1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.— den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— f. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 35 A 0κh 3— 1 b 2 I 8⁸ 4 8 8 8 4 8 I. Das Wiederſehen. Ein Weſtindienfahrer lief in den Hafen von London ein und ward von der am Ufer ſtehenden Menge mit Jubelgeſchrei begrüßt. Die Matroſen ſchwenkten ihre Mützen nach Weib oder Liebchen hin, das am Ufer ihrer harrte, die Paſſagiere wurden am Ufer von den Ihrigen empfangen, und der Capitain mit ſeinen Officieren ruderte ans Land, um nach langer Seereiſe die Freuden der Hauptſtadt zu genießen. Fiaker und Gigs ſtehen am Ufer bereit, die Angekommenen ſogleich in das Innere der Stadt zu fahren und ſuchen durch lautes Geſchrei die Au mkeit der Vorübergehenden auf ſich zu ziehen. „Nur Ner Schilling bis zum Weſtend!“ „Drei Schilling bis nach Weſtend!“ „Ich fahre Euch noch billiger!“ Bonners. II. „Herr, glauben Sie's nicht, es kann's Nie⸗ mand unter drei Schilling.“ Dieſe Worte waren an einen der Paſſagiere gerichtet, der ſich ſoeben, ſein weniges Reiſegepäck † unter dem Arm, den Fiakers näherte. Es war ein großer, ſtattlicher Jüngling, deſſen ſonnen⸗ verbranntes Antlitz einen längern Aufenthalt in den heißern Zonen verrieth. Sein etwas fremd⸗ ländiſcher Anzug, der breitgeſchirmte Hut, die wei⸗ ten Pantalons, der dunkelrothe Leibgürtel, in welchem ein Paar Piſtolen ſteckten, Alles dies verrieth ihn als einen Auslätder. 4 „Herr, für drei Schillinge bis zum Weſtend! b Sie bekommen's nicht wohlfeiler; und müſſen doch fahren, denn ein Fremder findet ſich nicht zurecht in unſrer ſchönen Stadt London.“„ „Und wer ſagt Dir, daß ich ein Fremder bin?“ fragte der Angeredete mit voller wohlklin⸗ gender Stimme im reinſten Engliſch und ſprang in den Fiaker.„Mein Junge, es fragt ſich, wer in den Winkelgäßchen Londons beſſer Beſcheid 1 weiß, Du oder ich? Aber vorwärts jetzt! Je raſcher Du fährſt, deſto mehr Lohn!“ „Und wohin?“» Der Fremde nannte eine der abgelegneren Vor⸗ ſtädte, und fort rollte der Wagen. Soll mich verlangen, dachte der Fremde, ob der Vater noch in ſeinem kleinen Häuschen wohnt, 3 um ſeine Nachbarn glauben zu machen, er ſei 4 00 ein armer, unbemittelter Mann! Und ob er mich wohl wieder erkennen wird? Es ſind jetzt acht⸗ zehn Jahre, ſeit ich ihm davonlief, weil er mich und mein kleines vierjähriges Schweſterchen faſt verhungern ließ. Achtzehn Jahre! Wie ſchön muß Jſabella jetzt ſein, mein füßes kleines Schwe⸗ ſterchen. Sein Herz klopfte laut vor Ungeduld und: Verlangen, das Ziel ſeiner Fahrt bald zu erreichen, und ſeine Verſprechungen eines glänzenden Lohnes feuerten den Kutſ s einer größeren Beſchleu⸗ nigung an. Endlich hielt der Wagen, der Fremde ſprang heraus, und ſchaute mit hochglühenden Wangen das kleine Häuschen an, vor dem er ſtand. Er erkannte es wohl, dies niedrige, unſcheinbare Haus; achtzehn Jahre waren verfloſſen, ſeit er zum letz⸗ ten Male, Abſchied nehmend, es angeblickt; aber er hatte es treu in ſeinem Gedächtniſſe bewahrt, und wie er es jetzt anſchaute, ſagte er mit einem leiſen Seufzer: Ja, das Haus iſt daſſelbe ge⸗ blieben, Gott gebe, daß auch ſeine Bewohner die⸗ ſelben ſind!— An der Hausthüre, auf der ſchmuzigen alten Blechplatte ſtand ein faſt verwiſchter, unleſerlicher Name, aber des Fremden Augen erkannten ihn, und ſein Herz ſchlug höher in freudiger Luſt, denn es war der Name ſeines Vaters. 3 8 i zitternden Händen, bangend und fürch⸗ 1 3. 4 1 tend vor Erwartung, faßte er den Klopfer und ſchlug an die Thür. Eine lange, peinvolle Pauſe folgte, die dem Harrenden eine Ewigkeit dünkte. Endlich ward die Thür geöffnet, und eine alte Magd fragte traurigen Blicks nach dem Begehr. Es iſt noch die alte Brigitte! murmelte der Fremde mit einem leiſen Lächeln, und fragte dann:„Schaue mich an, Brigitte, kennſt Du mich nicht mehr?“ 1 Die Alte ſah ihn verwundert an und ſchüttelte ſchweigend den Kopf. 8 „Kennſt mich nicht mehr, mich, dem Du oft heimlich ein Stückchen Brod gereicht, und, wenn ich artig war, einen Häringsſchwanz dazu?“ „O Jemine, Ihr wäret unſer weggelaufener—“ „Sohn! Ja, ja, das bin ich in der That! Alſo nun erkennſt Du mich! Da, da, meine Sa⸗ chen, und nun laß mich ſchnell zu meinem Vater!“ Und der ungeduldige Sohn wandte ſich nach der finſtern kleinen Treppe, als Brigitte ihn zu⸗ rückhielt und mit zitternder, weinerlicher Stimme ſagte:„Wenn Ihr denn wirklich unſer lieber Charles ſeid, und an der Narbe an der Stirn hier und an Eurem gutmüthigen Geſicht erkenne ich, daß Ihr es ſeid, ach, ſo ſeid Ihr zu einer ſehr ſchlimmen Stunde gekommen, und doch möchte ich faſt glauben, der Herr unſer Gott ſelber habe Euch zu dieſer Stunde Eures Vaters Haus wieder aufſuchen laſſen. Denn ſeit einigen Tagen ſchon ſpricht er immerfort mit Euch und ruft nach Euch mit Thränen und Fluchen!“ „Wer denn? Wer?“ unterbrach der Fremde die geſchwätzige Alte. „Euer Vater, Sir Charles! Ach der Arzt ſagt, er werde dieſen Abend nicht mehr erleben!”"”“ Mehr hörte der Sohn nicht; mit einer unge⸗ duldigen Bewegung ſtieß er die Hand der Alten, die bemüht war, ihn zurückzuhalten, von ſich, und ſprang die Treppe hinauf. Da ſtand er jetzt vor der wohlbekannten Thür zu dem Zimmer, in welchem ſein Vater zu ver⸗ weilen pflegte; ſeine Hand zitterte, ſie zu öffnen, und ſein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen bei dem Gedanken, daß es nun das Sterbezimmer ſeines Vaters ſei. Lautes Stöhnen erreichte ſein Ohr, und eine ihm wohl bekannte Stimme rief mit ſchmerzlichem, kreiſchenden Tone ſeinen Namen. „Charles! Charles! Mein Sohn! Komm!. Charles! O, komm zu Deinem Vater!“ Der Sohn öffnete raſch die Thür und trat ein. Alles war in dieſem Zimmer wie vor acht⸗ zehn Jahren, die Tiſche und Schränke noch die⸗ ſelben und auf derſelben Stelle, nur der Sohn und der Vater waren Andere geworden. Dieſer ein Greis, jener ein Mann, und auf derſelben Stelle, wo der Sohn ſeinen Vater vor Aözehn Jahran zum letzten Male geſehen, ſah A st wieder,— für immer und ewig zum letzten Male.— Denn ach, dieſen bleichen, abgezehrten Zügen hatte der Tod ſein unverkennbares Siegel aufgedrückt, und aus dieſer zuſammengefallenen Bruſt drang ſchon jenes unheimliche Röcheln her⸗ vor, welches das Nahen der Scheideſtunde zu ver⸗ künden pflegt. Tief erſchüttert lehnte der Sohn einen Augen⸗ blick an der Thür, und ein ſchmerzlicher Ausdruck umdüſterte ſein Antlitz. Die Stunde, nach der er ſich lange Jahre mit ſchmerzlicher Ungeduld ge⸗ ſehnt, dieſe Stunde des Wiederſehens war nun da, und doch ſollte ſie zugleich eine Stunde des Scheidens für immer ſein. Der Kranke rief wieder des Sohnes Namen, und mit welcher bangen, ſchmerzvollen Pein! „Hier bin ich, hier bin ich! mein Vater! Be⸗ reit, Deinen Segen zu empfangen, und Dich um Vergebung anzuflehen flür die Verirrungen meiner Kindheit!—“ Wie der Sohn ſo ſprach, und mit Thränen im Auge an dem Bette des Sterbenden nieder⸗ kniete, richtete dieſer ſich raſch empor, und ſtarrte aus gläſernen, ſchon erlöſchenden Augen den Knien⸗ den an. „Wer darf ſagen, daß er mein Sohn iſt? ſagte er dumpf, mein Sohn, der lange geſtorben! Der nicht da iſt, die Rache auf ſich zu nehmen, und das Verbrechen zu ſtrafen! Nein, ich habe keinen Sohn! Keinen Sohn!“ Und der Kranke fiel laut kreiſchend auf ſein Lager zurück, und ſchlug ſich mit den Fäuſten die ächzende Bruſt. „Ich bin's, bin Euer Sohn!“ ſagte der Jüng⸗ ling, als der Greis wieder ſtill geworden.„Sieh mich an, ſiehe dieſe Narbe an der Stirn, Du kennſt ſie, und hier dies Medaillon mit der Locke meiner Mutter, das ſie mir ſterbend umgehangen. Ich habe es treu bewahrt, damit es einſt bei Dir für mich zeugen ſollte!“ „Mein Sohn! Ja, Du biſt mein Sohn!“ jauchzte der Sterbende, und umſchlang den noch immer Knienden. „Mein Vater! Du liebſt mich alſo noch! Du verzeihſt mir!“ Und der Sohn weinte laut vor tiefer Rührung. „Ich wußte es wohl,“ ſagte der Kranke, auf ſein Lager zurückſinkend,„ich wußte es, daß Gott mein Flehen erhören, daß er mir einen Rächer ſenden würde! Auf Dich, mein Sohn, über⸗ trage ich meine Rache, Du ſollſt ihn ſtrafen den Räuber, den Dieb!“ „Wen, wen?“ fragte Charles ſchreckensvoll! „Höre mich an, höre!“— Und mit einer Kraft, die wenig zu dieſen erloſchenen Augen und zu dieſem todesbleichen Antlitz paßte, ſagte der Greis, indem er ſich wieder emporrichtete:„Du Ff. mußt gehen, und ihn ſuchen, der mir meine Toch⸗ ter ſtahl! Mehr, mehr, der mich zum Bettler machte, der mir raubte, was ich in langen Jah⸗ ren mühſam geſammelt! Ja, er hat mich zum Bettler gemacht! Und wenn Du gekommen biſt, mein Geld zu erben, ſo gehe, gehe, verlaß dieſes Haus, denn es iſt das eines Bettlers! Fluch über ihn, der es mir ſtahl!“ „Meine Schweſter entführt!“ rief Charles, „meine Iſabella!“ „Und mein Geld geſtohlen! Mein Geld! Und ich, während die Wuth mir das Blut ſtechend vorch die Adern jagte, ich konnte nicht nach, den Ränber aufzuſpüren, ſeine Spur zu verfolgen, und ihn zu ermorden! Ein gefeſſelter, gelähmter Gichtkranker mußte ich daheim ſitzen in meinem einſamen Gemach, und nagen an meiner Pein und meiner Wuth! Charles, Du ſollſt mich rächen an dieſem Diebe, dieſem Räuber, denn ſeine That iſt es, die mich tödtet! Er iſt mein Mörder! mein Mörder!“ Lautes Aechzen unterbrach dieſe heftige Rede, und faſt beſinnungslos ſank der Greis zurück. Das Geſicht mit den Händen bedeckend kniete der unglückliche Sohn, der nun auf einen Schlag Vater und Schweſter verlieren ſollte an dem La⸗ ger; ſein Herz war zu voll, es gab keine Worte für ſeinen Kummer. Eine lange Pauſe folgte, die nur dann und wann das leiſe Aechzen des Sterbenden unheim⸗ lich unterbrach. Plötzlich ſetzte der Greis ſich aufrecht, und der Sohn erſchrak vor der wunderbaren Verän⸗ derung dieſes Angeſichtes. Die Augen glänzten wieder, die Wangen begannen ſich leiſe zu röthen, der Athem ging langſam und ruhig aus der Bruſt hervor. Die Natur, ehe ſie unterlag, zeigte noch einmal ihre Kraft, und hauchte den Sterbenden mit dem Athem des Lebens an,— die erlöſchende Flamme des Geiſtes, ehe ſie ſtarb, flackerte noch einmal hoch auf. „Charles, wenn Du mein Sohn biſt,“ ſagte der Greis ruhig und klar,„ſo mußt Du mir ſchwören, mich an dem Mörder meines Lebens, an dem Räuber meiner Pochter und meines Gel⸗ des zu rächen!“ „Nenne ihn mir!“ ſagte der Sohn, und ſchon fühlte er einen tiefen Grimm gegen den, der ihm nicht nur ſeine Schweſter, der ihm auch die letzten Gedanken ſeines ſterbenden Vaters geraubt. „Sein Name iſt Blackwell, Henry Blackwell! Schwöre mir, nicht zu ruhen, nicht zu raſten, bis Du ihn aufgefunden, ihn zu verfolgen durch die ganze Welt, bis Du ihn erreicht. Schwöre mir, und träfeſt Du ihn in ſeiner Tedesſtunde, ver⸗ zweifelnd und troſtlos, meinen Fluch in ſein Ohr zu donnern, und ihn vor Gericht zu ſchleppen. Schwöre mir, ihn zu verderben in dem, was ihm das Liebſte iſt! Nicht raſch, nicht auf einen Schlag, ſondern langſam, langſam, ſo langſam, wie er mich gemordet hat, komme die Rache. Schwöre mir, ihn aufzuſtören, wenn er glücklich iſt, ihn zu vernichten und zu ſtrafen an ſeiner Seele, an ſeinem Leibe, nicht eher Dein Haupt ruhen zu laſſen, nicht eher Dir ſelber eine Stätte des Aus⸗ ruhens zu bereiten, bis er, der Räuber, der Mör⸗ der, zuckend und winſelnd zu Deinen Füßen ge⸗ legen und umſonſt um Erbarmen gefleht! Schwöre mir dies Alles!“ Schaudernd leiſtete der Sohn den Schwur, und legte ſeine Hand beſtätigend in die erſtarrte Hand des Vaters. 8 „Und nun, mein Vater, ſegne mich, Deinen Sohn, Dein einſames, verlaſſenes Kind!“ „Ja, ich will Dich ſegnen, Dich, den Voll⸗ ſtrecker meiner Rache, der meinen Mörder ſtrafen will!— O mein Geld!“ Der Sohn fühlte die kalte Hand des Ster⸗ benden ſchwer und eiſig auf ſeiner Stirne ruhen, dann ſank ſie kraftlos herunter! „O mein Geld! Mein Geld! Ich bin ein Bettler! Fluch dem Räuber!“— Dies waren die letzten Worte des Greiſes,— der Sohn ſtand neben der Leiche ſeines Vaters!— Eine tiefe Bitterkeit, ein finſterer Groll erfaßte des Verwaiſeten Gemüth! Das war alſo das Ende jahrelanger Sehnſucht und jahrelangen Hof⸗ — 11— fens! Durch Länder und Meere war er gekom⸗ men, um von dem Vater nichts mehr zu hören als das finſtere Rachewort, um von ihm geſegnet zu werden mit dem grauſamen Segen, der ihn zu einem Sohne der Rache und Strafe ſtempelte! Sein Geld, ſeine Schätze! dies war ſein letz⸗ ter Gedanke! murmelte der gebeugte Sohn. Der Gedanke, mit welchem er ſtarb, während ſein Sohn an ſeinem Lager kniete und ſeine Tochter ihm fern war! Der letzte Seufzer galt irdiſchen Gü⸗ tern! Gehe nicht mit ihm ins Gericht, mein Gott, nimm ſeine Seele gnädig auf! 4 So betete der Sohn, über die Leiche ſeines Vaters geneigt, und drückte ihm ſanft die Augen zu. II. Iſabella. „So wären die letzten Pflichten gegen den Tod⸗ ten erfüllt! Seine Leiche ruht in der kalten, ſtil⸗ len Gruft! Und nun, Brigitte, laß uns unſerer Pflichten gegen die Lebenden gedenken.“ „Ja, Sir Charles, das hätte ich Ihnen ſchon geſtern gern geſagt, wenn ich nur den Muth dazu gehabt! So lange Ihr wieder hier ſeid, keine Nacht geſchlafen, immer auf, immer gearbeitet, und nichts gegeſſen und getrunken! Gewiß, Sir Charles, Ihr ſaht ſo wohl und kräftig aus, als Ihr kamt, und ſeid nun ſo bleich und kummervoll. Ja, Ihr habt Recht, gedenkt der Pflichten gegen die Lebenden, gegen Euch!“ „Nicht an mich dachte ich dabei, Brigitte, ſo dern an die unglückliche Entflohene, an meine Schweſter Iſabella!“ „Ach die arme Jſabella!“ ſeufzte Brigitte — 13— und trocknete ſich die Augen.„Ja, das war eine traurige Geſchichte, eine ſehr traurige!“ „Weint nicht!“ ſagte Charles ungeduldig,„ſon⸗ dern erzählt mir ruhig und klar die ganze Sache. Ich muß ſie wiſſen, und Brigitte, ich baue auf Euch, daß Ihr mir die Wahrheit ſagt. Ihr waret die Amme meiner Mutter, waret ſtets in unſerm Hauſe, meine Mutter liebte Euch zärtlich. Ich vertraue Euch und erwarte, daß Ihr mir die un⸗ verfälſchte Wahrheit ſagt!“ „Das könnt Ihr, Sir Charles, das könnt Ihr! Ach die arme IJſabella! Sie war ſtets ein ſo liebes Kind geweſen! Immer heiter, im⸗ mer freundlich. Wie viel auch ihr Vater ſie ent⸗ behren ließ, wie manchen Abend ſie auch gleich mir nichts hatte, ihren Hunger zu ſtillen, als ein Stückchen trockenes Brod, dennoch klagte ſie nie⸗ mals, und wenn ich weinte, wenn ich ihr ſagte, daß ich fortgehen wolle, daß ich dies Leben nicht länger ertragen könnte, ach, wie ſie dann zu ſchmei⸗ cheln wußte! Und, Sir Charles, ich wäre auch doch nicht gegangen, Ihr wißt es, denn Ihr ſtan⸗ det ja dabei, als Eure ſterbende Mutter ihr neu⸗ vorenes Töchterlein in meine Arme legte, und i ihre Hand ihr ſchwören mußte, ihr Kind, s lang ich lebe, nicht zu verlaſſen,— dann legte ſie ihre Hand auf mein Haupt und ſegnete mich für dieſen Schwur, und dann ſtarb ſie!“ Brigitte konnte vor Thränen nicht weiter ſpre⸗ — 14— chen, und Charles ſeufzte ſchmerzvoll, als er be⸗ dachte, wie ſo verſchieden der Schwur und der Segen an dem Sterbebette ſeines Vaters von dem ſeiner Mutter geweſen,— ach! und dieſen Segen der Liebe, nach welchem er darbte, hatte eine Fremde von ſeiner Mutter erhalten! ,. „Weiter! Weiter!“ ſagte er dumpf. Brigitte ſtillte ihre Thränen und fuhr fort. „Auf einmal aber ward Jſabella ſtiller und ſchweigſamer, oft kam ſie Morgens aus ihrem Kämmerlein mit verweinten Augen, und wenn ich 8 ſie bat, mir ihren Kummer zu vertrauen, ſchüt⸗ telte ſie ſchweigend ihr liebliches Köpfchen. Jeden Tag ging ſie in die Meſſe, denn ſie war eine fromme Katholikin, und wenn ſie zurückkehrte, ſchien ſie mir beſonders aufgeregt und unruhig. Ich dachte, der Beichtvater möchte vielleicht ihr Gewiſſen allzu ſehr beunruhigen, und als ich ſie eines Morgens wieder mit rothgeweinten Au⸗ gen nach ihrem Gebetbüchlein greifen ſah, um in die Meſſe zu gehen, bat ich ſie, es lieber nicht zu thun, ſondern ſich Ruhe zu gönnen; ſie ſagte aber, dies ſei ihr einziges Glück auf dieſer Welt, und ſie wolle lieber ſterben, als dies nicht thunz ſo ging ſie. Ich ſchlich ihr nach, denn ich war neugie geworden, und ſeht, Herr, gleich an der näch Ecke ſah ich, wie ein Herr ihr entgegenkam und ihr ſeinen Arm bot, den ſie auch annahm, und nun merkte ich die ganze Geſchichte. Sie hatte einen Liebhaber!“ „Ich dachte es mir!“ flüſterte Charles leiſe. „Die jungen Leute gingen aber ſo raſch, daß ich ihnen nicht folgen konnte, und ſo ging ich denn wieder heim. Als aber Iſabella nach einer Stunde wiederkam, da ſagte ich ihr, was ich ge⸗ ſehen, und beſchwor ſie bei dem Andenken an ihre Mutter, auf ihrer Huth zu ſein, und ihrem Va⸗ ter Alles zu geſtehen.“ „Ihr thatet Recht, Brigitte!“ ſagte Charles, und reichte ihr die Hand hin. 1 Brigitte fuhr fort:„Iſabella ſank mir weinend um den Hals, und geſtand mir, daß ſie ihn liebe, dieſen Mann, und ich muß geſtehen, er war ſchön genug, um eines Mädchens Liebe zu verdienen, obwohl er mir nicht mehr ſo gar jung ſchien. Sie könne niemals von ihm laſſen, ſagte ſie, und ohne ihren Henry ſei ihr das Leben kalt und freudlos. Nun, und ich beredete ſie doch, mit mir zu ihrem Vater zu gehen und ihm Alles zu geſtehen! Das thaten wir denn. Der alte Herr ſchien anfangs ganz erfreut, und ſagte, es ſei ihm lieb, wenn ihm nichts mehr koſten würde, und wenn er tt nöthig habe, für ihren Unterhalt zu ſorgen. verlangte den Herrn Blackwell, ja, Sir Henry Blackwell hieß er zu ſprechen, und Jſabella ſchrieb ihm ſogleich, und denſelben Abend noch kam er. Er blieb wohl eine Stunde bei Eurem Vater, ich hörte ſie ſehr laut und heftig ſprechen, und Iſa⸗ bella leiſe weinen. Dann kam der Herr Black⸗ well heftig herausgeſtürmt, Iſabella ihm nach, und hing ſich an ſeinen Arm, und beſchwor ihn weinend, ſie nicht zu verlaſſen, und ihr nicht zu zürnen um ihres grauſamen Vaters willen. Er ſchloß ſie in ſeine Arme und flüſterte ihr mit lei⸗ ſer Stimme einige Worte zu, die ich nicht ver⸗ ſtand, und dann verließ er das Haus. Jſabella erzählte mir, daß ihr Bater, als er gehört, der Liebhaber ſei arm, und rechne auf eine Mitgift, in furchtbaren Zorn gerathen, und geſchworen habe, ihm nicht einen Schilling zu geben, und ihn nie⸗ mals zu ſeinem Schwiegerſohn zu machen. Er hatte ihn einen Bettler, einen unverſchämten Be⸗ trüger genannt, und ihm gedroht, die Polizei zu rufen, wenn er nicht augenblicklich das Haus verlaſſe.“ „Arme Jſabella!“ ſeufzte Charles. „Ja, ſie war auch zu bedauern, und doppelt darum, weil ſie von dieſer Stunde an ſtets bei ihrem Vater ſein mußte. Sie durfte weder in die Meſſe, noch in den Garten gehen, ſondern mußte den ganzen Tag in dem Zimmer ihres Vaters ſein, denn nur Nachts war ſie allein in Kammer. N Es mochten ſo acht Tage vergangen ſein, eines Abends, als ſchon Alles ſchlief, trat Iſabella in meine Kammer. Sie war völlig angekleidet 14— und ſah unendlich blaß aus. Sie umarmte mich und weinte land an meinem Halſe. Dann bat ſie mich, ſie ſtets lieb zu behalten und auch Ge⸗ duld zu haben mit ihrem armen, alten Vater; denn, wenn er auch hart gegen ſie wäre, ſo ſei er doch immer ihr Vater, ſie liebe ihn dennoch und könne nicht ruhig ſein, wenn ich ihr nicht ver⸗ ſprechen wollte, ihn treu zu pflegen, wenn ſie auch nicht mehr da ſei. Ich ſuchte ſie zu tröſten, denn ich dachte, ſie meinte, daß ihr Liebeskummer ſie tödten würde. Als ſie aber nochmals ſo ernſt in mich drang, verſprach ich es ihr. Sie ſah mich an mit einem unausſprechlichen Blicke, dann ſagte ſie:„Brigitte, bete für mich! Es iſt möglich, daß ich ſehr un⸗ glücklich werde, und ich glaube es faſt, denn es ruht kein Segen auf ſolchen Thaten. Dennoch aber muß ich ihm folgen, denn ich bin ſein Weib! Lebewohl!“ Ehe ich Zeit hatte, ihr etwas zu erwiedern oder ſie zurückzuhalten, hatte ſie meine Kammer verlaſſen, und als ich mich angekleidet, und hinaus wollte, ihr 8 d war meine Thür von außen ſchloſſen. klopfte und ſchrie, man ſolle öff⸗ da rief üi eine männliche Stimme zu: veig oder Du biſt des Todes! Und vor ſchreck ſank ich ohnmächtig zuſammen..) Brigitte ſchwieg, und trocknete ſich mit dem Tuche die Schweißtropfen ab, welche die Rück⸗ 2 Bonners. II. — 18— erinnerung an jene Angſt auf ihre Stirn ge⸗ trieben. „Weiter! weiter!“ ſagte Charles ungeduldig. „Meine Geſchichte iſt nun faſt zu Ende. Als ich erwachte, war es heller Tag; ich faßte an meine Thür, ſie war noch verſchloſſen. Durch mein klei⸗ nes Fenſter rief ich auf die Straße um Hülfe. Die Nachbarn kamen herbei und erlöſeten mich aus meiner Haft. Ich lief in Jſabellens Kammer, ſie war leer; ich ſuchte ſie überall im Hauſe, nirgends eine Spur von ihr. Ich lief in das Zimmer des Herrn. Er ſchlief nooch, was mich ſehr verwunderte, denn er pflegte ſonſt vom leiſeſten Geräuſche zu erwachen. Ich rief ihn und ſchüttelte ihn ſo lange, bis er er⸗ wachte, und dann erzählte ich ihm die traurige Geſchichte. Glaubt Ihr, Sir Charles, daß er ſich ärgerte? Nicht im mindeſten! Er ſagte, es ſei ihm recht lieb, daß er ſeine Tochter ſo ganz ohne Mitgift los geworden, und es würde ihm gar nicht einfallen, Nachforſchungen machen zu laſſen, oder ſich an die Polizei zu wenden. Nach einigen Stunden aber hörte ich aus ſeinem Zimmer e furchtbaren Schrei. Ich lief eilends hin, und da lag der alte Herr wie todt an der Erde! Als er wieder zu ſich kam, weinte und klagte er, verwünſchte ſich ſelber und das ganze Leben, und dann fluchte er ſeiner Tochter und ihrem Ver⸗ 19— führer, und zerraufte ſich ſein Haar. Und erſt nach vielen Stunden ward er wieder ruhig ge⸗ nug, um mir zu erzählen, was ihm widerfahren ſei. Erſt einige Tage vorher hatte der Herr all ſein Geld gegen Bankſcheine eingelöſt, weil ſie ſehr niedrig damals ſtanden, und er hatte dieſe, in ein Packet gebunden, unter ſein Kopfkiſſen ge⸗ legt. Dies Packet war ihm geraubt und ſtatt deſſen lag ein kleiner Zettel da, darauf ſtand ge⸗ ſchrieben:„Lebewohl und Gruß von Eurem Schwiegerſohne Blackwell!“ Nun ließ der Herr die Polizei rufen, verſprach große Summen, wenn ihm der Dieb ausgeliefert ſei, Steckbriefe ſtanden in allen Zeitungen,— Alles umſonſt! Nirgends war eine Spur aufzuſin⸗ den, und ſo ſah ſich der alte Herr nun auf einen ganz kleinen Theil ſeines Vermögens heruntergebracht, der gerade nur zum Lebensunterhalt ausreichte. „Aber von dieſer Zeit an kränkelte er, und ſo geſund wie er ſonſt geweſen, ſo leidend ward er nun. Ich merkte es wohl, der Kummer und die Wuth, den Verbrecher nicht ſtrafen zu können, nagten an ſeinem Leben und ließen ihm keine Stunde Ruhe. Nun, jetzt hat er Ruhe gefunden! Friede ſei mit ſeiner Aſche!“ „Amen!“ ſagte der Sohn tiefbewegt, und eine Zeit lang ſchwiegen Beide. Dann fragte Charles: „Und von Jſabellen habt Ihr niemals wieder Kunde bekommen?“ — 20— „Niemals! Keine Spur von ihr!“ „Jetzt beſchreibt mir den Verführer ganz ge⸗ nau. Nehmt all Euer Erinnerungsvermögen zu⸗ ſammen. Auch der kleinſte Umſtand iſt wichtig!“ Die Schilderung Blackwell's ward genau ſo, wie Brigitte ſie entwarf, von Charles in ſeine Schreibtafel aufgenommen; auch ſeine Schweſter Jſabella ließ er ſich genau ſchildern, und notirte ſich das Nöthige. „Und nun, Brigitte, lebt wohl, ich muß noch heute wieder fort! Das Haus mit Allem, was darin iſt, überlaſſe ich Eurer Fürſorge und Auf⸗ ſicht, und werde außerdem Sorge tragen, daß Euch alle drei Monate eine zu Eurem Lebensunterhalt ausreichende Summe zugeſtellt wird.“ „Ihr wollt ſchon wieder fort, da Ihr kaum von einer ſo großen Reiſe heimgekehrt ſeid?“ „Heim? Ich habe keine Heimath auf Erden, ſagte Charles ſchwermüthig, und mein eigener Va⸗ ter hat mich zu einem ruheloſen Wanderleben ver⸗ urtheilt. Heute noch verlaſſe ich London, um aber⸗ mals die Welt zu durchwandern.“ „Wenn Briefe an Euch kommen, oder Nach⸗ richten von Eurer Schweſter, wohin ſoll ich ſenden?“ 3 „Ich gehe zuerſt nach Paris, um dort einig Monate zu bleiben. Adreſſirt denn dort die Briefe an mich poste restante.“ „An Sir Charles Carlis, nicht wahr?“ „Nein, an Charles Santöme.“ „So wollt Ihr den Namen Eures Vaters nicht wieder annehmen?“ „Nein, es gab auf Erden nur einen Men⸗ ſchen, der mich liebte und mir wohlgethan, und dieſer hieß Santöme. Er war mein Vater und Freund, und machte mich zu ſeinem Sohne.“ „Er lebt nicht mehr?“ „Nein, Brigitte! Ich ſtehe ganz allein auf der Welt!“ Nach wenigen Stunden verließ der verwaiſete Sohn das Haus, um ſeine Reiſe anzutreten. Auf der Straße ſtand er ſtill und blickte noch einmal rückwärts, und ein herber Ausdruck durchflog ſein Angeſicht, als er ſich erinnerte, mit welcher Freude er dieſes kleine, finſtere Gebäude wenige Tage zu⸗ vor begrüßt hatte. Und jetzt abermals, wie vor achtzehn Jahren, ſtand er da, ein Heimathloſer und Verbannter, und wieder war es ſein Vater, der ihn hinaustrieb zum ruheloſen Wanderleben. Der Sohn hüllte ſich feſter in ſeinen Mantel, und ging, den Racheſchwur zu erfüllen, den er dem ſterbenden Vater geleiſtet. III. Santöme. Er wandte ſich zuerſt nach Paris, denn er wußte, wie geeignet Londoner Gauner und Diebe dieſen Ort hielten, um dort ohne Gefahr die Früchte ihrer Verbrechen genießen zu können, und nicht ohne Grund vermuthete er, Blackwell könne ſich dort mit ſeiner entführten Schweſter und dem geraubten Gelde unter einem falſchen Namen in voller Sicherheit aufhalten. Eingedenk ſeines Schwures beſchloß Santöme, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um zu einer Ent⸗ deckung zu gelangen, die vielleicht ihn ſeine Schwe⸗ ſter finden laſſen und wenn nicht dieſes, ihm ſelber mindeſtens ſeine Ruhe und ſeine Freiheit wieder⸗ geben würde. Seine ihm angeborene Heiterkeit und Gutherzig⸗ keit beſiegten endlich den Trübſinn, der ſich anfangs des jungen Mannes bemächtigt hatte, und wenige — & 4 — 23— Wochen ſeines Aufenthalts in der franzöſiſchen Hauptſtadt genügten, ihn wieder zu jenem lebens⸗ frohen, unbefangenen Menſchen zu machen, der er vorher geweſen. Und wie ſollte er auch einen tiefen Kummer haben empfinden können um das Hinſterben deſſen, der nur durch einen Zufall der Geburt ſein Vater geweſen, an den ihn keine Bande der Dankbarkeit, des Gehorſams, der Unterwürfigkeit gefeſſelt? Dem er nichts zu verdanken, als das Leben,— ein Leben, das nicht durch ſeinen Vater geordnet und geleitet, nicht durch dieſen ſeiner Beſtimmung zu⸗ geführt worden? Wie ſollte er Liebe empfinden gegen Einen, den er kaum gekannt?— Es giebt eine alte Mythe, die ſich forterbt von Geſchlecht zu Geſchlecht und als eine rührende Fabel uns heilig ſein ſoll, aber immer nur eine Fabel iſt, die da heißt: die Stimme der Na⸗ tur. Und dieſer zufolge ſollen Kinder ihre Ael⸗ tern lieben, wenn ſie dieſe auch nimmer ſahen, nimmer von ihnen Beweiſe der Liebe empfingen? Dann wäre die Liebe ſelber nur ein Inſtinct, und unſere Dankbarkeit gegen diejenigen, denen wir das Leben verdanken, ein roher Naturtrieb! Sie iſt aber mehr; die Stimme der Natur ſchweigt, wenn nicht das Herz und die Seele zu ſprechen maß von empfangener Liebe und genoſſenen Wohlthaten, von ermunterndem Beiſpiele und erweckender Lehre, von all dieſen ſüßen und holden Vertranlichkeiten, — 24 den Erinnerungen und Freuden, welche Kindern und Aeltern gemeinſam ſind. Und wie ſollte Santoͤme Liebe empfunden ha⸗ ben gegen Einen, deſſen Daſein ihm von früheſter Jugend an Schrecken und Furcht eingeflößt? Deſſen Augen er nimmer mit ſolcher Freundlichkeit auf ſich geheftet ſah, wie auf todte Schätze, der nim⸗ mer ihm ſo gelächelt, wie er es den blinkenden Goldſtücken gethan? Wie ſollte er Liebe empfunden haben gegen Einen, deſſen Geiz ihn den Seinigen entfremdet hatte? Der des Knaben Mutter, ſie, deren Lächeln und Liebesblicke, deren holde und freundliche Stimme der Sohn noch im treueſten Gedächtniß bewahrte, der dieſe ohne Thräne hatte hinſterben ſehen, und ſein Geld und ſeine Schätze zählend, ſeine Kinder hungern ließ? Das Geld hatte ſich trennend zwiſchen Vater und Kind geſtellt, und die Stimme der Natur unterdrückend hatte es Beide einander entfremdet. Als ein Knabe von zehn Jahren, in einem Anfalle kindiſcher Verzweiflung hatte Santöme ſeines Vaters Haus verlaſſen. Heimlich, und ohne irgend Jemand ſeinen Plan zu verrathen, hatte er ſeine wenigen Kleidungsſtücke zuſammengerafft und Haus verlaſſen, in dem zu leben dem mu⸗ thigen, fröhlichen Knaben unmöglich däuchte. Wie er die Pforte, die er heimlich verließ, hinter ſich ſchloß, wie er mit ſeinem Bündelchen unter dem — 25— Arme hinaustrat auf die Straße, da athmete der Knabe hoch auf, als ſei eine große, erdrückende Laſt von ſeinen Schultern gewälzt,— er war frei, und ein unnennbares Wohlgefühl durchdrang ſeine Bruſt... Die ganze Welt dünkte ihm ſein Eigen, die Luft, der Himmel, jeder Baum, jeder Grashalm, der ſich im Winde bewegte, die Nacht mit ihren Sternen, und der Tag mit ſeinem Sonnenlicht, Alles dies war Sein; er konnte es genießen und durch den Genuß es ſich zu Eigen machen. Da war Niemand mehr, der ihn hineintrei⸗ ben durfte in die enge, finſtere Kammer, der ihm den Anblick der ſchönen Welt entziehen, und an die Rechentafel ihn bannen, oder ihn verdammen konnte, zu ganzen Tagen Geld zu zählen, deſſen Schmuz ihm an den Fingern haftete, und das ihm widerlich war, während ſein Vater es entzückt be⸗ trachtete. Er war endlich frei, und als er ſich den gan⸗ zen Tag ſingend und pfeifend in den Straßen Londons umhergetrieben, da däuchte es ihn eine unendliche Luſt, Abends auf den Treppenſtufen eines Palaſtes ſein Lager aufſchlagen zu können, und über ſich zu haben den Himmel mit ſeinen Sternen.. Als er aber am Morgen erwachte, war das Päckchen mit ſeinen Kleidern, das er neben ſich gelegt, verſchwunden, und der argloſe Knabe em⸗ — 26— pfing die erſte Lehre von der Welt, die kennen zu lernen er ſo großes Verlangen gehegt,— er war ſeiner einzigen Habe beraubt worden. Aber we⸗ nig beunruhigte dies den heitern, ſorgloſen Kna⸗ ben, und verſcheuchte nicht das Wonnegefühl und Glück, das ihn durchdrang im Bewußtſein ſeiner Freiheit. Erſt der Hunger trieb ihn zum Nachdenken über ſeine Lage, und gab ihm das Bewußtſein ſeiner Hülfloſigkeit. Aber noch vertraute er den Menſchen und der Welt, weil er Beide nicht kannte. Er trat in den nächſten Bäckerladen, bat um etwas Brod, weil ihn hungere, und erzählte, daß er in der Nacht um ſeine ganze Habe betro⸗ gen ſei. Man lachte ihn aus mit dieſer Erzählung, die man für ein erlogenes Mährchen erklärte, und trieb den Hungernden mit rohem Scheltworte hinaus. Charles vergaß ſeinen Hunger aus Zorn über die erlittene Beſchimpfung. Man hatte ihn einen Lügner genannt, ihn, der nimmer in ſeinem Leben eine Unwahrheit ge⸗ ſagt, ſelbſt wenn ſie ihn vor einer Züchtigung ſei⸗ nes Vaters hätte retten können! Er fühlte ſeine Liebe zu den Menſchen erkalten und ging finſter grollend weiter. Sein zweckloſer Weg führte ihn zum Hafen. Die ſchönen Schiffe mit ihren Segeln und Maſten, mit ihren im Winde 3 3 mn — 27— flatternden Wimpeln erfreuten ſein Herz, und ſein Kummer war ſchnell vergeſſen. Wie ſchön mußte es ſein, auf einem dieſer Schiffe die Welt zu durchſegeln, und alle jene herrlichen Gegenden zu ſchauen, deren Schilderung beim Leſen ſchon ſein Herz hatte freudiger hüpfen machen. Ein Boot, in welchem ein Mann mit einem Knaben ſaß, wollte ſoeben vom Lande abſtoßen. Charles bat ſo eindringlich ihn mitzunehmen auf das Schiff und ſeine dunkeln Augen blitzten dabei ſo muthig und fröhlich zugleich, ſeine rothen Lippen lächelten ſo vergnügt und begehrlich, daß der fremde Herr Gefallen fand an dem zutraulichen Knaben, und dem Bootführer befahl, den Knaben einſteigen zu laſſen. Charles ſchrie laut auf vor Freude, und machte, indem er ins Boot ſtieg, einen Luftſprung, der den Knaben, welcher neben dem Herrn ſaß, ein fröhliches Lachen entlockte. 1 Dies Lachen gewann Charles die Zuneigung des Fremden; denn der Knabe, ſein einziger Sohn, war kränklich und leidend, und ſelten war es, daß ſein Mund ſich anders als zu Klagelauten öffnete. Charles hatte den kranken Edward lachen ge⸗ macht! Dieſer Umſtand war es, ſo unbedeutend er erſcheinen mochte, der über ſeine ganze Zu⸗ kunft entſchied. — 28— Nicht die großen Dinge beſtimmen zumeiſt unſer Leben, ſondern gerade die Kleinigkeiten und Ge⸗ ringfügigkeiten; dieſe haben Throne geſtürzt und erhoben, Völker vernichtet und aufgerichtet. Des⸗ demona ſtarb um ein Taſchentuch, ein Kuß trug die Schuld der Sicilianiſchen Vesper, eine zu kurze Schleppe ſtürzte die Prinzeß Orſini, die funf⸗ zehn Jahre über Spanien geherrſcht, und ein Schnupfen ſeiner Mutter machte Canova zu einem Künſtler. Vielleicht wäre dem Knaben Canova nimmer der Gedanke gekommen, das Gewerbe ſeines Vaters, welcher ein Milchhändler und But⸗ terverkäufer war, aufzugeben, wenn nicht ſeine Mutter, welche die Butter zu machen und in For⸗ men zu bringen pflegte, erkrankt wäre, und es ihrem Sohn übertragen hätte, zum Feſte des No⸗ bili Falieri die Butter zu kneten; der ſchön gebil⸗ dete butterne Löwe des Knaben erregte Falieri's Aufmerkſamkeit, und er ließ Canova zu einem Bildhauer werden. Das Lachen eines kränklichen Knaben beſtimmte das Schickſal Charles, und erregte das Intereſſe des zärtlichen Vaters, der voll Theilnahme den fröhlichen, ſchönen Charles um den Zweck ſeiner Reiſe fragte. Charles erzählte einfach und wahr die Urſache derſelben, ſeine Flucht aus dem väterlichen Hauſe und ſeine kindlichen Leiden. In ſeinen offenen, unſchuldigen Mienen las — 29— der Fremde die Wahrheit ſeiner Ausſage, und beſchloß, ſich des Knaben anzunehmen. Vielleicht konnte deſſen Heiterkeit einen fortge⸗ ſetzten, wohlthätigen Einfluß auf ſein krankes Kind haben, dachte der Vater, und bat Charles, in ſei⸗ ner und des Knaben Geſellſchaft die Reiſe nach Jamaica, wo er große Pflanzungen beſitze, zu unternehmen, und dort bei ihm zu bleiben. Charles weinte und lachte in einem Athem, und umarmte das kranke Kind, deſſen Spielgefährte er nun geworden, und dem er verſprach, ihm bei⸗ nahe ſo gut zu ſein wie ſeiner kleinen Schweſter Iſabella daheim. Bald feſſelte die innigſte Zuneigung die beiden Knaben aneinander, und wenn Charles neben ſeinem Freunde Edward war, ſchien dieſer kaum noch zu leiden, ſo froh war ſein Blick, und ſolche freudige Röthe trat auf ſeine Wangen. Und mit welcher Liebe, mit welchem Selbſt⸗ vergeſſen pflegte Charles des Kranken. Er trug ihn aufs Verdeck, wenn die Sonne ſchien, und kniete neben ihm, dem armen Edward fröhliche Geſchichten zu erzählen, die ihn ſeine Leeiden vergeſſen ließen. Er wachte über ihm, daß nicht der kleinſte Windhauch Edward berühre, und beim erſten rauhen Lüftchen trug er ihn hinab in ſeine Hängematte, um neben ihm hingekauert ihn kleine Spiele zu lehren, die er für ihn erſonnen. 4 ——O———ę—Q—Oꝑ—QOꝭ·;/— Der leiſeſte Schmerzensſeufzer Srwards weckte Charles in der Nacht, und ließ ihn an das Lager ſeines Freundes eilen, um mindeſtens mit beſorg⸗ tem Zuſpruche ſein Leiden zu mildern. Und mit welcher vergötternden, krankhaft ge⸗ ſteigerten Zärtlichkeit hing Edward dafür an Char⸗ les. Er war der Inbegriff aller ſeiner Gedanken, ſeiner Liebe; er weinte, wenn Charles einen Augen⸗ blick nicht an ſeiner Seite war, und lachte unter Schmerzen, um Charles nicht zu betrüben. Selbſt die Liebe zu ſeinem Vater war in den Hintergrund gedrängt von dieſer Zärtlichkeit für den Freund, und Santöme, der Vater, zürnte ihm nicht, er war froh ſeinen Knaben glücklich zu ſehen. Als ſie ſo das Ziel ihrer Reiſe erreicht und auf dem herrlichen Landſitze Santoͤme's, der in Jamaica große Pflanzungen beſaß, angekommen waren, da war es Edwards erſter und dringendſter Wunſch, Charles möge mit ihm dieſelben Zimmer bewoh⸗ nen, ein Wunſch, der ihm natürlich ſogleich ge⸗ währt ward, und den Kranken mit jubelnder Freude erfüllte. Sicher aber übte das Zuſammenſein mit dem kranken Edward den wohlthätigſten Einfluß auf das Gemüth ſeines Freundes. Charles, von Natur unbändig und wild, leicht erregt und aufbrauſend, lernte, aus Liebe zu Ed⸗ ward, früh ſeine Leidenſchaften beherrſchen und unterdrücken, und mehr an Andere denken, als an ſich. Von Natur ſorglos und unüberlegt, lehrte die Liebe zu dem Leidenden ihn bald die zarteſte Rückſicht, und eine faſt weibliche Fürſorge für Andere weckte in ihm das Verlangen, zu thun, was Andern angenehm und willkommen, und machte ihn ſtets bereit, dieſes zu erfüllen. Zugleich ſchützte das feinſte Gefühl für das Bewußtſein deſſen, was er ſeinem Freunde war, das freudige Gefühl ſeiner Unentbehrlichkeit ihn vor dem drückenden Gedanken, ſtets nur der Em⸗ pfänger von Wohlthaten zu ſein, ein Gefühl, was ſo leicht dem Charakter etwas Serviles und Un⸗ terwürfiges verleiht. Frei und unbefangen, glücklich und froh war Charles in dem fremden Hauſe, in welchem er ebenſo ſehr ein Gebender als Empfangender war. Und unter der Pflege ſeines Freundes, unter ſeinem heitern und ſtärkenden Zuſpruche ſchien des von früheſter Kindheit an leidenden Edwards Geſund⸗ heit ſich zu feſtigen, und er war gekräftigt genug, um nun auch an das Erkräftigen ſeines geiſtigen Lebens denken zu laſſen. Eiin Hofmeiſter ward ins Haus genommen, und beide Knaben lernten mit einem Eifer, der den Vater wie den Lehrer in Erſtaunen ſetzte. In einigen Monaten hatten ſie die Vernach⸗ läſſigung mehrerer Jahre überholt, und der Eifer und Fleiß des Einen ſchien ſich ſtets neu zu be⸗ leben und zu ſtärken an dem des Andern. Glückliche Jahre vergingen ſo, als Edwards Geſundheit plötzlich einen Rückfall erlitt, der ihn mit ſchnellen Schritten dem Grabe zuführte. Aber vor ſeinem Tode war es ſein letzter Wunſch, ſeine letzte Bitte an ſeinen Vater, der mit Charles weinend an Edwards Lager kniete: es möchte der Vater ſeinen Freund, ſeinen Bruder hinfort als Sohn an ſeiner Statt annehmen, möchte ihn lieben wie ein Vater, und ihn zum Erben ſeines Namens und ſeiner Güter machen. Als Santöme dies in die Hand ſeines Soh⸗ nes gelobt, und Edward die Hände der Beiden, die er auf Erden ſo ſehr geliebt, ineinander ge⸗ . fügt, ſank er zurück mit einem ſeligen Lächeln und ſtarb. Grenzenlos war der Schmerz des vereinſamten Freundes, unaufhaltſam floſſen ſeine Thränen, 4 und langer Jahre bedurfte es, um ihm ſeine Hei⸗ terkeit und ſeinen Frohſinn wiederzugeben; aber er war niemals wieder ſo ungetrübt und rein wie früher, und nimmer, weder im Rauſche der Luſt, weder beim heitern Feſte, noch in einſamer Kam⸗ mer, ja ſpäter ſelbſt nicht im Arm der Liebe ver⸗ gaß Charles den Freund, der die erſte und unge⸗ heitteſte Zärtlichkeit ſeines jungen Herzens beſeſſen. Dieſer Schmerz aber reifte ſchnell ſeinen Cha⸗ rakter und verlieh ihm diejenige Feſtigkeit und Be⸗ ſtimmtheit, deren ſeine von Natur etwas leicht⸗ ſinnige Gemüthsart bisher ermangelt hatte. — 33— Er widmete ſich nun mit Eifer den Studien, und während die Dichter ſein Herz entzückten und die Wiſſenſchaften ſeinen Geiſt kräftigten, erhielt der ſtete Umgang mit der Natur ſein Gemüch friſch und jugendvoll, und bereitete ihm täglich neue Freuden. Fiſchfang und Jagd, müßiges Umherirren in den tiefen Wäldern oder Schaukeln auf ſchwankendem Kahne, alle dieſe Freuden, die der unmittelbare Umgang mit der Natur verleiht, waren ſein, und ließen ſein Inneres wie ſeine Wangen in heiterſter, unſchuldsvollſter Friſche er⸗ blühen. Er war ein Jüngling, wie man ihn nimmer in großen Städten finden kann, voll Wahrheit und Unſchuld, voll Glauben und voll Hoffnung, erfüllt von einer bewundernden Liebe für die Men⸗ ſchen, wie nur die völlige Unkenntniß derſelben ſie zu bewahren vermag, und neben aller Tiefe und allem Ernſte von einer kindlichen Heiterkeit und Unbefangenheit. Grenzenlos war ſeine Liebe zu Santöme, deſſen Adoptivſohn er geworden, und der mit väterlicher Zärtlichkeit an ihm hing, groß war des Armen Schmerz, als ihm der Tod auch dieſen letzten Freund raubte, und ihn ganz verein⸗ ſamt in einer fremden Welt zurückließ. Eine unbeſchreibliche Oede und Leere kam nun über ihn, er hatte Niemand mehr zu lieben, für Niemand mehr zu ſorgen, und ſein Herz dürſtete ſo ſehr nach Liebe, nach einem Weſen, dem er Bonners. II. 3 — 834— rückhaltlos ſich ergeben, dem er ſeine ganze ſchöne und unſchuldige Zärtlichkeit weihen könnte. Und jetzt dachte er an ſeine erſte Heimath, da er hier die zweite verloren, er dachte an ſein klei⸗ nes Schweſterlein mit ihren glänzenden, holden Augen, und fühlte eine unbeſchreibliche Sehnſucht nach ihr. Er dachte an ſeinen Vater, deſſen fin⸗ ſteres Stirnrunzeln und liebeleere Blicke die Zeit längſt aus ſeiner Erinnerung verwiſcht hatte, und zu dem er nur eine unendliche und bereuende Sohnesliebe empfand. Er dachte an das ſchöne England, an das Ge⸗ woge und Gewühl in den Straßen Londons, an das luſtige Getreibe im Hafen, und ſein Herz hüpfte auf in glühendem Heimathsverlangen. Dop⸗ pelt heiß, weil ſie ſo lange geſchwiegen, erwachte nun die Sehnſucht nach den Seinigen, nach der Heimath überhaupt. Selbſt an dem kleinen Häus⸗ chen ſeines Vaters, an dem beſchränkten Gärtchen hinter demſelben, an jedem Stuhl, an jedem Tiſch— und alles dieſes ſtand jetzt in lebendigen Farben vor ſeiner Seele— haftete ſeine Sehnſucht. Er ſetzte einen Verwalter ein in die reichen, von ſeinem Adoptivvater ererbten Pflanzungen (denn ſie zu veräußern, ſchien ihm ein Unrecht gegen ſeinen Vater, dem er verſprochen, ſie zu pflegen und ſeinen Unterthanen und Sklaven ein Vater zu ſein), und nach wenigen Wochen trug ein Schiff ihn nach Europa. „ — 35— Wir haben geſehen, zu welcher Stunde er die Heimath erreichte, und wie er dann, getreu ſeinem Schwure, den Entführer und Dieb zu verfolgen begann, dem er die geraubten Güter, nicht aber die Schweſter gönnte, nicht Iſabella, welche das einzigſte Weſen auf Erden war, das ihm gehörte. Sehnſucht und Liebe hatten ihn ſeiner Einſam⸗ keit und dem Frieden mit ſich und der Natur entriſſen, und ihn hineingetrieben in das Geräuſch und den Unfrieden einer Welt, die er nicht anders kannte als aus ſeinen Büchern und Träumen. Wird ſeine Sehnſucht geſtillt werden, und die Welt die Liebe, welche er ihr darbringt, nicht er⸗ tödten? 8 3 8 IV. Ein Abentener. „Ich bin es überzeugt, Bonners liebt Dich, meine Lenore. Ich ſah ihn nie ſo aufmerkſam gegen irgend eine Dame, wie er es ſeit einigen Wochen gegen Dich iſt!“ „Vielleicht, Mama, iſt dies nur, weil ich Ca⸗ milla's Schweſter bin, die Schweſter derjenigen, die er liebte!“ Der Baronin Geſicht verfinſterte ſich.„Wie oft, Lenore, habe ich Dich ſchon gebeten, den Na⸗ maen dieſer Unwürdigen nicht mehr auszuſprechen! Warum wollen wir uns nicht eine Mißempfindung erſparen, wenn es in unſerer Macht iſt? Zudem, mein Kind, ziemt es der Tochter, Deiner Mutter nicht, die Erinnerung an diejenige zu bewahren, die ſich des Namens, den ſie trug, unwürdig zeigte. „Mama, ſie fehlte aus Liebe!“ „Liebe, ich bitte Dich, laß mich dies abge⸗ . 6 brauchte und vergriffene Wort nicht mehr hören! Die Liebe iſt ein Ding, welches ſich in Romanen ganz gut ausnimmt, aber im Leben nur zu Unheil und Verderben führt. Die Liebe zu regeln durch die Vernunft, das iſt des Weibes Aufgabe; und ich hoffe, meine Lenore iſt verſtändig genug, um von dieſem Rococogefühle niemals ihren Geiſt blenden zu laſſen!“ „Mama, fragte Lenore mit feinem Lächeln, haben Sie nie geliebt?“ „Wohl, mein Kind, aber niemals außer den Grenzen, welche meine Vernunft gezogen.“ „Und welches waren dieſe Grenzen?“ .„Ich ſprach niemals mit Jemand, der mir nicht vorgeſtellt worden, und ſo wußte ich ſogleich den Rang und Stand aller Herren, mit denen ich verkehrte, und konnte mir ſagen, mit welchen es mir erlaubt ſei zu lächeln und zu ſprechen, und welche Andere ich ſtets in kalter, ſtolzer Ferne zu halten hätte. Und ſo konnte ich alſo auch nie in eine unpaſſende und üble Lage verwickelt werden. Mein Kind, laſſe Deine Bewunderer ſtets nur aus ſolchen beſtehen, die von gutem alten Adel und vermögend ſind, oder, wenn der Adel fehlt, muß wenigſtens der Reichthum dieſen Mangel erſetzen. Andere dürfen für ein Mädchen von Stande gar nicht exiſtiren. Und da Bonners mindeſtens durch Millionen den Mangel ſeiner Geburt zu decken weiß, ſo dächte ich, Lenore, Du zeigteſt Dich etwas — — 38— weniger kalt und zurückhaltend gegen ihn, wie die⸗ ſes in der That der Fall iſt.“ „Mama, ich kann das Verletzende des Ge⸗ fühls nicht überwinden, die Zweite zu ſein, welche er begehrt. Ja, ſo oft ich ihn nicht ſehe, ſo weiß meine Vernunft mit tauſend Gründen mich zu überreden, daß ich dieſem Bonners, dieſem Millionair freundlicher mich zeigen ſollte, und wenn ich dann mit dieſem Vorſatze ihm begegne, ſo erwacht ſogleich mein Stolz, und bannt das Lächeln von meiner Lippe, indem er mich erinnert, daß er nur um mich wirbt, weil eine Andere ſeine Hand ausgeſchlagen! Dies iſt demüthigend! Mama, ich bin zu ſtolz, um coquet ſein zu können!“ „Und es iſt gut, daß Du ſchön genug biſt, um deſſen nicht zu bedürfen. Und jetzt, mein Kind, laß uns noch einige Anordnungen treffen zu un⸗ ſerm heutigen Feſte. Es liegt mir viel daran, daß dieſes ſo geſchmackvoll als glänzend ſei, da es in dieſer Saiſon die erſte größere Soirée iſt, die wir geben. Ich dächte, Lenore, Du führeſt hinaus in die Villa, um die ſchönſten Gewächſe und Blu⸗ men aus unſerm Treibhauſe auszuwählen, und hierher zu beordern.“ „Mama, ſagte Lenore zagend, mir bangt nur, ſo allein zu fahren. Du weißt, das neue Pferd iſt wild und ſcheu!“ „Keine Furcht, mein Kind! Jean hat mir verſichert, daß durchaus nichts zu fürchten iſt.“ — 39— Die Baronin ſchellte, und befahl anzuſpannen. Nach einer Viertelſtunde beſtieg Lenore den Wagen, um auf die Villa zu fahren. Sie fühlte ſich ſeltſam beklemmt und ängſtlich, bei jedem Biegen um eine Straßenecke ſchreckte ſie zuſammen, und wirklich ſchien ihre Furcht nicht ungegründet. Bald in wilden Sätzen, bald in heftigem Rennen zeigte das eine der Pferde ſein Erſchrecken vor die⸗ ſem und jenem noch ſo unbedeutenden Gegenſtande. Ein ſchreiender und jubelnder Schwarm Gaſſen⸗ buben, einen laut predigenden Betrunkenen in ihrer Mitte, kam jetzt die Straße daher. Es mochte ſein, daß das laute Schreien und Kreiſchen, oder das Hüte⸗ ſchwenken das Thier erſchreckte; es machte, während der Kutſcher, nach dem Toben der Buben horchend, die Zügel ſchlaffer ließ, einen raſchen Satz vor⸗ wärts, und nun, das andere Pferd mit ſich fort⸗ reißend, ging es in raſendem Laufe dahin. Schreiend zerſtiebte die Menge vor den wilden, losgelaſſenen Pferden und dem dong ühnlich hen Getöſe des da⸗ hinbrauſenden Wagens. Ein Stoß beim Bi in die Straße hinein n nem Bocke geſch leudert. Weiter, immer weiter ging die raſende Fahrt. Umſonſt rief Lenore aus dem geöffneten Kutſchen⸗ fenſter um Hülfe, Niemand wagte es, den raſen⸗ den Thieren, die bei jeder Annäherung nur noch wilder dahinbrauſten, nahe zu kommen. um die Ecke, und weit der Kutſcher von ſei⸗ — 40— Der Wagen ſchwankte von einer Seite zur andern, und drohte umzuwerfen. Jede Straßen⸗ ecke zeigte Lenoren die Gefahr, an der ſcharfen Mauerkante den Wagen zerſchellt, ſich ſelber ver⸗ nichtet zu ſehen. Bleich wie der Tod, rief ſie noch immer um Hülfe, aber das laute Donnern der Räder über⸗ hnte ihren ſchwachen Ruf. Da ſtürzte aus einem Hötel, vor dem die tolle Fahrt eben vorüberging, ein junger Mann hervor. Unerſchrocken griff er den Pferden in die Zü⸗ gel; ſie ſchreckten einen Augenblick zurück, ſtutzten, ſprangen dann vorwärts, den Jüngling, der noch immer ſie zurückzuhalten ſuchte, niederreißend, und ihn unter ihren Hufen tretend. Aber mit Rieſenkraft ſprang dieſer wieder em⸗ por, und an den noch immer erfaßten Zügeln die Thiere zurückdrängend, zwang er ſie endlich zum Stehen. Jetzt waren auch no geeilt, und während u mächtig im Wagen leh ehülflich war auszu⸗ ſteigen, ſank ihr großmüthiger Retter, aus einer Kopfwunde blutend, beſinnungslos zuſammen. Lenore ſah es, und ſofort fühlte ſie ihre eigene Schwäche vergehen, und eilte zu dem Verwun⸗ deten hin, ihm beizuſtehen. Die edlen, bleichen Züge, der elegante mo⸗ derne Anzug ſagten ihr, daß ihr Retter zu der andre Menſchen herbei⸗ ore, die kaum ihrer — 41— vornehmeren Klaſſe der Geſellſchaft gehöre, und ſelbſt in dieſem peinvollen Augenblicke fühlte das ſtolze Mädchen eine Art Freude über dieſe Ent⸗ deckung. Auf ihre Bitte ward von der nächſten Straßen⸗ ecke ſchnell ein Miethswagen herbeigeholt, und ſorgſam ließ Lenore den noch immer Bewußtloſen hinein heben, und ſich neben ihn ſetzend, befahl ſie nach dem Hötel der Baronin Saumont zu fahren. In dieſem Augenblicke trat ein Mann an den Wagen, und ſich als den Wirth jenes Hötels be⸗ zeichnend, welches der Herr vorher verlaſſen, um Lenoren beizuſtehen, und welches dieſer ſeit acht Tagen bewohne, bat er, zu erlauben, daß man den Herrn in ſein Hötel und in ſeine Zimmer trage. „Er iſt alſo fremd hier?“ fragte Lenore. „Ja, mein Fräulein; ich denke, er iſt ein Engländer.“ 1 „Iſt er allein, ohne weibliche Begleitung?“ „Ganz allein!“ 1 „Nun alſo,“ ſagte Lenore mit einem gewin⸗ nenden Lächeln,„ſo müſſen Sie mir ſchon erlau⸗ ben, ihn zu meiner Mutter zu führen. Er hat für mich geblutet, und bedarf der weiblichen Pflege.“ Der Gaſtwirth verneigte ſich ſtumm einwilligend. „Wiſſen Sie den Namen des Herrn?“ „Herr Charles Santoͤme!“ — 12— „Ach, ein franzöſiſcher Name! Nun denn vorwärts! Und hören Sie, mein Herr, ſollten ſie Beſtellungen an den Herrn haben, hier iſt die Karte meiner Mutter.“ Langſam ſetzte ſich der Wagen in Bewegung, und endlos däuchte Lenoren die Zeit, ehe ſie an ihrem Hötel angelangt waren. Bald nahm ein ſtilles, dunkles Zimmer den Kranken auf, der herbeigerufene Arzt ließ ihm zur Ader, und unterſuchte ſeine Wunde. Sie war zwar bedeutend, aber nicht gefährlich, erforderte jedoch ſorgſame Behandlung und unaus⸗ geſetzte Pflege. Eine erprobte Krankenwärterin ward angenom⸗ men, und ſo befand ſich denn Charles Santöme ſanft gebettet und wohl gepflegt in dem Hauſe der Baronin. Dieſe hatte indeſſen ſich von Lenoren den Her⸗ ang der Begebenheit erzählen laſſen, und ſagte, als dieſe geendet:„Allerdings muß ich es billigen, daß Du Deinen Retter nicht dem Gaſtwirth über⸗ geben wollteſt. Denn da er ſeinem Aeußern nach wirklich von Stande zu ſein ſcheint, ſo iſt dies die einzige Art, ihm unſere Dankbarkeit zu be⸗ zeigen. Freilich wäre es mir lieber geweſen, Dein Retter wäre von niedrigem Stande,— wir hätten uns dann leicht mit Geld abfinden können, und keine weiteren Pflichten der Dankbarkeit gehabt. Es iſt niemals gut, einem Fremden verpflichtet — 43— zu ſein, und um ſo unangenehmer, wenn er von Stande iſt. Ich kann nun dieſem Menſchen mei⸗ nen Salon nicht verweigern, während ich vielleicht ſonſt ihm nimmer Einlaß geſtattet haben würde.“ „Ach, liebſte Mama!“ ſagte Lenore mit mit⸗ leidsvollem Lächeln,„es mögen noch viele Wochen vergehen, ehe der Arme ſo weit hergeſtellt iſt, ir⸗ gend einen Salon betreten zu können; auch meine ich, wir ſollten jetzt an keine weitern Rückſichten denken, als an diejenigen, welche die Dankbarkeit uns gegen den auferlegt, welcher der Retter mei-: nes Lebens war.“ 8 „Pah!“ ſagte die Baronin;„ich denke, ſo gar ſchlimm würde es nicht gekommen kein. Was konnte Dir denn in einem wohlverſchloſſenen Wa⸗ gen widerfahren!— Und nun, mein Kind, laß uns an wichtigere Dinge denken. Der Schneider hak Deinen Anzug für heute Abend gebracht. Es wird nöthig ſein, ihn zu verſuchen.“ „Aber unmöglich, liebſte Mutter, kann es Dein Ernſt ſein, daß heute Abend der Ball ſtatt⸗ haben ſoll!“ „Warum nicht?“ fragte die Baronin, die imn der That nicht begriff, welch ein Hinderniß ſich dem Feſte entgegenſtellen möchte. „Aber, Mama, während ein ſchwer Verwun⸗ deter, einer, der um meinetwillen blutete, unter unſerem Dach iſt, und Todesſchmerzen leiden mag, ſoll das Geräuſch unſeres Feſtes zu ihm dringen, — 44— und die Töne luſtiger Tanzmuſik ſich miſchen mit den Klagelauten des Leidenden?“ „Mein Kind,“ erwiederte die Baronin ernſt, „nur keine Uebertreibungen, keine Empfindeleien! Wir haben dieſen Fremden in unſer Haus auf⸗ genommen, geben ihm Pflege und Hülfe,— dies iſt wahrlich ſchon mehr, als wir zu thun verpflich⸗ tet waren, vielleicht mehr, als gut ſein mag. Ver⸗ giß nun aber nicht, daß dieſer Herr uns ein Frem⸗ der iſt, und auf keine weitere Theilnahme und Berückſichtigung Anſpruch zu machen hat. Auch muß ich Dich bitten, während der Zeit, daß der Kranke ſein Zimmer nicht verlaſſen kann, nicht zu ihm zu gehen. Wir werden uns jeden Morgen nach ſeinem Befinden erkundigen laſſen, das iſt genug der Aufmerkſamkeit!— Und jetzt, mein Kind, komm auf Dein Zimmer! Laß uns Deinen Anzug verſuchen!“ Aber Lenore war an dieſem Abend ſtill und zerſtreut. Ihr Auge blickte ſtolzer noch als ſonſt, ihr Betragen war zurückſtoßender und kälter, und mit wahrhaftem Schrecken ſah die Baronin, mit wwiie ſtrengen und abweiſenden Blicken Lenore alle Artigkeiten des reichen Bonners erwiederte. „So wollen Sie alſo heute Abend gar nicht tanzen, Gnädigſte?“ fragte Bonners, der heute einer ſeiner heiterſten und unbefangenſten Launen zu haben ſchien. „Nein, in der That, ich finde heute keine — 45— Freude am Tanz!“ ſagte Lenore und ſetzte ſich auf einen Seſſel. Sogleich nahm Bonners neben ihr Platz. „Sie ſind ſo gütig, Fräulein, mir Gelegen⸗ heit zu geben, mitten im Geräuſche dieſes Feſtes eine ſtille Stunde mit Ihnen plaudern zu können?“ Bonners pflegte gern durch abſichtliche Unver⸗ ſchämtheit den Damen zu imponiren. Bei Lenoren verfehlte er ſeinen Zweck. Sie ſah ihn mit Eiſes⸗ kälte an, und erwiederte:„Ich wüßte nicht, Ihnhen jemals Veranlaſſung gegeben zu haben, an ſolche ii Gunſtbezeigung glauben zu dürfen.“ Und ſie ſtand auf, um nach einem andern Theile des Saals zu gehen. „Teufel, ſie iſt ſtolz!“ murmelte Bonners, als er aufſtand, ihr zu folgen.„Das gefällt mir. Ein ſtolzes Weib, einmal beſiegt, iſt dann auch die Demüthigſte.“ „Wiſſen Sie, Gnädigſte!“ ſagte er und ſtand wieder neben Lenoren,„wiſſen Sie, daß Ihre Worte vorher, von jeder andern Dame geſprochen, mich für immer aus ihrer Nähe gebannt haben würden?“. „Und warum machen Sie bei mir eine Aus⸗ nahme?“ fragte Lenore ſpitzig. „Weil das Eiſen vom Magnet nur angezogen und niemals abgeſtoßen werden kann, Gnädigſte!“ „Ein ſehr gewöhnliches Compliment!“ 4„Natürlich! Phraſen, die ich mir auswendig 5 — 46— gelernt habe, weil Sie mir verboten, die Sprache, welche meinem Herzen entquillt, zu Ihnen zu ſprechen!“ „Haben Sie wirklich ein Herz?“ „Wollen Sie mir erlauben, Sie davon zu überzeugen?“ „Kann ich die Ehre haben, dieſe Mazurka mit Ihnen zu tanzen?“ fragte in dieſem Augenblicke der Baron Voiſin Lenoren. „Nein, beſter Baron, wir tanzen heute Abend nicht!“ erwiederte Bonners lachend. Lenore erröthete vor Unwillen, und ſtand auf, um dem Baron zum Tanze zu folgen. „Ich gewinne meine Wette!“ dachte Bonners. „ch ſehe Alles klar. Lenore iſt zu kalt, um einen Andern zu lieben, und zu vernünftig, um nicht den klugen Berechnungen ihrer Mutter Gehör zu geben, die ihr täglich wiederholt, daß der Millionär Bonners die beſte Partie in Paris iſt.“ „So allein?“ flüſterte eine weibliche Stimme neben ihm.„Woran dachten Sie eben?“ Bonners blickte auf, und erkannte die Mar⸗ quiſe S..„Ich dachte darüber nach, Theuerſte,“ flüſterte er leiſe,„wodurch ich wohl das Unglück gehabt, heute Ihr Mißfallen zu erregen. Nicht einen einzigen Blick, nicht ein Lächeln mehr, Katha⸗ rina, für Deinen verzweifelnden Liebhaber?“ „Sahſt Du denn nicht, mit welchen argwöh⸗ niſchen Blicken mich mein Gemahl heute verfoſtt? 4*— 47— Er iſt eiferſüchtig, und ſchöpft Verdacht. Ich glaube, meine Kammerfrau iſt nicht verſchwiegen genug.“ „So wollen wir ihr den Mund mit einigen hundert Francs ſtopfen. O über die Macht des Geldes! Alles iſt käuflich. Aber nicht wahr, Deine Liebe nicht, Katharina?“ „Willſt Du mich kränken, Theuerſter?“ „Darf ich Dich morgen ſehen, Katharina? Du lobteſt neulich den Diamantſchmuck der Her⸗ zogin Fayr. Ein ähnlicher iſt für Dich angefertigt. Ich möchte ihn ſelbſt um Deinen Nacken legen.“ „Wie gütig Du biſt, Geliebter! Und wie innig lieb ich Dich!“ Um Bonners Lippen zuckte ein ſpöttiſches Lächeln. „ V. Lebewohl. — 1 In kürzerer Zeit, als der Arzt vermuthet hatte, war Santoͤme im Stande, das Bett zu verlaſſen, und, auf den Arm der Wärterin geſtützt, langſam in das Wohnzimmer der Baronin hinabzugehen, um dort in halb liegender Stellung auf dem be⸗ quemen Lehnſtuhle mehrere Stunden in Geſellſchaft der Damen zuzubringen. Die Baronin hatte ſich nur ſehr widerſtrebend entſchloſſen, dem Fremden dieſe Gunſt zu gewäh⸗ ren; nur des Arztes Verſicherung, es ſei demn langſam Geneſenden Zerſtreuung und Aufheiterung durchaus nothwendig, und, mehr als dies, Leno⸗ rens Schmeichelworte und inſtändiges Bitten hat⸗ ten die Baronin vermocht, die„déhors“ ſo weit zu vergeſſen; auch hatte ſie zu ihrer eigenen Be⸗ ruhigung den Bedienten befohlen, Niemand in ihr Wohnzimmer zu laſſen, ſondern alle Beſuche ohne 3 Unterſchied in den Salon zu führen, und da der — 419— Arzt dem Patienten nur den Umgang und Verkehr mit den Damen des Hauſes erlaubt, aber andere Ge⸗ ſellſchaften als zu aufreizend verboten hatte, ſo durfte die Baronin mit gutem Grunde Santöͤme hinwie⸗ derum den Eintritt in den Salon verweigern. So wird es mir gelingen, dachte die kluge Dame, dieſen Santöme erſt zu ergründen und auszuforſchen, ob er es würdig iſt, in der haute volée zu erſcheinen, und ob ich kein affront davon haben werde, wenn es bekannt wird, daß er in meinem Hauſe gewohnt. Sicher war dieſe Berechnung klug und richtig, und die Baronin hatte dabei nur eins vergeſſen, nämlich, daß, während ſie Beſuche im Salon empfing, Santoͤme im Wohnzimmer allein war mit Lenoren. Niichts iſt aber gefährlicher als das öftere vertrauliche Miteinanderſein derjenigen, welche von der hergebrachten Sitte einmal darauf angewieſen ſind, ſich nur unter der Obhut älterer Perſonen zu ſehen und zu ſprechen. Und Lenore war dieſem jungen Manne zu Dank verpflichtet; für ſie war es, daß er litt, für ſie dieſe bleichen Wangen, dieſe ermatteten Glieder, für ſie ſeine Schmerzen! 3 Und Lenore war das erſte Mädchen, mit dem Santöme, der in der Einſamkeit und Abgeſchieden⸗ heit von allem weiblichen Verkehr Aufgewachſene, in nähere Berührung kam! 6 Bonners. II. 4 — 50— Santöme war ſo ganz anders, als alle die jungen Herren, welche Lenore bisher geſehen, und Lenore war ſo ganz anders, als alle die Mädchen, die Santoͤme in ſeiner Pflanzung jemals Gelegen⸗ heit gehabt zu ſehen! Santöme hatte aber in der That faſt gar keine Gelegenheit gehabt, mit gebildeten Frauen zu ver⸗ kehren; ſeine Bekanntſchaft der Weiber beſchränkte ſich faſt nur auf die Stlavinnen ſeiner Pflanzun⸗ gen, und vor dieſen hatte er ſtets einen unüber⸗ windlichen Widerwillen gezeigt. Lenore ihrerſeits war nimmer in ſo unge⸗ zwungenem und täglichen Verkehr mit irgend ei⸗ nem der Herren ihrer Bekanntſchaft gekommen; ihre ganze Kenntniß der Männer beſchränkte ſich auf die Stunden, welche ſie mit ihnen bei irgend einem Feſte oder einer Geſellſchaft verbracht hatte. Santoͤme ſchien ihr anders, ganz anders, als alle dieſe Herren, deren fades Geſpräch ſie oft gelang⸗ weilt,— auch iſt in der That kein Ort weniger geeignet, die Männer kennen zu lernen, als gerade ein Salon. Für Frauen iſt dies der Ort, wo ſie alle ihre Liebenswürdigkeit entfalten, alle ihre klei⸗ nen Reize ſpielen laſſen können; ein Weib in ei⸗ nem Salon iſt wirklich in ihrem Element, wäh⸗ rend der Mann in demſelben gerade ſeinem Ele⸗ ment entrückt wird. Sie iſt dort am ungezwun⸗ genſten, am heiterſten, er am unbeholfenſten und ſchwerfälligſten. Der klügſte Mann gerade er⸗ — 51—. ſcheint in einem Salon leicht als ein Dummkopf, der nichts zu reden weiß als vom Wetter, wäh⸗ rend der Geck ihm gegenüber gerade hier mit un⸗ verſchämteſter Dreiſtigkeit all ſein bischen Wiſſen zur Schau trägt, und neben dem Gelehrten klug erſcheint, blos weil er frech iſt. Sicher würde Santoͤme mit ſeinem harmloſen Weſen, mit ſeiner jugendvollen Heiterkeit, ſeinem unſchuldigen Frohſinn und ſeinen natürlichen, un⸗ gezwungenen Manieren in einem Salon Lenoren als unbeholfen und komiſch erſchienen ſein, und ſie möchte es leicht vermieden haben, mit dieſem „ungalanten, jungen Wilden“ in Berührung zu kommen;— anders war es nun in dem traulichen, ungezwungenen Miteinanderſein. Hier entfaltete ſich des jungen Mannes ganze Liebenswürdigkeit, und täglich neu erkannte Lenore mit entzückter Seele die tauſend Vorzüge ihres Retters und Freundes: ſein gutes, unſchuldsvolles Herz, ſeine edle, unbefleckte Seele, ſeine hochherzige Geſinnung, und täglich neu fühlte Santöme, daß Lenore in Wahrheit jenem Ideale gleichkomme, das er in der Einſamkeit ſeiner Pflanzungen ſich in ſeinen Träumen und Phantaſien von dem Weibe geſchaffen, und das er bisher unerreichban gewähnt! Wenn er in der Harmloſigkeit und Wahrheit ſeines Weſens ihr erzählte von dem Freunde ſei⸗ ner Jugend, von dem, der ihm ein zweiter Vater 4* 4 ———õ——yÿ— — 52— geweſen, und ihn zum Erben aller ſeiner Güter gemacht, wenn dann ſein Auge leuchtete und eine dunklere Glut ſeine Wangen bedeckte: dann meinte Lenore nie ein erhabeneres und edleres Angeſicht geſehen zu haben, und die Thränen, die bei der Erzählung von dem Tode ſeines heißgeliebten Freun⸗ des Lenorens Augen befeuchteten, dünkten ihn ein köſtlicher Schmuck dieſes holden Angeſichts und machten ſie ſeinem Herzen noch theurer. Oft erzählte er ihr von ſeiner fernen Hei⸗ math— denn ſeit er in England Alles verloren, was ihn an dieſes Land gefeſſelt, däuchte ihm in der That Jamaika, wo er erzogen und eigentlich erſt zum Leben erwacht, ſeine Heimath;— er ſchilderte ihr mit der ihm eigenen Glut die Schönheiten des Landes, die Fremdartigkeiten der Sitten und Lebenseinrichtungen, er ſprach zu ihr von den beiden Gräbern, welche ſeine Theuerſten in ſich ſchloſſen, und die er ſelbſt mit den ſchön⸗ ſten Blumen bepflanzt. Er ſchilderte ihr ſeine Beſitzung, ſeine Villa, und ſprach in begeiſterten Worten von dem hohen Glücke, in dieſe ſchöne, paradieſiſche Einſamkeit zurückzukehren. 3„Und doch verließen Sie dieſe Heimath, weil ſie Ihnen zu einſam und öde war?“ fragte Le⸗ nore lächelnd. „Auch denke ich, nimmer allein dahin zurück⸗ zukehren,“ ſagte Santöme lebhaft,„ſondern nur an der Hand derjenigen, die mir meine Heimath — 53— zum Paradieſe machen würde, wenn ſie dieſe auch zu der ihren machen wollte!“. Lenore erröthete tief und ſchlug vor den glü⸗ henden Blicken Santöme's die Augen nieder. Er aber empfand ein unnennbares Glück; denn er fühlte ſich verſtanden, und Lenorens Be⸗ fangenheit, ihr Erröthen ſagte ihm, daß ſie ihm nicht zürne. Santöme hoffte! Auch war in dem Charakter der ſtolzen, der kalten Lenore eine weſentliche Veränderung vorge⸗ gangen. Der ſtrenge, ruhige Blick ihres Auges war geſänftigt durch ein milderes Lächeln ihrer purpurnen Lippen, war minder kalt und hehr; der Athem hob nicht mehr in gleichmäßiger Bewegung ihren Buſen, er war oft ſtürmiſch und wild, oft zu langen Seufzern gedehnt, und in ihrem Herzen empfand ſie ein bisher ihr unbekanntes Gefühl des Sehnens und Glückes. Nicht mehr ſuchte ſie dies Glück allein in dem 3 Beſitze des Reichthums, in der Macht, ſich über Alle zu erheben, Allen zu gebieten, über Alle zu herrſchen, Lenore lernte verſtehen, daß es ein ſchb⸗ neres und innigeres Glück ſein müſſe, von dem⸗ jenigen beherrſcht zu ſein, dem in Liebe ſich un⸗ terzuordnen eines Weibes ſtolzeſte Wonne ſein müßte; ſie lernte begreifen, daß eine Einſamkeit an der Seite des Geliebten, umgeben von dem Frieden der Natur, unendlich ſchöner ſein könne, als das glänzendſte Salonleben, und daß es ˙44 — 54— herrlicher ſein möge, mit ſeinem Reichthume den Armen und Dürftigen beizuſtehen und ihnen zu helfen, als ihn hinzugeben für nichtigen Glanz und eitlen Prunk. Santöme, in der Offenheit ſeines Weſens, hatte ihr oft von dem Umfange ſeiner Beſitzungen, von deren Ertrag und Werthe geſprochen. Er war wohlhabend, aber nicht reich nach Le⸗ norens Begriffen. Der Erlös aller ſeiner Be⸗ ſitzungen würde kaum hinreichen, um in Paris ein Leben zu führen, wie ſie es jetzt in dem Hauſe ihrer Mutter gewohnt war, und dies hatte ſonſt nimmer ihren hochfliegenden Planen genügen können. Aber jetzt empfand Lenore, daß auch ein mä⸗ ßigeres Vermögen hinreichen könne, um ihr an der Seite des Geliebten ein glückliches Loos zu bereiten, und daß ſie, eingefriedigt in die ſtille Häuslichkeit, nichts wünſchen möchte, was ihren Mitteln unerreichbar ſei. Wohl waren die Träume ſüß, die ſie von der Zukunft träumte, voppelt ſüß, weil ſtets vermiſcht mit dem ſchmerzvollen Bangen, ſie möchten ſich wirklich nur als Träume ausweiſen, und nimmer zur Verwirklichung gelangen. Noch war das Wort der Liebe nicht zwiſchen ihnen geſprochen, aber in ihren Blicken, in ihren Mienen, in tauſend kleinen, nur den Liebenden verſtändlichen Zeichen hatten ſie geleſen, was ſie — 55— für einander empfanden, hatten ſie ſich Bekennt⸗ niſſe gemacht, welche auszuſprechen ihre Lippen bisher zu ſcheu geweſen. Aber das, was Santöͤme in Lenorens Blicken geleſen, genügte ihm, um ihr Geſchick für unauf⸗ löslich an das ſeine gekettet zu glauben; in der Unerfahrenheit und Unſchuld ſeines Herzens meinte er, ein Lächeln, ein Liebesblick, ein Druck der Hand von der Geliebten enthalte ebenſo viele Kiebesſchwüre, wie nur je ſie in Worte gefaßt ſein konnten. Ja, noch heiliger und höher däuchte ihm in der Schwärmerei ſeiner erſten Liebe das unaus⸗ geſprochene, ganz geiſtige Gelübde als das ſchon gewiſſermaßen durch das Wort verkörperte. Das 4 Gelübde ewiger, unausſprechlicher Liebe war mit Blicken gegeben, er eilte nicht, es in Worten zu wiederholen. Die Liebe ſchien ihm wie die Knospe der Lotosblume, welche verwelkt bei der Berührung; — er wollte aber ihr volles Erblühen ſehen und genießen, und fürchtete die Berührung der Knospe. Und dann mit unheimlichen Ahnungen erinnerte er ſich zuweilen des ſeinem ſterbenden Vater ge⸗ leiſteten Schwurs. In der Hand des Sterbenden hatte er mit feierlichem Eide gelobt, nimmer zu ruhen, bevor er die Rache geübt, welche des Sterbenden letzter Wunſch war, hatte er geſchworen, ſich ſelber keine — 56— Heimath zu ſuchen, noch auf Ruhe und Friede, auf eignes Lebensglück Anſpruch zu machen, bevor er nicht den geſucht und gefunden, welcher der Räuber ſeiner Schweſter, der Dieb des väterlichen Reichthums, und ſo mittelbar der Mörder ſeines Vaters war. Und was hatte er gethan, um ſeinen Schwur zu erfüllen? Nichts weiter, als einigen gewandten Polizeiſpionen in Paris eine genaue Beſchreibung Blackwell's gegeben, und ihnen den Auftrag er⸗ theilt, in den geheimſten Schlupfwinkeln der großen Hauptſtadt nach ihm zu forſchen. War dies ge⸗ nug, um ſeinen Schwur erfüllt zu glauben, um ſich ſelber nun das Glück bereiten zu dürfen, nach welchem ſein Herz verlangte? Je lebhafter ſich ſeiner Phantaſie jene ſchauer⸗ liche Scene an dem Sterbebette ſeines Vaters aufdrängte, deſto klarer fühlte er, daß es ſeine Pflicht ſei, ſeinem geleiſteten Gelübde nachzukom⸗ men. Aber nicht allein das Gefühl der Pflicht war es, das ihn zu dieſem Entſchluſſe brachte, ſondern mehr noch ein unwillkürliches Grauſen bei der Erinnerung an die Blicke, welche ſein Vater auf ihn geheftet, während er jenen Schwur geſprochen, die Furcht, es möchte die Unterlaſſung jener geſchworenen Rache auf ſein eigenes Haupt jenen vernichtenden Fluch herabziehen, den der Sterbende geſprochen, und möge ertödtend auf das — 57— Glück fallen, das Santöme mit Aufopferung ſeines Schwures ſich ſelber zu bereiten wünſchte. Ich will ihr meine Liebe bekennen, und um 4 ihre Hand bitten, dachte Santoͤme, der von dem Arzte nun für einen Geneſenen erklärt worden; aber nicht eher möge ſie die Meine werden, als bis ich mein Gelübde treulich erfüllt.— Mit dieſem Entſchluſſe ging er hinab zu den Damen, in deren Geſellſchaft er heute zum letzten Mal einen Tag verbringen ſollte. Denn da der Arzt auch der Baronin Santöͤme's Geneſung an⸗ gekündigt, war kein paſſender Vorwand denkbar, noch länger von der ſo lange gewährten Gaſt⸗ freundſchaft Gebrauch machen zu dürfen. Aber es ſchien, als wolle ſich gerade heute gar keine Gelegenheit des Alleinſeins mit Lenoren darbieten. Die Baronin, welche klug genug ge⸗ 6 weſen, aus Lenorens veränderter Stimmung und aus Santöoͤme's feurigen Blicken das Verhältniß der Beiden zueinander zu errathen, hielt es für zweckmäßig, ihrer gemachten Entdeckung gegen Le⸗ noren mit keiner Sylbe zu erwähnen, um nicht die vielleicht ſchwankenden Gefühle zu feſtigen, ſondern ſuchte nur jede fernere Annäherung zu hintertreiben und zu vereiteln. Sie äußerte ihr Bedauern darüber, daß San⸗ tome heut ihr Haus verlaſſen würde, mit ſo viel anſcheinender Theilnahme, aber zugleich mit ſolcher Beſtimmtheit, daß Santöme's Aufenthalt zu ver⸗ längern eine Unmöglichkeit ward. Und gleichſam als habe ſich das Schickſal ſel⸗ ber gegen des Zünglings Wünſche verſchworen, ſchien gerade heute auch nicht ein einziger Beſuch die Baronin in den Salon zu rufen, und ihm ſo ein Alleinſein mit Lenoren zu verſchaffen. Die anfangs ſo lebhafte Unterhaltung begann zu ſtocken, und der Baronin Bemühungen, ſie neu zu bele⸗ ben, waren umſonſt; denn auch Lenore fühlte ſich unfähig, die trübe Stimmung zu bemeiſtern, die ſich ihrer bemächtigt hatte. Ihre Augen ruhten mit ungewöhnlicher Innigkeit auf Santöme, deſ⸗ ſen Blicke heute deutlicher als je von ſeiner Liebe ſprachen. Endlich ward ein Beſuch gemeldet; es war einer von denen, welche die Baronin nicht wohl abweiſen konnte, und ſie ging in den Salon mit dem feſten Entſchluſſe, mindeſtens ſo bald als möglich zurückzukehren. „Endlich, endlich ſind wir allein!“ ſagte San⸗ töme mit zitternder Stimme,„endlich, Lenore, iſt ein Augenblick gekommen, in dem ich Ihnen das bekennen kann, was hier in meinem Herzen für Sie ſchlägt. Ja, Lenore! fuhr er fort, und faßte des Mädchens Hand, die ſie ihm willig ließ, be⸗ vor ich von Ihnen ſcheide, muß ich Ihnen beken⸗ nen, wie tief und innig ich Sie liebe, wie ganz meine Seele, jeder Schlag meines Herzens Ihnen — —— — 59— gehört. O, möchten Sie mich des Glückes wür⸗ dig halten, Ihr Leben—“ „Ein Fremder iſt im Vorſaal, und wünſcht Herrn Santoͤme in dringenden Angelegenheiten zu ſprechen,“— meldete in dieſem Augenblicke der Diener. So entſcheidet der Zufall, der kleinlichſte Um⸗ ſtand oft über das ganze Lebensglück des Men⸗ ſchen. Hätte Santöme Zeit gehabt, ſein Bekennt⸗ niß zu vollenden und von Lenorens Lippen das Geſtändniß der Erwiederung ſeiner Gefühle zu er⸗ halten, ſo würde Lenore, einmal dies Geſtändniß gegeben, den Muth und die Kraft gefunden haben, ihm treu zu bleiben und nimmer von ihm zu laſſen, wenn auch vielleicht ihrer ruhigern Ueber⸗ legung zum Trotz. Eine Minute vielleicht des Verzugs, und ſie waren unauflöslich aneinander gebunden;— dieſe Minute trennte ſie jetzt voneinander, und für immer. Santome ging hinaus, den Fremden zu em⸗ pfangen. Es war ein Polizeibeamter, einer von denen, welche Santöme mit der Aufſpürung Black⸗ well's beauftragt hatte. Er brachte ihm die An⸗ zeige, daß es den raſtloſeſten Bemühungen endlich gelungen ſei, einen Mann dieſes Namens ausfin⸗ dig zu machen, auf den das Signalement, wie einige andere Umſtände, zu paſſen ſchienen. Die⸗ ſer Blackwell war im Bagno in Toulon, und lag — 60— an einer lebensgefährlichen Krankheit darnieder. Die Aerzte hatten an ſeinem Aufkommen gezweifelt, und es bedurfte der eiligſten Reiſe, um ihn noch am Leben zu finden, und Auskunft von ihm und über ihn erhalten zu können. 1 Ddieſe Nachricht machte auf Santöͤme einen er⸗ ſchütternden Eindruck. In dem Momente, wo er im Begriffe ſtand, einen Theil ſeines Gelübdes zu brechen, indem er zuerſt an die Begründung ſeines Glückes dachte, in dieſem Momente mußte ihm dieſe Mahnung an die zu leiſtende Rache ge⸗ wiſſermaßen wie ein Ruf ſeines Vaters, wie eine Warnung vor dem, was er thun wollte, vor dem Fluche, der ihn treffen würde, erſcheinen, und Santöme war keinen Augenblick mehr zweifelhaft, was er zu thun habe. Auf der Stelle mußte er abreiſen, und die 4 Hoffnung, in dem ſterbenden Galeerenſklaven, der mit ſeinem Tode dann ſeinen finſtern Rache⸗ ſchwur von ihm nehmen würde, den Blackwell zu finden, den zu ſtrafen er geſchworen, machte ihn faſt heiter.. Er befahl dem Diener, ſofort ſeine Sachen zu packen, und eine Poſtchaiſe zu beſtellen, und kehrte dann in das Wohnzimmer zurück, wohin auch die Baronin ſchon wiedergekehrt war. In eiligen und wenig zuſammenhängenden Worten, denn ſeine tiefe und ſtürmiſche Bewegung machte ihn einer ruhigen Sammlung unfähig, er⸗ —— — 61— klärte er den Damen, daß eine ſoeben erhaltene wichtige Nachricht ihn zur ſofortigen Abreiſe zwinge, daß er aber hoffe, in einigen Wochen zurückkehren zu können. Herzlich und ſalbungsvoll waren die bedauern⸗ den Worte, welche die Baronin an ihn richtete, während ſie Santöme zum Abſchied ihre Hand reichte, und der unerfahrene, in der Verſtellungs⸗ kunſt wenig geübte Jüngling hielt das freundliche Lächeln, den innigen Händedruck der Baronin für eine Ermuthigung derjenigen Wünſche, welche er bei ſeiner Rückkehr der Mutter ſeiner Geliebten vorzutragen willens war. Anders war das Ausſehen Lenorens, der er ſich jetzt näherte, ihr Lebewohl zu ſagen. Ihr Angeſicht war bleich und farblos, und zitternd mußte ſie ſich an dem Seſſel halten, um nicht umzuſinken. Er faßte ihre Hand und zog ſie an ſeine Lippen; dieſe Hand war blutlos und kalt, und die Berührung derſelben durchzuckte ihn mit einem unheimlichen Vorgefühl, als ſei es die Hand einer Todten, die er zum letzten Mal in der ſeinen hielt. Gleichſam Troſt ſuchend blickte er ſie an, und ihre Augen begegneten ſich in einem Strahle der Liebe. Santoͤme fühlte ſich getröſtet, und dieſe Hand, die in der ſeinen zitterte, an ſeine Lippen ziehend, ſagte er laut und freudig:„Laſſen Sie mich hoffen, daß ich nach meiner Rückkehr das Be⸗ kenntniß vollenden kann, bei dem ich heute unter⸗ brochen ward!“ Lenore ſtammelte einige unverſtändliche Worte, und wandte ſich ab. Der Bediente meldete die Ankunft der Poſt⸗ chaiſe, und die Baronin war froh, dieſe peinliche Scene beendet zu ſehen. Als Santöme im Begriffe war, in ſeinen Wagen zu ſteigen, hielt ein Cabriolet an der Thür, und ein hochgewachſener, ſtolzblickender Mann ſprang heraus, um in das Haus der Ba⸗ ronin zu gehen. Einem ſeltſamen und unerklärlichen Antriebe zufolge ſtanden Beide ſtill und blickten einander an; Santoͤme fühlte ſein Herz ſich zuſammenziehen, und ein ihm unbegreifliches Gefühl des Widerwillens gegen jenen Fremden bemächtigte ſich ſeiner. Der Andere maß ihn mit ſtolzen, forſchenden Blicken, dann wandte er mit einem ſpöttiſchen Zucken der Lippe ſich um, und trat ins Haus. Dies Alles war das Ergebniß eines Mo⸗ ments, der ſich aber in Santöme's Seele feſtſetzte, und für die Zukunft von großer Bedeutung wer⸗ den ſollte. „Wer war jener Herr? fragte Santöme den Diener, indem er den Wagen beſtieg. „Monſieur Bonners, der reichſte Mann von Paris!“ war die Antwort.. —— — — 63— „Hm, Bonners!“ murmelte Santöme, indem der Wagen mit ihm dahin rollte;„ich weiß nicht weshalb, aber ich könnte dieſem Menſchen nimmer freundlich ſein!“ ine ſeltſame Aehnlichkeit!“ flüſterte Bonners, indem er die Treppe zu den Zimmern der Ba⸗ ronin hinaufſtieg,„wahrlich eine unerhörte Aehn⸗ lichkeit, und mit wie finſteren, drohenden Blicken dieſer Menſch mich betrachtete. Sollte er vielleicht gar— Unſinn! Unſinn!“ Der geübte Weltmann ſcheuchte den Ernſt aus ſeinen Zügen, und trat lächelnd in den Salon der Baronin. In dem Gemüthe jedes Menſchen liegt ein Inſtinct der Neigung und Abneigung; eine uner⸗ klärliche Ahnung von Unheil beſchleicht zuweilen unſer Gemüth bei dem erſten Begegnen eines Fremden, ein unheimliches Gefühl ſtößt uns zurück. Vielleicht, daß es uns warnen möchte vor der Gemeinſchaft mit demjenigen, vor dem unſere Na⸗ tur zurückbebt, vielleicht, daß viele unſerer Schmer⸗ zen und Täuſchungen uns erſpart ſein möchten, wenn wir dieſem Inſtincte Folge leiſteten. VI. Die Frage. „Was meinte denn dieſer Herr Santoͤme ge⸗ ſtern mit ſeinen letzten Worten an Dich?“ „Ich entſinne mich nicht, Mama, wovon er ſprach!“ „Er erwähnte eines Bekenntniſſes, das er nach ſeiner Rüdkehr zu vollenden hoffe, und bei dem er unterbrochen worden.“— Lenore ſchlug erröthend die Augen nieder. Die Baronin fixirte ſie mit ſtrengen, forſchenden Blicken. „Ich mag nicht fürchten,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„daß dieſer junge Menſch es wirklich gewagt haben könnte, Dir von denjenigen thö⸗ richten Gefühlen, die ich zuweilen in ſeinen Au⸗ gen geleſen, etwas zu geſtehen, und ich kenne meine Tochter zu gut, um zu zweifeln, welche Antwort ſie dem kecken jungen Manne gegeben haben würde.“ „Vielleicht denkſt Du zu gut von mir, Mama!“ ſagte Lenore, die feſt entſchloſſen war, ihrer Mut⸗ ter ſowohl Santöme'’s Geſtändniß, wie ihre eigenen Gefühle für ihn mitzutheilen, die jetzt aber, ihrer Mutter gegenüber, all ihren Muth ſchwinden fühlte. „Nein, ich täuſche mich nicht in Dir, mein Kind!“ ſagte die Baronin gütig;„ich weiß, daß meine Lenore nimmer ſo tief fallen könnte, um ei⸗ nem namenloſen, unbekannten Fremdlinge ihr Herz zuzuwenden, einem Menſchen, den wir gleichſam von der Gaſſe aufgehoben haben, um ihn mit Wohlthaten zu überſchütten.“ „Der aber der Retter meines Lebens vielleicht war, und wochenlang für mich litt!“ ſagte Lenore vorwurfsvoll. „Dies gab ihm allerdings Anſprüche auf unſere Dankbarkeit, und wir ſind derſelben nachgekommen mit derjenigen Freigebigkeit, die ſich ſowohl für unſere Verhältniſſe, als unſern Rang ſchickte. Ja wir thaten noch mehr: wir geſtatteten dem Bür⸗ gerlichen, vielleicht Niedriggebornen, ſich während mehrerer Wochen als ein Glied unſerer Familie zu betrachten und aller der Vortheile theilhaftig zu werden, welche der Umgang mit vornehmen Damen nur immer zu gewähren vermag.“ „Und gewiß verdiente er alle die Freundlichkeit und Güte, die ihm geworden, in reichlichem Maße!“ ſagte Lenore feurig.„Ich mindeſtens kenne Nie⸗ Bonners. II. 5 — ÿ—„. mand, der mir jeder Auszeichnung und Berück⸗ ſichtigung werther erſchiene. Niemand beſitzt hoch⸗ herzigere, edlere Geſinnungen, Niemand eine ſolche Zartheit, ja ich möchte ſagen, Keuſchheit der Gefühle, ein ſo warmes Herz und einen ſo leuchtenden, durchdringenden Verſtand, Niemand—“ „Still, ſtill!“ unterbrach ſie die Baronin mit einem feinen Lächeln;„laß uns Maß halten in Lobeserhebungen dieſes außerordentlichen jungen Mannes; Jean iſt im Nebenzimmer beſchäftigt, und möchte, wenn er Dein lautes, glühendes Lob vernimmt, leicht es wagen, in ſeinem Unverſtande die Gefühle der Dankbarkeit mit einem andern Gefühle zu verwechſeln. Es iſt niemals gut, ſeinen Dienern Veranlaſſung zum Geſchwätze zu geben!“ „Du willſt mich nicht verſtehen, Mutter!“ ſagte Lenore, alle ihre Kraft zuſammenraffend, um es zur Entſcheidung zu bringen.„Ich hege für dieſen Jüngling eine Theilnahme, die mir bisher fremd war; Gefühle, die mit ihrer Gewalt und Tiefe mich ſelber überraſchen, tauchen in mir auf, und vor ihnen fühle ich alle meine früheren An⸗ ſichten und Gedanken verſchwinden und ſich auf⸗ löſen. Ich— „Dies iſt ganz natürlich!“ ſagte die Baronin lächelnd, feſt entſchloſſen, es zu keiner Erklärung kommen zu laſſen, und ihre Tochter nicht verſtehen zu wollen.„Dieſe Gefühle, die Du für Santoͤme —— —õ— v N — 67— hegſt, müſſen Dir allerdings bisher fremd gewe⸗ ſen ſein; denn glücklicherweiſe war es das erſte Mal, daß irgend Jemand Dich zur Dankbarkeit verpflichtete, das erſte Mal, daß Jemand durch Dich litt, und ſo Deiner Dankbarkeit auch noch das Mitleid beigeſellte. Ich begreife dies Gefühl vollkommen, und freue mich, daſſelbe ſo rege und lebendig in Dir zu finden; denn nur die edelſten und beſten Menſchen ſind im Stande, Dankbarkeit zu empfinden. Und dann iſt es wahr: dieſer Santoͤme iſt ein recht lieber Menſch, ſo einer, zu dem man Zutrauen gewinnen kann. Ich glaube nicht, daß er im Stande wäre, irgend Jemand zu übervortheilen, eine Tugend, die man wahrlich ſelten bei einem Manne ſeines Gewerbes, einem Kaufmanne, findet.“ „Herr Santoͤme iſt kein Kaufmann!“ ſagte Lenore, vor Unwillen erröthend. „Und was denn ſonſt? Er beſitzt Pflanzungen von Kaffee und Zucker, deren Ertrag er verkauft. In der That, ich wollte, der junge Mann ließe ſich hier nieder; ich würde, um ihm auch ferner unſere Dankbarkeit zu beweiſen, gern bereit ſein, all unſern Bedarf von ihm zu kaufen.“ Lenore fühlte ſich gedemüthigt und beſchämt, und ſchlug die Augen nieder. „s bleibt doch immer etwas Eigenes(fuhr die Baronin in ihrem anſcheinend harmloſen Ge⸗ plauder fort, während ſie jede Bewegung ihrer 5* — 68— Tochter, jedes Zucken ihrer Mienen beobachtete), ja merkwürdig bleibt es immer, welchen bedeuten⸗ den Einfluß die Abkunft, die Verſchiedenheit der Geburt auf jeden Menſchen übt! Ein noch ſo edler, geiſtvoller Menſch, aber von niedriger Ge⸗ burt, wird immer dies demüthigende Merkmal mit ſich umhertragen, man wird es in ſeinen groben, unedlen Zügen, in ſeinem geſellſchaftlichen Betragen, ſeinen Manieren, in ſeiner Denkungsweiſe erkennen, während der Mann von vornehmer Geburt immer eine gewiſſe noble Ueberlegenheit beſitzt, und durch angeborenen feinen Takt und Leichtigkeit des Be⸗ tragens ſogleich für ſich einnimmt. Und mit aller Deiner Vorliebe für Deinen Lebensretter mußt Du mir doch zugeſtehen, daß dieſer Mangel an Geburt ſich entſchieden in ſeinem Benehmen ab⸗ 1 ſpiegelte. Welch eine Gaucherie, eine Unbeholfen⸗ heit und Plumpheit des Betragens; nichts Nobles, nichts Vornehmes, Alles eckig und ungeſchickt, Al⸗ les den Bürgerlichen, ja, noch mehr, den Kauf⸗ mann verrathend! Beobachteteſt Du wohl dieſe drollige Gewohnheit, aus jedem Stückchen Papier, das ihm in die Hände kam, Dütchen zu drehen? eine Gewohnheit, die freilich ſehr genau mit ſeinen 6 Lebensverhältniſſen zuſammenhängt. Ha, ha, er ſcheint es wirklich als Dütchendreher zu einer er⸗ 5 ſtaunlichen Gewandtheit gebracht zu haben!“— Und die Baronin lachte laut. Es war für die ſtolze, hohe Lenore ein bit⸗ — 69— terer und ſchmerzvoller Moment, ihrer Mutter Spöttereien über den, welchem ſie ihre geheimſten und heiligſten Gefühle zugewandt, hören zu müſ⸗ ſen; ihre beißenden Bemerkungen und ihr lautes Lachen trafen Lenorens Seele mit einem tiefen und ſchneidenden Wehe. Die Röthe der Scham und des Zornes zu⸗ gleich überdeckte ihr Angeſicht, Thränen füllten ihre Augen. Sie konnte ſie nicht zurückhalten, und ſchämte ſich dennoch ihrer. Sie ſtieß einige unverſtändliche Worte aus, und ſtürzte aus dem Zimmer.. „Sie iſt gerettet, die Cour hat geholfen!“ ſagte die Baronin mit einem kalten, triumphiren⸗ den Lächeln. Sie befahl anzuſpannen und fuhr aus, einige Staatsviſiten zu machen. VII. v Die Verlobung. Aber nicht ohne bittere Kämpfe und ohne tie⸗ fes Wehe war es, daß Lenore ſich nach und nach an den Gedanken gewöhnte, es ſei in der That keine nähere Verbindung zwiſchen ihr und San⸗ töme möglich. Hatte ſie auch eine kurze Zeit ihre Vernunft in Schlaf gelullt und ſich den füßeſten Liebes⸗ träumen hingegeben, ſo waren doch ihre Anſichten, die ſo ganz von Jugend auf mit ihrer Geſinnung verwachſen waren, nicht umgeſtoßen, und ihrer Mutter kluge und bedachte Worte hatten ſie auf immer aus ihrem Traume geweckt. Zu lange hatte Lenore es als Zielpunkt ihres Lebens betrachtet, inmitten der Welt, die ſie um⸗ gab, zu glänzen, zu lange war es der heißeſte Wunſch ihrer ſtolzen Seele geweſen, dieſe Welt zu beherrſchen, und die Demüthigungen, die ihr von Reichern und Höhergeſtellten geworden waren, zurückzugeben, zu lange hatte ſie gelernt, daß der Reichthum der Schlüſſel zu allem Glück und aller Lebensfreude, um nun entſcheidend und für immer von dieſen Anſichten abzuweichen. Lenore war ehrgeizig und ſtolz, aber Beides in höherem und edlerem Sinne. Sie wollte Nie⸗ mand nachſtehen in der Geſellſchaft, Niemand ihrer Umgebung über ſich erkennen; aber es lag dies weniger in einer Ueberſchätzung ihrer ſelbſt, als in einer Geringſchätzung derjenigen, die ſie um⸗ gaben und in der Geſellſchaft glänzten, und denen untergeordnet zu ſein der hochſinnigen Lenore eine Schmach däuchte, weil ſie das kleinliche und niedrige Treiben dieſer ſogenannten haute volée längſt durchſchaut hatte; dieſem Treiben eine hö⸗ here und geiſtige Bedeutung zu geben, und ſich an die Spitze einer neuen Aera der Geſellſchaft zu ſtellen, dies war ihr Ehrgeiz, und dazu fühlte ſie ſich berufen. Lenore war ſtolz auf ihre Ge⸗ burt, aber nimmer zeigte ſie dies gegen diejenigen, die unter ihr ſtanden; dieſen war ſie ſtets die Freundlichſte und Huldreichſte; nimmer hätte ſie es vermocht, denjenigen ſich hochfahrend und kalt zu zeigen, die, zwar in der Geſellſchaft aufgenommen, aber dennoch nicht berechtigt waren. Wie oft hatte ſie die kalte, geringſchätzende Behandlung gewahrt, die irgend eine reiche, vor⸗ nehme Witwe gegen ihre Geſellſchafterin, dieſer gemietheten Folie ihrer Selbſt, übte, wie oft, — 72— wenn im glänzenden Feſte dieſe Armen verlaſſen und unbeachtet zur Seite ſtanden, war es Lenore, die ſtolze, die gefeierte Lenore geweſen, die mit ihrem ſüßeſten Lächeln und ihrer mildeſten Freund⸗ lichkeit zu irgend einer dieſer Verlaſſenen trat, und ſich lange und vertraulich mit ihr unterhielt, und wie oft hatte ſie ſich dann mit tiefem Weh⸗ gefühle geſagt, daß nur die abhängige Stellung, zu denen ſolche Mädchen durch ihre Armuth ge⸗ derung entziehe, die der Beſitz eines Vermögens ihnen ſofort zu verſchaffen im Stande ſei. Lenore wollte herrſchen in der Geſelſſchaft, um diejenigen zu demüthigen, die ſich die Erſten dünkten, und diejenigen zu erheben, die man zurückzuſetzen und unbeachtet zu laſſen pflegte. Das Schickſal ihrer Schweſter hatte Lenoren eine traurige Lehre und ihrem Gemüthe ein bitteres Gefühl von der Ungerechtigkeit unſerer ſocialen Verhältniſſe gegeben. Gefeiert und angebetet, wie Camilla es ge⸗ weſen, hatte der Umſtand, daß ſie einen armen, unbekannten Gatten gewählt, genügt, ſie ſofort der höhern Geſellſchaft, ja ſogar ihrer eigenen Mutter zu entfremden. Lenore hatte ſich mit heißen Thrä⸗ nen und grollendem Schmerze gelobt, dieſe Unge⸗ rechtigkeit der Geſellſchaft zu rächen. Dies Alles kehrte nun, da der Zauber, wel⸗ chen Santoͤme's Nähe um ſie gelegt, mit ſeiner zwungen, ihnen diejenige Beachtung und Bewun⸗ —y ₰ — 73— Entfernung zerriſſen war, ihrem Gedächtniſſe zurück, und ihre Liebe war nicht ſtark und tief genug, um dieſe Anforderung ihrer Vernunft zu beſiegen. Le⸗ nore kämpfte einen langen und ſchmerzvollen Kampf, aber nicht die Liebe war es, welche aus demſelben als Siegerin hervorging. Ueberlegt und klug ſchien die Baronin weder den ſichtlichen Trübſinn, noch die bleichen Wangen ihrer Tochter zu bemerken. Die Saiſon war auf ihrem höchſten Glanz⸗ punkte, Feſt drängte ſich auf Feſt, die Baronin ſorgte, daß Lenore ſtets in der ausgewählteſten und glänzendſten Toilette erſchien, und überall ward ihre ſchöne Tochter gefeiert und umworben. Ueberall traf ſie mit Bonners zuſammen, ſah ſie, wie Alle ſich um dieſen anerkannten Beherr⸗ ſcher der Salons drängten, wie die reichſten und auserleſenſten Damen ihm ihre Huld, ihre zuvor⸗ kommendſte Freundlichkeit zuwandten, und nicht wenig ſchmeichelte es ihrer Eitelkeit, daß er nur für ſie Aufmerkſamkeit zeigte, nur ihr jene Hul⸗ digungen zuwandte, welche zu empfangen alle Damen glüheten und verlangten. Dieſe Alle zu demüthigen däuchte Lenoren ein ſtolzes Glück, und Bonners, der vollendete Weiber⸗ kenner, las in ihren Augen, daß er nun bei der zweiten Tochter der Baronin mindeſtens keinen Abweis mehr zu fürchten habe. 1 Er warb um Lenorens Hand und erhielt ſie. Seine erſte Bitte an ſeine nunmehrige Schwieger⸗ mutter war, dieſe Verlobung als höchſtes Geheim⸗ niß zu bewahren. „Und warum dies?“ fragte die Baronin, die 4 ſich ſchon auf den Moment gefreut hatte, die Glückwünſche aller derer, die ſie beneideten, zu empfangen. „Weil, die Wahrheit zu ſagen, Niemand eine lächerlichere Rolle ſpielt, als ein Bräutigam, die⸗ ſes Mittelding zwiſchen Mann und Liebhaber, welches der Gegenſtand allgemeiner Beluſtigung und Moquerie zu ſein pflegt! Erſparen Sie mir, die Zielſcheibe des allgemeinen Witzes ſein zu müſ⸗ ſen, und erfüllen Sie dagegen meine heißeſten und dringendſten Wünſche! Geſtatten Sie mir, ſchon im Verlaufe der nächſten Woche die Hand Lenorens am Altare zu empfangen!“ „Mein Gott, das iſt aber unmöglich!“ ſagte die Baronin entſetzt;„dies wäre wider alle dehors; man würde es nicht begreifen!“ „Um ſo mehr wünſche ich es! Ich liebe es nicht, mich dieſen ſogenannten dehors unterzuord⸗ nen, und von Jedermann begriffen zu werden. Ich wünſche vor allen Dingen Freiheit, und möchte 8 dieſer eitlen Welt ſtets nur beweiſen, wie ſehr ich ihre Geſetze mißachte!“. „Ganz ſo geſprochen, wie man von Ihnen gewohnt iſt!“ ſagte die Baronin lächelnd.„Aber bedenken Sie, daß uns Damen dieſe Freiheit we. — 75— niger geſtattet iſt; man würde uns dieſen Verſtoß der Sitte zur Laſt legen, nicht Ihnen!“ „Wenn ich Fräulein Lenore recht erkannt habe,“ ſagte Bonners und küßte ſeiner Braut die Hand, „ſo denkt ſie hierin wie ich, und wird gerade darin ihre Freude finden, den ſogenannten Geſetzen der haute volée zu trotzen, und ſich in der Freiheit des Willens über ſie zu erheben! Glauben Sie mir: nur der kann die Welt beherrſchen, der ſich ihr nicht unterordnet.“ „Und was ſagt meine Tochter zu dieſen ſtolzen Anſichten ihres Verlobten?“ „Ich finde, daß Herr Bonners Recht hat!“ ſagte Lenore nach kurzem Schweigen;„es iſt in der That nichts langweiliger, als ein Braut⸗ ſtand, und nichts angenehmer, als die Welt zu düpiren.“ Bonners hatte ihr nie ſo gut gefallen, als in dieſem Moment; ſie fühlte freudig bewegt, wie ſehr ſie Beide über die wichtigſten Gegenſtände einerlei Meinung waren, und wie ſehr es ihr beiderſeitiges Beſtreben ſein würde, die Welt zu demüthigen und zu beherrſchen. Herzlich war ſie zugleich froh, einer Zeit über⸗ hoben zu ſein, welche bei wahrer Liebe vielleicht die ſeligſte, ohne Liebe aber die peinigendſte iſt. Und Lenore, obwohl ſie ihr Herz gelehrt, San⸗ töme zu entſagen, konnte ihm doch nicht gebieten, einen andern zu lieben. b — 76— „Du biſt alſo zufrieden mit dieſer wunderbaren Einrichtung?“ fragte die Baronin.„Du giebſt Deine Einwilligung zu dieſem heimlichen Braut⸗ ſtande und Deiner Verheirathung in der nächſten Woche?“ „Unter einer Bedingung!“ ſagte Lenore lächelnd, und reichte Bonners ihre Hand hin.„Es iſt dieſe, daß Sie bis zum Tage unſerer Verheirathung, welchen ich hiermit auf heute über vierzehn Tage feſtſetzen will, weder unſer Haus beſuchen, noch in Geſellſchaft jemals ein Wort an mich richten. Soll's eine Ueberraſchung ſein, ſo wünſche ich die⸗ ſelbe vollſtändig!“ „Zugeſtanden, meine ſchöne und liebenswürdige Braut! O ich ſehe, wir Beide ſind dazu berufen, die Welt zu beherrſchen!“ Und Lenore war mindeſtens froh, bevor ſie der harten Nothwendigkeit ſich fügen mußte, einige Wochen der Freiheit erhalten zu haben. VIII. Er kommt! Unverwandt blickte Lilly vom Balcon herab in das Thal; ſie ſah aber weder auf die Wieſe, die im erſten Frühlingsgrün zu erwachen begann, noch auf die Fabrik mit ihren rauchenden Schornſteinen. Auf die Straße, die ſich durch das Thal hin⸗ ſchlängelte, nur auf dieſe waren ihre Blicke ge⸗ richtet, dorthin nur ſchaute ſie mit hochpochendem Herzen, mit von Freude gerötheten Wangen. Von dorther mußte Er kommen! Dies war die Stunde, in welcher ſie ihn er⸗ warten ſollte. Er hatte ihr geſchrieben, daß er kommen wolle;— ach mit wie viel Thränen und Küſſen hatte Lilly dieſen Brief bedeckt, ehe ſie ihn an ihrem Buſen verbarg. Da, da in der Ferne jener kleine ſchwarze Punkt! Lilly's Wangen erbleichen, ihr Herz ſteht ſtill im Uebermaße der Bewegung! Größer und größer wird näher und näher heran. Schon erkennt ſie einen Wagen, oh, und ihr Herz ſagt ihr, daß Er es iſt, der kommt.. Sie jauchzet laut und ihre Augen leuchten höher auf. Mit dem weißen Tuche winkt ſie ihm zu, und ſiehe, auch dort unten aus dem Wagen flattert ein Tuch zum Liebesgruß für Lilly Er kommt, er kommt!— Sie kann's nicht ſagen, aber ſie empfindet dieſes Wort in jedem Schlage ihres Herzens, es ſteht geſchrieben in ihren glänzenden Augen, in ihrem entzückten Lä⸗ cheln, in der fliegenden Röthe ihrer ſammtnen Wangen: er kommt! Jetzt verbirgt der Tannenwald ihr ſeinen An⸗ blick; nur noch wenige Minuten, und er wird bei ihr ſein! Aber Niemand darf ihr Entzücken ſehen; in jungfräulicher Verſchämtheit möchte ſie ſelbſt den Wolken und Winden, ſelbſt der Natur es bergen. Nur in der Einſamkeit und Schweigſamkeit ihres Zimmers will ſie ihn empfangen, und als ſie den Wagen näher heranrollen hört, eilt ſie, einer geſcheuchten Gazelle gleich, vom Balcon weg. Der Wagen hielt; mit einem Sprunge ſtand Bonners auf dem Boden und eilte, ohne irgend etwas ſeiner Beachtung werth zu halten, ins Haus, die Treppen hinauf, in Lilly's Zimmer. jener Punkt, kommt — 79— Da ſtand ſie dicht an der Thür, die Arme nach ihm ausbreitend, lächelnd und weinend, ſchön und lieblich wie eine Sylphe. Wer hätte in dem Manne, der jetzt vor ihr kniete, und mit einer Ehrfurcht, als ſei ſie eine Heilige, des Mädchens Gewand küßte, wer hätte in dieſen demüthigen und anbetenden Blicken auch nur eine Spur von demjenigen erkannt, der in der Welt zu glänzen pflegte, die Gunſt aller Damen gewohnt war, und ſie mit Kälte zu er⸗ widern pflegte? Als ob die Nähe Lilly's einen magiſchen Ein⸗ fluß auf ihn übte, ſo war, wie durch einen Zau⸗ berſchlag, das Weſen dieſes Mannes verändert; nichts mehr in dieſem Angeſichte von jener Kälte und Ironie, von jenem Stolz und Uebermuth, der ſonſt darin zu herrſchen pflegte, nichts mehr von jenem wilden, ſpöttiſchen Lächeln, das zuweilen um ſeine Lippen zuckte und ſeinen Freunden un⸗ heimlich däuchte, und nimmer kamen an Lilly's Seite jene ſarkaſtiſchen Bemerkungen von ſeinen Lippen, womit er die Welt zu perſifliren liebte. Bonners dachte in Lilly's Nähe weder an die Welt noch an die Menſchen; er dachte nur an ſie, welche er liebte mit einer Liebe, die mehr der Anbetung gleichkam. Welch eine ſelige Stunde war dieſe! Von ihren Armen umfangen, oder vor ihr kniend, in ihren hellen Augen leſend, oder der wunderlichen Sprache ihrer Finger lauſchend: im⸗ mer fühlte Bonners ein unnennbares Glück, und als ſie in ihrer Sprache ihm erzählte, daß ſie ſtets ſein gedacht, und wie lang und öde das Leben ohne ihn, und wie ſie für ihn die erſten Frühlingsblumen geſucht, die ſie ihm jetzt mit ih⸗ rem holdeſten Lächeln darreichte, wie er den ganzen Zauber ihrer Unſchuld und Engelreinheit empfand: da war auch nicht der leiſeſte Gedanke mehr in ihm an ſeine ſchöne und ſtolze Braut, die morgen ſchon ſein Weib werden ſollte. Er war ja auch gekommen, um Lilly zu ſehen; dem Drange ſeines Herzens war er gefolgt, und aus dem Geräuſche der Feſte und Bälle kam er, einiger kurzen Stunden der Seligkeit und des Frie⸗ dens theilhaftig zu werden, die nur Lilly’'s Nähe ihm zu gewähren vermochte. 4 Aber noch einen andern Zweck hatte ſein Kommen; bevor er einer Andern ſeine Hand reichte, mußte Lilly's Zukunft geſichert, ihr Loos feſtgeſtellt ſein. Durch eine gerichtliche Acte hatte er Lilly zur alleinigen Beſitzerin der Fabrik ſo⸗ wohl wie der Villa, mit Allem, was dazu ge⸗ hörte, ernannt. Lilly ſollte jetzt aus ſeinen Händen dieſe ge⸗ richtlich ausgeſtellte Urkunde empfangen. Aber ſo ſeltſam war der Zauber dieſes lieb: lichen Weſens, daß er ſogar ſich ſcheute, durch dieſes Geſchenk ihr Mißfallen zu erregen. Sie war ihm zu erhaben, zu rein, als daß er glauben konnte, ein ſolches Geſchenk vermöchte ſie zu er⸗. freuen, ſie, welche nimmer etwas Anderes von ihm begehrt hatte, als ein Lächeln, einen freund⸗ lichen Blick. Und dann mit einer faſt übertrie⸗ benen Scheu und Aengſtlichkeit alle Möglichkeiten, wie Lilly betrübt werden könnte, durchdenkend, fürchtete er, es möchte eine ſolche Gabe ſie erin⸗ nern, daß ſie der Gaben bedürfe. Dennoch mußte ſie um dieſe Schenkung wiſſen, da dieſelbe erſt durch ihre dem Documente beigefügte Unterſchrift Gültigkeit erlangen konnte. Mit dem Anbruche der Nacht wollte er die Billa wieder verlaſſen, um mit dem Morgen des nächſten Tages, welcher ſein Hochzeitstag war, wieder in Paris zu ſein. Von ſeiner Vermäh⸗ llung Lilly etwas zu ſagen, wagte Bonners nicht, weil er ihr« Leidenſchaftlichkeit, ihr Erſchrecken fürchtete. Dieſe Pein konnte und mußte ihr er⸗ ſpart werden. Wozu ihr ſagen, dachte Bonners, was zu wiſſen ihr vielleicht Qual bereitet? Ich bleibe ihr ja doch, was ich ihr war, und werde es ewig bleiben. Weder meine hochgeborne Gemahlin, noch die ganze Welt können meiner Lilly mich entfrem⸗ den, und ſie, dieſe Holde, Reine, ſoll auch nicht durch ein Wort mit dem Peſthauche der Weitver⸗ hältniſſe angehaucht werden.— Schon dämmerte der Abend hernieder, und Bonners. II. 3 6 3 4 — 32— Bonners, zu den Füßen Lilly's kniend, erinnerte ſich mit Entſetzen daran, daß ihm nur noch kurze Zeit des Beiſammenſeins mit ihr vergönnt war. Lilly, deren Liebesblicken auch nicht die kleinſte Veränderung in dem Angeſichte deſſen entging, den ſie auf Erden einzig und allein liebte, bemerkte die Wolke, die ſeine Züge umdüſterte, und ſofort ſchwand das Lächeln von ihren Lippen, und ihr kummervoller Blick ruhte fragend auf Bonners. „Du willſt wiſſen, was mich betrübt, Holde, Theure? Ach, es iſt die Dämmerung, welche mir ſagt, die Nacht komme heran und ich müſſe Dich verlaſſen!“ Ein leiſer Schrei drang von Lillys Lippen, und ihre Wangen erbleichten. Mit einem tiefen Ausdrucke des Schreckens nahm ſie Bonners Haupt in ihre beiden Hände und heftete forſchend ihre Augen auf ſeine Züge. Dann ließ ſie ihre Hände ſinken, und ſchüttelte traurig ihr ſchönes Haupt. „Ja, Lilly, ich muß fort; Geſchäfte, die ſich nicht abweiſen laſſen, rufen mich zurück. Aber ehe eine Woche vergeht, bin ich wieder bei Dir!“ Sofort erhellten ſich Lillys Züge, und die Röthe kehrte auf ihre Wangen zurück. „Darf ich Dich, bevor ich gehe, um etwas bitten? Willſt Du mir einen Wunſch erfüllen?“ Sie nickte freudig und ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken, mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf ſeine Lippen blickend, damit ihr kein Wort ſeiner Bitte unverſtändlich bleiben möchte. Bonners entfaltete die mitgebrachte Urkunde, und ſie Lilly darreichend, ſagte er ſchüchtern:„Ich wollte Dich bitten, Deinen Namen unter dies Blatt zu ſetzen, und dieſe Gabe von mir anzunehmen!“ Lilly ſah befremdet erſt auf Bonners, dann auf die Schrift, die ſie in ihren Händen hielt; dann las ſie in fliegender Eile den Inhalt derſelben. Als ſie geendet, ſanken ihre Hände wie er⸗ ſchlafft nieder und das Papier ſiel zur Erde. Eine tiefe Wehmuth ſprach aus ihren Mienen, und langſam rollten ein paar Zähren über ihre Wangen hinab. „Du nimmſt meine Gabe an?“ fragte Bon⸗ ners leiſe. Sie legte eine Hand auf ſeinen Arm, und ihm forſchend in die Augen ſehend machte ſie mit den Fingern der andern Hand ihm einige Zeichen. „Du fragſt, ob ich Dich liebe, Lilly? Mehr als mein Leben lieb' ich Dich!“ Wieder machte ſie ihre Zeichen. „Warum ich Dich beſchenken will? Eben weil ich Dich liebe, Theuerſte! Weil ich wünſche, daß Deine Zukunft niemals gefährdet werden könnte, weil ich Dich für immer bewahrt wiſſen möchte vor Noth und Mangel, der die Seele verdirbt und das Gemüth verhärtet, weil, wenn ich ſterbe, ich die Gewißheit haben möchte, daß Dir mindeſtens 6* — 84— die Ruhe und der Frieden Deiner Tage nicht ge⸗ trübt werden kann!“* Sie ſtieß einen Schrei aus, und bewegte mit leidenſchaftlicher Schnelle ihre Finger. „„Zu raſch, zu raſch, Lilly! Ich verſtehe Dich nicht!“ 8„ Sie griff nach Bleifeder und Papier, das ſie gewohnt war ſtets neben ſich zu haben, ſchrieb raſch einige Worte auf und reichte Bonners das Papier hin. 8. „Wenn Du ſtirbſt, will auch ich ſterben!(las er tief bewegt) und mein höchſter Stolz iſt es, nichts zu beſitzen, ſondern Alles aus Deinen Hän⸗ den zu empfangen!“ Während anners dies las, hatte Lilly das Document leiſe wieder aufgerafft, und jetzt mit ungeſtümer Bewegung riß ſie es in viele kleine Stücke und ſtreute dieſe lächelnd im Zimmer umher. Dann ſah ſie auf Bonners, der ſie anfangs zurückzuhalten geſucht, mit einem Blicke voll Stolz zugleich und unausſprechlicher Liebe, einem Blicke, vor dem ſeine Seele erbebte in Anbetung und Wonne. „Lilly, Lilly! Du liebſt mich alſo wahrhaft?“ Sie nickte ihm mit den Augen die Antwort zu. „O Du, Du mein Engel, meine holde Taube, könnte ich Dich verdienen und Deine göttliche Liebe! Sage mir, Lilly, ſag' es mir: wirſt Du niemals aufhören mich zu lieben? Wirſt Du — 85— nimmer mir zürnen? Lilly, auch dann nicht, wenn ich gegen Dich gefehlt? Lilly, könnteſt Du auch dann mich lieben?“ Sie legte die Hand auf ihr Herz und blickte. ihn an mit unausſprechlicher Zärtlichkeit. „Lilly, ſprich zu mir!“ rief Bonners mit einer Leidenſch aftlichkeit, die ihn zu überwältigen drohte;„ſage mir: würdeſt Du mich lieben, ſelbſt wenn ich ein Verbrecher wäre?“ Wie ſegnend legte ſie ihre Hände auf ſein Haupt; dann ſchrieb ſie:„Du biſt mein Freund, mein Geliebter, mein Vater; es giebt nichts auf Erden, was mich von Dir trennen könnte!“ Und Bonners, als er dies geleſen, ſank auf ſeine Knie nieder, und ſein Geſicht in ihren Klei⸗ dern verbergend weinte er laut. So lag er lange, lange, und Lilly, die dieſe Ausbrüche ſtürmiſcher Leidenſchaft an ihm kannte, wehrte ihm nicht. Als er ſich dann wieder auf⸗ richtete, waren ſeine Züge wieder ruhig und ge⸗ ſammelt, aber bleich und krankhaft. Er winkte Lilly, die ſich an ſeinen Arm hän⸗ gen wollte, zurück, und ſchritt in das nächſte Zim⸗ mer, deſſen Thür er hinter ſich verſchloß; an der Schwelle dieſer Thür ſank Lilly nieder und betete.— Furchtbar mußte der Kampf ſein, der Bonners Seele bewegte; denn ſeine Züge zuckten krampf⸗ haft, und dann und wann drang ein lautes Stöh⸗ nen aus ſeiner heftig wogenden Brn herbon.— — 86— „Wäre es möglich“— ſagte er endlich und blieb ſtehen vor einem männlichen Portrait, das an der Wand hing, und auf welches mechaniſch ſich ſeine Blicke richteten— wäre es möglich, daß ſie mein Weib würde? Könnte ich ihr Leben an das meine ketten, ſie beſitzen?“ 3 Er ſchwieg und ſchaute ſtarr auf das Bild. Seiner aufgeregten Phantaſie ſchien es Leben und Bewegung zu beſitzen; er ſtarrte es an mit immer ſtiereren Blicken und immer bleicheren Wangen. „Nein, nein! ächzte er endlich leiſe; ſieh mich nicht an mit dieſen furchtbaren Blicken, welche mit hölliſchem Feuer in meiner Seele brennen! Drohe mir nicht mit dieſem ſataniſchen Lächeln, mit dem Du meine Seele verdorben haſt. Es iſt Tag, es iſt Tag! Gönne mir jetzt mindeſtens Ruhe! Die Nacht iſt Dein: da magſt Du meine Seele zerfleiſchen und mein Herz martern mit Erinnerungsqualen! Fort, fort!“— Und er trat mit einem Entſetzen zu⸗ rück, das ſeinen Zügen einen faſt wahnſinnigen Ausdruck verlieh.—„Iſt es unmöglich(ſagte er nach langer Pauſe), unmöglich, daß ſie mein Weib wird? Könnte ich nicht mit ihr fliehen, weit, weithin, wo keines Spähers Auge, kein Ver⸗ rath mich verfolgen würde? wo ich nimmer zu fürchten hätten O, eine Einſamkeit, getheilt von ihr, welch Glück könnte dieſem gleichen? O viel⸗ leicht daß der Friede und die Ruhe, welche ſie umgiebt, auch mich wieder umfangen könnten! Wäre denn dies nicht möglich?“ Er verſank tiefer in ſich ſelbſt und ſchwieg lange. Aber der friedliche Ausdruck verſchwand wieder aus ſeinen Zügen, aus denen jetzt ein tie⸗ fes Entſetzen ſprach. „Nein, nein, es iſt unmöglich!“ ſagte er dumpf;„ewig drängt ſich ſein Schatten zwiſchen mich und ſie; nimmer, nimmer darf ſie das Weib deſſen ſein, der“— lautes Aechzen unterbrach ſeine Worte, und dann nach einer Pauſe fuhr er fort:— „Ich darf ihr Geſchick nicht an das meine heften! Dieſes Opfer mindeſtens bin ich ihr ſchuldig! Frei und unabhängig muß ihr Leben ſein! Verrath mag mich umlauern, Unheil kann mich treffen: ſie darf nicht davon gefährdet werden! Sie nicht! O Lilly, nimmer habe ich Dich ſo geliebt, als in dieſer Stunde; möge das Opfer, das ich Dir bringe, mindeſtens einen Theil meiner Schuld ge⸗ gen Dich ſühnen!“ Er bedeckte ſein Antlitz mit ſeinen Händen und ſeufzte laut.„Und dann(ſagte er wieder leiſe), wohin ſollte ich flüchten? Nein, die Einſamkeit iſt nicht für mich, die Natur hat mir ihren Frie⸗ den entriſſen, ich darf nicht zu ihr fliehen!— Wenn ich Ruhe ſuche in der Stille, höre ich Dä⸗ monen mir laut von der Vergangenheit ins Ohr rufen, und wenn ich in die Einſamkeit flüchte, finde ich ſie nimmer leer, denn meine Thaten ſind bei mir! Nein, nein, ich bedarf der Welt! In ihr Getümmel muß ich mich hineinſtürzen, ihre rauſchenden, lärmenden Freuden muß ich genießen, das Gebrauſe ihrer rohen Luſt muß ich vor mei⸗ nen Ohren erſchallen laſſen, auf daß es dieſe flü⸗ ſternden Dämonen übertöne und mir mindeſtens Zerſtreuung gebe!“ Als er ſich genugſam geſammelt fühlte, um zu Lilly zurückzukehren, fand er ſie noch auf der Schwelle der Thür kniend, aufgelöſt in Thränen. Er nahm ſie in ſeine Arme und küßte die Thränen von ihren Wangen. IX. Das Wiederſehen. Während Bonners am Vorabende ſeiner Hoch⸗ zeit alſo bei Lilly verweilte und ſeine Bruſt von Schmerzen zerriſſen fühlte, waren die Gefühle, denen Lenore zur ſelben Zeit in der Einſamkeit ihres Zimmers nachhing, nicht minder peinvoll und bitter. Im Hauſe war ein ungewöhnliches Treiben und Wirken; denn da die Baronin auf den mor⸗ genden Tag viele Gäſte geladen, obwohl Niemand wußte, daß dieſes Feſt eine ungewöhnliche Bedeu⸗ tung haben würde, ſo war in der Küche, wie in den Zimmern, die eigens dazu geſchmückt und her⸗ gerichtet wurden, eine außergewöhnliche Bewegung. Das Geräuſch hin⸗ und hergerückter Meubles, das Zurufen der Arbeiter, das Klappern der In⸗ ſtrumente in der Küche: alles dies drang verwor⸗ ren bis zu Lenorens Gemach und erpreßte ihr bei — 90— der Erinnerung an die Veranlaſſung dieſes Trei⸗ bens ſchwere Seufzer. Die Baronin war in Geſellſchaft gefahren, und es war Lenoren ein ſüßer Troſt, mindeſtens allein ſein zu dürfen. Sie fühlte ſich traurig und unglücklich, und alle die künſtlichen Reflexionen und vernünftigen Betrachtungen, mit welchen ſie bis dahin ihr Herz zu beſchwichtigen geſucht, wichen von ihr, nun die Entſcheidung ſo nahe gerückt war. Santöme's Geſtalt tauchte in ihrer Seele auf; ſie meinte jenen Blick, mit welchem er zuletzt ſie angeſchaut, wieder auf ſich geheftet zu fühlen; ſeine Stimme ertönte wieder vor ihrem Ohr; alle dieſe ſüßen Erinnerungen an das allmähliche Knos⸗ pen und Wachſen ihrer Liebe tauchten mit lebhaf⸗ ten Farben in ihr auf und wollten ſich nicht mehr abweiſen laſſen. Lenore hatte ihr Herz bezwingen wollen; aber ihr Herz mahnte ſie daran, daß ſie nur ein ſchwaches Weib ſei. Sie legte ihr Haupt in ihre aufgeſtützte Hand und weinte. Aber zu ſtolz, um ſich dieſer Schwäche ganz hinzugeben, trocknete ſie ihre Zähren bald. „Noch iſt es nicht dahin gekommen(ſagte ſie leiſe und ſtand auf, um im Zimmer herumzu⸗ gehen), noch bin ich nicht ſo ſchwach, um meine Stärke und meine Entſchloſſenheit mit Thränen hinwegſpülen zu wollen! Noch fühle ich den⸗ jenigen Muth in mir, den man immer fühlt, wenn man der Vernunft und Ueberlegung Gehör gegeben!“ Sie bemerkte es gar nicht, daß trotz dieſer ſtolzen Worte ihre Augen ſich dennoch wieder mit Thränen füllten, und erſt als dieſe in heißen Strömen über ihre Wangen hinabrollten, ſchreckte ſie zuſammen und ſank, gleichſam als fühle ſie nun, daß ihr Kämpfen und Ringen dennoch um⸗ ſonſt, und ſie ihrer tiefen Trauer die Herrſchaft über ſich einräumen müſſe, auf die Chaiſe laugne nieder, und ihr Haupt in den Polſtern bergend weinte ſie laut. Lenore hörte es in der Tiefe ihres Schmerzes nicht, daß von der Thür her ein wiederholtes leiſes Pochen ertönte; ſie hörte es nicht, wie endlich dieſe leiſe geöffnet wurde und ein Mann hereintrat. Er zog leiſe die Thür nach ſich und blickte im Zimmer umher. Als er Lenoren gewahrte, warf er mit einer heftigen Bewegung den Mantel, der bisher ſeine Geſtalt umhüllte, bei Seite, und eilte zu der Wei⸗ nenden hin. Mit einer leidenſchaftlichen Bemegurg kniete er neben ihr nieder, und ihre Hand faſſend fragte er leiſe:„Lenore, weinſt Du um mich?“ Sie richtete zuſammenſchreckend ſich auf, und ſchaute mit irren Blicken ihn an. „Lenore, weinteſt Du um die Trennung von mir?“ fragte er wieder und küßte ihre Hand. „Es iſt alſo kein Traum; Sie ſind es, ſind es wirklich!“ rief ſie ſchmerzvoll.„Ja, er iſt es, es iſt Santöme!“ Sie verbarg ihr Haupt in ihren Händen nach Faſſung ringend. „Ich bin es, und bin gekommen, mein Bekennt⸗ niß zu vollenden und um Deine Liebe zu werben! Nein, Lenore, entziehe mir nicht Deine Hand! Laſſe ſie in der meinen, laſſe ſie mir für immer⸗ dar! Theuerſte, Geliebteſte, lege dieſe Hand ver⸗ trauensvoll in die meine, und geſtatte mir, Dich mein zu nennen! O Lenore, mein Leben wird zu arm ſein, Dir meine Liebe, meine grenzenloſe Hingebung zu bezeigen, zu arm, um Dir zu dan⸗ ken für die Wonne Deines Beſitzes; und doch habe ich, einem Bettler gleich, Dir nichts zu bieten, als dieſes, nichts—“ „ Es iſt genug!“ unterbrach ihn Lenore, die indeß ihre Faſſung wieder erlangt hatte, und ſich erhebend ſtand ſie ſtolz und ſtreng vor dem noch immer knienden Santöme. „Stehen Sie auf, mein Herr! Nicht geziemt es Ihnen, eine ſolche Sprache zu führen, nicht mir, ſie anzuhören. Wer gab Ihnen die Erlaub⸗ niß, unangemeldet in mein Gemach einzudringen zu ſo unpaſſender Stunde?“ „Die Thüren waren offen, Niemand da, mich zu melden, und mein Herz führte mich!“ „Gehen Sie, mein Herr, und wenn Sie wünſchen, meiner Mutter einen Beſuch zu ma⸗ — 93— chen, ſo laſſen Sie es zu einer gelegeneren Zeit ſein!“ Und Lenore, welche fühlte, daß ihre erkünſtelte Faſſung im Begriffe war, ſie zu verlaſſen, wandte ſich, um hinauszugehen.. Santoͤme faßte ihre Hand und hielt ſie zurück. „Es iſt nicht, kann nicht Ihr Ernſt ſein!“ ſagte er aufgeregt.„So kann Lenore nicht ſpre⸗ chen zu demjenigen, den ſie, ich wage es zu ſagen, durch ihre Huld und Güte zu dem Bekenntniſſe ſeiner Liebe berechtigt hat. Nein, ich kann es, will es nicht glauben, daß Lenore zu jenen eitlen Weibern gehöre, deren Augen Alles verſprechen, wovon ihr Herz nichts zu halten gedenkt. Lenore iſt zu edel und ſtolz, um coquet zu ſein, und ich habe in Ihren Augen geleſen, daß Sie mich lie⸗ ben. O Lenore, warum wollen Sie mir dieſe unendliche Wonne nicht gönnen, warum nicht Ihre Lippen die Gelübde wiederholen laſſen, die—“ „Enden Sie nicht, Santoͤme!“ ſagte ſie mit bebender Stimme; denn die unausſprechliche Angſt, welche ſich in Santoͤme's Zügen malte, nahm ihr den letzten Reſt von Faſſung und Kraft.„Enden Sie nicht! Wir dürfen ſo nicht zueinander re⸗ den, ſo nicht dürfen Ihre Worte ſein!“ „Und warum nicht?“ fragte Santoͤme leiden⸗ ſchaftlich. Weil ich die Braut und morgen ſchon das „D Weib eines Andern bin!“ erwiederte ſie tonlos. 4 — 94— Santöme bebte zuſammen, und ſtand lange ſchweigend und wie erſtarrt da.„Gelobt ſei Gott!“ ſagte er endlich tief bewegt,„daß ich zeitig genng kam, um Dich zu retten. Ich ſehe es in Deinen bleichen Zügen, meine Lenore: man hat Dich zwingen wollen zu dieſer Verbindung, man hat mit Gewalt Dir einen Gatten aufdringen wollen, den Dein Herz verabſcheut. Aber man hat nicht bedacht, daß ich da bin, Dich zu beſchützen, daß ich mit meinem Leben die Freiheit des Deinen vertheidigen werde. Nein, nein, Lenore!l vertraue mir: nimmer ſoll es ihnen gelingen, Dich mir zu entreißen. Die Liebe iſt ſtärker, denn alle Ge⸗ walt; ſie bricht alle Ketten, alle Feſſeln!“ „Santoͤme, hören Sie mich!“ ſagte ſie flehend und weich:„ich ſelber, der Vernunft und Ueber⸗ legung Gehör gebend, habe in freier Wahl mich entſchloſſen, morgen die Gattin dieſes Mannes zu werden.“ „Wiederhole es!“ rief er mit zornflammen⸗ den Blicken,„Du ſelbſt—“ „Ich ſelbſt habe aus freier Wahl meine Hand vergeben.“ „Und der Name?“ fragte Santöme, die Lip⸗ pen zuſammenpreſſend, daß das Blut hervorſpritzte. „Er heißt Bonners!“. Und Santoͤme erinnerte ſich ſeiner flüchtigen Begegnung mit ihm, und der Worte, die er da⸗ mals über ihn vernommen. 1 — — 95— „Bonners, der reichſte Mann in Paris!“ rief er mit einem lauten, ſpöttiſchen Lachen, unfähig, ſeinen Zorn länger zu bemeiſtern.„Und ſchon während Deine Blicke mir noch Liebe logen, ſchon damals gehörteſt Du ihm an; während ich mit trauerndem Herzen Dich verließ, trat er bei Dir ein, und Du lachteſt in Deinem Herzen vielleicht des Thoren, der Deinen Blicken geglaubt! Gehe denn hin, gleißneriſches Weib, und möge das Geld, dem Du Deine Seele opferſt, Dich erdrücken mit ſeiner goldnen Laſt!“ „Santoͤme, nicht ſo laß uns ſcheiden!“ rief Lenore und reichte ihm die Hand dar. Er ſtieß ſie zurück und ſtürzte fort. „Er verachtet mich!“ ſagte Lenore und ſank vernichtet zuſammen. X⸗ Der Hochzeitstag. Bonners kehrte von ſeinem kurzen Ausfluge nach der Villa gerade früh genug zurück, um ſeine Gäſte zu empfangen, die er zu einem Dejeuner geladen, weil er die Gedanken und Rückerinnerun⸗ gen, welche dieſer Hochzeitsmorgen ihm in der Einſamkeit bringen würde, durch Geſellſchaft zu zerſtreuen hoffte. Die Herren— es waren dieſelben, mit denen er wegen Lenoren eine Wette eingegangen— hat⸗ ten ſich ſchon verſammelt und empfingen ihn mit lauter Begrüßung. „Willkommen, unſer fröhlicher Wirth!“ „Willkommen, Liebling der Frauen!“ „Krone aller Soirées!“ „Lion aller Lions!“ „Willkommen, meine ſpottenden Gäſte, Witzigſte der Witzigſten! willkommen, ihr treueſten der Freunde!“ ſagte Bonners in gleicher Weiſe, und — 97— warf ſich, noch im Reiſekleide, nachläſſig auf den Divan. „Schon wieder in Geſchäften verreiſt, Bon⸗ ners?“ fragte Baron Voiſſin und blinzelte ihm lachend zu;„ich meine in Geſchäften auf der Villa?“ „Oui, mon ami! ich war bei meiner kleinen Taubſtummen.“ „Bonners iſt ein glücklicher Mann; alle Her⸗ zen gehören ihm!“ riefen die Freunde. „Keine widerſteht ihm!“ „Alle Welt vergöttert ihn!“ „Nota bene, ſo lange ich nicht Bankerott mache!“ ſagte Bonners lachend.„Und jetzt, meine Freunde, laßt uns trinken, laßt uns eſſen! Laſſet uns an⸗ ſtoßen auf die Geſundheit unſrer Liebchen und das Wohlergehen unſrer ſelbſt.“„He, Wein her! Jean, Louis, Charles! Tummelt euch, ihr Jun⸗ gens; kein Glas darf leer ſein; nicht eine Minute! Laßt die Champagnerpfropfen knallen, knallen, daß ſie bis an die Decke fliegen! Nichts von dieſer neuen Mode; der Champagner mundet mir nicht, wenn der Pfropfen nicht knallt! In jeder Flaſche ſitzt ein kleines Teufelchen, und es bleibt im Wein, wenn der Pfropfen nicht knallt! Voiſſin, dieſes Glas trinke ich auf das Wohl Deiner Geliebten!“ „Und ich dies auf das Wohl der Deinen, Bonners!“ „Trinke drei zu gleicher Zeit; denn ich habe deren drei!“ Bonners. II. 7 — 98— „Ach, wie muß das Leben ſchön ſein, wenn man ſo reich wie Sie iſt, Bonners!“ „Ja, es iſt göttlich, meine Freunde! denn Alles iſt käuflich!“ 1„Ja, Ihnen gehört Alles!“ „Pferde!“ „Pracht!“ „Liebe!“ „Ehre und Rang!“ „Und mehr als dies Alles: Eure Freund⸗ ſchaft!“ rief Bonners.„Laßt uns anſtoßen! Auf die Ewigkeit unſerer Freundſchaft!“ Die Becher kreiſten in der Runde, und Alle kamen zu Bonners, ihm die Hand zu ſchütteln, und in ſchönen Worten ihn der Ewigkeit ihrer Freundſchaft zu verſichern. Als er ſein Glas wieder niederſetzte, geſchah dies mit einer ſolchen Heftigkeit, daß es klirrend zerbrach. „Pah!“ ſagte er lachend;„Glück und Glas, wie bald bricht das! Jean, einen ſilbernen B⸗ cher her! Das Silber iſt dauerhaft wie Eure Freundſchaft, meine Freunde!“ Und ſie tranken und lachten, und erzählten ſich von Liebſchaften, Aventuren, Pferden und Schulden. 3 „Aber, aber Bonners, wie ſteht's mit unſerer Wette?“ fragte Voiſſin.„Die Saiſon geht zu Ende, morgen ſchon ſchließt die Fürſtin K. ihren — 99— Salon, und giebt damit das Zeichen zum Ende. Bonners, ich fürchte, Du verlierſt!“ „Ja, ja, Bonners, Sie werden verlieren!“ „O man ſagt noch mehr!“ „Ja, ja, man will beobachtet haben, daß Sie das Haus der Baronin ſeit längerer Zeit nicht frequentirten!“ „Man erzählt, Sie hätten von der ſtolzen Lenore einen Korb bekommen!“ „Man hat die Baronin ſelbſt danach gefragt, und ſie hat geheimnißvoll gelächelt ſtatt aller Antwort.“ „Ach, Bonners, welche Demüthigung, einen Korb zu bekommen!“ „Unſinn!“ ſagte Bonners, der auf der Uhr geſehen, daß es Zeit ſei zur Toilette;„Unſinn, ſage ich Euch! Seid Ihr heute Mittag zur Ba⸗ ronin Saumont geladen?“ „Ja, wir Alle! „Zu welcher Zeit.?“ „Um vier Uhr!“. „Nun ſeht, es iſt faſt Zeit; laßt uns daher Toilette machen!“ Sie gingen auseinander. Während Bonners in dieſer Weiſe zu der hei⸗ ligen Handlung dieſes Tages ſich vorbereitete, war Lenore mit nicht minder wichtigen Dingen beſchäf⸗ tiget. Kammerzofen umſtanden ſie, um unter An⸗ leitung der Baronin Lenorens Toilette zu machen. 7* Während die eine vor ihr kniete, war die an⸗ dere beſchäftigt, die weißen Roſen und den langen Brautſchleier in ihrem Haare zu befeſtigen, und dann kam ihre Mutter, um mit triumphirenden Blicken den koſtbaren, funkelnden Brillantſchmuck, welchen Bonners heute morgen geſandt, um Le⸗ norens Hals zu legen. „Es iſt doch etwas ſehr Nobles um die Brillan⸗ ten!“ ſagte ſie, als ſie die langen Ohrgehänge befeſtigte;„etwas ſehr Nobles! Und von welchem reinen Waſſer dieſe ſind! Keine Fürſtin kann ſie beſſer und ſchöner haben. Mein Kind, es muß doch ein herrliches Gefühl für Dich ſein, einem ſolchen Manne anzugehören! Und ſiehe, dieſes Perlenhalsband; wahrlich, es iſt von unermeßlichem Werth! Wie wird man Dich beneiden, Lenore!“ „Ich hoffe, man wird es!“ ſagte Lenore leiſe, und ſie empfand bei dieſem Gedanken eine Sänf⸗ tigung der herben Gefühle, die ſie beſtürmten. „Ach, wo wäre eine Dame, die nicht wün⸗ ſchen möchte, an Deiner Stelle zu ſein?“ „Es iſt mindeſtens ein Troſt, zu beſitzen, was Alle wünſchenswerth ſinden!“ ſagte Lenore und trat zum Spiegel. Sie betrachtete ſich lange und prüfend, und ihr Antlitz überflog ein zufriedenes Lächeln. Als ihr der Spiegel ihr ſtolzes, ſchönes und glänzendes Bild zurückwarf, als ſie ihre hohe, von ſchwerem weißen Atlas umhüllte Geſtalt be⸗ — 101— trachtete, fühlte ſie, daß ſie nicht geſchaffen ſei, um zu klagen und zu trauern, ſondern um zu herrſchen und zu gebieten. .„Und auch Gutes zu thun,“ flüſterte ihr beſ⸗ ſeres Selbſt, und dies gelobte ſie ſich, indem ſie jetzt das brillante Collier betrachtete, und dabei bedachte, wie vielen Armen und Unglücklichen ge⸗ holfen ſein würde durch das Gold, welches für dieſen Schmuck hingegeben worden. Der Bediente meldete die Ankunft Bonners und der Zeugen, welche mit zur Kirche fahren ſollten. Denn es war beſchloſſen, die Trauung in aller Stille, nur im Beiſein einiger Zeugen in Nötre dame zu vollziehen. Dann beim Mit⸗ tagsmahle ſollte die Vermählung den Gäſten publi⸗ cirt werden, und Abends ein glänzender Ball das Feſt beſchließen. „Bitte Herrn Bonners, ſich herein zu be⸗ mühen!“ Der Diener verbeugte ſich und ging. Dann kam Bonners. Die Baronin führte ihm ihre Tochter entgegen und legte ihre Hand in die ſeine. Zum erſten Male küßte er ſie auf die Wange; Lenore erbleichte, indem ſie ſeinen Kuß empfing. „So laßt uns zur Kirche fahren!“ ſagte die Baronin, und Bonners reichte ſeiner Braut den Arm. — 102— „Ich wollte, dieſe Ceremonie wäre ſchon vor⸗ über!“ ſagte Lenore, als ſie in die Kirche traten. Arme Lenore! Es war ihr in der That nichts als eine Ceremonie, eine leere Formel. Nichts von dem bräutlichen Zagen, dem ahnungsvollen Erröthen und Erbleichen einer der Zukunft ent⸗ gegen bangenden und hoffenden Braut! Nichts von dem ſtürmiſchen Wogen des Buſens, dem Pochen und Stillſtehen des Herzens, nichts von den halb verſchämten, halb flehenden Blicken, den in Thränen ſchwimmenden Augen, den leiſe geſtammelten Gebeten,— nichts von alle dem, was ſonſt gleich einem Heiligenſcheine eine Braut am Hochzeitstage umfluthet und umgiebt, und ſo⸗ gar die Häßlichſte ſchön macht,— nichts von al⸗ len dieſen echt weiblichen, zarten und jungfräulichen Regungen in dem ſo ſchönen Angeſichte Lenorens. Zu alledem war dieſe Braut— zu vornehm und zu verſtändig! Und ſie war ja nur gekommen, eine Ceremonie zu verrichten!—— Drei Tage darauf befand ſich Santöme in Marſeille, wo er die Abfahrt des nächſten Dampf⸗ bootes nach Amerika erwartete. Denn da der im Bagno beſindliche Galeerenſklave Blackwell nicht derjenige war, welchen er ſuchte, wollte er jetzt in Amerika die Nachforſchungen fortſetzen, und in Verfolgung ſeines Racheſchwures vielleicht eine Sänftigung ſeines Kummers finden. In einem Kaffeehauſe ſitzend, las er die neu angekommenen — 103— „ Pariſer Journale. Sein Auge ſtieß auf bekannte Namen und auf die Stelle: Vor einigen Tagen vermählte ſich der unermeßlich reiche und liebens- würdige Amerikaner Bonners mit der ſchönen Baroneſſe Tenore Saumont. 3 Das Blatt entſank ſeiner Hand.„Es iſt zu Ende!“ flüſterte er ſchmerzlich;„um Gold opferte ſie ihre Liebe!“ XI. Blackwell. Nimmer rinnen die Waſſer rückwärts; der Strom folgt ſeinem Laufe vorwärts, immer vor⸗ wärts hinein in die Zukunft;— alſo ſollte auch der Strom unſerer Erzählung vorwärts rinnen, und nicht ſollten wir verſuchen, ſeinen Lauf zu hemmen, oder die Wogen der heranrauſchenden Zukunft zurückzuhalten. Aber wenn wir ſeinem murmelnden Rauſchen unſer Ohr leihen, fragen wir dieſe Wogen, von wannen ſie kommén, und mit der Wißbegier des Forſchers ſuchten wir nach ihrem Quell. Dieſer Quell liegt weit rückwärts, und indem wir zu ihm hineilen, überſpringen wir mit echter Dichterfreiheit manches ſchon abwärtsgefluthete Jahr, bis wir zu ihm gelangen, und hier laßt uns einen Augenblick verweilen und Perſonen und ——— —— — 105— Geſtalten betrachten, und Begebenheiten erzählen, welche ſich ereigneten faſt zwanzig Jahre vor den bis jetzt berichteten!———. Es war Morgen, und die helle Frühlingsſonne, welche die Nebel, die mit trübem Schleier London zu beſchatten pflegen, heute zerſtreut hatte, glitzerte freundlich durch hohe Fenſterſcheiben in ein prunk⸗ volles aber wüſtes Geſellſchaftszimmer, deſſen Un⸗ ordnung von einem vielleicht erſt kurz zuvor been⸗ digten nächtlichen Gelage zeugte. Einige Tiſche ſtanden in der Mitte des Zim⸗ mers, und die Würfel und Karten, die darauf lagen, erklärten genugſam, wozu ſie gedient hat⸗ ten, während die hier und da auf der Erde liegen⸗ den zerbrochenen Weingläſer und Flaſchen, wie das ganze wüſte Ausſehen des Zimmers ſagten, daß man mit dem geräuſchloſen Vergnügen des Spieles ein tobenderes und lauteres zu einigen gewußt hatte. Auf dem Divan lag ein Livreebedienter in fe⸗ ſtem Schlaf, ſo feſt war dieſer Schlaf, daß er es nicht hörte, wie ſich dicht neben ihm die Thür öffnete, und ſein Herr mit grämlichem Geſicht hereinſchaute. Seine lange dürre Geſtalt umhüllte ein ſeidner Schlafrock, deſſen koſtbarer Stoff von der Eleganz ſeines Gebieters zeugte, und. in ſeinen äußerſt weißen und kleinen Händen hielt er eine lange, ſehr ſchöne türkiſche Pfeife. „Schläft der Kerl noch!“ brummte er vor ſich hin,„und da drinnen ſieht's aus, als hätten wir dieſe Nacht ein Bacchanal gefeiert. Und doch, ſagte er mit einem unangenehmen Lachen, waren es nur einige gute Freunde, denen ich ihr Geld abgewann! Hallo, Tom, wache auf, verdammter Kerl, die Uhr iſt zehn vorbei, wie lange ſoll ich heute auf meine Chocolade warten, dummer Tölpel?“ Der ſo liebreich Angeredete fuhr empor, und nachdem er durch einiges Dehnen und Ziehen ſei⸗ ner Glieder, durch Augenreiben und Gähnen zum völligen Bewußtſein gekommen, taumelte er aus dem Zimmer, ſeinem Herrn die befohlene Choco⸗ lade zu holen.— Ein Wagen fuhr heran, und hielt vor dem Hauſe. „'s wird Blackwell ſein,“ ſagte der Mann im Schlafrock, und trat ans Fenſter.„Richtig, er iſts. Bald darauf öffnete ſich die Thür, und ein faſt noch dem Knabenalter angehörender Jüngling trat ins Zimmer. „Guten Morgen, Harrick!“ „Wie geht's, Blackwell?“ Sie reichten ſich die Hände und ſchauten ein⸗ ander an, und dann lächelten ſie Beide, der Eine unſchuldig, der Andere ironiſch. 3 „Du ſiehſt heute erſtaunt grämlich aus, Har⸗ rick? Wo iſt Deine unwiderſtehliche Freundlichkeit, — 107— von der die ſchöne Fanny geſtern meinte, ſie würde Dich in Deinem achtzigſten Jahre noch hinreißend machen?“ „Bah, mein Junge, ich komme ſoeben erſt aus den Federn, und da ſind meine Züge noch in ihrer natürlichen Lage.“ „Aber dieſe Grämlichkeit iſt Dir nicht natür⸗ lich, Harrick!“ „In der That, ſie iſt es! Und dieſe grämliche Welt iſt auch nichts Beſſeres werth!“ „O, o, ſchilt mir nicht dieſe Welt, die ſo ſchön iſt und prächtig! Nein, nein, Harrick, es iſt ein köſtlich Ding um dieſe Welt!“ „Ja, ja, wenn man ſo jung iſt und uner⸗ fahren, wie Du!“ brummte Harrick,„wenn man alle Menſchen für gute Freunde, und das Geld für unerſchöpflich hält!“ „O ich denke gar nicht an das Geld,“ rief der Jüngling eifrig.„Glaube mir, Harrick, ich würde auch ohne Geld glücklich ſein! Ob reich oder arm, meine Freunde bleiben mir doch!“ „Und das glaubſt Du?“ fragte Harrick mit halb erſtaunten, halb verächtlichen Blicken!„Gu⸗ ter Gott, was für ein Kind Du biſt! An Freund⸗ ſchaft ohne Geld zu glauben! Nein, nein, höre mich an, mein Junge: traue Niemand, Niemand weiter, als Deinem Gelde! Das iſt das einzige Untrügliche, das Barometer für alles Glück und alle Freundſchaft der Welt!“ 4 — 108— „Auch für Deine Freundſchaft, Harrick?“ „Hm, nicht ganz! Blackwell, nicht ganz! Ich war Deines Vaters vertrauter Freund! das feſſelt mich an Dich! Aber ſag' mir, was macht Dein Onkel? Noch immer nicht todt, he?“ „Im Gegentheil, ich hoffe, er wird geneſen,“ ſagte Blackwell freudig;„das war's, warum ich ſo früh zu Dir kam. Ich weiß, wie innigen Antheil Du an ihm nimmſt, und dieſe rauhe Maske täuſcht mich nicht!“ „Allerdings nehme ich Antheil an ihm, aber mehr an ſeinem Sterben, als an ſeinem Leben! Es verlangt mich, Dich im Beſitz ſeines großen Vermögens zu ſehen, Dich umfeiert und geliebt zu ſehen!“ „Feiert man mich nicht ſchon jetzt?“ fragte Edgin Blackwell mit leichtem Erröthen,„und habe ich nicht Freunde, die mich lieben?“ „Natürlich, als den muthmaßlichen Erben Dei⸗ nes reichen Onkels!“ „Ach, Harrick, Du möchteſt mich gern eine Welt haſſen lehren, die Du im Grunde ſelber ſo ſehr liebſt, aber es ſoll Dir nicht gelingen, und Du biſt ſelber zu gut, um es zu wünſchen!“ „Zu gut! Hm, es freut mich, daß Du ſo über mich denkſt! Und nun ſage mir, mein Junge, hat Dich wirklich weiter nichts hergeführt, als der Wunſch, mich mit der Beſſerung Deines reichen ——-— — 4109— Oheims bekannt zu machen? Aha, ich leſe in Dei⸗ nen Augen noch einen andern Wunſch! Nun wie viel ſoll's ſein?“ „Fanny wünſchte ſich geſtern einen Brillant⸗ ſchmuck, wie die erſte Sängerin ihn hat.“ „Und Du verſprachſt ihn ihr auf heute; hab' ich nicht Recht?“ Edgin Blackwell nickte. „Und er koſtet?“ „Zweihundert Pfund!“ „Teufel, das iſt viel! Ich gewann nur zehn Pfund mehr geſtern Abend! Aber Du ſollſt ſie haben, ſollſt ſie ſogleich haben!“ Und der aufopfernde Freund John Harrick ging in das nächſte Zimmer, um die Summe zu holen. Während er ſeinen Schreibtiſch öffnete, und aus einer geheimen Schatulle den Spiel⸗ gewinnſt der vorigen Nacht nahm, murmelte er leiſe in ſich hinein:„Er wird nicht lange leben, ſein ſteinreicher Oheim. Sein Arzt hat mir ver⸗ ſichert, daß er den heutigen Tag nicht überleben wird, und ſo denke ich, kann ich ſeinem unbeſon⸗ nenen Neffen wohl dieſes Geld leihen!“ Edgin Blackwell empfing aus ſeines Freundes Händen die gewünſchte Summe und ergoß ſich in glühenden Dankesverſicherungen.„Aber höre, Edgin, Du borgſt doch von Niemand als von mir?“ „Nein, auf meine Ehre, ich thue es nicht!“ „Das iſt gut, mein Junge! Ich fürchte, Du könnteſt ſonſt in die Hände geiziger Wucherer ver⸗ fallen, die nicht ſo uneigennützig mit Dir ver⸗ fahren möchten, wie ich, und nicht genug kann ich Dich warnen: hüte Dich vor den falſchen Freunden!“. „Nein, nein, Harrick, ich wüßte Niemand außer Dir, den ich genug lieben könnte, um ihm gern verpflichtet zu ſein, Niemand außer Dir, dem ich genugſam vertrauen könnte, um Geld von ihm zu borgen!“ „Gut, gut, Edgin, ich glaube Dir! Und nun gehe, und kaufe Deiner hübſchen Schan dielerin den gewünſchten Schmuck!“ Edgin umarmte ihn und ging, und John Harrick ſah ihm nach mit einem Blicke voll Hohn und Verachtung. „Da geht er hin, der leichtgläubige Thor,“ ſagte er, während er die Chocolade ſchlürfte, die ihm ſoeben ſein Diener gebracht.„Wirklich, ich ſah nie einen einfältigeren, unwiſſenderen Knaben! Zu glauben, daß ihn ſeine Freunde lieben, den Menſchen zu vertrauen! Ha, ha, ha,— und wie ſehr er mich liebt!— Nun es gefällt mir, von ihm geliebt zu werden, und ich denke, es ſollen aus dieſer Liebe für uns Beide gute Früchte er⸗ wachſen! Ich werde ihm helfen, ſeinen Reichthum gehörig an den Mann zu bringen, und werde, ſo Gott will, dabei ſelber ein reicher Mann werden! — 111— Hm, er hat jetzt alle meine Erſparniſſe! Sechs⸗ tauſend Pfund und dazu die zweihundert von heute Morgen! In einem Jahre hat der junge Herr verbracht, was ich in zehn Jahren geſammelt! Nun, nun, ich wußte ſchon, als ich es ihm lieh, daß ſeines Onkels Schwindſucht ihn binnen Jah⸗ resfriſt in die Grube bringen würde, und dann wird ſein großmüthiger Erbe mir das Vierfache meiner Forderung geben! Ich denke, dies iſt keine üble Speculation!“ John Harrick war einer von den herunter⸗ gekommenen Roues, an denen jede große Stadt ſo reich iſt. Er hatte in ſeiner Jugend ein be⸗ deutendes Vermögen ererbt, und es mit Hülfe ſei⸗ ner Freunde im Laufe weniger Jahre verſchwen⸗ det; mit dem Geld waren auch ſeine Freunde ver⸗ ſchwunden, und in einer elenden, ärmlichen Dach⸗ kammer hatte der Verarmte Zeit und Muße ge⸗ nug gehabt, über die Vergänglichkeit alles Glückes und aller Gefühle nachzudenken. Aber John Har⸗ rick war nicht der Mann dazu, um in unthätigem Sinnen und nutzloſen Verwünſchungen lange müßig zu trauern. Aus den Kämpfen und Qualen die⸗ ſer einſamen Stunden ging er hervor mit einer vollkommenen Verachtung der Menſchen und aller der Empfindungen und Regungen, die wir in dem einen Ausdruck„Gemüth“ zuſammen zu faſſen pflegen, und mit dem einzigen Beſtreben, ſich auf jede Weiſe und durch alle ihm zu Gebote ſtehen⸗ den Mittel Dasjenige zu verſchaffen, was ihm der Inbegriff aller Weltehre und alles Weltglückes zu ſein ſchien,— Geld zu erwerben. Er erwarb ſich durch Glück im Spiel ein klei⸗ nes Capital, und wußte dies durch wucheriſches Ausleihen an begüterte Jünglinge, die er mit dä⸗ moniſcher Luſt zur Verſchwendung und zum Spiel verführte, zu vermehren. So gelang es ihm, bald ſich eine behagliche und elegante Exiſtenz zu ſchaffen, und mit hohnlächelnder Freude ſah er mit ſeinem wachſenden Wohlſtand auch die Zahl ſeiner Freunde ſich wiederum vermehren, ſah die⸗ jenigen wieder zu ſich zurückkehren, die ihn gemie⸗ den, als er arm war. Dieſe Wahrnehmung ver⸗ mehrte noch ſeine Verachtung und ſeinen Grimm gegen die Menſchen, und ſchärfte in ihm den Blick für ihre Laſter und Gebrechen, indem ſie ihn blind machte für ihre Tugenden und Vorzüge. Er erkannte die Schwächen aller derer, die ſich ihm nahten, in dem erſten Zuſammenſein mit ihnen, und indem er ihnen ſchmeichelte, wußte er ſie zu benutzen. Er war es, der dem unerfahrenen Jüngling mit Rath an die Hand ging, wie er die liebende Sorgſamkeit aufmerkſamer Verwandten täuſchen, und denjenigen Neigungen ſich hingeben konnte, die ihm daheim verſagt wurden; er begünſtigte die Liebesintriguen junger Cavaliere mit den hab⸗ füchtigen Schönen des Theaters; er war es, der den Jünglingen, wenn ſie reich waren, in ſeinen Zimmern die Gelegenheit verſchaffte, das Hazard⸗ ſpiel kennen und lieben zu lernen, und der, wäh⸗ rend er ihnen Geld abgewann, zugleich ihre Seele vergiftete durch die leichtfertigſte und ſchlüpfrigſte Unterhaltung, durch die Profanirung alles Heiligen und Erhabenen, und ſie lachen machte über Dinge, die ihnen bis dahin ehrwürdig erſchienen. Aber bei alledem wußte er ſich ſelber den Ruf eines achtbaren Mannes zu ſichern. Niemand konnte ihm nachſagen, daß er Schuld an dem Ver⸗ derben irgend eines dieſer Jünglinge trage, die man in ſeiner Geſellſchaft geſehen. Er war es ja, der ſie ſtets warnte, ſich nicht den Laſtern hinzugeben, deren Keime er zuvor geweckt, und von deren Gedeihen er ſo viel Vortheil gezogen, als er für ſeinen guten Ruf unſchädlich hielt. Wie oft hörte man ihn warnen vor der Lei⸗ denſchaft des Hazäardſpieles, wie oft ſah man ihn mit liebevoller Gewalt Denjenigen von dem ver⸗ hängnißvollen grünen Tiſch zurückdrängen, den er ſelber zuvor dahingebracht, wie oft hörte man durch Spiel und Laſter ruinirte Jünglinge es be⸗ reuen, daß ſie nicht Harrick's wohlmeinenden Rath befolgt und ihren Leidenſchaften Zwang angelegt, während ſie nicht bedachten, daß er es war, der dieſe Leidenſchaft in ihnen geweckt. Auch beſaß Harrick außerdem alle Tugenden, die im Stande ſind, ihrem Eigner in der Geſell⸗ 3 8 Bonners. II. — 114— ſchaft Glanz zu verleihen. Er beſaß nicht allein die Gabe der Unterhaltung in hohem Grade, ſon⸗ dern wußte auch ſeine Unterhaltung mit pikanten Bosheiten und ſanglanten Witzeleien zu würzen, eine Eigenſchaft, die niemals verfehlt, in der Ge⸗ ſellſchaft Bewunderung und Theilnahme zu fineen. Er beſaß eine noble Tournüre, und kleidete ſich ſtets geſchmackvoll und nach der neueſten Mode; er war ein Elegant, ohne dabei ein Geck zu ſein. Alle dieſe Eigenſchaften dienten dazu, ihm in der Geſellſchaft ein gewiſſes Anſehen zu verleihen, und ihm eine Achtung zu verſchaffen, über die Harrick in ſeinem Herzen hohnlachte. . Denn ſo wenig wie über Andere, täuſchte er ſich über ſich ſelbſt; er wußte ganz genau, wie ſehr ſein Herz verderbt und ſeine Seele aller hei⸗ ligern Empfindungen entäußert war, und doppelt haßte er die Menſchen, die ihm dennoch jene Hoch⸗ ſchätzung zollten, von der er am beſten wußte, wie wenig er ſie verdiene. Und wer war ſchuld— ſo fragte er ſich ſelbſt— an dieſem ſeinen moraliſchen Untergang? Wer lehrte ihn die Menſchen und ſich ſelber ver⸗ achten? Die Menſchen ſelber, denen das Geld mehr bedeutete, als der Menſch, die ſich von ihm wandten, als er arm geworden, und zu ihm zu⸗ rückkehrten, als die Armuth von ihm wich, die Menſchen, die um dreißig Silberlinge willen noch täglich und ſtündlich den Heiland in ihnen ver. rathen und verkaufen! Auch er hatte den Heiland in ſich verkauft, auch er hatte ſeine Seele hingegeben um Geldes willen. Sollte er ſich nicht rächen an Denen, die ihn dazu getrieben? Und mit einem ſolchen Menſchen hatte Edgin Blackwell das Unglück bekannt zu werden, und dieſer unerfahrene, kaum dem Knabenalter ent⸗ wachſene Jüngling faßte eine wirkliche Zuneigung zu dem Manne, der ihm nicht allein Gelegenheit gegeben, mit der von ihm angebeteten Schauſpie⸗ lerin Fanny bekannt zu werden, ſondern der ihn auch ſtets mit Geld unterſtätzte, an welchem ſein als unermeßlich reich bekannter Oheim es ihm ſtets mangeln ließ. Edgins von Natur zarter und edler Sinn lehnte ſich zuweilen gegen den Gedanken auf, gegen ſeinen Oheim, der ihn erzogen, und dem der Alles verdankte, ungehorſam zu ſein, und ihn zu täuſchen. Harrick lehrte den bereuenden Neffen, daß der geizige Oheim es nicht anders verdiene, daß die Dankbarkeit nur eine Tugend der Thoren und Narren ſei, und Edgin Blackwell, wenn er ihm auch nicht glaubte, beruhigte ſich mindeſtens. Blackwell's Oheim litt ſeit einiger Zeit an einer unheilbaren Krankheit, und es war auf Grund derſelben, daß Harrick Edgin bedentende 8* — 116— Gelder geliehen, die er von dem Erben des reichen Mannes mit bedeutendem Gewinne zurückfordern woollte.. Edgin aber in ſeinem warmen und noch nicht verhärteten Gemüthe fühlte ſich wahrhaft betrübt über ſeines Oheims Leiden, und vielleicht hätte dieſe Krankheit dazu dienen können, des Neffen Herz wieder ganz ſeinem Oheim zuzuwenden und dieſen zum Vertrauten ſeiner jugendlichen Verir⸗ rungen zu machen, wenn nicht der Oheim ſelbſt, finſterer und verſchloſſener denn jemals, jedes An⸗ nähern ſeines Neffen mit ängſtlicher Scheu ver⸗ mieden und ihm zuletzt ſogar den Eintritt in ſein Krankenzimmer verſagt hätte. Als Edgin Blackwell am Mittag jenes Tages, an welchem wir ihn zuerſt bei Harrick ſahen, in ſeine Wohnung zurückkehrte, erhielt er die Nach⸗ richt, daß ſich das Leiden ſeines Oheims bedeutend vermehrt habe, und bald ward er an das Bett des Sterbenden gerufen. Weinend und mit einem Schmerzgefühle, das nicht ohne Gewiſſenspein, neigte ſich Edgin über das Lager ſeines Oheims und flehte in zitternden Tönen um ſeinen Segen. Meinen Segen, meinen Segen! ſtammelte der Kranke. O Edgin, vergib mir alles Unglück, das ich über Dich gebracht habe! Er ſank auf ſein Kiſſen zurück, ſeine Glieder wurden ſteif, er war nicht mehr. — 117— Edgin ſaß an ſeiner Leiche in tiefem, wahr⸗ haftem Schmerz; während mehrerer Tage ſchien er für keinen anderen Gedanken, kein anderes Ge⸗ fühl zugänglich, als für ſeine Trauer, bis unvor⸗ hergeſehene und ſchmerzvolle Ereigniſſe anderer Art ihn plötzlich und gewaltſam aus ſeinem Kum⸗ mer aufrüttelten. XII. Die Erbſchaft. Harrick lag mit gemächlicher Ruhe auf ſeinem Divan und überdachte mit großer Selbſtzufrieden⸗ heit das gute Gelingen ſeiner Pläne. Der reiche Oheim war todt, Edgin Blackwell ſein einziger Erbe, und er des reichen Erben ver⸗ trauteſter Freund. Die Sachen ſtanden ſehr gut! Sein Diener brachte ihm die ſoeben aus⸗ gegebene Morning⸗Poſt. Hm, es wird des alten Blackwell Begräbniß drin ſtehen, ſagte Harrick für ſich, und entfaltete die Zeitung, um in den letzten Columnen nach den Begebenheiten des Tages zu ſuchen. Plötzlich entfärbte ſich ſein Geſicht, und ſeine Geſtalt durchflog ein leiſes Zittern.. Verdammtl ſagte er zähneknirſchend, und warf die zerknitterte Zeitung mit einem wilden Fluche zur Erde, während er aufſtand und in heftiger — 119— Bewegung im Zimmer auf und nieder rannte. Dann nahm er das Blatt wieder vom Boden auf, und es wieder vor ſich ausbreitend las er aber⸗ mals die verhängnißvolle Stelle, die ihn ſo ſehr ſeiner gewohnten Ruhe beraubt hatte. Dieſe Stelle lautete:„Am geſtrigen Tage ward der Banquier Blackwell mit allem Glanze des Reich⸗ thums beerdigt, ſein Neffe und muthmaßlicher einziger Erbe folgte mit tiefem Kummer der Bahre. Wie groß mußte ſein Entſetzen ſein, als er bei ſeiner Rückkehr von dieſem traurigen Gange das Haus ſeines Oheims von Gerichtsdienern bevöl⸗ kert fand. Ein unvermutheter, von Niemand ge⸗ ahneter Fall hatte ſich herausgeſtellt. Der Ban⸗ quier Blackwell war gerade zur rechten Zeit ge⸗ ſtorben, um nicht in Newgate ſeine übrigen Tage verſeufzen zu müſſen. Seine Papiere hatten ſich in größter Unordnung befunden, nur durch Liſte und Ränke allerlei Art war es dem Verſtorbenen gelungen, ſich den Anſchein und den Ruf des Reichthums während ſeiner letzten Lebensjahre zu bewahren; mit ſeinem Tode mußte ſofort dieſes künſtliche Gebäude zuſammenbrechen,— heute früh iſt über den Nachlaß des Verſtorbenen Concurs erklärt, und ſein Neffe iſt ein Bettler geworden. Wie groß die Maſſe der Schuld, iſt noch nicht abzuſehen, da ſich noch fortwährend von allen Seiten her Gläubiger melden!“ Harrick war außer ſich. Er eilte zu einem * — 120— nahe wohnenden Banquier und fand dort die un⸗ heilsvolle Nachricht beſtätigt: der Concurs war unrettbar, und Edgin Blackwell ein Bettler! Edgin ein Bettler! wiederholte Harrick mecha⸗ niſch, während er ſich in ſeine Wohnung zurück⸗ begab und ſich in ſeinem Zimmer einſchloß. Edgin Blackwell ein Bettler! Er dachte bei dieſen Worten aber nicht an Edgins Unglück, ſondern an das ihn betreffende Mißgeſchick. Edgin konnte nun nicht die Summe von ſechstauſend zweihundert Pfund bezahlen, die Harrick ihm geliehen,— der Wucherer war um die Erſparniſſe zehn mühevoller Jahre betrogen worden!— Als er ſich erſt an dieſen Gedanken gewöhnt und ſeinen Grimm überwunden hatte, begann er zu überlegen, welchen möglichen Vortheil er von dieſem Mißgeſchicke zu ziehen noch im Stande ſei. Wie ſollte ſein Benehmen gegen Edgin ſein? Nachdem er hierüber lange nachgegrübelt, fand er, daß derſelbe ihm auch jetzt noch von großem Nutzen ſein und daß er ihm dienen könne, nicht allein ihm den Ruf eines großmüthigen Freundes zu verleihen, ſondern auch das Vertrauen anderer Jünglinge zu erwerben. Gerade als er mit dieſen Betrachtungen und Plänen fertig geworden, klopfte es an ſeine Thür. Es wird Edgin ſein, flüſterte Harrick, und ein teufliſches Lächeln durchflog ſeine Züge. — 121— Es verſchwand aber ſogleich wieder, als er die Thür öffnete, und Edgin Blackwell bleichen und verſtörten Angeſichtes hereintrat. 4 Armer junger Freund, ſagte Harrick, und reichte Edgin die Hand hin. Der Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, war bei Harrick ſo unge⸗ wohnt herzlich und liebevoll, daß Blackwell's Augen ſich mit Thränen füllten. „Du bedauerſt mich, Harrick,“ ſagte er leiſe. „O, Du haſt noch Mitleid mit mir, während Alle mich verlaſſen!“ „Prüfteſt Du alſo Deine Freunde ſchon?“ ſagte Harrick. „Ja, Harrick, ich war bei Allen, die mich vor wenigen Tagen noch ihrer Freundſchaft verſicherten, und bat ſie um eine Anleihe, und ſie Alle ver⸗ weigerten ſie mir, Keiner von ihnen erinnerte ſich ſeiner Liebe für mich, ſelbſt Fanny nicht!“ Harrick lachte laut auf.„Du warſt alſo auch bei ihr, Deiner erſten Liebe, und auch ſie verließ Dich, nicht?“— „Sie wies mich von ihrer Thür!“. „Du ſiehſt alſo, Edgin,“ ſagte Harrick ernſt, „daß ich Recht hatte, Du vertrauteſt den Men⸗ ſchen, und jetzt ſiehſt Du, daß dieſe Alle nur um Deines Reichthums willen Dir Freundſchaft und Liebe logen. O es giebt nichts Verächtlicheres als die Menſchen! So wie Dir erging es einſt auch mir, und ich habe gelitten, was Du leideſt. Laß uns darauf denken, Edgin, Dich und mich zu rächen an der Welt.“ „La, ich will mich rächen, o ich möchte die Welt vernichten, die mich ausſtößt, weil ich ein Bettler bin!“ Und Edgins Augen leuchteten in leidenſchaftlichem Zorn, während er ſprach. „Und warum bin ich der Letzte, zu dem Du kommſt,“ fragte Harrick nach einer Pauſe. „Jch ging zu allen meinen Freunden, Harrick, weil ich hoffte, mit ihrem Beiſtand Dir die Bumme welche ich Dir ſchulde, wieder erſtatten zu können.“ „Und Niemand wollte Dir borgen! Ha, ha, ha!“ „Dies iſt es, was mich am meiſten betrübt, Harrick, daß ch Deine Großmuth und Freund⸗ ſchaft wider meinen Willen betrügen muß. O, ich wollte, ich könnte Dir dienen, als Dein Sklave, als Dein Leibeigener, Harrick, könnte Dir nützen in irgend einer Art!“ „Das kannſt Du, Sdgin, das kannſt Du! Und was das Geld anbelangt, das Du mir ſchul⸗ dig biſt, ſo ſollſt Du es mir wieder erſtatten, wenn Du wieder reich biſt. Ich habe Deine Schuldverſchreibung und werde ſie bis dahin auf⸗ bewahren.“ Edgin lächelte ſchmerzvoll, als er ſagte:„ich fürchte, daß ich ſie niemals werde einlöſen † können.“ „Das wird ſich zeigen! Jetzt aber laß uns — 123— von Deiner Zukunft ſprechen! Was denkſt Du zu beginnen?“ „Mich als Matroſe auf einem Schiffe an⸗ werben zu laſſen, und in die weite Welt zu gehen!“ „Das iſt Unſinn, Edgin! Dies iſt Dein ein⸗ ziger Plan?“ „Ich habe keinen andern!“ „Nun, ſo höre mich an! Du bleibſt bei mir, und theilſt mit mir, was ich beſitze! Man ſoll nicht von mir ſagen können, daß ich meine Freunde verlaſſe, wenn ſie in Noth ſind, oder mich von ihnen wende, wenn ſie arm ſind. Edgin, die ganze Welt hat Dich verlaſſen, ich bleibe Dir treu!“ „Und meine grenzenloſe Liebe und Dankbarkeit gehört Dir,“ rief Edgin, und umarmte ſeinen großmüthigen Freund mit ſtrömenden Thränen. „Und nun kein Wort mehr davon,“ ſagte Harrick, nachdem er die Umarmungen ſeines ge⸗ rührten Freundes mit hohnlächelndem Munde er⸗ duldet hatte. Die Sache iſt abgemacht! Jetzt laß uns daran denken, wie wir uns das Leben ange⸗ nehm machen können! Denn, mein Freund, der höchſte Zweck des Lebens iſt der Genuß, und der höchſte Genuß wiederum iſt, diejenigen zu betrü⸗ gen, die uns betrogen! Meinſt Du nicht?“ „Ich denke, es muß ſchön ſein, Rache zu üben,“ ſagte Edgin trübe. 4 „Wahrhaftig, es iſt ſchön!“ rief Harrick,„und —— . G — 124— dies ſoll unſer höchſter Genuß ſein. Kein Tag wird vergehen, ohne daß ſich uns Gelegenheit da⸗ zu darbietet, und wir werden ſie benutzen!“ „Aber wie, Harrick?“ 3 „Die Menſchen betrogen uns, wir wollen ſie wieder betrügen. Die Menſchen verließen uns, nachdem ſie uns um unſer Geld gebracht; wir wollen hinwiederum ſie um ihr Geld bringen, und ihnen unſere Leiden vergelten! Und nun merk auf, mein Junge, was ich Dir ſagen will! Es iſt heute Abend bei mir Spielgeſellſchaft.“ „Und da werden alle diejenigen kommen,“ fragte Blackwell haſtig,„die ſonſt meine Freunde waren? Nein, Harrick, dieſe Schmach ertrage ich nicht! Ich würde es nicht vermögen, denen ruhig gegen⸗ über zu ſtehen, die mich kränkten und verließen!“ „Du wirſt es!“ ſagte Harrick ſtreng.„Lerne vor allen Dingen Deine Empfindungen verhüllen! Lerne denen freundlich ſein, die Du in Deinem Herzen verwünſcheſt, drücke die in Deine Arme, denen Du lieber den Dolch ins Herz ſtoßen möchteſt.“ „Das iſt Falſchheit, Harrick!“ „Nein, es iſt Weltklugheit, und verloren iſt der, der ſie nicht üben will! Lerne dieſe Welt⸗ klugheit, es iſt der Anfang der Rache! Zeige Dich heute Abend Deinen ſogenannten Freunden herz⸗ lich und unbefangen, als habe nichts Euer freund⸗ liches Verhältniß geſtört, das wird ihnen impo⸗ niren! Wir werden heute Abend zwei Spieltiſche haben! An einem biſt Du, an dem andern ich! Nun höre meine Spielregeln!“ Und Harrick machte in flüſterndem Tone ſeinen jungen Freund mit einigen Kunſtgriffen und Zei⸗ chen bekannt, die er„unſchuldige Hülfstruppen“ nannte, die aber dem minder verdorbenen Edgin grobe Betrügereien däuchten! „Ich werde dies nicht vermögen,“ ſagte er vor Beſchämung erröthend.„Ich kann kein Be⸗ trüger ſein!“ „Du willſt alſo ein ehrlicher Mann ſein,“ erwiederte Harrick höhniſch,„einer Welt gegen⸗ über, die Dich betrog? Ich ſehe, Du biſt ein⸗ fältiger als ich dachtel Und was wird Dir Deine Ehrlichkeit nützen? Glaubſt Du im Stande zu ſein, Dich mit dieſer zu ernähren? Wird ſich ir⸗ gend ein Menſch deshalb Deiner annehmen? Edgin ſchüttelte traurig das Haupt! „Glaube mir,“ fuhr Harrick fort,„die ehr⸗ lichen Leute ſind immer die Geprellten, und die⸗ jenigen, die Du in den Straßen verhungern ſiehſt, verhungern, weil ſie ehrlich bleiben und in ihrer Dummiheit nicht ihre Hand ausſtrecken wollten nach dem, was nicht Ihres war. Es gibt nur zwei Sorten von Menſchen: die Dummen und die Klugen! Die Erſteren werden beherrſcht, die Letzteren herrſchen, die Erſteren ſind die Leidenden, die Letzteren die Genießenden, die Erſteren ſtreben — — nach Ehrlichkeit und verhungern dabei, die Letzteren nach Glück und erlangen es! Entſcheide nun, zu welcher Klaſſe Du gehören magſt. Willſt Du in der Dummheit der Ehrlichkeit leben, nun ſo reiche mir die Hand, und laß uns Abſchied nehmen, gehe hinaus und ſuche nach Menſchen, die Dich unter⸗ ſtützen wollen wegen Deines ehrenvollen Ent⸗ ſchluſſes! Willſt Du klug ſein, und die Welt ge⸗ nießen, nicht zu den Betrogenen, ſondern zu den Betrügern gehören, und Rache üben an der Welt, ſo bleibe bei mir, und laß uns Freunde ſein. Entſcheide Dich raſch. Willſt Du mich verlaſſen, oder bei mir bleiben?“ Edgin ſchwankte nur einen kurzen Moment, dann ſagte er entſchieden:„Harrick, als alle meine Freunde ſich von mir wandten, Alle meinen Bitten taub waren, Einige ſogar, und es waren diejeni⸗ gen, denen ich oft in der Noth geholfen und ſie aus Geldverlegenheiten gerettet, als dieſe ſogar mich verlachten und verſpotteten wegen meiner ſon⸗ ſtigen Freigebigkeit, da ſchwur ich mir ſelbſt in meinem Grimme, mich an ihnen zu rächen! Ich ſehe wohl, daß ich mit Ehrlichkeit es nicht ver⸗ mag. Auch biſt Du der Einzige, der mir treu geblieben, der Einzige, der mich zu Dank ver⸗ pflichtete, und Du haſt ein Recht auf mein Leben, denn ich bin Dein Schuldner. Wohlan denn, ich bleibe bei Dir! Topp, da haſt Du meine Hand, Sdgin, das — 127— war geſprochen, wie ein Mann! Und Du wirſt heute Abend mit den jungen Herren Karten ſpie⸗ len, wie ich Dich gelehrt?“ „Ich werde es thun, denn ich werde daran denken, daß es ein Theil meiner Rache iſt!“ ſagte Blackwell finſter. „Edgin,“ ſagte Harrick nach einer Pauſe, ich nannte Dir vorher zwei Klaſſen von Menſchen, es giebt aber noch eine Ausnahmsklaſſe, und nur die Klügſten der Klugen gehören zu dieſer. Die Jünger dieſer Ausnahmsklaſſe ſind noch ein Ueber⸗ bleibſel aus der alten Ritterzeit; für ſie iſt die ganze Welt ein großer Kampfplatz, ein Tournier, auf dem ſie ſich herumtummeln, und allein ihrer Geſchicklichkeit jeden Vortheil, den ſie erringen, verdanken; ihre Dame iſt Fortuna, und je ge⸗ ſchickter ſie ſind, deſto huldvoller lächelt ſie; ihre Ritter tragen alle dieſelbe Deviſe, welche iſt: „Geld“ und dieſelbe Farbe, nämlich goldgelb. Weißt Du, welche Ritter ich meine?“ Edgin verneinte.. „Es ſind die Glücksritter, Edgin, eine ſehr reſpectable Innung, und wir gehören zu ihr!“ XIII. Die Freunde. Harrick hatte ganz richtig berechnet, und ſeine Freundſchaft für Edgin Blackwell gereichte ihm zum größten Nutzen. Ueberall lobte man ſeine Großmuth, ſich dem freundlich und helfend zu zeigen, der ſo ſehr in ſeiner Schuld war, überall pries man ſeine Un⸗ eigennützigkeit, die ihn gegen ſeinen verarmten Freund ebenſo freundlich ſein ließ wie früher gegen den reichen. Blackwell war gewiſſermaßen der Firniß ge⸗ worden, durch den das ſchöne Gemälde von Harricks großmüthigem Charakter nur deutlicher und glän⸗ zender hervortrat, und während die Jünglinge es bewunderten, waren die Aeltern minder ängſtlich, ihren Söhnen den Umgang mit einem Manne zu geſtatten, gegen deſſen Thun ſie ſonſt wohl zu⸗ weilen Argwohn gehegt.— Harrick ſchien nur darauf bedacht, ſeinen — — 129— Freunden Vergnügen zu machen, aus Dankbarkeit, wie er ſagte, weil dieſe ſo freundlich die langen Stunden eines alten Junggeſellen ihm zu verkür⸗ zen trachteten, und ſeit der Geſchichte mit Black⸗ well glaubte man ihm. Jeden Abend waren einige ſeiner jungen Freunde bei ihm, und Harrick an dem einen, Edgin an dem andern Tiſche gewannen ihnen ihr Geld ab. So war denn Sdgin ein Betrüger geworden, ein Falſchſpieler. Anfangs wiederholte er ſich dies oftmals, und ſeine Seele ſchauderte vor dieſem Gedanken. Er fühlte tief ſeine Entwürdigung und ſeine Schmach, aber er ſah kein Mittel mehr, ihr zu entgehen. Allmählich ſtumpfte der Stachel ſeiner Selbſt⸗ vorwürfe ſich ab, er lernte von Harrick ihr Ge⸗ ſchäft eine„Selbſtvertheidigung“ nennen, und jahrelange Gewöhnung ließ es ihn endlich ganz frei von allem Tadel ſehen. Was er aber in dieſen Jahren von der Welt gelernt, das erkältete ſein Herz und lehrte ihn die Menſchen verachten. Sein von Unglück und Erfahrung geſchärfter Blick lehrte ihn durch die Maske der Freundlich⸗ keit das wahre Antlitz des Menſchen erkennen; er ſah, wie ſie Alle nur beherrſcht wurden von Egoismus und Genußſucht, er ſah die wildeſte Leidenſchaft in den goldgierigen Blicken raſender * 9 Bonners. II. 130= Spieler ſich darlegen, ſah die edlen Züge des menſchlichen Angeſichts in Folge des Weins ſich zu thieriſcher Stumpfheit verzerren, ſah die rohe⸗ ſten Begierden die Herrſchaft über den menſch⸗ lichen Geiſt gewinnen. Voll Ueberdruß und Ekel wandte er ſich ab von dieſen Scenen, und in ſeinem Herzen verachtete er die ganze Menſchheit. Aber Edgin Blackwell bedachte nicht, daß ſein trauriges Geſchick es ihm nur nicht geſtattet, die⸗ jenigen kennen zu lernen, von deren Daſein Harrick ihm freilich nichts geſagt, und die nicht in ſeine beiden Klaſſen der Klugen und Dummen gehörten, nämlich die edlen und wahren Menſchen. Wie konnte der verführte und verleitete Jüng⸗ ling an Menſchen glauben, die er nimmer ge⸗ wahrt, an Tugenden, die ihm immer nur das Ideal ſeiner Träume geblieben? Harrick lehrte ihn, an nichts zu glauben, als an das Geld, nach nichts zu ſtreben, als nach Geld, weil in dieſem Alles enthalten, was das Leben ſchmücke und ver⸗ ſchöne, was den Menſchen Achtung abgewinne; Harrick lehrte ihn an Allem zweifeln, jeder Miene, jedem Lächeln zu mißtrauen, jede Gefühlsäußerung für eitel Trug und jede Freundſchaftsbezeigung für Beſtechung zu halten. „Und die Liebe, Harrick, iſt auch die Liebe eine Täuſchung?“ fragte Edgin eines Abends ſei⸗ nen Freund und Beſchützer. „Ja wahrlich, ſie iſt's, und vor dieſer am — 4131— meiſten hat man ſich zu hüten, Edgin. Denn ſie umnebelt die Vernunft, und läßt uns Trugbilder als Wahrheit erſcheinen, ſie umdüſtert den freien Blick des Geiſtes, und macht aus thatkräftigen Menſchen müßige Träumer!“ „So haſt Du alſo nie geliebt?“ „Hm, das i eine kitzliche Frage, Edgin! Ich bin gewohnt, Dir die Wahrheit zu ſagen, und wenn ich ſie Dir jetzt ſage, zwingſt Du mich, vor mir febber zu erröthen. Allerdings habe ich ein⸗ mal eine ſolche Schwäche empfunden, ja, und dieſe Schwäche war ſo ſtark, daß ſie ſogar mich bezwang. Ich dachte ſogar daran, mich haus⸗ väterlich niederznlafen und um ein Amt zu be⸗ werben.“ „Und das Mädchen Deiner Liebe?“ „Die glaubte meinen Worten, und ward mein Weib, ohne daß der Prieſter ſeinen Conſens dazu gegeben. Und während ich mich ganz ernſthaft nach einem anſtändigen Amt umſoh, und ſie mir eine Tochter geboren hatte, wich allmählich dieſer Rauſch von mir; ich ward wieder nüchtern und verſtändig, der Schleier der Leidenſchaft, der mei⸗ nen Blick umſchattete, zerriß, und ich ſah wieder Alles, wie es war. Da erklärte ich denn, meiner mir ſtets eigenen Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit zufolge, meiner Geliebten, daß ich ihr nimmer meinen Namen geben könnte, und daß es über⸗ haupt beſſ er ſein würde, wenn wir uns treuinten.“ 4 —— — 6 — —— — 132— „Und ſie, die Arme, Betrogene, was that ſie?“ fragte Edgin. „Du wählſt Deine Ausdrücke unpaſſend, mein junger Enthuſiaſt. Sie war keine Betrogene, denn ich ſagte ihr die Wahrheit!“ „Aber erſt, als es zu ſpät war!“ „Die Wahrheit kommt niemals zu ſpät, Edgin. Indeß gehörte dieſes Mädchen zu der dummen Klaſſe der Menſchen. Denn als ſie ſah, daß we⸗ der ihre Bitten, noch ihre Drohungen meinen Ent⸗ ſchluß wankend machen könnten, ſchickte ſie mir eines Tages durch ein altes Weib ihre kleine Toch⸗ ter und am andern Morgen fand man ihren Leichnam in der Themſe.“ 3 „Entſetzlich,“ rief Edgin erbleichend.„Du biſt alſo ihr Mörder geworden!“ „Nein, in der That, das bin ich nicht! Ihr eigner Unverſtand gab ihr den Tod, nichts weiter!“ „Und Deine kleine Tochter?“ „Bah, meine Tochter! Ich gab ſie zu einem alten Weibe in Penſion, und zahle noch monatlich einige Schillinge für ſie. Aber ich hoffe, dieſer Mühe bald überhoben zu ſein, denn ſie iſt bald fünf Jahr alt, und ſoll als Arbeiterin in eine Fabrik.“ „Nein, nein, unmöglich!“ ſagte Edgin heftig; „ſo unmenſchlich kannſt Du nicht handeln wollen, es kann nicht Dein Ernſt ſein, das Kind Deiner Geliebten, die ſich um Deinetwillen den Tod gab, — 133— der grauſamen und barbariſchen Behandlung, de⸗ nen die Kinder in den Fabriken unterliegen, aus⸗ zuſetzen. Harrick, laß uns die Menſchen haſſen, aber die Kinder lieben! Vielleicht, Harrick, daß das Gute, was Du an dieſem Kinde thuſt, Dir zum Segen wird, daß es ein Sühnopfer für Dich ſein kann. Wie ſehr ich auch die Welt haſſe, und mich an den Menſchen zu rächen trachte, ſo weiß ich doch, Harrick, daß ich eine ſchwere Schuld dadurch auf mich lade, eine Schuld, die zuweilen mit bitterer Pein und Selbſtverachtung auf mir laſtet. Laß uns beide vereint für dies Kind ſor⸗ gen, und es lehren, für uns bei Dem zu bitten, der die Kinder liebt und zu ſich ruft!“ Harrick lachte laut und ſpöttiſch, vielleicht um einen Anflug von Rührung, der ſein Herz beſchlich, zu verdecken. „Du biſt heute außerordentlich ſentimental, Edgin!“ ſagte er dann ironiſch.„Es iſt aber auch natürlich, da Du geſtern keine Spielpartie hatteſt!“ „Nein, nein, Harrick!“ ſagte ſein junger Freund haſtig,„laß uns nicht dieſe beſſern Re⸗ gungen in mir mit Spötteleien wieder verſcheuchen, laß uns einmal auch in unſern Herzen Raum finden für edlere und heiligere Empfindungen. Dies arme, junge Kind, mit der Schmach ſeiner Geburt belaſtet, deſſen Vater der Verderber ſeiner Mutter war, laß dies uns mindeſtens vor Elend und * — 134— Leid bewahren, laß es uns pflegen und uns ſein erbarmen mit helfender Liebe!“ „Du weißt nicht, was Du ſprichſt, Edgin! Es iſt ein unglückliches Geſchöpf, dem es beſſer wäre, es ſtürbe frühzeitig, und hätte nicht die Qual eines langen Lebens zu ertragen. Sie iſt taubſtumm, Edgin.“ „ Um ſo mehr bedarf ſie unſerer Liebe, Har⸗ rick, Deiner Sorgſamkeit und Pflege! Sie muß unterrichtet und gebildet werden.“) „Und wer,“ fragte Harrick barſch,„ſoll die Koſten ihrer Erziehung und Bildung tragen?“ „Ich will dafür ſorgen, Harrick,“ ſagte Black⸗ well entſchloſſen und mit edelmüthigem Feuer. „Ich will um dieſes Kindes willen mich in allen Dingen üben, die ich bis jetzt zurückgewieſen. Gieb mir die falſchen Würfel, ich werde auch dieſe ge⸗ brauchen, und heute Abend will ich Bank halten, jeden Abend!“ „Nun ſo mag es ſein! Da, hier ſind die Würfel, und hier die Adreſſe, wo Du das Kind findeſt. Aber ich bitte Dich um eins; bringe es nicht zu mir, ich liebe kein Kindergeplärr!“ Edgin hörte kaum die letzten Worte; mit freudiger Haſt eilte er davon, und ein Miethwagen brachte ihn zu der abgelegenen Wohnung, in der. er Harrichs Tochter finden ſollte. Frau Lock, die Pflegemutter des Mädchens, wohnte, wie ihn der Wirth bedeutete, in dem hin⸗ 4 — 135— tern Hofgebäude, und durch den finſtern Flur trat Blackwell in den engen, ſchmuzigen, von eklen Dünſten geſchwängerten Hofraum. Während er fragend und ungewiß, zu welcher der vielen halb zerfallenen, beſchmuzten Thüren er ſich wenden ſolle, umherblickte, drang plötzlich das ſchrillende, ängſtliche Geſchrei einer Kinder⸗ ſtimme an ſein Ohr, mit einem ſo jammervollen, herzzerſchneidenden Wehelaute, daß Blackwell ſein Innerſtes davon ergriffen fühlte. Eine Ahnung ſagte ihm, es ſei Harrick's Tochter, deren Angſtgeſchrei er vernommen, und dem Schalle folgend öffnete er eine der Thüren und trat ein. Welch ein Anblick bot ſich hier ſei⸗ nen entſetzten Blicken dar! Es war eine finſtere, nur von einem kleinen, von Schmuz faſt undurchſichtig gemachten Fenſter erhellte Kammer, aus der dem Eintretenden eine ſchwüle, ekle Luft entgegendrang. Die beſchmuz⸗ ten, rohen Wände, der hier und da aufgewühlte Lehmfußboden, der elende Tiſch, vor dem ein drei⸗ beiniger Schemel ſtand, das ſchmuzige Stroh in der Ecke, welches als Bett zu dienen ſchien und nebſt Tiſch und Stuhl das einzige Ameublement dieſer Kammer bildete: Alles dies machte einen trüben und herzzerſchneidenden Eindruck. Aber Blackwell beachtete es nicht, er blickte nur auf das elende, zerlumpte Weib, deſſen lan⸗ ges, graues Haar in wilder Unordnung um ihr — 136— welkes, ſchmuziges Geſicht hing, und auf das Kind, das winſelnd zu ihren Füßen lag und ſich unter den Schlägen krümmte, die fort und fort auf ihren Rücken herabfielen. „Ich will Dich lehren, nur dreißig Pence heimbringen!“ kreiſchte die Alte, und ihre Fauſt traf wieder des Kindes Rücken;„andere Kinder betteln das Doppelte zuſammen, und ſind nicht einmal taubſtumm. Du ſollſt wieder auf die Straße, und todt ſchlagen will ich Dich, wenn Du nicht mehr bringſt.“ „Halt,“ ſagte Blackwell, und ſeine Hand faßte den ſchon wieder zum Schlagen erhobenen Arm der Alten,„noch ein Schlag und ich ſchlage Euch ſelber zu Boden!“— Erſtaunt und ſprachlos blickte die Alte auf die unerwartete Erſcheinung, das Kind aber kroch zu ihm hin, und des Fremden Knie umklammernd, der ihm wie ein Engel des Himmels erſcheinen mochte, hob es ſeine kleinen abgemagerten Händ⸗ chen mit einem flehenden Ausdrucke zu ihm empor. „Was ſchlugt Ihr dies Kind?“ fragte Black⸗ well ſtreng. „Ach, Herr, Ihr glaubt nicht, was für ein boshafter und eigenſinniger kleiner Racker es iſt!“ ſagte das Weib, voll Ehrfurcht für den vorneh⸗ men, wohlgekleideten Herrn, in demüthigem Tone. Man kann ſie nur durch Schläge zur Ordnung bringen. Sie iſt—“ — — 137— „Ihr lügt,“ unterbrach ſie Blackwell,„ich hörte Alles. Ihr habt das Kind, das Euch zur Pflege anvertraut worden, betteln laſſen!“ „Nun, von den paar Schillingen, die ich da⸗ für bekam, wäre es auch nicht möglich geweſen, mich und den Balg zu erhalten,“ erwiederte die Alte frech.„Die reichten kaum hin zu meinem Branntwein!“ „So müßt Ihr Euch künftig nach anderem Verdienſt umſehen; ich nehme das Kind ſogleich mit mir.“ Die Kleine heftete ihre großen, dunklen Augen, während Blackwell ſprach, mit einem unausſprech⸗ lichen Ausdrucke der Angſt und Bitte auf ſein Geſicht, als wolle ſie in deſſen Zügen die Worte leſen, die ſie nicht hörte. 4 Es war ein rührender Anblick für Blackwell, dieſes kleine zuſammengekauerte, in Lumpen ge⸗ hüllte Weſen, das noch immer ſeine Knie umfaßt hielt, und ſein ſprechendes, ausdrucksvolles Autlitz zu ihm erhob, deſſen Schönheit das Elend und der Schmuz nicht zu unterdrücken vermocht. Er neigte ſich zu ihr nieder und ſtreichelte mit einem freundlichen Lächeln ihre blaſſe einge⸗ fallene Wange. Ein ſolches Zeichen von Freundlichkeit und Güte mochte dem Kinde nimmer geſchehen ſein. Es ſtieß einen lauten Frendenſchrei aus, und Thränen entſtürzten ſeinen Augen. — 138— „Armes, armes Kind!“ ſagte Edgin tiefbewegt und hob die Kleine, nicht achtend ihrer ſchmuzigen Lumpen, in ſeine Arme;„Gott ſei geſegnet, daß ich Dich retten konnte!“ Das Kind ſchlang ſeine Arme feſt um ſeinen Hals, und klammerte ſich zitternd an ihn, als fürchte es, die Alte möchte ſie dieſer Zufluchtsſtätte wieder entreißen. „Hier iſt Euer Lohn!“ ſagte Blackwell, und warf der Alten, die heulend über ihren bevor⸗ ſtehenden Verluſt daſtand, einige Schillinge hin. Ohne ihr Jammern und Flehen, ihr das Kind zu laſſen, weiter zu beachten, verließ er dieſe Stätte des Elends, das Kind in ſeinen Mantel hüllend, nahm er es mit ſich und fuhr in ſeine Wohnung zurück. Harrick war nicht daheim, und Blackwell fühlte ſich froh darüber. Hatte er doch nun nicht ſeine ſpöttiſchen Bemerkungen, ſein höhniſches Lachen und ſeine entheiligenden Witzeleien zu fürchten! Mit rührender, liebender Geſchäftigkeit war er nur um das Kind beſorgt, deſſen große ſprechende Augen unverwandt auf ihn gerichtet waren. Die Magd ward herbeigerufen, und mußte für die Kleine ein Bad beſorgen, und während dieſe nun mit der Reinigung derſelben beſchäftigt war, eilte Blackwell in einen Kaufladen, um ſeiner kleinen Schutzbefohlenen Wäſche und Kleider zu ſchaffen, ihr Alles das zu beſorgen, was er für ſie zu — 139— einem anſtändigen und geſchmackvollen Anzuge nöthig hielt. Dann, während die Magd der Kleinen, die mit erſtaunten und verwunderten Blicken alle dieſe koſtbaren und nie geſehenen Dinge betrachtete, die Kleider anlegte, ſorgte Blackwell für einige kräftigende und nährende Speiſen, die er ſelber dem Kinde reichte, und die mit einem Heißhunger verzehrt wurden, der bewies, wie lange ſie ſolcher Koſt entbehrt haben mochte. Bald von ſo viel neuen und bewältigenden Eindrücken erſchöpft, ſchlief das Kind in ſeinen Armen ein, und Sdgin trug es auf ſein Bett. Dann ſtand er lange und ſchaute in das ſtille, friedliche Antlitz der Kleinen, deren ſeltene Schön⸗ heit nun erſt recht ſichtbar geworden, und nach und nach fühlte er eine unausſprechliche aber wohlthuende Wehmuth ſein Herz beſchleichen. Zum erſten Male in ſeinem Leben hatte er wohlgethan, und das namenloſe und unvergleich⸗ liche, freudige Gefühl, das der Lohn jeder guten That iſt, erfüllte ſein Herz mit tiefer, heiliger Rührung. Er empfand eine unendliche Liebe zu dem Kinde, dem er dies köſtliche, bisher nicht gekannte Gefühl verdankte, und an dem Lager der Schlum⸗ mernden niederkniend und ſeine Hand auf ihr kleines Herz legend, gelobte er ſich ſelbſt mit ſtrö⸗ menden Augen und ſtammelnder Lippe, dieſem Kinde ein Vater und Freund zu ſein, und wie — 140— ſehr er ſeine Seele auch immer mit Schuld und Sünde belaſten möge, dieſes Kind treu zu bewah⸗ ren vor aller Schuld und allen Anfechtungen der Welt!. Nimmer in ſeinem vielbewegten und wüſten Leben vergaß Edgin Blackwell dieſes Gelübde! XIV. Die Pflegetochter. „Ich habe eine Bitte an Dich, Harrick!“ „Nun, und dieſe iſt?“ „Nicht in mein Zimmer zu gehen, wenn Dein Herz nicht Dich drängt, Deine Tochter zu um⸗ armen. Ich möchte nicht, daß Du ihr ein un⸗ freundliches Geſicht zeigteſt!“ „Ich werde ihr gar keins zeigen, ſagte Harrick lachend, denn ich werde ſicherlich Dein Zimmer nicht betreten, ſo lange Du dies quarrende Kind bei Dir haſt!“ Blackwell erwiederte nichts, denn Harrick ver⸗ mochte ihn diesmal nicht zu täuſchen, und er wußte, daß dieſe Weigerung, ſeine Tochter zu ſehen, nicht Folge einer unnatürlichen Härte, ſon⸗ dern die Scheu vor einer möglichen Gemüthsbe⸗ wegung war. Laſterhafte und ſündige Menſchen fürchten nichts mehr, als ſich auf einer wahren und natürlichen Empfindung ertappen und Ge⸗ 4— 142— fühle in ſich erregen zu laſſen, die ſie auf Monate mindeſtens dem künſtlichen Schlummer ihrer Ge⸗ wiſſensvorwürfe entreißen und zum Bewußtſein ihrer Schuld erwecken möchten. Blackwell verließ in den nächſten Tagen kaum ſein Zimmer; alle ſeine Zeit, ja ſeine Gedanken ſelbſt waren dem Kinde zugewandt, deſſen Anmuth und Lieblichkeit ſich unter ſeines Freundes ſorg⸗ ſamer Pflege ſtündlich mehr entfaltete. Zu gan⸗ zen Stunden hielt er es auf ſeinen Knien, vor ihm die bunten Häuſer und Bäume und alle die niedlichen Spielzeuge aufbauend, die er ihm ge⸗ kauft, und wenn die kleine Lilly vor Freuden jauchzte und in ihre Händchen klatſchte, dann fühlte auch Edgin ſich kindlich froh und heiter. Er trug ſie auf ſeinen Armen im Zimmer umher; er ſaß an ihrem Bettchen, das neben dem ſeinen ſtand, und hielt ihre kleinen Händchen in der ſeinen, bis ſie ſanft eingeſchlummert war, und aus ſeinen Händen empfing ſie Speiſe und Trank. Und wie war Blackwell ſo glücklich in der Ausübung dieſer Liebespflichten, wie ſtärkte ihn das Bewußtſein, nun mindeſtens kein ganz ver⸗ lornes Daſein mehr zu leben, wie erhob ihn der Gedanke, mindeſtens Ein Weſen zu beſitzen, deſſen Liebe er ſich verdient, und mit welch tiefer Rüh⸗ rung gedachte er, daß dieſe gute That an dem verlaſſenen und unglücklichen Kinde vielleicht ein Sühnopfer ſein könnte für die ſchlimmen Thaten — 143— ſeines Lebens. Unendlich ſchwer ward es ihm, ſich von dem Kinde, an deſſen holde und liebliche Erſcheinung er ſich ſchnell gewöhnt, zu trennen, aber ſchon liebte er ſie heiß und aufrichtig genug, um ſich dies Opfer abzuringen. Er wollte Lilly nicht nur gerettet haben aus phyſiſcher Verkümmerung, auch ihr Geiſt durfte nicht verkümmern, auch dieſer mußte gerettet wer⸗ den; ſie ſollte denken, empfinden lernen, das Reich der Wiſſenſchaften ſollte ihrer Seele erſchloſſen werden, ſie ſollte die Dichter verſtehen und lieben lernen, ſollte unterwieſen werden, durch nützliche und angenehme Beſchäftigung die Grabesſtille um ſich her zu zerſtreuen, ſollte mit den Augen hören und mit Zeichen ſprechen lernen. Edgin brachte ſeinen geliebten Pflegling in das berühmteſte Taubſtummeninſtitut Londons, und es war nicht ohne Thränen, daß er von dem Kinde Abſchied nahm, welches ſich ſchreiend und wim⸗ mernd um ſeinen Hals klammerte, und ihn nicht laſſen wollte. Regelmäßig jeden Tag kam er zu Lilly, mit ihr zu ſpielen und zu tändeln, ihr neues Spiel⸗ zeug, neue Confituren zu bringen. Aber Lilly blickte kaum auf dieſe Gaben, ſie lächelte ſie an und legte ſie bei Seite, um ihn anzublicken, der ſie ihr gebracht, ſich an ſeine Bruſt zu ſchmiegen, und ihre roſigen Lippen auf ſeine Augen zu drücken mit einem Ausdruck ihres lieb⸗ — 144— lichen Geſichtes, der weit über ihre Jahre erha⸗ ben war! Arme Lilly! Früh hatte das Leid und die Pein des Lebens ihre Kindlichkeit verſcheucht, früh hatte das Elend und Unglück die Harmloſigkeit und Unbewußtheit des Kindes von ihr genommen, ſie war mit fünf Jahren verſtändiger, wie glück⸗ liche Kinder es mit doppelt ſo viel Jahren ſein mögen,— das Unglück des Lebens hatte ſie früh in ſeine Schule genommen, und ſie in herber Wiſſenſchaft unterrichtet und verſtändig gemacht! Aber ihr Herz war warm geblieben und kind⸗ lich vertrauend, und dies ganze glühende kleine Kinderherz gehörte Dem zu ungetheilten Beſitz, der ihr in Wahrheit wie ein Engel erſchienen, um ſie aus dem Fegefeuer zu erretten und in den Himmel zu führen! Ach, welche Liebe wäre der zu ver⸗ gleichen geweſen, die Lilly für Edgin empfand! Er war der Inbegriff aller ihrer Gedanken, ihrer Regungen, und je mehr ſie heranwuchs, um ſo mehr ſteigerte ſich dies Gefühl der ausſchließ⸗ lichſten Liebe. Anfangs, als ſie von ihm getrennt worden, ſaß ſie wie erſtarrt, unbeweglich da, ihre kleinen Händchen im Schooße gefaltet, ihr Köpfchen ge⸗ ſenkt, die Thränen in Strömen ihr Geſicht be⸗ feuchtend, und in ihren Zügen einen ſo tiefen und wenig kindlichen Schmerzensausdruck, daß die Leh⸗ rerin, deren beſonderer Aufſicht und Pflege ſie = 145— anvertrauet worden, nicht ohne Rührung auf dies kleine, tiefbetrübte, ſtille Weſen zu blicken vermochte. Man brachte ihr Speiſen, Naſchwerk, Spiel⸗ zeug, alle jene kleinen Verführungsmittel, mit de⸗ nen man ſonſt Kinder dieſes Alters zu beſchwich⸗ tigen pflegt; ſie wies ſie mit leiſem Kopfſchütteln von ſich, und als der Abend gekommen, und ſie in ihr Bettchen gebracht ward, da hörte die Leh⸗ rerin ſie nach mancher Stunde noch tief ſeufzen und ſtöhnen. Als Edgin am nächſten Tage kam, da ſank ſie in ſeine Arme, lautlos und zitternd, faſt be⸗ wußtlos in der Gewalt ihrer Frende. Die Lehrerin erzählte ihm von der tiefen Trauer des Kindes. Lilly, mit jenem ſcharfen Aufmerken und Be⸗ obachten, das allen Taubſtummen eigen iſt, ver⸗ ſtand, was ſie ſagte, und als ſie den trüben Aus⸗ druck ſah, der während der Erzählung Edgins Geſicht beſchattete, warf ſie ſich weinend vor ihm nieder, umklammerte, wie um Vergebung flehend, ſeine Knie, und es bedurfte ſeiner ganzen Zärt⸗ lichkeit, um ſie zu beruhigen. Als er an dieſem Tage ſie verließ, verſuchte ſie zu lächeln und heiter zu ſein, um ihn nicht wieder zu betrüben, und mit Aufmerkſamkeit rich⸗ tete ſie ihre Blicke auf das Buch, das die Leh⸗ rerin ihr darreichte und ihr mit dem Finger ein⸗ zelne Buchſtaben bezeichnete. Bonners. II. 10 — 146— Lilly lernte raſch und begriff ſchnell, und ehe ein Jahr verging, konnte ſie ebenſo fertig leſen als ſchreiben, ja ſie vermochte es ſchon, ihrem Freunde, wenn auch in verworrenen und kaum leſerlichen Lettern, ihre Gedanken zu ſchreiben, ihm edie Sehnſucht auszudrücken, die ſie empfand, wenn er nicht bei ihr war. Stine Freude über dies kleine Briefchen ließ ſie aufjauchzen vor Entzücken und befeuerte ihren Muth, weiter zu ſtreben. Lilly lernte und ſtudirte nun mit unermüd⸗ lichem Fleiß, aber ſie that es nur, um ein Lächeln von ihm, für den ſie keinen Namen wußte, den ſie bald ihren Engel, ihren Schutzgeiſt, bald ihren Vater, ihren Bruder nannte. Dieſes Alles zu⸗ ſammen war er ihr, von ihm kam ihr alles Gute, alles Schöne, er hatte ſie errettet und befreit, er hatte ſie erbarmend an ſein Herz genommen, er hatte ihr das Leben gegeben, und ſie fühlte ſich ſein mit ihrem ganzen Leben! Von ihm träumte ſie, an ihn dachte ſie, für ihn lernte ſie, und ſie lebte nur die ganzen, langen, einſamen Tage, um die Stunde, die täglich wiederkehrende ſelige Stunde zu leben, wo er bei ihr war! Sie war ungeliebt geweſen, darum fühlte ſie nun mit ſo grenzenloſer Dankbarkeit das Glück, geliebt zu werden; ſie hatte Niemand gehabt, den ſie lieben konnte, darum liebte ſie jetzt ſo glühend und heiß, ſie war ſo unglücklich und verlaſſen gere — 147— weſen, darum empfand ſie nun doppelt die Seg⸗ nungen des Glückes, und neigte ſich in anbetender, vergötternder Liebe vor dem, der ſie aller dieſer ſüßen und köſtlichen Freuden theilhaftig gemacht. Nimmer wich das Bewußtſein ihres frühern elenden Daſeins von ihr, und je älter ſie ward, 8 je aufgeſchloſſener ihr Geiſt, je mehr ſie lernte und verſtand, deſto tiefer und leidenſchaftlicher ward ihre Liebe für den, dem ſie Alles verdankte. 8. 10* XV. Iſabella. So vergingen Jahre. Sie änderten nichts in dem äußeren Leben Edgin Blackwell's. Er blieb der Genoſſe Harricks und der Gehülfe ſei⸗ ner unheilsvollen Thätigkeit. Die traurige und finſtere Lehre von der Welt, die Harrick bemüht war ihn bekennen zu ſehen, nahm mehr und mehr des Jünglings beſſeres Be⸗ wußtſein gefangen; das Gefühl ſeiner Schuld er⸗ loſch nach und nach in ihm, er haßte die Welt, haßte ſie doppelt, weil ſie ihn ſchuldig gemacht. Es gab aber auch Stunden, in denen er ſich, in denen er Harrick verabſcheute, in denen es ihm ſchöner däuchte, in den Straßen ſein Brot zu betteln, als die Gemächlichkeit des Lebens zu ge⸗ nießen mit belaſtetem Gewiſſen und beſchwerten Gemüth. 8 3 Edgin war zu weich, um ganz ſchlecht zu jem — 149— und zu leichtſinnig und auch— zu unglücklich, um ſich dem Laſter noch entziehen zu können. Zwei verſchiedene Charaktere waren in ihm auf wunderbare Weiſe vereinigt, neben einander beſtehend, ohne ſich jemals zu vermiſchen. Gleich ſtark war in ihm von Natur das gute wie das böſe Princip, nur daß durch die Ver⸗ kettung der Umſtände, durch die Laune des Schick⸗ ſals das böſe Princip in ihm mächtiger geworden, als das gute, während günſtigere Verhältniſſe, ein friedlicheres Geſchick ihn ebenſo ſehr zu einem Jünger der Tugend hätte machen können, wie er jetzt ein Jünger des Laſters geworden. Er war einer von denen, die, auf den Wogen des Lebens ſich ſchaukelnd, zu ſchwach, dem Strome eine andere Richtung zu geben oder ſeinen Lauf zu hemmen, ſich dahin tragen laſſen, wohin die Woge ſie treibt, und dort landen, wo der Zufall ſie ans Ufer geſpült, ihre Sehnſucht nach einer ſchönern Ferne unterdrücken, und ihre Klagen über⸗ tönen mit ſpottendem Lachen und luſtigem Lied. Zu bequem, um lange und fortgeſetzt gegen das Schickſal zu kämpfen, zog er es vor, ſich ihm zu unterwerfen, und indem er dabei ſich zu ent⸗ ſchuldigen ſtrebte, nannte er das: Schickſalsfügung, was eigentlich nichts war, als ſeine eigene Schwäche. Er war ein Mann der Stunde und des Augen⸗ blickes, und belaſtet mit dem Fluche, welcher der ſchlimmſte iſt von allen— mit dem Fluche des * — 150— Leichtſinns. In dieſer Stunde gut und reuig, genügte oft ein Witzwort Harricks, um ſeine beſſern Vorſätze zu zerſtreuen; in jener Stunde verhärtet und ſchlimm, diejenigen im Spiel be⸗ trügend, die ihm vertrauten, bedurfte es oft nur einer Erinnerung an Lillys helle Augen und un⸗ ſchuldige Blicke, um ihn mit Verachtung vor ſich ſelber zu erfüllen, und ihm einen Abſcheu vor der Art ſeiner Beſchäftigung einzuflößen. Ein Gefühl nur in ihm war ſtets daſſelbe, der Haß und die Verachtung der Welt, von der er freilich nichts kannte als ihre ſchlimme Seite. Es giebt nur Eins, nur Eins, das die Welt verehrt, und dem ſie huldigt, ſagte er oft zu ſich ſelbſt; nur Eins, das über allen Wechſel und alle Zeit erhaben iſt, dies iſt das Geld. Ja, das Geld iſt der Schlüſſel zu allem Glücke hienieden, das Geld iſt Macht, Ehre, Rang, Liebe und Freundſchaft! So will ich denn ſtreben nach Geld, will raſtlos trachten nach Schätzen, und kein Mit⸗ tel, ſie zu erlangen, ſoll mir ſchlecht oder gering erſcheinen. Und wenn dennoch zuweilen die beſſere Natur in ihm ſich auflehnte gegen die Betrügereien und Kunſtgriffe, zu denen ſeine Art des Gelderwerbes ihn verdammte, ſo wiegte Edgin ſein Gewiſſen zur Ruhe, indem er dachte:„Für Lilly will ich erwerben, für ſie Geld verdienen, auf daß ihr Leben unangefochten und ſonnig iſt, und ihre Tage nicht von Mangel und Unglück umdüſtert werden!“ — Und gern ergab er ſich der jeſuitiſchen Lehre, daß der Zweck die Mittel heilige. Lilly zählte ungefähr elf Jahre, als ein Um⸗ ſtand ſich ereignete, der für ihr Leben von be⸗ deutfamen Folgen ſein ſollte. Edgin Blackwell, deſſen Herz ihr bis dahin allein gehörte, hatte erkannt, daß es noch eine andere Liebe gäbe, als dieſe halbväterliche Zärt⸗ lichkeit zu einem Kinde, und er hatte ein Mädchen gefunden, deſſen Schönheit und Lieblichkeit einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Seine Beſuche bei Lilly wurden ſeltner, deſto häufiger aber ſeine Beſuche einer bis dahin von ihm nie betretenen Kirche. Dort ſtand er, nahe am Eingange, bis die Meſſe beendigt war, bis die Menge ſich zerſtreute, und bis die ſchöne blond⸗ gelockte Iſabella mit ihrem holden Lächeln und mädchenhaften Erröthen ihm entgegenſchritt, und mit ihren Augen verſchämt ihm ihre Grüße zunickte. An ihrer Seite verließ er die Kirche, und wenn ſie die Straße erreicht, pflegte ſie vertrau⸗ lich ihren Arm in den ſeinen zu legen, und unter holdem Geflüſter und feurigen Liebesbetheuerungen ſich von ihm bis zu der abgelegenen Vorſtadt, zu dem Hauſe ihres Vaters, des alten Carlis, ge⸗ leiten zu laſſen. Der Zufall hatte ihn mit Iſabellen bekannt 8 gemacht, indem er ihm zugleich geſtattete, ſich dem Mädchen von der einnehmendſten und Vertrauen erweckendſten Seite zu zeigen. Er ſah ſie einſt, wie ſie, von der Meſſe heim⸗ kehrend, das Gebetbuch in der Hand, mit ſittſamen Schritten und geſenkten Blicken die Straße hinab⸗ ging, und folgte ihr, angezogen von ihrer Schön⸗ heit und Lieblichkeit, um zu ſehen, wo ſie wohne. Einige Betrunkene kamen mit wüſtem Geſchrei und rohen Scherzen die Straße herauf, und Jſabellen begegnend redeten ſie das erſchreckte Mädchen an in roher und unverſchämter Weiſe. Sofort eilte Blackwell zu ihrem Beiſtande her⸗ bei, mit ruhiger, ernſter Würde wehrte er die Un⸗ verſchämten von ihr ab, und ihr den Arm bietend, bat er in den ehrerbiet gſtan Ausdrücken um die Gunſt, ſie nach Hauſe ge leiten zu dürfen. Iſabella gewährte ſie ihm freudig und beredte Worte des Dankes floſſen von ihren Lippen. Von nun an ſahen ſie ſich täglich, und ob⸗ wohl ihre Unterredungen ſtets nur flüchtig ſein konnten, obwohl ſie ſich nimmer anders, als in der Kirche und auf dem Wege zu Jſabellens väterlicher Wohnung ſahen, glaubten ſie dennoch einander genugſam zu kennen, um an ihre gegen⸗ ſeitigen Liebesſchwüre und Verſicherungen der 2 G glauben zu können. Vielleicht war es auch gerade der Umſtan daß ſich ihrer Liebe Hinderniſſe entgegenſtellten 4 ſich nur t ſo flüchtig und verſtohlen ſehen — 153— konnten, was ihre Liebe ſteigerte; denn die Liebe wird erſt durch Schwierigkeiten und Hinderniſſe recht gekräftigt und ſtark. Gewiß iſt, daß ſie meinten, hinfort nicht ohne einander leben zu können, und in dieſem Sinne zu handeln beſchloſſen. Edgin hatte es ſtets vermieden, mit Harrick von ſeiner Liebe zu ſprechen, er kannte ſich und ihn genau genug, um zu wiſſen, von wie ver⸗ derblichen Folgen Harrick's Einfluß auf ſeine Liebe ſein möchte. Sobald Edgins beſſere Natur angeregt war und das gute Princip in ihm das Uebergewicht gewann, war er der hochherzigſten und edelſten Geſinnung fähig, und dieſe war es, die ihn be⸗ ſtimmte, erſt dann Harrick ſein Verhältniß zu ent⸗ hüllen, wenn es unauflöslich geworden und Har⸗ ricks Einfluß auf ihn den Anſprüchen Iſabellens nicht mehr zu ſchaden vermochte.— Jſabella mußte unter dem Vorwande, eine kranke Freundin zu beſuchen, auf einen Tag von ihrem Vater Urlaub erbitten, und während dieſer ſie als Krankenpflegerin am Bette ihrer Freundin, während Harrick ſeinen Freund auf eie Luſtpar⸗ tie mit einigen reichen Freunden glaubte, eilte das junge, unbedachtſame und leidenſchaftliche Paar nach Greenwich, um mit Hülfe des allbekannten dortigen Schmidts das Band, das ſie aneinander feſſelte, unauflöslich zu machen, da auch Iſabellens — 154— Vater auf das Entſchiedenſte ſeine Einwilligung zu der Verbindung Jſabellens mit einem Manne ohne Geld verſagt hatte. Jetzt erſt eröffnete Edgin ſeinem Freunde die Begegniſſe der letzten Wochen, und bat um ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand. Zu nicht geringer Ver⸗ wunderung aber gereichte es Blackwell, von Harrick weder die gefürchteten Witzeleien, noch ſein höh⸗ niſches und ſpöttiſches Lachen vernehmen zu müſſen, ſondern den Schritt, den er gethan, gebilligt zu ſehen, freilich von einem andern Standpunkt aus, wie der junge Liebende ihn für denkbar gehalten. „Es iſt mir ganz recht, daß wir eine junge Schönheit in unſere Wirthſchaft bekommen, Ed⸗ gin! ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen ironiſchen Heiterkeit. Wir wollen ſie als koſtbaren Tafel⸗ aufſatz gebrauchen, um damit Gäſte anzulocken, und ſie nach dem Glücke lüſtern zu machen, in unſerer Geſellſchaft zu ſein. Ich finde dieſe Spe⸗ culation ſehr vernünftig, mein Junge.“ „Du mißverſtehſt mich, Harrick⸗“ ſagte Black⸗ well, vor Unwillen erröthend;„es war nicht aus ſo niedrigen Beweggründen, daß ich Jſabellen meine Hand reichte.“ „Laß uns über Kleinigkeiten nicht ſtreiten, Ed⸗ gin. Die Sache bleibt dieſelbe! Wollen wir vielmehr über die Art, Deine Geliebte zu entfüh⸗ ren, nachdenken. Der Alte hat Geld!“ 8 — 155— „Ja, aber er ſchwur, mir nicht einen Pence davon zu geben.“ „Pah, was er nicht giebt, das werden wir zu nehmen wiſſen!“ „Nein, Harrick, nein,“ ſagte Blackwell feſt b und entſchieden,„dies darf nicht ſein! Nie dür⸗ fen dieſe eigenſüchtigen Gedanken meine Liebe, die wahr iſt und wirklich, entehren und ſchänden, und Iſabella darf nicht glauben, daß ich nach etwas Anderem trachtete, als nur nach ihrem Beſitz.“ „Die Verliebten ſind Thoren, und eine Haupt⸗ krankheit aller Liebenden iſt die ſogenannte Groß⸗ muth,“ ſagte Harrick unmuthig.„ Wenn Du krank biſt, werde ich, als Geſunder, aber für Dich zu handeln wiſſen.“— „Ich werde es nicht dulden,“ erwiederte Edgin mit ſeltner Feſtigkeit;„ich will nicht zu aller Schuld und allem Vergehen, zu dem ich willig meine Hand geboten, auch noch dieſe Schmach auf mich laden, an dem Vater meines Weibes zum Diebe zu wer⸗ den, und ehe ich dies dulde, trenne ich mich auf ewig von Dir!“. „Und ehe ich dies dulde— parodirte ihn Harrick—, laß ich Dich nach Newgate wandern auf Grund Deiner Schuldverſchreibung; Du ſiehſt, daß Du in meiner Hand biſt! Ha ha ha, welch ein ernſthaftes Geſicht er macht, als ob meine Worte anders, als ſpaßhaft gemeint ſein könnten! Nein, nein, Edgin, laß uns fröhlich ſein, denn — .— 156— 4 Liebſchaften haben iſt eine luſtige Sache, und Ent⸗ führungen zumal. Gott, wie romantiſch! Und nun beſchreib' mir die Lokalitäten ganz genau! Du haſt Dir doch Alles gemerkt?“ Edgin ſchilderte ihm die Lage und Oertlichkeit des Hauſes, wie er es theils geſehen, theils von Jſabellen ſich hatte beſchreiben laſſen. „Hm, die Thür zu Jſabellens Schlafkammer liegt dicht neben der des alten Cerberus, das iſt nicht gut, denn er wird wie alle Geizigen einen leiſen Schlaf haben! Nun, ich werde Alles über⸗ legen, und morgen früh Dir meinen Plan mit⸗ theilen! So viel ſteht feſt, daß wir zugleich Lon⸗ don verlaſſen müſſen!“ „Wie, Harrick, Du wollteſt um meinetwillen London verlaſſen?“ „Und nicht blos London, ſondern ganz Eng⸗ land, mein Junge! Ein echter Freund muß zu jedem Opfer bereit ſein. Hier bleiben darfſt Du in keinem Falle mit Deiner Geliebten.“ „Aber wer will ſie mir entreißen, wenn ich ſie einmal beſitze? Sie iſt meine Gattin!“ „Pah, die Geſetze werden ſie Dir entreißen! Ihr jungen Hitzköpfe und Liebesleute bedenkt Alles nur halb! Da Jſabella, wie Du mir ſagſt, ka⸗ tholiſch iſt, ſo kann ihr Vater bei ihrer Minder⸗ jährigkeit eine Ehe für ungültig erklären laſſen, die nicht nach katholiſchem Ritus geſchloſſen iſt! Das iſt ſonnenklar, und man muß gerade ſo ver⸗ — 157— liebt ſein, wie Du, Edgin, um das nicht gleich zu ſehen!“ „Und wohin wollen wir uns wenden, Harrick?“ „Ich denke nach New⸗York, mein Freund. Dort giebt es reiche Leute, und wir ſind ja be⸗ ſondere Verehrer der Reichen! Laß uns ſchnell Alles ordnen! Während ich hier meine Papiere und Geldgeſchäfte ordne, könnteſt Du wohl zu irgend einem unſerer verdammten Freunde, den Inden, gehen und ihn her beſcheiden, daß wir einen Handel wegen unſerer Meubles mit ihm abſchließen. Denn wir müſſen natürlich Alles ver⸗ kaufen!“ „Harrick,“ ſagte Blackwell herzlich,„ich danke Dir für alle Deine Aufopferung und Liebe. Ich ſehe, Du liebſt mich mehr noch, wie ich jemals ahnte,— ich werde Dir dies Opfer nie vergeſſen!“ Er drückte ſeinem Freunde die Hand und ging, ſeinen Auftrag auszurichten. Harrick ſah ihm nach mit einem halb komiſchen, halb erſtaunten Ausdrucke ſeines Geſichts. „Und das iſt mein Schüler!“ ſagte er endlich ironiſch,„iſt ein Menſch, den ich gebildet, und ihn unterrichtet in meiner Weltweisheit!'s iſt zum Erbarmen! Jahrelang John Harrick's Schüler, und glaubt noch an Aufopferung und Freund⸗ ſchaft! Oh, oh, ich fühle, wie ich vor Scham erröthe über ſolche Dummheit! Und mich, mich John Harrick, hält er einer ſolchen Dummheit fähig!“ Harrick lachte laut. „Nun“ ſagte er nach einer Pauſe,„ich werde mich wohl in Acht nehmen, ihm dieſe noble An⸗ ſicht meines Charakters zu nehmen! Er glaubt ſich mir noch mehr verpflichtet, als ſonſt, und das verbindet ihn mir noch feſter!“ „Er iſt dumm genug, um dankbar zu ſein! Ich werde mich wohl hüten, ihm zu verrathen, daß wir auf alle Fälle England, oder wenigſtens London verlaſſen müſſen. Aber es iſt ſo! Man hat Verdacht geſchöpft, ich weiß es, und einige dieſer jungen Herren haben ſich vereinigt, mir auf⸗ zulauern, und mich wo möglich über der That zu ertappen, und als Falſchſpieler zu denunciren! Ich bin nicht ſo dumm, zum Beweiſe meiner Ehr⸗ lichkeit nun mein Geld zu verlieren, und au nicht ſo dumm, mich fangen zu laſſen. Nein, nein, ich räume lieber das Feld, und ſuche mir einen andern Wirkungskreis. Wenn es mir nur gelingt, den alten Geizhals, Blackwell's Schwie⸗ gerpapa, um ſein Geld zu prellen, dann iſt alles gut! XVI. Die Flucht. Am Abend des nächſtfolgenden Tages verließen Harrick und Blackwell ihre Wohnung, und wäh⸗ rend Erſterer mit dem Gepäck hinabfuhr zum Ha⸗ fen, um daſſelbe auf ein nach New⸗York beſtimm⸗ tes Schiff zu bringen, das am nächſten Morgen abſegeln wollte, und auf welchem ſie Plätze ge⸗ miethet hatten, eilte Blackwell zu Lilly, ihr Lebe⸗ wohl zu ſagen. Als ſie mit lautem Freudenruf ihm entgegen⸗ eilte, und ſich, zitternd vor gewaltiger Bewegung, in ſeine Arme warf, fühlte Edgin nicht die Kraft, ihr zu ſagen, daß er gekommen, Abſchied zu nehmen. Er drückte das liebliche Kind feſt in ſeine Arme, und ſogar Jſabella war vergeſſen, als er, Lillys Angeſicht, das ſie an ſeine Bruſt gelegt, zu ſich emporhebend, ihr tief und lange in ihre hellen, ſinnigen Augen ſchaute. Ein ſeltſames Gefühl der Reue überkam ihn, eine Ahnung, als werde Iſabella ihm nimmer das ſein, was Lilly, das elfjährige Kind, ihm jetzt ſchon war. Leidenſchaft und Liebe hatte ihn trach⸗ ten laſſen nach Iſabellens Beſitz, und wie er jetzt dieſe holde, zarte Geſtalt, halb Kind, halb Jung⸗ frau in ſeinen Armen hielt, fühlte er tief, wie viel reiner und geiſtiger, wie viel mächtiger und unvergänglicher dieſe Liebe ſei, die ihn an das Kind feſſelte, als die, welche ihn mit Iſabellen verbunden! Aber er wußte auch, daß ein Rücktritt nicht mehr möglich, und ſeufzend ließ er das liebliche Kind aus ſeinen Armen, um ſchnell das Zimmer zu verlaſſen. An der Thür wandte er ſich noch einmal um, und wie er ſie bleich und zitternd, mit gefalteten Händen daſtehen ſah, ſchwand alle ſeine. Kraft. 4 Er kehrte zurück, er ſtürzte vor ihr nieder, ihre Füße, ihr Gewand zu küſſen, und ſie mit tauſend zärtlichen Namen zu rufen, von denen die arme Lilly nichts vernahm. Es war ihm, als würde er ſie nimmer wiederſehen, und mit bit⸗ teren Selbſtvorwürfen gedachte er der Stunde, in welcher er gelobt, ſie nimmer zu verlaſſen. Einen Augenblick dachte er daran, ſie mitzu⸗ nehmen, aber er ſchauderte vor dem Gedanken, das unſchuldige, reine Kind in eine Welt zu füh⸗ ren, deren Sündhaftigkeit und Verderbtheit ihr ewig fern bleiben ſollte. Sie mußte in dieſem — 161— Aſyl der Ruhe und des Friedens bleiben, ſie ſollte ihn nimmer anders ſehen, als ſo, wie er war, wenn er bei ihr war. Auch ihre Erziehung mußte vollendet werden, und dies konnte nirgend ſo geſchehen, wie ge⸗ rade hier. 3 Edgin liebte ſeine Lilly ſtark genug, um ſofort ſeinen eigenſüchtigen Wünſchen entſagen zu können. Er erhob ſich von ſeinen Knien, und Lilly noch einmal in ſeine Arme nehmend, blickte er ſie lange und innig an. Welch ein wunderbarer Ausdruck war in die⸗ ſem lieblichen Angeſicht. Edgins ſtürmiſche Zärtlichkeit ließ ſie tief er⸗ röthen, und indem ſie ihr ganzes Herz mit Wonne erfüllte, ſtrahlten ihre Augen in einem faſt über⸗ irdiſchen Glanz, und ihre dunkelrothen, ſanft ge⸗ ſchwellten Lippen uniſpielte ein Lächeln voll Selig⸗ keit und Frieden zugleich. Edgin erinnerte ſich jetzt erſt, daß er in einem langen Briefe von Lilly Abſchied genommen, und dieſen mitgebracht habe. Er übergab ihn ihr jetzt, und dann, ohne ſie noch einmal anzublicken, eilte er von dannen. Als die Lehrerin nach einiger Zeit in Lillys Zimmer kam, fand ſie ſie lang ausgeſtreckt um Boden liegen in todtenähnlicher Ohnmacht, den geöffneten Brief feſt in ihre Hand gepreßt. Man brachte ſie auf ihr Bett, und rieb ihre Schläfe mit ſtärkenden Eſſenzen; ſie erholte ſich 11 Bonners. II. erſt nach geraumer Zeit, und ein Strom von Thrä⸗ nen entſtürzte ihren Augen. Die Lehrerin, durch Edgin von ſeiner Abreiſe unterrichtet, ſuchte ſie zu tröſten und zu beruhigen; aber alle ihre Bemühungen waren umſonſt, Lilly weinte und ſchluchzte laut. Sie bat, ſie allein zu laſſen, damit ſie den Brief, den ſie noch immer in ihrer Hand hielt, noch einmal leſen könne, und man willfahrete ihrem Wunſche. Unter ſtrömenden Thränen leiſe ächzend las ſie nun Edgins Abſchiedsworte, die voll der heißeſten, glühendſten Liebe waren. „Wenn Du mich liebſt, Lilly, und mein in⸗ nigſtes Flehen erhören willſt(las ſie jetzt), ſo wirſt Du Dich gefaßt und muthig zeigen, wirſt Deinen Thränen gebieten, nicht hervorzubrechen, wirſt Dich überwinden, nicht traurig zu ſein, ſon⸗ dern gleich mir, mit freudiger Hoffnung der Zeit entgegenharren, wo wir uns wiederſehen. Und wir werden uns wiederſehen! Dies fühle ich, dies weiß ich! Lilly, theures, geliebtes Kind, weine nicht, ich beſchwöre Dich darum, weine nicht, wir werden uns wiederſehen! Ich kehre ſicherlich 8 zu Dir zurück, darum weine nicht!“ Und ſofort ſtillte Lilly ihre Thränen, und ſuchte gefaßt zu ſein. Als die Lehrerin am andern Mittag in Lillys Zimmer kam, denn man hatte ihr für dieſen Morgen völlige Einſamkeit und Freiheit zugeſagt, — —— — 163— trat Lilly ihr zwar bleich und mit matten Augen, aber lächelnd entgegen, und zeigte ganz ihre ge⸗ wohnte Ruhe und Sanftmuth. Ueber dem Tiſch⸗ chen aber, vor dem Lilly, mit ihren Arbeiten be⸗ ſchäftigt, zu ſitzen pflegte, hing ein Papier an der Wand, worauf mit großen Buchſtaben geſchrieben ſtand:„Wir werden uns wiederſehen, darum weine nicht!“ Lilly hatte dieſe Morgenſtunden damit hinge⸗ bracht, ſich dieſe Worte in ſchönen und kunſtvollen Lettern aufzuzeichnen, und wenn in der nächſtfol⸗ genden Zeit ihr kleines Herz ſchwer war von Kum⸗ mer, wenn ſie meinte, dieſes Trennungsweh nicht überwinden zu können, dann richteten ſich ihre Augen, gleichſam Troſt flehend, auf dieſe Worte, und eingedenk, daß er ſie ihr geſprochen, drängte ſie ihre Thränen zurück, und ſuchte heiter zu ſei. Und welche köſtliche Freude war es, wenn Edgin in der Folge ihr ſchrieb; wie oft, wie oft küßte ſie das Papier, das ſeine Hand berührt hatte, las ſie die Worte, die ſeine Hand geſchrieben, und fühlte ſich ihm nahe in glücklicher Träumerei. So in der Hoffnung des Wiederſehens gingen lange Jahre dahin, und in denſelben erblühte Lilly zu einer ſchönen, lieblichen Jungfrau.— Als Edgin Blackwell ſich von Lilly an jenem Abende getrennt hatte, begab er ſich ſogleich auf den Weg zu des alten Carlis Wohnung. Er hatte mit Harrick verabredet, ſich vor der 11* — 164— Thür des Hauſes zu treffen, und fand dieſen ſchon dort. „Du biſt verwettert lange geblieben!“ ſagte Harrick verdrießlich. „Ich war bei Deiner Tochter, John!“ „Nenne ſie nicht immer meine Tochter, ich kann nichts dafür, daß der Zufall mich zu ihrem Bater machte. Uebrigens habe ich ihr heute Abend ein Geſchenk geſandt, nämlich mein Portrait, für das der Jude mir nichts zahlen wollte. Ich hatte es einſt an ihre Mutter geſchenkt,— jetzt mag ſie es haben, damit ſie doch weiß, wie ihr wür⸗ diger Vater ausſah.“ „Still, ſtill!“ ſagte Blackwell haſtig;„ſieh, da erſcheint oben ein Licht am Fenſter.“ „Richtig!“ flüſterte Harrick,„das iſt das ver⸗ abredete Zeichen, daß der Alte feſt eingeſchlafen iſt. Mein Schlaftrunk hat alſo gewirkt. O, ich verſtehe mich auf ſolche Dinge, und Jſabella ge⸗ fällt mir ſehr; ſie ſcheint Mutterwitz zu beſitzen, denn es war gewiß keine Kleinigkeit, dem alten Geizhals unbemerkt das Pülverchen in ſeinen Nacht⸗ trunk zu ſchütten. So laß uns denn jetzt eilen, Dein gefangenes Vögelchen flügge zu machen. Da, dieſe Fenſterſcheibe habe ich glücklich zerſchnitten. Nun raſch hinein!“ So ſprechend ſchwang er ſich hinein und ſtand in dem leeren, unbewohnten Zimmer des untern Stockwerks. Edgin folgte ihm! — 165— „Nun laß uns noch einmal unſere Lection überhören! Ein gemeinſchaftliches Entrée führt zu des Alten und Iſabellens Zimmer. Die Thü⸗ ren liegen dicht nebeneinander, war's nicht ſo?“ „Ja, ja, laß uns eilen, Harrick!“ „Die Thür zu Jſabellens Kammer hat der alte Fuchs mit einem Glockenzuge verſehen, ſodaß, wenn dieſe Thür geöffnet wird, die Glocke, die über ſeinem Bette hängt, läutet. Der Schlüſſel zu Iſabellens Kammer liegt auf dem Tiſche vor des Alten Bett.“ 3 „Es iſt Alles richtig,“ ſagte Blackwell unge⸗ duldig,„laß uns jetzt nur eilen!“ „Beſonnenheit iſt bei ſolchen Sachen die erſte Bedingung!“ ſagte Harrick ruhig;„ein einziges kleines Verſehen könnte unſern ganzen Plan zer⸗ ſtören. Ich gehe alſo zu dem Alten und hole Dir den Schlüſſel, und während Du Jſabellens Thür öffneſt, iſt es meine Sorge, die Klingel feſt zu halten, daß ſie nicht tönt; denn kein Schlaf⸗ trunk kann ſo ſtark ſein, daß er bei ſolchem Lärm am Aufwachen hindern könnte. Nun alſo vor⸗ wärts! Die Blendlaterne behalte ich, Du wirſt ſchon ohnedies den Weg finden!“ Sie ſchlichen leiſe die Treppe hinan und mit dem mitgebrachten Dietrich öffnete Harrick die Entroͤethüre. „Ja, ja!“ murmelte er, während er dabei beſchäftigt war;„dieſer helfende Freund öffnet alle — 166— vernünftigen Schlöſſer, und wäre an Iſabellens Thür kein künſtliches Schloß, ſo würde er auch da uns einlaſſen. Da, jetzt iſt die Thür offen, nun vorwärts!“ 3 Mit der größten Ruhe und Kaltblütigkeit ſchritt Harrick weiter, Blackwell folgte ihm mit hoch⸗ pochendem Herzen. „Biſt Du da, Edgin?“ erklang eine flüſternde Stimme von einer der Thüren her. „Aha, hier iſt Dein Engel!“ ſagte Harrick; „und hier an dieſer Seite iſt alſo der meine! Komm jetzt!“ Er verhüllte die Laterne ſo, daß ſie nur einen matten Schein warf, und öffnete mit einem ra⸗ ſchen Drucke die Thür. Lautes Schnarchen tönte ihm entgegen. „Der ſchläft wie ein Bär,“ ſagte Harrick leiſe lachend.„O, ich verſtehe, mich darauf, einen Schlaftrunk zu brauen! Wetter, was wird der alte Fuchs für Augen machen, wenn er aus ſeinen paradieſiſchen Träumen erwacht! Sieh, da liegt der Schlüſſel! Jetzt ſchnell fort, Edgin, und ſo⸗ bald Du Dein Liebchen befreit, eile ſogleich mit ihr von dannen. Vor der Hausthür erwartet mich!“ Blackwell entfernte ſich, und Harrick war mit dem tiefſchlafenden Alten allein. Er ſetzte ſeine Blendlaterne auf den Fußboden, und auf einen Stuhl ſteigend umwickelte er raſch mit einem Tuche die gefährliche Glocke. — 167— „Beſſer wär's noch, ich könnte dieſen Draht hier abſchneiden, murmelte er leiſe; dann iſt ſie tonlos. Ah, da liegt eine große Gihesree— Er durchſchnitt mit ihr den Draht. „So, die Gefahr iſt abgeſchnitten, und jetzt zu meinem Privatgeſchäft!“ Er ſchlich ganz nahe zu dem Bette des Schla⸗ fenden, und neigte ſich über ihn, ſeinen Athem bewachend. „Der iſt gleichmäßig und feſt, er wird nicht erwachen!“ flüſterte er leiſe lachend. Wie zur Probe rückte er an dem Kopfkiſſen,— der Alte ſchlief ruhig fort. „Es geht, es geht!“ Mit einem ſchnellen Griffe fuhr ſeine Rechte unter das Kiſſen, und kam mit einem Päckchen Papier wieder zum Vorſcheine. Er verbarg dies raſch in ſeiner Bruſt, und flüſterte:„So, dies Geſchäft iſt gethan! Sir Carlis, ich danke Ihnen! Schlafe, ſchlafe, mein alter Fuchs, ſo lange Du kannſt, Du wirſt ſo ruhig nicht wieder ſchlafen!“ Mit einem dämoniſchen Ausdrucke des Haſſes und der Schadenfreude blickte er noch einmal auf den ſchlummernden Alten, nahm dann die Blend⸗ laterne und verließ das Zimmer. Unten an der Treppe fand er Edgin. „Wo iſt Iſabella?“ fragte Harrick. „Sie iſt zu ihrer alten Dienerin hineingegan⸗ gen, ihr Lebewohl zu ſagen!?“ *— — 168— „Eine ſehr übertriebene Empfindſamkeit!“ brummte Harrick.„Iſt die Hausthür ſchon ge⸗ öffnet, alle Riegel und Ketten gelöſt?“— Edgin bejahete. 3 Bald kehrte Iſabella zu ihnen zurück, Harrick ſtieß die ihr nacheilende alte Brigitte in ihre Kam⸗ mer zurück, verſchloß dieſe, und verließ dann mit den Andern eiligſt das Haus. In der nächſten Straße harrte ihrer ein Wa⸗ gen, ſie beſtiegen ihn raſch, eilten hinunter zum Hafen, und bevor noch der Tag anbrach, hatte der„Warſpite“ die Anker gelichtet, und trug die Flüchtlinge fern ab von der heimathlichen Küſte. Ende des zweiten Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. [on- ſſinrenſinnfinſſſnſiſſnnſfnſſtſſſſſſſſſſſinſnnenihennim 5 1 7 18 14 10 11 12 13 14 1 6 1