—,——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 17 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für vochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: · 1————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 8„—„ 3=. v.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit⸗ Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N Verlin vor funfzehn Jahren. Roman von L. Mühlbach. Zweiter Theil. gZweite umgearbeitete Ausgabe. Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. — Alfred und Zulia. Vielfach verſchlungen, wie das Leben ſelber, ſind auch die Fäden unſerer Erzählung. Oftmals müſſen wir inne halten mitten im Laufe, und die befreundeten Geſtalten ſich uns nähern laſſen, denen wir voraus⸗ geeilt waren im raſchen Wechſel der Begebenheiten, die wir aus den Augen verloren haben bei den man⸗ nigfachen Windungen unſeres Weges.— Hier laßt uns einen Augenblick ſtehen bleiben, und rückwärts ſchauend, laßt dieſes bleiche Weib dort mit dem ſchwarzen Haar und den tiefdunkeln Augen zu uns herankommen, und neben ihr den Freund, der ſie be⸗ hütet und beſchützt, und den Gott ſie finden ließ auf ihrem dornenvollen Wege. Er wußte nichts von ihr und ihrem unheilsvollen Geſchick, und dennoch er⸗ barmte er ſich mitleidsvoll der Unbekannten, die flehend zu ſeinen Füßen lag, und deren Schönheit er nicht ſah.— Und ſie? Sie hatte auf Gott vertraut, und zu ihm um Rettung gebetet, und da war ihr Alfred von Wülfingen als ein Bote Gottes erſchienen, den er ihr geſandt, um ſie zu erretten aus ihrer großen Noth, und dem ſie dafür mit ihrer ganzen Seele ſich ergeben mußte in liebeheißem Dankgefühl. 1* Sie wohnte bei ihm als ſein junger Freund Julius Brander, und die Wenigen, die von ihrem Aufenthalt bei dem jungen Baron von Wülfingen wußten, hatten ſich bald an dieſen bleichen, ſchwermuthsvollen, ſtillen Knaben gewöhnt, und achteten nicht weiter auf ihn.— Anfangs wohl fragten ſie Alfred, womit ſich denn der Knabe den ganzen Tag beſchäftige, da er niemals ausgehe, ja ſogar niemals ſein Zimmer zu verlaſſen ſcheine? Alfred ſagte: Mit Leſen und Studiren! Er iſt ſchwermüthig, mein armer junger Freund, und ſein Vater hat mich erſucht, ihn nicht zu hindern in dieſem Hang zur Einſamkeit, den er von ihm geerbt habe, und bei dem Beide ſich glücklich fühlen. Und weshalb iſt er denn hier? Um ſein bedeutendes Talent zur Malerei auszu⸗ bilden! ſeh Ach, er malt. Laſſen Sie uns doch ſeine Arbeiten ehen! 8. Nein, noch nicht! Ich habe ihm mein Wort ge⸗ geben, Niemand irgend eine ſeiner Arbeiten zu zeigen, bevor er mich nicht ſelbſt darum bittet! Nun, ſo laſſen wir dieſen ſtummen, kopfhängeriſchen Knaben! Kommen Sie, Alfred, begleiten ſie uns doch! Es iſt heute großes Maskenfeſt bei Kroll! Aber Alfred pflegte ſolche Einladungen nicht mehr anzunehmen. Selten ſah man ihn bei Feſten, Geſell⸗ ſchaften, ſelten auch bei ſeiner Braut, der Baronin Elsleben junger Tochter Emmy. Er weilte am liebſien daheim bei ſeinem Freunde Julius Brander, und ſeine Freunde, die ihn anfangs mit dieſem Einſiedlerhang geneckt hatten, hörten damit auf, ſich an dieſe„Laune“ zu gewöhnen, und ließen ihn gewähren. So blieb er denn allein und ungeſtört die Abende in dieſem ſtillen, friedlichen Zimmer neben dem bleichen, räthſelhaften Weibe, deſſen Geſchichte er nicht kannte, deſſen Vergangenheit ihm mit einem undurchdringlichen Schleier umhüllt war, und an die er doch glaubte mit dem heiligſten Vertrauen, in deren Nähe es ihm war, als habe er ſie viele Jahre ſchon gekannt, als habe er ſie geſucht, lange lange ſchon mit ſeines Her⸗ zens heißeſten Wünſchen.— Gewiß, es war ein eigner, geheimnißvoller Zauber, der über dieſes Weib ergoſſen war, und dem Alfred nicht zu widerſtehen vermochte. Es lag nicht in ihrer Schönheit allein, nicht in dem Reiz ihrer Unterhaltung, es war ein gewiſſes geheimnißvolles Etwas, dem Al⸗ fred keine Worte zu geben wußte.— Wem iſt es nicht geſchehen, daß er beim Anblick einer ſtillen, ruhenden Landſchaft plötzlich ſein Herz von tiefer Rührung be⸗ wältigt fühlte, ohne daß er ſich deren Grund zu er⸗ klären vermochte? Wem ſind nicht oft beim Klange der Schalmei, bei den ſanft klagenden Tönen des Waldhorns die Thränen in die Augen getreten, in⸗ mitten der lauteſten Freude?— So war es Alfred, wenn er das ruhige, ſchöne und doch tiefbewegte Antlitz der Freundin ſah.— Die reſignirte, klageloſe Weh⸗ muth, die wortloſe und doch beredte Stille übt ge⸗ meinhin dieſen Zauber, und Alfred empfand ihn mit bebendem Herzen und ahnungsvoller Seele. Gewiß, es war eine ſeltene Erſcheinung, dieſes Mädchen, ſo voll Stolz und Demuth, voll weiblicher Schüchternheit und männlicher Energie, mit einem ſo heißen Herzen und ſo kaltprüfendem Verſtande.— Wenn ſie ſprach, mußte man erſtaunen über das Feuer ihrer Augen, die Beweglichkeit ihrer Züge, den ſchnellen Wechſel von Röthe und Bläſſe auf dieſem edlen ſtolzen Angeſicht, aber auch ihr Schweigen war beredt und inhaltsreich, und zu ganzen Stunden konnte ihr Alfred gegenüberſitzen, wenn ſie malend an der Staffelei ſaß, und in dies marmorbleiche, ernſte Antlitz ſehen, das zuweilen blitzgleich ſich einen Augenblick erhellte, und dann wieder ſich in tiefſter Schwermuth umdüſterte. Sie lächelte niemals, aber niemals auch hatte Alfred ihre Blicke von Thränen verdunkelt geſehen. Ihre Augen hatten immer einen tiefen, ſchwermüthigen Aus⸗ druck, aber ſie waren immer klar und hell, wie das tiefe Meer, ſo unermeßlich, ſo unergründlich.— Abends, wenn ſie ſicher ſein durfte, von Niemand mehr geſehen zu werden, pflegte Julia ihre Männerkleidung abzu⸗ legen und ſich in die langwallenden Gewänder der Frauen zu hüllen.— Wenn ſie dann Alfred entgegen⸗ kam in dem langen ſchwarzen Kleide, das ſich eng anſchloß an die hohe, ſchöne Geſtalt, wenn ſie mit ihrem leichten, elaſtiſchen Schritt durch das Gemach ſchwebte, dann neigte ſich Alfred unwillkührlich vor der ſtolzen königlichen Erſcheinung, und er nahte ſich ihr mit der Ehrfurcht eines Unterthanen, ſeiner gebietenden Herrin gegenüber.— Sie mochte von dieſer Herrſchaft, die ſie über ihn ausübte, nichts ahnen, jedenfalls war ſie von ihr durch keine jener kleinen, tyranniſchen Mittel, an denen die Frauen ſonſt ſo reich ſind, hervorgerufen worden. Nicht der leiſeſte Anflug von Koketterie war in ihrem Weſen, das ſo einfach und klar, ſo ruhig und würdevoll zugleich war.— Wer ſie ſo ſah, in dieſer ſtillen majeſtätiſchen Ruhe, der hätte ſie für eins jener von Gott begnadigten, leidenſchaftloſen Geſchöpfe halten mögen, die mit hei⸗ terer Ruhe und erhabenem Geiſte die Kleinlichkeit und Nichtigkeit aller irdiſchen Schmerzen erkannt haben, wenn nicht zuweilen ein leiſes Zucken ihrer Mienen, ein glühendes Aufflammen ihrer Blicke ihm die viel⸗ fach wechſelnden, leidenſchaftlichen Gefühle, die ihre Seele beſtürmten, verrathen hätten.— Sie bedurfte — 7— niemals einer Zerſtreuung, einer äußern Anregung,— die ganze Welt, die ganze Menſchheit ſchien hinter ihr zuſammengeſunken, und dieſes kleine ſtille Gemach, in welchem ſie weilte, ſchien ihres Daſeins vollſte Befrie⸗ digung zu enthalten. Da ſaß ſie eifrig malend vor ihrer Staffelei, oder zeichnete nach den antiken Büſten, die ihr von Alfred gebracht worden.— Selten geſtattete ſie es Alfred, in dieſen Stunden an ihrer Seite zu ſein, und wenn er ſie beſchwor, ihm nicht ihre Thür zu verſchließen, wenn er verſprach, ganz ſtill und ſchweigend ihrer Arbeit zuſchauen zu wollen, ſagte ſie mit dem Ausdruck unendlicher Erſchöpfung:„ich be⸗ darf ſo ſehr des Alleinſeins,“ und in ihren Blicken lag dann eine ſo unausſprechliche Schwermuth und Trauer, daß Alfred nicht wagen mochte, ferner in ſie zu dringen.— Auch ihr Mittagsmahl nahm ſie allein ein; es ward ihr aus einer nahen Reſtauration berbei⸗ geſchafft, während Alfred in einem der erſten Speiſe⸗ häuſer unter den Linden, oder bei Freunden ſpeiſete. Sie dürfen durch mich in keiner Weiſe behindert werden, ſagte ſie ihm, und wenn ich es nur Einmal ahnete, daß Sie um meinetwillen ſich in Ihrem ge⸗ wohnten Leben unterbrechen, dann würde ich entfliehen, und Sie niemals wiederſehen. Aber wenn ich Ihnen ſchwöre, daß es mein Glück iſt, allen meinen Gewohnheiten zu entſagen, und an Ihrer Seite zu ſein? fragte Alfred glühend. Dann um ſo mehr würde ich entfliehen, ſagte ſie, unendlich traurig. — Und weshalb, Julia? 3 „Weil es Sie dann ſchmerzen würde, wenn ich einſt nicht mehr an Ihrer Seite bin.. Oh mein Gott, rief Alfred erblaſſend, Sie denken doch nicht daran, mich zu verlaſſen, mich aus Ihrer Nähe zu verbannen? Ich, mein Freund, bin die Verbannte, die Heimath⸗ loſe, und ich werde weiter ziehen müſſen auf meiner freudloſen Bahn. Und wohin, wohin wollen Sie gehen rief er zit⸗ ternd. Wollen Sie dies mindeſtens mir ſagen? Sie ſchüttelte ſchwermuthsvoll ihr Haupt. Gott allein weiß es! ſagte ſie dann ernſt. Dahin aber werde ich gehen müſſen, wo Niemand mich kennt, wo kein helfender und wohlthuender Freund, gleich Ihnen, an meiner Seite iſt! Ich werde ſehr einſam, ſehr kummervoll ſein, aber die Erinnerung an dieſe ſtillen, friedlichen Wochen, in denen es mir vergönnt war auszuruhen auf meinem rauhen Pfade durch das Leben, dieſe Erinnerung wird meiner Seele ein nie verſiegender Troſt ſein! Wann wollen Sie gehen? fragte Alfred mit beden⸗ den Lippen. 3 Heute, morgen, ſobald die Stunde gekommen, in der die innere Stimme mir ſagt, daß ich gehen kann und muß! Ein anderes Mal ſagte ſie: Ich habe eine Bitte an Sie, mein Freund! Bringen Sie mir einen tüch⸗ tigen geſchickten Maler, der mich unterrichten kann in dem, was mir noch fehlt. So wollen Sie die Kunſt ſo ernſthaft treiben? fragte Alfred. Gewiß, ſagte ſie ſehr ernſthaft, denn ſie ſoll mir ſpäter ein Mittel meiner Exiſtenz ſein! Da ich mich an den Gedanken gewöhnt habe, zu leben, muß ich auch auf Mittel bedacht ſein, es zu können. Mein kleines Vermögen ſchmilzt zuſammen, ich kann ſchon berechnen, daß es in einigen Monaten zu Ende damit ſein wird. Und Sie ſind grauſam genug, mir niemals zu ge⸗ ſtatten— 8 Was zu geſtatten, mein Freund? unterbrach ſie ihn mit ſo hohem, ſtolzen Ausdruck, daß Alfred wie beſchämt das Auge zu Boden ſenkte. Sind Sie nicht zu jedem Tag und zu jeder Stunde mein Wohlthäter? fuhr ſie mit weicher Stimme fort. Nehme ich nicht Ihren Schutz an, und ſtütze mich auf den rettenden Arm, den Sie mit ſo erhabener Großmuth mir dargereicht? Das Geld, mein Freund, darf mir die ſchönſte Erinnerung meines Lebens nicht trüben! Ihren höhern geiſtigen Schutz nehme ich mit Stolz und nie erlöſchender Dankbarkeit an, eine an⸗ dere Unterſtützung aber würde mich demüthigen, und vor mir ſelber erniedrigen, und an Sie würde ich nicht ohne Erröthen denken können. Ach, inmitten meines finſtern, unheilsvollen Geſchickes, habe ich dies ja als eine unverdiente Segnung des Himmels erkannt, daß ich mindeſtens nicht wie eine Bettlerin vor Ihnen ſtand, die von Ihrer Hand der irdiſchen Speiſe be⸗ gehrte, ſondern als eine Bettlerin, die von Ihnen das Größte, das Höchſte begehrte: Vertrauen und Troſt, Schutz und Obdach! Und aller dieſer Segnungen will ich genießen, ſo lange es mir vergönnt iſt, ſo lange ich ſtillverborgen in dieſem Zimmer, nur Ihrer geiſtigen Unterſtützung bedarf. In allem Andern aber muß ich mir ſelber helfen, und ich glaube ich kann es! Ich werde in irgend eine große Stadt gehen, nach London, nach Paris, was weiß ich, und dort ſollen meine Talente mir die Mittel meiner Exiſtenz ſichern. Ich kann die Harfe ſpielen und ſingen, und wenn ich es erſt zu einiger Vollkommenheit im Malen und Portraitiren gebracht habe, dann darf ich wohl hoffen, mir das Wenige, deſſen ich bedarf, erwerben zu können. 1 Und nun, ſagte Alfred traurig, nun wollen Sie durch dieſen Unterricht das Vermögen, von dem Sie — 10— ſagen, daß es nur noch für Monate ausreicht, wollen es durch dieſe Unterrichtsſtunden noch verrin⸗ gern, und machen, daß es ſchneller zu Ende geht? Ach Julia, wenn Sie glauben, mir in irgend einer Weiſe verpflichtet zu ſein, wenn Sie mir beweiſen wollen, daß Sie mich Ihrer Freuudſchaft, Ihres Ver⸗ trauens nicht ganz für unwerth halten, dann erfüllen Sie mir die Bitte, die ich jetzt mit zitterndem Herzen auf meinen Knieen Ihnen ausſprechen will. Er wollte vor ihr niederknieen, ſie wehrte ihn hef⸗ tig ab und ſagte ganz entſetzt: Sie wollen vor mir knieen? Oh, mein Gott, wenn Sie wüßten— Sie ſchwieg, aber ein tiefer Seelenſchmerz malte ſich in ihren Zügen, und ihre edle Geſtalt erbebte leiſe. Ich will Sie ja nicht betrüben, ſagte Alfred ſchmerzvoll, ich fordere ja nur von Ihnen einen Funken jenes Glückes, das mir aus Ihrer ganzen Erſcheinung entgegenſtrahlt. Ich will ja nur um dieſe einzige Gunſt flehen, daß ich Ihnen den Lehrer zuführen, daß ich Theil nehmen darf an dieſem Unterricht! Er ſah ſie ſo flehend, ſo angſtvoll an, daß Julia Mitleid empfand mit der Seelenangſt des Freundes. Nun wohl, ſagte ſie, und ein Schein milder Freundlichkeit flog über ihr Angeſicht, nun wohl, ich will auch dies noch von Ihnen annehmen! Dieſer Unterricht ſoll die Zeit meines Aufenthalts bei Ihnen nicht verkürzen,— Sie ſollen den Unterricht nehmen, den Lehrer engagiren, und ich werde nur theilnehmen an Ihrem Unterricht! Alfred küßte ihr mit einem Ausdruck der Freude und des Glückes die Hand und eilte dann, ſogleich den Lehrer zu ſuchen, der ihnen jeden Morgen ſeinen Un⸗ terricht ertheilen ſollte. Dieſes Arbeiten an ihrer Seite, dieſes Theilen ihrer Beſchäftigung, es war für Alfred ein neues, — 11— ſchönes Glück, und er war wohl bedacht, es ſich in ſeiner ungetrübten Reinheit zu erhalten.— Eingedenk ihrer Worte:„ich bedarf ſo ſehr des Alleinſeins“ ver⸗ ließ er ſie, ſobald der Lehrer ſich entfernt hatte, und wagte es nicht, ſie im Laufe des Tages in ihrer Einſamkeit und Stille zu unterbrechen.— Aber jeden Abend brachte er einige Stunden in ihrer Nähe zu, dies war ein unausgeſprochenes Recht, das ſie ihm ſchweigend gewährt hatte, und deſſen Erfüllung er jeden Tag für ſich in Anſpruch nahm. Wo immer er ſein mochte, ob im Theater, oder in Geſellſchaft, immer eilte er zu derſelben Zeit von dannen, und trat mit dem Schlag der neunten Stunde, hochklopfenden Her⸗ zens und mit vor Freude leuchtendem Angeſicht, in Juliens Gemach. Und welche köſtliche, genußreiche Stunden waren dies! Wie erſchloß ſich ſeine ganze Seele, ſein ganzes Herz dieſem edlen, ernſten Weibe, das für jedes ſeiner Worte ein theilnehmendes Ohr, ein ſanftes Aufmerken hatte, und niemals an ſich denkend, niemals ihren Klagen, ihrem Kummer Worte gebend, für ihn ſtets die zarteſte Theilnahme, das leiſeſte Verſtändniß hatte. Wenn ſie ihn anſchauete mit dieſem großen, ernſten und doch ruhigen Blick, dann war es Alfred, als müßte er ſein ganzes Innere vor ihr entfalten, als dürfe er ihr keinen Gedanken ſeiner Seele verbergen, und müßte ſie leſen laſſen auf dem tiefſten Grunde ſeines Herzens. Sie ſind heute gedankenvoll, mein Freund, ſagte ſie einmal zu ihm, als er ſchweigend und anſcheinend traurig an ihrer Seite ſaß. Alfred ſchüttelte ſchweigend das Haupt, und blickte ernſt vor ſich hin.— Eine Pauſe trat ein, dann ſagte er feſt und entſchloſſen: Sie müſſen meine Beichte an⸗- hören, Julia! — 12— Haben Sie geſündigt? fragte ſie mit leiſe bebendem Tone. Wenn es ſo iſt, dann gehen Sie zum Prieſter, daß er Sie abſolvire. Sie müſſen und ſollen mein Prieſter ſein, ſagte Alfred feſt. Ich will Ihnen Beichte ablegen über mein ganzes Leben, über dies ganze nichtige, nutzloſe Daſein, das ich geführt, das ich vergeudet habe in thatenloſer Geſchäftigkeit und Zerſtreuung! Wozu das? fragte ſie. Wozu die Vergangenheit heraufbeſchwören? Wozu mir erzählen, was ich nicht zu wiſſen begehre, was meine Achtung, meine tief⸗ gefühlte Dankbarkeit für Sie nicht erhöhen und nicht verringern kann? So wie Sie da ſind, ſo wie Sie mir gegenüber ſtehen, ſo habe ich Sie erkannt und er⸗ faßt, und ſo wird Ihr Bild ewig und unverrückbar in meiner Seele wohnen! Sie müſſen mich dennoch anhören, ſagte er be⸗ ſtimmt, um mir zu rathen, um mich mir ſelber klar zu machen, um mir das ſüße Glück zu gönnen, Ihnen jeden meiner Gedanken, jeden meiner Wünſche ſagen zu dürfen, von Ihnen verſtanden zu werden mit jeder Regung meines Herzens, jedem heimlichen Begehren meiner Seele! Es iſt vielleicht viel Egoismus in die⸗ ſem Begehren, und vielleicht, wenn ich vor Ihnen mein ganzes Leben entfaltet habe, werden Sie finden, daß es nicht der Mühe werth war, ſo viel Worte zu machen über ſo kleine Dinge! 4 Sprechen Sie, ſagte ſie milde. Erzählen Sie mir! Ich höre Ihnen zu mit meinem Herzen und meiner Seele! Und Alfred erzählte ihr von ſeiner Jugend und ſeinem Knabenleben, von ſeinen erwachenden Wünſchen und Neigungen, von ſeinen Träumen und Täuſchun⸗ gen; er klagte ihr, wie wenig er gethan und ge⸗ leiſtet habe, wie ein allzugütiges Geſchick ihm viel zu — 13— ſchnell Alles, was er erſehnt, gleich gewährt habe, und es bei ihm gar nicht zu einem Kampfe, einem Ringen und Ueberwinden habe kommen laſſen. Ich bin noch immer ein unmündiger Knabe, ſagte er, das Glück oder das Schickſal leitet mich am Gän⸗ gelbande, und behütet mich vor dem Falle, und ſchon ehe ich den Stein geſehen, der auf meinem Wege liegt, räumt es ihn fort. Das iſt meine Krankheit und mein großes Leid, daß ich noch das Unglück nicht habe kennen gelernt, das Unglück, das hehr und majeſtätiſch wie ein göttliches Gewitter über uns hereinbricht, und in erhabenem Zorn alle die Krautgärten und Gemüſe⸗ pflanzungen unſeres häuslichen, irdiſchen Glückes zer⸗ ſtört; die Stätte aber, welche der Blitz verbrannt und zerſtört hat, war den Alten ein geheiligter Gottesort, und ſo empfängt auch das Leben und der Menſch erſt ſeine Weihe und Heiligung, wenn das Unglück ſein nichtiges irdiſches Behagen und Wollen ihm zerſchmet⸗ tert hat. 3 Oh gewiß, ſagte ſie, das Unglück, welches vom Himmel kommt, das Gott uns ſendet, es trägt auch göttlichen Troſt gleich in ſich ſelber, und erhebt uns, indem es uns erniedrigt und demüthigt. Aber ſolch ein Unglück iſt ſo ſelten, und die eigne Schuld iſt es gemeinhin, die uns Verderben bringt. Sei's wie es ſei, rief Alfred lebhaft. Immer iſt es doch beſſer, das Unglück ſelbſt verſchuldet, als es gar nicht gekannt zu haben! Sie läſtern! rief Julia erbebend, und dieſes frevle Wort, wie leicht mag es Ihnen finſtere Dämonen heraufbeſchwören, die Ihnen Ihr helles Leben um⸗ düſtern!— Mag es ſo ſein! ſagte Alfred. Mindeſtens werden Sie alsdann mich nicht mehr verachten können als unmündigen Knaben. Ich werde dann ein Mann — 14— werden, und meine geprüfte Kraft ſoll mich umgeben als ein Harniſch, der feſter iſt denn Stahl und Eiſen. Oh, und zuweilen, Iunlia, zuweilen glaube ich ſchon das unheilsvolle Rauſchen dieſer finſteren Dämonen zu hören, und wie ein banger unermeßlicher Schmer⸗ zensſchrei erklingt es in den Tiefen meiner Seele! Zuweilen, wenn ich neben dieſem ſtillen, ſchönen Kinde ſitze, das ſie meine Braut nennen, dann fühle ich es wie einen Eiſeshauch über mein Herz dahin wehen, und eine plötzliche Schwermuth ergreift und erdrückt mich faſt. Ach, Sie haben eine Braut? fragte Julia freudig und mit aufflammenden Blicken. Und das ſagen Sie mir erſt jetzt? Oder glauben Sie, mein Schickſal habe mich ſo egoiſtiſch gemacht, daß ich keine Theilnahme empfände für Anderer Glück? Vielleicht ſchwieg ich, ſagte Alfred mit ſchmerz⸗ vollem Lächeln, weil ich mir Ihre Theilnahme er⸗ halten wollte für die Zeiten des Unglücks, vielleicht ſpreche ich jetzt, weil ich dieſer Theilnahme bedarf, weil Sie mir dieſes bange, troſtloſe Gefühl, das mich beſchleicht, wenn ich an Emmy's Seite bin, erklären ſollen, weil ich fühle, daß ich mit meinem ganzen Sein an einem Wendepunkte ſtehe, an welchem das Glück auf einige Zeit von mir Abſchied nimmt, und ich auf rauhen Pfaden werde einherwandeln müſſen! Julia reichte ihm ſchweigend und mit einem un⸗ ausſprechlichen Blick die Hand hin. Was fürchten Sie? fragte ſie dann leiſe. Meine eigene Schwäche, ſagte er, wenn Sie es ſchwach nennen wollen, daß man aufhört zu lieben, was man einſt ſo innig erſehnte, daß man eine Bürde nennt, was man früher ein Glück genannt! Einſt liebte ich dieſes ſtille, reizende Kind mit ſeinem holden Lächeln und ſeinem lieblichen Frohſinn; es war mir — 15— ganz wohl, ganz glücklich in ihrer Nähe, und ich fühlte in mir die Ahnung eines ſeligen, reichen Liebesglückes. Aber das ohne Kampf errungene Glück, die ohne Ver⸗ ſagen erfüllte Liebe, ſie entbehrten Beide des höchſten Reizes,— der Ungewißheit.— Dieſe Gewißheit des Glückes und der Liebe, das iſt es, woran ſo häufig das Glück ſich ſelber zerſchellt; das Herz fühlt ſich arm, weil es überreich iſt, es neunt ſich darbend, weil es nichts mehr zu wünſchen hat. Und ſo ſtehe ich, ein Entbehrender, vor dem reichen Born der Liebe, ein Sehnender und Begehrender, vor der zu ſchnellen Erfüllung meiner Wünſche! Muß es denn ſo ſein? flüſterte Julia leiſe, wie zu ſich ſelber, muß denn in der Erfüllung ſtets auch die Vernichtung liegen, und in der Liebe der Gegenwart ſtets ſchon der Haß für die Zukunft ſeine Keime trei⸗ ben? Wollen auch Sie ſo klein denken, ein armes Mädchen zu verachten, weil es Sie liebt, ſo ungroß müthig, ſich von ihm zu wenden, weil Sie wohl wiſſen, daß es Ihnen folgen wird, wohin Sie auch gehen mögen, daß Sie es, wie ein getreues Hündchen, überall auf Ihren Wegen finden werden, um, zertreten und gemartert von Ihrer Kälte, dennoch immer auf's Neue mit holdem Schmeichelwort und unbezwinglicher Treue vor Ihnen zu knieen, und Sie um das Glück zu bitten, das Sie ihm verhießen? Sie ſah unendlich ſchön aus, als ſie ſo ſprach. Ihre dunklen Augen flammten in edlem Feuer und eine leichte Röthe überflog ihre ſonſt ſo bleichen Wan⸗ gen.— Alfred blickte ſtaunend, anbetend empor zu dieſem räthſelhaften Weibe, das vor ihm ſtand mit der Hoheit und Würde einer Herrſcherin, und er fühlte, daß er ſein Glück, ſein Leben daran wagen könnte, von ihr ſich Achtung und Anerkennung zu erringen. Sie ſollen mich nicht klein heißen, Julia, ſagte er — 16— energiſch, und niemals ſollen Sie erröthen müſſen über den Mann, den Sie Ihren Freund genangt! Ich werde meinem Herzen nicht gebieten können, da in Liebe zu entflammen, wo doch die Gluthen längſt erloſchen ſind, aber ich werde niemals mein Gelübde brechen, und ein Herz verlaſſen, das ſich mir ergeben! Haben Sie nur den Willen, Ihrer Braut Ihre ganze Liebe wieder zuzuwenden, und Sie werden ſehen, wie bald dieſe Gluthen, die nur geſchlafen haben, wieder emporflammen werden, ſagte ſie mit einem himmliſchen Ausdruck ihres ſchönen Angeſichtes, und Alfred fühlte, daß Juliens Beifall ihm ein reichlicher Lohn ſei und ein eüßer Troſt für jeden Schmerz und jede Ueberwindung. Er drückte ihre Hand an ſeine Lippen und ſagte feierlich: Was auch mein Herz leiden mag, Julia, immer mindeſtens ſollen Sie mit mir zufrieden ſein! Emmy und ihr Beichtvater. In dem großen und prächtigen Hotel der Baronin von Elsleben, in dieſem Hotel, das ganz durchduftet war von den Weihrauchwolken der Frömmigkeit, da gab es mindeſtens ein ſtilles Gemach, in das ſich die Wahrheit und Einfalt, die Unſchuld und Natur ge⸗ flüchtet hatte, und deſſen reine Luft noch nicht inficirt worden von den frommen Nebeln, in welche die Ba⸗ ronin ſich zu hüllen pflegte.— In dieſem Gemach athmete Alles Stille und Jungfräulichkeit; man ſah es an dieſen Blumen, dieſen Vögeln, an der Harfe, die neben dem Flügel lehnte, an der Stickerei, die in dem zierlichen Arbeitskörbchen lag, man ſah es an der ganzen ſinnigen und geſchmackvollen Einrichtung dieſes kleinen Gemaches, daß ein junges Mädchen daſſelbe bewohnte, und ferne von allem Geräuſch und allen Wirren des Lebens, hier ſich ſüßen Träumereien und lAieblicher Beſchäftigung überlaſſen mochte.— In dieſem Zimmer wohnte Emmy, die Tochter der Baronin, und die ſorgſame Mutter hatte mit zutem Bedacht ihrer Tochter dieſes kleine abgelegene emach ausgewählt, damit weder das Geräuſch der großen Welt, noch auch die heiligen Klänge aus den II. 1 2 5 — 18— Zuſammenkünften der Frommen ihre Tochter in ihren ſtillen Beſchäftigungen ſtörten, und ihr Gedanken gäben, die nicht mit dem Willen ihrer Mutter, oder dem Te⸗ ſtamente ihres Vaters übereinſtimmten.— Emmy mußte der Religion ihres Vaters getreu bleiben, damit das Glück und der Reichthum ihrer Mutter geſichert ſei, und mit demſelben Eifer, mit welchem die fromme Baronin ſonſt gewohnt war die Sünder zu ihrem Glauben zu bekehren, mit demſelben Eifer war ſie be⸗ müht, ihre Tochter einer Religion zu erhalten, von der ſie gewiß war, daß ſie das Heil ihrer Seele ge⸗ fährde. Aber der würdige Gotthold hatte es ja der Baronin in ſeiner eindringlichen, erhabenen Weiſe ge⸗ nugſam erläutert, und ſie hatte es vollkommen begriffen, daß Emmy's Seelenheil zurückſtehen müſſe, wo es gelte, der wohlthätigen Baronin und den Armen Reich⸗ thum und Unterſtützung zu ſichern, und ſo war nur der verſtorbene Baron anzuklagen, daß er durch ſein Teſtament die Freiheit ſeiner Tochter und die Ueber⸗ zeugung ſeines Weibes in Feſſeln geſchlagen.— Aber wo war das fröhliche Lachen, der heitere Muthwille, der ſonſt, wie eine köſtliche Muſik, aus dieſem kleinen Zimmer zu erſchallen pflegte, wo war das geblieben? Warum eertönte nicht mehr der Ler⸗ chengeſang des jungen, lieblichen Mädchens, warum tanzte ſie nicht mehr mit leichtem Gazellenſchritte ein⸗ her, warum glühten ihre Wangen nicht mehr ſo friſch, warum leuchteten ihre blaue Augen nicht mehr ſo hell, und endlich, was machte denn ihr Her ſo ſeltſam er⸗ eben, und füllte ihren Buſen mit übem Erzittern und ihre Augen mit Thränen?— Emmy fragte es ſich nie, ſie wußte nicht einmal, daß ſie ſich ſo geändert hatte. Allgemach war er über ſie gekommen, dieſer Wechſel ihres Weſens, allgemach hatte ſich der ſonnenhelle Himmel ihr mit leichtem Gewölk 19— umdüſtert,— Emmy wußte es nicht, denn ſie ſchaute noch immer die Sonne, und deshalb merkte ſie es nicht, daß rings umher ſich Alles getrübt hatte. Auch die Baronin ward keine Veränderung gewahr; zu ſehr mit ihren eigenen großen Planen, zu ſehr mit ihrer Frömmigkeit beſchäftigt, blieb ihr keine Zeit auf die erbleichenden Wangen, auf das ſchmerzliche Lächeln ihrer Tochter zu achten, und wenn Gotthold zuweilen mit einem ſchlauen, geheimnißvollen Blick ſie darauf aufmerkſam machte, ſagte die Baronin: laſſen Sie doch dieſem jungen Herzen die phantaſtiſche Schwärmerei, welche ſie ſicherer an ihren Glauben feſſelt, als alle unſere Bemühungen. Sie wird ſchon zur rechten Zeit ſich ſelber klar werden, und dann ſelber wünſchen, bald ihres Verlobten Gattin zu werden! Lieblich war ſie immer, obwohl bleich und trübe, und wenn ſie mit geſenktem Haupte langſam und ſin⸗ nend einherſchlich, da mochte man ſie einem Schnee⸗ glöckchen vergleichen, ſo hold und zart und unſchulds⸗ voll war ſie anzuſchauen. Es war Morgen. Ein ſtiller, ſchöner Wintermorgen. Der Schnee glitzerte mit Diamantengefunkel im Son⸗ nenſchein, und mit hellem Glockengeläute fuhren zier⸗ liche Schlitten vorüber.— Emmy ſtand am Fenſter. Sie ſchaute auf die phantaſtiſchen Blumen, welche die Nachtkälte auf die Scheiben gemalt, und die allgemach unter den Strahlen der Sonne zu zerſchmelzen und zu ſchwinden begannen. „So, ſagte ſie mit einem leiſen Seufzer, ſo iſt es mit unſern Freuden und Wünſchen. Kaum in unſer Herz gezeichnet, werden ſie von unſern eigenen Thrä⸗ nen wieder verwiſcht! Aber der frühere Muthwille regte ſich noch zuwei⸗ len in ihr mit mattem Flügelſchlag; ſie mußte jetzt lächeln über die ſchwärmeriſche Sentenz, die ſie eben 2*† mit Seufzern geſprochen, und ſie ſagte: ich bin eigent⸗ lich gar nicht gemacht für ſolche Schwärmereien, und mein Vergleich hinkte etwas! Aber in dem Sinne deſſelben iſt Wahrheit, fuhr ſie ſchnell wieder umdü⸗ ſtert fort, ich fühle das an meinem eigenen Herzen. Es iſt ſo Vieles daraus verſchwunden, was einſt ſo hell erblühte, und meine Thränen können das Ver⸗ ſchwundene nicht wieder hervorzaubern!— Sie ſank nieder auf einen Seſſel und weinte bitter⸗ lich. Als es aber leiſe an ihre Thüre klopfte, trocknete ſie raſch ihre Augen, und ſprang empor. Es war nur Auguſte, das Kammermädchen Emmy's, und ſie hatte ihre junge Gebieterin ſo oft ſchon weinen ſehen, daß Emmy vor ihr die rothgeweinten Augen nicht zu verbergen hatte. Auguſte meldete aber, daß der Bräutigam, Alfred von Wülfingen, ſo eben gekommen, und im Salon das Fräulein erwarte. Ich kann ihn jetzt nicht ſprechen, Du ſiehſt es, ſagte Emmy angſtvoll, zitternd⸗ Ich kann ihm nicht entgegentreten mit verweinten Augen, und dann, Du weißt ja, ich muß zur Meſſe! Es iſt heute meines Vaters Sterbetag Das ſagte ich ſchon dem Herrn Baron, ſagte Auguſte, er weiß auch, daß Sie eben bei der Toilette ſind, und deshalb iſt er nicht heraufgekommen. Er hat Ihnen nur ſeinen Morgengruß ſagen wollen, und läßt fragen, ob, wenn er Sie jetzt nicht ſehen darf, er heute Nach⸗ mittag das gnädige Fräulein zu einer Schlittenfahrt abholen darf? Unmöglich! rief Emmy haſtig. An einem ſo ern⸗ ſten, heiligen Tage iſt es meine Pflicht jedem Vergnü⸗ gen zu entſagen. Aber,— ich muß ihm das freilich ſelbſt ſagen, das iſt auch eine Pflicht, flüſterte ſie leiſe. Bitte ihn, heraufzukommen! 3 Als Auguſte ſie verlaſſen, ging Emmy haſtig und unruhvoll auf und ab. Sie legte die Hand auf ihr Herz, als wolle ſie deſſen unruhiges Klopfen beſchwich⸗ tigen, ſie ſeufzte hoch auf aus tiefbeklemmter Bruſt. Dann blieb ſie vor dem Bilde ihres Vaters ſtehen, und blickte lange in dies ehrwürdige, geliebte Angeſicht. Du, mein Vater, flüſterte ſie leiſe, Du haſt mir ge⸗ boten, dieſes Mannes Gattin zu werden, oh, gieb Du mir auch den Muth, Dir gehorſam zu ſein! Eben trat Alfred herein, und als er ſie vor ihres Vaters Bilde ſah, meinte er ganz ihre rothgeweinten Augen und ihr ſchmerzvolles Lächeln zu verſtehen, und es befremdete ihn nicht, daß ſie ihn ſo trübe und be⸗ klommen begrüßte. Er küßte ihre Hand, ſie drückte herzlich die ſeine, und doch wünſchten ſie ſich Beide weit von einander getrennt, und wenn auch vielleicht dieſer Wunſch noch nicht in ihnen zur Klarheit gekommen, ſo fühlten ſie Beide doch ſchon, daß ſie ihre Nähe ſich gegenſeitig nicht mehr erſehnten. Sie fragte theilnahmsvoll, weshalb ſein Antlitz ſo bleich und ermattet ſei, ob er ſich unwohl fühle. Er ſchalt ſie liebevoll um ihre gerötheten Augen, und ermahnte ſie, ſich den ſchmerzlichen Erinnerungen an den Geſtorbenen nicht allzuheftig zu überlaſſen.— Aber Beide hörten ſie kaum ihre leiſen, ausweichenden Antworten, Beide waren ſie zu ſehr mit ſich ſelber be⸗ ſchäftigt, Beiden nahm das Klopfen des eigenen Her⸗ zens den feinen Sinn, das ſtürmiſche Klopfen des an⸗ dern Herzens zu hören, und als Alfred ſeine Braut, nach kurzem Beiſammenſein, verließ, und er wieder auf die Straße hinaustrat, ſagte er ganz erleichtert und freudig: ich habe meine Pflicht gethan, wie Julia es gewollt, und meine Braut kann nicht ahnen, wie dank⸗ bar ich ihr bin, daß ſie mich heute freigegeben.— Und Emmy lag auf ihren Knieen, vor dem Bilde ihres Vaters, und flüſterte: Du haſt mir Kraft gege⸗ ben, meine Pflicht zu thun. Du wirſt auch nimmer mich verlaſſen, mein Vater, und dieſe Liebe zu Alfred, die nur einen Augenblick in meinem armen Herzen erkrankt iſt, Du wirſt ſie wieder geſunden laſſen, denn Dein Segen iſt mit mir, mein Vater! Dann ſtand ſie auf, und trocknete ihre Augen, und ſagte gerührt: wie gut doch Alfred iſt! Wie zart und ſchonend war es, daß er mich ſo bald wieder verließ, weil er fühlte, daß ich des Alleinſeins bedurfte! Oh gewiß, ich werde es wieder lernen, ihn zu lieben! Er iſt ſo gut, ſo liebevoll! Da tönte in der Ferne ein heller, rufender Glocken⸗ klang. Emmy ſchrack zuſammen, und ihre Wangen färbten ſich höher, und ſie ſagte ganz freudig: Gott ruft mich zu ſich! Ich ſoll ihm dienen, und meine geheimſten, tief innerſten Gedanken, die ſoll ich heute vor ihm enthüllen in feierlicher Beichte! Sie nahm den Roſenkranz und das Gebetbuch, und grüßte das Bild ihres Vaters mit freundlichem Neigen des Kopfes.— Dann ging ſie voll heiliger und ernſter Gedanken nach der Hauskapelle zur feier⸗ lichen Meſſe.— Langſam ſchritt ſie über den Corridor dahin, und wie ſie ſich jetzt der heiligen Stätte nä⸗ herte, wie der Weihrauch ihr entgegenduftete, und die kleine, in der Kapelle aufgeſtellte Orgel ſie zu rufen ſchien, da fühlte Emmy ſich wie gehoben und getragen von freudiger Gottesbegeiſterung, und ihr Auge leuch⸗ tete mit einem himmliſchen Glanze. So trat ſie in die Kapelle, und Ruhe und Friede zog ein in ihr Herz, als ſie mit gläubigem, frommen Gemüthe das Auge emporhob zum Muttergottesbilde, das dort drüben über dem Hochaltar hing.— Es war ein anmuthiger, mit Geſchmack und Sin⸗ — 23— nigkeit ausgeſtatteter Raum, dieſe Kapelle, zu welcher man den frühern Tanzſaal eingerichtet hatte. Die Wände von weißem Stuck glänzten goldig im Scheine der Kerzen, welche auf dem antiken, gläſernen Kron⸗ leuchter brannten, der an ſilberner Kette von der Decke herniederhing; ſchwere, dunkelrothe Vorhänge verbargen die Eingangsthüre, andere, von ähnlicher Farbe, bil⸗ deten in den vier Ecken des Raumes Niſchen, deren eine den Beichtſtuhl enthielt, während in den andern dreien kleine Nebenaltäre errichtet waren; ewige Lampen brannten vor den dort aufgeſtellten Heiligenbildern, wie vor dem ſchönen Bilde der Maria mit dem Kinde, das über dem Hauptaltar hing. Dieſer war von weißem Marmor, und auf demſelben ſtand neben dem ſilbernen Becher die heilige Monſtranz und die geweihete Schale mit dem Leib des Herrn. Ihm gegenüber auf einer Erhöhung ſtand eine kleine Orgel, und an der Querwand erhob ſich die geſchmackvolle Kanzel, der gegenübder ein kleines Zelt errichtet war, unter welchem einige Seſſel ſtanden. Die Fenſter waren dicht ver⸗ hangen, daß kein Lichtſtrahl eindringen ſollte in dieſes kleine Gotteshaus, welches mit ſeinem ſanften Halb⸗ dunkel einen unendlich wohlthuenden, beruhigenden Eindruck machte. Die Dienerſchaft der Baronin, denn auch dieſe mußte, dem Teſtamente ihres Gemahles zufolge, ka⸗ tholiſcher Religion ſein, die Dienerſchaft war ſchon verſammelt zum heiligen Gottesdienſt, als Emmy in die Kapelle trat, und mit leiſem, ſchwebenden Tritt ſich zu dem Zelte, der Kanzel gegenüber begab. Und jetzt ward eine der Portièren zurückgeſchlagen, und hinter derſelben trat in feierlichem Ornat die hohe, ſchlanke Geſtalt des jungen Prieſters hervor, den die Baronin ihrer Tochter als Seelſorger und Lehrer ge⸗ geben.— Die Andächtigen neigten ſich vor dem Prieſter, — 24— der hochaufgerichtet, in der Würde ſeines heiligen Be⸗ rufes zum Hauptaltare ſchritt, gefolgt von dem weiß⸗ ekleideten Knaben mit dem ſilbernen Weihbecken.— Jeßt kniete der Prieſter, das Glöckchen ertönte, und mit ihrem Seelſorger betete die kleine, ſtille Gemeinde. — Als ſich der Abbé wieder erhob, als er ſeinen Zu⸗ hörern mit ſeiner vollen, ſonoren Stimme den Gruß des Herrn bot, und dem Altar den Rücken zuwendend, mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes die Andächtigen ſegnete, beleuchtete das Licht des Kronleuchters ſein Angeſicht, deſſen Bläſſe etwas Erſchreckendes und Rüh⸗ rendes zugleich hatte. Dieſes Angeſicht war jugendlich und ſchön, aber auf der hohen blaſſen Stirne ſtanden ſchon ernſte und kummervolle Gedanken, die ſchön gewölbten Augenbraunen waren ſchmerzvoll zuſammen⸗ gezogen, und um den edelgeformten Mund lig ein Ausdruck unendlicher Reſignation, der wunderbar con⸗ traſtirte mit dem flammenden Blicke dieſer großen ſchwarzen Augen, in welchen zugleich ſo viel Schmerz und ſo viel Begeiſterung glühte. Und wie Emmy jetzt, auf ihren Aanten liegend, emporſchauete zu ihm, der ihr den Gruß des Herrn gebracht, da erſchien er in ſeiner edlen, ſtolzen und heiligen Schönheit ihr als ein Engel des Herrn, der ihr geſandt worden, um ihrem Herzen Troſt und Frieden zu bringen. Sie fühlte ſich entflammt von derſelben heiligen Begeiſte⸗ rung, die aus dem Antlitz des Prieſters ſprach, ſie hing an ſeinem Blick, welcher, zum Himmel empor⸗ gehoben, die Unendlichkeit zu ſuchen ſchien, und ſie be⸗ wegte ihre Lippen in den Gebeten, von denen ſie fühlte, daß ſeine Lippen ſie leiſe flüſterten.— Wieder ertönte das Glöckchen, und die Betenden ſanken auf die Kniee nieder; jetzt fiel die Orgel mit ihrem feierlichen, ſchallenden Klange ein. Emmy erhob ſich von ihren Knieen, und ging leiſen, unhörbaren . —— — ά — 25— Schrittes hinauf zu dem kleinen Orgelchor.— Sie fühlte ſich wie der Erde entrückt, ſelig, begeiſterungs⸗ voll, es drängte ſie, dieſe innere Gluth, welche ihren Buſen ſchwellte, auszuhauchen in Tönen, der heiligen Andacht, welche in ihrem Herzen flammte, Worte zu leihen.— Sie wählte ſchnell unter den Noten einige Blätter aus, und reichte ſie dem Manne hin, welcher die Orgel ſpielte. Ich will die Meſſe ſingen, flüſterte ſie leiſe, und der alte Mann lächelte freudig, denn Emmy war ſeine Schülerin, wie ſchon ihr Vater es geweſen. Er hatte ſie eingeführt in die heiligen Hallen der Muſik, er hatte ſie ſingen gelehrt, nicht ſo kunſtvoll und ſchön, wie unſere Primadonnen, aber einfach und naturvoll, glockenrein und mit tiefinnerer Wahrheit.— Es waren zwei Sätze aus Pergoleſe's Stabat mater, die ſich Emmy ausgewählt, und dem alten Manne traten die Thränen in die Augen, denn er wußte wohl, weshalb das ſinnige Kind gerade dieſe an dem heutigen Tage gewählt. Das war die Lieblingsmuſik ihres Vaters geweſen, an ſeinem Todestage noch hatte er dieſe zu hören begehrt, und mitten unter dieſen heiligen Klän⸗ gen war er eingeſchlummert, um niemals mehr zu er⸗ wachen. Und nun kam die Tochter, um mit dieſen Tönen dem ſeligen Geiſte ihres Vaters ihren Gruß und ihre Liebe zuzurufen, und der Greis mit dem ſilberweißen Haar, der ihren Vater jung geſehen, wie ſie ſelber, und der die Jugend und die Kraft des Mannes überdauert hatte, er ſollte ihr die alte ewig neue und jugendvolle Muſik des Pergoleſe ſpielen, wie er es vor manchem dahingerollten Jahre neben der Bahre ihres Vaters gethan. Der Choralſatz war beendet und der Greis begann das Vorſpiel der Pergoleſe'ſchen Arie.— Die Andäch⸗ tigen knieeten auf ihren Schemeln und laſen die heilige ₰ Meſſe aus ihren Gebetbüchern. Vor dem Hochaltare ſtand der junge Prieſter und weihete mit inbrünſtigem Sinn die heilige Hoſtie, auf daß ſie ſich in den Leib des Herrn verwandle und Denen zum Segen gedeihe, welche heute das Abendmahl aus ſeiner Hand em⸗ pfangen wollten. Und wie der Prieſter die Hoſtie ſegnete und den Wein, daß dieſer ihm das Blut werde des Herrn, und ihn durchſtröme mit ſeiner läuternden Heiligung, da war ſeine Seele voll heiliger Zuverſicht, uud mit ſolcher Zuverſicht iſt allein das Nyſterium der Verwandlung der Hoſtie und des Weines gethan. Der junge Prieſter betete inbrünſtig, aber er betete nicht für ſeine Gemeinde allein, er betete für ſich ſelber, er blickte empor zur Gottesmutter und flehte mit heim⸗ lichen Gedanken ſie an um Ruhe und Frieden und Kraft zur Ueberwindung.— Da klang es wie eines Engels Stimme ihm vom Orgelchor hernieder: Cujus animam gementem, contristantem et dolentem per- transivit gladius(deſſen ſeufzende, trauernde und kla⸗ eende Seele das Schwerdt durchdrang).— Wohl war es eines Engels Stimme, die dem jungen Prieſter er⸗ tönte, aber dennoch entriß ſie ihn dem Himmel und ſeinem ſeligen Schauen, er war der Erde wieder ge⸗ geben, nicht mehr der Prieſter des Herrn, ſondern ein leidender und ſchmerzvoll bewegter Menſch. Anfangs, als der Geſang begann, hatte er das unwillkührliche Gefühl das Haupt umzuwenden, nach ihr hin, die mit ſo glockenreiner, heller Stimme die heilige Klage ihm ſang, aber er raffte ſich mit ungeheurer Kraftanſtren⸗ gung zuſammen; er blickte nicht um zu ihr; ſeine Lippen bewegten ſich in leiſen Gebeten, von denen aber ſeine Seele nichts mehr wußte, und Niemand als das Muttergottesbild konnte die Schmerzen ſehen, die in wildem Sturme über ſein Antlitz dahinfuhren, noch die leidenſchaftlichen Kämpfe ahnen, die in ſeinem Buſen tobten. Als der Geſang beendet war und der Prieſter ſich wieder umwandte, hatte ſein ſchönes bleiches Antlitz ſeine frühere ſtolze Ruhe wieder angenommen, und die Thränen, die herniedergefallen waren auf die goldge⸗ wirkte Stola, ſie erglänzten einen Augenblick im Lichte der Kerzen wie Diamanten und verſchwanden dann. Der junge Prieſter betrat die Kanzel und ſprach zu ſeiner lauſchenden kleinen Gemeinde von der Kraft des Glaubens und von dem in ihm enthaltenen ſegens⸗ vollen Troſt. Er nannte ihnen die Welt einen gehei⸗ ligten Tempel des Herrn, und ſagte ihnen, daß jede gute That das ſchönſte und gottwohlgefällige Gebet ſei, und daß nicht die thatenloſe Zerknirſchung, ſondern die ſtets thatkräftige Freudigkeit die beſte Gottes⸗ verehrung ſei.— Himmliſcher Frieden zog ein in die Bruſt des jungen Prieſters, der Troſt, den er Andern hatte bringen wollen, er ward ihm ſelber zur ſegens⸗ vollen Beruhigung, und als er die Kanzel wieder ver⸗ ließ, war eine ſtrahlende Ruhe über ſein Antlitz aus⸗ gebreitet. Die Meſſe war zu Ende, die Dienerſchaft verließ die Kapelle, die Kerzen des Kronleuchters waren aus⸗ gelöſcht, tiefes Dämmerlicht herrſchte in dem heiligen Raum, an den Altären nur brannten die ewigen Lampen. Enmmy knieete im Beichtſtuhl und flüſterte leiſe Gebete.— Der junge Prieſter ſtand noch am Hoch⸗ altar und blickte flehend, ſchwermuthsvoll zur heiligen Jungfrau empor.— Dann kreuzte er ergeben, de⸗ muthsvoll die Hände über der Bruſt und ging geſenkten Hauptes zum Beichtſtuhl. Sein langes Kleid ſtreifte im Vorübergehen Emmy's Gewand, er empfand es erbebend und ſank ganz kraftlos in den Beichtſtuhl nieder.— Eine tiefe feierliche Stille trat ein, nur 28— zuweilen hörte man einzelne leiſe geflüſterte Worte von Emmy's ſtillen Gebeten, oder einzelne, ſchmerz⸗ volle Seufzer des jungen Prieſters.— Endlich fühlte er ſich wieder kräftig und ſtark; er ſchob die Klappe zurück und ſagte: Reden Sie, meine Tochter, ich bin bereit zu hören! Emmy erhob ſich von ihren Knieen und flüſterte leiſe in das Ohr des Prieſters: ich habe zu Gott um Kraft gefleht, Ihnen heute mein ganzes Herz offen⸗ baren zu können, dam it ich von Ihnen, als dem Diener Gottes, Rath empfange und ſegensvollen Troſt! Und Gott möge mich erleuchten, Ihnen ſolchen geben zu können! ſagte der Prieſter feierlich, und das junge Mädchen begann wieder: Sie wiſſen, daß mei⸗ nes Vaters Wille mich dem Baron Alfred von Wül⸗ finden verlobte, und daß ich, obwohl damals noch ein Kind, ihm auf ſeinem Sterbebette geloben mußte, Alfred's Gattin zu werden! Ich weiß es, flüſterte der Prieſter mit kummer⸗ vollem Ton, dann ſetzte er gefaßter hinzu: Es war ein Glück für Sie, daß Ihr Herz dem Willen Ihres Vaters nicht widerſprach, denn geprieſen ſei Gott, daß Ihre Neigung nicht mit Ihrer Pflicht in Widerſtreit gerieth, und daß Ihr junges Herz ſich Dem in Liebe ergab, welchen Ihres Vaters Wille Ihnen zum Gat⸗ ten beſtimmt.— Ja, ſagte das junge Mädchen zögernd, ich war ſehr glücklich, als ich fühlte, daß ich Alfred liebte. Es iſt ſo ſüß zu wiſſen, daß es eine zweite Seele giebt, die mit der unſern lebt, ein zweites Herz, das jedes Klopfen des unſern verſteht, jede unſerer Freuden theilt, es iſt ſo beglückend in allen ſeinen Schwächen geſchont, ja ſelbſt für ſeine Fehler noch Bewunderung zu erndten, ſich mit Aufmerkſamkeiten, mit Schmeiche⸗ leien umringt zu ſehen, man fühlt ſich inmitten aller V — 29— dieſer unverdienten Huldigungen ſo ſtolz und glücklich, und dann,— bedenken Sie auch, daß Alfred der Erſte war, der mir durch ſeine Liebe, ſeine Schmeichelworte, ſeine Bewunderung die Ueberzeugung gab, daß ich aufgehört habe ein Kind zu ſein, und in die Reihe der Erwachſenen eingetreten ſei.— Ich war eitel dar⸗ auf, mein Vater, ſo jung ſchon den ſchönen jungen Alfred gefeſſelt zu haben, und dieſe Eitelkeit, ſie be⸗ günſtigte in meinem Herzen ſehr die keimende Liebe! Sie klagen ſich härter an, als Sie es verdienen, ſagte der junge Prieſter ganz leiſe, damit Emmy das Zittern ſeiner Stimme nicht gewahre. Nein, ſagte ſie ernſt, ich ſpreche nur die Wahrheit, und Gott iſt es, der mich hört! Laſſen Sie es mich auch zu meiner Entſchuldigung glauben, daß es nur Eitelkeit war, die mich über mein eigenes Herz täuſchte, denn wäre es nicht ſchlimmer, unendlich ſchlimmer, wenn es anders wäre? Ich verſtehe Sie nicht! ſagte der Prieſter. Sie werden mich bald verſtehen! flüſterte ſie be⸗ klommen. Sie wiſſen, wie lange Alfred und ich uns täglich ſahen, wie ſehr meine Mutter und meine Tante, Alfred's Mutter, dieſe gegenſeitige Zuneigung ihrer Kinder begünſtigten. Sie haben das Alles geſehen, und ich habe Ihnen jedes Geheimniß meines Herzens gebeichtet.— Ich war ſehr glücklich, als mir Alfred ſeine Liebe geſtand, und ich ſeine Braut ward vor aller Welt. Die ganze Zukunft erſchien mir in hellem Strahlenglanze, und mein Herz jauchzte jedem kom⸗ menden Tage entgegen. Ach, ich war damals ſehr glücklich! Und ſind Sie es nicht jetzt noch? fragte der Prieſter leiſe. Aber dieſes Gefühl des reinſten Glückes, fuhr ſie lebhafter, ohne ſeine Frage zu beachten, fort, dieſes — 30— Gefüthl, es verging ſo ſchnell, ich fühlte mich plötzlich ganz kleinmüthig, ganz zerdrückt. Ich weiß nicht, was es war, noch, wie es kam, aber es ſchien mir, als ob Alfred's Weſen ſich mir plötzlich geändert habe, als ob ein erkältender Hauch über ſein Herz dahingefahren ſei und mich ihm entfremdet habe. Es war mir, als habe ſich ein ſeltſames, unerklärliches Etwas zwiſchen uns geſtellt, ich fühlte mich nicht mehr frei und leicht ihm gegenüber; meine Gedanken wollten nicht mehr für ihn auf die Lippen kreten, ich mochte nicht mehr ſo rückhaltslos ihm meine Seele öffnen, wie ich es Ihnen thue, mein Vater! O, ich ſagte immer zu mir ſelber: Er verſteht mich nicht, und mit meinen kindi⸗ ſchen Phantaſieen und Träumen wird er nicht die Nachſicht haben wie ſie Pater Joſeph hat. Ich ver⸗ barg mein Herz vor ihm und lernte mich heiterer zeigen, als ich es war. Sonſt hatte ich Alfred ſtets mit Ungeduld erwartet, jetzt flihlte ich mein Herz angſt⸗ voll ſich zuſammenziehen, wenn er kam, und einſt,— o ich werde dieſen Tag nie vergeſſen— Sie waren bei mir in meinem Zimmer, wir laſen zuſammen in Dante's göttlicher Komödie. Da kam Alfred, und zum erſten Male empfand ich es, gleich einem Wider⸗ willen in meinem Herzen, es war mir, als komme er, mich in meinem Glücke, in meiner Zufriedenheit zu ſtören, ich fühlte mich gelangweilt, beklommen in ſeiner Nähe, und wie ich in dieſem Augenblick daran dachte, daß dieſer Mann mein Gatte werden ſolle, da ſchrie Alles in mir: ich liebe ihn nicht mehr! Ich kann niemals ſeine Gattin werden!— Dies Gefühl, es iſt geblieben, es ängſtigt, es martert mich Nacht und Tag, es verfolgt mich im Wachen und im Schlafen! O, wie oft habe ich nicht zu Gott gefleht, mein Herz zu ändern, daß es freudig ſein Geſchick erfülle, wie oft habe ich nicht mit gerungenen Händen vor ihm auf — —— den Knieen gelegen und mit heißen Gebeten geſucht, dieſe Liebe wieder in mir wach zu rufen, zu welcher mein ſterbender Vater mich einſt geſegnet hat. Aber, was wollen Sie, das Geſtorbene läßt ſich nicht zu neuem Leben erwecken, und meine Liebe, ſie iſt geſtorben! Sie ſenkte trauervoll ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſchwieg.— Und neben ihr, nur getrennt durch dieſe dünne Wand des Beichtſtuhls, dicht neben ihr war der junge Prieſter, mit hochklopfendem Herzen, mit überſtrömenden Augen, ſeine Bruſt geſchwellt von Gefühlen, die ihn der Worte, des Athems hbe⸗ raubten, ſeine ganze Geſtalt erbebend in Schmerzen und Wonne zugleich. Welche Kämpfe, welche Schmerzen waren es nicht, die ſeine Bruſt durchwühlten, und ihm die Sprache raubten, daß er unfähig war, dieſem armen Kinde neben ihm ein Wort des Troſtes, der Beruhigung zu ſagen!— Sie antworten mir nicht, ſeufzte ſie ſchmerzvoll nach langer Pauſe; ach, Sie zürnen mir, und ich weiß, dieſes Alles iſt ſehr ſtrafbar, ſehr verachtungs⸗ würdig. Ich weiß, daß ich in Ihren Augen nur ein ſchwaches, leichtſinniges Mädchen bin, daß Sie mir zürnen werden um meine Wortbrüchigkeit. O, ich habe mir alles dieſes ſo viel geſagt, ich habe mein Herz gemartert, um ihm einige Funken dieſes Feuers abzugewinnen, das ſonſt in ihm glühte. Aber das Herz, mein Vater, iſt ſo voll Geheimniſſe und Räthſel! ie kann es kommen, daß derſelbe Mann, den ich doch einſt zu lieben glaubte, und der unverändert vor mir ſteht, daß dieſer Mann mich jetzt erbeben macht in unerklärlichem Zagen, daß mein Herz ſich ſchmerz⸗ haft zuſammenzieht in ſeiner Nähe; und dennoch für ihn die wärmſte Theilnahme, die reinſte Neigung ſich bewahrt hat. Ach man liebt noch lange mit ſeinem Gewiſſen, wenn man ſchon aufgehört hat, mit dem — 32— Herzen zu lieben: und mein Gewiſſen, es mahnt mich alle Tage an die gebrochene Treue, an die beſchworene Pflicht!— Sie antworten mir noch immer nicht, mein Vater, Sie zürnen mir alſo ſehr? Nein, ich höre Sie! ſagte er mühſam, und athmete hoch. Reden Sie weiter, weiter! Was ſoll ich Ihnen noch ſagen? ſeufzte das junge Mädchen ſchmerzvoll, Sie kennen jetzt meine ganze Schuld, und ich höre es wohl, daß Sie mir zürnen. Aber dennoch, mein Vater, iſt es mir ein ſüßer Troſt, Ihnen mein Herz offenbart zu haben. Ach, ich habe es oft gefühlt, daß Sie beſſer von mir dachten, als ich es verdiente, und dies Gefühl war mir faſt ſchmerz⸗ voller noch, als meine eigene Schuld. Und jetzt, mein Vater, was ſoll ich thun, wie ſollen ſich dieſe Wirr⸗ niſſe löſen, in denen mein Herz ſich verſtrickt hat? Soll ich als eine Meineidige vor Gottes Altar eine Liebe beſchwören, die ich nicht empfinde? Soll ich einen edlen Mann täuſchen, und ihm ein Glück verheißen, das ich ihm nicht bieten kann mit einem leeren unbe⸗ friedigten Herzen? Kann ich aber dem Willen meines Vaters dort oben mich widerſetzen, darf ich einen Schwur brechen, den ich in die Hand eines Sterben⸗ den gethan? O, mein armer Kopf ſchwindelt, wenn ich mir dieſe Fragen vorlege, und keinen Ausweg finde aus dem Labyrinth meiner eigenen Zweifel. Sie, mein Vater, müſſen mir die Hand reichen, daß ich nicht falle; Sie müſſen mich das Rechte finden lehren, und mir die Straße zeigen, die ich gehen ſoll. Sagen Sie mir nur dies, fragte Pater Joſeph be⸗ bend, ſagen Sie mir nur, ob eine neue Liebe dieſe erſte verdrängte, ob ihr Herz ſich nur Ihrem Ver⸗ lobten abwandte, weil es in anderer Neigung ſich ge⸗ feſſelt fühlte? 8 Seine Lippe bebte, während er ſo ſprach, und ſeine — 33— flammenden Augen ſchienen die Scheidewand durch⸗ bohren zu wollen, die ihn von Emmy trennte. Dieſe ſeufzte ſchmerzvoll: oh, jetzt ſehe ich wobl, daß Sie mich verachten, denn Sie glauben nicht mehr an meine Redlichkeit.— Könnte ich ein ſo ſchweres Geheimniß vor Gott, verbergen wollen, durfte ich in der heiligen Beichte es Ihnen verſchweigen? Und dann, Sie mögen mich ſchwach nennen, weil mein Herz in Liebe erkaltete; aber wäre ich nicht ſtrafwür⸗ diger noch, wenn ich aus Liebe zu einem Dritten ge⸗ fehlt hätte? Nein, mein Vater, es iſt keine fremde Liebe, die ſich hindernd zwiſchen mir und Alfred er⸗ hoben hat, und ich wünſche und erflehe mir nichts, als in unbehinderter Stille, fern von allen Wünſchen und allem Begehren, fern von der lauten Welt und ihren Freuden, in ſüßem Frieden in meinem Zimmer weilen zu dürfen, Niemand zu ſehen, als Sie, um von Ihnen zu lernen, Ihnen jede Negung meiner Seele zu enthüllen. Ein einziger Aufſchrei des Entzückens, der uner⸗ meßlichen Wonne tönte von Pater Joſephs Lippen. Emmy fragte angſtvoll: was iſt Ihnen, mein Vater? Oh, mein Gott, Sie leiden— dieſer Schrei— Sie ſtürzte aus dem Beichtſtuhl hervor und zu ihm hin; ſein Antlitz war todesbleich, große Schweiß⸗ tropfen ſtanden auf ſeiner Stirn, und ſeine ganze Ge⸗ ſtalt erbebte, wie im Fieberfroſt. Sie ſind krank, rief Emmy zitternd und angſtvoll. Nein, es iſt ſchon vorüber, ſagte er, ſich gewaltſam zuſammenraffend. Ein augenblicklicher Schmerz, ein Schwindel, weiter nichts! Aber reden wir nicht von mir! Von Ihnen, Emmy, nur von Ihnen! Er deutete ſchweigend mit der Hand nach dem von ihr verlaſſenen Platze hin. Emmy begab ſich wieder in den Beichtſtuhl, und knieete wieder neben der Klappe nieder. II. 3 Tiefe Stille trat ein. Der Prieſter lag auf ſeinen Knieen, und betete mit der Inbrunſt eines Ver⸗ zweifelnden, als Emmy mit ihrer holden Stimme flüſterte: wollen Sie mir kein Wort des Troſtes ſagen? Pater Joſeph richtete ſich gewaltſam empor. Er legte eine Hand auf ſein Herz, als wolle er deſſen krampfhaftes Zittern beſchwichtigen, dann ſagte er mit feſter Stimme: Der Troſt iſt in Ihnen ſelber! Dieſer Troſt, es iſt die Ueberwindung! Glauben Sie nur, meine Tochter, Niemand hienieden kann ſelig werden, ehe denn er ſich nicht gekreuzigt hat mit ſeinen eigenen Wünſchen, und durch Schmerzen ſich zum Paradieſe bereitet hat. Schmerzen ſind die läuternde Kraft, welche das Herz ſtählen, und wenn Sie Ihr Herz ſchwach nennen, Emmy, ſo laſſen Sie es er⸗ ſtarken, indem Sie Sich ſelber überwinden. Geben Sie dieſer Schwäche nicht Raum, und erlauben Sie Ihrem Herzen nicht, den Mann von ſich ſtoßen zu wollen, den es vor wenigen Monden noch begehrte. Die Liebe iſt ein heiliges nnd ewiges Gut des Men⸗ ſchen: wer will ſagen, daß ſie erſterben kann. Wenn ſie entſchlummert iſt, ſo erwecken Sie ſie wiederum mit der ganzen Kraft Ihres Weſens; wenn ſie klein geworden iſt in Ihnen, ſo machen Sie ſie wiederum groß durch die Ueberwindung Ihrer Schwäche. Ge⸗ denken Sie des Schwurs, den Sie Ihrem Vater ge⸗ leiſtet, und fordern Sie von Ihrem Herzen, daß es dieſen Schwur erfülle!— Dies allein iſt der Weg zur Tugend, ich weiß keinen andern. Er hatte ſich hoch aufgexichtet, während er ſo ſprach. Mit erhobenem Arm und einem Geſicht, das von himmliſcher Begeiſterung ſtrahlte, ſo ſtand er da, ein Sieger über ſich ſelber, denn in dieſer Stunde hatte er den ſchwerſten Kampf errungen, den Kampf der Pflicht gegen die eigenen Wünſche. — 35— Es iſt genug, flüſterte Emmy ergebungsvoll und muthig zugleich. Sie haben mir den Weg gezeigt, ich werde ihn gehen. Nur verſprechen Sie mir, daß ich Sie immer an meiner Seite finde, daß Sie mich niemals verlaſſen wollen, daß Sie, wie bisher, meine Schmerzen und meine Freuden mit mir theilen, daß Sie mich niemals allein laſſen wollen, denn ich bin allein, wenn Sie nicht bei mir ſind!— Wollen Sie mir das verſprechen? Das will ich! Das will ich, ſo wahr ein Gott über uns iſt! ſagte Pater Joſeph innig, und Emmy ſah nicht die Thränen, die über ſeine Wangen rannen, noch die krampfhafte Angſt, mit der er die Hände faltete. So mag es denn ſein, ſagte ſie matt. Ich werde mein Herz bezwingen und Alfred's Gattin werden! Wenn ich dies aber thue, ſo wiſſen Sie wohl, daß ich zugleich mich beſtreben werde, nicht blos eine treue, ſondern auch eine liebende Gattin zu ſein! Ich danke Ihnen für Ihren Beiſtand, und, bei Gott, Sie ſollen mit mir zufrieden ſein! Leben Sie wohl! Ich gehe auf mein Zimmer, um an Alles zu denken, was Sie mir geſagt haben. Mit geſenktem Haupte verließ ſie den Beichtſtuhl und ging langſam ſeufzend durch die Kapelle. Pater Joſeph hatte ihr nichts erwiedern können; es war, als ob er erſtarrt ſei vor Schmerz und Qual, und nur tiefes Stöhnen und Aechzen kam aus ſeiner Bruſt hervor. Dann aber, nach einer langen Pauſe, ſprang er auf, und eilte zu einem der Nebenaltäre, und kniete nieder vor dem Muttergottesbilde, das mit ſeligem Lächeln zu ihm niederſchaute. Heilige Mutter, betete er mit lauter, inbrünſtiger Stimme, eerrbarme Dich meiner! Lehre mich die irdi⸗ ſche Liebe ertödten! Lehre mich entſagen, und Gott allein mein Herz dahingeben! —— 32 ⸗ Neue Nebenspläne. Fürſt Alexiew hatte mit der Gräfin Marſilla den Plan gefaßt, zu entfliehen. Ein Ereigniß war einge⸗ treten, das die Gräfin zwang, den Blicken ihres Ge⸗ mahls ſich zu entziehen und ſeinem Begegnen auszu⸗ weichen. Sie hatte ein Gefühl, als würde ſie vor Scham und Reue todt zu ſeinen Füßen niederſtürzen, wenn ihr Gemahl, der ſie geliebt mit einer ſo edlen, vertrauensvollen Liebe, jetzt bei ſeiner Heimkehr an ihrer Geſtalt erkennen mußte, daß ſie ihn betrogen, ihre heiligſten Pflichten an eine verbrecheriſche Liebe verrathen hatte. Deshalb hatte ſie von dem Fürſten als ein Zeichen ſeiner Liebe begehrt, daß er mit ihr entfliehe, und Fürſt Alexiew war bereit geweſen, ihren Wunſch zu erfüllen. Die Vorbereitungen zu dieſer großen Reiſe und Flucht waren alle vollendet, es fehlten nur noch die nöthigen Gelder und Wechſelbrieſe, deren Beſchaffung des Fürſten Geſchäftsführer in kürzeſter Zeit verſpro⸗ chen. In den Zimmern des Fürſten lagen Gegenſtände aller Art umher; da waren eiſerne, portative Bettſtellen und zuſammengerollte Luſtbetten neben allerlei Haus⸗ geräth, Stoffe von ſchwerer Seide, Teppiche, Waffen, Bücher und Karten, Alles in buntem Durcheinander. — 37— Der Fürſt ging in wohlbehaglichem Schauen durch alle dieſe Gemächer und freute ſich der getroffenen Auswahl und der Zukunft.— Dies Alles laſſen wir nach Hamburg befördern und dort zu Schiffe bringen, ſagte er, während wir ſelbſt voranreiſen und auf dem kürzeſten Wege unſer Ziel erreichen. In Neu⸗York erwarten wir unſere Effecten, und dann wird ſich ſchon ein Stückchen Paradies finden, das dieſes neue glück⸗ ſelige erſte Menſchenpaar aufnehmen kann. Bah, es wird aber ein Paradies eigener Art ſein. Adam und Eva konnten nur ſo lange darin wohnen, als ſie im Zuſtande der Unſchuld waren, uns aber ſoll es aufneh⸗ men, weil wir unſere Unſchuld und unſern Frieden ver⸗ loren; jenes erſte Menſchenpaar ward aus dem Para⸗ dieſe verſtoßen, weil es vom Baume der Erkenntniß gegeſſen, wird es ſich uns öffnen, uns, die wir über⸗ ſättigt ſind von dieſer Frucht, und uns nichts ſuchen möchten, als Vergeſſen und Ruhe, uns, denen die Natur der Lethetrank ſein ſoll, der uns unſere Erin⸗ nerungen ertödtet?— Ah, ich fürchte zuweilen, ſagte er müde, und ließ ſich erſchöpft in die Polſter eines Divans gleiten, ja, ich fürchte zuweilen, daß auch dieſer neue Plan, der mir anfangs ſo köſtlich ſchien, nichts weiter iſt, als eine Illuſion, mit der wir uns zu täuſchen ſuchen über un⸗ ſere eigene Rathloſigkeit, und unſere geiſtige Bedräng⸗ niß. Ich fürchte, daß die Erinnerungen an dieſe Welt, der wir entflohen, uns überall hin folgen, daß ſie uns umſchwirren werden, und daß ſie quäleriſchen Geſpen⸗ ſtern gleich in jeden Becher der Frende einen Tropfen Gift uns ſenken werden!— Es gehört eine unendliche Gemüthstiefe und Geiſteskraft dazu, um ſolche Ein⸗ ſamkeit zu bemeiſtern und auf dem Grunde dieſes tie⸗ fen, unbewegten Meeres der Stille das reiche, wogende und pulſirende Leben zu entdecken. Aber mein Gemüth iſt verdorrt, und meine Geiſteskraft iſt matt geworden! Ich fürchte, ich bin in mir zu alt, um mich zu ſo neuem Daſein zu verjüngen, und wieder auch zu jung, um der Welt ganz entbehren zu können! Ah, es iſt etwas Dämoniſches um dieſe Welt! Wir verachten ſie, und mögen ſie doch nicht miſſen, ſie widert uns an, und doch hoffen wir in nimmer raſtender Geſchäftig⸗ keit ihr irgend eine neue Freude, ein neues Glück zu entreißen! Ah, was gäbe ich nicht darum, irgend ein neues, pikantes Mittel der Zerſtreuung zu finden, ir⸗ gend eine neue Quelle der Luſt mir ſprudeln zu laſſen! Aber es iſt Alles umſonſt, ich habe den Becher der Lebensfreuden bis auf die Hefe geleert, und was übrig geblieben, iſt nichts als Langeweile und Erſchlaffung! Er lehnte ſich matt in die Kiſſen zurück, und ſtarrte gedankenlos, in völliger Erſchöpfung, zur Decke empor. Mein Gott, ſeufzte er dann aufſpringend, wie bleiern ſchwer rückt doch die Zeit vorwärts, die Stun⸗ den haften ſich mit Centnergewicht an meine Füße. Ach, was kann ich thun, damit ſie wieder ihre Schwin⸗ gen heben und mich aufwärts tragen! Leſen? Bah, ich habe ſchon ſo Vieles geleſen, und mehr erlebt, als alle dieſe Bücher enthalten! Studiren? Das wäre vielleicht eine Rettung! Aber ich habe es verſucht, es iſt zu ſpät! Mein Geiſt vermag ſich nicht mehr zu ſolchem Ernſt zu concentriren! Die Freude aufſuchen und das Vergnügen? Wo kann ich es finden, wo ſoll ich es ſuchen, und wo giebt es ein Vergnügen, von dem ich nicht ſchon überſättigt, eine Freude, die ich nicht zum Uebermaß genoſſen hätte? 3 Er ging mit haſtigen Schritten im Zimmer auf und ab, und blieb dann lächelnd vor dieſen aufge⸗ häuften, zur Reiſe beſtimmten Gegenſtänden ſtehen. Nun, ſagte er, dies mindeſtens war doch ein neues — 39— Mittel der Zerſtreuung, und jedenfalls iſt es ungewöhn⸗ lich, vor der Langweiligkeit der Welt in den Urwald zu flüchten! Eh bien, wir werden es verſuchen! Die⸗ ſelbe Straße, die uns hingeführt, kann uns auch zu⸗ rückführen! In jedem Falle danke ich doch dieſem Plane die Zerſtreuung und Erheiterung der verfloſſenen acht Tage. Und das iſt ſchon viel gewonnen! Vielleicht wäy's beſſer, ſich damit zufrieden zu ge⸗ ben, fuhr er nach einer Pauſe fort. Es könnte leicht ſehr langweilig werden, immer mit Aurelia zuſammen zu ſein. Mein Gott, ſie liebt mich ſo ſehr, zu ſehr, möchte ich ſagen, und zudem iſt ihr Gemahl mein guter Freund, und es iſt eigentlich Unrecht ihn ſo zu betrügen. Ja, ja, es iſt Unrecht, und ich will wieder gut machen. Ich will dem Grafen Marfilla nicht ſein köſtlichſtes Kleinod, ſeine Frau entführen. Nein, nein, ich habe genug geſündigt in meinem Leben, und ich will wieder gut machen.— Ach mir iſt heute ſo himm⸗ liſch weich und ſchwärmeriſch zu Muth! Ich möchte einmal eine gute That thun! Ja, ich will mein Herz überwinden, ich will Aurelia aufgeben, ihr entſagen! Eben that ſich die Thür auf, und der eintretende Diener meldete, daß draußen eine verſchleierte Dame ſei, die den Fürſten dringend zu ſprechen begehre. Ach, der Himmel ſelbſt kommt meinen frommen Vorſätzen entgegen, ſagte der Fürſt leiſe vor ſich hin, es iſt Aurelia, Niemand Anderes! Er eilte ihr entgegen, und führte ſie in ſein Bou⸗ doir und befahl dem Diener hinaus zu gehen, und Niemand ſonſt hier eintreten zu laſſen. Und jetzt, meine theuerſte Aurelia, wandte er ſich dann an die Gräfin, die ihren Schleier zurückgeworfen und ihr bleiches ſchmerzvolles Antlitz ihm zugewandt hatte, jetzt heiße ich Sie von ganzer Seele und von ganzem Herzen willkommen! Er nahm ihre kalte, zitternde Hand, und drückte ſie an ſeine Lippen, und geleitete Aurelia dann zu dem Divan hin, auf dem er neben ihr Platz nahm. Er wollte ſeinen Arm um ihre Taille legen, aber ſie wehrte ihn faſt unſanft zurück, und ihn mit ſcharfen durchbohrenden Blicken anſehend, fragte ſie: wann reiſen wir? Iſt es, um mich dies zu fragen, daß Sie hieher gekommen ſind, Madonna? fragte er lächelnd. Ja, rief ſie erglühend, deshalb bin ich hier. Ich muß endlich klar ſehen, ich muß endlich Gewißheit haben, ob Sie mir treu ſind, oder ob dieſe fürchterli⸗ chen Dinge, welche man mir von Ihnen zuflüſtert, die Wahrheit enthalten. Und was ſind das für fürchterliche Dinge, die man Ihnen über mich zuzuflüſtern wagt? fragte der Fürſt mit einem verächtlichen Lächeln. Man erzählt mir, daß Sie mir nicht treu ſind, Alexiew ſagte ſie, ihn ſcharf fixirend. Er zuckté leicht die Achſeln. Ich liebe Sie, ſagte er, was kümmert Sie das Uebrige. Wer hier in Ber⸗ lin iſt ſo ſchön, daß ich darüber meine Aurelia ver⸗ geſſen könnte? Sie weichen mir aus, rief ſie glühend. Wenn nicht hier in Berlin eine Nebenbuhlerin iſt, ſo iſt ſie vielleicht anderswo! 3 Was wollen Sie damit ſagen? fragte er haſtig. Ich will damit ſagen, daß man mir eine Geſchichte erzählt hat, die freilich nicht hier in Berlin ſpielt, in der aber der Fürſt Alexiew die Hauptrolle ſpielt. Die Geſchichte eines ſchönen jungen Mädchens, welche der Fürſt liebte, deren Gegenliebe er ſich zu erlangen ge⸗ wußt, und der er die Ehe verſprochen. Nun, und was weiter? fragte er gelaſſen. Ich will Ihnen ſagen, was weiter geſchah, rief ſie — 411— erglühend. Das junge Mädchen vertraute ihm gren⸗ zenlos, denn ſie liebte ihn leidenſchaftlich, und er ſollte ja in wenigen Monaten ihr Gemahl werden. Sie vertrauete ihm, wie ich Ihnen vertraut habe, ſie glaubte ſeinen Schwüren unwandelbarer Liebe und Treue, wie ich Ihnen geglaubt habe. Aber auf einmal, nach⸗ dem dieſes Verhältniß ſeit einem Jahre faſt gedauert hatte, und mit jedem Tage an Liebe und Leidenſchaft zu wachſen ſchien, auf einmal, einige Wochen vor dem zur Vermählung feſtgeſetzten Tage verſchwand der Fürſt. Für ſeine unglückliche Braut aber hatte er ein Brief⸗ chen zurückgelaſſen, in welchen er mit dürren Worten erklärte: er werde ſie niemals heirathen, denn ſie habe durch ihr Betragen gegen ihn ſeine Achtung eingebüßt. Die Entehrte könne niemals ſeine legitime Gemahlin werden, und er ſage ſich deshalb von ihr los für im⸗ merdar. Das junge Mädchen, ſeine Braut— Mädchen? Braut? fragte der Fürſt ſpöttiſch. Nann⸗ ten Sie ſie nicht eben eine Entehrte? Sie konnte vielleicht von der Welt ſo genannt wer⸗ den, Fürſt, niemals aber von Ihm, dem ſie ihre Ehre geopfert hatte. 4 Ach, ich danke für die gütige Belehrung! Und was geſchah weiter mit der unſchuldigen Schuldigen? Es geſchah, Fürſt, ſagte die Gräfin mit feierlicher Stimme, es geſchah, daß das arme verrathene, ver⸗ laſſene junge Mädchen von tödtlicher Krankheit befallen, Wochen lang in wilden Fieberphantaſieen darniederlag. Dann, kaum geneſen, gebar ſie ein Kind, das ſchon vor der Geburt eine vaterloſe Waiſe geweſen. Dies Bewußtſein, und ihre eigene unverſchuldete Schmach trieb das arme Mädchen zur Verzweiflung und in der Raſerei ihres Schmerzes tödtete ſie das Kind, das ſie ſo eben geboren. Dann ging ſie, und gab ſich ſelbſt den Gerichten als die Mörderin an. Denn ſie war des Lebens ſatt, und wollte ſterben. Aber das Gericht verſagte ihr dieſen Wunſch. Man verurtheilte ſie zu lebenslänglicher Gefangenſchaft, und führte ſie in das Zuchthaus. Eines Tages aber war ſie aus demſelben verſchwunden, und man ſagt, der Fürſt Alexiew habe, von Gewiſſensbiſſen getrieben, das arme Mädchen retten wollen, die aus Verzweiflung um ihn zur Mörderin geworden, und ihre Flucht ermöglicht. Genug, das Mäd⸗ chen ward befreit, und ſoll ſich jetzt, wieder mit ihrem frühern Geliebten verſöhnt, bei ihm in ſeinem Hauſe befinden. Fürſt Alexiew von Pomowsky, enthält dieſe Geſchichte Wahrheit? Ja, meine theure Aurelia, ſie enthält Wahrheit bis auf den Schluß. Die romantiſche Mörderin befindet ſich nicht bei mir! Aber Sie waren es, der ſie befreien ließ? rief die Gräfin flammend vor Eiferſucht. Sie haben, wäh⸗ rend Sie zu meinen Füßen lagen, und ſchwuren, daß Sie mich, mich allein liebten, ein anderes Weib ge⸗ liebt, haben ſie aus dem Kerker erlöſt, um ſie zu beſitzen, um— Nein, Aurelia, um ſie zu retten, ſagte der Fürſt ernſt, denn ich war Schuld an ihrem Elend. Es iſt wahr, ich liebte ſie nicht mehr, ſeit ich ſie nicht mehr als die keuſche Jungfrau, die ich in ihr angebetet, hoch⸗ achten konnte, aber ich wollte nicht, daß der bleiche Schatten der Gefangenen mir immer und immer wie⸗ der meine ſchönſten Feſttagsſtunden verdüſtere. Ich wollte ſie befreien, um mich von der Erinnerung an ſie zu befreien. Das iſt das einzige Intereſſe, welches ich noch an ihr habe, glauben Sie es mir! Nein, ich glaube es Ihnen nicht, rief Aurelia außer ſich. Sie haben das ſchöne Mädchen zu ſich zurück gerufen, weil Ihre Liebe zu ihr wieder neu erwacht iſt, und weil Sie jetzt auch mich nicht mehr liebeu, — 43— da Sie, oh Gott, Gott, daß ich es ſagen muß, da Sie auch mich nicht mehr hochachten können. Sie wollen mich verlaſſen, ich fühle es, ich weiß es. Sie mit mir entfliehen? Es iſt eine Lüge! Sie mich lieben? Es iſt eine Lüge, denn Sie lieben die gerettete Mör⸗ derin, Sie lieben die Baronin Elmenreich, und end⸗ lich lieben Sie die kleine Tänzerin, der Ihr Diener nachſchleichen muß. 5 Oh, Sie laſſen mich alſo überall ausſpioniren? rief der Fürſt zornig. Sie wollen alſo durchaus es zu einem Eeclat, zu einer Entſcheidung bringen? Nun wohl, ſei es denn! Ich habe Sie geliebt, und Sie haben mich dafür gemartert mit Ihrer Eiferſucht. Ich habe in Liebe zu Ihnen dieſe Qual ertragen, aber meine Geduld iſt am Ende. Jetzt will ich Ihnen die Wahrheit ſagen. Und ſie mit flammenden Blicken anſchauend, ſprach er nun zu ihr. Seine Worte waren voll bittern Hohns, voll ſchneidender Ironie, und jedes dieſer Worte traf wie ein Schwert Aureliens armes Herz und machte ſie erbeben vor Qual und Weh.— Er hatte kein Mitleid mit ihren Thränen und ihrer Pein, ſeine Heftigkeit ſteigerte ſich mit ſeinen Worten, er fühlte ſich wie ein Sclave, dem es endlich gelungen, die Feſſeln der Knechtſchaft abzuwerfen, und der nun der erſten Stunde ſeiner Freiheit genießt mit übermüthiger grauſamer Luſt. Keine Rückſicht, keine Schonung feſſelte ihn mehr, und in wildem Zorn überſtürzte er ſie mit Vorwürfen und Klagen, nannte er ihre Eifer⸗ ſucht den wilden Dämon, welchem es endlich gelungen, die Liebe zu ihr in ſeinem Herzen zu ertödten.— Aurelia ſchrie laut auf bei dieſem Wort, ſie, erhob ſich mit der letzten Kraft einer zum Tode Gemarterten, ſie war es jetzt, die den Fürſten mit Vorwürfen und Klagen überhäufte, die ſich auf ewig losſagte von dem Treuloſen, der ihres Lebens und ihres Glückes ärgſter und unverſöhnlichſter Feind ſei. Wenn es ſo iſt, ſagte er kalt, ſo haben wir uns Beide nichts mehr zu ſagen, ſo iſt jedes weitere Wort überflüſſig, und ich habe die gnädige Gräfin nur noch um die Gunſt zu bitten, daß ich ſie zu ihrem Wagen geleiten darf. Aurelia erſchrak innerlich, ſie wußte gar nicht, was ſie geſagt, womit ſie ihn verletzt in ihrer ſtürmiſchen Heftigkeit. Diesmal aber ſiegte ihr weiblicher Stolz über ihre Liebe, ſie nahm ſchweigend den dargereichten Arm des Fürſten und ließ ſich von ihm bis zur Treppe geleiten. Aber ſeine kalten und höflichen Abſchiedsworte ver⸗ mochte ſie nicht zu erwiedern; athemlos, kaum ihrer Sinne mächtig, eilte ſie die Treppe hinunter, flog ſie zu ihrem Wagen, der in der nächſten Straße ihrer harrte. Es brauſte vor ihren Ohren, es ſchwindelte vor ihren Augen; ſie wußte kaum, was geſchehen; es war ihr nur, als ob ein Blitz ſie getroffen und ihr das Bewußtſein, die Beſinnung geraubt. Als der Wagen vor ihrem Hauſe hielt und die Diener herbeieilten, den Schlag zu öffnen, lag die Gräfin ohnmächtig, bleich und beſinnungslos da. Die erſchreckten Diener riefen die Geſellſchafterin und die Kammerfrau. Man trug die Gräfin in ihre Gemächer, und erſt nach langem Bemühen gelang es, ſie wieder zum Leben zu erwecken. Gelobt ſei Gott! ſagte die Geſellſchaftsdame, unſre theure Gräfin iſt uns wiedergegeben. Oh, nun iſt Alles wieder gut; und hoffentlich wird der Arzt gleich hier ſein, Ihnen eine beruhigende Arzenei zu ver⸗ ſchreiben. Der Arzt! rief Aurelia, ſich emporrichtend. Sie haben nach dem Arzt geſchickt?— Und als das Mäd⸗ — 15— chen dieſe Frage bejahete, ſagte Aurelia heftig: ich will keinen Arzt, ich werde ihn nicht empfangen, niemals, niemals! Aber es iſt Ihr Hausarzt! ſagte die Geſellſchafterin erſtaunt, derſelbe, zu dem Frau Gräfin ſonſt immer ſo großes Zutrauen gehabt! Aber ich habe alles Zutrauen verloren, rief Au⸗ relia heftig. Ich will keinen Arzt mehr ſehen! Niemals wieder! Aber Frau Gräfin ſind krank, Sie leiden, und wenn der Herr Graf zurückkehrt, wird er uns Vor⸗ würfe machen, daß wir nicht beſſer für Sie beſorgt geweſen. Ich bin nicht krank! Ich leide gar nicht! ſagte Aurelia aufſtehend und alle ihre Kraft zuſammen⸗ nehmend. Sie ſehen es ja, daß ich ganz wohl und ganz heiter bin. Ihre Füße zitterten, daß ſie ſich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, aber ſie bezwang ihre Schwäche und ging anſcheinend kräftig im Gemache auf und ab. Daß Sie mir keinen Arzt bringen! ſagte ſie dann und zwang ſich zu lächeln. Ich habe heute einmal wieder eine meiner Launen, und ich würde dieſem Arzte keine einzige Sylbe auf alle ſeine Fragen erwiedern. Aber was ſollen wir ihm ſagen, wenn er kommt? Daß ich nicht mehr zu Hauſe, daß ich ausgefahren ſei, Alles, was Sie wollen! Und jetzt laſſen Sie mich! Ich will in mein Boudoir gehen und Brieſe ſchreiben, Niemand ſoll mich ſtören! 8 Sie grüßte freundlich und ſchritt leicht und lächelnd urch die Gemächer. Als ſich aber die Thür des Boudoirs hinter ihr ſchloß, als ſie allein war und Niemand ſie mehr ſehen und beobachten konnte, da erſtarb das Lächeln auf ihren Lippen und ſie ſank ganz erſchöpft, ganz zerbrochen zuſammen.— Aber noch — 46— einmal raffte ſie ſich wieder auf und verriegelte die beiden Thüren, die in dies kleine Zimmer führten, damit Niemand ſie ſehen, Niemand zu ihr gelangen könne.— Dann fühlte ſie wieder ihre Sinne ſchwinden und ächzte matt: Gott ſei mir gnädig! Ich hoffe, daß ich jetzt ſterben werde! Der Fürſt indeſſen kehrte in ſein Cabinet zurück, und ging lange, die Arme ineinander geſchlagen, ſin⸗ nend in demſelben auf und ab. Wunderbar, ſagte er leiſe vor ſich hin, mein gan⸗ zes Herz bebt, wenn ich an dieſe längſt verklungene Geſchichte der armen Julia gedenke, und faſt iſt es mir, als rege ſich da etwas in mir, wie Gewiſſens⸗ biſſe. Ja, ich habe Unrecht an ihr gehandelt, ich habe ſie verkannt, ſie hat mich wahrhaft geliebt, und meine Treuloſigkeit hat ſie zur Verzweiflung getrieben. Aber ich wollte ja wieder gut machen, es war ja mein ernſter Wille. Es gelang mir nach unſäglichen Schwie⸗ rigkeiten, ſie zu befreien. Sie ſollte hier bei mir in meinem Hauſe eine ſichere Freiſtätte finden gegen ihre Verfolger. Vielleicht wollte ich mehr noch ſein, als ihr Beſchützer, vielleicht wollte ich wieder gut machen, vielleicht ſogar hätte ich ſie zu meiner Gemahlin er⸗ hoben, um von Aureliens Eiferſucht befreit zu werden. Aber ſie, ſie, Julia hat all mein Wollen umgeworfen. Sie iſt dem Menſchen, der ſie zu mir herführen ſollte, entflohen, und ich weiß nicht, wo ich ſie zu ſuchen habe, wo— Ha, Paulowitſch, was willſt Du? fragte er den eintretenden Kammerdiener. Ich wollte Ew. Durchlaucht nur melden, daß mir der Jäger Jean die Adreſſe der jungen Tänzerin ge⸗ gegeben, die neulich im Ballet Eurer Durchlaucht durch ihre Schönheit aufgefallen iſt. Ah, Du haſt die Adreſſe, ſagte der Fürſt lebhaft. Nun, was iſt's mit ihr? — 47— Sie iſt die Tochter einer liederlichen alten Sänge⸗ rin, oder Schanſpielerin, welche von der aufblühenden Schönheit ihrer Tochter den möglichſten Gewinn ziehen möchte. Armes Kind, ſo jung noch und ſchon dem Laſter verfallen, ſagte der Fürſt mit einem weichen, ſchwer⸗ muthsvollen Ton, der Paulowitſch die Augen weit aufreißen ließ vor Erſtaunen. Geh zu ihr, fuhr der Fürſt nach einer Pauſe fort. Handle mit dieſem ſcheußlichen Weibe, die ihr eignes Kind verkuppeln will, mache das Mädchen um jeden Preis von der Alten los, und führe ſie mir her. Nur laß es vor der Mutter ein Geheimniß ſein, wohin Du das Kind führſt, damit die Mutter nicht etwa hierher kommt. Du weißt, ich verabſcheue die alten Weiber. Ich werde mich bemühen, die Befehle Eurer Durch⸗ laucht noch heute auszuführen, ſagte Paulowitſch, leiſe auf den Fußſpitzen hinaus ſchleichend. Er denkt Schlimmes von mir, ſagte der Fürſt, ihm mit einem ſchwermuthsvollen Lächeln nachſchauend, aber ich habe Gutes im Sinn! Die Erinnerung an Julia beunruhigt meine Seele! Ich möchte der Ver⸗ gangenheit ein Sühnopfer darbringen. Seele für Seele! Ich habe eine Seele in's Verderben geſtürzt, ich will eine andere retten! Julia iſt durch mich der Schuld und dem Unglück verfallen. Dafür ſoll dieſe kleine Tänzerin durch mich ihre Unſchuld und ihr Glück geſichert ſehen! Ja, beim ewigen Gott, ich will das arme Kind retten, ich will ſie heilig halten, wie meine Schweſter. Sie möge dereinſt, wenn Julia mich da oben verklagt, bei Gott für mich bitten. Und während der Fürſt das dachte, begab ſich ſein vertrauter Kammerdiener Paulowitſch hinaus in die Familienhäuſer und begehrte eine Unterredung mit der alten Sängerin. Die Kinder des Ballets. Der Hunger, das iſt der teufliſche, nimmer raſtende, nimmer Ruhe gewährende Dämon, welcher die Armen verfolgt, welcher ſie in Verbrechen und Schande, in Tod und Verzweiflung jagt.— Der Hunger iſt es, der die Tochter der Armuth um ihre Ehre, die Mutter der Armuth um ihre Mutterliebe bringt! Der Hunger jagt die kleinen hülfloſen Kinder in die Fabriken, oder verleitet die Mütter, ihre Kleinen einem noch ärgeren Geſchick Preis zu geben, als die Armuth und die Noth es iſt, einem Geſchick, ganz dazu geeignet, die edelſten Blüthen des Gemüthes, die Scham und die Beſchei⸗ denheit, das Gefühl für Schicklichkeit und die Scheu vor der gaffenden Menge ſchon in den zarteſten Knos⸗ pen zu erſticken, und ſie der Unwiſſenheit und Eitel⸗ keit mit all' ihren entſetzlichen Folgen zu überliefern. Dieſes Geſchick, das den Kindern der Armuth von ihren Müttern vorbehalten iſt, und das ſelbſt noch ſchlimmer iſt, als die zehnſtündige Arbeit der Kinder in den Fabriken: es iſt das Geſchick der Kinder, welche von ihren Eltern zur Bühne geführt werden, um von früheſter Jugend an auf den Brettern zu ſtehen und mitzuwirken in den Balleten, welche dem erſtaunten — 419— Publikum die kindlichen Freuden der Feenmährchen zur Wirklichkeit und Anſchauung bringen. Durch dieſe Ballete werden alljährlich Hunderte von Kindern mo⸗ raliſch verderbt,— und dieſe Kinder, die zugleich Ar⸗ muth und Noth und Prunk und Luxus täglich an ſich vorübergehen ſehen, die Morgens Hunger und Ent⸗ behrung zu ertragen haben, und Abends ihre kleinen zitternden Glieder in goldgeſtickte Kleider und prun⸗ kende Feſtgewänder hüllen; ſie lernen bald dieſen Prunk und Tand, dieſen Flitterſtaat der äußeren Er⸗ ſcheinung für das einzig begehrenswerthe Ziel erken⸗ nen, und in ihrer müßiggängeriſchen Thätigkeit lernen ſie die Arbeit verachten und den geregelten Fleiß, weil ihre nichtsthueriſche Beſchäftigung, das Preis⸗ geben ihrer Perſönlichkeit ihnen ebenſo viel Geld ver⸗ dient, als dem fleißigen Arbeiter ſeine raſtloſe Thätig⸗ keit. Dieſe Kinder, mit welchen das Ballet ſich recru⸗ tirt, es ſind gemiethete Tagelöhner, nicht angeſtellte, von dem Inſtitute des Theaters erhaltene Beamte, es ſind Söldlinge, die man bezahlt nach jeder Schlacht, der ſie beigewohnt haben, und die in der Zwiſchenzeit verhungern oder verderben können, ohne daß eine hel⸗ fende Hand ſich ihnen darbietet, um ſie zu erretten und aufzurichten.— Das kleine Mädchen, welches heute Abend in dem bekannten Ballet„der Polter⸗ abend“ in den brokatenen Gewändern einer kleinen Königin einherſtolzirt und vom Publikum applaudirt wird wegen ihrer kleinen Geſtalt und ihrem niedlichen Geſicht, ſie ſchlüpft, wenn ihre Rolle beendet iſt, hin⸗ ein in die Garderobe, um die königlichen Gewänder abzulegen nnd ſich in die dürftigen, ſchmuckloſen Klei⸗ der, die ihr Eigen ſind, zu hüllen, und dann wird ſie eilen, um hinunter zu kommen zum Ballet⸗Diener im königlichen Schauſpielhauſe. Dort ſteht dieſer fröhlich blickende, wohlgenährte Mann, umringt von Kindern. II. 4 — * 8 — 50= Was wollen alle dieſe kleinen, bleichen, hungrigen, kränklich blickenden Kinder mit den altklugen Geſich⸗ tern? Was wollen ſie anders, als Geld, Geld für die Vorſtellung dieſes Abends, Geld, um der Königin und dem Ritter, dem Genius und dem Teufel, wel⸗ ches Alles ſie heute vorgeſtellt, und welche morgen nichts weiter ſind, als die hungernden Kinder armer Leute, um dieſen dann ein Stückchen Brod zu ver⸗ ſchaffen, und vielleicht einen Rock für die frierenden Glieder. Jeder Abend, wo dieſe gemietheten Kinder beſchäftigt werden, bringt den Kindern ſechszehn Gro⸗ ſchen, aber die Noth und das Bedürfniß geſtattet den Kindern nicht, die geſetzliche monatliche Auszahlung dieſes Lohnes abzuwarten, jeder verdiente Groſchen muß eine Hülfe ſein für den nächſten Tag, und wie kann man alſo wochenlang warten ſollen auf dieſe wenigen Thaler, welche die Kinder ſich verdienten? Iſt es nicht ſchön von dem Manne, daß er ſich dieſer Armen erbarmt, daß er ihnen aus ſeiner Taſche den Lohn für jede Vorſtellung ausbezahlt und ſo ihrem täglichen Bedürfniß zu Hülfe kommt? Daß er den Kindern von jedem Thaler, den ſie ſich erworben, zwei Groſchen abzieht, daß er aus dieſer Gefälligkeit ſich eine Revenue gemacht hat und die Angſt und Noth, die Qual und Plage der Kleinen ihm eine nicht unbedeutende Jahresrente tragen muß, das wird man gerecht finden, wenn man erwägt, daß Niemand ge⸗ zwungen iſt, von dieſer Gefälligkeit Gebrauch zu machen, und daß Jeder, dem es beliebt, warten kann, bis der Monat beendet und die königliche Kaſſe ihnen unverkürzt und ohne Zins den verdienten Thaler zahlt. Aber es giebt einige glückliche, bevorzugte Kinder, denen ein Balletabend noch mehr einträgt, als dieſer geſetzlichen ſechszehn Groſchen, Kinder, die leicht und klein genng ſind, um als Genien in der Luft zu flat⸗ — 51— tern und der Gefahr ſich auszuſetzen, daß einer dieſer Stricke reißt und ſie dann aus der Luft hernieder⸗ fallen, trotz ihrer an den Schultern befeſtigten Flügel, um mit zerſchellten Gliedern dieſen kurzen Jcarusflug zu bezahlen. Solchen glücklichen, bevorzugten Kindern legt man einen eiſernen breiten Gürtel um den Leib, an dem hinten Haken befeſtigt ſind, und durch dieſe zieht man die Stricke, an denen ſie emporgezogen werden. Der eiſerne Gürtel, der ſie hält und trägt, er drückt ſich feſt auf ihre Bruſt, auf ihren Leib, er macht ihnen Schmerzen, empfindliche Schmerzen, aber die kleinen Kindergenien flattern mit graziöſen Bewe⸗ gungen weiter, und wie auch der eiſerne Gürtel drückt und preßt, ſie lächeln und lächeln, denn man hat es ihnen alſo befohlen, man hat ihnen geſagt, daß die Engel des Himmels immer lächeln in unausſprechlicher Wonne, und ſie müſſen jetzt trotz der Gefahr, mit der jeder knarrende Strick ſie bedroht, doch lächeln, wie die Engel des Himmels in unausſprechlicher Wonne. Für dieſe Angſt und dieſe Schmerzen, für die Gefahr dieſes Fluges zahlt man ihnen einen Thaler extra, und die Kinder freuen ſich ſehr, denn ſie bekommen mehr Geld, und ſie vergeſſen gern ihre Schmerzen und ihre Angſt, weil ſie ſchon gelernt haben, dieſen bünnenden We des Tages, welcher das Geld iſt, anzubeten als den allmächtigen, ſorgenſtillenden, freu⸗ dengebenden Herrſcher der Welt und ihrer ſelbſt. Und die Eltern dieſer Kinder, ſie freuen ſich doppelt dieſes Glücks, denn einmal bringt es ihnen Geld, wenn ihre Kinder fliegen, und zweitens iſt es eine Erſparniß, da dieſe Kleinen am Tage nach ſolchem Fluge, noch beſchwert von dem ſchmerzenden Druck des Reifens auf ihren Magen, kaum im Stande ſind, etwas zu genießen, und daher ihre Eltern nicht plagen werden um Brod um Fleiſch. Und wie die Eltern, freut ſich 4*½ — 52— auch das Publikum dieſer fliegenden Genien, und je mehr deren flattern in der Luft, deſto freudiger ap⸗ plaudirt die gaffende Menge, und die Kinder lächeln und lächeln, denn ſie wiſſen es ja, daß ſie Engel ſind und daß die Engel des Himmels immer lächeln in unausſprechlicher Wonne. Zuweilen auch, wenn ſie in der ſtarren Winterkälte im leichten Tricot und dem durchſichtigen Gewande als lächelnde Engel über die Bühne ſchweben, zittern und beben ſie vor Froſt, und aus irgend einer geöffneten Luke dringt eine ſcharfe, ſchneidende Winterkälte auf die von Angſt und Auf⸗ regung erhitzten Kleinen und macht ihnen Schmerzen in den Augen, und in den Ohren, aber Engel haben keine Schmerzen, keinen Ohrenzwang und kein Zahnweh, die Engel können lächeln, wie auch die armen Men⸗ ſchenkinder am andern Tage dafür büßen müſſen an ihrem kleinen armen Kopf und ihren ſchmerzenden Gliedern. Das ſind die phyſiſchen Leiden, mit welchen dieſe kleinen Sprößlinge des Ballets bedroht ſind, aber es giebt nun noch das höhere geiſtige Unheil, das ſie un⸗ rettbar umgarnt, das ſie dem Verderben entgegenführt. — Unſere Philantropen und Politiker haben viel ge⸗ ſprochen von dem Elend der Kinder, welche in den Fabriken arbeiten, von der moraliſchen Verderbniß i zehnſtün⸗ an ihrem . Niemand dem Ballet briken richtet man Sonntags⸗ und Abendſchulen ein; wer hat daran gedacht, ſolche zu errichten für die Kinder — 5353 des Ballets; wer ſorgt dafür, daß der Geiſt dieſer Kleinen auf andere Dinge gerichtet werde, als auf die Frivolitäten und den glänzenden Prunk des Theaters? Wer denkt daran, daß man ihnen Zeit gönnen muß zu nützlicher Thätigkeit, zur Schule, zum Lernen? Niemand! Und mag die Schuldeputation der Stadt immerhin bemüht ſein, alle Eltern anzuhalten, daß ihre Kinder eine Schule beſuchen; die Kinder des Ballets werden von ihren Angehörigen einer Schule einverleibt werden, man wird bezahlen für die Schul⸗ zeit, man wird den Behörden die Quittung zeigen, und die Kinder werden dennoch dieſe Schule nicht be⸗ ſuchen, denn ihr Dienſt erlaubt es ihnen nicht. Sie müſſen zu jeder Stunde bereit ſein für ihren Dienſt, ſie dürfen niemals fehlen, wenn ſie nicht wollen, daß man ſie auf immer bei Seite ſchiebt, denn weil ſie nicht beſtimmt engagirt ſind, kann man auch ſie zu jeder Stunde entlaſſen, droht jede Verſäumniß den Kindern mit dem Abſchied und der Entlaſſung. Des⸗ halb müſſen ſie ſtets angſtvoll jedes Befehles harren, deshalb wird jede angeſagte Probe ſie vom Beſuche der Schule abhalten, und ſolche Proben finden faſt täglich ſtatt, deshalb müſſen die Kinder, ſtatt die Schule zu beſuchen, oder ſich arbeitſam und fleißig zu beſchäftigen, deshalb müſſen ſie oft dieſe langen Vor⸗ mittage drei, vier Stunden gaffend und müßig in den Conliſſen ſtehen und des Augenblickes harren, wo ſie auf die Scene gerufen werden, um in irgend einem Tableanx oder einer Gruppe zu figuriren. Und dieſe langen und ſich ſtets wiederholenden Proben zum Ballet, welche die ganzen Vormittage der Kinder, die ganze Schulzeit beanſpruchen, ſie ſind dreimal in der Woche gefolgt von dem Tanzunterricht der Kinder, und auch dieſem geſetzlichen Tanzunterricht müſſen die Kleinen beiwohnen, wenn ſie nicht wollen, daß man ſie aus — 54— der Liſte des Corps de Ballet ausſtreiche. Den Tanz⸗ ſtunden folgt am Abend das Ballet, in welchem ſie agiren; ſo kommt es oft, daß dieſe Kinder vom Morgen bis Abends zehn Uhr im Theater verweilen, und zum Mittagsmahl nichts weiter haben, als die Semmel, welche ſie vorſorglich ſich mitgebracht, ohne jede Nah⸗ rung für Geiſt und Herz, ſtundenlang ohne Beſchäfti⸗ gung, nichts vernehmend, als flaches und geiſtloſes Geplauder, banale Redensarten, oder leichtfertige und freie Geſpräche, deren Sinn und Ueppigkeit die Kin⸗ der bald verſtehen, und vor denen nicht mehr zu errö⸗ then die Gewohnheit ſie lehrt.— Und was für eine Entſchädigung wird den Kindern für dieſes Hingeben ihrer Zeit, für die Pünktlichkeit in ihrem Dienſte, für die nie verſäumten Proben, für das lange Harren und Warten in denſelben, was für eine Entſchädigung für dieſes Aufopfern der Schulzeit, für dieſe rückſichtsloſe Beanſpruchung jedes Tages, jeder Stunde? Was für eine Entſchädigung?— Gar keine. Dieſe vielen, ſtets wiederkehrenden Proben, dieſe Anſtrengungen und Er⸗ müdungen, dieſes Verſäumen der Schulzeit, dieſes Alles wird den Kindern nicht vergütet, nicht bezahlt, ſie müſſen unentgeltlich, ohne Dank und ohne Lohn zu jeder Probe bereit ſein und jedem Rufe Folge leiſten, und es kann kommen, daß zu einem Ballet, über welches das Publikum den Stab bricht, und das viel⸗ leicht nur zweimal gegeben wird, daß zu ſolchem Ballet zehn Proben nöthig waren; alſo für zehn Proben und zwei Aufführungen iſt der ganze Verdienſt dieſer Klei⸗ nen ein Thaler und zehn Groſchen, von denen der gefällige Balletdiener noch drei Groſchen Zinſen ab⸗ rechnet. Wenn wirklich einige Tage der Ruhe und Erho⸗ lung eintreten, wenn ſelbſt eine Woche— und dies iſt ein ſeltener Fall— ohne Vormittagsproben hingeht, — 55— wie will man fordern, daß dieſe Kinder, gewöhnt an den Müßiggang und die nichtigſten Zerſtreuungen, daß ſie dann ſich ſammeln zu dem Ernſt und der Aufmerkſamkeit, welchen die Schule verlangt, daß ſie ihren Kopf, angefüllt von den phantaſtiſchen und üp⸗ pigen Bildern der abenteuerlichen Ballets, dann an⸗ ſtrengen, um dieſe abſtracten Dinge zu lernen, deren Nothwendigkeit und Nützlichkeit ſie viel weniger ein⸗ ſehen und begreifen, als die Nothwendigkeit und Nütz⸗ lichkeit eines Entrechats oder Ballottements? Wie will man verlangen, daß ſie dieſe wenigen Vormittage, welche das Ballet ihnen frei läßt, dazu verwenden, um die trocknen, kalten Buchſtaben zu lernen, welche ſo langweilig ſind, die kleine widerſpenſtige Feder zu führen, die nur ſchwarze Striche auf das Papier zeich⸗ net? Wozu ſollen ſie leſen lernen? Um ſich zu unter⸗ halten, um Mährchen und Geſchichten zu leſen? Bah, welches Buch kann ihnen abenteuerlichere und glänzen⸗ dere Geſchichten erzählen, als wie ſie dieſelben in allem Prunk dargeſtellt ſehen? Wozu ſollen ſie ſchreiben lernen? Um Liebesbriefe zu ſchreiben?— Oh, dafür haben ſie ihre Augen und ihr Lächeln, und dieſe leben⸗ digen Schriftzeichen zu benutzen, das lernen die Kinder ſehr leicht und bald von den großen Vorbildern, in deren Nähe ſie ſich täglich befinden, und zu denen ſie ſtaunend emporblicken, als zu dem höchſten Ziel und Streben ihrer eigenen Exiſtenz.— Dieſe Kinder des Ballets werden ſie jemals ſo viel Ehrfurcht haben vor dieſem ernſten ſteifen Lehrer, der mit ſeinen linkiſchen Bewegungen, ſeiner eckigen Armhaltung oder den ein⸗ wärts gebogenen Knieen ſie vielleicht lachen macht, werden ſie jemals ſo viel Ehrfurcht vor ihm haben, als vor der glänzenden, geputzten und geſchminkten, lächelnden und coquettirenden Ballettänzerin, deren Erſcheinen alle dieſe viel hundert Menſchen im Par⸗ — 56— quet und in den Logen in jauchzendes Entzücken verſetzt, deren künſtliche Pas mit Beifallsſturm be⸗ gleitet werden, deren Beineſchwenken die glänzenden vornehmen Officiere zum raſenden Applaudiren zwingt? Werden ſie den ernſten Lehren der Sitte und Moral, welche die tugendhafte Lehrerin ihnen giebt, werden ſie denen glauben, wenn ſie ſehen, mit welchem Bei⸗ fallsſturm die Primadonna belohnt wird für das ſchamloſe Enthüllen ihrer Reize, wie das Haus jubelt bei dieſen ſchnellen Drehungen und Beineſchwenkungen, welche die kurzen durchſichtigen Gewänder aufbauſchen, oder ſie hoch emporflattern machen? All dieſen Uebelſtänden, welche die nothwendige Benutzung der Kinder beim Ballet nach ſich zieht, all dieſen moraliſchen Uebelſtänden wird ſchwerlich abge⸗ holfen werden können, aber ein Theil derſelben könnte beſeitigt werden. Man engagire die Kinder gegen einen feſten Jahres⸗ gehalt, man errichte eine Schule, zu deren Beſuch ſie eſetzlich verpflichtet ſind, für deren Nichtbeſuch ſie Strafe zahlen müſſen, und man verpflichte die Diri⸗ genten des Ballets, nur in ſolchen Stunden Proben anzuſetzen, in denen die Kinder frei ſind, und nicht gezwungen werden, um der Proben willen die Schul⸗ ſtunden zu verabſäumen. 3 3 Die andern Uebelſtände und moraliſchen Gebrechen, welche namentlich den kleinen Mädchen drohen, die zum Ballet gehören, werden freilich fortbeſtehen, ſo lange wir noch ein Ballet haben, oder ſo lange es noch Mütter giebt, welche ihre Töchter dazu hergeben, und welche es vorziehen, dieſe armen Kleinen arbeiten und ſich mühen zu laſſen und von ihnen unterhalten zu werden, ſtatt, der naturgemäßen Einrichtung zu⸗ folge, ſelber zu arbeiten und ihre Kinder zu er⸗ halten.— 3 — 37— Es war heute eine vierſtündige Probe zu dem Ballet„die Liebesinſel“ gehalten worden, und die Kleinen hatten, weil heute Balletſtunde war und Abends Ballet, ſich ihr kärgliches Mahl gleich am Morgen mit in das Opernhaus genommen. Die Zeit zwiſchen der Probe und der Tanzſtunde verbrachten ſie ſchwatzend und plaudernd im Tanzſaal. Mehr denn vierzig Kinder, und dieſe bildeten nur die letzte Klaſſe der Balletſchule waren hier verſammelt; bleiche, hagere, zierliche Geſichter, mit klugen Augen, und weit über ihr Alter verſtändig. Sie ſtanden in einzelnen Gruppen umher und lachten und ſchäkerten, oder erzählten ſich mit ernſten Mienen einige von den großen Begebenheiten, deren täglich hinter den Conliſſen vorfallen, und von denen die großen und die kleinen Bühnenkünſtler immer alles Ernſtes glauben, daß ſie welthiſtoriſche Ereig⸗ niſſe ſind. In einer Gruppe ging es beſonders lebhaft zu. Dort ſtanden mehr denn zehn Knaben und Mädchen im eifrigen Geplauder, und ſie lachten Alle eben ſehr laut, denn der kleine zehnjährige Karl, welcher unter ihnen„der ſchöne Karl“ genannt ward, hatte eben wieder eine jener komiſchen Liebeserklärungen gemacht, in denen er wirklich Meiſter war. Er knieete noch vor der hübſchen kleinen Marie, und ſah mit verliebten Blicken zu ihr empor, während er ihre Hand an ſeine Lippen drückte. Göttliches, reizendes Geſchöpf, rief er mit ſeiner kreiſchenden, kleinen Kinderſtimme, Ihre Hand ſchmeckt mir ſo ſüß, daß man glauben möchte, ſie ſei ganz von Bonbons und Zuckerkand. Ihre Angen blitzen wie Feuer, und wenn ich Ihren Mund küſſen dürfte, ſo würde er mir ſchöner ſchmecken, als Pfannkuchen. Die Kinder lachten ungeheuer. Er macht eine — 58— ganze Conditorei aus ihr! riefen einige kleine Mäd⸗ chen, während ein Knabe von ungefähr zwölf Jahren mit verächtlichem Naſerümpfen bemerkte, daß das wirklich ganz die Liebeserklärung eines Kellners ſei. Und kannſt Du es etwa beſſer machen? fragte der kleine Karl gereizt. 3 Das will ich hoffen, ſagte Eduard ſtolz, denn ich mache, Gott ſei Dank, nicht bloß zum Spaß Liebes⸗ erklärungen, ſondern im Ernſt! Seht doch den Don Quixote an! rief Karl in⸗ grimmig. Will uns der Ritter einbilden, daß er eine Geliebte hat! Vielleicht macht er uns noch weiß, daß er auch glücklicher Vater iſt und drei oder vier Kinder hat! rief ein ſchönes, blondes, kleines Mädchen, und ſich dem kleinen Eduard ehrerbietig nahend, ſagte ſie mit einer tiefen Verbengung: Gnädiger Herr, ich habe ge⸗ hört, daß Ihre Frau Gemahlin geſtern von Drillingen iſt entbunden worden. Ich biete mich an als Amme, ich habe Nahrung für alle Drei!* Der Saal hallte wieder von dem lautſchallenden Gelächter der Kinder.— Ihr wollt mich zum Narren haben, ſchrie Eduard, roth vor Zorn, aber was ich geſagt habe, iſt doch wahr. Ich mache nicht mehr, wie Karl, bloß zum Spaß Liebeserklärungen, ſondern im Ernſt. Nun, und wer iſt denn Deine glückliche Geliebte? ſchrie der jubelnde Chor der Kinder. Das werde ich nicht ſagen! rief Eduard lebhaft. So etwas ſagt man nicht, das iſt ehrlos. O, er ſucht ſich auszureden! riefen die Kleinen. Er will den Geheimnißvollen ſpielen! Seine Geliebte wohnt wahrſcheinlich im Mond! Eduard war außer ſich vor Zorn, er ſchaug und kratzte um ſich, und als das Höhnen der Kinder gar 3 die Kinder Alle ſtellten ſich in Reih' und Glied. — 59— nicht nachlaſſen wollte, ſagte er endlich entſchloſſen: Nun, wenn Ihr mir durchaus gar keine Ruhe laſſen wollt, ſo werde ich Euch das Mädchen nennen, welcher ich eine Liebeserklärung gemacht habe, und die mir Gegenliebe geſchworen hat. Er will ſie nennen, flüſterten die Kinder, und ein Schweigen der Erwartung trat ein. Es iſt Marie, ſagte Eduard entſchloſſen, mag ſie mich Lügen ſtrafen, wenn ſie kann! Aller Augen richteten ſich auf die blonde, kleine Marie, die, wie mit Purpur übergoſſen, mit nieder⸗ geſchlagenen Augen zitternd daſtand. Sie wird es nicht leugnen können! rief Eduard triumphirend. Marie, iſt das wahr? riefen die Kinder. Das kleine Mädchen brach in Thränen aus. Das iſt zohr ſchlecht von Dir, Eduard, ſagte ſie weinend, Du hatteſt mir doch verſprochen, es Niemand zu ver⸗ rathen! Du haſtemich aber gereizt dazu, rief Eduard heftig, wollteſt Du mich zum Narren machen mit i rillingen, das haſt Du nnun dafür! Marie trocknete ſich die Augen, und mit zorniger Geberde zu Eduard hinſtürzend, gab ſie ihm eine lautſchallende Ohrfeige und ſagte grimmig: Das haſt Du dafür, Du alter Bengel, Du altes Weib! Eduard ſtand einen Augenblick ſtarr vor Erſtaunen, dann ſtürzte er auf ſeine wüthende Geliebte und ſchlug ſie zu Boden. Ein heftiger Kampf begann, die Kin⸗ der bildeten einen Kreis um das erzürnte Liebespaar und begleiteten jeden Schlag mit entzückten Ausrufungen des Beifalls.. Herr Logerie kommt! ſchrie ein kleines Mädchen, und ſogleich ſprangen Marie und Eduard empor und — 60— Aber das Reine Mädchen ſank vor Lachen auf die Erde und ſtammelte nur: Angeführt, angeführt! Die Kinder begriffen den muthwilligen Scherz der kleinen witzigen Louiſe und gaben ihre ernſte Haltung wieder auf und lachten und plauderten weiter. Uebrigens, rief Louiſe, übrigens begreife ich gar nicht, weshalb Marie ſo böſe ward. Das iſt ja eine Ehre, wenn Einem eine Liebeserklärung gemacht wird, und man kann ſtolz darauf ſein. Mir zum Beiſpiel hat geſtern ein reizender Fähnrich eine Liebeserklärung ge⸗ rach, und ich nahm mir gleich vor, es Euch heute zu erzählen. Ein Fähnrich! flüſterten die kleinen Mädchen ſtau⸗ nend, und blickten Louiſe mit einer Art Ehrfurcht an. Ich glaub' es nicht, ſagte ein kleines Mädchen zu ihrer Nachbarin. Gewiß, ich glaube es nicht! Wie ſollte ein Fähnrich dazu kommen, ihr den Hof dmſhen. Sie iſt ja gar nicht hübſch und ſo dürr, wien Todten⸗ gerippe.. Ja, Beine hat ſie, wie Fiſchgräten! Andere. Und der ſollte ein Fähnrich die Cour mache Ach, ſie rühmt ſich immer ſolcher Ding eine Dritte verächtlich. Sie iſt überhaupt ſo bar eitel. Denkt Euch, ſie trägt falſche Waden! Es ſind abgelegte Nadelkiſſen von Madame Tag⸗ lioni! rief ein Knabe, der heimlich dem Geflüſter zu⸗ gehört hatte. Der Witz war unvergleichlich, und die kleinen Mäd⸗ chen ſtarben faſt vor Lachen. Louiſe hatte nichts gehört von den boshaften Be⸗ merkungen ihrer genaueſten Freundinnen, und ſie ſagte triumphirend: nun, Marie, ſiehſt Du, ich mache mir gar nichts daraus, und ich ſage es geradezu, daß ich einen Liebhaber habe. — 61— Ja, ſagte Marie mit einem giftigen Seitenblick auf Eduard, Du haſt auch einen Fähnrich, das kann man ſchon ſagen, aber ſo'n Bengel, ſo'n lumpiger Schuſter⸗ junge, der nichts weiter iſt, als die Meerkatze im Fauſt und'ne ganz kleine Furie in der Armide! Nun, ich habe Dich auch noch nicht in größern Rollen geſehen! ſchrie Eduard. Nicht! rief Marie. Dann biſt Du wohl blind, wenn ich im Polterabend die Edeldame und im Feen⸗ ſee einen Genius mache, oder den Mohren im See⸗ räuber, oder in Robert und Bertrand in der ruſſiſchen Schaukel ſitze. Das iſt auch etwas Nechtes! ſagte Eduard ver⸗ ächtliche Ich habe übrigens jetzt ſieben Rollen. Und ich habe elf Rollen! rief Marie triumphirend, und außerdem noch drei im Schauſpiele, denn ich habe zwei Fächer, und neulich bin ich ganz allein von den Prinzengapplaudirt worden im Schauſpiel, fuhr ſie mit dem een Stolz einer Bühnenkünſtlerin fort, und ein Herx in d Seitenloge ſagte ganz laut: ich wäre ein disebſe Kind! Das iſt ein blinder Invalide geweſen! ſchrie Eduard. Das iſt icht wahr, das lügſt Du! rief Marie er⸗ glühend, und der Streit der Kinder begann auf's Neue. In einer andern Gruppe ſtand der kleine Karl und erzählte den horchenden Kindern einige Geſchichten, die er heute in den Couliſſen hatte erzählen hören, und die von ſchamloſeſter, unzweideutigſter Gemeinheit waren, voll ſchmutziger Equivoquen, die aber von den meiſten dieſer Mädchen ſehr gut verſtanden wurden, denn ſie lächelten verſchämt und verbargen die errö⸗ thenden Geſichter hinter ihren Taſchentüchern.— Nur eine von ihnen, und es war die größte und ſchönſte von ihnen allen, ſtand ernſt und ſtill in der nahen 1 — 8 — 62— Fenſterniſche und blickte träumeriſch auf die Gruppen der Kinder. Warum lachſt Du nicht? ffinte Karl ganz em⸗ pfindlich. Weil ich Deine Geſchichten nicht verſtehe, ſagte ſie uhig. Ach Gott, ſie will die Unſchuldige ſpielen! höhnte Karl. Was wir verſtehen, wirſt Du auch wohl begreifen! ſagte ein kleines ſchnippiſches Mädchen. Du biſt doch wenigſtens drei oder vier Jahre älter als wir Alle. Ja, ſie iſt vierzehn Jahr, rief eine Andere, vierzehn Jahr, und noch bei uns in der dritten Klaſſe O, ich würde mich ſchämen, wenn ich ſchon ſo furchtbar alt und doch noch in der dritten Klaſſe wäre! Ihr wißt, ſagte Amintha ſanft, ich habe erſt ſpät angefangen, und dann bin ich ja auch ſchon in der zweiten Klaſſe, und ich ſoll bloß, um recht viel in der Uebung zu ſein, auch in der dritten Klaſſe noch mit⸗ tanzen. 20 Nun, werde nur nicht übermüthig!* nicht ſo ſtolz und lobe Dich ſo ſehr! Ach Gott, rief das Mädchen mit Tb in de Augen, ich ſagte das ja nur, weil Ihr Veirn Vorwürfe machtet, daß ich noch in der dritten Klaſſe ſei. Mir ſoll es übrigens ſehr willkommen ſein, wenn Du erſt ganz und gar in die zweite Klaſſe kommſt, ſagte Louiſe. Denn wenn Du mit Deinen Storchbeinen zwiſchen uns herumſtampfſt, habe ich immer Furcht, daß Du eine von uns einmal für'n Froſch anſiehſt und herunterſchluckſt. Die Kleinen begrüßten dies Scherzwort mit lautem Jubel, und dann ſagte eine von ihnen: übrigens kann ich Euch eine Neuigkeit erzählen. Dieſe große Amintha, die ſo verſtändig und klug iſt, und ſo unſchuldig, daß 63— ſie die Geſchichten, die uns Karl erzählte, gar nicht verſteht, ſie hat auch einen Liebhaber. Einen Liebhaber? Wie ſieht er aus, wie heißt er? riefen Alle. Wie er heißt? Johann oder Peter oder Michel vielleicht! ſagte das Mädchen verächtlich. Wie er aus⸗ ſieht? Wie'n Nußknacker, oder wie die Strohpuppe im verliebten Dorfſchneider, nur viel häßlicher und viel ſchmutziger. Ich⸗ glaube, wenn man ihn an die Wand ſtößt, klebt er feſt, und wenn ein Kind, das ſchreit, ihn ſieht, ſchweigt es ſtill vor Entſetzen. O, o, die Amintha liebt alſo den Knecht Ruprecht, lachte Marie. Ja, und der wartet, wie ein treuer Ritter jeden Abend, wenn Amintha ſpielt, vor dem Opernhauſe und führt ſie nach Hauſe, und ſchneidet, wenn er ſie kom⸗ men ſieht, Geſichter, wie'n gekitzelter Krebs. Wenn Du mit Allem, was Du da ſagſt, meinen Freund Ludwig meinſt, ſagte Amintha lebhaft, ſo muß ich Euch ſagen, daß ich es mir verbitte, daß Ihr über ihn ſo ſpottet und höhnt! Ueber mich mögt Ihr ſagen, was Ihr wollt, ich frage nichts darnach, aber über Lude ſollt Ihr nicht lachen, das verbitte ich mir! Hört einmal, ſie verbittet ſich etwas! riefen die Kinder mit ſpöttiſchem Gelächter. Ja, ſagte Amintha, und ſie ſah ſchön aus in die⸗ ſer edlen Erregung ihres ganzen Weſens, ja, ich ver⸗ bitte es mir! Denn Lude iſt mein Freund, und es giebt auf der Welt keinen beſſeren Freund, als Lude es iſt. Ihr habt alle vielleicht Brüder, aber keiner von ihnen wird ſeine Schweſter ſo herzlich lieben, ſo zärtlich für ſie beſorgt ſein, als wie Lude es für mich iſt. Wenn ich hungrig wäre, würde er mir mit Freu⸗ den ſeinen letzten Biſſen Brod geben, wenn ich fröre, würde er nicht ruhig ſein, ehe ich ſeinen Rock nähme, —ÿ. ————— ——— S— 8 und wenn er gehört hätte, wie Ihr über mich lacht und ſpottet, ſo würde er das nicht gelitten haben, denn gegen die ganze Welt nimmt er mich in Schutz. Die Mädchen wollten etwas erwidern, als ein Knabe, welcher dicht an der Thür ſtand, eiligſt rief: Herr Logerie! 3 Diesmal war es Ernſt, Herr Logerie kam wirklich, und die Kinder hatten kaum noch Zeit, eine ernſthafte Miene anzunehmen und ſich in Reih' und Glied zu ſtellen. Herr Logerie ging prüfend an den Reihen der Mäd⸗ chen und Knaben auf und ab, und das Rohrſtöckchen in ſeiner Hand machte ſehr häufig einige Balletſprünge auf dem Rücken irgend eines der Kinder, das entwe⸗ der zu einwärts ſtand, oder die Schulter ſchief hielt, oder irgend ein anderes unverzeihliches Verbrechen ge⸗ gen die Tanzkunſt beging. Dann nahm er ſeine Violine und ließ den Bogen einige Male über die Saiten fahren, daß ſie einige ſchrille, harte Kreiſchtöne vernehmen ließen. Dies war das Signal, daß die Stunde angefangen, und die Kinder begannen ihre Pas mit ernſten Geſichtern und ſchweigender Aufmerkſamkeit. Von nun an hörte man nichts mehr, als die krei⸗ ſchenden Töne der Geige, und die gebieteriſchen, ſtren⸗ gen Ausrufungen des Lehrers: den rechten Fuß vor, Louiſe! Nicht ſo L welſee dummer Junge! Warum ſo verdrießlich, Marie? Eine Tänzerin muß immer lächeln! Dieſe Handbewegung war gemein, Louiſe, noch einmal! So iſt es beſſer! Zuweilen auch ließ der Lehrer ſeine Geige einen Augenblick verſtummen und benutzte den Bogen als Balancirſtange, um die geraden und ſchiefen Linien der Kinderrücken mit derben Schlägen auszumeſſen. Die Entführung. Als mit dem Schlage der ſechſten Stunde der Un⸗ terricht beendet war, eilten die Kinder, hinüber zu kom⸗ men in den Garderobenſaal, denn es ward heute Ro⸗ bert und Bertrand gegeben, und ſie waren faſt Alle in dieſem Ballet beſchäftigt. Auch Amintha hatte eine Rolle in demſelben, ſie mußte ſich ſchaukeln laſſen in der ruſſiſchen Schaukel, da ſie aber zu dieſer großen Rolle keines Coſtüms bedurfte, ſondern in ihrem ge⸗ wöhnlichen Anzuge blieb, ſo war ſie in dem Gardero⸗ benſaal überflüſſig und hatte die nächſte Stunde frei. „ Ich will doch ſehen, ob Lude unten an der Thür iſt, dachte ſie. Er hatte mir eigentlich verſprochen, um dieſe Zeit auf mich zu warten und einen kleinen Spa⸗ ziergang mit mir zu machen. Eiligſt ſchlüpfte ſie hinunter an dis große Eingangs⸗ thür, und richtig, da ſtand Lude und verzog ſein Ge⸗ ſicht zu einem grinſenden Lachen, und ſchielte ſo fürch⸗ terlich, wie er es zu thun pflegte, wenn er eine lebhafte Freude empfand. — Na, des iſt wirklich hübſch von Dir, Amintha, ſagte er, ja, warraftig, es is ſehr hübſch, daß Du mir nicht vergeſſen haſt, und richtig'nen Augenblick nach mir runter kommſt! II. 5 — 66— Sage vielmehr, rief das Kind lächelnd und reichte ihm die Hand hin, ſage vielmehr, daß es ſchön von Dir iſt, daß Du den weiten Weg nicht geſcheut haſt und richtig zu der beſtimmten Zeit hier biſt. Wirklich, Lude, Du biſt ſo gut gegen mich und ich kann Dich niemals genug dafür lieb haben. Und Amintha's Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie daran dachte, wie die Kinder in der Tanzſtunde heute über ihn geſpottet. Ick bin gut gegen Dir? ſagte Lude mit weit auf⸗ geriſſenen Augen. Na, wenn ick man blos wüßte, wie ſo ick des bin! In'n Gegentheil is es gewiß ſehr hübſch von Dir, daß Du immer freundlich gegen mich biſt und Dich ganz und gar nicht über mir ſchämſt, und Du biſt doch ſo hübſch und klug, und kannſt ſo hübſch tanzen, und ick bin nichts nicht, als'n dämlicher Junge, der auf der Welt man nichts nicht kann, als Droſchken ufmachen und Holz ſpalten. 3 Und Leinwand weben! Nu ja, ganz grobe! warf Lude leicht hin. Und ſeine Freunde lieb haben, und ihnen Alles ablauſchen, was ihnen Freude machen kann, ſagte Amintha innig. Du ſpotteſt über mir! rief Lude, und ſchnitt fürch⸗ terliche Geſichter, um ſeine Rührung zu verbergen. Aber es ſchadet nichts, Amintha, und komm, wir wol⸗ len'n bisken in die Mitte von den Linden ſpazieren gehen, denn da geht es ſich gut, und wir können im⸗ mer an de Academieuhr wiſſen, wenn Du wieder in's Opernhaus mußt. Die Kinder gingen plaudernd über den Opernpla den Linden zu. 8 Ick weiß gar nicht, wie es zugehn duht, ſagte Lude nach einer kleinen Pauſe, in der er tief nachgeſonnen hatte, ick weiß gar nicht, wie es zugehen duht, aber ick kann — 67— heute durchaus nicht mein Vesperbrod eſſen, und es is doch'n recht gutes Vesperbrod. Ich muß durchaus heute Mittag zu ville gegeſſen haben, und des is nun ſehr ſchade, denn wenn das Vesperbrod nicht gleich gegeſſen wird, ſo verdirbt es. Du wirſt doch nicht krank werden, fragte Amintha ängſtlich, und blickte ihm mit ihren tiefblauen innigen Augen ſo forſchend in's Geſicht, daß eine gewiſſe un⸗ beſtimmte Farbe, Etwas wie ein Anflug von Scham⸗ röthe auf ſeine Wangen trat, denn es war doch gewiß ſehr ſchwer, ſeiner kleinen Freundin etwas vorzulügen, und wenn es auch in der beſten Abſicht geſchah. Ne, ſagte er verlegen, krank bin ick nicht, aber ick habe man blos keinen Appetit. Es is gewiß, daß ick heute Mittag zu viel gegeſſen habe, und da könnt'ſt Du mir nu'nen ungeheuern Gefallen thun, Amintha. Und wie gern thue ich das, rief das Kind freudig, ſage mir nur ſchnell, lieber Lude, was ich thun ſoll. Lude zog aus ſeiner Rocktaſche ein zierlich zuſam⸗ mengefaltetes Paket hervor und ſagte: ick wollte Dich blos bitten, daß Du mein Vesperbrod eſſen thäteſt, damit es nicht verdirbt. Und ſo ſprechend öffnete er das Papier und ent⸗ hüllte zwei kleine Würſte, ſo zierlich und duftig, wie Knoblauchswürſte nur jemals aus den Händen ihres Schöpfers hervorgegangen ſind, und dabei lag aller⸗ liebſte kleine Semmel von glänzend brauner Farbe. Das iſt Dein Vesperbrod? fragte Amintha erſtaunt. Ffeit mwann biſt Du denn gewohnt, wie ein Prinz zu eſſen? Nu, nicht alle Tage, ſagte Lude, aber ick habe heute großen Verdienſt gehabt, ſechs Droſchken ufgemacht, und man zwei Herrn haben mir nichts nicht gegeben, als'n dummen Jungen, die andern vier haben mir be⸗ zahlt, macht vier Silbergroſchen, und da dacht ick, daß 5* — 68— es nichts ſchaden thäte, wenn ick mir heute mal'n groß⸗ artiges Vesperbrod kaufte. Und ſo wie Du's gekauft haſt, vergeht Dir der Appetit, und Du bitteſt mich, es zu eſſen? fragte Amintha, die jetzt die Liſt ihres Freundes begriffen hatte, und deren Herz von ſüßer Rührung ſchwoll. Na ja, weil es ſonſt verdirbt! Nun, ſagte Amintha lebhaft, wenn wir zuſammen eſſeen, dann iſt's hübſch, aber wenn Du nicht mit ißt und ganz genau die Hälfte, dann rühre ich keinen Biſſen an, das ſchwöre ich Dir! Ja, aber ick habe ja keinen Appetit nicht, ſagte Lude, und ſchielte höchſt theilnahmsvoll nach den Wür⸗ ſten, deren würziger Geruch ihm einigermaßen ſeinen verlornen Appetit wiederzugeben ſchien. So mußt Du ohne Appetit eſſen! befahl Amintha. Komm, hier auf dieſe Bank wollen wir uns ſetzen, gerade der Akademieuhr gegenüber, damit ich weiß, wann ich hinüber muß zum Ballet. So, und nun theile ich ein. Und wenn Du mir'n Happen zu viel giebſt, rühre ich nichts nicht an, ſagte Lude. 5 Neein, nein, nur gerade die Hälfte, und ich will Dir nur geſtehen, daß ich ſehr gehungert habe, ſagte Amintha, und daß Du mir eine ordentliche Wohlthat erzeigſt, weil Du mir etwas zu eſſen bringſt. Amintha wußte wohl, daß dieſes Wort für Lude die größte Freude und der ſchönſte Lohn ſei, und darum hatte ſie es geſprochen, obwohl ſie in der That gar nicht hungrig war und ſehr gut noch hätte länger warten können. Wirklich ſchnitt Lude auch in ſeiner Freude die fürchterlichſten Geſichter und ließ ſeine Finger der Reihe nach harmoniſch knacken. Wenn Du hungrig biſt, denn ſo könnt'ſt Du mir — 69— wahrhaftig den Gefallen dhun und alles alleine eſſen, ſagte er bittend, denn ick zumal mache mir nichts aus 'ne Knoblauchswurſt, gar nichts nicht,'n Stück Brod iſt mir viel lieber. Du weißt, was ich geſchworen habe, ſagte Amintha lächelnd, und reichte ihm ſeinen Antheil an⸗ Wurſt und Semmel dar. 1 Eine Zeitlang ſchwiegen die Kinder jetzt, denn ſie waren beide höchſt geſchäftig, ihre köſtliche Mahlzeit verſchwinden zu laſſen, und nun ſich Lude einmal hatte entſchließen müſſen, zu eſſen, war von ſeiner frühern Appetitloſigkeit nichts mehr zu verſpüren. So'ne Knoblauchswurſt iſt doch was Wunder⸗ ſchönes, ſagte er gefühlvoll, als er den letzten Biſſen hinuntergeſchluckt und ſich die Hände an ſeinem Haar abgewiſcht hatte. Wahrhaftig, das müſſen ſehr fidele Leute ſind, die alle Dage Knoblauchswürſte eſſen können! Und vorher wollteſt Du mir einbilden, Du äßeſt nicht gern Knoblauchswürſte, rief Amintha mit einem fröhlichen Lachen. Siehſt Du, Lude, jetzt habe ich Dich einmal ertappt! Aber Lude that, als ob ihn Amintha's Bemerkung im Geringſten nicht etwas angehe, er ſchaute mit einem fürchterlichen Mienenſpiel zum Himmel empor und ſagte ſehr gedankenvoll: da oben is'ne Wolke, die ſieht accurat aus, wie'n Webeſtuhl!— Heimlich aber dachte er: den nächſten Herrn, dem ick die Droſchke ufmache und der mir blos'n dummen Jungen giebt, den werde ick bitten, mir noch'ne Maulſchelle zuzugeben, denn die habe ick verdient für meine Dämlichkeit! Wie'n Webeſtuhl ſieht die Wolke aus? lachte Amintha. Nein, Lude, ſagte ſie dann ernſthaft, ſie ſieht gerade aus, wie ein ſehr guter lieber Freund, der ſeiner kleinen Freundin ſeine Lieblingsſpeiſe giebt, weil er denkt, daß ſie hungrig iſt, der ſeinen letzten — Groſchen hingiebt, um für ſie etwas zu kaufen, und der ſo hochherzig und großmüthig iſt, daß er ſelber freudig Hunger und Durſt erträgt für das arme Mädchen, dem er der beſte, theuerſte und aufopferndſte Freund iſt! Na, wenn ick das in dieſer großen dicken Wolke Alles ſehen kann! ſagte Lude erſtaunt und ſchien Amin⸗ tha's Rührung gar nicht zu bemerken. Aber Du bil⸗ deſt Dir manchmal ſo was ein. Da is das Ballet dran ſchuld, da ſiehſt Du lauter Wunder und Mähr⸗ chen. Aber komm, nu wollen wir fix noch einmal auf und nieder laufen, damit Du wieder warm wirſt. Komm! Amintha hing ſich an ihres Freundes Arm, und Beide gingen fröhlich die Linden hinunter. Herrje, beinah hätt' ick vergeſſen, was ick Dir noch erzählen wollte, ſagte Lude ſtille ſtehend. Es iſt heute 'n Herr bei Deiner Mutter zum Beſuch geweſen. Ein Herr! rief Amintha erſtaunt, und eine bange Ahnung ergriff ihr Herz. Was wollte er? Was ſagte er? Sage mir Alles recht genau und ausführlich, lie⸗ ber Lude. Er ſah ſehr ſtattlich aus und ſehr ſtolz. Ick ſtand grade vor der Thür, als er in'ner Droſchke ankam, und er winkte mir und fragte, ob hier in dem Hauſe nicht die Mutter von Amintha Albratti wohne! Alſo er kam um meinetwillen! ſagte das Kind zitternd. Nun, was ſagteſt Du? Ick ſagte ja, und ging mit ihm und brachte ihn zu Deiner Mutter. Und Du bliebſt doch da, hoffe ich, und hörteſt, was ſie ſprachen? Ne, ſagte Lude kopfſchüttelnd. Ick wollte bleiben, aber der Herr ſagte zu Deine Mutter, wenn ſie die Mutter wäre von Amintha Albratti, denn ſo müſſe — — 71— er ſie ganz allein ſprechen, worauf Deine Mutter ſagte, ſie wär's, und ick ſollte mir raußer ſcheeren. Und haſt Du nichts gehört, gar nichts? fragte Amintha ängſtlich. Nel ſagte Lude traurig. Und doch, um Dir die Wahrheit zu ſagen, habe ick gehorcht, denn ick dachte, daß ſie vielleicht über Dich ſprächen, und daß es Dir vielleicht lieb wäre, wenn ick Dir vorher'u bischen Nachricht brächte. Das war gut, rief Amintha. Was hörteſt Du? Nichts! Sie flüſterten immer! Nur einmal ſagte Deine Mutter laut: nein, nein! Das iſt viel zu wenig! Von zweihundert Thalern kann ich nicht leben! Und dann nachher ſagte ſie noch: werde ich ſie zuweilen ſehen? Ja, ſagte der Mann, alle Tage! Nun, und weiter, weiter? fragte Amintha athem⸗ los und zitternd. Weiter konnte ich nichts nicht hören, denn der Fremde kam bald darauf raus und ſagte nur noch, Deine Mutter ſolle auch recht pünktlich ſein! Lude, ſagte Amintha zitternd, Lude, entſinnſt Du Dich wohl noch, wie neulich der vornehme Bediente fragte, wie ich heiße und wo ich wohnte? Ach ja, neulich Abends? Ich hatt's ſchon ganz vergeſſen! rief Lude. Ich nicht! ſagte das Kind hochathmend. Ich habe alle Tage daran gedacht, nnd es war denſelben Tag, als der ſchöne vornehme Herr mich anredete. Ja, das habe ick auch noch nicht vergeſſen, ſagte Lude grimmig, und ick hoffe, er wird Dir in Ruhe laſſen, ſonſt— 4 Denke jetzt nicht daran, unterbrach ihn Amintha, ſondern ſage mir nur, ob es nicht vielleicht derſelbe Bediente war, der uns jenen Abend ausfragte. — 72— Ne, ganz gewiß nicht, den hätte ich wieder erkannt, denn er war ſo grob, weißt Du noch? Und doch war dieſer Mann gewiß auch von ihm, ſagte das Kind leiſe, wie zu ſich ſelber, er war geſtern Abend wieder in ſeiner Loge, und ich ſah wohl, daß er mich wieder erkannte, und daß er mich immerfort anſah, und das that mir förmlich weh im Herzen. Wer denn? fragte Lude erſtaunt. Wer hat Dich angeſehen? Das Kind ſchien wie aus einem Traum zu er⸗ wachen. Sie ſchrack zuſammen, und ſich feſt an Lude's Arm anklammernd, ſagte ſie: höre mich an, Lude, mein einzigſter, treueſter Freund. Ich habe eine Ah⸗ nung, als wenn wir bald recht unglücklich und traurig werden könnten. Ich kann Dir nicht ſagen, wodurch, und was es iſt, denn ich weiß es ſelbſt noch nicht. Aber ich fühle es. Weißt Du noch vorigen Sommer, Lude, wie wir zuſammen nach Moabit gegangen waren und mit den kleinen Hühnern auf der Wieſe ſpielten. Weißt Du noch, wie die zitterten und bebten und ängſtlich die Köpfe in die Luft ſtreckten, und die Luft war doch ganz klar und nichts war zu ſehen. Aber ſie fühlten's doch, daß ſie in Gefahr waren, und zit⸗ terten immerfort, und bald ſchoß wirklich ein Habicht aus der Luft herunter und nahm ſich eins von den kleinen Hühnern. Weißt Du's noch? Siehſt Du, gerade ſo iſt es mir. Ich habe ein Gefühl, als ob ein Habicht über mir ſchwebte, der mich jeden Augen⸗ blick ergreifen und mit ſich fortführen könnte. O, ich ängſtige mich ſo ſehr! Na, er ſoll nur kommen, der Habicht, rief Lude wild, denn ſo wollen wir ihm zeigen, was'ne Fauſt is! O, ick habe gute Knochen. Das hilft uns nicht! ſeufzte Amintha, Du wirſt uns nicht erretten können. Aber der Habicht ſchwebt — 73— doch über mir! Und alle dieſe Nächte habe ich kaum ſchlafen können. Es war mir immer, als ob ich ſeine Augen vor mir ſähe, dicht vor mir, und die brannten mir ordentlich in's Herz hinein, und das thut mir ſo wohl und doch ſo weh, und dabei war's immer, als flüſterte eine Stimme mir ganz leiſe zu: Amintha, nimm Dich in Acht, und denke Tag und Nacht daran, was Dir Frau Winkler geſagt hat. 1 Na, und was hat Dir denn die geſagt? fragte Lude verwundert. Ach Du weißt doch, wie wir neulich nicht wußten, was Ehre ſei! Da habe ich erſt meine Mutter ge⸗ fragt, aber,— aber, ſagte Amintha ſtammelnd, meine arme Mutter war ſchläfrig, und ſie wußte gewiß nicht, was ſie ſprach, auch fühlte ich wohl, daß das nicht das Richtige ſei, was ſie mir ſagte. Und da haſt Du Frau Winkler gefragt? Ja! Und was hat die Dir geantwortet? O, ſagte das Kind feierlich, ſie hat mir Worte geſagt, die ich nie wieder vergeſſen werde! Sie hat geſagt: Ehre iſt, wenn ein junges Mädchen niemals ſchlechte und unreine Gedanken hat. Wenn ſie niemals etwas thut und denkt, was nicht Gott und die ganze Welt ſehen kann, und vor dem ſie nicht roth werden braucht. Ehre iſt, wenn ſie arbeitſam und fleißig iſt, und lieber arbeitet, daß ihr das Blut aus den Fingern ſpritzt, als daß ſie irgend ein Geſchenk annimmt von einem Manne, der zu vornehm iſt, als daß er ſie hei⸗ rathen kann. Ehre iſt, wenn ein Mädchen lieber in einem ſchlechten und geflickten Kleide geht, das ſie ſich ſelbſt verdient hat, als in den ſeidenen Gewändern, die ihr ein reicher Herr, der nicht ihr Mann, oder ihr Bräutigam iſt, geſchenkt hat. Ehre iſt, wenn man keinem Menſchen, und ſei's ein Fürſt, oder ein K nig, 2 5 — 74— ſagt daß man ihn lieb hat, und wenn er noch ſo viele Geſchenke und Koſtbarkeiten dafür geben will, ſondern wenn man lieber in den Tod geht, als daß man ſolche Geſchenke nimmt. Ehre iſt, wenn man immer das Rechte thut und niemals um Vortheil und Geld willen eine ſchlechte Handlung begeht. Siehſt Du, das Alles hat Frau Winkler geſagt, und ich habe mir das Alles wohl gemerkt, und wiederhole es mir jeden Tag. Und das iſt auch Alles ſehr ſchön, ſagte Lude ſin⸗ nend, nur, Amintha, glaube ich, daß es ſehr ſchwer iſt, allemal zu wiſſen, welches das Rechte iſt, das man thun ſoll, und wenn jeder gleich wiſſen thäte, welches eine Schlechtigkeit und eine Sünde iſt, ſo würde viel⸗ leicht niemals nicht etwas Schlechtes und Sündliches geſchehen! Das habe ich auch gemeint, aber Frau Winkler hat zu mir geſagt, jeder Menſch hätte in ſich einen kleinen Engel, den hätte Gott ihm mitgegeben, daß er auf alle unſere Gedanken, ſelbſt auf die allergeheimſten, Achtung gäbe, und wenn wir nun etwas dächten, oder thun wollten, was Unrecht ſei, ſo wüßte es gleich der Engel, und dann klopfe er ſchnell an unſer Herz an und ermahne uns, an Gott zu denken, und ſo wie wir nur auf ihn hörten und unſern Engel zu uns ſprechen ließen, ſo flögen all' die ſchlimmen Gedanken und Wünſche ſchnell davon, und wir würden gewiß das Rechte thun. Das iſt ſehr hübſch, ſagte Lude, aber ick glaube, manchmal is der Engel nicht in uns ſelber, ſondern Gott hat'n dicht bei uns geſetzt, daß wir'n ſehen kön⸗ nen. Wenn ick an Dir zum Beiſpiel denke, Amintha, ſo könnte ich niemals nicht etwas Schlechtes denken oder thun, und wenn Du da biſt und ick Dir ſehe, ſo iſt es gewiß, daß ick gleich weiß, welches das Rechte is!— ——e —x — — 5— Amintha drückte ihm nur ſchweigend die Hand und ſagte gedankenvoll: und daß es ſolchen Engel in uns giebt, das iſt gewiß, und ich fühle es alle Tage, und ſeit vielen Tagen warnt mich mein Engel und ſagt mir, daß ich in Gefahr ſei. Aber das verſpreche ich Dir, Lude, ich werde niemals vergeſſen, was mir Frau Winkler geſagt hat, und ich will lieber ſterben, als etwas thun, wodurch ich meine Ehre verliere, und mich ſchämen muß, Dich oder Frau Winkler anzuſehen. Ihre Augen flammten in edler Begeiſterung, als ſie ſo ſprach, und ihre ſonſt ſo weichen kindlichen Mienen nahmen einen energiſchen Ausdruck an. Gott, Amintha, rief Lude zitternd, rede doch nicht von Sterben, mir wird immer ſo angſt, wenn Du ſo was ſagſt. Wäre Amintha eben minder erregt geweſen, ſo hätte ſie lachen müſſen über die fürchterlichen Zuckungen und Verdrehnngen auf Lude's ungeſchlachtem Geſicht. Aber es half Alles nichts, diesmal konnte er ſeine Thränen nicht zurückdrängen, und ſie brachen ſtrom⸗ weiſe aus ſeinen Augen hervor. Lude, Du weinſt, rief das Kind verzweiflungsvoll. Du glaubſt alſo auch, daß mir ein großes Unglück droht? Lude wandte ſich ab und trocknete ſchnell ſeine Thränen an ſeinem Rockärmel. Ick ſollte weinen? ſagte er. Ne, keineswegs. Die dämlichen Krähen da auf'n Kaſtanienbaum haben mir Schnee in's Geſicht geſchmiſſen, das is Alles! Ach Gott, und jetzt iſt es die höchſte Zeit, daß ich in's Opernhaus gehe, ſagte Amintha, als ſie eben wieder an der Akademieuhr vorüberkamen. Ich muß ſehr laufen, um zur beſtimmten Zeit da zu ſein. Ick will Dir raſch auf'n Arm nehmen! ſagte Lude. Nein, nein, Du ſollſt Dich nicht ſo anſtrengen. Komm nur ganz ſchnell! Und beide Kinder liefen ſchnell über den großen Platz dem Opernhaus zu. Vor der Thür blieb Amintha einen Augenblick ſtehen, Athem zu holen. Dann reichte ſie Lude die Hand und ſagte: Du wirſt über mich lachen, Lude, aber es iſt mir, als müßte ich laut um Hülfe rufen, und ich möchte weinen vor Angſt und Weh. Gewiß, gewiß, der Habicht ſchwebt über mir. Ach, lieber Lude, behalte mich nur lieb, und denke immer daran, daß ich niemals vergeſſen werde, was mir Frau Winkler geſagt hat. Und jetzt, lebe wohl, und denk' an mich. Sie wandte ſich haſtig um und ſchlüpfte eiligſt durch die Thür.— Lude aber ſtand noch lange ſteif und unbeweglich auf der Stelle, wo ſie ihn verlaſſen latte, ſeine Augen ſtarrten immerfort auf die Thür, durch welche ſie ihm verſchwunden war, und er wußte gar nicht, daß er bitterlich weinte. Die Zeit verging und Lude erhob ſich erſt aus ſei⸗ ner Betäubung und ſeinem Schmerz, als die Equipa⸗ gen ſchon am Opernhaus vorzufahren begannen, und ihn daran erinnerten, daß Amintha nun bald wieder kommen würde. Er trocknete ſich ſchnell die Augen und flüſterte: wenn ſie nur nicht ſehen thut, daß ich geheult habe. Denn ſo wird ſie gleich wieder unruhig werden! Na, ick werde ſagen, daß es von der Kälte iſt! Dann ließ er, gleichſam um ſich Muth zu machen, ſeine Finger im Tact des Deſſauer Marſches knacken, und ſtellte ſich erwartungsvoll an der Thüre auf, durch welche das Perſonal der Bühne das Haus zu verlaſſen pflegte. In dieſem Augenblick fuhr dicht neben ihm ein . — 77— Wagen vor, ein Kopf erſchien in dem geöffneten Seiten⸗ fenſter, und eine weibliche Stimme rief: ja, hier iſt es richtig! Das iſt die Thür! Lude erſchrak, denn er hatte deutlich die Stimme erkannt, es war Amintha's Mutter.— Wie war es möglich, daß die in einer Kutſche an⸗ gefahren kam? Weshalb wartete ſie hier auf Amintha, während ſie ſonſt doch immer ihm allein dieſe Sorge überlaſſen? 5 Eine namenloſe Angſt bemächtigte ſich ſeiner, und wie vorher Amintha, hatte auch er jetzt ein Gefühl, als müſſe er laut um Hülfe rufen.— Vorſichtig ſchlich er ſich näher an den Wagen, die nahe Straßenlaterne machte es ihm möglich, in das Innere des Wagens hinein zu ſeen. Richtig, da ſaß Madame Albratti, und neben ihr der Fremde, welcher heute ſchon bei Amintha's Mutter geweſen. Rathlos, ganz betäubt, ſtand Lude, nur das Eine wußte er, daß Amintha ihm geraubt werden, daß er ſie vielleicht niemals wiederſehen ſollte. Jetzt knarrte die Thür und die Tänzer und Tän⸗ zerinnen des Ballets ſtrömten heraus. Wie weh that Lude ihr Lachen und Plaudern, er hatte gar keinen Athem mehr in der Bruſt, und als jetzt der Wagen⸗ ſchlag aufgemacht ward und Madame Albratti heraus⸗ ſtieg, ſtürzte er ganz außer ſich zu ihr hin und fragte: was ſoll denn Amintha? Wo wollen Sie ſie hinbringen? Madame Albratti ſah ihn ſtolz an, und mit der Würde einer Königin ſagte ſie: dämlicher Junge, das geht Dir nichts an! Dann ſtieß ſie ihn zurück und ging raſch auf Amin⸗ tha zu, die eben herausgetreten war und ſuchend nach Lude umherzublicken ſchien. Komm, meine Tochter, ſagte ſie mit allem Pathos einer Primadonna. Komm, laß uns nach Hauſe fahren. — 78— Und ehe noch Amintha Zeit hatte etwas zu erwie⸗ dern, ſchob ſie ſie in den Wagen und ſchwang ſich ſelbſt hinein. Lude, lieber Lude! rief Amintha ängſtlich, denn ſie hatte lihren Freund ſchon bemerkt, und es war ihr, als müſſe er ſie erretten und ſie von ihrer Mutter und dem fremden Manne, der ſie feſthielt, erlöſen. Lude war ſchnell auf den Schlag des Wagens ge⸗ treten, und die Thüre, welche Amintha's Mutter ſchlie⸗ ßen wollte, mit Gewalt offen haltend, ſagte er: Amin⸗ tha hat mich gerufen, und ick denke, Sie könnten mir wohl mit nach Hauſe fahren laſſen. Er wollte ſich in den Wagen ſchwingen, aber der Fremde ſtieß ihn ſo heftig zurück, daß Lude taumelnd zu Boden fiel. Die Thüre ward zugeworfen und der Wagen rollte fort. Aber wie heftig Lude's Fall auch geweſen ſein mochte, er richtete ſich ſchnell wieder auf und rannte dem Wagen nach. Die Angſt ſchien ihm Flügel zu geben, bald hatte er den Wagen eingeholt und ſchwang ſich kühn hinten auf. Drin im Wagen aber ſaß Amintha bleich und zit⸗ ternd, und fragte angſtvoll ihre Mutter, wohin ſie führen, und wer der fremde Herr ſei, und weshalb er ſie feſthalte. Ihre Mutter antwortete nicht, und nur einmal ſagte ſie: Du wirſt ſchon Alles erfahren, und mir dankſt Du Dein ganzes Glück. Der Wagen fuhr immer weiter, und jetzt vernahm man deutlich an der Hinterſeite des Wagens ein Sto⸗ ßen und Poltern. Es iſt Jemand hinten auf den Wagen geſtiegent ſagte Madame Albratti. Es wird Lude ſein! rief Amintha freudig. Der Unbekannte neben ihr erhob ſich raſch, öffnete — — 79— das Vorderfenſter und rief in einer fremden Sprache dem Kutſcher einige Worte zu.— Dieſer nickte mit dem Kopfe und ſchwenkte dann raſch mehrmals ſeine Peitſche nach hinten. Es war Amintha, als höre ſie einen gellenden Schrei, als poltere etwas hinten vom Wagen herab. dude, ſie haben Lude mit der Peitſche geſchlagen, ſchrie ſie ſchmerzvoll. Ihre Mutter gebot ihr heftig zu ſchweigen, und ſie fuhren weiter.— Endlich hielt der Wagen, und der Mann öffnete den Wagenſchlag und ſagte leiſe: wir ſind zur Stelle. Sollen wir hier ausſteigen? fragte Madame Albratti. Ja, ſagte er, und ich bitte, daß Sie den Anfang machen. Die alte Primadonna ſchwang ſich behende aus dem Wagen und blickte neugierig umher, um zu ſehen, in welcher Gegend ſie ſich befänden, denn ſie ſelber war im höchſten Grade geſpannt zu wiſſen, wer der vornehme Herr ſei, der ihr dreitauſend Thaler wollte auszahlen laſſen, und außerdem ſie und ihre Tochter zu ſich zu nehmen beſchloſſen hatte. Paulowitſch, der geſchickte Unterhändler, hatte ihr weder den Namen, noch die Wohnung des vornehmen Herrn geſagt, aber wozu bedurfte es auch deſſen, da er ihr ja verſprochen hatte, ſie ſolle auch bei dem Herrn, welcher ſo reich und ſo großmüthig war, wohnen. Das iſt merkwürdig, ſagte Madame Albratti er⸗ ſtaunt, wir ſind ganz nahe am Hamburger Thor, und ich ſehe kein einziges Haus, in welchem ein ſo vor⸗ nehmer Herr wohnen könnte. O bitte, wollen Sie dies einen Augenblick halten, ſagte Paulowitſch, und reichte ihr ein kleines Paket hin, das der entzückten Sängerin einige Geldrollen zu enthalten ſchien. Nun, Amintha, ſteige ſchnell aus, rief die alte Primadonna ungeduldig. In demſelben Augenblick rief Paulowitſch dem Kutſcher einige Worte zu, und mit Blitzesſchnelle fuhr der Wagen von dannen. Amintha, Amintha! ſchrie Madama Albratti, aber das Geräuſch des dahinrollenden Wagens übertönte ihre Stimme. Betrogen, ich bin verrathen, betrogen! ſchrie ſie wüthend. Dann erinnerte ſie ſich des Pakets, das ſie in Händen hielt. Vielleicht ſollte dies ihr Aufſchluß geben. Sie eilte ſchnell zu der nächſten Laterne und öff⸗ nete das Papier. Drei Rollen, jede mit hundert Tha⸗ lern bezeichnet, lagen darin, dabei ein offener Brief. Madame Albratti ſtrengte ſich an ihn zu leſen. „Zürnen Sie nicht, ſtand in dem Brief, daß ich Sie leider hintergehen muß. Aber mein Herr hat eine an⸗ geborne Abneigung gegen alte Damen, und liebt durch⸗ aus nur die jungen. Verſuchen Sie auch nicht, zu er⸗ mitteln, bei wem Ihre Tochter iſt, das wird zu Nichts führen und könnte nur für Sie die unangenehme Folge haben, daß die dreitauſend Thaler, von denen ich Ih⸗ nen heute als Abſchlagszahlung dreihundert Ihaler überreiche, Ihnen verloren gehen. Man wird Sie beobachten, und wenn Sie Sich ruhig verhalten und ſchweigen, werden Ihnen alle ſechs Wochen abermals dreihundert Thaler ausgezahlt werden. Sollte es Ihnen aber belieben, der Polizei Anzeige zu machen, oder ſonſt irgend Jemand unſern kleinen Handel zu verrathen, ſo geht Ihnen nicht allein Ihr Geld verloren, ſondern Sie wiſſen, daß ich ein von Ihnen unterſchriebenes Papier in Händen habe, aus welchem ſehr klar her⸗ vorgeht, daß Sie damit übereinſtimmten, Ihre Tochter mir zu überlaſſen, und daß Sie dieſelbe auf ſechs Mo⸗ nate bei uns in Penſion gegeben haben, nur mit dem — 81— Unterſchiede, daß Sie die Penſion bekommen, ſtatt ſie zu zahlen. Sie werden ſelbſt wiſſen, ob die Polizei mit Ihnen einverſtanden ſein wird. Uebrigens fürchten Sie nichts; wenn Sie ſchweigen, halten wir Wort, und Ihr Geld und Ihre Tochter ſollen Ihnen nicht verloren gehen! Ich bin überliſtet! ſagte Madame Albratti zähne⸗ knirſchend. Und wer weiß, ob ich mein Geld richtig ausbezahlt bekomme!- Allerdings, Herr Paulywitſch war ſehr klug, und er ſagte zu ſich ſelber: wenn ich meinem Herrn den Contract mit dieſem alten Weibe zeige, wird er mie natürlich dreitauſend Thaler für ſie auszahlen. Dann ſteht es in meiner Hand, ihr ſo viel zu geben, als ich will. Welch ein Eſel wäre ich alſo, der alten Kupp⸗ lerin die ganze Summe auf einmal auszuzahlen. Wird dieſes Kind wieder fortgeſchickt, bevor die erſten ſechs Wochen verſtrichen ſind, ſo bekommt ihre Mutter gar nichts mehr, und ich habe dann ein gutes Geſchäſt gemacht, wirklich ein ſehr gutes! In den Pamilienhäuſern. Blutend und ganz betäubt von dem heftigen Falle erhob ſich Lude von der Erde. Das Blut floß ihm in Strömen aus der Naſe, und ſein eines Auge war hoch aufgeſchwollen, denn die lange Peitſche des Kut⸗ ſchers hatte ihn gerade in's Geſicht getroffen, und der wüthende Schmerz hatte ihn taumelnd vom Wagen herunterſinken laſſen. Aber Lude hatte jetzt nicht Zeit an ſeine eigenen Schmerzen zu denken, ſeine ganze Seele war nur mit Amintha beſchäftigt, und er ver⸗ wünſchte ſich ſelber, daß er nicht die Kraft gehabt, den Peitſchenhieben zum Trotz dennoch auf dem Wagen zu bleiben. Aber das hilft jetzt Allens nichts, ſagte er dann mit troſtloſem Herzen, es iſt doch Allens umſonſt, und ick werde ihr heute Abend doch nicht wiederfinden. Dazu is es ſehr ſpät, und wenn ick nu nicht nach Hauſe gehe, denn ſo wird Vater ſich ängſtigen. Er entſchloß ſich alſo, für heute Abend alle wei⸗ tern unnöthigen Nachforſchungen aufzugeben, und ſchlug mit eiligem Schritt den Weg nach den Familien⸗ häuſern ein. Aber ehe er dieſelben betrat, lief er erſt unter eine Plumpe und begoß ſich den Kopf und das — 83— Geſicht mit Waſſer. Denn, dachte er, Vater würde ſich ſonſt ängſtigen, wenn ick ſo voll Blut bin, und meine Augen werden auch wohl noch roth vom Heu⸗ len ſind. So aber wuſch er ſich nur das Blut ſorgfältig über das ganze Geſicht, daß dies eine angenehme mar⸗ morirte Farbe bekam, und trat dann getroſten Muthes in das Haus.. Die Gänge waren ſchon ſtill und öde, und alles Leben ſchien erſtorben in dieſen Zimmern, aus welchen man den ganzen Tag über gewohnt war, das Geräuſch klappernder Webeſtühle zu hören. Nur als ſich Lude der Stube, in welcher ſein Vater wohnte, näherte, ſchallte ihm von dort das Geräuſch lauter, ſtreitender Stimmen entgegen. Ach Gott, Chriſtian iſt gewiß ſchon wieder grob gegen Vatern geweſen, flüſterte Lude ſchmerzlich und öffnete raſch die Thür. Seit Chriſtian wieder zurückgekehrt, waren Schmerz und Sorge und nagende, verzweiflungsvolle Angſt die ſtets quälenden Begleiter des alten Webers geweſen, und oftmals ſchon in der Bitterniß ſeines Wehes hatte er gewünſcht, daß der Tod kömmen möge, ihn zu be⸗ freien von einem Leben, das ihm nur Schmerz und Kummer noch aufzubehalten ſchien. Nicht daß er arm war und ſich plagen mußte von früh bis in die Nacht, nicht dies war es, welches ihn betrübte, er war der Armuth von früheſter Jugend an gewöhnt, und hatte ſie lieb gewonnen, wie eine Freundin, die jeden ſeiner Seufzer verſtand und jeden Schmerz mit ihm theilte. Aber, ſagte er oft mit ſchmerzlichem Aechzen, wenn ich ſonſt mich plagte und quälte in meiner Armuth, ſo war ich doch noch ſo reich, denn ich hoffte auf die Zukunft, und ich dachte, daß Gott mir dennoch ſeinen ſchönſten Segen verliehen, weil er mir Kinder gegeben 6* Drei Söhne, o, iſt das nicht ein Reichthum, um den mich mancher König und Herr inmitten ſeines Glan⸗ zes beneiden mag? Was hatte ich nicht Alles für ſtolze Hoffnungen auf dieſe meine Kinder gebaut, und wie glücklich war ich nicht, als ihre Mutter ſie mir gebar. Das iſt nun Alles vorbei, denn ein ſchlechtes Kind verbittert und vergiftet Einem ſelbſt auch die Freude, die man an einem gutem Kinde haben könnte. Was hilft es, daß Thomas ſo fleißig und brav iſt, und Lude ein ſo guter Junge, ich kann doch immer nur an Chriſtian denken, und ſtatt mich über die bei⸗ den Andern zu freuen, muß ich mich immer nur be⸗ trüben über dieſen meinen Sohn, der mein Herz wie mit tauſend Dolchen verwundet. Wie kann aber ein Herz noch Freude empfinden, wenn es aus ſo vielen Wunden blutet? Aber eines Vaters Liebe ermüdet niemals, hört niemals auf zu hoffen, und der alte Schmidt glaubte noch immer, ſeinen Ermahnungen, ſeinen Warnungen und Bitten möge es vorbehalten ſein, den Sohn, den er doppelt liebte, weil er ſo viel Kummer um ihn litt, zu einem geregelten und arbeitſamen Leben zurück zu führen. Aber noch hatte es nicht gelingen wollen, und alle Bemühungen waren fruchtlos geweſen. Du mußt arbeiten, mein Sohn, ſagte der alte Va⸗ ter flehend zu Chriſtian, während dieſer in höchſter Gelaſſenheit ſich an den Tiſch ſetzte und das Brod und Bier verzehrte, das ſeines alten Vaters Fleiß er⸗ worben. Ja, Du mußt arbeiten, mein Sohn, die Arbeit, das iſt der rechte Segen Gottes, und ſie allein iſt es, die uns vor ſchlechten Gedanken bewahrt. Ja, ich will auch arbeiten, rief Chriſtian mit einem rauhen Lachen, In eine Arbeit ſoll es werden, daß Einem das Herz hüpft vor Freude und Plaiſir. Der Alte erblaßte und fragte zitternd: Haſt Du —Q—·Qᷓ́ᷓe 85= Dich denn ſchon wirklich umgeſehen nach Arbeit? Haſt Du Dich bei guten Menſchen darum bemüht? O, umgeſehen habe ich mich ſchon ſeit acht Tagen, erwiederte Chriſtian, und blickte ſeinen Vater mit einem eigenthümlichen ironiſchen Ausdruck an, ja, umgeſehen habe ich mich wahrhaftig ſehr viel. Aber es iſt im⸗ mer ſchwer,'ne gute Arbeit auszukundſchaften, zumal, wenn man ſo ganz allein iſt, wie ich. Aber's wird bald beſſer werden, morgen oder übermorgen muß mein guter Freund, der Baron Hermfeld, hier an⸗ kommen, und dann ſoll die Arbeit losgehen, das ver⸗ ſpreche ich Dir, Vater. Uebrigens eine kleine Arbeit habe ich noch heute Nacht vor. Du willſt heute Nacht arbeiten? Und was willſt Du arbeiten? fragte der Alte tonlos. Um Gotteswillen, rief Chriſtian ungeduldig, ſtell' Dich nur nicht ſo unſchuldig an, alter Vater. Das iſt gut für die reichen und vornehmen Leute, denen Du mit Deinem frommen Geheunl Geld abnehmen kannſt, aber bei mir richteſt Du damit nichts aus. Ich glaube nicht an alte Heuchler. Der alte Mann ſeufzte hoch auf. Wie ſoll ich es nur machen, ihn zu überzeugen, daß er an mich glaubt, ſagte er leiſe. Ich glaube nichts! rief Chriſtian wild. Nein, beim Teufel, ich glaube an gar nichts, denn ich kenne die Welt und die Menſchen, Vater, und ich weiß, daß es nichts iſt als Betrug und Heuchelei. Auch nicht an Gott glaubſt Du, mein Sohn, auch nicht an die Beſtrafung Deiner Sünden? Pah, an Gott! Wenn's einen Gott giebt und er ſieht herunter auf die Menſchen und ſieht alle ihre Schlechtigkeit und Niederträchtigkeit, wie kann er's denn mit anſehen, und ſchlägt und wettert nicht drein? Nein, alter Vater, ich laſſe mir keine Faxen vormachen und bin nicht ſo dumm, an Deine frommen Redens⸗ arten zu glauben. Aber arbeiten muß ich, da haſt Du Recht, und ich will's auch, darauf verlaß Dich, und laß das Geheul und Gewinſel. Und was willſt Du arbeiten? wiederholte der Alte ſeine frühere Frage. 3 Du kannſt alſo keine Ruhe geben, rief Chriſtian zornig, Du ſtellſt Dich immer noch dumm an? Was ich arbeiten will? Gut, ich werde es Dir ſagen! Er trat dicht an ſeinen Vater heran und ſchrie ihm iws Ohr: Stehlen will ich! Hörſt Du, ſtehlen! Chriſtian, rief der Alte emporfahrend, Chriſtian, das iſt unmöglich, das kann nicht Dein Ernſt ſein! Sage, daß Du mich nur haſt erſchrecken wollen, daß es Dir Spaß macht, mich zu ängſtigen. Siehſt Du, es iſt Dir gelungen, ſiehſt Du, meine Glieder zittern, ja, ich alter Mann, ich war ſo dumm und ließ mich erſchrecken. Aber nun laß es auch genug ſein, mein Sohn, nun ſage, daß es nicht Dein Ernſt war, was Du da ſagteſt!— Es iſt mein Ernſt, ſchrie Chriſtian, wüthend mit dem Fuße ſtampfend. Zum Henker, ſehe ich aus, wie einer, der Spaß machen will? Es iſt mein Ernſt, ſtehlen will ich, ſtehlen! Aber Du wirſt es nicht thun, rief ſein Vater fle⸗ hend, Du wirſt es nicht thun, Chriſtian, wenn ich Dich darum bitte, wenn ich Dich anflehe, meine alten Tage zu ſchonen, Deinen Vater nicht zu ermorden, Chriſtian. Nein, nein, mein Sohn will nicht auf's Neue Schande und Kummer auf die weißen Haare ſeines Vaters brin⸗ gen, er will nicht, daß ich ihm fluchend in die Grube fahre. Mein Sohn will verhungern, wie ein Schaf, ſtatt zu leben in Herrlichkeit und Freuden, höhnte Chriſtian. Ich will für Dich arbeiten, Chriſtian, rief ſein Va⸗ 8e; ter, ja, Chriſtian, Du ſollſt bei mir bleiben, immer, immer, und ich will für Dich arbeiten, Du ſollſt nie⸗ mals arbeiten brauchen! O, meine alten Hände können noch fleißig ſein, und ſie ſollen Tag und Nacht keine Ruhe haben. Lache nicht, mein Sohn, meine alten Glieder haben noch Muth und Stärke, und Gott wird mir ſchon Kraft geben, unverdroſſen zu arbeiten, wenn es gilt meinen Sohn, meinen geliebten, theuerſten Sohn vor Schände und Verbrechen zu bewahren. Ja, Chriſtian, das habe ich Dir noch nicht geſagt, aber es iſt wahr, Dich liebe ich am meiſten von meinen Kin⸗ dern, von Dir ſpreche ich zu Gott die ganze Nacht bindur ch, an Dich denke ich den ganzen Tag, und wenn Du nicht bei mir biſt, ſo ſchreit mein Herz nach Dir in Sehnſucht und Verlangen. Dich liebe ich am zärt⸗ lichſten, Sohn, und wer will ſagen, daß ein Vater keine Kraft hat zu arbeiten für einen Sohn, der ihm das Theuerſte iſt, was er auf der Welt hat. Nein, nein, lache nicht, ich werde für Dich arbeiten, und Du ſollſt es gut bei mir haben, Chriſtian, Du ſollſt täglich Bier reinten können und Fleiſch eſſen, und einen bequemen Lehnſtuhl will ich I Dir kaufen, und Taback rauchen ſollſt Du den ganzen Tag. Und das willſt Du Alles verdienen mit Deinen ſchwachen, zitternden Händen? rief Chriſtian lachend. Biſt Du verrückt, alter Vater, oder meinſt Du, daß ich es bin? Nun, und wenn ich es nicht verdienen kann, ſo werde ich für Dich betteln gehen, ſagte der Alte mit überſtrömenden Augen. O, betteln iſt keine Schande! Wenn ein Vater für ſeinen Sohn bettelt, ſo ſchauen alle Engel im Himmel zu und geben ihren Segen dazu. Ja, ich werde auch für Dich betteln! Und dann, Tho⸗ mas wird auch für Dich arbeiten, und Lude. O Du ſollſt leben, wie ein großer Herr, Alles was Du willſt, — 88— das ſoll geſchehen, wir wollen Alle nur Deine Bedien⸗ ten ſein. Ja, Du ſollſt zufrieden und glücklich leben, wenn Du mir nur verſprechen willſt, nicht zu ſtehlen. Hörſt Du, Chriſtian, verſprich es mir! Auf meinen Knieen beſchwöre ich Dich, verſprich mir, daß Du nicht ſtehlen willſt! 4 Und der Alte ſank laut weinend nieder und um⸗ klammerte die Kniee ſeines Sohnes. Dieſer ſtieß ihn wild zurück. Wird dieſe Faxen⸗ komödie jetzt ein Ende haben, ſchrie er wüthend, oder ſoll ich mir erſt mit Gewalt Ruhe verſchaffen? Ich bin kein kleines Kind, das man mit Heulen und Win⸗ ſeln zur Ruhe bringt. Ich bin ein Mann, der weiß, was er zu thun hat, und der ſich den Teufel um Eure Geſetze ſcheert. Fröhlich und fidel will ich leben, und dazu gehört Geld, viel Geld, und das will ich mir nehmen, wo ich weiß, daß es zu haben iſt. Nun, und wenn ich dabei ertappt werde, was ſchadet's weiter? O, im Gefängniß kann man ein ſehr fideles Leben führen und braucht nichts nicht zu thun. Wäre ich alſo nicht ein Narr, wenn ich arbeiten und mich pla⸗ gen wollte, wie ein Hund, ſtatt in Luſt und Freuden zu leben, den Reichen abzujagen, was ſie den Armen eſtohlen haben, und der Polizei ein Schnippchen zu Fohlanen, ſo oft ich kann? O, das iſt ein Haupt⸗ vergnügen, zu wiſſen, daß die Polizei immer wie'n Jagdhund hinter uns her iſt und ſie dann zu über⸗ liſten und anzuführen, das iſt mehr werth, als hundert Thaler. Nun, ſagte der Alte, ſich aufrichtend, und ſein Ge⸗ ſicht nahm einen energiſchen Ausdruck an, nun Chri⸗ ſtian, wenn kein Bitten und Flehen hilft bei Dir, ſo werde ich Dich mit Gewalt feſthalten. Du willſt aus⸗ ehen und ſtehlen, ich ſage Dir aber, daß Du dies Vunnrer nicht verlaſſen ſollſt. Meine Arme werden — — 89— noch Kraft haben, Dich zu halten, und ich will mich an Dich anklammern mit der Todesverzweiflung eines Vaters. Er faßte mit übermenſchlicher Kraft die Arme ſeines Sohnes, und ihn ſo feſthaltend, daß dieſer ſich kaum zu regen vermochte, ſagte er: Jetzt verſuch's, mich zu verlaſſen, jetzt gehe hinaus zum Stehlen! O, Gott wird mir ſchon Kraft geben, Dich zu hal⸗ ten, bis Thomas oder Lude kommen und mir bei⸗ ſtehen. Einen Augenblick war Chriſtian wie betäubt von Ueberraſchung und Schrecken, ſeine Arme ſanken wie gelähmt nieder unter dem Eiſendruck ſeines Vaters, er fühlte ſich überwältigt, bezwungen, und ſtand regungs⸗ los und ohne den Banden zu widerſtreben da. O, ſagte ſein Vater mit einem glücklichen, trium⸗ phirenden Lachen, o ich wußte es wohl, daß Gott mir Kraft geben würde, Dir zu helfen, Gott verläßt einen Vater nicht, der ſeinen Sohn vom Verderben zurück⸗ halten will! Aber die augenblickliche Beſtürzung Chriſtians war ſchon vorüber, die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen hoch auf vor Zorn, ſeine Nüſtern flogen, ſeine Lippen drängten ſich weit vor, und ein keuchender Athem tönte aus ſeiner Bruſt hervor. Ein eigenthümliches Flammen und Blitzen war in dieſen kleinen tückiſchen Augen, die von den dicken buſchichten Augenbraunen faſt überdeckt erſchienen und ihm ein erſchreckendes An⸗ ſehen verliehen. Gewiß, es war ein entſetzensvolles Bild, dieſer Sohn bebend und ſprachlos vor wildem, furchtbarem Zorn, und dieſer ſchwache Greis, deſſen Antlitz leuchtete in Begeiſterung und Energie, und der mit ſeinen ſchwachen Greiſenhänden die herkuliſche Ge⸗ ſtalt des Sohnes zu feſſeln vermochte. Jetzt ſtieß Chriſtian ein kurzes, dumpfes Geheul — 90— aus, und mit einem einzigen, wüthenden Ruck hatte er ſich von ſeinem Vater befreit und ihn zur Erde geworfen. 4 Du willſt mich halten, ſchrie er wüthend, und in ſeinem Zorn nicht mehr wiſſend, was er that. Du willſt mich halten, alter Narr, Du willſt mir Gewalt anthun? Warte, das ſollſt Du büßen! Und ſchon erhob er die Hand zu einem wüthenden Schlage, aber in dieſem Angenblicke öffnete ſich die Thür und Lude ſtürzte herein. Mit einem einzigen Satz war er an der Seite ſeines Vaters, und Chri⸗ ſtian's Arm zurückſchleudernd ſchrie er: Chriſtian, wenn Du Vatern ſchlägſt, ſo jage ich Dir mein Meſſer in'n Leib, das ſage ick Dir! Es iſt ſchändlich, daß Du ſo gegen n alten Mann ſein kannſt, der ſo ſchwach is, daß er ſich nicht wehren kann, und der noch dazu Dein Vater is! Es lag Etwas in dieſer edlen zornigen Entrüſtung des Knaben, das ſelbſt ſeinem wilden, rohen Bruder Achtung abnöthigte, und er ſagte mit minder wildem Ton: er iſt verrückt, der alte Mann, und er wollte mich feſthalten, daß ich heut Abend nicht mehr aus⸗ gehen könnte.. Und denn ſo wollteſt Du doch ausgehen, wenn's Vater nicht haben wollte? fragte Lude, und half dem alten Manne, der ſich ſchweigend und mit todesblaſſem Geſicht aufrichtete. Denn ſo wollteſt Du ungehorſam ſein gegen'n alten Mann, der Dein Vater is, und der ſo gut iſt und Dich bei ſich behält und Dir zu eeſſen und zu trinken giebt, daß Du den ganzen Tag rum faullenzen kannſt und gar nichts nicht thun brauchſt? Schweig, Lude, ſchweig, befahl der Alte mit ängſt⸗ lichem Ton, reize ihn nicht, Du weißt, er iſt ſo heftig. Wenn Du das wußteſt, hätteſt Du mich auch nicht reizen ſollen, ſchrie Chriſtian, den der Gedanke wüthend — 91— machte, daß ein alter, ſchwacher Mann im Stande ge⸗ weſen, ihn einen Augenblick zu bändigen. Wenn Du wußteſt, daß ich ſo heftig bin, ſo hätteſt Du mich ver⸗ ſchonen ſollen mit Deinem Gewinſel und Geſchnatter, daß'n ehrlichen Mann ganz verdreht machen kann. In dieſem Angenblick öffnete ſich abermals die Thür, und in derſelben erſchien das edle und bleiche Angeſicht des dritten Sohnes, der endlich das Geräuſch ver⸗ nommen hatte und ſeinem Vater zur Hülfe herbeieilte. Was geht hier vor? fragte Thomas, und ſeine edle und ruhige Haltung imponirte ſelbſt ſeinem Bruder Chriſtian, daß er ſchweigend ſich abwandte. Chriſtian wollte Vatern ſchlagen! ſchrie Lude. Schlagen! rief Thomas und ſein Geſicht röthete ſich einen Augenblick vor innerer Aufregung. Dann trat er zu Chriſtian hin, und ihn bei der Schulter packend und ihm feſt in die Augen ſehend, ſagte er: 2 7 7 8 elender Menſch, wage es noch einmal, die Hand gegen meinen Vater zu erheben, und in derſelben Stunde überliefere ich Dich der Polizei. Laß mich los! ſchrie Chriſtian und ſuchte Thomas Hand von ſeiner Schulter zu ſchütteln. Laß mich los und kümmere Dich nicht um mich. Was hat ſo'n vor⸗ nehmer und kluger Herr, als wie Du biſt, auch mit mir zu ſchaffen. Geh' doch lieber hin zu Deiner Ba⸗ roneß Louiſe, und nimm Schreibſtunden, oder trag ihr 'n Eimer Waſſer rauf, das is viel beſſer, als hier n Weiſen zu ſpielen. Ja,'s is ne hübſche Geſchichte das mit Baroneß Louiſe, und ihr Vater wird'ne aus⸗ bündige Freude haben, wenn er kommt! Na, ihr Vater is'n guter Freund von mir, und wenn er kommt, werd ich ihm die Freude machen und ihm ſagen, daß er Hoffnung hat unſer Schwiegervater zu werden! Alſo ſei hübſch gut und ſanft gegen mich, damit ich — 92— beim Baron'n Freiwerber für Dich machen thue! Ha, ha, ha! Und nun adje, ich gehe aus! Er nahm ſeine Mütze und wollte ſich lachend ent⸗ fernen. Halt ihn feſt, halt ihn feſt! ſchrie der Alte. Er will ausgehen, um uns Alle zu verderben. Er will ſtehlen! Haltet ihn feſt, er will ſtehlen. Und mit Rieſengewalt ſtürzte ſich Thomas auf ſei⸗ nen Bruder, der, laut ſchnaufend vor Wuth, mit ſeinen Fäuſten um ſich hieb. Ein kurzer Kampf begann, ein fürchterlicher ent⸗ ſetzensvoller Kampf, in welchem der Bruder gegen den Bruder kämpfte, während ihr Vater auf ſeinen Knieen lag und mit zitternder Lippe zu Gott flehte um Er⸗ barmen. Niemand ſprach ein Wort, als aber Chriſtian von Thomas überwältigt und zu Boden geworfen ward, da ſtieß Lude einen lauten Schrei der Freude aus, und der Alte rief, ſeine Hände zum Himmel erhebend: Gott hat mein Gebet erhört! Mein Sohn ſoll vor einem Verbrechen bewahrt werden! Gieb mir ein Tuch, ein Tuch! rief Thomas athem⸗ los, und mit äußerſter Kraftanſtrengung Chriſtian am Boden feſthaltend. So, Lude, und während ich ihm die Hände binde, ſchnüre Du ihm die Füße zuſammen. O, wir wollen ihn ſchon hindern, und er ſoll nicht auf's Neue Schande über uns bringen! Ja, ja, dieſe Nacht wollen wir ihn ſchon halten, und morgen wird er ſchon vernünftig mit ſich reden laſſen! Ihren vereinten Bemühungen war es endlich ge⸗ lungen Chriſtian zu binden und zu feſſeln, daß er nicht im Stande war, ſich vom Boden zu erheben. Aber von ſeinen Lippen tönten wilde Verwünſchungen, und mit lantem Fluchen ſchwur er, Rache zu nehmen für dieſen ihm angethaenen Schimpf. 6 — 93— Thomas ſagte ruhig: magſt Du denn immerhin verſuchen, Dich an mir zu rächen. Nur unſern armen alten Vater, den ſollſt Du in Ruhe laſſen. Nein, Vater, weine nicht mehr! Sei nicht muthlos, mein Vater! Wenn Dir Chriſtian Kummer macht und bit⸗ teres Herzeleid, ſo werden Deine andern beiden Söhne doch immer bemüht ſein, Dir Deinen Kummer zu verſüßen und Dir Freude zu machen. Nicht wahr, Lude, das wollen wir? Ja, Vater, das wollen wir! rief der Knabe, und Beide warfen ſich in die geöffneten Arme ihres Vaters, der ſie feſt an ſein Herz drückte und bitterlich weinte vor großem Leid und großer Freude. Des Himmels Segen über Euch, meine guten Kin⸗ der! ſagte er dann mit feierlichem Ernſt. Bleibt ſo gut, wie Ihr bisher geweſen, ſeid fleißig und arbeitſam, erhaltet Euch ein geſundes Herz und ein gutes Gewiſſen, und Ihr werdet Euer Leben lang glücklich und zufrie⸗ den ſein, wenn Ihr auch hungern und darben müßt! Dann hieß er Thomas wieder in ſein Zimmer gehen, weil es ſpät ſei und ſie Alle der Ruhe bedürf⸗ † ten, und Thomas gehorchte um ſo williger dieſem Be⸗ fehl ſeines Vaters, weil er dieſe Stunden der Ruhe immer dazu anzuwenden pflegte, um Louiſen zu ſchrei⸗ ben und ihr auf dem Papier alles das zu ſagen und allen den Gefühlen Worte zu geben, die in ſeinem Herzen lebten, und für die er keine Worte hatte, wenn er ihr gegenüber ſtand.— Bald war Alles ſtill in dem Gemach des alten Webers. Chriſtian ſchien zu ſchlafen, oder vielleicht war es nur der Zorn und die Beſchämung, welche ihn ſtumm gemacht. Lude ſchlief wirklich; die Jugend iſt ſo glücklich, daß ſelbſt der Kummer ihr nur eine Art Arkanum iſt, das ſie in ſüßes Vergeſſen und traum⸗ loſe Ruhe verſenkt. Aber dem Alter iſt der Kummer — 94— und Gram ein nagender, nimmer raſtender Wurm, welcher mit unerbittlicher Strenge ſelbſt den Troſtes⸗ engel des Schlafes von dem Lager treibt, auf welchem der Greis ſich ruhelos plagt mit ſeinen Sorgen und ſeiner Pein. 1 3 Der alte Schmidt ſchlief nicht, er unterdrückte nur ſein Seufzen und Weinen, damit Lude, der das Lager mit ihm theilte, nicht geſtört werde in ſeinem Schlum⸗ mer; aber wie hätte er ſchlafen können, da ſein Sohn, ſein unglücklicher, immer noch ſo heiß geliebter Sohn gebunden da lag auf dem harten Boden, wie hätte er ſchlafen können, da er daran dachte, daß nur durch ſolch grauſames Mittel ein Verbrechen hatte verhindert und ſein Kind vor neuer Sünde hatte bewahrt werden können?— Er fühlte ſein Herz zerriſſen von unnenn⸗ baren Qualen, ſeine Seele bewegt von den widerſtrei⸗ tendſten Gefühlen. Dieſe Liebe zu Chriſtian, ſie hatte in dem Herzen des alten Mannes nach und nach ſich zu einer krankhaften Höhe emporgeſchraubt, ſie hatte ſich in daſſelbe eingeätzt mit den Thränen, deren er täglich ſo viele vergießen mußte um Chriſtian, mit den ſtets um ihn ſorgenden und für ihn flehenden Ge⸗ danken. Chriſtian war allgemach der innerſte Mittel⸗ punkt ſeiner Gedanken, ſeines Gebetes, ſeines Wachens und Träumens geworden, weil er ſtets die Angſt und Sorge, den Kummer und die Verzweiflung wach er⸗ hielt in dem Herzen ſeines Vaters, und über all dieſen Gedanken an Chriſtian, war es gekommen, daß der alte Mann faſt gleichgültig geworden gegen ſeine bei⸗ den andern Söhne, daß die Liebe zu dieſen in den Hintergrund gebrängt worden durch die ſtets nagende Qual um Chriſtian. Es war ihm ganz gleich, ob Thomas arbeitete, oder Lude ſich auf den Straßen umhertrieb, er wußte ſie dennoch ungefährdet und fern von jedem Verbrechen, aber Chriſtian mußte immer 95 bei ihm ſein, wenn er nicht zittern ſollte in Sorge und banger Befürchtung, Chriſtian mußte heiter ſein und zufrieden, wenn ſein alter Vater in düſterer Vorahnung nicht ein neues Verbrechen ſollte heranſchleichen ſehen, Chriſtian ſollte und mußte glücklich werden um jeden Preis, denn das Glück wird ihn bewahren vor der Verſuchung und Sünde! Er muß glücklich und zufrieden werden, dachte der Greis auch jetzt, als er ſchlummerlos auf ſeinem Bette lag, o, wüßte ich nur ein Mittel, ihm Geld zu ſchaf⸗ fen, dann würde er gar nicht daran denken zu ſtehlen, nein, dann gewiß nicht! Nur die Noth treibt ihn dazu, weiter nichts! Geld, o, mein Gott, gieb mir ein Mittel an, meinem Sohne Geld zu verſchaffen! Er ſann und ſann, und zuletzt mußte er ein Mittel gefunden haben, denn er betete zu Gott mit inbrünſtigen Dankes⸗ worten, und ſeine Thränen verſiegten, ſeine Seufzer verſtummten. Leiſe glitt er hinunter von dem Bette und tappte zitternd zu der Stelle hin, wo Chriſtian am Boden lag in feſtem Schlaf. Der Alte rief ihn mehrmals leiſe, und als Chriſtian nicht erwachte, drückte er einen langen, innigen Kuß auf den Mund ſeines Sohnes. Von dieſer ungewohnten Berührung erwachte er und ſtieß einen wilden Fluch aus, und fragte zornig, wer es wage, ihn mitten in ſeinem Schlummer zu ſtören. Ich bin's nur, Dein alter Vater, flüſterte der Greis, und ich komme, um ganz leiſe einige Worte mit Dir zu plaudern, mein lieber Sohn. Das iſt wieder'n ganz verrückter Einfall, brummte Chriſtian,'n Menſchen aus dem Schlaf zu wecken, um mit ihm zu plaudern. Sei ſtill und höre mich einmal an, bat der Alte leiſe. Sage mir einmal, mein lieber Sohn, weshalb wollteſt Du ausgehen und ſtehlen? . Weil ich kein Geld habe, und weil der Menſch Geld braucht, um zu leben! Und alſo, wenn Du Geld hätteſt, würdeſt Du nicht, ſtehlen? fragte ſein Vater mit hochklopfendem Herzen. Nun warum ſollte ich denn ſo'n Narr ſein und ſtehlen, wenn ich Geld hätte? ſagte Chriſtian mit rau⸗ hem Lachen. Und wenn Du nun ſo ein bis zweihundert Thaler hätteſt, fragte der Alte wieder, nicht wahr, dann wür deſt Du gar nie mehr daran denken eine ſolche Sünde zu begehen. Da würdeſt Du Dir irgend ein kleines Geſchäft einrichten, nicht wahr, und leben als ein ehr⸗ licher Mann? Der alte Narr hat gewiß noch irgendwo Geld verſteckt, dachte Chriſtian, da muß ich klug ſein und es ihm abſchwatzen. Wenn ich ein⸗ oder zweihundert Thaler hätte, ſagte er, ja, denn ſo würde ich gewiß 'n ordentlicher und ehrlicher Menſch werden. Denn ſo würde ich hier vor'm Thor'ne kleine Schenke und 'ne Kegelbahn anlegen, und mich ehrlich und redlich ernähren. Willſt Du mir das ſchwören? fragte der Alte feierlich. Ja, das will ich Dir ſchwören, ſagte Chriſtian, und es iſt gewiß viel bequemer und hübſcher, wie'n ehrlicher Mann ſich ſein Brod zu verdienen, als'n Dieb zu ſein und andern Menſchen was wegzuſtehlen. Du haſt ein gutes und redliches Herz, das wußte ich wohl, ſagte ſein Vater freudig, und nur die Noth hat Dich zur Sünde verleitet! Das iſt gewiß, wenn ich ein⸗ oder zweihundert Thaler hätte, ſo würde ich niemals nicht wieder'n ſchlechten Streich machen und n Dieb werden, ſagte Chriſtian, und unterdrückte mühſam ſeine Ungeduld. Aber das is eben das Schlimme, daß ich ſo viel Geld ——ÿ—ÿ—ͦͦ— — 97— niemals nicht kriegen werde, und daß mir Niemand ſo viel leihen wird. Du ſollſt es haben, ja, Du ſollſt über hundert Thaler haben, und zwar nicht geliehen, ſondern geſchenkt, rief der Alte faſt laut, und Dein Vater wird es ſein, der Dich wieder zu einem ehrlichen und guten Menſchen macht! Du? Haſt Du denn Geld? fragte Chriſtian. Ich hab's noch nicht, aber ich werd's haben, ſagte der Alte zitternd vor Ungeduld. Morgen Vormittag werde ich es haben, und dann bekommſt Du es ganz gewiß. Aber was werden Thomas und Lude ſagen? flüſterte Chriſtian. Die werden auch ihren Antheil haben wollen, und werden's nicht leiden, daß ich es allein bekomme. Die dürfen gar nichts bemerken, und wir müſſen's ganz heimlich machen, ſagte der Alte mit einem glück⸗ lichen Lachen. Sie wiſſen alſo gar nicht, daß Du ſo viel Geld haſt? Nein, Gott behüte, Niemand weiß es! Du wirſt es ganz allein bekommen. Denn ſo werde ich'ne Kneipe anlegen und'n ehr⸗ licher Mann werden. Das haſt Du mir geſchworen, und ich glaube Dir, ſagte der Alte feierlich. Und nun wollen wir ſchlafen, Chriſtian, ſchlafen und glücklich ſein! Wenn er nur nicht übergeſchnappt iſt und ſich bloß einbildet, daß er'n paar hundert Thaler hat, dachte Chriſtian, und fragte dann zweifelnd: Es iſt alſo ge⸗ wiß, daß ich morgen das Geld bekomme? Ganz gewiß! Und höre, damit die Brüder nichts merken, wollen wir morgen früh gar nicht miteinander ſprechen, und Du kannſt thun, als ob Du böſe auf mich wärſt. Um ſieben Uhr werde ich ausgehen, und bald darauf kannſt Du auch fortgehen. Dann treffen wir uns im Thiergarten bei den Zelten, und da bring ich Dir das Geld.— II. 7 — 98— Gut, ich werde pünktlich da ſein, ſagte Chriſtian. Ich auch! Und nun, ſagte der Alte ſchüchtern und leiſe, nun habe ich noch eine Bitte an Dich, Chriſtian. Ich möchte, daß Du mich einmal wieder ſo zärtlich umfaßteſt, wie Du zu thun pflegteſt, als Du noch ein kleiner Knabe warſt, ja, und ich möchte, daß Du mir einmal wieder einen Kuß gäbeſt. Vorhin, als Du noch ſchliefft, da habe ich Deine Lippen geküßt, ach Gott, es war ſeit vielen, vielen Jahren das erſte Mal, aber es war doch noch kein rechter Kuß, denn Du wußteſt nichts davon, und Deine Lippen erwiederten nicht meinen Kuß. Gieb mir alſo jetzt einen Kuß, mein lieber Sohn, und drücke mich recht feſt in Deine Arme! Ihr habt mir ja die Arme gebunden, ſagte Chri⸗ ſtian grollend. O, ich mache Dich frei! rief der Alte eifrig, und löſte ſchnell das Tuch, mit dem Chriſtians Hände ge⸗ feſſelt waren. Jetzt, mein Sohn, jetzt umarme mich! bat er zit⸗ ternd vor Freude und Rührung. 'S iſt'ne recht unſinnige Kinderei, ſagte Chriſtian lachend. Aber wenn's Dir Freude macht, will ich's thun! Er legte ſeine Arme um ſeines Vaters Nacken und küßte ihn. Und der Alte hing ſich an dieſe Lippen mit der Inbrunſt eines Liebenden, ſeine ganze Seele, ſein ganzes Daſein ſchien ſich aufzulöſen in dieſem Kuß, der zugleich wie ein Segen und Gebet für das ganze Leben ſeines Sohnes war.— Selbſt Chriſtians verhärtetes Gemüth empfand die tiefe und feierliche Bedeutſamkeit dieſes Moments, er wagte es nicht, ſei⸗ nen Vater zurückzuſtoßen, und es überkam ihn eine Art Reue und Bewegung, die ihm ſelber unerklärlich war. Ganz unwillkührlich, ganz ohne es zu wiſſen, drückte er den Greis feſter in ſeine Arme, und erwie⸗ derte mit einer Art Heſtigkeit den langen, innigen Kuß . — 29— ſeines Vaters. Ein convulſiviſches Zittern durchflog ſeine ganze Geſtalt, und Ströme von Thränen ent⸗ ſtürzten plötzlich ſeinen Augen. Das iſt Unſinn, nichts als Unſinn, ſagte er wild, und in wahres Glück iſt's, daß die Nacht ſo dunkel iſt und Niemand uns ſehen kann. Ne wahre Schande, wie wir hier flennen und uns küſſen! Der Alte ſagte ſanft: Rede nur, ſchilt nur! Das Glück, das ich eben genoſſen, das kannſt Du mir doch nicht entreißen, das bleibt doch ewig mein! Und jetzt gute Nacht, mein Sohn! Nein, küſſe mich nicht wieder, ſagte Chriſtian faſt zornig, ich halt's nicht aus, ich ſterbe davon! Dieſe wilde und ſtarke Natur ſträubte ſich gegen dieſe Weichheit, welche ſie plötzlich überkommen. Chri⸗ ſtian ſchämte ſich dieſer Rührung, als eines unmänn⸗ lichen, weibiſchen Gefühls, und er ſuchte ſie ſchnell zu bekämpfen und von ſich abzuſchütteln. Was würden meine Kameraden ſagen, wenn ſie mich ſo ſehen könnten, dachte er, und erröthete faſt. Keiner von ihnen würde jemals wieder'n Wort mit mir ſprechen, ſie würden mich auslachen und ſagen, ich ſei ein altes Weib und kein rechtſchaffener Kerl mehr! Und wie er an ſeine Kameraden dachte und an ſeine ganze düſtere und ſchreckensvolle Vergangenheit, da verſiegten die Thränen ſofort in ſeinen Augen, und er erinnerte ſich nur noch, daß ihm ſein Vater morgen viel Geld geben würde, und daß er das verjubeln wollte mit ſeinen Freunden. Dieſe Gedanken und die Ungeduld, zu wiſſen, ob ſein Vater wirklich die Wahrheit geſprochen, oder ob nur ein Fiebertraum ihm ſo lockende Bilder vorgezau⸗ bert, ſie hielt Chriſtian wach die ganze Nacht hindurch. 7* Exr verkauft ſich. Und endlich kam der Morgen. Das Geräuſch der Gaſſe begann, das Leben erwachte, und auch die Schlä⸗ fer in den Familienhäuſern öffneten wieder ihre Augen dieſem eintönigen, geſchäftigen und kummervollen Da⸗ ſein, welches ſie Leben nannten.— Der arme Lude, er war ſo glücklich geweſen im Traum, er hatte Amintha geſehen; lächelnd, wie ſonſt, hatte ſie an ſeiner Seite geſtanden und mit ihm geplaudert, ſolche ſchöne und köſtliche Worte, wie ſie ihm immer von ihren Lippen als ſeine lieblichſte Muſik erklungen waren. Aber er⸗ wachend fühlte er jetzt wieder, daß er allein ſei, ganz allein, daß Amintha ihm am geſtrigen Abend entführt worden ſei, und daß von nun an ein troſtloſes, freudenleeres Daſein ihn erwarte, wenn es ihm nicht gelänge, ſie wiederzufinden. Ich werde ſo lange ſuchen, bis ich ſie finde, dachte er, als er ſich jetzt eilig von ſeinem Lager erhob. In Berlin iſt ſie gewiß, und Berlin iſt nicht ſo groß, daß man es nicht ganz durchſuchen könnte. Aber Vatern will ich nichts ſagen, denn er hat ſchon allein Kummer genug, und er ſoll's gar nicht merken, daß ich betrübt bin. 4 Somit begann er ſich eine luſtige Weiſe zu pfei⸗ — & — 101— fen, und ging hinunter zum Brunnen, um mit dem kalten Waſſer deſſelben ſeine einfache Morgentoilette zu vollenden. Auch der alte Mann hatte ſich ſchnell vom Lager erhoben, und als Lude hinausging flüſterte er eilig: Jetzt, Chriſtian, vergiß nicht, was ich Dir geſagt habe. Im Thiergarten hinter den Zelten, da erwarte mich! Aber, es iſt noch immer Dein Ernſt? fragte Chri⸗ ſtian, den Alten beobachtend. Mein heiliger und feierlicher Ernſt! betheuerte ſein Vater. Aber ſtill jetzt! Thomas und Lude kommen! Seine beiden Söhne kamen wirklich, um mit ihrem Vater ihr einfaches und kärgliches Frühſtück ein⸗ zunehmen, und Thomas fragte, ſich an Chriſtian wendend, ob er ſich nun eines Beſſern beſonnen, und ob er die verbrecheriſchen Pläne dieſer Nacht nun auf⸗ geben wolle? Das geht Dich gar nichts an, ſchrie Chriſtian, küm⸗ mere Du Dich nur um Deinen Webeſtuhl und Deine Liebſchaft, und laß mich in Frieden. Wir werden übrigens gar nichts nicht mehr mit'nander zu theilen haben, denn ich gehe fort. Es iſt'n ſchändlich lang⸗ weiliges, duckmäuſeriges Leben hier bei Euch in den Familienhäuſern, ich halt's nicht mehr aus. Das Beſte wär's auch, Du gingeſt fort und ſuch⸗ teſt Arbeit, ſagte ſein Vater rauh, und winkte Chriſtian mit den Augen, damit er ſich nicht tänſchen laſſe von ſeinen unfreundlichen Worten. Und übrigens bin ich feſt entſchloſſen, Dich, wenn Du nicht freiwillig gehſt, mit Gewalt zu hindern, län⸗ ger hier zu bleiben und unſers alten Vaters Ruhe zu ſtören, ſagte Thomas ernſt. Der Frieden dieſes Grei⸗ ſes ſoll nicht länger geſtört werden, und er ſoll nicht ſeine alten Tage in Kümmerniß hinbringen und in troſt⸗ loſer Angſt. — 102— Es war merkwürdig, welche Veränderung wenige Wochen in Thomas hervorgebracht hatten. Seine Sprache war eine andere, gewähltere, fehlerfreie ge⸗ worden, ſeine ganze Erſcheinung hatte mehr Würde und Haltung gewonnen, und auf ſeinem edlen, bleichen Angeſicht leuchtete es wie der Lichtglanz eines neuen, ſonnenhellen, geiſtigen Lebens. Die Liebe iſt ein ſo geſchickter Lehrmeiſter, ein ſo glücklicher Erzieher, und die Liebe war es geweſen, welche bei Thomas alle dieſe ſchlummernden und unter raſtloſer Arbeit ermatteten Geiſteskräfte geweckt und zu ihrer Entfaltung empor⸗ gerufen hatte. Chriſtian erwiederte nichts auf die Worte ſeines Bruders, ſondern nahm ſchweigend ſeinen Hut und ver⸗ ließ das Zimmer. Auch Thomas entfernte ſich bald, und Lude ging, um Frau Winkler aufzuſuchen, und von ihr ſich Raths zu erholen über Amintha. Der alte Mann war allein, und als er, vorſichtig ſich umſchauend, gewiß war, daß Niemand ihn be⸗ lauſchte, ſank er laut ächzend nieder auf ſeine Kniee und rang die Hände in ſtummer, unermeßlicher Qual. Es iſt ſchaudervoll und entſetzlich, ächzte er matt, und wenn ich meine alten Glieder anſehe und denke, daß ich ſie verkaufen, verhandeln will, wie eine Waare, ſo iſt es mir, als wäre ich ſchon eine Leiche bei leben⸗ digem Leibe, als gehörte ich mir ſelber nicht mehr an. O, von heute an werde ich nichts mehr ſein, als ein lebendiger Todter, und es iſt mir, als fühlte ich ſchon, wie das Meſſer dieſe Glieder zerſchneidet, welche mir nicht mehr gehören, wie ſie das Herz aus dieſem Leibe reißen, welcher nicht mehr mein Eigenthum iſt! Er kauerte ſich grauſend und erbebend in ſich ſelber zuſammen, große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner —, D — 103— Stirn, und ſeine Augen ſtarrten mit wildem, entſetz⸗ tem Ausdruck zum Himmel empor. Und wenn es nun dennoch umſonſt wäre, flüſterte er zitternd, wenn dieſes Geld, ſtatt ihn zur Arbeit zurückzuführen, ihm nur eine neue Verſuchung wäre, weiter nichts? Aber nein, nein, ich will nicht ſo ſchwach ſein im Hoffen und Vertrauen. Er hat mir ja ver⸗ ſprochen, ein anderes Leben alsdann zu führen, und er wird gewiß Wort halten, möge Gott nur dazu ihm ſeinen Segen geben! Mit welcher Inbrunſt, mit welchem heiligen Feuer betete der alte Mann jetzt für ſeinen Sohn, und als er ſich dann geſtärkt und voll Troſtes von ſeinen Knieen erhob, welch' eine fromme Zuverſicht und Freudigkeit leuchtete da aus ſeinen Augen! Mit der Beweglichkeit und Rührigkeit eines Jüng⸗ lings nahm er ſeinen Hut und verließ das Haus, um mit eiligem Schritt hineinzugehen in die Stadt. Vor dem Hauſe des berühmten Doktors A. blieb er ſtehen und lehnte ſich einen Augenblick matt und erſchöpft an die Thür, um Athem zu holen und nach Ruhe und Faſſung zu ringen. So, jetzt wird's gehen, flüſterte er dann. Mein Sohn, mein Chriſtian, der Gedanke an Dich ſoll mich ſtärken und aufrichten. Jetzt zog er an der Klingel und ward eingelaſſen, um wenige Minuten darauf in das Zimmer des Arztes gerufen zu werden. 3 Eine Stunde verging, er war noch immer bei dem Arzt; mehrere von den Schülern des berühmten Man⸗ nes waren hinzugerufen worden; ſie umſtanden ihn Alle, dieſen alten, zitternden Greis, ſie hatten ihn Alle unterſucht, und Alle ihre Freude gehabt über dieſes ſeltene Uebel. Es iſt richtig, ſagte der berühmte Mann, ganz, wie — 104— ich gleich zu Anfang vermuthete. Eine wundervoll ausgebildete Herzverknorpelung, man kann keine ſchö⸗ nere finden! Nun, meine Herren, das muß heute ein glücklicher Tag werden, der für uns ſchon mit einer ſo ſeltenen Freude beginnt. Ihr müßt aber ſehr viel ſchon ſeit Jahren gelitten haben, ſagte einer der jüngern Aerzte, der es beim Anſchauen menſchlichen Leidens noch nicht ganz bis zu der reinen, mitleidsloſen, medieiniſchen Freude gebracht hatte. Wirklich, Ihr müßt ſehr viel gelitten haben, armer Mann. Danke, Herr, ſagte der Alte gerührt, und ſah den jungen Mann ganz freudig an, danke, daß Sie dar⸗ nach fragen. Es thut Einem immer wohl, wenn man Mitleid ſindet, und es war mir ſo ſchauerlich, daß alle dieſe Herren ſich bloß über mich freuten. Ja aller⸗ dings habe ich ſehr viel gelitten, aber das weiß nur Gokt und ich allein, meine armen Söhne wiſſen nichts davon.. Dieſer Fall iſt um ſo wichtiger und bemerkenswer⸗ ther, ſagte der Arzt, der in ſeiner Freude gar nichts gehört hatte von den Worten des Greiſes, ſondern in tiefſinniger Betrachtung haſtig auf und ab ging, ja, meine Herren, dieſer Fall iſt um ſo wichtiger, da er mir wieder einen neuen Beweis liefert für meine Ihnen ſchon neulich entwickelte Anſicht. Die ſitzende Lebens⸗ art iſt das Verderben der menſchlichen Generation, und dieſe Stühle, welche den menſchlichen Körper zu einem Dreieck zuſammenpreſſen, ſie ſind gewiſſermaßen die Geburtshelfer aller menſchlichen Leiden. Der Menſch ſollte nur ſtehen, gehen, oder liegen, jede andere Lage iſt naturwidrig und ſchädlich. Dieſes Exemplar hier hat von früheſter Ingend an die unnatürliche ſitzende Lebensart geführt, daher ſind die Organe des Unter⸗ leibes zuſammengeſchrumpft, das Blut, das nicht frei — 105— circuliren konnte, hat ſich zum Herzen gedrängt, hat ſich dort angeſammelt, verdickt, und allgemach verhär⸗ tet, und ſo iſt im Laufe der Jahre dieſes wundervolle und höchſt erfreuliche Reſultat erzielt worden.— Uebrigens vermuthe ich, daß auch die Pſyche hat thätig ſein müſſen, um die Krankheit bis zu dieſer ſeltenen Blüthe emporzutreiben. Denn, meine Herren, es iſt eine nicht zu beſtreitende Wahrheit, daß der größte Theil ſelbſt der organiſchen Leiden, eine Folge iſt dieſer pſychiſchen Exaltationen und Erregungen, die man ge⸗ meinhin Kummer und Sorge zu nennen pflegt.— Ich vermuthe, daß Ihr ſehr viel Kummer gehabt habt, alter Mann? O ja, Herr Profeſſor, ſehr viel! ſeufzte der Greis ſchmerzlich. So viel Kummer, daß ich ihm vielleicht erlegen wäre, ohne Gottes Beiſtand. Und das nennen die frommen Leute nun Gottes Beiſtand, murmelte der Arzt verdrießlich, weil ihnen der Kummer nur ein Uebel erzeugt hat, das ſie lang⸗ ſam tödtet. Ich glaube, alter Mann, ſagte er dann laut, wirklich ich glaube, daß Euer Gott ſich wenig um Euch bemüht und Euch wenig beigeſtanden hat, ſonſt würde er vielleicht Euch vor einer Krankheit be⸗ wahrt haben, die Euch große Qualen bringen muß. Wenn nicht ein Schlagfluß Euch bald trifft, und das wollen wir nicht hoffen, denn es wäre ein wahres Unglück für die Wiſſenſchaft, nun alſo, wenn nicht dies geſchieht, dann wird Euer Ende ſehr qualvoll ſein, das ſage ich Euch, Ihr werdet verhungern und erſticken müſſen! Der Alte ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und ſeufzte laut. Uebrigens vermuthe ich, fuhr der gelehrte Herr ſort, ja, ich vermuthe, daß Ihr nicht allein ſehr viel Kummer gehabt, ſondern ihn auch ſehr oft unterdrückt habt, daß Ihr, ſtatt ihn zu äußern und ihm dadurch einen Ausgang zu verſchaffen, ihn in Euch hinein habt freſſen laſſen, was eine ſehr unvernünftige Manier iſt. Es ſcheint mir, daß Ihr oft, ſtatt zu jammern, Euch zur Ruhe gezwungen und Eure Thränen unterdrückt habt. Es iſt richtig! ſagte der alte Mann. Mein armes Weib war ſo viele Jahre lang krank, und da war's wohl meine Pflicht ſie zu erheitern und aufzurichten, und ſie nichts merken zu laſſen von meinem Kummer. Ja, ja, es war ſehr gut, daß Ihr das thatet, ſagte der Arzt vergnügt, denn ohne dies würde dieſe ſeltene Pflanze nicht ſo kräftig emporgewachſen ſein.— Nichts, meine Herren, befördert ſo ſehr ein organiſches Uebel, als verhaltene Thränen.— Uebrigens ſcheint es mir, alter Mann, als müßtet Ihr auch ſehr viel gehungert haben? O ja, ſehr viel! ſeufzte der Greis. Der gelehrte Herr blickte ſeine Schüler mit trium⸗ phirendem und freudigen Ausdruck an. Sie ſehen, ſagte er ſtolz, daß meine Vermuthungen alle richtg ſind. Ja, ja, ſitzende Lebensart, verhaltener Gram und Hunger, das iſt ein Triumvirat, dem auch die kräftigſte Natur nicht widerſteht, ſondern dem ſie unter⸗ liegen muß!— Und nun, da wir über die Würdig⸗ keit des Exemplars einig ſind, ſo bleibt uns nur noch übrig den Preis zu erfahren. Wie viel wollt Ihr haben, alter Mann? Zweihundert Thaler! ſagte der Greis zitternd. Zweihundert Thaler! Unmöglich! rief der Profeſſor zurücktretend. Ihr ſeid ſehr ſtolz, mein Guter, und wenn Ihr auch gehört habt, daß ich Euch ein ſeltenes Exemplar nannte, ſo giebt Euch das doch kein Recht, Euch ſo zu überſchätzen und eine ſo unvernünftige Forderung zu machen. — 107— Zweihundert Thaler iſt mein Preis! ſagte der alte Weber feſt, ich laſſe keinen Groſchen ab, und muß das Geld auch auf der Stelle ausbezahlt bekommen. Aber ich gebe nicht ſo viel! ſchrie der Profeſſor. Wer bürgt mir denn dafür, daß Euch nicht ein Schlag⸗ fluß tödtet, und dieſe Blüthe alſo nicht zu ihrer Voll⸗ endung kommt? Nein, nein, hundert und funfzig Thaler, mehr gebe ich nicht! Nun, dann gehe ich zu einem andern Herrn Doctor! ſagte der Greis und griff nach ſeinem Hut. Nach einem andern! rief der Profeſſor. Am Ende gar zum Geheimenrath S........ 2 Ja, gerade zu dem, ſagte der Alte, der froh war, von dem gelehrten Herrn noch einen Andern genannt zu hören, an den er ſich wenden könnte. Und der nimmt ihn gewiß, ſchon um mir einen Streich zu ſpielen, dachte der Profeſſor, und dann ſagte er laut: nun, ich will Euch alſo zweihundert Thaler zahlen, wenn Ihr mir verſprecht, Euch zu ſchonen und vor jedem großen Aerger und Schrecken möglichſt zu bewahren. Auch müßt Ihr mir ver⸗ ſprechen, Euren Kummer nach wie vor nach Innen freſſen zu laſſen, das wird die Ausbildung und Ent⸗ faltung dieſes neuen Organismus vorzüglich befördern, und iſt daher nothwendig. Wollt Ihr mir das ver⸗ ſprechen? Herr, ſagte der alte Weber ſanft, ich habe Söhne, die mich lieben, und um ihretwillen bin ich's gewohnt, meinen Kummer zu verbergen und meine Thränen zu verſchlucken. Aber nun geben Sie mir auch mein Geld, ich brauche es ſogleich. Der Profeſſor ging zu ſeinem Schreibtiſch und nahm mehrere Geldrollen aus demſelben. Hm, hm, zweihundert Thaler, murmelte er, es iſt verdammt viel Geld. Aber es iſt auch ein ſchönes — 108— Exemplar! Der Geheimrath S........ hat kein ſo gutes. Aber ehe ich Euch das Geld gebe, ſagte er dann zu dem alten Weber, müßt Ihr zuerſt dieſe Quittung und dieſe Erklärung unterſchreiben. Was ſteht denn da drinn? fragte der Alte. Sein Sie ſo gut, mein lieber Herr, es mir vorzuleſen, meine alten Augen können die Buchſtaben nicht mehr gut unterſcheiden. 4 Ich werd's Euch vorleſen! Hört: Ich Endesun⸗ terzeichneter, der Weber,— wie heißt Ihr doch? Gottlieb Emanuel Schmidt! Alſo Gottlieb Emanuel Schmidt, beſcheinige und beſchwöre, daß ich am heutigen Tage meinen Cadaver verkauft habe an den Herrn Profeſſor A....., und daß dieſer Cadaver, ſobald ich meinen letzten Athemzug ausgehaucht, ihm gehört. Er kann damit ſchalten und walten, wie es ihm beliebt, ihn zerſchneiden,— Nicht weiter, ach, um Gottes Barmherzigkeit willen, leſen Sie nicht weiter, ſchrie der alte Mann, ich kann's nicht ertragen, es zerreißt mir das Herz! Ihr ſeid ſonderbar! ſagte der Profeſſor kopſſchüt⸗ telnd. Empfindſam wie ein zimperliches Mädchen! Nun alſo, wollt Ihr das unterſchreiben? Könnt Ihr ſchreiben? Ja, ich kann's und will's, ſagte der Alte, und trat mit feſtem Schritt zum Tiſche hin. Aber ſeine Hand zitterte, und als er jetzt die Augen auf das Papier heftete, da ſchien es ihm, als ſei es ſchon übergoſſen von ſeinem eigenen Herzblut, als röche es ihm entgegen nach Verweſung. Kalter Schweiß trat auf ſeine Stirn, es ſchwindelte vor ſeinen Blicken, und er mußte ſich ſetzen, um nicht umzuſinken. 3 —,.,— — 109— Nun, habt Ihr geſchrieben? fragte der Profeſſor, der ſo lange mit ſeinen Schülern geplaudert hatte. Nein, ächzte der Greis, ich konnte es noch nicht. Es iſt ſehr ſchwer, ſein eigenes Todesurtheil zu unter⸗ zeichnen! Aber jetzt wird's gehen! Iſt der Menſch empfindſam, wiederholte der Pro⸗ feſſor verwundert, wirklich, merkwürdig! Chriſtian, Chriſtian, dachte der Alte, ich thu's für Dich! O, ein Vater kann ja Alles thun für ſeinen Sohn!. Und mit ſeſter Hand ſchrieb er ſeinen Namen; aber eine Thräne fiel, während er ſchrieb, aus ſeinen Augen auf dies Papier und glänzte auf demſelben wie ein reiner Diamant.— Iſt nicht die Vaterliebe auch ein Juwel, und wird nicht dieſe Thräne vor dem Throne Gottes ſchwerer wiegen und köſtlicher glänzen als die Thaten manches ruhmvollen Fürſten und Herrn? Aber der alte Weber erſchrack über dieſe Thräne, weil ſie die Schrift verlöſchen konnte, und er wiſchte ſie ſorgfältig und ängſtlich fort. Dann gab es noch die Quittung zu unterzeichnen, und als auch dies ge⸗ ſchehen, gab ihm der Profeſſor die vier Rollen, deren jede funfzig Thaler enthielt.— Der Alte zuckte zu⸗ ſammen, als er das Geld berührte, aber er dachte an ſeinen Sohn Chriſtian, und daß er ihn erretten wolle von der Sünde. Nun, meine Herren, ſagte der Profeſſor, nachdem der Greis das Zimmer verlaſſen, und rieb ſich ver⸗ gnügt die Hände, nun meine Herren, in ſpäteſtens zwei Jahren werden wir da einen Cadaver haben, um den uns die ganze Facultät beneiden muß. Aber daß wir nur nicht vergeſſen, auf ihn zu achten. Sie, Herr Robert, können ihn jede Woche einmal beſuchen, damit wir immer wiſſen, wie es mit ihm ſteht.— 8 — 110— Der alte Weber Schmidt athmete hoch auf, als er wieder hinaustrat auf die Straße. Mit irren, troſt⸗ loſen Blicken ſchaute er umher. Alles ſchien ihm ver⸗ ändert und umgewandelt, Alles hatte einen ſchauer⸗ lichen, melancholiſchen Charakter angenommen; die hellglänzende Sonne, der Schnee der zu ſeinen Füßen wie Brillauten funkelte, der klare, blaue Himmel, Alles ſchien ihm nur Täuſchung, nur eine Maske, unter welcher die Verweſung ſich zu verbergen trachtete. Er erſchrak vor den roſigen Wangen der jungen Mädchen, denen er begegnete, und dachte, wie trügeriſch doch dieſe Jugendfriſche und Schönheit, hinter der ſich doch nur der ſichere, der unvermeidliche Tod verhüllt hatte, er begriff nicht, wie die Menſchen, die plaudernd an ihm vorübergingen, lachen konnten, als ob ſie gar nicht wüßten, daß ſie nichts ſeien als wandelnde Leichen, als Cadaver, die früher oder ſpäter eine Beute der Würmer ſein ſollten, und wie ein weinendes altes Mütterchen ihm begegnete, dachte er: wie kann man ſich nur betrüben und grämen, wie kann man nur ſorgen und weinen, da man doch weiß, daß der Tod in uns iſt, und daß er heute oder morgen all dieſem Erdenjammer ein Ende machen wird! O überall, wohin er blickte, gewahrte er hinter dem blühenden, friſchen Leben nur den bleichen, klappernden Tod, überall grinzte die Verweſung ihn an mit ihrem ver⸗ peſtenden Athem und ihrer entſetzensvollen, grauſen⸗ haften Unvermeidlichkeit.— Ihn ſchauderte, als er mit ſeiner Hand ſich über die Augen fuhr, und er dachte nur: dieſer ganze Kopf, er iſt nichts wie ein Schädel, und darüber iſt Fleiſch und Haut gezogen, dieſe Augen, ſie ſind nur eingeſetzt in die Höhlen des Schädels, und die Würmer werden ſie verzehren, daß die Höhlen wieder kahl und rein werden. Ein junger Mann mit einem ſchönen Mädchen am — 2 — 111— Arm ging vorüber, und der Jüngling blickte ſie an und flüſterte: wie ſchön Du heute biſt, wie ein Engel ſo ſchön! Der Greis hatte dieſen entzückten Ausruf gehört, und er dachte kopfſchüttelnd: ja, ſo täuſcht man ſich, wenn man verliebt iſt! Der findet ſeine Braut ſchön; ah, er ſieht nur nicht den grinſenden Schädel, der un⸗ ter dieſer Maske ſitzt, er ſieht nicht das klappernde, gräßliche Gerippe, das unter dieſem Fleiſch ihres Kör⸗ pers verborgen iſt! Und jetzt grauete ihm unter all dieſen Menſchen, die ſich einbildeten zu leben, und doch nichts waren, als fleiſchumhüllte Gerippe, es grauete ihm vor ſeinen eigenen Schritten, vor dem Schatten, den ſeine Geſtalt neben ihm herzog, und er dachte nur, daß er eigentlich ganz durchſichtig ſei, und daß nur das Fleiſch ſich über ſein hohles, durchſichtiges Gerippe gelegt habe. Aber all dieſe Gedanken, dieſe entſetzlichen, ge⸗ ſpenſterhaften Gedanken, wo waren ſie geblieben, als er endlich das Ziel ſeines Weges erreicht, als er dort ſeinen Sohn gewahrte, ſeinen blühenden, lebensvollen Sohn, wo waren ſie alle geblieben dieſe ſchauerlichen Viſionen, als er in die vor Freude und Ungeduld leuchtenden Augen ſeines Sohnes blickte, als er ſeine Stimme vernahm, dieſe Stimme, welche ſein Herz beben machte, und ihn empfinden ließ, daß er noch lebe, noch nicht geſtorben und vermodert ſei?— Nein, nein, dachte er ganz glücklich, etwas giebt's doch in uns, das nicht verweſen und nicht ſterben kann, etwas, das ſich nicht verkaufen und verhandeln läßt und das ſie mir nicht zerhacken und zerſchneiden können. Das Etwas, das iſt die Liebe, und die iſt doch ewig und unſterblich und immer dieſelbe, und immer voll Jugend und Leben, und immer wie ein Engel anzuſchauen!. — 112— Nun, bringſt Du das Geld? fragte Chriſtian un⸗ geduldig, und als der Alte es bejahte, jauchzte er laut auf vor Freude, und ſchrie nur, er ſolle es ihm ſchnell geben, er könne es gar nicht erwarten, ehe er es habe und ehe es ihm entgegenleuchte. Da, hier iſt es, zweihundert Thaler, ſagte der Greis ſeierlich. Aber bedenke, Chriſtian, was Du mir geſchworen haſt! Daß ich in ehrlicher Menſch werden und nicht mehr ſtehlen will! erwiderte Chriſtian und ſah unge⸗ duldig und mit gierigen Blicken nach den Geldrollen, die der Alte noch in der Hand hatte. Halte dies Geld heilig, ſagte der Greis, das Blut Deines Vaters klebt daran, und die Ruhe des Grabes ſelbſt habe ich aufgegeben um Deinetwillen. Das ſind ſo hohe Redensarten, die verſtehe ich nicht! brummte Chriſtian. Es iſt auch gar nicht nöthig, daß Du mich ver⸗ ſtehſt, ſagte ſein Vater ſanft. Denke nur an das, was Du mir geſchworen haſt, dann iſt Alles gut! Hier haſt Du das Geld, zweihundert Thaler! Chriſtian nahm das dargereichte Geld haſtig an ſich und athmete hoch auf vor Entzücken und Freude. Danke, Vater, danke! ſagte er faſt zärtlich, und der Alte fühlte ſich in dieſem Augenblick ſchon belohnt für ſeine Aufopferung, und lächelte freudig. 4 Und iſt das Alles, Alles, was Du haſt? fragte Chriſtian ſinnend. Alles! ſagte der Greis. Nun dann, rief Chriſtian nach einer Pauſe, dann kann ich's nicht allein nehmen. Du mußt Dir'n paar Thaler davon behalten, das iſt gewiß. Warte, ich will Dir zwanzig Thaler geben. Er öffnete eine der Rollen und ließ ſich das Geld in die Hand gleiten. — 113— Wie das glänzt und glitzert, ſagte er freudig. Der Greis wandte ſich ſchaudernd ab, er konnte den Anblick dieſer blinkenden Thaler nicht ertragen, es war ihm als röchen ſie nach Blut, und er ſagte flehend: mach' die Rolle wieder zu, Chriſtian, lege die Thaler wieder hinein.— Nun, etwas wirſt Du doch nehmen, ſagte Chriſtian, der beim Anblick des glänzenden Geldes es faſt be⸗ reute, ſeinem Vater ſo viel angeboten zu haben. Etwas wirſt Du doch nehmen, wenn auch nur'n paar Thaler! Nichts, gar nichts, rief der Greis zitternd, ich kann's nicht anfaſſen, es würde mich tödten! Nun denn, ſo behalte ich es allein, ſagte Chriſtian vergnügt. Und nun leb wohl, alter Vater, Du biſt mich nun los geworden, und ich denke, Thomas und Lude werden ſehr zufrieden damit ſein. Adje! Gieb mir die Hand, Chriſtian! flehte der Greis. Unſinn! rief ſein Sohn lachend. Leb' wohl, altes Rührei, vivat hoch, ich hab' zweihundert Thaler! Chriſtian, denke an das was Du mir geſchworen haſt! rief ſein Vater,— Chriſtian hörte ihn nicht, er war ſchon hinter den Bäumen verſchwunden. Der Alte blickte ihm ſeufzend nach, er lehnte ſich lange wie betäubt an einen Baum und ſtarrte gedan⸗ kenlos zum Himmel empor. Als er dann ſich auf raffte und den Weg nach den Familienhäuſern ein⸗ ſchlug, und die Sonne auf ſeinen Rücken ſchien, da ſagte er mit einem wirren, unheimlichen Lächeln: ob es wohl dem Cadaver, den der Herr Profeſſor gekauft hat, ſchaden wird, wenn ich ihn in die Sonne führe? II. 8 Trau Winkler. Madame Albratti hatte die Nacht in Zorn und Nachdenken durchwacht; aber, wie ſehr ſie ſich auch ergrimmt fühlte, daß man ſie betrogen und überliſtet hatte, mußte ſie ſich dennoch geſtehen, es ſei vor der Hand wenigſtens das Klügſte zu ſchweigen, nnd da⸗ durch ſich mindeſtens die Summe zu ſichern, für welche ſie ihre Tochter verkauft hatte, und von welcher ihr eine zweite Auszahlung in ſechs Wochen war verheißen worden.— Das Allerdümmſte iſt, daß ich nun hier in dieſem elenden Hauſe bleiben muß, ſagte ſie, denn wenn ich fortzöge, würde dieſer Fremde, da ich ihm keine Nach⸗ richt geben kann, natürlicherweiſe meine Adreſſe gar nicht erfahren können, und ich käme ſo um Alles! Ich muß alſo wirklich hier bleiben, und vielleicht iſt das auch recht gut, denn Niemand wird dann Verdacht ſchöpfen und glauben, daß ich für Amintha Geld be⸗ kommen habe.— Ich werde Allen ſagen, daß Amin⸗ tha bei einer vornehmen Dame auf ein paar Wochen zum Beſuch iſt, dabei wird ſich Niemand etwas Schlim⸗ ees denken können, und jede Woche werde ich mich inmal auß's Schönſte putzen, in einer Droſchke fort⸗ fahren und ſie Alle hier glauben machen, daß ich meine Tochter beſuche! Dieſem Entſchluß gemäß empfing die alte Sänge⸗ rin den armen Lude, welcher kam, ſich nach Amintha zu erkundigen, mit vollkommenſter Ruhe und Sicher⸗ heit, und erzählte ihm auf ſein Befragen, daß Amin⸗ tha auf ſechs Wochen bei einer vornehmen Dame ſei, welche ihre Tochter im Theater kennen gelernt und eine außerordentliche Zuneigung zu ihr gefaßt habe. Das klingt wie in'n Mährchenbuch, ſagte Lude kopfſchüttelnd. Die vornehmen Damen ſeind doch ſonſt nicht ſo verliebt in arme Kinder! Und wie ſo denn kommt es, daß die vornehme Dame Amintha nicht ſelbſt abgeholt hat aus'nem Theater? Wie ſo denn ſchickt ſie ſo'n Mann, der Amintha anpackt, daß ſie ſchreien muß, was gar nicht fein von ihm war? Du denkſt wohl, eine Gräfin ſoll ſich ſo weit er⸗ niedrigen und ſelbſt vor der Thür auf Amintha warten, rief die Alte laut lachend. Ne, mein Junge, das ver⸗ ſtehſt Du nicht! Das war der Gräfin ihr Haushof⸗ meiſter, ein ſehr vornehmer und kluger Mann, und er hielt Amintha feſt, weil ſie durchaus wieder aus dem Wagen ſpringen wollte, wenn Du nicht auch mit führeſt, und das hätte ſich doch jedenfalls nicht geſchickt. Und warum denn hätte ſich das nicht geſchickt? fragte Lude. Warum konnte ich nicht auch in der Kutſche beim Kammerdiener ſitzen, eben ſo gut, als wie Amintha, die doch auch nur ein armes Mädchen iſt. Amintha iſt aber meine Tochter! ſagte die alte Primadonna, den Kopf aufwerfend. Und ich bin Vatern ſein Sohn, rief Lude heftig, und Vater is'n ehrlicher und braver alter Mann, den jeder Menſch achten und ehren muß, und es is gar nicht recht, daß der Junge von ſo'n ehrwürdigen und fleißigen Mann nich mal ruhig hinten auf der Kutſche. 8* 3 le= ſtehen kann, und daß man ihn mit'ner Peitſche um den Kopf und um's Geſicht rummer haut, blos weil er hinten aufſteht und ſehen will, wohin die Amintha gebracht wird! Ne gewiß, das find' ick ſehr unrecht. Derohalben weil man arm is, kann man immer doch noch ganz reſpectabel ſein, und Niemand nicht braucht ſich zu ſchämen mit mir zu ſprechen, denn mein Vater is'n ſehr guter und braver Mann, und ick bin auch kein Schuft nicht, und habe noch keiner Fliege nicht was zu Leide gethan, oder ihr was fortgenommen. Lude war fürchterlich anzuſehen in ſeinem edlen Zorn, der machte, daß er die Augen verdrehte und die merkwürdigſten Geſichter ſchnitt, während er zu⸗ gleich ſeine Finger im raſcheſten Sturmſchrittact knacken ließ, was bei ihm ein untrügliches Zeichen der größten Aufregung war. Ick weiß überhaupt gar nicht, fuhr er im raſchen Tact fort, wie ſo die vornehmen Leute immer ſo ſtolz und übernaſig gegen uns thun, als wären ſie was An⸗ deres und was Beſſeres, als wir! So'ne Baronin oder Gräfin ſollte man'mal ein alter Weber ſein und ſich Tag vor Tag quälen und arbeiten müſſen, denn ſo wollten wir mal ſehen, ob ſie immer ſo ſtolz blie⸗ ben und immer noch dächten, daß ſie was Beſſeres ſind. Und nun erſt gar ſo'n Kammerdiener! Der ſollte doch Gott danken, wenn'n Junge, wie ick, mit ihm fahren thut. Denn er is doch gewiß weniger als wie ick, weil er man blos'n Bedienter is und Alles thun muß, was ſeine Herrſchaft, die ihn für Geld ge⸗ miethet hat, ihm befehlen thut. Ja, ſolcher Bedienter iſt aber das übermüthigſte Geſchöpf Gottes, ſeufzte Madame Albratti. Ich hab's erfahren, denn als ich noch die Geliebte von dem un⸗ gariſchen Fürſten war, da hatte ich auch meine Be⸗ dienten. Ach Gott, damals lebte ich wie eine Fürſtin, und mein ganzes Unglück iſt geweſen, daß er heira⸗ thete und mich verließ, und daß ich darauf dieſen Wüſtling, dieſen Albratti heirathete, der mein ganzes Vermögen durchbrachte und dann ſtarb. Gram und Sorgen haben mich vor der Zeit hinfällig gemacht und meine Stimme gebrochen, denn ſonſt bin ich noch nicht ſo alt und könnte noch ſehr gut ſingen und Fu⸗ rore machen! Wirklich, ich könnte es noch mit jeder Sängerin hier aufnehmen, und es iſt eine reine Ka⸗ bale, daß man mich hier ſo ganz fern vom Theater hält. Niemand kann die Casta diva beſſer ſingen und ausdrucksvoller. Höre mir einmal zu! Und die alte Sängerin räuſperte ſich, ſtrich mit einer tragiſchen Handbewegung die ſteifen, dintegetränk⸗ ten Locken zurück und begann unter höchſt wirkſamem Augenverdrehen dieſe große Arie zu ſingen, mit wel⸗ cher die Sängerinnen und Primadonnen der Jetztzeit Furore zu machen pflegen.— Die alte Albratti auch machte Furore, aber nur bei ſich ſelber, und in ihrem Eifer merkte ſie gar nicht, daß ſie bald gar kein an⸗ deres Publikum mehr hatte, als ihre eigene Perſon. Lude hatte ſich bald vor dieſen ſchrillen gellenden Tö⸗ nen gerettet, und floh durch den Corridor, gleich dem von Furien verfolgten Oreſtes; hinter ihm her tönte die Casta diva wie das Höllengejauchze der Furien. Erſt als er in Frau Winkler's Stube trat und die Thür feſt hinter ſich zumachte, erſt da hörte er nichts mehr von dieſem Geſange der Primadonna, und hoch⸗ aufathmend ſagte er: Na, Gott ſei Dank, daß das alle iſt! Ick begreife nicht, wie ſo die vornehmen Leute ſo 'ne Singerei ſchön finden können. Mir däucht, daß es gräulich is! Meinen Sie nicht auch, Frau Winkler? Aber die alte Frau hatte gar nicht auf ſeine Worte gehört, und ſchüttelte jetzt nur leiſe mit dem Kopfe, ſtatt aller Antwort.— Armes altes Weib! Sie war 8 — 118— ſtill und traurig geworden, und wenige Wochen hatten genügt, aus dieſem rüſtigen und fröhlichen Mütterchen eine hinfällige Greiſin zu machen.— Was war es, das plötzlich den Glanz ihrer Augen getrübt, das fröh⸗ liche Lachen ihres Mundes verſcheucht und tiefe Fur⸗ chen durch ihr Geſicht gezogen hatte? Welches war dieſes große Leid, das ſie erbeben und ſeufzen machte, und dem ſie ſich doch ſtill und duldend unterwerfen mußte?— Niemand wußte es, ſie hate zu Niemand geklagt, zu Niemand um Troſt und Beiſtand gefleht, zu Niemand, als zu Gott! Vor dem lag ſie auf den Knieen die langen ſchlafloſen Nächte hindurch, vor dem weinte ſie, und oft in der Stille der Nacht hörte die Baronin Hermfeld, welche der alten Baronin ge⸗ genüber wohnte, das Schluchzen und Klagen, das Frau Winkler am Tage wohl zu unterdrücken wußte, und das ſie ſofort würde erſtickt haben, wenn ſie gewußt hätte, daß es die Wände ihres Zimmers durchſchalle. — Und was war es denn, was ſie betrübte? Alle ihre Freunde, und ſie hatte deren ſehr viele, Alle dieſe fragten ſich vergeblich um den Grund ihres Kummers. Frau Winkler hatte zu oft ihnen geſagt, daß ſie ganz allein ſtände auf der Welt, daß ſie gar keine Ange⸗ hörige habe. Wer war es denn, der ihr ſo viel Gram und Sorge machte? Oder war es vielleicht dies Allein⸗ ſtehen, dieſes vereinſamte⸗Alter, das ſie betrübte? Frau Winkler hatte ein ſo warmes, liebendes Herz, ſie war all' dieſen Armen, entbehrenden und ſich mühenden Bewohnern des Familienhauſes eine hülfreiche, tröſtende Freundin geweſen, und ſie wußte es wohl, daß ſie nicht allein ſtand, daß ſie von Allen geliebt ward, wie eine Mutter.— Dennoch wagte es Niemand nach dem Grunde ihres Kummers zu fragen, denn Jeder ehrte das Schweigen dieſer alten Frau, die ihnen doppelt — 119— ehrwürdig erſchien in der Ruhe und Stärke, mit wel⸗ cher ſie ihr unbekanntes Leid ertrug. Aber als ſie jetzt aufblickte, als ſie in Lude's blaſſes und verſtörtes Angeſicht ſah, da durchflog ein mildes Lächeln ihre vergrämten Züge, und dem Knaben die Hand reichend, ſagte ſie theilnahmsvoll: armer Lude! Ich weiß ſchon, Du haſt viel Kummer. Der Chriſtian macht Euch Sorgen, und denn ſo is die kleine Amin⸗ tha fort. Und vor dieſer Frau, welche er liebte und verehrte, wie eine Mutter, ſchüttete Lude nun ſein ganzes, be⸗ kümmertes Herz aus. Ihr klagte er alle ſeine Noth und Angſt, zu ihr flehte er um Rath und Beiſtand, und ſie, meinte er, werde leicht von der alten Albratti erfahren, wohin ſie Amintha gebracht habe. Und was denn würde es Dir helfen, wenn Du das wiſſen thäteſt? fragte Frau Winkler. Du könnteſt ſie doch nicht wieder herbringen, und das iſt auch für Amintha ſehr gut. Denn wenn ſie bei ner vornehmen Dame iſt, ſo wird die gewiß nicht leiden, daß ſie mit⸗ tanzt im Ballet, und ihre Glieder verrenkt und Ge⸗ ſichter ſchneidet, und all dieſes Unweſen mitmacht, was die klugen Leute Ballet nennen, und was mir in mei⸗ ner Dummheit immer wie'n halber Wahnſinn erſcheint. Die Amintha war viel zu gut und zu unſchuldig dazu, und weil ſie noch'n reines unverdorbenes Herz hatte, darum war es ein Jammer um ſie, daß ſie ſo unter⸗ gehen und nichts Anderes auf der Welt lernen ſollte, als Sprünge machen und die Beine werfen. Ne, Lude, wer es gut mit ihr meint, der kann gar nicht wün⸗ ſchen, daß ſie wieder zu ihrer Mutter zurück kommt, und darum ſo woll'n wir auch ganz ſtill ſein und der Polizei gar keine Anzeige machen. Es iſt zu Amin⸗ tha's Beſtem. Ihre Mutter will aus ihr'ne Tänzerin machen, und noch was viel Schlimmeres, denn ſie — 120— hofft, daß ſich mal'n vornehmer Herr finden wird, der ſich in Amintha verliebt und ſie zu ſeiner Geliebten macht. Nun alſo, iſt's da nicht beſſer, daß ſie nicht bei ihrer Mutter iſt? Lude ſenkte traurig den Kopf und flüſterte: aber wenn die Amintha nun, weil ſie bei vornehmen Leuten iſt, die armen Freunde in den Familienhäuſern ver⸗ geſſen thäte? Wenn ſie das kann, Lude, ſagte Frau Winkler energiſch, wenn ſie ſo'n undankbares Herz hat, ſiehſt Du, denn ſo iſt an ihrer Liebe gar nichts nicht gelegen. Denn wer redlich und wahrhaftig liebt, der kann nie⸗ mals nicht vergeſſen, und wenn das Liebhaben ihm auch das Herz zerreißt und nichts als Schmerzen giebt! Und nun, Lude, geh' rüber zu Deinem alten Vater und leide nicht, daß er ſo viel arbeitet, ſondern ſei fleißig und arbeite, dann wird Gott es Dir auch gut gehen laſſen. Denn wenn wir arbeiten, ſo is das ein Gebet, das Gott gerne hört und das ihm viel lieber iſt, als all' das Geplapper der Frommen, welche die Hände in den Schooß legen und meinen, ſie thun Gott'n ungeheuren Gefallen, wenn ſie beten, und er wird, zum Dank dafür, ihnen die gebratenen Tauben gleich ſo in den Mund fliegen laſſen! Als Lude, gehorſam ihren Worten, ſie verlaſſen hatte, nahm die alte Frau raſch ihr Tuch, dieſes alte verſchoſſene wollene Umſchlagetuch, das ſeit manchem langen Jahr ihr einziger Schutz gegen die ſtarre Kälte des Winters geweſen, und ſich in daſſelbe einhüllend, ſagte ſie in einer Art verzweiflungsvoller Entſchloſſen⸗ heit: es iſt jetzt die Stunde, in der er auszufahren pflegt. Ich will doch wieder hingehen, ihn zu ſehen. Mein Gott, was ſchadet es denn, wenn Ex mich auch nicht anſieht, kann's meinem alten Herzen denn nicht genügen, wenn ich ihn ſehe? —— —j 1 — ——— So ſprechend verließ ſie mit rüſtigem Schritt die Familienhäuſer und wanderte eiligſt in die Stadt hinein.— Wohin ging ſie?— Dahin, wo ſie jeden Morgen zu gehen gewohnt war, dahin, wo wir ihr zuletzt begegneten,— zu der Wohnung des jungen Arztes Eduard Linz, welcher der Bruder war der ar⸗ men Amalie, die dem Prediger Gotthold ihre Hand gereicht und ſein Weib geworden war. Sein Wagen ſtand ſchon vor der Thür, und Frau Winkler's Herz klopfte ganz freudig, als ſie ſchon in der Ferne dieſes niedliche Cabriolet gewahrte, das ihr von unvergleichlicher Schönheit und Pracht zu ſein ſchien.— Der junge Arzt war noch nicht da, ſie konnte ſich auf die Schwelle ſetzen, welche ſein Fuß berühren mußte, ſie konnte in ſeliger Muße dieſes Cabriolet betrachten, das ſie ſo liebte, weil Er täglich in dem⸗ ſelben umherfuhr zu ſeinen Kranken. Und war's nicht auch ein ſchöner Anblick, dieſes kleine Wägelchen, das ſich wie eine Blume auf ſeinen zwei hohen Rädern ſchaukelte, und deſſen Beſchlag in der Sonne wie Sil⸗ ber funkelte? War's nicht Augen verblendend dieſes große braune Pferd zu ſehen, das in ſtolzer Würde und mit ſtets vornehm nickendem Kopfe vor dem Wä⸗ gelchen ſtand, und ſo hochmüthig und ſtolz erſchien, als verachte es dieſe kleine Nußſchale von Wagen, der binter ihm ſtand, ungemein, und laſſe ſich nur aus Ge⸗ fälligkeit herab, ihn gelegentlich mitzunehmen, wenn es zu ſeinem Vergnügen ſpazieren liefe durch die Straßen! Und nun erſt gar der Jokey! Konnte man etwas Ele⸗ ganteres und Vornehmeres ſehen, als dieſen Jokey mit dem hellbraunen, rothverbrämten Rocke, an dem ſo viele blanke Knöpfe flimmerten, die alle mit einem L. bezeichnet waren, und es ſtolz aller Welt verkündeten, daß dieſer Jokey das unbeſtreitbare Eigenthum des jungen Doktor Eduard Linz ſei? Und wie elegant und 122— zierlich dieſer Jokey die weißen Riemen in ſeiner Hand hielt, die nur ſo zum Schmuck an dem Kopfe des ſtolzen Pferdes angebracht waren, wie vornehm und geringſchätzend er von ſeinem Sitz herniederblickte auf die Fußgänger, die verdammt waren, den Schmutz der Gaſſe unter ihre Sohlen zu treten, und nicht wie er auf weichem Kiſſen ſitzend durch die Straßen dahin⸗ rollen konnten! Ach, wie beneidete nicht die arme alte Frau dieſen Jokey, welcher täglich zu ganzen Stunden dem jungen Arzte ſo nahe ſein, neben ihm ſitzen und für ihn ſorgen durfte, wie oft hatte ſie nicht in der Stille ihres Herzens ſchon gedacht, daß dies eine Se⸗ ligkeit ſein müſſe, die Einem den Himmel verleiden und die Erde zum Paradieſe umwandeln könne! Sie ſaß noch immer auf der Schwelle und betrach⸗ tete mit glücklicher Befriedigung das Cabriolet des jungen Arztes, als ſie hinter ſich ihn kommen hörte mit dieſem leichten, elaſtiſchen Schritte, den ſie ſo wohl kannte, und den Niemand hatte, als Er allein. Ja, ſie hörte ihn ganz deutlich die Treppe herunterkommen, und ſie erbebte vor Freude und Glück. Diesmal will ich ihn doch zwingen, mich anzuſehen, dachte ſie, und ſetzte ſich recht mitten auf die Schwelle. Diesmal ſoll er mir guten Tag ſagen müſſen, und wenn's auch nnr iſt, damit ich ihm aus dem Wege gehe. Ich höre doch wieder ſeine Stimme! Jetzt war er dicht hinter ihr! Sie hörte es, ſie fühlte es auch an dem Beben ihres Herzens. O, gute Frau, wollen Sie uns einen Augenblick Platz machen! ſagte er bittend, und ſeine Stimme klang ihr wie köſtliche Muſik. Lie erhob ſich raſch und nickte lächelnd mit dem Kopfe, und bat um Entſchuldigung. Aber, mein Gott, wie verändert war der junge Arzt! Seine Wangen waren nicht mehr ſo bleich, ſein Blick nicht ſo düſter, und keine Falten des Unmuths lagen auf dieſer hohen klaren Stirn, nein, er lächelte, und ſeine Augen flammten in Luſt und Freude, denn an ſeinem Arm ging Amalie, ſeine Schweſter, und ob⸗ wohl ſie bleich war und ſichtlich ermattet, ſo ſprach doch auch ihr Antlitz von Zufriedenheit und Glück, und ſie lehnte ſich auf den Arm ihres Bruders ſo feſt und ſicher, ſo gewiß ſeines Schutzes und ſeiner Liebe! O, iſt dies nicht die gute Frau, die mir an mei⸗ nem Hochzeitstage einen Blumenſtrauß gab? fragte Amalie mit einem ſanften Lächeln, auf Frau Winkler deutend. 3 Wirklich, haben Sie das? ſagte Eduard, die alte Frau anſehend mit einem ſo freundlichen, gütigen Blick, daß es ihr war, als müſſe ſie in dieſem Moment ſter⸗ ben vor Entzücken. Haben Sie das gethan, liebe Frau? Dann danke ich Ihnen, denn gewiß wollten Sie mei⸗ ner Schweſter eine Freude bereiten! Ich thats nur, weil ich Sie Beide liebe, ſagte Frau⸗ Winkler bewegt, und weil ich Ihnen meinen Glück⸗ wunſch zu Ihrem Ehrentage ſagen wollte! Glückwunſch, ſagte Amalie leiſe, und Eduard fragte ſchnell umdüſtert: Sie lieben uns und kennen uns doch nicht? Doch, ich kenne Sie! ſagte die Alte, denn es ver⸗ geht kein Tag, ohne daß ich Sie ſehe, und ich liebe Sie, weil,— nun ja, weil Ihr Vater mich einſt vom Tode errettet und mir das Leben erhalten hat. Sie lieben alſo das Leben recht ſehr? fragte Eduard, da Sie noch in ſeinen Kindern Dem danken möchten, der es Ihnen erhielt! O, Sie ſind zu beneiden, gute Frau! Er wollte mit Amalien vorübergehen, aber die alte Frau rief flehend: o nur noch einen Augenblick! Sie wiſſen's ja, warum ich Sie ſo liebe, und mögen Sie — 124— es immerhin Wahnſinn nennen, daß eine arme Frau, wie ich, ſo ſehr am Leben hängt, es iſt nun einmal ſo, und Sie ſollen mir erlauben, daß ich die Kinder meines Wohlthäters von ganzem Herzen liebe! Wollen Sie das? Kann man denn der Liebe das Verſtummen gebie⸗ ten? fragte Amalie, ihren Bruder anſehend. Eduard ſeufzte nur und blickte mit einem unaus⸗ ſprechlichen Ausdruck zu Amalien nieder. Ich darf Sie alſo lieben? fragte Frau Winkler. Gewiß, und ſo ſehr es Ihnen gefällt, ſagte Eduard lächelnd. Und ich darf jeden Morgen hier ſtehen, wenn Sie ausfahren, und Ihnen einen guten Morgen wünſchen? Gewiß, ſo oft Sie wollen! 3 Und nun möchte ich noch Eins bitten, ſagte die alte Fran ſchüchtern und die Augen niederſchlagend. Bitten Sie immerhin, ſagte Amalie. Sie haben mir an jenem Tage in einem entſetzlichen Augenblick unendlich wohl gethan durch Ihr zartes und ſchönes Geſchenk, und ich möchte es Ihnen ſo gern danken! Nun, ſagte die alte Frau zitternd, dann werden Sie auch nicht böſe ſein, wenn ich Sie bitte, daß Sie mir Beide einmal die Hand geben, daß ich ſie drücken und mit meinem Händedruck noch einmal meinem Wohlthäter, Ihrem Vater, danken kann! O ſagen Sie nicht nein, und fürchten Sie auch nichts, meine Hände ſind rein, und Sie dürfen nicht fürchten, ſich zu be⸗ ſchmutzen. O das fürchte ich auch nicht, rief Amalie ſchnell, und drückte der Alten innig die Hand. Und dann gab ihr Eduard ſeine Hand, nur eine Secunde, nur ganz flüchtig und oberflächlich, aber Frau Winkler hätte für dieſe Secunde gern und willig ihr Leben hingegeben. Ihr Antittz ſtrahlte in ſeligem Entzücken, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen der Freude. Sie war ganz betäubt und hörte es gar nicht, daß Amalie ihr Lebewohl ſagte, ſie ſah es gar nicht, daß Eduard ſie fortführte zum Wagen. Es war immer noch, als ruhe ſeine Hand in der ihren, und als durch⸗ ſtröme die Berührung dieſer Hand ſie mit neuer Wärme und mit friſcher Lebenskraft. Eduard indeß winkte dem Jokey, ſeinen Platz zu verlaſſen und ſich hinten auf den Wagen zu ſtellen. Wer Anders wohl, als er ſelber, durfte ſeine Schwe⸗ ſter fahren, ſeine Amalie, wer Anders, als er ſelber, durfte ihr die Hand reichen, um ſie in den Wagen zu heben und dann neben ihr Platz zu nehmen? Du fährſt mich doch in meine Wohnung? fragte Amalie, einen Seufzer unterdrückend. Jetzt gleich? ſagte Eduard zuſammenſchreckend. Ich hoffte, Du würdeſt mich noch mindeſtens einige Tou⸗ ren weit begleiten! Meinen erſten Beſuch habe ich am Landsberger Thor zu machen. Nur dahin komme mit! Gotthold wird böſe werden, wenn ich über die be⸗ 4 willigte Stunde fort bleibe, ſagte Amalie zögernd. Mag er es! Er wird es doch nicht wagen, es Dich empfinden zu laſſen! Du kommſt mit, nicht wahr? Ja, ich thu's, denn es iſt ſo ſchön, neben Dir zu ſein! Die Geſchwiſter reichten ſich die Hände und ſchau⸗ ten ſich an mit ſtrahlenden Blicken. 3 Als der Wagen mit ihnen von dannen rollte, erſt da erwachte Frau Winkler zuſammenſchreckend aus ihrer Entzückung, und ſie ſagte hochaufathmend: nun kann ich niemals mehr unglücklich ſein, ich habe ſeine Hand gedrückt! Und es war rührend anzuſehen, wie ſie ſich jetzt mit einer Art heiliger Andacht die Hand küßte welche Eduard mit der ſeinen berührt hatte. Die Geſchwiſter. Amalie begleitete ihren Bruder den weiten Weg bis zum Landsberger Thor, und wie ſie ſo mitſammen im leichten Wagen durch die Straßen rollten, da ſchien es ihnen, als leuchte die Sonne noch einmal ſo hell, als habe Alles ein feſtliches Ausſehen, als lächle Allee ihnen entgegen mit einem glückverheißenden Lächeln. Sie ſprachen wenig, was ſollten ſie ſich auch ſagen unter dem Geräuſch der rollenden Räder, im lauten Getöſe der Straßen? Und was hätten ſie ſich auch ſagen können, das ausdrucksvoller geweſen, als ihr lächelndes Anblicken, ihr leiſes Händedrücken, ihr zärt⸗ liches Anſchmiegen? Aber allgemach erbleichte dies Lächeln und ward bei Amalien zu einem ſchmerzlichen, wehmüthigen Zucken, während Eduard's Stirn ſich umdüſterte und ein finſterer, ſchwermuthsvoller Ernſt ſeine Züge be⸗ ſchattete. Sie waren auf dem Rückwege, ſie näherten ſich Amalien's Wohnung, war das nicht Grund genug zur Traurigkeit? Selbſt das Pferd ſchien die Trauer ſeines Herrn zu theilen, es ging langſam und zögernd ohne fröhliches Kopfnicken, träge ſchlich es durch die lange Straße. Und dennoch war's nicht zu vermeiden, — — — 127— das Haus war da, und ſie konnten nicht vorüber⸗ fahren, denn Gotthold ſtand am Fenſter und ſah ſie kommen. Das Pferd ſtand ſtill.. Du kommſt doch einen Augenblick mit herauf, Eduard? fragte Amalie leiſe. Nein, ſagte er, und ſeine Wange war bleich, nein, ich kann nicht! Er wird Dir die Hand drücken, viel⸗ leicht Dich küſſen, ich kann's nicht ſehen, lebewohl! So ſehe ich Dich heute gar nicht mehr, Eduard? Doch! Ich fahre vorüber, und wenn ein weißes Tuch am Fenſter liegt, dann weiß ich, daß Er nicht da iſt, dann komme ich! 3 Lebewohl! Alſo wenn ich ein weißes Tuch hinlege, dann kommſt Du, mein Bruder! Ja, meine Schweſter! Heute Nachmittag! Er nickte ihr zu und ſie trat eiligſt in's Haus, um ihn nicht fortfahren zu ſehen und ihm ihre Thränen zu verbergen. Dann ging ſie mit langſamem zögern⸗ dem Schritt die Stiegen hinauf zu ihrer Wohnung. Endlich! ſagte Gotthold, als ſie in's Zimmer trat. Weißt Du, mein Kind, daß dieſe romantiſchen mor⸗ gendlichen Wallfahrten zu Deinem Bruder anfangen mir läſtig zu werden? Ich finde es wirklich auffallend und ſeltſam, daß Du noch immer für ihn ſorgſt und Dich abmühſt und ſeinen Haushalt beſorgſt, als wenn kein Anderer in der Welt dieſe Sorge für ihn über⸗ nehmen könnte! Aber ich thue es ja mit Deiner Einwilligung, ſagte ſie ſchüchtern, Du haſt mir ja am Morgen nach unſerer Hochzeit verſprochen, daß ich jeden Morgen n Eune hingehen und ſein Hausweſen beſorgen zürfe! Ja, was verſpricht man nicht am Lendemain! rief Gotthold mit einem rohen Lachen. Ueberhaupt mein — 128— Kind, Verſprechungen ſind ein ſehr unſicheres Nuhe⸗ kiſſen, und es kann zu jeder Minute ein unvorherge⸗ ſehener Umſtand eintreten, der das Erfüllen eines Ver⸗ ſprechens unmöglich macht. Doch hoffe ich, ſagte ſie bittend, daß Du mir dies Verſprechen hältſt, und mich nicht hinderſt, zu meinem Bruder zu gehen? Bruder! Welchen Bruder meinſt Du? Jeder „Gläubige und Fromme ſoll Dein Bruder ſein, und die Verwandtſchaften des Geiſtes, ſie ſollen mächtigere und dauerndere Bande ſein, als dieſe zufällige Ver⸗ wandtſchaft des Blutes. Dein Bruder überdies ge⸗ fällt mir gar nicht, mein Kind! Er hat ein gewiſſes übermüthiges und ſtolzes Weſen, das ich nicht leiden kann. Zudem gehört er zu dieſen ſündigen, gottver⸗ laſſenen Erdenkindern, denen das Dieſſeits mit ſeinen nichtigen Freuden die Hauptſache iſt, und die ſich wenig kümmern um das Jenſeits, oder wohl gar frevelnd meinen, das Jenſeits ſei gar nicht da, um ſie zu ſtrafen für ihre Sündhaftigkeit. Ich glaube nicht, daß Eduard an einem Jenſeits zweifelt, ſagte Amalie ſchüchtern, und wenn er die Kirche nicht beſucht, ſo kommt dies daher, weil ſeine Geſchäfte ihn daran verhindern, und weil er meint, daß die redliche Erfüllung ſeiner Pflichten auch ein Gott wohlgfälliges Werk ſeil! Dies ſind die gewöhnlichen Phraſen, mit denen die Sünder ihre Gottloſigkeit bemänteln! rief Gotthold zürnend. Aber es iſt eine Lüge, eine ſchändliche Lüge! Der Beſuch der Kirche, das fromme, zerknirſchte Gebet, das allein iſt ein Gott wohlgefälliges Werk, und es giebt keine Pflicht, die höher und heiliger wäre, als dieſe! Nur wer fleißig betet, nur wer zerknirſcht und im reuigen Gefühl ſeiner Sündhaftigkeit es ſich be⸗ wußt wird, daß die Kirche allein das Aſyl iſt, in ¹ 6 — 129— welchem er Schutz findet gegen die Anfechtungen und Verſuchungen dieſer Welt, nur der allein iſt ein Kind Gottes, und werth, einzugehen in die Gemeinſchaft der Seligen! Ich kann dieſe Anſicht nicht theilen, ſagte Amalie feſt, und ich glaube, daß gute Handlungen das beſte und edelſte Gebet ſind, und daß Gott es lieber hat, wenn wir in glücklicher Fröhlichkeit der ſchönen Welt uns freuen, als wenn wir winſelnd und jammernd die Welt verachten, die Gott doch ſo ſchön geſchaffen! Muß ich das erleben, in meinem Hauſe erleben! rief Gotthold, die Arme gen Himmel erhebend, und nun begann er eine jener gottbegeiſterten, ſchwülſtigen und emphatiſchen Reden, in denen die Frommen ſo ſtark ſind, und welche das Entzücken der Gläubigen und das Schrecken der Ungläubigen ſind. Nun tönten von ſeinen Lippen wilde Verwünſchungen gegen die ſündige Menſchheit, gegen die verſtockten und verblen⸗ deten Sünder, nun ſprach er mit entzücktem Stolz von der Seligkeit und Ehre, welche den Frommen und Gläubigen aufbehalten ſei, und deren ſie allein theil⸗ haftig werden könnten. Solche Streitigkeiten waren Amalien nichts Unge⸗ wohntes, ſie erneuerten ſich täglich und führten doch niemals zu einem Reſultat. Mit Erſtaunen und Verwunderung ſah Gotthold, daß ſein junges Weib, von der er gehofſt hatte, daß ſie in ſeinen Händen wie weiches Wachs ſein würde, welches er in jede ihm beliebige Form ſchmiegen könne, daß dieſes ſo junge und anſcheinend ſo ſanfte Weib auf dem Grund ihres Weſens eine unerſchütterliche Feſtigkeit, eine energiſche Selbſtſtändigkeit ſich bewahre. — Er hatte ſich verheirathet, um eine behäbige und wohlgeordnete Häuslichkeit zu haben, um an ſeinem II. 9 8 Weibe eine willige und unermüdliche Trägerin ſeiner Launen zu finden, die ſtets bereit war ſeine herrlichen Eigenſchaften zu loben und ſeine Vortrefflichkeit in den Himmel zu erheben. Er hatte ſich verheirathet nur aus Bequemlichkeit, um für ſich ſorgen zu laſſen, um einen guten Mittagstiſch und einen regelmäßigen Haus⸗ halt zu haben, um nicht von den Dienſtboten betrogen und von den Miethlingen übertheuert zu werden, und er hatte ſich ein hübſches und junges Weib gewählt, damit ihre Nähe ihm auch Reiz und Anlockung ge⸗ währe, und er in ihrer Nähe immer auf einige glückliche Stunden ſeiner gottſeligen Erhabenheit und ſeiner Verachtung der irdiſchen Freuden vergeſſen könne. Amalie war Gotthold von ihrer frommen Tante Au⸗ guſte als ein ganz paſſendes, ſanftes und gefügiges Weib vorgeſchlagen, und er hatte ſie gewählt, weil er ſie ſchön und reizend fand, weil ſie nicht ganz unbe⸗ mittelt war, und endlich, weil es ihm ſchmeichelte, daß Amalie ſo bereitwillig ſeiner Bewerbung entgegenkam. Wir wiſſen aber ſchon, durch welche Mittel die fromme Tante Auguſte ihre Nichte Amalie vermocht hatte, die Hand Gotthold's anzunehmen, und wie Amalie bis zum letzten Momente noch in ſchmerzlichen Kämpfen gerungen, ihrem Bruder das Opfer zu bringen, deſſen Nothwendigkeit ihr die Tante fälſchlich vorgeſpiegelt. Aber ſeit nun dieſes Opfer gebracht worden, ſeit Amalie Gotthold's Gattin geworden, ſeit dieſem Mo⸗ mente fühlte ſie eine nie zu überwindende, eine ſtets wachſende Abneigung gegen den Mann, deſſen Weib ſie war, und der nur zu bald vor ihr die Maske ab⸗ geworfen, mit der er ſich der Welt gegenüber zu dra⸗ piren pflegte. Ich werde mich doch in meinem Hauſe und vor meinem Weibe nicht geniren ſollen! dachte er, und äberließ ſich in ſchonungsloſeſter Ungebundenheit allen ———— ——— — 131— ſeinen Neigungen und Launen, vor deren Gewalt und Stärke Amalie oft erſchreckend zurückbebte.— Zu vafe da verwandelte ſich der ſanfte, demüthige Prieſter in einen ſtrengen, jähzornigen Tyrannen, deſſen leiſeſte Winke Befehle waren, und der in wildem Zorn auf⸗ brauſete, zu Hauſe, da ward der Ascet, der Verächter aller irdiſchen Freuden zu einem leckern Gourmand, der den Freuden der Tafel und des Weins in freu⸗ digſtem Genuſſe ſich hingab, zu Hauſe, da verwandelte ſich der ehrbare fromme Prieſter in einen Liebhaber, vor deſſen glühenden Umarmungen und Zuflüſterungen Amalie ſchaudernd entfloh. Und fort und fort ertönten vor ihrem Ohre die Worte, die Eduard an ihrem Hochzeitstage geſprochen, dieſe Worte:„ich haſſe dieſen Gotthold, er iſt ein Heuchler, eine niedrige, gemeine Seele!“— Mit jedem Tage bohrten ſich dieſe Worte tiefer in ihr Herz ein, bis ſie endlich zu ihrem eigenen Fleiſch und Blut, zu ihrer innigſten, tiefſten Ueberzeugung geworden waren, bis ſie ſchaudernd und erbebend ſagte: und dieſer Mann, welchen Eduard haßt und den ich verabſcheue, er iſt mein Gatte! Aber Amalie beſaß Energie und jene Kraft des Gefühls, welche bei dem Weibe ſich oft zur Willens⸗ ſtärke erhebt und das ſchüchterne Mädchen zu einer Heldin macht.— Sie war ſich nicht ſobald ihrer troſt⸗ loſen Verlaſſenheit und ihres Unglücks bewußt gewor⸗ den, als ſie auch, mit ruhigem feſtem Blick ihre Lage überſchauend, den energiſchen Entſchluß faßte, dieſes Unglück zu bekämpfen und dem Kummer keine Gewalt über ſich zu geben. 8 Er iſt mein Gatte, ſagte ſie, und wenn ich ihn auch nicht lieben, ja nicht einmal achten kann, ſo will ich doch den Schwur ehren, den ich vor Gottes Altar 9* — 132— gethan, und in ihm das heilige Gelübde der Ehe achten, die freilich für mich nur eine Feſſel iſt und eine Bürde. Aber Gotthold würde niemals in eine Scheidung willigen. Wie könnte der fromme ehrwür⸗ dige Prieſter den Frommen und Glänbigen ein ſo entſetzliches Beiſpiel geben! Nein, Gotthold würde es vorziehen, mich langſam hinſiechen und ſterben zu laſſen, als mich frei zu geben, obwohl er mich gar nicht liebt und meiner gar nicht bedarf. Ich werde ihm nicht die Freude bereiten, ihm einen Vorſchlag zu machen, den er verweigern und ſich dadurch erſt recht als Herr und Gebieter fühlen würde. Ich will der Welt kein Schauſpiel geben von einem Unglück, das doch Niemand verſtehen und begreifen würde, und was ich übernommen, das will ich getreulich durch⸗ führen,— ich bin und bleibe Gotthold's Gattin! Und dann, mußte es ihr nicht ein Troſt ſein, an Eduard zu denken, an ihren Geliebten, ihren Freund, ihren Bruder? Mußte es ihr nicht eine himmliſche Zuverſicht gewähren, zu wiſſen, daß er da war, ihr Bruder, bereit ſie zu ſchützen vor jeglicher Unbill, be⸗ reit auf ihren Ruf herbeizueilen zu ihrer Hülfe und Rettung? Aber er, nein, er durfte nicht ahnen, was ſie litt, ihn durfte ſie nichts merken laſſen von ihren Schmerzen und ihrem Leid, er liebte ſie ja, und darum durfte ſie ihn nicht betrüben durch ihre Betrübniß. Nein, er ſollte nichts ſehen von ihren weinenden Augen und ihrer ringenden Qual! Ihm hatte ſie ſich zum Opfer dargebracht, und was wäre ein Opfer, wenn es nicht freudig gebracht würde! Sie hatte Eduard verſprechen müſſen, niemals in den ſtillen, ſeligen Morgenſtunden, die ſie bei ihm ſein durfte, Gotthold's zu erwähnen, oder ihrer ver⸗ änderten Lebensverhältniſſe; wenn ſie da war, wenn ſie ſorgend und waltend an ſeiner Seite ſtand, da — 133— mochte er gern ſich überreden, daß noch Alles ſei, wie ſonſt, daß ſie noch ungetrennt von ihm, noch nicht eines fremden Mannes Weib und kein Gedanke an Gotthold ſollte ihn aus dieſem entzückensvollen Traum erwecken. Sie war ja da, ſie ſorgte für ihn, wie ſonſt, ſie ordnete die Papiere auf ſeinem Schreibtiſch und ſtellte die Bücher an ihre beſtimmte Stelle, ſie berei⸗ tete ihm ſein Frühſtück, und ging in die Vorraths⸗ kammer, um der Köchin den nöthigen Bedarf für das von Amalien angeordnete Mittagseſſen zu geben. Sie war noch immer die Herrin ſeines Hauſes, wie ſie die Herrin ſeines Herzens war, und ſeit Eduard wußte, daß er die Schweſter jeden Morgen eine ſtille, ſelige Stunde beſitzen durfte, ſeit Amalie den ſüßen Troſt hatte, nicht ganz von Eduard getrennt zu ſein, ihn jeden Morgen in lieber, gewohnter Weiſe, ohne die läſtige Nähe eines Dritten zu ſehen, ſeitdem ſchien es den Geſchwiſtern, als hätten ſie ſich immer noch ein ſtilles, trautes Glück bewahrt, und die Tage und Nächte, ſie waren weiter nichts, als die öden Pauſen zwiſchen den köſtlichen Stunden des Glückes, die ſie jeden Morgen miteinander verlebten. Aber Gotthold hatte längſt dieſes Verſprechen, welches er ſeiner jungen Gattin gegeben, bereut, es war ihm längſt ſchon läſtig geweſen, ſie jeden Morgen allein zu ihrem Bruder gohen zu ſehen, und er meinte, daß nur die leidenſchaftliche Liebe zu ihrem Bruder es ſei, welche die Schuld trage, daß Amalien's Seele d ihm noch nicht ganz unterjocht und untergeordnet abe. So lange ſie noch dieſe abentheuerlichen Morgen⸗ promenaden macht, ſagte er, wird ſie immer noch ein gewiſſes Gefühl der Unabhängigkeit haben, es wird ihr immer ſein, als gehöre ſie noch halb dem Bruder, und nur halb mir, ihrem Gatten, an, und ſie meint, — 134— mir trotzen zu können, weil ſie ihrem Bruder jeden Morgen ihr Leid klagen und ihn zu ihrem Beiſtand herbeirufen könnte! Dies muß ein Ende nehmen! Zu⸗ dem iſt es wahrhaft lächerlich, daß meine Frau jeden Morgen zu ihrem Bruder rennt und ihm die Wirth⸗ ſchaft beſorgt. Und was Alles könnte die Welt nicht davon denken und reden, und was können die Leute nicht Alles darüber ſagen! Ich werde mir alſo dieſe regelmäßigen Morgenwanderungen verbitten, oder we⸗ nigſtens werde ich meine Bedingungen daran knüpfen. Ddieſem Entſchluß gemäß hatte Gotthold heute, als Amalie heimkam, ſich vorgenommen, ihr dieſe regel⸗ mäßigen Morgenbeſuche bei ihrem Bruder zu unter⸗ ſagen, und deshalb hatte er ſogleich mit ihr jenen Streit begonnen, der nur die Einleitung zu ſeinem Vorhaben ſein ſollte. Genug, ſchloß er endlich ſeine lange und ſtrenge Strafpredigt gegen den Uebermuth und die Gottloſig⸗ keit der Kinder dieſer Welt, genug, ich ſehe ſchon, wer Dein Herz ſo verhärtet und es immer auf's Neue wieder meinen Ermahnungen und meinem innigen Flehen verſchließt. Es iſt Dein Bruder, und ſeinen Einflüſterungen, ſeinen Verlockungen wird es noch ge⸗ lingen, mir Dein Herz und Deine Liebe abwendig zu machen. Ich muß Dich alſo bitten, von nun an mein Haus und meine Wirthſchaft zum Gegenſtand der Sorge für Deine Morgenſtunden zu machen, und Du ſelbſt wirſt dies viel natürlicher und ſachgemäßer fin⸗ den müſſen, als daß Du jeden Morgen zuerſt zu Deinem Bruder gehſt und ſeinen Haushalt beſorgſt. Das Band der Ehe zerreißt alle andern Bande, Du biſt nicht mehr Eduard's Schweſter, ſondern meine Gattin, ſein Haus iſt nicht mehr das Deine, ſondern Du biſt meine Hausfran, und die Sorge für mich und mein Haus muß Dir daher das Wichtigſte und Nächſteſein! — 135— Das iſt es auch gewiß, ſagte ſie zitternd, und Du wirſt nicht ſagen können, daß ich jemals um meines Bruders willen meine Pflichten als Hausfrau vernach⸗ läſſigt hätte. Aber es könnte dahin kommen, und dann, um Dir die Wahrheit zu ſagen, es thut mir weh, mit irgend Jemand Deine Liebe und Fürſorge theilen zu müſſen; mag Dein Bruder doch heirathen und ſich ſelber eine Hausfrau wählen. Du biſt mein, und ich will Dich mit Niemand theilen, ſelbſt mit Deinem Bruder nicht. Das heißt, ſagte ſie erbleichend, Du nimmſt Dein Wort zurück, Du willſt nicht, daß ich zu Eduard gehe? O, zuweilen, weshalb nicht, aber nur nicht jeden Morgen, nicht regelmäßig. Wir wollen ihn oft be⸗ ſuchen, Abends, wir Beide zuſammen, das iſt gehörig und ſchicklich, aber dieſe Morgengänge, die mußt Du aufgeben! O, ſagte ſie flehend und ihre Hände faltend wie zum Gebet, o, das kann Dein Ernſt nicht ſein. Du kannſt es nicht ungehörig finden, daß eine Schweſter für ihren Bruder ſorgt, für den einzigen Angehörigen, den ſie auf der ganzen Welt hat, für den einzigen Freund ihrer Jugend, der ſie liebt mit der edlen und uneigennützigen Liebe eines Bruders. Was kann es denn Schöneres, Reineres und Heiligeres geben, als die Liebe eines Bruders oder einer Schweſter, und wer wollte ſo grauſam ſein, Geſchwiſter zu trennen, die ſich lieben. Du gewiß nicht Gotthold, denn Du predigſt ja das Gebot der Liebe, und darum wirſt Du auch dieſe Liebe zu meinem Bruder beilig halten, und dieſes ſtille Glück, für ihn ſorgen zu können, mir nicht rauben wollen! Eine Frau hat nur für ihren Mann und ihr Haus zu ſorgen, ſagte Gotthold ſtreng, und ich will nicht die Lächerlichkeit auf mich laden, daß ich Deinem — 136— Bruder nachſtehen muß in Deinem Herzen. Zudem iſt dieſe Liebe zu Deinem Bruder unnatürlich und widrig, und ganz den Geſetzen der Natur zuwider! Gotthold, rief Amalie, ſich höher aufrichtend, und ihr Auge flammte in edlem Zorn, Gotthold, treibe mich nicht auf's Aeußerſte, ſuche nicht mit unedlem Mißtrauen mir eine Liebe zu entweihen, die in ihrer Reinheit und Natürlichkeit mindeſtens geſichert ſein ſollte vor entehrendem und niedrigem Verdacht. Du willſt nicht, daß ich zu meinem Bruder gehe? Ich ſage Dir aber, daß ich es will, daß er ältere und heiligere Rechte auf mich hat, daß er der Einzige iſt, der mich wahrhaft und wirklich liebt, und daß ich Alles aufgeben würde, ehe denn ich ihn verlaſſe und mein Herz von ihm abwende! Ich bin nicht Deine Sclavin, deren Willen Du in Feſſeln ſchlagen, deren Gefühle Du unterjochen kannſt, ich bin ein freies Weib, Dir gleich ſtehend in ihren Rechten und Gefühlen, und als ſolche fordere ich mein Recht und meine An⸗ erkennung. Kein Geſetz der Erde kann mir gebieten, meinen Bruder nicht zu lieben, und kein Machtſpruch ſoll mich hindern für ihn zu ſorgen und ihm das zu ſein, was ich geſchworen, ihm ewig zu ſein, eine treue, liebende Schweſter. Weder Deine gleißneriſchen Worte, noch Deine heuchleriſchen Sentenzen ſollen mich hin⸗ dern zu thun, was mein Herz und mein Gefühl mir gebietet, und ich werde morgen und alle Tage zu meinem Bruder gehen! Ihre eigene Erregung, die Angſt und der Schmerz hatten ſie zu weit geführt und ihr die nöthige Beſon⸗ nenheit, dem Gatten gegenüber geraubt. Als ſie ihn jetzt anblickte, erbebte ſie vor der entſetzlichen Verän⸗ derung, die in ſeinem Angeſicht vorgegangen. Eine dunkle Röthe hatte ſein ganzes Antlitz überzogen, ſeine weit aufgeriſſenen Augen flammten in wildem Zorn, — 137— und ſeine zitternden Lippen ſtießen einzelne wilde Ver⸗ wünſchungen aus.— Jetzt ſtürzte er wie eine wilde Tigerkatze zu Amalien hin, und heftig ihren Arm packend, daß ſie laut aufſchrie vor Schmerz, ſagte er grimmig: und ich ſage Dir, Du wirſt nicht hingehen! Wer biſt Du, daß Du es wagſt, mir zu widerſtehen? Du biſt mein Weib, ein Geſchöpf, das mein iſt, das mir gehört, und das mir gehorchen muß, weil ich der Herr bin! Du wirſt nicht zu Deinem Bruder gehen, ſage ich, und ſollte ich Dir dieſe Hände zerbrechen, um Dich feſtzuhalten! Du haſt mich einen Heuchler genannt, nun, vor Dir, ſiehſt Du, heuchle ich nicht, Dir will ich mich beweiſen, als Dein Herr, und Du ſollſt mir gehorchen, oder Du wirſt Deinen Bruder niemals wiederſehen, niemals, ſage ich! Verſuche es nicht, gegen mich Dich aufzulehnen, mir biſt Du nicht gewachſen, und vor mir ſollſt Du lernen Dein Haupt zu beugen in Demuth und Gehorſam. Wenn ich Dir ſage, daß Du nicht zu Deinem Bruder gehſt, ſo wirſt Du mir gehorchen, und ſollte ich die Polizei zu Hülfe rufen. 3 Eduard, Eduard, zu Hülfe! ſchrie Amalie, außer ſich vor Schmerz und Entſetzen, in einer Art Delirium von Qual. Eduard, ich ſterbe, et tödtet mich! Dann ſank ſie ohnmächtig zuſammen.— Gotthold hob ſie mit der Kraft eines Athleten vom Boden auf und trug ſie in ihr Schlafzimmer zu ihrem Lager. Das wird wirken, ſagte er zähneknirſchend, ſie wird es nicht wieder wagen, ſich gegen mich aufzulehnen! Als Amalie ſich wieder erholte und die Augen aufſchlug, ſtand Gotthold noch neben ihr und er ſagte mit ſeinem ſüßeſten Lächeln und ſeiner ſanfteſten Stimme: ich hoffe, mein Engel, wir verſtehen uns jetzt, und Du haſt eingeſehen, daß es beſſer iſt, wenn Du Morgens nicht mehr zu Deinem Bruder gehſt. Sollteſt Du — 138— dennoch bei dieſem krankhaften Entſchluß beharren, ſo würdeſt Du mich dadurch nur zwingen, Deinem Bru⸗ der auf immer mein Haus zu verbieten, was mir in der That recht ſchmerzlich ſein würde, und was ich nur im äußerſten Nothfall thun möchte. Auch hoffe ich, daß es ſolcher ſchmerzlichen Gewaltmittel nicht bedarf. Du wirſt als folgſame und liebende Gattin gewiß meinen Wünſchen entgegenkommen und mich vor der Unannehmlichkeit bewahren, Deinem Bruder die Thür zu zeigen! Ich werde nicht mehr hingehen, ſagte Amalie ton⸗ los, und zwei Thränen rannen langſam über ihre blei⸗ chen Wangen. Nein, gewiß, ich werde nicht mehr hin⸗ gehen, wenn Du mir nur verſprechen willſt, mindeſtens freundlich und zuvorkommend gegen Eduard zu ſein, wenn er zu uns kommt, und mir die Sorge zu über⸗ laſſen, ihm mein Ausbleiben zu erklären. Ganz wie Du willſt, meine Taube, Du ſiehſt, welche Gewalt Du über mich haſt, und wie gern ich bereit bin, alle Deine Wünſche zu erfüllen. Er neigte ſich zu ihr nieder und küßte ſie; ſie ſchauderte zuſammen und wandte mit einem leiſen Aechzen ihr Haupt ab. Du ſchreckſt fieberhaft zuſammen, ſagte er, gewiß, Du biſt unwohl, und mein Herz zittert in Angſt um Dich. Sage mir, Amalie, mein ſüßes Leben, wie fühlſt Du Dich? Soll ich den Arzt rufen? Ich bitte Dich, ſchrie ſie laut, nicht mehr im Stande ihre Thränen zu bemeiſtern, Gotthold, ich beſchwöre Dich, nur nicht dieſe zärtlichen Worte, ſie zerreißen mein Ohr, ſie klingen in dieſer Stunde wie Hohnge⸗ lächter! Schilt mich, grolle mit mir, es iſt immer noch beſſer, als dieſe geheuchelte Zärtlichkeit. Armes, holdes Kind, rief Gotthold mit frommem Augenaufſchlag, Gott erbarme ſich Deines kranken — 139— Kopfes. Du mußt unendlich leiden, und ich verzeihe Dir dieſe harten Worte, von denen Dein Herz nichts weiß, und welche nur das Fieber aus Dir ſpricht. Ja, ich verzeihe Dir und liebe Dich mit der heißeſten, glühendſten Liebe eines Gatten! Er wollte ſie in ſeine Arme ſchließen. Sie ſtieß ihn zurück und ſagte heftig: Gotthold, wenn Du mich in dieſer Stunde nicht ſchonſt, ſo ermorde ich mich! Gotthold ſagte fromm: erbarme Dich ihrer, gütiger Himmel! Ein Dämon iſt in dieſen holden Leib ge⸗ fahren, und ein hölliſcher Teufel ſpricht von ihren holden Lippen! Ja, ja, der Satan verſucht die Kinder dieſer Welt, er fährt in ihren Leib und ſpricht aus ihnen mit gottesläſterlichen Worten. Aber meiner hei⸗ ligen Kraft wird es gelingen, dieſen Teufel zu bannen und ihn aus ihrem ſüßen Leibe auszutreiben! Er kniete nieder neben dem Lager, auf welchem Amalie lag, und mit begeiſterten Blicken und empor⸗ gehobenen Armen begann er laute Gebete und Be⸗ ſchwörungsformeln zu ſprechen, mit denen er den Teufel bannen wollte aus dem Leibe ſeiner Gattin. Immer glühender wurden ſeine Gebete, immer inbrünſtiger ſeine Beſchwörungen, und in einer Art heiliger Extaſe ſchien er ſelber an das Daſein dieſes Teufels und an die Macht ſeiner Beſchwörung zu glauben.— Amalie hatte Anfangs laut gejammert und geweint, ſie hatte ſich vom Lager emporheben wollen, um dieſen ent⸗ ſetzlichen Gebeten, dieſen fanatiſchen Beſchwörungen zu entfliehen, Gotthold aber hatte ſie mit kräftiger Hand in die Kiſſen zurückgedrückt, und ſeine Worte waren nur noch fanatiſcher und wilder geworden. Dann begann Amalie leiſe zu ihm zu flehen um Er⸗ barmen, um Ruhe, um ein wenig Einſamkeit. Er ſchien ihr angſtvolles Flehen gar nicht zu hören, denn er betete fort und fort, und eine heilige Begeiſterung flammte aus ſeinen Blicken, aus den verklärten Zügen ſeines Angeſichtes. Endlich ergab ſie ſich ſtill und ſchweigend dem Unabwendbaren, ſie auch faltete die Hände und betete, aber es waren Gebete ohne Worte, und ſie hatten nichts gemein mit den blumenreichen, emphatiſchen Gebeten des Predigers, es waren Gebete, die keines Menſchen Ohr vernimmt und keine Zunge nachzuſprechen weiß, aber die empordringen zu Gottes Thron, und denen er nimmer ſein Ohr und ſein Er⸗ barmen entzieht. Faſt eine Stunde war ſo vergangen, Amalie war ganz ſtill, ganz ergeben, ſie dachte an Eduard, und daß er gewiß niemals etwas erfahren ſolle von dieſer grauenvollen Stunde, und daß Er niemals etwas ſehen ſolle von ihren Thränen und ihrer Qual, und über dieſem Denken an ihn hörte ſie nicht mehr Gottholds Gebete, fühlte ſie kaum mehr die eiſerne Hand, mit der er ſie auf dem Lager zurückhielt. Gotthold unterbrach ſich endlich in ſeinen Gebeten und fragte zärtlich: Nun, mein holdes Kind, wie iſt Dir jetzt? Iſt der Dämon von Dir gewichen? Sind meine Gebete erhört worden? Sprich zu mir, ſüßer Engel, und ſage mir, wie Du Dich fühlſt? Dieſe Scene muß ein Ende haben, dachte ſie, und wenn ich eingehe auf ſeine Weiſe, wird er mir Ruhe gönnen! Du antworteſt mir nicht? fragte Gotthold. Es iſt mir alſo nur erſt gelungen, den Dämon zum Schwei⸗ gen zu bringen, nicht aber ihn auszutreiben. Doch auch dies muß mein Gebet vermögen! Er wollte abermals ſeine lauten Gebete beginnen, als Amalie leiſe und ſanft ſagte: Ich danke Dir, lieber Gotthold, mir iſt jetzt beſſer, unendlich beſſer und ruhiger und ich glaube, wenn Du mir Deinen Arm leiheſt, werde ich aufſtehen können. — 141— Ach, welch ein Triumph, rief Gotthold, ich habe den Dämon beſiegt. Wer wollte nach ſolchem Beiſpiel noch zweifeln an der heiligen Kraft des Gebetes und der ſegensvollen Macht des göttlichen Wortes! Er hob Amalie in ſeine Arme, ſie wehrte ihm nicht und ließ ſich ruhig von ihm in das anſtoßende Gemach und zum Divan tragen. Ach, ſagte er ſtolz, wir Prieſter allein ſind wahre und alleinige Aerzte, und das Gebet iſt das beſte Heil⸗ mittel für jegliches Uebel, es bedarf keiner andern Me⸗ dicamente. Nun, Theuerſte, biſt Du nicht zufrieden mit Deinem Arzt? O gewiß, außerordentlich, ſagte ſie mühſam, und mir würde gewiß ganz wohl werden, wenn ich ein wenig ruhen könnte. Schlafe, mein holder“Engel, ſagte er zärtlich, ich werde Deinen Schlummer bewachen und bei Dir bleiben. Aber weshalb willſt Du Dir dieſen Zwang auf⸗ erlegen, ſagte ſie ſchüchtern, wirklich, es iſt zu viel Güte, daß Du bei mir bleiben willſt, während ich ſchlafe, und ich bitte Dich, doch, wie Du Morgens immer zu thun pflegſt, anf Dein Zimmer zu gehen. Sie will allein ſein, dachte Gotthold, ich bin ihr läſtig. Aber ich will dieſen Starrſinn brechen, und ſie ſoll ganz die Gewalt meiner Herrſchaft empfinden, da⸗ mit ſie auf immer ſich mir untergeordnet fühlt.— Laut ſagte er deshalb: Nein, mein liebes Weib, ich opfere Dir gern meine Gewohnheiten und meine Ruhe, und Du wirſt gewiß nicht glauben können, daß ich um mei⸗ ner perſönlichen Bequemlichkeit willen die Rückſichten, die ich Dir ſchuldig bin, vernachläſſigen könnte. Ich bleibe hier und bewache Deinen Schlummer! Amalie ſeufzte nur und ſchwieg. Sie lehnte das Haupt zurück und ſchloß die Augen; immer doch war es noch beſſer, ſich ſchlafend zu ſtellen, als ſprechen zu — 142— müſſen und ihn anzublicken, ihn, den Gatten, der neben ihr ſaß, ſeine Blicke mit einem ſpöttiſchen und trium⸗ pphirenden Ausdruck auf ſie geheftet, und von Zeit zu Zeit die Augen erhebend zu dem Bilde der erſten Gat⸗ tin, das über dem Divan hing, bleich und gramvoll anzuſehen, wie die lebende zweite Gattin, die zuckend auf dem Divan lag. Den ganzen Tag über wich Gotthold nicht von der Seite ſeiner Gattin; holde Worte und zärtliche Zu⸗ flüſterungen waren auf ſeinen Lippen, und wer ihn ſo aufmerkſam und zuvorkommend, ſo zärtlich und ſorg⸗ ſam geſehen, der hätte dieſes junge Weib der Undank⸗ barkeit anklagen mögen, weil ſie nur mit einem matten Lächeln ſeine Zärtlichkeit und Freundlichkeit duldete, ſtatt ſie zu erwiedern. Und Nachmittags fuhr Eduard vorüber, ach, ſie kannte ſchon in der Ferne das Rollen der Räder, und ihr Herz klopfte höher vor Schmerz und Weh. Unwill⸗ kührlich war es, daß ſie zum Fenſter eilte. Da hielt ſein Wagen, und Eduard ſah empor, und ſie, Alles vergeſſend, nickte ihm lächelnd und ſelig. Was war es, das plötzlich das Lächeln von ſeiner Lippe ver⸗ ſcheuchte, das ſeine Stirn umwölkte und ihn auf ſei⸗ nen Sitz zurückzog, während er doch eben ſich erhoben hatte, um auszuſteigen und hinauf zu eilen zu der Schweſter?— Er hatte neben Amalien das Angeſicht ihres Gatten erblickt, dieſes freundliche, fromme Ange⸗ ſicht mit dem gleißneriſchen Lächeln und den gottbe⸗ geiſterten Blicken. Mit einer Verwünſchung im Herzen hieb Eduard auf das Pferd ein, daß es, hochaufſpringend, in raſen⸗ dem Lauf fortſtürmte und ihm den verhaßten Anblickentzog. Mit finſteren Zügen und grollendem Herzen verließ Eduard den Wagen, um in ſeine einſame und öde Woh⸗ nung zu gehen, da ſtand vor ſeiner Thür dieſes alte, — 143— arme Weib, das ihn heute Morgen ſchon mit Amalien begrüßt und angeredet. O, er erinnerte ſich, daß Amalie ihr die Hand gereicht,— konnte er unfreundlich ſein gegen dieſes arme Weib, die ſeiner Schweſter eine ſo zarte Aufmerkſamkeit erwieſen?— Seine Stirn erhei⸗ terte ſich, und er grüßte die Alte mit gütigen Worten und nannte ſie bei ihrem Namen, und fragte nach ihrem Begehr. Ach, mein Gott, rief Frau Winkler freudig, Sie haben ſich meinen Namen gemerkt, Sie wiſſen noch, wie ich heiße? Nun, wär's nicht undankbar den Namen Derer zu vergeſſen, die uns lieben? fragte er gütig. Und als er wieder nach ihrem Begehr fragte, ſagte Frau Winkler ſchüchtern, ſie bringe ihm nur einen Blumenſtrauß, und der ſei beſtimmt, auf ſeinem Schreib⸗ tiſch zu verwelken. Sie nahm aus einem Körbchen einen köſtlichen Strauß von Noſen und Camelien und herrlichen Treibhaus⸗ blumen und reichte ihn Eduard dar mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck von Glück in ihrem alten, ruͤnz⸗ lichten Angeſicht. Wirklich, ein wundervoller Strauß, und eine wahre Seltenheit in dieſer Jahreszeit, ſagte Eduard, von wem kommt er, wer hat Sie beauftragt, ihn mir zu bringen? Es fiel ihm gar nicht ein, er dachte gar nicht an die Möglichkeit, daß dieſes arme, ſchmutzige, alte Weib ihm einen ſo koſtbaren Strauß bringen könnte, und heimlich meinte er, Amalie ſende ihm dieſe Liebes⸗ botſchaft. Wer mich beauftragt hat, Ihnen dieſe Blumen zu bringen? fragte Frau Winkler, und ein aufmerkſamer Beobachter hätte in ihren Mienen ihre tiefe Traurig⸗ keit und Enttäuſchung leſen mögen, aber Eduard dachte nicht an ſie, ſondern nur an Amalien, und er ſagte 144 faſt ungeduldig: Nun ja, von wem bringen Sie mir dieſe Blumen? O, ſagte Frau Winkler ſeufzend, ich darf es Ihnen nicht ſagen, es iſt ein Geheimniß. Es kommt alſo von ihr! rief Eduard, und küßte die Blumen. Nicht wahr eine junge, ſchöne Frau gab es Ihnen? Ja, eine ſchöne, vornehme Frau! ſagte Frau Wink⸗ ler tonlos, und ſie hat geſagt, ich ſolle alle Woche Ihnen einen ähnlichen Strauß bringen, aber nur in Ihre eigenen Hände dürfte ich ihn geben. Ich darf alſo wiederkommen, und Sie werden immer dieſe Blu⸗ men nehmen? Gewiß! Und ſagen Sie der ſchönen vornehmen Dame, daß ſie mich ſehr glücklich gemacht hat, und daß ich ihr danke! Ich werd's ſagen! flüſterte Fran Winkler, und wandte ſich eilig ab, damit er nicht ſehen ſolle, daß ſie weine. Er glaubt nicht einmal, daß dieſe Blumen von mir ſein könnten, ſeufzte ſie ſchmerzvoll, als ſie die Straße hinabging, und eine ſchöne und vornehme Dame iſt es, die ſie ihm ſandte! Ach Gott, ich habe doch ſo lange arbeiten müſſen, ehe ich ſo viel zuſammenſparen konnte, und nun glaubt eer es nicht einmal! Aber, was thut's, ſagte ſie dann heiter, er hat ſich doch gefreut, das iſt die Hauptſache, und was liegt denn daran, ob ich ſei⸗ nen Dank habe, wenn er ſich nur einen Augenblick daran freut. Das Andere iſt ja gleich! Nun, und ich werde ſchon fleißig ſein und ſo viel verdienen, daß ich ihm alle Woche ein ſolches Blumenbouquet bringe. Es koſtet ja nur einen halben Thaler, und den werde ich doch zuſammenſchaffen können, und müßte ich hun⸗ gern und betteln. Ich werde ihn dann doch jede Woche einmal ſprechen und ihm eine Freude machen! 3 Das Glück der Armuth. Ja, wenn das Geld, wenn der Reichthum und das äußere Wohlbehagen, wenn der Ueberfluß und die Pracht, wenn dieſes allein im Stande wäre, das Glück zu erzeugen und zu feſſeln, dann freilich bliebe den Armen nichts weiter übrig als zu verzweifeln und zu ſterben. Aber das Glück iſt ein ſtets wechſelnder Pro⸗ teus, es nimmt jede beliebige Geſtalt an, und in der wechſelnden Form bleibt es doch immer daſſelbe, ewig, uranfänglich; dem Einen erſcheint es in der Geſtalt der Geliebten, dem Andern in dem finſtern Gewande des Todes; Dieſem lächelt es mit goldenen Schätzen, Jenem zeigt es ſich als ein ſtilles, friedliches Thal mit einer kleinen, von Ulmen beſchatteten Hütte; dem Einen naht es ſich im leuchtenden Glanze des Ruhms, während es dem Andern ſüße Mährchen in's Ohr flüſtert von ſtiller Genügſamkeit und treuer Liebe; dem Feldherrn zeigt es ſich als Siegesgöttin, und den Bettler begleitet es als ſeiner Armuth einziger Freund, in der Geſtalt des treuen Hundes. Oft iſt es nichts als eine leuchtende Traumgeſtalt, die ſich dem Er⸗ wachenden in leichten Nebel auflöſt, welche aber noch in der Rückerinnerung ihn umſtrahlt mit einem milden Il. 10 Friedensglanze. Dem Reichen zeigt es ſich prunkvoll, dem Armen in unſcheinbarer Form, wer aber will ſagen, daß die leuchtende Tulpe ſchöner duftet, als das ſtille, unſcheinbare Veilchen? Und wer will behaupten, daß in goldenen Paläſten und unter ſeidenen Gewän⸗ dern die Herzen fröhlicher ſchlagen und das Glück heißer empfinden, als in niederer Hütte, unter dem groben Kleide der Armuth? Mit ſolchen Worten, mit ſolchen Gedanken tröſtete Louiſe den Freund, wenn er klagte, daß er ihr nicht Reichthum und Glanz zu bieten vermöchte; und wenn ſie ſo vor ihm ſtand, mit leuchtenden Wangen und lieblichem Lächeln, dann fühlte Thomas es wohl, daß ſie Recht habe, und daß Er auf Erden freilich nichts weiter bedürfe, als ſie ſo anſehen und ſtill ihren Wor⸗ ten lauſchen zu können, dieſen Worten voll ſo reiner Begeiſterung, ſo friſchen, jugendkräftigen Muthes. Aber ſie? Konnte ſie zufrieden ſein wollen mit dem ärm⸗ lichen Looſe, das er ihr zu bieten vermochte, konnte ſie ſich glücklich fühlen in einer Lage, die ihr tägliche Entbehrungen, tägliche Sorge und nie raſtende Thätig⸗ keit auferlegte? Louiſe, die einſt allen Glanz des Reichthums, alle Behaglichkeit des Ueberfluſſes gekannt, ſollte die jetzt im Stande ſein, auf immerdar ſich in die rauhen Gewande, in die unſchönen Formen der Armuth zu ſchmiegen? Er hatte ihr nichts zu bieten, nichts als ſein treues, liebendes Herz, nichts als ſeine Hand, die aber bereit war für ſie zu arbeiten, ſie zu ſchützen und über alle rauhen Pfade des Lebens ſie hinweg zu geleiten mit nimmer ermüdender Sorgfalt. Und dieſes Nichts, das er nicht anzubieten wagte, ihr war es Alles, und ſie ſagte; ich kann nicht ärmer werden, als ich bin, darum alſo bin ich reich, wer nichts mehr zu verlieren hat, der erſt hat Alles ge⸗ wonnen. Weil wir ſo arm ſind, daß wir gar nichts — 147— entbehren, ſo ſind wir reicher, wie die Könige, denen in der ſchimmernden Krone vielleicht nur ein Brillant fehlt, um deſſen Nichtbeſitz ſie ſich härmen. Wer gar nichts hat, für den iſt jeder Sonnenſtrahl ſchon eine 3 Luſt und eine Gottesgabe und jedes Unkrautsblümchen eine volle Purpurroſe. Wenn aber einem ſolchen Armen das Höchſte, was die Erde zu bieten vermag, wenn ein edles großes Herz ſich ihm zu Eigen giebt, wird er im Beſitz eines ſolchen unermeßlichen Schatzes ſich nicht reicher fühlen und ſeliger, als alle Könige der Welt? Ach die reichen Leute, die haben ſo vieles, was ſie in ihrem Herzen beherbergen müſſen, ſo viele Wünſche, ſo vielerlei Neigungen, daß da kaum noch Raum bleibt für die Liebe, und daß ſie ſich ganz ſcheu und klein in einem Winkel zuſammenducken muß, um nicht von all dieſen andern Bewohnern des Her⸗ zens zertreten zu werden. Aber der Arme, deſſen Herz iſt ſo groß und ſo frei, ſo göttlich öde und leer, daß da die Liebe Raum hat als hellglänzender Genius ſeine Schwingen auszubreiten und das ganze Daſein zu durchleuchten mit ſeiner göttlichen Pracht. 1 Und wenn Louiſe ſolche lächelnde, ſelige Worte ſprach, dann zog die Baronin ſie an ihr Herz in ſeligem Mutterglück, und ihr Kuß ward zu einem ſtillen Gebete, zu einem heißen Segenswunſche für die Tochter. Daß er ſie liebe, hatte Thomas ihr lange ſchon nicht mehr verſchweigen können, aber niemals hatte er den Muth gefunden, ſie zu fragen, ob ſie ſein Weib ſein wolle, ach, es fehlte ihm ſogar der Muth, dies nur zu denken, und er ſagte oft zu ſich ſelber: ich möchte ſterben; ſchweigend und glücklich mich zu ihren Füßen niederlegen und ſterben, ehe dieſer köſtliche Traum vorüberrauſcht und das Leben mich wieder aufrüttelt zu grauſamem Erwachen. Zuweilen iſt es 10* 148 mir, als wäre mein Glück nichts weiter als ein Opiums⸗ rauſch, dem die tödtlichſte Enttäuſchung folgen werde, und dennoch fühle ich es ſo wahr und rein, ſo dauernd und ewig in meinem Herzen glühen. Du biſt heute traurig, Thomas? fragte ihn einſt Louiſe, als er Abends neben ihr ſaß und ihr und der Mutter Shakeſpeare's Sturm vorgeleſen hatte. Deine Stimme zitterte, während Du laſeſt, und Dein Auge iſt trübe und ſchwermuthsvoll. Thomas küßte ihr ſchweigend die Hand. Nun, wirſt Du nicht beichten, Thomas, fragte die Baronin mit einem gütigen, ermuthigenden Lächeln. Ja, ich will's, ſagte er heftig, und Sie ſollen es wiſſen, liebe Frau Hermfeld, daß ich leide, weil ich ſo glücklich bin, und daß ich mich ängſtige, weil mein Herz ſo voll Seligkeit iſt. Es kann nicht ſo bleiben, das weiß ich, und ich zittere vor jeder kommenden Stunde, weil ich meine, ſie werde mein Glück zerſtören und mich wieder zurückſchleudern in die Abgründe, aus denen Sie und Louiſe mich erretteten. Und weshalb ſolche Befürchtungen, Thomas? fragte die Baronin, während Loniſe dem Freunde mit theil⸗ nehmenden Blicken die Hand darreichte. Weshalb? rief er ſtürmiſch. Weil ich dieſes Glückes nicht werth bin, weil Louiſe unerreichbar hoch über mir ſteht, und weil ich mich ganz zerbrochen, ganz klein ihr gegenüber fühle, weil ich mich vor ihr meiner Unwiſſenheit ſchäme und meines beſchränkten Sinnes. Alles was ich kann und weiß, ſie hat es mich gelehrt, ihr verdanke ich Alles, was ich bin, und ſo bin ich weiter nichts, als ein kleiner Theil ihres eigenen Weſens, als eine matte Ausſtrahlung ihres eigenen Geiſtes. Dieſes Bewußtſein vernichtet mich,— ich habe ihr nichts zu bieten, als das, was ſie mir zuvor gegeben, Alles, was ich bin, ja, meine Sprache ſelbſt, — 149— iſt ihr Werk, ich habe nichts Eigenes, nichts, was mir gehört, nichts, von dem ich ſagen könnte, daß es Mein ſei, und nicht von ihr mir nur gegeben, nur geborgt, als ein kleiner Theil von ihren Schätzen. So troſt⸗ los arm bin ich, daß ſelbſt meine Gedanken nicht mein Eigenthum ſind, ſondern nur von ihr entlehnt, von ihr entnommen. Ach, und wie bald wird nun die Zeit kommen, wo ſie meiner Armuth überdrüſſig iſt und meiner Unwiſſenheit ſich ſchämt. O, dieſe äußere Ar⸗ muth, die iſt es nicht, die mich ſorgenvoll macht, gegen die kann ich kämpfen, mit der kann ich ringen und ſie auch beſiegen, was aber ſoll ich Louiſen ſagen, wenn ſie einſt klagt über die Armuth meines Geiſtes, was ſoll ich ihr entgegnen, wenn ſie an meiner Seite hungert und darbt nach einem Strahl des geiſtigen Lichtes, um an ihm ſich neu zu beleben, neu zu er⸗ wärmen? Wird ſie dann ſich nicht verachtungsvoll abwenden, und wird dann nicht eine unermeßliche Kluft zwiſchen ihr und mir ſich auseinander ſpalten? In ſolchem Momente und bei der erſten Regung ſolchen Gefühls würde ich ſterben, mich ſelber ver⸗ fluchend, mich ſelber verachtend, wär's da nun nicht beſſer zu ſterben, während ich noch glücklich ſein darf, während ſie mich noch nicht verachtet? Er bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen und ſchluchzte laut, da fühlte er ſich von zwei Armen um⸗ ſchlungen, da fühlte er heiße Thränen auf ſeine Stirn herniederträufeln, und als er aufſchaute, ſah er in Louiſens ſelig lächelndes Angeſicht. Die Baronin aber hatte leiſe das Zimmer verlaſſen. Böſer, geliebter Freund, flüſterte ſie leiſe und legte ihm beide Hände auf die Schultern, um ihm feſt und glücklich in die Augen zu ſehen, willſt Du mich ſo betrüben, daß Du Dich von mir wendeſt? So ſtolz alſo biſt Du, daß ſogar mein bischen Wiſſen Dich 3 — 150— bedrückt, weil Du's vielleicht nicht theilſt und dafür viel beſſere Dinge weißt? So ſtolz biſt Du, daß Du mich nicht einmal fragſt, ob ich Dein Weib ſein will, ſo ſtolz, daß ich in aller Demuth kommen muß, mich ſelbſt Dir anzubieten und Dich zu bitten, mich anzu⸗ nehmen als Dein Weib? Louiſe! ſchrie Thomas außer ſich und ſtürzte zu ihren Füßen nieder. Louiſe, iſt dies kein Traum, iſt es Wahrheit, Wirklichkeit? Du willſt— Dein Weib will ich ſein, unterbrach ſie ihn, und zog ihn mit einem ſeligen Lächeln an ihre Bruſt empor. Ja, Thomas, Dein treues Weib will ich ſein, und lieben will ich Dich als meinen theuerſten, edelſten Freund, und gehorchen will ich Dir als meinem Herrn und Meiſter, und lernen will ich von Dir, als von einem weiſen Lehrer, der mich unterrichten ſoll in der Kunſt des Lebens, der Genügſamkeit, der Freudigkeit im Entbehren und der Geduld im Leiden. 4 Sie ſchwieg und lehnte ihr erröthendes Angeſicht an ſeine Schulter.. Er ſagte ganz berauſcht, ganz betäubt: ſprich noch einmal, meine ſüße Blume, laß es mich wieder hören, dieſes köſtliche Wort, daß Du mein ſein willſt, mein Weib, Mein, vor Gott und Menſchen, daß Du Dich nicht ſchämen willſt, meinen Namen zu tragen und die Gattin zu ſein des armen Webers, der Dir nichts zu bieten hat, als ſeine Armuth? Und iſt nicht die Armuth der größte Reichthum, wenn wir ſie auffaſſen im rechten Sinn? fragte Louiſe. Ach, mein Geliebter, laß uns nicht dieſe Reichen be⸗ neiden um ihres Reichthums willen, ſie ſind ärmer als wir, denn immer noch giebt es Etwas, das ſie entbehren, das ihnen unerreichbar iſt. Wer ſich aber mit Freudigkeit und unverhüllt der Armuth ergeben hat, ſiehſt Du, dem gehört Alles, weil ihm nichts ge⸗ 1 — 151— hört, und der iſt zufrieden, weil er nichts zu entbehren hat. In dieſer heiligen, gottſeligen Armuth, welche ſich nicht verbirgt und nicht ſchamvoll bei Seite geht, in dieſer Armuth wollen wir leben und ſelig ſein und Gott preiſen, daß er uns nicht abhängig gemacht hat von dieſem Flitterſtaat des Daſeins, daß wir frei ſind von all dieſem nichtigen Tand des Lebens, frei, wie der Vogel in der Luft, dem jeder Zweig zum heimath⸗ lichen Dache wird, und jeder Platz genügt, um ſich ſein Neſt zu bauen. Ach, mein Geliebter, es giebt Viele, welche die Armuth ein Unglück nennen, mir aber iſt ſie zum Glück geworden, und ich preiſe Gott, daß er mich arm gemacht, denn die Armuth war es, die uns hieher geführt, durch ſie lernte ich Dich kennen, und ſo iſt die Armuth die heilige Vermittlerin unſerer Herzen geworden, die wir hochachten und preiſen wollen, als die Mutter unſerer Liebe! Und Du willſt mich lieben und meiner Dich nicht ſchämen, weil ich unwiſſend bin und arm an Geiſt? fragte er mit überſtrömenden Augen. Du läſterſt und verleumdeſt Dich ſelber! ſagte ſie zärtlich. Weil einige dieſer Dinge, mit deren Kennt⸗ niß die Cultur uns überpfropft, ohne uns zu nützen, Dir fremd ſind, deshalb biſt Du noch nicht unwiſſend, und weil Du nicht Alles das weißt, was man nur zu lernen pflegt, um es bald wieder zu vergeſſen, deshalb biſt Du nicht arm an Geiſt! Dein Geiſt iſt reich, und Gott iſt es, der ihn reich gemacht, und die Fähigkeit alles Wiſſens in Dich gelegt hat, und dieſe Fähigkeit, ſie ſteht höher als das Wiſſen ſelber. Mit dieſer Fähigkeit rauſchen alle Quellen des Wiſſens Dir entgegen, und aus allen kannſt Du Dir den Labe⸗ trank ſchöpfen. Mit dieſer Fähigkeit wirſt Du die Dichter verſtehen und Dich berauſchen laſſen mit ihren ſüßen Worten, mit ihr wirſt Du die Kraft haben zu lernen, was Du lernen willſt, und Das ganz zu er⸗ faſſen und Dir zu Eigen zu machen, was Deiner werth iſt. Ach, mein Freund, es giebt ſo viele Ge⸗ lehrte, die ihren Geiſt vollgepfropft haben mit Kennt⸗ niſſen und dennoch geiſtlos ſind und unwiſſend, und wiederum giebt es Andere, die wenig gelernt haben und doch viel wiſſen, die keine Sprache kennen, aber die edle Sprache des Herzens reiner und deutlicher ſprechen, als all dieſe grundgelehrten Herren, Andere, die dieſes matte Dämmerlicht, welches das Erlernte über den Geiſt ausgießt, erſetzen durch dieſe elektriſchen Blitze des urſprünglichen Geiſtes und der inſtinct⸗ mäßigen Erkenntniß. Wo dieſe Blitze zünden, da lovert ein heiliges Feuer gen Himmel, an welchem man ſich dauernder erwärmt und durchglüht, als an der mühſamen Flamme, welche allein das erlernte Wiſſen zu erzengen vermag. O, rief Thomas mit funkelnden Augen, o, ich verſtehe Dich jetzt, meine Louiſe, und ich werde nicht mehr klein von mir denken, weil Gott und die Natur bisher meine einzigen Lehrmeiſter geweſen. Es ſoll ein Tag kommen, wo mein ſüßes ſchönes Weib mit Stolz auf den Mann blicken kann, den ſie ſich erwählt hat, und wo er nicht im Gefühl ſeiner Unwiſſenheit ſchweigen muß, wenn kluge Männer reden. Alles läßt ſich erlernen, wenn man ernſthaft will, und nichts wird ſo ſchwer ſein, daß ich es nicht lernen könnte, wenn ich an Dich denke! Und nun hinweg mit dieſem knabenhaften Zagen, von dieſer Stunde an biſt Du mein, und ich will mich berauſchen in dieſem Glück, und Du ſollſt mein Weib ſein, und ich will Dich lieben mit der vollen überwältigenden Liebe eines echten Mannes! Er drückte ſie ſtürmiſch an ſein Herz und ſeine Küſſe erſtickten ihre Worte. Selige Tage des Glückes folgten, und wenn ſie Arm in Arm, Herz an Herzen in dieſem dunklen klei⸗ nen Zimmer ſaßen, wenn ihre Mutter zu ihnen hin⸗ blickte mit einem zufriedenen Lächeln, und die Kinder fröhlich umherſprangen und ſich lachende Mährchen erzählten, wenn man dieſe zufriedenen glücklichen Ge⸗ ſichter ſah inmitten dieſes elenden kleinen Gemaches, das nichts enthielt, als das wenige Hausgeräth und einige alte Meubles, wer hätte da noch ſagen mögen, daß die Armuth ein Unglück ſei und ein beklagens⸗ werthes Mißgeſchick? Waren ſie nicht freier, zufriede⸗ ner, als alle dieſe vielen vornehmen, angeſehenen Leute, welche an ihr Arbeitszimmer und an ihren Beruf ge⸗ feſſelt ſind, und in nie raſtender Arbeit, ſtets ihre Geiſteskräfte anſpannend, ihre Tage hinbringen müſſen, um ſo viel zu erwerben, als ihnen nothwendig iſt, damit ihr Haus in ſeinem gewohnten Glanz ſich erhalte und ſie mit all dieſen Gegenſtänden des Luxus und Comforts ſich umgeben können, welche die Mode uns zum Bedürfniß gemacht hat?— Es gehört ſehr viel Muth und ſehr viel moraliſche Kraft dazu, ſich der Armuth frei und ofſen in die Arme zu werfen und die Decke der Verſchämtheit, mit welcher man gemeinhin ſeine Lumpen zu verbergen trachtet, ſtolzen und heitern Blickes hinweg zu ziehen, damit alle Welt ſehe, daß wir nichts zu entbehren und nichts zu verlieren haben, daß wir arm ſind und daher feſſellos. Wer aber in Wahrheit dieſen Muth und dieſe Kraft beſitzt, der iſt glücklich zu preiſen vor all dieſen Tauſenden, welche heimlich darben, um öffentlich glänzen zu können, welche entbehren und ſorgen, und arbeiten und ſich mühen, um, wie die kalte Welt es nennt, um an⸗ ſtändig vor der Welt leben zu können, das heißt, um nach der Mode gekleidet, nach der Mode einge⸗ richtet zu ſein, ein gaſtliches Haus und die nöthige — 154— Dienerſchaft zu haben. Der Reichen und Begüterten giebt es ſo wenige, die Mehrzahl der Angeſehenen und Vornehmen ſelbſt muß arbeiten, um das zu erwerben, was man bedarf, muß im Schweiß ihres Angeſichtes ſich mühen, um ſo viel zu verdienen, als nöthig iſt, um„mit Anſtand“ leben zu können. Das iſt die große Wunde unſerer Zeit, daß die Armuth für un⸗ anſtändig gilt, daß der Anſtand es verbietet, einen geflickten Rock zu tragen und ein unmodiſches Kleid, daß der Anſtand es verbietet, in ſchlechten Zimmern und auf hölzernen Schemeln zu ſitzen, daß es unan⸗ ſtändig iſt, nicht nach der Mode gekleidet und einge⸗ richtet zu ſein, unanſtändig, mit trockenem Brod und geringer Koſt zufrieden zu ſein, und ohne Erröthen ſeinen Freunden das kärgliche Mahl vorzuſetzen, das uns ſelber jeden Tag doch ſatt macht und genügt. Gewiß, ſo lange es noch unanſtändig iſt, arm zu ſein, ſo lange die Armuth noch nicht ſalonfähig iſt und ebenbürtig, ſo lange die Armuth noch nicht emancipirt worden von der Schande und Erniedrigung, die auf ihr haftet, ſo lange iſt auch dieſe große Wunde, an welcher die Welt leidet und ſich verblutet in ihren edelſten Säften, nicht zu heilen. Die Baronin Hermfeld und ihre Tochter, ſie hatten den Muth, arm zu ſein, und die frendige Kraft, das Nichtbeſitzen nicht für ein Entbehren zu halten und für ein niederdrückendes Leiden. Weil ſie wenig be⸗ durften, war es ihnen ſo leicht, dieſes Wenige zu er⸗ werben, und wenn ſie es verdient hatten, waren ſie frei und ohne Sorgen, und hatten dieſe ſelige Muße, ſich ungeſtört ihres Glückes zu erfreuen, ihres ſtillen, genügſamen Glückes, das der Welt ſo wenig bedurfte, weil es ſo wenig mit ihr zu theilen hatte.— Louiſe gab noch immer Unterricht an die Berlinerinnen, die ſich zu franzöſiſchen Bonnen ausbilden wollten, und — — 155— die übrige Zeit des Tages brachte ſie damit hin, Stickereien für ein bedeutendes Ladengeſchäft anzufer⸗ tigen, während die Baronin Strümpfe ſtrickte und Handſchuhe nähte, ein Geſchäft, in welchem auch die jüngern Kinder thätig und hülfreich ſein konnten. Bei dieſer geregelten Thätigkeit, bei ihren wenigen Bedürf⸗ niſſen und Anſprüchen reichte ihr Verdienſt vollkommen hin, um ihnen ein ſorgenfreies Leben zu ſichern und ſie vor Mangel zu bewahren, und während dieſes ſtille, geräuſchloſe Leben ohne allen materiellen Genuß, ohne allen Comfort, dem oberflächlich Beobachtenden als eine Kette von Entbehrungen und Noth erſcheinen mochte, war es ihnen reich an köſtlichen Freuden und edlen Genüſſen. Und in der That, konnte es eine größere Freude geben, als dieſe köſtlichen Abende, wo ſich dieſe glückliche Familie um den weißgeſcheuerten Tiſch gruppirte, um in traulichem Geſpräch auszu⸗ ruhen von der Arbeit, und ſich des Lebens, des glück⸗ lichen Beiſammenſeins zu freuen? Da ſaß die Ba⸗ ronin in ihrer ernſten ſtolzen Würde und lachte wie ein Kind mit ihren fröhlichen Kindern, da flüſterte Thomas ſeiner Louiſe zärtliche Worte in's Ohr, und ſie lauſchte in andächtigem Glücke den köſtlichen Mähr⸗ chen, die er erzählte von ſeiner Liebe und ſeinem Glück. Dann wieder erzählten ſie ſich von der Arbeit des beutigen Tages, und gingen hinüber, das künſtliche Gewebe zu betrachten, das Thomas begonnen, und der zierlichen und ſchön geordneten Blumen ſich zu freuen, die er in das Leinen einwebte. Dann wieder laſen ſie ſich vor, oder planderten mitſammen von der Zu⸗ kunft und ihren ſüßen und glücklichen Hoffnungen.— Und dann die Sonntage, dieſe heiligen, ſtillen Sonn⸗ tage, wo alle Arbeit ruhte und die glücklichen Müßig⸗ gänger den ganzen Tag für ſich hatten, und mit jedem Woort, mit jedem Blick die köſtlichſte Sonntagsfeier 4 — 456— begingen und Gott dankten mit ihrem Lächeln und ihrer Zufriedenheit, und zu ihm beteten mit ihrem Händedruck und ihrem Kuß. Solch eine Sonntagsfreudigkeit, ſagte die Baronin mit leuchtenden Augen, als ſie im Kreiſe ihrer fröh⸗ lichen Kinder ſaß, ja gewiß, ſolche Sonntagsfreudigkeit das iſt die beſte Sonntagsfeier, und der liebe Gott hat weit mehr davon als vom Kirchgang und Pfaffengebet. Der Sonntag iſt ein Tag der Ruhe, ein Feſttag der Arbeitenden, und die Arbeiter, welche die ganze Woche über ſich gequält und gemüht haben, das ſind die rechten und echten Sonntagskinder, und Gott hat ſeine Freude dran, wenn ſie lachen und guter Dinge ſind. Darum ſeid fröhlich, Kinder, und weil die Sonne ſcheint und der Schnee ſo fröhlich glitzert, ſo geht hin⸗ aus in den Dom Gottes, wo die Vögel Hallelujah ſingen und ein fröhliches Lachen ein Gebet iſt, das Gott gern hört und das freudig wiederhallt in dem großen Dom der Natur! Die Kückkehr. Fröhlich plaudernd und von der Zukunft träumend ſaß die Baronin eines Sonntags Nachmittags mit ihren Kindern in dem ſtillen, traulichen Stübchen. Louiſe arbeitete an einer kunſtvollen Stickerei, und Thomas, dicht neben ihr ſitzend, las ihnen vor. Ein heftiges Klopfen an der Thür ſtörte ſie, und ehe noch die Baronin Zeit hatte, Herein zu rufen, ward die Thür haſtig aufgeriſſen und ein Mann erſchien auf der Schwelle. Er war groß und ſchlank gewachſen, und ſein Geſicht mochte einſt ſchön geweſen ſein, jetzt war es verfallen und welk, die Züge ſchlaff und ab⸗ geſpannt, während ein gewiſſer wüſter, lockerer Aus⸗ druck dem Ganzen etwas Widerliches, Abſchreckendes gab. Mit dieſem Ausdruck ſeines Geſichtes harmo⸗ nirte auch ſeine Kleidung, die urſprünglich elegant und modiſch geweſen ſein mochte, aber offenbar einer andern Zeit angehörte, einer Zeit, wo ihr Eigenthümer noch vollere, rundere Formen und ein wohlgenährteres Aus⸗ ſehen gehabt. Jetzt ſchlotterten dieſe Kleider loſe um die hagern Glieder, die gelben Metallknöpfe des Rockes waren angelaufen und trübe, und das feine Tuch voll Staub und Schmutzflecke. Einen Soment ſtand der Mann ſchweigend in der Thür und ließ ſeine großen, trüben Augen forſchend und mit einem ſeltſamen, halb ironiſchen und halb trüben Blicke im Zimmer herumgleiten. Niemand ſprach ein Wort, Louiſe hatte zitternd und gleichſam, als wolle ſie dort Schutz ſuchen, ihr Haupt an Tho⸗ mas Schulter gelehnt, die Kinder bargen ſich ſcheu und ängſtlich hinter der Baronin, die aufgeſtanden war und mit bleichem, erregtem Antlitz dem Fremden in's Auge ſah. Nun, ſagte dieſer endlich, und trat näher, nun, wird mich immer noch Niemand willkommen heißen? Alles war ſtill, Niemand antwortete. Das iſt in der That eine ſeltſame Art des Em⸗ pfanges für einen Gemahl, den man vier Jahre lang hat entbehren müſſen, ſagte der Fremde ironiſch und ließ ſich lachend auf einen Stuhl gleiten. Immer noch Alles ſtumm, fuhr er dann fort, wahrhaftig, ich glaube, die Freude, mich endlich wieder zu ſehen, hat Euch Allen die Sprache geraubt. Geht hinaus, Kinder, ſagte die Baronin, ſich zu den beiden kleinen, zitternden Mädchen wendend, geht und ſpielt auf dem Hofe, bis ich Euch rufe; und als die Kleinen eiligſt, und den Fremden mit ſcheuem Blick von der Seite betrachtend, das Zimmer verlaſſen hatten, wandte die Baronin ſich wieder zu ihm hin und ſagte ernſt: jetzt rede, was Du willſt, aber die Kinder durf⸗ ten nicht Zeuge ſein! Da iſt noch ein überläſtiger Zeuge, ſagte der Mann, auf Thomas deutend, ſo viel ich weiß, gehört er nicht zur Familie. Oder, fuhr er laut lachend fort, ſollteſt Du mir etwa in meiner Abweſenheit dieſen Sohn ge⸗ boren haben? Er wird Dein Sohn ſein, wenn Du Dich würdig gemacht haſt, wieder der Vater Deiner Kinder zu hei⸗ ßen, ſagte die Baronin ernſt. Verlaßt auch Ihr uns, geht hinüber in Thomas Zimmer und laßt uns Beide allein. Das wird ja eine enorm feierliche Scene werden, ſagte der Mann laut lachend, während Thomas und Louiſe ſich entfernten. Nun, Frau, jetzt ſind wir allein, nun komm' her und umarme mich, und freue Dich, den Gemahl wieder zu haben. Ich werde mich freuen, Georg, ſagte die Baronin weich, und Thränen traten in ihre Augen, ja, Georg, was immer auch vorgefallen, was trennend zwiſchen uns getreten iſt, ich werde mich dennoch freuen, Dich wieder zu ſehen, wenn dieſe verfloſſenen Jahre der Strafe wirklich auch Jahre der Reue geweſen ſind, wenn Du Deine Schuld abgebüßt haſt und reinen Herzens zu mir zurückkehrſt. Laß dieſes pfäffiſche Gewinſel, ſagte der Baron rauh, ich bin nicht gekommen, um Deine moraliſchen Predigten anzuhoͤren, ſondern um von Dir Rechen⸗ ſchaft zu fordern über Deine Handlungen, während der Zeit meiner Abweſenheit, während dieſer köſtlichen, heitern Jahre, die ich auf der hohen Schule der ſo⸗ genannten Verbrecher im Zuchthauſe zugebracht habe. Ja, mein Kind, über dieſe Jahre ſollſt Du mir Re⸗ chenſchaft ablegen, und wehe Dir, wenn ich nicht zu⸗ frieden bin! Ich fürchte Deine Drohungen nicht, Georg, ſagte die Baronin ſtolz, aber ich werde Dir auf Deine Fra⸗ gen antworten, und Du weißt, daß ich den Muth habe, immerdar nur die Wahrheit zu ſagen! Nun alſo, antworte. Was iſt das für eine wahn⸗ ſinnige Idee, daß Du hier in den Familienhäuſern wohnſt und wie armes Bettlervolk lebſt? Wo ſind die Gelder, wo iſt der ganze große Haushalt, den ich — 160— Dir verſchrieben? Das reiche Silberzeug, die koſtbaren Meubles, wo iſt das Alles hin? Mit dieſer Einen Frage erſparſt Du Dir alle übri⸗ gen, ſagte die Baronin, denn die Antwort wird der Inhalt aller dieſer traurigen und troſtloſen Jahre ſein, die ich ſeit jener ſchrecklichen Cataſtrophe durchlebt habe. O, das nennſt Du eine Cataſtrophe, rief der Baron lachend. Nun, es war eine höchſt unangenehme Cata⸗ ſtrophe; die falſchen Wechſel aufgegriffen, ich auf der That ertappt, während das Geld, das ich auf die Wechſel gezogen, doch ſchon verausgabt war, und nach⸗ dem ich in der Nacht zuvor mein Haus und Alles, was ich beſaß, verſpielt hatte! Ja, dieſe Eine Nacht führte uns aus dem Wohl⸗ ſtande in's troſtloſeſte Elend, ſeufzte die Baronin, denn es war nicht allein nur irdiſches Gnut, was wir ver⸗ loren, ſondern das höhere Beſitzthum der Ehre auch mußten wir einbüßen. Nun, im Ganzen kam meine Verhaftung noch ziemlich gelegen, ſagte der Baron, denn ſie verhinderte mich, dieſe Spielſchuld abzutragen und dieſen Räubern mein Eigenthum hinzuwerfen. Aber Du hatteſt ihnen in einem eigenhändigen Do⸗ kument Dein Haus und Deinen Hausſtand verſchrieben! Bah, das Dokument hat keine Gültigkeit vor dem Geſetz, ſie konnten es nicht benutzen! Dieſer Gedanke iſt mein Troſt geweſen dieſe ganzen vier Jahre, an ihm habe ich mich gehalten, mit ihm habe ich mich geſtärkt, wenn ich dachte, erliegen zu müſſen unter dieſer Laſt der Langeweile, und wenn ich mich erinnerte, daß ich, ſobald ich erſt das Zuchthaus verlaſſen, wieder wohlhabend genug ſein würde, um ein fideles Leben zu führen und mich an Denen zu rächen, die mich in's Verderben geführt, dann ſchien es mir, als wäre ich ganz zufrieden, ganz glücklich, und als ſei die Gegen⸗ — 161— wart nur ein ſchlechter Traum, der mich bedrückt! Nun alſo, was haſt Du mit dieſem Hauſe angefangen. Ich hatte es Dir verſchrieben und es war Dein, Nie⸗ mand alſo konnte es Dir nehmen! Ich werde Dir antworten, ſagte die Baronin ſanft, aber Du mußt Geduld haben, denn meine Antwort wird lang ſein! Es wird eine gute Predigt werden, murrte der Baron und ſetzte ſich nieder, wie ein Mann, der ſich widerſtrebend in das Unvermeidliche fügt. Ich muß weit ausholen, um vneanden zu werden, ſagte die Baronin hochaufathmend, und an jene Zeit muß ich Dich erinnern, Georg, als ich Deine Gattin ward; damals war mein Bruder noch unverheirathet, man hielt mich für die Erbin ſeiner reichen Güter, und Viele warben um meine Hand. Ich wählte unter Allen Dich, Georg, denn ich liebte Dich, und in den Entzückungen dieſer meiner erſten Liebe kam mir auch nicht ein einziges Mal der Gedanke, es könne Dich etwas Anderes vermocht haben, um mich zu werben, etwas Anderes, als nur die Liebe, dieſelbe Liebe, welche ich empfand, und welche mein ganzes Weſen wie mit neuem Leben durchgeiſtigt hatte. Im Be⸗ wußtſein dieſer Liebe bat ich meinen Bruder mich ganz ohne Heirathsgut, ohne Vermögen und Ausſteuer Dir zu übergeben. Es war mein Stolz, Alles von Dir zu empfangen, Dir danken zu müſſen ſelbſt für die noth⸗ wendigſten und unentbehrlichſten Dinge, um dereinſt es Dir reichlich erſetzen zu können, denn mein Bruder hatte mir verſprochen nach dem verfloſſenen erſten Jahr meiner Ehe mir das anſehnliche Heirathsgut aus⸗ zuzahlen, das er mir beſtimmt hatte, und ich dachte, wenn Georg mir erſt alles gegeben, dann wird er auch nicht zu ſtolz ſein, von mir etwas anzunehmen! Und die Strafe für dieſe Narrheit war, daß wir II. 11 — 162— gar nichts bekamen, rief der Baron ärgerlich, Deine lächerliche Empfindſamkeit koſtete uns dreißig tauſend Thaler, weiter nichts! Dein Bruder verheirathete ſich in dieſem Jahr, und hielt es in ſeinem Geize für zweckmäßig, das Verſprechen, das er Dir gemacht, und welches er Dir nicht ſchriftlich gegeben, unerfüllt zu laſſen. Du glaubſt alſo auch, daß ſchriftliche Verſprechen bindend ſind? fragte die Baronin mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdrucke und fuhr dann fort: es iſt wahr, dieſes Heirathsgut ging uns verloren, und meine kluge Schwägerin wußte ihren ſchwachen Gemahl zu einem Teſtament zu verleiten, das ihr für den Angenblick mindeſtens das ganze Vermögen ſicherte und mich von der Erbſchaft ausſchloß. Ich blieb alſo arm und mittel⸗ los, und Alles, was ich beſaß, dankte ich Dir. Aber ich war glücklich und zufrieden in dieſer Abhängigkeit von Dir, denn, Georg, Du weißt es wohl, daß ich Dich ſehr geliebt habe.— Wie Du mir meine Liebe lohnteſt, wie Du mein Herz verrathen und in den Staub getreten, davon laß mich jetzt ſchweigen. Nur an jenen Tag muß ich jetzt Dich erinnern, an jenen entſetzlichen Tag, als das Unglück über uns hereinbrach und dieſes ganze mühſam noch aufrecht gehaltene Ge⸗ bäude unſeres Glückes wie mit einem einzigen Blitz⸗ ſtrahl zu Aſche verbrannte. Weil ich Alles von Dir empfangen, nichts Dir gegeben, hatte ich deshalb auch niemals den Muth gehabt, Dich um Deine Vermö⸗ gensverhältniſſe zu befragen; Du ſagteſt mir, Du ſeieſt reich, und ich glaubte Dir! Und nun auf Einen Schlag mußte ich erfahren, daß Dein Vermögen zerrüttet, Gläubigern und Wucherern verſchrieben, und daß Du, Du Georg, der Vater meiner Kinder, daß Du zu einem Verbrecher geworden, der durch Betrug und Liſt ſich Geld verſchafft hatte. 3 — ᷣ — 163— Thränen erſtickten ihre Stimme, und wie zerbrochen ſenkte ſie matt ihr Haupt auf ihre Bruſt. Der Baron ſagte lachend: Du rührſt da einen Brei zuſammen, den ich lange ausgegeſſen und im Zucht⸗ haus verdaut habe! 3 Ja, im Zuchthaus, rief die Baronin heftig, mein Gatte ward entehrt und zur Strafe gemeiner Verbrecher verdammt, und, das war das Troſtloſeſte, er hatte dieſe Strafe verdient!— Nun, Georg, ich will Dich nicht mit meinen Klagen beläſtigen, ich will Dir nichts ſagen von allen den Qualen, die ich erduldet, von den Demüthigungen und Beſchimpfungen, die ich erlitten habe. Ich haßte die Sonne, welche den Tag brachte, weil ich nicht wagte, im Tageslicht über die Straße zu gehen, weil es mir ſchien, als ob die Steine ſelber meine Schande ſehen könnten, als ob alle Menſchen hohnlächelnd an mir vorübergingen und die Kinder mit Fingern auf das ehrloſe Weib zeigten. Nur wenn der Abend kam, wenn das Dunkel der Nacht mich vor den Blicken der Menſchen ſchützte, nur erſt dann wagte ich es, mit meinen Kindern die Straße zu betreten, um ein wenig Luft zu athmen, ein wenig Himmel zu ſehen. Scheu, wie Verbrecher, ſchlüpften wir durch die Straßen, und wir waren doch unſchuldig; alle dieſe Freunde, die wir im Glück gehabt, alle hatten uns verlaſſen, und wir waren doch unſchuldig!. Ja, die guten Freunde, ſagte der Baron hohn⸗ lachend, es lohnt ſich der Mühe, denen zu vertrauen! Wir waren ganz allein, ganz verlaſſen, fuhr die Baronin fort, Keiner von Allen, die uns ſonſt mit Theilnahme und Liebe umgaben, Keiner von ihnen mochte uns jetzt mehr kennen, denn wir waren arm, und unſer Name war mit Schande behaftet. Da machte mir unſer Anwalt den Vorſchlag, auf gericht⸗ liche Scheidung von Dir anzutragen. 11* Und Du nahmſt dieſen Vorſchlag natürlich an, ſagte der Baron, und wir ſind alſo geſchiedene Leute? Ich nahm ihn nicht an, ſagte die Baronin, denn ich dachte an alle die Jahre, die wir miteinander verlebt, an die ſchönen und glücklichen Jahre; alle dieſe ſüßen Erinnerungen der Vergangenheit, ſie erho⸗ ben ſich und ſchienen mir zu drohen. Ich blickte auf Deine Kinder, Georg, auf dieſe Kinder, die ich Dir geboren, und ich fühlte, daß dieſe ein Band ſeien, welches mich auf ewig an Dich feſſelte. Und hatte ich Dir nicht vor Gottes Altar den feierlichen Eid geleiſtet, treu bei Dir auszuharren in Noth und Leid, und ver⸗ klagte ich nicht in meinem Herzen alle dieſe Freunde, die ſich von mir gewandt in meinem Unglück? Konnte ich alſo jetzt, gleich dieſen treuloſen Freunden, Dich verlaſſen, Dich, den Vater meiner Kinder? Und dann, Georg, ich dachte an die Zeit, wo Du wiederkehren würdeſt, ich dachte, daß es Dir ein Troſt ſein müſſe, mindeſtens dann Ein Herz zu finden, das Dich nicht verdammt und ſich nicht von Dir gewandt hatte, ich dachte, daß dieſes Gefühl Dich vielleicht zum Guten zurückführen könnte, und daß es Dein Herz erweichen müßte, wenn Dein Auge auf Deine Kinder fiel, die von Dir einen von aller Schuld befreiten Vater und einen unbefleckten Namen forderten. Dieſes Alles dachte ich, und lehnte die Scheidung ab. Und dieſes Alles war ſehr edel gedacht, ſagte der Baron pathetiſch, aber dieſes Alles iſt keine Antwort auf meine Frage. Ich verlangte zu wiſſen, wie Du unſer Vermögen, unſer Hab' und Gut gerettet und ge⸗ ſichert haſt, und weshalb Du hier in den Familien⸗ häuſern wohnſt? Jetzt komme ich zur Beantwortung dieſer Frage, erwiederte die Baronin ſanft. Nachdem ich den Ent⸗ ſchluß gefaßt, mich nicht von Dir zu trennen und — 165— Deinen Namen weiter zu tragen, mußte ich nun daran denken, dieſen Namen, ſo viel in meiner Macht ſtand, von jedem Flecken zu reinigen, um ihn dereinſt Dir und Deinen Kindern geläutert und gereinigt überant⸗ worten zu können. Ich wollte nicht mehr ſcheu und angſtvoll über die Straße gehen und das Auge nieder⸗ ſchlagen müſſen, wenn mir irgend Jemand begegnete, dem Du Geld ſchuldeteſt, dem Du Dein Ehrenwort ſchriftlich gegeben, Deine Schuld zu bezahlen. Ich wollte nicht mehr zittern, ſo oft es an meine Thür klopfte und ich ſie irgend einem der Gläubiger öff⸗ nen mußte, welche kamen, um mich mit Vorwürfen zu überhäufen wegen Deiner Schuld, um mich anzu⸗ klagen, daß Du mir liſtig Dein Vermögen verſchrieben, und ſie dadurch um ihre gerechten Anſprüche betrogen hätteſt. Ich wollte nicht mehr jedem Bekannten ſcheu ausweichen und vor den treuloſen Freunden dennoch beſchämt mein Auge niederſchlagen müſſen. Es gab ein Mittel, mich von jeder Schande zu befreien, den Fluch, welcher auf unſern Häuptern laſtete, hinwegzu⸗ werfen, und uns ein Recht zu geben, freien Angeſichts und ſtolzen Blickes einherzugehen und dieſen treuloſen Freunden verächtlich zu begegnen, ſtatt ihnen auszu⸗ weichen.— Ich ließ Sachverſtändige kommen, und Alles, was wir beſaßen, ſchätzen, und das Reſultat war, daß, wenn ich Alles zuſammenraffte, was Mein war, es gerade hinreichen konnte, um Deine Schulden zu decken. Ich will nicht fürchten, ſchrie der Baron, heftig vom Stuhle aufſpringend, beim Himmel, ich will nicht fürchten, daß Du Närrin genug warſt, um in alberner Empfindſamkeit mein Vermögen zu verſchleudern. Sage nicht, daß es ſo oder, ſo wahr ein Gott iſt, ich trete Dich unter die Füße, ja, ich ermorde Dich! Mein Vermögen, Alles, worauf ich gehofft habe, was mich — — 166— getröſtet hat in dieſen grauſamen Jahren. Es iſt un⸗ möglich, unmöglich! Laut ächzend ſank er auf ſeinen Stuhl zurück und bedeckte ſich das Geſicht mit ſeinen Händen. Es war nicht mehr Dein Vermögen, ſondern es war das Meine, ſagte die Baronin ſanft, Du hatteſt es mir verſchrieben. Einſt hatteſt Du mir Alles ge⸗ geben, jetzt konnte ich vergelten und Dir Alles opfern. Aber ehe ich es that, prüfte ich meine Kräfte, und ich fand in mir den Muth, der Armuth mein Haupt frei entgegen zu tragen und mich ihrer nicht zu ſchämen, ſondern ſie wie eine rettende Freundin zu betrachten, die mir ihre Arme öffnete, um mich bei ihr Schutz finden zu laſſen gegen alle die Schlechtigkeit und Nie⸗ drigkeit der Welt, und mich dieſer ewigen Qual des Verhüllens und Bemäntelns zu entheben. Ich fand, daß viele Tauſende ſterben und hinſiechen, weil ſie aus ihrem ganzen Leben eine einzige große Lüge machen und ihrer Armuth ſich ſchämen, und weil ich in mir den Muth fühlte, wahr zu ſein, und meine Armuth aller Welt zu zeigen, konnte die Armuth alſo für mich keine Schande ſein und keine Erniedrigung, ſondern ſie war da, um mir meine Selbſtachtung und meinen Stolz zurückz ugeben und mich in meinen eigenen Augen zu entſündigen.— Ich verkaufte Alles und bezahlte Deine Schulden, und die wenigen Thaler, welche übrig blie⸗ ben, reichten gerade hin, um uns dieſe ärmlichen Klei⸗ der und dieſen Hausrath anzuſchaffen! Sie hat Alles verkauft, ſchrie der Baron zähne⸗ knirſchend, ich bin ein Bettler, ſie hat mich betrogen um mein Geld, um Alles, was Mein war. Nun aber will ich Rechnung mit Dir halten, und es ſoll eine blutige Rechnung werden! 4 Zitternd vor Zorn, mit funkelnden Augen und hoch⸗ geröthetem Antlitz ſtürzte er auf die Baronin hin, mit — 167— einem einzigen Fauſtſchlage hieb er ſie zu Boden, und unter lanten Verwünſchungen, kaum noch wiſſend, was er that, ſchlug er auf ſie ein. Die Baronin verthei⸗ digte ſich nicht, ſie war wie gelähmt, und ſelbſt in dieſem Augenblick der höchſten Gefahr und der Schmer⸗ zen dachte ſie nicht an ſich, ſondern an die, welche ſie liebte, und ſie fragte nur angſtvoll ſich ſelber: Was ſoll aus meinen Kindern werden, wenn er mich tödtet? Aber ſie hatten draußen den Lärm und das lante Schelten des Barons gehört, und Thomas und Louiſe ſtürzten jetzt herein; Er, um den Arm des Wüthenden feſtzuhalten, ſie, um neben ihrer Mutter niederzuſtürzen und mit Thränen und Liebkoſungen ſie aus dieſem Halbſchlummer der Betäubung zu wecken. Laßt mich, wer wagt es, mich zu halten, ſchrie der Baron, mit den Füßen ſtampfend, und mit wilden Flüchen bemüht, ſich von Thomas Händen zu befreien. Sie hat mich betrogen, ſie hat mich zum Bettler ge⸗ macht, ich will ſie ermorden, ſie ſoll es mir bezahlen, daß ſie mich beſtohlen hat, um mein Geld. Ich will Geld, ich muß Geld haben! Geld, um mich anſtän⸗ dig zu kleiden, Geld, um leben zu können. Gieb mir mein Geld heraus, oder ich terwürge Dich! Vater, ſchrie Louiſe, zu ihm hinſtürzend und auf ihre Kniee ſinkend, Vater, erbarme Dich und ſchone meine Mutter, meine edle, hochherzige Mutter. Ach, Du weißt nicht, welch ein Engel ſie iſt! 1 Ein Satan iſt ſie! ſchrie der Baron. O, ſie hat darauf gerechnet, daß das Elend und das Unglück mich mürbe gemacht hätte und ſie ungeſtraft einen Narren aus mir machen könnte. Aber, beim Teufel, ſie ſoll ſich geirrt haben ch habe im Zuchthauſe gelernt, wie ein rechter Mann mit einem ungehorſamen Weibe um⸗ zugehen hat. Laß das Heulen und das Winſeln, — 168— Louiſe, und denke dran, Dich ſelber zu vertheidigen, wenn ich Dich frage, wer dieſer Menſch iſt, der es wagt mich zu halten? Laß mich los, ich muß zu ihr hin, ſie ſoll mir mein Geld geben, ich muß Geld haben! Nimm Alles, Alles, was wir haben, flehte Louiſe weinend, nur ſchone meine Mutter, raube Deinen ar⸗ men Kindern, welche Du geſchändet haſt, raube ihnen nicht noch den letzten Troſt, die einzigſte Zuflucht auf dieſer Erde. Du haſt uns Alles genommen, laß uns unſere Mutter! Louiſe! rief jetzt eine vorwurfsvolle drohende Stimme. Es war die Baronin, die, aus ihrer Betäubung erwacht, ſich mit blutendem Angeſicht halb von der Erde auf⸗ gerichtet hatte. Louiſe brach bei ihrem Anblick in lautes Schluch⸗ zen aus und ſtürzte zu ihrer Mutter hin, um mit ihrem Tuch das Blut aus dem geliebten Antlitz hin⸗ wegzuwaſchen. Louiſe, es iſt Dein Vater! ſagte die Baronin vor⸗ wurfsvoll, Du darfſt ihm keine Vorwürfe machen. Aber der tobende Zorn des Barons hatte ſich in⸗ zwiſchen beſänftigt und der Ueberlegung Platz gemacht. Für den Augenblick iſt ſie doch nun meine einzige Zuflucht, dachte er, und ich muß ſehen, ob es mir nicht gelingt, etwas Geld von ihr zu bekommen. Demzufolge ward er freundlicher und milder, und dankte Thomas mit gütigen Worten dafür, daß durch ſeine glückliche Dazwiſchenkunft er ihn vor einem Ver⸗ brechen bewahrt habe, zu welchem die Verzweiflung, ſich nun ganz ohne Mittel und Hülfsquellen zu ſehen, ihn gebracht haben könnte. 1 Ich würde ſchon zufrieden ſein, ſagte er, wenn ich nur ſo viel Geld hätte, um mir ſelnen neuen Anzug zu kaufen, damit ich nicht fürchten brauche, als ein — 169— Landſtreicher und Bettler von jeder Thür gewieſen zu werden. Hätte ich nur wenigſtens dreißig Thaler, dann ſolltet Ihr an mir einen ſanften und freundlichen Vater finden, der gewiß auch Euren Wünſchen nicht hinderlich ſein würde. O, ſagte Louiſe hochaufathmend, wenn Du meine arme Mutter ſchonen und ihr freundlich ſein willſt. dann ſollſt Du Alles haben, was mein iſt, und was ich mir erſpart habe von meiner Hände Arbeit. Sie eilte zu ihrer Kommode und nahm haſtig aus derſelben eine kleine gefüllte Börſe. Da, ſagte ſie, das Geld ihrem Vater hinreichend, da, nimm, es iſt mein ganzes Vermögen, ſechsundzwan⸗ zig Thaler. Loniſe, was thuſt Dn? rief die Baronin, ſich auf⸗ richtend. Was ſie thun muß, ſagte Thomas und drückte die Hand der Baronin zärtlich an ſein Herz. Und wenn wir wüßten, daß wir morgen verhungern müßten, e ürden heute dennoch freudig den letzten Biſſen d für Sie hingeben und willig für Sie in den Tod gehen! 8 Der Baron hatte das Geld ruhig angenommen und ſagte: Ich gehe jetzt in die Stadt, um mir Klei⸗ der und Wäſche zu. Sorgt dafür, daß ein gu⸗ tes Mittagseſſen ber eht, wenn ich wiederkomme, denn mag ditnen ſehr. 1 it einem leichten Kopfnicken nahm er ſeinen Hut und verließ das Zimmer. athemloſem Schweigen horchten die Drei auf ſeine verhallenden Schritte, und dann, als ſie gewiß waren, daß er wirklich gegangen, daß ſie wieder allein waren und ſich unbehindert ihrem Schmerz und ihren Thränen überlaſſen durften, ſanken ſich die beiden Frauen in die Arme und weinten laut. — 170— Und wollt Ihr mich ganz vergeſſen, fragte Thomas ſchmerzlich, ſoll ich nicht meinen Theil haben an Euren Thränen und Eurem Schmerz? Die Baronin öffnete ihm ihre Arme und rief: Komm an mein Herz, mein Sohn! Laßt uns einander nur recht herzlich lieben, dann werden wir auch Kraft haben, jedem Unglück zu trotzen und freudig zu ſein ſelbſt in dem größten Leid! Ach, ſagte Thomas, Ihr ſeid ja der Inbegriff mei⸗ nes ganzen Glückes, und ſo lange Ihr mich liebt, be⸗ neide ich den König auf ſeinem Throne nicht. Und Du, Louiſe, Du liebſt mich doch? Sie ſah ihm klar und lächelnd in die Augen und ſagte faſt heiter: Du Zweifler, habe ich Dich nicht bitten müſſen, daß Du mir erlaubſt, Dein Weib zu werden? wollen. Laß uns alſo freudigen Herzens ſein, theuerſte Mutter, die Liebe iſt und bleibt doch immer die zige Quelle des Glückes, und wir lieben uns ja, wie ſollte da das Unglück noch Raum haben in unſeren Herzen! Du haſt Recht, mein Sohn, ſagte die Baronin, wollen wir doch alles Andere vergeſſen und nur daran denken, daß wir uns lieben! Die Trauungsweigerung. Aber mit der Rückkehr des Barons war dennoch die Heiterkeit und Zufriedenheit aus dem Kreiſe ſeiner Angehörigen in den Familienhäuſern entflohen. Die Liebe, welche einſt ihr Glück geweſen, konnte ihnen jetzt nur noch ein Troſt ſein, ein ſüßer, beſchwichtigen⸗ der Troſt zwar, der aber nicht mehr ihr ganzes Da⸗ ſein mit hellem Sonnenſchein überſtrahlte, weil auch geßen dieſe Liebe ſchon finſtere Wolken ſich aufzuthür⸗ men begannen. Die Baronin hatte ſo Vieles gehofft, ſo Vieles er⸗ wartet von der Zukunft, ſie hatte geträumt von Tagen, in denen ihr Gatte, gebeſſert durch langjährige Ge⸗ fangenſchaft, reuevoll flehend zu ihr zurückkehren würde, in ſtiller Abgeſchiedenheit und Verborgen⸗ heit friedliche und arbeitsvolle Tage mit ihr zu verleben. er wird zur Beſinnung gekommen ſein, hatte ſie ſich geſagt, er wird erwacht ſein zu dem Bewußt⸗ ſein ſeines Leichtſinns und ſeiner Schuld, die Liebe zu mir und zu ſeinen Kindern wird als heiliges Feuer in ſeinem Herzen aufflammen und es läutern von all' dieſen Schlacken und dieſem Schmutz, mit welchem die Welt es beſudelt hat. O, ich weiß, ſein Herz iſt — 172— edel und gut, und nur die verführeriſche Welt iſt es geweſen, die ihn verlockt hat. Er wird ſie verachten, nun, da er gelernt hat, wie nichtig ihre Freuden, wie verderblich ihre Reize ſind, und glücklich wird er ſein, in meinen Armen, in der Mitte ſeiner Kinder ein Aſyl zu finden gegen eine Welt, die ihn verlockte, und den Gefallenen verſtieß. Aber die Baronin hatte in dieſen Zukunftsträumen nur Eins vergeſſen,— den verderblichen Einfluß näm⸗ lich, den die Gefangenſchaft, das ſtete Beiſammenſein mit Verbrechern auf den leichtſinnigen Charakter ihres Gemahls üben mußte.— Wie ſollte er, der vor der Welt Geächtete, zur Reue und Beſinnung kommen in⸗ mitten dieſer Gefährten, welche, gleich ihm, geſchändet und ausgeſtoßen, dieſe Strafe der irdiſchen Gerechtig⸗ keit mit bitterer Verhöhnung und Geringſchätzung er⸗ widerten? Wie ſollten in ſeinem Herzen dieſe ſanften und heiligen Gefühle der Gatten⸗ und Vaterliebe er⸗ wachen können, wenn die verderbte Phantaſie ſeiner laſterhaften Genoſſen ihm doch ſtets die üppigen Piſder luſtiger Gelage und wilder Orgien zurückriefen, wenn er täglich und zu jeder Stunde die wilde Verhöhnung der Tugend und die jubelnde Verherrlichung des Laſters hören mußte? Er hatte das Gefängniß ein vom Leichtſinn Mißleiteter, im Freudentaumel des Vergnügens Gefal⸗ lener betreten, er verließ es als ein verhärteter, trotzi⸗ ger Böſewicht, der in ſich alle die zarten Blüthen des Gemüthes zerknickt und zertreten hatte, und dem nichts mehr geblieben war, als eine wilde Verachtung der Welt und ihrer Geſetze, und der glühende Wunſch, ſich an ihr zu rächen für die Strafe, welcher ſie ihn unterworfen, ſich zu rächen, indem er ihren Geſetzen Hohn ſprach, ihre Gebräuche verachtete, und jede Sitte in den Staub tretend, nur überall ſein Vergnügen 3 — 173— ſuchte, und die Befriedigung ſeiner Lüſte zum Ziel ſeines Daſeins erhob. Was auch ſollte ihm noch heilig ſein, ihm, der es gelernt hatte, die Liebe zu ſeinem Weib und zu ſeinen Kindern als eine lächerliche Schwäche zu verachten, deren man ſich ſchämen müſſe? Wovor ſollte er noch zurückſchrecken, er, der gegen die Welt nicht einmal ein Aſyl fand in ſeiner Selbſtachtung? — Er war verloren, weil er wußte, daß der entlaſſene Sträfling auf ewig gebrandmarkt iſt vor der Welt, und daß ſelbſt die thatkräftigſte Reue ihn nicht wieder zu erheben vermöchte. Er war verloren, weil er wußte, daß, ob auch die Thüren des Gefängniſſes ſich vor dem Befreiten geöffnet, er doch die Thüren ſeiner frü⸗ heren Freunde und Bekannten auf immer verſchloſſen finden würde, daß er ſich vor der Verachtung der Welt und der Geſellſchaft nur retten könne zu Denen, welche die Geſellſchaft ausgeſtoßen, gleich ihm ſelber. Da die Tugend ihn aufgegeben, wollte er wenigſtens das Laſter ſich geneigt machen; da die Guten ihn miß⸗ achteten, ſollten die Verbrecher und Ausgeſtoßenen ihn achten und lieben lernen.— So ward er der Genoſſe und Freund der Verbrecher, ihr Bruder in Geſinnung und That, ihr Meiſter, wenn es darauf ankam, liſtige Streiche zu erſinnen und Pläne zu entwerfen für die Zeit ihrer Befreiung. Bald fühlte er ſich gewiſſer⸗ maßen gehoben von der Achtung der Verbrecher, es ſchmeichelte ihm, von dieſen wilden Naturen ſich an⸗ erkannt zu fühlen als ein überlegener Geiſt, ſie mit Aufmerkſamkeit ſeinen Worten lauſchen zu ſehen, und gewiß zu ſein, für ſeine Vorſchläge ſtets Beifall und Anerkennung zu ſinden. Viele von ſeinen Genoſſen hatten vor ihm das Gefängniß verlaſſen, er kannte ihre Namen und Wohnungen, und hatte mit feierlichem Handſchlag gelobt, ſie aufzuſuchen, um dann gemein⸗ ſchaftlich mit ihnen Unternehmungen zu machen, vor — 174— deren verbrecheriſchem Charakter Niemand von ihnen mehr zurückſchauderte. Mehrere ſeiner Freunde aber auch hatten noch eine längere Strafzeit abzubüßen, und dieſen hatte der Baron verſprochen, ihnen, ſobald ſie frei ſeien, bei ſich eine Zuflucht zu gewähren, und mit Rath ihnen beizuſtehen. Es war alſo natürlich, daß es dem Freunde und Verbündeten roher und tollkühner Verbrecher nicht be⸗ hagen konnte in dem ſtillen friedlichen Kreiſe ſeiner Familie, daß er ſich unbehaglich fühlte in der Nähe einer Gattin, der er es nimmer verzeihen mochte, daß ſie in ſtrengem Rechtlichkeitsgefühl ihn um ſeine letzte Stütze, um ſein Geld gebracht, und vor deren reinem Blick er doch unwillkürlich und beſchämt die Augen niederſchlagen mußte.— So konnte ihm denn die Wohnung ſeiner Gattin nur gewiſſermaßen als ein Abſteigequartier dienen, von dem er nur Gebrauch machte, ſo oft es ihm bequem war und ſeinen Bedürf⸗ niſſen entſprach. Er hatte daher der Baronin ange⸗ kündigt, daß er vorläufig nichts dawider habe, wenn ſie in den Familienhäuſern wohne, mindeſteus ſo lange, als bis es ihm gelungen ſei, Mittel und Wege aus⸗ findig zu machen, ihre Verhältniſſe zu verbeſſern, und ſich ein bequemes und annehmliches Leben zu ſichern. Er hatte ihr ferner geſagt, daß er ſich eine Wohnung in der Stadt ſuchen werde, und daß Louiſe bei ihm wohnen ſolle, um ihm ſeinen Haushalt zu führen, dann aber hatte er in ſtrengem und drohendem Tone hinzugefügt, daß er ſich von nun an jeden Verkehr mit dieſem Menſchen verbitte, welcher nichts weiter ſei, als ein gemeiner Webergeſelle, und daß er gerade hoffe, wenn Louiſe bei ihm wohne, durch ſie Männer anzulocken, deren Bekanntſchaft und Umgang ihm von Nutzen ſein könne. Die Baronin erbebte, und jetzt bereute ſie es, ſich nicht von dem Gatten gerichtlich geſchieden zu haben, von dem Gatten, der es nun nicht mehr würdig war, der Vater ihrer Kinder zu ſein, und den ſie, mit wie immer widerſtrebendem Herzen es auch ſein mochte, den ſie dennoch aufgeben und verachten mußte. Jetzt erbebte ſie vor der Gewalt, welche er über ihre Kinder ausüben konnte, eine Gewalt, gegen welche ſie wohl in einzelnen Fällen die Hülfe der Geſetze in Anſpruch nehmen konnte, die aber dennoch ſchon ſo vielfache Gelegenheit geben konnte, ihre Ruhe zu trüben, und den Frieden zu zerſtören, den ſie ſo mühſam ſich auf⸗ gerichtet. 1 Aber Frau Hermfeld beſaß Energie und Thatkraft genug, vor dieſen Gefahren, welche ſie und ihre Kinder bedrohten, nicht muthlos. zurückzuſchrecken, ſondern ſich handelnd gegen ſie aufzulehnen. Sie hatte dem ge⸗ fangenen, dem beſtraften und leidenden Gatten, ihre mitleidsvolle Theilnahme, ihre gläubige und Alles hoffende Zuneigung bewahrt, und dem Gebeſſerten, dem Reuemüthigen würde ſie eine theilnehmende und liebende Gattin geweſen ſein, Alles verzeihend, Alles vergeſſend. Aber nicht ſobald hatte ſie erkannt, daß alle ihre Hoffnungen trügeriſch, und daß ihr Gatte unerweicht von ſeiner Strafe und ihrem Unglück, nicht als bereuender, ſondern als verhärteter Böſewicht zu ihr zurückkehre, nicht ſobald hatte ſie ſich geſtehen müſſſen, daß er ihr auf immer verloren, daß hinfort eine unermeßliche, eine unausfüllbare Kluft zwiſchen ihnen ſei, als ſie auch ſchon aus ihrem augenblicklichen Schmerz, ihrer momentanen Betäubung ſich aufrichtete, um als eine unverſöhnliche Feindin zu kämpfen gegen den Mann, den ſie durch lange und bittere Jahre hin⸗ durch als verzeihende und hoffende Freundin erwartet hatte. Jetzt machte ihre Geduld der Erbitterung, ihre Milde der Strenge Platz, und der Mann, welcher mit ihr um ihre Kinder kämpfen wollte, ward ihr ein Feind, gegen den ſie ſich erhob mit dem Zorn einer Tigerin, die mit ihrem Leben bereit iſt, ihr Junges zu vertheidigen. Nicht ohne bittre Schmerzen, nicht ohne lange Nächte der ſchlummerloſen Pein und der ent⸗ kräftenden Qual war ſie endlich zu dieſer Wandelung ihrer Geſinnung gelangt, und als es ihr gelungen, die Liebe zu ihrem Gatten bis zur Wurzel aus ihrem Herzen auszureißen, fühlte auch ihr Herz ſich zerriſſen und wund in ſeinem tiefſten Lebensgrund. Aber ſie überwand auch dieſes Wehegefühl und richtete ſich wieder empor zu der Energie und Exaltation der Kraft, die ihr eigen, und welche ſie in ihrem edlen, zugleich ſchwärmeriſchen und ſtolzen Weſen, zu einer Fanatikerin der Armuth gemacht hatte. Das ſteht feſt, ſagte ſie in ihrer edlen und beſtimm⸗ ten Weiſe zu Louiſe, das ſteht feſt, daß ich niemals wieder dieſe Familienhäuſer verlaſſe. Die Armuth iſt mir eine Mutter geworden, die mir geſtattet hat, an ihrem Buſen auszuruhen von all' dieſen Stürmen und dieſem Wehegeſchrei der Welt, und es ſoll nicht ge⸗ ſagt werden, daß ich, gleich dem verlornen Sohn, meine Mutter verlaſſen habe, welche mich beſchützt und aufgerichtet hat in den Tagen der Schmerzen. Erſt ſeit wir uns der Armuth überantwortet, ſeit wir den Muth gefaßt haben, uns frei und offen als ihre Kinder zu bekennen, erſt ſeitdem iſt es uns gelungen, die tiefen Quellen des Glückes zu erſpähen, welche ſo ver⸗ borgen und geheimnißvoll auf dem ſtillſten Grunde des Lebens ſprudeln, und deren melodiſches Rauſchen man ſo leicht überhört im Geräuſch der lauten toben⸗ den und drängenden Welt! Dieſes Glück aber iſt: die völlige Ablöſung von allen Bedürſniſſen, freudige Genügſamkeit und heitere Zufriedenheit in der begrenz⸗ — 177— ten und friedlichen Welt der Armuth und der Be⸗ freiung von allem Ueberfluß! Aber als eines Tages der Baron kam, um trium⸗ phirend ſeiner Gattin zu ſagen, daß er geſtern einen bedeutenden Gewinnſt gehabt im Hazardſpiel, daß er ſich jetzt eine Wohnung gemiethet und Louiſe in einigen Tagen abholen würde in dieſe Wohnung, da empfand ſie faſt eine Art energiſcher Freude, und mit flammen⸗ den Augen ſagte ſie, nachdem der Baron, verwundert über ihr ergebungsvolles Schweigen, ſie verlaſſen, zu Louiſen: das iſt das Aufgebot geweſen, welches Deiner Ehe vorangehen mußte. Du bedarfſt jetzt eines mu⸗ thigen Freundes und Beſchützers, ich will ihn Dir geben. Kommt, laßt uns zum Prediger gehen, daß er Eure Ehe ſegne, und Dich zur Gattin Deines red⸗ lichen und treuen Freundes mache! Thomas küßte mit einem lauten Freudengeſchrei die Hand der Baronin, während Louiſe ſich mit ver⸗ ſchämtem Erröthen in ihre Arme warf und flüſterte: aber doch nicht jetzt? Nicht ſo unvorbereitet? Zu dem Rechten und Guten muß man immer vorbereitet ſein, ſagte die Baronin. Und was bedarf es denn hier der Vorbereitung? Wir gehen zum Pre⸗ diger und beſtellen das Aufgebot, das iſt Alles. Und wenn dieſe Formalitäten beſeitigt ſind, ſchwört Ihr in der Kirche vor dem Prieſter Euch die Treue, die Ihr ſchon lange vor dem Angeſichte Gottes Euch gelobt habt! Und weiter wird dadurch in Eurem Leben und Eurer Geſinnung nichts geändert, als daß Ihr dann geſetzlich vor der Welt ein Recht habt, Eure Liebe und Zugehörigkeit zu bekennen, und ungetrennt mit einan⸗ der zu leben! See gingen mitſammen zu dem Prediger ihres Be⸗ zirkes; er war krank, und Gotthold hatte deſſen amt⸗ liche Functionen zu verrichten.— Das iſt übel, ſagte II. 12 die Baronin ſinnend, als ſie ſich zu dieſem hinbegaben. Dieſer Pfarrer Gotthold iſt der Freund meiner Schwä⸗ gerin, der Baronin Elsleben, und es kann ſein, daß er Schwierigkeiten gegen Eure Ehe erhebt. Aber wie wäre dies möglich? fragte Thomas hef⸗ tig. Iſt er doch geſetzlich verpflichtet, denen, welche ſich verbinden wollen, und deren Ehe kein Hinderniß im Wege ſteht, den Segen der Kirche zu ertheilen. Gotthold war zu Hauſe, und er empfing die Ba⸗ ronin mit ihren Kindern mit dem feierlichen Stolz und der majeſtätiſchen Würde eines Berufenen und Auserleſenen, und während er die Baronin mit milden Blicken begrüßte, dachte er triumphirend in ſeinem Herzen: Die Armuth hat alſo endlich doch dieſes ſtolze Weib bezwungen, und ſie kommt zu mir, damit ich den Vermittler mache zwiſchen ihr und ihrer reichen Schwägerin. Nun, wir wollen ſie lange flehen laſſen, ehe ſie Erhörung findet. Demzufolge deutete er ſchweigend und ſtolz auf einen Seſſel, und ſetzte ſich der Baronin ſtumm gegen⸗ über, während Thomas und Louiſe ſich leiſe in die Fenſterniſche zurückzogen. Herr Prediger, ſagte die Baronin endlich, nachdem ſie lange auf eine Anrede Gottholds gewartet, wir kommen, Sie um Etwas zu bitten! Und es iſt unnöthig, daß Sie mir den Inhalt die⸗ ſer Bitte ſagen, rief jetzt Gotthold, der nun überzeugt war, daß er ſich nicht getäuſcht, und die Urſache dieſes Beſuchs errathen habe. Sie wiſſen alſo ſchon?— Ich weiß Alles, ſagte er ſtolz; ich weiß, daß Gott endlich Ihr verhärtetes Herz erweichte, daß er endlich Ihren hochmüthigen Sinn beugte und Sie durch Kum⸗ mer und Sorgen zur Demuth zwang. Dem ächten und berufenen Diener des Herrn bleibt nichts verbor⸗ — 179— gen, ihm iſt es vergönnt, auf dem Antlitz der Sünder ihre tiefgeheimſten Gedanken zu leſen, damit er durch ſein gottbegeiſtertes Wort alsdann die Gedanken des Sünders bekämpfe, und ihn zur Tugend zurückführe. Das iſt der heilige Geiſt, welcher der eigentliche Schutz⸗ gott der Diener des Herrn iſt, und kraft dieſes heiligen Geiſtes habe ich auch in Ihrem Antlitz geleſen, und weiß den Grund Ihres Kommens, den Inhalt Ihrer Bitte. 3 Und was haben Sie in meinem Antlitz geleſen? fragte die Baronin nicht ohne leiſe Ironie. Daß Sie es müde ſind, in Ihrer Ohnmacht an⸗ zukämpfen gegen die Schläge des Schickſals, daß Hun⸗ ger und Entbehrung Ihr verhärtetes Gemüth erweicht und Sie zur Reue über Ihr Vergehen gebracht haben. Ja, Sie bereuen es jetzt, Ihre edle, erhabene und tugendreiche Schwägerin mit ſündigem Hochmuth ab⸗ gewieſen zu haben, als ſie kam, Ihnen ihre Wohltha⸗ ten anzubieten, Sie bereuen es jetzt, die Unterſtützung abgelehnt zu haben, die ſie Ihnen darreichen wollte, und damit die Baronin in ihrem engelgleichen Gemüthe. Ihnen verzeihe, kommen Sie zu mir, auf daß ich die Vermittelung übernehme, und Ihnen die Baronin Els⸗ leben wieder geneigt mache. Das iſt der Inhalt Ihrer Bitte, und ſo ſtraft Gott Sie, daß Sie gerade vor mir ſich demüthigen müſſen, vor mir, welchen Sie jüngſt mit ſtolzen und hochmüthigen Worten aus den Familienhäuſern vertrieben haben!. Er maaß die Baronin mit flammenden, triumphiren⸗ den Blicken, ſie aber ſah ihm feſt und lächelnd in die Augen und ſagte ruhig: Diesmal, Herr Prediger, hat der heilige Geiſt Sie getäuſcht, und Sie haben falſch geleſen. Nein, nein, es ſteht in meinem Geſicht nichts von dieſer kriechenden Heuchelei, deren es bedürfte, wenn ich zu Ihnen käme, um durch Sie mit meiner 12* Schwägerin verſöhnt zu werden, es ſteht darin nichts von dieſer zerknirſchten Demuth, die mich antreiben ſollte, mich vor einer Heuchlerin im Staube zu win⸗ den, und bettelnd mein Haupt zu neigen, während ich es frei und ſtolz erheben kann in meiner Armuth. Und wenn von dieſem Allen etwas in meinem Antlitz zu leſen wäre, ſo würde ich mein eigenes Geſicht zer⸗ fleiſchen, um dieſe Schrift zu vernichten! Sie ſind alſo nicht deshalb gekommen, rief Gott⸗ hold, Sie ſind alſo immer noch die verſtockte Sünde⸗ rin, und der Herr hat Sie noch nicht genug geſtraft mit ſeinem Zorn, Sie ſind noch nicht genug gebeugt von Ihrer Schande? Meine Armuth iſt mir keine Schande, ſondern ſie iſt meine Ehre, ſagte die Baronin ſtolz, und dieſes Bettlerkleid iſt der einzige Purpurmantel, welchen ich begehre. Aber zur Sache, Herr Prediger! Laſſen wir die Sentenzen, und kommen wir zu dem Geſchäft, welches uns hergeführt. Meine Tochter Louiſe dort wünſcht ſich mit meiner Einwilligung zu verheirathen, und da der Prediger unſers Bezirks, wie Sie wiſſen, erkrankt iſt, ſo ſind wir an Sie gewieſen, um von Ihnen die Trauung vollziehen zu laſſen? Alſo ein glückliches Familienereigniß, ſagte Gott⸗ hold mit heimlichem Aerger. Und wer iſt der glück⸗ liche Bräutigam? Ich bin es, Herr Prediger! ſagte Thomas, ruhig näher tretend. Ihr Name? Thomas Schmidt! Ihr Stand? Weber! Ja, Weber iſt er, ſagte die Baronin lächelnd, als Gotthold erſchrocken einen Schritt zurückwich. — 181— I. Aber das iſt ja unmöglich! rief Gotthold. Das iſt ja gegen bde Shes und jedes Geſetz. Und warum, Herr Prediger? fragte homa Jernſt. Wo iſt das Geſetz, das mir verbietet, ein Mädchen zu heirathen, das ich liebe, und welches iſt die Sitte, die dieſem Mädchen befiehlt, ſich mir zu verſagen, wenn ſie mich wieder liebt? Das Geſetz des Anſtandes verbietet eine ſolche Ehe, rief Gotthold heftig, und es iſt gegen die Sitte, daß eine geborene Baroneß einen Webergeſellen hei⸗ rathet. Webermeiſter, wenn ich bitten darf, ſagte Thomas lächelnd. Ordentlicher, zünftiger Meiſter. Ich habe mein Meiſterſtück eingeliefert, und bin von der Zunft als Meiſter anerkannt. Degradiren Sie mich alſo nicht, Herr Prediger! Und was die Sitte anbelangt, die mir verbieten ſoll, meinen Geliebten zu heirathen, weil er ein Weber iſt, ſagte Louiſe, ſo iſt es freilich häufiger und von der Sitte ſanctionirt, daß eine arme Baroneß ſich irgend einem jüdiſchen Banquier verkauft, und in dem blin⸗ kenden Gold und äußerem Prunk Erſatz findet für die Schmach, ſich ohne Liebe verkauft zu haben. Ich aber danke Gott, daß ich nicht zu ſolcher Erniedrigung ver⸗ dammt bin, ſondern daß es mir vergönnt iſt, mich dem zu verbinden, welchen ich liebe. Aber was wird die Baronin Elsleben ſagen! rief Gotthold unwillkürlich. Sie glauben alſo, daß meine fromme Schwägerin ein Aergerniß daran haben wird? fragte die Baronin mit funkelnden Augen. Ach, dann wird meine Freude öüber dieſe Ehe vollſtändig ſein, und ihr Aergerniß iſt unſer ſchönſtes Hochzeitslied! Nun alſo, Herr Predi⸗ ger, da wir den Muth haben, dem Anſtand und der Sitte, von welcher Sie ſprachen, zu trotzen, ſo bitte — 182— vollſtäng Sie an, ſondern gi Zimmer auf und ab. Dann ſtellte er ſich ſtolz und Hinderniß erhebt. Es hat ſich dennoch ein Hinderniß erhoben, und Welches Hinderniß? fragten alle Drei in athem⸗ loſer Spannung. Mein Gewiſſen verbietet mir, dieſe Ehe zu ſegnen! Pah, Ihr Gewiſſen, rief die Baronin ſpöttiſch; Und weshalb verbietet Ihr Gewiſſen dieſe Ehe?— Ich bin nicht gehalten, irgend Jemand meine Ge⸗ wiſſensſerupel zu ſagen, erwiederte Gotthold ſeen Mein Gewiſſen verbietet mir, dieſe Ehe der Barone Louiſe von Hermfeld mit dem Weber Thomas Schmidt einzuſegnen, das genügt! Dieſe Ehe wird nicht ſtatt⸗ finden. 3 Sie wird ſtattfinden, rief Thomas erglühend, dieſe Weigerung iſt ungeſetzlich, und ſo weit iſt es noch nicht gekommen, daß ein Prediger ungeſtraft ſich wei⸗ gern kann, die Pflichten zu erfüllen, welche ſein Amt ihm auferlegt, und für welche er bezahlt wird von ſeiner Gemeinde. Der Prieſter des Herrn ſteht über dem weltlichen Geſetz, und was der heilige Geiſt ihm gebietet, ſoll nicht bekrittelt werden vom kleinlichen, beſchränkten — 183— Menſchengeiſte, ſagte Gotthold ſtolz. Der heilige Geiſt aber hat zu mir geſprochen, daß dieſe Ehe nicht ſtatt⸗ haft iſt, und folglich wäre es gegen mein Gewiſſen, ſie zu vollziehen. „Sie müßten mir ſehr viel Geld geben, dachte Gotthold, während er ſo ſprach, ja wahrhaftig, ſehr viel Geld, wenn ich es wagen ſollte, den Zorn der Baronin Elsleben zu reizen und dieſe Mesalliance zu ſegnen.“ Aber freilich, die Armen hatten kein Geld, das Gewiſſen Gottholds zu beſchwichtigen, ſie hatten kein Geld, um ihn zur Erfüllung ſeiner amtlichen Pflichten zu bewegen, und der Prediger war in ſeinem Recht, denn, einer neuen Verordnung zufolge, war kein Prediger verpflichtet, eine Ehe einzuſegnen, die gegen ſein Gewiſſen iſt. Und ſo war die Einſegnung einer Ehe gewiſſermaßen eine Gnadenbezeugung, nicht mehr eine Pflicht des beamteten, angeſtellten Predigers ge⸗ worden, und er konnte ſie verweigern, wenn es ihm beliebte, und wenn irgend ein goldener Schimmer, oder ein fanatiſcher Eifer ſeinem Gewiſſen verbot, zwei Menſchen zu verbinden, wie glühend auch immer ihre Liebe, wie hochherzig ihre Geſinnung ſein mag. Alſo dies iſt unwiderruflich? fragte die Baronin, nachdem ihr Gotthold mit ſtolzem Blick die Verord⸗ nung gezeigt. Ihr Gewiſſen verbietet Ihnen, meine Tochter mit ihrem Bräntigam zu trauen, und alſo kann ihre Ehe nicht eingeſegnet werden? Nein! Doch es bleibt Ihnen noch ein Mittel, ſagte Gotthold ironiſch, Sie dürfen verſuchen, ob irgend ein anderer Prediger einwilligen wird, dieſe Ehe zu voll⸗ ziehen. Das Geſetz giebt Ihnen das Recht, dieſes Auskunftsmittel zu verſuchen, und erlaubt in dieſem Falle den Predigern, auch Paare zu trauen, walche ſonſt nicht zu ihrer Gemeinde gehören. — 184— So wollen wir von dieſem mildthätigen Geſetz Gebrauch machen, und ſehen, ob irgend ein anderer Diener des Herrn vielleicht ſo gewiſſenhaft iſt, in ſeinem Gewiſſen keine Zweifel zu entdecken gegen dieſe Ehe, ſagte die Baronin. Ja, rief Thomas, Louiſens Hand ergreifend und ſie ſanft aus dem Zimmer geleitend, ja, laßt uns ſehen, ob es nicht einen Prieſter giebt, der zugleich ein edler Menſch iſt und ſeine Pflicht erfüllt auch ohne irdiſchen Gewinnſt. Gotthold blickte ihnen mit einem triumphirenden Lächeln nach, und, ſich vergnügt die Hände reibend, ſagte er: mögen ſie ſuchen! Aber da ſie, wie ich glaube, keinen Groſchen haben, und nicht einmal im Stande ſein werden, die allergewöhnlichſte Taxe für eine Trauung zu bezahlen, ſo fürchte ich, werden ſie nicht leicht Jemand finden, der umſonſt und ohne Geld die Trauung übernimmt. O, Gotthold war ein kluger Mann, und diesmal wenigſtens ſollte ſeine Prophezeihung in Erfüllung ge⸗ hen; auf dem Angeſichte der Prieſter hatte er beßfer und richtiger leſen können, als auf dem Angeſichte anderer Menſchen!— Er hatte ſich nicht getäuſcht, ſie waren zu mehreren Predigern gegangen, die Ba⸗ ronin hatte mit offenem Freimuth den Grund der Weigerung Gotthold's angegeben; ſie hatte auch geſagt, daß ſie arm ſeien und Gotthold nicht durch Geld zur Erfüllung ſeiner Prieſterpflicht hätten bewegen können, aber Niemand wollte ſich finden, die Trauung des armen Paares zu übernehmen, Alle fanden ſie auf dem Grunde ihres Herzens Zweifel, welche ihrem Ge⸗ wiſſen verboten, dieſe Ehe einzuſegnen, welche ſie ver⸗ feinden möchte mit dem angeſehenen und würdigen Prediger Gotthold und der frommen und tugendhaften Baronin Elsleben. 8 Traurig und niedergeſchlagen kam die Baronin mit ihren Kindern heim, ſchweigend begaben ſie ſich wieder an ihre Arbeit, und obwohl keiner von ihnen klagte, wußte doch Jeder, welche tiefe und herbe Betrübniß an dem Herzen des Andern nage, und ſuchte durch freundliches Anlächeln, durch milde Worte des Troſtes ihn zu beruhigen und ſeinen Gram zu ſänftigen. O Louiſe, flüſterte Thomas, als er an dieſem Abend von ihr Abſchied nahm, Louiſe, wie unglücklich ſind wir, und welch ein entſetzliches Geſchick iſt es doch, arm zu ſein. Während ich mein Herzblut hinſtrömen möchte für Dich, während ich freudig Jahre meines Lebens verkaufen möchte, um ſie auszumünzen in blin⸗ kendes Gold, während wir die Kraft und den heiligen Willen, glücklich zu ſein, in uns empfinden, verdammt unſre Armuth uns zum Unglück und zur Entſagung. Du läſterſt die Armuth, wenn Du ſo ſprichſt, mein Sohn, ſagte die Baronin ernſt; nicht ſie iſt es, welche uns zum Unglück verdammt, ſondern die Kleinlichkeit und der niedere Geiz der Menſchen. Aber noch haben wir die Kraft, gegen dieſe zu kämpfen, und wo ſie mit ihrer niedrigen Abſicht uns Schranken ziehen möchten, da wollen wir uns über ſie erheben im Bewußtſein unſers Rechtes und unſers edlen Zweckes! Und nun gute Nacht, Kinder, und bittet Gott, daß er unſre Gedanken und Entſchlüſſe ſegne! Als Louiſe am andern Morgen erwachte, fand ſie ihre Mutter ſchon wach und aufgeſtanden. Die Ba⸗ ronin nickte ihr lächelnd den Morgengruß und ſagte: ſieh nur, Louiſe, wie heiter die Sonne ſchon ſcheint, und wie froh der Morgen iſt. Darum ſei auch Du nun frohen Herzens und freudigen Sinnes und glaube mir, keine Macht der Erde ſoll Dich von Deinem Freunde trennen! Louiſe küßte ihre Mutter, erhob ſich raſch von — 186— ihrem Lager und ſchickte ſich an, mit freudigem Muth die Arbeiten des Tages wieder zu beginnen. Aber wenn ſie ihre Mutter anblickte, ſo erſtaunte ſie über die ſtrahlende Heiterkeit, welche auf dem Angeſicht der Baronin erglänzte, und heimlich fragte ſie ſich, was wohl die Urſache derſelben ſein möge. Aber die Ba⸗ ronin war heute, trotz ihrer heiteren Mienen, unge⸗ wöhnlich ſchweigſam und feierlich, und Louiſe ſah mit Erſtaunen, daß ſie ihr beſtes Kleid anlegte, und auch ihrer Tochter beſte Gewänder aus dem Schranke her⸗ vorholte und ſie prüfend betrachtete. Dann verließ die Baronin ſogar mehrmals ihre Arbeit und ging aus dem Zimmer, lange ausbleibend, und wenn ſie wieder⸗ kam, Louiſen nicht einmal ſagend, wohin ſie gegangen. Und auch Thomas war bei Tiſche ſo ungewöhnlich heiter, und keine Spur ſeiner geſtrigen Betrübniß war mehr auf ſeinem ſchönen Antlitz zu leſen, und auch er eilte heute viel früher fort, als er ſonſt zu thun pflegte, und die Baronin folgte ihm mit bedeutſamem Lächeln, und Louiſe hörte ganz deutlich, daß ſie draußen auf dem Gange mit einander flüſterten.— Was bedeutete das Alles? Louiſe wußte es ſich nicht zu erklären, und während ſie emſig weiter ſtickte an ihrer kunſt⸗ vollen Stickerei, ſann und ſann ſie vergeblich nach dem Grunde dieſer ſeltſamen Bewegung. Der Abend dämmerte endlich herauf, und Louiſe ſchob den Stickrahmen fort, um ihren Augen Ruhe zu gönnen und einen Augenblick ihren ſtillen und ſinnen⸗ den Gedanken nachzuhängen, als Thomas kam und ſie mit freudeſtrahlendem Antlitz in ſeine Arme ſchloß und ſie ſeine ſüße Braut, ſein liebes ſchönes Weib nannte.. Sie wollte ihn fragen, ſie wollte Auskunft haben, als auch die Baronin hereintrat, in ihrer Hand einen Myrthenkranz, den ſie Louiſen darreichte, indem ſie lächelnd ſagte: Das iſt der einzige Schmuck, den eine Braut bedarf an ihrem Hochzeitstage, darum befeſtige ihn raſch in Deinem Haar, denn es iſt heute Dein Hoch⸗ zeitstag. Als Louiſe fragen wollte, ſchloß ihr Thomas mit Küſſen die fragenden Lippen, und die Baronin bat ſie, ſich ſchnell anzukleiden, und dann hinüber zu kommen in das Zimmer des alten Webers Schmidt, der nicht zu ihr kommen könne, weil er krank ſei und nicht zu gehen vermöchte. Es iſt alſo wirklich mein Hochzeitstag, und ich ſoll nicht von Thomas getrennt werden, und mit meinem Vater gehen müſſen? fragte Louiſe mit ſeligen Thränen.. Von heute an wirſt Du Mein ſein für alle Ewig⸗ keit, ſagte Thomas ganz glückestrunken, und die Ba⸗ ronin drückte ihr Kind an ihre Bruſt, und küßte ſie mit heißen Segenswünſchen.. Dann verließen ſie Beide, und Louiſe kleidete ſich an, zitternd vor tiefer Bewegung und freudiger Ungeduld. Sie nahm den grünen Myrthenkranz und drückte ihn an ihre Lippen, ehe ſie ihn um ihre Stirn legte, und ſagte leiſe: In dieſer Stunde empfange ich Dich, um Dich zu verlieren, und Du biſt der letzte Abendgruß, welchen mir meine Mädchenjahre ſenden, der letzte Scheidekuß meiner Vergangenheit. Möge denn die Zukunft mir willkommen ſein, ſie wird mir vielleicht viele Kämpfe bringen und manch bitteres Leid, aber mein inneres heiliges Glück will ich mir rein und ungetrübt bewahren, und was auch kommen möge, immer wird die Liebe mich zu tröſten wiſſen, und immer wird Thomas an meiner Seite ſein. Jetzt klopfte es an ihre Thür. Es war Thomas, der ſie abzuholen kam. Sie reichte ihm mit einem ſeligen Lächeln die Hand. — 188— Louiſe, ſagte er tiefbewegt, jetzt, wo ich im Be⸗ griff ſtehe, das Geſchenk Deines ganzen Lebens anzu⸗ nehmen, und Dich zu meinem ſchönſten und heiligſten Beſitzthum zu machen, jetzt bangt mein Herz, und ich frage mich zitternd, ob ich auch ein Recht habe, dieſes große Glück anzunehmen. Ja, es ſcheint mir, als wäre es meine Pflicht, Dich abzuhalten, einen Schritt zu thun, der vielleicht Dir nur Unglück und Kummer, gewiß aber viel Entbehrung und ein dunkles, unſchein⸗ bares Leben bereiten wird. Ach Louiſe, ich habe Dir ja nichts zu bieten, als meine Armuth, ich bin ja nichts, als ein armer, unwiſſender Weber, ich weiß es ja, daß ich Deiner nicht würdig bin und Deiner edlen Liebe. Läſtere mir nicht den Mann, welchen ich liebe! ſagte Louiſe mit leiſem Vorwurf, und beleidige nicht mein Herz, indem Du ſagſt, daß es ſeine Liebe einem Unwürdigen geweiht habe. Die Liebe iſt erhaben über dieſe kleinlichen Rückſichten, ſie fragt nicht nach Rang und Titeln, und mit dieſen kalten Berechnungen der Welt hat ſie nichts gemein. Und möge denn die Sorge kommen, mein Freund, es ſoll ihr doch nicht gelingen, unſer Glück mit ihrem Giftzahn zu benagen, denn die Liebe iſt ein Talisman, vor welchem alle finſtern Dä⸗ monen entfliehen, daß ſie keine Gewalt mehr über uns haben! 3 Kann Gott ſolchem frommen Glauben ſeine heilige Gewährung verſagen wollen? fragte Thomas mit gen Himmel gewandten Blicken und drückte die Geliebte, feſt an ſein Herz. Hand in Hand, mit ſeligen Blicken und glücklichem Lächeln gingen ſie dann hinüber in das Zimmer des alten Webers.— Es iſt wahr, ihnen fehlte das Hoch⸗ zeitsgepränge und die geleitenden Freunde. Keine Neugierigen ſtanden am Wege, das Paar vorübergehen 4* — 189— zu ſehen, keine Blumen waren auf ihren Pfad geſtreut und keine gallonnirten Bedienten empfingen ſie an der Thür. Es war nur ein Feſt der Armuth und Liebe, und der äußere Prunk hatte nichts zu ſchaffen mit dieſem glücklichen Paar. Sie entbehrten ihn nicht, freundliche Geſichter und liebliche Zukunftsträume ge⸗ leiteten ſie, und die Liebe ſchwebte ihnen voran, um ihnen Blumen zu ſtreuen, und mit einem zauberhaften Lächeln dieſes düſtere, ärmliche Zimmer des alten Webers in eine leuchtende, glänzende Halle zu ver⸗ wandeln, in deren Mitte ein Altar ſtand, vor dem das glückliche Paar ſeine Gelübde austauſchen und den Segen des Herrn eempfangen wollte. Und fehlte es ihnen denn an Freunden? War nicht die Baronin da mit ſtrahlendem Angeſicht und glück⸗ lichem Mutterlächeln, war nicht der alte Weber da mit ſeinen milden liebevollen Blicken, und Frau Wink⸗ ler mit ihrer freundlichen ernſten Würde, und Lude, der arme Lude, der trotz ſeines innern Kummers den⸗ noch lachen und mit den Fingern knacken mußte vor Wonne über das Glück ſeines Bruders? Und endlich, kamen da nicht Louiſens kleine Schweſtern mit Blu⸗ menſträußen und langwallenden Locken, wie ſelige En⸗ gel anzuſchauen? Auch an einem Altar fehlte es nicht. Es war zwar nur ein einfacher Holztiſch, über den man ein weißes Leinentuch gebreitet, es brannten auf nie⸗ drigen Leuchtern nur kleine ärmliche Lichter, aber Tho⸗ mas glänzten ſie dennoch entgegen, wie die Morgen⸗ ſterne ſeines aufgehenden Glückes, und er blickte auf ſeine Braut, die ihm im Glanze dieſer Kerzen unend⸗ lich reizend erſchien in ihrer holden Verſchämtheit, mit der roſigen, bräutlichen Verwirrung. Aber wo iſt der Prieſter, daß er den Bund der Liebenden ſegne? Wo iſt der Mann mit dem ſchwar⸗ zen Gewande und den heiligen Blicken, warum kommt ——— 8 8- 190— er nicht, das Brautpaar zu verbinden, das ſeiner harrt an dieſem kleinen kerzenſtrahlenden Altar? Eine Pauſe trat ein, eine lange athemloſe Pauſe. Der alte Weber hatte nach dem Prieſter gefragt, das Brautpaar hatte bebend dieſe Frage wiederholt. Nie⸗ mand hatte ihnen Antwort gegeben.— Endlich trat die Baronin vor. Ein feierlicher, hoher Ernſt, eine heilige Würde war über ihr ganzes Weſen ausgebrei⸗ tet, und mit feſter Stimme ſagte ſie: Ihr ſucht einen Prieſter? Ich weiß keinen andern als mich ſelber! Und als Alle ſtaunten, als der alte Vater ſinnend das Haupt ſchüttelte, da erzählte die Baronin in ihrer energiſchen und kühnen Weiſe ihnen ihre vergeblichen Anſtrengungen, einen Prediger zu finden, welcher das Brautpaar verbinden wollte, da ſprach ſie von der Hoffnungsloſigkeit fernerer Bemühungen, von der Ge⸗ fahr, welche Louiſen durch ihren Vater bedrohe, wenn ſie nicht ihr einen Freund gebe, der das Recht habe, ſie zu beſchützen. Wir wollten den Geſetzen dieſer Welt genügen, ſagte ſie, aber die Welt ſtellte ſich uns feindlich entge⸗ gen, und die Prieſter haben mit ihren weltlichen Rück⸗ ſichten und ihren unheiligen Berechnungen die letzte Spur der Ehrfurcht vor ihnen in meinem Herzen ver⸗ löſcht. Wer will ſagen, daß die Schwüre, welche Ihr ausgetauſcht vor dem Angeſichte Gottes, daß dieſe Schwüre erſt geheiligt werden, wenn Ihr ſie wieder⸗ holt vor den Ohren eines Mannes, der nur durch ſein prieſterliches Kleid und ſein äußeres Amt das Recht hat, ſie zu vernehmen? Wer will behaupten, daß die Liebe zweier reiner, naturvoller Herzen erſt dann ſeine Weihe und ſeine Berechtigung erhält, wenn der irdiſche Prieſter ſie geſegnet mit ſeinen irdiſchen Lippen und mit Worten, welche er herbetet aus ſeinem aufgeſchla⸗ genen Buche? — 191— Ich will Euch eine Prieſterin ſagen, welche ein hei⸗ liges Recht hat, ſolche Schwüre der Liebe zu verneh⸗ men, eine Prieſterin, die von keiner irdiſchen Macht ihres geweiheten Amtes entſetzt, ihrer erhabenen Be⸗ rechtigung entnommen werden kann. Eine Prieſterin, welche die Liebe ſelber geweihet hat, die Liebe, welche aus Weibern Mütter geſchaffen, und deshalb ſind die Mütter auch die beſten Prieſterinnen der Liebe. Und ſollte nicht der Schwur ewiger Treue, den Ihr Euch vor Gott geleiſtet habt, ſollte er nicht dieſelbe Kraft haben, wenn Ihr ihn wiederholt vor den Ohren Eurer Mutter, im Beiſein Eurer Freunde? Wird dieſes Ja, welches Ihr ſprechen werdet vor Eurer Mutter und Euren Freunden, wird es nicht eben ſo bindend ſein, als wenn Ihr es geſprochen, einem fremden Manne gegenüber, den Ihr nicht kennt, und der für Euch nur Bedeutung hat durch ſeinen Rock und ſein Amt?— Und wenn nun Eure Mutter da iſt, um als Prieſterin Eure Schwüre zu vernehmen, Eure Gelübde zu em⸗ pfangen, werdet Ihr mit minderer Scheu und Ehr⸗ furcht an dieſe Stunde zurückdenken? Wird Euer Bund nicht durch meinen Segen, durch die Zuſtimmung Eurer Freunde ſeine Weihe erhalten? Wird nicht das ſegnende Wort einer Mutter einen heiligenden Glanz über Eure Ehe ausgießen und Euch in dem Bewußt⸗ ſein erhalten, daß dieſe Eure Ehe wahrhaſt geſegnet iſt vor Gott, da die, welche Dich geboren, als das Fleiſch ihres Fleiſches, als das Blut ihres Blutes, da Deine Mutter ſie geweihet hat? Als die Baronin ſo mit glühenden Blicken und hoch⸗ athmender Bruſt geſprochen, warf ſich Louiſe, ſtrahlend vor Begeiſterung, in ihre Arme, und drückte ſich feſt an ihren Buſen und küßte ihr geliebtes Angeſicht. Ja, rief ſie unter Thränen der beiligſten Rührung, B5 — 192— ja, Du biſt die Prieſterin, deren wir bedürfen, ſegne unſere Ehe, meine Mutter!. Ja, ſegne Du, geweihete Prieſterin des Herrn, ſegne den Bund unſerer Liebe, ſagte Thomas, die Hand der Baronin ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen drückend. Segnen Sie Ihre Kinder, ſagte der alte Weber mit frommem Händefalten und gen Himmel gewandten Blicken. Segnen Sie Ihre Kinder, ſagte Frau Winkler feſt, denn wer könnte ein Recht dazu haben, wenn nicht eine Mutter? In der Stunde, wo ein Weib ein Kind gebiert und Gott ſie begnadigt, indem er ſie zur Mutter erhebt, in der Stunde ernennt er ſie zu der Prieſterin, welche wachen ſoll über das geiſtige Leben ihres Kindes, und giebt ihr ein geheiligtes Recht über dies aus ihr emporblühende Leben. Eine Mutter iſt eine Prieſterin, und darum, Mutter Hermfeld, ſegnen Sie Ihre Kinder! Und ick ſehe nicht ein, warum der Segen nicht viel beſſer is, als wenn ihn der Prediger giebt, ſagte Lude, ſo'n Prediger, der mir ganz unchriſtlich ausſchimpft, blos weil ick ihm die Droſchke ufmache und ihn denn um meinen Groſchen bitte! Komm, Louiſe, ſagten die kleinen Mädchen mit lieblichem Lächeln, komm! Sie zogen Louiſe und Thomas zu dem Altar hin, und das Brautpaar knieete nieder, den Segen zu em⸗ pfangen. 3 Heilige Gebete und keuſche Gelübde waren in ihren Herzen, und als die Baronin mit einfachen, tiefem⸗ pfundenen Worten ihren Bund ſegnete, als ſie mit feierlichem Ja ihre Fragen beantworteten, da wußten ſie, daß Gott ihren Treuſchwur vernahm und ihren Ehebund heiligte mit ſeiner allgegenwärtigen Nähe. Und neben ihnen ſtanden die beiden ehrwürdigen Alten, der Vater des Bräutigams und die treue Frau — — 193— Winkler mit gefalteten Händen, ein Gebet murmelnd, während Lude hinter ihnen kniete, neben ihm die Kinder, weinend,— ſie wußten nicht weshalb!— Aber nach der feierlichen Handlung kam die Hoch⸗ zeitsfreude. Hätte dieſe wohl fehlen dürfen bei ſo glücklichen Leuten? Nein, nein, es gab eine Hochzeits⸗ freude, ein Hochzeitsfeſt, ſo ſchön und ſo prächtig, als nur ſelten eines veranſtaltet wird in den prunkenden Palläſten und den ſchimmernden Sälen der Reichen und Großen. Das Glück war der Hofmarſchall des Feſtes, die Freude ſchmückte das Zimmer mit golde⸗ nem Prunk und diamantenem Geſchimmer, und die Unſchuld und Genügſamkeit wand den Liebenden duf⸗ tende Kränze! O gewiß, es war ein köſtliches Hochzeitsfeſt! Frau Winklers wohlbekannte, braune Kaffeekanne ſpielte eine große Rolle dabei, aber diesmal war ſie mit Choco⸗ lade, nicht etwa mit Chocolade, aus gebranntem Mehl bereitet, nein, mit reiner, unverfälſchter Chocolade ge⸗ füllt, und dazu gab es eine Prätzel, ſo lieblich duftend und ſo lecker anzuſchauen, wie nur jemals eine Prätzel ſein konnte, und dann, o Wunder und Staunen, kam eine ganze Flaſche Wein, und man trank aus zierlichen kleinen Spitzgläſern lautjubelnde Geſundheiten, wäh⸗ rend man dazu ſehr üppig belegte Butterſchnitte aß! Ja, ja, Frau Hermfeld hatte wirklich ein überraſchend ſchönes Feſt bereitet, ſie konnte wirklich zuweilen ver⸗ ſchwenderiſch ſein, wenn ſie wollte! Und dann dieſe hübſchen Späße und freundlichen Neckereien der Frau Winkler, die heute ungewöhnlich heiter war, weil ſie den Doctor Eduard geſehen, und Lude's wieherndes Lachen und furchtbares Fingerknacken bei jedem Spaß der Frau Winkler, und die niedlichen kleinen Lieder, welche die Kinder ſangen, und deren Refrain die Alten im Chor wiederholten, und dazwi⸗ II. 13 — 194— ſchen das ſüße Geflüſter des Brautpaars und das Nüſſeknacken und Lachen der Kinder, o, wer vermöchte alle die Wunder dieſes Hochzeitsfeſtes zu berichten? Und Ihr glaubt doch nicht, daß es an Hochzeits⸗ geſchenken fehlte? O nein, gewiß nicht! Jeder hatte etwas darzureichen, und ſo klein es immer ſein mochte, es ward doch mit Freuden gegeben und mit Freude und Dankbarkeit entgegengenommen. Zuletzt,— ja, wie wunderlich und kindiſch macht doch die Freude und das Glück,— zuletzt erinnerten ſich noch die Alten, daß es in ihren Tagen immer Sitte geweſen, das Hochzeitsfeſt mit einem Kehraus zu ſchließen. O, Frau Winkler wußte noch die Me⸗ lodie und ſang ſie luſtig vor, und der alte Weber vergaß ganz ſeine großen körperlichen Schmerzen und ſtimmte ein, und Frau Hermfeld durfte doch nun auch nicht ſchweigen. Und wie Lude erſt krähte und die Kinder drein ſchlugen mit ihrem Lerchengezwitſcher, da war's, als wenn alle die Füße von ſelbſt in Be⸗ wegung geriethen, als wenn eine unſichtbare Hand ſie Alle zwang ſich zu drehen und herumzuwirbeln, und, ja wahrhaftig, ſie tanzten einen Großvatertanz!— Aber, wunderbar, ſo wie der Tanz begann, verſtummte Lude'’s fröhliches Krähen und die Thränen ſtürzten ihm aus den Angen. Sie hatten's Alle geſehen, ſeine Freunde, aber Niemand fragte ihn, weshalb er weine, denn Jeder wußte ſchon, daß er an Amintha dachte, an das ſüße blonde Kind mit dem Engelslächeln und den blauen Augen! 5 5 4 Ein alter Geliebter. Die fromme Baronin Elsleben fühlte ſich ſehr be⸗ glückt, denn ſie hatte durch das Bundesmitglied Pau⸗ lowitſch erfahren, daß Fürſt Pomowsky ſeine Geliebte, die Gräfin Marfilla, verlaſſen habe, und das war ſchon ein Schritt näher dem erwünſchten Ziele, das die fromme Baronin ſich ſelber geſteckt. Sie ſagte: Mit Gottes Beiſtand wird es mir ſchon gelingen, die heißen Wünſche meines Herzens erfüllt zu ſehen, und ich weiß, ich fühle es, Gott wird mir ſeinen Beiſtand nicht verſagen. Er iſt es ja, der mich bis hierher glücklich führte, er wird mich auch ferner geleiten. Und es iſt ja auch zunächſt nur zu Gottes eigener Ehre, daß ich den Fürſten mir gewinnen und ihn ſo den lockenden Verführungen dieſer Welt entziehen will. Es geſchieht ja, um den edlen und begabten Mann dem Heile zuzuführen, daß ich mich bemühe, ihn allem Andern abwendig und mir geneigt zu machen. Des⸗ halb auch kann ich gewiß ſein, daß Gott mich unter⸗ ſtützen wird in meinem heiligen Vorhaben! Mit ſolchen Worten ſuchte die fromme Baronin Gott gewiſſermaßen zu überreden und zu hintergehen, indem ſie ihn glauben laſſen wollte, daß ſie für ihn 13* handle, während ſie ſelber ſehr gut wußte, daß ſie lediglich ihr eigenes Intereſſe im Auge hatte.— In dieſem täglichen Verkehr, welchen ſie mit Gott hatte, in ſeiner ſteten Nähe, in dem ſeligen Gefühl, daß er ſpeciell über ihr wache, jeden ihrer Schritte lenke, ja, daß er ihren Haushalt beſchirme, und ſorge, daß Alles ihr zum Beſten gereiche, in dieſem ganz irdiſchen und proſaiſchen Verkehr war ihr Gott gewiſſermaßen gleich⸗ ſtehend, menſchlich fühlend, menſchlich empfindend ge⸗ worden, ſie, ſein Ebenbild, und folglich er auch das ihre. Es war eine gewiſſe Gegenſeitigkeit zwiſchen Gott und ihr, und das erhob ſie, während es ihn zu ihr herniederzog. Das iſt überhaupt der Grund dieſes maßloſen Hochmuthes der Frommen, daß ſie, gewohnt das Nächſte, Gewöhnlichſte mit Gott in Verbindung zu ſetzen, überall für ſich die unmittelbare Einwirkung Gottes ſehen, und daher wähnen, ihnen verkündige er ſich vorzugsweiſe, ihnen offenbare er ſich in beſon⸗ derer Gnade, und ſie alſo ſtänden ihm näher, als an⸗ dere, gewöhnliche Menſchenkinder. Wenn einem Pietiſten der Finger weh thut, ſo meint er darin Gottes Strafe für irgend ein von ihm begangenes Verſehen zu entdecken, wenn die Köchin die Suppe verſalzt, ſo iſt es Gott, der ihn dadurch vor der Hingabe an fleiſchliche Genüſſe warnen will, wenn eine ungeſchickte Magd irgend ein Lieblingsglas zerbricht, ſo will Gott dadurch an die Vergänglichkeit alles Irdiſchen erinnern, und wenn der Schneider ein Kleid verdorben, ſo will Gott dadurch mahnen, ſich nicht zu verſenken in irdiſche Eitelkeit. So, in allen kleinlichen Beziehungen des Lebens, zeigt ſich Gott den Frommen, und ſo wird er ihnen allgemach zu einem ſtrengen Hausvater, der von ſeiner Sternenhöhe her⸗ niedergeſtiegen iſt, um gewiſſermaßen eine Art Haus⸗ verwalter und Wirthſchaftsinſpector des Frommen zu werden. Gott miſcht ſich für ihn in Alles, in das Größte, wie in das Kleinſte, überall iſt er gegenwärtig, überall hat er ſeine Hand im Spiel, und man fürchtet ihn, wie man etwa den ſtrengen Aufſeher fürchtet, man ſucht ihn mit Schmeichelworten zu beſtechen, wie man es etwa den irdiſchen Richtern thun würde. Durch ſeinen ſteten unmittelbaren Verkehr mit den Frommen iſt er ihnen eine Art Halbmenſch geworden, und was ſie ihm an Göttlichkeit genommen, das haben ſie ſich hinzugethan, und dadurch ſind ſie gewiſſermaßen wie⸗ derum Halbgötter geworden und ganz erhaben über der gewöhnlichen Menſchheit, um die ſich Gott nur ſo im Bauſch und Bogen, und durchaus nicht ſo ſpeciell, wie um die Frommen, bekümmert. Dies iſt der Grund jenes ſtolzen Hochmuthes, jenes Ueberhebens über An⸗ dersdenkende, durch welches ſich dieſe Frommen aus⸗ zeichnen. Es geht ihnen wie etwa dem vertrauten Kammerdiener eines Königs, der, all' die menſch⸗ lichen Gebrechen und Schwächen ſeines Königs ken⸗ nend, nicht mehr an ſeine übermenſchliche Majeſtät glaubt und ſich ihm gleich fühlt, während er doch an⸗ dererſeits, den gewöhnlichen Menſchen gegenüber, ſehr ſtolz ſich fühlt, wegen dieſes unmittelbaren und ſehr vertrauten Verkehrs mit dem Könige. So alſo haben die Frommen Gott viel zu häufig in Schlafrock und Pantoffel, als waltenden Hausvater, geſehen, als daß ſie ſich ſelber ihm nicht näher und verwandter fühlen ſollten. War's nicht alſo natürlich, daß die Baronin Els⸗ leben Gott dankte, als er nun ihr zu Gefallen des Fürſten Herz der ſchönen Gräfin entzogen hatte? Der erſte Schritt war gethan, und die Baronin zweifelte gar nicht, daß Gott nun auch für ſie den zweiten Schritt thun und ihr das Herz des Fürſten zuwenden werde. — 198— Mit ſolchen Gedanken und glücklichen Zukunfts⸗ träumen war die Baronin Elsleben beſchäftigt, als ihr ein Fremder gemeldet ward, der ſie durchaus zu ſpre⸗ chen begehre, ohne aber ſeinen Namen nennen zu wollen. Iſt es vielleicht einer unſeres Vereins? fragte die Baronin den meldenden Diener. Vielleicht ein grünes Lilienblatt? Ich fragte ihn auch darnach, antwortete der Diener, er lachte mich aber aus und meinte, er habe mit Li⸗ lien gar nichts gemein. Alſo keiner von den Unſern! ſagte die Baronin. Einen Fremden aber, deſſen Namen ich nicht kenne, werde ich natürlich nicht annehmen! Und doch, meine Gnädige, Sie werden es!b ſagte eine Stimme, vor deren Ton die Baronin zuſammen⸗ ſchrak. O, ich kenne noch ganz gut, wie Sie ſehen, die Wege, auf welchen man zu Ihnen gelangt, und ich bin dem Diener auf dem Fuße gefolgt, vor freu⸗ diger Ungeduld, Sie zu ſehen. Die Baronin winkte ſchweigend dem Diener, ſich zu entfernen, und als dieſer das Zimmer verlaſſen, ging ſie mit ſtolzem majeſtätiſchem Blick dem Fremden entgegen und ſagte ſtreng: Und jetzt, da wir allein ſind, werden Sie die Güte haben, mir zu ſagen, was Sie zu mir führt, und mit welchem Rechte Sie es wagen, Sich bei mir einzudrängen? Ganz ſo wie ich mir unſer Wiederſehen gedacht hatte, rief der Fremde, welcher Niemand anders war, als der Baron Hermfeld, aber nicht der Baron, wie wir ihn geſehen haben in den Familienhäuſern, mit beſchmutztem, abgeſchabtem Rock, mit alten, abgetrage⸗ nen, ſchlotternden Kleidern, ſondern der Baron Herni⸗ feld, der Mann von vornehmer Familie und leichtem ungezwungenem Benehmen, in eleganter, paſſender Kleidung, nicht der entlaſſene Sträfling, ſondern der = 199— Mann von Welt. Aber jener Ausdruck des Verbre⸗ chens, der lauernden Heimtücke war ſeinem Antlitz dennoch geblieben, und der ſtechende, finſtere und grol⸗ lende Blick ſeiner kleinen tiefliegenden Augen hatte Etwas, wovor die kühne Baronin Elsleben ſogar erſchrak. Ja, ganz ſo, wie ich mir unſer Wiederſehen gedacht hatte! wiederholte der Baron und warf ſich lachend auf einen Stuhl. Ich ſage zu mir: wenn ich jetzt zu meiner ſchönen und liebreizenden Schwägerin, der frommen und heiligen Baronin Elsleben komme, ſo wird ſie ſich nur erinnern, daß ich ein beſtrafter Ver⸗ brecher bin, daß ich falſche Wechſel gemacht und falſch geſpielt habe, und dafür einige nicht beneidenswerthe Jahre im Zuchthauſe zugebracht habe. Indignirt von dieſen Erinnerungen und voll heiligen Abſcheues vor meinen Verbrechen wird ſie ſich weigern mich zu ſehen. Ich aber werde mit Gewalt zu ihr mich drängen, und dann werde ich ſie erinnern an all die ſchönen und entzückensreichen Stunden, die wir miteinander ver⸗ lebten, an die ſüßverſchwiegenen Tage des Glückes, an den Reiz unſerer geheimen Zuſammenkünfte, an unſere verſtohlenen Freuden, welche für uns nur dadurch an Reiz gewannen, weil wir ſie heimlich uns rauben mußten. Ja, an Alles dieſes will ich ſie erinnern, ſagte ich zu mir. Ich will ſie fragen, ob ſie noch daran denkt, wie ſie mit leuchtenden Augen und voll ſeliger Begeiſterung mir ewige Liebe geſchworen? Und wenn ſie dieſe Frage mit Nein beantwortet? unterbrach ihn die Baronin. Wenn ſie zu Ihnen ſagt, daß von dem Geſchändeten, von dem Verbrecher, ihr empörtes Herz ſich mit Abſcheu fortgewandt, und daß ſie den Mann verachtet, der ihre edle Liebe in den. Staub trat, indem er ſich eines ganz gemeinen, verab⸗ ſcheuungswürdigen Verbrechens ſchuldig machte? Wenn Ihre Schwägerin, im vollen Gefühl ihrer weiblichen — — 200— Ehre, im ſtolzen Bewußtſein ihrer unantaſtbaren Un⸗ ſchuld Ihnen ſagt, daß ihr graut vor Ihrem Anblick, daß ſie mit dem Sünder nichts gemein haben kann, und daß von dem Sträfling ſie ihr Antlitz für immer⸗ dar abwendet, wenn Ihre Schwägerin Ihnen das ſagt, werden Sie dann auf dem Grunde Ihres Her⸗ zens nicht vielleicht noch einen Funken von Ehre ent⸗ decken und ſchweigend und freiwillig ein Haus ver⸗ laſſen, in welchem nur der Abſcheu und die tiefſte Verachtung Sie willkommen heißt? Nein, ich werde dennoch bleiben, ſagte der Baron gelaſſen, und lehnte ſich gemächlich in den Fauteuil zurück. So werde ich meine Leute rufen müſſen, Sie mit Gewalt hinauszubringen, rief die Baronin erglühend, und hob die Hand nach der Klingelſchnur. Der Baron hielt ihre Hand feſt, und auf einen Augenblick blitzte ein finſterer, gehäſſiger Ausdruck in ſeinen Augen auf: Compromittiren Sie Sich nicht, Theuerſte, ſagte er mit ſcharfem, ſchneidendem Ton. Ich würde vor der ganzen Dienerſchaft Sie an unſer ſchönes Liebesglück erinnern. Ich würde vor den ſtaunenden Dienern ein Bild ihrer frommen Herrin entwerfen, vor dem ſelbſt der blaſirteſte Wüſtling ſein Haupt, verſchämt erröthend, abwenden ſollte. Ich würde Sie der Polizei als einen Wahnſinnigen überantworten, rief die Baronin bebend. Und ich werde der Polizei zeigen, daß ich mich einer ſehr geſunden Vernunft erfreue, ich werde ihr Beweiſe geben von der Wahrheit meiner Ausſage. Beweiſe, und welche? Ihre Briefe! ſagte der Baron. Ich habe ſie nicht verbrannt! Und dennoch hatten Sie mir Ihr Ehrenwort ge⸗ geben, es zu thun! rief die Baronin zornig. — 201— O, Sie erkennen alſo doch an, daß ich der glück⸗ liche Beſitzer Ihrer Briefe war, rief der Baron lachend. Jetzt, theuerſte Baronin, haben Sie Sich verrathen, und nach ſolchem Wort können Sie nicht mehr, wie weiland der Verräther Petrus ſprechen:„ich kenne dieſen Menſchen nicht!“ Der Hahn würde krähen und die Treuloſe verrathen! Sie ſehen, ich bin auch bibelfeſt und weiß mich vortrefflich Ihren frommen Gewohnheiten anzuſchmiegen! Es wird daher ganz in Ihrem Vortheil liegen, mich wieder in Ihre Gnade und Liebe aufzunehmen. Die Baronin ſchwieg und ging nachdenkend im Zimmer auf und ab. Sie mußte ſich geſtehen, daß ſie den Baron nicht ſo leichten Kaufes los werden könnte, wie ſie gehofft, und daß es beſſer ſein möchte, den Hartnäckigen durch Milde zu gewinnen, ſtatt ihn durch ſtolzes Verweigern zu erbittern. Und da ich ſeiner alſo nicht los werden kann, dachte ſie, ſo will ich ver⸗ ſuchen, ihn zu meinen heiligen Zwecken zu benutzen. Wer weiß, ob Gott in ſeiner Gnade mir nicht dieſen Mann ſandte, damit ich ihn als Werkzeug meiner Pläne benutze! Er iſt ſchlau und gewandt, und kann mir beim Fürſten vielleicht von Nutzen ſein! Dieſem Gedanken zufolge änderte ſich plötzlich der Ausdruck ihres Angeſichts, ihre Züge nahmen einen weichern, mildern Ausdruck an, und mit einem ſanften Lächeln näherte ſie ſich dem Baron. Dieſer hatte den forſchenden, lauernden Blick keinen Moment von ihr abgewandt, er hatte alle ihre Ge⸗ danken auf ihrem Antlitz geleſen, denn die Liebe hatte ihn einſt gelehrt, den wechſelnden Ausdruck ihrer Züge richtig zu deuten, und er wußte es wohl, daß dieſes Lächeln und dieſer freundliche Blick ihm jetzt ſagten, daß die Baronin den Entſchluß gefaßt, ihren Zorn — 202— und ihre Verachtung zu unterdrücken und ihren Haß gegen ihn in der Maske der Liebe einzukleiden. Er küßte ihre ihm dargereichte Hand und flüſterte zärtliche und entzückte Worte. Mag ſie ſie glauben oder nicht, dachte er, das gilt gleich, wenn ſie ſich nur den Anſchein giebt; denn ſo⸗ bald ſie auf meine Zärtlichkeit eingeht, wird ſie ſich nicht weigern mir Geld zu geben. Und Geld iſt das Einzige, worauf es mir ankommt! Und die Baronin erwiederte ſeinen Kuß mit einem zärtlichen Händedruck, und auf ſeine glühenden Worte antwortete ſie mit innigem, ſchmelzendem Ton. Er wird nicht ſo dumm ſein, meine Worte für Wahrheit zu nehmen, dachte ſie, aber es iſt ſo viel leichter und bequemer, ſich mit Liebesworten zu hinter⸗ gehen, als im offenen Kampf zu ſiegen. Da ich ihn nicht beſiegen kann, ſo will ich ihn zu meinem Ver⸗ bündeten machen, das iſt das Bequemſte und alſo auch das Beſte! Und mit ſolchen Gedanken und ſolchem gleißneri⸗ ſchen, liebeheuchelnden Haß ſanken ſie jetzt einander in die Arme und duldete die Baronin ſeinen Kuß, wäh⸗ rend ſie mit grollendem Zorn in ihrem Herzen ihn verwünſchte, und Er kaum ein lautes höhniſches Lachen zu unterdrücken vermochte. Dann machte die Baronin mit zärtlichem Ton ihm Vorwürfe, daß er ſeiner Gattin ihre Briefe gegeben, und mit ſchnell ſich erneuerndem Zorn erzählte ſie ihm, mit welcher ſchmähenden, verachtungsvollen Gering⸗ ſchätzung die Baronin Hermfeld ſie zurückgewieſen. Und dann ſchwur die fromme Frau ſich zu rächen für die ihr widerfahrene Beleidigung, und die Baronin zu zwingen, die Familienhäuſer zu verlaſſen, in wel⸗ chen ſie nur wohne, ihr, der Baronin Elsleben, zur Kränkung und Schande. — 203— Der Baron hörte ihr mit ſtillem Entzücken und heimlicher Schadenfreude zu, aber auf ſeinen Lippen waren Worte des Bedauerns und zornige Verwünſchun⸗ gen ſeiner eigenen Gattin, die er zu ſtrafen ſchwur, für die, ſeiner Geliebten angethane Unbill. Und nicht wahr, ſagte die Baronin mit ſchmeicheln⸗ dem Ton, meine Briefe fordern Sie von Ihrer Frau zurück und bringen Sie mir, als einen Beweis Ihrer Liebe, die mir gern jede Befürchtung und jedes Zit⸗ tern erſparen möchte? 1 Es wird meine erſte und heiligſte Pflicht ſein, Sie von dieſer Sorge zu befreien, erwiederte der Baron, und heute noch werde ich meine Frau zwingen, die Briefe, welche ſie mir heimlich entwandt hat, mir wieder auszuliefern! Aber heimlich dachte er: wenn ich ein ſolcher Narr wäre, ihr die Briefe wiederzugeben, würde mir ihre Thür wie ihre Börſe für immer verſchloſſen ſein, denn alsdann hätte ſie mich nicht mehr zu fürchten. Ich müßte alſo wahnſinnig ſein, wenn ich ihr dieſen Wunſch erfüllte.. Er bat ſie mit ſchwärmeriſchen Liebesworten um Geld, und ſie ſagte lächelnd: es kommt darauf an, ob Sie mein Verbündeter ſein wollen, und ob ich bei meinen Unternehmungen auf Sie zählen kann. Wie auf Ihr eigenes Herz, ſagte er zweideutig. Ach mein Herz! ſeufzte ſie leiſe, und verſuchte zu erröthen. Es liebt? fragte er lauernd. Nein, ſagte ſie entſchloſſen, aber es bangt um einen theuern Freund, deſſen Seele in Gefahr iſt verloren zu gehen an die nichtigen Freuden und Zerſtreuungen dieſer Welt, und den ich erretten möchte und müßte ich ſelbſt meine eigene ganze Zukunft dieſem heiligen Zwecke weihen!. ——— — 204— Dann erzählte ſie dem Baron von dem Vereine, den ſie zum Wohle der Menſchheit geſtiftet, von den grünen Lilienblättern und von den weißen, und es ſtörte ſie gar nicht, als der Baron bei der Erwähnung des hohen Grades der Staubfäden in lautes Lachen ausbrach. Sie ließ ſich nicht irre machen, und nun, da ſie ſich einmal in den gewohnten, bequemen For⸗ men bewegen und ihre innerſten Gedanken in heiligen Floskeln und frommen Redensarten enthüllen konnte, ward ſie beredt und ſprach mit hinreißendem Feuer. Sie ſchilderte ihm den edlen Sinn des Fürſten, und die Gefahr, in welcher ſein edleres Selbſt ſchwebe, ſie ſagte ihm, daß ſie kein anderes Mittel wiſſe, ihn auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, als indem man ſuche, den Fürſten in wüſte Zerſtreuungen und ſchwelgeriſche Genüſſe hineinzuziehen, um ihn zu über⸗ ſättigen und ihm Widerwillen einzuflößen gegen alle die tobenden Freuden, deren Becher er bis auf die Hefe geleert, und daß man ihn bis zum Rande des Abgrundes führen müſſe, um ihm dann die Augen zu öffnen und ihn die drohende Gefahr ſehen zu laſſen, in welcher er ſchwebe. Und der rettende Engel, welcher alsdann zu ſeiner Hülfe herbeieilt, werden Sie ſein! ſagte der Baron. Die Baronin lächelte, denn ſie fühlte, daß ſie ver⸗ ſtanden ward. Iſt er reich? fragte der Baron. Nicht ſo reich, ſagte ſie bedeutungsvoll, nicht ſo reich, daß ihn beſtändiger Verluſt im Spiel nicht in augenblickliche Verlegenheit ſetzen und ihn nöthigen ſollte, die Hülfe Anderer in Anſpruch zu nehmen. O, und Sie werden ihm dann dieſe Hülfe gewäh⸗ ren! ſagte er mit ſchlauem Lächeln. Sie ſehen, Theu⸗ erſte, wir verſtehen uns vollkommen, und es iſt nur — 205— noch nöthig, mir ein Mittel anzugeben, wie ich zu ihm gelangen kann. Die Baronin ſann einen Augenblick nach, dann ſagte ſie: ich werde Ihnen eine Empfehlung geben an ein Mitglied unſeres Bundes, an den Kammerdiener des Fürſten. „Sie trat raſch zu ihrem Schreibtiſch und ſchrieb einige Worte auf eine Karte, die ſie dem Baron dar⸗ reichte. Der Baron las:„Empfehlen Sie den Ueberbringer dieſes Ihrem Herrn als einen angenehmen Geſellſchaf⸗ ter und heitern Gefährten. Gott wird es Ihnen lohnen!“— Sehr lakoniſch! ſagte der Baron. Aber genügend, erwiederte die Baronin. Es wird Paulowitſch ſchon gelingen, Sie bei dem Fürſten ein⸗ zuführen. Und als der Baron nun wieder bat, ihm als ihrem Verbündeten die nöthigen Geldmittel nicht vorzuent⸗ halten, nahm die Baronin aus dem geheimen Fach ihres Schreibtiſches eine ſchwere Geldrolle, die ſie mit anmuthiger Verneigung dem Baron darreichte. Der Baron war mit wachſamer Aufmerkſamkeit jeder ihrer Bewegungen gefolgt, und ſeine Augen blitzten in einem unheimlichen Feuer, als er die vielen Geldrollen ſah, welche das geheime Fach noch be⸗ wahrte.— Er ſah mit geſpanntem Aufmerken zu, wie ſie durch den Druck einer geheimen Feder die Schatulle wieder verſchwinden ließ, und die kleine Holzplatte, welche die Oeffnung verdeckte, davorſchob. Ich will auf ewig verdammt ſein, dachte er, wenn ich nicht dieſe Schatulle da noch einmal benutzen werde ohne ihre Einwilligung, und vielleicht wär's am Beſten, wenn ich jetzt gleich— Er trat raſch einen Schritt näher, und als ſie ſich 8 . — 206— zu ihm umwandte, erſchrak ſie vor dem wilden und entſchloſſenen Ausdruck ſeines Geſichtes. Er bezwang aber ſchnell ſein wildes verbrecheriſches Gelüſte, und dachte nur: jetzt wär's unſinnig! Es iſt heller Tag, und man weiß, daß ich hier bin. Auch bedarf ich dazu der Hülfe. Ich werde Chriſtian auf⸗ ſuchen müſſen! Als der Baron nach dieſem langen und bedeutungs⸗ vollen Beſuch die Baronin Elsleben verließ, ſagte er lachend zu ſich ſelber: es iſt doch ungeheuer bequem, eine frühere Geliebte zu haben, welche die Dummheit gehabt, Liebesbriefe zu ſchreiben, die ſie compromittiren könnten. O, mit ſolchen Liebesbriefen kann man Tau⸗ ſende erpreſſen! Welch ein Eſel alſo müßte ich ſein, wenn ich ſie herausgäbe. Die Baronin Elsleben aber ſagte ingrimmig, als ſie allein war: nichts iſt entſetzlicher, als ein früherer Liebhaber, deſſen man überdrüſſig geworden, und den man dennoch ſchonen muß. O, ich habe mich zwingen müſſen, ihm zu lächeln, während ich ihn unter meinen Füßen hätte zerſtampfen mögen! Und Alles um dieſer Briefe willen, die, wie ein geheimes Schreckbild, mich immerdar verfolgen. Niemals, niemals werde ich es mir verzeihen können, daß ich dieſe Briefe geſchrieben. O mein Gott, man iſt ſo albern, wenn man verliebt iſt! Ich muß und will dieſe Briefe wieder haben, es koſte was es wolle! Nun, fuhr ſie dann mit demüthi⸗ gem Tone fort, Gott wird mir auch hierzu ſeinen Segen verleihen! Er verläßt den Frommen nicht, wenn er ſich demüthig vor ihm beugt, und wenn ich flehend meine Arme zu ihm erhebe, wird er mich erhören, denn er iſt mit mir, und was ich thne, geſchieht zu ſeiner Ehre! Sie warf ſich nieder vor dem kleinen Betpulte und betete lange und inbrünſtig. Nie Flucht. Wechſelnd wie die Tage und das Leben ſind auch die Gefühle des Herzens. Seufzer treten auf Lippen, welche ſonſt ſich nur zu heiterm Lächeln und frohen Worten geöffnet, Wangen erbleichen, die ſonſt wie Roſen geleuchtet, und Augen ermatten, die ſonſt ge⸗ ſtrahlt im Feuer des Glücks. Aber das iſt ein Troſt, daß auch umgekehrt der Schmerz ſeine Grenze hat und dem Wechſel unterworfen iſt, daß die Seußzer verwehen und das Lächeln wieder auf die Lippen tritt, daß die erbleichten Wangen ſich wieder röthen in Jugendgluth und die ermatteten Augen wieder auf⸗ flammen können im Feuer der Hoffnung und des Glückes! Julia hatte an ſichdie Wohlthat ſolchen Wechſels und ſolcher Wandelung erfahren. Sie fühlte ſich wie⸗ der erſtarken in Hoffnung, wieder aufathmen in er⸗ neuertem Lebensmuth. Ihr ſchönes Antlitz, das ſonſt bleich war und ernſt wie Mondenlicht, es erhellte ſich manchmal wie zu junger Morgenröthe, mit leiſem Flügelſchlag hob ſich wieder ihre ermattete Seele, und längſt verklungene Melodieen tauchten wieder auf in ihr. Aber Julia erſchrak nur vor dieſem Wechſel — 208— ihres Weſens, und mitten in ihr Lächeln hinein ſtahl ſich oft ein vorüberfliegender Zug der tiefſten Schwer⸗ muth, der verzweiflungsvollſten Troſtloſigkeit. Sie zermarterte ihr Herz mit den Folterqualen ihrer Erin⸗ nerungen, um auf dem Grunde deſſelben die Schmer⸗ zen wach zu rufen, mit denen ſie das junge, kaum auf⸗ athmende Glück wieder vertrieb, ſie zwang ihre Ge⸗ danken, ſich abzuwenden von der beglückenden Gegen⸗ wart und hinabzuſteigen in den Jammer und die Grabhöhlen der Vergangenheit. Aber dennoch, dennoch! Was waren alle dieſe Er⸗ innerungen gegen das ſüße Dämmerglück der Gegen⸗ wart! Wie ſchnell zerrannen alle dieſe troſtloſen, grau⸗ ſigen Bilder, wenn Er an ihrer Seite war, Er, ihr Beſchützer, den ſie lange ihren Freund genannt, und den mit leiſem Zagen ihr Herz ganz heimlich mit einem noch ſüßeren Namen rief. Vielleicht wußte ſie ſelber nicht, daß es ſo war, vielleicht ſcheute ſie ſich, auf dem Grunde ihres Herzeus zu leſen. Das wußte ſie, daß Alfred nur glücklich war in ihrer Nähe, daß es ihn entzückte, ſie lächeln zu ſehen, oder von ihr heitere Worte zu hören. Und mußte ſie ihm nicht alſo dieſes Glück gewähren, nicht ihm dieſe Befriedigung bereiten, daß er nicht allein ſie von irdi⸗ ſcher Gefahr, ſondern auch von geiſtiger Qual und Bedrängniß erlöſt hätte? 4 Das Unglück wird ſchon nmen, dieſen Sonnen⸗ ſchein zu vertreiben, ſagte ſie zu ſich ſelber, und möge es ſo ſein! Wenn es nur mich allein trifft, nur mich zu Boden ſchlägt, mag es kommen, ich bin zu jeder Stunde bereit, es über mich hereinbrechen zu ſehen, nur von Ihm muß es fern bleiben, nur Ihn darf es nicht unter ſeine rauhen Füße treten. Aber nur Eines hatte Julia vergeſſen, wenn ſie ſo flehete, nur das Eine, daß Alfred ſie liebte, und daß — 209— das Unglück des geliebten Gegenſtandes immer auch zu unſerm eigenen Unglück wird. Ja, Alfred von Wülfingen, der Verlobte Emmy's, er liebte dieſes bleiche, räthſelhafte Weib, das vor ihm ſtand wie eine Zauberblume, geheimnißvoll und lockend, wunderbar und drohend zugleich. Alles an ihr war ihm theuer und heilig. Er liebte ihr Lächeln nicht allein, ſondern auch ihr verzweiflungsvolles Aufathmen und Erbeben, er jauchzte auf in Wonne, wenn ſie heiter war, und er betete ſie an, wie eine Heilige, wenn ihr Auge von Trauer umdüſtert war. Und ob ſie ihn willkommen hieß mit freundlichem Liebesgruß, oder ihn zurückſchreckte durch ihr tieftrauriges, ſchmerzvolles Angeſicht, immer doch war er glücklich an ihrer Seite, immer ſtand ſie vor ihm wie ſeines Lebens köſtlichſtes Beſitzthum, wie ſeines Daſeins ſchönſte Erfüllung. Schön war es, wenn er Tags an ihrer Seite ſaß, malend an demſelben Bilde, welches ſie malte, theilend ihre Beſchäftigung und ihr Streben, ſchöner noch war es, wenn der Abend da war, wenn ſie in ſtillverſchwie⸗ gener Zweiſamkeit ausruhten von der Arbeit und dem Geräuſch des Tages, und in ſüßem Geplauder der ganzen Welt vergaßen und ihrer Anſprüche und Be⸗ dingniſſe!— Sie hatte endlich ſeinem Flehen nach⸗ gegeben und ihm geſtattet, ihr eine Harfe zu bringen, denn er hatte ihr geſggt, daß er es um ſeinetwillen wünſche, nur aus dem Fanz egoiſtiſchen Verlangen, ſie alle Tage zu hören und vor ſeinem lauſchenden Ohr erklingen zu laſſen dieſe wehmüthigen und doch ſo ener⸗ giſchen, dieſe klagenden und jauchzenden Klänge, die kein anderes Inſtrument ſo beſitzt, als die Harfe. Bei dem erſten Ton einer Harfe fühle ich mich wie in eine andere Welt verſetzt, ſagte er zu ihr. Oſſian's erhabene Geſtalten tauchen empor vor meinen Blicken, ich höre das Ranſchen der heiligen Eichen, und über II. 14 . 210= das Schlachtfeld hin ziehen die erhabenen Geſtalten der wieder erſtandenen Krieger. Oſſian verſtehe ich nur bei Harfenklängen, und auch vieles Andere läßt ſich nur begreifen und erfaſſen bei den Schwingungen dieſer Saiten, deren Klänge wie ein Gruß aus der Geiſter⸗ welt, wie die Viſion eines Verzückten ſind. Auch einige Bilder giebt es, die ſich nur bei ſolchen Tönen be⸗ greifen laſſen. Kaulbach's großartige Hunnenſchlacht zum Beiſpiel ſollte man immer nur betrachten bei den leiſen, nur gleichſam hingehauchten Klängen einer un⸗ geſehenen Harfe, dann würde es uns ſein, als wenn dieſe ſchwebenden Geſtalten leiſe emporflatterten bei dieſen geiſterhaften Tönen, und dieſes ganze phan⸗ taſtiſche, zwiſchen Sein und Schein ſchwebende Ge⸗ bilde, es würde uns zur Wahrheit und Wirklichkeit werden, wir würden es erleben in uns! Die Harfe iſt ganz ein Inſtrument der Viſionen und des inneren Schauens, und niemals fühle ich mich glücklicher, als wenn es mir vergönnt iſt, in unbehinderter Ruhe und Stille während der ziehenden und ſchwebenden Harfen⸗ klänge meinen Träumen nachzuhängen und meinen be⸗ rauſchenden Phantaſieen. Konnte ſie ſich länger noch ſträuben, da es in ihrer Macht ſtand, ihm dieſes Glück zu gewähren? Sie nahm das Geſchenk an, und jeden Abend ſpielte ſie ihm vor auf dieſer ſchönen rard'ſchen Harfe, welche er für ſie ausgewählt. Für ihn war es ein wunder⸗ bares Bild, die edle Geſtalt zu ſehen mit der Harfe in den weißen vollen Armen, ihre ſchmalen Hände leiſe über die Taſten hingleitend, ihr ſchönes Antlitz auf⸗ flammend in Begeiſterung und ſeligem Schauen, und in den Klängen und Melodieen ſich mit ihr zu ver⸗ ſenken in entzückensvolle Träume und Geſichte. Sie ſpielte ihm niemals erlernte und angeeignete Muſik, nichts von dieſen brillanten, fingerzerbrechenden Pa⸗ — 211— radeſtücken der Virtuoſen, denn ſie war zu ſtolz, zu ſolchem Flitterglanz ihre Zuflucht zu nehmen, um zu glänzen und zu imponiren. Sie hatte alle die großen, materiellen Schwierigkeiten, welche das Spiel der Harfe bietet, überwunden, und ſie tändelte mit ihnen, nicht um ihre Geſchicklichkeit zu zeigen, ſondern weil ſie gar nicht daran dachte, daß dies Schwierigkeiten ſeien. Was ſie ſpielte, war ſtets ihr Eigen, Phanta⸗ ſieen, wie ſie der Moment ihr eingab, vorüberrauſchende Spiegelbilder ihrer Seele; wenn der Gram ihr Herz zuſammenkrampfte, ſchrie und ächzte all ihr verhaltener Kummer in dieſen Harfenklängen, und die Thränen, welche ſie Alfred verborgen hatte, welchen ſie wehrte, daß ſie in ihre Augen traten, er hörte ſie in ihrem Harfenſpiel, in dem grellen Aufſchrei der Saiten, die ächzend zerriſſen und zerſprangen unter dem wilden Zorn ihrer Hände.— Sie ſelber fühlte ſich ganz ver⸗ wandelt, ganz aller Welt entrückt, wenn ſie an ihrem Lieblingsinſtrumente ſaß, ja die Nähe des Freundes ſelbſt konnte ſie dann vergeſſen, ſie war allein mit ſich und Gott, und oft brachen, wo der Klang ihr nicht genügte, ganz unwillkührlich auch die Worte hervor aus ihren ſonſt immer ſchweigenden Lippen, und ihre geheimen Gedanken hüllten ſich in das Gewand der Sprache, um Leben zu athmen und nicht mehr gefan⸗ gen zu ſein in ihrer belaſteten Bruſt. Es war eine ſtille, leis ruhende Mondnacht. Das Geräuſch des Lebens war ſchon erſtorben auf den öder werdenden Straßen, der Wächter hatte ſchon mit ſchril⸗ lem Gepfeife die elfte Stunde verkündet, die Welt war in Schlummer geſunken, nur dieſe Beiden waren noch wach, nur Julia ſaß noch an ihrer Harfe und Alfred hörte ihr zu mit verhaltenem Athem, mit hochklopfen⸗ der Bruſt. Der Mond war anfangs von Wolken um⸗ hüllt geweſen, jetzt trat er hervor in leuchtendem Glanze, 3 14*. — 212— groß und voll ſchien er hinein in dieſes ſtille Gemach und beleuchtete Juliens Angeſicht, daß es wie mit einer Glorie umfloſſen war, und in ſeiner bleichen, todes⸗ ähnlichen Schönheit Alfred faſt ſchauerlich ergriff und durchbebte. Er löſchte leiſe die Lampe, damit der Mond allein mit mattem Glanze das Gemach erleuchte, und dann lehnte er ſich ſchweigend zurtick in den Di⸗ van, um Julia anzuſehen, wie ſie mit begeiſterung⸗ ſtrahlendem Angeſicht in die Saiten griff und wunder⸗ bare Melodieen erklingen ließ. Seine ganze Seele lag in dem Blicke, den er auf ſie heftete, er wußte es jetzt, daß er ſie grenzenlos liebe, daß auf Erden nichts mehr für ihn Werth habe, als ſie allein, daß er nichts mehr begehre und wolle, als ſie allein. Und während er das dachte und zitternd ſich ſelber geſtand, ſpielte Julia fort und fort; ihr ganzes Weſen war in Erregung, ihre Seele erzitterte, wie vor einem unbekannten Schreckniß, namenloſe Qualen, unendlicher Jammer zerriß ihr Herz, und eine finſtere, unheils⸗ volle Stimme flüſterte in ihrem Herzen: das Glück iſt zu Ende, Deine Stunde iſt abgelaufen! Wappne Dein Herz, denn das Unglück iſt da, und wie ein brauſendes Ungewitter wird es über Dich hereinbrechen!— Lang⸗ ſam rannen ein paar Thränen aus ihren Augen über ihre Wangen hin, Julia wehrte ihnen nicht, ſie fühlte ſie kaum, ſie fühlte nur die vorahnenden Schauer vor dem kommenden Unglück, aber ſie war nicht muthlos und zerbrochen, ſondern mit feſtem Auge ſchaute ſie der Zukunft entgegen. Julia war kein ſchwaches, zit⸗ terndes Weib, welches vor dem Unglück zuſammen⸗ ſinkt zu jammervollem Zerbrochenſein, ſie war eine Heldin des Unglücks, und mit ſtolzem Schritte und emporgerichtetem Haupte ging ſie einher, bereit zum Tode, aber dem drohenden Schwerte, welches über — 213.— ihr hing, das Haupt darreichend, freiwillig, um nicht gefeſſelt, zum Tode gezwungen zu werden. Die Begeiſterung des Unglücks und der Todesgewiß⸗ heit kam über ſie, und unbewußt ihr ſelber ſagte ſie laut, gewiſſermaßen als Begleitung ihrer Harfenmuſik: Es ſagen die Menſchen: ſchön ſei die Welt, im Glanze ſtrahlend und herrlich, doch ſchwebt über ihnen das Schwert des Damokles, das dreiſchneidig ſcharfe; ſie ſehen es fallen wohl hierhin und dorthin, ſie flüch⸗ ten von dannen, ſie neigen das Haupt fort, und wo ſie entronnen dem ſchneidenden Schwerte, da jubeln ſie laut: wie ſchön iſt die Welt! Ihr thörichten Menſchen, auf Blumen hinwandelnd, im Glück Euch berauſchend, aufjauchzend in Luſt! Stoßt fort mit dem Fuße die Blumen des Pfades, und Abgründe werden entgegen Euch gähnen, und im Kelche des Glückes, der purpurnen Roſe, da ſitzt der Wurm, der grauſame, nagende, und von dem Wurm des Todes zerſtört, muß welkend zerfallen die herr⸗ lichſte Blüthe! Und Alles vergehet, und Alles zerſtäubet, das Glück und die Liebe, die Schönheit und die Freude! Es wanket als Greis dahin an dem Stabe der Jüng⸗ ling, der einſt wollte Welten erſtürmen, es zerſchlägt ſich die Bruſt die verlaſſene Jungfrau, die geſtern noch ſelig der Liebe Gelübde empfangen von Lippen, die beute ſie verriethen! Und an der Stätte, wo jüngſt noch erklangen der himmelanſtürmenden Freude Ge⸗ ſänge, hallt Todesgeläut und hochjammernder Schmerz! Was iſt denn unſterblich, was bleibt uns denn ewig? Der Tod iſt unſterblich, das Unglück iſt ewig! Es hat noch nimmer die Menſchheit verlaſſen der helfende Freund, der erbarmende Tod, es iſt noch nimmer den Menſchen entſchwunden, das ewig gewiſſe, unſterbliche Unglück! Wohl verläßt uns die Freund⸗ — 214— ſchaft, der Tod iſt uns treu nur, und überall muß das Glück auch erliegen dem mächtigen Unglück! Und weil denn das Unglück die Gottheit der Erde, der einzig gebietende Herrſcher der Welt, ſo will ich mich vor ihm in Demuth neigen, des Unglücks Ge⸗ weihte, die Sclavin der Qual. Zerreiße die Bruſt mir, zerfleiſche mein Herz, nicht werde ich murren, nicht jammern vor Qual. Dem Unglück gehorchen, das ſei meine Loſung! Und weil denn der Tod der einzig Getreue, der nimmer verrathende Freund dieſer Welt, ſo will ich ihn grüßen mit freudigem Winken, will flehend vor ihm, dem Erlöſer, mich bengen, und rufen mit In⸗ brunſt: Erbarmen, Meſſias, erlöſe mich, Tod! Sie neigte langſam ihr Haupt, und ihre zitternden Hände glitten hernieder von den Saiten der Harfe. Es war ihr, als ſolle ſie in dieſer Stunde jetzt ſterben, ſie hatte ein Gefühl, als ob ihre Seele langſam empor⸗ ſtiege aus ihrem zuſammenſinkenden Körper. Aber eine geliebte Stimme kam, ſie wieden zurückzurufen in das Leben, ſie fühlte eine warme Hand die ihre erfaſſen, und zuſammenſchreckend ſagte ſie: o, ich vergaß, ich bin nicht allein! Nein, ſagte Alfred, nein, Julia, Du biſt nicht allein, und Du ſollſt es niemals wieder ſein! Ueberall wo Du biß, werde ich bei Dir ſein, und wohin Du auch gehſt, ich werde Dir ſolgen. Du kannſt mich verſtoßen und gehen heißen, ich aber werde Dir nicht mehr ge⸗ horchen, und was Du auch reden magſt von Pflichten und Geſetzen, ich werde Dich nicht mehr hören! Die Liebe hat auch ihre Berechtigung, dem Herzen zu folgen iſt auch eine heilige Pflicht! O Julia, ſage mir nichts mehr, heiß mich auch nicht ſchweigen. Laß endlich meine Lippen ſich zu dem ſüßen Geſtändniß öffnen, daß ich Dich liebe, ewig, unausſprechlich liebe! Und . mit dieſem Wort habe ich mich auf immer Dir ver⸗ bunden, bin ich Dein für alle Ewigkeit. Rede mir nicht von vergangenen Gelübden, mein Herz hat geirrt, als es jenes ſchüchterne junge Kind, welches ſie meine Braut nennen, zu lieben glaubte, ſoll ich es um eines Irrthums willen zu ewigem Entbehren und Leiden verdammen? Nein, nein, Julia, die Welt iſt keine Strafanſtalt, und nur indem wir die Irrthümer von uns abſchütteln, werden wir ihrer ledig! Und frei will ich ſein dieſer läſtigen Bande, ja, frei bin ich ſchon in dieſer Stunde, frei, Dir zu ſagen, daß ich Dich liebe! O mein Gott, mein Gott, ächzte Julia leiſe mit gerungenen Händen. Erſchrickſt Du vor dieſem Wort, fuhr Alfred ſtür⸗ miſch fort, macht es Dich erbeben, dies Geſtändniß meiner Liebe? Nein, Julia, zitöre nicht, meine Liebe ſoll Dich glücklich machen, ſie ſoll alle dieſe finſtern Wolken, welche Deine reine Stirn beſchatten, vertrei⸗ ben, und dieſem edlen ſchönen Herzen wieder Lebens⸗ muth und Lebenshoffnung geben! Und jetzt ſchilderte er ihr mit begeiſterten Farben das Glück der kommenden Tage, wenn ſie ihm ge⸗ ſtatten wolle an ihrer Seite zu ſein, jetzt flehete er ſie an um ein einziges, gewährendes Wort, um eine Hoff⸗ nung für die Zukunft. Sie ſaß lange ſchweigend und unbeweglich da, ſie hatte kaum gehört, was er ſprach, denn ſie lauſchte den ernſten Stimmen, welche in ihren eigenen Buſen flüſterten und mit ihren unheimlichen Worten ihr Herz zerfleiſchten. Sie empfand es deutlich, daß dieſe Stunde entſcheidend ſein müſſe für ihr ganzes Leben, und eine ahnende Stimme ſagte ihr, daß auch der letzte Schim⸗ mer des Glückes nun für ſie auf ewig erloſchen ſei. Einen Moment, einen kurzen, flüchtigen Moment ſträubte ſich ihre Seele, auf's Neue ſich zu beugen unter die — 216— Laſt des Unglücks, einen Moment flüſterte in ihrem Herzen eine ſüße Stimme der Hoffnung: Du kannſt noch glücklich werden! Wirf Deine Vergangenheit hinter Dich mit all' ihren Erinnerungen, und über den ver⸗ ſunkenen Gräbern richte eine neue Welt Dir auf! Er liebt Dich, was kümmert, was geweſen iſt! Was ver⸗ gangen iſt, laß es vergangen ſein! Beginne ein neues Leben, als eine Wiedergeborne tritt wieder ein in die Welt!— Aber es war nur ein Moment, und andere Stim⸗ men machten dieſe ſüß verlockende verſtummen, und Bilder zogen an ihrer Seele vorüber, bei denen ihre Lippe erbleichte und ihr Auge ſich mit Entſetzen ab⸗ wandte. Aber dieſe Bilder mahnten ſie an ihre Pflicht, und Julia fand in ihrem Herzen die Kraft, dieſer Mahnung zu folgen. 1 Sie entzog Alfred leiſe ihre Hand und erhob ſich von ihrem Seſſel. Schweigend trat ſie zum Tiſche und ſchrob die Lampe wieder auf, es war ihr, als müſſe das Licht und die Helle ſie ſtark und kräftig machen, als habe nur die Dämmerung ſie ſo weich und träumeriſch gemacht. Du antworteſt mir nicht? rief Alfred verzweiflungs⸗ voll. Du verachteſt mich alſo, weil ich Dich liebe, und nicht die Kraſt habe, mein Herz zu bezwingen? Nein, ſagte ſie tonlos, ich verachte Sie nicht, aber ich kann Ihre Liebe nicht erwidern, und deshalb muß ich Ihnen Lebewohl ſagen und weiter gehen! Du willſt mich verlaſſen? ſchrie Alfred erbebend und ſtürzte zu ihr hin, um ihre beiden Hände zu er⸗ faſſen und ihr mit dem Ausdruck unendlichen Schmerzes in's Antlitz zu ſchauen. Aber vielleicht mochte er a G in ihrem bleichen Angeſicht die Qualen geleſen haben, welche ihr Inneres durchwühlten, denn er ſagte faſt frendig: nein, Julia, Deine Augen ſind nicht ſo grau⸗ — 242— ſam, wie Deine Worte! Schlage ſie nicht nieder, Julia, laß mich in ihnen leſen, daß Du nicht zürnſt, daß Du mich immer noch Deinen Freund, Deinen Bruder nennſt, und daß, wenn ich Deiner Liebe auch nicht werth bin, Du mindeſtens mich nicht tödten willſt, indem Du mich verläſſeſt! O, Sie ſind grauſam, ſeufzte ſie leiſe, Ihre Klagen zerreißen mein Herz und machen mir die ſchwere Pflicht noch ſchwerer! lſo Dein Herz leidet auch? fragte er athemlos, Dir würde es auch ſchwer werden, zu gehen? Nun denn, o darfſt Du mich nicht verlaſſen, und ich ſchwöre Dir. beim allmächtigen Gott, daß ich mich tödte, wenn Du es thuſt! Sie las in ſeinen Mienen, daß er die Wahrheit ſprach, und mit verſagender Stimme flüſterte ſie: gut denn, ich werde bleiben, aber unter einer Bedingung! Und dieſe iſt? fragte er athemlos. Sie hören mir morgen früh ſchweigend zu, wenn ich Ihnen erzähle von meiner Vergangenheit! O, endlich alſo wird meine geheimſte Hoffnung ahrheit werden, rief er freudig, endlich wird Julia vertrauen und mir ihre Seele enthüllen, damit heheimniß mehr iſt zwiſchen ihr und mir. O Du wunderbares, räthſelhaftes Weib, Du ſollſt mich Deiner würdig finden, und welches auch die Bekennt⸗ niſſe ſind, die ich von Dir vernehmen ſoll, ſie werden mein Vertrauen zu Dir nicht erſchüttern und meine Liebe nicht wankend machen, das ſchwöre ich beim— Schwören Sie nicht, unterbrach ihn Julia ernſt und feierlich, ſchwören Sie nicht, damit Sie nicht zum Verräther werden an Ihrem eigenen Wort. Wenn ich Ihnen meine Vergangenheit erzähle, ſo thue ich es, um Sie von Ihrer Liebe zu heilen! — 218— A. Dann will ich ſie nicht hören, rief er leidenſchaft⸗ lich aus.. Sie werden mich hören, ſagte ſie feſt, denn Sie haben mir Ihr Wort gegeben! Morgen früh alſo! Jetzt aber laſſen Sie mich allein, gönnen Sie mir Ruhe mich zu ſammeln, Ruhe, um alle dieſe Exin⸗ nerungen zu ordnen, damit Sie die verworrenen Bilder meiner Vergangenheit verſtehen und begreifen mögen! Und kein Wort der Hoffnung? fragte er bittend. Warten wir bis morgen, und wenn Sie mich an⸗ gehört, dann ſollen Sie ſelbſt über meine Zukunft entſcheiden! Sie reichte ihm mit einem unausſprechlich traurigen Blick die Hand dar. Er drückte ſie ſtumm an ſeine Lippen und verließ dann ſchweigend, ſie nur noch mit den Augen grüßend, das Gemach. Jetzt war ſie allein, allein mit ihrem Jammer und ihrer Qual, und ſie ſank nieder auf ihre Kniee und betete Gebete der Verzweiflung und des rathloſen Jammers, ſie rang die Hände ſich wund vor uner⸗ meßlichem Schmerz und Ströme von Thränen über⸗ flutheten ihr bleiches Angeſicht. Aber als dieſer Krampf des Schmerzes und der Verzweiflung vorüber war, erhob ſie ſich von Knieen und ging mit feſtem Schritt und aufgeri Haupte im Gemach auf und ab, und wer ſie ſo ſah mit ſtrahlenden Augen und hochathmender Bruſt, wer ſie ſo ſah mit dieſer ſtolzen Geſtalt, mit kühnem und feſtem Schritte einherwandelnd, der mochte ſie für eine Heldin halten, die in begeiſterter Siegesgewißheit bereit war in den heiligen Kampf zu ziehen. Und war ſie es nicht? Hatte ſie das Kreuz nicht auf ihre Bruſt gelegt, und ging ſie nicht einher unter dem Gewicht dieſes Kreuzes, um auszuziehen nach dem Jeruſalem ihrer Schmerzen und ein heiliges Grab ſich BBBIW3/ zu erkämpfen, aus welchem der Tod ihr als Erlöſer aufſteigen ſollte? Er ſoll frei ſein, flüſterte ſie mit fliegendem Athem, und eine erhabene Begeiſterung ſtrahlte aus ihrem An⸗ geſicht. Ja, er ſoll frei ſein, und die Ketten einer un⸗ würdigen Liebe, ſie ſollen abfallen von ſeinem edlen großen Herzen. Ich aber, ich bin die Leibeigene des Unglücks, und mir allein gebühren die Ketten, mit welchen ich an die Qual und das Weh dieſes Lebens gefeſſelt bin! Lange noch ging ſie ſinnend und kämpfend mit ihrem eigenen Herzen im Gemach auf und ab, bis die körperliche Erſchöpfung ſie zur Ruhe zwang, und ſie, betäubt und todesmatt, unausgekleidet auf ihr Lager ſank. Todesſtille herrſchte ringsum. Das ferne Pfeifen des Wächters verkündete die dritte Stunde nach Mitter⸗ nacht, auch dies verſtummte. Alles war ſtill. Um dieſe Zeit ließ ſich an dem Fenſter von Ju⸗ liens Gemach ein leiſes Geräuſch vernehmen. Es war, als ob mehrere Stimmen leiſe miteinander flüſterten, als ob man behutſam eine Leiter gegen das Fenſter lehne. Julia vernahm nichts, ſie war feſt eingeſchlafen vor Traurigkeit und Erſchöpfung. Ein leiſes Raſcheln an der Glasſcheibe ward vernehmbar, es wiederholte ſich in einzelnen Pauſen,— jetzt ein leiſes Geklirr, dann fuhr eine Hand durch die in dem Fenſter angebrachte Oeffnung und drehte die Haken auf. Auch dies ge⸗ lang, der Fenſterflügel öffnete ſich und in demſelben erſchien eine dunkle Geſtalt, die ſich unhörbar in das Gemach hineinſchwang. Wieder ſtand ſie ſtill und ſchien zu lauſchen. Alles blieb ſtill. Julia ſchlief. Man höͤrte ihre lauten Athemzüge, und wie ſie dann und wann einzelne abgebrochene Worte murmelte im Schlaf. —— —— — 220— Biſt Du drin, Chriſtian? fragte eine Stimme von außen.. Der Mann neigte ſich aus dem Fenſter und flü⸗ ſterte: ja! Ruhig jetzt, Baron! Es iſt richtig! Es iſt das Zimmer des Knaben. Er ſchläft. Reich mir die Laterne, damit ich den Weg finde in's andere Zimmer. Dann noch ein leiſes Geflüſter, und der Mann trat vom Fenſter zurück, eine Blendlaterne in der Hand, deren geſchloſſene Flügel nur einen ſchmalen Lichtſtreifen in das Gemach dringen ließen. Der ſchläft wie'ne Ratte, ſagte der Mann, nach⸗ dem er noch einmal gelauſcht. Er wird's nicht merken, wenn ich's hier ein bischen helle mache. Mit einem Druck öffnete er die Laterne, der helle Schimmer fiel auf ſein Geſicht— und deutlich konnte man das wilde Angeſicht, das rothe ſtruppige Haar, und die herkuliſche Geſtalt Chriſtian's erkennen, des Bruders von Lude und Thomas, für den ſein Vater ſich lebend ſchon verkauft, um ihn zu erretten von neuem Verbrechen und neuer Schuld. Armer Vater! In einer einzigen Nacht war dieſer Erlös Deiner opfernden Liebe verpraßt und verſpielt worden, und der finſtere Dämon des Verbrechens hatte wieder Ge⸗ walt über Chriſtian! Mit ſpähenden Blicken ſchaute Chriſtian im Gemach umher und murmelte dann leiſe:'s iſt Alles richtig berechnet. Hier ſchläft der Junge, und nebenan in der Stube, wo Niemand ſchläft, ſteht der Schreibtiſch, wo's Geld vom jungen Baron drin iſt! Leis auf den Zehen ſchlich er zu der Thür, welche in's anſtoßende Gemach führte, ſie war verſchloſſen und verriegelt. Der Teufel, murmelte Chriſtian, wenn jetzt der Riegel knarrt, wird der Bengel aufwachen, und Alles iſt verloren. Aber horch, was war das für ein Ton, der jetzt von dem Bette des Schlummernden erſchallte? War's nicht, als ob ſie im Schlafe ihn rief, als ob ſie mit ängſtlichem Ton den Namen„Chriſtian“ flüſterte. Er ſtand lauſchend ſtill. O, es war gewiß nur eine Täuſchung, der Knabe ſchlief ja, man hörte es an den langen, lauten Athemzügen, und wenn er wachte, würde er ihn ja auch nicht kennen. Ich bin wahrhaftig ängſtlich geworden, wie'n altes Weib, flüſterte Chriſtian unwillig, das macht, ich bin ganz außer Uebung gekommen. Mit einem einzigen Ruck ſchob er den Riegel zurück, nun war nur noch der Schlüſſel umzudrehen. Mein Gott, aber was ſprach die Schlummernde jetzt für einen Namen? Nein, ſie ſprach ihn nicht, ſie ſtieß ihn hervor mit einem Schreck des Grauens und der Verzweiflung.— Chriſtian kannte dieſen Namen, es war noch nicht lange, daß er ihn gehört, es war freilich ein ganz gewöhnlicher Name, aber wie kam's, daß der Knabe gerade dieſe beiden Namen geſprochen im Traum. Noch einmal rief ſie jetzt: Chriſtian, und dann, aufgeſchreckt von ihren angſtvollen Träumen, richtete ſie erwachend ſich im Bette empor. Mit einem einzigen Satz ſtand Chriſtian neben ihr, und ſie am Arme ergreifend und mit der andern Hand ihr den Mund verſchließend, flüſterte er grimmig: ein einziger Schrei, ein einziges Wort, und's Meſſer ſitzt in Deiner Bruſt, Junge. Er fühlte unter ſeinem Druck die ganze Geſtalt er⸗ beben, und— mein Gott, war's nicht, als ob der Knabe wieder Chriſtian's Namen ſtammelte, diesmal mit dem Ausdruck des Entſetzens, der furchtbaren Angſt. Kannte er ihn denn? 3 Er beleuchtete mit der Blendlaterne ſein Geſicht. ———— — 222— Beim Himmel, der Knabe hatte ja ein ſeidenes Frauen⸗ kleid an. Warum verhüllte er denn ſein Geſicht mit ſeinen Händen?— Chriſtian riß ihr die Hände weg und beleuchtete ihr Geſicht, ihr entſetztes, todesbleiches Geſicht. Ein wildes triumphirendes Lachen tönte von ſeinen Lippen, und mit grauſamer Freude ſagte er: na, das nenn' ich'n hübſches Wiederfinden! Und anſtatt in ſchlafenden Jungen muß ich ne gute Freundin finden! 'S iſt merkwürdig! Aber Sie freuen Sich ja gar nicht? Wiſſen Sie, das könnte mir traurig machen, und ich würde mit Ihnen zanken, wenn ich nicht was Anderes zu thun hätte. Na,'s iſt recht gut, daß Sie kein fremder Junge nicht ſind, ſondern meine gute Freundin. Ich brauche mich nun gar nicht zu ängſtigen und kann ganz gemächlich in die andere Stube gehen. Was wollen Sie thun? fragte Julia, vom Bette aufpringend und zu der Thür eilend, welche Chriſtian eben zu öffnen im Begriff war. Ich will thun was meines Gewerbes iſt! Stehlen will ich, blos ſtehlen, weiter nichts nicht, als ſtehlen, und für Sie wird's alſo nichts zu thun geben, aller⸗ ſchönſte Jungfrau, es ſoll gar kein Blut fließen. Er wollte ſie von der Thür fortdrängen, ſie ſtieß ihn zurück und ſagte entſchloſſen: ſobald Sie dieſe Thür öffnen, ſchrei ich laut um Hülfe! Er packte grimmig ihren Arm und flüſterte: und wenn Sie das thun, Gott verdamm' mich, wenn ich's nicht abwarte, daß Leute kommen, und ich will ihnen denn ſo'n bisken erzählen, wer ſie ſeind, und wo ich Sie kennen lernte.— Na, ſchreien Sie doch jetzt um Hülfe, rufen Sie doch— Draußen vor dem Fenſter ließ ſich ein leiſes, ſchril⸗ les Pfeifen vernehmen, Chriſtian unterbrach ſich mitten in ſeiner Rede und horchte,— noch einmal pfiff es, diesmal lauter, angſtvoller. — 223— Die Leute im Hauſe ſind erwacht, ſagte Chriſtian, und er will mich rufen, weil Gefahr iſt! O, Sie werden alſo nicht dieſes Zimmer betreten, ſagte Julia triumphirend. Blos heute nicht, erwiderte er ruhig. Aber ich komme wieder, und denn ſo werden Sie ſelbſt ſie mir aufmachen und ſorgen, daß ick nicht geſtört werde, oder, ich will verdammt ſein, wenn— Wieder ließ ſich, raſch anfeinander folgend, drei⸗ maliges Pfeifen vernehmen. Es iſt die höchſte Zeit! ſagte Chriſtian, und ſprang zum Fenſter. Morgen früh um zehn Uhr komme ich her, ſagte er, und verdammt ſollen Sie ſein, wenn ich Sie nicht finde! Er ſchwang ſich hinaus auf die Leiter und ver⸗ ſchwand. Wenige Secunden und Julia hörte den ra⸗ ſchen Lauf enteilender Männerſchritte, gleich darauf den Ruf des Nachtwächters: Diebe! Diebe! Dann das laute, ſchrille Gekreiſche der Nothpfeife, dem bald hier und dort ein antwortendes Echo folgte.— Sie ſtürzte zum Fenſter hin, athemlos lauſchend,— das Geräuſch entfernte ſich mehr und mehr, hier und da noch hörte man das raſche Pfeifen der Wächter, dann ward Alles wieder ſtill!— Ich bin verloren! Ganz verloren! wimmerte Julia leiſe. Schande und Schmach über mich, die Ehrloſe, die— ihre Lippen ſtockten, ſie wagte das Wort nicht zu nennen, welches ſie gedacht. Morgen früh will er kommen, ſagte ſie dann weiter, und von dem elenden Verbrecher werde ich Bedingun⸗ gen annehmen müſſen, damit er mich nicht verräth! O, war's denn nicht genug an dieſen Qualen, an die⸗ ſen entſetzlichen Martern, welche mein Herz fort und fort zerreißen und mir ſelbſt im Schlummer keine Ruhe gönnen? Mußte das Verhängniß auch aus dieſer letzten — 224— Stätte des Friedens mich vertreiben, um mich der Schmach und Schande wieder auszuliefern? Wie zerbrochen ſank ſie zuſammen, und lange hörte man nichts als ihr leiſes Aechzen und Weinen und die Jammertöne ihrer zermarterten Bruſt. Und inmitten ihres Schmerzes und ihrer Pein durchzuckte der Gedanke ihre Seele: wie, wenn Gott ſelber Dir dieſen Mann geſandt, dieſe finſtere Mah⸗ nung an Deine Vergangenheit? Wie, wenn er Dich erinnern wollte, daß es für Dich auf Erden keine Ruhe geben kann und keinen Frieden, und daß Du nimmer eine Stätte Dir wählen und ein Glück Dir anbauen könnteſt!— Und hatte ich nicht Alfred verſprochen, ihm morgen meine Geſchichte zu erzählen, dachte ſie, und hat er mir nicht geſagt, daß er mich liebt? Ach, um ihn zu erretten, ſendet mir Gott dieſen Mann, welcher mich aufſtacheln ſoll, daß ich entfliehe, es iſt ein Zeichen Gottes! Ich habe es verſtanden, ich werde gehorchen! In der Aufregung und Exaltation ihrer Qual be⸗ geiſterte ſie ſich mehr und mehr für dieſen Gedanken, ſchien es ihr bald, als fordere Gott von ihr dieſes Opfer, ſchweigend von hinnen zu gehen und weiter zu wandeln auf der Straße des Leidens. O, es war ſo ſchön, dieſes ſtille Leben des Frie⸗ dens und der Liebe, ſagte ſie mit gerungenen Händen, erbebend vor Schmerz. Und inmitten dieſer ſeligen Ruhe begann ſchon die grauſenvolle Vergangenheit vor meinen Augen zu erblaſſen. Mein Gott, mein Gott, darf ich denn niemals Ruhe finden, wird meine Strafe nimmer enden, und der Kelch dieſes Leidens niemals geleert ſein? Bin ich, ich allein von meiner Wiege an denn ausgeſchloſſen von jedem Glück? Und in wilder Verzweiflung zerſchlug ſie ſich die Brüſte, rang ſie die Hände ſich wund in unermeßlicher 225— Qual.— Stunde nach Stunde verging, der Morgen dämmerte empor, ein heller kalter Märzmorgen. Bleich, wie eine Leiche, aber gefaßt und ruhig erhob ſich Julia von ihren Knieen.— Sie hatte ſich ſelbſt überwunden, ſie war ganz entſchloſſen, ganz gefaßt, ſie fühlte kaum noch, daß ſie litt. Ich muß fliehen, und das ſogleich, ſagte ſie athem⸗ los. Ich muß fliehen, weil Alfred mich liebt, und weil Chriſtian mich morgen verrathen wird. Es ſoll nicht geſagt werden, daß man bei Alfred mich entdeckte und fand. Sein reiner edler Name ſoll nicht geſchändet werden durch mich! Die Sonne ſteigt ſchon herauf, ſie mahnt mich an meine Pflicht! Fort denn, fort, be⸗ vor er an meine Thür kommt, mich zu wecken. Nie⸗ mals wieder darf ich ſeine Stimme hören, wenn ich den Muth haben ſoll, ihn zu fliehen! Mit zitternden Händen raffte ſie einige Sachen zu⸗ ſammen, einige Kleidungsſtücke und die geringe Baar⸗ ſchaft, die ihr noch geblieben. Daun nahm ſie ihren Hut und hüllte ſich in den Mantel. Sie war jetzt fertig, ſie hatte nichts mehr zu thun, dennoch ſtockte ihr Fuß, und ihr troſtloſer, thränenum⸗ ſchleierter Blick irrte wie ſuchend im Gemach umher. Dann trat ſie zur Harfe und küßte ſie zum Abſchied. Auf den Staffeleien ſtanden die beiden Zeichnungen, an denen ſie geſtern noch mitſammen gearbeitet. Das war Alfred's Zeichnung. Sie neigte ſich über ſie und küßte das Papier, auf welchem ſeine Hand geruht, und eine Thräne fiel auf das Papier; ſie trocknete ſich aber raſch die Augen, nahm den Bleiſtift und ſchrieb an den Rand der Zeichnung einige flüchtige Abſchieds⸗ worte!— Aber ſie fühlte, daß ihre Kraft ſie verlaſſen wollte, vielleicht noch wenige Minuten und ihr ſchwaches Herz wird den Sieg davon tragen, ſie wird bleiben, bleiben, der Gefahr, ja ſelbſt der göttlichen Mahnung 15 — 226— zum Trotz.— Nein, rief ſie faſt laut, ich will, ich muß fort, denn ich liebe ihn, und ich will ihn nicht unglücklich machen! Und gleichſam fliehend vor der Schwäche ihres eigenen Herzens ſtürzte ſie aus dem Zimmer.— O, dort hinter jener Thür, da war Er, den ſie niemals wieder ſehen, deſſen Stimme ſie niemals wieder ver⸗ nehmen ſollte. O, könnte ſie doch mindeſtens ihm Lebe⸗ wohl ſagen, Lebewohl für dieſes ganze troſtloſe Leben! Nein, nein, vorüber an dieſer Thür, hinter welcher ihr Glück weilt und ihre Liebe! Sie muß fort, dem Unglück zu folgen, welches ſie ruft, ſie, die Leibeigene, die Sclavin des Unglücks! Schon iſt ſie die Stiege hinab,— ein Druck und die Hausthür iſt auf.— Es iſt geſchehen! Der kalte Morgenwind ſchneidet ihr in's Geſicht, ſie fühlt es nicht mehr, wie betäubt tritt ſie hinaus auf die Straße. Hinter ihr fällt die Thür ins Schloß. Sie iſt wieder hinausgeſtoßen in die Welt! * — . 8 Zie Briefe. Sie hatte viel gelitten, die arme Gräfin Marfilla, ſie hatte doppelt gelitten, weil ſie ihr Leiden unter lächelnder Lippe und heiterem Erſcheinen hatte ver⸗ bergen müſſen, weil ſie Niemanden ihre Schmerzen durfte ahnen laſſen, für das Seelenleid ſich keinen Troſt, für den Körperſchmerz ſich keinen Helfer ſuchen konnte, weil ſie in der Tiefe ihrer eigenen Bruſt alle die Qualen verbergen mußte, welche Tag und Nacht ihre Seele folterten. Aber nein, Einen gab es doch, welcher Theil nehmen mußte an ihrem Leid, Einen, vor dem ſie das weinende Auge nicht verbergen, den jammernden Auſſchrei ihres Herzens nicht zurückhalten brauchte, der auf ihrer bleichen Stirn ihre ſorgenvollen Nächte, auf ihren bebenden Lippen das Zucken der Angſt ſehen durfte. War dieſer Eine ihr Gemahl, war es der Gatte, welcher ſie liebte und ihr in edler Zuverſicht ſeine Ehre anvertraut und den alten ehr⸗ würdigen Namen der Grafen Marſilla, war es der Mann, der einſt ihre Mutter von Schande und Noth errettet, und ihr, der Armen, der Hülfloſen, die ret⸗ tende Hand dargereicht, der ſie zu ſeines Lebens köſt⸗ lichſtem Kleinod erhoben und ſie geliebt mit der Liebe 15* — 228— eines Jünglings und der Ehrfurcht und Treue eines Greiſes zugleich? Nein, nein, fort mit den Erinnerungen an dieſen edlen, großmüthigen Mann, ſie zerreißen ihre Seele, ſie füllen ihr Herz mit Jammer und Selbſtvorwürfen. Nein, dieſer Eine, welcher allein rückhaltslos in ihre Seele ſchauen durfte, es war nicht ihr Gemahl, nicht der Mann, welchem ſie vor Gottes Altar ewige Treue geſchworen, es war ihr Geliebter, dem ſich ihr Herz ergeben, und der ihrer nicht mehr begehrte und ihrer glühenden Liebe. O, wie oft, wie oft, in den längſt verklungenen Mädchentagen hatte ihr heißes Herz ſich geſehnt nach Liebe, nach dieſem großen, entzückens⸗ vollen Traum der Jugend, wie oft dann hatte ſpäter das junge Weib, dem es verſagt geweſen, in dem Ge⸗ mahl zugleich auch den Geliebten zu umarmen, wie oft hatte ſie als Erſatz für das verſagte Liebesglück ſich ein Kind gewünſcht, ein Kind, um auf dies alle die heißen Ströme ihres glühenden Herzens zu er⸗ gießen und in dem Mutterglück das Entbehren ihres Herzens untergehen zu laſſen! Und jetzt hatte ſie Beides, jetzt hatte ſie den Mann gefunden, welchen ſie liebte, und unter ihrem Herzen ruhte das Pfand dieſer Liebe, das Kind, welches bald ſie mit dem heiligen Mutternamen verklären ſollte. Aber es war Alles, Alles zu ſpät, ein grauſames Geſchick hatte den Segen ihr zum Fluch, das Glück ihr zum Verbrechen gewan⸗ delt. Eine Meineidige war ſie geworden, weil ſie liebte, eine Ehrloſe, weil ſie ſich Mutter fühlte! Und dennoch, dennoch, was wäre ihr alles dies geweſen, wenn Er mindeſtens ſie nur noch liebte! Mochte ihr Gewiſſen ſie foltern, ihre Ehre verloren ſein, wenn Er mindeſtens ihr treu blieb in heißer Liebe, und durch die Gluthen ſeiner Leidenſchaft ſie entſchädigte für alle die Qualen, welche ihr Inneres zerriſſen! —— b ——zG —— — 229— Ihm gegenüber hatte ſie gar keinen Stolz mehr, nicht einmal den Stolz, ihm ihren Kummer zu verbergen über ſein Erkalten und ihr Verlaſſenſein, ſie ließ ihn alle ihre Thränen ſehen, ihren Jammer hören, ſie hoffte ihn durch ihre Klagen rühren, durch ihre Liebe die ſeine wieder neu anfachen zu können. 6 In wilder Verzweiflung hatte ſie den Fürſten Alexiew damals verlaſſen, als ſie Roſa bei ihm ge⸗ funden, der Sturm ihrer Leidenſchaft hatte ſie zu Bo⸗ den geſchleudert und ſie krank gemacht vor Gram und unendlichem Weh. Aber die Liebe hatte ſie wieder emporgetrieben; als eine Zürnende hatte ſie den Fürſten verlaſſen, und als eine Flehende, Bittende kam ſie nach wenigen Tagen wieder zu ihm, nichts mehr erflehend, als daß er ihr ihren Zorn vergebe, nichts mehr er⸗ bittend, als daß er ſie wieder aufnehme an ſeinem Herzen und in ſeiner Liebe!— Aurelia war ein Weib, und dem Manne gegenüber, welchen ſie liebte, fühlte ſie ſich ganz nur als wahres, naturvolles Weib, ſie konnte nicht heucheln, nicht verhüllen, und da ſie ihm einmal ihren Stolz geopfert und ihre Ehre, war die letzte Schanze niedergeworfen, hinter welche ſie ſich hätte flüchten können mit ihrer zertretenen Liebe. Sie lag vor ihm auf den Knieen und mit Thränen und Schluchzen flehte ſie ihn an um das Wiedererwachen ſeiner Liebe. Und gerade das Verbrecheriſche ihrer Verbindung mit dem Fürſten, es war ein unzerreiß⸗ bares Band, das ſie an ihn kettete und unauflöslich ſie ihm zu eigen gab. Er war ihre Ehre, in ihm ruhte ihr Stolz und ihre Tugend, ſie hatte ihres gan⸗ zen Daſeins heiligſte Beſitzthümer ihm anvertraut, was Wunder, daß ſie auf ewig ſich an ihn gefeſſelt, ſich ihm ganz ergeben, ganz demuthsvoll fühlte. In einer legitimen Liebe kann das Weib ſich ſeinen Stolz be⸗ wahren und ſeine weibliche Würde, es iſt dies ge⸗ — 230— wiſſermaßen der Purpurmantel, den ſie um ihre könig⸗ lichen Schultern legt, aber in der illegitimen Liebe, in der Liebe, welche ſie zu einer Meineidigen und Ver⸗ brecherin macht, bleibt ihr nichts als grenzenloſe Hin⸗ gebung und ſelaviſche Demuth, der Königin ſowohl, wie der Bettlerin; das Verbrechen, es iſt gewiſſermaßen ein Zauber, der die Kette, welche ſie an ihn feſſelt, unauflöslich macht, ihn, den Geliebten, kann dieſe Kette in einen ewig gefeſſelten Galeerenſclaven ver⸗ wandeln, ſie aber, ſie wird die Feſſel nur als eine Luſt, die Sclaverei nur als eine Wonne empfinden. Gerade das Verbrecheriſche ſolcher Liebe hat einen verlockenden, zauberiſchen Reiz, und doppelt liebt das entartete Weib den Mann, um den ſie grenzenlos gelitten, grenzenlos geweint hat. Fürſt Alexiew von Pomowsky war zu ſchwach, ſolcher Liebe einen feſten, energiſchen Widerſtand ent⸗ gegen zu ſetzen, er duldete ſie, er hörte ihre Liebes⸗ ſchwüre an und erwiderte ſie, aus Inſtinct, aus Ge⸗ wohnheit, nur um Ruhe zu haben und nicht ewig dieſe Stürme und Aufregungen toben zu hören. Aurelia aber empfand ſeine Kälte mit dem feinen In⸗ ſtinet eines liebenden Weibes, und dann flammte ihr Zorn empor, drohte er zu einer Brandfackel zu wer⸗ den, die ſein Glück und das ihrige auf immer zu Aſche verbrennen möchte. Sein Glück auch! Fürſt Alexiew war egoiſtiſch genug, hieran zuerſt zu denken, dies vor allen Dingen zu ſcheuen!— Sie hatte ihm in der zornigen Verzweiflung ihres Herzens einen Brief voll wilder Klagen und Anſchuldigungen ge⸗ ſchrieben, ſie hatte ihm gedroht, der ganzen Welt ſei⸗ nen Verrath und Treubruch zu verkünden, ihrem Ge⸗ mahl ſeine Briefe zu geben und ihn zu ihrem Ver⸗ theidiger und Rächer aufzurufen.— Fürſt Alexiew kannte die Weiber hinlänglich, um zu wiſſen, daß ſie, ſͤſͤ — 231— wenn ſie ſich verrathen und verlaſſen ſehen, ſich leicht zu einem Heroismus aufſchwingen, der ſie jauchzend in den Tod gehen und aller Schande trotzen läßt, vorausgeſetzt nur, daß Der, welchen ſie lieben und welcher ſie verrieth, mit ihnen leidet, mit ihnen ſtirbt und geſchändet iſt!— Aber Fürſt Alexiew hatte vor nichts einen ſtärkern Widerwillen, als vor öffentlichem Scandal, er haßte nichts mehr, als die Romane ſeines Herzens zu einer Stadtgeſchichte werden zu ſehen, an denen man ſich ergötzen möchte in den Salons und Boudoirs. Die Männer haben zumeiſt dieſe Schen⸗ vor den On dit's des Tages; ſie mögen leichtſinnig den größten Frevel begehen, vorausgeſetzt nur, daß die Welt es nicht erfährt, ſie haben keine Furcht vor dem Verbrechen, aber vor dem Bekanntwerden deſſelben, das Laſter ſchreckt ſie nicht, ſondern nur, daß es ge⸗ wußt und enthüllt werden könnte. Anders iſt es bei dem Weibe. Das Weib kämpft lange mit ſich ſelber, ehe denn es ſeine Tugend aufgiebt, es ringt und ſtrei⸗ tet lange, ehe denn es ſich dem Verbrechen ergiebt und dem Laſter ſich in die Arme wirft. Wenn die Leiden⸗ ſchaft aber einmal ſie bis zu dieſem Aeußerſten getrie⸗ ben, dann hat ſie auch den Muth, die Oeffentlichkeit nicht zu ſcheuen und der ganzen Welt gegenüber zu erſcheinen mit ihrer Schmach und ihrer zertretenen Würde. Fürſt Alexiew von Pomowsky wußte das, und er fürchtete bei Aurelien die Exaltation ihrer Verzweif⸗ lung. Er zerriß mit zorniger Miene ihren drohenden Brief und ſagte zähneknirſchend: Ich muß eine Ende machen und auf immer mit ihr brechen. Mein Gott, es iſt ſehr langweilig, immer dieſes Klagen und Jam⸗ mern, dieſes didoniſche Seufzen zu hören; aber ich hätte es dennoch ruhig erlitten und geduldet, um mich nur zu ſchützen vor dieſen vulkaniſchen Stürmen und Ausbrüchen, um nur zuweilen mindeſtens Ruhe zu 4 — 232— haben! Aber jetzt iſt meine Langmuth erſchöpft, meine Geduld zu Ende! Sie droht mir, ſie ſelber iſt es, die mir den Fehdehandſchuh hinwirft. Nun wohl, ich werde gegen ſie kämpfen, aber nur, um ſie auf immer zu beſiegen! 3 Er befahl vorzufahren und begab ſich zur Gräfin Marſilla. Aber auch jetzt hatte er den Muth nicht, ihr als Feind gegenüber zu treten,— nicht als ob er ihre Macht über ihn fürchtete und an die Möglichkeit glaubte, von ihr beſiegt zu werden. Nein, es war nur viel bequemer, ſie hinterrücks zu überfallen, ſtatt ihr offen die Stirn zu bieten, viel bequemer, ſie in einer Umarmung zu erwürgen, ſie mit einem Kuſſe zu er⸗ ſticken, ſtatt mit ihr zu kämpfen um Tod und Leben, und Gefahr zu laufen, ſelber verwundet zu werden; es war viel bequemer, unter Schmeichelworten und zärtlichen Betheuerungen ihr den Dolch in's Herz zu ſtoßen, ſtatt Auge gegen Auge ihr gegenüber zu treten im ehrlichen Zweikampf. Niemals daher war Fürſt Alexiew zärtlicher ge⸗ weſen und leidenſchaftlicher. Er lag zu ihren Füßen und flehte ſie an um Vergebung, er nannte ſich ſelber einen Verbrecher, weil einen Augenblick lang ſein Herz erkaltet geweſen und ermattet, er flehte ſie an um Verzeihung und erneuerte Liebe, und ſchwur ihr auf's Neue grenzenloſe Liebe und ewige Treue. Und ſie? — Sie war nur ein Weib, und deshalb glaubte ſie ſeinen Schwüren und mißtraute nicht ſeinen heißen Gelübden. Wie ſchön war's, wieder in ſüßem, gewohntem Glück an ſeiner Seite zu ſitzen, das Haupt an ſeine Schulter gelehnt, träumend von ſeliger Zukunft, aus⸗ ruhend in genußvoller Gegenwart! Wie ſchön, ſeinen köſtlichen Worten zu lauſchen, dieſen Him nelodieen ſeiner Liebe! O, alle ihre Schmerzen man endlich - — 233— jetzt in Schlummer gewiegt, all ihr Gram, er war hinabgeſenkt in dieſes ſüße Meer des Glücks, er hatte keine Spur zurückgelaſſen auf dieſer ſpiegelglatten Fläche, auf welcher ſie in ſeinem Arm ſich ſchaukelte und einwiegte zu ſeligem Vergeſſen und heiterem Ge⸗ nießen! Zuletzt, ganz zuletzt, nach langen Stunden der Freude, nach tauſend Verſicherungen ewiger Liebe, er⸗ innerte er ſie mit zärtlichem Vorwurf an den Brief, den ſie ihm geſchrieben, und in welchem ſie ihm ge⸗ droht, ſeine Briefe ihrem Gemahl zu geben! Mein Gott, war's nicht ein Sacrilegium, dieſe heiligen Re⸗ liqguien dem Spott, der Verachtung Preis geben, dieſe Pfänder glücklicher Tage in den Staub treten zu wollen? Weißt Du, ſagte er, und zog die Geliebte an ſich, um ſie unter zärtlichen Scheltworten zu küſſen, weißt Du, Du böſes, zauberiſches Weib, daß ich bitterlich geweint habe, als ich das las, daß es mir ſchien, als ob Deine eigenen Briefe ſogar, dieſe köſtlichen und heiligen Kleinodien, mir entweiht worden durch ſolche Drohung? O mein Gott, die Liebe iſt eine ſo zarte Blüthe, ſo leicht verletzbar, vor jeder rauhen Berüh⸗ rung bebt ſie zurück, einer zarten Senſitive gleich! Konnteſt Du, Aurelia, ſo grauſam ſein, dieſe heiligen Vermächtniſſe einer himmliſchen Vergangenheit ſo ent⸗ weihen zu wollen, daß Du aus ihnen eine Waffe mach⸗ teſt, mit welcher Du gegen mich kämpfen willſt? Aurelia ſtand vor ihm mit niedergeſchlagenen Augen und erröthenden Wangen, ſie ſchämte ſich ihrer Drohung, und ſie meinte entſchuldigend, daß ſie nimmer dieſelbe würde ausgeführt und ſo ihr köſtlichſtes Beſitzthum wiürde hingeopfert haben. Er meinte ſeufzend, daß er zweifeln müſſe, ob ſie überhau. Werth gelegt auf ſeine Briefe, ja, ob ſie — 234— dieſelben aufbewahrt, oder nicht lieber ſie verbrannt habe, aus Furcht, ſie möchten einmal gegen ſie zeugen und ſie verrathen an den Gemahl. 8 O, ſagte ſie mit glühenden Wangen, ſeit ich Dich liebe, Alexiew, kenne ich keine Furcht, und ich bin nicht ſo feig, dieſe herrlichen Briefe zu vernichten. Nein, ſie ſind mein Troſt und meine Wonne, wenn Du ſelber nicht bei mir biſt, und wenn ich in ihnen leſe, iſt es mir, als ob Du unſichtbar neben mir wäreſt, als ob Deine Seele mir zur Seite und nur Dein Körper fern von mir ſei. Er drohte ihr lächelnd und zweifelnd mit dem Finger, und meinte, ob er ihren Worten auch trauen dürfe? Sie eilte ſchnell zu ihrem Schreibtiſch und nahm aus demſelben ein köſtliches, mit Edelſteinen verziertes Käſtchen, das ihr der Fürſt einſt geſchenkt, und das nur von dem geöffnet werden konnte, der die geheime Feder kannte, welche machte, daß es ſich aufthat. Als er an der Feder drückte, flog der Deckel auf, und in dem Kaſten lagen, wohlverwahrt und nach dem Datum geordnet, alle ſeine Briefe an ſie. Der Fürſt nahm ſie heraus und durchflog ſie prü⸗ fend mit den Augen. Dann ſagte er mit faſt ſchwer⸗ müthigem Ton und jenem melancholiſchen Ausdruck, der ſeinem ſchönen Geſichte ſo gut ſtand: es grauet mir immer vor ſolchen Briefen, die weiter nichts ſind, als abgefallene, verwelkte Blätter von dem vollen, le⸗ bensfriſchen Baume der Liebe, und die dennoch ſtark genug ſein mögen, dieſen Baum zu überdauern und die Blüthe unſeres Glückes zu überleben! Solche Briefe, ſte ſind mir immer, wie der Ruf und die Mahnung einer andern Welt, und, wie ſeltſam es auch Dir vor⸗ kommen mag, ſie erſcheinen mir immen wiſene un⸗ — — — 235 heimlichen Vögel, welche mit ihrem heiſern Geſchrei den nahen Tod uns verkünden! 6 Schwärmer! ſagte ſie lächelnd und küßte ſeine edle tirn. Er fuhr ſchwermüthig fort: Entſinnſt Du Dich wohl dieſes Gelübdes, welches Hernani dem Gemahl ſeiner Geliebten gethan, dieſes grauſamen Todesge⸗ lübdes, das mit dem Rufe des Waldhorns über ihn hereinbrechen ſoll? Solche Liebesbriefe ſind wie das Waldhorn Hernani's in den Händen ſeines Feindes. Wollen wir ihnen denn auch dieſelbe Bedeutung geben und ſie zu unheimlichen Todesboten ſtempeln! Wie meinſt Du das? fragte ſie, ſich an ihn ſchmie⸗ gend und voll Bewunderung in ſein ſchönes Angeſicht ſehend, das bleich und ſchwermuthsvoll geworden war. — Wir ſagten es ſchon, Alexiew beſaß dieſe bewun⸗ derungswürdige und gefährliche Leichtigkeit, ſich dem Eindrucke jedes Momentes mit ſeinem ganzen Weſen, ſeiner ganzen Seele hinzugeben, und mit der Genia⸗ lität eines Schauſpielers ſich ſo in die Rolle, welche er gerade ſpielte, zu verlieren, daß er damit aufhörte, an die Wahrheit und Wirklichkeit ſeiner Rolle zu glauben und ſich leicht ſelber als den tragiſchen Helden fühlte, welchen er nur darſtellte. Deshalb auch ſchien er immer wahr zu ſein, ja, war er es ſogar, weil er nicht blos die große Kunſt beſaß, Andere zu täuſchen, ſondern weil er ſogar ſich ſelber täuſchte, und, ganz an den Moment hingegeben, dem Momente Macht gab über ſich ſelber. Auch jetzt wieder hatte er ſich ganz verloren, ganz hingegeben an ſeine Rolle, er glaubte ihr, er glaubte ſich ſelber, er empfand in Wirklichkeit dieſe wehmuths⸗ volle Trauer, dieſe vorahnenden Schauer, und mit ſchwermuthsvollem Tone fuhr er fort: dieſe Briefe, ſie ſollen in Deinen Händen ſein, wie das Waldhorn — 236— Hernani's in den Händen des Don Gomez, und wenn einſt Deine Liebe zu mir erkaltet und Deine Zärtlich⸗ keit erſtorben iſt, dann ſende mir ſchweigend meine Briefe zurück, ich werde dann wiſſen, daß mein Glück für immer erſtorben iſt, und mir nichts weiter übrig bleibt, als ſelbſt zu ſterben. Willſt Du mir das geloben? Willſt Du mir ſchwören, ſo zu thun, mich nicht mit harten, grauſamen Worten von Dir zu weiſen, ſondern nur ſchweigend mir meine Briefe zurückzuſenden? Ich gelobe es Dir, ſagte ſie, ganz überwältigt von ſeinem feierlichen Ton, ja ich gelobe es Dir, wenn Du mir ſchwörſt, daß Du es auch ſo machen willſt, daß Du mich nicht ſo langſam hinmorden willſt mit kalten, liebloſen Worten, ſondern nur ſchweigend mir meine Briefe ſendeſt als finſtere Todesvögel. O, ein überflüſſiger Schwur, ſagte er, denn ich werde niemals aufhören Dich zu lieben! Aber Du mußt ihn leiſten, wenn ich den meinen erfüllen ſoll! Wohl, ſo ſchwöre ich es Dir, ſchwöre Dir das Unmögliche! Die Rückſendung Deiner Briefe bedeute Dir den Tod meiner Liebe! O, ein Sacrilegium, Aurelia, meine Liebe zu Dir kann niemals ſterben! Auch die meine nicht, ſagte ſie vorwurfsvoll, und doch forderteſt Du dieſen Schwur! Und noch einen andern Schwur will ich Dir leiſten, rief er, nämlich dieſen, daß Du, wenn Du mir meine Briefe geſandt, niemals ein Wort der Klage oder des Vorwurfs von mir hören ſollſt. Ich ſchwöre Dir daſſelbe, ſagte ſie. Ich ſchwöre es beim Geiſte meines Vaters! Und ich ſchwöre es Dir beim Geiſte meiner Mutter! O, ſind wir nicht Kinder, rief der Fürſt jetzt laut lachend, Kinder, uns ſo mit Geſpenſtern zu ängſtigen und aus den hellen Mondſtrahlen unſeres Glückes uns — 237— grauſenvolle Leichenbilder zu ſchaffen? Komm, Aurelia, laß uns lachen und heiter ſein! Wir lieben uns ja, was hat denn der Tod zu ſchaffen mit unſerm lebens⸗ vollen Glücke! Er umarmte die Gräfin und küßte ſie, und mit heiterm Scherzwort vertrieb er die leichten Wolken von ihrer Stirn. Sie war ganz glücklich, ganz ſelig! Das Käſtchen mit den Briefen ſtand immer noch vor ihnen. Dann bat der Fürſt um ein Buch, das ſie beſaß und ihm mitzutheilen verſprochen. Sie ging in den nahen Salon, es zu holen.— Jetzt war er allein im Bou⸗ doir, einen kurzen Moment nur, aber er war allein! — Raſch zog er aus ſeinem Buſen ein kleines Paket, raſch drückte er an der Feder, daß der Kaſten aufflog, — nun nahm er ſeine Briefe heraus und verbarg ſie in ſeinem Buſen. Schnell jetzt das andere Paket hinein,— den Kaſten wieder zugedrückt,— ah, da kommt Aurelia, die liebe, die engelgleiche Aurelia, und mit zärtlichen Dankesworten empfängt er aus ihren Händen das Buch. Und nun noch dieſer zärtliche Abſchied, dieſe ſtets ſich erneuernden Umarmungen, dieſes Trennen, um ſich immer wieder zu umſchlingen, dieſes Anblicken und Seußzen, dieſe zärtlichen, hingehauchten Worte, dieſe Seufzer und Küſſe! Endlich geht er. Sie ſieht ihm lächelnd nach, ſelig und voll unendlichen Glückes! An der Treppe ſteht der Kammerdiener der Gräfin. Ach, ich vergaß, ſagte der Fürſt, leiſe zuſammen ſchreckend, ich vergaß, der Gräfin dieſes Briefchen zu geben. Bringen Sie es hinein zu ihr, Lieber! Mit ruhigem Lächeln ſteigt er die Treppe hinab. Ehe er noch die Stiegen hinunter iſt, hat die Gräfin ſchon das Briefchen erhalten. * — 238— Mein Gott, was bedeutet dies, das iſt ja ſeine Handſchrift! Sie öffnet es mit zitternden Händen. Es enthält nichts, als die Worte: Gedenke Deines Schwurs und öffne das Käſtchen! 3 Sie fliegt zu dem Tiſche, ein Druck öffnet den Kaſten, mit fliegenden Händen nimmt ſie die Briefe. Ein einziger gellender Schrei tönt von ihren Lip⸗ pen, aber Niemand hört ihn, das Rollen des Wagens, welcher den Fürſten von dannen trägt, übertönt ihn! Ach, es ſind ihre eigenen Briefe, die ſie in dem Käſtchen findet, ihre Briefe, die ſie ihm geſchrieben, er hat ſie ihr zurückgegeben und erinnert ſie an ihren Schwur! Bewußtlos ſinkt ſie zuſammen! — Teben oder Tod. Ja, wenn das Bewußtſein niemals wiederkehrte, wenn mit dem Aufhören des Glückes auch die Erin⸗ nerungen daran aufhörten und die Gedanken erlöſchen könnten! Aber dieſes Erwachen aus der Bewußtloſig⸗ keit, dieſes Emportauchen aus dem Meere des Jam⸗ mers, dieſes Erinnern und Bewußtwerden, dieſes Hände⸗ ringen und Aufjammern! Mein Gott, wie ſich vor den wiedererwachenden Blicken plötzlich die ganze Welt verändert hat, wie ſchwer die Luft drückt auf der wieder⸗ aufathmenden Bruſt, wie langſam, giftigen Spinnen gleich die Gedanken über das Herz hinſchleichen und überall Wunden aufreißen, Flammen emporlodern machen! Arme, arme Aurelia! Du mußteſt wieder er⸗ wachen aus Deiner Bewußtloſigkeit, einen Moment nur breitete der Engel des Todes ſchützend ſeine Flü⸗ gel über Dir aus, einen Moment nur konnte er Dich bewahren vor diefen wilden Geißelungen des Lebens, dann gewann es wieder Macht über Dich, um Dich auf's Neue zu martern, auf's Neue Dich zu verwunden! Sie ſchlug die Augen wieder auf, ſie athmete wieder. Mit, irren, bewußtloſen Blicken ſchaute ſie umher. Vor ihr ſtand das geöffnete Käftchele Ach, ſie wußte — 240— jetzt Alles, Alles, ſie wußte, daß ſie verrathen, verſto⸗ ßen und betrogen war. Sie wußte, daß Alexiew ihr Liebe geſchworen, während er ſie verrieth, daß er ſie noch an ſein Herz gedrückt, als er ſie ſchon verrathen hatte! Er war alſo nur gekommen, um ſie zu verſto⸗ ßen, er war nur zärtlich geweſen, weil er zu feig war, mit offenem Antlitz ihr gegenüber zu treten, Alles war überlegt, Alles war berechnet geweſen! Er hatte ihre Briefe ſchon mitgebracht, um ſie ihr zu geben, er hatte den Schwur nur gethan, damit ſie ihm nachahme und durch einen gleichen Schwur ſich verpflichte! Nichts als feiger, hämiſcher Verrath, tückiſche Falſchheit. Auch diesmal hatte er doch, ohne es zu wollen, ihr wohlgethan; ſtatt ſie niederzudrücken, hatte er ſie aufgerichtet, die Liebe hatte ſie in den Staub getreten, der Stolz richtete ſie wieder empor; ach, er hätte ſie langſam, Tag für Tag, morden können, nach und nach hätte ihr Herz verbluten können,— jetzt blutete es gar nicht mehr, jetzt, wie durch Zauberwort, fühlte ſie ſich geheilt von ihrer Liebe und von ihrem Leid, empfand ſie nichts mehr als grenzenloſe Verachtung und den glühendſten Durſt nach Rache! O, ſagte ſie, mit raſchen Schritten im Gemache auf und ab gehend, o, ich werde mich rächen an die⸗ ſem Verräther, der gleich dem Judas mich küßte, in⸗ dem er mich verrieth, ja, ich werde mich rächen, und müßte ich Jahre, lange troſtloſe Jahre warten auf dieſen Moment der befriedigten Rache. Es iſt nichts mit der Vergebung und dem friedlichen Dulden, Gott ſendet ſeine Rache für jedes menſchliche Fehlen und Irren; ich will Gott gleich ſein, und den Verbrecher will ich ſtrafen, wie Gott mich ſtrafte für das Ver⸗ brechen des Meineides. Und von dem Feuer des Haſſes fühlte ſie ſich jetzt durchglüht, wie kurz zuvor noch von dem Feuer der ——— 241— Liebe. Ihre Augen flammten, ihre Lippen bebten, Purpurröthe brannte auf ihren Wangen! Sie fuhlte ſich ganz Kü ich, ganz erleichtert, nun fee 4 faßt, ſich zu rächen. Ihre ganz mit dieſem En tſchluß ihr zurückgekehrt, es chien ihr als ſei ſie wieder jung, wieder glücklich geworden. Doch auch dieſer Moment des auſchtſeins ging vorüber, die Indignation hatte ſie erglühen gem die Rac he hatte ſie begeiſtert, aber plötzlich erblaßte dies Alles vor dem Gedanken an ih Gemahl, an die eigene Schande!— Wie ſollte ſie ihm adeuübar treten, ihm, dem edlen, dem vertrauenden Gem ahl, wie ſollte ſie es wagen, ihm ihre Schuld und ihr Verbrechen zu bekennen, jetzt, da ſie für da Kind, das unter ihrem Herzen ruhte, nicht einmal mehr ihm den Vater nennen konnte, der es lieben und hochachten wollte, wie er ſie geliebt und hochgeachtet? Woher ſollte ſie den Muth n iehmen, ihm ihren Treubruch zu geſtehen, jetzt, da Alexiew i ihr gezeigt, wie unwerth er des Verraths geweſen, welchen ſie an dem Gatten be⸗ gangen! Ach, ſie hatte Alles verloren, ſogar das Recht, um den Geliebten we einen zu können, ſogar den Muth, ſich ſchuldig zu bekennen! Sie ſchrie laut auf vor unendlicher Pein, ſie rang ſich die Hände wund in namen nloſem Weh, dann ward ſie ſtill, und mit ſtarren Blicken, mit athen nloſer Bruſt ſaß ſie da, lauſchend auf die wunderbare Stim me, die ſie in ihrer Bruſt wach gerufen, und von der ſie nicht wußte, ob ſie eines Engels oder eines Dämons Stimme ſei. Das Leben erdrückt Dich mit ſeinen Qualen, ſagte dieſe leiſe flüſternde, lockende Stimme, wirf es von „Dir, dieſes ekle, wüſte Leben. Der Geliebte hat Dich verlaſſen, ich aber, ich öffne Dir die Arme, um Dich ſuß; zu umfangen, um an meiner Bruſt Dich einzu⸗ 16 — 242— lullen zu ewigem Vergeſſen, zu traumloſem Schlum⸗ mer! Es gehört viel Muth dazu, geſchändet und ent⸗ ehrt auf Erden zu wandeln, haſt Du dieſen Muth des frechen Verbrechers? Nein, Du haſt ihn nicht, darum komm in meine Arme, ich will Dein Haupt bergen unter meinen Fittigen, und Niemand wird Dein Ge⸗ heimniß erfahren und Deine Schande. Komm ſchnell, eehe denn die Welt hohnlächelnd mit den Fingern auf Dich zeigt, auf Dich, die Geſchändete, die Verrathene! Komm ſchnell, ehe Dein Gemahl zurückkehrt und auf Deiner entweihten Stirn Dein Verbrechen und Deine Schande lieſt. Komm, ich will Dich ſchützen gegen dieſe unendliche Demüthigung, und wenn Du mir folgſt, wird der Gemahl nimmer aufhören Dich zu lieben, denn er wird nichts wiſſen von Deiner Schuld, kann die Welt Dich nicht verhöhnen, denn ſie wird nichts ahnen von Deiner Schande. Komm in meine geöffneten Arme, dann wirſt Du als Racheengel Dem erſcheinen, welcher Dich verrieth! In jeden Becher ſeiner Freuden wirſt Du den Wermuthstropfen ihm ſchütten, vor jedem Glücke wirſt Du warnend Dich aufſtellen und ihn zurückſchenchen mit Deiner drohen⸗ den Geſtalt. Folge mir und ſein Leben wird fortan nichts ſein, als eine fortlaufende Kette von Qualen, denn die Erinnerung an Dich wird alle ſeine Freuden vergiften, wird ſeinen Schlummer ruhelos machen und ſeine Träume ſelbſt erfüllen mit Jammer, Du wirſt ſein böſes Gewiſſen ſein und namenloſe Qual ihm ſchaffen, während Du in meinen Armen liegſt, allem Jammer entrückt, in traumloſer, ſeliger Ruhe! Aurelia fühlte ſich wie bezaubert von dieſer ver⸗ lockenden Stimme, ſie hatte keine Gewalt mehr, ihr zu widerſtehen, ſie fühlte ſich ganz hingegeben, ganz überwältigt! Welch eine geheime Gewalt war's, die ſie zu ihrem — 243— Schreibtiſch zog, die den ſcharfen, ſpitzen Dolch in ihre Hand legte?— O mein Gott, was ſoll die Waffe des Todes in der zarten Frauenhand?— Sie zückt ſie gegen ihre eigene Bruſt, ihr glanzloſes, thränenleeres Auge ſtarrt gen Himmel, ihre Wange iſt farblos und bleich, da— was ſtockt ſie plötzlich, was ſinkt ihre Hand, die ſich eben noch ſo kühn erhoben? Iſt ſie verſtummt dieſe ſüß verlockende Stimme, welche ſie gerufen mit köſtlichem Troſtesworte, iſt ſie verſtummt? Nein, aber ſie iſt übertönt worden von einer lautern, mächtigern Stimme, von einem Klange, welcher wie heiliges Orgelgetön in ihrem Herzen er⸗ brauſt iſt! Der Tod konnte ſie verlocken, aber mäch⸗ tiger noch war die Stimme der Natur, welche dem Tode ſie aus den Armen riß mit dem heiligen Zuruf: Du mußt leben, denn Du biſt Mutter! Richte Dich auf und wandle weiter, denn Dein Kind bedarf Deines Lebens! Willſt Du zur Mörderin werden an Deinem Kinde, willſt Du das Leben tödten, welches als heilige Blüthe in Deinem Herzen emporblüht? 3 Ertrage das Leben um Deines Kindes willen, ſei groß, ſei ſtark, leide Alles, vergiß Alles, und denke nur daran, daß Du Mutter biſt. Mutter! Noch gehörſt Du nicht zu den Verdammten und Verworfenen, denn die heilige Natur hat Dich geweihet mit ihrem hei⸗ ligſten Prieſterthum, ſie hat aus dem Weibe eine Mutter gemacht, und um deswillen ſollſt Du vergeſſen, daß Du ein Weib warſt, und Dich nur erinnern, daß Du Mutter biſt! Und Aurelia ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und flüſterte leiſe, aber ergebungsvoll: Ich werde leben! Der Dolch entſank ihrer Hand und bohrte mit ſei⸗ ner Spitze ſich in den Fußboden ein, aufrecht ſtehend, wie ein Kreuz anzuſehen, wie das Kreuz eines Grab⸗ hügels. 16* — 244— Aurelia kniete nieder neben dieſem ene⸗ ſie legte ihre Rechte auf daſſelbe, und ihre zuckenden Lippen ſprachen leiſe Gebete und feierliche Schwüre. Es war ein ſchauerlich ſchönes Bild, dieſes todesbleiche ſchöne Weib knieend vor dem aufgerichteten Dolche, das große flammende Auge gen Himmel gewandt, Racheſchwüre und Angſtgebete zugleich auf den bebenden Lippen. Wie Medea und Magdalena in Einer Perſon war ſie anzuſchauen, und die Qualen Beider fühlte ſie in ihrer Bruſt! Der Dolch fiel ächzend mehr, nur ein Werkzeug verſtummten auf Aureliens Lipp glühende Eide der Rache.— Dann hob ſie den Dolch auf und legte ihn mit kalter, ruhiger Reſignation in das Käſtchen zu den Briefen, und ein grauſames Lä⸗ ſcheln ſpielte um ihren Mund, als ſie ſagte: Er ſandte mir Hernani's Waldhorn! Nun wohl, ich lege meinen Doolch dazu! Das ſoll ein guter Klang werden, wenn die Beiden einſt gegen einander ſchlagen! Dann drückte ſie den Deckel zu, mit feſter Miene, ganz entſchloſſen, ganz ſtark in ihren gefaßten Ent⸗ ſchlüſſen. Und jetzt, ſagte ſie, jetzt will ich leben und die Zukunft erwarten! Möge ſie mir Unheil und Schande bringen! Druck von Otto Janke in Berlin. 1 1 ſnnſſſiiſſſſnſſſſſſſſſſſ 14 15 1 7 18 Ffiſſnſ Rrmwrnwuw 1 6 1 1 0 11 12 13