohl es ein Fremder war, der ſich ihnen nahte, der es wagte, durch ſie hindurch zu ſchreiten und in das Haus einzutreten. Aber auch hier im Hauſe herrſchte daſſelbe Schweigen, dieſelbe Oede, nirgends war die alte Soubrette zu ſehen, nirgends die Spur eines menſch⸗ lichen Weſens. ——,———— — 169— Mit einem Gefühl unbehaglichen Schreckens trat Herr Menneval in das verlaſſene öde Vorzimmer ein, ſein Schritt hallte unheimlich in dem leeren Raum wieder, und er beeilte ſich ihn zu durchſchreiten und dem Wohnzimmer Clairon's ſich zu nähern. Niemand antwortete indeß auf ſein Klopfen, und er entſchloß ſich endlich die Thür zu öffnen. Leiſes Klagen und Wimmern drang ihm jetzt entgegen und ein wunderbares, ſchauerliches Bild bot ſich dem Eintretenden dar. Dort in der Mitte des Gemachs, in dem Fau⸗ teuil neben dem Tiſch, ſaß Clairon in dem Anzug, in dem Menneval ſie heute Morgen ſchon geſehen, nur daß eine Krone von verwelkten Lorbeeren über ihrer Stirn ruhte, daß ſie in den Händen, die im Schoos gefalten waren, einen verwelkten Lorbeer⸗ kranz hielt. Ihre Augen waren geſchloſſen, ihr Mund umſpielt von einem wunderbaren Lächeln, das auf ihren bleichen, farbloſen Lippen erſtarrt ſchien. Ihr Antlitz war von jener graugelben Durch⸗ ſichtigkeit, wie ſie der alte Alabaſter zeigt, und wie aus Stein gemeißelt waren ihre ſtrengen unbeweg⸗ lichen Züge, die dennoch leuchteten von einer erha⸗ benen Ruhe und Majeſtät.— Ihr zu Füßen, das Antlitz in Clairon's Schoos bergend, kniete Madame Senay, die alte Soubrette, leiſe wimmernd, klagend und betend, während die beiden Marmorbüſten Vol⸗ taire's und Lekain's, neben welchen in ſchmuzigen ſchlechten Leuchtern einige Lichter brannten, ihre — 170— goldig angehauchten lebenathmenden Angeſichter mit erhabener Feierlichkeit und Ruhe der Freundin zu⸗ gewandt hatten und ihr zu lächeln und ſie zu grüßen ſchienen mit dem Gruß des Willkommens, ſie, die Unſterblichen die ſterblich Geborne, unſterbliche Künſtlerin. Herr Menneval empfand faſt eine Art Furcht in dieſem Gemach des Schweigens und des Todes, er neigte ſich zu der Kammerfrau nieder und berührte leiſe ihre Schulter. „Stehen Sie auf,“ ſagte er ſanft,„ich komme von dem Herrn Miniſter Chaptal. Ich bringe Hülfe für Mademoiſelle Clairon. Sehen Sie da dieſes Papier, leſen Sie!“ Die alte Soubrette erhob ſich langſam von ihren Knien; ſie ſchaute den Sprechenden verwun⸗ dert an und nahm ganz mechaniſch das Papier entgegen, das er ihr darreichte. „Leſen Sie,“ ſagte Menneval,„es iſt eine freu⸗ dige Nachricht für Ihre Herrin.“ Und Madame Senay las:„Gut für zweitauſend Francs, ſogleich zahlbar an Mademoiſelle Clairon. — Chaptal.“*)—„Mein Herr,“ rief ſie dann mit zürnendem Schmerz,„was ſoll die große Clairon mit Ihrem armſeligen Almoſen? Sehen Sie denn nicht, daß ſie geſtorben iſt?“ „Wie?“ rief Menneval,„Clairon iſt todt?“ *) Mémoires de la duchesse d'Abrantès. V. 247. — 171— „Nein,“ ſagte Madame Senay feierlich,„Clairon iſt nicht todt, ſie hat nur dieſe elende Welt ver⸗ laſſen, die ihrer nicht werth war. Die unſterbliche Clairon iſt eingegangen zu den Unſterblichen. Sie hat achtzig Jahre gelebt, um die Erbärmlichkeit der Welt zu erkennen. Jetzt iſt ſie da droben erwacht zur unſterblichen Seligkeit. Ich hoffe, ſie wird mich bald zu ſich rufen, um ihr dort zu dienen, wie ich ihr hier gedient habe. Gehen Sie, mein Herr, bringen Sie Ihrem Miniſter ſeine großmüthige Anweiſung zurück. Die große Clairon bedarf keiner Almoſen mehr! Die große Clairon iſt todt!“ 5 2 — 5 5 5 5 85 =. mſnſiſſſnnſnnſiſſ ſinnſennſſinnſ 2 13 14 15 unm 16 3 9 10 11 1