deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von.. Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„. 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ o den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7 /„„—a„„.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fuür beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Lejſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— —— BVerlin vor funfzehn Jahren. Roman von L. Mühlbach. Dritter Theil. Bweite umgearbeitete Ausgabe. Berlin. Verlag von Otto Janke. * Die Geſchwiſter. Vergebens hatte Eduard ſeit acht Tagen jeden Mor⸗ gen ſeine Schweſter erwartet, daß ſie in gewohnter Weiſe komme, ihm ſeinen Haushalt zu beſtellen und eine ſchöne und erquickliche Stunde an ſeiner Seite zu verplaudern. Amalie war nicht gekommen, und dieſe acht Tage, in welchen er ſie nicht geſehen, dünk⸗ ten Eduard eine Ewigkeit, eine unerträgliche Leere! Was konnte es ſein, das ſie verhinderte, ihm ihr Wort zu halten, war es möglich, daß ihr Herz wirklich ihm erkaltet und ihrem Gatten in alleiniger Liebe ſich zu⸗ gewandt habe? Drei lange, troſtloſe Tage quälte ſich Eduard mit dieſer Frage, die ihn raſend machte vor Zorn und unendlicher Liebe, aber am vierten Tage kam Frau Winkler und reichte ihm mit freudeſtrahlen⸗ dem Angeſicht einen Blumenſtrauß dar. 3 Eduard riß ihn mit einem Ausruf des Entzückens aus ihrer Hand und drückte ihn mit einem Gefühl des unausſprechlichſten Glückes an ſeine Lippen. Ja, er fühlte es an der Seligkeit, die ſeine Bruſt erfüllte, an dem ſtürmiſchen Klopfen ſeines Herzens, an der 1* Gluth, welche ſein ganzes Weſen erfaßte, dieſe Blumen kamen von ihr, ſie hatte mit ihren Händen ſie be⸗ rührt, ihre Augen hatten darauf geruht, vielleicht dieſe Roſe betrachtet, welche er jetzt an ſeine Lippen preßte, um auf ihren duftenden Blättern den Blick zu küſſen, den ſie darauf geheftet. Er fragte gar nicht, wer ihm dieſen Blumenſtrauß geſendet, er wußte es ja, und kein Zweifel war in ſeinem Herzen, daß Amalie ihm, als holdes Troſteswort, dieſe Blumen geſchickt. Sie liebte ihn alſo noch, ſie dachte an ihn, ſie hatte ihn nicht vergeſſen, und es war gewiß nur Gotthold's tyranniſcher Wille, daß ſie nicht mehr zu ihm kom⸗ men durfte!— Und ganz an die Thür gedrückt, demüthig und be⸗ ſcheiden, ſtand Frau Winkler und ſchaute mit leuchten⸗ den Augen auf Eduard, ganz glücklich, ganz erfüllt von der Freude, die aus ſeinen Augen ſtrahlte. Es war ihr alſo vergönnt geweſen, ihm eine Freude zu machen, ſie alſo hatte dieſes ſchöne geliebte Angeſicht mit einem Schimmer des Glückes verklären können! Ach, dies war ja unendlich mehr, als ſie jemals zu hoffen gewagt, und ſie ſagte ganz ſtill zu ſich ſelber: ich ſegne die Blumen, welche mir Eingang verſchaff⸗ ten bei ihm! Ach, nun liebe ich die Natur und die Schöpfung erſt recht dankbarlich und innig, weil ſie Blumen wachſen läßt, welche er liebt, und die ge⸗ wiſſermaßen für mich der Portier ſind, ohne deſſen Hülfe ich nicht in ſein Zimmer gelangen könnte! Aber Eduard entſann ſich jetzt, daß er nicht allein ſei mit ſeinen Blumen, und ſich an Frau Winkler wendend und ihr lächelnd zunickend, ſagte er: und jetzt, gute Frau, ſagen Sie mir, war ſie heiter, lächelte ſie, als ſie Ihnen dieſe Blumen gab? Wer? fragte die Alte, aus ihrer Freude er⸗ wachend. . Nun, die Dame, die Ihnen dieſe Blumen gab! rief er ungeduldig. Frau Winkler ſenkte ſeufzend ihr Haupt auf ihre Bruſt. Ach, er dachte alſo nicht einmal an die Mög⸗ lichkeit, daß dieſe Blumen von ihr kämen, nicht der leiſeſte Gedanke ſtieg in ihm auf, daß ſie ſelber die Geberin dieſes Straußes ſei, ſie, die ſo tief unter ihm ſtand, daß ſie zu ihm in gar keiner menſchlichen Be⸗ ziehung ſtehen, daß ſie nichts weiter ſein konnte, als ein dienſtbares Weſen, ohne Theilnahme und menſch⸗ liche Regung! Mein Gott, Sie antworten mir nicht, rief er ängſt⸗ lich. Sie war alſo nicht heiter? Sie ſah bleich und leidend aus? Der Blick, den er auf die Alte heftete, war ſo voll Angſt und Schrecken, daß ſie Mitleid empfand mit ſeiner Sorge, und ſich zu jedem Opfer, zu jeder Ent⸗ ſagung bereit fühlte. O nein, ſagte ſie mit mattem Lächeln, ſie war heiter und ihre Wangen glühten purpurroth, als ſie mir dieſe Blumen gab. Ach, ich danke Ihnen, rief Eduard aufathmend. Und ſagte ſie Ihnen nichts, gar nichts, nicht die kleinſte Beſtellung? Doch, ſie läßt Ihnen tauſend Grüße ſagen, flüſterte Frau Winkler mit niedergeſchlagenen Augen, denn ſie ſchämte ſich ihrer Lüge, und mochte es nicht wagen, Eduard's Blicken zu begegnen. Dank, tauſend Dank, rief Eduard innig und reichte ihr die Hand dar. Sie drückte ſie heftig, aber als er ſeine Hand zurückzog, ließ er ein Geldſtück in die ihre gleiten. O, ſagte ſie ſchmerzvoll und erbebend, nicht ein⸗ mal der Händedruck galt mir! Sie reichten mir nur die Hand, um mir Geld zu geben! Und Sie dürfen mir das nicht verargen, rief Eduard herzlich, Sie haben mir eine ſo große Freude gemacht, daß ich Ihnen gern vergelten möchte. Da ich aber Ihre Neigungen und Wünſche nicht kenne, ſo bleibt mir ja nichts anderes übrig, als Ihnen Geld zu geben, damit Sie es nach Ihrem Gefallen anwen⸗ den und ſich ein Vergnügen machen. Ich ſoll mir mit dem Gelde eine Freude machen, ſeufzte Frau Winkler, als ſie Eduard verlaſſen und langſam die Stiegen hinunterſchlich. Nun ja, ich werde es thun! Ich werde Blumen kaufen und ſie ihm bringen! Mag er dann auch immerhin denken, daß ich nur die Botin einer jungen, ſchönen Dame bin! Was thut das! Ich thue es ja nicht, um Dank davon zu haben, ſondern nur um ihn zu ſehen! Und wieder vergingen für Eduard mehrere Tage in Erwartung und Sehnſucht, und Amalie kam noch immer nicht. Freilich, er hätte zu ihr gehen, er hätte in ihrem Hauſe ſie aufſuchen dürfen! Aber er fürch⸗ tete das Begegnen mit Gotthold, weil er fühlte, daß es ihm, dieſem heuchleriſchen Prieſter gegenüber, an der nothwendigen Ruhe und Gelaſſenheit fehlen, und er, in rückhaltloſer Heſtigkeit, Alles verderben möchte. Auch würde Amalie, wenn ſie meine Gegenwart wünſchte, ſicherlich mich zu ſich rufen, ſagte er, ſie weiß es ja, daß es nur eines Winkes von ihr bedarf, um mich an ihre Seite zu rufen! Acht Tage waren ſo vergangen. Traurig und miß⸗ geſtimmt ſaß Eduard in ſeinem Zimmer. Es war Morgen, ein ſtiller, lautloſer Morgen, und Eduard dachte, wie ſchön dieſe Morgenſtunde ihm ſein würde, wenn Amalie da wäre, und wie langweilig und un⸗ erquicklich ſie ſei, ohne ſie. Er ſah mit wehmüthigen Blicken im Zimmer umher, jeder Gegenſtand in dem⸗ ſelben erinnerte ihn an Amalie, dort in der Fenſter⸗ S niſche auf dem geſtickten Seſſel pflegte ſie zu ſitzen, noch lag das aufgeſchlagene Buch da, aus welchem ſie ihm zuletzt vorgeleſen. Dort auf dem Sopharande lag noch das kleine Häubchen, das ſie am letzten Morgen hier vergeſſen. Er küßte das roſa Band, das unter ihrem Kinn geſeſſen, die Spitzen, welche an ihrer Wange gelegen, und er ſagte: die Liebe macht uns zu Träumern und Kindern! Iſt es mir doch, als ſähe ich ihr liebes Angeſicht, wie es aus dieſem Häubchen hervorſchaut und lächelnd mich anſieht, und ſo ſpiele ich, wie ein Kind, mit dem Kleinlichen und Nichtigen, was mir doch Großes und Schönes be⸗ deutet und iſt! Aber horch, welch' ein Ton war dies! Ein leiſer, kaum vernehmbarer Ton,— war's nicht, als ob man leichte Schritte im Vorzimmer vernähme, knarrte nicht die Thür, o mein Himmel— Amalie! Eduard! Sie lag in ſeinen Armen, freudejauchzend, glückes⸗ trunken, weinend vor Luſt und Entzücken, und er küßte die Thränen aus ihren Augen und ſah ſie lange und innig an mit dem Ausdruck der unausſprechlich⸗ ſten Liebe, des reinſten, göttlichſten Glückes! Du biſt alſo wieder da! ſagte er aufathmend und zog ſie zu ſich nieder auf den Divan. Sie lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter und blickte ihn an und lächelte, und ſagte halb ſcherzend: ich muß wohl zu Dir kommen, da Du ſo ſtolz biſt und Deine arme Schweſter nicht aufſuchſt, Du Böſer! Du weißt es wohl, daß ich Dich immer meinen Herrn und König genannt, und darum verſchmähſt Du's nun, in das niedrige Haus Deiner Dienerin und Vaſallin zu kommen. Du ſpotteſt meiner! rief er umdüſtert, denn jetzt erinnerte er ſich wieder Gotthold's, des verhaßten Ge⸗ mahls ſeiner Schweſter, der wahrſcheinlich die Veran⸗ laſſung dieſer langen Trennung war. Nicht wahr, fragte er heftig, Gotthold wollte nicht daß Du zu mir gingeſt? O nicht doch! ſagte ſie und barg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt, um nicht ſeinen forſchenden Blicken zu begegnen. Nicht doch, Eduard! Ich wollte nur ſehen, ob Deine Liebe oder Deine Abneigung mächtiger ſei! Gotthold iſt Dir zuwider, aber Du ſagſt, daß Du mich liebſt, und da wollte ich Dich prüfen, ob Deine Liebe ſo mächtig ſei, daß ſie die Abneigung beſiegte und Du zu mir kämeſt, obwohl Du wußteſt, bei mir den Mann zu finden, den Du haſſeſt! Und ſiehſt Du, wie ſehr ich gedemüthigt worden! Dein Haß iſt ſtärker als Deine Liebe, Du konnteſt die Trennung ertragen, ich nicht, und weil ich denn ſah, daß Du nicht zu mir kamſt, mußte ich wohl zu Dir kommen! Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn. Er wehrte ſie ſanft ab und ſagte faſt unwillig: alſo um einer Laune willen alle dieſe Schmerzen und dieſes tiefe Weh, um einer Caprice willen ſo viel Unruhe und Trauer! Nein, ich mag's nicht glauben, daß Du ein Weib biſt, wie alle Weiber, und daß Du ſpielen könnteſt mit einem Herzen, das Dich liebt! Sieh' mich an, Amalie, iſt's wahr, iſt's wirklich wahr, daß Du deshalb nicht gekommen? Er hob ihr Haupt von ſeiner Bruſt und ſah lange und prüfend ihr in's Angeſicht. Iſt's wahr? wiederholte er lächelnd, denn er hatte ſchon in ihren Mienen die Antwort geleſen. Nein, ſagte ſie. Ich kann und will Dir keine Un⸗ wahrheit ſagen, mein Bruder! Es war keine elende Laune, die mich fern hielt, Gotthold wollte nicht, daß ich zu Dir ginge! Gotthold! rief Eduard auffahrend. Und weshalb konnte er der Schweſter verbieten, zu ihrem Bruder zu gehen? Er weiß es wohl, daß ich den Bruder mehr liebe, als ihn, und doch iſt er mein Gatte, und ihn ſollte ich lieben über Alles auf Erden! Ach, er iſt alſo eiferſüchtig, eiferſüchtig auf den Bruder! Aber freilich, die Eiferſucht fragt nicht nach Verwandtſchaftsgraden. Jeder, der die Geliebte liebt, iſt ein Nebenbuhler, und ſei es ſelbſt ein Vater oder Bruder! O ich kenne das, denn, Amalie, ſiehſt Du, ich bin auch eiferſüchtig, und nicht, weil er ein Heuch⸗ ler iſt und ein ſcheinheiliger Prieſter, nicht deshalb haſſe ich Gotthold, ſondern weil er Dein Gatte iſt, weil er es wagen darf, Dich in ſeine Arme zu ſchlie⸗ ßen, Deine Lippen zu küſſen! O mein Gott, dieſer Gedanke ſchon könnte mich raſend machen, und müßte ich es jemals ſehen, ich glaube, ich würde ihn ermor⸗ den in Deinen Armen! Und Du, Eduard, haſt doch keinen Grund, eifer⸗ ſüchtig zu ſein! ſagte ſie lächelnd. Er küßte ſie und fragte dann, wie es komme, daß Gotthold nun doch darein gewilligt, daß Amalie zu ihm komme. Wir haben eine Art Tauſch gemacht, ſagte ſie, un⸗ willkürlich ſeufzend. Er läßt mir die Freiheit, Mor⸗ gens zu Dir zu gehen, wenn ich dafür Abends ihm in die frommen Verſammlungen folge! Jede glückliche Stunde bei Dir bezahle ich, indem ich mit ihm in ſeine Conventikel gehe! Und das iſt die Frömmigkeit dieſer Heuchler, rief Eduard. Sie ſchachern und feilſchen mit dem Himm⸗ liſchen, es iſt ihnen nicht um die Wahrheit und Wirk⸗ lichkeit zu thun, ſondern nur um den äußern Schein, nicht um die Frömmigkeit des Herzens, ſondern nur * — 10— um dieſes gleißneriſche äußere Gebahren, mit dem ſie Gott und Menſchen zu täuſchen hoffen! O, ſagte Amalie ſchaudernd, wenn Du wüßteſt, wie mir graut in den Verſammlungen dieſer Frommen. Wenn ihre Gebete ertönen, ſo iſt es mir, als läſterten ſie Gott mit ihren frommen Worten und dieſen gleiß⸗ neriſchen, himmelſuchenden Blicken, die doch heimlich voll ſo viel irdiſchen Gelüſtes ſind! Ach, wenn ich in⸗ mitten dieſer Frommen bin, ſo muß ich immer denken, wie das ſein möchte, wenn nun Gott plötzlich unter ſie träte, und vor der Glorie ſeiner Erſcheinung alle dieſe frommen Larven und Masken von dieſen Beten⸗ den abfielen, und der göttliche Zauber ſie zwänge, ihres Herzens innerſtes Denken und Fühlen auf ihrem Antlitz leſen zu laſſen! Wie viel Egoismus und Heuchelei, wie viel Habſucht und Ehrgeiz, wie viel Geldgier und Tücke würde da zur Erſcheinung kommen in den Mie⸗ nen dieſer Frommen. Glaube mir, Eduard, ich habe Furcht vor dieſen Frommen! Sie ſagen, es gäbe einen wirklichen und perſönlichen Teufel, und ſie haben Recht, er iſt immer unter ihnen, und oft iſt er es, der ſie beten lehrt! O gewiß, ich auch liebe Gott, und ich bete zu ihm, aber nicht mit Zerknirſchung und Selbſt⸗ verachtung, ſondern freudigen Herzens und des ſeligen Glaubens voll, daß Gott uns zum Glück berufen und zur Freude geboren hat! Und dieſer Glaube iſt das Evangelium der guten und edlen Menſchen, ſagte Eduard. Nur wer viel geſündigt hat, denkt an Buße und Kaſteiung, und nur wer ſich in Laſter und Sünde umhergetrieben, wird endlich mit überſättigten Sinnen dahin kommen, die ganze Welt für einen Pfuhl des Verbrechens und Laſters zu halten, weil er freilich nichts Anderes darin geſucht und gefunden hat! Aber laſſen wir die From⸗ men und die Heuchler, unſere Liebe iſt ächt und wahr, — 11— Amalie, und nie ſoll es ihnen gelingen, unſere Herzen zu trennen! Niemals, Eduard! Laß uns immer gegen einander offen ſein und wahr, dann allein dürfen wir unſerer für alle Zeiten gewiß ſein, und im herrlichen Gefühl dieſer geiſtigen Zugehörigkeit wird es für uns niemals eine Trennung und Entfremdung geben! O Amalie, wenn Du wüß⸗ teſt, welch eine tiefe Trauer zuweilen mein Herz be⸗ ſchleicht, wenn ich an Dich denke, an Dich, die ich mehr liebe, als alles Andere auf der Welt, mehr, tauſendmal mehr, als mein Leben! Und weshalb dieſe Trauer? fragte ſie bebend. Es iſt ein Punkt in deinem Leben, welcher mir dunkel iſt, wo ich Dich nicht verſtehe, wo Dein Bild, welches ſonſt ſo klar und hell wie die Sonne vor mir ſteht, ſich mit Nebeln umhüllt und mir für einen Augenblick in ungewiſſe Formen ſich auflöſt. Willſt Du mir Aufſchluß geben darüber, willſt Du mir dieſes Räthſel löſen, an welchem ich verzweiſle, weil ich es nicht ergrübeln kann? „Err ſah ſie ſo flehend und angſtvoll an, daß ſie ihm nicht zu widerſtehen vermochte. Ich will es, ſagte ſie ernſt, denn ich ahne ſchon, daß man mich täuſchte, und ich um einer Lüge willen mich opferte. Du aber haſt Recht, die Wahrheit allein kann uns unſer Glück und unſere Liebe erhalten! Frage mich denn, ich werde Dir antworten! Eine Pauſe trat ein, und ſo ſtill war es, daß ſie Beide das Klopfen ihrer Herzen vernahmen, und das leiſe, angſtvolle Athmen ihrer beklommenen Bruſt. Eduard zog die Schweſter näher an ſein Herz und flüſterte: liebteſt Du Gotthold, als Du ihm Deine Hand gabſt? Nein! Nein! Und doch ſagteſt Du es mir an Deinem Hoch⸗ zeitstage, als ich flehend, hier auf dieſer ſelben Stelle, zu Deinen Füßen lag. Warum denn thateſt Du das? Höre mich an! Ich will es Dir ſagen! Und mit hochathmender Bruſt, mit ſtockender Lippe, oft unterbrochen von ſeinen Ausrufungen und Schmer⸗ zensworten, erzählte Amalie ihrem Bruder, durch welche Ränke und liſtige Vorſpiegelungen Tante Auguſte ſie zu dieſer Heirath überredet habe, und wie ſie endlich darein gewilligt, Gotthold zu heirathen, weil Tante Auguſte ihr geſagt, daß Eduard ein reiches, ſchönes Mädchen liebe, deren Eltern aber ihm ihre Tochter nicht geben wollten, bevor nicht Amalie verheirathet ſei. Und für mich, für mich haſt Du Dich geopfert! rief Eduard ganz überwältigt, ganz außer ſich, und ſank vor ihr nieder, um ihre Kniee zu umklammern, ihre Füße zu küſſen und ſie mit tauſend zärtlichen Namen zu nennen! O hätteſt Du doch Vertrauen zu mir gehabt, ſagte er dann vorwurfsvoll, hätteſt Du nur an die Wahr⸗ heit meiner Liebe geglaubt, dann wäre alles dieſes nicht gekommen! Und wann hätte ich an Deiner Liebe gezweifelt, Eduard! Aber die Liebe zu einer Schweſter ſchließt ja eine andere Liebe nicht aus. Doch, doch, rief er leidenſchaftlich. Du, Amalie, biſt der Inbegriff aller meiner Liebe, und wenn ich an Dich denke, ſo ſcheint es mir, als ſei keine Liebe ſo rein, ſo himmliſch, ſo frei von allem Irdiſchen und Vergänglichen, wie die Liebe eines Bruders zu ſeiner Schweſter. In Dir umfaſſe ich Alles; meine ganze Welt, meine Jugend, meine Vergangenheit, meine Mutter, meine Heimath, dies Alles umſchlinge ich in Dir, und Du konnteſt denken, ich hätte in meinem Herzen Raum, noch ein anderes Weib zu lieben! — 13— Aber dies darf nicht ſein, Eduard. Du mußt ein Weib ſuchen, welches Du lieben könnteſt, die Dir eine Häuslichkeit bereiten, die Dir Kinder geben ſoll, deren Vater Du biſt! O, Eduard, ſage nicht, daß unſere Zukunft frendenleer ſein ſoll. Gieb meinem armen getäuſchten Herzen den Troſt, daß Du mindeſtens glücklich biſt. Und bin ich denn gegangen, um Deinem Weibe zu weichen, nun wohl, fülle den leeren Platz aus, führe ein Weib in Dein Haus, und ich will ſie lieben und niemals mich unglücklich nennen! Nein, nein, rief er heftig, Du allein ſollſt wieder Herrin ſein in meinem Hauſe! Dieſe Ehe, zu welcher Täuſchung und Lüge Dich gezwungen, ſie muß gelöſt werden, Du wirſt wieder mein werden, meine Schwe⸗ ſter, und nicht mehr die Gattin dieſes Mannes, wel⸗ chen ich haſſe, und den Du niemals lieben darfſt und kannſt! Soll ich eine Meineidige werden? Soll ich ein Gelübde brechen, das ich freiwillig geleiſtet? So willſt Du um einer Chimäre willen Dein Glück opfern? Iſt es denn ſeine Schuld, daß ich ihn nicht lieben kann? Und dann, wenn ich ſelbſt ſchwach genug wäre, dieſe Bande abwerfen zu wollen, Gotthold wird nie⸗ mals darein willigen? So werden wir ihn zwingen! rief Eduard ſtürmiſch. „Mit welchen Mitteln? fragte ſie ſchmerzlich. Meine Abneigung genügt dazu nicht, und wenn er mich auch nicht zwingen kann, ihn zu lieben, ſo kann er mich doch zwingen, bei ihm zu bleiben, mit ihm zu leben! ch muß mein Geſchick tragen, weil ich mich ihm unterworfen habe, und weil ich vor Gottes Altar geſchworen, ſein Weib zu ſein, ſo muß ich mein Wort löſen und meine Pflicht erfüllen. Kein Geſetz der Welt aber kann ja die Schweſter zwingen, ihren Bru⸗ — 14— der nicht zu lieben, das iſt mein Troſt und meine Lebenshoffnung; keine Gewalt kann uns trennen, wir ſind ewig, unauflöslich verbunden, und dieſes Band, es iſt mächtiger und heiliger, als jedes andere Band, denn die Natur ſelber war es, welche uns vereinte, die Natur, welche machte, daß daſſelbe Blut in unſern Adern flöſſe, daß dieſelbe Mutter uns unter ihrem Herzen getragen! Ein Seufzer rang ſich aus Eduard's Bruſt hervor, und leiſe, wie zu ſich ſelber, ſagte er: es iſt wahr, die Natur hat uns ſo feſt vereint, daß wir auf ewig ge⸗ trennt ſind, ſie hat uns ſo eng verbunden, daß die ganze Welt zwiſchen uns liegt! Eins nur verſprich mir, ſagte er dann laut, dies Eine nur, daß Du mir niemals etwas verbergen willſt, daß Du offen und wahr gegen mich ſein und niemals mich täuſchen willſt über Dein Verhältniß zu Gotthold. Ich verſpreche es Dir! Ich traue ihm nicht, fuhr Eduard fort, denn ich habe ihn beobachtet, und ich habe zuweilen in ſeinen Mienen das Antlitz eines Verbrechers und Böſewichts zu erkennen geglaubt. Du ſagſt, Dein Mangel an Liebe ſei kein Grund zur Scheidung, und ſeine Schuld nicht ſei es, wenn Du ihn nicht liebſt. Aber wenn mein Blick mich nicht täuſcht, wenn ich einſt Dir be⸗ weiſen kann, daß Dein Gatte ein Verbrecher iſt, wirſt Du auch dann noch ſein Weib ſein wollen? Nein, ſagte ſie feierlich, das Verbrechen hebt alle Eide auf. Dich, Eduard, würde ich lieben, von Dir würde ich nimmer laſſen, ſelbſt wenn Du eines Ver⸗ brechens Dich ſchuldig machteſt, von ihm aber würde ich mit Abſcheu mich abwenden, denn ich liebe ihn nicht! Nun wohl, ſagte Eduard, von hente an wird er mich immer auf ſeinem Wege finden, als einen nie zu⸗ täuſchenden, nie einzuſchläfernden Spion, der ſeine ge⸗ 15— heimſten Handlungen erſpähen, ſeine verborgenſten Thaten an das Licht ziehen will, und wehe ihm, wenn ich darunter einigen begegne, die lichtſchen ſich zu ver⸗ bergen haben! Von heute an iſt Alles anders! Ich haſſe dieſen Mann nicht mehr, nun, da ich weiß, daß Du ihn nicht liebſt, und weil Du denn um meinet⸗ willen ſein Weib geworden, ſo iſt mein heiliges Recht und meine natürliche Pflicht, über Dir zu wachen und Dich vor Unglück und Elend zu behüten! Von heute an werde ich Deinen Gatten nicht mehr fliehen, ſondern alle Tage werde ich bei ihm ſein, und wie ſehr er mich auch haßt, wird er doch nicht den Muth haben, dem Bruder ſeines Weibes ſeine Thür zu verſchließen. Draußen kuarrte leiſe die Thür, und heimliche, ſchleichende Schritte näherten ſich. Diesmal hörte ſie Eduard nicht, Amalie war ja bei ihm, er hatte kein Glück mehr zu erwarten, und keine Freude, denn ſie war ſchon da, und er hörte nichts, als Amaliens holde Worte, mit denen ſie ſich jetzt in ſeine Arme ſchmiegte und ihn ihren Freund und Beſchützer, ihren Vater und Gebieter nannte! Ja, ich werde täglich zu Dir kommen, ſagte Eduard ſeufzend, obwohl ich weiß, daß ich unendlichen Qualen und Martern entgegen gehe! Ich werde es ſehen müſſen, wie Dein Gatte ſich Dir vertraulich nähert, Dich ſein Weib nennt, vielleicht gar Dich um⸗ armt. Ach, nur zu denken, daß er Deine Lippen be⸗ rührt, könnte mich raſend machen vor Zorn! Vermeide es, Amalie, daß er Dich in meiner Gegenwart um⸗ armt und küßt, ich kann es nicht ertragen! 1 Und denkſt Du, daß mein Herz nicht dabei blutet? fragte ſie erglühend. Denkſt Du, daß ich es nicht als eine Schmach empfinde, die Zärtlichkeiten eines Man⸗ nes zu dulden, den ich nicht liebe? — 16— Stoße ihn von Dir, leide es nicht, daß er Dich beſudelt mit ſeinen Küſſen! rief Eduard heftig. Draußen an der Thür, das Ohr dicht an dieſelbe geneigt, ſtand Gotthold. Keine Sylbe von dem Schluß ihrer Unterredung war ihm entgangen, und mit einem heimtückiſchen Lächeln ſich die Hände reibend, flüſterte er: ſieh, ſieh, die lieben Geſchwiſter ſcheinen wirklich eine glühende Zärtlichkeit für mich zu empfinden, die ich vollkommen theile. Ach, es ärgert dieſen Herrn Eduard, wenn ich mein Weib küſſe, ſie fühlt ſich ge⸗ demüthigt von meiner Zärtlichkeit! Ach, da wird es ja eine Wolluſt ſein, ſie zu küſſen, denn ich genüge damit zugleich meiner Neigung und meiner Rache! Dann legte er ſein Geſicht in die gewohnten from⸗ men Falten und öffnete leiſe die Thür. Die Geſchwiſter ſtanden Hand in Hand und blick⸗ ten einander lächelnd an, ſie ſchraken aber Beide zu⸗ ſammen, als ſie Gotthold gewahrten, und wandten, gleich ertappten Miſſethätern, den Blick zur Erde. * Gotthold ſchien ihre Verwirrung nicht zu bemerken, ſondern ſagte mit ſeiner gewohnten gleißneriſchen Freundlichkeit: der Herr gebe Ihnen Glück und Se⸗ gen, mein theurer Schwager! Ich habe Sie ſo lange nicht geſehen, daß ich wirklich Verlangen nach Ihnen hatte, und nur ſelbſt kommen mußte, Sie aufzuſuchen! Er reichte Eduard die Hand und ſchien es gar nicht zu bemerken, daß Eduard den Druck der ſeinen nicht erwiederte.. Ach, und da biſt Du ja, mein holdes, mein liebes Weibchen, fuhr Gotthold fort und drückte Amalie in ſeine Arme. Ach, lieber Schwager, ſieht ſie nicht ſchön aus, meine kleine Frau? Ja, wir leben auch mit einander wie die Turteltauben, immer ein Herz und eine Seele! Gotthold! ſagte Amalie verweiſend, und ſuchte ſich ſeinen Armen zu entwinden. 8 — 17— Nun, warum ſchämſt Du Dich denn, Deinen Bruder unſere Zärtlichkeit ſehen zu laſſen, fuhr Gotthold fort und küßte Amalie. Kein Weib kann ſo glühend küſſen, wie Du, und nie habe ich ge⸗ glaubt, daß ein Weib ſolcher Zärtlichkeit fähig wäre, wie ſie mir Amalie täglich beweiſt. Eduard war ſchweigend an das Fenſter getreten und trommelte mit den Fingern an der Scheibe, daß ſie klirrend zerſprang. Ach, ſagte Gotthold lachend, wie leicht zerbrech⸗ lich iſt doch das Glas; es hält nicht einmal Stand, wenn ein Bruder einen Freudenmarſch trommelt über das eheliche Glück ſeiner Schweſter. Das Glück zerbricht oft ſo ſchnell, wie das Glas! rief Eduard zornig. Unſer Glück nicht! ſagte Gotthold begeiſtert, denn Gott ſelber iſt es, der unſere Liebe ſegnet und ſie ſo tief und rein uns in's Herz gelegt hat. Nein, nein, unſer Glück iſt unvergänglich, Amalie wird an mir ſtets den treueſten und zärtlichſten CEhemann finden, und daß ſie mich liebt, davon habe ich ja täglich die glühendſten und leidenſchaftlichſten Beweiſe! Aber weshalb alle dieſe Verſicherungen, dieſe Lob⸗ preiſungen? rief Amalie erglühend. „Weshalb? ſagte er anſcheinend ganz erſtaunt. Wäre es nicht undankbar gegen Gott, von einem Glück nicht preiſend zu ſprechen, das wir ihm allein doch danken? Eine Zärtlichkeit nicht zu bekennen, die uns Beide doch ſo glücklich und ſelig macht⸗ „Wirklich, Sie ſind beneidenswerth mit Ihrer überſchwänglichen Seligkeit, ſagte Eduard ſarkaſtiſch und ſpielte gedankenlos mit dem koſtbaren Pokale von Nubinglas, der auf ſeinem Schreibtiſch ſtand. Em. 2 — 8— Ja, beneidenswerth in der That, ſagte Gotthold, während Amalie umſonſt verſuchte, ſich ſeinen Armen zu entwinden. Und wenn Sie erſt den ganzen Um⸗ fang unſerer Wonne kennten! Aber wozu Ihnen ein Geheimniß daraus machen, da Sie, als der nächſte Verwandte, ein Recht haben, es zu erfahren! Wiſſen Sie denn, daß der Herr gnädiglich unſere eheliche Zärtlichkeit geſegnet hat, und Amalie ein Pfand unſerer heißen Liebe unter ihrem Herzen trägt. Der Pokal entfiel Eduard's Händen und zer⸗ brach. Er zerſtampfte das Glas mit ſeinen Füßen und ſagte wild: Sie ſehen, ich bin ganz außer mir vor Entzücken. Das war ein Salutſchuß meiner Freudel!* Amalie ſtieß Gotthold wild zurück und ſagte weinend vor Zorn und Scham: es iſt nicht wahr, Eduard, er ſagt es nur, um zu ſcherzen, aber es iſt eine Unwahrheit, eine Unmöglichkeit. Unmöglichkeit! rief Gotthold verwundert. Bei zärtlichen Ehegatten iſt ſo etwas nie unmöglich. Gerade Dein Leugnen beſtätigt meine freudige Ver⸗ muthung. Sie ſollten meine kleine Frau einmal Prubanhten, und Sie werden finden, daß ich Recht habe! Ich ertrage dies nicht! Ich ſterbe! rief Amalie außer ſich und rannte aus dem Zimmer, während Eduard, bleich und zitternd, auf einen Seſſel ſank. Gotthold eilte lachend Amalien nach und machte ihr zärtliche Vorwürfe über ihre Heftigkeit, die er aber ſehr wohl mit ihrer krankhaften Reizbarkeit zu entſchuldigen wiſſe. Laß uns nach Hauſe gehen! ſagte ſie bebend. — 19— Ja, laß uns gehen! ſagte Gotthold und gab ihr dienſtfertig und zärtlich ihren Hut. Nun, dachte Gotthold, als er mit einem tückiſchen Lächeln hinter Amalien die Treppe hinabging, nun, ich denke, dieſe erſte Lection war ſtark genug. O, ich will ſie Beide zu Tode hetzen mit meiner Zärt⸗ lichkeit. Mag Herr Eduard immerhin daran ſterben, das iſt mir gerade recht! Die Flüchtige. Das Opfer war alſo gebracht, die Thür war hinter ihr in's Schloß gefallen, und auf's Neue ver⸗ waiſt, ſchutzlos und ohne Obdach, war Julia hinaus⸗ getreten auf die Straße. Mit einem troſtloſen Blick ſchaute ſie zum Himmel empor, er war mit ſchwar⸗ zen, finſtern Wolken behangen, und Julia dachte ganz träumeriſch: meine Sonne iſt für immer hinab⸗ gegangen, der letzte Schimmer meines Glückes iſt unter dieſen Wolken begraben. Sie weinte nicht, ihr Antlitz war ruhig und leuchtend in heldenmüthiger Entſchloſſenheit. Sie blickte nur forſchend und fragend umher, wie Jemand, der ſich verirrt auf ſeinem Wege und ſpähend um⸗ herſieht nach der rechten Straße. Nun, jeder Weg iſt gleich und führt zum Ziel, flüſterte ſie, was liegt daran, wohin ich komme, nur daß ich überhaupt fortgehe, iſt nothwendig. Sie wandte ſich entſchloſſen nach der Straße zu und ging die Allee hinab, welche die Potsdamerſtraße entlang nach Schöneberg führt. Hinter mir liegt die Stadt, dachte ſie, alſo werde — 21— ich hier wohl in's. Freie kommen und endlich in irgend einem Dorfe ein unbemerktes Aſyl finden. Aber ſie hatte ſich kaum einige Schritte entfernt, als hinter dem Gitter, welches das kleine Gärtchen vor Alfred's Hauſe umgab, ein Mann emporſprang und mit eiligen leiſen Schritten Julien folgte, immer ſo viel Raum zwiſchen ihnen Beiden laſſend, daß er nicht den Anſchein hatte, ſie zu verfolgen, ſondern nur harmlos dieſelbe Straße zu gehen ſchien. Ohne ſich umzuſehen, nichts denkend nichts wollend, als Flucht, eilige raſche Flucht, ging Julia weiter. Die Straße ward immer einſamer, rechts nichts mehr als unvollendete, im Bau begriffene Häuſer, an denen in der frühen Morgenſtunde noch kein Arbeiter beſchäftigt war, links das weite, freie Feld, drüben begränzt von dem Krenzberg mit dem eiſernen Denkmal, das ausſieht, wie die abgefallene Thurmſpitze einer gothiſchen Kirche. Die Einſamkeit und Menſchenöde that Julien wohl, ſie fühlte ſich freier und leichter in dieſer Stille, und muthig fortſchreitend ging ſie jetzt neben der langen Mauer hin, welche den botaniſchen Gar⸗ 8 ten begränzt. Hier beſchleunigte der Maun, der ihr folgte, ſeine Schritte, jetzt war er ihr ganz nahe, und nun, wie mit einem Tigerſprung, war er ihr zur Seite, packte er ihren Arm und ſah ihr mit einem lanten, grimmigen Lachen in's Geſicht. Chriſtian! ächzte ſie zuſammenſinkend, Ja, Chriſtian, ſagte er grinſend. Chriſtian iſt nicht ſo'n dummer Junge, daß er'n Tanbenſchlag unbewacht ließe, wenn er weiß, daß die Taube ſich vor’m Habicht fürchtet. Dacht' mir's wohl, daß die ſchöne, vornehme Dame gar nichts darnach fragen würde, meine Viſite heut' Vormittag zu empfangen, und daß ſie lieber wieder ausreißen würde, wie da⸗ — 22— mals, als wir unſern Einzug in Berlin hielten! Darum habe ich ſchon ſeit'n paar Stunden hinter'm Gartenzaun gelauert und aufgepaßt, und richtig, der Vogel wollte ausfliegen! Ha, ha, ha! Und was verlangt Ihr jetzt von mir? fragte Julia ſtolz und ruhig. Warum verfolgt Ihr mich und drängt Euch in meinen Weg? Ich habe nichts mit Euch zu ſchaffen! Laßt meinen Arm los, oder ich rufe um Hülfe! and wird's hören, und Sie würden's auch 4 nicht wagen, ſchönes Fräulein, denn Sie haben die Leute noch mehr zu fürchten, als ich ſelber, Mich können ſie höchſteus einſperren, aber Sie— Julia mußte wohl die Pantomime verſtehen, mit der er ſeine Rede ergänzte, denn ſie wandte ſich ſchaudernd ab und ächzte laut. Ja, ja,'s wäre ſchrecklich, ſagte Chriſtian lachend, und das würd' gewiß geſchehen, wenn Leute Sie finden und erkennen würden! Niemand kennt mich hier! ſagte Julia. Hoho, dafür hat die liebe Polizei geſorgt, lachte iſtian, die iſt'n ſehr geſchickter Maler, und weiß immer ſehr ähnliche Portraits zu zeichnen. Was wollt Ihr damit ſagen? Sie ſollen gleich ſehen! rief Chriſtian mit ſeinem grinſenden Lachen, und zog aus ſeiner Jacke eine alte zerriſſene Brieftaſche hervor, indem er ſie öffnete, und Lunſchen den ſchmutzigen und zerfetzten Papieren, die ſie euthielt, lange ſuchte. Das iſt's nicht! ſagte er, ein Papier betrachtend, das iſt'ne Warnungsanzeige von Polizeiwegen, darüber, daß ſie meinen Freund, den lieben Peter, geköpft haben! Das hier iſt'n Baron ſein Papier, 8 iſt die Anzeige, daß er ſeines Adels verluſtig iſt und'n infamer Bürgerlicher wird, weil er in Be⸗ — 23— trüger iſt. Da, jetzt kommt's. Hier, die Voſſifche Zeitung. Er reichte Julien ein halb zerriſſenes Zeitungs⸗ blatt hin und weidete ſich ſtumm an dem Ent⸗ ſetzen, das ſich auf ihren Zügen ausprägte, während ſie las. reichte. Wär's nicht dumm geweſen, wenn ’raus gewagt hätten unter die Menſchen? mal komme ich recht als'n Freund in der Sie beſchützen und retten will. Er wollte Juliens Hand wieder ergreifen, ſie wehrte ihn heftig zurück und rief ſtolz: ich verlange weder Euren Schutz, noch Eure Freundſchaft. Laſſen Sie mich gehen, ſage ich! Ich will nichts gemein haben mit Euch. Möge Gott ſich meiner erbarmen, aber lieber will ich in den Tod gehen, als Euch folgen! Sie ſpielen noch immer die ſtolze Prinzeſſin, rief Chriſtian grollend, nehmen Sie Sich in Acht, ſage ich Ihnen, und reizen Sie mich nicht! Ich könnte ſonſt was thun, was Sie gereuen ſoll. Das Kam⸗ mergericht iſt nicht ſehr weit, und ich brauche Geld! hut, was Ihr wollt, rief ſie energiſch, ich folge Euch nicht! volles Geſchick, ſein Name auch ſollte genannt wer⸗ den vor den Schranken des Gerichtes, und alle Welt — 24— ſollte es erfahren, daß er ſie aufgenommen, die Flüch⸗ tige, die Verfolgte? War das der Lohn für alle ſeine Wohlthaten, der Lohn für ſein großmuthsvolles Vertrauen und ſeine gläubige Liebe? Nein, nein, war ſie einmal entſchloſſen, ihm ein Opfer zu brin⸗ gen, ſo mußte es ganz gebracht, ganz zu Ende ge⸗ führt werden! Das Schwerſte war ſchon geſchehen, ſie hatte ſchon den Muth gehabt ihn zu fliehen, ollte ſie jetzt zurückbeben vor dem Leichtern? Süß weſen für ihn zu ſterben, aber auch ein qu marterreiches Leben mußte ſie muthig er⸗ dulde en um ſeinetwillen, und ſollte ſie mit ihrem Herzblute das Schweigen Chriſtian's erkaufen müſſen, der Preis wäre nicht zu hoch geweſen, um ſeinen Namen rein zu erhalten vor der Welt!— Sie war ganz entſchloſſen, ganz muthig. Stolz richtete ſie ihr Haupt empor und ſchüttelte die Locken von ihrer bleichen, hohen Stirn zurück. Und wenn ich Euch folge, werdet Ihr ſchweigen? fragte ſie, Chriſtian durchdringend anſehend. Das werde ich! Denn's thut mir leid um Sie, weil Sie ſo jung und ſchön ſind, und weil Sie, wenn Sie vernünftig ſind, mir ſehr nützlich ſein können. Was verlangt Ihr von mir? Das weiß ich jetzt noch nicht zu ſagen, aber's wird mancherlei zu thun geben. Sie ſind klug und gelehrt, Sie können ſchreiben und hübſch ſprechen, das iel werth und kann uns ſehr nützlich ſein! hr ſchwört mir zu ſchweigen, mich Nieman⸗ den zu verrathen? fragte Julia feierlich. Haben Sie Vertrauen zu dem Schwur eines Diebes? fragte Chriſtian ironiſch. Schwört mir, und ich werde Euch glauben! Nun, das iſt etwas ſo Seltenes, daß ich ſchon — 25— um der Rarität willen mein Wort halten und Ihrem Glauben Ehre machen will, ſagte Chriſtian düſter. Gut denn, ich ſchwöre Ihnen bei Gott und beim Teufel, daß ich keinem Menſchen auf der ganzen Welt ſagen will, wer Sie ſind, wie Sie heißen, und woher ich Sie kenne, ich ſchwöre es Ihnen, wenn Sie mir dafür geloben, mir gutwillig zu folgen und zu thun, was ich von Ihnen fordere. Ihr wollt mich keinem Manne verkaufen es ſei, wer es ſei? Nein, gewiß nicht! Vielmehr ſollen Sie uns Dienſte von ner ganz andern Art leiſten! Nun, was es auch ſei, ich werde den Muth haben, es zu thun, wenn ich mir damit Ihr Schweigen er⸗ kaufen kann. Ich hab's geſchworen, ſagte Chriſtian energiſch, und ich werde mein Wort halten, ſo wahr ich Chriſtian Schmidt heiße. Ein Dieb hält auch ſein Wort, das ſollen Sie ſehen! Und'ne Perrücke wol⸗ len wir Ihnen aufſetzen, daß, ſo wahr Gott lebt, Niemand Sie erkennen ſoll! Na, jetzt kommen Siel Schweigend wandelten ſie beide in die Stadt zu⸗ rück durch die noch nächtlich dunklen Straßen dahin. Chriſtian hatte ihr Anfangs den Arm geboten, weil ſie, wie er ſagte, des Weges nicht kundig ſei. Sie aber hatte ſeinen Beiſtand abgelehnt und wanderte ſtumm neben ihm her. Sie gingen ſo raſch, daß ſie ſich end⸗ lich erſchöpft fühlte und etwas zögerte, etwas hinter ihm zurückblieb. Chriſtian achtete. anſcheinend nicht darauf, denn er ging eben ſo raſch weiter. Sie aber ging langſamer, ſchon waren einige Schritte Entfer⸗ nung zwiſchen ihnen, und jetzt ſprang Julie mit einer ſchnellen, haſtigen Bewegung ſeitwärts, und begann im eiligen Lauf zu entfliehen. Aber ſchon nach wenigen — 26— Schritten fühlte ſie ſich gehemmt und Chriſtian's eiſerne Fauſt packte ungeſtüm ihren Arm. Ich dachte mir ſo was, ſagte er ingrimmig, und darum paßte ich auf, und that, als merkt' ich's nicht, daß Sie langſamer gingen. Jetzt, Mamſell, werden Sie ſich von mir führen laſſen, oder, beim Teufel, ich rufe den Nachtwächter, und dann wird die Polizei ſchon Mittel finden, Sie feſtzuhalten. lie erwiderte nichts, ſie ſuchte auch nicht us ſeiner umklammernden Hand zu be⸗ illenlos und ergeben folgte ſie ihm. Nach langem Wandern machte Chriſtian endlich Halt vor einem düſtern hohen Haufe in der Jakobsſtraße und öffnete die Thür. Das arme, ſtumme Weib ſträubte ſich nicht. Schweigend folgte ſie ihm die ſteilen, hohen Treppen hinauf, und erſt nachdem ſie vier derſelben erklettert hatten, waren ſie zu der ärmlichen Dachkammer gelangt, welche Chriſtian als „das Hötel des gnädigen Fräuleins“ bezeichnete. Ausreißen werden Sie nicht können, ſagte er iro⸗ niſch, nachdem er Licht angezündet, aus'nem Fenſter ſpringen, das geht nicht, weil Sie nur als'n Leich⸗ nam auf dem Straßenpflaſter ankommen würden, und die Thür hier, die ſchließ' ich zu und nehm' den Schlüſſel mit. Und jetzt, gute Nacht und ange⸗ nehme Ruh'! Ich wünſch' Ihnen'nen recht ſchönen Traum von'ner Flucht, die Ihnen beſſer glückt, als die von heute Abend! Mit einem lauten ſpöttiſchen Lachen verließ er die Kammer und warf die Thür hinter ſich zu. Athemlos, unbeweglich horchte das Weib. Ja, rich⸗ tig, er ſchloß die Thür zu, er zog den Schlüſſel ab und ging fort. Sie hörte unter ſeinen ſchweren Tritten die Stiegen knarren,— er war fort und ſie war jetzt allein, aber eine Gefangene! —— — 27— Mit einem Schrei des Zorns, der Verzweiflung richtete ſie ſich empor, warf den Shawl und Hut fort und riß mit einer Geberde des Abſcheues die blonde Perrücke ab, daß ihr langes, ſchwarzes Haar herabfiel und wie ein Trauerſchleier ſie umhüllte. Ach, jetzt erkennen wir ſie wieder, die arme, vom Schickſal und vielleicht von eigener Schuld verfolgte Julia, jetzt ſehen wir ſie wieder vor uns in ihrem großen und doch energiſchen Schmerz. Die Ruhe und Gelaſſenheit iſt von ihr abgefallen mit dem blonden Haar, ſie iſt wieder ganz Julia, ganz das ſchmerzbeladene Weib, die gramerfüllte und doch un⸗ verzagte, die duldende und doch mit dem Schickſal noch kämpfende Julia. Sie lag auf ihren Knieen, ſie rang die Hände in ſtummer, unermeßlicher Qual. Ach, ſie hatte keine Worte, um zu Gott zu flehen um Troſt und Er⸗ barmen, zu groß, zu unausſprechlich war ihr Jam⸗ mer. Es war alſo nicht genung geweſen, daß ſie ihn fliehen mußte, ihn, den ſie nicht mehr zu nennen wagte, deſſen Name nur ewig, mit ſüß verlockendem Laut, in ihrem Herzen erklang, es war alſo nicht genug an dieſem Opfer aller ihrer Wünſche, aller ihrer Hoffnungen; zu dem niedrigſten, empörendſten Werkzeng von Betrügern und Verbrechern ſollte ſie ſich herabgewürdigt ſehen, elenden Gaunern ſollte ſie als Mittel dienen zu ihren lichtſcheuen, verbrecheriſchen Thaten, der Gemeinheit Gefährtin ſollte ſie werden und untergehen in dieſem Wuſte des Verbrechens und der Sündel Ich muß fliehen, und ich werde fliehen, ſagte ſie endlich ganz energiſch und zuverſichtlich. Es wird meinem Kopf ſchon gelingen, ein Mittel zur Flucht zu erſinnen. Und wenn ich auf dieſer Flucht auch nichts weiter finde, als den Tod! O mein Gott, — 28— ich ſuche ja nichts mehr als einen ſtillen, unbemerk⸗ ten Tod, als einen dunklen Winkel, wo ich ſterben kann, ohne daß die Welt es erfährt, und meine Leiche noch ihn hineinzieht in das Gerede der Men⸗ ſchen. Ja, ich muß fliehen! Nun, Gott erbarme Dich mein! Ich habe oft zu Dir gefleht mit blu⸗ tender Bruſt und verzweifelnder Seele, und Du haſt nicht Mitleid gehabt mit meinem Jammer! Jetzt aber, mein Gott, jetzt öffne Dein gnadenreiches Ohr meinem Flehen, jetzt biete Deine hülfreiche Hand mir dar, gieße in mein Gehirn einen Funken Deiner göttlichen Weisheit. Laß den Gedanken mich denken, den Gedanken der Freiheit und Erlöſung! Ich habe auf Alles verzichtet, ich hoffe nicht mehr auf Glück und anf Frieden, ich habe Allem entſagt, weit hinter mir liegt die Freude und Luſt, die Hoffnung und Liebe, ich erflehe nichts mehr, als ſtill zu vergehen, lautlos zu erlöſchen! Und wie ſie ſo flehete, ſtrahlend in inbrünſtiger Begeiſterung, Arme und Blick gen Himmel erhoben, flammte es plötzlich wie ein göttlicher Glanz in ihrem Angeſichte auf, und ſich von ihren Knieen erhebend, jauchzte ſie laut: mein Gott, ich danke Dir! Du haſt mich alſo noch nicht verlaſſen! Ein Hochzeitstag. Die Baronin Elsleben hatte eudlich Gotthold's ſchlauen Beobachtungen Recht geben und es erken⸗ nen müſſen, daß Emmy's jungfräuliches Herz in nubeunßier Neigung dem jungen Pater Joſeph ge⸗ höre. Ich hatte mit klugem Bedacht gerade dieſen ſchö⸗ nen und jungen Prieſter zu ihrem Beichtvater ge⸗ wählt, ſagte die Baronin, weil ich, wie Sie wiſſen, der Meinung war, daß es ganz gut ſei, wenn ſie ſie ſich ein wenig in den Pater verliebe, und dadurch noch feſter an ihre Religion gefeſſelt werde. Aber da es, wie Sie fürchten, eine ernſthafte Neigung zu werden ſcheint, ſo werde ich dieſen jungen Pater heute noch verabſchieden und meiner ſchwärmeriſchen Emmy einen alten Beichtvater wählen. Das möchte nicht der richtige Weg ſein, dieſe Liebe zu ertödten, ſagte Gotthold mit einem feinen Lächeln. Hinderniſſe ſind, wie Sie vielleicht ſelbſt erfahren haben, das ſicherſte Mittel, das Gefühl der Liebe im Herzen des Weibes zu ſteigern und das glimmende Fünkchen zur hellen Flamme anzufachen. — 30— Auch Vorſtellungen und Ermahnungen möchten nichts fruchten. Nun ſo mag ſie ihn immerhin lieben, rief die Baronin, aber das darf ſie nicht hindern, Alfred von Wülfingen zu heirathen. Das meine ich auch, ſagte Gotthold mit frommem Blick gen Himmel, die heilige, von Gott eingeſetzte Ehe allein kann ein Schutz und Damm ſein gegen dieſe verbrecheriſchen Triebe, mit welchen der Satanas Ihre Tochter zu verſuchen trachtet. Eilen Sie alſo, dieſen Verſuchungen des Teufels einen Damm zu ſetzen, indem Sie Ihr Kind unter den Schutz der Ehe geben. Der Herr iſt mit Ihnen und wird Ihr Werk, zu welchem die Mutterliebe und die Mutter⸗ ſorge Sie berufen, ſegnen mit dem herrlichſten Ge⸗ lingen! Und dieſe Ehe iſt um ſo wünſchenswerther, ſagte die Baronin, als ich dadurch endlich von dieſem widerlichen Zwang befreit werde, der mir jetzt ge⸗ wiſſermaßen die Hände bindet. Sie wiſſen, daß mein alberner ſeliger Gemahl in ſeinem närriſchen Teſtament die Beſtimmung getroffen, daß erſt nach Emmy's Verheirathung ich zum unbeſchränkten und unbeſtrittenen Beſitze der mir vererbten Hälfte ſei⸗ nes Vermögens gelange, während bis dahin nur die Hälfte der Zinſen mir zur Verfügung ſteht, das Uebrige aber zum Kapital geſchlagen wird. Und die andere, noch ungünſtigere Beſtimmung nicht zu vergeſſen, ſeufzte Gotthold. Wenn Ihre Puchkon vor der Verheirathung ihren Glauben wech⸗ ſelt, ſo— Fällt das ganze Vermögen meiner wahnſinnigen Schwägerin, der Baronin Hermfeld, anheim, unter⸗ brach ihn die Baronin. Eilen Sie alſo, dieſe Ehe ſo raſch als möglich zu — 31— ſchließen, und Gottes Segen ſei mit Ihnen, meine hochverehrte, würdige Freundin! Und die Baronin ſetzte von dieſer Stunde an Alles in Bewegung, um ſo raſch als möglich ihr Ziel zu erreichen. Es iſt gar zu läſtig eine heirathsfähige Tochter neben ſich zu haben, wenn man ſelbſt noch jung iſt, dachte ſie. Stehe ich erſt allein da, als unabhängige Beſitzerin eines bedeutenden Vermögens, dann wird man mich nicht mehr für eine Matrone halten, und ich habe nicht mehr nöthig, mich immer nur als Mutter zu betrachten. Fürſt Alexiew iſt jetzt frei, und wenn mein Plau gelingt, ſo,— auch habe ich einen weit edleren Grund, Emmy's Verheirathung zu wünſchen, fuhr ſie fort, und nahm plötzlich einen ernſten frommen Ausdruck an, denn es lag ihr daran, Gott für ihren Plan zu gewinnen, und deshalb wollte ſie ihn glauben machen, daß ſie eigentlich nur um ſeinetwillen Emmy's Verheirathung wünſche. Ja, ein weit edlerer Grund iſt es, der mich hier zum raſchen Handeln zwingt, ſagte ſie. Denn ſo lange Emmy unverheirathet iſt, muß ich um irdiſcher Vor⸗ theile willen das Heil ihrer Seele unberückſichtigt laſſen, und gefährde ſogar mein eigenes, indem ich, wider meine Ueberzeugung, ſie in ihrem irrigen, götzen⸗ dieneriſchen Glauben eehalten muß. Aber wenn ſie verheirathet und ſomit dieſe irrſinnige Teſtaments⸗ klauſel erfüllt iſt, dann ſoll es mein heiligſtes Be⸗ ſtreben ſein, Emmy dem wahren und allein ſelig⸗ machenden Glauben unſerer heiligen evangeliſchen Kirche zu gewinnen. Dn ſiehſt alſo, mein Gott, daß ich nur für Dich und zu Deiner Verherrlichung handle, gieb mir, Deiner treueſten Dienerin, alſo auch Deinen Segen zu dem frommen Werke, welches ich beginne! Vielleicht hatte ſich Gott wirklich täuſchen laſſen von der frommen Baronin, denn er unterſtützte ſichtlich ihre Plane. Der nachgeſuchte Dispens um Aufhebung des dreimaligen öffentlichen Aufgebotes ward über Erwarten ſchnell erlangt, alle Papiere raſch in Ordnung gebracht, alle äußern Schwierig⸗ keiten überwunden, nichts ſtand der Heirath mehr. im Wege, und es war nur noch nöthig, Emmy und ihren Verlobten davon in Kenntniß zu ſetzen. Erſteres iſt gar nicht einmal nöthig, ſagte die Baronin, vielmehr ſcheint es mir ſogar beſſer, wenn Emmy erſt am Tage ihrer Hochzeit ſelbſt davon er⸗ fährt. Es bleibt ihr dann gar keine Zeit übrig zum Ueberlegen und Unglücklichſein, die Ueberraſchung hilft ihr über alle dieſe Stimmungen hinweg, und gewiß wird ſie es mir danken, ſie ſo ſtill und unbe⸗ merkt über dieſe unangenehmen Tage, welche der Vermählung vorangehen, hinweggeführt zu haben. Erſt wenn der vollſtändige Brautanzug bereit liegt, ſoll ſie dadon erfahren. Aber an Alfred von Wülfingen, ihren künftigen Schwiegerſohn, ſchrieb die Baronin ſogleich. „Sie haben mich früher oft angefleht, den Tag Ihrer Vermählung mit Emmy endlich feſtzuſetzen, ſchrieb ſie ihm, ich thue es hente. Emmy's zarte Geſundheit hat gelitten von dieſem kalten Winter; die Aerzte ſagen, ein milderes Klima, die Verän⸗ derung der Luft ſei ihr nothwendig, und ſo ſiegt denn bei mir die zärtliche Sorge für mein Kind über den egoiſtiſchen Wunſch, Emmy noch länger mein Eigen zu nennen. Es war ja längſt beſchloſ⸗ ſen, daß nach Ihrer Vermählung Sie Beide einige Monate reiſen wollten. Nun wohl, reiſen Sie, und deshalb, wenn Sie einverſtanden ſind, ſoll in acht Tagen Hochzeit ſein. Noch Eins! Sagen Sie Emmy — 35— nichts davon! Ihr Gemüth iſt ſo zart beſaitet, daß jede leiſe Berührung ſie erſchüttert und fieberiſch er⸗ regt. Sie würde diefe acht Tage in der höchſten Aufregung⸗ hinbringen. Erſparen wir ihr dies; erſt am Hochzeitstage erfahre ſie von der heiligen Feier. Schützen Sie lieber eine Reiſe vor, und zeigen Sie Sich ihr bis dahin nicht, weil Sie in Ihrer Freude ſich verrathen möchten. Sagen Sie mir, ob Sie mit mir einverſtanden ſind, und ob am nächſten Freitag die Vermählung ſein ſoll.“ Dieſen Brief erhielt Alfred am Tage nach Juliens Flucht. Ach, was kümmerte ihn ſeine Vermählung, was ging die ganze Welt ihn an, ihn, der mit zer⸗ riſſenem Herzen jammerte um ſeines Lebens heilig⸗ ſtes Beſitzthum, umt ſeine verlorene Liebe! Wie grenzenlos, wie unausſprechlich hatte er ſie nicht ge⸗ liebt, dieſes räthſelhafte, bleiche Weib, der er ver⸗ traut, ohne ſie zu kennen, zu deren Füßen er ſein Herz, ſein Glück als Morgengabe ſeiner heiligen Liebe niedergelegt hatte. Und ſie, ſie verſchmähete Alles, was er ihr dargebracht, mit enteilendem Fuß zertrümmerte ſie ſein ganzes Glück, vor ſeiner Liebe war ſie geflohen; die öde, liebloſe Welt war ihr eine Zuflucht geworden gegen ſein Herz und ſeine Liebe! — Troſtloſen, verzweifelnden Herzens ging er in dieſem Gemache auf und ab, in dem er geſtern noch an ihrer Seite ſo glücklich geweſen. Da ſtand noch die Staffelei, an der ſie gearbeitet, dort auf jenem Seſſel hatte ſie geruht. O er glaubte ſie vor ſich zu ſehen in ihrer ernſten, rührenden Schönheit, es war ihm, als fühle er den Blick dieſer großen, ſo traurigen und doch ſo begeiſterten Augen, als ſähe er ſie lächeln mit dieſem ſo ſchwermuthsvollen Lächeln, das ihm oft Thränen in die Augen getrieben und ihn mit Jammer und Mitleid erfüllt hatte. III. 3 34 Weshalb hat ſie mich verlaſſen, klagte er leiſe, wie konnte ſie, ſonſt ſo mitleidsvoll und gütig, wie konnte ſie ſo grauſam ſein! Wußte ſie denn nicht, daß mit ihr das Glück auf ewig von mir geflohen iſt? Weshalb denn hat ſie mich verlaſſen! Und jetzt fiel ſein irrendes Auge auf die Ab⸗ ſchiedsworte, welche ſie ihm geſchrieben.„Leben Sie wohl! Vergeſſen Sie Julia. Gehen Sie zu Ihrer Braut.“ Deshalb alſo, deshalb iſt ſie geflohen, ſagte er tieferſchüttert, und küßte dieſe Zeilen, welche ihre zitternde Hand geſchrieben. Deshalb hat ſie Alles hinter ſich gelaſſen, Nuhe und Frieden, und auch das Glück! Denn ich, ich hätte ſie glücklich gemacht, die Liebe hat dieſe himmliſche Kraft, alle Wunden zu heilen und das blutende Herz zu erfriſchen mit neuem Lebensglanz. Ja, ich hätte ſie glücklich ge⸗ macht, und nun iſt ſie geflohen, um meinetwillen; mit dieſem ſtarken, eiſernen Willen, welcher nicht achtet des gebrochenen Herzens, ſondern nur der be⸗ ſchworenen Pflicht, mit dieſem Willen iſt ſie von mir geflohen. Treulos ſoll ich werden meinem Her⸗ zen, um treu zu bleiben meinem Worte! Sie iſt für mich geſtorben, und als Vermächtniß läßt ſie mir die Braut zurück und mein gegebenes Wort! O, das iſt gewiß ſehr edel und ſehr groß, und ob mein Herz darüber bricht, was kümmert das dieſes ſtolze, kalte Weib, welches das Unglück geſtählt hat gegen Leid und Schmerzen! Aber dann warf er ſich ſeine harten Worte vor, dann gedachte er dieſes Ausdruckes tiefen Schmerzes, den er oft in ihrem Angeſichte geleſen, und als er ſich ganz verſenkt hatte in dieſe holden und heiligen Erinnerungen an ſie, als er ſich ihr ganzes edles und hochherziges Weſen vergegenwärtigt hatte, ſagte er ganz begeiſtert; ach, Julie iſt ein edles, großes Weib, und weil ich ſie liebe, will ich ihrer würdig ſein. Iſt ſie denn geflohen, um mich nicht treulos werden zu laſſen meinem Wort und meiner Braut, wohlan, ſo ſoll ſie mindeſtens erkennen müſſen, daß ich ihrer würdig bin! Der Mann ſoll vor dem Weibe den Blick nicht zu Boden ſenken müſſen. Ich will ein Mann ſein, weil ſie groß genug dachte, ſich hinzugeben für meine Ehre. Iulia ſoll mit mir zu⸗ frieden ſein! Ein edles, muthvolles Feuer leuchtete auf ſeinem Angeſicht, und wenn Julia ihn hätte ſehen können mit dieſem flammenden Blick, dieſer energiſchen, ſtol⸗ zen Haltung, ſie würde inmitten ihres Jammers ſich glücklich geprieſen haben. Jetzt las er den Brief der Baronin, er ſchien ihm ein Fingerzeig des Schickſals, Juliens Willen zu thun, er war ganz feſt entſchloſſen, und ſchrieb der Baronin, daß er mit ihr einverſtanden und am nächſten Freitag zur Vermählung bereit ſei. Und während er ſchrieb, dachte er: wenn ich ein⸗ mal erſt vermählt bin, dann werde ich ſie ſuchen, überall, in jedem Winkel der Erde, dann muß ſie zu mir zurückkehren, und ſie wird es, wenn ſie ſieht, wie gehorſam ich bin ihrem Willen! Aber dann fragte er ſchandernd: wie, wenn ich ſie nun niemals fände? Wenn ſie mir auf ewig verloren wäre? Wenn der, vor dem ſie damals floh, und der ſie zu verfolgen ſchien, wenn der nun jetzt ſie gefunden, ſie fortgeführt hätte? Und kann nicht irgend ein Unglück ſie betreffen? Können nicht Mör⸗ der die Einſame, die Schutzloſe überfallen? Und ich darf nicht einmal die öffentliche Macht zu meiner Hülfe anrufen, ſagte er verzweiſlungsvoll, — 36— denn ich weiß es ja, daß ſie der Verborgenheit und des Unbemerktſeins bedarf! 3 Nach langem Ueberlegen entſchloß er ſich, einen Aufruf in den Tagesblättern ergehen zu laſſen und Dem eine Belohnung zuzuſichern, welcher Nachricht geben könne über ſie. Dieſe Aufforderung, welche Niemand verſtehen konute außer ihr, oder denjenigen, welche mit ihr zuſammenhingen, ließ er jetzt täglich im Intelligenzblatt wiederholen und immer größere Belohnungen ſetzte er aus für irgend eine Nachricht von ihr. Aber die Tage vergingen und Niemand kam, ihm Kunde zu geben, der Freitag war da,— noch keine Nachricht, kein einziges Zeichen von ihr,— und doch war dieſer Freitag ſchon ſein Hochzeitstag! Alfred begrüßte ihn ſeufzend und mit zagendem Herzen. Nichts von dem heiligen Glück, von der überſchwenglichen Seligkeit eines Bräutigams war in ihm. Er dachte nur an Julia, er fühlte nur, daß er für ſie, um ihrem Willen zu genügen, ſich dieſer Ehe unterwerfen wolle, und ſein Herz zürnte faſt dieſer jungen, lieblichen Braut, die ſich zwiſchen ihn und jenes ſchöne bleiche, kummervolle Weib ge⸗ ſtellt. Emmy hätte längſt ſein Erkalten empfinden müſſen, meinte er, und im jungfräulichen Stolz hätte ſie ihn verwerfen müſſen, da ſie fühlen konnte, daß er ſie nicht mehr liebe.— Das ahnte er nicht, daß Emmy leiſe in ihrem Herzen ihm denſelben Vorwurf machte, daß auch ſie meinte, er müſſe es fühlen, daß ſie ihn nicht mehr liebe, daß ſie ihn un⸗ edel nannte, weil er, um ſeiner egoiſtiſchen Liebe zu genügen, trotz ihres erkalteten Herzens ſie nicht auf⸗ geben wollte. Keiner von Beiden zweifelte an der Liebe des Andern, Jeder glaubte nur ſein eigenes Herz gewandelt,— die natürliche, unbewußte Eitel⸗ keit läßt die Menſchen niemals glauben, daß ſie ver⸗ laſſen und aufgegeben werden könnten, wenn ſie ſelber auch ſchon längſt verlaſſen und aufgegeben haben. Jeder entſchließt ſich leichter, ſelber treulos zu werden, als unter der Treuloſigkeit des Andern zu leiden, und die eigene Entartung wird man der Demüthigung durch Andere immer vorziehen. Emmy hätte zurücktreten müſſen, dachte Alfred, ſo wie ſie mein Erkalten fühlte, und gefühlt muß ſie es haben. Daß ich niemals mein Wort zurück⸗ nehmen konnte, weil die Ehre es mir verbietet, mußte ſie einſehen, und darum ſtatt meiner handeln. Doch erinnerte er ſich jetzt ein wenig beſchämt, daß nur Julia es geweſen, die ihn gezwungen, ſei⸗ nem Worte treu zu bleiben, und eine unendliche Sehnſucht nach ihr erfüllte jetzt ſein ganzes Gemüth. Nur noch wenige Stunden, und jeder Gedanke an ſie ward ein Meineid, jedes Sehuen nach ihr eine Treuloſigkeit an ſeinem Weibe. Und ich kann und will doch nimmer aufhören, ſie zu lieben, rief er ganz verzweiflungsvoll, ſie wird mir ſein, wie dem in der Wüſte Irrenden der Mor⸗ genſtern, zu dem er hoffend aufblickt, dem er nach⸗ zieht, bis er ermattend hinſinkt und ſtirbt. Ja, ſie werde ich ſuchen, ſo lang ich lebe, ſie wird vor mir herſchweben, wie das Glück, und ich werde es doch nimmer erfaſſen und an mein Herz drücken können. Wo biſt Du denn, Du großes, ſtolzes Weib, das ich zuweilen meinen Engel und meinen Dämon nenneu möchte! Sei mein Dämon, dann wirſt Du von mir nicht dieſes Opfer fordern, welches nur ein En⸗ gel begehren kann. Komm und enthülle Dich mir, gieb mir Kunde, wo Du weilſt, und ich werde Dich finden und zu Deinen Füßen niederſinken, und Alles werde ich freudig zurücklaſſen, Alles werde ich auf⸗ — 38— geben um Deinetwillen, meine Ehre ſelbſt und mei⸗ nen Namen! Was kümmert mich die Welt, wenn ich Dich in meinen Armen halte, was kümmert mich die Achtung der Menſchen, wenn ich glückestrunken Dir in's Auge ſchaue, und es fühle, und es weiß, daß Du Mein biſt, Mein für alle Ewigkeit! Ach, unaufhaltſam eilt die Zeit vorwärts, und der lang⸗ ſam fortrückende Zeiger der Uhr ſagt mir, daß nur noch eine Stunde Friſt mir vom Schickſal gegönnt iſt. Eine Stunde, Julia, hörſt Du es? Biſt Du ein Dämon, ſo komm und führe mich von hinnen, biſt Du aber ein Engel, ſo ſtille dieſe Schmerzen, welche in meinem Buſen toben, ſo gieb, daß ich freu⸗ dig das Opfer bringe, welches Du mir auferlegt. Nein, nein, ich will es, ich kann es nicht bringen, dieſes Opfer, ich will nur Dich, nur das Glück an Deinem Buſen, und müßte ich es mit meiner Selig⸗ keit erkaufen. Ach Julia, wo biſt Du, Julia, warum haſt Du mich verlaſſen!. 4 Und wie er unter ſtrömenden Thränen, zitternd in fieberiſcher Aufregung ſo ſprach, klopfte es plötz⸗ lich ſtürmiſch an ſeine verſchloſſene Thür, und der Bediente rief ihm zu, daß draußen ein Mann ſei, der ihn dringend zu⸗ ſprechen wünſche. Ich kann jetzt Niemand ſehen, ich will Niemand ſprechen, ſagte Alfred ganz erſchöpft. Er ſagt, er komme wegen der Anzeige im Intelli⸗ genzblatt. Alfred ſtürzte zur Thür und öffnete ſie mit einem Schrei des Entzückens. Wo iſt der Mann? Schnell, ſchnell führe ihn zu mir! Hier iſt er, gnädiger Herr!. Herein trat Chriſtian, Alfred mit ſtummem Kopfnicken begrüßend, und dann mit ſeinen kleinen, ſchielenden Augen im Zimmer forſchend umherſehend. — — 39— Richtig,'s iſt das Zimmer, murmelte er leiſe, ich hab' mich nicht geirrt, und's war alſo gar nicht nöthig, daß ich mir auf'm Intelligenzcomtoir die Adreſſe geben ließ. Na, ſagte er dann lant, Sie ſind alſo der Baron von Wülfingen, und Sie haben die Aufforderung in's Intelligenzblatt gerückt von wegen des verloren gegangenen Jungen, der eigent⸗ lich ein Mädchen war? Nicht wahr, Sie ſind der Mann? O, ſehen Sie, der Chriſtian iſt auch nicht dumm. Ich merkt's gleich, was die Anzeige bedeuten that, und bin alſo gleich hergekommen. Und Sie bringen mir Nachricht von ihr? Sie können mir ſagen, wo ſie iſt? rief Alfred. Allens ein nach dem andern, ſagte Chriſtian ruhig. Erſt laſſen Sie uns von der Belohnung ſprechen. Wie viel geben Sie mir? Zwanzig Louisd'or, wenn Sie mich ſogleich zu ihr führen. Und Sie ſchwören mir bei Ihrer Ehre, mich Niemanden nicht zu verrathen und die Polizei nichts wiſſen zu laſſen? Ich ſchwöre es bei meiner Ehre! Na, denn hören Sie! Ich weiß, wo ſie ifſt! ſagte Chriſtian mit ſeinem grinſenden Lachen. Wo iſt ſie? Sagen Sie es mir ſchnell! rief Alfred athemlos. Mein Gott, warum ſchweigen Sie denn? Führen Sie mich zu ihr! Gleich! Wollen Sie mir dreißig Louisd'or geben? fragte Chriſtian. Ja, dreißig Louisd'or! Dreißig Louisd'or, ſo wie Sie ſie geſehen haben? Ja, mein Gott, ja doch. Na, denn kommen Sie, ich führe Sie hin! Alfred nahm ſeinen Hut und ſtürmte wie ein Raſender von dannen. 3 Die verlaſſene Draut. Schweigend und ohne Widerſpruch hatte Emmy die Kunde von ihrer heutigen Vermählung empfan⸗ gen. Nicht ein Wort der Klage war auf ihren Lip⸗ pen geweſen, keine Thräne hatte ihre Augen um⸗ düſtert, und die Baronin dachte, der allzubeſorgte Freund Gotthold habe ſich diesmal getäuſcht, und Emmy ſei ganz zufrieden, ganz glücklich. Aber wer mit ſchärferem Auge Emmy beobachtet hätte, den würde dieſe ſtumme, demuthsvolle Unter⸗ werfung der jungen klageloſen Braut gerührt haben, der würde in dieſen ſtrahlenloſen Blicken eine Erge⸗ bung geleſen haben, die ſich ſelbſt bis über die Klage erhoben und in ſich den Schmerz zu einer Art Freude verklärt hatte. Sie ſah unendlich rührend aus in dieſem weißen Atlaskleide, das ihre zarte, ätheriſche Geſtalt umhüllte, wie eine Braut des Himmels, ſo unſchuldsvoll und rein, ſo gottergeben und freuden⸗ voll. Ihre verklärten Blicke waren immer auf das Bild ihres Vaters geheftet, und mit jenem Muthe, welcher nur der Unſchuld und Tugend verliehen iſt, dachte ſie: Du ſollſt mit mir zufrieden ſein, mein Vater! Ich werde den Schwur, welchen ich auf — 41— Deinem Sterbebette Dir gelobte, ich werde ihn er⸗ füllen, und ich werde es freudig thun, denn Dein Segen wird mit mir ſein, mein Vater! Nur als ihre Mutter ihr den Myrthenkranz in's Haar flechten wollte, bebte Emmy und trat abweh⸗ rend einen Schritt zurück. Ich habe einen Wunſch, meine Mutter, flüſterte ſie leiſe, und gewiß wirſt Du ihn erfüllen, da es der letzte iſt, den ich Dir ſagen will. Nun, und was wünſcheſt Du? Geſtatte, daß mein Lehrer und Beichtvater, der würdige Pater Joſeph, mir den Kranz aufſetze, ſagte ſie mit verſagender Stimme. Nun, jetzt iſt keine Gefahr mehr dabei, dachte die Baronin, und befahl, Pater Joſeph zu rufen. Auch weiß er noch nichts von Deiner heutigen Vermählung, ſagte die Baronin, denn die Trauung wird, wie ich Dir ſagte, in der Kirche vom Probſt Brinkmann vollzogen werden. Du ſelbſt magſt alſo den Pater davon in Kenntniß ſetzen. Ich gehe in⸗ deſſen, meine eigene Toilette zu machen. Einen Augenblick war Emmy jetzt allein, den erſten Augenblick, ſeit ſie von ihrer heutigen Ver⸗ mählung erfahren. Aber ſie ſcheuete dies Alleinſein, ſie ſcheuete das heimliche Zwiegeſpräch mit ihrem Herzen, ſie mußte andere Worte, andere Stimmen hören, als die Stimme, welche fort und fort Worte der Klage in ihrem Buſen ſprach. Schritte nahten ſich. O, Emmy kannte ſie nur zu gut, und eine dunkle Röthe überzog plötzlich ihre bleichen Wangen. Die Thür ward geöffnet, ja, er war's,— Pater Joſeph. Sie ging ihm entgegen, ſie verſuchte zu lächeln, dann aber blieb ſie mitten im Zimmer ſtehen, erſchreckt ihn anſtarrend, ihn, der bleich und ächzend, kaum ſeiner Sinne mächtig, an “ — 42— der Thür lehnte. Wie er ſie in dem bräutlichen Ge⸗ wande ſah, auf dem Tiſche den Myrthenkranz und den weißen Brautſchleier, da hatte er Alles errathen, da wußte er, daß die Stunde gekommen ſei, welche ſie auf ewig von ihm trennen ſollte, und der Schmerz über⸗ wältigte ihn und machte ihn bewegungslos, ſtarr. Und in dieſem Moment durchfuhr es, wie ein heiliger Blitz, Emmy's Gemüth. Was ſie niemals geahnt, niemals vermuthet hatte, das errieth ſie jetzt in dieſem traurigen und doch ſo glühenden Blicke des Freundes. Ja, ſie wußte es jetzt, daß er ſie liebe mit der Liebe eines Mannes, mit der Gluth eines Jünglings, und dieſes Wiſſen, es erfüllte ſie mit Freude und Seligkeit. In dieſem Angenblicke war er nicht der katholiſche Prieſter, nicht der Diener der Kirche, ſie nicht die Braut eines Andern, nicht durch Geſetz und Pflicht von ihm getrennt, es waren nur zwei Weſen, welche ſich liebten mit jener Liebe, die Gott und Natur in das Herz der Menſchen ge⸗ legt, es war nur ein Mann und ein Weib, die ſich gegenüber ſtanden im vollen Bewußtſein ihrer Liebe, nichts weiter denkend, als dieſes. Sie ſprachen nicht, was hätten Worte ihnen auch ſagen können, ſie ſahen ſich nur an, lange und innig. Ihre Liebe war über alles Begehren, ſelbſt über allen Schmerz erhaben. Heilig war dieſer Moment, hei⸗ lig und groß, und wohl denen, welche ſolch einen Moment erlebt und in ſich erfahren haben, er iſt ein Talisman gegen alle Stürme des Lebens, und der thränenumdüſterte Blick wird aufflammen in Glück bei der Erinnerung daran, und in die um⸗ nachtete Seele wird er hineinleuchten mit einem Strahle des göttlichen Lichtes, dieſer Moment, in welchem zwei Herzen ſich finden und erkennen, und ewige, unauslöſchliche Liebe einander geloben. * — 43— Joſeph! flüſterte ſie ganz leiſe und ſtreckte ihm die Hand entgegen. Er ſtürzte zu ihr hin, er lag zu ihren Füßen, er drückte ihre Hand an ſeine Augen, ſeine brennenden Lippen, er dachte nichts, als daß er ſie liebe, ewig, unausſprechlich. Sie ſprachen noch immer nicht; er kniete noch vor ihr, ihre Hand ruhte in der ſeinen, ihre Blicke be⸗ gegneten ſich, leuchtend, wonnevoll, ſollten ſie mit Worten dieſe heilige Stunde entweihen? Da fragte die Baronin aus dem andern Zimmer, ohne die Thür zu öffnen, ob Emmy bereit und der Kranz ſchon befeſtigt ſei. ch, dieſe Stimme war ganz geeignet, das glück⸗ ſelige Paar aus ſeiner Entzückung zur Wirklichkeit zurückzurufen und ſie dem Schmerz und dem Leid wiederzugeben.— Joſeph ſprang empor, todesbleich, laut ächzend vor Angſt und Qual. Ach, er war wieder der Prieſter geworden, und er wußte es jetzt, daß Emmy ihm verloren, daß er verdammt ſei, zu entſagen, zu leiden um Gotteswillen! Und Emmy ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt, und langſam rannen lein paar Thränen über ihre farb⸗ loſen Wangen. Sie war wieder die Braut geworden, das ergebungsvolle Kind, welches der Wille eines Sterbenden zu ewigem Entſagen, zu ewigem Leid verdammt hatte. Sie nahmen Beide ihre Beſtimmung an, ſie unter⸗ warfen ſich ſchweigend, klagelos, denn ſie fühlten es Beide, daß Gott ſie auf immer vereint hatte und nur Menſchen ſie auf immer trennten. Setzen Sie mir den Kranz auf, bat ſie leiſe. Das will ich, ſagte er feſt, und ſegnen will ich Sie mit meiner Seele heiligſten Wünſchen. Gott ſei mit Ihnen, und er laſſe Sie jenes Glückes theil⸗ „ a haftig werden, welches Menſchen nicht geben können, weil es nicht von dieſer Welt iſt, jenes Glückes, das nur Denen wird, welche ſich ſelbſt überwunden und die heilige Läuterung der Schmerzen erfahren haben. Mit dieſem Glücke ſegne Sie Gott und gebe Ihnen Frieden! Frieden! ſeufzte Emmy und neigte ihr Haupt, um den Myrthenkranz aus Joſeph's Händen zu empfangen. Die Baronin kam jetzt, um Emmy hinunter zu führen in den Salon. Sie war ſo beſchäftigt mit ſich und Emmy's Toilette, daß ſie des Paters ſichtliche Zerſtörung gar nicht bemerkte, denn ſie wiederholte ſich leiſe in Gedanken die herrliche und tiefergreifende Rede, mit welcher ſie im Salon, im Beiſein der Gäſte, Emmy von ihrem mütterlichen Herzen ent⸗ laſſen und ihrem Verlobten übergeben wollte. Hier, in dieſem einſamen, ſtillen Zimmer, wo Niemand ſie hören und bewundern konnte, hatte ſie daher ihrer Tochter nichts zu ſagen. Sie nahm ſchweigend ihren Arm und führte Emmy hinunter in den Salon; ſchweigend folgte ihnen Pater Joſeph. Im Salon waren die Gäſte ſchon verſammelt, eine ſehr glänzende und ſehr fromme Geſellſchaft, unter denen Fürſt Alexiew von Pomowsky wie eine Erſcheinung aus einer fremden Welt ſich ausnahm. Ein Gemurmel der Bewundernng ging durch die Verſammlung, als Emmy an der Hand ihrer Mutter erſchien, und Fürſt Alexiew ſagte ganz in Extaſe zu ſeinem Nachbar: dieſe Braut könnte mich weinen machen. Es iſt eine rührende Schönheit, ganz Un⸗ ſchuld und Poeſie, und deshalb möchte ich weinen, weil ſie verdammt ſein ſoll unter Menſchen zu leben und täglich den Aetherſtaub ihrer Schwingen von rohen Händen abgeſtreift zu fühlen. Sehen Sie doch, ſie ſieht aus, wie die Lilie des Erzengels, und vor ihrem unſchuldsvollen Blicke muß ich unwillkührlich das Auge beſchämt zu Boden ſenken! 1 Aber wo war denn der Bräutigam, daß er ſeine Braut empfange aus den Händen ihrer Mutter?— Alfred war noch immer nicht da, und doch war die Stunde ſchon gekommen, welche zur Trauung ange⸗ ſetzt worden? Mein Gott, wo blieb er nur? Eine gezwungene Unterhaltung, unter welcher man die Befremdung zu verbergen trachtete, füllte die nächſte Zeit aus,— noch eine halbe Stunde ver⸗ ging,— Alfred kam nicht. 3 Die Gäſte verſtummten, oder flüſterten unterein⸗ ander, die Baronin konnte nur mühſam noch ihre Aufregung verbergen, nur Emmy war ruhig und unbefangen, ihr Blick war heiter und ergeben, und Fürſt Alexiew, der unverwandten, ſtrahlenden Blickes ſie betrachtete, ſagte zu ſich ſelber: eine Taube iſt ſie, und in dieſe trübe, niedrige Arche der Welt iſt ſie hineingeflattert mit dem heiligen Oelzweig, als Bote aus dem Paradieſe. Eine Stunde war vergangen, jetzt ſprach man ſchon laut ſeine Bemerkungen und Befürchtungen aus, jetzt flüſterte man ſchon untereinander und ver⸗ dammte den Bräntigam und beklagte die verlaſſene Braut. Die Boten, welche die Baronin ausgeſandt, kehrten zurück; weder in der Kirche, noch in ſeiner Wohnung hatten ſie den Bräutigam gefunden, er war ausgegangen, aber ohne ſein Hochzeitskleid an⸗ zuziehen, ganz im gewöhnlichen Anzug, berichte⸗ ten ſie. Nun äußerte ſich die Entrüſtung unbehindert und laut. Dann, nachdem noch eine Stunde vergangen, entfernten ſich leiſe einige der Gäſte; die Baronin, welche fühlte, daß diesmal ihre frommen Worte ſie verlaſſen, hielt es für das Angemeſſenſte, in Ohn⸗ — 46— macht zu fallen. Sie machte daher noch einige ſchwan⸗ kende Schritte durch das Zimmer und fiel dann in Ohnmacht, gerade an der Stelle, wo der daneben⸗ ſtehende Fürſt Alexiew nothwendig herbeiſpringen und ſie in ſeine Arme nehmen mußte. Man trug ſie auf ihr Zimmer, die Geſellſchaft entfernte ſich. Emmy war ſchon lange in ihr Ge⸗ mach zurückgekehrt, dort lag ſie auf ihren Knieen, und unter heißen Thränen dankte ſie Gott für dieſe Erlöſung und Rettung, während die ſchnell erwachte Baronin die Rache des Himmels herniederbeſchwor auf das Haupt des Frevlers, welcher es gewagt, ſo ihrer zu ſpotten und ihre Tochter ſchmachvoll zu ver⸗ laſſen. In den Familienhäuſern. Nichts hatte ſich geändert in den Verhältniſſen unſerer Freunde in den Familienhänſern. Sie wohn⸗ ten noch Alle mitſammen in friedlicher Gemeinſchaft, in troſtreicher Nähe; ihre Leiden und Entbehrungen waren dieſelben, aber auch ihre Freuden und Ge⸗ nüſſe; nur der Arme kann der Freund des Armen ſein, denn nur Er kennt und verſteht dieſes Heer der Freuden und Genüſſe zu würdigen, an denen der Neiche achtlos und verächtlich vorübergehen würde. Dem Reichen, ſagte die Baronin, gehören die Roſen und die prachtvollen Lilien, dem Armen die Veilchen und die duftenden Blumen der Wieſe, welche der Reiche als Unkraut zertritt unter ſeinem achtloſen Fuß. Wer aber will ſagen, daß ein Un⸗ krautsblümchen minder ſchön ſei als die ſtolze Roſe, und wer möchte behaupten, daß die Freuden der Armen minder eeutenennd inhaltsreich, nur weil ſie äußerlich kleiner und un ſcheinbarer, als die prun⸗ kenden Freuden der Reichen? Der Reiche iſt ein Selave der Verhältniſſe und des Herkommens, der 48— Arme allein iſt frei; ihm gehört die ganze Zeit, die ganze Welt; durch keine Rückſicht gebunden, durch keine Convenienz gefeſſelt, geht er feſſellos und ohne Scheu in ſeinen Lumpen einher, verachtend das Gepränge der Reichen, unabhängiger und unge⸗ bundener, als der Millionair. Der hat für tauſend Dinge zu ſorgen, für den Prunk ſeiner Gemächer, für den Glanz ſeiner Feſte, für die Auserleſenheit ſeiner Tafel, für die Eleganz ſeiner Equipage und der Livréen ſeiner Dienerſchaft, für die Zuſammen⸗ ſetzung ſeiner Geſellſchaften und die Bewirthung ſeiner Gäſte, und über all' dieſem Sorgen und Mühen geht ihm das Leben hin, im Trachten nach Glück, aber ſelten im friedlichen Genuſſe deſſelben. Der Arme hat keine Bedürfniſſe, ihn kümmert nichts als der Unterhalt des nächſten Tages, iſt dieſer beſchafft, dann iſt er frei, Herr ſeiner Zeit, ſeines Willens, Herr ſeines Mißmuthes und ſeiner Launen, Herr ſeines Lachens und ſeiner Freude. Er allein kann ſich geben, wie er iſt, ihn beherrſcht nicht die Ge⸗ ſellſchaft mit ihren widerſinnigen Gebräuchen, und unabhängig ganz iſt er von der Mode, dieſer uner⸗ bittlichen Tyrannin der Vornehmen und Reichen, welche oft die Unnatur heiligt und das Häßliche zur Schönheit ſtempelt. Wer es verſteht, arm zu ſein, der iſt glücklich und zufrieden, Neid und Mißgunſt, Ehrgeiz und Eitelkeit iſt ihm fremd, ſich ſelber hin⸗ gebend und verlierend an das Weltall, iſt Alles ſein Eigen, was er ſieht, weil er eben Alles nur an⸗ ſchaut mit erfreuten, unbegehrenden Blicken. Wohl uns, meine Kinder, daß wir arm ſind, und es ver⸗ ſtehen, unſerer Armuth zu freuen und das Leben zu genießen, unabhängig von den Launen des äußern Glückes!. Luiſe und Thomas ſtimmten freudig ein in die — 49— begeiſterten Worte der Baronin, und wenn ſie Hand in Hand neben einander ſaßen mit lächelndem Munde und ſtrahlenden Blicken, dann fragten ſie: was fehlt uns denn, was entbehren wir denn? Sind wir nicht reicher als die Könige der Erde, die allein ſtehen auf ihrer ſtolzen Höhe? Reich, weil wir uns lie⸗ ben, weil wir glücklich ſind, der ganzen Welt zum Trotz? Und meiner vornehmen, frommen Schwägerin, der Baronin Elsleben, zum ſteten Aerger und Ver⸗ druß, ſagte die Baronin mit einem triumphirenden Lächeln: unſere Armuth, das iſt die Waffe, mit der wir kämpfen gegen dieſes heuchleriſche, ehrgeizige Weib, und mit der wir ſie täglich verwunden, käglich ihr Herz vergiften. Aber während die Baronin und ihre Kinder ſich glücklich prieſen arm zu ſein, gab es doch unter den Freunden im Familienhauſe Andere, welche mit ſchweren Seußzern ihrer Armuth entbehrungsvolle Qual empfanden, und willig ihr Herzblut hätten hingeben mögen, um den Beſitz dieſes blinkenden Metalles, das alle Thüren öffnet, alle Rangver⸗ ſchiedenheiten aufhebt, alle Ungleichheiten permittelt und der Talisman der Welt geworden iſt. Wir meinen nicht die alte Sängerin, Madame Albratti, welche mit Thränen des Zorns und des Aergers den Mann verwünſchte, welcher ihr Amintha entführt und ſtatt der bedungenen Summe ihr nur einen kleinen Theil derſelben und große Verſprechungen für die Zukunft gegeben. Aber die Zeit der zweiten Zahlung war ſchon verſtrichen, und immer noch wartete ſie vergebens auf das Erſcheinen dieſes Fremden, deſſen Namen ſie nicht wußte, der ſie be⸗ trogen, überliſtet hatte, und den ſie dennoch nicht wagte, bei der Polizei anzuklagen, weil ſie dann III. 4 — 50— fürchten mußte, ſelber in Strafe und Unterſuchung zu kommen. Aber während ſie nur weinte um das verlorene Geld, war ein Anderer da, welcher Jahre ſeines Lebens hätte hingeben mögen um Geld, nicht aber, um es zu beſitzen, ſondern, um damit die Mittel und Wege zu erforſchen, Amintha wiederzufinden. Dieſer Andere, wer konnte es anders ſein, als Lude, als der arme, häßliche, ſchielende Knabe mit dem ungeſchlachten Geſicht und dem warmen Herzen, das in treueſter Liebe und in zarteſtem Verſtändniß ganz dieſem lieblichen, blonden Kinde zugethan war, das er geliebt, wie etwa das Hündchen ſeinen Herrn liebt, ihm willenlos folgend, zu ſeinen Füßen ruhend in demuthsvollſter Treue, nichts weiter begehrend, als ein wenig Duldung, ein wenig Güte für ſo unbe⸗ grenzte, hingebende Zärtlichkeit. Eine große Veränderung war in Lude's Weſen vorgegangen, ſeit Amintha nicht mehr in den Familien⸗ häuſern weilte. Er hatte ſich ſo gewöhnt nur für ſie zu leben, an ſie zu denken, daß er ſich ganz ver⸗ waiſt und troſtlos verlaſſen fühlte, ſeit ſie nicht mehr da war. Wem ſollte er ſich nun noch hingeben mit dieſem argloſen, vertrauenden Herzen, das nur ſie verſtanden hatte, wer nahm nun noch Theil an ſeinem Leben, und hatte für ſeine Worte ein williges Ohr? Er war ganz allein, ganz einſam. Wohl liebte er ſeinen Vater, den alten Weber, aber der ſchweigſame, kummervolle Greis achtete wenig ſeiner, weil alle ſeine Gedanken nur mit Chriſtian beſchäftigt waren, mit dem Sohne ſeiner Schmerzen, um deſſentwillen er ſich verkauft, um ihn zu retten, und den er viel⸗ leicht nur noch ſchneller dadurch an den Rand des Abgrundes geführt haben mochte. Seit er ſeinem Sohne das Geld gegeben, hatte er ihn nicht wieder geſehen, keine Nachricht von ihm erhalten. Eine Art von Scham war es, welche Chriſtian verhinderte zu dieſem alten Manne zurückzukehren, deſſen reich⸗ liches Geſchenk er in wenigen Tagen verſpielt hatte, um dann wieder zurückzuſinken in Armuth und Schande, und aufs Neue dem Verbrechen ſich zu er⸗ geben.— Auch ſeinen Bruder Thomas ſah Lude jetzt ſeltener, ſeit dieſer verheirathet war, und nur noch Frau Winkler war ihm als treue, theilnehmende Freundin geblieben. Aber auch ſie war ſtiller und trauriger, als ſonſt, und obwohl ſie niemals klagte, ſah doch Lude in ihrem bleichen, traurigen Geſicht den Kummer, den ſie Niemand ſagen mochte, weil es vielleicht keinen Troſt dafür gab. Und deshalb bemühte er ſich, ihr gegenüber heiter zu ſein und nicht durch ſeine eigenen Klagen ihr Herz uoch mehr zu beſchweren.— So war Madame Albratti ſeine einzige Zuflucht geworden. Bei ihr war er täglich, denn ihr durfte er nichts verhehlen von ſeinem Kummer, und immer doch war es ein ſüßer Troſt, von Amintha ſprechen und mit ihrer Mutter ſich ihr liebliches Weſen, ihre holde Geſtalt vergegenwärtigen zu können.— Auch die alte Sängerin war froh irgend Jemand zu finden, der ihren egoiſtiſchen Klagen ein williges Ohr lieh und den Erzählungen ihrer einſtigen Triumphe und Erfolge mit ſtets reger Theilnahme zuhörte. Sie hatte ihm endlich Alles vertraut, und Lude wußte jetzt, daß Amintha nicht, wie die Andern glaubten, zu einer vornehmen Dame gekommen, ſondern daß ihre Mutter ſie verkauft habe, ohne einmal zu wiſſen, bei wem ihr Kiud ſei, und wer ſie betrogen habe um den Sündenlohn für die verrathene Tochter. Aber ſo wahr ick Lude heiße, ick muß erfahren, wo ſie iſt, ſagte der Knabe energiſch. Berlin is 4* nicht ſo groß, daß'n paar geſunde Beine es nicht in'n paar Tagen durchſuchen könnten, und ick habe geſtern in die Voſſiſche Zeitung geleſen, daß wir nur achttauſend Häuſer in Berlin haben. Na, acht⸗ tanſend Häuſer werde ick ſchon in vier Tagen durch⸗ ſuchen können, des is gewiß, und denn ſo werde ick Amintha auch finden! Und ſchon jetzt ließ Lude vor Freuden ſeine Finger das Lieblingslied:„Heil Dir im Sieger⸗ kranz,“ knacken, denn er fühlte ſich ſchon als Sieger und Triumphator, bis Madame Albratti ihn daran erinnerte, daß er vielleicht in die Häuſer gelangen könnte, aber niemals in die verſchloſſenen Thüren der Bewohner dieſer Häuſer. Da is was dran, ſagte Lude nachdenklich, aber laſſen Sie's man gut ſind, ich werde mir ſchonſt was ausdenken, womit ich auch zu den Herrſchaften rinn gelaſſen werde. Vor Aminthen thu' ick Allens, und ick würde gleich Bettler werden, weil ick denn zum wenigſten doch an alle Thüren klingeln könnte, und ſie mir vielleicht aufmachen thäte, aber's iſt immer nicht ſo ſicher, als wenn ick in die Wohnungen rein kommen kann! Und wie kannſt Du nur glauben, daß meine Tochter Dir ſelber die Thür aufmachen würde, ſagte Madame Albratti ſtolz. Sie iſt bei einem vornehmen Herrn, und da hat man Bedienten und Portiers. 5 Ach, ich kenne das, denn ich war früher umringt von Bedienten, mein Geliebter, der ungariſche Fürſt, hielt mich wie eine Königin. Ach, Lude, wenn Du mich damals hätteſt ſehen können! Und während die alte Sängerin ihm jetzt mit begeiſterten Farben ihre Vergangenheit ſchilderte, kramte Lude in dem Spinde, welches die geringen Habſeligkeiten Amintha's enthielt, und die für Lude — 53— das köſtlichſte Beſitzthum waren. Ach wie oft hatte er nicht ſchon ganz heimlich und verſtohlen, ſich vor ſich ſelber ſchämend, dieſes weiße Kleidchen geküßt, das ſie einſt getragen, dieſe Schuhe betrachtet, in denen er ſie ſo gern hatte tanzen ſehen. Da lag noch der kleine runde Strohhut, den ſie im ver⸗ floſſenen Sommer getragen, und in welchem ſie Lude immer ſo ſchön wie ein Engel erſchienen war, und weil Madame Albratti eben ſo gut im Zug war mit ihrer Erzählung, durfte er hoffen, von ihr nicht bemerkt und verlacht zu werden, wenn er ihn nahm, um ihn recht nahe zu ſehen. Aber als er ihn auf⸗ hob, fiel ihm ein dunkles, pelzartiges Packet in die Augen, das ſeine Neugier und Verwunderung erregte. — Ja, wahrhaftig, es war auch Pelzwerk, und wie es Lude ſchien, das ganze Fell eines Thieres, mit Kopf und Schwanz daran. Na, was is denn das hier? fragte er verwundert, Madame Albratti mitten in der Erzählung ihrer Triumphe unterbrechend. Das iſt das Fell von einem Affen, ſagte Madame Albratti verlegen. Herre Je, von'n Affen, ſchrie Lude, und wo haben Sie's denn her? Als ich das letzte Mal Amintha in die Probe brachte und ſie ſelbſt anzog, fand ich das kleine Fell in der Garderobe, und aus Verſehen hab' ich's mit⸗ genommen. Ob ſie'nen Affen mehr haben in der Theatergarderobe, iſt ganz gleich, ich aber kann mir einen ſehr ſchönen Muff daraus machen. Und übri⸗ gens iſt der Affenbalg auch im Theater ſehr wenig zu gebrauchen, denn ſie werden ſelten ein Kind haben, das klein genug iſt, um da hineinzupaſſen. Nee, grinſte Lude und nahm das Fell auseinan⸗ der, das is wahr, höchſtens'ne ordentliche Katze paßt — 54— da rinner. Aber wie das ſchön gemacht is, ſehen Sie mal, der Kopf is doch ſo natürlich, als wenn'’s lebt, und wenn man da was Lebendiges dreinſteckt, ſo muß es grade ſind, als wenn's'u wirklicher Affe wäre. Wenn's Dir ſo ſehr gefällt, will ich es Dir ſchen⸗ ken, ſagte Madame Albratti vornehm, und Lude nahm mit Freuden das Geſchenk an. Die nächſten Tage war er ſtill und ſinnend. Große und ernſte Gedanken ſchienen ihn zu beſchäftigen, denn nie hatte man ihn ſo grauenvoll ſchielen und ſo entſetzliche Geſichter ſchneiden ſehen, auch hatte er nie ſeine Finger ſo langſam und würdig das ſchöne „Heil Dir im Siegerkranz“ knacken laſſen. Dann, an einem ſchönen Morgen, trat er mit freudeſtrahlendem Geſichte in Madame Albratti's Ge⸗ mach, die eben beſchäftigt war, ſich ihr Haar mit Dinte aufzufärben. Madame Albratti, ſagte er energiſch, das Mittel is gefunden, ick weiß'n Mittel, Amintha aufzuſuchen und in die Wohnungen ringelaſſen zu werden. Na, da bin ich doch neugierig, was das für ein Mittel iſt, ſagte die alte Sängerin ungläubig. Ick werde Italiener, rief Lude entſchloſſen. Italiener? Ja, und als ſo'n Italiener führe ick'nen Affen rum! Des is jetzt ſehr Mode, und ick kenne drei italieniſche Jungens, die hier nach Berlin gekommen ſind mit ganz miſerable Affen, wofür ihnen keiner 'nen Sechſer geben thäte, wenn ſie nicht Ausländer wären und ganz gebrochen Deutſch ſprechen thäten. Aber darum ſo, weil ſie fremd ſind, giebt ihnen Jeder was und läßt ſie rinnkommen. Und nun ſo werde ick alſo auch Italiener und führe'nen Affen rum. *. Aber wo willſt Du denn'nen Affen her bekom⸗ men? rief Madame Albratti lachend. Ick habe ihm ſchon! ſagte Lude feierlich. Er is bloß noch nicht ordentlich eingeübt zu ſpringen, ſonſt geht Alles ſchon gut, und er ſpielt ſehr nett mit nem Apfel. 6. So zeig' ihn mir doch! Nee, noch nicht! Erſt müſſen Sie'nen Italiener aus mir machen, und mir das Allens lehren, was ick zu ſprechen habe. Ick muß wiſſen, wie„guten Tag“ heißt, denn, ſo wie ick auf Italieniſch ſage: „ſchenken Sie mir'n Groſchen“, denn„kann nicht ver⸗ ſtehen“, wenn ſie nämlich Deutſch mit mir ſprechen, und deun ſo noch,„ick danke, mein Herr“. Auch muß ick noch zu antworten wiſſen, wenn ſie fragen, wo ick her bin und ick ſage:„ick bin aus Italien, Ma⸗ dam“. Wenn ick dieſe fünf Sachen kann, bin ick'n ſehr guter Italiener und werde gute Geſchäfte machen. Und Madame Albratti gab ſeinen dringenden Bitten nach und wiederholte ihm die Redensarten ſo lange, bis Lude ſie ganz gut und geläufig zu ſpre⸗ chen wußte. 4 Na, nu is der Italiener fertig, ſagte er mit ſei⸗ nem allerliebſten Grinſen, und morgen früh, denn. ſo paſſen Sie uf, wie ick mit'nem Äffen bei Ihnen ankloppe. Den ganzen Abend ſaß Lude nachdenklich da und wiederholte ſich ſeine fünf italieniſchen Phraſen, mit denen er ſich die verſchloſſenen Pforten zu öffnen und Amintha zu finden hoffte. Uebrigens, ſagte er kopfſchüttelnd, übrigens be⸗ greife ick gar nicht, warum denn die Italiener ſo dumm ſeind und ſich Allens erſt in'ne fremde Sprache überſetzen und ſich's Leben ſo ſchwer machen, ſtatt daß ſie Deutſch ſprechen könnten, wie jeder andere — 56— Menſch. Aber das ſoll nu ſo recht was vorſtellen thun, und ſe wollen gewiß ſo recht was Apartes ſind. Aber wenn ſie mit'n lieben Gott ſprechen, denn ſo hilft es ihnen Allens nicht, und ſie müſſen doch Deutſch beten, denn, Gott ſei Dank, der liebe Gott verſteht Deutſch, und er wird nich de Italiener zu Gefallen ſich Eenen halten, der ihm's Deutſche in's Italieniſche überſetzt. Früh am nächſten Morgen klopfte es an die Thür der alten Sängerin, die ſich heute wirklich ſchon eine Stunde früher erhoben hatte, voll Ungeduld, Lude als Italiener mit dem Affen zu ſehen. Ja, er war es wirklich, und er trat ein mit einem ſeierlichen und deutlichen: Buon giorno! und auf ſei⸗ nem Arme ſaß wirklich ein kleiner Affe in einem ſehr zierlichen dunkelrothen Röckchen. Buon giorno! Na, wat ſagen Sie nu? fragte Lude, vor Freude mit den Füßen ſtampfend und ſo fürchterlich ſchielend, daß die Augäpfel ganz aus ſei⸗ nem würdigen Antlitz verſchwanden und nichts als eine weiße Fläche ſichtbar blieb. Madame Albratti war auf ihren Stuhl zurückge⸗ fallen und lachte ſo unmäßig, daß ſie keines Wortes mächtig war, und Lude konnte nicht widerſtehen, er mußte mitlachen, es half Alles nichts. Und immer wieder auf's Neue ſteckte Einer den Andern an mit ſeinem Lachen, und Lude ließ den Affen fahren und warf ſich auf die Erde, laut kreiſchend vor Lachen. Der Affe fuhr in großen Sätzen im Zimmer umher, ehe man ſich's verſah, war er auf den Ofen geklet⸗ tert, und von dort ließ er ein höchſt eigenthümliches, ſeltſames Geräuſch vernehmen. 1 Madame Albratti verſtummte mitten in ihrem La⸗ chhen und ſah Lude erſtaunt an. War das der Affe? fragte ſie. — 57— Lude nickte mit dem Kopfe und ſchnitt ſcheußliche Geſichter vor Wonne. Ich dachte, es wäre ein Hund drin! ſagte die alte Sängerin. Nee, es is meine Katze, rief Lude mit einer neuen Exploſion des Gelächters. Aber wahrhaftig, wenn ich's nicht wüßte, daß es mein Affenfell iſt, ſagte Madame Albratti, ſo würde ich es für einen wirklichen Affen halten. Nicht wahr? Und man ſieht gar nicht, daß'n Loch. drin is, wo ick die Mietze rinn geſteckt habe, ſagte Lude ſtolz, denn ˙s ſitzt unter de Jacke, und grade darum habe ick ihm die Jacke gemacht. Aber na nu, adje!'s geht los! Und jetzt bin ick Italiener. Er nahm ſeinen Affen, dem am Fuß eine kleine Kette befeſtigt wurde, auf den Arm, grüßte gravitä⸗ tiſch mit einem buon giorno und verließ ſtolz und wohlgemuth die Familienhäuſer, um ſich der Stadt zuzuwenden. Die einſamern Straßen durchſchritt er, ohne an⸗ zuhalten, denn er hatte beſchloſſen, zuerſt die ſtattli⸗ chen Häuſer unter den Linden und in den angrenzen⸗ den Straßen aufzuſuchen, weil Amintha ja bei einem vornehmen Herrn wohnte und die vornehmen Leute, wie er wußte, gemeinhin in dieſer Gegend wohnten. Und ſo glückte es ihm ziemlich gut. Die Thü⸗ ren wurden dem italieniſchen Knaben, welcher mit einem buon giorno kam, viel leichter geöffnet, als einem deutſchen Bettler, der zu ſeiner Empfehlung nichts hatte, als ſeine Armuth und ſein Elend. Den Italiener mit dem Affen ließ man ein, und der Affe machte ſeine Capriolen, und wenn er miaute, lachten die Zuſchauer fürchterlich und meinten, er mache es ſehr natürlich, gerade wie eine Katze, und die Affen ſeien doch höchſt drollige Geſchöpfe, die Alles nachzu⸗ 58— machen verſtänden. Zuweilen auch kam irgend eine ſchöne Tochter vom Hauſe, um vor der Dienerſchaft zu glänzen mit ihrer Gelehrſamkeit, und ſie redete Italieniſch zu dem italieniſchen Knaben, der dann mit großer Geläufigkeit ſeine fünf Redensarten hinter⸗ einander herſagte. Wenn dann aber das Fragen noch nicht zu Ende war, ſprach er allerlei Worte, wie ſie ihm eben in den Mund kamen, und die weder er, noch der liebe Gott verſtanden, ſondern nur die Fräulein, zu welchen er ſprach, denn ſie gaben ihm dann Geld und verſicherten höchſt zufrieden, ſie hät⸗ ten jedes Wort verſtanden, und ſie hätten wirklich ſelbſt nicht geglaubt, daß ihnen das Italieniſche ſo geläuſig ſei. Gewiß, es war ein Glück, daß Lude gerade ein Italiener geworden war, denn die italie⸗ niſche Sprache iſt in Berlin ſehr unbekannt mit ihrer weichen und lieblichen Muſik, und nur ſehr Wenige giebt es, die ſie verſtehen und ſich in ihr verſtändlich zu machen wiſſen. 4 Endlich kam Lude in ein großes Höôtel, und da der Portier gerade nicht in ſeiner Loge war, konnte Lude ungehindert die breite, glänzende Treppe hin⸗ aufgehen und an dem Klingelgriff von dunkelrothem Glaſe ziehen, worauf ſogleich die Thür geöffnet ward und ein Diener in glänzender Livrée erſchien. Er wollte, als er den Knaben mit dem Affen ſah, ſofort die Thür wieder verſchließen, aber Lude hatte ſchon gelernt, wie man es machen müſſe, um eingelaſſen zu werden. Er klemmte ſich zwiſchen die Thür, im⸗ merfort flehend: ah signor, per l'amore di Dio un Silbergroſchen! Endlich ſchlüpfte er durch die Thür und ſtand im Zimmer, er ließ ſeinen Affen los, daß ddieſer im Zimmer umherfuhr und den Diener lachen machte durch ſein künſtliches und doch ſo ſehr natür⸗ liches Katzenmiauen. Da öffnete ſich die Thür und ein Herr trat herein.— Lnde fuhr erſtaunt und mit weit aufgeriſſenen Augen zurück,— ja, wahrhaftig, das war derſelbe Herr, der damals bei Madame Al⸗ bratti geweſen, derſelbe, der Amintha aus dem Opern⸗ hauſe abgeholt und von dort mitgenommen hatte. Er war es, er war es ganz gewiß. Was bedeutet dieſer Lärm? fragte der Herr barſch. Wie kommt dieſer Junge hier herein? Der Livréediener antwortete demüthig: der Por⸗ tier muß ihn heraufgelaſſen haben, Herr Paulowitſch, und er hat ſich mit Gewalt hier eingedrängt. So hätteſt Du ihn mit Gewalt wieder hinaus⸗ werfen ſollen, ſagte Paulowitſch ſtreng. Geh' jetzt und rufe Fräulein Amintha. Der franzöſiſche Lehrer iſt da! Lude hätte laut aufſchreien mögen vor Frende und Ueberraſchung, aber er fühlte, daß es ſeinen ganzen Plan verderben müſſe, wenn Paulowitſch errieth, daß er Amintha kenne. Aber nicht eher gehe ich fort, bis ich ſie geſehen habe, ſchwur er ſich ſelber, und trotzdem, daß Pau⸗ lowitſch ſchalt und drohte, ſchien nun der italieniſche Knabe durchaus ſeinen Affen nicht wieder einfangen zu können und verfolgte ihn vergeblich durch das ganze Zimmer. „Da bewegte ſich eine Thür, athemlos ſtand Lude ſtill, er hatte Alles vergeſſen, Alles, er wußte nur, daß er Amintha ſehen müſſe, ſehen wolle, und koſte es ſein Leben! Die Thür ging auf,— o mein Gott, es war Amintha, ſie, ſie war es, das holde Kind mit den langen blonden Locken, mit den tiefblauen Augen und dem ſanften Engelslächeln. O wie ſchön, wie präch tig ſah ſie aus in dem himmelblauen, ſeidenen Ge⸗ wande, wie eine Prinzeſſin ſo glänzend und köſtlich! — 60— Aber in dieſem Augenblick hatte Paulowitſch ſchon die Thür geöffnet, den Knaben mit Gewalt hinaus⸗ drängend, und dieſer, ganz betäubt, ganz überwältigt von Amintha's Anblick, hatte keine Kraft zu wider⸗ ſtehen. Die Thür war ſchon hinter ihm geſchloſſen, und noch immer glaubte er ſie vor ſich zu ſehen in ihrer lieblichen Engelsſchönheit. Ganz bewußtlos, ganz überwältigt ſtarrte er die Thür an, es war ihm immer, als müſſe ein Wunder geſchehen, als werde dieſe Thür auseinanderfallen und Amintha mit En⸗ gelsflügeln ihm entgegenſchweben. Amintha hatte ſein Geſicht nicht geſehen, ſie fragte nur, wen Paulowitſch denn da ſo böſe hinauswerfe? Einen Bettlerknaben, der ſich durchaus nicht ab⸗ weiſen laſſen wollte, ſagte der Diener. Einen Knaben? rief Amintha lebhaſt, und ſofort trat ein glühendes Roth auf ihre Wangen. Wie ſah er aus? Häßlich, nicht wahr? Er ſchielte und ſchnitt Geſichter, nicht? Ja, ſo iſt es! Ach, er iſt es! jauchzte das Kind. Was ſagte er? Was wollte er? Fragte er nicht nach mir? Nach Ihnen? fragte der Diener verwundert. Nein, Fräulein. Es war ein italieniſcher Knabe mit einem Affen, und was er ſprach, weiß ich nicht, denn er konnte kein Wort Deutſch und ſprach nur Italieniſch. Amintha ſenkte ſeufzend ihr Haupt auf ihre Bruſt. Alſo nicht Er! dachte ſie. Jeden Tag hoffe ich auf ihn und immer iſt es vergebens! Er hat mich alſo vwoergeſſen, das iſt gewiß! Traurig und hoffnungslos ging ſie in das andere immer, wo der franzöſiſche Sprachlehrer ihrer harrte, und während ſie ſchon beſchäftigt war, die Regeln die alte Sängerin. Schnell, ſchnell ſage mir, wie beißt der Herr, bei dem ſie iſt? mend, und er heißt: Fürſt Alexiew von Pomowske melte zurück. Pomowsty! wiederholte ſie zuſammen⸗ 4 ſ — 61— aus der franzöſiſchen Grammatik zu leſen, waren ihre Augen noch umflort von heimlichen Thränen. Lude aber, nachdem er ſich von ſeinem Entzücken und Stau⸗ nen erholt, ſtürzte die Treppe hinunter zur Loge des Portiers, und ganz ſein Italienerthum vergeſſend, fragte er in ſehr geläufigem Berliniſch nach dem Na⸗ men des Herrn, der eine Treppe hoch wohne. Mein Herr, der Fürſt Alexiew von Pomowsky, antwortete der Portier ſtolz und öffnete dem Knaben die Hausthür. 4 Lude ſtürzte auf die Straße. Fürſt Alexiew von Pomowsky, wiederholte er immerfort und flog wie ein Pfeil die Straße hinunter; hinter ihm her ſchallten die Scheltworte der Aepfelweiber, deren Körbe er um⸗ geſtoßen, und das Schimpfen und Schreien der Kinder, die er bei Seite gedrängt. Aber was kümmerte ihn alles dies, ihn, der dahinſtürmte mit dem köſtlichen Geheimniß, ihn, der Amintha geſehen! Blaß, athemlos, kaum der Worte mächtig, ſtürzte er endlich in Madame Albratti's Gemach. Ich habe ſie geſehen, ich weiß, wo ſie iſt! Wo iſt ſie? Schnell, ſchnell, wo iſt ſie? ſchrie die alte Sängerin. Lude war keuchend, athemlos zur Erde geſunken. Ach, wie ſie ausſah, ſtammelte er matt. Wie die Fee, von der ſie mir erzählt bat. Ach, Madame Al⸗ bratti, wenn Sie ſie hätten ſehen können! Ich werde alſo zu meinem Gelde kommen, ſchrie Er wohnt unter den Linden, ſagte Lude aufatl 4 Pomowsky! kreiſchte die alte Sängerin und ta . — 62—. ſinkend, und ihre Wangen erbleichten trotz der ſchönen Schminke von Ziegelſtein und Kreide. Ja, Fürſt Alexiew von Pomowsky, ſagte Lude. Aber mein Gott, was iſt Ihnen denn? Herr Je, ſie ſtirbt vor Freude! Wirklich, Madame Albratti war ohnmächtig ge⸗ worden, und es war keine Theater⸗Ohnmacht, ſondern eine wirkliche, natürliche Ohnmacht. Eine Mutter! O— Ein neuer Lebenszweck, ein neues Lebensziel war der alten Frau Winkler aufgegangen, ihre Arbeit hatte jetzt einen doppelten Werth, einen neuen Reiz für ſie, denn es war nicht blos für ſich, daß ſie ar⸗ beitete, nicht bloß um ihr eigenes armes und einſa⸗ mes Daſein zu friſten, ſondern ſie arbeitete, um ei⸗ nem Andern eine Freude zu machen, um Eduard, ihrem jungen, geliebten Arzte, Blumen zu bringen, Blumen, die er ſo ſehr liebte, und die ihr gewiſſer⸗ maßen ein Freipaß wurden, welcher ihr allwöchent⸗ lich zweimal ſein ſonſt ihr verſchloſſenes Zimmer öffnete. 8 Eduard wußte es jetzt, daß nicht Amalie es war, welche ihm dieſe Blumen ſandte, und oft hatte er deshalb die alte Frau mit Fragen beſtürmt nach der unbekannten Geberin. Sie iſt ſchön, nicht wahr? fragte er ſie mit der ſtets regen Eitelkeit eines Mannes. Schön und jung, iſt es nicht ſo?. Ja, ſo iſt es! ſagte die alte Frau ſeufzend. Ach, ich dachte es, ſagte Eduard leiſe, es wird die — 64— Gräſin Ottilie ſein, die ich kürzlich vom Tode ge⸗ rettet. Sie iſt immer ſo voll Dank und Freundlich⸗ lichkeit. Aber ſeltſam iſt es, daß ſie niemals ihren Bedienten ſendet, ſondern immer dieſes alte, ſchmuz⸗ zige Weib! Er war an's Fenſter getreten und ſtarrte auf die Straße hinunter, während er ſo ſprach. Er dachte nicht, daß Frau Winkler ihn hören könnte, er er⸗ innerte ſich kaum ihrer Gegenwart. Was kümmerte ihn dieſes arme, alte Weib, ihn, der dem reizenden und zarten Geheimniß dieſer Blumenhuldigung nach⸗ ſpürte, und deſſen männliche Eitelkeit ihn Vergnügen finden ließ an dieſer geheimnißvollen Gabe, obwohl ſie nicht von Amalien kam, nicht von ihr, die doch das einzige Weib war, das er liebte. Jawohl, was kümmerte ihn dieſes alte, verſchrumpfte Angeſicht, dieſes gebeugte Mütterchen, deſſen Herzen er eben ge⸗ brochen hatte, ohne es zu wiſſen, ohne es zu wollen? Denn ſie, ſie hatte Alles gehört, und ſie wußte es jetzt, daß er in ihr nichts ſah, als dieſes alte, ſchmutzige Weib, die unwürdige Botin jener jungen, ſchönen und liebreizenden Gräfin, welche ihm die Blu⸗ men ſandte. Das alſo war ihr Dank für dieſe Ge⸗ ſchenke, welche ſie mit tagelanger Arbeit, mit Ent⸗ behrungen aller Art bezahlte, das der Lohn für die Freude, mit welcher ſie entbehrte und arbeitete, nur eben um Eduard eine Freude zu machen? Und hatte ſie es denn um Dank und Lohn gethan? Und war's nicht des Lohnes genug, daß ſie ihn ſehen, zu ihm ſprechen konnte, daß ſie in ſeinem Zimmer ſein durfte und ſeine liebe Stimme hörte? Und hatte er nicht Recht gehabt, ſie ein„altes, ſchmutziges Weib“ zu nennen?. 8 Frau Winkler trocknete raſch ihre Thränen und verſuchte zu lächeln, weil Eduard ſich eben nach ihr — 65— umwandte, und weil es ihr ſchien, ihre Thränen möchten ihn anſchuldigen, während er doch ganz ſchuldlos ſei. Aber er, er ſah es nicht einmal, daß ſie geweint hatte, er dankte ihr nur, daß ſie immer unverdroſſen komme, und wollte ihr wieder ein Geld⸗ ſtück geben. Diesmal nahm ſie es nicht an, diesmal hatte ſie den Muth, ſelbſt ihm eine Bitte zu verweigern. Das wenigſtens ſollen Sie nicht denken, lieber Herr, ſagte ſie erglühend, das nicht, daß das alte, ſchmutzige Weib immer wieder ſo freudig zu Ihnen läuft, bloß um von Ihnen ein Trinkgeld zu haben. Es iſt wahr, die ſchöne Dame, welche Ihnen die Blumen ſchickt, hätte einen vornehmern und beſſer gekleideten Boten haben können, aber ich, ſehen Sie, ich thue es aus Vergnügen, und ſo oft ich zu Ihnen komme, denke ich immer an Ihren Vater, der mir das Leben gerettet, und es ſcheint mir, als wenn ich ihm danke, indem ich dazu beitragen kann, Sie zu erfreuen. Darum, mein lieber Herr Doctor, wehren Sie es einer alten Frau nicht, dankbar zu ſein, ich habe auf der Welt nichts, was ich lieben könnte, als den Sohn meines Wohlthäters, und wenn ich auch nichts bin, als ein altes, ſchmutziges Weib, ſo iſt doch mein Herz jung und rein, und die Liebe der Armen, mein lieber Herr Doctor, iſt auch etwas werth, und ſie läßt ſich vielleicht weniger mit Geld belohnen, als die Liebe der reichen Leute! Sie wandte ſich zur Thür, um fortzugehen, aber Eduard hielt ſie zurück, und ihre Hand faſſend und ſie innig in der ſeinen drückend, ſagte er: Sie be⸗ ſchämen mich, ich that Unrecht und bitte Sie von erzen um Verzeihung. Man iſt es in der Welt ſo gewohnt, nur dem Eigennutz zu begegnen, daß man ihn ſogar mit der Liebe verwechſeln kann. Darum, III. 5 — 66— ſein Sie nur nicht böſe, liebe Frau, und zum Zei⸗ chen Ihrer Verſöhnung müſſen Sie mir eine Bitte erfüllen! Sie wollen mich etwas bitten? fragte die alte Frau mit ſtrahlenden Augen. Sehen Sie dieſes Glas! Schon im Sterben hat mein Vater noch aus ihm den letzten Labetrunk ge⸗ nommen, ſeine zitternden, ſchon erkaltenden Lippen haben es berührt. Nehmen Sie es von mir zum Andenken an den Verſtorbenen. Frau Winkler verſtand ganz die zarte Weiſe, mit welcher Eduard ihr dieſes Geſchenk bot, und ihre Augen ſtrömten über vor freudiger Rührung, als ſie das Glas nahm. Ich danke Ihnen, tauſendmal danke ich Ihnen, ſagte ſie innig. Das iſt ein Geſchenk, das ich hoch⸗ achten will mein ganzes Leben hindurch, und ſo oft ich es anſehe, werde ich an Ihren Vater und an Sie denken! Nun, und Sie kommen doch wieder und bringen mir Blumen? fragte Eduard lächelnd, und Frau Winkler dachte, als ſie ihn lächeln ſah, daß kein Menſch auf Erden ſo ſchön ſein könne, als Er! Gewiß, ich komme! ſagte ſie ganz glücklich und freudenvoll, und niemals hatte man Frau Winkler ſo heiter geſehen, nie hatten ihre alten Hände raſcher gearbeitet, und hatte ſie ſo unvergleichliche und für Lube unwiderſtehliche Scherze gemacht als an dieſem age. Und regelmäßig jede Woche zweimal ging Frau Winkler zu dem jungen Arzte, aber ihre eigene Freu⸗ digkeit erblaßte ſchnell wieder an dem Trübſinn und der ſichtbaren Schwermuth Eduards. Er leidet, er hat heimlichen Kummer, dachte ſie, mein Gott, und ich, die ich mein Leben hingeben — 67— möchte für ihn, ich weiß nicht einmal, weshalb er leidet und ſich betrübt! Aber als ſie einmal ſeine Schweſter Amalie bei ihm traf, als ſie ſah, wie Eduards Antlitz leuchtete wie ſeine Augen ſtrahlten, wenn er Amalie anſah, und welch eigenthümliches freudiges Leben in ſeiner Stimme war, wenn er zu ihr ſprach, da fing ſie an, ſeine Schwermuth zu begreifen, und gedankenvoll ſagte ſie zu ſich ſelbſt: ſollte ſein Herz errathen, was er ſelber doch nicht ahnen kann? Was ſollte denn ſein Herz errathen? Daß er ſie liebe, ſeine Amalie, ſeine Schweſter, daß getrennt von ihr, ihm die Welt trübe und einſam ſchien, freu⸗ denlos und leer, das fühlte er, das wußte er, das wiederholte er ſich täglich, wenn er getrennt von ihr war, das ſagte er, ſie umſchlingend oder zu ihren Füßen liegend, wenn er bei ihr war. Und wenn ſie ſo nebeneinander waren, wenn ſie mit lächelndem Munde und leuchtenden Augen Hand in Hand da⸗ ſtanden in dieſem Zimmer, das ihnen der heilige Tempel ihrer Jugend und ihrer Vergangenheit war, dann ſchien es ihnen Beiden, als ſei nichts geändert, nichts gewandelt, weil ihre Herzen unverändert wa⸗ ren, und ihre Liebe ungewandelt, dann vergaßen ſie Beide, daß ein Dritter zwiſchen ihnen ſtand, wel⸗ cher ein Recht hatte, die Schweſter dem Bruder zu entziehen. Ein Recht, dieſe Lippen zu küſſen, welche Eduard ſo rein und heilig dünkten, dieſe Geſtalt zu umfangen, die Eduard oft die Geſtalt eines Engels nannte, und daß Eduard es nicht hindern, und mit Wuth und Zorn im Herzen, den Frevler dennoch nicht ſtrafen konnte, weil dieſer Dritte Amaliens hatte war! Seit Gotthold wußte, daß Amalie ſeine Zärtlichkeit verabſcheuete, daß Eduard Todesqualen litt, wenn er die Schweſter küßte, ſeitdem war es 5* — 68= ihm eine unendliche Luſt, ſich ſeinem armen jungen Weibe zärtlich und liebevoll zu zeigen. Immer nur hatte er für ſie Worte der Liebe und des Entzückens, immer nur Küſſe und Umarmungen, und wenn Ama⸗ lie in ſeinen Armen ächzend zuſammenzuckte, wenn Thränen, die ſie vergeblich bemüht war, zurückzuhal⸗ ten, ihre Augen füllten, dann zuckte ein Ausdruck des Triumphes und grimmigen Hohnes um Gott⸗ hold’s Lippen, und ſeine Worte wurden glühender, ſeine Küſſe zärtlicher. Sonſt war es ihm unbequem geweſen, den Bruder ſeines Weibes ſo oft und viel in ſeinem Hauſe zu ſehen, jetzt war's ihm eine Luſt, ihn täglich zum Zeugen ſeiner Zärtlichkeit zu machen, ihm zu erzählen von ſeinem Glück und von Ama⸗ liens leidenſchaftlicher Liebe und ſeiner eigenen Zärt⸗ lichkeit, und zu ſehen, wie die Beiden heimlich litten und doch ihren Zorn und ihre Qual nicht äußern durften. Ich muß der Welt das Beiſpiel einer guten und zärtlichen Ehe geben, ſagte Gotthold mit heimlichem Lachen zu ſich ſelber, meine Feinde, welche zugleich die Feinde Gottes ſind, und immer trachten, wie ſie einen Flecken möchten finden an dem geheiligten Diener des Herrn, ſie ſollen es erkennen müſſen, daß es niemals einen treuern und zürtlichern Ehe⸗ gatten gab, als mich! Ja, ja, alle Welt ſoll es wiſſen und ſehen, wie innig ich mein Weib liebe! Kann ich dafür, daß Amalie ein kaltes Herz hat und Niemand liebt, außer ihrem Bruder? Und wird ſie ſich über mich beklagen können, bloß weil ich ihr zu zärtlich und liebevoll bin? Bah, man würde ſſie auslachen und verhöhnen mit einer ſolchen wahn⸗ ſinnigen Klage! Es iſt aber auch in der That ori⸗ ginell, daß ich, um mein kaltes und dem Herrn ab⸗ gewandtes Weib zu ſtrafen, nichts weiter nöthig — 69— habe, als ſie zu lieben! So finde ich denn in ihren Armen ein gedoppeltes Glück, die Liebe und die Rache! Und wer will behaupten, daß die Rache eine ver⸗ dammenswürdige Leidenſchaft ſei? Rächt ſich doch Gott ſelber für jeden Frevel der Menſchen, und wenn er zu Gericht ſitzt über der Welt und ihr das Urtheil ſpricht, ſo iſt er als Gerechter immer auch ein Ge⸗ rächter. Und ſo in den Händen der Berufenen und Auserwählten iſt die Nache eine geheiligte Nothwen⸗ digkeit, nur in den Händen des von Gott abgefalle⸗ nen Sünders iſt ſie ein Verbrechen! O, mein Gott, wie danke ich Dir, daß ich nicht zu dieſen Verwor⸗ fenen gehöre, ſondern ein auserwähltes Rüſtzeng bin in Deiner Hand! Und Gotthold fand täglich Gelegenheit ſein jun⸗ ges, zitterndes Weib zu martern mit ſeinen Liebes⸗ verſicherungen, von denen ſie nur zu gut wußte, daß ſie nichts waren, als hohle Schwüre ſeiner Lippen. Aber die Menſchen prieſen ſie glücklich, dieſe arme Amalie, ſie hörten nur Gotthold's zärtliche Worte, ſie ſahen nur ſein freundliches Lächeln und ſeine nachgebende Güte. Niemand war dabei, Niemand hatte es gehört, als Gotthold mit zorngeröthetem Antlitz und flammenden Augen zu Amalien ſagte: Mein holder Engel, merke, was ich Dir ſagen werde: Daß Dein Bruder mich haßt, iſt in der Ordnung, denn wie könnte der Gottloſe der Freund ſein des Gerechten, aber daß er es wagt, meinem Weibe ge⸗ genüber dieſen Haß zu äußern, iſt eine Frechheit, für welche Gott ihn ſtrafen wird! Auch hat er dies niemals gethan, ſagte Amalie mit zitternder Stimme und niedergeſchlagenen Augen. Gotthold lachte laut auf, und dann Amaliens Arm packend und ſie drückend, daß ſie ächzte vor OQual, flüſterte er: Er hat es nicht gethan, ſagſt — 70— Du? Viſſe denn, ich hörte es, als er Dich bat, mich, Deinen Gatten, von ſich zu ſtoßen, als er zu Dir flehte, in ſeiner Gegenwart meine Umarmungen, meine Zärtlichkeit nicht zu dulden! Du horchteſt alſo? fragte Amalie mit leiſem Spott. Ja, ich that es, denn Gott wollte es ſo, damit ich ganz Dich kennen und die Tücke Deines Bru⸗ ders durchſchauen lernte! Ich weiß alſo jetzt, daß Dein Bruder bebt vor Zorn, wenn er Zeuge meiner Zärtlichkeit, welche Dir eine unerträgliche Qual iſt. Kein Wort, antworte mir nichts, rief er heftig, als Amalie ſprechen wollte. Denke nicht, daß dieſes Wiſſen mich unglücklich macht! Aber nur das ſollſt Du nicht denken, daß ich getäuſcht werden könnte von Euch Beiden, und daß ich Narr genug wäre, aus bloßer Leidenſchaft und Zärtlichkeit Dir ſtets ein ſo liebevoller, zärtlicher Gatte zu ſein! Pah, ich weiß ja, daß Eduard bebt vor Zorn, wenn ich Dich küſſe, und daß jeder meiner Küſſe Dir eine Qual iſt! Und ſo biſt Du nur zärtlich, um uns Qualen zu bereiten? fragte Amalie entſetzt. So iſt Dir die Liebe nichts als eine entſetzliche Heuchelei, als eine Folter, mit welcher Du mich langſam tödten willſt? Wenn Du nicht glücklich ſein willſt durch meine Zärtlichkeit, ſo ſtirb an ihr, ſagte er rauh, Gott will es ſo, daß was Dir zum Glücke ſein könnte, Dir eine Strafe iſt und eine Marter. Wohl denn, ſo dulde, zucke vor Qual in meinen Armen, ſchreie vor Schmerz unter meinen Küſſen, ich werde es nicht hören, ich werde Dich nur glühender lieben, nur heißer umfangen, ich werde Dich ſtrafen, indem ich Dich zu lieben ſcheine! Aber Du biſt ein Ungeheuer! ſchrie Amalie. Pah, wann hätte der Verbrecher den Richter, — 71— welcher ihn ſtraft, Anders genannt? fragte Gotthold höhniſch. Ich bin Dein Richter und Du biſt die Verbrecherin, und ſo lange Du lebſt, will ich Dich ſtrafen mit Liebe, und meine Küſſe ſollen die Geißel ſein, welche Dein Herz zerfleiſchen. Gotthold, flehte ſie händeringend, habe Erbarmen, gieb mich freil Du weißt es, daß ich Dich nicht liebe, Du ſelber, Du haſſeſt mich, und ſo iſt denn unſere Ehe eine Entweihung des göttlichen Sakramen⸗ tes, eine ſündhafte Gemeinſchaft, welche außer Gott iſt! Ha, rief er laut lachend, Du haſt viel gelernt von mir, Deine Worte ſchmecken ganz nach der Würze der Frömmigkeit. Aber laß dieſe hohlen Redensarten, die ganz zwecklos ſind, da Niemand hier iſt, der uns hört. In eine Scheidung willige ich niemals, und wenn es Dir gefallen ſollte, mich ohne dieſe zu verlaſſen, ſo werde ich die weltlichen Geſetze zu Hülfe rufen und Dich mit Gewalt in mein Haus zurück⸗ führen, denn das Recht iſt auf meiner Seite, und mein heiliger Stand verbietet mir, in einer unglück⸗ lichen Ehe zu leben. Wir werden daher ſehr glück⸗ lich ſein, mein Kind, ſehr glücklich und ſehr liebevoll. Uebrigens, mein holder Engel, wirſt Du klug genug ſein, Deinen Bruder nichts merken zu laſſen von unſerer heutigen Unterredung. Denn ſollte es ihm gefallen, Dich fernerhin gegen mich aufzureizen, ſo werde ich ihn aus meinem Hauſe werfen, und müßte ich die Polizei zu Hülfe rufen. Es wäre mir ganz willkommen, wenn dieſe Sache öffentlich würde, denn die Welt würde mir Recht geben! Jedermann weiß und ſieht, wie ſehr ich Dich liebe, und man wird es deshalb ganz natürlich finden, wenn ich Den aus meinem goktſeligen Hauſe entferne, der Unfriede ſäen wollte in unſere reine, gottgefällige Ehe. Und jetzt, meine ſüße Taube, komm und laß uns zur An⸗ — 72— dachtsſtunde gehen. Ich werde heute eine ſehr ſchöne Rede halten, denn ich fühle mich ganz erregt und entflammt, und mit wahrer Begeiſterung werde ich heute ſprechen über die Heiligkeit der Ehe und über den Segen, welchen der Herr uns gegeben, wenn er uns ein treues Weib geſchenkt! 3 Ich werde ſterben an dieſer Qual, der Tod wird mich befreien von dieſer Sclaverei, dachte Amalie. Aber ſo lange ich lebe, darf Eduard nichts ahnen von dieſer Marter. Er liebt mich, mein Gott, und man leidet ſo ſehr um das, was man liebt! Gewiß, Eduard litt ſehr; er litt an der Trennung von ſeiner Schweſter, an der Liſt, durch welche dieſe Ehe geſchloſſen worden, an der Unmöglichkeit, ſie zu löſen. Die Menſchen fliehend, abwendend ſich jeder Zerſtreuung und Erheiterung, lebte er nur ſeinem Schmerz und ſeiner Wiſſenſchaft. Der leidenden Menſchheit zu belfen, das Schmerzensgeſchrei des Ge⸗ quälten zu lindern, alle Kräfte ſeines Geiſtes anzu⸗ wenden, um den Kranken vom Tode zu erretten, das war ihm das einzige, erſtrebenswerthe Ziel, und wenn er Abends, erſchöpft und todesmatt von ſeinen Be⸗ ſuchen, heimkehrte in ſeine einſame Wohnung, wenn er daran dachte, wie viel Leiden, wie viel Jammer er heute geſehen, und wie unter Leiden und Qualen die Menſchen dennoch gerungen nach dem Leben, wie ſie die Hände flehend erhoben zu Gott um eine Fort⸗ dauer dieſer Schmerzen und dieſes Jammers, welches man Leben nennt, dann ſagte er ganz matt: die Men⸗ ſchen ſind geſchaffen zum Schmerz; die Qual iſt ihr eigentliches Element, dem ſie nicht entrinnen können und es auch nicht wollen. Jetzt verſtehe ich erſt, warum ich noch leben kann! Ich bin zu dem Ur⸗ element der Menſchenbeſtimmung gelangt, ich lebe von meiner Qual.. -———;—————— 73— Drei Tage hatte er jetzt Amalie nicht geſehen, drei lange, ſchmerzvolle Tage! Immer, wenn er kam, ſie zu ſehen, ward ihm der Beſcheid, ſie ſei mit ihrem Gatten ausgefahren oder in Geſellſchaft gegangen mit ihm. Daß Gotthold ſeiner Dienerſchaft befohlen, Eduard immer“ abzuweiſen in der nächſten Zeit, weil er ſeine Gattin für ihren Starrſinn ſtrafen wollte, das ahnte er nicht, und während er Amalien zürnte, daß ſie niemals ſich die Mühe gäbe, ihn zu erwarten, lag ſie krank, zum Tode erſchöpft, auf ihrem Lager, und ſchrie nach ihm mit allem Jammer und aller Sehnſucht der Liebe. Nun, da ich nicht mit ihr ſprechen, ſie nicht ſehen kann, ſo will ich mich doch mindeſtens mit ihr be⸗ ſchäftigen, ſagte er, als er am Abend wiederum ver⸗ geblich an ihrer Thür geweſen war und troſtlofen Herzens in ſeine Wohnung zurückkehrte. Ich werde die Briefe leſen, die ſie mir damals geſchrieben, als ich in Heidelberg war; ach, damals, als ich ſie mit ſo viel Freude empfing, damals ahnte ich nicht, daß ſie dereinſt mir ein ſchmerzlich ſüßer Troſt ſein wür⸗ den. Gewiß, wir waren damals weniger getrennt, wo ich in Heidelberg, ſie in Berlin war, als jetzt, wo wenige Straßen zwiſchen uns liegen. Und ſich ganz hingebend an die ſchönen freuden⸗ vollen Erinnerungen einer holden Vergangenheit, las er die Briefe ſeiner Schweſter. den. Merkwürdig, ich entſinne mich nicht, es jemals geſehen zu haben; freilich bedurfte ich früher des Bildes nicht. Aber wo mag es ſein? Sicher hat unſer guter verſtorbener Vater es ſorgſam aufbewahrt, — 74— dieſes Bild ſeines Lieblings. Ich will einmal nach⸗ ſuchen, ob ich es nicht finden kann. Er eilte zu dem Bureau, an welchem ſein Vater immer gearbeitet und welches Eduard als ein theures Vermächtniß unberührt ſich aufbewahrt. Da lagen noch alle Papiere, wie er ſie verlaſſen, da war noch die Feder, mit welcher er geſchrieben, das aufgeſchla⸗ gene Buch, in welchem er zuletzt geleſen, in den Schatullen und Fächern war Alles unberührt. Ama⸗ liens ſinnige Liebe hatte es ſo gewünſcht, konnte Eduard ihr widerſtreben wollen? Jetzt aber öffnete er dieſe Schatullen, jetzt rüttelte er an dieſen Fächern und Thüren, denn es galt, Amaliens Bild zu ſuchen, das er doch nirgends fin⸗ den konnte. Umſonſt hatte er Alles durchſucht, nirgends war eine Spur von dieſem Bilde. Gewiß ſind noch geheime Fächer da, ſagte Eduard eifrig und prüfte jede Wand, jeden Boden dieſer vie⸗ len Schatullen. Richtig, in dieſem kleinen Fachwerk da iſt ein ſchwarzer Punkt ganz abſichtlich angedeutet. Er drückt daran,— ein neues Fach öffnet ſich, eine kleine Schatulle ſpringt hervor,— aber was iſt darin? Nicht Amaliens Bild, Papiere, nur einige wenige Papiere, weiter nichts! Mein Gott, was ſollen ihm dieſe, ihm, der nur Amaliens Bild ſucht? Doch lieſt er ſie! Aber was iſt das? Ein Tod⸗ tenſchein? Wie, ein Begräbnißſchein für einen klei⸗ nen, nur wenige Wochen alten Knaben, der Eduard Karl geheißen? Und dann ein Taufſchein, ja, wahr⸗ lich, ſein eigener Taufſchein, die Beſtätigung, daß er, Eduard Linz, geboren an dem und dem Tage und in der Kirche getauft ſei. Und weiter nichts in die⸗ ſer Schatulle, als dieſe beiden Papiere, nichts als der Taufſchein und der Todtenſchein! Wie ſeltſam, wie — 7àH5— räthſelhaft. Welche Verbindung zwiſchen dieſen bei⸗ den Papieren? Was hatte der Todtenſchein eines fremden Knaben zu ſchaffen mit ſeinem eigenen Tauf⸗ ſchein, warum waren dieſe beiden bedeutungsloſen Blätter ſo ſorgſam und geheimnißvoll aufbewahrt worden?. Vergebens ſtrengte Eduard ſich an dies zu ergrü⸗ beln, vergebens rief er alle ſeine Erinnerungen wach, dies zu ermitteln, niemals hatte er den Namen Eduard Karl nennen hören, und doch mußte, ſo ſchien es ihm, ein geheimnißvolles, räthſelhaftes Band zwiſchen ihm und dieſem Knaben obwalten, von welchem nichts mehr übrig als ſein Todtenſchein, dem man das Zeugniß ſeiner Geburt und Taufe beigeſellt. Warum war dies geſchehen, oder war es nichts als ein Zufall, das neckiſche Spiel des Ungefährs? Vergebens ſpähete Eduard nach anderen Papieren, vergebens forſchte er nach anderen geheimnißvollen Fächern. Nichts weiter war zu finden, nichts, das ihm Auskunft gegeben hätte über dieſe ſeltſamen Pa⸗ piere, Alles ſtumm und öde, wie das Grab, nirgends eine Antwort auf ſeine Fragen, eine Sänftigung für das laute und bange Klopfen ſeines Herzens!— Aber beſſer als er dieſe Papiere zu deuten ver⸗ mochte, beſſer hatte Frau Winkler es verſtanden, ſein trübes Antlitz zu deuten und in den Furchen zu le⸗ ſen, welche ſeine Stirn beſchatteten. Sie, die arme alte Frau, ſie ſah ihn nur immer mit dem reichen, ewig jungen Auge der Liebe, und deshalb verſtand ſie ihn und fühlte jeden ſeiner Schmerzen, litt mit ihm jede ſeiner Qualen. Er liebt ſeine Schweſter Amalie, ſagte ſie nach⸗ denklich zu ſich ſelber, und ſie ſcheint ſehr unglücklich an der Seite ihres Gatten, dieſes heuchleriſchen from⸗ men Predigers. Und warum trennt ſie ſich nicht von — 76— ihm und kehrt zu ihrem Bruder zurück. O mein Gott, wie glücklich würde der ſein, wenn er wüßte — und ſteht es nicht in meiner Hand, ihn glücklich zu machen? fragte ſie plötzlich aufflammend, und ihr Geſicht ward jugendlich ſchön vor freudiger Erregung, o mein Gott, wenn ich ihn glücklich machen kann, dann iſt es mir gleich, ob ich zu einer Meineidigen werde und den. Eid breche, den ich auf die heilige Bibel geſchworen! Ach, meine Seligkeit gebe ich gern hin für ihn! Mögen die Menſchen es eine Sünde nennen, einen heiligen Eid zu brechen, Gott wird Mitleid haben mit mir! Lange ſaß Frau Winkler da, in tiefe Gedanken, in ernſtes Ueberlegen verſunken, dann ſagte ſie ganz frendig: Das iſt das rechte Mittel und die beſte Art, ihn vorzubereiten, und ich werde Frau Hermfeld bit⸗ ten, daß ſie mir die paar Worte aufſchreibt. Die werden ihn vorbereiten, und wenn er da forſcht und fragt, dann werde ich ihm Alles ſagen, Alles! Mir ſchnellen, rüſtigen Schritten ging Frau Wink⸗ ler am andern Morgen mit ihrem Bouqguet zu Eduard. — Es war der Morgen des andern Tages, an wel⸗ chem er die beiden Papiere gefunden. Er ſah bleich und erſchöpft aus von dieſer ruheloſen Nacht, die er in Nachdenken und Grübeln hingebracht, und Frau Winkler's Herz klopfte hoch vor Freude, als ſie ihn ſo ſah und dachte, daß ſie im Stande ſei, ihn glück⸗ lich zu machen. Mit einem köſtlichen Lächeln reichte ſie ihm die Blumen dar. Er nahm ſie mit freundlichem Nicken, — jetzt fühlte er das kniſternde Papier, das darin verborgen, jetzt zog er es hervor, und erbleichend, zitternd las er:„Amalie iſt nicht Deine Schwe⸗ ſter. Du haſt eine andere Mutter und hatteſt einen andern Vater.“ 3 — 77— Nicht meine Schweſter! ſchrie er mit einem Jauch⸗ zen der Freude, das der alten Frau wie Sphären⸗ muſik klang. O mein Gott, Amalie iſt nicht meine Schweſter! Ich hatte einen andern Vater und habe eine andere Mutter? Wo iſt ſie, meine Mutter, denn ſie lebt noch, ſie iſt es, die mir dieſe Nachricht giebt! Wo iſt ſie, meine Mutter? Und jetzt fiel ſein Auge auf die alte Frau, die zitternd, todesbleich, das Antlitz überfluthet von Thrä⸗ nen, an der Thür lehnte. Er ſah weder ihre tiefe Bewegung, noch ihre Thränen, weil er ſo erregt und ſo ganz mit ſich ſelber beſchäftigt war. Sie müſſen es wiſſen, rief er lebhaft, ja, Sie, die treue Botin dieſer meiner unbekannten Mutter, Sie müſſen mir ſagen, wo ich ſie finden kann! Ach, jetzt begreife ich, woher dieſe Blumen kamen, meine Mutter war es, die mich mit ihnen grüßte! Ich habe eine Mutter, und gelobt ſei Gott, ſie iſt nicht auch Amaliens Mutter. Aber mein Gott, Sie antworten mir nicht? Sie ſagen mir nicht, wo ich meine Mut⸗ ter finde, dieſe ſchöne, vornehme Dame, welche mir immer die Blumen ſandte. Sie iſt alſo ſehr vor⸗ nehm, dieſe Mutter? Ach, ſagen Sie ihr, daß ich ſie liebe und daß ſie ſich meiner nicht ſchämen ſoll! Oder wie, ſollte ſie mich nicht anerkennen wollen für ihren Sohn, nicht öffentlich mich ihr Kind nennen? Steht ſie ſo hoch über mir, daß ſie mich verachtet? Nein, nein, das kann nicht ſein! Ich begreife, daß ſie ſich meiner ſchämen würde, wenn ich ein unwiſſender, roher Bettler, ich begreife das an der Freude, die ich empfinde, weil ſie eine vornehme Frau iſt und kein Bettlerweib, aber die Bildung macht alle Stände gleich, und der Mann der Wiſſenſchaft iſt jedem Für⸗ ſten ebenbürtig. Oder wäre meine Geburt ein Fehl⸗ tritt ihrer Jugend, deren ſich ihre Tugend zu ſchämen — 78— hat? Wie, und ſollte nicht ein Zuſammenhang ſein zwiſchen dieſen Papieren und meiner Mutter? Die⸗ ſer lakoniſche Name, Eduard Karl, nur Vornamen, wie ſie einem Fürſtenſohne gebühren, gar kein Vater⸗ name! Mein Vater war früher Leibarzt an einem kleinen Hofe, Leibarzt der jungen verwittweten Für⸗ ſtin, deren Geliebter, der Graf Ranzow, ſo plötzlich ſtarb. Wie, ſollte vielleicht,— aber das Alles will ich von ihr ſelber erfahren! Sie ſoll mir dieſe Ge⸗ heimniſſe, in denen ich wie in einem Labyrinth um⸗ hertaumele, ſie ſoll ſie mir löſen, zu ihren Füßen liegend, will ich von ihr erfahren, warum ſie mir andere Eltern gegeben, Eltern, welche auch Amaliens Eltern waren! O mein Gott, Amalie iſt nicht meine Schweſter, und alle dieſe Gluth und dieſes Entzücken darf ich jetzt ausſtrömen, denn ſie iſt nicht meine Schweſter! Er hatte das Alles in leidenſchaftlicher Erregung, in heftiger, fieberhafter Wallung, ganz unbewußt eines Zeugen, ganz nur zu ſich felber geſprochen, jetzt fiel ſein umherirrender Blick wieder auf Frau Wink⸗ ler, auf dieſes alte, arme Weib, die todesbleich auf einen Seſſel geſunken war und wie vernichtet und zerbrochen das Haupt auf ihre Bruſt ſenkte. Aber jetzt, gute Frau, jetzt reden Sie! ſagte er freudig. Jetzt erzählen Sie mir von meiner Mut⸗ ter; ach, Sie haben mir ſo oft geſagt, daß dieſe Dame, welche mir die Blumen ſandte, ſchön ſei und vornehm, und dieſe Dame iſt meine Mutter, nicht wahr? Ach, wie herrlich iſt es, eine ſchöne und vornehme Mutter zu haben! Aber Sie antworten mir nicht? Mein Gott, Sie hören mich nicht einmal? O doch, ich habe Alles gehört, Alles, ſagte die Alte mühſam und rang nach Athem. Ich hörte einen Sohn, der ſich freut, eine ſchöne und vornehme Mut⸗ — 79— ter zu haben, und der ſich erniedrigt fühlen würde, wenn ſeine Mutter ein Bettlerweib! Sehen Sie, ich hörte Alles und verſtand Alles, und ich werde Alles Ihrer Mutter ſagen! Ach, wie froh wird ſie ſein, daß Sie Sich ihrer nicht zu ſchämen haben, daß ſie kein altes, ſchmutziges Weib iſt, wie ich es bin! Wie froh wird ſie ſein, daß Sie Sich ihrer freuen und ſtolz auf ſie ſind! Und jetzt, gute Frau, wie heißt ſie? Wann werde ich ſie ſehen? fragte Eduard ungeduldig. Wann wird ſie mir dies Geheimniß enthüllen, wann wird ſie mir erklären, weshalb ſie bis jetzt ſchwieg und warum ſie jetzt redet? 4 Das hat ſie mir aufgetragen, Ihnen zu erklären. Sie ſchwieg bis jetzt, weil ihre Verhältniſſe es for⸗ derten, ſie redet nun, weil ſie weiß, daß Sie Ihre Schweſter lieben, und weil eine Verwandtſchaft Sie an Ihrem Glück nicht hindern ſoll! 8 O mein Gott, und Amalie iſt eines Andern Weib! rief Eduard.. Ehen können getrennt werden! Dieſe niemals! Niemals wird Gotthold in eine Scheidung willigen. Ich weiß es, niemals! Alſo umſonſt! fragte Frau Winkler erſchöpft. Nein, nicht umſonſt! rief Eduard glühend. Der Beſitz einer Mutter ſoll mich tröſten über Amaliens Verluſt. O mein Gott, es muß ſchön ſein an den Buſen einer Mutter zu flüchten, von einer Mutter verſtanden und getröſtet zu werden. O, führen Sie mich zu meiner Mutter! Nein, jetzt nicht! ſagte Frau Winkler feierlich. Jetzt iſt's unmöglich. Geduld, junger Mann, zürnen Sie nicht Ihrer Mutter, welche Sie liebt und welche Ihnen durch mich ihre Grüße ſendet. Weil Sie Amalie lieben, wollte Sie Ihnen offenbaren, daß ſie 30— nicht Ihre Schweſter iſt, damit Ihre Liebe frei von Vorwürfen ſei, da aber Ihre Schweſter nicht Ihre Gattin werden kann, iſt es unnöthig, daß ſie Ihnen mehr ſagt! So ſoll ich meine Mutter niemals ſehen? Doch, Sie werden ſie öfter ſehen, ohne es zu wiſſen, und Sie werden von ihr geſehen! Ach, ſo begegnen wir uns in der Geſellſchaft? Oft und viel, denn ſie iſt ſtets in der beſten Ge⸗ ſellſchaft, weil ſie eine vornehme Frau iſt! Und wird ſie mich niemals ihren Sohn nennen? Einmal gewiß! Auf ihrem Sterbebette! Ehe ſie ſtirbt, wird ſie nach Ihnen ſenden, um Ihnen ihren Segen zu geben, denn der Segen einer Mutter hat eine heilige Kraft, es ſei die Mutter eine Gräfin oder eine Bettlerin. Und jetzt leben Sie wohl, auf Wie⸗ derſehen! Ehe Eduard Zeit hatte etwas zu erwiedern, hatte die alte Frau ſchon ſein Zimmer verlaſſen und eilte haſtigen Schrittes und mit faſt jugendlicher Kraft die Treppe hinunter. Erſt als ſie in die Familienhäuſer gekommen, als ſie in ihr Zimmer gelangt, in dieſes düſtere, ſchwei⸗ gende, todeseinſame kleine Zimmer, erſt da ſank ſie erſchöpft zuſammen, und die Hände gen Himmel er⸗ hebend, ſchrie ſie laut und verzweiflungsvoll: O mein Gott, warum bin ich nichts als ein armes Bettler⸗ weib! Wo finde ich für ihn eine reiche und vornehme Mutter! Ber katholiſche Prieſter. Manches hatte ſich verändert in dem Hauſe der Ba⸗ ronin, ſeit Alfred, durch ſeine ungeſtüme Leidenſchaft verleitet, den Bruch an jenem Hochzeitstage herbei⸗ geführt. Zitternd vor Freude und Erwartung war er Chriſtian gefolgt zu dem Hauſe, in welches dieſer in der Nacht zuvor Julia geführt, um ſie in dem kleinen niedrigen Zimmer dicht unter dem Dache ein⸗ zuſchließen, während er ſelbſt bei einem Freunde über⸗ nachtete und dort eben früh am andern Morgen Al⸗ fred's Annonce geleſen. Sogleich war er zu ihm geeilt, und wir wiſſen, wie dieſer, Alles vergeſſend, ihm folgte.— Jetzt ſtanden ſie horchend vor dieſer kleinen Thür,— drinnen war Alles ſtill. Sie ſchläft alſo noch, ſagte Chriſtian und zog den Schlüſſel aus ſeiner Taſche, um aufzuſchließen.— Aber, mein Himmel, was iſt das? Der Schlüſſel geht nicht in's Schloß, die Thür iſt nur angelehnt. Nit einem wilden Fluche ſtürzte Chriſtian in das Zimmer. Ein einziger, wuthentbrannter Blick ver⸗ rieth ihm Alles. Sie war fort, entflohen! Ein krummgeſchlagener, großer Nagel ſteckte im Schlüſſelloch, und mit dem III. 6 — 32— Hammer, der am Fußboden lag, hatte ſie ſich dieſen improviſirten Dietrich gebildet. Fluchend und mit ſtürmiſchen Verwünſchungen erinnerte ſich Chriſtian, daß er ſelber dieſe Werkzeuge hier gelaſſen, und daß ſeine eigene Unvorſichtigkeit es alſo geweſen, die ihr die Mittel zur Flucht verſchafft. Aber ich werde ſie finden, ſagte er mit geballten Fäuſten, zähneknirſchend, ja, ſo wahr ein Gott lebt, ich werde ſie finden. Berlin iſt nicht ſo groß, daß ich und'n paar Freunde nicht im Stande wären, es raus zu kriegen, wo ſich ein Mädchen verbergen kann. Haben Sie nur Geduld, Herr Baron, es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich ſie Ihnen nicht brächte, ehe noch 3 Tage vergehen. Aber Sie müſſen mir verſprechen, daß Sie mir denn ſo noch mal ſo viel geben wollen, als wie heute. ˙S wird viel Hitze koſten, ſie wieder einzufangen! Alfred antwortete nicht. Er war auf einen Stuhl geſunken und weinte bitterlich. Alle dieſe Aufregun⸗ gen, dieſe wechſelnden Stürme der letzten Zeit und des heutigen Tages zumal, hatten ſeine phyſiſche Kraft ſo erſchöpft, ſeine Nerven ſo überreizt und an⸗ geſpannt, daß es nur dieſes letzten bittern Schlages bedurfte, um ihn gänzlich darniederzuwerfen. Straf mich Gott, brummte Chriſtian, ich glaube, Sie flennen wie ein altes Weib. Sie haben das Mädchen alſo wohl ſehr lieb gehabt? Nicht? Na, warten Sie, ich ſchaff' ſie ihnen wieder, wenn näm⸗ lich Sie gut bezahlen können, und's Ihnen nich auf'n paar Thaler mehr oder weniger ankommen thut! Alfred erklärte ſich bereit, die Summe zu zahlen, und fuhr alsdann zurück in ſeine Wohnung. Wie im Traum erinnerte er ſich, daß heute ſein Hochzeits⸗ tag, und daß die Stunde längſt vorüber, in welcher — 83— man ihn zur Trauung mußte erwartet haben. Als er, in ſeiner Wohnung angelangt, von ſeinem Die⸗ ner erfuhr, daß die Baronin ſchon nach ihm geſchickt, ſagte er mit einem wirren Lächeln. warum that ſie das? Das Unglück kommt immer noch früh genug, und Niemand, den es trifft, hat es geahnt. Dann ſank er bewußtlos zuſammen, der erſchrockene Diener eilte, einen Arzt zu rufen, und am Abend dieſes Tages war ein hitziges Nervenfieber bei Alfred zum Ausbruch gekommen. 1 Dieſer Umſtand war allerdings ganz dazu geeignet, die Baronin die Beleidigung ihres Schwiegerſohnes in ſo weit vergeſſen zu machen, daß ſie allen Ge⸗ danken der Rache entſagte und Alfred's nächſte An⸗ verwandten benachrichtigen ließ, daß ſie nicht abge⸗ neigt ſei, die zerriſſenen Verhältniſſe wieder anzu⸗ knüpfen, wenn Alfred, ſo bald er geneſen, zu ihr komme und von ihr Verzeihung und nochmals die Hand ihrer Tochter dijlebe⸗ Die chriſtliche Lie iſt es, die von mir dieſe Milde und Nachſicht fordert, ſagte die Baronin. Denen zu verzeihen, die uns beleidigten, Denen, die bereuen, mit liebevoller Milde auf halbem Wege ent⸗ gegenzukommen, das iſt die Lehre, welche Chriſtus ſeinen wahren Bekennern tief in's Herz geſchrieben, und welche der Wahlſpruch ihres ganzen Lebens ſein muß, und deshalb werde ich, wenn Alfred reuevoll zu mir kommt, mich nur entſinnen, daß er im Fie⸗ ber einer nahenden Krankheit ſeiner heiligſten Pflich⸗ ten verg eſſen konnte, und nicht daran denken, daß er noch nicht krank war, als wir ihn zur Trauung ver⸗ geblich erwarteten. Allerdings, es ſchien der frommen Baronin das Bequemſte und Beſte, ſich in die Falten dieſes chriſt⸗ lichen Mantels der Liebe zu hüllen und darunter 6* 34— ihren nackten Egoismus klug zu verbergen. Ganz leiſe aber ſagte ſie zu ſich ſelber, daß ſie nichts ſehn⸗ licher wünſche, als Emmy endlich verheirathet und ſich dadurch im unbeſchränkten Beſitz des ihr teſta⸗ mentariſch zugeſicherten Vermögens zu ſehen, ganz leiſe geſtand ſie ſich, daß Gotthold Recht gehabt, ſie zu warnen, und daß Pater Joſeph für Emmy ein weit willkommenerer und lieberer Freund ſei, als ihr Verlobter, Alfred von Wülfingen. Und ſie, dieſe beiden jungen, glühenden Herzen, ſie wußten es jetzt, daß ſie einander liebten, ewig, un⸗ vergänglich. In jener Stunde, als Emmy von ihm Abſchied nahm, um eines Andern Weib zu werden in jener Stunde hatte ſie ſich ihm auf ewig verbun⸗, den, und als Alfred nicht gekommen, als ohne ihre Schuld dieſes Band, das ſie an Alfred gefeſſelt, zer⸗ riſſen war, da ſank ſie freudejauchzend auf ihre Kniee nieder und dankte Gott, daß er ſie errettet und er⸗ löſet von dieſem Unglück! Und zur ſelben Zeit lag auch Pater Joſeph auf ſeinen Knieen und betete zu Gott um Einſicht und Kraft, das Rechte zu finden, das Rechte zu wählen. Die Liebe hatte ihn die Unnatur ſeines Prieſter⸗ gelübdes erkennen laſſen, die Liebe hatte ihn gelehrt, daß tief in ſeinem Herzen eine ganz andere Religion, ein ganz anderer Glaube wohne, als ihn die Pfaffen gegeben und als ſie den Laien gedeutet. Gott nicht hat dieſe Religion geſtiftet, ſondern die Menſchen, ſagte er, und ſie haben ſie berechnet nach der Schwäche ihres eigenen Herzens, und zu Glau⸗ bensſatzungen haben ſie erhoben, was nur das Ban⸗ gen vor ihrer eigenen menſchlichen Schwäche war. Um das Herz zu Gott zu wenden, ſoll der Prieſter in ſich ertödten dieſes heilige und große Gefühl der Liebe, und doch iſt es dieſe, die den Menſchen zu Gott führt und ihm die heiligſte Offenbarung der göttlichen Herrlichkeit wird. Das nicht heißt Gott anbeten, wenn man ſich entfernt von der Natur und ſpottet ihrer heiligen Geſetze. In der Natur wohnt Gott und der allerhaltende, der allfördernde und wirkende Geiſt der Natur, es iſt die Liebe, die Liebe, welche das Weſen dem Weſen verbindet und das Leben und Fortbeſtehen aller Zeiten in ſich zu⸗ ſammenſchließt. Die Liebe, das iſt der heilige Geiſt, welcher aus ſich den Heiland erzeugt, und wer alſo will ſagen, daß die Prieſter des Heilandes und Meſſias ſich abwenden ſollen von dieſem heiligen Geiſte, um ſich als Sclaven zu beugen einem unnatürlichen Ge⸗ ſetz, das ſie der eenſchheit entfremdet? Und iſt nicht Unnatur in dieſer ganzen Lehre der Prieſter? Un⸗ natur in dieſem Ablaßkram und⸗ dieſer menſchlichen Vergebung der Sünde, Unnatur in dieſem Anbeten der Heiligen, die nicht Menſch ſind und nicht Gott, und denen wir dennoch göttliche Verehrung zollen? Wenn heute der Heiland wieder auferſtände auf Er⸗ den, wenn er käme, uns auf's Neue ſeine Lehre zu predigen, dieſe große und einfache Lehre der Liebe und muniſten nennen und dieſe Volksverſammlungen ver⸗ bieten und ihn einſchließen hinter dicke Kerkerwände, weil er es gewagt zu predigen von der Freiheit und Gleichheit, und weil er die Armen gelehrt, daß auch 4 ſie berufen ſeien zum Glück und Beſitz? Und wie damals die Phariſäer, ſo würden jetzt ſeine eigenen Prieſter ihr: Kreuziget ihn! kreuziget ihn! ſchreien, und als einen Neuerer und Aufrührer, als einen Volksaufwiegler würden ſie ihn ſtrafen, den Heiland, welcher aus ſeinem Tempel die Händler und Wuche⸗ rer auszutreiben gekommen! Ich kann nicht mehr ein Prieſter ſein dieſer ka⸗ tholiſchen Kirche, ſagte der junge Pater feſt und ent⸗ ſchieden, ich kann nicht mehr handeln mit Ablaß und Heiligenbildern, und wuchern mit der Vergebung der Sünden. Nein, ich will kein katholiſcher Prieſter ſein, ſondern ein freier Menſch, ein denkender Mann, keine Feſſeln ſollen meinen Geiſt einengen, kein Ge⸗ ſetz ſoll mir gebieten zu lehren, was ich ſelber nicht mehr glauben kann! Voll dieſes feſten und energiſchen Entſchluſſes ging er zu Emmy. Es war am Morgen nach jenem Tage, welcher ihr Hochzeitstag hat ſein ſollen, und zum erſten Male ſahen ſie ſich wieder nach dieſem ſtummen und doch ſo beredten Abſchied, in welchem ihre Seelen ſich begegnet waren in Liebe und ſeligem Verſtehen. Erröthend und mit niedergeſchlagenen Augen trat Emmy ihm entgegegen. Er nahm ihre zitternde Hand und drückte ſie feſt an ſein Herz, und ſah lange und innig in dieſes liebliche, verſchämte An⸗ geſicht. Emmy, ſagte er dann leiſe, ich komme, um Ab⸗ ſchied zu nehmen! Zum letzten Male ſtehe ich vor Ihnen als Pater Joſeph, und wenn ich wieder komme, bin ich nicht mehr der katholiſche Prieſter, ſondern ein freier Mann, dem kein Geſetz verbietet, Sie zu lieben und anzubeten. Sie erſchrak gar nicht; ſeit geſtern begriff ſie — — 87— ganz, daß Pater Joſeph nicht bleiben konnte, was er war, daß er nicht einer Kirche Prieſter ſein konnte, die ihm gebot, ſeinem Glück und ſeiner Liebe zu entſagen. Gehen Sie, ich erwarte Sie! ſagte ſie ruhig. Ihr Glaube wird auch der Meine ſein, und Ihre Religion ſoll auch mich unter ihre Jünger zählen! Emmy, rief er, ſie an ſeinen Buſen ziehend, das wollteſt Du? Das könnteſt Du? Deinem Glauben entſagen um meinetwillen? In Deinem Herzen ruht mein Glaube! ſagte ſie innig und lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt. Was Du erwählen wirſt, es wird das Rechte ſein, und wenn Du erſt Dein Prieſtergewand abgelegt und einem andern Bekenntniß Dich zugewandt, dann ſollſt Du mich lehren zu glauben, was Du glaubſt, und ich werde lernen mit meinem Herzen und mit mei⸗ ner Liebe. Emmy, meine Geliebte, rief er, zu ihren Füßen niederſinkend. Sie neigte ſich zu ihm nieder mit einem ſeligen Lächeln, und ihre Augen ſprachen das Wort, das ihre ſchüchternen Lippen nicht auszuſprechen wagten, ihre Augen nannten ihn: mein Geliebter! Er verſtand ihre Augen und küßte ihre Hände, und ſie weinten Beide vor ſeliger Luſt und unaus⸗ ſprechlichem Glück. Heute nimmt der katholiſche Prieſter von Dir Abſchied, ſagte er dann, als er ihr Lebewohl ſagte. Bald wird der freie, ſeines Gelübdes entbundene Jüngling. kommen, Dich zu begehren als ſein Weib! Willſt Du ihm folgen? Fühlſt Du die Kraft in Dir, um der Liebe willen dem Glanz der Welt zu ent⸗ ſagen? Denkſt Du auch daran, daß dieſes Teſta⸗ ment Deines Vaters Dich Deines Reichthums be⸗ — 88— raubt, wenn Du Deinen Glauben verläßt? Fühlſt Du den Muth in Dir, aller dieſer Vorzüge zu ent⸗ behren, welche Dir vom Schickſal gewährt ſind, und dafür an meiner Seite in einer Hütte das Glück zu ſuchen, welches Dir in Paläſten beſtimmt war? Das Glück iſt überall das Glück, ſagte ſie innig, und wer es in einer Hütte nicht finden kann, der wird es in Paläſten vergeblich ſuchen! Wo ich bei Dir bin, da werde ich glücklich ſein, und möge mein Vater mir ſo leicht verzeihen, als ich freudig den Reichthum hingebe um Dich! 1 Gott ſegne Dich für dieſes Wort, ſagte er tiefbe⸗ wegt, es ſoll mirKraft verleihen in allen Kämpfen und Stürmen. Emmy liebt mich, nun hab' ich Muth, der ganzen Welt den Kampf anzubieten! Und wir werden viel zu kämpfen haben. Deshalb laß uns klug ſein und verſchwiegen! Vor allen Dingen darf Deine Mutter jetzt noch nichts erfahren. Ach, meine Mutter! ſeufzte Emmy leiſe. Mein Herz zieht ſich zuſammen vor Weh und Kummer, wenn ich an ſie denke. Ich fürchte ſie ſo ſehr, daß ich oft darüber vergeſſen kann, daß ich ſie liebe! Meine arme, holde Blume, flüſterte er, ſie um⸗ ſchlingend, wirſt Du die Stürme ertragen können, welche bald Dich umtoben werden? Ich werde Dich doch ſehen, Joſeph? fragte ſie ängſtlich. Täglich, Emmy! Ich werde Dir ſchreiben. Der Gärtner wird Dir meine Briefe bringen, er iſt treu und ehrlich. Ihm darfſt Du vertrauen! Und täg⸗ lich werde ich an Deinen Fenſtern verübergehen. Dies Haus aber betrete ich nicht früher, als bis ich kommen kann, Dich offen vor aller Welt von Dei⸗ ner Mutter zu begehren als meines Lebens ſchönſtes und herrlichſtes Beſitzthum! — — „* 89— Du willſt ſchon fort? fragte ſie, ſich an ihn an⸗ klammernd. Ich muß, Emmy! Soll es denn geſchieden ſein, ſo mag es ſchnell geſchehen. Mein ganzes Herz bleibt bei Dir zurück!— Sie reichten ſich noch einmal die Hände und ſa⸗ hen ſich an, feſt und innig. Dort knarrt eine Thür, Schritte nahen, es muß alſo geſchieden ſein! Muth und Verſchwiegenheit, Emmy! Ich werde an Dich denken, dann habe ich Muth und Hoffnung! Jetzt geht er, die Thür ſchließt ſich hinter ihm, ach, ihre liebe Geſtalt iſt ſeinen Blicken entſchwun⸗ den! Mit feſtem Schritt geht er auf ſein Zimmer, einige flüchtige Abſchiedsworte an die Baronin zu ſchreiben. Dann packt er ſeine wenigen Effecten zuſammen und verläßt mit ihnen das Haus! Eine neue Zukunft ſeines Lebens erwartet ihn. Wie eine abgeſtorbene Ruine liegt die Vergangenheit hinter ihm. Vom ſichern Hafen wagt er ſich hin⸗ aus auf die gefahrvolle ſturmbewegte See, aber in ſeiner Seele iſt kein Zagen. Gott iſt mit ihm und die Liebe! 3 Amintha und Lude. Die alte Albratti war kaum aus ihrer Ohnmacht, die ſie bei der Nachricht von Amintha überwältigt hatte, erwacht, als Lude ſchon zu bereuen begann, ihr ſeine Entdeckung mitgetheilt zu haben. Zu ſpät er⸗ innerte er ſich, daß Frau Winkler dieſe Trennung Amintha's von ihrer Mutter ein Glück für das Kind genannt habe, zu ſpät dachte er daran, daß nun ge⸗ wiß die alte Sängerin ihre Tochter wieder zu ſich nehmen nund ſie wieder zwingen würde, zu tanzen und auf der Bühne zu erſcheinen. Mit wahrem Ent⸗ zücken vernahm er daher den Entſchluß der alten Primadonna, erſt am nächſtfolgenden Tage zu dem Fürſten zu gehen, weil ſie heute durchaus erſt ihre Toilette in Ordnung bringen müſſe, um, wie ſie ſagte, ganz in der Würde ihres Ranges vor dem Fürſten erſcheinen zu können. So hab' ick denn heute den ganzen Nachmittag für mich, dachte Lude, und da weeß ick ſchon, was ick thue. Grade gegenüber vor'm Hauſe, wo Amin⸗ tha iſt, ſtelle ick mir hin, bis ſie mal an's Fenſter kommt, und wenn ſie mich ſehen thut, denn ſo —— ——— — — 91— wird ſich's ja zeigen, ob ſie die alten Freunde ver⸗ geſſen hat und ſtolz geworden iſt. Er ließ ſeine Finger im entſchloſſenen Tact eines Siegesmarſches knacken und trabte friſch wieder hin⸗ ein in die Stadt und zu dem Hötel des Fürſten.— Das Glück war ihm günſtig, und noch nicht lange hatte Lude geſtanden und mit fürchterlichem Schielen hinaufgeſehen zu den Fenſtern, als Amintha's blon⸗ des Lockenköpfchen hinter den Scheiben erſchien. Lude hätte laut aufſchreien mögen vor Freude und Luſt, und er ärgerte ſich über ſich ſelber, daß es ihm ſo dunkel ward vor ſeinen Augen und ihm die Wangen plötzlich ſo naß waren. Sollt' man nu nicht denken, daß mir'n großes Unglück paſſirt wär', ſagte er, ick hab' noch nie nicht gehört, daß man weint, wenn man ſich freut, und nu wein' ick doch, wie'n altes Weib! Aber mir däucht, die Amintha ſieht'n bisken blaß aus und gar nicht ſo vergnügt wie ſonſt, und es is vielleicht darum, daß ick flennen muß! Ja, ſie is blaß, aber wie'n Engel, und des weiß ick wol, daß gewiß in'n Him⸗ mel kein Engel nicht is, der ſchöner is als wie ſie. Während er das dachte und ſprach, waren ſeine Augen unverwandt nach ihr emporgerichtet, und ver⸗ ſuchte er durch allerlei Sprünge und Capriolen ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken. Aber das Kind bemerkte ihn nicht, ſie ſtarrte empor zu den Wolken, und es ſchien Lude, als ob auch ihre Wangen naß ſeien von Thränen. Doch jetzt, ja jetzt zuckte ſie plötzlich zuſammen, ein glühendes Roth fuhr über ihr bleiches Antlitz, und das Fenſter aufreißend, rief ſie laut ſeinen Namen: Lude! Mit einem Satz ſprang er über die Straße und zog an der Hausklingel, und jetzt vorüber an der Loge des Portiers, die Stiegen hinauf, und da ſteht — 92— in der geöffneten Thür das freudeſtrahlende Mädchen, da ſteht Amintha, ihm beide Hände entgegenſtreckend. Lude, mein lieber Lude! Du haſt mich alſo nicht vergeſſen? Ach lieber Gott, ſie hat mich noch lieb, ſchrie Lude, ganz blaß und zitternd, und nahm ihre Hände und ſchüttelte ſie ſo kräftig, daß Amintha hätte laut aufſchreien mögen vor Schmerz. Aber ſie that's nicht, weil's ihn betrübt haben würde, ſondern ſie lächelte ihn an, und Lude ward ganz roth vor Wonne, und ein unbeſchreiblich ſeliges Grinſen flog über ſein ungeſchlachtes Geſicht. Wär's denn möglich geweſen, daß ich Dich nicht mehr lieb hätte? fragte Amintha vorwurfsvoll. Na gewiß! ſagte Lude, ick bin man ſo'n dummer Junge. Mein beſter, mein einzigſter Freund biſt Du, rief das Kind innig. Ach, Lude, und wenn Du wüßteſt, wie viel ich an Dich gedacht, wie oft ich zu Gott gebetet habe, daß er ſich erbarmen möge und Dich mich finden laſſe! Denn ſiehſt Du, daß Du mich ſuchteſt, das wußte ich, und jeden Tag habe ich hier ſtundenlang am Fenſter geſtanden und gedacht: jetzt muß er vorüberkommen und mich ſehen! Aber Du kamſt immer nicht! 5 3 Und ick war zu Haus und grämte mich, ſagte Lude, und wenn ick nicht gedacht hätte, daß es nichts nicht nützen thäte, wenn ick ſtürbe, weil ick Dich dann nie mehr nicht ſehen könnte, ſiehſt Du, ſo wär' ick geſtorben vor Gram. So aber dacht' ich, daß's beſ⸗ ſer wär, zu leben und Dich zu ſuchen, und ſo hab' ich Dich denn heut gefunden, wie ick als'n Affen⸗ junge hier war.. 3 Das warſt Du? rief das Kind fröhlich lachend, und dann plötzlich wieder ernſt werdend, ſagte ſie: — 93— Aber jetzt, Lude, jetzt höre mich und ſei recht auf⸗ merkſam auf Alles, was ich Dir ſagen will, denn wir werden nicht viel Zeit haben für uns. Zum Glück iſt Paulowitſch eben ausgegangen, aber er kommt bald wieder, und dann wird er Dich fortjagen, denn er iſt ſehr ſtrenge und ſehr bös, und hat immer Furcht, daß ich fortlaufe. Er thut Dir doch nichts, hoffe ick! ſchrie Lude ingrimmig. Nein, ſagte Amintha. Niemand thut mir Etwas, und doch, Lude, wäre ich verloren geweſen, wenn Du nicht kamſt. Ich kann Dir nicht ſagen, weshalb, und Du würdeſt mich auch nicht verſtehen, gerade wie ich zu Anfang, als ich hierher kam. Es iſt Alles ſchön hier und wundervoll, und anfangs war ich ganz be⸗ rauſcht davon, und wenn ich all die Pracht und Herr⸗ lichkeit anſchaute, und wenn ich ihn ſah, der ſo ſtolz und ſchön, recht wie die Prinzen in unſern Mähr⸗ chen mir entgegentrat, da zitterte mein Herz vor Wonne, und es war mir, als müßte ich laut auf⸗ ſchreien vor Wonne und Gllck. Aber eines Tages, gerade während er mit mir ſprach, da war's plötzlich, als flüſtere mir eine Stimme ganz leiſe etwas in's Ohr, und ich ſah mich um, aber es war Niemand neben mir. Ich ſaß allein da, aber die Stimme flüſterte immer zu, und da merkte ich denn, daß ſie in meinem eigenen Herzen war, und daß ſie von da aus mich warnen und ermahnen wollte. Und was ſagte ſie denn? fragte Lude blaß und angſtvoll. Das Kind ſagte feierlich: Die Stimme in meinem Herzen wiederholte mir die Worte, die Frau Wink⸗ ler zu mir geſprochen, Du weißt doch, als ich ſie fragte, was die Ehre ſei? Ja, ich weiß's noch ganz genau! rief Lude. „Ganz Wort für Wort, fuhr das Kind fort, hörte ich jetzt in meinem Herzen das wieder, was ſie mir über die Ehre geſagt, und daß in uns ein Engel wohne, der uns warne, wenn wir in Gefahr ſeien, unſere Ehre zu verlieren, und daß dieſer Engel dann an unſer Herz klopfe und uns ermahne, nicht der böſen Verlockung zu folgen. Und mit einem Male merkte ich, daß der Engel eben zu mir ſprach, und daß er mich warnen wollte, und plötzlich ſchien mir Alles anders. Von dem Tage an betete ich zu Gott, daß er mir helfen möchte, meine Ehre zu bewahren, und da dachte ich an Dich, Lude, und daß ich niemals wieder Dich anſehen könnte, wenn ich ſchlecht würde, und da nahm ich mir vor, brav und gut zu bleiben, damit ich einmal Dir und Frau Winkler ſagen könnte: ich habe mein Wort gehalten, der Engel hat mich zu rechter Zeit gewarnt, und ſo habe ich mir meine Ehre bewahrt! Du biſt'n Engel! rief Lude ſchluchzend. Und von dieſer Stunde an dachte ich, daß es anders werden müſſe, fuhr Amintha fort, und mir fiel ein, daß Frau Winkler mir geſagt, die Arbeit komme von Gott, er habe ſie den Menſchen als das ſicherſte Mittel gegen die Sünde gegeben, und ich nahm mir vor, zu arbeiten und fleißig zu ſein. Ich bat daher den Fürſten, mir Arbeit zu geben, und weil er immer gut und freundlich iſt, erfüllte er meine Bitte, und gab mir Lehrer, die mich unterrichten mußten. Das ſind jetzt drei Wochen her, und ſeitdem bin ich immer fleißig geweſen, und ſeitdem ſchien mir Alles, was mich umgab, gar nicht ſo lockend und reizend mehr. Und konnteſt Du denn nicht fortlaufen, nicht zu uns in die Familienhäuſer kommen? fragte Lude. Niemals! ſagte das Kind energiſch. Meine Mut⸗ 4 —yjy — — 95— ter, Lude, meine Mutter hat mich verkauft, ſie hat Geld genommen für mich, und ſeitdem ich das weiß, fühle ich, daß ich ſie niemals wiederſehen kann. O ich habe Vieles gelernt, Vieles begriffen, ſeit den vier Wochen, die ich hier bin, und Lude, es iſt ſchrecklich zu ſagen, aber ich weiß jetzt, daß meine Mutter meine ärgſte Feindin iſt, und daß ich verloren bin, wenn ich zu ihr zurückkehre. Sie hat mich verkauft, und nun hat ſie keine Tochter mehr, denn ich verachte ſie, und ich will lieber ſterben, als zu ihr zurückkehren. Und alſo bleibſt Du für immer hier? fragte Lude tonlos. Du ſollſt darüber entſcheiden, ob ich es kann! ſagte Amintha, und wie ermattet, ließ ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt ſinken. Dann, nach einer Pauſe, fuhr ſie fort: Frau Winkler hat geſagt: Ehre iſt, wenn ein Mädchen niemals ſchlechte und unreine Gedanken hat. Wenn ſie niemals etwas thut und denkt, was nicht Gott und die ganze Welt ſehen kann, und vor dem ſie nicht roth werden braucht. Ehre iſt, wenn man keinem Menſchen, und ſei's ein Fürſt, oder ein König, ſagt, daß man ihn lieb hat, und wenn er noch ſo viele Geſchenke und Koſtbarkeiten dafür geben will, ſondern wenn ein Mädchen lieber in den Tod geht, als einen Mann liebt, der ſie nicht heirathen kann. Siehſt Du, das hat Frau Winkler geſagt, und ich hab' mir geſchworen, Lude, daß ich auch lieber ſter⸗ ben will, als etwas thun, wodurch ich meine Ehre verliere. Aber es iſt etwas in mir, was mir Gefahr droht, ich kann nicht ſagen, was es iſt, ich weiß es nicht zu benennen, aber es iſt da. Oft zieht es mir das Herz zuſammen, daß ich weinen muß, und doch fühle ich mich dann ſo glücklich und ſelig, und ich möchte ſterben vor Wonne und Schmerz. Zuweilen, wenn ich den Fürſten kommen höre, zittere ich an . 82 allen Gliedern, und ich möchte in die Erde ſi um ihn nicht zu ſehen, und doch wieder möch mein Leben hingeben, um ihn nur noch einmal an zuſchauen. Es iſt wie ein Zauber, Lude, es zieht mich zu ihm hin, und doch, wenn er meine Hand faßt, möchte ich laut aufſchreien vor Augſt und Grau⸗ ſen, und dann iſt mir immer, als ob mein Engel mich warnte! Oft ſchließe ich mich ein in meinem Zimmer, weil ich ihn nicht hören und nicht ſehen will, aber es hilft Alles nicht, ich höre doch immer und immer ſeine Stimme, und immer ſehe ich ſeine Augen vor mir, ich fühle ſeine Blicke, die ſo bren⸗ nend und heiß ſind, daß ich wie Feuer glühe, und es mir iſt, als müßte ich ſterben. Ja, Lude, ſelbſt wenn ich beten will, kann ich es kaum, denn mitten in meine Worte hinein drängt ſich ſeine ſanfte, ſchöne Sinuae und ich höre ihn mehr, als mein eigenes ebet. 8 Du haſt ihn lieb, Amintha, ſchrie Lude, er hat Dich bezaubert, das iſt's! Aber ich will nicht bezaubert ſein, rief ſie in einer Art Zorn, ich will ihn nicht lieben, und ich will Euch keine Schande machen. Aber, ich werd's nicht erleben, ſagte Lude einfach, ich ſterbe dann, das weiß ich. Niemand ſoll's erleben, ſagte ſie, glühend roth vor Erregung, ich will lieber ſterben, als meine Ehre verlieren! Denn ſo mußt Du fort von hier! rief Lude. Das iſt'’s, ſagte Amintha freudig und faßte des Freundes Hand. Du haſt mich verſtanden, ja ich muß fort. Aber ich allein kann's nicht. Ich geh' mit Dir, rief Lude, das weißt Du wol, Amintha, daß ich Dich niemals nicht verlaſſen kann. Ich bin man'n armer dummer Junge, aber lieb — 97— haben thu“ ich Dich, wie kein Menſch auf der Welt, und ſo lang' als ich lebe, ſoll Dir Keiner nicht etwas zu Leide thun! Ich rechnete auf Dich, ſagte Amintha, und mein Entſchluß war gefaßt, mit Dir zu fliehen, ſobald ich Dich finden würde! Und jetzt laß uns raſch ſein! Paulowitſch wird gleich kommen, und dann iſt Alles vorbei. Sag mir jetzt, weiß dieſe Frau, welche mich verkaufte, wo ich bin? Ja, und morgen früh will ſie herkommen? So müſſen wir vorher fliehen, denn ich kann ſie nicht wieder ſehen. Ich habe ſchon Alles überlegt und bedacht, denn ich hoffte jeden Tag, daß Du kommen würdeſt, mich abzuholen. Und jetzt höre meinen Plan. Ich gebe Dir Geld und Du kaufſt mir einen Knabenanzug, und dann ziehen wir Beide hinaus in die Welt; ich habe eine Guitarre, die mir der Fürſt geſchenkt hat, die nehme ich mit, weiter nichts, und mit dieſer ziehen wir umher, und ich ſpiele und ſinge dazu, und Jeder wird den beiden Knaben gern etwas geben, nicht wahr, Lude? Und nun ſprach ſie ihm von der ſchönen Welt, von der ſie in den Büchern geleſen, nun erzählte ſie ihm von grünen Wieſen und rauſchenden Wäldern, unter deren ſchützendem Laubdach ſie ausruhen woll⸗ ten, wenn ſie müde geworden vom langen Wandern, nun ſchilderte ſie ihm die Majeſtät der Berge, welche ſie erklimmen, und die Lieblichkeit der Thäler, in die ſie hinabſteigen würden, und Lude grinſte und ſchnalzte vor Freude, und ließ ſeine Finger höchſt energiſch knacken, nnd ſagte mit echter Kinderungeduld: komm ſchnell, Amintha, laß uns fortgehen! Aumintha mußte ihn daran erinnern, daß erſt ihr Anzug gekauft werden müßte, und daß man ſie In. 7 — 98= keich entdecken konnte, wenn ſie am Tage ſchon ent⸗ öhen. Du haſt Recht, und ick bin immer dämlich, ſagte Lude. Alſo heut Abend! Ja, heut Abend! Um neun Uhr gehe ich auf mein Zimmer, und dann wird Paulowitſch nicht mehr auf mich achten, weil er dann anders beſchäftigt iſt. Dann ſchleiche ich mich leiſe fort, und vor der Haus⸗ thür erwarteſt Du mich. So ſoll's ſein, rief Lude ganz freudig. Punkt neun Uhr bin ick hier!. Aber Lude, ſagte Amintha plötzlich ernſt und traurig, Du haſt einen Vater, kannſt Du ihn ver⸗ laſſen? Ach, Vater frägt nichts nicht darnach, er hat mich gar nicht lieb und denkt immer nur an Chriſtian. Vater macht ſich nichts nicht aus mir! So will ich Dein Vater ſein, ſagte das Kind innig. 1 Und ich Deine Mutter, rief Lude, und Beide dach⸗ ten gar nicht daran, wie ſeltſam und komiſch dieſe Zuſicherungen von ihren Lippen klangen, es war ihnen ſo ernſt mit ihren Worten und mit ihrer Liebe. Und als der Abend kam, als der Trommelwirbel die neunte Stunde verkündete ſchlich Amintha mit ihrer Guitarre im Arm die Treppe hinunter, leiſe, leiſe an der Loge des Portiers vorüber,— jetzt iſt die Thür auf, und— richtig, da ſteht Lude mit einem großen Packet im Arm. Schweigend, mit einem Händedruck begrüßten ſich die Beiden. Du haſt meine Kleider, Lude? Ja, Amintha, und ſie koſten nicht ſo viel, als Du mir gegeben. Wir haben nun noch etwas Geld. Laß uns zwei Droſchken nehmen, Lude, und zum Thor fahren, und in der Droſchke kleide ich mich um und laſſe meine Kleider darin liegen. Wir wol⸗ len nichts mitnehmen, was uns an die Vergangen⸗ heit erinnert. Zwei Droſchken? fragte Lude. Des wär'n guter Anfang, wenn ick als'n großer Herr fahren thäte. Ne, Amintha, eine Droſchke, Du ſteigſt rein und ick hinten druf, ſo iſt's gehörig! Er winkte einer Droſchke, hob Amintha hinein und befahl dem Kutſcher mit höchſt impoſanter Stimme, ſie nach dem Halliſchen Thor zu fahren. Als Amintha dort aus dem Wagen ſtieg, hatte ihre Kleidung ſie in einen allerliebſten kleinen Kna⸗ ben verwandelt, den Lude beim Schein der nahen Laterne mit Staunen und Bewunderung betrachtete. Jetzt laß uns gehen, Lude, ſagte Amintha, dem Freunde die Hand reichend. Wie ſchön die Nacht iſt! Es iſt Vollmond heute, ſieh nur den Mond an, wie goldig er iſt, ach und die ſchönen Sterne, wie das flammt und flimmert und Einem in's Herz hinein⸗ leuchtet, als wären es Augen, die uns anſchauen und das Herz bewegen! „Stie ſeufzte plötzlich und ſchwieg, und Lude fühlte wie ihre Hand in der ſeinen zuckte. Armes Kind! Die Sterne erinnerten ſie an ein glänzend ſchönes Augenpaar, dem ſie entfliehen wollte! Armes Kind, die Sterne ziehen mit. Du fürchteſt Dich doch nicht? fragte Lude. Nein, ſagte ſie, ich fürchte mich nicht, nun da die 7* — 100— Stadt hinter uns liegt, giebt es keine Gefahr mehr für mich, und noch habe ich meinen Schwur gehal⸗ ten und bin ein ehrliches Mädchen. Laß uns gehen, Lude, je weiter, deſto beſſer,— wir wollen Alles vergeſſen, Alles, Lude, und dann werden wir gewiß recht glücklich ſein. 3 Sie reichte Lude die Hand und Beide wanderten hinaus in die helle, lautloſe Mondnacht. 2 Die geraubte Schweſter. In der Frühe des nächſten Tages hielt eine Droſchke vor dem Höôtel des Fürſten; Madame Al⸗ bratti wälzte ſich heraus in einem hochrothen Kleide, wie ein Feuerkäfer anzuſehen, mit hochroth geſchmink⸗ ten Wangen und lang herabwallenden, zierlich in Dinte geſchwärzten und geſteiften Locken. Sie ſchien ſehr aufgeregt und fächelte ſich fort und fort Küh⸗ lung zu mit dem hochrothen Taſchentuch, in deſſen mittlerem weißen Felde das wohlgelungene Portrait eines Prinzen. Der Portier nahm Auſtand, dieſe ſeltſame Erſcheinung die Treppe hinaufgehen zu laſſen, ſie bedeutete ihn aber mit höchſt wichtiger Miene, daß ſie die Mutter der jungen Dame ſei, die der Fürſt in Penſion genommen, und ging dann, ſtolz mit dem Kopfe ſchaukelnd, wie ein Pfau, die breiten Stiegen inauf. Aber manche Schwierigkeit und manches Weigern von der Dienerſchaft hatte ſie zu ertragen, bis es endlich ihrer Beharrlichkeit und Standhaftigkeit ge⸗ lang, zum Fürſten zu gelangen. Er war noch im Morgennegligé; nachläſſig hin⸗ geſtreckt lag er auf dem Divan, ſein Geſicht war bleich — 102— und ſchwermuthsvoll. In tiefe Gedanken verſunken, bemerkte er gar nicht, daß die alte Primadonna be⸗ reits in das Zimmer getreten, und, ihn betrachtend, in der Thür ſtand. Gerade wie ſein Vater! ſeufzte ſie endlich, und ſank, wie erſchöpft, in ſehr reizender Stellung auf einen Seſſel. Des Fürſten Antlitz erheiterte ſich bei dem Anblick dieſer ſeltſamen und komiſchen Er⸗ ſcheinung, und ſich halb vom Divan erhebend, ſagte er mit einem fröhlichen Lachen: nun, Madonna, wenn Sie die Dame ſind, die mich ſo geheimniß⸗ voll und dringend zu ſprechen wünſchte, ſo danke ich meinem guten Stern, daß es mir vergönnt war, Sie kennen zu lernen. Sie haben da eine köſtliche Vermummung gewählt, wahrhaftig, ſie iſt ſo täuſchend, daß Jedermann ſie für ein abſcheuliches altes Weib halten würde, während ich doch ſchon den lieblichen Engel ahne, der darunter verborgen iſt! Gerade wie ſein Vater! wiederholte Madame Albratti, die Arme emphatiſch gen Himmel erhebend. Henng jetzt des Scherzes! ſagte Fürſt Alexiew halb unwillig. Laſſen wir dieſe Komödie! Nehmen Sie die Maske ab, ſchöne Dame! Maske! ſagte die Primadonna tragiſch. Nein, Prinz, nicht Maske, ſondern Wirklichkeit! Es iſt wahr, die erſten Reize der Jugend ſind von mir abgefallen, aber deshalb ſollten Sie doch nicht über mich ſpotten, ſchon aus Ehrfurcht vor Ihrem Vater nicht! Nun, rief der Fürſt lachend, wenn dies Wirk⸗ lichkeit iſt, ſo gab es nie eine komiſchere. Und was, meine verführeriſche Schönheit, hat die Ehrfurcht für mmeinen Vater gemein mit Ihnen? Haben Sie ihn niemals von Marietta Albratti ſpreten hören?. Niemals! — 103— O der Undankbare! ſeufzte die alte Sängerin. Es war alſo nicht genug, daß er mich verſtieß, er vergaß mich auchi Und doch, wenn ich micch jetzt recht beſinne, ſagte der Fürſt gedankenvoll, ſo iſt es mir, als habe meine Mutter mir oft erzählt von einer Sängerin, welche meines Vaters Geliebte geweſen, und ich meine, ſie habe Marietta geheißen. 8 Prinz, rief die alte Primadonna, nehmen Sie alle Ihre Standhaftigkeit zuſammen! Ich bin dieſe Marietta, ich war die Geliebte Ihres Vaters! Fürſt Alexiew ſagte lachend: Wahrlich, es be⸗ dürfte ſtarker Beweiſe, um mich dies glauben zu machen! Beweiſe? Die will ich Ihnen geben! rief Ma⸗ rietta heftig, und nun erzählte ſie ihm von ſeinem Vater, von ſeinen Verhältniſſen und Beziehungen, von ſeinen Eigenthümlichkeiten, nun wußte ſie ihm ſo genaue Umſtände und Situationen anzugeben, daß der Fürſt endlich widerſtrebend ihr glauben mußte. Sie ſind alſo wirklich dieſe berühmte, ehrgeizige Marietta, ſagte er ironiſch, die mit ihren hochherzigen Phantaſieen hoffte, die Gemahlin eines Fürſten zu werden! Wenn ich Sie anſehe, begreife ich indeſſen nur Eins, nämlich, daß mein Vater Sie verließ, um ſich meiner edlen und ſchönen Mutter zu vermählen! Damals, mein Fürſt, war ich nicht dieſe arme, zerfallene Ruine, welche ich heute bin! ſeufzte die Primadonna, damals ſtand ich auf dem Gipfel der Schönheit und des Ruhmes, und ganz Europa lag huldigend mir zu Füßen. Nein, nein, Ihr Vater iſt nicht zu entſchuldigen, er hat meine Liebe mit dem ſchwärzeſten Undank vergolten, er hat mein an⸗ betendes Herz unter ſeine rauhen Siegerfüße getreten, und daß ich heute daſtehe, ein armes, in den aub, in Niedrigkeit und Jammer hinabgeriſſenes Lamm, ““ — 104— das iſt ſein Werk, und ihn allein klagt meine Armuth und mein Elend an! 3 Doch entſinne ich mich, gehört zu haben, daß dieſe Marietta nicht unbedentende Reichthümer bei meinem Vater ſammelte, ſagte der Fürſt. Was konnten Reichthümer mir nützen, ohne die Liebe! ſtöhnte die Alte. Ich ſuchte in meiner Ver⸗ zweiflung umher nach einem Herzen, das die blutenden und zuckenden Wunden des meinigen heilen konnte, und in meiner Rathloſigkeit glaubte ich nur zu leicht den leidenſchaftlichen Schwüren des damals ſo be⸗ rühmten Tänzers Albratti, und ward ſein Weib,— das war der Anfang meines Unglücks! Sie erzählte ihm nun, wie ſie mit ihrem Gatten umhergezogen und Jahre lang Triumphe geerndtet und Siege gefeiert, wie aber das Gefühl der Rache niemals in ihrem Herzen geſchlummert und ſie ſich täglich geſchworen, dem Fürſten zu vergelten, was er Böſes an ihr gethan. Zwölf Jahre indeſſen ſeien ſo vergangen, da habe ihr Weg ſie wieder nach Peſth geführt, wo ſie einſt ſo große Triumphe gefeiert und jetzt gleich bei ihrem erſten Auftreten die entſetzlichſten Beſchimpfungen zu erdulden gehabt. Man hätte laut gelacht, erzählte ſie, gleich nach dem erſten Ton, den ſie geſungen, man habe mit allerlei Gegenſtänden, als da ſind verfaulte Aepfel und Nußſchaalen, nach ihr geworfen, und nicht eher habe das Lärmen und Schreien, das Werfen und Höhnen ſich beruhigt, als bis der Vorhang gefallen und der Director erklärt habe, er werde eine Sängerin nicht wieder auftreten laſſen, die dem Publikum ſo ſehr zu mißfallen ſcheine! Sie erzählte das Alles mit ſo hochtrabender Tra⸗ gik, ſie war noch heute ſo zerknirſcht von ihrem da⸗ maligen Mißgeſchick, und die Thränen, welche über ihre ziegelrothen Wangen liefen, ließen ſo materielle ——— ³ — 105— Spuren zurück auf der hochrothen Schminke, daß der Fürſt ſich eines lauten Lachens nicht erwehren konnte. Lachen Sie nicht, ſagte ſie drohend. Ihr Vater lachte damals auch, aber er hat ſein Lachen theuer büßen müſſen, und ich ſtrafte ihn damals, wie ich Sie heute ſtrafen werde! Ja, Ihr Vater ſaß dicht in den vorderſten Reihen an jenem Abend meines unerhörten und ungerechten Fiasko, er war der Erſte, welcher lachte, und ſeine Lakaien waren die Erſten, welche vom Parterre aus mit faulen Aepfeln nach mir warfen! Er allein war Schuld an meinem Elend, an meiner Schande, und mitten in meinem Jammer ſchwur ich mir jetzt eine blutige, eine unerhörte Rache, und ich hielt Wort! Jetzt, mein Prinz, beſinnen Sie Sich, ob nicht damals,— es ſind jetzt dreizehn Jahre her, ein großes Unglück Ihre Familie heimgeſucht und Ihren Vater darniedergeſchmettert habe. Vor dreizehn Jahren? ſagte der Fürſt. Ich war damals ein zwölfjähriger Knabe und meine Erinnerun⸗ gen aus jeuer Zeit zeigen mir nur Ein Mißgeſchick in meiner Familie, den Tod meiner Mutter. Und nichts weiter? fragte die alte Sängerin. Wa⸗ ren Sie denn immer das einzige Kind geweſen? Ein halbes Jahr lang nicht, ſagte Alexiew, ein halbes Jahr lang hatte ich ein kleines Schweſterchen Und was ward aus ihr? Sie ward eines Tages geraubt aus dem Schloſſe meines Vaters. Mit unerhörter Kühnheit ward ſie aus ihrer Wiege geſtohlen, und alle Nachforſchungen nach ihr waren umſonſt, man hörte nie wieder von ihr. Mein Vater meinte, Zigeuner, die er kurz zuvor aus ſeinem Gebiete vertrieben, hätten aus Rache ſie ihm geſtohlen. Aber alle ſeine Nachforſchungen nach ihr waren vergeblich, man hat nie wieder von ihr —— — 106— gehört. Der Raub dieſes Kindes aber war der erſte Todesſtoß für das arme Herz meiner Mutter. Zigeuner! lachte die alte Sängerin. Ach, diesmal hat Ihr kluger Vater ſich getäuſcht. Ich war's, die das Kind ſtahl. 4 Sie? rief Alexiew emporfahrend. Ich! ſagte ſie ſtolz. Man hatte mir erzählt, wie glücklich Ihr Vater ſich fühlte über die Geburt dieſer Tochter, die ihm ſo ſpät noch geboren worden, wie ſehr er dieſes Kind liebe, und ich beſchloß jetzt, ihn zu ſtrafen für allen Frevel, den er an mir begangen. Ich kannte alle geheimen Thüren und Treppen im Schloſſe, und als ich es erfahren, in welchem Zimmer das Kind ſei, wußte ich auch, daß ich es rauben könnte, unbemerkt! Und jetzt erzählte ſie dem athemlos horchenden Prinzen, wie ſie heimlich ſich Abends eingeſchlichen in das Palais, wie ſie ſich verborgen gehalten, bis Alles ſchlief, und dann unbemerkt in das Schlafzim⸗ mer des Kindes gedrungen ſei, wo ſie das Kind aus der Wiege genommen, unbemerkt von der ſchlafenden Wärterin. Dann habe ſie eiligſt und ungeſehen das Haus verlaſſen, um in derſelben Nacht noch mit dem Kinde und ihrem Gatten Peſth zu verlaſſen und mit Extrapoſt in raſender Eile nach Deutſchland zurück⸗ zukehren. 3 Sie wußte dabei ſo genaue Details anzuführen, ihre Angaben über die Lage des Zimmers, über alle die nähern, bei jenem Raube obwaltenden Umſtände ſtimmten ſo genau mit ſeinen Erinnerungen zuſam⸗ men, daß Fürſt Alexiew ſich geſtehen mußte, es ſei dies Wirklichkeit und Wahrheit, und dieſe alte, ver⸗ laſſene Geliebte ſeines Vaters ſei in der That die Räuberin ſeiner Schweſter. Aber er beſchloß auf ſeiner Huth zu ſein, und die alte Primadonna vor⸗ — 107— läufig mindeſtens nicht ahnen zu laſſen, daß er ihren Worten Glauben ſchenke. Er fragte deshalb mit einem leichten Lächeln, was aus der Kleinen, die ſie für ſeine Schweſter auszugeben wünſche, geworden ſei. Madame Albratti fuhr in ihrer Erzählung fort. Sie ſagte ihm ſchluchzend, daß das Unglück, welches ſie in Peſth darniedergeworfen, ihr nun auch nach Deutſchland gefolgt ſei, und ſie überall auf der Bühne ausgelacht und ausgepfiffen worden, bis endlich keine Bühne ihr mehr das Auftreten und Singen hätte geſtatten wollen, weil ſie höchſt lügenhafter Weiſe Alle behauptet hätten, ſie habe ihre Stimme verlo⸗ ren, und ſei zum Singen überhaupt zu alt. Aber, um ihr Mißgeſchick zu vollenden, ſei ihr Mann durch einen Beinbruch zum Tanzen untauglich geworden, habe ſich aus Mißmuth dem Spiel ergeben, und in einem einzigen Jahre ihr ganzes, nicht unbedeuten⸗ des Vermögen verſpielt, ſo daß ſie plötzlich in Ar⸗ muth und grenzenloſes Elend geſunken ſei. Und dann erſt, ſagte ſie zornig, erſt, nachdem er mich rui⸗ nirt, ſtarb der Elende, und ließ mich als einſame Bettlerin zurück. 3 Und das Kind, das ſie für meine Schweſter aus⸗ geben möchten? fragte der Fürſt. Es war immer noch bei mir, aber jetzt bereuete ich, es mit mir genommen zu haben, denn es ward mir eine bittere Sorge und Laſt! Ich ſchrieb alſo an Ihren Vater und entdeckte ihm Alles, aber mein Brief kam unerbrochen zurück, er ſelbſt hatte darauf geſchrieben, daß er niemals Briefe von mir anneh⸗ men würde. Aber ich ließ mich nicht abſchrecken, ich ſchrieb immer wieder und immer wieder kamen meine Briefe unerbrochen zurück. So mußte ich mich end⸗ lich in das Unvermeidliche fügen, und nun wenig⸗ ſtens ſuchen, ſo viel Vortheil als immer möglich — 108— aus der mir aufgedrungenen Tochter zu ziehen. Ich wollte ſie zur Tänzerin ausbilden, und ſchon als ſechsjähriges Kind mußte ſie zur Bühne Auch hatte ſie die glücklichſten Anlagen, und konnte bald ſchon recht viel Geld verdienen. Es wäre Alles ganz gut gegangen, denn Amintha iſt jetzt faſt vier⸗ zehn Jahre und bei ihrer Schönheit war uns eine glänzende Zukunft gewiß. Aber der Verſucher wollte mein Verderben und ich fiel als ein blindes Opfer⸗ lamm in ſeine Schlingen! Amintha heißt dieſes Mädchen? fragte der Fürſt. Ja, Amintha, und Sie kennen ſie, denn Sie waren es, der mir den Verſucher ſandte, Ihnen über⸗ ließ ich, ohne es zu wiſſen, Ihre Schweſter. O, Ihr Unterhändler war ſehr klug, ſehr verſtändig, er hat mir niemals den Namen des vornehmen Herrn, der meine Tochter liebte, ſagen wollen, und mir nicht einmal das Geld, das ich mir ausbedungen, ausge⸗ zahlt. Sie aber, Prinz, zittern Sie, denn Ihre eigene Schweſter iſt es, die Sie mir entführten! Während die alte Primadonna mit hochpatheti⸗ ſchem Tone ſo ſprach, ward die Thür raſch geöffnet und Paulowitſch erſchien in derſelben. 8 Ach, da iſt der liſtige Herr, der mich anzuführen gedachte! rief die Alte ingrimmig. Aber Panlowitſch achtete nicht auf ſie. Er trat zu ſeinem Herrn und flüſterte ihm einige Worte in’s Ohr. Wie? rief der Fürſt. Entflohen? Amintha auch? Paulowitſch bejahete es und reichte dem Fürſten ein kleines Blatt Papier, das er auf Amintha's Zim⸗ mer gefunden. Mit zitternder Hand hatte Amintha geſchrieben:„Es iſt neun Uhr, die Stunde meiner Flucht! Wenn Sie dieſe Zeilen finden, bin ich ſchon viele Stunden entfernt. Klagen Sie Niemand an. — 109— Niemand weiß um meine Fluchtz, Niemand hat ſie verſchuldet. Ich gehe, weil ich gehen will. Suchen Sie mich nicht bei meiner Mutter, niemals kehre ich zu Der zurück, die ihr Kind verkaufen konnte! Amintha.“ Fürſt Alexiew reichte das Papier ſchweigend der alten Sängerin dar und ging dann gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Befehlen Durchlaucht, daß man ſie verfolge? fragte Paulowitſch nach einer Pauſe, aber er mußte ſeine Frage mehrmals wiederholen, ehe Alexiew ihn zu hören ſchien. Nein, ſagte er endlich, Niemand ſoll ſie verfol⸗ gen. Wer nicht freiwillig bei mir bleiben will, der mag gehen, ich zwinge Niemand, in meiner Geſell⸗ ſchaft zu ſein! Entflohen, ſie iſt entflohen! kreiſchte die alte Sän⸗ Wrfn ſie iſt fort, und ich bin geprellt um mein eld! Ruhig, rief der Fürſt gebieteriſch, aber die Alte achtete nicht auf ihn. Wie eine Naſende ſtürzte ſie zu Paulowitſch hin, und ihn heftig am Arm packend, rief ſie wild: mein Geld! Ich will mein Geld haben! Sie ſind ein Betrüger, der mir ſtatt tauſend Tha⸗ lern nur fünfhundert gegeben. Ich will es haben, und ich werde nicht eher aufhören zu ſchreien, bis Sie es herausgegeben!. 4 Iſt das wahr? herrſchte der Fürſt. Sie haben das Geld, welches ſie von mir empfingen, nicht der Alten ausgezahlt?— Mein Fürſt, ſtammelte Paulowitſch. Es iſt gut, ich ſehe, daß Sie es vergeſſen haben, ſagte Alexiew ironiſch. Nachher mehr darüber. Jetzt laſſen Sie mich allein mit dieſer würdigen Dame, ich werde mich ſelber mit ihr verſtändigen.. MNiit einem zerknirſchten Sündergeſicht ſchlich Pau⸗ — 110— lowitſch hinaus, und die alte Sängerin war wieder allein mit dem Fürſten. Nun ſagte ſie. Ihre Schweſter irrt einſam und verlaſſen auf der Landſtraße umher, und ich, die ſie erzog, und von welcher Sie ſie kauften, ſtehe arm und um Geld bittend vor Ihnen! Was werden Sie thun? Vor allen Dingen dieſem albernen Mährchen kei⸗ nen Glauben ſchenken! rief er heftig. Wie, Sie zweifeln an Dem, was ich Ihnen ſagte? Können Sie mir Beweiſe geben? Beweiſe? Hier dieſes kleine Hemdchen, in wel⸗ chem ich das Kind damals entführte. Sehen Sie da das P. mit der Fürſtenkrone! Ach, ein ungeheurer Beweis! ſagte Fürſt Alexiew lachend. Sie haben irgend ein Kinderhemde genom⸗ men und dieſes Zeichen hineingenäht, das iſt Alles! Mein Gott, ſchrie die Alte, Sie wollen alſo be⸗ haupten— Daß Sie eine Lügnerin und Betrügerin ſind, unterbrach ſie der Fürſt ſtrenge, daß Sie dieſes al⸗ berne Mährchen erſannen, um Geld von mir zu er⸗ preſſen. Sie waren die Geliebte meines Vaters, das mag ſein, und daher kannten ſie die Localitäten und Verhältniſſe. Sie hörten ſodann von dem ſelt⸗ ſamen Verſchwinden meiner kleinen Schweſter, und als Sie jetzt erfuhren, daß der Sohn Ihres fürſt⸗ lichen Liebhabers hier ſei, erſannen Sie dieſes Mähr⸗ chen, um Geld von mir zu erpreſſen! O, Ihnen iſt Alles feil um Geld. Ihr eigenes Kind gaben Sie hin für Geld, und jetzt, nachdem dieſe, und wahr⸗ ſcheinlich mit Ihrem Beiſtand, entflohen, jetzt erſin⸗ nen Sie eine tragiſche Geſchichte, um auf's Neue Geld von mir zu erpreſſen! Aber Geduld, Madame, — 111— ich bin nicht der Narr, der Ihrer albernen Geſchichte Glauben ſchenkt! Sie haben keine Beweiſe, als Ihr lügneriſches Wort, und es wird Sie nicht überraſchen, wenn ich dieſem nicht glaube. Ich ſchwöre Ihnen bei Gott dem Allmächtigen, Amintha iſt Ihre Schweſter! ſchrie die alte Sän⸗ gerin. Und ich glaube Ihnen kein Wort, ſagte der Fürſt ſtrenge. Sie ſind eine Betrügerin, ſage ich, eine Betrügerin, welche ihre eigene Tochter verkaufte. Schreien Sie immerhin, es iſt ſo, und in dieſer Stunde noch werde ich Sie der Polizei überantwor⸗ ten, wenn Sie nicht endlich ſich zur Ruhe geben!. Sie wollen alſo nichts für mich thun? ſchrie die Alte zitternd vor Zorn und Schrecken. Gar nichts! ſagte er lachend, mein Vater hat ge⸗ nug für Sie gethan, denke ich; Sie können aber wohl zufrieden ſein, wenn ich nichts für Sie thue, denn das Einzige, was ich thun könnte, wäre eben, Sie der Gerechtigkeit zu überantworten, und was dieſe für Sie thun könnte, werden Sie ſich ſelber ſagen. Amintha iſt Ihre Schweſter! ſchrie die Alte. ehe Ihnen, wenn es ſo wäre, rief der Fürſt, wehe Ihnen, wenn ich dieſem Mährchen glaubte und die Geſetze zu Hülfe riefe gegen die Kindesräuberin und Seelenverkäuferin! Danken Sie alſo Gott, daß ich Ihnen nicht glauben will, und ſchweigen Sie mit Ihren Albernheiten! Sie haben mir Ihre Tochter verkauft, und da, wie ich höre, Paulowitſch Sie noch nicht ganz befriedigt hat, ſo will ich ſelbſt dieſe An⸗ gelegenheit ordnen. Hier ſind hundert Louisd'or, nehmen Sie! Und nun, da dieſes Geſchäft zu Ende gebracht und Sie keine Forderungen mehr an mich haben, würden Sie mich verbinden, wenn Sie Sich entfernten. Sollte es Ihnen aber gefallen, ſich je⸗ — 112— mals wieder mir zu nahen, ſei es mündlich oder ſchriftlich, ſo werde ich Mittel finden, Sie zum Schwei⸗ gen zu bringen, und die Polizei wird mir dabei ihre Dienſte leiſten, deß ſein Sie gewiß. Und jetzt möge es genug ſein! Ihr allerliebſtes Mährchen war gut erfunden, und weil es mich ergötzt hat, verzeihe ich Ihnen, daß Sie mich für dumm genug hielten, ihm Glauben zu ſchenken! Er klingelte, und befahl dem eintretenden Lakaien, dieſe Dame in das Vorzimmer zu führen und ſie hinauszulaſſen. Weinend vor Zorn, ganz betäubt und ſprachlos folgte die alte Primadonna dem vor⸗ aneilenden Diener, und ſelbſt die hundert Louis'dor vermochten für den Augenblick nicht, ſie zu tröſten. Fürſt Alexiew ging lange noch tief nachſinnend in ſeinem Zimmer auf und ab. Es iſt kein Zweifel, ſagte er, und ich bin von der Wahrheit ihrer Angaben ganz überzeugt. Dieſes Kind iſt meine Schweſter, es iſt die Tochter meiner Mutter, und dieſe Aehnlichkeit mit derſelben, welche mich ſo oft frappirte, iſt mir nun ganz einfach und natürlich erklärt. Aber was ſoll nun weiter geſchehen? fragte er gedankenvoll ſich ſelber. Beweiſe ſind nicht vorhanden, und dieſem alten Weibe wird es unmöglich ſein, den Richter von der Wahrheit ihrer Angaben zu über⸗ zeugen. Ich fühle, daß ſie die Wahrheit ſpricht, aber das Gefühl gilt nicht vor Gericht. Zudem haſſe ich das öffentliche Aufſehen, es iſt mir widerlich, der gelangweilten Welt ein Geſchichtchen zu liefern, mit der ſie ſich eine halbe Stunde erheitern kann. Und dann dieſes Bedauern und mitleidige Achſelzucken um die Verminderung meiner Güter! Auch würde man am Ende noch meine Tugend und Großmuth preiſen, wenn ich freiwillig ſie in ihre Rechte einſetzte. Inſuppor⸗ — 113— table! Dieſe Sache wird alſo ein Geheimniß bleiben! Aber entſchädigen werde ich Amintha, und was ihr gebührt als meiner Schweſter, das werde ich ihr geben! Er klingelte und befahl Paulowitſch zu rufen. Paulowitſch, ſagte er, als dieſer demüthig und zitternd eintrat, Du haſt dies alte Weib und mich betrogen. Ich will Dir vergeben, ja, ich will mehr thun, ich will Dich reichlich belohnen, wenn es Dir gelingt, dieſes Kind, dieſe Amintha, wiederzufinden und zu mir zurückzubringen. Eile alſo ſie zu ſuchen. Hier iſt Geld, nimm ſo viel Du bedarfſt! Dieſes Kind aber muß ich wieder haben! III. 3 Gräfin Aurelia. Sie hatte verzichtet. Verzichtet auf das Glück und die Liebe. Mit kaltem, thränenloſem Auge hatte Aurelia noch einmal rückwärts geblickt, nichts mehr hatte ſie bemerkt, als die enteilenden Schatten ihres entſchwundenen Glückes, und dieſe Schatten hatten ſich drohend gegen ſie erhoben, um von nun an ſie zu verfolgen und als rächende Erinnyen ihre Zukunft zu vergiften! Glücklich war ſie geweſen, weil ſie treulos geworden, beglückt durch Liebe, hatte ſie den Gemahl verrathen, und aus der Liebe ſelber ſollte ihr die Strafe erwachſen, denn Er, welchen ſie ge⸗ liebt, ſo heiß, ſo glühend, daß ſie für ihn ihre Ehre, ihre Treue, ihre Selbſtachtung in den Staub getreten, Er war es, der ſie verließ, der mit lächelndem Munde ihr den Dolch in's Herz ſtieß, und für ihre Qualen keine Thräne, für ihren Jammer nicht einmal den lindernden Balſam des Mitgefühls hatte! Sie litt Todesqualen,— und ſtie litt allein! Keiner auf der ganzen, großen Welt, der ihr unermeßliches Elend „verſtand, der eine Freundeshand legte auf dieſes zuckende, in Todesqual ringende Herz! Ganz allein, — 115— ganz einſam! Liebend, und nicht mehr geliebt, ver⸗ rathen, und für den Verräther keine Rache!— Aber das mußte ertragen, mußte ausgelitten werden, und es war das leichter zu Ertragende. Schwerer, unendlich ſchwerer war es ihr, die Liebe und Hochachtung Deſfſen zu ertragen, den ſie ver⸗ rathen, deſſen Ehre ſie unter ihre treuloſen Füße getreten, deſſen Gemahlin ſie war, und dem ſie die heilig beſchworene Treue gebrochen! Wer will ſagen, daß ein ſolcher ehelicher Treubruch nicht ſeinen Rächer fände auf Erden, ſelbſt wenn er geheim verübt worden, wenn er keinen Mitwiſſer habe, als Gott und den Genoſſen des Verbrechens? Furchtbar, entſetzensvoll war Aurelien dieſer Rächer erſchienen! Verlaſſen ſah ſie ſich von dem, für welchen ſie verrieth, geliebt und hochgeachtet von dem, welchen ſie verrathen! Er war zurückgekehrt, ihr verrathener Gemahl, arglos, vertrauend, liebevoll war er zurückgekehrt, und er ſah nichts, er merkte nichts, weil er eben arglos war, weil er ihr grenzenlos vertraute, weil er ſie grenzenlos liebte! Ach, wenn er neben ihr ſaß, wenn er mit beredten Worten ihr ſeine Liebe, ſeine Sehnſucht ſchilderte, wenn das flammende Auge die Schneeflocken dieſes Haares Lügen ſtrafte, und ſie nicht den Greis vor ſich ſah, welcher ſie betrog, ſondern den Jüngling, welcher ſie liebte, wie eine Heilige, einen Engel, ach wie oft zog es da ihr Herz zu⸗ ſammen, wie ein Krampf, und ſie hätte zu ſeinen Füßen niederſinken und ihm Alles geſtehen mögen, ihre Schande und ihr Verbrechen! Aber ſie wagte es nicht, denn ſie blickte auf dieſes weiße Haar, und ſie erinnerte ſich, daß dieſer Mann, deſſen Herz ſie liebte mit der Friſche eines Jüng⸗ 8* — 116— lings, daß er ein Greis ſei, den ſie tödten würde mit der entſetzlichen Kunde ihres Geheimniſſes. Nächte lang, einſame, furchtbare Nächte, rang ſie die Hände zu Gott empor, nicht um Erbarmen, nicht um Gnade, ſondern nur um Strafe, um Ver⸗ nichtung, um Tod! Ach, ſterben, wie ſüß wäre das, ſterben, nicht mehr zu hören, wie der verrathene ge⸗ täuſchte Gemahl ſie nannte mit den Namen der Liebe, nicht mehr zu ſehen, wie er ſie umgab mit Sorg⸗ falt und Aufmerkſamkeit, wie ſein umdüſtertes Auge ſorgenvoll auf ihr ruhte, weil ſie leidend war und blaß, weil ihr Körper endlich dieſen Folterqualen zu erliegen drohte, ſterben, und ihn nicht mehr ſehen zu müſſen, den ſie geliebt, der ſie verrathen hatte, nicht mehr ſeine Stimme hören zu müſſen, und ihn vor ſich zu ſehen mit ſeinem kalten und ruhigen Lächeln! Arglos erſcheinen zu müſſen und gleichgültig, wenn von ihm die Rede war, arglos, als ihr Gemahl zu ihm ging. Ihn willkommen heißen zu müſſen, als er ihn zu ihr führte, es dulden zu müſſen, daß er ihre Hand faßte und ſie küßte, daß er ihr gegen⸗ über ſaß und gleichgültig, unbefangen mit ihr ſchwatzte von den Nenigkeiten des Tages und den kleinen Begegniſſen der Geſellſchaft! Aus den Entzückungen der himmelanſtürmenden Liebe zurückgeſchleudert in die kalte und nackte Wirklichkeit, den Geliebten ver⸗ wandelt zu ſehen in einen gleichgültigen Bekannten! Fehlte ihrem verrathenen Gemahle wohl ein Rächer? War er es ſich nicht ſelber, indem er ſie liebte, indem er ſie hochſtellte, ſie umgab mit ſeiner Sorgfalt, ſie ſchützte und bewachte als das heiligſte und theuerſte Kleinod ſeines Lebens, ſie, welche doch wußte, daß ſie das Alles nicht verdiente, daß ſtatt dieſer Worte der Liebe nur Worte der Verwünſchung ihr von ſeinen Lippen dringen, daß er ihr fluchen — 117— ſollte, ſtatt ſie zu ſegnen, verachten, ſtatt ſie hoch⸗ zuhalten? So waren acht Tage vergangen ſeit der Heim⸗ kehr des Grafen Marfilla, für ihn glückliche, für ſie entſetzliche qualvolle Tage! Er war bei ihr im Zimmer, er plauderte mit ihr, ganz harmlos und unbefangen, er nannte ſie ſeine Geliebte, ſeines Lebens köſtlichen Morgenſtern, er pries ſie hoch, weil ſie ihn liebe, den Greis, den Mann mit weißen Haaren, und ſie mußte es erdulden und mußte ſchweigen!— Ein Diener brachte einen Brief an den Graſen; es war eine Geſchäftsanfrage, weiter nichts, aber ſie mußte ſogleich beantwortet werden. Der Graf bat ſeine Gemahlin um Erlaubniß, hier an ihrem Schreibtiſch einige Zeilen ſchreiben zu dürfen. Es war kein Papier mehr in der ſammetnen Mappe, aber der Schlüſſel ſteckte in der Schatulle, und der Graf öffnete ſie, um ein wenig Papier zu ſuchen. Weshalb ſtand Aurelia todesbleich, zitternd da? Sein Auge war zufällig auf ein ſilbernes Käſtchen geſallen, und er ſagte bewundernd: welch ein koſt⸗ bares, ausgezeichnetes Käſtchen iſt dies! Weiter nichts! Dann ſchrieb er und gab dem harrenden Diener das Papier. Aurelia war ganz rathlos, ſie wagte nicht die Schatulle zu ſchließen und den Kaſten fortzunehmen, ſie fürchtete, das möchte ihm auffallen, ſie fürchtete, denn ihr Gewiſſen klagte ſie an. Der Graf liebte ſehr ſolche alten, mittelalterlichen Kunſtſchätze, und dieſes Käſtchen war wirklich ſo ſchön, daß man es für eine Arbeit des Benvenuto Cellini oder Peter Viſcher's halten mochte. Er betrachtete es aufmerkſam und bewundernd, — 118— und fragte, woher ſie dieſes ſchöne und ſeltene Kunſtwerk erhalten? Aurelia nannte mit ſtockender Zunge und ver⸗ gehendem Athem irgend einen Namen. Ach, alſo ein Geſchenk, ſagte er, ſonſt würde ich Dich bitten, dieſes reizende Kunſtwerk mir für meine Antikenſammlung zu geben. Es würde ein Pracht⸗ ſtück derſelben ſein. Er erwartete offenbar, daß ſie es ihm anbieten würde. Aber Aurelia that es nicht, ſie lächelte nur verlegen und ſtammelte einige unhörbare Worte. Das überraſchte ihn nur und machte ſeinen Wunſch nur noch lebhafter. Nirgends ſieht man ein Schlüſſelloch, ſagte er, und alſo muß irgend eine geheime Feder das Käſt⸗ chen öffnen. Das beſtätigt mich in der Vermuthung, daß es von Benvenuto iſt. Er pflegte gern ſolche künſtliche Spielereien an ſeinen Kunſtwerken anzu⸗ bringen! Der Kelch irgend einer Blume, das Auge irgend einer ſeiner Geſtalten ward ihm der geheim⸗ nißvolle Talisman, deſſen Druck genügte, das Ver⸗ ſchloſſene zu öffnen. Darf ich nach der Feder hier ſuchen, oder enthält der Kaſten Geheimniſſe? Sie wagte nicht Nein zu ſagen!. Und der Graf drückte an jeder Roſe, an jedem dieſer Schnörkel und künſtlichen Windungen. Zit⸗ ternd, faſt ſterbend vor Qual ſah Aurelia ihm zu, dann athmete ſie höher auf,— ſie wagte zu hoffen, denn der Graf ſuchte an einer falſchen Stelle, nicht in den Verzierungen, ſondern unten auf dem Boden war die geheimnißvolle Feder. Es iſt umſonſt, ſagte er unmuthig, ich finde es nicht! Und zur Strafe dafür ſage ich es Dir nicht! rief — 119— Aurelia mit erzwungenem Lachen, und ſtreckte die Hand nach dem Kaſten aus.. Schon wollte er es ihr reichen, aber noch einmal drehte er prüfend das Käſtchen nach allen Seiten um. Da, das wird es ſein! Dieſer kleine, erhabene Punkt hier auf dem Boden, ich wette, das iſt die Feder.— Da, richtig, der Deckel öffnet ſich, und weil der Graf den Kaſten umgewendet, den Deckel nach oben gehalten hat, fällt ſein Inhalt zur Erde. Wie? Ein Dolch! Und Briefe? fragte der Graf lachend, aber das Lachen erſtarb auf ſeiner Lippe, als Aurelia mit einem Schrei des Entſetzens auf die Briefe hinſtürzte und ſie mit zitternden Händen zu- ſammenraffte. Briefe von Deiner Handſchrift, Aurelia? fragte er ernſter, und hob eins dieſer Blätter auf. Wie eine Tigerin, mit einem einzigen Sprunge war ſie neben ihm. Gieb mir das Blatt! Du wirſt es nicht leſen! Jetzt werde ich es! ſagte er furchtbar ſtrenge, und wehrte ſie zurück. Mit einem ſchwachen Schrei glitt ſie kraftlos auf einen Stuhl, die Briefe eentſanken ihrer Hand, und fielen zur Erde. Der Graf hob ſie alle auf, alle, und ſetzte ſich ſeiner Gemahlin gegenüber. Eine Pauſe trat ein, eine entſetzensvolle Pauſe. So ſtill war es, daß Aurelia ganz deutlich das Klopfen ihres Herzens vernahm und zugleich das laute, krampfhafte Aechzen ihres Gemahls, der ihr gegenüber ſaß, todesbleich, mit zuſammengepreßter Lippe, die Briefe leſend, welche Aurelia an den Fürſten Alexiew Pomowsky geſchrieben. Und ſo unermeßlich war ihr Unglück, daß ſie es faſt für eine Erleichterung und Erlöſung hielt, end⸗ lich nicht mehr ihrem Gemahl als die Tugendhafte — 120— und Reine gegenüber zu ſtehen, ſondern es als eine Wohlthat empfand, daß er ſie jetzt erkennen müßte in ihrer ganzen Schuld, in ihrem ganzen Verbrechen. Er las weiter, und immer weiter, ohne nur ein einziges Mal zu ihr hinzublicken, aber plötzlich über⸗ zog eine dunkle Röthe ſein Geſicht, die Adern ſeiner Stirn ſchwollen hoch auf, ſeine Augen ſchleuderten Blitze— er hatte den Brief geleſen, in welchem Aurelia dem Fürſten geſtand, daß ſie ſich Mutter fühle!— Aurelia, ſchrie der Graf emporſpringend und ſich hochaufrichtend, Aurelia, Du— Mehr ſagte er nicht,— der erhobene Arm ſank ſchlaff hernieder, die ſtolze Geſtalt fiel gebeugt in den Fautenil zurück, die Lippen murmelten nur noch leiſe, lallende Worte, und auf dieſer marmorbleichen, kalten Stirn ſtanden große Schweißtropfen. Nur ſeine Augen hatten noch alle Gluth des Lebens, und ſie ſtarrten Aurelien an mit dem Ausdruck des finſterſten Haſſes, des unverſöhnlichen Zornes. Aurelia ſtürzte nieder zu den Füßen ihres Ge⸗ mahls. Sie umklammerte ſeine Kniee, ſie flehte ihn an um Vergebung, um Mitleid, und als er immer noch ſchwieg, als dieſe Augen immer noch ſo drohend und entſetzensvoll auf ihr ruhten, da bat ſie nur noch um ein Wort des Zornes, nur noch um ſeinen Fluch. Aber nicht mehr dieſes entſetzensvolle, ver⸗ nichtende Schweigen, nicht mehr dieſes fürchterliche, zornige Anblicken, o Gott, nur ein Wort der Ver⸗ wünſchung, der Verachtung! Immer daſſelbe Schweigen, dieſelbe Todtenſtille, derſelbe finſtere, ſtarre Blick, unbeweglich, ewig. Und ſie faßt ſeine Hand, weinend, flehend um Gnade, um ein wenig Mitleid, ein wenig Erbarmen, dieſe Hand iſt ſchlaff und kalt, ſie ſtößt nicht einmal ——ꝛ—ꝛ—— — 121— dieſes Weib zurück, das jammernd, ſich im Staube windend da liegt. Sie wagt es, ſchreckensvoll in ſein Antlitz zu ſchauen,— es iſt farblos, gelb und wächſern, das Angeſicht eines Sterbenden! Aber immer noch dieſe weitaufgeriſſenen, ſtarr auf ſie ge⸗ richteten Augen, immer noch dieſer Blick voll Haß und Zorn! 3 Wie eine Raſende ſtürzt Aurelia zur Thür. Einen Arzt, ſchnell einen Arzt! Der Graf ſtirbt! Schafft einen Arzt! Die Diener eilen von dannen, Aurelia ſtürzt zum Seſſel des Grafen zurück! Immer noch dieſelbe Unbeweglichkeit— ſie legt die Hand auf ſein Herz — es ſchlägt nicht mehr,— ſie neigt ſich zu ſeinem halbgeöffneten Munde,— kein Athem kommt mehr über dieſe bläulichen Lippen. Er iſt todt! ſchreit ſie, kreiſcht ſie mit den Tönen der Verzweiflung, er iſt todt, und ich bin ſeine Mörderin! Als der Arzt kommt, findet er in dem Seſſel eine Leiche, eine kalte, unbewegliche Leiche, die großen, weitaufgeriſſenen Augen, deren Blick im Haſſe er⸗ ſtarrt iſt, dieſe großen, entſetzensvollen Augen un⸗ verwandt hingerichtet auf diefes Weib, das ſich zu ſeinen Füßen windet in unendlichen Schmerzen, in grauſamen Qualen. Pläne und Wünſche. Die Baronin hatte Recht gehabt, auf die Unbe⸗ ſtändigkeit des Fürſten Alexiew zu hoffen. Er hatte die Gräfin Marfilla verlaſſen, aber freilich das ge⸗ nügte nicht, die Hauptſache war, daß er ſich der Baronin zuwandte. Aber dazu ſchien für den Augen⸗ blick noch keine Hoffnung ſich darzubieten. Der Fürſt hatte ſich, für den Augenblick wenigſtens, von allen Zerſtreuungen zurückgezogen. Ganze Tage blieb er eingeſchloſſen und allein in ſeinen Zimmern, ſich mit ernſter Lectüre beſchäftigend und ſtrengen Studien ſogar obliegend. Das Vergnügen war er⸗ ſchöpft, und jetzt wollte er ſehen, ob die Wiſſen⸗ ſchaft ihm nicht einigen Erſatz zu bieten vermöchte für die zu Tode gehetzte Freude. Das Weltkind hatte ſich in einen Philoſophen ver⸗ wandelt, der Genußmenſch war zu einem Asceten geworden, der mit Ekel von ſich ſtieß, was er kurz zuvor noch mit Jauchzen umfangen gehalten, aber es war nur die Ueberſättigung, welche aus Fürſt Alexiew einen Philoſophen und Asceten gemacht. Eine neue Laune war in ihm erwacht, neue Wünſche — — 123— waren in ihm aufgeblüht. Und dieſe Wünſche waren durch die glänzenden unſchuldsvollen Blicke eines jungen Mädchens wach gerufen, eines jungen Mädchens, das ſeine Liebe nicht begehrte, ſeine Aubetung nicht einmal ſah und begriff. Dieſes Mädchen war Emmy, dieſe ſanfte, zarte Erſcheinung mit dem Madonnenlächeln und der ganzen bezaubernden Anmuth der Unſchuld. Als er ſie an ihrem Hochzeitstage geſehen, ſo ſchön und ſo bleich, ſo gottergeben und lilienhaft zart und rein, eingehüllt in den weißen Spitzen⸗ ſchleier, den heiligen Brautkranz in den blonden wallenden Locken, ſeitdem war ſie ihm das Traum⸗ bild ſeiner Phantaſie, der Engel geworden, zu dem er betete um Frieden und Ruhe, um ein wenig Un⸗ ſchuld, ein wenig von den längſt verblichenen Schwär⸗ mereien ſeiner Ingendträume!— Aber Fürſt Alexiew verſtand doch die ſchmachtende, platoniſche Liebe nicht mehr ganz, er wollte nicht bloß von fern anbeten und ſchwärmen, er wollte mindeſtens ſagen, daß er liebe und anbete, er verlangte keine Rendezvous, keine Händedrücke und Küſſe, aber einen geiſtigen Verkehr, eine geiſtige Gemeinſchaft. Es war ihm ſo neu, ſo pikant, nur brieflich ſeine Liebe zu bekennen, nur mit geſchriebenen Worten ſie zu bethätigen, es ließ ſich ſo Vieles ſchwärmen und malen in Briefen, und dieſe Briefe, ſie füllten ſo köſtlich dieſe öden, langweiligen Stunden des Tages aus!— Er wagte es, an Emmy zu ſchreiben, und, da er wußte, daß der Exbaron Hermfeld Emmy's Ver⸗ wandter ſei, hatte er dieſem ſich anvertraut, dieſen zum geheimnißvollen Boten ſeiner Liebe erwählt. Täglich ſchrieb er an Emmy, und täglich brachte ihm der Baron Antwort, und Emmy's Briefe, die ſie — 124— dem Fürſten ſchrieb, waren ſo voll Geiſt und An⸗ muth, voll Witz und Liebenswürdigkeit, daß Fürſt Alexiew ſich durch dieſe Briefe immer inniger gefeſſelt, immer auf's Neue angeregt und begeiſtert fühlte! Er ſehnte ſich nach den Briefen Emmy's wie er ſich ſonſt in früheren Liebesverhältniſſen uach den Umarmun⸗ gen und Küſſen ſeiner Geliebten geſehnt. In der Ueberreiztheit und Erſchöpfung ſeiner Sinne ſchienen ihm dieſe geiſtigen Briefrendezvous ſo neu und pikant, wollte, wünſchte er nichts weiter. Es war ein neuer Roman, eine nene Art der Liebesintrignen, und dieſe ganze Reihe der Verſiche⸗ rungen und Betheuerungen, der Wünſche und Hoff⸗ nungen, die er ſonſt zu den Füßen ſeiner Geliebten mit heißen, lebensvollen Worten durchgeſpielt, ſie ſollte jetzt in Briefen und todten Buchſtaben ſich be⸗ kunden. Wie ſchön, wie geiſtreich aber auch und tiefem⸗ pfunden waren Emmy's Briefe! Wie viel Unſchuld und Begeiſterung, wie viel Wahrheit und Liebe in dieſen Briefen! Mit welcher zarten Mädchenſchüchternheit hatte ſie das Bekenntniß ſeiner Liebe aufgenommen und erwiedert! Nur Eins ſchien ihre Seligkeit, ihren reinen Lie⸗ beshimmel zu trüben, dies nämlich, daß ihre Mutter niemals in ihre Verbindung mit dem Fürſten willigen werde, ſondern, daß ſie darauf beſtehen würde, Emmy ſolle durchaus Alfred von Wülfingens Gattin wer⸗ den. Und ihre Mutter ſei eine ſehr hartnäckige Frau, ſchrieb Emmy ihrem Geliebten, dem Fürſten Alexiew, ihre Mutter werde nie ein einmal gegebenes Wort zurücknehmen, und nie könne Emmy darauf rechnen, daß ihre Mutter ſich erweichen laſſe und ihrer Liebe zum Fürſten ihren Segen gebe, vielmehr würde ſie, 7 — 125— ſobald ſie dieſelbe ahne, auf die ſofortige Trauung mit dem wiedergeneſenen Verlobten, Alfred von Wül⸗ fingen, beſtehen. Deshalb machte Emmy ihrem Freunde die ſtrengſte Verſchwiegenheit, die größte Zurückhaltung zur Pflicht, niemals ſolle er es wagen, irgend ein Einverſtändniß zu verrathen, oder ſich ihr anders, als ganz fremd und abgemeſſen zu nähern, niemals begehren, ſie allein zu ſprechen, weil dem ſpähenden und aufmerk⸗ ſamen Blicke der Baronin nichts entgehe, nichts ver⸗ borgen bliebe. Fürſt Alexiew gehorchte getreulich den Befehlen ſeiner Geliebten, und wenn er ſie ſah, nahte er ſich ihr nur als ein ganz fernſtehender, oberflächlicher Be⸗ kannter. Nur wunderte er ſich zuweilen über die Ruhe und Gewandtheit, mit der ſich Emmy in dieſe ſchwierige Rolle fügte, kein Blick, kein Lächeln ver⸗ rieth jemals, daß ihr dieſer Fürſt Alexiew, der ſo fremd und kalt ihr gegenüber ſtand, nicht gleichgültig, und dieſes junge, unſchuldige Mädchen übte die ſchwierige Kunſt der Beherrſchung in einer wahrhaft bewunderungswürdigen Weiſe. Aber freilich, die Baronin war auch immer an ihrer Seite, ſie verließ ihre Tochter nie, ihr ſpähendes Auge folgte ihr überall hin, und nach jedem ſolchen gezwungenen Begegnen waren Emmy's Briefe noch liebevoller und anmuthiger, immer klagte ſie dann über dieſe bittere Nothwendigkeit der Verſtellung und Falſchheit, und machte doch wieder dieſe Verſtellung zur Pflicht, dieſe augenblickliche Falſchheit zur unbe⸗ dingten Nothwendigkeit.— Und Emmy, dieſes unſchuldige, ſchwärmeriſche Kind, ſie ahnte nichts von den Briefen, die ſie täglich dem Fürſten ſchrieb, doch ſchrieb ſie täglich Briefe, und es waren auch Liebesbriefe, aber wie verſchieden von denen, welche der Fürſt in Emmy's Namen empfing. Dieſe Liebe, welche in Emmy's wirklichen Briefen ſprach, ſie hatte eben ſo viel mit Gott als mit den Menſchen zu ſchaffen, ſie war aufgegangen in Gott, für eine Zeitlang mindeſtens hatte das irdiſche Sehnen und Begehren den höhern Rückſichten weichen müſſen, und wer dieſe Briefe Emmy's an ihren Freund, der nun nicht mehr der Pater Joſeph war, ſondern mit dem frühern Taufnamen ſich wieder Adalbert nannte, wer dieſe Briefe Emmy's und ihres Freundes geleſen, der würde nimmer geglaubt haben, daß es ein Liebes⸗ paar ſei, welches ſich dieſe Briefe ſchrieb. Aber ſie waren einander ſo gewiß, ihre Seelen hatten ſich ſo ganz und ſo vollſtändig verſtanden, daß es gar keiner äußern Verſicherung, keiner Er⸗ neuerung und Wiederholung des einmal Ausge⸗ ſprochenen bedurfte, und daß ſie ſich ganz für den Augenblick dieſen mächtigen und heiligen Zweifeln und Gefühlen überließen, welche jetzt den Inhalt ihres ganzen Lebens bildeten. Pater Joſeph, oder Adalbert, wie wir ihn von jetzt an nennen werden, Adalbert ſchrieb ihr, daß er, feſt entſchloſſen, die Feſſeln des Katholicismus zu verlaſſen, noch ſchwanke, welcher andern äußern Religionsform er ſich zuwenden ſolle. Ich würde ſagen, ſchrieb er ihr, daß ich mich gar keiner beſtimmten Form, gar keiner äußern, ſicht⸗ baren Kirche zuwenden will, weil Gott nur im Geiſte ſeine rechte Kirche, in der Wahrheit ſeine rechte An⸗ betung erkennen kann, aber die irdiſchen Religions⸗ geſetze verlangen, daß mit dem Austritt aus der einen Kirche, ſogleich der Schritt in die andere gethan ſei. Du darfſt Dich nicht erſt ausruhen und anbetend ſtille ſtehen in Gottes freier Luft, in ſeinem freien, — 127— unbeſchränkten Naturdom, Du mußt, wenn die Ueber⸗ zeugung Dich hinaustreibt aus dem Einen Dom, durchaus gleich wieder hinein in einen andern treten. Der Glaube an Gott genügt nicht, Du ſollſt auch an eine Kirche glauben, und ſtatt daß Du Gott an⸗ beten möchteſt aller Orten, wo Du ihn findeſt, daß Du jede Blume ſeinen Prieſter, jeden Menſchen ſeinen geweihten Diener nennen möchteſt, ſollſt Du beten gehen vor einem ſichtbaren Altar. Die Kirche, das iſt die Feſſel, welche an die Stelle der Religion getreten iſt, die Kirche bindet, Gott aber erlöſet, die Kirche verlangt Formeln und Gebräuche, äußern Schein und Ceremonie, Gott aber iſt über allen Formeln und über allem Schein, er ſieht nicht auf Ceremonie und Gebräuche, er will den Menſchen, den ganzen Menſchen, nicht ein wenig Flitter, ein wenig Tand der Erſcheinung. Aber freilich, der Glaube an Gott das iſt nicht die Hauptbedingniß der nenen Ghriſtlichen Kirche, Du mußt vor allen Dingen an Chriſtum glauben, und an Gott nur durch Chriſtum. Durch Chriſtum allein biſt Du Alles, eine perſönliche, unmittelbare Gemeinſchaft zwiſchen Dir und Gott iſt der chriſtlichen Kirche von heute ein Saerilegium; Deiner Selbſtſtändigkeit und Frei⸗ heit, Deiner eigenen Würde und Kraft mußt Du Dich entäußern, Dich ganz zerknirſchen in Chriſtus, und nur in ihm Dich wiederfinden, durch ihn zu Gott gelangen. Verſtehſt Du das? Es handelt ſich nicht mehr um Gott, ſondern um Chriſtus, Gott iſt ein wenig bei Seite geſchoben, und ſein Sohn iſt Herrſcher geworden auf ſeinem Thron, Niemand fragt nach Deinem Glauben an Gott, ſondern ob Du auch an Chriſtum glaubſt, darum handelt es ſich. Jeder ver⸗ gißt, daß Chriſtus nur gekommen iſt, um die reine Lehre an Gott wiederherzuſtellen, daß er nur inſofern — 128— der Vermittler ſein wollte zwiſchen Gott und den Menſchen, daß er nur Gott predigen wollte, nicht ſich.— Dies iſt der Uebelſtand unſerer neuen ehriſt⸗ lichen Kirche, und darum findeſt Du in allen unſern Domen nur noch Chriſtus, den Gekreuzigten, nicht mehr Gott, den Vater, der iſt vertrieben aus der Kirche! Du findeſt ihn aber wieder in dieſem großen, mächtigen Dome, welcher die ganze Natur, die ganze Welt iſt! In jedem edlen Gefühl, in jeder Freude, in jeder Tugend und Großthat iſt Gott, mit jeder guten That errichteſt Du ihm einen Altar, mit jeder Thräne, die Du in fremden Augen trockneſt, beteſt Du zu ihm! Ja, wenn es genügte, an dieſen Gott da draußen zu glauben, aber wir müſſen hinein in die Kirche, in welcher, ſtatt der ewigen Wahrheit, uns nur der ewige Zweifel geboren wird! Ihr freilich, Ihr glücklichen Laien, Ihr könnt in Eurem Innern abfallen von dieſer äußern chriſtlichen Kirche und Euch wieder zu Gott wenden, ſtill und unbemerkt. Anders iſt es mit dem Prieſter! Soll ich nicht heucheln in Wort und Rede, nicht eine große, ewige Lüge aus jedem Tag meines Lebens machen, ſo muß ich einen Stand verlaſſen, dem ich im Geiſte nicht mehr angehöre, das kann ich aber nicht, ohne mich ſogleich äußerlich einer neuen Form anzuſchließen, einem neuen Ceremoniell mich zu fügen! Es genügt nicht, daß ich feierlich erkläre, ich will nicht mehr katholiſcher Prieſter ſein, man fragt mich ſogleich: zu welcher Religion ich mich bekenne, was ich glaube? Es genügt nicht, daß ich ſage: ich glaube an Gott und bekenne mich zu der Religion der Menſchenliebe, welche Chriſtus gelehrt hat! Nein, es bedarf eines äußern Glaubensbekennt⸗ — — 129— niſſes, einer äußern chriſtlichen Kirche, es bedarf der Symbole und Satzungen, des ganzen Ceremoniells einer Kirche! Dies iſt ein Zwang, dem ich mich fügen muß, wenn ich frei ſein will von den Prieſter⸗ banden.— Am liebſten würde ich Jude, weil da die reinſte, unmittelbarſte Gottesverehrung iſt, aber es iſt ver⸗ boten, ſich der jüdiſchen Religion zuzuwenden, wenn man zuvor Chriſt war. Dies iſt ein harter Glaubens⸗ zwang, dem man ſich aber fügen muß, äußerlich. Der Proteſtantismus aber iſt mir zu einem Unding geworden, einer, aller Poeſie entkleideten äußern Form, welche in ſich ſelbſt zerfallen iſt, und nur künſtlich durch Fanatismus und Prieſterflickwerk noch aufrecht ge⸗ halten wird, er hat keinen Kern mehr in ſeiner großen Schale, der Wurm des Zweifels hat ihn zernagt und ausgehöhlt.— So werde ich denn Chriſtkatholik werden, vorläufig, aber ich betrachte dieſen Schritt nicht als die Voll⸗ endung, ich will damit nur den erſten Schritt in die Freiheit gethan, nur die Feſſeln lockerer gemacht haben, welche mich halten. Es iſt immer ein Etwas der Freiheit, ein Lichtſchimmer in dem zerſpalteten und zerklüfteten Bau der chriſtlichen Kirche. Aber dieſem Etwas darf das Vorwärts nicht fehlen, und wird es nicht! So werde ich Chriſtkatholik, um den Anfang zu haben, und dann wollen wir weiter ſuchen, nicht nach dem Ende, ſondern nach der Vollendung.— Acht Tage ſpäter meldete Adalbert ſeiner Emmy, daß ſein öffentlicher Uebertritt zum Chriſtkatholicismus erfolgt ſei, und von nun an ging Emmy jeden Sonn⸗ tag, ſtatt nach der katholiſchen Kirche, in die Ver⸗ ſammlungen der chriſtkatholiſchen Gemeinde. Wer aber ſchrieb denn die Briefe Emmy's an den Fürſten, wenn nicht ſie ſelber? Das iſt ein Ge⸗ III. 9 22 130= heimniß, das nur die Baronin Elsleben und ihr Schwager, der Baron Hermfeld kennen! Eines Tages war er zu ihr gekommen mit einem liſtigen Lächeln und ſo verſchmitztem Augenblinzeln, daß die fromme Frau ſofort eine wichtige Nachricht ahnte und haſtig nach dem Grunde ſeines Kommens fragte. Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen ein wich⸗ tiges Geheimniß verrathe? fragte er lachend. Sie fragte vorſichtig: Für mich perſönlich wichtig, oder für meinen frommen Verein? Ich bitte Sie um des Himmels willen, ſprechen Sie mir nicht von dieſem Verein! Meinetwegen mögen dieſe Lilienblätter verdorren und verwelken, was kümmert’s mich! Ich denke und ſorge nur für Sie, die ich noch immer ſo heiß, ſo unausſprechlich liebe, daß es mir ſcheint,— Laſſen wir das, unterbrach ſie ihn ungeduldig, ſagen Sie mir lieber dies Geheimniß. Umſonſt? O, Sie kennen mich— Nun, was wünſchen Sie?— Eine Anſtellung! Sie ſehen mich erſtaunt an? Ich ſehne mich nach einer geregelten Lebensweiſe, nach einer ſorgenfreien Eriſtenz, die mir zugleich wieder zu Ehre und Anſehen verhilſt! Sie ſind Vorſteherin und Theilnehmerin ſo vieler Vereine und Stiftungen, Sie ſind überhaupt von ſo mäch⸗ tigem Einfluſſe, daß es Ihnen ein Leichtes ſein wird, meinen Wunſch zu befriedigen und mir eine vor⸗ theilhafte und ehrenvolle Anſtellung zu verſchaffen! Verſprechen Sie mir dies und Sie haben mein Ge⸗ heimniß! So wichtig alſo iſt dies Geheimniß? fragte die Baronin ſinnend. Freilich, es würde mir nicht ſchwer fallen, Ihnen eine einträgliche Stelle zu verſchaffen, — 131 aber bedenken Sie doch, wie ſehr es mich compro⸗ mittiren müßte, Jemand zu empfehlen, der noch ganz befangen ſcheint in Weltluſt und Sinnentaumel, und noch nichts gezeigt hat von reumüthiger Zerknirſchung und demüthiger Einkehr in ſich ſelber! Ach, ich verſtehe, rief der Baron lachend, ich ſoll eine fromme Miene annehmen, die Hände falten, die Augen verdrehen, die Schlechtigkeit der Welt erken⸗ nen und das Verdammungsurtheil ausſprechen über diejenigen, welche nicht in heiliger Zerknirſchung win⸗ ſeln und heulen über dieſes irdiſche Jammerthal! Mit einem Wort, ich ſoll ein frommer Mann werden? Das iſt nothwendig und unerläßlich, denn nur den Reumüthigen und Gebeſſerten können wir, die wir Gott lieben und preiſen, und ſein Wort aus⸗ breiten auf Erden, ja, nur ſolchen können wir Schutz und Hülfe zuſagen! Ueberwinden Sie Sich alſo ſelbſt, laſſen Sie ab von Ihrem übermüthigen Weſen, gehen Sie in Sich, und dem Reumüthigen, dem verlornen, aber wiedergekehrten Sohne werden wir unſere Hülfe und unſern Beiſtand nicht verſagen! Gut denn, ich will vier Wochen lang alle Au⸗ dachtsübungen der Miſſionsgeſellſchaft beſuchen und bei den Verſammlungen Ihres Vereins niemals feh⸗ len, ich will mich ganz zerknirſcht zeigen, und beten und heulen, daß es eine Freude iſt. Wollen Sie mir dann eine gute Anſtellung verſchaffen? Sie ſollen das Inſpectorat einer frommen Stif⸗ tung haben, das verſpreche ich! Aber nun, Ihr Ge⸗ heimniß! Jetzt merken Sie auf! Der Fürſt Alexiew von Pomowsky iſt verliebt in Emmy, und hier iſt ein Brief an ſie, den ich verſprochen, ihr heimlich zu⸗ zuſtellen! Die Baronin nahm den Brief und erbrach ihn 9* — 132— haſtig, und der Baron rief lachend: es iſt doch eine köſtliche Sache um das Briefgeheimniß, das, wie es ſcheint, von Regierungen und Privatperſonen gleich hoch geſchätzt wird. Eine Liebeserklärung! ſagte die Baronin, nach⸗ dem ſie geleſen, und ging ſinnend auf und ab. Dann blieb ſie plötzlich vor dem Baron ſtehen und ſagte heiter: lieber Freund, wir wollen dieſes Liebesver⸗ hältniß begünſtigen! Der Fürſt ſoll erhört werden! Kommen Sie morgen wieder, um Emmy's Antworts⸗ ſchreiben an Fürſt Alexiew zu empfangen. Ich ſelber werde es Ihnen geben, und mir natürlich werden Sie auch alle die kommenden Briefe geben! Und Emmy? fragte der Baron lachend. Das unſchuldige liebe Kind darf nichts ahnen von dieſer ganzen Sache, es würde ihre reine Seele be⸗ unruhigen. Gottes Finger iſt es, der hier ſichtbar⸗ lich waltet, er hat es gefügt, daß durch mich mein geliebtes Kind vor Anfechtung bewahrt und vor der Verführung geſchützt werde. Und Gott, rief der Baron lachend, Gott hat in ſeiner Gnade es ſo gefügt, daß dieſe aufopfernde, edle Mutter eine ſehr kluge Frau iſt und ſich wahrhaft hinſchlachten will für ihre Tochter, indem ſie, ſtatt ihrer, die Liebesbriefe des Fürſten beantwortet. Sie ſehen, wir verſtehen uns vollkommen, und ich bin ganz bereit, Ihre Plane zu unterſtützen. Aber mer⸗ ken Sie Sich wohl, habe ich in vier Wochen nicht eine gute und paſſende Anſtellung, ſo verrathe ich dem Fürſten die ganze Geſchichte! Eine Anſtellung ſollen Sie haben, ſagte die Ba⸗ ronin, nur halten auch Sie Wort und zeigen ſich reuevoll und zerknirſcht, beten und kaſteien Sie Sich, das iſt heute der einzige Weg, Carrière zu machen!— Der Baron hielt Wort. Man ſah ihn täglich in — 123— den Betſtunden der Miſſionsgeſellſchaft und in dem Verein der Lilienblätter, er wohnte mit frommer Miene allen dieſen Verſammlungen der Frommen bei, mit denen ſie ſich das Himmelreich zu erobern trachten, Niemand konnte ſo herrlich ſchluchzen, ſo zerknirſchte Geſichter machen, als der Baron. Seine Schwägerin, die edle Baronin Elsleben, feierte den hohen Triumph, eine verlorne Seele dem Heile wie⸗ der zugeführt zu haben, und die Frommen alle prie⸗ ſen ſie um dieſes hohen Verdienſtes willen, und ver⸗ gaben dem Baron ſeine frühere Sündhaftigkeit, der eine ſo glänzende, zerknirſchte Reue folgte. Wirklich, es war erſchütternd, wenn der Baron, oft unterbrochen von Schluchzen und Weinen, des Himmels Zorn herbeirief über die ſündige, verderbte Menſchheit, wenn er Verwünſchungen ausſtieß über all' dieſe elenden, nichtigen Erdenfreuden, die ihn verſucht und verlockt, und die er jetzt mit dem Fuße von ſich ſtieß, um dafür ſich den Himmel zu erwer⸗ ben und theilhaftig zu werden der Seligkeit, welche nur den Frommen vorbehalten iſt. Und eine ſo reumüthige, demuthsvolle Bußfertig⸗ keit mußte belohnt werden! Die Baronin konnte ihr Verſprechen erfüllen, und der Exbaron Hermfeld ward zum Inſpector und Wirthſchaftsführer einer frommen Anſtalt ernannt, er hatte die Gelder zu ver⸗ walten und den Hausſtand dieſer Anſtalt mit allem Nöthigen zu verſorgen! Sein erſter Gang, nach Erlangung dieſer neuen Würde, war in die Familienhäuſer zu ſeiner Gattin und zu ſeinen Kindern. Er hatte ſie lange nicht ge⸗ ſehen, und vielleicht würde ſein Herz ihn auch jetzt nicht dorthin gezogen haben, wenn nicht die Baronin Elsleben es ihm zur Pflicht gemacht hätte, ſeine Gat⸗ tin aus den Familienhäuſern zu entfernen, und nicht — 134— durch die Duldung dieſes abenteuerlichen Verhält⸗ niſſes ſeiner Tochter Louiſe mit dem Weber Thomas den Frommen ein Aergerniß zu geben. Der Baron alſo begab ſich in die Familienhäuſer zu ſeiner Gattin. Sie empfing ihn mit kalter Ruhe, und mit einem verächtlichen Lächeln vernahm ſie von ſeiner neuen Würde und ſeiner vortheilhaften An⸗ ſtellung. Als aber der Baron mit ſalbungsvollen Worten und frommen Bibelſprüchen von ihr forderte, daß ſie jetzt zu ihm zurückkehre und ſeine Wohnung mit ihm theile, ſagte ſie ſanft: laß es genug ſein, Georg! Deine Bibelſprüche berücken mich nicht, und von Deinen frommen Worten laß ich mich nicht täuſchen! Man kennt ja dieſe ſtereotypen, hohlen Redensarten der Frommen! Dringe auch nicht fer⸗ ner in mich, daß ich Dir folgen ſoll, es wird nie⸗ mals geſchehen, und Du ſelber haſt es unmöglich gemacht! Ich? rief der Baron. Ich, den Gott endlich nach ſo langem Irren erleuchtete und zur Erkenntniß zu⸗ rückführte? Eben deshalb, ſagte die Baronin ſanft. So lange Du noch offenkundig ſündigteſt, da bangte und zagte mein Herz noch um Dich, da glaubte ich noch an die Möglichkeit, Dich vielleicht eines Tages durch Liebe und Geduld der Tugend und dem Guten wieder zu⸗ führen zu können. Seit Du aber ein Heuchler ge⸗ worden, iſt Alles verloren, denn die Heuchelei iſt das tödtende und ätzende Gift, welches den letzten Fun⸗ ken des Guten in Dir ertödten muß! Ich habe längſt Abſchied von Dir genommen, laß uns in Frieden ſcheiden! Gönne mir dieſe ſtillen, friedlichen Tage nach ſo langen und entſetzensvollen Stürmen! Dein Weg iſt nicht der meine, verfolge mich nicht auf meinem Wege, ich werde Dich anf dem Deinen — 135— niemals beunruhigen. Ja, ich werde ſuchen zu ver⸗ geſſen, daß Du noch lebſt, mir biſt Du geſtorben, und mit dem Todten kann ich nichts mehr gemein haben, denn ich, ich lebe, ein Leben der Arbeit und Liebe, der Genügſamkeit und Stille! Lebewohl, Georg, und denke nicht, daß ich mit Groll im Herzen von Dir ſcheide! Ich habe Dir Alles vergeben, ja, ich danke Dir ſogar. Das Unglück, welches Du auf mein Haupt geſchleudert, es hat meine Seele dem rechten Ziele zugeführt, und endlich die Nichtigkeit alles Irdiſchen erkennend, habe ich Ruhe und Frieden gefunden in Dem, was niemals aufhört uns zu tröſten, in der Arbeit! Der Reichthum iſt ein harter, falſcher Stiefvater, der uns tauſend Qualen, tauſend Ver⸗ ſtellungen auferlegt, aber die Armuth iſt unſere echte und getreue Mutter, in ihren Armen dürfen wir frei ſein und wahr, ſie ſchützt und tröſtet uns, ſie macht uns demüthig und ergeben, freudig im Entbehren, glücklich im Genießen. Und deshalb verarge es mir nicht, wenn ich ſie nie wieder verlaſſen will, die Armuth iſt meine Mutter, nnd ich will ihr getreues Kind ſein. Kindiſch wenigſtens ſcheinſt Du zu ſein, ſagte der Baron mit einem rauhen Lachen. Doch wagte er nicht, weiter in ſie zu dringen, und im Grunde ſeines Herzens empfand er eine Art Freude über ihre Weigerung. Nur mit einer Art Scheu hatte er daran gedacht, wieder mit dieſer Frau vereinigt zu werden, deren ernſter, prüfender Blick ihn unwillkürlich ver⸗ wirrt und befangen machte, und der gegenüber er kaum den Muth in ſich fühlte, dieſe fromme Maske ſich zu bewahren, weil ſie nicht damit zu täuſchen war; er wußte, daß ſie ihn ganz durchſchane, und es war ihm unbequem, ſich vor ihr zu fürchten und vor ihrem edlen, reinen Angeſicht das Auge niederſchlagen zu müſſen. — 136— Mag es denn ſein, ſagte er nach kurzem Beſinnen, ich gebe Dir nach, und werde heute noch unſere ge⸗ richtliche Scheidung einleiten. Im Grunde iſt es mir ganz recht, denn es giebt ſehr viel hübſche Ge⸗ ſichter unter dieſen frommen Lämmern, und ich bin noch nicht ſo alt, daß nicht manches junge heiße Herz ſich nach mir ſehnen könnte. Ich werde mich wieder verheirathen. Aber nun noch ein Wort über unſere Kinder! O, ſagte ſie ſtolz, meine Kinder gehören mir, die kannſt Du mir nicht beſtreiten! Kein Geſetz kann mich zwingen, meine Kinder zu verlaſſen! Auch bin ich gar nicht Willens ſie zu mir zu nehmen, ſagte der Baron, denn für einen heiraths⸗ luſtigen Mann giebt es keine größere Laſt als Kinder im Hauſe zu haben. Das macht mindeſtens um zwanzig Jahre älter. Aber für Louiſens Verheirathung zu ſorgen, das iſt die Pflicht eines Vaters, und dieſe werde ich nicht vergeſſen! Louiſe iſt verheirathet, ſagte die Baronin ruhig. Ich ſelber habe ſie an ihren Geliebten, den Weber Thomas, verheirathet! Und wer wagte es, ohne die Einwilligung des Vaters dieſe Trauung zu. vollziehen? Ich! Ich habe mein Kind ihrem Geliebten ange⸗ traut. Das iſt ein Unſinn, ſchrie der Baron, eine Gottes⸗ läſterung! Eine Mutter, welche ſelber ihre Tochter verleitet ein unmoraliſches Verhältniß zu begünſtigen! Unerhört, wehe über die gottverlaſſene Mutter, die dies dulden konnte! Exeifere Dich nicht! ſagte die Baronin mit einem verächtlichen Lächeln. Wozu dieſe frommen Redens⸗ arten, Niemand hört Dich hier, außer mir! Laß es alſo gut ſein! — 137— Aber ich werde dies nicht dulden, ſchrie der Baron, ich werde die Geſetze zu Hülfe rufen! Thue das, ſagte ſie feſt, ſchleppe Dein Kind vor Gericht, und vor den Augen aller Richter wird ſie Dir ſagen, daß Du ſie nicht von ihrem Geliebten trennen darfſt, weil ſie ſein Weib iſt. Sie wird es nicht wagen, ihre Schande zu bekennen! Nein, aber ihre Ehre! Was Ihr in der Welt Schande und Ehre nennt, das täuſcht uns nicht mehr! Wir haben ein wenig gelernt, auf den Grund Eurer Ehre und Schande zu ſehen! Ihr nennt es eine Schande, arm zu ſein, wir nennen es unſere Ehre, Euch erſcheint es eine Schande, daß Loniſe ſich vor Gott und ihrer Mutter dem Manne vermählte, welchen ihr Herz erwählt, und welcher nichts iſt als ein armer Handwerker, uns dünkt es eine Ehre, daß ſie den Muth hat, Allem zu trotzen, und ihrem Herzen, ihrer Liebe zu folgen, den Muth, Eure irdiſchen Geſetze ſelbſt zu verachten und der heiligen Stimme zu folgen, durch welche Gott und die Natur zu ihr geſprochen hat! Und abermals fühlte ſich der Baron bezwungen! Nicht durch Frau Hermfeld's Worte, ſondern durch die Ueberzeugung, daß, wenn es zu gerichtlichen Ver⸗ handlungen kommen ſolle, es nothwendig einen öffent⸗ lichen Eelat geben und alle Welt es erfahren werde, daß ſeine Tochter die Geliebte eines Webers ſei! Welch eine Schande für den frommen Inſpector einer groß⸗ artigen Stiftung, für die demüthige, gottergebene Baronin Elsleben! Beſſer iſt es, dieſe ganze Geſchichte in Stille und Vergeſſenheit einzuhüllen, dachte er, meine exaltirte rau wäre im Stande, uns vor der ganzen Welt lächerlich zu machen und zu beſchimpfen. Doch will ich mindeſtens ein wenig Vortheilhaben von dieſer Sache! Und nach vielen frommen Verwünſchungen und — 138— verdammenden Phraſen erklärte der Baron ſich be⸗ reit, Louiſe ungeſtört zu laſſen, wenn die Baronin ihm die Briefe der Baronin Elsleben übergeben wolle. O, ſagte ſie mit einem ſanften Lächeln, die ſollſt Du haben! Ich habe mein Herz längſt bezwungen, und ſeit Du mir geſtorben biſt, kann ich mich an dieſer Frau nicht mehr rächen wollen! Vielleicht auch iſt es eine ſchlimmere Rache, wenn Du ſie beſitzeſt, und ſie werden in Deinen Händen eine ſchärfere Waffe ſein, als in den meinen! Sie gab ihm die Briefe, die er mit einem triumphi⸗ renden Lächeln in ſeinen Buſen ſteckte. Wohl denn, ſo iſt Alles beendigt, ſagte er dann ruhig, und wir haben gar nichts mehr mit einander zu theilen. Morgen werde ich die Scheidung einleiten! Er wandte ſich mit einem kalten Gruße um und verließ das Zimmer. Sie horchte auf ſeine Schritte, und wie ſie in der Ferne verhallten, ſank ſie mit einem lauten Aechzen auf einen Stuhl. Vorbei! Das war der letzte Nachhall aus den Tagen ihrer Jugend! Dieſer verhallende Schritt die letzte Erinnerung an den Mann, den ſie geliebt, dem ſie ihr Leben geweiht! 3 Vor ihrem hinſtarrenden Auge zogen noch einmal in wechſelnden Bildern alle die Tage vorüber, welche geweſen, die Tage des Glückes und der Jugend, die Tage der Tänſchung und der Freude! So war alſo die Liebe nichts als ein Traum, ein großer, unermeßlicher Irrthum! Einem Phantom hatte ſie ihre Ingend und ihre Entzückungen geopfert; alle die Blüthen ihres Lebeus, die Liebe und die Treue, die Jugend und die Schönheit, ſie hatte ſie Alle gepflückt, um ſie hinunter zu ſchleudern in ein offenes Grab, und *— d39— da ſtand ſie jetzt, vereinſamt und allein! Ja, wie ein großes, ſchauervolles Grab ſtarrte ihre Vergangen⸗ heit ſie an, umſonſt ihre Liebe, umſonſt ihre Treue, Alles iſt ein Irrthum geweſen, und die Liebe, der ſie ihr Leben geweiht, die Liebe iſt nichts als eine Lüge, eine entſetzliche, furchtbare Lüge! Aber horch, dieſe ſröhlichen Kinderſtimmen, ſie kommen näher und näher, die Thür öffnet ſich, und da ſind ſie, ihre beiden kleinen Mädchen, und hinter ihnen Louiſe und Thomas, Hand in Hand, ſtrahlend in Zufriedenheit und Glück! Die Nacht entſchwand vor den Augen der Baronin, o, Alles war wieder licht und lebensvoll, und ſie breitete ihren Kindern die Arme entgegen und rief mit einem ſeligen Lächeln: die Liebe iſi doch eine ewige Wahrheit, ein ewiges, unauslöſchliches Glück! Und von nun an lebten ſie ſtille, friedvolle Tage in ſeliger Gemeinſchaſt, in geräuſchloſem, heiligem Glück. Sie waren arm, aber ſie entbehrten nicht, weil ſie nicht begehrten, weil ſie nichts mehr gemein hatten mit dem Luxus und der Ueppigkeit, weil ſie ſich ihres ärmlichen Kleides nicht ſchämten und keinen ver⸗ hüllenden Schleier mehr zu legen hatten über ihre Dürftigkeit, deshalb konnten auch die Sorgen ſie nicht mehr heimſuchen, deshalb gab es auch keine De⸗ müthigungen mehr, deshalb konnten ſie auch ſtolz ſein, deshalb waren ſie frei und unabhängig. Und dieſes anſcheinend arme, ſtille Leben, wie reich war es an Freuden, wie reich dieſe Herzen an Liebe und Glück! Die Sperlinge, welche täglich von den Kindern gefüttert wurden, und die getreulich immer wieder⸗ kehrten, das war dieſen kleinen Mädchen die ſchönſte Volièére, die Wieſe unweit der Panke, nach welcher ſie täglich ihre Spaziergänge richteten, ein köſtlicher Teppich. Und war etwa das Bouquet von blühenden 140—* Gräſern und Unkrautsblumen, war es etwa minder ſchön, als dieſe Bouquets, welche die vornehmen und reichen Leute ſich aus den Treibhäuſern holen? Man muß es nur verſtehen, blühende Gräſer und Unkrautsblumen zu pflücken, und nicht immer Treibhauspflanzen ſuchen, ſagte die Baronin lächelnd, an ſo kleinen Unkrautsblumen und Gräſern iſt das Leben immer reich, die blühen noch lange fort, wenn die Treibhausblumen ſchon verdorrt und vergilbt ſind. Aber man muß ſich wohl hüten, daß man ſie nicht zertritt, dieſe kleinen, unſcheinbaren Blümchen, und deshalb iſt es weiſe, nicht immer den Kopf hoch zu halten und in der Höhe und in Treibhäuſern Blumen zu ſuchen, ſondern ſich zu bücken, und da unten, in der Niedrigkeit und zu unſern Füßen, nach Blumen zu ſuchen. Nach ſolchen Blumen, welche die vornehmen Leute verachten und Unkraut benen⸗ nen, und die doch ſo luſtig wachſen ohne künſt⸗ liche Pflege, ohne Treibhaus und Gärtner, nur weil Gott es will! Und ſeht nur, Ihr Kleinen, ſeht dieſes blühende rothe Gras hier an, iſt's nicht anzu⸗ ſchauen wie Pauken und Cymbeln, wie eine ganze Janitſcharenmuſik mit lauter Becken und Trommeln und Roßſchweifen oben daran? Seid nur recht ſtill und leiſe in Eurem Herzen, dann werdet Ihr ſie deutlich vernehmen dieſe Janitſcharenmuſik der Gräſer und dieſes ganze Concert der Wieſe, bei welchem die Grasmücke die Soloſängerin iſt, und die ſummenden Käfer die Chöre ſingen! Glaubt Ihr, daß die reichen Leute ſchönere Concerte hören, und daß es köſtlicher iſt, wenn ihre großen Sängerinnen und Virtuoſen ihnen da ihre künſtlichen Lieder ſingen? Und jetzt ſchaut nur, wie die Wieſe ſich geputzt hat zur Ehre Gottes, wie viele Brillanten hängen da in den Ohren der Margarethenblume, Brillanten vom reinſten .— 141— Waſſer, und wie das glitzert und funkelt und ſchön thut mit der Sonne! Solche Brillanten lobe ich mir, die ſind nicht nutzloſes, üppiges Gepränge, ſondern ſie tränken die Blumen und den dürſtenden Käfer, und wenn man nichts mehr von ihnen ſieht, ſo wirken ſie doch immer ſtill fort durch ihren be⸗ fruchtenden Segen. Das merkt Euch, meine Kinder, daß es ſchöner iſt, dem Thautropfen zu gleichen, der die Blumen und die Wieſe tränkt, als dem harten Brillanten, der bloß funkelt und ſtrahlt, und ganz nutzlos immerfort ſchimmert und leuchtet, und immer umſonſt, keinem Dinge zum Segen und zum Ge⸗ deihen! Von ſolchem ſtillen, ſeligen Daſein, wie dieſe lie⸗ benden und ſtrebenden, dieſe genügſamen und freudi⸗ gen Menſchen es liebten, von ſolchem Daſein läßt ſich nichts erzählen! Was kann man berichten von den Glücklichen? Nur, daß ſie glücklich ſind, dies Wort ſchließt Alles in ſich! Von dem Glücke ſprechen, heißt an ihm rütteln,— ſtill und unbeſprochen muß es ruhen in dem heiligen Schreine der Herzen, mit der Welt hat es nichts zu ſchaffen, und vor dem lauten Wort flieht es! Laſſen wir es ſtill und unbe⸗ ſprochen. Das Glück ſingt ihnen nicht ſtolze Jubel⸗ lieder und berauſchende Fanfaren, ganz leiſe und ſtill wie ein Heimchen hockt es hinter'm heimathlichen Heerde, da ſingt es ſie Abends in den Schlaf und weckt ſie Morgens zur Arbeit und Thätigkeit, ja, ja, es iſt nur ein Heimchen, unſcheinbar und klein, von Nie⸗ mand anders geſehen, als von ihnen, es iſt nur ein Heimchen, aber ihnen ſingt’s, wie eine Nachtigall! „Doch ja! Eins müſſen wir noch berichten! Daß nämlich Thomas kein Weber mehr iſt, ſondern daß er Maurer geworden! Die dumpfe Stubenluft hat ihn beengt, dieſe ſitzende Lebensart droht ſeiner Geſund⸗ 12—„ heit zu ſchaden. Da draußen in Gottes freier Luft iſt es viel ſchöner und prächtiger, und wenn Tho⸗ mas ſo daſteht auf den hohen Gerüſten, und Stein auf Stein fügt, da ſagt er ſinnend zu ſich ſelber: ich werde einmal auch noch Häuſer aufrichten und bauen, aber nicht ſolche viereckige Kaſten und Kaſernen mit einer Maſſe Fenſter, Alles ſo gerade und regelrecht, ſo militairiſch aufgereiht, daß die Straßen mit den langen Häuſerreihen ansſehen, wie aufmarſchirte Sol⸗ daten! Nein, ich werde andere Häuſer bauen, und will es Gott, ſchönere, edlere! Thomas, müßt ihr wiſſen, war im Begriff ein ſehr gelehrter Mann zu werden; er hörte Collegia in der Bauakademie, und ſeine Riſſe und Zeichnungen er⸗ regten ſelbſt die Bewunderung ſeiner Lehrer, von deuen einer ſogar behauptete: es ſtecke etwas von einem Palladio in ihm.— Auch andere Collegia hörte er noch, und wenn Louiſe ihn bat, doch ſeinen Geiſt nicht ſo ſehr anzuſtrengen und die ganzen Nächte faſt zu ſtudiren und zu lernen, dann ſagte er lächelud: iſt nicht das Lernen der höchſte Genuß, die herrlichſte Frende, und kann denn mein holdes Weib zufrieden ſein, wenn ſie immer zu ihrem Manne herniederblicken muß? Nein, Du lieber, herrlicher Thomas, ich ſehe immer zu Dir empor! Ja, wenn ich auf dem Gerüſte ſitze, ſagte er lachend. Ach, dieſe Gerüſte! ſeufzte ſie, ſich an ihn ſchmie⸗ gend. Weißt Du, Lieber, daß ich oft eine eutſetzliche Angſt habe um Dich? Daß ich ganze Tage keine Ruhe habe, wenn ich Dich da oben weiß auf dieſen ſchwindelnden Gerüſten? Liebe, holde Thörin! ſagte er, und küßte ſie. Sagt nicht Deine Mutter, daß wir mit unſerm — — 143— ſtillen Glück den Unkrautsblumen gleichen? Nun aber, denk' an das Sprichwort: Unkraut vergeht nicht! Und weshalb zittern, Du Liebe? Sind wir doch überall in Gottes Hand, und wenn er den Sperling nicht vom Dache fallen läßt, warum denn mich, der doch arbeitet für ſein Weib, und— nicht wahr,— auch für ſein Kind? Sie lehnte erröthend ihr Haupt an ſeine Bruſt und weinte, aber es waren Thränen der Frende und des Glückes. Zulie. Noch einmal alſo war es Julien gelungen, ſich zu befreien und ihrem Verfolger zu entfliehen. Chriſtian's eigene Unvorſichtigkeit hatte ihr, wie wir wiſſen, ſelbſt die Mittel zur Flucht in die Hand gegeben. Ein Schlag mit dem Hammer hatte genügt, aus dieſem großen Nagel einen Dietrich zu machen, mit deſſen Hülfe es ihr, nach manchem vergeblichen Verſuch, gelungen war, die Kammer zu verlaſſen und leiſe hinauszu⸗ ſchleichen aus dem Hauſe. Da ſtand ſie auf der Straße! Tiefe Stille herrſchte ringsum, die ſchwarzen, todten Häuſer ſtan⸗ den ſo feierlich ernſt und bedrückend da, daß es ihr faſt grauete vor ihnen, und in dem feierlichen Schweigen der Morgenfrühe hallte ihr eigener Schritt dröhnend und laut durch die ſtillen, ſchlafenden Gaſſen. Sie wagte kaum aufzutreten, ſich zu bewe⸗ gen; konnte nicht der Hall ihrer Schritte genügen, Chriſtian hervorzurufen hinter irgend einer dieſer Häuſervorſprünge, wo er vielleicht wartend und lauernd ſtand? 1. Nein, nein, ſagte ſie, ich will, ich darf nicht wie⸗ der in ſeine Gewalt kommen! Mein Leben iſt abge⸗ — 145— laufen, ich ſuche nichts mehr, als ein Grab, aber es ſoll ein ſtilles, friedliches, unbemerktes Grab ſein! Ach, iſt doch dies die einzige Weiſe, wie ich Alfred meine Liebe, meine Dankbarkeit beweiſen kann! Sein Name muß makellos bleiben und darf nimmer aus⸗ geſprochen werden in Berührung mit dem meinen! Weil ich ihn liebe, mußte ich fliehen, weil ich ihn liebe, muß ich lautlos vergehen und ſterben! Ja ſter⸗ ben, jetzt, wo das Leben mir wieder zu lächeln be⸗ gann, wo es mir winkte mit bezaubernden Lockungen und ſüßverheißenden Hoffnungen! Aber nein, nein, nicht daran will ich deuken! Dem Tode bin ich verfal⸗ len, wohlan denn, ſo muß ich ſuchen nach einem Grabe! Sie warf ihr Haupt ſtolz in die Höhe und ſchritt hochaufgerichtet mit feierlichem Ernſt durch die ſtillen, ſchweigenden Straßen. Der Morgen begann jetzt ſeine erſten dämmernden Streifen über den Himmel zu ziehen, der Mond erblaßte, um der Sonne zu weichen, hier und da ward ſchon ein Fenſter geöff⸗ net, fuhr irgend ein Bäcker vorüber mit ſeinem klei⸗ nen Wagen voll friſchgebackener Brodte, um ſie an ſeine Commiſſionaire in den andern Theilen der Stadt abzuliefern, Karren mit Hunden beſpannt und mit großen Kannen voll Milch belaſtet, kamen lang⸗ ſam dahergetrottet,— Julie empfand ein krampf⸗ haftes Zittern bei all dieſen Zeichen des beginnenden Lebens! Sie hatte nichts mehr zu ſuchen, als den Tod! Das Leben war der Feind, dem ſie entfliehen wollte! Aber wohin, wohin? Sie fragte es rathlos ſich ſelber! Wo iſt das Grab, in welchem ſie Ruhe finden kann und traumloſen Schlaf, Friede, nach ſo langem Ermatten, Erholung, nach ſo langem, unſtä⸗ tem Wandern? Wo iſt es, dieſes Grab, mit ſeiner ununterbrochenen Stille und ſeinem Schlummer ohne Erinnerung und Traum? III. 10 — 146— Sie geht von dannen, es zu ſuchen. Wo weilt denn der Tod, warum flieht er dieſes bleiche Weib, warum wendet er ſich ab von dieſen brennenden Augen, die ihn ſuchen? Eine einſame Stelle wird es doch geben, ſagte ſie zu ſich ſelber, eine ſtille, ungeſehene Stelle, wo der Fluß tief genug iſt, mich zu bergen, von welcher die Wogen mich nicht wieder emporſchlendern an das Licht und die Welt? Ich will gehen, dieſe Stelle zu ſuchen! Aber durfte ſie es wagen, während es noch Tag war, während die Sonne noch ſchien, und ſie über⸗ all Chriſtian begegnen konnte? Wie, und konnte Chriſtian nicht auch ihre Leiche finden, würde er ſie nicht den Gerichten überliefern, und würde dann nicht Alles offenbar werden, und Alfred von an⸗ dern, als von ihren Lippen die grauſenvolle Ge⸗ ſchichte ihrer Vergangenheit erfahren, um ihrem Andenken zu fluchen, um ſie, die er jetzt liebte, zu verwünſchen? Ich will weit fortgehen, weithin in eine andere Stadt, in ein anderes Land, ſagte ſie energiſch, ſo weit fort, daß weder Alfred, noch Chriſtian meine Exiſtenz ahnen, mein Name ſoll ihren Ohren ver⸗ ſchollen, mein Gedächtniß erloſchen ſein, dann iſt es Zeit, dann kann ich ſterben, oder auch leben, wenn es ſein muß! Und jetzt, bis es Nacht wird, will ich Schutz ſuchen in irgend einer frommen Stiftung, einem Hospital, gleichviel wo! Sie fragte ein vorübergehendes altes Weib nach einem Hospital für Kranke. 2 Gewiß für Sie ſelber, liebe Dame? fragte die Alte und ſchaute mitleidsvoll in Juliens bleiches Ge⸗ ſicht. Ja, ja, man ſieht es wohl, daß Sie krank ſind und'nen Arzt bedürfen. = 147— Ja, ſo iſt es, gute Frau, und da ich fremd hier bin, weiß ich nicht, wohin ich mich zu wen⸗ den habe. Für die armen Leute iſt die Charité gut, ſagte die Alte, aber für ſo'ne hübſche Dame, wie Sie ſind, iſt es beſſer, Sie gehen in das Stift, wo die frommen Schweſtern die kranken Frauen pflegen! In das Stift alſo! ſagte Julie und winkte einer Droſchke, ſie dorthin zu fahren. Ganz betäubt, ganz beſinnunglos faſt lehnte ſie ſich in die Droſchke zurück, es ſchwindelte vor ihren Blicken, dieſe ſtete Aufregung der letzten Tage, der ewig nagende Kummer, die peinigende Angſt und Sorge, das Alles hatte endlich ihre Kräfte erſchöpft, ihren Geiſt bewältigt, und ſie ſagte ganz matt: ſollte das der Tod ſein, der mich erlöſen will? Naht er ſo lind und leiſe, um endlich meinen Qualen ein Ende zu machen? Nein, nein, ſchrie ſie dann faſt laut, man ſtirbt nicht ſo leicht und friedlich, ich weiß es ja, ich habe ihn ja geſehen dieſen Krampf des Le⸗ bens! Ach, dieſe gebrochenen Augen, dieſes Aechzen und Zucken,— o, hinweg, hinweg! Ich will ſie nicht mehr ſehen, dieſe entſetzlichen Augen, nicht mehr dieſen gebrochenen Blick, den anklagenden, verwün⸗ ſchenden!— Dceer Wagen hielt, der Kutſcher öffnete den Schlag, jetzt erſt erinnerte ſich Julia, daß ſie kein Geld habe, ihn zu bezahlen, daß ſie ganz arm und mittellos ſei. Sie zog einen einfachen kleinen Goldreif vom Finger, und ihn dem Kutſcher darreichend, ſagte ſie: macht Euch damit bezahlt, mein Freund! Ich habe kein Geld! Dieſe Worte, ſo einfach und ruhig geſprochen, ſo ganz ohne Klage und doch von ſo unheilsvoller Be⸗ deutung, ſie rührten ſelbſt das Gemüth des fremden 10* — 148— Mannes, und den Ring ihr darreichend, ſagte er: bezahlen Sie mich ein ander Mal, wenn Sie wieder geſund ſind!'S iſt vielleicht ein Andenken der Ning da, und ich bin nicht ſo hartherzig, daß ich nicht'ne Kranke ſollte um Gotteswillen'mal'ne Tour fah⸗ ren können! Behaltet den Ring immerhin, ſagte ſie mit einem rührenden Lächeln, an Andenken fehlt es mir nicht, und Kranke bedürfen keines Schmuckes. Nun denn, ſo werde ich ihn behalten, ſagte der Mann, aber nicht, um ihn zu verkaufen, ſondern ich werde'n immer auf meinem kleinen Finger tragen, bis ich Sie vielleicht'mal wieder treffe und Sie'n wieder nehmen! Er nickte Julien freundlich zu und hieb auf ſein Pferd ein, daß es im ungewohnten Trabe mit ihm davon eilte. Julia zog an der Klingel, die neben der Pforte dieſes Gartens, in welchem das Hospital liegt, an⸗ gebracht war. Wie ſchauerlich das klingt, ſagte ſie fröſtelnd, als ob dieſe Glocke den Tod erwecken wollte! Die Pforte öffnete ſich endlich, und ein ſinſter blickendes, ſchwarz gekleidetes Weib erſchien auf der Schwelle und fragte nach ihrem Begehr. Erbarmen mit einer Kranken und Leidenden, ſagte Julia matt, Schutz und Aufnahme nur für dieſen Einen Tag! 9 Haben Sie Empfehlungen, Zeugniſſe? fragte das eib. Iſt nicht das Unglück eine genügende Empfehlung? fragte ſie matt; das Leiden ein befriedigendes Zeugniß? Vielleicht in der Charité, ſagte die Pförtnerin ſtolz, da mag man ſo leichten Kaufes aufgenommen werden, die nehmen Kreti und Pleti zu ſich, bei uns aber iſt es, Gott ſei Dank, nicht ſol Wir ſind — 149— eine milde Stiftung, welche die Kranken nur curirt um Gotteswillen, und Sie begreifen wohl, daß es daher eine beſondere Gunſt iſt, hier bei uns aufge⸗ nommen und verpflegt zu werden! Wir müſſen doch wiſſen, ob die Kranken, die da zu uns flehen um Hülfe, ob ſie auch unſerer Hülfe werth ſind, ob wir unſere Pflege nicht verſchwenden an gottloſe, ver⸗ dammte Sünderinnen, welche den Herrn verachten und in fluchwürdigem Unglauben einhergehen? Mit einem Wort, wir nehmen Niemand auf, der uns nicht Zeugniſſe ſeiner Frömmigkeit und Tugend bringt! Und das nennen Sie chriſtliche Barmherzigkeit üben? fragte Julia bitter. Das nennen Sie dem lie⸗ ben Gotte dienen, wenn Sie mitleidslos gegen die Gefallenen nur den, vielleicht niemals in Verſuchung Geführten, Ihre Hülfe weihen? O, über dieſe chriſt⸗ liche Milde, die— Das Wort erſtarb auf ihren Lippen, der ermat⸗ tete Körper erlag endlich,— bewußtlos ſank ſie zu⸗ ſammen. Wenn ſie nur ein wenig weiterhin gefallen wäre, daß ich die Thür ſchließen könnte! ſagte die barm⸗ herzige Schweſter, aber ſo liegt ſie gerade über der Schwelle, und wenn ich ſie hinausſtieße, möchte es Jemand ſehen und mich der Unbarmherzigkeit an⸗ klagen! Es iſt alſo beſſer, einmal Gnade für Recht ergehen zu laſſen und ſie aufzunehmen auch ohne Zeugniſſe! Mit Hülfe einiger herbeigerufenen Wärterinnen ward die immer noch bewußtloſe Julia in das Haus getragen und in einem der Krankenſäle auf ein Bett niedergelaſſen. Als ſie endlich wieder erwachte, als ſie die Augen aufſchlug, ſah ſie, daß zwei der from⸗ men Schweſtern dieſes Hauſes an ihrem Bette kniee⸗ ten, laut betend. Dazwiſchen vernahm man das leiſe — 150— Aechzen und Klagen der Kranken, hörte man, wie ſie leiſe fleheten um ein wenig Ruhe und Stille, damit ſie ſchlafen könnten und ausruhen von ihren Leiden. Das Gebet, hörte Julia eine der Schweſtern zu einer Kranken ſagen, das Gebet iſt die einzig wirk⸗ ſame und fördernde Arznei, und es iſt ſehr gottlos und verbrecheriſch von Ihnen, daß Sie verlangen, dieſe Gebete ſollten verſtummen. Sehen Sie denn nicht, daß es gilt, eine arme Kranke zu erwecken? Und was könnte dazu förderlicher ſein, als das Ge⸗ bet? Hat doch unſer Herr Chriſtus nur mit Hand⸗ auflegen und Beten Kranke geheilt und Todte er⸗ weckt, und deshalb müſſen wir ſeinem Beiſpiel fol⸗ gen, denn nur in und durch Chriſtum allein iſt Ge⸗ neſung und Troſt zu finden! Ja, das Gebet, das iſt die große, unerläßliche Arznei in dieſer milden Stiftung der proteſtantiſchen barmherzigen Schweſtern! Mit Gebeten ſoll der Krampf der Leiden, die Augſt des Fiebers, die Qual ſchlafloſer Nächte geheilt werden; die Kranke, die ſich windet in Qual und Schmerz, ſie muß fort und fort vor ihrem Ohr dieſe zerknirſchten, alles Irdiſche ver⸗ dammenden Gebete vernehmen, ſie muß ihre zitternden Hände falten und mit erkaltender Lippe Gebete ſtam⸗ meln, nicht, weil ihr Herz ſie dazu treibt, ſondern weil es die Ordnung, das Geſetz iſt dieſes Hauſes. Hier iſt die Frömmigkeit kein freier Herzensdrang, kein frei⸗ williger Auſſchwung des leidenden Gemüthes, ſon⸗ dern ein unabwendbarer Zwang, eine nicht zu um⸗ gehende Nothwendigkeit. Willenlos, gezwungen wer⸗ den dieſe Seelen zu Gott geführt. Wird Gott Freude haben an dieſen gleichſam gepreßten Rekruten, die nicht freiwillig, ſondern gezwungen ſich ihm nahen? Ach, ein Seufzer, eine Thräne iſt oft ein inhalts⸗ volleres Gebet, als alle ſchönen, ſchwungvollen Ge⸗ . bete der frommen Schweſtern. Nicht ſo ſehr, woran Du leideſt, ſondern, was Du glaubſt, darauf kommt es an in dieſem frommen Hospital, hartherzig wen⸗ det ihr Auge ſich ab von den in Qualen ſich windenden Kranken, von deren Lippen Verwünſchungen, ſtatt der Gebete ertönen, und nur, wer es verſteht zu beten mit Worten, die Hände zu falten und mit zerknirſch⸗ tem Jammern den Fluch des Herrn herabzurufen auf dieſe ſündige Welt, nur der iſt es werth, in dieſem Hauſe Aufnahme zu finden, und mit Gebeten, gele⸗ gentlich auch, wenn Gebete nicht frommen wollen, mit Arzneien geheilt zu werden*)! So fromm und got⸗ tesfürchtig ſind die andächtigen, gottergebenen Schwe⸗ *) Aber die Arzneien haben burchaus nicht die heilende Kraft, als das Gebet, ja, als Speiſen der gewöhnlichſten Art, die aber in dieſem frommen Hauſe bereitet werden. Zum Beibkiſe alles oben Geſagten ſei es uns erlaubt, hier einige Stellen aus dem Berichte des Eliſabeth⸗Krankenvereines vom Jahre 1845 an⸗ zuführen. Es werden in dieſem Berichte verſchiedene bemerkens⸗ werthe Krankheitsfälle mit ihrem Verlauf aufgeführt, darunter (Nr. 4) die Geſchichte einer armen Frau, welche an einer Herz⸗ krankheit litt, und dem Tode ſchon nahe, vom Arzt aufgegeben ward, ſo daß er ihre keine Medicin verabreichte. Nun aber er⸗ barmte ſich ihrer das Eliſabethſtift und ſandte ihr Suppenmarken. „Es wurden ihr Suppenmarken vom Verein gegeben, ihr Mann bereitete ihr ihre Suppe, und dieſe einfache Suppe konnte ſie bei ſich behalten, die, da damit fortgefahren wurde, beſſer bei ihr wirkte, als Medicin. Auch in ibrem Innern ging eine große Veränderung vor, die ihr Mann nicht begreifen konnte; früher mußte er ſie 20— 30 Mal des Tages zurecht legen, und wenn er jetzt des Tages einmal ihr Bett machen wollte, ſprach ſie: laß mich nur liegen, ich liege ja recht gut, der Herr iſt mir nahe. Es war ein ſanftes Wehen des Friedens um ihr Bett, anz innig und ſtill wollte ſie ſich von keinem Beſuch ſtören taſem Des Nachts ſchlief ſie nun auch ſanft bis zum Morgen, da ſie doch ſonſt immer durch Pillen oder Pulver zum Schlaf geneigt gemacht werden mußte. Der Arzt verwunderte ſich über dieſe Verände⸗ rung, beſonders da ſie keine Medicin mehr nahm. Der Mann legte nun auch ſein Bekenntniß ab, indem er ſagte: ich ſehe nun ein, der Glaube iſt ein mächtig Ding, wo kein Kraut und Pflaſter mehr hilft, da hilft der Glanbe!“— — ſtern, daß ſie in jüngſter Zeit den Arzt, welcher in unentgeltlicher Mühewaltung, aus Barmherzigkeit, um Gottes und der Wiſſenſchaft willen die Kranken dieſes Hauſes behandelte und heilte, daß ſie dieſen Arzt, trotz ſeiner glücklichen Kuren, trotzdem daß alle Kranke ihn liebten und ſich nach ihm, als ihrem Tröſter und Helfer, ſehnten, nicht mehr in ihrer An⸗ ſtalt ſehen mochten, und ihn baten, ſich künftig nicht Hier alſo hatte die Suppe des frommen Hauſes nicht allein von körperlichen Leiden erlöſt, ſondern auch zwei Seelen zum Glauben und zur Erkenntniß geführt. Von einer andern Frau wird erzählt, daß ſie drei Jahre krank geweſen und vom Vereine beſucht worden ſei.„Sie war aber ſehr unwiſſend, wollte vom menſchlichen Verderben nichts hören, und hob ihreRechtſchaffenbeit hervor.“ Aber es gelang dennoch den Bemühungen des Vereins, die arme Kuanke und unſäglich Leidende zur Erkenntniß und zur Zerknirſchung zurtückzuführen. Sie genas nun natürlich, und ein ganz anderer Geiſt ſprach aus ihr. Welche mächtige und unmittelbare Wirkung aber das Gebet hat, davon zengen zwei hier angeführte Beiſpiele(Nr. 3 und 5). Das erſte handelt von einer Frau, die ſehr krank war, ſo daß der Arzt ſie anfgab und erklärte, ſie werde die Nacht nicht über⸗ leben. Voll großer Betrübniß warfen ſich nun die beiden Töchter der Kranken auf die Kniee und flehten zu Gott um das Leben ihrer Mutter.„Und ſie haben nicht umſonſt gebetet, der Herr er⸗ hörte das kindliche Flehen, die Mutter beſſerte ſich und lebt noch.“ Schlagender und wichtiger iſt das zweite Beiſpiel, das von einer gichtkranken Frau handelt, die ihre großen Leiden mit Freudig⸗ keit und Geduld erträgt. „In ihren frühern Jahren lebte ſie der Welt und ihrer Luſt; der Name Jeſu war ihr höchſt zuwider; als ſie aber einmal Sonn⸗ tags von einer Tabagie nach Hauſe ging, entſchloß ſie ſich, noch ihren Bruder zu beſuchen, und klopfte ſo lange, bis ihr geöffnet wurde; ſie trat ein und fand da eine fromme Geſellſchaft ver⸗ ſammelt, die ſich aus Gottes Wort erbaute; das war ihr höchſt unangenehm, ſie wollte aber doch nicht wieder weggehen, hörte zu, und wude bei dem Gebete ſo ergriffen, daß ſie in Thränen und Reue zerfloß und ſich dem Herrn ergab, dem ſie auch bis jetzt treu geblieven iſt, und dem ſie auch ihre gewonnen hat. Was ſie vorher haßte, iſt nun ihre größte Freude, und ſie fühlt ſich unausſprechlich glücklich bei den größten Schmerzen.“ mehr zum Beſuche der Kranken zu bemühen! Wes⸗ halb? Weil, wie ſie ſagten, dieſer Arzt kein Gläu⸗ biger iſt, indem er verlangt, daß das Eingeben der Arzneien, das pünktliche Befolgen ſeiner Vorſchriften wichtiger und nothwendiger ſei, als das Beten, indem er behauptet, daß die Betſtunden, die aufregenden, weltverdammenden Gebete den Kranken, ſtatt ihnen Noch wird von einer Kranken erzählt, die an furchtbarer Seelenangſt gelitten. Sie war nämlich„nach dem Willen des Herrn in tiefe Finſterniß gerathen.“ Sie hielt ſich ſelbſt der größten Grenelthaten und Verbrechen ſchuldig, und meinte, ſie allein trage die Schuld an allem menſchlichen Elend und aller Sünde dieſer Welt, ſie allein habe keinen Erlöſer, und ihre Sünden ſeien ſo groß, daß Chriſtus ihr nicht vergeben könne— Ihre Seelenangſt war fürchterlich, ſie zehrte ab zu einem wahren Skelett. Aber den frommen Schweſtern war„doch nicht ganz der Zugang zu ihrer armen Seele verſchloſſen, denn ſie liebte ſehr das Gebet, nur vermochte ſie nicht ſelbſt ihren Geiſt zu Goztzzu erheben; ſo oft aber mit ihr gebetet wurde, zerfloß ſie in Thrälen und flehte ohne Unterlaß, nur fortzufahren.“— Und der„treue Gott“ erhörte das Gebet der frommen Schweſtern und ließ dast Licht der Gnade lenchten in dieſer armen Seele. „Doch, wie wunderbar, in ihrem Innern wurde es hell, und ihr äußeres Augenliicht erloſch plötzlich; ſie fing an, mit lauter Stimme die Barmherzigkeit des Herrn zu preiſen; ihr Mund war voll Dank und Lob, ihre Rede ſinnreich und böchſt erbaulich zur Freude Aller, die ihren vorigen Jammer mit anſahen. Ihre Seele, die ſich nach Erlöſung und Gnade geſehnt hatte, wie ein ausge⸗ dörrtes Land nach mildem Regen, und wie ein Heißhungriger nach Brod, war nun geſättigt und erquickt, ſie iſt nun ſchon Monate lang voll Frieden und Rühe. Ihr Leib iſt zwar ſchwach und hinfällig, ſie kann das Bett nicht verlaſſen, aber ihr Geiſt iſt kräftig und ſtark in Gott. Es iſt eine Erquickung, an ihrem Bette zu ſitzen und ihre wunderbare Heilung erzählen zu hören.“ Dagegen werden zwei Beiſpiele höchſt erbaulicher und er⸗ hebender Frömmigkeit angeführt. Ein junges achtzehnjähriges Mädchen, und eine der frommen Schweſtern ſelber. Es waren wahre Heilige an Frömmigkeit und Geduld, auf ihren Lippen waren nichts als Gebete und ſelige Lobpreiſungen des Herrn. Dieſe beiden Märtyrerinnen hatten aber ein furchtbares Loos, ſie verfaulten bei lebendigem Leibe, und verbreiteten noch lebend, betend und Gott preiſend, einen peſtartigen Verweſungs⸗ geruch und große Stücke Fleiſch fielen ihnen vom Leibe. ‿ — 154— förderlich zu ſein, oft nur Nachtheil bringen. Weil dieſer Arzt nicht den rechten Glauben hatte, ſollte er nicht mehr ihre Kranken heilen, ihren Leidenden Lin⸗ derung bringen können! Es waren nicht die Gebete der frommen Schwe⸗ ſtern, welche Julia aus ihrer Betäubung erweckten, ſondern das Leben ſelber rief ſie wieder empor aus dieſem ſüßen Vergeſſen ihrer Leiden, das Leben for⸗ derte ſie wieder zu neuem Wandern, zu neuer Qual. Raffe dich auf von dieſem Lager, Julia, Du biſt ein Kind der Welt, gehe hinaus und leide wieder, raffe Dich auf und ſei ſtark, leide, dulde und ſtirb, aber ſelbſt mit brechendem Auge fluche dem Leben nicht, und nenne es nicht ein Jammerthal, das über⸗ laß den Frommen und Heuchlern! Auf Deinen Lip⸗ ſei nichts als Verſöhnung und Milde, Vergebung und Demuth! Du darfſt nicht Dich überheben, nicht in ſtolzem Selbſtbewußtſein verachten wer anders iſt, wie Du, Du biſt nur ein Kind dieſer Welt, ein irrendes, feh⸗ lendes, leidendes und erliegendes Menſchenkind! Bete, bete, Julia, aber nicht mit Worten, ſondern mit Thaten, beuge Dein Haupt unter den Willen Gottes, und weil er nicht will, daß Du ſtirbſt, ſo gehe denn hin und lebe, ſei's auch nur um zu leiden! Von Gott haſt Du Dein Leben empfangen, nur Gott darf es von Dir nehmen! Lebe alſo und leide! Ueber Dir waltet Gott, Muth alſo und Vertrauen! Hin⸗ weg mit dieſen ſündigen Gedanken des Todes! Viel⸗ leicht iſt der Kelch Deiner Leiden erſchöpft, vielleicht, daß noch ein Schimmer von Glück wie eine Abend⸗ röthe hinſtreifen ſoll über Dein Leben, bevor es Nacht wird und Alles ſchweigt! O, wie ſie ganz bamlich und tief in ihrem Her⸗ zen das dachte, da färbte auf einen Moment ein lei⸗ ſes Roth ihre marmorbleichen Wangen, und ihre Augen leuchteten höher auf. Hatte ſie ſo lange ge⸗ kämpft mit dem Leben, um jetzt feig ihm zu entflie⸗ hen? Hatte ſie ſo lange geduldet, um jetzt, nachdem ſie auf einen Moment mindeſtens die Sonne und das Glück erſchant hatte, inne zu halten und zuſam⸗ menzubrechen? Und Zulia fühlte unter ſolchen Ge⸗ danken wieder ihre ſtolze, feſte und kühne Natur in ſich erwachen,— dieſe Ruhe des Körpers hatte auch dem Geiſte ſeine Ruhe wiedergegeben, und während ſie dieſen ganzen Tag ſchweigend und ſtumm auf ihrem Lager lag, während im verworrenen Durch⸗ einander Aechzen und Gebete, Klagen und Verwün⸗ ſchungen, und Lobpreiſungen des Herrn an ihr Ohr ſchlugen, fühlte ſie ihr Herz wieder geſunden, ihre Seele wieder ihre Schwingen heben! Nein, ſagte ſie, ich will nicht ſterben, jetzt noch nicht! Es giebt ſo Viele, welche leiden und der Hülfe bedürfen, ſollte unter ihnen nicht Einer ſein, dem ich helfen und beiſtehen könnte? Nur wer ſelber viel gelitten und geduldet hat, der verſteht es, Leidende zu tröſten, und ich habe ja ſo viel gelitten! Das Unglück aufzuſuchen und zu tröſten, das ſei hinfort meines Lebens heiligſter Beruf, meines Daſeins einziger Zweck! Im Anſchauen des fremden Leides werde ich Troſt und Ruhe finden, und mindeſtens dürfen meine Thränen ungeſtörter fließen, wenn ich ſie getrocknet in den Augen Anderer! Eine Dienerin will ich werden des Unglückes, und im Lindern fremder Schmerzen will ich meine eigenen vergeſſen! Und voll dieſes heiligen Entſchluſſes ging Julia zu den Vorſteherinnen der Eliſabethſtiftung, ſich ihnen anzubieten zur Krankenpflegerin und Schweſter. Aber hatte ſie Zeugniſſe und Empfehlungen, wußte man, ob ſie den rechten Glauben hatte und die rechte — 156— Frömmigkeit, und weshalb denn wollte ſie, ſo jung und ſchön, dieſem ſchwierigen und mühevollen Dienſte ſich unterwerfen? Als man ſie das fragte, antwortete Julia: weil ich ſo viel gelitten, weil meine Seele ſich ſehnt nach Ruhe und Frieden! Weil ich im Ausüben heiliger Pflichten wieder lernen will mich mit der Welt zu verſöhnen, und die Erde zu lieben, welche Gott ſo ſchön gemacht! Um das zu erlernen, ſagten die frommen Schweſtern, müſſen Sie freilich anderswohin ſich wenden! Hier bei uns ſoll man lernen die Welt verachten und ihrer ſündhaften Schönheit zu fluchen, hier ſoll man lernen, den Blick geringſchätzend abzuwenden von der Welt, und nur auf das Jenſeits zu hoffen. Auch iſt unſere fromme Anſtalt nicht dazu da, eine Zuflucht zu ſein für lebensmüde Pilgerinnen, denen es an einem Unterkommen fehlt, und von denen wir nicht einmal wiſſen, woher ſie kommen! Die frommen, barmherzigen Schweſtern! Es verdroß ſie, daß Julia ihnen freimüthig geſtanden, über ihr Leben und ihren Namen ihnen keine Nach⸗ richt und Auskunft geben zu können, daß ſie ſich eine Namenloſe und Fremde in der Welt nannte. Deshalb mußte Julia geſtraft und verwieſen werden. Ich werde gehen, ſagte ſie ſanft, die Welt iſt ſo groß, und überall giebt es Unglückliche, welche des Troſtes bedürfen!— Die Nacht brach herein, als Julia wieder dieſes Haus verließ und ſtolzen, ruhigen Schrittes hinaus⸗ trat in den Garten. Sie athmete hoch auf, und wie ſie jetzt emporblickte zum Himmel, ſchien es ihr, als ob die Sterne ſie ſanft anlächelten und mit leiſen, milden Troſtesworten ſie begrüßten. Die Pförtnerin öffnete ihr die Thür, und die Welt lag wieder vor ihr, ſo unermeßlich, ſo un⸗ begrenzt. Julia fühlte wieder die Kraft in ſich, zu leben und zu leiden, und, eine nimmer ermattende Pilgerin, weiter zu wandern auf ihrem dornenvollen Pfade! Die Nacht iſt da, und unter ihrem beſchützenden Schleier will ſie hinauswandern, weit, weit in die Ferne! Wohin? Wo Unglückliche weinen, da iſt ihre Heimath, und alſo iſt ſie eine Weltbürgerin geworden, überall iſt ſie zu Hauſe! Nur einen Augenblick ſinkt ſie nachdenkend, er⸗ ſchöpft nieder auf einen Stein hier an der Ausgangs⸗ pforte des Gartens, und noch einmal richten ſich ihre Gedanken mit innigen Abſchiedsgrüßen auf ihn hin, den ſie geliebt hat, und den ſie flieht, weil ſie ihn liebt! Noch war ſie mindeſtens in ſeiner Nähe, ſie hat mit ihm eine Luft geathmet, er war ihr erreich⸗ bar, das war ihr vielleicht unbewußt ein Troſt geweſen, jetzt aber, mit jedem Schritte vorwärts, iſt er ihr ferner entrückt, ſpaltet die Kluft, welche ſie trenut, ſich weiter auseinander. Lebe wohl, Alfred, flüſterte ſie leiſe, Du meines Lebens letzter, glänzeuder Stern, lebe wohl! Du biſt mir untergegangen, und ſo mag es denn Nacht werden rings um mich her. Einſt wird es tagen, und wenn da drüben ein neuer Morgen uns begrüßt, dann, Alfred, dann werde ich an Deiner Seite ſein! Ihre ganze Seele, ihr ganzes Leben lag zuſammen⸗ gedrängt in dieſem Abſchiedsgruß, ganz der Gegen⸗ wart vergeſſend, ſenkte ſie ihr Haupt auf ihre Bruſt und träumte von den Tagen, die geweſen, von Alfred und von ihrer Liebe! Sie hört es nicht, daß ein Wagen raſch daher kommt, ſie beachtet es kaum, daß er dicht neben ihr 158= hält,— es iſt ſo ſüß zu träumen, was kümmert ſie der Wagen? Der Kutſcher öffnet den Schlag. Da, lieber Herr, hier ſind wir zur Stelle! Das iſt die Klingel, an welcher ſie zog, und da iſt auch die Thür, dicht daneben! Ihr wißt es ganz gewiß? fragte eine Stimme im Innern des Wagens. Julia konnte die Worte nicht vernehmen, und doch bebte ſie, und ein con⸗ vulſiviſches Zittern durchflog ihre Geſtalt. Weshalb denn? Ihr wißt es ganz gewiß? fragte die Stimme. Hierher fuhrt Ihr die Dame, welche Euch zur Be⸗ zahlung den Ring gab? Ja, hierher, und ich ſagte ihr, daß ich den Ring nicht verkaufen, ſondern ihn tragen wollte, bis ſie ihn einlöſete, und daher kam's, daß ich ihn am kleinen Finger hatte, wo Sie ihn ſahen und mich fragten, von wem ich ihn hätte, worauf ich Ihnen die ganze Geſchichte erzählte. Alſo hier! ſagte der Herr und verließ den Wagen. Hier werde ich ſie finden! Ach, dieſe Stimme, es iſt Alfred, er iſt es, der ſie liebt, der kommt ſie zu ſuchen! Und einen Augenblick Alles vergeſſend, ihr Ent⸗ ſagen und Fliehen, Alles, außer ihm, ſchreit ſie mit einem Jubelruf ſeinen Namen, daß es klingt wie das Jauchzen eines erlöſeten Geiſtes! Alfred! Julia! Jetzt hält er ſie umfangen, innig, feſt, ſie iſt wie⸗ der ſein, und keine Macht der Welt ſoll ſie ihm jetzt wieder entreißen! Sie ſprachen kein Wort, ſie hielten ſich umſchlun⸗ gen und weinten, dann hob Julia das bethaute Ant⸗ — 159— litz zum Himmel empor, und jetzt war ein Gebet in ihrem Herzen, voll ſo heißer Inbrunſt und Demuth, wie nur die Glücklichen zu beten vermögen! Jetzt laſſe ich Dich nimmer wieder! ſagte Alfred feſt und entſchieden. Mußt Du gehen, ſo gehe ich mit Dir! Willſt Du in die Wüſte fliehen, in eine unbekannte Welt Dich flüchten, ich bleibe bei Dir! Willſt Du ſterben, ich begleite Dich in den Tod! Nein, nicht ſterben, ſagte ſie ganz überwältigt, ganz ſelig! Die Liebe hat den Tod in mir bezwun⸗ gen, jetzt will ich wieder leben, lieben und glücklich ſein! Mag denn die ganze Welt über uns zuſam⸗ menbrechen, das Schickſal ſelber hat mich zurückgeführt in Deine Arme, und jetzt kann nur der Tod mich wieder von Dir trennen! Er hob ſie hoch eempor in ſeine Arme und ſagte nur ganz männlich feſt und ſicher: Du biſt Mein! Weiter nichts, aber es lag eine ganze Zukunft von Liebe und Treue und ſeliger Zugehörigkeit in dieſem Wort, und Julia verſtand ihn wohl. Sie fragte nur leiſe und lächelnd, als er ſie in den Wagen hob, wohin er ſie führe? In unſere Wohnung, ſagte er betonend und lächelnd wie ſie. Julius Brander zieht wieder ein in ſeine Zimmer, nicht wahr? Sie nickte nur und lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt. Und wie der Wagen jetzt umwandte, und ſie mit⸗ ſammen, Arm in Arm, dahinfuhren, zog eine Wolke über den Mond, und zwei glänzende Sterne löſeten ſich vom Himmel und erloſchen in der Finſterniß. „Julie ſah es und erbebte! Man iſt ſo abergläu⸗ biſch, wenn man glücklich iſt! Keine Schweſter. Amalie alſo war nicht ſeine Schweſter! Dieſer Gedanke war es, der Eduard's Seele mit einem un⸗ ermeßlichen Entzücken erfüllte, der ihn ſelbſt dem Nach⸗ denken, dem zweifeluden Grübeln nach dieſer fremden unbekannten Mutter entzog. Amalie war nicht ſein Schweſter, und alſo war ſie ſein, alſo hatte er ein heiliges, unbeſtreitbares Recht auf ihren Beſitz. Jetzt durfte er kämpfen um ſie, jetzt mußte er der ganzen Welt ſie abdringen, jetzt war Gotthold ihm der ver⸗ haßte Nebenbuhler, der ihm die Geliebte entriſſen, ihn betrogen um das herrlichſte Beſitzthum ſeines ganzen Lebens! Zu ihr, zu Amalien hin drängte jeder Wunſch, jeder Gedanke in ihm, er mußte ſie ſehen, heute gleich!— Es war die Stunde, in welcher er ſeine Krankenbeſuche zu machen pflegte, ſein Cabriolet ſtand ſchon vor der Thür,— was kümmerten ihn die Kranken, was ihn das Leben und Sterben der ganzen Menſchheit, er dachte nur an Amalie, und daß ſie nicht ſeine Schweſter ſei, und daß er ihr das ſagen müſſe, um ſie ſeinem Feinde zu entreißen! Amalie war allein, für einige Stunden war dieſe Laſt der Verſtellung und Heuchelei von ihr abge⸗ — 161— fallen, denn Gotthold war ausgegangen, und ſie athmete hoch auf im Gefühl der Freiheit und des Unbeobachtetſeins. So weit war ſie gekommen, daß es ihr ſchon ein Glück dünkte, allein zu ſein, daß ſie ſich ſelig pries, wenn ſie nur nicht gezwungen war, die zärtlichen, heuchleriſchen Worte ihres Gatten zu hören, mit Verzweiflung und Zorn im Herzen ſeine Liebesbetheurungen und Zärtlichkeiten zu dulden, ſo weit, daß ſie Gott dankte, wenn für einige kurze unbeachtete Momente Gotthold die Maske der Liebe fallen ließ, um ſich ihr drohend gegenüberzuſtellen mit ſeinem unverhüllten Antlitz, voll Haß und Bos⸗ heit, voll Schadenfreude und niederer Tücke, um ſie zu martern mit Vorwürfen und Drohungen, ſie zu verhöhnen und zu peinigen!— Jetzt war ſie allein, ſie durfte ſich ganz hingeben ihren Gedanken, und zu wem anders konnten dieſe flüchten, als zu ihm, zu ihrem Bruder? Und als ſie an ihn dachte, verſiegten ihre Thränen und ein ſeli⸗ ges Lächeln umſchwebte ihre Lippen. Und ſcheint es nicht, als ob ihre Gedanken die Kraft haben, ihn zu rufen, als ob er das Sehnen ihres Herzens verſteht und ihre Seufzer ihn in ihre Nähe locken? Ja, ja, er kommt, das iſt das Rollen ſeines Wagens, da,— da hält er vor der Thür, er kommt, es iſt Eduard! Mit einem Sprung war er zur Erde, hinein jetzt ins Haus, die Stiegen hinauf, da öffnet ſich die Thür und Amalie fliegt ihm entgegen, hinein in ſeine geöffneten Arme, er drückt ſie feſt an ſein Herz, und auf ſeinen Armen trägt er ſie in ihr Zimmer. Laß mich los, Eduard, Du erdrückſt mich! ſagt ſie matt und doch lachend. Nicht ſo ſtürmiſch, mein Bruder! Eduard lachte laut auf, aber mit einem ſo glück⸗ lichen, köſtlichen Ausdruck, daß Amalie unwillkühr⸗ lich erbebte. III. 11 3 7 — 162— Liebſt Du mich, Amalie? fragte er ſtrahlend vor Glück. Du weißt es, mein Bruder, ewig, unausſprechlich! Und würdeſt Du mein Weib werden wollen, wenn ich nicht Dein Bruder wäre? Wie magſt Du doch ſo thöricht und kindiſch fra⸗ gen, ſagte ſie lächelnd. Antworte immer! ſagte er; nenne es thöricht und kindiſch, aber antworte doch! Man kann nicht entſcheiden über das, was un⸗ möglich iſt!. Du biſt mein Bruder, und als ſolchen liebe ich Dich mit jedem Schlage meines Herzens, mit jedem Gedanken meiner Seele, liebe ich Dich ſo einzig und ungetheilt, daß in meinem Herzen gar kein Raum iſt zu einer andern Liebe, einem andern Gedanken! Wie ſoll ich mich nun hineindenken in das Unmögliche! Aber es iſt nicht unmöglich! ſagte er und ſchloß ſie feſt in ſeine Arme. Nein, Amalie, es iſt nicht unmöglich. O, jetzt begreiſe ich erſt dieſes große, dieſes unermeßliche Gefühl, das mich zu Dir hinzog, der Inſtinkt meines Herzens hat mich heiliger und köſtlicher geleitet, als ich ſelber es wußte und ahnte! Siehſt Du, Amalie, zuweilen habe ich mit mir ſelber geſcholten, um dieſer Alles überwältigenden Liebe zu Dir, zuweilen nannte ich es Unnatur, daß ein Bru⸗ der in ſo glühender Leidenſchaft ſeiner Schweſter an⸗ gehöre, und doch ſprach zu mir die heilige und ewig wahre, nimmer zu täuſchende Natur, denn Du, Amalie, Du biſt nicht meine Schweſter, und dieſer Ednard, welcher Dich liebt, welcher mit jedem Tropfen ſeines Herzblutes Dich erkaufen möchte, er iſt nicht Dein Bruder mehr, ſondern Dein Geliebter! Und nun erzählte er ihr in fliegenden Worten, in athemloſer Haſt die Entdeckungen, welche ihm Frau — 163— Winkler gemacht, nun zeigte er ihr die wichtigen, von ihm gefundenen Documente, und als Amalie ſich endlich überzeugen mußte, daß Alles ſo ſei, daß Eduard nicht ihr Bruder, da ſagte ſie laut weinend: o wie arm, wie grenzenlos arm und elend macht mich dieſe Stunde! Nun bin ich ganz einſam und verlaſſen, ich habe keinen Bruder mehr! Aber einen Geliebten, rief er, vor ihr nieder⸗ knieend, einen Geliebten, der Dir vergelten will Alles, was Du um den Bruder gelitten, der Dir die Aufopferung und Treue, welche Du dem Bruder bewieſen, danken will mit ewiger Liebe, mit ewiger Treue, und der den Muth und die Kraft in ſich fühlt, einer ganzen Welt Dich abzutrotzen. Jetzt, Amalie, gehört Dein Leben und Deine Zukunft mir, jetzt habe ich ein Recht auf Deine Liebe, ein Recht für Dich zu handeln und zu kämpfen, denn Du biſt meine Geliebte, und an meiner Seite allein darfſt Du leben! Schweige, ſchweige, ſagte ſie bebend. Ich darf Dich nicht mehr hören, nicht mehr verſtehen! Meine Liebe war fleckenlos und rein, ſo lange Du noch mein Bruder warſt, jetzt iſt ſie ein Verbrechen, jetzt iſt ſie eine Kluft, die mich auf ewig von Dir ſcheidet! Ich darf Dich nicht mehyr lieben, denn ich bin eines An⸗ dern Weib! Aber Du ſollſt mein Weib ſein, ſagte er ener⸗ giſch. Von dieſer Stunde an iſt dieſe Ehe mit einem Manne, den Du nicht liebſt, ein Verbrechen, eine Un⸗ natur und Entweihung der Ehe, welche von Gott ein⸗ geſetzt iſt, um die Liebe zu heiligen und zu ſegnen, und welche nicht ein Zwang und ein Joch ſein ſoll, in das man widerſtrebende Herzen hineinzwängt, da⸗ mit ſie verknöchern und verbluten! Die Ehe, welcher die Liebe fehlt, iſt eine Entweihung des Weibes, eine 11* — 164— empörende Entwürdigung, von der Du erröthend Dich abwenden mußt, um zu flüchten in die Arme Deines Geliebten! 4 Und ſie, hingeriſſen von ſeiner Gluth und ihrer eigenen Liebe, reichte ihm die Hand dar und ſagte ſtrahlenden Auges: Ja, Eduard, ich liebe Dich! Dein Wille ſoll auch der Meine ſein, und von heute an biſt Du mein Herr, denn ich liebe Dich! Möge die Welt mich ſtrafwürdig finden, Gott wird mich nicht verdammen, er weiß, was ich gelitten und gednldet, und dann, war er es nicht, der uns vereinte, der unſer Leben in Eins verſchlang und zu ſteter Zuge⸗ hörigkeit und Liebe uns vereinte? Eduard preßte ſie mit einem Jubelruf in ſeine Arme und drückte auf ihre Lippen den erſten bräut⸗ lichen Kuß! Wunderbar, wie oft hatte ſie nicht ſo in ſeinen Armen geruht, wie oft hatte er nicht ihre Lippen geküßt, und doch durchzuckte ſie jetzt dieſer Kuß, wie mit einem Zauberſchlag, und machte, daß ſie erröthend und verſchämt ihr Haupt an ſeinem Buſen barg, denn ſie fühlte, daß ſie ſeinen Kuß nicht mehr als Schweſter, ſondern als Geliebte empfangen und erwiedert hatte! Aber wie ſie ſich ſelig, glückestrunken einander umſchlungen hielten, ward die Thür leiſe geöffnet und mit einem boshafteu Lächeln ſchaute Gotthold auf das liebende Paar. Er war längſt heimgekehrt, und an der Thür horchend, hatte er Alles erfahren und verſtanden. Jetzt trat er mit einem lauten, ſpöttiſchen Lachen völlig in's Zimmer, aber ſein Kommen übte auf das glückliche Paar nicht die electriſche Wirknng, die er ſich ſelber davon erwartet. Sie fuhren nicht erſchreckt zurück, wie ertappte Verbrecher, ſie ſenkten nicht ſchuldbeladen vor ihm, ihrem Richter, den Blick zu — 165— Boden, nein, ſie fühlten, daß ſie innerlich in ihrem Recht waren, Gotthold nur äußerlich, ſie der Wahrheit, Gotthold nur dem Buchſtaben nach. Eduard drückte die Geliebte feſter in ſeine Arme und ſagte mit einem triumphirenden Lächeln: Jetzt werden Sie mir Amalie nicht mehr entreißen können, jetzt iſt ſie mein Eigenthum! Die Schweſter konnte man mit liſtigen Vorſpiegelungen und Lügen mir entreißen, aber die Geliebte fordere ich zurück, die darf Niemand mir ſtreitig machen! Das ſoll ſelbſt Ihnen nicht ge⸗ lingen, Sie frommer, gottesfürchtiger Mann! O, fuhr er mit einem fröhlichen Lachen fort, nur nicht dieſes künſtliche Erſtaunen, dieſe gut geheuchelte Ueberraſchung! Ich ſah's an Ihrem Geſicht, daß Sie gehorcht haben, und daß Ihnen kein Wort unſerer Unterredung entgangen iſt! Nun ja, ſagte Gotthold, ich hörte allerdings, wie Sie meiner leichtgläubigen Frau da ein Kapitel aus einem Romane vorlaſen, und ich hätte berzlich lachen müſſen über den poetiſchen Autor und die gefühlvolle Zuhörerin, wenn nicht zugleich das Verbrecheriſche und Sündhafte dieſer Erfindung mich entſetzt und erſchüttert hätte! Wehe, wehe— Halten Sie inne mit Ihrer erhabenen Begeiſte⸗ rung, ſagte Eduard, ihn unterbrechend, hier iſt kein würdiges Auditorium für Ihr frommes Gegurgel und ihr augenverdrehtes Wehegeſchrei! ie imponi⸗ ren weder, noch ſchrecken Sie uns dam Feſt ent⸗ ſchloſſen, mit Ihnen zu kämpfen, auf Tod und Leben zu kampfen um den Beſittz dieſes holden Weibes, ſind Ihre Flüche und Verwünſchungen nur ohnmächtige Waffen, die mich nicht verwunden, und die ich nicht fürchte! Wenn noch ein Funken von Ehrgefühl und Manneswürde in Ihnen iſt, ſo werden Sie, nach Dem, was Sie hier belauſcht, freiwillig bereit ſein — 166— zu einer Scheidung von dieſem Weibe, das Sie nicht liebt, und hinfort an Ihrer Seite nur Tage des Unglücks und der Qual durchleben könnte! Um zu leiden ſind wir auf die Erde verbannt, ſagte Gotthold, mag Amalie alſo leiden, ich werde ſie dennoch nicht frei geben! Die Ehe iſt ein heili⸗ ges Sakrament, und mir, dem Prieſter und geweih⸗ ten Diener des Herrn, würde es nicht ziemen, mei⸗ ner frommen und gläubigen Gemeinde ein ſo un⸗ würdiges und gottesläſterliches Beiſpiel des Meineides zu geben! Was Gott verbunden hat, iſt geheiligt, und Amalie bleibt mein Weib, ich willige nicht in eine Scheidung! Und wenn ich Ihnen ſage, daß Amalie Sie haßt und verabſcheut? rief Eduard, bebend vor Zorn. So werde ich es ruhig ertragen um Gotteswillen, und ſuchen, durch verdoppelte Liebe und Zärtlichkeit ihr Herz zu erweichen und es mir und der Tugend wieder zuzuführen, ſagte Gotthold mit frommem Händefalten. Du ſiehſt, es iſt vergeblich, ſagte Amalie, ſich in Eduard's Arme ſchmiegend, kein Flehen vermag es, ihn zu rühren und ſein in Frömmigkeit erſtarrtes Herz zu erweichen! Gieb mich auf, laß mich ſterben! Wie empfindungsvoll, wie rührend, ſagte Gott⸗ hold ſpottend. Aber wie kannſt Du fordern, mein holder Engel, daß ich Dich miſſe, während ich Dich doch ſo über Alles liebe, und Dich anbete mit einer Liebe, die faſt fündig iſt in ihrer glühenden Leidenſchaft! Sie ſind alſo ehrlos genug, dieſes Weib wider ihren Willen feſthalten zu wollen? fragte Eduard zähneknirſchend. 8 Was vor den Menſchen ehrlos iſt, wird vor Gott als eine Glorie des Ruhms erſcheinen, rief Gotthold, Arme und Blicke gen Himmel wendend. — 167— So höre mich, Amalie, ſagte Eduard feierlich, antworte mir vor Gott und dieſem Manne, liebſt Du mich? Jal ſagte ſie feſt. Willſt Du mein Weib ſein? Mir folgen in Noth und Tod? Ja! rief ſie, erglühend in Liebe und Energie. Nun denn, ſo biſt Du Mein! Jetzt, Herr Gott⸗ hold, beginnt der Kampf! Sehen Sie da, dieſe Pa⸗ piere, ſie könnten vielleicht mir einſt als Zeugniß die⸗ nen, daß Amalie nicht meine Schweſter iſt! Aber ich werde erſt dann Gebrauch von denſelben machen, wenn Amalie von Ihnen geſchieden iſt. Bis dahin iſt Amalie meine Schweſter und ich ihr unbeſtritte⸗ ner, natürlicher Beſchützer! Dem Geliebten hätten Sie ſie entreißen können, dem Bruder nicht! Und vor der Welt werde ich ihr Bruder ſein! Verſuchen Sie es, der Welt dieſes Kapitel aus meinem Romane vorzu⸗ leſen, ich werde Sie einen wahnſinnigen Poeten nen⸗ nen, wie Sie zuvor mich, und die Welt wird nicht ſo leichtgläubig ſein, Ihrer Poeſie ohne Zeugniſſe zu glauben, und man wird Sie verlachen mit Ihren frommen Mährchen. Ich bin Amaliens Bruder, und zu mir flüchtet ſie ſich, um einer verhaßten Ehe, einem verabſcheuten gleißneriſchen Gatten zu entge⸗ hen! Einem Bruder darf man es nicht wehren, ſeine Schweſter zu beſchützen, und ich, Sie wiſſen es wohl, ich bin Amaliens Bruder. Ihr Verführer ſind Sie! ſchrie Gotthold in ra⸗ ſendem Zorn. Der Verführer dieſes ehebrecheriſchen, ſündhaften Weibes!. Schweigen Sie! rief Eduard mit donnernder Stimme; wagen Sie es nicht, meine Schweſter zu ſchmähen, meine Geliebte zu beſchimpfen! Sie hat nichts mehr gemein mit Ihnen, zum Aeußerſten „„ — 168— haben Sie uns getrieben, ſo ſoll denn auch' das Aeußerſte geſchehen! Sie wollen nicht einwilligen in eine Scheidung, Sie wiſſen, daß ohne Ihre Ein⸗ willigung die Geſetze Amalien nicht freigeben wer⸗ den, und Sie ſind ungroßmüthig genug, dieſes Weib, das Sie verabſcheut, mit roher Gewalt zu zwingen, Ihnen anzugehören? Ja, das will ich, ſchrie er triumphirend und ganz vergeſſend ſeiner Frömmigkeit, ja das will ich, und wär's auch auch nur, um mich zu weiden an ihrer Qual, um zu lachen über ihre Todeszuckungen, und ſie zu ſtrafen für ihren Haß! Sie ſind ein Ungeheuer, ſagte Eduard verächtlich, und kraft meiner brüderlichen Autorität verbiete ich meiner Schweſter, auch nur eine Stunde in dem Hauſe dieſes heuchleriſchen Prieſters zu bleiben! Komm, Amalie, fliehe das Haus dieſes verhaßten Mannes, komme in das Haus Deines Bruders, Deines Geliebten! Und dann ſehen Sie zu, ob es Ihnen gelingen wird, die Schweſter ihrem Bruder zu entreißen, und ſie zu zwingen, an Ihrer Seite zu leben! Ich werde ſie zwingen, ſchrie Gotthold wüthend, die Geſetze zeben mir ein Recht dazu, ich werde die Geſetze anrufen, daß ſie dieſes Weib zum Gehorſam und zu ihrer Pflicht zwingen! Ich glaube wohl, daß Sie erbärmlich genug den⸗ ken, dies zu verſuchen, ſagte Eduard kalt, wir werden ja ſehen, ob es Ihnen gelingen kann!. Und jetzt komm, Amalie, unſers Bleibens iſt nicht länger hier! Von nun an werden wir nur noch durch die Gerichte mit dieſem Menſchen da zu ſprechen haben! 4 Ja komm, ſagte ſie, ſich an ihn ſchmiegend, ich folge Dir mit freudigem Herzen. Gott wird uns ver⸗ zeihen, denn er weiß, was wir duldeten und ertrugen! — 169— Sie legte ihre Hand in Eduards Arm und Beide ſchickten ſich an zu gehen; als Gotthold wüthend und mit raſenden Flüchen ihnen den Weg verſperren wollte, ſchleuderte Eduard ihn fort, daß er taumelnd zurückſank, und Arm in Arm, gelaſſen, ruhigen Schrittes gingen ſie Beide die Treppe hinab. Gott⸗ hold hatte ſich aufgerafft und ſtürzte ihnen nach. Eduard wandte ſich ruhig nach ihm um, aber es lag etwas ſo Drohendes, Furchtbares in ſeinem Blick, daß Gotthold unwillkührlich erbebte, und es nicht wagte, dieſen Mann anzugreifen, deſſen Antlitz ihm entgegenblitzte wie das eines Löwen, ſo muthvoll und entſchloſſen, ſo unbändig und wild. Es war thöricht, einen offenen Skandal zu ver⸗ anlaſſen, dachte Gotthold ingrimmig und trat in ſein Gemach zurück. Meinem beiligen Character geziemt es nicht, der Welt ein überflüſſiges Schauſpiel zu geben! Ich werde ſie verklagen! Mit einem triumphirenden, ſeligen Lächeln hob Eduard Amalie in den Wagen, und ſich neben ſie ſetzend, hieb er auf das Pferd ein, daß es in raſen⸗ dem Galopp dahinbrauſete! Laß uns fliegen, fliegen in die Lüfte, in die Weite, ſagte er wie trunken, ich habe Dich mir erobert, meine Geliebte, und der Pegaſus ſoll mit uns gen Himmel fliegen. Er war wie im Taumel, im Rauſch des Ent⸗ zückens, er hörte nichts von dem angſtvollen Ge⸗ ſchrei der Leute, an welchen ſie vorüberdonnerten, nichts von dem Hülfeſchreien, das rings um ihn er⸗ tönte. Es war eine Luſt, ſo wie ein Pfeil dahinzu⸗ fliegen, ſeine beklommene Bruſt fühlte ſich dadurch wie erleichtert und befreit. Immer ſtraffer zog er die Zügel an, und immer raſender rannte das Pferd durch die Straßen. Eint KMutter! Freau Winkler trocknete die Thränen aus ihren Augen und erhob ſich von ihren Knieen. Sie hatte ſich ſelbſt überwunden, die Energie ihrer Liebe hatte den Schmerz derſelben beſiegt. Es iſt wahr, flüſterte ſie ganz muthvoll und ent⸗ ſchloſſen, ich kann ihm keine vornehme Mutter, keine ſchöne und reiche nennen, aber ich kann ihm doch im Namen dieſer Mutter Grüße bringen, und ihm zu⸗ weilen eine kleine Freude machen! Ich kann ihn doch ſehen, und ſei's auch nur als eine Botin ſeiner Mutter, und er wird mich fragen nach ſeiner Mutter, und ich werde ſehen, wie ſeine Augen dabei aufleuch⸗ ten in Freude und Sehnſucht! Bin ich nicht eine alte Thoͤrin, daß ich noch mehr verlange? Iſt's nicht genng, ihn ſehen und hören zu können, ſoll Eduard etwa eine Mutter haben, ein altes, niedriges, ſchmutzi⸗ ges Weib, deſſen er ſich zu ſchämen hat? Das wäre mir gerade recht, die würde ich ins Geſicht ſchlagen, wenn ſie ſo dumm wäre, ſich an die Seite dieſes ſchönen, gelehrten Herrn Doctors ſtellen zu wollen! Nein, nein, er ſoll ſeine Mutter lieben, und das kann er nur, ſo lange er ſie nicht kennt, ſo lange er nichts — 171— weiter von ihr weiß, als daß ſie lebt und ihn liebt! Alſo will ich auch nicht traurig ſein und verzagt, ſondern fröhlichen Herzens! Und was nützt dazu beſſer als die Arbeit, die liebe, traute Arbeit, die über jeden Schmerz hinweghilft, und jeden Kummer in ſanften Schlaf einwiegt! Ich will arbeiten, dann werde ich gewiß wieder fröhlich werden, denn ich werde daran denken, daß es meine Arbeit iſt, welche mir die Mittel giebt, ihm Blumen zu kaufen und ihn zu ſehen! Fort denn zur Arbeit! Geſtern iſt Ball geweſen beim Miniſter von Thiele, da muß ich zu allen meinen Damen gehen und den Kammer⸗ jungfern helfen, die Flecke auszumachen. Sie ſteckte einige Fläſchchen in ihre Taſche und begab ſich dann kräftigen Schrittes auf den Weg. Sinnend und immer nur an Eduard denkend ging ſie die Friedrichsſtraße, und dann links einbiegend, die Linden hinauf. Mit geſchäftiger Eile machte ſie ſich Bahn durch die hin und wieder ſtrömende Menſchen⸗ menge, deren Wogen und Treiben, und Plandern und Schreien achtlos an ihrem Ohr vorüberging. Was kümmerte ſie auch das Geräuſch dieſer Welt, ſie, vor deren Ohr noch Eduard's Stimme ertönte, ſie, welche immer noch ihn vor ſich ſah mit dieſen großen, glühenden Augen, mit dieſer edlen, gewölb⸗ ten Stirn, auf welcher ſo hohe Gedanken und eine ſo edle Seele zu erkennen war! So ging ſie immer weiter und weiter, über die Schloßbrücke, durch den Luſtgarten, am Muſeum vorüber, nach der neuen Friedrichsbrücke. Aber was war das für ein Ge⸗ ſchrei, das ihr entgegendrang, warum ſtanden die Leute ſtill und ſchauten die neue Friedrichsſtraße hin⸗ unter, die Köpfe ſchüttelnd, angſtvoll, warum rief man hier und da um Hülfe, um Rettung, und doch blieb Alles gaffend ſtehen und Niemand eilte hin? — 172— Das Pferd iſt wild geworden, es iſt ganz un⸗ möglich, es aufzuhalten, ſagte Einer, ſich gemächlich auf das Brückengeländer lehnend. Ja, ſagte der Andere, ich bin blos neugierig, ob es richtig über die Brücke geht; wenn's ſeitwärts biegt, geht's gerade in den Fluß hinein, und dann ſind die, welche drin ſitzen, verloren! Nun, wir werden's gleich ſehen— Hei, wie das heranbrauſt und donnert, jetzt weckt's auch Frau Winkler aus ihrem Sinnen. Sie blickt auf, ein Wagen kommt daher, im ſauſenden Galopp mit hochflatternden Mähnen, wie die Windsbraut ſo ſchnell fliegt dieſes bäumende, wüthende Pferd herbei. Mein Gott, dieſes Pferd,— o Allmächtiger, ſie erkennt es, und im Wagen ſieht ſie das bleiche, ernſte Geſicht ihres Eduard's, welcher ein ohnmächtiges Weib in ſeinen Armen hält. Es war nur ein Moment, daß ſie es ſah, aber ſie hat Alles begriffen, Alles verſtanden, die gräßliche Gefahr, den drohenden Tod. Wenn das Pferd ſeitwärts läuft, wird es gerade hineingehen in den Fluß! Und Niemand iſt da, ihm zu helfen! Da ſtehen die Männer und gaffen, und Niemand hat den Muth dieſem tollkühnen Pferde ſich in die Zügel zu werfen, ſie ſtehen alle und gaffen, es iſt für dieſe neugierige Menge ein Schauſpiel, weiter nichts! Aber die Liebe, die Angſt macht aus dieſem alten gebückten, zerfalle⸗ nen Mütterchen einen Mann an Kraft und Muth, ſie richtet ſich hoch auf, ihr Auge flammt in Muth und Entſchloſſenheit, mit weit ausgebreiteten Armen ſtürzt ſie dieſem raſenden Pferde entgegen; jetzt kommt es herangebrauſt, jetzt iſt es da,— hinein zwiſchen die doppelte Deichſel ſtürzt das muthvolle Weib, es erfaßt die Zügel, und einen Augenblick ſtutzt das Pferd, dann, mit einem raſenden Wiehern, ſpringt es — 173— vorwärts und ſchüttelt das Haupt, aufbänmend, wie um dieſe Laſt, die ſich an ihn gehängt, los zu wer⸗ den. Aber das Weib klammert ſich an ihn, mit der Wuth, mit dem Zorn eines Tieger, ſie läßt ſich vor⸗ wärts ſchleifen, ſie wird von den Hufen getreten, zer⸗ ſchlagen, ſie fühlt nichts davon, denn es gilt ihn zu retten! Die Wuth des Thieres iſt gebändigt, der unvermuthete Angriff hat es ſtutzen gemacht, Eduard iſt es gelungen, die Zügel wieder zu faſſen, und jetzt ſtürzen Männer herbei, das Thier zu halten. Es ſteht, noch einen Schritt und es wäre hinabgeſprun⸗ gen in den ſchwarzen, grabesdunkeln Fluß,— Eduard iſt gerettet, aber zu den Füßen des Pferdes, ohnmächtig und blutend, liegt ſeine Retterin! Und Eduard erkennt ſie, dieſe gute, alte Frau, welche ihm immer Blumen und Grüße bringt von ſeiner Mut⸗ ter, jetzt durchzuckt es, wie ein bitterer Schmerz, ſeine Seele, er weiß es ſich kaum zu erklären, was ihn ſo tief bewegt beim Anblick dieſes armen, blutenden Weibes! Die vorher ſo unthätige, gaffende Menge, ſie iſt jetzt, da keine Gefahr mehr vorhanden, ſehr muthig, ſehr dienſtbefliſſen. Man hebt die ohnmächtige, alte Frau auf, man will ſie in das nächſte Haus tragen! Aber Eduard winkt eine Droſchke herbei, und bittet die hülfreichen Leute, die alte Frau da hineinzubrin⸗ gen. Mein Gott, er hat ſogar auf einen Moment ſelbſt Amalien vergeſſen. Aber ſie iſt aus ihrer Ohn⸗ macht erwacht, und das Cabriolet verlaſſend, ſteigt ſie in die Droſchke, um die blutende, alte Frau in ihre Arme zu nehmen. Eduard ſetzt ſich den Bei⸗ den gegenüber und befiehlt dem Kutſcher in ſeine, Eduard's Wohnung zu fahren, und die Menge ſieht dem Wagen nach, wie er ſich langſam entfernt, und man findet es ſehr human von dem vornehmen Herrn und — 174— der ſchönen, jungen Frau, daß ſie des alten, gemei⸗ nen Weibes ſich ſo liebevoll annahmen und ſie in ihre eigene Wohnung fahren, ſtatt ſie in die Charité abzuliefern. Nach langen Bemühungen, nach vielfachen, ver⸗ geblichen Verſuchen war es endlich gelungen, Frau Winkler in das Leben zurückzurufen. Sie ſchlug die Augen auf, ſie blickte fragend, ſuchend um ſich, und als ſie Eduard ſah, der vor ihr ſtand und noch immer ihren Arm hielt, an welchem er ſie zur Ader gelaſſen, als ſie in ſein bleiches, tiefbewegtes Antlitz ſah, rief ſie, mit einem Entzücken, das Thränen in Eduard's Augen trieb: o, mein Gott, ich habe ihn gerettet! Und jetzt ſtürzte Amalie zu ihren Füßen nieder und küßte ihre Hände, und dankte ihr mit glühen⸗ den Worten, daß ſie ihr den Geliebten, den Bruder erhalten. Bruder! ſagte die Alte lächelnd, das Haupt ſchüt⸗ telnd. Dann ſah ſie auf Eduard, und fragte ihn mit den Augen, ob er Amalien Alles geſagt, er verſtand ſie und nickte bejahend. Frau Winkler legte das Haupt zurück in den Lehnſtuhl, in welchem ſie ſaß, und ſchloß die Augen, aber auf ihrem Antlitz leuch⸗ tete die reinſte Freude. Eduard betrachtete ſie mit angſtvollen, fragenden Blicken und ſah nach der Uhr, um die Schläge ihres Pulſes zu prüfen. Die Berührung ſeiner Hand machte ſie erbeben, ſie ſchlug die Angen wieder auf und ſah ihn an. Nicht wahr, ſagte ſie mit himmliſcher Ruhe, nicht wahr, ich muß ſterben! Es brennt und arbeitet hier in meiner Bruſt, als ob Feuer darin wühle. Viel⸗ leicht würde ich ſehr viel Schmerzen empfinden, aber nun merke ich's nicht, weil ich ſo glücklich bin und freudig, denn ich weiß, daß ich ſterben muß! — 175— Eduard wagte nicht, ihr zu widerſprechen, aber er bat ſie, nicht ſo viel zu ſprechen, weil das ihrer Bruſt ſchaden und leicht einen Blutſturz herbeiführen könne. Frau Winkler ſchien ihn nicht zu hören, ſie hob die Arme gen Himmel, und mit einem unausſprech⸗ lichen Ausdruck rief ſie: mein Gott, mein Gott, Du haſt mein Gebet erhört, Du läſſeſt mich ſterben, in ſeinen Armen ſterben! Ich ſoll nicht einſam und ver⸗ laſſen in den Tod gehen, wie ich gelebt habe, ſeine Hand wird dieſe alten, lebensmüden Augen zudrücken, die Stimme meines Sohnes wird miich erquicken, wenn ich ſterbe! Mutter, meine Mutter? rief Eduard, vor ihr nie⸗ derknieend und ihre Hände faſſend. Ja, ſagte ſie ſtolz und glücklich, ich bin Deine Mutter! Habe ich es Dir nicht geſagt, mein Sohn, daß Du Deine Mutter ſehen würdeſt, bevor ſie ſtürbe, daß Du an ihrem Todtenbette ſlehen würdeſt, um ibren Segen zu empfangen? Ja, mein Sohn, ich ſegne Dich, ſegne Dich mit der Kraſt und Fülle der Liebe, welche in mir iſt, o, und jetzt, das weiß ich, wirſt Du dieſes armen, alten Weibes Dich nicht ſchämen. Mein Sohn, mein Sohn, ſieh, ich bin Deine Mutter, und alle dieſe traurigen, mühevollen Jahre habe ich zu Gott gefleht, daß er einmal mir geſtatten möchte, meinen Sohn an mein Herz zu drücken und zu hören, wie er mich Mutter neunt! Mein Sohn, wie gnädig iſt Gott, jetzt habe ich's verdient, daß ich Dich umarmen kann! Sie breitete die Arme aus und Eduard ſtürzte an ihr Herz; er nannte ſie ſeine Mutter und benetzte ihr Antlitz mit ſeinen Thränen, und klagte ſich ſelber an, daß ſein Herz nicht die Mutter errathen und er⸗ kannt habe! — 176— Sie hörte nicht ſeine Klagen, ſie wußte nur, daß ihr Sohn an ihrem Herzen lag, und daß dieſes ein Glück ſei, welches ſie freudig mit dem Tode bezahlen wolle! Ich habe nicht für Dich leben können, mein Sohn, ſagte ſie zärtlich, aber ſterben, ſiehſt Du, ſterben durfte ich für Dich, ſterben, um Dir zu ſagen, wie ich Dich liebe, wie Du der Inhalt und Traum mei⸗ nes ganzen Lebens geweſen, wie ich gelebt habe von Deinen Blicken, von Deinem Lächeln! Nein, nein, rief Eduard ſchmerzbewegt, nein, Du darfſt nicht ſterben, Du mußt leben, meine Mutter, leben, um von Deinem Sohne Dich lieben zu laſſen, leben, damit ich Dir vergelten kann alle dieſe Opfer, welche Du mir gebracht. O, meine Mutter, es war grauſam, mir nicht zu ſagen, daß Du meine Mutter ſeieſt, daß eine Mutter da ſei, mich zu lieben, mich zu tröſten! Ich hatte geſchworen, es nimmer zu verrathen, ſagte ſie, aber ich brach meinen Schwur, als ich wußte, daß Du Deine Schweſter liebteſt. Ach, ich weiß, Gott wird mit einer Mutter nicht in's Gericht gehen, wenn ſie ſelbſt einen heiligen Eid bricht, um ihren Sohn zu retten, ihn, der das Einzige war, was ſie auf Erden zu lieben, zu beſchützen hatte. Und warum, meine Mutter, warum haſt Du dieſen Eid geleiſtet? Wer konnte ſo grauſam ſein, von einer Mutter ein ſolches Opfer zu verlangen? Die alte Frau lehnte ſich matt und erſchöpft zu⸗ rück, eine Todesbläſſe überzog ihre Wangen, und der Ausdruck ihres Antlitzes nahm jenen eigenthümlichen hippocratiſchen Ausdruck an, welcher der erſte und ſicherſte Bote des nahenden Todes iſt! Es brennt wie Feuer hier in meiner Bruſt, ſagte ſie leiſe, das iſt der Tod, mein Sohn, der Tod, welcher mir dieſe — 177— ſelige Stunde des Glückes mißgönnt und mich ab⸗ zurufen kommt! Und als Eduard ſie beſchwor, nicht zu ſprechen, weil dies nur ihr Ende beſchleunigen würde, als er ſie weinend bat, ihn nicht ſo ſchnell ſeiner Mutter zu berauben, ſagte ſie mit einem milden Lächeln: ich bleibe immer bei Dir, mein Sohn, über eine Mut ter hat der Tod ſelbſt keine Gewalt, und die Liebe kann niemals begraben werden, ſie bleibt und lebt, und wird Dich umſchweben, mein Sohn, und bei Dir ſein, alle Tage, bis an der Welt Ende! Darum laß mich ſprechen und Dir noch ſagen, was Du wiſſen mußt, um Deinen Wohlthäter, Deinen Vater nicht zu beſchuldigen! Er war alſo mein Vater, dieſer Mann, welchem ich Alles verdanke, was ich bin und habe? Nicht Dein Vater, nach dem Worte und Fleiſche, aber Dein Vater im Geiſt und vor Gott. Höre mir zu, mein Sohn, ich werde nur noch wenige Worte zu ſagen haben! Dein Vater, Dein wirklicher, echter Vater war ein armer Maurergeſelle, wir hatten uns lange geliebt, viele Jahre lang gearbeitet, raſtlos, unverdroſſen, bis wir ſo viel erſpart hatten, uns einen kleinen Haushalt einzurichten, und dann hei⸗ ratheten wir uns. Ach, das war eine ſchöne Zeit, mein Sohn, und dieſe zehn Monate, die ich mit Deinem Vater als ſeine Frau verlebte, die haben durch dreißig einſame, verlaſſene Jahre, wie ein gol⸗ denes Morgenroth mir geleuchtet, und darum iſt es niemals ganz Nacht in mir geworden. Nun, das Glück dauert niemals lange, und eines Tages brach⸗ ten ſie mir Deinen Vater heim, mit zerbrochenen Armen, mit zerſchellten Gliedern, er war vom Bau heruntergefallen. Da war das Glück zu Ende und der Schmerz begann. Er hatte noch lange zu leiden, III. 12 — 178— ach, und ſo ſehr zu leiden, daß ich immer nur zu Gott bitten mußte, er möchte ihn erlöſen. Endlich that er's, und ich war nun eine arme, verlaſſene Wittwe, die ihr letztes Habe, das letzte Stück Bett verkaufen mußte, um Deinem Vater ein ordentliches Begräbniß zu geben! Dann, als ich ihn hatte hinab⸗ ſenken ſehen in die kalte, ſtille Erde, trocknete ich meine Thränen, und dachte an das Kind, das unter meinem Herzen ruhte, rund für welches ich mich er⸗ halten und ſtark ſein mußte! Und weil ich nicht wußte, wohin ich mein Haupt legen und meinem Kinde ſeine Wiege betten ſollte, ging ich in die Cha⸗ rité, und da gebar ich Dich nach drei Tagen der Marter und Qual! Arme, arme Mutter, ſagte Eduard mit Thränen in den Augen, und küßte ihre welken, erkaltenden Hände. O, jetzt bin ich eine glückliche Mutter, ſagte ſie matt, und blickte ihn an mit dem Ausdruck unend⸗ lichſter Liebe. Dann, nach einer Pauſe, fuhr ſie fort: ich konnte mich Anfangs auch Deiner Geburt gar nicht freuen, denn ich hatte lange zu kämpfen mit dem Tode, dann aber, als ich endlich mein Bewußt⸗ ſein wieder fand, als ich Dich in meinen Armen hielt und in Dein Kinderangeſicht ſchaute, da zog ein unendlicher Schmerz und ein unermeßliches Glück in mein Herz ein, denn ich fühlte, daß Du, ein Kind der Armuth und Schmerzen, ein vaterloſe Waiſe, nur geboren ſeieſt, um zu leiden und zu kämpfen und in Armuth zu entbehren, aber immer doch war es eine Gnade von Gott, daß er Dich mir gegeben, und ich dankte dem Herrn, während ich über Dich weinte. In meiner Aufregung mochte ich wohl laut gebetet und um Dich geklagt haben, denn ein Herr trat zu mir und fragte mich, ob ich mein armes — 179— Kind wohl wirklich von Herzen liebe, und ob ich wohl den Muth hätte, mich und mein eigenes Glück hinzuopfern, wenn es darauf ankäme, meinem Sohn ein beſſeres Loos zu bereiten und ihn vor Mangel und Elend zu bewahren. Das war ein Wink Got⸗ tes, und wie ein Engel des Herrn erſchien mir der Mann, welcher kam, meinen Sohn zu erlöſen von dem Unglück und der Noth des Lebens. Konnte ich da wohl an mich denken? Und dieſer fremde Mann erzählte mir, daß ſein junges Weib ihm auch einen Sohn geboren, ein armes, ſchwächliches Kind, das jetzt dem Tode nahe ſei, wie ſeine Mutter, die ſelbſt zum Tode krank, gewiß ſterben würde, wenn das Kind ihr entriſſen werde, wenn ihr Sohn ihr ſtürbe. Er war mit Dir an Einem Tage, in Einer Stunde geboren, dieſer Sohn, aber er ſtarb, während Du lebensvoll und geſund warſt. Und in meine Hand war es gegeben, dieſem Manne ſein Weib zu erhal⸗ ten und Dich aus Armuth und Noth zu erretten, dem armen verwaiſeten Knaben einen Vater und eine Mutter zu geben, welche ihn erziehen wollten, als das Kind ihres Herzens, und ſeinen Geiſt er⸗ leuchten, ſein Herz bilden wollten für das Edle und Gute!— Ach, wie das brennt, mein Sohn, und welche eiſige Schauer meinen Körper durchrieſeln! O habe Mitleid, meine Mutter, ſprich nicht mehr, flehte Eduard, Du bedarfſt der Ruhe. Mein Gott, wie bleich Dein Geſicht iſt, dieſe Schmerzen müſſen entſetzlich ſein! 4 Jene Schmerzen damals, als ich Dich hingab, als ich aufhörte, Deine Mutter zu ſein, ſie waren größer, ſagte ſie milde. Der Doctor Linz, denn Du wirſt ſchon gemerkt haben, daß er es war, ſchwur mir auf die Bibel, Dich als ſeinen Sohn, ſtatt ſei⸗ nes ſterbenden Kindes zu erziehen, und weder Dich, 12* — 180— noch ſein Weib jemals ahnen zu laſſen, daß Du nicht ihr Sohn ſeieſt. Und als er das geſchworen, legte ich die Hand auf die Bibel und ſchwur mit, einem feierlichen Eide Dir nie zu ſagen, daß ich Deine Mutter ſei, und in fünfundzwanzig Jahren Dich nicht wieder zu ſehen! Ich dachte damals nicht, daß ich ſo lange leben könnte, und leiſtete den Eid. Am Abend brachte der Doctor Linz heimlich unter ſeinem Mantel mir ſeinen todten Knaben. Ach, ich dachté wohl, daß ich ſterben würde, als er die kalte Leiche in meine Arme legte und meinen warmen, lebensvollen Sohn von meinem Herzen nahm; ich ſchrie, daß ich nur noch einmal Deine Lippen küſſen und Dich ſegnen wollte,— aber er war ſchon fort, und die Leute meinten, ich ſei nur wahnſinnig über den Tod meines Kindes, das ſie dann begruben, indem ſie mir einen Todtenſchein gaben, daß Eduard Karl ge⸗ ſtorben ſei. Ich gab ihn Deinem neuen Vater, und er ſagte mir dafür mit Thränen, daß ich ſein Weib vom Tode gerettet, daß ſie geneſen, weil ſie ihren Sohn ſo kräftig und blühend geſehen. Er wollte mir auch Geld geben, das nahm ich nicht, verkauft wollte ich Dich nicht haben, ſondern nur mich opfern für Dein Glück! Als ich wieder geneſen war, ver⸗ ließ ich die Charité und wanderte, um getreulich meinen Schwur zu halten, aus Berlin in meine Heimath. Da bin ich geblieben und habe gearbeitet und gebetet, und gehofft fünfundzwanzig Jahre. Dann kam ich hieher, denn mein Schwur war erfüllt, jetzt durfte ich wenigſtens Dich ſehen, und als ich Dich ſah, da habe ich geweint vor Entzücken und Luſt.— Siehſt Du, flüſterte ſie matt, das iſt Alles, was ich Dir zu erzählen habe. Nein, nicht Alles, rief Eduard mit überſtrömen⸗ den Augen, Du haſt mir noch nichts geſagt von — 181— Deinen Schmerzen und Kämpfen, von dieſen langen, troſtloſen, einſamen Jahren, nichts von Deinen Leis den und Entbehrungen, von den Schmerzen und der Sehnſucht einer Mutter! O, flüſterte ſie mit einem milden Lächeln, das läßt ſich auch nicht ſagen, das weiß nur Gott allein! Und jetzt iſt's vorüber, Alles, Alles vorüber! Sieh nur, ſieh, die Erde iſt ein kaltes, ödes Grab, man ſtirbt an ihr, jeden Tag und jede Stunde! Da oben aber im Himmel, da iſt ewiges Leben und ewige Liebe, da wirſt Du bei mir ſein, mein Sohn, und kein Scheiden und Trennen wird ſein dort oben! Mein Sohn, wo biſt Du, ich ſehe Dich nicht mehr, ach laß mich Deine Augen ſehen, ſie ſind meine Sterne geweſen in dieſer dunklen Nacht des Lebens! Hier bin ich, hier, meine Mutter, ſagte er, ſein Haupt an ihre Bruſt drückend. Sprich lauter, lauter, daß ich Dich höre, flüſterte ſie. Und grüße mir Amalie und ſage, daß ich auf ſie alle die Liebe übertrage, welche ich für Dich ge⸗ habt, daß ich ſie ſegne zu Deinem Weibe! Und als Amalie mit Eduard Hand in Hand zu den Füßen der Sterbenden knieete, da zog ein ver⸗ klärtes Lächeln über ihr Geſicht; mit gen Himmel gewandten Blicken und mit einem Ausdruck, welcher nicht von dieſer Welt iſt, legte ſie die Hand auf das Haupt ihrer Kinder und ſegnete ſie ein zum Leben, zur Liebe! Die Schatten des Todes zogen über ihr Angeſicht, — nun ein mattes Röcheln, ein Aufathmen, dann entquoll ein Blutſtrahl ihrem Munde, aber ſie lä⸗ chelte, und ihre ſchon brechenden Augen waren noch auf den Sohn gerichtet, für den ſie lebend ſich ge⸗ = 182— opfert, und für den ſie freudig in den Tod gegan⸗ gen war. Mit dieſem Lächeln und dieſem Blicke der Liebe erſtarrte ihr Angeſicht, und der Sohn, welchen ſie geſucht und heimlich geliebt ihr ganzes, ſtilles, ſchmer⸗ zensreiches Leben hindurch, er hatte ſie nur gefunden, um über ihrer Leiche zu weinen! Letztes Glück. Doppelt beſitzt man heute, was man morgen zu verlieren gewiß iſt, doppelt iſt unſer das Leben und die Freude, wenn wir wiſſen, daß hinter den duften⸗ den Roſen des Lebens der kalte modernde Tod ſchon drohend ſeine Senſe erhoben, und daß dieſes fröhliche Aufjauchzen der Freude bald erſtarren wird unter dem unheilsvollen Angſtgewimmer des Grams. Es iſt eine diaboliſche Freude, dieſes Genießen inmitten der Gewißheit ſeines Endes, dieſes Hinſtürzen in die Arme des Glückes bei den vorahnenden Schauern des Unglückes. Heute das Paradies mit all ſeinen bezau⸗ bernden Reizen, mit ſeinen Blüthen und Früchten, ſeinem Vögelgeſang und ſeinen Liebesliedern, morgen die Hölle mit ihren entſetzensvollen Martern, ihrer Grabesöde und ihren eintönigen Litaneien des Jam⸗ mers!— 3 So war Juliens Glück und Juliens Freude! Ein bezauberndes, berauſchendes Glück, eine überwälti⸗ gende, himmelanſtürmende Freude, und dabei die tiefe Gewißheit des Endes, des Todes! Aber ſie ſagte — 184— nicht mehr zu ſich ſelber: ich will das Glück nicht genießen, der Liebe mich nicht hingeben, weil ich weiß, daß es Alles vergehen muß, und daß ich zum Glück und zur Liebe nicht geboren bin. Deshalb will ich nichts hören von all dieſen Lockungen, und da das Unglück doch einmal gewiß iſt, ſo will ich, ſtatt einſt als ſeine Sclavin niich beugen zu müſſen, es freiwillig auf meine Schultern nehmen als mei⸗ nen Königsmantel, der nicht von Purpurfarbe, ſon⸗ dern von meinem eigenen Herzblut in glühendem Roth erglänzt.— Nein, nicht ſo ſprach ſie jetzt zu ſich ſelber, ſondern ſie ſagte: weil mir der Tod gewiß iſt und das Unglück, ſo will ich in vollen Zügen noch genießen des Lebens, und mit hochaufjauchzender Frende mich hineinſtürzen in dieſe Wogen des Glük⸗ kes Mit dem Unglück will ich kämpfen um jede Spanne Glück, mit dem Tode will ich ringen um jede Minnte des Lebens, und was ich Beiden abge⸗ winne, das iſt mein, unwiderruflich mein, und kein Gott und kein Dämon kann es mir entreißen. Und bei ſolchen Gedanken war aus der bleichen, ernſten Frauengeſtalt ein glühendes, heiteres, lieben⸗ des Weib geworden, das ſich glückestrunken in des Geliebten Arme warf und aufflammte in Lebensluſt und Liebeswonne! Sie liebten ſich, ſie waren glücklich, Beide, ſie die ſchöne glühende Julia und er ihr Geliebter, Alfred von Wülfingen. Es war eine himmelanſtürmende Freude, eine weltenbeſiegende Luſt! Doch war ein Wermuthstropfen in dem vollen Becher dieſer Freu⸗ den, ein Schatten fuhr je zuweilen über die heitere Sonne ihres Glückes! Es konnte kommen, daß Ju⸗ lia in Alfred's Armen erbebte, daß ihr eben noch ſtrahlendes Auge ſich plötzlich verdunkelte, und daß ſie, die eben noch frendejauchzend, lebensvoll ſich an — 185— ſein Herz geſchmiegt, plötzlich matt und kraftlos, hoch⸗ athmend und zitternd zuſammenſank, wie vernichtet von geheimnißvoll freſſenden Schmerzen! Aber dennoch waren es glückliche Tage geheimniß⸗ voller Liebe, unbelanſchte, ſelige Tage! Sie war noch immer Julius Brander am Tage und vor den we⸗ nigen Menſchen, die zu Alfred kamen, denn ſie ſelber verließ niemals ihre Wohnung. Aber am Abend, wenn die laute Welt da draußen verſtummte und ſie gewiß waren, nicht mehr geſtört, von keinem läſtigen Beſuche mehr gequält zu werden, dann verwandelte dieſer Knabe ſich in ein Weib, in welch ein ſchönes, glühendes, Luſt und Liebe ſtrahlendes Weib! Doch ſagte ſie zu jedem Tage des Glückes: dieſes wird der letzte ſein! zu jeder Stunde der Liebe: ſie wird nicht wiederkehren! Zuweilen, wenn ſie allein war, hätte man ſehen können, wie ſie mit einem kleinen blitzenden Dolche ſpielte und ihn, gleichſam tändelnd, an ihren weißen Buſen führte. Sie trug ihn immer bei ſich, dieſen kleinen, ſcharfen, zierlichen Dolch, und zuweilen mitten im Genuſſe des Lebens und der Freude hatte ſie den diaboliſchen Gedanken, ſich jetzt den Dolch hineinzuſenken in dieſes Herz, welches eben ſo hoch klopfte vor Entzücken und Luſt, zu ſterben inmitten dieſes Sonnenſcheines, zu ver⸗ gehen auf dieſem duftenden Roſenlager! Aber ſie verwarf dieſen Gedanken immer wieder, weil ſie ein Weib war, welches liebte, mehr noch den Geliebten, als ſich ſelber, und weil ſie alſo wußte, daß Alfred leiden würde, unausſprechlich leiden, und weil es ihr ein Verbrechen ſchien, ihn auch nur um eine Sekunde dieſes ſo kurz und ſparſam zugemeſſenen Glückes zu betrügen! Deshalb ſenkte ſie den Dolch immer wieder leiſe n die Falten ihres Gewandes zurück und ließ ihr — 186— Auge wieder ſtrahlen in Liebe, ihr Herz wieder hüpfen in Entzücken und Freude. Sie wartete immer auf das Unglück, und nach acht kurzen, ſeligen Tagen der Liebe und der Entzük⸗ kungen da war es gekommen, da ſtand es vor ihr in der Geſtalt dieſes wilden, hohnlachenden Chriſtian's, der gekommen war, um dem Baron Alfred von Wül⸗ fingen ſein verzweiflungsvolles, vergebliches Suchen nach der entflohenen ſchönen Julia zu ſchildern. Aber der Baron Alfred war ausgegangen, und ſtatt ſeiner fand Chriſtian nur den Knaben Julius Brander. Mit einer Geberde des Zornes und der hohnla⸗ chenden Freude ſtürzte Chriſtian ſich auf dieſen erblei⸗ chenden Knaben, einen Augenblick ſchien es, als wolle er ihn erdrücken in ſeinen ihn umklammernden Armen, und ſein Geſicht hatte den Ausdruck einer blutdürſti⸗ gen Hyäne, welche zähnefletſchend und grinſend in teufliſcher Luſt ſich über ihre Beute wirft, aber mitten in ſeinem Zorne gewann die Ueberlegung, die pfiffige, diebiſche Berechnung dennoch Raum in Chriſtian. Dieſer Mord konnte ihm nichts nützen, ſondern im Gegentheil vielleicht ſein eigenes Verderben ſein! Er wollte ſie nicht ermorden, ſondern ſie mußte leben, um ihm zu nützen; nicht ſeine Feindin, ſondern ſeine Verbündete ſollte ſie ſein, eine Zuflucht für ihn, in jeder Lage, in jeder Bedrängniß. Sie konute ihm ein Mittel ſein, ſich immer Geld zu verſchaffen, und das war mehr werth, als die augenblickliche Befrie⸗ digung ſeines Zornes und ſeiner blutdürſtigen Wuth. Er ließ ſie frei aus ſeinen umklammernden Armen, und forderte mit gebieteriſchem Tone von ihr Geld, eine große Summe, und das Verſprechen, ihm all⸗ wöchentlich eine ähnliche Summe zu geben für ſein Schweigen, für ihr Geheimniß. Iulia verweigerte es, ſie war ernſt und kalt geworden, muthig und ru⸗ — 187— hig, ſeine Drohungen hörte ſie ſchweigend an, mit einem kalten Lächeln auf dieſen bleichen, zuckenden Lippen, ſeiner Wuth ſetzte ſie ihre Ruhe und ihren Stolz entgegen, und ſeine Schmähungen erwiederte ſie mit einem Blicke unendlicher Verachtung. Als er aber, raſend gemacht durch ihre Ruhe und Kälte, ſchwur, ſie, wenn ſie ſich weigere ihm zu geben, was er fordere, zu verrathen, da zuckte ihre Hand ganz unwillkührlich, ganz mechaniſch nach dem kleinen Dolche, und ein bitteres Lächeln trat auf ihre Stirn. Aber in dieſem Momente höchſten Zornes von der einen, und des kühnſten Entſchluſſes von der an⸗ dern Seite ward die Thür plötzlich aufgeriſſen und Alfred erſchien auf der Schwelle, bebend vor Zorn, bleich und flammenden Auges. Er hatte dieſe letzten raſenden Zornesworte Chriſtian's, ſeine wilden Schimpf⸗ worte, ſeine grauſamen Verhöhnungen, er hatte das Alles gehört, und er kam, den Verbrecher zu ſtrafen, welcher frech genug geweſen, das Weib, welches Alfred liebte, zu beſchimpfen. Außer ſich, zitternd vor Zorn, winkte er gebiete⸗ riſch ſeinen Dienern und befahl ihnen, dieſen Ver⸗ wegenen zu packen und ihn hinauszuwerfen. Es waren zwei herkuliſche, kräftige Männer, und gegen den Eiſendruck ihrer Hände vermochte der un⸗ verſehens überwältigte Chriſtian ſich nicht zu verthei⸗ digen. Er ließ ſich fortſchleppen, aber ehe er die Schwelle dieſes Gemaches, in welchem Julia weilte, überſchritt, ſchwur er mit einem Ausdruck des Zor⸗ nes und der flammenden Wuth, ſich zu rächen für dieſe Beſchimpfung, und dieſes Weib da zu ſtrafen für ihren Widerſtand! Er ſchwur es mit zornglü⸗ henden Augen und zuckender Lippe, er ſchwur es mit geballten Fäuſten und tückiſchem Lächeln, und Julia — 188— wußte und fühlte, daß er ſeinen Schwur halten würde, daß ſie verloren ſei! Das Unglück war alſo da, ſie hatte es ſo lange erwartet, daß es ſie jetzt weder überraſchte, noch er⸗ ſchreckte. Sie war ruhig und kalt und ſchön, wie dieſe marmornen Statnen der Alten, an denen wir nichts zu entbehren, zu wünſchen haben, außer daß dieſer Marmor Fleiſch, daß dieſe Augen von einem Gluth⸗ ſtrahl des Lebens durchblitzt werden möchten.— Sie war ruhig und kalt wie Marmor, herrlich ſchön und ſtrahlend wie die Mondgöttin der Alten.— Es ſchien, als ſei alles Irdiſche von ihr abgefallen, als habe ſie Alles überwunden, die Freude ſowohl, wie den Schmerz, um ſich ſtill zu wiegen in jenen lautloſen, ununterbrochenen Regionen, von denen die indiſchen Prieſter meinen, daß ſie die höchſte Stuſe der Glück⸗ ſeligkeit iſt, weil man in ihr zur Unempfindlichkeit ſich emporſchwingt. 3 Nur in dieſen großen, unermeßlich tiefen Augen war noch ein Funke des Lebens, ein Abgrund des Leidens zu finden, und auf dieſer edlen, kraftvollen Stirn ſtand ein energiſcher, kühner Entſchluß. Alfred hatte es gelernt in ihren Mienen zu leſen, und er zitterte. Er hatte geſehen, daß ihre Hand den Griff ihres Dolches erfaßt hielt, und er ſtürzte vor ihr nieder und flehte ſie an um Mitleid, um Erbarmen, er bat ſie mit Thränen um ihr Leben. Sie ſchüttelte ſtolz das Haupt und fragter ruhig: Soll ich auf dem Schaffot ſterben? Auf dem Schaffot? ſchrie er aufſpringend und ſie in einer natürlichen Aufwallung der Angſt und Liebe in ſeine Arme ſchließend, als wollte er ſie dort be⸗ ſchützen gegen alles Leid und alle Schmach. Sie machte ſich ſanft aus ſeinen Armen los und agte: ehe ich ſterbe, mußt Du mein Geheimniß und — 189— die Geſchichte meiner Vergangenheit erfahren. Aber ich werde kurz ſein müſſen, denn dieſer Mann wird eilen ſeinen Schwur zu erfüllen, vielleicht habe ich nur wenige Stunden noch! Höre mich alſo, Alfred! Sie deutete mit der Hand auf einen Stuhl, er ließ ſich mechaniſch hineingleiten. Sie ſetzte ſich ihm gegenüber und begann ihm zu erzählen. Halb betäubt, halb ſinnlos und verwirrt hörte er ihr zu, und doch entging ihm kein Wort, keine Sylbe dieſer troſtloſen, entſetzlichen Geſchichte, — er hörte mit ſeiner Seele und mit ſeinem Herzen. Und ſie erzählte ihm von den Tagen ihrer Kind⸗ heit, von dieſen glücklichen, friedvollen Tagen, die ſie ſanft behütet und gepflegt von dem Auge einer Mut⸗ ter, von der Liebe eines Vaters dahingeträumt hatte. Ihre Stimme klang wie Muſik, wie das Rauſchen einer Aeolsharfe, ſo lind und leiſe, als ſie von die⸗ ſen ſchönen Tagen ihrer Kindheit erzählte, ihre Au⸗ gen glänzten in Thränen, und auf ihren Lippen zeigte ſich einen Augenblick ein ſchwaches Lächelnu, wie der letzte Strahl einer untergehenden Sonne. Aber die Tage der Kindheit, ſie rauſchen ſo ſchnell vorüber, wie das Glück und die Unſchuld. Julia erzählte weiter von den Tagen, wo ſie zu einer Jung⸗ frau herangeblüht, wo ihr erwachendes Herz von glü⸗ hender Leidenſchaft zu einem ſchönen Manne erfaßt ward, der es verſtanden, ihr Herz zu berücken.— Sie erzählte dem bleich und athemlos horchenden Al⸗ fred jene Geſchichte, welche die eiferſüchtige Gräfin Marſilla einſt dem Fürſten Pomowsky vorgeworfen, und von der er bekannt, daß ſie Wahrheit enthalte. Julia, unſchuldigen und reinen Herzens, hatte dem Verführer geglaubt. Sie war gefallen, weil ſie ihn grenzenlos liebte und weil ſie ſeinen Schwüren trauete. Er aber hatte ſie verlaſſen, und die Schande, die — 190— Verzweiflung hatte ſie raſend gemacht und in der Raſerei ihrer Qual hatte ſie ihr eigenes Kind getöd⸗ tet. Dann aber war ſie hingegangen und hatte ſich ſelbſt als Mörderin angeklagt. Mit furchtbarer Ruhe hatte ſie ſich ſelber des Ver⸗ brechens angeklagt, mit voller Ueberlegung, mit ruhi⸗ ger Hand die lang beſchloſſene That vollführt zu ha⸗ ben. Nicht, weil ihr Geliebter ſie verlaſſen, ſondern weil er im Gegentheil ihr treu geweſen und ſie habe heirathen wollen. Sie aber habe ihn gehaßt und deshalb habe ſie ſein Kind ermordet. Sie ſprach ſo ruhig und beſonnen, ſie ſchien gar keine Reue über ihre That zu empfinden, nichts zu ihrer Entſchuldigung anführen zu können, und ſo konnten auch die Richter ſie nicht entſchuldigen. Julia ward zum Tode verurtheilt! Sie ſollte auf dem Schaffot ſterben! Sie empfing ihr Urtheil mit lächelnder Ruhe! Sie wollte ſterben und ſie dankte Gott, daß ſie bald erlöſt werden ſollte! 4 Aber doch fühlte ſie ein Grauſen und Beben ihren Körper durchrieſeln, wenn ſie daran dachte, öffentlich, vor aller Welt, hingerichtet zu werden, einer neugie⸗ rigen, hohnlachenden, ſpottenden Menge zum war⸗ nenden Beiſpiel! Ach, es wäre ſüß zu ſterben, einſam und allein in den Tod zu flüchten vor dieſen entſetzlichen Bil⸗ dern der Vergangenheit, welche Tag und Nacht ſie marterten mit ihrer unheilsvollen Gegenwart. Aber nicht ein Schauſpiel für die Welt, nicht ein Gepränge, das Stoff bietet für das Geſchwätz der neugierigen, gaffenden Menge. Eine Stimme flüſterte geheimnißvolle Worte an ihr Ohr, von Flucht und Hülfe. Ein ſeit wenigen Tagen entlaſſener Gefangener, — 191— welcher mit ihr in demſelben Hauſe geweſen, wußte unter irgend einem Vorwande ſich noch einmal Ein⸗ gang zu verſchaffen in das Haus. Er wußte ſogar ihr einen Brief in die Hand zu drücken und einen Dolch. Es war ein Brief ihrer Mutter. Sie verzieh ihr, ſie nahm den Fluch von ihrem Haupte und flehte ſie an, zu leben, ſich zu retten! Sie ſagte ihr, daß Alles zur Flucht vorbereitet ſei, daß ſie in dieſer Nacht noch fliehen ſolle. Sie ſandte ihr den Dolch als Schutz⸗ und Vertheidigungsmittel. O, es war ihr Dolch, der Dolch, mit welchem ſie gemordet hatte! Der Mann, welcher ihr den Brief gebracht, ſollte ſie begleiten und ihre Flucht ſichern. Dieſer Mann war Chriſtian. Ein Wagen ſollte in der Nacht bereit ſtehen, eine mächtige Hand habe die Schließer beſtochen, die Thüren würden ſich aufthun und der Wagen ſie dorthin führen, wo ihre Mutter ihrer wartete! Der Trieb des Lebens erwachte in ihr, ſie dachte an das Schaffot und an den ſchimpflichen Tod, ſie dachte an ihre Mutter, und daß ſie dieſer jetzt, wo ſie den Fluch von ihr genommen, das entſetzensvolle Geheimniß dieſes Mordes ſagen wolle. Die Nacht kam, die Thüren öffneten ſich, Chriſtian geleitete ſie, und mit ihm fuhr ſie hinaus in die Nacht! Sie fuhren viele Nächte und ruheten Tags in unſcheinbaren Wirthshäuſern. Ueberall war ihre Ankunft gemeldet, ihre Zimmer bereitet. Eine mäch⸗ tige, einflußreiche und freigebige Hand hatte überall vooxgeſorgt und geſchützt. War es die Hand ihrer Mutter? Sie fragte oft nach ihrer Mutter, und wo ſie dieſe finden würde. Chriſtian gab ihr nur unbeſtimmten Beſcheid. Endlich eines Abends fuhren ſie in eine große — 192— Stadt ein, ſie fragte ihren Begleiter, wie dieſe Stadt heiße, und ob ſie hier ihre Mutter träfen? Ihre Mutter, das weiß ich nicht! Aber unſere Reiſe iſt zu Ende, ſagte Chriſtian. Dieſe Stadt heißt Berlin, und hier iſt die Adreſſe von dem Herrn, der Alles beſorgt hat. Wir werden im Gaſthof zum goldenen Adler wohnen, und dahin wird der Herr kommen, Sie abzuholen, und mir hat er'ne große Belohnung verſprochen, wenn ich Sie lebendig ab⸗ e fere. Sie ließ ſich die Adreſſe geben und las ſie beim Schein einer Laterne, an der ſie vorüberfuhren. Auf dem Zettel ſtand:„Gregor Paulowitſch.“ Sie ſchrie laut auf! Paulowitſch iſt ſein Kammerdiener, Er hat ſie gerettet, zu Ihm will man ſie führen! Lieber in den Tod, als zu ihm! Ihr Entſchluß iſt ſchnell gefaßt, ſie öffnet den Kutſchenſchlag,— es iſt Nacht, Chriſtian ſieht zur andern Seite hinaus, leiſe ſchlüpft ſie hinaus, der Wagen rollt weiter,— ſie ſteht allein, einſam auf der Straße! Wie ein gejagtes Reh flüchtet ſie die Straße hinab. Jetzt verbirgt ſie ſich in dem dunklen Flur eines Hauſes. Da ſitzt ſie ſtundenlang, und als die Nacht tiefer und tiefer hinabſinkt, wagt ſie ſich wie⸗ der hinaus auf die Gaſſe, um dann erſchöpft zuſam⸗ menzuſinken.— Und ſo hatte Alfred ſie gefunden und gerettet!t——=— Julia ſchwieg, ſie lehnte ſich erſchöpft zurück. Alfred ſaß ihr gegenüber, farblos, zitternd, aber mit geballten Fäuſten und flammenden Augen. O, ich werde Dich rächen, ſagte er in kurzen, abgebrochenen Sätzen, ich werde dieſen Schurken — 193— treffen und Dich rächen! Seinen Namen, Julia, ſage mir ſeinen Namen! Still! ſagte ſie aufhorchend. Hörſt Du nicht Tritte auf der Treppe? Sie horchten. Deutlich hörte man auf dem Flur den gleich⸗ mäßigen Tact aufmarſchirender Soldaten. Die Ge⸗ wehre wurden angeſetzt. Alles war ſtill. Dier iſt ſie! In dieſem verſchloſſenen Zimmer! ſagte eine Stimme. Julia erkannte ſie,— es war Chriſtian, welcher geſprochen. Sie flog empor, ſie war nicht mehr bleich, ſon⸗ dern glühend, flammend, etwas Unausſprechliches war in ihren Blicken, Todesverachtung und Freude, Hohn und Entzücken. Sie ſtürzte zu Alfred hin, ſie drückte ihn feſt in ihre Arme, ſo feſt, ſo ſtürmiſch, daß er wankte. Aber ſie war ſtark, wie eine Heldin, ſie hielt ihn in ihren Armen aufrecht. Aufgemacht! riefen draußen gebieteriſche Stim⸗ men. Man rüttelte an der verſchloſſenen Thür. Julia flüſterte: Lebewohl, mein Geliebter, Lebe⸗ wohl! Segen über Dich! Du warſt der letzte Traum meines Lebens, ich war glücklich, denn Du liebteſt mich! Lebewohl! Lebewohl! Ich liebe Dich grenzenlos, und deshalb muß ich ſcheiden! Deine Liebe hat mich entſündigt, ich bin wieder rein und frei von Schuld!. Weine auf meinem Grabe und vergiß nicht mein! Aber Alfred hatte nur Einen Gedanken, nur Eine Sehnſucht. Seinen Namen, ich muß ſeinen Namen wiſſen! Aufgemacht! ſchrie und wüthete es draußen. Kol⸗ benſtöße wurden gegen die Thür gerichtet. Oeffne! ſagte Julia, und jetzt war ſie bleich und kalt, wie ein Marmorbild. In. 13 — 194— Mechaniſch ging Alfred zur Thür und öffnete. Chriſtian ſtürzte herein, Gensd'armen folgten ihm. Hier iſt die entſprungene Mörderin! ſchrie er hohnlachend.———. Auf dem Fußboden lag ſie, überſtrömt von Blut; ihr Dolch hatte gut getroffen. Sie lächelte, und mit einem ſeligen Ausdruck blickte ſie auf Alfred hin. Die Soldaten traten ſcheu zurück, ſelbſt Chriſtian ſchwieg und wandte ſich ab. Alfred ſtürzte zu ihr hin, er kniete neben ihr, er hob ihr Haupt empor in ſeine Arme. Er weinte nicht, er klagte nicht, er hatte nur Einen Gedanken: ſeinen Namen! nur Eine Furcht: ſie konnte ſterben, ohne ihn genannt zu haben!— Die Gluth der Rache hatte für einen Moment ſelbſt die Liebe in ihm beſiegt, aber es war doch nur die Gewalt der Liebe, welche in dieſem Rachedurſt aufflammte. Es flog wie ein Lächeln über ihr Antlitz, wie ein ſtolzes, triumphirendes Lächeln. Alfred, ich bin gerettet! flüſterte ſie. Kein Schaf⸗ fot! Kein Gefängniß! Ich bin frei! Deine Geliebte wird nicht von Henkers Händen fallen! Seinen Namen, ſchrie er, außer ſich. Sieh meine Qual, meinen Jammer! Julia, mein Weib, meine Geliebte! Ich weine nicht um Deinen Tod, denn ich weiß, daß ich bald werde bei Dir ſein, ewig, unzertrennlich. Erwarte mich da drüben, und bitte Gott, daß er meine Rache ſegnet. Den Namen dieſes Mannes, welcher Dich bübiſch verrieth! Sie richtete ſich halb empor und ſagte mit einem wilden Ausdruck des Haſſes, des Zornes: es iſt der Fürſt Alexiew von Pomowsky! 5 Dann ſank ſie zurück,— bleich,— röchelnd.— Fürſt Alexiew? ſchrie Alfred mit einem wilden Lachen. Schließe Deine müden Augen, mein Weib, meine Geliebte! Scheide in Frieden dahin! Ich werde Dich rächen! Alfred! hauchte ſie, kaum hörbar noch. Alfred, ich erwarte Dich! Steige empor aus dieſem Grabe des Lebens, aus dieſer eklen, wüſten Welt! Steige empor, laß uns fliegen, fliegen! Ach, wie ſchön iſt die Freiheit!—. Sie lächelte, ſie athmete hoch auf—— Alles war ſtill! Sie iſt todt! Und ich bin da, um ſie zu rächen! ſchrie Alfred, und riß den Dolch aus ihrer Wunde und hob ihn hoch mit flammenden Augen und hoch⸗— athmender Bruſt. 3 Die Gensd'armen ſtanden ſchweigend da,— es gab hier nichts mehr zu thun,— ſie war todt. Chriſtian hatte ſein Antlitz verhüllt,— ihn ſchau⸗ derte. Und inmitten dieſer Gruppe lag dieſes bleiche Weib, ſchön und herrlich anzuſchauen in ihrer Mar⸗ morſchönheit. Ein Ausdruck des Stolzes und der Hoheit lag noch in ihren erſtarrenden Zügen, und auf ihren Lippen hatte der Tod ein unveränderliches ſeliges Lächeln feſtgehalten. Eine Galathea war ſie, und als Pygmalion hatte der Tod mit einem bluti⸗ gen Kuſſe ſie erweckt zu neuem, ewigem Leben! 13* Zwei Sterbebetten. Gotthold hatte Wort gehalten, und von den Ge⸗ richten gefordert, ihm ſein entflohenes Weib gewalt⸗ ſam in ſein Haus zu führen. Aber auch Eduard hatte geeilt, im Namen Amaliens eine gerichtliche Scheidung zu beantragen. Es iſt natürlich, daß ſie unter ſolchen Umſtänden nicht wieder zu ihrem Gatten zurückkehren kann, ſagte er zu ſeinem Anwalt. Dieſer zuckte die Achſeln. Natürlich mag es ſein, ſagte er, aber geſetzlich iſt es nicht! Der Gatte hat das Recht und die Befugniß, ſeine Gattin ſo lange an ſein Haus zu bannen, bis die Scheidung wirklich erfolgt iſt. Dies iſt ein granſames Recht, ſagte Eduard, es iſt unnatürlich und barbariſch! Sie können nicht verlangen, daß unſere Geſetze auf das Zartgefühl Rückſicht nehmen ſollen, rief der Mann des Geſetzes lachend. Aber ſuchen Sie doch einen Vergleich zu Stande zu bringen! Ednard war es zufrieden. Gotthold aber ließ feſt und beſtimmt erklären, daß er niemals in eine — 197— Scheidung willigen werde, und verlangte, daß Amalie, bis zur Beendigung des von Eduard eingeleiteten Prozeſſes, zu ihm zurückkehre. Habe ich ſie erſt ein— mal wieder in meiner Gewalt, ſagte Gotthold zähne⸗ knirſchend, und die Adern ſeiner Stirn ſchwollen hoch auf, iſt ſie erſt einmal wieder mein, dann werde ich ſchon dafür ſorgen, daß ſie ruhig wird und ſtill, und ſich nicht beklagt! Uebrigens waren es ganz andere Sorgen, die Gotthold jetzt beſchäftigten. Es handelte ſich darum, ein lang vorbereitetes und gepflegtes Geſchäft jetzt endlich zum Abſchluß zu bringen und den wohler⸗ worbenen Lohn wochenlanger Mühe und Sorgfalt ſich endlich zu ſichern. Und ſicher war es keine kleine Mühe gewe⸗ ſen, die Seele der alten, in Weltluſt ergrauten Madame Ollenthien dem Himmel zu gewiunen. Es hatte ſehr vieler Anſtrengung, ſehr vieler Begeiſte⸗ rung, ſehr vieler pomphafter Reden bedurft, ehe denn ſie zur Zerkuirſchung, zur Bußfertigkeit gebracht worden. Aber endlich war es doch gelungen; Gotthold's Gebete hatten ſich endlich erfüllt,— er hatte dem Herrn eine Seele gewonnen, und das Herz dieſes Weibes abgelenkt von der Erde, um es der himmli⸗ ſchen Freude theilhaftig werden zu laſſen. Es ſchlummerte tief im Buſen dieſes frommen, gottesfürchtigen Mannes, welcher die Seelen dem Himmel gewann, ein Gedanke.— Er dachte: dieſes alte Weib iſt, wie die Aerzte ſagen, dem Tode nahe. Ihre verſtoßene Tochter Roſa, deren Leiche man gefunden, hat ſich ſelbſt ent⸗ leibt; ſie war ihrer Mutter einzige Erbin, und da dieſe alſo todt, würde der Fiskus der Erbe der alten Ollenthien ſein, wenn nämlich ſie es nicht teſtament⸗ — 198— lich einem Andern vermacht. Alle Achtung vor dem Fiskus, aber es wäre edler und größer dieſes nicht unbedentende Vermögen dem Herrn zu gewinnen, und wenn ſie mich zu ihrem Erben einſetzt, ſo iſt es ſo gut, als wenn ſie es dem Herrn vermachte, denn ich werde es nur zu wohlthätigen Zwecken und heiligen Werken verwenden! Es war alſo ſein eifriges Bemühen ſich durch Schmeicheleien und zärtliches Zureden die Zuneigung dieſer ſterbenden alten Frau in einem ſolchen Grade zu gewinnen, daß ſie ihn, voll dankbarer Liebe, zu ihrem Erben ernannte. Uebrigens hatte er ſich vorgeſehen und ſich jeden Beſuch, den er der alten Frau gemacht, und jedes Gebet, mit welchem er ſie getröſtet, oder nicht ge⸗ tröſtet, wohl aufnotirt. Im ſchlimmſten Falle gab das immer eine hübſche Rechnung, und es kam eine nicht ganz unbedeutende Summe heraus, die ihm nicht vorenthalten werden konnte. Seit ſie Roſa's unglückliches Ende erfahren, war Madame Ollenthien wirklich zerknirſcht und reue⸗ voll,— ſie fühlte, daß auch ihr Ende herannahe, und ſuchte ſich mit Gott zu verſöhnen. Aber die ſalbungsvollen Reden des frommen Predigers Gott⸗ hold fingen dennoch an, ſie zu langweilen, und ſie war ſcharfblickend genug zu ſehen, daß der fromme Mann, wenn er, für ſie betend, die Augen gen Him⸗ mel erhob, immer ein wenig zur Erde ſchielte und ihre Geldkiſten ſeiner frommen Beſchauung gar nicht ganz unwerth hielt. Aber, wie geſagt, ſie war wirklich zerknirſcht, und ſie wollte Gott verſöhnen, auf eine recht ecla⸗ tante Weiſe ihn verſöhnen. Ueberdies ſchien es ihr ſehr ſüß, noch nach ihrem Tode öffentlich in den — 199— Zeitungen als eine edle und hochherzige Wohlthä⸗ terin aller Welt bezeichnet zu werden.— Dieſer letzte Gedanke war ihr überaus lockend und ſchmeichel⸗ haft, aber ſie hütete ſich wohl ihn Gotthold mitzu⸗ theilen,— ſie hatte ein wenig Furcht vor dem from⸗ men Manne. Sie ließ den erſten Bürgermeiſter, als den na⸗ türlichen Vater der Armen, zu ſich bitten, und nach⸗ dem ſie mit ihm das Nöthige beſprochen, ließ ſie den Inſtizbeamten rufen und ihr Teſtament aufſetzen.— Aber ihre Dienſtmagd war Gotthold's Freundin, er gab ihr kleine Geſchenke, und ſie erzählte ihm dafür getreulich Alles, was Madame Ollenthien in ſeiner Abweſenheit geſagt, oder geſprochen hatte. Es iſt zu vermuthen, daß dieſes Mädchen zu dem würdigen und heiligen Vereine der Lilienſtengel gehörte, und ihr Ausplaudern war daher, dieſem Staubfaden ge⸗ genüber, vollkommen gerechtfertigt.— Das Mädchen hinterbrachte auch heute getreulich Gotthold den Be⸗ ſuch des Bürgermeiſters und des Inſtizbeamten, auch hatte ſie an der Thür gehorcht und ſehr gut verſtan⸗ den, daß Madame Ollenthien ihr ganzes Hab' und Gut den Armen vermachte. Er dankte dem Mädchen mit ſalbungsvoller Freund⸗ lichkeit, und trat dann mit hochgeröthetem Geſicht in Madame Ollenthiens Gemach, die Thür hinter ſich verſchließend. Das Dienſtmädchen war froh, ihn bei ihrer Madame zu wiſſen, da ſie nun ſicher ſein konnte, von dieſer nicht gerufen zu werden, und alſo frei war. Unten an der Treppe ſtand ihr Liebſter, der ſie erwartete; ſie lehnte die Ausgangsthür leiſe an,— es war nicht nöthig ſie zu verſchließen, ſie wollte nur ein wenig mit ihrem Liebſten plaudern. Leiſe ſchlüpfte ſie die Treppe hinab, und weil es ſehr ſchönes Wet⸗ — 200— ter war, gingen ſie plaudernd vor der Hausthür auf und ab. Ein Cabriolet hielt vor der Thür.— Eduard ſprang heraus und fragte das Mädchen, ob hier im Hauſe ein Kranker, Namens Braune, wohne? Es ſei nach ihm geſchickt worden, aber er ſei der Hausnum⸗ mer nicht gewiß. Es iſt richtig hier, ſagte das Mädchen. Gehen Sie nur in's Haus und die Treppen hinauf, Herr Doctor, Sie können gar nicht fehlen!— Eduard ging in's Haus, das Mädchen plauderte luſtig weiter. Eduard ſtieg die Treppe hinauf. Da war eine nur angelehnte Thür. Offenbar ſchien man ihn hier zu erwarten. Er hatte nicht einmal nöthig zu klin⸗ geln, er machte die Thür auf und trat ein. Es war ein kleines Vorzimmer. Niemand kam ihm entgegen. Sicher waren ſie Alle drin bei dem Sterbenden, denn man hatte ihm geſagt, daß der Kranke, welcher ſeiner Hülfe begehre, faſt ſchon mit dem Tode ringe. Uebrigens hörte er drinnen auch das Geräuſch mehrerer Stimmen,— er öffnete die nächſte Thür. Auch hier war Alles leer, aber jetzt unterſchied er ganz deutlich die Stimmen mehrerer Menſchen. Sie kamen aus dem nächſten Gemach. Und, ja wahrlich, eine dieſer Stimmen kannte er, ſie ſprach drohende, zürnende Worte, ſie bebte in Wuth und Grimm,— es war Gotthold, welcher ſprach, und ſo erſchreckende, drohende Worte, daß Eduard un⸗ willkürlich ſtill ſtand und hörte. Dieſes kleine Gemach, in welchem Eduard jetzt ſtand, war eine Art Alkoven, aus welchem zwei mit Glasfenſtern verſehene Thüren in das anſtoßende Zimmer führten. Die Glasfenſter waren von der andern Seite mit Gardinen verhangen, aber eine — 201— derſelben war durch einen Zufall ein wenig verſcho⸗ ben, ſo daß ein ſchmaler Streifen der Glasſcheibe unbedeckt blieb. Durch dieſen Streifen konnte man das ganze Zimmer überſchauen. Eduard trat näher, die Worte, welche er von Gotthold's Lippen ver⸗ nommen, hatten ihn neugierig gemacht, er war be⸗ gierig, den Fortgang zu erfahren, vielleicht konnte er ſich daraus eine Waffe machen, mit der Gotthold's tückiſcher Starrſinn ſich bekämpfen ließ. Er trat alſo näher und horchte. Drinnen in dieſem Zimmer trug ſich etwas Selt⸗ ſames zu. Mit hochgeröthetem Angeſicht, mit bebenden Lip⸗ pen war Gotthold in das Gemach der Madame Ollenthien getreten. Die Nachrichten, welche ihm die Magd gegeben, hatten auf Einen Schlag alle ſeine mühevollen Beſtrebungen vernichtet, ſeine ſo lange gehegten, ſo emſig verfolgten Hoffnungen zer⸗ ſtört. Er fühlte einen ungeheuren Zorn in ſeinem Herzen emporſchwellen, und der Blick, welchen er auf die alte, eben in Schmerzen ſich krümmende Madame Ollenthien heftete, war voll entſetzlicher Wuth. Dieſes alte, verbrecheriſche Weib hatte es gewagt, ihn in ſeinen Hoffnungen und Wünſchen zu täu⸗ ſchen und zu hintergehen, ſie hatte Strafe und Züch⸗ tigung verdient! Er war allein mit ihr; denn mit einer hämiſchen Freude erinnerte er ſich, den Geliebten der Magd unten auf dem Hausflur geſehen zu haben, und er ſelbſt hatte dem Mädchen die Erlaubniß ertheilt, immer, während ſeiner Anweſenheit bei ihrer Herrin, hinabzugehen zu ihrem Liebſten, weil es ihm beque⸗ mer geſchienen, ſelbſt das Ohr einer Magd nicht die heiligen Reden, welche er ihrer Herrin hielt, und die — 202— kurzweiligen Geſpräche, mit denen er ſie dann und wann zu zerſtreuen ſuchte, hören zu laſſen.— Er war alſo auch jetzt allein mit ihr, und es war nicht nöthig, Verſtellung zu üben und gewaltſam ſeinen Zorn zu unterdrücken. Mit einer Geberde der Wuth trat er zu der kranken, ächzenden Frau. Mit heftigen Worten, von keiner Zurückhaltung, von keiner Beſonnenheit ge⸗ zügelt, warf er ihren Undank ihr vor. Den Armen hatte ſie ihr Vermögen vermacht, und nicht ihm, wel⸗ cher ſie errettet hatte von der Sünde und dem Ver⸗ derben, nicht ihm, welcher die ſchwere und läſtige Pflicht übernommen, täglich mit ihr zu beten und ſie zu Gott zu führen, nicht ihm, welcher Tag und Nacht bereit geweſen, ſie zu tröſten und die Lange⸗ weile von ihrem Lager zu verſcheuchen. Er ward immer heftiger, während er ſprach, ſeine kleinen, ſtechenden Augen flammten in wildem Zorn, ſeine Naſenlöcher waren weit geöffnet, die weit vor⸗ gedrängten Lippen ſchienen anzuſchwellen von den giftigen Worten, welche ſie überſtrömten,— er war entſetzlich. Auch fürchtete ſich die alte Frau. Sie erbebte vor dieſei Manne, welcher heute zum erſten Male vor ihr die Maske von ſeinem Antlitz genommen und ſie alle die Wuth und den Grimm, welcher ſich unter dieſer frommen Larve barg, ſehen ließ. Ein unbe⸗ ſtimmtes Schreckbild machte ſie erbeben. Sie vergaß ſelbſt ihrer Schmerzen in der Angſt dieſer Stunde und erhob flehend die Hände zu Gott⸗ hold, um ihn mit zitternder Stimme um Vergebung anzuflehen.— Ihre Unterwürfigkeit reizte ihn nur noch mehr auf. Er ſchrie, ſie ſolle ihm das Teſtament geben, daß er es zerreißen, unter ſeine Füße treten könne. * — 203— — Sie hatte nicht den Muth, ihm zu ſagen, daß es nicht mehr in ihren Händen, ſondern ſchon bei ihrem Juſtizbeamten ſei. Sie ſchwieg. Ihr Schweigen machte ihn raſend. Er ſtürzte zu ihr hin, er packte ihre Arme, daß ſie laut aufſchrie vor Schmerz, und ihn um Gnade und Erbarmen auflehte. Er lachte höhniſch und drückte ſie nur noch hefti⸗ ger, daß ſie winſelte vor Pein. Das that ihm wohl, es war eine Luſt ſie zu ſtrafen! Er ſchrie, daß er ſie ermorden, zu Tode martern wolle, wenn ſie ihm das Teſtament nicht ausliefere. Sie geſtand ihm wimmernd, daß ſie es nicht mehr habe, daß es ſchon abgeliefert ſei! Seine Wuth war ungehener. Er ſtieß einen dumpfen Schrei aus, dann erhob er ſeinen Arm und ließ ihn ſchwer und gewichtig auf das Geſicht dieſes alten Weibes fallen, ſie ſchrie, ſie ächzte, er ſchlug immer zu; er war raſend, toll vor Zorn; er rächte ſich an dieſer Frau für all den Aerger, den verhalte⸗ ven Grimm, den er Amalien nicht konnte empfinden laſſen. Endlich forderte er von ihr den Schlüſſel zu ihrem Geldſckrank. Sie hatte ihn beſtohlen um ſeine Erb⸗ ſchaft, er wollte ſich entſchädigen. Aber als ſie regungslos blieb, und er ſah, daß ſie ohnmächtig ſei, ſuchte er in der Taſche ihres Kleides und zog mit einer Geberde des Triumphes den Schlüſſel hervor. Miit einem einzigen Sprunge war er bei dem Schranke und öffnete ihn. Da lagen viele Rollen Geldes und viele Haufen von Kaſſenanweiſungen. Gotthold raffte zuſammen, ſo viel er vermochte, und barg es an ſeinem Buſen.——— Regungslos, wie gelähmt, ſtand Eduard noch 5 2⁰1— immer vor der Thür. Er wußte nicht, ob er träume, ob dies Wahrheit, Wirklichkeit ſei. Lautes Rufen weckte ihn. Es kam von der andern Seite her. Es war ein ängſtliches Fragen und Schreien, ein Kreiſchen und Jammern. Er ſtirbt! er ſtirbt! hörte er rufen. Mein Gott, wo bleibt der Arzt! Sein Wagen ſteht vor der Thür! Wo bleibt er! Eduard erinnerte ſich ſeiner ärztlichen Pflicht, er ſtürzte aus dem Zimmer und folgte der weinenden, händeringenden Frau, welche er auf dem Flur traf, die Stiegen hinauf. Eine halbe Stunde ſpäter verließ Gotthold das Zimmer der Madame Ollenthien. Er hatte ſeine ge⸗ wöhnliche freundliche und gottergebene Miene und ſein gen Himmel gewandter Blick ſchien zu beten. Auf dem Flur ſtand die Magd. Er grüßte ſie mit dem Segen des Herrn, und ſagte mit einem frommen Händefalten, es ſei ihm gelungen, die Angſt und Qual der armen, leidenden Frau zu ſänftigen, und ſie durch Gebet und frommen Zuſpruch in Schlummer zu wiegen. Er machte es der Magd zur heiligen Pflicht, die⸗ ſen Schlummer ihrer Herrin durch kein Geräuſch zu ſtören, und ſchritt dann mit frommen Segenswün⸗ ſchen über die Schwelle. Als die Magd nach vielen Stunden es beunruhi⸗ gend fand, daß ihre Herrin immer noch ſchlummere, wagte ſie es, ihr Gemach zu betreten. Die alte Frau rührte ſich nicht,— vorſichtig ſchlich das Mädchen näher. Sie war ſteif und kalt, — ſie war todt. 4 Auf ihrem Antlitz und an ihrem Halſe zeigten ſich blaue Flecken,— es war offenbar, ein Schlag⸗ fluß hatte ſie getödtet.— Uebrigens hatte der Arzt — 205— ſchon längſt ihren baldigen Tod vorhergeſagt, Jeder⸗ mann bewunderte die Weisheit des geſchickten Arz⸗ tes. Dieſe erfüllte Prophezeihung brachte ihn ſehr in Aufnahme.———————— Eduard war der weinenden Frau in das obere Stockwerk gefolgt, und betrat mit ihr die kleine ärm⸗ liche Dachkammer. Von dem ärmlichen Lager rich⸗ tete ſich eine bleiche, abgezehrte Geſtalt empor, und wandte den gläſernen, halberſtorbenen Blick auf den Eintretenden hin. Es war kein Leben in dieſen Augen, ſie waren glanzlos und todt, der Mann war blind, ſeine Augen waren früher ſchon geſtorben, als ſein Körper,— ſeit drei Tagen war er blind, aber er lebte noch, lebte noch, um zu leiden, Schmer⸗ zen des Körpers, Qualen der Seele zu leiden, lebte, um ſich zu winden in der Pein des Hungers und der Qual eines marternden Gewiſſens. Iſt er gekommen? fragte Herr Braune mit mat⸗ tem Ton. Hat er endlich meinem Flehen nachgegeben und kommt, mich zu tröſten und meine Seele zu be⸗ ruhigen, damit ſie in Frieden von hinnen fahre? Es iſt der Arzt! ſagte die Frau leiſe. Der Arzt! Alſo nicht Er, immer nicht Er, jam⸗ merte der Kranke, warſt Du denn nicht bei ihm? Haſt Du ihm nicht geſagt, Martha, daß ich ſterben muß, haſt du nicht verſucht des frommen Mannes Herz zu bewegen? Er war nicht zu Hauſe! ſtammelte ſie matt. Er iſt niemals zu Hauſe für uns! Seit ich krank bin und ihm nicht mehr nützen kann, iſt er niemals zu Hauſe. O einſt war es anders! Da hatte er immer ein freundliches Wort, ein kleines Geſchenk für mich! —— — — 206— Du vergißt, daß der Arzt hier iſt, ſagte Martha anft. Der Arzt, was ſoll mir der Arzt? ſchrie er auf⸗ fahrend. Ich bedarf keiner Arzenei, und wenn ſie mir auch Linderung verſchaffen würde, ich kann ſie ja nicht bezahlen. Wir haben kein Geld! Hören Sie, Herr Doctor, es iſt kein Pfennig im Hauſe des armen Schreibers Braune! Sie werden hier keine Geſchäfte machen, ich kann Ihren Beſuch nicht bezahlen, alſo gehen Sie! Denken Sie nicht daran, ſagte Eduard milde, Sie leiden, vielleicht kann ich Ihnen Linderung ver⸗ ſchaffen. Ach, Linderung für dieſe brennenden Schmerzen, ſtöhnte der Kranke, für die Pein, welche mein Ein⸗ geweide durchwühlt! Sie müſſen etwas genießen! Einen kühlen Trank, eine leichte Speiſe. Der Kranke lachte wild auf, die Frau rang die Hände und weinte. Etwas genießen! Martha ſagt, wir haben nichts, ſie hat geſtern ihr letztes Kleid verkauft, und Nie⸗ mand will uns mehr borgen! Eduard riß aus ſeiner Schreibtafel ein Blatt Papier und ſchrieb mit dem Bleiſtift einige Zeilen, die er dem Weibe hinreichte.. Hier, gute Frau, nehmen Sie! Eilen Sie damit in meine Wohnung. Man wird Ihnen eine Flaſche Wein geben. Und hier, dies Recept in die Apotheke. Da iſt Geld! Eilen Sie! Ich werde Ihre Rückkehr erwarten. Dieſer Mann, fügte er leiſe hinzu, wird einen bittern und ſchmerzlichen Todeskampf haben. Vielleicht kann ich ihm Linderung verſchaffen, ich werde alſo da bleiben. Die Frau drückte mit einer Geberde des innig⸗ — 207— ſten Dankes Eduard's Hand an ihre Lippen und eilte fort. Eduard war allein mit dem Kranken.— Es war eine lange, ſchauerliche Stille, der Kranke lag ächzend auf ſeinem Lager, Eduard ſaß auf dem hölzernen Schemel vor ſeinem Bette, und dachte ſchaudernd an die entſetzliche und grauſame Scene, deren Zeuge er eben geweſen.. Der Kranke bewegte ſich, er ſprach, es war ein Klagelied ſeiner Vergangenheit, ein letzter Abſchieds⸗ gruß an das Leben. Einſt, ſante er leiſe, einſt war ich glücklich und reich! Mein Vater war ein vornehmer Mann, wir hatten offene Tafel und viele Freunde! Wo ſind die ſilbernen Teller und die klingenden Becher, wo ſind die zärtlichen Freunde? Mein Vater war reich und ich ſein einziger Erbe. Ach, mein köſtliches Haus und meine muthigen Pferde, meine ſammetnen Stühle und die reichen, koſtbaren Teppiche? Wo iſt das Alles? Wo ſind die Freunde, denen ich mein Geld geliehen, die Weiber, die ich überhäuft mit koſtbaren Geſchenken? Alles, Alles floh, Alles verſchwand, als die Gläubiger kamen. Nichts iſt treu geblieben, nur die Gläubiger. Sie nahmen mir Alles, ſie ließen mir nichts als mein Weib, nichts als die Kleider, welche wir trugen, nichts als unſere Armuth und unſer Elend. Die Freunde wandten ſich ſeitwärts, wenn ſie uns begegneten, die Kinder wieſen mit Fingern auf uns. Mein Weib weinte, ich haſſe die Thränen, darum ſchlug ich ſie. Mir ward wohl, wenn ich ſie ſchlug. Aber mich hungerte doch. Ein frommer Mann erbarmte ſich meiner, er gab mir Arbeit und machte mich zu einem Abſchreiber. Ich konnte alle Handſchriften nachahmen, und Gotthold lobte mich! — 208— Gotthold? fragte Eduard aufhorchend. Der Kranke ſchrak zuſammen und rief: iſt er da? Iſt er endlich gekommen? Ach, ich wußte es wohl, daß er mich nicht verlaſſen würde in der Stunde der Noth. Gotthold, Gotthold, reichen Sie mir die Hand? Ach, Sie ſind barmherzig! Sie wiſſen es, ich bin ein Verbrecher, aber Sie haben mich dazu ge⸗ macht! Sie ſagten, um Gottes willen dürfe man ſündigen und betrügen, und dann,— mich hungerte ſo ſehr, und die Baronin bot mir viel Geld. Sie wiſſen, ich ward ein Verbrecher aus Noth, und weil Sie mir zugeredet. Aber wir kommen in's Zucht⸗ haus Alle, Alle drei, wenn's entdeckt wird. Alſo ſtilll Ich habe meinen Eid gehalten, ich hab's Nie⸗ mand verrathen, ſelbſt Martha weiß nichts davon. Aber doch war's grauſam, daß Sie mich nachher nie⸗ mals wieder ſehen wollten, und daß Sie mich ganz verließen!——— Ach, ich ſollte nicht wiſſen, wie die Dame hieß, für die ich das Ding geſchriebeu,— ha, ha, der Braune iſt pfiffig,— ich hab's doch heraus⸗ gebracht. Ich kenne ihren Namen. Es iſt eine ſehr fromme Dame, aber ich kann ſie doch in's Zuchthaus bringen, und Sie auch, Sie auch, frommer Prediger Gotthold. Sie wiſſen es nur nicht, ha, ha, ha! Der Kranke lachte,— es war ein wildes, höh⸗ niſches Lachen; aber es weckte die Schmerzen ſeiner Bruſt, wilde, peinigende Schmerzen. Er ächzte und wimmerte laut. Eduard ſaß hochklopfenden Herzens vor ſeinem Bette. Er war entſchloſſen, er mußte dies Geheim⸗ niß erfahren, dieſem Verbrechen nachſpüren. Sie irren ſich, ſagte er laut, als die Schmerzen des Kranken nachgelaſſen, Gotthold iſt nicht hier! Nicht hier? ſchrie der Kranke. Wer ſind Sie denn? — 209— Wer iſt hier, mich zu behorchen und mir mein Ge⸗ heimniß abzulauern? Niemand belauſcht Sie. Ich bin der Arzt, und ich komme, um Ihnen zu helfen. Mir zu helfen! ächzte der Kranke. Ich werde ſterben, Doctor. Aber warum iſt Gotthold nicht gekommen? Warum verſchmäht er es, an das Lager eines Sterbenden zu treten? O, das iſt nicht klug von ihm! Er weiß es nur nicht, daß ich ihn ver⸗ derben könnte, ihn und ſie! Ach, ich war pfiffiger, als ſie! Ich kann jede Handſchrift nachmachen, auch die ihre! Und das habe ich gethan! Ha, ha, ha! Gotthold wollte nicht kommen, ſagte Eduard feſt, er ſagte, er kenne Sie nicht. Er kenne mich nicht! ſchrie der Kranke. O, er ſoll mich kennen lernen, ja, das ſoll er! Ich will ihn daran erinnern, daß er mich kennt! O, ich drohte ihm einmal, und da hat er mich ausgelacht und ge⸗ ſagt, ich ſei wahnſinnig. Aber ich habe Beweiſe! Er ſoll mich kennen lernen! Mir kann es nicht mehr ſchaden, gar nicht mehr! In wenigen Stunden werde ich ein Mann des Todes ſein! Mich können ſie nicht mehr in's Zuchthaus ſchleppen, mich nicht! Aber ihn, ihn, er kennt mich nicht! Doctor, Doctor, richten Sie mich auf, ich will reden! 3 Eduard richtete ihn empor. Der Kranke athmete hoch auf. Zitternd vor Erwartung und Ungeduld ſtand Eduard. Der Kranke ſprach,—— Eduard börte ihm zu. Der Kranke ſank erſchöpft in die Kiſſen zurück, ſein Athem ging ſchwer und röchelnd aus ſeiner Bruſt hervor, ſein Antlitz hatte eine gelbe, wächſerne Farbe angenommen. Kalter Schweiß ſtand auf ſei⸗ ner Stirn. III. 14 — 210— Das Papier! Das Papier! rief Eduard. Wo iſt es? Der Kranke zeigte mit der Hand auf einen klei⸗ nen, in der Wand angebrachten Schrank. Eduard öffnete dieſen. Er fand eine ſchmutzige, halb zerfetzte Brieftaſche, und öffnete ſie. Das Papier, welches er ſuchte, befand ſich darin; Eduard ſteckte es in ſeinen Buſen. Der Kranke murmelte ſchwach: er kennt mich nicht! Er iſt ein ſehr frommer Mann! Ich kenne ihn! Er betet ſehr ſchön, aber Gott hört ihn nicht! Gott hört keinen Sünder an! Mich auch nicht! Ich wage nicht zu beten! Wo iſt Martha! Sie ſoll beten! Sie kann beten, denn ſie iſt ein armes Weib, das niemals geſündigt hat. Bete, Martha, bete! Er rang die Hände, er wand ſich wie ein Wurm auf ſeinem Lager. Flüche und Verwünſchungen, Ge⸗ bete und Schmerzensſchreie drangen von ſeinen Lippen. Eduard kniete tief erſchüttert neben ſeinem Lager. Er konnte ihm nicht helfen, er konnte nur für ihn beten, aber er that es mit tiefergriffener Seele.— Der Kranke ächzte und wimmerte laut, Eduard betete,—— als Martha zurückkam, war Alles ſtill. Ihr Mann war geſtorben, Eduard hatte ihm die Augen zugedrückt. Sie weinte über ſeinen Tod, und doch hatte er ihr Leben zu einer einzigen, fortlaufenden Kette von Jammer und Elend gemacht! Sie weinte, denn ſie hatte ihn geliebt!——— Eduard legte verſtohlen einige Geldſtücke auf das Bett des Todten und entfernte ſich. Aber er fuhr nicht nach Hauſe. Er hatte ein wichtiges Geſchäft zu erfüllen,— es war das Ver⸗ mächtniß des eben geſtorbenen Schreibers Braune. — 211— Wo die Baronin Hermfeld wohnt, wußte er. Er kannte ſie. Frau Hermfeld war ja die Freundin ſeiner Mutter geweſen, ſie hatte mit ihm geweint über den Tod der alten Frau Winkler.— Eduard fuhr hinaus in die Familienhäuſer und begehrte eine geheime Unterredung mit Frau Herm⸗ feld. Er war lange bei ihr. Als er ſie verließ, ſagte ſie: Sie verſprechen mir, gegen Niemand ein Wort zu ſagen von dieſer Sache? Ich verſpreche es! Auch Gotthold oder die Baronin nicht zu warnen? Bei meiner Ehre, nein! Die Baronin hat dieſe Strafe verdient, ſagte Frau von Hermfeld. Es iſt ein heuchleriſches, ver⸗ brecheriſches Weib. Gott ſelber iſt es, der ſie in meine Hand giebt. Ich werde ſie ſtrafen! Aber noch iſt es nicht an der Zeit! Wir müſſen warten! Ich werde ſie beobachten! Und an mir ſollen Sie Ihren Verbündeten fin⸗ den! ſagte Eduard. Meine Schweſter Amalie kennt durch Gotthold die Baronin und ihre Tochter. Emmy und Amalie ſind Freundinnen geworden, und ich weiß, daß Emmy meiner Amalie ein wichtiges Ge⸗ beimniß anvertraut hat. Sobald es Zeit iſt, ſage ich Ihnen das Nähere! Die Baronin reichte ihm die Hand. Wir werden ein wenig das Schickſal ſpielen, ſagte ſie. Eine Zeit lang laſſen wir die Dinge ge⸗ hen, wie ſie wollen, denn wir kennen das Ende, und wir warten, weil die Frucht dieſer Sünde noch nicht reif iſt! Ich freue mich wahrhaft auf dieſen Tag der Schlacht! Nennen Sie mich deshalb nicht grauſam, lieber Doctor. Dieſe Frommen ſind ſo hochmüthige, — 14* — 212— prahleriſche Leute, die, wenn wir ſie nicht unterdrük⸗ ken können, uns unter ihre Füße treten. Dieſer Kampf, den wir kämpfen, es iſt ein Kampf der redlichen Leute gegen die frommen Leute, der Rechtſchafſenen gegen die Heuchler. Es kommt darauf an zu zeigen, daß nicht im Gebet und im Anrufen Gottes, nicht im Beſuch der Kirche und im Genuß des Abendmahls allein die Tugend und die rechte Gottesverehrung zu finden iſt, ſondern in einem redlichen Herzen, welches das Rechte thut und Gott liebt ohne Gepräunge und Wortſchwall; es kommt darauf an zu zeigen, daß man ſehr fromm und doch ſehr nichtswürdig ſein kann, und daß diejenigen, welche weder eine Kirche beſuchen, noch das Abend⸗ mahl nehmen, oft aus dem ſtillen Kämmerlein, in welchem ſie arbeiten, ſich eine Kirche machen, und das Stückchen Brod und den Krug Waſſer, welches ſie dem Armen reichen, ſich zu einem heiligen Abend⸗ mahle des Herrn werden laſſen! Gottes Tempel iſt überall, und jeder brave, gute Menſch iſt ſein beru⸗ fener Prediger, das wollen wir ein wenig dieſen frommen Leuten beweiſen! Ber gewonnene Prozeß. —qq Am Morgen nach den eben erzählten Begeben⸗ heiten hielt Eduard's Cabriolet vor der Thür des frommen und würdigen Predigers Gotthold. Eduard warf ſeinem Diener die Zügel hin, ſprang aus dem Wagen und eilte die Stiegen hinauf. Gotthold ſel⸗ ber öffnete ihm die Thür und empfing ihn mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Eduard beachtete es nicht und folgte ihm in das Arbeitszimmer des frommen Predigers. Es war ein ſehr frommes Zimmer, dieſes Studir⸗ zimmer Gotthold's. Auf jedem Tiſche lag eine auf⸗ geſchlagene Bibel und ein Geſangbuch, in welchem irgend ein Lied der Zerknirſchung und Weltverachtung angezeichnet war. Zwiſchen den beiden Fenſtern ſah man einen ſehr geſchmackvoll decorirten kleinen Al⸗ tar, über welchem ein ſauber gearbeitetes Crueifix ſich erhob. Auf dem Gebetpulte des Altars lag eine angefangene Predigt Gotthold's.— Er fragte Eduard mit ſtrengem, höhniſchem Ton, warum er komme, ihn in ſeinen heiligen Betrachtun⸗ gen und in der Vollendung ſeiner Predigt zu ſtören, — 214— da er doch geſchworen, niemals wieder Gotthold's Haus zu betreten. Eduard ſagte lächelnd: Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu ſagen und Ihnen zu danken für dieſe ſchnelle Beendigung unſeres Prozeſſes. Sie haben Recht, es iſt Ihrem heiligen Character ganz ange⸗ meſſen, daß Sie jeden Zwiſt ſcheuen und, ihn ver⸗ lheidend, gern die Hand zur friedlichen Ausgleichung ieten! 3 Der Hohn eines Weltkindes hat keine Gewalt über den geweiheten Diener des Herrn! rief Gott⸗ hold fromm. Ich habe Ihnen geſagt, daß ich in eine Scheidung nicht willigen kann, daß ich mein mir vor Gottes Altare angetrauetes Weib nicht freigeben darf; dies iſt und bleibt mein letztes Wort! Mögen die ehrvergeſſenen Kinder dieſer Welt die heiligen Geſetze des Herrn verläugnen und mißachten, einem gewei⸗ heten Diener des Herrn ſind ſie heilig, und er wird lieber den Hohn der ganzen Welt auf ſich laden, als ſfündigen gegen die Gebote ſeines Gottes. Die Ehe iſt ein heiliges Sakrament, und was Gott zuſammen⸗ fügte, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden! Die Sache iſt nur die, daß man bei dieſen Ehe⸗ bündniſſen zuweilen Gott und die Menſchen verwech⸗ ſelt, ſagte Eduard nachläſſig. Oft iſt es nicht Gott, der eine Ehe zuſammenfügt, ſondern die Berechnung und Liſt der Menſchen. Solche Ehen machen eine Ausnahme von Ihrem heiligen Geſetze, und Ihre Ehe, mein Herr Schwager, iſt eine ſolche Ausnahme. Es war nicht Gott, der ſie zuſammenfügte, aber Gott wird ſie trennen! Das wird er nicht! rief Gotthold heftig. Wiſſen Sie das ſo gewiß? fragte Eduard lächelnd. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich gekommen bin, Ihnen für Ihre Einwilligung in dieſe Eheſcheidung zu dan⸗ — 215— ken und von Ihnen Abſchied zu nehmen, da Sie verreiſen wollen! Gotthold ſtand ſprachlos, ſein Geſicht ward glü⸗ hend roth, er hob die Augen gen Himmel und öffnete den Mund, um fromme Verwünſchungen herabzu⸗ ſchleudern auf das Haupt dieſes Sünders. Eduard hinderte ihn. Bemühen Sie Sich nicht, ſagte er lachend, ich kenne ganz Ihre fromme Beredtſamkeit, und erlaſſe Ihnen jede redneriſche Bemühung! Uebrigens bin ich gekommen, Sie um Ihren frommen Rath zu fra⸗ gen, und ich bin gewiß, daß Sie ihn mir gratis er⸗ theilen werden, da ich Ihr Schwager bin, und nicht, wie die gute Madame Ollenthien, nur eine alte, ein⸗ ſame Frau. Gotthold horchte auf. Ollenthien? ſtammelte er. So ſagte ich, mein würdiger Herr! Ich weiß, Sie waren ihr Seelſorger,— ſie iſt todt, das arme Weib. Sie ſtarb geſtern Nachmittag, um welche Stunde doch? Sie werden es wiſſen, denn Sie waren bei ihr. Ich? ſagte Gotthold zuſammenſchreckend, und dann ſchnell ſich ſammelnd, fuhr er ſalbungsvoll fort: allerdings war ich kurz zuvor dort; das arme Weib, ſie begehrte ſo ſehr den Troſt des Herrn, und ihr Gemüth war voller Aengſten und Kümmerniß. Sie litt einen ſchweren Todeskampf, aber es gelang mei⸗ nem inbrünſtigen Gebet, ihr wundes, von Anfechtung heimgeſuchtes Gemüth zu beruhigen. Ich verließ ſie ſchlafend,— wenige Stunden ſpäter iſt ſie geſtorben. Friede ihrer Seele! Und ſie litt an Anfechtungen, ehe ſie ſtarb? fragte Eduard betonend. Armes Weib! Ich denke, dieſe Anfechtungen werden blaue Flecken zurückgelaſſen ha⸗ . — A6— ben auf ihrem Antlitz! Oder ſprachen Sie nur von Anfechtungen der Seele? Gotthold ſtotterte einige unverſtändliche Worte. Eduard fuhr fort: Was kümmert uns übrigens dieſes alte Weib mit ihren Anfechtungen und ihrem blau angelaufenen Angeſicht. Sie ſind kein Arzt, und es kann hier nicht von einer gelehrten medici⸗ niſchen Streitfrage die Rede ſein! Wären Sie ein Arzt, ſo ſollte es mir Spaß machen, Ihnen zu be⸗ weiſen, daß dieſe blauen Flecken in dem Angeſichte der Todten nicht die Folge eines Schlagfluſſes ſind! Aber, wie geſagt, uns kümmert das nicht! Wovon ſprachen wir doch gleich? Von der alten Ollenthien! ſtammelte Gotthold. Nicht doch, mein würdiger Herr Schwager, von der Eheſcheidung meiner Schweſter ſprachen wir! Meiner Schweſter, ſage ich, denn Sie ſind gewiß mit mir einverſtanden, daß ſie vor der Welt bis nach der publicirten Eheſcheidung meine Schweſter heiße? Erſt wenn dies geſchehen, werde ich den Gerichten die mir von meiner verſtorbenen Mutter, der Frau Winkler, hinterlaſſenen Papiere übergeben. Sie beſtätigen ganz unzweifelhaft, daß Amalie nicht meine Schweſter iſt und mit mir in gar keinem verwandtſchaftlichen Ver⸗ hältniſſe ſteht. Es wird folglich meiner Verbindung mit ihr gar kein Hinderniß im Wege ſtezen, ſobald erſt die Eheſcheidung beendet iſt. Aber ich ſage Ihnen, daß dieſe niemals ſtattfin⸗ den wird, rief Gotthold. Ich ſage Ihnen, daß Sie Sich irren, ſagte Eduard feſt. Sie werden in dieſer Stunde noch die Güte haben, mir ſchriftlich und mit Ihrer Unterſchrift zu beſtätigen, daß Sie eben ſo dringend, als Amalie ſelber, dieſe Scheidung wünſchen, und daß Sie um 3 die Beſchleunigung dieſer widrigen Angelegenbet — 217— bitten. Ich zweifle nicht, daß man, um Ihres heili⸗ gen Charakters willen, Ihnen dieſe Bitte erfüllen werde! Gotthold ſtürmte wie ein Raſender im Zimmer auf und nieder. Dieſer Menſch wird mich toll machen mit ſeiner Unverſchämtheit! ſchrie er, Alles vergeſſend. Das wäre ſehr ſchlimm, ſagte Eduard, denn die Tollheit plaudert zuweilen Geheimniſſe aus, von denen die Vernunft nichts wiſſen mag! Uebrigens bin ich gekommen, Sie um Rath zu fragen. Ich habe nichts mit Ihnen zu ſchaffen! Gehen Sie, das iſt mein Rath! Ein höchſt ungenügender, in der That! Aber hö⸗ ren Sie! Ich hatte geſtern einen Traum, einen furcht⸗ baren, entſetzlichen Traum, von dem ich hätte ſchwö⸗ ren mögen, daß er Wahrheit und Wirklichkeit ſei. ieſer Traum überfiel mich geſtern Nachmittag, ich denke, es muß gerade um die Stunde geweſen ſein, als die alte Madame Ollenthien ſtarb. Ollenthien! Was will er nur mit dieſer Frau? flüſterte Gotthold leiſe. Eduard fuhr fort. Um dieſe Stunde träumte ich, daß ich zu einem Kranken gerufen ward. Ein Zufall ließ mich in eine falſche Thür eintreten. Er führte mich vor eine ver⸗ ſchloſſene Thür, welche mit Glasfenſtern verſehen war. Dieſe Fenſter waren von der andern Seite verhangen, aber der Vorhang hatte ſich verſchoben, ich konnte in das nächſte Zimmer hineinſe en; ich konnte auch jedes Wort vernehmen und hörte etwas Entſetzliches!. Gotthold's Angeſicht war bleich und ahl gewor⸗ den, er lehnte ſich auf ſeinen Stuhl zurück und rang nach Athem. — 218— In dem Zimmer, fuhr Eduard feierlich fort, war eine alte ſterbende Frau und ihr frommer Freund. Sie waren ganz allein, und Niemand hörte die zor⸗ nigen Worte, welche er ſprach, Niemand ſah ihre Angſt und ihren Jammer. Er war zornig, weil ſie ihr Vermögen den Armen vermacht. Die Wuth machte aus dem frommen Manne ein Thier,— er ſchlug ſie, und— Nicht weiter! nicht weiter! ächzte Gotthold. Sie wiſſen Alles, ich bin in Ihrer Hand! Ach, wie empfindſam, rief Eduard, anſcheinend verwundert. Ich erzähle Ihnen einen Traum und Lie eeiden davon ergriffen, als ob es Wirklich⸗ eit ſei!. Gotthold bereute ſchon ſeine Unbeſonnenheit. Mit feſtem Ton ſagte er: Sie haben Recht! Ich bin ein Thor! Allerdings, es iſt ein Traum, den Sie da erzählen! Uebrigens ſollte es Ihnen auch ſchwer fallen, die Wirklichkeit zu beweiſen! Sie ſagten ſelbſt, es waren keine Zeugen da! Doch! Ich war Zeuge! Ein Zeuge genügt nicht! Das zweite Zeugniß liegt in dem Angeſicht der, Todten. Ich könnte auf eine Section antragen. Die ſchwarz angelaufenen Schläfen würden ein ſehr voll⸗ gültiges Zeugniß geben. Es iſt für einen Arzt ſehr wohl zu unterſcheiden, ob ein Schlagfluß, oder ob Schläge die Urſache des Todes waren. Und da Sie, wie von Zeugen beſtätigt werden kann, der Letzte waren, wel⸗ cher vor dem Tode der alten Frau bei ihr war, ſo ich ſehe, wir verſtehen uns vollkommen. Sie gr. daß man ſogar ſeinen Träumen einen An⸗ ſtrich von Wirklichkeit geben kann! Gotthold's Geſicht war erdfahl geworden. Er zittterte, ſeine Kniee ſchlotterten. — 219— Wir ſind alſo einig! ſagte Eduard nach einer Pauſe. Sie willigen in dieſe Scheidung, und Sie wollen mir die ſchriftliche Erklärung geben, daß Sie, gleich Amalien, auf eine gerichtliche Eheſcheidung beſtehen? 3 Ja! hauchte Gotthold, faſt beſinnungslos. Schreiben Sie denn! Gotthold ſchwankte zu ſeinem Schreibtiſch. Wer bürgt mir aber dafür, daß Sie mich nicht verrathen, wenn ich gethan, was Sie gewollt? fragte er tonlos. Mein Wort! ſagte Eduard. Sie begreifen, daß ich Sie ſchonen möchte, weil Amalie das Unglück hat, Ihren Namen zu tragen! Sie iſt Ihre Retterin. gehen 3 Noch einen Rath, ſagte er, Sollten Sie das Geld, welches Ollenthien Ihnen hinterließ, nicht ſeh zweckmäßig zu einer größeren Reiſe verwenden können? Vielleicht, um nach Amerika zu gehen? Mon liebt dort ſehr die — 220— begeiſterten Prediger, und ich zweifle nicht, daß Sie. dort, wie hier, bald ſehr in den Ruf eines heiligen Mannes kommen werden. Wirklich, Sie ſollten eilen dorthin zu kommen. Ich leide zuweilen an Ahnun⸗ gen, und ich fürchte, es möchte Ihnen die Zukunft hier mancherlei Widerwärtigkeiten bringen! Weichen Sie aus, ſo lange Sie noch können! Und nehmen Sie ſchon im Voraus mein Lebewohl! Es mag nicht viel Wahrheit ſein an der amerikaniſchen Freiheit, ſicherlich iſt aber dort noch mehr davon zu finden, als im Zuchthauſe! Leben Sie wohl! Er nickte leicht mit dem Kopfe und verſchwand. Gotthold war allein. Seine Wuth brach jetzt mächtig hervor. Er ſchrie, er raſte. Er zerſchlug ſich mit den Fäuſten die Bruſt, er verwünſchte ſich ſelber und rief des Himmels Zorn herab auf Eduard und ſein Weib! Die Kinder der Welt, ſie hatten alſo geſiegt über den Heiligen und Frommen, er war un⸗ ter ihre Füße getreten, vernichtet!— Nach und nach ward er ruhiger. Er überlegte. Eduard hatte ihm ſein Wort gegeben, ihn nicht zu verrathen, und Gotthold wußte wohl, daß ſeinem Worte mehr zu trauen ſei, mehr, als ſeinem eigenen vielleicht. Uebrigens, wenn dieſe Madame Ollenthien erſt einmal begraben, ſo hatte Eduard kein Beweismittel mehr in Händen. We er mich verrathen wollte, dachte er, ſo leich thun. Dannwäre Amalie ſofort an mich ſchuldig gefunden. Es e, in ihrer dummen Gutmüthig⸗ . ußerſten nicht ſchreiten wollten. Von dieſer Seite alſo bin ich ſicher. Was aber wollte er mit ſeiner Warnung vor der Zukunft? Warum rieth er mir zu fliehen? — 221— Gotthold überlegte, und je länger er nachdachte, deſto unruhiger ward er. Er mochte in ſeinem Ge⸗ wiſſen mancherlei Gründe zur Bennruhigung finden. Es iſt klar, er weiß noch ſonſt Etwas, das mir gefährlich werden könnte, murmelte er. Große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn, — er zerquälte ſein Hirn, den Grund von Eduard's Warnung zu ergrübeln. Was konnte er entdeckt haben? Es war eine ſchauerliche, quälende Ungewißheit! Eine fürchterliche Stunde! Die Bibel lag aufgeſchlagen vor ihm, der Altar mit dem Crucifix ſtand dicht ihm zur Seite. Er konnte nicht in dem beiligen Buche leſen, er dachte nicht daran, niederzuknieen und zu beten! Es waren ſehr weltliche, ſehr irdiſche Sorgen, welche den Angſt⸗ ſchweiß auf ſeine Stirn trieben———— Eduard legte Gotthold's Eheſcheidungsgeſuch in Amaliens Hände. Er kniete vor ihr nieder und lehnte ſein Haupt an ihre Füße. Sie ſah ihn an und lächelte, und neigte ſich zu ihm nieder, ſein Haar zu küſſen. Amalie, meine Geliebte, die Stürme ſind vorüber. Du biſt frei! Nein, nicht frei! flüſterte ſie zärtlich. Die Liebe hält mich gefeſſelt! Du wirſt mein Herr ſein! Ich werde Dich lieben ewig, unausſprechlich! Eduard zog ſie am ſein Herz und küßte ſie! Seine Augen waren von Thränen umdüſſert. In dieſem Augenblicke des höchſten Glücke, des endlich erlangten Zieles gedachte er ſeiner Mutter, dieſer guten alten Frau Winkler mit dem großen Herzen und der edlen, aufopfernden Liebe! — 222— O, Amalie, wenn meine Mutter da wäre, mein Glück zu ſehen! Sie ſieht es, ſie weiß es! Die Liebe iſt ewig, ſie ſtirbt niemals! Sie ſchaut auf uns nieder und ſie wird uns ſegnen! Eduard drückte ſie an ſein Herz und küßte ſie. In ihren Armen vergaß er ſelbſt ſeiner Mutter, an ſeinem Herzen hatte ſie keine Erinnerung ihrer überſtandenen Schmerzenstage! Sie waren ſehr glücklich, und ſie fühlten, daß dieſes Glück unzerſtörbar ſei,— es hatte die Läute⸗ rung der Schmerzen erfahren, es war geſtählt in den harten und unheilsvollen Tagen, welche nun be⸗ ſiegt waren!— Sie hielten ſich umſchlungen,— Nichts konnte ſie mehr trennen! —õ—— Das Duell. Wie wunderbar iſt doch das Herz, wie zauberiſch die Liebe! Fürſt Alexiew war wieder jung geworden, und unſchuldig durch die Liebe! In Emmy's Augen, dieſen ſchönen Augen voll ſo viel Schwärmerei und Jugendmuth hatte er einen längſt vergeſſenen Himmel wieder aufglühen ſehen, einen Himmel, deſſen Engel Emmy ſelber war. Er wollte theilhaftig werden der Seligkeit dieſes Himmels, er wollte wieder jung wer⸗ den und harmlos,— er ſchaute in Emmy's Augen und trank ſich aus ihnen den Lethetrank für ſeine Ver⸗ gangenheit, für dieſe lange, gluthberauſchte, ſturmdurch⸗ wühlte Orgie ſeines Lebens.—— Er war wieder jung,— Alles war vergeſſen, aus⸗ gelöſcht, untergegangen in dieſen neuen, entzückens⸗ vollen Gluthen, vergeſſen die Tage der Leidenſchaft und des Truges, der wilden Entzückungen und der berauſchenden Luſt.— Alexiew war wieder in eine neue Rolle ſeines Daſeins getreten, und er führte ſie wie⸗ derum mit ſo vollendeter Meiſterſchaft aus, daß er ſich nicht für den darſtellenden Schauſpieler, ſondern für den jngendlichen Helden dieſes Drama hielt,— er — 224— war wieder erſter Liebhaber geworden in der Tragödie ſeines Lebens,— ſein Herz hatte dieſe himmliſche Elaſticität, immer wieder jung zu ſein, und jede neue Liebe zu der erſten Liebe zu ſtempeln,— es ſchlug jungfräulich rein für jede neue Liebe.— Dies war's, was ihn ſo gefährlich machte,— er riß hin, weil er ſich ſelber hingeriſſen fühlte, er begeiſterte, weil er ſelber begeiſtert war. Emmy theilte ſeine Liebe,— ſie hatte es ihm nie⸗ mals mit ihren Lippen, ja nicht einmal mit ihren Blicken geſagt, aber ihre Briefe gaben ihm jeden Tag auf's Neue dieſe herrliche, dieſe glückverheißende Zu⸗ ſicherung. Sie waren ſehr ſchön, ſehr empfindungs⸗ voll und warm, dieſe Briefe Emmy's,— ein ganzer Himmel von Unſchuld, jungfräulicher Schüchternheit und halb unbewußter, aber tiefer Leidenſchaft leuchtete ihm daraus entgegen, und wenn Alexiew dieſe Briefe an ſeine Lippen drückte und ſie immer und immer wieder küßte, ſo hatte er ein Gefühl, als ob Emmy 1 ſelber ſeinen Kuß erwiedere, als ob ſie ihm lächle mit 3 dieſem ſo reinen, ſo engelhaften Lächeln— man ſieht, 1 Fürſt Alexiew ſchwärmte, wie ein Knabe.— Uebrigens, und das war ein Troſt für Alexiew, übrigens waren ihre Briefe nicht immer ſo zurückhal⸗ tend, ſo Alles verſagend und gleichgültig, wie ihr An⸗ geſicht,— ſie konnte ſogar leidenſchaftlich ſein in die⸗ ſen Briefen, es kamen verzweiflungsvolle Klagen vor über die Härte und Strenge ihrer Mutter, Klagen über dies ewige Bewachungs⸗ und Spionirſyſtem ihrer Mutter, das ihr keine unbelauſchte Sekunde, ja nicht einmal die Freiheit ließ, ihn anzuſehen, ihm zuzu⸗ — lächeln.— Alexiew wagte endlich von gewaltſamen Mitteln zu ſprechen, man müſſe ihrer Mutter die Einwilligung zu ihrer Verbindung abtrotzen, meinte er, auch wolle — 225— er es verſuchen, ſie zu erweichen durch ſein Flehen, durch die Erkenntniß ſeiner Liebe. Sie bat ihn mit leidenſchaftlicher Angſt, ihre Mut⸗ ter nichts ahnen zu laſſen, weil dann Alles verloren ſei, weil ihre Mutter eher ſterben, als ihr dem Baron von Wülfingen geleiſtetes Verſprechen brechen würde, — jetzte wagte Alexiew, eine Entführung vorzuſchlagen. „Eine Entführung? ſchrieb ſie ihm zurück. Wären Sie mein Gemahl, hätte ich vor Gottes Altar Ihnen das Gelübde meiner Treue, meiner Liebe gegeben, dann hätte ich ein Recht Ihnen zu folgen über Meere und Länder, dann wäre an Ihrer Seite mein recht⸗ mäßiger, mein von Gott geweiheter Platz, aber— Sie ſind nicht mein Gemahl, und wenn Sie mich lieben und mich verſtehen in Liebe, dann werden Sie auch wiſſen, daß Emmy wohl ſterben, niemals aber ſich ſelber ungetreu werden kann.“ War denn aber eine heimliche Trauung vor der Entführung unmöglich? das fragte der Fürſt ſich ſprach mit Begeiſterung, mit frommer Extaſe von Emmy's unſchuldigem reinem Sinn, er billigte es oollkommen, daß ſie mit dem ihr angetraueten Ge⸗ mahl fliehen wollte aus dem Hauſe ihrer Mutter, dieſer ſtrengen, zwar edlen, doch unerſchütterlichen Frau, er hielt es für ſeine heilige Pflicht, Emmy in ihrem tu⸗ gendhaften Wollen zu unterſtützen, und— nach man⸗ hen Umwegen, nach manchen, ſchüchtern von Alexiew dargebrachten, widerſtrebend von Gotthold angenom⸗ menen Geſchenken, erklärte ſich Gotthold bereit, dieſer tugendhaften und heißen Liebe durch eine feierliche Trauung das Siegel ihrer heiligen und Gott wohl⸗ gefälligen Berechtigung zu verleihen. III. 15 — 226— Dieſe Trauung ſollte im Dunkel der Nacht in der kleinen Hauskapelle, welche ſich im Palais der Baro⸗ nin befand, von Gotthold vollzogen werden; durch das Fenſter ſollte Emmy den harrenden Beiden, Gotthold und dem Fürſten, den Schlüſſel der Hausthür hinab⸗ laſſen und dieſe ſich alsdann auf den, Gotthold wohl⸗ bekannten Wegen in die Hauskapelle begeben. Dort würden ſie Emmy finden, begleitet von ihrer Kam⸗ merfrau, die, nebſt dem Baron, als Zeugen dienen ſollten, und dort wollte Gotthold kurz und nur mit den nöthigen geſetzlichen Formeln die Trauung voll⸗ ziehen. Sobald dieſe beendet, ſollte Fürſt Alexiew ſein rechtmäßiges und ihm geſetzlich zugehöriges Weib aus dem Hauſe entführen und in dem ihrer harrenden Wagen mit ihr in die Ferne entfliehen, während Gott⸗ hold verſuchen wolle, die Baronin zu beruhigen. Das war der Plan, welchen Gotthold dem Fürſten mittheilte, und der von dieſem mit Entzücken gut ge⸗ heißen ward.— Es iſt überflüſſig zu ſagen, daß dies Alles geſchah, bevor Gotthold ſich von Eduard ſo in ſeinen Planen durchkreuzt, in ſeinem Handeln durch⸗ ſchauet ſah, und es war ein Glück, daß dies früher geſchah, ein Glück für Fürſt Alexiew, denn ſpäter würde Gotthold weder Muße noch Neigung gefunden haben, ſeine Gedanken fremden, außer ihm ſtehenden Intereſſen zuzuwenden.— Fürſt Alexiew von Pomowsly hatte alſo das Ziel ſeines Strebens erreicht, und dieſes ſchöne unſchulds⸗ volle junge Mädchen mit dem Kinderlächeln, in deſſen Anſchauen eine ganze Welt der Wunder ihm empor⸗ blühte, ſie hatte ſich alſo bereit finden laſſen mit ihrer Ingend und ihrer Schönheit, mit ihrer Unſchuld und ihrer Liebe ſich ihm zu eigen zu geben,— heute, heute in der Nacht ſchon wollte ſie ſein werden, ſein herr⸗ lichſtes, köſtlichſtes Beſitzthum.— —— — 227— Sein Herz klopfte hoch vor Erwartung, vor ſeliger, entzückensvoller Ungeduld! Ach, nur noch die langen, martervollen Stunden dieſes Tages hingeträumt, und wenn die mitleidsvolle und ſegnende Hand, welche über den Wolken thront, das Licht dieſer Sonne aus⸗ gelöſcht und verdunkelt hat mit den Schatten der Nacht, dann wird das Glück herniederſteigen und ihn ſelig, berauſchend umfangen! Ach, wie lang iſt dieſer Tag, es iſt erſt Morgen, noch zehn lange, träge Stunden, ehe das Glück da iſt! Mein Gott, zehn Stunden,— kann nicht ein Blitz herniederfahren und dieſen Altar ſeiner Liebe in Aſche verwandeln, daß das Glück in Staub zerfällt, kann nicht dieſes Schwert des Damocles, welches ewig dräuend über dem Haupte der ganzen Menſch⸗ heit hängt, kann es nicht herabfallen und ihn tödten, bevor er das Glück und die Liebe in Emmy's Armen ſich gewonnen? Noch zehn Stunden,— das Unglück kann heranſauſen auf den Flügeln des Sturmwindes; ſo langſam, wie das Glück, ſo raſch kommt das Un⸗ glück, es braucht der Jahre, um das Heil ſich aufzu⸗ bauen, eine Sekunde genügt dem Unheil, um dieſen ganzen mit Seufzern und Thränen, mit Entzückungen und Gebeten emporgetragenen Bau zu zerſtören! Solche Gedanken waren es, die Fürſt Alexiew er⸗ beben machten! Was fürchtete er denn, was war es, das ihn erſchreckte?— Einen letzten, einen wieder⸗ ſtrebenden Blick warf er rückwärts auf die Tage, welche geweſen,— ſie ſahen ihn an mit dem Hohn⸗ lächeln drohender Geſpenſter,— ihn ſchauderte.— Unter dieſem Aſchenhaufen ſeiner Vergangenheit, konnte da nicht der Funke glimmen, welcher zu einer Brand⸗ fackel emporlodern und ſeine ganze Zukunft vernich⸗ ten könnte? Fürſt Alexiew nannte ſich ſelber einen Thoren, 15* — 228— eer wollte lachen über ſein kindiſches Zagen! Mein Gott, was hatte er denn zu fürchten von ſeiner Ver⸗ gangenheit?— Sie rauſchten an ſeinem innern Auge vorüber, die Bilder aller dieſer Tage, welche geweſen, zauberiſche, entſetzliche Bilder,— kalter Schweiß ſtand auf des Fürſten Stirn, ſein Auge blickte ſtarr und ſchreckensvoll— zum erſten Male ſaß er als ſein eige⸗ ner Richter zu Gericht über ſeine eigene Vergangen⸗ heit,— ein Schauder durchbebte ihn,— er fühlte ſich ſchuldig, er mußte den Stab brechen über ſich ſelber!. Ich will wieder gut machen! ſtammelte er. Ein reines, fleckenloſes Leben ſoll dieſe wilden Tage meiner Jugend auslöſchen, die Tugend ſoll mich entfündigen, an der Seite eines Engels will ich ein neues Leben beginnen und meine Vergangenheit zu verſöhnen trachten! Was waren das für bleiche Schatten, die ſich zwiſchen ihn und das Engelsantlitz ſeiner Emmy ſtellten? Was waren dies für dräuende Hände, die ſich verwünſchend, fluchend über dem Haupte ſeiner Geliebten erhoben? Mein Gott, was will dieſes Weib mit dem aufgelöſten Haar und den gerungenen Hän⸗ den,— Aurelia,— ſie darf ihn nicht anklagen, ſie nicht, die eigene verletzte Pflicht, die gebrochene, heilige Treue, die iſt es, welche Aurelien anklagt, durch ihn hat das Schickſal ſie geſtraft, ſie kann ihn nicht an⸗ klagen, ſie nicht! Aber was iſt das für ein anderer Schatten dort, ein drohendes, ernſtes Schattenbild, bleich und ſtolz, ach dieſe großen glühenden Augen, ſie brennen in ſein Herz hinein, ein entſetzliches Lächeln ſchwebt um dieſe kalten, ſtolzen Lippen, ihre marmorweiße Hand hebt ſich drohend gegen ihn,— es iſt Blut an dieſer Hand,— Er hat ſie zur Mör⸗ derin gemacht! 5f Fürſt Alexiew ächzte laut,— es lag wie eine Be⸗ zauberung auf ihm, er bedeckte ſein Angeſicht mit ſei⸗ nen Händen, er wollte dieſe Bilder nicht ſehen, ſeine Augen ihrem Anſchauen verſchließen,— aber er ſah ſie drinnen in ſeiner Seele,— es war umſonſt, er konnte ihnen nicht entfliehen! Große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn, ſeine bleichen Lippen zitterten. ie Thür ward geöffnet, der Kammerdiener mel⸗ dete, daß draußen ein Herr ſei, der den Fürſten ſo⸗ gleich zu ſprechen begehre. Er reichte dem Fürſten die Karte des Fremden,— Alexiew kannte ihn, und befahl, den Fremden in den Salon zu führen. Der Diener entfernte ſich,— Alexiew trocknete den Schweiß von ſeiner Stirn, er war wieder erwacht zum Leben, zur Wirklichkeit, die Bilder waren hinab⸗ geſunken, der Zauber hatte keine Gewalt mehr über ihn,— ſein Antlitz entwölkte ſich, daſſelbe ſtolze, köſt⸗ liche Lächeln, das ſo viele Weiber verführt, es ſpielte wieder um ſeinen ſchönen, ausdrucksvollen Mund,— er war kein Träumer mehr, er war ein Mann, und da drinnen erwartete ihn ſein Feind,— der Baron Alfred von Wülfingen.— Sein Feind, denn Er war der Verlobte ſeiner Emmy, vielleicht hatte er Kunde bekommen von Emmy's Liebe zu Alexiew, vielleicht ſogar wußte er, daß dieſe Nacht ihn zu Emmy's Ge⸗ mahl erheben ſollte? Ja, ſicher, das war es, was dieſen Baron Alfred von Wülfingen zu ihm führte,— er war ſein Feind, und er kam, mit ihm zu kämpfen um die Geliebte! Fürſt Alexiew ſchüttelte ſtolz und triumphirend das Haupt,— er war wieder ein Mann, kühn und tap⸗ fer, ſiegesgewiß.— So ſchritt er zur Thür des Sa⸗ lons, in welchem ſein Feind ihn erwartete. Vor dieſer Thür ſtand ſein Kammerdiener. Er — 230— Sieh nach meinen Piſtolen, meinem Degen! ſagte Alexiew lakoniſch und öffnete die Thür.—— Alfred ſtand am Fenſter und blickte gedankenlos hinab auf die Straße,— das Geräuſch der hinter dem Fürſten ſich ſchließenden Thür weckte ihn aus ſeinem Sinnen,— er wandte ſich um, ſein Blick voll unausſprechlicher Verachtung, voll glühenden Haſſes traf das Antlitz des Fürſten, dieſes ſchöne, ruhige Antlitz mit dem ſtolzen Siegerlächeln und der verführeriſchen Anmuth. Schweigend ſtanden ſie ſich ſo gegenüber. Jeder wußte, daß es ein Feind ſei, der den Blick auf ihn geheftet hielt, und Jeder wollte den Blick dieſer gehäſſigen, finſtern Augen ertragen und erwiedern. Ein kaltes, verächtliches Lachen tönte von Alfred's Lippen.. Etwas verletzt ſagte Alexiew: dies iſt eine etwas ſeltſame Art der Begrüßung, mein Herr! Alfred zuckte zuſammen,— ihn ſchauderte vor dem Klange dieſer Stimme, welche Julia bethört hatte,— Julia,— Alfred bebte vor Zorn, als er an ſie dachte, und ihn noch lebend vor ſich ſah.— Er preßte die Lippen feſt aufeinander,— er war dem Erſticken nahe vor Aufregung und Zorn. Fürſt Alexiew von Pomowsky, Sie ſind ein Schurke! rief er endlich, und ſchaute dem Fürſten mit einem Ausdruck des glühenden Haſſes in die Augen. 2 Alexiew fuhr zuſammen, eine dunkle Gluth trat auf ſein Angeſicht. Dieſes Wort fordert Blut! ſagte er mühſam. Das Ihre, mein Herrl ſagte Alfred. Sie ſind ein Schurke, und weil Sie es ſind, iſt Blut gefloſſen, heiliges Blut einer Märtyrerin!. — 231— Sie ſprechen in Räthſeln, rief Alexiew mit einem ironiſchen Lächeln. Die Auflöſung heißt Julia! ſagte Alfred, und reichte mit einem unausſprechlichen Ausdruck dem Fürſten Juliens Dolch dar,— es klebte noch Blut daran.— Alexiew war bleich geworden,— die Dämonen ſeiner Vergangenheit, ſie ſtanden wieder auf in ihm, — der Zauber hatte wieder Gewalt über ihn, der Blitzſtrahl war herniedergefallen, ſein Glück zerfiel in Staub und Aſche. Dieſes Blut? fragte er matt und zeigte auf den gerötheten Dolch. Es iſt Juliens Blut! ſagte Alfred feierlich. Mit ihrem eigenen edlen Herzblut hat ſie das Blut hin⸗ weggewiſcht, das einſt an der Spitze dieſes Dolches geklebt,— es iſt Ihr Dolch, Fürſt Alexiew von Po⸗ mowsky, Sie ſind es, welcher dieſes Weib und ihr Kind gemordet,— zweifacher Mord haftet auf Ihrer Seele! 4 Wer wagt es, dies zu behaupten? fragte Alexiew ſchaudernd. 3 Ich! Und ich werde Juliens Rächer ſein! Wer giebt Ihnen ein Recht dazu? Alfred ſchwieg einen Augenblick, es arbeitete und kämpfte in ſeinen Zügen, ſeine Bruſt hob ſich ſtür⸗ miſch, Thränen traten in ſeine Augen. Ich liebte ſie, ſagte er endlich mühſam, ich liebte ſie, als das höchſte und heiligſte Beſitzthum meines Lebens, und ſie erwiederte meine Liebe, ſie— Die Erinnerung übermannte ihn,— er ſenkte das Haupt auf ſeine Bruſt,— er weinte, es waren die erſten Thränen, ſeit er ſie verloren hatte. 8 Tief erſchüttert ſtand Alexiew ihm gegenüber, ſein Antlitz auch war bleich und farblos,— es war ihm, als höre er das Rauſchen des Todesengels über ſeinem eigenen Haupte. Alfred richtete ſich empor, ſein Antlitz war wie⸗ der ruhig und kalt. Es iſt genug, ſagte er, der Schmerz iſt bald vorüber, denn ich werde bald wieder bei ihr ſein! Julia, meine Geliebte, mein Weib, ſie hat ſich getödtet, weil ſie den Händen der ſie verfol⸗ genden Geſetze entgehen wollte,— ſie hat ihr Blut vergoſſen, um die letzten Spuren auszulöſchen dieſer Vergangenheit, welche Sie mit teufliſcher Bosheit ihr vergiftet haben. Jetzt werden Sie mich nicht mehr fragen, welches Recht ich habe, Juliens Rächer zu ſein! Alexiew verneigte ſich. Beſtimmen Sie Zeit und Ort, und die Wahl der Waffen, ſagte er, ich bin zu Allem bereit. Die Zeit? fragte Alfred. Glauben Sie, daß die Rache Zeit hat zu warten, bis Sie vielleicht noch einen Becher der Freude ausgeleert? Ich bin Juliens Rächer, und ich laſſe Ihnen keine Stunde Zeit; be⸗ vor der Zeiger jener Uhr dort noch einmal auf dieſe ſelbe Stelle ſich gerückt hat, werde ich Sie tödten, mein Herr! Sind Sie deſſen ſo gewiß? fragte Alexiew mit einem erzwungenen Lächeln. Gott iſt gerecht, ſagte Alfred, Sie werden ſterben, aber auch ich, und dafür, mein Herr, danke ich Ihnen, Sie werden mich des Verbrechens überheben, ein Selbſtmörder zu werden!“ Es lag etwas Furchtbares, Grauſenhaftes in die⸗ ſen Todesprophezeihungen Alfred's,— Fürſt Alexiew fühlte ſein Herz zuſammenſchrumpfen,— der Tod legte ſeine eiſernen Krallen um ſeine Bruſt. Aber es iſt unmöglich, mein Herr, ſagte er, ich bedarf wenigſtens einiger Stunden, meine Angelegen⸗ heiten zu ordnen! Sie ſelbſt— — — 233— Was kümmern mich meine Angelegenheiten! Mö⸗ gen die Ueberlebenden ihre Todten begraben und ihre Habe vergenden, was kümmert das mich! Aber ich laſſe Ihnen Zeit! Ordnen Sie Ihre Angelegenheiten, halten Sie Abrechnung mit der Luſt und dem Ge⸗ nuß, ſchreiben Sie noch einige unbezahlte Rechnungen ein in das Contobuch Ihrer Freude, ich hindere Sie nicht, nur müſſen Sie mir erlauben, an Ihrer Seite zu bleiben! Ihr Leben iſt mir verfallen, ich laſſe Sie nicht! Fürſt Alexiew hatte, während Alfred ſprach, tief⸗ ſinnend, geſenkten Hauptes dageſtanden,— als Alfred ſchwieg, richtete er ſich empor. Er war wieder ganz ruhig, ganz kalt geworden,— ſein Stolz hatte ge⸗ ſiegt,— Alles Andere mußte ſchweigen,— er wollte wenigſtens ſterben als ein Mann. Ich bin bereit, ſagte er, ich werde kein Vorrecht in Anſpruch nehmen, das Sie ſelbſt nicht gewillt ſind, zu benutzen. Sie haben Recht, mögen die Ueberleben⸗ den ihre Todten begraben,— beſtimmen Sie den Ort und die Waffen.— Die Waffen? Ich habe meine Piſtolen mitgebracht! Wir werden uns über dies Tuch hier ſchießen,— ſehen Sie, es iſt roth von Juliens Blut, ich tauchte es in ihre Todeswunde, und ſchwur, ſie zu rächen. Der Ort? Mein Wagen hält vor der Thür, er wird den mich deshalb nicht tadeln!. Er trat zum Schreibtiſch und ſchrieb auf ein Blatt Papier: „Im Falle meines Todes iſt Amintha Albratti meine Erbin, wie auch Erbin meines Namens und meiner Titel. Sie iſt meine Schweſter. Ich erkenne ſie an in ihren Rechten.“ Er unterzeichnete und unterſiegelte dies Papier und adreſſirte es an ſeinen Geſchäftsführer. Jetzt, mein Herr, bin ich bereit! So laſſen Sie uns gehen! Vor der Thür ſtand Alexiew's Kammerdiener mit der Piſtolenſchachtel. Alexiew nahm ſie aus ſeinen Händen, der Diener weinte. Laß gut ſein, Friedrich, ſagte Alexiew und reichte ihm gütevoll die Hand dar. Der Herr Baron und ich wollen uns nur üben, nach der Scheibe zu ſchießen, weiter nichts! Der Diener ſchüttelte traurig lächelnd den Kopf. Durch die glänzenden, mit allem Luxus des Ge⸗ ſchmackes und der Mode ausgeſtatteten Zimmer ſchrit⸗ ten die Beiden dahin, Beide jung, in der Fülle der Geſundheit und Kraft, Beide an der Schwelle noch dieſes langen Erdendaſeins, zum Glück, zum Genuß, zum Handeln, zur Thätigkeit Beide berufen, und doch vielleicht Beide ſchon verfallen dem Tode! Beide be⸗ reit, aus der Fülle dieſes Daſeins mit einem einzigen Sprunge hinabzuſtürzen in die Nacht des ewigen Schweigens, der ewigen Ruhe, oder ſich emporzu⸗ ſchwingen zu dem glanzvollen Tage ewigen Lebens, ewiger Thatkraft,— wer weiß das zu ſagen und zu ergründen!— Gott allein und die Geſtorbenen!— Sie ſtanden ſich gegenüber. Es war ein ſtilles, ſchattiges Plätzchen, inmitten des großen Tannenwaldes vor dem Halliſchen Thor. — Ein ſtilles, unbelauſchtes Plätzchen ganz im In⸗ nern des Gebüſches. Ueber den dunklen Tannen wölbte ſich ein blauer, wolkenloſer Himmel, rauſchend fuhr der Wind durch die Bäume, in deren Aeſten — 235— liebliches Vögelgezwitſcher erſchallte,— zuweilen hörte man einzelne Tacte einer luſtigen Tanzmuſik, die ſchmetternd herübertönten aus dem benachbarten Tanz⸗ lokale der Berliner Köchinnen.— Das war das einzige Geräuſch noch, was dieſe Stille unterbrach. Sie ſtanden ſich gegenüber, ſchweigend, ernſt und todesbleich. Jeder faßte einen Zipfel dieſes in Blut getränkten Tuches,— zu gleicher Zeit ſpannten ſie den Hahn ihrer Piſtolen und hoben ſie empor zum Schuß,— deutlich vernahm man das luſtige Geſchmetter eines Strauß'ſchen Walzers,— das jauchzende Leben ſandte ſeine letzten Freudenklänge an dieſe beiden, dem Tode Verfallenen.— Fürſt Alexiew ſenkte die Waffe. Er war ſehr kalt, ſehr ruhig und ernſt. Wenn ich falle und Sie der Ueberlebende ſind, ſo werden Sie das Geheimniß eines Todten ehren, ſagte er. Was kümmern mich die Geheimniſſe eines Ehr⸗ loſen! ſagte Alfred wegwerfend. Sie werden das Geheimniß eines Weibes minde⸗ ſtens nicht verrathen! ſagte Alexiew beſtimmt. Dieſes Weib iſt Emmy von Elsleben, von ihrer Mutter Ihnen zur Braut beſtimmt. Emmy von Elsleben kann kein Geheimniß haben, das ſie mit einem Fürſten Alexiew theilt! Doch, mein Herr, ſie hat es! Emmy liebt mich! Ich bete ſie an! In dieſer Nacht ſollte ſie mein Weib werden! ſagte Alexiew ſanft. Das iſt eine Lüge! 3 Ich verzeihe Ihrem Zorn! ſagte Alexiew ſtolz. Doch werde ich Sie überzeugen! Emmy's Briefe ruhen auf meiner Bruſt! Sollte ich fallen, ſo werden Sie, das fordere ich von Ihnen, als einem Ehren⸗ — 236— manne, dieſe Briefe heimlich, unbemerkt von ihrer Mutter, an Emmy geben und ihr Nachricht bringen von meinem Tode. Sagen Sie ihr, daß ihr Name mein letztes Gebet, mein letzter Gedanke war! Hier ſind die Briefe! Er reichte ſie Alfred dar. Dieſer warf einen flüch⸗ tigen Blick auf dieſelben. Und Sie ſagen, daß Emmy von Elsleben dieſe Briefe an Sie geſchrieben? Ich ſage es, und es iſt die Wahrheit! Diesmal, ſagte Alfred mit einem kurzen, rauhen Lachen, diesmal ſind Sie überliſtet worden. Dieſe Briefe beweiſen, daß eine alte Kokette oft noch ſchlauer iſt, als ein heimtückiſcher Schurke,— die Baronin Elsleben ſchrieb dieſe Briefe! Alexiew taumelte, wie von einem Schlage getroffen, zurück. Alfred brach in ein lautes, bitteres Lachen aus. Ihr Ehrenwort, daß die Baronin dieſe Briefe ge⸗ ſchrieben! Hier der Beweis! Und Alfred nahm aus ſeinem Portefeuille den Brief, welchen ihm die Baronin geſchrieben und in dem ſie ihm eine beſchleunigte Hochzeit vorgeſchlagen. Alexiew verglich die beiden Handſchriften. Es iſt unzweifelhaft! ſagte er, und reichte Alfred die Papiere dar. 3 Dieſer Schlag hatte ihn vernichtet,— aber er war auch das Todesurtheil ſeines Gegners. Er war ent⸗ ſchloſſen geweſen, ſeiner zu ſchonen, nicht gegen den Rächer Juliens den Arm zu erheben; weil er ſich ſchuldig fühlte, hatte er der Strafe ſich unterwerfen wollen.— Jetzt nicht mehr!— Dieſer Mann war ſein Feind, und er wußte ein Geheimniß, das ihn, den reichen, den ſchönen, von aller Welt beneideten — — 237— Fürſten Alexiew Pomowsky lächerlich machte,— noch nach ſeinem Tode ihn dem Hohne, dem Spotte aller Welt Preis gab; er war der Narr einer alten buh⸗ leriſchen Heuchlerin geweſen, noch wußte es Niemand, als dieſer Eine, der ihm gegenüber ſtand,— als ſein Gegner. Fürſt Alexiew richtete ſein Haupt empor und ſah ſeinen Gegner mit einem Blick des Haſſes, des glü⸗ henden Zornes an, dieſer erwiederte den Blick,— es war eine erneuerte, eine gegenſeitige Herausforderung! Sie ſprachen kein Wort mehr— Beide faßten ſie nach dem Tuche, Beide erhoben ſie die Hand mit der Piſtole.—— Zwei Schüſſe fielen,— zwei Jünglinge ſanken zu Boden,— das Gras ward von rothem Blute bethaut hier und dort,——— die Bäume rauſchten, die Vögel ſangen, und der Himmel wölbte ſich blau und rein über dem Antlitz zweier Sterbenden. Auf der Wanderſchaft. Hand in Hand waren die beiden Kinder hinaus⸗ gewandert in die ſtille und friedliche Nacht,— die Sterne leuchteten auf ihren Weg, die Sterne be⸗ ſchützten ſie, und über Amintha's Schritten wachte das ſorgſame Auge ihres Freundes. Wenn ein Stein auf ihrem Wege lag, hatte Lude ihn bei Seite ge⸗ ſchoben, ſchon ehe Amintha ihn gewahrte; wenn ein ggweig eines Baumes lang herabhing und ſie hätte Herühren können, brach Lude ihn ab, damit ihr lieb⸗ liches Geſicht nicht geſtreift werde von dem ſpitzen Geäſte. Kein Dorn durfte ihr Gewand berühren, keine Klette ſich an ihre Füße heften, Lude ſah Alles, vermied Alles,— für ſie! An ſich dachte er gar nicht, für ſich fühlte er ſelbſt nichts, weder die Spitzen der ſcharfen Dornen, die er bei Seite ſchob, um Amintha's Weg zu bahnen, noch die Kletten, die er ſorgſam von ihren Füßen abhob, noch die Splitter, die ſich in ſeine Hand einbohrten, wenn er die ſtar⸗ ken Zweige der Bäume abbrach. Seine ganze Seele hatte ſich aufgelöſt in dem Gedanken an ſie, in dem Sorgen für ſie. — 239— Amintha ging immer träumeriſch, ſinnend weiter; zuweilen zwang ſie ſich, einige freundliche Worte an Lude zu richten, Worte des Dankes und der Liebe, die Lude niemals anders beantworten konnte, als durch lautes, triumphirendes Knacken ſeiner Finger, denn die Rührung brach ihm die Stimme, und Amintha durfte doch nicht merken, daß er weinte, deshalb ſchwieg er. Endlich kam der Morgen,— ſie waren auf dem freien Felde, weit breitete ſich die Landſchaft rings um ſie aus, und ebenaſo groß und weit der Himmel über ihnen. Er war in dunkelrothe Gluth getaucht, und die Strahlen der Frühſonne fielen gerade auf Amintha's Angeſicht; wie von einer Glorie umleuch⸗ tet ſtand ſie da, die Blicke gen Himmel gewandt, die Hände gefaltet,— vielleicht betete ſie,— ein lieb⸗ liches, aber unendlich ſchwermüthiges Lächeln ſtand auf ihren ſchmalen, glühendrothen Lippen, ihre Wan⸗ gen waren lilienweiß, doch ſah ſie nicht krank aus, nur wie ein Lufthauch ſo zart und durchſichtig. Lude ſtarrte ſie an mit einem Gefühl grenzen⸗ loſer Anbetung und Freude. Wenn Du ſo den Himmel anſehen thuſt, Amin⸗ tha, ſagte er, denn ſo wird mir ganz bange, denn es iſt gerade als wolltſt Du man bloß noch um'n Paar Flügel beten, damit Du rauf fliegen könnteſt in'n Himmel! Das Kind athmete hoch anf. Ach, ſagte ſie, es muß ſehr ſchön ſein da droben! Im Himmel iſt Friede und Glück, ſagt man, da zwingt nichts zum Vergeſſen, da liebt man, was man lieben will, und bleibt doch rein und brav! Ach, Lude, bitte doch Gott, daß er mich aufnimmt in ſeinen Himmel! Und was ſoll denn aus mir werden? ſchrie Lude, und diesmal ſchämte er ſich nicht ſeines Weinens. — 240— Was ſoll ick denn anfangen, wenn Du nicht mehr da biſt und ick ganz allein bin und Dein Geſicht nicht mehr ſehen thue und Deine Augen, die gerade ſo ausſehen, als wenn'n Engel betet. Amintha, was ſoll denn aus mir werden? Sie reichte ihm die Hand und ſagte freundlich: ſei ruhig, lieber Lude. Der Himmel iſt ſehr, ſehr weit von der Erde entfernt, ich werde noch lange zu wandern haben, und Du mußt mich beſchützen! Komm, laß uns weiter gehen! Weiter gingen ſie, und Lude ſchluckte ſeine Thrä⸗ nen nieder und ſein heimliches Schluchzen.— Amin⸗ tha war traurig, folglich mußte er ſuchen, ſie aufzu⸗ heitern. Er war unerſchöpflich in komiſchen Ein⸗ fällen, in luſtigen Späßen,— Anfangs lächelte Amintha nur aus Freundlichkeit, nur weil ſie ſein Beſtreben, ſie aufzuheitern, verſtand. Das feuerte ihn zu immer neuer Luſtigkeit an, und als er ihr in ſeiner drolligen, komiſchen Weiſe, mit furchtbarem Schielen und pomphaftem Fingerknacken von ſeiner in einen Affen verwandelten Katze erzählte, und wie die Leute ſich gefreut hätten, wenn der kluge und geſchickte Affe miaute, da mußte Amintha wirklich lachen, und von ganzem Herzen. Lude ſprang hoch vor Freuden. Na nu is Allens jut, ſagte er, und jetzt können wir hier in's Dorf gehen, es is Zeit, daß Du'ne warme Taſſe Kaffee trinkſt! Und Du doch auch, Lude? Ich, Kaffee? Niemals nicht! Ick trinke immer Morgens Waſſer, das is ſo meine Gewohnheit! Wo ſollte ick denn das Geld herkriegen, dachte er, und wie ſo könnte ick denn gut für ſie ſorgen, wenn ick ſo'ne Naſchkatze wäre und immer was ab⸗ haben müßte? — 241— Als Amintha ihr Frühſtück gegeſſen, wanderten ſie weiter, niemals die gerade Straße, immer auf kleinen Fußwegen, die dald durch grüne, duftige Wieſen, bald durch Kornfelder oder ſchattige Wal⸗ dungen ſie dahinführten. Wenn ſie in Dörfer kamen, hielten ſie an, und Amintha ließ ihre Guitarre ertönen, und flugs öff⸗ neten ſih alle Hüttenfenſter, und ſonnenverbrannte Geſichter ſchauten heraus, und weißhaarige kleine Buben und Mädchen und ſchnatternde Gänſe kamen herbeigelaufen und umringten gaffend und ſtarrend die beiden Knaben. Aber wenn Amintha ſang, dann war Alles ſtill. Sie ſang von Luſt und Liebe, von Glück und Freude, und ihr Auge flammte, ihre Wangen färbten ſich mit einem matten Roth, ſie ſang von Schmerz und Klage, von Trübfal und Entſagung, und ihre Stimme zitterte in Thränen, ihre Lippen bebten; Jeder war gerührt, denn Jeder fühlte, daß ſie empfand, was ſie geſungen, daß dieſer blondgelockte Knabe den Schmerz wohl kannte und das Weh. Die Armen haben ein warmes Herz für Anderer Leiden, und ſie möchten immer helfen und beiſtehen, aber in ihrer Weiſe. Sie wußten, daß der Hunger ein Unglück iſt, und ſie brachten den Kin⸗ dern Brod dar und Früchte, und riefen Gottes Segen herab auf die wandernden Kinder, die freund⸗ lich dankend weiter zogen. Die Leute in den Prfern ſeind viel beſſer, als die in der Stadt, ſagke Lude, wenn ſie Einen an⸗ ſehen, iſt's immer, als wenn das Herz ihnen aus den Augen kuckte, und ſie ſehen niemals nicht Einen ſo ſtolz und ſo verächtlich an, wie die Leute in Ber⸗ lin, wo Jeder'n Andern ſo anglotzt, als wäre er 'n verkleideter Gensd'arm und der Andere'n Dieb, den er fangen möchte. uI. 16 — 242— Das macht, daß es in der Stadt ſo viele Diebe und ſchlechte Menſchen giebt, ſagte Amintha, da miß⸗ trauet Jeder dem Andern. Aber die armen Dorf⸗ leute, die brauchen nicht mißtrauiſch zu ſein, denn die haben nichts zu verlieren, darum fürchten ſie gar⸗ nichts und vertrauen den Menſchen; nur die reichen Leute haben Grund, die Diebe unter den Menſchen zu fürchten und mißtrauiſch zu ſein! 8 Denn ſo is es ja'n Glück, wenn man arm iſt! ſagte Lude ſinnend. Es muß ſehr ſchlimm ſind, wenn man die Menſchen nicht lieb hat und Jeden für'n Spitzbuben hält; denn ſo muß Einen ja die Luſt vergehen, alleine'n guter und ehrlicher Menſch zu bleiben. 5 Und gut und redlich zu bleiben, ſagte das Kind energiſch, das iſt die Hauptſache, wenn Einem auch des Herz dabei bricht und ſich verblutet! Amintha, wie blaß ſiehſt Du eben aus! ſchrie Lude entſetzt und ſtürzte zu ihr hin, um ſie, welche ſchwankend ſich an einen Baum lehnte, ſanft in ſei⸗ nen Arm zu nehmen. Sie lächelte und ſagte: Es iſt gar nichts, Lude, ein bloßer Schwindel, es wird vorübergehen! Es ging vorüber, freilich, und ſie wanderten weiter. Ihre Füße zitterten wohl, aber ſie bezwang die Schwäche, denn immer war Lude's aufmerkſames, angſtvolles Auge auf ſie gerichtet, und ihn wollte und durfte ſie nicht betrübe 4. Einmal übermannte ſie die Schwüche, ſie ſank zuſammen.. Ein einziger, gellender Schrei tönte von Ludels Lippen, dann war er bei ihr, dann hob er ſie kräf⸗ tig in ſeine Arme und ſagte: wenn Du hente noch einen einzigen Schritt gehſt, denn ſo ſtürze ich mich in's Waſſer! — 243— Aber Du wirſt mich nicht tragen können, Lude, ſagte ſie. Ick ſollte das nicht mal können, und biſt doch ſo leicht wie'ne Feder! Na, ick danke Gott, daß ich nich mehr ſo müßig ſchlendern und faullenzen brauch, und daß ick endlich'n bischen zu thun habe für Dich! Sie war ſo matt, daß ſie in ſeinen Armen in Schlaf ſank. Lude legte ſie leiſe nieder unter einer beſchatten⸗ den Eiche, und kniete neben ihr, um ihr Haupt zu ſtützen und die Fliegen von ihrem Antlitz abzu⸗ wehren.. Sdie ſchlummerte weiter, und wie ſie dalag, ſo bleich und zart, ſo durchſichtig weiß und ätheriſch, mit den purpurrothen Lippen und der fliegenden Röthe auf den Wangen, da ſtieg in Lude zum erſten Male der Gedanke auf, ſie könne ihm verloren gehen, ſie könne ſterben,— mein Gott, Amintha ſterben, — wie er das dachte, fühlte er ſich ſelber dem Tode nahe, hatte er ein Gefühl, als ob ein ſchneidendes Schwerdt in ſeine Bruſt ſich ſenke. Amintha aber lächelte im Schlaf, ſie öffnete die Lippen und hauchte ganz leiſe, ganz heimlich: Alexiew! Lude ſenkte troſtlos den Kopf und ſagte ſchmerz⸗ voll: das iſt es! Sie kann ihn nicht vergeſſen! Ja wohl, ſie konnte ihn nicht vergeſſen; im Schlafen und Wachen ſah ſie ſeine Augen vor ſich, in jedem Stern, in jeder Blume leuchteten ſie ihr entgegen, in jedem Vogelgeſang, in jedem Windes⸗ rauſchen, in jedem Quellengemurmel hörte ſie ſeine Stimme,— ſie floh vor ihm, aber überall war er bei ihr, umſonſt ihr Gebet, umſonſt ihr heimliches Ringen und Kämpfen,— wohin ſie ging, war er 168 — 244— bei ihr, überall hin trug ſie ihn mit ſich fort, denn er lebte und wohnte in ihrem Herzen, und endlich, müde des Kampfes, müde des vergeblichen Ringens, ſagte ſie ganz matt: es iſt vorbei! Ich werde ſterben müſſen, um ihn zu vergeſſen! Und ſie fühlte, daß ſie an ihm ſtarb! Sie fühlte es an den Schmerzen, die ihre Bruſt durchzuckten, an der tödtlichen Schwere, die ſie zu Boden drückte, an der heißen Gluth, die oft von ihrem Herzen em⸗ porſtieg und in brennend heißem Blut auf ihre Lip⸗ pen trat.— Immer war ſie bemüht, Lude nichts ahnen zu laſſen von ihren Leiden, immer hatte ſie für ehn ein Lächeln, ein freundliches Scherzeswort, auch lag es in der Natur ihrer Krankheit, daß ſie ſich verbarg unter der Farbe der Geſundheit, unter ge⸗ rötheten Wangen, unter purpurnen Lippen und glän⸗ zenden Augen. Wenn ſie fühlte, daß das Blut emporquoll auf ihre Lippen, wandte ſie ſich ab, oder legte ſich plötz⸗ lich in's Gras, um heimlich mit ihrem Blute das Gras zu küſſen; Lude ſollte es nicht ſehen. Aber einmal ſah er es,— diesmal war es ein ganzer Blutſtrom, der ihrem Munde entquoll,— ſie konnte es ihm nicht mehr verbergen, ſie ſank zuſam⸗ men, überwältigt, todesmatt. 1 Lude fühlte ſeine Kniee unter ſich zuſammenbre⸗ chen, er rang die Hände zu Gott empor, er hatte keine Worte, keine Thränen, keine Gebete! Sie ſtirbt, ſie ſtirbt! ſchrie ſeine Seele, weiter konnte er nichts denken, nichts empfinden, aber als ſie ganz leiſe ſeinen Namen flüſterte, da fühlte er ſeine ganze Kraft, ſeine ganze Beſonnenheit wieder⸗ kehren, er konnte ſeine Stimme zwingen, daß ſie nicht zitterte, er konnte ruhig ſein,— noch bedurfte ſie ſeiner. — 245— Lude, flüſterte ſie leiſe, mein Freund, mein Bru⸗ der, ich ſehe Dich nicht! Wo biſt Du? Haſt Du mich verlaſſen, Du mein einziger Beſchützer, mein einzig Getrener? Haſt Du mich einſam gelaſſen, nun da ich ſterbe? Nein, Amintha, da bin ich! Niemals nicht kann ich Dich verlaſſen, das weißt Du! Zu nichts nicht bin ich gut auf der Welt, als Dich lieb zu haben, und wenn Du ſterben willſt, Amintha, ſo wird's ſo ſein, als wenn ich auch todt wäre! Sie ſchüttelte leiſe verneinend das Haupt. Nein, nein, Lude, Du mußt leben, ſagte ſie. Du mußt hingehen und Frau Winkler ſagen, daß ich Wort gehalten habe, und daß ich geſtorben bin, um mein Verſprechen zu erfüllen und ein ehrliches Mäd⸗ chen zu bleiben. Das mußt Du ihr ſagen, Lude, es iſt mein Teſtament! Willſt Du es mir verſprechen? Das will ich! ſagte der Knabe feſt und preßte die Lippen aufeinander, um ſeinen Jammerſchrei zurück⸗ zuhalten. Dann iſt es gut! ſagte Amintha. Gieb mir die Hand, Lude! So! Und nun Lebewohl! Gottes Se⸗ gen über Dich, mein Bruder! Ich kann Dir nicht vergelten, was Du für mich gethan haſt, aber ich danke Dir, ich ſegne Dich! Ich werde immer bei Dir ſein! Immer, ewig! Und Du darſſt nicht um mich weinen, Lude, jetzt nicht mehr! Es iſt Alles gut! Und jetzt ſprach ſie von einem himmliſchen Glanze, der ſich ausbreite vor ihr, liebliche Engel mit wallen⸗ den Silberflügeln kamen zu ihr und nannten ſie ihre Schweſter; ein himmliſches Lächeln verklärte ihre Züge, und ſie dankte Gott, daß er den Schmerz von ihr genommen und ſie glücklich gemacht und frei! Dann ſprach ſie von leuchtenden Thälern und blu⸗ migen Wieſen, und von der himmliſchen Muſik, welche erklänge und die Blumen und die Vögel er⸗ zittern mache vor Luſt und Wonne. Und ihre Worte, waren die nicht ſelber himm⸗ liſche Muſik? Dem Knaben, der an ihrer Seite kniete, mit gefaltenen Händen, ihm erklangen ſie ſo. Er hatte die Augen gen Himmel gewandt,— es war ihm, als tönten ihre Worte von dort oben zu ihm hernieder, ſie war ſchon ein Engel, ſie war ſchon da droben in ihrer Heimath! Er lauſchte dieſer himmliſchen Muſik ihrer Worte, er hörte nur ſie, nur Amintha, nur ſeinen Engel, er hörte ſie immer und immerfort,— und ſie ſprach doch ſchon lange nicht mehr, ihre Lippen waren doch ſchon lange verſtummt unter dem Kuſſe, welchen der Tod ihnen aufgedrückt! Da kam ein Wagen dahergefahren und hielt dicht neben ihm. Ein Mann ſprang heraus. Endlich gefunden! ſagte eine triumphirende Stimme, und als Lude zuſammenſchreckend emporblickte, erkannte er Paulowitſch, den Mann, welcher Madame Albratti ihre Tochter abgekauft, Amintha's Feind, Amintha's Peiniger. Mit einem Angſtſchrei warf er ſich über Amin⸗ tha's Körper hin. Wer ſie anrührt, den ermorde ich! ſagte er drohend und drückte Amintha'’s Haupt an ſeine Bruſt, als wolle er ſie ſchützen gegen jeden neugierigen Blick. Herr Paulowitſch lachte. Das iſt ein drolliger Junge! ſagte er zu dem Kutſcher. Sieh' nur, wie er ſchielt und die Augen verdreht! Ihnen werde ich's Genick verdrehen, wenn Sie ſie anrühren! ſagte Lude, und ſeine blitzenden Augen verfolgten jede Bewegung ſeines Feindes. * — 247— Sieht er nicht aus, wie'n Hund, der einen Schatz bewacht? ſagte Paulowitſch lachend. Ruhig, Cerbe⸗ rus, ruhig! Wir wollen Deinen Schatz nicht ſtehlen, wir wollen ihn nur dahin bringen, wo er hin ge⸗ hört, in einen Palaſt und zu einem Fürſten! Aber mein Gott, was bedeutet das! Das iſt ja Blnt, wer von Euch Beiden iſt denn verwundet? Wer iſt krank? Lude nahm Amintha's Haupt von ſeiner Bruſt. Sie iſt todt! ſagte er triumphirend. Sie wollte lieber ſterben, als bei dem Fürſten bleiben. Sie hatte Frau Winkler geſchworen, ein ehrliches Mädchen zu bleiben, und ſie hat Wort gehalten. Das ſag' Dei⸗ nem Fürſten, und laß uns Beide in Frieden, oder'˙s wird ſchlimm! Herr Paulowitſch war ſehr verdrießlich. Habe ich mir nun ſo viele Mühe gegeben, brummte er, und Alles umſonſt, ſo viel gelaufen, gefragt und Belohnungen gezahlt, und nun ich ſie endlich habe, iſt ſie todt! Der Fürſt wird ſehr unzufrieden ſein! Aber bringen muß ich ſie ihm jedenfalls, todt oder lebendig. Er muß doch ſehen, daß ich ſie gefunden habe, und dann kann er mir eine fürſtliche Beloh⸗ nung nicht entziehen! 4 Komm, Georg, ſagte er dann laut, komm und hilf mir die Leiche in den Wagen packen! Doch Lude war ſtark wie ein Löwe, er preßte Amintha's Körper in ſeine Arme und ſchwur, daß kein Menſch auf der Welt ſie ihm entreißen ſolle. Aber was half der Wille eines Knaben gegen die rieſenſtarken Arme dieſer beiden Männer!. Nach manchem vergeblichen Kampfe ſank Lude, erſchöpft von ſo viel Anſtrengung und Leid, beſin⸗ nungslos zuſammen. Amintha's Leiche ward in den Wagen gehoben. — 248— Den Cerberus wollen wir auch nur mit uns neh⸗ men, ſagte Herr Paulowitſch, er kann dem Fürſten erzählen von Amintha, und wie ſie geſtorben iſt, worauf ich ſelbſt ſogar neugierig bin!———— Einige Tage ſpäter ſtanden zwei Särge in dem Empfangsſaale des Fürſten von Pomowsy.— Der Tod hatte die Geſchwiſter vereint, ſie hatten ſich lebend geſucht, die Leichen hatten ſich zu einander gefunden. Einen Tag, nachdem man des Fürſten Leiche in ſein Hôtel gebracht, war Panlowitſch mit Amintha gekommen, mit Amintha, welche des Fürſten letzter Wille zu ſeiner Schweſter und Erbin erklärte.— Und der Schweſter eines Fürſten erzeigte man im Sarge fürſtliche Ehre. Sie ſollte mindeſtens begra⸗ ben werden wie eine Prinzeſſin. Hohe Wachskerzen umſtanden ihren mit Sammet und Silber beſchlagenen Sarg, unter Blumen lag ſie da, wie ein ſchlummernder Engel anzuſchauen mit dieſem Lächeln, das der Tod auf ihrer Lippe feſtge⸗ bannt hatte. Wie eine Braut des Himmels, ſo un⸗ ſchuldsvoll und rein, ſo zart und lilienhaft. Und neben ihr ſtand der Sarg, in welchem Er ruhte, den ſie geliebt, den ſie gefürchtet, vor dem ſie geſlohen war,— ihr Bruder! Die neugierige Menge ſtrömte ab und zu,— es war ein Schauſpiel, und ein höchſt romantiſches dazu. Es war ein ſehr pikantes Bild, dieſes engelhafte junge Mädchen mit der Myrthenkrone, und daneben dieſer ſo gefeierte Liebling aller Frauen,— mit verhülltem Haupt,— die Schönheit zerſchmettert von einem ein⸗ zigen Piſtolenſchuß. Es ließen ſich wundervolle Geſchichten davon er⸗ zählen, und die ſchönen Damen konnten ſehr rüh⸗ — 249— rend und intereſſant weinen an dem Sarge des jun⸗ gen Mädchens. Eiinner nur ſtand am Sarge und weinte nicht. Das war Lude, der arme Lude, dem es nicht ein⸗ mal vergönnt geweſen, Amintha's letzten Willen zu vollſtrecken, denn Frau Winkler war todt,— ſie war glücklicher als er, denn ſie war da, wohin auch Amin⸗ tha gegangen war,— Beide da droben im Himmel! Und Er? Doch, es gab noch Ein Geſchäft! Er konnte Amintha's Leiche bewachen und die Fliegen verſcheu⸗ chen, und jede Hand abwehren, welche ihr Antlitz be⸗ rühren wollte.— Das that er getrenlich. Als er aber hörte, wie zwei Damen an ihrem Sarge ſich erzählten, daß ſie des Fürſten Schweſter, daß Amintha eine Prinzeſſin geweſen, erhob ſich Lude drohend von ſeinen Knieen und ſagte zürnend: das iſt eine Lüge das! Amintha war keine Prinzeſſin, dazu war ſie viel zu gut und zu brav! Sie gehörte nicht zu den vornehmen Leuten, gar nicht, denn ſie war ein Engel! Sie iſt in Armuth geboren und auf⸗ erzogen, und darum war ſie gut, freundlich, milde und ſanft gegen Jedermann. Es iſt gewiß, ſie war keine Prinzeſſin, ſonſt könnte ſie jetzt kein Engel ſein, und das iſt ſie! Warum wollt Ihr alſo die Todte noch verleumden, Ihr vornehmen Leute; meint Ihr denn, man kann nicht ſelig werden, wenn man nicht vornehm iſt und reich? Ihr habt Euer bischen er⸗ bärmliche Seligkeit ſchon weg hier auf Erden, Amin⸗ tha aber iſt im Himmel ſelig und reich, weil ſie auf Erden elend war und arm!. Getäuſchte Hoffnungen. In derſelben Stunde, in welcher Fürſt Alexiew und Alfred ihren Todeskampf mit einander kämpf⸗ ten, in derſelben Stunde war die Baronin Elsleben beſchäftigt, ihre Angelegenheiten zu ordnen und Alles zu der Flucht der nächſten Nacht vorzubereiten. Sie war ſehr glücklich, ſehr zufrieden mit ſich ſelber und mit Gott, der ſo bereitwillig ihre Pläne unterſtützt hatte. Sie ſtand alſo jetzt am Ziele ihrer Wünſche, noch zwölf Stunden und ſie war die Gemahlin des ſchönen und gefeierten Fürſten, ſeine rechtmäßige Ge⸗ mahlin! Anfangs freilich wird er zürnen, ſagte ſie, weil er ſich überraſcht fühlen muß, und weil allerdings Emmy's Antlitz ein klein wenig jünger und friſcher ausſehen mag, als das meine! Das iſt aber auch das Einzige, denn im Grunde liebt er ja mich, und nur mich allein! Mit der äußern Erſcheinung dieſer Emmy hat er nichts gemein, es iſt die Emmy, welche ſich ihm in ihren Briefen offenbart hat, es iſt dieſe Emmy, welche er liebt, und dieſe Emmy bin ich! Und wenn ich, nach dieſer unter dem ſchützenden Dunkel der Nacht vollzogenen Trauung, zu ſeinen Füßen niederſinke und ihm Alles bekenne, meine grenzenloſe Liebe, meine aubetende Leidenſchaft, dann wird er mir Alles verzeihen, Alles! Ach, die Liebe hat Worte, denen kein Menſch widerſteht, und ſolche Worte werden auf meinen Lippen ſein, wenn ich zu Alexiew rede! Er wird, er muß mir verzeihen, und dann,— was hülfe ſein Zürnen, wenn ich doch ein⸗ mal ſeine rechtmäßige, vor Gottes Altare ihm ange⸗ traute Gemahlin bin! Und voll dieſer glückſeligen Zuverſicht ordnete die Baronin ihre Angelegenheiten und packte ihre Koſt⸗ barkeiten und Kleinodien zuſammen. Dieſe Flucht freilich wäre unnöthig, ſagte ſie lä⸗ chelnd, ganz unnöthig, da keine grauſame und tyran⸗ niſche Mutter uns verfolgt. Aber ſie hat doch ihr Gutes, denn ich habe dann erſt nöthig, ihm dieſes ganze Geheimniß zu enthüllen, wenn wir fern ſind von Berlin. Uebrigens wenn alle Welt erfahren hat, daß ich mit ihm, meinem Gemahl, Berlin verlaſſen habe, wird Alexiew ſich nicht das Ridicüle geben wollen, alle Welt wiſſen zu laſſen, daß er der Ange⸗ führte geweſen! O wie danke ich Gott, daß er Alles ſo wohlgefügt und geordnet hat! Denen, die an Gott glauben und ihn lieben, denen freilich müſſen alle Dinge zum Beſten gereichen, und daß ich Gott liebe, das weiß er, darum iſt er auch bereitwillig auf alle meine Plane eingegangen und hat ſie gefördert und unterſtützt! Gottes Benehmen gegen ſie hatte, wie man ſieht, den vollſten Beifall der Baronin, ſie hatte ihm gar keine Vorwürfe zu machen, durchaus gar keine! . Es ſchlug zwei Uhr. Wie bald, und die Sonne wird ſinken, die Nacht wird heraufdämmern, und dann— — 252— Es klopfte an die Thür der Baronin, und Emmy begehrte Einlaß. Die Baronin legte eilig ein Tuch über die ſchon vollendeten Packete und geſtattete Emmy einzutreten. Sie kam nicht allein, ihr zur Seite ging ein Jüngling, und in dieſer ſtolz aufgerichteten, edlen Geſtalt hätte die Baronin kaum den ſanften, beſchei⸗ denen und ſchüchternen Pater Joſeph wieder erkannt. Er war ein Anderer geworden, Stolz und Energie leuchtete von ſeiner edlen Stirn, und über ſein Ant⸗ litz war ein Glanz ergoſſen, welcher nur den Glück⸗ lichen eigen iſt. Emmy hatte ihm die Hand gereicht,— ſie ſah unendlich lieblich aus mit dieſem verklärten Lä⸗ cheln, das ihre Züge wie mit Sonnenglanz ver⸗ goldete, mit dieſen ſchwärmeriſchen und doch feurigen Augen, und dieſer ätheriſchen Geſtalt, die ſo ſchwach ſchien, daß jeder Sturm ſie brechen mußte, und die doch die Elaſticität hatte, ſich dem Sturm nur zu beugen und dann ſich wieder frei und ſtolz empor⸗ zurichten. Emmy war eins jener zarten Weſen, die bei ihrer Zartheit die größte Stärke, bei ihrer Schüch⸗ ternheit zur rechten Stunde die größte Energie ent⸗ wickeln, die niemals beherrſchen, aber auch niemals einem fremden Willen ſich anders, als freiwillig unterwerfen wollen. Sie war gekommen mit dem feſten Entſchluſſe, ſich das Glück zu erkämpfen um jeden Preis, und müßte ſie es erkaufen mit dem Zorn ihrer Mutter, müßte ſie darüber ihrer kindlichen Pflichten vergeſſen! — ſie ſagte nicht, ihrer kindlichen Liebe.— Emmy liebte ihre Mutter nicht, vielleicht weil ſie fühlte, daß ſie nicht geliebt ward. Von früheſter Jugend an war etwas Fremdes zwiſchen dieſer Mutter und ihrer Tochter geweſen, erſt ihr eigener Vater, welcher in den letzten Jahren ſeines Lebens die Baronin eben ſo ſehr gehaßt, als er ihre Tochter Emmy ge⸗ liebt hatte,— dann ſpäter hatte die Verſchiedenheit ihres Glaubens die Kluft nur noch größer gemacht, ſie waren Beide ganz verſchiedene Wege gegangen, und wenn ſich zufällig einmal ihre Straße durch⸗ kreuzte, hatte ſich Keiner von ihnen des Begegnens gefreut. Emmy nicht, weil ſie mit dem Inſtinct eines Weibes in der Seele ihrer Mutter geleſen und auf dem Grunde ihres Herzens alle dieſe Leidenſchaf⸗ ten erkannt hatte, welche ſo künſtlich unter dieſer frommen und gleißneriſchen Maske verborgen wur⸗ den,— die Baronin nicht, weil ſie ſich durchſchaut fühlte,— erkannt von ihrer Tochter. Die Baronin fragte heftig, was dieſer ſeltſame Beſuch an der Hand eines abtrünnigen Prieſters be⸗ zwecken ſolle? 6 Emmy antwortete freundlich aber beſtimmt, daß ſie komme, um für ſich und ihren Geliebten den Segen ihrer Mutter zu erflehen. Das iſt ein Räthſel, deſſen Löſung Du mir er⸗ ſparen wirſt, ſagte die Baronin, ſpöttiſch lachend. Du biſt die Braut Alfred's, Du bleibſt es; überdies hat Dich Dein Vater an den katholiſchen Glauben gebannt, und alſo kannſt Du nicht die Braut eines weggelaufenen Prieſters ſein! Und warum nicht, Frau Baronin? fragte Adal⸗ bert ſtolz. Warum kann Emmy nicht das Weib eines Mannes ſein, den ſie liebt, und der durch kein Geſetz verhindert iſt, das Mädchen ſeiner Liebe zu ſeiner Gattin zu erwählen? Dieſe Frage ſchien der Baronin ſo unerhört, daß ſie ſtumm blieb vor Erſtaunen. — 254— Warum nicht? ſagte ſie endlich mühſam. Sie iſt eines Andern Braut, und katholiſch. Nein, meine Mutter, rief Emmy, und ein freu⸗ diger Glanz verklärte ihr Geſicht, ich bin nicht mehr katholiſch. Keine Glaubensſatzung darf mich von dem Manne trennen, welchen ich liebe. Sein Glaube iſt der meine! Ich komme aus der Verſammlung der Chriſt⸗Katholiken! Die Baronin rief erbleichend: Unglückliche, Du willſt doch nicht ſagen— Daß ich eine Chriſt⸗Katholikin bin? unterbrach ſie Emmy. Gewiß, das will ich. Vor der verſam⸗ melten Gemeinde habe ich mich dieſem neuen Be⸗ kenntniſſe zugewandt, das ich begrüße, als das Mor⸗ genroth eines neuen Tages,— das noch nicht das Licht iſt, aber der Vorbote des Lichtes. Oeffentlich, und ohne es zu bergen, bin ich jeden Sonntag zu dem Gottesdienſte der neuen Gemeinde gegangen, — meine Mutter allein hat es nicht gewußt, weil ſie zu ſehr beſchäftigt war, um an ihre Tochter den⸗ ken zu können. Und weißt Du nicht, daß durch dieſen Uebertritt Du Deines Vermögens verluſtig gehſt? Daß Du auch das Meine opferſt? rief die Baronin, immer heftiger erglühend. 3 Ich weiß es, ſagte Emmy ſanft, aber ich durfte, um irdiſchen Vortheils willen, nicht zu einer Heuch⸗ lerin werden, und einer Meineidigen, ich mußte die Wahrheit bekennen um jeden Preis! Dennoch aber, meine Mutter, bitte ich Dich um Verzeihung, zürne nicht mit Deiner Tochter, öffne Dein Herz und Deine Arme dem Mädchen, welches um der Liebe Gottes und ihres Geliebten willen Alles hingeben, Alles opfern mußte, ſelbſt den irdiſchen Reichthum! Nein, wende Dich nicht ab, meine Mutter, ſieh, wir ſind — 255— * ſo lange getrennt geweſen, llaß, an dieſem Wende⸗ punkt unſers Daſeins, unſere Wege ſich begegnen, um hinfort Eine Straße zu gehen. Oeffne Deine Arme Deiner Tochter, und meine Liebe ſoll Dir be⸗ weiſen, daß die Liebe noch höher iſt, als alles irdiſche Gut, daß man nichts verloren hat, nichts entbehrt, wenn man geliebt wird, wenn man liebt! Es iſt wahr, ich habe Dich des Reichthums beraubt, aber Gott wollte es ſo, derſelbe Gott, an welchen Du glaubſt, zu welchem Du beteſt! Meine Mutter, Du ſollſt wieder reich werden durch die Liebe Deiner Kinder, nimm uns auf in Deine Arme! Sie war vor ihrer Mutter niedergeſunken und umklammerte ihre Kniee. Ihr Angeſicht, welches ſie flehend zu ihrer Mutter eemmporgewandt hatte, war von Thränen bethaut. Die ganze Liebe, die ganze Zärtlichkeit war plötzlich wieder erwacht in dem Her⸗ zen der Tochter, ſie klammerte ſich mit einem letzten verzweiflungsvollen Kampfe an das Herz ihrer Mut⸗ ter, denn ſie fühlte, daß ſie in dieſer Stunde ihre Mutter auf ewig gewinnen oder verlieren ſollte. Die Baronin ſtieß die Knieende mit dem Fuße zurück. Es iſt genug mit dieſer albernen Komödie, ſagte ſie. Wie Judas willſt Du mich küſſen, nachdem Du mich verrathen haſt,— nachdem Du mich zu einer Bettlerin gemacht, bieteſt Du mir die Reichthümer Deiner Liebe an. Ich danke für dieſe Reichthümer, bei denen ich darben und hungern würde, ich mag nicht wie ein Hund an den herabgefallenen Brocken nagen, wenn die ganze reich beſetzte Tafel mir ge⸗ hören müßte. Verſchwende die Reichthümer Deiner Liebe, an wen Du immer willſt,— ich verlange kei⸗ nen Antheil davon,— aber niemals auch werde ich meine Einwilligung geben zu der Verbindung mit einem entlaufenen Prieſter. 1 — 256— Mutter, rief Emmy ſchmerzvoll, Mutter, iſt dies Dein letztes Wort?. Es iſt mein letztes! Und es mag ſo bleiben, ſagte Adalbert ſtolz. Er⸗ hebe Dich von Deinen Knieen, Emmy, nur vor Gott ſollſt Du Dein Knie beugen, vor keinem Menſchen, ſelbſt vor Deiner Mutter nicht! Ich bin ihre Mutter nicht, ich habe keine Tochter mehr! ſchrie die Baronin, bebend vor Zorn. Meine Liebe wird ſtark genug ſein, um Emmy niemals daran denken zu laſſen, daß ſie eine Waiſe iſt! Wird ſie auch ſtark genug ſein, ſie vor dem Hun⸗ gertode zu bewahren? fragte die Baronin höhnend. Müßte es ſein, ſo würde ich für mein Weib eines Tagelöhners Arbeit nicht ſcheuen, ſagte Adalbert ſeſt. Aber dem iſt nicht ſo! Mein Großvater lebt unicht mehr, ich bin ſein einziger Erbe, und ſein kleines Vermögen wird meine Emmy mindeſteus vor Man⸗ gel und Entbehrung ſichern. Wir begehren von Ihnen nichts, auch nicht den Antheil an der Jahres⸗ rente, die Emmy's Vater ihr im Falle ihres Ueber⸗ tritts ausgeſetzt hat, und die ſie mit Ihnen theilen ſoll. Nehmen Sie das Ganze, genießen Sie es, wie Sie wollen; ich begehre keiner irdiſchen Güter, ich will nichts, als das Weib, welches ich liebe, als meine Emmy. Nimm Alles, Alles, was Mein iſt! Nur gieb mir dafür Dein Herz wieder, meine Mutter, flehte Emmy. Fräulein von Elsleben, ſagte die Baronin ſchnei⸗ dend kalt, ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich keine Toch⸗ ter mehr habe. Wir Beide haben nichts miteinander gemein, und was noch ſonſt zwiſchen uns auszugleichen iſt, das möge die Sache der Gerichte ſein. Ich werde Ihrem und meinem Anwalt die nöthigen Anzeigen Stunde an werden Sie keine — 252— machen, er wird vor Ihnen und vor mir und den nöthigen Zeugen das Teſtament des Baron Elsleben vorzuleſen haben, und was der letzte Wille dieſes Mannes beſtimmt hat über Sie und mich, darein werden wir uns fügen! Ich habe Ihnen weiter nichts zu ſagen, und bitte Sie, mich jetzt Ihres An⸗ blickes zu überheben! Emmy war aufgeſtanden, während die Baronin ſo ſprach.— Sie weinte nicht mehr, ihr Antlitz war ruhig und gefaßt. Mit einem unausſprechlichen Aus⸗ druck ihrer Mienen ſagte ſie: Du haſt entſchieden, meine Mutter! Du willſt nicht, daß ich Deine Toch⸗ ter ſei! So bin ich denn von heute an nichts mehr, als das Weib dieſes Mannes, welchen ich liebe! Ich ſtelle mich unter ſeinen Schutz! Hinfort werde ich keinen Willen haben, als den ſeinen! Nimm mich hin, mein Adalbert, ich bin Dein für alle Ewigkeit! Konnte es unſerm Flehen nicht gelingen, für unſere Liebe den Segen einer Mutter zu gewinnen, ſo laß uns mindeſtens hoffen, daß Gott eine Liebe ſegnen wird, deren innerſter Kern und Halt er ſelber iſt! Sie legte ſich ſanft in Adalbert's Arme. Er drückte ſie an ſeine Bruſt und ſagte mit einem Ausdruck der Ehrfurcht und Liebe zugleich: Du biſt der Engel, welchen Gott an meine Seite geſtellt hat, Deine Nähe wird der Segen meines ganzen Lebens ſein! Wird es. jetzt genug ſein dieſer albernen Komödie, rief die Baronin zornig, oder muß ich meine Leute rufen, um mich von zwei Ueberläſtigen zu befreien, welche ich nicht kenne, und mit denen ich nichts ge⸗ mein haben mag? Es iſt genug! ſagte Adalbert ſtolz. Von dieſer Tochter mehr haben! Einſt, wenn all dieſes eitle Gepränge und dieſer III. 17 — 258— Flitterſtaat einer heuchleriſchen Frömmigkeit zuſam⸗ menbricht, wenn Sie Sich einſam fühlen und troſt⸗ los verlaſſen, dann werden Sie rufen nach Ihrem Kinde, welches Sie heute verſtießen, aber Ihr Rufen wird vergeblich ſein,— Sie haben Ihre Tochter auf ewig verloren! Das hoffe ich! ſagte die Baronin feſt. Emmy klammerte ſich an den Arm ihres Gelieb⸗ ten. Komm, Adalbert, ſagte ſie zitternd, laß uns gehen, dieſe Frau hat kein Herz! Ich werde nach dem Anwalt ſchicken und nach den nöthigen Juſtizbeamten, ſagte die Baronin kalt. Sie ſollen, wenn es ſein kann, noch dieſen Abend das Nöthige, was unter uns noch zu ſchlichten iſt, beſorgen. Sie haben ſich alſo bis heute Abend ruhig in dieſem Hauſe aufzuhalten. Dies iſt mein letzter Befehl, ich erwarte, daß Sie ihm genügen werden! Ich werde es, ſagte Emmy ſanft. Ich werde vor Morgen mein Zimmer nicht verlaſſen! Ich verbitte mir aber den Skandal, daß Ihr Liebhaber dies Zimmer mit Ihnen theilt, ſagte die Baronin höhniſch. Komm, meine Geliebte, rief Adalbert ſtolz, dieſe Frau will Dich beſchimpfen. Laß uns gehen, ich möchte ſonſt vergeſſen, daß ſie Deine Mutter iſt! Emmy legte ihren Arm in den ſeinen—— Keiner ſprach ein Wort,— ihre leiſen Schritte tön⸗ ten wie die Seufzer eines Sterbenden,— die Thür ſchließt ſich hinter den beiden jugendlichen Geſtalten, — es iſt geſchehen,— Emmy hat keine Mutter mehr! Sie war bleich, ihre zarte Geſtalt bebte, aber kein Zagen war in ihrer Seele. Ich bin Dein für alle Ewigkeit, ſagte ſie. Und Du willſt wirklich bis morgen in dieſem — 259— Hauſe bleiben? fragte er, ihre Hände küſſend. Ueber⸗ lege, meine Geliebte, ob Du die Kraft haben wirſt, die widerliche Scene, welche Dir noch aufbehalten iſt, zu ertragen. Du weißt, daß Amalie und ihr Bruder Dich erwarten, daß ſie mit freudiger Liebe Dich in Ihrem Hauſe empfangen werden, bis Du mein Weib biſt! Sie hat es befohlen, ſagte Emmy ſanft, es war der letzte Befehl einer Mutter, ich werde ihr ge⸗ horchen! Erwarte mich bei unſern Freunden; von morgen an kenne ich keinen Willen mehr, als den Deinen! Sie reichte ihm die Hand dar, er ſchloß ſie feſt in die ſeine. Sie ſahen ſich an mit einem unaus⸗ ſprechlichen Blick. Alles was in ihnen lebte an Glück und Liebe, an Muth und Energie, das lag in dieſem Blick. Emmy ging hinauf in ihr Zimmer, Adalbert eilte zu Eduard; durch das innige Freundſchafts⸗ verhältniß Amalien's und Emmy's hatten Eduard und Adalbert einander kennen gelernt und ſich ein⸗ ander gefunden in Freundſchaft. Als Eduard von Adalbert erfuhr, daß ſchon heute Abend die gerichtliche Teſtamentsvollſtreckung ſtatt⸗ finden ſolle, befahl er ſogleich ſeinen Wagen einzu⸗ ſpannen und eilte hinaus in die Familienhäuſer zur Baronin Hermfeld.————— Die Thür hatte ſich hinter Emmy und ihrem Geliebten geſchloſſen,— die Baronin ſah ihnen mit ſtolzen, zornigen Blicken nach,— keine Thräne trat in ihre Augen,— ſie hatte keine Tochter verloren, denn ſie hatte in ihrem Herzen niemals eine beſeſſen! Sie dachte nur an ſich und an die möglichen Uebel⸗ ſtände, die ihr daraus hätten erwachſen können, 17- — 2560— wenn Emmy früher zu dieſem Aeußerſten geſchritten wäre. Alle meine Plane wären zerſtört worden, ſagte ſie. Der Fürſt hätte ſehr leicht erfabren können von Emmy's wahnſinniger Liebe zu dieſem Menſchen, und dann war Alles verloren! Jetzt aber, fuhr ſie triumphirend fort, jetzt iſt Alles gewonnen! Er wird Mein ſein, und ich werde nicht mehr zu fürchten haben, ihm unwillkommen zu ſein, denn ich werde reich ſein und Emmy ſehr arm! Ich ſtehe am Ziele all meines Strebens! Mein wird der ſchönſte, der gefeiertſte Mann, mein dieſes große Vermögen, un⸗ beſtritten mein! Es iſt unmöglich, daß es anders ſei, Niemand kann ahnen, daß es nicht der Baron war, der dieſe wichtigen Zeilen geſchrieben, es iſt unmöglich, es zu ſehen! Und deshalb war es noth⸗ wendig, daß ich mich zornig zeigte, damit ſie über⸗ zeugt blieben, ich halte mich ſelber für eine Bettlerin! Mein Gott, wie glücklich ich bin! Rang, Ehre, Reichthum, Alles dies iſt mein, und ich werde es allein meiner Klugheit verdanken, allein mir ſelber! Nein, nicht mir! fuhr ſie, ſich beſinnend, fort, und nahm eine demüthige Miene an. Nicht mir, Gott allein gebührt die Ehre! Er war es, der mir beiſtand, der mir Kraft gab, alle Hinderniſſe zu über⸗ winden, er war es, der Alles ſo lenkte und fügte, daß es mir zum Segen gedeihen mußte! Ihm, mei⸗ nem Herrn und Gotte, ſei der Preis und der Dank! Sie warf ſich nieder vor dem Betpulte und hob die gefalteten Hände zu Gott empor.— Was ſtörte auf einmal ihre Andacht? Es war ein Schreien und Jammern, das verworren und angſtvoll zu ihr drang. Die Thür ward aufgeriſſen und blaß und zitternd ſtürzte ihre vertrante Kammerfrau herein. — 261— Gnädigſte Baronin, ein ſchreckliches Unglück! Ach unerhört, entſetzlich! Ihre Stimme erſtickte in Thränen! Was denn, was iſt geſchehen? Ach es iſt kaum zu denken, kaum zu ſagen! Sie werden den Tod davon haben! Mein Gott, aus Barmherzigkeit, was iſt denn geſchehen! Du folterſt mich, Auguſte, was iſt es? Sie haben ſich Beide erſchoſſen, einer den An⸗ dern, Alle Beide! ſchluchzte Auguſte. Emmy und Adalbert? fragte die Baronin, gleich⸗ ſam erleichtert aufathmend. Nein, nein, viel ſchlimmer! Aber werden Sie es auch ertragen können, gnädigſte Baronin? Ach, beten Sie erſt, ſtärken Sie Ihre Seele durch Gebet! Ach was Gebet! Laß jetzt dieſe Albernheiten, rief die Baronin, zitternd vor Erwartung. Aus Erbar⸗ men, rede jetzt, was iſt geſchehen! Der Baxon Alfred von Wülfingen hat den Fürſten erſchoſſen! Alexiew! ſchrie die Baronin, und ſprang wie eine verwundete Löwin empor. Ja! Unſern lieben, ſchönen Fürſten Alexiew, und der Baron iſt auch todt! 4 Es iſt eine Lüge! Eine ſchauderhafte, eine uner⸗ hörte Lüge! ſchrie die Baronin. Nein, nein, jammerte Auguſte. Es iſt wahr. Der Kutſcher des Herrn Barons iſt unten und hat die Nachricht gebracht. Er hat die Herren hinaus⸗ gefahren und nachher ſo lange geſucht, bis er die Leichen gefunden hat. Dann hat er ſie Beide in den Wagen gebracht und iſt zum Doctor gefahren. Und Alexiew iſt todt, wirklich todt? fragte die Baronin athemlos. Ja, er iſt todt! ſchluchzte die Kammerfrau. —— 4 — 262— Ein lautes Aechzen drang aus der Bruſt der Baronin,— ihr Geſicht war erdfahl geworden,— ihr Kopf verwirrte ſich. Wilde Verwünſchungen, entſetzliche Anklagen tön⸗ ten von ihren Lippen. Gott hatte ſie verrathen, Gott hatte ihren Glauben und ihre Zuverſicht ge⸗ mißbraucht, ſie war betrogen, von Gott betrogen,— ſie ſagte ſich los von ihm! Es war ein Paroxismus der Verzweiflung, der glühendſten Liebeswuth, ſie war wahnſinnig, raſend, — es war ihre letzte Liebe geweſen,— ſie hatte nicht allein dieſe verloren, auch das ganze Gebäude ihrer Zukunft war zuſammengeſunken. Vergebens all ihr Sinnen und ihre Klugheit, vergebens hatte ſie den Schlaf ihrer Nächte hingegeben, um an ihn zu ſchreiben, lange, kunſtvolle Briefe voll Trug und Schein, vergebens hatte ſie es zu ihrem einzigen Gedanken und Streben gemacht, des Fürſten Ge⸗ mahlin zu ſein,— jetzt ſtand ſie am Ziel,— und er ſtarb,— wenige Stunden vorher, ehe es erreicht war, dieſes glänzende, ſo lange erſehnte, ſo lange erkämpfte Ziel.— Es war ein Hohn des Schickſals, ein grauſamer, entſetzlicher Hohn! Ihre Kraft erlag, ihre Sinne ſchwanden. Ohn⸗ mächtig ſank ſie in die Arme ihrer weinenden Kam⸗ merfran. Nas Codicill. Der Abend war gekommen. Die Baronin hatte ſich wieder emporgerafft aus ihrer Verzweiflung und ihrem Liebesſchmerz. Sie hatte wieder die Kraft ge⸗ funden, ruhig und gelaſſen zu ſcheinen, weil ſie der Gelaſſenheit bedurfte und der Ruhe, um das einmal Begonnene zu Ende zu führen. Mindeſtens werde ich reich ſein und unabhängig, ſagte ſie, und wer reich iſt, der iſt auch glücklich! Sie kleidete ſich ſorgfältig und geſchmackvoll, und prüfte dann vor dem Spiegel ihr Angeſicht und ihre ganze Erſcheinung. Wirklich, ſie ſah ſehr ſtolz und imponirend aus in dieſem ſchwarzen Atlasgewande, das ihr etwas Matronenhaftes und Würdevolles ver⸗ lieh, und die edlen Formen ihrer hohen Geſtalt glän⸗ zend hervortreten ließ. Sie war noch immer ſchön zu nennen, nur daß ihrem Antlitz die Grazie und Lieblichkeit fehlte, welche der Jugend eigen zu ſein pflegt, und ihr ſchönſter Schmuck, ihre ſchönſte Zierde iſt. Die Perlenſchnüre, welche den blendend weißen Hals der Baronin zierten, konnten dieſen Schmuck nicht erſetzen. — — — 264— Ich werde reich ſein! ſagte ſie, unwillkührlich viel⸗ leicht einen angefangenen Gedankenſatz vollendend. Man iſt immer jung, wenn man reich iſt. Sie bemühte ſich, ein Lächeln auf ihre etwas ſchmerzvoll gepreßten Lippen zu feſſeln, und als ihr dies gelungen war, ging ſie zufrieden, und mit feſter und ſtolzer Haltung hinunter in den Salon. Die nöthigen Gerichtsbeamten waren ſchon im Salon verſammelt, auch einige, von der Baronin geladene Zeugen, nur Gotthold, zu welchem ſie ge⸗ ſandt, hatte ſich entſchuldigen laſſen. Die Baronin befahl, Fräulein Emmy von Els⸗ leben zu rufen, und als dieſe, bleich, aber gefaßt und ruhig, gekommen war, wies ihr die Baronin mit einer gebieteriſchen Handbewegung einen Stuhl neben dem ihren an, und bat dann die Vorleſung des Teſta⸗ mentes zu beginnen. Es geſchah. Als der Juſtizbeamte die Vorleſung beendet hatte, ſagte die Baronin: aus dieſem Teſtamente geht alſo hervor, daß das Vermögen meines verſtorbenen Ge⸗ mahls, im Falle Emmy ſich verheirathet, zu gleichen Theilen zwiſchen ihr und mir zerfällt, vorausgeſetzt nämlich, daß Emmy der Religion ihres Vaters, der katholiſchen alſo, getreu bleibt. Fräulein Emmy von Elsleben hat dieſen letzten und dringendſten Wunſch ihres ſterbenden Vaters nicht erfüllen mögen, ſie iſt zu den Deutſch⸗Katholiken übergetreten. Ein Gemurmel entſtand unter den Zuhörern. Wenn dem ſo iſt, ſagte der Anwalt der Baro⸗ nin nach einer Pauſe, dann hat Fräulein Emmy ſich und die gnädige Frau Baronin zur Bettlerin gemacht. O nicht doch, mein Herr, rief die Baronin ſpöt⸗ tiſch, Fräulein Emmy hat über den himmliſchen Din⸗ — 265— gen nicht ganz das Irdiſche vergeſſen. Sie war be⸗ müht, ſich vor ihrem Uebertritt, und ohne meine Be⸗ willigung, einem jungen Manne zu verloben, deſſen glänzendes Vermögen ſie ſelber vor jedem Mangel ſchützt. Es iſt alſo nur ihre Mutter, welche Fräu⸗ lein Emmy zu einer Bettlerin gemacht hat, und Sie begreifen, daß man auf eine Mutter nicht Rückſicht nehmen darf, wenn es ſich um das Heil der eigenen Seele handelt. Emmy wandte den von Thränen verdunkelten Blick auf ihre Mutter, aber es lag kein Vorwurf in dieſem Blick, nur unausſprechliche Milde und Verge⸗ bung. Sie war feſt entſchloſſen Alles zu ertragen, Alles ſchweigend zu erdulden,— es war die letzte Stunde, daß ſie Tochter ſein ſollte, ihre Mutter war ihr eine Sterbende, und Sterbenden ſoll man Alles verzeihen! Und hat Fräulein Emmy nichts einzuwenden, fragte der Juſtizbeamte. Iſt Alles ſo, wie die Frau Baronin ſagt? Es iſt ſol ſagte Emmy feſt. Ich kann nichts ein⸗ wenden. Ich bin eine Chriſt⸗Katholikin, und es iſt wahr, daß ich mich, wider den Willen meiner Mut⸗ ter, dem Manne, welchen ich liebe, verlobt habe. Es mag ſein, daß die Geſetze meiner Mutter das Recht geben, bis zu meiner Volljährigkeit dieſe Verbindung zu verhindern. Wir ſind jung und geduldig, und wir werden ausharren bis zu meiner Volljährigkeit! Sie ſah prächtig aus mit dieſem ſtrahlenden und energiſchen Ausdruck, der ſo ſeltſam contraſtirte mit ihrer zarten, ätheriſchen Geſtalt. Sie ſehen, meine Herren, ich habe eine ſehr ge⸗ horſame Tochter, rief die Baronin. Der Allmächtige will meinem Mutterherzen eine Prüfung auferlegen, — ich unterwerfe mich in Demuth dem Herrn!— —— — — 266— Benachrichtigen Sie alſo die Baronin Hermfeld, daß ſie, dem Teſtament zufolge, die Erbin der Reichthümer ihres Bruders iſt. Ich beklage dieſen Verluſt nicht! Nicht die äußern Glücksgüter ſind es, welche ich ent⸗ behren und miſſen werde! Alles was ich habe, war das Beſitzthum der Armen, und nur dieſe habe ich zu beklagen, wenn ich ihnen nicht mehr helfen, ihre Noth nicht mehr lindern kann. Mich wird mein Herr und Gott niemals verlaſſen, er wird mich auf⸗ recht halten in aller Trübſal, er wird mich ſchützen vor aller Noth, ſeine Hand wacht über mir, und des⸗ halb zage ich nicht! Nehmen Sie alſo, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, nehmen Sie alſo alle dieſe Reichthümer hin. Sie gehören der Baronin Hermfeld. Ich mache auf nichts mehr Anſprüche, als auf dies Teſtament; es ſind die letzten Schriſtzüge meines Gemahls, es iſt ſein letzter Wille! Laſſen Sie mir dieſe Papiere! Ich werde, wenn die Noth mich niederdrückt und der Mangel mich heimſucht, ich werde dann auf dieſen letzten Willen meines Gemahls blicken und mich dadurch ſtärken und aufrichten zu muthvollem Dulden! Mir wenigſtens ſoll der Wille eines Sterbenden heilig ſein, ich werde mich nicht auflehnen gegen denſelben! Welch ein reiner Glanz der Tugend und Fröm⸗ migkeit leuchtete auf dem Antlitz der Baronin, als ſie ſo ſprach; wie eine Heldin und Märtyrerin der gott⸗ begeiſterten Frömmigkeit ſtand ſie da. Auch waren die Blicke aller Anweſenden mit Bewunderung auf ſie gerichtet, und der Juſtizbeamte reichte ihr mit einer ehrfurchtsvollen tiefen Verbeugung das Teſta⸗ ment dar. Es iſt ein heiliger Gewerbeſchein, auf den ich bet⸗ teln gehen kann, ſagte die Baronin und blätterte in den Papieren.— — 267— Ein zuſammengefalteter, verſiegelter Brief fiel heraus. Was iſt das? rief die Baronin verwundert. Ein Brief? Ihr Anwalt hatte ihn ſchon aufgehoben und las die Adreſſe Es iſt die Handſchrift und das Siegel des ver⸗ ſtorbenen Baron von Elsleben, ſagte er feierlich und übergab den Brief dem Juſtizbeamten. Eine Pauſe trat ein. Der Juſtizbeamte erbrach das Siegel und öffnete das Papier. Es iſt ein Codicill, ſagte er, geſchrieben von des Barons eigener Hand, und unterzeichnet und unter⸗ ſiegelt von dem verſtorbenen Juſtiziarius ſeiner Gü⸗ ter, von demfelben, welcher das Teſtament unterzeich⸗ net hat. Vergleichen Sie, meine Herren. Der Anwalt der Baronin, wie auch Emmy's An⸗ walt und die Zeugen, prüften und verglichen die bei⸗ den Papiere.— Es war unzweifelhaft— der Baron Elsleben hatte dies Codicill mit eigener Hand ge⸗ ſchrieben und der Juſtizbeamte hatte es mit dem Baron unterzeichnet und geſiegelt. Leſen Sie das Codicill! riefen die beiden An⸗ walte. Der Juſtizbeamte erhob ſich und las: Ich erkläre durch dieſes Codicill mein Teſtament inſofern für ungültig, als in dem Falle, daß meine Tochter Emmy der heiligen katholiſchen Religion un⸗ getreu wird und zu einem andern Bekenntniß über⸗ tritt, nicht meine Schweſter, die Baronin Hermfeld, die Univerſalerbin meines Vermögens iſt, ſondern einzig und allein meine Gemahlin, die Baronin Elsleben. Emmy aber, die Apoſtatin und Abtrün⸗ nige, hat keinen Antheil mehr an dem Vermögen ihrer Väter, deren Glauben ſie treulos verlaſſen hat. — 268— Solches iſt mein letzter, unabänderlicher Wille, den ich mit meiner eigenen Hand geſchrieben und unterſiegelt habe ꝛc. Eine feierliche Pauſe trat ein. Emmy war auf ihre Kniee geſunken und betete. Es war ein Gebet des Dankes und der Freude,— denn ihre Mutter war keine Bettlerin mehr. Gott iſt gerecht, rief die Baronin, die Hände faltend, er verläßt nicht die, welche an ihn glauben! In dieſem Augenblick ward die Thür des Salons haſtig aufgeriſſen und in derſelben erſchien der Doc⸗ tor Eduard Linz, den Diener zurückhaltend, welcher einer Frau den Eintritt in den Salon verweigern wollte. Dieſe Frau war die Baronin Hermfeld. Mit ſtolzen, ernſten Schritten trat ſie bis in die Mitte des Salons. Sie hätten Ihre Dienerſchaft beſſer und anſtän⸗ diger gewöhnen ſollen, Frau Schwägerin, ſagte ſie, ſich mit einem ſtolzen Neigen des Hauptes an die Baronin Elsleben wendend. Es will mir nicht paſſend erſcheinen, daß man der Schweſter meines Bruders den Eintritt in ſein Haus verweigern will! Die Baronin antwortete nicht. Sie war bleich geworden. Dieſer ſo plötzliche, ſo unerwartete Be⸗ ſuch ihrer Schwägerin mußte jedenfalls eine unge⸗ wöhnliche Bedeutung haben,— wider ihren Willen zitterte die fromme Baronin. Dieſe Frau iſt die Baronin Hermfeld? fragte der Juſtizbeamte ungläubig. Und wirklich, die höchſt einfache, faſt ärmliche Kleidung der Baronin ſtand in einem ſeltſamen Con⸗ traſt mit dieſem glänzenden Salon und der koſtba⸗ ren Toilette der Baronin Elsleben.— Ein dunkles, bis zum Halſe hinaufreichendes Kattunkleid umhüllte — 269— die ſtolze und hohe Geſtalt der Frau von Hermfeld, eine einfache, undurchſichtige Haube ſchloß ſich dicht an ihre Wangen und das einfach geſcheitelte Haar, aber es lag, trotz dieſes ärmlichen, ſchmuckloſen An⸗ zuges, dennoch etwas Imponirendes, Ehrfurchtgebie⸗ tendes in der ganzen Erſcheinung der Baronin,— die Hoheit und der Adel ihrer Seele prägte ſich aus in ihrem Weſen. Sie zweifeln, daß ich eine Baronin ſei? ſagte Frau von Hermfeld lächelnd, Sie zweifeln deshalb, mein Herr, weil mein beſcheidener Anzug nicht ſo viel Werth hat, als eine einzige Perle von dem rei⸗ chen Halsband meiner Frau Schwägerin? Nicht immer machen die Kleider die Leute aus, und übri⸗ gens begreife ich nicht, daß eine Baronin etwas Beſſeres iſt, als jedes arme Weib, das im Schweiße ihres Angeſichts ſich ihr Brod verdient,— warum ſollte alſo eine Baronin ſich beſſer kleiden müſſen, wenn es nicht geſchieht, um unter äußerm Prunk die Armuth ihrer Seele zu verbergen! Uebrigens bin ich nur Frau Hermfeld, und wenn ich mich heute noch einmal Baronin nenne, ſo geſchieht es, weil ich, als die Schweſter meines Bruders, dieſen Titel bean⸗ ſpruchen muß. Emmy von Elsleben hal die Reli⸗ gion ihres Vaters verlaſſen,— dem Teſtament zu⸗ folge fällt das Vermögen meines Bruders jetzt an mich zurück.— Die Baronin Elsleben hatte ſich lange ſchon er⸗ holt von ihrem augenblicklichen Schreck. Sie ſagte mit einem triumphirenden Lachen: dies⸗ mal, meine höchſt ehrwürdige Frau Schwägerin, haben Sie ſich umſonſt mit dem unwürdigen Baronstitel belaſtet. Vielleicht wußte ihr Bruder, mein Gemahl, welch eine begeiſterte Anhängerin der Armuth und Bettelei Sie ſind, und es iſt gewiß deshalb geſchehen, — 270— daß er das Teſtament für ungültig erklärt und mich in einem Codicill zu ſeiner Univerſalerbin ein⸗ geſetzt hat. Hat mein Bruder dies gethan? fragte Frau von Hermfeld den Juſtizbeamten. Dieſer reichte ihr mit einem ſtummen Kopfnicken das Codieill dar. Frau von Hermfeld warf einen langen, prüfenden Blick auf dies Papier, dann ſchweifte ihr Auge hin⸗ über zu Emmy, die angſtvoll, zitternd auf dieſe ſelt⸗ ſame Scene ſchaute. Dieſes Codicill iſt falſch! ſagte die Baronin Herm⸗ feld mit verächtlichem Ton. Ein Ausdruck des Schreckens und Staunens zeigte ſich auf allen Geſichtern, ſelbſt die Baronin Elsle⸗ ben war im augenblicklichen Schrecken bleich gewor⸗ den, ſie faßte ſich aber ſogleich wieder und verſuchte zu lächeln. Was ſagen Sies rief der Iuſtizbeamte ſtreng. Ich ſage, dieſes Codicill iſt falſch, und ich will es beweiſen! Nun, dieſe Unverſchämtheit überſteigt alle Grenzen, rief die Baronin Elsleben verächtlich. Sie reden von ſich ſelber, nicht wahr? fragte Frau Hermfeld. 3 Die Beweiſe, die Beweiſe! riefen die Männer der Juſtiz. Eduard trat vor. Ich, meine Herren, bin im Stande dieſe Beweiſe zu geben, ſagte er. Ich bin Arzt,— mein Beruf führt mich an das Bett der Kranken und Leidenden, und der Schmerz des Körpers erweicht oft das ver⸗ härtetſte Gemüth und führt es zur Reue, zur Buße. So kommt es, daß der Arzt oft auch der Beichtvater ſeiner Kranken wird. — 271— Und jetzt erzählte er einfach und klar, was wir ſchon wiſſen, ſeinen Beſuch an dem Bette des kran⸗ ken Schreibers, der, von Allen verlaſſen, ſelbſt von Denen vergeſſen, für die er gearbeitet und zum Ver⸗ brecher geworden, in der Stunde ſeines Todes, halb aus Rache, halb in der Verzweiflung der Reue, dem Einzigen, welcher an ſeinem Sterbelager ſtand, dem Arzte, ein ſchweres Vergehen ſeines Lebens gebeichtet, und ihn aufgefordert hatte, in ſeinem Namen es wie⸗ der gut zu machen. Wie hieß dieſer Mann? fragte der Juſtizcom⸗ miſſarius. Eduard ſagte ernſt: Es war der Schreiber Braune! Bemerken Sie, welche Veränderung in dem ſchö⸗ nen Antlitz meiner Schwägerin vorgeht! ſagte Frau von Hermfeld, auf die Baronin deutend. Wirklich, es war eine große Veränderung; die vorher ſo ruhigen Züge der Baronin Elsleben waren jetzt bleich und ſchreckensvoll, ihre Zähne ſchlugen aufeinander, wie im Fieberfroſt, halb ohnmächtig ſank ſie an die Rücklehne ihres Stuhles. Emmy eilte mit einem Ausruf des Schreckens zu ihrer Mutter, aber ſelbſt jetzt noch fand die Baronin die Kraft, ihre Tochter von ſich zu ſtoßen, und ihr die Hand, auf welche das weinende junge Mädchen ihre zitternden Lippen heftete, zu entreißen. Und was beichtete Ihnen der Schreiber Braune? fragte der Juſtizcommiſſarius. Er erzählte mir, daß er zu einem ſehr frommen Vereine gehört habe, zu dem Vereine der Lilienblät⸗ ter nämlich, welchen die Baronin Elsleben geſtiftet hat. Jedes Mitglied dieſes Vereines mußte ſich zu unbedingtem Gehorſam gegen die Obern, die ſoge⸗ nannten Staubfäden, verpflichten, und einer dieſer — 242— Staubfäden war der Prediger Gotthold. Dennoch ſträubte ſich Braune, als ihm Gotthold einen Auf⸗ trag gab, der eben ſo gefährlicher als verbrecheriſcher Art war. Aber Braune war arm, er hatte ſein Ver⸗ mögen vergeudet, es wurden ihm große Summen geboten,— er unterlag der Verſuchung und that, was ihm geheißen war! Was that er? Braune war ein ſehr geſchickter Schreiber, er be⸗ ſaß die Kunſt jede Handſchrift zum Verwechſeln ähn⸗ lich nachzuſchreiben,— man zeigte ihm ein Teſta⸗ ment, und genau in denſelben Schriftzügen ſollte er ein Codicill ſchreiben, deſſen Inhalt und Form ihm in einem Entwurf gegeben ward, der von Gotthold geſchrieben und von einer andern Hand hier und da verbeſſert und mit Zuſätzen verſehen worden war. Braune aber war feig,— er fürchtete eine einſtige mögliche Entdeckung, und trachtete, ſich ſo viel als möglich zu ſichern. Er verlangte daher, daß man ihm volle, ungeſtörte Ruhe laſſe, weil er nur, wenn er ganz allein ſei, gut zu arbeiten vermöge.— Man ließ ihn allein und ſchloß ihn ein in dem Arbeits⸗ zimmer Gotthold's.— Braune benutzte die Zeit, er war ſehr raſch, ſehr gewandt,— er ſchrieb den Ent⸗ wurf des Codicills zweimal ab,— einmal in der Handſchrift des Teſtators und deſſen Juſtiziarius, ein anderes Mal genau in den beiden Handſchriften, welche den Entwurf aufgeſetzt. Dieſe letztere Abſchrift ver⸗ tauſchte er mit dem Original und verbarg Letzteres in ſeinen Kleidern, während Gotthold, nichts Böſes ahnend, meinte, Braune habe ihm das Original des Entwurfes, zugleich mit der ſehr gelungenen Abſchrift gegeben, und ihm die bedingte Summe auszahlte.— Dies, meine Herren, iſt die Geſchichte jenes Codicills, welches Sie in Händen haben! 1 — 273— Eduard ſchwieg,— Aller Augen hefteten ſich auf die Baronin; ſie empfand dieſe Blicke, ſie machte einen letzten Verſuch ſich aufzurichten, den Verdacht. von ſich abzuwälzen. 8 Dies iſt eine ſehr romantiſche Geſchichte, ſagte ſie mit einem mühſamen Lachen, ſchade nur, daß Nie⸗ mand ſie glauben wird. Denn das von nur Einem Zeugen vernommene angebliche Bekenntniß eines Ge⸗ ſtorbenen wird Niemand für einen Beweis wollen gelten laſſen. Es giebt noch einen andern Beweis, ſagte Frau von Hermfeld, den Entwurf jenes Codicills, den Gotthold aufgeſetzt und die Baronin Elsleben corri⸗ girt hat. Der ſterbende Schreiber Braune gab ihn an den Doctor Linz, und dieſer hat ihn in meine Hände niedergelegt. Hier iſt er! Und jetzt, meine Herren, prüfen Sie! Vergleichen Sie den Entwurf mit dem in Ihren Händen befindlichen Codicill, das, wie ich vermuthe, verſiegelt war, und deſſen In⸗ halt dennoch genau übereinſtimmen wird mit dieſem Entwurf. Der Juſtizbeamte nahm das von der Baronin dargereichte Papier und verglich es mit dem Codicill, dann reichte er es den beiden andern Gerichtsbeamten dar; auch ſie prüften und verglichen.— Alles war ſtill; es war ein ängſtliches, banges Schweigen,— die Baronin Elsleben war marmor⸗ bleich geworden, ihre bläulichen Lippen zuckten krampf⸗ haft, ihre weitaufgeriſſenen Augen ſtarrten den Juſtiz⸗ beamten an, von deſſen Lippen ſie ihr Urtheil er⸗ wartete. Emmy hatte ſich das Geſicht verhüllt und lag weinend, zitternd auf ihren Knieen. Es iſt klar und erwieſen, ſagte der Juſtizcommiſſa⸗ rius feierlich, dieſes Codieill iſt falſch. Eine verbreche⸗ riſche Liſt ſollte das echte Teſtament ungültig machen! III. — 274— Der Betrug iſt klar und erwieſen. Auf der Baro⸗ nin Elsleben und dem Prediger Gotthold haftet ſchwerer Verdacht, von dem ſie ſich nicht werden zu befreien vermögen. Uebrigens iſt es meine Pflicht, ſogleich dem Kammergericht die nöthige Auzeige zu machen und dieſe Documente vorzulegen. Die Ba⸗ ronin Elsleben darf bis auf Weiteres ihr Zimmer nicht verlaſſen, ſie iſt vorläufig eine Gefangene in ihrem Hauſe! Auch Sie, Frau Baronin Hermfeld und Herr Doctor Linz, müſſen bereit ſein, den Ge⸗ richten ſich zu ſtellen und Ihre Ausſagen zu wieder⸗ holen. Bis dahin werden Sie ſo gütig ſein, Berlin nicht zu verlaſſen. Frau von Hermfeld hatte ſinnend und traurig zur Erde geblickt, während der Mann der Juſtiz ſprach; als ſie jetzt ihr Haupt erhob, leuchtete eine edle freudige Entſchloſſenheit von ihrem Antlitz. Es war nicht um irdiſchen Gewinnes willen, daß ich hie⸗ her kam, ſagte ſie. Der Reichthum hat nichts mehr zu ſchaffen mit mir, denn ich, meine Herren, bin eine Tochter der Armuth geworden; ich habe viel gelit⸗ ten, viel geweint, ſo lange ich noch die reiche Baronin Hermfeld war. Aber eines Tages entſchloß ich mich arm zu ſein, all dieſen Flitterſtaat von mir zu wer⸗ fen, dieſe prunkende Lüge, unter welcher ich mein Bettlerthum bis dahin verborgen hatte, und mit feſtem, unerſchütterlichem Muthe, mit ſtolz aufgerich⸗ tetem Haupte der Welt die Wahrheit zu bekennen und ſie ſehen zu laſſen, daß ich eine Bettlerin ſei. 4 Und die Armuth trocknete meine Thränen, ſie nahm 1 mich ſanft an ihr warmes Herz, ſie öffnete mir die reichen Quellen geheimnißvoller, heiliger Freuden, welche nur die Armen kennen. Ich entbehrte nicht mehr, ich litt nicht mehr, es gab keinen Kampf mehr und keine Lüge,— dies Alles hörte auf, ſeit ich den 1 —jj.— — — 275— Muth hatte, arm zu ſein und mich loszuſagen von all dieſem heuchleriſchen Schein, mit welchem die Menſchen ihre Jämmerlichkeit überprunken. Ich lehrte meine Kinder arbeiten und ſich ihr Brod verdienen, und die Arbeit ward ihr Troſt und ihre Freudigkeit. Wir haben, was wir bedürfen, und wir entbehren nichts, weil wir wenig bedürfen, wir ſind glücklich. — So ſoll es bleiben! Und wenn ich dennoch hie⸗ her kam und dieſen Betrug, welcher mich eines rei⸗ chen Erbes berauben ſollte, enthüllte, ſo geſchah es, weil ich ein Werkzeug war in der Hand Gottes, weil durch mich dieſes heuchleriſche, fromme Weib entlarvt werden, weil ich die Rächerin ſein mußte ihrer Ver⸗ gangenheit. Gott ſtraft ſie durch meine Hand,— möge ſie ſich beugen unter dem Willen des Herrn, und in Demuth und Reue Den ſuchen gehen, wel⸗ chen ſie in dem Hochmuth und Stolz ihres Herzeus lange zu finden gemeint hatte!— Ich verachte dieſe Reichthümer,— und ſo werfe ich ſie von mir! Sie nahm mit einem raſchen Griff den in Gott⸗ holds Handſchrift geſchriebenen Entwurf jenes Co⸗ dicills vom Tiſche und zerriß ihn. Frau Baronin Elsleben, ſagte ſie, die zerriſſenen Papierfetzen zu ihren Füßen niederwerfend, Sie haben Recht, dies war der einzige Beweis, welcher gegen Sie zeugte,— er iſt vernichtet! Ich nehme meine Anklage zurück! Es war Alles ein Traum! Treten Sie Ihre Erbſchaft an! Die Baronin Elsleben fuhr empor, wie von einer Natter verwundet. Nein, nein, ſchrie ſie wild, ich will keine Groß⸗ muth von dieſer Frau; ich haſſe ſie, ich würde ſie tödten, wenn ich es vermöchte. Sie ſoll mich nicht zu Boden ſchmettern durch ihre Großmuth! Nein, 18“ nein, ich ſage es laut, ich will es ansſchreien vor aller Welt: ich bin eine Betrügerin, ich habe das Codicill verfälſcht, ich habe das geſchrieben! Keine Großmuth von dieſer Frau! Ich will ſie nicht, ich ſtoße ſie mit dem Fuße von mir, wie das Leben, das ganze ekle, erbärmliche Leben! Wie eine Raſende, eine von Furien Verfolgte ſtürzte ſie aus dem Salon in ihr Schlafgemach, deſſen Thür ſie von innen verriegelte. Meine Mutter, meine Mutter! ſchrie Emmy, vor der verſchloſſenen Thür niederſinkend. Habe Erbar⸗ men mit mir, öffne Deiner Tochter! Alles blieb ſtill, Nichts regte ſich da drinnen.— In athemloſem Schweigen ſtanden Alle und horchten. Emmy kniete noch immer vor der Thür und flehte weinend um Einlaß. Einmal glaubte ſie einen leiſen, unterdrückten Schrei zu vernehmen,— dann wieder dieſelbe äng⸗ ſtigende, todesähnliche Stille. Eduard hatte einen der Diener nach einem Schloſſer geſchickt,— dieſer kam,— aber es war unmöglich, dieſe Thür zu öffnen, der Schlüſſel ſteckte von innen im Schloſſe. Aber jetzt vernahm man in dieſem verſchloſſenen Zimmer ganz deutlich angſtvolles Aechzen und Jam⸗ mern,— Todesröcheln. Wir müſſen die Thür mit Gewalt öffnen, ſagte Eduard, und rannte mit aller Kraft gegen die Thür. Sie gab nach,— jetzt war ſie geöffnet. Mit angehaltenem Athem, zitternd, erwartungs⸗ voll traten ſie Allle ein,—=——=—— da lag die Baronin, hingeſtreckt auf den Boden,— in ihrem Blute ſchwimmend. Sie hatte ſich die Adern geöffnet. — 277 Ein wildes, triumphirendes Lächeln zuckte um ihre ſchon erkaltenden Lippen. Keine Großmuth! ſtammelte ſie. Ich will keine Großmuth von dieſer Frau! Nun noch ein letztes Zucken dieſer Glieder— ein letztes Aufathmen— und von der ſtolzen und reichen Baronin Elsleben iſt nichts mehr übrig als eine bewegungsloſe Maſſe, ein weſenloſes Nichts!— Schluß. Laßt die Todten ihre Todten begraben,— wir haben nichts gemein mehr mit ihnen, das Leben, das volle, das reiche, das ſprudelnde Leben, das ſei unſer, und nur von den Lebenden wollen wir unſern Leſern noch einige letzte Abſchiedsgrüße ſagen. Aber es läßt ſich ſo wenig ſagen von den Glücklichen, und daß ſie glücklich waren, zweifelt Ihr daran? Sie haben den Schmerz kennen gelernt, und das Unglück,— mit dankbarem Gebet gegen Gott ge⸗ nießen ſie jetzt ihres Glückes. Es iſt kein Gebet mit müßigem Händefalten und hochtrabenden Worten, — es iſt ein Gebet der That, des edlen Wollens,— ſie beten zu Gott, indem ſie der Unglücklichen ſich erbarmen, ſie danken Gott für ihr Glück, indem ſie bemüht ſind, die Thränen der Leidenden zu trocknen. Die Baronin Hermfeld iſt trotz ihres Widerſtre⸗ bens eine reiche Frau geworden, das Geſetz hat ihr die Erbſchaft aufgedrungen,— ſie hätte ſie freilich ablehnen und dem Fiskus überantworten können, aber ſie dachte daran, daß es der Unglücklichen und der Leidenden ſo Viele giebt, und daß ſie dieſen helfen und beiſtehen könne.. Sie nahm die Erbſchaft an, aber mit ihrem edlen und gerechten Sinne beſtand ſie darauf, daß die Tochter ihres Bruders dieſe Erbſchaft mit ihr theile, und Emmy hat mit dankbarem Herzen ihrer Tante, welche ſie als eine Mutter lieben gelernt hat, nach⸗ gegeben. In Schleſien haben ſie ſich reiche Beſitzungen ge⸗ kauft, dahin iſt die Baronin Hermfeld mit ihren Kindern und Adalbert mit ſeiner jungen Gattin ge⸗ zogen. Die Baronin hat auf ihren Gütern große Handſpinnereien angelegt und Webeſtühle errichtet, deren Vorſteher und Aufſeher Thomas iſt. Ein reges und freudiges Leben herrſcht in dieſen großen, ſchö⸗ nen Arbeitsſälen, Jeder arbeitet mit Luſt und Freude, denn er empfängt reichlichen Lohn für ſeine Mühe, die Baronin iſt nicht wie dieſe reichen Fabrikherren, die den Schweiß ihrer Arbeiter ausmünzen zu ihrem eigenen Behagen, und feilſchen mit der Armuth, um ihre Reichthümer zu vergrößern. Wenn die Baronin durch die Säle wandert, ſo ſieht ſie überall nur freudeſtrahlende Geſichter, jedes Auge lächelt ihr, jeder Mund hat für ſie Worte der Verehrung und Liebe; Alle nennen ſie ihre Mutter, und ſie iſt es Allen! Sie ſelber iſt ihrem einmal angenommenen Grundſatz treu geblieben,— ihr Haushalt iſt ganz einfach und fern von allem Luxus, ſie trägt nur die einfachſte Kleidung, ſie hat keine Equipage, keine Dienerſchaft, ſie geht immer zu Fuß und bedient ſich ſelber. Ihre beiden kleinen Mädchen werden einfach und arbeitſam erzogen, Louiſe theilt mit ihrer Mutter die Sorge für den großen Haushalt,— denn alle ihre Arbeiter ſpeiſen im Hauſe der Baronin, und ſie hält keine Wirthſchafterin. Bei ihnen lebt Lude; er iſt ſehr ernſt geworden und ſtill, aber er iſt immer freundlich und hülfreich, und Niemand iſt fleißiger am Webeſtuhl und beim Feldbau, als Er. Nur in — 280— der letzten Zeit hat man ihn weniger am Webeſtuhl und auf dem Acker geſehen,— das macht, Louiſens kleine Tochter iſt ſein ganzer Liebling geworden, und mit ihr ſpielt er ſtundenlang, er trägt ſie umher und ſingt ihr vor, Jedem Andern würde Lude's Geſang vielleicht entſetzlich klingen, das Kind iſt noch nicht verwöhnt, und es lächelt ſehr vergnügt zu Lude's Singſang. Uebrigens wird man begreifen, warum Lude die Kleine ſo liebt,— ſie haben ſie, um ihm eine Freude zu machen, Amintha genannt, und wenn Lude das Kind recht lange angeſehen, dann will es ihn immer bedünken, als ob ſie ihn anblicke mit den Augen jener Amintha, welche in ſeinem Herzen niemals geſtorben iſt, und die er immer ſeinen En⸗ gel nennt. Von dem Gute der Baronin ſchlängelt ſich ein anmuthiger, ſchattiger Gang bis dicht zu dem ſchö⸗ nen Landſitz, auf welchem Adalbert und Emmy leben, weiterhin liegt ein ſchönes Dorf mit ungewöhnlich ſtattlichen Gebäuden, das iſt das Dorf, deſſen Guts⸗ herrſchaft ſie ſind. Da ſind ganz maſſive Scheunen aufgeführt, in welchen die Dorfbewohner ihren Vor⸗ rath an Korn und Früchten aufbewahren, in großen Ställen, dicht neben dem Vieh der Herrſchaft, ſteht das Vieh ſeiner Dörfler; ſie arbeiten nicht bei ihm um Tagelohn, ſondern ſie haben einen Antheil an dem Ertrag der ganzen Beſitzung, und deshalb ar⸗ beiten ſie freu diger und regſamer, denn der Gedanke erhebt ſie, daß ſie keine bezahlten Tagelöhner ſind, ſondern gewiſſermaßen Mitbeſitzer der Herrſchaft. Amalie iſt ihres Eduard's glückliche Gattin ge⸗ worden. Sie leben ein ſtilles, ſeliges Liebesleben, das durch keinen Gedanken an die Vergangenheit ver⸗ düſtert wird, und das Gotthold ihnen nicht mehr zu trüben vermag. Bevor noch, in Folge jener Scene V bei der Baronin, eine gerichtliche Unterſuchung gegen ihn eingeleitet werden konnte, ward ihm von einem hohen Gönner der freundſchaftliche Rath gegeben, eine Erholungsreiſe anzutreten, die ihn auf einige Jahre aus Berlin entfernen möchte. Gotthold hat dieſen Gedanken mit Eifer ergriffen, weil, wie er ſagte, der„unchriſtliche“ Sinn der Einwohner Ber⸗ lins ſein frommes Herz mit tiefer Betrübniß und gerechtem Abſcheu erfülle, und weil er verzage an ihrer Seele und ihrer Heilsberufung. Er iſt nach Amerika gereiſt und bekehrt dort die Heiden. Gott ſei mit ihnen! Der Baron Hermfeld hat die ihn ſehr bedrückende Maske der Frömmigkeit nicht lange bewahren kön⸗ nen. Bei einem gewaltſamen Einbruch, den er mit mehreren ſeiner Freunde unternahm, ward er mit ihnen ergriffen. Einer der Diebe, der ſich mit wil⸗ der Wuth gegen die ihn verfolgenden Polizeibeamten wehren wollte und einen derſelben mit ſeinem Meſſer verwundete, ward in der Hitze des Gefechtes von dem Säbel eines Gensd'armen durchrannt. Er ſtarb auf der Stelle. Die Andern wurden ergriffen und ſind auf viele Jahre in Spandau auf dem Zuchthauſe. Den Körper des Erſtochenen ſtellte man in der auf dem Hofe der neuen Charitsé erbauten Morgue aus. Er war erſt wenige Stunden dort, als ein Greis über den Hof ging, um den berühmten Doc⸗ tor A., welcher in der neuen Charité war, aufzu⸗ ſuchen und ſich ihm, wie er dies alle Wochen regel⸗ mäßig zu thun gewohnt war, als ein noch Lebender zu zeigen. Dieſer Greis war der alte Weber Schmidt, welcher trotz der flehentlichen Bitten ſeiner beiden Säöhne ſich nicht hat entſchließen wollen, ihnen nach Schleſien in ihre neue Heimath zu folgen. An Ber⸗ lin feſſelte ihn das Einzige, was er liebte, was ihn — 282— an das Leben knüpfte, ſein Sohn Chriſtian.— Er hatte ihn viele, viele Wochen lang nicht geſehen, und der bittere nagende Gram vergrößerte nur ſein ſchmerz⸗ volles und beängſtigendes Herzleiden, zur großen Zufriedenheit des berühmten Arztes, der mit der leb⸗ hafteſten und freudigſten Theilnahme das Wachſen dieſes fortſchreitenden neuen Krankheitsorganismus beobachtete, und den Greis, ſo oft er ihn ſah, zur Ruhe und Geduld ermahnte, damit ja kein Schlag⸗ fluß das Wachſen dieſer Blüthe vorzeitig zerſtöre.— Als der alte Weber über den Charitéhof ging, ftel ſein Auge von ungefähr auf dieſes neue grauſige Gebäude, in welchem, wie man ihm geſagt hatte, die Leichen der Selbſtmörder oder Ermordeten ausgeſtellt würden. 4 2 Er ſah da eine Leiche,— ſein Fuß wurzelte am Boden,— ſein entſetzter, wahnſinniger Blick ſtarrte auf dieſe Leiche des getödteten Diebes,— mühſam ſchleppte er ſich noch einen Schritt näher.— Ein einziger, gellender, entſetzlicher Schrei rang ſich aus der Bruſt des Greiſes, ein Schrei, der Je⸗ dem, welcher ihn hörte, die Thränen in die Augen trieb,— es war der Schrei eines Vaters, welchem das Liebſte, das Einzige entriſſen wird, eines Va⸗ ters, welcher vor der Leiche ſeines Sohnes ſteht. Kein Wort, keine Klage drang mehr über ſeine Lippen, das ſtarre Auge auf Chriſtian's Leiche gehef⸗ tet, ſo ſank er zuſammen,— ſo ſtarb er. Ein Schlagfluß hatte ihn getödtet, und ſo iſt „dieſe ſeltene Krankheitsblüthe“ doch nicht zu ihrer Entfaltung gekommen, was den berühmten Doctor A. mit großer und gerechter Betrübniß erfüllt. Ende des dritten und letzten Bandes. -,;́́ꝑ 3 Si v, eee 3 ) f z) ar 6. vr. N. AA 2 e 2.— Oꝙ wee 424 Sern Mredt vv. 6 n de p. yl. 3 b 2 2 pees. 3.. 527 1. · u. 9 DrnTraaaaannnEmEmrrnnannnmmmmmmnnann 8 9 12 1 ſnſſnſnſſinſnſſnnſn. 10 11 3 1 15 1 4 6 17