1 ’1 1 E N8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe interkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1, e, e auf 1 Monat: 1 Mt.— aif 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Fefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Licht in den elenden Hütten, die in maleriſchen Gruppen ſich an die zu beiden Seiten des engen Thals empor⸗ ſteigenden Felſen lehnten, war erloſchen, und das Getreibe des Tages in Schlummer gewiegt. Der iſchneidende kalte Nachtwind wirbelte in den ent⸗ laubten Bäumen und ſpielte in den Streifen Pa⸗ r, mit denen die niedrigen Hüttenfenſter verhan⸗ gen waren, und als der Vollmond jetzt über den gezackten Bergſpitzen groß und kalt emporſtieg, leuch⸗ tete der Schnee, der Alles ringsum mit ſeiner farbloſen Hülle bedeckte, wie ein Leichentuch, das mman über ein erſtorbenes Leben gebreitet. Auch unterbrach kein Zeichen des Lebens dieſe Stille, und nur die kleinen, zerfallenen Hütten zeug⸗ ten von dem Daſein der Menſchen. Dieſe aber ruhten aus von den Sorgen und Mühen, von Antonio. 3 3 1 Freuden und Genüſſen des Tages; ſie waren hinabgeſunken in den Schooß der Allerhalterin Na⸗ tur, und in den Armen des Schlummers war alle Bedrückung des Wachens von ihnen genommen. Nur in der niedrigſten und ſchlechteſten dieſer Hütten, die einſam und getrennt von den übrigen 4 abſeits im Gebüſche lag, ſchimmerte noch ein ſchwa⸗* cher Lichtſchein und menſchliche Klagelaute ließen ſich aus derſelben vernehmen. Zuweilen flackerten die verglimmenden Kienſpähne in dem räucherigen Kamine höher auf, beleuchteten den innern Raum dieſer Hütte mit grellem Lichte, und überhauchten ſecundenlang die bleiche Geſtalt, die ausgeſtreckt und regungslos auf dem Mooslager im Winkel hiingeſtreckt lag, mit einem röthlichen Schimmer von Lebenswärme. Wenn aber die Flammen tie⸗ fer hinabſanken, dann ſchwand auch die Röthe von dieſer Geſtalt, und die Bleiche des Todes bedeckte wieder dieſe eingefallenen Wangen, dieſe wie im Schmerzenskrampfe zuſammengekniffenen n, Kein Athem hebt mehr dieſe eingeſunkene Bruſt, keine Bewegung zeugt mehr von Leben in dieſer. ruhenden Geſtalt,— dies Weib, es ſchlummert, 4 aber es ſchlummert den ewigen und traumloſen Schlaf, aus welchem hienieden kein Erwachen mehr iſt, und der uns zurückführt in jene geheimnißvolle Welt, aus der wir gekommen.. Mit einem Angſtſchrei hat ſich der letzte Seuff zer aus dieſer erkalteten Bruſt gerungen, und dann hat der Krampf des Todes dieſe ſchmalen Lippen geſchloſſen, daß ſie nun kein Wort hienieden mehr ſagen werden. Nicht ein einziges Wort der Liebe und des Troſtes mehr zu jenem wimmernden Kna⸗ ben, der bebend vor Schmerz zu den Füßen der Leiche kauerte, und ſeit mancher langen Stunde von dieſer Schlummernden das Erwachen begehrte. Den ganzen verwichenen Tag und dieſe endloſe Nacht hatte er ſo an dem Lager ſeiner Mutter gekniet, und mit tauſend Liebesworten ſie beſchwo⸗ ren, ſich aufzurichten, und zu ihm, ihrem Sohne, ihrem Antonio zu ſprechen. Dann lauſchte er lange, lange auf eine Antwort, die der geſchloſſene Mund ſeiner Mutter ihm heute zum erſten Male verſagte, — er lauſchte ſo lange, bis ſein eignes lautes Weinen ihn ſtörte. Nun warf er ſich über die Leiche, und küßte die Lippen ſeiner Mutter und jammerte leiſe:„Ach, was habe ich denn gethan, daß Du nicht zu mir ſprichſt, meine Mutter? Du biſt ſo ſtill und regungslos, Du antworteſt mir nicht? Und haſt Du mir nicht verſprochen, mir heute noch von Deiner Heimath zu erzählen, von dem ſchönen Deutſchland? Ach, warum ſchläfſt Du denn jetzt ſo lange, und willſt gar nicht er⸗ wachen?“ Zitternd in der Angſt der Liebe ſtreichelte der Knabe die Wange ſeiner Mutter, und blickte mit flehendem Ausdruck in dieſe geliebten Züge, und aun, als er die halb geöſſneten Augen der Leiche gewahrte, rief er freudig:„O Mutter, wachſt Du nun auf, öffneſt Du Deine Augen wieder?“— Aber die Augen öffneten ſich nicht wieder, wie oft Antonio auch rufen mochte:„Mutter, Du ſchläfſt ja nicht, ſo ſprich doch zu mir!“ Ach, er kannte den Tod noch nicht; er wußte noch nicht, daß dieſe Augen nur geöffnet waren, weil ſie nicht die Kraft beſaßen, ſich zu ſchließen, und weil ſie erloſchen waren für immerdar; er kannte noch nichts vom Leben und darum kannte er auch den Tod noch nicht, und er fürchtete kein Unglück, weil er nicht wußte, daß man auch glück⸗ lich ſein kann.— Aber das Schweigen ſeiner Mutter brachte in dieſes kleine zitternde Herz das erſte Weh und die erſte unbewußte Ahnung eines großen Unglücks, das über ihn hereingebrochen, und das er nun mit ſtrömenden Thränen beweinte, ohne doch zu wiſſen, warum er wein So verging St liche Feuer im K auch die Thränen ſich ganz matt und eeweint, die Schwäche der Natur überwand ſeine Traurigkeit, und das Haupt auf die Füße ſeiner Mutter gelehnt, ſchlief er ein. Indeß war der Tag angebrochen, und im Dorfe begann es lebendig zu werden. Halbnackte und vor Froſt zitternde Kinder liefen auf den Straßen nde; das ſpär⸗ erloſchen, und Augen. Er hatte umher und warfen ſich lachend und weinend zu⸗ gleich mit den leicht zuſammengerafften Schnee⸗ ballen; Weiber und Männer erſchienen an den Hüttenthüren, um nach dem Wetter zu forſchen und ſich zu überzeugen, ob die ungewohnte Kälte und der Schnee noch nicht nachgelaſſen. Dann wandten ſie ſich ſcheltend und zitternd vor Froſt in die Hütten zurück, um an dem ſchnell angefachten Kaminfeuer die fröſtelnden Glieder zu wärmen. So waren Stunden vergangen, und nur in der Hütte, in welcher der Knabe Antonio neben der Leiche ſeiner Mutter ſchlief, war noch Alles ſtill und öde. Doch auch hier ſollte es lebendig werden. Schritte näherten ſich der Hütte, die Thüre ward geöffnet und zwei Männer traten ein. Es war der Todtengräber mit ſeinem Knecht, welche kamen, die Leiche in ihr letztes enges Bette zu legen, und ſie in dem mitgebrachten, von rohen Brettern zu⸗ ſammengenagelten Kaſten fort zu tragen. Unſanft rüttelte der Todtengräber den ſchlummernden Kna⸗ ben, indem er mit rauhem Lachen ſagte:„Stehe auf, Antonio, und wenn Du Dich genug erwärmt haſt an Deiner Mutter da, ſo hilf uns ſie in dieſen Paradeſarg da bringen.“ Der Knabe fuhr empor, und fragte weiner⸗ lich:„Was wollt Ihr hier, und warum kommt Ihr, die Mutter zu ſtören? Seht Ihr denn nicht daß ſie ſchläft?““ Der rauhe Mann ſagte lachend:„Ein ſchöner Schlaf das, aus dem ſie wohl erſt im Fegefeuer erwachen wird, wenn das Feuer allzu heftig brennt! Siehſt Du denn nicht, dummer Junge, daß ſie todt iſt?“ „Todt?“ kreiſchte Antonio, und warf ſich ſchluchzend über die Leiche hin. Der Todtengräber riß ihn zurück und ſagte kalt:„Laß das Quiken und Heulen, und halte uns nicht noch länger auf in unſerem Geſchäfte, für das wir, Gott ſei's geklagt, keinen Bajocchi bekommen, und das wir aus reiner chriſtlicher Liebe, weil's die Obrigkeit ſo befiehlt, thun müſſen! Ein Glück iſt's bei alledem noch immer,“ fuhr er fort, während auf einen ſtummen Wink von ihm ſein Knecht ihm behülflich war, die Leiche in den Kaſten zu packen,„ein Glück für uns, daß un⸗ ſere Gemeinde nicht verpflichtet iſt, auch für den Burſchen da zu ſorgen und ihn zu erhalten. Was geht es uns an, daß ſeine Mutter hier ſtarb? Was hatte ſie nöthig, hier vor einigen Jahren bettelarm anzukommen, um den Giacomo aufzu⸗ ſuchen, der ihr davongegangen war? Was hatte ſie nöthig, hier in Resciuta zu bleiben, weil ſie hier hörte, daß der Giacomo geſtorben, und hier ihre letzte Habe zu verzehren, und dann erſt zu ſterben? Sie war eine Fremde, und wir können, gelobt ſei Jeſus Chriſtus, nicht gezwungen werden, für den Buben zu ſorgen!“ — * 7 3 — 9— — 9—. 5 7— So ſprechend ſchlug er den Deckel. des Sarges zu, in den die Todte ſo unſanft gebettet worden, und das Geräuſch weckte den Knaben aus dem dumpfen Schmerz, in dem er, die Hände vor das Geſicht gepreßt, dageſeſſen. „Ach, meine Mutter, meine theure Mutter,“ ſchluchzte er laut,„ſie wollen Dich forttragen, ich ſoll Dich nicht mehr ſehen! Ach läge ich doch uhen Dir, ſo kalt und ſtill, wie Du! Wer wird — nun lieben und für mich ſorgen?“ Der Todtengräber und ſein Knecht achteten nicht der Klagen des armen Antonio. Sie hoben den Kaſten mit der Leiche auf, und trugen ihn hinaus.. Antonio folgte ihnen ſchluchzend nach. So be⸗ wegte ſich der ärmliche Leichenzug durch die Reihe der Hütten hin, von Niemand gefolgt, von Nie⸗ mand beklagt, als von dem Kinde, das zitternd vor tiefem Leid hinter den raſch dahinſchreitenden Männern einherlief. In dem entfernteſten Winkel des Kirchhofs ward für die Arme, die keinen Platz hatte zur Stätte für ihre Leiche bezahlen können, ſchnell eine Grube gegraben. Antonio ſtand ſtumm in innerer Qual da, unendliche Schmerzen zogen durch ſeine Kinder⸗ ſeele, und gaben ihm die erſte Erfahrung und Bildung für die Welt. Er ſah die Leiche ſeiner Mutter hinabſenken in die Gruft, er hörte die Erdſchollen mit dumpfem Gepolter hinunterrollen X— ͤ elagt 1 3 — auf den Sarg, und erſt, als der Grabhügel vollen:„ det, als er nichts mehr zu ſehen vermochte von der Leiche und dem Sarge, erſt da erwachte er aus 6 ——— Der Todtengräber, froh, ſeines Geſchäftes ent⸗ i die Hacke über ſeine Schul⸗ — 2. S. έ 8 .= — R H₰½ — ter und wandt„ um fort zu gehen. Des Kna⸗ ben durchdringendes Geſchrei lie ihn noch einmal umkehren, und ſich an Antonio wendend, ſagte. 4 „So ſchrei doch nicht ſo gar arg! Ein Knabe, wir u, wird vorwärts kommen in der Welt! u mußt betteln oder arbeiten, ve ſpare daher entweder Deine Thränen für's Betteln 1 räfte für die Arbei 3 g, r mich liebt rmt, ich wi gehen und andere Menſchen ſuchen! Die Mutter hat ja oft geſagt, daß es viele gute Menſchen giebt, ich will hingehen und gute Menſchen ſuchen!“ 6„Lebe wohl, lebe wohl, meine Mutter,“ ſagte e dann laut und küßte die Erde, unter der die — Mutter ruhte,„lebe wohl! Ich will hinausgehen in die Welt, aber überall will ich an Dich denken, und überall will ich Dich lieben!“ 4 Nun kniete er nieder und faltete ſeine Hände, und betete, wie ſeine Mutter ihn gelehrt:„Be⸗ ſchütze mich, mein Gott, und lehre mich ein guter 6 Menſch bleiben!“ Still war es ringsum, nur der Wind rauſchte in dem hohen Graſe, das die Gräber bedeckte, und nur zuweilen ließ ſich das ſanfte Zwitſchern eines Vögleins vernehmen, das, ſonder Scheu vor dem betenden Knaben, herbeigeflattert kam und nahe an Antonio's Seite umherhüpfte, ſeine Nah⸗ rung zu ſuchen. Kein Geräuſch der Welt ſtörte das wortloſe und inbrünſtige Gebet des Knaben, der mit lallender Kinderlippe flüſterte und doch nicht wußte, warum und was er betete! — II. Im Walde. Jahre waren vergangen ſeit jenem Tage und Antonio war ein Jüngling geworden. Noch immer weilte er an jenem Orte, wohin ihn der Zufall geführt, nachdem ihm ſeine Mutter geſtorben. Wenige Meilen von dem Dorfe, das er ver⸗ laſſen, tief im dichten Kaſtani nwalde, ſtand ein einſames, von wenigen Mönchen nur bewohntes Kloſter. Hierhin hatte der Knabe Antonio ſeine Schritte gelenkt und die Mönche um Schutz und Zuflucht angefleht. Man hatte ſie dem weinenden Knaben nicht verſagen können, und er ward in das Kloſter aufgenommen, wo er als Hirte der den Mönchen zugehörigen Kühe Obdach und Nah⸗ rung fand. Jeden Morgen mit dem Grauen des Tages erhob er ſich von ſeinem Strohlager, das neben ſeinen Kühen im Stall aufgeſchichtet war, und wenn er ſein Frühſtück, aus einem Stückchen Po⸗ —— — 11— lenta und einem friſchen Trunk Waſſer beſtehend, verzehrt, ſeine ärmliche Kleidung angelegt hatte, trieb er die Kühe hinaus in den Wald. Wenn aber der hereinbrechende Winter die Weide der Kühe unbrauchbar machte und ſie im Stalle blei⸗ ben mußten, dann gab es für den fleißigen Kna⸗ ben im Kloſter der Beſchäftigung mancherlei. Er mußte Futter ſchneiden für ſeine Schutzbefohlenen, mußte die Zellen der Mönche reinigen und dem Koch behülflich ſein mit Handreichungen, wenn dieſer in der Küche den Mönchen ihr leckeres Mahl bereitete. Aber je älter Antonio ward, deſto mehr be⸗ gannen dieſe Winterbeſchäftigungen ihn zu lang⸗ weilen. Eine unerträgliche Oede und Leere be⸗ mächtigte ſich ſeines Innern, und wenn ihn das Glöcklein zum Gebet in die Kapelle rief, flehte er nur zu Gott, der Winter möge vergehen und der Frühling wieder kommen. Ach, und wenn er kam, dieſer heiß erſehnte und erſeufzte Frühling, wenn die Kaſtanien⸗ und Oliven⸗ bäume im dichten Walde knospeten, wenn die Wie⸗ ſenblumen dufteten, wenn balſamiſche Lüfte fächelten, und Antonio mit der Olivenruthe in der Hand die Kühe wieder hinaustreiben konnte zur Weide, wie ward ihm dann das Herz ſo groß und ſo weit, wie jauchzte die Frühlingsluſt in ihm und trieb Gedanken als Worte auf die Lippen, ohne daß er ſelber ſich deſſen bewußt war. Und dann 12 wenn er ſeine Kühe bis an die dichteſten und ein⸗ ſamſten Stellen des Waldes getrieben, wo ſie reichliches Futter für den ganzen Tag ſinden komn⸗ ten, dann warf er ſich freudejauchzend in das weiche Moos und blickte ſtundenlang gedankenlos und doch voll unausſprechlicher Gedanken hinein in die tiefe, glänzende Bläue des Himmels, oder er pflückte die glänzendſten der Blumen, die in üppiger Far⸗ benpracht um ihn her blühten und ſchaute ſie lange an.— Dann war es ihm oft, als ſchlügen dieſe Blumen ihre Augen zu ihm empor und ſchauten ihn an mit Blicken, die weit verſtändiger waren, wie die ſeiner Kühe, mit Blicken wie die Engel ihn anſchauten, von denen er ſo oft wachend und ſchlafend träumte, und er meinte die Blumen ſlü⸗ ſtern zu höpen in einer Sprache, die er bis dahin nicht gekannt, die er jetzt aber verſtand. Sie flüſterten ihm wunderbare Geheimniſſe zu, und zu ganzen Stunden lauſchte er ihrem mährchenhaften Geflüſter und dem Durcheinander⸗ murmeln, in dem ſich ihm die Natur offenbarte. Zuweilen auch folgte er mit raſchem Lauf dem wilden Kaninchen, wie es durch die Gebüſche ſchlüpfte, oder er lauſchte, wenn es, ſeine Gegen⸗ wart nicht bemerkend, luſtig einhergeſprungen kam und unter den Gräſern und Blumen ſich wählte, was ihm behagte. Oder er ſtellte mit geſchickter Hand Fallen aus, um die Sänger des Waldes zu fangen, nicht aber um ſie zu tödten oder der — 13— Freiheit zu berauben, ſondern nur um ſie anzu⸗ ſehen, ihnen ganz nahe in die kleinen glänzenden Augen zu ſehen, in ſeiner Hand das Pochen ihres kleinen Herzens zu hören, leiſe und behutſam, wäh⸗ rend er mit der einen Hand ſie feſthielt, mit der andern die Flügel auszuſpannen und ſich an dem regelmäßigen Bau, an der Schönheit der Farben und der zarten Durchſichtigkeit dieſer Federn zu freuen. Und wenn er dann lange genug dies kleine zarte und pochende warme Leben in ſeiner Hand gefühlt, dann öffnete er ſie raſch, und Antonio jauchzte und ſchrie vor Wonne, wie das, nun der Freiheit wiedergegebene Thierchen, mit ſchnellem Flügelſchlag die Lüfte durchſchnitt und oben in den Wolken verſchwand. Mitten im Sommer aber gedachte er auch des Winters, und es drängte ihn, für dieſen ſich die Freuden des Sommers gleichſam als Monument zu bewahren. Er ſuchte die ſchönſten Blumen und Blätter, nicht aber um ſie anzuſchauen, bis ſie ver⸗ welkten, und ſie dann fort zu werfen, ſondern um ſie mit heim zu nehmen und ſie zwiſchen Steinen zu glätten und zu preſſen. Sein Eifer aber ge⸗ nügte ſich nicht, nur jeden Tag ſchöne Blumen zu pflücken, er verlangte auch, daß es jeden Tag neue, von den geſtrigen verſchiedene ſeien, und je größer und ſchöner die Ausbeute ſeines Suchens war, deſto ſtolzer und triumphirender trug er Abends, — 14— hinter ſeinen Kühen hergehend, ſeinen Strauß heim, um ihn unter den Steinen zu preſſen, die er ſich ſorgfältig dazu geglättet. Dann kam der Winter, und diesmal war er ihm nicht öde und leer, wie die verfloſſenen, er war reich an Freuden und Entzückungen. Wenn er pflichtgetreu die ihm obliegenden Ge⸗ ſchäfte beſorgt, dann eilte er hinunter in ſeine dunkle, kleine Kammer und breitete ſeine Blumen um ſich aus. Dann gewannen ſie wieder Leben und Duſt vor ſeinen innern Augen, er ſah ſie flattern im Winde, ſah ſie allmählig ihre Blätter entfalten und ihren Kelch ſich erſchließen, ſah dann die Blüthe ſchwinden und den Samen ſich anſetzen. Mit ſcharfem Auge prüfte er die verſchiedenen Ge⸗ ſtaltungen und Formen der Blüthen und Blätter, folgte den Zeichnungen und Schattirungen der ein⸗ zelnen Blüthenblätter und malte ſich dieſe Figuren mit dem Finger in den Sand, um ihn dann wie⸗ der glatt zu ſtreichen und neue Figuren zu kritzeln. Und wenn dieſe Freude erſchöpft war, da gab es wiederum einen andern Genuß, denn nun theilte er die Blumen in zwei Klaſſen ein; die eine nannte er die nützlichen, denn er hatte beobachtet, daß die Thiere des Waldes ſie mit heißem Verlangen verzehrten, die andere— er ſtockte und fragte ſich, darf ich denn die andern die nutzloſen nen⸗ nen? Iſt es denn möglich, daß in der Schöpfung etwas unnützer Weiſe ſein kann?— Er legte ſie 15— ſorgſam bei Seite und beſchloß, dieſe Blüthen im kommenden Frühling genauer zu beobachten und ihren Nutzen zu erforſchen.— So war Antonio Botaniker geworden, ohne es zu wiſſen, und kannte die Pflanzen, die Zeit ihres Wachſens, ihres Blü⸗ hens und Verwelkens, nur nicht die gelehrten Na⸗ men, die man ihnen gegeben. 3 Und als nun wieder der Frühling kam, als Antonio wieder, wie ſchon ſechs Frühlinge, die Kühe hinaustrieb in den Wald, da war es ihm diesmal, als habe er noch eine größere Freude wie ſonſt, als ſei ihm die Natur noch inniger befreundet, noch vertrauter wie in früheren Tagen, und die Blumen, mit denen er ſich den langen Winter hindurch beſchäftigt hatte, ſchienen in dank⸗ barer Liebe ihm zuzulächeln. Immer inniger befreundete er ſich nun mit der ſtillen und einſamen Natur, die in unberührter Schönheit dem Jünglinge ihre verſchwiegenſten Myſterien offenbarte und ihn ihre keuſcheſten Reize anſchauen ließ. Lange noch, ehe der Tag graute, zog er hinaus mit ſeinen Kühen in den dichten Wald, und wenn er den Thieren eine paſſende Stelle geſucht, dann ſtieg er mit eilendem Schritte die bewachſene wal⸗ dige Höhe hinan, wo er einen freien Ueberblick hatte in die Gegend umher.— Noch war Alles wie in einen Nebel gehüllt, dann allmählig begann es ſich zu lichten, einzelne — 16— dunkelrothe Streifen ſchoſſen, gleich himmliſchen Boten, am Horizont empor. Bald war dieſer ringsum in purpurne Glut getaucht. Nun kam der Wind und zertheilte die wogenden Nebel und lichtete die Wolken, und plötzlich, wie durch einen Zauberſchlag, ſtrahlte die Sonne empor, durch⸗ leuchtete das grüne duftige Thal und gab den fernen Bergesſchluchten einen violetten durchſichtigen Duft. Antonio ſtarrte wonneglühend hinaus in die Gegend und flüſterte:„Da, da ſehe ich in der Ferne Häuſer ſtehen, dort alſo wohnen auch Menſchen! O wüßte ich doch, wie jene Gegend heißt!— O wüßte ich doch,“ ſagte er laut und blickte empor zum Himmel,„woher die Sonne Morgens kommt und wohin ſie Abends geht!“— Ein Vogel flog vorüber, Antonio folgte ihm mit den Augen, wie er weit in die Ferne hinein ent⸗ ſchwebte und ſeufzte:„O wüßte ich doch, wohin er fliegt!“ Gedankenvoll ſtieg er wieder hinunter in das Thal zu ſeinen Kühen,— in ſeiner Seele waren neue Begierden, neue Wünſche entſtanden, die reine Freude an der Natur war getrübt, und wenn er die Blumen anſchaute, ſeufzte er wieder:„Wüßte ich doch nur, wie ſie heißen und warum ſie blühen!“ Und dann, wie gehoben von einem kräftigen Ent⸗ ſchluſſe, richtete er ſein Haupt ſtolz empor und ſeine Augen glühten in heiliger Begeiſterung, als er rief:„Ich will wiſſen! Ich will lernen! Ich will —— 4 III. Zwei Stunden Freiheit. Die Hora war vorüber und in erquicklicher Abendkühle wandelten die Mönche im Kloſtergarten auf und ab, als raſch herrannahende Schritte ſie in dem gelehrten und tiefſinnigen Geſpräche, mit dem ſie ſich eben unterhielten, ſtörten. Es war Antonio, der Hirtenknabe, der ſich ihnen nahte; ein dunkles Roth glühte auf ſeinen Wangen und ſeine ſchwarzen Angen blitzten wie in heiliger Be⸗ geiſterung. „Seht den Knaben, wie er ſo ſchön iſt,“ mur⸗ melte Pater Anſelmo ſeinem Nachbar zu.„Gleicht er nicht dem heiligen Michael in ſeiner erhabenen Schönheit?“ „Oder mehr noch dem Ganymed, welchen Ju⸗ piter entführte,“ entgegnete Pater Crispino, der Griechenfreund;„wahrlich, ſtiegen die Götter noch herab, ſie würden ſicher dieſen Jünoling mit ſih in den Olymp entführen. 4* — 19— „Sancta Maria!“ lispelte Anſelmo und ſchlug ein frommes Kreuz,„wie könnt Ihr nur ſo un⸗ heilige Worte reden, ſo nahe dem heiligen Hauſe! Aber ſtill, Abt Chriſtino redet ihn an.“ „Ich komme, ehrwürdiger Vater,“ erwiederte Antonio ſoeben auf die Frage des Abtes, was er begehre,„ich komme, um den Patron zu fra⸗ gen, ob Sie mit mir zufrieden ſind? „Gewiß,“ erwiederte Chriſtino;„Du warſt ſechs Jahr im Kloſter und noch nie hat man eine Klage über Dich gehört.“ Antonio's Mund umzog ein freudiges Lächeln, dann ſagte er:„Und wollt Ihr, daß ich Euch noch länger dienen ſoll?“ Der Abt nickte belahend, und Antonio fuhr fort:„Ich will es thun, aber Ihr müßt mir da⸗ für eine Bedingung erfüllen. Ich habe ſechs Jahre in Eurem Kloſter gelebt, habe die Kühe auf die Weide getrieben, in der Küche gearbeitet und Eure Zellen geſäubert; das genügte, als ich ein Knabe war, jetzt aber, da ich ein Mann werde, fühle ich, daß das dem Manne nicht genügt. Wozu hat mich Gott als Menſch geſchaffen, wenn ich doch unwiſſend bin, wie das Thier des Waldes? ozu gab mir der himmliſche Vater einen menſch⸗ lichen Geiſt, wenn ich ihn ſchlummern laſſe in mir ſelber? Wozu beſitze ich die Kraft zu denken, wenn meine Seele keine Gedanken hat, ach, und wozu kann ich mein Haupt emporrichten und . 2 — 20— um mich ſchauen, wenn ich nicht weiß, was ich ſchaue?“ „Wunderbare Fragen!“ murmelte Abt Chri⸗ ſtino und fragte dann laut:„Wie kommen Dir aber nur dieſe Gedanken, Antonio?“ „Die Natur hat ſie mich gelehrt,“ erwiederte der Jüngling ernſt;„die Blumen und die Gräſer, die Wolken und die Winde, das Rauſchen in den Bäumen und das Murmeln der Quelle, der fun⸗ kelnde Johanniskäfer und der leuchtende Stern am Himmel, alle dieſe haben zu mir geſprochen und haben geſagt:„es ſteckt Weisheit in uns und gött⸗ liche Offenbarung, und der Menſch iſt geſchaffen, daß er ſich an uns bilde und von uns lerne. Der Menſch iſt geſchaffen, unſe Geheimniſſe zu er⸗ gründen und unſere Geſetze zu erforſchen, und nicht genügt es, daß er anſchauet unſere Schönheit und lobſinget unſerer Pracht, Gott will, daß der Menſch unſere Schönheit auch erkenne und unſere Pracht verſtehe. Das Wiſſen ſoll ihm die Natur verkläaea ren, und wenn er den Bau der Blumen kennt und die innere Geſtaltung des Grashalms, wenn er den Lauf der Sterne und das Blinken des Käfers 6 erforſcht hat, wenn er weiß, warum die Winde wehen und die Wolken am Himmel ſich aufthür⸗ men, wenn alle dieſe Wunder ſich ihm erklären und offenbaren und er ſie alle verſteht, dann wird der Menſch mit lautem Lobgeſang auf ſeine Knie allen und Gott anbeten in ſeiner Herrlichkeit, denn —— ſolcher Drang nach Wiſſen komntt ſicherlich von nur erſt, wenn er die Natur erkannt, wird er auch den Schöpfer derſelben begreifen und beten, wie Gott will, daß zu ihm gebetet werde!“— Als er ſo ſprach, flammte ſein Auge, hob ſich ſeine Bruſt und in mächtiger Begeiſterung fuhr er nach kurzer Pauſe fort:„Ich will aber lernen, mit Gedanken zu Gott zu beten und im Wiſſen ihn zu erkennen.“. „Selig ſind, die da nicht wiſſen und doch glauben,“ ſagte Chriſtino und bekreuzigte ſich. „Seliger aber, die wiſſen und doch glauben,“ rief Antonio glühend,„und ſo will ich ſelig wer⸗ den! Darum hört mich an, frommer Vater, und erwägt meinen Vorſchlag. Ich will bleiben, was ich war, Euer Hirte, ich will alle meine Geſchäfte nach wie vor getreulich erfüllen und begehre dafür weiter keinen Lohn, als zwei Stunden des Tages, in denen ich thun kann, was ich will, in denen ich mich belehren darf, zwei Stunden, die mein ſind und in denen mich Niemand ſtören darf. Wollt Ihr mir dieſe bewilligen?“ Chriſtino ſagte lächelnd:„Ich will! Aber ſie werden Dir, fürchte ich, nicht nützen; wie willſt Du lernen, wenn Du nicht leſen und ſchreiben kannſt?“ Pater Crispino, der dem Zünglinge mit reger. Theilnahme zugehört, trat jetzt vor, und ſich de⸗ müthig vor dem Abt verneigend, ſagte er:„Ein —— Gott. Wenn Ihr es alſo erlaubt, ſo möchte ich wohl ein frommes Werk üben und den Jüngling unterweiſen in dem, was ihm vor allen Dingen Noth thut, im Griechiſchen und Lateiniſchen.“ „Nöthiger noch,“ ſagte Chriſtino,„ ſcheint mir für ihn die Kenntniß ſeiner Mutterſprache. Du biſt doch ein Italiener?“ fragte er dann Antonio. „Mein Vater war ein Italiener,“ ſagte An⸗ tonio,„meine Mutter aber eine Deutſche.“ „Dachte ich's mir doch, daß fremdes Blut in ſeinen Adern fließt, flüſterte Chriſtino zu ſich ſelber. Woher käme auch dem echten Sohne Ita⸗ liens dieſer Drang nach Wiſſen?“ „Für die Kenntniß des Italieniſchen laßt mich ſorgen,“ ſagte Pater Anſelmo;„auch im Rechnen und in der Geographie unterrichte ich ihn gerne, wenn Ew. Hochwürden es erlaubt.“ „Es ſei Euch gewährt,“ ſagte Chriſtino,„doch bedenkt, daß nur zwei Stunden des Tages dieſen Beſchäftigungen gewidmet ſein dürfen. Wir wollen nicht unſern guten Hirten und Knecht verlieren, um dafür einen halben Gelehrten zu gewinnen!“ „Zwei Stunden des Tages ſind mein!“ jubelte 4 Antonio und küßte den beiden Vätern, die 8 3 4 bereit erklärt, ihn zu unterrichlan⸗ anit Aühehg Dankesluſt die Hände.= A — △ W 9, 3 7 2 2 3 IV. Neue Lebenswege. d Nun begann für Antonio ein neues Daſein. Gleich einer öden und unfruchtbaren Gegend, in der plötzlich eine Quelle auperpatet a Blü⸗ then und Früchte hervortreibt, ſo ſproßten in An⸗ tonio's Seele die Blüthen des Erkennens. Ein Born des Wiſſens war in ihm emporgeſprudelt und über⸗ fluthete alle andern Gedanken, alle frühern Empfin⸗ dungen und Wünſche. Alle ſeine Seelenkräfte hatten ſich zuſammengedrängt auf dieſen Einen Punkt, ſeine Wünſche hatten ſich concentrirt auf das Eine Begehren, zu lernen, zu wiſſen, und die Ge⸗ walt ſeines Willens überwand alle Schwierigkeiten, . die ſich ihm entgegenſtellten, alle Mühen des er⸗ ſten praktiſchen Lernens. Wenige Wochen und Antonio verſtand zu leſen unnd zu ſchreiben, und er wußte, was er las und ſchrieb. Nun war der erſte Berg überſtiegen auf — 24— ſeiner neuen Bahn und dann ſchien der Weg ihm* leicht und geebnet. Die Natur hatte ſeine Seele wie einen Acker beſtellt, daß die nun hineingeſtreute Saat keimen und zur Blüthe aufgehen konnte, und die Sonne des Willens beſtrahlte dieſe Blüthe, daß ſie mit Rieſenkraft emporſchoß und Früchte des Erken: 4 nens trug. Antonio lernte in zwei Stunden, was Andere in vielen Wochen, und wenn er dann wieder als G Hirte mit ſeinen Kühen hinauszog in den Wald, ſo begleiteten ihn doch ſeine Gedanken und es war ihm, als ob das Anſchauen der Natur erſt das, was er gelernt, in ihm zur Reife brächte und zum Gedeihen. Tief im Walde, inmitten der Stille und Ein⸗ ſamkeit und dem Frieden der Natur, hatte An⸗ tonio ſein Lieblingsplätzchen. Da war es ſo heim⸗ lich und ſtill, ſo verſchwiegen 29 lauſchig. Eine kleine blumige Wieſe lag im Gonnenſchein vor ihm ausgebreitet, und auf dieſer Weideten in guter Ruhe ſeine Kühe. Antonio hatte nicht nöthig ſie zu bewachen, ſie entfernten ſich nicht von, dem Platze, wo ſie ſo reichliches Futter fanden. Er konnte ſich alſo wieder mit ſeinen Büchern beſchäftigen, konnte dort unter ſeine Lieblingseiche ſich lagern und ſeine Gedanken und Träume frei in ſich wal⸗ ten laſſen. 3 Und war nicht dieſe Eiche ſeine Vertraute, ſeine A— — 25— Freundin? Hatte er nicht ihrem hohlen Stamme einige Bücher, einige Landkarten anvertraut, hatte er nicht außen an der Rinde ein Zuckerrohr be⸗ feſtigt, das ihm als Tubus diente, um Abends die Sterne zu beobachten? Mußte er dieſe Eiche nicht lieben, die für ihn ſo unermeßliche Schätze umſchloß? So ſaß er eines Tages in ſeiner Waldeinſam⸗ keit, die Landkarten um ſich her ausgebreitet, um auf denſelben den Kriegeszug Cäſar's zu verfolgen nach den aufgeſchlagenen Commentarien, die er in der Hand hielt. Das Geräuſch ſich nähernder Stim⸗ men ſtörte ihn nicht, er war ſo ganz verſunken in ſeine Studien, daß er es überhört hatte und gar nicht bemerkte, wie ein hoher ſtolzer Mann, das⸗Gewand mit Orden verziert, von mehreren Cavalieren begleitet, über die Wieſe daherge⸗ ſchritten kam. „Es war ein guter Einfall, Marcheſe,“ ſagte der hohe Fremde zu einem ſeiner Begleiter,„daß Sie uns vorſchlugen, dies Gehölz zu Fuße zu durchwandern. Ein ſolcher Spaziergang durch Waldesgrün ſtärkt mich für den Sonnenbrand ei⸗ nes ganzen Tages. Auch iſt es wunderlieblich und ſchön hier,“ fuhr er fort, mit freudigen Mienen um ſich her ſchauend,„und nach ſo vielen Fern⸗ ſichten und Ausſichten erquickt dieſe Begrenzung mein Auge unendlich. Aber ſeht,“ fuhr er leiſer fort,„ſeht jenes ſeltſame Bild. Wahrlich, bewegte 26— jener ſchöne Züngling nicht eben den Arm, ich würde ihn, wie er ſo daliegt in ſeiner Schönheit unter der prächtigen Eiche, für ein Gemälde Tiziano Bicell's halten. Seht, die Bäume legen ſich wie ein Rahmen um dieſes köſtliche Bild.“ „Wunderbar!“ fuhr er nach einer Pauſe, in der er unverwandt den Jüngling betrachtet, leiſe fort.„Seine ärmliche Kleidung ließe eher auf einen Bettler als einen Gelehrten ſchließen, und doch zeugen die um ihn her ausgebreiteten Land⸗ karten und das Buch in ſeiner Hand von Gelehr⸗ ſamkeit. Ich will doch zu ihm gehen. Erwartet mich hier!“ Mit einer gebieteriſchen Handbewegung winkte er ſeinen Begleitern, zurückzubleiben und ſchritt raſch auf Antonio zu, der jetzt von ſeinem Buche aufſchauend mit Verwunderung einen Fremden neben ſich erblickte. 3 „Schön, ſehr ſchön,“ murmelte der Unbekannte in ſich hinein,„das wahre Bild eines Antinous. Welche Augen, welch eine hohe, ſchöne Stirn und wie maleriſch die braunen Locken zu beiden Seiten der roſigen Wangen hinabfallen!“ Antonio fühlte ſich beläſtigt von dem unver⸗ wandten Anblicken des Fremden, und er ſagte un⸗ willig:„Wenn es Euch gefällt, Signor, ſo wen⸗ det Eure Augen auf einen andern Gegenſtand und ſtört mich nicht länger in meinen Studien.“ Der Fremde lächelte, und erwiederte mild: 2 — 27— „Verzeiht! Und möge meine Verwunderung mich entſchuldigen. Der Anblick eines ſo gelehrten Hir⸗ ten konnte mich wohl überraſchen. Was leſ't Ihr denn da?“ 3 „Den Commentarius de bello gallico,“ ſagte Antonio unbefangen,„und Ihr habt mich ge⸗ rade unterbrochen, als Cäſar über die Alpen geht. Verſteht Ihr etwas von Geographie?“ fragte er raſch. „Ein wenig,“ erwiederte der Unbekannte, ſicht⸗ lich ergötzt von der Unbefangenheit und Natürlich⸗ keit des Jünglings. „Ach, das iſt ſchön,“ rief Antonio freudig; „o dann helft mir auf dieſer Karte hier doch ge⸗ nau die Stelle ſuchen, wo Cäſar hinüberzog nach Gallien.“ Der Fremde bückte ſich nieder, und ſuchte emſig und aufmerkſam auf der Karte, dann deutete er mit dem Finger auf eine Stelle hin, und ſagte: „Ich denke, hier war es. Seht, da ſteht es auch, St. Gotthardt.“ „Richtig, richtig,“ jubelte Antonio, und ſtarrte dann, in Gedanken verloren, auf den bezeichneten Punkt hin. „Die Ausſicht auf jenem Berge iſt köſtlich,“ ſagte der Fremde nach einer Pauſe,„und man braucht nicht Cäſar zu heißen, um an jener Stelle den Wunſch zu ſden⸗ ſich die ſchönen Lande, die man überſchauk, zu unterwerfen.“ 8 — 28— „Ihr waret dort,“ fragte Antonio erſtaunt, „dort an jener Stelle, wo Cäſar einſt ſtand, und Ihr ſeid nicht geſtorben vor Entzücken?“ „ Ihr ſeht, ich lebe,“ lächelte der Fremde,„und doch komme ich eben daher.“ „So waret Ihr auch wohl gar in Gallien,“ fragte Antonio,„ſaht die wilden Teutonen mit den Bärenfellen und den langen Locken und die muthige Tusnelda?“ „Gallien iſt längſt zu Grabe getragen,“ er⸗ wiederte der Fremde,„und man nennt es jetzt Deutſchland.“ „Deutſchland!“ rief Antonio verwundert; „Gallien iſt Deutſchland? Ach dann bin ich ja ein halber Abkömmling dieſes wilden Volkes, und habe,“ fuhr er ganz leiſe fort,„habe doch noch ſo we⸗ nig gethan, noch nicht eine einzige kühne That!— Alſo Gallien iſt Deutſchland! Das Vaterland meiner Mutter! O ich werde es auch ſehen, ich muß es ſehen!“ „Aber es wird Ench wohl an Mitteln fehlen?“ forſchte der Fremde;„Die Reiſe iſt lang, und Ihr werdet des Geldes bedürfen.“ „Ich werde mir das Geld verſchaffen!“ rief Antonio heftig;„Nur ein entdeckter und ertappter Dieb war bei den Spartanern beſchimpft, ich werde ſchon klug ſein, daß man mich nicht entdeckt!“ Der Fremde lachte.„So wolltet Ihr das Geld ſtehlen, um zu reiſen?“ 5 4 Antonio erröthete vor Unwillen, als er er⸗ wiederte:„Wer zu einem edlen Zwecke nimmt, iſt kein Dieb.“ „O Unſchuld,“ rief der Andere, und lachte laut. Dann, wieder ernſt werdend, fuhr er fort: „Wie kommt Ihr aber zu Euren Kenntniſſen? Bei wem lebt Ihr? Wer unterrichtet Euch?“ Als Antonio dieſe Frage beantwortet hatte, ſagte der Fremde gebieteriſch:„Geht, und ruft mir den Abt hieher! Ich will ihn ſprechen.“ „Wer Seine Hochwürden ſprechen will,“ er⸗ wiederte Antonio ſtolz,„der geht in's Kloſter hinauf, und bittet demüthig um Gehör!“ „Leider fehlt es mir an Zeit dazu,“ ſagte der Andere gütig,„bittet daher Seine Hochwürden, daß er zu mir herunterſteige. Einer von den Signori da kann Euch begleiten.“ Es lag etwas ſo Gebieteriſches in des Mannes, Weiſe, daß Antonio nicht zu widerſprechen wagte, und ſich bereit erklärte zu gehen, wenn der Fremde ſo lange auf ſeine Kühe achten und Sorge tragen wolle, daß ſie nicht etwa die Wieſe verließen und in's Gebüſch hinein ſich verliefen. Der Fremde brach in ein lautes Gelächter aus. „Wie“, rief er,„Ihr wollt mich zu einem Kuhhirten machen? Nun gut, ich laſſe es mir gefallen!“ Dann winkte er den Cavalieren, die eiligſt her⸗ beigerannt kamen, und flüſterte lange mit ihnen.— Sie verneigten ſich Aſaßhiswoll und wandten 30 ſich dann an Antonio, ihn auffordernd, ſie zum Kloſter zu führen. „Kehrt aber bald zurück,“ ſagte der Fremde heiter,„ich fürchte ſonſt, jene Kühe dort könnten es gewahr werden, daß ihr Herr ſie verlaſſen, und mir zum Trotz in's Gebüſch laufen, was mir ſtreng unterſagt iſt. Geht!“ Kurze Zeit war vergangen, als Antonio mit den Cavalieren und dem Abte zurückkehrte, der auf einige ihm zugeflüſterte Worte ſich ſchnell be⸗ reit erklärt hatte, ſie zu begleiten. Sie fanden den Fremden im Graſe ſitzend, einen Olivenzweig in der Hand, und die Augen unverwandt auf die Kühe gerichtet, die vor ihm im Graſe weideten. „Schade, daß Ihr ſchon wieder da ſeid,“ rief er den Kommenden aufſtehend entgegen,„ich habe hier einige köſtliche Minuten verlebt; mich dünkt, es waren die ſchönſten meines Lebens!“ Der Abt hatte ſich inzwiſchen unter fortgeſetzten Verbeugungen genähert, und ſank jetzt vor dem Fremden ehrfurchtsvoll auf ein Knie nieder. „Stehet auf, ſtehet auf, ehrwürdiger Vater,“ ſagte dieſer ernſt;„es ziemt dem Diener des Herrn nicht, vor einem Menſchen zu knien!“ „Das iſt ein wahres Wort,“ ſagte Antonio, „und ich begreife Seine Hochehrwürden nicht, ich ſah ihn noch nie in der Kapelle ſo tief ſich neigen, wie hier vor einem ſimpeln Menſchen.“ Die Cavaliere wandten ſich ab, kaum im Stande, — 31— 4 ihr Lachen zu unterdrücken, der Abt ſchien wie er⸗ ſtarrt vor Schreck, der hohe Fremde aber ſagte gütig:„Laßt ihn! Seine Natürlichkeit erfreut mich!“ Dann nahm er des Abtes Arm und ging lange und angelegentlich ſprechend mit ihm auf und ab. „Ihr glaubt alſo, daß er Anlagen, Talente hat?“ fragte er am Schluß ihrer Unterhaltung noch einmal. „Eure Majeſtät, ich bin überzeugt, daß etwas Großes aus ihm werden kann.“ „So iſt es Pflicht, ihn zu unterſtützen,“ er⸗ wiederte der Andere, und rief Antonio zu ſich heran. Eine Zeit lang betrachtete er ihn aufmerkſam, dann nickte er wohlgefällig und ſagte gütig: „Antonio, Seine Hochehrwürden lobt mir Deine Fähigkeiten und Talente. Ich will einen Ge⸗ lehrten, einen Künſtler aus Dir machen. Du kannſt mich begleiten! Ich will Dich an einen Ort bringen, wo Du Gelcggenheit finden wirſt, Dich in Allem zu unterrichten, was Du wiſſen möchteſt, wo Tauſende von Büchern Dir offen ſtehen, und wo Du auch,“ fuhr er lächelnd fort, „von der neuen Geſchichte erfahren ſollſt, damit Du in Deutſchland nicht mehr Gallien ſuchſt. V Weenn Deine Studien vollendet ſind, will ich Dich — in meine Dienſte nehmen und für Dein Weiter⸗ kommen ſorgen. Dagegen mache ich Eine Bedin⸗ gung, es iſt dieſe, daß Du während der Dauer — 32— unſrer Reiſe niemals in den Städten, wo wir anhalten um zu raſten, das Zimmer verläßt und auf die Straße gehſt. Ich wünſche, daß Du die Welt erſt ſiehſt, wenn Du gelernt haſt in ihr zu leben. Zetzt folge mir! Die Wagen harren unſrer am Ausgang des Gehölzes.“ Antonio hatte dem Fremden aufmerkſam zuge⸗ hört, und jetzt ſagte er ſtolz:„Ihr habt Eure Bedingungen gemacht, ich will auch die meinigen machen, und nur, wenn dieſe erfüllt werden, be⸗ gleite ich Euch.“ „Unglücklicher,“ rief der bebende Abt,„Du wagſt—“ „Laßt ihn,“ unterbrach der Fremde ihn gütig; „er iſt ſeiner Rechte als Menſch ſich bewußt, und kennt keine anderen. Deine Bedingungen?“ .„Es ſind dieſe,“ ſagte Antonio ſtolz,„daß ich, indem ich Eure Wohlthaten annehme, nicht zu Eurem Diener und Sclaven werde. Ich will Euch dankbar, aber nicht dienſtbar ſein. Dann, daß ich lernen und meine Studien wählen kann, wie ich will, und dann endlich, daß Ihr mir Euren Namen ſagt. Ich nehme keine Wohlthaten an von einem Manne, den ich nicht kenne.“ „Die erſten Bedingungen ſollen Dir in der Folge bewilligt werden, die letzte ſchon jetzt. Ich heiße Ferdinand, und bin Vicekönig von Sicilien!“ Antonio ſchreckte zuſammen, er kniete aber nicht nieder, ſondern kreuzte ſeine Hände über die Bruſt — 33— und verneigte ſich tief, wie er es von den Athe⸗ nienſiſchen Jünglingen geleſen. Wenige Minuten ſpäter, und er ſaß auf dem Rückſitz des Wagens, in welchem der König fuhr. Seine Augen aber ſtanden voll Thränen, er lehnte ſich aus dem Wagen, ſie zu verbergen, und noch einmal hinzublicken auf den geliebten Wald und das Kloſter, von dem zu ſcheiden ihm jetzt unendlich ſchwer ward. Dann gedachte er des Grabes ſeiner Mutter, und ſeine Thränen floſſen reichlicher! Antonio. 3 V. Am Hofe. Im Vorſaale des Vicekönigs von Palermo waren die Höflinge verſammelt, und unterhielten ſich, die Ankunft ihres Herrn erwartend, in leiſem Geflüſter über die jüngſten Begebenheiten des Ta⸗ ges und Hofes, als die Flügelthüren raſch geöff⸗ net wurden, und ein junger, hoch gewachſener Mann mit ſtolzen, aber ſchönen Zügen eintrat. „Ah, ſieh da, Graf Mannavedo!“ riefen die Cavaliere, und umringten den Grafen, der mit nachläſſigem Kopfnicken ihre Grüße erwiederte. „Was giebt es Neues?“ fragte er dann leicht hingeworfen, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:„Ich, Signori, ich kann Euch eine Neuigkeit erzählen.“ „Und welche,“ fragte der Chor der Neugie⸗ rigen.. Graf Mannavedo warf den ſammtnen Man⸗ tel, der über ſeine Schultern hing, leicht zurück, — 35— und erwiederte ſorglos:„Es iſt dieſe, daß der Günſtling des Vicekönigs, Graf Mannavedo, dem Ihr ſoeben den Hof macht, weil er Günſtling iſt, daß dieſer, ſage ich, nächſtens von einem an⸗ dern verdrängt werden wird.“ „Delicioso! superbo!“ lachten die Cavaliere; „den Helden möchten wir ſehen, dem das gelin⸗ gen könnte!“ „Ihr werdet ihn ſehen, heute noch!“ erwie⸗ derte der Graf ernſt.„Es iſt ein Findling, ein auf der Landſtraße Aufgegriffener, oder ſo etwas, genug, der Vicekönig hat ihn erziehen laſſen im Jeſuitercollegium hier in Palermo, und vor eini⸗ gen Tagen haben die frommen Mönche Sr. Ma⸗ jeſtät erklärt, daß ſie dem Jüngling nichts mehr zu lehren wüßten.“ „Und dies Monſtrum von Gelehrſamkeit,“ fragte einer von den Cavalieren,„dieſe Perücke iſt nun hier im Schloſſe?“ Graf Mannavedo nickte bejahend, und ſagte dann kurz:„Se. Majeſtät hat ihn zu ihrem Ge⸗ heimſecretair ernannt.“ Die Herren lachten.„Nun immerhin,“ ſagte der Marquis von Spidora,„laßt dieſes Püpp⸗ chen einſtweilen unſers Herrn Spielzeug ſein. Wir werden es, denk' ich, noch erleben, daß es unter des Königs Händen zerbricht.“ „Was eine Laune erzeugte, wird ſie auch bald wieder zerſtören,“ ſagte ein Anderer. * „Nehmen wir keine Notiz von dieſem Irr⸗ lichte!“ rief ein Dritter. „Bah, ich werde ihn niemals bemerken, dieſen Emporkömmling,“ bemerkte der Marquis von Spi⸗ dora mit verächtlichem Achſelzucken. Graf Mannavedo allein ſchwieg, und ſeine finſteren, ſtechenden Blicke flogen von einem der Cavaliere zum andern, mit einem Ausdruck, als wolle er ihre innerſten Gedanken ergründen. „Nun,“ ſagte er dann langſam und gemeſſen, „wir werden ja ſehen, wie die Signori ihr Wort halten. Ich meines Theils habe ein ſehr gutes Gedächtniß für Alles. Auch ſah ich ſchon manche Blume ſtolz und üppig mit wunderbarer Schnelle emporblühen und dann plötzlich verwelken und zuſammenbrechen, und manchen ſtolzen Baum ſah ich vom Winde bewegt und den Gipfel zur Erde geneigt; aber er zerbrach nicht, und wenn der Sturm vorüber, richtete er ſich ſtolzer noch auf, wie zuvor. Das genügt mir. Aber ſtill,“ un⸗ terbrach er ſich ſelbſt,„Se. Majeſtät kommt.“ Schritte näherten ſich der Thüre; die Cava⸗ liere, vorher ſo heiter, nahmen nun eine ernſte, unterwürfige Miene an und ſtellten ſich in Reih und Glied. Graf Mannavedo allein lehnte nach⸗ läſſig an einer der marmornen Säulen, welche die vergoldete Decke trugen, er ſpielte ſorglos mit der ſchweren goldenen Kette, die um ſeinen — 37— Hals hing und an der ein Miniaturbild des Vice⸗ königs befeſtigt war. Die Flügelthüren flegen auf, und der Vice⸗ könig trat ein. Tief zur Erde geneigt ſtanden die Cavaliere, nur Mannavedo ſtand ſtolz aufge⸗ richtet da, und ſein forſchender Blick überflog die Geſtalt des Jünglings, den der Vicekukig an ſei⸗ ner Hand hereinführte. Dieſer Jüngling aber war Antonio, der mit beſcheidener Miene, ſchüchtern und erröthend ein⸗ getreten war. Der Glanz und die Pracht um ihn her blendete und verſchüchterte ihn, die Unterthä⸗ nigkeit und knechtiſche Höflichkeit der Cavaliere trieb die Schamröthe auf ſeine Wangen, und unbekannt, wie er war mit den Gebräuchen und Formeln der Welt, ſagte er zu ſich ſelbſt:„Gleichen nicht dieſe Männer alle, in ihren bunten, geſtickten Gewän⸗ dern, mit ihrem weibiſchen Läch eln und ihrer ſela⸗ viſchen Demuth, gleichen ſie nicht den entnervten und entwürdigten Römern, die den Fall des glor⸗ reichen Roms verſchuldeten? Nun begreife ich erſt, wie Rom untergehen konnte! Es waren keine Män⸗ ner da, und es ſind auch hier keine!“— Da begegnete ſein umherſuchender Blick den forſchend auf ihn gerichteten Augen Mannavedo's, ein glück⸗ liches Lächeln trat auf Antonio's Lippen und er flüſterte in ſich ſelber:„dieſer iſt ein Mann!“ Die Ceremonien der Begrüßungen waren vor⸗ über, die Cavaliere wagten es, ihre geſenkten — 38— Häupter wieder zu erheben und die flüchtig hin⸗ geworfenen Fragen des Monarchen mit tiefer Un⸗ terthänigkeit und unendlich wichtigen Mienen zu beantworten, als der Vicekönig, nach Fürſtenart dieſe Antworten nicht beachtend, Antonio's Hand nahm und ſagte:„Ich bringe Ihnen hier, Sig⸗ nori, einen jungen Freund von mir, den ich Ihrer Freundſchaft empfehlen möchte.“ „Wir werden glücklich ſein, wenn der junge Cavalier die unfrige annehmen will,“ ſagte der Marquis von Spidora, und trat Antonio mit verbindlichem Gruße näher. „Ich bitte Sie, über meine Zeit und über mich ganz nach Ihrem Gefallen zu gebieten, Sig⸗ nor,“ ſagte ein Anderer. „Betrachten Sie mich als Ihren wärmſten Freund,“ ein Dritter. „Ich bin ganz zu Ihren Dienſten,“ verſicherte ein Vierter. Antonio aber hörte mit wachſendem Erſtaunen alle dieſe warmen Freundſchaftsverſicherungen, an deren Wahrheit er gar nicht zweifelte und über deren raſches Entſtehen er ſich nur wunderte. Graf Mannavedo allein ſchwieg. Er gedachte des früheren Geſpräches mit den Cavalieren und ein ſpöttiſches Lächeln umzog ſeinen Mund. In dieſem Augenblicke richtete Antonio, gleich⸗ ſam als wolle er ihn um Aufſchluß bitten, ſeine fragenden Blicke auf den Grafen, der ihm nicht * ein einziges Wort geſagt, wie die Andern deren ſo viele, und von dem er es doch am liebſten ge⸗ hört. Seinem Auge entging Mannavedo's Lächeln nicht, wie ſchnell es auch wieder aus den ſtolzen Zügen verſchwunden war, und Antonio fühlte es wie einen eiſigen Hauch über ſein Herz hinziehen. Er wußte aber nicht, daß dies die erſte Berüh⸗ rung der Welt war, die ihn ſchmerzte, er wußte nicht, daß er bis jetzt in einem Paradieſe geweſen und daß dieſe Alle, die hier um ihn verſammelt waren, ihm nichts zu bieten hatten, als verlockende Früchte, ihn aus dem Paradieſe zu vertreiben. Der Vicekönig hatte den Betheuerungen ſeiner Cavaliere mit ſichtlichem Wohlwollen zugehört und ſich an Mannavedo wendend, ſagte er ernſt: „Signor, wir erwarten, daß auch Ihr unſerm jungen Freunde gewogen ſeid, und mit Recht muß uns Euer Schweigen verwundern.“ „Ew. Majeſtät ſind ſehr gnädig, mich Ihrer Aufmerkſamkeit noch werth zu halten,“ erwiederte Mannavedo lächelnd,„und ich ſage meinen unter⸗ thänigſten Dank dafür. Aber Ew. Majeſtät kön⸗ nen nicht verlangen und wünſchen, daß ich einem Fremden, einem Namenloſen, meine Freundſchaft anbiete. Dürfte ich um die Gunſt bitten, den Namen dieſes Cavaliers zu erfahren?“ 1 „Er heißt Antonio,“ ſagte der Vicekönig miß⸗ muthig, während der Jüngling ſich mit den ihn umringenden Cavalieren unterhielt. „Antonio,“ wiederholte Graf Mannavedo mit † verbindlicher Verneigung.„Antonio,— und wei⸗ ter? Oder führt er wie die Heiligen nur dieſen Einen Namen und bedarf keines Geſchlechtsnamens, gleich uns andern ſterblichen Grafen und Baro⸗ nen?“) 3, Des Vicekönigs Stirn umwölkte ſich, und ſein finſterer, zorniger Blick traf den Grafen, der jetzt mit unterthäniger und verbindlicher Miene, als— erwarte er eine Antwort, zu ihm aufblickte. „Ach,“ ſagte der Fürſt dann nach einer Pauſe, „ich vergaß, daß wer mit Euch leben ſoll, kein Heiliger ſein muß, ſondern ein ſündiger Menſch, und darum darf auch mein junger Freund hier nicht namenlos vor Euch ſtehen. Er heißt von heute an Antonio, Conte di Calvaro!— Anto⸗ nio, Conte di Calvaro,“ wiederholte er dann lauter, daß die Hofherren verſtummten und ehre⸗ erbietig lauſchten;„ich denke, Signori, Sie wer⸗ den zufrieden ſein mit dieſem Namen und Sorge tragen, daß Niemand am Hofe ihn vergißt!“ Er nickte flüchtig mit dem Haupte und trat in ſeine Gemächer zurück. 8 Graf Mannavedo lehnte ſich in die Fenſter⸗ niſche zurück und murmelte zwiſchen den zuſam⸗ mengepreßten Lippen ein Maledetto! hervor, wäh⸗ rend die Cavaliere fortfuhren, in zuvorkommender Weiſe Antonio ihre Dienſtbefliſſenheit und Freunde ſchaft zu verſichern. — „Sagt, womit können wir Euch dienen, wo⸗ mit Euch nützlich ſein?“ fragte ſoeben der Mar⸗ quis von Spidora. Antonio erwiederte:„Ich bitte nur um Eines, Signori, um Ihre Nachſicht! Möchten Sie nie vergeſſen, daß ich, einer Pflanze gleich, meinem heimathlichen Boden entriſſen ward und verpflanzt in eine Zone, die mir, ich fühb es wohl, ganz fremd iſt. Seit den wenigen Stunden, die ich hier bin, meiner Einſamkeit und meinen Studien entriſſen, habe ich ſo viel des Neuen, Ueberraſchen⸗ den und Fremden geſehen, daß meine Seele fort⸗ während wie in einem Taumel der Verwunde⸗ rung und des Erſtaunens iſt und aller Ruhe und Ueberlegung ermangelt. Dieſe Welt, die mich umgiebt, iſt mir eine fremde, deren Sitten ich nicht verſtehe, deren Sprache ich nicht zu reden weiß und wo ich bei jedem Schritte vorwärts fürchten muß auszugleiten, denn, verzeiht, meine Ahnung ſagt mir, daß der Weg vor mir ſchlüpf⸗ rig und gefahrdrohend iſt. Wollten Sie denn vor allen Dingen mir Ihren Arm leihen, wenn ich ſtrauchele, Ihr Auge, mir, dem Blinden, die ge⸗ fährlichen Stellen zu bezeichnen, mich warnen, wo ich fehle und mir Ihre gütevolle Nachſicht nicht verſagen, wenn ich abſichtslos gegen die Formen und Sitten fehle, in denen Sie heimiſch ſind!“ „Welch ein unſchuldiger Dummkopf!“ mur melte der Marquis von Spidora. Laut ſagte er — 42— dann zu Antonio:„Signor Conte di Calvaro 1 ſind zu beſcheiden! Ein echtes Genie bricht ſich überall Bahn, iſt überall an ſeinem Platze, und wie der Aar die Wolken durchfliegt und zur Sonne ſich aufſchwingt, ſo werden wir ſehen, wie Ihr kühn dieſe nebeligen Dünſte, die jetzt noch Enren Blick umdüſtern, verlaſſen und zum Höchſten Euch f aufſchwingen werdet!“ 3 „Und Ihr, Signor Marquis,“ ſagte Manna⸗ vedo mit ſpöttiſchem Lachen,„Ihr werdet dann vermuthlich, einer Taube gleich, unten ſtehen und zum Adler hinauf girren.“ „Oder wahrſcheinlicher,“ erwiederte Spidora verbindlich,„werde ich bei Euch Schutz ſuchen, denn der Taube iſt der Adler gefährlich. Aber,“ fuhr er dann, ſich wieder an Antonio wendend, fort,„was unternehmen wir nur heute, Conte di Calvaro?“.* „Ja, was unternehmen wir nur?“ riefen alle Cavaliere. „Wollen wir die Primadonna der Oper be⸗ ſuchen?“ fragte Einer,„ſie iſt reizend und lebens⸗ 8 luſtig und freigebigen Cavalieren ſehr gewogen.“ 9 „O laßt die Primadonna,“ rief ein Zweiter, 1 „ſie hat ſchon zu viel geliebt, ihr Herz iſt runz⸗ licht wie ihr Angeſicht. Gehen wir lieber hinab zur Strada Peschatore, da weiß ich ein bildſchönes dchen, eine wahre Juno an Schönheit und Diana an Keuſchheit. Sie hat noch niemals — 413— geliebt, und es gilt die Wette, wer von uns ihr Herz erobert.“ „Per bacco, das iſt ein ſchöner Vorſchlag,“ rief Spidora,„ich dächte, wir gingen hin. Was meint Ihr dazu, Graf Calvaro?“ Antonio ſah ihn mit einem langen verächtli⸗ chen Blick an, und edle Zornesröthe glühte auf ſeinen Wangen, als er erwiederte:„Ich kann's nicht glauben, Signori, daß es Ihr Ernſt ſei, ein Mädchen, von dem Ihr ſelber ſagt, daß ſie keuſch ſei und rein, ſo zum Spielzeug Eurer Laune zu machen und ihre Unſchuld zu verwetten! Nein, verzeiht,“ fuhr er heiterer fort,„daß ich nur einen Augenblick dieſen Scherz für Ernſt nahm, und ſo Euch kränkte. Ihr ſeht wohl, ich hatte Recht, Euch vorher ein für allemal um Eure Nach⸗ ſicht zu bitten.“ „Nun ſo laßt uns etwas Anderes vorſchla⸗ gen,“ ſagte Spidora und verbarg mühſam ein lautes Lachen;„oder gehen wir zu der ſchönen Primadonna?“ „Verzeiht,“ ſagte Antonio,„aber ich wage es nicht, Euch zu begleiten. Aller Umgang mit Weibern iſt mir fremd, und ſo fühle ich noch nicht den Muth in mir, zu irgend einem Mädchen zu ſprechen. Ihr würdet Euch meines linkiſchen und unbeholfenen Weſens nur zu ſchämen haben.. „Wie, iſt es möglich, Ihr habt nie mit Wei⸗ bern geſprochen?“ rief Spidora. 3 — 41— „Per Dio, Ihr fürchtet die Mädchen?“ fragte ein Anderer. „Ihr treibt Euren Scherz mit uns!“ lachee ein Dritter. Antonio aber ſagte ernſthaft:„Auf meine Ehre, ich habe ſeit dem Tode meiner Mutter mit keinem Weibe geſprochen, und dieſe meine Mutter ſtarb, als ich noch ein Knabe war.“ Die Herren lachten laut.„Nun ſo laßt uns in eine Oſteria gehen, oder die Spielbank be⸗ ſuchen,“ rief der Marquis Spidora. Wir müſſen durchaus den jungen Grafen mit den Frenden einer großen Stadt bekannt machen. Antonio lehnte alle dieſe Anerbietungen be⸗ ſcheiden ab und ſagte:„Es iſt heute ſeit vielen Jahren der erſte Tag, wo ich mich nicht mit mei⸗ nen geliebten Studien beſ ſchäftigt hube. Ihr wer⸗ det aus eigner Erfahrung wiſſen, Signori, daß es ſchmerzlich iſt, ſich ſo lange von den Studien und Büchern zu trennen, und werdet mir daher verzeihen, wenn ich Euch bitte, für heute mich zu entſchuldigen. 14 Mit einem ſanſten Lächeln und einer tiefen Verbeugung gegen Mannavedo, der, ein aufmerk⸗ ſamer Zuhörer, ſtill und ſchweigend abſeits von den Uebrigen ſtand, ſchritt Antonio durch das Ge⸗ mach und ging hinaus. Stumm ſtanden die Cavaliere und blickten ihm nach, bis er verſchwunden, dann, als anich der — — — — 45— Schall ſeiner Tritte verklungen war, brachen ſie in ein lautes, anhaltendes Gelächter aus, das ihnen anfangs Kraft und Athem zum Sprechen nahm, und nun wiederholten ſie unter fortwährendem Lachen Antonio's Worte, verſuchten ſeine unſchul⸗ dige Miene nachzuäffen und ſeine ungezwungenen, natürlichen Bewegungen, die ihnen ungehobelt und linkiſch erſchienen, nun ſpotteten ſie über ſeine Vor⸗ ausſetzung, daß ſie aus Erfahrung wiſſen ſollten, wie unangenehm eine Unterbrechung in den Stu⸗ dien, und lachten ſeines keuſchen Eifers für die Tugend des Fiſchermädchens. „Nein, Signori,“ ſagte der Marquis von Spidora matt vom vielen Lachen, und wiſchte ſich mit dem ſilbergeſtickten Seidentuche die thränenden Augen,„nein, das Drolligſte war ſeine eigne Tu⸗ gendhaftigkeit. Seit ſeinem Knabenalter hat er kein Weib geſehen oder geſprochen! Himmel, welch ein Dummkopf! Er verdiente wahrlich unter die Heiligen aufgenommen zu werden, dieſer zweite heilige Antonio!“ „Wir aber, meine Freunde,“ ſagte Manna⸗ vedo jetzt und trat mitten unter die Cavaliere, „wir wollen die Verſuchungen ſein für dieſen hei⸗ ligen Antonio, und weil er ein Jüngling iſt, wird er ihnen vielleicht eher unterliegen, wie jener alte Heilige.“ „Ja, ja, wir wollen dieſen Heiligen bekehren,“ riefen Alle;„das wird pachenlungen Spaß geben!“ * — 46+ 3 „Wir wollen aus dieſem Heiligen einen Men⸗ ſchen machen,“ ſagte Mannavedo mit bitterem La⸗ chen. Habe ich doch vorher durch meine Unvorſichtig⸗ keit einen Grafen aus ihm gemacht! Dieſe Scharte will ich mir wieder auswetzen an ſeinen Tugenden.“ „Ja, ja, wir wollen aus dieſem jungen hei⸗ ligen Antonio einen Menſchen machen,“ jubelten Gott, das darf nicht ſein! Wohlan, es gilt den fahrung. ℳ—, 2— VI. Natur und Kunſt. Antonio war allein in ſeinem Zimmer. Die Stille und Ruhe um ihn her war ihm unendlich wohlthuend, und hoch aufathmend, als habe dieſe Einſamkeit ihn befreit von einer bedrückenden Laſt, ging er langſam in ſeinem Gemache auf und ab. Zuweilen haftete ſein großes ſchwarzes Auge auf den großen Folianten, die aufgeſchlagen auf ſeinem Schreibtiſche lagen, und dann lächelte An⸗ tonio und nickte den Büchern zu, als ſeien ſie langvermißte, nun wiedergefundene Freunde, und es war ihm, als ſei er wieder inmitten ſeines un⸗ geſtörten, nur den Studien geweihten Lebens im Jeſuitercollegium, oder als Hirtenknabe im Walde. Dieſe Rückerinnerungen thaten ihm ſo wohl; ſich ganz in ſie verſenkend, vergaß er, daß ſie Vergangenheit geworden, und flüſterte:„O wie köſtlich iſt doch dieſes Leben in der Einſamkeit und dem Frieden der Natur! wie ſtrömt da durch — 48— alle Poren Lebenskraft in die Seele, Ruhe und Stille in das Gemüth und ſchafft in uns den Durſt nach Wiſſen! Ja wahrlich, Natur, du biſt die Mutter des Wiſſens, und indem wir uns ver⸗ lieren in das Schauen deiner göttlichen Schönheit, zeugeſt du in uns die Frage nach dem Entſtehen und durch dieſe Frage das Erkennen und Wiſſen. Laß mich ausruhen in deinen Armen, Natur! Laß mich lauſchen den göttlichen Offenbarungen, die du verkündeſt im Flüſtern der Bäume, im Murmeln der Quelle und im Blühen der Blume! Laß mich trinken an deinen Brüſten den Quell ewiger Ju⸗ gend, welcher iſt Weisheit und Erkenntniß. Durch⸗ dringe du meine Seele ganz mit deinem Athem der Urſprünglichkeit, laß mich genießen deine un⸗ ſchuldsvolle Schönheit, und wehe mit deinen Win⸗ den aus meiner Bruſt den unreinen Dunſt der Weltluſt! Laß mich dein Kind ſein, und indem du meine Mutter biſt, ſei meine Geliebte!— O,“ fuhr er fort, und ſein Auge haftete mit zärtlichem Blick an ſeinen Büchern,„und war es nicht die Natur, die in mir dieſen Durſt nach Wiſſen zeugte? Danke ich ihr nicht Alles, was ich bin, Alles, was ich in den erhabenſten Stunden geiſtigen Erken⸗ nens begriffen und mir offenbart gefühlt habe? Danke ich ihr nicht den Umgang mit euch, meinen geliebten Büchern, mit euch, ihr erhabenen Geiſter, die ihr zu mir redet aus euren Werken und mich vernehmen laßt eure göttliche Sprache, die ihr Wehgefühl jener Stunde, als er, ein ePe — 49— mich treibt niederzufallen auf meine Knie und vor euren Werken anzubeten den Gott, der Menſch geworden iſt in eurem Geiſte?“ Aber jetzt traf ſein umherſchweifendes Auge die vergoldeten Meubles und die prunkenden Arnſeſſel, mit denen ſein Gemach verziert war, und mit einem Seufzer erinnerte ſich Antonio, daß er nun auf immer ſeiner Stille und Einſamkeit entriſſen, daß er inmitten der verführeriſchen, lockenden Welt, welche abwendig macht dem Frieden der Natur und der Unſchuld der Schöpfung. Unwillkürlich faltete er die Hände, und mechaniſch betete ſeine Lippe in frommer Kindereinfalt:„Beſchütze Du mich, mein Gott, und lehre mich ein guter Menſch bleiben!“— Und nun, bei dieſen Worten, die ſeine Mutter ihn gelehrt, erinnerte er ſich der längſt heimgegangenen, nie vergeſſenen Mutter, gedachte er mit unendlichem auf ewig verwaiſeter Knabe, auf dem Grabe ſi Mutter lag und dieſes Grab ſeine einzige Heimath auf Erden nannte. „Und iſt es denn jetzt wohl anders?“ flüſterte er ſchmerzlich bewegt;„bin ich nicht wie damals heimathlos, ſtehe ich nicht allein da und doppelt vereinſamt, nun da ich weiß, daß die Welt ſo groß iſt, während ich damals doch ſie mit den Bergen am Horizonte beendet glaubte? Dieſer Glanz, dieſe Pracht, die mich umgiebt, dieſe feinen Cavaliere, die mit Freundſchaft und Gütt mich Antonio. 4 ner überhäufen, ach, dieſes Alles, es erfreut nicht mein Herz, denn Allem dieſen fühle ich mich fremd und erſchüchtert, und darum doppelt verwaiſt. Ja, ſelbſt die Gnade und Gunſt des Vicekönigs macht mich nur traurig, anſtatt meinem Herzen Freude zu geben, denn dieſe meine Neigung zu ihm iſt nicht Wahl und Wille, es iſt die Dankbarkeit, die mich zur Liebe zwingt, und meiner Freiheit ſind die Feſſeln der Erkenntlichkeit angeheftet. Wo aber die Freiheit nicht iſt, da iſt auch nicht die Freu⸗ digkeit. Ich aber dürſte nach einer freien, freu⸗ digen Liebe, nach einem Herzen, dem ich mich hingebe aus eignem Willen meiner Seele, in das ich mich verſenke aus freier, hingebender Wahl, und dem ich alle meine Gedanken offenbaren, die tief verſchwiegenſten Geheimniſſe meines Her⸗ zens enthüllen kann. O fände ich einen Freund, den ich lieben könnte nur um ſeiner Selbſt willen!“ Traurig ſenkte er ſein Haupt auf ſeine Bruſt, und ſeine ſchweren Seufzer zeugten von dem Weh⸗ gefühl, das ihn beengte. 1 Ein Geräuſch an der Thüre ſtörte ihn in ſei⸗ nem Sinnen; ſie öffnete ſich und Graf Mannavedo trat ein. Einen Moment überflog ſein ſcharfer Blick das Gemach des jungen Gelehrten, und ein ſpöttiſches Lächeln trat auf ſeine Lippen; es ver⸗ ſchwand aber ſchnell, ſeine Züge nahmen wieder ihren ſtolzen, ruhigen Ausdruck an, und er reichte 8 —— 8= 31 Antonio, der ihm mit freudiger Begrüßung ent⸗ gegentrat, lächelnd die Hand dar. „Seltſam, Graf Mannavedo,“ ſagte Antonivo mit der ihm eigenen ſchwärmeriſchen Begeiſterung, „ſeltſam, daß Ihr gerade in dieſem Momente kommen mußtet, wo ich, wie ich glaube, an Euch dachte!“ „Ihr glaubt es nur?“ fragte Mannavedo verwundert.„Wißt Ihr Eure Gedanken denn nicht beſtimmt, daß Ihr nur an ſie glauben könnt?“ Antonio faßte ſeine Hand und ſagte:„Ich dachte daran, daß ich mir einen Freund wünſchte, und in dieſem Wunſche, meine ich, lag auch das Denken an Euch.“ „So kommt Ihr dem meinen entgegen,“ rief Mannavedo freudig,„denn eben dieſer Wunſch iſt es, der mich zu Euch führt. Ich wollte Euch in aufrichtiger Geſinnung mein Herz anbieten, ich wollte zu Euch ſagen:«wir Beide, Graf Calvaro, müſſen Freunde ſein, und werden als Freunde einander nützen können. Ihr ſeid jung, unerfahren, voll Glauben und Zuverſicht, die Welt des Wiſſens. und der Natur iſt Euch bekannt; Ihr ſeid aber ein Fremdling in der Welt des Hofes und der Erfahrung. Laßt mich in dieſer Euer rathender, mahnender und warnender Freund ſein, und gebt mir dafür wieder von Eurem Glauben an die Menſchen, von Eurem warmen, vertrauensvollen Herzen, lehrt mich die Menſchen lieben, wie ich Euch lehren will ihnen mißtrauen.)“ — 52— 4 Während Mannavedo ſo ſprach, hatte Antonio mit immer wachſender Freude ihm zugehört; glü⸗ hende Röthe bedeckte ſeine Wangen, ſeine Augen blitzten in Rührung und Glück, und nun, als Mannavedo ſchwieg, umſchlang er ihn feſt mit ſeinen Armen, drüͤckte ihn innig an ſein hoch⸗ klopfendes Herz und rief mit einer Stimme, in der die ganze Bewegung ſeiner Seele zitterte: „Du, Du großer, herrlicher Mann, Du willſt alſo mein Freund ſein? Ich. darf alſo an Deine ſtolze Geſtalt mich lehnen und Dir ſonder Rück⸗ halt meine Gedanken vertrauen? O, mit welcher Freundſchaft, mit welcher ungetheilten Treue will ich an Dir hangen, ewig und immerdar! Unzer⸗ trennbar ſollen die Bande ſein, die mich an Dich feſſeln, und jenen römiſchen Jünglingen gleich, deren Freundſchaft uns in glänzenden Sternen verewigt iſt, ſoll ſelbſt der Tod unſern Bund nicht trennen.“ „Und weißt Du wohl,“ fuhr er fort und zog den Grafen zu ſich nieder auf die Ottomane, „weißt Du wohl, daß, gleich wie ich Dich ſah, meine Seele Dir entgegenflog und meine Blicke buhlten nach einem Begegnen der Deinen, als ſeiſt Du der junge Alcibiades, nach deſſen An⸗ ſchauen alle Griechen ſich ſehnten?— Sieh, jene Cavaliere, zu denen der Vicekönig mich führte, ſie erſchienen mir wie Puppen, wie Spielzeug für eine müßige Stunde da hingeſtellt, und mit Trauer —— — 53— ſuchte ich unter ihnen nach einem Mann, einem Helden! Und ſiehe, da traf mein umherirrendes Auge Deine Geſtalt, da ſah ich Dich in Deiner männlichen Schönheit, Deiner ſtolzen, ſelbſtbe⸗ wußten Kraft, da ſah ich Deine ſchöne, erhabene Stirne, Dein in Verſtand und Begeiſterung blitzen⸗ des Auge! Und ich wußte nun, daß ein Mann mir gegenüber ſtand, ein ſolcher Mann, wie ich mich ſo lange geſehnt ihn zu lieben, wie ich ihn bis dahin vergeblich unter den Mönchen im Kloſter und den Jeſuiten im Collegium geſucht, wie ich ihn aber nur in meinem Herzen, in meiner Phan⸗ taſie und in meinen geliebten Büchern gefunden.“ Wieder umzog jenes ironiſche und verächtliche Lächeln Mannavedo's Lippen, und blitzte aus ſeinen 88 Augen. Antonio bemerkte es nicht; er war zu glücklich, ſeine Seele hatte mit all ihrer Jugendglut und Schwärmerei den Freund erfaßt, den zu beſitzen er ſich ſo lange geſehnt, und er ahnte nicht, daß der Verrath, dem er zu entfliehen trachtete an dem Herzen des Freundes, gerade hier ihn betroffen und gefunden. „Ewige Freundſchaft,“ ſagte Mannavedo dann, „und unverbrüchliche Treue. Aber weißt Du, Antonio, ich mache große Anforderungen an die Freundſchaft; nur das rückhaltloſeſte, hingebendſte Vertrauen ſcheint mir ihrer würdig, der kleinſte Mangel deſſelben iſt Verrath und Ende. Offen x — 54— darf dem Freunde verſchwiegen heftig ergriff und in der ſeinen Ambroſio in meiner Jugend andern Götter haben neben mi heißt den erſten verlieren.“ „Und nun, da die Botſch erfüllt iſt,“ ſagte Mannavedo, bewundern will.“. „Ein Ballet,“ rief Antonio denke mir, daß Eure Ballete die Siegestänze der Griechen, nicht wahr?“ und ſonder Scheu müſſen unſre Seelen ſich in⸗ einander ergießen, und kein Gedanke des Freundes bleiben.“ „So ſei es,“ rief Antonio mit ſtrahlendem Auge, „ja, ſo ſei es!“ Und er reichte, gleichſam zum. Schwur, ſeinem Freunde die Hand dar, die dieſer drückte. „Es ſtehet aber geſchrieben, wie mir Pater verſicherte,“ ſagte Mannavedo,„es ſtehet geſchrieben:«Du ſollſt keine ry, und in ſolchem Sinne ſage ich, Du darfſt keinen andern Freund haben neben mir. Einen zweiten Freund gewinnen, „O, wen könnte ich lieben neben Dir!“ rief Antonio, und umſchlang den Freund. aft meines Herzens nun zu der Bot⸗ 7 ſchaft, die mir der Vicekönig aufgetragen. Ich ſoll Dich ſogleich zu ihm führen in ſeine Loge, wo er Signora Kardina in einem neuen Ballet freudig.„So werde ich alſo endlich jene Siegestänze und Triumphzüge, nach denen die griechiſchen Tragödien mich ſo be⸗ gierig gemacht haben, bewundern können. Denn ich eben das ſind, was und ich habe Recht, F Graf Mannavedo lachte, und trieb den Freund zur Eile, der ſich dann in das anſtoßende Gemach begab, um das Hofkleid, das der Vicekönig ihm geſandt, anzulegen. Mannavedo blickte ihm nach, als er durch die Thüre verſchwunden, und der Ausdruck tödtlichen Haſſes trat nun in ſeine vorher ſo freundlichen Mienen.„Du biſt in das Netz gegangen, thö⸗ richter, ſchwärmeriſcher Knabe,“ murmelte er leiſe, „und jeder Schritt weiter bringt Dich dem Ver⸗ derben näher. Ich ſpiele jetzt mit Dir, wie der Löwe mit der Maus, an deren Sprüngen er ſich ergötzt, aber wenn es Zeit iſt, werde ich Dich unter meinen Füßen zertreten. Dieſe Zeit herbei⸗ zuführen ſei meine Sorge. Was iſt es, das den Vicekönig an dieſem Knaben reizt? Es iſt ſeine Unſchuld und Tugend. Ha, ſollte es denn ſo ſchwer ſein, dieſe zu untergraben? Giebt es dafür nicht hier Verſuchungen genug, bin ich nicht dafür da, ich, ſein Freund? Sind nicht alle die Cava⸗ liere, iſt nicht der ganze Hof da, den er bald zu ſeinem Feinde machen wird, weil man ihn benei⸗ den wird? O du heiliger Antonio, wie wenige Wochen werden vergehen, und du biſt ein ſündiger Menſch!“ Antonio kehrte zurück, und wie Mannavedo jetzt den Blick auf die Geſtalt des Jünglings heftete, mußte er ſich geſtehen, daß er kaum je einen ſchönern jungen Mann geſehen. Welch ein — 56— köſtlicher Ausdruck der Jugend und Unſchuld in dieſem edlen blühenden Angeſicht, das von den langen braunen Locken, wie von einem Heiligen⸗ ſchein umwallt war! Welch ein Funkeln des un⸗ entweihten göttlichen Feuers in dieſen ſchwarzen ſprechenden Augen, und welcher unausſprechliche Ausdruck zugleich des hohen Ernſtes und der Kindlichkeit in dieſen reinen Zügen! Wie ſchön das Ebenmaß dieſer Glieder, wie ſtolz gehoben im Bewußtſein ihrer männlichen Kraft dieſe hohe, edle Geſtalt, die Mannavedo heute in dem ſammtnen, reich mit Gold geſtickten Kleide ganz unvergleichlich däuchte! „Ach, wir werden viel zu thun haben, ehe wir dieſe Natur beſiegen,“ dachte Mannavedo, und ſagte dann laut:„Man ſieht, wie ſehr der Fürſt ſeinen Liebling zu ehren gedenkt. Welch ein koſtbares und reiches Gewand iſt dieſes! Ha, und auch einen Orden ſehe ich ſchon auf Deinem Buſen prangen! Wahrlich, Du haſt an Einem Tage erlangt, wonach verdienſtvolle Männer Jahre lang ſeufzten.“ Antonio lächelte, und ſich an des Freundes Arm hängend, ſagte er:„Es iſt heute zum erſten Male, daß ich mich des Aeußerlichen freue, und daß ein Gewand meine Aufmerkſamkeit erregt. Seltſame und nie zuvor geahnte Gedanken regten ſich in mir, als ich vorher dieſes königliche Kleid anlegte; ein ganz neues Gefühl, für das ich keinen Namen weiß, erwachte in mir, die Bruſt ward mir ſo groß und weit, mein Haupt richtete ſich ſtolz empor, alle Muskeln meines Körpers ſpannten ſich, und zum erſten Male empfand ich, daß es doch etwas Köſtliches iſt um Rang und Anſehen in der Welt, und ich freute mich dieſes Grafenkleides und meiner eigenen Geſtalt.“ Mannavedo erwiederte nichts, er empfand aber eine höhniſche Freude, und er ſagte zu ſich ſelber: „Ha, ſelbſt ein Kleid unterſtützt mich in meinem Plan. Schon beginnt die Arzenei der Welt in ihm zu wirken, und dies Kleid hat die erſten Keime des Ehrgeizes und der Eitelkeit in ihm erweckt.“ 3 Dann fuhren ſie in's Theater, und Manna⸗ vedo führte Antonio in die königliche Loge, wo der Vicekönig ſie gnädig begrüßte, und Antonio zu ſich winkte. „Ihr waret noch niemals in einem Theater, Conte di Calvaro?“ fragte er. „Niemals, Majeſtät!“. „Das freut mich! Kommt, ſetzt Euch hieher; als Kammerherr Ihro Majeſtät, meiner Gemahlin, gebührt Euch dieſer Platz hinter ihrem Stuhl. Setzt Euch aber, damit ich in Eurem Geſichte den Eindruck leſen kann, den das Ballet auf Euch machen wird.“ Antonio that ſchweigend, wie ihm geboten, ohne zu ahnen, daß ihm ſoeben eine neue Würde — 58— verliehen und eine große Auszeichnung widerfahren 5 ſei. Die Hofleute aber flüſterten unter einander: „Welch eine Ehre, ſich ſetzen zu dürfen!“ „Und habt Ihr gehört, daß Seine Majeſtät ihn zum Kammerherrn von Ihro Majeſtät ge⸗ macht?“ fragte der Marquis von Spidora die„ übrigen Cavaliere, mit denen er im Hintergrunde der Loge ſtand. „Ja, Marquis; haben Sie aber auch die Ruhe und Kälte geſehen, mit der dieſer über⸗ müthige Menſch es aufnahm? So, als ſei das nur gerade ſo in der Ordnung, und gar nicht des Dankes und der Freude werth.“— „Der junge Herr ſcheint von einem ungemeſſe⸗ nen Stolz,“ erwiederte der Marquis von Spidora, „von einem Stolz, dem alle Ehrenbezeugungen, die ihm widerfahren, ganz natürlich ſcheinen. Nun, es wird, ſo Gott will, eine Zeit kommen, wo wir gerächt werden an dieſem Uebermuthe und dieſe Eintagsfliege von denſelben Händen, die ſie jetzt zur Höhe erhoben, in den Abgrund hinabgeſchleu⸗ dert ſehen!“ „Laßt uns das Unſrige dazu thun, daß dieſe Zeit bald komme,“ flüſterte Mannavedo, zu den Freunden tretend. 8 „Wie wollen wir es aber beginnen?“ fragte Spidora. Mannavedo erwiederte lakoniſch:„Seht Ihr 8 denn nicht, Signori, was den Vicekönig an dieſem — — * ——— — 59— Knaben reizt, und ihn in ſeine Gunſt erhoben? Es iſt dies, daß er eben ein Knabe iſt mit einem Jungenmädchenerröthen und einem Kinderlächeln, daß er unerfahren und unſchuldig und dabei gelehrt und tugendhaft iſt, wie einer der ſieben Weiſen. Laßt uns aus dieſem Knaben einen Mann machen, ſo wird der Nimbus von ihm gewichen ſein, und wir haben nichts mehr von ihm zu fürchten.“ „Ja, einen Mann,“ ſagte Spidora;„in die⸗ ſem Worte iſt Alles geſagt, und damit ſoll ſeine kindiſche Unſchuld, ſein Erröthen und Lächeln, ſeine Weisheit und Unerſahrenheit untergehen in der Männlichkeit. Wohin aber ſo eilig, Mannavedo?“ fragte er den Grafen, der ſoeben im Begriff war, die Loge zu verlaſſen. Dieſer erwiederte mit einem leichtfertigen Lä⸗ cheln:„Entſinnt Ihr Euch der keuſchen Fiſcherin in der Strada Peschatore, um deren Gunſt und Liebe wir neulich dem Tugendhelden Antonio Cal⸗ varo eine Wette anboten? Ich habe Ench dieſe Mühe erſpart. Sie liebt mich!“ Und dem Marquis einen Abſchiedsgruß zu⸗ nickend verließ Mannavedo die Loge. Das Ballet hatte indeß ſeinen Anfang ge⸗ nommen, und die ungetheilteſte Aufmerkſamkeit war den Tänzerinnen zugewandt, die heute zum erſten Male das erſtaunte Publikum mit einer neuen Art des Tanzes nach der Erfindung des genialen No⸗ verre bekannt machten. Hatte auch damals, im — 60— 4 Anfange des achtzehnten Jahrhunderts, das Ballet noch nicht jene Höhe erreicht, auf der wir es jetzt prangen ſehen, ſo war doch auch damals ſchon dieſe Kunſt ſehr geachtet und beliebt. Auch war der Tanzkunſt gerade ein neuer Stern aufgegangen, der bald ganz Europa durchſtrahlte. Dupre hatte das große Werk begonnen, und indem er das Ballet, ſtatt der Rede, mit Geſang und Muſik begleiten ließ, hatte er gleichſam den erſten Funken geſchlagen zu jenem großen Lichte, das Noverre, ſein Schüler, durch ganz Europa zu ent⸗ zünden kam. Nicht mehr bedurfte der Tanz nun der erläuternden Worte, nicht mehr des erklärenden und begleitenden Geſanges. Der Tanz war eine freie, genügende, ſelbſtſtändige Kunſt geworden, der man, bereitwillig genug, die Muſik unterzuordnen wußte, die nun zu einer dienſtthuenden Begleiterin des Ballets geworden war, und ſich bequemen mußte, der prunkenden Schönen gleichſam als Folie und Unterlage zu dienen.. Noverre iſt der Erfinder des Ballets, er hat den Tanz zu einer ſelbſtſtändigen Kunſt erhoben und bewieſen, daß man durch ihn ganze Hand⸗ lungen darſtellen kann, daß man alle Zuſtände der Seele, alle Regungen des Herzens in ihm wiederzugeben vermag. 6 Mit angehaltenem Athem lauſchte das ſonſt ſo bewegliche Volk Palermo's; weit über die Logen⸗ brüſtung geneigt, ſchauten die geſchmückten Damen —— — 61— und Herren hin auf die Bretter, und ſelbſt der Vicekönig mit ſeiner Gemahlin verwandten keinen Blick von der herrlichen und genußvollen Scene vor ihnen.— Welch eine Stille in dem großen, glänzenden Hauſe! Man ſollte meinen, ein Seufzer müſſe genügen, dies Schweigen zu ſtören, ein Fußtritt, dieſe Stille zu unterbrechen. Aber Signora Kardina ſchwebt lautlos über die Bretter dahin, ihr Fuß berührt kaum den Boden, leicht wie ein Zephyr ſchwebt ſie daher, und die raſche Bewegung hebt das ſilbergewirkte, durchſichtige Gewand, das nur bis an die Knie ihre Geſtalt umgiebt. Einem Sommerwölkchen gleich, hebt es ſich aufwärts, und unverhüllt, nur mit dem dünnen, dicht anliegenden Tricot bekleidet, ſieht man die ſchöne Geſtalt. Signora Kardina erröthet! Schämt ſie ſich dieſer freien Enthüllung? O nein, die wahre Schönheit kennt keine Scham, hat vor nichts zu erröthen,— dies Roth, was der Signora Wangen übergießt, hat die Freude erzeugt, die Freude über jenes donnernde Jubelgeſchrei, jenes Brava! Brava! Rufen, das der Anblick ihres unverhüllten Selbſt hervorgerufen. Seht, jetzt hat ſie den ſchönen Schläfer dort in der Roſenlaube entdeckt; das ſeitwärts aus geſtreckte Bein, das, als wäre es losgelöſt, ſich in horizontaler Richtung vom Hüftknochen aus⸗ ſtreckt, das langſame Umdrehen auf dem andern — 62— Bein, drückt dies Alles nicht auf das Sprechendſte die Freude und Verwunderung der jungen Feen⸗ königin aus über das Wiederſehen des lange ver⸗ mißten, lang erſehnten Freundes? Aber er regt ſich nicht! Ha, wenn er nicht ſchliefe, wenn er todt wäre! Das Entſetzen über dieſen Gedanken äußert ſie in einem graziöſen Sprunge, wobei die zierlichen Füßchen in der freien Luft einige Wirbel ſchlagen.— Sie muß es ſehen, ſie muß klar ſein, ihr Entſchluß iſt gefaßt; dies deutet das plötzliche Stilleſtehen, das feſtere Auftreten der Füßchen an. Nun fliegt ſie mit der Schnelle eines Seufzers zu jener Roſenlaube hin. Sie hebt ſich auf die Spitze der Zehen, zum Zeichen, daß ſie lauſche; ein zweiter Sprung, ein zweites Wirbeln in der zufi fadgt JIetzt aber bedeutet dieſes Wirbeln die Freude der Schönen, denn ſie hat ſich überzeugt, daß der Freund nicht todt iſt, daß er nur ſchläft. Sie will ihn nicht ſtören; das ſagt ihr lang⸗ ſames Zurückſchreiten auf den Spitzen der Zehen. Aber die Freude, die unendliche Freude, ihren Ge⸗ liebten wieder geſehen zu haben, dieſe Freude kann ſie nicht verbergen, kann ſie nicht in ſich verſchließen, ſie drängt ſich mit Gewalt an's Licht.. Das ſieht man an den immer raſcher und raſcher einander folgenden Sprüngen und Schwenkungen,— ha, dieſes Ausſtrecken des Beines, dieſes langſame Umdrehen auf dem andern Fuße, bedeutet das jetzt A donna Signora Kardina erſcheinen zu ſehen? nicht nicht ganz klar ihr Dankgebet gegen Gott? Dies trillernde Anſchlagen der Spitze des einen Fußes an den andern, wer wollte es verkennen, daß es das Jubellied der Freude iſt, das ſich austönen will?— O und jetzt dieſes zehnmalige ungeſtüme Um⸗ drehen um ſich ſelbſt, wo die Umriſſe der Geſtalt traumgleich verſchweben, wo man, während man glaubt das Geſicht anzuſehen, ſchon wieder den Nacken ſieht, und wenn man dieſen betrachten will, ſchon wieder in das Geſicht ſchaut, wo, empor⸗ gehoben vom Luftzug, das Röckchen gleich einem Segel ſich aufbläht und die wieder enthüllte Geſtalt nur wie mit einer Glorie umgiebt, o bedeutet dies Alles nicht ganz klar und unzweifelhaft den Wirbel der Leidenſchaft, den Freudenrauſch einer feurigen, liebenden Seele? Jetzt, wie gebannt von einem Zauber, ſteht ſie wieder ſtill, und dieſes plötzliche Stilleſtehen nach ſo langem Kreiſen und Wirbeln, muß es nicht mit Recht das Jubeln, das Bravarufen, das entzückte Geſchrei der Zuſchauer hervorrufen? Iſt es nicht natürlich, daß, als nach dieſer Scene, dem höchſten Aufſchwung der Kunſt, welche den erſten Act des Ballets geſchloſſen, der Vorhang fiel, tauſend und tauſend jubelnde Stimmen mit ungeſtümen leidenſchaftlichen Schreien begehrten den Vor⸗ hang ſich wieder heben und die große Prima⸗ 64 natürlich, daß, als ſie nun kam, mit über der Bruſt gekreuzten Händen, demüthig wie eine Sclavin und ſchön wie eine Houri des Para⸗ dieſes, ein dreimaliges unermeßliches Brava! ihr lohnte? 3 Nur Antonio wollte es nicht natürlich finden; er allein konnte es nicht begreifen, daß man dieſes— Springen und Hüpfen, dieſes ſchamloſe Enthüllen, dieſes Trippeln und Tänzeln, daß man dieſes Alles ſchön fand, und er ſagte zu ſich ſelber: „Ueberall nur Verfall und Entwürdigung! Was würde Sophocles ſagen, müßte er dieſes unheilige Springen ſehen! Würde ſein Auge ſich nicht voll Verachtung abgewandt haben von dieſen entarteten Töchtern ihrer großen Väter? Und würde nicht Ariſtophanes ein Schauſpiel geſchrieben haben zuur — Geißelung dieſes Tanzes? Natur und Wahrheit, doas waren die Geſetze, nach denen der Tanz der Grriechen ſich regelte. Ihre Bewegungen mußten ſein, wie die unverdorbene Natur ſie als Aus⸗ druck unwillkürlich hervortreibt, und ſo auch ihre Stellungen. Wahrheit mußte ſein in der Panto⸗ mime, die ihre Bewegungen und Stellungen be⸗ gleitete. Es war Natur in jener Kunſt, während dieſe Kunſt nichts iſt als Unnatur!“ „O Natur,“ ſeufzte er, und ſank gedankenal zurück auf ſeinen Seſſel,„wann wird man auf⸗ hören gegen dich zu ſündigen?“— Immer tiefer überließ er ſich ſeinen Gedanken, die ihn bald der — 65— Gegenwart entrückten und hineinverſetzten in die Unbegrenztheit und Freiheit der Natur. Er träumte ſich wieder in den Wald zurück, er meinte wieder das Rauſchen der Bäume zu hören und das Murmeln der Quelle, meinte das Zwitſchern der Vögel und das majeſtätiſche Don⸗ nern der Wolken zu vernehmen; Blumen blühten vor ſeinen Augen, die einfachen und doch ſo präch⸗ tigen Blumen der Wieſe; Früchte ſah er prangen, und meinte das Fächeln balſamiſcher Lüfte zu empfinden. So ganz war er in ſeiner Entzückung der Gegenwart entrückt, daß ihn die glänzende Deco⸗ ration auf der Bühne, wo unter einem Feuerregen die Feenkönigin auf feuerſpeienden Drachen gen Himmel flog, ganz entgangen war, und erſt die Stimme des Vicekönigs ihn in ſeinem innern Schauen ſtörte und aus ſeinen glänzenden Natur⸗ träumen erweckte. „Nun, Signor Conte di Calvaro, wie ge⸗ fällt Euch das?“ fragte der Vicekönig mit einer triumphirenden Miene, der unzweifelhaften Ant⸗ wort gewiß. Antonio lächelte, als er erwiederte:„Was iſt alle dieſe künſtliche Pracht gegen die natürliche der Schöpfung?“ „Wie, ſo ſeid Ihr nicht überraſcht, nicht ganz überwältigt von dem nie geſehenen Schauſpiel?“ fragte der Vicekönig erſtaunt. Antonio. 5 — 36— „Ich habe zu oft die Sonne aufgehen ſehen, als daß irgend eine erkünſtelte Pracht mich in Erſtaunen ſetzen könnte,“ erwiederte Antonio be⸗ ſcheiden. 3 Des Fürſten Stirn war einen Moment wie vom Unmuth bewölkt geweſen, ſie erheiterte ſich aber wieder, als er in Antonio's unbefangenes, offenes Angeſicht ſah, und mit einem gütigen Lä⸗ cheln fragte er:„Alſo iſt denn der Sonnenaufgang ſo ſchön, Signor?“ „Saht Ihr ihn nie?“ fragte Antonio ent⸗ gegen. „Niemals!“ erwiederte der Fürſt;„ die Stun⸗ den des Schlafes ſind eine zu köſtliche Sache, als daß wir ſie freventlich hätten unterbrechen ſollen, um die Sonne aufgehen zu ſehen.“ „O dann freilich,“ rief Antonio,„dann habt Ihr das ſchönſte Schanſpiel der Welt nicht geſehen, Majeſtät. Dann kennt Ihr noch nicht die Erhaben⸗ heit und wundervolle Pracht der Schöpfung.“ „So ſchildert ſie uns,“ unterbrach ihn der Vicekönig.. „Wie läßt ſich ſchildern, was erhaben iſt über alle Schilderung!“ ſagte Antonio, und ſein Ange⸗ ſicht leuchtete in Begeiſterung;„wie läßt ſich in Worte kleiden, was unausſprechlich iſt! Ach, Ihr müßtet es geſehen haben, um mein Entzücken zu begreifen. Ihr müßtet gelauſcht haben dieſer Stille die dem Sonnen⸗ und ununterbrochenen Ruhe, — — 67— aufgang vorhergeht, wo die Natur ruht, wie in einem ſüßen Schlummer befangen, und wo das leiſe Lispeln des Windes, das murmelnde Rauſchen der Bäume wie ein Zwiegeſpräch des Himmels und der Erde ſcheint, über deren Liebesgeflüſter die Nacht verſchämt ihren Schleier gedeckt hat! Auf einmal dann erhebt ſich ein höheres Rau⸗ ſchen in den Zweigen; der Wind, der ſo lange ſeinen Athem angehalten, um die Natur nicht zu ſtören in ihrem Liebesgeſpräch, rauſcht jetzt mächtig heran, ein himmliſcher Bote, das Nahen der Sonne verkündend. Und plötzlich nun belebt ſich die Welt. Die Vögel ſchmettern ihr Morgenlied, die Blumen richten ihre bethauten Häupter auf und ſtrömen aus ihren ſich öffnenden Kelchen wonnevolle Düfte aus; das Wild wird wach in ſeiner Höhle und ſpringt empor, der Käfer richtet ſich auf mit ſeinen zappelnden Beinchen, der Schmetterling ſchlägt, ſeine glänzenden Flügel aus einander und erhebt ſich aus dem Kelche der Blume, in der er geruht; die ganze Natur ſchlägt die Augen auf, empor zum Himmel, über den einzelne purpurrothe Streifen aufgeblitzt ſind und einen matten Schimmer über die Erde ergießen. Nun ſchießen einzelne goldene Strahlen am Horizonte empor, jetzt neue, gewal⸗ tigere; wie die Wächter des Thrones ſtehen ſie da in erhabener Größe, das Nahen ihrer Königin erwartend. Und jetzt wieder wird Alles lautlos und ſtill auf der Erde, aber es iſt das feierliche 5 K— — 68 Schweigen der Erwartung, und das Flüſtern des Windes und der Bäume klingt wie ein Gebet der Natur an ihre Königin. Seht, da ſteigt ſie empor, die Königin Sonne, majeſtätiſch und langſam, ein unermeßliches, ſtrahlendes All erhebt ſie ſich in göttlicher Pracht, und wie ſie höher und höher aufſteigt in ihrer in ſich abgeſchloſſenen, begrenzten und einigen Form, ſcheint ſie, ein Gottesauge, ſtill und ernſt, bewußtlos ihrer Pracht, über die Welt zu blicken, zu ſchauen, ob Alles gut iſt. Die Welt aber lächelt ihrem Schauen entgegen und zeigt in Jauchzen und Wonneathmen ihr herrliches Daſein, und in erhabenem Glanze ſteigt die Sonne höher auf, ruhig und ſtill und zufrieden mit ihrem Werk.“ Eine feierliche Pauſe trat ein, als Antonio⸗ jetzt ſchwieg, und, ſtarr in die Weite blickend, als ſchaue er noch immer, was er ſoeben geſchildert, ſich ſanft auf ſeinen Seſſel gleiten ließ. Die Hofleute wagten nicht, dieſe Stille zu unterbrechen, und der Vicekönig ſagte leiſe zu ſeiner Gemahlin, die ſtill und ſinnend zur Erde ſchaute:„Geſtehen Sie, Signora, daß dieſer Züngling in ſeiner Natürlichkeit und Wahrheit ein ſeltenes Juwel an unſerm Hofe iſt. Wenn ich ihn anſchaue, meine ich unmittelbar in das Angeſicht der Wahrheit zu ſehen und den Offenbarungen der Natur zu lauſchen. Darum bin ich auch dieſem Jüngling ſo vertrauensvoll und gewogen, ja, ich 4 2 1 4 . fühle, daß ich ihn liebe, und ſein Anblick iſt mir Troſt und Beſchämung zugleich; Troſt, daß es noch ſolche Weſen giebt, und Beſchämung, daß wir ſelber uns ſo weit von der Natur entfernt haben!“ „Laſſen Sie uns,“ entgegnete die Fürſtin leiſe, „laſſen Sie uns, mindeſtens ſo weit es gehen will, zu ihr zurückkehren. Wenn es Ew. Majeſtät ge⸗ fällig iſt, brechen wir morgen in aller Frühe auf und ziehen hinaus in die Natur, den Sonnen⸗ aufgang zu ſehen.“ Der Fürſt gewährte freudig dieſen Wunſch, und Beide wandten ſich dann wieder dem Ballet zu, deſſen zweiter Theil ſoeben begonnen hatte. Als aber die Aufmerkſamkeit Aller wieder unge⸗ theilt der Bühne zugewandt war, fühlte Antonio ſeine Schulter leiſe berührt. Er wandte ſich um, und ſeine Augen begegneten den glühenden Blicken eines ſchönen, königlichen jungen Weibes, der Mar⸗ quiſe Piombona, die, unbemerkt bis jetzt von ihm, als Ehrendame der Königin neben ihm geſeſſen. „Signor,“ flüſterte ſie leiſe, und ſein Herz erzitterte vor dem harmoniſchen Wohlklang ihrer Stimme,„Signor, Ihr habt mit Eurer Schilde⸗ rung mir unendlich wohlgethan. Ich danke Euch!“ Antonio fand keine Worte zur Erwiederung, es war ihm, zum erſten Male einem ſchönen Weibe ſo nahe, wunderbar beklemmt und befangen; ſeine Blicke aber waren unverwandt auf das jugend⸗ volle, in Schönheit prangende Angeſicht der jungen Marquiſe geheftet, und als ſich jetzt wieder ihre Blicke begegneten, fühlte er ſein Herz ſtille ſtehen in ſeiner Bruſt, alles Blut drängte ihm in's An⸗ geſicht, es ſauſete vor ſeinen Ohren, und er fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Dem ſchönen Weibe entging ſeine Bewegung nicht, und die ſtumme Sprache ſeiner Augen mußte ihr genügend erſcheinen, denn ſie lächelte ihn an, glückverheißend und erwartend, und als ein ſchnelles Umherblicken ſie überzeugt, daß Aller Augen unver⸗ wandt auf die Bühne geheftet waren, reichte ſie Antonio, wie zum Gruße, ihre ſchöne Hand. Er drückte ſie in der ſeinen, dann ließ er ſie, wie vor ſich ſelber erſchreckend, los, denn dieſe erſte Berührung einer Frauenhand jagte ſein Blut wie Feuerflammen durch ſeine Adern. Es dunkelte vor ſeinen Blicken, er ſtand auf und ſchwankte hinaus.*—.„ 4 4 8 vI.. Der falſche Freund. „Umſonſt! umſonſt,“ ſagte Antonio, und erhob ſich von ſeinem Platz vor dem mit Folianten und Schriften bedeckten Arbeitstiſch.„Die Gedanken verſagen mir, die Buchſtaben tanzen vor meinen Augen, zum erſten Male in meinem Leben vermag ich nicht zu ſtudiren, und unbewußt mir ſelber gleiten meine Gedanken aus der Einſamkeit und dem Frieden meines ſtillen Gemachs hinaus in die laute, friedloſe Welt!“ „O,“ fuhr er fort, und ging mit ungeſtümen Schritten im Gemach auf und ab,„o, was iſt das Wiſſen denn werth, und was nützt mir das Studium, wenn es nicht ſchützt gegen die Welt mit ihren Verlockungen! Farblos und leer ſchint . f einmal mein vergangenes Leben, farblos ſcheint mir die Zukunft. Ich dürſte und bange nach einem Gefühl, das ich nicht zu nennen weiß, und um meine Ruhe und um meinen Frieden iſt — 72— es gethan. Das ſoll, das darf nicht ſein! Schützt mich, ſchützt mich, rief er leidenſchaftlich, ſchützt mich, meine Bücher, gegen die Welt da außen, und Ihr, erhabene Geiſter, deren Offen⸗ barungen ich ſonſt entzückt gelauſcht, an deren Brüſten ich getrunken von dem Born der Weis⸗ heit, und von deren Lippen ich heilige Worte und Geheimniſſe der Wiſſenſchaft vernommen, und Ihr, erhabene Weiſen, Ihr Dichter der Vorzeit, Prediger der Welten, ſteiget herab von Euren Himmeln, ſchwebet hernieder zu mir, mir, Eurem verzwei⸗ felnden Jünger! Das Gebäude, das Ihr in mir aufgerichtet, es wankt in ſeinen Grundpfeilern, und hinzugeben droht es an die Welt, was ſonſt Euer war, mein Herz. O zeigt mir einen Weg der Rettung, führt mich aus dieſem Irrſal, in dem ich, bebenden Fußes, bange mich zu verlieren! Kühlet den heißen Strom meines Blutes, das Feuer gleich in meinen Adern ſiedet; bändiget mit Eurer Weisheit dieſes hochklopfende Herz, und verjagt mit Euren erhabenen Erſcheinungen die ver⸗ lockenden Bilder, die ſich vor meine Seele drängen! Welche Bilder!“ Antonio ſchwieg, und ſank, ſtarr vor ſich hin⸗ blickend, zurück auf ſeinen Seſſel, und jene und Phantaſien, denen er zu entgehen tr überſchlichen auf's neue ſein Herz. Aus der Tiefe ſeiner Seele tauchte ein dunkles, glühendes Augenpaar auf, verlockende Reize er⸗ —. — 73— ſchaute ſein inneres Auge, es war ihm, als fühle er wieder die Berührung einer warmen, ſammtenen Hand, und mit trunkenen Sinnen lauſchte er wie⸗ der den ſüßen, harmoniſchen Tönen einer weiblichen Stimme.— Aber noch einmal erhob ſich in dieſem Kampf der Sinne mit dem Geiſte der Geiſt über die Sinne, Antonio flog empor und ſagte bebend:„Ha, indem ich ihnen entfliehen will, dieſen Bildern, umgarnen ſie mich auf's neue, und indem ich ſie abzuwehren trachte, haben ſie mich ſchon wieder umringt! Hinweg, hinweg von mir!— Komme, komme über mich, Geiſt des großen Platon, laß mich zu Deinen Füßen ſitzen, Socrates, komm und laſſe mich, Deinen hülfebegehrenden Schüler, lauſchen den Offenbarungen Deines Geiſtes!“ Mit convulſiviſcher Haſt griff er nach einem jener Bücher, die aufgeſchlagen auf ſeinem Tiſche lagen, und zwang ſeine Augen zum Leſen. Es war der Phädrus, und ſein Blick traf die Stelle, wo Socrates, der erhabene Denker, ſeinen um ihn verſammelten Schülern begreiflich macht,„daß unſere Gedanken und Ideen nur Erinnerungen und Abſchattungen von den Urideen ſind, nur wieder auftauchende Gedanken eines früheren Lebens.“— Antonio las weiter und weiter, die Weisheit und Erhabenheit, die Gedankenkraft und Geiſtesklarheit des großen Meiſters riß ihn hin, und bald hatte ſein Geiſt, allem Andern abgewendet, ſich unge⸗ theilt wieder jenen erhabenen Lehren, die wir von — 1— Socrates aus dem Munde ſeines geliebteſten Schü⸗ lers erfahren, zugewandt.. Heiterkeit und Ruhe kehrten zurück in das Antlitz des Jünglings, ſeine Züge nahmen wieder ihren ſinnigen, friedlichen und ruhigen Ausdruck an, und tiefen Betrachtungen hingegeben ſaß der junge Gelehrte, über ſein Buch geneigt.— Ein lautes und mehrmaliges Klopfen an der Thür ſchreckte ihn empor. Auf ſein unmuthiges Herein! öffnete ſich die Thür und ein zierlich ge⸗ kleideter, ſchöner Page ſchlüpfte herein, Antonio mit einer ehrerbietigen Verneigung und zugleich einem vertraulichen Lächeln begrüßend. „Seid Ihr allein, Signor?“ fragte er Antonio, der die ungewohnte Erſcheinung in ſeinen Gemächern verwundert betrachtete. Antonio bejahte. „Und Ihr ſeid doch Signor Antonio, Conte di Calvaro?“ fragte der Page vorſichtig. Als Antonio auch dies bejaht, trat der Page mit geheimnißvoller Miene näher und reichte An⸗ tonio ein zierliches, duftendes Briefchen entgegen. „Leſet ſchnell und antwortet mir!“ flüſterte er leiſe. Haſtig entfaltete Antonio das Briefchen und las:„Signor, der Aufgang der Sonne war nicht ſo ſchön, als ein Blick Eurer Augen. Kommt und laßt mich Eure Augen ſehen, damit ich ſagen kann, ich habe, dem Adler gleich, in die Sonne geſchaut. — — — 75— Beſtimmt dem Pagen die Stunde, wo ich Euch erwarten kann.“— Antonio betrachtete das Papier von allen Seiten, und fragte erſtaunt halblaut:„Weiter nichts? Keine Bezeichnung, kein Name?“ „Signor,“ ſagte der Page verweiſend,„wann würde eine geſcheidte Donna ein Liebesbrieflein mit ihrem Namen ſchmücken! Das iſt gegen alle Re⸗ geln der Courtoiſie. Beſinnt Euch nur, ſo werdet Ihr die Donna kennen.“ Antonio's Geſicht überzog ein glühendes Roth, ein verlockender Gedanke fuhr durch ſeine Seele, und zögernd ſagte er:„Nein, nein, es i*ſt nicht möglich! Ich darf nicht ſo vermeſſen ſein, an eine ſolche Gunſt zu glauben.“— „In der Liebe iſt ein Bischen Vermeſſenheit ſchon erlaubt,“ erwiederte der kecke Page,„und man nennt es da Gewalt der Leidenſchaft.“ „Es wäre möglich,“ ſagte Antonio wie zu ſich ſelbſt,„daß Signora—“ Der Page war ganz nahe zu ihm getreten, und ſich an des Jünglings Ohr neigend, der nicht wagte ſeine Worte zu beenden, flüſterte er leiſe, Antonio's angefangenen Satz vollendend:„Daß Signora Marcheſa Piombona Euch liebt?“ Ein Ausruf der Freude entfuhr Antonio's Lippen, und er rief:„ Alſo doch, doch von ihr!“ „O,“ ſagte der Page, und betrachtete den in Liebe und Freude glühenden ſchönen Züngling mit * — 76— bewundernden Blicken,„v wie würde die Signora Euch lieben, könnte ſie Euch in dieſem Momente ſehen! Signor, ich gratulire Euch. Die Marcheſa iſt ein Engel an Schönheit. Aber wann, ſagt mir, wann darf Euch die Signora erwarten?“ „Gleich, ich komme ſogleich!“ rief Antonio ſtürmiſch. „Nicht ſo leidenſchaftlich, nicht ſo wild,“ lachte der Page.„Noch iſt die Signora im Dienſte bei Ihro Majeſtät. Aber in zwei Stunden erwartet ſie Euch, und ſomit Addio!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchlüpfte der Page hinaus, und Antonio war wieder allein. Aber umſonſt verſuchte er wieder zu leſen, ſeine Gedanken auf ſeine Studien zu wenden, umſonſt nahm er wieder das Buch zur Hand, das ihn kurz zuvor noch ſo mächtig begeiſtert; glühende Bilder tauchten, ihm ſelber ſchreckensvoll, in ſeiner Seele auf, Gedanken, über deren Entſtehen er ſelber ſtaunte, regten ſich in ihm, Worte, deren Sinn er kaum ahnte, flüſterten in ſeiner Seele. Er fühlte ſich wie umgewandelt, wie hingegeben einer fremden Gewalt, und er fragte ſich ſelber: „Bin ich es denn noch, ich Antonio, deſſen Seele den Wiſſenſchaften in ungetheilter Liebe gewidmet war, der dürſtete nach Erkenntniß des Höchſten, deſſen Gedanken nur erfüllt waren von dem Be⸗ ſtreben zu lernen? Und jetzt? Was iſt es, das in meinem Herzen klopft und meinen Geiſt ver⸗ — — 77— wirrt, das mich erbeben macht in nie gekannten Wünſch en? Ein Dämon, ein Dämon hat ſich in meine 5 eele geſchlichen. O wo, wo finde ich Hülfe, ihn zu vertreiben?“ Ein abermaliges Klopfen an der Thür ließ ſich vernehmen; ſie ward huſig geöffnet, und Graf Mannavedo trat ein. Antonio trat ihm mit einem Freudenruf ent⸗ gegen und ſtürzte ſich in die Arme des Freundes. „O Du, Du biſt mein Zguter Dämon,“ rief er ſtürmiſch;„ja, ich weiß es, Du kommſt mich von dem Bofen zu befreien! Rette mich, ſchütze mich, mein Freund, gegen die Anfechtungen des Teufels!“ 8 Mannavedo ſuchte ihn zu beruhigen und der Vernunft und Ueberlegung zurückzuführen. „Und was iſt es, das Dich ſo erregte, mein Freund?“ fragte er dann mit mitleidigem Ton, während ſein blitzendes Auge ſpähend im Zimmer umherflog, und das Brieſchen der Signora am Boden bemerkte. Antonio, nun wieder ruhig geworden, ſagte mit einem matten Lächeln:„Es iſt nichts! Ich fühlte mich nur einen Moment wie mir ſelber entriſſen und entfremdet, es war mir, als habe ein fremder Geiſt den meinen verdrängt, und Worte und Gedanken, die ich früher nie gekannt, regten ſich in mir, ohne vaß ic wußte, woher ſie kamen.“— Mannavedo's ſcharfes Auge hatte indeß die Handſſchrift jenes Briefchens erkannt und die Zeilen geleſen. Seine Wange erbleichte, und kaum ver⸗ mochte er den Zornesruf zurückzuhalten, der ſich auf ſeine Lippen drängte. Ja, ſie war es, die Marcheſa Piombona hatte dieſe Zeilen geſchrieben, ſie, die er liebte. Auch hier drohte Antonio ihn zu verdrängen, auch hier ihm zu entwenden, was er ſein geglaubt! Einen Moment war es ihm, als müſſe er Antonio ermorden, mit dieſer Hand, die in der des Jünglings ruhte, ihn erwürgen, um ſchnell allem Zorn, allem Neid ein Ende zu machen. Aber ſchnell gefaßt, ſaßte er zu ſich ſelbſt:„Das wäre Thorheit. Nein, nein, er ſelber ſoll mir nützen. Es kommt nur darauf an, von ſeiner thörichten Schwärmerei Vortheil zu ziehen. Laßt doch ſehen, welcher Opfer ſeine ſchwärmeriſche Freundſchaft fähig iſt!“ Der Blick, den er jetzt auf Antonio warf, welcher, des Freundes ſinnendes Nachdenken ehrend, ſchweigend neben ihm ſaß, war voll Liebe und Heiterkeit, und ſeinen Arm um Antonio's Nacken legend, ſagte er mit einſchmeichelndem Tone:„Ich dachte eben daran, mein Antonio, wie viel erha⸗ bener, reiner und geläuterter Deine Freundſchaft iſt als die meine! Du läßt mich Deine Seele unverhüllt vor der meinen ſehen, und willſt auch jetzt mir rückhaltlos vertrauen, während ich doch — 79— noch ein großes Geheimniß vor Dir verborgen habe. Laß mich Deinem Vertrauen zuvorkommen, laß mich zuerſt es Dir beichten!“ Antonio ſagte, feierlich bewegt von Manna⸗ vedo's ernſtem Ton:„Sprich zu mir, mein Ge⸗ liebteſter, vertraue mir!“ Mannavedo flüſterte in ſein Ohr:„Ich liebe, mein Antonio!“—„Ja,“ fuhr er fort, als An⸗ tonio, zuſammenzuckend, den Blick zu Boden ſenkte, „ich darf es Dir nicht bergen, mein Herz hängt mit einer Alles verdrängenden Leidenſchaft an einem Weibe, und meine Seele glüht nach der ihren. Ich muß ſie beſitzen, oder ſterben. Ja, mir ſcheint, als würde ich auch Dich erſt ganz rein und un⸗ endlich lieben, wenn dieſe Sehnſucht, die mich täglich von Dir abzieht, befriedigt und geſtillt wäre.“ „Und wirſt Du— geliebt?“ fragte Antonio ſchüchtern, denn es war das erſte Mal, daß dies Wort über ſeine Lippen kam. „Ich glaube, ich hoffe es,“ erwiederte Manna⸗ vedo nach einer Pauſe. „Ihr Name?“ Mannavedo antwortete mit einem forſchenden, lauernden Blicke:„Die Marcheſa Piombona.“ Antonio ſchreckte zuſammen wie von einem elek⸗ triſchen Schlage getroffen, ſeine Wange erbleichte, ſeine Geſtalt erbebte, und ſchwere Seufzer hoben ſeine Bruſt. Dann plötzlich veränderten ſich ſeine — 80— Züge wieder, der Kampf war überſtanden, er um⸗ ſchlang den Freund mit ſtürmiſcher Glut und rief: „Ja, Du biſt in Wahrheit mein guter Genius, Du kommſt, mich mir ſelbſt zurückzugeben und mich zu verſöhnen mit meinen Studien. Gott ſegne Dich, mein Freund, mein Federigo!“ „So zürneſt Du mir nicht, daß ich eine Andere liebe neben Dir?“ fragte Mannavedo, Antonio's Worte unbeachtet laſſend. „Nein, nein, ich ſegne Dich, ich freue mich dieſer Deiner Liebe zu dem ſchönen Weibe. Du mußt, Du ſollſt ſie beſitzen!“ Und dann, wie gehoben von einem mächtigen Entſchluſſe, ſagte er: „Ich ſelbſt will Dein Freiwerber ſein. In einer Stunde ſchon will ich zu ihr gehen.“ Mannavedo willigte ein, die Sache in ſeine Hände zu legen, und, nachdem ſie Alles verabredet hatten, verließ er den Freund. 3 Antonio ſtand lange und unbeweglich auf der Stelle, wo Mannavedo ihn verlaſſen; dann flü⸗ ſterte er, ſich aufraffend, mit ſchmerzlichem Ton: „ Was wäre die Freundſchaft, wenn ſie eines Opfers nicht fähig wäre! Ich will dies Opfer bringen, wie ein Mann, ruhig und ohne Zagen.“ „Ich fühle aber,“ fuhr er fort, ſein Haupt ſtolzer erhebend,„ich fühle, daß mich dieſe Stunde gereift hat zum Manne. Ich habe der Welt meinen erſten Tribut dargebracht.“* VIII. Vendetta. Die Marcheſa Piombona lag in reizender, nachläſſiger Stellung auf der ſammtnen Ottomane ihres Boudoirs, und ließ ſich immer und immer wieder von dem vor ihr ſtehenden Pagen Antonio's Freude und Ueberraſchung bei dem Empfang ihres Briefes ſchildern. Ihr Herz pochte laut in ihrer freudebewegten Bruſt, und ein ſeliges Lächeln umſpielte ihre vollen roſigen Lippen. Sie war ſchön in ihrer Glut und Leidenſchaft, ſchön, wie alle Weiber des Sü⸗ dens es ſind, wenn ſie lieben; ihr Auge glühte wie die Sonne des Südens, und jenes reizende unnachahmliche Lächeln, das nur die Wonne der Liebe verleiht, verklärte ihre ſchönen regelmäßigen Züge. Seufzer der Sehnſucht hoben ihren vollen weißen Buſen und zitterten auf ihren halb geöff⸗ neten glühenden Lippen. Sie winkte dem Pagen ſich zu entfernen. Sie 3 6 Antonio. —e — 32— wollte nicht durch die Nähe eines Andern geſtört ſein in ihren Gedanken an ihn. Dann, als ſie allein war, lag ſie lange ſtill und bewegungslos da, ſich im Geiſte des Geliebten Bild ausmalend mit jenen glühenden Farben, wie ſie nur die ſüdlichen Zonen kennen. „Ja, er iſt ſchön,“ flüſterte ſie leiſe,„ſchön, wie die Heiligen es ſein mögen, nein, ſchöner wie die Heiligen, denn er iſt ein Menſch, und wenn meine Arme ſich ausſtrecken ihn zu umfangen, wenn mein Mund ſich ſehnt den ſeinen zu berüh⸗ ren, wenn meine Geſtalt ſich zu ihm drängt, an die ſeine ſich zu lehnen, o dann wird er nicht ſein wie die kalten und hölzernen Bilder der Hei⸗ ligen, o dann wird er glühen in irdiſcher, menſch⸗ licher Liebe, und Menſch und Gott zugleich werde ich in ihm umfangen!“„Ja, er liebt mich,“ fuhr ſie glühender fort,„und er wird kommen, mir ſein Herz zu geſtehen, mir einen Himmel der Luſt zu öffnen! Ach, ich beneide nicht die Götter um ihre Seligkeit, wenn ich an ſeinem Herzen ruhe. Doch horch,“ unterbrach ſie ſich ſelbſt,„höre ich nicht Schritte da draußen? Ja, er iſt es, er kommt!“— Sie flog empor und ſtürzte zu der Thür, und als ſie mit bebender Hand ſie öffnete, ſtand An⸗ tonio vor ihr. Sie blickte ihn an, der Jubelruf aber erſtarb auf ihren Lippen, als ſie ſeinem kal⸗ ten, ruhigen Blick begegnete, und wie erſtarrt in 4 B — 83— innerem Schreck fand ſie keine Worte, ſeine abge⸗ meſſene höfliche Begrüßung zu erwiedern. Stumm winkte ſie ihm näher zu treten, und ſich auf die Ottomane ſetzend, lud ſie ihn mit einer Hand⸗ bewegung ein, neben ihr Platz zu nehmen. Er ge⸗ horchte ſchweigend, und ſagte dann kalt und ruhig: „Verzeiht, Signora, daß ich, ein Fremder, es wage, Euch zu ſtören und Eure Ruhe zu unterbrechen.“ „Ich, verzeihen?“ ſagte ſie bebend, mühſam ihre Leidenſchaftlichkeit unter dem äußern Anſchein der Ruhe verbergend. Antonio vermied es, ihrem glänzenden, ver⸗ lockenden Auge zu begegnen, und ſagte:„Minde⸗ ſtens hoffe ich, daß die Botſchaft, die mich zu Euch führt, eine hinlängliche Entſchuldigung mei⸗ nes Kommens ſein wird.“ „Eine Botſchaft?“ fragte die Marcheſa ver⸗ wundert. „Ja, Signora, ich komme als Abgeſandter zu Euch, darf ich ſprechen?“ Signora Piombona war bleich geworden vor Entſetzen, ihre ganze Geſtalt erbebte, und keiner Antwort fähig, preßte ſie ihre kleinen Hände feſt in einander im Krampf ihrer innern Aufregung. Antonio wiederholte ſeine Frage. „Sprecht, ſprecht,“ hauchte ſie athemlos, und ſank, überwältigt von ihren Gefühlen, in die Otto⸗ mane zurück. Antonio ſchwieg einen Moment, und es war, 62 — 84— als ob auch er vergebens nach Athem, nach Worten rang. Dann aber gedachte er ſeines Freundes, ſeiner Bücher; ſeine Ruhe kehrte zurück, und ruhig und ernſt ſagte er:„Ihr wißt vielleicht, Signora, welch eine innige, unverbrüchliche Freundſchaft mich mit dem Grafen Mannavedo verbindet. Offnes und rückhaltloſes Vertrauen iſt der Wahlſpruch unſeres Bundes, und kein Gedanke des Freundes darf dem Freunde verborgen bleiben. Darum, den Gelübden und Schwüren dieſer heiligen Freund⸗ ſchaft treu, öffnete mir Mannavedo heute ſein Herz und ließ mich ſeine heiligſten und innigſten Wün⸗ ſche kennen, vertraute mir ſeine tiefverborgenſten Gedanken. Ihr, Signora, ſeid das Ziel ſeiner Wünſche, Euch gehören ſeine Gedanken, Euch ſein Herz. Signora, Graf Mannavedo liebt Euch.“ Die Marcheſa flog empor, Zorn und Schmerz blitzte aus ihren Augen, deren ſprühender, vernich⸗ tender Blick auf Antonio gerichtet war. Beſchä⸗ mung und Wuih tobte in ihr, und zitternd in der Gewalt ihrer Leidenſchaft, rief ſie:„O, ich be⸗ greife, begreife jetzt Alles! Sprecht nur weiter, Signor, nur weiter! Sagt nur ganz offen mit dieſer Eurer kalten, ruhigen Miene, die einem Gott Ehre macht, ſagt nur, daß Ihr gekommen ſeid, mich zu beſchämen, mich zu verſpotten! Sprecht nur mit dieſer Eurer gleißneriſchen Stimme von Eurer Freundſchaft und Treue für den Grafen! O herrlich, köſtlich! Ein neues Freundespaar! — 35— Caſtor und Pollux! Nun ſo ſprecht doch, ſprecht doch, Signor!“ rief ſie mit wüthendem Ton, und ſtampfte in wildem Zorne den Boden;„ſagt mir doch Eure Liebesbotſchaft, ſo werbt doch für Eu⸗ ren Freund um meine Hand!“ Antonio blickte wie erſtarrt auf das raſende, wüthende Weib, und unter dieſen Blicken fühlte er ſein Herz erkalten, ſeine Seele geneſen von der augenblicklichen Betäubung. Mit ruhigen und kal⸗ ten Worten warb er nun für den Freund um die Hand der Signora. Die Marcheſa ging, während er ſprach, mit ungeſtümen Schritten im Zimmer auf und ab, dann, als er geendet, blieb ſie vor ihm ſtehen und fragte bebend:„Ihr erhieltet mein Billet?“ Antonio ſchwieg lange, dann ſagte er faſt tou⸗ los, denn er ſchämte ſich ſeiner erſten Unwahrheit: „Ich weiß von keinem Billet.“— „Lügner!“ ſagte die Signora verächtlich, und wandte ihm den Rücken, um wieder im Zimmer auf und ab zu gehen. Eine Pauſe trat ein; dann ſagte Antonio, feſt entſchloſſen, dieſer peinigenden Scene ein Ende zu machen:„Und welche Antwort ſoll ich dem Grafen bringen?“ „Ach, ich vergaß die Antwort,“ ſagte die Sig⸗ nora mit einem ſpöttiſchen, verächtlichen Lächeln; „ich danke Euch, daß Ihr mich daran erinnert. Geht, und ſendet mir Euren Freund!“ 86 Mit einer kalten und ſtummen Verneigung entfernte ſich Antonio; ſtolz und hoch aufgerichtet entließ ihn die Signora, dann aber, als er ſie verlaſſen, warf ſie ſich in wildem Schmerz auf den Fußboden nieder; Flüche, Verwünſchungen, Liebesklagen und Seufzer drangen von ihren blei⸗ chen Lippen, bis ihr Schluchzen und Weinen auch dieſe erſtickte.— Dann wieder flog ſie empor, und rannte ächzend, die geballten Fäuſte gegen ihre Bruſt ſchlagend, auf und ab, um wieder zur Erde zu ſinken, und in neue Klagen, neue Verwün⸗ ſchungen auszubrechen. Der Schmerz einer Südländerin iſt nicht lang, wie furchtbar und zerſtörend er ſich auch äußern mag. Keine Stunde war vergangen, da erhob ſich Signora Piombona von ihren Knien mit ern⸗ ſtem, aber ruhigem Angeſicht; ihre Wange war bleich, und ein bitterer Schmerzenszug verdüſterte ihr ſchönes Angeſicht; aus ihren Augen aber blitzte ein finſteres, unheilvolles Feuer, und den vollen ſchönen Arm gen Himmel erhebend, flüſterte ſie zwiſchen den feſt auf einander gepreßten Lippen hervor:„Vendetta!“ Ein Diener kam und meldete den Grafen Mannavedo. Die Marcheſa ging ihm gefaßt und ruhig entgegen. „Ihr Freund war bei mir, und hat mir Ihre Botſchaft überbracht,“ ſagte ſie, und verſuchte zu lächeln. „Und Ihr, Signora,“ fragte der Graf mit zärtlichem Ton,„werdet Ihr meine heiße Liebe erhören? Willigt Ihr ein, mich zu dem Glück⸗ lichſten der Sterblichen zu machen? Wollt Ihr mein Weib ſein?“ Die Marcheſa ſchwieg, dann reichte ſie dem Grafen ihre Hand dar, und ſagte ernſt:„Ich bin die Eure, wenn Ihr mir eine Bedingung erfüllt.“ „Und welche?“. „Brecht Eure Freundſchaft mit dem Grafen Calvaro. Nur, wenn Ihr mir das ſchwört, bin ich die Eure.“ „Und wollt Ihr noch heute mein Weib wer⸗ den, wenn ich Euch ſchwöre, nicht nur aufzuhören ſein Freund zu ſein, ſondern Alles, was ich ver⸗ mag, daran zu ſetzen ihn zu verderben? Wollt Ihr, wenn ich Euch ſchwöre, ihn mit glühendem Haß zu verfolgen, wollt Ihr dann noch heute die Meinige werden?“ „Ja, noch heute.“ „Wohlan, ich ſchwöre!“ rief der Graf, und hob ſeine Rechte gen Himmel. „Und die Rachegötter mögen Euren Schwur ſegnen!“ ſagte die Marcheſa, und reichte ihm ihre Hand. Dann aber ſank ſie ohnmächtig in ſeine rme. IX. Das Hoffeſt. Der ganze Adel Palermo's, alle Großen des Reichs, alle anweſenden Diplomaten und berühmte Fremde waren heute beim Vicekönig zur Tafel ge⸗ laden, und eine Staatskutſche nach der andern fuhr durch das marmorne Portal, um die geſchmück⸗ ten Schönen vor der großen mit dunkelrothem Tuch belegten Freitreppe abzuſetzen, wo ſie von zwölf dienſtthuenden Kammerherren in reicher Galla⸗Uni⸗ form empfangen und in die Säle hinaufgeführt wurden. Hier wogten im bunteſten Gedränge die Vornehmſten und Angeſehenſten des Landes auf und ab, in feierlichem Schweigen die Ankunft des hohen fürſtlichen Paares erwartend. Nur hie und da ſtanden einzelne Gruppen junger Cavaliere bei einander, in leiſem Geflüſter ſich ihre Vermuthun⸗ gen zu dem Anlaß des heutigen glänzenden Feſtes mittheilend.. „Ah, ſieh, da ſehe ich den Grafen Manna⸗ — 89— vedo kommen,“ ſagte der Marquis von Spidora, der in einer dieſer Gruppen ſtand;„der wird uns Aufſchluß geben können. Er hat heute bei Sr. Majeſtät den Dienſt.“ Der Graf hatte ſeine Freunde ſchon bemerkt und kam ſie zu begrüßen. „Beſter Graf,“ flüſterte Spidora,„Ihr kommt wirklich wie ein rettender Engel, uns aus dem Fegefeuer der Neugierde zu befreien. Wir bren⸗ nen, die Veranlaſſung dieſes Feſtes zu erfahren.“ „Und ich bin glücklich genug, ſie Euch ſagen zu können. Erſtens,“ fuhr er mit wichtiger Miene fort,„gedenken Ihro Majeſtäten dem verſammelten Hofſtaat ein neuvermähltes Ehepaar vorzuſtellen.“ „Kennt Ihr das Paar? wißt Ihr, wer es iſt?“ unterbrach ihn Spidora. „Niemand weiß es,“ erwiederte Mannavedo ernſthaft.„Und zweitens,“ fuhr er fort,„wird die berühmteſte Sängerin dieſes Jahrhunderts heute bei Tafel erſcheinen. Der Vicekönig hat ſie in einem Handbillet dazu eingeladen.“ „Welche Ehre!“ riefen die ſtaunenden Cava⸗ liere.„Und der Name dieſer Primadonna?“ „Signora Catharina Gabrieli,“ ſagte Manna⸗ vedo ernſthaft. „Wirklich, iſt dieſe Berühmteſte der Berühm⸗ ten hier?“ riefen die Herren erfreut. 3 Mannavedo nickte bejahend.„Sie iſt auf ih⸗ rem Triumphzug durch Europa endlich bis zu uns — 90— gekommen, geht von hier nach Petersburg, wohin die Kaiſerin Katharina ſie auf zwei Monate ein⸗ geladen, und kommt von Wien, wo ſie während einiger Jahre die Sonne des Tages war. Ein Licht erſter Größe, ein Demant vom reinſten Waſ⸗ ſer! Da habt Ihr Alles, was ich von ihr weiß.“ „So weiß ich mehr von ihr,“ rief Spidora, „und zwar etwas ſehr Wichtiges, nämlich, daß ſie in Wien ungeheure Schätze erworben hat. Man ſpricht von einigen Millionen Ducati, die ſie be⸗ ſitzt, und ihr Schatz an Brillanten und Juwelen ſoll unermeßlich ſein.“ „Marquis, Marquis,“ ſagte Mannavedo lä⸗ chelnd,„laſſen Sie ſich nicht von dieſer Armida in den goldenen Netzen fangen. Ich leſe in Ihren Augen ſo etwas, was wie ein Heirathsantrag ausſieht.“ Die Herren lachten, und Spidora ſagte mit verächtlichem Ton:„Ich bitte Sie, Graf, eine Sängerin!“ „Nun, eine Sängerin iſt in unſern Tagen eine vornehme Perſon und rangirt mit jeder Con⸗ teſſa und Marcheſa. Das macht die Aufklärung, Signori, und wir Kinder der Zeit müſſen uns bemühen nicht zurückzubleiben. Darum, Mar⸗ quis, ſchreiten Sie uns muthig voran, und fürch⸗ ten Sie ſich nicht, Ihrem altadeligen Geſchlechte dies neue Reis einzuverleiben.“ 4 „Und dann,“ ſagte Spidora,„iſt es noch ſehr —— — —-ʒ; — 91— problematiſch, ob die Signora Einen von uns, Euch nicht ausgeſchloſſen, Graf Mannavedo, ihres Beſitzes werth hält. Sie ſoll ſchön ſein und ſtolz, wie eine Cleopatra. Ihr Ehrgeiz ſoll keine Gren⸗ zen kennen, und beſonders durch ihr übermüthiges und ſtolzes Betragen gegen Könige und Kaiſer iſt ſie ein Schrecken der Hofleute geworden.“ „Ja, Ihr habt Recht,“ ſagte Mannavedo, „und davon zeugt das Antwortſchreiben, das ſie der Kaiſerin Katharina geſandt, als dieſe auch in einem eignen Handſchreiben ſie nach Petersburg geladen. Kennt Ihr dies?“ Die Cavaliere verneinten, und baten den Freund zu erzählen. „Die Gabrieli antwortete der Kaiſerin, ſie ſei bereit zu kommen, falls ihr die Bedingungen er⸗ füllt würden, die ſie mache. Dieſe Bedingungen beſtanden aber darin, daß ſie für ein zweimonat⸗ liches Engagement einen Gehalt von fünftauſend Ducati forderte.— Die Kaiſerin war entrüſtet über dieſe Forderung, und ſchrieb ganz kurz zu⸗ rück: So viel gebe ich keinem meiner Feldmar⸗ ſchälle!— Die Gabrieli aber antwortete lakoniſch: „So laſſen Ew. Majeſtät doch einen Ihrer Feld⸗ marſchälle ſingen!“— Und Kaiſerin Katharina hat ſich entſchloſſen, dieſe Summe zu zahlen. Aber,“ unterbrach ſich Mannavedo,„ich muß eilen, auf meinen Poſten zu kommen. Die feſtgeſetzte Stunde zum Diner iſt da!“ — 92 Er entfernte ſich eiligſt, kurze Zeit darauf wurden die Flügelthüren geöffnet, und unter Vor⸗ tritt des ganzen Hofſtaates trat der Vicekönig, ſeine Gemahlin an der Hand, in den Saal. Mit gnädigem Kopfnicken erwiederte der Fürſt die tiefen Verbeugungen ſeiner Gäſte, dann winkte er dem Grafen Mannavedo, der neben der Mar⸗ quiſe Piombona in einiger Entfernung geſtanden. Hand in Hand nahte das Paar ſich dem König, dieſer führte ſie einen Schritt hinein in den Saal, und ſagte:„Meine Herren und Damen, ich ſtelle Ihnen hier ein junges Ehepaar vor, das ſeit geſtern Abend verbunden iſt: den Grafen und die Gräfin Mannavedo, bis dahin Marcheſa Piom⸗ bona und Palaſtdame Ihro Majeſtät meiner Ge⸗ mahlin. Ich hoffe, Sie werden, gleich uns, dem jungen Paar ihre aufrichtigen Glückwünſche dar⸗ bringen.“ Nun winkte die Vicekönigin den Neuvermähl⸗ ten, die ſich ehrfurchtsvoll nahten, und während die junge Gräfin ihr Knie beugte, hing die Für⸗ ſtin ihr ein blitzendes Halsband um, ſie ihres fernern Wohlwollens und Schutzes verſichernd. Die junge Gräfin neigte ſich, die Hand ihrer f Gebieterin zu küſſen; als ſie ſich dann von ihren Knien erhob, begegnete ihr Blick dem ruhigen Auge Antonio's, der, hinter der Königin ſtehend, ein ſtiller Beobachter der ganzen Scene geweſen. Eine glühende Röthe bedeckte die vorher ſo bleichen Wangen der Gräfin, einen Moment zuckte es wie ein tiefes Weh in ihren Zügen, und un⸗ willkürlich legte ſie die Hand auf ihr Herz, als wolle ſie damit deſſen Schmerzen und Toben ſtillen. Dann nahmen ihre Züge wieder ihren ruhigen, ſtolzen Ausdruck an, noch einmal begegnete ſie An⸗ tonio's Blicken, aber ruhig, faſt verächtlich, und auf ihren Lippen zitterte das leiſe Wort:„Vendetta!“ Jetzt umringten die Damen die Neuvermählte, ihr in hochtönenden Worten ihre Glückwünſche dar⸗ zubringen, während die Cavaliere Mannavedo nicht genug ihre Verwunderung ausdrücken konnten über die ſchnelle und unvermuthete Verbindung. Indeß war der Oberceremonienmeiſter einge⸗ treten, und ſeinen langen goldenen Stab vor dem Könige neigend, verkündete er, daß die Tafel be⸗ reit ſei. „Aber wo iſt die Signora Gabrieli?“ fragte der Fürſt, verwundert umherblickend. Die dienſtthuenden Kammerherren kamen her⸗ beigeſtürzt, um, faſt ſprachlos vor Schrecken, zu verkünden, daß die Signora noch nicht erſchienen, obwohl faſt eine Stunde über die ihr beſtimmte Zeit verfloſſen ſei.. Dcer Fürſt ſagte lächelnd:„Künſtler und Dich⸗ ter laſſen ſich der Stunde nicht unterordnen, und wir dürfen der großen Sängerin nicht zürnen, wenn ſie vielleicht beim Studium einer ihrer Lieb⸗ lingsarien die Zeit vergeſſen konnte, in der wir ſie erwarteten. Man gehe zu ihr, und ſage der Signora, daß wir ihrer harren.“ Die Kammerherren flogen von dannen. Der Fürſt winkte dem Oberceremonienmeiſter voranzu⸗ ſchreiten, bot ſeiner Gemahlin den Arm, und man begab ſich in den anſtoßenden Saal zur Tafel. Eine kurze Zeit war vergangen, als einer der Kammerherren zurückkehrte, und mit ehrfurchtsvoller Verneigung ſich der Tafel nahte, wo der Vice⸗ könig mit ſeiner Gemahlin, getrennt von der Ge⸗ ſellſchaft, ſaß. „Nun, Signor,“ rief der Fürſt ihm entgegen, „führt Ihr uns die Signora nicht her?“ Der Kammerherr erwiederte bebend:„Ew. Ma⸗ jeſtät möge mir verzeihen, wenn ich es wage, meine Botſchaft auszurichten, und mir nicht zürnen über das Entſetzliche, an dem ich unſchuldig bin.“ „ Sprechen Sie!“ befahl der Fürſt. „Ich traf die Signora Gabrieli,“ ſtotterte der Kammerherr,„im Bette liegend, ein Buch in der Hand, und als ich ihr Ew. Majeſtät Befehl über⸗ brachte, erwiederte ſie: Se. Majeſtät muß mich für heute entſchuldigen. Ich hatte wirklich die Ein⸗ ladung vergeſſen. Jetzt iſt es zu ſpät, überdies möchte ich dies neue Werk meines Freundes Me⸗ taſtaſio erſt beenden.“ „Sie wird alſo nicht kommen?“ fragte der Fürſt, und preßte im Unmuth die Lippen feſt auf einander. — 95— Der Kammerherr zuckte ſprachlos die Ach⸗ ſeln, und der Oberceremonienmeiſter, hinter dem Stuhl des Fürſten ſtehend, ſagte blaß vor Zorn: „Das muß beſtraft werden! Eine ſolche Inſo⸗ lenz darf nicht geduldet werden. Es iſt Majeſtäts⸗ beleidigung.“ „Ruhig, ruhig!“ gebot der Fürſt, ſchnell geſammelt;„Künſtlerinnen müſſen nach andern Geſetzen gerichtet werden als die übrigen Men⸗ ſchen. Wir wollen ihr verzeihen, und ich denke, die Signora wird uns heute Abend das Ver⸗ zeihen leicht machen. Sie wird in einer Oper Metaſtaſio's ſingen, und wahrſcheinlich war dieſe ihre Lectüre, die ſie beſchäftigte. Wir dürfen ihr alſo nicht zürnen, da ſie für uns ihre Zeit verwandte. Und nun, denken wir nicht weiter daran! Laßt Muſik erſchallen! Nehmt Eure Gläſer, Signori, ich trinke auf das Wohl der Neuvermählten.“ Die Muſik ſchmetterte eine Fanfare, der Fürſt erhob den goldenen Pokal und dem jungen Paar, das nahe dabei an einer andern Tafel ſaß, gnädig zuwinkend, leerte er den Becher. Auch Antonio nahte ſich der jungen Gräfin, um, der Eiikette gemäß, ſein Glas an dem ihren erklingen zu laſſen.. „ Die Gemahlin meines Freundes wird mir ihre Freundſchaft, um die ich flehe, nicht ver⸗ ſagen,“ flüſterte er.“ „Freundſchaft auf Leben und Tod!“ erwie⸗ derte ſie betonend eben ſo leiſe, und nippte an ihrem Pokale.. Als die Tafel beendet und die Zeit zur Oper herangekommen, begab ſich das fürſtliche Paar in Begleitung ihres Hofſtaates in das Theater. Das Haus war überfüllt von Zuſchauern, ganz Palermo ſchien herbeigeſtrömt, den Tönen der weltberühmten Sängerin zu lauſchen, und die ſonſt ſo gefeierten Sänger und Sängerinnen Pa⸗ lermo's zitterten, neben dieſer Heroine des Geſan⸗ ges zu erſcheinen, deren Ruf ſeit Jahren durch ganz Europa erſchallte. Der Vicekönig wandte ſich mit einem gütigen Lüächeln an Antonio, der hinter ſeinem Stuhl ſtand. „Wir werden alſo heute Metaſtaſio's Didone ab- bandonata hören, ſagte er. Ich bin begierig, welchen Eindruck dies auf Euch machen wird, Graf Calvaro. Einem Ballet konntet Ihr widerſtehen, einer Oper, von ſolcher Nachtigallenkehle geſungen, werdet Ihr unterliegen.“ „Sire,“ erwiederte Antonio,„ſchon in mancher ſüßen Maiennacht habe ich den Tönen der Nach⸗ tigallen gelauſcht.“ „Aber dieſe ſangen keine Opern, Graf.“ „Die Natur iſt die größte Oper, und voll der entzückendſten Melodien!“ Der Vorhang flog empor,— eine athemloſe Pauſe trat ein, denn ſchon in der erſten Scene — 97— mußte die große Sängerin erſcheinen. Noch war die Bühne leer,— dort in der Ferne ſah man auf dem bewimpelten Schiffe Aeneas enteilen, und jetzt— ein Beifallsgeſchrei und Applaudiren, von dem das Haus erbebte, donnerte brauſend durch den Saal— denn jetzt erſchien die Dido Gabrieli auf der Bühne. Ruhig und ſtolz, hoch aufgerich⸗ tet ſtand die Künſtlerin; wie laut und ſtürmiſch auch das Beifallsgeſchrei ertönte, wie viel Kränze und Lorbeerzweige, wie viel Sonette und Ge⸗ dichte auch zu ihren Füßen niederfielen, keine Miene ihres ſchönen, ſtolzen Angeſichtes veränderte ſich, kein noch ſo leiſes Lächeln des Dankes trat auf ihre Lippen, und nicht die kleinſte Verbeugung konnte man als Gruß dieſem ſtolzen Nacken ab⸗ gewinnen. Selbſt der Vicekönig hatte ſich in ſeiner Loge erhoben, um mit einem lauten Brava! die Künſtlerin zu begrüßen. Sie hörte es, und ihr feuriger Blick flog hinauf zu der königlichen Loge, ſie warf aber den Kopf nur ſtolzer zurück, ohne den königlichen Gruß eines Dankes werth zu achten. „Das iſt unverſchämt,“ ſagte der Vicekönig halblaut, und nahm mißmuthig ſeinen Platz wie⸗ der ein, während die Cavaliere im Entſetzen über dieſe Unhöflichkeit keine Worte ſinden konnten, ihren Abſcheu auszudrücken. Antonio aber blickte bewegungslos hin auf die Antonio. 7 — 98— ſeltene, ſtolze und ſchöne Erſcheinung, und er ſagte zu ſich ſelber:„So, gerade ſo dachte ich mir das Weib in ſeiner Herrlichkeit und ſeiner Pracht. O ich möchte vor ihr niederſinken und den Boden küſſen, den ihre Füße berührten, ich möchte in heißem Dank mich ergießen für das Glück ſie zu ſehen! Ja, ſie gleicht der Minerva der Griechen mit ihrem ſtolzen, keuſchen Blick voll Freiheit und Hoheit! Welche Unſchuld, welche Erhabenheit in dieſem Angeſicht! O, dieſe iſt das Ideal aller Weiblichkeit!", ee ₰. Indeß hatte der Sturm des Beifalls und de Begrüßungen ſich beruhigt, man ward wieder ſti man hielt den Athem an, um nur ja keinen Ton der nun kommenden großen Arie zu verlieren. Die Introduction war beendet, der Geſang begann. Aber wie? Iſt das die große Sängerin, das die weltberühmte Gabrieli? Dieſe leiſen, gedämpften Töne, die ſie mit kaum geöffnetem Munde ſingt, dieſer farbloſe, eintönige Vortrag, dieſe bewegungs⸗ los herabhängenden Arme, dieſer Mangel an irgend einer Bewegung beim Vortrag, wie, iſt das die Gabrieli, die man die erſte Sängerin, die erſte dramatiſche Künſtlerin nennt? dies die große Schü⸗ lerin des großen Porpora und des berühmten Me⸗ taſtaſio? Man ſieht ſich erſtaunt, verwundert ein⸗ ander an, man weiß ſich dies Räthſel nicht zu erklären. Die erſte Arie iſt beendet, die Sängerin verläßt die Bühne; ſtumm und bewegungslos ſitzen ——— 8 1—*———— — 99— die Zuhörer. Aber ſie wird ſich ſchonen wollen für die nun kommende ungeheure Scene, flüſtert man während der Arie des Tenors, ſie wird in dieſer großen Scene alle ihre Kraft, ihre Gewalt ungeſchwächt entfalten wollen. Sie wird uns dann 1 bezaubern, hinreißen wollen.— getzt, da betritt ſie wieder die Bühne, nun 4 dieſe einleitenden Töne des Violoncells, jetzt öffnet 3 ſie den Mund,— ſingt ſie wirklich? Man hört 1 es kaum. Leiſer noch wie das Zirpen der Cicade, ſind dieſe Töne. Spielt ſie? O nein, ſie ſcheint zu ſchlafen mit offnen Augen. Jetzt verſtummt ſie gänzlich, jetzt wieder ſingt ſie einige Takte, aber leiſe, leiſe, sotta voce, ſo geht die Arie zu Ende, und langſam, wie ſchlaftrunken, verläßt ſie die Bühne. Unwillig winkt der Vicekönig dem Grafen Mannavedo:„Gehen Sie hinab, Graf, und be⸗ fehlen Sie der übermüthigen Donna, daß ſie ſich bemühe, beſſer zu ſingen. Fragen Sie ſie, ob ſie vergeſſen hat, daß wir ſie bezahlen, damit ſie ſinge!“ Kurze Zeit iſt vergangen, da kehrt der Graf zurück.„Majeſtät, ich ſah nie eine ſtolzere, hoch⸗ fahrendere Donna. Ich überbrachte ihr Ew. Ma⸗ jeſtät Befehl, und ſie erwiederte, ſie ſei bereits drei Tage in Palermo, und Niemand ſcheine von ihrer Anweſenheit gewußt zu haben, da wäre es natür⸗ lich, daß ſie vergeſſen, daß ſie eine große Sänge⸗ 7 P.— —— — 100— rin ſei, und ſie glaube ſchwerlich, daß ſie ſich deſſen heute Abend noch erinnern werde.“ „So geht wieder zu ihr,“ befahl der Fürſt zornig,„und ſagt ihr, ich befehle, daß ſie beſſer ſinge, oder dieſe Unverſchämtheit würde ihre ge⸗ bührende Strafe finden.“ „Nun, die Antwort?“ fragte der Vicekönig, als Mannavedo bald darauf zurückkehrte. „Majeſtät, ſie erklärte, heute Abend nicht ſin⸗“ gen zu wollen. Zum Schreien könnte man ſie zwingen, aber nicht zum Singen. 91 „Das iſt zu viel!“ ſagte der Fürſt unwillig, und ſtand auf, indem er ſeiner Gemahlin ein Zeichen gab.„Wir ſind gern bereit, einer gro⸗ ßen Künſtlerin Nachſicht angedeihen zu laſſen, ſo weit es ſich mit unſrer eignen Würde verträgt. Da die Signora aber wagt, dieſer zu nahe zu treten, ſo gebe ich Euch Befehl, Herr Hofmar⸗ ſchall, dieſe Majeſtätsbeleidigung nach den Geſetzen zu ſtrafen.“ So ſprechend verließ das königliche Paar, be⸗ gleitet von ſeinem Gefolge, das Theater, während der Hofmarſchall ſich mit Sbirren und Polizei⸗ beamten hinter die Couliſſen begab, die übermü⸗ thige Signora Gabrieli aufzuſuchen. Sie fanden ſie im Garderobenzimmer, nach⸗ läſſig hingeſtreckt auf die Ottomane, in fröhlicher Laune ein Liedchen trällernd. „Nun, ſchon wieder eine Botſchaft von dem — 101— Vicekönig?“ rief die Signora, als die Herren bei ihr eintraten.„Sagen Sie Sr. Majeſtät, daß ich heute entſchieden nicht ſingen werde.“ Der Hofmarſchall, ſich in aller Würde ſeines Amtes emporrichtend, erwiederte:„Im Namen des Geſetzes verhafte ich Euch, die Signora Gabrieli, wegen Majeſtätsbeleidigung.“ Die Signora brach in ein lautes Gelächter aus, und rief:„O über dieſe Ohnmacht der Fürſten, die an dem Aeußern ſich rächen muß, weil ſie zu ſchwach iſt, das Innere zu ſtrafen. Meine Stimme iſt es, die Se. Majeſtät belei⸗ digte, und dafür nimmt man meine Perſon ge⸗ fangen! Nun wohlan! Fort in's Gefängniß! Aber Sie werden ſehen, daß die eigentliche Ver⸗ brecherin dennoch ungeſtraft und frei bleibt, denn in den Mauern des Gefängniſſes wird meine Stimme ſchallend und fröhlich das luſtigſte Lied erklingen laſſen.“ Ohne den Hofmarſchall weiter zu beachten, winkte ſie ihrer Kammerfrau, ihr den ſammtnen Mantel um die ſchönen Schultern zu hängen, und hüpfte hinaus zu ihrem bereit ſtehenden, mit vier köſtlichen Rappen beſpannten Wagen. „In's Gefängniß!“ befahl ſie dem Kutſcher, und warf ſich nachläſſig in die ſeidnen Polſter des Wagens.„Ja, ja, in's Gefängniß!“ wiederholte ſie, als der Kutſcher und Jäger ſie erſtaunt und fragend anſahen. — 102— „Aber in welches Gefängniß?“ ſtotterte end⸗ lich der entſetzte Diener. „Darnach mußt Du die Excellenz da fragen,“ lachte die Signora, auf den Hofmarſchall deutend, der eben aus der Pforte trat;„er weiß wahr⸗ ſcheinlich beſſer in den Gefängniſſen Beſcheid, 2 X. Die Sängerin im Gefängniß. Welch ein Leben begann nun in dem ſonſt ſo ſtillen Gebäude der Staatsgefängniſſe! Lachen und Fröhlichkeit, Geſang und luſtige Tanzmuſik er⸗ ſchallte durch die früher ſo einſamen Corridore, ſeitdem Signora Gabrieli als Gefangene dort weilte. Die reichſten Grafen und Barone, der ganze Adel Palermo's, alle in der Stadt anweſenden Fremden beeilten ſich, der großen Sängerin ihre Huldigung darzubringen, und ſobald Morgens die Stunde gekommen war, in der die Etiquette er⸗ laubt Beſuche zu machen, rollte eine glänzende Equipage nach der andern bei dem Staatsgefäng⸗ niſſe vor. Signora Gabrieli empfing dann im eleganten Putze, ſtrahlend von Brillanten, in ihrem Gefängniß, das freilich nichts war, als ein ſchön decorirtes und geſchmücktes Gemach, die Be⸗ ſuche ihrer Verehrer. —— — 104— Kam die Mittagsſtunde heran, ſo ſah man das Gedränge der Wagen in der engen Straße ſich noch vermehren, denn Signora Gabrieli gab alltäglich in ihrem Gefängniſſe die üppigſten und ſchwelgeriſchſten Mahlzeiten, und der ganze Adel Palermoe drängte ſich um die Ehre, zu dieſen Gaſtmahlen geladen zu werden. Aber indem ſo der Stolz und Uebermuth der Signora ſeine Triumphe feierte, bereitete ihre Großmuth und ihr Herz ihr köſtlichere und ſin⸗ nigere Freuden. Jeden Morgen ſah man ſie, be⸗ gleitet von dem Gefangenwärter und Schließer, die langen finſtern Corridore durchwandeln, um an jeder dieſer verſchloſſenen eiſernen Thüren ſtille zu ſtehen und den Schließer zu fragen, welcher Art die Urſache zu der Verhaftung des armen Gefangenen da drinnen geweſen. War die Urſache ein Verbrechen, ſo ſeufzte ſie, und ihr Geſicht überflog ein Zug der Trauer, weil ſie ſich unfähig fühlte zu helfen; war der Gefangene aber wegen Schulden, wegen Geldes verhaftet, dann ſah man ſie lächeln in Freude, ſie fragte nicht nach der Größe der Summe, ſie rief nur haſtig:„Oeffnet, öffnet, laßt ihn frei! Ich bezahle die Summe.“ Wenn dann die Pforte ſich öffnete, wenn der traurige und verdüſterte Gefangene, ſein Glück nicht ahnend, den Kopf in die Hand geſtützt auf ſeinem hölzernen Schemel ſaß, wenn das Wort: Du biſt — 105— freil von ſo holden Lippen geſprochen, ihn empor⸗ ſchnellte; wenn er ſtaunend, nicht wiſſend, ob er träume, ob er wache, umherblickte und den Ge⸗ fangenwärter mit bebendem Ton fragte, ob es Wahrheit und Wirklichkeit ſei, und wenn dann bei der Antwort deſſelben ein freudiges Roth auf die bleichen, eingefallenen Wangen des Armen trat, wenn er, aufgelöſt in Wonne, niederſtürzte zu den Füßen der Signora, und in unzuſammenhängen⸗ den, verwirrten Worten ihr, die ihn der Freiheit, dem Leben, der Familie wiedergab, ſeinen Dank ſtammelte, wenn er, im Uebermaß der Freude, ſich neigte ihre Füße, ihr Gewand zu küſſen, o dann verklärte eine himmliſche Freude das ſchöne An⸗ geſicht der Sängerin, und ſie mußte ſich abwen⸗ den, ihre Thränen zu verbergen. So verbreitete der Ruf ihrer Wohlthätigkeit ſich ſchnell durch Palermo, und ſchaarenweiſe ſtröm⸗ ten die Armen herbei, um unter den Fenſtern der Signora ihre flehende Bitte, ihre Klagelieder ertönen zu laſſen. So ſah man nun neben den glänzenden Ca⸗ roſſen der Reichen das Elend und die Noth der Armuth ihre traurigen Inſignien erheben, und wenn die Signora dann das Fenſter öffnete, wenn ihre zarte weiße Hand ſich ausſtreckte, um einen Regen ſilberner Münzen über die Armen zu er⸗ gießen, dann erzitterte die Luft von donnerndem Freudengeſchrei und Vivatrufen, das der Sänge⸗ rin weit ſchöner und beglückender dünkte, als die glänzendſten Triumphe, die ſie ſonſt auf der Bühne gefeiert. So diente, was ihre Strafe hatte ſein ſollen, der Sängerin nur zur Vermehrung ihres An⸗ ſehens und ihres Triumphes, und dies zu ver⸗ meiden, beſchloß der Vicekönig ihr die Freiheit wiederzugeben, falls die Signora, das Unziem⸗ liche ihres Betragens einſehend, zu einer Abbitte ſich bereit zeige. Aber keine Bitten, keine Vorſtellungen ver⸗ mochten der ſtolzen Sängerin dieſe Nachgiebigkeit abzugewinnen.„Ich will die Freiheit ohne alle Bedingungen oder die Gefangenſchaft,“ war ihre Antwort. „Mag ſie denn frei ſein,“ befahl der Fürſt, „damit endlich dieſem läſtigen Hin⸗ und Wider⸗ reden ein Ziel geſetzt ſei, und wir nicht ewig mit dem armſeligen Eigenſinn dieſer Sängerin beläſtigt werden. Aber ſagt ihr, daß wir in Anerkennung unſerer Großmuth erwarten, daß ſie ihre beſten Kräfte anwendet, uns eine beſſere Meinung von ihrem Talente zu geben, und daß wir ſie heute Abend in derſelben Oper hören wollen, in der ſie vor zwölf Tagen unſer Mißfallen erregte.“ Antonio ward beauftragt, der Sängerin dieſe Botſchaft zu überbringen, und während er zu ihr fuhr, ſagte er zu ſich ſelber:„So werde ich ſie nun alſo ganz in der Nähe ſehen, ſie, die Schönſte, — — 107— die Erhabenſte der Weiber, ſie, die ſtolz und frei wie eine Königin der Welten einherſchreitet, und es nicht achtet, ob ein Fürſt ihr zürnt. Ja eine Königin iſt ſie und in göttlicher, erhabener Frei⸗ heit erkennt ſie kein Geſetz über ſich, als das ihres Willens, und duldet lieber und leidet, ehe ſie ihrer himmliſchen Kunſt Zwang und Feſſeln anlegen läßt! O, es muß ein göttliches Weib ſein, das ſo denkt und empfindet, und ich ſehne mich ſie zu ſchauen, ihre Stimme zu hören, die ſein muß wie das Flöten der Nachtigall.“ Sein Herz klopfte, als er die Schwelle ihres Gemachs überſchritt, in dem, wie die Kammerfrau berichtete, die Signora ſogleich eilen würde ihn zu empfangen. Er war froh, einen Augenblick allein zu ſein; er bedurfte einen Moment der Ruhe, der Sammlung, denn es war ihm ſo ſeltſam be⸗ fangen und beklommen, und als er jetzt leichte Schritte aus dem anſtoßenden Gemach ſich nahen hörte, klopfte ſein Herz ihm hörbar in der Bruſt. Die Thür öffnete ſich und die Signora trat ein. Antonio ging ihr mit einer tiefen Verbeugung, die ſie mit leichtem Neigen des Kopfes erwiederte, entgegen, und dann, ſein geſenktes Auge zu ihr erhebend, blieb er, wie geblendet von ihrem An⸗ ſchauen, ſtumm und ſchweigend vor ihr ſtehen. Sie war ſchön, Signora Gabrieli, ſchön mit ihrem von langen dunklen Locken umwallten An⸗ geſicht, das im Reize der Jugend und Lieblichkeit 7 — 108— prangte; ſchön mit dieſer vollen, üppigen Geſtalt, die in ihren vollendeten Formen an die Statuen der Griechen erinnerte, ſchön mit dieſer edlen könig⸗ lichen Haltung und dem unnachahmlichen Ausdruck ihrer beweglichen Züge. Eine Zeitlang duldete ſie ſchweigend Antonio's unverwandtes ſtarres Anſehen, dann flog ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln um ihre dunkelrothen Lippen, ihre ſchwarzen Augen blitzten höher auf, und ſie ſagte mit einer Stimme, deren Weiche und Wohllaut Antonio's Herz erbeben machte:„Es ſcheint ein Irrthum vorgefallen, Signor. Man meldete mir den Grafen Calvaro, der im Auftrag des Vice⸗ königs mich zu ſprechen wünſche, und ich finde einen Signor, der ſchweigend mein Geſicht be⸗ trachtet, wahrſcheinlich um es abzukonterfeien? Sie ſind ein Maler, nicht wahr, Signor?“ Antonio erröthete,— dies Erröthen machte die Signora ſtutzig; es war das erſte Mal, daß ſie dieſe Blüthe jungfräulicher Unſchuld auf eines Mannes Wangen erblühen ſah, und den Jüng⸗ ling, der beſchämt und ehrfurchtsvoll vor ihr ſtand, näher betrachtend, mußte ſie erſtaunen über das Gemiſch von Unſchuld und Kraft, von Ernſt und Kindlichkeit in dieſen Zügen. „O hätten Sie wahr geſprochen, Signora,“ rief Antonio jetzt;„wäre ich ein Maler dann ſoll⸗ ten dieſe reinen Züge das einzige Ziel meines Strebens ſein. Aber Sie haben Recht, Signora, — 109— mich an meine Sendung zu erinnern, mir zu ſagen, daß ich hier bin, um zu ſprechen, während ich doch verſtummte Ihrer herrlichen und göttergleichen Erſcheinung gegenüber. Der Vicekönig ſendet mich, um Ihnen Ihre Freiheit wiederzugeben.“ „Endlich!“ rief die Signora mit ſtolzem Lä⸗ cheln.„Aber wie, Signor, ohne alle Bedingun⸗ gen? Oder kommen dieſe nachgehinkt, wie das Un⸗ glück hinter dem Glück herhinkt, und es doch zu⸗ letzt überholt?“ „Keine Bedingungen,“ ſagte Antonio ſanft, „nur eine Bitte.“ „Und dieſe iſt?“ fragte die Signora raſch. „Es möchte Ihnen gefallen, Signora, heute Abend in der Didone abbandonata den Vicekönig durch Ihren herrlichen Geſang zu entzücken.“ Die Signora ging ſchweigend einigemal im Zimmer auf und ab, dann blieb ſie vor Antonio ſtehen, und ſagte mit einem ſpöttiſchen Lächeln. „Sie ſind ein Gelehrter, Herr Graf, wie man mir geſagt hat, und ich ſehe, daß man mir die Wahr⸗ heit geſagt. Mindeſtens wiſſen Sie mit vieler Fein⸗ heit und vielem Geſchick zu überſetzen. Die Bot⸗ ſchaft, die Sie mir da bringen, heißt aber in ihrer Urſprache: Sagt der übermüthigen Sängerin, ich will ſie freigeben unter der Bedingung, daß ſie heute Abend ihren Fehler wieder gut macht, und in der Rolle, in der ſie uns beleidigte, uns dadurch Abbitte thnt, daß ſie ſo gut ſingt, wie ſie vermag.“ — 110— „Signora,“ rief Antonio,„ich ſchwöre—“ „Still!“ unterbrach ihn die Sängerin ernſt; „ſchwören Sie nicht falſch, Herr Graf, ich kenne das, und Sie ſind noch nicht Hofmann genug, um mich mit frecher Stirn vom Gegentheil überführen zu können. Ich leſe in Ihrem Geſicht, daß ich Recht habe. O, ich kenne das,“ fuhr ſie heftiger fort,„ich kenne dieſe übermüthigen Großen, de⸗ nen die Kunſt nichts iſt als ein Spielwerk, das geſchaffen iſt, ſie in Stunden der Langeweile und der Laune zu erheitern, und das ſie achtlos weg⸗ werfen, dieſe Großen der Erde, wenn ſie ſeiner überdrüßig ſind, wegwerfen, um es unter ihre Füße zu treten.“ „ Bei Gott, Signora, Sie ſind im Irrthum,“ rief Antonio feurig;„überall, wo ſie erſcheint, iſt die Kunſt Siegerin und Herrin. Das lehrt uns die Geſchichte, das lehrt uns Athen, in denen Künſtler gleich Fürſten geehrt wurden, das lehrt uns das alte Rom, auf deſſen Capitole Künſtler und Dichter die Krone empfingen, die ſie unſterb⸗ lich zu den Göttern erhob.“ „Ha, und doch ſchützt dieſe Unſterblichkeit ſie oft nicht vor dem Hungertode,“ rief die Sängerin heftig.„Laſſen Sie ſich ſagen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, in der ſie vergebens geſucht ihre Glut und ihren Zorn zu dämpfen,„laſſen Sie ſich ſagen, Herr Graf, daß ich an dieſe Verherr⸗ lichung der Kunſt, an dieſe Unſterblichkeit der Künſt⸗ — 111 ler nicht glaube. Und das, das iſt der Schmerz, der ewig und immerdar an meinem Herzen nagt, der einem Todtenwurme gleich zu jeder Stunde des Tages durch ſein unheimliches Pochen ſeine verderbensvolle Nähe verkündet, und ſelbſt nicht ſchweigt unter den Triumphen, die mir meine Kunſt erringt.“ „Doch iſt Ihr Leben, Signora, ein fortgeſetz⸗ ter Triumph,“ ſagte Antonio, und betrachtete das ſchöne Weib, das in tiefer Erregung glühend auf und ab ging, mit bewundernden und zugleich ehr⸗ furchtsvollen Blicken.„Doch hallt ganz Europa wieder von Ihrem Preis und Ihrem Ruhm!“ „Und mit dem letzten Ton, den ich ſinge, wird Europa mich vergeſſen haben,“ rief die Signora mit bitterm Ton;„o ſchlimmer noch, die Welt wird mich verachten, wenn ich nicht mehr ſingen kann, während ſie ſich jetzt den Anſchein giebt, mich zu bewundern. Die Welt iſt ſo undankbar, und wer ihr vertraut, hat ſich auf ein ſchwaches Rohr gelehnt, das unter ihm zerknickt, wenn er ſich darauf ſtützen wollte, und ihn zu Boden wirft! Es iſt etwas Dämoniſches und zugleich Erhabenes um dieſe Welt, aber immer ſiegt das Erſtere über das Letztere, und den Künſtlern bleibt ſie ſtets der Dä⸗ mon, der ſie zur Hölle treib 2 „Aber Signora,“ fragte Antonio,„was wiſſen Sie von der Hölle, Sie, denen nur der Himmel bis jetzt geöffnet war?“ „Es iſt wahr,“ fuhr ſie fort,„noch iſt mein Himmel wolkenlos, und es gab eine Zeit, wo ich an keinen Wandel und keinen Wechſel glaubte. O, wie würde ich gelacht haben, hätte man mir in Wien dieſe finſtere Lehre der Vergänglichkeit gepre⸗ digt, mir, dem gefeierten Schooßkind des Glückes, die einen Metaſtaſio zu ihren Füßen ſah, und Kaiſer und Volk allabendlich entzückte, mir, deren Reiſe durch Italien einem Siegeszug glich! Aber in Neapel, in dieſer ſchönſten Stadt der Welt, in der man der Kunſt eine enthuſiaſtiſche Verehrung zollt, in dieſer Stadt mußte mir die erſte bittere Lehre werden, eine Lehre, die ſich mit Flammen⸗ zügen in mein Herz geätzt hat. Meine Dankbar⸗ keit und mein Herz trieb mich, dort den Lehrer meiner Jugend, ihn, dem ich Alles danke, der mich gemacht hat zu dem, was ich jetzt bin, den großen Porpora aufzuſuchen. Ich fragte den erſten beſten Menſchen nach der Wohnung des berühmten Man⸗ nes. Er wußte es nicht; ich fragte meine Freunde, ich fragte die, welche huldigend mich umringten, Niemand wußte von Porpora, und doch hatte ich alle dieſe ſo oft in begeiſterten Lobreden den Mei⸗ ſter bis zu den Sternen erheben gehört. Endlich, nach raſtloſem Spähen und Forſchen, wußte mir die Polizei die Wohnung Porpora's zu ſagen. Man führte mich durch elende ſchmutzige Gaſſen, wo das Laſter und das Verbrechen ſeine Höhlen und Schlupfwinkel hat, in eine ſchmutzige, halb ver⸗ — 113— fallene Hütte, in eine dumpfe, lichtloſe Kammer. Dort lag in einem Winkel, hingekauert auf halb verfaultem Stroh, eine dürre, in Lumpen gehüllte Geſtalt, ächzend und jammernd, ganz allein, ganz einſam, Niemand neben ihm, ſeine Klagen zu trö⸗ ſten, den Todesſchweiß von ſeiner Stirn zu trock⸗ nen! Er war im Sterben, dieſer arme, zitternde Greis mit dem langen ſilberweißen Barte und dem ſiechen in Lumpen gehüllten Körper, Niemand, der ihm die Augen zudrücken kann, wenn er ausge⸗ rungen, ach, Niemand, der eine Thräne um ihn weinen wird! Das Entſetzen, der Abſcheu, Furcht und Grauſen bannten meine Schritte; da ſtreckte dieſe Jammergeſtalt mir die zitternde, blutloſe Hand hin, und begehrte mit ſchwerer, ſterbender Zunge nur noch ein Stückchen Brod, ſeinen Hunger zu ſtillen! Und dieſe Jammergeſtalt, Signor! Das war Porpora!“ „Entſetzlich!“ rief Antonio. „Ja, Signor, entſetzlich,“ fuhr die Sängerin immer glühender und aufgeregter fort,„das war Porpora, der große Sänger, der große Componiſt, dem einſt ganz Europa entgegenjauchzte, deſſen Opern man als Wunderwerke verehrt, den man den Vater der Melodie nennt, Porpora, in deſſen herrlicher Oper Siface ich Tags zuvor geſungen und ganz Neapel wie in einem Freudenrauſche geſehen, ja, dieſer ſterbende verhungerte Greis war Porpora!“ 8 Antonio. 8 Die Gewalt ihrer Bewegung erſtickte ihre Stimme, ihre Lippen bebten, und langſam rannen ein paar Thränen über ihre erbleichten Wangen. Eine Pauſe trat ein, die Antonio, der Sängerin Kummer ehrend, nicht zu unterbrechen wagte. Dann faßte ſie heftig Antonio's Hand und ſagte:„O Signor, wäre es möglich, daß alles Blut ſich in Thränen auflöſte, ſo wäre das meine in den Thrä⸗ nenſtrömen dahingefloſſen, die ich an dem Todes⸗ lager dieſes Sterbenden vergoß. Da, in dieſem Moment ſchwur ich mir ſelber, von nun an mich nicht blenden zu laſſen von der Gunſt der Menge und der Fürſten, ſchwur durch Stolz und Ueber⸗ muth meine Verachtung gegen alle dieſe Triumphe und dies Beifallsgeſchrei zu zeigen, ſchwur die Welt hochmüthig unter meine Füße zu treten, damit ſie nicht mich dermaleinſt zertrete; denn die Welt ach⸗ tet nur das hoch, von dem ſie verachtet wird. Gott weiß, ob ich ſtark genug bin, meinen Schwur zu halten, jetzt aber iſt er noch lebendig in mir, und mein Stolz und meine Verachtung iſt die Trauer um den großen Meiſter Porpora.“ „Sie ſind zu einer ſchlimmen Stunde gekommen, Signor,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort und ver⸗ ſuchte zu lächeln,„ſoeben erhielt ich einen Brief, der mir Porpora's Tod meldet. Meine Hülfe kam zu ſpät!“ „Gönnen Sie mir das Glück, Signora,“ ſagte Antonio tiefbewegt,„Sie in dieſer Stunde geſehen — 115— u haben. Die Erinnerung daran wird hinfort das Kleinod meines Lebens ſein.“ Signora Gabrieli reichte ihm ihre Hand dar, Antonio preßte ſie heftig in der ſeinen, dann, über⸗ wältigt von der Gewalt ſeiner Gefühle, und doch ſchüchtern und bebend, drückte er dieſe Hand an ſeine Lippen. Nun durchzuckte es ihn wie mit elektriſchem Schlage, alles Blut ſtrömte zu ſeinem Herzen hin, es dunkelte vor ſeinen Blicken, und ſeine Lippen brannten wie im Feuer von dieſer erſten Berührung einer Weiberhand, von dieſem erſten Kuſſe. Er taumelte zurück, beſinnungs⸗ und athemlos, und mußte ſich an die Wand lehnen, um nicht umzuſinken. Die Sängerin fragte unſchuldig und unbefan⸗ gen:„Aber, Signor, wie wird Ihnen? Sie werden bleich und wieder roth? Ihnen iſt unwohl.“ „Es iſt nichts,“ ſtammelte Antonio leiſe,„ein plötzlicher Schwindel. Die friſche Luft wird mich heilen.“ Ja, fort in die friſche, die freie Luft!“ rief die Sängerin.„Die Freiheit iſt wieder mein! Laſſen Sie mich eilen, ſie zu genießen. Und Sie, Herr Graf, müſſen mich bis zu meiner Wohnung geleiten. Ich nehme Ihren Wagen an.“ In fliegender Eile ertheilte ſie ihren Kammer⸗ zofen und Bedienten ihre Befehle, und ſich dann an Antoniv's Arm hängend, der nicht gewagt hatte, 7 ihn ihr anzubieten, hüpfte ſie hinunter zum Wagen.— 8* Das Gerücht von der Freilaſſung der Signora Gabrieli hatte ſich ſchnell durch ganz Palermo ver⸗ breitet, und alle die Armen, denen die großmüthige Gabrieli ſo oft wohlgethan, waren eiligſt herbei⸗ gerannt, ihrer Wohlthäterin ein Addiol zuzurufen. Die ganze Straße war gedrängt voll Men⸗ ſchen, und als jetzt die Gabrieli an Antonio's Arm in der Pforte des Hauſes erſchien, brach die Menge in ein lautes, weithin ſchallendes Freuden⸗ geſchrei aus. Nun drängten ſich Weiber und Kinder, Lazaroni, Bettler und Greiſe heran, der ſchönen Signora noch einmal ihren Dank, ihr Addio zu ſagen, den Saum ihres Kleides zu küſſen und ihr zuzunicken. Sie erwiederte alle dieſe Liebeszeichen mit einem freundlichen Lächeln, und hüpfte leicht in den Wa⸗ gen, Antonio winkend, neben ihr Platz zu nehmen. Schon wollten ſich die Pferde in Bewegung ſetzen, das Paar fortzuführen, als die Menge wie in Begeiſterung rief:„Keine Pferde, keine Pferde! Wir ſelber wollen die Signora fahren!“ Mit Blitzesſchnelle waren die Pferde abgeſpannt, und eben ſo ſchnell waren kräftige Arme bereit, die Deichſel zu erfaſſen, und ſo unter dem Jubel und dem Zujauchzen der Menge rollte der Wagen durch die Strada nuova zur Piazza Villena. Die Signora nickte dankend links und rechts dem jauchzenden Volke mit fröhlichem Lachen, in ihren Augen aber erglänzten Thränen der Rüh⸗ — 117— rung, und ſich an Antonio wendend, der ſtumm und befangen neben ihr ſaß, ſagte ſie wehmüthig: „Geſtehen Sie, Signor, es iſt ſeltſam, daß es gerade die Armuth iſt, die mir heute dieſen Triumph bereitet! Die Armuth, die Porpora tödtete!“ Die ſonderbare Fahrt war beendet, und der Wagen hielt vor der Wohnung der Gabrieli. Sie erhob ſich raſch, und dem jauchzenden Volke mit der Hoheit einer Königin durch das Winken ihrer Hand Ruhe gebietend, ſagte ſie mit einem unnach⸗ ahmlichen Lächeln:„Dank, Dank! Heute Abend ſinge ich in der Didone abbandonata, und ich erwarte Sie Alle, meine Freunde; laſſen Sie nicht umſonſt auf ſich warten!“ Ein donnerndes Bravo und Vivat folgte ihren Worten. Auf Antonio's Arm geſtützt, hatte die Signora den Wagen verlaſſen und durch die Menge mühſam vorwärts ſchreitend, hatten ſie endlich das Haus erreicht. In ihrem Gemache angelangt, wandte ſich die Sängerin an Antonio und rief mit ſtrahlenden Augen:„Sagen Sie dem Vice⸗ könig, daß ich heute Abend ſingen werde, ſingen, ſo gut ich es vermag. Ich verzichte auf alles Honorar, auf allen Lohn; dafür aber ſollen meine Freunde, die Armen, frei hineingehen.“— Als nach dieſen aufregenden Scenen des Mor⸗ gens Antonio in der Einſamkeit ſeines Zimmers ſich befand, dachte er nicht an ſeine Studien und ſeine Bücher, rief er nicht mehr die großen — 118— Geiſter, ihn zu beſchützen vor ſeinen eigenen Ge⸗ danken. Er gab ſich ihnen hin mit aller Kraft, aller Begeiſterung ſeines jungen Herzens; er fühlte in ſich ein neues Leben erſtehen, eine neue Welt ſich ihm erſchließen; ſein Athem hob in langen Seuf⸗ zern, die ihm Erleichterung von einer drückenden Laſt zu geben ſchienen, ſeine Bruſt, und wunder⸗ bare Gedanken und Bilder durchzuckten, Blitzen gleich, ſeine Seele. Er lächelte aber dazu und wehrte ſie nicht mehr von ſich ab. — XI. Der Triumph der Kunſt. Wieder war das große Opernhaus gefüllt voll Menſchen, die herbeigeeilt waren, um die befreite Gabrieli in Metaſtaſio's Oper zu hören. Aber heute war es eine minder ſtille Ver⸗ ſammlung, als das erſte Mal. Ein freudiges Jauchzen und Lachen ließ ſich dann und wann von den höchſten Logenreihen vernehmen, und die Ungeduld, die Oper beginnen zu ſehen, gab ſich geräuſchvoll dort kund. Denn dort oben ſaßen die Armen und Bett⸗ ler, denen der Gabrieli Großmuth heute, viel⸗ leicht zum erſten Male, den Eintritt in das Theater erſchff und die nun mit hochklopfendem Herzen ind blitzenden Augen nach dem Vorhang hinſtarr⸗ ten, und von dem Schickſal nur erflehten, es möchte der Vorhang ſich heben und ihr Liebling, die Gabrieli, erſcheinen. Jetzt trat auch der Hof mit ſeinem Gefolge — 120— in die große Loge. Die Ouverture begann, und mit dem letzten Tone rauſchte der Vorhang empor. Nun ein Moment athemloſer Pauſe, und mit aufgelöſtem Haar, die ſchönen entblößten Arme weit vor ſich hin geſtreckt, das große ſchwarze Auge mit dem Ausdruck der Verzweiflung in die Ferne gerichtet, wo man Aeneas auf dem Schiffe ent⸗ eilen ſieht, den Mund geöffnet wie zum Schrei, und doch lautlos im Krampf des Schreckens, ſo ſtürzt die Dido Gabrieli auf die Bühne, um dann bewegungslos, in plaſtiſcher herrlicher Stellung des Entſetzens hinzuſtarren nach dem verſchwin⸗ denden Schiffe. 1 Welch ein Jubel, welch ein Brava! Brava! Schreien durchtobte nun das Haus! wie flogen Lorbeerkränze und Roſenbouquets, Gedichte und Sonette auf die Bühne, und welch ein Jauchzen und Jubeln erſchallte von der Gallerie! Die Sängerin wandte ſich mit einem unnach⸗ ahmlichen Lächeln zum Publikum, und verneigte ſich tief. Man wußte aber nicht, ob vor der königlichen Loge, vor dem Vicekönig und ſeiner Gemahlin, oder vor der Gallerie, wo die Armuth in dichtgedrängten Reihen ſaß! dorthin waren ihr Blicke gerichtet, dorthin ihr freundliches Lächeln und ihr begrüßendes Kopfnicken. Auch ſchienen mindeſtens die Armen auf ſich dieſen Gruß zu beziehen, denn lauter und ſtürmiſcher noch als zu⸗ vor erſchallte ihr Jubelgeſchrei und Vivatrufen. („ Sie winkt mit der Hand,— das Geſchrei ver⸗ ſtummt, eine athemloſe Stille tritt ein. Nun hebt ſich ihre Bruſt, und der erſte Ton ihrer reinen, metallenen Stimme durchzittert das Haus. Schmerz und Verzweiflung ſchluchzt in dieſen Tönen, Liebe und Trennungsweh klagt in den Melodien dieſes Adagio's; dazwiſchen klingt der gellende Schrei der Wuth, um ſich wieder zu ver⸗ lieren in dem leiſen, hingezitterten Seufzer des Schmerzes, der, ſo unhörbar er ſcheint, dennoch von Allen vernommen wird und die Bruſt aller Zuhörer durchdringt. Das iſt nicht Singen allein, es iſt Leben, das ausſtrömt in Tönen, es iſt Wahrheit, die in Naturfriſche erklingt, iſt Seele, die ſich ſichtbar dargeſtellt hat in Geſang; es iſt wie das Flattern des Geiſtes, der ſteigt und fällt in dieſen Tönen, nun mit dieſem klaren, Perlen gleich rollenden Laufe nach oben ſich ſchwingt, und dann langſam und klagend, als betraure es das Herniederſtei⸗ gen von der Höhe, abwärts geht in halben hin⸗ gehauchten Tönen. Und als die Empfindung lange † genug geſeufzt und getrauert in der Wehmuth des Adagio's, da bricht der Schmerz hervor in eem heftigen raſchen Allegro, da klingt die Ver⸗ 9 zweiflung in unaufhaltſamem Auf⸗ und Abfluthen der Töne. Als wehmüthige Erinnerung des Glücks 4 hebt ſich die Melodie, und die Töne der Klage und Pein unterbrechen ſie mit ihren Diſſonanzen und abgebrochenen Sätzen. Die Arie iſt zu Ende, und mit dem letzten, halb geſchluchzten und geſeufzten Tone wendet ſich die Dido Gabrieli zu ihrem Freunde hin, um ſein Mitleid, ſeinen Troſt zu erflehen mit den Wor⸗ ten: Ahl di lagrime il mio ciglio viva fonte ognor sara! Vergebens hofft ſie auf Antwort, vergebens erwartet das Publikum die nun folgende Arie des Tenors, die man ſonſt gewohnt war mit der Meiſter⸗ ſchaft des Künſtlers von Pacchierotti ſingen zu hören. Er öffnet den Mund, aber Schluchzen dringt ſtatt der Töne aus ſeiner Bruſt hervor, Thränen entſtürzen ſeinen Augen, und mit Seufzen und Weinen entflieht er von der Bühne. Iſt das Wahrheit, iſt dieſe Scene verändert? ſo fragt man ſich im Publikum. Es iſt Wahrheit, Wahrheit des Gefühls, der Menſch hat in dem Sänger den Künſtler beſiegt, und die Gabrieli feiert ihren größten Triumph, denn der Schauſpieler und berühmte Sänger iſt von ihrem Geſang bis zu Thränen, bis zum Ver⸗ geſſen ſeiner Rolle beſiegt. Weinend iſt Pacchierotti hinter die Coulifen entflohen; dort lehnt er an der Wand, ächzend und ſeufzend, und flüſtert halblaut:„Ich kann nicht mehr ſingen, niemals mehr! Wer will es wagen, mit ihr zu ſingen?“ Vergebens iſt das Zureden des verwirrten Directors, vergebens hört man das ungeduldig gemachte Publikum mit lautem Ungeſtüm nach Pac⸗ chierotti ſchreien; der Sänger weigert ſich mit Thrä⸗ nen, zu ſingen. Da tritt Gabrieli, die indeß, nicht wiſſend, was ſie in dieſer peinlichen Verle⸗ genheit thun ſoll, die Bühne verlaſſen hat, zu dem Sänger, ſie fleht ihn an zu ſingen, mit ihr wieder auf die Bühne zu kommen, und Pacchierotti, wie bezaubert von ihrer ſüßen melodiſchen Stimme, rich⸗ tet ſich empor und ruft leidenſchaftlich:„Wohlan, ſo will ich ſingen! Es gilt mein Leben. Ich muß ſingen, oder unterliegen!“ So ſtürzt er hervor auf die Bühne, daß kaum die Gabrieli ihm zu folgen vermag. Leidenſchaft, Glut, Verzweiflung und Schmerz, alles dieſes wogt und wallt in unermeßlichem Kampfe in ihm und drängt ſich nach außen; er fühlt, daß es ihn erſticken kann, er öffnet den Mund, um nach Athem zu ringen, und wie von ſelbſt dringt der Geſang als Erleichterung ſeines Innern aus ſeiner Bruſt hervor. Nun hat Schmerz und Verzweiflung, Weh⸗ muth und Leidenſchaft in ihm einen Ausweg ge⸗ funden, ſie erklingt in Tönen und Melodien, ſeine anze Seele liegt in ſeinem Geſang, und nie hatte Pacchierotti ſchöner geſungen, als an dieſem Abend. Und ſeine Meiſterſchaft ſpornt die Ga⸗ brieli zu noch erhöheter Leiſtung; als ſie jetzt — 124— wieder ſingt, iſt es, als lebe jeder Ton und athme und glühe in Liebeswonne und Liebesſchmerz. Aber nun Worte für den unermeßlichen Jubel, der das Haus durchbrauſet, als die Scene geen⸗ det, die Sängerin die Bühne verlaſſen hat; Worte, um zu ſchildern das entzückte Schreien und Jauch⸗ zen der enthuſiasmirten Menge! „Herrlich, köſtlich!“ ſagte der Vicekönig, und ſich an Antonio wendend, der hinter ihm geſeſſen, fragte er:„Wie nun, Graf Calvaro, werdet Ihr nicht geſtehen müſſen, daß die Kunſt auch des Schönen und Staunenswerthen zu leiſten vermag? Oder dachtet Ihr während des Geſanges wieder an die Natur und den Sonnenaufgang?“ Des Jünglings Antlitz aber war überfluthet von Thränen, und kaum hörbar ſagte er:„Dies iſt das Wunderwerk der Schöpfung! Und zum erſten Male ſah ich hier die Natur übertroffen von der Kunſt.“ 3 Die Gewalt ſeiner Bewegung verhinderte ihn weiter zu ſprechen, er ſtammelte eine Entſchuldi⸗ gung und ſtand auf, die Loge zu verlaſſen. Der Vicekönig aber war ernſt geworden, er ſchüttelte leiſe, wie mißbilligend, den Kopf, und ſich an ſeine Gemahlin wendend, ſagte er:„Ich bange für dieſen Züngling und fürchte faſt, daß ich nicht recht gethan, ihn ſeiner Einſamkeit und ſeinen ſtillen Studien zu entreißen. Es wäre eine traurige und bittere Lehre für mich, wenn die Welt — 125— ſtark genug wäre, den jungen Gelehrten von der Natur und den Studien weg zu ihren Zerſtreuun⸗ gen und Vergnügungen zu verführen. Ach, die Welt könnte dieſem Jüngling nicht erſetzen, was ſie ihm raubt! Mich dünkt aber, ſeine Züge ſind nicht mehr ſo klar und heiter, wie ich ſie ſonſt geſehen, und ich fürchte, es war zu gewagt, ihn, den Unerfahrenen, mitten in die Welt zu ſetzen, die er nicht kennt. Ich wollte mich ergötzen an ſeinem Erſtaunen über das ihm Unbekannte und Neue, ich bedachte aber nicht, daß ihm dieſes ein Altes und Gewohntes werden kann, an dem ſeine ſchönſten Kräfte, ſein Glaube, ſeine Unerfahren⸗ heit und Unſchuld zerſchmettern können!“ XII. Die erſte Liebe. Signora Gabrieli war allein in ihrem Ge⸗ mach. Erſchöpft von den vielen und angreifenden wachen Zuſtande, der den Geiſt nach großer Auf⸗ regung zu befallen pflegt, die Bilder des heuti⸗ gen Tages in buntem Gewirr an ſich vorüber⸗ ziehen. 4 Eine behagliche, friedensvolle Stille umgab ſie, das Geräuſch des Lebens ſchien noch nicht bis zu dieſem ſtillen, einſamen Boudoir gedrungen zu ſein, und das Licht der dunkelrothen Ampel an der Decke ſelbſt war matt und ruhig wie ein Bild des Friedens. Das Wohlbehagen dieſer geräuſchloſen Ein⸗ ſamkeit gab den ſchönen Zügen der Signora den Ausdruck des Friedens und der Heiterkeit; ein. — 127— ſüßes Lächeln umſpielte ihre Lippen, und den Kopf zurückgelehnt auf die Polſter, blickte ſie ſinnend und träumend zur Decke empor. Jetzt ließen ſich im Vorzimmer raſche Schritte vernehmen, nun ein heftiges Klopfen an der Thür, dann ward dieſe mit Ungeſtüm aufgeriſſen, und 3 eine männliche Geſtalt trat haſtig herein. Die Sängerin flog empor aus ihrer behag⸗ lichen Lage, um mit einem Ausruf des Schreckens der unerwarteten Erſcheinung entgegen zu gehen. Die Ampel warf ihre matten Streiflichter über das Geſicht des Mannes, und erſtaunt rief die Sängerin:„Graf Calvaro!“— Er ließ ihr nicht Zeit, weiter zu ſprechen; mit dem Ausruf:„ſie iſt es!“ ſtürzte er zu ihren 3 Füßen nieder, und lehnte laut ächzend ſein Haupt an ihre Knie. „Aber mein Gott, Signor,“ ſtammelte er⸗ ſchreckt die Sängerin,„ſtehen Sie auf, ich bitte, ſtehen Sie auf, und dann ſagen Sie mir, wel⸗ chem ſeltſamen Zufall ich die Ehre Ihres Be⸗ ſuches zu danken habe? Stehen Sie auf!“ 44„Nein, nein!“ rief Antonio mit einer Stimme, p in der die ganze Gewalt ſeiner Leidenſchaft zit⸗ terte;„neinz laß mich hier zu Deinen Füßen! Hier will ich liegen und anbeten, Dich, die Heilige, ddie GCöttliche! Hier will ich in brünſtigem Gebet zu Dir flehen um Dich, und meine heißen Lippen auf Deine Füße gepreßt, will ich zu Aſche ver⸗ — 128— brennen zens.“ „Signor, Sie vergeſſen ſich!“ ſagte die Sän⸗ gerin ſtolz, und verſuchte zurückzutreten, und als Antonio ihre Knie feſt umſchlungen hielt, rief ſie zürnend:„Sie ſind raſend, mein Herr!“ „Ja, ich bin es!“ ſagte er leidenſchaftlich. „Es raſ't in meinem Blut, in meinem Hirn, es tobt wie glühendes Feuer in meinen Adern und klopft zermalmend in meinem Herzen. Gedanken, die ich nie gedacht, flüſtern in mir, Wünſche, die ich nie gewünſcht, brennen und toben in mir und machen mich ſchwindeln mit ihrer furchtbaren Ge⸗ walt! Wie trunken taumele ich umher und flehe die Winde um Kühlung, bitte den Himmel um Ruhe und die Waſſer um einen Tropfen ihrer Fluth in dieſe meine verbrennenden Adern! Und inmitten alles dieſes Grauens und dieſer zauberhaften Räth⸗ ſel meines Innern fühle ich dennoch die Wonnen des Paradieſes, ſehe Engel auf und nieder ſchweben, und höre ſie flüſtern in meiner Seele von geheimnißvollen Wundern des Lebens, von Offenbarungen des Geiſtes und der Welten. Ein ſüßes Klingen ertönt vor meinem Ohr in himm⸗ liſchen Melodien, und in allen dieſen Melodien, Signora, erklingt Euer Name, und alle dieſe Engel, ſie tragen Eure Züge!“ „Stehen Sie auf, Signor,“ wiederholte die in der zerſtörenden Glut meines Her⸗ noch immer knienden Jüngling und fragte mit zärtlichem Tone:„Ihr liebt mich alſo recht heiß, Signor?“ Antonio ſprang auf und blickte ſie erſtaunt und fragend an.„Wie,“ ſagte er wie zu ſich ſelber,„das alſo iſt die Liebe? Ihr ſagt, daß ich Euch liebe?“ Nun flog ein himmliſches Lächeln durch ſeine Züge, eine unnennbare Wonne verklärte ſein An⸗ geſicht, dann rief er mit lauter, voller Stimme: „Ja, nun weiß ich, das iſt Liebe!“ Mit einem Schrei des Entzückens umſchlang er das ſchöne Weib, und ſie,— ſie lächelte! Der Jüngling war ſo ſchön in ſeinem Unge⸗ ſtüm, ſo entzückend in ſeiner unbewußten Leiden⸗ ſchaft. „Ja, das iſt die Liebe,“ ſagte ſie mit un⸗ endlichem Wohllaut, und zog ihn zu ſich nieder auf den Divan. „Die Liebe!“ wiederholte er matt, und lehnte ſein Haupt an ihre Schulter.„Iſt denn die Liebe ſo grauſam und wild, ſo zerſtörend und ſchmerzend? die Liebe, die ſelbſt ein Homer in begeiſterten Sängen geprieſen?“ „Kennt Ihr die Liebe ſo wenig?“ fragte die Signora lächelnd. Er ſchaute zu ihr auf mit unſchuldigem aber flammendem Blick, und ſagte weich und flüſternd: — 129— Sängerin, aber diesmal weich und milde, ſelber ergriffen von des Jünglings Glut. Antonio aber, in ſchwärmeriſcher Begeiſterung, fuhr fort:„Es haben die Götter den Sterblichen niemals verſagt, zu ihren Füßen zu liegen und ihre Herrlichkeit zu preiſen mit ſtammelnden Wor⸗ ten. Laß mich, Göttin, laß mich zu Deinen Füßen liegen, und nimm mein Leben als Opfer hin! Seht, wie ein Wahnſinniger bin ich umher⸗ gerannt, und habe raſend in Wuth meinem Herzen Ruhe geboten, habe auf meinen Knien erhabene Geiſter beſchworen mir zu helfen, habe meine Au⸗ gen gezwungen in die Bücher zu ſchauen, die ſonſt der Wonnegenuß meines Lebens waren, und die ich jetzt im Zorne, weil ich ſie nicht mehr ver⸗ ſtand, unter meine Füße trat. Hinausgerannt bin ich in die ſtille Natur, und habe mit zitternder Lippe zu ihr gefleht um jene Stunden des ſtillen Genuſſes im Anſchauen ihrer Herrlichkeit, die ſie ſonſt nie mir verſagte; aber die Natur ſchien mir öde und leer, farblos und kalt, und ich verſtand ſie nicht mehr. Ich verſtand aber das Drängen und Sehnen meines Herzens, verſtand die raſen⸗ den Wünſche, die in meinem Buſen tobten, und das Flüſtern: zu ihr, zu ihr! Und ſo, Signora, bin ich da, um aus Eurer Hand Leben oder Tod zu empfangen.“ Antonio ſchwieg,— eine Pauſe trat ein, dann neigte ſich die Signora mit ſüßem Lächeln zu dem Antonio. 9 —— — 131— „Ich habe nie ein Weib geliebt außer meiner Mutter!“ Die Gabrieli ſchaute ihn faſt bewundernd an, 6 ſie konnte ihre Augen nicht mehr von ihm ab: wenden, auch ihre Wangen röthete eine dunklere Glut, und wie ihre bebenden Hände in den dunk⸗ len Locken ſeines Haares ſpielten, ſagte ſie mit kaum hörbarem, weichem Geflüſter:„O wie biſt Du ſo ſchön und ſo lieb! O, es muß Wonne ſein, von Dir geliebt zu werden!“ „Ich liebe Dich, ich liebe Dich grenzenlos,“ rief er, ihre Hände mit ſeinen Küſſen bedeckend. „Und wirſt Du mir treu ſein?“ fragte ſie zärtlich. „Für immer!“ ſagte er feſt und beſtimmt. „Für immer, Catharina, bis in alle Ewigkeit bleibe ich Dein!“ Die Sängerin ſchüttelte leiſe ihr Haupt und ſagte:„In alle Ewigkeit! Du weißt nicht, was Du ſagſt, Antonio, und kennſt nicht die Welt, nicht Dein eignes Herz. Sei mir nur treu, ſo lange ich hier bin, dann können wir, getrennt, an unſere Liebe wie an einen ſchönen Traum zu⸗ rückdenken.“ „Wie?“ fragte er ſtaunend und verwundert, „Du ſprichſt von Trennung, können wir uns denn jemals trennen, wenn wir uns lieben?“. „Nein, Du haſt Recht!“ rief ſie leidenſchaft⸗ lich.„Laß uns nicht an die Zukunft denken; die Gegenwart iſt unſer, nießen.“ „Auch die Zukunft iſt unſer,“ ſagte Antonio zärtlich.„Sprich Geliebte, ſprich, wann darf ich Dich heute zum Altare führen, wann kann ich aus den Händen des Prieſters Dich als mein Weib empfangen?“ Die Sängerin blickte erſtaunt zu ihm auf, dann brach ſie in ein lautes, fröhliches Lachen aus, und rief:„O über das Kind! Mußt Du denn bei der Liebe gleich an Heirathen denken? Wie idylliſch! Wie unſchuldig!“ „So willſt Du nicht die Meine ſein?“ fragte Antonio gekränkt. Sie ſah ihn mit einem langen innigen Blick an, und ſagte:„Kind, o Du liebes unſchuldiges Kind!“ Dann nach einer Pauſe fuhr ſie fort:„Glaube mir, Antonio, es wird eine Zeit kommen, wo Du mit mitleidigem Lächeln zurückdenken wirſt an das Wort, das Du eben geſprochen, und wenn dann Deine Liebe zu mir auch längſt erſtorben iſt, ſo wirſt Du in dem Augenblick doch mindeſtens mit einer Art Dankbarkeit m godenken⸗ weil ich Dich vor einer Thorheit bewahrte.“ „Du nennſt es Thorheit, wenn ich Dir meine Hand anbiete?“ fragte Antonio. „Ja, ich nenne es ſo, und es iſt eine Thor⸗ heit,“ ſagte die Sängerin beſtimmt.„Höre mich darum wollen wir ſie ge⸗ — 133— an, Antonio,“ fuhr ſie fort, als dieſer mit einer unwilligen Bewegung ſich von ihr wandte,„höre mich, und zürne mir nicht! Sieh, Du kennſt nicht die Welt, und in Deinem unſchuldigen Herzen hältſt Du ſie ſo gut, wie Du ſelber es biſt. Sie iſt es aber nicht, und früher oder ſpäter wirſt Du einſehen, daß ſie Dein Vertrauen Dir mit Un⸗ dank lohnt, und Dich verhöhnt ob Deiner kind⸗ lichen Unſchuld. Lerne mißtrauen— das iſt die größte Lebensweisheit.— Ich habe es gelernt, und in der Weisheit dieſes Mißtrauens muß ich Dir meine Hand verſagen. Still, unterbrich mich nicht! Eben weil wir uns lieben wollen, muß unſer Verhältniß zu einander klar und beſtimmt ſein. Siehſt Du, indem Du mir Deine Hand anboteſt, da war es mir, als hörte ich ſchon das hämiſche Lachen der Menge, als hörte ich ſpottend ſie ſagen: die Gabrieli hat ſich verheirathet, um eine Gräſin zu werden, und der Graf Calvaro hat ſich von ihr bethören laſſen.— Ich bin zu ſtolz, um zu einem ſolchen Gerede Urſache zu geben.“ „O laß die Welt, laß ſie reden und klügeln,“ rief Antonio,„was kümmert es uns, wenn wir einander angehören? Ach, die Welt! ich fühle mich fremd in ihr und unbefriedigt. Laß ſie uns fliehen! In die Einſamkeit wollen wir flüchten, in die ſtille, ewig heitere, ewig liebende Natur. Ihre große und erhabene Schönheit wird uns ein nie — 134— verſiegender Born der Freude ſein, und Herz an Herz gedrückt, wollen wir in entzücktem Schwei⸗ gen den heiligen Offenbarungen und wunderbaren Geheimniſſen der Natur lauſchen!“ „Ich wollte, es könnte ſein, ſo wie Du ſagſt,“ erwiederte die Sängerin mit einem Anflug von Schwermuth;„ich wollte, ich könnte dieſe Welt entbehren mit allen ihren Genüſſen und Trium⸗ phen,— aber es iſt zu ſpät, und ein Kind der Welt, wie ich es bin, kann ich meine Mutter nicht mehr verlaſſen. Ich bedarf zu meiner Zufrieden⸗ heit ihrer Liebkoſungen, ihrer Schmeichelreden, ich bedarf zu meinem Glück der Triumphe, die ich als Sängerin feiere, wenn ich ſie auch verachte. Die Bühne, mein Freund, iſt eine dämoniſche Gewalt, und wer ſie einmal betreten, läßt nim⸗ mer von ihr, ob er auch fühlt, daß ſie ſeine Ver⸗ derberin iſt. Und dann, Antonio, ich liebe meine Kunſt, ja, ich glühe für ſie, und kann nimmer von ihr laſſen. Du aber biſt zu edel und erha⸗ ben, um der Sängerin Gemahl zu ſein, als zwei⸗ ter Name dem meinen angehängt zu werden, wäh⸗ rend es dem edlen Manne geziemt, dem Weibe Alles zu nehmen und Alles zu geben in ſeinem Namen.“ „Du liebſt mich alſo nicht heiß genug, um für mich alles Andere zu verlaſſen?“ fragte An⸗ tonio ſchmerzlich. Die Signora erwiederte nach einer Panſe:— — — — 135— „Nein! Ich liebe Dich, aber meine Kunſt ſteht mir höher, und indem ich ihr diene, kann ich mich Dir nicht unterwerfen. Auch Dir, Antonio, würde eine Verbindung mit mir nur nachtheilig ſein. Frei, wie der Adler, mußt Du zur Sonne Dich aufſchwingen können, und keine irdiſche Feſſel muß Dich hindern, Dir, ſo hoch Du es kannſt, Dein Neſt zu bauen. Der Graf Antonio di Calvaro, der Liebling des Vicekönigs, iſt zu etwas Höherem beſtimmt, als der Gemahl einer Sängerin zu ſein. Nicht wahr, Antonio, das Alles haſt Du nicht bedacht?“ Antonio ſenkte traurig ſein Haupt auf ſeine Bruſt, und ſagte leiſe:„Ich bedachte nichts, nichts, als daß ich Dich liebe, und daß ich beſitzen will, was ich liebe.“ 1 „Iſt es denn dazu durchaus nöthig, daß man ſich heirathet?“ fragte ſie lächelnd. Die Liebe hat wie ein glühender Blitz in unſern Herzen gezündet. Wollen wir es doch bren⸗ nen laſſen in glühender Liebesflamme, und iſt dermaleinſt die Stätte leer gebrannt, ſo wollen wir nicht klagen und murren. So lange es aber brennt, wollen wir uns berauſchen in dieſen Gluten.“ Er preßte mit einem ſchmerzlichen Lächeln ihre Hand an ſein Herz.„Du giebſt mir Alles 9 und nimmſt mir Alles,“ ſagte er ſchmerzlich.„Du — 136= giebſt mir eine reiche, beglückende Liebe, und* nimmſt mir doch die Liebe, an die ich glaubte, und die mich die Dichter kennen gelehrt!“ Die Sängerin lachte.„Mein Freund, laſſen wir die Dichter und lieben wir uns!“ —— 3 —,— XIII. Das Kind des Südens. Antonio hatte die Sängerin verlaſſen und ging ſinnend die Straße hinab, tiefernſte Gedanken be⸗ wegten ſeine Seele. Es war ihm, als ſei ihm ein großes Glück geſchenkt, aber ein noch größeres entriſſen, als habe das Leben ihm eins jener Räthſel gelöſt, deren Reiz nur in dem Nichtwiſſen beſtand, und deſſen Enthüllung ihn nüchtern gemacht. Und dann wieder inmitten dieſer ernüchterten Empfindungen fühlte er ſein Herz erbeben bei dem Gedanken an ſie, die er liebte; die ſtolze Wonne, ſie, die Schöne und Herrliche, zu beſitzen, ſchwellte ſeine Bruſt. Ein Zwieſpalt war in ihm, den er ſich nicht zu erklären wußte, und indem er ſich über Alles glück⸗ lich nannte, fühlte er ſich dennoch unbefriedigt. Gleichwie die Erde unter den Strahlen der Sonne brennt, ſo war er erglüht in dem Feuer ſeiner eignen Gefühle, und dann waren der Gabrieli — 138— Worte gleich dem Regen geweſen, der das Er⸗ hitzte kühlt und die Gluten dämpft, aber die Wir⸗ kungen des Feuers nicht mehr vernichten konnte. Aus ſolchen Gedanken ſchreckte den langſam Dahinſchreitenden ein verworrenes Rufen und Schreien empor, und aufblickend ſah er eine Maſſe Volkes ſich die Straße heraufwälzen. Mehrere Sbirren gingen dem Zuge voran, in ihrer Mitte ein junges Weib, die mit ſtolzen, ruhigen Blicken um ſich ſchaute, und zu dem Lärmen und Schreien des nachſtrömenden Volkes wie mitleidig lächelte. „Gebt ſie frei! gebt ſie frei!“ brüllte das Volk. Weinende Weiber kreiſchten mit Thränen im Auge: oh povera, povera figlia! Kinder liefen neugierig und verwundert, die Urſache des Auflaufs nicht begreifend, daneben, und mit wüthenden Geberden und leidenſchaftlichen Geſticulationen brüllten die Lazzaroni:„gebt ſie frei!“ „Es iſt mein Kind, mein einziges Kind!“ rief mit wildem Ton ein hoher, kräftiger Mann, ſich dicht an die Reihe der Soldaten drängend, und an der hohen rothen Mütze mit dem blauen Bande als der Capo Lazaro erkennbar.„Hört Ihr, mein einziges, und bei der heiligen Jungfrau ſei's geſchworen, ich ſtecke ganz Palermo in Brand, ehe ich es leide, daß Ihr meine Tonina in's Gefäng⸗ niß führt!’ „Wir leiden's nicht, daß Ihr ſie in's Gefäng⸗ niß führt!“ brüllten die Lazzaroni mit wüthender — 139— Geberde, und drohend ſtreckten ſich die kräftigen rothbraunen Arme gegen die Sbirren. Dieſe ſchritten, achtlos gegen alle Klagen und Drohungen, ruhig dahin, das gefangene Weib in ihrer Mitte nur ſorgſamer bewachend und enger umgebend. Als ſie aber Antonio und deſſen mit Orden geſchmücktes Gewand gewahrten, blieben ſie ſtehen, um zu ſalutiren. Das Volk aber flüſterte verſtummend: il favo- rite del vicerè! Und nun ſtürzte der Capo Lazaro hervor, und ſich vor Antonio zur Erde werfend und ſeine Arme flehend zu ihm erhebend, rief er mit leidenſchaft⸗ lichen Geberden:„O Signor Conte, ganz Palermo ſpricht von Eurer Großmuth, Eurer Güte. Ach, ſeid auch großmüthig gegen die Armen! Ein Wort von Euch, und jene Elenden müſſen meine Tonina freigeben, Ein Wort, und ich habe mein Kind wieder! Sprecht dies einzige Wort, bei der heiligen Mutter beſchwöre ich Euch, ſprecht dieſes Wort, und der Himmel wird Euch ſegnen dafür.“ „Sprecht dies Wort!“ rief mit flehendem Tone die Menge.„gebt Tonina frei, die arme Tonina!“ ntonio winkte mit der Hand, Ruhe gebietend; ſogleich trat eine lautloſe Stille ein, und mit an⸗ gehaltenem Athem, bebend vor Erwartung, blickte das leidenſchaftliche Volk auf Antonio hin. Antonio ſagte ernſt und laut:„Ihr fordert das Unmögliche, meine Freunde! Ich kann Deine ————— — 140— Tochter nicht befreien, armer Mann, ehe ich min⸗ deſtens ihre Schuld kenne.“ Tonina, die Gefangene, hatte indeß ſchweigend und ruhig dageſtanden, und nur die feurigen Blicke ihrer ſchwarzen Augen und ein leichtes Zucken um die rothen Lippen hatten den Antheil verrathen, den ſie an der Scene genommen. Jetzt aber, bei 52 Antonio's Worten, trat ſie vor; die Soldaten, 4 die ſie zurückhalten wollten, mit einer ſtolzen und gebieteriſchen Bewegung zurückdrängend, ſchritt ſie hoch aufgerichtet auf Antonio zu und ſagte feſt: „Ich bin unſchuldig! Ich that, was jede Sicilia⸗— nerin an meiner Stelle thun würde, und mein Gewiſſen zeiht mich keiner Sünde.“ Das Volk hatte, während ſie ſo ſprach, ſich dichter herangedrängt und einen Kreis um Tonina 3 und Antonio, die in ihrer Mitte ſtanden, gebildet, zugleich bemüht, die Soldaten ſo viel als möglich zurückzudrängen. Als ſich dieſe mit Gewalt Bahn brechen wollten, um zu der Gefangenen zu gelangen, gebot ihnen Antonio gebieteriſch Ruhe, und mit einem lauten Jubelgeſchrei dankte ihm das Volk. Als es wieder ſtill geworden, ſagte Anto⸗ nio zu Tonina:„Sprecht!’“ „Ja, ich will es, und Ihr alle, meine Freunde, ſollt mich hören,“ rief Tonina leidenſchaftlich.„Ihr alle, die Ihr meine Kindheit gekannt, ſollt die Vertrauten meines Schmerzes, meiner Qualen ſein. Ja, meiner Qualen,“ fuhr ſie fort, und ſchlug — ‿ — jauchzen ließ vor Wonne. Als er dann vor mir — 141— mit ihren ſchönen Armen an ihre volle, vom dun⸗ kelrothen Mieder nur halb verhüllte Bruſt.„Höl⸗ lenqualen habe ich erduldet, und mein Herz iſt faſt verbrannt in dieſem verzehrenden Feuer. Ihr kennt mich, mich Tonina, des Capo Lazaro Tochter; Ihr wißt, daß keiner der Fiſcher, keiner der Lazzaroni mich zu gewinnen vermochte.“ „Ja, das wiſſen wir!“ riefen die jüngern der Männer mit Seufzen, und Tonina, dieſe Beſtäti⸗ gung ihrer keuſchen Spröbigkeit mit ſtolzem Zurück⸗ werfen ihres ſchönen Kopfes empfangend, fuhr fort:„Wie ſchön, wie verführeriſch und zauberhaft mußte alſo der ſein, der endlich mein Herz ge⸗ wann. Er kam in der Dämmerung, als ich am Meeresſtrand ſaß und hinüberſchaute zum flam⸗ menden Aetna. Die Feuerſäule des Aetna beleuch⸗ tete ſein Angeſicht, daß es flammte in eines Engels Schönheit. St. Michael, St. Marco glaubte ich zu ſehen, und wie er zu mir ſich neigte mit gött⸗ lichem Lächeln, war's mir, als öffne ſich über mir der Himmel, mich ſeine Wonne ſchauen zu laſſen, und ſeine leiſe geflüſterten Worte klangen wie Him⸗ melsmuſik. Wie biſt Du ſchön, wie lieb' ich Dich! ſo flüſterte er leiſe, und ſeht, da begann es in meinem Herzen zu tagen, und ich fühlte, daß ich dieſen Mann lieben müßte. Und eine Zaubergewalt war's, die meine Arme hob und ſie um ſeinen Nacken ſchlang, und die unter ſeinen Küſſen mich kniete und mir ſchwur, daß er mich liebe, ſeht, 3 da ſtieg Luna über dem Meer empor, und hürte, wie ich, ſeinen Schwur, und ich fühlte, daß, 3 wenn er dereinſt ein Meineidiger würde, ich ihn tödten müßte aus Liebe.“ „Allabendlich, wenn die Nacht ſich hernieder⸗ geſenkt, kam er zu mir, und unter dem Donnern der Wogen, die an'’s Ufer plätſcherten, hat er all⸗ abendlich mir ſeine Liebesſchwüre gegeben, und die meinen empfangen. Aber ich liebe meinen Vater, und habe kein Geheimniß vor ihm, und wenn ich auch meinem Liebſten geſchworen, ihn ſtets nur allein zu ſehen, wenn ich es auch zufrieden war, nur bei dem Schimmer des Mondes oder dem Leuchten des Aetna ſein Antlitz zu ſehen, ſo konnte miicch dies doch nicht hindern, von meinem Liebſten deem Vater zu erzählen.“ „Nein, ſie iſt eine gute Tochter,“ rief der Capo Lazaro, der bis dahin ſtumm und aufmerk⸗ ſam ſeiner Tochter Worten lauſchend, neben To⸗ nina geſtanden hatte.„Sie erzählte mir ihre Liebe, und vor dem Muttergottesbilde mußte ſie bei dem Andenken an ihre Mutter mir ſchwören, ein un⸗ ſchuldiges Mädchen zu bleiben, bis ihr Liebſter ſie zum Altare geführt.“ 5 „ und ich hielt meinen Schwur,“ unterbrach S ihn Tonina ſtolz,„und als des Liebſten Küſſe auf meinen Lippen brannten, da vertraut' ich ihm, — * — 143— was ich dem Vater gelobt, und wie allein ich die Seinige werden könnte.“ Tonina ſchwieg, hoch aufathmend, und blickte, verloren in die Bilder ihrer Erinnerung, ſtarr vor ſich hin. Eine Pauſe trat ein, aber das Volk, das mit der lebhafteſten Theilnahme, mit halb gemurmelten Worten, mit Beifallsnicken und halbleiſen Schwü⸗ ren der Erzählung Tonina's gefolgt war, vermochte ſeine Neugierde nicht mehr zu zügeln, und laut riefen Weiber und Kinder, Männer und Greiſe: „Und was ſprach er, der Liebſte?“ Tonina blickte, zuſammenſchreckend, empor und ſagte laut:„Er ſchwur mich zum Altare zu füh⸗ ren, am nächſten Tage ſchon! Und dann, dann brannten ſeine Küſſe glühender auf meinen Lippen, dann miſchte ſich ſein Athem Feuer gleich mit dem meinen, und mit einem Angſtſchrei, denn ich fühlte, daß ich faſt meinen Schwur vergeſſen konnte, floh ich von dannen.“ Ein Gemurmel des Beifalls durchlief die Menge, und der Vater Tonina's rief, mit ſtolzen Blicken um ſich ſchauend:„Giebt es in Palermo ein un⸗ ſchuldigeres Mädchen, als meine Tochter?“ „Weiter, weiter!“ riefen die neugierigen Weiber. „Erzählt, erzählt!“ baten die Lazzaroni und Fiſcher, und Tonina fuhr fort:„Der nächſte Abend kam, und ich harrte ſein, denn mit den Prieſter zu kommen hatte er gelobt.— Der Abend kam, es kam die Nacht, mein Liebſter aber blieb aus. Und Abend nach Abend, und Nacht nach Nacht harrte ich ſein, und harrte umſonſt. Und als ich mir die Augen trübe geweint, und meine Bruſt zerſchlagen in Schmerzenswuth, und als mein Herz faſt gebrochen beim Gedanken, daß er mich verlaſſen habe, als ich vergebens Tag um Tag auf meinen Knien Sancta Madonna beſchwo⸗ ren, ihn mir wiederzugeben, und als Tag nach Tag verging und keiner ihn mir wiederbrachte, da fühlte ich meine Liebe ſterben und glühenden Haß in mir aufleben. Da fühlte ich, daß es Wonne ſein müßte, mich zu rächen, und daß ich nimmer mehr unglücklich ſein würde, wenn ich ſein Ver⸗ brechen gerächt. Und da, meine Freunde,“ fuhr ſie immer leidenſchaftlicher fort, die Hand zur Fauſt geballt drohend vor ſich hinſtreckend und die weißen Zähne feſt auf einander gebiſſen,„da ward ich ruhig. Ich dachte nicht mehr an Liebe, ich dachte nur an Rache! Vor der heiligen Jung⸗ frau kniend flehte ich ſie an, mir beizuſtehen, und in meinem Herzen ſtand es mit blutigen Lettern geſchrieben das himmliſche Wort: Vendetta!“ Als ſie dies Wort mit lautem und durchdrin⸗ gendem Rufe ſprach, durchzuckte es die Menge wie mit electriſchem Schlage. Hundert und hundert geballte Fäuſte und drohende nervigte Arme erho⸗ ben ſich, wie zum Schlag bereit, und mit einem einzigen vernichtenden, durchdringenden Schrei wi⸗ — 145— derhallte es von Aller Lippen: Vendetta! Die Weiber und Kinder riefen es jubelnd, die Männer und Jünglinge mit blitzenden Augen und drohender Geberde, und Tonina's Vater, die Hände gen Himmel erhebend, als wolle er die Götter beſchwö⸗ ren ihm beizuſtehen, ſagte mit einer Stimme, welche die aller Andern übertönte, feierlich, wie zum Ge⸗ bet und Schwur: Vendetta! Dann, als wieder Alles ſtille geworden, rief Tonina leidenſchaftlich:„Und Sancta Madonna ſtand mir bei. Auf dem Prado ſah ich ihn heute. Ich hatte ſein Antlitz nur in der Dämmerung und beim Mondlichte geſehen, aber es hatte meine Bruſt wie eine Sonne durchleuchtet, und darum mußte ich es nun auch bei Tage wieder erkennen. Da ging er, er, der mich verrathen, mich verlaſſen hat, mit ſtolzem, glücklichem Lächeln, geſchmückt mit ſeidenen Gewändern und mit Orden behangen, und an ſeiner Seite ein Weib, ſchön wie die Sonne, wenn ſie Morgens über dem Aetna emporſteigt. Und ſie flüſterten zuſammen, und ſchauten einander an mit glühenden Blicken. Da auf einmal wußte ich, warum ich verrathen ſei, wußte, daß dieſe ſchöne vornehme Dame ſeine Geliebte ſei, um die er mich, das arme Fiſchermädchen, verlaſſen hatte. Ha, und nun dachte ich nichts weiter, der Dolch blitzte in meiner Hand, und dann bohrte er ſich tief in des ſchönen Weibes Bruſt.“ „Brava! Brava!“ ſchrie die Menge. 10 Antonio.. — 146— Ein lautes Getümmel erſchallte; abermals kam eine wogende Volksmaſſe die Straße herauf, und verworrenes Geſchrei von Stimmen ward hörbar. Bald hinderte das Gedränge des Volkes die neu Hinzugekommenen am Vorwärtsſchreiten, und mit gebietendem Tone rief jetzt eine laute Stimme: „Platz da, ihr Leute! Platz für die verwundete Signora Conteſſa Mannavedo!“ Aus Zweier Munde vernahm man einen Schrei der Ueberraſchung, es war Antonio, der die Stimme ſeines Freundes, Tonina, welche die Stimme ihres Geliebten erkannte. Inzwiſchen war es gelungen, durch den dicht⸗ gedrängten Haufen des Volkes eine Gaſſe zu bah⸗ nen, und durch dieſelbe hin bewegte ſich nun in tiefem Schweigen ein ernſter Zug. Diener in der Livrée des Grafen Mannavedo ſchritten voran, das Volk zurückzudrängen, andere folgten ihnen, eine Sänfte tragend, durch deren geöffnete Fenſter man ein ſchönes bleiches Weib, das weiße Gewand von Blut übergoſſen, bemerkte, die mit geſchloſſenen Augen in den Polſtern lehnte, und zur Seite dieſer Sänfte ſchritt bleich und ernſt der Graf Mannavedo. 8G Tonina ſah ihn, ein gellender Schrei tönte von ihren Lippen; gleich einer Tigerin, die ſich auf ihre Beute ſtürzt, ſprang ſie auf Mannavedo hin. Ihren Arm feſt auf ſeine Schultern legend, blickte ſie ihn an mit glühenden, zornſprühenden — 147— Augen, und ihre zitternden Lippen murmelten mit verächtlichem Zucken:„Scelerato!“ Dann wandte ſie ſich, immer noch Mannavedo feſthaltend, zu dem Volk, und rief:„Seht ihn an! Dieſer iſt's, der mich verrieth.“ Nun begann ein Schreien und Toben, nun hoben ſich drohende Fäuſte, und racheſchnaubend drängte das Volk heran. „Platz! Platz! Laßt mich zu ihm!“ rief To⸗ nina's Vater, durch das Gedränge weit abgekom⸗ men von dem Gegenſtande ſeiner Wuth und ſeiner Rache.„Laßt mich hin zu ihm, daß ich ihm in's Auge ſehe und Rache übe!“ Und das Volk, als gelte es eine heilige Pflicht zu erfüllen, machte ehrerbietig dem Capo Lazaro Platz. Die ſchöne Gräfin Mannavedo war indeß von dem Lärmen und Geſchrei um ſie her aus ihrer Betäubung erwacht, und die Augen aufſchlagend, hatte ſie ſich in ihren Kiſſen erhoben, nach der UÜrſache dieſes Auflaufes zu ſpähen. Niemand beachtete ſie, außer Tonina, Tonina, die ihre ſtechenden, grimmigen Blicke unverwandt auf die Sänfte gerichtet hatte, und die jetzt, Manna⸗ vedo loslaſſend, hinſtürzte zu der Sänfte und, bebend in Zorn und Wuth, die Thür derſelben aufriß.. Die Gräfin erſchrak, als ſie das bleiche glü⸗ hende Antlitz ſo nahe dem ihren ſah, und von 189*¾ vedo! Zu Hülfe!“ Tonina brach in ein grauſames Lachen aus, und ihr Geſicht noch näher an das ihrer Feindin neigend, ſagte ſie grimmig:„Rufe ihn nur! Flehe ihn nur um ſeine Hülfe! Ha, er möchte in dieſem Augenblick, wie Du, um Hülfe rufen, möchte, wie Du, Gott um ſeinen Beiſtand flehen! Aber kein Gott wird ihm beiſtehen, denn von dem Verräther wenden die Heiligen ihr Antlitz weg, und die Engel ſelbſt fluchen ſein. Ja, Signora, er iſt ein Ver⸗ räther, ein Treuloſer, und hat mir mit heiligen Schwüren dieſe Hand zugeſchworen, die er Euch gab. Die Rache hat ihn ereilt; ſeht denn, wie ſie ihn ſtraft!“ Tonina trat zurück, denn in dieſem Augenblick war es ihrem Vater gelungen, bis zu der Sänfte vorzudringen, an der Mannavedo lehnte, mit trotzigen Blicken und verächtlichem Lächeln um ſich ſchauend. Dies vermehrte nur des Volkes Wuth und Grimm; ihre Leidenſchaft ſteigerte ſich zur Raſerei, und mit dem lauten Zuruf: Jacopo! Ja- copol Vendetta! ſuchten ſie des Vaters Grimm nur noch zu mehren. In dieſem Moment faßte der Capo Lazaro mit unwiderſtehlicher Hand Mannavedo's Schulter, mit Blitzesſchnelle fuhr die andre nach dem Dolch in ſeinen Gürtel. Eine athemloſe Pauſe der Erwartung trat ein, ihren Lippen tönte der ſchwache Ruf:„Manna⸗ ——— Jeder hatte die Bewegung Jacopo's geſehen, Jeder hatte ſie verſtanden. Jetzt ſchwang er den blitzen⸗ den Dolch hoch in der Luft, nun ſenkte er den Arm, die ſchneidende Waffe in Mannavedo's Bruſt zu ſtoßen, der umſonſt geſucht ſich ſeiner nervigten Fauſt zu entwinden. Schon war die Waffe nahe ſeiner Bruſt, ſchon glaubte Mannavedo ſie in ſeinem Herzen zu fühlen, als plötzlich ein fremder Arm des Lazzarone Hand erfaßte, mit Blitzesſchnelle ihm den Dolch entriß, und den überraſchten Mann mit ſolcher Gewalt hinwegdrängte, daß er rückwärts taumelte, und ſein Opfer freigab. Es war Antonio, der bis jetzt wie vernichtet von der unerwarteten Kunde der Verrätherei ſeines Freundes dageſtanden, Antonio, der in ſeinem Buſen einen unendlichen Schmerz empfunden, weil Verach⸗ tung und Liebe für Mannavedo in ihm kämpften. Als er aber des Grafen Todesgefahr ſah, da war es die Liebe, die in ihm ſiegte, und die ihn zu ſeiner Rettung herbeieilen ließ. „Seid Ihr raſend?“ rief er jetzt mit donnern⸗ der Stimme und ſtellte ſich, Jacopo’s Dolch in der Hand, ſchützend vor ſeinen Freund.„Wer es wagt, ein Haar ſeines Hauptes zu krümmen, der iſt des Todes! Zurück, ihr Leute! Niemand wage es, nur einen Schritt näher zu treten!“ Wie gebannt ſtand die Menge, und mit der Beweglichkeit des ſüdländiſchen Charakters von der ——jjjjjjj 150— höchſten Wuth plötzlich zur Ruhe übergehend, frag⸗ ten ſie einander leiſe: Oh madre di Diol was wollten wir thun? den Conte Mannavedo, den Freund des Vicekönigs, den wollten wir ermorden? Als jetzt die Soldaten, welche hinweggeeilt waren ſich Verſtärkung zu holen, mit ihren Ka⸗ meraden zurückkehrten und ſich durch die Menge drängten, um wieder zu Tonina zu gelangen, wehrte man ihnen nicht, und trat ſchweigend zur Seite, ihnen Platz zu machen. Selbſt Tonina's Vater, Jacopo, wagte es nicht, ſeine Tochter noch vertheidigen zu wollen; der Rauſch der Wuth war von ihm gewichen, und nüchtern geworden erbebte er nun über das, was er hatte thun wollen. Kleinlaut und zagend ſtand die Menge, und ſchon war Tonina wieder von den Soldaten um⸗ ringt; da trat Antonio mit der Würde eines Ge⸗ bieters unter ſie, und ſagte:„Laßt dieſes Mäd⸗ chen frei! Ich befehle es!“ Und als die Soldaten zögerten ſich zurückzu⸗ ziehen, ſagte er ſtolz, und zum erſten Male ſich ſeines Ranges und Anſehens bewußt:„Ihr kennt mich, den Grafen di Calvaro. Gebt das Mäd⸗ chen frei! Ich ſelber werde es bei Sr. Majeſtät vertreten.“ Gebieteriſch winkte er mit der Hand, und ſchweigend zogen ſich die Soldaten zurück. Das Volk, das bis jetzt in athemloſer Stille — 151— gelauſcht hatte, brach nun in ein donnerndes Freu⸗ dengeſchrei aus; Mützen und Tücher wurden in die Luft geworfen, als Zeichen ihres Entzückens, und aus tauſend Kehlen tönte es laut: Vivat! Vivat! Signor Conte di Calvaro! Mit eben derſelben Leichtigkeit, mit der das Volk von der wüthendſten Leidenſchaft ſich ab⸗ dämpfte zur dumpfen Ruhe des Entſetzens, ging es nun aus dieſem Zuſtand wieder zur glühend⸗ ſten Freude und Luſt über. Die Buben und Mäd⸗ chen ſprangen vor Wonne, die Weiber weinten und die Männer prieſen mit lauten Reden den Conte di Calvaro. Hin und wieder begannen ſich Gruppen zu bilden, in deren Mitte ein Pärchen in den fröh⸗ lichſten und raſcheſten Sprüngen der Sartarella ihren Jubel auszappelte, und Alles ſchrie und lachte und kreiſchte vor Wonne unter einander. Die ernſteren Männer aber drängten ſich dich⸗ ter um Antonio her, ihm ihren Dank zu ſagen, ihm zuzulächeln, ihm die braune nervigte Hand darzureichen und ihm mit treuherzigem Hände⸗ druck für ſeine Hülfe zu danken. Jacopo, der Capo Lazaro, hatte ſeine Tonina, ſein befreites Kind, feſt an ſein Herz gedrückt, ihre Freudenthränen miſchten ſich, und man hörte ſie laut ſchluchzen vor Rührung. Jetzt ließ der Vater ſie aus ſeinen Armen und rief:„Aber laßt uns ihm danken, ihm, der uns gerettet!“ Und nun — 152— faßte er ſeines Kindes Hand, und kniete mit ihr vor Antonio hin, laut rufend:„Dank, Dank Dir!“ Und das bewegliche, leidenſchaftliche Volk, die⸗ ſem neuen Impulſe nachgebend, ſank zur Erde, wie Jacopo und Tonina, die Hände zu Antonio erhebend, und rief:„Dank, Dank!“ „Signor Conte di Calvaro!“ rief der Capo Lazaro mit vor Rührung bebender Stimme,„ hört meinen Schwur, den ich im Namen aller meiner Brüder hier thue! Ihr ſeid ein vornehmer, reicher Herr, und wir armen Lazzaroni haben Euch nichts zu bieten. Aber wer hoch ſteht, iſt auch leichter in Gefahr in den Abgrund zu fallen, als wir Niedrigen und Armen. Kommt eine ſolche Zeit, dann ruft mich, den Capo Lazaro! Hat doch eine Maus einſt einen Löwen aus dem Netze befreit, warum ſollten wir Euch nicht helfen können in der Noth? Ruft mich und meine Brüder, wenn Ihr in Gefahr ſeid, und wir werden Euch be⸗ freien. Das ſchwöre ich hier auf meinen Knien, und Sancta Madonna möge mich ſtrafen, wenn ich meinen Schwur breche!“ „Ja, wir ſchwören ewige Dankbarkeit!“ brüllte die Menge, Tonina aber hatte ſcheu und ſchüch⸗ tern Antonio's Hand gefaßt, und ſie an ihre Lip⸗ pen drückend, flüſterte ſie leiſe:„Ewige Dankbar⸗ keit!“ Antonio allein hatte es gehört, und ſein Händedruck dankte ihr. Dann wandte er ſich an das Bolk, und rief mit freundlichem Ton:„Ich — 153— nehme Euren Schwur an, und werde, ſollte einſt Gefahr mich bedrohen, daran gedenken. Nun aber, meine Freunde, ſtehet auf, gehet ruhig und ſtill aus einander und Niemand wage es mehr, die kranke Signora hier zu ſtören! Lebt wohl, lebt wohl, meine Freunde! beweiſt mir Eure Dankbarkeit dadurch, daß Ihr ſtill und ſchweigend ſogleich Euch entfernt!“ Es lag etwas unwiderſtehlich Anmuthiges und Gewinnendes in Antonio's Weſen, und die Lazza⸗ roni vermochten ihm nicht zu widerſtehen. Stumm lächelten ſie ihm, nickten ihm vertraulich zu, und entfernten ſich dann eiligſt. Als ſo die Menge ſich zu verlieren begann, und es dem Zuge des Grafen Mannavedo ge⸗ ſtattet war weiter zu ſchreiten, faßte Antonio ſei⸗ nes Freundes Hand. Schmerz und Wehmuth trat in ſeine Züge, und mit bebendem Tone ſagte er:„Federigo! Ich habe an Dich geglaubt bis zu dieſer Stunde. Ich glaube noch jetzt an Dich. Von Deinen Lippen will ich die Geſchichte dieſes unglücklichen Mädchens vernehmen, und Dich von Dir ſelber gerechtfertigt hören. Laß mich Dich heute Abend erwarten.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, entfernte er ſich raſch, und bald war er um die nächſte Stra⸗ ßenecke verſchwunden. Indeß hatte das Volk ſich gänzlich zerſtreut, — 154—. und die junge Gräfin Mannavedo, die, obwohl nur leicht und gefahrlos verwundet, dennoch hef⸗ tige Schmerzen empfand, flehte mit leiſer Stimme ihren Gemahl, ſie nach Hauſe zu führen. Dieſer befahl den Dienern die Sänfte aufzu⸗ heben, und der Zug ſetzte ſich wieder in Be⸗ wegung. Wieder ging Mannavedo zur Seite der Sänfte, in welcher ſein junges verwundetes Weib, leiſe ächzend, lag. Er dachte aber nicht an ihre Schmerzen, nicht, daß ſie um ſeiner Schuld willen verwundet worden, er dachte nicht an Tonina, die treulos Verrathene und Verlaſſene, ſondern an Antonio, der ihn ſoeben aus Todesnoth befreite, dem er ſein Leben ſchuldete. Dieſer Gedanke machte ihn erbeben vor Zorn, und nie hatte er Antonio ſo glühend gehaßt, als in dieſem Momente, wo er ſich ihm für alle Ewigkeit verpflichtet fühlte, wo die Dankbarkeit wie eine belaſtende und hemmende Feſſel ſich auf ſein Herz zu legen und ihn an der Freiheit ſeiner Empfindungen zu hindern drohte. Wie er mit gerunzelter Stirn, langſam und ſinnend einher⸗ ſchritt, ſagte er leiſe zu ſich ſelbſt:„Ha, wie ich ihn haſſe! Ueberall auf meinem Wege tritt er mir entgegen. Ueberall iſt er der Erhabene, Tugend⸗ hafte und Edle, dem ich mich untergeordnet fühle! Ha, ich haſſe ihn, weil ich ihn bewundern muß, . — 155— haſſe ihn bis zur Raſerei, und beim ewigen Gott, ich werde ein Mittel finden, dieſe Höllenqual zu kühlen. Beſchämt, beſiegt, gleich einem Schul⸗ knaben habe ich vor ihm geſtanden. Ich ſchwör' es, das ſoll er mir heute noch büßen.“ XIV. Die Warnung. Antonio hatte, nachdem er Mannavedo ver⸗ laſſen, kaum ſeine Wohnung erreicht, als ein Be⸗ fehl des Vicekönigs ihn ſogleich zu dieſem hin be⸗ ſchied. Er eilte dem Befehl zu genügen und be⸗ gab ſich zu dem Fürſten, der indeß ſchon Kunde von dem Volksauflauf erhalten hatte, und von ihm einen Bericht über die Veranlaſſung deſſelben begehrte. Antonio gab ihm ſolchen mit Freimuth und Aufrichtigkeit. Als er geendet, ging der Fürſt gedankenvoll einige Male im Gemache auf und ab, dann blieb er vor Antonio ſtehen, und ihn mit wohlwollenden Blicken betrachtend, ſagte er gütig:„Wir ſind mit Euch zufrieden, Graf Cal⸗ varo! Ihr habt mit Klugheit und Einſicht gehan⸗ delt. Die Lazzaroni ſind die gefährlichſten Feinde, oder die nützlichſten Freunde des Staats. Ihr habt ſie uns als Freunde erhalten, Dank Eurer — 157— berechnenden Klugheit! Ich ſehe, Ihr habt Talent für Diplomatie und Staatsgeſchäfte.“ Antonio ſagte beſcheiden:„Verzeihen Ew. Ma⸗ jeſtät, wenn ich ein Lob von mir ablehnen muß, das ich nicht verdiene. Ich dachte nicht an dieſe klugen Berechnungen, als ich das Mädchen frei⸗ gab, ſondern ich folgte nur meinem Gefühl. Dem armen Mädchen war ein bittres Unrecht geſchehen, ich konnte ſie nicht tadeln, daß ihr Herz darüber erglühte zur Rache. Was auch die chriſtliche Re⸗ ligion uns lehren mag, mein Fürſt, in unſern Herzen ſteht eine andere Lehre, und wie in der ganzen Natur das Geſetz der Rache waltet, ſo regt es ſich auch im Herzen des Menſchen, und iſt ein natürlicher Inſtinct,— ſollte ich das Mäd⸗ chen ſtrafen, weil ſie einem Geſetze der Natur ge⸗ folgt war?“ Der Fürſt lächelte.„Ihr habt ſeltſame und überſpannte Ideen, mein junger Freund, und ich rathe Euch, nicht ſie Jemand anders hören zu laſſen. Der Menſch hat es längſt gelernt, dem freien Wal⸗ ten der Natur entgegen zu arbeiten, und weil er erhaben iſt über dieſelbe, darf er ſich ihr auch nicht unterordnen. Andere Geſetze regieren ihn, und höher als die Geſetze der Natur ſtehen die Geſetze der Sittlichkeit.“ „Die aber aus der Natur in reiner Wahrheit entſpringen,“ unterbrach ihn Antonio. „Aber ſich über ihren Urſprung erheben, mein — 158— junger Freund. Das ungebändigte Thier der Wüſte handelt nach andern Geſetzen als der Menſch, es folgt dem Inſtinct ſeiner ungezügelten Kraft; der Menſch aber ſoll der Ueberlegung ſeiner Ver⸗ nunft folgen, und wenn ich es der Tigerin nicht verargen darf, daß ſie den Menſchen zerreißt, der ihr ihr Junges ſtahl, ſo darf ich dem Menſchen nicht geſtatten, Rache zu nehmen am Menſchen. Schaut dort den Aetna,“ fuhr er fort, und zeigte durch das offenſtehende Fenſter auf den fernen Berg hin, aus deſſen Spitze ſich ſoeben eine majeſtätiſche Feuerſäule erhob:„ſeht, es kann kommen, daß dieſe Feuer ſich ergießen über das Land, Vernichtung und Tod ringsumher verbrei⸗ tend, und wir müßten es dulden und leiden als Got⸗ tesſchickung; den Räuber aber, der unſer Land ver⸗ wüſtete, würden wir ſchwer und vernichtend ſtrafen.“ „Jede Strafe iſt Rache,“ ſagte Antonio;„der Staat darf ſie üben am Menſchen, warum nicht der Menſch am Menſchen? Ha, wenn ein Menſch von einem andern aufgeſtachelt zum wüthendſten, verzweiflungsvollſten Todesſchmerz, von ihm ge⸗ kränkt, verletzt an ſeinem innerſten Leben, dieſen tödtet, ſo nennt Ihr dies Mord, und doch ſcheut Ihr Euch nicht, das Todesurtheil dieſes ſogenann⸗ ten Mörders zu unterzeichnen? Ihr tödtet den, der tödtete. Das Eine nennt Ihr Mord, das Andere gerechte Strafe! Ha, warum kann ein Menſch nicht tödten, ſo gut wie der andere?“ „— „— —— — 159— „Signor Conte,“ unterbrach ihn der Fürſt mit mildem Lächeln,„laßt es Niemand hören, außer mir, Eurem Fürſten, welche geringe Mei⸗ nung Ihr von der Macht und Gewalt eines Für⸗ ſten habt. Sagt es Niemand weiter, daß ich in Einem Punkte Eure Anſicht theile, aber eben da⸗ durch auch Eure andre beſtreite. Denn ich glaube, daß kein Menſch auf Erden das Recht hat, einem Menſchen das Leben zu nehmen, und weil denn ein Fürſt Menſch iſt, wie ſeine Unterthanen, hat auch er nicht das Recht, ein Todesurtheil zu fällen. Leben und Tod liegt allein in Gottes Hand, er, der das Leben gab, er darf allein es nehmen. Wir können im Leben ſtrafen, aber nicht am Leben, und ſo würde jedes Todesurtheil auf meiner Seele brennen, einem Morde gleich. Dies iſt meine Meinung, und weil Ihr ſie nun kennt, wißt Ihr auch, daß ich die That dieſes Mädchens nicht entſchuldigen kann; wenn ich ſie aber dennoch diesmal ungeſtraft laſſe, ſo geſchieht es, weil ich Euer gegebenes Verſprechen ehre, und zumeiſt, weil hier die Gerechtigkeit höheren Rück⸗ ſichten weicht. Das Volk iſt die ſicherſte Stütze des Throns, und ſo lange die Lazzaroni meine Freunde bleiben, fürchte ich nicht die übermüthigen Großen meines Reiches. Für Euch, Signor Conte, ſtehen die Sachen ſchlimm, und ich fürchte, daß die Freundſchaft eines Capo Lazaro Euch nicht zu nützen vermag gegen die Feindſchaft — 160— des Hofes und Adels; der ganze Hof iſt Euer Feind.“ „Mein Feind?“ fragte Antonio verwundert. „Was that ich, ſolche Feindſchaft zu erregen?“ „Die große Welt liebt nicht, ſich Jemand ihr überlegen zu ſehen,“ erwiederte der Fürſt,„und Tugenden, die ſie nicht beſitzt, haßt ſie, und iſt bemüht ſie zu vernichten. Eure Unſchuld, Eure Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit, Euer harmloſes, unverhülltes Betragen, das ſind die Gegner und Feinde des Adels von Palermo. Weil Ihr Euch ganz unverſteckt und offen gebt, ſo glaubt man nicht an Eure Offenheit, und hält ſie nur für wohlberechnete Abſicht, um zum Ziele zu kommen. Dies Ziel ſcheint ihnen unbeſchränkte Macht. Ich fürchte für Euch, Graf! Ihr kennt nicht den Jäh⸗ zorn, die Rachſucht meiner Sicilianer. Schon habt Ihr hier am Hofe einen mächtigen und ge⸗ fährlichen Gegner, den Grafen Mannavedo.“ „Unmöglich!“ rief Antonio;„er iſt mein Freund, mein treueſter Freund.“ Der Fürſt ſchüttelte leiſe das Haupt.„Traut Euren Freunden nicht,“ ſagte er warnend.„Das ſind nicht die gefährlichſten Feinde, die ſich offen als Eure Feinde erklären und Euch bekämpfen, ſondern die ſind es, die als Eure Freunde ſich an Euren Buſen legen, und Euch in der Umar⸗ mung morden.“. Der Fürſt ſchwieg und ging, verloren in Ge⸗ 4 * — 161— danken, auf und ab; Antonio wagte nicht, ihn zu unterbrechen, auch hatten des Fürſten Worte, ihm ſelber unerklärlich, einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und zum erſten Male durchflog ihn ein Zweifel an ſeines Freundes Treue. Plötzlich fragte der Fürſt raſch:„Tragt Ihr Waffen bei Euch?“ „Nein.“. „Thut es, ich bitte Euch darum! Auch wün⸗ ſche ich, Ihr möchtet mir verſprechen, ein Ge⸗ wand, das ich für Euch beſorgen ließ, anzulegen, und niemals von Euch zu laſſen. Es iſt ein Wams von ſtarkem Büffelleder, und hindert das Eindringen eines Dolches.“ Antonio ſagte lächelnd:„Ich fürchte keinen Dolch, und glaube an keine Gefahr.“ „Weil Ihr die Welt nicht kennt,“ erwiederte der Fürſt;„ich aber kenne ſie, und darum fürchte ich für Euch,“ fuhr er fort, und legte ſeine Hand auf Antonio's Schulter,„weil ich Euch liebe, Graf! Ach, es iſt ſo ſelten, daß einem Fürſten auf ſeiner einſamen Bahn Menſchen begegnen, er ſieht nur Diener und Unterthanen, aber keine Menſchen. Ihr waret der erſte freie, wahre Menſch, den ich geſehen, und darum lieb' ich Euch.“ „O,“ rief Antonio mit leuchtenden Augen, und drückte des Fürſten Hand an ſein Herz,„wie ſtolz, wie glücklich macht mich dieſe Liebe!“ Der Fürſt ſagte feierlich:„Der Himmel gebe, 11 Antonio. — 162— daß ſie Euch glücklich mache! Ach, es iſt ein ge⸗ fährlich Ding, von einem Fürſten geliebt zu ſein, und eines Königs Günſtling iſt der gefürchtete und gehaßte Feind des Hofes. Darum, weil ich dies weiß, mache ich mir zuweilen Vorwürfe, Euch aus Eurer ſtillen, glücklichen Welt in die geräuſchvolle dieſes Hofes verſetzt zu haben. Und nun geht! Auf Eurem Zimmer findet Ihr das Gewand, von dem ich Euch ſagte. Gebt mir die Hand darauf, es ſogleich anzulegen und immer zu tragen.“ XV. Herzenskämpfe. Antonio begab ſich, vom Fürſten entlaſſen, wieder in ſeine Gemächer. Er bedurfte der Ein⸗ ſamkeit und Stille; zu gewaltſame und ſtürmiſche Scenen hatten das Gleichgewicht ſeines Innern untergraben; er fühlte ſich gleichſam ſich ſelber entfremdet, und gleich dem Blicke der Meduſa ſchaute ſein eigenes Innere ihn an und nane ihn erſtarren. Wie viel hatten wenige Tage in ihm geän⸗ dert! Aus einem unſchuldigen Jüngling war er ein bewußter Mann geworden, gefeſſelt mit den Ban⸗ den der Liebe an ein heißgeliebtes Weib, und doch von der Geliebten freigegeben, und aller Pflichten der Liebe und Treue entbunden. „Und iſt das,“ fragte er ſich ſelber,„iſt das jene erhabene, heilige Liebe, von der die Dichter ſingen, jene Liebe, die Platon verherrlichte, die den Socrates zu den Füßen einer Aspaſia ſitzen ließ, und Petrarca zu ſeinen Sonetten begei⸗ ſterte?“ „Sie iſt es nicht,“ ſeufzte er ſchmerzlich,„und dennoch iſt ſie voll ſo unendlicher Wonne, und ein unſägliches Glück ſchwellt meine Bruſt bei dem Gedanken an Dich, meine Catharina! O Catharina, verzeihe dem Irrenden, wenn er bei Deinem Beſitz noch forſchen will nach einer an⸗ dern Liebe! Es giebt keine andere, es darf keine andere geben!“ Er verſank tiefer in ſich ſelbſt; die Gedanken an ſeine Geliebte machten ſein Herz erbeben, und trieben eine dunkle Röthe in ſein Angeſicht. Heiße Fieberglut durchrieſelte ſeine Adern, und wie um Linderung und Kühlung zu ſuchen, ſchweifte ſein brennendes Auge im Gemach umher. Da traf ſein Blick das Gewand, das des Vicekönigs ſor⸗ gende Gunſt ihm geſandt, und gab ſeinen Ge⸗ danken eine andere Richtung. Er erinnerte ſich der Warnung des Fürſten vor ſeinem Freunde Mannavedo, und abermals ſtiegen dunkle, unheilsvolle Ahnungen in ihm em⸗ por. Er ſuchte ſie aber mit Gewalt zurückzudrän⸗ gen, und flüſterte ſchmerzlich zu ſich ſelber:„Iſt es ſchon dahin gekommen, daß ich in frevelndem Mißtrauen an meinem Freunde zweifeln kann, der mir ewige Treue gelobt? Hat mich die Welt ſchon ſo ſehr in ihre Bande geſchlagen, daß ich mich 4 3 — 165— bekenne zu ihrem Unglauben und zu ihren Zwei⸗ feln? Hinweg, hinweg, ihr verrätheriſchen Ge⸗ danken! Ihr dürft nicht eine Stätte finden in mei⸗ nem Herzen, ihr ſollt nicht meinen Federigo läſtern! O, er wird kommen, und aus ſeinem Munde werde ich ſeine Unſchuld und Rechtferti⸗ gung vernehmen. Bis er aber kommt, will ich vergeſſen dieſe Welt, vergeſſen Alles, was dieſe Tage des Wonnevollen und Schmerzlichen mir brachten, und aus dem ewig fließenden Born der Wiſſenſchaft will ich die Waſſer ſchöpfen, mein Herz zu reinigen von dem Staube der Welt, daß es rein und klar wieder dem Freunde entgegen⸗ ſchlägt!“— Haſtig nahm er einen jener großen Folianten, die auf ſeinem Schreibtiſche lagen, und breitete ihn vor ſich aus. Der Zufall hatte ihn die Or⸗ densregeln des heiligen Benedictus erfaſſen laſſen, und die erſte Zeile, die ſein Auge traf, feſſelte ſogleich feine Aufmerkſamkeit. Halblaut, die Stelle mit dem Finger bezeich⸗ nend, las er:„Spernere mundum, spernere ne- minem, spernere se ipsum, spernere se sperni“ (Verachte die Welt, doch verachte Niemand, ver⸗ achte dich ſelbſt und verachte die Verachtung). „Ein großes Wort,“ flüſterte Antonio gedanken⸗ voll,„voll inhaltsſchwerer Bedeutung! Vielleicht war es des großen Benedictus Geiſt, der mich gerade dieſe Worte heute finden ließ, heute, wo ich der Warnung und Leitung bedarf. Spernere mundum, das iſt die Lehre des Weiſen, und in⸗ dem ich ſie tief in mein Herz eingrabe, wird ſie mich ſchützen und ſtählen, daß die Welt mich nicht bethöre mit ihren Verlockungen und Reizen. Aber indem ich ſo das Allgemeine verachten ſoll, warnt mich der Weiſe, mit dem All das Einzelne zu verwerfen. Spernere neminem! Dies iſt das Wort, das mit ſanftem Laut die Herbe und Härte des erſten Satzes löſet und, von der Maſſe mich abwendend, mir das Einzelne zu lieben gebietet, das, loslöſend mich von der Welt, mich ihr inni⸗ ger verbindet in duldender Liebe. Und daß ich dies könne, gebietet der Weiſe: Spernere se ipsum! Denn nur wer ſich ſelber erkennt in ſeiner Klein⸗ heit und Niedrigkeit, wer das prüfende Meſſer in ſein eignes Fleiſch geſenkt, und erſchaut, daß es verdorben iſt und ſündig, nur wer alſo ſeinen eignen Unwerth erkannt hat, der kann mit lieben⸗ der Milde die Menſchheit lieben, und weil er ſich ſelber verachtet, wird er nicht Andere verachten. Aber der Kleinmuth iſt jedes Menſchen Verderben, und wer den Menſchen ſich unterordnet und leidet ihre Bedrückung, der iſt es werth, bedrückt und geknechtet zu werden. Darum ruft mir der Weiſe: Spernere se sperni! Frei ſoll ſich der Geiſt er⸗ heben über die Meinungen und Satzungen der Welt, und nur wer verachtet die Verachtung der Welt, darf es wagen, die Welt zu verachten, —— — 167— Niemand zu verachten, und dennoch ſich ſelber! — O großes, köſtliches Wort, durchleuchte meine Seele und ſtähle meinen Geiſt!“ Er las weiter und weiter, und ſeine Gedan⸗ ken ſchienen in ernſter Betrachtung nur bei ſeinem Buche zu verweilen, denn ſeine Stirn war ge⸗ dankenvoll und ſchwer, und nicht einen Augenblick erhob er das Auge von dem Folianten, über den er ſein Haupt geneigt hatte. Plötzlich zuckte er zuſammen, und dunkle Röthe bedeckte ſeine Wangen. Schon hatten die Welt und das Leben ihre zauberhaften Bande um ihn ge⸗ zogen, und das Kleinliche, Unbedeutende vermochte es ſchon, ihn dem Ernſten und Großen abwendig zu machen! Warum mußte der heilige Benedict auch der heiligen Catharina erwähnen, und war⸗ um mußte ſeine Geliebte den Namen jener Heili⸗ gen tragen? 2 Aus der Fülle und Tiefe ſeiner Anſchanungen rief dieſer Name ihn empor, und ihn aufſtörend aus ſeiner kaum errungenen Stille und Einkehr, waren ſeine Gedanken wieder hingegeben dem lockenden, verführeriſchen Leben. „O Catharina!“ ſeufzte er leiſe.„Engel trugen die Leiche der Heiligen empor zum Him⸗ mel, Engel haben Dich heruntergeführt zur Erde, Dich, meine heilige Catharina! Und biſt Du nicht eine Heilige? Du, das Wunder der Natur, Du mit jener Schönheit, die nicht das Leben, nicht — 168— die Welt, die Dir die Gottheit verliehen? O laß mich wieder zu Deinen Füßen liegen, und Dich anbeten, Dich, meine Heilige!“ Er ſchaute wieder in ſein Buch, aber ſeine Gedanken waren nicht bei den Worten, die er las, und er hatte lange hineingeſchaut in das Buch, mechaniſch und bewußtlos, ohne zu leſen. Denn in ſeinem Herzen hatte ein anderes Buch ſich auf⸗ geſchlagen, und er las in dem Buche der Liebe, das zwei ſchöne Augen ihm geöffnet hatten. Es ließ ihn nicht mehr an ſeiner Stelle, er ſtieß den Folianten von ſich, und ſtand auf, um haſtigen Schrittes im Gemach auf und ab zu wandeln. Da berührte im Vorbeigehen ſein Arm das Gewand vom Vicekönig, das über die Lehne eines Stuhls gelegt war, und nun zur Erde fiel mit einem leiſen Geräuſch. Es dünkte Antonio, als habe er einen kla⸗ genden, ängſtlichen Seufzer vernommen, und das Gewand aufhebend, ſagte er:„Willſt Du mich mahnen mit dieſem ahnungsvollen Seufzer an den Schutz, den Du mir verleihen ſollſt, und an das Verſprechen, das ich Deinem fürſtlichen Geber geleiſtet? Nun, weil ich es verſprochen, will ich Dich denn auch anlegen, und gebe Gott, daß ich nie Deines Schutzes bedarf.“ Er kleidete ſich in das lederne Gewand, deſſen Geheimniß dann das goldgeſtickte ſeidene Wams und der ſammtne kurze Mantel verbarg, der mit — 169— brillantenen Agraffen an der Schulter befeſtigt war, und ſinnend und in wechſelnden Gedanken im Ge⸗ mach auf und ab gehend, harrte er ſeines Freundes. Aber Stunde nach Stunde verging in ver⸗ geblichem Warten. Der Tag war indeß hinunter⸗ gegangen, und dunkelglühend ſenkte ſich die Sonne hernieder, ihre langen rothen Strahlen durch die Fenſterſcheiben in Antonio's Gemach ergießend, und wunderbare verſchwebende Geſtalten auf dem Fußboden bildend. Antonio ſtieß das Fenſter auf, und ſchaute lange und tiefſinnend in die verſchwebenden Glu⸗ ten. Die Tage ſeiner Kindheit und Jugend tauch⸗ ten wie durch einen Zauberſchlag in ſeiner Seele auf, reine und heilige Gefühle durchzogen wieder ſein Gemüth, und mit angehaltenem Athem lauſchte er den Offenbarungen der Natur, die ſich ihm verkündete in dem Sonnenuntergang, dieſer Ver⸗ herrlichung ihrer ſelbſt. Und als er lange in entzücktem Schauen den Gottesfrieden der Natur in ſich geſogen, wurden ſeine Gedanken zu Gebeten, deren Inbrunſt ſein Angeſicht verklärte, und ihn unwillkürlich die Hände falten ließ in Kindereinfalt.„Laß mich Dich an⸗ ſchauen, göttliche Mutter,“ flüſterte er leiſe und tief⸗ bewegt,„und nimm mich, Dein lallendes Kind, nimm mich an Deine Bruſt, wiege mich ein mit Deinen hei⸗ ligen Geſängen zur Ruhe des Erkennens und zum Frieden des Seins, und laß, o heilige Mutter, — 170— aus dieſer Ruhe und aus dieſem Frieden die Wahr⸗ heit des Gedankens und die Reinheit der Empfin⸗ dung in mir wurzeln und wachſen! Durchleuchte meine Augen mit Deiner Klarheit, daß ſie ſchauen die Welt wie ſie iſt, und nicht geblendet werden von ihrem Schimmern und Glänzen, und durch⸗ rieſele meine Adern mit Deiner Kraft, daß ich ſtehe ohne zu wanken, und mich ſtütze nur auf mich ſelber! O laß vor Deiner Urſchönheit und Reinheit mich ſtaunend und anbetend ſtehen, und feſſele meine Sinne und Augen, daß ſie nichts zu ſchauen verlangen, als Dich, o Natur, und Deine Verkündigungen der Wahrheit, wie alle Elemente ſie flüſtern und brauſen!“ Er verſank tiefer in ſich ſelbſt, und blickte ſtarr hinaus in die Sonnengluten, welche, gleich als ſende die Natur ihm ihren Liebesgruß, ſein Ge⸗ ſicht mit ihrem ſtrahlenden Glanze überhauchten und ſeinem goldgeſtickten Gewande ein wunderbares Leuchten verliehen. Still war es ringsumher, und wie ſich dort am Himmel in heiliger Stille und Heiterkeit Wunder der Schönheit enthüllten und wieder ver⸗ ſchwanden, um neuen zu weichen, ward es ſtille und heiter in des Jünglings Bruſt. Lange noch ſtand er und ſchaute, unbeweglich und ſtill, die Arme in einander verſchränkt. Die Abendgluten wurden matter, und ſtreiften nur noch in hinſter⸗ benden Lichtern Antonio's Angeſicht. Auch dieſe —— —— — 171— erloſchen, und die Dämmerung begann ihren Schleier über die Erde zu legen. Sie weckte aber Antonio aus ſeinem träumenden Schauen, und empor⸗ ſchreckend ſagte er leiſe:„Es wird Nacht! Jetzt kehrt ſie heim aus dem Theater, jetzt erwartet ſie mich!“ Er fühlte ſich umgewandelt und verändert, und die frühere Stille und Heiterkeit war gleich einem verhüllenden, mit friedlichen und ſinnigen Bildern verzierten Vorhang emporgerauſcht, um leidenſchaft⸗ lichern und aufregendern Scenen zu weichen. Antonio lächelte aber zu dieſem Wechſel, und rief:„Hinweg mit dieſer friedlichen Stille und dieſem thatenloſen Schauen! Die glückliche Ruhe will ich hingeben für eine beſeligende Unruhe, und den heitern Frieden für einen ſonnenhellen Un⸗ frieden! Fort zu ihr, zu meiner Geliebten!“ ℳ XVI.. Der Mordverſuch. Der Morgen dämmerte herauf, als Antonio, tief in ſeinen Mantel gehüllt, über die Straße dahineilte, um ſich in das königliche Schloß und in ſeine Gemächer zu begeben. Die Straßen waren öde und menſchenleer, und Antonio's Schritte, wie er mit raſchem Gange dahineilte, klangen unheimlich laut in der tiefen Stille umher. Ein Fröſteln überlief ihn, er wußte ſelbſt nicht weshalb, und ſeine Hand faßte unwill⸗ kürlich nach dem Dolch, der in ſeinem Buſen ver⸗ borgen war. Es war ihm, als er ſo durch die lautloſen, in grauer Dämmerung verſchleierten Straßen dahineilte, als wandle er, allein ein Lebender, im Reiche des Todes umher, und die großen ſchweigenden und öden Häuſer ſtarrten ihn an wie große Grabgewölbe. Als er jetzt, in kurzer Entfernung hinter ſich, 4 Schritte vernahm, fühlte er ſich wie erleichtert —— — 173— von dem Gedanken, daß noch ein anderes Weſen gleich ihm wache und wandle; ermuthigt und lä⸗ chelnd über ſein eignes Zagen ſetzte er ſeinen Weg fort. Schon war er die Strada nuova hinab und in eine Nebenſtraße gegangen, und immer noch hörte er hinter ſich die Schritte des ihm Folgenden. Ein ſeltſamer Zufall, dachte Antonio, daß die beiden einzigen Wachenden in dieſer großen Stadt gerade denſelben Weg verfolgen, und unbekümmert ging er weiter. Seinen Weg abzukürzen, wandte er ſich in eine ſonſt nur wenig beſuchte Nebengaſſe, die, durch den abgelegenſten Theil der Stadt führend, ihn auf kürzerem Wege zum Schloſſe leiten mußte. Auch hier vernahm er hinter ſich die Schritte des Andern, und zwar raſcher ihm folgend und die Entfernung zwiſchen ihnen beiden abkürzend. Antonio erinnerte ſich der Warnungsworte des Vicekönigs und beſchloß auf ſeiner Hut zu ſein. Er faßte den Griff ſeines Dolches feſter und eilte raſcher vorwärts. Eben ſo raſch folgte ihm der Andere. Sie waren jetzt bis zu dem einſamſten und ödeſten Theil der abgelegenen Straße gekommen, als plötzlich der unheimliche Fremde ſich mit einem gewaltigen Sprunge auf Antonio ſtürzte, und mit ſeinem Dolch nach Antonio's Bruſt zuckte. Eben ſo raſch aber hatte Antonio, den rich⸗ 174— tigen Augenblick benutzend, mit ſeinem Dolch die Hand ſeines Gegners getroffen, und mit einem lauten Schmerzensſchrei entfiel dieſem der Dolch aus der blutenden Hand. Der Fremde wollte fliehen, Antonio hielt ihn mit Rieſenkraft, ein heftiges Kämpfen und Ringen erfolgte, dann aber lag der beſiegte Feind zu Antonio's Füßen, der mit gezücktem Dolch ſich über ihn neigte. „Gnade, Gnade!“ flehte der Mörder. Antonio ſagte bebend im Zorn:„Bekenne Dein Verbrechen, oder mein Dolch durchbohrt Deine Bruſt. Warum wollteſt Du mich morden? Deine Züge ſind mir fremd. Was that ich, die Rach⸗ gier eines mir Unbekannten zu reizen? Bekenne, oder ich durchbohre Dich!“ „Schenkt mir das Leben, und ich ſage Euch die Wahrheit,“ ächzte der Mörder. „Mehr! hundert Ducati ſind Dein, wenn Du bei der heiligen Jungfrau mir ſchwörſt, die lautere Wahrheit zu ſagen!“ „Hundert Ducati? Nun wohlan, bei der hei⸗ ligen Jungfrau ſei es geſchworen, ich ſage die Wahrheit.“ „So ſtehe auf, und folge mir.“ „Ihr ſchwört, mich nicht zu ſtrafen, wenn ich Alles bekenne?“ „Ich ſchwöre.“ 1 „Und hundert Ducati ſind mein, wenn ich Euch folge?“ 4 1 „Hundert Ducati.“ „So laßt uns gehen!“ Antonio faßte des Meuchelmörders Arm, und ihn fortführend, zeigte er ihm drohend in ſeiner Rechten ſeinen Dolch.„Die leiſeſte Bewegung zu entfliehen, und mein Dolch trifft Eure Bruſt“ „Fürchtet nichts, für hundert Ducati folge ich, wenn es ſein muß, Euch in die Hölle!“ ſagte der Mörder mit rauhem Lachen, und eiligen Schrittes gingen ſie weiter. Bald war das Schloß erreicht, und durch die langen Corridore geleitete Antonio ſeinen unheim⸗ lichen Begleiter zu ſeinen Gemächern, wo im Vor⸗ zimmer Antonio's Kammerdiener ſeines Herrn war⸗ tete, und mit Entſetzen und Verwunderung den finſtern blutenden Mann an ſeiner Seite anſtarrte. Antonio winkte ihm zu ſchweigen, und trat mit ſeinem Begleiter in ſein Arbeitszimmer, deſſen Thür er ſorgfältig hinter ſich verſchloß. Dann wandte er ſich an den Mörder, und ſagte mit feierlichem Ernſt:„Wir ſind allein. Jetzt bekennt mir, unglücklicher Mann, was Euch zu dieſer That getrieben.“ „Pah,“ ſagte der Andere lachend,„daſſelbe, was mich dazu treibt, mich Euch zu entdecken. Das Gold, Signor. Man bot mir funfzig Du⸗ cati, wenn ich Euch ſicher treffe. Ich habe, der Sancta Madonna ſei es geklagt, mein Handwerk getrieben wie ein Stümper, und die funfzig Du⸗ — 176— cati verſcherzt. Corpo di bacco, es iſt ein guter Handel, daß ich nun von Euch hundert Ducati bekomme. Pah, wenn Alle ſo großmüthig ſein wollten, die ich kalt zu machen beauftragt werde, ich wollte mein Lebelang ein Stümper ſein, wie heute.“ 3 „Sprecht, ſprecht,“ rief Antonio, bebend vor Ungeduld,„wer hieß Euch mich ermorden? Wer gab Euch dieſen hölliſchen Befehl?“ „Ein Signor, den ich Euch neulich vor. der Pforte dieſes Palaſtes umarmen ſah.“ „Sein Name?“ fragte Antonio athemlos. Der Andere erwiederte kalt und ernſt:„Es iſt der Signor Conte di Mannavedo.“ Einen Augenblick ſtand Antonio, wie gelähmt, bewegungslos und ſtarr, dann packte er heftig des Mörders Arm und ſchrie:„Ihr lügt! Ihr ſeid ein Schurke, den Grafen ſo zu beſchimpfen! Ihr lügt! Nennt einen andern Namen! Einen andern Namen, und ich gebe Euch das Doppelte!“ „Wir poveri diavoli haben auch unſere Ehre, Signor,“ ſagte der Andere trotzig.„Ich ſchwur bei der heiligen Jungfran, für hundert Ducati die Wahrheit zu ſagen, und ich habe es gethan.“. „Ihr habt es nicht gethan!“ rief Antonio außer ſich.„Beweiſe, gebt mir Beweiſe!“ „Hier ſind ſie!“ erwiederte der Andere ge⸗ laſſen, und zog ein zuſammengefaltetes Papier — 177— hervor.„Es iſt die Verſchreibung von funfzig Ducati, die mir der Signor Conte heute ſelbſt ausgeſtellt. Ich ſollte ſie nach glücklicher That morgen bei ſeinem Banquier vorzeigen, und das Geld empfangen.“ Mit einem dumpfen Schrei nahm Antonio das ihm dargereichte Blatt und entfaltete es. Seine glühenden Blicke überflogen mit fliegender Schnelle die Zeilen, ſein Geſicht erbleichte, das Blatt ent⸗ fiel ſeiner Hand, und aus den krampfhaft zuſam⸗ mengepreßten Lippen hervor murmelte er:„Es iſt ſeine Handſchrift!“ „Ihr ſeht alſo, daß ich Euch die Wahrheit geſagt, Signor,“ ſagte der Mörder mit trium⸗ phirendem Ton. „Und es iſt dennoch eine Lüge,“ rief Antonio ſich aufraffend,„ein Blendwerk der Hölle! Ihr lügt, ſage ich, Ihr lügt. Der Conte di Manna⸗ vedo gab Euch dieſe Verſchreibung. Wo aber ſteht geſchrieben, welchen ſchaudervollen Dienſt er dafür begehrte? Ihr ſchweigt?“ fuhr er immer leiden⸗ ſchaftlicher fort.„Ihr wißt mir nichts zu erwie⸗ dern? Seht Ihr, daß es eine Lüge war? Eine elende, ſchändliche Lüge?“. „Ich ſehe uur, daß Ihr nicht zu überzeuge ſeid, Signor Conte,“ erwiederte der Andere ge⸗ laſſen. Antonio hörte ihn nicht, mit haſtigen Schritten rannte er im Gemach hin und wieder, unverſtänd⸗ Antonio. 12 — 178— liche Worte flüſternd, ſeufzend und ächzend in un⸗ geheurer Bewegung. Plötzlich blieb er vor dem Andern ſtehen, und ſagte mit mühſamer Faſſung:„ Macht Ihr Euch anheiſchig, dem Conte Mannavedo gegenüber Eure Behauptung zu wiederholen?“ „Da müßte die Summe größer ſein,“ war die Antwort.„Ich verliere alsdann an dem Grafen einen guten Kunden. Er würde mir nie wieder Arbeit geben.“ „Wohlan, zweihundert Ducati!“ „Gebt dreihundert, und ich ſage es dem Gra⸗ fen in's Geſicht.“ „Es ſei! Dreihundert Ducati!“ wiederholte Antonio. 4 Dann nahm er die Schuldverſchreibung Manna⸗ vedo's vom Boden auf, und ſie zu ſich ſteckend wandelte er ſchweigend wieder auf und ab. Der Kammerdiener weckte durch das Geräuſch ſeines Eintretens Antonio aus ſeinen Gedanken, und mit finſterer Miene fragte er nach deſſen Begehr. Der Diener, heute zum erſten Mal von ſeinem ſonſt ſo gütigen Herrn unfreundlich be⸗ handelt, ſagte ſchüchtern,„daß, da die Zeit des Frühſtücks lange gekommen, er nur den Signor Conte habe fragen wollen, ob er befehle, daſſelbe aufzutragen?“ Antonio machte ſchweigend eine verneinende ——— — . im Vorzimmer Schritte vernehmen. — 179— und abwehrende Bewegung, und ſagte dann:„Eile, aber ſo ſchnell Du kannſt, zum Grafen Manna⸗ vedo, und bitte ihn, die Güte zu haben, mich ſogleich mit ſeinem Beſuch zu erfreuen. Hörſt Du, ſogleich! Es ſeien dringende Geſchäfte, in denen ich ihn zu ſprechen wünſchte. Sage ihm aber nicht, daß noch ein Dritter hier zugegen iſt.“ Der Diener eilte von dannen, und Antonio begann wieder ſein unruhiges Auf⸗ und Abgehen. „Soll ich dem Grafen Mannavedo ſeine Schuld⸗ verſchreibung wieder zuſtellen?“ fragte der Mörder. Antonio ſagte gebieteriſch:„Schweigt!“ und die frühere Stille, nur unterbrochen von Antonio's haſtigen Schritten, trat wieder ein. Bald kehrte der Diener zurück, mit der Nach⸗ richt, der Graf Mannavedo werde ſogleich hier ſein. Antonio winkte ihm ſchweigend, hinauszu⸗ gehen, ſein Geſicht war bleich geworden wie der Tod, und ſeine Lippen bebten. 3 Dann aber raffte er ſich gewaltſam zuſammen, und ſagte mit gefaßtem, ruhigem Ton zu dem Bravo:„Geht jetzt dort hinter jenen Vorhang, und verhaltet Euch ruhig, ganz ruhig, bis ich Euch rufen werde. Sodann tretet hervor, und wiederholt, was Ihr mir geſagt.“ Der Andere nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. „Ruft mich nur: Giacomo, und ich werde kommen.“ Ein Wagen rollte heran, und dann ließen ſich — 480— „Er kommt!“ flüſterte der Mörder, und eilte hinter den Vorhang. Antonio aber ſank vernichtet und kraftlos in einen Lehnſeſſel, er fühlte das Blut in ſeinen Adern erkalten, fühlte ſein Herz ſtille ſtehen in der Qual der Erwartung. XVII. Der treuloſe Freund. Die Thür flog auf, und Mannavedo trat ein. Antonio hatte nicht die Kraft, ſich aufzu⸗ richten und ihm entgegen zu gehen, er nickte ihm ſchweigend ſeinen Gruß entgegen. Mit dem Ausdrucke der Liebe in ſeinen Mie⸗ nen eilte Mannavedo auf ihn zu, und ſeine Hand faſſend, ſagte er zärtlich:„Antonio, mein Freund, Du biſt krank. Deine Hand iſt feucht und kalt, und Deine Wangen ſind bleich!“ „Und mein Herz klopft, als wollte es zer⸗ ſpringen,“ murmelte Antonio leiſe. Mannavedo legte mit leidenſchaftlichem Aus⸗ druck ſeinen Arm um Antonio's Nacken.„Mein Geliebter, könnte Dich der Arm Deines Freundes ſchützen gegen Krankheit und Gefahr! Könnte ich für Dich leiden, es würde eine Seligkeit für mich 3 ſein.“ X 1 — 182— „Du liebſt mich alſo recht heiß?“ fragte An⸗ tonio leiſe. 3 „Und Du fragſt noch?“ entgegnete Manna⸗ vedo vorwurfsvoll.„Zweifelteſt Du an mir, an Deinem Freunde? O nein, das thateſt Du nicht. Und wenn wir uns auch die letzten Tage weniger geſehen, da ich mit meiner Gemahlin eine Luſtreiſe machte, Du weißt es dennoch, daß mein Herz ewig bei Dir war, Du weißt, daß ich nie die heiligen Freundſchaftsſchwüre brechen kann, die wir einan⸗ der gelobten.“ Antonio hatte indeß ſeine Faſſung wieder er⸗ langt, und ſagte jetzt:„Und warum heute dieſe glühenden Verſicherungen? Glaubſt Du denn, daß ich zweifelte?“ Sein forſchender Blick begegnete den ſpähenden Augen Mannavedo's. Einen Augenblick hafteten ihre Blicke feſt auf einander, dann ſagte Mannavedo:„Ich finde heute in Deinen Augen nicht jenen Blick, mit dem Du ſonſt Deinen Freund Federigo zu betrachten pflegſt. Aber Du biſt krank, mein Antonio, Du leideſt. Ach, und Du liebſt mich auch noch wie ſonſt, denn Du ließeſt mich, Deinen Federigo, zu Dir rufen, um Deine Leiden zu theilen.“ Es lag etwas Aengſtliches, Haſtiges in Manna⸗ vedo's Weſen, in ſeinen leidenſchaftlichen Freund⸗ ſchaftsbetheuerungen, und Antonio fühlte dabei ſein Herz erſtarren in der lleberzeugung von der Schuld — 183— ſeines Freundes. Er ſtand auf, und ſagte mit ſchneidendem kalten Ton, wie Mannavedo ihn nie zuvor an ſeinem Freunde gehört:„Du haſt Recht, ich ließ Dich zu mir bitten. Höre denn! Ich bin heute Nacht nur wie durch ein Wunder einer Le⸗ bensgefahr entronnen.“ Mannavedo rief:„Wie, mein Antonio, Du in Lebensgefahr? Wie? Wodurch? O ſprich! Lindere die Angſt Deines Freundes! Was war es, was Dein theures Leben bedrohte?“ „Meuchelmord!“ ſagte Antonio ernſt und feſt, und ſein durchdringender Blick ruhte prüfend auf Mannavedo'’s Angeſicht. Dieſer hielt den Blick ruhig aus, und rief:„Entſetzlich!“ „Ja, meuchelmörderiſch wollte man mich töd⸗ ten,“ fuhr Antonio fort;„man hatte nicht den Muth, mir Aug' ins Auge zu ſehen, und mit der Waffe in der Hand mir entgegen zu treten. Die dunkle, ſündenvolle That ſcheut das Auge des Menſchen und das Licht des Tages; heimlich, in der Nacht, durch eines gedungenen Mörders Hand wollte man mit tückiſcher Feigheit mich vernichten.“ „Und haſt Du keine Ahnung von dem Urheber dieſes entſetzlichen Verbrechens?“ fragte Manna⸗ vedo, und einen Moment traf ein lauernder, ſtechen⸗ der Blick ſeines Freundes Geſicht. „Ich beſiegte den Mörder und führte ihn mit mir hierher,“ ſagte Antonio.„Was er a sſagte, ſoll er vor Dir wiederholen. Giacomol“ — 184— Langſam und ruhig trat der Gerufene hinter dem Vorhang hervor, und blickte mit grinſendem Lachen Mannavedo an. Dieſer war bleich geworden, ſeine ganze Ge⸗ ſtalt erbebte, und wie vernichtet ſenkte er den Blick zu Boden, während Antonio, unverwandt und prüfend auf ſeinen Freund blickend, kaum ſeiner Sinne mächtig ſich an einem Seſſel halten mußte, um nicht unzzuſinken. Eine qualvolle Pauſe trat ein, in der nur die lauten Seufzer und der raſche feberiſche Athem Antonio's gehört wurde. Dann ermannte ſich Antonio und fragte:„Gia⸗ como, iſt es wahr, daß man Dich gedungen, mich zu morden?“ „Es iſt wahr!“ ſagte der Bravo ruhig,„und funfzig Ducati ſollten mein ſein, wenn ich Euch glücklich träfe.“ „Glücklich,“ ſagte Antonio,„das heißt ſicher, tödtlich, nicht wahr?“ „So heißt es.“ „Und wer war es, der Euch zu dieſer That gedungen?“ „Der Signor Conte di Mannavedo, der dort ſteht,“ antwortete der Bravo gelaſſen. Antonio's Blick uhte unverwandt auf dem Angeſ tten, der wie vernichtet, keines Wor⸗ tes itternd daſtand. Ein ſatharer, verzehrender Sch hmerz tobte in Antonio's Seele, aber zugleich war in ihm der Stolz des Mannes erwacht, und er fühlte, daß es ſeiner unwürdig ſein würde, dem Verräther auch nur durch eine Miene, einen Seußzer ſeine Qualen zu verrathen. Dies Gefühl verlieh ihm Stärke und Kraft, und mit ruhigem Tone fragte er den Bravo:„Könnt Ihr beſchwören, daß es der Graf Mannavedo war?“ 6„Bei Sancta Maria, er war es!“ 4„Du lügſt,“ ſchrie jetzt Mannavedo, ſich auf⸗ — raffend, und wollte auf den Mörder hinſtürzen. Antonio hielt ihn mit feſter Hand zurück, und ſagte gebieteriſch:„Still! Ich habe in Deinen — Mienen geleſen, daß er die Wahrheit ſprach.“ Dann zog er die von Giacomo erhaltene Ver⸗ ſchreibung aus ſeinem Buſen hervor, und den Kopf ſtolz zurückwerfend, reichte er ſie Mannavedo hin und ſagte:„Da nimm Deine Schuldver⸗ eeang zurück! Ich habe ſie mit dreihundert Ducati eingelöſt.“ Mannavedo nahm das Blatt und ſtürzte mit einem wilden Fluch aus dem Gemach. Antonio blickte ihm nach, und ein ironiſches Lächeln trat auf ſeine Lippen, als er leiſe flüſterte: „Freundſchaft für alle Ewigkeit!“ „Ihr thatet nicht gut, ihn zu beſchämen,“ ſagte der Bravo,„er wird hunderk Hände bereit finden, dieſen Schimpf zu rächen, und von nun an ſeid Ihr nicht eine Secunde Eures Lebens ſicher.“ — — 186— „Schweigt und verlaßt mich!“ herrſchte Anto⸗ nio, und aus ſeiner Schatulle eine gefüllte Börſe hervornehmend, reichte er ſie dem Bravo hin. „Da nehnt, ſie enthält mehr als die verſprochene Summe.“ Der Bravo jauchzte laut auf vor Freude. „Dank, Dank, Signor! Ich verlaſſe heute noch Palermo, und ſchiffe mich nach Neapel ein. Hier würde ich nicht ſicher ſein vor des Grafen Rache.“ Er verließ das Zimmer, und Antonio war allein. Der Schmerz, ſo lange zurückgedrängt, drang nun mit verdoppelter Kraft hervor, Thrä⸗ nen entſtürzten Antonio's Augen, und in grimmer Qual ſchlug er mit den Fäuſten ſeine Bruſt. Aber die Wehmuth des Schmerzes mußte bald dem Zorn deſſelben weichen. Seine Thränen verſiegten, ſeine Klagen verſtummten, er hob mit grimmigem Lachen ſeine geballte Fauſt drohend empor und rief:„Fluch über dieſe Welt voll Lüge und Hinterliſt!“ —— — — — ————— XVIII. Der Giftbecher. Lange Stunden hatte Antonio unbeweglich und verloren in tiefernſte Gedanken in ſeinen Gemä⸗ chern hingebracht, und Schmerz und Zorn, Ver⸗ achtung und Haß hatten einen langen und furcht⸗ baren Kampf in ihm gekämpft. Dann, gehoben von einem kräftigen Entſchluß, ſagte er:„Es ſoll anders werden! Nicht mehr will ich meine Tage umdüſtert ſehen, während doch die Sonne ſo hell glänzet und leuchtet, und nicht mehr mich verzehren in dieſem Unfrieden und dieſer Unruhe der Welt, während doch der Wald ſo voll Frieden und Ruhe iſt.— Aber ſie, meine Catharina, ſoll mit mir gehen.“ Er nahm ſeinen Mantel und ſchickte ſich an zu gehen, als es an ſeine Thür kl e auf ſein Herein! der Page der Gräfin Manna⸗ vedo eintrat. e und 188— „Da bin ich wieder, ſchöner Graf,“ ſagte er mit vertraulichem Kopfnicken.„Diesmal aber bringe ich kein zierliches Briefchen, Signor, ſon⸗ dern nur mündliche Botſchaft.“ „So beeile Dich, ſie auszurichten,“ ſagte An⸗ tonio verſtimmt;„meine Zeit iſt beſchränkt.“ „Signora Conteſſa Mannavedo ſendet mich mit ihren ſchönſten Grüßen, und nicht nachlaſſen ſoll ich mit Bitten und Flehen, bis Ihr Euch entſchließt, mich ſogleich zu ihr zu begleiten. Sie habe Euch Wichtiges und Gefährliches zu ſagen, ſo waren ihre Worte, und bei Eurer Ritterehre läßt ſie Euch beſchwören, ſogleich den Wagen, den ich mitgebracht, zu beſteigen, und zu ihr, die Ench ſehnlich erwartet, zu kommen.“ „So laß uns eilen,“ ſagte Antonio,„ich bin bereit, Dir zu folgen.“ Der Page ſprang fröhlich voran, Antonio den Wagen zu öffnen, und ſich ihm gegenüberſetzend, rollten ſie raſch die Straße nach dem Palaſte Mannavedo dahin. Schweigend und ernſt lehnte Antonio in der Ecke des Wagens, unbekümmert um den Pagen, deſſen lebhafte Züge eine große Unruhe und Be⸗ fangenheit ausdrückten. Als ſie jetzt vor dem Palaſte angelangt waren und der Page zum Ausſteigen Antonio die Hand reichte, flüſterte er leiſe und ängſtlich:„Signor, Ihr ſeid ſo ſchön, daß ich Mitleid mit Euch haben — — 13839— muß. Seid auf Eurer Hut, und trauet nicht jedem freundlichen Lächeln!“ Ehe Antonio Zeit hatte, nach einer Erklärung dieſer Worte zu fragen, hüpfte der Page ihm weit voran die Stiegen hinauf und durch Corridore und Prunkgemächer geleitete er Antonio zum Bou⸗ doir der Gräfin. Als er die Thüre geöffnet und Antonio's Na⸗ men hineingerufen, flüſterte er noch einmal:„Seid auf Eurer Hut!“ und ſprang von dannen. In reizender maleriſcher Stellung ruhte die Conteſſa Mannavedo auf der ſammtnen Ottomane und Antonio ihre zarte weiße Hand entgegen⸗ ſtreckend, rief ſie mit innigem Ton:„Dank, Dank, Signor, daß Ihr gekommen, daß Ihr die Bitte einer Unglücklichen nicht unerfüllt gelaſſen! Ja, ich bin unglücklich,“ fuhr ſie fort, als Antonio ſchwei⸗ gend ihre dargereichte Hand an ſeine Lippen drückte, „und in Euren Händen allein liegt es, meinen Schmerz zu lindern und mich glücklich zu machen.“ „In meinen?“ ſagte Antonio verwundert. „Was kann ich thun zu dem Glück der ſchönen und reichen Gräfin Mannavedo?“ „Und empfing ich nicht ſchon einmal aus Euren Händen meine Zukunft?“ fragte die Signora; „waret Ihr es nicht, der mir den Gemahl gegeben?“ „Es iſt wahr,“ ſagte Antonio leiſe,„der Himmel weiß, ob es zu Eurem Glücke war! O Signora,“ fuhr er laut und feierlich fort, — 190— „ſollten einſt Stunden kommen, in welchen Ihr dies Euer geſchloſſenes Bündniß bereuet, dann gedenkt mindeſtens meiner nicht im Zorn. Wenn Ihr Eure Liebe zu dem Gatten jemals eine Täu⸗ ſchung nennt, ſo denkt daran, daß, als ich für ihn warb, meine ganze Seele in Liebe ihm ge⸗ hörte, und ich mit bittern Todesqualen die Täu⸗ ſchung dieſer Liebe büßen mußte. Ich darf ſo ſprechen, ſelbſt zu Euch, der Gemahlin Manna⸗ vedo's, denn ich war ſein treueſter Freund, und meine frühere Freundſchaft giebt mir mindeſtens das Recht der Wahrheit.“ „O ich weiß, ich weiß,“ ſeufzte die Gräfin, „welches ſchweren Verbrechens mein Gemahl ſich ſchuldig gemacht! Zu meinen Füßen hat er ſoeben unter Thränenſtrömen ſeine Schuld bekannt.“ Antonio ſagte bitter:„Hat er geweint? Nun, ſo gelten ſeine Thränen nicht ſeiner Schuld, ſon⸗ dern der verfehlten That.“ „Nein, nein, er bereut, o glaubt es, er be⸗ reut!“ ſagte die Gräfin. Antonio ſchüttelte verneinend ſein Haupt.„Be⸗ reut es die Schlange, wenn ſie ihren Giftſtachel in des Feindes Herz geſenkt?“ fragte er ſchneidend. „O nein, ſie fühlt ſich nur zu neuer Wuth gereizt, wenn ihr Gift nicht tödtlich war. Verzeiht,“ fuhr er fort,„wenn ich dieſe Lehre der Natur auf den Grafen anwende.“ 8 „Dieſes unſelige Ereigniß war die Veranlaſſung — 191— meiner Bitte, Euch zu mir zu bemühen,“ ſeufzte die Gräfin.„Ich wollte verſuchen, ob mein in⸗ niges Flehen, ob meine Thränen Euch nicht zur Vergebung dieſer ſchweren That bewegen könnten.“ „Es bedarf deſſen nicht, Signora,“ ſagte An⸗ tonio milde,„ich habe ihn zu ſehr geliebt, um ihm jetzt nicht verzeihen zu können.“ „Aber mehr, mehr noch fordere ich von Eu⸗ rem Edelmuthe, Signor. Meines Gemahls Ver⸗ derben iſt gewiß, falls der Vicekönig auch nur ein Wort dieſer unſeligen Geſchichte erfährt. O darum laßt mich Euch beſchwören, Niemand davon zu ſagen, laßt an Euer edles, großes Herz mich die Bitte wagen, Ihr möchtet die grauſige That dieſer Nacht mit einem ewigen Schweigen verſchleiern.“ Antonio ſagte ernſt:„Mein Ehrenwort darauf, kein Wort davon ſoll jemals über meine Zunge gehen! Was hülf' es auch! Die Wunde ſchmerzt doppelt ſchwer, wenn man ſie Andern zeigt und Rache fordere ich nicht.“ „O Ihr ſeid ein Engel!“ rief die Signora begeiſtert, und drückte Antonio’s Hand an ihre hochklopfende Bruſt.„Mein Leben wird nicht aus⸗ reichen, Euch zu danken für dieſe Milde. dieſen Edelmuth!“ Antonio entzog leiſe ſeine Hand der ihren, und aufſtehend, ſagte er:„Das alſo war es, warum Ihr mich herbeſchieden? Ihr habt jetzt mein Wort, — 192— Conteſſa, daß ich ſchweige, und ſomit verzeiht, wenn ich Euch verlaſſe 255 „Ihr wollt mich ſchon verlaſſen?“ fragte ſie zärtlich;„Ihr wollt, da ich Euch kaum geſchaut, mir ſchon wieder den Troſt entziehen, Euch danken zu dürfen? O nein, Ihr ſeid nicht ſo grauſam, Ihr gönnt mir noch die Freude, Euch zu ſehen, um durch das Auge des Gedankens froh zu wer⸗ den, daß eine Todesgefahr an Euch vorüberging, und Euer guter Engel Euch beſchützte.“ Antonio ſagte mit bitterm Lächeln:„Der gute Engel war das Mißtrauen. Ich dland es wohl, daß dies in dieſer Welt der beſte Schutzengel iſt.“ Er blickte trübe vor ſich hin, eine Pauſe trat ein. Dann ſagte Antonio raſch:„Signora, ich habe eine Bitte an Euch!“ „Bittet,“ ſagte ſie freundlich,„ich wüßte nichts, das ich Euch verweigern könnte.“ „Erlaubt mir eine Frage: Seid Ihr glück⸗ lich durch dieſe Verbindung mit dem Grafen Manna⸗ vedo?“ Die Signora ſchwieg lange und blickte zur Erde nieder. Dann ſagte ſie:„Ich bin zufrieden.“ „Ich danke Euch!“ ſagte Antonio,„und nun lebt wohl, Signora! Mich rufen Geſchäfte.“ Der Gräfin Hand hielt ihn zurück.„Ihr dürft noch nicht gehen, Signor! Seht, mein Früh⸗ ſtück ſteht bereit, ich mochte nichts genießen, ehe ich Euch geſehen und von Euren ipeen das Wort — 193— der Verſohnung und des Schweigens vernommen hatte. Theilt es jetzt mit mir, und dieſer Becher, den ich Euch reiche, mit Syracuſer gefüllt, ſei uns ein Friedenszeichen! Die Wilden ſelbſt ſchonten deß, der mit ihnen gegeſſen, und ſo wird es mir, wenn Ihr mit mir eßt und trinkt, eine Beſtätigung ſein, daß Ihr nicht unſer Feind. Und dann, Signor,“ fuhr ſie fort, indem ſie mit unbeſchreiblichem Lieb⸗ reiz in Blick und Haltung ihm den goldenen Becher darreichte,„bereitet Ihr mir eine doppelte Freude, wenn Ihr aus dieſem Becher gerade trinkt. Ich pflege alle Abende meinen Nachttrunk daraus zu nehmen, und wie ſchön wird nun alle Abende mir der Gedanke ſein, daß Eure Lippen ihn berührten, dieſe Lippen, die das milde Wort des Verzeihens ausgeſprochen!“ Sie reichte mit zauberiſchem Lächeln ihm den Becher, er nahm ihn an und blickte ihr tief in die ſchwarzen, glühenden Augen. Vergangene Tage und verklungene Gefühle tauchten in ihm empor, und ſchon im Begriff den Becher an ſeine Lippen zu ſetzen, ſagte er:„Sig⸗ nora, es iſt heute vielleicht das letzte Mal, das ich Euch ſehe, denn ich gedenke zu verreiſen auf lange Zeit. Darum will ich Euch ein Bekenntniß machen. Wenn Ihr künftig aus dieſem Becher trinkt und dabei gedenkt, daß meine Lippen ihn berührten, ſo ſollt Ihr von nun auch daran ge⸗ denken, daß mein Herz faſt brach, als ich für 3 Antonio. 1 — 194— Mannavedo um Euch warb. Ich liebte Euch, Signora! Ja, Signora,“ fuhr er fort, als die Gräfin bleich und unbeweglich ſtumm in den Di⸗ van zurückgeſunken war,„ich liebte Euch, ſo wie man Engel liebt, denn ich betete zu Euch! Man⸗ navedo vertraute mir ſein Herz, und für den Breund opferte ich meine Liebe. Möge dies Be⸗ 5 kenntniß Euch milder gegen mich geſinnt machen, wenn Ihr dereinſt bereuen ſolltet, Mannavedo's Gattin zu ſein. Es war ein ſchweres Opfer, das ich brachte, und nun hohnlacht es mich an wie eine Thorheit, denn Mannavedo war dieſes Opfers nicht werth.“ „Und ſo trinke ich denn, Signora,“ fuhr er wehmüthig fort,„trinke auf das Wohl der Liebe, die ich um Liebe ließ, auf Euer Wohl!“— Athemlos, mit weit aufgeriſſenen Augen und bebend hatte die Gräfin ihm zugehört; jetzt, als ſeine Lippen ſchon faſt den Rand des Bechers be⸗ rührten, flog ſie empor: „Trinkt nicht! Trinkt nicht!“ kreiſchte ſie mit wahnſinnigen Tönen, und ihre Hand ſchleuderte den Becher von ſeinen Lippen, daß er weithin an die Wand flog und in einem goldnen Strahl ſein Inhalt den Boden überſchüttete.„Trinkt nicht,“ wiederholte ſie mit krampfhaftem Schluchzen, und nun ſank ſie vor Antonio auf ihre Knie nieder, und ihre Hände flehend zu ihm emporhebend, ſagte ſie mit vor Rührung erſtickter Stimme:„O wie⸗ — * — 195— derhole es, wiederhole es noch einmal dies ſüße Wort: Ich liebe Dich! Du haſt mich alſo geliebt, mich, die ich mit blutigen Thränen um Deine Liebe weinte, die ich die Hände mir wund gerungen im verzweiflungsvollen Schmerz um Dich! O Antonio, wie überſelig und wie elend macht mich dieſe Stunde! Wir hätten alſo glücklich ſein können, und während mein Herz ſich verzehrte in Rache⸗ gedanken um meine verſchmähete Liebe, um mein gebrochenes Herz, während ich von der Sancta Madonna nichts erflehte, als Rache, Rache, lieb⸗ teſt Du mich!“ „Ihr wolltet Euch an mir rächen?“ fragte Antonio traurig,„und jener Becher?“ „Enthielt Gift,“ hauchte ſie tonlos.„Gift, das ich für Euch miſchte, der mich geliebt hatte, und den ich tödten wollte, weil ich meine Liebe verhöhnt, verſpottet ſah. O Antonio, habt Er⸗ barmen mit mir, Erbarmen mit meiner Qual! Wochenlang hat nur ein Gedanke meine Seele be⸗ lebt, dieſer eine Gedanke: Ich muß gerächt ſein! Ihr habt durch Euer ſüßes Bekenntniß alle dieſe Gedanken zerſtört. O gießt nun einen milden Troſt in meine Seele! Ein Wort der Verzeihung von Euren Lippen! Ein einziges Wort! Sagt ein⸗ mal noch, daß Ihr mich geliebt habt, und ver⸗ geſſen ſei alle Qual der Vergangenheit, und ohne Murren will ich alle Qualen einer Zukunft ohne Euch erdulden, will in dem Elend meines veröde⸗ * — 196— ten Daſeins zehren an dem Gedanken, daß Ihr mich einſt geliebt habt.“ Schluchzen erſtickte ihre Worte, und laut wei⸗ nend bedeckte ſie mit ihren Händen ihr ſchönes, bleiches Angeſicht. Als ſie ſich ermannend wieder aufblickte, war Antonio verſchwunden. „Er iſt fort! er verachtet mich!“ ſchrie ſie in verzweiflungsvollen Tönen, und ſank ohnmächtig zuſammen. XIX. Die Trennung. Außer ſich, ſeiner Sinne kaum mächtig, war Antonio aus dem Zimmer geſtürzt, in dem er ſo Furchtbares erfahren. Wie ein Raſender eilte er durch die Gänge, und erſt als er das Haus ver⸗ laſſen, deſſen Bewohner ihn mit einem Doppel⸗ morde bedroht hatten, als er die Straße erreicht hatte, fand er ſeine Beſinnung wieder. Es grauſete ihm aber vor ſeinen eigenen Ge⸗ danken und vor der Rückerinnerung an die vielen und ſchaudervollen Ereigniſſe dieſes Morgens; die Laſt ſeines Kummers drohte ſein Herz zu erſticken und ſeine Kraft zu bewältigen. In der Bitterniß ſeines armen getäuſchten Herzens, nach ſo viel Zeichen des Haſſes und Zorns ſchmachtete ſeine Seele nach einem Liebesblicke, einem Troſtesworte, und unwillkürlich führten ihn ſeine Schritte zu der Wohnung ſeiner Geliebten. Er athmete erleichtert auf, als er die Mar⸗ — 198— mortreppe, die ihn zu ihr führte, hinaufſchritt, und mit zitternden Lippen flüſterte er:„Sie liebt mich!“ Wie ſie ihm mit ſüßem Liebeston einen Gruß entgegenrief, wie ſie mit hellen, leuchtenden Blicken ihn anſchaute, fühlte er Verzweiflung und Schmerz ſich auflöſen in milde Wehmuth, er ſank vor ihr nieder, und ihre Knie umklammernd rnh er in lautes Weinen aus. Die Signora neigte ſich zärtlich zu ihm nie⸗ er:„Mein Antonio, Du weinſt?“. „Laß mich,“ ſagte er ſtürmiſch,„laß mich mit dieſen Thränen allen Jammer und alle Qual der Welt ausſtrömen! O könnte ich damit auch die Erinnerung an dieſe Welt hinwegſpülen, und wieder werden, was ich war, unſchuldig und glücklich!“ „Und warum ſchmähſt Du dieſe Welt, mein Antonio?“ fragte die Signora;„warum zürnſt Du dieſer Welt, die doch ſo ſchön iſt?“ „Ja ſie iſt ſchön, wie die Schlange es iſt, die mit hellen Farben in der Sonne glänzet, und uns tödtet, wenn wir ſie berühren,“ ſagte An⸗ tonio, und ſich von ſeinen Knien aufrichtend, ging er haſtig im Zimmer auf und ab. Die Sängerin ſchaute ihm zu mit halb ſpöt⸗ tiſchen, halb zärtlichen Blicken; als er aber immer noch ſchwieg, brach ſie in ein lautes, fröhliches Lachen aus und ſagte:„Nun, Antonio, Du wil⸗ —jj%— 4 84 — 190— der, ſtürmiſcher Menſch, Deine Art, mir Liebe zu bezeigen, iſt mindeſtens neu und originell. Du kommſt, um zu meinen Füßen zu weinen, erhebſt Dich von Deinen Knien, um eine Promenade in meinen Zimmern zu machen, und rollſt dabei ſo fürchterlich die Augen und ballſt die Fäuſte, als gälte es ſoeben einen Todfeind zu beſiegen.“ „Auch iſt es ſo,“ rief Antonio haſtig;„ja, einen Todfeind gilt es zu beſiegen, und Du, Ca⸗ tharina, ſollſt mir dabei behülflich ſein! Du ſollſt der Engel ſein, der mit liebender Hand mich aus dem Labyrinth und den Irrgängen des Lebens zurückführt in das Paradies des Friedens, Du ſollſt die Heilige ſein, zu der ich beten will um Ruhe und Stille, und die Gottheit, aus deren Händen ich Glück und Segen empfange!“ Die Gabrieli ſagte lächelnd:„Ich ſoll Dich führen und leiten in das Paradies, und kenne doch ſelber die Straße nicht.“ „Ich aber kenne ſie,“ rief Antonio,„ich kenne das Paradies des Friedens. Es iſt die ſtille, ewig heitere, ewig liebende Natur! Zu ihr, Catharina, zu ihr wollen wir fliehen! Aus den Stürmen dieſer Welt wollen wir in ihre heitern Thäler flüchten, wo Sonne und Mond uns lächeln in friedlicher Ruhe, wo Alles jubelt und jauchzet in himmliſcher Wonne, und die ganze Natur lächelt und ruht. Komm, Catharina! Laß uns fliehen aus dieſer Welt in die ſtillen, ſonnigen Thäler, laß uns mit unſern zerſchlagenen Hoff⸗ nungen und unſern verlachten Wünſchen flüchten zu der Natur, und wenn wir mit gläubigem Her⸗ zen und vertrauender Seele zu ihr flehen, ſo wird ſie das Zerſchlagene heilen und das Verlachte ſegnen mit ihrer Himmelskraft. Und dann wird nie verſiegendes Glück uns umgeben, und ewiger Friede wird mit uns ſein! O komm, Catharina, gieb mir Deine Hand und laß uns ziehen!“ „Schwärmer,“ ſagte die Gabrieli faſt mitlei⸗ dig,„ſchöner Schwärmer! Du ſprichſt ſo ſchön, und Dein Angeſicht leuchtet ſo herrlich, daß ich nicht einmal Dich verſpotten mag, wie ich wohl ſollte. Nein, mein Antonio! Laß uns bleiben, wo wir ſind! Laß uns naſchen von dem goldenen Tranke der Welt, unbekümmert ob ein Tropfen Gift damit vermengt iſt! Laß uns koſten von ihren lachenden Früchten, ohne zu fragen, ob eine Schlange ſie gebrochen! Die Welt iſt ſo ſchön mit ihren Freuden, und nimmer möchte ich ſo thöricht ſein, ihre lauten Entzückungen für die langweiligen, ſtillen Freuden der Einſamkeit hin⸗ zugeben.“ „So liebſt Du mich nicht?“ rief Antonio zürnend. „Ich liebe Dich,“ ſagte ſie, und ſtreichelte ſeine glühende Wange,„aber wie wir Kinder dieſer Welt lieben können. Die Liebe allein macht nicht glücklich, es bedarf dazu der ganzen Staf⸗ ———— o o— 1 4 fage des Lebens. Sieh, ſo an Deiner Seite, um⸗ geben von Luxus und Pracht, nichts entbehrend, nichts vermiſſend, umrauſcht von Schmeicheleien, die ich verachte und dennoch begehre, überall em⸗ pfangen wie eine Königin, überall gefeiert, ſieh, ſo mitten in dieſer rauſchenden, ſtürmiſchen Welt iſt mir wohl, und ſo ſehne ich mich oft nach einer ſtillen, heimlichen Stunde, um ſie mit Dir zu ver⸗ plaudern,— wenn aber dieſe Stunde Ewigkeit würde, könnte ſie mich tödten vor Langerweile!“ Antonio ſchlug, wie entſetzt, die Hände über ſeinem Haupte zuſammen.„Catharina, iſt das Deine wahre Meinung?“ „Sie iſt es, und wenn Deine Jünglings⸗ ſchwärmerei verflogen iſt, wirſt Du mir Recht geben.“ Antonio faßte in heftiger Bewegung ihre Hand, und ſagte mit bebender Lippe:„Catharina, höre mich an! Sieh, zerbrochen und zerſchlagen, mit gebeugtem Nacken und todesmüde von dieſer Welt komme ich zu Dir. Ein Verſchmachtender flehe ich Dich an um den friſchen Trank des Lebens, den die Hand der Liebe, den Deine Hand mir reichen ſoll. Mein Herz iſt belaſtet, und meine Füße ſind beſtaubt von dieſem Gang durch die Welt. Noch fühle ich die Kraft, dieſe Laſt von meinem Herzen abzuwälzen, den Staub von mei⸗ nen Füßen zu ſchütteln, und weiter zu wandeln dahin, wo Freiheit und Friede mir winkt. Und darum, Catharina, frage ich Dich, willſt Du mir folgen? Will Deine Liebe mir Thaten der Liebe geben? Willſt Du mein ſein? Nein, antworte nicht gleich! Bedenke, was ich fordere! Es iſt ein Losſagen von dieſer Welt, ein Verzichten auf allen Glanz, allen Flitter, und dafür biete ich Dir ein ſtilles, heiteres Daſein in dem Frieden der Natur, biete Dir mich ſelber, mein Herz mit ewi⸗ ger, unanslöſchlicher Liebe. Wähle alſo! Die Welt, die Dich umgiebt, ohne mich, oder die ſtille Natur mit mir!“ Die Gabrieli war ernſt geworden, und in ihren Zügen zuckte eine tiefe Wehmuth.„Ich wünſchte, Antonio,“ ſagte ſie dann leiſe,„daß mir da noch eine Wahl bliebe, aber es iſt leider nicht ſo. Ich bedarf zu meinem Glücke Alles deſſen, was Du verachteſt, und ich bin, was ich bin, nur mit und durch dieſe Welt. Und ſo wie ich bin, ſo liebteſt Du mich, und anders würde ich Dir eine Fremde werden. Ich wollte, Antonio, ich vermöchte es, alle dieſe ſchimmernden Freuden, die doch ſo hohl ſind und leer, hinter mir zu laſſen, weit von mir zu ſchleudern dieſen Flitterſtaat des Lebens, den ich oft in zorniger Verachtung zerknittere, und doch wieder glätte, um mich damit zu ſchmücken! Ach, ich wollte, ich könnte es entbehren, die Königin der Bühne zu ſein, um an Deiner Seite eine ſtille beglückte Schäferin zu werden! Aber es iſt nicht ſol Und an Deiner Seite ſelbſt würde ich in — 203— Sehnſucht vergehen nach Allem dem, was ich hin⸗ ter mir gelaſſen!“ Antonio hatte ihr bleich und zitternd zugehört, alle Muskeln ſeines Geſichts waren in Bewegung und ſeine ganze Geſtalt erbebte.„Du giebſt mich alſo auf?“ fragte er jetzt tonlos.„Du willſt mir nicht folgen in die Einſamkeit?“ „Ich kann nicht, Antonio!“ Ein ſchwerer Seufzer rang ſich aus Antonio's Bruſt hervor, dann ſtürzte er in leidenſchaftlichem Schmerz auf ſeine Knie nieder, und die Hände zu ſeiner Geliebten erhebend, flehte er:„O Catha⸗ rina, bedenke, was Du thuſt! Habe Erbarmen mit meiner Qual! Sieh, es gilt meinen Glauben an die Menſchheit, mein Vertrauen auf Dein Herz! Es gilt meine Seligkeit, Catharina! Verlaſſe mich nicht, nun, da Du mit Thaten mir die Kraft Dei⸗ ner Liebe bewähren und die Schwüre einlöſen ſollſt, die Du ſonſt mir geleiſtet! Auf Dein Herz habe ich vertraut, als Alles unter mir wankte; nach Deiner Liebe habe ich die Hand ausgeſtreckt, als ich, einem Schiffbrüchigen gleich, zu verſinken drohte; ſie ſollte das rettende Tau ſein, das mich vor Tod und Verderben ſchützte. O Catharina, ziehe Deine Hand nicht zurück, da Du mich noch retten kannſt! Sieh, volle, grenzenloſe, unbedingte Liebe fordere ich von Dir, weil ich ein Mann bin, und ich will Dir dafür lohnen mit meinem gan⸗ zen Leben, mit meiner Seele, mit meinem Herzblut!“ — 204— „Laß uns bleiben, wo wir ſind, Antonio,“ ſagte die Signora leiſe, und verſuchte ihn zu ſich emporzuziehen;„fliehe nicht dieſe ſchöne, lockende Welt, und meine Liebe gehört Dir dann für im⸗ merdar.“ „Dies Dein letztes Wort?“ fragte er athem⸗ los.„Du willſt mir nicht folgen in die Ein⸗ ſamkeit?“ „Antonio, ich vermag es nicht!“ Er erhob ſich von ſeinen Knien und blickte die Geliebte lang und ſchweigend an. „Ich vermag es nicht,“ fuhr ſie fort,„aber Du, Antonio, Du vermagſt es zu bleiben. Nichts treibt Dich von hinnen, als Dein eigener Wahn, Deine, verzeih das Wort, Deine thörichte Schwär⸗ merei. Beſiege dieſe! Lächle der Welt entgegen, ſo lächelt ſie Dir; fordere von Menſchen nicht Hei⸗ lige, ſo wirſt Du ſie lieben. Stürze Dich in die Freuden und Vergnügungen, und wenn ihre Wel⸗ len über Deinem Haupte zuſammenſchlagen, dann wirſt Du Dich nicht mehr nach Einſamkeit ſehnen. Suche die Freuden, und ſie werden Dich ſuchen. Siehſt Du, das iſt Lebensweisheit, und nach dieſer Weisheit laß uns genießen und leben! Bleibe, wo Du biſt; des Vicekönigs Gunſt bahnt Dir den Weg zu den höchſten Aemtern im Staat, benutze dieſe Gunſt, ſuche im Ehrgeiz Beſchwichtigung Deines Sehnens, und wenn Dein Herz zu laut und ſtür⸗ miſch klopft, lege einige Orden darüber, die wer⸗ —— 0 — 205— den kühlen und lindern. O Antonio, bleibe hier, und meine Liebe bleibt Dir!“ Sie hatte ſich, während ſie ſo ſprach, zärtlich an ihn geſchmiegt, er wehrte ſie ab, und ſagte mit ganz verändertem rauhen und feſten Tone: „Das Weib ſoll ſich dem Manne unterordnen in Liebe, und ſeine Wünſche ſoll ſie zu den ihren, ſein Wollen zu dem ihren machen; aufgehen ſoll ihre eigene Kraft in der fremden, und hingeben ſoll ſie ihr eignes Daſein an das fremde. Das iſt die hohe naturvolle Weiblichkeit, und vor dieſer ſinkt der Mann nieder in anbetender Liebe, und erhebt die Unterliegende und Untergebene zu der Gebietenden und Herrſchenden. Das Weib ſoll dem Manne folgen, nicht der Mann dem Weibe; jenes heiligt das Weib, dieſes entehrt den Mann. Weil ich aber fühle, daß ich ein Mann bin, will ich auch heilig halten die Ehre des Mannes, und ob mein Herz dabei leidet bis zum Tode.“ „Du willſt nicht bleiben?“ fragte ſie ſchmerzvoll. „Du willſt nicht mit mir gehen?“ fragte er zurück. Sie ſchüttelte verneinend das Haupt. Dann ſchwiegen Beide, und nur Antonio's ſchwere, ächzende Seufzer wurden gehört. Er ſchaute auf das Weib ſeiner Liebe mit ſchmerzvol⸗ len, in Thränen ſchwimmenden Blicken, dann ſagte er mit erſtickter, kaum hörbarer Stimme:„Lebe woohl!“ und ſtürzte aus dem Gemach. — 206— Signora Gabrieli blickte lange und gedanken⸗ voll noch nach der Thür, durch welche er ver⸗ ſchwunden war; als ſie aber ein paar Thränen über ihre Wangen rollen fühlte, ſchreckte ſie em⸗ por. Haſtig trocknete ſie ihre weinenden Augen, und richtete ſich ſtolz auf.„Ich will nicht um ihn weinen! Er war ein Schwärmer, ein Thor!“ Wieder in ſich verſinkend, flüſterte ſie leiſe: „Ich werde ihn aber nie wiederſehen! nie wieder dieſe ſchönen glänzenden Augen ſchauen, die mich immer an meine Kindheit gemahnten, wo ich auch noch, ſo wie er, voll Unſchuld war, voll Glaube und Begeiſterung!— Pah, was iſt Unſchuld und Begeiſterung!“ ſagte ſie dann laut, und raffte ſich empor.„Die Welt iſt groß und weit, und es giebt noch viele ſchöne Augen außer den ſeinen. Zerſtreuung, ich muß Zerſtreuung haben!“ Sie klingelte ihrem Kammerdiener.„Eile um⸗ her, lade die Grafen und Barone zu mir ein,“ befahl ſie ihm heftig.„Sag ihnen, daß Signora Gabrieli ſie empfangen will. Sorge für ein glän⸗ zendes ſchwelgeriſches Mahl, das koſtbarſte, was in Palermo zu haben iſt, ſchaffe herbei! Eile Dich!“ Dann rief ſie die Kammerfrau.„Schmückt mich! Ich empfange Gäſte. Alle meine Brillan⸗ ten, meine Juwelen ſollen heute an mir glänzen, denn die Weltluſt feiert heute an mir ein großes Feſt, einen koſtbaren Triumph, und hat mich gefeit und gewappnet gegen die Verſuchungen des Her⸗ — 207— zens. Darum will ich geſchmückt ſein, wie eine Königin, und Jubel und Luſt ſoll mich umgeben.“ Wenige Stunden waren vergangen, da war ein glänzendes Mahl bereitet, und unter ihren fröh⸗ lichen Gäſten ſaß ſtrahlend im Schmucke der Bril⸗ lanten die gefeierte Sängerin Gabrieli, und ihr Lachen war das lauteſte und fröhlichſte, und ihre Scherze die übermüthigſten und heiterſten! XX. Tonina. Keines Gedankens, keines Ueberlegens mächtig, hatte Antonio die Sängerin verlaſſen, unaufhalt⸗ ſam eilte er durch die Straßen; ſchon lag die Stadt weit hinter ihm, und ihr Geräuſch ver⸗ ſtummte allmählig, und noch eilte er einem Flüch⸗ tigen gleich weiter. Die Sonne brannte ſeinen Scheitel, er em⸗ pfand es nicht; die hohe Aloe zur Seite des We⸗ ges ritzte ſeine Hände, er fühlte es nicht; ſein Gaumen brannte in ſieberhaftem Durſt, und ſeine Bruſt lechzte nach Athem, er wußte und empfand nichts davon. Gleich der Hündin in der Aeneide rannte er mit dem giftigen Pfeile im Schenkel vorwärts, der tödtlichen Qual zu entfliehen, und der Pfeil bohrte ſich nur tiefer in ſein Fleiſch ein. Seine Seele war ohne Gedanken, ohne Empfindungen, ſein Herz ohne Qual und Leid, er fühlte nichts —= ——— ——— -——— — 209— 8 — von den Schmerzen, die in ihm wütheten, den ſie hatten in ihrer ungeheuren Qual ſich ſelber übertäubt, und er war ſchmerzlos in übergroßem Schmerz. Er wußte nicht, wohin er rannte, und wollte kein Ziel für ſeinen Lauf. Das hölliſche Feuer, das ihm in Kopf und Herzen brannte, war wie zu einer Locomotive ge⸗ worden, die ihn vorwärts trieb, und er folgte ihr willenlos. Jetzt trat er in den Orangenhain, nahe am Ufer des Meerbuſens; friedliche Stille und laut⸗ loſes Schweigen umgab ihn, fern lag alles Leben, alles Geräuſch des Daſeins. Dieſe wonnevolle Einſamkeit ringsumher weckte Antonio aus den lauten verworrenen Stürmen ſeines Innern, ſeine Schritte wurden langſamer, er athmete hoch auf, und gleich als erwache er von einem wüſten, ruheloſen Schlummer ſchaute er mit irren, traumgleichen Blicken umher. Majeſtä⸗ tiſches Rauſchen und Brauſen erreichte ſein Ohr, mechaniſch ging er dem Schalle nach, und ſtand nun am Ufer des Meeres. Er blickte halb bewußtlos darauf hin, und warf ſich träumeriſch nieder unter einer hohen ſchattigen Olive. Wie war es ſtill um ihn her und friedlich in dieſer behaglichen Ruhe! Aus den weißen Blüthen der hohen, ſtolzen Orangen drangen balſamiſche 14 Antoniv. — — 210— Düfte zu ihm her, und machten ſeine Sinne wie trunken. Ein leichter Wind flüſterte in den Wipfeln der Bäume und legte ſich koſend und weich an Antonio's Wange; hie und da ertönte aus den grünen Blättern langgedehntes, ſehnſuchtsvolles Flö⸗ ten der Nachtigall, dazwiſchen ſangen andere Vögel in luſtigen Weiſen, und die Cicade zwitſcherte im weichen Mooſe; und wie die Luft bevölkert war und die Bäume, ſo war es auch die Erde, war es auch das Moos, auf dem Antonio hingelagert war in träumeriſchem Schauen. Die Biene ſchwirrte von der duftigen Hya⸗ cinthe zu der vollen Blüthe der Aloe, auf deren Kelch mit behaglichem Flügelſchlagen der glänzende Schmetterling ſich wiegte; kleine glänzende Käfer⸗ chen rannten in geſchäftiger Eile an dem kräftig aufgerichteten Grashalm empor, und zierliche kleine Spinnen waren bemüht, von einer Moosſpitze zur andern ihr künſtliches Netz auszuſpannen, darin die Fliegen zu fangen, die mit leiſem Summen und Brummen umherſchwirrten. Ueberall Be⸗ wegung, überall Leben und That und friedliches Schaffen. Und von der geſchäftigen Stille umher, von dem Haine, in welchem Antonio ruhte, wandte er ſeine ſchwimmenden Augen auf das blaue ſtrah⸗ lende Waſſer des Meeres, deſſen hohe glitzernde Wogen in majeſtätiſchem Rollen herangebrauſt kamen, um ſich am grünen Ufer zu brechen und — 291— ihre Allgewalt zu zerſchellen in leichtem duftigen Schaume. Rechts zur Seite des Meerbuſens er⸗ hebt ſich der Monte Pellegrino mit ſeinen Orangen⸗ wäldern und marmornen Villen, und links ſteigt der Capo Saffarano mit ſtolzem grünen Wipfel zu den Wolken empor. Und zwiſchen ihnen beiden liegt in maleriſcher Gruppirung das ſchöne Palermo mit ſeinen Paläſten und Kuppeln, von Sonnen⸗ ſtrahlen übergoſſen, in ſanftem bläulichen Nebel. Majeſtätiſch erhebt ſich in der Ferne der Aetna, eine ſtolze Rauchſäule gen Himmel wirbelnd, und mit ſeinen aufſteigenden flammenden Gluten die nächſte Gegend mit einer glühenden purpurnen Röthe verklärend. Ueber das herrliche glänzende Bild wölbt ſich in azurner Bläue der ſtrahlende Himmel und koſet und lächelt mit dem Meere, das, zu ihm aufſchauend, von ihm ſeine Farbe empfängt und ſeinen Glanz. 3 Die Allgewalt der Natur hat ſich in dieſem Bilde geeinet mit der Milde und Lieblichkeit, und ſegnend breitet über dieſe Gemeinſchaft die Sonne ihre wärmenden, glühenden Strahlen. Und wie der Wind leiſe lispelte im Haine, war er das Wiegenlied, Antonio's glühende Schmerzen in Schlummer zu wiegen, und wie die Wogen brau⸗ ſend an das Ufer plätſcherten, waren ſie wie eine heilige Verkündigung der Allmacht und Größe der Natur, die in ihrer lächelnden Schönheit Antonio zu erquicken kam. 14* breitete er ſeine Arme über die Erde, als wolle — 212— Als der Jüngling mit ſeinem zerquälten Her⸗ zen, mit der Todespein in ſeiner Seele lange, lange geſchaut auf dieſes ſtrahlende Bild des Friedens, als er tief in ſich geſogen die Schönheit und Pracht der Natur, da fühlte er es in ſich ruhig werden und ſtill, und mit leiſe bebenden Tönen flüſterte er:„O Du, Du große Herrliche! In der Fülle Deiner Liebe haſt Du mich zu Dir gerufen, um meine Qualen zu lindern und meine Schmerzen zu kühlen. Alles hat mich verlaſſen, Du aber biſt mir treu geblieben mit Deiner unendlichen Liebe, und jetzt, wo ich im Wahnſinn des Schmerzes ruhelos umherirrte, haſt Du mich aufgenommen in Deinen Frieden und mir ein ſtärkendes Bild Deiner göttergleichen Schönheit enthüllt! O Du Natur, meine Tröſterin, meine Freundin, meine Mutter, nimm mich an Dein Herz, mich Dein armes, trauriges Kind! Mit beſtaubten Füßen und wundem Herzen komme ich zu Dir. Unter der ſengenden Glut der Leidenſchaft bin ich umher⸗ geirrt heimathlos. Laß mich ruhen unter dem Schatten Deines verſöhnenden Friedens, und fächle Troſt in mein Herz mit dem ſtärkenden Hauch Deines Mundes! Nein, ich bin nicht mehr ein⸗ ſam und verlaſſen! Ich habe Dich wieder, Dich, meine Mutter, Du nimmſt mich wieder auf an Deine Mutterbruſt!“ In krampfhaftem, leidenſchaftlichem Ungeſtüm —ꝙ gen ſeinen kindlichen Träum — 213— er ſie an ſein Herz drücken, und ſeine brennenden Lippen hafteten in einem langen Kuſſe an dem Boden. So mit ausgebreiteten Armen, das Geſicht bergend im weichen Mooſe, lag er lange und un⸗ beweglich. Phantaſien gleich zogen die Schreckniſſe der letzten Stunden an ihm vorüber, aber er ſelber war ſchon wie ihnen entrückt, er ſchaute ſie an wie Bilder und Träume, die niemals wirklich geweſen. Nächtlichen Schatten und Geſpenſtern gleich zog nur zuweilen ein zuckender Schmerz durch ſeine Seele, und gleich dem heiſern Geſchrei des Raben vernahm er in ſich die Mahnung, daß dieſe Bilder des Schreckens kein Traum. Das Flöten der Vögel, das Rauſchen der Bäume, das Brauſen des Meeres erreichte ſein Ohr, aber er hörte es nur unbeſtimmt und ver⸗ worren, es däuchte ihm nur die Begleitung zu der großen Tragödie, die in ſeiner Seele ſich abſpielte, und er ſelber war bei dieſer nur der Beſchauende und Staunende. Und inmitten der furchtbaren und erſchütternden Scenen, die an ſeinem innern Ohre vorüberzogen, erklang ihm zuweilen ein heller rufender Ton aus längſt vergangener Zeit, und die wechſelnden Bilder ſeiner Phantaſie führ⸗ ten ihn zurück in die längſt verklungene Vergan⸗ genheit. Er träumte ſich wieder zum Hirtenknaben, glaubte in friedlicher Ruhe die Kühe vor ſich wei⸗ den zu ſehen, und lauſchte in gerrächlichem Schwei⸗ — 214— Wie oft hatte er damals ſo wie jetzt am Bo⸗ den gelegen, um mit entzücktem Ohr ſeinen Phan⸗ taſien zu lauſchen, die in lockenden Bildern ihm die glänzende Welt gezeigt, nach deren Herrlich⸗ keiten er dürſtete!— Der Durſt war geſtillt, ſeine Sehnſucht befriedigt worden, und doch lag er jetzt wie damals und lauſchte ſeinen innern Geſichten mit lechzendem Gaumen und matt gehetzter Sehnſucht. Er dürſtete nach Einſamkeit, und ſehnte ſich nach Stille. Aus der Welt war er geflüchtet in den Wald, wie einſt aus dem Wald in die Welt, und er flüſterte leiſe zu ſich ſelbſt:„O Welt und Wald! In harmoniſchem Accord faſt ſich einend erklingt Euer Name, und wie ſeid ihr doch gleich den Polen des Südens und Nordens in nie ſich berührenden Kreiſen von einander getrennt! In dem Wald, da wohnt der Friede, da wohnt die Unſchuld und Stille, da feiert in nie berührter jungfräulicher Schönheit allmorgendlich die Natur ihr Wiegenfeſt, und Himmel und Erde bringen ihre ſchönſten Geſchenke dar. In dem Wald, da waltet Gott. Aber von der Welt iſt er fern, fern von ihrer Unkeuſchheit und ihrem Unfrieden, von ihrer Unruhe und Lüge! O ſtiller, ewig rau⸗ ſchender, ewig jugendlicher Wald, wie liebe ich Dich ſo heiß!“ Aus der Stadt herüber ertönte jetzt das abend⸗ liche Läuten der Glocken. Mit zitterndem, leiſem Klange bebten die Töne über das Waſſer, und er⸗ —— — Land. — 215— reichten mit leiſen, flüſternden Tönen Antonio's Ohr. Und er gedachte, wie er unter ſolchem Glockengeläute einſt auf dem Grabe ſeiner Mutter gelegen, und dies Grab ſeine einzige Heimath ge⸗ nannt, gedachte ſeiner nie vergeſſenen, ewig gelieb⸗ ten Mutter, deren letzter Scheideblick mit ſeiner unendlichen Wehmuth noch in ſeinem Herzen leuchtete. Ach, war dieſe nicht auf Erden das einzige Herz geweſen, das ihn treu geliebt, und war er nicht für immer verwaiſt und heimathlos, ſeit ſie ihn verlaſſen? War er nicht eine Waiſe auf Er⸗ den? Ohne Vater, ohne Mutter? War er nicht ein Fremdling, ohne Freund, ohne irgend Einen, an deſſen Buſen er ſich lehnen, in deſſen Ohr er alle ſeine Klagen ergießen konnte? War er nicht verlaſſen von Allem, was er geliebt, verlaſſen von dem Freund, den er ſo heiß geliebt, verlaſſen von der Geliebten, die das Leben ſeines Lebens, das Licht ſeiner Seele geweſen?— Die Wirklichkeit mit all ihren Qualen kam über ihn, aber milde und weich löſte ſich die Pein ſeiner Seele in Thränen auf, die in heißen Strömen ſeinen Augen entſtürzten. Er fühlte es wie eine lindernde Wohlthat, und in der Einſamkeit und Stille um ihn her weinte und ſchluchzte er laut. Wie er in tiefem Schmerzgefühl weinend am Boden lag, kam leiſe ein Fiſchernachen an's Ufer geplätſchert, ein Weib und ein Mann ſtiegen an's — — 216— Es war Tonina mit ihrem Vater, die gekom⸗ men waren, die trocknen Orangen des Hains vom Boden aufzuſammeln, um ſie andern Tags zum Verkauf auszubieten. Das Mädchen war bleich, ihr Auge leuchtete nicht mehr ſo hell und ſtrahlend, und um ihre lieblichen Lippen ſpielte ein wehmüthiger Zug. Während Jacopo, ihr Vater, beſchäftigt war, die Barke am Ufer zu befeſtigen, ging das Mäd⸗ chen geſenkten Hauptes, langſamen Schrittes dem Haine zu. Lautes Weinen und Schluchzen erreichte ihr Ohr; ſie wandte den Kopf aufhorchend zur Seite, und ſtutzte, als ſie die ausgeſtreckte Geſtalt eines Mannes am Boden gewahrte. Dann übergoß eine dunkle Röthe ihre bleichen Wangen, und in zittern⸗ den Seufzern hob ſich ihr Buſen. Tonina hatte das Gewand wieder erkannt, das ihr Retter aus Gefangenſchaft und Tod getragen, ihr Herz ſagte ihr, daß Er es ſei, Er, deſſen Bild in ihrer Seele wie eines Cherubs Angeſicht geleuchtet. Sie winkte ihrem Vater, und leiſe auf ihren Zehen ſchlichen ſie näher zu dem klagenden Jüngling. Sie wagten es nicht ihn zu ſtören, durch ein Geräuſch ihre Nähe zu verkünden. Mit Blicken voll tiefen Mitgefühls, mit gefaltenen Händen ſtanden ſie da; das leiſe Stöhnen und Aechzen, das aus Antonio's Bruſt hervordrang, rief Thrä⸗ — 217— nen in Tonina's Augen, und ſelbſt Jacopo's Züge zuckten in Rührung. Antonio klagte leiſe:„Ein Einſamer, Ver⸗ laſſener bin ich auf Erden, und Niemand iſt, der mich liebt! Was ich liebte, hat mich ver⸗ rathen, und wo ich vertraute, ward ich ge⸗ täuſcht! Ein Heimathloſer irr' ich umher, und keine Seele iſt, die mir gehört, kein Herz, das für mich ſchlägt!“ Wie er leiſe ſo klagte, ſtürzte Tonina mit ſtrö⸗ menden Thränenfluten neben dem Jüngling auf ihre Knie nieder, ihr Buſen flog in leidenſchaftlicher Erregung, und leiſe ihren Arm auf Antonio's Schulter legend, ſagte ſie weich:„O Signor Conte, ſprecht nicht ſo! Und wenn die ganze Welt Euch verrathen und verlaſſen hätte, wir bleiben Euch treu! Und wenn Niemand Euch liebte, Tonina würde niemals aufhören, ihren Retter zu lieben, und zu der Sancta Madonna für ihn zu beten!“ Antonio hatte das Haupt langſam aufgerich⸗ tet, während das Mädchen ſo ſprach, und mit umſchleierten, wehmüthigen Blicken hatte er in ihr vom heiligſten Mitgefühl bewegtes Antlitz geſchaut. Lange noch, als ſie ſchwieg, blickte er ſie an mit zuckenden, kämpfenden Zügen, und dann flüſterte er leiſe zu ſich ſelbſt:„Es giebt alſo noch ein menſchliches Weſen, das Antheil an mir nimmt!“ — 218— Tonina faßte ſeine Hand und drückte ſie an ihre Lippen, an ihren wogenden Buſen, und rief: „O Signor, wer könnte Euch ſehen, und nicht wünſchen, Euch ewig lieben zu dürfen!“ „Ja, Signor Conte,“ ſagte Jacopo, ſeine rauhe Stimme in tiefer Rührung gedämpft,„glaubt es nur, was meine Tochter ſagt, wir werden Euch ewig lieben. Ihr habt mein Kind aus den Hän⸗ den ihrer Henker befreit, habt ſie gerettet vom Tode, und ſo lange Athem in uns iſt, werden wir Euch lieben. Gedenkt, was ich Euch bei der heiligen Jungfrau geſchworen. Ein Ruf von Euch, und alle Lazzaroni ſind zu Eurem Dienſte bereit. Ihr ſeid unglücklich, denn Ihr weint und klagt, und doch habt Ihr uns nicht gerufen, Signor. Wer hat Ench ſo unglücklich gemacht, wer wagte es, Euch um Euer Glück zu betrügen? Nennt mir den Buben, und ich und meine Brüder wer⸗ den ihn ſtrafen, und eine furchtbare Rache ſoll ihn ereilen.“ Antonio ſchüttelte abwehrend ſein Haupt.„Keine Rache!“ ſagte er leiſe.„Sie bringt mir nicht wieder, was ich verloren, und heilt nicht meine Wunden. Aber Dank, Dank Euch,“ fuhr er fort, und richtete ſich von der Erde auf,„für Eure Theilnahme und Eure Liebe. Ihr habt mir wohl⸗ gethan, und nie werde ich vergeſſen, daß, als ich verzweifeln wollte an der Menſchheit und Liebe, — — — Troſt und d Linderun gab.““ — 219— es Deine Stimme war, arme Tonina, die mir ein Zeichen gab von der ewigen Liebe.“ Tonina konnte nicht ſprechen vor ungeheurer Bewegung, laut ſchluchzend neigte ſie ſich über An⸗ tonio's Hand. Dann, ſich gewaltſam zuſammen⸗ raffend, hauchte ſie leiſe:„Ihr ſeid unglücklich, und ich kann Euch dai helfen, und möchte doch mein Herzblut für Euch hingeben! Ihr ſeid trau⸗ rig, und ich kann Euren Gram nicht lindern, und möchte doch mein Leben ausſtrömen um ein Lächeln Eures ſchönen Mundes!“ Antonio blickte ſie theilnahmsvoll an, und ſagte wehmüthig:„Armes Mädchen, iſt Dein Herz noch ſo weich und mitleidsvoll für fremdes Leid, o wie viel wirſt Du dann noch zu klagen haben in dieſer traurigen Welt. Weine nicht mehr! Mir kann Niemand helfen als Gott und die Palur, und dieſe werden es!“ K „Und nun lebt wohl,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, und einen Ring von ſeinem Finger ziehend, reichte er ihn Tonina hin.„Es iſt vielleicht heute das letzte Mal, daß wir uns ſehen, ſagte er, denn ich verlaſſe für immer Palermo. Nimm denn dieſen Ring zur Erinnerung an mich, und mögeſt Du dabei zuweilen des Mannes ge⸗ denken, der ihn Dir gab, und möge es Dir eine Freude ſein, zu denken, daß in der bitterſten Stunde ſeines Lebens Deine Stimme es war, die ihm — 220— „Ihr wollt Palermo verlaſſen, Signor Conte?“ fragte Jacopo weich, und faßte Antonio's Hand. „Nennt mich nicht Graf,“ ſagte dieſer,„ich will nichts ſein, als ein Menſch, ein freier Sohn der Natur!“ Tonina hatte bewegungslos und zitternd dage⸗ ſtanden. Schnell wie der Blitz hatte Antonio's Erſcheinung in ihrer Seele gezündet, und mit leicht beweglicher ſüdlicher Leidenſchaft von dem Manne ihrer erſten Liebe in Abſcheu und Verachtung ſich losſagend, hatte ſie ihr ganzes glühendes Herz dem Manne zugewandt, der ihr erſchienen war wie ein rettender Engel, und den zu achten und anzubeten ihre Dankbarkeit ſie drängte. „Lebt wohl!“ wiederholte Antonio, und wandte ſich, um zu gehen, als Tonina ſich vor ihm niederwarf, und ſeine Knie umklammernd flehte: „O Signor, geht nicht, verlaßt mich nicht! Laßt mich Euch begleiten als Eure Magd, Eure Scla⸗ vin, laßt mich Euren Schritten folgen wie das Hündlein ſeinem Herrn folgt! Stoßt mich nicht von Euch, mich, die arme Tonina, die, ſeit ſie Euch geſehen, nichts denkt als Euch, nichts betet als Euren Namen! O ſtoßt mich nicht von Euch, weil ich arm bin und niedrig! Ich will ja nichts ſein, als Eure Magd, Eure demuthsvolle Magd, will den Staub von Euren Füßen küſſen und auf der Schwelle Eurer Thüre ruhen! O ſtoßt mich — 221— nicht von Euch! Ich liebe Euch ja ſo heiß! Ihr ſeid mein Engel, mein Gott, mein Alles!“ Jacopo ſchluchzte leiſe:„Arme Tochter, arme Tonina! Ich dachte es wohl, daß ſie ihn liebte.“ Anntonio hatte wie betäubt, ſeinen Sinnen nicht trauend, Tonina's Worten zugehört, dann blitzte es in ſeinem Auge auf, wie eine heilige Freude. Er richtete ſein großes ſtrahlendes Auge gen Himmel, und ſagte leiſe:„Verſtehe ich Dich recht, allwaltendes Auge da droben? Haſt Du mein Flehen erhört, Du meine Mutter, große erhabene Natur? Sendeſt Du mir, Deinem Sohne, eine Deiner Töchter, daß ſie mich tröſte?“ Er legte wie ſegnend ſeine Hand auf Tonina's Haupt, das ſie an ſeinen Knien barg, und ſagte leiſe:„Sprich, Tonina, liebſt Du mich recht? Willſt Du mir folgen weit, weit in die Ferne? Willſt Du mit mir gehen in den tiefen, einſamen Wald, fern von der Stadt und der Welt, willſt Du bei mir bleiben und wohnen, wohin keines Menſchen Fuß reicht, wo Du nichts haſt, als mich und Gott und die Natur?“ Das Mädchen blickte zu ihm auf mit ſtrahlen⸗ den Augen.„Und wenn Du in die Wüſte geheſt, ich gehe mit Dir, und wenn die Einöde Deine Heimath iſt, ſo ſoll ſie die meine ſein, und wo Dein Auge mir leuchtet, da werde ich im Para⸗ dieſe ſein!“ Antonio Beftet ſeine Arme gen Himm — 222— rief mit lauter Stimme:„Gott, mein Gott, ich danke Dir!“ Dann zog er das Mädchen zu ſich empor, und fragte:„Du willſt alſo Deinen Vater verlaſſen, und mir folgen?“„ Sie ſchmiegte ſich jauchzend an ihn, und lis⸗ pelte:„Ovunque tu sei, vicino ti sono!“„ 2 ag unnd in Minuten kann man die Erfahrungen langer XXI. Der Abſchied. Es war am Abend dieſes Tages, als Antonio beim Vicekönig um eine Audienz nachſuchen ließ. Sie ward ihm bewilligt, und mit einem gütigen Begrüßungswort trat der Monarch dem Eintreten⸗ den entgegen. Als er aber in Antonio's blaſſes, vom Kerzenlichte hell beſtrahltes Angeſicht ſah, ſtutzte er und ſagte faſt ängſtlich:„Was iſt Euch geſchehen, Graf? Eure Züge zeigen eine wunder⸗ bare Veränderung. Wo ſind die Roſen Eurer Wangen, wo iſt das jugendvolle Lächeln Eures Mundes, und Euer unſchuldiger, vertrauensvoller Blick? Armer Antonio, Ihr müßt viel erfahren haben ſeit dem geſtrigen Tage, an dem ich Euch zuletzt ſah. Geſtern waret Ihr ein Jüngling, und heute finde ich das Antlitz eines Mannes!“ 8 Antonio ſagte mit ſchmerzlichem Lächeln:„Es drängen ſich oft Ewigkeiten in Stunden zuſammen, hört, und ſagte leiſe:„Wohl Euch, daß Ihr Jahre ſammeln. So iſt es mir! Und darum, mein Fürſt, komme ich, Ew. Majeſtät Lebewohl zu ſa⸗ gen. Ich fühle mich ſo alt geworden, und ſo lebensſatt und überdrüſſig einer Welt, die mir keine Freuden mehr zu bieten hat.“ „Jetzt ſchon!“ rief der Fürſt lebhaft.„Ich fürchtete wohl, daß es ſo kommen würde, aber ſo nahe hatte ich die Kriſis nicht geglaubt. Armer junger Freund, Ihr müßt Bitteres und Schmerz⸗ volles erduldet haben, um jetzt ſchon einer Welt entfliehen zu wollen, die doch ſo viel des Locken⸗ den und Gewinnenden hat. So fühlt Ihr, ein Jüngling in der Fülle Eurer Kraft, Euch ſchon zu ſchwach zum Kampf?“ „Ich mag nicht kämpfen mit einer dämoniſchen Gewalt, der ich den Sieg nur abgewinnen kann, indem ich ihr die beſten Regungen meiner Seele opfere, und für ſie mein edelſtes Herzblut ver⸗ ſpritze,“ ſagte Antonio glühend.„Ich mag nicht leben in einer Welt, die ich nur beherrſchen kann, indem ich ihr Sclave bin, und über die ich nur triumphiren kann, indem ich ihren elenden Satzungen und kleinlichen Regeln mich unterordne! Das erſte Geſetz der Natur iſt Freiheit des Willens, Frei⸗ heit des Gedankens, und weil ich dieſe mir be⸗ wahren will, muß ich eine Welt fliehen, in der ich beides nicht finde.“ Der Vicekönig hatte ihm gedankenvoll zuge⸗ Ihr habt mich — 225— fliehen könnt, daß Eure Füße nicht gebunden ſind, und Euer Wille nicht gefeſſelt, daß Ihr der Welt entſagen dürft! Aber ich verliere, indem ich Euch ſcheiden ſehe. Inmitten des Unfriedens dieſer Welt war es mir ein Troſt, in Eure friedlichen Züge zu ſchauen, und umgeben von Masken und Larven ſtärkte ich mich an Eurem unverhüllten, natürlichen Angeſicht, an Eurem Auge voll Wahrheit und Reinheit. Ich hätte bedenken ſollen, daß dieſer Troſt mir nur für kurze Zeit bleiben konnte. Ihr mußtet unterliegen, oder fliehen, und ich war ein Thor in mancher Stunde, zu hoffen, die Reinheit Eures Weſens, die Wahrheit Eurer Handlungen könnte den Sieg davontragen über Unreinheit und Lüge. Armer junger Freund,“ fuhr er fort, ſeine Hand liebevoll auf Antonio's Schulter legend, „Ihr habt viel gelitten und geduldet durch meine Schuld, habt gekämpft mit einer Natter, die Ihr wohl unter Eure Füße getreten, die Euch aber, in⸗ dem Ihr ſie zertratet, mit giftigem Biß in die Ferſe ſtach! Dieſe Schmerzen habe ich verſchuldet, und Fürſt und Herxſcher, wie ich bin, fehlt es mir doch an Macht ſie zu lindern und zu heilen!’“ „Dieſer Augenblick lindert alle Schmerzen,“ rief Antonio, des Vicekönigs Hand an ſeinen Buſen drückend,„denn er giebt mir den Troſt Eurer Theilnahme, Eurer Liebe, und das iſt ein Bal⸗ ſam, der ſeine heilende Kraft niemals verfehlt. ich den Menſchen, nicht den Fürſten Antonio. — 226— in Euch ſehen laſſen, und in unbegrenzter Liebe gehört Euch mein Herz. Dies Gefühl ſoll mich. begleiten in meine Einſamkeit, und wenn ich alle Erinnerungen an die Vergangenheit in mir be⸗ kämpfen und tödten will, ſo ſoll das Denken an Euch in mir leben und leuchten, einem friedlichen, glänzenden Sterne gleich.“ Der Fürſt drückte ihm liebevoll die Hand und fragte nach einer Pauſe:„Wohin aber gedenkt Ihr zu gehen?“ „In den Wald, in den ſtillen, friedlichen Wald,“ erwiederte Antonio lebhaft,„und wo die Bäume am dichteſten ſtehen, und die Welt am fernſten iſt, da will ich mir eine Hütte bauen, und den Gottesfrieden der Natur meine Bruſt durch⸗ ſtrömen laſſen!“ „Und ganz allein wollt Ihr dort leben?“ „Ein Mädchen, einfach und wahr, wie ſie aus den Händen der Natur hervorgegangen iſt, wird mich begleiten,“ erwiederte Antonio erröthend;„ſie will meine Einſamkeit mit mir theilen, und ſcheut nicht die Zurückgezogenheit von der Welt.“ Der Fürſt ſagte lächelnd:„Ihr vergeßt aber, mein junger Freund, über der Idylle die Wirklich⸗ keit. Wovon wollt Ihr leben, wovon Euch näh⸗ ren? Ihr könnt nicht von den Kräutern und Wur⸗ zeln des Waldes leben, und um ſolch Daſein, wie Ihr es Euch träumt, genießen zu können, muß alle irdiſche Sorge Euch fern ſein. Sagt mir — 227— * nicht,“ fuhr er lebhaft fort, als Antonio ihn un⸗ 41 zterbrechen wollte,„ſagt mir nicht, daß Ihr aus Eurer Jugendzeit an Entbehrung und Mangel ge⸗ wöhnt ſeid. Der Knabe konnte entbehren, was er nicht kannte, der Mann würde vermiſſen, was er einmal genoſſen. Und weil ich es denn nicht ver⸗ mochte, Euch in meiner Nähe glücklich zu machen, ſo müßt Ihr nun zum Erſatz für Eure Schmerzen, die ich verſchuldete, mir geſtatten, Euch glücklich zu machen nach Eurer Weiſe, wenn auch leider fern von mir. Ich entſinne mich ſoeben einer Villa, die ich freilich ſeit manchem Jahr nicht be⸗ ſuchte, deren liebliche Lage mir aber noch klar im Gedächtniß geblieben iſt. Sie liegt mitten im Wald, fern von allem Verkehr mit der Welt. Nur vom 8 Söller der auf einem Hügel gelegenen Villa hat man einen freien Blick in die Gegend, und über die Wipfel der Bäume hinweg ſieht man in die herr⸗ lichſte, lachendſte Gegend Siciliens. Ich habe dort einſt einige glückliche Wochen verlebt, aber mein Hof klagte und jammerte ſo lange über die tödt⸗ liche Einſamkeit, bis ich mich entſchließen mußte, 4 ſie aufzugeben. Ein Fürſt iſt abhängiger von ſeinen Dienern, wie Ihr es ahnen mögt. Dieſe Villa gehört von jetzt an Euch, Ihr findet dort eine auserleſene Bibliothek, und daß Euch die Bedürf⸗ niſſe des Lebens nicht nahe treten, ſei meine Sorge, 1 und ich werde meinem Haushofmeiſter heute noch „ die nöthigen Befehle ertheilen. Kuil h leſe — 228— Euren Mienen einen Widerſpruch, ich will ihn aber nicht hören. Noch bin ich Euer Herr, und ich verlange von Euch, daß Ihr mir gehorcht. Auch keinen Dank,“ fuhr er fort, als Antonio, ſich auf ein Knie niederlaſſend, des Fürſten Hand an ſeine Lippen preßte;„dankt mir durch Glück. Anch bin ich nicht ohne Egoismus, Graf! Ich feſſele Euch ſo, daß Ihr mir nicht ganz entfliehen könnt; in meiner Villa bleibt Ihr mein Unterthan, und ich habe das Recht, Euch zuweilen aufzuſuchen, denn, daß Ihr zu mir kommen werdet, darf ich wohl nicht hoffen?“ Der Fürſt hatte ſcherzend geſprochen, um ſeine eigne tiefe Rührung zu verbergen, er fühlte aber, daß dieſe ihn bewältigen könnte, und ſagte haſtig: „Lebt denn wohl, Graf! Alles Nöthige erfahrt Ihr morgen durch meinen Haushofmeiſter. Lebt wohl, und Gott geleite Euch!“ „Lebt wohl, lebt wohl, und Gott ſegne Euch, mein gütiger, mein edler Fürſt!“ ſtammelte Antonio mit vor Rührung erſtickter Stimme.„Ich danke Euch Alles, Alles, was ich bin, und habe doch nur Worte, Euch zu danken.“ .„Die Liebe iſt kein leeres Wort,“ ſagte der Fürſt tief bewegt,„es iſt die That des Gedan⸗ kens und ſchafft aus ſich dem Andern einen herr⸗ lichen Lohn, den Lohn ihrer ſelbſt. Liebt mich, Antonio, und gedenket mein, das ſei Eure Dank⸗ barkeit! Und nun lebt wohl!“ 4— — 229— „Lebt wohl!“ flüſterte Antonio leiſe, indem er ſich von ſeinen Knien erhob. Der Fürſt, ſeinem eignen Herzen nachgebend, breitete ſeine Arme aus, und rief:„Komm an mein Herz, mein Sohn! Laß mich zum Abſchied Dich an meine Bruſt drücken!“ Und Antonio ſtürzte ſich mit einem Ausruf des Entzückens in die geöffneten Arme, und klam⸗ merte ſich feſt an die hohe Geſtalt des Fürſten. „O könnte ich mit Dir gehen,“ ſagte der Fürſt leiſe,„könnte ich wie Du eine Welt fliehen, die ich verachte! Aber es darf nicht ſein! Der geringſte meiner Unterthanen iſt freier wie der Fürſt. Ich muß bleiben. So lebe denn wohl, mein Antonio, und der Segen Gottes ſei mit Dir!“ Sanft drängte er den Jüngling aus ſeinen Armen.„Lebet wohl,“ hauchte Antonio, und verließ eilends das Gemach. Der Fürſt blickte ihm nach mit ſchmerzvollen Mienen, und als in der Ferne die enteilenden Schritte Antonio's verklungen waren, ſagte er leiſe zu ſich ſelbſt:„Er iſt fort! Meine Angen werden nicht mehr in ſein friſches, unſchuldiges Antlitz ſehen, und mein Herz wird ſich nicht mehr ſtärken an ſeinem fröhlichen, kindlichen Lachen! Nun, es ſei! Das Leben eines Fürſten iſt eine fortlaufende Kette von Entbehrungen, ich darf ſie nicht durchbrechen. Es war mir vergönnt, einen 8 — 230— Augenblick Menſch zu ſein,— jetzt bin ich wie⸗ der, wozu das Schickſal mich beſtimmte, ein Fürſt.“ Mit einem Seufzer wandte er ſich zu ſeinem Arbeitstiſche, der mit Papieren und Acten bedeckt war, und bald hatten die ernſten Geſchäfte der Regierung von der gedankenvollen Stirn des Fürſten die leiſen Wolken der Wehmuth verdrängt. XXII. Die Heimkehr zur Natur. Tiefes, göttliches Schweigen herrſchte ringsum, nur der Wind lispelte in den Bäumen des dich⸗ ten grünen Waldes, und von fernher tönte das Rauſchen des Waſſerfalls, der mit luſtigem Ju⸗ gendmuth von einem Felſen ſich herniederſtürzte in ein kleines enges Thal. Vögel zwitſcherten in den Aeſten der Datteln und Oliven, und dann und wann ließ ſich aus dem dichten Gehölz das ſehnſüchtige Flöten einer Nachtigall vernehmen, oder das fröhliche Jauchzen der muntern Wachtel. Die Sonne war erſt aufgegangen, ſie hatte die Wipfel der Bäume mit dunklem Golde ge⸗ ſäumt und blitzte in den Thautropfen, die in den Spitzen der Blätter hingen. Friede durchlächelte die Natur, Friede und Glück ſtrahlte wieder aus den Zügen Antonio's, der an der Seite ſeines jungen Weibes auf dem— — 232— Söller der Villa ſtand, und entzückt hinblickte auf den Wald zu ihrer Füßen und hinaus in die lachende Landſe die in maleriſchem Farben⸗ wechſel ſich vor ihnen ausbreitete. Die Natur iſt erwacht,“ ſagte Antonio leiſe; „ſieh, wie ſchön ſie geruht hat, und wie glücklich ſie lächelt in ihrer Morgenfriſche! Es wird heute einen ſchönen Tag geben, denn die Erde hat ſo hell ihre Augen aufgeſchlagen, und die Sonne küßt ihr die Freudenthränen aus den Blumen⸗ augen.“ Tonina hatte nicht auf das ſchöne Schauſpiel geſchaut, ſondern mit innigem Liebesblick waren ihre Augen unverwandt auf ihren Geliebten ge⸗ heftet, der, beſtrahlt von der Sonne, ihr heute wie ein glänzender Cherub erſchien. Sie ſchmiegte ſich feſter an ihn, und ſagte zärtlich:„Deine Augen ſind die ſchönſten Blu⸗ menaugen, mein Antonio; o könnte ich die Sonne ſein, die Dich jetzt umſtrahlt und die Thränen der Blumen aufküßt!“ Antonio blickte innig zu ihr nieder, und ſagte zärtlich:„Du biſt es, meine Tonina! Dein Lie⸗ besblick ruft alle Blüthen meiner Seele wach, und kräftiget mein Wollen und Denken. In dieſer ſüßen Gemeinſchaft mit Dir iſt erſt das wahre Glück der Natur mein Eigen geworden, und in dieſem heiligen und geheimnißvollen Zwieleben, das ſich verſchlinget zu einem Einzigen, Einen, * und wie ſie die Mutter iſt alles Wiſſens, — 233— fühle ich mich freudig in Dir erneuert, und in mir Dein Daſein wiederholt. Sieh, Tonina, heute iſt es ein Jahr, daß wir die Welt ver⸗ laſſen und uns geflüchtet haben in den Frieden der Natnr, und täglich neu ſegne ich unſern Ent⸗ ſchluß.”“ „Ein Jahr ſchon?“ ſagte Tonina verwun⸗ dert;„mir iſt dieſe Zeit vergangen wie ein ſüßer, wonniger Traum! Und doch iſt dieſes Jahr für mich ſo reich, ſo inhaltsſchwer; doch haſt Du in dieſer Zeit mich zu einem andern Weſen um⸗ gebildet, und unwiſſend, wie ich war, hſt Du mir das Reich des Wiſſens und Erkennens auf⸗ geſchloſſen. Du lehrteſt mich die Dichter verſtehen, und durch ihre himmliſchen Worte die Schönheiten der Natur doppelt begreifen und erfaſſen. Nie zuvor war mein Auge dieſen Schönheiten ſo er⸗ ſchloſſen, und ſog mein Ohr mit entzücktem Lau⸗ ſchen ihre Wunderklänge ein, als jetzt, wo die Natur mir durch die Erkenntniß ihrer wunder⸗ vollen Macht und Größe vertrauter und lieber geworden. Als ich unwiſſend war, da ſchien die Natur mir kalt und leblos, und ich verſtand nichts von ihrer Schönheit und Größe.“ 3 „Alles Wiſſen, wenn es das rechte iſt, muß ausgehen von der Natur,“ ſagte Antonio,„und wiederum zurückführen zu der Natur, denn wurzelt alle Erkenntniß und alle Begei — 234— auch die Mutter der Poeſie. Kein Dichter iſt groß, wenn er nicht naturvoll iſt und wahr, und fern von Unnatur und Lüge.“ „O wie mir graut, wenn ich an die Welt denke,“ ſagte Tonina mit leiſem Schaudern,„an dieſe Tauſende von Menſchen, die zuſammenge⸗ drängt ſind auf Einen engen Raum, und vom Morgen bis zum Abend in geſchäftiger Thätigkeit umherrennen, und mit all ihren Arbeiten doch nur ſchaffen für das äußere Leben und das äußere Wohlergehen, und darüber die Kräfte ihrer Seele, die zarten Regungen des Gemüthes verdorren laſſen!“ „Wohl uns, meine Tonina, daß es uns ver⸗ gönnt war, zurückzukehren in den Schooß der Natur, theilhaftig zu werden dieſes Gottesfrie⸗ dens der Schöpfung, und einzuathmen den reinen Hauch ihrer unberührten jungfräulichen Schönheit! Inmitten dieſes Friedens und dieſer Stille wollen wir die Menſchen lieben und die Welt, und fern von ihnen wollen wir nicht gedenken ihrer Schwä⸗ chen und Mängel, ſondern nur ſie vor uns ſehen ſo rein und ſchön, wie ſie einſt hervorgegangen aus der Natur. Predigt doch die Natur eine ewige verzeihende und verſöhnende Liebe, und iſt doch jeder Baum ein Crucifix, vor dem wir nie⸗ derſinken und beten ſollen um die Vergebung un⸗ ſerer eignen Sünden, und in ſolchem Gebet liegt aauch Vergeben und Vergeſſen alles fremden Lei⸗ — 295— des! Wollen wir ſie lieben, dieſe Kinder der Welt, die in ihrem armen zerfahrnen Leben der Ruhe und des Friedens entbehren, und durch Ehrgeiz und Begierde weit abgekommen ſind von der Ur⸗ beſtimmung des Menſchen, welche iſt, einfach und wahr zu leben mit und in der Natur, und auf⸗ zugehen in dem ewigen Frieden der Schöpfung. In alle Winde geſtreut habe ich die trüben Schmer⸗ zen, die einſt in der Welt mit ihrer Bitterniß mein Herz belaſteten, und die Heiterkeit der Natur iſt für immer eingezogen in meine Bruſt. Ach und in dem ſtillen, friedlichen Glücke unſres Da⸗ ſeins habe ich vom Schickſal nichts zu erflehen, als deſſen Dauer, und dieſe Begrenzung unſrer geräuſchloſen Tage ſchließt dennoch eine Unendlich⸗ keit von Begebenheiten ein! So laß uns leben, lieben und denken, bis wir einſt zum letzten Schlum⸗ mer hinſinken an die Bruſt der Natur, und, uns auflöſend in ihr großes, unermeßliches All, wieder eins werden mit ihr!“ Er umfaßte die Geliebte inniger und ſie ſchmiegte ſich feſt an ſeine Bruſt. Im Walde rauſchte es höher auf, als ſpreche die Natur zu den Worten ihres Zöglings ein feierliches: Amen! . A. Brockhaus in Leipzig. F Druck von 7 Rffnſſſſnſne 10 11 12 13 in ſſünnſſnſſnſiſſſſſſſſnſſ 1 5 16 17 18 19 4 1 —, ——— —