L deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 1 Eduſard Oktmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 1 4. Abonnement. Daſſelbe zmuß voraus ſbezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——Bene en auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mtk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X. Mühlbachs Kleine Romanc. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Siebenter Theil. Bonner 3. Dritter Band. Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. ZBonners oder 0 5 2 Geſchichte eines Millionair Von „L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Dritter Band. Altona. Verlag von J. F. Hammerich. 1860. J. Eheliche Leiden und nene Pläne. Seit einigen Monaten befanden ſie ſich in New⸗ York, und das junge Chepaar hatte mit Harrick eine gemeinſchaftliche Wohnung bezogen. In Glück und Wonne waren Jſabellen dieſe Monate dahingerauſcht, ihre ganze Seele war nur erfüllt von dem einen, mächtigen Gefühle der un ausſprechlichſten Liebe für ihren jungen Gatten; ſie dachte, ſie empfand nichts, als dieſe Liebe, ihr ganzes Leben war aufgegangen in dieſem einen Gefühle, für alles Andere ſchien ſie kalt und theil⸗ nahmlos, unempfindlich und nicht achtend. Zu ganzen Stunden konnte ſie zu Edgins Füßen ſitzen, und ihm in begeiſterten und mäch⸗ tigen Worten von der Allgewalt ihrer Liebe erzählen. War er neben ihr, dann ſtrahlte ihr Angeſicht in Wonne und Glück, war ſie unerſchöpflich in immer neuen Beweiſen ihrer Liebe und Hingebung; Bonners. III. aber ſchon der Gedanke, daß er ſie auf einige Stunden verlaſſen könnte, entlockte ihren Augen Thränen, und machte ſie traurig. Und,— ſo ſeltſam iſt die menſchliche Natur— gerade dies Uebermaß der Liebe, gerade dieſe Glut der Lei⸗ denſchaft war es, die Edgin von ſeinem jungen Weibe zurückſchreckte, und ihn allgemach gegen ſie erkältete. Anfangs wohl war es ihm ſüß, ihrem holden Liebesgeplauder zu lauſchen, der Muſik ihrer Stimme, die ihm ſo holde Liebesmelodien ſang, zu horchen; aber das ſtets wiederkehrende, das unveränderliche Thema war doch nur immer die Liebe, und die immer ſich erneuernden Va⸗ riationen dieſes Themas dünkten Edgin zuletzt fade und abgeſchmackt. Iſabella konnte nur glückſelig oder traurig ſein, : nur lächeln und jauchzen, weil er bei ihr war, oder weinen und ſeufzen, weil er ſie verlaſſe wollte; es fehlte ihr die Sättigung des Glückes, ſie war eine ſtets Dürſtende und Begehrende, eine nimmer Befriedigte. 8 Der Himmel ihrer Liebe war entweder ganz ſonnenklar, oder ganz umwölkt. Solcher Zuſtand aber iſt, was auch die Dichter von der Wonne, mit ſolcher Glut geliebt zu werden, ſagen und ſingen mögen, in der Wirklichkeit und Wahrheit unerträglich. Edgin ſehnte ſich nach einem ſtillen, ſonnigen Tage, der ihm aber auch Schatten und Ruhe ge⸗ — ben möchte; er wollte nicht nur entweder unter den ſengenden Gluten der Sonne verbrennen, oder in trauriger Regennacht erkalten: er wollte neben der Leidenſchaft die Ruhe, neben der Auf⸗ regung den Frieden. Er wollte nicht blos lieben mit dem Herzen, ſondern auch mit dem Geiſt und der Seele. Die Frauen wiſſen nicht, wie oft ſie gerade durch das Uebermaß der Liebe ſich den Geliebten entfremden, wie oft ſie ihn von ihrer Seite ſcheu⸗ chen durch eine Leidenſchaft, die in ihrer ruheloſen Haſt ſo fern iſt von der wahren Heiterkeit des Genuſſes. Und hierin unterſcheidet ſich die Liebe des Mannes und des Weibes am beſtimmteſten. Das Weib will in der Liebe ſtets neue Aufre⸗ gungen, neue Gluten, neue Betheuerungen und Schwüre; den Mann verlangt es nach der Ruhe des Glückes, er will die Gluten nicht immer neu anfachen, ſondern ſich in friedlichem Genuß an ihrem Feuer laben, bei heißer Sonnenglut will er ausruhen im Schatten, und zugleich Kühlung empfangen. Für Edgin ſchien die Ruhe der Liebe das höchſte Glück, und Iſabella hielt dieſe Sicherheit und Gewißheit ſeiner Liebe, die ihn nimmer nach neuen Betheuerungen verlangen ließ, für Gleich⸗ gültigkeit. Sie konnte zu jeder Stunde aufs Neue ihn fragen, ob er ſie liebe, ob er auch ſtets ihrer ge⸗ 3 1* 3 dächte; er fragte niemals, und Iſabelle weinte, wenn ſie dies dachte! Ach, aber wie ſehr dienen Thränen dazu, die Liebe des Mannes abzukühlen, wie geeignet ſind Vorwürfe über Mangel an Liebe, um dieſen Man⸗ gel wirklich herbeizuführen!— Es war in der That das Uebermaß der Leidenſchaft, das Edgin Jſabellen entfremdete, das ihn ſogar bald das Alleinſein mit ihr vermeiden ließ, und unentbehrlicher als je ward ihm nun ſein Freund Harrick, deſſen Gegenwart ihn min⸗ deſtens von den Vorwürfen über Mangel an Zärtlichkeit und den Betheuerungen ihrer Liebe befreite. Sobald Jſabella dies bemerkte, fühlte ſie ſich grenzenlos elend, und ihre Klagen, ihre ſtets ſich erneuernden Thränen entfremdeten Edgin nur noch mehr. Keebe zu erwecken, iſt die leichte, unbewußte Kunſt der Frauen, aber die Liebe dann für im⸗ merdar zu feſſeln, die alte Liebe ſtets als eine neue zu bewahren und zu hegen, ſie über allen Wechſel zu erheben, das iſt die ſchwerere Kunſt der Frauen, und ſicher iſt es, daß das Weib zu⸗ meiſt die Schuld trägt, wenn die Liebe ihres Gatten allgemach erkaltet. Die ſchwere Kunſt, dieſe zu bewahren, verſtand Jſabella nicht, Unglück und Leid war die Folge davon! Um dieſe Zeit ereignete ſich ein Vorfall, ——— 5* der für Edgin Blackwell von unheilsvollen Fol⸗ gen war. John Harrick war es nicht ſogleich gelungen, einen Kreis junger, reicher und unerfahrener Her⸗ ren um ſich zu verſammeln; man betrachtete den Fremden mit mißtrauiſchen Blicken und ſchöpfte Verdacht gegen ſeine zuvorkommende Freund⸗ lichkeit. Harrick verzagte nicht, er wußte, daß, wenn es ihm nur erſt gelungen ſein würde, Einige an ſich zu feſſeln, bald Mehrere von dieſen angezogen ſein würden. Bis dahin mußte man warten und hoffen. Harrick beſuchte, um zu ſeinem Zwecke zu ge⸗ langen, die Spielhäuſer; hier allein konnte es ihm gelingen, diejenigen Bekanntſchaften zu machen, die er ſuchte. Aber Harrick, der, wenn er ſelber Bank hielt, natürlich ſtets Glück zu haben pflegte, war an der fremden Bank minder glücklich. Die⸗ ſer Umſtand reizte die alte Spielluſt in ihm. Er ſetzte immer aufs Neue, jeder neue Verluſt machte ihn begieriger auf Gewinn und trieb ihn zur Fortſetzung ſeines Spiels. Nach langen Jahren zum erſten mal ſiegte die Leidenſchaft über ſeine Beſonnenheit, der Aerger des ſteten Verlierens machte ihn tollkühn und raſend, und als der Morgen anbrach, und Harrick das Spielhaus verließ, hatte er zehntauſend Pfund verſpielt. — — 6— Zehntauſend Pfund! Dies war gerade die Summe, die er Jſabellens Vater in jener Nacht entwendete! Abermals war der Wucherer um ſein Geld betrogen, und ſah ſich nach ſo vielen Anſtrengun⸗ gen wieder zu der Nothwendigkeit neuer Beſtre⸗ bungen genöthigt! Er hatte es bis jetzt ſorgſam vermieden, Er⸗ gin von jenem Raube, den er an dem Vater ſei⸗ nes Weibes begangen, zu ſagen, weil er es gern vermied, Jemand ohne Grund zu reizen und wi⸗ der ſich einzunehmen, und um ſo mehr konnte er nun ſeinen Verluſt vor Blackwell verſchweigen. Ich habe mich als ein Schulknabe betragen und nicht als ein Mann, ſagte er zu ſich ſelbſt, und ich möchte nicht, daß irgend ein menſchliches Auge meine Beſchämung und meine Wuth über mich ſelbſt gewahrte. Es wird alſo beſſer ſein, dieſe Giftpille in aller Stille zu verſchlucken, und auf ein Antidotum zu ſinnen. Aber iſt es nicht ſchon erſonnen, iſt es nicht ſchon reif in dieſem meinem erfinderiſchen Kopfe, hängt nicht die lockende Frucht ſchon da, und ich darf nur die Hand ausſtrecken, um ſie zu pflücken? Ja, jetzt muß ein entſcheidender Schritt geſchehen, und das ſogleich! Er ging in das gemeinſchaftliche Wohnzimmer, wo er Jſabellen in Thränen, Blackwell mit ver⸗ drießlichem Geſichte in einem Buche leſend fand, —jjj und bat dieſen, ihm zu einer geheimen Unterredung auf ſein Zimmer zu folgen.. Hier eröffnete er ihm den Stand ihrer Geld⸗ verhältniſſe, und daß einige Wochen hinreichen würden, um ſie aller Mittel zu berauben. „Ich vermuthete es längſt,“ ſagte Edgin trübe, „und habe Deine Großmuth bewundert, Harrick, welche uns, die wir von Deinen Mitteln leben, mit Klagen und Vorwürfen verſchonte.“ „Pah, ſprich nicht davon mein Junge! Aber ich will Dir ein Mittel ſagen, wie wir uns ſofort Geld verſchaffen können, wenn Du Muth und Entſchloſſenheit gleich mir beſitzt.“ „Oh, ich habe Muth, ſelbſt in die Hölle zu gehen, Harrick! Das Leben iſt mir verhaßt, und jede Veränderung wird mir wie ein Glück er⸗ ſcheinen!“ „Ja, ja, mein Freund,“ ſagte Harrick in ſei⸗ ner Weiſe lachend,„das Glück der Ehe iſt ein ſehr ſchweres, es giebt wenige Männer, die ſtark genug ſind, es ertragen zu können.— Aber Ed⸗ gin, das Mittel, von dem ich Dir ſagte, wird, wenn es entdeckt wird, uns unfehlbar an den Galgen bringen.“ Pah, mir iſt die Kehle ohnedies ſchon zuge⸗ ſchnürt!“ ſagte Edgin, der während zwei langer Stunden heute ſchon Iſabellens Thränen und Vor⸗ würfe über ſeine Kälte zu ertragen gehabt.. „Ich ſehe, Du biſt in der rechten Stimmung, Blackwell,“ ſagte Harrick,„um Alles unternehmen zu können. So laß uns denn zuerſt einander ſchwören, nimmer das Geheimniß dieſer Stunde zu verrathen, oder einen dritten in daſſelbe ein⸗ zuweihen!“ „Ich ſchwöre es,“ ſagte Blackwell ernſt. „Und auch ich ſchwöre es,“ ſagte Harrick, und ſie reichten ſich die Hände. .„Edgin,“ ſagte Harrick nach einer Pauſe leiſe, als fürchte er ſelbſt, die Wände möchten ſein Ge⸗ heimniß belauſchen,„Edgin, glaubſt Du daran, daß ein König mehr Recht hat, Geld zu machen, wie wir?“ „Nein, Harrick!“ 8 „Wenn ein König in Geldverlegenheit iſt, ſo läßt er Papiergeld machen. Wir ſind auch in Geldverlegenheit! Hältſt Du es für Unrecht, zu thun, was ein König thut?“ „Wahrhaftig nein!“ ſagte Edgin, Harrick's Meeinung verſtehend,„laß uns thun, was ein Kö⸗ nig thun darf. Wir ſind Menſchen, wie die Kö⸗ nige, und wollen uns helfen, wie ſie es thun! Ich denke, einen Staat betrügen und täuſchen iſt unſchuldiger und leichter, als unſeren Nebenmenſchen betrügen, der uns arglos vertraut.“ „Der Staat vertraut uns niemals, davon zeugt die Polizei!“ ſagte Harrick lachend,„wir wollen uns rächen für ſein Mißtrauen.“ „So laß uns denn zu königlichen Thaten —,— ſchreiten, mein Junge, und Papiergeld machen al⸗ len Königen zum Trotze!——“ Von dieſer Zeit an war Harrick den größten Theil des Tages mit Edgin in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen. Vergebens war Jſabellens Flehen, ſie nicht immer der Einſamkeit zu überlaſſen, ver⸗ gebens bat ſie ihren Gatten, ihr mindeſtens zu ſagen, was ihn ſo unausgeſetzt beſchäftigte, Black⸗ well ſchwieg, und Harrick verſpottete ſie. 3 Die Kluft, welche das junge Ehepaar trennte, ward durch dies Geheimniß nur noch vergrößert, und ihnen durch daſſelbe die Rückkehr zueinander unmöglich gemacht. Kaum ſechs Monate waren vergangen ſeit Iſabellens Flucht aus der Heimath, und ſchon be⸗ reuete ſie nicht allein bitter dieſen Schritt, ſondern nannte ſich ſchon die unglücklichſte der Frauen. Aber keiner von allen ſeinen Plänen war dem Wucherer jemals ſo gut gelungen, wie dieſer letzte. Edgin beſaß eine ſeltne Geſchicklichkeit im Zeichnen und Nachahmen, und ergab ſich dieſer neuen Be⸗ ſchäftigung mit Eifer und Thatkraft. Er fand Zerſtreuung an dieſer Arbeit, die Be⸗ ſchäftigung, die Ausfüllung ſeiner Stunden war es, die ihm wohlthat, und tauſendmal willkommener und leichter dünkte ihn dieſe Art des Gelderwerbens, als diejenige, zu der er früher gezwungen geweſen. II. Eine Flucht und ihre Folgen. Ein Jahr war ſo ſeit Edgins Verheirathung mit Iſabellen vergangen, und inzwiſchen fühlten ſich Beide enttäuſcht, Iſabella, weil ſie ihren Gat⸗ ten noch liebte und nicht von ihm geliebt ward, Blackwell, weil er nicht mehr liebte und mit Liebe gequält ward. Dazu kam, daß die Stunden, die Blackwell bei ſeiner mühevollen und einſamen Beſchäftigung hinbrachte, ihm zugleich Muße gaben, ſeinen Ge⸗ danken und Träumen nachzuhängen, und ſein Herz war nicht verhärtet genug, um in ſolchen Stun⸗ den des Nachdenkens ihn nicht mit bittern Vor⸗ würfen zu quälen. So lange die Welt ihn mit ihren Zerſtreu⸗ ungen betäubte, die Menſchen mit ihren Sünden und Schlechtigkeiten ſeine Verachtung und ſein Rachegefühl wach erhielten, konnte er ſich täuſchen über die Art ſeiner eignen Handlungsweiſe, und 5 4 4 3 — 11— das gerechtfertigt halten, was unter allen Umſtänden verdammungswürdig. Aber die Einſamkeit, die Zurückgezogenheit von der Welt, der wenige Verkehr mit Menſchen, alles dies machte ihn zum Nachdenken geneigt, und er⸗ weckte in ihm das gute Princip, das ſo lange ver⸗ drängt und vergeſſen war. Zudem ſühlte er ſich unglücklich, gekettet an eine Gattin, mit der er ſich durch nichts mehr verbunden fühlte, als durch ein äußeres, in Uebereilung geknüpftes Band, und ſeine ſehn⸗ ſuchtsvollen Erinnerungen zeigten ihm das holde Bild Lillys. O, welche Hoffnungen knüpften ſich nicht an den Gedanken an ſie, deren Briefe nur noch die einzige Freude und Erheiterung ſeines Lebens waren; wie viel Träume für die Zukunft wur⸗ den nicht von ihm geträumt. Ah, eine Ein⸗ ſamkeit mit ihr, fern von der Welt, fern von den Menſchen, in einem verſchwiegenen, einſamen Thale, umſchlungen von ihrem Arme, allein mit ihr! Nicht mehr Jſabellens Vorwürfe, nicht mehr die ironiſchen und verderbten Worte Harrick's hö⸗ ren zu müſſen, ſelber entſündigt durch die Nähe dieſes unſchuldsvollen Engels, frei von dieſem ver⸗ derbenden Verlangen nach Geld und Beſitz, eine Hütte, in der er mit ihr allein war, ein Gärtchen, das er mit ihr pflegte und bebaute, eine Stille, — 12— 1 die nur durch ihre Stimme oder durch den Ge⸗ ſang der Vögel unterbrochen ward, und einen Frieden, den das Losringen von der Sünde ihm gewährte,— dies waren die glücklichen Träume, denen Edgin nachhing, während er— falſche Bankſcheine zeichnete. Wir haben ſchon geſagt, mit welcher Heftigkeit Edgin ſowohl von ſeinen guten, wie von ſeinen böſen Vorſätzen ergriffen ward, und mit welcher Leichtigkeit ſein Charakter ihn von dem Böſen zum Guten umſpringen ließ. Edgin bereuete ſeine verlorenen Lebensjahre, und nicht ſobald war dies Gefühl in ihm wach geworden, als er ſofort auch beſchloß, ein neues Leben zu beginnen, und alles das zu fliehen, was ihn von dieſem Vorſatze abwendig machen könnte. Mit der Ausführung zögerte er nicht lange. Er hatte, Dank ſeiner Geſchicklichkeit und Aus⸗ dauer, falſche Bankſcheine im Betrage von zwan⸗ zigtauſend Pfund angefertigt, und dieſe wollten ſie nun, um allen Verdacht zu vermeiden und jede Nachforſchung bei einer möglichen Entdeckung zu zerſtreuen, nicht in New⸗York umwechſeln, ſon⸗ dern, ſich Beide in die Summe theilend, ſollte erſt Edgin, und dann bei ſeiner Rückkehr Harrick eine Reiſe machen, und unterwegs hier und da die falſchen Scheine gegen echte umtauſchen. Von dieſer Reiſe nicht zurückzukehren, war Edgins feſter Entſchluß. — . Der Abend ſeiner Abreiſe war gekommen, und ungewöhnlich bewegt und zärtlich umarmte Black⸗ well Iſabellen, die mit Thränen bat, ihn begleiten zu dürfen. „Nein, nein, Iſabella!“ ſagte er trübe;„wir haben lange genug durcheinander gelitten; es iſt Zeit, daß dieſer quälende Zuſtand ende!“ Dieſe mit ſo feierlichem Ernſte geſprochenen Worte fielen Iſabellen auf und vermehrten nur ihre Bitten, ihn begleiten zu dürfen, bis Edgin ihr mit rauhem Tone zu ſchweigen befahl. Dann drückte er ihr einen Theil ſeiner Bankſcheine in die Hand, ſagte ihr, ſie möge ſich dieſelben von Harrick umwechſeln laſſen, und ſprang in den Wa⸗ gen, der ihn Iſabellens Augen entführte. Harrick hatte ſich ſchon zum Schlafe nieder⸗ gelegt, und Iſabella, die von ihm den Grund der Reiſe ihres Gatten zu erfahren hoffte, mußte ſich bis zum folgenden Morgen Geduld auferlegen. Dann eilte ſie zu Harrick, und indem ſie ihm voll banger Beſorgniß Blackwell's Worte, die er beim Abſchiede geſprochen, wiederholte, gab ſie ihm zu⸗ gleich die Banknoten, die ſich von ihm umwechſeln zu laſſen ihr Edgin geboten. Sie hatte ſie noch nicht angeſehen und daher auch ein kleines Brief⸗ chen nicht bemerkt, das, an Harrick adreſſirt, bei den Geldſcheinen lag. Harrick erbrach es, und mit wirklichem Schreceen las er:„Lebe wohl, Harrick! Wir ſehen uns nie⸗ — 14— mals wieder. Meine Schuld an Dich iſt abge⸗ tragen. Ich bin frei!“ „Nicht ſo bald, nicht ſo bald!“ murmelte Harrick vor ſich hin, indem er den Zettel zähneknirſchend zerriß;„einmal mit mir verbunden, iſt es nicht ſo leicht, ſich von mir zu trennen!“ Vergebens beſchwor ihn Iſabella, ihr den Inhalt jenes Briefes und die Veranlaſſung von Harrick's ſeltſam erregtem Weſen zu erklären, ihr zu ſagen, wohin Edgin gegangen und wann er zurückkehre. „In einigen Tagen wird er wieder bei Ihnen ſein!“ war Harrick's einzige Antwort, indem er zugleich bat, ihn allein zu laſſen, da er noch Einiges anzuordnen habe, um ſogleich abreiſen zu können. „Abreiſen? und wohin?“ fragte Iſabella er⸗ bleichend. „Zu Edgin; er bedarf mein!“— Nun ßackte er eiligſt einiges Nöthige zuſammen, ſteckte die Banknoten zu ſich, und ehe eine Stunde ver⸗ gangen, ſaß Harrick im Wagen, den Flüchtling aufzuſuchen. Es lag ihm Alles daran, ihn wieder zu fin⸗ den und zu ſich zurückzuführen. Edgin wußte alle ſeine Geheimniſſe und Harrick kannte ihn genug, um nicht zu wiſſen, daß es möglich ſei, Edgin könne in einem Anfalle von Lebensüberdruß und Verachtung ſich ſelbſt verrathen und anklagen; als⸗ — 15— dann war aber auch Harrick's Verderben gewiß und ſein Untergang unvermeidlich. Auch erwuchſen ihm durch Edgins große Ge⸗ ſchicklichkeit im Nachahmen der Banknoten zu große Vortheile, als daß er dieſen ſo leicht hätte ent⸗ ſagen mögen, und ſo ſehen wir ihn denn voll Eifer den verfolgen, der mit eben ſolchem Eifer ihm zu entfliehen getrachtet. Anfangs ſchien es ſchwer, Blackwell's Spur aufzufinden, da er ſo⸗ gleich einen andern Weg als den verabredeten eingeſchlagen; aber nach tagelangem Umher⸗ ſchweifen und Forſchen gelang es endlich Harrick, eine Spur zu entdecken. Einmal ſo weit, konnte er ihm nicht wieder entgehen, und ehe acht Tage vergangen, war Blackwell's Verfolger ihm dicht auf den Ferſen. Wo der breite, an Waſſerfällen ſo reiche Connecticut auf beiden Ufern durch ſchroffe, hohe Felswände eingeengt wird und ſeine ſchäumenden Wogen mit donnerndem Brauſen am rothen Fuße der Felſen bricht, ſteht unfern vom Ufer, an den Felſen gelehnt, ein einſames Wirthshaus mit einer lieblichen Ausſicht auf den glänzenden Strom, die hohen Felſen und das kleine tugt ⸗Thal zur Seite. 4 Vor dieſem Wirthshauſe hielt Harrick und fragts den herbeieilenden Wirth, ob nicht vor einigen Stun⸗ den ein junger Wanderer hier angelangt, deſſen Ge⸗ ſtalt er auf das Genaueſte beſchrieb. — 16— Der Wirth bejahte. „Und wo iſt er?“ „Er iſt hinaufgegangen auf die Felſen, mein werther Sir! Seht Ihr dort auf jener Felsſpitze den kleinen, ſchwarzen Punkt? Das, denke ich, iſt er; denn es iſt heute außer ihm noch Niemand hinaufgegangen. Befehlt Ihr, ſo ſchicke ich mei⸗ nen Jungen hinauf, und bitte den Herrn, her⸗ unterzukommen?“ „Iſt nicht nöthig!“ ſagte Harrick und ſprang vom Pferde.„Es iſt mein theuerſter Freund, und ich möchte ihn gern überraſchen. Sorgt für mein Pferd und auch für ein gutes Mittagseſſen, wenn ich zurückkomme!“ Er warf dem Wirthe die Zügel hin, ſtieg mit entzog eine Biegung deſſelben ihm dem Auge des ihm nachblickenden Wirthes. Hoch oben auf einer ſchmalen Felsklippe, unter der in furchtbarer Tiefe der donnernde Connecticut dahinbrauſete, nahe an dem jähen Abhange ſtand Edgin Blackwell, und blickte hinab in die Tiefe mit ruhigem, feſten Blicke. Wenige Menſchen möchten den Anblick, der ſich ihm hier darbot, zu beachten. eiligem Schritte den Felsweg hinauf, und bald ſchwindelſrei und mit ſolcher Ruhe ertragen haben; Blackwell aber war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, um die Gefahr von außen — 17— Gleich einem Balcon ſchwebte dieſe Felsklippe, nur an der einen Seite mit dem Felſen verbun⸗ den, über der Tiefe, lang und ſchmal, auf allen Seiten eine jäh hinabſteigende Felswand. Jeder Fehltritt, jeder Schwindel mußte unvermeidlichen Tod bringen, und vielleicht war es gerade das Schwindelnde und Gefährliche dieſes Platzes, was Blackwell anzog. Mit verſchränkten Armen lehnte er an der hinteren Felswand und blickte mit einem eigenen Lächeln in die Tiefe. Die wilde Natur umher ſchien ſein Gemüth zu beruhigen, die Einſamkeit that ſeinem Herzen wohl, und ſchon begann er einen Vorſchmack der Seligkeit zu empfinden, welche das ſtille, friedliche Naturleben ihm zu gewähren vielleicht im Stande war. Nie hatte er ſich ſo leicht und frei gefühlt, ſo glücklich und geſichert. Er ſchauderte, wenn er der Vergangenheit ge⸗ dachte, und wenn vor ſeiner Seele das ironiſche, lächelnde Angeſicht Harrick's emportauchte, fühlte er einen tiefen Haß gegen den, den er jetzt ſeinen Verderber nannte. Schritte ertönten jetzt ganz in ſeiner Nähe; er wandte den Kopf, und ein Schrei des Ent⸗ ſſetzens tönte von ſeinen Lippen;— Harrick mit ſeinem gewöhnlichen kalten, ſpottenden Lächeln ſtand vor ihm.— Eiinne unnennbare Wuth erfaßte Edgins Seele, Bonners. III. 2 und mit von Zorn gerötheten Wangen ſeinem Verfolger entgegen tretend, fragte er:„Was willſt Du hier?“ 1 „Dich holen!“ war Harricks ruhige Antwort. „Dich in die Arme einer zärtlichen Gattin, eines liebenden Freundes zurückführen!“ Blackwell ſtampfte mit dem Fuße den Boden. „Du biſt ein Teufel, Harrick, mit Deinem Spott und Hohn! Spare Dir die Mühe; ich werde nimmer zu Euch zurückkehren, unſere Wege ſind getrennt für immerdar. Ja, und müßte ich hier in dieſen einſamen Felſen verhungern: ich würde es dem Leben, das ich bis jetzt geführt, vorziehen. Ich kann nicht länger mit Dir ſein; ich haſſe, ich verabſcheue Dich! Ha, wie Du jetzt vor mir ſtehſt, fühle ich einen furchtbaren Haß in mir! Hüte Dich, hüte Dich, Harrick, vor der Rache deſſen, deſſen Seele Du vergiftet haſt!“ „Du biſt wieder in Deinen Exaltationen be⸗ griffen!“ ſagte Harrick ſpottend;„ſpielſt einmal wieder auf einige Tage den Tugendhelden. Gut, gut; ich habe nichts dagegen; nur erfülle dabei Deine Pflichten, und thue das, was Du zu thun mir ſchuldig biſt!“ „Jch habe weder Pflichten gegen Dich, noch bin ich ſchuldig, für Dich etwas zu thun!“ ſagte 1 Edgin ſtolz.„Niemand iſt, der mir zu gebie⸗ ten hat!““ „Doch, doch, mein Junge! Sieh hier, Deine⸗ — 19— Schuldverſchreibungen; ich habe ſie mitgebracht, ſie ſind noch nicht eingelöſt, und könnten leicht dazu dienen, Dich in irgend ein Gefängniß zu führen, aus dem die Flucht nicht ſo leicht ſein möchte, wie aus den Armen eines vertrauenden Freundes!“ „Du biſt ein elender Bube!“ ſagte Edgin ver⸗ ächtlich;„ich verabſcheue Dich, aber ich fürchte Dich nicht! Thue es immerhin, zeige dieſe Schuld⸗ verſchreibungen vor, aber höre meinen Schwur: In demſelben Moment, wo Du dies thuſt, de⸗ nunciire ich Dich als Falſchmünzer!“ „Das wird Dir wenig nützen!“ ſagte Harrick lachend;„denn Dir fehlen Beweiſe, und ich werde Dich für einen Verleumder erklären! Zudem, mein Junge, haftet noch eine andere Schuld auf Dir! Du biſt der Räuber des alten Carlis!“ „Verleumder, Du lügſt!“ ſchrie Blackwell wü⸗ thend;„Du weißt es, daß ich meine Hand nicht beſudelte mit einem Diebſtahl und daß ich Deinen teufliſchen Einflüſterungen widerſtand!“ „Dies weiß ich nicht, wohl aber, daß ich vor einiger Zeit in einer engliſchen Zeitung einen Steck⸗ brief mit Deinem Signalement las. Du haſt dem alten Carlis zehntauſend Pfund geſtohlen!’“) „Elender, Du lügſt! Das that ich nicht!“ „So that ich es für Dich!“ hohnlachte Harrick; naber Du wirſt dafür büßen müſſen. Folge mir gutwillig, oder ich klage Dich dieſer Schuld an!“ — 20— Einen Augenblick ſtand Edgin wie erſtarrt; dann ging er mit geballten Fäuſten und zitternden Lippen auf Harrick zu.„Nimm Dein Wort zu⸗ rück!“ ſchrie er außer ſich.„Ich ſage Dir: nimm es zurück!“ „Ich ſagte die Wahrheit; ich nahm das Geld und Du biſt der Dieb!“ Ein einziger Schrei der Wuth entfuhr Black⸗ well's Lippen:„Teufel, der Du biſt, Deine Stunde iſt gekommen!“ Er erhob die geballte Fauſt zum Schlage; Harrick wich ihm aus und trat weiter vor auf die Klippe. „Ich habe Dich, Du kannſt mir nicht ent⸗ gehen, Deine letzte Stunde iſt gekommen!“ ſchrie Blackwell wüthend und drang wieder auf Har⸗ rick ein. „Mein Gott, Du wirſt doch nicht“— ſtam⸗ melte Harrick erbleichend und richwärts taumelnd. „Dich ermorden!“ ſchrie Blackwell,„ja, das werde ich! Dich zur Hölle ſchicken, das werde ich!“ Wieder ſtreckte er ſeinen Arm aus nach Har⸗ rick, der, in Todesangſt ſeinen raſenden Feind an⸗ ſtarrend, auf ſeinen verzerrten und wuthentſtellten Zügen die Beſtätigung ſeiner Worte las. „Hülfe! Hülfe!“ kreiſchte er, immer weiter zurückweichend. „Schrei nur, ſchrei! Kein menſchliches Ohr — 21— vernimmt Dich!“ ſagte Blackwell lachend und drang wieder auf ihn ein. Die Angſt machte Harrick ſinnlos; ſeine Hände abwehrend vor ſich hinſtreckend, taumelte er rück⸗ wärts. Jetzt ein einziger gellender, durchdringender Schrei, und Blackwell ſtand allein auf der Klippe,— Harrick war verſchwunden. Sinnlos, betäubt von Entſetzen ſtand Black⸗ well da; dieſer Todesſchrei hatte ihn erweckt aus ſeiner raſenden Wuth und ihm ſein Bewußtſein wiedergegeben. Aber welch ein Bewußtſein! Seine Knie ſchlotterten, das Haar ſträubte ſich auf ſeinem Haupte, ſein Geſicht ward bleich und erdfahl. Mit einem wilden Schrei ſprang er den Felsweg hinab, in dem mechaniſchen Gefühle, dem Geſtürzten vielleicht noch Hülfe leiſten zu können. So in raſendem Laufe ſtürzte er die Felſen hinab zum Ufer des Fluſſes. Hier fand er die Leute des Wirthshauſes ſchon verſammelt; der Wirth hatte den Schrei gehört und, zum Ufer eilend, den fallenden Körper geſehen. Man hatte den furchtbar Zerſchellten ſoeben von einer aus dem Waſſer hervorſtehenden Fels⸗ ſpitze, auf welche er gefallen, ans Ufer gebracht, und mit mitleidigen Blicken umſtanden die Leute den blutenden Bewußtloſen. „Armer Herr!“ ſagte der Wirth theilnahmsvoll, als Blackwell herbeigeeilt kam;„er wollte Euch, — 22— ſeinen beſten Freund, wie er ſagte, überraſchen. Gott, das war eine traurige Ueberraſchung! Warum mußte er Euch gerade auf der Klippe treffen!— Es iſt dies Jahr ſchon der Dritte, der hinabgeſtürzt iſt, und Alle gleich todt!“ „Nein, nein, er kann nicht todt ſein! Es iſt unmöglich!“ ſchrie Blackwell außer ſich.„Ins Haus ſchafft ihn, ins Haus!“ „Wir wollen verſuchen, ob noch Hülfe möglich iſt!“ ſagte der Wirth und winkte ſeinen Leuten, den Körper aufzuheben und ins Haus zu tragen. Man legte ihn auf ein Bett und wuſch das Blut von ſeinem Kopfe. „Der lebt nimmer wieder auf!“ ſagte der Wirth;„er iſt gerade mit dem Kopf auf die Felsſpitze gefallen!“ „Er wird, er muß aufleben!“ ſchrie Blackwell verzweiflungsvoll.„Schafft Wein herbei, ſeine Schläfe damit zu reiben!“ Der Wirth ging hinaus; Blackwell war allein mit Harrick, und ſich über das Bett neigend blickte er in namenloſer Angſt ihn an. In dieſem Augenblicke war es, als Harrick die Augen öffnete und Edgin mit einem ſo ent⸗ ſetzensvollen, ſtieren Blicke voll des tödtlichſten Haſſes anſah, daß Blackwell ſchaudernd zuſam⸗ menſchreckte. „Fluch über Dich!“ ſtammelten die blutenden Lippen,„Fluch!“— Selbſt in dieſem Momente noch gewahrte Har⸗ rick mit Vergnügen die Todespein, die er ſeinem Feinde bereitete; ein teufliſches Lachen zuckte über ſein verzerrtes Geſicht, die Augen öffneten ſich weiter und blickten auf Blackwell mit einem ſtar⸗ ren, gräßlichen Ausdrucke; dann folgte ein dumpfes Röcheln und— wiederum ward Alles ſtill. Blackwell ſank bewußtlos neben der Leiche nieder. Als er ſich nach langem Bemühen des gutmüthigen Wirthes erholte, fand er ſich auf ei⸗ nem Bett neben dem des Geſtorbenen. Er ſprang empor und neigte ſich wieder über die Leiche. Harrick war geſtorben mit dem ſata⸗ niſchen Lachen um ſeine blauen Lippen, mit dem Blicke des Haſſes und der Wuth. Dieſe furchtbaren Augen ſtierten noch immer mit gläſernem, gräßlichen Ausdrucke, den auch der Tod nicht zu verwiſchen vermochte, auf Blackwell und bohrten ſich auf ewig in ſeine Seele. „Schließt ihm die Augen, die Augen!“ ſchrie er und ſank abermals bewußtlos zuſammen. „Freilich iſts furchtbar, ſeinen beſten Freund ſo zu verlieren!“ ſagte der Wirth, als Blackwell wieder erwacht war;„aber Ihr müßt bedenken, Sir, daß es wohl Gottes Wille ſo geweſen ſein muß.“ „Habt Ihr ihm die Augen geſchloſſen?“ fragte Edgin mit abgewandtem Geſicht. — 24— 3„Ja, Sir! Es iſt wahr: dieſe Augen ſahen entſetzlich aus!—“ „Entſetzlich!“ ſchrie Edgin und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Dann ſaß er lange, lange Stunden in dumpfer, hinbrütender Ver⸗ zweiflung. 6 Die Nacht kam heran; Blackwell lehnte alle Nahrung ab und erklärte entſchieden, die Nacht neben der Leiche wachen zu wollen. Welche furchtbare Stunden waren dieſe, die er in der Einſamkeit und Stille der Nacht an der Seite dieſes gräßlich entſtellten Körpers hinbrachte! Immer glaubte er jenen letzten Blick auf ſich ge⸗ richtet zu ſehen, jenen Fluch der zitternden Lippen zu vernehmen! „Zch bin ſein Mörder!“ murmelte er dumpf vor ſich hin;„ſein Mörder, obwohl es nicht meine Hand war, die ihn erſchlug! Ein Mörder und Fluchbeladener, werde ich fortan das Daſein eines Verdammten leben!— Und durch ihn, dieſen Todten, iſt Qual und Leid über mich gekommen; er hat mich mit Schmach überhäuft und meinen Namen gebrandmarkt; er war ein Dieb in mei⸗ nem Namen!“ Auf einige Zeit drängte der Zorn alle anderen qualvollen Gedanken zurück, und der Zukunft ge⸗ denkend, überlegte er, was zu thun ſei. „Sterben, Ruhe im Tode ſuchen!“ murmelte er wieder vor ſich hin. — — 25— Aber in dieſem Augenblicke dachte er Lillys! Es war ihm, als ſähe er ihre Blicke flehend auf ſich gerichtet, und eine unendliche Sehnſucht nach dieſem lieblichen Kinde erfaßte ſein Herz. Ich will leben, für ſie, mit ihr leben! dachte er; aber wie kann ich das? Ich darf mich nicht unter meinem Namen nach England wagen, wo ich zu einem Diebe gebrandmarkt bin; nicht unter meinem Namen! 3 Wie ein Blitz durchfuhr ihn ein Gedanke: Wie, wenn ich dieſem Todten meinen Namen gäbe, und das Gerücht verbreitete, der Verfolgte und Angeſchuldigte ſei todt?— Lange überlegte er dieſen Plan, und mehr und mehr ſchien ihm dies das Richtigſte. Aber ſo mit Plänen für das Leben beſchäftigt, ward ihm der Aufenthalt neben dem Todten entſetzlich; er verließ das Zimmer und begab ſich in ein anderes für ihn bereitetes Gemach. Am nächſten Tage ward die Leiche begraben und ein einfaches hölzernes Kreuz auf den Hügel geſetzt. „Soll kein Name darauf kommen?“ fragte der Wirth. „Der Name des Todten, natürlich!“ erwiederte Blackwell ruhig. Er hieß Edgin Blackwell, gebürtig aus London. Setzt auch die Art ſeines Todes als Grabſchrift darauf.“ 3 Und alſo geſchah es. — 26— „Lebe wohl, lebe wohl, Edgin Blackwell!“ ſagte Blackwell, als er nach einigen Stunden, im Begriff abzureiſen, noch einmal neben dem Grab⸗ hügel ſtand.„Lebe wohl! Nimmer wird dieſer Name wieder erklingen! Edgin Blackwell iſt ge⸗ ſtorben, und ein Namenloſer ſteht an ſeinem Grabe, belaſtet mit dem Fluche deſſen, den er gemordet! Lebe wohl!“ Er wandte ſich ab, beſtieg Harricks Pferd, und jagte von dannen. Einige Wochen ſpäter verkündigten alle Blätter den Tod des verunglückten Edgin Blackwell, deſſen, der den Sir John Carlis um zehntauſend Pfund und um ſeine Tochter betrogen. Ein ſolches Blatt ward Jſabellen von unbe⸗ kannter Hand überſandt: ſie erfuhr dadurch den vermeintlichen Diebſtahl ihres Gatten zugleich mit ſeinem Tode, und die Verachtung ſtillte nun ihre Thränen ſchneller, als dies ſonſt wohl hätte der Fall ſein mögen. In die Einſamkeit und Stille der Wälder flüchtete der Namenloſe; in dem ſtillen Thale, wohin ſelten der Fuß eines Menſchen ſich verirrte, wo nur das Rauſchen der Bäume und der Geſang der Vögel das tiefe Schweigen unterbrach; dort wollte er ſich eine Hütte erbauen, dort wollte er ſich an den Brüſten der Natur Lethe trinken für ſeine Qual, die Ruhe für ſeine Seele. Aber ach! aus dem Geräuſche der Welt konnte 3 — 27 er ſich zurückziehen, doch nicht vermochte er den Erinnerungen zu entfliehen, die mit dämoniſcher Gewalt ſich an ſeinen Fuß hefteten, und an denen er ſchleppte gleich dem Galeerenſklaven an der Kette, die ſeinen Fuß hemmt. Er war ein Sklav geworden ſeiner eigenen Thaten, verurtheilt von ſeinem Gewiſſen, das ihm nimmer die Freiheit wiedergab. Und wie hätte er Ruhe finden mögen, während fort und fort vor ſeinen Ohren der grimme Fluch eines Ster⸗ benden ertönte, während mit jedem Tage dieſe in⸗ neren Qualen ſich mehrten! Wenn er in die düſterſte Einſamkeit flüchtete, ſo hörte er dicht neben ſich eine furchtbare Stimme, hörte den Fluch, der ſein Haupt traf, in dem Brauſen des Windes, in dem Murmeln des Quells, in dem Rauſchen der Bäume: überall erklang für ihn nur dieſer eine, dieſer vernich⸗ tende Laut. Und wenn er ſeine irren, Troſt ſuchenden Blicke umherſch hweifen ließ, ſo ſah er doch überall nur jene läßten, grauſen Blicke voll Hohn und Wuth, mit dem der Sterbende ihn angeſchaut. Von je⸗ dem Blatte, aus dem Kelche jeder Blume ſtarrten dieſe Augen ihn an; die glitzernden Schatten, welche die Sonne an die Wand ſeiner Kammer zeichnete die bleichen Lichter, mit denen der Mond ſein einſames dghr übergoß: Alles, Alles zeich⸗ nete ihm die Züge und die Geſtalt deſſen den er — 28— gemordet mit dem Willen ſeiner Seele, den er in den Tod getrieben mit dem Gedanken der That. „Ich will wieder hinein in die Welt!“ ſagte der Namenloſe verzweiflungsvoll;„wo das Ge⸗ wühl am dichteſten, das Geräuſch am lauteſten, da hinein will ich mich ſtürzen! Bei tobenden Ge⸗ lagen und ſinnverwirrenden Feſten will ich Ver⸗ geſſen ſuchen; ich will leben, jubeln, jauchzen, ich will brüllen vor Luſt, und lachen, laut lachen vor Freude! Vielleicht kann ich dieſe in mir flüſternden Teufel betäuben. Ich will das volle, das üppige Leben an meine Bruſt drücken! Belaſtet mit einem Morde und dem Fluche des Gemordeten, ein Be⸗ trüger und Falſchmünzer,— giebt es für mich nur einen einzigen Weg; wohlan, ich will ihn gehen! Ich kann nicht mehr zurück;— von dem Mörder wenden alle guten Engel ſich ab: ſo will ich mich denn den böſen in die Arme werfen! Mögen die Wogen der Welt über meinem Haupte zuſammenſchlagen, ſie werden mich mindeſtens be⸗ täuben! Die Sünde hat mich wieder, und ſie wird mir Vergeſſen ſihaſſen Hinfort ſoll mein einziges Beſtreben ſein, mir Vergnügen und Zer⸗ ſtreuung zu machen, und jedes Mittel, das zum Ziele führt, ſoll mir willkommen ſein! Aber nicht als ein Armer, Unbegüterter will ich zurück⸗ kehren in die Welt; mit Reichthum will ich ſie blenden, will ſie beherrſchen mit der Macht des Geldes e 1 — 20— Und er blieb in ſeiner Einſamkeit nur noch ſo lange, bis er ſo viele Banknoten angefertigt hatte, als ihm nothwendig däuchten zu jener Art des Lebens, das nun das Ziel aller ſeiner Beſtrebungen geworden war. In dem freien Amerika einen Paß für das Ausland zu erlangen, war nicht ſchwer; er erhielt ihn auf den Namen, den er anzunehmen für gut befunden. Dann eilte er zuerſt nach Italien;— welches Land wäre mehr dazu geeignet, alle Schmerzen in Ruhe zu wiegen und dem Herzen Vergeſſenheit zu geben? Aber ach, ſelbſt im Geräuſche der Feſte, ſelbſt im Arme der Liebe blieb in ſeiner Seele Raum für die quälende Erinnerung ſeiner Vergangenheit; er konnte ſie betäuben, niemals aber ſie vergeſſen! Und von Land zu Land eilte der Heimaths⸗ loſe und Verbannte, überall ſuchend nach dem, was nirgends für ihn zu finden war— Ruhe und Frieden. 3 Wo iſt das Land, das dem Sünder eine Heimath wäre und eine Zuflucht für die Qual ſeines Gewiſſens? Auf immer hatte durch jene ſchaudervolle Ka⸗ taſtrophe das Böſe in Edgin Blackwell den Sieg davongetragen über das Gute,— er konnte nicht mehr zurück, er mußte vorwärts, hinein in neue Sünden, in neue Laſter! Trinken, Spielen, und alle die Laſter, die das Eigenthum der haute volée ſind, wurden die ſeinigen, und inmitten ſei⸗ nes wüſten und nutzloſen Lebens ſah ſich Edgin in der großen Welt geachtet und gefeiert, ſah ſich umlagert von Schmeichlern und Freunden, die der Glanz ſeines Geldes herbeigelockt. Die große Welt ſtumpfte die letzten Regungen des Guten und Beſſeren in der Seele Edgins ab, der mit ſeinem von eigener Schuld und Sünde geſchärften Blicke die Welt durchſchaute und die Motive ihrer Handlungen erkannte. Je mehr er ſie kennen lernte, deſto mehr ver⸗ achtete er die Menſchen, und ſie alle zu täuſchen, ſie alle zu beherrſchen und zu ſeinen Füßen zu ſehen, dies dünkte ihn nun die höchſte Luſt und Wonne; und er wußte, daß es dazu nur des Geldes bedürfe, er wußte, daß weder Edelmuth noch Hochherzigkeit der Geſinnung, weder Kennt⸗ niſſe noch Talente zu dieſer Herrſchaft führen könn⸗ ten, ſondern nur das Geld. Sein Gemüth ver⸗ härtete ſich mehr und mehr, und ein vollendeter Weltmann, wie er ward, glaubte er an nichts mehr, nichts dünkte ihn ſo heilig, um es nicht mit Gold erkaufen zu können. Er ſah die Treue, die Liebe, die Freundſchaft, ſah alle Tugenden täglich verkaufen,— wie ſollte er noch Ehrfurcht haben vor ſo käuflichen Dingen? Das ganze Leben erfüllte ihn mit einer kalten, bittern Ironie; die beſſern Regungen waren unter⸗ — 31— gegangen in der Weltluſt, und nur nach dieſer trachtete er noch. Vergnügen und Zerſtreuung: dies war das Ziel aller ſeiner Beſtrebungen, und ein kalter, herzloſer Egoiſt, wie alle diejenigen, welche in der großen Welt glänzen, dünkte ihn kein Mittel, es zu erlangen, unerlaubt. Aber eine Stelle gab es in ſeinem Herzen, wohin we⸗ der die ſpöttelnde Jronie, noch die Verachtung der Menſchen zu dringen vermochte,— hier wohnte Lillys Bild. Sie war erhaben über alle Laſter, über alle Sünde; ſie war rein und fleckenlos, und je mehr die Weiber in ſeiner Achtung ſanken, deſto mehr erhob ſich Lilly zu dem Ideale der Unſchuld und Liebe, der reinen Weiblichkeit und erhabenen Tu⸗ gend. Wie ſehr er die Welt, wie ſehr er ſich ver⸗ achtete: Lilly lebte in ſeinen Träumen einem wun⸗ derbaren Engel gleich. Er fühlte, daß er ſie nimmer beſitzen könne: ſie, die Tochter deſſen, den er gemordet, ſie, die Fleckenloſe, Reine, konnte nicht das Weib ſein eines Mörders und Betrügers;— aber er konnte ſie lieben, er konnte ſie beſchützen vor den Anfech⸗ tungen der Welt, vor der Berührung der Sünde, und dies zu thun, gelobte er ſich ſelbſt. Zwei Jahre nach dem Tode Harrichs, nach⸗ dem er ſich in Paris niedergelaſſen, eilte Edgin nach Calais, um dort ſeine Lilly zu empfangen, die er nun für immer aus dem Inſtitute entfernen — 32— 3* woollte; und als er das ſchöne, vierzehnjährige Mädchen, ſeine Lilly, nach dreijähriger Trennung wiederſah, als er die Thränen, welche die Freude ihr erpreßt, von ihren Wangen küßte, als er in ihren Blicken dieſelbe Liebe, dieſelbe Unſchuld ge⸗ wahrte, die ihn ſonſt an ihr entzückte: da fühlte er eine unausſprechliche Wonne ſein Herz durch⸗ ſtrömen, und er ſank wie anbetend nieder auf ſeine Knie vor der, die er den Engel ſeines Le⸗ bens nannte. III. Camilla und Edmund. Nach ſo langem Abſchweifen von unſerer ei⸗ gentlichen Erzählung möge es uns vergönnt ſein, zu derſelben zurückzukehren, und uns zu Denen wieder zu wenden, die wir lange Zeit ihrem Glücke und ihrer Liebe allein überlaſſen haben,— zu Camilla und Edmund. Schon hatten ſie ihre frühere freundliche Woh⸗ nung verlaſſen, ihre zierliche und geſchmackvolle Einrichtung veräußern müſſen und wohnten jetzt in einer der abgelegenſten Vorſtädte in einer elenden und ärmlichen Dachwohnung. Eine niedrige, kleine Stube, eine enge und dumpfige Kammer, dies war ihre ganze Wohnung, und ein eichener Tiſch, einige braun angeſtrichene Stühle, einige Kaſten und ein Bett in der Kammer das einzige Ameublement derſelben; aber Camilla's weibliche Hand hatte es dennoch vermocht, auch dieſer ärm⸗ Bonners. III. 3 lichen Umgebung den Charakter des Comfortabeln und Wohnlichen zu geben. Sie hatte die kleinen, niedrigen Fenſter mit ſaubern, weißen Vorhängen verſehen, die in zier⸗ licher und kunſtvoller Draperie herunterhingen; niemals fehlten dem Tiſchchen, vor dem Edmund arbeitete und ſchrieb, einige Töpfe mit Blumen, und an der Wand über demſelben hing, von ſchö⸗ nen Kränzen umwunden, Camilla's Bild. Alles trug den Charakter der höchſten Sauber⸗ keit und Reinlichkeit, und machte einen heitern und friedlichen Eindruck. Vor ſeinem Tiſche, emſig ſchreibend, ſaß Ed⸗ mund. Sein Geſicht war bleicher und eingefallener, wie früher; Kummer und Sorge, dieſe beiden Feinde der Schönheit, hatten ihre Furchen durch daſſelbe gezogen; aber ſie hatten es nicht vermocht, dieſen großen, dunkeln Augen ihren feurigen, ſtol⸗ zen Ausdruck zu nehmen, oder die kühnen, edlen Lineamente von ſeiner Stirn zu verwiſchen; nur ernſter und gedankenvoller war der ganze Ausdruck ſeines Antlitzes geworden und um ſeine ſchmalen Lippen zuckte dann und wann ein tiefer Schmer⸗ zenszug. Nur wenn er ſeine ſchwermuthsvollen Blicke zuweilen von der Arbeit erhob und es nach andern Ecke des Zimmers richtete, erhellte ſi Auge auf Secunden und färbte ein freudige momentan ſeine bleichen Wangen. — 35— Und wie ſollte das Bild, das ſich dort ſeinen Augen darbot, nicht ſein ganzes Herz mit Freude und Glück erfüllt haben! Da ſaß Camilla neben der Wiege ihres klei⸗ nen, wenige Wochen alten Kindes; das Angeſicht der jungen Mutter leuchtete in verklärender Wonne und ihre ſtrahlenden Augen bewachten den Schlum⸗ mer ihres kleinen Lieblings, von dem ſie mit ſorg⸗ ſamer Hand die Fliegen abwehrte, oder, wenn es ſich rührte, mit leiſem Singen und Wiegen wieder in den Schlaf lullte. 8 Oft wandten ſich ihre Blicke dann von dem Kinde hinüber zu Edmund, und wenn ſich ihre Augen begegneten, eilten ſie aufeinander zu und lächelten mit einem Ausdrucke, wie nur die Liebe ihn geben und verſtehen kann. „Dieſe Abſchrift wäre nun vollendet!“ ſagte Edmund und ſtand auf.„Ich will ſogleich gehen und ſie abliefern, damit wir wieder einige Francs dafür bekommen. Einige Francs für die Arbeit ſechs langer Tage! Ach, und welche geiſtloſe, er⸗ tödtende Arbeit iſt dies!“ 8* Er ſenkte ſein Haupt auf die Bruſt und ſeufzte tief, ſchweren Gedanken dahingegeben. „Komm'“, Edmund, mein Geliebter!“ flüſterte Camilla,„komm' und freue Dich an dem Anblicke Deines Kindes.“ Ddieſe geliebte Stimme weckte ihn ſofort aus ſeinen finſtern Grübeleien; er richtete ſein Haupt — 36— empor und trat mit einem Lächeln an die Wiege des Kindes. Camilla ſchmiegte ſich an ihn, und das Haupt an ſeine Bruſt lehnend, blickte ſie, gleich ihm, auf das ſchlummernde Kind, auf dies kleine, zarte Antlitz, den rothen, halb geöffneten Mund und die kleinen, geſchloſſenen Augen, die zuweilen leiſe zuckten, wie zum Erwachen. „Sieh', mein Edmund, dieſe holde Himmels⸗ blume,“ flüſterte Camilla tief bewegt,„dies Kind, das uns Gott gegeben, iſt dies nicht ein herrlicher, unermeßlicher Beſitz? Sind wir nicht reich? wir, denen ein Kind gehört, ein Leben außer uns und doch unſer? Sieh', wie es die kleinen Händchen bewegt, wie es lächelt im Schlafe, als ob es im Traume mit Engeln ſpiele. Ach, welches Glück gleicht dem, ein Kind zu beſitzen!“ Edmund ſchlang den Arm um ſeines Weibes Nacken und zog ſie feſter an ſein Herz. „Du große, reine Seele!“ ſagte er leiſe;„gieb mir von Deinem Frieden und Deinem Gottver⸗ trauen, von Deiner Sorgloſigkeit und Heiterkeit!“ „Und wer wollte nicht Gott vertrauen, Ed⸗ mund, wenn Gott ſich ihm ſo herrlich offenbart hat, wenn er von ſeinen Himmeln uns einen En⸗ gel ſandte, in deſſen lieblichen Kindeszügen uns täglich neue Wunder und himmliſche Geheimniſſ offenbart werden! Wer wollte nicht heiter u zufrieden ſein, wenn er Alles das beſitzt, w — 37— das Leben ſchmücken und verklären kann! Sind wir nicht reich, mein Edmund? Beſitzen wir nicht uns, nicht unſer Kind?“ Edmund neigte ſchwermuthsvoll ſein Haupt und ſagte mit trübem Tone:„Das iſt der Jammer der Armuth, daß ſie den Segen ſelbſt zum Fluche werden läßt und das unermeßliche Glück in ein namenloſes Elend verkehrt. Allein zu darben, iſt nichts, ſelber zu entbehren, iſt leicht; aber ein geliebtes, angebetetes Weib darben zu ſehen, das iſt Höllenglut, das iſt eine Pein, die mit vergif⸗ tetem Stachel der Liebe ihr Entzücken und dem Glücke ſeine Krone raubt. Und dies Kind, deſſen Daſein mich mit Entzücken erfüllt, giebt es mir nicht zugleich einen tiefen, verzehrenden Gram? Wie wird ſeine Zukunft ſein? Elend und kum⸗ mervoll, voll Entbehrung und Noth, belaſtet mit dem Fluche der Armuth.“ „Nein, nein, nein, Edmund!“ ſagte Camilla, und ihre ſtrahlenden Augen richteten ſich mit be⸗ geiſtertem Ausdruck aufwärts;„der Segen Gottes iſt mit den Kindern! Er wird über unſerem Sohne wachen, er wird ihn glücklich machen. O wie könnte der Sohn eines ſolchen Vaters verloren gehen in Noth und Elend, wie könnte das Kind in Armuth untergehen, deſſen Vater in ſeinem Geiſte einen nie verſiegenden, unerſchöpflichen Reichthum beſitzt!“ „Und dieſe Quellen meines Geiſtes, ſie wer⸗ den verſiegen unbenutzt, werden im Sande ver⸗ 2 38— rinnen, und bald wird keine Spur von ihnen mehr geblieben ſein! Mir wäre beſſer, ſie nim⸗ mer entdeckt zu haben, als ſie ſo nutzlos verrinnen zu ſehen.“ „Nutzlos?“ ſagte Camilla mit ſanftem Vor⸗ wurfe.„Liebe ich Dich nicht darum? Und alle dieſe ſüßen und köſtlichen Begeiſterungen, die Du Deiner Dichtergabe verdankſt, nennſt Du die nutzlos?“ „Nein, Du haſt Recht!“ rief Edmund heiter, und betrachtete ſein Weib, die mit ſtrahlenden Augen und gerötheten Wangen vor ihm ſtand, mit entzückten Blicken.„So lange Du mir lä⸗ chelſt, ſo lange Deine Liebe mir bleibt, will ich nicht klagen, auch nicht, wenn ich Dich leiden ſehe.“ „Ich leide nicht, mein Geliebter!“ ſagte Ca⸗ milla zärtlich.„Entbehren iſt nicht leiden. Ich entbehre auch nicht, wenn ich Dich beſitze; ich würde aber entbehren und leiden in einem Palaſte, umgeben von Glanz und Pracht, wenn Du mich nicht liebteſt!“ Edmund küßte die purpurnen Lippen, die ihm ſo holden Troſt geſprochen, und ſeine Gedanken fleheten zu Gott um Glück und Beiſtand für die Geliebte. „Und nun will ich gehen, meine Arbeit ab: zuliefern und neue zu holen. Der Buchhändler hat mir verſprochen, wieder ein Manuſcript zur Abſchrift bereit zu halten!“ ſagte Edmund und umarmte Camilla, Abſchied nehmend. Als er ſie aber verlaſſen, veränderten ſich die Züge in Camillens Angeſicht, und ihre Augen nahmen jenen melancholiſchen und traurigen Aus⸗ druck an, der ihr oft, inmitten des Glückes, ei⸗ gen geweſen. „Ob ich wohl Unrecht thue, ihn zu täuſchen,“ ſagte ſie leiſe,„ihm eine Zuverſicht zu heucheln, von der meine Seele nichts weiß? O Gott, ver⸗ zeihe mir dieſe Täuſchung, zu der mich die Liebe treibt; gieb mir Kraft, heiter zu ſcheinen, damit ſeine edle Seele nicht unter der doppelten Laſt des eigenen und des fremden Kummers erliege. Sorge Du für unſer Kind, für uns.“ Das Weinen ihres Kindes weckte ſie aus ihren Gedanken, und ſie eilte zu der Wiege, mit Mutter⸗ zärtlichkeit in ihren Augen. Sie hob den Sohn auf ihre Arme, und als ſie ſeine Lippen küßte, deren Berührung ihr wie Blüthenduft und Himmelsthau erſchien, war aller Kummer und alle Sorge vergeſſen. Sie ſchaukelte das Kind in ihren Armen, trug es tändelnd und ſchäkernd im Gemach auf und ab, ſang ihm mit glockenheller Stimme reizende Wiegenlieder und jauchzte vor Entzückung, als das Kind ihr lächelte. Als ſie aber von der Treppe her Edmunds Tritte vernahm, legte ſie das Kind raſch in die — 10— Wiege und eilte, ihrem Geliebten mit freundlichem Willkommen die Thür zu öffnen. Er war noch finſterer und trüber, wie zuvor, und Camillen den Erlös ſeiner Arbeit hinreichend, ſagte er traurig:„Da nimm, es iſt Alles! Gott weiß, was wir beginnen werden, wenn auch dies verbraucht iſt. Es gab keine Arbeit für mich.“ „Verzage doch nicht, mein Edmund!“ erwie⸗ derte ſein holdſeliges Weib;„wenn die Noth da iſt, werden wir ſchon erfinderiſch ſein, ihr abzu⸗ helfen. Freue Dich vielmehr, wie ich es thue, daß Du nun Zeit gewinnſt, Deine herrliche Dich⸗ tung zu vollenden; dieſe Dichtung, von der jedes Wort mein Herz mit heiliger Rührung bewegt und die in Wahrheit aus den tiefſten Quellen des Geiſtes geſchöpft iſt.“ „Wie gut Du biſt und wie herrlich!“ rief Edmund und drückte ſein Weib mit naſſen Blicken in ſeine Arme.— Aber das kleine Capital, das Edmund gebracht, verzehrte ſich bald, und nach wenigen Wochen ſchon waren ſie wieder ohne alle Mittel, ohne alle Hülfe. 1 . Der Winter war hereingebrochen, mit ihm eine ſeltene Kälte, und es mangelte ihnen an Allem, ſich gegen dieſe zu ſchützen, oft in mehreren Ta⸗ gen kam keine Flamme in den ſchwarzen, räu⸗ 3 cherigen Kamin. Ach! ihre Mittel reichten kaum — 41— aus, ſich die nöthige Beleuchtung in den langen Winterabenden zu verſchaffen. Schon hatte Edmund ſeine beſſeren Kleidungs⸗ ſtücke verkauft, und auch Camilla hatte die letzten Reſte ihrer eleganten und koſtbaren Toilette her⸗ gegeben; aber inmitten all dieſes Elendes und dieſer Noth bewahrte Camilla ſtets ihre ſanfte Heiterkeit, ihren wohlthuenden Frohſinn. Mit einer faſt übernatürlichen Fähigkeit, zu leiden und zu dulden, begabt, ſchien ihre Seele von keinem Unglücke gebeugt werden zu können, ſondern entfaltete ſich inmitten des Elendes und der Noth zu immer ſchönerer Blüthe. Da gab es keine Entbehrung, die ſie nicht willig und lächelnd auf ſich genommen, kein Opfer, das ſie nicht freudig gebracht. Alle dieſe äußern Bedürfniſſe und Nothwendig⸗ keiten ſchienen für ſie gar nicht vorhanden, ihr Lächeln blieb daſſelbe engelhafte und heitere, ihr Auge leuchtete in demſelben himmliſchen Glanze, und nicht minder ſchön war ſie in dem einfachen Kattunkleide, als ſie es ſonſt in der ſammetnen Robe geweſen. Nimmer hatte Camilla auch nur einen Mo⸗ ment den Schritt bereut, den ſie einſt aus Liebe gethan, nimmer auch nur einen Moment daran gedacht, daß es vielleicht beſſer geweſen, ſie hätte Edmund nicht dem reichen Bonners vorgezogen. Ihre Liebe blieb dieſelbe, unerſchütterlich und — 42— treu, glühend und heiß, und die Armuth und Noth vermochte ſo wenig dieſe heiligen Gluten zu däm⸗ pfen, als der Reichthum und Glanz ſie zu erhöhen im Stande geweſen. Und wenn ſie an dem Herzen ihres Edmund ruhete, wenn ſie ihr Kind an ihre Bruſt drückte: dann empfand ſie in ihrem dank⸗ erfüllten, liebenden Herzen ein Glück, von dem ſie wußte, daß es über alles Unglück und alles Lei⸗ den erhaben ſei. Aber ach! während ihre Seele ſo alle Noth und alles Elend zu überwinden vermochte und ſich in lächelnde Ruhe und Zufriedenheit darüber er⸗ hob, litt ihr Körper unter dieſen Entbehrungen und dieſer kümmerlichen Lebensweiſe, zu deren Er⸗ tragung es der Gewohnheit und Abhärtung eines ganzen Lebens bedarf. Camillens zarte Conſtitution war ſeit lange erſchüttert, und je lebendiger und freier das gei⸗ ſtige Leben in ihr ſich erhob, deſto hinfälliger drohete das phyſiſche zu werden. Ihre Geſtalt begann ſchon ihre ſchönen runden Formen zu ver⸗ lieren und ward noch zarter und ätheriſcher; ihr ſchönes Haupt war leiſe und ermattet vornüber geneigt, gleich einer vom Sturme geknickten Lilie ſenkte ſich ihr Haupt auf ihre Bruſt, während auf ihren Wangen oftmals jene ſchöne und dunkle Röthe glühete, unter der die heimtückiſche Krankheit, welche ſo oft die Folge heftiger und lang dauern⸗ der Gemüthsbewegung iſt, ihr unheilsvolles Da⸗ — 43— ſein zu verbergen und zugleich zu verkünden pflegt, die Krankheit, an deren Namen Camilla zuweilen mit leiſem Schauder dachte, wenn ſie die ſtechen⸗ den Schmerzen in ihrer Bruſt zu überwinden und zu verheimlichen trachtete und mit leiſem Huſten hellrothes Blut aus ihrer Bruſt hervordrang. Aber ſelbſt dies nahende, neue Leid vermochte nicht jenen Himmelsfrieden zu zerſtören, der ſtets über ihren Zügen ruhete; ſelbſt unter den beäng⸗ ſtigenden phyſiſchen Schmerzen vermochte ſie zu lächeln und heiter zu ſein, zu ſcherzen, während ſie heimlich zuſammenzuckte vor Schmerz und Weh. Mit jener unerſchütterlichen und unbegreiflichen Kraft, zu der das Weib durch ihre Liebe befähiget wird, überwand ſie alle Schmerzen und verhüllte ſie jedes Leid. Dies iſt eine Kraft, die vorzugs⸗ weiſe den Frauen eigen iſt und von der die Män⸗ ner wenig wiſſen.. Ach wie manche Frau iſt geſtorben, von deren jahrelanger phyſiſcher Qual der Geliebte an ihrer Seite keine Ahnung gehabt; wie manche hat in ihrer begeiſterten Liebe Jahre lang es vermocht, das Aechzen der Pein unter dem Lachen der Freude, das Seufzen der Qual unter dem Seufzer der Liebe zu verbergen, um den Geliebten nicht durch das Anſchauen ihrer Schmerzen zu betrüben! Wie manches Weib iſt hingeſtorben mit einem Heldenmuthe, der um ſo größer, weil er von X Niemand gekannt, weil das Schweigen und Ver⸗ — 4112— bergen die einzigen Lorbeeren waren, die ſich um ihre erkalteten Schläfe legten; weil Niemand, als Gott, ihren Heldenſinn kannte und ihre Thaten ſah! Auch Edmund glaubte dem fröhlichen Lächeln und dem heitern Antlitze ſeiner Camilla, und dieſe ſchöne glänzende Röthe ihrer ſammetnen Wangen erfreute ſein Herz, indem ſie ihm ein Zeichen ihres Wohlergehens und ihrer Geſundheit zu ſein ſchien. Es war ihm tröſtlich, zu denken, daß ihr Kör⸗ per nicht leide unter den mancherlei Sorgen und Plagen, und dieſer Gedanke war eine Sänftigung ſeiner Qualen.. Er litt in Wahrheit unendlich, und oft fühlte er ſeine Seele niedergebeugt zu verzweiflungsvoller, tödtlicher Pein. Seiner heißen und innigen Liebe war es unerträglich, das Weib ſeines Herzens Noth und Entbehrungen erdulden zu ſehen, und ſein Stolz fühlte tief die demüthigende Qual, die⸗ ſer Entbehrung und Noth nicht abhelfen zu kön⸗ nen; es dulden zu müſſen, daß Camilla, die ſchöne, die in Luxus und Ueberfluß aufgewachſene Tochter einer vornehmen Familie, an ſeiner Seite darben und allen den Genüſſen entſagen müſſe, zu denen ſie Geburt und Liebenswürdigkeit berechtigte. „Camilla!“ ſagte Edmund an dem Tage, an welchem ſie ihre letzten Sous hingegeben:„unſer Geld iſt zu Ende, und wie viel ich ſinnend grü-⸗ bele, mir will kein Mittel einfallen, dieſer Noth abzuhelfen. Ich werde Dich, ich werde mein Kind 45— verhungern ſehen, und ich werde Euch nicht helfen können!“ „Hab' Vertrauen, mein Edmund!“ erwiederte ſein Weib mit ihrem holdeſten Lächeln und ſchmiegte ſich an ihres Gatten Bruſt.„Noch ſind wir nicht mittellos, noch können wir uns ſelbſt helfen.“ „Und wie das?“ fragte Edmund, aus dum⸗ pfem Sinnen emporfahrend.„Wie könnten wir uns helfen? O dies iſt ja eben, was mein Herz mit furchtbarer Qual zerfleiſcht: die Kraft, die Fähigkeit zur Arbeit, zur That zu beſitzen, und dennoch nicht helfen zu können! Mit dem Willen, für Dich, Du holde Geliebte, zu arbeiten und zu ſchaffen, dennoch müßig daſtehen zu müſſen, ein unthätiger Zeuge Deiner Leiden.“ „Es wird anders werden, gewiß, es wird; laß uns vertrauen und hoffen!“ ſagte Camilla mit holder Ueberredung;„und bis dahin laß uns die Mittel gebrauchen, die in unſere Hand gegeben ſind.“ „Und welches wären dieſe Mittel?“ Camilla nahm von ihrem Finger den goldenen Reif, den Edmund am Tage ihrer Verheirathung ihr gegeben, und denſelben ihrem Geliebten dar⸗ reichend, ſagte ſie weich:„Was ſollen uns gol⸗ dene Ringe und äußerer Schmuck? Wir ſind zu glücklich, um deren zu bedürfen. Nimm Deinen und meinen Ring, und laß uns dafür Mittel ſchaffen für unſer Kind und uns.“ „O Camilla, Camilla! wie elend bin ich!“ ſeufzte Edmund mit dumpfem Tone.„Auch dieſes geheiligte Zeichen unſerer Verbindung ſoll ich um Geldes willen von Deiner Hand nehmen?!“ „Und was iſt es weiter, als ein äußeres Zei⸗ chen?“ ſagte Camilla gefaßt,— ſie hatte in lan⸗ ger, ſchlafloſer Nacht ſchon Abſchied genommen von dem theueren Kleinod und es mit ihren Thrä⸗ nen befeuchtet.„Laß uns den Trauring von unſern Fingern ſtreifen; die Liebe im Herzen bleibt dieſelbe, nichts kann ſie erſchüttern und erkälten! Was war dieſer Ring denn weiter, als eine äußere Er⸗ innerung jener geheiligten Stunde, in der wir vor Gott unſere Gelübde der Treue und Liebe wech⸗ ſelten, wie dieſe Ringe an unſerer Hand. O Ed⸗ mund! dieſe Erinnerung lebt dennoch in uns, ver⸗ kündet ſich lebendig in jedem unſerer Blicke, un⸗ ſerer Worte. Laß uns Gott danken, daß wir nicht dieſer äußeren Zeichen und Bindungsmittel bedürfen.“ Edmund antwortete nicht. Es arbeitete und kämpfte in ſeinen Zügen, und über ſeine hohe, ſtolze Stirn zuckte es wie Blitze des Schmerzes und der Pein. „Und dann,“ fuhr Camilla ſchüchtern fort, „wir haben noch mehr unnöthiges und überflüſ⸗ ſiges Gold. Bedarf mein Bild dort wohl jener goldenen Einfaſſung, um es Dir lieb und werth zu machen?“ — 47 „Auch das noch!“ ſtöhnte Edmund.„Auch dies ſoll zerſtört werden?“ 4 „Zerſtört? O nein! Gewiß nicht. Iſt nicht ein Kranz eine viel ſchönere Einfaſſung, als das todte Gold? Sieh, wie ſchön jener Kranz iſt und wie häßlich dieſer Goldreif, den ich davon abgelöſt.“ „Es iſt zu viel, zu viel!“ rief Edmund ver⸗ zweiflungsvoll, und ſein Geſicht in ſeine Hände verbergend, weinte er laut. Es waren die bitter⸗ ſten Thränen, die je ein Mann geweint. IV. Vergrößertes Elend. „Es wird, es muß möglich ſein, Beſchäftigung und Arbeit zu erlangen!“ ſagte Edmund zu ſich ſelbſt.„Meinem feurigen Beſtreben, meinem raſt⸗ loſen Bemühen wird es endlich gelingen, dies Ziel zu erreichen.“ Mit völliger Verleugnung und Ueberwindung ſeines Stolzes und glühenden Ehrgefühls entſchloß ſich Edmund, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um Beſchäftigung und ſomit Hülfe zu ſuchen. „Es iſt keine Schande, dachte er, während er auf die Straße hinaustrat, für Die zu flehen und zu bitten, die mir das Liebſte und Theuerſte auf Erden iſt, und mein ſchönſter Stolz ſoll es ſein, für ſie zu arbeiten, und wäre es auch als niedriger Tagelöhner.“ Und er ging zu den Männern der Viſſenſchaft und Gelehrſamkeit, und flehete mit demüthiger — 49— und verzweiflungsvoller Bitte um Beſchäftigung und Abſchriften. Sie zuckten die Achſeln mit kaltem Mitleid und bedauerten, ihm nicht helfen zu können, da ſie ſchon ihren beſtimmten Schreiber hätten. Er ging auf die Büreaux und bat, ihn zu beſchäftigen, nur als Schreiber, als Diener, was es ſei. Man wies den Aufdringling hinaus, der un⸗ aufgefordert gewagt, dieſe Räume zu betreten. Mit zähneknirſchender Wuth, Scham und Todes⸗ ſchmerz in der Bruſt ſtürzte Edmund weiter. Glänzende Caroſſen und Staatswagen fuhren an ihm vorüber, ihre ſtolzen Roſſe ſtampften mit ihren Hufen den Boden, daß die Funken ſprühe⸗ ten, und trugen ihre eleganten Herren zu den Boulevards, oder zu irgend einem Feſte des Luxus; die Sonne beleuchtete den Schnee, daß er in tau⸗ ſend Diamantlichtern funkelte, und ein prachtvoller, glänzender Maskenzug kam die Straße daher; das Volk jauchzte und ſchrie vor Zuſchauerluſt und lachte der drolligen Masken. Ueberall ſchien Freude, Luſt und Vergnügen; und wer dieſe wogenden Menſchenmaſſen, dieſe heiteren Geſichter, dies fröhliche Jauchzen und Jubeln, dieſe Pracht der Toiletten und Equipagen gewahrte, der hätte glauben mögen, ganz Paris ſei nur ein Ort der Freude und des Vergnügens; Wohlbehagen und Luſt ſei überall. Bonners. III. 4 — 350— Ach, wie Viele unter dieſen, die dem glänzen⸗ den 1e⸗ entgegen jauchzten, hatten weder eine Stätte, ihr Haupt hinzulegen, noch einen Biſſen, ihren Hunger zu ſtillen! Aber das Volk iſt gleich einem Kinde,— mit Thränen in den Augen, die der Schmerz ihm ausgepreßt, vermag es zu lachen, wenn irgend eine Urſache ſich darbietet, und ſchnell iſt über dem augenblicklichen Vergnügen auch das langdauerndſte Leid vergeſſen. In vielen Häuſern, an denen der Zug vor⸗ überwogte, hatte das hohläugige Unglück und das menſchliche Elend ſeine ächzenden Opfer getroffen und das Jauchzen von außen dünkte ihnen ein Hohn ihrer Schmerzen. Aber ſo ſind die Ein⸗ richtungen unſeres ſocialen Lebens: dicht neben dem prunkenden Reichthume ſchleicht die ächzende Ar⸗ muth einher, der Ruf der Freude erſchallt neben dem Klagelaute des Jammers, und in der elenden Dachkammer kann ein Vater mit ſeinen Kindern verhungern, während einige Treppen unter ihm der reiche Jüngling ſeinen Freunden ein ſchwelge⸗ riſches Mahl bereitet und in Einer Stunde ver⸗ praßt, was das Leben des Armen für immerdar aller Sorgen entledigen könnte. Inmitten dieſer jauchzenden, ſchreienden Menge ſtand Edmund mit hochathmender, ſchmerzbelaſteter Bruſt, und wie ſeine düſtern Blicke über das Ge⸗ wühl fröhlicher Menſchen, über den Glanz und den Reichthum dieſer Masken dahinglitt, fühlte er in ſeinem Herzen eine tiefe, unausſprechliche Ver⸗ achtung der Menſchen und der Welt. Ach! dieſe geſchmückten, fröhlichen Menſchen, mit ihren freu⸗ digen Mienen und ihrem glücklichen Lächeln, ſie wußten nichts von den Leiden der Armuth, und Keiner von ihnen möchte auch nur das Vergnügen dieſer Stunde hingeben, wenn es gelte, dafür einem Armen zu helfen! So dachte Edmund in der Bitterkeit ſeines Schmerzes, als er ſich mit Mühe einen Weg bahnte durch die gaffende Menge, um nach einem Orte zu forſchen, der ihm Beſchäftigung und ſei⸗ ner Geliebten dadurch Unterſtützung verſchaffen könnte. Er ging in die Läden der reichen Kaufherren, auf das Comtoir der Banquiers, ach! er ging überall hin, wo er glaubte, daß ſeine Feder, ſeine mechaniſche Geſchicklichkeit im Schreiben gebraucht werden könnte, und überall wies man den Frem⸗ den, den von Niemand Empfohlenen zurück. Er ging zu den Vorſtehern von Schulen und Gymnaſien, und bot ſich zum Lehrer der Jugend an für den geringſten, niedrigſten Lohn. Man ſollte ihn doch mindeſtens prüfen, ſeine Kenntniſſe und Befähigungen erforſchen. Man zuckte die Achſeln mit ſpöttiſchem Lächeln und meinte, alle Stellen ſeien beſetzt, und wo vielleicht eine vacant würde, da warteten ſchon viele, von hohen Gön⸗ 4* nern und Freunden empfohlene junge Männer auf nenun as Traurig ſchlich Edmund von dannen, ſeine edle Seele niedergedrückt von den gemeinſten, niedrigſten Schmerzen; denn was kann niedriger und zermalmender ſein, als um des Brodes, um des Hungers willen zu ſorgen und zu ſeufzen, ſeine Geiſteskräfte verdorren zu fühlen unter dieſen Beängſtigungen der phyſiſchen Natur und mit thieriſchen Sorgen die nach Höherem verlangende Seele erfüllen zu müſſen. Aber Edmund dachte nicht an ſeine eigene Erniedrigung und Entwürdigung; er dachte an ſein Weib, an ſein Kind, und dieſer Gedanke gab ihm Muth zur Duldung und Ergebung. Und er ging weiter, mit ſeiner belaſteten Seele und kum⸗ mervollen Herzens nach Beſchäftigung, nach Brod ſuchend. Umſonſt, umſonſt! Niemand war, der ihn unterſtützen und beſchäftigen wollte. Einige nannten ihn einen Bettler und mein⸗ ten, dies Verlangen nach Arbeit ſei nur eine Maske oder Bettelei;; Andere murmelten mit arg⸗ wöhniſchen Blicken, es ſei vielleicht ein Dieb, der gekommen, die günſtige Gelegenheit zu erſpähen. Nach einem Tage des nutzloſen Forſchens und Wanderns kehrte Edmund zurück zu ſeiner Gelieb⸗ ten, todesmatt, bleich und zitternd, und vor ihr, die ihm mit ſüßem Gruß entgegeneilte, in die — 53— Knie ſinkend, ſagte er mit tonloſer Stimme: Ich habe Alles verſucht, Alles! Ich dachte an Dich, und darum hatte ich Kraft, zu dulden und de⸗ müthig zu ſein. Es war Alles vergeblich! Hin⸗ fort weiß ich keine Rettung mehr! Es bleibt uns nichts mehr übrig, als zu ſterben!“ „Und wäre das Sterben nicht ſüß?!“ flüſterte Camilla, als ſie ihn emporzog in ihre Arme.„Ach, Edmund, mit Dir zu ſterben, iſt ſo ſchön, wie mit Dir zu leben! Aber unſer Kind, unſer holdes, theueres Kind? Dies verlangt nach unſerem Le⸗ ben; für dieſes mußt Du Dich erhalten, für die⸗ ſes müſſen wir leben!“ „Ja, leben! Aber was iſt leben für uns an⸗ ders, als leiden?“ rief Edmund. Als er aber den ſeltſamen und ſchwermuthsvollen Blicken Ca⸗ millens begegnete, da fühlte er, daß es ſeine Pflicht ſei, ſeine Qual zu verbergen, und die Geliebte an ſein Herz ziehend, ſagte er weich:„Und doch, Camilla, iſt das Leben göttlich an Deiner Seite, und inmitten dieſer irdiſchen Sorgen jauchzet meine Seele in dem ſtolzen und beſeligenden Glücke Deiner Liebe!“ Sie ſchmiegte ſich feſter an ihn, gleichſam, als wolle ſie an ſeinem Herzen Schutz ſuchen gegen alle Stürme der Welt; und wie ſie ſo, Arm in Arm, Bruſt an Bruſt daſtanden, ſich anſchauend mit Blicken voll der heiligſten Liebe: wer hätte ſie da unglücklich nennen mögen, ſie, denen das Leben— — 54— Alles verſagte und doch nichts zu bieten hatte, die in der Armuth ſo reich und in dem Elende ſo ſelig waren?!— An dieſen Beiden feierte die Liebe ihr ſchönſtes, heiligſtes Feſt; ſie war es, die ihr dunkles, kaltes Daſein mit hellen Sonnenblicken erwärmte, welche ihre ſchmerzumwölkten Blicke leuchten machte, und Wangen, die das Elend und die Sorge gebleicht, mit dem hellen Rothe der Freude übergoß; ſie war es, welche dieſe Beiden ſtärkte zum Kampfe und die Unterliegenden ſelbſt ſiegesfroh machte. Ja, ſelbſt dieſes äußere Elend und dieſe Noth ſchien nur dazu zu dienen, ihre Liebe noch zu erhöhen, ſie noch geiſtiger und in⸗ niger zu machen in dem Bewußtſein, wie ganz ſie aufeinander gewieſen und Einer in dem Herzen des Andern allein den Troſt und die Heilung der⸗ jenigen Schmerzen ſuchen müßten, die ſie nicht für ſich, ſondern auch wiederum Einer für den An⸗ dern erduldeten. „Willſt Du mir eine Freude bereiten, mein Edmund?“ fragte Camilla am Abende dieſes Ta⸗ ges; und Edmund war ſchon erquickt von dem Gedanken, daß es noch Freuden gebe, die er ihr zu gewähren im Stande ſei. „Ich ſehe, Du willſt!“ ſagte ſie mit ihrer unnachahmlichen Lieblichkeit, als er ſie fragend und lächelnd anblickte, und ihren Arm um ſeinen Nacken legend, bat ſie ihn, ihr aus ſeinem nun vollendeten Manuſcripte vorzuleſen. Edmund that es, und unter dem Leſen fühlte er ſein Herz ſich befreien von der Demüthigung, die heute den ganzen Tag daſſelbe belaſtet; er athmete erleichtert und frei; die Begeiſterung und Entzückung, die ihn zu ſeinem Werke getrieben, ſenkte ſich wieder mit mildem, verſöhnenden Segen auf ſein niedergebeugtes Haupt, daß er es wieder ſtolz und frei zu erheben vermochte; das Gefühl ſeiner Dichterwürde und Begabung erwärmte und ſtärkte ihn wieder; und wenn er zuweilen von ſei⸗ nem Manuſcripte aufblickte zu der Geliebten, die mit glühenden Wangen, mit leuchtenden Blicken und athemloſem Aufmerken ihm zuhörte; wenn er die Empfindungen, die ſein Werk in ihr erzeugte, ſich in ihrem holden Angeſichte wiederſpiegeln ſah; ſah, wie ſie bebte in heiliger Rührung, die ſeine Poeſie in ihr hervorrief; wenn er fühlte, wie ſeine Worte das edelſte, das lieblichſte Weſen zu begei⸗ ſtern und zu erfüllen vermochte:— dann fühlte er mit freudigem Stolze, daß er in Wahrheit ein Dichter, ein von Gott Geſegneter ſei. Als er geendet und Camilla mit Thränen des Entzückens und der Ehrfurcht zugleich ſeine Hände küßte, da war auch nicht Ein herber Gedanke mehr in ihm, und nicht verbitterte ihm die Erin⸗ nerung an die Erlebniſſe des heutigen Tages das reine Glück dieſer Stunde. In dieſem Augenblicke erwachte ihr Kind; Ca⸗ milla hob es aus ſeiner Wiege und reichte es mit — 56— ſeinem vom Schlafe gerötheten, kleinen Geſichtchen dem Geliebten dar; und als er Weib und Kind in ſeine Arme ſchloß, da dankte er Gott für ſein unendliches, großes Glück.—— „Siehſt Du,“ ſagte Camilla anderen Tages mit ſüßem, triumphirenden Lächeln, und reichte Edmund ein Päckchen Papiere dar,„ſiehſt Du, wie gut es iſt, wenn man vertraut und hofft, an⸗ ſtatt zu verzagen?“ „Da ſendet Dir der Buchhändler ſchon wieder ein großes Manuſcript und bittet Dich, es ſo bald als möglich abzuſchreiben, da das Buch ge⸗ druckt werden ſolle und kein Setzer im Stande ſei, dieſe unleſerliche Handſchrift zu entziffern.“ Edmund war wirklich froh über dieſe Botſchaft und begann ſogleich ſeine ſchwierige und uner⸗ quickliche Arbeit. . Auch von anderen Seiten her bekam er in dieſen Tagen noch manchen Stoff zum Abſchrei⸗ ben geſandt, und ſo war für die nächſte Zeit überreichliche Beſchäftigung vorhanden. Ach, aber welch ein trauriges und mühevolles Tagewerk iſt das eines Abſchreibers; wie viele Stunden unauf⸗ haltſamer Arbeit bedarf es, ehe ein Bogen voll⸗ endet iſt, und wie gering iſt dann für einen ſol⸗ chen der Lohn! Edmund erkannte, daß der Tag nicht ausreichen würde, um ihn ſo viel ſchaffen zu laſſen, als für die Erwerbung des zu ihrem Un⸗ — 57— terhalte Nothwendigſten erforderlich ſei, und er beſchloß, auch die Nacht zu Hülfe zu nehmen. Aber Camilla durfte hiervon nichts wiſſen; ihre zart beſaitete, gefühlvolle Seele ſollte nicht von dem Gedanken beunruhiget werden, daß, wäh⸗ rend ſie ſchlummere, er ſich den Schlaf raube, um für ſie zu arbeiten. Dies ſollte ihr ein Geheim⸗ niß bleiben, und erſt, wenn Camilla, die mit dem Kinde in der Stube ſchlief, während Edmund in der Kammer ſein Bett hatte; erſt, wenn ſie ſchlief, die Thür geſchloſſen und er überzeugt war, von ihr nicht mehr überraſcht zu werden: erſt dann zündete er aufs Neue ſein Licht an, und bis zum Anbruche des Tages leuchtete aus dem trüben Dachfenſter, einer Laterne gleich, das Licht, das dem jungen Gelehrten und Dichter zu ſeiner pro⸗ ſaiſchen und ungelehrten Arbeit leuchtete; erſt dann ſank er nieder auf ſein einſames, hartes Lager, einige kurze Stunden zu ruhen und Camillen am Morgen auf ihre zärtliche, theilnahmsvolle Frage verſichern zu können, wie ſchön erquicklich er die ganze Nacht geſchlafen. Aber auch Camilla hatte ihre Geheimniſſe vor Edmund. Sie hatte in ihrer Sorge und Noth ihren Stolz bezwungen und ſich in einem rühren⸗ den Schreiben an ihre Mutter gewandt, aber von dieſer keine Antwort erhalten; und da ſie erkannte, daß von dieſer Seite keine Hülfe zu erwarten — 58— ſtand, ſann ſie auf Mittel, auch ihrerſeits ihren Gatten in ſeinen Bemühungen zu unterſtützen. Es war ihr gelungen, ſich von einer Krämerin einige Näharbeiten zu verſchaffen, die ſie bald zu vollenden verſprochen. Doch ſie kannte ihren Ge⸗ liebten zu gut, um nicht zu wiſſen, wie quälend und ſchmerzvoll ihm der Gedanke ſein würde, auch ſie für kärglichen Lohn Arbeiten verrichten zu ſehen, und in ihrer begeiſterten Liebe trachtete ſie, ſeinem Stolze dieſe Demüthigung zu erſparen. Sie legte ſich jeden Abend nieder, löſchte ihr Licht, ſagte ihrem Geliebten gute Nacht und gab ſich den Anſchein, zu ſchlafen.. Erſt, wenn Edmund, wie er es jeden Abend that, mit leiſem Flüſtern ſie gefragt: ob ſie noch wache? und, da ſie ihm keine Antwort gab, an ihren Schlaf glaubte und leiſe die Thür ſchloß: erſt dann, wenn ſie nun gewiß war, nicht mehr von ihm überraſcht zu werden, erhob ſich Camilla ſchnell wieder von ihrem Lager, zündete ihr Licht an und nahm ihre Arbeit zur Hand und bis zum Anbruche des Tages ſtrahlte auch aus ihrem Fenſter das Licht, das ihr zu ihrer mühevollen und geiſtloſen, wenig gewohnten Beſchäftigung leuchtete, und in ihre ſchönen Augen kam kein Schlaf, bis auch ſie beim Anbruche des Tages ſich niederlegte, um ihrem Geliebten ſagen zu können, wie ſchön und ſüß ſie die ganze Nacht geſchlafen. So aus Liebe täuſchten ſich dieſe Beiden, die ſich ſonſt nimmer einen Gedanken, eine Empfin⸗ dung verhehlen konnten; wie in ſympathetiſcher Wechſelwirkung wachten ſie Beide neben einander, nur durch eine Thür getrennt, Jeder den Schlaf von ſich wehrend, mit dem Gedanken, für den Andern zu wachen und zu arbeiten; Jeder ſich des Gedankens erfreuend und tröſtend, daß der Andere des Schlafes und der Ruhe genieße, und Jeder gern der Ruhe entbehrend für den Andern. Aber oft mußte Camilla dieſe nächtlichen An⸗ ſtrengungen mit bittern Schmerzen büßen, und Edmund ſah es nicht, wie oft bei dem leichten, trockenen Huſten, mit dem ſie alle Morgen er⸗ wachte und den ſie, ihr Geſicht an das Kiſſen gedrückt, zu verbergen trachtete, dies Kiſſen von dem Blute geröthet ward, das von ihren Lippen ſtrömte. / V. Reiche Leute. Mit dem Beginne der Saiſon war Bonners mit ſeiner jungen Gattin von ſeinem Landſitze nach Paris zurückgekehrt, und ſie hatten Bonners Hötel, das er zur Aufnahme ſeiner Gemahlin mit 4 einer neuen und koſtbaren Einrichtung hatte ver⸗ ſehen laſſen, bezogen. Mit einer ſtolzen Freude ging Lenore in den prachtvoll decorirten Gemächern umher, und tau⸗ ſend ſtolze und hochfahrende Pläne durchkreuzten ihre Gedanken. In dieſen Sälen wollte ſie ihre Triumphe feiern, hier ſollte ſich Alles huldigend vor ihr nei⸗ gen, hier wollte ſie diejenigen demüthigen, von deren Hochmuthe ſie oft früher gekränkt und ver⸗ letzt worden, und hier endlich wollte ſie diejenigen auszeichnen und feiern, die man ſonſt gewohnt war, unbeachtet zu laſſen. „Ich ſehe,“ ſagte Bonners, der neben ihr — 61— ſtand,„daß meine Königin Lenore ſoeben daran denkt, in welcher würdigen Weiſe ſie hier ihren Vaſallen Audienz ertheilen und ihren Tribut em⸗ pfangen will.“ „Ich wollte, mein Gemahl, ich wäre eine Kö⸗ nigin!“ erwiederte die ſtolze Lenore mit blitzenden Augen: dann ſollte es mein erſtes und heiligſtes Regierungsgeſchäft ſein, dieſen Zuſtand der Geſell⸗ ſchaft zu beſſern und zur Gerechtigkeit zurückzu⸗ führen.“ „Und wie würdeſt Du das beginnen? ſchöne Königin!“ „Vor allen Dingen dürfte es keine Armen mehr geben; die Reichen müßten ſo viel von ihrem Ueberfluſſe aufopfern, daß die Armen davon reich⸗ lich erhalten und zu Wohlſtand gelangen könnten. Dann ferner dürfte Niemand um ſeines Geldes oder Ranges willen geachtet und in Geſellſchaft aufgenommen werden, ſondern nur Leute von Ta⸗ lent und Genie dürften auf Achtung und Aus⸗ zeichnung Anſprüche machen. Man dürfte nie mehr fragen: was beſitzt, was iſt dieſer Menſch? ſondern: was hat er geleiſtet? und der talentloſe Graf, wie der thatenloſe Millionär, müßten dem weniger begüterten Künſtler und Dichter nach⸗ ſtehen. Die Frauen dürften weder den Titel ihres Mannes, noch ſeine Würde theilen; das Weib eines Grafen würde dadurch ſo wenig Gräfin, wie das Weib eines Malers Malerin wird; alle ge⸗ — 62— bildeten Frauen ſtänden auf einer Rangſtufe, und nur diejenigen, welche ſchön und tugendhaft, wären die Gefeierten.“ „Da würde keine Dame bei Dir gefeiert wer⸗ den!“ ſagte Bonners lächelnd; denn nur die häß⸗ lichen ſind tugendhaft, aus dem ſehr begreiflichen Grunde, weil Niemand ihre Tugend angreift. Du allein machſt hierin eine Ausnahme, ſchöne und tugendſame Lenore!“ „Dein Glück, daß Du dieſen Nachſatz mach⸗ teſt; denn ſonſt wäre meine Eitelkeit mit meiner Moralität in Kampf gerathen.“ „Wie das, Holdeſte?“ „Wenn nur die häßlichen Weiber tugendhaft ſein können: ſo hätte ich mich entweder zu den Häßlichen zählen müſſen, um tugendhaft zu ſein, oder meinen Anſpruch auf Tugend aufgeben, um den auf Schönheit zu behaupten.“ „Bittel was iſt Tugend?“ fragte Bonners ironiſch. „Die Behauptung der weiblichen Würde, Bonners.“ 4 „Ah bah, weibliche Würde! Es giebt Weiber, die wahre Tugendheldinnen ſind, das heißt, ſie gehen alle Tage zur Meſſe, ſind häuslich und ſitt⸗ ſam, haben für Jedermann nur eine gleichgültige Freundlichkeit, erwiedern jede Artigkeit mit einem kalten, foudroyanten Blicke, dulden auch nicht einen einzigen Courmacher, weiſen aber jeden Bettler ——— — 63— mit harten Worten von ihrer Thür, quälen ihren Mann mit Laune und Eigenſinn. Sind dieſe tugendhaft?“ „Gewiß nicht!“ „Andere Weiber wieder giebt es, die ihren Mann zwar lieben, aber in ihren weichen Herzen auch Raum haben für einige andere Liebesgefühle; die nicht zur Meſſe gehen, aber den Armen und Dürftigen gern wohlthätig und gegen den Gatten ſtets die gefälligſten und liebenswürdigſten Gattinen ſind. Sind dieſe laſterhaft?“ „Möchteſt Du, daß ich zu ihnen gehörte?“ fragte Lenore mit einem feinen Lächeln. „Wenigſtens lieber, als zu der erſten Klaſſe!“ erwiederte er lachend und küßte ihre Hand.„Und was Deine anderen Regierungspläne betrifft, ſo kann ich nicht ſagen, daß ſie meinen Beifall haben, denn ich bin dabei im Nachtheil. Wenn der Reichthum keine Bedeutung mehr verleihen ſollte, dann würde man mich ausſtreichen müſſen von der Liſte der Bedeutungsvollen: denn leider beſteht mein Rang nur in meinem Reichthum allein. Und wohl, daß es ſo iſt! Alles Andere iſt vergänglich, Lenore! Zur Zeit Napoleons galten die Grafen und Fürſten des alten Regime nichts; und wie leicht es iſt, große Herren zu backen, das bewies uns der große Kaiſer. Aber reiche Leute waren unter dem alten Regime, wie unter Napoleon, unabhängig und vielvermögend; ſie waren es zu — 64— allen Zeiten, und ich denke: es iſt gut ſo! Ich meines Theils achte nichts auf der Welt, als Geld und Reichthum; denn ich weiß, daß die Welt nichts weiter achtet. Die ſogenannten Tugendhelden, wenn ſie arm ſind, exiſtiren nicht für mich; ich nenne ſie blos dumm und ungeſchickt. Alles, Alles hienieden iſt käuflich; Ehre, Liebe, Freund⸗ ſchaft, Talent, Genie; Alles, Alles! Du ſelbſt, Lenore, haſt nicht auch Du Dich vor der Macht des Geldes gebeugt? Wie? Oder war es etwa Liebe, die Dich den Millionär Bonners wählen ließ? Bitte! laß uns offen ſein, Lenore! Ant⸗ worte mir aufrichtig; biſt Du aus Liebe zu mir oder zu meinem Reichthume mein Weib ge⸗ worden?“. „Ich bin es gewohnt, die Wahrheit zu ſagen!“ erwiederte Lenore ſtolz;„und da Du dieſe von mir forderſt, will ich ſie Dir auch jetzt nicht vorent⸗ halten. In der That bedachte ich, daß durch eine Verbindung mit Dir meine hochſtrebenden Träume Wirklichkeit werden könnten, daß, ſo wie die Welt einmal iſt, es beſſer ſei, ihr durch Reichthum zu gebieten, als ſich in der Maſſe zu verlieren.“ „Und darum erhielt ich keinen Korb! Jeden⸗ falls muß ich meinem Gelde dankbar ſein, daß es mir eine ſo ſchöne und kluge Gemahlin verſchaffte. Und nun, da wir hierüber einig, laß uns von unſeren Plänen für den Winter ſprechen. Ich denke, wir geben in den nächſten Tagen eine — 65— Soirée und laden dazu die ganze vornehme Welt von Paris ein.“ „Nein, nein!“ ſagte Lenore.„Vor allen Dingen müſſen wir eine gewiſſe Ausſchließlichkeit behaupten. Wer Allen den Zutritt geſtattet, macht ihn für Keinen begehrenswerth. Laß uns einen kleinen, gewählten Cirkel um uns verſammeln, dann werden alle Anderen trachten, zu dieſem ge⸗ langen zu können.“ „Salomo konnte nicht weiſer ſein!“ ſagte Bonners und küßte ſeiner ſchönen Gemahlin die Hand.„Laß uns einmal ſehen: wen laden wir? Ich habe unſerem Haushofmeiſter eine Liſte aller Mitglieder der haute volée entwerfen laſſen. Da, hier iſt ſie! Da ſteht zuerſt die Herzogin M**. Ich denke, die laden wir ein. Sie iſt eine meiner eifrigſten Feindinnen, und die Pracht unſeres Hauſes, der die verſchuldete Dame es nicht gleich thun kann, wird ſie ärgern. Es iſt eine der ſchönſten Freuden, diejenigen, die uns haſſen, zu ärgern und ihnen dabei doch den Zwang aufzuerlegen, freundlich zu ſein.“ „Aber hier, den Förſter Lindberg,“ ſagte Le⸗ nore,„den, denke ich, laſſen wir weg. Er iſt nichts, als ein fader Geck, der glaubt, daß jede Dame in ſein geiſtloſes Geſicht verliebt iſt.“ „Dagegen laden wir den Marquis Liaincourt. Er haßt mich, weil meine Pferde die ſeinen beim Bonners. III. 5 — 66 Rennen überholten. Ich freue mich auf ſeinen Händedruck und ſeine Freundſchaftsverſicherungen.“ „Aber es fehlen auf dieſer Liſte alle Künſtler und Dichter.“ „Unſer Haushofmeiſter ſcheint vor der Ariſto⸗ kratie des Geiſtes keine Ehrfurcht zu haben!“ ſagte Bonners lachend.„Aber wir wollen dafür ſor⸗ gen, daß er ſie bekommt. Laß uns einige dieſer Herren einladen.“ Die Geſellſchaften, welche das junge Ehepaar nächſter Zeit gab, gehörten zu den geſuchteſten. Ueberall erzählte man ſich, wie ſchwer es halte, zu der Ehre einer Einladung von dem Millionair Bonners zu gelangen, wie nur die Ausgezeichnet⸗ ſten und Geiſtreichſten hier empfangen würden, und Jeder, der geladen ward, hob natürlich die Schwierigkeit und das Auszeichnende einer Ein⸗ ladung bedeutſam hervor. Bald gehörte es zur Mode, beim Banquier Bonners empfangen zu ſein, und die glänzende und geiſtreiche Geſellſchaft, die man dort getroffen, die Bonmots, die dort geſprochen, die Ünterhal⸗ tungen, welche dort die gefeierteſten Staatsmänner geführt, und endlich die wahrhaft luculliſchen und großartigen Tafelrunden, die man dort genoſſen, Alles dieſes ward das Geſpräch des Tages. Und in allen ihren Geſellſchaften glänzte das Bonner'ſche Ehepaar als die erſten Sterne; er durch ſeine ſcharfe und witzige Unterhaltung, durch ſeinen 1 — 67— feinen Weltton, durch ſeine noble und Ehrfurcht gebietende Haltung, Lenore durch die Hoheit und Würde ihres Weſens, durch ihre ſtolze, reine Schönheit, die, mit einer hehren Ruhe gepaart, ihrer Erſcheinung etwas Impoſantes und König⸗ liches verlieh. Wenn ſie hier mit dem Staatsminiſter von Politik, dort mit dem Dichter von Poeſie, hier mit dem Sänger von der Muſik, dort mit der Mutter von ihren Kindern ſprach, immer war ihre Unterhaltung geiſtreich, tief eingreifend und pikant, und von ihr angeredet zu werden, ward als eine Freude und Auszeichnung betrachtet. Aber ebenſo wie ſie milde und freundlich erſchien, konnte ſie in gleicher Weiſe kalt und hochfahrend genannt werden. Nie ſah man Denen, welche durch Rang und Geburt ſich zu den höchſten Ehren berechtiget glaub⸗ ten, ſtolzer und geringſchätzender begegnen, als Lenore es that; nie hatte man ſolche Anſprüche auf Auszeichnung mehr verachten geſehen, wie Le⸗ nore dies zu jeder Stunde bewies; nie hatte man geſehen, daß ſie anders als mit der ſtolzeſten Kälte die Begrüßung eines Fürſten oder Grafen erwiedert hätte, während ſie den Dichtern und Künſtlern ſtets die huldvollſte Freundlichkeit be⸗ zeigte und ihnen mit freundlicher Begrüßung ent⸗ gegentrat. 4 Bonners und Lenore verſtanden Beide die 5* Kunſt, es ihren Gäſten angenehm zu machen, in hohem Grade, und während ſie in der That die Geſuchteſten und Gefeierteſten waren, ſchienen ſie nur für ihre Gäſte da zu ſein, nur bedacht, Dieſen Vergnügungen zu bereiten und Unterhaltung zu gewähren. Jeder fand hier das, was er gerade zu ſehen gewünſcht, das, was er gerade ſuchte: der Politiker den Staatsmann, den er verehrte; der Muſenjünger den Dichter, der ſein Ideal, der Geiſtreiche diejenigen, mit denen er am lieb⸗ ſten ſich unterhielt,— Jedermann war zufrieden, a son alse. In eigens dazu beſtimmten Gemächern ſah man die neueſten Erſcheinungen der Literatur und Muſik, Kupferſtiche und Gemälde, und manches Buch, manche Compoſition, manches Bild erhielt ſeinen Ruhm von den glänzenden Salons Bonners. In dieſen Gemächern war es, wo Lenore am liebſten verweilte, wohin ſie aus dem Geräuſche und Gewirre der andern Säle flüchtete und ſicher war, diejenigen zu treffen, die, in Uebereinſtim⸗ mung mit ihr, Erholung bei den hier ausgebrei⸗ teten geiſtigen Schätzen ſuchten. Hier am meiſten zeigte ſich die wahre Größe und Schönheit ihres Geiſtes und hier errang ſie die ſchönſten Triumphe. Die Staatsmänner waren entzückt von ihrer energiſchen politiſchen Meinung, die Künſtler prie⸗ ſen bhre richtige und wahre Kunſt⸗Anſchauung, und die Dichter feierten den Geiſt, der mit ſo durch⸗ — 69— dringender Schärfe ſie gerade da verſtanden, wo ſie am meiſten gefürchtet, mißverſtanden zu werden. „Ich vermiſſe die Fürſtin Bonsky heute hier!“ ſagte Frau v. Saumont an einem Geſellſchafts⸗ abende zu ihrer Tochter.„Hat ſie Deine Ein⸗ ladung abgelehnt?“. „Ich habe ſie nicht wieder geladen, Mama!“ erwiderte Lenore lächelnd;„ſie iſt wirklich zu langweilig.“ „Aber, cher enfant! Du hätteſt doch ihren Rang bedenken ſollen, ihre vornehmen Verbindun⸗ gen. Ich bin nicht ganz zufrieden mit Deinen Geſellſchaften, meine Tochter. Sie ſind mir zu⸗ weilen zu gemiſcht, und man begegnet hier Men⸗ ſchen, die weder durch Rang noch Geburt zu einer ſolchen Ehre berechtigt ſind, während Du Andern, welche die gerechteſten Anſprüche auf Deine Hoch⸗ ſchätzung haben, kalt und zurückſtoßend begegneſt.“ „Und wer wären dieſe?“ fragte Lenore lebhaft. „Nun zum Beiſpiel die Fürſtin Bonsky, die Gräfin Clarence, und noch viele andere. Wirk⸗ lich, mein Kind! Du biſt zu hochfahrend.“ „Mama!“ ſagte Lenore, höher erröthend, „ſahen Sie mich jemals der Madame Gay, oder jenem Dichter, jenem Künſtler dort gegen⸗ über hochfahrend? Gewiß nicht! Nun alſo: dieſe verdienen meine Hochachtung, und man wird nim⸗ mer ſagen, daß ich ihnen dieſe verberge.“ „Aber dieſe Leute ſind gar nicht berechtiget, — 70— ſie in Anſpruch zu nehmen; ſie ſind weder reich, noch von Geburt. Gerade diejenigen aber, die es ſind, beſchweren ſich über Deinen Stolz.“ „Wirklich? Thun ſie das?“ ſagte Lenore, und warf ihr ſchönes Haupt ſtolz zurück.„Nun ſo hoffe ich, daß alle diejenigen hinfort meinen Salon meiden werden. Weder mein Gemahl, noch ich werden ſie vermiſſen. Aber weißt Du denn, Mama!“ ſagte Lenore nach einer Pauſe,„daß Camilla mit ihrem Gatten Paris verlaſſen hat?“ „Still! ſprich nicht ſo laut, meine Tochter! Und wo erfuhrſt Du dieſes?“ „Ich hatte nach vielen Bemühungen endlich ihre Wohnung erfahren und fuhr geſtern dorthin. Zu meinein Leidweſen aber ward mir dort die Nachricht, daß Beauvalle und Camilla ungefähr vor einem Monate dieſe Wohnung verlaſſen, all ihre Habe verkauft hätten, und daß Beauvalle ſelber ihnen geſagt, wie er mit ſeiner Gattin Pa⸗ ris für immer verlaſſe, da er in der Provinz eine Anſtellung bekommen.“ Edmund hatte in ſeiner Noth wirklich ſeinem Wirthe damals dieſe Nachricht mitgetheilt, um da- durch den Verkauf ſeiner Meubles und ſeinen Aus⸗ zug zu motiviren. „Aber was veranlaßte Dich, mein Kind, von dieſer Camilla Notiz nehmen zu wollen?“ „Ich wollte ſehen, Mama,“ erwiderte Lenore, „ob vielleicht meine Schweſter meiner bedürfe, und 4 — 21— wollte ſie bitten, mit ihrem Gatten Theil an mei⸗ nen Soiréen zu nehmen. Ich werde meine theuer⸗ ſten Angehörigen niemals verleugnen, und ich bin wirklich traurig, meine arme, geliebte Schweſter nicht ſehen zu können. Es war eine meiner freu⸗ digſten Hoffnungen, ſie der Geſellſchaft wiederzu⸗ geben und ihren geiſtvollen Gatten wiederzu⸗ ſehen.“. Ein Glück, daß Lenore nichts von Camillens Brief an mich weiß, dachte die Baronin; ſie wäre in der That fähig, Camilla zu ſich einzuladen! In einem Nebenſaale ſaß Bonners mit ſeinen Freunden in traulichem Geſpräche; vor ihnen auf einem Tiſche ſtanden die ſeltenſten Weine und koſtbarſten Leckerbiſſen. „Ich will verdammt ſein, wenn Du nicht der glücklichſte Menſch biſt, den die Erde trägt!“ ſagte Graf Lormand.„Alles, was nur ein Herz be⸗ gehren kann, was die kühnſten Wünſche erſinnen mögen, iſt Dein!“* „Nicht ganz, nicht ganz, meine Freunde! Ich habe einen Wunſch, den alle Schätze der Welt mir nicht erfüllen können!“ „Nun, und welchen?“ „Ich möchte eine Zauberformel kennen, durch die ich alle meine Gäſte zwingen könnte, ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, mir einmal ihr wahres Geſicht, ihre wahren Geſinnungen zu zeigen, durch die ich meine Freunde zwingen könnte, ſo zu mir — 72— zu ſprechen, wie ſie von mir denken. O! es müßte luſtig ſein, ihre innigen und freundlichen Mienen zu ſehen, den Händedruck ihrer Freund⸗ ſchaft zu fühlen, während ihre Lippen unbewußt Worte des Neides und Haſſes ſprächen. Wahr⸗ lich, das müßte ergötzlich ſein!“ „Nun, an uns dürfteſt Du dieſe Formel im⸗ merhin anwenden!“ ſagten ſeine Freunde.„Unſere Freundſchaft würde dieſe Feuerprobe beſtehen!“ „Alſo, Ihr ſeid meine wahrhaftigen Freunde?“ fragte Bonners mit einem freundlichen Lächeln. „Ja, gewiß, das ſind wir!“ Bonners reichte Allen ſeine Hand hin.„Dank' Euch! dank Euch für dieſes Wort! Und ich hoffe auch, daß ich niemals das Unglück habe, Euch zu verlieren, oder bankerott zu werden.“ „ Sieh, da ſteht Deine Gemahlin!“ ſagte Baron Voiſſin, durch die geöffnete Thür in den andern Salon blickend.„Sie iſt ſchön wie die Sonne heute Abend. Ueberhaupt iſt ſie ſehr liebenswürdig.“ „Ich erlaube Dir, ihr die Cour zu machen, Voiſſin!“ „Wirklich! Biſt Du nicht eiferſüchtig, Bon⸗ ners?“ „Bah, die Eiferſucht iſt eine Leidenſchaft, die mit Eifer ſucht, was Leiden ſchafft!“ recitirte Bonners.„Unglücklich der Mann, der die Liebe einer Frau allein beſitzen will! Ich meines Theilz mache keine Anſprüche darauf.“ — 73— „Dann liebſt Du Deine Frau nicht!“ ſagte ein Anderer. „Und ich werde von Deiner Erlaubniß Ge⸗ brauch machen,“ rief Voiſſin,„ich werde dieſer königlichen Schönheit den Hof machen.“ „Thu' das, mein Freund! Aber bedenke ge⸗ fälligſt, daß ſie meinen Namen trägt, und daß meine Ehre mit meinem Namen eng verbunden iſt.“ „Und was würdeſt Du thun,“ fragte Voiſſin lachend,„wenn ich dies nicht bedenke?“ „Da ich beſſer mit Piſtolen umzugehen weiß, als Du, Dir aller Wahrſcheinlichkeit nach eine Kugel durch den Kopf jagen!“ erwiderte Bonners ruhig.„Aber ſag' mir, Voiſſin, was macht Dein Goldfuchs? Hat er ſich erholt von ſeinem Sturze?“ „Nicht ganz; er iſt noch ſteif am linken Vor⸗ derfuße.“ „Schade um das ſchöne Thier!“ rief Bon⸗ ners mitleidig.„Wirklich, ich ſah ſelten einen ſchöneren Goldfuchs.“ „Höre Freund!“ ſagte Marquis Lalande,„ich habe geſtern von einem Freunde aus London eine Bulldogge bekommen, ein capitales Thier! Ich ſah niemals ein größeres, und dazu von echter, unvermiſcher Racge. Dabei iſt er von einem er⸗ ſtaunt kühnen und leidenſchaftlichen Charakter, ſeine Augen blitzen wie die eines Tigers; auch ſo blut⸗ dürſtig wie ein Tiger ſoll er ſein. Wie mir mein — 71— Freund ſchreibt, hat er ſchon zwei Menſchen faſt zu Tode gebiſſen.“ „Du läßt ihn alſo einen Maulkorb tragen?“ „Behüte der Himmel! Mich beißt er nicht, denn er kennt mich ſchon. Er iſt ſehr klug.“ „Weißt Du, Bonners, daß der Vicomte L.... vor einigen Tagen ſein ganzes Vermögen im Spiele verloren hat?“ „Will ſagen: ſeine Schulden!“ lachte Bon⸗ ners;„denn ſein ganzes Vermögen beſtand in Schulden. Und was weiter?“ „Nun, ſeine Frau hat ſich von dem Fürſten Conti entführen laſſen!“ Die Unterhaltung wurde jetzt ſehr lebhaft; und wann würde ſie es nicht, wenn vornehme Herren über Pferde, Hunde und Liebſchaften ſprechen! — VI. Unglück im Glück. So waren Lenorens ſtolze Wünſche erfüllt, ihr Durſt nach Glanz und Pracht befriedigt worden. Ueberall in der Geſellſchaft glänzte ſie als die Erſte, überall war ſie die Gefeierte und Erhabene. Bonners, dem reichen Amerikaner, verdachte man es nicht, daß er keinen Grafen⸗ oder Baronstitel ſeinem Namen vorzuſetzen habe, da er aus einem Lande, wo nicht die Geburt, ſondern nur de Be⸗ ine Millionen hinlänglich geadelt war; und er Gemahlin aus einer altadeligen Familie, war auch von dieſer Seite her ſelbſt den ängſtlichſten und förmlichſten Damen jeder Zweifel über die Be⸗ fähigung des Bonner'ſchen Ehepaares, als ſtandes⸗ mäßig anerkannt zu werden, gehoben. Eine Zeit lang genoß Lenore ihre Triumphe mit Entzücken und Luſt, däuchte ſie ſich auf dem Gipfelpunkte des Glückes. Beherrſchte ſie doch die ſitz Vorrechte verleiht, und Bonners durch ei — 76— Geſellſchaft, ſchrieb den Salons Geſetze vor und war eine Königin der Feſte. Lenore glaubte an eine Regeneration der Ge⸗ ſellſchaft, und ihre hochherzigen Pläne bezweckten eine vollkommene Umgeſtaltung derſelben. Nur das Talent und Genie, nur die Liebenswürdigkeit und Anmuth, nur Verſtand und Bildung ſollten ebenbürtig machen, und mit Entzücken ſah ſie, wie ihre neue Art der Geſelligkeit Nachahmer fand, wie man Künſtler und Sänger nicht als gemiethete und bezahlte Lückenbüßer, ſondern als Ehrengäſte in die Salons aufnahm und die Männer von Geiſt und Genie als ebenbürtig behandelte. Aber Lenore täuſchte ſich in ihrer triumphiren⸗ den Freude; ſie glaubte eine Umänderung der An⸗ ſichten und Geſinnungen bewirkt zu haben, und hatte in der That doch nur eine Umänderung in der Mode erreichen können. Es war jetzt Mode geworden, dem Talente allein zu huldigen, wie es ſonſt Mode geweſen, der Ariſtokratie zu ſchmeicheln; nicht die Geſinnung, nur die Form war verändert, und es gab ſchon Stunden, in denen Lenore dies mit bitterem Schmerzgefühle erkannte. Auch ihre Freude an den Feſten und Geſellſchaften erloſch nur zu bald; es war ja doch nur das ewige Einerlei,— Ge⸗ räuſch und Zerſtreuung, aber keine Befriedigung. Inmitten der Feſte begann ſie Langeweile zu fühlen, und inmitten der Luſt bemächtigte ſich ihrer — 77— eine niederdrückende Unluſt. Alle ihre Wünſche waren erfüllt, und dennoch fühlte ſie ein unerklär⸗ liches Sehnen und Begehren nach einem Etwas, das ſie nicht zu nennen wußte. Ihr Reichthum machte ihr jeden Beſitz möglich und jeden Wunſch erfüllbar, und Lenore empfand, daß es eintönig und unerquicklich ſei, Alles beſitzen zu können; denn der Beſitz machte ihr nun keine Freude mehr. Wer Alles haben kann, hat an Keinem Freude, und der Ueberfluß des Beſitzes läßt darben an Wünſchen.— Lenore aber, um Etwas zu haben, wonach ſie Sehnſucht und Verlangen empfinden, das ſie erhoffen könnte, ſehnte ſich nach Einſamkeit und Stille, nach Ruhe und Ungeſtörtheit, und wieder, wenn ſie dieſe erlangt, erfaßte ſie eine Leerheit und Oede, die ſie vernichtend dünkte. Mit bitterem Schmerzgefühl erkannte ſie, daß der Reichthum nicht vermögend, ihr das zu geben, was ſie ſuchte, empfand ſie die Ueberſättigung des Vergnügens, krankte ſie an Ueberdruß. Und für dieſes Leiden bot ihr häusliches Leben ihr keinen Erſatz. Mit ihrem Gemahle führte ſie eine Ehe, wie ſolche in der vornehmen Welt häufig ſind und, bei Mangel an Liebe, freilich die Feſſeln der Ehe erleichtern, aber auch jede in⸗ nigere Gemeinſchaft, jedes nähere Verſtändniß un⸗ möglich machen. Lenore bewohnte die eine Seite des Hauſes, —— ihr Gemahl die andere, und oft konnten ganze Tage vergehen, ohne daß ſie ſich anders als im Salon, wenn ſie Geſellſchaft hatten, oder in der Kutſche, die ſie gemeinſchaftlich zu Geſellſchaften führte, ſahen. Sie entfremdeten ſich einander mehr und mehr, hatten nichts miteinander gemein, als das äußere Band. Dennoch konnte man nicht ſagen, daß ihre Ehe unglücklich ſei. Im Gegentheile pries man dieſelbe allgemein als glücklich und muſterhaft. Bonners war der gefälligſte, aufmerkſamſte Gatte, Lenore die freundlichſte und treueſte Gattin; niemals hatte irgend eine Meinungsverſchiedenheit ſie entzweit; aus dem einfachen Grunde, weil ſie ſelten ihre Meinung ſich mittheilten; und wenn dies geſchah, Höflichkeit und Anſtand ſie trieb, die Anſicht des Andern lächelnd und zuſtimmend ent⸗ gegenzunehmen. Da war nichts von dem ſo ſüßen Sichinein⸗ anderleben, von dem allmählichen Wachſen des Vertrauens, von dem Sichineinsverlieren und Ver⸗ ſchmelzen zweier Perſönlichkeiten zu Einer, von dem Aufgehen des eigenen Willens in dem des 3 Zweiten, nichts von dieſem Zwieleben in Einem— Jeder von ihnen bewahrte ſeine Selbſtändigkeit unnd ehrte die des Andern, kein inniges Band ver⸗ einte ſie, kein näheres Verſtändniß ward geſucht, und in ſeinem Hauſe lebte das Ehepaar, wie imn einem Salon,— freundlich kalt und höflich. Aber Lenore begann die Pein eines ſolchen Verhältniſſes zu empfinden. Aus dem Geräuſche der Feſte in ihr ſtilles Boudoir flüchtend, blickte ihr ſehnendes Auge um⸗ her nach einem Weſen, dem ſie vertrauen, dem ſie die köſtlichſten und verſchwiegenſten Schätze ih⸗ res Innern enthüllen, dem ſie alle ihre Gedanken offenbaren könnte, und ſie ſah, daß ſie allein war, allein und vereinzelt, obwohl vermählt, einſam, obwohl umrauſcht von Feſten und Vergnügungen. Und in dieſer Einſamkeit ihres Innern begannen nun leiſe Erinnerungen ſich zu regen, Bilder auf⸗ zutauchen einer ſchönen Vergangenheit. In der Oede und Stille ihres Herzens ver⸗ nahm ſie zuweilen den Laut einer theueren Stimme, und mit weinenden Blicken und ſehnender Bruſt lauſchte ſie dieſen geliebten Klängen, die ihr von der Vergangenheit flüſterten. Santöme's Bild lebte in ihren Träumen, in ihren Gedanken, ihre müden Augen ſpäheten nach ihm inmitten der Feſte und Vergnügungen. Die Hoffnung, ihn zu finden, ihm zu begegnen, be⸗ gleitete ſie überall hin und ward überall ge⸗ täuſcht.— Inmitten des Glückes war ſie unglück⸗ lich, inmitten der Feſte allein, und ſehnte ſich mit bitterer Reue zurück nach dem durch ihre Schuld verlorenen Freunde. VII. Santöme. Santöme hatte indeſſen Frankreich verlaſſen, um in Amerika, treu ſeinem Gelübde, nach ſeiner Schweſter und ihrem Entführer zu forſchen, und in der Erfüllung dieſer Pflicht Vergeſſenheit der. Schmerzen zu ſuchen und Linderung der Wunden, die ihm die Treuloſigkeit der Geliebten geſchlagen. Wie ſehr er ſich auch beſtreben mochte, die⸗ jenige zu verachten, die ihn um ſchnöden Reich⸗ thums willen verrathen und verlaſſen, wie ſehr er ſich auch überredete, ſie ganz vergeſſen, ganz verſchmerzt zu haben, ſo konnte er dennoch ſeinem Herzen nicht gebieten, konnte das geliebte Bild nicht aus ſeiner Seele reißen und liebte ſie wider ſeinen eigenen Willen. Für dieſes Alles ſollte die neue Welt ihm Lin⸗ derung verſchaffen, in dem Haſſe gegen Blackwell wollte er ſeine Liebe ertränken und in dem mög⸗ lichen Beſitze der Schweſter den Verluſt der Ge⸗ liebten verſchmerzen. Aber alle ſeine Bemühungen und Nachforſchungen waren anfangs vergeblich. Nirgends eine Spur von Blackwell oder ſei⸗ ner Schweſter! und dennoch ſagte ihm eine ſelt⸗ ſame Ahnung daß er gerade hier ſuchen und fin⸗ den müſſe. In New⸗York angelangt, entſchloß er ſich, einen letzten Verſuch zu wagen und in den öffent⸗ lichen Blättern eine Aufforderung drucken zu laſſen, nach welcher Charles Carlis ſeine Schweſter Iſa⸗ bella dringend beſchwor, ihm Nachricht zu geben von ihrem Aufenthalte. Vielleicht, daß ſie im Unglücke ſchmachtet! dachte Santöme; vielleicht, daß er, der ſie ent⸗ führte, ſie auch wieder verlaſſen hat! Denn daß die Liebe ſelbſt wandelbar, dies habe ich leider erkennen und glauben gelernt. Seine Bemühungen ſollten nicht ohne Erfolg bleiben. Als er einige Tage nach jener öffent⸗ lichen Aufforderung allein in ſeinem Zimmer war, ſtörte ihn in ſeinem ſinſtern Nachſinnen ein Klop⸗ fen an der Thür und ein tief verſchleiertes Weib trat herein. Sie fragte ihn: ob er Charles Carlis ſei? und als er es bejahete, warf ſich die Unbekannte laut weinend und ſchluchzend in ſeine Arme. „O, mein Bruder! mein theurer, theurer Charles!“ „Jſabella! meine Schweſter! So habe ich Dich 6 Bonners. III. endlich gefunden, Dich, meine einzige, theuere An⸗ verwandte!“ Er ſchlug mit zärtlicher Neugierde den Schleier zurück und betrachtete ihr von Thränen überflu⸗ thetes Angeſicht, und drückte auf ihre zuckenden Lippen einen langen, langen Kuß. 3 „Du gleichſt unſerer Mutter, meine Jſabella!“ ſagte er dann tief bewegt.„Du haſt ganz ihr liebes, holdes Angeſicht; o! und darum lieb' ich Dich doppelt heiß.“ „Und Du biſt es? biſt alſo wirklich mein Bruder, mein einziger, theurer Bruder? Ich werde nicht mehr allein ſein, nicht mehr verlaſſen? Ich habe einen Freund, einen Bruder? O, Char⸗ les, wie bin ich ſo glücklich! Keine verlaſſene, troſtloſe Witwe mehr, ſondern eine glückliche, reiche Schweſter!“ „Witwe! Du biſt Witwe?“ fragte Charles, ſich jetzt erſt des Entführers ſeiner Schweſter er⸗ innernd. Und gſabella erzähl te ihm, oft von Weinen unterbrochen, die Geſchichte ihres kurzen Glückes und ihrer langen Pein. Nachdem ſie die Nachricht von dem Tode ihres Gatten erhalten, war ſie lange von gefährlicher Krankheit darnieder geworfen; und als ſie ſich endlich von derſelben aufgerichtet, ſchien ihr das Leben eine öde, troſtloſe Wüſte, in der ihr nichts geblieben, als ihre Hoffnung auf den Tod. ö“] Sie hatte es nicht wagen mögen, zu ihrem Vater zurückzukehren, der ihr— das wußte ſie— es niemals verzeihen würde, daß ihr Gatte ihn ſeines geliebten Geldes beraubt hatte, und ſo zog ſie es vor, einſam und unbemerkt in der gro⸗ ßen Stadt zu leben und ihrem Grame nachzu⸗ hängen. Die ihr von Blackwell hinterlaſſene Summe reichte hin, ihr eine zwar ſorgenfreie, aber doch beſchränkte Exiſtenz zu verſchaffen, und Niemand ſuchte die Bekanntſchaft der ſchönen, aber nicht reichen Witwe. Sie war, obwohl vier Jahre in New⸗York, dennoch eine völlig Fremde und Un⸗ bekannte, und verlebte ſtille, freudloſe Tage. „Alſo todt, wirklich todt?!“ ſagte Santoͤme, als ſie ihre Erzählung geendet.„Und ſo wäre ich denn meines finſtern Schwures durch den all⸗ verſöhnenden Tod enthoben! Wohl mir und ihm, dem Geſtorbenen! Möge ſeine Seele in Frieden ruhen!“ „Und mein Vater,“ fragte Iſabella,„ſahſt Du ihn?“ „Jſabella! er iſt todt. Ich ſtand an ſeinem Sterbebette und geleitete ihn zu ſeiner Gruft.“ „Gedachte er mein in ſeiner Sterbeſtunde?!“ fragte Iſabella tonlos.„Hatte er der Armen verziehen, die ihn verrathen und verlaſſen?“ „Jſabella!“ ſagte Santoͤme mit ſchwermuths⸗ vollem Tone,„es waren keine Gedanken der Liebe und Verſöhnung, die ſeine Todesſtunde verſüßten 6* — 84— und heiligten; er dachte nicht ſeiner Kinder, weder vergebend, noch zürnend; er gedachte nur ſeines Goldes und zürnte Dem, der es ihm entwand. Das Geld war ſein Götze, wie es der Götze der ganzen Welt iſt. Friede ſeiner Aſche! Er hat uns nie geliebt; wir aber wollen ihn im Tode lieben, wie wir es leider im Leben nicht thaten. Doch, das war ſeine Schuld! Iſt es nicht ſeltſam, daß wir Beide dem Vater und dem Vaterlande entflohen, um uns endlich nach langen, langen Jahren in einer fremden Welt wieder zu finden, nach ſo vielen Irrfahrten und Täuſchungen das Herz wieder zu finden, das allein uns treu lieben wird? Ach, Jſabella, ich glaube an keine Liebe mehr! Aber an Deine Liebe glaube ich, glaube an ſie, weil wir Eine Mutter hatten, und weil ihr Segen auf Dir und mir ruht und uns ver⸗ bindet für alle Ewigkeit. Wollen wir uns denn recht lieben, innig, vertrauensvoll und wahr!“ „Ja, das wollen wir, mein Bruder! Ich fühle ſchon, wie mein ganzes Herz Dir gehört.“ Sie blieben noch einige Tage in New⸗York, und nachdem ſie Iſabellens Angelegenheiten geord⸗ net, beſchloſſen ſie, nach Jamaica in Santömt's Pflanzung zurückzukehren. „Ich habe wohl noch einen Wunſch, mein theurer Bruder!“ ſagte Iſabella am Abende vor ihrer Abreiſe zu ihrem Bruder, zu deſſen edlem und hochſinnigen Weſen ſie ſchon das innigſte Ver⸗ 4 — 85— trauen empfand.„Ich möchte, bevor ich dieſes Land für immer verlaſſe, noch das Grab deſſen beſuchen, den ich genug liebte, um ihm hieher zu folgen. Ich möchte an ſeinem Grabe Abſchied nehmen von ihm und meinem Schmerze um ihn.“ Santöͤme gab bereitwillig ihren Wünſchen nach und am nächſten Morgen traten ſie die Reiſe an. In demſelben Wirthshauſe, in welchem vor einigen Jahren Harrick's Leiche gelegen, ſtiegen ſie ab und begehrten einen Führer zu dem Grabe Blackwell's. Der Wirth ſelbſt führte ſie bereit⸗ willig dahin; und als Iſabella nun an dem Grabe deſſen ſtand, der ihr einſt ſo theuer geweſen und um deſſentwillen ſie ſo viel gelitten, ſank ſie wei⸗ nend auf den Raſen des Grabhügels nieder und flehete zu Gott in ihrem Herzen um Ruhe und Frieden für den ihr immer noch theueren Gatten. „Die Miß iſt auch wohl eine Verwandte von dem Herrn, der da unten ſchläft?“ ſagte der Wirth zu Santoͤme, der, ſeiner Schweſter Rüh⸗ rung ehrend, mit ihrem Führer ſich von dem Grabe etwas entfernt hatte.„Ja, ja, gerade ſo blaß und ſo unglücklich ſah auch der junge Herr aus, der den Herrn Blackwell hier begraben ließ. Er war ſein beſter Freund und trug doch eigentlich die Schuld an ſeinem Tode.“ „Wie das? mein Freund!“ „Sehen Sie, wäre nicht der Herr, der junge Herr nämlich, gerade auf dem Felſen geweſen, als der Herr Blackwell ankam, und hätte Herr Black⸗ well ihn nicht ſo ſehr geliebt, wie er mir ſagte, daß er keine Zeit verlieren wollte, ihn zu ſehen: ſo würde er nicht da hinaufgeſtiegen ſein auf den hohen Felſen, was doch eigentlich für ihn in ſei⸗ nen Jahren keine Kleinigkeit war.“ „Nun, ich ſollte denken, ſeine Jahre konnten ihn nicht daran verhindern!“ ſagte Santoͤme lächelnd.— „Doch, Sir! der Weg iſt ſteil und beſchwer⸗ lich, und ein Fünfziger, wie dieſer Herr doch ſicher⸗ lich einer war, iſt nicht mehr ſo gelenkig und kräftig, wie Sie, zum Beiſpiel. „Ein Fünfziger?“ fragte Santöme erſtaunt. „Blackwell war ja ein junger Mann.“ „Dann haben Sie ihn nicht gekannt!“ ſagte der Wirth. Er war ein kleiner Herr, von ſehr zuſammengefallener Geſtalt und mit vollkommen grauem Kopfe.“ Eine ſeltſame Ahnung durchzuckte Santoͤme's Seele, und haſtig fragte er:„Und wer war jener Freund, den Blackwell hier aufſuchte? Wie war ſein Name?“ 3 „Den Namen weiß ich nicht, Sir! Er hat ihn mir nicht genannt, und ich wagte nicht, ihn darum zu befragen.“ „Und dieſer Freund war jung?“ „Ungefähr in Ihrem Alter, Sir! Ein junger, hübſcher Herr.“ * 7 — — 87 „Er war vor Herrn Blackwell gekommen?“ „Einige Tage vorher.“ 3 „ War's nicht ein junger Mann, von ſchlanker, ſtolzer Geſtalt, blaue Augen, ſchwarzes Haar, um den Mund einen eigenen, ſpöttiſchen Zug, ſonſt hübſch und freundlich?“ „Ganz richtig, Sir! Ihr müßt alſo den jun⸗ gen Herrn kennen!“ „Beim Himmel! hier iſt ein furchtbares Ge⸗ heimniß verborgen!“ murmelte Santöͤme,„ein Ge⸗ heimniß, das ich ergründen muß.“ In dieſem Augenblicke näherte ſich ihnen Iſa⸗ bella, die ihre Andacht an dem Grabe vollendet und einige Blümchen als Erinnerungszeichen von demſelben gepflückt. 1 „Sprechen Sie nicht zu meiner Schweſter von dem Verſtorbenen!“ flüſterte er dem Wirthe zu. „Er war ihr Gatte!“ Dieſer nickte zuſtimmend. Iſabella lächelte ihrem Bruder wehmüthig entgegen, und ihm die Hand reichend, ſagte ſie weich:„Dieſe letzte Pflicht iſt nun erfüllt! Und nun, mein Bruder, bin ich bereit, Dir zu folgen! Laß uns reiſen!“ „Du haſt das Grab Deines Gatten beſucht, Jſabella! Ich möchte die Stelle ſehen, wo er hinabſtürzte. Ich will hinauf auf den Felſen.“ Vergebens war Jſabellens Flehen, ſich nicht der Gefahr auszuſetzen, ihr mindeſtens zu erlau⸗ ben, daß ſie ihn begleite. — 88— „Nein, nein! theure Schweſter! Dieſer Weg iſt nicht für Deinen zarten Fuß; unſer freundlicher Wirth begleitet mich. Erwarte mich hier!“ Er winkte ihr den Abſchiedsgruß zu, und ſtieg, gefolgt von dem Wirthe, in die Felſen hinauf. Santöme hatte dieſen Gang nur unternom⸗ men, um eine unverdächtige Gelegenheit zu haben, mit dem Wirthe allein zu ſein; und noch einmal fragte er denſelben nach allen Umſtänden jener Begebenheit, und ließ ſich die Beſchreibung jener beiden Menſchen auf das Genaueſte wiederholen. Immer gewiſſer ſchien es ihm, daß jener Todte nicht Blackwell geweſen, ſondern Harrick, von dem, ſowie von ſeinem plötzlichen Verſchwinden, ihm Iſabella erzählt hatte, ſowie ihm die Beſchrei⸗ bung des jungen Mannes ganz genau auf Black⸗ well zu paſſen ſchien. 3 Auch der Umſtand, daß dieſer letztere einige Tage früher hier angekommen, der ältere Herr, der vermeintliche Blackwell, erſt ſpäter ihm gefolgt ſei, ſtimmte mit den Nachrichten, die Iſabella ihm gegeben, und nach denen Harrick, um Blackwell zu ſuchen, demſelben nachgereiſt war. Santöme fühlte ſich überzeugt, daß Harrick, nicht Blackwell, der hier Begrabene ſei; und da er von Jſabella wußte, wie wenig glücklich und befriedigt Blackwell in der Verbindung mit ihr geweſen, ſchloß er, derſelbe habe, um von ihr un — 389— auflöslich getrennt zu ſein, das ſicherſte Mittel gewählt, und habe klug den Tod zwiſchen ſich und ſein Weib treten laſſen, während er ſelbſt noch lebte und ſeiner Freiheit genoß. Seine Schweſter an dem doppelten Verräther und Verbrecher zu rächen, ſchien ihm nun eine heilige Pflicht, und das ſeinem Vater geleiſtete Nachegelübde tauchte mit erneuerter Gewalt in ihm empor. Aber es war dies nicht allein, was ihn be⸗ ſtimmte zur Verfolgung des Betrügers. Durch eine ſeltſame Ideen⸗Combination tauchte, ſo oft er an Blackwell dachte, das Bild deſſen in ihm auf, den er nur einmal geſehen, als er im Be⸗ griffe ſtand, Paris zu verlaſſen, und deſſen An⸗ blick ihn damals auf eine ihm ſelber unerklärliche Art ergriffen hatte, ſodaß er denſelben niemals vergeſſen. Die Beſchreibung, welche Iſabella ihm von Blackwell, und der Wirth von dem räthſelhaften jungen Fremden gegeben, ſchien ihm ganz mit dem Bilde übereinzuſtimmen, das in ihm von jenem ihm ſo verhaßten Bonners lebte. Vielleicht war es gerade nur der Haß gegen denjenigen, der ihm ſeine Geliebte entriſſen, wel⸗ cher ihn nun die Züge dieſes Entführers auf den nicht minder gehaßten Entführer ſeiner Schweſter übertragen ließ, und machte, daß ſich unwillkür⸗ lich beide Bilder zu Einem vermiſchten, und er ————— V b — 90— bei Blackwell ſtets an ſeinen glücklichen Nebenbuh⸗ ler Bonners dachte. Um ſo größer ward nun ſeine Begierde, dies dunkle Geheimniß wo möglich zu ergründen, und wenn Bonners wirklich ſeiner Schweſter Gatte, dem Meineidigen und Betrüger die Maske abzu⸗ reißen und Lenoren, der gehaßten und immer noch geliebten Lenore, zu zeigen, wen ſie ihm vorge⸗ zogen und wem ſie ihr ſtolzes Herz zu eigen ge⸗ geben. Würde ihn ein ſolcher Augenblick nicht rächen an der, die ihm ſo bittere Schmerzen bereitet? Bald, in ſeiner heftigen und ſanguiniſchen Natur, war er feſt überzeugt von der Identität Black⸗ well's und Bonners, und der Entſchluß, ſich hier⸗ über Gewißheit zu verſchaffen und, indem er alſo ſeinen Racheſchwur erfüllte, zugleich Rache zu neh⸗ men an Lenoren, befeſtigte ſich mehr und mehr in ihm. Er ſagte Iſabellen nichts von ſeinen Vermu⸗ thungen; denn er hielt es für unrecht, ſie noch⸗ mals in Unruhe und Zweifel zu verſetzen, und, ob lebend oder todt, ſollte ſie für immer von ihrem Gatten getrennt ſein, und unter dem Vor⸗ wande, ihr, bevor er ſie in die Einſamkeit ſeiner Heimat einführe, die geräuſchvolle und vielbewegte Hauptſtadt Frankreichs zu zeigen, theilte er ihr ſeinen Plan mit, nach Paris mit ihr zu reiſen. Iſabella erklärte ſich mit Freuden bereit dazu, -— — 91— und nach Verlauf eines Monates langten ſie in dieſer Stadt an. Ein kleiner Vorfall ereignete ſich hier wenige Stunden nach ihrer Ankunft, der Santoͤme in ſei⸗ nen Vermuthungen beſtärkte und ihm ein Zeichen däuchte von der Verwirklichung derſelben. Jſabella ſtand am Fenſter und ſchaute hinaus auf das lebendige Treiben der Straße. Plötzlich ſtieß ſie einen Schrei des Schreckens aus und ſank wie gelähmt auf einen Seſſel nieder. Als Charles zu ihr hineilte, ſah er, daß ihre ganze Geſtalt zitterte und ihr Antlitz bleich war, wie das einer Todten. „Ich bin ein Kind, mit dem Du Nachſicht haben mußt!“ ſagte ſie mit mattem Lächeln, als ſie ſich wieder erholt hatte.„Ich erſchrak nur über die furchtbare Aehnlichkeit, die ein Herr, der vor⸗ überfuhr, mit meinem Manne hatte. Es war, als ob ſein Geiſt an mir vorüberging.“ „Wirklich, Du biſt ein Kind!“ ſagte Charles, und verſuchte zu ſcherzen.„Du ſiehſt Geſpenſter am lichten Tage!“ 7 VIII. Wiederſehen. Ein unvorhergeſehenes, wichtiges Ereigniß ſetzte die Handelswelt in Allarm, und verbreitete Schrecken und Entſetzen an der Pariſer Börſe. Einige der erſten und bedeutendſten franzöſiſchen und holländiſchen Handelshäuſer hatten ihre Zah⸗ lungen eingeſtellt und fallirt. Es war natürlich, daß dieſe Kunde auch den Fall anderer Häuſer nach ſich zog, und täglich verbreitete ſich an der Börſe die Schreckensnach⸗ richt von neuen Falliſſements. Auch Bonners war an dieſem Ereigniſſe nicht unbetheiligt geblieben, und nachdem die ganze Summe des durch dieſen Anſtoß herbeigeführten Sturzes großer Häuſer bekannt geworden, konnte er den ungeheueren Verluſt, der ihm dadurch ent⸗ ſtand, berechnen. Zwei Drittheile ſeines Vermögens waren ver⸗ loren gegangen. — — 93— Bonners ging mit unruhigen Schritten in ſei⸗ nem Gemach auf und ab, überlegend, was zu thun ſei. Sollte er die bisher gewohnte Lebeus⸗ weiſe, dieſen Glanz und Luxus aufgeben? Nimmermehr! ſagte er haſtig; dies wäre eine Demüthigung, die ich nicht zu ertragen vermöchte. Ha, wie alle dieſe, welche mich jetzt mit ſchmeich⸗ leriſcher Freundſchaft umringen, den armen Bon⸗ ners verhöhnen und verſpotten würden! Und die Klagen meines ſtolzen und hochmüthigen Weibes! Nein, nein, das Geld und ich, wir ſind anein⸗ ander gebunden mit unzerreißbaren Banden, wir müſſen miteinander leben oder ſterben. Weil ich der Welt bedarf, bedarf ich des Geldes; habe ich ſo lange den Kampf auf Tod und Leben mit der Welt gekämpft, ſo darf ich mich jetzt nicht als überwunden erklären! Nein, ich will und muß Sieger bleiben, und unter den Siegestriumphen meines Reichthums die Qualen meines gepeinigten Innern verſcharren!— Warum bringt der Teufel, der meine Tage bewacht, und meine Seele be⸗ lauert, daß ſie ihm nimmer entrinne, warum bringt er mich abermals in Verſuchung und lockt mich wieder zu neuen Thaten! O, ich bin kein Ulyſſes, der dieſem Sirenengeſange zu widerſtehen vermöchte,— fort denn hinein in die Brandung, und mögen die Wogen über meinem Haupte zu⸗ ſammenſchlagen! Aus einem geheimen Fache ſeines Schreib⸗ tiſches nahm er einige Werkzeuge und Griffel, ſteckte ſie zu ſich, und befahl dann ſeinem Kam⸗ merdiener, ſeinen Reiſewagen in Bereitſchaft zu bringen, da er ſogleich eine wichtige Reiſe anzu⸗ treten habe. Nach kurzer Zeit meldete der Diener, daß Alles bereit und die Pferde vorgelegt. „Iſt die gnädige Frau zu Hauſe?“ „ZJa, es iſt Beſuch im Salon.“ „So will ich nicht ſtören! Bringe ihr meine Empfehlung und ſage ihr, daß wichtige Geſchäfte mich zwingen, auf einige Wochen zu verreiſen.“ „Soll ich den gnädigen Herrn nicht be⸗ gleiten?“ „Nein, ich reiſe ganz allein! Adieu!“ Bonners ſtieg in den Wagen. „Wohin?“ fragte der Poſtillon. Bonners nannte die erſte Station und fort rollte der Wagen. Am andern Morgen hatte er die Villa er⸗ reicht, und mit Freudejauchzen warf ſich Lilly in ſeine Arme. Er blieb länger dort, wie je zuvor, und bei verſchloſſenen Thüren arbeiteten Lilly und Er an einem Werke, deſſen Verbrecheriſches und Schmach⸗ volles die unſchuldige Lilly nicht ahnte, und das ſie liebte, weil es ihr die ſüße Wonne verſchaffte, mit Dem zuſammen zu ſein, welcher der Inbegriff all ihrer Gedanken, ihrer Empfindungen war. Als es nach wochenlanger Mühe vollendet war, riß ſich Bonners widerſtrebend und trauernd aus ſeiner geliebten Lilly umfangenden Armen, und reiſte ab, um in England ſeine Bankſcheine zu verwerthen. Santöme's erſtes Geſchäft in Paris war es, ſich abermals an die Polizei zu wenden, und auf eine Nachforſchung nach dem von ihm Venau be⸗ zeichneten Individnum zu dringen. Er ſetzte einen bedeutenden Preis auf die Ent. deckung Blackwell's, indem er dem Polizeibeamten die Umſtände mittheilte, die ihn veranlaßten, den Tod Blackwell's, des Entführers, des Räubers zu bezweifeln. Der Beamte gab ihm vollkommen Recht, und verſprach ihm, weder Mühe noch An⸗ ſtrengung zu ſcheuen, um ihm zur Entdeckung zu verhelfen. Nun erſt, nachdem er dieſer erſten Pflicht ge⸗ nug gethan, dachte Santöme an Lenore, überließ er ſich der Sehnſucht nach der, die er zu gleicher Zeit haßte und liebte. Nun er ihr wieder nahe war, eine Luft mit ihr athmete, ſich nur durch Straßen und Plätze von ihr getrennt ſah, und es nur ſeines Willens bedurfte, ſie zu ſehen, fühlte Santoͤme, wie mäch⸗ tig und ſtark dennoch ſeine Liebe zu ihr, wie ſehr dieſes Gefühl den Haß und die Verachtung über⸗ wog, die er doch ſo glühend für die zu empfinden — 96— meinte, welche um Gold und Reichthum ihn ge⸗ opfert hatte. Er war anfangs Willens geweſen, nur in dem Falle ſie aufzuſuchen, daß er ihr zugleich ihren Gatten als einen Betrüger und Dieb bezeichnen und ſo Rache an ihr nehmen könnte. Aber die Sehnſucht ſiegte über dieſen Ent⸗ ſchluß, und dem Gefühle, das er ſelbſt eine Schwäche nannte, nachgebend, begab ſich Santöme in das Hötel Bonners. Er erfuhr von den Dienern, daß Bonners verreiſt, Lenore aber mit einigen Beſuchen im Sa⸗ lon ſei, und bat, ihn zu melden. Der Diener fragte nach dem Namen. „Sir Charles Carlis!“ ſagte Santoͤme, der Lenoren zu überraſchen gedachte, um den Eindruck zu erforſchen, den ſein unvermuthetes Erſcheinen vielleicht auf ſie hervorbringen möchte. Sie ſind willkommen! ſagte der zurückkehrende Diener, ihm die Thür öffnend, und mit hoch⸗ klopfendem Herzen trat Santöme ein. Das erſte Zimmer durchſchreitend, konnte er in dem Pfeilerſpiegel Lenoren ſehen, die, auf dem Divan ſitzend, mit einem neben ihr ſtehenden Herrn ſich unterhielt. Er blieb ſtehen, ſie zu betrachten, und ihre ſtolze Geſtalt, ihr edles, marmorbleiches Angeſicht, das nur dann und wann von einer leichten, durch⸗ ſichtigen Röthe angehaucht ward, entzückte und be⸗ ——,— —— — 97— zauberte ſein Herz, und erzeugte eine ſo tiefe, ſchmerzvolle und freudige Bewegung in ihm, daß er ſich in dieſem Momente unfähig fühlte, die Schwelle zu dem nächſten Gemache zu überſchreiten. Er lehnte ſich erſchöpft einen Augenblick gegen die Thür, die ihn den Blicken der im Salon Anweſenden entzog, und rang nach Faſ⸗ ſung und Ruhe. Laute einer zu geliebten Stimme drangen an ſein Ohr und machten ſein Herz höher klopfen. „Nein, Herr Baron!“ hörte er Lenoren ſagen, „hier bin ich nicht Ihrer Meinung. Ich meines Theils glaube noch an die Menſchen, glaube, daß es eine Tugend giebt, die weit über alle Beſtechung und alle Verführung des Reichthums erhaben iſt.“ „Bitte, welche Tugend wäre dies, meine Gnädigſte?“ 7 „Die Liebe, Baron Voiſſin. Ja, lächeln Sie nur,— die Liebe!“ „Glauben Sie an Liebe? Halten Sie Liebe für eine Tugend?“ „Wie unglücklich müßte ich ſein, wenn ich dies nicht thäte!“ ſagte Lenore mit ſchwermüthigem Tone. „Aber die Liebe iſt nur eine Tugend der Frauen; die Männer wiſſen wenig von ihr!“ „Das wage ich zu beſtreiten, meine Gnädigſte! Ich behaupte—“ 3 3 Bonners. III. 7 — 98— In dieſem Augenblicke trat Santöme in den Salon. Das Geräuſch ſeiner Schritte unterbrach die Unterhaltung und lenkte Lenorens Blicke auf den Eintretenden. Sie ſchreckte zuſammen und eine dunkle Röthe überflog ihr Geſicht, während es in ihren Augen gleich hellen Freudenſtrahlen aufblitzte. Die Hand, die ſie Santöͤme hinreichte, zitterte, als er ſie an ſeine Lippen drückte, und ihre Augen begegneten ſich zu einem langen, innigen Blicke. Aber Lenore, mit dem allen Weibern inne wohnenden Inſtincte, fühlte das Befremdliche, das ein ſolcher Empfang für die Uebrigen haben müßte, und mit der Leichtigkeit und Ungezwungenheit, die der Verkehr in der großen Welt verleiht, ſich zu⸗ ſammenraffend, ſagte ſie lächelnd:„Wirklich eine angenehme Ueberraſchung, und ich danke dem unbe⸗ kannten Herrn Carlis, daß er ſich mir ſo freundlich in den Freund Santöme verwandelt!“ „Carlis iſt der Name meines Vaters!“ ſagte Santoͤme bedeutungsvoll;„und da ich nicht wußte, ob Santöͤme willkommen ſei—“ „Wie konnten Sie zweifeln!“ rief Lenore ſchnell, und ſich an die beiden anderen Herren wendend, fuhr ſie fort:„Ich habe die Ehre, Ihnen hier einen ſehr verehrten Freund, Herrn Santöme⸗Carlis vorzuſtellen, einen Herrn, der mich einſt aus drin⸗ gender Lebensgefahr errettete, und dem ich für mein ganzes Leben verpflichtet bin.“ ————— ——õ— — 99 „Wirklich, mein Herr, Sie ſind zu beneiden!“ ſagte Baron Voiſſin.„Der Schönſten und Edel⸗ ſten unſerer Pariſer Damenwelt das Leben gerettet zu haben, iſt ein Verdienſt, für das allein man Ihnen ſchon ein Monument ſetzen ſollte!“ „Ich halte ein ſteinernes Monument für einen geringeren Lohn, als ein freundliches Lächeln!“ ſagte Santöme.„Das erſte iſt etwas Aeußerliches, und die Zeit vermag es zu zerſtören; das letzte giebt dem Herzen einen Lohn, der über allen Wechſel erhaben iſt.“ „Alſo auch Sie, mein Herr, glauben an wechſelloſe Dinge?“ rief Voiſſin mit komiſchem Jammer. „Es iſt eine Schwäche, die ich nicht überwinden kann, obwohl ich Beweiſe genng des Gegentheils habe,“ ſagte Santöme, und ſein Blick begegnete Lenorens Augen, die mit bittendem Ausdrucke auf ihm ruheten. „Wir waren eben mit einer wichtigen Streit⸗ frage beſchäftigt!“ ſagte Voiſſin,„und ich nehme Sie, mein Herr, zum Schiedsrichter an. Frau von Bonners behauptet: die Liebe ſei eine Tugend der Frauen, von der wir Männer wenig wüßten; und ich behaupte das Gegentheil. Welcher Mei⸗ nung ſind Sie?“ „Ich halte die Liebe überhaupt für keine Tu⸗ gend,“ ſagte Santöme.„Die Liebe ſowohl wie die Treue dürfen keine Tugenden genannt werden; 7* denn Tugend iſt eine Folge bewußter Ueberlegung und ſtrengen Pflichtgefühls, während Liebe und Treue ein unbewußter, unüberlegter Drang des Herzens iſt, und in ihrer Unmittelbarkeit keine Pflichten kennt.“ „Damit entſchuldigen Sie alſo jede Untreue, und würden alſo Ihrer Geliebten nicht zürnen, wenn ſie Sie verließe?“ „Ich würde ihr nicht zürnen, aber ſie vielleicht verachten,“ ſagte Santöme.„Denn jede Untreue i*ſt eine Charakterſchwäche, und jede Schwäche iſt verächtlich.“ Lenore hörte ihm zu mit ſchmerzvollen, weh⸗ müthigen Blicken, und herzlich froh war ſie, als in dieſem Augenblick ein neuer Beſuch gemeldet und die Unterhaltung allgemeiner ward. „Ich hoffe, Santoͤme,“ ſagte Lenore leiſe, als er ſich anſchickte, den Salon zu verlaſſen und die übrige Geſellſchaft, in lebhaftem Geſpräche begriffen, ſie nicht beachtete,„ich hoffe, Sie verſagen es mir nicht, Sie oft bei mir zu ſehen.“ „Wünſchen Sie dies wirklich? iſt Ihre Bitte aufrichtig?“ fragte Santöme dringend. „Ich wünſche und bitte es aufrichtig,“ erwi⸗ derte ſie leiſe, und reichte ihm ihre Hand dar, die er mit einem unausſprechlichen Gefühl an ſein Herz drückte.— Von nun an war Santoͤme ein täglicher Be⸗ ſucher von Lenorens Salon; der Tag ſchien ihm — — 101— öde und leer. Ruhelos und unbefriediget irrte er umher, nichts wünſchend, als daß die Stunde wiederkehren möge, in der er zu ihr eilen, in der er ſie ſehen durfte. Und wenn er ihr dann gegenüber ſtand, wenn ſich ihre Blicke begegneten, dann glaubte er in ihren ſchönen, ſprechenden Augen einen Ausdruck zu leſen, der ſeine Seele mit dem Bewußtſein er⸗ füllte, ihr mindeſtens nicht gleichgültig zu ſein. Und Santöme täuſchte ſich nicht. Wirklich hatte ſeine Nähe, das tägliche Zuſammenſein mit ihm wieder jenen Zauber wach gerufen, den er ſchon früher auf Lenorens Herz geübt, und alle die Empfindungen wieder in ihr erweckt, die ſie mit künſtlichen Vernunftgründen und ſtolzen Plänen mühſam in Schlaf gewiegt. Aus der Apathie und Ueberſättigung, in die ſie verſunken geweſen, erhob ſich Lenore mit dem erwärmenden und belebenden Bewußtſein, noch der ftndunden⸗ der Freude, des Schmerzes fähig zu ſein. Santöme'’s Beſitz, Santöme's Liebe, dies war wenigſtens ein Gut, das unerreichbar, ein Etwas, das, um es zu erlangen, alle Reichthümer und Schätze nichtig und werthlos machte. Dieſer Ge⸗ danke erfüllte ſie mit Schmerz und Wonne zu gleicher Zeit. Es lag ſchon ein Genuß für ſie darin, wieder dem Begehren, dem unerfüllbaren Wünſchen, dem Wollen und Streben zugänglich zu ſein, Sehn⸗ ſucht zu empfinden, zu ſeufzen nach einem Ab⸗ weſenden, nach Beſitz ſich zu ſehnen, wo der Beſitz unmöglich. Es lag eine Art Glück darin, ſich noch un⸗ glücklich fühlen zu können, und dies bitterſüße Glück genoß Lenore, und dankte es Dem, den ſie liebte. Sie liebte ihn wirklich. Inmitten des faden und nichtigen Geſellſchaftslebens, inmitten der Heuchelei und Falſchheit, der prunkenden Leerheit und glänzenden Lüge, erſchien ihr Santöme mit ſeinem offenen und freien, ſeinem ſtets wahren Weſen anbetungswürdig und groß, von ſeiner Be⸗ geiſterung für alles Edle und Schöne fühlte ſie ſich erwärmt und geſtärkt. Es war ihr ein Troſt, in ſein von Güte und Edelſinn leuchtendes Antlitz zu ſchauen, und mit einem Gefühle, das an Andacht grenzte, lauſchte ſie ſeinen begeiſterten Worten, die ſtets ein treuer, ieeſe Abdruck ſeiner Gedanken und Stimmun⸗ gen, und Zeugniß gaben von der Reinheit und Unſchuld, von der Hochherzigkeit und Tiefe ſeines Charakters. S iee hatte auf ſeine heißen Bitten ihm geſtat⸗ tet, daß er in den Stunden des Tages, wo die Mode andern Beſuchern den Zutritt verſagte, zu ihr kommen dürfe. Lenore hatte freilich dieſe Bitte erfü illt unter — 103— dem Vorbehalte, daß Santoͤme's Schweſter, Jſa⸗ bella, mit der ſie ſchon eine innige Freundſchaft verband, ihn ſtets begleite, und Iſabella erfüllte bereitwillig dieſen Wunſch.. Aber in der Zartheit ihres Weſens und ihrer Geſinnung die Rückſichten ehrend, die Lenoren zu dieſer Bitte getrieben, war ſie zugleich bemüht, den Zwang, den Lenore ſich auferlegt, zu erleich⸗ tern, und den Beiden, deren gegenſeitige Liebe ihr weiblicher Scharfblick erkannt hatte, es leicht zu machen, ihre Gegenwart zu vergeſſen. Sie nahm ſelten Theil an ihrem Geſpräche, und mit einer Stickerei oder Lectüre beſchäftigt, ſaß ſie ſchweigend neben den beiden Glücklichen, denen dieſe Stunden eine unendliche Freude ge⸗ währten. Hier durften ſie ungehindert ſich ihren augenblicklichen Stimmungen überlaſſen, durften ſchweigen im Uebermaße des Gefühls, durften ſeufzen und lächeln, heiter ſein wie unſchuldsvolle Kinder, und tiefernſt wie greiſe Philoſophen, durf⸗ ten ſie ſelber ſein. Dieſe Stunden waren der Glanzpunkt ihrer Tage und wurden von Beiden ſtets miit heißer Ungeduld erſehnt; und wenn auch das Wort und Geſtändniß der Liebe in natürlicher, tugendhafter Scheu nicht, von ihnen geſprochen ward, ſo wuß⸗ ten und erkannten ſie doch mit bebendem Herzen, was ſie einander waren. Die Gegenwart mit voller Luſt genießend, wandten ſie ihre ſcheuen Blicke von einer Zukunft, die vielleicht ihr gefähr⸗ liches Glück zu vernichten im Stande ſei. „Sie ſind heute ungewöhnlich ernſt,“ ſagte Santoͤme eines Tages, als er mit ihr allein im Boudoir ſaß, da ein leichtes Unwohlſein Iſabellen an ihr Zimmer feſſelte. Lenore beantwortete ſeine Frage nur mit einem Seufzer und ſchlug ihre Blicke nieder. „Sie antworten mir nicht?“ fragte Santöme angſtvoll.„Ihre Hand zittert in der meinen; O, Lenore, es hat Sie doch kein Unglück betrof⸗ fen? kein—“ „Nein, nein, mein Freund, es iſt nichts,“ un⸗ terbrach ſie ihn; aber ihre Stimme zitterte.„Kein Unglück hat mich betroffen; vielmehr ſollte ich Grund haben, heiter zu ſein. Ich habe Briefe von mei⸗ nem Gemahl, er kehrt in einigen Tagen zurück.“ Beide ſchwiegen, und ein unheimliches Vor⸗ gefühl, als ſeien ſie nun am Ende ihres ſchönen Glückes, bemächtigte ſich Beider. „Lenore!“ ſagte Santöme nach einer Pauſe mit feierlichem Ernſte,„ich möchte eine Frage an Sie richten, von deren Beantwortung meine Ruhe und mein Seelenfrieden bedingt ſind. Verſprechen Sie mir eine wahre und aufrichtige Antwort?“ Lenore neigte zuſtimmend ihr Haupt. iebten Sie Ihren Gemahl, als Sie ihm Ihre Hand gaben, oder waren es Ihrer Mutter Wünſche, die Sie dazu beſtimmten?“. 1 — 105— Eine dunkle Röthe überflog Lenorens Wangen, und ihre Blicke nahmen einen trüben, ſchwer⸗ muthsvollen Ausdruck an. „Sie haben Wahrheit von mir gefordert!“ ſagte ſie dann,„und obwohl es leicht wäre, durch die Bejahung Ihrer letzten Frage eine drückende Schuld von mir zu wälzen, darf ich dieſes um der Wahrheit willen nicht wagen. Nein, San⸗ töme, es war nicht Liebe, die mich meinem Gatten vereinte. Aber auch nicht meiner Mutter Wünſche allein beſtimmten mich zu dieſer Wahl, ſondern der Glaube, daß alles Glück und alle Größe allein im Reichthume beruhe; und der ſtolze Wahn⸗ ſinn, ich ſei berufen, im Beſitze des Reichthums eine Umgeſtaltung der Geſellſchaft zu bewirken und den Armen und Verkannten zu nützen.“ „Und es war alſo wirklich um dieſer elenden Schätze, um dieſes todten Geldes willen, daß Sie ein Herz opferten, welches—“ „Vollenden Sie nicht!“ unterbrach ihn Lenore und richtete ſich empor.„Was hilft es, einer Vergangenheit zu gedenken, die verloren iſt! Kann es Ihnen aber Genugthuung gewähren, ſo mögen Sie wiſſen, daß ich mit bitterem Reuegefühle meinen Irrthum beklage, daß ich fühle, es giebt ein Glück, welches Gold und Schätze nicht ge⸗ währen können, und eine Größe, die über allen .Glanz und alle Pracht erhaben iſt; ſo mögen Sie wiſſen, daß ich inmitten des äußeren Glückes ein — tiefes, inneres Leid trage, daß ich darbe in der Fülle des Reichthumes, und den Glanz verachten gelernt habe, der mir einſt begehrenswerth ſchien.— Dies mußten Sie wiſſen, fuhr ſie mit leiſer, zit⸗ ternder Stimme fort, damit das Mitleid Ihren Groll verſcheuche, und Sie ſehen möchten, daß Sie gerächt ſind!“ Sie winkte ihm den Abſchiedsgruß zu und ging in das anſtoßende Gemach, das ſie hinter ſich verſchloß. IX. Der Bettler. Es war Abend, und über den Pont-neuf zog das Menſchengewühl herüber und hinüber.. Die Gaslampen beleuchteten mit hellem Scheine die Geſichter der Vorüberwandernden und warfen ihr Licht in manches kummervolle, trauernde Ant⸗ litz, in manches, auf dem der Gram ſeine Furchen gezogen oder das Laſter ſeine unheilsvollen Spu⸗ ren zurückgelaſſen, während wiederum andere don Heiterkeit und Zufriedenheit ſtrahlten. 1 Neben dem in Lumpen gehüllten Bettler ſtrich die aufgeputzte Buhlerin dahin; an dem ſchleichen⸗ den Greiſe ging der rüſtige Geſchäftsmann eiligſt vorüber; der gefeierte Sänger ſummte einherwan⸗ delnd das Lied, das ihm geſtern die meiſten Tri⸗ umphe gebracht, während neben ihm ein hung⸗ riges Kind um ein Stückchen Brod weinte; das in Lumpen gehüllte Elend, wie das prunkende und glänzende, die jammernde Noth, wie der trium⸗ — 108— phirende Reichthum, die verſchämte Armuth, wie die freche, das ſich zur Schau ſtellende, lachende Glück, wie das weinende Unglück:— Alles dies war zu ſchauen in den Mienen der Vorüber⸗ wandelnden.— Neben dem flehenden Bettler ſang die nicht minder bettelnde Harfnerin, der Gamin überbrüllte mit ſeinem luſtigen Liede Harfnerin und Bettler, und ward übertönt von dem Geraſſel der glän⸗ zenden Caroſſe, welche vornehme Leute zu Feſten und Gelagen trug, von dem Galoppe ſtolzer Roſſe, die mit ihren Hufen den Boden ſtampften und Funken aus den Steinen ſchlugen. Manch Liebespaar begegnete dem Ehemanne, der heute ſeine Gattin begraben; der Schuldner wich ſcheu zurück vor ſeinem Gläubiger; der Be⸗ amte grüßte ehrfurchtsvoll ſeinen Vorgeſetzten und ſtieß unmuthig das bettelnde Kind zurück, das ſich ihm in den Weg drängte; ein ſcheues Mädchen huſchte vorüber, vom vornehmen Wüſtlinge ver⸗ folgt; der Taſchendieb folgte mit leiſen Schritten dem langſam dahin wandelnden Kaufmanne, deſſen goldene Doſe ihm gefallen; trunkene Männer tau⸗ melten daher, und an ihnen vorüber eilte der Dieb, der ſoeben ſein unheilsvolles Handwerk ge⸗ übt; Menſchen ſchrien, jammerten, ſeufzten, wein⸗ ten, ſangen, klagten und ſchalten; Wagen rollten, Pferde trabten, Hunde bellten, und Alles dies vereinigte ſich zu einem verworrenen Getöſe, das — 109— dem gaffend dahin wandelnden Fremden unheimlich dünken mochte, von dem Einheimiſchen aber unbe⸗ achtet blieb, weil der Pont-neuf, dieſer Brenn⸗ punkt des Pariſer Lebens, zu jeder Zeit ihm ein ſolches Schauſpiel darbietet. An einen der Brückenpfeiler gelehnt, ſtand ein Bettler und ſtreckte den Vorübergehenden ſeine zitternde Hand entgegen. Er mochte ſich ſeiner Handlung ſchämen: denn abſichtlich ſchien er ſich in dem Schatten des Pfeilers zu verbergen, und nur ſeine vorgeſtreckte Hand ward von der nahen Gasflamme hell erleuchtet, und ſchien von einer krankhaften Weiße und Magerkeit. „Erbarmt Euch eines Unglücklichen!“ murmel⸗ ten ſeine Lippen; und dieſe Worte, die er mit Ge⸗ walt ſich ſelber abzuringen ſchien, waren faſt erſtickt von den tiefen, ächzenden Seufzern, die aus ſeiner Bruſt hervordrangen. Ach, aber Niemand beachtete den Armen, Nie⸗ mand drückte eine Gabe in dieſe dürre, weiße Hand, Alle gingen dem Vergnügen, den Geſchäften, dem Müßiggang, oder welchem Zwecke ſonſt nach,— den verſchämten Bettler beachtete Niemand! Lange ſtand er da in derſelben Stellung, nur mit ſeiner Hand um eine Gabe flehend; und das Menſchengewoge zog an ihm vorüber, mit ſeinen bunten Erſcheinungen ſeine Sinne verwirrend. Als ſeine Hand immer noch leer blieb von einer Gabe, zog er ſie zurück, und wie zerbrochen — 110— an die Mauer zurückſinkend, ſtöhnte er leiſe: „Auch dieſes war umſonſt! Auch dieſe Schmach habe ich vergeblich auf mein Haupt geladen! O, mein Gott! mein Gott!“ Er bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen und ächzte laut. Aber auch das Hingeben an ſeine Qual ſchien dieſem Unglücklichen verſagt. Von peinigenden Gedanken’ aufgeſtachelt, fuhr er empor, und einen Moment aus dem Schatten her⸗ vortretend, beleuchtete die Laterne ein Geſicht, das in ſeinen verzerrten Zügen den Ausdruck der Ver⸗ zweiflung und des Elendes zeigte. „Nun, wenn es einen Gott da droben giebt!“ murmelte der Unglückliche leiſe zwiſchen den auf⸗ einander gepreßten Zähnen hervor,„wenn es ei⸗ nen Gott giebt, ſo ſieht er, was ich gelitten und wie ich gekämpft habe! Alles, Alles umſonſt! Verflucht iſt der Arme, und ſelbſt die Schmach des Bettelns iſt umſonſt! Aber ich muß, beim ewigen Gott, ich muß Brod ſchaffen! Und ſollte ich meine Seele dafür dahingeben, und ſollte ich einen Mord auf meine Seele laden, ich muß Brod haben für Weib und Kind! Das Betteln war um⸗ ſonſt; es bleibt nur Ein Mittel! Ich gebrauche es, und ſollte es ein Leben koſten!“ Aus ſeinem Verſtecke hervortretend, eilte er durch das Gewühl der Menſchen dahin, der Stöße nicht achtend, mit denen er beim raſenden Laufe die ihm Begegnenden zurückſtieß. Nicht achtend der — 111— Scheltworte, die hinter ihm her erſchallten, rannte er weiter und weiter, bis die belebten Straßen hinter ihm lagen und er ſtillere und wenig betre⸗ tene Gaſſen betrat, in denen nur hin und wieder eine dunkle, kleine Laterne die holperige, ſchmuzige Straße und die niedrigen Häuſer beleuchtete. Hier blieb er ſtehen, und ſich athemlos an eins der Häuſer lehnend, ſagte er mit dumpfem Ton: „Ich bin am Ziel! Es iſt die Stunde, in der er heimzukehren pflegt!“ In der öden Gaſſe war es lautlos und ſtill; und als bald darauf von Weitem Schritte ſich nä⸗ herten, konnte man deutlich das Auftreten jedes Fußes unterſcheiden. „Er kommt! er kommt!“ ſagte der Unglückliche, und ſank faſt bewußtlos nieder auf der Schwelle des Hauſes. Als die Schritte aber näher und näher kamen, richtete er ſich empor und ſtellte ſich neben der verſchloſſenen Hausthür hin. Tief in einen Mantel gehüllt, kam jetzt eine gebückte, zuſammengekrümmte Geſtalt daher, und die kleine Laterne, die er in der Hand gehalten, auf die Erde ſetzend, ſchickte der Neuhinzugekommene ſich an, mit dem Schlüſſel, den er aus ſeiner Bruſttaſche zog, die Hausthür zu öffnen, als ſeine. Hand aufgehalten ward und eine Stimme mit ſchneidendem Wehelaut ihm zurief:„Erbarmet Euch eines Unglücklichen! Ihr ſeid reich; gebt dem Ar⸗ men von Euerem Gelde!“ — 112— „Geld! Man will mich beſtehlen! Hülfe! Hülfe! Mörder! Diebe!“ kreiſchte der erſchrockene Greis. Der Andere ſchloß ihm mit der Hand den Mund und flüſterte in ſein Ohr:„Vater, Vater! erbarmt Euch meiner! Ich bin's, bin Ed⸗ mund, Euer Sohn!“ Der Alte fuhr zurück, und dann in ein höh⸗ niſches Lachen ausbrechend, rief er:„Ha, ha! Alſo wirklich der ſtolze Edmund! Ha! ich muß dooch Dein Geſicht ſehen, ob es wahr iſt, daß die⸗ ſer Bettler Edmund iſt!“ Er nahm die Laterne und hielt ſie empor, daß ihr trübes Licht auf das Geſicht des Andern fiel, und ihm deſſen eingefallene, hagere Wangen und die düſter blitzenden, tief liegenden Augen beleuchtete.— „Erkennt Ihr mich, Vater?“ fragte Edmund mit weichem, bebendem Ton.„Erkennt Ihr den Sohn, den Ihr verſtießt, den Ihr dem Elende dahingegeben?!“ Der Greis lachte laut.—„Alſo meine Vor⸗ herſagung hat ſich erfüllt,“ ſagte er;„und an der Thür meines Hauſes winſelt der ungerathene Sohn als ein ſchamloſer Bettler! Gut! gut! Ich will Dich nicht ſtören; Dein Heulen ſoll meinen Schlaf nicht unterbrechen! Gute Nacht!“ Err ſchloß die Thür auf und wollte ſie öffnen; Edmund hielt ihn zurück.„Vater!“ ſagte er mit erſtickter Stimme,„ladet keinen Mord auf Eure — 113— Seele; denkt, daß es eine Gerechtigkeit giebt, die Euch ereilen und Rechenſchaft von Euch fordern wird! Vater, ſeht dort in jenem Eckhauſe, dort, wo aus der Dachkammer das trübe Licht ſchim⸗ mert, dort liegt mein Weib, mein Kind, hungernd, im Elend! Vater, erbarmt Euch mein! Sie ver⸗ hungern, wenn Ihr uns nicht helft!“ „Das alſo iſt Euer Palaſt?“ ſagte der Alte höhniſch, und zeigte mit ſeinen langen Fingern nach dem von Edmund bezeichneten Hauſe; das iſt des ſtolzen Herrn Edmunds Schloß?“ „Es iſt nicht Zeit, Euren höhniſchen Worten zuzuhören!“ ſagte Edmund feſt.„Jede Minute, die ich hier zandere, iſt eine Ewigkeit der Qual für Weib und Kind. Im Namen meiner Mutter fordere ich Euch auf, mir beizuſtehen!“ 3 „Und im Namen des Teufels fordere ich Dich auf, von meiner Schwelle zu gehen!„Ich bin nicht thöricht genug, mein Geld an den ungerathenen Sohn zu verſchwenden! Fort von hier!“ 4 „Nun, Gott iſt mein Zeuge, ich kann nicht anders!“ rief Edmund in wahnſinnigen Tönen; und ehe der Alte Zeit hatte, zurückzutreten, hatte Edmund ihn umfaßt, und mit der Kraft der Verzweiflung mit dem einen Arm ihn fackend, daß er ſich nicht zu rühren vermochte, fuhr er mit der Rechten in des ſchreienden Greiſes Bruſttaſche. „Diebe! Diebe!“ ſchrie der Alte. Bonners. III. 8 — 114— In der Nachbarſchaft öffneten ſich einige Fenſter und man fragte nach dem Grunde des Geſchreies. „Diebe! Diebe!— Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ Aber Edmund war es jetzt gelungen, trotz des Alten Sträuben, aus deſſen Bruſttaſche die Börſe hervorzuziehen. „Gelobt ſei Gott! ich habe Geld!“ rief er freudig, und den Greis von ſeinen umſtrickenden Armen befreiend, verſchwand er in der Dunkelheit der Nacht. Der Alte, ſich befreit fühlend, öffnete ſchnell ſeine Thür, ſtürzte hinein, und ſie ſchnell hinter ſich zuwerfend, verſchloß und verriegelte er ſie mit zitternden Händen. Der Hund, der die Hausthür bewacht, ſprang ihm wedelnd entgegen, und aus ſeinem Hinter⸗ ſtübchen kam der alte Patrick, der endlich vom Schreien ſeines Herrn aus ſeinem feſten Schlaf * erwacht war, mit der Oellampe hergeſchlurft. „Mich dünkt, ich hörte Euch ſchreien, Herr!“ ſagte er müde und verſchlafen. „Ich ſchrie auch, Schlafratz!“ kreiſchte ſein Herr;„und es hat nicht an Dir gelegen, daß ich nicht ermordet ward. Jetzt kriech' in Dein Loch zurück und verbrenne nicht unnöthigerweiſe das theuere Oel.“ Patrick entfernte ſich brummend, der Hund legte ſich wieder vor die Thür und der Greis — 115— ſtieg mit ſeiner Laterne die knarrende Treppe hin⸗ auf, indem er vor ſich hin murmelte:„Glücklicher⸗ weiſe waren nur einige Francs in der Börſe! Ja, jal ich werde auch kein ſolcher Thor ſein und viel Geld mit mir nehmen, wenn ich auf die Straße gehe. Ho, ho, hol“ Edmund rannte mit ſeinem Raube durch die öden, dunkeln Straßen bis zu dem Hauſe, welches das Ziel ſeines Laufes. Hier hielt er an, und an ein Fenſter klopfend, rief er angſtvoll:„Steht auf, ſteht auf! Ich muß Brod haben!“ Seine Stimme war ſo durchdringend und verzweiflungsvoll, daß ſie wohl im Stande war, den geſundeſten Schläfer zu erwecken; und bald vernahm man von innen eine verdrießliche Stimme:„So brüllt nur nicht ſo laut! Ich komme ſchon!“ Ein Fenſter ward geöffnet.„Was ſoll's? was wollt Ihr?“ „Ein Brod! Hier, hier iſt das Geld! Da, zwölf Sous! Gebt mir Brod!“ „Das iſt auch ein rechter Gegenſtand, um deshalb ehrliche Leute aus ihrem beſten Vormit⸗ ternachts Schlummer zu wecken!“ brummte der Andere, indem er erſt das Geld nahm und dann das Brod hinausreichte.„Ihr könntet auch Euern Magen ſo gewöhnen, daß er Morgens lieber ſeine Ranzion verlangte!“ 8* — 116— Edmund erwiderte nichts; er drückte das Brod an ſeine Bruſt, als ſei es ein geliebter, längſt vermißter Freund, und nun mit haſti⸗ gen Schritten eilte er ſeiner ärmlichen Woh⸗ nung zu. In eiligem Lauf und todesmatt ſtürzte er die ſechs ſteilen, dunkeln Treppen hinan, und tappte nach der Thür ſeiner Kammer. Jetzt hatte er ſie gefunden, jetzt trat er ein, und vor Camillen nie⸗ derſtürzend, die, ihr Kind im Schooße haltend, auf ihrem Bette ſaß, ſagte er ächzend:„Da, da nimm! Es iſt Brod! Brod für Dich, meine Geliebteſte! Ich habe es Dir erworben! Nimm, nimm!“ Seine Stimme erloſch in Schluchzen, und faſt bewußtlos legte er ſein Haupt an Camillens Knie. „Dank! Dank!“ ſagte ſie leiſe, kaum hörbar, und ihre zitternde Hand legte ſich wie ſegnend auf das Haupt ihres Gatten.„Meine Gedanken waren bei Dir, mein Geliebter! und meine Gebete haben Dich begleitet! Der Buchhändler hat Dir alſo wirklich einen Vorſchuß auf Deine Abſchriften bewilligt? O, das iſt edel! Es giebt alſo doch noch erbarmende Menſchen!“ „ Ja, es giebt deren!“ ſtöhnte Edmund, der in ſeinem Edelſinne Camillen verbarg, woher er das Geld bekommen. „Und wie ich glücklich bin!“ ſagte Camilla; —— ——— — — 117— und wirklich überflog ein ſchwaches Lächeln ihr Angeſicht, das, hager und eingefallen, nur auf den Wangen jenen tiefrothen Fleck zeigte, der das Aushängeſchild ihrer tödtlichen Krankheit war. „Wie ich glücklich bin!“ ſagte ſie;„unſer Kind ſchläft ſo ſüß! Es hatte anfangs ſo viel ge⸗ weint, aber jetzt ſchläft es ſo ruhig. Sieh, es regt ſich nicht.“ Edmund, von unheimlicher Ahnung ergriffen, ſchreckte empor. „Es regt ſich nicht!“ wiederholte er mechaniſch, und blickte auf das Kind, das regungslos in Ca⸗ millens Schooß ruhte, und deſſen friedliche, ſtille Züge ſeltſam contraſtirten mit den friedloſen, be⸗ wegten Geſichtern des unglücklichen Paares. Edmund legte ſeine Hand auf die Stirn ſeines Kindes; dieſe war kalt und feucht. Er fühlte nach dem kleinen Herzen; es ſtand ſtilll „O mein Gott, mein Gott!“ rief er mit Jammertönen, unſer Kind iſt todt, iſt ver⸗ hungert!“ „Todt!“ kreiſchte Camilla.„Nein, nein! Es ſchläft! Und ſie drückte das Kind in ihre Arme, hob es an ihre Bruſt und bedeckte ſeinen Mund mit Küſſen. Es regte ſich nicht; das kleine Köpſchen hing kraftlos nieder, einer zerknickten, welkenden Knospe gleich, und die hellen Kinderaugen öffneten ſich nicht. „Es iſt todt! Mein Kind! Mein Kind!“ — 118— Bewußtlos ſank ſie zuſammen, und Edmund blickte auf Weib und Kind mit Augen, aus denen ein wahnſinniger Schmerz leuchtete. Er war wie betäubt, die Gedanken verwirrten ſich in ſeinem Hirn und nahmen ihm für einen Moment das Bewußtſein ſeiner Qual. Es kehrte aber mit Todesmartern zurück, als Camilla ſich jetzt regte, als aus ihrem Munde ein heller Blut: ſtrom hervordrang und ihren Hals und Buſen übergoß. — * X. Das Erkennen. Santöme ſaß neben Lenoren und las ihr aus einem der neueſten Werke ihres Lieblings⸗Schrift⸗ ſtellers vor, als das ſchmetternde Tönen eines Poſthorns erklang und ein Wagen an dem Hauſe ſtill hielt. „Es wird mein Gemahl ſein,“ ſagte Lenore erbleichend, und aus dem Fenſter ſchauend, fand ſie ihre Vermuthung beſtätigt. „Erlauben Sie denn, daß ich gehe,“ ſagte Santoͤme mit einiger Bitterkeit;„ein Dritter iſt ſelten willkommen bei dem erſten Wiederſehen zweier Liebenden.“ Lenore ſah ihn ſtolz und hoch an.„Sie wiſſen, daß mein Gemahl und ich nicht zu dieſen zu zählen ſind,“ ſagte ſie;„doch werde ich mei⸗ ner Pflicht zu genügen wiſſen. Erwarten Sie mich hier.“ — 120— Sie wollte das Zimmer verlaſſen, Bonners entgegenzugehen, als der eintretende Kammer⸗ diener meldete: der gnädige Herr habe ſich in ſeine Gemächer begeben, um ſich umzukleiden, und werde, ſobald dies geſchehen, ſeiner Gemahlin ſeine Auf⸗ wartung machen. „So laſſen Sie uns bis dahin unſere begon⸗ nene Lectüre fortſetzen,“ ſagte Lenore mit einem gezwungenen Lächeln, und Charles nahm das Buch wieder zur Hand. Aber an dem monotonen und unverſtändlichen Vortrage ſah man, daß ſeine Seele nicht bei dem war, was er las; und Le⸗ nore beachtete dies nicht, weil ſie in der That nicht ein einziges Wort ſeiner Vorleſung beachtete. Erſt, als er inne hielt, erwachte ſie durch die ein⸗ tretende Stille aus ihren Gedanken, und ihr blei⸗ ches Antlitz zu ihm hinwendend, ſagte ſie:„Schon zu Ende?“ „Bei Gott! ich vermag heute nicht zu leſen!“ erwiderte Santöme bewegt.„Mir iſt, als ſollte ich erſticken, und mein Herz ſchnürt mit ſeinem ſtürmiſchen Klopfen mir faſt die Kehle zu!“ „Und warum dies?“ fragte Lenore mechaniſch, während ſie ihre Hand auf ihr Herz legte, als wolle ſie deſſen Stürmen und Pochen dämpfen. „Weil ich ein Vorgefühl habe, eine unheim⸗ liche Ahnung, daß die nächſte Zukunft für uns voll Trauer und Schmerz iſt!“ „Dies mag ſein,“ ſagte Lenore ruhig;„ich ——— erwarte es mit Muth!— Doch ſtill, ich höre Schritte! Es iſt mein Gemahl!“ Sie ſtand auf und ſchritt der Thür zu, wäh⸗ rend Santoͤme ſich in die entfernteſte Fenſterniſche zurückzog.— Die Thür ward geöffnet und Bon⸗ ners trat ein. „Willkommen!“ ſagte Lenore und reichte ihm ihre Hand, die ihr Gemahl an ſeine Lippen drückte. „Um ſolch ein holdes Willkommen von Dei⸗ nen Lippen, meine ſchönſte Gemahlin, unternehme ich bereitwillig noch einmal dieſe fatiguante Reiſe, die ich eben beendiget habe! Aber nun vor allem Anderen laß mich wiſſen, wie es Dir ergangen. Du biſt, hoff' ich, nicht erkrankt aus Sehnſucht nach Deinem Gemahl?“ „Nein!“ ſagte Lenore lächelnd;„denn bei jeder derartigen Anwandlung hatte ich ja ſofort das wirkſamſte Heilmittel zur Hand, nämlich den Gedanken an Deine Wiederkehr. Aber erlaube, mein Freund!“ ſagte ſie, ſich nach der Seite wen⸗ dend, wo Santöme ſtand,„erlaube Dir Jemand vorzuſtellen, dem ich ſehr verpflichtet bin.“ Charles näherte ſich, und Bonners, ſeinen ſcharfen, durchdringenden Blick auf ihn heftend, ſchreckte einen Augenblick zuſammen. „Herr Charles Santöͤme, der einſt mir das Leben rettete. Ich deuke, ich erzählte Dir davon.“ „Und ich bin glücklich, Ihnen meinen Dank — 122— ſagen zu können,“ ſagte Bonners mit froſtiger Höflichkeit, Santome die Hand hinreichend. Dieſer legte die ſeinige langſam in die Hand Bonners, und ſich einen Augenblick mit den Fin⸗ gern berührend, ſahen ſich die beiden Männer einen Moment mit forſchenden, prüfenden Blicken an. Was ſie in ihren Augen geleſen, ſchien nicht geeignet, die unerklärliche Abneigung, die ſich in beider Herzen regte, zu verſcheuchen, oder ſie ein⸗ ander freundlicher geſinnt zu machen. „Meine That war eine ganz natürliche und einfache!“ ſagte Santöme zurücktretend;„und ich mache durchaus keine Anſprüche auf Ihren Dank, mein Herr!“ „Um ſo mehr bin ich geneigt, Ihnen ſolchen zu zollen, während die Anſprüche vielleicht Ihre Anwartſchaft darauf vernichten möchten.“ „Welche Sophiſtereien!“ ſagte Lenore.„Laſ⸗ ſen Sie uns von harmloſen und heiteren Dingen ſprechen, zum Beiſpiel von Deiner Reiſe, Du haſt mir nicht einmal geſagt, welches eigentlich ihr Ziel war?— Du warſt in London?“ „Ja, meine Theure!“ „Ach, in meiner Vaterſtadt!“ ſagte Santöme. „Ich beneide Sie darum!“ „Sie ſind ein Engländer? Ihr Name ließ mich einen Franzoſen vermuthen.“ „Ich führe zwei Namen, einen engliſchen und einen franzöſiſchen.“ 3 —2 — 123— „Wirklich? Ah, da ſind Sie glücklich, wenn Ihnen keiner von dieſen zu viel iſt i“ ſagte Bon⸗ ners lachend.„Es giebt Leute, die Gott danken würden, gar keinen Namen zu haben.“ „Ja, es giebt deren!“ ſagte Santoͤme, und ſein feuriger Blick traf einen Moment Bonners Geſicht. Ein Diener trat ein und meldete Madame Iſabella Blackwell. „Iſt willkommen!“ ſagte Lenore freudig. Charles entging es nicht, wie Bonners einen Augenblick zuſammenzuckte. 8 „Erlaube, liebe Lenore, daß ich Dich verlaſſe,“ ſagte Bonners, eilig nach einer Seitenthür gehend. „Geſchäfte—— Santoͤme legte ſeinen Arm auf Bonners Hand, die ſchon den Drücker der Thür berührte.„Er⸗ lauben Sie mir, Sie um einen Moment Aufſchub zu bitten, damit ich Ihnen meine Schweſter vor⸗ ſtellen kann!“ In dieſem Momente trat Iſabella herein. Le⸗ nore ging ihr entgegen und hieß ſie willkommen; und als Jſabella ihre Begrüßung erwiederte, traf ihr Blick durch Zufall die beiden Herren an der nahen Seitenthür. Ein leiſer Schrei tönte von ihren Lippen; dann that ſie einige Schritte vorwärts, mit entſetzten, weit geöffneten Augen auf Bonners hinſtarrend. Jetzt trat ſie ihm ganz nahe. „ — 124— „Er iſt's! er iſt's!“ ſchrie ſie laut und ſank beſinnungslos zur Erde. Charles eilte zu ihr hin und hob ſie in ſeine Arme. „Was bedeutet dies?“ fragte Lenore erſtaunt, während Bonners höhniſch lachend ſich an einen Seſſel lehnte. „Fragen Sie nicht!“ ſagte Santöme feierlich, „und gebe Gott, daß Sie es nie erfahren. Mein Wagen hält vor dem Hauſe, und ich eile, meine Schweſter, bevor ſie ſich erholt, in unſere Woh⸗ nung zu bringen. Sie aber, mein Herr, wandte er ſich mit zornblitzenden Augen an Bonners, Sie werden die Güte haben, mich hier zu erwar⸗ ten; Sie wiſſen, daß wir wichtige Dinge mitein⸗ ander zu verhandeln haben!“ „Wichtige Dinge?“ fragte Bonners gleich⸗ gültig.„Wollen Sie vielleicht eine Anleihe bei mir unternehmen?“ Santöme hörte ihn nicht; er hatte ſchon mit Iſabella das Zimmer verlaſſen. „Welche ſeltſame und geheimnißvolle Worte ſind dies,“ ſagte Lenore.„Darf ich meinen Ge⸗ mahl wohl um einige Auftlärung bitten?“ „Die möchte ich von Ihnen fordern, Ma⸗ dame!“ rief Bonners gereizt und mit einem ſo rauhen Tone, daß Lenore davor erbebte.„Warum hat es Ihnen beliebt, dieſen Laffen, dieſen Groß⸗ ſprecher in mein Haus zu laden? Ich will Herr in meinem Hauſe ſein, und verlange, daß Sie nur Solchen den Zutritt geſtatten, die ich ein⸗ geladen!“ Lenore ſtand regungslos da, ſprachlos vor Zorn und Erſtaunen. Bonners ſchellte heftig; der Kammerdiener erſchien. „Dieſer Herr Santoͤme wird nicht wieder an⸗ genommen: wir ſind nicht zu Hauſe für ihn! Hörſt Du, Jean?“. Der Diener verbeugte ſich und ging. „Alles, was ich gegen dieſen Befehl einzu⸗ wenden habe,“ ſagte Lenore ihr Haupt ſtolz zu⸗ rückwerfend,„verſpare ich mir auf eine gelegenere Zeit, wo Sie mehr im Stande ſein mögen, die⸗ jenigen Rückſichten, die ich zu fordern berechtigt bin, im Auge zu behalten, und mir die ſchuldige Ehrfurcht und Achtung zu zollen, die ich durchaus verlange!“ Sie verneigte ſich hoch und ſtolz, wie eine Königin, und verließ das Gemach. „Welch ein hochfahrendes, arrogantes Weib iſt dieſes!“ ſagte Bonners, langſam nach ſeinen Gemächern gehend.„Aber freilich, ich ließ mich hinreißen; der Moment überwältigte mich! In ſolcher fatal⸗kritiſchen Lage iſt alle Selbſtbeherr⸗ ſchung zu Ende und wird alle Weltklugheit zu nichte! Ha, ha, ha! Graf Gleichen zwiſchen zwei Frauen! Aber mir iſt diablement ſchlecht dabei 126— zu Muthe! Doch nein, nein! Nur Beſonnen⸗ heit! Mein Dämon wird mich auch in dieſem Momente nicht verlaſſen; er wird mir Worte zu⸗ flüſtern, wie ſie einem Manne von Welt, einem Unſchuldigen zuſtehen! Wer kann beweiſen, daß der Millionair Bonners— Laute, ſtreitende Stimmen erſchallten vor ſei⸗ ner Thür. „Ich ſage Dir, daß Dein Herr zu Hauſe iſt, und daß ich ihn ſprechen will!“ „Und ich ſage Ihnen, mein Herr, daß er nicht zu Hauſe iſt, und daß, wenn er es iſt, er Nie⸗ manden ſprechen will.“ „Es iſt Santme!“ ſagte Bonners.„Hier gilt es einen raſchen Entſchluß!“ Er eilte zur Thür und öffnete ſie. „Jean, Ruhe! Wenn ich Dir ſagte, daß ich für Niemand zu Hauſe ſei, ſo macht doch Herr Santöme eine Ausnahme. Für ihn bin ich immer zu Hauſe.“ Der Diener ſtand erſtarrt, eingedenk des kurz zuvor erhaltenen Befehls. „Treten Sie ein, mein Herr!“ ſagte Bonners mit ſarkaſtiſcher Höflichkeit, und winkte Santöme, ihm voranzugehen. „Und nun,“ fuhr er fort, als er die Thür hinter ihnen geſchloſſen,„erlauben Sie mir wohl, Sie zu fragen: welchem Umſtande ich die Ehre Ihres Beſuches zu verdanken habe?“ — 127— „Sie wiſſen es!“ ſagte Santoͤme, ihn mit ſtrengen Blicken fixirend.„Ihre argloſe Miene täuſcht mich nicht, mein Herr! Bitte, legen Sie dieſe Maske ab! Sie iſt vergeblich; ich habe durch dieſelbe ihr Geſicht erkannt und werde, wenn es ſein muß, Ihnen mit Gewalt dieſe Larve ab⸗ reißen!“ „Sie ſcherzen, mein Beſter!“ ſagte Bonners kalt.„Ich erfreche mich nicht, ſo arg wider die Geſetze zu handeln. Masken ſind kaum in der Carnevalszeit erlaubt; ich denke nicht, daß wir in dieſer Zeit ſind. Oder doch? Ach, Sie ſind vielleicht in einer Rolle, einer Vorſtellung hier!“ „Ja, mein Herr! ich bin hier in der Rolle eines Bruders, der den Entführer ſeiner Schwe⸗ ſter, den Räuber von dem Gelde ſeines Vaters anklagt, ſein eheliches Weib verlaſſen und betrü⸗ geriſch eine zweite Ehe geſchloſſen zu haben.“ „Wenn Sie wirklich im Ernſte und nicht in einer Carnevalsrolle ſprechen, mein Herr,“ ſagte Bonners ſtolz,„ſo iſt es an mir, Sie jetzt zur Rechenſchaft zu ziehen. Ich fordere Sie auf, mir zu ſagen: was Sie dazu berechtiget, mich, den Banquier Bonners, hier in meinem Hauſe auf eine ſo brutale Art zu beſchimpfen? was Ihnen das Recht giebt, in einer Weiſe zu mir zu ſprechen, die ich als Mann von Ehre nicht dulden darf?“ „Ich will es Ihnen ſagen, mein Herr!“ rief Santome, von ſeines Gegners Ruhe bis zur höch⸗ — 128— ſten Leidenſchaft gereizt.„Sie ſind der Entfüh⸗ rer, der Räuber, von dem ich ſprach. Sie ſind der Verbrecher, der ſein eheliches Weib verließ, um eine zweite zu heirathen!“ „Die Beweiſe, die Beweiſe, mein Herr!“ rief Bonners mit Donnerſtimme.„Ich ſage Ihnen: ſchaffen Sie Beweiſe, damit ich mindeſtens an Ihre Vernunft glauben kann. Beweiſe! oder ich rufe meine Diener und klage Sie an als einen Wahn⸗ ſinnigen, als einen Verleumder und Lügner!“ „Die Beweiſe! In Ihren Augen ſtand es geſchrieben, als Sie meine Schweſter ſahen, daß Sie ſie erkannten, in Ihrem Erbleichen, als Sie ihren Namen hörten! Und verlangen Sie mehr! Nun wohl, meine Schweſter hat Sie erkannt, und muß es ſein, ſo kann ſie es vor Gericht mit einem heiligen Eide beſchwören, daß Sie, der Banquier Bonners, eins ſind mit dem Blackwell, der einſt von England aus als Dieb und Mädchenräuber mit Steckbriefen verfolgt war, daß ſie in Ihnen ihren Gatten erkannte!“. „Und Sie glauben wirklich,“ ſagte Bonners mit kalter Ruhe, und ſtellte ſich, die Arme in⸗ einander ſchlagend, hoch aufgerichtet vor Santoͤme hin,„Sie glauben, daß man dies elende Mähr⸗ chen, das nur erſonnen iſt, mir einige tauſend Franes abzupreſſen, glauben wird?“ „Mein Herr!“ ſagte Santöme auffahrend! „Ruhe!“ herrſchte Bonners gebieteriſch;„Sie ſind wild und ungeberdig wie ein Knabe, und doch wird Ihnen Beſonnenheit noth thun, um ihr ſchlecht erſonnenes Mährchen glaubhaft zu machen! Hüten Sie ſich, mein Herr! Sie haben es gewagt, mich zu beleidigen, ich werde Sie zur Rechenſchaft ziehen. Ich verlange, daß Sie mir öffentlich vor Gericht beweiſen, inwiefern Ihre Beleidigungen zu rechtfertigen ſind, und vor Ge⸗ richt will ich dieſe unſinnige Beſchuldigung als nichtig erklären. Noch giebt es Gerechtigkeit, und die Beſchuldigung eines verlaſſenen Weibes iſt noch nicht genügend, um einen Fremden zu verdammen, ihr weggelaufener Gatte zu ſein!“ „Ich ſehe, Sie beſitzen eine Frechheit, die ganz Ihrer würdig iſt!“ ſagte Santöme, der alle ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte.„Aber fürchten Sie die Gerechtigkeit, die Sie herausfor⸗ dern wollen, fürchten Sie, daß der Blitz, den Sie auf mein Haupt herabbeſchwören, nicht das Ihre zermalme. Ja, es giebt noch Gerechtigkeit! Mag es ſo ſein, wollen wir vor Gericht dieſen Kampf auskämpfen, den ich zu Ihrem Heile der Oeffentlichkeit entziehen möchte! Ich habe in die Hand meines ſterbenden Vaters Rache an dem Räuber und Diebe geſchworen, und bei Gott, ich werde ſie halten! Noch ſind nicht alle Augen ge⸗ ſchloſſen, noch giebt es Menſchen, die ich zu Zeu⸗ gen meiner Anklage herbeiſchaffen kann; wollen wir ſehen, ob der Richter Ihnen glauben wird, 9 Bonners. III. — 130— wenn ſie auch dieſe für wahnſinnig erklären. Bis dahin leben Sie wohl!“ „Leben Sie wohl!“ ſagte Bonners mit iro⸗ niſchem Tone;„ich bin begierig auf die Ent⸗ 8 wickelung dieſes von Ihnen erſonnenen Dramas!“ Er öffnete Santöme die Thür und verabſchie⸗ dete ſich von ihm mit einer tiefen Verbeugung. Als Santöme über den Corridor dahin eilte, trat Lenore aus der nächſten Thüre, und ſeinen Arm ergreifend, ſagte ſie tonlos:„Folgen Sie mir!“ Schweigend zog ſie ihn fort, ſchweigend folgte er ihr. In ihrem Zimmer angelangt, wandte ſie ſich um nach Santoͤme, der erbebte vor der Lei⸗ chenbläſſe ihres Geſichtes, und vor dem Entſetzen, das aus ihren Mienen ſprach. „Ich hörte Alles, Alles!“ ſagte ſie athemlos. „Arme Lenore!“ ſeufzte Santöme;„o, daß ich Ihnen dies nicht erſparen konnte!“ „Sie werden, Sie können nicht ſo grauſam ſein, meinen Gemahl dieſer Schuld anzuklagen!“ „Lenore, glauben Sie meinen Worten?“ fragte 3 Santöme feierlich;„ſagt Ihnen Ihr Herz, daß ich die Wahrheit ſprach?“ „Ich glaube Ihnen,“ erwiederte ſie,„ich weiß, daß Charles Santoͤme nimmer ſich durch eine Lüge 8 entehren kann!“ „So wiſſen Sie alſo, daß Bonners, Ihr Gatte, zugleich Blackwell, der Gatte meiner Schwe⸗ ſter iſt, daß er meinen Vater ſeines Geldes be⸗ raubte, daß er ein Dieb iſt!“ „Santöoͤme, ich will es Ihnen glauben, denn ich glaube Ihnen Alles,“ ſagte ſie tiefbewegt;„es hat mir oft geſchaudert vor den unheimlichen Blicken meines Gemahls, ich habe geahnt, daß irgend ein finſteres Geheimniß ſeine Seele belaſtete, und ich habe, wenn er ſich unbeachtet glaubte, geſehen, wie ſeine Seele von Qualen gefoltert ward, die er zu verbergen trachtete. Und dennoch, Santöme, dennoch erwarte ich, weiß ich, daß Sie ſchweigen, daß Sie dieſe Klage zurücknehmen wer⸗ den, weiß, daß Sie ihn freiſprechen werden von dieſer Anſchuldigung.“ „Unmöglich, Lenore! Das Wort iſt geſprochen, und kann nicht zurückgenommen werden!“ „Es kann, es muß!“ ſagte Lenore angſtvoll. „Bedenken Sie, Santöme! Es iſt nicht Bonners allein, den Sie anklagen; auch mich, ja auch mich trifft Ihre Beſchuldigung; auch mich werden Sie mit Schmach und Schimpf belaſten, werden das Weib, das die Gattin eines ſchon verheiratheten Mannes war, mit Schande bedecken, meinen Na⸗ men brandmarken, zu einer Fabel des Tages ma⸗ chen, und meine Ehre, meinen Ruf auf ewig ver⸗ nichten! Dann, Santöme, bleibt mir nichts, als der Tod; und— der allmächtige Gott hört mei⸗ nen Schwur!— wenn Sie dies thun, geh' ich in den Tod und mein Blut komme über Sie.“ — 132 „Lenore, wie grauſam Sie mich martern! In die Hand meines ſterbenden Vaters habe ich Rache gelobt, ich muß ſie halten!“ „Nein!“ ſchrie ſie athemlos, und in ihre Knie ſinkend vor Santöme, hob Sie mit einem Aus⸗ drucke des Flehens, der bei der ſonſt ſo ſtolzen Lenore unendlich rührend war, ihre Hände zu ihm empor.„Nein, Sie wollen, Sie können mich nicht ſo beſchimpfen! Sagen Sie, daß Sie es nicht können! Sie verhüllen Ihr Antlitz vor mir, Sie wenden ſich ab! O, Santöme! ich beſchwöre Sie, nehmen Sie Ihr Wort zurück! Bei unſerer Liebe! Nehmen Sie Ihr Wort zurück! Ja, Char⸗ les! ich liebe Sie! meine ganze Seele, mein gan⸗ zes Herz gehört Ihnen!— Charles! wollen Sie die verderben, welche Sie liebt?!“ „O Lenore, arme, theuere Lenore!“ ſagte Santoͤme, und verſuchte ſie aufzurichten. Sie wehrte ihn zurück. „Sage, daß Du mich nicht verderben, daß Du meinen Gatten nicht anklagen willſt! Sag! es, mein Santöme!“ Lenore! Du ſagſt, daß Du mich liebſt! Du weißt, daß ich Dich liebe, und dennoch forderſt Du, daß ich es dieſem Betrüger geſtatte, Dich ſeine Gattin zu nennen?! Bedenke, Geliebte, daß er allein es iſt, der zwiſchen uns ſteht. Ich ent⸗ larve ihn als Betrüger und— Du biſt frei! Du kannſt mein werden!“ 3 — — 133— „Nimmermehr!“ rief ſie heftig.„Ich bin zu ſtolz, um meine Schande zu überleben! Und wenn ich es nicht wäre, wenn ich unter Deinem Namen die Schmach des meinen verbergen könnte— die Welt würde es nicht vergeſſen! Mit Fingern würde man auf Dein Weib zeigen und ſich ein⸗ ander ihre Schande ins Ohr flüſtern! Es kann nicht ſein! Ich liebe Dich; aber nie kann ich die Gattin deſſen werden, der meinen Gatten als Verbrecher entlarvt! O, Charles! überlaß dem Himmel die Rache! Es giebt eine Gerechtigkeit über den Sternen; ihr ſtelle die Enthüllung dieſes Verbrechens anheim! Rette mich, rette Deine Le⸗ nore von Schmach und Schande! Deine Lenore, die Dich liebt!“ „Du weißt nicht, welch ein Opfer Du for⸗ derſt! Den ſoll ich ungeſtraft laſſen, den ich haſſe; ſoll ihn als den Gatten des Weibes laſſen, die ich liebe?“. „Du allein, Charles, biſt ſolchen Opfers fähig, von Dir allein kann ich es fordern! Und glaubſt Du denn, daß ich nicht auch leide, daß nicht auch mich der Gedanke martert, hinfort das Weib eines Verbrechers zu ſein? Glaubſt Du denn, daß ich nicht Tag und Nacht um Dich wei⸗ nen werde, und daß ich dennoch um meiner Ehre willen Dich miſſen muß?!“ „Wohlan, Lenore!“ ſagte Santöme nach einer Pauſe,„Du forderſt dies Opfer!— ich werde 134— es bringen! Ich werde ſchweigen; und möge der Geiſt meines Vaters mir verzeihen, wenn ich ſei⸗ nen Haß meiner Liebe opfere!“ „O mein Geliebter!“ Sie flog an ſeinen Hals und ihre Thränen miſchten ſich mit den ſeinen. XI. Zwei Sterbebetten. Sechs lange, peinvolle Tage, ſechs ſchlummer⸗ loſe Nächte ſchon lag der alte Beauvalle, Ed⸗ munds Vater, auf dem Krankenlager. Mit langſamem, ſchleichenden Schritte fühlte er den Tod herannahen; an dem unheimlichen Erkalten, das ſich dann und wann über ihn er⸗ goß, erkannte er das allmählige Heranſchleichen jener großen und ſchauerlichen Stunde, vor welcher der Menſch, weil er ſterblich iſt, zurückbebt. Der Kranke wußte, daß er ſterben würde, er hatte eine feſte, unerſchütterliche Ueberzeugung da⸗ von, und dies war eine grauſige Qual, eine Qual, die größer war, als alle die entſetzlichen Schmerzen, unter denen ſein Körper litt, ein Fege⸗ feuer, unter dem ſchon hienieden ſeine Seele ihre Strafe und Läuterung erfahren mußte.. Die Sterbeſtunde iſt der Läuterungsproceß aller Sünde, in ihr ſtreift die Seele alle Ver⸗ — 136— puppung der Schuld und des Vergehens ab, und entfaltet frei ihre Schwingen, an denen nichts mehr haftet von irdiſchem Staube. Und wenn das Gewiſſen bis dahin nimmer erwacht iſt, und wenn die Strafe nimmer gekom⸗ men, ſo kommt dem Sünder dies Alles in dieſer letzten Stunde und drückt mit ſeiner entſetzens⸗ vollen Laſt die ſchon ihre Schwingen regende Seele zurück in den Körper, ſie nicht frei laſſend von den ſtrafenden Banden. Da ringt die Sünde mit der Vergeltung einen furchtbaren, entſetzensvollen Kampf, und jeder Schweißtropfen, der mit eiſiger Kälte über die Stirn des ächzenden Sterbenden hernieder rieſelt, giebt Zeugniß von einer Ewigkeit der Qual, die ſich hier in einer Minute zuſammengedrängt hat. Darum auch iſt die Sterbeſtunde ſo heilig, weil ſie zugleich Zeugniß eines ganzen Lebens iſt, gewiſſermaßen ein Reſumsé aller Thaten und Ge⸗ danken eines ganzen menſchlichen Daſeins! Tritt an das Lager der verkannten, ein gan⸗ zes Leben mißdeuteten Tugend, und in dieſer Stunde wirſt Du des Sterbenden Stirn von der Glorie der Tugend umleuchtet ſehen, wirſt be⸗ wundern, wo Du vielleicht bis dahin verkannteſt und verachteteſt! Tritt an das Lager der gefeierten Laſterhaf⸗ tigkeit, der es gelungen, durch ein ganzes Leben unter dem Mantel der Tugend ihre Unthaten zu —y— — 1327— decken, und in dieſer Stunde wirſt Du ihn von Qualen und Schmerzen gemartert finden, wirſt auf ſeiner Stirn die Sünden ſeines Daſeins mit blutigen Lettern geſchrieben finden, und Dich ſchau⸗ dernd abwenden von den Martern dieſer vergeblich nach Befreiung ächzenden Seele! Und ſolche Qualen waren die, unter denen der alte Beauvalle rang, die von ſeinen lebens⸗ müden Augen den ewigen Schlummer verſcheuchten und ſeinen ruhebedürftigen Körper aufſtachelten zu marterndem Bewußtſein und peinigender Angſt. In nebelhaften Schattengeſtalten zogen ſeine Gedanken und Thaten an ihm vorüber, und jeder derſelben ward zu einem peinigenden Dämon, der ihn wach ſtachelte mit ſeinem hohnlächelnden Ge⸗ flüſter. Und wie er da lag mit geſchloſſenen Au⸗ gen und ächzender Bruſt, waren in ihm alle Kräfte ſeiner Seele wach, und in einer Art Hallucination ſah er die Vergangenheit in leuchtenden, entſetzens⸗ vollen Bildern an ſich vorüberziehen. Der Vorhang, der dem blöden, ſterblichen Ange Vergangenheit wie Zukunft verhüllt, war ihm zerriſſen und aus ihm hervor ſtürzten, hölli⸗ ſchen Geiſtern gleich, die Jahre ſeines Lebens, ihn umtanzend, ihn umkreiſend, und hohnlachende Spottlieder ihm kreiſchend, und in ſeine zuckende Seele die Worte brennend: Du haſt umſonſt gelebt! ſein vergehendes Herz zerfleiſchend mit dem Rufe: Du haſt umſonſt geſchlagen! — 138— Der Geizhals, der ſein ganzes Leben nach Reichthum und Gewinn getrachtet, erkannte nun am Ende ſeiner Tage, daß er das Leben eines Verſchwenders gelebt, daß er ein Capital verſchleu⸗ dert, welches ihm anvertraut, und das er nutzlos und ohne Intereſſen vergeudet; erkannte, daß er inmitten ſeines Reichthums arm geworden, und bei ſeinem Gewinne Alles verloren hatte! Die Schätze, die er geſammelt, das Geld, das er aufgehäuft, ſah er hinter ſich verſinken und ver⸗ ſchwinden; ein Bettler ſtand er an der Pforte der Ewigkeit, ein Verſchwender, der das ihm anver⸗ traute Pfund vergeudet hatte! Die Bilder ſeines traumgleichen Schauens wechſelten, und vor ſeinem inneren Auge enthüllte ſich ein anderes. Es war ihm, als lebe er wie⸗ der jene Stunde, in der ſein Sohn zu ſeinen Füßen lag, und beim Andenken an ſein Weib ihn beſchwor, nicht den Sohn von ſeiner Seite zu ſtoßen, ihn zu lieben, und ſich vdn ihm lieben zu laſſen, nicht ſein Kind zu verſtoßen um des elenden Mammons willen. Es war ihm, als höre er über ſich eine Stimme rufen: Was haſt Du gethan mit dem Kinde, das ich Dir gegeben, um es zu lieben, und über ihm zu wachen? Und der Mann, der Reichthümer geſammelt und Schätze aufgehäuft, fühlte, daß er ein anderes Capital verſchwendet, daß er die Liebe vergendet, — 139— die ihm anvertraut worden als das koſtbarſte Pfand, daß er anſtatt zu ſammeln ſeine Habe ver⸗ ſchleudert habe! Und jetzt meinte er vor ſeinem Ohre die Stimme ſeines Sohnes zu vernehmen, die mit verzweiflungsvollem Ton ihm zurief:„Du wirſt allein ſein in Deiner Sterbeſtunde, kein Sohn an Deiner Seite, Dir die Augen zuzudrücken, kein Kind, das Dich Vater nennt!“ Gleichſam, als wolle er ſich überzeugen, ob dieſe Stimme wahr geſprochen, richtete der Kranke plötzlich in ſeinem Bette ſich auf, und die einge⸗ fallenen, hohlen Augen öffnend, rollten ſeine ſtieren Blicke mit einem entſetzensvollen, fragenden, ſu⸗ chenden Ausdruck umher. Auf dem Tiſche brannte die trübe Nachtlampe und warf einen glitzernden Schein auf die eiſerne Kiſte, die gefüllt mit Schätzen dicht daneben ſtand; der alte Patrick, ſein Diener, ſaß auf dem leder⸗ nen Armſtuhle, tief eingeſchlafen, zu den Füßen des Bettes kauerte ſein Hund, und blickte ſeinen Herrn aus klugen Augen an. G Die Augen eines Thieres die einzigen, welche an ſeinem Sterbelager wachten! Dieſer Gedanke preßte ein lautes Schluchzen aus des Greiſes Bruſt, und die Hände über ſei⸗ nem Haupte zuſammenſchlagend, ſank er laut jam⸗ mernd und ächzend auf ſein Lager zurück. Der Hund richtete ſich auf, legte ſeine Tatze — 140— auf die Bruſt ſeines Herrn, und leckte mit ſeiner Schnauze deſſen Hand; aber der alte Patrick ſchlief ruhig weiter, und ſein Schnarchen war ſo ruhig und gleichmäßig wie das Picken der Wand⸗ uhr, die dicht daneben fort und fort in gleich⸗ mäßigen Schwingungen ihren Pendel bewegte. „Patrick! Patrick!“ kreiſchte der Alte, und richtete ſich mit der Kraft eines Geſunden in ſei⸗ ner Verzweifelung auf;„Patrick, wache auf, ich kann's nicht ertragen! Nein, nein, ich kann dieſe Höllenqual nicht länger erdulden!“ 3„Und was wollt Ihr, daß ich thue, Sir?“ „fragte der alte Diener, aufſtehend und langſam zu dem Bette ſeines Herrn hinſchlurfend.„Seid Ihr durſtig, wollt Ihr trinken?“. „Ja, durſtig! Ich will trinken! Ein Wort der Vergebung von meinem Sohne, darnach dürſte ich, das will ich trinken! Meinen Sohn, meinen Sohn, ſchafft mir meinen Sohn! Patrick, Du biſt ein alter Mann, Deine Todesſtunde wird kommen, wie die meine, Patrick, denke an Deinen Tod, und aus Erbarmen mit einem Sterbenden ſchaffe mei⸗ nen Sohn herbei!“ „Ich wollt's gerne thun,“ ſagte der alte Die⸗ ner,„wenn ich ihn nur zu finden wüßte!“ „Ihn zu finden,“ ſagte der Greis und ſchlug, von neuer Hoffnung belebt, die Augen auf;„ich weiß, wo er zu finden. Links dort an der Ecke, —e—— in dem großen Hauſe, ſechs Treppen hoch, da iſt er, da findeſt Du meinen Sohn!“ „Aber ich kann Euch doch nicht allein laſſen, während Ihr jede Minute ſterben könnt!“ „Ja, gehe, gehe, ſchaffe mir meinen Sohn, weil ich jede Minute ſterben kann! Ich will nicht ſterben, ehe ich meinen Sohn geſehen! Mein Sohn, mein Edmund, ich habe Dich gemordet, ich habe Dich von meiner Thür geſtoßen! Ich! O, welche furchtbare Qualen ſind dieſe! Das Feuer in mei⸗ ner Bruſt! Laßt mich los, Ihr Teufel! Laßt mich!“ 5 Der alte Patrick ſtand ſchaudernd und rathlos an dem Bette des Greiſes, deſſen Bewußtſein ſchon wieder in Fieberphantaſien untergegangen war, als dicht unter ihrem Fenſter die Pfeife des Nachtwächters ertönte. „Ich will doch den Nachtwächter in jenes Haus zu Herrn Edmund ſchicken!“ ſagte der alte gut⸗ müthige Diener, und humpelte zum Fenſter hin, den Nachtwächter zu rufen. Dieſer erklärte ſich bereit, die Botſchaft aus⸗ zurichten, wenn er dafür eine gute Belohnung er⸗ halten würde, und als Patrick dies zugeſagt, entfernte er ſich eilend, die Botſchaft ſofort aus⸗ zurichten. Das bezeichnete Haus war bald erreicht, und die elenden Treppen hinaufſtolpernd, bis er zu der Dachkammer gekommen, öffnete er die Thür, und — 142— ward Zeuge einer Scene, die ſelbſt dieſem rohen und ungebildeten Manne Thränen in die Augen trieb. Auf einem ärmlichen Lager hingeſtreckt lag ein zartes Weib, trotz ihrer abgezehrten Geſtalt und ihrer blutloſen, eingefallenen Wangen von einer engelhaften Schönheit, welche die verheerende Krankheit und der vernichtende Hunger nicht zu zerſtören vermocht hatte, und über ſie hingeneigt lag ihr Gatte, ſie rufend mit allen Namen der angſtvollſten Zärtlichkeit und Liebe. „Camilla, meine theure, geliebte Camilla, ſage, daß Du nicht ſterben, daß Du mich nicht verlaſſen willſt!“ „Nein, mein Edmund,“ flüſterte ſie mit einer Stimme, die ſchon ſchwach war und zitternd, „ich werde Dich niemals verlaſſen, ich werde bei Dir ſein, ewig, immerdar! Mein Geiſt wird Dich umſchweben, meine Liebe Dich begleiten, immer, ewig!“ Nur mit Mühe gelang es dem Boten, ſich verſtändlich zu machen, und in kurzen Worten ſeine Botſchaft auszurichten. „Ich kann nicht gehen; mein Leben iſt hier, an dieſer Stelle!“ rief Edmund.„Ich habe kei⸗ nen Vater, habe nichts als Dich, mein Weib, meine Geliebte, mein Engel!“ „Edmund, es iſt Dein Vater, der nach Dir fleht!“ ſagte ſie mit einer Stimme, ſo lind und 1 — 143— leiſe, wie das Flüſtern des Abendwindes. Du mußt die Bitte eines Sterbenden erfüllen!“ „Ich ſoll Dich verlaſſen?“ fragte er angſtvoll. „Ich erwarte Dich!“ lispelte ſie leiſe.„Ich weiß, daß ich nicht ſterben werde, wenn Du nicht bei mir biſt. O die Liebe iſt ſtark!“ ſagte ſie, und ſelbſt in dieſem Augenblicke noch überflog ein glückliches Lächeln ihre Züge.„Die Liebe wird meinen Geiſt feſſeln! Gehe, Deine Camilla bittet Dich, gehe zu Deinem Vater! Es iſt Deine Pflicht!“ „Nun denn, es ſei; Du willſt es!“ rief Ed⸗ mund aufſpringend. Noch einen langen, innigen Kuß preßte er auf die Lippen ſeines Weibes, und in raſender Eile ſtürzte er von dannen, nicht eher anhaltend in ſeinem Laufe, bis er an dem Hauſe ſeines Vaters ſtand. Der alte Patrick öffnete ihm die Thür und erſchrak vor dem wilden Ausdruck in dieſem todes⸗ bleichen, abgezehrten Antlitz. „Lebt er noch?“ fragte Edmund, die Treppe hinanſchreitend. „Er wird ſchon ſchwächer und ſchwächer!“ Vom Gemach des Greiſes her ertönte das jammervolle Rufen:„Mein Sohn, mein Edmund, erbarme Dich mein! Vergieb mir! Ach, nur um der Qualen willen, die ich dulde, vergieb mir!“ „Hier bin ich, mein Vater!“ ſagte Edmund an das Bett des Sterbenden tretend;„Dein Sohn iſt bei Dir!“ Ein einziger ſchriller Freudenſchrei ertönte von den Lippen des Greiſes; dann richtete er ſich auf und ſtarrte aus hohlen, glanzloſen Augen auf das Antlitz ſeines Sohnes. „Erkennſt Du mich, mein Vater, mich, Dei⸗ nen Sohn?“ und Edmund beugte ſich nieder zu dem Angeſichte ſeines Vaters. „Ja, ja, Du biſt es, ich erkenne Dich!“ ächzte dieſer matt.„Du kommſt, um den Fluch von meiner Seele zu nehmen, mich nicht einſam ſterben zu laſſen! Gott ſegne Dich, Gott ſegne g g Dich! O wie furchtbar ſind dieſe Qualen, die ich leide! Ich verbrenne, ich verbrenne!— Ed⸗ mund, mein Sohn, kannſt Du mir vergeben, Dei⸗ nem Vater vergeben, der Dich verſtieß?“ „O mein Vater, denke nicht daran!“ ſagte ſein Sohn, des Greiſes Hand an ſeine Lippen drückend;„in ſolcher Stunde iſt Alles vergeſſen!“ „Sage, daß Du mir verzeiheſt!“ ſtöhnte der Alte, matter werdend. „Ja, mein Vater, von ganzem Herzen ſei Dir verziehen!“ „Er hat mir verziehen!“ rief der Greis und faltete die Hände. Seein Athem ward ſchwächer, kalter Schweiß bedeckte ſeine Stirn und ſeine Hände zuckten krampf⸗ haft. Nun ein Aechzen,— ein Zucken aller Muskeln,— ein letzter Seufzer,— ein letztes Aufſchlagen der Augen, die ſich nicht wieder ſchloſſen! „Er iſt todt!“ ſagte Edmund leiſe und faltete die Hände zu einem inbrünſtigen Gebet. „Ja, er iſt todt!“ ſagte der alte Patrick, und Ihr, Herr Edmund, ſeid jetzt ſein Erbe, ein rei⸗ cher, ſteinreicher Herr! Nun, ich denke, Ihr wer⸗ det den alten Patrick nicht vergeſſen, der dreißig Jahre bei Eurem Vater war, und ihm treu und redlich diente! Ihr werdet der Armen gedenken, da Ihr ſo reich ſeid!“ „Reich, ich bin reich!“ rief Edmund;„o Ca⸗ milla, Du mußt leben, damit ich Dir vergelten kann!“ Und wie ein Wahnſinniger ſtürmte er von dannen. Sie war nicht geſtorben; ſie lächelte ihm ent⸗ gegen und reichte ihm ihre ſchmale, durchſichtige Hand. 3 „Camilla!“ rief Edmund neben ihr kniend und dieſe Hand mit Küſſen bedeckend.„Camilla, Geliebteſte, Theuerſte! Du wirſt leben, Du mußt leben! Du kannſt nicht ſterben, nun, da die Ar⸗ muth von uns genommen iſt, nun wir reich ſind! O Geliebte, ſage, daß Du nicht ſterben wirſt! Mein Vater iſt dahin, wir ſind reich; keine Ar⸗ muth mehr, kein Elend! Wir werden wieder glück⸗ lich ſein!“ Bonners. III. 10 — 146— „O ſchön, ſchön!“ flüſterte ſie mit holden Tönen;„Du wirſt alſo nicht mehr leiden dürfen, nicht mehr hungern, mein Edmund! Der Hunger thut ſo weh! Nun ſterbe ich freudig; denn ich weiß, daß mein Geliebter nicht mehr leidet!“ Edmund lehnte ſein Haupt an die Kiſſen und weinte laut. „Nein, weine nicht! ſprach ſie leiſe, und das neu aufgehende Leben, zu welchem ſie bald durch den Tod geboren werden ſollte, hauchte ein durch⸗ ſichtiges Morgenroth auf ihre Wangen. Weine nicht, mein Geliebter! Ich bin ja ſo glücklich! Ich war ja ſo glücklich! Deine Liebe war ja ſo ſchön und erquickend! Sie war mein Troſt, meine Wonne und meine Tugend!— Edmund, uns vermag der Tod nicht zu trennen, wie uns das Elend nicht unglücklich machen konnte! Waren wir nicht unausſprechlich glücklich, mein Edmund?“ „Ja, wir waren es!“ rief Edmund;„denn Du, Camilla, Du warſt der Engel, der mit himm⸗ liſcher Tugend und Liebe an meiner Seite ſtand, der mich aufrichtete, wenn ich klagte, der unter Todesſchmerzen lächelte, um mich nicht zu betrüben; Du warſt der Engel, der mit ſanftem Troſtes⸗ wort mich vor Verzweiflung bewahrte und unſere troſtloſen, dunklen Tage mit Deiner göttlichen, Alles überwindenden Liebe erhellte und erleuchtete! O mein Engel Du, gehe nicht von mir, bleibe bei mir! Nein, gebiete Deiner Seele, daß ſie — 147— bleibe! Deine Liebe vermag Alles, Alles: bleibe bei Deinem Edmund!“ „Deine Hand! Gieb mir Deine Hand, Ed⸗ mund! Laß mich Deine Stimme hören!“ ſagte ſie, auf deren Sinne ſich ſchon die Sch atten des Todes herabſenkten. „Camilla, Geliebte, mein Weib!“ „Ich höͤre Dich nicht! Deine Hand, ach, dieſe liebe Hand, ſie iſt ſo kalt— ich will ſie wärmen, an meinem Herzen hier will ich ſie wärmen!“ Sie drückte ſeine Hand an ihre kaum noch athmende Bruſt. Selbſt in dieſer Stunde dachte ſie nur an ihn, den ſie liebte, empfand ſie nur ſeine Leiden, nicht die ihren, vergaß ſie ſich, um an ihn zu denken, und ihr letztes Bemühen war, ihm wohlzuthun. „Dank, mein Edmund, Dank für Deine Liebe, für unſer ſchönes Glück! Edmund, laß mich Dein Antlitz ſehen! Ich ſehe Dich nicht mehr; aber hier, in meinem Herzen, da ſehe ich Dich!— Gott ſegne Dich, mein Geliebter! Habe Dank für Deine Liebe; ich war ſo glücklich!— O!— mein Geliebter, mein— Mit verhaltenem Athem, zitternd und todes⸗ bleich, lauſchte Edmund noch auf einen Laut von dieſen Lippen, die für ihn ſtets nur Worte der Liebe und des Troſtes geſprochen. Ach, kein Laut, kein Seufzer mehr drang aus dieſem Buſen hervor; das Herz, das nur für ihn geſchlagen, jetzt ſtand es ſtill! Aber auf ihrem Antlitz leuchtete ein verklä⸗ render Schein, gleich dem Abendroth, das noch erglänzt, wenn die Sonne ſchon hinabgegangen, und ihre Augen hatten noch den Ausdruck der Liebe, mit welchem ſie erloſchen waren. Edmund regte ſich nicht; eine heilige, gottſelige Ruhe ſenkte ſich auf ſein ſchmerzerfülltes Herz; es war, als habe der ſcheidende, verklärte Geiſt ſei⸗ nen Segen über ihn ergoſſen und ſeine Seele ge⸗ ſtärkt mit himmliſchem Balſam des Troſtes! Edmund fühlte ſich erhoben und beruhigt, und die Hand auf dieſe Bruſt legend, die noch warm war von dem Geiſte, der ihr entflohen, fühlte er dieſen Geiſt ſich nahe, und ſich getröſtet von ſei⸗ nem Segen! XII. Der reiche Edmund. Die Journale hatten kaum den Tod des alten Beauvalle verkündet, und daß ſein Sohn Edmund der einzige Erbe ſeiner bedeutenden Reichthümer geworden, als Frau von Saumont anzuſpannen befahl, und, den bis jetzt von ihr unbeantwortet gelaſſenen Brief ihrer Tochter Camilla hervorſuchend, ſich die in demſelben angegebene Adreſſe ihrer Wohnung in ihr Notizbuch ſchrieb. Ich will doch ſelbſt ſehen, wie es ihr geht! dachte ſie; ich werde mir natürlich den Anſchein geßen, nichts von dieſer Erbſchaft zu wiſſen, ſndern die Mutterliebe allein hat mich zu dieſem Schritte getrieben. Ich denke, ſie werden mein Anerbieten nicht zurückweiſen, und gern bei mir wohnen, bis ein für ſie paſſendes Hötel eingerichtet iſt. Der alte Beauvalle ſoll ja ein wahrer Millionair geweſen ſein! Wirklich, ich bin eine ſehr glückliche Mutter: Zwei Millionaire zu Schwiegerſöhnen! Voll hohen Triumphes in ihren Zügen ſtieg die Baronin in den Wagen und befahl dem er⸗ ſtaunten Diener, nach der von ihr bezeichneten abgelegenen Vorſtadt zu fahren. Sie war ſo freudig erregt durch alle die ſtolzen Zukunftspläne, die ſich ihrer Phantaſie auf⸗ drängten, daß ſie nicht die kleinſte Mißſtimmung empfand, als der Wagen in der öden Gaſſe vor dem ſchmuzigen, elenden Hauſe hielt, und ihr Diener mit ſpöttiſchem Lächeln fragte, nob die gnädige Frau wirklich hier auszuſteigen und in ſolch eine Mörderhöhle einzutreten gedächte?“ „Ja, ja, Jean!“ ſagte ſie lächelnd, indem ſie ausſtieg;„und da Du Furcht zu haben ſcheinſt, brauchſt Du mich nicht zu begleiten; Du magſt hier unten auf mich warten.“ Mit elaſtiſchen Schritten ſtieg ſie die ſteilen Treppen hinan, bis ſie athemlos und erſchöpft die letzte Stufe erklommen hatte, und, hier einen Augenblick ausruhend, an der niedern Kammer⸗ thür lehnte. In dieſem Augenblicke öffnete ſich dieſelbe und Edmund trat heraus. Die Baronin erſchrak vor der fahlen Leichen⸗ bläſſe ſeines Angeſichtes, die durch die ſchwarze Trauerkleidung noch mehr hervorgehoben ward, und als Edmund ſeine tiefliegenden, düſteren Blicke auf ſie heftete, ſenkte ſie unwillkürlich die ihrigen zu Boden. „Wen ſuchen Sie?“ fragte Edmund mit theil⸗ nahmloſer Ruhe; ſeine Gedanken waren ſo ganz mit ſeinem Kummer beſchäftigt, daß er die Ba⸗ ronin nicht erkannte. „Ich komme, meine Tochter Camilla aufzuſuchen, ſie an mein mütterliches Herz zurückzuführen!“ Edmund ſah ſie mit durchdringenden, ſcharfen Blicken an. „Wirklich?“ ſagte er mit ſchneidender Kälte; „erinnerten ſich die Frau Baronin bei der Nach⸗ richt, daß Edmund Beauvalle kein Bettler mehr ſei, ſondern ein reicher Mann, erinnerten ſich die Frau Baronin dabei, daß Camilla, Ihre ver⸗ ſtoßene Tochter, dieſes Mannes Gattin ſei? Wohl, Sie ſollen ſie ſehen, meine Camilla; treten Sie ein!“ Er öffnete die Thür, und vorangehend winkte er ihr zu folgen. Die Baronin that es, aber bei dem Anblicke, der ſich ihr darbot, ſtockte ihr Fuß, und ein leiſer Schrei des Entſetzens rang ſich von ihren Lippen. In der Mitte des Gemachs ſtand ein Sarg, mit einem weißen Schleier bedeckt, der die Leiche verbarg; aber die Baronin wußte, wer dort ruhte, und ſchaudernd bedeckte ſie das Geſicht mit ihren Händen. „Kommen Sie, Madame!“ ſagte Edmund mit jener Ruhe, die, durch das Uebermaß des Schmer⸗ zes erzeugt, oft den Anſchein der Gleichgültigkeit trägt;„kommen Sie und ſehen Sie die irdiſche Hülle eines Engels an, der aus dem Elende dieſer Erde in ſeine Heimath geflohen iſt!“ Unwillkürlich trat die Baronin näher. Ed⸗ mund nahm den Schleier von der Leiche:— da lag ſie, ſelbſt im Tode noch von rührender, zarter Schönheit; gleich einer Schlummernden, die von lieblichen Träumen umgaukelt iſt, lag ſie da. Ihre ſchlanken, durchſichtigen Hände auf der Bruſt gefaltet, und mit dem Wiederſcheine jenes ſeligen Lächelns in ihren Zügen, mit welchem ſie geſtorben war. Duftende Frühlingsblumen ſchmückten den Sarg in dichter Fülle, daß es ſchien, als ruhe die Schlafende auf einem Bette von Blumen, die ge⸗ knickte Roſe unter ihren Schweſtern. „Keine einzige Blume konnte ich auf ihren Pfad ſtreuen!“ ſagte Edmund in dumpfem Ton; „aber ihre Bahre kann ich damit ſchmücken!“ „Todt! auf ewig verloren!“ ächzte die Ba⸗ ronin, die bei dem Anblicke der Todten die Vor⸗ würfe ihres Gewiſſens erwachen fühlte.„O, meine Tochter! meine Camilla!“ Sie wollte ſich über die Leiche neigen; Edmund wehrte ſie zurück. „Nein, Madame! Sie dürfen ſie nicht berühren; auch ihre irdiſche Hülle iſt heilig. Herzlos und grauſam, wie Sie dieſem Engel gegenüber wa⸗ ren, ſind Sie unwürdig, dieſe heilige Leiche zu berühren!“ 15 „O ſagen Sie!“ fragte die Baronin zitternd, „gedachte ſie mein, als ſie ſtarb? Verdammte ſie mich, zürnte ſie mir?!“ „Wie wenig haben Sie Ihre Tochter gekannt!“ ſagte Edmund mit mitleidigem Lächeln;„wie we⸗ nig dieſe erhabene, göttliche Seele verſtanden! Nein, ſie zürnte Ihnen nicht; verſöhnend und ſegnend, wie ſie lebte, ſtarb ſie! Ja, Madame! ſie nannte ſich glücklich; ſelbſt inmitten des Elendes und der Noth nannte ſie ſich glücklich, pries ſie ihr Geſchick. O, meine Camilla!“ Seine mühſam errungene Ruhe war gebrochen; er warf ſich über die Leiche hin, bedeckte dieſen kalten Mund, der keinen ſeiner Küſſe mehr er⸗ wiedern konnte, mit Küſſen, und ſeine Thränen befeuchteten dies kalte, bleiche Antlitz, das für ihn ſtets der Inbegriff aller Schönheit und Lieblichkeit geweſen. Die Baronin ſtand von fern und nie gekannte Gefühle regten ſich in ihr; Gefühle, welche die kalte Welt⸗Dame ſchaudern machten, ihre Seele niederdrückten und beſchämten. Sie empfand ihre Bruſt belaſtet von einer Pein, die ſie zu erſticken drohete; und wie ſie auf die ſtille, ſchöne Leiche blickte, da war es ihr, als richtete dieſe ſich auf, ihr mit drohendem Aus⸗ drucke von dannen winkend.. Die Baronin konnte es nicht ertragen; ſie ſtürzte fort aus der Kammer, angſtvoll und be⸗ — — 154— bend, ſich ſcheu umblickend, als fürchte ſie ſich. Wie verfolgt von Geiſtern und Geſpenſtern, floh ſie die Treppen hinab, und erſt, als ſie wieder ihre elegante Equipage beſtiegen und dem Diener befohlen, zu ihrer Tochter Lenoxe zu fahren, fühlte ſie ſich erleichtert und frei. „Ich will zu Lenoren!“ flüſterte ſie;„der Anblick ihres Glückes und ihrer Pracht ſoll mich ſtärken!“ Aber die Scene, zu welcher ſie hier eintraf, däuchte der ſtolzen Dame noch furchtbarer, als die, welche ſie verlaſſen, und die Nachrichten, die ſie empfing, waren ſo niederſchmetternder und un⸗ erwarteter Art, daß ſie anfangs wie erſtarrt da⸗ ſtand, dann aber zu langer, todtenähnlicher Ohn⸗ macht zuſammenſank. In der Frühe des nächſten Morgens nahm Edmund auf immer Abſchied von der geliebten Hülle ſeiner Camilla und geleitete ſie zu ihrer ewigen Ruhe; und als er, von dieſem traurigen Gange heimkehrend, das Haus ſeines Vaters, der Tages zuvor beſtattet worden, betrat, da fühlte er eine Oede und Stille in ſich, die ihm furcht⸗ barer erſchien, als alle Qualen und Schmerzen, die er zuvor erduldet. Hatte er ſonſt gelitten und geduldet, ſo war es doch für ſie geweſen; für ſie, deren Qualen und Leiden eben es geweſen, die ihn zwar gepei⸗ niget, aber doch beſchäftiget hatten. —— ———— — 155— Jetzt war auch dieſe Beſchäftigung des Kum⸗ mers von ihm gewichen; in thatenloſem Grame trauerte er nur für ſich. Nirgends mehr begegnete er ihren Augen voll Schmerz und Liebe; ihre Seufzer, ihre leiſen Klagen, die ſonſt oft ſein Herz zerfleiſcht und mit endloſem Jammer erfüllt hatten,— ach! jetzt ſehnte er ſich mindeſtens dieſe zu hören! Dies ſpurloſe, äußere Verſchwinden, dies Verſchwinden war ihm grauenerregend. Alles in ihm hatte ſich geändert und gewan⸗ delt, und doch war äußerlich Alles daſſelbe ge⸗ blieben; das Leben ging ſeinen Gang fort, ob auch ſein ſchönſter Stern erloſchen war; eine Perle war hinabgeſunken in das Meer, ohne eine Spur zurückzulaſſen, und die Wogen ſchlugen über ihr zuſammen, weiter rollend in ihrem Laufe. Die Sonne ſchien nicht minder hell, der Him⸗ mel war blau und klar, die Menſchen gingen, ſprachen, arbeiteten, wie ſonſt. Alles war wie zuvor, als wäre Camilla noch da, noch unter den Lebenden; Alles war unverändert und doch Alles gewandelt,— Camilla lebte nicht mehr! Ein Wagen hielt vor dem Hauſe, und der alte Patrick meldete den Buchhändler H.... Geſchmeidig und voll unterthäniger Höflichkeit, wie er ſie niemals ſonſt gegen den armen Abſchreiber gezeigt, kam er, um Edmund zu bitten, jenes Ma⸗ — 156— nuſcript, deſſen Verlag er früher abgelehnt, ihm jetzt zum Druck überlaſſen zu wollen. „Sie vergeſſen, mein Herr!“ ſagte Edmund ruhig,„daß die Gründe, welche Sie mir früher für Ihre Weigerung anführten, nicht verſchwun⸗ den ſind. Ich ſei, ſagten Sie damals, durch meinen Vater mit Schande befleckt worden, und Sie könnten kein Buch eines ſolchen geſchmäheten Autors verlegen.“ „Dieſe Gründe aber ſind ja jetzt alle ver⸗ ſchwunden!“ ſagte der Buchhändler.„Jedermann bedauert und bemitleidet Sie, Jedermann weiß, wie unſchuldig Sie an dem Haß Ihres Vaters. Alle Journale erzählen von Ihrem traurigen Schickſale, von Ihrer unermeßlichen Erbſchaft. Sie ſind der Mann des Tages geworden; und ich bin überzeugt, laß ich in dieſem günſtigen Zeitpunkt Ihr Werk drucken, ſo wird in acht Tagen eine neue Auflage nöthig werden. Im Vertrauen, daß Sie meine Bitte erfüllen werden, habe ich geſtern ſchon in eines unſerer geleſenſten Journale eine Notiz über das baldige Erſcheinen Ihrer ſchriftſtelleriſchen Werke gegeben und—“ „Da haben Sie ſehr unrecht gethan, mein Herr,“ unterbrach ihn Edmund;„denn dies wird niemals geſchehen! Nein, niemals wird die Welt, die ich aus Grund meines Herzeus ver⸗ achte, auch nur eine Zeile leſen, die meine Hand geſchrieben!“ „ Aber bedenken Sie, welch ein Erfolg Ihrer wartet! Sie werden ein berühmter, gefeierter Mann werden!“ „Ich habe keinen Ehrgeiz mehr,“ ſagte Ed⸗ mund mit einem ſchwermüthigen Lächeln.„Die Welt kann mir keine Triumphe bereiten, und was ich in der Einſamkeit meiner Kammer erſann, will ich nun nicht hinausſtoßen in die laute Welt. Gehen Sie, mein Herr! Der reiche Edmund Beauvalle verſagt Ihnen das, um welches der arme Edmund Beauvalle Sie vergebens bat. Gehen Sie!“ Und dies war nicht die einzige Umwandelung, welche Edmund von der Geſinnung der Menſchen erfahren ſollte. Kein Tag verging, ohne daß ihm Beweiſe wurden, wie ſehr geneigt die Welt, ſich deſſen jetzt zu erinnern, den ſie früher erbar⸗ mungslos verſtoßen.. Dem Reichen kehrten ſeine Freunde zurück⸗ und beſtürmten ihn mit Briefen voll Freundſchafts⸗ verſicherungen und Bitten, ihnen zu erlauben, ihn zu ſehen. Aber Edmund vergaß nicht, daß ſich des Armen Keiner erinnert hatte; und wie ſehr war das jetzige Entgegenkommen der Menſchen geeignet, ſie ihm nur noch verächtlicher zu machen! Umſonſt kamen ſeine früheren Freunde und Bekannte perſönlich, ihn aufzuſuchen— Edmund war für Niemand zu ſprechen; er hatte es dem — 15— alten Patrick ſtreng unterſagt, irgend Jemand vor⸗ zulaſſen, und die beleidigten warmen Freunde gin⸗ gen erzürnt von dannen, um ihren Bekannten zu erzählen: Edmund Beauvalle ſei ein eben ſolcher Sonderling und Geizhals, wie ſein Vater, und es ſei mit ihm nichts anzufangen. Wenig kümmerte dies Alles Edmund. Sein Herz war erſtorben für alles Aeußerliche, ſeine Wünſche und Gedanken eingefriedigt auf einen einzigen Punkt, und nur, wenn er in der Stille und Einſamkeit ſeines Studirzimmers ſaß, von Büchern umgeben, ſich mit Arbeiten beſchäftigend, nur dann empfand er eine Art Ruhe und Be⸗ friedigung. Oft hoben ſich von dem Papier, auf welchem er ſchrieb, ſeine Augen nach dem gegenüberſte⸗ henden Gemach, als ſuche er dort diejenige, deren holde Blicke ihm einſt zu der Arbeit gelächelt, und inne haltend in ſeiner Beſchäftigung verſank er in glückliche Träume der Vergangenheit. Dann war ſie ihm nicht geſtorben, hatte ihn nicht verlaſſen. Er meinte ihre ſüße Stimme zu vernehmen, ſie ihm lächeln zu ſehen, meinte ihren elaſtiſchen Schritt zu hören, wie ſie zu ihm hin⸗ eilte, ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlang und mit holdem Geflüſter ſich an ihn ſchmiegte. Dann breitete er die Arme aus, ſeine Geliebte zu umfangen. Ach, dieſe Arme blieben leer, und — 159— aufſchreckend aus ſeinen Träumen, fühlte er, daß er allein ſei! Aber ſein Schmerz war bei ſeiner Tiefe und Unendlichkeit dennoch nicht unmännlich. Aus die⸗ ſer anfänglichen Erſtarrung und Unthätigkeit raffte er ſich auf mit dem männlichen Entſchluſſe, nicht allein das Leben zu ertragen, in demſelben zu nützen. Und war tt reich, hatte er nicht die Mittel, denen zu nützen, welche allein er liebte und ſeine Brüder nannte— die Armen und Hungernden?! O gewiß, dies iſt ein ſchönes Loos, dies iſt die Sendung, zu welcher Camillens Segen mich berufen! dachte Edmund, und machte ſich bereit, dieſer Sendung zu genügen.. Und er ging in die Hütten der Armuth, Troſt und Hülfe zu bringen, die Hungernden zu ſät⸗ tigen, die Verzweifelten zu tröſten. Der Ver⸗ dern auch ſchämten Noth ſpürte er nach, um ſie mit zartem Edelſinne zu unterſtützen, das verſchwiegene Leid, das nur auf bleichen Wangen und aus weinenden Augen zu ihm ſprach, wußte er ſtets zu finden und zu tröſten, und der Segen der Armen, denen er geholfen, der Leidenden, die er getröſtet, folgte ihm, kam ihm entgegen, wo er erſchien. Nie war ſein Haus den Hülfe⸗Begehrenden verſchloſſen, nie ward er unwillig, ihren Klagen zu⸗ zuhören und ihre Sorge durch gütevollen Zuſpruch zu mildern. Aber ſeine Mildthätigkeit begnügte — 160— ſich nicht mit dieſer momentanen Hülfe; den Armen für immer zu nützen, ſo viel es in ſeiner Macht, dies war ſein Plan, den er mit großer Hingebung ausführte. Den größten Theil ſeines Vermögens gab er hin, um dafür ein großes, palaſtähnliches Gebäude errichten zu laſſen, beſtimmt, arme und obdachloſe Leidende aufzunehmen.. Ein Krankenhaus, eine Schule, in welcher die Kinder der Armuth von ſorgſam ausgewählten Lehrern unterrichtet wurden, war damit verbun⸗ den, und als dies Gebäude vollendet, zog er ſelbſt als Director der großartigen Anſtalt in dieſelbe ein. Wenn er nun inmitten der Armen, die er ge⸗ rettet, ſtand, wenn er am Bette der Kranken ſaß, die bei ihm Hülfe gefunden, oder ſich im Kreiſe der Kinder befand, deren Geiſt durch ihn gebildet ward, dann fühlte er eine tiefe, beſeligende Ruhe ſein Herz durchdringen, und es war ihm, als lächle diejenige ihm zu, deren Andenken er dies Monument geſetzt.— Er lernte die Menſchen wieder lieben, da er ihnen wohlthun konnte, und dies Gefühl verſöhnte ihn mit der Welt. Konnte derjenige, welcher ſo furchtbares Leid erfahren, auch nimmer wieder glücklich ſein, ſo ward es doch ſtill in ihm und ruhig, und als er nach langen Jahren des rüſti⸗ gen Schaffens und Wirkens auf ſeinem Sterbebette — 161— lag, als das leiſe Schluchzen der Kinder, welchen er Vater geweſen, der Armen, denen er Obdach gegeben, und welche Alle, ſo viel das Gemach faſſen konnte, verſammelt waren und um ſein La⸗ ger knieten, als das Schluchzen und Weinen die⸗ ſer Aller an das Ohr des Sterbenden ſchlug, da faltete er mit einem ſeligen Lächeln ſeine Hände und flüſterte:„Ich danke Dir, Gott! ich habe nicht umſonſt gelebt! Nun darf ich zu Dir kont⸗ men, meine Camilla!“ Dies waren ſeine letzten Worte— die Armen hatten einen Vater verloren, ihr Segen folgte ihm in das Grab! Bonners. III. 11 XIII. 83 Die Entdeckung. Nachdem Santöme Lenoren das Verſprechen, zu ſchweigen und Bonners nicht anzuklagen, ge⸗ geben, war er nun auch mit edelmüthiger Selbſt⸗ überwindung bemüht, demſelben nachzukommen. Schon war er mehrere Male bei dem von ihm früher mit der Leitung dieſer Angelegenheiten beauftragten Polizei⸗Beamten geweſen; dieſer war aber verreiſt und Santöme mußte ſich alſo bis zu ſeiner Rückkehr zufrieden geben. Iſabella war in Folge jenes tödtlichen Schre⸗ ckens erkrankt, von einem heftigen Fieber befallen, und ihr zärtlicher Bruder, mit hingebender Liebe die Kranke pflegend und nicht von ihrem Bette weichend, hatte Lenoren ſeit jenem verhängnißvollen Tage nicht wieder geſehen.— Vier Tage waren ſeitdem vergangen, als eines Morgens der wieder heimgekehrte Polizei⸗Beamte zu Santöme ins Zim⸗ mer trat, in welchem er neben Iſabellens Lager ſaß, und mit herzlichem Bedauern über Santöme's vergebliche Beſuche ihn um eine geheime Unter⸗ redung bat.. Santoͤme winkte ihn in das anſtoßende Ge⸗ mach, und nachdem er die Thür ſorgfältig hinter ſich zugemacht, ſagte der Polizei⸗Beamte:„Ich freue mich, Ihnen endlich einige beſtimmte Nach⸗ richten über den, welchen Sie ſo lange geſucht, er⸗ theilen zu können.“ Santöme erbleichte.„Es war gerade in dieſer Angelegenheit, daß ich Sie in Ihrer Wohnung ſuchte, wo ich Sie leider verfehlte!“ ſagte er raſch. „Ich bin entſchloſſen, die ganze Klage fallen zu laſſen und einer Rache zu entſagen, die zu erlan⸗ gen unmöglich ſcheint, da ich, nach erhaltenen neuen Nachrichten, wirklich annehmen muß, daß dieſer Blackwell todt iſt.“ „Sie irren!“ ſagte der Poliziſt lächelnd;„ich kann Ihnen vielmehr nicht allein die beſtimmte Verſicherung geben, daß er noch lebt, ſondern daß er ſogar hier in Paris ſich aufhält und eine glänzende Rolle ſpielt.“ „Und wie kamen Sie zu dieſen Nachrichten?“ „Das iſt eigentlich ein Geheimniß, das ich Ihnen, da Sie in der Sache betheiligt ſind, mit⸗ theile, indem ich dabei auf Ihre Verſchwiegenheit rechne. Indem wir nämlich einem anderen ſchwe⸗ ren Verbrechen nachſpürten, kamen wir zugleich dem von Ihnen geſuchten Blackwell auf die Spur. 11* Es iſt ſeit einiger Zeit von Amerika, Italien und andern Ländern her die Kunde dort entdeckter fal⸗ ſcher Bankſcheine hieher gekommen, und ſeit vier Wochen ſchon bemühete man ſich vergeblich, dem erſten Verbreiter derſelben auf die Spur zu kom⸗ men. Es mußte Jemand ſein, von dem ſich ver⸗ muthen ließe, daß er im Beſitze bedeutender Reich⸗ thümer, von dem das Umwechſelnegroßer Summen nicht auffiel, der ferner in verſchiedenen Orten und Ländern ſich aufgehalten. Vielleicht war es auch eine ganze Bande, die in verſchiedenen Län⸗ dern ſich verzweigt hatte. Der Betrug, obwohl dieſe falſchen Bankſcheine ſchon mehrere Jahre cir⸗ culiren, ward doch erſt vor einigen Wochen ent⸗ deckt, da dieſe falſchen Papiere wirklich mit einer ſo außerordentlichen Geſchicklichkeit nachgeahmt ſind, daß es kaum möglich iſt, ſie zu erkennen. Bis jetzt ſchienen alle Nachforſchungen vergeblich; da kam vor einigen Tagen die Nachricht hier an, daß in London an der Börſe abermals eine Maſſe falſcher Bankſcheine circulirt hatten, und daß ein dort von Paris angekommener Fremder dieſelben aller Wahrſcheinlichkeit nach verbreitet hatte. Ich bekam den Auftrag, hinzureiſen und dieſe Spur näher zu prüfen. Ich that es, und es gelang mir wirklich, den Verbrecher zu ermitteln. Es iſt einer der reichſten und gefeierteſten Männer von Paris, und er macht hier das erſte und glänzendſte Haus.“ —— — 165— „Und wie hängt dieſer mit dem von mir ge⸗ ſuchten Blackwell zuſammen?“ fragte Santöme von unheimlichen Ahnungen erbebend. „So einfach,“ entgegnete der Andere lächelnd, „daß es ein und dieſelbe Perſon iſt; und aus dieſem Grunde war es auch, daß ich Ihnen dieſe ganze Mittheilung machte. Wir müſſen, da die Sache ungeheures Aufſehen machen wird, ſehr vorſichtig zu Werke gehen, und dürfen den Ver⸗ brecher nicht eher anklagen, bis wir ihn auch zu⸗ gleich überführen können. Da er ſich für einen Amerikaner ausgiebt, obwohl er eigentlich ein Engländer iſt, ſo bedarf es zu ſeiner Verhaft⸗ nahme der Einwilligung des amerikaniſchen Ge⸗ ſandten hier. Dieſer iſt ein vorſichtiger Mann und wird ſchlagende Beweiſe verlangen. Ihr Zeug⸗ niß, auch das Ihrer Schweſter, der Gattin die⸗ ſes Mannes, wird nöthig ſein, und ich komme da⸗ her, Sie aufzufordern, mich heute noch mit der Dame zu einem gerichtlichen Verhöre zu begleiten.“ „Das iſt unmöglich, mein Herr!“ rief San⸗ toͤme.„Meine Schweſter iſt krank und darf das Bett nicht verlaſſen.“ bensgefährlich? Iſt ſie beſinnungslos?“ „Der Arzt hat ſie außer aller Gefahr erklärt; doch ſoll ſie das Bett noch einige Tage hüten.“ „Nun, dann müſſen Sie mir erlauben, mit einigen Zeugen Sie heute wieder aufzuſuchen und „Das iſt unangenehm. Iſt ihre Krankheit le⸗ — 166— die Ausſagen Ihrer Schweſter hier zu Protokoll zu nehmen. Wann würde die Dame wohl am beſten im Stande ſein, uns zu empfangen?“ „In der Mittagsſtunde iſt ihr am wohlſten, und ich glaube, daß es dann am gelegenſten ſein würde.“ „Gut! Alſo in drei Stunden mme ich wie⸗ der. Leben Sie wohl bis dahin, mein Herr! Jch hoffe, Sie ſollen mit dem Reſultate unſerer Be⸗ mühungen zufrieden ſein.“ Der Polizei⸗Beamte ging und Santoͤme war allein. Sinnend und von wechſelnden Empfindun⸗ gen bewegt, ſtand er da.— Sollte er den Dingen ſeinen Gang laſſen und ſchweigen von dem, was er eben vernommen? Dann würde Lenore frei, würde ohne ſeine Schuld ihr Gatte angeklagt, und zwar eines andern Ver⸗ brechens, und Lenore dürfte dann ſonder Scheu ihre Hand Dem reichen, der ſchuldlos an der Entdeckung deſſelben. Aber war nicht die Schmach für ſie, die ſtolze, hochſinnige Lenore, dieſelbe, und hatte er ihr nicht gelobt, von ihrem Haupte Schmach und Schande abzuwenden? Und war er nicht auch jetzt im Stande, dies zu thun? Liebte er ſie nicht heiß genug, um ihr jedes Opfer bringen zu können? Sein Edelmuth kämpfte mit ſeinem Egoismus einen kurzen Kampf, und ſiegend ging der erſtere aus demſelben hervor. — 167— Was ich ihr gelobt zu thun, will ich halten! ſagte er zu ſich ſelber. Der höheren Pflicht ſollen meine eigennützigen Wünſche weichen, und nicht ſollen ihre ſchönen Augen Thränen vergießen, ſo lange ich es hindern kann! Und jeſes edelmüthigen Entſchluſſes eilte er ſofort in Bonners Wohnung. Er fand ihn neben Lenoren am Frühſtücktiſche. Sie erröthete, als ſie Santoͤme jetzt zum erſten Male wieder ſah nach jenem, von der Gewalt des Moments ihr abgedrungenen Geſtändniſſe, und ſcheu ſenkte ſich ihr Blick zu Boden. „Nun,“ ſagte Bonners lachend und mit ver⸗ haltenem Ingrimme,„was verſchafft uns heute die Ehre Ihres Beſuches? Haben Sie vielleicht Ih⸗ rem Mährchen nachgeſonnen und deſſen Unhaltbar⸗ keit erkannt?“ „Es iſt nicht Zeit, jetzt Ihre Fragen gebüh⸗ render Weiſe zu erwidern!“ ſagte Santoͤme ernſt. „Der Zweck meines Beſuches aber hängt freilich genau mit dem zuſammen, was Sie belieben ein Mährchen zu nennen! Ich will Ihnen ein zwei⸗ tes Mährchen erzählen! Zuvor aber muß ich Ihnen bemerken, daß nur die unbegrenzte Hoch⸗ achtung für Ihre Gemahlin, der Wunſch, ſoviel in meinen Kräften ſteht, ſie vor Unheil zu bewah⸗ ren, mich beſtimmen konnte, Ihnen das mitzuthei⸗ len, was Sie von mir erfahren werden.“ „Sehr verbunden für Ihre gütevolle Geſin⸗ — 168— nung!“ ſagte Bonners kalt;„nur erlaube ich mir die Bemerkung, daß meine Gemahlin keines Drit⸗ ten bedarf, ſie vor«Unheily, wie Sie es nann⸗ ten, zu bewahren. Es iſt dies ein ſchönes Vor⸗ recht ihres Gemahls, das er mit theilen geſonnen iſt. Und was Jh betrifft, mein Herr! ſo bin ich ſo w „So hören Sie mich an!“ ſagte Santöme, ſich an Lenoren wendend, die bleich und zitternd daſaß,„vielleicht, daß Sie Ihren Gemahl dann von der Wichtigkeit meiner Erzählung zu überzeu⸗ gen vermögen.“— Bonners nahm ſeine Chocolade wieder zur Hand, und während er ſich den An⸗ ſchein gab, lediglich mit dem Genuſſe derſelben beſchäftigt zu ſein, horchte er mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit dem, was Santöͤme jetzt von der Unterhaltung mit dem Polizei⸗Beamten berichtete. „O mein Gott!“ rief Lenore todesbleich, als er geendet.„Kann dies wirklich ſein, iſt es mög⸗ lich, daß—“ Sie wandte ihre fragenden Blicke auf ihren Gatten; ſein bleiches Angeſicht, die ſichtbare Un⸗ ruhe, die ſich in ſeinen Zügen malte, das heftige Zucken ſeiner Lippen, welches ſeine innere Bewegung kundgab, alles dies mußte ſie von der Wahrheit des Gehörten überzeugen. — 169— „Es iſt ſo! es iſt ſo!“ kreiſchte ſie mit ver⸗ zweiflungsvollen Tönen und ſank bewußtlos zu⸗ ſammen. Während Santöme beſchäftigt war, ihr zu helfen, verließ Bonners eilig das Gemach, befahl dem Kammerdiener, ſein Pferd zu ſatteln, und in ſein Zimmer ſtürzend, raffte er zuſammen, was er von Geld und Juwelen in ſeinem Secretair vorfand und ſteckte es in ſeinen Buſen. „Hier hilft nichts, als die ſchleunigſte Flucht!“ ſagte er leiſe.„Aber vor allen Dingen Ruhe und Beſonnenheit. In einigen Stunden erſt ſoll das Verhör ſein, dann muß das Refultat deſſel⸗ ben erſt dem Conſul vorgelegt und dann der Ver⸗ haftsbefehl ausgefertigt werden. Ich habe einen Vorſprung von mindeſtens acht Stunden. Fort denn!“ Er eilte hinunter in den Hof, wo ſein Pferd bereit ſtand, ſchwang ſich in den Sattel und da⸗ hin ſprengte er durch die Straßen. Er war ſo betäubt von dem plötzlichen Hereinbrechen der Er⸗ eigniſſe, die er freilich ſchon längſt hatte befürchten müſſen, daß er, ohne zu überlegen, wohin er ſich wenden wolle, dahin ſprengte, mechaniſch die Stra⸗ ßen durcheilend, die zu dem Wege nach der Villa führten. Erſt, als die Stadt hinter ihm lag, als er dem Gewühle der Menſchen, den Häuſern und Gaſſen entflohen war und ſich auf freier Land⸗ — 479— ſtraße befand, hielt er ſein Roß an und fragte ſich, wohin er flüchten wolle. Nach England und von dort nach Amerika! entſchied er ſich nach kurzem Bedenken; zuerſt aber nach der Villa.„Nicht ohne Lilly will ich Frank⸗ reich für immer verlaſſen!“ Und weiter ging es im ſauſenden Galopp. Wenige Stunden ſpäter ritten zwei Reiter nicht minder ſchnell dieſelbe Straße dahin, und als der Mantel des einen derſelben zurückſchlug, konnte man an ſeiner Uniform den Diener der Polizei erkennen. XIV. Bonners und Lilly. Schon zeigten ſich Bonners Blicken in der Ferne die deutlichen Umriſſe ſeiner Villa und hoch erfreut rief er laut:„In einer halben Stunde bin ich am Ziel!“ als plötzlich ſein Pferd ſtrauchelte und mit einem leiſen Stöhnen in die Knie ſank. Bonners ſprang ab, den Grund dieſes Unfalls zu unterſuchen. Das Pferd blickte ihn mit matten Augen an, ſeine Weichen hoben und ſenkten ſich in furchtbarer Schnelle, und laut ächzend und ſtöhnend ſtreckte es die Füße von ſich. „Es iſt eine Lungenkrankheit!“ ſagte Bonners ruhig.„Das Thier konnte niemals viel laufen, und ich habe es überjagt. Nun, ſo muß ich denn zu Fuße weiter.“ Er ließ das Pferd liegen und ſchritt rüſtig weiter. Die Reiter hinter ihm aber auf ihren ſtarken, kräftigen Pferden gewannen durch dieſen — 172— Unfall einen bedeutenden Vorſprung und kamen Bonners um einige Stunden näher. Der Abend war ſchon hereingebrochen, als Bonners matt und erſchöpft in die Villa trat, Lillys Diener befahl, den Wagen anzuſpannen und damit an der nach dem Walde führenden Straße zu halten. Sodann eilte er in Lillys Gemach. Von den Strahlen der Ampel, die an der Decke hing, beleuchtet, ſaß ſie da; und als Bon⸗ ners ſie ſo ſah, däuchte ſie ihm wie von einer Glorie übergoſſen. O und mit welchem Entzücken durchdrang der Freudenruf ſein Herz, mit welchem Lilly, jetzt ſeiner anſichtig werdend, ſich an ſeine Bruſt ſtürzte, ihn feſt umſchlingend mit ihren Liebesarmen. „Lilly, holde, theure Lilly! Du liebſt mich alſo noch?“ Wie tief und innig war der Blick, mit dem ſie dieſe Frage beantwortete. „Höre mich an, Lilly,“ ſagte Bonners, und ſie auf ihren Sitz zurückdrängend, kniete er vor ihr nieder, wie er zu thun pflegte, wenn er wünſchte, von ihr recht verſtanden zu werden, damit ihr keine Bewegung ſeiner Lippen entgehen möchte. 1 „Lilly, meine Geliebte! es iſt dies für uns Beide ein wichtiger, für unſer ganzes Leben ent⸗ ſcheidender Moment. Ich bin in Gefahr, man — 1738— hat mich einer ſchweren Schuld angeklagt, ich muß dies Land, muß ſofort Europa auf immer verlaſſen! In die tiefſte Einſamkeit muß ich mich vergraben, muß den Anblick der Menſchen fliehen und ihre Gemeinſchaft meiden! Gefahr wird mich umringen, Noth und Elend vielleicht mich betreffen, und wer mit mir geht, muß dies Alles zu ertragen bereit ſein, muß bereit ſein, aller Freude, allem Be⸗ hagen, allen Genüſſen vielleicht zu entſagen und eine gefahrvolle, dornige Bahn zu betreten. Lilly, willſt Du mich begleiten? Nein, antworte noch nicht! Bedenke, was Du zurückläßt: ein fried⸗ liches, genußvolles Daſein, Tage, die von keiner Sorge getrübt werden, Ruhe und Friede, kurz— Alles.“ Sie drückte ihre Hand auf ſeinen Mund und ſah ihn an mit Blicken, aus denen ein edler Zorn ſprühte, bis dieſer unterging in dem Ausdrucke der Liebe und Zärtlichkeit. Nun bewegte ſie in ihrer wunderbaren Sprache ihre Finger. Bonners ſchaute mit athemloſen Aufmerken ihr zu. „ Du willſt mit mir gehen in die Einöde und Wüſte, in den Tod ſelbſt? Du ſagſt, daß Du nur glücklich biſt, wenn ich an Deiner Seite?“ Sie nickte zuſtimmend mit einem glückſeligen Lächeln. „O Lilly, meine Lilly! ich habe mich nicht in Dir getäuſcht! Ich wußte, daß Lilly mich nicht verläßt!“ — 174— Er preßte ſie feſt, feſt in ſeine Arme, und ſelbſt in dieſem Momente der Gefahr und Ver⸗ folgung fühlte er eine tiefe, unnennbare Wonne, ein erhebendes Entzücken über die Liebe des holden Weſens, welches allein er ſich aus dem Schiffbruche ſeines ganzen Lebens gerettet hatte. „Lilly!“ ſagte er in einer feierlichen, tiefen Bewegung,„Du biſt mir ein guter Engel! Ja, ich will es glauben, daß Gott, von dem man ſagt, daß er alle Menſchen, auch die ſündigen, liebt, Dich mir gegeben hat, um mich zum Guten und Beſſern wieder zurückzuführen. O Du holde Geliebte! In die Einſamkeit und Wüſte wollen wir fliehen, wo keine Verſuchung; dort ſoll meine Lilly mich lehren, meine Sünden zu bereuen und wieder gut zu werden! Willſt Du das, holder Engel! Willſt Du meine Seele läutern und reinigen?“ Sie ſah ihn mit unausſprechlichen Blicken an. „Du wirſt eine ſchwere Arbeit haben, Gelieb⸗ teſte!“ fuhr er fort.„Ein belaſteter Sünder, ein von der Welt Ausgeſtoßener und durch die Welt Verdorbener, ſtehe ich vor Dir, und all mein Glaube, meine Hoffnung ruht auf Dir! Daß ich Dich liebe, dies allein bürgt mir dafür, daß ich nicht ganz der Tugend und dem Guten ver⸗ härtet bin!“ Sie lächelte ihn an, und den Kopf leiſe nei⸗ gend, machte ſie einige Zeichen. „Du glaubſt es nicht? Dennoch iſt es wahr, — 175— meine Geliebte! Sündenvoll und fluchbelaſtet iſt mein Leben! Nur Ein Hoffnungsſtern leuchtet durch meine Vergangenheit; und wenn alle meine Thaten mich verdammen, ſo mag dieſe Eine einen Verſöhnungsſchimmer auf die andern werfen!— Ich habe Dich geliebt!“ fuhr er fort und legte wie ſegnend ſeine Hand auf ihr Haupt.„Ich habe Dich bewahrt vor Sünde und Laſtern! Deine Tugend habe ich angebetet und Deine Unſchuld heilig gehalten! Und wenn einſt vor dem Throne des Ewigen Dein Vater mich anklagt, mich, deſſen Seele durch ihn verloren gegangen: dann, Lilly! dann mögeſt Du, ſein Kind, ihm ſagen, ob ich meine Schuld an ihm geſühnt!“ Lilly ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, und Bon⸗ ners, ſeine Lippen auf ihre Stirn preſſend, hatte einen Ausdruck in ſeinen Zügen, der von der tiefen und echt menſchlichen Bewegung ſeines In⸗ nern zeugte. In dieſem Augenblicke glaubte er von der Treppe leiſe Schritte zu vernehmen. Er horchte, und deutlich hörte er das Knarren der Stufen, unter Tritten, die zu leiſe waren, um unbefangen ſein zu können. Bonners machte Lilly ein Zeichen und ſtürzte zur Thür, die er raſch verriegelte. Dann eilte er in das nächſte Gemach, das keinen weitern Aus⸗ gang hatte, als in das Zimmer, in welchem ſie ſich befanden. — 176— Hier öffnete er haſtig einen Schrank, in wel⸗ chem er ein Paar ſtets geladene Piſtolen aufzu⸗ bewahren pflegte. Dieſe ſteckte er zu ſich, und den Hahn von einer derſelben aufziehend, trat er in das andere Zimmer zurück, die Thür zu dem anderen Gemache gleichfalls verſchließend. In dieſem Augenblicke ward von außen heftig an der Eingangsthür gerüttelt. Feſt und unbeweglich ſtand Bonners da, ein unerſchrockener Muth, ein kühner Trotz blitzte aus ſeinem Angeſichte und Lilly ſchmiegte ſich, einer Taube gleich, Schutz ſuchend, an ſeine hohe, ſtolze Geſtalt. „Oeffnet, öffnet im Namen des Königs!“ rief es von außen. Bonners antwortete nicht. „Oeffnet im Namen des Königs!“ ertönte es abermals. Wiederum keine Antwort. Eine Zeit lang blieb Alles ſtill. Athemlos hor⸗ chend ſtand Bonners, Lilly in dem einen Arme haltend, in der andern das geladene Piſtol. Vom Fenſter her ließ ſich jetzt ein Geräuſch vernehmen, wie das Anlegen einer Leiter, und ſo⸗ dann erſchien an einem derſelben das bärtige An⸗ geſicht eines Bewaffneten. „Ergebt Euch!“ rief dieſer.„Wir verhaften Euch im Namen des Königs!“ Mit dem Flintenkolben ſtieß er eine der hohen Fenſterſcheiben ein, und ſchickte ſich an, hineinzu⸗ ——— — 177— ſteigen, als Bonners, ihm das Piſtol entgegen⸗ ſtreckend, rief:„Ihr ſeid des Todes, wenn Ihr es wagt, hier einzudringen!“ Der Kopf des Andern zog ſich ſofort zurück; ſie waren wieder allein. 3 „Jetzt, meine Lilly, jetzt müſſen wir handeln!“ Er öffnete vorſichtig die Thür zu dem andern Ge⸗ mach und leuchtete hinein. Niemand war hier. Mit vorgeſtrecktem Piſtol ging er hinein und nahm aus dem Schranke eine Strickleiter, die er dort ſeit lange aufbewahrte. Mit dieſer kehrte er zu Lilly zurück, die Thür wieder verſchließend. „Dieſe muß uns zur Rettung führen! Kön⸗ nen wir nur den bereit ſtehenden Wagen erreichen, dann ſind wir geborgen!“ Während er ſich damit beſchäftigte, die Strick⸗ leiter in Ordnung zu bringen und ſie an einem der Fenſter zu befeſtigen, beſprachen ſich draußen die beiden Poliziſten, auf welche Weiſe ſie zur Ge⸗ fangennehmung Bonners gelangen könnten. Sie waren nicht darauf vorbereitet geweſen, einen ſol⸗ chen energiſchen Widerſtand zu finden und Bon⸗ ners ihrem Angriffe gewaffnet zu ſehen. „Wir Beide allein ſind nicht hinreichend, das Haus zu bewachen!“ ſagte der Eine von ihnen. Während wir hier die Thür bewachen, kann er—— Gott weiß, wie?— durch irgend eine geheime Treppe entſchlüpfen und in der dunkeln Nacht aus dem Hauſe entwiſchen. Die beiden Diener hier Bonners. III. 12 3 — 1728— erklären, die Hand nicht gegen ihren Herrn, der immer ſo gut gegen ſie geweſen, erheben zu wollen. Wir müſſen uns alſo andere Hülfe ſuchen. Ich werde in die Fabrik hinabreiten und dort die Mannſchaft aufbieten. Die werden gern be⸗ reit ſein, denn er giebt ihnen einen ſehr niedrigen Arbeitslohn. Dann komm' ich mit ihnen zurück, wir umzingeln in aller Stille das Haus, und dann, wenn er ſieht, daß er uns nicht entſchlüpfen kann, wird er ſich ergeben. Raſch ſprengte er von dannen, und nach we⸗ nigen Minuten ſchon hielt er vor dem großen Fabrikgebäude, in welchem die Arbeiter, da heute bis Mitternacht gearbeitet werden ſollte, noch bei⸗ ſammen waren. In kurzen Worten that er ihnen ſeine Abſicht kund. Bereitwillig und froh folgten ihm die Männer; man zündete einige Fackeln an und eiligen Laufes ging es den Berg hinan. Indeß waren alle Vorbereitungen beendet, die Strickleiter war am Fenſter befeſtiget und Bonners nahm ſeine Lilly in den Arm, mit ihr hinab zu ſteigen. Und jetzt, wo er im Begriffe war, dieſe kühne That zu wagen, ſtand er noch einmal ſtill und überlegte, ob er hoffen könne, ſie mit Erfolg ge⸗ krönt zu ſehen. Zwei geladene Piſtolen ſteckten in ſeinem Gür⸗ tel, dieſe konnten ihn ſchützen gegen ſeine Wider⸗ ——— regung aber, in welcher er ſich befand, fühlte er — 179— A ſacher; bis zum Wagen waren kaum fünfzig Schritte, und hatte er dieſen erreicht, dann war er vor der Hand geborgen, denn bei der Dunkel⸗ heit und in dem großen, dichten Walde war es nicht ſo leicht, ihn zu verfolgen. Muthig hob er Lillys ſchlanke, leichte Geſtalt in ſeine Arme und beſtieg die Strickleiter. Es war eine finſtere, unfreundliche Nacht, der Sturm brauſte in den hohen Wipfeln der Bäume mit grauſigem Donner, der Regen peitſchte die Fenſter und näßte die Strickleiter, daß es doppelt ſchwierig war, auf ihr hinabzuklimmen. Feſt umklammert von Lilly, deren lauten, hef⸗ tigen Herzſchlag er an ſeiner Bruſt fühlte, ſtieg er vorſichtig Stufe nach Stufe hinab. Schon hatte er die Hälfte faſt erreicht, als ſein Fuß von den naſſen Schnüren abglitt; mit dem einen freien Arme ſuchte er ſich zu halten,— umſonſt! ſie ſtürzten. Zugleich ertönte ein Schuß; ein einziger gellender Schrei— ſie lagen am Boden und Bonners fühlte ſich von Blut übergoſſen. Bei dem Fallen war eine von Bonners Piſtolen los⸗ gegangen. Wer war getroffen? War es Lilly, war er es? Er wußte es nicht. In der Auf⸗ keine Schmerzen. Noch immer hielt er Lilly um⸗ fangen. Sie regte ſich nicht. „Lilly, lebſt Du? lebſt Du?!“ fragte er angſt⸗ voll, nicht bedenkend, daß ſie ihm keine Antwort 12 — 180— zu geben vermochte. Aber ſie regte ſich auch nicht.— Allmächtiger Gott! ſollte die Kugel ſie getödtet haben? Dieſer Gedanke erfüllte ihn mit wahnſinniger Verzweiflung, machte ihn raſend! Er wollte auf⸗ ſtehen mit ihr, die er in ſeinen Armen hielt; er vermochte es nicht. Ein furchtbarer Schmerz im Fuße ließ ihn wieder zuſammenſinken— der Fuß war gebrochen. Außer ſich, in wildeſter Wuth, ſeiner Sinne nicht mehr mächtig, ſchrie er laut auf und rief dann wieder Lilly mit angſtoollen Tönen. Indeſſen hatten die Leute aus der Fabrik die Villa erreicht. Als ſie den Schuß vernahmen, ſchrien ſie laut auf vor Luſt; es war ihnen ein Zeichen, nach welcher Seite ſie ſich zu wenden hatten. Die Fackelträger ſtürzten voran nach jener Seite des Hauſes zu, und um die Ecke biegend, beleuchtete das helle Fackellicht Bonners Geſtalt. „Wer es wagt, mir zu nahen, der iſt des Todes!“ ſchrie Bonners mit einer Stimme, die das Echo des Waldes erweckte, und die zweite Piſtole aus ſeiner Bruſttaſche ziehend, ſtreckte er ſie ſeinen Verfolgern entgegen. Sie wagten es nicht, näher zu treten. 4 „Bleibt dort!“ herrſchte Bonners,„aber hal⸗ tet Eure Fackeln ſo, daß ich ſehen kann.“ F Gewohnt, ſeiner gebieteriſchen Stimme zu fol⸗ gen, gehorchten ſie mechaniſch. V V V — 181— Welch ein Anblick bot ſich nun den entſetzten Blicken Bonners dar, ein Anblick, vor dem das Haar ſeines Hauptes ſich ſträubte, und die hef⸗ tigſte Raſerei ſeine Vernunft bewältigte. Bewegungslos und ſtarr hing die Geſtalt des Weſens, das er allein auf Erden geliebt, in ſei⸗ nen Armen,— bewegungslos und ſtarr, das holde, engelhafte Antlitz unkenntlich, das Haupt zerſtört von dem tödtlichen Schuſſe, das aufgelöſte, herabhängende Haar ſtarrend von Blut, keine Spur mehr des lieblichen Angeſichtes. Ein einziger, gellender, grauenhafter Schrei drang von Bonners Lippen, und wie die Fackeln ſein erdfahles Angeſicht beleuchteten, die weit auf⸗ geriſſenen, aus ihren Höhlen herausgetretenen, ſtieren Augen, die in einem wahnſinnigen Feuer funkelten, die geſchwollenen Nüſtern, die blauen, zurückgezogenen Lippen, zwiſchen denen die im Krampfe der Qual aufeinander gepreßten Zähne ſichtbar waren, wie dies Bild der höchſten, wahn⸗ ſinnigen Verzweiflung ſeinen Verfolgern ſichtbar ward, da ſtanden ſie, von Grauen gepackt, ſchau⸗ dernd ſtill, und ſtarrten mit ſcheuen Blicken auf dies furchtbare Bild.—— Alles Entſetzen, alle Qual der Hölle war für Bonners zuſammengedrängt in dieſem einzigen Moment, in ihm lag die Strafe aller Sünden und Vergehen. 88“ „Ich habe ſie gemordet, meine Geliebte ge⸗ 182 mordet!“ kreiſchte er mit einer verzweiflungsvollen Stimme. Nun ein Aufblitzen, ein Knall, und auf einen Moment verhüllte der Rauch den entſetzten Zu⸗ ſchauern den Anblick. Als der Dampf ſich verzogen, und ſie wieder hinſchauten, ein entſetzlicher Anblick,— lag Bon⸗ ners mit zerſchmettertem Haupte da, die Geſtalt ſeiner Geliebten noch in ſeinen Armen haltend! 5 — . XV. Schluß. Ein Jahr war ſeit dieſen Scenen fieberiſcher Aufregung verfloſſen. Die Geſchichte und der Tod des Abenteurers und Falſchmünzers Bonners war längſt vergeſſen, und in den Sälen, in welchen ſonſt das Bonner'ſche Ehepaar die haute volée und deren Huldigungen zu empfangen pflegten, hielt jetzt ein Speiſewirth offene Tafel für Jeden, der zu bezahlen im Stande war. Die Fabrik und die Villa war Eigenthum des Staates geworden, welcher die Güter des Ver⸗ brechers eingezogen.. Die Villa war verkauft worden an den Fabri⸗ kanten, welcher dem Staate auch die Fabrik ab⸗ gekauft. Dieſer Mann war in Sil That ein gu⸗ ter Speculant, der jeden Vortheil wohl zu berech⸗ nen und zu benutzen wußte. An der Stelle, wo Bonners ſich den Tod ——— b b — 184— gegeben, war er mit ſeiner Lilly begraben wor⸗ den. Ein Grab nahm die Leichen derjenigen auf, die ſich im Leben ſo ſehr geliebt hatten, und die Herzen, welche das Leben getrennt hatte, ruhten mindeſtens im Tode nebeneinander. Der Eigenthümer der Villa hatte die Stätte mit Bäumen umpflanzt und mit einem Kreuze ver⸗ ſehen, das Bonners und Lillys Namen trug. In dem untern Stockwerk der Villa war eine Art Gaſthaus errichtet, und hier fanden für gutes Geld diejenigen Bewirthung, welche kamen, das Grab des berüchtigten Bonners zu ſehen, und ſich von demſelben angeſtellten Wärter, welcher Augen⸗ zeuge jener Kataſtrophe geweſen, den Hergang umſtändlich erzählen zu laſſen. Und die Zahl dieſer Beſucher war anfangs ſehr bedeutend. Bonners war ein zu bekannter und gefeierter Held des Tages geweſen, um nicht nach ſeinem Tode noch die neugierige Theilnahme derjenigen zu erregen, welche ihm in den Ta⸗ gen ſeines Glanzes ſo oft unzweideutige Be⸗ weiſe ihrer Hochſchätzung und Liebe gegeben, und die nun mit dem Gefühle ſchadenfrohen Triumphes an dem Grabe ſtanden und der Erzählung des ſchaudervollen Endes deſſen lauſchten, welchen ſie einſt ſo ſehr beneideten! Aber andere Ereigniſſe, andere Tagesbegeben⸗ heiten verdrängten bald das Intereſſe für dieſes Grab, und nach wenigen Monaten ſchon ſprach —— — 1385— Niemand mehr von der ganzen Geſchichte, und Niemand beſuchte das Grab, das ſodann vernach⸗ läſſigt und vergeſſen ward von ſeinem Eigenthümer. Nur die Bäume, welche dieſe Stätte umgaben, überdauerten die Zeit und das Vergeſſen, ſie ſproßten luſtig empor, das Grab beſchattend, un⸗ ter welchem der Mann ruhte, der durch das Geld ſein Unglück fand, weil er ein Glück darin ſuchte, und das Mädchen, welche in der Liebe allein ihr Glück ſuchte und fand. Holde, liebliche Lilly, wenn der Tod die Ban⸗ den Deiner Zunge gelöſet, und die Worte Deines Herzens frei gegeben hat, o dann werden die er⸗ ſten Worte dieſes verklärten Geiſtes an dem Throne des Herrn für den um Gnade flehen, welchen ſie ſo ſehr geliebt! Und Lenore, und Santoͤme? Vergebens wen⸗ den wir unſere Augen ſuchend nach ihnen umher auf dem Schauplatz, auf welchem wir ſie früher ſahen. Weit, weit hinein in die Ferne müſſen wir unſere Blicke wenden, über Meere und Länder, um ſie zu finden. Dort auf Jamaica, inmitten dieſer üppigen Fluren, dieſer blühenden, geſegneten Pflanzung, liegt eine ſtattliche Villa. Sie iſt nebſt der ſchö⸗ nen Pflanzung das Eigenthum Santöme's, und dort wohnt er mit ſeiner Gattin und Schweſter, welche Letztere aber in wenig Wochen ihrem Ver⸗ — — — 4 ——— — 186— lobten, einem jungen Pflanzer der Nachbarſchaft, als geliebtes Weib in ſein Haus folgen will. Es war Morgen, die liebliche Morgenfriſche hatte die Glücklichen hinaus gelockt in den Garten, welcher die Villa umgrenzte. Unter dem ſchützenden Dach einer Marquiſe, nahe am Hauſe, ſaß Santöͤme, neben ihm ſeine Gattin, vor ihnen der gedeckte Tiſch mit der dam⸗ pfenden Theemaſchine. Ihre Hand ruhte in der ſeinen, und mit dem Ausdrucke liebender Unruhe ſchaute Santöme auf die Geliebte, die ihm heute minder heiter erſchien, als er gewohnt war, ſie zu ſehen. Ihr großes, feuriges Auge blickte ſinnend in die Ferne, und einzelne Seufzer hoben ihre Bruſt. „Und warum, geliebteſte, theuerſte Lenore,“ fragte Santöme, die Hand ſeines Weibes an ſeine Lippen drückend,„warum ſo traurig?“ Sie wandte ihre Augen auf ihn hin, und ob⸗ wohl ſie in Thränen ſchwammen, war doch ein Ausdruck von Glück und Liebe in ihnen. 3„Weißt Du nicht, Geliebter,“ fragte ſie,„daß es heute ein Jahr iſt, ſeit ich an Deiner Hand dies Haus zum erſten Male betrat?“ „Und darum weinſt Du?“ fragte Santöͤme, bemüht, mit leiſem Scherz ihre tiefe Rührung zu ſänftigen. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken, und ihr Haupt an ſeine Schulter lehnend, flüſterte ſie: — 187— „Muß ich nicht weinen vor Rührung und vor Freude in dem Bewußtſein, was Alles ich Dir danke, welche Freude, welche Wonne dies Jahr für mich in ſich faßt? O mein Geliebter, Du einziges, treues, großes Herz, warſt Du es nicht, der ſich der Armen, der von aller Welt Verlaſſe⸗ nen erbarmte? Als alle die, welche ſich einſt meine Freunde nannten, welche mir huldigten und ſchmeichelten, ſich von mir wandten, als nirgends eine Stimme des Mitleids und des Erbarmens erklang für das Weib deſſen, der durch ſein ent⸗ ſetzliches Ende die Verbrechen ſeines Lebens ge⸗ ſühnt, als man mich verlachte und verſpottete mit meiner Schande und Schmach, und mir ſogar die Freuden und den Glanz, den man in meinem Hauſe genoſſen, zum Vorwurfe machte, da warſt Du es allein, der die arme Geſchmähete nicht vergaß. Du warſt mein Freund, mein Beſchützer, Du liebteſt noch die Lenore, die doch allein gegen Dich nur unrecht gehandelt hatte!“ „Nein, meine Lenore, Du hatteſt nicht Unrecht gethan, denn Du glaubteſt Deine Pflicht zu thun. Die ſtolze Lenore konnte nicht anders handeln!“ „Wohl mir, wohl mir,“ ſagte ſie weich,„daß die Liebe meinen Stolz gebrochen! Wohl mir, daß ich erkannt habe, wie fade und leer dieſe Freuden, die der Reichthum uns bietet, dieſe Triumphe, welche der Glanz der großen Welt uns giebt! O mein Charles, Du haſt mich ge⸗ — 188— lehrt, daß es einen Reichthum giebt, der über alles Gold erhaben iſt, Du haſt mich gelehrt, aus dem innerſten Herzen Schätze zu heben, welche mit ihrem himmliſchen Glanz alle Freuden der großen Welt überſtrahlen! Laß mich Dir, meinem edlen Lehrmeiſter, danken!“ 3 Und die einſt ſo ſtolze Lenore drückte mit je⸗ ner Liebe, die voll ſo viel Demuth und Anbetung für den Geliebten iſt, die Hand ihres Gatten an ihre Lippen. „Ja,“ fuhr ſie fort, und ihre Augen ſtrahlten in himmliſcher Begeiſterung,„Du haſt mich gelehrt, daß das Glück dieſer Erde nicht aus den Gold⸗ gruben derſelben, ſondern aus den Schätzen des eigenen Gemüthes geſchöpft werden muß, und daß das Weib nur glücklich iſt, wenn ſie glücklich macht, wenn ſie liebt und geliebt wird.“ „Dann, meine Lenore, biſt Du glücklich!“ ſagte Santome, und zog die Geliebte an ſein Herz; denn Dein Gatte preiſet mit jedem Morgen neu ſein glückſeliges Loos, und bittet Gott um deſſen Dauer!“ „Ja, laß uns Gott darum bitten!“ flüſterte Lenore,„ich habe auf Erden nichts zu wünſchen als dies!“ In dieſem Augenblicke trat ein Weib, ein liebliches, kleines Kind auf den Armen, aus der Pforte, und ging zu dem Platze, wo die beiden Liebenden ſaßen. — 189— Lenore wandte den Kopf, ihre Mutterliebe hatte die Nähe ihres Kindes empfunden! Welch eine reine, verklärende Freude leuchtete aus ihren Blicken, als ſie ihr Kind, das ſeine kleinen Aermchen nach ihr hinſtreckte, an ihr Herz drückte, und es in ihren Schooß legend, mit einem ſeligen Lächeln betrachtete! Dann zog ſie den Geliebten feſter an ihr Herz, und Gatten und Kind zugleich an ihre Bruſt drückend, rief ſie:„O mit welchen Reichthümern hat mich der Himmel geſegnet. Mein Geliebter, mein Kind, ich drücke Euch an mein Herz! Die Erde hat dem glückſeligſten Weibe nichts mehr zu bieten!“ „Und dies ſchöne, reine Glück, meine Lenore,“ ſagte Santöme,„dies wird uns bleiben! Höher als alles Gold und alle Schätze iſt die Liebe, und dieſe lehrt uns erkennen, wie hohl und leer die Freunden der Welt! Ach das Geld, es ver⸗ mag Alles zu geben, nur nicht dieſe tiefen, be⸗ ſeligenden Wonnen, welche in der Tiefe der Ge⸗ müthswelt erblühen, es vermag Alles zu ſchaffen, nur nicht Friede und Glück, wenn es nicht im Gefolge höherer Schätze iſt! Wohl iſt der Reich⸗ thum ein Theil des Glückes, aber in der Fülle des Goldes würde man darben, wenn das Herz arm iſt an Friede und Liebe!“ „Mein Charles,“ ſagte Lenore lächelnd,„es gab eine Zeit, da war ich thöricht genug zu wäh⸗ — — 190— nen, das Glück ſei identiſch mit Geld. Jetzt weiß ich es beſſer! Geld iſt nicht Glück!“ „Aber ein Theil deſſelben, meine Lenore! Laß uns Gott danken, der uns Beides ſchenkte: Glück und Geld!“ S ₰ Go — S 2 8 έ 8 * 8 5 5 8 8 5 8 0A Minnſnnſmnmenſſſſſſſſſſſſſſiſſinſtſiſſſſſſſſnſinſſſnſſſd 9( 12 13 14 15 1 10 11 6 17