— 2 manndanananannnananananagan Taranecanarnnananhr ar aragar aAnhnhnRnHnhr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch1 Kr. 2, 2,„ franz. od engl.„ 2 Kr. Das Abonnement beträgt: — für wöchentli 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 1 f ſchentlich ch ch 1 auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 1„. 1„ 30„ 1„ 12— 5 36„—„ 27 annn ar arananhuhr ITarTahanhn 10. Seit dem Brande der Chriſtiansburg wohnte der Hof in dem ariſtokratiſchen, öden Theile der Fried⸗ richsſtadt, in geſchmackloſen alten Paläſten aus der Zeit Friedrich des Fünften, immer aber doch etwas beſſer, als in dem düſteru weitläuftigen Schloſſe, an deſſen Steinen der größte Theil der däniſchen Königs⸗ geſchichte klebt. Der Kronprinz Chriſtian Friedrich, Sohn jenes Erbprinzen Friedrich, den ſeine ränkevolle Mutter, die berüchtigte Königin Juliane, gern auf denſelben Thron geſetzt hätte, den jetzt Friedrich der Sechste, der Sohn ihres rachgierig verfolgten Opfers, der unglücklichen Königin Mathilde, einnahm, bewohnte ein ziemlich beſcheidenes Haus. Aber der Kronprinz bildete die fröhliche Seite des däniſchen Hoflebens, denn was jung und hoffnungsvoll war, ſammelte II. 1 I ſich um ihn. Er war damals nahe an vierzig Jahre alt und hatte die wilden Tage ſeiner Jugend hinter ſich. Seine Liebe zu ſchönen Frauen und lärmenden Gelagen hatte, ſeit er mit der Schweſter des Her⸗ zogs von Auguſtenburg in zweiter Ehe vermählt war, der Liebe zu einer ſchönen Häuslichkeit Raum ge⸗ geben. Er liebte und unterſtützte die Künſte und die Künſtler, er ehrte die Wiſſenſchaft und ihre Jünger, er verſammelte die hervorragendſten Gelehrten und Talente gern um ſich, zog in ſeine Nähe wer ihm gefiel und eroberte die Herzen der Männer, wie er früher die der Weiber erobert hatte. Es war wahr, was der Staatsrath von ihm ſagte, die Liebens⸗ würdigkeit ſeiner Erſcheinung und ſeines Weſens war hinreißend und noch hatte ſein abenteuerliches Auftreten in Norwegen, trotz des ſchmählichen Endes, ſo viel Gewicht, daß die Jugend von ihm eine ähn⸗ liche freie Verfaſſung für Dänemark erwartete, ſobald er zur Regierung kommen würde. Die Kronprinzeſſin Karoline galt in Folge ihrer frommen Sanftmuth und ihrer häuslichen Tugenden als Muſterbild der Frauen. Damals war der Haß gegen die Auguſtenburger Prätendenten noch in ſeinen Keimen. Das Erlöſchen des Königsſtammes der nännlichen älteren Linie ſchwebte nur als Möglich⸗ keit der Zukunft vor. Wenige dachten ernſtlich daran; der Streit um die Erbfolge war weit mehr Sache der Gelehrten und der Zeitungsſchreiber, wie Sache des Volks. Die Kronprinzeſſin erfreute ſich daher zeiner bewundernden Liebe des Volkes, die weit ſpäter erſt in einen unwürdigen Haß umſchlug, weil ſie Verwandte und Abſtammung nicht verläugnen wollte. Der Kronprinz empfing Lornſen in ſeinem Hauſe mit lächelnder Huld. Der ſchöne, ſtattliche Prinz, ohne allen Stolz ſeines hohen Ranges, führte ihn ſelbſt ſeiner Gemahlin zu, welche mit wenigen Damen und Herren ihres Hofes den kleinen Kreis bildete, in welchen ſich Lornſen verſetzt ſah. Die lebhaften und ungezwungenen Fragen, welche an ihn gerichtet wurden, die zuvorkommende Güte, welche ihn auf⸗ nahm und bemüht war, alle Steifheit der Formen möglichſt abzuglätten, verbunden mit einer gewiſſen bürgerlichen Zutraulichkeit ließen Lornſen vergeſſen, daß er an einem Hofe ſei, wo Geburt und Tite bis dahin Alles galten und wo der König in Folge des Königsgeſetzes, der unumſchränkteſte Herr ſeiner Unterthanen war. Die Unterhaltung wurde in deutſcher Sprache ge⸗ führt; Lornſen mußte erzählen und über Halligen, Marſchen und Inſeln der Frieſen ausführlich berich⸗ 1* ten. Was er ſagte, war den Zuhörern neu und in⸗ tereſſant, der Prinz und die Prinzeſſin hörten mit Theilnahme zu, wohl oder übel mußte ihre Umge⸗ bung dem Beiſpiele folgen. Der junge Mann mit dem einnehmenden Geſicht, den leuchtenden blauen. Augen und ſeiner beſcheidenen aber feſten Sicherheit konnte ihren geheimen Neid erregen. Das Wohl⸗ wollen des Kronprinzen und ſeiner Gemahlin war unverkennbar. Die Frieſen müſſen intelligent ſein, rief der Prinz endlich, ſie müſſen aus ihrer Abgeſchiedenheit her⸗ austreten und bekannter werden. In Helgoland machen ſie jetzt ein Seebad, das müßt Ihr ihnen nachthun. Auf Euren Inſeln und Halligen giebt es noch andere wunderbare Dinge zu ſchauen; legt See⸗ bäder an und Eure Möven und Seeſchwalben wer⸗ den goldene Flügel bekommen. Ich habe Aehnliches ſchon ausgeſprochen, erwi⸗ derte Lornſen erfreut, aber es fehlt in den Herzog⸗ thümern an Kommunikationsmitteln. Man thut zu wenig für uns, Königl. Hoheit, wir ſind die Stief⸗ kinder des Staates, wie man überall hören kann. Wenn Seebäder glücken ſollten, müßte man uns unterſtützen und ſtatt in die Weite zu reiſen, müßte es hohen Herren gefallen, jährlich ein paar Wochen 2 in Föhr oder Silt zu leben, um mit dem Glanze ihrer Namen uns Gäſte hinzuziehen. Das läßt ſich hören, gab der Prinz lebhaft zu⸗ rück. Ich habe Luſt, es ſelbſt zu verſuchen, darin aber haben Sie Recht, es muß mehr für die Her⸗ zogthümer geſchehen. Ich liebe ſie, es ſind ſchöne, reiche Länder und obwohl ich ein Däne bin, ganz ein Däne! ſo will ich die Wahrheit doch niemals verdunkeln. Lornſen's Blicke waren voll Dank und Freude. Prinz Chriſtian reichte ihm die Hand und ſagte warm und gütig: Sie haben mit Ihrer ausgezeich⸗ neten Darſtellung der Verhältniſſe mich wahrhaft erfreut. Sie haben offen geſprochen, wie es einem Manne von Herz und Kopf ziemt, das Vaterland bedarf ſolcher Männer. Was Sie ſagen, iſt mit ge⸗ wichtigen Gründen unterſtützt, mit hiſtoriſchen Be⸗ legen und Jahreszahlen, die ſich nicht ſchlagen laſſen. Verfälſchen läßt ſich ſo etwas nicht; die Geſchichte giebt den Herzogthümern ein Staatsrecht, worauf ſie bauen können. Aber auch darin haben Sie Recht, Herr Lornſen: das geſchriebene Recht thut es nicht allein, auch das vernünftige Recht der fortſchreiten⸗ Zeitideen verlangt Anerkennung. Man kann Ueber⸗ lebtes nicht feſthalten, das Begrabene nicht lebendi machen wollen, man muß der Cioiliſation der Menſch⸗ heit Rechnung tragen und darf den Volkswillen nicht verachten. Ich bin beglückt ſolche Ausſprüche von Ew. Königl. Hoheit zu hören, ſagte Jens. O! ſprach der Prinz lächelnd, ich dächte, daß ich bewieſen hätte, wie ich den Ideen der Gegenwart nicht verſchloſſen bin, und ſelbſt meine jetzige Zurück⸗ gezogenheit, fügte er hinzu, indem er mit Lornſen durch die Zimmez ging, hat Beweiſe dafür zu geben. Wir müſſen auf die Zukunft hoffen, die manche Wünſche der Menſchen erfüllt, fuhr er nach einer Pauſe bedeutſam lächelnd fort, bis dahin aber hoffe ich Sie oft zu ſehen und von Ihnen zu hören. Sie haben recht gethan, hierher zu kommen, ich freue mich Ihrer Nähe und denke mich Ihres Ra⸗ thes und Ihrer Kenntniſſe öfter zu bedienen. Der Staatsrath Hammerſteen hätte mir nichts Lieberes bezeigen können, als mich in dieſer Weiſe mit Ihnen bekannt zu machen.— Doch da kommt er ſelbſt zur rechten Stunde, rief er, ſich zur Thür wendend, die eben aufgethan wurde und die ehrerbietig gebeugte Geſtalt des Barons erblicken ließ, hinter welcher ina ſtand, deren lächelnder Blick ſogleich geheimen Gruß und Wink für den freudig überraſchten Ge⸗ liebten ausſandte. Nach den erſten Begrüßungen wandte ſich der Prinz zu dem Fräulein und ſagte in ſeiner ritter⸗ lichen Weiſe: Sie haben Ihren kühnen Beſchützer zuerſt bei uns eingeführt, Ihnen beſonders gebührt darum auch unſer Dank. Sie wiſſen nicht, Herr Lornſen, welche bewundernde Freundin Sie ſich er⸗ worben haben. Fräulein von Hammerſteen erzählte uns nach ihrer Rückkehr das Erlebte, und als ein gewiſſer junger Herr ihrer Nhe diſh nebſt einigen anderen jungen und digen Kavalieren nichts allzu Großes und Erſtaunliches darin erblicken wollten, führte ſie Ihre Vertheidigung mit ſo viel Geiſt und Schärfe, daß die Angreifer eine völlige Niederlage erlitten. 3 Ich vertheidigte mich zunächſt, erwiderte Lina, aber Ew. Königl. Hoheit weiß, daß ſelbſt der ab⸗ weſende Feind geſchützt werden muß, um ſo mehr der Freund, wenn er für ſich kein Zeugniß ablegen kann. Ich beneide Sie, Herr Lornſen, rief der Prinz, aber ich glaube, daß Sie die Huld der Schönheit eben ſo wohl zu würdigen wiſſen, wie ſie ritterlich verdient ward. Wenigſtens werde ich danach ſtreben, mein Glück feſtzuhalten, gab Jens zur Antwort, indem er Lina lächelnd anblickte. Der Prinz folgte dem Blick und ſein Geſicht nahm einen eigenthümlichen, ſpöttelnden und doch gutmüthigen Ausdruck an.— Das Glück feſthalten! ſagte er lachend, ja das iſt die Aufgabe des Men⸗ ſchenlebens. Verſuchen Sie es, Herr Lornſen, es iſt des Verſuches werth, und da das Glück mit dem Muthigen iſt, an Muth und Kühnheit es Ihnen aber nicht Eit ſaläs ſich erwarten, daß Sie nicht vergebens wagen. Der Staatsrath kam vom Tiſche der Prinzeſſin zurück, Lina hatte ſich dorthin begeben. Nun, Baron Hammerſteen, rief ihm der Prinz entgegen, Sie ma⸗ chen ſich zum ſeltenen Gaſte und folgen nur direkten Einladungen. Aber man hat mir geſagt, daß andere wichtige Dinge Sie beſchäftigen. Ich wüßte in der That keine ſolche Entſchuldi⸗ gung für Ew. Königl. Hoheit ſchmeichelhafte Er⸗ innerung anzuführen, erwiderte Hammerſteen. Ich dächte, fuhr Prinz Chriſtian fort, indem er ſich zu dem Staatsrath beugte, es hätte mir Jemand 8 Ohr geflüſtert, daß der Geheime Konferenz⸗ und Staatsrath Baron Hammerſteen in tiefſinnigen Unter⸗ — ſuchungen über die Vorzüge des Kammerherrn Bran⸗ den und des Kammerjunkers Holk ſeit einiger Zeit begriffen ſei. O! ſagte der Baron, ſich verbeugend und die Augen ſcharf zuſammenziehend, man hätte Ew. Königl. Hoheit berichten können, daß dieſe Unterſuchung längſt vollkommen beendet wurde. Und welches Reſultat wurde daraus gewonnen? Königl. Hoheit, flüſterte Hammerſteen mit ſeinem feinen Lächeln, die meiſten Unterſuchungen bleiben reſultatlos. ‿ „Der Prinz warf einen ſchnellen Blick auf Lorn⸗ ſen, der ſich einige Schritte entfernt hatte und ſagte mit lauter Stimme: So iſt es mit Hoffnungen und Entwürfen. Armer Branden! aber ich fange an zu glauben, daß es etwas giebt, was man Beſtimmung heißt. Ein Ungefähr, eine Minute, ein Zufall, wie man es nennt, entſcheidet, und wenn man erſt dahin gelangt iſt, nichts mehr zufällig zu finden, erkennt man ein Walten von Mächten an, die das Kleine groß, das Große klein machen, die ſeltſamſten Ge⸗ ſchichten zu Stande bringen und die weiſeſten Men⸗ ſchen oft ſehr blind und dumm machen. Haben Sie den König heut geſehen, Baron? Dieſe plötzliche Wendung des Geſprächs brachte — 10— Hammerſteen aus ſeinem lächelnden Kopfnicken.— Ich habe Se. Majeſtät heute früh ſehr gnädig ge⸗ funden und bin dabei auch nach dem Schickſal der Denkſchrift befragt worden, deren Verfaſſer die Ehre hat zu Ew. Königl. Hoheit befohlen zu ſein. Das iſt ein gefährlicher Mann, dieſer Lornſen, ſagte der Prinz Chriſtian lächelnd. Geiſtreich, ge⸗ wandt und dabei zugleich ſchlank und fein. Unſere Damen können ſich in Acht nehmen. Es ſind Kräfte in ihm, die, an der rechten Stelle verwendet, eben ſo viel Gutes bewirken können, wie ſie Schaden anzuſtiften vermögen. Der Prinz lachte hell auf. Ich fürchte, Baron, ſagte er, daß Sie Recht haben und Jeder ſich hü⸗ ten muß. Ich wiederhole nur, erwiderte der Staatsrath, was Se. Majeſtät nach dem Leſen der Denkſchrift bemerkten. Ein Mann von ſolchen Kenntniſſen, ſol⸗ cher Kühnheit und ſolcher Sinnesart, könnt wohl einmal der Führer und Leiter einer unzufriedenen Partei werden, wenn man nicht das richtige Mittel anwendet, ihn auf immer davon abzutrennen. Und dies Mittel beſitzen Sie, rief der Prinz, ihn luſtig betrachtend. Ja ſo, das iſt die Sache. O! er wird niemals gefährlich werden, ich verbünde mich — 1— mit Ihnen dazu, Baron.— Aber was geſchieht denn da? fuhr er fort, ſich gegen den Kreis der Prinzeſſin wendend. Unſer gezähmter Löwe ſtreitet mit Ihrer Tochter und worüber? Ueber die Vorzüge deutſcher und däniſcher Kunſt und Literatur, wenn ich nicht irre, ſagte der Staats⸗ rath, oder über ein ähnliches Thema. Es iſt einer der gewöhnlichen Kämpfe in meinem Hauſe, fügte er hinzu, denn Lornſen iſt ein eben ſo entſchiedener Vertreter aller deutſchen Herrlichkeit im Reiche der Muſen, wie Lina Dänemark als deren eigentliches Vaterland erklärt. Das Geſpräch über Dichter und Künſtler wurde wirklich mit größerer Lebendigkeit in der Nähe der Prinzeſſin geführt, als es ſonſt wohl Sitte in ſol⸗ chem Kreiſe iſt. Lornſen war mit ſeinen Urtheilen ſo ziemlich allein; aber die Prinzeſſin, ſelbſt wohlbekannt mit den großen Dichtern und der neuen Literatur, trat mit einigen Bemerkungen ihm von Zeit zu Zeit ermunternd bei. Ein großer Tiſch an der Seite des Zimmers war mit einer bunten Zahl der ver⸗ ſchiedenſten Bücher in prächtigen Bänden bedeckt, um in müßigen Stunden zur Unterhaltung zu dienen. Lina deutete darauf und ſagte: Wenn man die Deutſchen ein Volk von Schreibern nennt, ſo wird. — 12— Niemand etwas dagegen einzuwenden haben. Ich bin überzeugt, daß mindeſtens die Hälfte der Bücher dort, deutſche Bücher ſind. Dieſe Deutſchen reimen, machen Verſe, ſingen Alles an, was in ihre Nähe kommt und ſchwärmen gleichmäßig verzückt über jede Sonne und jedes Gewürm. Aber iſt ihr Bombaſt Dichtung? Und in welcher Sprache geſchieht es?! Dieſe harten ziſchenden Töne ſind nicht gemacht für feine Ohren. Ich behaupte, daß ein ſüßes, zarten Empfindungen geweihtes Lied, weder von einem Deutſchen gedichtet, noch weniger aber in deutſcher Sprache wohllautend geſprochen werden kann. Wir können ſogleich den Verſuch machen, ſagte die Prinzeſſin. Ich habe heut neue Bücher erhalten, darunter ſind Lieder von einem gewiſſen Heinrich Heine. Herr Lornſen wird die Güte haben, uns Eines davon vorzutragen, wir werden ein unpartei⸗ iſches Troubadourgericht bilden und Fräulein Ham⸗ merſteen verurtheilen, wenn unſer Spruch gegen ſie ausfällt. 8 Die Prinzeſſin holte ſelbſt das Buch und reichte es Lornſen.— Ich finde viele dieſer Lieder ſehr ſchön, ſagte ſie. Es weht ein entzückender Wald und Lenz⸗ duft darin; vertheidigen Sie unſere hartgeſcholtene Sprache, Herr Lornſen. Lornſen nahm das Buch und ſchlug es auf.— Ich will thun was ich vermag, ſagte er, und er wußte, daß er ſo ſicher ſprechen konnte, denn er las vortrefflich.— Plötzlich aber erhob ſich die ganze Geſellſchaft. Die Thüren wurden weit aufgethan, ein alter Herr in hohen Stiefeln und Militairrock trat herein. Hinter ihm folgte der Kammerjunker von Holk. Der König! flüſterten die Hofdamen erſtaunt.— Lornſen ließ das Buch ſinken, eben hatte er beginnen wollen. Die dürre, grade, ſoldatiſche Geſtalt des Königs, wie der lange Kopf mit dem ernſten, harten Geſicht hatten etwas Abſtoßendes und dazu paßte ſeine Art zu ſprechen. Rauh hervorgeſtoßene, kurze Fragen und Bemerkungen, deren polternder Ton dem Aengſt⸗ lichen Furcht einflößte, bildeten ſo gut wie er ſelbſt, einen grellen Gegenſatz zu dem ſchönen, lächelnden und geſchmeidigen Kronprinzen; dennoch aber hatte der alte König in ſeinen ſcharfen Augen und raſchen Bewegungen Etwas, das Vertrauen erwecken konnte. Er hörte Jeden, er arbeitete viel und bekümmert ſich gern um Alles. Sein Gedächtniß war ſtark un man wußte viele kleine Züge zu erzählen, wo un der polternden Hülle ein warm fühlendes Herz — 14— vorgetreten war. Gewöhnliches Unrecht litt er nicht; wo es vorkam, konnten die Klagenden ſicher ſein, ein williges Ohr zu finden. Darüber vergaß der größte Theil, daß im Lande Alles beim Alten blieb, die Finanzen ſchwer zerrüttet waren und daß der alte Monarch ſich hartnäckig weigerte, den ſich re⸗ genden Forderungen der Zeit irgend ein Zugeſtändniß zu machen. Sein Leben war eines geweſen, das die Liebe der Menſchen durch Mitgefühl leicht aufwecken kann.— Der Sohn jener unglücklichen Mathilde, die im Kerker verſchmachtete, war er den Plänen ſeiner Groß⸗ mutter Juliane und ihres Sohnes, des Erbprinzen, glücklich entgangen. Mit Glück und Energie hatte er, achtzehn Jahre alt, ſich von den Feſſeln ſeiner Feinde befreit und die Regierung übernommen, die ſein wahnſinniger Vater nicht zu führen vermochte. Er hatte manches Gute gethan, oder doch von Bern⸗ ſtoff, ſeinem berühmten Miniſter, thun laſſen, die Preßfreiheit geſchützt, welche Struenſee geſchaffen atte; aber ſeine franzöſiſche Politik, das unerſchüt⸗ rliche Vertrauen zu Napoleon's Stern, hatten Ver⸗ ben über Dänemark gebracht. Das Land ver⸗ te, ſein Handel wurde vernichtet, alle Quellen s Wohlſtandes verſiegten, der Staatsbankerott 15— brach aus, Norwegen ging verloren und nur, daß König Friedrich, als ein Bittender, bußfertig auf dem Fürſtencongreß in Wien erſchien, ſchützte ihn vor größeren Verluſten. Mit einem deutſchen Herzogthum, mit Lauenburg in der Taſche, kam er zurück. Holſtein war gerettet, Schleswig nicht in den deutſchen Bund aufgenom⸗ men und von dem großen Raube der damaligen Zeit, welcher Deutſchland allen gierig offenen Hän⸗ den zuſchnitt, war ihm wenigſtens ein Biſſen zuge⸗ kommen, als Schadloshaltung für das verlorene Norwegen. Der deutſche Michel hatte die Koſten mit ſeinem Fell, wie immer, bezahlt, aber Wenige dachten damals wie der edle Freiherr Stein, der mit der bitterſten Heftigkeit ſich über dieſe deutſche Schande ausſprach. So wurde König Friedrich alt, er war jetzt ſechs⸗ zig Jahre alt geworden, aber der Friede hatte doch einige Milderung der böſen Zeiten mitgebracht. Han⸗ del und Verkehr hatten ſich gehoben, man fühlte die harten Maßregeln, die Zwangsanleihen nicht allzu⸗ ſehr, durch welche die Finanzen wieder gebeſſert wur⸗ den und wenigſtens in Kopenhagen war man luſtig und guter Dinge. Der alte König mit dem grämlichen Geſicht und — 16— der polternden Stimme war mit Generationen in guten und böſen Tagen eng verbunden und neben ihm ſtand Hoffnung bietend ein prächtiger Thron⸗ folger, der dem eitlen Sinn der Kopenhagener vor⸗ trefflich zuſagte.— Den alten König aber konnte Niemand anſehen, ohne Allerlei zu denken, was zum Herzen ſprach, und ſo ging es jſetzt auch Lornſen, als er wenig Schritte von ihm ſtand. Es fiel ihm ein, was man ſich erzählte, daß die⸗ ſer grauhaarige Mann unendlichen häuslichen Gram erduldet hatte, und welche Stürme und Sorgen ſein ganzes Leben über an ihm nagten. Er hatte ſein eigenes Haus nicht vor dem Tritt des Mörders ſchützen können; alle ſeine Söhne waren auf ſeltſame Weiſe geſtorben. Es gab ſchauerliche Gerüchte, wie dies geſchehen ſei, und wer die Hand dabei im Spiele gehabt; Verbrechen der grauenvollſten Art, die Niemand zu enthüllen wagte. Plötzlich wandte ſich der König zu ihm um, be⸗ trachtete Lornſen mit ſeinen anſtarrenden Blicken und that dann einen Schritt auf ihn zu. Wer ſind Sie? fragte er. Mein NameV iſt Lornſen, erwiederte Jens. Herr Lornſen, ſagte der Prinz, der herbeitrat, welcher ſeit einiger Zeit in der deutſchen Kanzlei ar⸗ — 17— beitet, und den ich Ew. Majeſtät Gnade beſonders empfehle. Ich habe von Ihnen gehört, ſprach der König, und Etwas geleſen, das mir wohlgefallen hat. Sie ſind ein Frieſe aus Silt? Ja, Majeſtät. 1 Ihr Vater iſt ein wackerer Mann, ich denke, der Sohn giebt ihm nichts nach. Was haben Sie da? Ein Buch deutſcher Gedichte, Sire. Machen Sie Verſe? fragte der König in ſeiner rauhen ſcharfen Art. Sie haben Phantaſie, wie ich glaube. Kühlen Sie die ab. Phantaſie taugt nichts im Staatsdienſt, ſie verwirrt die Köpfe junger Leute.. DHerr Lornſen iſt unſchuldig, Majeſtät, begann die Prinzeſſin, als der König ſchwieg. Es galt hier einen Wettſtreit zwiſchen deutſchen und däniſchen Dichtern. Ich erſuchte Herrn Lornſen, ein deutſches Gedicht zu leſen, da Fräulein Hammerſteen es über⸗ nommen hat, für Dänemark in den Streit zu gehen. Der König ſah zu Lina hin, welche neben ihrem Vater ſtand und ſich tief verneigte. Es ſcheint alſo, daß Sie keine große Anhänglichkeit für Deutſchland. beſitzen, Baroneſſe Hammerſteen?. II. 2 — 13— Wenigſtens niemals ſo viele, Majeſtät, um je zu verleugnen, daß ich däniſch denke und empfinde. Eine goldene Lehre! rief der König, indem er die Prinzeſſin anblickte. Deutſche Sympathien haben kei⸗ nen Raum in Dänemark, man muß däniſch denken und empfinden. Ich zweifle nicht daran, Sie werden unter allen Umſtänden Dänin ſein. Gewiß, Majeſtät, ich glaube es behaupten zu können.. Der König nickte dem ſchönen Fräulein zu. Aber der Wahrheit die Ehre, ſagte er. Leſen Sie, ich werde zuhören. Was haben Sie da? Er deutete auf ein weißes Blättchen, das Lina aus ihrem Notiz⸗ buche genommen hatte. Es iſt ein Gedicht, Majeſtät. Von wem? fragte der König, Von Oelen⸗ ſchläger? Ich glaube, erwiederte ſie mit einem übermüthi⸗ gen Blick auf Lornſen, daß wir unſere Heroen hier nicht nöthig haben. Es iſt dies ein kleines Gedicht ooon einem unbekannten Verfaſſer. Ich fand es jüngſt unter anderen Papieren und bewahrte es auf. Mit Ew. Majeſtät gnädigſter Erlaubniß werde ich dieſen Erguß poetiſcher und zarter Gedanken dem richterlichen Ausſpruch unterwerfen, obwohl es mir 68 — 19— ſchwer werden wird, die Verſe mit dem Feuer der Begeiſterung zu ſprechen, die den Verfaſſer beſeelt haben muß, als er ſie ſchrieb. Leſen Sie, ſagte der König lächelnd. Schalkhaft ſuchten ihre Augen nach Waldemar, der hinter dem Stuhle der Prinzeſſin ſtand und ſich bemühte, ſeinen Unwillen zu verbergen. Lornſen zweifelte nicht, daß Lina das Gedicht ihres ver⸗ liebten Vetters in der Hand halte, und bei den er⸗ ſten Zeilen wußte er es gewiß. Er fand es unrecht und hart, ſo zu ſpotten, wie ſie es that; aber die Ueberſchwänglichkeit der gewählten Bilder und Worte und die Ueberſchwänglichkeit des Pathos, mit wel⸗ chem ſie es vortrug, reizten ihn zu einem Lächeln, das dem Kammerjunker nicht entging. Dieſer ſchien zu ahnen, daß Lornſen das Gedicht kannte, daß er es geleſen hatte, daß ein Einverſtändniß hier ſtatt⸗ fand, um ihn aufs Grauſamſte zu quälen. Eine Hölle von Haß leuchtete aus dem langen Blick, den er auf den übermüthigen Emporkömmling warf; ſeine Lippen zitterten, ſeine Augen irrten über den Kreis der Zuhörer, und als er des Königs ernſt⸗ haftes Geſicht lachen ſah und alle die andern Ge⸗ ſichter voller Beluſtigung über den komiſchen Vor⸗ trag, bis endlich ein allgemeines Gelächter den Schluß 2* 4— 20— begleitete, hätte er Lina erwürgen mögen, während er pflichtmäßig mit lachte und Beifall klatſchte. Gut vorgetragen, rief der König, Sie wiſſen der Narrheit Humor zu geben, Baroneſſe Hammer⸗ ſteen. Wenn der plattköpfige Burſche zugegen wäre, der dieſen Unſinn aufs Papier brachte, er würde wenigſtens eingeſtehen müſſen, daß Sie Alles thaten, um ihn erträglich zu machen. Aber mit dieſer Fa⸗ ſelei retten Sie den Sieg nicht. Wählen Sie Etwas, das würdiger iſt, ihn auszufechten. Ich ziehe es vor, Majeſtät, erwiederte Lina, erſt zu hören, was von der andern Seite gegeben wird und glaube kaum, daß es Beſſeres ſein wird. Der König blickte Lornſen an, der in dem Buche blätterte, und jetzt mit ſeiner vollen klingenden Stimme zu leſen begann. Es waren die Harzlieder von Heine. Er las ſie mit inniger Freude an dem Zauber dieſer reizenden Idylle, deren geheimnißvolle Süße tief in ſein eigenes Herz griff. Kein Laut unterbrach ihn, man hörte aufmerkſam und ernſthaft zu. Der alte König neigte ſein Ohr, ein wohlgefälliges mildes Lächeln bezeugte ſeine Zufriedenheit. 3 Leſen Sie weiter, ſagte er, als das erſte Lied beendigt war, und Lornſen las die drei Gedichte, während der König ihn betrachtete und genau an⸗ — 21— ſah, als er den letzten Vers mit erhöhter Stimme und einem Feuer vortrug, das Aufmerkſamkeit erregen konnte. Aber ich, ich hab' erworben 4 Dich und Alles, Schloß und Leut', Pauken und Trompeten huld'gen Meiner jungen Herrlichkeit. Schön! rief der König; phantaſievoll und reizend geträumt. Das iſt ein Lied für ehrgeizige und glü⸗ hende Herzen. Was ſagen Sie dazu, Baroneſſe Hammerſteen, ſind Sie beſiegt von dieſer heißen Bil⸗ derpracht? Nicht ſo leicht, Majeſtät, erwiederte Lina. Ich gebe nicht viel auf ſolche ſchwärmeriſche Träumereien. Was kann ein Dichter weiter thun, fiel der Kö⸗ nig ein. Er bewegt die Herzen, er rührt und er⸗ greift. Herr Lornſen da ſah aus, als habe er wirk— lich die Prinzeſſin erworben und Schloß und Leute dazu. Aber leſen Sie noch ein Lied, wir können nooocch eines hören. Lornſen nahm das Buch wieder auf. Er las die Ilſe und wieder kam ein tiefes Gefühl ihn an, das er nicht verbergen konnte. Das ſind gefährliche Lieder, ein gefährlicher Menſch, dieſer Dichter, rief der König. — 22— Aber ein leichtfertiger Menſch, ſagte Lina. Wenn ſeine Prinzeſſin Ilſe nöthig hatte ihrem ge liebten Kaiſer die Ohren zuzuhalten, damit er nicht davon laufe, wenn die Trompete klang, hat er jedenfalls die ſchlechteſten Vorſtellungen von der Macht der Liebe. Ah, rief der König in ſeiner derb ironiſchen Weiſe, Sie meinen mächtiger zu ſein als die Prinzeſſin? Ich ſage nur, Majeſtät, daß mein Dichter nie⸗ mals beim Klang der Trompete davon laufen würde. Und Sie würden es ſehr übel nehmen, wenn überhaupt ein Mann ſich erkühnte, etwas zu wollen, was Sie nicht wollen? 1 Ich wage kein Urtheil, Majeſtät, über Dinge, die ich nicht kenne, aber meine Meinung iſt, daß es kein Opfer giebt, das ein Mann nicht der Gelieb⸗ ten bringen müßie Sehr ſtolz! ſagte der König aufſtehend, aber ſehr richtig gedacht, wie Frauen denken. Was meinen Sie, Herr Lornſen, zu dieſem Angriffe auf den. In⸗ halt Ihres Buches da? Ich meine, erwiederte Lornſen lächelnd, daß er zum Theil gerechtfertigt iſt, ſoweit er nämlich den Kaiſer Heinrich beniſſ Frauen mögen für ihre Liebe Alles opfern, die Liebe iſt ihr hüchſiss Lebensziel, — 23— bei dem Manne aber tritt die Ehre über die Liebe und wenn ein Kaiſer wirklich ſich die Ohren zuhal⸗ ten ließ, wenn die Ehre ihn rief, hat er nicht gehan⸗ delt wie ein Mann handeln muß. Recht geſprochen, rief der König, indem er Lorn⸗ ſen freundlich zunickte. Die Ehre iſt es, die dem Manne immer Richtſchnur ſein ſoll. Das muß Nie⸗ mand vergeſſen, wer er auch ſein mag. Ich achte den Mann auch nicht, der um Weiberliebe Alles opfern und darüber Alles vergeſſen kann. Der Blick, den der alte Monarch dabei auf die Anweſenden richtete, war hinreichend, ein Schweigen hervorzu⸗ bringen, das lange andauerte. Der König ſprach fortgeſetzt mit Lornſen, deſſen Antworten ihm zu ge⸗ fallen ſchienen, weil ſie unbefangen und freimüthig gegeben wurden. Er befragte ihn über ſeine Lebens⸗ verhältniſſe und knüpfte andere Fragen über Handel, Gewerbe, Landeszuſtände der Inſeln und Herzog⸗ thümer daran, die Lornſen wie in einem Examen mit ſtatiſtiſcher Sachkenntniß und Zahlen beant⸗ wortete. Ich ſehe, ſagte der König endlich lächelnd, Sie ſind wenigſtens eben ſo gut in der Geſchichte und den Staats⸗ und Landesverhältniſſen bewandert, wie Sie ein vortrefflicher Vorleſer ſind. Es läßt ſich — 24— aber immer noch wahr machen, was die Poeten er⸗ dichten und erdenken, wenn man den Kopf auf der rechten Stelle hat. Er nickte langſam Lornſen zu, und indem er ſich zu dem Prinzen und der Prin⸗ zeſſin wandte, machte er mit der Rechten eine Ab⸗ ſchiedsbewegung und entfernte ſich. Als er fort war, ſchien eine Laſt von den Her⸗ zen und Schlöſſer von den Lippen zu fallen. Die Fröhlichkeit kehrte zurück, der Prinz war wieder lie⸗ benswürdig und geſprächig, Scherz und Heiterkeit verkürzten den Abend und ſpät erſt entließ das fürſt⸗ liche Paar den Kreis der Gäſte. Lornſen wurde mit beſonders gütigen Worten bedacht, Prinz Chriſtian drückte ihm die Hand und ſagte ihm nochmals, daß er ihn bald wieder zu ſehen hoffe. Als der Staatsrath mit ſeinem Schützling im Vorſaale war, beugte er ſich zu ihm und ſagte ihm ins Ohr: Böcke geſchoſſen, entſetzliche Böcke! Kom⸗ men Sie morgen zu mir, wir wollen im Buche der Erkenntniß leſen. Und ich, flüſterte Lina, habe ein beſonderes Ka⸗ pitel darin abzuhandeln. Iſt es kein zu großes Opfer, Herr Lornſen, wenn ich Sie dazu auch auf morgen erwarte? Der ſchalkhafte Blick, welcher ihre Worte be⸗ 1 gleitete, verſüßte den Spott.— Der Wagen rollte raſch fort, Jens ſah ihm gedankenvoll nach. Langſam ging er die öde Amalienſtraße hinab, die Karoſſen der Hofleute donnerten an ihm vor⸗ über. Die mit ihm in den Sälen des Prinzen bei⸗ ſammen geweſen und lächelnd unterthänig jedes Wort bewundert hatten, das er unbeachtet ließ, wiegten ſich jetzt auf ſeidenen Kiſſen und beſpöttelten den un⸗ geſchlachten Burſchen, deſſen grobe Sohlen zu ſeinen groben Sitten paßten. Der Mond ſchien auf die hohen, düſtern, ver— ſchnörkelten Häuſer und auf den Kopf der unge⸗ ſchickten Reiterſtatue Friedrichs des Fünften, der in ſeiner römiſchen Toga von dem dickbäuchigen Pferde herab ihn finſter anblickte. In dem Augenblick, wo Lornſen ſtillſtehend die Statue und die Lichteffekte betrachtete, legte Jemand, der dicht an ihm vorüber ging, eine Hand auf ſeine Schulter und eine tiefe Stimme bot ihm einen guten Abend. Er erkannte den Doktor Björning, der ihn la⸗ chend fragte, ob er im Mondſchein Kunſtſtudien vor dieſem erhabenen Denkmal eincs verkommenen Ge⸗ ſchmacks machen wolle. Ich dachte darüber nach, erwiderte Lornſen, ob es nicht gerechter ſei, daß dieſem ſtillen friedlichen Könige, welcher Bauten und Gartenkünſte trieb, ein Denkmal geſetzt worden iſt, als Kriegshelden und ſogenannten großen Fürſten, die mit dem Blute und dem Elende der Völker ſich einen Namen in der Geſchichte der Menſchen erwarben. Sie retten ſich von den lebendigen Königen zu den todten, lachte der Doktor und haben ganz eigen⸗ thümliche Gedanken in dem Augenblick, wo Ihre Hände noch warm ſind von dem gnädigen Druck eines gnädigen hohen Herrn. Wer hat Sie davon benachrichtigt? fragte Jens. Lieber Lornſen, verſetzte Björning lächelnd, ich weiß genau, welche Künſte man anwendet, um aus dem ſchleswigſchen Freiheitsmann einen däniſchen Geheimrath zu machen. Sie wiſſen nichts, wenn Sie glauben, daß dieſe Künſte glücken können, ſagte Lornſen ſtolz. Das heißt, Sie ſind nicht aus dem Holze ge⸗ macht, aus welchem die getreuen, gefügigen Werk⸗ zeuge einer despotiſchen Regierung geſchnitzt werden, fiel der Doktor ein. Sie gehören, wie Sie meinen, nicht zu denen, deren Ehrgeiz durch ein Amt, einen Titel, ein Band und ein gutes Stück Geld zu be⸗ friedigen iſt. Ich glaube es auch; aber man hat 8 5 einen andern Kitt für Sie, eine andere Kette, die Sie ſich ſelbſt geſchmiedet haben; doch davon nach⸗ her. Sie ſelbſt, mein lieber Lornſen, haben ſich in den ſüßen Traum— gewiegt, daß Ihre thatkräftige Natur Wunder vollbringen, daß Sie mit dem Moſes⸗ ſtabe den Labequell für ein ganzes Volk aus dem harten Fels ſchlagen können. Sie werden ſehen, daß Sie das nicht vermögen. Ich weiß nicht, Herr Björning, ſagte Jens, was Sie bewegt, mir als Prophet in ſpäter Nacht zu erſcheinen. Der Zufall thut es, fiel der Doktor ein, und mein aufrichtiger Wunſch, Sie vor Täuſchungen zu be⸗ wahren. Sie haben auf Befehl des Königs eine Denkſchrift verfertigt, die mit Freimuth über die Lage und Rechte der Herzogthümer ſich verbreitet. Sie ſehen, ich weiß, was Ihnen heut die Ehre verſchafft hat, beim Kronprinzen ſchmeichelhafte Worte zu hören. Auch der König hat ſich günſtig über Sie ausge⸗ ſprochen, und wenn Sie wollen, iſt Ihr Glück ge⸗ macht. Ja, noch mehr, Sie können in kurzer Zeit ein Ziel erreichen, das beneidenswerth genannt wer⸗ den muß, allein wenn Sie glauben Ihre Selbſt⸗ ſtändigkeit bewahren zu können, wenn Sie mehr ſein wollen, als ein Werkzeug, das benutzt wird, um den — 28— Menſchen zu dienen, die es gebrauchen, um zu haben, was ihnen ſelbſt fehlt, ſo unterliegen Sie einem Wahne, dem Viele ſchon unterlegen ſind. Was Sie Wahn nennen, erwiderte Lornſen, iſt für mich nicht vorhanden. Ich habe weder etwas zu bereuen, noch werde ich je mich zum käuflichen Werkzeug erniedrigen laſſen. Die Sache iſt einfach, ſagte Björning, der Lorn— ſens Arm genommen hatte und mit ihm weiter ging. Man gebraucht Ihre Kenntniſſe und Ihr Talent und öffnet Ihnen dafür den Weg zu Ruhm und Ehren. Sie ſind in kurzer Zeit der erſte Angeſtellte im Büreau geworden, nächſtens werden ſie Büreau⸗ chef ſein und dann iſt vom Kanzleirath noch ein Schritt zum Konferenzrath, zum Ritter des Dane⸗ brog und zum geadelten Mitgliede des Geheimraths. Dann, Herr Lornſen, öffnen ſich vor Ihnen eben ſo wohl die Arme des Ruhms und aller Ehren, die Fürſten geben können, wie die Arme der Liebe. Fra⸗ gen Sie ſich, ob Sie das Eine haben können ohne das Andere. Sie meinen, mit Ihrem Sinne für Wahrheit, mit Ihrer Begeiſterung für die Rechte Ihres Volksſtammes und mit der Freiheitsliebe, die Ihr Herz erfüllt, in die Zukunft eingreifen zu können; ich ſage Ihnen, daß Sie nichts können, als ſich — 29— unterwerfen und den Gönnern dienen, auf deren Armen Sie emporgehoben wurden. Ich glaube nicht, ſprach Jens dagegen, daß die— jenigen, welche Sie meine Gönner nennen, etwas von mir begehren werden was meiner Ehre zu nahe tritt. Ich glaube ſogar, daß Viele ſich täuſchen, die auf der Höhe des Lebens nur Argliſt und ver— ſtockte Verblendung wittern. Man muß darin nicht zu weit gehen, Herr Björning. Das Rechte und Vernünftige macht ſich Bahn, ſelbſt durch die Mau⸗ ern der Königspaläſte; wenn aber wahr wäre, was Sie da ſagen, ſo weiß ich von mir ſelbſt, daß ich nichts zu fürchten habe. Nun, ich ſehe, rief Björning ſarkaſtiſch lachend, Sie haben Fortſchritte gemacht, die ich nicht ver⸗ muthete. Der liebenswürdige Kronprinz hat Ihnen die Hand gedrückt und mit einem kleinen Seufzer geſagt, daß er der Mann der Zeit ſei, und daß kein Meaenſch daran zweifeln könne, wie ſein Herz für Volk und Freiheit ſchlage, wenn man nur nach Nor⸗ wegen zurückblicke. Wiſſen Sie, Herr Lornſen, was die Völker zumeiſt zu fürchten haben? Schwache und wankelmüthige Fürſten. Beſſer ein kräftiger Tyrann, als ein Spielwerk des Augenblicks, der Alles will und darum Nichts ſchafft und vollbringt. Um ſo nöthiger ſind ihm treue und wahrhafte Rathgeber, ſagte Lornſen unmuthig, und um ſo beſſer vielleicht, daß der König ſelbſt ſich ein ſo kräftiges Alter bewahrt hat. Hoffen Sie auf den auch? fragte Björning ſpot⸗ tend. Er hat den altdäniſchen Despotismus des Kö⸗ nigsgeſetzes und die unantaſtbare Weisheit von Jugend auf eingeſogen, die hier beinahe zwei Jahrhunderte lang, ohne Widerſtand zu finden, gewaltet haben. Vor 1660 tyranniſirte der Reichsrath dies Volk, von da an bis jetzt wurde es erlöſt durch den väterlichen Herrſcher⸗ willen der Könige, die dem Käfige des Adels entflo⸗ hen waren. Ein ſolcher König, der gar nicht begreift, wie er ſeine Macht mit ungerathenen Kindern theilen könnte, deren Inſolenz ſich unterſteht nach ſeinen Rech⸗ ten zu greifen, iſt dieſer alte Friedrich auch. Er iſt ein dürftiger, verknöcherter Geiſt; eine Art Korporal, der nach dem Exerzierreglement lebt und was nicht darin ſteht, als nicht exiſtirend betrachtet; aber dennoch haben Sie Recht, für Ihre Sache mehr von ihm zu hoffen, als von dem ewig lächelnden, höflichen Prinzen. Dieſer alte polternde König hat Dänemark ruinirt, al⸗ lein in guter Abſicht und mit dem redlichſten Willen das Beſte zu thun. Immer waren die Ereigniſſe mächtiger als er, und wie ſein Unglück rührend iſt, 37 — 314— ſo iſt die beſchränkte Ehrlichkeit ſeines Charakters eine gewiſſe Bürgſchaft gegen offenes Unrecht. Er wird nimmermehr zugeben, daß die deutſchen Herzog⸗ thümer däniſch werden. Das jetzige Geſchrei von der Incorporation Schleswigs prallt an ſeiner Ueber⸗ zeugung ab, aber eben ſo wenig wird er jemals darin willigen, daß ſeine Länder, diesſeits oder jenſeits des Belts, die Verfaſſung freier Völker bekommen, welche ſie zu fordern haben. Mit dem Kronprinzen verhält es ſich anders, fuhr er nach einem augenblicklichen Schweigen fort, indem er Lornſen prüfend anblickte. Er müßte von den Umſtänden ſehr begünſtigt ſein, oder die Stunde wird ihn finden, wo er die däniſche Verfaſſung ſo freundlich lächelnd unterzeichnet, als wenn die guten Bürger von Kopenhagen ihm ein Diplom zur Er⸗ nennung eines Bürgermeiſters vorlegen. Mit dieſer Gewißheit kann man zufrieden ſein, fiel Jens ein. O! rief Björning lachend, man wird ihm Nor— wegen nie vergeſſen; aber ſehen Sie um ſich, Herr Lornſen und fragen Sie ſich, was kommen muß. Ehe es zu einer norwegiſchen Freiheit hier kommt, zu jener demokratiſchen Freiheit, die von keinen Standesrechten weiß, und keine Lügen duldet, wird — 32— mancher heiße Tag kommen. Dänemark mit ſeinem mächtigen, geplagten Bauernſtand und ſeiner feurig drängenden Jugend wird allen Widerſtand endlich überwinden, was aber die Herzogthümer betrifft, ſo werden ſie zwar frei werden, wie wir, aber ſie wer⸗ den Dänen werden müſſen. Wir wollen es abwarten, ſagte Lornſen kalt. Der alte König Friedrich hat ſchlaue Diener ge⸗ nug, fuhr Biörning fort, die ihm täglich ſagen, der Streit über Nationalität und Trennung ſei gut, die Uneinigkeit ganz vortrefflich. Mit dem einen Theile halte man den andern in Schach und habe damit den ſchönſten Ableiter für alle verwegenen For⸗ derungen. Leider iſt es ſo, Herr Lornſen; leider haſſen ſich die, die ſich lieben ſollten, und dieſer un⸗ natürliche Haß wird ſich ſteigern, endlich vielleicht bis zu Blut und Mord, bis zum raſenden Fanatis⸗ mus des Racenkrieges, zur Freude des Abſolutismus, dem kein Schauſpiel lieber ſein kann. Darum, ſprach Lornſen erregt, iſt es nöthig, bei Zeiten gerecht zu ſein. Was nennen Sie Gerechtigkeit, rief Björning, Dänemark wird niemals Schleswig von ſich laſſen; Dänemark will nicht!— Vereinigt Euch mit uns, reicht uns die Hände, wir wollen ein anderen feſte — 33— ren Bund ſchließen, als jene elende Inkorporation, die nichts iſt als der Deckmantel für die Sünden und Verbrechen vergangener Jahrhunderte. Dänen werden? ſagte Lornſen mit erhöhter Stimme, niemals? Niemals?! wiederholte Björning; das ſagt kein Mann des Volks, kein Mann der Freiheit. Trennt ſich das Glück der Menſchen nach der Sprache, ſchneidet es ſich ab mit dem Dorfe, wo ein anderer Stamm wohnt? Nein, Glück und Wohlſein hängen ab von Geſetzen und Einrichtungen, von verbürgter Freiheit und gleichmäßigen Rechten Aller, die dem⸗ ſelben Staate angehören. Ein gemeinſames Vater⸗ land weiß nichts von Sprachgrenzen, es kennt nur gleiche und freie Bürger, und warum wollt ihr dies nicht mit uns ſein? Warum wollt ihr mit eurem Haſſe uns und euch ſelbſt verderben? Weil ihr uns dahin gebracht habt durch Druck und Unrecht, erwiderte Lornſen, weil es unſer Recht iſt, Deutſche zu ſein und zu bleiben, weil tauſend feſte Fäden des Lebens uns mit unſerm wahren Vater⸗ lande verbinden. Sehen Sie nach Frankreich hin, ſagte der Däne. Es beſitzt ſeine deutſchen Provinzen ſeit länger als einem Jahrhundert. Alle die alten feſten Fäden ſind II. 3 — 22— zerriſſen, und gerade dieſe Deutſchen ſind die beſten Franzoſen geworden. Mag es ſein, wie Sie ſagen, verſetzte Jens; dann aber liegt es darin, daß dieſe Provinzen gewalt⸗ thätig erobert wurden zu einer Zeit, wo des Volkes Wille nichts war. Jetzt aber fühlen ſie ſich wohler, weil es ihnen beſſer geht bei den Fremden, wie im eigenen Hauſe. Und dies gütige Schickſal ſollt auch ihr empfan⸗ gen, fiel Björning ein, auch ihr ſollt euch wohler fühlen bei uns und mit uns, wie in dem zerriſſenen Deutſchland, das man nicht weiß, wo man es ſu⸗ chen ſoll. Unter der Laſt ſeines Unglücks, ſagte Lornſen ſtolz, bleibt es dennoch das große, mächtige Volk. Was kann uns Dänemark geben was wir nicht ſelbſt er⸗ werben könnten?! Ihr wollt uns frei machen, wir werden frei ſein. Ihr gehört nicht zu uns, wir wollen nichts von euch. Nichts als unſer Recht ver⸗ langen wir, nichts als Unrecht haben wir erduldet. Wahre jeder dies und gebe heraus was ihm nicht gebührt, dann wollen wir gern zuſammen gehen und kein Haß wird uns länger trennen. Sie waren auf den großen Neumarkt gekommen und ſtanden dort ſtill. — 35— Hören ſie ein letztes Wort von einem Freunde, der Sie achtet, ſagte Björning. Sie jagen Fanto⸗ men nach, unter den Fingern werden dieſe Ihnen entſchwinden.— Glauben Sie, daß Lina— Herr Björning! ſagte Lornſen zurücktretend. Es iſt gut, daß ich Ihnen den Namen des Fräu⸗ lein von Hammerſteen nenne, fuhr jener fort, ſie iſt beſtimmend in Ihr Leben getreten. Eines aber will ich Ihnen bemerken: Es giebt keine ſtolzere Dänin, als dieſe junge ſchöne Dame; kein kühneres Herz voll Vaterlandsliebe und keine andere Sicherheit es zu gewinnen, als auf dem Wege, den ich Ihnen ge⸗ zeigt habe. Fräulein von Hammerſteen ſteht fernab von Ihrem Wege, wie ich denke, erwiderte Jens. Nicht ſo weit wie es ſcheint, gab Björning zur Antwort. Sie theilt nicht die Geſinnungen ihres Vaters. Ihr freier Geiſt nimmt einen andern Flug. Ich glaube, Herr Lornſen, daß der Konferenzrath bewogen werden kann, einen ausgezeichneten Kopf, der ſich von ihm leiten läßt und ihm getreulich dient, mit der Hand ſeiner Tochter zu belohnen, voraus⸗ geſetzt, daß ſich Alles ſo macht wie er wünſcht; ich glaube aber nicht, daß Lina ſich zwingen läßt einen 3* — 36 Mann zu nehmen, ſelbſt wenn ſie ihn liebte, der- nicht denkt wie ſie und nicht Alles für ſie opfern mag. Opfer! Wer hat Ihnen das geſagt? rief Lornſen erſchreckend, als er dieſe Worte hörte. Wollen Sie mich begleiten, ſagte Björning. Ich führe Sie in einen Kreis gleichgeſinnter Freunde. Sie ſollen manche Aufſchlüſſe bekommen. Ich kann nicht mit Ihnen gehen, ich kann nicht wollen, was Sie wollen, erwiderte Lornſen nach einem kurzen Bedenken. Dann leben Sie wohl, Herr Staatsrath Lorn⸗ ſen, rief Björning, indem er ſich entfernte. Viel⸗ leicht kommt die Stunde bald, wo Sie anders denken werden. 11. Sie haben unverzeihliche Fehler gemacht, lieber Lornſen, ſagte der Staatsrath, als Jens am andern Tage in ſein Zimmer trat, und hätten Sie die Blicke Ihrer Umgebungen ſehen können, Sie würden vor Schrecken erſtarrt ſein. — 37— Ich begreife in Wahrheit jetzt noch nicht, welches Unglück ich eigentlich verſchuldete, erwiderte Lornſen. Heilige Unſchuld! rief Hammerſteen lachend, aber ich laſſe es mir doch nicht nehmen, daß eine gewiſſe tugendhafte Schelmerei Sie dazu trieb. Lina meint zwar, es ſei ganz einfach und ehrlich gemeint ge⸗ weſen, allein ich glaube es nicht, denn ſo viel wußten Sie jedenfalls von den Verhältniſſen, daß leiden⸗ ſchaftliche Hingebung zu ſchönen Frauen, eine der ritterlichen Verirrungen des Kronprinzen einſt war. Die Norweger haben ihm dafür den Namen Schürzenkönig gegeben, fiel Jens luſtig ein. Sehen Sie wohl, Sie Schelm, ſprach der Staatsrath mit dem Finger drohend, wie recht ich habe. Sie haben ſpekulirt mit Ihrer Sottiſe, ob mit voller Abſicht oder den Zufall des Augenblicks be⸗ nutzend, iſt einerlei. Der König in ſeiner ſittlichen Strenge läßt keine Gelegenheit vorüber, wo er ein derbes Wort ſagen kann gegen Sinnlichkeit, Weiber⸗ liebe und Ausſchweifungen, die ihm verhaßt ſind. Die Zeit iſt jedoch vorbei, wo ſolche Worte gut an⸗ gewendet waren, aber die Erinnerungen bleiben fatal, und namentlich jetzt muß es dem Kronprinzen höchſt unangenehm ſein, irgend einen nachträglichen Denk⸗ zettel zu bekommen. — 33— Es ſollte mich tief betrüben, erwiderte Jens, wenn der Prinz denken könnte, daß eine Abſicht mich ver⸗ leitete, eine Sentenz auszuſprechen, die in ihrer All⸗ gemeinheit ſo wahr iſt. Sein Sie ruhig, ſprach Hammerſteen, der Prinz iſt viel zu gnädig und großmüthig, um nicht das Beſte zu glauben und Alles auf Rechnung des Zu⸗ falls zu ſetzen. Aber, mein junger Freund, Sie ſehen beim erſten Schritte, wie glatt der Boden iſt, auf welchem Sie ſich bewegen, und wie leicht man darauf fallen kann. Es iſt nicht genug Geſchichte zu ſtudiren und viele Kenntniſſe zu ſammeln, man muß auch Verhältniſſe und Menſchen genau beur⸗ theilen und niemals eine Blöße geben. Sie ſind aber ein Glückskind, fuhr er dann la⸗ chend fort. Ihre gewagten Streiche fallen alle gut aus. Der König iſt ſehr mit Ihnen zufrieden. Sie ſind mit Ihrer freimüthigen Sicherheit ein Mann, der ihm gefällt. Heute Morgen ſprach er mit mir von dem jüngeren Bernſtorff und meinte, Sie hätten etwas in Ihrer ganzen Haltung und im feſten Auf⸗ treten, was ihn an jenen erinnere. Sie wiſſen, Bern⸗ ſtorff iſt ſein Liebling geweſen, ihre Jugendzeit fällt zuſammen. Benutzen Sie dieſen Wink, mein lieber Freund, wer weiß, was Alles geſchehen kann; aber — 39— ſtellen Sie ſich ſo, daß Ihr großmüthiger und gnä⸗ diger Beſchützer, der Kronprinz, daſſelbe Wohl⸗ wollen theilt. Lornſen verbeugte ſich. Ich werde mir die Ach⸗ tung des Prinzen zu erhalten ſtreben, ſagte er dann. Ganz recht, rief Hammerſteen, Sie können das auf doppelte Weiſe. Es giebt Menſchen, die den Fürſten nothwendig ſind durch ihren Geiſt, ihre Er⸗ fahrungen, ihre Einweihung in die geheimſten Dienſte des Staats, und welche Achtung gebieten, weil man ſie fürchtet und ſie braucht. Die zweite Art ſind die ſogenannten ehrlichen Männer, die man nicht zu fürch⸗ ten nöthig hat, deren Charakter aber, wie unbequem er auch zuweilen ſein mag, Achtung erzwingt. Man muß beides vereinigen, klug und ohne Falſch ſein, nur nicht eigenſinnig, nicht ſtarrköpfig, nicht ſo liebens⸗ würdig offenherzig in Gegenwart eines Prinzen, der den Frauen mit ſolchem Feuer gehuldigt hat, und end⸗ lich nicht in Gegenwart vieler hohen Damen behaup⸗ ten, daß alle Frauenliebe nichts ſei, wo Grundſätze mit ihr in Konflikt gerathen. Dcas iſt in dieſem Augenblicke mehr als je meine Ueberzeugung, ſagte Jens. Bahl! rief der Staatsrath lachend, Alles kommt auf den Standpunkt an. Ein Held oder ein wahrer * — 40— Diplomat wird um ein Weib ſich freilich nicht herab⸗ würdigen und verächtlich machen; überläßt ſich ein gewöhnlicher Menſch dagegen ſeinen vorherrſchenden Neigungen, ſo erfüllt er ſeinen Beruf und nichts iſt alberner, als von einer Gans verlangen, ſie ſolle ein Adler ſein. Ein Mann von Geiſt aber, der die Höhen der Geſellſchaft erklimmen will, muß mit allen Ziffern rechnen. Kann ihm Liebe helfen, ſo folge er dieſer, opfre ihr, was er opfern kann, laſſe ſich von ihr erheben und frage nicht nach Grundſätzen. Es fragt ſich einzig nur, warum ich opfere und wofür ich opfere? Welche Wirkung es hat, welche Macht mir daraus erwächſt? Lege man an große Dinge nur keinen kleinen ſpießbürgerlichen Maßſtab der gewöhnlichen Moral. Der Geliebte einer Kaiſerin werden, und dafür ausſchweifen, ja ſelbſt morden, wie Gregor Orlow, iſt etwas Anderes, als um ein glat⸗ tes Geſicht ein gemeines Verbrechen begehen. Um⸗ ſtände thun Alles, mein lieber Lornſen, darum um's Himmels Willen fort mit aller romantiſchen Schwär⸗ merei, wo es gilt, klug und beſonnen ſein: und nun laſſen Sie uns von etwas Anderem reden, ich habe eine gute Nachricht für Sie. Der Staatsrath nahm nach ſeiner Gewohnheit eine Priſe, um die Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſpannen und ſagte dann, die Hand auf 5 4 — 11= Lornſens Schulter legend: Sie ſind heute zum Bü⸗ reauchef ernannt. Was ſagen Sie? Es geht raſch, nicht wahr? Lornſen drückte ſtumm die ihm dargebotene Hand. Ich weiß, welchen Dank ich Ihnen ſchulde, erwie⸗ derte er. Natürlich, fuhr Hammerſteen fort, kann der neue Herr Büreauchef nicht ohne Titel ſein, der König hat daher heut zugleich Ihr Patent als Kanzleirath vollzogen. Ich habe es Ihnen eigentlich nicht ſagen wollen, rief er lachend, um Lina damit zugleich zu überraſchen, nun gehen Sie ſelbſt und theilen Sie ihr mit, was geſchehen iſt. Aber erſt noch eine Frage, rief er, ihn am Knopfloch feſthaltend. Sie haben in kurzer Zeit erreicht, woran Andere ihr ganzes Leben über zu thun haben. Büreau⸗Chef iſt eine wichtige Stellung, noch ein Schritt, und Sie gehören zur hohen Büreaukratie. Nun, Herr Kanz⸗ leirath Lornſen, es iſt doch wohl ein Unterſchied zwiſchen dem Sonſt und Jetzt, und Ihre Hoff⸗ nungen und Wünſche haben einen anderen Flug ge⸗ nommen, als damals, wo wir Sie auf der Klippen⸗ ſpitze von Helgoland träumend fanden? Gott weiß es, ja! erwiederte Lornſen in großer Bewegung, aber was ich wünſchte und hoffte ſteht — 42 feſt und unverrückt vor mir, und wie ein Seemann im Sturme kühner wird, ſo hoffe ich jetzt um ſo ge⸗ wiſſer auf Erfüllung. Hammerſteen nickte ihm zu. Er ſchien noch et⸗ was auf den Lippen zu haben, aber er brach ab und ſagte nur: Kühnheit paart ſich mit Vorſicht und Geduld. Gehen Sie jetzt zu Lina und theilen Sie ihr mit, was Ihnen geſchehen iſt. Sie wird ſich freuen und weitere Pläne mit Ihnen bauen; ſorgen Sie dafür, lieber Freund, daß es keine Luft⸗ ſchlöſſer ſind. Lornſen fand das Fräulein von Hammerſteen in einem der ſchönen Bosquets, die ſich an das Treib⸗ haus des Gartens anſchloſſen. Man konnte faſt un⸗ bemerkt und ungeſehen dahin gelangen, und einige Minuten ſtand er und betrachtete durch das Ge⸗ blätter das ſchöne, ſtolze und lächelnde Geſicht. Lina ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt und las in einem Buche. Er erkannte es ſogleich, es waren dieſelben Gedichte, welche er geſtern geleſen hatte; plötzlich blickte ſie auf, ein Geräuſch hatte ihn ver⸗ rathen. Sie ſah die Umriſſe ſeiner Geſtalt und winkte ihm drohende Grüße zu, indem ſie mit dem ſüßeſten Wohllaut ihrer klingenden Stimme die Verſe, welche ſie eben geleſen hatte, wiederholte. Dabei ſtreckte ſie dem nahenden Freunde die Hände entgegen, die er mit ſeinen Küſſen bedeckte und in der Seligkeit dieſer Minute voll reinen Glücks verlor ſich jener unmuthige Schatten, den ſein Ge— ſpräch mit dem Staatsrath hervorgerufen hatte. Ja, das iſt ſchön, rief Lina endlich auf das Buch deutend aus und heute will ich Dir bekennen, theurer Jens, daß ihr Deutſchen Dichter beſitzt, die mit den größten aller Völker um den Lorbeer ſtrei⸗ ten dürfen; auch will ich Dir bekennen, daß die rauhe deutſche Sprache in Deinem Munde ſo herr⸗ lich klang, wie ein Hymnus zur Feier einer großen Gottheit. Das war es auch, erwiederte Lornſen. Ich feierte die große Liebesgöttin, die ihre Begeiſterung in die Worte des Dichters legte. Sie ſah in ſeine glänzenden Augen und ſtrich das lockige Haar von ſeiner Stirn. Ich habe im⸗ mer geglaubt, ſagte ſie dann lächelnd, daß Du einer der alten Kämpen ſeieſt, wie ſie die Sagen ſchil⸗ dern, ein Kämpe, der ohne Helm und Harniſch ſich auf Rieſen und Drachen ſtürzt ohne zu erbeben, aber der alte König hat doch Recht, und mein Vater hat Unrecht, oder beide haben Unrecht und ich habe nicht Recht. 16 riſſen, die ich zuletzt doch nicht verfolgen kann und dann— Dann wird mein Vater aufhören, Dich auf die Höhe des Lebens zu leiten. Er wird Dich aufgeben. Und Du, ſagte er, den Blick erhebend. Ich, Jens, welche Frage? Gewinne mich, wie Du willſt, ich bin Dein. 1 Mein, rief Lornſen, ich zweifle nicht. Eines vergiß nicht, ſagte ſie, daß mein Vater die Brücke iſt, die Dich trägt. Benutze ſie ſo lange, bis feſter Boden unter Deinen Füßen iſt. Er iſt ein zu guter Rechenmeiſter und zu klug, um es ſehr übel zu nehmen, wenn Du Dich von ihm eman⸗ cipirſt. Seine Grundſätze ſagen Dir nicht zu, mir auch nicht; aber bei alledem lieben wir uns aufs innigſte. So wird er auch Dich lieben oder Dich achten, Dich bewundern oder fürchten, wenn Du über ſeine Schultern fort auf ſeinen Nacken ſteigſt. Suche dahin zu gelangen und mache Dich frei; mache uns Alle frei und laß eine neue Sonne über uns aufgehen. Sie betrachtete ihn mit ſtolzer Freudigkeit. Du biſt ja in Deutſchland ein Ritter der Freiheit ge⸗ weſen, ſagte ſie; Du haſt auf der Univerſität dafür geſchwärmt, hier iſt der Ort, wo männlicher Sinn — 1, und praktiſche That ſich bewähren können. Däne⸗ mark ſehnt ſich nach Freiheit, es bedarf edler und entſchloſſener Männer, die es würdig machen an die Spitze einer neuen Zeit zu treten. 1 Und ich, ſagte Lornſen lächelnd, bin ſo eben zum Büreauchef und Kanzleirath befördert worden. Vortrefflich! rief das Fräulein, ich wünſche Dir und mir Glück. Mein Vater baut für uns, theurer Jens, es iſt nicht ſchwer zu errathen was er will, Du mußt es dankbar anerkennen. Kat er je mit Dir von unſerer Liebe geſprochen? fragte Lornſen. Kein Wort, ſagte ſie, ein Diplonfat ſpricht nicht, er handelt. So laß ihn denn handeln, Jens, auch wir wollen es thun. Laß ihn ſeine Minen bauen, den weiſen Bergmann, es ſoll an Gegenminen nicht fehlen. Fort mit der finſteren Falte auf Deiner Stirn und mit der Falte in Deinem Herzen. Ich vertraue Dir ja, ich ſage Dir, daß ich Dich liebe und an Dich glaube und daß ich Dein ſein will, ſo lange ich nicht ſagen muß: mein Glaube und meine Liebe waren Täuſchung, ſie liegen zerbrochen vor meinen Füßen. Das ſollſt Du nie, das wirſt Du niemals — 11— Das heißt, ſagte Lornſen ſie anblickend, Du kannſt an mir zweifeln? Könnte ich es jetzt! rief ſie, was wäre dann wahr an Dir und mir? Du biſt im Stande die Köpfe junger Leute zu berücken und das paßt nicht für den Staatsdienſt, wie die alte Majeſtät grimmig behauptet. Mein armer Kopf iſt ſo gläubig, daß er Alles glaubt. Ich möchte zu Dir beten, wie zu einem Heiligen. Aber dann, Jens, kommt es mir vor, als wäre der Kämpe im Stande, zum Ber⸗ ſerker zu werden, der in wilder Raſerei das Liebſte n ſein iſt, anfallen und tödten könnte. Das kannſt Du denken? fragte er, und ein Strom Vus vön Liebe floß über ſie hin. — Es iſt nichts, fiel ſie ein, es ſind Grillen, welke Blätter, die vom Baume fallen, damit die Früchte beſſer reifen. Du ſtolzer Frevler forderſt Opfer vom Weibe, wenn es liebt, aber die Liebe kennt keine Opfer. Ich bringe Dir, was ich zu geben habe, Du giebſt, was dafür gefordert wird. Ich gehöre nicht zu denen, die beſcheiden in einer Hütte wohnen wollen, um glücklich zu ſein, Du weißt das; ich will den kühnen Mann, der mich erwirbt, unter den Erſten ſehen, die mit Ehrfurcht und Bewun⸗ derung genannt werden, und das iſt unſere Auf⸗ — 45— gabe, theurer Jens, das ſind die Opfer unſerer Liebe. Sei ſtolz auf mich, meine Liebe will, daß die Welt ſich mit Deinem Ruhme fülle. Laß mich ſo ſtolz ſein, daß keine Königin ſich mit mir ver⸗ gleichen kann. Sie legte die Hände um ihn, und ihre Augen ſtrahlten von einem tiefen Feuer, ihr Lächeln war ſo kühn und beredt, daß Lornſen ſie entzückt und begei⸗ ſtert an ſich preßte. O! meine Lina, ſagte er, keine Schöpfung Gottes iſt herrlicher als eine ſchöne geiſt⸗ erfüllte Frau, kein Menſchenglück größer, als von ihr geliebt zu ſein. Du ſollſt ſtolz ſein auf Deine Liebe, all' mein Denken iſt darauf gerichtet. Dein Vater fragte mich heut, ob es nicht ein guter Tauſch ſei, den ich gegen die ſtillen Haiden Schleswigs ge⸗ macht habe? Er weiß nicht, daß um Dich allein ich ſein folg⸗ ſamer Schüler bin und mein Ehrgeiz ſeinen beſten Sporn erhält. Um mich allein? fiel Lina fragend und im zwei⸗ felnden Tone ein. Es iſt Manches, was mich drückt und zwängt, rief Lornſen unmuthig, was meinem Weſen aufsz heftigſte widerſtrebt. Ich ſehe mich in Bahnen ge⸗ — 46— riſſen, die ich zuletzt doch nicht verfolgen kann und dann— Dann wird mein Vater aufhören, Dich auf die Höhe des Lebens zu leiten. Er wird Dich aufgeben. Und Du, ſagte er, den Blick erhebend. Ich, Jens, welche Frage? Gewinne mich, wie Du willſt, ich bin Dein. 4 Mein, rief Lornſen, ich zweifle nicht. Eines vergiß nicht, ſagte ſie, daß mein Vater die Brücke iſt, die Dich trägt. Benutze ſie ſo lange, bis feſter Boden unter Deinen Füßen iſt. Er iſt ein zu guter Rechenmeiſter und zu klug, um es ſehr übel zu nehmen, wenn Du Dich von ihm eman⸗ cipirſt. Seine Grundſätze ſagen Dir nicht zu, mir auch nicht; aber bei alledem lieben wir uns aufs innigſte. So wird er auch Dich lieben oder Dich achten, Dich bewundern oder fürchten, wenn Du über ſeine Schultern fort auf ſeinen Nacken ſteigſt. Suche dahin zu gelangen und mache Dich frei; mache uns Alle frei und laß eine neue Sonne über uns aufgehen.. Sie betrachtete ihn mit ſtolzer Freudigkeit. Du biſt ja in Deutſchland ein Ritter der Freiheit ge⸗ weſen, ſagte ſie; Du haſt auf der Univerſität dafür geſchwärmt, hier iſt der Ort, wo männlicher Sinn — 4,— und praktiſche That ſich bewähren können. Däne⸗ mark ſehnt ſich nach Freiheit, es bedarf edler und entſchloſſener Männer, die es würdig machen an die Spitze einer neuen Zeit zu treten. 4 Und ich, ſagte Lornſen lächelnd, bin ſo eben zum Büreauchef und Kanzleirath befördert worden. Vortrefflich! rief das Fräulein, ich wünſche Dir und mir Glück. Mein Vater baut für uns, theurer Jens, es iſt nicht ſchwer zu errathen was er will, Du mußt es dankbar anerkennen. Hat er je mit Dir von unſerer Liebe geſprochen? fragte Lornſen.. Kein Wort, ſagte ſie, ein Diplomat ſpricht nicht, er handelt. So laß ihn denn handeln, Jens, auch wir wollen es thun. Laß ihn ſeine Minen bauen, den weiſen Bergmann, es ſoll an Gegenminen nicht fehlen. Fort mit der finſteren Falte auf Deiner Stirn und mit der Falte in Deinem Herzen. Ich vertraue Dir ja, ich ſage Dir, daß ich Dich liebe und an Dich glaube und daß ich Dein ſein will, ſo lange ich nicht ſagen muß: mein Glaube und meine Liebe waren Täuſchung, ſie liegen zerbrochen vor meinen Füßen. Das ſollſt Du nie, das wirſt Du niemals — 50— Was kann es bedeuten, Waldemar? rief das Fräulein, was haſt Du denn geſehen? Zum Henker! rief der Kammerjunker, was ich geſehen habe? Kammerherr Branden! kommen Sie hinter dem Gebüſch da hervor. Sie ſind beſſer im Stande als ich, mit einigen italieniſchen Bildern es wiederzugeben. Es war ein allerliebſtes Genre⸗ bild, ein Gallerieſtück, auf Ehre! unbezahlbar, be⸗ ſonders für Sie, Branden; zur Verherrlichung Ihres Freundes aus Silt müſſen Sie es malen laſſen. f Der Kammerherr ſtand in ſeinem Verſteck ſtill, aber Lina wandte ſich lachend um und bog die Zweige zurück. Alſo ein Ueberfall, eine wohlberechnete Ueber⸗ raſchung. Das danke ich Dir, theurer Waldemar, und gehe eine Wette ein, Du haſt eine ſchlafloſe Nacht gebraucht, um mir die Freude zu machen, Dich und den Kammerherrn hier zu ſehen. Nur herein, Herr Baron. Welche Ritterlichkeit von allen Seiten; aber Diplomaten und Heroen müſſen in allen Künſten erfahren ſein und keine Mittel ſcheuen, um hinter Geheimniſſe zu kommen. Ich wage zu glauben, ſagte Branden hereintre⸗ tend und verlegen lächelnd, daß von keinem Geheim⸗ niß hier die Rede iſt. Guten Tag, Herr Lornſen, Sie haben geſtern den höchſten Herrſchaften unge⸗ — ⁴1— mein gefallen; ich bin heut vielfach nach Ihnen be⸗ fragt worden. Se. Majeſtät hat in gnädigſter Weiſe ſich über Sie geäußert. Herr Lornſen, fiel Lina ein, hat die beſten Be⸗ weiſe dafür, er iſt zum Chef des Büreauweſens der Kanzlei und zum Kanzleirath ernannt worden.— Prächtig! rief Branden, dieſe Nachricht macht mir wahrhafte Freude. Ich hoffe Sie recht bald bei mir zu ſehen, Herr Kanzleirath, und bedauere nur in dieſem Augenblick Sie verlaſſen zu müſſen. Bleiben Sie, rief das Fräulein im befehlenden Tone, jetzt dürfen Sie uns nicht verlaſſen, Kammer⸗ herr Branden. Mein Vetter Waldemar hat ſich auf Sie berufen, ſo ſagen Sie uns denn, was Sie in Ihrem Verſteck bemerkt haben? Mein Gott! ich habe nichts bemerkt, ſagte Bran⸗ den. Eine Badinage, ein kleines unſchuldiges Inter⸗ mezzo. Ich habe in Italien unzählige Male geſehen, daß Fürſtinnen und Herzoginnen von einfachen Bauern⸗ burſchen bekränzt wurden. Aber die gemeinen Burſchen umarmten ſie nicht und bedeckten ſie nicht mit Küſſen, rief der Kammerjunker. Alſo das haſt Du geſehen, rief Lina im Tone der Verwunderung. So wäre es denn wahr, ich hätte mich ſo weit vergeſſen können. Reden Sie, 4* == 52= Kammerherr Branden; können Sie beſchwören, daß Sie es geſehen haben? Ich bin in der That in der Lage, wenn es ge⸗ fordert würde, beinahe einen Eid darauf leiſten zu können, murmelte Branden, aber ich würde aller⸗ dings es nur als Scherz betrachten. Ich ſcherze nie mit meinen Umarmungen, fiel Lina ein, und da auch Waldemar es behauptet, kann ich nur Eines annehmen. Was ſoll die längere Verhöhnung, rief der Kam⸗ merjunker heftig, hier iſt von keiner Täuſchung die Rede. Ich kann nur annehmen, ſagte Lina, indem ſie den Arm um Lornſen legte, daß ich Dich wirklich innig und wahrhaft liebe, denn Niemand iſt auf Erden, der ſich rühmen könnte, von mir geküßt und mit Liebesnamen genannt zu ſein.— Nun weißt Du es, Waldemar, und nun geh und erzähle es Deinen Genoſſen. Kammerherr Branden wird Dir vielleicht beiſtehen. Es iſt eine köſtliche Neuigkeit, ſie wird Aufſehen machen. Verſäume nicht, der Erſte zu ſein, der ſie in den Hofkreis trägt; Du kannſt dadurch befördert werden. Sie iſt wahnſinnig! rief der Kammerjunker, indem er von dem Seſſel aufſprang, die Hände zuſammen⸗ ſchlug und mit Blicken voll Beſorgniß Lina betrach⸗ — 53— tete. Aber Sie, fuhr er fort, indem er ſich zu Lorn⸗ ſen wandte, Sie, der ſich in dieſe edle Familie drängte, um Schmach über ſie zu bringen, Sie allein tragen die Verantwortung und ſollen Rechenſchaft dafür geben. Lornſen machte ſich ſanft von Lina frei und ſagte ruhig zu dem drohenden Junker: ich weiß nicht, welche Rechenſchaft Sie von mir fordern können, ich weiß ſelbſt nicht, wodurch ich Sie beleidigt habe. Der Einzige, dem hier Rechenſchaft zuſteht, iſt Lina's Vater; ich werde keinen Augenblick ſäumen, mich vor ſein Gericht zu ſtellen. Er wird Sie behandeln, wie Sie es verdienen, rief Waldemar; aber mir, als einem Verwandten dieſes Hauſes, ſteht es zu, vor der Hand unſer aller Chre zu ſichern. Entfernen Sie ſich auf der Stelle, Lina kann keine Gemeinſchaft mit einem Menſchen haben, deſſen nichtswürdige Künſte allein einen ſo tiefen Fall über ſie bringen konnten. Herr Kammerjunker, ſagte Lornſen einen Schritt näher tretend, während die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen, ich bin gewöhnt, Sie zu bemitleiden, aber auch die Langmuth mit den Ungezogenheiten eines Kindes hat ſeine Gränzen. Dort iſt Ihr Weg, gehen Sie, was Sie weiter thun wollen, werde ich erwarten. — 54— Es lag etwas Furchteinflößendes in dem tiefen Ton ſeiner Stimme und in der kalten Ruhe, die er behauptete. Der hohe, kräftige Mann ſtand nachläſe ſig vor dem wüthenden Gegner, der die Hände ge⸗ ballt hatte und nicht wußte, was er beginnen ſollte. Der Kammerherr hielt ihn am Arm feſt, und flü⸗ ſterte ihm leiſe Worte zu. Kein Aufſehn, lieber Holk, ums Himmels Wil⸗ len kommen Sie; wollen Sie einen Fauſtkampf be⸗ ginnen? Er ſchlägt Sie zu Boden, ſo groß und ſtark Sie ſind; er hat mehr Kräfte als drei gewöhn⸗ liche Menſchen. Lina hatte ſich in den Seſſel zurückgelehnt. Sie nahm das Buch vom Tiſchchen und blätterte darin, als hätte ſie den ganzen Lärm vergeſſen. Da iſt etwas für Dich, Waldemar, rief ſie lachend: Es reißt von der Wand die Büchſe Der gnädige Herr Baron, Und flucht dazu wie ein Lanzknecht, Und endlich läuft er davon. Thue mir den Gefallen und mach es ihm nach. Meine Nerven ſind zwar keinesweges zu Ohnmach⸗ ten geneigt, aber ich würde Dich bitten zu bedenken, wie unpoetiſch Du ausſiehſt und wie wenig lohnend die Rolle iſt, in der Du Deinem Rufe als Lion des Tages ernſtlichen Schaden zufügen kannſt. — 55— Ich verachte Deinen Spott! erwiderte Waldemar. Nicht von der Stelle werde ich gehen, bis Dein Vater hier erſcheint. Da iſt er, ſagte Lina, ganz nach Deinem Wanſche. Lieber Papa, betrachte nicht länger Deine Blumen, ſondern eile und beruhige unſeren tapferen, ritterli⸗ chen Vetter. Der Staatsrath trat aus dem Gewächshauſe und mit dem freundlichſten Lächeln nickte er Waldemar zu. Guten Tag, Kammerherr Branden, rief er, und Du, Waldemar, es iſt mir außerordentlich lieb, Dich hier zu finden. Ein wundervoller Vormittag. Nichts Schöneres wie eine Herbſtreiſe, wenn unſere Buch⸗ wälder jung grünen und das Meer die tiefe Bläue des Himmels widerſpiegelt. Es iſt unangenehm, wenn man gerade zu ſolcher Zeit reiſen ſoll. Ich bedaure Dich, Waldemar. In meinem Alter weiß man am beſten, was es heißt, fort in die weite Welt; allein es iſt einmal ſo, jeder Menſch muß ſeinem Schickſale folgen. Du biſt gekommen, von Deiner Couſine Abſchied zu nehmen. Ich verſtehe Sie nicht ganz, ſagte der Kammer⸗ junker erſtaunt. Du weißt es noch nicht? fragte Hammerſteen; — 560— wahrhaftig, Du kennſt Dein Glück noch nicht, wie es ſcheint. Du biſt der Geſandtſchaft in Wien atta⸗ chirt und mußt noch heute fort. Es thut uns Allen gewiß ſehr weh, Dich zu verlieren, Lina, mir, unſe⸗ rem ganzen Freundeskreiſe. Unſer einziger Troſt wird Herr Lornſen ſein, den Du ohne Zweifel ſo hoch achteſt, wie ich es thue, und der mir ſo lieb und werth iſt, wie ein eigener Sohn. Kammerherr Branden, Sie wiſſen doch, daß Herr Lornſen zum Kanzleirath und Büreauchef ernannt worden iſt? Ich habe dem Herrn Kanzleirath ſchon meine aufrichtigen Glückwünſche geſagt und wiederhole ſie, rief der dienſtfertige Baron. Ich glaube, Herr Lorn⸗ ſen weiß, wie ſehr ich ſein Freund bin und was ich immer von ihm gehofft habe. Dem Mann von Talent ſtehen alle⸗Thüren offen, fiel der Staatsrath ein; er darf kühn wagen, was die Gewöhnlichkeit nicht wagen darf. In kurzer Zeit wird Herr Lornſen auf einem Platze ſtehen, wo er mit den Erſten wetteifern kann— doch genug davon, und nur ſo viel: Alles was mein iſt, gehört u mein theurer Freund, ich weiß nichts, was ich Ihnen abſchlagen könnte, das iſt eine Erklärung, die ich mit Freuden hier wiederhole. Er blickte den Kammer⸗ junker und Branden mit einem ſeiner ſcharfen Blicke 1 4 3 3 — 5 5 — 57— an, während er Lornſen die Hand drückte und Lina zunickte. Nun, rief er dann lächelnd, was gab es denn hier für Streit? Was war es, Waldemar, was hatteſt Du zu rügen? Der Kammerjunker murmelte einige unverſtändliche Worte, die wie unbedeutender Vorfall oder Scherz klangen. Ein Nichts alſo, wie gewöhnlich, ſagte Hammer⸗ ſteen; indeß auch das Unbedeutende kann übel aus⸗ gelegt werden. Auf ein Wort, Waldemar; empfiehl Dich Deiner Couſine, wir ſehen Dich noch zum Ab⸗ ſchiede, und Sie, Kammerherr Branden, kommen Sie mit uns, ich will Ihnen ein Paar prachtvolle Moyrthen zeigen, die in Italien nicht ſchöner wach⸗ ſen können. Lina wird in der heißen Luft hier nicht länger ausdauern wollen, ſie wird uns im Hauſe erwarten, den Herrn Kanzleirath aber laſſen wir auf einige Minuten allein, um darüber nachzudenken, wie er ſein neues Amt mit Würde und Ueberlegung an⸗ zutreten hat. Der lächelnden Beſtimmtheit, mit welcher der Staatsraih ſeine Befehle austheilte, war nicht zu widerſtehen. Lina ſtand auf und, indem ſie ſich vor ihrem Vater auf den Zehen erhob und ſeine Wangen — 58= mit beiden Händen ſtreichelte, rief ſie fröhlich: ſehr gütig und ſehr weiſe, lieber Papa, beſonders was den Herrn Kanzleirath betrifft, der die Einſamkeit gewiß nöthig hat. 1 Der alte Herr folgte ihr mit ſeinen Begleitern und Lornſen ſah ihn den Baumweg langſam hin⸗ aufgehen, während er unruhig und bedrängt zurück⸗ blieb. Die widerſtrebendſten Empfindungen kämpften in ihm, ſein Kopf war voll verworrener Gedanken, ſein Herz voll heißer Gefühle. Ich will aus dieſer peinlichen Lage, rief er ſich zu, ſo kann es nicht blei⸗ ben mit mir. Und wenn ich das Netz, in dem ich liege, zerriſſen habe, was dann? flüſterte er mit weh⸗ müthiger Stimme. O Lina! welche Opfer bringe ich Dir, daß ich es dulde unter dieſen Dänen und ihren Intriguen auszuhalten und mein innerſtes We⸗ ſen abzuleugnen. 5 Endlich kam der Staatsrath zurück. Lornſen ging ihm entgegen und redete ihn an. Ich glaube, ſagte er, daß ich es nöthig habe, Ihnen ein offenes Be⸗ kenntniß abzulegen.. Um's Himmels Willen! rief Hammerſteen, nur keine Offenheit und keine Bekenntniſſe. Alles zu ſei⸗ ner Zeit, lieber Freund, für jetzt aber haben wir Beſſeres zu thun, als dergleichen zu nichts nützende — 59 Dinge vorzunehmen. Sie ſcheinen hier eine Scene mit Lina gehabt zu haben, der eine Ueberraſchung gefolgt iſt. Nun, Waldemar reiſt und Branden wird ſchweigen, auch habe ich Mittel, ihm die Geſchwätzig⸗ 3 keit zu vergelten. Sie haben Neigung zu Lina und dürfen auf Gegenneigung rechnen. Sie ſind jung, Lina auch und ich habe nichts dagegen. Doch kein Wort weiter, Herr Kanzleirath, ich denke, wir ken⸗ nen uns gegenſeitig und wiſſen genau, was nöthig iſt, um uns endlich zu verſtändigen. Mein Haus iſt Ihnen offen, meine Abſichten ſind Ihnen bekannt. Aber keine Unbeſonnenheit, keine Uebereilung. Sie werden ſich erinnern, was ich Ihnen einſt über die⸗ ſen Punkt mittheilte. Ich ſchenke Ihnen das vollſte Vertrauen. Und ich, erwiederte Lornſen, werde dies niemals mißbrauchen. So ſind wir einig, ſagte der Staatsrath. Die Zeit wird Alles erfüllen; das Vorzeitige iſt das Fatale. Keine Scene wie die heutige mehr. Ich weiß nichts davon und will nichts wiſſen, aber Ihr Wort und Ihre Hand darauf, ſo— und nun laſſen Sie uns zu Lina gehen und ein frohes Glas leeren auf den Herrn Kanzleirath und auf die Zu⸗ — 60— kunft.— Er nahm ihn beim Arm und führte ihn ſcherzend fort. 12. Der Sommer war gekommen, es war der Som⸗ mer des Jahres 1830. Der Staatsrath hatte eine reizende Villa im Thiergarten bezogen, dicht am Meere, das ſeine klaren Wellen unter den Hügeln fortrollte, deren alte Buchen träumeriſch ſich darin abſpiegelten. Hierher kam Lornſen ſo oft er konnte. In ſeinem Kabriolet fuhr er in einer Stunde hin⸗ aus, um die ſchönſten Tage ſeines Lebens mit Lina zu theilen. Niemand legte ihm ein Hinderniß in den Weg. Er gehörte zur Familie, und Diejenigen, welche näher auf ſein Verhältniß blickten, zweifelten nicht daran, daß die ſchöne reiche Erbin ihm einſt ganz gehören werde. Die Dienſtverhältniſſe und Verbindungen des Kanzleiraths waren von der Art, daß ſie nicht weniger beneidet werden konnten. Er bezog ein gutes Gehalt und beſaß das volle Ver⸗ trauen Aller, die über und unter ihm ſtanden. Seine — 61— Thätigkeit wurde eben ſo geſchätzt, wie ſeine Einſicht und ſeine Erfahrungen. Die ſchwierigſten Sachen — von ihm bearbeitet und geordnet, gewannen bald Geſtalt und Klarheit; die raſche Beförderung aller Geſchäfte war nie ſo groß geweſen. Niemand wußte ſo wie er ſich Vertrauen und Zuneigung zu erwer⸗ ben, Niemand war aber auch ſo durchgreifend ſtreng und beſtimmt gegen alle Mißgriffe und Fehler; doch die natürliche Heftigkeit ſeines Charakters hatte Mä⸗ ßigung und Milde empfangen durch den erweiterten Blick, den er über Menſchen und Leben gewann und durch die Liebe in ſeinem Herzen. Mehr als einmal geſchah, was der Staatsrath ihm vorausgeſagt hatte. Der König ließ ihn rufen, unterhielt ſich mit ihm über die Angelegenheiten der deutſchen Provinzen und übertrug ihm Arbeiten, die er zur vollen Zufriedenheit ausführte. Die barſche Weiſe des alten Monarchen ſchüchterte Lornſen nicht ein, ihm mit aller Freimüthigkeit oft zu widerſpre⸗ chen und ſich nicht irre machen zu laſſen, wenn ſeine Urtheile kurzweg verworfen wurden. Es war ge⸗ wöhnlich genug, daß der König ihn am nächſten Tage nochmals rufen ließ, um ſich beiſtimmend zu äußern und ihn mit gnädigen Worten zu entlaſſen. Auch im Hauſe des Kronprinzen wurde der Kanzlei⸗ — 6— rath nicht ſelten geſehen. Der Prinz hörte ihn gern, er fand in Lornſen eine Kraft, die ihn anzog; die Prinzeſſin aber intereſſirte ſich für ihn nicht weniger, 2* denn bei vielen Gelegenheiten ſprach er mit voller Sachkenntniß und Entſchiedenheit für die Erbanſprüche und Rechte des Hauſes Auguſtenburg, mitten unter Dänen, die endlich nichts zu erwiedern wußten. Er hatte den Ruf eines etwas formloſen, aber ungemein redlichen, ſcharfen und dabei ſtolzen Mannes, auf deſſen Urtheil und Tüchtigkeit man ſich verlaſeen konnte, und der ganz ſicher einer hohen Stellung entgegen ging. 1 Seine intime Verbindung mit dem alten Günſt⸗ 2 linge und Rathgeber des Königs und was man von ſeiner Freundſchaft zu dem ſchönen Fräulein ſagte, trug jedenfalls mit dazu bei, ihn zu den Auserwähl⸗ ten zu rechnen. Lina war längſt Gegenſtand der Anfechtungen der Menge geworden, weil ſie ſich nicht darin verlor. Ihre Selbſtändigkeit, die geiſtige Ueberlegenheit ihres Charakters, ihre ſonderbaren Neigungen und Abneigungen, ihre Spöttereien und ihre ungebundenen Aeußerungen, welche oft ſo ſcho⸗ nungslos freimüthig waren, gaben Grund genug zu 1 ₰ * 4 Klatſchgeſchichten aller Art. Man rächte ſich damit für Zurückweiſungen und fand es ganz paſſend, daß 1 — 33— Lornſen der Gegenſtand ihrer Gefühle geworden ſei, um ſo lächerlicher aber, daß der gute ſimple Kam⸗ merherr Branden noch immer an ſeiner Seite den Triumphwagen ziehe, obwohl er mit Hohn abgeſpeiſt worden war. In der That war der Kammerherr noch derſelbe dienſtfertige und unterthänige Bewunderer Lina's, der er früher geweſen. Er hatte ſich nicht entſchließen können, etwas daran zu ändern und war auf dem Landhauſe des Staatsraths um ſo mehr der tägliche Gaſt, da er dicht in der Nähe ſich eine Wohnung gemiethet hatte. Wenn Lornſen nicht da war, be⸗ gleitete er das Fräulein auf weiten und nahen Spa⸗ ziergängen, er brachte ihr die Neuigkeiten und die Zeitungen, jeder ihrer Wünſche war für ihn Befehl und allen ihren quälenden Launen und Einfällen un⸗ terzog er ſich mit geduldiger Freudigkeit. O! Branden, rief Lina oft, wenn er ganz er⸗ mattet irgend Etwas erfüllt hatte, was ſie ihm auf⸗ erlegt, oder irgend ein hingeworfenes Verlangen von ihm vollzogen war, mochte es Geld, Mühen oder Selbſtüberwindung koſten, Sie ſind der mu⸗ ſterhafteſte Nann, den ich je geſehen habe. Es iſt ein Glück, in Ihrer Nähe zu ſein und mit Ihnen zu leben. — 64— Der Kammerherr küßte ihre Hand und erwie⸗ derte, beglückt durch ihre Huld: Meine theure Freun⸗ din, Sie ſind und bleiben der Stern, dem ich folge. Es iſt jetzt über alle Maßen langweilig im Lande, und längſt wäre ich fort, wenn Sie mich nicht hielten. Aber ich bin eine Undankbare, rief Lina. Wäh⸗ rend Sie bei mir ſitzen, während Sie für mich ſich opfern, mir die ſchönſten Geſchichten und die pikante⸗ ſten Anekdoten erzählen, denke ich oft an ganz andere Dinge, und habe wirkl ich den Anfang nicht gehört, dieweil Sie über das Ende lachen. Das iſt ein höchſt luſtiges Selbſtgeſtändniß, lachte Branden. Aber Sie bereuen doch, Lina, nicht wahr? Aufrichtig und wahr, fiel ſie ein, und ich will mich beſſern. Ach! rief Branden, mit der Beſſerung ſteht es ſchlimm, ſo lange Ihr ganzes Denken einem ge⸗ wiſſen, einzigen, beneidenswerthen Glücklichen ge⸗ weiht iſt. Lornſen, ſagte das Fräulein. Ich habe ihn in zwei Tagen nicht geſehen. Wiſſen Sie etwas von ihm? Sehen Sie wohl, drohte der Kammerherr, durum — 65— find Sie ſo zerſtreut. Aber beruhigen Sie ſich, er iſt ganz wohl, ich habe ihn geſtern Abend geſehen. Wo haben Sie ihn geſehen? Im Königsgarten bei Schloß Roſenborg. Wann war es? Ol es war ſchon dunkel geworden. Ein köſtlicher Abend. War er allein? Sprachen Sie mit ihm? Er war nicht allein. Es war Jemand bei ihm, der mir Horreur macht. Pfui, Branden? Wer war es? Der Menſch, der Doktor Björning, von dem man jetzt ganz gewiß weiß, daß er der Verfaſſer aller der nichtswürdigen, aufregenden Artikel in Zeitungen und Winkelblättern iſt, die ſo vielen Lärm machen. Ich begreife nicht, wie der Kanzleirath mit dieſem ver⸗ rufenen Subjekt zuſammenkommt. Es kann ihm Schaden bringen, wenn es herauskommt. Es gab eine Zeit, ſagte Lina lächelnd, wo dieſer Björning faſt täglich in unſer Haus kam, wo Wal⸗ demar, der ihn bei uns eingeführt hatte, ſein Freund war, wo mein Vater ihm wohlwollte, wo der Kron⸗ prinz ihn zur Tafel zog und wo auch Sie, Branden, ihm gütig geſinnt waren. Das Alles hat der leichtſinnige Menſch verſcherzt, I. 5 — 66— erwiderte der Kammerherr. Es iſt mir ſchon öfter eingefallen, daß ſeine kurze Blüthenzeit viel Aehnlich⸗ keit mit Lornſen hat. Wäre er ſo klug geweſen, wie unſer liebenswürdiger Kanzleirath, wer weiß was mit ihm geſchehen wäre. Er ſah ſeine Begleiterin von der Seite an, Lina beachtete es nicht. Sie ſaß mit Branden auf einer Raſenbank im Schatten einer großen Buche, die den Rücken des Hügels krönte, an deſſen Abhange die Villa lag. Terraſſen voll ſchöner Gehege, Frucht⸗ bäume und blühender Gewächſe lagen vor ihnen, bunte Kieswege führten hinab; jenſeit zog die Land⸗ ſtraße vorüber und über ihren Rand hin lag der ſtrahlende Schild des Meeres mit ſeinen Segeln und Sonnennebeln, die um ferne Küſten flatterten. Lina riß Gras und Blumen ab und wand ſie in ihrer Hand zuſammen, während der Kammerherr ſier betrachtete, ihre wehenden Locken bemitleidete und das große Seidentuch feſthielt, das der Wind fortführen wollte. Plötzlich aber richtete ſich Lina wieder auf und ſagte zu Branden: Was wurde denn aus den beiden Spaziergängern im Königsgarten? Ich weiß es nicht, gab dieſer zur Antwort. Sie führten ein lebhaftes Geſpräch. Ohne Zweifel ſind — 67— ſie zuletzt nach Haus gegangen. Ich fuhr nach Fre⸗ deriksborg, um beim Könige aufzuwarten. Sehr gut! rief das Fräulein ſpöttiſch lächelnd. Sie haben recht gethan, dem verfehmten Böſewicht aus dem Wege zu gehen Aber was denken Sie von Lornſen? Was ſpricht man von ihm? Man weiß doch in keinem Falle in Frederiksborg, daß er mit Björning einſame Spaziergänge macht? Fürchten Sie nichts, ich ſage kein Wort, betheuerte der Kammerherr. Der Kanzleirath muß jedoch ge⸗ warnt werden. Das werde ich ſelbſt thun. Es wäre ſchade, wenn er Unvorſichtigkeiten be⸗ ginge, fuhr Branden fort. Er ſteht in hoher Gnade, das wiſſen wir Alle; aber ſein Charakter iſt durch⸗ aus feſt und ſeine Grundſätze müſſen Menſchen, wie dieſen Björning, verabſcheuen. Ohne Zweifel, erwiderte das Fräulein, ich erwarte von ihm, daß er ganz ſo darüber denkt, wie ich ſelbſt. Er kann und darf nicht anders denken, rief Branden, wenn er ſich erinnert, was er Ihnen ſchuldet. Was er mir ſchuldet? wiederholte ſie. O! nichts. Sie ſprechen ein gefährliches Wort aus, vor dem ſeine ſtolze Seele mit Recht erbeben würde. 5* — 68— Bah! ſagte der Kammerherr lächelnd, er muß wiſſen, was alle Welt weiß. Und was weiß alle Welt? fragte ſie. Theuerſte Lina, ſagte Branden, Ihr edles Herz hat in der Tiefe geſucht. Und ich habe eine Perle gefunden, rief ſie mit leuchtenden Augen. Ganz gewiß eine Perle, wenn auch in harter Schale; aber wenn dieſe Perle zum glänzenden Ge⸗ ſchmeide gemacht wird, um eine Königin zu zieren, ſo muß ſie doch nie vergeſſen, daß die Hand, die ſie dazu erhob, ſie auch von ſich abthun und in die alte Dunkelheit werfen kann. Ein prächtiges Bild, Branden, rief Lina lachend. Das haben Sie nicht erfunden; geſtehen Sie es ein. Es iſt möglich, daß irgend etwas Aehnliches Waldemar neulich an mich geſchrieben hat. Sehr gütig von ihm und ohne Zweifel erzählen ſich die feinen Leute dort— ſie deutete auf die ferne Stadt— daß Lornſen das Wachs iſt, das von mir oder meinem Vater geformt wird. Theuerſte Freundin, ſagte der Kammerherr er⸗ ſchrocken, die Welt urtheilt immer nach dem Schein, Man weiß, wie ſehr Sie Lornſen begünſtigen; man kennt auch den Einfluß des Staatsraths. Ein Menſch. — 69— der ſchnell aus der Dunkelheit hervorgegangen iſt, der Nichts hat— Als ſeine Verdienſte, rief Lina dazwiſchen, iſt allerdings immer ein Gegenſtand der Bosheit und der Gemeinheit. Man verleumdet Lornſen, man ſpottet über ihn und mich. Ich kann es ertragen, er auch; aber es ekelt mich an, dieſe Menſchen zu ſehen, die nicht werth ſind, ihm die Schuhriemen zu löſen. Doch welche Thorheit! Niemals wird Lornſen ſich demüthigen. Ein ſtolzer Geiſt wie der ſeine muß überzeugt werden; und wenn das nicht geſchehen kann, ſo fürchte ich— Was fürchten Sie denn? fragte Branden, als ſie abbrach. Nichts, nichts! lieber Branden, lachte ſie, nur das Eine fürchte ich: Lornſen wird bei weitem nicht ſo liebenswürdig werden, wie Sie es ſind. Was gab es geſtern in Frederiksborg? Erzählen Sie mir eine Hofgeſchichte. Wie ſah der König aus? Se. Majeſtät, erwiderte der Kammerherr, war keinesweges in der beſten Laune. Sie kennen ſeine Art, Fragen und Antworten auszutheilen. Haben Sie auch eine bekommen? Der König fragte mich, ob ich reiſen würde. Vor der Hand nicht, Majeſtät, ſagte ich, meine Geſchäfte — 70— erlauben es nicht. Ihre Geſchäfte? rief er, worin arbeiten Sie? Majeſtät, ſagte ich, auf meinen Gü⸗ tern iſt vielerlei Unordnung, ich denke mit Rath und Hülfe verſtändiger Männer eine neue Ordnung der Dinge dienſaten Bah! rief er in ſeiner Manier ſchnaubend, was wollen Sie? Unordnung abſchaffen, neue Ordnung der Dinge durchſetzen? Was ſoll das heißen? Wol⸗ len Sie mir das ſagen? Laſſen Sie das bleiben, Kammerherr Branden. Suchen Sie Zerſtreuung, wo es Ihnen beliebt, im Thiergarten oder bei in⸗ tereſſanten Damen, aber bleiben Sie in Ihrem Fach; für Ordnung werde ich ſorgen. Sehr deutlich geſprochen, lachte Lina, und dennoch ſehr räthſelhaft. Ich war ſtarr vor Erſtaunen, ſagte Branden, und zog mich zurück, Anderen ging es jedoch kaum beſſer. Jeder bekam irgend etwas zu hören, was ihm nicht lieb war, bis nach einer Stunde der König uns ent⸗ ließ, weil ein Miniſterrath gehalten wurde. Und was war der Grund dieſer ungnädigen Donnerſchläge auf die Köpfe der Allergetreueſten? Niemand weiß es, ſagte Branden. Es ſollen ver⸗ drießliche Nachrichten eingelaufen ſein. Der Miniſter — 71— des Auswärtigen iſt bis in der Nacht beim Könige geblieben. Und heut in aller Frühe iſt mein Vater nach Frederiksborg gerufen worden. Wir haben etwas zu erwarten, Branden. Was zu erwarten? Irgend eine große That, welche die erſchlaffte Menſchheit ergreift, wie der Sturm das ſchlafende Meer. Eine Volksbewegung. 4 Nur keine Unruhen, keinen Lärm, rief Branden erſchrocken. Lina deutete auf eine Staubwolke, welche in der Ferne ſich erhob und einen raſch fahrenden Wagen einhüllte. Da kommt mein Vater, ſagte ſie; er wird uns ſagen können, was es iſt. Und hoffentlich uns beruhigen, fügte der Kammer⸗ herr hinzu. Es wäre fürchterlich zu denken, wenn die Tollheit ſo weit ginge, daß es Unheilſtiftern, wie dieſem Björning und Genoſſen gelänge— hier brach er plötzlich ab, denn auf dem Wege, der den Hügel hinab ins Holz führte, hörte er den Schritt eines Mannes und ſprachlos vor Erſtaunen ſah er den Doktor Björning dicht vor ſich ſtehen. Er ſtand wie Einer, der nicht weiß was er zu thun — 2— Wie, Herr Björning, rief Lina lebhaft aufſtehend. Sie allein?! Ich allein, erriderte der Doktor, indem er den Hut abnahm und höflich grüßend näher trat. Der Wagen des Staatsraths Hammerſteen hatte inzwiſchen das Landhaus erreicht und mitten in den aufgewirbelten Staubwolken erkannte Lina ihren Vater, der mit Lornſen, welcher neben ihm ſaß, ein lebhaftes Geſpräch zu führen ſchien. Da iſt er! rief ſie laut, indem ſie einen Blick auf Björning warf. Vie ich vermuthet habe, erwiderte dieſer. Sie haben geſtern Abend eine Unterredung im Königsgarten mit ihm gehabt. Was hat er Ihnen geſagt? Daſſelbe, was ich ſchon früher gehört habe. Das heißt, er will nicht? rief das Fräulein. Er iſt ſo verrannt in ſeine deutſchen Träumereien, daß nur ein letztes Mittel übrig bleibt. 1 Welches? ſagte Lina, aber ſie fügte ſogleich hinzu: Ich ſelbſt ſoll ihn beſtimmen. Kammerherr Branden, Sie ſcheinen erſtaunt zu ſein, Herrn Björning hier zu ſehen? Der Baron war in der That mehr als erſtaunt. —— 3— 73— hat; völlig unentſchieden, ob es beſſer ſei, davonzu⸗ laufen oder zu bleiben. Er verbeugte ſich mit einem abwehrenden Lächeln: Ich erſtaune ſo leicht über nichts mehr, ſagte er, obwohl ich allerdings lange nicht die Ehre hatte, den Herrn Doktor zu ſehen. Sie müſſen wiſſen, fiel Lina ein, daß Kammer⸗ herr Branden Geiſt und Kenntniß achtet, wo er ſie findet, daß er meine Achtung für ſie theilt, Herr Björning, daß er viel zu vorurtheilsfrei iſt, um Ihren politiſchen Charakter Ihnen zum Vorwurfe zu machen, und daß er keineswegs zu den abhän⸗ gigen und engherzigen Menſchen gehört, die kein Herz und kein Gefühl für Freiheit und Rechte und die idealen Güter ihres Volkes und Vaterlandes beſitzen. Branden ſah das Fräulein mit ſtarren Augen an und begegnete ihrem unwiderſtehlich einladenden Lächeln. Gewiß, ſagte er ſtotternd, ich liebe mein Vaterland und wünſche ihm alles Gute. Dazu müſſen ſich alle Männer von Einſicht und Charakter verbinden, fuhr das Fräulein fort. Blei⸗ ben Sie hier bei unſerem Freunde. Herr Björning, ſprechen Sie aufrichtig mit ihm, ſagen Sie ihm was geſchehen iſt, denn die Stunde iſt da, wo die, welche es redlich meinen, feſt beiſammen ſtehen müſſen — 2, 8 8 Um Gottes Willen! rief der Baron voller Ent⸗ ſetzen vor dem gefährlichen Alleinſein, bleiben Sie hier, Fräulein Lina, und ſagen Sie mir ſelbſt was geſchehen iſt. Leſen Sie das, erwiderte ſie, indem ſie ein Billet aus der Taſche zog und es dem Kammerherrn reichte. Biörning hat es mir geſtern geſchrieben. Sie finden darin die Urſache der Miniſterverſammlung und der Mißſtimmung des Königs. 2„In Frankreich, las der Kammerherr, iſt eine Revolution ausgebrochen. Der König iſt entflohen, das Volk hat geſiegt, die Freiheit triumphirt. Sie wird ihren Weg durch Europa machen und überall die Feſſeln der Völker brechen. Jetzt iſt es Zeit auch für Dänemark den König zu zwingen Wort zu halten, er wird es müſſen, wenn wir einig ſind.“ Eine Revolution! rief Branden, und der König entflohen? Entſetzlich! Ueber alle Vorſtellung gräß⸗ lich! Wo iſt Fräulein Lina? fuhr er fort, als er ſie nicht mehr bemerkte. Dort geht ſie die Terraſſe hinab, ſagte Björ⸗ ning. Bleiben Sie, Herr Kammerherr Branden, ich habe Ihnen ein Wort zu ſagen. Entſchuldigen Sie mich, ſprach der arme Baron, ich losreißend. Ich kann nicht bleiben. Dieſe Nach 75 richt iſt höchſt wichtig, höchſt gefährlich. Ich muß auf der Stelle in die Stadt. Man hat die Nachricht länger als vier und zwanzig Stunden verheimlicht, um Maßregeln zu treffen, jetzt wird ſie in Kopenhagen verbreitet ſein, ehe Sie davon weitern Gebrauch machen können. Es handelt ſich allein darum, ob Sie, Herr Baron, und andere Männer von Namen und Vermögen, Willens ſind, dieſen Augenblick zu benutzen, um uns eine Bürgſchaft für unſer Heil, für eine verfaſſungs⸗ mäßige Freiheit ſichern zu helfen. Ich fürchte, ſagte Branden ängſtlich ſich um⸗ ſchauend, daß alle Bemühungen nichts helfen. Der König iſt nicht für die Konſtitutionen geſtimmt, alle Mittel würden nichts fruchten, Vorſtellungen nur Gefahr bringen.. So muß er gezwungen werden zu thun, was ſeine Pflicht iſt, war die Antwort. Schweigen Sie, rief der Kammerherr, aufs Aeu⸗ ßerſte erſchrocken, es iſt Hochverrath, was Sie da ſagen. Ich will nichts gehört haben, aber ich habe nichts damit zu thun. gwang iſt keinesweges Gewalt, fiel Biörning ein. Das ganze Gewicht der öffentlichen Meinung kann bei einem Manne, wie König Friedrich, nicht — 76 ohne Folgen bleiben. Der König hat prktiſhen Verſtand und redlichen Willen. Wenn er überzeugt werden kann, daß der Wille der Nation hinter den Bittenden ſteht, wird er nachgeben. Es kommt darauf an, es zu verſuchen, ihm eine Darſtellung der ſchreienden Uebel zu machen, die auf dem Volke laſten; eine Denkſchrift in ſeine Hände zu bringen, welche von einer Anzahl notabler Leute aller Stände unterzeichnet iſt, und die ihm überreicht wird von⸗ einem reichen und vornehmen Herrn, von einem Herrn ſeines eigenen Hofes. Sie meinen mich, ſagte Branden, von Grauſen erfaßt. Allerdings, ja, ich meine Sie, erwiderte Björ⸗ ning kalt. Niemals, es wäre unerhört! erwiderte der Baron. Was wagen Sie dabei? ſprach der Verſucher. Sie wagen die Gnade des Monarchen, aber Sie gewinnen dafür die Liebe des Volks. Wer kennt die Leiden nicht, welche uns drücken und weſſen Stimme erhebt ſich nicht gegen die Wunden, an welchen wir verbluten. Die edelſten und beſten Männer, auch unter den Reichen, ſelbſt unter dem Adel, haben längſt die Ueberzeugung gewonnen, daß es ſo, wie es iſt, nicht lange mehr fort gehen kann. ——— —.,— — 77— Wir A Beide Dänen, Herr Baron, wir lieben Beide Vaterland und Volk, wir dürfen uns keine Illuſionen machen. Der Abſolutismus kann viel⸗ leicht noch zehn oder zwanzig Jahre, wenn das Glück ihm günſtig iſt, weiter in den Tag hinein leben, dann aber wird ſein Sturz um ſo fürchter⸗ licher ſein. Blicken Sie umher auf dies kleine Land, deſſen Unglück es iſt, daß es die Zeiten ſeiner Größe und Macht nicht vergeſſen kann. Der Abſolutismus hat es heruntergebracht, aber noch immer iſt in Dänemark die alte üppige verſchwenderiſch ſinnloſe Wirthſchaft, die nichts lernt und nichts vergißt. Unſer Geld wird verwandt für eine unnütze Flotte, für unnütze Garden, unnütze Beamten, einen präch⸗ tigen Hofhalt, einen thörichten Luxus, für ein Heer von Menſchen, die der Abſolutismus ernährt, und für dieſe Hauptſtadt, die alles verſchlingt was das Land aufbringt. Hier iſt kein Haushalt, keine Ord⸗ nung, keine Kontrolle, kein Geſetz, einzig nur Will⸗ kür und Macht. Iſt das aber ein Zuſtand, der denkenden Weſen genügen kann? Und hat der Adel vor allen Anderen nicht die Pflicht, wenn er zurückdenkt an alte Zeiten und wenn er weiter denkt über ſeine Erhaltung, der Nation voranzu⸗ — 278— ſchreiten, um ſich und ihr die Rechte freier Staats⸗ bürger zu ſichern? Ich darf Sie nicht länger hören, rief Bran⸗ den; ich würde es keine Minute lang gethan ha⸗ ben, wenn ich gewußt hätte, welche Dinge Sie mir zumuthen. Sie haben es allein darum gethan, erwiderte Björning, weil es Ihnen geheißen wurde; geheißen von einer Dame, deren Wünſche für Sie Geſetze ſind. Nun wohl, Baron Branden, gehen Sie, ich laſſe Ihren Arm los, aber wenn je Ihnen das Glück günſtig war, Lina's Hand dnd Herz zu er⸗ werben, ſo iſt es jetzt der Fall, wo Sie beides zu⸗ rückſtoßen. Was wollen Sie damit ſagen? fragte der Kam⸗ merherr ſtehen bleibend. Lornſen, ſprach Björning, iſt aufgefordert wor⸗ den unſerer Sache ſich anzuſchließen, alle meine Gründe haben nichts gefruchtet. Sein eigenſinniger deutſcher Kopf begreift nicht, daß er ſich fügen muß, wenn er nicht aufgegeben und zurückgewieſen werden ſoll. Fräulein Hammerſteen wird ſelbſt jetzt den Verſuch machen, er wird erfolglos bleiben. Er will nicht? Er wird nachgeben! ſagte Branden. Er wird nicht nachgeben. — 70— Aber ſie iſt bezaubert, rief der Baron, ſie liebt den Menſchen und vergißt Alles darüber. Sie liebt ihn nicht, erwiderte Björning kalt. Sie liebt den edlen hohen Geiſt, der ſich ihr eben⸗ bürtig erweiſt. Zweifeln Sie nicht, der Zauber zer⸗ bricht in dem Augenblick, wo dieſer Lornſen beweiſt, daß er Lina's Liebe unwürdig iſt, und dieſer Augen⸗ blick iſt da, laſſen Sie ihn nicht unbenutzt vorüber⸗ gehen. Der Kammerherr war in größter Unruhe. Er ſtarrte vor ſich hin und lächelte. Ein heroiſcher Muth kam über ihn, der vom plötzlichen Bangen wieder vernichtet wurde. Seine Hoffnungen erwachten und ſtürzten die Zweifel nieder. Er haßte Lornſen, wie ſchwache Menſchen haſſen, die ſo lange Aerger und Unmuth verbergen, bis die Gelegenheit günſtig iſt.— Glauben Sie wirklich, ſagte er, daß Lornſen jetzt noch ſcheitern könnte?. Dort unten, erwiderte Björning, wird ſein Schick⸗ ſal entſchieden, wir können es ruhig abwarten. Er wird mit dem Staatsrath zerfallen, und mit Lina. Was der Vater von ihm begehrt, findet ohne Zweifel bei ihm denſelben Widerſtand. Der Emporkömm⸗ ling ſinkt in ſein Nichts zurück. Es iſt ſchade um ihn, aber er iſt ein beſchränkter Kopf ohne höhere — 830 Gedanken. Ein Menſch, der untergehen wird, weil er Tollheiten träumt und ſich auf einen Punkt ge⸗ ſtellt hat, wie ein Seiltänzer auf die Spitze eines Kirchthurms. Und was meinen Sie, was ich thun ſoll? fragte der Kammerherr. 3 Um an das Ziel ihrer Wünſche zu kommen, er⸗ widerte Björning, haben Sie nichts nöthig, als ſich der Sache Ihres Volkes offen anzunehmen. Hier i*ſt eine Denkſchrift, für den König beſtimmt. Sie iſt in würdiger und ehrerbietiger Sprache abgefaßt klar und bündig, aber nichts darin, was nicht jeder Mann von Ehre und Vaterlandsliebe unterſchreiben könnte. Setzen Sie Ihren Namen darunter und legen Sie ſie in die Hände des Königs.— Mit einem widerſtrebenden Zucken nahm Branden das Papier. Ich bin überzeugt, daß Sie Alles billigen werden, fuhr Björning fort, wenn Sie wiſſen, daß Lina dieſe Schrift kennt und zum Theil mit ent⸗ worfen hat. Sprechen Sie mit ihr, ſie wird Ihre Entſchlüſſe befeſtigen. Der Preis Ihrer Unterſchrift wird nicht zweifelhaft ſein. Ich will unterſchreiben: rief der Baron, und mit einer energiſchen Bewegung ſteckte er die Schrift ein. 13. Der Staatsrath hatte inzwiſchen eine Unterredung mit Lornſen, die im Wagen begonnen hatte und in ſeinem Zimmer fortgeſetzt wurde. Es war ein glückliches Zuſammentreffen, daß ich Sie auf meinem Wege fand und mitnehmen konnte, ſagte er, Sie werden geſucht und ſollen Wichtiges hören. An der Börſe hat man ſo eben die Nachricht von der Revolution in Paris verbreitet, ſagte Lornſen. Nun? fragte Hammerſteen, wie war die Wirkung? Ein allgemeiner Jubel, erwiderte Lornſen. O! die Narren, rief der Staatsrath. Es iſt da⸗ mit wie mit dem Honigkuchen der Offenbarung. Süß ſchmeckt er auf der Zunge, aber das Bauchgrimmen folgt hinterher. Der ganze künſtliche Schuldenthurm von Staatspapieren wird in Europa in's Wackeln gerathen, und beim erſten Kanonenſchuß wird er zuſammenſtürzen. Was ſprach man weiter? Wie äußerte man ſich über die nächſten Folgen für uns? Man war überzeugt, daß die Wünſche und Rechtszuſagen aller Völker jetzt endlich erfüllt wer⸗ den müßten. II. 6 82— Das heißt, fiel der alte Herr ein, man ſpürte ein Verlangen, es den Franzoſen nachzumachen. O ja, in Belgien werden ſie es thun, vielleicht in Italien, und ganz gewiß wird man in Deutſchland Mühe haben die Ordnung aufrecht zu erhalten, bei uns aber hat es glücklicher Weiſe nichts zu ſagen. Meinen Sie, daß man gar nichts thun wird? fragte Lornſen. Nichts thun, als ein paar Schreier bei den Ohren nehmen, rief Hammerſteen, und einige beruhigende Worte hinterherſchicken. Das iſt Alles was nöthig iſt. Wir haben im Staatsrath heut die Sache noch⸗ mals berathen. Conſequenz und Energie, das ſind die einzigen Mittel, um über den erſten Sturm fort⸗ zukommen. Es wird nicht an Anfechtungen fehlen, aber nur ein Beiſpiel gegeben, an wem es auch ſei, ſo ſteht die Fluth und verläuft ſich. Und wenn ſie ſich nicht verläuft? fiel Lornſen ein. Sein Sie unbeſorgt, ſagte der Staatsrath, ich habe heut ſchon ähnliche Antworten widerlegt. Der Tag kann kommen, wo man nachgeben und etwas thun muß, aber noch iſt er nicht da. Der König ſelbſt hatte eine landſtändiſche ſchwache Minute, wenigſtens hörte er auf den Vorſchlag, Prooinzial⸗ ſtände einzurichten nach preußiſchem Muſter, das heißt ein Pflaſter über eine Wunde decken, unter welch der Eiter weiter frißt. Ich habe das Gefährliche eines ſolchen Quackſalbermittels dargethan und glaube, man denkt nicht mehr daran. Aber man hat Be⸗ ſorgniß vor Aufregung, beſonders drüben in den deutſchen Provinzen. Ich habe das beſtritten und Ihr Zeugniß vorgeſchlagen. Mein Zeugniß? rief Lornſen erſtaunt. Sie kennen die Stimmung am beſten, fuhr Ham⸗ merſteen fort. Sie ſtehen, wie ich weiß, im fortge⸗ ſetzten Briefwechſel mit Ihren Freunden in Kiel, in Schleswig und in Ihrer nächſten Heimath. Sie können daher dem Könige die genaueſte Auskunft darüber geben, daß gar Nichts zu beſorgen iſt. Das kann ich in der That nicht geben. Nicht? rief der Staatsrath. Ich will mich hän⸗ gen laſſen, wenn außer in den paar Städten im ganzen Lande ein Menſch eine Verfaſſung verlangt, oder von dem Erbfolgeunſinn etwas weiß. So würden Sie unfehlbar gehängt werden, er⸗ widerte Lornſen trocken. O, Poſſen! rief Hammerſteen, denken Sie kalt⸗ blütig nach und Sie werden finden, daß ich Recht habe. Es giebt kein Volk, das von den ſogenann⸗ ten idealen Gütern unſerer Freiheitsſchwindler das 6* — 32 ringſte wollte. Ein Volk will ſich ſatt eſſen, ill Arbeit haben, will Geld verdienen, um Geld ausgeben und leben zu können. Geht es ihm mate⸗ riell gut, ſo frägt es viel nach Preßfreiheit, Ver⸗ tretung, Rechnungslegung, Steuerbewilligung und was man ſonſt ihm als Paradies vormalt. Aber es wird nicht zum materiellen Wohl, zu ſparſamen Ausgaben und reichen Einnahmen, zur freien Benutzung aller ſeiner Kräfte gelangen, ſo lange es keine Kammer erwählter Vertreter und Oeffent⸗ lichkeit beſitzt, ſo lange es nicht ſeine Steuern und Laſten ſelbſt beſtimmt und ſeine Geſetze ſelbſt macht. Darüber ſind Sie alſo wirklich noch nicht hin⸗ aus, rief der Staatsrath lachend. Ja, die Bauern drüben in Norwegen, die ihrem ſogenannten Könige ſogar das unbedingte Veto genommen und den Adel aufgehoben haben, ſie mögen allenfalls mit plumpen Fäuſten ihren Bauernſtaat wie einen Bauernhof regie⸗ ren, unſere Gliederung der Geſellſchaft und der Ver⸗ hältniſſe läßt das nicht zu. Wir haben König, Hof, Heer, Beamten, Adel, Baronien, Männer und Fa⸗ milien mit großem Grundbeſitz; wie haben hiſtoriſche Grundlagen und ein Volk, das an abſoluten Regie⸗ rungswillen gewöhnt iſt. In den Herzogthümern, erwiderte Lornſen, beſitzt — 35— der Adel den kleinſten Theil des Landes. Der Bauer i*ſt frei und wohlhabend. Aber er ſchiert ſich den Henker darum, ob er verfaſſungsmäßig wohlhabend iſt, oder ob er von Kopenhagen aus mild und einſichtig regiert, ſein Korn und ſein Vieh verkaufen und ſein Geld in die Taſche ſtecken kann. Hören Sie mich an, Lornſen, Sie können jetzt Alles gewinnen, was Sie wollen. Der König denkt daran, Sie in ſein Kabinet zu be⸗ rufen. Er braucht einen Kabinetsrath, der ſein ganzes Vertrauen hat. Wie wichtig dieſer Platz iſt habe ich nicht auszuführen; es kann nichts Bedeu⸗ tendes geſchehen, was nicht durch Ihre Hände ginge. Wenn der König mich in ſeine Nähe ruft, ſagte Lornſen, ſo werde ich ſein Vertrauen rechtfertigen. Das werden Sie ganz gewiß, antwortete Ham⸗ merſteen, und dem Geheimen Kabinetsrath Sr. Ma⸗ jeſtät ſteht die glänzendſte Zukunft offen. Ich und meine Freunde, wir haben Sie vorgeſchlagen und des Königs Abſichten gefördert. Wollen Sie aber in jene wichtige Stellung gelangen, ſo laſſen Sie ſich durch den aufregenden Augenblick nicht etwa zu einer Thorheit fortreißen, die Alles verderben würde. Sie müſſen ſich jetzt entſcheiden, fuhr er fort, jetzt und für immer. In Kiel giebt es einen Kreis — 36— von Advokaten, Profeſſoren und unruhigen Köpfen aller Art, die, wie uns berichtet worden iſt, eine Verſammlung gehalten haben, in welcher viel ge⸗ lärmt und geſchrieen wurde. Man nannte dabei auch Ihren Namen, Lornſen, nannte Sie einen Pa⸗ trioten, auf den man ſich verlaſſen könne, einen echten deutſchen Mann, einen energiſchen Vertheidi⸗ ger der Rechte des Vaterlandes, der die däniſche ungerechte und übermüthige Gewaltherrſchaft haſſe und verachte. Sie haben Briefe an Freunde ge⸗ ſchrieben, in welchen Sie nicht vorſichtig geweſen ſind. Sie ſehen, wie dieſe ſogenannten Freunde Ihre vertrauten Mittheilungen ausbeuten. Ich habe nichts geſchrieben, was ich nicht offen vertreten könnte, fiel Lornſen ein. Ich will es glauben, erwiderte Hammerſteen, aber damit heilen Sie auf keinen Fall daß Mißtrauen, das von mancher Seite ſich hier ſchon gegen Sie regt. Man hat Sie auch mit unſern Wühlern und Um⸗ ſtürzern in Verkehr gefunden,— man glaubt es we⸗ nigſtens, ich glaube es nicht; denn ich müßte mich ſehr irren, oder Sie haben für Einflüſterungen, die von dort her kommen, kein Ohr. Gewiß nicht, erwiderte Lornſen. So zeigen Sie jetzt offen allen den falſchen — — — 82— Freunden und Verſuchern, daß ſie nichts weiter von Ihnen zu erwarten haben. Der König wird Sie heut noch rufen laſſen, übernehmen Sie das neue ehrenvolle Amt mit einer Erklärung, die Sie gleich ganz feſtſtellen wird. Rathen Sie ihm ab, irgend etwas an dem bisherigen Syſtem zu ändern, ſtellen Sie ihm die Gefahren eines erſten Schritts vor und ſeien Sie überzeugt, fügte er mit einem feinen Lä⸗ cheln hinzu, daß Sie dadurch auf keinen Fall in ſeiner Gnade etwas einbüßen werden. Lornſen hatte bis dahin ruhig den Staatsrath angehört, jetzt ſagte er mit Feſtigkeit: Wenn der Kö⸗ nig meinen Rath hören will, ſo werde ich reden ohne Rückſicht, ob ich dadurch ſeine Gnade erwerbe oder einbüße. In meinem Büreau geht es mich nichts an, wie der König berathen wird, ich kann ſchlechten Rath nur bedauern und offenem Unrecht, ſo viel ich vermag, mich entgegenſtellen; ſoll ich jedoch ſelbſt Theil nehmen an der Regierungsweiſe, ſo kann mein Rath nur nach meinen Ueberzeugungen aus⸗ fallen. Die doch keinesweges Ueberzeugungen der Be⸗ ſchränktheit ſein können, rief Hammerſteen aufgeregt. Was können Sie, ohne einen Selbſtmord zu begehen, Anderes rathen, was nicht der Rath und die Ueber⸗ — 38— zeugung der Männer wäre, die gezeigt haben, wie ſehr ſie Ihre wahren Freunde ſind. Ich kann dem Könige nur rathen, der Unzufrie⸗ denheit ein Ziel zu ſetzen, erwiderte Lornſen. Dem Volke zu geben, was ihm längſt gebührt: eine Ver⸗ faſſung! Ich kann ihm nur rathen, den gährenden und zerſtörenden Elementen, die über Dänemark hin⸗ ſtürzen werden, dadurch zuvorzukommen, daß er die rechtmäßigen Forderungen ſeiner Unterthanen erfüllt. Das wollen Sie? fragte Hammerſteen. Nun, bedenken Sie einmal, wenn der König wirklich Reichsſtände beriefe, würde er ſie nach Kopenhagen berufen? Die deutſchen Provinzen würden ihre Ab⸗ geordneten hierher ſchicken müſſen, ſie würden einen Reichskörper bilden und in die däniſche Geſammt⸗ monarchie fallen.. Der König von Dänemark iſt unſer Herzog, er⸗ widerte Lornſen. Wir haben rechtlich mit den Dä⸗ nen nichts gemein als daſſelbe Staatshaupt. Alſo ein eigener ſchleswig⸗holſteinſcher Reichstag, eine eigene Verfaſſung, eigene Finanzverwaltung, eigene Geſetzmacherei, ein eigenes Heer, wo möglich auch eine eigene Flotte. Ein vollſtändiges Neben⸗ reich wollt ihr bilden, wie Norwegen zu Schweden? Auch das iſt unmöglich, ſagte Lornſen, denn — — 39= wenn der Mannsſtamm des Königs ausſtirbt, müſſen wir uns ganz von Dänemark trennen. Und das wollen Sie dem Könige vorſchlagen? rief der Staatsrath lachend. Ohne Zweifel. Ich werde ihm rathen, mit einem entſchiedenen Schritt auf dem Wege der Wahrheit und des Rechts, allem Unglück der Zukunft ein Ziel zu ſetzen. Die Hitze iſt doch jetzt nicht ſo groß, ſagte der alte Herr, ſeine Stirn anfaſſend, aber wahrhaftig, man möchte behaupten, daß wir in den Hundstagen lebten. Sie haben den Kopf verloren, Lornſen, Sie ſprechen, als ſäßen Sie in Kiel oder in Silt und ſchwärmten dort mit den guten frieſiſchen Fiſchern, ohne je einen Fuß nach Kopenhagen geſetzt zu haben. Weil ich ihn nach Kopenhagen geſetzt habe, bin ich um ſo mehr zu der Einſicht gelangt, daß unſere Rechte unantaſtbar ſind. Hören Sie, Lornſen, rief Hammerſteen, wenn Sie mir ſagten, Sie wären ein Genoſſe Björnings und unſerer ſkandinaviſchen Unionsſchwärmer, ſo könnte ich einen Verſtand darin finden, denn es läßt ſich eine Zukunft dabei denken; allein die Herzog⸗ thümer abreißen von Dänemark, deutſchthümlich ſchwärmen, Dänemark theilen und nichts hinter ſich — 90— haben, als ein Staub gewordenes Pergament und einen Haufen ſchwatzender Advokaten, das iſt eine Tollheit, die ich nicht begreife. Sie begreifen es nicht, weil Sie überhaupt von den Rechten eines Volks und von der geiſtigen Macht eines Volksbewußtſeins nichts wiſſen wollen, erwi⸗ derte Lornſen ſtolz. Wenn Sie kindlich gläubig genug ſein könnten, davon etwas zu hoffen und ſich dafür zu opfern, ſagte Hammerſteen, vor ihm ſtehen bleibend, ſo will ich Ihnen Ihr Schickſal verkünden. Der Haufen Träumer da drüben, der ſich mit Deutſchland und Selbſtändigkeit benebelt, wird zerſtäuben ſo wie hier ein Finger aufgehoben wird. In Deutſchland weiß man nichts von Schleswig und Holſtein, Deutſch⸗ land ſelbſt iſt ein todter Brei, ein Sumpf, in dem ſich nichts regt; aber wenn man auch etwas wüßte, wenn man ſelbſt ein hohles Demagogengeſchrei er⸗ höbe, der Bundestag würde bald ein Pflaſter dafür finden. Hofft auf Alles in der Welt, nur nicht auf das deutſche Volk, das mit der Laterne geſucht wer⸗ den muß. Wenn Ihr Franzoſen oder Engländer wärt, ja dann wäre es eine andere Sache. Was wollt Ihr aber von einer Nation, wie dieſe da, die ſeit tau⸗ v — 91— ſend Jahren ihr Nationalbewußtſein verloren hat! — Sie ſchwatzen, die guten Deutſchen; Worte drech⸗ ſeln, das iſt ihre Sache. Sie ſind zu Allem zu be⸗ nutzen, wozu man willige Diener braucht; es iſt eine Freude, ſie zu regieren; aber zum ſelbſtthätigen, küh⸗ nen, feſten Handeln ſind ſie nicht geſchaffen. Wag⸗ ten Sie es das Geringſte zu thun, was uns hier nicht gefiele, ich wette mein Leben, Lornſen, Ihre Patrioten da drüben, Ihre deutſchen Richter und Oberrichter, würden mit unterthänigſter Bereitwillig⸗ keit Sie verurtheilen. Und nun blicken Sie hierher, Lornſen.— Hier bietet ſich Ihnen Alles, was ein Mann, der über die ſtumpfſinnige Maſſe hervorragt, begehren kann. Ehren, Stellung, Macht, Gold und — Lina's Hand, ſagte er, ſeine eigene Hand aus⸗ ſtreckend.— Ich biete Ihnen dieſe, ſchlagen Sie ein und geben Sie dafür die deutſchen und ſchleswig⸗ holſteinſchen patriotiſchen Phantaſien auf, die zum letzten Male ſie umnebelt haben. Halt! che Du antworteſt, rief Lina, die einige Minuten ſchon hinter dem Vorhange der Thüre ſtand. — Ich glaube, lieber Papa, daß, wo ſich es um meine Hand handelt, ich jedenfalls gehört wer⸗ den muß. Lina's plötzliches Eintreten ſchien ihrem Vater nicht — 99— angenehm zu ſein. Es handelt ſich um Etwas, ſagte er lächelnd, was ſchon vergeben iſt und wobei Du Deine Stimme vielleicht eher abgegeben haſt, als es nöthig war. Ich würde es daher für ſehr wünſchens⸗ werth erachten, wenn Du ſo gut ſein wollteſt eine andere Zeit zu wählen, die beſſer für Dich und uns paßt.— Trotz dieſer Gegenrede ließ ſich das Fräulein aber nicht abhalten, auf Lornſen zuzueilen und ihre Arme, als wollte ſie ſich und ihn ſchützen, um ihn zu legen. Ihr edles Geſicht röthete ſich und ihre glänzenden Augen hingen an ihm feſt mit überwäl⸗ tigender Kraft und Willenskühnheit. Iſt es wahr, fragte ſie, nach ihrem Vater ſich hinwendend, daß in Frankreich das Volk einen wort⸗ brüchigen Fürſten vom Thron geſtoßen und die Fahne der Freiheit aufgepflanzt hat? Still, rief der Staatsrath lachend, ſtill, Du ver⸗ wegene Jakobinerin! Wären wir in Paris, ſie ſetzie, ſo wahr ich lebe! die rothe Mütze auf und ließe ſich von dem alten Lafayette einſegnen. Ich will Deine erhitzte Phantaſie aber ein wenig abkühlen, mein Töchterchen. Die Franzoſen ſind verſtändige Leute. Statt des verjagten Königs nahmen ſie ſich gleich einen anderen und trugen ihn auf ihren Schultern — ,— N » —.,— v- 4. — 93— über die Barrikaden. Die ältere Linie hat der jün⸗ geren Platz gemacht, das Prinzip der Legitimität iſt gerettet, die Charte bleibt eben die Charte, nur— ſoll ſie von jetzt an eine Wahrheit ſein, fügte er mit ſeinem feinen Lächeln hinzu. Das heißt, erwiederte Lina, Du ſetzeſt voraus, der neue König wird da anfangen, wo es der alte gelaſſen hat, und es um kein Haar beſſer machen. Vielleicht macht er es noch ſchlimmer, rief Ham⸗ mmerſteen, die Hände reibend; ja, ich zweifle kaum daran, denn er wird den Kabinetten gegenüber ſeinen Urſprung vergeſſen machen und ſie verſöhnen müſſen. Dann wird ſein Ende ſein, daß ihm daſſelbe geſchieht, wie dem, den er verdrängte. Was Du ſagſt, meine kleine Prophetin! lachte der Baron, aber wirklich, wir haben keine Zeit, Dich als Kaſſandra zu bewundern. Herr Lornſen muß fort in die Stadt, mein Wagen ſteht zu ſeiner Dis⸗ poſition. Er wird zu Haus eine Botſchaft des Kö⸗ nigs finden, der er augenblicklich Folge leiſten muß. Nehmen Sie Abſchied, Lornſen, und kommen Sie, wenn es irgend angeht, heut Abend noch zu uns heraus. Ich hoffe, Lina wird nichts dagegen haben, wenn der geheime Kabinetsrath Lornſen uns beſucht, — 94— ſollte auch der Mond längſt über dem Oereſund ſtehen.— Du willſt zum Könige, mein geliebter Freund? fragte Lina mit einem langen feſten Blick auf Lornſen. Ja, erwiderte er. Du wirſt nicht als Geheimer Kabinetsrath wie⸗ der kommen, fuhr ſie fort. Was ſoll das heißen, Lina, ſtel Hammerſteen ein. Was willſt Du denn, Du ehrgeiziges Mädchen? Steht der Geheime Kabinetsrath Lornſen Dir noch nicht hoch genug, um ihm die Hand zu reichen? Meine Hand gehört ihm auch ohne den Titel, Papa, der ihn auf immer vielleicht von meinem Her⸗ zen trennen würde. Ich ſchreibe Ihnen ein Billet an den Präſidenten von Stemann, ſagte der Baron, und bitte Sie, es mitzunehmen, Lornſen. Sie werden alſo zehn Minu⸗ ten Zeit haben, um anzuhören, was Lina Ihnen zu ſagen hat. Seien Sie aber dann bereit, keinen Au⸗ genblick länger zu ſäumen und Du, Lina, faſſe Dich kurz und denke daran, daß Lornſen jedenfalls Tage genug haben wird, die er Dir ganz widmen kann. Iſt das wahr? rief Lina bewegt, als ihr Vater ſich entfernte. Sage mir, Jens, ob es ſo iſt? Lornſen beugte ſich zu ihr nieder, ſeine Lippen 4 — — — 95— zuckten wie im leidenſchaftlichen Schmerz, ſein flam⸗ mendes Auge lief über ihre Züge hin, als wollte er ihr Bild ſich unvergeßlich einprägen, und ſeine Arme ſchlangen ſich ſo feſt um ſie, als ſtände eine finſtre Macht an ſeiner Seite, die ihm die Geliebte ent⸗ reißen wollte. Mein Leben, rief er, dies armſelige Leben, ich kann es nicht denken ohne Dich. Du haſt mir oft geſagt, Lina, daß Du an mich glaubſt. In dieſer Stunde fordere ich Deinen Glauben. Was willſt Du thun? erwiderte ſie. Setze Dich zu mir und nimm meine Hände. Sieh mir ins Auge und ſage mir, was Du über Dein und mein Schick⸗ ſal beſchloſſen haſt.. Ich werde dem Könige die volle Wahrheit ſagen, wenn er dieſe fordert. Du wirſt ſprechen, wie es einem Manne geziemt, gab ſie zur Antwort, aber Du mußt ſprechen, wie es dem geziemt, der eine große Zukunft vor ſich hat. — Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr ſie dann fort: Ich weiß, daß Björning geſtern Dir zuerſt mittheilte, welche Nachrichten aus der Fremde einge⸗ troffen waren und was wir davon zu hoffen haben. Die Unzufriedenheit mit den beſtehenden Verhält⸗ niſſen iſt allgemein; in allen Theilen des Volks lebt das Verlangen, das zu haben, was andere Völker — 96 beſitzen, ohne beſſer, edler und aufgeklärter zu ſein, als wir. Wir werden dieſe Güter erwerben, erwiderte Lornſen, doch nicht auf dem Wege, den Björning gehen will. Und warum denn nicht? rief das Fräulein von Hammerſteen. Wir haben nie über dieſen Weg ge⸗ ſprochen, aber Du weißt, daß ich nicht zu den Frauen gehöre, welche taub ſind für Alles, was über den beſchränkten Kreis ihres Lebens und ihrer Vorur⸗ theile geht. Björning iſt eine Zeit lang mein Lehrer geweſen, ſeine Gedanken haben mit ihrer Wahrheit mich erfüllt; er iſt mein Freund geblieben, als er verfolgt und geläſtert wurde. Wir haben Briefe ge⸗ wechſelt und uns zuweilen geſehen. Ich habe ihn heut noch geſehen und er hat mir zu meinem Schmerze geſagt, daß ſeine Aufforderungen von Dir zurück⸗ gewieſen wurden. 6 Er fordert Unmögliches von mir, erwiderte Lorn⸗ ſen. Ich ſoll nicht allein ſelbſt Alles abſchwören und verläugnen, was ich für wahr und recht halte, ich ſoll mein Vaterland verrathen, meine Freunde zu Dänen machen. Dein Vaterland iſt Dänemark, ſagte Lina, und eine Dänin iſt es, die Dich liebt. — 92— Ich hoffe, ſprach Lornſen, ihre Hände feſter faſ⸗ ſend, daß Deine Liebe höher ſteht als der Gedanke, ich müſſe ein Däͤne ſein. Er blickte ſtolz und bittend in ihr Geſicht. Ein Schleier liegt auf Deinen Au⸗ gen, ſagte er, o Lina! laß es nicht dunkel werden zwiſchen uns. Du ſollſt ſtolz ſein auf mich, ich habe es Dir geſchworen. Als ein freier Mann will ich zu dem Könige ſprechen, ohne Menſchenfurcht, ein Diener der Wahrheit und des Rechts. Wenn ich wieder komme, werde ich zu Denen gehören, über welchen der Stab gebrochen iſt, nur Du ſollſt ihn nicht brechen, Du allein nicht unter Allen. Was willſt Du thun, rief Lina, hüte Dich vor jedem falſchen Schritte. Du darfſt mit meinem Vater nicht brechen, ehe Du nicht ſicher biſt, ohne ihn feſt zu ſtehen. Der Weg ins Kabinet iſt Dir offen, wage nichts, was ihn Dir verſchließen könnte. So willſt Du alſo, ſagte Lornſen, daß ich heu⸗ cheln, lügen und mich fügen ſoll, um die Schlange zu ſein, die, im Buſen erwärmt, ihren Beſchützer ſticht. Du wirſt bald genug Gelegenheit haben, jeden Schein von Dir zu werfen, erwiderte ſie. Wenn aus Kopenhagen, aus den Inſeln, aus Jütland und aus den Herzogthümern, von allen Seiten Forderungen II. 7 4½ — 98— einlaufen, dann iſt es Zeit, ein Diener der Wahr⸗ heit und des Rechts zu ſein. Du haſt des Königs Ohr dann für Dich; täglich in ſeiner Nähe wird es Dir leicht ſein, ihm Erkenntniß zu verſchaffen. Er ſchätzt Dich und wird Dir vertrauen. Beſtimme Deine Freunde zum Handeln. Wenn Du mich liebſt, Jens, wenn ich Dir vertrauen ſoll, wie Du es for⸗ derſt, ſo zeige mir jetzt, daß ich mich nicht getäuſcht habe. Und worin, ſagte er mit einem bittern Ausdruck der Stimme, könnteſt Du Dich getäuſcht fühlen? In der Größe Deiner Geſinnung, erwiderte ſie. Du mußt ein Opfer bringen, wenn es ein Opfer genannt werden kann. Ich muß Dich vor Dir ſelbſt ſchützen, vor engen Vorurtheilen, an denen Du zu Grunde gehen willſt. Du biſt ein freiheitsliebender, edler Mann, aber tief in Deiner Seele wurzelt ein Gedanke, der alle Freiheit zerſtört. Ich will Dich groß und mächtig an der Spitze eines Volkes ſehen, das Dich als ſeinen Helden verehrt, Du willſt dies Volk zertheilen, zerreißen und vernichten. Was jeder Däne als Schmach und Schande betrachtet, das ſcheint Dir Pflicht und Recht zu ſein. Du ſchlägſt an Deine Bruſt und rufſt: Ich bin ein Deutſcher! und in den geheimen Winkeln Deines Herzens ruft es nach: Ich haſſe dieſe Dänen! —,— — 99— O! nein, erwiderte Lornſen, ich haſſe ſie nicht. 5 Nur Gerechtigkeit will ich, nur Recht! Handelt es ſich nicht um das höchſte Recht der Menſchheit? ſagte Lina. O! mein geliebter Jens, in meinen Armen findeſt Du Alles wieder. Ein Vaterland, Liebe, Treue, gläubige Verehrung. Als Deine Magd will ich Dir dienen; was geſchehen mag, was Menſchen Böſes über Dich bringen kön⸗ nen, ich will es mit Dir tragen. Arm und ausge⸗ ſtoßen will ich an Deiner Seite ſtehen; fliehen will ich mit Dir durch die weite Welt, wenn ſie Dich verfolgen, und wenn Alle Dich verlaſſen, icj will * ausharren bis zum letzten Tage. In zitternder Aufregung preßte ſie den Kopf an ſeine Bruſt und von dem Polſter niederſinkend, ſank ſie zu ſeinen Füßen. Aber ſchon im nächſten Augen⸗ blick erhob ſie ſich beſchämt über dieſe Schwäche, und mit der Pui ihre Locken von der Stirn ſtrei⸗ chend, fuhr ſie mit feſter Stimme fort: Das iſt es, Jens, was ich von Dir fordere. Wie Julia Romeo zurief: Schwör' Deinen Namen ab, heiß' nicht mehr Montague, heiße Capulet, ſo rufe ich Dir zu: Für 2 einen leeren Traum, für einen Namen, der Du ſelbſt nicht biſt, nimm mich und Alles was ich geben kann! Und meine Ehre!l rief Jens erglühend. Du er⸗ 2ö— — 100— innerſt Dich an Julia und vergißt, daß ſie um Ro⸗ meo's Liebesſchwur keine Capulet mehr ſein wollte. Doch genug, fuhr er fort, Du kannſt und darfſt nicht Etwas von mir fordern, was ich nicht ge⸗ währen kann, ohne den ewigen Bruch mit mir ſelbſt. Dein Vater glaubt nicht an Grundſätze, er berechnet, was man Gewiſſen und Ehre nennt, nach Möglich⸗ keiten und Verhältniſſen, Du aber mit dem edlen Willen, mit Deiner kühnen freien Seele, ſtehſt höher. Du kannſt keine ſchmachvolle Erniedrigung von dem Manne verlangen, den Du liebſt. Du würdeſt ihn verachten müſſen, wenn er ſchwach genug wäre, ſich zu unterwerfen. Du willſt nicht? fragte ſie, heftig ſeinen Arm faſſend. Ich will nicht! ſagte er tief und ſtark. Eine Minute lang ſtanden beide ſich gegenüber, bis das glühende Roth, das Lina's Geſicht bedeckte, verblich und ſich in tödtliche Bläſſe verwandelte. Die Aufregung verſchwand aus ihren Zügen und eine Ruhe trat darin herhor, die erſtarrend auf Lornſen wirkte. Gütiger Gott! rief er tief eichüttrt Lina, welche Qual muß ich ertragen. Sprich es nicht aus, was ich in Deinen Augen leſe. — 101— Nichts, ſagte ſie, als was Du wiſſen mußt. Mein Glauben wankt und meine Liebe folgt ihm nach. Geh' und erfülle unſer Geſchick, aber wiſſe, Du entſcheideſt es für immer.* Halt ein! rief Lornſen, Du weißt nicht, was Du willſt. Trennung, Jens, ſagte ſie laut und ſtark, ewige Trennung! mit allen ihren Schrecken ſteht ſie vor mir. Langſam zog Lornſen die Hand zurück. Ein un⸗ geheurer Schmerz machte den ſtarken Mann beben, dann richtete er ſich auf und ſagte: ich habe es kommen ſehen, ſchwarz und gewiß wie die Wetter⸗ wolke, die der Schiffer nahen ſieht, und dennoch konnte ich glauben, ich würde ihr entrinnen. Glaubſt Du, ſagte ſie mit einem leiſen Beben der Stimme, daß es möglich iſt, dem Schiffbruch zu entgehen, wie wir ihm entgangen ſind, als Deine Hand mich dem Untergange entriß?— Wo Liebe und Glauben wanken und fallen, was bleibt da noch zu hoffen? erwiderte er. Beſinne Dich! Giebt es kein Mittel? rief Lina. Iſt es wahr, Jens? Muß es ſo ſein? Mein Gott! iſt die Brücke zwiſchen uns abgebrochen und jenſeits kein Engel der Verſöhnung mehr? Lebe wohl, ſprach Lornſen, und wie er ſich auf — 102— ihre Hand beugte, fielen zwei Thränen darauf, die glühend brannten. Hiier iſt das Billet, Lornſen, ſagte der Staats⸗ Krath, wieder hereintretend, und nun eilen Sie. Fahren Sie bei dem Juſtizminiſter heran und ge⸗ ben Sie ihm das ſelbſt; es iſt gut, wenn Sie mit ihm ſprechen, ſeine Winke werden Ihnen vortheil⸗ haft ſein. Niemand kann Ihnen von größerem Nutzen werden, als dieſer alte erfahrene Staats⸗ mann, dem Sie ſich zunächſt anſchließen müſſen. Ich werde Ihren Auftrag erfüllen, verſetzte Lorn⸗ ſen, ſeinen Hut nehmend. Vorwärts denn, lachte Hammerſteen, Sie wer⸗ den mit Sehnſucht hier erwartet werden, mein lieber Kabinetsrath. Heut Abend, wenn Sie wieder bei uns ſind— Lina, was meinſt Du, Kind, wenn ein ſeliger Verlobungsabend ganz in der Stille gefeiert würde? Frage Lornſen, Papa, ſagte Lina, indem ſie ſich umwandte und hinausging. So ſind ſie Alle, rief der Stnatsrath. Wenn es Ernſt wird, laufen ſie davon. Nun fort, lieber Freund, ich hoffe, Sie wiſſen, was Sie thun müſſen?. 3 — 103— Seien Sie unbeſorgt, erwiderte Lornſen, ich weiß es genau. Nach wenigen Minuten fuhr der Wagen im Galopp davon; an Brandens Arm ſtieg Lina die Terraſſen hinanſ. 14. Der König war in Frederiksborg, dem reizenden Sommeraufenthalt in der Nähe der Hauptſtadt, von deſſen Hügel herab die Ausſicht auf Meer und Land zu den ſchönſten gehört, die es giebt. Als Lornſen die Terraſſe hinaufſtieg, ſah er den alten Monarchen langſamen Schritts, die Hände auf den Rücken gelegt und den Kopf niedergebeugt, im Nachſinnen unter den Bäumen auf und nieder gehen. In ſeinem einfachen Rocke ſah er wie ein ſchlich⸗ ter Bürger aus, der ſeine ſchlechten Geſchäfte be⸗ denkt und von Sorgen, wie von der Hinfälligkeit ſeines Alters Tebeugt, keinen Blick für die blühenden und prachtvollen Umgebungen ſeines Hauſes hat. Die Schildwachen an den Ecken des Schloſſes in — 104— „ ihren Bärenmützen, den leuchtenden rothen Röcken und geſchmackloſen blauen Hoſen, ſtanden wie Sta⸗ tüen ſtarr und ſtill und ſchauten den alten Herrn an, der das einzige lebende Weſen hier war, denn nirgend zeigte ſich an Thüren oder Fenſtern Einer aus dem Troß, der Fürſten zu umgeben pflegt. Die Stille umher war lautlos, ein ſanfter Windzug nur warf dürre Blätter auf den greiſen König. Als dieſer Lornſen's Schritte hörte, richtete er den Kopf empor und mit einem plötzlichen Ruck nahm er ſeine militäriſche Haltung und die rich⸗ terliche ſtrenge Miene an, welche er ſich zu geben wußte. Nun, ſagte er, da ſind Sie ja? Wo waren Sie? Was wollen Sie? Wer hat Sie hierher be⸗ rufen? Wenn Ew. Majeſtät mir den Befehl nicht ertheilt haben, in Frederiksborg zu erſcheinen, ſo muß ein Irrthum obwalten, erwiderte der Gefragte. Ich ſage das nicht, antwortete der König, ich wollte Sie ſehen, aber weit früher, vor fünf oder ſechs Stunden. Sie ſcheinen die Pünktlichkeit nicht zu lieben, Herr Kanzleirath, fuhr er in ſeiner bar⸗ ſchen Weiſe fort, ohne eine Antwort abzuwarten; Pünktlichkeit verlange ich von meinen Dienern. Es — 105— iſt das Unglück der Fürſten, von nachläſſigen Die⸗ nern umringt zu ſein. Mein Tagewerk beginnt früh und endet ſpät. Wer um mich iſt, von dem ver⸗ lange ich, daß er meine Thätigkeit theile, jede Mi⸗ nute bereit ſei. Das iſt beſchwerlich, ich gebe es zu. Es iſt bequemer, ſeine Zeit ſicher zu haben. Wer das will, muß bleiben, wo er iſt. Er warf einen muſternden Blick auf Lornſen und ſagte dann mil⸗ der: Sie können arbeiten, ich weiß es, es frägt ſich, ob Sie Luſt haben, in meiner Nähe zu arbeiten. Ich ſetze voraus, daß Sie ſchon wiſſen, was ich bedarf. Haben Sie mit dem Staatsrath Hanmerſtoen ge⸗ ſprochen? Ja, Majeſtät. Er hat Ihnen geſagt, daß ich einen Kabinetschef brauche, auf deſſen Schultern die laufenden Geſchäfte ruhen, deſſen täglicher und ſtündlicher Vortrag nöthig ſein kann. Nun, ſagte er, und eine Art Lächeln, das ſeine faltigen Züge freundlicher machte, begleitete ſeine Worte, Sie haben Schultern dazu, an Kraft fehlt es Ihnen nicht; es kommt auf den Willen an. Ha⸗ ben Sie den? Da Ew. Majeſtät mir einen ſo ehrenden Beweis Ihres Vertrauens giebt, erwiderte Lornſen, wird mein redlicher Wille ſich verdoppeln. * — 106— Wenn ich kein Vertrauen zu Ihnen hätte, würde ich Sie nicht wählen, erwiderte der König. Die Zeiten ſind danach, um ſich vorzuſehen. Talente ſind nicht ſelten, aber charakterfeſte Männer um ſo mehr. Es wankt jetzt Alles; Glauben und Ver⸗ trauen ſind ankerloſe Schiffe, das Heiligſte und Höchſte wird im Schlamme fanatiſcher Tollheit entehrt. Der warme und deutungsvolle Blick, welcher Lornſen's Erwiderung war, wurde von dem König bemerkt. Sein Sie ruhig, ſagte er. Ich habe viel erlebt in den Jahren, die über mein Haupt hinweg⸗ gezogen ſind. Viele traurige Tage, viele kummer⸗ volle Nächte, viel Schlechtigkeit und Nichtswürdigkeit der Menſchen; aber ſie ſind einmal ſo, es läßt ſich daran nichts ändern. Man muß thun, was man kann, um zu retten, was zu retten iſt, und ſich nicht fortreißen laſſen von dem, was Recht iſt und bleiben muß. Die menſchliche Vernunft, erwiderte Lornſen, kann niemals ſo zu Schanden werden, um nicht endlich immer den Sieg über das Unwahre und Unrechte zu erlangen. Bah! rief der König, was giebt ſich nicht Alles als Vernunft aus. Fragt jeden Narren und jeden ſchlechten Kerl, er wird ſeine Streiche vernünftig nen⸗ — 107— nen. Die Ritter der Vernunft ſind es eben, die alle Unvernunft aushecken, die Köpfe verwirren und Unheil über die Welt bringen. Sie wiſſen doch, was ſo eben die Vernünftigen in Frankreich gethan haben, oder wiſſen Sie es nicht? Ich weiß es, Majeſtät, aber ehe es dahin kam, hätten die, welchen Gewalt und Macht gegeben iſt, bedenken ſollen, was ſie thaten. Ein Volk läßt ſich nicht zu einer Revolution hinreißen, wenn es durch langes Unrecht nicht dazu gedrängt wird. Die Schuld liegt nicht an ihm, ſie fällt denen zur Laſt, welche ihm ſein Recht vorenthalten, Geſetze und Eid⸗ ſchwüre brechen und die warnende Stimme über⸗ hören, die nach uraltem Glauben Gottes Stimme iſt. Die Stimme des Volkes, der öffentlichen Meinung! Oeffentliche Meinung! wiederholte der König, der den Sprecher durchdringend anblickte. Was iſt öffent⸗ liche Meinung? Ein Unding, ein Spielball aller Intriguen und Ränke. Sie ſind jung. Als ich jung war, glaubte ich auch an die Wahrheit und Weisheit der öffentlichen Meinung, ich habe erfahren, wie es mit ihr ſteht. Sie iſt meine Bundesgenoſſin gewe⸗ ſen, als die Engländer Kopenhagen verbrannten, als Hunger und Armuth das Volk heimſuchten. Jetzt geht es ihm gut, aber die öffentliche Meinung hat mich aufgegeben. Glauben Sie nicht, daß ich nicht weiß, wie man über mich denkt, daß ich die Angriffe nicht kenne, die täglich auf mich gemacht werden; daß ich nichts von den unruhigen Köpfen erfahre, die meine Rechte und mich ſelbſt anzutaſten ſuchen. Nicht Sie ſelbſt, Majeſtät, ſagte Lornſen. Jeder⸗ mann ehrt den edlen Charakter des Königs, nur das Regierungsſyſtem wird angegriffen. Thorheit! rief der König rauh und heftig. Ich bin ein unbeſchränkter Monarch, ohne verantwortliche Diener. Das Regierungsſyſtem bin ich! Was da⸗ gegen geſagt wird, wird gegen mich geſagt. Reden Sie, ich will es haben, was denken Sie von dem Re⸗ gierungsſyſtem, das von der öffentlichen Meinung an⸗ gegriffen wird? Ich habe niemals Unrecht geduldet; ich habe Gerechtigkeit geübt und werde ſie üben. Aber meine Rechte werde ich feſthalten; Schwindler und Volksbeglücker, wer ſie auch ſein mögen, ſollen ſie mir nicht nehmen. Majeſtät, erwiderte Lornſen ruhig, die Menſch⸗ heit läßt ſich in ihrem Entwickelungsgange nicht auf⸗ halten, und was damit nicht mehr in Einklang zu bringen iſt, muß der Zeit und ihren Forderungen — 109— weichen. Wird es gewaltſam den Menſchen aufge⸗t, drungen, ſo wird der Sturz auch gewaltſam ſein. Man kann Leichen ſchmücken und ſchminken, aber Leben kann man ihnen nicht einhauchen. Die mäch⸗ tigſten Gebieter der Erde haben den Kampf gegen die bewegenden Ideen verſucht, mit allen Waffen haben ſie einfache Wahrheiten bekämpft, welche von der Menſchheit als ſolche erkannt wurden, aber oft noch ehe ſie ſtarben, mußten ſie bekennen, daß es unmöglich ſei, auch nur einen Gedanken zu be⸗ ſiegen. Was wollen Sie damit ſagen? fragte der König lebhaft.. Daß die abſolute fürſtliche Gewalt in unſerer Zeit eben ſo vergebens die nothwendigen Refor⸗ men aufzuhalten vermag, als die katholiſche Kirche es vermochte, der Reformation Stillſtand zu ge⸗ bieten. Ei ſo' rief der König, Sie ſind alſo, was man einen Mann der Bewegung nennt? Ja, Mafeſtät, erwiderte Lornſen feſt, ich habe meine Ueberzeugung niemals verläugnet; in dieſer Stunde aber um ſo weniger, da es darauf ankommt, das Vertrauen, welches Sie mir bezeigen, in keiner Weiſe zu mißbrauchen. — 110— Ich ſoll wiſſen, woran ich mit Ihnen bin, ſagte der König. Nun, das iſt ehrlich und auf⸗ richtig wie ein Deutſcher. Er nickte dem Kanzlei⸗ rath zu. Ein Däne hätte es nicht gethan, aber re⸗ den Sie, was wollen Sie? Was haben Sie mir zu ſagen? Ddieſer Aufforderung gehorchte Lornſen. Er ſagte dem Könige Alles, was er dachte. Er ſprach einfach und warm, klar und beſtimmt, wie ein Mann, der nichts zu verlieren hat und der nichts fürchtet. Das harte, faltige Geſicht des Königs veränderte ſich zu⸗ weilen, dann und wann warf er einen ſeiner ſtarren ſtolzen Blicke auf den kühnen Sprecher, und ſeine Ge⸗ ſtalt ſtraffte ſich, er warf den Kopf in den Nacken und ſtampfte mit dem Fuße feſt auf. Aber nach eini⸗ gen Augenblicken beruhigte er ſich und die Hände auf den Rücken gelegt, flog ein bitteres Lächeln durch ſeine Züge. Fahren Sie fort! rief er, als Lornſen eine Pauſe machte, ich will jetzt Alles hören, Alles! verſchweigen Sie mir nichts. Majeſtät, ſagte Lornſen, ich habe Weniges noch hinzuzufügen. Der Drang nach konſtitutioneller ge⸗ ſicherter Freiheit, nach den Rechten eines freien Vol⸗ kes iſt nicht mehr zu unterdrücken. Es iſt nicht wahr, wenn man Ihnen ſagt, daß eine Hand voll — 111— unruhiger Köpfe nur ſtill gemacht zu werden braucht, um Ordnung und Zufriedenheit zu ſchaffen. Wahre Ordnung und Zufriedenheit kann keine abſolute Re⸗ gierung, und wäre auch an ihrer Spitze ein ſo gü⸗ tiger und väterlich geſinnter Monarch, wie Ew. Ma⸗ jeſtät, bei einem denkenden Volke herſtellen. Hier aber ſind es alle denkenden Männer, die Kraft und die Blüthe der Nation, es iſt das Volk, Sire, das von Ihnen ſein Recht fordert. Sein Recht! rief der König. Wo iſt ſein Recht? Wo ſteht es geſchrieben? Sie ſagen mir Dinge, die von allen meinen Räthen Lügen geſtraft werden, Hammerſteen an der Spitze. So iſt es, Majeſtät, gab Lornſen zur Antwort, aber dieſe Räthe ſtehen dem Volke gegenüber. Sie ſind nicht aus ihm hervorgegangen, und eben darin beſteht der Bruch mit der Zeit, daß ſie ihr Trotz zu bieten wagen; daß ſie im Volke nichts ſehen, als eine gehorchende, zum Gehorſam geborene Maſſe, die höchſtens das Recht hat, ſich ſatt zu eſſen, und deren Treiber und Herren nur dafür ſorgen müſſen, daß die Krippen nicht ganz leer werden. Abgeſchmackt! fiel der König heftig den Kopf ſchüttelnd ein. Hüten Sie ſich, Herr, Sie ſprechen Beleidigungen aus. Wollen Sie gemeinſame Sache — 112— machen mit den Leuten, die von norwegiſcher Kon⸗ ſtitution träumen, von Skandinavien und Republik? Ich bin weder Däne noch Republikaner, ſagte Lornſen. Nicht! rief der König. Auf welchem Boden ſte⸗ hen Sie denn? Ach, ich weiß, Sie gehören zu den Kieler Rechtsverdrehern, die in mir nur ihren Herzog erblicken können. Von Rechtsverdrehung, ſprach Lornſen, den Kö⸗ nig feſt anſchauend, kann da nicht die Rede ſein, wo die Geſchichte ihr beſtimmtes Zeugniß ablegt. Ich glaube nicht zu irren, daß Ew. Majeſtät ſelbſt von der Wahrheit deſſen, was von uns behauptet und gefordert wird, überzeugt iſt. Alſo fordert man auch! fuhr der König gereizt fort. Die Herzogthümer ſind zufrieden. Sie wiſſen nichts von Forderungen. Hammerſteen hat mir ge⸗ ſagt, daß Sie ſelbſt am beſten bezeugen würden, daß das Volk keinen Antheil nehme an den Wühle⸗ reien der Kieler Advokaten und dem Erbſchaftsſtreit, den ſie angezettelt haben. Der Staatsrath hat ſich geirrt in mir ſowohl wie in den Verhältniſſen, erwiderte Lornſen. In den deutſchen Bewohnern der Herzogthümer iſt nichts — 113— ſo lebhaft als das Nationalgefühl, das deutſche Ge⸗ fühl, nicht zum däniſchen Staate zu gehören. Wozu ſonſt? fuhr der König auf. Und Sie, Sie denken eben, Sie haben daſſelbe Gefühl? Ja, Majeſtät, weil es Recht und Pflicht iſt, es zu haben. Bah! rief der König, es kann Niemand ſo fühlen, der das Wohl des Staates bedenkt. Das wahre Wohl des Staates, ſagte Lornſen, fordert, daß, wie Ew. Majeſtät ſagt: Recht Recht bleibe! Sie, Sire, ſind als höchſter Richter be⸗ rufen, alle Ihre Unterthanen in gleichem Maße darin zu ſchützen.— 3 Die Herzogthümer haben das höchſte Vertrauen zu ihrem gnädigen und gerechten Fürſten, fuhr er fort, als der König keine Antwort gab. Ja, Sire, Sie werden die Wahrheit nicht untergehen laſſen, damit der Tag nicht kommen möge, wo wir ſelbſt uns vor unſeren Feinden ſchützen müſſen. Bah! rief der König, lebhaft zurücktretend. Was wollt Ihr? Was könnt Ihr wollen?. Eine Verfaſſung, Majeſtät, welche unſere Selbſt⸗ ſtändigkeit verbürgt; die Sicherheit, nicht länger als däniſche Provinzen betrachtet und danach behandelt zu werden, welche, wenn es Gott ſo gefällt, daß II. 8 — 114— Ew. Majeſtät Mannesſtamm ausſterben ſollte, uns die Trennung von Dänemark in friedlicher Weiſe erleichtert. Der König gerieth bei dieſen letzten Worten in eine Bewegung, die mehr ſeine Beſtürzung als ſeinen Zorn ausdrückte. Das wagen Sie mir zu ſagen? „ſprach er heftig. Trennung! während jeder Däne von mir Verſchmelzung fordert! Es iſt nicht unſere Schuld, erwiederte Lornſen ruhig, die Dänen haben es ſo gewollt. Hätte man unſer Recht niemals angetaſtet, hätte man uns ge⸗ halten, was feierlich beſchworen wurde, wir würden nie in die Lage gerathen ſein, als Dänen betwachtet zu werden. Majeſtät, Sie haben ein Herz für das Rechte und Gerechte, Sie ſchützen die Bedrängten und halten die Ehre für das höchſte Gut jedes Menſchen. Schweigen Sie! rief der König mit dem Fuß ſtampfend und gehen Sie. Er wendete ſich um und that ſelbſt einige Schritte, dann kehrte er plötzlich zurück. Was Sie als Begehren der Herzogthümer ausſprechen, iſt unmöglich zu erfüllen, ſagte er ſtreng, aber mit würdiger Ruhe. Ich kann es nicht und keiner meiner Nachfolger kann es. Was auch in alten Zeiten geſchehen ſein mag, in alten Perga⸗ — 115— menten ſteht, es iſt unfruchtbar darüber zu ſtreiten. Die Wahrheit iſt, daß Dänemark nicht beſtehen kann ohne die Herzogthümer, die es ſeit Jahrhun⸗ derten als ſein Eigenthum betrachtet und ſich nicht nehmen laſſen wird. So lange ich lebe, ſoll nichts geändert werden, das iſt Alles, was ich ver— ſprechen kann.. Und die Zukunft, Majeſtät, fordert ſie keine Rechenſchaft von Ihnen? Herr Kanzleirath Lornſen, ſagte der König, den Kopf aufwerfend, als Kabinetsrath kann ich Sie nicht gebrauchen, aber einen guten Rath will ich Ihnen geben: Kopenhagen iſt kein Ort für Sie, gehen Sie nach Schleswig zurück. Wenn dort ein Platz für Sie offen iſt, den Sie wünſchen, ſo mel⸗ den Sie ſich, ich will Ihnen nicht entgegen ſein. Ich danke Ew. Majeſtät für dieſe Gnade, er⸗ widerte Lornſen, ſie entſpricht Allem, was ich jetzt noch wünſchen kann. So leben Sie wohl, ſprach der König. Es thut mir leid um Sie, Sie ſind ein guter Kopf, aber wie ich immer gedacht habe, zu höheren Stellen un⸗ brauchbar, zu überſpannt, fantaſtiſch, unklar. Sie haben Vieles verſcherzt, hüten Sie ſich, nicht Alles zu verlieren. 8* — 116— Alles, Majeſtät, wenn es ſein muß, nur das Recht und die Ehre nicht. Der König winkte mit der Hand. Lornſen ging die Terraſſe hinab; er blickte ihm ernſthaft nach. Die folgenden Tage waren ungemein unruhig und lebendig in Kopenhagen, das mit Gerüchten aller Art gefüllt war.— Bald hieß es, der König wolle Vertrauensmänner berufen, die eine Verfaſſung aus⸗ arbeiten ſollten, bald wieder, er wolle von nichts hören und habe diejenigen aufs härteſte behandelt, welche eine Vorſtellung gewagt hätten.— Der Kron⸗ prinz ſollte für eine Aeußerung übel angekommen ſein, der Stadtrath ſich geweigert haben, eine Pe⸗ tition an den König zu ſchicken. Die Polizei ſei thätig, die Preſſe werde aufs ſchärfſte bewacht, ein Artikel über Dänemarks Hoffnungen in einem gele⸗ ſenen Blatte ſei ſogleich mit Beſchlag belegt worden, der Verfaſſer werde verfolgt. Lornſen hatte dem Staatsrath den ganzen Erfolg — 117— ſeines Geſpräches mit dem Könige geſchrieben und bei dem ſchließlichen Rathe des Monarchen hinzu⸗ gefügt, daß er ihn zu befolgen gedenke.— Ohne irgend eine Reflexion beizufügen oder eine Entſchul⸗ digung zu verſuchen, ſchloß er den Brief mit ſeinem Danke für die vielfache Güte des Barons, und mit der Bitte ihm dieſe nie ganz entziehen zu wollen. Es war ein möglichſt förmlicher, wohlgeſetzter Ab⸗ ſchiedsbrief mit der vollſten Gewißheit geſchrieben, daß es das Letzte ſei, was geſchehen müſſe.— Er athmete auf, als es vollbracht war. An Lina ſchrieb er kein Wort. Er nannte ihren Namen nicht, er erlaubte ſich keine Andeutung, keine Klage, nicht die leiſeſte Erinnerung an das, was er verloren und was mit unabweisbarer Gewalt ſich geltend machte.— Mit der Ruhe der Reſignation überlegte er ſeine Ent⸗ ſchlüſſe und bekämpfte die Stürme ſeiner Seele, um jede Spur ſorgfältig zu verbergen. Er ſandte den Brief ab und erhiell keine Ant⸗ wort. Den ganzen nächſten Tag wartete er darauf in quälender Unruhe, und wie oft er ſich auch ſagte, daß eine Antwort überflüſſig, und keine Antwort jedenfalls die beſtimmteſte Antwort ſei, ſo empfand er doch nach und nach erſt die ganze Größe ſeines Opfers. Er mochte in den einſamen Stunden der — 118— Nacht ſich Alles ſagen, was er zu ſeinem Troſte ſagen konnte, unzählige Male ſich zurufen, daß Lina ihn nie geliebt habe, daß er ein Spiel ihrer eitlen Träume und eines leichtfertigen Ehrgeizes geweſen ſei, der ſich darin gefallen, ihn der Welt und den Verhältniſſen zum Trotz zu ſich empor zu heben, um ihn von ſich zu werfen, als er ihr Knecht nicht ſein wollte. Der Zorn, den er dadurch in ſich erregte, hielt nicht vor gegen den tiefen Schmerz um ſein verlorenes Glück, um Jahre voll Hoffnungen, um eine Zukunft, die wie eine Nacht ohne Sterne auf ſeiner Seele lag. Als es ganz finſter war, ging er auf Seiten⸗ pfaden zu der Villa hinaus und ſetzte ſich auf die Bank in dem kleinen Tempel auf der Höhe des Hügels, wo er ſo oft mit Lina geſeſſen hatte. Es war lautlos und düſter weit umher. Dann und wann dröhnte es hohl vom Meere herauf, das in phosphoriſchem Leuchten ſeine matten Wellen gegen das Ufer warf. Endlich trat die untergehende Sichel des Mondes blutigroth unter ſchwarzen Wolken vor und zitterte über ein paar Fenſter des Hauſes. Seine Augen hefteten ſich ſtarr daran feſt. Es war Lina's Zimmer. Er ſah die weißen, tief herabge⸗ laſſenen Vorhänge, es war ihm, als höbe ihre Hand — 119— ſie auf, als ſähe ihr blaſſes, leidendes Geſicht ihn fragend und vorwurfsvoll an. Er ſprang auf und ſtreckte die Arme aus, aber ſeufzend ließ er ſie ſinken. Das Haus lag todt und ſtill, keine Stimme rief ſeinen Namen. Als er am Morgen in ſeine Wohnung trat, war ſein erſter ſuchender Blick auf einen Brief gerichtet, welcher auf dem Tiſche lag. Mit gieriger Haſt griff er darnach, doch neue Täuſchung. Es war ein Brief aus Silt, er erkannte auf der Stelle die Handſchrift ſeiner Mutter. Ein weiches und wehmuthsvolles Gefühl erfaßte Lornſen, als er die beſorgten Worte las und eine Sehnſucht, wie er ſie nie gekannt, füllte ſein ganzes Herz in dieſem Augenblicke nach dem ſtillen Heerde ſeines Vaters, nach der Laube von Schminkbohnen mit ihren kühlen breiten Blättern, und nach den treuen Armen, die dort ſeiner warteten. Meine Mutter! murmelte er vor ſich hin, Du haſt es mir wohl geſagt. Sie ſind falſch, dieſe Dänen, falſch in der Liebe, wie im Kriege heim⸗ tückiſch und eitel. Ich wußte es und doch habe ich Dir nicht glauben wollen. „Dein letzter Brief, Jens, ſchrieb die Mutter, hat uns gar wenig Freude gemacht. Es war ſo — 120— viel Mißmuth und Unzufriedenheit mit Dir ſelbſt darin, daß Lorenz Leve, der ihn uns vorlas, bei einem Kopfſchütteln blieb.— Gebt Acht, Gevatter, rief er, Jens iſt ein großer Herr geworden, und kann ein noch größerer werden, aber es wird am Ende doch nichts daraus. Er iſt nicht dazu ge⸗ macht ſich zu bücken, zu ſchmiegen und zu fügen, ſich roth und weiß anzuſtreichen, wie ein echter Danebrogsmann und uns mit treten zu helfen, wie ein ſolcher es rechtſchaffen thun muß. Es liegt ein Stein in ſeinem Wege; wills Gott nicht, daß er die Beine daran zerbricht.“ „Dein Vater ſprach etwas dazu von Untiefen, 3 auf welchen Dein Schiff liege, und von Wellen, die Dein Deck wegſchlügen; aber, lieber Jens, ich weiß es beſſer, was Dir fehlt. Es liegt bei Dir im Her⸗ 1. Ich ſeh es in jedem Worte, es iſt etwas, was Dich bange macht, Du könnteſt allen Glauben und Muth zum Leben verlieren und meinen, es gäbe Niemand mehr auf Erden, der an Dir feſthielte mit Liebe und Treue. Wenn es das iſt, Jens, ſo komm zu uns, mein Sohn. Ein Mutterherz iſt treuer, als man ſich's denken kann, und da iſt keiner hier, der— nicht Liebe und Troſt, klare Augen und reinen Sinn für Dich hätte. Komm nach Silt, mein geliebtes — 121— Kind. Es iſt mir, als wärſt Du krank geworden bei den vornehmen Leuten, und müßteſt geſund wer⸗ den in unſerer grünen Marſch auf Warft und Dünen. — Unſer Voigt iſt endlich geſtorben. Vielleicht machen ſie Dich dazu. O! Jens, wenn ich das denke, pocht Alles in mir vor Freude. Du, der Voigt von Silt! Du, unſer orſter Mann im Lande, geehrt von Allen, geliebt von Deinen Mitbürgern. Was könnte da Alles geſchehen von Dir zur Hülfe und Beſſerung. Wenn Dich die Dänen in Kopenhagen zum Miniſter machten, oder meinetwegen gar zu ihrem Könige, es wäre mir wahrlich nicht halb ſo lieb, als wenn mein Jens Voigt von Silt würde, und wiederkäme, um mit uns zu leben! Hal rief Lornſen, indem er den Brief ſinken ließ, wäre es das, was übrig bliebe von meinem Ehrgeiz, und dennoch— o! wie wahr, wie gut iſt dieſer Brigf, wie treu heimelt mich jedes Wort an. Wohin könnte ich mich retten mit meinem wunden Herzen als zu Dir, meine Mutter, in das Land meiner Väter, in das Land meiner Sehnſucht, dem ich Alles opferte, was ich habe. In dieſem Augenblick hörte er draußen einen Wagen raſch heranrollen und halten, und gleich darauf klopfte es an ſeine Thüre. — 122— Herr Staatsrath! ſagte Lornſen überraſcht. Ich komme ſelbſt, erwiderte Hammerſteen, um Ihnen, mein lieber Kanzleirath, für Ihr Schreiben zu danken. Es war das Letzte, was mir übrig blieb, nach⸗ dem ich gethan hatte, was ich meinen Grundſätzen, meinen Ehre und Pflicht nach thun mußte, ſprach Lornſen. Kein Wort mehr darüber, liebſter Freund, rief der Baron, ihm freundlich die Hände drückend. Sie haben entſchieden. Die Sache iſt beendet. Man kann ſtreiten und leiten, ſo lange die Verhandlungen offen ſind, aber nichts iſt thörichter, als gegen voll⸗ endete Thatſachen noch Einwendungen machen wollen. Ein fait accompli iſt das Siegel unter jedem Do⸗ kument, es läßt ſich nichts mehr dagegen ſagen; die Folgen nimmt jeder auf ſeine eigene Rechnung. Aber, fuhr er dann eben ſo lächelnd fort, wie in den Tagen der beſten Uebereinſtimmung, Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht, ich muß Ihnen meine aufrichtige Bewunderung zollen. Der König hat von Ihnen die ſtärkſten Dinge gehört. Sie haben ihm geſagt, was wohl noch nie Einer ihm geſagt hat; dennoch iſt er Ihnen ſo gewogen wie je vorher. Er nannte Sie heut noch einen aufrichtigen, ſtandhaften Mann 123 von Geiſt und Charakter, wie es wenige giebt, der leider nur durch ſeinen Standpunkt nicht ferner hier zu brauchen ſei. Benutzen Sie die Gnade Sr. Ma⸗ jeſtät und tragen Sie recht bald auf Verſetzung nach Schleswig, Glückſtadt oder Kiel an. Ich werde dem Könige heut noch ein Geſuch einreichen. Sehr gut, ſagte Hammerſteen, aber es iſt für den Augenblick nichts leer, was für Sie paßte. Der König hat ſich Bericht erſtatten laſſen. Sie ſehen, er hat ſelbſt ſchon daran gedacht, Ihren Wünſchen zuvorzukommen. 5 Ich will den edlen Freunden, die für mein künf⸗ tiges Wohl ſo beſorgt ſind, die fernere Mühe ſparen, erwiderte Jens lächelnd. Der Voigt von Silt iſt geſtorben, ich wünſche ſein Nachfolger zu werden. Hammerſteen ſah ihn erſtaunt an. Der Voigt von Silt iſt todt, ſagte er, aber das iſt eine Sub⸗ alternſtelle von geringer Bedeutung. Was wollen Sie damit? Der König denkt daran, Sie als Ctats⸗ rath in die Schleswig⸗Holſteinſche Regierung zu brin⸗ gen, als Ober⸗Regierungsrath Ihnen einen nützlichen und wichtigen Wirkungskreis zu verleihen, und wahr⸗ lich, ich ſollte denken, ein Mann, der um ſeines Va⸗ terlandes Rechte ſo viel gethan hat, würde lieber in — 124— der Landesregierung Platz nehmen, als in dem öden Winkel bei Bauern und Fiſchern ſitzen. Dennoch ziehe ich dies vor, erwiderte Lornſen. Als Voigt von Silt bin ich der Erſte auf der Inſel und kann mit Rath und That wenigſtens im be⸗ ſcheidenen Kreiſe meinem Volke beiſtehen. Als Mit⸗ glied des Regierungskollegiums kann ich nichts als Befehle vollziehen, und wie Sie am beſten wiſſen, Herr Staatsrath, kann die Regierung eben nichts thun, was in Kopenhagen nicht vorher wohl über⸗ legt und approbirt worden iſt. „Sie ſind reich an überraſchenden Entſchlüſſen, lachte Hammerſteen. Es wird auffallen, daß ein Mann wie Sie, der heute im Kabinet ſitzen könnte, wenn er gewollt hätte, ſo beſcheiden in ſeinem Ehr⸗ geize iſt, um Voigt von Silt werden zu wollen. Es iſt etwas von Römertugend darin. Man könnte den⸗ ken, es hieße auch bei Ihnen, lieber in Maſſilia der Erſte, als in Rom der Zweite!— Nun, wie Sie wollen, man wird Ihre Bitte nicht abſchlagen, aber jedenfalls werden Sie gut thun, auch in Silt immer mit einem Auge nach Kopenhagen zu ſehen, da Sie überzeugt ſein können, daß Sie hier ein zu gutes Andenken hinterlaſſen, um vergeſſen zu werden. Er ſprach die letzten Worte ſcharf betont aus und — 125— nickte Lornſen leicht zu.— Ich danke Ihnen, Herr Staatsrath, für dieſen freundl ichen Rath, erwiderte dieſer. Jedenfalls kommen Sie bedeutend beſſer fort, wie unſer armer Branden, ſprach der Baron weiter. Der gute Kammerherr hat ſich, Gott weiß von wel⸗ cher Tarantel geſtochen, verleiten laſſen, dem Könige eine Denkſchrift zu übergeben, ganz im Sinne des jungen Dänemark, voll unſinniger Forderungen. Sie ſoll vortrefflich geſchrieben ſein, ſtiliſtiſch ein Meiſter⸗ ſtück. Es iſt Schade, daß der König ſie in ſeiner erſten Heftigkeit zerriſſen und dem unglücklichen Bran⸗ den vor die Füße geworfen hat. Der Kammerherr hätte ſie dort nicht liegen laſſen ſollen, ſagte Lornſen. Ich meine, er war ſehr froh, als er wieder in freier Luft war, rief der Staatsrath. Er wird ſeine Freiheit jetzt im reichen Maße genießen können. Der König hat ihm den Kammerherrnſchlüſſel abnehmen laſſen und ihm befohlen, wo es ihm beliebe, weitere Studien über Dänemarks Staatsleben zu machen, nur nicht in Kopenhagen und in Seeland. So iſt er denn im Begriff heut Abend auf ſeine Güter nach Fühnen abzureiſen und wird Lina begleiten, die mit einer achtbaren Geſellſchafterin, unſerer würdigen — 126— Couſine Alfeld, ebenfalls auf einige Zeit ſich ländlich dort erholen wird. Der gute Branden, rief er, als Lornſen ſchwieg, Sie wiſſen, wie ſehr er Lina's Schatten iſt. Es iſt für ihn der größte Troſt in ihrer Geſellſchaft zu bleiben, und paſſendere Charak⸗ tere kann es nicht geben. Beide von denſelben Ideen erfüllt, beide ſo harmoniſch durch Gemüth und Geiſt verbunden. Ich hoffe, wenn ich in einigen Monaten ſie aufſuche, ein höchſt glückliches und einſiedleriſches Pärchen zu finden. Ein höchſt glückliches Pärchen, wiederholte Lorn⸗ ſen, indem er alle Bewegung bezwang. Ich zweifle nicht daran. Lieber Freund, rief Hammerſteen, glauben Sie mir, Weiber, die ſo zu ſagen ohne Unterröcke ge⸗ boren wurden, ſogenannte emancipirte Frauen, mit freigeiſtiger Verachtung aller gegebenen Verhältniſſe ſind am glücklichſten, wenn ihre geiſtreichen Capricen unterthänige Bewunderer finden. Branden mit ſeiner liebenswürdigen Dienſtfertigkeit paßt dazu ohne Zweifel weit beſſer, wie Männer, die ſogenannte Grundſätze haben. Harte Steine mahlen ſchlecht, das iſt ein alter Volksſpruch. Schließen wir dieſe philoſophiſche Betrachtung. Ich freue mich Sie ſo entſchieden und mit mir übereinſtimmend zu finden. Lina reiſt heute — 127— Abend; es würde uns Allen gewiß wohlthuend ſein, wenn Sie mit uns ſpeiſen wollten, und bis zum letzten Augenblicke überzeugt blieben, wie glücklich wir ſind, Sie unſeren Freund zu nennen. Eine jähe Röthe färbte Lornſens blaſſes Geſicht. So weit, ſprach er mit einem heftigen Zucken, das ſeine Hand aus Hammerſteens Hand zog, geht meine Reſignation nicht, Herr Staatsrath. Sie haben klug und richtig gerechnet; alles, was Sie wünſchten, hat ſich erfüllt. Das Ende iſt da, muthen e mir nicht zu, auf meine Koſten Ihre Meiſterſchaft noch weiter verherrlichen zu helfen. Was hat man für Noth, ſagte Hammerſteen, den Kopf ſchüttelnd, um der Wahrheit die Ehre zu geben. Aber wie Sie wollen, lieber Lornſen, ganz wie Sie wollen; Ihr Andenken wird uns darum nicht minder theuer ſein. Nur Eines noch. Reißen Sie aus Ihrem Gedächtniß einen ganz unwürdigen falſchen Verdacht, den Verdacht, als wäre meine aufrichtige Zuneigung zu Ihnen und was mit beſonderen Ab⸗ ſichten zuſammenhing, nicht völlig ehrlich gemeint geweſen. O! gewiß, ſiel Lornſen ein, es war ehrlich ge⸗ meint, und dennoch, Herr Staatsrath, dennoch haben Sie zu jeder Stunde gewußt, daß Sie fordern — 128— würden, was ich weit von mir ſchleudern mußte, ſollte mein Leben auch daran zerbrechen. Lornſens Augen ſprühten Zorn und Verachtung auf den Baron, der mit Kaltblütigkeit eine ſeiner größten Prieſen nahm und dann lächelnd ausrief: Tu l'as voulu, George Dandin! Erhitzen wir uns nicht, lieber Kanzleirath. Es iſt nichts widerwärti⸗ ger, als Worte machen, die keine Bedeutung haben. Eines will ich Ihnen noch ſagen. Der König iſt ſehr erfreuk, daß Sie alle Anſinnen des närriſchen Björning von ſich gewieſen haben. Sie wiſſen doch, daß der Menſch in dieſer Nacht verhaftet wor⸗ den iſt? Das weiß ich in der That nicht, ſagte Lornſen. Man wird ihm den Prozeß machen. Er hat abſcheuliche Wühlereien getrieben, ſogar einige ſonſt höchſt anſtändige Perſonen verleitet, die fatale Denk⸗ ſchrift zu unterzeichnen, und aufrühreriſche Artikel in Zeitungen geſchrieben. Alles in der Welt mag man thun, nur nicht ſchreiben, nicht drucken laſſen. Preßprozeſſe und Hochverraths⸗Prozeſſe ſind die Hexenprozeſſe unſerer nächſten Zukunft; man muß jeden vernünftigen Menſchen warnen, ſich davor zu hüten. Er nahm ſeinen Hut und ſagte dann: ſo leben — — 129— Sie wohl, mein werther Kanzleirath. Voigt von Silt werden Sie ganz gewiß, wenn es wirklich Ihr Ernſt damit iſt. Bedenken Sie es aber noch ein⸗ mal und halt! daß ich es nicht vergeſſe: Se. königl. Hoheit der Kronprinz hat mir aufgetragen, Sie zu erſuchen, ihm heut noch einen Beſuch zu machen. Es wird Ihnen gewiß von Nutzen ſein, wenn Sie die⸗ ſem Befehle recht pünktlich nachkommen. Se. kgl. Hoheit iſt Ihr großer Gönner und Sie wiſſen ja, welche edle Gefühle ihm eigen ſind. Wenn Sie die lieben, ſchönen Halligen beſuchen, erinnern Sie ſich unſerer romantiſchen Reiſebekanntſchaft. Vortreffliche Waldſchnepfen! ich habe ſie nie wieder ſo zart ge⸗ geſſen, und unvergleichliche Seezungen. Wir ſuchen Sie ſicher bald einmal auf, theurer Freund, intereſ⸗ ſiren Sie den Kronprinzen doch ja für das Seebad in Silt oder Föhr. So ging er, von Lornſen geleitet, die Treppe hinab und mit den lauteſten und öffentlichſten Zeichen ſeiner Freundſchaft ſtieg er in den Wagen und fuhr davon. Am Abend erſchien Lornſen bei dem Prinzen, der ihn mit zuvorkommender Güte empfing. Er führte ihn in ſein Arbeitskabinet und ſagte mit warmen Zeichen der Theilnahme: Ich weiß Alles, aber ich II. 9 — 130— billige nicht Alles. Warum wollen Sie uns ver⸗ laſſen, warum wollen Sie Ihre Stellung auf⸗ geben? 1 Gnädigſter Herr, erwiderte der Gefragte, ich habe alle Verbindungsfäden verloren, die mich hier halten könnten. Sie haben dieſe ſelbſt zerſchnitten, ſprach der Prinz, aber geben Sie nicht Alles auf. Wenn Fräu⸗ lein Hammerſteen Sie nicht mehr halten kann, viel⸗ leicht kann ich es. Bleiben Sie in meiner Nähe, es wird mir lieb ſein, Sie hier zu ſehen, und hoffen Sie auf die Zukunft. Sie wird uns Mittel geben, vielleicht ſelbſt die Wunde in Ihrem Herzen zu heilen. Ich glaube, königliche Hoheit, ſagte Lornſen, daß wenn ich es wagen darf von meinem Herzen zu ſpre⸗ chen, dies eine ſo furchtbare Erfahrung gemacht hat, daß ſeine Heilung unmöglich iſt. O! glauben Sie das nicht, rief der Prinz lä⸗ chelnd. Ich weiß, wie Sie von Weiberliebe denken. Sie werden Ihren Kampf mit getäuſchten Empfin⸗ dungen kämpfen und mit gerechtem Stolze ſich dar⸗ über erheben. Liebe iſt ein Rauſch; dem Einen ver⸗ geht er raſch, dem Andern langſam und ſchwer, aber darüber hinaus kommen wir Alle. Sie werden eine — 131— Andere finden, die ihre Liebe nicht verklauſulirt und etwa gar, wie dieſe ſtolze Spröde, eine Staatsange⸗ legenheit daraus macht. Ich will keine bittere Ge⸗ fühle bei Ihnen aufregen, fügte er abbrechend hinzu, allein ſo pikant es ſein mag, von einer ſchönen Dame allein bevorzugt zu werden, die ihre Liebe vergeiſtigt und materiell auflöſt, es iſt mit dieſen platoniſchen Schönen kein irdiſches Verhältniß zu knüpfen. Sie ſind wie die kalten Seejungfrauen nur da, um heiße Herzen in ihre Fluth zu locken, und wer ihnen nicht folgen will, wird verlaſſen und be⸗ trogen. Und kann nie wieder lieben, murmelte Lornſen vor ſich hin.. Glauben Sie mir, ſagte Prinz Chriſtian, daß ich ſeit langer Zeit Sie bedauert habe. Sie wiſſen doch, daß Fräulein Hammerſteen nach Fühnen reiſt, oder ſchon fort iſt?— Ich habe es gehört. Und daß der liebenswürdige Branden ſie be⸗ gleitet? Auch das habe ich gehört. Sie hat ihn zum Märtyrer gemacht, lachte der Prinz, ſie wird ihm die Dornenkrone aufſetzen. 9*— — 132— Trauern Sie nicht zu ſehr darum, lieber Lornſen; in der Entſagung muß man tolerant ſein. Als Lornſen ſchwieg, fuhr er fort: Der alte Staatsrath iſt ein wahrer Tauſendkünſtler. Ich bin vollkommen überzeugt, daß er ſeit langer Zeit genau wußte, was geſchehen würde. Er hatte die Karten ſo klug in ſeiner Hand, daß kein Trumpf verloren gehen konnte. Er hat es dem Könige ſelbſt geſagt, in welchen gefährlichen Verbindungen ſeine Tochter ſteckte, und ihre Verbannung bewirkt, um ſie Branden mit auf die Reiſe zu geben. Das iſt ein ſchändlicher Plan! rief Lornſen hef⸗ tig. Mich überhäuft er dafür mit öffentlichen Be⸗ weiſen ſeiner unveränderlichen Gönnerſchaft. Um der Welt zu beweiſen, daß er nie die Ab⸗ ſicht hatte, mehr aus Ihnen zu machen, als einen ergebenen Klienten, ſprach der Prinz. Halten Sie ſich gut mit ihm; ich muß eingeſtehen, daß ſeine Gönnerſchaft Ihnen jetzt weit mehr nützen kann, als die meine, aber— die Zeiten können ſich ändern. Mit einem bedeutungsvollen Blicke drückte er Lornſen's Hand und ſagte leiſer: Sie werden viel⸗ leicht auch gehört haben, daß der König ſehr ungnä⸗ dig meine Aeußerung aufgenommen hat, es ſei wün⸗ ſchenswerth, jetzt aus der Erſtarrung aufzuwachen, — 133— und etwas zu thun, was allgemein als nothwendig anerkannt werde. Man erzählt ſich davon, erwiderte Lornſen. Erzählt man ſich davon? wiederholte der Prinz lebhaft. O gewiß! es iſt nicht meine Schuld, wenn man nicht mehr erzählt. Darum, bleiben Sie hier, Lornſen. Es iſt mir Bedürfniß, fähige, edle und ta⸗ lentvolle Männer, wahre Vaterlandsfreunde um mich zu ſammeln, die mich unterſtützen können. Iſt es Ihre Abſicht, gnädigſter Herr, mir ir⸗ gend eine Stellung in Ihrer Nähe zu geben? fragte Lornſen. Der Prinz ſchien dieſe Frage zu erwarten. Ich verſtehe, ſagte er, was Sie andeuten. Man will Sie von hier fortſchaffen, aber ich hoffe im Stande zu ſein, Sie Ihrem Wirkungskreiſe zu erhalten. Sie offen ſo zu mir zu ſtellen, wie ich möchte, geht nicht wohl an. Darf ich fragen, was Sie abhält? ſprach Lornſen, als er ſchwieg. Sie wiſſen, fuhr der Prinz lächelnd fort, wie viele Augen ſich auf mich richten. Ihre Grundſätze ſind bekannt, Ihre letzten Schickſale werden nicht ver⸗ borgen bleiben. Wenn Sie aus dem Staatsdienſt treten, um ſich mir zu nähern, bin ich Ihr Mit⸗ — 134— ſchuldiger. Gewiß, lieber Lornſen, ich will es ſein und bin es zum Theil, allein, Sie wiſſen eben ſo gut, daß ich viele, ſehr viele Rückſichten zu neh⸗ men habe. Lornſen ſtand ſtumm vor dem Prinzen, auf den er ſeine Augen heftete, als wollte er in ſeinem Her⸗ zen leſen.— Glauben Sie mir, ſagte der Prinz, ich empfinde mit Ihnen. Sie haben mich von den Rechten der Herzogthümer überzeugt. Sie haben die Stimme der Wahrheit in mir geweckt, die nie⸗ mals erlöſchen wird. Ich werde kein Unrecht zulaſ⸗ ſen, kein Recht verletzen, auch wenn die blinde Lei⸗ denſchaft mich drängen ſollte. Sie können Vieles, königliche Hoheit, erwiderte Lornſen, wenn Sie der ſtandhafte Freund des Rechts ſein wollen. In den Herzogthümern heben ſich Her⸗ zen und Hände dem edlen Prinzen entgegen, dem Norwegen ſeine Verfaſſung verdankt. Aber nur jetzt nicht, rief der Prinz lebhaft. Nur keine Uebereilung. Wenden Sie allen Ihren Ein⸗ fluß in Kiel an, daß nicht etwa dort laut und öf⸗ fentlich auf mich gebaut wird. Sie wiſſen, wie man jede meiner Aeußerungen bewacht; nichts könnte ¹ mehr ſchaden, als mich in den Streit ziehen. Gnädigſter Herr, erwiderte Lornſen, warum wol⸗ — 135— len Sie Ihre Ueberzeugungen verleugnen. Es wäre Wahnſinn, zu fordern, daß Sie für uns thun ſoll⸗ ten, was Sie für Norwegen gethan; allein Ihr frei⸗ müthiges Wort kann dem Recht eine Stärke verlei⸗ hen, die den Uebermuth bei Zeiten bändigt und zur Verſöhnung hilft. Sie irren vollſtändig, fiel der Prinz ein. Ich kann Nichts thun, was mich nicht blosſtellen würde. Sie gehen zu weit, Herr Lornſen, viel zu weit. Ich bin Ihnen dankbar für Ihre gute Meinung. Die Zuneigung der Herzogthümer freut und rührt mich, ich werde ſie verdienen, aber— die Verhältniſſe kann ich nicht ändern, zu meinem größten Bedauern nicht ändern. 4 Mein armes Vaterland! ſagte Lornſen düſter niederblickend. Warten Sie die Zeit ab, fuhr der Prinz tröſtend fort, und warnen Sie ja vor allen Aeußerungen, die ich abweiſen müßte. Königliche Hoheit, ſagte Lornſen, ich hoffe ſelbſt dieſe zu hintertreiben. Sie wollen alſo wirklich zurückkehren? Ich habe nur noch das eine warme Gefühl in mir, meinem Vaterlande nützlich zu ſein und meinen Mitbürgern treu zur Seite zu ſtehen. keer ſpäter uns ſeine Gelöbniſſe brechen. — 136— Es iſt mir ſchmerzlich, ſagte der Prinz nach einer kleinen Pauſe. Sie ſollten es nicht thun, Sie ſollten wenigſtens Alles wohl bedenken. Ich glaube es bedacht zu haben. Nun, rief Prinz Chriſtian, ihm freundlich die Hände reichend, Sie werden jedenfalls die Ueberzeu⸗ gung mitnehmen, daß ich Ihr Freund bin, daß das Wohl der Herzogthümer mir am Herzen liegt und daß ich helfen und fördern werde, ſo viel ich immer vermag. Das heißt: nichts! murmelte Lornſen in ſich hin⸗ ein, indem er ſich verbeugte. Abends ſpät, als er das Haus des Prinzen ver⸗ ließ, ging er einſam an den Wällen hin, die bittre Wahrheit in ſeinem Herzen, daß er nichts mehr zu hoffen habe. Der wohlwollende Thronfolger mit ſeinem ewigen Lächeln, ſeinem Achſelzucken und Be⸗ dauern, befeſtigte ſeinen Entſchluß, Kopenhagen zu verlaſſen, ſo ſchnell er konnte. Er verglich dieſen hoff⸗ nungsvollen Prinzen mit dem alten ſtrengen, heftigen Könige und ſagte dann finſter vor ſich hin: O! Björ⸗ ning hat nur zu Recht. Schöne Reden wird er halten, und wie er früher den Weibern leichtſinnige Liebesſchwüre geſchworen und gebrochen hat, ſo wird Wehe dem — — 137— Volke, das auf nichts zu bauen hat, als auf das Wort eines Fürſten. Worte ſind Wind, wenn die Macht nicht da iſt, die das Halten erzwingen kann. Glauben und vertrauen darf man nur, wenn man Mittel hat, die Täuſchung zu ſtrafen. Bei dieſen Worten ſtand er ſtill und blickte über eine Gartenmauer fort in einen düſtern, mit Bäumen beſetzten Raum. Es war der Garten des Staats⸗ raths, der hier endete. In der Ferne, zwiſchen den Zweigen und Blättern, drang Lichtſchein aus dem Hauſe zu ihm hin und ſeine Blicke hefteten ſich ge⸗ dankenvoll an das zuckende Flimmern. Nach einigen Minuten ſchien ihm ein plötzlicher Entſchluß zu kommen. Schnell und gewandt ſprang er über die Mauer und ging durch die einſamen Wege dem Hauſe zu. Bald hatte er den Platz er⸗ reicht, in deſſen Mitte der gewaltige Baum ſtand, der ihn zuerſt in überreicher Seligkeit in Lina's Armen geſehen hatte. Und was, rief er mit lauter ſchmerzlicher Stimme, ſeine abgebrochenen Betrachtungen aufnehmend, was habe ich für Mittel, mein verrathenes Vertrauen zu rächen?— Nichts als ein verödetes Herz und den Stolz der Verachtung. In dieſem Augenblick hörte er ein Rauſchen unter — 138— dem dunkeln Kreis des Baumes. Der Schatten einer Geſtalt bewegte ſich auf der Bank an dem alten Stamme und Lina's klare Stimme durchzitterte den überraſchten Mann. Du biſt es, Lornſen, ſagte ſie. Ich wußte es wohl, Du mußteſt kommen, um Abſchied zu nehmen von dieſem Orte, der Dir ſo heilig iſt wie mir. Sie trat mit leiſen Schritten bis an den Rand des Weges, wo Lornſen ſtand und reichte ihm die Hand. Der Abendſtern trat funkelnd unter Wolken hervor und warf einen bläulichen Schimmer über ihr Geſicht. Lornſen erkannte, daß ſie Reiſekleider trug. Ein wei⸗ ßer Schleier hüllte ihren Kopf ein, er glaubte in die rahe dunkeln Augen zu ſehen, die ihn ſtolz und ſchönſten und reinſten Hoffnungen unſers Glücks, hier mag die letzte Minute vergehen.— Du erinnerſt Dich, fuhr ſie mit einem leiſen Zittern ihrer Stimme fort, daß mein Vater uns Unglück prophezeihte, als er uns vor dem Baume der Nornen warnte. Alles iſt eingetroffen. Aber nicht dieſer fühlloſe Baum, ſondern wir Alle tragen die Schuld, erwiderte er. — 139— Wir, Lornſen! ſagte Lina. Es iſt mild von Dir wir zu ſagen. Gott weiß es, gab er zur Antwort, daß es gleich⸗ gültig iſt, wem wir die Schuld zuweiſen. Wir haben es ſo gewollt, wir müſſen es tragen. Und wir werden es tragen, erwiderte ſie. Du gehſt nach Schleswig zurück? Ja, ſprach er kalt. Nach Silt, wie mein Vater ſagt. Ich denke, es iſt ſo. Du thuſt nicht recht, ſagte Lina. Ich fürchte für Dich, mein theurer Freund. Du fürchteſt für mich? rief er mit der tiefen Bitterkeit ſeiner Gefühle. Deine Furcht kommt zu ſpät. 3 Glaubſt Du, erwiderte ſie, daß ich jemals auf⸗ hören könnte, Deine Wege mit meinen Gedanken zu begleiten? Daß ich aufhoͤren könnte, Dein Glück zu wünſchen und Dich da zu ſehen, wohin Du gehörſt. Ich drücke dem Fräulein von Hammerſteen mei⸗ nen Dank aus, antwortete Lornſen kalt, und bitte ſie daſſelbe von mir zu glauben. Nein, Jens, rief ſie mit ſtolzer Heftigkeit, ſo wol⸗ len wir nicht ſcheiden. Du haſt einſt zu mir geſagt, daß Alles fallen und enden könnte, nur die Erinne⸗ — 140— rung nicht, daß Du mich geliebt. Ich habe Dir dieſe Liebe zu Deinen Füßen geboten, Du haſt ſie zurückgewieſen, Du haſt mich verlaſſen. Lornſen antwortete nicht. Stumm und ſtill ſaßen ſie unter dem düſteren Baume, der mit ſeinen ſchwar⸗ zen Schatten ſie umſpann. So laß uns ſcheiden, ſagte er endlich. Einſt wird die Stunde kommen, wo Du Antwort finden wirſt auf Deine Klagen. Sei glücklich, das iſt mein letzter Wunſch, und bereue nie! Reue, ſagte ſie, iſt das Erbtheil der Schwäche. Ich weiß, Du haſt keinen Raum dafür, Jens. Dein ſtolzes Herz wird bis zur letzten Stunde unverſöhnt bleiben im Gefühle deſſen, was Du Recht und Ehre nennſt. So iſt es, ſprach er. Dann folge der Ehre, die Dich treibt, aber vße nicht nach Silt in die Dunkelheit eines armſeligen Lebens.— Du biſt nicht dafür geſchaffen; das Un⸗ glück wird ſich an Deine Ferſen heften, wenn Du vergeſſen kannſt, wer Du biſt. Der Mann, den ich liebte, den ich für den Edelſten und Erſten achtete, kann nicht in einem Winkel verkümmern. Hah! rief Lornſen heftig, indem er aufſtand, auch jetzt noch iſt dieſer Reſt von Theilnahme alſo nichts als Trug, nichts als Eitelkeit, nichts als Hochmuth. — 141— — Weil ſie lachen werden über den Bauernvoigt von Silt, den das ſtolze Fräulein einſt geliebt hat, darum ſoll er ihm Ehre machen, um ihr frevelhaftes Spiel zu rechtfertigen. Ohne Sorge, mein gnädiges Fräulein, Sie ſollen gerechtfertigt werden. Was von meinem Leben übrig iſt, wird Ihnen keine Schande bringen. Mein Name wird dem Rechte und der Ehre voranleuchten; er wird, wenn Sie die Zeitun⸗ gen leſen, Ihnen Freude machen, und in der Stille einſamer Stunden, auf Hoſbällen, oder in den Armen Ihres zärtlichen Gemahls, werden Sie ohne Schaam an die Verirrung Ihrer Jugend denken können. Er ging über den Platz fort, mit langſamen, ſtolzen Schritten. Kein Wort rief ihn zurück, kein Laut wurde gehört. Nach einer langen Zeit kam ein Mann mit einem Doppelleuchter, deſſen Lichte Glaskugeln ſchützten, vom Hauſe her. Lina, wo ſind Sie denn? fragte er laut, die Leuchte erhebend. Hier, lieber Branden, erwiderte das Fräulein. Theuerſte Lina, wie können Sie hier in der Nacht ſich einſam langweilen und mich vergebens ſuchen laſſen? Zum letzten Male, Branden, erwiderte ſie. Sie haben Recht, es iſt undankbar, ich bin dafür geſtraft — 142— worden. Von jetzt an ſollen Sie mit mir zufrieden ſein. 1 Der Baron küßte entzückt ihre Hand. Selige Hoffnung! rief er, ſo kommen Sie, der Wagen wartet. Mögen alle Verbannten ſo glücklich ſein wie ich. Einige Wochen ſpäter fuhr der neue Voigt von Silt am Abend eines ſchönen Tages vom Lande her⸗ über nach der Inſel. Er war ganz unbemerkt ge⸗ kommen und brachte, ehe es Jemand wußte, ſeine Ernennung ſelbſt mit. Als er in der kleinen Bucht an's Land ſprang, überkam ihm das Gefühl der tiefmenſchlichen Freude und Rührung, welche die lang entbehrte Heimath in allen Herzen aufweckt. Da bin ich wieder! rief er aus, und wie ein Vogel, der nach dem alten Neſte ſucht, ſuche ich nach Er⸗ innerungen aus alten guten Tagen. Er blickte nach jedem Baume, den er kannte, nach jedem Gegenſtand in Ferne und Nähe, der ihn willkommen zu heißen — 143— ſchien. Sehnſucht beflügelte die Schritte, mit welchen er dem Hauſe ſeines Vaters zueilte. Da lag es vor ihm zwiſchen den Linden. Da ragte der rothe Giebel über dem breiten Dache hervor und die Abend⸗ ſonne glühte auf dem friedlichen Kreuzbau der ſtatt⸗ lichen Warft. Leicht ſprang er über den Graben und ging an dem Hügel hinauf, den er ſo oft als Knabe ſchon auf ſchmalem verbotenen Pfade erſtiegen hatte. Durch eine Oeffnung der Hecke ſchlüpfte er in den Garten und dicht vor ihm lag nun die breitblätterige Laube, aus der ſo eben ſeine Mutter trat. Ein einziger Freudenruf drang durch die Luft, dann lag er an dem miütterlichen Herzen. Mein Jens! mein Jens! rief die arme Frau, und ihre Thränen tropften auf ſeine Stirn. Sie nahm die Hand, ſtrich ſein Haar zurück und betrachtete ihn mit banger Aufmerkſamkeit und ſiegender Gewißheit des Glücks. Ja, Du biſt es, rief ſie, o! kommt doch Alle, hier iſt Jens! Er iſt wieder da. Mein Vater. Wie geht es ihm? fragte der Sohn. Da ſitzt er ja, bei Lorenz Leve, rief die Mutter, in das Innere der Laube deutend. Und hier iſt Peter Peterſen, und Heinrich Hilgen und da, da—— — 144— ſie hielt einen Augenblick inne— da kommt Frau Hilgen, Deine alte Freundin. Sie hatte während deſſen Jens in die Laube gezogen, eben als die junge Frau, ein Kind auf dem Arme und ein zweites an der Hand, um die Bie⸗ gung des Hauſes trat. Nur einen Blick warf Lorn⸗ ſen auf Hanna, die ihn fremd und ungewiß an— ſchaute, dann eilte er ſeinem Vater entgegen, der aufgeſtanden war und ihm beide Arme entgegen⸗ ſtreckte. Woher, Jens? rief der alte Kapitän. Gerade aus Kopenhagen, Vater, erwiderte der Sohn, ihn umarmend. Heda, Jens! fiel der Pfarrer ein, aber er machte ſogleich eine Verbeugung und ſagte in ſeiner alten neckenden Weiſe: Der Herr Kanzleirath hat eine Luft⸗ veränderung nöthig gehabt. Hilf Gott! wie iſt er blaß und mager geworden. Nun, er erinnerte ſich zur rechten Zeit, daß in Silt die Luft geſund iſt. Ach, mein alter Freund! antwortete Lornſen, gönnt es mir immer, daß ich dieſe Luft athme und in Eure alten guten Augen ſehe, die es anſtellen mögen wie ſie wollen, doch mit Liebe und Güte mich anblicken. Der greiſe große Mann legte ſeine beiden gewal⸗ tigen Hände auf Lornſens Schultern und nickte ihm — 145— zu. Es iſt wirklich noch unſer alter Jens, rief er, aber o weh! was bringt er aus dem Dänenlande zurück? Ein Geſicht voll dunkler Schatten, eine tiefe Falte auf der Stirn, und dünn gewordene Haare. Aber den alten Muth und die alte Treue, ſagte Jens, und meine alte Verehrung für den ehrwürdi⸗ gen Herrn Lorenz Leve. Er drückte Peterſen und Hilgen die Hände und nahm ihre Glückwünſche in Empfang. Komm doch her, Hanna, rief der alte Peterſen, Du wirſt Jens Lornſen kaum wieder kennen. Der Pfarrer hat Recht, Ihr ſeid in Kopenhagen alt geworden vor der Zeit, Jens. Iſt aber Mode ſo bei den Dänen; blaß und hungrig ſehen ſie alle aus. Die junge Frau näherte ſich auf den Ruf ihres Vaters. Ihr lächelndes blühendes Geſicht drückte ſo viele Theilnahme aus, als dieſen ſtraffen und geſun⸗ den Zügen möglich war. Ihre blauen, großen Augen ruhten auf Lornſen, der nicht ohne innere Bewegung ſie betrachtete. Willkommen im Lande, lieber Jens, ſprach ſie mit ihrer klaren Stimme, ſei herzlich willkommen bei Deinen Freunden. Und das ſind Deine Kinder, Hanna? Meine beiden Kinder, erwiderte ſie. Der Bube II. 10 146— heißt nach Dir, Jens, das kleine Mädchen haben wir Lina genannt. Sie hielt ihm das Kind hin und ihr ſchalkhaftes Lachen deutete auf ein Einverſtändniß, aber Lornſen wandte ſich kalt zu ſeinem Freunde Hilgen, ohne die kleine Lina weiter zu beachten. Du ſiehſt froh und glücklich aus, Heinrich, ſagte er, und mußt es ſein; denn Du gedeihſt ſichtlich. Dein Haus wächſt, Alles was ein Leben behaglich und zuträglich machen kann, umringt Dich, der Du wie ein ſtarker Baum ſtehſt, an welchem ſich liebliche Blumen ranken. Der vollwangige kräftige Mann, der nicht im entfernteſten mehr dem mageren, blaſſen und verzwei⸗ felnden Hilgen glich, den Lornſen einſt aus den Wat⸗ ten trug, nickte beifällig zu dieſen Worten. Ich danke Dir für Dein Gleichniß, lieber Jens, ſprach er, und indem er das Kind von der Erde aufhob und den andern Arm um Hanna's Schulter legte, ſagte er: Wills Gott, daß Dir ein Gleiches geſchieht, Jens. Die Jahre ſind mir vergangen, wie kurze Freuden⸗ tage. Hanna und ich, wir ſcheinen nicht älter zu werden, es iſt uns immer noch ſo wie in den erſten Wochen. Mache es uns nach ſo ſchnell Du kannſt, oder biſt etwa gar herüber gekommen, um zur Hoch⸗ zeit einzuladen? — 147— Lornſens ernſte Blicke ſahen nicht hochzeitlich aus, aber ohne ein ſichtliches Zeichen von Unmuth erwi⸗ derte er: Wir wollen es ſpäter überlegen, Heinrich, denn ich werde Zeit dazu haben. So bald denke ich nicht wieder fortzugehen. Wahrhaftig, rief Hilgen, Du kannſt uns keine größere Freude machen. Wir wohnen in Peterſens Haus. Er hat es uns eingeräumt, denn es iſt groß genug für uns Alle und für Dich, Jens, ſo oft Du kommen willſt. Du mußt oft kommen, fügte Hanna hinzu, und uns viel erzählen. Wills thun, ſagte Lornſen, vor der Hand aber wird es für den neuen Voigt von Silt wohl vieler⸗ lei zu ſchaffen geben. Ein allgemeiner Freudenruf war die Antwort. O! liebſter Jens, rief die Mutter, ſo iſt es denn wahr? Du biſt Voigt und wirſt im Amthauſe wohnen? Im Amthauſe ganz allein, erwiderte Lornſen. Ja, Mutter, ich habe Deinen Wunſch erfüllt, habe den däniſchen Staub von meinen Füßen geſchüttelt, um wieder ganz ein Frieſe zu ſein. 8. Sagte ich es nicht, ſprach der alte Lorenz. Es iſt zu gutes Blut in ſeinen Adern, um es da drüben 10* 148— auszuhalten. Aber wie ſteht es denn mit den ſtolzen Träumen des Herrn Advokaten von Ruhm und Ehren? Vom Kanzleirath der deutſchen Kanzlei Voigt von Silt werden, heißt die Treppe hinunterfallen. Armer Jens! laß Deinen Kopf anfaſſen. Ich glaube, er hat ein Loch bekommen, das in Kopenhagen nicht geheilt werden konnte. Als das Lachen vorüber war, das der Paſtor erregt hatte, gab Lornſen mit wenigen Worten nä⸗ here Nachrichten über ſeine Verhältniſſe. Die Sache i*ſt einfach die, ſagte er, daß ich ſelbſt und mit vol⸗ lem Bewußtſein mir die Löcher ſchlug, die Herr Leve ſuchte. Ich konnte es in Kopenhagen nicht länger aushalten unter den jetzigen Verhältniſſen. Meine Geſinnung ſtieß dagegen an. Däniſch denken und handeln kann ich nimmermehr; was man von mir forderte, konnte und wollte ich nicht erfüllen. So nahm ich den Ausweg, den ich nehmen mußte. Ich glaube meinem Vaterlande hier nützlicher zu ſein, als es mir dort möglich wäre. Die beſten und wahrſten Männer haben ſich enger an einander ge⸗ ſchloſſen und die Zeit iſt darnach, daß wir mehr als ſonſt ſehen müſſen, wo wir bleiben. Wohl, ſagte Hilgen, wir haben davon gehört, daß in Kiel Verſammlungen gehalten wurden, auch — 149— eine Anzahl Hufner iſt dabei geweſen; aber für den Bauer iſt ſolch Weſen nicht und die adligen Herren wollen Nichts davon wiſſen. Die meiſten haben er⸗ klärt, daß man die Regierung nicht drängen ſolle; Manche ſind ſogar nach Kopenhagen gereiſt, um ihre Ergebenheit zu bezeigen, und wenn es etwa Unruhen gäbe und däniſche Soldaten ins Land kämen, wür⸗ den wir unſere Noth doppelt ſchwer und zu unſerem Schaden empfinden. Hat denn die Revolution in Frankreich und was ſonſt in der Welt geſchehen iſt, Euch die Schlaf⸗ mützen gar nicht von den Ohren ziehen können? fragte Lornſen ärgerlich. Sprich nicht ſo ſcharf, Jens, erwiderte Hilgen freundlich. Wir ſtillen Leute auf unſeren Höfen fra⸗ gen nicht viel darnach, wie es in der großen Welt kopfüber hergeht. Wir haben es freilich gehört, uns auch gefreuet, daß die Völker aufſtehen gegen Ge⸗ walt und Unrecht; aber zum Aergſten iſt es bei uns noch nicht gekommen, und was können wir über⸗ haupt thun? Ja, was können wir thun? erwiderte Lornſen lächelnd, das iſt die Sache, die wir zu bedenken haben. He, ſprach der alte Pfarrer, ſehet den neuen Voigt — 150— von Silt, der wird ein anderes Regiment einführen. Bis jetzt hieß es hier, ehret Gott und liebet den König, das heißt: zahlt eure Abgaben und räſonirt nicht, wenn die hohe Obrigkeit befiehlt. Jetzt wird der Voigt uns lehren, wie wir's machen müſſen, um ſelig zu werden ſchon auf Erden. Er wird uns leh⸗ ren, wie man ungehorſam ſein muß, wie man leſen muß was geſchrieben ſteht, und was man Alles mit Geſetzen machen kann, die gegeben ſind, damit ſie nicht gehalten werden. Das wird ein luſtiges Leben werden. Statt zu arbeiten werden wir die Landes⸗ rechte ſtudiren, und ſtatt Fiſche zu fangen halten wir ihnen Reden über ihr Recht ſich nicht fangen zu laſſen. Setze Dich hierher, Jens, zu Deinem Vater, nimm Dein Glas und ſtoß an auf den Untergang alles Unrechts in der Welt, das der neue Voigt von Silt ausrotten wird. Wenigſtens wird er's verſuchen, ein wenig mehr Recht und Licht in die Köpfe zu bringen, ſagte Lornſen. Ah! liebes Kind, rief Lorenz Leve, ihn bedauer⸗⸗ lich betrachtend, haſt Geſchichte ſtudirt und weißt noch nicht, wie es denen ging, die den Blinden die Augen öffnen wollten. Kommſt friſch aus Kopen⸗ hagen, haſt unter den Dänen gelebt und wie ich —,— — 151— denke, allerlei hübſche Erfahrungen gemacht, und biſt noch immer nicht bekehrt? Bleib ſtill in Deinem Winkel und ſieh Dir die Menſchen erſt an, deren Evangeliſt Du ſein willſt. Morgen iſt auch noch ein Tag, das Jahr iſt lang, und viele tauſend Jahre ſind doch noch nicht genug geweſen, um Steine in Brod zu verwandeln. Eine Minute thut oft, was ein Jahrhundert nicht vermochte, ſagte Lornſen. Wir wollen ſehen, ſprach der Paſtor lachend, ob wir das Wunder nicht an Dir vollbringen können. Jetzt gehörſt Du uns, und Silt iſt ein glücklicher Winkel, der Voigt von Silt ein glücklicher Menſch, wenn er es ſein will. Sieh Deine Mutter dort im Hauſe, wie ſie Alles in Bewegung ſetzt, damit es Dir hier gefalle. Tauſend Gedanken um Frieden, Freude und Glück Deiner Zukunft laufen dabei durch ihren Kopf und jetzt, Hanna, ſetze Dich zu uns, wir wollen ihm von alten Zeiten erzählen und von denen, die kommen werden. Wenn der Voigt im Amt⸗ hauſe wohnen wird, wills Gott! er kann in dem großen Hauſe doch nicht allein bleiben. Lornſen war gern bereit, dem ſcherzenden Ge⸗ ſpräche zuzuhören, das über ſeine Zukunft gepflogen wurde. Manch guter Rath wurde ihm gegeben und — 152 ſeine freundliche Theilnahme erwärmt durch die Liebe, welche ihn umringte. Bis ſpät in die Nacht ſaß er mit ſeinen Eltern und Freunden zuſammen, die un⸗ erſchöpflich in Ausmalung ihrer Wünſche und Hoff⸗ nungen waren; als er endlich aber ſich allein in dem kleinen Zimmer befand, ſagte er düſter niederblickend: Iſt das das Glück, das meiner wartet?— Nein, ſo kann, ſo will ich nicht enden!— Lornſen wurde in ſein neues Amt eingeführt, und von allen Bewohnern der Inſel mit Freude und Vertrauen empfangen. Sein Name, ſein Cha⸗ rakter, ſein offenes, Vertrauen erweckendes Wort, Alles gab Bürgſchaft für eine heilſame Zukunft. Der raſche, ernſthafte Mann, an deſſen treuem Willen Niemand zweifelte, war überall will⸗ kommen. Bald ſah man ihn auch in voller Thätigkeit um allerlei Verbeſſerungen des Gemeindeweſens bemüht, und wenn es Lornſens Abſicht war, feſten Fuß zu faſſen bei ſeinen Mitbürgern, konnte er keinen beſſern Weg wählen. Seine ſtrenge Gerechtigkeit half in verſchiedenen Fällen den Bedrängten, meiſt aber ſchlichtete er Streit durch gütliches Vorſtellen des Unrechts, und bald war ſein Anſehen wohl begrün⸗ det, als man ſah, daß er um Jedes Wohl ſich — 153— mühte und in der Hütte des Armen wie im Hauſe des Reichen derſelbe Mann blieb. In dieſer Thätigkeit ſchien Lornſen ein neues Leben zu gewinnen. Er arbeitete viel und wenn alle Fenſter dunkel wurden, blieben die ſeinen oft bis ſpät in die Nacht hell. Doch an gaſtlichen Tagen, oder in Kreiſen junger Leute, bei Spielen und Feſten, hatten die Bewohner von Silt Gelegen⸗ heit, zu ſehen, daß ihr Voigt noch immer der alte Jens Lornſen war, von deſſen Rieſenſtärke und Be⸗ hendigkeit man allerlei Wunder erzählte. Unter ein⸗ fachen Naturmenſchen giebt nichts ſo ſehr Ueber⸗ gewicht, als Ueberlegenheit in körperlichen Vorzügen, und noch immer war Lornſen ein Vorbild an Kraft und Männlichkeit, noch immer ſein Nacken unge⸗ beugt, ſein Schritt ſtolz und leicht, ſein Auge durch⸗ dringend und feurig. Er war der beſte Schütz, der kühnſte Reiter; ſeine Hand am Steuer ein Troſt auf der wilden See. Auffallend war es den Leuten, die ihn umgaben, ſeinen Schreibern und Untergebenen, wie viele Briefe der Kanzleirath aus verſchiedenen Landestheilen er⸗ hielt, und wie er ſeine weitläufige Korreſpondenz immer ſelbſt beſorgte. Er beſaß viele Freunde aus vergangener Zeit, und mu allen hatte er ſeit ſeiner — 154— Rückkunft ſchriftlichen Verkehr neu angeknüpft; dazu erzählten die Zeitungen, daß er in Kiel geweſen ſei und in einer öffentlichen Verſammlung für die Lan⸗ desrechte und gegen die däniſche abſolute Herrſchaft geſprochen habe. Ehe man es dachte, war der Voigt wieder verreiſt. Bald war er in Eiderſtädt bei den Frieſen, bald bei den Dithmarſchen, dann wieder in Schleswig und in Flensburg und immer berichteten die Zeitungen von Reden, die er gehalten, von Petitionen, die er angeregt, von ſeiner glänzen⸗ den Beredſamkeit, die Jeden ergreife und wie er der wackerſte und tüchtigſte Mann im Lande ſei. Die jungen Leute in Silt hörten auch gerne zu, wenn Lornſen zu ihnen ſprach und ihre Ge⸗ müther mit kräftigen Worten anzuregen ſuchte. Ohne Umhüllung ſprach er aus, was er dachte; nicht ſelten klangen ſeine Worte dabei herbe genug, und ſeine Darſtellung der Verhältniſſe war ſo derb und ſcharf, wie ſie ſein mußte, um bei Bauern Eingang zu finden. Aber es gab auch Manche, die im Stillen davor erſchraken, und wie überall in der Welt fanden ſich kluge Leute, die nicht begreifen konnten, wie der Voigt ſo unbeſonnen handeln mochte. Eines Abends war Lornſen zu Peterſens Haus — 155— hinübergeritten, wo er Hanna allein fand, die mit ihren Kindern ihn freundlich empfing. Wo iſt Heinrich? fragte Lornſen, als er ihr die Hand reichte. Hinüber nach Huſum, erwiderte die junge Frau. Du mußt wiſſen, lieber Jens, daß Hilgen jetzt einen ausgedehnten Handel treibt und vornehme Bekannt⸗ ſchaften hat. 1 Er ſelbſt iſt ein vornehmer Mann geworden, ſagte Jens lachend. Wie Du willſt, gab ſie zur Antwort. Er iſt redlich und brav, aber er ſucht ſeine Vortheile. Die vornehmen Herren auf ihren Gütern verkaufen ihm gern ihr Vieh, ihre Butter und ihr Korn. Er reiſt bis nach Jütland hinein, und hat eben auf dem Markt von Huſum eine ganze Heerde junger Stiere, die er den Grasbauern an der Eider und bis nach Dithmarſchen verhandelt. So iſt er häufig wochenlang von Silt entfernt und überläßt es mir und dem Vater nach Hof und Leuten zu ſehen. Heinrich war immer klug und bedächtig, ſagte Lornſen. Er iſt ein guter Kaufmann, der ſeine Leute kennt. Aber wohlgeachtet und gern geſehen, ſiel Hanna — 156— ein, und das iſt er, wie ich hoffe, auch jetzt überall, wo man ihn kennt, das heißt im ganzen Lande. Lornſen nahm den Knaben, der ſeinen Namen trug, auf den Schooß und ſpielte mit ihm, während er mit der jungen Frau weiter ſprach und die Fra⸗ gen des Kindes beantwortete. Bald hatte er ſich ihm ganz hingegeben. Die naiven Aeußerungen des kleinen Jens machten ihm Freude, die Händchen des Knaben ſchlangen ſich um ſeinen Hals und ſchmei⸗ chelten ſeine Stirn, das blonde Köpfchen drückte ſich an ſeine Bruſt und mit inniger Liebe und Bewe⸗ gung blickte Lornſen in das unſchuldige, trotzige Ge⸗ ſicht, das ſo viel Sehnſucht und Schmerzen zu er⸗ regen wußte. Du biſt glücklich, Hanna, ſagte er endlich, den Knaben niederſetzend, mir iſt es nicht ſo wohl ge⸗ worden. Du wirſt es werden, erwiderte ſie. Deine Freunde erwarten, daß der Voigt von Silt, nun er heimge⸗ kehrt iſt, daran denken wird, daß er im Frieden ſeines Hauſes Ruhe finde. Ich ſage meinen Freunden herzlichen Dank, aber wenn es Das wäre, was mir je gefehlt hätte, liebe Hanna, ſo könnte der Bube da, der Dir aus den Augen geſchnitten iſt, ja auch wohl— er brach lächelnd ab, aber er ſtrich den Knaben über die Stirn und küßte ihn, während er der Mutter die Hand gab. Das iſt es nicht, fuhr er fort. Auf meiner Schwelle wird kein Kind ſpielen, und doch hoffe ich, ſoll Zufriedenheit im Hauſe walten. Zufrieden kann man nur ſein, Jens, wenn man ſein Glück nicht weit von ſich ſucht, in Unruhe und eitlen Träumen, erwiderte Hanna, die ihn ſtrafend anblickte. Wirf nicht fort, was Du haſt; halte feſt, was Dein iſt, und laß uns nicht fürchten, daß Du willſt, was Du nicht kannſt, oder was Dir des Strebens unwerth ſcheint. Gute Hanna, erwiderte Lornſen, wenn es eine Mahnung ſein ſoll, die Du prophetiſch ausſprichſt, ſo ſei ruhig; ich weiß, was ich kann, und will Nichts, als das Rechte, was ich muß. Du weißt nicht, was ich aufgegeben habe von meinem Glück und wie we⸗ nig mir übrig geblieden iſt, wovon ich weiter le⸗ ben ſoll. Wenn es wahr iſt, ſagte die junge Frau, was die Leute ſich erzählen, daß ein falſches däniſches Mädchen Dich betrogen und verrathen hat, ſo be⸗ trachte es als eine Prüfung und ſuche Liebe und Treue, die Dich ausſöhnen mit Dir ſelbſt und die ſchwarze Hand von Deinem Herzen nehmen. Gott — 158— reinigt die Seelen der Menſchen durch Mißgeſchick. Haſt Du nichts gethan, was geſühnt werden müßte? Nichts, was ich zu bereuen habe, erwiderte Lornſen, ſie feſt anblickend. Du allein könnteſt mir einen Irrthum Deines Herzens verzeihen, den Du längſt gut gemacht und vergeſſen haſt. Aber Du biſt meine Freundin und Heinrich Hilgen, Dein glück⸗ licher Gatte, mein Freund. Ein Wagen fuhr auf dem Deichweg von Mor⸗ ſum herauf, und Hanna's ſcharfes Auge erkannte ſo⸗ gleich, wer darin ſaß. Hilgen kommt, wie zur Be⸗ kräftigung Deiner Worte, ſagte ſie. Er iſt Dein Freund, lieber Jens, aber er iſt beſorgt um Dich, wie ich es bin. Er findet Manches nicht recht ge⸗ than, was Du thuſt. Er macht Partei gegen mich, gab Jens lachend zur Antwort, und hat meinen Vater ſogar bewegt, mir den alten Lorenz Leve auf den Hals zu ſchicken. Du weißt nicht, Jens, ſagte Hanna, wie vielen Dank Du ihm ſchuldig biſt. Er vertheidigt Dich, wo er kann, denn man iſt nicht überall mit Dir zu⸗ frieden. Auch mein Vater tadelt Dich, Viele klagen Dich an. 3 Was wird nicht angeklagt! erwiderte Jens. Du bringſt Unruhe und Unzufriedenheit in die — 159— Köpfe, ſprechen die Bedächtigen, fuhr die junge Frau fort. Man hat es nie gehört, daß ein Voigt, der Beamter der Regierung iſt, die Regierung ſo hart angreift. Peter Peterſen, der doch den Dänen nicht eben wohl will, ſchüttelt den Kopf darüber. Du ſprachſt neulich davon, daß Steuern und Ab⸗ gaben unrechtmäßig vertheilt ſeien, das Land ausge⸗ ſogen werde von den Dänen, die unſer Geld für ihren Staat verbrauchten, noch mehr aber leide es, weil die Armen zumeiſt geplagt würden und ihnen das ſchwerſte Kreuz auferlegt ſei. Das hat Vielen wenig behagt. Die Wahrheit behagt ſelten denjenigen, welche ſie trifft. Auch die Wahrheit hat Klugheit nöthig, gab Hanna zur Antwort. Du biſt ein herber, ſtolzer Streiter, der die Menſchen nach ſich ſelbſt abmißt; aber, lieber Jens, es ſteht in der heiligen Schrift geſchrieben; Eher geht ein Kameel durch ein Nadel⸗ öhr, ehe ein Reicher ins Himmelreich komme. Sie haben gegen Dein Himmelreich Vieles einzuwenden, darum ſieh Dich vor, denn viele Augen blicken auf Dich. Mögen ſie ſehen, Hanna, ſagte der Voigt, ich thue Nichts, was nicht Alle ſehen mögen. Ich ver⸗ * — 160— walte mein Amt treu und ohne Furcht. Es iſt Keiner, der da ſagen könnte, es geſchehe ihm Un⸗ rechtes, und wenn Du mir erzählſt, daß Manche den Kopf ſchütteln, ſo giebt es gewiß auch nicht Wenige, die mir danken und mich ſegnen. Sieh, fuhr er fort, indem er die Hand auf den Kopf des Knaben legte, für dieſe da arbeite ich. In ihre Herzen will ich Muth und Rechtsgefühl bringen, da⸗ mit ſie wackere Männer werden und beſſere Tage erleben. Was mir übrig geblieben iſt an Glauben und Liebe, das iſt meinem Volke gewidmet. Zweifle nicht an der Macht der Wahrheit, Hanna! Und was haben Wahrheit und Recht Dir bis jetzt eingebracht? fragte die Frau. Wiſſe, Kund⸗ ſchafter Dich beobachten. Du machſt nn nach Schleswig hinüber, Du erhälſt viele Briefe, Du haſt Verſammlungen gehalten und eifrig geſprochen. Die Bauern haſt Du zuſammengebracht und ihnen von ihren Rechten erzählt. Das Alles iſt längſt getreu⸗ lich nh Kopenhagen berichtet worden. Mögen ſie doch, rief Jens lachend. Ich bin in Silt und thue was ich darf, ich ſtehe auf geſetzlichem Boden. Aber wer hat Dir das Alles erzählt, Hanna, und Dich ſo ängſtlich gemacht? Frage nicht danach, erwiderte ſie, aber glaube — 161— daß es wahr iſt. Da kommt Hilgen, er wird ſich freuen, Dich hier zu finden. Wie ſind wir Alle doch ſo froh, Dich auf Silt zu wiſſen und wie glücklich könnteſt Du uns machen, wenn Du wie in alter Zeit Dein Leben mit uns theilen wollteſt. Hilgen wurde an dem Gartenthor von dem jauch⸗ zenden Knaben empfangen, der ihm entgegenſprang. Der braune, kräftige Mann drückte die junge Frau in ſeine Arme und rief in voller Freude der Heim⸗ kehr: Gedankt ſei Gott! daß ich Dich wieder habe, liebſte Hanna. In Sehnſucht ſind mir Tage und Stunden vergangen. Alles iſt wohl und gut, ſprach ſie und dort iſt Jens Lornſen, der uns beſucht. Ein Anflug von Unmuth ſchien über Hilgens Geſicht zu fliegen, als er Lornſen erblickte, der ſtill an der Laube ſtand. Im nächſten Augenblick aber wurde er wieder froh und ihm die Hand ſchüttelnd, ſagte er: Sei willkommen, liebtr Jens; es iſt mir wahrlich lieb, daß Du eben jetzt bei uns biſt. Du kommſt aus Huſum zurück? fragte der Voigt. Ich bin noch weiter geweſen, gab Hilgen zur Antwort. Ich hatte Geſchäfte in der Probſtei, fuhr nach Hamburg, um einen Fleiſchhandel abzuſchließen II. 11 — 162— und ging dann nach Kiel, von wo ich nun nach Hauſe kehre. Und was giebt es Neues? Neues allerlei, rief Hilgen, es iſt ein abſonder⸗ licher Geiſt in die Leute gefahren. Sie ſtecken die Köpfe zuſammen und führen Reden, wie man ſie nie gehört hat. Die Einen fürchten ſich, die Andern ſchütteln ſich. Die meiſten wiſſen nicht, was ſie wollen, aber ſie ſchreien über Unrecht und Gewalt, und wenn man ſie nicht kennte, ſollte man meinen, Mord und Todſchlag ſeien an der Thür. Er lachte ſpöttiſch, indem er ſeinen Hut um a den Kopf drehte und ſich die Stirn wiſchte. Iſt warmes Wetter, fuhr er fort, aber zum ordentlichen Gewitter doch nicht geeignet. Sollteſt einmal ſehen, Jens, was die Herren auf ihren Ritterſitzen für Geſichter ſchneiden. Die Geſchichte in Frankreich hat ſie kreide⸗ weiß gemacht, fürchten ſich davor wie die Kinder. Mehr als Einer ſieht unſere ehrlichen, langſam be⸗ dächtigen Bauern, die ihr Lebtag nichts von Revo⸗ lution und Verfaſſung gehört haben, ſchon in hellen Haufen anrücken und die Schlöſſer niederbrennen. Es ſind von jeher Narren geweſen, die edlen Ritter, ſagte Lornſen lachend. So lange ſie auf ihre Privilegien pochen können, weiß ihr Hochmuth kein Ende zu finden; ſobald aber ein Schlag darauf ge⸗ ſchieht, iſtss mit dem Muth wie mit der Einſicht vorbei. Haſt Recht, rief Hilgen, es ſind Narren, auch ich hab's ihnen geſagt. Was ſoll wohl geſchehen hier im Lande, wo bisher alles ſo friedlich und ſtill war, daß man in Kopenhagen die Mäuſe hören konnte, die auf unſeren Kornböden umherliefen. Es könnte nichts geſchehen, auch wenn Adel und Geiſt⸗ lichkeit mit nach Verfaſſung ſchrieen, und die Hälfte von Schleswig nicht von Leuten bewohnt wäre, die däniſch ſprechen und däniſch denken. Da biſt Du im Irrthum, Freund Hilgen, er⸗ widerte der Voigt, Du weißt nicht, wie es in Ko⸗ penhagen ausſieht. Der Abſolutismus iſt einge⸗ ſchüchtert; eine kühne Forderung kann dort ſeine Niederlage bewirken und dem ſchwantenden alten Könige die Augen öffnen. Ich glaub's nicht, rief Hilgen, und Einer vom hohen Adel, den ich geſprochen, redete ganz anders davon. In Kopenhagen haben ſie ein ſcharf Regi⸗ ment eingeführt, und ſo wie ſich hier etwas rührt, werden ſie da ſein und die Hand an den Hals des⸗ jenigen legen, der am lauteſten ſchreit. Nun ſchreien ſie in Kiel zumeiſt, denn dort iſt das Neſt der Auf⸗ 11* — 164— wiegler, wie die Däniſchgeſinnten ſagen. Eben als ich da war iſt eine kleine Schrift herausgekommen, die den Lärm noch viel größer macht. Man reißt ſich darum, vertheilt ſie und kauft ſie. Es ſollen in einem Tage zehn tauſend Exemplare über's ganze Land verſchickt werden, damit das Büchelchen nicht etwa verboten wird, und ich glaub's gern, daß man Eile hat, denn der Teufel wird los ſein, wenn ſie es in Kopenhagen erfahren. Man muß auch den Teufel nicht fürchten, ſagte Lornſen. Der Doktor Luther hat es auch nicht gethan. Hier iſt die Schrift, ſprach Hilgen, indem er ein dünnes, kleines Heft aus der Taſche zog: Ueber das Verfaſſungswerk in Schleswig⸗Holſtein, heißt ſie, und wer iſt der Mann, der ſie geſchrieben hat? Ich, ſprach Lornſen; ich habe es nicht ver⸗ heimlicht. Nein, da ſteht's groß und breit, erwiderte Hil⸗ gen.— Aber wahr' Dich, Jens, wahr' Dich! Ich habe es nicht glauben wollen, meinte, es habe Einer Deinen Namen gemißbraucht, habe Dich für klüger gehalten. Schweig! rief Lornſen mit ſeiner Donnerſtimme, Männer wie Du ſind es, die wir zumeiſt zu fürch⸗ ten haben. — 165— Lornſen ſchied unmuthig von Hilgen, der von der Heftigkeit des Voigts beleidigt, ſeine Mißbilligung über das Benehmen deſſelben nicht länger zurückhielt. Du hältſt mich für feige und ſchwach, ſagte er beim Abſchiede, aber ich bin nur vorſichtig und will mein beſcheidenes Glück nicht einem Brett anver⸗ trauen, mit dem ich zu Grunde gehen muß. Höre auf meinen Rath, Lornſen, es iſt der Rath eines ſchlichten Mannes, der Dein Freund iſt. Ich kenne die Leute beſſer als Du. Sie laſſen Dich ſitzen und über Dein Haupt bricht das ganze Ungewitter zuſammen. Keine Hand wird ſich für Dich rühren, und Alle, die jetzt Dich loben und preiſen, werden ruhig zuſehen, wenn ſie Dich zu Gericht führen. Laß es gut ſein, Hilgen, erwiderte Lornſen mild. Du biſt ein Mann des Friedens und der Ruhe und kannſt nicht aus Deiner Haut. Ihr alle ſeid zu lange an Demuth und unterthänigen Gehorſam ge⸗ wöhnt, um wie Männer zu Eurem Recht zu ſtehen und dem Unrecht und der Gewalt kühn die Stirn zu zeigen. In dem kleinen Buche da, das Dir ein heilloſes Verbrechen ſcheint, ſteht kein Wort, das der ſtrengſte Richter verurtheilen möͤchte. Es iſt nichts als eine ruhige, wahrhafte und wohlerwogene Be⸗ trachtung der Verhältniſſe, eine Aufzählung der Dinge, — 166— wie ſie eben ſind; einfache Wahrheiten, die in weni⸗ gen Jahren jedes Kind wiſſen und ſich nicht darüber wundern wird. Jetzt ſind ſie neu und ihre Wirkung iſt groß. Es iſt ein elektriſcher Schlag, der bis in die Hütte dringt und in den Paläſten wohl Aerger und Zorn aufwecken kann, aber davor darf man ſich nicht fürchten. Ein Mann, der ſeinem Volke dienen will, muß darauf gefaßt ſein, angefeindet, geſchmäht, verkannt, verketzert und verfolgt zu werden. Aber Jens, fiel Hilgen ein, wenn Du das Alles weißt, ſo mußt Du auch wiſſen, daß die Mächtigen immer willige Hände finden, die auf ihren Wink den Schwachen zerdrücken. Damit ſie dies ferner nicht können, damit ſie Rechte achten lernen, und Furcht bekommen vor Männern, die ihren Winken nicht dienen und ihre Lockungen verachten, muß man ihnen beweiſen, daß ihre Macht ein Ziel hat und ein Ende erreichen kann. Ich habe es wohl geſagt, ſprach Hilgen kopf⸗ ſchüttelnd, Du kannſt nicht ruhen, nicht raſten und biſt dazu beſtimmt, Deinen Freunden Leid um Dich zu machen. Deine Mutter hatte ſo ſchöne Hoffnun⸗ gen, wir Alle glaubten Deine Zukunft jetzt wohl be⸗ gründet, Du aber zerſtörſt Deinen Frieden ſelbſt, — — 167— ohne zu bedenken, daß ein Halm ſich im Sturm beugt, wenn die Eiche gebrochen wird. Dann, Hilgen, iſt es immer beſſer als Eiche zu fallen, wie als Halm fortzuleben, rief Lornſen. Du ſiehſt, wir werden uns nicht verſtändigen können, aber beruhige Dich. Ich weiß, daß man langſam gehen muß, um ſicher zu gehen. Beruhige meine Freunde, ich habe nichts zu fürchten. Wir wollen nichts als den Sinn des Volkes wecken, wir wollen es aus ſeiner jetzigen Verdumpfung reißen, es mit ſeinen Rechten bekannt machen, darum habe ich dieſe Schrift geſchrieben und werde andere ſchreiben. Ja, das Schreiben und die Schreiber, das ſind die Aufwiegler, die zumeiſt gehaßt werden, fiel Hil⸗ gen ein. Nun, haſſen mögen ſie mich ſo viel ſie Luſt haben, lachte der Voigt, aber übel müßte es mit Richtern und Geſetzen ausſehen, übel mit allem Recht auf Erden, wenn es ihnen möglich wäre, mir ein Haar zu krümmen. Laß es gut ſein, Heinrich, ſo ſchlecht wie Dein Glaube, iſt der meine doch nicht. Im Laufe einer Woche war Lornſens Buch durch die Herzogthümer verbreitet und ſeine Wirkung groß und allgemein. Ueberall wurden Verſammlungen gehalten und Lornſen war in fortgeſetzter Bewegung, — 168— um da und dort zu erſcheinen, den Berathungen ſeiner Freunde beizuwohnen, Petitionen entwerfen zu helfen und den Beſchlüſſen Faſſung zu geben. Von allen Seiten wollte man Vorſtellungen an den Kö⸗ nig richten, er möge den Herzogthümern eine Ver⸗ faſſung verleihen, und nach Lornſens Darſtellung der Landesrechte verlangte man, auf Grund der ewigen Verbindung Schleswigs und Holſteins, ge⸗ meinſame Landſtände, eine wahrhafte Volksvertretung, freie Wahlen und Anerkennung der alten Landes⸗ privilegien. Die Bewegung war ſo allgemein, daß man darüber vergaß, wie der Adel, bis auf ſehr wenige patriotiſche Männer, ſich ganz zurückhielt. Lornſen kam mit ſtolzen Hoffnungen nach Silt zurück, er war ſeit langer Zeit nicht ſo froh geweſen. Auf dem Wege nach dem Hauſe ſeines Vaters traf er den Pfarrer von Morſum, der ihm ſchon in der Ferne von ſeinem Klepper herab tiefe Verbeu⸗ gungen machte und ſeinen breitkrämpigen Hut im weiten Bogen ſchwenkte. Ich grüße den großmäch⸗ tigen Voigt von Silt, ſagte er, und bitte den ge⸗ ſtrengen Herrn in Unterthänigkeit, dem armen alten Lorenz Leve immerdar gnädig zu ſein. Was habt Ihr wieder an Schwänken in Vorrath, — 169— alter Freund, erwiderte Lornſen lachend. Schießt los und gebt heraus was es iſt. . Nun, ſagte der Paſtor, noch iſt es im Kirchen⸗ gebete nicht angeordnet, aber ich ſehe dem Befehle alle Tage entgegen für das lange Leben und die zeitliche und ewige Wohlfahrt des Regenten in Schles⸗ wig und Holſtein zu bitten. Haben die freien Bür⸗ ger in Belgien ſo eben einen Seidenhändler zu ihrem Regenten gemacht, warum ſollen die freien Bürger in Holſtein, die edlen und freien Frieſen, Angeln und Sachſen nicht den tapferen und ſtandhaften Voigt von Silt dazu erheben? Ich ſehe allerdings keinen triftigen Grund dage— gen, wenn es nöthig ſein ſollte, erwiderte Jens, es ſei denn, daß man es vorzöge, den ehrwürdigen Lo⸗ renz Leve zu wählen. Ehre dem Ehre gebührt! rief der Pfarrer. Ich habe niemals Anlagen gehabt ein Volkstribun zu werden, und unter allen Gräueln, die je in der Welt geſchahen, iſt mir nichts gräulicher, als die Geſchichte der Gracchen, des Cola Rienzi und ähnlicher Volks⸗ verführer und Böſewichte, die denn auch endeten, wie es die Gerechtigkeit verlangte. Ihre kurze Herr⸗ lichkeit ſchloß damit, daß man ſie ins Gefängniß warf, verbannte, mordete oder, wie es ſich gebührte, — 170— von Henkershand abthun ließ und dazu ſpürte ich nie die geringſte Luſt, weiß auch nicht, wie ein vernünftiger Menſch überhaupt dazu Luſt haben könnte.— Willſt Du Deinen Vater beſuchen, Jens Lornſen. Ja, alter Freund. Wirſt große Freude haben, fuhr Lorenz Leve fort. Es war ein Glück geſtern im Hauſe, als die Kieler Wochen-Zeitung kam und die großmächtige Rede darin ſtand, welche Du in Friedrichſtadt ge⸗ halten. Wir hoffen, Du wirſt Alles ſammeln und drucken laſſen: wird eine noch prächtigere Wirkung machen, wie das berühmte Werk über die Verfaſſung. Was ich nächſtens drucken laſſe, lachte Jens, werde ich meinem lieben Freunde Lorenz Leve wid⸗ men, der eine Vorrede dazu ſchreiben ſoll. Peſt und Kreuz! ſchrie der Alte, ja ich will eine Vorrede ſchreiben, die ſich ſehen laſſen kann. Wie ſteht es aber mit den Hoffnungen auf Rebellion und Revolution? Mußt gute Geſchäfte gemacht ha⸗ ben, Jens, gut gearbeitet haben im Weinberge des Herrn; denn Deine Augen leuchten ſo hell und ſtolz, als wären alle Holſten und Dithmarſchen ſchon auf. den Beinen, um ſämmtliche Dänen zu erſäufen und niederzuſchießen. — 171— So ging das Geſpräch fort, bis die beiden Männer das Haus des alten Kapitains erreicht hatten. Heh, Peter Lornſen, ſagte der Pfarrer, hier bringe ich Euch Euren Erſtgebornen mit Lorbeer⸗ kränzen geſchmückt; ſeht zu, daß keine Dornenkrone daraus wird, wie es ſich ſchon oft ereignet hat. Ei, erwiderte der alte Mann lächelnd, Ihr müßt nicht vergeſſen, Lorenz Leve, daß der Erlöſer auch eine Dornenkrone trug. Er wandte ſich zu ſeinem Sohne, ſah ihm ernſthaft in die Augen und ſprach dann: Denke, Du weißt, was Du thuſt, Jens. Ja, Vater, denke, daß ich es weiß, erwiderte dieſer. Biſt ein Mann, der im Sturme das Steuer feſthält. Weißt auch, daß der Sturm nahe iſt? Möglich, daß er kommt, ehe man es denkt, Va⸗ ter, aber für jetzt iſt Wind und Wetter gut und Alles in Ordnung. Und Dein Schiff, iſt es ſo dicht und klar, daß es den Nordweſt aushalten kann? Ich glaube es, ſagte Lornſen. Es iſt nichts Unrechtes am Bord. Was geſchehen iſt und ge⸗ ſchieht, verheißt eine gute Fahrt, und wo der ernſte Wille iſt, Vater, für Pflicht und Ehre einzuſtehen — 172— wie ein Mann, kann man ruhig abwarten, was kommen wird. Recht, Jens, ſprach der Kapitain; ſo fahre Deinen Cours und halte aus, wie Du denkſt, daß es ſein muß. Biſt im Amthauſe geweſen? Nein, Vater. Hat Jemand nach Dir hier gefragt. Ein paar Fremde ſind hierher gekommen, weiß aber nicht, ob es die ſind, die in einer Schlupp vor einigen Stun⸗ den ans Land geſtiegen ſind. Wo ſind ſie denn? fragte der Voigt. Der Kapitain hob den Finger auf und deutete auf die Thür des Hauſes. Lornſen ſah ſich um und eine jähe Röthe bedeckte ſein Geſicht. Eine Dame im dunkeln Mantel, den blanken Taffethut hoch aufgeſchlagen, ſtand auf der Schwelle neben ſeiner Mutter. Was ſoll das? rief er zweifelnd. Fräulein von Hammerſteen! Wie iſt es möglich?! Daß ich hier bin, ſagte Lina, indem ſie zu ihm hintrat. Ich ſuche Dich, Jens. Dort liegt die Schlupp in der Bucht, welche mich herübergebracht hat. Branden hat ſie gekauft; wir ſind auf einer Reiſe nach Helgoland begriffen und wollen Dich mitnehmen. — 173— Mich mitnehmen? fragte Lornſen erſtaunt. Ich bedaure, es abſchlagen zu müſſen. Und was könnte Dich abhalten? fuhr Lina fort. Deine Pflicht? Ich glaube, es wird Deine nächſte und erſte Pflicht ſein, nicht ſo unwillige Blicke auf mich zu werfen, ſondern zu hören, was ich Dir zu ſagen habe. Willſt Du mich durch den Garten be⸗ gleiten?. Hier iſt mein Vater, meine Mutter und ein alter bewährter Freund, erwiderte Lornſen. Was ich zu hören habe, kann ich in ihrer Gegenwart hören. Wie unartig, wie eigenſinnig! erwiderte das Fräulein lächelnd, aber wie Du willſt, ich habe Nachrichten aus Kopenhagen erhalten, die mich be⸗ ſtimmten, Dich aufzuſuchen; es freut mich, daß ich nicht zu ſpät komme. Nicht zu ſpät? ſprach Lornſen leiſe und ſchwer. In dieſem Augenblick trat der Kammerherr eilig um die Ecke des Hauſes. Er hatte ſich ſeemänniſch in eine weite blaue Juppe geſteckt und einen mäch⸗ tigen Hut aufgeſtülpt. Die Hände hielt er in den Taſchen, und in ſein eines Auge hatte er ſein Glas geklemmt. Er ſah erhitzt und etwas ängſtlich, aber eben ſo ſeltſam wie lächerlich aus. Da iſt er ja, — 174— rief er, unſer theurer Freund Lornſen. Ich grüße Sie, lieber Kanzleirath. Sie ſehen prächtig aus, Silt muß durchaus geſund ſein; ich meine jedoch, wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir Ihre Geſundheit aufrecht erhalten wollen. Kommen ſie, Branden? fragte Lina. Ich glaube, ſie ſind es, erwiderte der Baron. Ich ſehe ein paar Männer zu Pferde und ein halbes Dutzend Kerle hinter ihnen, die höchſt verdächtig in der Sonne blitzen. Nun Lornſen, ſagte das Fräulein, ich denke Du weißt, worum es ſich handelt.— Sieh dort hin, ſie nähern ſich raſch; in wenigen Minuten dürfte es zu ſpät ſein.— Lornſen warf einen langen feſten Blick auf die Reiter, welche den Weg von Morſum heraufkamen.— Ich ſehe drei Männer, erwiderte er, deren Einen ich ſehr gut kenne. Es iſt der Strandvoigt und Polizei⸗ meiſter. Die beiden Anderen, fügte Lina hinzn ſind ein Offizier der Landgensdarmerie und ein Rath der Regierung. Sie haben den Befehl, Dich zu ver⸗ haften, wo ſie Dich finden. Mich zu verhaften? ſagte Lornſen ſtolz und un⸗ gläubig ſich aufrichtend. Unmöglich! — 15— Ehe dieſe würdigen Männer hier anlangen, können wir am Bord ſein und vom Lande ab⸗ halten, fuhr Lina fort. Es ſpringt eine Briſe auf, die uns erlaubt, ſie in aller Ruhe zu betrachten. Man hat in Kopenhagen beſchloſſen, Dich zu ver⸗ nichten, glaubſt Du, daß man es nicht kann? Laß Dich ahs in ihre Kerker ſtecken, hoffe nicht auf die Gerechtigkeitsliebe ihrer feilen Schergen. Fliehe, Lornſen, fliehe mit mir. Wenn Du in Sicherheit biſt, dann entſcheide, was Du weiter thun willſt. Es iſt unmöglich! rief Jens zurücktretend, und wenn es ſo wäre, wie Du ſagſt, es iſt dennoch un⸗ möglich! Keinen Fuß breit will ich weichen; Nichts könnte den Feinden meines Vaterlandes willkom⸗ mener ſein. Sie ſollen ſich verrechnet haben, ſo⸗ wohl an mir, wie an dem Rechtsgefühl derer, die ſich ſelbſt zu Richtern einſetzten. Es giebt kein Ge⸗ richt auf Erden, daß mich verurtheilen könnte, wenn die Ehre noch eine Wohnſtätte hat unter den Menſchen. O! Jens, rief die bange Mutter, den Sohn bittend anfaſſend, verbirg Dich, fliehe, bis die Ge⸗ fahr vorüber iſt. So leicht geht ſie nicht vorüber, ſagte Lornſen. — 176— „Mögen ſie es wagen, der Same iſt ausgeſtreut, ſie werden die Früchte erndten. Bauſt Du auf dieſe demüthigen, zu Allem be⸗ reiten Deutſchen? fiel Lina ein. Du ſiehſt, wie ge⸗ ſchäftig ſie ſind, die Häſcher zu machen für den däniſchen König, den ſie nicht anerkennen, und für ſeine Miniſter, von denen ſie geſchmäht, beraubt und beleidigt wurden. Keine Hand wird ſich regen, meine Hand allein regt ſich für Dich. Noch iſt der Weg frei, ich führe Dich. Mein Weg, ſprach Lornſen, geht dort hin; er hat nichts mit Deinen Wegen zu ſchaffen. Raſch verließ er den Platz und ging den Reitern entgegen, die ſo eben die Hecken der Umzäunung er⸗ reicht hatten. Da iſt der Kanzleirath! rief der Polizeiminiſter. Was wünſchen Sie von mir? fragte Lornſen. Der Erſte der Herren trat auf ihn zu und ſagte mit lauter, harter Stimme: Es thut mir leid, ein ſo ſchlimmer Beſuch zu ſein; aber ich erfülle meine Pflicht. Voigt von Silt, ich verhafte Sie im Na⸗ men des Königs! 4 12. Lornſen war nach Rendsburg gebracht worden, er ſaß in enger Haft, aber er war guten Muthes. Tage und Wochen vergingen, der Winter kam und noch immer wußte er nicht, was mit ihm ge⸗ ſchehen ſollte. In ſeiner Einſamkeit hörte er freilich nach und nach, wie der kurze Traum verrann, den er von einer kräftigen, obwohl friedlichen und geſetzlichen Erhebung des Volkes für ſeine Rechte geträumt hatte; denn in Kiel war die Petition an den Kö⸗ nig nicht einmal abgegangen, die Majorität des Stadtraths erklärte ſich dagegen und in den andern Städten zerfloß die Bewegung in Nichts, als Lorn⸗ ſen ſelbſt ihr fehlte. Die Landleute auf ihren ein⸗ ſamen Höfen hatten von der ganzen Sache über⸗ haupt nicht viel begriffen, ſie waren der bezaubern⸗ den Perſönlichkeit des edlen, ſtolzen Mannes und ſeiner feurigen Beredſamkeit nachgelaufen; jetzt hatte man ihn in den Kerker geworfen, was konnten ſie mehr thun, als ihn bedauern und— ſchweigen, wenn die Däniſchgeſinnten ihre Stimme erhoben, die nun laut genug hervortraten. II. 12 Die Anfangs beſtürzte Regierung, welche im erſten Schrecken geglaubt hatte, das ganze Land brenne lichterloh, überzeugte ſich bald, daß es ein bloßes Strohfeuer geweſen ſei und daß ſie mit dem einen Manne, der es angezündet und in Brand gehalten hatte, der ganzen Bewegung Herr geworden ſei. Sie hatte nur nöthig, dieſen verwegenen Voigt von Silt zu ſtrafen, um auf lange Zeit ſicher zu ſein, daß ſich nichts regen werde; alle Maßregeln wurden daher genommen, um ihn nicht davon kommen zu laſſen. Die Regierung fühlte, was an der Verurtheilung dieſes Mannes, was an ſeiner Freiſprechung hing. Wenn die letzte erfolgte, ſo war es ein Sieg der Volkspartei, der unberechenbare Folgen haben konnte. Lornſen wurde von Neuem der gefeierte Held; ſeine Kühnheit mußte wachſen. Er war wohl anderer Dinge dann fähig als dieſer Vorläufer, mit denen er debütirt hatte. Da man in Kopenhagen den Mann und ſeinen Charakter genau kannte, ſo war man um ſo mehr beſorgt. Eine außerordentliche königl. Unterſuchungs⸗ kommiſſion wurde ernannt, mit dem Auftrage, die Handlungen Lornſens und ſeiner Mitſchuldigen auf's Strengſte zu prüfen. Nachforſchungen wurden in allen Städten und Orten angeſtellt, wo Verſamm⸗ — — — 179— lungen geweſen waren, ein große Zahl von Perſonen aller Stände wurden vernommen und in Kreuzver⸗ hören abgemartert, um Ausſagen und Beweiſe zu erhalten; nichts wurde geſpart um zu ſchrecken und einzuſchüchtern, nichts unverſucht gelaſſen, um ein Verbrechen feſtzuſtellen, das durchaus begangen ſein ſollte, und man hatte die tauglichſten und tüchtigſten Werkzeuge dazu ausgewählt, die den redlichſten Willen hatten, ihren hohen Vorgeſetzten ſich als beſonders brauchbar zu empfehlen. Nicht beſſer ging es dem gefangenen Manne in ſeinem Kerker. Seine Verhöre folgten langſam und unterbrochen; man ließ ihm ſechs Monate Zeit, um mürbe zu werden, aber die zähe Kraft in dieſem gi⸗ gantiſchen Körper war ſo leicht nicht zu zerbrechen. Die Einſchränkungen und der üble Wille ſeiner Wäch⸗ ter mochten ihm läſtig werden und ſeine Geſundheit angreifen, ſeine geiſtige ungebrochene Thättigkeit ließ ihn dies kaum bemerken. Er verheimlichte den Unter⸗ ſuchungs⸗Kommiſſarien Nichts und verſchwieg Nichts; was er ſagte, geſchah im vollen Gefühle ſeines Rechts und im Bewußtſein, Nichts gethan zu haben, was die Landesgeſetze im Geringſten verletzt hätte. So war endlich der Frühling gekommen und un⸗ geduldig ſah der Gefangene hinaus auf das grünende 128 — 180— Land. Die Akten der Unterſuchungskommiſſion waren geſchloſſen und an das ſchleswigſche Obergericht zum Spruch eingeſandt worden. Dieſer Spruch konnte alle Tage erfolgen, er konnte ihn ſtündlich erwarten. Mit ſehnſüchtiger Freude dachte er daran, wie ſein Kerker ſich öffnen werde und er berechnete die Folgen nicht geringer, wie die Regierung. Er wußte, daß ein Freudengeſchrei durch das ganze Land gehen, daß alle Furchtſamen und Halben dadurch neuen Muth empfangen, daß ſein erſter Schritt in die Freiheit eine Niederlage des Abſolutismus ſein würde, die dieſer nicht mehr überwinden könne. Mitten in ſeinen frohen Gedanken hörte er eines Tages die Schlüſſel an der Thüre klirren und mit einer plötzlichen Hoffnung, die ſein Geſicht belebte, wandte er ſich um; aber ſeltſam überraſcht fühlte er ein unheimliches Bangen, als er einen Beſuch vor ſich erblickte, den er am wenigſten erwarten konnte. Es war der Staatsrath Hammerſteen, der ihm beide Hände entgegenſtreckte und mit ſeiner gewohnten lächelnden Güte ſagte: Mein armer, unbeſonnener Freund, was habe ich Ihnen prophezeiht, wovor habe ich Sie vornehmlich gewarnt?! Halten Sie. immer ein Auge auf Kopenhagen gerichtet und ſchrei⸗ — 181— ben Sie nichts, gerathen Sie in keinen unſerer mo⸗ dernen Hexenprozeſſe, das waren meine letzten Worte. Sie ſtehen vor einem lait accompli, Herr Staats⸗ rath, erwiderte Lornſen, die Achſeln zuckend. Alſo nichts mehr davon, ſprach der Baron. Sie haben Recht, lieber Freund. Ich bin einige Wochen auf meinem Gute geweſen, leider ganz allein, denn Lina iſt in Italien. Sie wiſſen doch, daß ſie Ba⸗ ronin Branden iſt? Ich höre es von Ihnen zuerſt, erwiderte Lornſen, ſetzte es jedoch voraus. Ah freilich, rief der alte Herr lachend, indem er ſich niederließ, das wilde Mädchen hat Ihnen einen Beſuch auf Silt gemacht, hat Sie warnen und gleich⸗ ſam entführen wollen. Es war durchaus vernünftig, daß Sie auf ſolche Mädchenträume nicht eingingen. Nun, Lina fuhr mit Branden nach Helgoland, dann weiter nach London, wo ſie im Hotel unſeres Ge⸗ ſandten getraut wurden. Branden iſt unendlich glück⸗ lich und Lina's Briefe ſchwärmen voller Zärtlichkeit für ihn. Aber, mein lieber Freund, fuhr er dann fort, womit vertreiben Sie ſich die Zeit? Sie haben eine Unmaſſe alter Bücher und Schriften hier auf⸗ geſtapelt. Ich glaube beinahe, Sie wollen eine Pro⸗ — 182— feſſur an einer deutſchen Univerſität nachſuchen, wenn Sie erlöſt ſein werden. Während er lachte, ſagte Lornſen: Ich denke ruhig zu bleiben wo ich bin, meine Zeit iſt jedoch nicht ganz übel angewandt worden. Ich habe mich der ſchwierigen Arbeit zugewandt, alle Rechts⸗ und Ge⸗ ſchichtsquellen der Herzogthümer zu unterſuchen, und hoffe daraus ein Werk zuſammen zu ſtellen, das mancherlei Irrthümer und Zweifel über unſer Staats⸗ recht gründlich beſeitigen ſoll. Denken Sie ſchon wieder an's Schreiben? rief Hammerſteen drohend; ich will Ihnen etwas Beſſeres und Freudigeres mittheilen. Der König wird in kurzer Zeit in die Herzogthümer kommen. Was ſagen Sie dazu? Ich hoffe, der gerade und biedere Sinn des Kö⸗ nigs wird dann nicht länger von ſeinen Rathgebern getäuſcht werden können. Immer aufrichtig und wahrhaft! ſagte der Staats⸗ rath. Se. Majeſtät hat dies Urtheil über Sie ge⸗ fällt, lieber Kanzleirath, und was ich Ihnen jetzt mittheile, muß Ihnen Genugthuung gewähren, denn Niemand kann leugnen, daß ſowohl Ihre perſönliche Einwirkung auf unſeren gnädigſten Herrn, wie Ihre feurigen Beſtrebungen hier im Lande die eigentliche — 183— Urſache dazu bilden.— Er ergriff Lornſens Hand und fuhr dann eindringlich fort: In kurzer Zeit wird Dänemark eine Verfaſſung haben! Und die Herzogthümer? fragte Lornſen. Es verſteht ſich, daß ſie daran Theil nehmen, ſagte der Staatsrath. Das Geſetz, welches Ver⸗ trauensmänner aus allen Landestheilen nach Kopen⸗ hagen beruft, wird dem Könige vorangehen. Nun, Kanzleirath Lornſen, ſind Sie damit zufrieden? Sie fragen mich, erwiderte Lornſen, ob ich mit etwas zufrieden bin, was wie ein Meſſer ausſieht, dem Klinge und Heft fehlen. Wenn man Recht und Wahrheit achten wollte, ſo würde ich nicht hier ſein, Herr Staatsrath. Man würde mich nicht eingekerkert, gequält und gemartert haben, würde mir Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, keine Unterſuchungskommiſſion einſetzen, keine Prozeſſe anſtellen, wo keine Schuld vorhanden iſt. Man würde das erſte und einfachſte Recht jedes freien Mannes achten, durch die Preſſe zu ſagen, was er denkt, und ſeine Mitbürger zu ver⸗ ſammeln, um gemeinſam zu berathen, was ſie für ihr Wohl am zuträglichſten halten. Das ſind gefährliche Rechte, fiel Hammerſteen ein. Was verlangen Sie von einer bedrobten Re⸗ gierung?— Soll ſie ruhig zuſehen, wenn die feind⸗ — 184— lichſten Grundſätze gegen ſie verbreitet und in die Köpfe der rohen Maſſe geſchleudert werden? Wenn die Regierung im Rechte iſt, ſagte Lorn⸗ ſen, hat ſie nichts zu fürchten. Es muß ihr lieb ſein, des Volkes Stimme zu hören, ſobald nichts ge⸗ ſchieht, was gegen das Geſcz wäre. Das haben wir gethan, nichts Weiteres. Bittend und vorſtellend haben wir uns an den König gewandt, ihm vor⸗ getragen, was wir für Recht halten, und darum al⸗ lein, um nichts Anderes, hat man mich gefangen und vor Richter geſtellt, die mich nicht geſehen und ge⸗ hört haben.. Die bittre Heftigkeit, mit welcher Lornſen ſprach, vermehrte ſich durch den Widerſpruch des Barons.— Sie haben ſich wahrlich nicht zu beklagen, ſagte die⸗ ſer. Sie wiſſen nicht, welche Berichte über Sie ein⸗ liefen, wie Ritterſchaft und Prälaten, die erſten und reichſten Männer im Lande, um Hülfe riefen gegen das geſetzloſe Treiben. O! ich weiß, erwiderte Lornſen. Die Stützen des legitimen Throns betheuerten ihre Treue. Sie ſchrieben dem Könige, daß er nichts von ihnen hö⸗ ren würde, was allerhöchſtdenſelben mißfällig ſein könnte; baten ihn, doch ja nichts zu übereilen, ihnen nicht die Umtriebe einiger übelwollender, gemeiner — 185— Menſchen zur Laſt zu legen und forderten weiter nichts zum Lohne, als die Gnade und Huld ihres königlichen Herrn und die gute alte Zeit mit ihren Privilegien. Sie ſind ja vortrefflich unterrichtet trotz aller Thüren und Schlöſſer, lachte der Staatsrath. Doch unbeſorgt, lieber Freund. Ihre Denkſchrift wirkt in Frederiksborg⸗Schloß fort, dieſe Ritter haben dort nichts zu erwarten. Jetzt aber, fügte er hinzu, laſ⸗ ſen Sie uns ein ernſtes Wort reden. Sagen Sie mir aufrichtig, was Sie denken. Es wäre zu be⸗ klagen, Herr Lornſen, wenn ein Mann von Ihren Fähigkeiten wirklich für das Vaterland völlig ver⸗ loren ſein ſollte. Ich hoffe, ſagte Lornſen, daß ich dieſe gütige Beſorgniß abweiſen kann. Glauben Sie, fiel Hammerſteen betheuernd ein, daß dies von hohen Perſonen ſowohl, wie von vielen einflußreichen Männern ſehnlich gewünſcht und er⸗ wartet wird. Nach dem Antheil, den Sie, Excellenz, an mir nehmen, erwiderte Lornſen, und was mir überhaupt geſchehen iſt, bin ich davon überzeugt. Sie ſind gereizt, rief der Staatsrath, aber Sie werden ſpäter einmal ſich und uns richtiger beur⸗ — 186— theilen. Sie haben einen politiſchen Prozeß gehabt. Sie haben einige Monate in Einſamkeit gelebt, Sie können verurtheilt werden, und dennoch eine glän⸗ zende Entſchädigung erwarten. Jugendliche Verir⸗ rungen können gut gemacht werden und finden am leichteſten Verzeihung, wenn die Reue aufrichtig iſt. Sehen Sie nach Deutſchland hinüber, was iſt dort aus den Demagogen, Ihren alten Univerſitätsfreun⸗ den, geworden? Nachdem Viele einige Zeit in Ge⸗ fängniſſen und Feſtungen geſeſſen haben, Andere ſo⸗ gar zum Tode verurtheilt worden ſind, befinden ſich die Meiſten jetzt wie Fiſche im Waſſer, als Geheim⸗ räthe, als Obergerichtsräthe, oder in anderen an⸗ ſehnlichen Aemtern und Würden, ſehr behaglich und gemüthlich als getreue und eifrige Diener der Des⸗ poten und Tyrannen, gegen die ſie ehemals die Brutuſſe ſpielten. Wohlan denn, mein lieber Freund, fuhr er lachend fort, bekennen Sie ſich ſelbſt, daß auch hier die Komödie aus iſt und ziemlich mittel⸗ mäßig geendet hat. Die Zuſchauer ſind nach Haus gelaufen und haben die Hauptakteure im Stich ge⸗ laſſen. Alles, was ich Ihnen vorher ſagte, iſt ein⸗ getroffen und wird weiter eintreffen, aber noch iſt es Zeit, die Schlußſcene klüglich zu vermeiden. — 187— Ich muß annehmen, ſagte Lornſen, daß dies mir die Ehre Ihres Beſuchs verſchafft hat. Ich will es nicht durchaus läugnen, erwiderte Hammerſteen lächelnd. Ich habe auf Wunſch Sr. Majeſtät mich hier umgeſehen und meinen Antheil für Sie dabei mitwalten laſſen. Kurz und beſtimmt alſo, Kanzleirath Lornſen, ich will Ihnen die Hand bieten, um aus dieſem Loche zu kommen und in an⸗ ſtändiger Geſellſchaft zu erſcheinen. Was das anbelangt, ſo glaube ich, daß dieſe Thüren ſich mir bald von ſelbſt aufthun werden. Möglich, erwiderte der Staatsrath, doch rechnen Sie nicht zu feſt darauf. Wollen Sie aber verſtän⸗ dig annehmen, was ich Ihnen biete, ſo ſoll Alles der Vergeſſenheit anheimfallen. Wir ziehen Sie von Neuem nach Kopenhagen in die Kanzlei, oder nach Ihrer Wahl in die Regierung. Ich denke, es kann Ihnen nicht ſchwer fallen, Ihren Entſchluß zu faſſen. Sie haben kennen gelernt, wie es mit Volksgunſt ſteht, Sie haben erfahren, was Ihre Freunde ver⸗ mögen und was die ſogenannte öffentliche Mei⸗ nung werth iſt. Ihr ganzes Unternehmen iſt an der Dummheit, Unfähigkeit und der völligen Un⸗ reife dieſes Volkes geſcheitert. Was können Sie noch hoffen? — 183— Gerechtigkeit! ſagte Lornſen erglühend und mit ſtarker Stimme. Nein, Herr Staatsrath, ſo übel ſteht es nicht, ſolche Vorwürfe verdient dies Volk nicht. Noch giebt es Richter im Lande, die das Rechtsbewußtſein ſtärken, das niedergetretene Volk erheben, den Unſchuldigen ſchützen werden. Das glauben Sie? fragte Hammerſteen ſpöttiſch und achſelzuckend. Ich glaube es, weil ich Sie hier ſehe, fuhr Lornſen fort. Der Abſolutismus zittert vor mei⸗ ner Freiſprechung. Weil er weiß, daß er ſie nicht hindern kann, bietet er mir die Hand zur Ver⸗ ſöhnung. Sie aber ſollten wiſſen, Herr Staatsrath, daß alle Preiſe mich nicht verlocken können, mich zu ſchänden und die heilige Sache meines Volkes zu verrathen. Ich ſehe, Sie ſind ſchwer heilbar, ſagte der Ba⸗ ron kalt lächelnd, aber warten Sie, vielleicht hilft ein letztes Mittel. Er ſtand auf und reichte Lornſen ein Papier. Leſen Sie das, ſagte er. Es iſt eine Abſchrift, morgen wird Ihnen das Original zugeſtellt werden. Wenn Sie es vermeiden wollen, ſchreiben Sie mir eine Antwort, daß ich Sie beſuchen ſoll. Adieu, mein lieber Kanzleirath, Gott erhalte und erleuchte Sie. — 189— Was iſt das! rief Lornſen, das Papier auf⸗ ſchlagend. Ein Urtheil des Obergerichts, mein Ur⸗ theil! Er warf einen Blick des Entſetzens auf den lächelnden Staatsrath, der ihm von der Thür aus zunickte. Meines Amtes entſetzt, einjährige Fe⸗ ſtungsſtrafe— wegen Handlungen, welche hätten gefährlich werden können. Und keine Entſcheidungsgründe! Ha, das iſt niederträchtig, hündiſch niederträchtig! Er brach in ein wildes Hohngelächter aus und ſchleuderte das Papier zu Boden. So war es geſchehen, was Manche gefürchtet, doch Wenige nur geglaubt hatten. Lornſen war von dem oberſten Gerichtshofe wegen Handlungen,„die hätten gefährlich werden können“, verurtheilt wor⸗ den, und ſtatt frei und ermuthigt durch die geöffnete Thür ſeines Kerkers hinauszutreten in den jungen Frühling, ſollte ein Jahr verſtreichen, ehe er ohne Amt, ohne Einfluß, ohne Thätigkeit, tief gedemüthigt als ein beſtrafter Miſſethäter unter ſeinen Mitbür⸗ gern erſcheinen konnte. Der Zorn in ſeinem Herzen machte dem Gefühl der Schande Platz, und dieſe wich dem nagenden Kummer über die Wirklichkeit der Zuſtände, an die er nicht geglaubt hatte. Eine ganze Woche war — 190— vergangen, ſeit er das Urtheil empfangen, Stimmen erhoben ſich für ihn, die ſeine Richter angriffen und ſein Schickſal ein unverdientes und ungerechtes nann⸗ ten; aber es waren ſchüchterne, leiſe Stimmen, Stimmen in der Wüſte, die nicht laut zu rufen wagten, um die ſchlafenden Wölfe nicht zu wecken. Die Cenſur erlaubte eben nicht mehr, und nach ei⸗ nigen ſchwachherzigen Klagen und Seufzern ver⸗ ſtummte der Ton vollſtändig, denn die Cenſoren hatten Befehl erhalten, nichts mehr durchzulaſſen, was den oberſten Gerichtshof beleidigen könnte. Die Bauern in ihren Höfen dachten dann wohl noch einige Zeit an den ſtolzen, kühnen Voigt, der ſo mächtig zu reden wußte; der Arbeiter in den Städten hatte mit der täglichen Noth zu kämpfen; der Kaufmann handelte weiter wie vorher, die ma⸗ teriellen Intereſſen hatten viel gelitten; die Junker und Ritter freuten ſich über die Gerechtigkeit gegen die Wühler und Aufwiegler; die klugen Leute ſchüt⸗ telten den Kopf und nannten es wenigſtens unbeſon⸗ nen von dem allzuheftigen Manne, und nur eine kleine Zahl bewährter Freunde blieben in Liebe und Treue ihm zugethan; ſie fühlten ſeine Noth und Schmach mit ihm. Nach einiger Zeit kam der Staatsrath Ham⸗ — 191— merſteen wiederum nach Rendsburg und beſuchte Lornſen, aber er ſchien aufrichtig erſchrocken und theilnehmend zu ſein, als er ihm in's Geſicht blickte. Wie! Lornſen, ſagte er, ich habe Sie wahrlich für einen größeren Philoſophen, ich habe Sie für einen Stoiker gehalten, der es mit Antoninus Pius aufnehmen könnte, und wie ſehen Sie aus! Ich bin in der That ein wenig angegriffen, er⸗ widerte Lornſen mit einem ſchwachen Lächeln. Site ſind krank, ſagte der Staatsrath. Was iſt es? Behandelt man Sie hart? Sie müſſen Be⸗ wegung haben. Es iſt auf keinen Fall der Wille der Regierung, Ihnen Erleichterungen zu entziehen. Man behandelt mich mild, antwortete der Ge⸗ fangene, aber Sie wiſſen, Excellenz, es giebt Leiden, die weder Milde noch Strenge heilen können. Ich verſtehe, ſprach Hammerſteen, Sie ſind in Ihren Erwartungen und Hoffnungen getäuſcht, in eine Krankheit gefallen, die man mit dem lächerli⸗ chen Namen Weltſchmerzfieber getauft hat, der aber durchaus paſſend iſt. Sie grollen mit Menſchen und Menſchheit, beide kommen Ihnen verächtlich vor. Lornſen blickte finſter vor ſich nieder.— Folgen Sie dieſer Erkenntniß der Dinge, rief der alte Herr und er lehnte ſich zurück in den Stuhl, indem er — 192— ſeine Finger um die goldene Doſe wand, verachten Sie das Geſindel nach Herzensluſt, es iſt wahrhaf⸗ tig nichts Beſſeres werth, aber— ſein Sie kein Thor und nehmen Sie es etwa ſich zu Herzen. Ich habe Ihnen Alles vorher geſagt, Freund, Sie haben mir nicht glauben wollen, und doch wird dieſe harte Kur gut für Sie ſein, wenn ſie zur Heilung Ihrer Selbſttäuſchung führt. Sie nennen Selbſttäuſchung, fiel Lornſen mit einer unmuthigen Bewegung ein, was ich die Folge der tiefen Verknechtung nenne, in welche der zügel⸗ loſe Despotismus der Fürſten und ihrer Genoſſen ganze Völker geſtürzt hat. Bah! erwiderte Hammerſteen, ich gebe nichts auf ſolche Deklamationen. Denken Sie ohne Leidenſchaft Lornſen. Wen klagen Sie an? Am bitterſten Ihre gerühmte Vernunft, Ihre proklamirte Göttlichkeit. Wenn etwas daran wäre, würden die Völker anders ſein, würden ſie weder von despotiſchen Fürſten noch von den Genoſſen dahin gebracht werden können, einen nichtsnutzigen, feigen, feilen, erbarmungslos dummen und gemeinen Haufen von Weſen zu bilden, die ſich gegenſeitig beſtehlen, berauben und morden. Der Narr, der Börne, hat ein ſehr wahres Wort geſagt: Wenn die Völker beſſer wären, würden die — 193— Fürſten beſſer ſein! Aber darin liegt es. Die Völker ſind nicht beſſer, und jedenfalls ſind das die größten Thoren, die da meinen, ſie könnten die Beſſerung bewirken. Sie haben mir die Ehre Ihres Beſuches noch⸗ mals zugewandt, ſagte Lornſen. Und jedenfalls nicht, um Sie zu ärgern oder gar zu verhöhnen, ſprach Hammerſteen. Ich kam zum erſten Male, um Sie auf Ihre Verurtheilung vorzu⸗ bereiten und Ihnen Troſt zu geben. Sie haben mich damals nicht zum Wiederkommen eingeladen. Jetzt bin ich hier, um zu ſehen, was ich für Sie thun kann, meinte aber nicht, Sie ſo gebeugt zu finden. Gebeugt? wiederholte Lornſen ſich aufrichtend. Sie irren, Herr Staatsrath. Ich habe weder den Glauben an die Zukunft meines Volkes, noch an die aller Unterdrückten verloren. Recht! rief der Baron lächelnd, glauben Sie daran, ich thue es auch, aber ſein Sie ungläubig für die Gegenwart. Sehen Sie, fuhr er fort, da iſt ein Zeitungsblatt aus Kopenhagen, ich will Sie damit beruhigen. Björning iſt von zäherem Stoff, wie Sie, aber er hat auch andere Ausſichten. Er iſt ebenfalls verurtheilt worden, hat ſechs Monate im Gefängniß gelebt, hat fünfhundert Thaler Strafe gezahlt, iſt J. 13 — 194— unter Cenſur geſtellt auf zehn Jahre; trotz deſſen iſt er voller Muth und Zuverſicht. Die däniſchen Libe⸗ ralen haben das Geld für ihn zuſammengebracht; wie er aus dem Gefängniß kam, wurde ihm ein Gaſtmahl gegeben, reiche Kaufleute und Privatmän⸗ ner ſorgten ſogleich für einen Jahrgehalt. Was er jetzt ſchreibt, wird von Freunden unterzeichnet, die ſich zu der Ehre drängen, ihre Namen für ihn ein⸗ zuſetzen. Die Regierung hat ſomit geglaubt, ihn nicht von ſeiner Profeſſur entfernen zu dürfen; ich ſelbſt habe dagegen geſtimmt. Sie haben dagegen geſtimmt? Eben ſo gut wie ich dafür geſtimmt habe, Sie jedenfalls abzuſetzen, ſagte Hammerſteen ruhig. Björ⸗ ning hat Stützen im Volke, er hat mächtige und reiche Freunde, er verſteht zu rechnen, läßt ſich be⸗ handeln und was er ſchreibt und will, i*ſt nicht feind⸗ lich gegen Dänemark, ſondern nur feindlich gegen ein herrſchendes Syſtem. Sie, Lornſen, haben gar nichts und doch ſind Sie gefährlicher. Sie ſind ein deutſcher Patriot, der für ein freies und einiges Deutſchland ſchwärmt. Wir haben Ihnen jetzt gezeigt, auf welche Stützen Sie rechnen können. Ihre eigenen Lands⸗ leute haben Sie auf die Schlachtbank geliefert, Ihre eigenen Richter haben Sie gerichtet. Das Hohn⸗ — 195— gelächter der reichſten und einflußreichſten Männer hat Sie in den Kerker begleitet, Ihre Verurtheilung hat Freude hervorgerufen. Dankadreſſen ſind nach Kopenhagen geſchickt worden, und wer ſich nicht freute, der iſt wenigſtens ſtumpfſinnig und gleichgültig ge⸗ blieben und hat heimlich Gott gedankt, daß er ſein ganzes Fell retten konnte. Sehen Sie, das iſt das Volk, für welches Sie ſich geopfert haben. Nicht einmal die Zeitungen haben gewagt, eine kräftige Lanze für Sie einzulegen. Ihre bitterſten Gegner in Kopenhagen haben es gethan. So ſehr alle Dänen es verdammen müſſen, was Sie beabſichtigen, ſo haben Björning und Genoſſen doch Ihren Muth, Ihre Talente und Ihre Hingebung für ein faules und undankbares Volk geprieſen und beklagt. Sie haben es himmelſchreiend genannt, daß ein Ober⸗ gericht ſich durch Ihre Verurtheilung ſo ſchamlos an den Pranger ſtellte, und haben für Ihre Sache ſich ſelbſt Verfolgungen ausgeſetzt, weil die Regie⸗ rung nicht dulden konnte, daß man die deutſchen Provinzen, die Obergerichte, den Adel und die ge⸗ ſammte Bevölkerung ſo unbarmherzig mit Spott und Verachtung brandmarkte. Und was, Herr Staatsrath, ſagte Lornſen be⸗ wegt, was ſoll ich daraus lernen? 13* — 196— Künftig klüger ſein, mein Freund, wahrhaftig, das iſt das Ganze! erwiderte der Baron. Wollen Sie meinen guten Rath hören? Als Lornſen ſchwieg, fuhr er bedächtig fort: Wenn Sie ein Jahr hier im Gefängniß zubringen ſollen, ſind Sie ein verlorner Mann. So weit muß Ihr Einſehen reichen, daß Sie dann Nichts mehr zu hoffen haben. Im vorigen Jahre, als die Revolutionen los⸗ brachen, ließ ſich Einiges erwarten und durchſetzen. Die Völker, ſprach er mit ſeinem ſpöttiſchen Lächeln, ließen ſich jedoch bewegen, daran zu glauben, daß die Zeit zur wohlthätigen beſonnenen Erfüllung früherer Verheißungen erſt kommen könne, wenn die Ruhe völlig wieder hergeſtellt ſei. Die Ruhe iſt nun her⸗ geſtellt und das Wohlthätige wird erfolgen. Eine fürchterliche Lehre für alle Völker! ſprach Lornſen. Sehe Jeder, wo er bleibe! fiel Hammerſteen ein. Ich habe Ihnen dieſen weiſen Spruch beim Anfange unſerer Bekanntſchaft citirt, und ich wiederhole ihn jetzt, wo wir vielleicht uns zum letzten Male ſehen. Es wäre kläglich, rief er, indem er in Lornſen's fieberhaft geröthetes Geſicht blickte, aber es würde ſo⸗ ſein. Sie gehen unter, mein Freund, wenn Sie auch jetzt nicht zur Beſinnung kommen können. Zwan⸗ 8 — 197— zig Jahre, ein ganzes Menſchenalter, mögen leicht darüber verfließen, ehe in dieſen ſtagnirenden Sumpf eine neue Bewegung kömmt. Und was wird es dann ſein? Was iſt von dieſem deutſchen Volke zu hoffen, das, entartet wie es iſt, ewig nur todte Kinder ge⸗ bären kann. Nach einem Jahre, wenn Ihr Kerker ſich öffnet, ſind Sie vergeſſen. Gram, Zorn, der Kummer über ein verfehltes Streben, der Ekel über die Gemeinheit, die Sie umkriecht und zu Boden zieht, werden an Ihrem Leben nagen und dies vor⸗ zeitig enden. Wohin wollen Sie? Jede öffentliche, ehrende Stellung iſt Ihnen abgeſchnitten. Wollen Sie ſich in dem Winkel von Silt verbergen, dort ein Bauer werden, auf der Warft ſitzen, Ihr Feld bauen und ein Weib nehmen? Unmöglich! Ihre un⸗ ruhige, ehrgeizige Gemüthsart und alle Ihre Erin⸗ nerungen laſſen dies nicht zu. Sie würden vergehen in dem tödtenden Bewußtſein Ihrer Verarmung an Allem, was der höher organiſirte Menſch bedarf. So bleibt Ihnen nichts als mit einem Sprunge dieſem Miſere zu entgehen. Er ſchwieg; Lornſen ſchien von dieſer Schilde⸗ rung betroffen und ergriffen. Es war, als empfände er die Wahrheit und kämpfe vergebens gegen ein Zugeſtändniß. 193— Lieber Freund, begann der Staatsrath von Neuem, mögen unſere Jugendträume philanthropiſch ausfallen, der gereifte Mann muß einſehen, daß die Welt be⸗ trogen ſein will. Richten Sie den Kopf auf, Lorn⸗ ſen. Das Leben iſt kurz; man muß es ſich ange⸗ nehm und ſchön machen. Es giebt keine andere ver⸗ nünftige Philoſophie, als die Lehre des Epikur. Und wenn die Völker einſt dieſe Lehre recht be⸗ greifen werden? rief Lornſen mit Bitterkeit. Wenn ſie nicht mehr auf das Jenſeit hoffen, ſondern hier ihren Antheil am Glück fordern?. Ah bahl erwiderte Hammerſteen, meinen Sie, daß das jemals geſchehen wird? Die Menſchheit wird ewig glauben und ewig hoffen, denn ſie wird ewig unmündig bleiben und Prieſter und Advokaten nöthig haben. Wir, die Eingeweihten, ſind darüber hinaus. Wir glauben an uns ſelbſt und— ſchonen die Vorurtheile, geben Jedem das goldene Kalb, zu dem er beten kann. So ſind wir frei, ſo allein wird man frei, mein Freund, und verachtet die Dumm⸗ köpfe und die Narren. Der alte Staatsmann lächelte höhniſch, und ſeine grauen kalten Augen bohrten ſich bedeutungsvoll in Lornſens krankes Geſicht. Laſſen Sie ſich nun ſagen, fuhr er dann fort, 184 ¾ — 199— daß der König in ſpäteſtens vierzehn Tagen hier ſeiie wird. Vernichten kann er das Urtheil des Ober⸗ gerichts nicht, aber er kann es unſchädlich machen. Setzen Sie ſich hin, ſchreiben Sie an den König, entſchuldigen Sie Ihre Uebereilungen mit dem Ein⸗ druck der welterſchütternden Begebenheiten und bitten Sie um Gnade. Bei dieſen Worten färbte ſich Lornſen's Geſicht dunkelroth; die Adern an ſeiner Stirn ſchwollen auf, er zitterte vor Bewegung. Der König iſt noch immer gütig gegen Sie ge⸗ ſinnt, fuhr der Staatsrath ruhig mit ſeiner Doſe ſpielend fort, als bemerke er den Sturm gar nicht, den er erregt hatte. Zeigen Sie ihm Reue, ſagen Sie ihm, daß Sie Ihre Irrthümer eingeſehen, daß Sie beſtrebt ſein würden, dies zu beweiſen. Ich— ich murmelte Lornſen mit erſtickter Stimme. Dann geben Sie mir den Brief, ſagte Hammer⸗ ſteen. Binnen drei Tagen ſollen Sie frei ſein, Ihr Gehalt vorläufig als Wartegeld beziehen; aber, mein Wort darauf, Sie ſollen in kurzer Zeit auf den Platz berufen werden, der Ihnen gebührt. Mein Platz, rief Lornſen mit ſeiner Donner⸗ ſtimme, indem er aufſtand, wäre der Schandpfahl, der Galgen, um mit dem Eiſen des Henkers mich — 200— an der Stirn brandmarken, wenn ich ſo nichtswür⸗ dig ſein könnte, Ihrem Rathe zu folgen. Nie, nie⸗ mals ſoll es geſchehen! Was Sie mir vorſchlagen müßte mich auf ewig entehren. Keine Thorheiten! Herr Lornſen, fiel der Staats⸗ rath ſtolz ein. Was ich Ihnen rathe, iſt das Ge⸗ gentheil aller Fantaſterei, aber weit entfernt von Entehrung. Es kann ſein, daß ich elend ſterben muß, ſagte Lornſen, indem er in der Mitte des Gefängniſſes ſtill ſtand und ſeine Augen ſtrahlend aufhob, aber dann werden kommende Geſchlechter richten zwiſchen mir und meinen Feinden. Die Geſchichte wird den Stab brechen über die Richter, die mich richteten und über die Männer des Unrechts und der Ge⸗ walt, denen nichts heilig iſt, die mit Glauben, Liebe und Gott Handel treiben, um die Ketten der Völker feſter zu ſchmieden. Gott aber läßt ſich nicht ſpot⸗ ten. Der Tag wird kommen, wo er Gericht hält, wo Wahrheit und Recht nicht mehr zu Schanden werden! So gehen Sie hin in Ihr Schickſal, ſprach Ham⸗ merſteen ſich abwendend. Sie ſind ein Fanatiker, ſind unverbeſſerlich und, fuhr er die Thür in die Hand nehmend fort, der Theilnahme nicht würdig, die hohe 7 . 1 „&—* — 201— Perſonen bisher noch immer für Sie hegten. Adieu, Herr Lornſen! Denken Sie an mich. Dieſer heroiſche Muth der Tugend wird in ſtumpfſinniger Verzweif⸗ lung enden. Lornſen ſank in den Stuhl zurück. Er fühlte einen hohen Triumph, aber auch den bren⸗ nenden lähmenden Schmerz ſeines ohnmächtigen Zorns und alle Qualen, die ſeiner warteten. A* 18. Endlich war das Jahr vergangen und das Ge⸗ fängniß in Rendsburg that ſich auf und ließ einen hageren, bleichen Mann in das warme Sonnenlicht des Frühlings hinaustreten.— Am Morgen des Befreiungstages hatten ſich Freunde aus Kiel und Schleswig vereinigt, um Lornſen ein Feſt zu veran⸗ ſtalten, das trotz der Gegenwirkung der Gutgeſinnten größeren Anklang fand, als man vermuthet hatte. Lornſen ließ es geſchehen, weil er es nicht hindern mochte.. Ein bedeutender Theil der Bevölkerung der Stadt nahm Theil an dieſen Ehrenbezeugungen. Ein Volks⸗ — 202— haufen erwartete den Befreiten; Kränze und Blumen wurden ihm gebracht. Man rief dem tapfern, edlen Lornſen, dem Wohlthäter und muthigen Vorkämpfer ſeines Volkes freudige Lebehochs zu, aber über ſein blaſſes Geſicht lief erſt dann der rothe Schein der Freude, als die Reihen ſich öffneten und der alte Pfarrer Lorenz Leve ihm die gewaltigen Hände ent⸗ „ eareite Hinter ihm ſtanden Hanna und Hil⸗ gen ſammt manchen andern Freunden aus Silt, und plötzlich hörte Lornſen mitten aus dem Gewühl den Schrei einer halb erſtickten Stimme, und ehe er es dachte, war er in den Armen ſeiner Mutter. Von jetzt an wurde der kurze Weg zu dem ge⸗ ſchmückten Feſthauſe ein Triumphzug. Viele drängten ſich herbei, Lornſen zu umringen, ihm die Hände zu ſchütteln, ihm ihre Freude und neue Hoffnungen zu⸗ zurufen. Thränen floſſen, die Herzen wurden warm und weich, und als drinnen im Hauſe kein Platz mehr war, füllte ſich die Straße den ganzen Tag über mit Menſchen, die alle den Lornſen ſehen, und ihm ihre Theilnahme und Dankbarkeit bezeigen wollten. Endlich am Abend verließ die Familie Rends⸗ burg und führte den Sohn und Freund mit ſich fort nach Silt zurück. Lornſen hatte ſich nicht be⸗ 22 — 203— wegen laſſen, den Bitten anderer Männer nachzu⸗ geben, ſie nach Kiel zu begleiten. Er ſchüttelte den Kopf zu ihren Plänen und ſagte mit Entſchiedenheit: Meine Entſchlüſſe ſtehen feſt. Eine kurze Zeit nur will ich in Silt bleiben, um meine alten Eltern auf eine lange Trennung vorzubereiten. Jetzt willſt Du aus dem Lande gehen! fragte der Pfarrer, der dabei ſtand. Biſt ein ächter Frieſe, Jens. Fragſt nicht nach dem Jammer der Mutter, nicht nach den Thränen der Verlaſſenen, mußt hinaus in die Fremde, aus der ſo Mancher ſchon nicht wie⸗ dergekehrt iſt. Bleib bei uns, fiel ein bewährter Freund aus Kiel ein, es wird beſſer werden. Schon hat ſich die Stimmung geändert. Die Vertrauensmänner in Kopenhagen haben nichts zu Stande gebracht; überall ſieht man ein, daß uns die Dänen abermals betro⸗ gen haben, und ſelbſt ein Theil der Ritterſchaft iſt auf dem Wege ſich zu bekehren. Rechnet doch nicht darauf, Mohren weiß zu waſchen, ſagte Lornſen. Die Privilegirten werden nie aufrichtig mit dem Volke gehen, nie vergeſſen, daß ſie einſt deſſen Herren waren. Wenn es wahr iſt, meinte ein Anderer, und es 6 iſt wahr, ich weiß es gewiß, daß man wenigſtens — 204—„ ſchon im nächſten Jahre Provinzialſtände einführen will, dann Lornſen, iſt der Anfang gemacht und nie⸗ mals darf ein Mann wie Du, im Ständeſaale feh⸗ len. Sie haben den Voigt von Silt abgeſetzt, wir ſetzen ihn als Abgeordneten wieder ein. Dann öffnet ſich Dir eine neue Laufbahn. Dort auf der Redner⸗ bühne iſt Deine Stelle, dort iſt der Kampfplatz, auf dem Du Genugthuung und Vergeltung finden wirſt. Um abermals verlaſſen in den Kerker zu wan⸗ dern und von Richtern, zu unſer aller Schande ver⸗ urtheilt zu werden, ſprach Lornſen mit Bitterkeit. Nein, fuhr er fort, ich müßte ein müßiger Zuſchauer bleiben und kann es nicht, darum will ich gehen und an andern Völkern lernen, ob ſie beſſer ſind als wir. Meine Geſundheit haben Kerkerluft und Kummer untergraben. Ich habe wohl bemerkt, wie manches ſchöne Auge mitleidig um mein krankes Ge⸗ ſicht geweint hat, ſagte er lächelnd. Aerzte rathen mir einen Aufenthalt in der Tropenzone an, eine weite Seereiſe nach Teneriffa oder dem ſüdlichen Amerika, und ich bin müde, müde wie ein Jagd⸗ hund, der Tag und Nacht gehetzt wurde; müde, das Walten langer Verknechtung hier mit eigenen Augen zu ſehen; müde an Geduld; geſättigt von dem, was ich erlebte. Ein brennendes Feuer iſt in meinen 205— Eingeweiden und nirgend ein Quell, der mir La⸗ bung böte. Und es iſt Dir kein Troſt, war die Antwort, daß die Regierung gezwungen wurde, wenigſtens be⸗ rathende Stände zu verſprechen? Haſt Du ſie nicht dazu bewegt? Liegt in der Wuth, mit der ſie Dich verfolgte, nicht eine Anerkennung Deines Werthes und iſt die Dankbarkeit, welche heut ſich Deiner freut, nicht ein Zeichen, daß es beſſer werden wird? Es iſt möglich, erwiderte Lornſen düſter, daß Du Recht haſt, aber ich habe die Hoffnung verloren. Politiſch gebildet iſt dies Volk nicht, es wird viele traurige Tage brauchen, ehe es zu der Kraft heran⸗ reift, gegen ſeine Unterdrücker aufzuſtehen. Ich glaubte es fähig durch das moraliſche Bewußtſein ſeines Rechts, ſich einig und kräftig zu erheben, ich habe mich getäuſcht. Laßt mich gehen, Freunde, ich paſſe nicht mehr zu Euch. Tretet Ihr jetzt an meine Stelle. Belebet den Volksgeiſt, ich habe die Bahn dazu gebrochen; kämpft im Ständeſaal, kämpft durch Schrift und Wort, wie Ihr es vermöget, gegen Unrecht und Gewaltthat. Es iſt ein langſamer, mühevoller Weg und am Ende bleibt es dennoch wahr, was Hammerſteen mir ſo oft wiederholt hat: Euer Recht, wenn auch ſonnenklar, iſt keinen Schilling * — 206— werth, wenn Ihr nicht mit den Waffen in der Hand es beweiſen könnt. Macht das Volk waffenfähig, ſchafft ſeiner Freiheit ſtarke Arme und muthige Her⸗ zen, treibt ihm das Pflegma aus, daß ſeiner Väter Erbtheil iſt. Ich ſage Euch, Ihr werdet von dieſen Dänen und dem ideenloſen Abſolutismus nichts ge⸗ winnen durch Streit mit Worten, nur auf der Spitze des Schwertes iſt Recht von ihnen zu erhalten. Du ſiehſt zu ſchwarz in die Zukunft, ſagte Einer, während die Anderen bedächtige Blicke auf Lornſen warfen. Seht Ihr wohl, ſprach dieſer, daß es Nichts mit uns iſt. Mit Gewalt habt Ihr Nichts zu ſchaffen, das Wort ſchon macht Euch bange und ohne Gewalt könnt Ihr Nichts erreichen, weil ich das erkannt habe, darum will ich fort. Ich möchte mich nicht zum zweiten Male einſperren laſſen, auch wenn man mir dafür doppelt ſo viele Kränze brächte wie heute. Ihr werdet den Tag abwarten, bis der Tag kommt, wo man Euch Alle zu Dänen machen wird. Ich habe dieſen Tag nicht kommen laſſen wollen. Man wird Euch langſam darauf vorbereiten, wird Schles⸗ wig von Holſtein trennen, wird tauſend Mittel und Ränke erſinnen, um Euch zu kirren und zu betrügen, endlich aber wird man doch mit Gewalt zufaſſen, 8 — 207— und Euer ſonnenklares Recht, auf welches Ihr pocht, wird Hohngelächter erregen. Wir werden uns auf Deutſchland ſtützen, ant⸗ wortete ein Anderer, auf den deutſchen Bund. Stützt Euch auf das deutſche Volk, gab Lornſen zur Antwort, das allein kann Euch helfen und wird Euch helfen, das heißt, fügte er mit finſterem Aus⸗ druck hinzu, wenn es jemals dahin kommt, daß es ein deutſches Volk auf Erden giebt. Die Fürſten werden es nicht dazu kommen laſſen, und ſo lange Diplomaten über die Schickſale der Völker entſchei⸗ den, habt Ihr nichts von Deutſchland zu hoffen. Mit dem deutſchen Volke aber müßt Ihr gehen, Euch als Deutſche fühlen und empfinden, und ſo lange Ihr keine Dänen ſein wollt, wird all' ihr Drohen und Wüthen Euch nicht dazu machen können. Du ſprichſt wie Einer, der nicht mehr zu uns gehört, ſagte ein betrübter Freund. Ob ich zu Euch gehöre! rief Lornſen mit Heftig⸗ keit. Bis an meinen letzten Tag werde ich nie auf⸗ hören, ein Deutſcher und ein Frieſe zu ſein; bis zu meiner letzten Stunde werde ich Recht und Ehre heilig halten, mein letzter Seufzer wird mein Vater⸗ land ſegnen.— Aber, ſprach er dann, den Kopf „ — 208— ſchüttelnd, aushalten kann ich es nicht mehr hier im Lande. Wenn es Zeit iſt, ruft mich. Wenn die Gleichgültigkeit, die deutſche Geduld, die knechtiſche deutſche Demuth aus den Herzen gewichen ſind, wenn der deutſche Name nicht mehr geſchändet wird, und das deutſche Volk nicht mehr das Hohngelächter der Völker erregt, wenn Ihr den frazzenhaft eitlen und übermüthigen Dänen endlich zeigen wollt, daß Ihr Männer ſeid, die den Tod weniger fürchten, als Schande und Schmach, dann werde ich bei Euch ſein. Es könnte aber ſein, ſetzte er leiſe hinzu, in⸗ dem er die Hand auf ſeine Bruſt legte, daß, wenn dieſe Zeit da iſt, ich tief im Grabe ruhe. Dann, Freunde, beſchwört meinen Schatten aus ſeiner Gruft; dann ſagt und erzählt es allem Volk, daß es einſt einen Mann gegeben hat, Jens Lornſen ge⸗ heißen, der zuerſt ein Märtyrer war für ſeine heili⸗ gen Rechte. Schreibt meinen Namen auf Eure Fah⸗ nen und tragt ihn voran, wenn es gilt für Deutſch⸗ lands und Euer Recht zu ſtreiten. Ein deutſcher Mann war ich und bin ich; für meines Volkes uralt deutſches Recht habe ich geſtritten; kein Däne und kein Knecht will ich ſein! Darauf laßt uns lebe und ſterben. Es war ein banger Abſchied, den Lornſen nahm, 4 — 209— tief bewegt und gerührt ſchieden die Freunde. Am nächſten Tage erreichte er Silt und wurde auch hier von Vielen mit Achtung und Ehrenbezeugungen em⸗ pfangen. An den meiſten Orten, welche die Geſell⸗ ſchaft auf der kleinen Reiſe berührte, war es ebenſo geweſen. Die Hofbeſitzer aus den Marſchen kamen von weit her, und überall ermahnte ſie Lornſen, ſtandhaft feſtzuhalten bei ihrem Recht; nicht zu dul⸗ den, daß der däniſche Abſolutismus ſie länger unter⸗ drücke; am wenigſten zu dulden, daß er ſie däniſch mache und von Deutſchland losreiße, möge er ihnen noch ſo lockende Dinge verheißen. Haltet feſt am Vaterlande, war ſeine Abſchiedslehre. Euer Vater⸗ land iſt Deutſchland, das große, mächtige Land, das Herz Europa's, das Herz der ganzen Welt. Es liegt im Staube jetzt, zerriſſen und verhöhnt, wie Ihr es ſeid; aber einſt wird es ſich erheben und mit ihm werdet auch Ihr auferſtehen. Nicht bei den ſchmutzigen Jüten, die Ihr verachtet, nicht bei den Inſeldänen, auf ihren Erdbrocken im Meere iſt Euer Platz. Ihr gehört zu dem großen Volke, das einſt die Welt beherrſchte, und ſeinen Platz wieder einneh⸗ men wird, wenn es frei und einig zu ſein gelernt hat. Leidet mit Deutſchland, Ihr ſeid ſeine Kinder; duldet und hofft, aber hofft, wie Männer hoffen. II. 14 8 — 210— Seid wach und gerüſtet und ſcheut keine Opfer. Laßt mein Beiſpiel Euch eine Lehre ſein, daß es beſſer werden muß mit Euch. Einige Wochen lang lebte Lornſen ſtill in Silt im Hauſe ſeiner Eltern, und wie er ſeine Zeit zwi⸗ ſchen Beſuchen und Arbeiten theilte, thätig in freier Luft war und größere Ruhe und freudigere Stim⸗ mung auf ſeine Geſundheit wohlthätig einzuwirken begannen, gaben ſeine Freunde ſich der Hoffnung hin, er werde den Gedanken, das Land zu verlaſſen, aufgeben und ſich in den engen Kreis ſeiner Häus⸗ lichkeit einleben. Nach einiger Zeit aber kehrten die melancholiſchen Tage zurück, die den kranken Mann plagten. Er konnte lange Stunden bei Hanna Hilgen ſitzen, ihren Knaben auf ſeinen Knieen halten und dem Geſpräch und Geplauder zuhören, obwohl es gewiß war, daß er keinen Antheil daran nahm. Oft fand man ihn auch in den Dünen allein, auf einer der hohen Spitzen ſitzend und in die öden Thäler des Flugſandes nie⸗ derſchauend, der geräuſchlos vor ihm hinrieſelte. Es war vergebens, daß der alte Pfarrer von Morſum dann und wann ſeinen neckenden Ton anſchlug, der früher Lornſen immer zu Scherz und Lachen angeregt. Die Saite war zerſprungen, welche ehemals dabei — 211— erklang, und die kalten erloſchenen Augen hafteten ſo wehmüthig auf dem alten Mann, daß er nicht wei⸗ ter konnte. 3 Armer Jens! rief er klagend, es iſt aus mit uns beiden. Mich werden ſie bald hinausbringen an einen ſichern Ort, wo es mir ganz einerlei ſein kann, ob die Freiheitslieder, mit denen ſie mich begleiten, deutſch, däniſch oder frieſiſch klingen; nur die einzige Beſorgniß bleibt übrig, ob nicht irgend eine Sturm⸗ fluth mich wieder ausgräbt und von Neuem auf den Tummelplatz aller Unfreiheit wirft. Aber was wird aus Dir, Jens, wenn Du ſo fortfährſt? Du trock⸗ neſt aus, wirſt ein Skelett, und zuletzt führen ſie Dich wohl gar in's Muſeum zu Kopenhagen und zeigen Dich mit der Unterſchrift: Das iſt der Voigt von Silt, Jens Lornſen, einſtmals der kühnſte und ſtärkſte deutſche Mann. So weit hat ihn Dänemark heruntergebracht. Ein prächtiges Beiſpiel für alle Verräther. 3 Du haſt Recht! ſagte Lornſen lächelnd. Ich bin als Beiſpiel zu gebrauchen, und muß mich vor dem Muſeum zu ſichern ſuchen. Nach einigen Tagen trat Hilgen in Lornſen's Haus; Hanna war mit ihm, Hilgen ſah erhitzt und betrübt aus. Lornſen ſaß und ſchrieb; er hatte ſeit 14* — 212— einiger Zeit viel gearbeitet. Der alte Kapitain in dem großen Sorgenſtuhle beobachtete das Meer und rauchte ſeine Pfeife in mächtigen Zügen. Was iſt es, was Euch herführt? fragte Frau Lornſen, die ihre Gäſte begrüßte. Es iſt eine un⸗ gewohnte Zeit. Rede doch, Hanna. Ich wollte Jens noch einmal ſehen, erwiderte die junge Frau mit feſter Stimme, und war nicht gewiß, ob er zu uns kommen würde. Jens ſehen? rief die Mutter. Will er denn fort? — Mein Gott! Jens, iſt es wahr? Hier iſt ein Brief, Jens, ſagte Hilgen. Es liegt ein großes Schiff in der Lyſtertiefe, ein Ame⸗ rikaner. Trägt Kreuzraaen und gekorbte Maſten, fiel der Kapitain ein. Habe den Burſchen heut früh durch mein Glas geſehen; luvte auf Silt zu und fiel dann ab, um in die Tiefe zu kommen. Scheint ein hand⸗ lich Fahrzeug zu ſein. Ja, Mutter, ſagte Jens aufſtehend, nachdem er den Brief geleſen hatte. Es iſt Kapitain Cornelſen, der mich erwartet. O Jens, lieber Jens! ſprach die alte Frau wei⸗ nend, ſoll ich Dich von mir laſſen, um nie wieder in Dein Geſicht zu ſehen? — 213— Mutter, erwiderte Lornſen gefaßt, ſieh in mein Geſicht, es iſt das eines lebendig Begrabenen. Krank, wie ich bin, wird mich der Süden heilen; alle Ärzte ſagen, daß er es allein vermag. O! bitte Du ihn, Hanna, rief die alte Frau. Bitte ihn, daß er bei uns bleibt. Nie, ach nie! wird er wiederkehren. Laßt Jens hinaus, ſagte Hanna, laßt ihn ſeinen Weg gehen. Ich habs wohl anders gehofft und ge⸗ glaubt, aber es muß ſo ſein. Vielleicht hilft Gott und macht ihn geſund; hier fällt die ſchwarze Hand nie mehr von ſeinem Herzen. Der kummervolle Ton ihrer letzten Worte und das leiſe Zittern ihrer Stimme war unendlich rüh⸗ rend. Sie wiſchte die Thränen aus ihren Augen fort und reichte Jens die Hand hin, welche er be⸗ gehrte. Geh, lieber Jens, ſagte ſie, ich will Deine Mutter tröſten und Deinen Vater, und wenn wir einſam ſitzen und Deiner denken, dann ſei uns nahe und gieb uns ein Zeichen, wie ein Menſch es kann, der innig mit ſeiner Seele Macht bei Denen iſt, die er liebt. Mußt Du fort, Jens? fragte der Kapitain, in⸗ dem er aufſtand und vor ſeinen Sohn trat. — 214— Ja, Vater, ich muß. Ich gehe nach Rio, um dort zu leben, bis ich wiederkommen darf. Der alte Mann legte beide Hände auf ſeines Sohnes Schultern. Er blickte ihm in das kranke Geſicht, ſeine harten Züge verloren die gewohnte Faſſung. Segnend berührte er ſeine Stirn; Jens drückte den Kopf mit einem tiefen Seufzer in die väterlichen Arme, laut weinend hielt die Mutter ſich an ihm feſt. 19. Fünf Jahre waren vergangen, als im Spätſom⸗ mer 1837 am Hafen von Marſeille ein Mann un⸗ ter einem der breitblättrigen Ahornbäume auf der Promenade ſaß, welcher nachſinnend auf das Ge⸗ wühl der Menſchen und Schiffe ſchaute. Der Wind wehte kühlend in die herrliche Bai. Die tiefblauen Wellen des Mittelmeeres warfen ihre ſchäumigen Köpfe auf die Felſen des Forts St. Jean; ein ſüßer Duft von Lavendel, Roſen, Myrthen und Rosmarin zog mit dem Luftſtrome über das Land und von allen Höhen herunter glänzten unter dem prächtigen Grün der Oel⸗ und Mandelbäume die zahlloſen kleinen Landhäuſer blendend weiß hervor. Das Getümmel im Hafen war groß, denn eben war einer der prachtvollen Dampfer eingelaufen, die eine regelmäßige Linie nach dem Orient unterhielten. Mitten zwiſchen hohen Dreimaſtern und langen ikalie⸗ niſchen Luggern ragte der ungeheure Schornſtein auf, an dem die Säulen des freigelaſſenen Dampfes jetzt praſſelnd und ziſchend aufſtrömten. Boote aller Art, mit Menſchen aller Klaſſen gefüllt, umringten war⸗ tend das mächtige Fahrzeug, bis die Douane den Zutritt geſtatten würde, und endlich, als dieſer er⸗ wünſchte Augenblick kam, ſtürzten Neger und Mauren, Soldaten und Beamte, reiche Handelsleute und roth⸗ ſchürzige Packträger auf das Deck, das mit den Paſſagieren des Schiffes dicht beſetzt war. Während nun vor den Augen des Mannes unter dem Baume einer der gewöhnlichen Kämpfe um Koffer und Kiſten der Reiſenden ſich entſpann, während der Dampf heiſer zwiſchen dem Rufen und Schreien, dem Stoßen und Ringen ſchmetterte und die Stimmen übertönte, ſaß jener mit derſelben Unbeweglichkeit — 216— oder Theilnahmloſigkeit, welche er ſeit Stunden an⸗ genommen hatte. Die Menſchen, welche vorübergingen, grüßten ihn zum Oeftern, namentlich thaten es die Armen, denen er gut bekannt ſein mußte. Er war ein Mann von vielleicht vierzig Jahren, aber er mußte ſehr krank geweſen ſein, denn er ſah viel älter aus. Sein Geſicht war gelb und hager, ſein Auge matt und langſam, ſein großer Körper gebeugt und zu⸗ ſammengezogen; dennoch aber lag ein Ausdruck von Schönheit und Stärke in ſeiner breiten hohen Stirn und ſein halb ergrautes Haar, daß in ungemeiner Fülle bis auf den Nacken niederfiel, machte ſeinen Anblick noch fremdartiger und auffallend. Nach einigen Minuten hob der Mann plötllich den Kopf empor und wandte ihn lebhaft dem Wege zu, der von der Hafenbrücke herauf führte. Einige Träger und Diener mit Koffern und Nachtſäcken zogen lärmend daher, ihnen folgten ein Herr und eine Dame, die in einer fremden Sprache ſich unter⸗ hielten. Der Herr war klein und breitſchultrig, be⸗ packt mit einer Reiſekaſſette, einem großen Regen⸗ ſchirm, dem Shawl ſeiner Dame und einigen mäch⸗ tigen Reiſehandbüchern und Mappen; die Dame ging mit leichten Schritten an ſeiner Seite. Ein — 217— ſeltſam geformter Hut, den die Franzoſen belachten, ſchützte ihr Geſicht vor der Sonne, ein knappes Reiſe⸗ kleid paßte ſich ihren ſchlanken Formen an. 84 In dem Augenblick, wo der Mann unter dem Baume ſich den Stimmen zuwandte, die er in ſeiner Nähe hörte, blickte die Dame nach ihm hin, und wie von einem Zauber getroffen, ſtand ſie mit aus⸗ geſtreckten Armen ſtill; Zweifel, Furcht, Freude und Schrecken in ihren Blicken, die über den Fremden fragend hinirrten. Lornſen! rief ſie mit einem Tone, der alles aus⸗ drückte, was ſie empfand, und faſt zu gleicher Zeit eilte ihr kleiner Begleiter auf die Bank los, warf Mappen und Regenſchirm zu Boden, und umfaßte mit der Herzlichkeit eines lang entfernten Freundes den Sitzenden. Sie ſind es wirklich, theuerſter Lornſen! rief er. Welch glückliches Ungefähr führt uns hier zuſam⸗ men? Wir kommen ſo eben von Smyrna und Malta, aber Sie— er klemmte ſein ſchwarzes Glas ins Auge und betrachtete den großen Mann, der mit einiger Anſtrengung aufgeſtanden war— und was er weiter ſagte und dachte, ging verloren, denn Lornſen hatte ſich zu der Dame gewendet, die in — 218— großer Bewegung ihm die Hände reichte und zu ihm ſprach. Menſchen ſammelten ſich um die ungewöhnliche Gruppe und hefteten ihre neugierigen Blicke auf ſie. Sie müſſen von der Seereiſe angegriffen ſein, Frau von Branden, ſagte Lornſen, laſſen Sie uns gehen und Ihr Hotel aufſuchen. Seit wie lange verweilen Sie hier? fragte Lina. Seit zwei Monaten, erwiderte er. Ich habe bis⸗ her in Braſilien gelebt. Das Klima erſchöpfte mich, die Aerzte haben mir Marſeille angerathen. Und wo— wo wohnen Sie? Dort hinter dem Felſen an der Bai liegt eine kleine Baſtide, in der ich mich eingemiethet habe. Ich bin nicht müde, rief Lina, aber die Straßen dieſer Stadt ſind heiß und dunſtig. Sie ſollen uns nicht hineinbegleiten. Ich will mit Ihnen gehen, während Branden in unſerem Gaſthofe das Nöthige für unſere Einrichtung anordnet und dann Ihr Aſyl aufſucht. Willſt Du, lieber Branden? Der glückliche Kammerherr raffte Mappen und Regenſchirm auf und ſagte zufrieden wie immer: Gern, liebe Lina. Ich werde mein Beſtes thun; ich verſtehe mich auf ſolche Affairen. Sie glauben nicht, Lornſen, was wir in den paar Jahren geſehen ha⸗ * —— — 219— ben und wo wir geweſen ſind. Lina und ich, wir ſind zum Reiſen geboren. Wir haben nirgends Ruhe, wir ſind die echten Touriſten, und dabei lernt man mit Hotels und Gaſtwirthen umgehen. Er lachte ſelbſtgefällig und rief den Gehenden nach: Alſo dort am Felſen? Ich werde Euch ſchon finden, es iſt mir voll⸗ kommen genug, den Felſen zu wiſſen. Lina nickte ihm zu, dann nahm ſie Lornſens Arm. Er führte ſie die Promenade hinab an der Bai hin und beide ſchienen bemüht zu ſein, die Schleier der Vergangenheit nicht zu berühren. Die wundervollen Umgebungen und der Weg, welcher durch ein Wieſengelände hinlief, das von Blumen und Wohlgerüchen duftend ſich den Felſen und Gär⸗ ten anſchmiegte; endlich die Reiſe des Dampfers und was damit zuſammenhing, gaben Stoff genug zur Ausfüllung der Zeit. Das rothe Sonnenlicht glühte an den Höhen, roſiges Leuchten kleiner Wol⸗ ken ſpiegelte das Meer zurück; aber dann und wann hefteten ſich ihre Blicke gegenſeitig fragend und erin⸗ nerungsvoll in unbemerkten Minuten auf Geſtalt und Züge des Anderen und kehrten ſcheu und ſchmerz⸗ lich davon zurück. Iſt das die blühende lebensfrohe Geliebte? fragte — 220— Lornſen dumpf in ſich hinein. Iſt dies Geſicht mit ſeinen ſcharfen Linien, mit ſeinen tiefen, unruhig leuchtenden, von dunklen Ringen umzogenen Augen, Lina's ſchönes, von Geiſt und Muth ſtrahlendes Ge⸗ ſicht? Deuten dieſe ſchmalen, blutloſen und zucken⸗ den Lippen auf Glück und Frieden? Es war eine Stille eingetreten, als Beide zwiſchen den Felſen hervortraten, und vor ihnen die kleine Baſtide lag, welche mit ihrem Vorgarten und einem Altan hart an's Meer ſich lehnte. Das weißglänzende Häuschen ſah zwiſchen Blu⸗ menſtücken und Granatbäumen hervor. Weinlaub rankte an ſeinen Fenſtern auf, hohe Pinien beugten ſich darüber hin in den Abendhimmel, der ihre Kro⸗ nen wunderbar beleuchtete. Einige Augenblicke blieb Lina an der offenen Thür ſtehen und blickte in das Innere des Wohn⸗ gemachs. Ein Tiſch mit einigen Büchern ſtand voran, Schreibmaterial und Hefte lagen darauf; ein Seſſel von Strohgeflecht lehnte daneben, im Hinter⸗ grunde war ein Bett und einiges Hausgeräth ſichtbar. Du wohnſt beengt in ſchöner, friedensvoller Stille, ſagte ſie. Sie nannte ihn zuerſt wieder mit dem vertrauten Du, das ſtockend und leiſe über ihre Lippen kam. — 221— Die Natur giebt mir von ihrem Frieden, ſo viel ich davon zu benutzen vermag, erwiderte Lornſen. Und Du arbeiteſt und ſchreibſt auch hier? fuhr ſie fort. Das haben Deine Aerzte nicht gerathen. Ich habe Eile zu vollenden, was mir aufgegeben iſt, ſagte Lornſen lächelnd. In meinem Kerker zu Rendsburg habe ich das Material zu einem Buche geſammelt, das mich während der Jahre, wo ich in Amerika lebte, fortgeſetzt beſchäftigte und deſſen Voll⸗ endung mir hier obliegt. Und warum hier, wo Dein Geiſt ruhen, Dein Körper in Luft und Bewegung, in dieſem milden Garten am Meero, allein thätig ſein ſoll. Weil mir wenige Zeit mehr bleibt, ſprach er, ruhig ſie anblickend, und weil ich etwas hinterlaſſen muß, das Zeugniß von mir giebt, wenn andere Stimmen ſchweigen. Sie waren weiter bis auf den Altan gegangen, und ſtanden dort, als das letzte Glühen des Him⸗ mels im Abendſchatten unterging.— Die Bai öff⸗ nete ſich vor ihnen und ließ den Blick in unend⸗ liche Fernen ſchweifen. Weiße Segel ſchimmerten in den tiefblauen Linien und verſchwanden im Ne⸗ bel. Die Felſen mit ihren Mauerkronen und Fah⸗ nen dunkelten und verſanken. Es rauſchte leiſe über — 222— die Waſſer hin und ſchüttelte die Pinien an der Baſtide. Die dunkelrothen Blüthen der Granaten ſtreuten ihre duftigen Blätter auf ſie und unter dem Alttan rollte das Meer melancholiſch ſeufzend hin und ſpritzte glänzende Funken in die Nacht. Lina hatte ihre Hand in Lornſens Hände gelegt. Der röthliche Abendſchatten fiel auf ſein Geſicht und deckte deſſen leidensvolle Bläſſe zu. Sein Auge glänzte wieder; ſeine frohe, klare Stirn hob ſich ſtolz zu ihr empor, ſeine Bruſt athmete tief und voll. Er blickte ſie an und ein Zittern lief über ſie hin; es leuchtete die alte Liebe darin auf. Ein himm⸗ liſcher Traum flog durch ihre Seele, und während ſie träumte, legte ſie den Kopf an ſeine Schulter; ein Strom erinnerungsvollen Glückes überwältigte alles Weh der Wahrheit. So ſaß ich mit Dir einſt auf der armen kleinen Hallig, flüſterte ſie, im Nebel der Nacht, von Nie⸗ manden geſehen; aber mein Auge ſah Dich, mein Arm fand Dich, Deine Lippen hatten Liebesworte und Küſſe für mich. O! theurer, theurer Freund, wer bringt uns das Verlorne zurück, wer eine Stunde, eine Minute, Jens! Giebt es nichts mehr, keinen Gott, keinen Himmel, keine Ewigkeit, die uns Troſt brächten?! — 223— Du haſt es ſo gewollt, ſagte er dumpf und ſtill. Ich habe es ſo gewollt! und in Deinen Worten liegt noch immer keine Vergebung? Du ziehſt Deine Hand zurück, ſie iſt kalt und ſchwer. Weißt Du, ſagte er, und ein Zürnen lag in ſeiner Stimme, was ich gelitten habe? Verlaſſen irrte ich durch die Welt, verloren alles, was ich glaubte und hoffte. Verzweifelnd in den Wüſten Amerikas, zum Tode krank an den Qualen meiner Gedanken bin ich zurückgekommen, um zu ſterben. Und haſt Du nie an mich gedacht? fragte ſie. Glaubſt Du, daß meine Tage und Jahre freudig über mich hingezogen ſind? Doch, wozu Bekenntniſſe, wozu ein Leben zergliedern; das danaidenhaft mich zwingt, ewig dieſelbe troſtloſe Arbeit zu verrichten, dieſelbe ſchreckliche Leere auszufüllen, dieſelbe Kette zu tragen und mit raſtloſer Angſt zu fliehen, ohne je ihrem Klirren zu entgehen. Ach, armer Freund! for⸗ dert es Dich nicht zum Mitleid auf, wenn Du ſo mich büßen ſiehſt? Laß uns abrechnen und vergeſſen, Jens. Oft iſt es wie Wahnſinn durch meinen Kopf gegangen; ich fühlte ſeinen gräßlichen Schritt dicht hinter mir. Es brütete etwas in einer dunklen Ecke meines Gehirns. Ein Geſpenſt, geſtaltlos und form⸗ los, ſtand dort, das ich in meiner Herzensangſt von —— 224— mir ſtieß, weil ich wußte, es würde mich umbringen, wenn ich ihm einen Finger reichte. Weißt Du, daß ich Dir einſt ſagte, wir würden Nichts bereuen, denn wir dürften Nichts bereuen? Ich glaube es noch jetzt, Jens; aber von Land zu Land hat es mich ge⸗ trieben und endlich habe ich Dich gefunden. O, welch Wiederfinden! ſprach Lornſen hohl vor ſich hin, jetzt, wo das letzte Licht erloſchen iſt. Das letzte Licht? Nein, o nein! Sieh dort an dem Felſen den hellen falben Schimmer, der mitten in Dunkelheit plötzlich aufleuchtet. Ich kenne es, die Gelehrten nennen es das Zodiakal⸗Licht. Die Erden⸗ ſonne ſtrömt es nicht aus, es kommt von einem frem⸗ den Sterne, ſucht ſeinen Weg durch todte dunkle Himmelsräume, und wunderbar, geheimnißvoll ſpannt. es ſeinen glänzenden lichten Bogen aus, wenn es Niemand ahnet, wenn die Nacht düſter hereinbricht. Und dies Licht, ehe die lange ewige Nacht köͤmmt, bringſt Du mir, ſagte Lornſen ſanft. Da Du nicht leben wollteſt in meinen Armen, rief Lina mit wildem Schmerz, der jäh ſie überwäl⸗ tigte, ſo ſollſt Du doch in ihnen ſterben! Und ihre Hände um ihn ſchlingend, drückte ſie ihr glühendes Geſicht an ſeine Bruſt, als wollte ſie ihn nie mehr laſſen. 2 4 Fort! Er iſt fort! rief Lina mit erſtickter Stimme, und hat nichts hier gelaſſen? Doch, erwiderte die alte Frau, er hat ein Brief⸗ chen hier gelaſſen für eine fremde Dame und das ſind Sie ohne Zweifel, Madame. Sie öffnete die Thür des Landhauſes. Auf dem Tiſche lag ein Brief. Lina griff mit raſcher Hand danach. Die Aufſchrift lautete an ſie, ſie riß ihn auf und las: Noch iſt es nicht Zeit, Lina, Ihr Verſprechen zu erfüllen. Ich habe ein wichtiges Geſchäft zu vollen⸗ den; aber ich würde es nicht vermögen, wenn Sie bei mir wären.“. Was hat er für ein Geſchäft und was haſt Du ihm verſprochen? fragte Branden aufmerkſam. Eine plötzliche Erinnerung ſchien ihn mißtrauiſch zu machen. „Bleiben Sie einen Monat in Marſeille, bewoh⸗ nen Sie oder beſuchen Sie mein Aſyl am Meere. Es iſt das ſchönſte kleine Stück Erde unter Gottes freiem Himmel, geweiht für Sie. Ruhen Sie dort aus, denken Sie meiner und wenn Sie dann noch einmal mich wieder ſehen wollen, ſo reiſen Sie nach Genf, auf der Poſt werden Sie hören, wo ich zu finden bin. Sie werden erkennen, daß ich reiſen mußte.“ O! ich erkenne es, rief Lina ſeufzend. Wir blei⸗ 15* — 228— ben hier, mein Freund. Laß unſer Gepäck hierher bringen, ich will hier wohnen. Branden war daran gewöhnt, Befehle zu er⸗ füllen. Er wagte keinen Widerſpruch. Nahe bei Preſſi am Ufer des Genferſees, wo der Boiron raſchfluthend aus den Hügeln des Jorat kommt, ſteht ein kleines Landhaus an einer Teraſſe gebaut, deren Rebenpflanzung ſich von Abſatz zu Abſatz bis nahe an das Seeufer hinzieht. Es war eine jener anmuthigen Villen, die durch den ganzen Kanton Waadt groß und klein zu finden ſind, hauptſächlich aber den Halbkreis des ſchönſten aller Schweizerſeen einfaſſen. Von grauem Marmor aufgeführt, mit einer Vorhalle, die von zwei Säulen getragen wurde, in einem Kleide von Weinranken und Immergrün, lag das Häuschen im Schatten einiger Maronen⸗ bäume, deren breite Aeſte ſich über das abgeflachte Dach legten. Der See blickte glänzend zu ihm hinauf; von jeder Stelle des Hauſes, von dem Gärtchen und der Terraſſe konnte man ihn überſchauen, bis zu ſeinem öſtlichen Winkel, wo hinter den reizenden Hü⸗ geln von Montreux und Bex, über den dunklen Spalt des Thals von Ormond, ſich die hohen und wilden Diablerets aufthürmen, und die Schneeſpitzen des Dent de Moreles durch ſonnenhelle Lüfte ſchim⸗ — — 229— mern. Der breite See ſo unvergleichlich in ſeinem wundervollen Farbenſpiel, verlor ſich jenſeits unter dem Duft der ſavoyſchen Berge, die als gewaltige dunkelblaue Maſſen einen ſo grellen Gegenſatz zu dem heiteren Weingeſtade des Waadtlandes bilden. Tief im Süden, wo die Berge ſich weit öffnen, ſchimmerten die weißen Mauern Genfs; von der Höhe der Terraſſe aber konnte man die langen Wald⸗ ketten der Jura verfolgen, deren rieſenhafte Köpfe von langflatternden Nebelſchleiern umwunden waren. In dies kleine Landhaus hatte ſich Lornſen, als in ſein letztes Aſyl, gerettet. Es war Herbſt gewor⸗ den, das Weinlaub falbte, Kaſtanien und Nüſſe hin⸗ gen reif an den hohen Bäumen, aber noch immer war das Wetter mild und heiter. In einen Mantel leicht gehüllt, ſaß der Kranke vor der Halle, zurück⸗ gelehnt in einem hohen Seſſel. Auf einem Tiſchchen vor ihm lagen mehrere Bücher, Schriften und Briefe, er aber hielt ſeine Augen auf das entzückende Pa⸗ norama des Sees gerichtet, das überall ſich ſeinen Blicken darbot. Lornſen war nicht allein. Ein Freund aus Lau⸗ ſanne war bei ihm, dem das kleine Landhaus ge⸗ hörte, und auf deſſen Einladung und Wunſch er davon Beſitz genommen hatte. Herr Lepreux war Arzt. Er — 230 gehörte zu der damals unterdrückten radikalen Partei, die von der methodiſtiſch frömmelnden, ariſtokrati⸗ ſchen Regierung mancherlei Unbill zu leiden hatte, mit aller Kraft aber daran arbeitete, ihr das Heft aus den Händen zu reißen. Hier ſaß der Doktor neben ſeinem Patienten, den er mit beſorgten Mienen anſchaute und ihm einige allgemeine Vorſichtsmaßregeln wiederholte. Nun, ſagte er dann, Sie fühlen ſich wohler, mein Freund. Bleiben Sie hier, ſo lange das Sommer⸗ wetter anhält und entſchlagen Sie ſich, ſo viel es geht, aller ſchwarzen ſchweren Gedanken. Hole der Teufel die verdammten Ariſtokraten und Alles was von ihnen ausgeht! das iſt mein aufrichtiger Wunſch. Wir werden mit ihnen fertig werden. Sie werden ſehen, daß in wenigen Jahren ihre Herrſchaft hier ein Ende nimmt ſammt aller Muckerei unſerer from⸗ men Pfarrer. Laßt uns ſorgen, daß ſie nicht wie⸗ der heraufkommen. In unſern kleinen Republiken geht das raſch, in Euren Monarchien gehört mehr dazu, als der Volkswille; denn das Volk iſt bei Euch Nichts, als ein ſtumpffinniges, abgerichtetes Werk⸗ zeug Eurer großen und kleinen Herren. Wie aber ſelbſt Eure ſogenannten freiſinnigen Männer, Eure Beſten und Erſten, feige und entmannt ſind, wo es — 231— gilt, männlichen Muth und Stolz zu zeigen, das beweiſt am beſten, daß Sie abermals vergebens ſich an einen Freund gewandt und abſchlägliche Antwort erhalten haben. Nein, mein lieber Lornſen, Freiheits⸗ liebe und Mannesſinn müſſen erſt in Eurem Volke ihren Auferſtehungstag feiern, ehe Ihr daran denken könnt ein Volk zu werden. Zum Henker! es giebt auch hier furchtſame und ſchwache Leute, aber einem Freunde, und obenein einem todtkranken Freunde es abzuſchlagen, ſein Buch, wenn er einſt todt ſein wird, unbeſchnitten und unverſtümmelt herauszugeben, das würde hier wahrlich Niemand thun. Sie verkennen die Verhältniſſe, erwiderte Lornſen ſanft. Ich entſchuldige meinen armen Freund. Lebte er hier in der Schweiz, ſo würde er nicht anſtehen zu thun, was jeder Schweizer thun kann. Er würde dafür den Haß einer Partei zu tragen haben, aber bei ſeiner Partei Schutz finden. Die öffentliche Meinung würde ihm zur Seite ſtehen und die Ge⸗ ſetze Verfolgungen unmöglich machen. Bei uns, wo die Polizei alles vermag, wo der Haß der Mächtigen ſo ſehr zu fürchten iſt, wo Wohl und Wehe vieler Menſchen und Familien von ihrem Zorn oder ihrem Lächeln abhängen, muß man billig denken, wenn Einer, der von dieſem Willen zu hoffen und zu ver⸗ — 232— lieren hat, ſich ſcheu zurückzieht, weil er zu beleidigen gewiß iſt. Doch nur Geduld, fuhr er fort. Ich habe da einen neuen Brief geſchrieben und will ihn ſammt dem Manuſcript Händen übergeben, die mei⸗ nen Willen ausführen werden. Sie haben Ihr Buch zu ſanft gemacht, rief der Doktor. Es iſt ſo zahm und ruhig, verlangt ſo wenig und fordert ſo geringe Dinge, daß einem Re⸗ publikaner, wie ich es bin, die Herausgabe große Ueberwindung koſten würde. Aber für die Leute da in Deutſchland, die nichts wollen, als eine kleine Beſchränkung ihrer allmächtigen Fürſten und deren Diener, müßte es Ehrenſache ſein das Wenige mit Freuden zu thun. Mein Buch, ſagte Lornſen lächelnd, beweiſt was es beweiſen ſoll; jedoch dieſe Ablehnung des Freun⸗ des auf den ich rechnete, zeigt mir um ſo mehr wie weit wir zurück ſind, wie traurig der Druck iſt, der auf meinem Volke laſtet, und welche Tage noch kom⸗ men werden, ehe ſeine Ketten fallen. Der beſte Beweis, ſprach der Arzt, ſind Sie ſelbſt. Man hat Sie mißhandelt, aus dem Vaterlande ge⸗ trieben und dahin gebracht, wo Sie ſind. 3 Bei Ihnen, erwiderte Lornſen ihm dankbar die 4 Hand reichend, in dieſem ſchützenden Lande, an die⸗ — 233— ſem ſchönen See. Ich bin frei. Ich ſehe die Alpen glühen, ich kann den Himmel betrachten, ohne die eiſernen Stäbe eines Kerkers! Ich athme dieſe reine Luft, theurer Lepreux, ich drücke die Hand eines Freundes; meine matten Schritte tragen mich wohin ich will. O! das iſt viel, ſehr viel, mein Freund. Ich bin der gütigen Vorſehung dankbar dafür. Man muß in der Reſignation nicht zu weit gehen, murmelte der Doktor mißmuthig. Denken Sie an die, welche nach mir kommen werden, ſagte Lornſen; denken Sie der vielen Unglück⸗ lichen, die in Kerkern verſchmachten, deren Ketten in finſtern Höhlen, welche für Mörder und Miſſethäter beſtimmt ſind, raſſeln. Aber man wird weiter und weiter gehen. Der Abſolutismus wird Martern ohne Gleichen erfinden, um ſinnreich ſeine Opfer zu quälen. Man wird die Männer, welche es wagten, ſich gegen ihn zu erheben, ehrlos machen; Zuchthaus und Peitſche werden Geiſt, Jugend und Talent in Wahnſinn und Tod treiben, die Edelſten und Beſten, welche die Zierden ihres Volkes ſein müßten, werden im Verbrecherkittel büßen. Und Alles das im Namen der Gerechtigkeit, Alles im Namen des Gottes der Liebe! Alles vielleicht ſelbſt, als fürchterlichſter Hohn, im Namen der Gleichheit aller Menſchen, für die ſie — 234— ſtreiten wollten. O! wie wohl iſt mir, daß ich in Freiheit ſterben kann! Der Arzt betrachtete ihn aufmerkſam und ſagte dann: Regen Sie ſich nicht auf, wenn Sie in Frei⸗ heit leben wollen. Leben! verſetzte Lornſen und ſeine Augen glänzten ſanft, nein, Freund Lepreux, meine Zeit iſt abgelau⸗ fen. Sie werden mir zutrauen, daß ich über die Schrecken der Vernichtung hinaus bin, und genau weiß, daß Rettung für mich unmöglich iſt. Es iſt nichts unmöglich, ſagte der Doktor. Nicht doch, ſiel Lornſen ein, ich weiß, daß ich der Ewigkeit nahe bin, aber ich ſterbe mit dem Be⸗ wußtſein, nicht ganz umſonſt gelebt zu haben. Es werden Zeiten kommen, wo mein Vaterland ſich meiner erinnert, wo mein Andenken die Herzen zur männlichen That aufweckt. Ja, Lepreux, es werden Zeiten kommen, wo alles Wüthen tyranniſcher Ge⸗ walt nichts mehr hilft gegen die Macht der Wahr⸗ heit und des Rechts; denn was man auch ſagen und thun mag, die Menſchheit ſchreitet dennoch vor⸗ wärts in Erkenntniß und Rechtsbewußtſein. Einſt wird und muß Gottes Reich auf Erden kommen! Dann, erwiderte der Arzt, möchte ich wünſchen, dies Reich Gottes käme bald, dieweil es bis jetzt — noch paſſabel dumm und ſchlecht auf Erden ausſieht — 235— und wir Beide doch wohl gern noch etwas davon erleben möchten. Lornſen ſchüttelte leiſe lächelnd den Kopf. Sagen Sie mir aufrichtig, wie lange ich noch leben kann, ſagte er. Freund, erwiderte Lepreux, indem er die Hand des Kranken faßte, nach meinen Berechnungen bin ich überhaupt erſtaunt, Sie noch leben zu ſehen. Weil ich will, rief Lornſen. Ja, weil ich will! wiederholte er mit großer Kraft, indem er den Blick in die Ferne richtete. 3 Es iſt mit dem Menſchen, ſprach der Arzt, wie mit einer Lampe, die das Oel, das ihre Flamme nährte, bis auf den letzten Tropfen verzehrt. 1 So iſt es mit mir, antwortete Lornſen leiſe vor ſich hin. Ihr Lebensöl iſt aufgezehrt, fuhr Lepreux fort, und nur wenn es gelänge, es zu erſetzen, könnte ich hoffen, daß Sie uns erhalten bleiben. Und doch fühle ich mich heut viel kräftiger und freier, ſagte Lornſen. Selbſt meine Stimme iſt ſtär⸗ ker. Zweimal bin ich auf den Hügel geſtiegen, um auf die Genfer Straße hinab zu ſehen. Was trieb Sie dazu? fragte der Arzt. — 236— Ich erwarte einen Freund, der nothwendig heut noch kommen muß, erwiderte er. Laſſen Sie uns hinauf gehen, Freund. Der Abend kommt ſo ſchön, die Sonne röthet den Dent d'Oche, und dort ſteigen die Schneeſpitzen des Dent du Midi auf. Wie herr⸗ lich, wie göttlich iſt dieſe Natur! Wie freue ich mich, ſie in ihrer vollen Pracht noch einmal zu ſehen. Bleiben Sie, Lornſen, ſagte der Arzt, Sie ſind ſehr erhitzt. Nein, wohl, ſehr wohl und leicht, gab er zur Antwort. Dort kommt ein Wagen die Seeſtraße herauf, 4 fuhr Lepreux fort. Wo? fragte Lornſen lebhaft. Es iſt mir plötz⸗ lich als falle ein Schleier vor meine Augen. Eine Dame und ein Herr, ſprach der Arzt. Sie ſteigen aus und kommen die Terraſſe herauf. Er lehnte Lornſen in den Stuhl zurück, in dem Augenblick, wo Lina raſch durch die Weingehege eilte und mit ausgebreiteten Armen ſich über den Kranken beugte. Sie ſprach kein Wort, aber mit einer ſtummen Bewegung drückte ſie die Hand des Arztes und 1 t Lornſens Kopf in ihren Armen, an ihrem Her⸗ O! Jens, ſagte ſie tiefathmend, mein geliebter — 23⁄2— Freund, ich bin hier um mein Wort zu löſen. Sie küßte ſeine Lippen und mit leidenſchaftlicher Gewalt rief ſie laut: Erwache! Sage, daß Du mich kennſt, mich ſiehſt, mich liebſt! Da ſchlug er die Augen auf und ein Blick un⸗ endlicher Liebe heftete ſich auf ſie. Ein Lächeln durch⸗ zuckte ſein Geſicht, ſeine Lippen flüſterten ihren Namen. Mit ſeiner ſterbenden Hand deutete er auf den Brief und das Manuſkript, die auf dem Tiſchchen lagen. Willſt Du, ſagte er leiſe, dies nehmen und ſorgen, daß mein Wille geſchehe? Zur Ehre meines Vater⸗ landes, für ſein Recht und ſeine Freiheit, gegen dä⸗ niſches Unrecht und Unterdrückung iſt es geſchrieben. Willſt Du? 3 Heilig ſoll mir Dein Wille ſein! erwiderte ſie. Alles, Alles, mein geliebter Freund, für Deines Namens Ehre! So habe Dank ſagte er, und in ihren Armen richtete er ſich empor. Seine klaren ſchönen Augen thaten ſich noch einmal groß auf, und hingen zärt⸗ lich feſt an ihren Zügen. Und plötzlich fingen die hohen Alpenhörner an zu glühen. Ein roſenfarbiger Schein flog von den Schneefeldern herüber über die blauen Berge Savoyens, hinunter in den glänzenden ⸗ — 238— See, der ihn widerſpiegelte, und auf die weichen, lächelnden Lippen des Sterbenden.— Leiſe legte ihn 4 Lina in den Stuhl zurück, und mit einem tiefen Seufzer kniete ſie an ſeiner Seite nieder. Jens Lornſen hatte vollendet.— nes Druck von J. Blumenthal in Berlin, Adlerſtr. 9. ſſinnſſſſſiſſſſnſſſnſſnſſfſiſiſnſſriſſiiſſiſſiiiſiſſſſſſſin 10 11 12 13 14 15 16 17 1 Ffſſinſ 9