— —⸗ℳ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on 1 Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von J jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe —hhinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mrk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 7„„„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Verlin vor funfzehn Jahren. Roman von 4 L. Mühlbach. Erſter Theil. Bweite umgearbeitete Ausgabe. ————— Berlin, 1860. Verlag von Otto Janke. Die Familienhänſer. Draußen in den Familienhäuſern vor dem Hambur⸗ ger Thor iſt es einſam und ſtill, und nichts von dem lauten und fröhlichen, kreiſchenden und jauchzenden Leben Berlin's läßt ſich hier vernehmen. Einſam, das heißt, man ſieht weder glänzende Equipagen, noch Droſchken vor dieſen großen pallaſtartigen Gebäuden mit den unzähligen kleinen Fenſtern halten, noch auch ſieht man andere Menſchen die Schwelle überſchreiten, Andere, als die Armen, welche in dieſen Häuſern wohnen. Und wenn wir dieſe Gebäude ſtill nannten, ſo iſt es doch nur eine eigenthümliche, geräuſchvolle Stille, nicht das lautloſe Schweigen der Ruhe, ſon⸗ dern die geſchäftige Stille der Arbeit. Drunten in jenen Räumen erklingen viele murmelnde Kinder⸗ ſtimmen, Gebete plappernd, oder mit eintönigem Tacte dem Lehrer die einzelnen Buchſtaben des Alphabets nachſprechend, zuweilen auch ſteigert ſich dies Flüſtern und Murmeln zu lauteren Tönen, und die armen Kleinen erheben ihre dünnen zitternden Stimmchen zu der feierlichen Weiſe eines Chorals, der a nicht 1* 8 wie ein Dankgebet, ſondern wie ein Aufſchreien der flehenden Angſt, des zitternden Jammers erklingt, und Einem Thränen in die Augen drängt, Thränen über dieſe armen, frierenden, hungernden Kinder. Droben in den obern Stockwerken aber hört man, die langen Corridore hinabſchreitend, und lauſchend an den vielen Thüren, die auf dieſelben ausmünden, ſtehen bleibend, das eintönige melancholiſche Klappern der Webeſtühle, das leiſe Hämmern des Schuſters, und wenn hie und da jammervolles Aechzen und Klagen dies arbeitſame Geräuſch unterbricht, ſo kommt dies von den Lippen irgend eines armen Kranken, der arbeitsunfähig auf einſamem Strohlager wimmert, und vielleicht her⸗ ber, wie an den Schmerzen der Krankheit, an den Schmerzen des Hungers leidet. Aber es giebt auch Stun⸗ den, in denen dieſe Räume ſich beleben, in denen Jauchzen und Jubeln durch die Corridore ſchallt, und die trüben Augen der arbeitenden Frauen aufleuchten in freudigem Glanze. Das ſind die Stunden, in denen die Kinder, frei vom läſtigen Schulzwang, be⸗ freit aus der drückenden, verpeſteten Luft des großen finſtern Schulſaales, zu den Ihrigen eilen, um froh und zufrieden von ihren Müttern die kärgliche Mahl⸗ eit, das Stückchen Brod oder die wenigen gekochten Kartoffeln zu erhalten, die ihnen als Mittagseſſen dienen ſollen. Aber die Kinder nehmen jubelnd, was die Mütter ihnen ſeufzend reichen, ſie wiſſen nichts von der Mühe und Qual, womit auch dies Wenige erworben und verdient wird, ſie wiſſen aber auch nicht, daß es noch andere Genüſſe und koſtbarere Mahklzeiten giebt, als Brod und Kartoffeln. Sie ſind zufrieden, und hüpfen ſingend und jubelnd hinunter in den Hof, gewiß, dort ihre Freunde und Kamera⸗ den, gewiß, dort Luſt und Freude zu finden. Nun belebt ſich der ſtille Hof, der inmitten dieſer drei 8 — 5— 4 mächtigen Gebäude liegt, nun dröhnen die dunklen trüben Fenſter wieder von dem Schreien und Jubel⸗ kreiſchen der Kleinen, und hie und da öffnet ſich mühſam und knarrend ein Fenſterflügel und es zeigt ſich ein ſorgenvolles, durchfurchtes Angeſicht, das ſich erhellt beim Anblick der kleinen fröhlichen Kinder⸗ ſchaar; und der lächelnde Blick dieſes Beſchauers iſt ein Segen und Seufzer zugleich, denn er weiß wohl, daß dieſe Freude nicht lange dauern, und daß, mit dem Wachſen dieſer jungen, ſchwellenden Glieder, auch die Sorgen und die. Noth wachſen werden, und darum ſind ſeine Gedanken ein ſeufzender Segen für die Zukunft dieſer Kleinen. Ach aber dieſe Kleinen, ſie wiſſen nichts von Sorgen und Noth. Der weite, ſchmutzige Hofraum hat ſich unter ihren magiſchen Blicken ihnen ver⸗ wandelt, die Kinderphantaſie iſt lächelnd und ſingend darüber hingefahren, und in jauchzendem Spiele haben ſie die Lumpen, die groben Gewänder von ſich ge⸗ worfen, um ihre kleinen ſchwachen Schultern mit Kö⸗ nigsmänteln und Purpurgewändern zu bekleiden, um im glänzenden Gefolge von Soldaten und Dienern einher zu ſtolziren; und auf den Geſichtern dieſer kleinen Lumpenkönige wechſelt mühſam unterdrücktes Lachen mit künſtlicher Gravität. Die Kinder der Armuth ſpielen mit dem, was ihnen verſagt iſt, ſie holen mit ihren ſchwachen Händen den Purpurmantel und die Königskrone ſich herbei, ſie greifen mit ihrer mächti⸗ gen Kinderphantaſie kühn hinauf in den Himmel und ziehen Mond und Sterne herunter zu ſich und ihren Spielen. Aber dieſe Königspracht des Wahns, dieſe muntern Spiele, dies Jauchzen und Singen, es dauert nur kurze Zeit; mit dem Schlag der zweiten Stunde verſchwinden alle dieſe Geiſter des Glückes— und der Luſt, und niedergebengt, traurig, den Opium⸗ — 3— Feeuden ihrer Phantaſieſpiele entriſſen, ſchleichen die Kinder der Armuth wieder zurück in die trübe dumpfe Schulſtube, um ſich unterweiſen zu laſſen, wie man ſich beſchäftigt, um unterrichtet zu werden in der Arbeit, die ihre ganze Zukunft, ihr ganzer Lebensinhalt ſein wird. Zögernd, langſam wollten auch heute die Kinder ſich dieſem mahnenden Rufe fügen, als ein neues, ſeltenes Schauſpiel ihre ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch nahm, und ſie ihrer Pflichten vergeſſen ließ. Mühſam von einem magern, alten Gaul gezogen, fuhr ein elender Wagen in den Hof, bepackt mit allerlei unſcheinbarem Hausgeräth, unanſehnlichen Stühlen und Schränken. Aber Denen, die neben dieſem Wagen her gingen, ſchienen dieſe Dinge wichtig und köſtlich, denn es war ihre ganze Habe, ihr ganzes Beſitzthum, das Einzige, welches ſie mit dem glücklichen Gefühl der Zugehörigkeit betrachteten, und ſie behüteten es mit ihren Blicken, angſtvoll, es möge bei dem Rollen des Wagens irgend eins dieſer Dinge herabfallen, oder zerſchellen. Jetzt hielt der Wagen inmitten des Hofes an, und die beiden Frauen, die zur Seite deſſelben gegangen, ſchickten ſich an, mit Hülfe des Fuhrmanns, die Sachen abzuladen, und auf den Hof zu ſtellen. Mit ſchweigender Auf⸗ merkſamkeit hatten die Kinder dieſem Schauſpiel zu⸗ geſehen, als aber jetzt hinter dem Wagen zwei Kinder zum Vorſchein kamen, wurden ſie von der verſam⸗ melten Schaar mit freudigem Jauchzen begrüßt, und Alles drängte und lief herbei, die Hände darzureichen, und den Ankömmlingen einen guten Tag zu bieten. O, das iſt ſchön, daß Ihr kommt riefen die Einen. Noch ein paar Spielkameraden! lachten die Andern. Ach, Ihr ſollt ſehen, wie luſtig wir ſpielen, und wie wir tanzen und ſingen auf unſerm ſchönen, großen Hofplatz! Nicht wahr, es iſt ſchön hier? fragten Andere, mit Stolz auf dem öden, ſchmutzigen Hofraum um⸗ herblickend. Seht, welch einen großen, ſchönen Spiel⸗ platz wir hier haben! Gewiß, ſolch einen Spielplatz kann man drinnen in der Stadt gar nicht haben! Die kleinen Ankömmlinge blickten ſcheu und ver⸗ legen umher. Vielleicht fanden ſie dieſen ſchmutzigen Raum weniger köſtlich, als die deſſelben Gewöhnten, vielleicht war es ihnen bedrückend, fremd und unbe⸗ kannt inmitten ſo Vieler zu ſein,— ihre Augen füllten ſich mit Thränen, und zitternd klammerten ſie ſich feſter an einander, als wollten ſie ſich gegenſeitig ſchützen gegen die zudringliche Freundlichkeit der Kinder. Es waren ein paar kleine Mädchen, blondgelockt, mit himmelblauen Augen, lieblich anzuſchauen, ärm⸗ lich, aber reinlich gekleidet. Und wie heißt Dus fragten die Kinder das größte der Mädchen. Mariel ſagte ſie ſchüchtern. Und wie alt biſt Du? Sechs Jahre! Und Dus fragten ſie die kleinere. Sophie, ſagte das Kind mit holder, flötender Stimme, und vorgeſtern ſind wir beide ſechs Jahre geworden! So kommt Marie und Sophie, wir wollen ſpielen! Ja das wollen wir! Ihr ſollt König und Königin ſein, und wir wollen Euren Hofſtaat vorſtellen! Da, ſetzt Euch Beide dort auf jenen Stein, das iſt Euer Thron, und wir wollen zu Zwei und Zwei an Euch vorbeiziehen, und dann ſprecht Ihr ein paar Worte mit uns, und nickt mit dem Kopf, und wir ſagen Euch dann unſern Namen! 4 Ja, ja, das wollen wir ſpielen! jubelten Alle, und ſchon ordnete ſich der Zug, als Alle, wie von einem — 8— electriſchen Schlage getroffen, ſtille ſtanden, und ver⸗ ſtummten. Ein Fenſter hatte ſich geöffnet und in demſelben erſchien das zorngeröthete Antlitz des Schul⸗ meiſters, der mit Scheltworten die Kinder an ihre verſäumte Pflicht erinnerte, und ihnen befahl, ſofort im Schulſaale zu erſcheinen. Zur Schule! wir müſſen zur Schule! murmelten die Kinder, und ſenkten betrübt die Köpfe. So kommt mit, flüſterten Andere, die beiden kleinen Mädchen mit ſich fortziehend, und bald war der Hof leer von den Kindern. Das iſt gut! ſagte die ältere der Frauen, die im⸗ mer noch mit dem Abräumen des Wagens beſchäftigt waren. Es iſt gut, daß die Kinder fort ſind, nun haben wir mehr Platz, unſere Sachen abzuladen. Auf's Neue machten ſie mit geſchäftigen Händen ſich darüber her, und bald war das Werk vollendet, und der Wagen leer. In dieſem Augenblick er⸗ ſchien in einer der Hausthüren ein ältlicher, gebückter Mann, mit ſcharfen prüfenden Blicken die beiden Frauen, und mehr als dieſe, ihre Habe betrachtend. Dann rief er mit barſchem Ton: was bringt Ihr denn da? Die Frau wandte ſich zu ihm und ſagte ruhig: Unſere Sachen, Herr Inſpector! Wir ſind die neuen Miethsleute! Welche Nummer? Nummer 40, Stube und Kammer! Gut! Aber ehe Ihr Eure Sachen hineintragen dürft, müßt Ihr erſt den Miethszins für die nächſte Woche bezahlen. So hat es der Herr Baron, der dieſe ſogenannten Familienhäuſer zum Beſten der Armen erbauen ließ, angeordnet und befohlen. Und das iſt ganz natürlich und ſachgemäß! Denn hat der Herr Baron ſein ſchönes Geld zu dieſem Bau ver⸗ ——— r= 2 — 9— wandt, ſo muß er es auch aus demſelben gut ver⸗ zinſt zurück erhalten können, und muß ſicher ſein, keinen Schaden zu erleiden für all' ſeine Barmherzig⸗ keit und Milde!. Und das nennen Sie barmherzig, ſagte die Frau mit einem bittern Lächeln, das nennen Sie milde, wenn ein reicher Mann, ein adlicher Herr auf die Armuth ſpeculirt, und ihr Häuſer baut, nicht um der Armuth behülflich zu ſein und ihr eine Zufluchtsſtätte zu bereiten, ſondern um Vortheil zu ziehen aus der Armuth. Das nennt Ihr barmherzig, wenn der Arme, noch bevor er unter dies Dach getreten, ſein kümmerlich erworbenes Geld hingeben muß für Et⸗ was, das er noch nicht genoſſen, für ein Zimmer, das er noch nicht betreten!. Und warum kommt Ihr hierher, fragte der In⸗ ſpector barſch, warum kommt Ihr, wenn Euch dieſe Bedingungen nicht gefallen? „Warum? wiederholte die Frau ſeufzend. Sie wiſſen es wohl! Ich komme, wie Alle, die vor mir hieher gekommen! Die Noth zwingt uns, und auf dieſe Noth habt Ihr ja auch ſpeculirt. Kein anderer Hauswirth erlaubt es, daß man Wochenweiſe ſeinen Miethszins bezahlt, und doch wird es uns armen Leuten leichter, wöchentlich einige Groſchen, als vier⸗ teljährlich mehrere Thaler zu bezahlen. Das haben Sie eingeſehen, und deshalb haben Sie dieſe Ein⸗ richtung getroffen, denn nun ſtrömen die Armen Ihnen zu und wollen wohnen in dieſen Hänſern. Ihr erkennt alſo doch an, daß dieſe Einrichtung eine Wohlthat iſt? fragte der Inſpector. La, ich erkenne es an, ſagte die Frau und hier iſt der Miethszins für die nächſte Woche! Nehmt! Sie reichte dem Inſp xcctor einige Geldſtücke hin, die dieſer annahm, und vann minder ſtrenge ſagte: — 10— Und jetzt, gute Frau, dürft Ihr Eure Sachen immer⸗ hin nach Nr. 40 hinauf ſchaffen. Es ſteht Eurem Einzug nichts mehr im Wege! Aber vergeßt nicht, daß der Wochenzins regelmäßig voraus bezahlt wer⸗ den muß, wenn Ihr nicht wollt, daß man Euch aus dem Hauſe verweiſt! Dies ſind unſere Hausgeſetze, und ich muß ſtreng darauf halten, daß ſie erfüllt werden! 3 Ich werde es nicht vergeſſen! ſagte die Frau, und winkte dann ihrer Begleiterin, um mit ihrer Hülfe die Sachen nach dem bezeichneten Zimmer, Nr. 40, hin⸗ auf zu tragen. Dies war bald geſchehen, und unter den walten⸗ den Händen der beiden Frauen hatte das niedrige, düſtere, kleine Zimmer bald ein wohnliches Anſehen bekommen. So lange die Frauen beſchäftigt waren, hatten ſie ſtumm, ohne ein Wort, ein Anblicken, die⸗ ſen Pflichten obgelegen. Jetzt aber, als Alles voll⸗ endet, Alles ſeinen beſtimmten Platz erhalten, blickten die Beiden ſich an, und ein mattes Lächeln umſpielte ihre Lippen. Plötzlich, wie überwältigt von ihrer eigenen Wehmuth, breitete die ältere der Frauen ihre Arme ans und rief mit herzzerreißendem Weheton: Luiſe! Das junge Mädchen warf ſich laut ſchluchzend in die geöffneten Arme der Andern, und Beide, ſich feſt umſchlungen haltend, weinten laut. Dann aber richtete die ältere Frau ſich aus den Armen ihrer Tochter empor und ſofort verſiegten ihre Thränen, und ihre Mienen nahmen ſchnell wieder ihren entſchloſſenen, energiſchen Ausdruck an. Und jetzt keine Thränen mehr, Luiſe, ſagte ſie feſt. Niemand ſoll von heute ab mich wieder weinen ſehen. Iſt das Unglück über uns hereingebrochen mit ſo dä⸗ moniſcher Gewalt, ſo ſoll es uns. mindeſtens gefaßt finden, und mit ungebeugtem Rücken. = 1= O mein Gott, ſeufzte Louiſe, mühſam noch ihr Schluchzen unterdrückend. Wie entſetzlich iſt es, Dich ſo leiden, ſo entbehren zu ſehen. Dich, einſt ſo umge⸗ ben von Glanz und Luxus, und jetzt— Laß dieſes Einſt! unterbrach ſie ihre Mutter. Mit dem, was vergangen iſt, müſſen wir für immer ab⸗ geſchloſſen haben, und es weder beklagen, noch auch es zurück wünſchen. Von heute an ſind wir in neue Verhältniſſe getreten; der Kampf gegen das Elend und die Noth, den wir ein Jahr lang muthig und unverdroſſen gekämpft, dieſer Kampf muß von heute an aufhören. Von dieſer Stunde ab überlaſſen wir uns der Armuth, und ſuchen nicht mehr verſchämt unſere Noth zu verbergen, ſondern tragen ſie frei zur Schau, als die paſſendſte Tracht unſeres Gewer⸗ bes, und dies Gewerbe es iſt: Hunger und Armſe⸗ ligkeit. Aber war es nöthig, daß es bis zu dieſem Aeu⸗ ßerſten kam, ſeufzte Louiſe kaum hörbar. Wäre es nicht beſſer geweſen, weniger— Halsſtarrig zu ſein, fiel ihre Mutter ein. Ich weiß, daß man mich ſo nennt. Aber meine Hals⸗ ſtarrigkeit iſt wohl begründet, und keine Macht der Welt ſoll mich zu anderer Geſinnung bekehren. Ich mag und will nicht von Almoſen leben, und vor der Heuchelei und Falſchheit werde ich niemals mich beu⸗ gen. Ich verachte die Welt, und verachte die Men⸗ ſchen, ſie ſind falſch und trügeriſch, und auf ihrer Lippe iſt nichts als Heuchelei und Lüge. O dieſe Menſchen, ſie haben uns, die unſchuldig Leivenden, mit höhniſchen Worten und mitleidslos von ſich ge⸗ ſtoßen, und Du willſt, daß wir vor ihnen bettelnd auf den Knieen liegen? Nein, nein! Sie ſollen vor uns zittern, zu uns ſollen ſie flehen, denn wir wer⸗ den gegen ſie kämpfen, ihre Heuchelei an das Licht — 12— bringen, und ihren Stolz demüthigen! Siehſt Du, mein Kind, das ſind meine Plane für die Zukunſt, und indem ich mich heute der Armuth übergebe, be⸗ ginne ich einen erbitterten Kampf gegen den Neich⸗ thum und die begünſtigten Stände. Darum, über⸗ lege es Dir noch einmal, ob Du entſchloſſen biſt, bei mir zu bleiben. Ich wiederhole Dir, ich halte Dich nicht, Du biſt frei und kannſt gehen, wohin Du willſt. Ja, ich werde Dich ſelbſt nicht tadeln, wenn Du der Einladung Deiner Tante folgſt, und in ihr Haus trittſt, als Magd, als Kammerzofe, was weiß ich, wozu ſie Dich in ihrer Großmuth verwenden wird! Niemals, rief Louiſe mit entſchloſſenem Ton, nie⸗ mals werde ich das thun. O meine theure Mutter, es iſt ja nur um Dich, daß ich klage! Willſt Du mit Deinem ſtolzen edlen Sinne Dich dieſem harten Schickſal unterwerfen, nun gut, ſo ſei es! Du haſt Recht, es iſt ſchöner, arm zu ſein und frei, als Wohl⸗ thaten anzunehmen, die nicht die Liebe, ſondern der Stolz uns darbietet. Nun ſollſt Du mich auch nie wieder klagen hören! Von Dir will ich lernen, die Armuth mit Stolz zu ertragen, und das unverſchul⸗ dete Unglück nicht verſchämt zu verbergen, ſondern es offenkundig alle Welt ſehen zu laſſen. Louiſe, meine Louiſe, rief ihre Mutter in Thränen ausbrechend, komm an mein Herz, Du biſt in Wahr⸗ heit das Kind meines Herzens! Sie umarmten ſich, weinend und lächelnd zu⸗ gleich, und dann ſagte die Mutter faſt heiter: und nun wollen wir ſofort den Kampf beginnen! Laß uns ſogleich hier an der Thüre unſer Namensſchild befeſtigen, damit Jedermann leſen kann, wer hier wohnt. Sie nahm aus einem Korbe eine glänzende Meſ — 13— ſingplatte, Hammer und Nägel, und ſagte: das iſt der letzte Schimmer unſeres frühern Glanzes, den wir uns trotz unſerer Armuth erhalten können. Dann befeſtigten ſie auf der äußern, nach dem Corridore führenden Seite der Thür, das Schild, und Louiſe ſagte, es betrachtend, faſt mit Lachen: wie das drollig ausſieht, inmitten dieſes düſtern, ärmlichen Ganges. Die Meſſingplatte glänzt wie eine Gold⸗ mine in einem düſtern Schacht, und dann dieſe pomp⸗ hafte Inſchrift: Frau von Herinfeld, geborne Freifrau von Elsleben! Nicht wahr, es klingt komiſch, aber ich wette, meine Frau Schwägerin, die Freifrau von Elsleben, wird es minder komiſch finden. Das iſt recht, das gefällt mir, ſagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen, und als ſie ſich umwandten, gewahrten ſie ein altes Weib, das unter der Thür ſtand und mit neugierigen Blicken im Zimmer um⸗ herſchaute. Aber das iſt ja eine Einrichtung, wie für eine Fürſtin, fuhr ſie fort, desgleichen hat unſer Palais noch niemals erblickt. Potz tauſend, einen Sopha ſo⸗ gar, der kein Loch hat, und drei Stühle mit Rohrge⸗ flecht! Das iſt brillant! Erſchreckt und ungewiß, ob das Weib im Ernſt oder Spott ſo geſprochen, ſtanden Louiſe und ihre Mut⸗ ter ſchweigend da und betrachteten die Alte, die noch immer unter der Thüre ſtand und im Zimmer um⸗ herſah.— Sie mochte funfzig Jahre zählen, und ihr braunes Antlitz zeigte von mannigfachen Sorgen und Stürmen, welche dieſe tiefen Runzeln und Furchen durch daſſelbe gezogen. Nur ihre kleinen blitzenden Augen hatten ſich noch ein jugendliches Leben bewahrt, und um ihre ſchmalen, gekniffenen Lippen ſchwebte ein gewinnendes, gutmüthiges Lächeln. Ihre Klei⸗ dung zeigte von der höchſten Dürftigkeit, und kaum noch konnte man die Grundfarbe und den Grundſtoff dieſes Rockes erkennen, der mit Lappen jeglicher Art und Größe an ſeinen vielen ſchadhaften Stellen ge⸗ flickt war und faſt wie eine Harlekinsjacke anzuſehen war, ſo bunt und komiſch. Eine graue leinene Schürze bedeckte den Vordertheil des Kleides, ein verſchoſſenes, wollenes Tuch die Schultern, und ein ähnliches hatte ſie, als eine Art Turban oder Haube, ſich um den Kopf geſchlungen, und mit demſelben ihr graues Haar bedeckt, das hier und da in ganz kleinen, grauen Locken unter dem Tuche hervorſah. Auf dem Rücken trug ſie einen Korb, der mit ledernen Riemen an den Schultern befeſtigt war und aus dem eine kleine ei⸗ ſerne Hacke hervorragte. An dieſer letztern erkannte Frau von Hermfeld ſchnell eine jener Weiber, die ein Gewerbe daraus machen von Straße zu Straße in den Höfen umher⸗ zugehen, und in den Goſſen wie auf dem Müllhaufen umherzuſcharren, um vielleicht unter dem dort aufge⸗ ſtapelten Abhub, oder in der Goſſe irgend Etwas zu finden, das ihnen nützlich oder genießbar erſcheint. Zuweilen iſt ihre Ausbeute nicht unbedeutend, und ſie entdecken in den Rinnſteinen einen ſilbernen Löffel, den die Magd mit dem Spülwaſſer verſchüttet hat, oder ein Stück Wäſche, das in gleicher Weiſe vergeu⸗ det worden, während der Müllhaufen ihnen manches im Sande verborgene Stück Brod, manche genießbare Kartoffel liefert, die, als die beſte Beute, ſorgfältig von Schmutz und Staub gereinigt und mit einem Wohl⸗ behagen verzehrt werden, wie kaum ein Fürſt an reich⸗ beſetzter Tafel es empfinden mag. Gute Frau, ſagte Frau von Hermfeld milde, Sie vergeſſen, daß Sie hier nicht auf einem Hofe, ſondern in einem fremden Zimmer ſind, und ich glaube leider, — 15— daß Sie hier bei mir wenig Begehrenswerthes finden werden. Das alte Weib warf einen ſchnellen, durchdrin⸗ genden Blick auf die Sprechende und ſagte dann ern⸗ ſter: Sie ſind ſehr ſtolz, Madame, einer alten Frau ſo ohne Weiteres die Thür zu weiſen. Ja, ja, ich habe ſchon da an Ihrem glänzenden Schilde geleſen, daß Sie eine vornehme Dame ſind. Aber, die Ar⸗ muth gleicht Alles aus, und hier in den Familien⸗ häuſern iſt eine Frau von Hermfeld nicht mehr, als die alte Frau Winkler, die in den Gaſſen ſucht nach ihrem Glück. Aber die Thüre ſollen Sie mir nicht wieder zeigen brauchen und damit Adje! Sie wandte ſich unwillig ab, als Frau von Herm⸗ feld faſt bittend ſagte: gute Frau, verzeihen Sie mir! Ich wollte Sie nicht kränken! Aber es verletzte mich, daß Sie über meine Armuth ſpotteten! Ich ſollte ſpotten, rief die Alte. O, ich ſehe ſchon, die vornehme Frau denkt, wir Armen ſind eben ſo ſchlecht, als die reichen Leute in der großen Welt. Nein, nein, der Arme ſpottet nicht über den Armen, und was ich ſagte, war mein Ernſt. Sie ſind viel⸗ leicht die Reichſte hier in unſern Familienhäuſern, und Keiner von uns iſt ſo glänzend eingerichtet. Sie wohnen alſo auch hier? fragte die Baronin. Ja wohl, ſagte die Alte, ich bin Stammgaſt hier, und es giebt Keinen hier in unſerm goldenen Reich, der nicht die alte Frau Winkler kennt. Nun, ich darf ſagen, daß auch Keiner mir gram iſt, und mich von ſeiner Thüre weiſen wird. Wir ſind Alle recht gute Freunde hier im Familienhauſe, denn die Armuth und Noth macht bald befreundet, und der Hunger bringt ſchnell zwei fremde Menſchen auf Du und Dul! Ich denke, wir werden auch gute Freunde ſein, ſagte die Baronin gütig. 3 — 16— Denken Sie das? fragte die Alte. Nun, dann ſind wir's ſchon! Sie haben ein Geſicht, dem man gut ſein muß, und ich glaube, ich würde Sie recht ſehr lieben können, wenn Sie nur nicht das blanke Schild da draußen aufgehängt hätten, um aller Welt zu ſagen, daß Sie vornehm ſind, und etwas Beſſeres, wie wir! O, rief die Baronin ſchnell, nicht um damit zu prunken, hing ich es auf, ſondern um zu zeigen, daß ich mich nicht ſcheue, Jedermann meinen Namen wiſſen zu laſſen, und kein Geheimniß daraus zu machen, daß ich hier in den Familienhäuſern wohne! Das iſt brav, ſagte die Alte herzlich. Geben Sie mir die Hand, von heute ab ſind wir Freunde, und Sie können auf mich rechnen! Sie reichte der Baronin die Hand hin und fuhr fort: haben Sie nur keine Furcht, meine Hand zu nehmen, ſie iſt zwar hart und runzlig, aber rein, und Keiner wird ſagen können, daß die Frau Winkler je⸗ mals einen Schmutzfleck an ihren herrlichen Kleidern gehabt habe. Man kann im Schmutz umherwühlen müſſen und ſich doch rein davon erhalten, am Leibe ſowohl, als an der Seele? O ich ſcheue mich auch nicht, Ihre Hand zu neh⸗ men, ſagte die Baronin, die Hand der alten Frau herzlich drückend. Wir werden gewiß recht gute Freunde werden, wenn Sie nur mit uns ein wenig Geduld und Nachſicht üben wollen. Alles, was uns umgiebt, iſt uns ſo neu und ungewohnt, und oft wird man denken, wir ſeien hochmüthig und ſtolz, während ich doch von Grund meines Herzens die Vornehmen verachte und den Reichthum verabſcheue, der ſie ſo kalt und herzlos macht!— O nein, nein, es giebt auch unter den Vorneh⸗ men gute Leute, ſagte die alte Frau, und ihr Geſicht — 17— überzog ſich plötzlich wie mit einem Sonnenſtrahl des Glückes. Ich kenne Einen, der iſt vornehm und doch gut und edel, und— doch das gehört nicht hieher, unterbrach ſie ſich dann ſelber. Jetzt wollen wir von Ihnen ſprechen und Sie willkommen heißen mit Ih⸗ rer Tochter da. Iſt ſie Ihre Einzige?— Nein, ich habe noch zwei kleinere Mädchen, die drunten im Hofe ſpielen. O, Sie nennen ſich arm, rief die Alte, und ſind doch eine ſo reiche Mutter! Drei Kinder, die Ihnen ggehören, die Sie lieben dürfen, und die Sie wieder lieben! Ach, wie glücklich ſind Sie! Sie haben keine Kinder? Ich? fragte die Alte, und in ihren Zügen zuckte ein tiefer Schmerz. Dann, nach einer Pauſe, ſagte ſie leiſe: nein, ich ſtehe ganz allein! Sie ließ das Haupt auf ihre Bruſt ſinken und ſchwieg, während langſam ein paar Thränen über ihre Wangen rollten. Die Baronin und Louiſe betrachteten ſie mit theilnehmenden Blicken, als die Alte ſich plötz⸗ lich aufrichtete und heiter ſagte: nun, verzeihe mir Gpott meine Schlechtigkeit! Sieht es nicht aus, als wenn iich Ihnen Ihre lieben Kinder beneidete. Nein, Gott erhalte ſie Ihnen noch lange, und damit Gott be⸗ fohlen! Sie nickte freundlich mit dem Kopfe und wollte ggehen, als ſie ſich noch einmal umwandte und haſtig ſagte: Sie gefallen mir ſo ſehr, liebſte Madame, und dda will ich Sie um was bitten! Und Sie gefallen mir ſo ſehr, daß ich gewiß gern thun werde, was Sie wünſchen, ſagte die Baronin lächelnd. Trinken Sie heute mit Ihren Töchtern Kaffee bei mir. Ich habe heute einen ſehr guten Tag gehabt und ſieben blanke Silbergroſchen eingenommen. Die 2 3 wollen wir heute verjubeln und Ihre Ankunft feiern, und es ſoll ein Freudentag ſein für mich! Ja, ja, wir armen Leute machen wenig Umſtände miteinander und wo ſich die vornehmen Leute zieren, da ſagen wir friſchweg die Wahrheit, und die Wahrheit iſt, daß Sie mir gefallen, und daß ich Ihnen darum ein Feſt geben will! Wenn Sie Nein ſagen, dann ſehe ich daraus, daß Sie immer doch'ne Vornehme geblie⸗ ben ſind, und nichts wiſſen wollen von uns armen Leuten! Ich ſage aber nicht Nein, ſagte die Dame, ſchnell das Richtige erkennend, und mit zartem Tacte füh⸗ lend, wie ſehr ſie die Alte durch eine abſchlägige Antwort verletzen würde. Wenn Sie uns haben wol⸗ len, kommen wir zum Kaffee zu Ihnen! Das iſt prächtig, jubelte die Alte. Das ſoll eine Luſt werden! Gott ſegne den Hofball, denn der hat mir heute meine ſieben Silbergroſchen eingetragen! Der Hofball? 3 Ja wohl, der Hofball! Denn Sie müſſen wiſſen, ich bin nicht bloß das alte Lumpenweib, wie ich Ih⸗ nen jetzt erſcheine, ſondern auch noch eine ſehr ge⸗ lehrte Frau, und wenn Sie die Kammermädchen der vornehmen Damen fragen, ob ſie mich kennen, ſo werden ſie Ihnen ſchon ſagen, daß die alte Frau Winkler eine ſehr berühmte Fleckausmacherin iſt, und die Flecken aus Seide und Wolle herausbringt, daß keine Spur mehr davon zu ſehen iſt! Und auf dem geſtrigen Hofball hatte die Gräfin Aurelie ein Glas Champagner über ihr weißes Atlasgewand bekommen, nun,— fuhr ſie ſtolz fort,— ich habe den Flecken fortgeſchafft, daß keine Spur mehr davon geblieben iſt! Dafür bekam ich ſieben und einen halben Silber⸗ groſchen. Den Sechſer gab ich in meiner Freude dem alten Weibe, die immer da in der Charlottenſtraße — 19— an der Ecke ſitzt und mit ihrem alten Kopfe wackelt, daß es Steine erbarmen kann, und die ſieben Sil⸗ bergroſchen, die ſollen uns ein Feſt bereiten, wie die Tamilienhäuſer noch nie eins geſehen. Alſo, in einer Stunde erwarte ich Sie! Sehen Sie, es iſt nur Ein Schritt von Ihnen zu mir herüber. Denn dieſe Thür hier geradeüber, die führt in meinen Salon. Nicht wahr, ſo nennen die vornehmen Leute ihre Be⸗ ſuchszimmer? Siie nickte ihnen lächelnd zu und ging hinüber in das Zimmer, deſſen Thür mit Nr. 39 bezeich⸗ net war. Die Baronin ſah ihr ſinnend nach, dann ſagte ſie zu Louiſen: von dieſer alten Frau werde ich Vieles zu lernen haben, denn ſie repräſentirt mir die Ar⸗ muth in ihrer ganzen Ehrwürdigkeit und Heiterkeit. Ich habe Dich bewundert, daß Du es vermochteſt, ihr die Hand zu geben, ſagte Louiſe. Weshalb? Habe ich ſie doch oft genug Weibern gegeben, deren Seele von dem Schmutz der Sünde beſudelt war, und die, trotz des Ambra und Moſchus, dufteten nach Verweſung. Dieſe alte Frau iſt rein an ihrer Seele, wie an ihrem Leibe, weshalb alſo ſollte ich ihr nicht die Hand geben?. Du haſt Recht, ſagte Louiſe, die Augen beſchämt zu Boden ſchlagend. O, ich werde noch Vieles zu lernen, Vieles zu vergeſſen haben! 3 Die Kaffeegeſellſchaft im Familienhauſe. O— Und es war ein herrliches Feſt, das Frau Wink⸗ ler ihren Gäſten bereitete. Die kleine Stube ſah ganz verklärt aus von dem Dreierlichtchen, das ſteif, wie ein Wachtmeiſter, auf dem Halſe einer alten grünen Flaſche ſtand und den ganzen Raum mit einem an⸗ genehmen Dämmerlicht erleuchtete. Ja, man konnte bei dieſem Licht ganz deutlich ſehen, wie ſauber und rein dieſe kahlen Wände, dieſer Fußboden, und der viereckige weiße Holztiſch, der dort unter dem Fenſter ſtand und heute das Centrum des Feſtes ſein ſollte. Denn dort ſtanden mehr denn ein halbes Dutzend Taſſen, von denen zwei ſogar mit blanken zinnernen Theelöffeln verſehen waren, und wenn man auch ge⸗ rade nicht ſagen konnte, daß die Taſſen ſchön waren, oder daß die Schale allzuängſtlich zur Obertaſſe paßte und gehörte, ſo machte doch das Ganze einen recht angenehmen Eindruck, der noch erhöht ward, wenn man auf den braunen irdenen Topf blickte, der da⸗ neben ſtand und eine ziemliche Menge bläulich ſchim⸗ mernder Milch enthielt. Auch an Eßbarem ſogar fehlte es nicht, auf einem Teller lag ein ſtattliches — 21 Z— Brod und daneben auf einer Unterſchale ein nicht ganz unbedeutendes Stück Butter. Und wenn man von dieſen Herrlichkeiten den Blick abwandte, ſo fiel er unwillkührlich auf den blau angeſtrichenen Ofen, in dem ein behagliches Feuer brannte, eben ſo ſehr zur Erwärmung des Zimmers, als zum Beſten der großen braunen Kaffeekanne, die im Ofen ſtand, und in welcher der Kaffee luſtig ziſchte und brodelte. Die alte Frau Winkler ging ordnend und ſäubernd im Zimmer auf und ab, und ſie war in ihre Prunk⸗ gewänder, wie ſie ſelber ſie gern nannte, gehüllt, das heißt, ſie trug einen ungeflickten Kattunoberrock von einer gewiſſen, unbeſtimmten Farbe, die eben ſo ſehr grün, als braun oder gelb genannt werden kann, dazu eine ſaubere weiß und blau geſtreifte Schürze und eine Haube von grobem Mouſſeline, verziert mit gefärbtem himmelblauen Bande, das an einigen Stellen höchſt verrätheriſch noch ſeine roſa Grund⸗ farbe hervorblicken ließ. Aber Alles an der Frau Winkler war reinlich und ordentlich, und es war ein Vergnügen, in dies alte runzlige Geſicht zu ſeben, das erglänzte in Frende, in dieſe Augen zu blicken, die ſo hell ſtrahlten in Luſt, und dieſe Hände, dieſe alten, braunen, runzligen Hände zu beachten, wie ſie in nimmer ruhender Geſchäftigkeit mit dem Stückchen groben Wollenzeuge den Staub abwiſchten von Stel⸗ len, wo längſt ſchon kein Staub mehr gelegen, oder an dem Reſedatopf ſäuberten und putzten, der als ein⸗ ziger Luxus und Schmuck dieſes ärmlichen Zimmers auf dem Fenſterbrett ſtand und die ganze Stube er⸗ füllte mit ſeinem milden Duft. Nun, Lude, ſagte die alte Frau jetzt und wandte den lächelnden Blick auf einen Knaben, der regungs⸗ los an der Thür ſtand und mit weit aufgeriſſenem Munde und glotzenden Augen die Herrlichkeit an⸗ ſtarrte, Lude, ich hoffe, Du biſt nicht zu'ner Salz⸗ ſäule erſtarrt, was ſchade um Dir wäre. Ne, ſagte Lude grinſend, wo werd' ick denn! Das Salz iſt ſo ſchon wollfeiler geworden, und dieſes wäre alſo ein ſchlechtes Geſchäft vor mich. Ne, ick wun⸗ dere mich man bloß über dieſen Aufwand und Luxus, den Sie heute verführen, Frau Winkler. Ick gebe einen Kaffee, das is Alles, ſagte Frau Winkler ſtolz, und Du biſt eingeladen mit Vater und Bruder. Ick hoffe, Du haſt meine Einladungskarte gekriegt. Vater freut ſich ſchonſt ſehr auf die warme Taſſe Kaffee, aber Thomas wird wol nicht kommen können, denn er is noch fleißig bei der Arbeit. O er muß kommen, ſagte Frau Winkler eifrig, ſonſt is es gar kein Feſttag nicht für mich. Ja, den Thomas haben Sie immer am liebſten, ſagte Lude, und ein eiferſüchtiges Schmollen malte ſich in ſeinen ungeſchlachten Zügen, und ſeine immer ſchielenden Augen ſchielten noch fürchterlicher. Na, ick habe Euch beide lieb, Lude, ſagte die Alte beſänftigend, aber der Thomas iſt ſo viel älter und verſtändiger, und ſo fleißig dabei. Na, ick bin auch fleißig, ſagte der Bube, und ick würde es noch mehr ſein, wenn es man mehr Arbeit für mich geben thäte. Aber die Arbeit iſt heut zu Tage ſehr rar, das wiſſen Sie wol. Heute bin ick nu den ganzen Tag rumgelaufen, Straß auf, Straß ab, und habe auf jede Droſchke gepaßt, und wenig⸗ ſtens an zwanzig Droſchken aufgemacht und die Leute rausſteigen laſſen, aber Keiner nicht hat mir auch nur 'nen Dreier gegeben, im Gegentheil ſchimpfen ſie im⸗ mer und ſagen, ick hätte gar nicht nöthig, die Droſch⸗ ken aufzumachen. An einer Droſchke hatte ſich die Thür geklemmt, und als ick ſie mit Gewalt aufriß, — 23— habe ick mir den ganzen Finger aufgeſchlitzt, daß das Blut gleich immer ſo runter purzelte. Da ſtieg ein Herr aus und ich bat ihn um'nen Groſchen und zeigte ihm meinen blutigen Finger. Und er gab Dir doch'nen Groſchen, hoffe ich? Ne, nichts weniger. Er ſchimpfte mir'nen Rum⸗ treiber und meinte, wovor denn die Gensd'armen da wären, wenn ſie ſolch Bettelvolk nicht wegjagten. Ja, ja, ſo ſind die vornehmen Leute, ſeufzte Frau Winkler. Na, laß man gut ſein, Lude, ick werde wol noch'nen Silbergroſchen übrig behalten, denn ſollſt Du'n haben! Danke, Frau Winkler, Sie ſind immer ſo gut, und die reichen Leute könnten von Sie lernen. Es wäre ſchon gut, wenn ſie uns bloß nichts geben thä⸗ ten, aber daß ſie uns noch ſchimpfen, das is Unrecht, und das möchte ick bloß einmal den Herrn, der mir heute ſchimpfte, begreiflich machen, wenn ick ihn ein⸗ mal wieder träfe. Aber nu ſagen Sie mir, Frau Winkler, wer kommt denn Allens? Erſtlich mal, die neue Miethsfrau, die da drüben eingezogen iſt, mit ihren drei Töchtern, Du und Dein Vater und Bruder, und— hier ſtockte Frau Winkler und ſah Lude mit einem neckiſchen Lächeln von der Seite an. Und? fragte Lude geſpannt. Und Madame Albratti mit ihrer Tochter. Ach! ſagte Lude, und verſuchte gleichgültig aus⸗ zuſehen, während ſein Geſicht ſich mit etwas wie Schamröthe überzog. Na, das freut Dich wol gar nicht, und is Dir wol ganz gleichgültig? lachte Frau Winkler. Ja, man kann's gleich merken, daß Dir die kleine Amintha dun gleichgültig iſt, und darum läufſt Du auch die albe Meile von hier nach'nen Opernhaus und 1 wartſt auf ſie, daß Du ſie nach Hauſe bringen kannſt, wenn ſie aus der Tanzſtunde kommt, und darum ſtehſt Du auch Abends in Schnee und Ungewitter vor dem Opernhaus, wenn ſie geſpielt hat, und trägſt ſie die halbe Meile weit her. Sie iſt man gar ſo klein und leicht! ſagte Lude, gleichſam entſchuldigend. Ja, und Du trägſt ſie bloß als Balancirſtock, wie enen Seiltänzer, damit du nicht die Ballance ver⸗ lierſt und in den Schmutz fällſt, lachte die Alte. Die Amintha ſelbſt iſt Dir ganz gleichgültig, iſt ſie nicht? Natürlich! ſagte Lude, und verſuchte ſeine Ver⸗ legenheit in einem künſtlichen Huſten zu erſticken. Aber ick glaube, die Thür geradeüber knarrt, die Gäſte kommen! 6 Herrje, ſo ſteck mal raſch dies zweite Licht an, es iſt heute große Beleuchtung! Lude that ſchnell, wie ihm Frau Winkler geheißen, und als die Baronin mit ihren Töchtern eintrat, ſtrahlte das Zimmer ſchon im hellen Glanz von zwei Dreierlichten.— Bald auch kamen die übrigen Gäſte. Zuerſt erſchien Lude's Vater, ein alter Weber, mit frommen, ehrwürdigen Zügen, faſt erblindet von un⸗ ermüdlichem Arbeiten; mit ihm kam ſein Sohn Tho⸗ mas, Lude's älterer Bruder, ein Jüngling von zwei⸗ undzwanzig Jahren, hochgewachſen und ſchlank, und mit einem ſo ſchönen, edlen Angeſicht, daß ſelbſt die dürftige, ärmliche Kleidung, im ſchneidenden Gegen⸗ ſatz, ſeine Schönheit nur noch edler und ſtolzer er⸗ ſcheinen ließ. Schwarzes glänzendes Haar umſchat⸗ tete in dicken Locken ſeine hohe weiße Stirn, und fiel hernieder zu beiden Seiten ſeines ſchmalen bleichen Geſichtes, das in ſeinen Zügen den Ausdruck einer ſtillen reſignirten Schwermuth trug. Ein ſchwärme⸗ — 25— riſches Feuer ſprach aus dieſen großen, tiefdunklen Augen, und um ſeinen Mund zuckte zuweilen, wenn er ſprach, ein ſo mildes, ſchwermüthiges Lächeln, daß es Einem Thränen in die Augen treiben konnte. Die große und ſchlanke Geſtalt war leicht vorne über⸗ geneigt von der vielen und anhaltenden ſitzenden Ar⸗ beit, und die etwas ſchmale, zuſammengedrückte Bruſt gab ihm ein krankes, leidendes Ausſehen.— Dann kam Madame Albratti, und ein kaum unterdrücktes Lachen durchflog bei ihrem Erſcheinen die übrige Ge⸗ ſellſchaft. Wirklich konnte man nichts Komiſcheres ſehen, als dieſe Frau mit den hochrothen Wangen, die ſie mit zierlich geriebenem Ziegelroth ſich kunſt⸗ gerecht bemalt, während ihre ſchwarzen Locken, die ſie täglich ſich mit Dinte zu färben pflegte, ganz ſteif, wie eine compacte Maſſe herunterhingen und wie aus Holz geſchnitten erſchienen. Eine wunderbare Haube von vergilbtem Tüll und verziert mit allerlei Stück⸗ chen von buntem, willkührlich angeſtecktem Flor oder Seidenband, in deſſen Mitte eine zerknitterte, ſchmutzige Roſe ſaß, bedeckte ihr Haupt, und ein faltenreicher Oberrock von dunkelroth gefärbtem Kattun umhüllte ihre dürre knöcherne Geſtalt. Ein ſtereotypes, koket⸗ tes Lächeln umſchwebte ihren Mund, der mit einer Reihe großer aus Wachs gekneteter Zähne verziert war. Neben ihr erſchien ihre junge zwölfjährige Toch⸗ ter Amintha beſonders lieblich und anmuthsvoll. Leicht und ätheriſch, wie eine Sylphe, ſchwebte ſie her⸗ ein, und ihre zarte, in ein weißes Gewand gehüllte Geſtalt erinnerte an jene Mährchen, in denen Mon⸗ denſtrahlen als Feen zur Erde herniederſteigen, um irgend ein ſterbliches Herz zu tröſten und ihm eine Vorahnung des Himmels zu geben. Bleich auch, wie Mondenlicht, war ihr liebliches Antlitz von durchſichtiger Weiße, in dem ein paar — 26— tiefblaue Augen, gleich hellen Sternen erglänzten; lange blonde Locken fielen hernieder auf ihre zarten Schultern, um die ſie ein kleines roſaſeidenes Tuch geſchlungen hatte, während ein Band von gleicher Farbe, in langen Enden herniederfallend, ihre ſchmäch⸗ tige, überzarte Taille umſchloß. Ein wunderbarer Contraſt war zwiſchen dieſer lieblichen Geſtalt in ihrem zierlichen, geſchmackvollen Anzug und der Armuth und Duürftigkeit dieſes Zimmers und den dunklen, ärm⸗ lichen und geflickten Gewändern der übrigen Geſell⸗ ſchaft. Staunend ſahen die beiden Kinder der Ba⸗ ronin zu dieſer Lufterſcheinung empor, und auch die Baronin und Louiſe betrachteten mit Neugierde dieſe ſeltene Erſcheinung.— Madame Albratti weidete ſich eine Zeitlang an der Senſation, die ihr Kommen her⸗ vorbrachte, und ſie zweifelte keinen Augenblick, daß die Bewunderung, die ſie auf allen Zügen las, le⸗ diglich ihrer glanzvollen Erſcheinung und ihrem herr⸗ lichen Putze gezollt ward. Sie ſehen, ſagte ſie mit geziertem, flötendem Ton, ihre dicken Lippen, wie zum Kuſſe ſpitzend, Sie ſehen, daß ich nicht anſtehe, Ihrer Einladung Folge zu lei⸗ ſten. Und jetzt bitte ich, ſtellen Sie mich dieſen Da⸗ men vor. 6 8 Na, das iſt bald gemacht, ſagte Frau Winkler lachend. Die Herren kennen Sie und das hier iſt die Frau von Hermfeld mit ihren Töchtern. Nennen Sie mich nicht mehr ſo, ſagte dieſe, und ich bitte Sie alle, mir nicht mehr dieſen vorneh⸗ men Titel zu geben. Ich habe ihn abgeſtreift mit meinem Geld und mit meinem Glück. Jetzt bin ich und will ich nichts ſein, als Frau Hermfeld, die in Armuth und Dürftigkeit, aber ruhig und zufrieden hier bei Ihnen lebt, und ihre Kinder, ſo Gott will, tüchtig und arbeitſam erzieht. — 27— Sie ſind prächtig, Frau Hermfeld, ſagte Frau Winkler, ihr die Hand reichend. Und ich fühle mich unendlich glücklich, die Be⸗ kanntſchaft der Frau Baronin gemacht zu haben, ſagte die hochrothe Dame mit tiefer, kunſtvoller Verneigung. Jetzt erlauben Sie mir, mich Ihnen ſelber vorzuſtel⸗ len. Ich bin, ſagte ſie dann, ſich hoch aufrichtend, mit ſtolzem Ton, ich bin Marietta Albratti, geweſene Primadonna der Oper zu Florenz. Aber Sie ſind eine Deutſche? fragte die Baronin. Ja, eine Deutſche, ſeufzte die geweſene Prima⸗ donna, ach und wie viel Kränze und Blumen habe ich im lieben Deutſchland überall bekommen. Wie oft hat man mir die Pferde ausgeſpannt und mich durch die Gaſſen gezogen, in denen mir das Volk entgegenjubelte! Ach, hätte ich doch mich niemals ver⸗ leiten laſſen, nach Italien zu gehen. Aber der Ehr⸗ geiz, und dann die Liebe! Ach die Liebe hat mich um meine Zukunſt betrogen! Sie zog mit gerührtem Stöhnen ein großes rothes Taſchentuch hervor, in deſſen innerm, weißen Felde Prinz Carl in ſchwarzer Lithographie zu ſehen war, und fächelte ſich damit, wie mit einem Fächer. Ach, wenn Sie meine Geſchichte kennten, gnädige Fraul ſeufzte ſie dann. Ach, wenn die Geſchichte kommt, rief Frau Wink⸗ ler, dann wird unſer Kaffee ganz kalt. Und übrigens, die Geſchichte kennen wir ja Alle ganz genau! Die gnädige Frau kennt ſie noch nicht, ſagte die Sängerin ſeufzend. Nun, erzählen Sie ſie ihr ein andermal. Sieiſtſo lang. Ich werde ſie kurz erzählen! flötete Madame Al⸗ bratti und nahm majeſtätiſch auf dem dreibeinigen hölzernen Stuhle neben der Hermfeld Platz. Ich werde kurz ſein! Nur das ſollen Sie wiſſen, wie ich, — 28— die einſtige Primadonna aſſoluta, in dieſen Zuſtand der Erniedrigung und des Elends gekommen bin. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich durch ganz Deutſch⸗ land meine Triumphzüge machte, daß man mir über⸗ all entgegenjauchzte und jubelte, daß ich von allen Völkern und Fürſten vergöttert ward, und daß das Glück in einem reichen Geldſtrom überall hin mir folgte. Als ich Deutſchland durchzogen, ging ich nach Italien; in Florenz läutete man bei meinem Einzug mit den Glocken und illuminirte Abends. Ach Gott, es war eine erhabene Zeit! Alle Kämpfe, alle Unei⸗ nigkeiten ſchwiegen, Jeder dachte und ſprach nur von Marietta, der herrlichen Primadonna. Die Leute müſſen geradezu närriſch geweſen ſein! bemerkte Frau Winkler. Nein, nicht die Leute waren es, ſondern ich! ſagte die alte Primadonna mit grunzenden Seufzern. Ich war närriſch, weil ich mich verliebte, verliebte in den ſchönſten und reichſten Fürſten, und ſeine Geliebte ward. Ja, ich war närriſch, weil ich die Bühne ver⸗ ließ und dem ſchönen ungariſchen Fürſten auf ſeine Güter folgte, wo er mich zu heirathen verſprach. Ach, aber was ſind die Schwüre der Männer! Nach einem Jahre waren ſie vergeſſen und der Fürſt an eine ſchöne Prinzeſſin vermählt. Ach, o, der Schmerz er⸗ ſtickt mich noch heute! Die arme Verlaſſene ſank an die Lehne ihres Stuhls zurück und wiſchte ſich mit ihrem rothen Ta⸗ ſchentuch behutſam, um die Malerei ihrer Wangen nicht zu verderben, die Augen, in denen ſie vergeb⸗ lich eine Thräne ſuchte.— So gerührt war ſie, daß ſie gar nicht bemerkte, wie Frau Winkler indeß die Taſſen geordnet, und von dem großen Brode eine hinreichende Anzahl von Stücken abgeſchnitten, di jetzt mit Butter beſtrich. 8 — 29— Hören Sie weiter! ſagte ſie dann nach einer Pauſe, — nach mancherlei Kämpfen und Zwiſtigkeiten ver⸗ ſtieß mich der Barbar trotz des Kindes, das ich unter meinem Herzen trug. Ich ſchwur ihm blutige Rache, nun, ich habe ſie auch gehalten! Ha, ha, ha! Doch das gehört nicht hieher! Von nun an verfolgte mich das Unglück! Ich kehrte zur Bühne zurück, aber eine andere Primadonna hatte ſich die Gunſt des wankel⸗ müthigen Publikums erworben! Man war noch ent⸗ zückt von mir, aber nicht mehr von Sinnen! Endlich nach Jahren heirathete ich den ſchönſten Tänzer! Den⸗ ken Sie mein Unglück, er verſpielte mein Vermögen, mein ganzes Vermögen, und ließ mich endlich hier in Berlin als Wittwe und in der gräßlichſten Noth zurück. Keiner wollte ſich nun über mich erbarmen, ſie ſagten, ich hätte die Stimme verloren! Die Elen⸗ den, als ob eine Sängerin meines Ranges Jemals die Stimme verlieren könnte!— Aber mein Gott, unterbrach ſie ſich hier ſelber, mein Gott, Frau Wink⸗ ler, Sie trinken ja ſchon! Ja, gewiß! Wir dachten, Sie möchten nicht! ſagte die Alte lächelnd. Ich, keinen Kaffee mögen! rief die Sängerin, gen Himmel blickend, und vertiefte ſich nun ſo in den Genuß des Kaffee's, daß ſie für eine Zeitlang min⸗ deſtens verſtummte. Und mit welchem Behagen, mit welcher ſtillen Freude erlabte ſich die Geſellſchaft an dieſem erwär⸗ menden Getränk und an dem Butterbrod, das von Frau Winkler mit ſo viel Freude dargereicht ward. Nie hat ein Reicher größere Befriedigung empfunden über den Appetit ſeiner Gäſte an ſchwelgeriſch be⸗ ſetzter Tafel, wie Frau Winkler empfand, als der Kaffee ausgetrunken, das Brod und die Butter verzehrt waren, und Allebetheuerten, recht von Herzen ſatt zuſein! — 30— O, ſatt, rief ſie, die Hände faltend, was das für ein köſtliches Wort iſt! Es ſcheint mir immer, alle Engelein im Himmel müßten lächeln, wenn ſie hören, wie ein Armer auf Erden ſagt, daß er ſatt ſei! Und wie man dann Gott dankt und ihn liebt, ſagte der alte Weber, wie man voll rechten Mitleidens an die denkt, welche nicht ſatt ſind und hungern und frieren! Ach liebſte Frau Winkler, wie glücklich ſind wir doch vor ſo vielen Andern, und wie müſſen wir Gott danken! Haben wir nicht ein Obdach, das uns ſchützt gegen die Kälte da draußen, haben wir nicht genug, um nicht zu verhungern, und können wir nicht, wenn wir fleißig ſind, ſogar uns ſo viel ver⸗ dienen, daß wir uns eine warme Stube machen können? a, Sie haben Recht, Nachbar, ſagte die Alte, wir ſind glücklich, denn wir entbehren nichts. Wir hun⸗ gern nicht und durſten nicht, und, was das Größte iſt, wir haben Freunde, die uns lieben, und denen wir zuweilen ſogar eine Freude bereiten können. Ja gewiß, wir ſind zu beneiden vor Tauſenden, und wir wollen Gott danken mit freudigem Herzen! Und wie die beiden Alten fromm die Hände fal⸗ teten und leiſe Gebete murmelten, ſchwiegen auch die Kinder, die bis dahin fröhlich mit einander gelacht und geplaudert hatten, und falteten ihre Händchen und dankten Gott für Speiſe und Trank.— Frau Hermfeld aber wandte ſich mit Thränen in den Au⸗ gen zu Louiſen hin und flüſterte: wollen wir nun noch ſagen, Louiſe, daß die Armuth ein Unglück ſei? Sie iſt es nur ſo lange, als wir der Armuth uns nicht hin⸗ geben, als wir uns wehren wollen gegen ihre Herr⸗ ſchaft! Haben wir uns einmal ihr ergeben, dann klei⸗ det ſie uns und wärmt uns, dann ſchützt ſie uns vor Hunger und Kälte, ſo gut wie den Reichen ſein Reich⸗ thum, nur in einfacheren, ſtilleren Formen! — 31— Ja, ſagte Louiſe, Du haſt Recht, Mutter! Wie ru⸗ hig, wie ohne Sorgen und ohne Kampf und Weh ſind wir jetzt, da wir der Armuth uns überlaſſen haben. Sie mag mit uns ſchalten und walten, wir wehren ihr nicht mehr, wir ſind ihre Kinder! Und wenn Ihr's ſo nehmt, dann wird ſie Euch auch eine gute Mutter ſein, ſagte Frau Winkler, die Louiſens Worte gehört hatte. Wer einmal arm iſt, der hat kleine Bedürfniſſe und große Freuden, während der Reiche ſtets nur große Bedürfniſſe und kleine Freuden kennt. Denken Sie, was ein Miniſter den ganzen Tag über ſich plagen, wie er ſtets arbeiten und ſchaffen muß von früh bis in die Nacht, wie er nicht hinaus kann in Gottes Sonne, wenn ſie Tags über ſcheint, weil er arbeiten muß, wie er Abends nicht den Sternenhimmel ſieht, weil er in ſeinen vor⸗ nehmen Geſellſchaften ſein muß! Der iſt nur ein Laſtthier von ſeinem eigenen Glück. Aber wir Armen, wir ſind frei! Uns gehört die Gotteswelt und die Sonne und die Sterne! Wenn wir den Tag zwei oder vier Groſchen verdienen, das iſt genug für uns, davon können wir leben und die übrige Zeit vergnügt ſein und ohne Sorgen! Während die Alten ſo ſprachen und in ernſtem Geſpräch einander ermuthigten und aufheiterten, träl⸗ lerte die alte Primadonna leiſe eine ihrer alten Bra⸗ vour⸗Arien, und die Kinder kauerten, dicht aneinan⸗ der gedrängt, in der warmen Ecke hinter dem Ofen. Wie war es ſo traulich da, und ſo lieb, und mit wie glücklichen Geſichtern lauſchten die beiden kleinen Mädchen und der arme, ſchielende, glotzäugige Lude den Worten Amintha's, die in ihrer bleichen, ätheri⸗ ſchen Schönheit dem armen Lude wie ein Lichtengel erſchien. Und was Alles wußte Amintha nicht den Kindern zu erzählen von Feen und Göttern, wie bald — 32— erweiterte ſich nicht vor ihren entzückten Blicken dieſe kleine niedrige und ärmliche Kammer zu einem glän⸗ zenden, von viel tauſend Kerzen ſtrahlenden Saal, in dem goldene Ritter und gläuzende Königinnen auf und nieder wallten, in dem Muſik ertönte und jauch⸗ zende Luſt, und in dem ſie aller Freuden und Won⸗ nen des Lebens genoſſen! Und weiter erzählte Amin⸗ tha von dem reichen, ſtrahlenden Prinzen mit dem Engelsangeſicht, der das arme Bettlerklind liebte und es zu ſeiner Königin erhob, und da weinten die Mädchen vor Freude und Lude ſchnitt fürchterliche Geſichter, um ſeine Rührung zu verbergen, und Amintha's eigene Wangen färbten ſich mit einem röthlichen Hauch und ihre Augen ſtrahlten in überir⸗ diſchem Glanze. 84 Aber wie ſchön das Kind iſt, ſagte Louiſe unwill⸗ kührlich, auf Amintha deutend. 4 Nicht wahr, ſie iſt ſchön! rief ihre Mutter. Ja, ſie wird ein Wunder an Schönheit werden, und die reich⸗ ſten Herren werden ihr zu Füßen liegen! Schämen Sie ſich, Madame, daß Sie das ſagen können, ſchalt Frau Winkler leiſe. Sie vergiſten ſchon vor der Zeit die Seele Ihrer Tochter und ma⸗ chen es den jungen Herren nachher leicht, ſie zu ver⸗ führen. Ach was verführen, brummte Madame Albratti. Wenn ſie einen reichen Liebhaber bekommt, ſo iſt das keine Verführung, ſondern ein Glück, um das ich täg⸗ lich Gott bitte, und das meine einzigſte Hoffnung für die Zukunft iſt. Amintha ſoll und muß die erſte Tän⸗ zerin Europa's werden, und wenn die undankbare Welt mir Triumphe verſagt, ſo ſollen ſie doch meiner Toch⸗ ter in reichem Maaße zu Theil werden. Sie haben alſo Ihre Tochter für die Bühne be⸗ ſtimmt? fragte Frau Hermfeld. S 3 — 33— Natürlich! Wozu könnte meine Tochter anders beſtimmt ſein, als zur Bühne. Und da ich kein Geld habe, ſie zur Sängerin zu bilden, ſo muß ſie Tänzerin werden. Und ſie iſt ſchon jetzt eine recht hübſche Büh⸗ naenerſcheinung. Gott ſei Dank, ſie iſt ſo klein und . lichkeit und Güte dieſ ſchmächtig, daß ſie noch immer die Kinder⸗ und Ge⸗ nienrollen ſpielen kann, obwohl ſie ſchon faſt dreizehn Jahr alt iſt, und damit verdient ſie ein hübſches Stück Geld. Aber das Alles gebraucht ſie auch für ſich ſelbſt, denn ſie muß immer hübſch ſauber und geputzt ſein, damit ſie die vornehmen Damen beſuchen kann, die ihr immer etwas ſchenken. Armes Kind, ſeufzte Frau Winkler, ſie wird ſo dreſſirt, daß ſie jeden Menſchen lieben muß, und muß wie'n kleiner Hund immer in Liebe apportiren. Amintha erzählte noch immer mit fliegendem Athem und ſtrahlenden Augen den lauſchenden Kindern von dem ſchönen Königsſohn und der armen Bettlerin, als ihrer Mutter Ruf ſie erweckte aus all ihren Träumen und Phantaſieen, und ſie, leiſe erbebend, den Prinzen und den goldenen Pallaſt vor ihren Augen verſchwe⸗ ben ſah. Da war wieder die dunkle Kammer der guten Frau Winkler, da war ihre Mutter, die ſie mit ſchreien⸗ der Stimme zu ſich heran rief— Amintha ſenkte ihr Köpfchen, wie eine gebrochene Roſenknospe, und ging zu ihrer Mutter. Amintha, tanz uns einmal die Polka vor, ſagte ihre Mutter gebieteriſch. ch ja, die Polka! Das Kind hatte ſie ſeit Wo⸗ chen und Monaten täglich getanzt, wohin ſie kam, bei all den lächelnden, freundlichen vornehmen Damen, die ſie beſuchte, die ihr Nahrung und Kleidung gaben, mußte Amintha die Polka tanzen. Das war der trau⸗ rige Tribut, den ſie entrichten mußte für die Freund⸗ er vornehmen Damen, die ſich 3 — 34— mit ihr ſchmückten, wie mit einer Roſe, um dadurch ihre Herzensſchönheit noch glänzender zu machen. Die Polka, das war ſeit Monaten die Beſchäftigung, mit der Amintha's Unterrichtsſtunden ausgefüllt wur⸗ den, und des Kindes zarte Geſtalt erbebte ſchon, ſo oft ſie nur die Melodie dieſes ſie ſtets verfolgenden Tan⸗ zes hörte. Ach, Mutter, ſagte ſie leiſe, warum ſoll ich tanzen? Wir waren ſo vergnügt mit einander! Ach tanze uns etwas vor, bitte, bitte, riefen die kleinen Mädchen. Wenn Ihr's gerne habt, will ich's, ſagte Amintha freundlich. Aber es fehlt ja die Muſik? Die werde ich machen, ſchrie ihre Mutter entzückt, und ſogleich begann ſie mit ſchriller, ohrenzerreißender Stimme die Weiſe der Polka zu ſingen. 1 Amintha grüßte mit lächelndem Blick, und dann begann ſie den Tanz. Leicht und neckiſch, anmuthig und kunſtvoll tanzte das Kind, aber das war nicht mehr der Tanz eines Kindes, es war ein ſelbſtbewuß⸗ tes, gereiftes Mädchen mit einem coquetten Lächeln, die bald ſtolz oder übermüthig, bald bittend oder lockend blickte, die dem ungeſehenen Liebhaber freundlich winkte, oder ihn heroiſch von ſich ſtieß.— Und fort und fort ſang die Alte die luſtige Melodie der Polka, tanzte das Kind und ſchauten die Andern ihr zu, als die Thür ſich öffnete, und anfangs von Allen unbemerkt, ein Mann mit ſtrengem, ernſtem Geſicht, in ſchwarzem Gewande und mit fromm geſcheiteltem Haar auf der Schwelle erſchien.— Einen Augenblic ſchaute er wie erſtarrt auf das Bild vor ihm, auf dieſe ärmliche Kammer, dieſes tanzende zierlich geklei⸗ dete Kind und die aufmerkſamen Zuſchauer. Dan erhob er, wie beſchwörend, die Arme gen Himt rief: Der Zorn Gottes komme über Euch, Ih — 35— verlaſſenen. Was, Ihr Sündenkinder, habt Ihr Euch denn Alle dem Teufel verſchrieben? Iſt denn dies ein Haus der Sünde und nicht ein Haus der Arbeit und Noth? Statt zu arbeiten und Euch zerknirſcht an Eure ſündige Bruſt zu ſchlagen, ſtatt Euch zu kaſteien und zu demathigen, ſchwelgt Ihr in müßiggängeriſcher Faulheit und ſtehlt dem Höchſten Euren Tag abl O wehe über Euch, wehe! Schrecken und Erſtaunen hatte anfangs Alle ſprach⸗ los gemacht. Die Primadonna hatte zu ſingen auf⸗ gehört, und Amintha war mit hochathmender Bruſt und fliegender Röthe auf ihren Wangen auf einen Stuhl geſunken.— Jetzt aber hatte ſich Frau Winkler von ihrem Schreck erholt, und ſich aufrichtend, ging ſie gemeſſenen Schrittes dem Eiferer entgegen. Was will der Herr von mir? fragte ſie faſt ſtreng. Und was bedeuten dieſe Schimpfworte? Biſt Du noch übermüthig, elende Creatur! rief der Fremde, die Augen verdrehend. Wiſſe denn, ein Diener des Herrn ſteht vor Dir, den Gott berufen hat, Dich aus dem Sündenpfuhl zu erwecken und Dich aufzurufen zur Reue und Buße! Ich habe nichts zu bereuen, ſagte die Alte, und wenn ich es hätte, ſo geht's Sie nichts an! Sind Sie unſer Prediger etwa? Ein Prediger hat überall das Recht zu erſcheinen, keine Thür darf ihm verſchloſſen ſein, und wohin er will, darf er den Segen der Kirche bringen! . en Segen, aber Sie bringen uns den Fluch, ſagte Frau Winkler, Sie ſchelten uns arge Sünder und drohen uns mit dem Zorne Gottes! Und der wird Euch treffen, Ihr Gottverfluchten, ſchrie der fromme Mann. Der muß Euch treffen, denn Ihr ſeid arge Sünder. Wer ſagt Ihnen das, Herr, rief jetzt der alte We⸗ 3 2— ber Sommer, und was kommen Sie her, uns in un⸗ ſerer Ruhe zu ſtören? Eine ſchöne Ruhe das, höhnte der Prediger. Ihr arbeitet nicht, Ihr betet nicht, ſondern ergebt Euch frecher Sinnenluſt. Iſt es nicht im ganzen Hauſe bekannt, daß weder die Frau Winkler, nochauch der Weber Sommer mit ſeinen Söhnen jemals die Kirche beſuchen, dieſer Tochter der Sünde, dieſer Prieſterin des Teufels da gar nicht zu gedenken? Haben mir das nicht alle die Frommen und Gottgefälligen, die ich täglich mit göttlichem Troſtſpruch erquicke, geklagt? Deshalb, obwohl es hier nicht meines Amtes iſt, bin ich gekommen, Euch zur Einkehr, zur Zerknirſchuug zu ermahnen, damit Ihr den Frommen kein Aerger⸗ niß gebt! Ach, Sie ſind alſo der fromme Herr Gotthold, ſagte Frau Winkler, der fromme Herr, der die Leute von der Arbeit abhält und ſie täglich zu Betſtunden verſammelt, wo ſie dem lieben Gott die Zeit weg⸗ ſtehlen mit nichtsthueriſchen Gebeten, und es lernen, ſich ſelber ſo tugendreich und erhaben zu dünken, und die zu verachten, die nicht beten und flennen, wie ſie! Schweig, Sünderin, donnerte Gotthold, damit nicht Gottes Zorn Dich augenblicklich zerſchmettere. Gehe in Dich und thue Buße! Du aber, Tochter der Sünde nnd des Teufels, wandte er ſich dann an Amintha's Mutter, Du wirſt dereinſt im hölliſchen Feuer brennen, weil Du Dein Kind dem Teufel ver⸗ kauft haſt! Die Alte wollte antworten, als ſich Lude heftig vordrängte und rief: Ih, ſehn Sie mal! Wollen Sie nich gar beweiſen, daß wir Alle ſchon lebendige Teu⸗ felsbraten ſein? Und was ſeind Sie denn vor Ein he? Sie denken wol, ick kenne Sie nicht? O, n jo nicht! Ick kenne Sie! Sie ſeind der ſaube — 37— der mich ihn erſt die Droſchke aufmachen heißt, wobei ick mir den Finger uſſchlitze, und der denn, wenn ick ihn vor meinen blutigen Finger um'nen Groſchen bitte, mich ausſchimpft vor'n Rumtreiber und die Gensd'armen rufen will? Iſt das nu chriſtlich, hören Sie mald Brauchen Sie'nen Jungen, der ſich's ſauer werden läßt und'nen ganzen Tag Straß auf, Straß ab läuft, um ſich vor ſeinen alten Vater'nen Gro⸗ ſchen zu verdienen, brauchen Sie den'nen Rumtrei⸗ ber etwa zu ſchelten? Und Sie, Sie ſollten man ſolch Wort gar nicht in Ihren heiligen Mund nehmen, Sie Mäßigkeitsvereiner müßten gar nicht von'n Rum⸗ treiber ſprechen, des is unheilig, Sie frommer Mann! Und übrigens fürchte ick, daß Sie ſelber'nen Rum⸗ treiber ſind, denn wie ſo kämen Sie ſonſt hieher, wo Sie Keiner nicht gerufen hat? Oder meinen Sie etwa, daß mein Finger in den letzten Zügen liegt und nicht in'n Himmel kommen kann, wenn Sie ihm nicht den Silbergroſchen geben, den Sie ihm ſchuldig ſind? Hier brach Frau Winkler in ein ſo fröhliches Ge⸗ lächter aus, daß es unwiderſtehlich die Andern mit ſortriß, und die dunkeln Wände wiederhallten vom lauten Lachen der fröhlichen Geſellſchaft. Der Prediger maß Alle mit einem geringſchätzen⸗ den Blick ſtummer Verachtung und verließ das Zim⸗ mer, deſſen Thür er hinter ſich in's Schloß warf. Draußen auf dem Gange blieb er einen Augen⸗ blick ſtehen, um ſich zu ſammeln, und ſein Geſicht in die gewohnten heiligen Falten zu bringen. Da fiel ſein Blick auf das Schild an der Thür gegenüber, und mit Erſtaunen las er: Frau von Hermfeld, ge⸗ borne von Elsleben. Das iſt eine köſtliche Entdeckung, ſagte er dann, ſich vergnügt die Hände reibend. Das muß ich — 38— doch ſofort der Baronin ſagen! O, die wird ſich ärgern! Und mit einem Lachen der Zufriedenheit verließ der fromme Mann die Familienhäuſer und wandelte raſchen Schrittes dem Thore zu. Auch die Geſellſchaft der Frau Winkler trennte ſich jetzt bald, und, als ſie in ihr Zimmer traten, ſagte Frau Hermfeld zu ihrer Tochter: nun, Louiſe, beginnt die Schlacht! Dieſer Herr Gotthold iſt der vertraute Freund meiner Schwägerin, und von ihm wird ſie unſere jetzige Wohnung erfahren. Mag ſie es! Mein Entſchluß iſt unwiderruflich. Nie wieder verlaſſe ich dieſes Haus! Und dieſes arme Weib da drüben mit ihrem ſchmutzigen Gewerbe und ihrem armen Leben, ſie ſoll meine Lehrerin ſein in der Freu⸗ digkeit der Armuth! Der chriſtliche Freund. Die Baronin Elsleben war in ihrem Salon, der ſchon in ſeinem Arrangement ganz den Character und die Sinnesrichtung der Dame vom Hauſe bekun⸗ dete. Etwas Düſteres, Steifes lag über dieſem gro⸗ ßen weiten Raume, deſſen Fenſter, von violetten, ſei⸗ denen Gardinen halb verhüllt, nur ein ſpärliches, gebrochenes Licht eindringen ließen. In ſchweren Goldrahmen hingen Gemälde, Heilige und Märtyrer darſtellend, an den dunkeln Wänden, dazwiſchen ein marmornes Crucifix von vortrefflicher Arbeit, und dieſem gegenüber ſtand das reichsfreiherrliche Wappen der Elsleben, aus buntem Glaſe kunſtvoll zuſammen⸗ geſetzt, als eine Art Kaminſchirm, von ſo ungeheurer, ler Größe, daß er gewiſſermaßen, eine ſpaniſche ildend, den Salon in zwei Theile ſchied, von en man den einen den weltlichen, den andern den igiöſen Theil nennen mochte. Der größere welt⸗ ſche Theil war der Geſellſchaft und dem Leben ge⸗ weiht. Dort ſtand der prachtvoll verzierte engliſche Flügel, neben welchem eine Erard'ſche Harfe lehnte, ſchwere, hohe Lehnſeſſel umſtanden den in der Mitte — 10— des Gemaches befindlichen runden Tiſch, auf dem Bücher und Kupferſtiche bunt durcheinander lagen. Spiegel in reichvergoldeten Nahmen zierten die Fen⸗ ſterpfeiler, und auf den Marmortiſchen ſtanden in zierlichſter Ordnung die niedlichen und koſtbaren Klei⸗ nigkeiten, wie die Mode ſie erheiſcht, und welche eben ſo ſehr die Freude der Dame vom Hauſe, als die Verzweiflung der ordnenden und aufräumenden Kam⸗ merzofe zu ſein pflegen. Dazwiſchen nahmen ſich die Heiligen und Märtyrer in ihren blutbeſpritzten Ge⸗ wändern, mit ihren verzerrten bleichen Leidensgeſich⸗ tern, gar ſeltſam aus, und das Ganze erzeugte ein gewiſſes fröſtelndes Unbehagen, das unwillkürlich Je⸗ den überfiel, der dieſen Theil des Salons betrat. Es fehlte die Behaglichkeit, man fühlte ſich nicht heimiſch in dieſem prachtvoll geſchmückten düſtern Salon, den die Heiligenbilder ſo ernſt machten, und in dem das coloſſale adliche Wappen ſo ſtolz und dominirend eine Grenze zog. Wie ganz anders aber war es in dem zweiten Theile des Salons, hinter dieſem großen Wappenſchilde. Hier war Alles Behaglichkeit und Wohnlichkeit, und die Religion ſelber ſchien dazu bei⸗ tragen zu müſſen, dieſen Theil des Salons anmuthig und ſchön zu machen. Bequeme, weiche Polſter, in der Form alter Kirchenſtühle, ſtanden an den Wän⸗ den umher, und in ihrer Mitte erhob ſich ein reicher, kunſtvoll gearbeiteter Altar, der zugleich dem Kami als Verkleidung diente und auf dem in For Monſtranzen kleine Kaminfächer von ſchönſte arbeit lagen. Weiterhin an der Wand war ei tenkopf angebracht, umgeben von den ſeltenſten tiken Waffen, und von der Decke hernieder ſchwe an goldenen Ketten eine ſilberne Taube, die Abe als Ampel dieſen heiligen, koketten Raum erleuchte Auf dem, in einer Niſche angebrachten, von blühen. — 41— den Treibhauspflanzen umrankten Divan ſaß die Ba⸗ ronin Elsleben, und in ihrer einfachen, würdigen, aber kleidſamen Toilette erſchien ſie ganz als die ge⸗ eignete Heilige, der man in dieſem Raume Verehrung zollte. Eine einfache Spitzenhaube umſchloß ihr Ant⸗ litz, das, obwohl das Alter ſchon leiſe begonnen, ſeine Furchen durch daſſelbe zu ziehen, dennoch die einſtige hohe Schönheit der Baronin verrieth. Ihre dunklen ſchwarzen Augen ſtrahlten noch in allem Glanze des Jugendfeuers, und ihre Lippen hatten ſich noch ihre Friſche und ein reizendes verlockendes Lächeln bewahrt, auch ihre Geſtalt war noch immer ſchön zu nennen. Aber die Baronin kannte dieſe Macht ihrer Perſön⸗ lichkeit ſehr wohl, und oft genug hatte ſie dieſe klug zu benutzen gewußt zur Erreichung irgend eines from⸗ men, heiligen Zweckes. Auch heute ſchien ihr Blick beſonders glänzend, das Lächeln ihres Mundes be⸗ ſonders reizend, und es lag etwas ſüß Verlockendes, Verführeriſches in der Art, wie ſie ſich dem Pre⸗ diger Gotthold zuneigte, der neben ihr auf dem Di⸗ van ſaß. Sie glaubeu alſo, daß es mir gelingen könnte, dieſe Stelle zu erlangen? fragte die Baronin und legte ihre ſchmale weiße Hand auf die Schulter ihres Nachbars. Dieſer ſchien unwillkührlich zuſammen zu zucken un⸗ ter dieſer leichten Berührung, und ſein bleiches, ern⸗ ſtes Geſicht überzog ſich mit einer fliegenden Pur⸗ purröthe. Was in meinen Kräften ſteht, ſagte er mit leiſe 4 Klternder Stimme, werde ich thun, um Sie, Frau 42 Krenin, als Präſidentin dieſes Vereines begrüßen zu können. Und wenn Sie es wollen, rief die Baronin mit ſchmeichelndem Ton, dann bin ich gewiß, daß mein — 42— Wunſch erfüllt wird. Man kennt ja Ihre Gewalt über die hohe Frau, von deren Entſcheidung dieſe Wahl abhängt, man weiß ja, wie mächtig Sie in dieſen Kreiſen ſind, welche die Macht und Gewalt in Händen haben, Das, was ſie als das Rechte und Nö⸗ thige erkannten, auch zur Ausführung zu bringen. O, theuerſter Mann, wie danke ich Ihnen, daß Sie mich, das arme, unwiſſendſte Schäflein dieſer from⸗ men Heerde, einer ſo hohen Berufung würdig halten. Und es iſt mir, fuhr ſie fort und neigte ſich näher ihrem Geſellſchafter zu, es iſt mir ja nicht um äußere Ehren zu thun. O Sie wiſſen es, wie ſehr mein Herz dieſen äußern Prunk und Schimmer und dieſe Ehren der Welt verachtet. Aber meine Seele ſehnt ſich nach Thätigkeit und Wirkſamkeit, ich fühle mich mit meinem ganzen Daſein gedrängt, der Menſchheit mich zu weihen mit dem Beſten und Höchſten, was in mir iſt, und wie könnte ich das beſſer, edler, als in einer Stellung, die mich beruft, für Die zu ſor⸗ gen, Denen die Hand zu reichen, welche noch in der Finſterniß wandeln, und Derer mich zu erbarmen, die noch nicht erleuchtet ſind von dem Lichte göttlicher Wahrheit. 3 Wie ſchön Sie ſind in dieſem edlen Eifer, ſagte der fromme Mann und betrachtete die Baronin mit entzückten Blicken. Das iſt die Wirkung des Schönen und Edlen, was unſere Seele bewegt, daß es auch die unſchöne Form zu geiſtiger Schönheit verklärt, ſagte die Baro⸗ nin, beſcheiden die Augen niederſchlagend. O Sie läſtern Sich, und Sie läſtern Gott, der Sie ſo ſchön geſchaffen, rief Gotthold in leidenſchaft⸗ lichem Ton, und dann, ſich ſchnell ſammelnd, ſetzte er ruhig hinzu: das ja nicht heißt Gott lieben, daß man ſeine Werke ſchmält und verkleinert, was er ſo — 43— ſchön geſchaffen. Die höchſte Gottesfurcht heiſcht auch die höchſte Wahrhaftigkeit, und wie wir die Sonne preiſen, wenn ſie über den Höhen leuchtet, als ein Werk des allliebenden Gottes, ſo haben wir auch die Schönheit des menſchlichen Antlitzes zu preiſen, als eine Gabe und eine That des Höchſten, den wir überall in feinen Werken ſollen anbeten und ver⸗ ehren. Und heißt das nicht, der Eitelkeit Thor und Thür öffnen? fragte die Baronin mit einem feinen Lächeln. Die wahre Frömmigkeit giebt auch die wahre De⸗ muth, und ſolche irdiſche Eitelkeit gehet unter in der Begeiſterung für Gott und ſeine Herrlichkeit. Wie ſchön, wie erhaben Ihre Worte ſind, ſeufzte die Baronin, die Augen gen Himmel wendend. O, theurer Mann, verlaſſen Sie mich nur niemals, und gönnen Sie mir den Beiſtand und Rath Ihres edlen, erhabenen Geiſtes. Denn das erkenne ich als eine beſondere Gnade des Höchſten, daß er mich Sie fin⸗ den und erkennen ließ, und daß es mir vergönnt iſt, Ihren heiligen, troſtreichen Worten zu lauſchen. So rechne ich auch in dieſer neuen Phaſe meines Lebens ganz auf Sie und Ihren wichtigen Schutz. Ihre Menſchenkenntniß, Ihre Weisheit, das ſind die Stützen, die mich bewahren und erheben werden, und denen allein ich vertraue. 1 Sobald Sie mein bedürfen, werde ich an Ihrer Seite ſein. Dann dürfen Sie mich niemals verlaſſen, rief die Baronin emphatiſch. Aber, fuhr ſie gleichſam beſchämt fort, wie egoiſtiſch ich bin, nur an mich zu denken, während Tauſende, gleich mir, nach Ihrem Rathe, nach Ihrem Beiſtand ſeufzen. Jeden Morgen bin ich bei Ihnen, ſagte Gotthold, und ſo oft Sie meiner bedürfen, komme ich. 4= Er war aufgeſtanden und ſchickte ſich an, zu ge⸗ hen. Aber die Baronin hielt ihn zurück. Ehe Sie mich verlaſſen, theurer Freund, ſagte ſie, muß ich Sie bitten, mir noch einmal ganz genau und deutlich den Plan zu entwickeln, nach welchem der neue Verein, deſſen Präſidentin ich ſein werde, ſich feſtſtellen ſoll. Sie können denken, daß mir auch nicht die kleinſte Nuance dieſes herrlichen Plans fremd ſein darf, und daß ich ihn ganz genau kennen muß, um ihn meine ganze Seele, mein ganzes Daſein durchdringen zu laſſen. Ich werde Ihnen noch einmal vorleſen, was ich darüber aufgeſetzt habe, ſagte der Freund, und zog aus ſeiner Bruſttaſche einige beſchriebene Blätter hervor. O herrlich, herrlich, ſagte die Baronin, und nahm wieder auf dem Divan Platz, während der Prediger ſich mehr dem Fenſter näherte und mit lauter, kräch⸗ zender Stimme las: „Die Welt liegt im Argen und der Teufel hat Gewalt über ſie. Die Welt iſt ein Sündenhaus, in dem das Laſter ſeine Triumphe feiert und die Tugend betteln geht. Zur Strafe der Menſchheit hat Gott dieſe Welt geſchaffen, und er verlockt ſie in derſelben durch Genüſſe und berauſchende Schönheit jeglicher Art, um ſie zu prüfen, ob ſie einſt vor ihm beſtehen wird in der Entſagung. Darum hat uns Gott auch Sinne gegeben, welche der eigentliche Teufel ſind, der uns zur Sünde verführt, und die uns dem Thiere gleich machen, wenn wir ihre Macht nicht ertödten. So iſt Alles, was ſchön iſt und lieblich anzuſchauen auf Erden, nur ein Marterwerkzeug dieſer großen Folter des irdiſchen Daſeins, und mit ihnen will Gott erprüfen, ob wir ſchuldig ſind und nicht vermögen der irdiſchen Luſt zu widerſtehen, oder ob wir edel — 45— und großdenkend genug ſind, dieſe Verlockungen zu verachten, die Welt zu verwünſchen und unſere Ge⸗ danken allein auf Gott und das ewige höhere Leben zu richten. Aber nur Wenige ſind es, die dieſen Zweck der Welt erkannt haben. Die Meiſten gehen dahin in der Dummheit und huldigen dem thörichten Wahne, es habe Gott die Welt ſo ſchön geſchaffen, damit der Menſch ihrer froh ſein möchte; er habe uns Sinne gegeben, damit wir uns ihrer freuen, ein Herz, damit wir es den Verlockungen irdiſcher Liebe erge⸗ ben; er habe uns den Leib und das Leben gegeben, damit wir Beider genießen möchten; er habe die Welt geſchaffen, nicht als einen Ort der Buße, ſondern als ein Haus der Freude und Luſt.— Wenige, ſage ich, ſind es, die erkannt haben, daß die Welt eine Art Strafanſtalt iſt, und die Menſchen die Sträflinge, die Gott beſſern will mit den Ruthenſtreichen des Lebens, Wenige, die fühlen, daß nur in der Zerknirſchung und Kaſteiung allein die Verehrung zu ſuchen iſt, welche Gott wohlgefällig ſein kann. Dieſe Wenigen aber ſind berufen, die Zuchtmeiſter in dieſem Zucht⸗ hauſe der Welt zu ſein, und die Sträflinge zur Reue und Zerknirſchung im Herrn zu bringen. Deshalb wollen dieſe wenigen, von dem Herrn Berufenen, ſich zu einem Vereine ſammeln, damit in gemein⸗ ſamem Wirken und durch gegenſeitiges Mittheilen das große Werk der Buße und Beſſerung gefördert werde. Der Zweck des Vereines iſt, die ſündige Menſchheit zur Erkenntniß ihrer Sündhaftigkeit und zu dem Ge⸗ fühl zu bringen, daß die Welt nichts iſt, als ein Zucht⸗ haus, und zu dieſem Zwecke darf kein Mittel unver⸗ ſucht bleiben. So wie die Welt lockt zur Sünde, ſo ſollen die Berufenen locken zur Buße, damit ſich zu ihnen wenden die Sünder und ſie ihrer habhaft wer⸗ den im Geiſte. Die Bekehrung der Sünder, das alſo = 46— iſt der Zweck dieſes Vereines, und um dieſen Zweck zu erreichen iſt es nöthig, den Sündern ſich zu nä⸗ hern, ihre Seelen zu erprüfen, ihre Verhältniſſe zu kennen, ihre geheimſten Gedanken zu erforſchen. Der Verein wird daher aus Menſchen jeden Standes und Alters beſtehen, und wie die dienenden Schweſtern und Brüder berufen ſind die Familien zu erforſchen und das Leben und Treiben derſelben den Vorſtehern des Vereins genau darzulegen, ſo ſind die durch Schönheit und Geiſt ausgezeichneten Weiber und Mädchen dazu auserſehen, kein Mittel unverſucht zu laſſen, die Sünder zu ſich heran zu locken und dann ſie zur Buße zu bekehren und zur Zerknirſchung ſie zu erweichen. Der Verein wird ſich nennen:„Der Verein der Berufenen,“ und allwöchentlich werden in dem Hauſe der Präſidentin zwei Zuſammenkünfte deſſelben ſtattfinden, in denen die Mitglieder ſich ihre Erlebniſſe und Erfahrungen mittheilen und ſich über neue geeignete Mittel berathen, dieſen Erfahrungen gemäß ſich der Seele der Sünder zu bemächtigen, durch welche Mittel und Verlockungen immer es auch ſei. Sodann wird man ſich auch vereinigen zu from⸗ men Bußübungen und Kaſteiungen, denn in der Er⸗ tödtung des Leibes allein wurzelt das höhere Leben der Seele.“ O wie herrlich, wie erhaben, rief, nachdem Gott⸗ hold geendet, die Baronin, und drückte ihr Taſchen⸗ tuch an die überſtrömenden Augen, während ſie zu⸗ gleich damit ein unwillkührliches Gähnen geſchickt ge⸗ nug verbarg. Nur Eins iſt mir, während Sie laſen, ſchwer auf die Seele gefallen. Wie kann ich die Pflichten meines erwählten Berufes mit denen einer ſorgenden Mutter vereinen? Wie darf ich, die durch Sie zur Erkenntniß Gelangte, meine Tochter, meine eigene, geliebte Tochter ferne halten von dem rechten 3 1 47— Glauben, und ſie in Sünde und Unglauben dahin⸗ leben laſſen? Iſt es nicht meine Pflicht, ſie zunächſt zum wahren Glauben, zur rechten Erkenntniß Gottes zu bekehren und ſie dieſem katholiſchen Irrwahne zu entreißen? Gotthold wandte ſich haſtig nach ihr um und ſagte faſt erſchreckt: Und vergeſſen Sie, welche Folgen eine ſolche Bekehrung für Sie haben würde? Es iſt wahr, ich würde, dem Teſtament zufolge, das bedeutende Vermögen, welches mir mein Gemahl hinterlaſſen, verlieren, aber was ſind mir alle Beſitz⸗ thümer der Welt gegen das Gefühl, mein Kind dem falſchen Wahne entriſſen und ſie dem rechten Glauben zugeführt zu haben! Der Prediger ſchwieg einen Augenblick und ſeine Stirn zog ſich in ernſte Falten, während er ſeine Lippen feſt und unwillig zuſammenpreßte. Die Ba⸗ ronin betrachtete ihn ſeitwärts mit ſtechenden und prü⸗ fenden Blicken, als er aber das Auge auf ſie heftete, nahm ihr Antlitz ſchnell wieder den Ausdruck frommer Demuth an. Es giebt Fälle, theuerſte Baronin, ſagte der fromme Mann, Fälle, in denen die heiligſte Ueberzeugung der höhern Nothwendigkeit weichen muß, und wo es Pflicht iſt, ſeinem eigenen Gewiſſen zuwider, anſchei⸗ nend auf dem Pfade der Sünde zu wandeln. In ſolchem Falle ſind Sie! Wohl muß es Ihr mütter⸗ liches Herz betrüben, Ihr einziges Kind im Unglau⸗ ben dahingehen zu ſehen, aber dadurch will der Herr Sie ſtrafen, daß Sie immer freudiger und zerknirſch⸗ ter ſich zu ihm wenden und ſich um ſo mehr ihm er⸗ geben, je mehr ſich ihre Tochter vom rechten Glauben abgewendet. Bedenken Sie aber, welche entſetzliche Folgen es haben müßte, wenn Sie Ihre Emmy zu der Unſern machten. Nicht allein, daß Sie ſelber in 2 48— Armuth und Noth geriethen, ſondern Sie würden auch Hunderten armer Familien den Schutz und die irdiſche Hülfe entziehen müſſen, die Sie ihnen jetzt in ſo reichlichem Maaße ſchenken. Sie würden die⸗ ſes glänzende Vermögen, das Sie jetzt benutzen zum Segen der Armuth und Noth, Sie würden es als⸗ dann verlieren, um es entfernten Verwandten zuzu⸗ führen, die vielleicht, dadurch geblendet, ſich ganz der Welt und der Sinnenluſt in tollem Jubel übergeben möchten, und ſo würden Viele verloren gehen, wäh⸗ rend jetzt nur Eine Seele auf dem falſchen Pfade wandelt, auf dem vielleicht ſie nicht einmal verloren geht, denn viele Wege ſind es, die zu Gott führen. Sie ſind alſo der Meinung, daß— Daß Sie Ihre Tochter durch alle Mittel, die Ihnen zu Gebote ſtehen, in ihrem Glauben beſtärken und, wäre es nöthig, ſelbſt mit Gewalt zwingen müſſen, der katholiſchen Religion getreu zu bleiben. Noch iſt ſie es, ſagte die Baronin, und kein Tag vergeht, ohne daß ſie in der Kapelle ihrem Beicht⸗ vater beichtet. Ach, dieſer Beichtvater, ſagte der Prediger mit leiſem Lächeln. Wiſſen Sie, Baronin, daß, unter an⸗ dern Umſtänden, mir dieſer junge Beichtvater gefähr⸗ lich erſcheinen würde? Er iſt ſehr jung, und ich glaube an den Blicken, mit denen er Ihre Tochter betrachtet, bemerkt zu haben, daß er nicht unempfindlich iſt gegen die Schönheit und Lieblichkeit des Fräuleins. Bah, ſagte die Baronin in wegwerfendem Ton, er iſt der Sohn meines Gärtners und ganz sans consequence! Auch Fräulein Emmy ſcheint ihm ſehr gewogen, ſagte Gotthold mit liſtigem Lächeln. Sie wiſſen, ſagte die Baronin in etwas ſtrengem Ton, Sie wiſſen, daß meine Tochter verlobt iſt, und — 49— ich hoffe, daß in der Liebe zu ihrem Verlobten meine Emmy ein ſicheres Schutzmittel findet gegen jegliche Verſuchung. Das Herz des Menſchen iſt oft ſo wunderlich! ſagte Gotthold, und da wir gerade vom Herzen ſpre⸗ chen, muß ich Ihnen, meiner theuerſten Gönnerin, noch anzeigen, daß ich morgen im Herrn in den Stand der heiligen Ehe treten werde! O, ſo bald ſchon, rief die Baronin überraſcht. Und Ihre Braut, wie heißt ſie? Amalie Linz, ein ſtilles gutes Kind von achtzehn Jahren, arm und unbemittelt. Aber ſchön, nicht wahr? Das weiß ich nicht, ſagte Gotthold mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. Ich habe niemals auf ihr Ant⸗ litz, ſondern nur auf ihr Herz geſehen. Die Baronin lächelte verſtohlen und wünſchte Gott⸗ hold Glück zum morgenden Feiertag. Noch Eins! ſagte dieſer, als er ſich ſchon mit ſtil⸗ lem, geräuſchloſem Schritt der Thüre zugewandt hatte. Noch Eins! Ihre Frau Schwägerin, die Frau von Hermfeld, wohnt in den Familienhäuſern. Er verneigte ſich tief und verließ ſchnell das Zimmer. Abſcheulich! flüſterte die Baronin. Welch ein Af⸗ front! Wie darf ſie es wagen, mich ſo zu beſchimpfen! Doch Geduld! Geduld! Ich werde ſie aufſuchen! Sie muß dies Haus verlaſſen!. Aber die fromme Baronin hatte jetzt nicht Zeit, wei⸗ ter über das eben Gehörte nachzudenken, denn die Kam⸗ merfrau kam, um ſie daran zu erinnern, daß es ſchon ſpät ſei und die Frau Baronin Toilette machen müſſe. Das war eine Mahnung, die an der Dame nicht achtlos vorüber ging, und ſie folgte daher ihrer fromm blickenden Kammerfrau in das Toilettenzimmer. 4 — 50— Als ihre Toilette beendet war, trat die Baronin zu dem großen Spiegel, dem Crucifix gegenüber, und ſchaute lange und prüfend hinein. Anfangs waren ihre Züge ſtrenge, aber ſie wurden immer milder, und zuletzt ſagte ſie mit einem behaglichen Lächeln: ich denke, ich kann zufrieden ſein! Meine achtunddrei⸗ ßig Jahre drücken nicht allzuſchwer auf mir, und manche Frau von achtundzwanzig Jahren möchte mich beneiden um mein friſches Angeſicht! Wenn nur meine Tochter nicht wäre! Es iſt ſehr unangenehm, eine hei⸗ rathsfähige Tochter zu haben! Allerdings, das ließ ſich nicht ableugnen. Emmy, der Baronin Tochter, war heirathsfähig, denn ſie war achtzehn Jahre alt, und die Baronin ſelbſt hatte ja ſchon mit ſech szehn ¹ Jahren ſich verheirathet.— Aber es iſt ſo unbequem, eine Tochter neben ſich zu haben, die ſchon die Aufmerkſamkeit und Bewunderung auf ſich zieht, und ſo gewiſſermaßen dieſe der Mutter ne⸗ ben ihr entwendet. Deshalb auch hatte die Baronin ihre Tochter ſchon verlobt an den jungen Baron Al⸗ fred von Wülfingen und ſie beſchleunigte dieſe Ver⸗ bindung ſo viel als mmöglich, um dann wieder ſelber frei zu ſein, keine Tochter neben ſich zu haben, die ſie an ihr Alter und an ihre hinwelkende Schönheit mahnte und ihr hinderlich ſein konnte auf dem Pfade, den ſie ſelber verfolgte.— Zudem ja auch liebte Al⸗ fred von Wülfingen ihre Tochter, dieſes junge Mäd⸗ chen mit dem anmuthsvollen Lächeln und den träu⸗ meriſchen Augen, die ſo viel noch ſchlummerndes Le⸗ ben verhießen, ſo viel noch nicht wachgerufene Gluthen verkündeten. Ob Emmy ihn liebte? Mein Gott, was hatte die Baronin darnach zu fragen! Hatte man ſie ſelber denn gefragt, als man einſt ſie, das ſechszehn⸗ jährige Mädchen, dem Baron Elsleben vermählte? S, und wie viel hatte ſie nicht gelitten in dieſer Ehe, wie viele Thränen nicht geweint auf dem dunklen, ſchweigenden Schloſſe des Barons, in dem er ſie mit ihrer Schönheit und Iugend vergraben hatte.— Sechszehn Jahre lang hatte ſie dort auf dem Stammſchloß des Barons neben ihrem Gatten gelebt, freudlos und ſtill, und ſelbſt ihre Emmy, das einzige Kind dieſer Ehe, hatte nicht vermocht, die Ba⸗ ronin zu tröſten über die Einſamkeit und die düſtere NRuhe dieſes vornehmen, ſtolzen Gefängniſſes.— Da endlich ſtarb der Baron und die Baronin ward frei. Aber noch das Teſtament ihres Gemahls verrieth die Seltſamkeit, die ihn während ſeines ganzen Lebens ausgezeichnet hatte.— Der Baron war katholiſcher Religion geweſen, und es war in den Ehepacten ſchon feſtgeſetzt worden, daß die Kinder dieſer Ehe in der Religion ihres Vaters, die Baronin war Pro⸗ teſtantin, ſollten erzogen werden. Ein Arrangement, gegen das ſich die Baronin, damals noch ein echtes Weltkind, nicht im mindeſten ſträubte. Aber in den letzten Jahren ihrer Ehe hatte die Baronin, vielleicht nur, um ihren bigott katholiſchen Gemahl zu ärgern, ſich als eifrige Proteſtantin gezeigt, und, nur um den Baron zu beunruhigen, darauf hingearbeitet, ihre junge Tochter Emmy aus einer rechtgläubigen Katholikin zu einer Ketzerin zu machen.— Der ſterbende Baron zitterte daher vor dem Bekehrungseifer ſeiner Gemah⸗ lin, und ſuchte durch ſein ſeltfames Teſtament ſeine Tochter vor dieſem zu wahren. Er ſetzte nämlich die Baronin zur Erbin ſeiner reichen Beſitzungen ein, jedoch unter der Bedingung, daß die Baronin nicht nur ihre Tochter in ihrem Glauben nicht zu erſchüt⸗ tern ſuche, ſondern im Gegentheil ſtrenge darüber wache, daß dieſe ihre Religion treu bewahren möchte. Im entgegengeſetzten Falle aber, wenn Emmy ihre Religion wechſelte, ſollte das ganze Vermögen ſeiner 4* — 52— Schweſter, der Frau von Hermfeld, anheimfallen, und der Baronin mit ihrer Tochter nur ein dürftiges Jahr⸗ geld verbleiben. Der Baron hatte ferner teſtamenta⸗ riſch feſtgeſtellt, daß die Familie ſtets ihre eigene Haus⸗ kapelle und für dieſelbe ihren eigenen Prieſter halten ſolle, der zugleich der Lehrer und Beichtvater Emmy's ſein mußte.— Dieſen Teſtamentsbeſtimmungen mußte nun freilich die Baronin ſich fügen, und ſie that es mit der Klugheit und Entſchloſſenheit, die ſie niemals, ſelbſt in den ſchwierigſten Momenten nicht, verlaſſen hatten. Zuvörderſt verabſchiedete ſie den alten Kaplan ihres Gemahls und wählte dafür einen jungen und wohlunterrichteten Abbe. Er war der Sohn ihres Gärtners, und der verſtorbene Baron hatte den Kna⸗ ben in einem öſterreichiſchen Kloſter ausbilden und zu ſeinem heiligen Amte erziehen laſſen.— Nachdem dieſer wichtige Punkt in Ordnung gebracht worden, verließ die Baronin mit ihrer Tochter und dem jun⸗ gen Prieſter das tief in Böhmen liegende Stamm⸗ ſchloß ihres Gemahls und eilte nach Berlin, der Stadt ihrer Geburt.— Es waren ſtolze und ehrgei⸗ zige Plane, mit welchen die noch immer ſchöne, kaum vierunddreißig Jahre alte Wittwe in Berlin ihren Einzug hielt, denn Ehrgeiz und Stolz waren die Grund⸗ züge in dem Character der Baronin, und ſie beſchloß, auf jeden Fall eine bedeutende und impoſante Stel⸗ lung in der Geſellſchaft einzunehmen, kein Mit⸗ tel unbenutzt zu laſſen, das ihren ehrgeizigen Planen förderlich ſein konnte. Bei Hofe eine bedeutſame Rolle zu ſpielen, einen höhern Rang ſich zu erkämpfen, das war ihr ſtolzer, nie ſie verlaſſender Wunſch, und ihr ſcharfer Blick hatte bald die einzigen Mittel erkannt, die zur Erreichung ihres Wunſches ihr behülflich ſein konnten.— Die Baronin erſah, daß es an der Zeit ſei, fromm zu werden, und ſie ward fromm, das heißt, 2 2 = 53= fromm in jener Weiſe, wie die Zeit es verlangte und Gott wohlgefällig glaubte. Sie ward fromm, indem ſie es lernte, ihr Geſicht in ernſte Falten zu ziehen, ihr Haar zu ſcheiteln und Gott ſtets auf der Zunge zu führen, Conventikel zu gründen und ſolche zu be⸗ ſuchen, eine heilige Floskel ſtets bereit zu halten, die Gleichgeſinnten ſtets zu ſchützen und ſich ihrer an⸗ zunehmen, diejenigen aber, welche weder Conventikel beſuchten, noch die Kirche, ſondern nur arbeitſam und fleißig waren und Gott ohne vieles Wortgepränge in der Stille ihres Herzens anbeteten, als gottloſe Sün⸗ der zu verdammen. Die Baronin ward fromm und in ihrer frommen Demuth ſprach oder that ſie von nun an nichts ohne Gott. Ihn fragte ſie in den klein⸗ lichſten Dingen um Rath und zweifelte niemals, daß ſelbſt für die irdiſchen, ganz weltlichen Dinge Gott ihr ſeine ganz beſondere Aufmerkſamkeit und Gnade verleihen werde. Gott half ihr von nun an aufſtehen und ſich in die Morgenkleider werfen, er begleitete ſie zum Kaffeetiſch, und wenn der Kaffee nicht vorzüglich oder das Frühſtück überhaupt mißrathen war, ſo galt das als ein Zeichen, daß Gott ihr an dieſem Tage nicht beſonders günſtig ſei. Zerbrach nun gar die ungeſchickte Kammerzofe etwa eine Taſſe, oder ſonſt dergleichen, ſo jammerte die Baronin, daß heute Got⸗ tes Zorn ſie ungewöhnlich heimſuche, und durch Be⸗ ten und Kaſteien trachtete ſieden zürnenden, wirthſchaft⸗ lichen Gott zu verſöhnen.— Bald genug erlangte die Ba⸗ ronin durch ſolche Mittel den Ruf großer Heiligkeit und Frömmigkeit, und es bedurfte nur noch, ſich irgend einer bedeutſamen, einflußreichen Perſon zu ver⸗ gewiſſern, um ihr eine dauernde, ihrem Ehrgeize ge⸗ nügende Stellung in der ariſtocratiſchen, frommen Geſellſchaft zu ſichern. Die Baroni warf ihre Augen auf den Prediger Gotthold. Er war der vertraute — 34— Freund vieler vornehmen Damen, der Vorſteher aller möglichen frommen Vereine, ein ausgezeichneter Kan⸗ zelredner, ein eifriger Prieſter, und der vielbean⸗ ſpruchte Seelſorger und Geiſtesrath für alle die vor⸗ nehmen und excluſiven Kreiſe, in denen er ſich be⸗ wegte. Die Baronin machte ihn zu ihrem Seelſorger, und wenn in ihren täglichen, ſtundenlangen Zuſammen⸗ künften nicht immer von Gott und der Seelſorge allein die Rede war, ſo war das, bei dem regen An⸗ theil, den der fromme Mann an Allem nahm, was ſeine Beichtkinder betraf, ſehr natürlich und ſachgemäß. Zudem war Gotthold jung und voll Bewunderung für die Werke Gottes, ob Gott nun in einer Blume oder auf einem Menſchenantlitz ſich offenbarte und die Baronin war noch immer eine ſchöne Frau und— genug, die Baronin wußte den frommen Mann ganz für ſich zu gewinnen, und er gewann ihr die Gnade 4 und Aufinerkſamkeit der hohen und frommen Kreiſe, 4 deren Mittelpunkt er war.— Ein Theil der ehrgei⸗ zigen Plane der Baronin war nun erfüllt, aber Vie⸗ les blieb noch zu thun übrig, Vieles, was ihr die in den hohen Kreiſen gewonnene Bedeutſamkeit dennoch nicht zu gewähren vermochte.— Die fromme Baro⸗ nin mit ihrer anſcheinenden Demuth fand in ihrem 5 Stolze, daß der Rang und Name einer Baronin viel zu gering ſei für ihr frommes, gottergebenes Gemüth, und ſie überredete ſich gern ſelbſt, daß ſie nur des⸗ halb nach einem höhern Nange ſtrebe, um dadurch„ dem Throne und dem Ohre des Königspaares näher 1 zu ſtehen und mehr Gutes ſchaffen und erreichen zu können. Wie war aber ein höherer Rang anders zu erlangen, als durch eine Heirath, der übrigens die ſchöne Wittwe auch im Allgemeinen gar nicht abge⸗ neigt war. Und hier kam auch ihr Herz ihrem Ehr⸗ geize zu Hülfe und Beide flüſterten ihr ſtolze und glü⸗ hende Worte von Hoheit und Liebe zu, und die Ba⸗ ronin fühlte, daß ihr Herz noch ſo jung und warm ſchlage, und daß es mit ſehnſuchtsvoller Gluth noch immer des Meſſias harre, der es aus ſeiner Einſam⸗ keit erlöſen ſolle.— Lange hatte die Baronin vergeb⸗ lich ſich umhergeſchaut in den vornehmen Cirkeln, in denen ſie lebte, aber ſie hatte Niemand gefunden, den ihr Herz begehrte, oder der ihrem Ehrgeize genügte. Und ſo waren die Jahre vergangen und die Baronin erinnerte ſich ſchreckensvoll, daß ſie mehr und mehr der großen Grenzſcheide ſich nähere, an welcher die Frau aufhört Weib zu ſein und Matrone wird, daß ſie bald ihr vierzigſtes Jahr erreichen würde. Wie inbrünſtig flehte ſie nicht zu Gott, ihr endlich den Mann zu zeigen, den ihr Herz und ihr Stolz be⸗ gehrte, und wie viel gute Werke gelobte ſie ihm nicht für die Erfüllung ihres Wunſches. Vielleicht war Gott gerührt von ſo vielen Verſprechungen,— die Baronin zweifelte keinen Augenblick daran, denn ihr Gott war ſtets ſo ſehr gefällig und gütig gegen ſie, und gewiß war Er es, der ihr endlich den Mann zuführte, der alle ihre Wünſche befriedigen konnte. Dieſer Mann war der Fürſt Alex von Pomowsky, der ſich ſeit einigen Monaten in Berlin aufhielt, und den die Baronin heute zum erſten Male in ihrem Salon zu ſehen hoffte.— Was Wunder alſo, wenn die Baronin heute beſondere Aufmerkſamkeit auf ihre Toilette verwandte, und ſo ſtrahlend und verführeriſch, wie nur immer möglich, zu ſein wünſchte. Die Baronin ſtand noch vor dem Spiegel, als eine der Portisren ſich leiſe bewegte und zwiſchen den Vorhän⸗ gen ein lieblicher, blonder Mädchenkopf ſichtbar ward. iStöre ich, Mama fragte eine helle, volltönende mme. — 36— Nein, Du kannſt hereinkommen, Emmy, ſagte die Baronin, und ſofort trat die Tochter in den Salon und eilte raſch zu ihrer Mutter hin. Aber welch ein abgeſchmackter Anzug, ſagte die Baronin ſtreng, und ihr ernſter Blick ruhte muſternd auf dem jungen Mädchen. Wirklich, wenn man Dich ſieht in dieſem dunklen ſeidenen Kleide, das bis an den Hals hinauf reicht, mit dieſen Schleifen im Haar, man ſollte meinen, Du ſeieſt mindeſtens dreißig Jahre, und nicht meine Tochter, ſondern meine Schweſter. Das kommt daher, Mama, weil Sie noch ſo ſehr jung ausſehen, ſagte das junge Mädchen mit nieder⸗ geſchlagenen Augen. Der Blick der Baronin ward etwas minder ſtrenge, und ſie ſagte gütiger: nun, dieſer Anzug iſt jedenfalls unpaſſend, denn er macht Dich alt und überſchleiert ganz Deine achtzehn Jahre. Du weißt doch, daß heute Abend getanzt werden ſoll? Getanzt, hier, in unſerm Hauſe? fragte Emmy erſtaunt. Ja, mein Kind, ſeufzte die Baronin. Ich habe mich wohl dazu entſchließen müſſen, um dem Spotte dieſer Läſterzungen Schweigen zu gebieten, die da be⸗ haupten, wir verdammten jede weltliche Luſt und fluchten der irdiſchen Freude. Ja, mein Kind, es ſoll getanzt werden! Hat doch unſer Herr Chriſtus ſelber nicht verſchmäht, einer Hochzeit beizuwohnen und des Mahles ſich zu erfreuen. Es wird alſo eine verzeih⸗ liche Sünde ſein, wenn auch wir einmal ſolche welt⸗ liche Freuden in unſerm Hauſe dulden. Gewiß, es iſt eine verzeihliche Sünde, denn ſelbſt der würdigſte und tugendhafteſte Mann dieſer Stadt, der General T..., giebt jeden Winter einen Ball. Wie könnte man ein ſo unſchuldiges Vergnügen auch eine Sünde nennen! ſagte Emmy leiſe, aber in⸗ —r —— vvn vvn — 37— nerlich war ſie ganz erſtaunt, ſolche Worte von ihrer Mutter zu hören, von ihr, die ſo oft geſagt, der Tanz ſei eine Erfindung des Teufels, mit der er zur Sünde zu verlocken trachte. Geh alſo ſchnell jetzt und kleide Dich um, damit Dein Verlobter ſich an Dir freuen kann, rief die Baronin. Warum erbleichte Emmy bei dieſer Erwähnung ihres Verlobten, warum ließ ſie ſeufzend das Köpf⸗ chen hängen und ſchlich leiſe zu ihrem Gemach zurück? Warum ſank ſie dort jetzt nieder auf einen Stuhl und weinte hinter den vorgehaltenen Händen ſo bitterlich, daß ihr die Thränen zwiſchen den Fingern hervor⸗ quollen?— Vielleicht wußte Emmy ſich dieſe Frage ſelber nicht zu beantworten, vielleicht auch ſcheuete ſie es, die Antwort zu hören und den flüſternden Stim⸗ men ihres Herzens zu lauſchen, denn ſie ſprang plötz⸗ lich auf und ſchüttelte die Locken aus ihrem Geſicht und trocknete ihre Thränen mit einem ſo entſchiede⸗ nen, muthigen Ausdruck, daß man wohl ſah, ſie wollte nicht mehr weinen.— Dann ſchellte ſie ihrem Kammermädchen und befahl mit haſtiger, nur noch wenig zitternder Stimme, ihr das roſa Seiden⸗ kleid zu bringen und eine Roſe in ihr Haar zu ſtecken. — Dieſe neue Toilette ward ſchnell und geräuſchlos vollendet, und nicht ein einziges Mal ſchaute Emmy in den Spiegel, obwohl Betty, die Kammerjungfer, nicht aufhörte zu verſichern, die Roſe kleide ihr präch⸗ tig, und ſie wäre in dem blaßrothen Seidenkleide an⸗ zuſehen, wie eine Roſenkönigin. Nur als Betty im⸗ mer fortplaudernd, endlich auch meinte, wie ſehr der fromme Vater Richard ſich freuen würde, ſie ſo ſchön zu ſehen, da zuckte Emmy zuſammen, und Betty, die gerade beſchäftigt war, ihr eine Schleife zu befeſtigen, fragte erſchrocken, ob ſie ihre junge Herrin vielleicht geſtochen habe? — 58— Nein, o nein, ſagte Emmy, es war nur ein augen⸗ blickliches Fröſteln. Aber dies Fröſteln kehrte wieder, als Betty jetzt von dem Verlobten ihrer jungen Her⸗ rin, dem Baron Alfred von Wülfingen ſprach, der ſo ſchön tanze, wie Taglioni, und der berühmteſte Tän⸗ zer in ganz Berlin ſei. Jetzt klopfte es leiſe an die Thür und Betty, die ſie aufzumachen eilte, rief lächelnd: o der Herr Ba⸗ ron ſelber, und dann fragte ſie, ob ihre Herrin ihrer noch bedürfe, und da dieſe ein zitterndes Nein erwie⸗ derte, ſchlüpfte die Kammerzofe mit einem liſtigen Lächeln hinaus und ließ Emmy mit ihrem Verlobten allein. Alfred von Wülfingen war ein junger Mann im Anfang der Zwanziger, von hoher, ſchlanker Geſtalt, von einnehmenden Geſichtszügen und mit ein paar Augen, aus denen die Güte ſeines Herzens ſo deut⸗ lich hervorſtrahlte, daß man unwillkührlich ſchon Ver⸗ trauen zu ihm faßte.— Er näherte ſich Emmy mit freundlichem, mildem Lächeln und ſagte mit etwas gezwungenem Ton: Wie lange habe ich Sie nicht ge⸗ ſehen, Emmy, zwei ganze Tage nicht! Nun, darüber haben Sie nur ſich ſelber Vorwürfe zu machen, ſagte Emmy lächelnd. Aber ich denke, Sie haben mich nicht vermißt! O doch, ſagte Alfred. Ich habe Sie vermißt, denn Sie wiſſen es, Emmy, daß ich Sie von ganzem Herzen liebe, und daß ich immer mit allen meinen Gedanken bei Ihnen bin. Emmy ward ſichtbar befangen, und deshalb ſagte ſie ſcherzhaft: ja, mit Ihren Gedanken mehr, als mit Ihrer Perſon, die ganz gut ohne meine Nähe exiſti⸗ ren kann. Alfred, Alfred, ich glaube, Sie würden ſich nicht todt ſchießen, wenn Sie mich verlören! Sie ſagte dieſe Worte in ſcherzendem Ton, aber v in dem feſten, prüfenden Blick, den ſie dabei auf Al⸗ fred heftete, lag ein tiefer, feierlicher Ernſt.— Alfred bemerkte es nicht und ſagte mit einem erzwungenen Lachen: aber warum auch gerade erſchießen, Couſine? Vielleicht wählte ich eine andere Todesart. 1 Und zwar eine ſolche, lachte Emmy, an der Sie gewiß wären, die erſten funfzig Jahre nicht zu ſterben!— Alfred lachte auch, und Beide ſchienen in der fröh⸗ lichſten Stimmung, als der Bediente kam und ſie im Namen der Baronin aufforderte, in den Salon zu kommen, weil dort ſchon Gäſte angelangt ſeien. Alfred bot ſeiner Braut den Arm, und wer dieſe beiden jugendlichen Geſtalten Arm in Arm ſo dahin eilen ſah, der mochte ſie für ein glückliches Paar hal⸗ ten können. Ein Salonzirkel. Niemals war eine glänzendere Geſellſchaft verſam⸗ melt geweſen, als wie ſie ſich jetzt in den Sälen der Baronin Elsleben auf und ab drängte. Da waren Generale, die nicht dem Kriege, ſondern dem geſeg⸗ neten dreißigjährigen Frieden dieſe vielen Ordensbän⸗ der verdankten, mit denen ihre Bruſt bedeckt war, Miniſter, die ihre hohe Stellung nicht nur ihrer Wür⸗ digkeit, ſondern eben ſo ſehr ihrer Frömmigkeit ver⸗ dankten, da waren Fürſtinnen, die den guten Ruf, deſſen ſie ſich erfreuten, nicht ihrer Tugend, ſondern ihrem Alter verdankten, und Gräfinnen, die keinen Adel weiter beſaßen, als den Adel ihrer Geburt, aber für ſehr edel galten, weil ſie die Conventikel regel⸗ mäßig beſuchten und für Kleinkinderbewahranſtalten ſchwärmten. Kurz, es war ein Salon, wie es deren viele in Berlin giebt, und die ſich alle außerordentlich gleichen. Man ging umher und trank Thee, und ſprach flüſternd mit ſeinem Nachbar, und Alles war ſo ernſt und langweilig, wie es einer ſo frommen Geſellſchaft zukommt, und Alle hatten ſo ernſte, kalte und gleich⸗ gültige Mienen, daß die Vertraulichkeit und Herzlich⸗ „ — 61— keit ſich erſchreckt und zitternd in einem Winkel ver⸗ barg. Ja, in den Winkeln ſtanden hier und da einige Mädchengruppen, heimlich mit einander flüſternd und ſich über Dieſen oder Jenen in der Geſellſchaft luſtig machend, auch einige Herren hatten ſich hier und da abgeſondert, und wenn ein beſternter Herr dabei war, ſo ſtanden die Andern mit geneigtem Haupte und horchten mit ehrerbietigen Mienen auf jedes Wort des beſternten Herrn, und ſagten nach jedem Satz, daß Se. Excellenz vollkommen das Rechte getroffen, und daß es gerade ſo ſei, wie Se. Excellenz zu be⸗ merken geruhten. Aber bald verſtummten alle dieſe leiſe geführten Geſpräche, und man drängte ſich dem mittlern Saale zu, denn dort wollte ein junger Dichter das jüngſte Erzeugniß ſeiner Muſe vorleſen. In der Mitte des Salons ſaß er ſchon, der Dichter, und er ſah unbe⸗ ſchreiblich intereſſant aus mit ſeinem blaſſen Geſicht und dem langen ſchwarzen Haar, unbeſchreiblich in⸗ tereſſant in dem altdeutſchen Rocke, der ihm ein ge⸗ wiſſes demagogiſches Anſehen gab, was ihm weiter keinen Schaden brachte, da man ſehr genau wußte, wie innig er das hohe Königshaus verehrte, und daß er von einer hohen Perſon ein Jahrgeld bekam. Und der junge Dichter las mit erhobener Stimme ein begeiſtertes ſchwungvolles Gedicht vor, darin war die gewiſſe Hoffnung ausgeſprochen, daß es immer wieder, mit Gottes gnädigem Beiſtand, Frühling wer⸗ den, und daß, abermals mit Gottes gnädigem Bei⸗ ſtand, der Winterſchnee zu ſeiner Zeit wegſchmelzen müſſe, und dieſer Grundgedanke war ſehr geſchickt an⸗ gewandt auf die Zeitverhältniſſe. Die Volksaufwieg⸗ ler und Liberalen, das war der Winterſchnee, welcher die Herzen des Volkes zu erkälten ſuchte gegen den Sonnenſchein königlicher Huld, und der kommende — 62— Frühling, das war die glückſelige Zeit, in der dieſer Schnee, Dank der allmächtigen Sonne, bei Seite ge⸗ ſchafft worden, und in der die königliche Sonne wie⸗ der Blüthen und Keime überall hervorzauberte. Denn die Erde, hieß es weiter, müſſe verdorren, wenn die Sonne ihr nicht ſcheine und ſie zu neuem Leben er⸗ wecke, und gleich der Erde ſei das Volk und gleich dem Winterſchnee die liberalen Schreier, und wenn die nicht hinweggethaut würden, ſo müſſe die ganze Welt zu einem einzigen todten ſtarren Nordpol wer⸗ den, und die Menſchen zu lauter Samojeden. Das war ein Gedicht, ganz wie es paßte zu die⸗ ſen Räumen, und überall ſah man zufriedene Geſich⸗ ter und beifälliges Kopfnicken, und als der Dichter geendet, umringte man ihn, um ihn mit Dank⸗ und Beifallsworten zu überſchütten, und einige beſternte Herren ſogar traten zu ihm und ſagten ihm einige verbindliche Worte und forderten ihn auf, noch ein Mehreres zu leſen. Sogleich nahm der Dichter wieder ſein Manuſcript hervor, ſtrich das lange ſchwarze Haar aus dem Ge⸗ ſicht und las ein ſehr begeiſtertes Gedicht, in dem er einen bekannten liberalen Dichter mit heftigen Wor⸗ ten angriff, und ein anderes Gedicht, in dem er die ſogenannten Aufgeklärten und Freidenker verdammte, und darauf hinwies, wie die Frömmigkeit das erſte und nothwendigſte Bedingniß eines tugendhaften Wan⸗ dels ſei, und Alles in der Schöpfung dem Menſchen zuzurufen ſcheine:„falle nieder auf Deine Kniee, Du jammervoller Erdenwurm, und fühle in tiefer Zer⸗ krirſchuns Deine eigene Nichtswürdigkeit und Gottes Größe.“ Nach dieſem Gedicht war das Entzücken bis auf's Höchſte geſteigert, und die Dankſagungen, die Hände⸗ drücke ſchienen kein Ende nehmen zu wollen. — 33— In einer Fenſterniſche ſtanden zwei Herren, die ſchweigend dieſem Auftritt zuſchauten. Der hat ſein Glück gemacht, ſagte der ältere die⸗ ſer Herren, ein Mann in den mittlern Jahren, mit breitem, wohlgenährtem Angeſicht, das von Geſund⸗ heit und Jovialität ſtrotzte. Der hat ſein Glück ge⸗ macht, wiederholte er lachend und fuhr ſich mit der Hand in das blonde, lockige Haar. Sie glauben wirklich? fragte der Andere, ein hoch⸗ gewachſener junger Mann, deſſen bleiches Angeſicht mit den müden dunklen Augen und dem ſchwarzen. glänzenden Haar einen ſeltſamen Contraſt bildete zu dem fröhlichen hellen Antlitz ſeines Nachbars. Und warum ſollte ich es nicht glauben? fragte der Erſte. Wir haben ja täglich Beiſpiele, daß die rechte und gute Geſinnung jederzeit anerkannt und belohnt wird. Der Mann ſagte das mit einem ſo eigenen Lä⸗ cheln, daß man zweifelhaft war, ob er im Ernſte, oder im Spott ſo geſprochen. Nennen Sie mir ein Beiſpiel, Herr Criminalrath, ſagte der bleiche junge Mann müde. Wirklich, es iſt ein Glück für mich, daß ich Sie hier traf. Ohne Sie wäre es hier entſetzlich langweilig. Aber Ihre Geſchichtchen haben etwas ſehr aufheiterndes. Durchlaucht ſind ſehr gütig! ſagte der Criminal⸗ rath, ſich verneigend. Und nun ein Beiſpiel! Ein Beiſpiel! wiederholte der Criminalrath und ließ ſeine kleinen ſtechenden grauen Augen einen Mo⸗ ment durch den Salon ſchweifen. O, ich ſehe dort gleich eins! Sehen Sie jenen jungen Mann mit dem unbedeutenden, nichtsſagenden Geſicht. Er hat etwas Lauerndes, Falſches in ſeinem Blick, mit dem er Nie⸗ mand gerade in's Antlitz ſieht. Nun, der hat eine 64 nicht unbedeutende Auſtellung erhalten für drei Zei⸗ tungsartikel, eine Anſtellung mit ſechshundert Tha⸗ lern! Wollen Sie noch mehr Beiſpiele? Ich ſehe de⸗ ren noch Viele! Ich danke Ihnen, ſagte der Fürſt mit plötzlich aufflammenden Augen, und ſein Geſicht nahm jetzt einen lebhaftern, hellern Ausdruck an. Ich danke Ihnen, denn ich ſehe da eine Dame, der ich durch⸗ aus mich nähern muß! O, Sie meinen die ſchöne Gräfin Aurelie Mar⸗ ſilla. Ja, ja, ſie iſt die Zierde unſerer Salons! Und ſie verdient es! ſagte der Fürſt, aus der Fen⸗ ſterniſche hervortretend. Leben Sie wohl, lieber Tri⸗ minalrath. Aber noch Eins! Sie halten doch Wort und begleiten mich in's Theater zur Eröffnung des Opernhauſes? Gewiß, Durchlaucht, und ich denke, dieſes langer⸗ ſehnte Feſt wird in einigen Tagen ſtattfinden! Am eilften December! ſagte der Fürſt mit leich⸗ tem Kopfnicken, und trat zu dem Seſſel der Gräfin Aurelie Marſilla. Endlich! flüſterte er leiſe. O, Sie haben mich eine Ewigkeit warten laſſen! Warten? fragte die Gräfin mit einem reizenden Lächeln. Wußte ich denn, daß Sie hier waren? Ich bin überall, wo ich hoffen darf, Sie zu fin⸗ den! Wiſſen Sie das nicht, Gräfin? fuhr er leiſe fort. Wollen Sie immer noch Ihr Ohr verſchließen gegen die flehenden Worte eines Herzens, das zu Ih⸗ nen ſchreit um Erbarmen, um Gnade? O, wenden Sie ſich nicht ab, Aurelie! Wendet doch Gott ſelbſt nicht ſein Antlitz weg von dem Flehenden, erhört er doch ſelbſt das Gebet des Sünders; wollen Sie min⸗ der gnadenvoll ſein, als Gott? Gott iſt auch erhaben über alle Leidenſchaft, ſagte — 65— die Gräfin mit zitterndem Ton. Und wenn er das Gebet des Sünders erhört, ſo wird er dadurch nicht zu ſeinem Mitſchuldigen, ſondern zu ſeinem Er⸗ löſer! 4 Des Fürſten dunkle Augen glühten höher auf. Sie fürchten alſo, ſagte er faſt athemlos, Sie fürch⸗ ten, daß Sie meine Mitſchuldige werden könnten? Aurelie, ſagen Sie dies Eine Wort? Fürchten Sie das? Bin ich es nicht ſchon? ſagte ſie kaum hörbar, und obwohl ſie die Augen niederſchlug, empfand ſie doch die verzehrende Gluth des Blickes, mit dem der Fürſt in ihr ſchönes Antlitz ſchaute. Auch eine Andere empfand das, und mit minder beglückten Gefühlen, als die ſchöne Gräfin, und dieſe Andere das war die Baronin Elsleben, die, obwohl anſcheinend all ihren Gäſten ſich widmend, dennoch nicht aufgehört hatte, den Fürſten Alex von Pomowski zu beobachten. Die alſo liebt er jetzt! dachte ſie. Nun, mag er es! Das kann höchſtens einen Skandal geben, denn da ſie verheirathet iſt, kann er ſie mindeſtens nicht heirathen. Uebrigens muß man dafür ſorgen, daß Graf Marſilla bald zurückkehrt. Das iſt Alles!— Aber es verdroß ſie dennoch, daß der Fürſt ſo ange⸗ legentlich mit der Gräfin ſprach, und ſie befahl, die Muſik im Tanzſaal anzuſtimmen. Der Fürſt hatte ſie um die Polonaiſe gebeten, und ſo ward denn da⸗ durch am wirkſamſten dieſe Unterhaltung mit der ſchö⸗ nen Gräfin unterbrochen. Die Unbekannte. Noch bevor der Ball beendet war, ſtahl ſich Alfred von Wülfingen, der Baronin zukünftiger Schwieger⸗ ſohn, unbemerkt hinweg. Ein Freund von ihm, ſeit wenigen Tagen erſt von einer Reiſe zurückgekehrt, be⸗ gleitete ihn.— Sie hatten ſich Beide ſo Vieles zu ſagen, ſo Vieles zu erzählen von ihren gegenſeitigen Freunden, und im Ballſaal der Baronin war keine Ruhe für ſolch trauliches Geſpräch. Arm in Arm gingen ſie jetzt die Linden auf und ab und plauder⸗ ten von all' dieſen kleinen Begegniſſen des Lebens, die für Freunde doch von ſo großer Wichtigkeit ſind. Und Dich finde ich als Bräutigam wieder? fragte endlich Oskar, Alfred's Freund. Ja, als Bräutigam, ſagte dieſer ſinnend, und Beide ſchwiegen dann. Es ſcheint alſo, daß Dir das Glück treu geblieben iſt, ſagte Oskar nach einer Pauſe. Ja, ja, Du biſt eins von den geſegneten Sonntagskindern, denen Al⸗ les gelingt, was ſie unternehmen. Du weißt, daß ich förmlich kranke an all' meinem Glück, ſagte Alfred lebhaft. O mein Gott, ich habe — 67— es ſo ſatt, ewig und immer um mein Glück beneidet zu werden. Es iſt ſo demüthigend, nichts ſich ſelber, ſondern Alles dem Zufall, oder, wenn Du willſt, meinem guten Stern verdanken zu müſſen. Ich möchte mir das Glück ſelber erringen, und kann doch nichts thun, als die Hände müßig in den Schooß legen und annehmen, was ſich mir darbietet, ohne daß ich darum kämpfte! Und auch dieſe Deine Braut haſt Du nicht Dir, ſondern Deinem Glücke zu verdanken? Gewiß nur ihm! O, erzähle mir das! rief ſein Freund lebhaft. Da iſt wenig zu erzählen, ſagte Alfred, nicht ohne Bitterkeit. Bei mir macht ſich Alles ganz einfach und natürlich. Von meiner Reiſe zurückgekehrt, fand ich im Hauſe meiner Eltern die Schweſter meiner Mut⸗ ter, die, ſeit einiger Zeit verwittwet, nun gekommen war, ſich in Berlin niederzulaſſen. Mit ihr war ihre einzige Tochter Emmy, ein Mädchen von ſechszehn Jahren, ſchön und unſchuldig, wie eine Lilie, friſch, wie eine aufblühende Maienroſe, und heiter und un⸗ befangen, wie es nur ein Landmädchen ſein kann, das niemals unſere verfeinerte Politur des Stadtlebens erfahren hat. O, ich verſtehe, ſagte Oskar lächelnd, das Glück ſandte hier eine ihrer ſchönſten Blüthen, und die ſchöne Emmy ward Deine erſte Liebe! Ja, Du haſt Recht, ich liebte ſie, liebte ſo, wie ein ſchwärmeriſcher Jüngling das Mädchen ſeiner er⸗ ſten Sehnſucht zu lieben pflegt, mit Bangen und Za⸗ gen, mit Angſt und Schüchternheit, mit Thränen und Seufzen. Nun endlich athmete ich frei auf, denn ich weinte vor Schmerz, und ich ahnte das Unglück. O wie viele bange, angſtvolle Träume malten mir nicht in unheilsvollen Farben meine Zukunft, wie oft ſah . 5* 4 — 68— ich mich nicht zu den Füßen Emmy's, um ihre Liebe flehend, und von ihr mit Geringſchätzung, mit Härte verworfen, und dann ſie mir erkämpfend, ſie mir ver⸗ dienend durch Thaten, durch Streben und Ringen! Solche Träume, die mich weinen machten vor Schmerz, ſie waren dennoch zugleich mein ſtillgehei⸗ mes Glück, und ich liebte Emmy doppelt, weil ſie mir Schmerzen und Sehnſucht, Kummer und unbe⸗ friedigtes Verlangen gab. Ich hätte ſie angebetet, ich hätte ſie zu der Heiligen meines ganzen Daſeins gemacht, wenn Hinderniſſe ſich meinem Glücke ent⸗ gegengeſtellt hätten! Und die fanden ſich nicht? fragte Oskar ge⸗ ſpannt. Die finden ſich niemals bei mir, rief Alfred. Meine ſorgſamen, zärtlichen Eltern hatten bald meine Liebe und den Grund meiner Schmermuth entdeckt. Mein Gott, ſie hatten von der Wiege an Emmy für mich beſtimmt, ſie war gewiſſermaßen für mich gebo⸗ ren, für mich erzogen worden, ſie wunderten ſich gar nicht, daß mein Herz ihren Wünſchen entgegen kam, und während ich meine Liebe wie ein geheiligtes My⸗ ſterium in meinem Buſen verborgen wähnte, hatten ſie längſt Alles errathen, Alles vermittelt. Vor einem Monat, an meinem vierundzwanzigſten Geburtstage, führten ſie mir die erröthende, verſchämte Emmy als meine Braut entgegen. Sie hatten bei ihrer Mutter für mich geworben, und als ein ächtes Mutterſöhn⸗ chen mußte ich das Glück ohne Kampf aus den Hän⸗ den vorſorgender Mütter empfangen. Ich hatte ge⸗ hofft, einen Roman zu erleben, und fand nichts als eine allerliebſte, aber ganz gewöhnliche Alltagsge⸗ ſchichte. Ich hatte mir die Geliebte verdienen wollen, und dann, wenn ich das Bewußtſein haben durſte, ihres Beſitzes werth zu ſein, dann ſollte mich ihre — 69— Liebe zu einem Gott beſeligen! Aber ſie ward mein ungefordert, unverdient, und was ſonſt mein höchſtes Entzücken geweſen, überraſchte mich jetzt faſt mehr, als es mich beſeligte! Ich wollte als Liebhaber ſchwär⸗ men und ſeufzen, und ſollte mich jetzt zu dem ganz nüchternen Glück herabſtimmen, als erklärter Bräu⸗ tigam mit meiner privilegirten Zärtlichkeit umherzu⸗ laufen und meine heilige Liebe zu einer Alltagsge⸗ ſchichte entweiht zu ſehen. Und liebt Ihr Euch Beide nicht? fragte Os⸗ kar ernſt. Wiſſen wir es denn ſelber? ſagte Alfred bitter. Man hat uns ja nicht Zeit gelaſſen, uns ſelber zu erkennen. Die erſten Wallungen und Ahnungen des erwachenden Gefühls ſind uns als Liebe conſtatirt, und von den Eltern anerkannt, wir können uns die Mühe ſparen, nachzudenken, ob wir uns wirklich lie⸗ ben, oder uns täuſchen! Gott gebe, daß dies Nachdenken Euch niemals überraſcht, ſagte Oskar ernſt. Nein, nein, rief Alfred, ich wünſche das Gegen⸗ theil! O, meine ganze Seele dürſtet nach Kampf und Schmerz. Ich möchte mit meinem Herzblut mir den Ausgang erkaufen aus dieſem holländiſchen Blumen⸗ garten des Glückes, und mich in Abgründe ſtürzen, Felsſpitzen erklimmen, um mit triefender Stirn, mit wunden Füßen das Glück zu ſuchen und zu errin⸗ gen. Mein Gott, wäre Emmy nicht mein, liebte ſie einen Andern, wie wollte ich kämpfen um ihre Liebe, um ihren Beſitz! 4 Du läſterſt, ſagte Oskar nach einer Pauſe. Du biſt noch immer der tolle, leidenſchaftliche Knabe, der ſich von jedem Moment hinreißen läßt und im Ueber⸗ muthe des Glückes ſein Glück ſelbſt läſtert. Ja, Du haſt Recht, ich bin ein Knabe, aber ich — 70— will ein Mann werden, und ich ſuche Schmerzen und Leiden, daß ſie mir die Taufe der Mannheit geben! Nur Geduld, ſie werden kommen, ſagte Oskar, und dann, mein armer Freund, wirſt Du vergebens das Glück zurückrufen, es hört nicht auf die Stimme der Verzweiflung! Aber hier ſind wir ſchon zum vier⸗ ten Male vor meinem Gaſthof angelangt. Gute Nacht denn, Alfred. Gute Nacht, Oskar! Die Freunde trennten ſich. Langſam und ſinnend ging Alfred von dannen, um ſich in ſeine ziemlich entfernt liegende Wohnung in der Potsdamer Straße zu begeben. Mit rüſtigem Schritt eilte er die Linden hinab, und erſt die Einſamkeit und Stille der ſonſt ſo bewegten Straße erinnerte ihn daran, daß es ſchon ſpät ſein möchte, als das Pfeifen des Wächters ihm die eilfte Stunde verkündete. Es war eine kalte No⸗ vembernacht, der ſchneidende Wind trieb ganze Wol⸗ ken von Staub zuſammen und raſchelte in dem gel⸗ ben dürren Laube, das in ganzen Haufen zu Füßen der entblätterten Linden lag. Alfred hüllte ſich frö⸗ ſtelnd feſter in ſeinen Mantel und ſah ſich verlangend nach einer Droſchke um, die ihn der Unbequemlichkeit überheben könnte, den weiten Weg bis nach ſeiner Wohnung zu Fuße zurückzulegen. Aber umſonſt ſtand er horchend von Zeit zu Zeit ſtill, nirgends ließ ſich das Rollen eines Wagens vernehmen, und als er endlich an der Charlottenſtraßenecke einer langſam dahinſchleichenden Droſchke begegnete und ſie anrief, weigerte der Kutſcher ſich, noch zu fahren, da die eilfte Stunde ſchon geſchlagen und er nur bis zu dieſer verpflichtet ſei, jeden Fahrluſtigen zu befördern. Vergebens bot ihm Alfred das Doppelte des gewöhn⸗ lichen Preiſes.— Es iſt kalt, ſagte der unerſchütterliche Kutſcher, —— — 11— und mein Bette is auch ſeine zehn Silberjroſchen werth! Dann hieb er auf das ſchlotternde Pferd ein, daß es ſich vor Schmerz in einen krampf⸗ haften Trabb ſetzte und war bald Alfred's Augen entſchwunden. 4 Nun, ſo muß ich denn gehen, ſagte Alfred, wer weiß, ob der Zufall mir nicht günſtig iſt und irgend ein intereſſantes Abenteuer in meinen Weg wirft.— Rüſtig ſchritt er weiter und ſein Schritt hallte wie⸗ der in der öden, ſchweigenden Straße. Berlin bietet um die eilfte Stunde ſchon vollkommen das Bild einer ſchlafenden Stadt dar, überall in den Häuſern ſind die Lichter verlöſcht, die Conditoreien und Speiſehäuſer geſchloſſen, und nur zuweilen unterbricht der rauhe Geſang eines heimwärts taumelnden Schwärmers, das Pfeifen des Wächters, oder das Rollen einer Kutſche das tiefe Schweigen. Zuweilen auch huſchten einzelne Frauengeſtalten an Alfred vor⸗ über und verbargen ſich ſorgſam im Schatten einer Hausthür oder eines Baumes, wenn das Pfeifen des Wächters ihnen deſſen Nähe verkündete. Hier und da auch hörte man den lauten und weithin ſchallen⸗ den Ruf nach dem Wächter, und dieſer Schall trieb den Gerufenen zu größerer Eile; mit dem Schlüſſel⸗ bunde raſchelnd ſchlurfte er dem Rufe nach, um irgend einem heimkehrenden Studenten, der ſeinen Hausſchlüſſel vergeſſen, die Hausthüre außzuſchließen. Berlin ſchläft, ſagte Alfred lachend zu ſich ſelber, man braucht eben kein Arzt zu ſein, um an dieſen verſchiedenen Symptomen den ruhigen geſunden Schlummer der ſoliden Stadt Berlin zu erkennen. Ja, ja, dies ſtille Berlin, es leidet weder am Fieber heftiger Aufregung, noch am Delirium berauſchender Freuden; nichts ſtört ſeinen ſtillen Frieden; es leidet nicht einmal an beunruhigenden Träumen, und es — 72— erwacht Morgens eben ſo nüchtern, verſtändig und kalt, wie es ſich Abends zu Bette legt. Unter ſolchen Gedanken war Alfred in die Wil⸗ helmsſtraße eingebogen und befand ſich jetzt an der Ecke der Leipzigerſtraße, dem Hauſe des verſtorbenen Miniſters Altenſtein gegenüber. Einer vom Volke vielfach erzählten Sage zufolge iſt es in dieſem Hauſe nicht geheuer; unheimliches Geräuſch ſoll zur Nacht⸗ zeit alle Räume erfüllen, die Fenſter erhellen ſich von ſelbſt, man hört ächzende, klagende Töne, dazwiſchen luſtige Tanzmuſik, oft unterbrochen von dem grellen Schrei der Verzweiflung. Niemand hat etwas von allen dieſen Dingen gehört oder geſehen, aber dennoch giebt es Viele, die nicht an der Wahrheit derſelben zweifeln. Ich wünſchte wohl, einmal dieſen vielberühmten Spuk von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, dachte Al⸗ fred, in der That, es iſt ein ſeltſamer Glaube, daß gerade einer der preußiſchen Miniſter, der die Wahrheit ehrte und der Freiheit des Gedankens ſeinen Schutz verlieh, daß gerade dieſer keine Ruhe haben und noch nach ſeinem Tode umherirren ſoll. Die Wilhelmssſtraße ſcheint kein günſtiges Pflaſter für unſere Miniſter, und lebende, wie todte haben dort keine Ruhe und keinen Frieden. Alfred war ſtill geſtanden und betrachtete das Haus, das ruhig und todt, wie alle übrigen daſtand keines der Fenſter wollte ſich erhellen, kein Schreien oder Lachen erklingen. Es iſt eben auch nur eine Fabel, ſagte Alfred und wollte weiter gehen, als ſich plötzlich eine dunkle, ſchattenartige Geſtalt von der Treppe vor der Haus⸗ thür erhob und ihre weißen Arme ihm entgegen⸗ ſtreckte. O Erbarmen, Erbarmen! flehte eine weiche Frauenſtimme. Nehmen Sie ſich einer Verfolgten, einer Unglücklichen an! — 72— Alfred trat einen Schritt zurück; er erinnerte ſich der vielfachen Warnungen, die ihm von Freunden zu⸗ gekommen, vor derlei nächtlichen Anfechtungen auf ſeiner Hut zu ſein, der mannigfachen Geſchichten, die im Umlauf, und die Sicherheit der Berliner Straßen zur Nachtzeit zweifelhaft machten, und wenn er auch nicht an die Geſpenſter des Altenſteinſchen Hauſes glaubte, ſo glaubte er doch an Diebe, und ein ſolcher konnte es ſein, welcher die Geſpenſtergeſchichten ſich zu Nutzen machen wollte. Alfred ſchwieg noch immer, als die verhüllte Ge⸗ ſtalt ſich ihm näherte, ihre Hand auf ſeinen Arm legte und vor ihm in die Knie ſinkend, ſagte: mein Herr, wenn Sie eine Mutter, wenn Sie Schweſtern haben, o dann denken Sie an dieſe und haben Sie Mitleid mit dem tiefen Unglück einer Armen, Ver⸗ folgten, die von Ihnen nichts will und erfleht, als Schutz für dieſe Eine Nacht! Es war etwas ſo Angſtvolles und Schmerzliches in dem Ton dieſer zitternden, ſanften Stimme, daß Alfred unwillkührlich ſein Herz zum tiefſten Mitleid bewegt, und ſich, ſeiner beſſern Ueberlegung zum Trotz, faſt geneigt fühlte, das Flehen der Unbekannten zu erfüllen. 8 „Aber wer bürgt mir dafür, daß Sie die Wahr⸗ heit ſprechen? fragte er. Wer iſt es, der Sie um dieſe nächtliche Stunde verfolgt und Sie einſam, ſchutzlos auf die Straße hinaustreibt? Sagen Sie mir, wer Sie verfolgt, und wenn Ihre Angabe irgend glaublich iſt, ſchwöre ich, Sie zu ſchützen und zu ver⸗ theidigen! O mein Gott, mein Gott, ſeufzte das Weib, und Alfred fühlte, wie ihre Hand, die noch immer auf ſei⸗ nem Arme lag, zitterte und bebte. O mein Gott, es giebt alſo keine Rettung für mich! — 22— Dann plötzlich ließ ſie den Arm Alfred's los und ſich höher aufrichtend ſagte ſie mit entſchloſſenem Ton: Gehen Sie, mein Herr! Ich habe Ihnen nichts mehr zu ſagen. Wenn das Flehen der Verzweiflung Sie nicht rührt, werden alle andern Worte nutzlos ſein. Es iſt auch gut ſo, fuhr ſie dann nach kurzer Pauſe ſort, ich werde die Nacht auf dieſer Schwelle zubrin⸗ gen. Unter Gottes freiem Himmel bin ich auch unter Gottes Schutz! Sie ließ ſich langſam wieder auf die ſteinernen Stufen niedergleiten, als Alfred entſchloſſen zu ihr trat. Nein, ſagte er mit feſtem Ton, ich werde Sie nicht verlaſſen! Ich kann Ihr Antlitz nicht ſehen, und in Ihrem Auge nicht leſen, aber in dem Ton Ihrer Stimme liegt Wahrheit, und dieſer Wahrheit will ich vertrauen und alle meine Zweifel verbannen. Kommen Sie! Unglücklich, wie Sie ſind, will ich Sie nicht martern mit Fragen nach Ihrem Unglück. Ich nehme Sie in meinen Schutz und bin bereit Sie zu führen, wohin Sie wollen! Sie ſind ein edler Mann, Gott wird es Ihnen lohnen, ſagte das Weib ſchluchzend. Wohin ſoll ich Sie führen? fragte Alfred. Wohin? rief ſie ſchmerzvoll. Ach ich Arme, ich habe nirgends eine bleibende Stätte, und auf der ganzen großen Welt iſt keine Stelle, die ich Ih⸗ nen bezeichnen könnte als den Ort, wohin ich ge⸗ hen will! Sie ſind alſo fremd hier? fragte Alfred. Ganz fremd, ſagte ſie ſchmerzvoll, und erſt vor einer Stunde betrat ich dieſe Stadt zum erſten Male 1 in meinem Leben. Nehmen Sie meinen Arm und kommen Sie, ſagte Alfred entſchloſſen, ich führe Sie in meine Wohnung! — 75 Sie drückte raſch ſeine Hand an ihre Lippen und weinte ſtill. Nehmen Sie meinen Arm, ſagte Alfred, ſelber tief bewegt. Ich werde neben Ihnen hergehen, ſagte ſie leiſe abwehrend, und ſchritt leichten Fußes neben ihm. Schweigend gingen ſie die Leipzigerſtraße hinun⸗ ter; aber am Potsdamer Thor angelangt, ſtand ſie zaudernd ſtill und ſagte bebend: hier iſt ein Thor! Wir verlaſſen alſo die Stadt? Wohin führen Sie mich? Sind Sie ausgeſandt mich zu verfolgen? Fürchten Sie nichts, ſagte Alfred beruhigend und wollte, ihre Hand faſſend, ſie weiter führen. Was wollen Sie? ſchrie ſie faſt angſtvoll. Wol⸗ len Sie mich feſthalten und wieder dahin zurückſchlep⸗ pen, woher— Ich ſchwöre Ihnen, unterbrach ſie Alfred, ich bin kein Verräther. Nur wenige Schritte noch und Sie ſind in meiner Wohnung. Schwören Sie mir bei dem Andenken an Ihre Mutter, daß Sie mich nicht ausliefern wollen! Ich ſchwöre es!. Nun, ſo kommen Sie, ſagte ſie entſchloſſen und ſchritt raſch durch das Thor. Und am Ende es auch gleich wohin er mich führt, flüſterte ſie 1 leiſe zu ſich ſelber ſprechend, jeder Ort iſt gut, wo ich Ihn nur nicht ſehe! O, dachte Alfred, ſie flieht alſo vor einem Ge⸗ liebten, vielleicht gar vor einem Gemahl. Dieſer Gedanke ſteigerte ſein Intereſſe an der Unbekannten, und er ſagte zu ſich ſelber: ich bin geſpannt, ſie zu ſehen. Ob wohl ihr Geſicht ſo ſchön iſt, als ihre Stimme? Ob ſie jung iſt, oder alt? Sie ſtanden jetzt vor ſeiner Wohnung, und wäh⸗ — 76— rend Alfred die Thür auſſchloß, ſagte er: jetzt muß ich Sie bitten, ſo leiſe als möglich zu gehen und kein Wort zu ſprechen, dann hoffe ich, Sie ſicher in mein Zimmer führen zu können! Schweigend und athemlos ſchritten ſie Beide die Treppe hinauf und hier eine zweite Thür aufſchlie⸗ ßend ſagte Alfred: wir ſind jetzt in meiner Wohnung! Verweilen Sie hier einen Augenblick. Ich hoffe, mein Diener erwartet mich, wie immer, im Vorzim⸗ mer ſchlafend, und wenn es ſo iſt, bleibt mir nur noch übrig, die Lampe in mein Zimmer zu tragen, damit Sie, ſelbſt wenn er erwacht, unbemerkt im Dunkeln an ihm vorübergehen können. Leiſe auf den Zehen ging Alfred von ihr weg und kehrte dann nach einigen Minuten zurück. Er ſchläft, ſagte er, Sie haben alſo nichts zu fürchten! Kommen Siel *Er nahm ihre Hand und führte ſie durch meh⸗ rere Zimmer in ſein Wohnzimmer. Eine Lampe brannte auf dem Tiſche und unwillkührlich wandte Alfred jetzt ſeine Blicke auf die räthſelhafte Unbe⸗ kannte. Aber ein dichter, ſchwarzer Schleier bedeckte ihr Antlitz und machte jede Forſchung unmöglich. Ein ſchwarzer Mantel verhüllte ihre Geſtalt, die aber hoch und ſchlank zu ſein ſchien. Jetzt ſind Sie in Sicherheit, ſagte Alfred, und ich will nur noch meinen Diener wecken und ihn in ſein Zimmer gehen heißen. Als Alfred zurückkehrte, fand er das Weib auf ihren Knieen liegend, und wie es ſchien, tief und in⸗ brünſtig betend. Sie iſt alſo keine Verbrecherin, dachte Alfred, ſie fürchtet Gott nicht, ſondern ſie flüchtet ſich zu ihm. Jetzt, Madame, ſagte er laut, jetzt haben Sie nichts mehr zu fürchten. Niemand hört uns und Niemand ahnt, daß Sie hier ſind!’ — 77— O mein Retter, rief ſie, ſich zu ihm wendend und plötzlich ſeine Kniee umklammernd. O Sie, wie nenn' ich Sie, der Sie als mein guter Engel vor mir er⸗ ſchienen ſind, Sie wiſſen nicht, wie Großes Sie an mir gethan haben. Einen Menſchen vor Verfolgung zu retten, das iſt ein edles, ſchönes Werk. Sie aber, Sie haben mehr gethan, Sie haben meine Seele ge⸗ rettet, Sie haben mich vom Abgrund des Verderbens mit hülfreicher Hand zurückgezogen, und ſo lange ich athme und bin, werde ich Ihnen danken! Stehen Sie auf, ſagte Alfred tief gerührt, und bemüht, ſie emporzurichten. Beſchämen Sie mich nicht, indem Sie eine That preiſen, welche die Menſchlichkeit gebot, und die ich leider nur zögernd vollführte! Nein, laſſen Sie mich zu Ihren Füßen, rief ſie leidenſchaftlich. Da iſt mein Platz, da will ich blei⸗ ben dieſe große, ſchöne, ſtille Nacht! Ach, es iſt ſeit Jahren die erſte Nacht ohne Qual und Weh, ohne Angſt und Verzweiflung, und ich will ſie auf meinen Knieen hinbringen, auf den Knieen vor Ihnen, der Sie ſich meiner erbarmt haben, ohne mich zu kennen, ohne ſelbſt mein Antlitz geſehen zu haben! O mein Gott, ich weine, ich habe viele Wochen nicht mehr weinen können, die Verzweiflung hat keine Thränen, aber jetzt kann ich weinen, und es ſind Thränen der Freude. Thränen, wie die Verdammten ſie weinen, wenn eines Engels Hand ſie aus der Hölle befreit! Ihre Stimme ward ſchwächer und ſchwächer, und erſtarb endlich in heftigem Schluchzen. Dann plötz⸗ lich ächzte ſie laut und ſank regungslos zu Alfred's Füßen zuſammen. Sie iſt ohnmächtig! ſagte Alfred, ſich zu ihr nie⸗ derbeugend und vergebens auf ihren Athem lau⸗ ſchend. Ja, ſie iſt ohnmächtig! — 76 Er hob ſie empor in ſeine Arme und trug ſie mit kräftigem Arm zum Divan, auf den er ſie nieder⸗ legte. Dann löſte er das Band, mit dem ihr Hut befeſtigt war, der Hut und Schleier fiel zurück und das Licht beleuchtete ein marmorbleiches jugendliches Geſicht von wunderbarer Schönheit.— Lange ſtand Alfred und ſchaute ſchweigend, tief bewegt auf dieſe regungsloſe, bleiche Geſtalt, die wie eine geknickte Lilie in ihrer ſchwarzen Umhüllung dalag, und ein tiefes, unausſprechliches Mitleid erfaßte ihn, wie er auf dies ſchöne, edle Antlitz ſah, auf dieſe ſchmalen, ſchmerz⸗ lich geſchloſſenen Lippen, auf dieſe hohe, reine Stirn und die gewölbten Augenbrauen, die in ihrem ſchmerzvollen Zuſammenziehen ihn an den ſchönen antiken Kopf der Niobe erinnerten. Ihr Haar hatte ſich aufgelöſt, es quoll jetzt in langen, ſchwarzen Flechten unter dem Hut hervor und ringelte ſich um ihren Hals, wie eine ſchwarze, unheilsvolle Schlange. O Du armes, ſchönes Kind, flüſterte Alfred, wie viel mußt Du gelitten haben, ehe denn der Schmerz Dich hinaustrieb in die laute, fremde Welt. Wußteſt Du denn nicht, daß die Welt die Feindin iſt der Ju⸗ gend und Unſchuld, und daß Du im ewigen Kampfe mit ihr ſein wirſt, wenn Du ſie nicht fliehſt? Er neigte ſich näher über ſie. Noch immer kein Athem, ſagte er angſtvoll, noch immer iſt ſie kalt und regungslos. Soll ich verſuchen, ſie zu wecken, ſie durch heftige Mittel aus dieſer Ohnmacht aufzuſchen⸗ chen?— Nein, dieſe Bewußtloſigkeit enthebt ſie aller ihrer Schmerzen, es wäre grauſam, ſie zu wecken, ehe das Leben ſelber ſie wieder zu ſich ruft! Möge ſie ſchlafen und träumen, und wenn ſie erwacht, dann ſoll ſie nicht erſchreckt werden durch den Anblick eines ihr fremden Angeſichts. — 79— Er neigte ſich wieder lauſchend über ſie. Sie athmet ſchon wieder, flüſterte er leiſe. Bald wird ſie erwachen. Es iſt beſſer, ich verlaſſe ſie, bis ſie mich zu ſich ruft. Er verließ eilends das Zimmer und begab ſich in das anſtoßende Gemach, deſſen Thür er hinter ſich verſchloß. In ſeinem Zimmer auf⸗ und abgehend verbrachte er die Stunden der Nacht. Der Schlaf floh ſeine Augen, ſeine Gedanken waren alle mit der räthſel⸗ haften Unbekannten beſchäftigt, und er machte Pläne, wie er ihr helfen, ihr beiſtehen könne. Draußen begann ſchon der Morgen zu dämmern, und hier und da erwachte ſchon das Geräuſch des Tages, als Alfred mit entſchloſſener Miene zu dem Gemach ſchritt, in welchem die Unbekannte war; er klopfte leiſe an ihre Thür und öffnete dann dieſelbe. Sie ſaß auf dem Sopha, die Hände auf dem Schooß gefaltet, das Haupt auf die Bruſt geſenkt in jenem Halbſchlummer der Ermattung, wie ihn die wohlthätige Natur ſendet, um einen beruhigenden Ghleier über die von Stürmen aufgeregte Seele zu eegen. Die im Verlöſchen begriffene Lampe warf dann und wann ein grelles Streiflicht auf die zarte, ge⸗ knickte Geſtalt, und im Schlummer wiegte ſich ihr Haupt, wie eine im Sturm erbebende Lilie.— Als Alfred dicht vor ihr ſtand, ſchreckte ſie zuſammen und blickte empor, nnd Alfred erbebte innerlich, denn das waren die großen ſchwarzen Augen, wie er ſie ge⸗ träumt, das war der ſtolze, ruhige und ſchwermüthige Blick, wie er ihn ſehen wollte an dem Ideal ſeiner Phantaſieen.— Sie ſah ihn ſchweigend an, forſchend, und zweifelhaft, ob dieſer junge Mann ihr Retter ſei, ob ein Verfolger, der ſie ihrer Zufluchtsſtätte zu ent⸗ — 80— reißen komme. Fürchten Sie nichts, ſagte Alfred, ich bin es, dem Sie ſich anvertrauten, und was ich Ihnen geſtern Abend gelobte, das wiederhole ich Ihnen heute: ich bin bereit, Alles was in meinen Kräften ſteht zu Ihrem Schutz und Beiſtand zu ver⸗ wenden. Sie reichte ihm die ſchmale, weiße Hand dar und ſagte leiſe: Ich habe keine Worte, Ihnen meinen Dank auszudrücken, aber hier in meinem armen, zer⸗ riſſenen Herzen, da hat Ihre That ſich wie ein wohl⸗ thuender Balſam auf alle die blutenden Wunden gelegt, und es iſt mir, als wären all' dieſe glü⸗ henden Schmerzen auf einen Augenblick geſtillt und beſänftigt. Hören Sie mich an, ſagte Alfred, und denken Sie, daß es ein Freund iſt, der zu Ihnen redet. Ja, ein Freund, denn das Schickſal hat Sie an mich ge⸗ wieſen, und ſo müſſen Sie es ſich ſchon gefallen laſſen, mir das Recht der Theilnahme und Freund⸗ ſchaft zu gewähren. Ja, Sie armes, unglückliches Weib, das Schickſal hat Sie an mich gewieſen, und Gott ſei mein Zeuge, daß ich Sie nimmer verlaſſen will! Ich frage nicht nach dem, was Sie hinausge⸗ trieben hat in die Welt und die Verzweiflung, ich will nicht forſchen nach der Urſache Ihres Unglückes und Ihres Wehs,— Sie ſind unglücklich, das ſei mir genug, und vielleicht, daß einmal ein Tag kommt, wo Sie aus freier Wahl mir Ihr Herz öffnen mögen! Sie ſchüttelte leiſe ihr Haupt und flüſterte: Nie, Niemals! Und wenn auch nicht, fuhr Alfred eifrig fort, die nächſte Pflicht iſt, für Sie zu ſorgen und Ihrer Zu⸗ kunft zu gedenken. Ich habe keine Zukunft, ſagte ſie dumpf vor ſich hin. — 81— Aber auch keine Vergangenheit, rief Alfred. Gleich dem Columbus haben Sie das Schiff, auf dem Ihr Leben bis jetzt dahin wogte, hinter ſich verbrannt, und es giebt keinen Rückweg mehr für Sie. In der Gegenwart ſich neu anzubauen, das alſo iſt Ihre erſte und nächſte Pflicht, und dazu möchte ich Ihnen ein Rath und Beiſtand ſein. Vor allen Dingen aber bedürfen Sie der Ruhe und der Erholung! Ruhe! rief ſie ſchmerzvoll, wo giebt es für mich denn Ruhe, als im Grabe! Gönnen Sie zuerſt dem Körper Ruhe, dann wird auch die Seele erſtarken. Ueberlaſſen Sie ſich der Einſamkeit, dem ungeſtörten Frieden der Wirklich⸗ keit, und ſagen Sie mir nur dies, iſt das Geheim⸗ niß Ihres Unglückes von der Art, daß Sie Verfol⸗ gung zu fürchten, daß Sie das mögliche Erkannt⸗ werden zu meiden haben, oder war Ihre Flucht zu⸗ gleich Rettung? Sie ſah ihn mit einem eigenen ſchmerzvollen und doch ruhigen Blicke an. Jedes Erkanntwerden, ſagte ſie leiſe, würde mir den Tod bringen. So dürfen Sie alſo bis auf Weiteres das Zim⸗ mer nicht verlaſſen, ſagte Alfred faſt freudig, und müſſen es ſich gefallen laſſen, in demſelben mein Gaſt zu ſein. Nein, ſagen Sie nichts, widerſprechen Sie nicht, und fürchten Sie auch nicht, mir hindernd zu ſein. Meine Wohnung iſt groß und bietet Raum genug für uns Beide dar. Sorgen Sie auch nicht, daß ich Ihnen läſtig fallen möchte. Ich werde Ih⸗ rem Vertrauen Ehre machen, und jung, wie ich bin, ſollen Sie Vertrauen haben dürfen zu meiner Ruhe und Beſonnenheit. Ich werde nie ohne Ihre Ein⸗ willigung es wagen, Ihr Zimmer zu betreten und Niemand Anders ſoll Sie beläſtigen. Aber es wird unmöglich ſein, meine Gegenwart I. 6 — 32— den Bewohnern dieſes Hauſes, ja Ihrer Dienerſchaft zu verbergen, ſagte ſie mit leiſem, bebendem Ton. Und wie unangenehm könnten die Folgerungen ſein, die man für Sie daraus zöge! Nicht um meinetwillen, aber um Ihretwillen habe ich daran gedacht, ſagte Alfred. Sie haben Recht, der Aufenthalt eines jungen Mädchens bei einem unverheiratheten Manne könnte Verdacht erregen, und ſogar die Nachforſchungen der Polizei zur Folge haben. Dies müſſen wir vermeiden, und deshalb möchte ich Ihnen für die nächſten Tage mindeſtens eine Verkleidung vorſchlagen. Da trifft es ſich denn ganz glücklich, daß ich, wie man weiß, ſeit einigen Tagen ſchon den Sohn eines entfernt wohnenden ältern Freundes erwarte. Niemand aber weiß, daß ich geſtern Abend die Nachricht erhielt, dieſer junge Mann könne wegen einer gefährlichen Krankheit nicht kommen. Sie werden alſo für dieſen jungen reund Bernhard hier im Hauſe gelten, und Niemand wird etwas Auffälliges finden. Bernhard, ſagte ſie zuſammenſchreckend, und ein convulſiviſches Zittern durchzuckte ihre ganze Ge⸗ ſtalt, dann warf ſie einen ſcheuen, argwöhniſchen Blick auf Alfred und fragte leiſe: warum gerade die⸗ ſen Namen? O, das wird der Name ihres Geliebten ſein, dachte Alfred, und argwöhniſch, wie alle Unglück⸗ lichen, fürchtet ſie irgend eine Abſichtlichkeit.— Jeder Name gilt gleich, ſagte er, denn man weiß noch nicht den Namen des Erwarteten. Nennen Sie mich Julins, ſagte ſie raſch. Nun denn Inlius Brander, ich verlaſſe Sie jetzt, um Ihnen die nöthigen Kleidungsſtücke zu beſorgen, ſagte Alfred, in einer Stunde bin ich zurück, und dann beſprechen wir das Weitere! 3 — 33— Nein, gehen Sie noch nicht, laſſen Sie mich erſt Ihnen danken, rief ſie leidenſchaftlich, Sie ſind mein Wohlthäter, mein Retter, und zu Ihren Füßen iſt mein Platz! Sie wollte ſich vor ihm niederwerfen, er hob ſie auf, und ſie ſanft abwehrend, ſagte er: ich will kei⸗ nen Dank, ſondern Ihr Vertrauen! Und das ſollen Sie mir gewähren, wenn ich es einſt verdient habe. Ohne eine Antwort abzuwarten verließ er raſch das Zimmer, die Fremde aber ſank auf ihre Kniee und weinte bitterlich. Eine Hochzeit. Es war Amaliens Hochzeitstag, und heute ſollte ſie ſich trennen von Allem, was ſie bis dahin geliebt, von all' dieſen Erinnerungen ihrer Jugend, von der Stätte, auf welcher ſie geboren worden, von ihren Mädchenwünſchen und Träumen, heute ſollte ſie ein neues Leben beginnen an der Hand ihres Gatten, neue Pflichten übernehmen, eine neue Heimath ſich gründen! Arme Amalie! Wie bang und angſtvoll klopfte ihr Herz, welche zitternde Seufzer hoben ihre Bruſt, und wie heiße Thränen füllten ihre Augen! Sie war ſchon im Brautgewande. Ein einfaches weißes Seidenkleid umhüllte ihre zarte, ſchlanke Ge⸗ ſtalt, und machte ihr bleiches Geſicht noch bleicher, es ſprach keine Freude, kein heimliches, verſchämtes Entzücken aus den Zügen dieſer zitternden Braut, ſondern nur Ergebenheit und Reſignation, und dieſe Seußzer, die ihren Buſen hoben, ſie gehörten nur der Angſt und Furcht, nicht dem glückesvollen bräutlichen Zagen an. O theure Tante, rief ſie jetzt, bittend die Hände in einander faltend, ſage mir Alles noch einmal, ich. — 85— bitte Dich! Wiederhole mir noch einmal alle die Gründe, die mich beſtimmten, Gotthold's Frau wer⸗ den zu wollen! Mein Gott, fuhr ſie fort, und ſtrich ſich mit der Hand über die glühende Stirn, mein Gott, es iſt Alles ſchon wieder vergeſſen und mein armer Kopf iſt ganz leer an Vernunft. Die Frau, an welche dieſe Worte gerichtet waren, wandte ſich mit einem faſt unwilligen Blick zu dem zitternden Mädchen. Wie kindiſch, ſagte ſie mit ſchneidendem Ton. Statt auf Deinen Knieen zu liegen und Gott zu dan⸗ ken für das Glück, das er über Dich ausgießt, indem er das Herz eines edlen und frommen Mannes Dir zuwendet, ſtatt zu jauchzen in Wonne über dies große, unverdiente Glück, geberdeſt Du Dich wie ein Opfer⸗ lamm, und forderſt von mir die Gründe, weshalb Du Dich zu dieſem erhabenen Opfer entſchloſſen, des edelſten Mannes Gattin zu werden. O, ich weiß, ich weiß! ſagte Amalie zitternd, ich bin ein ganz unwürdiges Geſchöpf und ganz undank⸗ bar gegen mein Glück! Aber mein Gott, Tante, ich kann mein armes Herz ja nicht zwingen, freudig zu ſchlagen wenn— Sie ſtockte und brach in Thränen aus. Nun, rief ihre Tante ungeduldig, ſo will ich Dir denn noch einmal die Gründe ſagen, damit Du we⸗ nigſtens dieſes alberne We nen unterläßt und Dei⸗ nen würdigen Verlobten nicht ſchon an ſeinem Hoch⸗ zeitstage betrübſt. Ja, ja, tröſte mich, murmelte Amalie gedanken⸗ voll, damit ich ruhig werde und Eduard nicht ſieht, daß ich geweint habe! 5 Wie oft alſo, rief die Tante, wie oft habe ich Dir nun ſchon bewieſen, daß Du es Deinem Bruder Eduard ſchuldig biſt, Dich ſo bald als möglich zu — 86— verheirathen, weil Du ihm natürlich eine Laſt biſt, eine Bürde, die ihn zwingt, einen größern Hausſtand zu führen, eine größere Wohnung zu haben, und mehr Dienerſchaft zu halten, als er bedarf, wenn er allein lebt. Ihr habt Beide weder Vater noch Mutter mehr, und leider auch nicht hinreichendes Vermögen, um davon anſtändig und ſorgenfrei leben zu können. O Gott, ſeufzte Amalie leiſe, man bedarf ja ſo wenig, um glücklich zu ſein! Ich ſage, fuhr ihre Tante mit erhöheter Stimme fort, daß Dein Erbtheil nicht einmal hinreichend iſt, um Deine Bedürfniſſe zu befriedigen. Eduard muß alſo nicht allein für ſich, ſondern auch noch für Dich arbeiten. Er muß den ganzen Tag ſich plagen, um Dich zu erhalten, um Dir alle die Vergnügungen und Freuden zu gewähren, auf die Deine Iugend, wie er meint, Anſprüche hat. O Gott, ſchrie Amalie, verzweiflungsvoll die Hände ringend, ich verlange ja nichts, als ſtill, ganz ſtill neben ihm zu ſein, für ihn zu ſorgen und zu arbeiten, und ihm ſeine leiſeſten Wünſche abzu⸗ lauſchen. Das iſt die Pflicht und der Beruf einer Gattin, nicht einer Schweſter, ſagte die alte Dame ſtreng, und wenn Eduard ſich eine junge, ſchöne Frau ge⸗ wählt, wird ſie das Alles für ihn mit Freuden thun. Und er wird ſehr bald heirathen und Dich dann nicht entbehren. Ja, ja, flüſterte Amalie, er wird heirathen. Jetzt weiß ich Alles! Du ſagteſt mir, daß er ein junges, ſchönes Mädchen liebt, und daß deren Eltern ſich an Dich wandten und Dir ſagten, ſie würden nur dann ihre Einwilligung zu dieſer Heirath geben, wenn zu⸗ vor Eduard's Schweſter ſich anheiſchig gemacht hätte, — 87— nicht bei dem Bruder nach ſeiner Verheirathung zu wohnen. Sie ſagten, nichts ſei für eine junge Frau läſtiger, als wenn gleich eine Schweſter dem jungen Hausſtand als Ballaſt beigegeben würde, und daß ſie niemals ihre Tochter einem Manne geben würden, der in einer Schweſter ſogleich der jungen Frau eine Rivalin entgegenſtellte. Nicht wahr, Tante, das ſagten ſie? Ja, und ſie hatten Recht, es zu ſagen, denn es iſt die Wahrheit. Und er liebt dies junge, ſchöne, reiche Mädchen, ſeufzte Amalie. Tante, warum hat er mir niemals geſagt, daß er ſie liebt? Weil er viel zu edel und zartfühlend iſt, um durch ein ſolches Geſtändniß Dich gewiſſermaßen aus ſei⸗ nem Hauſe zu verſtoßen. Weil er ſeine Schweſter ſo ſehr liebt, daß er, um ſie nicht zu betrüben und in die Fremde zu vertreiben, ſogar im Stande iſt, ſein eigenes Glück und ſeine Liebe zu opfern, und ſchwei⸗ gend für ſie zu dulden und zu leiden. Es iſt genug, Tante, ſagte Amalie plötzlich mit feſtem Ton, und richtete ſich von ihrem Sitze auf. Es iſt ganz genug! Ich werde dieſes Opfer nicht annehmen, das mir ſein Edelmuth und ſeine himm⸗ liſche, liebevolle Großmuth bringen will. Schweigend und ſtumm wollte er für mich ſeine Liebe dahin ge⸗ ben, ſchweigend und ohne Klage werde ich für ihn mein ganzes Leben darbringen, und keine Thräne ſoll ihm verrathen, was ich leide! O, theuerſte Tante, wie gütig doch Gott war, daß er durch Sie mich die⸗ ſes edle Opfer meines Bruders erkennen ließ, und mir die Mittel ſandte, es zu verhüten! Und darum danke ich Dir, Du gute, liebe Schweſter meines Va⸗ ters, daß Du mir beigeſtanden mit Deinem Rath und Troſt, und mir geholfen haſt, das Rechte zu thun, 88— welchen furchtbaren Kampf es auch meinem Herzen koſtet. 15 Das junge Mädchen warf ſich in die Arme ihrer Tante, und lehnte ihr bleiches, müdes Haupt an de⸗ ren Schulter. Sie ſah es nicht, daß die Tante faſt beſchämt die Augen niederſchlug, und daß eine dunkle Röthe einen Augenblick ihre bleichen, vergilbten Wan⸗ gen überflog. 4 Und jetzt will ich nicht mehr weinen, ſagte Amalie dann mit einem köſtlichen Lächeln und richtete ſich wieder empor. Von nun an werde ich ruhig und gefaßt mein Schickſal ertragen. Welche Schmerzen und Leiden auch mich treffen mögen, ich werde nie⸗ mals wieder klagen, denn ich leide für ihn, für mei⸗ nen Bruder, den ich mehr liebe, als mich ſelbſt, mehr als alles Andere auf der Welt! Sie ſah herrlich aus mit dieſem Ausdruck höchſter Liebe und Begeiſterung in ihren edlen Zügen, mit dem ſchwärmeriſchen Feuer dieſer großen, tiefblauen Augen. Als ihre Tante Auguſte ſie jetzt anblickte, da fühlte ſie etwas, wie Mitleid und Erbarmen mit dieſem zarten, liebenden Mädchen, und einen Moment war es ihr, als müſſe ſie ihr an's Herz ſinken und ſie um Vergebung flehen für alle die Schmerzen, die ſie ihr bereitet, als müſſe ſie ihr ſagen, daß dieſe Liebe Eduard's zu einem ſchönen und reichen Mäd⸗ chen weiter nichts ſei, als ein von ihr erſonnenes Mährchen, um damit Amalien zu dieſer Heirath zu bewegen. Aber ſchnell wieder gewann die Vernunft die Oberhand, und die alte, kluge Dame ſagte ſich ſelbſt, daß ſie ganz recht und klug gehandelt, daß es kein anderes Mittel gegeben, ihre Nichte zu dieſer Heirath zu bewegen, und daß dieſe Heirath ſowohl ein Glück für Amalie, als auch für Eduard ſei, weil — — 89— ſie dadurch verſorgt und er frei ſei, ſich ſelber eine Gattin zu wählen.— Amalie war verſorgt, und die kluge Tante Auguſte wünſchte ſich ſelber Glück, daß es ihrer Klugheit und Liſt gelungen, daß junge Mädchen zu dieſer Heirath zu bewegen. 3 O, ſagte Amalie, mit entſchloſſenem Schritt im Gemach auf und niedergehend, o, ich wollte ihm nie⸗ mals eine Laſt und eine Bürde ſein! Theure Tante, wie danke ich Dir, daß Du durch Deinen weiſen Rath noch zu rechter Zeit mich davor ſicherteſt, ihm eine läſtige Zugabe zu ſein, die ihm ſein ſchönes Le⸗ ben beſchwerte und umdüſterte. Nein, Eduard ſoll ohne eine fremde, bittere Beimiſchung der ſchönen Jahre gedenken, die wir ſo ſtill und traulich, ſo ganz auf einander angewieſen, in ſüßer, traulicher Innig⸗ keit mit einander verlebten. Und wenn er einſt hier in dieſem Zimmer mit ſeiner ſchönen, jungen Braut ſein wird, die dann ſein Weib iſt, ſoll er ohne Bit⸗ terkeit auch dann noch der Zeit gedenken, wo ſeine Schweſter die Einzige war, die für ihn ſorgen, mit ihm ſeine Tage theilen durfte! Ihre Stimme zitterte, während ſie ſo ſprach, aber ihre Wangen glühten, ihre Augen flammten von Ent⸗ ſchloſſenheit und Muth, und jetzt war ſie prächtig an⸗ zuſehen in dieſem zarten, weißen Brautgewande, aber es waren keine bräutlichen Gedanken, die ſie erglühen gemacht. „Nur noch eine halbe Stunde und Dein Bräu⸗ tigam wird kommen Dich zur Trauung akzuholen, ſagte Tante Auguſte. 3— Nur noch eine halbe Stunde, ſeufzte Amalie, und ſie empfand ganz die Qual einer zum Tode Ver⸗ urtheilten, die bei jeder ſchwindenden Minute krampf⸗ — 90— haft erbebt, weil jede ihr den fürchterlichen Tod näher und näher bringt. Komm, laß mich jetzt den Myrthenkranz in Dein Haar befeſtigen, ſagte die Tante. Nein, nein, ächzte Amalie, Niemand als Eduard darf das thun! Sie war plötzlich wieder marmorbleich geworden, und ihre Zähne ſchlugen aufeinander, wie im Fie⸗ berfroſt. Da hielt unten an dem Hauſe ein Wagen an und bald darauf vernahm man ein heftiges, gebiete⸗ riſches Klingeln. Das iſt Eduard! ſagte Amalie ſich erhebend, mit einem glücklichen Lächeln und wollte zur Thüre ge⸗ hen, als dieſe ſich öffnete und ein junger Mann in derſelben erſchien.. Er ſah bleich und abgeſpannt aus, und das Lä⸗ cheln, mit dem er Amalien begrüßte, war ſchwermuths⸗ voll und trübe. Schon im Brautanzug, ſagte er mit traurigem Ton und reichte ſeiner Schweſter die Hand. Wie ſchön Du biſt in dieſem weißen Gewande. Aber es fehlt ja noch der Myrthenkranz. Ich wollte Dich bitten, ihn mir in's Haar zu flechten, ſagte Amalie mit ſo leiſer, zitternder Stimme, daß Eduard ſie kaum verſtand. Ja, fuhr ſie dann muthiger und gekräftigter fort, Du mußt mir den Myrthenkranz aufſetzen, wie es, wenn ſie lebte, unſere Mutter würde gethan haben mit einem Segen für das ganze Leben. Du haſt an mir Vater⸗ und Mut⸗ terſtelle vertreten, Eduard, denn Du haſt mich behü⸗ tet und beſchützt mit der Liebe einer Mutter und der Wachſamkeit und dem Ernſt eines Vaters. Darum mußt Du mir auch jetzt Deinen Segen von Vater und Mutter zugleich geben! — 91— Sie wollte vor ihm niederknieen, er aber zog ſie ſanft in ſeine Arme nnd drückte ſie an ſein Herz ſo innig und feſt, als wolle er ſie nimmer von demſel⸗ ben laſſen, und ſeine Thräuen ſtrömten heiß und glühend über ihr bleiches Geſicht. Tante Auguſte, vielleicht um bei dieſen Qualen der Geſchwiſter ſich vor den Vorwürfen ihres Ge⸗ wiſſens zu retten, vielleicht aus einem Auflug von Zartgefühl, hatte leiſe das Zimmer verlaſſen und die Geſchwiſter waren allein. Sie ſprachen nicht, ſie athmeten kaum, ſie hielten ſich feſt umſchlungen und dachten nur, daß in die⸗ ſem Augenblick der Tod ihnen wie ein rettender Freund ſein würde, wenn er käme, ſie Beide der Welt zu entführen. 1 Aber als Eduard die Schweſter in ſeinen Armen erbeben fühlte, wie im Fieberfroſt, als ihr Athem nur wie ein krampfhaftes Schluchzen ertönte und ihr Haupt ganz ſchlaff und bewegungslos auf ſeiner Schulter ruhte, da entriß ihn die Sorge für die Ge⸗ liebte ſeinem Schmerze um ſie.— Er hob ſie in ſeine Arme und trug ſie zum Divan, und dann vor ihr niederknieend und ſeine Arme um ihren⸗Nacken le⸗ gend, blickte er ſie mit einem Ausdruck unausſprech⸗ licher Liebe, unausſprechlichen Schmerzes an. Du willſt mich verlaſſen, Amalie, ſagte er leiſe, und ſeine Stimme erklang ihr wie der letzte Schwa⸗ nengeſang ihres hinſterbenden Glückes, Du willſt mich verlaſſen und eine andere Heimath, ein neues Glück Dir begründen! O Du liebes, holdes Kind, wirſt Du auch das Glück finden, das Du erflehſt, werden Deine zarten Füße auch dieſe rauhen Pfade des Lebens zu gehen vermögen, und wird das Schickſal Dich immer ſegnen mit ſeinem heiterſten Sonnenſchein? Ach, Amalie, mir iſt bange um Dich, ſo beklommen und angſtvoll, und immer ſcheint mir ein geheimnißvolles, flüſterndes Etwas zu ſagen, daß Du Dich nicht glück⸗ lich fühlſt, und daß ich um jeden Preis Dich von einem Schritte zurückhalten müßte, den Du nur wi⸗ derſtrebend thuſt! Glaube dieſen flüſternden Stimmen nicht, ſagte ſie feſt, und denke auch nicht, daß ich widerſtrebe zu thun, was ich als das Rechte erkannte. Denke auch nicht, daß ich ſo ſchwach bin und gleich zuſammenſin⸗ ken werde, wenn das Leben mir ſeine finſtere, dor⸗ nenvolle Seite zeigt. Ich habe den feſten Willen, nicht unglücklich zu ſein, und dieſer feſte Wille wird die Stütze ſein, die mich aufrecht erhält in allen Stürmen des Lebens. Und Du ſagſt nichts von der Liebe zu Deinem Gatten? fragte Eduard, ſie ſcharf anſehend. Du wen⸗ deſt Dein Auge weg? Amalie, ſchrie er laut, Amalie, Du liebſt ihn nicht? Sie ſchwieg und drückte nur ſtumm ſein Haupt an ihre Bruſt, damit ſeine durchbohrenden, flammen⸗ den Blicke nicht in ihr Antlitz ſchauten. Er machte ſich heftig los und ſchüttelte das Haupt, wie ein gefangener Löwe, der ſeine Feſſeln durch⸗ bricht. Ich will die Wahrheit wiſſen! ſagte er feſt und gebieteriſch und ſprang empor, und wie er jetzt ſo ſtolz und hochaufgerichtet vor Amalien ſtand, neigte ſie ihr Haupt, wie eine Sclavin vor ihrem Herrn, und in ihrem Herzen war unendliche Liebe und un⸗ endliche Demuth. 3 Ammalie, in dieſer Stunde kannſt Du mir nicht die Wahrheit verſchweigen. Ich habe Dich in dieſen drei Wochen, daß Du Gotthold's Braut biſt, oft ge⸗ fragt, ob Du ihn liebſt, und Du haſt mir immer be⸗ jahend geantwortet. Kannſt Du auch in dieſem Augen⸗ blicke noch mir ſagen, daß Du ihn liebſt und nur aus —* —2 — 12 Liebe ſein Weib wirſt? Nein, antworte noch nicht! Denke erſt an unſere Eltern, die lange ſchon todt ſind, die aber, wenn es den Todten vergönnt iſt, in dieſem Augenblicke bei uns ſind, und Deine Antwort hören, denke an die heilige, große und ſtarke Liebe, die uns bisher verband, an die glückſeligen Jahre der Stille und des Friedens, die wir miteinander verleb⸗ ten, denke daran, daß Du in dieſen Jahren mir Alles warſt, meine Schweſter und meine Geliebte, mein Weib und meine Mutter zugleich, denke an die köſt⸗ lichen Abende, die wir hier, hier in dieſem Zimmer miteinander verlebten, denke an Alles, Alles, was nun vergangen iſt, rief er in einer Art Wuth und⸗ drückte ſich beide Hände gegen die Augen, als wolle er mit Gewalt die hervorſtürzenden Thränen zurück⸗ drängen, denke an Alles dies, und dann antworte mir: liebſt Du Deinen Verlobten? Sie war ganz wie bezaubert und umſtrickt von ſeinem forſchenden, flammenden Blick, und ganz unwill⸗ kürlich antwortete ſie: Nein, ich liebe ihn nicht! Es war ganz mechaniſch geweſen, ganz, wie von einer höhern Gewalt getrieben, daß ſie dieſe Worte geſprochen, ſie war wie in einer Betäubung und Ver⸗ zauberung, erſt Eduard's Freudenſchrei, erſt das leiden⸗ ſchaftliche Entzücken mit dem er vor ihr niederſtürzte und ſeine Arme um ſie legte und ſie anſah, erſt dies weckte ſie aus ihrer Verzückung und ließ ſie ihre Un⸗ beſonnenheit erkennen. Du liebſt ihn nicht! ſchrie er wie im Triumph. Gelobt ſei Gott! Sie liebt ihn nicht! Ach Amalie, was habe ich gelitten in dieſen Wochen, in denen Du mich überreden wollteſt, daß Du ihn liebteſt; mein Gott, es war mir, als ſeieſt Du gar nicht meine Schweſter mehr, als wärſt Du mir plötzlich eine Andere, eine Fremde geworden, ſeit Du dieſen Prediger liebteſt. — 94— Denn ich, ich haßte ihn, dieſen heuchleriſchen, ſchein⸗ heiligen, gleißneriſchen Mann mit der niedrigen Seele, die für nichts empfänglich iſt, wie für den Geiz, die nichts liebt, als das Geld! Glaubſt Du denn, Du mein liebes, holdes Kind, daß er weiß, welch ein köſtliches Kleinod er ſich in Dir erwerben konnte? Ach, er liebte Dich nur, weil Du ſchön biſt, und weil er einer Hausfrau bedarf! Und Du liebſt ihn nicht, o Amalie, ich bete Dich an für dieſes Wort!— Aber warum wollteſt Du ihm alsdann Deine Hand geben, warum wollteſt Du ſeine Gattin werden? fragte er dann, plötzlich aus ſeinem Freudentaumel erwachend. Warum willſt Du ihn denn heirathen, wenn Du ihn nicht liebſt? Amalie dachte: wenn jetzt Gott mir nicht ein Zeichen ſendet ſeines Willens, wenn jetzt nicht irgend Etwas geſchieht und mich zwingt, mein Wort zu halten, dann geſtehe ich ihm Alles, dann ſage ich ihm, daß ich um ſeinetwillen ihn verlaſſe, damit er ſeine Geliebte nicht verliert und ich ihm nicht zur Laſt falle!— Das dachte ſie, und tiefheimlich in ihrem Herzen flehte ſie mit ſolchem Denken zu Gott, daß er ihr kein Zeichen ſende, und daß ſie dem Bruder Alles geſtehen dürfe. Sie ſaß wie in einer Erſtarrung da, und Eduard faßte ihre beiden Hände und ſchüttelte ſie, und rief leidenſchaftlich: warum willſt Du ſein Weib werden, wenn Du ihn nicht liebſt?. Da ertönten im anſtoßenden Gemach bekannte Stimmen und Amalie erwachte aus ihrer Erſtarrung, denn ſie erkannte die Stimme ihres Verlobten und ihrer Tante, und alle die Gründe, mit denen dieſe ſie von der Nothwendigkeit ihrer Verheirathung überzeugt, ſie erklangen Alle auf einmal wie ein unermeßliches Wortgeſchwirre vor ihren Ohren, und ſie glaubte doch jedes einzelne Wort zu hören, und jedes drang ſtechend 1 — und überzengend in ihre Seele, und ſie dachte: jetzt, weil er mir das Geſtändniß entriſſen hat, daß ich Gotthold nicht liebe, jetzt wird er in ſeiner Großmuth mich überreden wollen, bei ihm zu bleiben, und ſein eigenes Glück wird er freudig opfern für mich!— Wie ſie das dachte, und viel ſchneller, viel energiſcher, als wir es wiedergeben können, da war es ihr, als ſei ihre ganze Seele plötzlich wie von Licht und Glanz erfüllt, und ſie ſtand auf und ſagte mit einem himmliſchen Lächeln: ich liebe ihn nicht, wie einen Geliebten, aber wie einen Freund, dem ich willig und freudig meine ganze Zukunft anvertraut! Und darum will ich ſein Weib werden, weil er mich liebt und ich ihm ver⸗ traue!— 4 Eduard ſchlug ſeine beiden Hände vor ſein Geſicht und erwiederte nichts. Setze mir den Kranz auf, Lieber! bat Amalie ſanft und wollte ihm den Myrthenkranz darreichen. Er wandte ſich heftig ab und rief: Ich kann nicht, bei Gott, ich kann nicht! Ign dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür und in feierlichem Ornat trat Gotthold mit ſeinem from⸗ men, heiligen Lächeln und ſeinem gen Himmel ge⸗ wandten Blicke herein. Ihm folgte die Tante mit den Gäſten, die das Paar als Zeugen in die Kirche geleiten ſollten. Godtthold reichte ſeiner Braut die Hand und ſagte feierlich: So komme denn, Du meine Verlobte in Chriſto, um von dem Diener Gottes die feierliche Weihe nnſeres Liebesbundes zu empfangen und in dem Tempel des Herrn das Gelübde meiner Treue zu vernehmen und das Deine mir darzubringen! Amalie fühlte es wie einen Krampf in ihrem Herzen, aber ſie legte ihre Hand in die dargereichte Rechte ihres Verlobten undzuckte nur innerlichzuſammen — 36— vor der Berührung dieſer Hand, die von nun an ihr ganzes Leben umfaſſen und umſpannen ſollte. Aber der Kranz! rief Tante Auguſte ſchnell herzu⸗ tretend. Mein Gott, die Braut iſt noch ohne Kranz! Amalie neigte das Haupt, wie ein Opferlamm, und ließ ſich ſchweigend den Kranz in ihrem Haar be⸗ feſtigen und den langen Spiitzenſchleier umwerfen. Und jetzt zur Kirche denn! ſagte Gotthold, ſeiner Braut den Arm gebend. Amalie ließ ſich willenlos fortführen. Sie wandte ſich nicht nach Eduard um, und er hatte noch immer ſein Geſicht mit ſeinen Händen bedeckt, aber er empfand ihr Fortgehen; in einer Art verzweiflungsvoller Wuth ſtürzte er ihr nach, und Gotthold unſanft zurückdrängend, ſagte er: verzeihen Sie! Mir kommt es zu, meine Schweſter zum Wagen zu geleiten. Es iſt mein letztes brüderliches Recht! Er führte ſie ſchweigend durch die Zimmer, in denen ſie beide miteinander ſo glücklich geweſen, und jede Stelle rief Amalien ſüße, köſtliche Erinnerungen zu und zerriß ihr Herz mit unnennbaren Qualen. Jetzt ſtanden ſie auf der letzten Schwelle. Unwill⸗ kürlich ſtand Eduard hier ſtill, es war ihm, als müſſe er Amalie zurückhalten, mit Gewalt ſie von dieſem Schritte zurückdrängen, und er ließ ihre Hand fahren, denn er fühlte die Unmöglichkeit, ſie ſelbſt über dieſe Schwelle zu geleiten, mit deren Ueberſchreiten Amalie ihrer ganzen Bergangenheit Lebewohl ſagte, um einer neuen, ungewiſſen, für Eduard ſchreckensvollen Zukunft entgegenzugehen. Sie ſtand einen Augenblick zögernd ſtill, ſie wandte das Haupt rückwärts in das Zimmer zurück mit einem unbeſchreiblichen Blick des Scheidens und Abſchied⸗ nehmens, dann trat ſie entſchloſſen über die Schwelle — 97— und nahm die Hand ihres Bruders, der ſie ihr nicht wieder zu entziehen wagte. Schweigend ſchritten ſie die Treppe hinunter und über den Hausflur. Vor der Thür ſtanden zu beiden Seiten müßige, ſchwatzende Neugierige, Dienſtmägde mit Kindern auf dem Arm, alte Weiber und Straßen⸗ buben, und hier und da auch ein anſtändig Gekleideter, der, von dem harrenden Menſchentrupp herbeigelockt, hinzugetreten war, um zu ſehen, was es gäbe. Sie bildeten eine ſchmale Gaſſe, durch welche die Braut hindurchgehen mußte, und alle dieſe unverſchämten, frechen und neugierigen Blicke waren auf ſie gerichtet und muſterten ihr Antlitz, ihren Anzug und die Koſt⸗ barkeit ihrer Gewänder mit einer verletzenden Gleich⸗ gültigkeit, und hier und da ſogar hörte man laute Bemerkungen, in der ironiſchen und ſpöttiſchen Weiſe, wie ſie dem Berliner Pöbel eigen iſt. Sie ſieht aus wie'n blaſſer Mondſchein! ſagte eine pausbäckige Dienſtmagd zu ihrer Nachbarin. Seh mal das ſchöne Kleid, flüſterte eine Andere. Ach Gott, wie glücklich doch die vornehmen Leute ſind, daß ſie ſo ſchöne Kleider haben! Nur ein altes Weib ſtand ſchweigend da und ſchaute auf die Braut mit theilnehmenden Blicken, und als Amalie jetzt in die Kutſche ſtieg, trat ſie ſchüchtern näher und reichte der Braut einen Blumen⸗ ſtrauß dar. Gottes Segen über Sie! ſagte die Alte, die Nie⸗ mand anders war, als Frau Winkler. Amalie nickte ihr dankend zu, und gerührt von ſo unerwarteter Auſnertſanntaſ⸗ heftete ſie den Strauß an ihren uſen. Frau Winkler achtete nicht auf den Bräutigam, der jetzt ebenfalls die Kutſche beſtieg. Sie eilte zu dem zweiten Wagen, in den Eduard ſo eben Tante 7 — 98— Auguſte hineinhob. Sie ſah nichts von dem ſtatt⸗ lichen Anzug und dem gravitätiſchen Geſicht der alten Dame, ſie blickte nur wie bezaubert auf Eduard und ihr Antlitz glänzte in ſo tiefem, heiligem Glück, daß es ſchön anzuſehen war, trotz ſeiner Runzeln und Furchen, und trotz des ärmlichen, aus Lumpen zu⸗ ſammengeflickten Anzugs der Alten. Und ſie ſtand da, bewegungslos und ſtarr, ihre ganze Seele, ihr ganzes Leben ſchien in ihren Augen, in dem Blick zuſammengedrängt, mit dem ſie auf Eduard ſchaute, und erſt, als der Wagen von dannen fuhr und ſie ihn nicht mehr ſah, erſt dann erwachte ſie aus ihrer Verzückung und ſetzte ſich, gleichſam um ungeſtörter ihren Gedanken nachhängen zu können, auf die Schwelle des Hauſes, welche ſein Fuß eben überſchritten, nieder. Lange blickte ſie trübe und gedankenvoll vor ſich hin, dann ſchüttelte ſie mehrmals ernſt das Haupt und flüſterte leiſe: er ſah heute bleich und leidend aus, und wie er die Braut in den Wagen hob, da ſeufzte er ſo tief, daß ich hätte laut aufſchreien mögen vor Schmerz. Mein Gott, ob er nicht zufrieden iſt mit dieſer Heirath? Freilich, er iſt nun ganz allein, und Niemand iſt bei ihm, der für ihn ſorgen thut! Nun, er wird gewiß auch bald heirathen und eine ſchöne Frau haben und ſchöne Kinder dazu. Ach Gott, wenn ich doch nur einmal dann ſein Kind ſehen und es anfaſſen und küſſen dürfte, ohne daß es Jemand bemerkte!— Aber gewiß iſt, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, gewiß iſt, daß er heute ganz anders war, wie ſonſt. Er hat mir nicht einmal zugenickt, wie er es doch ſonſt ſeit den fünf Jahren, die ich hier jeden Mittag vor ſeiner Thür ſtehe, jedesmal zu thun pflegte. Ich glaube, er hat mich nicht einmal geſehen!— Aber ich muß ihn noch einmal heute ſehen, ſagte Frau — 99— Winkler faſt laut und ſtand ſchnell auf. Sie ſagten, in der Werder'ſchen Kirche ſei die Trauung. Da will ich doch raſch hingehen, vielleicht blickt er mich doch noch einmal an und nickt mir zu! Mit rüſtigem Schritt eilte Frau Winkler von dan⸗ nen und ſtand bald athemlos und zitternd vor dem Portal der Werder'ſchen Kirche. O, ſie waren noch dort, die Kutſchen warteten und ein Trupp Neugieriger ſtand noch harrend an der Thür. Aber jetzt theilte ſich die Menge und die Braut am Arm ihres Bräutigams ſchwankte heraus. Mein Gott, was fragte Frau Winkler nach der Braut und ihrem Verlobten, ſie hatte nur Augen für Eduard, der dort kam, ganz verſtört und blaß, und diesmal trat ſie ihm ſo nahe, daß ſie ihn faſt berührte, und daß er ſie ſehen mußte.— Aber nein, er ſah ſie dennoch nicht, er ſah nichts, gar nichts, er ſtieg ganz wie be⸗ täubt in ſeinen Wagen und befahl dem Kutſcher nach Hauſe zu fahren. Frau Winkler ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt und ſeufzte ſchmerzvoll: er hat mich nicht angeſehen, nicht ein einziges Mal! Und ich, ich hätte doch gern in dieſem Augenblicke ſterben mögen, wenn er mich nur angeblickt hätte! Amalie hatte den ausdrücklichen Wunſch aus⸗ geſprochen, an ihrem Hochzeitstage keine Gäſte um ſich verſammelt, aus dieſem ernſten, feierlichen Tage kein Freudenfeſt gemacht zu ſehen, und Eduard ſo⸗ wohl, als ihr Verlobter hatten ihr hierin gern bei⸗ geſtimmt, Eduard, weil er nicht die Kraft in ſich fühlte, heiter zu ſcheinen, Gotthold, weil es ihm ſei⸗ ner Würde angemeſſen erſchien, ſich an dieſem Tage von jedem Vergnügen fern zu halten, und— weil er die Koſten ſcheute. Jetzt hielt der Wagen vor ihrer neuen Wohnung. 7* EEEEENRNRNETTZIIIzIZI33I.F ßzttcktllexz — 100— Amalie fühlte eine Todeskälte ihren ganzen Körper überrieſeln, ſie lehnte ſich matt und kraftlos in die Kiſſen des Wagens zurück. Gotthold zog ſie ſanft empor und flüſterte: komm, mein geliebtes Weib, komm in Deine neue Heimath! Halb von ihm getragen, denn ſie fühlte ſich ganz kraftlos zum Gehen, verließ Amalie den Wagen und ſchwankte in das Haus, das von nun an ihre Hei⸗ math ſein ſollte. Die Dienſtboten ſtanden an der Thür und empfin⸗ gen ihre junge Herrin mit ſchweigendem Ernſt und tiefen Verbeugungen. Sie überſchritt die Schwelle, die Thür ſchloß ſich hinter ihr, es war geſchehen,— ſie war nun eine Andere geworden, nicht mehr Eduard's Schweſter, ſon dern Gottholdis Frau. Er führte ſie an ſeinem Arm durch die Räume, die ſie fortan bewohnen ſollte, und die ſie bis dahin, auf ihren Wunſch, noch nicht betreten, denn ſie wollte ganz unvorbereitet, ganz überraſcht in das neue Leben und in die neuen Verhältniſſe treten, und dies hatte um ſo leichter geſchehen können, als Amalie gar nichts zu thun gehabt hatte mit den ſonſt üblichen Geſchäf⸗ ten der Ausſtattung. Gotthold hatte mit Amaliens Bruder das Uebereinkommen getroffen, daß ihre Mit⸗ gift nur in baarem Gelde beſtehen ſollte, weil Gott⸗ holds Haushalt keines Zuwachſes und keiner Er⸗ neuerung bedurſte. Denn erſt vor einem halben Jahre war ſein junges Weib geſtorben, die er kaum neun Monate beſeſſen, und die ihn zum Erben ihres nicht unbedeutenden Vermögens und ihrer Mitgift er⸗ nannt hatte. Schwerlich hätte aber auch Gotthold ſonſt dieſes arme, ſchwindſüchtige Mädchen zu ſeiner Frau erkoren, ſchwerlich ſonſt ſich ein Weib erwählt, von dem die Aerzte ihm geſagt, daß ihr Leben nur von kurzer Dauer ſein könne. Gotthold hatte den Aerzten — 101— geantwortet, daß Gott vielleicht ein Wunder thun und durch ein langes Leben ſeiner jungen Frau die kurz⸗ ſichtige Weisheit der Aerzte zu Schanden machen könne, und dann hatte er den Tag nach ſeiner Ver⸗ heirathung mit ſeinem jungen Weibe ein Teſtament gemacht, in dem ſie gegenſeitig den Ueberlebenden zum Erben eingeſetzt, was dem Prediger, der nichts beſaß, als das mit ſeinem Tode erlöſchende Gehalt, allerdings weniger Worte gekoſtet, als ſeiner begüter⸗ ten jungen Gattin. Indeß hatte Gott diesmal kein Wunder gethan, vielleicht, weil Gotthold ihn nicht in⸗ brünſtig genug darum angefleht, die Prophezeihung der Aerzte war in Erfüllung gegangen und die junge, ſchwindſüchtige Frau ſchon in dem erſten Jahre ihrer Ehe geſtorben, Gotthold als ihren, vor der Welt min⸗ deſtens, tiefbetrübten Erben zurücklaſſend.— Als die⸗ ſer Erbe beſaß er auch eine elegante, geſchmackvolle Einrichtung, und hatte, wie geſagt, mit Eduard das Uebereinkommen getroffen, dieſe zu bewahren, und die nicht eben bedeutende Mitgift, die Eduard ſeiner Schweſter ausſetzen konnte, in baarem Gelde beſtehen zu laſſen. Das war gewiß wohlüberlegt und vernünftig ge⸗ weſen, aber es that Amalien weh, gewiſſermaßen das Eigenthum einer Andern zu uſurpiren und ſich das Beſitzthum einer Fremden anzueignen. Sie fühlte ſich verletzt von dem Gedanken, daß hier in denſelben Räumen ſchon eine Andere als Herrin gewaltet, auf dieſem Divan geruht, in dieſem Seſſel am Fenſter vor dem Arbeitstiſche geſeſſen, es war ihr, als nähme ſie hier nur eine zweite, untergeordnete Stellung ein, weil ſie nur die Nachfolgerin einer Andern war, und nur das zu erhalten hatte, was eine Andere geordnet und eingerichtet. Die Divans, die Stühle und Tiſche, die Teppiche und Bilder, Alles hatte ſchon ſeinen be⸗ — 102— ſtimmten Platz, und es war ihr, als ſähe das Bild dort über dem Sopha mit ſeinem blaſſen Angeſicht und den dunkeln, ſchwermuthsvollen Augen ernſt und drohend zu ihr hernieder, als wolle es Wache halten, daß nichts verändert würde in dieſen Räumen. Die⸗ ſes traurige Bild der verſtorbenen Gattin, es war zur Ankunſt der zweiten Gattin mit Blumenkränzen ge⸗ ſchmückt worden von der Dienerin der Geſtorbeneu, die ſeitdem im Hauſe des Predigers als Wirth⸗ ſchafterin verblieben war, und jetzt Amalien als ihr Kammermädchen von Gotthold vorgeſtellt wurde. Sie ſollen gewiß mit mir zufrieden ſein, ſagte Margarethe zu ihrer neuen Herrin, und niemals über mich klagen dürfen. War doch auch meine liebe, ge⸗ ſtorbene Herrin ſtets mit mir zufrieden und hat mich niemals geſcholten. Ach, ſie war auch immer ſo gü⸗ tig und ſanſt, ſie hat niemals in ihrem Leben ein un⸗ freundliches Wort geſprochen! So wird mir die Geſtorbene ſchon jetzt als Muſter und Vorbild aufgeſtellt, dachte Amalie; ſie empfand ein unwillkührliches Schaudern, und es war ihr als ſolle ſie, die noch Lebende, herniederſteigen in ein vor ihr geöfſnetes Grab.. Gotthold winkte den Dienern, ſich zu entfernen, und die Neuvermählten waren nun allein. Ein Gefühl der entſetzlichen Angſt, des troſtloſe⸗ ſten Vereinſamtſeins überkam die junge, zitternde Braut. Jetzt erſt, in dieſem Augenblick, wo Alles, was ſie umgab, ihr fremd war, wo ſie Eduard's Stimme nicht mehr hörte, ſein geliebtes Antlitz nicht mehr ſah, jetzt, wo Niemand bei ihr war, als Gott⸗ hold, der ſie ſein liebes Weibchen nannte und ſie ko⸗ ſend auf ſeinen Schooß ziehen wollte, jetzt erſt empfand ſie ganz die Größe und Bedeutſamkeit des Opfers, das ſie gebracht hatte. Eine unnennbare Verzweiflung — 103— erfaßte ihr armes zitterndes Herz. Sie hatte ein Ge⸗ ſühl, als könne dies Alles nur ein Traum ſein, ein ſchwerer, entſetzensvoller Traum, als müſſe ſie ihm entfliehen und hineilen zu Eduard, um bei ihm zu der ſchönen, köſtlichen Wirklichkeit zu erwachen. Sie ſprang auf und entriß ſich Gotthold's Armen, daß er, befremdet über ihre Heftigkeit, nach deren Urſache fragte.— Sie ſtotterte einige Worte ohne Sinn und ſank dann, in Thränen ausbrechend, wieder in den Divan zurück. Die Feierlichkeit dieſes Tages, die Trennung von den Deinigen hat Dich über die Gebühr angegriffen, ſagte Gotthold nicht ohne Empfindlichkeit. Du ſcheinſt der Ruhe zu bedürfen, und ich werde Dich daher allein laſſen. Wirf doch dieſes Gewand von Dir, das Dich vielleicht beengt. Wir wollen es uns be⸗ quem machen, denn wir ſind ja allein und zu Hauſe. Lebewohl denn auf eine halbe Stunde, mein ſüßes, kleines Weib. Ich gehe auf mein Zimmer, um dort im ernſten Geſpräch mit Gott mir die Feierlichkeit und Bedeutſamkeit dieſes Tages recht zum vollen Be⸗ wußtſein zu bringen. Er hatte dieſe letzten Worte in ſeinem gewöhn⸗ lichen, ſalbungsvollen Predigerton geſprochen, und verließ jetzt, ihr zärtlich mit den Augen winkend, das Zimmer. Jetzt war ſie allein! Aber welch ein Alleinſein! Die Einſamkeit einer Gefangenen, die ſich mit athem⸗ loſer Bruſt, zitternd vor unermeßlicher Qual, in ihrem Gefängniß umſchaut und ſchaudernd erkennt, daß jede Flucht unmöglich iſt.— Sie war in dieſen drei Wochen wie in einem Taumel, einer Opferbegeiſterung geweſen, nun, da das Opfer gebracht, war auch die Begeiſterung entflohen, und ſie erwachte zu der gan⸗ zen Nüchternheit einer troſtloſen Wirklichkeit. Und — 104— jetzt fielen ihr Eduard's Worte ein, ſie klangen noch in ihren Ohren wieder. Er hatte geſagt, daß er Gotthold haſſe, daß er ein heuchleriſcher, gleißneriſcher Prediger ſei; mein Gott, ſollte ſie denn lieben, was Eduard haßte, ſollte ſie denn verehren, wo Eduard verachtete! Sie empfand plötzlich einen tiefen, unaus⸗ löſchlichen Haß gegen Gotthold, der ihr in ihrer Ueber⸗ reizung wie ein grauſamer Kerkermeiſter erſchien, wel⸗ cher mit lauerndem Blick überall hin ſie verfolgte. Sie rang die Hände in ihrer ungeheuren Pein und riß den Brautkranz und den Schleier aus ihrem Haar und ſchleuderte ihn weit von ſich in das Zimmer hinein mit einer Geberde des Abſcheus und der Verachtung, und ſie ſagte immerfort, ganz mechaniſch, ohne es zu wiſſen: ich kann hier nicht bleiben! Ich muß wieder fort, wieder fort! Ich will wieder bei Eduard ſein! Er muß mich in Schutz nehmen, ſonſt ſterbe ich!— Ach Gott, wäre ich nur ſchon geſtorben, ſchrie ſie dann laut auf und ſank ganz zerbrochen nieder auf ihre Kniee mit lautem, krampfhaften Schluchzen. Unter Thränen und Schluchzen, in Schmerz und Weh durchlebte Amalie die erſte Stunde in dem Hauſe ihres Gatten. Ihre Gedanken, ihre Wünſche waren bei ihrem Bruder, und in qualvoller Verzweiflung fühlte ſie, daß ſie ihn auf ewig verloren habe, daß ihre Ehe ſie von ihm trenne für immerdar. Fürſt Aler von Pomomwsky. Fürſt Alex von Pomowsky war allein. Er lag ausgeſtreckt in halb träumeriſcher, halb ſinnender Stellung auf dem Divan, und ſeine dunkelen Augen ſtarrten mit einem trotzigen und ſchwermüthigen Aus⸗ druck zur Decke empor.— Er empfand in ſich jene tödtliche Langeweile, jene Erſchöpfung aller geiſtigen . Kräfte, wie man ſie als die Nachwehen durchſchwärmter Nächte und geräuſchvoller Feſte kennt. Für ihn war das ganze Leben ein geräuſchvolles Feſt geweſen, und er hatte es durchſchwärmt in nimmer endendem Taumel. Was Wunder, daß er ſich endlich erſchöpft, zerſchlagen, hinfällig fühlte, daß die Ueberſättigung, die Langeweile ihn heimſuchte inmitten dieſes üppigen, geräuſchvollen, vergnügungsreichen Lebens!. Er war eben in einer jener Stimmungen, in. denen man, weil die Gegenwart nüchtern, die Zukunft troſtlos erſcheint, ſich einmal rückwärts wendet zur Vergangenheit und von ihr wenigſtens die Erinnerung jener Freuden fordert, von denen die Gegenwart nichts mehr zu bieten hat.— In träumeriſchem Sinnen überdachte er ſein ganzes Leben, und alle dieſe lockenden und köſtlichen Bilder der Vergangenheit, ſie zogen jetzt traurig und abgeblaßt an ſeiner Seele vorüber.— Er ſah ſich als Knabe daheim in dem reichen Schloſſe ſeiner Väter. Da war er, der einzige Sohn, der Gegenſtand der Sorge für ſeine ſchöne, bleiche Mutter, deren ganzes Erdenglück in ihm ruhte, für ſeinen ernſten, ſtrengen Vater, der für Niemand freundlich war, Niemand zulächelte, als ihm allein, für die zahlreiche, im Dienſte ſeiner Eltern ergraute Dienerſchaft, die in abgöttiſcher Zärtlichkeit ſich beeiferte jede ſeiner kindiſchen Launen zu befriedigen, jede ſeiner Unarten zu entſchuldigen. Er ſah noch den großen Ahnen⸗ ſaal mit den ernſten Ritterbildern, vor denen er ſtets ein unheimliches Granen empfunden, den großen Platz vor dem Schloſſe, wo er zuerſt ſein Roß getummelt, er fand die Plätze wieder im Park, wo er neben ſeiner Mutter geſeſſen, neben dieſer bleichen Frau, deren Augen täglich geröthet waren vom Weinen, deren Stimme mehr und mehr erloſch und hinſtarb, wir ihre zarte, zuſammenbrechende Geſtalt. Da, unter den blühenden Fliederbäumen, da war die Stelle, wo ſie eines Abends neben ihm geſeſſen und zu ihm ge⸗ ſprochen mit kaum vernehmbarer Stimme. Was hatte ſie zu ihm geſprochen? O, es waren viele Jahre ſeitdem vergangen, viele Stimmen hatten ſeitdem mit entzückungsvollern Tönen zu ſeinem Herzen geflüſtert, aber dieſe Worte ſeiner Mutter, die ſie damals zu ihm geſprochen, ſie waren nimmer in ſeinem Herzen erſtorben, und oft waren ſie ihm als eine Art Schickſalsſpruch erſchienen, der auf ſein ganzes Leben entſcheidend eingewirkt. Sie hatte zu ihm geſagt: Du gehſt jetzt hinaus in die Welt, mein theurer, geliebter Sohn, und mein armes Herz bangt und weint um Dich. Ich allein kenne Dich, und ich weiß, daß Du viel Freuden genießen und viel Leiden bereiten wirſt. Du biſt, wie Dein 107— Vater. Noch iſt Dein Herz weich und milde, aber die Liebe wird es verhärten und erſtarren machen, und Du wirſt ohne Mitleid ſein, wenn ſelbſt Du ein Herz zertreten müßteſt, um für Dich dadurch einen Moment der Freude zu gewinnen. Die Männer ſind einmal ſo egoiſtiſch und kalt, nur an ſich denkend, und 4 nach der Gluth ſogleich erkaltend und erſtarrend. Du wirſt in allen Dingen ein Mann werden, Alexiew. Aber gedenke zuweilen meiner, und wenn in Deinen grauſamſten Stunden Dir das bleiche Bild Deiner Mutter erſcheint, dann übe Erbarmen, und um mei⸗, netwillen zerbrich nicht das Herz, mit dem Du ſpielſt. Du wirſt viele Thränen fließen machen, denn Du biſt ſchön und leichtſinnig, genußſüchtig und leiden⸗ ſchaftlich, und Du wirſt das Leben mit allen ſeinen Genüſſen Dir aneignen wollen! Viele werden um Dich weinen, wie ich um Deinen Vater geweint habe, liebend und verlaſſen, und gräßlich einſam inmitten der lauten Welt! Das waren ihre letzten Worte geweſen, denn am andern Morgen war ſie todt, plötzlich hatte der Tod ſie ergriffen, und ſie ſchien ihn freudig willkommen geheißen zu haben, denn ein Lächeln ſtand auf den verklärten Zügen der Todten, wie Alexiew es ſeit vie⸗ len Jahren nicht an der Lebenden geſehen. Fürſt Alex fragte ſich jetzt, ob die Worte ſeiner Mutter Wahrheit geworden, ob ihre Prophezeihung wirklich in Erfüllung gegangen? Und ſofort zogen neue Bilder, neue Erſcheinungen an ſeiner Seele vor⸗ über, Da waren ſtolze Schönheiten mit entzückens⸗ vollem Reiz, deren Lächeln er gebrochen, deren Schön⸗ heit er gebleicht und zerſtört, ſanfte, unerſahrene Mäd⸗ chen, deren Unſchuld er zerſtört, deren Schickſal er zernichtet hatte! Mein Gott, ſein eigenes Herz erbebte jetzt vor dieſen vielen Geſtalten, die ihn wie zu — 108— einem dämoniſchen Nachetanz zu umringen ſchienen, und unwillkührlich zuckte er zuſammen, als jetzt vor ſeinem innern Auge ein bleiches, ernſtes Frauenbild mit flammendem Blick und blaſſer Lippe empor⸗ tauchte und ihm zu drohen ſchien mit ihrem eiſigen Lächeln. Bah, ſie war eine Thörin! murmelte Fürſt Alex, gleichſam, um ſich ſelber zu beſchwichtigen. Ja, wahr⸗ lich, eine Thörin mit ihren albernen Prätenſionen und ihrer Tugend, die ſie endlich zur Mörderin machte. Nun, ich habe gethan, was ich konnte! Habe ich ihr Leben einſt umdüſſtert, ſo habe ich es ihr ſpä⸗ ter auch erhalten! Wir ſind quitt! Und andere Erinnerungen überkamen ihn. Er ſah ſich inmitten der wüſten, bacchantiſchen Luſt, der tollen, übermüthigen Freude. Und bei dieſen Erinnerungen fühlte er ſich die Langeweile ſchwinden, und ſeine ſchlaffen Züge nah⸗ men wieder einen energiſchern Ausdruck an. Das muß wieder anders werden, ſagte er leiſe, dieſe Ruhe iſt tödtlich. Ich will mich wieder in das Leben ſtürzen, Weiber ſollen mich zerſtreuen, das Spiel ſeine gewohnte, magiſche Kraft auf mich aus⸗ üben. Ich will wieder die Nächte durchſchwärmen und die Tage in köſtlichen Zerſtreuungen hinbringen! Ha, das ſoll herrlich werden! Die Freude ſoll mir wieder lächeln, das Glück mich wieder umräuſchen mit ſeinen tobenden Wellen!— Wo aber iſt das Glück und die Freude? fragte er dann plötzlich und ſank zurück in die Polſter.— Ja, wo iſt das Glück, daß ich es endlich erfaſſen und an mein Herz drücken kann? Habe ich es nicht immer geſucht auf allen mei⸗ nen Wegen, iſt es nicht immer vor mir geflüchtet in dem Momente, wo ich es erfaſſen wollte? Ach, wo iſt denn das Glück? Iſt es bei ihr, bei Aurelia? — 109— Und wie er das ſich ſelber fragte, nahm ſein Ge⸗ ſicht ſofort einen andern Ausbench an. Es ſtrahlte in Heiterkeit und Glück, und um ſeine Lippen ſpielte jenes reizende, verführeriſche Lächeln, deſſen Zauber ſchon manches Frauenherz erfahren hatte. Mit entzückten Blicken nahm er das roſa Brief⸗ chen, das er dieſen Morgen von ihr empfangen, wie⸗ der hervor, las es lächelnd und hochathmend, und drückte es an ſeine Lippen mit einem Gefühl des ſtol⸗ zeſten Glückes. Ein Klopfen an der Thür ſtörte ihn in dieſen Gedanken, und der eintretende Diener meldete den Criminalrath Heller, welcher, der bei der Baronin Elsleben getroffenen Verabredung zufolge, kam, um den Fürſten in's Theater zu begleiten. Ich bin unendlich zufrieden, Sie zu ſehen, ſagte der Fürſt, dem Criminalrath die Hand reichend, denn ich verſpreche mir von dieſem Abend eben ſo viel Un⸗ terhaltung als Belehrung. Und mich wird es freuen, Durchlaucht, wenn ich zu Beidem Ihnen förderlich ſein kann, ſagte der Cri⸗ minalrath mit lachendem Munde, während ſeine klei⸗ nen, blitzenden Augen mit ſtechendem Blick im Zim⸗ mer umherſchauten. Der Bediente meldete, daß der Wagen vorgefah⸗ ren ſei, und Beide fuhren in's Theater. Ein Ibend im Opernhauſe. Die Maſſe der Wartenden und neugierig Harren⸗ den hatte ſich ſchon zerſtreut, denn die Thüren waren ſchon eine Stunde vor Anfang der Feſtoper geöffnet, und Alles war hineingeſtürmt, zitternd vor Ungeduld und Erwartung. Als Fürſt Alex mit ſeinem Begleiter in ſeine Loge trat, war das ganze Haus ſchon beſetzt und bot den glänzendſten Anblick dar. Sie haben eine herrliche Loge bekommen, ſagte der Criminalrath. Wirklich, ganz geeignet zu unſerm Zweck. So ganz nahe der Bühne, und doch auch einen Ueberblick über das ganze Haus gewährend. Vortrefflich! Und ſehen Sie, Durchlaucht, wenn wir dieſe rothſeidenen Vorhänge ein wenig ſchließen, wer⸗ den wir von Niemand geſehen, während wir Jeder⸗ mann ſehen. Auch können wir hier plaudern, ohne von irgend Jemand gehört zu werden, und ihn zu ſtören. Ja, dieſe Prosceniumslogen ſind ſehr comfortable, ſagte der Fürſt, und ich wählte dieſe kleine hier im zweiten Range, weil ich hier leichter darauf zählen konnte, ſie für mich allein zu haben. Aber zuerſt, Durchlaucht, werfen Sie jetzt einen — 111— Blick auf dieſes herrliche Haus, ſagte der Criminal⸗ rath, ſich mit vaterländiſchem Stolz die Hände rei⸗ bend. Nicht wahr, das iſt köſtlich? Wenigſtens ſehr prunkvoll, ſagte der Fürſt. Aber, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, weder geſchmack⸗ voll, noch ſchön. Alles Ueberladene bedrückt, ſtumpft das Auge ab! Sehen Sie doch, das ganze Haus flammend roth, wie ein in ſeinem Laufe erſtarrtes rothes Meer. Mein Gott, und wenn die ſchönen Damen glühen wie Roſen, ſie werden doch bleich und matt ausſehen, neben dieſem flammenden Purpurroth. Und nun erſt dieſe überladenen Prosceniumslogen! Sie werden jede Pracht auf der Bühne ertödten, und die gemalten Goldverzierungen in irgend einem Kö⸗ nigsſaale auf der Bühne, ſie werden immer ſtumpf und matt erſcheinen neben dieſen blinkenden wirk⸗ lichen Goldverzierungen an den Logen hier. Und dann, es fehlt die Einheit, die Harmonie des Styls. Das Haus iſt ja wie in zwei Hälſten zerſchnitten. Dort Alles rund und in geſchweiften Linien, hier, näher der Bühne zu, Alles eckig und in geraden Li⸗ nien, dort ein Halbkreis, hier ein Viereck, dort Re⸗ naiſſance, hier Rococoſtyl, überall aber ſchlechte Bil⸗ der am Plafond, durch nichts ſich auszeichnend, als durch ſchreiende Farben. Wie viel grandioſer, ein⸗ facher und doch prachtvoller iſt dagegen die Scala in Mailand oder das Carlotheater in Neapel. Aber der Kronleuchter wird Ihnen gefallen müſſen, nicht wahr, Durchlaucht? Es iſt ein Prachtſtück, das ungeheuer viel Geld koſtet! Vielleicht wäre er ſchöner, wenn er weniger koſtete, ſagte der Fürſt lächelnd. Im Ernſt, ich habe ſelten etwas ſo Schweres, Maſſenhaftes geſehen. Ein Kron⸗ leuchter muß nur glänzend erſcheinen durch die Fülle des Lichts, und die geſchmackvolle Art mit der dies gruppirt und vertheilt iſt. Dieſer Kronleuchter ſieht aus, als ob er aus dieſem Kranze kleiner flammender Gaslichter, die dort oben in niedlicher Spielerei als Wachslichter brennen, hindurchgeſchoſſen und zur Erde fallen wollte. Das Licht fängt erſt an, wo der Kron⸗ leuchter endet, und überſtrahlt die ſchlechten Decken⸗ gemälde, während es die untern Logenreihen in einem gemüthlichen Halbdunkel erhält. Durchlaucht urtheilen ſehr ſtreng, ſagte der Cri⸗ minalrath. Und das wird Sie nicht wundern! Sind Sie doch ſelber als ſtrenger, ſtets gerechter, aber niemals ſcho⸗ nender Richter bekannt, erwiederte der Fürſt nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit. Es freut mich, von Ihnen dies Lob zu hören, Durchlaucht, ſagte der Criminalrath ſich verneigend. Es freut mich um ſo mehr, weil, wie ich glaube, die Polen mir im Allgemeinen den Vorwurf der Härte und Grauſamkeit machen. Ja, man ſagt ſogar, die Polen hätten geſchworen, bevor ſie zu einer neuen Verſchwörung ſich vereinten, mich zu ermorden. Der Criminalrath ſagte dies mit lachendem Munde, aber ſeine kleinen Augen ruhten mit einem forſchen⸗ den, durchbohrenden Blick auf des Fürſten Antlitz, das aber kalt und ruhig blieb. Ah bah, die Polen! ſagte Fürſt Alex achſelzuckend. Was kümmern mich die Polen, dieſe unbedachtſamen Kinder, die mit dem Feuer ſpielen, als wüßten ſie nicht, daß dieſe Flammen, die ſie aufſchüren, ihnen ſelber den Tod bringen müßten! Sprechen Sie mir nicht von den Polen. Ew. Durchlaucht haben Sich alſo ganz von Ihren Landsleuten losgeſagt? fragte der Criminalrath lauernd. 8 Ich bin ein Unterthan Sr. Majeſtät des rnſſiſchen — 113— Kaiſers, ſagte der Fürſt, und nur das ſind meine Landsleute, die den Kaiſer lieben, gleich mir. Aber welche ernſte Gedanken regen Sie da an, rief er dann heiterer, wahrlich, dies iſt nicht der Ort, um von ſol⸗ chen Dingen zu ſprechen. Was kümmern uns die Freiheitsträume eines zertretenen Volkes hier— Ein lautdonnernder Tuſch der Inſtrumente, ein dreimaliges Vivat unterbrach hier den Fürſten. Der König mit ſeiner Gemahlin und ſeinem hohen Ge⸗ ſolge war in die große mittlere Hofloge getreten. Das ganze Publikum erhob ſich, um ſeinem Herrſcher durch Vivatrufen zu danken für den prächtigen Ausbau die⸗ ſes von Friedrich dem Großen aufgeführten Gebäu⸗ des.— Der König trat mit ſeiner Gemahlin an den Rand der Loge und dankte mit jener, den Hohenzol⸗ lern eigenen Freundlichkeit.— Die Muſici ſtimmten mit ſchmetterndem Poſaunenſchall die Nationalhymne an, und dieſes:„Heil Dir im Siegerkranz,“ das einſt ſeinem Vater nach gewonnenen Schlachten ſein glück⸗ berauſchtes Volk entgegenjauchzte, es ertönte jetzt ſeinem Sohn im neuausgebauten Opernhauſe von glückes⸗ trunkenen Beamten und ergebenen Dienern. Wenn ein Theil des Publikums, währen ieſes feierlichen Geſanges, den Ihro efttengthed anhörten, ſchwieg, ſo geſchah dies wohl nur, weil ſie die ein⸗ zelnen Strophen der Volkshymne nicht„par coeurt wußten.— Nach geendetem Geſang und drei⸗ maligem Tuſch der Muſici begann die Ouvertüre der Feſtoper. Jetzt laſſen Sie uns plaudern, ſagte der Fürſt. Ich kenne dieſe neue Muſik Meyerbeer's, denn ich habe ſchon mehrmals den Proben beigewohnt. O, wie Vieles könnte ich heute Ew. Durchlaucht erzählen, ſagte der Criminalrath umherblickend. Dies Opernhaus wird ſehr intereſſant werden, denn es 1I. 8 — 114— wird eine beſtimmte Phyſiognomie tragen, und zum erſten Male wird man hier Gelegenheit haben, alle Stände vertreten und geſondert zu ſehen. Auf dieſe Prosceniumslogen da drüben zum Beiſpiel hat die ſämmtliche Diplomatie abonnirt, und da ſehen Sie den Herzog von Dalmatien mit dem Geſandten Ruß⸗ lands. Der engliſche Geſandte, der edle Graf von Weſtmoreland, wird niemals fehlen, denn er liebt die Muſik leidenſchaftlich, und iſt ſelbſt ein guter Com⸗ poniſt. Und ſehen Sie nur, wie ganz Ohr und Auf⸗ merkſamkeit die Gemahlin des ſardiniſchen Geſandten iſt, die edle Gräfin Roſſi, dieſe Königin des Geſanges, die noch heute unübertroffen daſteht, und wenn auch nicht mehr das Publikum, doch den König und ſeinen Hof durch ihren herrlichen Geſang entzückt. Aber nicht nur eine Königin des Geſanges, ſondern auch eine Königin der Schönheit zeigt Ihnen das diplo⸗ matiſche Corps, und ich glaube nicht, daß Jemand anmuthiger blicken und lieblicher lächeln kann, als dieſe ſchöne Frau von F....— Den türkiſchen Ge⸗ ſandten erkennt man an den ſchweren Augenlidern und dem rothen Fez. Er ſcheint ganz verloren im Anſchauen ſeiner Nachbarin. Weil ſie ein Perrliches Embonpoint hat, vermuth⸗ lich, ſagte der Fürſt lächelnd. Gewiß, denn er iſt ein echter Türke! Wenn Sie nun, Durchlaucht, im Stande ſnd, den Blick von der ſchönen Frau von F.... und dem ganzen Corps der Diplomatie ab und ein wenig tiefer zu wenden, ſo zeige ich Ihnen dort dicht neben dem Orcheſter eine alte, freundliche Frau, deren Augen noch glänzen in jugendlichem Feuer. Und wie ſollten ſie nicht, da ſie auf ihren Sohn ſchaut, der dort vor dem Pulte ſteht, das Orcheſter heute ſelber dirigirend, und deſſen Na⸗ men ganz Europa kennt! Das iſt die Mutter der Gracchen, und Michael und Meyer Beer ſind ihre Söhne, und niemals fehlt die alte Frau, wenn ihres Sohnes Melodieen hier im Opernhauſe erklingen.— Den erſten Rang wird die Ariſtokratie einnehnen, die Ariſtokratie der Geburt, wi des Geldes, ich ſehe da echte Gräfinnen, und unechte, deren ſcharſe Züge ſehr an den Orient erinnern. Der Orient, mein Fürſt, iſt überall in Berlin ſehr zahlreich vertreten und bei allen öffentlichen Aufführungen beſteht faſt ein Dritttheil des Publikums aus Orientalen, um nicht zu ſagen Juden.— Heute ſind viele unſerer höchſten Staatsbeamten hier im erſten Rang, und ich ſehe Einige darunter, die Sie gewiß nientals ſonſt hier er⸗ blicken werden, denn die Frommen und Gottgeliebten fliehen natürlich, dieſes Hius der Sünde.— Die Dame dort mit den weißen Schleifen hingegen wird itniins fehlen, ſie iſt inan ziifelhafter Geburt, aber von ſehr unzweifelhaftem Net u ſehe ud obwohl Ariſtokratin, wird ie Bedien⸗ ter ſelbſt ein Menſch ſein und.— ein kann.— Wüßte, oder hen aae Durch⸗ 3 erobern laucht, daß Ihr. Herz in dieſem Auge be umempfind⸗ lich iſt gegen al Verlaitäncgen der? heit ſ zeigte ich Ihnen im erſten„Rang noch einige ariſtokkatiſche Schönheiten, deren Harzen nicht allzuſchwer zu er⸗ obernde Feſtungen ſind. Aber wenden wir lieber jetzt einen flüchtigen Blick in den zweiten Rang, der durchaus eine andere Phyſiognomie hat. Im erſten Range nichts als Ariſtokratie des Blutes ſowohl, als des Geldes, im zweiten Rang hingegen hat die In⸗ telligenz ihren Sitz aufgeſchlagen. Da ſehen Sie ein ganzes Heer von Journaliſten und Literaten, denen dieſer Abend nichts weiter iſt als ein noch flüſſiger Artikel, welchen ſie ſofort nach dem Schluß der Oper in mehrere Formen gießen, und als Correſpondenzen 8* — 116— an die Zeitungen verſenden. Ach, ich ſehe da einige Journaliſten, denen die Welt nicht weiter Werth hat, als inſofern ſie ihnen genügenden Stoff zu Correſpon⸗ denzen und Zeitungsartikeln darbietet.— Aber es ſind auch Dichter döort, Dichter jeglicher Art, und Künſtler, Maler ſowohl, als Muſiker, auch die erſten Künſtler der Bühne können Sie drüben in jener Loge ſehen, dort unſere einſt ſo große tragiſche Schau⸗ ſpielerin mit dem Medeenangeſicht, dicht daneben eine andere nicht minder große Künſtlerin in der Blüthe der Schönheit. Beide gefeiert und geliebt vom Publi⸗ kum, und Beide ſich haſſend mit einem ſo tödtlichen Haß, daß Jede in der Nähe der Andern ſich phyſiſch unwohl fühlt, und Beide niemals zuſammen auf der Bühne wirken können.* O, das iſt i ztereſſant! Und woher ſtammt dieſer Haß? 1 Wie iee T Thurm gebaut?, Man legt Stein auf Steinzlund zuletzt wächſt das Ding ſo hoch empor, daß man nicht mehr darüber hinwegſehen kann! So haben ſie ihren Haß aufgebaut, und immer hat die Eine der Andern den Stein hingew efen, damit ſie ungehindert weiter bauen könnte.= Es ließe ſich noch einiges Andere erzählen vom zweiten Rang, aber, ich ſehe, Durchlaucht werden ſchoff z zerſtreut, und ich eile zum Schluß!— Der dritte Nang iſt der Sitz der Bourgoiſie und der Griſetten, und deren Geſchichte iſt überall dieſelbe. Und das Parquet? Es iſt farblos und enthält zum größten Theil nur ein ſchauluſtiges Theaterpublikum, darunter allerdings einige berühmte Profeſſoren der Univerſität, die für dreitauſend Thaler Gehalt Winters Ferien machen und Sommers nicht leſen. Doch das kann Ew. Durch⸗ laucht nicht intereſſiren! Wir ſind fertig! — 117— Der Fürſt antwortete ihm nicht, er hatte die letz⸗ ten Worte des Criminalrathes gar nicht gehört, ſon⸗ dern ſchaute unverwandt durch ſein Opernglas auf die Bühne, wo eben der Tanz der Marketenderinnen aufgeführt ward. Ein reizendes Geſichtchen! ſagte er halblaut. Welch ein edles Profil, welch einen ſchmachtenden Blick. Sehen Sie doch, da drüben, unter jenem Trupp Men⸗ ſchen, welche das Volk vorſtellen ſollen, dieſes reizende Mädchen mit den langen, blonden Locken und den tiefblauen Augen. Ein wahrer Engelskopfl. Halb noch Kud, ſo ätheriſch und leicht. Kennen Sie das Mäd⸗ chen?— O, Durchlaucht fordern zu viel! Das Corps de Ballet gehört nicht in meinen Bereich! ſagte der Criminalrath lachend. Aber ich muß wiſſen, wer ſie iſt, und wo ſie iſt! rief der Fürſt aufſtehend, und ging zur Thür, um den vor derſelben harrenden Jäger hereinzuwinken. Nimm den Hut ab, Jean, und dann ſieh ganz vorſichtig durch die Spalte dieſes Vorhangs hier, ſagte der Fürſt, und als ſein Diener endlich das Mädchen, das er ihm beſchrieb, unter der Maſſe aufgefunden, ſagte er leiſe: morgen will ich wiſſen, wer ſie iſt. Und nun laß den Wagen vorfahren! Ich komme bald! Der Jäger entfernte ſich und die Herren traten wieder an den Rand der Loge. Die Oper wird bald beendet ſein, ſagte der Crimi⸗ nalrath. Schon verlaſſen Einzelne der hohen Ariſtocratie ihre Logen, um nicht in das Gedränge zu kommen. Se⸗ hen Sie, auch die ſchöne Gräfin Marſilla erhebt ſich eben von ihrem Platze. Wirklich, ſie iſt heute Abend von einer wunderbaren Schönheit! . Füri Alex erwiederte nichts, ja er ſchien ganz gleichgültig gegen dieſe geprieſene Schönheit, denn er — 118— wandte nicht einmal das Haupt zu ihr hin. In ſeinen Augen aber war ein wunderbares Flammen und Glühen, und ein ſtolzes und glückliches Lächeln umſchwebte ſeine Lippen. Bald verließ auch der Fürſt, dem Criminalrath Lebewohl ſagend, die Loge und eilte die Treppe hinunter zu ſeinem Wagen. Als er durch die untere Halle kam, die zum Hauptportal führt, ſchlüpfte eine ärmlich ge⸗ kleidete, in ein großes Wollentuch gehüllte, weibliche Geſtalt an ihm vorüber. Aber des Fürſten ſcharfes Auge hatte ſchnell unter dieſer ärmlichen Hülle das ſchöne Bauermädchen von der Bühne erkannt, und mit der ganzen Keckheit und Sicherheit eines vornehmen Herrn, ihr nacheilend und ihre Hand ergreifend, ſagte er: wohin ſo allein und ſo eilig, mein ſchönes Kind? Das Mädchen ſtieß einen leiſen Schrei aus und ſuchte ſich von dem Fremden loszumachen, während ihre großen blauen Augen mit einem flehenden Blick auf ihm ruhten. Du mußt mir erſt ſagen, wie Du heißt, Du kleiner Engel! ſagte der Fürſt lachend, und ſuchte ihr das Tuch, mit dem ſie ihr Antlitz halb verhüllte, fortzuzie⸗ hen, als hinter der offenen, nach der Straße führenden Thür, neben welcher ſie ſtanden, ein ſchmutziger, ärm⸗ licher Bube hervorſtürzte, und die Hand des Fürſten fortſchlendernd, ſich gleichſam als Schild vor das zit⸗ ternde Kind ſtellte. Niemand nicht hat nöthig, das Mädchen hier an⸗ zufaſſen, ſagte der Knabe furchtbar ſchielend und in ſo heftigem Zorn, daß ſein breites Geſicht noch häßlicher ausſah, und ſie hat nicht nöthig, zu ſagen, wie ſie heißt. Herr, was gehen Ihnen die Ballet⸗ kinders an, die friedlich und ſtill von ihrer Arbeit kommen und Keinen nicht was zu Leide thun? Laſſen Sie das Mädchen zufrieden, Herr, oder— — 119— Hier drehte ſich Lude plötzlich um, denn es ärgerte ihn, daß der fremde Herr auf ſeine zornige Rede nur mit einem lauten Lachen antwortete, und er nahm da⸗ her des weinenden Mädchens Arm und ſagte, ſie ſanft fortziehend: Komm, Amintha, wir wollen ſchnell nach Hauſe gehen.— Ja, laß uns gehen, flüſterte ſie leiſe, und Beide ſchlüpften hinaus auf die dunkle Straße. Amintha und Ande. Es war eine kalte und zunfreundliche Nacht, und Amintha zitterte heftig, als ſie nach dem Begegnen mit dem Fürſten, mit Lude hinauseilte nach ihrer Wohnung. Der Knabe ſühlte, wie ihr zarter Arm in dem ſeinen bebte, aber er dachte nicht, daß Amintha frieren könne, denn er war längſt abgehärtet gegen jede Witterung, und weder die Sommerhitze, noch auch der Winterfroſt hatte irgend einigen Einfluß auf ihn. Aengſte Dich man nicht mehr, ſagte er, weil er glaubte, die Furcht vor dem fremden Herrn mache ſie beben. Sei ganz ruhig, Amintha, er darf Dir nichts nicht thun. So'n großer Herr meint man gleich, er kann uns arme Kinder ſo kujoniren und zum Narr'n haben. Aber bei mir kommt er jrade an'n Rechten! Er hätte Dir man noch einmal anfaſſen ſollen— Du würdeſt doch nichts geſagt haben? flüſterte Amintha. Geſagt, o ne, rief Lude mit einem grinſenden La⸗ chen, geſagt, ne, aber gethan, hu! Sie gingen eben an einer Laterne vorüber und beim Scheine derſelben konnte Amintha ihres Freundes grim⸗ — 121— miges Geſicht und ſeine geballte Fauſt ſehen, die er drohend in der Luft ſchwenkte. Du würdeſt ihn doch nicht geſchlagen haben? ſagte ſie erſchrocken. Denke doch, einen ſo vornehmen Herrn! O, das geht mir nichts an! rief Lude verächtlich. Vornehm, oder nicht vornehm, er war grob gegen Dir, und ick werde niemals nicht leiden, daß Eener grob gegen Dir iſt, und wenn't der liebe Herrgott ſel⸗ ber wäre. Aber er hat nicht ein einziges grobes Wort ge⸗ ſagt! rief das Kind erſtaunt. Er fragte nur, wie ich heiße. Ach, Lude, wie ſchön ſah er aus, und was er für prächtige Augen hatte, und wie glänzend er aus⸗ ſah, wie ein Engel. Findeſt Du nicht auch, Lude? Der Knabe antwortete nicht ſogleich, er ſchnitt fürchterliche Geſichter, als wolle er damit den Aerger hinunterwürgen, den er über Amintha's Bewunderung des Fremden empfand. Siehſt Du, fuhr das plaudernde Kind fort, Mut⸗ ter ſagt immer, wenn ich erwachſen wäre, dann würde mich bald ein vornehmer Herr liebgewinnen, und der würde mich putzen, wie eine Prinzeſſin, und mir gol⸗ dene und ſilberne Kleider ſchenken und köſtliche Bril⸗ lanten, und ich würde in einem ſchönen Schloſſe woh⸗ nen und viele Diener haben und auf ſeidenen Betten ſchlafen. Ach, lieber Lude, wenn ich doch erſt erwachſen wäre, und wenn dann doch der vornehme Herr, der mich lieb haben wird, ſo ausſähe, wie der fremde Herr, der heute ſo freundlich mit mir geſprochen! Und dann ſo würdeſt Du uns Alle vergeſſen und ganz ſtolz werden, ſagte Lude ſeufzend. Ich Dich vergeſſen! rief das Kind erſchrocken und klammerte ſich feſter an des Knaben Arm. Wie — 122— könnte ich Dich jemals vergeſſen, Lude! Du weißt doch, daß ich Dich ſo lieb habe, wie einen Bruder, und wie ſchlecht wäre ich nicht, wenn ich Dich ver⸗ geſſen könnte. Wer hat mich denn lieb gehabt, als Du allein? Wer hat mit mir geſpielt, als ich krank war, und Niemand, ſelbſt meine Mutter nicht, ſich um mich kümmerte? Wer iſt denn immer unverdroſſen, für mich zu laufen und mich abzuholen, wenn es noch ſo kalt iſt und ſchmutzig. Wer wartet ſtundenlang auf mich vor dem Opernhauſe, wenn ich da zu thun habe? Das Alles thuſt Du? Und Du denkſt wohl, ich weiß es nicht, Lude, wie oft Du im vorigen Win⸗ ter, als die Mutter krank war, gehungert haſt, um mir Deine warme Suppe zu bringen und Dein Brod? Du denkſt wohl, ich habe es vergeſſen, daß Du oft halbe Tage biſt in der fürchterlichen Kälte auf den Straßen umhergelaufen, um irgendwo eine Droſchke aufmachen zu können, und daß Du mir dann den Groſchen gebracht haſt, den Du Dir ſo ſauer ver⸗ dienteſt? Ach, Lude, wie kannſt Du ſagen, daß ich Dich vergeſſen könnte. 8* Helle Thränen rannen über des Kindes Wangen und ſie konnte vor Schluchzen nicht weiter ſprechen. Ach, des is Allens nicht der Rede werth geweſen, ſagte Lude verſchämt. Des war Allens Spaß, und ick habe es man bloß zu meinen Vergnügen gedhan. Des könnte Jeder. Aber ick wollte, Dir paſſirte man mal ſo'n recht ſchreckliches Unglück, damit ick Dich retten könnte, ick wollte, Räuber fielen Dich an, oder Mörder, denn ſollteſt Du mal ſehen, daß ick noch ganz andere Dinge vor Dir dhun könnte, als Dir'n Groſchen geben und'n Teller voll Suppe, die ick nich eſſen mag! Ach, wenn doch man bloß mal ſo was käme, daß ick Dir retten könnte! 3 Alſo wünſcheſt Du, ſagte das Kind lächelnd, daß ———— — 123— Räuber und Mörder über mich herfielen und mich todt machen wollten? Ick ſollte des wünſchen? fragte Lude mit weitauf⸗ geriſſenen Augen und mit einer wunderbaren Vir⸗ tuoſität ſeine ſchielenden Augen verdrehend. Ne Amintha, lieber wollte ick ja gleich ſterben, als deß irgend Einer Dir Een Haar uf Deinem Kopfe krüm⸗ men ſollte! Aber ick wollte Dir man ſagen, wie lieb ick Dich habe, und daß Dich ſo'n vornehmer Herr auch keineswegs nicht lieber haben könnte, als wie ick! Aber die vornehmen Herrn ſind reich, ſagte das Kind ſeufzend, und darum ſind ſie ſo glücklich. Wenn mich nun ein vornehmer Herr zu ſich nimmt und lieb hat, und mir diel Geld und ſchöne Kleider ſchenkt, ſo werden wir alle miteinander glücklich ſein, denn dann werde ich Euch Allen ſo viel geben kön⸗ nen, daß Ihr niemals Mangel leidet. Lude ſchüttelte ſinnend den Kopf. Ick weiß nicht, ſagte er, ob wir denn glücklicher ſein würden! Denn was würde es uns denn nu helfen, wenn Du uns Alles vollauf geben thäteſt, aber Du könnteſt nicht bei uns ſind? Ne, da will ick doch manchmal nichts nicht zu eſſen haben, und wiſſen, daß Du da biſt. Und denn muß ick Dir man noch ſagen, daß Frau Wink⸗ ler immer den Kopf ſchüttelt, wenn Deine Mutter ſo was zu Dir redt, und ſie ſagt, das wäre ſehr un⸗ recht von Deiner Mutter denn dann verlörſt Du Deine Ehre. Ehre? fragte das Kind erſtaunt. Was iſt denn das, Ehre? Und wie kann ich denn was verlieren, wovon ich gar nicht weiß, daß ich es habe? Lude, ſo ſage mir doch, was iſt Ehre? Ja, ganz genau weiß ick es nicht, ſagte Lude ernſt. Aber es muß was ſehr Schlimmes ſind, denn wenn Vater um meinen Bruder Chriſtian weint, denn ſagt — 124— er immer, daß wir arm wären, das ſchadt nichts nicht, aber daß wir durch Chriſtian unſere Ehre ver⸗ loren hätten, des wäre das Schrecklichſte. Was that denn Dein Bruder? Du weeßt es ja, Amintha, flüſterte der Knabe. Er war vor fünf Jahren mit bei dem großen Ein⸗ bruch in der Königſtraße, und war auf vier Jahre Zuchthaus verurtheilt. Seine Strafzeit iſt nun ſchon ein halbes Jahr um, und Vater ängſtigt ſich immer, daß Chriſtian nu jeden Tag kommen kann, und dann ſagt er immer, er erkennt ihn nicht mehr vor ſei⸗ nen Sohn an, weil er ihn um ſeine Ehre ge⸗ bracht hat. Aber ich werde ja nichts ſtehlen, wenn ich einſt reich werde, rief das Kind zitternd. Wenn mich ein vornehmer Herr lieb hat, ſo wird er mir ja Alles ſchenken, und dann gehört es mir ja! Darum alſo, ſagte Lude ſinnend, muß die Ehre auch noch was anderes ſein können, als blos ein Diebſtahl. Ich werde meine Mutter fragen! ſagte Amintha ſinnend. Sie muß mir das ſagen, und wenn ſie es nicht thut, ſo frage ich Frau Winkler. Und die wird Dir gewiß die Wahrheit ſagen! ent⸗ gegnete Lude ernſt. Sie hatten indeß das Hamburger Thor noch im⸗ mer nicht erreicht und ſchritten nun ſchweigend die Straße hinunter. Es war eine finſtere kalte Nacht, um ſo finſterer, weil der Weg durch keine einzige La⸗ terne erhellt war, denn wenn im Kalender Mond⸗ ſchein angezeigt iſt, ſo brennen in Berlin die Laternen nicht, ſei es auch, daß finſtere Wolken den Mond die ganze Nacht hindurch verhüllen. Alles war ſtill, kein Laut regte ſich mehr auf die⸗ ſer ſchweigenden, ſtillen Straße, und in den hohen, 1ͤ= dunklen Häuſern zu beiden Seiten derſelben.— Der Jäger des Fürſten Pomowsky fand es unbequem, in dieſer kalten Nacht ein paar Bettlerkindern ſo weit hinaus folgen zu müſſen, und er fragte ſich ſelber: warum ſoll ich dem Lumpengeſindel noch länger nach⸗ ſchleichen? Beſſer iſt es, ich frage, wie ſie heißen, und da es zum Glück dunkel iſt, wird Niemand ſehen, daß ich mit dieſen Bettelkindern ſpreche. 4 Er eilte daher mit raſchern Schritten den Kindern nach und ſagte barſch: ſo ſteht doch ſtill, Ihr dum⸗ mes Pack, und hört zu, was ich Euch fragen will! Das is gewiß'n Gens'darm! flüſterte Lude, der nicht ahnte, daß irgend ein Anderer ſo befehlend zu ihm ſprechen könne. Amintha aber ſchmiegte ſich feſter an ihren jungen Freund und zitterte heftig. Antwortet mir ſchnell, brummte der Jäger, denn es iſt ſpät und mich friert. Wie heißt Du? Ludel! ſchrie der Knabe überlaut. Dummer Junge, wer fragt nach Dir? Wie heißt das Mädchen? Amintha Albratti, flüſterte das zitternde Kind. Ein göttlicher Name für ſolch Bettlervolk! rief der Jäger höhniſch. Und wo wohnſt Du, Amintha Al⸗ bratti? In den Familienhäuſern! Das iſt Alles was ich wiſſen wollte! Gute Nacht! Die Kinder ſtanden noch ſchweigend und in ein⸗ ander gedrückt, als die Tritte des davoneilenden fürſt⸗ lichen Dieners ſchon längſt in der Ferne verhallt wa⸗ ren.— Endlich erholte ſich Lude von ſeinem Schreck und ſagte hochaufathmend: Ne, was ſo’n Gensd'arm doch gleich grob is! Wir haben doch nu gar nichts nicht gethan, und der ſchilt uns gleich vor Pack aus! Das Kind ſchüttelte ſinnend das Haupt. — 126— Das war kein Gensd'arm, Lude, ſagte ſie ernſt. Er trug einen großen Federbuſch auf ſeinem Hut, das habe ich deutlich geſehen! Was? Kein Gensd'arm? rief Lude zornig. Und doch fährt er uns ſo an und ſchimpft uns aus? Wie kann er ſich das unterſtehen, wenn er kein Gensd'arm nicht iſt? Das hätt' ich man blos wiſſen ſollen, denn ſo würde ich ihm anders geantwortet haben! O Lude, wie kalt es iſt! ſeufzte das Kind. Mir is ungeheuer heiß! ſagte der Knabe, und Du würdeſt mir'n großen Gefallen thun, wenn Du ſo gut wärſt und meine Jacke'n bisken nähmſt, damit ick mich abkühlen könnte nach dem großen Aerger! Er zog behende ſeine wollene Jacke aus und legte ſie Amintha über die Schultern. Aber Du kannſt doch nicht ohne Jacke gehen? rief Amintha. In Hemdsärmeln bei dieſer Kälte? Mir is ganz warm. Neein, nein, Du frierſt! Deine Zähne klappern! Ach, lieber Lude, nimm doch die Jacke wieder! Meine Zähne ſollen klappern? rief der Knabe, und zwang ſich, das zitternde Kinn feſtzuhalten. Ne, Du irrſt Dir, Amintha, mir is ganz warm, und wenn Du mir'n Gefallen thun willſt, ſo ziehſt Du die Jacke an.. Er zwang ſie mit Bitten und Scherzen, ſeinen Willen zu thun, und fragte dann ganz glücklich, ob ihr nun wärmer ſei, und als das Kind es bejahete, ſchrie er laut auf vor Vergnügen und ſang laut ſchal⸗ lend das Lieblingslied der Berliner Straßenjugend: „Wenn der Muth in der Bruſt ſeine Spannkraft übt.“ Sie hatten endlich das Ziel ihres Weges erreicht und näherten ſich, das Hamburger Thor paſſirend, den Familienhäuſern, als dicht vor der Thür deſſelben ein Mann zu ihnen trat und mit barſchem Tone — 127— fragte, ob dies die Familienhäuſer wären, und ob in denſelben der Weber Schmidt wohne!.— Ach Gott, ſagte Lude erſchrocken, das is gewiß Chriſtian! Richtig, das iſt Chriſtian! rief der Fremde mit einem rauhen Lachen. Und es ſcheint, daß mein frommer Vater ſchon Vorpoſten ausgeſtellt hat, mich zu erwarten und Freudenſchüſſe zu löſen über meine Ankunft. Na es wird ne ungeheure Freude ſein, denk ich! Und Du, wer biſt Du denn, daß Du gleich meinen Namen weißt? Wenn Du Chriſtian Schmidt biſt, ſo bin ick Dein Bruder Lude, ſagte der Knabe, und ſo muß ick Dich denn zu Vatern führen! Er öffnete die Thür, und als ſie alle Drei in den langen Corridor traten, flüſterte Lude leiſe: Amintha, lauf nu man zu Deiner Mutter, und ſag kein Wort mehr zu mir! Gute Nacht! Das Kind ſchlüpfte leiſe die dunklen Gänge hin⸗ unter und hatte bald das Gemach ihrer Mutter er⸗ reicht. Es war ein elendes und ſchmutziges kleines Kämmerchen, das nichts enthielt, als ein ſchlechtes Bett, einen hölzernen Tiſch und einigen wenigen an⸗ dern Hausrath. Aber man ſah es dieſem Raume an, daß nicht die genügſame, in ſich fertige und zufriedene Armuth hier hauſete, ſondern eine Armuth, die ſich ſelber aufputzen und verhüllen, und ihre Lumpen unter einem Flitterſtaat verdecken möchte, nicht die Armuth in ihrer Genügſamkeit und Einfalt, ſondern die begehrende, über ſich ſelbſt hinauswollende Ar⸗ muth, die nach dem ſtrebt, was ſie nicht hat und iſt. Ueber den einfachen, weißen Tiſch war eine wollene Decke gebreitet, aber ſie war zerriſſen und ſchmutzig, an den Wänden hingen in braunen Rahmen unter beſchmutzem und beſtäubtem grünen Glaſe elende, — 128— mit Farben angelleckſte Portraits von Königen und Prinzen, und auf einer Art Toilettentiſch, der mit zerfetztem Monſſelin drapirt war, ſtand ein Spiegel, dem die Hälſte des Glaſes fehlte. Daneben ſtand eine alte, braune Harfe, deren ſchmutziger Fuß er⸗ kennen ließ, daß ſie oft auf den Straßen umher⸗ geführt und aufgeſtellt ward. Aber einen ſeltſamen, faſt ſchauerlichen Eindruck gewährte es, neben dieſer Harfe einen Lorbeerkranz auſgehängt zu ſehen. Er war vergilbt und vertrocknet, und hier und da hatte die Zeit ſeine Blätter zerrieben und zermürbelt, aber immer doch war es ein Lorbeerkranz, und auf den langen Enden der Schleife, welche an denſelben be⸗ feſtigt war, ſtand mit großen Lettern zu leſen: Ey- viva Marietta!— Einſt hatten dieſe Buchſtaben in hellem Golde geprangt, jetzt hatte die Zeit das Gold in ein ſchmutziges Grau verwandelt und das milch⸗ weiße Atlasband war ſtumpf und gelb geworden. Ein trauriger Anblick, dieſer königliche Lorbeerkranz inmitten dieſer Armuth und dieſer Noth, das Ziel, nach welchem der Dichter ſtrebt und der Künſtler, welches dem Sieger als Balſam auf ſeine blutende Stirnwunde gelegt wird, der höchſte Schmuck einer königlichen Stirn, der Lorbeerkranz, er war hier nichts weiter, als die zerfallende, unſcheinbare Ruine einer einſt geweſenen Herrlichkeit, einer Herrlichkeit, die ſich ſelbſt überlebt und zertreten hatte, und die ſo alt ge⸗ worden war, daß man von ihr, wie in dem ſprüch⸗ wörtlichen Stufenalter des Menſchen ſagen mußte: hundert Jahr, Kinderſpott!— Ja, dieſer Lorbeer, er war ſo alt, daß Niemand ſeine Geſchichte mehr kannte, und daß die Kinder über ihn lachten, wenn ſie ihn aufgehangen ſahen über dieſer alten, ſchmutzigen Harfe, ein Hermelinbeſatz auf einem Bettlerkittel! Und in dieſes Gemach der Armuth und Noth — — — 129— trat jetzt Amintha, das ſchöne Kind mit den blonden, Locken und den tiefblauen Augen, und dieſer ganzen rührenden Schönheit, die ihr ſofort jedes Herz ge⸗ wann. Die trübe kleine Lampe, die auf dem Tiſche ſtand, flackerte höher auf, als wolle ſie das Kind be⸗ grüßen, das wie ein Engel erſchien inmitten dieſer troſtloſen özden Kammer, und beim Schein dieſer Lampe konnte man das hochrothe Geſicht der alten Primadonna gewahren, das aus den Kiſſen des Bet⸗ tes hervorſchaute. Amintha eilte leiſe zu dem Bette hin, ihrer Mut⸗ ter einen guten Abend zu ſagen, und ihr das Geld zu bringen, das ſie heute verdient hatte. Aber dieſe war ſchon feſt eingeſchlafen, und während ihr Kind im leichten Gewande, zitternd vor Kälte und Hunger durch die Nacht dahergeeilt kam, träumte Marietta Al⸗ bratti von den Tagen, die geweſen, ſah ſie ſchöne und glanzvolle Ritter und Herren zu ihren Füßen liegen, und ſich umringt von Liebhabern und Bewunderern. Mitten aus dieſen beſeligenden Träumen weckte ſie die Stimme Amintha's, und die enttäuſchte alte Prima⸗ donna fuhr aus ihren entzückensvollen Phantaſieen empor und fragte mit zornigem Ton, weshalb Amintha ſie ſtöre, und warum ihr, der Unglücklichen, Schmerz⸗ beladenen, ſelbſt die Träume der Vergangenheit miß⸗ gönnt würden? Mutter, fragte Amintha athemlos, Mutter, ſage mir doch ſchnell, was iſt Ehre? Die alte Sängerin ſah das Kind erſtaunt an. Du biſt ganz närriſch, brummte ſie dann verdrieß⸗ lich. Mich aus dem Schlaf zu wecken, um ſo dum⸗ mes Zeug zu fragen! Iß ſchnell Dein Butterbrod,— was da auf dem Tiſche liegt, und dann komm zu Bette! 1 Aber das Kind wiederholte ſeine Frage in ſo drin⸗ 1. 9 gendem, flehendem Ton, daß ihre Mutter lachend ſagte: Es muß wohl heute allerlei ſeltſames Zeug auf der Bühne vorgekommen ſein, wodurch Du zu ſo dummen Fragen veranlaßt biſt! Du willſt alſo durch⸗ aus wiſſen, was Ehre iſt? Ach ja, liebe Mutter, flehte das Kind, und ſage es mir recht genau, daß ich es niemals wieder ver⸗ geſſen kann. Die Alte beſann ſich lange, dann ſagte ſie kopf⸗ ſchüttelnd: das iſt aber ſehr ſchwer zu erklären, denn es iſt ſehr verſchieden. Bei dem Soldaten iſt es Ehre, wenn er beim Kanonendonner nicht fortläuft, bei dem Kaufmann iſt es Ehre, wenn er nicht be⸗ trügt, bei den Nonnen iſt es Ehre, wenn ſie keinen Liebhaber haben, und bei den Tänzerinnen und Sän⸗ gerinnen iſt es Ehre, wenn ſie einen recht vorneh⸗ men und reichen Liebhaber haben, der ihnen Alles ſchenkt, was ſie ſich wünſchen, und reiche Damen aus ihnen macht. Ach, Amintha, wärſt Du doch erſt zu dieſer Ehre gelangt. Das muß das Ziel Deines gan⸗ zen Lebens ſein, und Du mußt immer daran denken, daß Du dann erſt im Stande ſein wirſt, Deiner Mutter alle die Entbehrungen und Opfer, die ſie um Deinetwillen gebracht hat, zu lohnen. Ach, ich opfere mich ja ganz hin für Dich, und kaum die Hälfte von Allem, was Du verdienſt, verwende ich für mich! Mutter, ſagte Amintha, einige Geldſtücke auf das Bett hinlegend, hier iſt auch mein Verdienſt von heute Abend! Es ſind ſechszehn Groſchen.— Gut, dafür will ich mir morgen eine neue Haube kaufen, ſagte die Alte und ließ ihr Haupt in die Kiſſen zurückſinken, um weiter zu ſchlafen. Das Kind aber ſaß noch lange ſinnend da, und dachte an Lude's Worte, und es ſchien ihr, als könne 4 — 131— das nicht die richtige Erklärung ſein, die ihre Mut⸗ ter ihr von der Ehre gegeben, und endlich ſagte ſie ganz entſchloſſen: Ich werde morgen Frau Winkler fragen, und wenn die mir ſagt, daß die Ehre etwas iſt, was jedes Mädchen haben muß, und daß man ſie verliert, wenn man einen vornehmen Liebhaber hat, ſo hase ich gewiß keinen Liebhaber anhören, und wäre er ſelbſt ſo ſchön, wie der fremde Herr, den ich heute Abend Fie habe. Und jetzt dachte ſie an dieſen Fremden und ſie ſah ihn vor ſich in ſeiner Sisfidei und Größe, und ſie rief ſich jedes Wort, das er geſprochen, jeden Blick in das Gedächtniß zurück. Aber in einer Art In⸗ ſtinet beſchloß ſie, ihrer Mutter nichts von dieſem ſchönen nanden zu ſagen, und auch Lude zu bitten, daß er ſchweige. Warum? Sie wußte es ſelber nicht, aber vielleicht war es ihr Genius, der ſie zum Schwei⸗ gen ermahnte, und Amintha in jungfräulichem Be⸗ ben eine Gefahr ahnen ließ, die ſie nicht verſtand. Die Heimhehr. Der alte Weber Schmidt ſchlief ſchon, als Lude mit ſeinem Begleiter in das Zimmer trat, und der Knabe bedeutete daher den Angekommenen ſich ruhig zu verhalten und den Schlummer des Alten nicht zu ſtören. Das wäre ſchlimm, ſagte Chriſtian rauh, ja wahr⸗ haftig, ſchlimm wär's, wenn ich meinen ehrwürdigen Herrn Vater noch länger in Sehnſucht nach mir ſchmachten ließe. Nein er wird ungeheuer glücklich ſein, mich wieder umarmen und für mich beten zu können. 3 So ſprechend trat er an das Bett des Alten und ihn heftig an der Hand rüttelnd, rief er mit lautem, höhniſchem Ton: Vater, wache auf, Dein verlorner Sohn iſt wieder dal Der Alte richtete ſich langſam im Bette empor und befahl Lude, Licht anzuzünden, daß er ſehen könne, ob dies wirklich ſein Sohn ſei, und als Lude ſich mit dem brennenden Lichte dem Bette näherte, winkte der Alte ſtumm ſeinem Sohne näher zu treten. Lange ſchaute der Greis auf dieſes wilde, trotzige Angeſicht, das — 133— durch das rothe ſtruppig herabhängende Haar und den langen rothen Bart faſt etwas Schreckenerregen⸗ des hatte. Ein finſtrer, wilder Trotz ſprach aus den kleinen, tiefliegenden Augen, die unter den zuſammen⸗ gezogenen, buſchigten Augenbrauen hervorblitzten, und die breiten, aufgeworfenen Lippen gaben dem Ganzen faſt etwas Thieriſches, Wildes. Nun, ſagte Chriſtian endlich mit rauhem Lachen, iſt das Spioniren endlich fertig, und biſt Du über⸗ zeugt, alter Papa, daß Du wirklich Deinen geliebten Sohn Chriſtian wiedergefunden haſt? Der Alte ächzte laut und faltete ſeine Hände, wie zum Gebet. Ich bitte dich, Vater, rief Chriſtian ungeduldig, laß jetzt dieſe Faxen, mich täuſcheſt Du nicht damit, und Geld kannſt Du auch nicht von mir erpreſſen, denn, weiß es der Henker, ich habe nichts! Hör' mal Du, ſchrie Lude, ſeinen Bruder heftig vom Bette ſeines Vaters zurückſtoßend, Du biſt ſehr grob, daß Du ſo mit Vatern ſprichſt, und ich rathe Dir, daß Du das ſind läßt, denn wenn Thomas das hört, ſo wird er ſehr böſe ſind!— Du halt Dein Manl, rief Chriſtian zornig, oder ich werde Dir zeigen, wer hier Herr iſt, Du oder ich! Und jetzt, Vater, mache endlich Deinen Mund auf und heiße Deinen herzlieben Sohn willkommen! Ich kann Dich nicht willkommeu heißen, ſchrie der Alte ganz verzweiflungsvoll, denn Du kommſt noch ſchlechter wieder, als Du gegangen biſt! Ja, das hat ſeine Richtigkeit, ſagte Chriſtian mit rauhem Lachen, ich bin vier Jahre auf der hohen Schule geweſen und habe ſehr viel gelernt, aber ich glaube nicht, daß ſo'n frommer Mann, wie Du biſt, vas was ich gelernt habe, juſt alles Tugend nennen ird!— — 134— Chriſtian, Chriſtian, klagte der Alte, Du haſt mir meine Ehre geſtohlen und haſt Schande gehäuft auf das Haupt Deines alten Vaters und Deiner Brüder, aber Du biſt dafür geſtraft worden, und ich will es Dir verzeihen, obwohl mein altes Herz faſt dar⸗ über gebrochen iſt. Aber wenn die Strafe Dich nicht einmal gebeſſert hat, dann wehe über Dich, Du unge⸗ rathener Sohn. Was das für ein Jammern und Heulen iſt, ſchrie Chriſtian trotzig. Wie kannſt nur Du ſo dumm ſein, Vater, und denken, daß ich wie ein Engel zurückkom⸗ men ſollte, wenn man vier Jahre da war, wo ich war! Ich war noch ein elender Stümper im Steh⸗ len, als ich in's Zuchthaus gebracht ward, jetzt da ich herauskomme, bin ich ein Meiſter, darauf verlaſſe Dich, und ſobald ſoll es ihnen nicht wieder gelingen, mich zu fangen! Sei ganz ruhig Vater, es ſoll ein luſti⸗ ges Leben werden hier in Deinem Käfig, alle Tage gut zu eſſen und zu trinken, hui, das ſoll fidel werden! Geh, geh, rief der Alte händeringend, Du biſt nicht mehr mein Sohn, ich will Dich nicht mehr an⸗ erkennen, und ich will nichts mehr mit Dir zu ſchaf⸗ fen haben. Hier in meine Kammer hinein ſollſt Du nicht kommen mit Deinem Laſter und Deiner Sünde, und müßte ich die Polizei zu Hülfe rufen gegen den ungerathenen Sohn, der mein Alter vergiftet! Ach, dummer Schnack, brüllte der Sohn, Natten vergiſtet man, aber nicht alte Narren! Laß das Heu⸗ len und das Winſeln, und freu' Dich, daß ich wieder da bin. Sei doch'n zärtlicher Vater und danke Gott, daß Du Deinen Sohn wieder haſt, Du glücklicher Mann!. Danken wollte, ich Gott, wenn ich Dich niemals wiedergeſehen hätte, jammerte ſein Vater, während Lude den Alten umſchlang und bitterlich mit ihm weinte. — 135— Und es hätte nicht viel gefehlt, ſo wäre dieſer Wunſch in Erfüllung gegangen, ſagte Chriſtian laut lachend, denn ich habe allerlei Gefahren beſtanden, ſeit ich dem Zuchthaus den Rücken gekehrt habe, und zuletzt wäre ich beinah nach Amerika gegangen, wenn der Teufel nicht ſeine Hände im Spiel gehabt und gemacht hätte, daß mir der ganze ſchöne Braten aus dem Maul fiel. Na, wer weiß, wozu es gut geweſen iſt, und jedenfalls haſt Du dadurch das Vergnügen, Deinen herzlieben Sohn wieder zu ſehen, alter Vater, und das iſt mehr werth, als'ne Reiſe nach Amerika. Hier brach Chriſtian in ein lautes Gelächter aus, und übertönte damit das Schluchzen und Weinen des alten Mannes und des Knaben. Uebrigens mußt Du nicht glauben, Vater, fuhr Chriſtian fort, ne, Du mußt nicht glauben, daß ich bloß ordinäre Bekanntſchaften im Zuchthauſe gemacht habe. O ne, es giebt auch ganz vornehme Herrn da, und einen Freund habe ick da kennen gelernt, der iſt'n Banquier und'n ſehr vornehmer Herr, und er hat weiter nichts nicht gethan, als daß er erſt ſein ganzes Ver⸗ mögen verſpielt hat und denn Falſchſpieler geworden iſt, wobei ſie'n denn gefaßt und auf drei Jahre in's Zuchthaus geſteckt haben. Und bloß um ſeinetwillen din ick jetzt noch in Berlin, denn in'n paar Tagen kommt er los, und denn wollen wir hier Geſchäfte mit einander machen. Und jetzt ſo ſag' mir mal, Lude, wo iſt denn Thomas, mein ſchöner Bruder? Der hat'ne Kammer für ſich und da arbeitet er, denn da hat er auch'nen Webeſtuhl! Na, denn will ick ihn heute nich ſtören, ſagte Chriſtian und ihm die Freude bis morgen verſparen. Jetzt gebt mir was zu eſſen und denn wollen wir ſſchlaſen! 3 Ohne eine Antwort abzuwarten ging Chriſtian zu — 136— dem braunen Schranke, der in der Ecke des Zimmers ſtand, und ihn aufſchließend nahm er aus demſelben das Brod und den Reſt des Bieres, das der Alte für Lude bei Seite geſetzt hatte. Was das fürfn elendes Eſſen iſt, brummte Chriſtian, nicht einmal ein anſtändiger Schnaps iſt hier zu finden. Na, das ſoll anders werden, und künftig ſollt Ihr hier Wein und Schnaps haben ſo viel Ihr wollt. Wir werden nichts nicht nehmen von Deinen ſchönen Sachen, ſagte Lude trotzig, und wenn Dir mein Abend⸗ brod nicht gut genug is, ſo ſchadet es nicht, und ick werde es denn alleine eſſen, denn ick habe den ganzen Tag noch nichts nicht gekriegt. Er wollte ſich dem Tiſche nähern, Chriſtian ſtieß ihn aber unſanft zurück, und der Alte ſagte zitternd: laß ihn heute, Lude, es iſt das letzte Mal, daß er bei uns ſein wird, und wenn er morgen nicht freiwillig geht, ſo rufe ich die Polizei. Ach, daß mein altes Herz dieſen Jammer erleben mußte! Der alte Mann warf ſich in die Kiſſen zut lick und ſchluchzte laut, und Lude ſchlang ſeinen Amt Vaters Nacken und flüſterte: weine man Vater. Ick will Dir gewiß keine Schande machen, Mf dichi ſollſt Du durch mich Kummer daden Chriſtian aber aß und trank in ungeſtör uhe, dann machte er ſich ſchweigend aus zwei Stühlen ein Lager, und ſich auf demſelben ausſtreckend hörte man bald an ſeinen langen Athemzügen, daß er feſt einge⸗ ſchlafen ſei. Aber lange noch konnte der alte Mann und der Knabe keine Ruhe finden, und in bittern Thränen klag⸗ ten ſie,— nicht um ihre Armuth und Dürftigkeit, ſon⸗ dern um ihre verlorne Ehre und um des Sohnes Schmach und Schande. Thomas und Kouiſe. Thomas hatte keine Ahnung von der Ankunft ſei⸗ nes Bruders, er würde ſonſt ſeinem Vater zu Hülfe geeilt, er würde den Ueberläſtigen aus der ſtillen Woh⸗ nung vertrieben haben, denn ſo hatte er es beſchloſſen, und ſich feſt vorgenommen, Wort zu halten, wie auch ſein Herz dabei leiden möchte. Aber in ſeiner entfernt liegenden Kammer konnte er nichts vernehmen von dem Wortwechſel Chriſtian's und ſeines Vaters, und unbe⸗ kümmert um die ganze Außenwelt, hing Thomas in der Stille und dem Frieden dieſer kleinen einſamen Kam⸗ mer ſeinen Gedanken nach. Er war allein, und dieſe Einſamkeit und Stille that ihm unendlich wohl, ſeine Bruſt hob und dehnte ſich, wie von einer drückenden Laſt befreit, und ſein ſonſt ſtets geſenktes Haupt war jetzt ſtolz und kräftig empor gerichtet, denn Thomas, dieſer Sohn der Armuth und der Arbeit, er war jetzt für wenige kurze Stunden ſeiner Selavenketten ent⸗ hoben, die Nacht war da, und mit ihr waren die Feſſeln der Arbeit von ihm geſunken, durften die Hände und Füße ausruhen von der raſtloſen Thätigkeit des Tages, und der Geiſt durfte ſeine größere und ſchönere Thä⸗ — 138— tigkeit beginnen. Seit einer Stunde ſchon hatte er den Webeſtuhl verlaſſen, und dieſer ewig klappernde und raſchelnde Gefährte ſeiner Tage, er ſtand jetzt ruhig da mit dem halb vollendeten Tafeltuch, in das Thomas mit künſtlicher Hand zierliche Blumen hineingewebt.— O, jetzt wußte ſeine Seele nichts vom Webeſtuhl und den Damaſtblumen, und wie er jetzt vor dem kleinen Tiſchchen dort am Ofen ſaß, waren es ganz andere Bilder und Geſichte, die ihn bewegten und ein flam⸗ mendes Roth auf ſeine Wangen riefen. Vor ihm auf dem Tiſchchen ſtand neben der düſter brennenden kleinen. Lampe ein Schreibzeug und neben einem Papier lag ein Buch, in das Thomas von Zeit zu Zeit hinein⸗ ſah und dann eifrig ſchrieb. Niemals ſonſt hatte er ſchmerzlicher und bitterer empfunden, daß dieſe ewige körperliche, me haniſche Arbeit ſeinen Geiſt ertödten und vernichten müſſe, niemals hatte er eine ſchmerzlichere Sehnſucht gefühlt nach dieſen ihm ewig verſchloſſenen Pforten des Wiſſens und der Erkenntniß, die, wenn ſie vor ihm ſich aufthun könnten, ihn, wie er wähnte, zu paradieſiſchen Gärten des Glückes und der Freude bringen müßten. Mit wie bittern Thränen des Zornes und Schmerzes hatte er manche Stunde der Nacht ſchon hingebracht, weinend über ſeine Unwiſſenheit und klagend um das traurige Loos, das ihn verdammte in dieſer Unwiſſenheit und Niedrigkeit ſeine Tage hinzubringen, während ſeine ganze Seele dürſtete, ſich aus dieſem Chaos und dieſer Unklarheit aufzuſchwingen zu den Höhen des Wiſſens und der Erkenntniß.— Einſt hatte es eine Zeit gegeben, in der Thomas nichts wußte von dieſen Schmerzen und dieſer Scham über ſich ſelber, in der er, voll ſtiller Selbſtgenügſamkeit, in der Arbeit ſeine Zufriedenheit und ſein Glück gefunden. Warum war denn dies anders geworden, und warum raubte denn jetzt dieſer Sohn der Arbeit ſeinen Nächten den — 139— nothwendigen Schlaf, um da zu ſitzen und über Büchern zu brüten, und in die ungelenkigen, von der Arbeit ſteif gewordenen Hände die kleine, ſchwer zu hand⸗ habende Feder zu nehmen? Auf alle dieſe Fragen antwortete das Herz des jungen Webers mit einem einzigen Worte, mit einem einzigen Namen, vor dem ſeine Wangen erglühten und ſeine Augen höher auf⸗ leuchteten in Schmerz und Freude. Dieſer Name war: Louiſe, und er tönte vor ſeinem Ohr in unabläſſigen Schwingungen; mitten durch das Geräuſch des Webe⸗ ſtuhls hindurch vernahm er ihn, dieſen einzigen, theuren Namen, den ſeine Lippen niemals zu nennen wagten, der aber ewig und immerdar in ſeinem Herzen erklang und es mit ſtiller Luſt und ſchmerzlichem Entzücken erfüllte. Dieſer Name, er war der Inbegriff ſeines Denkens und ſeines Sehnens, er durchſtrahlte, einer goldenen Sonne gleich, ſein düſteres, froſtiges Leben, und machte ihn erglühen und erbeben, er ſchlich ſich in ſeine Tränme ein und gab ihnen Glanz und Farbe, er war der Inbegriff ſeines Gebetes und der Mittel⸗ punkt ſeines Denkens. O was Alles nicht ſchon hatte er gedacht, gefürchtet, gehofft und erſehnt bei dieſem Namen: Louiſe! Und ſtand ſie nicht ſo hoch über ihm in unerreichbarer Ferne, ſo hoch, wie die Sterne über dem Wanderer, der ſich hier unten martert und quält, während ſie dort oben in heiligem Frieden ihre Straße ziehen? Ja, ſie war in Wahrheit ſein Stern, und ſie ſtand an ſeinem Himmel in ewiger Schönheit und Klarheit. Daß er ſie liebte, wußte er nicht, er hatte keinen Namen und keine Bezeichnung für dies Gefühl grenzenloſer Anbetung und Ergebenheit, und niemals war irgend ein egoiſtiſcher Wunſch, ein ſehnſüchtiges Begehren nach ihr in ſeinem Herzen geweſen. Und war ſie denn nicht durch unüberſteigbare Hinderniſſe von ihm geſchieden? War ſie nicht von ſo vornehmer — 140— Geburt und er ſo niedrig und unbekannt? Weil ſie arm war, hörte ſie doch nimmer auf eine vornehme Dame zu ſein, und kam er, der arme Webergeſelle, ihr um keinen Schritt näher. Und was war alles dies gegen den tiefen und unermeßlichen Unterſchied, den Kenntniß und Bildung zwiſchen ihnen Beiden gemacht. Ach er war ja nicht bloß arm an irdiſchen Gütern, er war ja auch arm an Geiſt, arm an Wiſſen, und er ſtand vor ihr, wie der arme, zitternde Schulknabe vor dem Tempel der Weisheit und des Erkennens. Das war's, was ihn ewig ſo ſtumm machte und ſo ſchweigſam in ihrer Nähe, das war's, was ihm Thränen in die Augen trieb, wenn ſie ſprach, denn ihre Sprache ſchon war ſo ganz verſchieden von der ſeinen, ſie war in allen Dingen ſo hoch über ihm, er konnte ſie niemals erreichen, ſelbſt nicht mit der Sprache, die ihnen doch gemeinſam, ſelbſt nicht mit dieſem einfachen, deutſchen Wort, das in ihrem Munde ganz anders klang, wie in ſeinem! Ich will ja nichts weiter, dachte er oft, als mit ihr ſprechen, als in ihrer Sprache ihr ſagen können, daß ich für ſie gern in den Tod gehen und für ſie ſterben möchte. Ich verlange ja nicht, ſo gelehrt und klug zu ſein, wie ſie es iſt, aber nur ſprechen will ich mit ihr können, ohne daß jedes meiner Worte mich der Unwiſſenheit bei ihr anklagt und ſie meine Dumm⸗ heit fühlen läßt. Und das, meinte er, ließe ſich erreichen, dazu könnte ihm ausdauernder Fleiß und nimmer erſchlaf⸗ fender Wille förderlich ſein. Die wenigen Groſchen, die er ſich in der Woche, in welcher er Louiſens Be⸗ kanntſchaft gemacht, erübrigen konnte, wandte er dazu an, ſich vom Antiquar eine deutſche Grammatik zu kaufen und Feder und Dinte, und nun zerquälte er Nachts ſeinen Kopf, um die vielen Regeln und Aus⸗ 4 un .— 141— nahmen der deutſchen Sprache zu erlernen und ſich zu üben im richtigen Schreiben, und wenn er ſchrieb, ſo waren es immer Briefe an Louiſe, Briefe voll ſo zarter Geſinnung, ſo erhabenen Gefühls, daß ſie Louiſen wür⸗ den Thränen in die Augen getrieben haben, wenn ſie dieſe Briefe hätte ſehen können. Aber niemals hätte Tho⸗ mas gewagt, dieſe Papiere Louiſen zu geben, und obwohl er ſich nicht entſchließen konnte, dieſe ſtillen Freunde, denen er ſein großes und heiliges Geheimniß anver⸗ traut, zu vernichten, ſo wußte er ſie doch ſtets ſo ſorg⸗ fältig zu verbergen, daß kein ſterbliches Auge ſie jemals erſchaute. Aber die heiligen und großen Geheimniſſe, die ſeine Lippen nicht zu verkünden wagten, ſeine Augen hatten ſie Louiſen längſt verrathen. Anfangs hatte Louiſe in ihrem Herzen dieſen Augen gezürnt, daß ſie es ge⸗ wagt, ſich bis zu ihr zu erheben. Die lange Gewohn⸗ heit, ſich den Niedrigen und Armen überlegen zu fühlen, ſie hatte Louiſen dieſe Liebe des armen We⸗ bergeſellen als eine Anmaßung erſcheinen laſſen, der ſie anfangs zürnte, und die ſie dann nur lächelnd bemitleiden konnte. Sie, vornehmer, reicher Eltern Kind, aufgewachſen in Ueppigkeit und Glanz, ſie, die bis vor kurzer Zeit inmitten der noblen Geſellſchaft gelebt und ganz die Bildung und den bon ton der großen Welt beſaß, ſie, geliebt von einem armen Webergeſellen, der das entſetzlichſte Berliner Deutſch ſprach! Nach und nach fing dieſer Gedanke an, ſie zu beluſtigen, und ſie war dem armen Thomas faſt dank⸗ bar, daß er ihr, inmitten dieſes neuen, düſtern und umnachteten Lebens einen heitern Augenblick und einen luſtigen Scherz bereitet hatte. Dann aber rührte ſie die tiefe Demuth, mit der Thomas ihr ge⸗ genüber ſtand, die maßloſe Verehrung, mit der er zu ihr aufſchaute. Sie fühlte, daß er ſie anbetete, wie . 1 b — 142— eine Heilige, daß er ſich vor ihr neigte, wie vor einer Göttin, und mußte das ihr nicht wohlthun? Alle dieſe reichen und vornehmen Verehrer, die ſonſt ſie umſchwärmt hatten, wo waren ſie jetzt? Sie waren mit ihrem Wohlſtand und ihrem untergehenden Glücke von ihr gewichen, ſie kannten ſie nicht mehr, ſeit ſie im ärmlichen Kleide einherging und in einer ſchlech⸗ ten Kammer wohnte. Alle dieſe Freundinnen in den ſeidenen Gewändern und den prächtigen Gemächern, ſie hatten Louiſe vergeſſen, ſeit ſie nicht mehr reich war und angeſehen; Niemand kannte ſie mehr, ſeit ſie mit ihrer Mutter in dieſen armen und dunkeln Familienhäuſern wohnte. Mußte da nicht endlich die⸗ ſem armen, tief verwundeten Herzen die anbetende Verehrung des armen Thomas wie ein lindernder Balſam ſein, mußte nicht endlich der ihr noch inwoh⸗ nende Hochmuth der Welt überwunden ſein und ſie mit Luſt fühlen, daß dieſes treue, demüthige Herz ihr, der Armen, nicht mehr Reichen, nicht mehr Vorneh⸗ men, in uneigennützigſter Liebe gehöre? Das Be⸗ wußtſein, geliebt zu werden, es iſt einem Weibe im⸗ mer ein Glück, eine genußvolle Befriedigung, und in ihrer Armuth empfand Louiſe es doppelt, wie reich ſie ſei im Beſitz dieſer hingebenden, ganz in ihr aufgehen⸗ den Liebe.— Wie ſich dieſe Liebe äußerte? Nicht mit glühenden Worten und zärtlichen Händedrücken, er hatte noch niemals ihre Hand berührt, er hatte noch niemals mehr zu ihr geſprochen, als einige ſchüch⸗ terne, verlegene Worte, und ihre vornehmen Freun⸗ dinnen von Einſt, wie würden ſie höhnend gelächelt haben über dieſe neue, befremdliche Art der Liebes⸗ bezeugung.— Louiſens Mutter hatte ſich ein wenig Holz fahren laſſen zum ſpärlichen Bedarf des Win⸗ ters, und das in zu große Stücke geſpaltene Holz paßte nicht für die enge, ſchmale Thür des kleinen — 143— Ofens, der ihnen zugleich zur Erheizung des Zim⸗ mers und als Heerd diente. Louiſe ging hinunter in den Hof, um mit dem kleinen Handbeil die großen Stücke zu kleinen zu zerſchlagen. Ach, aber ihre zar⸗ ten Hände, ſie waren ſo harter Arbeit ungewohnt und die Splitter fuhren ihr in die Finger, daß ſie blu⸗ teten. Dennoch verrichtete ſie muthig ihr Geſchäſt, und ging ſingend, um ihre Mutter nicht ahnen zu laſſen, daß ſie leide, wieder in's Haus zurück und den langen Corridor zu ihrem Zimmer hinunter. Da fand ſie vor ihrer Thür Thomas. Er hatte von ſei⸗ nem Fenſter aus Louiſens Arbeit geſehen, und da ſtand er jetzt, bleich und zitternd, mit Thränen in den Augen, und ſie anſehend mit einem Blick voll ſo unendlicher Liebe und ſo erbarmenden Mitleids, daß Louiſe ihr ganzes Herz bewegt fühlte. Und er deutete auf ihre blutig geritzten Hände und flüſterte abgebrochene, angſtvolle und beklommene Worte, aus denen Louiſe die zitternde Bitte entnahm, ihn künftig für ſie dieſe Arbeit thun zu laſſen. Sie dankte ihm lächelnd für dieſe Freundlichkeit und lehnte es ab; da ſah er ſo traurig und niedergeſchlagen aus, daß Louiſe wohl fühlte, es ſei ihm eine Freude, für ſie ſich zu bemühen, und ſie ſagte deshalb zögernd: Wenn ich wüßte, daß es Ihnen wirklich keine Laſt iſt? Eine Laſt? fragte er verwundert. Ach, Gott, es iſt ja nur ein Vergnügen, das Sie mir bereiten! Nun, dann nehme ich es an, ſagte Louiſe lächelnd. Thomas nickte nur ſtumm ſeinen Dank; ſein Herz war ſo voll, daß er nichts erwiedern konnte, aber ſein edles Antlitz war überhaucht von dem Son⸗ nenſchein des Glückes, und ſeine Augen leuchteten in reiner, heiterer Freude. Von nun an ſtand Thomas regelmäßig zur ſelben — 144— Stunde jeden Tag vor Louiſens Thür, und wenn ſie heraustrat mit dem Korbe voll Holz, ſo nahm er mit ehrerbietigem Gruß ihr den Korb aus den Hän⸗ den und eilte ſtumm hinweg, um nach kurzer Zeit ihr das in zierliche, kleine Stückchen geſchlagene Holz wieder zu bringen und es ihr in Schichten hinter dem Ofen aufzuſtellen.— Und wer anders, als Thomas, ſtand Morgens am Brunnen, wenn ſie mit dem Eimer kam, friſches Waſſer zu holen, und wann hätte er gelitten, daß ſie ſelber den ſchweren Schlägel der Plumpe in Bewegung ſetze und den gefüllten Eimer hinaufſchleppe in ihre Wohnung?— Einmal wagte er, verlegen und erröthend die Bitte hervorzuſtam⸗ meln, ſie möge nicht mehr hinuntergehen an den Brunnen, ſondern nur den leeren Eimer außen vor ihre Thüre ſtellen, damit er ihn gleich mit hinunter nähme und fülle. Louiſe ſagte: Aber Sie haben zu viel Laſt und Mühe durch Ihre Freundlichkeit, und ich kann es nicht annehmen, daß Sie ſich noch mehr für mich bemühen. Iſt es nicht ſchon genug, daß Sie den ſchweren Holzkorb für mich tragen und das Holz zer⸗ ſchlagen? Ach, das iſt ja gar nichts, ſagte er bittend. Und wenn Sie es ſonſt nicht wollen, ſo thun Sie es mir zur Erleichterung. Ich werde freier und leichter ge⸗ hen, wenn ich an einem Arm den Holzkorb und an dem andern den Waſſereimer trage. Konnte Louiſe einer ſo zarten Lüge widerſtehen? — Von nun an trug Thomas ihr den Waſſereimer, wie das Holz herauf, und Louiſen war es zuweilen, als ſei das Glas Waſſer, welches ſie aus dem Eimer ſich ſchöpfte, den Thomas ihr gebracht, beſonders hell und klar, und als ſchmecke es viel ſchöner und reiner, wenn es ihr Thomas gebracht, wie ſonſt, wenn ſie es „ — 145— ſich ſelbſt geholt.— Wenn Thomas in eigenen Ge⸗ ſchäften hineinging in die Stadt, kam er jedesmal erſt, bei Louiſen und ihrer Mutter anzufragen, ob er nicht auch für ſie einige Aufträge beſorgen könne, und ſie machten gern von dieſem Anerbieten Gebrauch, weil ſie dadurch Zeit erſparten, und Thomas alle Be⸗ ſtellungen mit größter Pünktlichkeit ausrichtete. Bald hatte er ſich die Tage gemerkt, an denen Louiſe im⸗ mer die vollendeten Arbeiten und Stickereien in die Waarenlager trug, für die ſie arbeitete, und von nun an kam Thomas regelmäßig an dieſen Tagen, um nach Aufträgen und Beſtellungen zu fragen, und in ſeinem unſchuldigen Herzen glaubte er, Louiſe könne es gar nicht bemerken, daß er eigentlich nur um ihretwillen in die Stadt ginge, und daß er durchaus an dieſen Tagen gar nichts dort zu thun habe. Bald war es Louiſen gelungen, in den Abend⸗ ſtunden, in denen ſie bei der ſpärlichen kleinen Lampe nicht an den feinen Stickereien, mit denen ſie Tags über beſchäftigt war, arbeiten konnte, einige Unter⸗ richtsſtunden zu finden. Mehrere junge Mädchen, die ſich zu franzöſiſchen Bonnen ausbilden wollten, hatten beſchloſſen, in zwei Stunden allwöchentlich ſich zu vereinigen, um ſich zu Franzöſinnen bilden zu laſſen, und in den öffentlichen Blättern forderten ſie daher die Befähigten auf, ſich zu dieſer Lehrſtunde zu melden. Viele mochten ſich beworben haben um dieſe Stunde, Louiſe trug über Alle den Sieg davon, weil ſie den geringſten Preis forderte, und weil die an⸗ gehenden Franzöſinnen hofften, von dem armeu, aber vornehmen Mädchen einige Tournüre zu lernen und ihr den feinen Anſtand und die vornehmen Manieren abzulauſchen.— So wanderte nun Louiſe zweimal in jeder Woche in Dunkelheit und Winterkälte den weiten Weg vom Hamburger Thor bis zur Lands⸗ 1. 10 berger Straße. — 146—— „ um dort franzöſiſchen Unterricht zu geben und für einige wenige Silbergroſchen mit nie nachlaſſender Geduld und Milde die Fehler und den Idiom der jungen Berliner Franzöſinnen zu ver⸗ beſſern.— Anfangs war es ihr ſchauerlich und angſt⸗ voll geweſen, von Niemand ſo allein dieſen weiten Weg zu gehen, geleitet, von Niemand geſchützt, und weil ſie ſonſt gewohnt war, niemals ohne ihren Be⸗ dienten auf der Straße zu gehen, wenn überhaupt jemals ſie Abends zu Fuß die Straße paſſirte, ſo er⸗ litt ſie nun S chauer der Angſt und des Entſetzens in dieſer Einſamkeit und Verlaſſenheit, und ganz mechaniſch blickte ſie öfter hinter ſich, als ſuche ſie dort einen Beſchützer, ihren Pfad zu ſichern. Als ſie zum zweiten Male zur Stunde ging, und angſtvoll, bebend, ſchutzflehend umherblickte, da war es ihr, als hätte ſie beim Scheine einer Laterne, wenige Schritte hinter ſich, das bleiche und ſchöne Geſicht ihres Freun⸗ des Thomas erkannt, und ſie athmete hoch auf in freudigem Schre ecck, und es war ihr, als ſei ſie nun ganz ſicher, ganz geborgen.— Muthiger ging ſie nun weiter; die frechen, forſchenden Blicke der vorüber⸗ gehenden Herre ſich nicht mehr ſich herandräng n erſchreckten ſie nicht mehr, ſie fühlte entſetzt, wenn ſie ganz nahe zu ihr ten und ſchnell ihr einige Worte ſag⸗ ten, ſie hatte all dieſen Unbequemlichkeiten des Ber⸗ liner Straßenlebens, all dieſer Unverſchämtheit der Berliner Flaner zuſetzen, daß hi Freund ſei, der ſie befreien wür weſen? Hatte ihr Wunſch, ihn zu ſehen, auch ihre Augen nicht betrogen? Sie wagte es, noch einmal ſich umzuſehen, ſtill, denn er fü irs das freudige Bewußtſein entgegen⸗ nter ihr ein ſchützender und ſorgender bei ihrem leiſeſten Ruf herbeieilen und de. Und war er es denn wirklich ge⸗ ja, er war es, und er ſtand erſchreckt rchtete, ſie habe ihn geſehen und zürne — 147— ihm wegen ſeines Nachſchleichens.— Wieder, als ſie von der Stunde heimkehrte und verſtohlen hinter ſich blickte, ſah ſie Thomas wenige Schritte hinter ſich, und ſo in ehrfurchtsvoller Entfernung geleitete er ſie nach Hauſe. Von nun an fürchtete Louiſe nicht mehr die einſamen Wege und die dunklen Abende, denn immer war Thomas da, ſie ſchweigend, und wie er meinte, ungeſehen von ihr, zu begleiten. Sie blickte nicht mehr hinter ſich, um zu ſehen, ob er auch bei ihr ſei, ſie wußte es, ſie fühlte ſeine Nähe, fühlte es mit freudigem Stolz, mit inniger Rührung: ſie war nicht mehr allein, nicht mehr ſchutzlos, ein Freund geleitete ſie, demüthig und ſtill, ergeben und ehrfurchts⸗ voll, niemals einen Dank begehrend und voll Furcht zurückſchreckend, wenn ſie ſich umwandte! Mußte ſolche ſtumme, demuthsvolle Liebe Louiſens Herz nicht rühren, mußte ſie ſich nicht reich fühlen im Beſitz eines Herzens, das ſich ohne Klage ſchweigend für ſie verbluten wollte? Wie oft blieb ſie ſtehen auf ihrem Wege, hoffend, er würde ihr näher kommen und ſie ihn anreden können, und wie verdroß es ſie faſt, daß er niemals dies wagte! Wie oft ſchaute ſie lächelnd rückwärts, um ſeinen Blicken zu begegnen, und ihn durch Freundlichkeit zu einer Annäherung zu ermuthigen, aber ſie vergaß, daß die Dunkelheit ihm ihren lächelnden Blick umhüllte, und daß ihr Zögern ihn gleichfalls zögern ließ. Als er zum vierten Male ſie ſo ſchweigend und in ehrfurchtsvoller Ent⸗ fernung geleitete, fühlte ſie das ungeduldige Verlan⸗ gen, endlich ihn ſeine Scheu überwinden zu ſehen und ihm zu danken für ſeine Freundlichkeit. Es war ein heller, kalter Winterabend, der Vollmond ſtand pran⸗ gend am Himmel und gab den Straßen faſt die Helle des Tages. Louiſe hatte faſt gefürchtet, er würde ſie nicht geleiten, und ihr Herz klopfte höher, als ſie ihn 10* — 148— dennoch hinter ſich ſah. Als ſie den Rückweg antrat und wieder Thomas langſam ihr folgte, fühlte ſie ihr Herz geſchwellt von Dankbarkeit und Freude zugleich, drängte es ſie, ihm endlich ein freundliches, gütiges Wort zu ſagen. Sie konnte freilich ganz genau jeden Stein auf ihrem Wege ſehen, dennoch mußte ſie ſich geſtoßen haben, denn ſie ſtolperte plötzlich und ſank halb zur Erde nieder, aber ein kräftiger Arm hob ſie empor, und eine zitternde Stimme fragte mit allem Ausdruck der Angſt und Liebe, ob ſie ſich beſchädigt und verletzt habe, ob ſie Schmerzen empfinde? Es wird bald vorübergehen, ſagte Louiſe, und wandte ſich ab, damit er ihr freudiges Lächeln nicht ſehen ſollte. Dennoch lehnte ſie ſich feſter auf ſeinen Arm und meinte, es würde ihr wohl thun, wenn er ſie noch einige Schritte geleiten wolle. Sie wollen an meinem Arm gehen? ſagte er er⸗ röthend, und ließ plötzlich erſchrocken ihren Arm fah⸗ ren, denn er hatte in der erſten Angſt um ſie gar nicht bemerkt, daß er ſie berührte. Haben Sie ſolche Furcht vor mir, daß Sie mir nicht einmal Ihren Arm geben mögen? fragte Louiſe mit ſanftem Lächeln. Furcht? ſagte er bebend. Nein, nicht Furcht, ſon⸗ dern nur Ehrfurcht! 5 Die verdiene ich nicht! ſagte ſie freundlich. Und wer verdiente ſie, wenn nicht Sie? fragte er, plötzlich kühn geworden, da es galt, ſie gegen ſich ſelber zu vertheidigen. Wer ſo wie Sie das unver⸗ diente Unglück trägt, wer reich war und doch arm zu ſein verſteht mit Freudigkeit und Lächeln, wer vor⸗ nehm iſt und doch den Niedrigen niemals Stolz und Hochmuth zeigt, wer Alles verſteht und Alles gelernt hat, und doch die Dummen und Ungebildeten nicht verachtet, wer für jeden Leidenden ein Wort des Tro⸗ — 149— ſtes, für jeden Klagenden ein Wort der Ermuthigung hat, gewiß, der iſt ein Engel und verdient, daß man ihn anbetet!. Wie kam's, daß Louiſen, während Thomas eifrig und erglühend ſo ſprach, die Thränen in die Augen traten? Sie war früher an Huldigungen jeder Art gewöhnt geweſen, ſie hatte ſchmeichelnde und vergöt⸗ ternde Worte der vornehmen Cavaliere vernommen, ſie war einſt von Bewerbern und Anbetern umringt geweſen, wie konnte ſie denn jetzt das ſchlichte Lob des armen Webergeſellen ſo rühren? Aber dieſe Schmeichler und Lobpreiſer alle, ſie waren verſchwun⸗ den mit ihrem Reichthum und ihrem Glück, keins ihrer Worte, keine ihrer Betheuerungen war Wahr⸗ heit geweſen. Und jetzt auf dieſe friſchen Wunden, auf die Schmerzen, welche die harte und ungerechte Welt der Seele dieſes jungen verſchüchterten Mäd⸗ chens gegeben, legte ſich dieſes feurige Lob des armen Webergeſellen wie kühlender Balſam, wie ſanft lin⸗ derndes Heilmittel. Sie denken beſſer von mir, als ich es verdiene, ſagte Loniſe mit zitternder Stimme, und wenn ich die Armuth vielleicht beſſer zu ertragen weiß, als es nach einem verwöhnten Leben anzunehmen war, ſo iſt dies ja nur die Folge der guten Lehren und des erhabenen Beiſpiels meiner Mutter. Sie trägt dieſe große Prüfung mit dem Muth und der Standhaftig⸗ keit einer Heldin, und niemals wird man von ihr eine Klage oder ein Bedauern um die Vergangen⸗ heit hören. Das beſte Glück hat ſie ja auch gerettet, ſagte Thomas einfach, denn Sie ſind bei ihr geblieben. Es mag freilich ein ungeheures Unglück ſein, wenn man arm wird, nachdem man reich geweſen. Da ſind ſo viele Dinge, die wir Armen gar nicht kennen, und — 150— deshalb auch nicht fordern, die Sie aber entbehren, weil Sie ſich an ſie gewöhnt hatten und ſie früher für nothwendig erachteten. Aber Sie ſind ja den⸗ noch tauſendmal, tauſendmal reicher als wir Alle, denn Sie verſtehen und wiſſen ſo viel, Sie leſen die ſchönen Bücher Alle, und wenn Sie keine Bücher haben, ſo wiſſen Sie ſo viel zu denken, während wir in der Armuth Gebornen, gar keinen andern Gedan⸗ ken haben können, als den, uns unſer Brod zu ver⸗ dienen, und das ſtumpft unſern Geiſt ab, daß er ganz müde und ſchläfrig wird. Wir könnten vielleicht auch etwas lernen, wir könnten unſern Geiſt bilden und unſere Gedanken und unſern Verſtand erweitern, aber wir ſind in der Jugend nicht darauf hingewie⸗ ſen, und wenn wir nachher die Sehnſucht darnach empfinden, iſt es zu ſpät, und wir ſind an die Ar⸗ beit geſchmiedet, wie der Hund an ſeine Kette. Se⸗ hen Sie, mein gnädiges Fräulein, das ſind auch große und bittere Schmerzen, und dieſe wenigſtens werden Sie niemals kennen lernen! Nicht ohne Erſtaunen ſah Louiſe in das ſchmerz⸗ lich aufgeregte Antlitz ihres Begleiters, der, in tiefer Erregung und kaum wiſſend, zu wem er ſprach, nach kurzem Schweigen fortfuhr: Und wenn wir Gedanken haben, und wenn dieſe Sehnſucht, etwas zu wiſſen, wirklich in uns iſt, ſo iſt das erſt ein rechtes Unglück für uns. Denn alsdann erſcheint uns dieſe Arbeit, an die wir doch gebunden ſind, ſo langweilig und nichtsſagend, und ſie hat doch ſonſt zu uns geplau⸗ dert den lieben langen Tag, und hat mit allerlei Träumen und Geſichten uns Stunde nach Stunde verkürzt, und hat uns in ſtiller Genügſamkeit bewahrt vor Kummer und Elend! Durch das ganze Leben hindurch iſt uns ſo die Arbeit ein treuer und ſchützen⸗ der Freund geweſen, der uns vor Uebel und Sünde V — — 151— bewahrt hat, und wir wollen zuletzt undankbar ſein und gar nichts mehr hören von ſeinem lieben und traulichen Geflüſter. Ach, ich war ſonſt ſo zufrieden, wenn ich an meinem Webeſtuhl ſaß, und nun— Er ſenkte traurig das Haupt und ſchwieg. Nun? fragte Louiſe geſpannt. Nun ſchäme ich mich immer nur, daß ich ſo dumm Ihnen gegenüber ſtehe, und nichts weiter bin, als ein Weber! Ein Weber iſt mehr als ein Arbeiter, er iſt eine Art Künſtler, ſagte Louiſe ſanft. Und wenn er in das Leinentuch ſo ſchöne Figuren und Blumen webt, dann iſt er in Wahrheit ein Künſtler. Mein Gott, das ſagen Sie? rief Thomas ganz begeiſtert, und Sie, das kluge und gebildete Fräulein, Sie verachten mich nicht, weil ich ein armer Weber⸗ geſelle bin? O dann will ich auch meine Arbeit wie⸗ der lieben und mich nicht mehr ſchämen, dann will ich auch bald der beſte und geſchickteſte Weber ſein. Man hat mir ſchon erzählt, daß Sie der fleißigſte Arbeiter ſind, ſagte Louiſe lächelnd, und daß Sie ſich immer die Zeichnungen und Muſter zu Ihrem Ge⸗ webe ſelbſt entwerfen. Aber es wird Alles nicht ſo, wie ich wünſche, ſagte Thomas traurig. Ich verſtehe nicht zu zeichnen, und wenn ich einen Sinnſpruch einweben will, ſo fürchte ich immer, falſche Puchſtaben hinmſoben. Das iſt ja mein großes Unglück, daß ich nicht einmal rich⸗ tig ſprechen und ſchreiben kann.* Er ſeufzte ſchwer und ging ſchweigend neben Louiſen hin. 8 Sie ſagte nach einer Pauſe ganz leiſe: ich will Sie etwas bitten! Sie, mich? fragte er ganz glückſelig. Ich unterrichte jeden Abend meine kleinen Schwe⸗ — 152— ſtern in der deutſchen Sprache. Kommen Sie her⸗ über und hören Sie zu! Mein Gott, mein Gott, Sie wollten— Ihre Lehrerin werden, ſagte Loniſe, und ich bin gewiß, meine Mutter wird nichts dagegen haben. Und Sie, Sie wollen doch auch? O, ich! ſagte er beklommen, dann ſchwieg er, denn die Rührung erſtickte ihm die Stimme und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Louiſe verſtand ihn auch ohne Worte, ſie verſtand ſein Schweigen und ſein lautes, ſtürmiſches Athmen, er war glücklich in dieſem Augenblick, das wußte ſie, und ſie? Schweigend und ſtill gingen ſie weiter, und bald hatten ſie die großen Gebäude vor dem Hamburger Thor erreicht, dieſe Gebäude, in denen die Armuth und der Mangel zu einem großen Familienbunde ſich ver⸗ einigt haben, zu einem Bunde, aus deſſen Schooße Hun⸗ ger und Elend als ewig klagende Kinder hervorge⸗ gangen ſind, aber auch die ſtille Genügſamkeit und die ſelige Ruhe der begnügſamen Armuth. 4 Die verarmte Schwägerin. Als Louiſe, nach dieſem erſten und wichtigen Zwie⸗ geſpräch mit Thomas, in das Zimmer ihrer Mutter trat, fand ſie dieſe in großer Aufregung. Faſt ſeit einem Monate wohnten ſie jetzt in den Familienhäuſern, und die Baronin Elsleben, die Schwägerin von Louiſens Mutter, hatte in dieſer Zeit faſt täglich durch bald drohende, bald flehende Briefe die Frau von Hermfeld zu bewegen geſucht, dieſe Familienhäuſer zu verlaſſen und die Unter⸗ ſtützung anzunehmen, die ſie ihr bot. Auf keinen dieſer Briefe hatte ſie geantwortet, und den Prediger Gotthold, der als Frau von Elslebens Abgeſandter kam, hatte die ſtarre und ſtolze Frau für immer von ihrer Thür gewieſen. Heute nun war abermals ein Brief von Frau von Elsleben gekommen, und in demſelben meldete ſie ſich ſelbſt für den folgenden Tag bei ihrer Schwägerin an und erklärte, nicht eher weichen zu wollen, als bis dieſelbe ſie mindeſtens angehört. Ich werde, um endlich dieſes läſtigen Verkehrs los zu werden, meine Frau Schwägerin morgen annehmen, ſagte Frau von Hermfeld, nachdem ſie Louiſen den Brief vorgeleſen, aber ich fürchte, daß es zu einer heftigen — 154— Erörterung unter uns kommen wird, denn ich haſſe die⸗ ſes gleißneriſche Weib, das ihre Sündenlaſt unter einem frommen Tugendgeſichte verbirgt. Gewiß wird es ganz gut für ſie ſein, einmal von Deinen Lippen die Wahrheitzu hören, ſagte Louiſe lächend, und Du wirſt ſie ihr ſagen mit all der Kraft und Energie, die Deinem edlen Weſen eigen iſt. Jetzt aber, theuerſte Mama, denke nicht mehr an unſere edle Tante, ſondern an Dein Kind, das Dir ein wenig beichten möchte, um von Dir Strafe oder Abſolution zu em⸗ pfangen. Und Louiſe ſetzte ſich auf die hölzerne Fußbank zu den Füßen ihrer Mutter nieder und erzählte ihr mit leiſem Geflüſter von Thomas, von all' ſeinen ſtillen Liebesweiſen, und von ihrem heutigen Geſpräch. Ihre Mutter hörte ihr aufmerkſam zu, zuweilen nickte ſie beifällig und zuſtimmend, und als Louiſe ihr erzählte, daß ſie beim Nachhauſegehen ſich den Fuß geſtoßen und zur Erde gefallen wäre, wenn Thomas nicht herbeigeeilt, da fragte ſie ernſt: hatteſt Du Dich wirklich verletzt, Louiſe, oder gabſt Du Dir nur den Anſchein? Louiſe ſah lächelnd einen Moment zur Erde und ſchwieg, dann, nach kurzem Beſinnen, richtete ſie die hellen, unſchuldigen Blicke zu ihrer Mutter empor und ſagte leiſe: nein, ich hatte mir nicht wehe gethan, ich wollte nur Thomas— 3 Weiter! unterbrach ſie ihre Mutter, und als Louiſe ihr getreulich jedes Wort berichtet, das ſie mit Thomas geſprochen, erhob ſich Frau von Hermfeld und ſagte ernſt: hier ſind nur zwei Wege möglich, und Du mußt Dich ſchnell entſcheiden, welchen der beiden Du gehen willſt. Thomas liebt Dich! Die Damen der großen Welt würden verächtlich lachen über dieſe Liebe des armen Webergeſellen. Meine Tochter denkt beſſer, das weiß ich, ſie wird dieſe Liebe nicht begünſtigen, — 155— wenn ſie dieſelbe nicht theilt, und wenn ſie ihn nicht liebt, wird ſie ſich ernſt und entſchieden zurückziehen und jedes Geſpräch vermeiden. Wenn Du ihm den Unterricht, den Du ihm heute angeboten, wirklich er⸗ theilſt, ſo giebſt Du ihm dadurch ein näheres Anrecht auf Deine Theilnahme, ſo erweckſt Du in ihm Hoffnungen, die Du als ehrliches Mädchen nicht täuſchen darfſt. Dieſer Unterſchied der Stände, den es da außen in der Welt giebt, er exiſtirt hier nicht mehr, und in meinen Augen iſt der arme Weber Thomas, der jetzt Dich liebt, eben ſowohl ein Mann, als die vornehmen und reichen Herren, die Einſt um Dich geworben. Laß alſo Dein Gefühl entſcheiden, ob Du durch Freund⸗ lichkeit ihm Hoffnung geben, oder durch Kälte ihn von ſeiner Liebe heilen willſt. Nein, antworte mir nicht jetzt, Louiſe, fuhr ſie fort, und drückte einen Kuß auf die klare Stirn ihrer Tochter. Laß uns zu Bette gehen! Die Kinder ſchlafen ſchon und ſind mit ihren rothen Wangen und ihren lächelnden Lippen wie liebliche Engel anzuſchauen! Es ſitzen himmliſche Gebete in dem Antlitz eines ſchlummerndes Kindes. Komm, wir wollen auch beten und ſchlafen und Gott uns anheim geben mit all unſern Zweifeln und Sorgen. Gott ſei mit Dir, mein Kind, und morgen ſollſt Du mir ſagen, ob Du Thomas dieſe Stunde geben willſt, und ob er Dich ferner geleiten darf! Gute Nacht! 5 Louiſe küßte tief bewegt die Hand ihrer Mutter und ſchweigend begaben ſie ſich zur Ruhe. Lange noch lag Louiſe auf ihrem Lager, ſchlummerlos, ihr Herz bewegt von tauſend wiederſprechenden Ge⸗ fühlen. Gaukelnde Bilder der glänzenden, üppigen Vergangenheit zogen lockend an ihr vorüber, trübe Geſichte der armen, glanzloſen Zukunft umflüſterten ſie mit leiſem Klageton. Die prunkvolle Vergangenheit ſang ihr ein ſtolzes Lied von ihrem glänzenden Namen A — 156— und ihrem vornehmen Geſchlecht, und die lange Reihe ihrer Ahnen zog an ihr vorüber mit drohendem Win⸗ ken und abwehrender Bewegung. Die arme, glanzloſe Zukunft ſtimmte ihr ein Lied an voll wehmüthiger Entſagung und thränenreichen Wehes, aber es war auch ein geheimnißvoller Himmelsklang in dieſes Lied der Armuth verwebt, ein Himmelsklang voll ſüßer Me⸗ lodie und bezaubernder Schönheit, und dieſe entzückens⸗ vollen Klänge mochten ſie zu ſüßem Schlafe eingewiegt haben, denn ein ſeliges Lächeln ſtand noch auf ihren Zügen, als ſie ſchon längſt entſchlummert war. Früh am nächſten Morgen erhob ſich Louiſe leiſe von ihrem Lager und hüllte ſich mit freudiger Haſt in ihre ärmliche Kleidung, um, wie ſie es zu thun gewohnt war, Feuer anzuzünden und das Frühſtück zu bereiten, bevor ihre Mutter erwachte. Aber heute war dieſe ſchon wach und rief Loniſen an ihr Bette. Mutter, ſagte Louiſe mit entſchiedenem Ton, ich bin entſchloſſen, Thomas mein Wort zu halten, und ihm dieſe Stunde zu geben! Frau von Hermfeld zog ihre Tochter an ihr Herz und küßte ihre bebenden Lippen. Alles Weitere, mein Kind, wollen wir Gott anheim ſtellen, ſagte ſie feierlich. Die guten und die böſen Tage liegen Alle in ſeiner Hand. Und nun wollen wir raſch uns beeilen, die Kinder zu wecken und anzukleiden, da⸗ mit ſie zur Schule gehen. Ich wünſche nicht, daß ſie meine Schwägerin ſehen, oder auch nur eine Sylbe meines Geſpräches mit ihr hören können. Wenige Stunden ſpäter hielt vor den Familienhän⸗ ſern die glänzende Equipage der Baronin Elsleben, und mit gravitätiſcher Würde ſtieg die Dame aus, um ſich von dem dienſtfertig herbeieilenden Inſpector zu dem Zimmer der Madame Hermfeld geleiten zu laſſen. Vor der Thüre angelangt, bat ſie den Inſpector, ſich zu — 157— entfernen, weil ſie zu dem ernſten und heiligen Werke, das ſie vorhabe, erſt in einem ſtillen Gebete ſich ſammeln müſſe. Als ſie allein war, ſtand ſie einen Augenblick nachdenklich ſtill, dann gab ſie ihrem Geſichte einen ſtolzen, kalten Ausdruck; es kam ihr darauf an durch die erhabenſte Würde zu imponiren, und mit dem Aus⸗ druck und dem Anſtand einer Kaiſerin öffnete ſie end⸗ lich langſam die Thür und trat in das Gemach ihrer Schwägerin.— Aber auch Frau von Hermfeld war bedacht geweſen, dieſer Scene eine gewiſſe Feierlichkeit, doch in ihrer Weiſe, zu geben. In ihrem ärmlichſten, unſcheinbarſten Gewande, ein dunkles Tuch um den Kopf gelegt, ſo ſaß ſie auf ihrem hölzernen Schemel, der Thür gegenüber, und ihr zur Seite ſtand Louiſe, ärmlich und unſcheinbar gekleidet, gleich ihr. Aber es war Etwas in dem Antlitz dieſer Beiden, was der Aerm⸗ lichkeit ihrer Umgebungen widerſprach. Mit dem Stolze einer Königin, mit flammenden, zürnenden Blicken und hoch aufgerichtetem Haupt ſaß Frau von Hermfeld da und neben ihr ſtand Louiſe, nicht gebeugt und demuths⸗ voll, ſondern mit ſtolzer und anmuthiger Würde und mit einem holden Lächeln auf den ſanft erröthenden Wangen. Wunderbar war der Contraſt zwiſchen dieſen beiden ärmlich gekleideten und noch Ehrfurcht gebietenden⸗ Frauen und der glänzenden, immer noch ſchönen Baronin, die mit zornigem Blick und verächtlichem Lächeln ihnen gegenüber ſtand. Sie war gekommen, um zu demüthigen, ſie hatte imponiren wollen durch den Glanz und die Würde ihrer Erſcheinung, und ihr gegenüber ſaß nun eine ärmliche Frau, vor deren ſtolzen Blicken ſie unwillkürlich das Auge zu Boden ſchlug, und die ſich das Anſehen gab, als empfange ſie, auf einem Throne ſitzend, die Huldigung ihrer Vaſallin. Niemand ſprach, Niemand wollte zuerſt dieſe ſtumme und doch ſo beredte Scene unterbrechen; ſchweigend — 158— maßen ſich die beiden Frauen mit ihren Blicken, Jede bemüht in der Seele der Andern zu leſen, und entſchloſſen keinen Schrittihr entgegen zu kommen, Jede empfindend, daß ihre Todfeindin ihr gegenüber ſtand, und daß ein glühender Haß für das ganze Leben ſie ſcheide und verbinde. Dieſe lächerliche Scene muß endlich beendet werden, ſagte die Baronin Elsleben nach einer langen Pauſe. Ich bin nicht gekommen, um den albernen Hochmuth zu bewundern, der Sie noch in der Noth und dem Elend als eine ſchaudervolle Krankheit zu verfolgen ſcheint, ſondern ich bin da, um Sie zur Demuth zu ermahnen, um Sie zu warnen, nicht länger den Zorn des Herrn auf ſich zu ziehen durch Ihr ſtarres Auflehnen gegen ſeinen Willen. Hat der Herr Ihnen ein Brieflein geſendet, fragte Frau von Hermfeld ſpöttiſch, hat er Ihnen geſchrieben, daß er mir zürnt? Welch eine Läſterung! rief die Baronin mit empha⸗ tiſchem Ton und mit gen Himmel gewandten Blicken. O mein Gott, mein Gott, gehe nicht in's Gericht mit dieſer Sünderin! Flehen Sie für ſich ſelber, Frau Schwägerin, rief Frau von Hermfeld ſtreng, fallen Sie auf Ihre Kniee nieder und bitten Sie Gott, daß er Gnade habe und Erbarmen für eine Heuchlerin, die einen frommen Schleier gelegt hat über ihr von Sünden zerriſſenes Antlitz, und ihre ſchnöde Sinnenluſt verbirgt hinter einem entzückten gottbegeiſterten Blicke. Unverſchämtes Weib! rief die Baronin, vor Zorn erbleichend, und hob ihren Arm mit drohender Geberde, wie zum Schlag empor, aber dann erinnerte ſie ſich ſchnell ihrer heiligen Miſſion, und den Arm noch höher ausſtreckend, ſagte ſie feierlich: Gott wird Sie ſtrafen, ich verzeihe Ihnen. Meiſterhaft geſpielt, ſagte Frau von Hermſeld lachend, die größte Schauſpielerin würde es nicht beſſer machen. Reden Sie, ſpritzen Sie alle Ihre Galle aus, ſagte die Baronin, innerlich zitternd vor Zorn, doch mit dem äußern Anſchein der Ruhe und Milde. Ich kann Ihnen Vieles verzeihen, denn Sie ſind unglücklich, und dem Unglücke verzeiht man die Bitterkeit. Armes, unglück⸗ liches, beklagenswerthes Weib, wie viel mögen Sie gelitten haben! O, wie beklagt Sie meine Seele! Sie näherte ſich ihrer Schwägerin mit geöffneten Armen und überſtrömenden Augen, dieſe aber ſtieß ſie zurück, und ſich ſtolz erhebend, ſagte ſie mit flammenden Blicken: das iſt zu viel, Frau Baronin! Ihren frommen Stolz konnte ich ertragen, Ihr Mitleid verbitte ich mir. Sehen Sie Sich um in dieſem Zimmer, ſehen Sie dieſe Armuth und Niedrigkeit, aber inmitten dieſer Armuth ſind wir glücklich, weil wir reinen Herzens ſind. Gehen Sie, gehen Sie eiligſt fort in Ihre goldenen Salons, werfen Sie Sich auf Ihre ſeidene Ottomane, um zu ruhen, Sie werden nirgend Ruhe finden und Frieden, denn Ihr Herz iſt nicht rein, und ihr Gewiſſen klagt Sie an! Sie ſind unglücklich, ich vergebe Ihnen alſo, ſagte die Baronin, und meine Ohren hören nichts von Ihren beleidigenden Worten! Aber Sie, armes Weib öffnen Sie mir Ihre Ohren und vernehmen Sie die Stimme der Freundſchaft, der Liebe, die Sie erretten möchte aus dieſem Jammer und dieſer Armuth, die Ihnen, der vom Schickſal Verfolgten, ein freundliches Aſyl öffnen möchte, wo Sie ausruhen können von allen Nöthen und aller Beſchwerde dieſes Lebens. Warum kleiden Sie Ihre Gedanken in ſo ſchein⸗ heilige Worte? fragte Frau von Hermfeld ſtreng. Ich will Ihnen den Sinn dieſer ſchönen Worte ſagen! Es martert Sie, daß mein Schild da draußen an meiner — 160— Thüre hängt und aller Welt zeigt, welch eine vornehme Fra in dieſer erbärmlichen Kammer wohnt, es bringt die zur Verzweiflung, daß auf dieſem Schild auch Ihr Name zu leſen iſt, und daß alle Welt erfahren kann, die arme, mit Hunger und Elend kämpfende, in Lumpen einhergehende Frau von Hermfeld ſei die Schwägerin der reichen und tugendhaften Baronin Elsleben, deren Wohlthätigkeit die ganze Stadt kennt, von deren Güte die Frommen mit überfließenden Augen zu erzählen wiſſen. Es iſt eine Beſchimpfung für den heiligen Namen der Baronin Elsleben, daß ihre Schwägerin hier draußen wohnt in den berüchtigten Familienhäuſern, daß ſie ein Lumpenweib ihre Freundin und jeden Bettler ihren Bruder nennt. Sehen Sie, deshalb ſind Sie gekommen, um mit freundlichen Worten mich zu be⸗ rücken, daß ich dieſe Häuſer verlaſſe und in den finſtern Winkel hineinkrieche, den Sie mir öffnen wollen, um mich ewigem Vergeſſen hinzugeben. Sie wollen mir Wohlthaten erzeigen, weil Sie zu feig ſind, um mich zu ermorden, und weil Sie mit Ihrem Haß mich nicht zu tödten vermögen, wollen Sie es mit Ihrer Liebe verſuchen! Sie würden mich gern ermorden, wenn Sie könnten, und weil Sie es nicht können, wollen Sie die Großmüthige ſpielen! Bah, mich täuſchen Sie nicht, und all' Ihre lockenden Worte, mich ſollen Sie nicht berücken! Sie wollen alſo dieſes elende Haus nicht verlaſſen? fragte die Baronin mit zuſammengepreßten Lippen und mühſam verhaltenem Zorn. Nein, ich will es nicht! Hier will ich bleiben, um durch mein Hierſein alle Ihre Tugend und Ihre be⸗ rühmte Wohlthätigkeit Lügen zu ſtrafen, hier will ich bleiben, weil ich Euch Alle verachte, Euch Alle mit Eurem Reichthum und mit Eurer Frömmigkeit, hier will ich bleiben, weil ich erkannt habe, daß der Reichthum — 161— in Wahrheit der lebendige Teufel iſt, welcher durch die Welt dahin zieht, um mit ſeinem lockenden Glanze die ganze Menſchheit zu verführen, ihr Herz zu ver⸗ härten mit ſeinem goldenen Schimmer und ſie zur Sünde zu verleiten mit ſeinem tönenden Klang. Ha, rief die Baronin mit ſpöttiſchem Lachen, Sie verachten jetzt den Reichthum, weil Sie ihn nicht mehr beſitzen, und gleich dem Fuchs in der Fabel, ſcheinen Ihnen die Trauben ſauer, weil ſie zu hoch hängen. Als die Frau des vornehmen Banquiers von Hermfeld noch reich war, fuhr ſie in ſtattlichen Carroſſen, ging in ſeidenen Gewändern einher und funkelte von Brillanten und goldenem Geſchmeide. Es iſt wahr, ich that das, ſagte Frau von Herm⸗ feld faſt traurig. Ich war thöricht mit den Thörichten, und in meines Herzens Unverſtande wußte ich nicht, was ich that. Doch es kam ein Tag, ein grauenvoller, entſetzlicher Tag, an dem das Schiickſal mich ſtrafte und mir auf Einen Schlag Reichthum und Ehre raubte, auch die Ehre, Frau Baronin, und dennoch war ich unſchuldig, und dennoch wollte keiner meiner reichen Freunde mich damals anerkennen, und ſie Alle wandten ihr Haupt ab und wollten meine Klagen nicht hören, meinen Jammer nicht ſehen. In jener Stunde ward es licht in meiner Seele, und als Alle vor mir flohen, als Niemand mich kannte, nun da ich arm war und unglücklich, da ſchwur ich mit einem heiligen Eide von nun an der Armuth mich hinzu⸗ geben, und eher bei dem Bettler betteln zu gehen, als die Wohlthaten eines Reichen zu empfangen, lieber das von Thränen befeuchtete Brod der Armen zu nehmen, als die köſtlichſte Speiſe, die mir der Reich⸗ thum darzubieten vermöchte. An jenem Tage habe ich mich der Armuth vermählt, mich und meine Kin⸗ der, an jenem Tage habe ich geſchworen, den letzten I. 7 11 — * — 162— Biſſen Brod mit dem Armen zu theilen, und wenn mir der Himmel ſelbſt einſt wieder Reichthum ver⸗ leihen könnte, was ich beſitze, treulich zu theilen mit meinen Brüdern, welches die Armen ſind. O, ſie ſind, wie alle Armen, eine Communiſtin geworden, ſagte die Baronin ſpöttiſch. Nennen Sie es, wie Sie wollen! Ich habe den Ruf vernommen, den der ewige Weltgeiſt an dieſe Zeit gethan, und ich bin ihm gefolgt. O, Sie werden mich am Ende noch überreden wollen, ſagte die Baronin lächelnd, daß Sie freiwillig zu der Armuth flüchteten. Als ob man nicht wüßte, wie leicht Ihnen Ihr Herr Gemahl dieſe Flucht ge⸗ macht hat, und wie ſehr er bemüht war Ihren com⸗ muniſtiſchen Ideen zu Hülfe zu kommen. O ſicher, es war eine bloße Gefälligkeit von ihm, nur Liebe für Sie, daß er es über ſich nahm, erſt Ihr ganzes Ver⸗ mögen zu verſpielen und dann mit falſchen Wechſeln ſich zu helfen. Auch dieſer giftige Natterſtich trifft mich nicht, ſagte Frau von Hermfeld erbleichend. Ich war un⸗ ſchuldig und habe gethan, was ich konnte, das Ver⸗ brechen meines Gemahls zu ſühnen. Damals, in jener Zeit, da, Frau Baronin, wäre es Ihre Pflicht 4 F„ geweſen, ſich mir als eine Schweſter zu zeigen, aber von der Gattin des Verbrechers wandten Sie ihr Haupt ab, und die Schweſter Ihres Gemahls mußte darben, während Sie in dem von mei⸗ nem Bruder ererbten Reichthum ſchwelgten! Aber nun kommen Sie, mir Ihre Wohlthaten anzu⸗ bieten, weil ich es verſchmähe, noch länger einen Schleier über meine Noth zu ziehen, weil ich nicht mehr zu den verſchämten Armen gehören will, ſon⸗ dern zu Denen, die offen und frei vor aller Welt ein⸗ hergehen mit ihren Lumpen und mit ihrer Noth, und — ſich nicht ſchämen, die Wunden zur Schan zu tragen, welche die Ungerechtigkeiten dieſer Zeiten ihnen ge⸗ ſchlagen hat. Als ich noch kämpfte gegen die Ar⸗ muth, da waren Sie nicht da, mir Ihre rettende Hand zu reichen. Glauben Sie, daß ich ſie anneh⸗ men werde, jetzt, da ich den Kampf aufgegeben, jetzt, da ich mich hingegeben habe an die Armuth, da ich an ihr ruhe, wie ein Kind an ſeiner Mutter Brüſten, und von ihr meine Nahrung empfange und meine Kleidung? Sie werden alſo meinen Ermahnungen nicht Ge⸗ hör geben? Sie verharren in Ihrem Starrſinn und in Ihrer Herzenshärtigkeit? Ich will keine Wohlthaten annehmen, da ich im Stande bin, mich ſelbſt zu erhalten, ich will nicht in übertünchter Dürftigkeit geſenkten Hauptes einhergehen, ſondern ſtolz aufgerichtet in der ganzen Würde der ungeſchminkten Armuth. Aber bedenken Sie, welch ein Loos Sie Ihren Töchtern bereiten! Sollen auch dieſe nur die Armuth und das Elend kennen lernen? Wäre ihnen ein ſchöneres Loos beſchieden, wenn ich ſie von mir ließe? Wenn irgend ein Reicher ſich ihrer erbarmte und ſie als Geſpielinnen und erſte Dienerinnen ſeiner Kinder zu ſich nähme, um ſie täglich ihre Abhängigkeit und ſeine Wohlthat empfin⸗ den zu laſſen? Wären ſie glücklicher, wenn ſie der⸗ einſt, ſelber noch unerzogen, als Erzieherinnen hin⸗ ausgeſtoßen würden in die Welt, um ihr Bischen Er⸗ lerntes mit der Geläufigkeit eines Papagei's andern Kindern vorzutragen, die dennoch mit ſtiller Verachtung auf die gemiethete Gouvernante ſehen, welche ohne Klage und mit ſtets lächelndem Munde alle Demü⸗ thigungen und alle Launen der gnädigen Fran Mama ertragen muß? 8 5 — 164— 4 Und was wollen Sie denn aus Ihren Töchtern machen? fragte die Baronin entſetzt. Ehrliche Arbeiterinnen, welche unter dem Schutze ihrer Mutter wohnen, und entweder durch ihrer Hände Arbeit ſich ihr Brod verdienen, oder wenn ſie genugſam unterrichtet und gebildet ſind, durch Pri⸗ vatunterricht, den ſie ertheilen können, ſich ernähren. Nimmermehr werde ich es dulden, daß der Name meines Gatten alſo beſchimpft wird! rief die Baronin. Hüten Sie Sich, daß er es nicht durch Sie in anderer, ſchlimmerer Weiſe wird, ſagte Frau von Hermfeld kalt. Bah, ich verachte Sie mit ihren elenden Drohungen. Die Welt kennt mich, ſie weiß, daß ich in Gottes⸗ furcht und Demuth nur meinem Gotte und meinem ewigen Heile lebe, daß Wohlthun mein einziges Glück iſt! Und wenn die Welt Sie in der That nur von dieſer Seite kennt, ſagte Frau von Hermfeld, ſo hüten Sie Sich, daß ich der Welt nicht ein anderes Bild von dieſer frommen, gottergebenen, wohlthätigen Dame zeige. Sie?. Ich! Denn Ihre Handſchriſt zu verleugnen, wird Ihnen, trotz Ihrer Frömmigkeit, dennoch nicht gelingen! Ach, Sie entfärben ſich, Frau Baronin? Ja gewiß, es war unbedacht von Ihnen, Ihre herrliche nnd er⸗ habene Liebe dem Papier anzuvertrauen! Ich verſtehe Sie nicht, ſagte die Baronin ver⸗ wirrt und in ſichtbarer Verlegenheit. So werde ich mich verſtändlich machen! erwiderte Frau von Hermfeld erglühend und mit allem Stolz eines beleidigten Weibes. Louiſe, fuhr ſie fort, und nahm die Hand ihrer Tochter, Du biſt die Vertraute aller meiner Leiden und Schmerzen geweſen, aber .△ — 165— Eines haſt Du nicht gewußt, Eines habe ich Dir verborgen, weil Du damals noch zu jung warſt, um meine Qualen zu begreifen. Sieh ſie an, Louiſe, dieſe Frau da mit den frommen Blicken und dem ſtolzen Namen, ſie iſt es, die die Schuld an unſerm ganzen Elend trägt! Sie hat Deinen Vater verführt und zum Verbrecher gemacht! O er war einſt ein guter, wenn auch ſchwacher Mann. Er liebte mich, und meiner Liebe wäre es gelungen ſeinen Leichtſinn zu beſiegen und ihn vom Böſen zurückzuhalten. Da kam dies Weib mit den buhleriſchen Blicken und dem lüſternen Sinn, und Dein Vater gefiel ihr, weil er reich war, und ſie buhlte um Deinen Vater, weil es ihr unerträglich war, daß er eine Andere liebte, als ſie, und mit Schmeicheleien und unwürdiger Hinge⸗ bung wußte ſie mir meinen Gatten, Dir Deinen Vater zu entreißen! Da begann die Zeit des Elends für mich! Da war nichts als Trug und Lüge, nichts als Heuchelei und Sünde, und Dein Vater, um die Vor⸗ würfe ſeines Gewiſſens zu betäuben und dieſes ver⸗ ſchwenderiſche Weib täglich mit neuen Geſchenken und Ueberraſchungen zu erfreuen, ergab ſich dem Spiele, und hat in unſinniger Leidenſchaft in kurzen Monaten ſein und mein Vermögen auf der Spielbank ver⸗ loren, hat geborgt bei hartherzigen Wucherern und vertrauenden Freunden, und als Niemand ihm mehr borgen wollte, hat er falſche Wechſel gemacht. O mein Kind, mein Kind, den Erlös des erſten falſchen Wechſels, wozu hat er ihn verwandt? Dem Weibe da einen Schmuck zu kaufen, nach welchem ſie Ver⸗ langen trug, und den zu kaufen, ſie zu geizig war. Dies iſt Unſinn! rief die Baronin mit hochath⸗ mender Bruſt. Schreien Sie immerhin dies Mähr⸗ chen in alle Welt hinaus, Niemand wird Ihnen glau⸗ ben, und Sie können es durch nichts beweiſen! — 166— Ich kann es! Denn Ihre Briefe ſind in meiner Hand! Er hat ſie nicht verbrannt? rief die Baronin, ſich vergeſſend. O, Sie verrathen Sich, ſagte Frau von Hermfeld lächelnd. Nein, er hat ſie nicht verbrannt. In der „Stunde, da er gefangen ward, gab er ſie mir, weil er klein genug von mir dachte, zu glauben, ich könne dar⸗ aus eine Waffe machen, um ſie Ihnen auf die Bruſt zu ſetzen und Geld von Ihnen zu erpreſſen. Sie ſehen alſo, Frau Baronin, daß Sie in meiner Hand ſind! Und was gedenken Sie mit dieſen Briefen, von denen Sie ſagen, daß ich ſie geſchrieben, zu thun? Ihren Feinden und Neidern werde ich ſie geben, wenn Sie mir nicht endlich Ruhe gönnen, wenn Sie nicht ablaſſen, mich zu verfolgen! Geben Sie mir die Briefe, ich kaufe ſie Ihnen ab mit meinem halben Vermögen, rief die Baronin flehend. Sehen Sie, Frau Baronin, ſagte Frau von Herm⸗ feld mit leiſem Hohn, Sie kamen um mich zu demü⸗ thigen, und jetzt ſtehen Sie gedemüthigt da! Aber laſſen wir es genug ſein! Ihr Geld hat keinen Werth ſür mich, aber Ihre Briefe haben es, denn ſie ſind in meiner Hand eine Waffe, mit der ich mich gegen Sie vertheidigen kann. Und jetzt, Frau Baro⸗ nin, leben Sie wohl, ich denke, wir verſtehen uns jetzt, und unſere Unterredung iſt am Ende! Stolz und hochaufgerichtet ſtand Frau von Herm⸗ feld da, die Baronin zum Abſchied mit einer leiſen Beugung des Kopfes begrüßend, wie eine Königin ihre Unterthanin entläßt.— Die Barouin fühlte ſich gefeſſelt und gedemüthigt unter dieſem ſtolzen, herriſchen Blick ihrer Schwägerin, und unwillkührlich ihr gehor⸗ ſamend, verließ ſie ſchweigend und mit geſenktem Haupt das Zimmer, welches ſie ſo ſtolz betreten. 2 2 — 167— Draußen aber, vor der Thürre, richtete ſie ſich wieder empor, und ihre Züge flammten in wildem, zornigem Haß. Drohend hob ſie die geballte Fauſt gegen die Thür, hinter welcher ihre Schwägerin weilte, und mit faſt vor Ingrimm erſtickter Stimme flüſterte ſie: Beim allmächtigen Gott, dieſe Demüthigung ſollſt Du büßen, und ich werde mich zu rächen wiſſen für jedes Deiner höhniſchen und ſtolzen Worte. Kann ich Dich nicht er— morden, ſo kannſt Du doch im Irrenhauſe büßen müſſen! Dann ging ſie langſam den langen Corridor hin⸗ unter, und als ſie am Ende deſſelben den Inſpector traf, der ſie erwartete, um ſie demuthsvoll zu ihrem Wagen zurückzuführen, hatte ihr Antlitz ſchon ganz wieder jenen milden und edlen Ausdruck, den man an ihr zu ſehen gewohnt war. Mit ihrem holdeſten Lächeln und mit ſanfter Stimme ſagte ſie: Wie wun⸗ derbar, mein Freund, ſührt doch der Herr ſeine ge⸗ fallenen Kinder oft zur Reue und Buße zurück. Ma⸗ dame Hermfeld war eine Abgefallene und eine Sün⸗ derin, aber Gott hat ihre Seele zerknirſcht, daß ſie es als Buße ſich auferlegt, in Armuth und Dürftigkeit zu leben, ſtatt den Wohlſtand anzunehmen, den ich ihr biete. Aber ſie hat recht, und ihre Zerknirſchung und Reue hat mich tief erſchüttert. O, wo giebt es wohl ein ſchöneres Bild, als eine gefallene Sünderin, die mit gerungenen Händen zu Gott fleht um Gnade. Haben Sie Nachſicht und Güte für dieſe zerknirſchte Sünderin, und wenn ſie irgend etwas bedarf, ſo laſſen Sie es mich wiſſen, und ich werde ſtets bereit ſein, ihr zu helfen. Nun, Gott möge ihr gnädig ſein! Mit einem frommen Seußzer ſtieg ſie in ihren Wagen und warf ſich wie überwältigt in die ſeidenen Kiſſen zurück. Der Verein der„Berufenen“ wollte heute ſeine erſte Zuſammenkunft im Hauſe ſeiner Präſidentin, der Baronin Elsleben, halten. Es war ein ſtolzer und glücklicher Tag für die Baronin, und ſie hatte Mühe ihre ſtrahlende, triumphirende Freude unter der Maske demüthiger, gottergebener Frömmigkeit zu ver⸗ bergen, und das reizende Lächeln zu verſcheuchen, das ſich immer wieder auf ihre Lippen ſchlich. Der Salon war der feierlichen und ernſten Stunde gemäß heute aller jener kleinlichen und weltlichen Zierrathe beraubt worden, die ihn ſonſt zu ſchmücken pflegten, und hatte ganz das Anſehen einer Hauskapelle ge⸗ wonnen. Der Flügel, die Harfe, die koſtbaren Nipp⸗ ſachen waren verſchwunden, nur die Heiligenbilder und das Cruciſix prangten an den Wänden, und in der Mitte des Raumes erhob ſich eine kleine Orgel, beſtimmt, den Geſang der Andächtigen zu leiten. Lange Reihen von Stühlen liefen rings an den Wänden hin, und auf dem als Altar decorirten Kamine lag eine aufgeſchlagene Bibel und mehrere Gebetbücher. 1 1 — 169— Lautloſe Stille herrſchte in dem großen Raume. Zuweilen hörte man draußen den gellenden Schall einer Klingel, der die Ankunft irgend eines Mitgliedes der frommen Gemeinde verkündete, die Salonthüren öffneten ſich dann, und man ſah einen Mann, oder ein Weib mit geſenkten Blicken und demüthigem, ſtillen Weſen hereinſchleichen, um geräuſchlos auf einem dieſer Stühle ſich niederzulaſſen. Bald waren ganze Reihen der Stühle beſetzt, und noch immer herrſchte die tiefſte, feierlichſte Stille, nur zuweilen unterbrochen durch das leiſe Geflüſter einiger alten Damen, welche dies Schwei⸗ gen nicht länger zu ertragen vermochten, und in leiſem Geſpräch ſich über die tiefe Bedeutung dieſes Tages unterhielten. Endlich ſchlug die zur Feier beſtimmte Stunde, und mit dem letzten Schlage derſelben erſchien die Baronin an der Hand des Prediger Gotthold. Hoch aufgerichtet und ſtolz trat ſie ein, und in die⸗ ſem dunklen, dicht anliegenden Gewande, mit der ernſten Würde, die über ihre ganze Geſtalt ausge⸗ goſſen war, hatte ſie etwas Imponirendes, Ehrfurcht⸗ gebietendes, das um ſo mächtiger wirkte, weil ſie ſich zugleich den Anſchein tiefer Demuth zu geben wußte. 3 Gotthold ſtellte ſie der frommen Gemeinde als ihre Präſidentin dar, als der Mittelpunkt dieſes er⸗ habenen Vereins, der es ſich zur Aufgabe geſtellt, die Kinder dieſer Welt und die in Sünden verlorene Menſchheit zur Buße und Beſſerung zu bekehren. Jedes Mittel, ſagte er, wodurch wir dieſen heiligen Zweck erreichen, iſt recht und geheiliget, jede Verfüh⸗ rungskunſt trägt ihre Weihe in ſich, ſobald es nur ge⸗ lingt, durch dieſelbe ein verirrtes Schaf zur frommen Heerde zurückzuſühren. O, und wem dies edle Ziel gelingt, welch einen hohen Platz wird Der einſt im Himmel einnehmen zur Rechten der Herrlichkeit, wäh⸗ rend die Ungläubigen und Zweifler, und die Gott⸗ verruchten, die da wagen unſere heilige Religion zu bekritteln, ferne ab werden ſtehen in dem dunkeln Schatten der Nacht, dem Teufel eine willkommene Beute, dem Teufel, deſſen perſönliches Daſein zu leugnen ſie die Frechheit gehabt. Wir aber, wir wiſ⸗ ſen, daß er einſt ſo mächtig war, wie Gott ſelber, daß er der aus dem Herrn entlaſſene Gott des Böſen war, mit dem der Herr kämpfte um die Herrſchaft der Welt. Da aber erſchien Chriſtus, der höhere Gott, der Heiland und Erlöſer, er überwand Gott und den Teufel, den er herniederſchleuderte vom Throne Got⸗ tes, und ſich an deſſen Stelle ſetzte zur Rechten Got⸗ tes, um Necht und Gerechtigkeit zu ſprechen über die Todten und die Lebendigen. Chriſtus, der Ueberwin⸗ der Gottes, iſt unſer Gott, er thront im Himmel, während der durch ihn vom Throne geſtoßene Teufel auf Erden umherſchleicht und die Menſchen verſucht mit ſeiner verführeriſchen Nähe. Betet, betet daher zu Chriſto, daß er Euch ſchützen möge vor den An⸗ fechtungen des Teufels!*) Und alle dieſe frommen, gläubigen Chriſten ſtimm⸗ ten in das Gebet ein, das Gotthold jetzt begann, und in dem er den Teufel verfluchte, als den Herrn dieſer Welt. Sodann hielt die Präſidentin eine Rede, und welch eine ſchöne, tiefergreifende Rede war dies! Mit wie abſchreckenden Farben ſchilderte ſie die Freuden dieſer Welt, mit welchem heiligen Schauder ſprach ſie von *) Man ſage nicht, daß dieſe Rede eines piectiſtiſchen Predi⸗ gers übertrieben ſei,— noch vor wenigen Tagen hörte ich ſelbſt aus dem Munde eines hieſigen Predigers in einer an einem Grabe gehaltenen Rede ganz ähnliche Anſichten und Aendernngen. . d. V. —— —.——— — 171— der Sinnenluſt und dem Gaumenreiz, der den Kin⸗ dern dieſer Welt ihr Abgott ſei, und mit wie glühen⸗ den Farben malte ſie die Wonne und die Genüſſe, welche der Frommen warte in einem höhern, ſchönern Leben. Gewiß, man konnte nicht ergreifender ſprechen, und als Bäche von Thränen den Augen der Baronin entſtrömten, wer hätte da ſo gefühllos ſein und nicht weinen wollen, gleich ihr, der edlen Präſidentin! O, wirklich, es iſt wundervoll, es iſt erhaben, ſagte ein blaſſer, hagerer Mann zu ſeiner Nachbarin, einer ſchwindſüchtigen alten Jungfrau. Hörten Sie je et⸗ was Aehnliches, voll ſo viel Gottbegeiſterung und ſo viel himmliſchem Feuer? Nein, näſelte die Dame, nein, nur einem echten Kinde Gottes ſtehen ſolche Worte zu Gebote. Ach, ich möchte Sie wohl einmal eine Rede halten ſehen, ſeufzte der fromme Mann. Ach, jener Tag würde der glücklichſte meines Lebens ſein! Sie müſſen herrlich reden! Er umſchlang ſie leiſe und ſeine langen hagern Finger wühlten wie ſuchend in den Falten ihres Kleides. 3 Wirklich, möchten Sie? fragte die ſchöne Jungfrau geſchmeichelt. Es wäre der glücklichſte Tag meines Lebens! ſagte er, und drückte die Alte mit dem Arme feſter an ſich. während ſeine langen Finger fortwährend in ihrem Kleide ſpürten und ſuchten. Ich habe auch ſchon daran gedacht, ſagte ſie fromm, daß mich vielleicht der Herr in ſeiner Gnade mit einem redneriſchen Talente geſegnet habe, und ich bin eben dabei eine Rede auszuarbeiten. Wünſchen Sie, daß ich ſie Ihnen einmal vorleſe?. Mein Gott, es wäre die höchſte Wonne meines Lebens! ſagte ihr zärtlicher Nachbar, der jetzt endlich ſein Ziel erreicht hatte und ſeine Hand in die Taſche ihres Kleides verſenkte. Sie wiſſen, fuhr er fort, daß Alles, was Sie betriſſt, für mich von dem höchſten, dem heiligſten Intereſſe iſt, wie wichtig muß es mir daher ſein, von Ihnen eine Vorleſung zu hören! Während dieſer Rede war ſeine Hand leiſe wieder aus der Taſche der Dame hinausgeſchlüpft; eine ziem⸗ lich ſchwere Börſe war zufällig an ſeinen Fingern haften geblieben, und dieſe Börſe ſenkte der fromme Freund, gewiß aber nur aus Zerſtreutheit, in ſeine eigene Taſche. Die Baronin ſprach fort und fort von der Heilig⸗ keit dieſes Vereins, und von den großen und herrli⸗ chen Werken, zu denen der Herr die Verſammelten, als ſeine geliebteſten Kinder auserleſen, und Alle waren gerührt, und Alle verdrehten die Augen und ſeufzten und ächzten vor Wonne und Glück. Die ältliche Dame dort drüben in der Ecke war ganz hingeriſſen. Sie ſchluchzte laut und bedeckte ſich mit ihrem Taſchentuch das Geſicht. Neben ihr ſaß ihre Tochter, ein junges bleiches Mädchen mit ein⸗ nehmenden Zügen und einem leiſen, ſpöttiſchen Lächeln um den vollen, rothen Mund, und während ihre Mutter weinte und ſich die Bruſt zerſchlug, klopfte ihr Herz laut und ſtürmiſch in ihrer Bruſt, und ein glü⸗ hendes Roth überzog jetzt ihre zarten Wangen, denn hinter ſich hörte ſie leiſe ihren Namen flüſtern. Sie wußte, wer ihn ausgeſprochen, ſie fühlte, daß Er an ihrer Seite war, ihr Freund, ihr Geliebter, den ihrer Mutter Habgier von ihr trennte, um ſie einem reichen alten Mann zu verheirathen. Maried flüſterte es leiſe. Marie, hörſt Du mich? Sie nickte bejahend und warf einen furchtſamen Blick auf ihre Mutter. Dieſe aber weinte jetzt noch — 173— heftiger, denn die Baronin ſprach von der Nichtigkeit aller irdiſchen Güter, und von den Wonnen, die der Armen im Himmel warten. Laß Dein Taſchentuch fallen, Marie, flüſterte es wieder, ich werde es Dir aufheben, und dann einen Brief darin verbergen. Hüte Dich ihn zu verlieren. Haſt Du mir nicht geſchrieben? Wiederum nickte Marie, und ihr Geliebter ſagte: wenn der Geſang beginnt, reiche mir Dein Geſang⸗ buch dar, daß ich Dir das bezeichnete Lied auf⸗ ſchlage, und laß mich in dem Buche Dein holdes Briefchen finden! Marie nickte wieder bejahend, und als ſie ſah, daß ihre Mutter noch immerfort ſchluchzte und ſich das Antlitz bedeckte, ließ ſie leiſe ihr Taſchentuch zur Erde fallen. Der Geliebte hob es auf, und mit einer raſchen Handbewegung einen Brief darin verbergend, reichte er es Marien dar. Schon ſtreckte ſie die Hand aus, es zu empfangen, als ihre Mutter das Tuch haſtig den Händen des jungen Mannes entriß, und mit funkelnden, von keiner Rührungsthräne getrübten Augen flüſterte: Endlich habe ich Dich ertappt, Du gottvergeſſenes Kind, und nun wirſt Du Dein Verbrechen nicht mehr leugnen können. Wartoe, dieſen Brief ſollſt Du theuer bezahlen, darauf verlaſſe Dich! Marie ſchrack zuſammen vor dem gehäſſigen Aus⸗ druck in dem Anlitz ihrer Mutter, und ſie ſchauderte, wenn ſie daran dachte, welche neue Qualen und Bü⸗ ßungen ihre fromme Mutter ihr auferlegen würde. Jetzt war die Baronin am Ende ihrer ſchönen, ſalbungsvollen Rede, und Alle erhoben ſich, um ſtehend mit ihr ein Vaterunſer zu beten, und Niemand betete inbrünſtiger, als Mariens Mutter und der lange, ha⸗ gere Herr mit der Börſe ſeiner Nachbarin. Sie ſtanden Beide im iuße der größten Frömmigkeit, und nann⸗ ten ſich gern ſ edſ die heiligſten Lämmer dieſer from⸗ men Heerde. Dann ward ein Lied geſungen, und Alles erhob ſeine Stimme zu den Tönen der Melodie, die Gotthold auf der kleinen Orgel intonirte. Sagen Sie u Liebe, flüſterte eine alte dicke Dame ihrer Nachbarin zu, während ſie in ihr Geſanghuch hineinſchaute, ſagen Sie mir nur, wiſſen Sie nicht, ob wir heute Abend warme Speiſen bekommen? Ich bof ffe, flüſterte die Andere, mir war es, als ich über den Hansflur ging, als ob ich Braten röche! Gott ſei Dank, ſeufzte die dicke Dame. Ich muß geſtehen, daß ich darauf gehoſſt haits⸗ ſonſt wäre ich heute in dieſer ſinrchterlichen Kälte nicht hergekommen. Aber ich wußte es wohl, daß die Baronin viel zu gottesfüfrehtig iſt, als daß ſie uns ohne Speiſe und Trank fortgehen ließe. Ich bin weniger um's ülen gekommen, als weil ich die Baronin bitten will daß ſie meinem Sohn doch eine Stelle als Seeretair riehaſſs Na, das wird ſie gewiß thun! Sie iſt ſehr mchtn g! 1 Und nach dieſen frommen Ergießungen ſtimmten die beiden Damen wieder in den Geſang ein. Nachdem dieſer beendet war, wandte die Baronin ſich abermals an die Verſammlung und forderte ſie nochmals auf zum regſten Eifer in der Bekehrung der Gefallenen. Sie ſagte: Alles käme darauf an, die Menſchheit zum Bewußtſein ihrer Niederträchtigkeit und zur Zerknirſchung über ihr Erdenloos zurück⸗ zuführen, und daß, wem es gelungen ein Kind die⸗ ſer Welt zur rechten Frömmigkeit und zur Welt⸗ verachtung zu bekehren, Anſpruch auf eine Krone im Himmel habe. Alsdann wurden ſromme Brochü⸗ ren vertheilt und gottbegeiſterte Tractätchen, die zu verbreiten und den Weltkindern zu geben, Jeder ge⸗ loben mußte. Zuletzt las der Prediger Gotthold noch eine tief⸗ ergreifende Rede ab, in welcher er nicht allein die hohe Bedeutung des Vereines entwickelte, ſondern ihn auch zu einer Art Stiftung und Orden erhob, und ihm ſeine beſtimmten Geſetze und Regeln gab. Der ganze Verein der Beruſenen ſollte gedacht werden unter dem reinen und hehren Bilde einer Lilie. In dieſer erhabenen Blume der Unſchuld waren alle Mitglieder des Vereins zuſammengefaßt. Aber nun gab es verſchiedene Grade, die zu erlangen allein dem regen Eifer und der Frömmigkeit möglich ſein ſollte. Jedes Mitglied war zuerſt ein grünes Lilienblatt; wem es aber gelungen einen Sünder zur Erkenntniß zurückzuführen, oder dem Vereine überhaupt Dienſte zu leiſten, der kam in einen höhern Grad, in den Lilienſtengel nämlich, und hatte ſchon Anſpruch auf höhere Achtung und Anerkennung. Wer mehr denn Einen Sünder zur Buße und Reue bekehrt hatte, kam in den dritten Grad, und ward ein weißes Lilienblatt. Wer aber mehr als ſechs Sünder dem Vereine zu⸗ geführt, der erreichte den vierten Grad und gehörte. zu den Staubfäden. Dieſe hatten Sitz und Stimme in den geheimen Conferenzen der Vorſteher, und durften ihre Ratſchläge und Bemerkungen machen. Nach dieſer Auseinanderſetzung reichte die Baronin jedem Mitgliede ein Papier dar, auf welchem ein grünes Lilienblatt gemalt war, und zeigte die Deviſen und Symbole der höhern Orden. Und nun, meine Freunde, ſagte ſie dann mit einem ſchönen Lächeln, nun bitte ich, daß Sie nach dieſer edlern, geiſtigern Speiſung auch der irdiſchen Speiſe nicht verſchmähen wollen, ſondern, wie ſchwer es Ihnen auch werden mag, aus Ihrer himmliſchen Wonne ſich zu irdiſchen Bedürfniſſen herniederzuſenken, dennoch die Leibesnahrung anzunehmen, die im an⸗ ſtoßenden Gemache bereit ſteht. Für heut lade ich alle Mitglieder ein, meine Gäſte zu ſein, während ich mich in Zukunft darauf beſchränken muß, nur die beiden höchſten Grade, die weißen Lilienblätter und die Staubfäden zu bewirthen. Die Portièren zum Eßſaale wurden zurückgeſchlagen und Alles drängte mit höchſt unheiligem Eifer dieſen bratenduftenden Räumen zu. Die Baronin aber bat die Lilienblätter, ihr zu vergönnen, ſich mit dem einzigen bis jetzt vorhandenen Staubfaden, dem Prediger Gotthold, zu geheimer, wichtiger Berathung mit einem grünen Lilienblatte, das ſo eben um eine Unterredung gebeten, zurückziehen zu dürfen.— Dann grüßte ſie die Verſammlung mit imponiren⸗ der Hoheit und Würde und begab ſich mit ihrem wür⸗ digen Freunde Gotthold in ihr Bondoir. Welch eine erhabene, welch eine entzückende Stunde war dies! ſeufzte die Baronin, als ſie mit dem Pre⸗ diger in ihrem Kabinet allein war. O, mein theurer Freund, wie glücklich muß Gott in dieſer heiligen Stunde geweſen ſein, wo die edelſte Frömmigkeit ſich ihm zum Opferdienſte weihete. Ja, Gott war glück⸗ lich! Ich fühlte das an der freudigen, begeiſterten Stimmung meiner Seele, und es ſchien mir, als ob Gott mir lächle mit ſeinem gnadenvollſten Blicke. Und wem ſollte er lächeln, wenn nicht Ihnen, meine erhabene Freundin, ſagte Gotthold emphatiſch, wer könnte ihn glücklich machen, wenn nicht Sie, theuerſte, ſchönſte Frau? Die Baronin drohte ihm lächelud mit dem Finger. Sie ſind ein Schmeichler, verehrter Freund, ſagte * —— — 177— ſie; was würde Ihre junge, ſchöne Gattin ſagen, wenn ſie in dieſem Angenblick ſie hörte? Ach meine Gattin, rief Gotthold wegwerfend, ich hoffe, ſie würde ſich nicht erkühnen mit Ihnen einen Vergleich wagen zu wollen! Uebrigens, theuerſte Freundin, wiſſen Sie, daß dieſes junge, ſtörriſche Weib mir vielen Kummer macht? Iſt es möglich? Die Undankbare! Sie iſt eine verſtockte Zweiflerin, die mich jeden Augenblick compromittirt mit ihrem frevelnden Un⸗ glauben! Und das dulden Sie? Mein Gott, iſt denn ein Weib nicht zu bezwingen, Theuerſter. Wenn Sie bis jetzt alle Mittel der Beredtſamkeit, des edlen Beiſpiels, der Ermahnung angewandt haben, und wenn. alles dies vergeblich war, weshalb verſuchen Sie es nicht mit dem Ernſt, mit der unnachſichtigen Strenge? Mein Gott, ein junges, unerfahrnes Weib wird doch ſchwache Seiten haben, an denen ſie zu faſſen iſt! O ja, ſie hat deren, ſagte Gotthold mit einem grau⸗ ſamen Lächeln, und ich werde ſuchen durch dieſe ihr verſtocktes Gemüth zu zähmen. Ein beſcheidenes Klopfen an der Thür ließ ſich hören, und eine demüthige Stimme fragte, ob es dem grünen Lilienblatte erlaubt ſei, einzutreten? Als die Baronin es bejahete, erſchien das grüne Lilienblatt, welches Niemand anders war, als Paulo⸗ witſch, der Kammerdiener des Fürſten Alexiew, auf der Schwelle, und bat um eine geheime Unterredung unter vier Augen.. Reden Sie ohne Scheu, ſagte die Baronin würdig, Sie dürfen kein Geheimniß haben vor unſerm hoch⸗ verehrten Prediger Gotthold. In doppelter Eigenſchaſt hat er ein unbedingtes Anrecht auf Ihr grenzenloſes Vertrauen. Einmal als ſtets ſorgender und wachender I. 3 12 — 178— Seelſorger, und zweitens als bedeutendſtes Mitglied des erſten Grade unſeres Vereins; ein Hauptbe⸗ dingniß unſeres Vereins iſt, rückhaltloſes Vertrauen der grünen Lilienblätter zu den Staubfäden, und Herr Prediger Gotthold, wie ich ſchon vorher ſagte, iſt Staubfaden! Paulowitſch verneigte ſich und begann in leiſem, flüſternden Tone ſeine Mittheilung. Er erzählte, daß der Fürſt, ſein Herr, in einem innigen Liebesverhältniß zur Gräfin Marſilla ſtehe, daß er geſtern eine Zuſam⸗ menkunft mit ihr gehabt, und daß er, der treuloſe Diener, ein heimlicher ungeahnter Zuhörer ihrer Un⸗ terredung geweſen. Er habe daher gehört, daß der Fürſt mit der Gräfin den Plan gemacht, heimlich Ber⸗ lin zu verlaſſen, und zuſammen nach Italien zu ent⸗ fliehen. 1 Mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit hatte die Baronin der Erzählung des verrätheriſchen Kammerdieners zu⸗ gehört, athemlos, bleich und zitternd ſtarrte ſie ihm in'’s Angeſicht, als wolle ſie jedes Wort auf demſelben leſen, ſchon ehe es über ſeine Lippen gegangen. Mit eben ſo ſcharfer Aufmerkſamkeit wiederum ſchaute Gott⸗ hold auf das Antlitz der Baronin, deren geheimſte Gedanken er ergründen zu wollen ſchien, und gewiß war es ein ſehr geeigneter Moment, um in der Seele der Baronin zu leſen, denn ſie war ſo erregt, ſo er⸗ griffen von dem, was ſie hörte, daß die ſonſt ſo ge⸗ wandte Frau gar nicht daran dachte, eine Maske über ihr Antlitz zu legen, ſondern Gotthold alle die Leiden⸗ ſchaften des Zornes, der Eiferſucht und Liebe, die in ihr tobten, errathen ließ. Das find freilich ſehr wichtige Nachrichten, ſagte ſie hochaufathmend, als Paulowitſch ſchwieg, Nachrich⸗ ten, durch die Sie mich zum lebhafteſten Dank ver⸗ pflichten, denn— 4 Denn, fiel der Prediger ihr in das Wort, denn wie könnten wir auf die Seele eines Sünders ein⸗ wirken wollen, wenn wir nicht wiſſen, was auf dem Grunde dieſer Seele ſich regt. Er warf der Baronin einen ſtrengen, verweiſenden Blick zu, und dieſe ſenkte leicht erröthend das Auge zu Boden. Fahren Sie alſo fort, ſetzte Gotthold in ſalbungs⸗ vollem Tone hinzu, fahren Sie fort, Ihren Herrn zu beobachten, und hinterbringen Sie Alles, was Sie ſehen oder hören, der Frau Baronin, dann werden Sie einſt das lohnende und köſtliche Gefühl haben, zu der See⸗ lenerrettung Ihres Herrn Ihr wichtiges Scherflein beigetragen zu haben! Und dies Gefühl iſt ja das Einzige, wonach ich ſtrebe, ſagte Paulowitſch mit frommem Augenverdrehen. Es geſchieht ja nicht um äußern Vortheils willen, daß ich die Geheimniſſe meines Herrn verrathe, ſondern nur um ſeines Heiles willen, und weil ich ihn liebe, meinen edlen, guten Herrn. Nein, um Geld und Gewinnſt würde ich ihn nicht verrathen! Sie wird mich doch verſtehen, dachte Paulowitſch, während er ſo ſprach, und ſchielte nach den Hän⸗ den der Baronin hin, und wirklich, ſie hatte ihn ver⸗ ſtanden! Sie nahm aus ihrem Büreau mehrere Goldſtücke und reichte ſie dem heuchleriſchen Kammerdiener dar. Nehmen Sie, ſagte ſie mit einem gütigen Lächeln. Doch nicht für mich? rief Paulowitſch zurück⸗ tretend. Nein, nur für Ihre Hausarmen, die Sie mit Ih⸗ ren Wohlthaten unterſtützen. Für dieſe nehme ich Ihre gnädige Gabe an, und ſie werden mit Dankeszähren Ihren Namen ſtammeln, ſagte Paulowitſch und ſteckte das Geld ein, während 12* — 180— er innerlich lachend dachte: ich bin mein eigener Hausarmer, daß iſt natürlich! Fahren Sie fort in Ihrem lobenswerthen Eifer, ſagte der Prediger, und Sie werden in kürzeſter Zeit den höhern Grad der Lilienſtengel erreicht haben. Ach, wenn ich dieſes höchſte Ziel meines Strebens jemals erreichen könnte! ſeufzte Paulowitſch. Sie werden es erreichen, wenn Sie niemals nach⸗ laſſen in treuer Erfüllung Ihrer Ordenspflichten, ſagte die Baronin gütig, wenn Sie niemals Ihren Herrn unbeachtet laſſen, wenn Sie Sich immer mehr in ſein Vertrauen einſchleichen, jedes ſeiner Worte, jede ſeiner Handlungen uns hinterbringen, denn nur alsdann können wir zu einigem Einfluß über ihn ge⸗ langen, und dürfen hoffen, ihn durch geeignete Mittel auf den Weg der Tugend zurückzuführen. Seien Sie alſo wachſam, dann dürfen Sie Ihren Hausarmen fortgeſetzte reichliche Spenden von mir verſprechen! Paulowitſch weinte,— weinte ſchöne, glänzende Thränen, küßte der gnädigen Baronin die Hand, ver⸗ neigte ſich ehrfurchtsvoll vor Gotthold und verließ eiligſt das Bondoir, um mit ſeinen Thränen bis zum Eßſaal gelangen zu können und ſie dort beim Braten glänzen zu laſſen. Eine Pauſe trat ein, als die Baronin wieder mit Gotthold allein war. Sie fühlte, daß ihr kluger Freund ſie errathen habe, und war ungewiß, ob ſie ſich ihm nun ganz anvertrauen, oder ſein Entgegenkommen er⸗ warten ſolle. Die Domeſtiken, ſagte ſie endlich verlegen, die Do⸗ meſtiken werden die Hauptſtützen unſeres Vereins ſein, denn durch ſie allein werden wir etwas von dem Intericur ihrer Herrſchaften erfahren, und dadurch auf dieſe Einfluß erlangen können. 1 Gewiß, ſagte Gotthold, mit ſtechenden Blicken die — 181— Baronin anſehend, gewiß ſind ſie wichtig, beſon⸗ ders wenn man mit dem frommen Seelenintereſſe für die Herrſchaft auch ſo glühende Herzensneigung verbindet. Sie meinen?— ſtammelte die Baronin. Daß Sie den Fürſten lieben, Gnädigſte, flüſterte der Prediger, daß Sie ihn mit aller Leidenſchaft Ihres ſchönen Characters zu beſitzen wünſchen. Es iſt wahr, ſagte die Baronin gefaßt, ich intereſ⸗ ſire mich lebhaft für ihn, weil er au fond eine edle, begabte Natur iſt, und weil ich ihn retten möchte aus dieſen Irrſaalen und Täuſchungen der Welt, die ihn an ihren Banden hält. Und weil er ſchön iſt und einen Fürſtentitel trägt, ergänzte der Prediger. Verſtehen wir uns doch, theuerſte Baronin, und fürchten Sie nicht, von mir, Ihrem er⸗ esgebenſten Freund und Diener, verkannt zu werden. Ich billige vollkommen Ihre Wahl, und möchte, wo ichsmit meinen ſchwachen Kräften förderlich ſein kann, Ihnen beiſtehen mit Rath und That, denn es wäre ein glorreicher Ruhm für unſere heilige Sache, wenn wir dieſen in Weltluſt verlorenen Jüngling zur Buße bekehren und zu einem der Unſrigen machen könnten, und gewiß würde unſer Verein durch ſolch ein ecla⸗ tantes Beiſpiel ſeiner ſegensreichen Wirkſamkeit die Gnade und Geneigtheit der mächtigſten Perſonen ſich erwerben, und wir ſelbſt uns dadurch dem Gipfel der Macht und Größe um einige Schritte näher ge⸗ rückt ſehen. Und nicht eher kann die Welt aus ihrer Sündhaftigkeit erlöſt werden, als bis wir Gewalt über ſie haben, als bis es unſerm heiligen Wirken gelungen, den Teufel auszutreiben aus der Menſchheit, und ihn wieder zu bannen in die Abgründe, aus denen er hervorgegangen. Dies edle, dies erhabene Ziel, wir können es nur erreichen, wenn alle Erdengewalt in 8 Herrſcher ſtets unſern Wünſchen geneigt, unſern Klagen geöffnet finden, wenn es uns gelingt, ſie ſelbſt in inbrünſtiger Gottesfurcht zu erhalten und ſie der Welt und ihren Freuden abwendig zu machen. Die Herrſchaft der Prieſter, das iſt der einzig ſegensvolle Zuſtand für die Völker, und deshalb iſt es gut, wenn die Großen, die den Thron umgeben, uns geneigt ſind, wenn ſie ihrer Seele Heil erkannt haben und zu den Auserwählten des Herrn gehöven. Urtheilen Sie alſo, Gnädigſte, ob ich Ihrer Verbindung mit dieſem jungen Fürſten, der, wie man ſagt, bei einigen der höchſten Herrſchaften ſehr in Gunſt ſteht, jemals entgegen ſein kann, oder ob ich nicht vielmehr Alles thun werde, ſie zu befördern? Nachdem der fromme Gotthold dieſe lange und ſalbungsvolle Rede beendet, nahm er, mit ſichtbarem Wohlgefallen über ſich ſelber, die Hand der Baronin und führte ſie an ſeine Lippen. O welch ein edler und erhabener Mann ſind Sie! ſeufzte die Baronin, ein echter Grundpfeiler unſerer Sache, welche ja auch die Sache Gottes iſt! Ich hoffe es! ſagte Gotthold mit dem ganzen de⸗ muthsvollen Hochmuth eines Prieſters. Dann fuhr er fort: was nun dieſe romantiſche Geſchichte des Fürſten und der ſchönen Gräfin betrifft, ſo darf Sie dieſe nicht beängſtigen. Der einfachſte Weg, dieſe Flucht zu hintertreiben, wäre es, wenn man durch einen warnenden Brief den Gemahl der Gräfin zur ſchleu⸗ nigſten Rückkehr veranlaßte. Ja, das iſt wahr, das iſt der ſicherſte Weg dieſe Seele zu retten, und das Verbrechen des Ehebruchs vielleicht noch zu verhüten, rief die Baronin lebhaft. Noch heute werde ich einen anonymen Warnungsbrief an den Grafen Marfilla ſchreiben.. Thun Sie bas, meine Gnädigſte, ſagte Gotthold lächelnd. Befreien Sie erſt den jungen Fürſten aus den unwürdigen Banden, die ihn jetzt gefeſſelt halten, und dann nachher werden Ihre Reize das Uebrige thun! Wir verſtehen uns vollkommen, und es iſt ſo gut, als wäre der Fürſt ſchon den Banden dieſer ſchö⸗ nen Sünderin, der Gräfin Marſilla entriſſen! Wenn das ſo fortgeht, dachte Gotthold, als er bald darauf die Baronin verlaſſen und auf die Straße hinaustrat, wenn das ſo fortgeht und es mir gelingt, meinen Einfluß auf die Baronin immer mehr zu ſichern, dann müßte ja beim heiligen Gotte der Satan ſeine Hände im Spiele haben, wenn ich nicht in einigen Monaten zum mindeſten Conſiſtorialrath werde! Dieſer ehrgeizige Zukunftstraum rief ein leichtes Roth auf die bleichen Wangen des Predigers, und mit ſtolz aufgerichtetem Haupte und feſtem gebieteri⸗ ſchen Schritte ging er einher. Bald aber erinnerte er ſich, daß er auf der Straße ſei und von Jedermann könnte geſehen werden. Er ſenkte alſo leiſe ſein Haupt, gab ſeinem Antlitz den Ausdruck der tiefſten Demuth und Ehrbarkeit, und ging mit langſamem, ſchleichenden Tritte weiter, ſich vor jedem Bekannten, der an ihm vorüberging, tief verneigend und mit einem ſanften Lächeln den Laſtträger um Entſchuldigung bittend, der ihn mit achtloſer Brutalität geſtoßen. An dieſer ganzen Art und Weiſe ſeines Erſchei⸗ nens mußte er wohl den Vorübergehenden als ein Prieſter erkennbar ſein, denn ein Mädchen blieb plötz⸗ lich ſtehen und ſagte athemlos: ach entſchuldigen Sie, mein Herr, ich glanbte,— ich meinte— 1 Was glaubten Sie, mein gutes Kind, fragte Gott⸗ hold mit ſeinem ſanfteſten Lächeln. Sind Sie vielleicht ein Prediger? fragte das Mäd⸗ chen ſchüchtern. Ich habe allerdings den hohen orzug, ein Diener des Herrn zu ſein, ſagte Gotthold mit frommem, nä⸗ ſelnden Tone. Ach, lieber Herr, bat das Mädchen, wenn Sie dann wollten ſo gütig ſein und mir zu meiner Ma⸗ dame folgen. Sie hat mich abgeſchickt ihr einen Pre⸗ diger zu holen, der ſie tröſtet, denn ſie hat heute den ganzen Tag ſchon geweint und gejammert. Sie hat die Gicht in den Beinen und hat ſo viel Schmerzen! Und warum gehen Sie denn nicht nach dem Seel⸗ ſorger ihrer Herrſchaft und holen ihn herbei, daß er tröſtet? Ach Gott, ſeufzte das Mädchen, ſie hat keinen be⸗ ſtimmten Seelſorger, und es iſt noch niemals nicht ein Prieſter bei ihr geweſen. Aber weil heute die Schmerzen gar zu arg waren, hat ſie einen Prediger verlangt. So ſind die Kinder dieſer Welt, ſeufzte der Predi⸗ ger, erſt wenn ſie in Schmerzen ſind, verlangen ſie nach unſerm Troſte! Gewiß haben die eitlen Freuden der Welt Deine Herrſchaft bis jetzt zerſtreut, denn ſie iſt wohlhabend, Deine Madame nicht wahr? Ja, ſie hat Geld! ſagte das Mädchen.* Das dachte ich mir, das fürchtete ich, ſeufzte Gott⸗ hold, denn nur der Armen iſt das Himmelreich. Aber ich will dennoch den Wunſch Deiner Dame erfüllen und zu ihr kommen. Geh nur voran und zeige mir den Weg! Es iſt gleich dort drüben an der Ecke, ſagte das Mädchen, ganz vergnügt, ſo bald ihren Auftrag erfüllt zu haben, und ſprang fröhlich dem Prediger voran. Hier Madame, hier iſt ein Prediger, rief das Mäd⸗ chen und öffnete Gotthold die Thür zu dem Zimmer ihrer Herrin, die tief in Kiſſen gepackt und laut äch⸗ zend auf einem Lehnſeſſel ſaß und ihren Arm auf — 185— einen Tiſch ſtützte, der ganz bedeckt war mit Medicin⸗ flaſchen und Salben. Ach, endlich! ſeufzte die Kranke. Gelobt ſei Gott, endlich ein Prediger! Und ſie wandte ihre troſtloſen Blicke auf Gotthold, der ſich ihr mit mitleidsvollen Mienen genähert hatte. Ach mein Herr, tröſten Sie mich, ſprechen Sie mir Muth ein, denn meine Leiden ſind groß. Ich habe alle irdiſchen Mittel verſucht und ſie ſind alle vergeb⸗ lich geweſen, jetzt hoffe ich auf den Himmel, daß er mir mindeſtens Kraft gebe, meine Schmerzen ohne Murren zu tragen. Und dieſe Kraft wird Ihnen werden, wenn Sie nur den rechten Glauben haben! ſagte Gotthold. Geben Sie ihn mir, dieſen rechten Glauben, rief die Kranke angſtvoll, geben Sie mir den rechten Troſt, damit er mich ſtärke und meine Seele vor Verzweif⸗ lung bewahre! Leſen Sie mir etwas vor, Herr Predi⸗ ger, ein recht ſchönes, frommes Lied, das iſt beſſer als alles Reden und Sprechen. Ja, ich will ein Troſtlied hören, weiter nichts als ein Troſtlied! ächzte ſie un⸗ geduldig. Gotthold zog aus ſeiner Buſentaſche ein kleines Ge⸗ betbuch, das er immer bei ſich trug, und in welches er. mit eigener Hand Gebete, für alle Lagen des Lebens berechnet, eingetragen. Ach, ein recht ſchönes Gedicht, wo recht viel Troſt drin enthalten iſt! ſeufzte die Kranke und lehnte ſich in ihre Kiſſen zurück.. 1 Ehe ich es beginne, ſagte Gotthold, die Hände fal⸗ tend, ehe ich dieſen heiligen Ruf erfülle, muß ich mir⸗ noch einige Bemerkungen erlauben. Sie, meine ver⸗ ehrte Dame, gehören nicht zu meiner Gemeinde, und ich bin daher auch nicht verpflichtet, Ihnen beizuſtehen in Ihren geiſtigen Nöthen. Ich thue es aber dennoch — 186— gern, nur muß ich Ihnen bemerken, meine liebe Frau, ein Troſt koſtet ſechszehn Groſchen! Die Frau nahm mit zitternden Händen einige Viergroſchenſtücke, die auf dem Tiſche lagen und reichte ſie dem Prediger dar. Er ſteckte ſie mit gravitätiſcher Miene ein und be⸗ gann dann mit feierlicher, ernſter Würde das lange, ſchwungvolle Gedicht abzuleſen, das er ſelber als„Troſt in Krankheiten“ gedichtet. Ach Gott, wie ſchön das war, ſeußzte die Kranke, als Gotthold geendet. Wirklich, mir war beſſer, ſchmer⸗ zensfreier, ſo lange Sie laſen. Wenn ich nur Jemand hätte, der mir täglich vorleſen wollte, ich glaube, dann würde ich ſchon wieder geſund werden. Aber ich ſtehe ganz allein und verlaſſen da. Niemand tröſtet mich, wenn ich leide, Niemand unterhält mich, wenn mir die Zeit ſo ſchauerlich langſam dahinſchleicht. Ach, Herr Prediger, wenn Sie mir doch das ſchöne Gedicht noch einmal vorleſen könnten. Ich will es auch nicht um⸗ ſonſt verlangen! Meine Zeit iſt mir ſehr koſtbar, ſagte der Prediger. Meine Armen und Kranken warten auf mich! Ich werde ihnen die milde Spende bringen, die Sie mir geben, und die Armen ſollen Segen auf Ihr Haupt herniederflehen! Ach ja, ſorgen Sie dafür, daß ſie mich ſegnen, vielleicht hilft mir das, ſagte die Kranke. Hier, Herr Prediger, ſind noch acht Groſchen, mehr habe ich nicht, aber nun leſen Sie, leſen Sie mir noch einmal das ganze ſchöne Gedicht! Das halbe, meine gute Frau, der ganze Troſt koſtet ſechszehn Groſchen, und Sie haben mirr jetzt nur acht Groſchen gegeben. Aber hier in der Mitte iſt ein ſehr guter Abſchnitt; bis dahin werde ich leſen! Ach geben Sie noch einen Vers zu! bat die Kranke. — 187— Nun ja, auch das noch! ſagte Gotthold gütig und las mit tief eindringlicher Stimme die Hälfte des ſchö⸗ nen Liedes vom„Troſte in Krankheiten“. Dann ſchlug er ſein Buch zu und ſteckte es wieder in ſeine Buſentaſche.— Diesmal erwiederte die Kranke nichts, ſie lag ruhig in ihrem Lehnſeſſel und war, viel⸗ leicht in Folge des gleichmäßigen, melodiſchen Vor⸗ trags, eingeſchlafen. Gotthold warf einen prüfenden, beobachtenden Blick im Gemach umher, und ſchloß aus der behaglichen Einrichtung deſſelben auf den Wohlſtand ſeiner Be⸗ wohnerin. Sie iſt allein, dachte er, und klagt über ihre Ein⸗ ſamkeit. Sie ſcheint alſo keine Verwandten und Erben zu haben. Das iſt nicht unintereſſant, und es ließen ſich daran vielleicht mancherlei Pläne für die Zukunſt knüpfen. Nun, wir wollen ſehen! Dann ſchlich er vorſichtig auf ſeinen Fußſpitzen hinaus und ſagte zu dem Mädchen, das im Vorzimmer wartete: Es iſt mir gelungen, Deiner Dame die Wohl⸗ that des Schlafes zu verſchaffen und ſie ihrer Lei⸗ den vergeſſen zu machen im ruhigen Schlummer. Meine Madame ſchläft, rief das Mädchen ver⸗ wundert. Herr Prediger, dann ſind Sie ein Wunder⸗ mann, denn ſchon ſeit acht Tagen hat ſie kein Auge zugethan. Sie leidet alſo ſehr, die Arme, ſagte Gotthold mit⸗ leidig. Hat ſie denn Niemand, der ſich ihrer annimmt, iſt ſie denn ſo ganz allein? Hat ſie gar keine Ver⸗ wandte, die ſie pflegen können? Ach, ſie könnte wohl eine Verwandte haben, wenn ſie nur wollte, aber ſie iſt ſo hartherzig und hat ihr einziges Kind verſtoßen, weil ſie ihr Herz an einen ſchlechten Menſchen gehängt hat. Daran hat ſie Recht gethan! ſagte Gotthold. Aber — 188— warum, da die kranke Frau ſo allein iſt, nimmt ſie ſich keine Pflegerin, keine Geſellſchafterin? Sie ſcheint doch vermögend genug! Ach Gott, die Leute ſagen, Madame Ollenthien ſei ſehr reich, aber ſie iſt ſo ſehr, ſehr geizig, und läßt mich beinahe verhungern! Nun, nun, Du blühſt doch noch wie eine Roſe, ſagte Gotthold, dem hübſchen Mädchen die Wangen ſtreichelnd. Sieh nur jetzt nach Deiner Herrſchaft und ſage ihr, ich würde wiederkommen! Er nickte ihr freundlich zu und ging mit aller Würde und Hoheit ſeines Standes wieder auf die Straße. Vorher aber ſchrieb er ſich die Adreſſe der Ma⸗ dame Ollenthien in ſein Notizbuch ein, weil er feſt entſchloſſen war, ſie wieder zu ſehen. 4 Denn, ſagte er, ſie iſt reich und krank, und nur eine einzige, verſtoßene Tochter ſcheint einer Erbſchaft im Wege zu ſtehen.— Uebrigens habe ich da ein zwar kleines, aber recht niedliches Geſchäft gemacht. Einen Thaler für den Vortrag von anderthalb Ge⸗ dichten, ha, ha, ha! Man muß bei heiligen Dingen dennoch niemals die irdiſchen Vortheile vergeſſen. Das Leben iſt ſo theuer, und die Leute ſagen daher,„nur der Tod iſt umſonſt.“ Das iſt aber ein ſehr dummes Sprüchwort! Ich wenigſtens würde niemals die Ge⸗ bühren für eine Leiche erlaſſen! Zie neue Charité. Die Charité, das iſt das finſtere, unheilsvolle Wort, das den Armen erbeben macht, das ſeine zitternde Seele mit Schrecken und Grauen erfüllt und ihm wie ein offenes Grab erſcheint, in das er lebend hinunterſteigt, um es nur als eine Leiche wieder zu verlaſſen. Die Charité, das iſt ihnen ein Ort des Entſetzens und der Schande, und dahin gebracht zu werden, heißt ſeine Armuth und ſeine Verlaſſenheit manifeſtixen und aller Welt es ſagen, daß man auf Erden keinen Freund weiter hat, als das Elend und die öffentliche Barm⸗ herzigkeit.— Wie übertrieben dieſe Anſicht auch ſein, wie thöricht dieſe Furcht auch den Gebildeten und beſſer Unterrichteten erſcheinen mag, der Arme hat ſich noch bis auf dieſe Stunde dieſes angſtvolle Entſetzen vor der Charité bewahrt, und nur die äußerſte Noth oder die verzweiflungsvollſten Schmerzen treiben ihn, Hülfe zu ſuchen in dieſem großen, pallaſtartigen Ge⸗ bäude, das ſich am Ende der Louiſenſtraße, inmitten eines Gartens, umrankt von Stauden und rauſchen⸗ den Bäumen, erhebt, und deſſen Inneres angefüllt iſt mit jeglicher Art des Elends und der Schmerzen.— — 190— Abſeits von dieſem großen Hauptgebäude der Charité, von dieſem Centrum der menſchlichen Qual und Pein erhebt ſich ein nicht minder großes und ſtattliches Ge⸗ bäude, das mit der weißen Farbe ſeiner Wände und den großen, hellen Fenſtern faſt ein heiteres Ausſehen hat und in der Ferne nicht einem Hospital, ſondern dem behaglichen Wohnhaus irgend eines reichen Par⸗ tikuliers gleicht. Aber je mehr Du Dich dieſem Hauſe näherſt, deſto mehr fühlſt Du ein unheimliches Grauſen Dein Herz beſchleichen, denn hinter dieſen Fenſtern gewahrſt Du eiſerne Gitter, und wo an denſelben ſich hier und da ein menſchliches Antlitz zeigt, da iſt es ein bleiches, von Leiden und Schmerzen durchwühltes Angeſicht, und nirgends grüßt Dich ein lächelnder Mund, ein heiter blickendes Auge. Auch iſt dafür geſorgt, daß Du dieſem Hauſe nicht allzuweit Dich nähern kannſt, denn eine hohe Mauer unſſchließt es ringsum und verbietet Dir den Einblick in den Hof, inmitten deſſen das Haus ſich erhebt. Ziehe nicht an dieſer Klingel, die dort neben dem großen Thore ſich Dir zeigt, wecke nicht die Schläfer dieſes anſcheinend ſo ſtillen Hauſes durch den Schall dieſer Glocke, laß ſie ſchlafen, die armen Unglücklichen, laß ſie ſchlafen und träumen und im Schlummer ihrer Leiden ver⸗ geſſen und ihres unſäglichen Wehes, oder biſt Du vor⸗ witzig genug den Portier aus ſeiner Ruhe aufzuſchrecken, daß er die Pforte Dir öffnet und Dich eintreten heißt durch die enge, ſchmale Thüre? Hüte Dich, hüte Dich, dieſe Schwelle zu überſchreiten, bleibe angſtvoll an der geöffneten Pforte ſtehen und wirf einen troſtloſen, mit⸗ leidsvollen Blick auf dieſen öden Hof, auf dieſes ſtolze, weiße Gebäude mit den vergitterten Fenſtern, und dann kehre um, kehre um, und fliehe von dannen und eile in Dein Zimmer, und laß es Dir, wie ärmlich es auch erſcheinen mag, laß es Dir wie ein ſtrahlen⸗ R — 191— des Paradies erſcheinen, wenn Du denkſt an dieſes Haus des Schreckens, das Du ſoeben verlaſſen; falle nieder auf Deine Kniee und danke dem großen Geiſte der Welten, danke Dir ſelber, daß Du entfliehen konn⸗ teſt, entfliehen durfteſt dieſem unheilsvollen weißen Hauſe, das man die neue Charité nennt. Und doch, wo könnteſt Du ſtolzere Männer und reichere Weiber finden, als eben in dieſem Hauſe, wo hörſt Du lauteren Jubel und tobendere Luſt, als wenn Du dieſe langen Corridore entlang gehſt und horchend Dein Ohr an die Thüren all dieſer Gemächer legſt? Wo ſonſt findeſt Du ſo viel Hoheit, ſo viel Größe, ſo viel gekrönte Häupter, ſo viel jauchzende Weisheit, wo ſonſt wäre es Dir vergönnt, den Hei⸗ land zu ſehen, wiederauferſtanden von den Todten, ja, Gott ſelber zu ſchauen in ſichtbarer Geſtalt, oder ſeinen Stellvertreter auf Erden, den Papſt, zu erblicken? Hier werden Throne verſchenkt und Kronen zertreten, hier plaudert die Weisheit ihre verſchwiegenſten Schätze aus und enthüllt die Göttlichkeit ihre tiefverborgenſten Myſterien,— und alle dieſe Glorie und Größe, alle dieſe Pracht und Wonne, aber auch all dies uner⸗ meßliche Elend und dieſe nimmer endende Qual, ſie iſt das Werk eines großen allmächtigen Zauberers, den menſchliches Wiſſen nimmer ergründet hat, der mächtiger iſt als all unſere irdiſche Weisheit, und an dem alle unſere Mittel und Talismane machtlos ab⸗ prallen, dieſer Zauberer, es iſt— der Wahnſinn.— Ja, der Wahnſinn hat ſeinen Thron aufgeſchlagen in dieſem Hauſe, er wohnt mit ſeinem Jauchzen und ſeiner Luſt, mit ſeinem Jammer und ſeinem Weh in den untern Räumen dieſes ſtolzen Gebäudes, Du hörſt ihn zu jeder Stünde, ſei es Tag oder Nacht, hier ſeine unheilsvollen Hymnen ſingen, er leuchtet Dir entgegen aus dieſen durchfurchten Angeſichtern, aus — 192— dieſen glühenden, raſtloſen Augen, dieſen zitternden, höhniſch lächelnden Lippen, aus dieſem hochmüthigen Stolze und dieſer kriechenden Demuth, aus dieſem lauten Kreiſchen der Freude und dieſem wilden Ge⸗ heul des Schmerzes, überall, überall nur Wahnſinn, nur das Verlorenſein des Geiſtes, das Abirren der Vernunft vom rechten Pfade, um auf phantaſtiſchen Bahnen zu ſchweifen, die kein ſterbliches Auge erſchaut und kein Menſchenſinn zu erfaſſen vermag. In den obern Räumen aber ſitzen in vergitterten Zellen erkrankte Verbrecher und Verbrecherinnen, welche die Haus⸗ und Stadtvogtei zur Heilung an die Cha⸗ rité abliefert. Wahnſinn, Laſter und Verbrechen, das alſo ſind die drei finſtern, unheilsvollen Gewalten, welche dieſes Haus mit entſetzensvoller Bevölkerung erfüllen und es zu einer Hölle machen, an welcher Du ſchaudernd und Dich bekreuzigend vorübereilſt und Gott dankſt, daß es Dir vergönnt iſt, dieſes Haus zu meiden. Still iſt es in dieſen dunklen Corridoren, nur zu⸗ weilen ſchlüpft mit ſinſtern Mienen irgend ein Kranken⸗ wärter vorüber, oder ein altes, zitterndes Weib, das ſeine Nachtwache am Lager eines zum Tode erkrank⸗ ten Weibes gehabt, und ſchaudernd aus den Fieber⸗ phantaſieen der Kranken das Bekenntniß ihres ver⸗ brecheriſchen Lebens und ihrer großen Noth entnom⸗ men hat. Zuweilen auch hört man hinter einer dieſer Thüren eine ſchrille, durchdringende Stimme die tolle Weiſe irgend eines Liedes ſingen, deſſen luſtige Worte in grauenvollem Contraſt ſtehen zu dieſen dunklen, ſchweigenden Corridoren, und dazwiſchen wieder ver⸗ nimmt man das Aechzen und Stöhnen anderer Kran⸗ ken, das Kreiſchen und Jammern der Leidenden, die vielleicht eben mit dem Tode ringen, wilde Flüche und Gebete der Angſt übertönen auf Momente dieſes — 193—* grauenvoll luſtige, unanſtändige Lied, das immer wie⸗ der ſingend inmitten dieſes Jammers und Stöhnens, dieſes Schreiens und Aechzens hervortritt, und wie das höhniſche Jubellied eines böſen Dämons erſcheint. Hier und da auch öffnet ſich eine Thür und es erſcheinen ſchwarz und weiß gekleidete Frauengeſtalten, dichte weiße Schleier um das Haupt gelegt, die in langen Enden herniederfallen und ihnen das Anſehen von Nonnen geben. Das ſind die Diakoniſſen, die pro⸗ teſtantiſchen Eliſabethinerinnen, welche in den obern Räumen der neuen Charité die Kranken⸗ und Seelen⸗ pflege der Unglücklichen über ſich genommen haben.— Es iſt Nachmittag. Drunten im Hofe der Charité iſt es lebendig geworden, und auf eine kurze Stunde hat ſich dieſer öde, ſchweigende Raum in einen Garten der Luſt und des Vergnügens verwandelt. Die Sonne glitzert auf dem glänzend hellen Schnee, der wie ein feſtlicher Teppich ſich hier über die Erde gebreitet, die ſo viel ſündige Füße entweiht haben. Es iſt ein ſchöner, heller Wintertag, die Glocke hat die Stunde verkündet, welche den Wahnſinnigen zum Spazier⸗ gang beſtimmt iſt, und bei dem letzten Klang dieſer glücklichen, längſt erſehnten Stunde ſtürmen die Kranken, gefolgt und behütet von ihren Wärtern, hinaus in den Hof. Welch ein Gewirr der verſchiedenartigſten Geſtalten, wie viel bleiche, ſchmerzzerriſſene, wie viel ſtrahlende, in Glück und Geſundheit leuchtende Ge⸗ ſichter. Und wie ſie lachen und jubeln, und der Sonne ſich freuen und des glitzernden Schnees, und Mähr⸗ chen leſen aus jedem Waſſertropfen, der in der Sonne⸗ glänzt, und Botſchaft empfangen von jedem Vogel, der vorüberfliegt, und Huldigung entgegennehmen von jedem Stein, den ihre Füße berühren und un⸗ endliche Weisheit verkünden mit jedem unzuſammen⸗ hängenden Satz, den ſie mit lächelndem Munde ſtammeln. 1. 13 8 8— 194— Und an den obern Fenſtern zeigen ſich die bleichen, abgezehrten Geſichter der erkrankten Verbrecher, und ſie ſchauen mit Neid hernieder auf dieſe Unglücklichen, die ſo glücklich ſind in ihres Unglückes Unbewußtheit, die nichts wiſſen von den unendlichen Qualen, von der nimmer ruhenden Marter und Angſt, welche ſie da droben erdulden! Ach aber wie bald, und dieſe Stunde der Freiheit iſt vorüber, und die Kranken müſſen wieder hinein in die dumpfe Luft ihrer Gemächer, um gequält zu wer⸗ den mit Pflaſtern und Medicamenten, um gemartert zu werden mit Nadeln, die man in ihre Arme ſtößt, daß ſie immer tiefer ſich einbohren in ihr Fleiſch, mit Sal⸗ ben, die man auf die geſchornen Häupter reibt, und die ſich bis auf den Schädel durchfreſſen mit ihrer ätzenden Kraft. Und durch dieſe Marter des Leibes ruft man die Seele wach aus ihrer ſüßen Betäubung und ihrer freudvollen Bewußtloſigkeit, erweckt man ſie zur Erkenntniß ihres Wahns und zum Bewußtſein ihres unermeßlichen Jammers! Der Hof war wieder leer, nur ein Weib ſtand noch da; an die Mauer des Hauſes gelehnt, blickte ſie mit ſtarrem, troſtloſem Ausdruck empor zum Himmel; Sehn⸗ ſucht und Schmerz, Glück und Qual zugleich malte ſich wechſelnd in ihren Zügen, und ihre irrenden Augen ſchienen am Himmel etwas zu ſuchen.— So ſtand ſie lange Zeit, bewegungslos, ſtarr, und ihre Wangen erbleichten mehr und mehr, und der Ausdruck ihres Antlitzes ward immer trauriger, ſchmerzvoller. Sie war nicht ſchön und nicht jung, ihre kleine Geſtalt hatte nichts Außergewöhnliches und Anziehendes, aber es war etwas Räthſelhaftes, Seltſames in ihrer ganzen Er⸗ ſcheinung, es war, als ob eine geheimnißvolle unſicht⸗ bare Macht dies bleiche, ſtille Kind in ſeinen Banden halte. Sie ſchien ſich nicht bewegen zu können, und —— — 195— doch waren ihre Arme frei, ihr Auge war wie gebannt an den Himmel, und doch zeigte ſich dort nichts Außer⸗ gewöhnliches.— Die Sonne ging unter und noch ſtand das Weib und ſtarrte empor zu dem im Abendroth er⸗ glühenden Himmel. Und drüben am Horizont zeigte ſich jetzt ein goldig glänzender Schimmer, das Mäd⸗ chen richtete ſich auf aus ihrer Erſtarrung, es kam wie⸗ der Leben und Beweglichkeit in ihre erſchlafften Züge, ihre bleichen Lippen lächelten, und athemlos, mit em⸗ porgeſtrecktem Haupte blickte ſie hin nach jener Seite, wo immer heller und heller der Himmel erglänzte, und wo groß und golden der Mond jetzt emporſtieg. Der Mond! der Mond! rief ſie mit einem wilden Aufſchrei des Entzückens, und dann ſank ſie zuckend und ächzend zuſammen. Zwei Krankenwärterinnen hat⸗ ten lange ſchon ſie aus der Ferne beobachtet, jetzt eil⸗ ten ſie herbei und trugen das jammernde Weib hinein in das Haus. In dieſem Augenblick hielt ein Wagen am Hofthor, die Klingel erſchallte und der ſchon vom Arzte benach⸗ richtigte Portier ließ eine tief in Pelze gehüllte Dame eintreten. Aus dem Hauſe kam ihr ein Arzt der Anſtalt ent⸗ gegen und reichte ihr mit ehrerbietigem Gruße den Arm, um ſie in's Haus zu führen. Ich hoffe, ich bin zu rechter Zeit gekommen, ſagte die Dame, welche Niemand anders war, als die Ba⸗ ronin Elsleben. So eben ſtieg der Mond empor, und nicht wahr, um dieſe Stunde— Um dieſe Stunde beginnt die wunderbare Krank⸗ heit des armen Mädchens, ſagte der Arzt, eine Krank⸗ heit, die zu den ſeltenſten Erſcheinungen gehört, und die in ihren Aeußerungen ſo außergewöhnlicher und intereſ⸗ ſanter Art iſt, daß ich mir wohl erlauben durfte, die gnädige Baronin darauf aufmerkſam zu machen. 13* — 196— Und Sie ſehen, wie gern ich Ihrer Einladung ge⸗ folgt bin, ſagte die Baronin lächelnd. Auch iſt es in der That herzerhebend und tiefer⸗ ſchütternd, die Gottergebenheit und fromme Geduld zu ſehen, mit der die Kranke ihre Leiden erträgt. Eben weil Sie mir dies ſagten bin ich gekommen, rief die Baronin. Ach gewiß, in dieſer verderbten, ent⸗ arteten Zeit thut es einem frommen Herzen unendlich wohl, einem Weſen zu begegnen, das ſich mit all ſei⸗ nem Leid und ſeinem Kummer in den Schooß Gottes geflüchtet und es erkannt hat, daß bei ihm allein Troſt und Freude zu finden iſt. Ach, lieber Herr Doctor, der Anblick dieſes Mädchens ſoll mich ſtärken und er⸗ heben und meinen wankenden Glauben an die Menſch⸗ heit aufrichten. Frau von Elsleben war ganz froh, einen ſo geeig⸗ neten Vorwand gefunden zu haben, mit dem ſie ihre Neugierde überſchleiern konnte, und ſie dachte: Gott ſteht mir doch in allen Dingen bei; weil es zu gemein wäre, eine menſchliche Neugierde ohne höhere, heiligere Zwecke zu zeigen, bietet er ſich mir ſelbſt als Mittler und Vorwand dar! Ach, wie gütig iſt doch Gott ge⸗ gen mich! Dann fragte ſie theilnahmsvoll nach der Herkunft und den Schickſalen dieſes armen, frommen Mädchens, für das ſie die lebhafteſte Theilnahme fühle. Sie iſt ein Kind unſeres Hauſes, ſagte der Arzt ſeufzend, und ihre Geſchichte iſt eine der vielen, wie die Armuth ſie zu erzählen weiß auf allen Straßen und Plätzen, eine echte Geſchichte der Armuth voll Entbeh⸗ rung und Noth, voll unausgeſprochener Klage, thrä⸗ nenreich und doch trocknen Auges, kein Auflehnen und Murren gegen das Schickſal, ſondern nur ewig dul⸗ dende, niemals klagende Demuth und Ergebung. Das, meine gnädige Frau, iſt der Inhalt aller dieſer Ge⸗ — — — 197— ſchichten der Armuth, und aus ſolchem Stoff iſt auch das Leben dieſer armen Kranken gewebt. Ihr Vater war Tagelöhner auf einem Dorfe in der Nähe Berlin's, er ſtarb vor ihrer Geburt, und das arme geängſtete Weib, ihre Mutter, die kaum den Biſſen Brod hatte, ihren Hunger zu ſtillen, mußte fürchten, wenn die ver⸗ hängnißvolle Stunde herankomme und ſie arbeitsun⸗ fähig mache, ohne Troſt und Hülfe, ja ſelbſt ohne Nahrung zu ſein. Sie raffte alſo ihre letzte Kraft zuſammen und wanderte nach Berlin, um in der Charité ein Unterkommen zu finden. Hier ſtarb ſie drei Tage ſpäter nach der Geburt einer Tochter, die wir natürlich zurückſchickten in ihr Dorf, damit die Gemeinde ſie auferziehen laſſe. Und wie mag ſich dieſe ſeltſame Krankheit entwickelt haben? fragte die Baronin. Beſtimmtes läßt ſich nicht ermitteln. Alles was wir darüber wiſſen, haben wir nur aus ihren Erzählungen und Reden während dieſes Zuſtandes entnommen. Sie hat früh die Härte und Rauhheit des Lebens empfun⸗ den, und als vierjähriges Kind ſchon ward ſie in den Wald geſandt, trockne Reiſer zu ſammeln, wenn der Mond am Himmel ſtand. Auf ſolchen Gängen, ner⸗ vös gereizt durch die natürliche kindiſche Scheu vor von dunklen Walde und der Einſamkeit und Stille, cheint ſich dieſe Krankheit entwickelt zu haben. Eillezanger Mann trat zu dem Arzte und flüſterte ihm einit orte in's Ohr Jetzt, ſagte der Arzt zu der Baronin, jetzt, meine Gnädigſte, haben Sie die Gefälligkeit mir in den Saal zu folgen. Die Krämpfe ſind vorüber, wie ich höre, und ſie iſt in den gewohnten ruhigen Schlaf verfallen, aus dem ſie bald zu dieſem neuen Vergangenheitsleben erwachen wird. Haben Sie alſo die Güte, mir zu folgen! Hier in dieſem Bette neben der Thür! Und die Schläferinnen in dieſen andern zwölf Betten? —4j— — 199— Wahnſinnige, meine Gnädige! Wahnſinnige? rief die Baronin entſetzt. Allerdings, aber nur ſtille, friedliche Wahnſinnige, welche die Gewalt und den Zorn ihrer Krankheit über⸗ wunden haben und bald geneſen werden. Ach ſehen Sie wie friedlich ſie Alle ſchlafen! Wie ſtill und lächelnd dieſe Geſichter. Geben Sie mir Ihren Arm, Doctor, laſſen Sie uns einen Gang durch dieſen Saal machen! Und die Baronin nahm den Arm des Arztes und wanderte mit ihm an den Lagerſtätten umher. Sehen Sie, ſagte er, alle dieſe Weiber hier hat die Liebe wahnſinnig gemacht, und ſo ganz hat dieſe ihr Daſein erfüllt, das die Vernunft keinen Platz mehr fand in ihrem armen Kopfe. Dieſe hier iſt krank geworden aus Eiferſucht, jene dort ward verlaſſen von ihrem Ge⸗ liebten, dieſe dort drüben überraſchte ihren Gatten in den Armen einer Andern und fiel augenblicklich in eine heftige Tobſucht. Aber ſtill! Hörten Sie jenen Seufzer, und jetzt,— dieſes Lachen,— unſere Kranke dort drüben wird erwachen.. Und die Baronin eilte mit dem Arzte zurück zu dem Bette der kranken Luiſe, der armen, bleichen Mondſüch⸗ tigen. Sie war wieder ſtill geworden und ruhig, und es herrſchte eine lautloſe bange Pauſe in dieſem troſtloſen Gemache, in welches der Vollmond mit ſeinem bleichen Glanze hereinſchien, als komme ex, das Weib zu ſich emporzuziehen, das dort auf ihrem Lager ſeußzte in Sehnſucht nach ihm. Jetzt traf der Strahl ſeines Lichtes das Bett der armen Luiſe, und wie von zauberiſcher Gewalt empor⸗ gehoben, richtete ſie ſich auf, hob ſich ihre Geſtalt im Bette empor, ſteif und gerade, wie eine Leiche anzu⸗ — 200— ſchauen.— Noch flüſterten ihre Lippen leiſe, unver⸗ ſtändliche Worte, aber ein ſeliges Leuchten der Freude war in ihrem Antlitze, daß es faſt ſchön erſchien mit dieſem Ansdrucke des Glückes. Ach, er iſt da, der Mond, der Mond! jauchzte ſie laut, und mit dieſem Freudenſchrei nahm plötzlich der Saal eine andere Phyſiognomie an. Die ſchlafenden Kranken fuhren aus ihrer Ruhe em⸗ por und richteten ſich auf, und dieſe vorher ſo ſtillen und ruhigen Geſichter zeigten nun in wildem, ſtürmi⸗ ſchen Wechſel alle die Schmerzen und Leidenſchaften, welche im Innern dieſer Armen wühlten. Aechzen und Jammern ertönte ringsum, die Thränen der Verlaſſe⸗ nen begannen auf's Neue zu fließen, die Qualen der Eiferſüchtigen zerriſſen auf's Neue ihr armes Herz, der Schrecken der getäuſchten Gattin malte ſich wieder in dieſem entſetzten Angeſicht,— den ganzen Jammer die⸗ ſes Hauſes hatte die Kranke wach gerufen mit ihrem Entzückensſchrei, und alle dieſe Schmerzbeladenen, ſie richteten ihre ſtarren, verglaſeten Augen mit dem Aus⸗ druck des Zornes und der Verachtung auf Luiſe hin. Mein Gott, ſie waren ja Alle vernünftig, und nur Neid und Bosheit hatte ſie zu Gefangenen gemacht, ſie waren vernünftig, nur das blaſſe Weib dort litt an dieſer ſchaudervollen Krankheit des Wahnſinns, denn ſie liebte den Mond, und flüſterte mit ihm, und ſprach mit ihm. War das nicht wahnſinnig, und war's nicht eine Schmach, daß ſie, die Vernünftigen, verdammt wa⸗ ren, mit einer Tobſüchtigen ihre Schlafſtätte zu theilen? So murrten die kummervollen, ſchmerzbeladenen Wahnſinnigen, und dann gedachten ſie wieder ihrer Qualen und jammerten laut, und rauften ſich das Haar in unermeßlichem Schmerz und ſchlugen ſich die Brüſte unter ſtrömenden Thränen, unter Aechzen und Schluchzen der Qual! — ͦ— — 201— Und dazwiſchen hörte man die einzelnen, entzückten Ausrufungen der arinen Luiſe, lallten ihre Lippen ein⸗ zelne Worte der Liebe, des unendlichen Glückes. Sie ſah weder den Jammer, noch den Zorn der Andern, ihre feſt geſchloſſenen Augen waren der Erde abgewandt, ſie ſah nur mit ihrem Herzen, und ſie ſah nichts als ihn, den Freund da droben, den ſchönen, glänzenden Mond. Biſt Du wieder da, flüſterte ſie jetzt mit einer Stimme, die wie das Wehen des Windes erklang ſo geiſterhaft leiſe, biſt Du wieder da, mein König und Herr? Ich habe Dich ſo lange erwartet, ſo lange nach Dir mich geſehnt! Wo warſt Du denn ſo viele Wochen lang, daß ich Dich nicht ſehen und Deines Anblickes mich freuen konnte! Ach Du Schöner, Du Glänzender, was zieheſt Du mich empor, was zerreißt Du mein Herz, daß ich Dich grenzenlos lieben muß, während Du doch immer ſo fern bleibſt, und ſo kalt, ſo kalt? Wie? Was ſagſt Du? Du liebſt mich auch? Jetzt denkt ſie, ſagte die Wahnſinnige, die im be⸗ nachbarten Bette lag, jetzt denkt ſie, daß der Mond ihr antwortet. Das macht, ſie iſt verrückt, und die Ver⸗ rückten wiſſen nicht, was ſie reden! Nein, die wiſſen nichts, die ſind ſo dumm, ach ich wollte, ich wäre auch ſo, dann könnte ich doch mein Elend vergeſſen, mein grenzenloſes Elend. Horch! Hören Sie nicht? Das Beil fällt! Ach, ſie haben ihn ermordet, und nun ſagen ſie, er habe mich verlaſſen! Ach, die Fackeln, das Beil, das Blut,— o, er hat mich nicht verlaſſen, er iſt er⸗ mordet! 3 Still, ſtill! rief die Wärterin mit drohendem Ton und drückte die Wahnſinnige in ihre Kiſſen zurück. Sie aber flüſterte immerfort: er hat mich nicht verlaſſen! Sie haben ihn ermordet! Und Luiſe rief mit jauchzendem Ton: Du ſagſt, — 202— daß Du mich liebſt? Du haſt an mich gedacht? Ach mein Geliebter, gieb mir Flügel, Flügel, daß ich zu Dir emporfliegen, daß ich in Deine Arme ſinken kann! Ach, er liebt mich! Er liebt mich! Und wie ein Geiſt ſchwebte ſie empor aus ihrem Bett, ſtand ſie auf dem ſchmalen Fenſterbrette, die Arme emporhebend zu dem Monde, der groß und gol⸗ den ihr in's Antlitz ſah. Hinter ihr her eilten die Wärterinnen, ſie vom Fen⸗ ſter fortzuziehen. Aber die Liebe giebt Macht und Stärke, und Luiſe fühlte keine Berührung und keine Feſſel. Sie ſah nichts, nichts als ihn da droben, ſo lockend hell, ſo goldig glänzend. Sie ſtreckte flehend die Hände nach ihm hin, die Fenſterſcheiben klirrten, ſie hörte es nicht, das Blut floß über ihre zerſchnittenen Finger hin, ſie fühlte keinen Schmerz, er war da, immer da, ſo lockend hell, ſo goldig glänzend, und ſie jauchzte nur: Er liebt mich! Er liebt mich! Die Wärterinnen riſſen ſie vom Fenſter weg und trugen ſie auf ihr Lager und immer lauter jauchzte ſie: Er liebt mich! Ich muß zu ihm! Jetzt iſt der erſte Anfall vorüber, ſagte der Arzt. Nun wird ſie einige Minuten verſtummen, und dann, wenn ſie wieder beginnt, lebt ſie ſich zurück in die Ver⸗ gangenheit und durchläuft in einzelnen Scenen ihr gan⸗ zes Leben. Er hatte richtig prophezeiht, und Luiſe, die einen Moment regungslos auf ihrem Lager geruht, erhob ſich wieder. Ihre Augen waren immer feſt geſchloſſen und doch fühlte man die innigen liebevollen Blicke, mit denen ſie zu dem Monde emporſchaute. Luiſe flüſterte: Holz ſoll ich ſuchen, da drunten im Tannenwald. Hu, es iſt ſo kalt, ſo kalt. Aber ſie wollen mich ſchlagen, wenn ich kein Holz bringe! Und — 203— der Rücken thut noch ſo weh von geſtern, ach Schläge thun ſo weh. Warum muß ich denn Holz holen, und bin noch ſo klein, ſo klein, erſt ſechs Jahre alt! Nein, nein, keine Schläge! Ich laufe ſchon!— Ach Gott, ach Gott, wie dunkel iſt's im Walde. Wenn nun Diebe kämen und mich fortnähmen! Mörder, oder der Wolf! Ha,— was raſchelt dort drüben! Ach Hülfe! Hülfe! Nein, es iſt nichts! Es war nur der Wind! Ach Gott, warum bin ich denn ſo'n armes Kind, und muß Nachts in den Wald laufen und Holz ſtehlen. Was habe ich gethan, daß ich ſo arm bin, und des Gutsherrn Toch⸗ ter, die immer ſo unartig iſt und uns Alle ſchlägt, die holt doch nicht Holz, die liegt doch im Bett und ſchläft! So dunkel iſt's, ſo dunkel! Wenn nur der Mond erſt käme, der ſchöne, liebe Mond. Dann wird der Wald wieder hell, dann kann ich Alles ſehen und fürchte mich nicht mehr! Ja, ja, dann kann ich Alles ſehen! Wehe, wehe, kreiſchte dort drüben ein anderes Weib, wehe dem, der Alles ſehen kann! Er ſieht ſich um ſein Lebensglück und ſeine Seelenruhe! Ach warum bin ich nicht blind geboren, dann hätte ich doch nicht ſehen können, wie Er eine Andere umarmte. Ach, meine Schweſter, die Geliebte meines Gatten! Habt doch Er⸗ barmen, aus Menſchlichkeit wendet Euch ab, betrügt mich aus Mitleid! O, o, wie fürchterlich iſt dies! Dies arme Weib! ſeufzte der Arzt. Seit ſie ihren Gatten in den Armen ihrer Schweſter geſehen, ſind ihre Augen erblindet für alles Andere, und immer glaubt ſie, dieſes entſetzliche Bild vor ſich zu ſehen! Luiſe fuhr nach kurzem Verſtummen fort: Biſt Du da, geliebter Mond! Leuchteſt Du mir wieder mit Dei⸗ nem Himmelsſchein? Ach nun iſt Alles gut! Nun giebt es keine Schmerzen mehr, denn Du biſt wieder bei mir! Da, hier auf der Wieſe will ich mich aus⸗ ruhen, hier neben dem Bache, dann ſehe ich Dich dop⸗ — 204— pelt, dann ruhſt Du neben mir, dicht neben mir auf Erden im kühlen ſchönen Waſſer, und bleibſt auch da oben am dunkeln Himmel. Ach wie lange, lange ha⸗ ben wir uns ſchon geliebt, wir Beide! Wie ſchöne Mährchen haſt Du mir nicht erzählt von goldenen Prinzeſſinnen und funkelnden Königen, wie oft haſt Du nicht mit mir gelacht, wenn ich aus dem Walde heim⸗ kam und Du meinen Schatten an der Erde malteſt und ihn vor mir her tanzen ließeſt, damit ich nicht al⸗ lein ſei, ſondern einen luſtigen Spielkameraden habe! Wie oft haſt Du mich nicht getröſtet, wenn ich weinte, und haſt mir die Thränen getrocknet mit Deinem ſchö⸗ nen Angeſicht! Ja, Du biſt immer meine Hoffnung ge⸗ weſen und meine Zuflucht! Und wenn Alle mich ver⸗ ließen, Du biſt mir treu geblieben, Du biſt immer wie⸗ der gekommen, mein Herz zu erfreuen, und wenn Alles dunkel in mir war und finſtere Nacht, dann biſt Du gekommen und haſt Alles in mir erhellt, und himmli⸗ ſcher Troſt hat mir aus Deinem Antlitz geſtrahlt. Du biſt der armen Luiſe einziger, treuer Freund geweſen, und wohin ich ging, immer biſt Du mir gefolgt, immer haſt Du mich ſtill getröſtet und beglückt. Aber dafür habe ich auf Erden auch nichts geliebt, als Dich allein, und Nie⸗ mand auf Erden hat mich lieben wollen, als Du allein! Eine Wolke zog über den Mond hin, dem Luiſe, während ſie ſprach, immer ihr Antlitz zugewendet hatte. Ihre Augen waren feſt geſchloſſen, aber ſie ſah doch dieſe Wolke und klagte leiſe: warum verfinſterſt Du Dich, Du Schöner, Du Glänzender? Weinſt Du um Deine Luiſe, weil ſie ſo arm iſt und auf der ganzen großen Welt keinen Freund, hat außer Dir? Ja, ja, es iſt auch zum Weinen; die Armen ſind ſo einſam, ſo troſtlos einſam auf Erden, ſie haben gar keinen Freund, außer Gott! Komm, wir wollen zuſammen weinen, Du mein einziger Freund! 4 2 — 205— Luiſe ſank nieder auf ihre Knie und weinte bitter⸗ lich, und mit ihr weinten alle die andern Weiber bit⸗ tere, ſchmerzvolle Thränen, und das Weib in dem La⸗ ger neben Luiſe flüſterte: nein, nein, ſie iſt doch nicht wahnſinnig, denn ſie weint, und es gehört viel Ver⸗ nunft dazu, weinen zu können und unglücklich zu ſein. Die Wahnſinnigen ſind ſo glücklich, die weinen niemals! Ach, warum bin ich nicht auch wahnſinnig! Und ſie ſchluchzte lauter und Ströme von Thränen entſtürzten ihren Augen. Das war ein Klagen, ein Jammern und Schluchzen ringum im Saal, daß ſelbſt die Augen der Baronin ſich mit Thränen füllten nnd ſie ſich tief erſchüttert abwenden mußte. Die armen Weiber weinten noch immer, als Luiſe ſich ſchon wieder emporgerichtet hatte mit heiterm Ge⸗ ſichte, mit lächelnden Lippen. Die Bilder, welche an ihrem innern Auge vorüber⸗ zogen, wechſelten. Jetzt ſah ſie ſich als heitere Jung⸗ frau, mit Eifer und Ernſt ihren ländlichen Beſchäfti⸗ gungen obliegend. Kommt, Rieke und Hanne, kommt, wir wollen das Brod backen!— Und nun ſtand ſie an der Mulde und bewegte die Arme zum Backen des Brodes, und wen⸗ dete es nach allen Seiten hin und knetete es ſorgfältig, und dabei flüſterte ſie, athemlos von ſo viel Anſtren⸗ gung: ach, das wird Brod werden, ſchönes Brod. Ach Hanne, was iſt das für ein ſchönes Wort Brod! Hüpft nicht dem Armen das Herz im Leibe, wenn er es hört? Ja, ja, das Brod, das iſt uns Armen der Leib des Herrn, und wir denken immer an ihn, wenn wir es eſſen!— Du frägſt, warum ich das Brod ſo liebe? Ich habe ſo viel gehungert, Hanne, ach, ſo ſehr viel! Hunger thut ſo weh! So, das Brod iſt fertig, da, jetzt wollen wir es in den Ofen ſchieben! Aber — 206— mit einem Spruch, einem recht frommen Spruch!— Du weißt Keinen?— Nun, ich will ihn Dir ſagen: Dem Armen laß das Brod gedeih'n, Dann wird ſich's Herz im Leib ihm freu'n, Den Armen mach, o Vater, ſatt, Damit er'n Stückchen Himmel hat. O, wie dumm, wie dumm! rief die Kranke neben ihr mit lautem, höhniſchen Lachen, ja, ſie iſt doch wahn⸗ ſinnig, denn ſie lacht und weint nicht mehr! Ach, wie dumm! Und ihr Lachen übertönte noch das leiſe Klagen und Wimmern der andern Weiber. me war wieder ernſt geworden, ſie ſah ein anderes Bild. Die Glocken läuten, ach, wie fröhlich ſie läuten, und doch iſt's, als wenn mir jeder Ton das Herz zer⸗ ſchneiden wollte! Nun, wer keinen Freund auf Erden hat, den liebt Gott im Himmel da droben um ſo viel mehr! Jetzt wird er kommen und die Hanne wird an ſeiner Seite gehen, mit einem grünen Myrthenkranz im Haar, und in der Hand ein Geſangbuch mit zwei bren⸗ nenden Herzen auf dem Deckel. Ja, das Geſangbuch hat er mir einſt geſchenkt, ich hab's ihm nun wieder gegeben! Um Gotteswillen, nur keine Thränen, denn ſie werden mich auslachen und ſagen, ich wäre ihm noch gut, obwohl er mich verlaſſen hat. Nein, nur nicht weinen! Immer luſtig, immer luſtig! Hei, da kommt der Hochzeitszug! Kommt, Mädchen, kommt, wir gehen mit zur Kirche!— Und ſie reichte ihrer Freundin den Arm und nickte dann mit einem ſchmerzvollen Lächeln dem Bräutigam.— Nun, Niklas, Glück zur Hochzeit! Ich wünſche es Dir von Herzen! Wir Beide — 207— paßten nicht für einander! Wir nicht! Aber Gottes Segen über Dich! Sie knieete nieder und betete und ging mit lange ſamem Schritt in die Kirche und ſchien andächtig zu horchen. Dann flüſterte ſie: es war eine ſchöne Rede, aber ich konnte es nicht aushalten, darum bin ich fort⸗ gelaufen aus der Kirche. So, hier im Walde wird mich Niemand ſehen! Hier darf ich weinen! Keine Menſchen ſehen hier meine Thränen, nur Gott allein, und der wird ſie trocknen! Und der Niklas iſt doch tröſten! Ach, biſt Du da, mein einziger Freund? Laß mich ruhen in Deinem Glanze, daß ich wieder geſund werde und ſtark! Sie ſchaute mit flehendem Ausdruck zum Monde empor und betete ein Gebet der Angſt und der Schmer⸗ zen, der Hoffnung und Zuverſicht, und die Wahnſinnigen weinten und lachten, zürnten und fleheten fort und fort. Luiſe aber ſchlich jetzt ſtill zu ihrem Bett hin, faltete die Hände und legte ſich, Gebete murmelnd nieder. Nun wird ſie ſogleich erwachen, ſagte der Arzt, der Paroxismus iſt für heute vorüber, denn der Mond ſteht nicht mehr am Fenſter. Ach, laſſen Sie uns Ihr Erwachen ſehen! — 208— 8 Das arme Weib lag noch ruhig da mit hoch⸗ aͤathmender Bruſt und fliegenden Gliedern, und ihre 4 zitternden Lippen ſtammelten Gebete, anfangs laut und heftig, dann immer leiſer und undeutlicher. Die Span⸗ nung ihrer Züge ließ nach, ihr Antlitz nahm einen ruhigen, ſchmerzlichen Ausdruck an, dann ſchlug ſie die Augen auf und ließ ihre matten Blicke an den Umſtehenden umherſchweifen. Als ſie den Arzt gewahrte, ſagte ſie matt: ach, Herr Doctor, Sie ſind da? Dann bin ich wohl wieder krank geweſen, nicht wahr? Ach meine Glieder, meine armen Glieder!*). Die Baronin verließ ſchaudernd und in ſich er⸗ bebend das Haus des Schreckens, und kehrte in ihre ſchöne glänzende Wohnung zurück. Es iſt Alles um⸗ ſonſt, ſagte ſie ſeufzend, als ſie in ihrem Boudoir allein war. Ich thue Alles um mich zu zerſtreuen, und meine Gedanken von ihm abzuwenden. Aber ſie kehren immer wieder zu ihm, zu dem ſchönen Fürſten zurück. Oh Gott, wirſt Du Deiner getreuen Dienerin nicht bei⸗ ſtehen, daß ſie ihren Geliebten gewinnen kann? Be⸗ denke, was Alles ich für Dich thue und wie treu ich Dir ene. Stehe mir alſo bei, mein Gott, ſteh mir bei! *) Dieſe arme Luiſe lebt nech jetzt in der neuen Charité. Ich ſelbſt habe ſie in dieſem räthſelbaften Zuſtande geſehen, und nur mit ſchwachen Farben das wiederzugeben verſucht, was ich von ihr in dieſem wunderbaren Traumleben vernommen. D. V. Ende des erſten Bandes. Druck von F. Hoffſchläger in Berlin. TlrrarrnnunwanaraarnrmnrrmEEnaa 9 1 12 7 8 0 11 13 14 15 16