— — — . 7 Leihbiblivthek von 3 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wtchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher 2 auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 3„„= e 3„=. 2 2 5. 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Damals war Helgoland noch nicht der Zielpunkt der Meerſpazierfahrten des reichen Hamburgs, es war noch nicht im Ruf als Seebad, zu welchem Dampfſchiffe aus der Elbe und Weſer faſt täglich die feine Welt des deutſchen Binnenlandes führen. Die armen Fiſcher und Lootſen von Helgoland waren noch kein Gegenſtand für die deutſche Romantik ge⸗ worden, ja nicht einmal ein ordentliches Seebad war eingerichtet, ſondern nur ſpärlich kam eine kleine Anzahl Gäſte herüber, die meiſt kurze Zeit verweilten und zu Haus dann von der rothen Klippe und ihren J. 1 2 Bewohnern, von der ſtürmiſchen Seefahrt, der ſelt⸗ ſamen Düne und den wunderbaren Höhlen und Pfei⸗ lern der Inſel abenteuerliche Beſchreibungen machten. Der Tag war heiter; über die tiefe Bläue des Himmels ſpannten ſich da und dort krauſe und lang⸗ gezogene Windſtreifen aus, am fernen Rande des Horizonts lagerte eine zackige dunkle Wolkenmaſſe, und in der Tiefe rollte das bewegte Meer ſchaum⸗ ſprühend über kahlerothe Felſenlager, die es in ſeinem ewigen Wogentanze glatt gewaſchen hatte. Lange Zeit überblickte der junge Mann Meer und Land. Er ſtand wohl hundert Fuß hoch auf dem letzten Stein der Klippe, unter ſich den Abgrund, über welchem der Felſen hing, nichts vor ſich als die endloſe Waſſerwüſte. Dürftige Erdtoffelfelder und einige große Schafe mit ſchwarzen Köpfen, die auf den Grasplätzen feſtgebunden waren, zeigten ſich ihm, wenn er rückwärts ſah.— Aus der Mitte der Inſel ſtieg der Leuchtthurm auf, von deſſen Sitze eine Fahne mit den engliſchen Farben flatterte. Er warf einen finſteren Blick zu ihr empor und wendete ſich ab, indem er ſich auf eine grüne Stelle am Rande niederſetzte und den Arm auf einen großen Stein gelegt, den Kopf in ſeine Hand geſtützt, die fernen Segel und die ſinkende Sonne verfolgte. In dieſer einſamen und wilden Umgebung, über⸗ glänzt von dem rothen Lichte, war die Geſtalt des jungen Mannes wohl geeignet ein vermehrtes In⸗ tereſſe zu erwecken.— Sein athletiſcher Körper hatte nichts von der plumpen Feſtigkeit und Derbheit, die Seeleuten eigen iſt, und doch trug er einen dunkel⸗ blauen kurzen Seerock mit Hornknöpfen. Weite grau⸗ zwilchene Beinkleider, Halbſtiefeln, die feſt an ſeine Füße gebunden waren, ein buntes ſeidenes Tuch, das loſe ſeinen Hals umſchlang, ein Hemdkragen, der weit darüber hinfiel und ein Hut mit niedrigem Kopf und breiten Krämpen, der neben ihm lag, das Alles konnte einem jungen Schiffer oder Lootſen ge— hören, der in träger Ruhe hier auf den nächſten Sturm wartet. Aber die ſchlanken, beweglichen Formen und noch weit mehr das ſtolze, unruhige Geſicht widerſprachen dieſer Annahme. Braunes Haar fiel ihm in reichen Ringen auf Stirn und Nacken, große blaue Augen blickten feurig in die Ferne. Es war ein Bild der üppigſten Jugendkraft, alles an ihm war wohl ge⸗ macht; ſtark, feſt und kühn trug es den Stempel der Vollkommenheit. Wie er auf dem Steine lag, der Wind mit ſeinem Haar ſpielte, die Sonne ihn in rothe Schimmer hüllte, konnte man glauben, einer 1* jener alten Seekönige ſei wieder aufgewacht, die einſt aus Klippen und Inſelbuchten über die Meere ſchwärmten und denen kein Starbliher widerſtehen konnte. Es iſt wohl möglich, das die beiden Perſonen, welche in dieſem Augenblick in der Nähe des jungen Mannes erſchienen, etwas Aehnliches gedacht haben. Sie waren auf dem ſchmalen Pfade an der Südſeite des Felſens langſam herbeigekommen. Eine junge Dame, deren Kopf in einem Helgoländer Hut von ſchwarzem Glanztaffet verborgen war, ſchritt voran, in einiger Entfernung folgte ein alter Herr, der ſich auf ſeinen Stock ſtützte.— Plötzlich ſtand die Dame ſtill, denn kaum zehn Schritt von dem Liegenden be⸗ merkte ſie ihn erſt hinter der Senkung des Klippen⸗ randes und neugierig forſchend muſterte ſie den Fremd⸗ ling, deſſen Geſicht ihr abgewandt war. Was giebt es da, Lina? rief der alte Herr, der ihr Stillſtehen bemerkte. In demſelben Augenblick wandte ſich bei dem Schall der Stimme der junge Mann um und mit einer leichten Pewwegnne g war er auf ſeinen Füßen. Ich habe Sie erſchreckt, ſagte er ſich verbeugend. Keinesweges, erwiderte die Dame erröthend, aber wir haben Sie in Ihren Betrachtungen geſtört. Meine Betrachtungen, ſprach er lächelnd, ſind 1 ſchwerlich ſo ernſter Art, um eine ſolche Störung nicht gern zuzulaſſen. Ich bin hier heraufgekommen, um Alltägliches zu ſehen: das Sinken der Sonne, das Meer mit ſeinen ewigen Wellen, und hatte höchſtens ein paar Fragen an den Himmel zu thun, der plötzlich in ganz anderer Weiſe mir geantwor⸗ tet hat. Darf ich wiſſen, ſagte die Dame, ihn freundlich anblickend, welche Fragen Sie dem Himmel zu ſtellen hatten? Ich fragte ihn, was für Wetter er mir zunächſt ſchenken würde. Und was hat er geantwortet? O! er hat mir jedenfalls das Schönſte in Aus⸗ ſicht geſtellt. Mit einer gewiſſen Verwirrung, die genügend andeutete, daß die Antwort ſie hervorgerufen, aber mit einem kalten und meſſenden Blick wandte ſich die Dame zu ihrem Begleiter um, der jetzt nahe bei ihr war.— Hier iſt ein Herr, lieber Vater, ſagte ſie, der uns für morgen zu unſerer Reiſe das beſte 3 Wetter verſpricht. Der alte Herr zog den Hut und muſterte ſcharf den Fremden, der ſich verbeugte.— Nun, ſagte er, Sie ſcheinen ein Seemann zu ſein, und aus ſolchem Munde hat ein Urtheil über Wind und Wetter Ge⸗ 1 wicht. Glauben Sie, daß das Meer ruhig ſein wird? Ich glaube wenigſtens nicht, daß es morgen all⸗ zuböſe bläſt. Die Wand dort im Weſten und die Windſtreifen über uns deuten jedoch an, daß es leicht etwas unruhiger hergehen kann, als heut. Und doch verkündigen Sie gutes Wetter? rief der alte Herr. Gutes Wetter nach meinem Geſchmack, erwiderte der junge Mann. Ich liebe es nicht, wenn die Segel ſchlaff an den Maſten hängen. Es geht dem Meere ſo, wie dem Leben. Dem Einen gefällt das ruhige, 6 ſtille Dahingleiten, dem Anderen der Sturm, der auf 3 ſeinen Flügeln ihn davon führt. Zum Schiffbruch, ſagte der alte Herr, ironiſch lachend. Man kann Schiffbruch leiden im ſtillſten Waſſer, erwiderte der junge Mann, oder in idylliſcher Ruhe mitten im Sumpf ſtecken bleiben und umkommen. Geh zurück, Lina, rief der alte Herr, als das Fräulein einige Schritte gegen den Rand der Klippe that. Es iſt unſicher dort, der rothe Thon bröckelt e ab. Dies ganze Paradies mit ſeinen Erdtoffeln und - 7— 7— Hammeln wird in einigen hundert Jahren von Wellen und Stürmen verſchlungen ſein. — So werden wir es ſchwerlich erleben, erwiderte das Fräulein ſcherzend. Und was Du nicht zu erleben glaubſt, ſicht Dich nicht an.— Das heißt geſprochen, wie eine echte Tochter Evas. Oder wie ein Miniſter der auswärtigen Ange⸗ legenheiten eines abſoluten Königs, fiel der junge Mann ein. Die Dame lachte lebhaft auf, der alte Herr aber machte ein abweiſend ernſthaftes Geſicht, und muſterte den Sprecher nochmals von Kopf zu Fuß. Wenn Sie Muth haben, ſagte dieſer zu dem Fräulein, und mir die Hand geben wollen, ſo können Sie dreiſt auf den äußerſten Rand der Klippe treten. Ihr Vater hat Recht, es iſt ein falſcher Boden, falſch wie Glück und Größe des Volks, das hier einſt wohnte, oder wie Glück und Freiheit aller Völker. Aber an dieſer Stelle i*ſt der Felſen feſt; die Säule reicht faſt bis hinunter ans Meer, das eben mit der Fluthwelle in die Kluft ſtürzt, die es unten einge⸗ K ühlt hat. Fühlen Sie, wie der Boden zittert? Die Geiſter der Vernichtung ſind geſchäftig, Hamlets alter Maulwurf wühlt überall. Doch, was will das ſagen. 4 2 8 —xx —,— 4 Die Spanne Zeit, die uns gegeben iſt, ſollte eigentlich keine Furcht vor der Möglichkeit einer Abkürzung auf⸗ kommen laſſen. Er hatte dem Fräulein die Hand geboten, die ſie annahm und ſich willig bis auf den äußerſten Stein führen ließ. Da ſtanden ſie Beide dicht an dem ſenk⸗ rechten Abgrund und hinter ihnen hielt der alte Herr den Athem an und ſtampfte nur leiſe mit dem Stocke auf den Boden, aus Furcht, ſein Schelten und ſeine Heftigkeit könnten ein Unglück herbeiführen. Der ſchöne ſtolze Mann mit dem kühnen Geſicht ſtreckte den Arm aus und wies auf die abgeſchliffenen Felſenlager, welche auf eine halbe Meile weit in mächtigen Riffen um die rothe Klippe liegen. Sie fragen mich, ſagte er, was ich mit dem Vergleich über die Nichtigkeit der Größe und des Glücks des Volkes meine, das einſt hier wohnte? Sehen Sie dieſe Inſel, die einſt ſo groß war, daß fünfzig Dörfer darauf ſtanden. Nichts iſt von ihr geblieben, als dieſer kleine tief unterwaſchene Berg, der langſam zuſammenſtürzen und verſchwinden wird. Dort hinter uns aber, weit am ganzen Saume des Horizonts der deutſchen Küſte, hat vor wenigen hundert Jahren noch ein freies und edles Volk gelebt. Sein Land iſt von den Fluthen ver⸗ ſchlungen worden, ſeine Freiheit iſt verloren gegangen —-— ſein Glück und ſeine Größe lebt nur noch in Sagen und Liedern. Die Reſte ſeiner Kinder aber halten treu und feſt an dem mütterlichen Boden; ſie kämpfen einen unſäglich furchtbaren Kampf um jede Spanne breit, und ſelbſt dieſe arme Klippe, auf der nichts wachſen und gedeihen kann, die der Sturm kahl fegt und der Wellenſtaub überfliegt, wird immer noch von ihnen feſtgehalten, bis der letzte Stein zu⸗ ſammenbricht. Vol liegt Deutſchland? fragte das Fräulein. Dort, erwiderte er. Von den acht und dreißig Vaterländern iſt nichts zu ſehen, als Nebel; hier aber, fügte er lachend hinzu, indem er nach dem Leuchthurm mit der Fahne zurückblickte, wandeln wir in der Freiheitsſonne Alt⸗Englands. Schmachvoll genug, ſagte die Dame ſtolz. Empfinden Sie das? rief er lebhaft. Wie ſollte ich es nicht empfinden, erwiderte ſie. Dieſe Inſel gehörte einſt zu uns; man hat ſie uns entriſſen. Ein fremdes Volk hat ſeine Fahne hier aufgepflanzt. Dies hochmüthige, unerſättliche Eng⸗ land, das Völker unterdrückt und beraubt, ſo weit ——— die Sonne reicht, iſt immer Gegenſtand meines Abe: ſcheues geweſen. Könnten ſie hinauf und das goldige Licht da oben herunterholen, ſie würden es zollweis und pfundweis allen Völkern verkaufen und einen koſtbaren Handelsartikel daraus mache Aber das Licht der Freiheit leuchtet uberal dif 4 er mit einem warmen Blick auf ſeine ſchöne Gefähr⸗ tin, und Gott ſei Dank, daß kein Arm hinaufreicht in den ewigen Himmel, um es zu beſteuern. Iſt es nicht wohlthuend, fuhr er dann fort, hier auf dem letzten Fuß deutſcher Erde zu ſtehen, und alles Leid zu vergeſſen! Sonne, Luft und Meer athmen Freiheit, ſie gehören Allen, kein§ at 3 Macht über ſie, keiner kann ſie abſperren. En 6 Gotteswehen der Liebe geht durch die ganze Natur, dahin reicht kein Haß und keine Verfolgung. Dort 6 liegt das ſtolze England. Wer mag ein Volk haſſen, das ſo kräftig und ſo freiheitsmuthig iſt? 2 Die Völker ſind geſchaffen, wie die Menſchen, um glücklich zu ſein und ſich zu lieben. Haß den Ty⸗ rannen und Fluch der Knechtſchaft! Wenn ich den Sonnenball ſo feurig, rein und liebeheiß ins Meer ſinken ſehe, überkommt es mich wie die Ahnung der Seligkeit. Wie erhaben, wie göttlich iſt es! Und hier, wo die Menſchen fern ſind mit ihrem klein⸗ lichen Streben, mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Eitelkeit und dem Ameiſengewimmel ihrer ſelbſtſüchtige Triebe, hier iſt der ſchönſte Punkt weit und breit, — 11— wo man vergeſſen kann, daß der Staub ſein Recht fordert. Während er ſprach, halb für ſich, die Arme ge⸗ kreuzt, die ſtolze Stirn emporgehoben und wenig zu beachten ſchien, daß er nicht allein ſei, ſank die Sonne und färbte Himmel, Meer und Felſen mit wunderbaren Tinten. Die glühende Röthe verlief ſich im roſigen Schatten, die ſchwellenden Wogen brannten und glühten, die Wolken tauchten ſich in Duft und ſchwebten leuchtend über den Horizont. Die Blicke flogen in die tiefen Klüfte der Unend⸗ lichkeit des Weltalls und überall fanden ſich Licht und Leben. O! das iſt ſchön, das iſt namenlos ſchön! rief die Dame endlich, noch nie habe ich es ſo empfunden wie jetzt. Der alte Herr hatte ſich auf den Stein geſetzt und ſeine goldene Doſe zwiſchen den Fingern ge⸗ dreht.— Es iſt in Wahrheit ein prachtvolles Feuer⸗ werk, ſagte er; man könnte glauben, das Gottes⸗ läugner dadurch beſſer bekehrt würden, wie durch Miſſionspredigten. Aber komm jetzt, Lina, wir müſſen zurück. Die Sonne fällt ſchnell hinter den ſchwarzen Vorhang, raſch wird das Schauſpiel zu Ende ſein. — 12— Als das Fräulein bei ihm war, ſagte er halb⸗ laut und in däniſcher Sprache: Wer iſt denn der Menſch da eigentlich, der ſo lächerlich phantaſirt? Ich weiß es nicht, erwiderte ſie. Ein Seemann iſt er nicht, fuhr er fort, dazu ſpricht er zu anſtändig. Mein Herr, ſagte er zu dem jungen Manne, wir ſind Ihnen ſehr verbunden für die Ehre Ihrer Un⸗ terhaltung. Der Zufall hat uns hier zuſammenge⸗ führt, wir ſind ihm dankbar dafür; damit wir aber eine bleibende Erinnerung an dieſe Stunde haben, erlauben Sie mir, Ihnen meinen Namen zu nennen. Ich bin der Staatsrath, Baron Hammerſteen, und dies iſt meine Tochter Caroline. Und ich, ſagte der junge Mann lächelnd, indem er ſich verbeugte, bin ein Frieſe von der Inſel Silt, meines Standes Rechtsanwalt, mein Name iſt Jens Lornſen. Jens Lornſen! rief der Baron freundlich. Alſo ein Frieſe von der Inſel Silt, das freut mich mehr, wie Sie denken. Ich vermuthete einen Deutſchen und finde einen Landsmann. Ich habe nie gehört, erwiderte Jens, den Kopf hoch aufhebend, daß unter den Frieſen im Noiden — 13— oder auf den Inſeln ſich eine Familie Hammerſteen befunden hätte. So iſt es auch nicht gemeint, ſagte der alte Herr. Wir ſind eigentlich in Fühnen angeſeſſen, allein ich beſitze ein Gut in Schleswig, gehöre zur Ritterſchaft des Herzogthums und mache deswegen meine Lands⸗ mannſchaft geltend. Lange habe ich dort gelebt, meine Tochter wurde da geboren, auch bin ich öfter in den Marſchen und einmal ſogar auf den Inſeln geweſen. Ich erinnere mich, einen alten Schiffskapitain und Rathsherren geſehen zu haben, der Lornſen hieß, einen ehrenhaften, verſtändigen Mann, der viel galt bei ſeinen Landsleuten. Das iſt mein Vater, gab Jens zu Antwort. Und Sie haben es anders gemacht, wie er und vermuthlich alle Ihre Vorfahren. Sind nicht zur See gegangen, ſondern haben ſtudirt? Das Studiren iſt freilich ziemlich ungewöhnlich auf unſeren Inſeln, verſetzte der junge Mann, die ihre jungen Leute wie Möven, ſobald ſie flügge ge⸗ worden ſind, auf's blaue Waſſer hinausſchicken; in⸗ zwiſchen bin ich doch nicht das einzige Beiſpiel, daß ein Frieſe auch in die Schule gehen und allerlei ge⸗ lehrte Künſte lernen kann. Es iſt ein anſtelliger Stamm, zu Allem geſchickt, — 11= rief der alte Herr, aber das Meer iſt doch ſein Ele⸗ ment. Die Holländer und Hamburger wiſſen, was frieſiſche Kapitäne und Steuerleute bedeuten und un⸗ ſere beſten Matroſen in der Flotte kommen immer von den Inſeln, obwohl am Sunde und in den Belten es an tüchtigen Seeleuten auch nicht mangelt. Waren Sie nie in Kopenhagen? Nein, ſagte Jens. Wo haben Sie denn ſtudirt? In Kiel und Jena. Warum auf einer deutſchen Univerſität? Weil ich ein Deutſcher bin. Ja ſo, ſagte der Baron lächelnd. Da fällt mir eben ein, von einem Frieſen gehört zu haben, der in der deutſchen Burſchenſchaft zu Jena eine Rolle ſpielte. Wenn er Lornſen hieß, werde ich es wohl ſein, erwiderte Jens lächelnd. Die Regierung in Kopenhagen wurde aufmerk⸗ ſam auf ihn gemacht, fuhr der Baron fort, als auf einen beſonders fähigen jungen Mann, der aber verderblichen Schwärmereien nachginge. Ich hatte damals im auswärtigen Amte Geſchäfte und Vor⸗ trag. Eine Unterſuchung wurde gefördert; der Kö⸗ nig jedoch ſtimmte mir bei und ſprach in ſeiner ein⸗ ———— X— 15— fachen Weiſe: Jugendſtreiche— heiße Köpfe. Wer⸗ den ſich abkühlen und vernünftiger werden ohne Pro⸗ zeſſe und Gefängniſſe.— Die Frieſen ſind gute treue Unterthanen; dummes Zeug der ganze Plunder. Werft ihn ins Feuer. Daran hat der König ſehr recht gethan, ſagte Lornſen in das Gelächter des Fräuleins einſtimmend. Und was ſind Sie jetzt, Herr Lornſen? fragte der Baron. Addpokat ohne Prozeſſe, verſetzte Jens. Sonſt wären Sie wahrſcheinlich nicht hier, um den Sonnenuntergang auf Helgoland zu ſehen und philoſophiſche Betrachtungen darüber zu machen. Wir hätten die Ehre Ihrer Bekanntſchaft entbehrt. Ich muß zugeben, daß Geſchäftsloſigkeit mich dazu trieb, mit einer kleinen Schlupp, die meinem Va⸗ ter gehört, die Fahrt von Silt hierher gemacht zu haben. Das Seemannsblut will ſeinen Ausweg haben, lachte der Baron. Wann wollen Sie zurück? Morgen, wenn es ſein kann, erwiderte Lornſen, einen Blick auf den Himmel werfend. Sie ſcheinen aber daran zu zweifeln, fiel das Fräu⸗ lein ein, das bisher ſtill dem Geſpräch zugehört hatte. Ich ſehe die gelb⸗rothen krauſen Wolken über uns hinfliegen und ſonderbare Geſichter machen. — 16— Das würde mir ſehr unlieb ſein, rief der alte Herr. Ich habe ſchon ein paar Tage zugegeben und keine Zeit, länger zu warten. Haben Sie eine Schlupp gemiethet? fragte Jens. Es iſt nichts da, als die ſchmutzigen, jämmer⸗ lichen, offenen Fiſcherboote. Ich erwarte heut noch von Huſum einen bedeckten Kutter, der mich hinüber bringen ſoll. Wenn er heut nicht kommt, wird er es morgen ſchwerlich wagen, ſagte der Advokat. Was wollen Sie dann thun? Dann wird nichts übrig bleiben, als mit einem Lootſen Akkord machen und unſer Heil zu verſuchen. Sie werden geprellt werden, ſobald man ſieht, daß Sie fort wollen oder müſſen, fiel Jens ein, in⸗ dem er ſtill ſtand und nochmals Wolkenzug und Meer betrachtete Der Wind wird weiter nördlich gehen und dann werden ſie es allerdings wagen, mit Ihnen auszulaufen, weil ſie ſicher ſind, die In⸗ ſel wieder zu erreichen. Nach zwei Stunden, wenn das Boot halb voll Waſſer iſt, die Sprützwellen darüber hinfliegen und Sie naß und mürbe genug geworden ſind, wird die Mannſchaft umlegen und Ihnen die Unmöglichkeit erklären, weiter fortzukom⸗ men. Sie werden gern zu Allem Ja ſagen, und am — — 172— Abend werden Sie, wie ich hoffe und wünſche, wie⸗ derum hier zwiſchen Ertoffelfeldern und Hammeln umherſpazieren. So leicht und launig er ſeine Prophezeihung machte, ſo verfinſterte ſich dennoch das Geſicht des alten Herrn. Zum Henker! rief er, das ſind ſchlechte Ausſichten. Wenn es aber irgend möglich iſt, will ich fort von dieſem verdammten, langweiligen Felſen. Glauben Sie, Herr Lornſen, daß Gefahr dabei iſt? fragte das Fräulein, vertrauensvoll zu ihm auf⸗ blickend. Nein, erwiderte er. Ein Fiſcherboot hält ſelbſt einen harten Sturm aus und dieſe Männer ver⸗ ſtehen ihr Handwerk.— Dennoch will ich nicht ſa⸗ gen, fuhr er fort, daß keine Gefahr dabei wäre. Es ſchlagen jährlich Boote um. Viele Wittwen klagen hier um ihre Männer, viele Kinder ſuchen den Vater, der niemals wiederkehren will. Es kommt darauf an, welche Hand das Steuer führt und wel⸗ ches Glück das ſcharfe Auge begleitet. Ein wenig Gefahr wird uns nicht abſchrecken, rief das Fräulein, und einen Steuermann, der unſer Vertrauen beſitzt, werden wir zu finden ſuchen. Haben Sie Vertrauen zu mir? fragte Jens. 2 — 13— Sie ſah ihn freundlich lächelnd an. Ein Frieſe von der Inſel Silt, der Sohn eines berühmten Ka⸗ pitäns, muß Vertrauen erwecken, erwiderte ſie. So will ich Ihnen einen Vorſchlag machen, fuhr er fort.— Wenn Ihr Kutter aus Huſum nicht kommt, und ich vermuthe es faſt, denn es hat ziem⸗ lich ſtark aus Südweſt geweht, dann biete ich Ih⸗ nen mein eigenes kleines Fahrzeug an. Wenn es mir möglich ſcheint, morgen See zu halten, führe ich Sie nach Huſum hinüber; was ein Mann dafür thun kann, ſoll gewiß geſchehen. Ich glaube, daß ich in meines Vaters Namen Ihr Anerbieten annehmen kann, ſagte das Fräulein, und indem ſie ſich zu dem Baron wandte, fügte ſie hinzu: Wenn wir nicht denken müſſen, daß die Laſt welche Sie ſich aufbürden, uns zu große Verpflich⸗ tungen auflegt. Es iſt in der That ein Dienſt, den ich nicht ver⸗ gelten, alſo nicht annehmen kann, rief der alte Herr⸗ ſichtlich erfreut und mit der Abſicht, ihn anzunehmen in allen ſeinen Mienen. Jens ließ ſich dadurch nicht irre machen.— Ich hoffe, ſagte er, daß, wenn wir um ſechs Uhr abfah⸗ ren können, wir um zwei oder drei Uhr Nachmittag in Huſum ſind. Der Umweg iſt für mich gering; — 19— es macht mir Freude, wenn ich Ihnen meine Dienſte bieten kann. Schlagen Sie dieſe ab, ſo verſpre⸗ chen Sie mir wenigſtens, die Fahrt im offenen Boote nicht zu wagen, ehe Sie meinen Rath gehört haben. Herzlichen Dank, mein junger Freund, erwiderte der Baron. Lina hat Recht, Sie haben Etwas in Ihrem Weſen, was Vertrauen und Ueberzeugung er⸗ weckt und mir ſagt, daß Sie ein Advokat ſind, der ſeine Prozeſſe glücklich zu Ende führt. So laſſen Sie uns denn ſehen, wie der Prozeß mit Wellen und Wind abläuft. Um ſechs Uhr wollen wir be⸗ reit ſein und früher oder ſpäter giebt ſich wohl die Gelegenheit, wo ich wieder dienen kann. So war das Uebereinkommen geſchloſſen. Der Baron ſchüttelte ihm die Hand und eben gingen ſie an dem Leuchtthurm vorüber, wo der Lampenkranz angezündet wurde, der ſein glänzendes warnendes Licht in die finſter fallende Nacht ſchickte. Ich habe gehört, was Sie von der engliſchen Flagge da oben ſagten, ſprach der Baron, auch mir iſt es ein Stich ins Herz, ſie hier zu ſehen. Helgo⸗ land iſt wichtiger, wie man denkt. Während des Krieges hatten die Engländer oft ganze Flotten hier, ſie beherrſchten die Elbe und Weſer und thürmten 2*. ungeheure Waarenvorräthe aller Art auf, die einge⸗ ſchmuggelt wurden, trotz aller Wachſamkeit der Fran⸗ zoſen.— Das war die goldene Zeit für dieſe Fi⸗ ſcher, über welche die ſieben fetten Kühe des Königs Pharaonis kamen, nach denen denn freilich die ma⸗ geren gekommen ſind.— Es geht den Leuten jetzt ſchlecht, denn ſie ſollen Fiſche fangen und arbeiten, das ſchmeckt ihnen nicht. Die Hamburger haben das Fahrwaſſer verbeſſert, ihre Feuerſchiffe weit hinaus⸗ gelegt, Seebacken ausgeworfen, genaue Karten zeich⸗ nen laſſen; ſo werden die Schiffbrüche immer ſelte⸗ ner, und Lootſen von Helgoland nimmt kaum ein Schiffer noch, zumal die kühnen Seeleute von Blan⸗ keneſe und Glückſtadt ihnen den Rang ablaufen.— Die Schiffe halten ſich möglichſt entfernt von der gefährlichen Inſel, ſie kennen die unverſchämten Prel⸗ lereien ihrer Bewohner zu gut, die nichts im Sinne haben, als Strandgut erobern und lächerliche For⸗ derungen machen. Aber es geſchieht ihnen Recht. An die alten Zeiten denken ſie nicht mehr; von Treue und Anhänglichkeit wiſſen ſie nichts. Sie dan⸗ ken Gott, daß ſie Engländer geworden ſind und aus der alten Tyrannei erlöſt wurden. Das gab mir Einer zur Antwort, der hier zum Rathe gehört und den ich geſtern über die Verhältniſſe befragte. — — 21— Es iſt kein Wunder, erwiderte Lornſen, denn die Vaterlandsliebe iſt nie in ihnen geweckt worden. Die Voigte haben ſie hart behandelt, die alte Freiheit iſt verloren gegangen; die meiſten wiſſen kaum mehr, zu welchem Volke ſie eigentlich zählen. Nach Ihrer Meinung doch jedenfalls zum deut⸗ ſchen Volke, ſagte der Baron. Ich glaube nicht, daß es überhaupt eine andere Meinung geben kann, ſprach Lornſen mit erhöhtem Tone. Nun immerhin, fuhr der alte Herr fort. Zum deutſchen Volke oder deutſchen Stamme mag man ſich rechnen, hier ſo wohl wie in Schleswig, nur nicht zum deutſchen Reiche, zu Deutſchland ſchlecht⸗ weg. Das iſt eine Frage von anderer Bedeutung. Der Advokat aus Schleswig ſchwieg, aber der Unmuth färbte ſeine Stirn; er ſchien nur mit Mühe eine Antwort zurückzuhalten. Ich ſehe wohl, Herr Lornſen, ſprach der Baron, daß Sie nicht ſo ganz meiner Meinung ſind. Es würde mich auch gewundert haben; denn ich weiß, daß die jungen Herren in Schleswig zum allergröß⸗ ten Theil für ihr deutſches Vaterland ſchwärmen und von einem däniſchen Geſammtſtaat nichts wiſſen — 22— wollen, zu dem ſie doch ſeit vier Jahrhunderten bei⸗ nahe gehören und ſich wohl dabei befinden. Gott weiß es, wie wohl wir uns beſinden, ver⸗ ſetzte Jens. Wir wollen nicht ſtreiten über Dinge, die wir nicht entſcheiden können, rief der alte Herr, aber mit Eurer Deutſchthümelei und Eurem Geſchrei nach dem deutſchen Vaterlande iſt es nichts. Was hättet Ihr denn davon, wenn Ihr den buntſcheckigen Haufen vermehrtet? Iſt es denn ſo erfreulich, ein Deutſcher zu ſein? Als Deutſcher, ſagte Lornſen ruhig, fühle ich mich als Mitglied eines großen Volkes. Ich bin durch Geburt, Sprache und Sitten, durch Denken und Em⸗ pfinden daran und an ſein Schickſal gekettet. Sein Leid iſt mein Leid, ſeine Vergangenheit iſt meine Ver⸗ gangenheit, ſeine Zukunft iſt meine Zukunft. Alles was in Deutſchland geſchieht, geht uns an, was aus Daänemark kommt, geht fremd an uns hin, denn es 2 kommt von Fremden, die unſere Herren geworden ſind, die uns nicht lieben und die wir nicht lieben können. Wir ſind die Heloten, die Waſſer und Holz in die Küchen tragen, damit am Sunde die Brat⸗ ſpieße ſich drehen, fuhr er fort.— Ich weiß, daß Jahrhunderte uns zu dem gemacht haben, was — 23— wir ſind, aber ich kenne auch die Rechte meines Volkes und ſeltſamer Weiſe ſtehen ſie in alten ver⸗ brieften Urkunden und vergilbten Pergamenten, auf welche die Staatskünſtler unſerer Zeit mehr geben, als auf Volkswillen und lebendiges Recht der Gegen⸗ wart. 5 Lieber junger Freund, erwiderte Baron Hammer⸗ ſteen mit einem ſpöttiſchen Seitenblick, ich merke wohl, wo es bei Ihnen ſteckt, und denke weiter mit Ihnen zu reden, ſobald es ſich paßt. Sie haben einen klaren Blick und wie ich denke, auch einen klaren Geiſt. Nur das Eine ſage ich Ihnen jetzt: alle die alten Pergamente ſind werthloſer Plunder, wenn man die Macht nicht hat, ſie geltend zu ma⸗ chen. Ein kluger Mann wird ſich nicht damit ab⸗ geben, um ſo weniger, wenn neue Pergamente und Rechte jenen entgegen treten. Ein kluger Mann wird ſeine Kräfte nicht vergeuden, um Buchſtaben zu deuteln und drehen, er wird um ſich ſchauen, die Verhältniſſe erwägen und den Stier nie bei den Hörnern faſſen wollen. Doch da ſind wir bei un⸗ ſerem hölzernen Palaſt. Alſo morgen um 6 Uhr, Herr Lornſen; Sie ſollen uns pünktlich an der Thür finden. Lina wird Ihnen beweiſen, daß gutes däni⸗ ſches Blut in ihren Adern iſt. Von Seekrankheit — 24— weiß ſie nichts, und wenn es das Meer nicht allzu arg macht, fahren wir unter dem Schutze des heili⸗ gen Olaf ſicher davon. Nach einigen ſcherzenden Abſchiedsworten empfahl ſich Lornſen. Ich wollte, ſagte er halblaut, daß dieſe Dänen mir nicht in den Weg gekommen wären. Doch was hilft es. Es iſt ein Ritterdienſt für ein ſchönes Mädchen. Sie ſoll in ihren Geſellſchaften erzählen, daß Jens Lornſen, der ſtarrköpfige frieſiſche Bauer, ſo glatt und galant ſein kann, als wäre er in Kopenhagen geboren. Am nächſten Morgen ſchaukelte dicht unter der Klippe eine zierliche Schlupp, die ſich möglichſt nahe ans Land gelegt hatte. Zwei raſche junge Seeleute waren geſchäftig, das große Gaffeiſegel zu kürzen, die Klüver aufzurollen, und das Tauwerk in Ord⸗ nung zu bringen. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, die ſchnell ihren Flug gen Südoſt fortſetzten, — 25— bald brach Sonnenſchein zwiſchen ihren Spalten hervor, bald wieder verſchwand er unter den dunklen Maſſen. Die Fluth drang mit Macht durch den ſchmalen Meeresarm, der die Inſel von der Düne trennt und wälzte mächtige Wogen herein, die donnernd ihren Schwall an das Felſenufer ſchickten und am Pfahl⸗ werk aufſtäubten.— Eine Menge müßiger Fiſcher und Lootſen ſtanden dort in der gewöhnlichen Träg⸗ heit beiſammen, die dem Seevolk eigenthümlich iſt ſo lange es zum Handanlegen weder Gelegenheit noch Gewinn ſieht.— Alte und junge Leute aus kurzen Pfeifen rauchend, die Reſte eines Dinges auf den Köpfen, das eingedrückt, verbogen, ohne Krempen und zerriſſen, von ihnen Hut genannt wurde, in ungeheu⸗ ren Waſſerſtiefeln und grauen weiten Zwillichhoſen, plauderten gemeinſam, indem ſie die Arbeiten auf der Schlupp und den Himmel betrachteten. Dann und wann kam mehr Leben in dieſe Ge⸗ ſellen, wenn unter dem dumpfen Rollen der Bran⸗ dung eine der höchſten Wogen weiter über die Pfäh⸗ lung flog und die neugierigſten mit einem Sprüh⸗ regen ſchwerer Tropfen zurückſcheuchte. Ein allge⸗ meines Gelächter begleitete ihre Flucht, die ſo eilig war, als ſei die Durchnäſſung ihnen ſo unangenehm, wie den ehrſamen Spießbürgern des Binnenlandes. 8 Endlich kam ein Mann, dem das Haar zu grauen begann und deſſen Geſicht Redlichkeit und Verſtand ausdrückte. Er richtete ſeine klugen Augen auf die Schlupp und ſagte dann mit einer gewiſſen warnen⸗ den Betonung: Will denn Jens Lornſen wirklich dieſen Morgen fort? Ja, Anderſen Simens, er will fort, Du ſiehſt es, erwiderte ein alter Mann. Der Andere ſchüttelte den Kopf. Habt Ihr nichts dazu geſagt? fragte er weiter. Wir haben mit ihm geſprochen, war die Ant⸗ wort; aber er meint, die Schlupp hält es aus. In dieſem Augenblick kam Lornſen mit dem Staats⸗ rath und ſeiner Tochter die Treppe herunter, die von der Höhe des Felſens an den untern Strand, den einzigen Landungsplatz, führt, und näherte ſich nach wenigen Minuten der Stelle.— Zwei Männer tru⸗ gen das Gepäck der Reiſenden, die munter und guter Dinge waren. Das Fräulein lachte über ihres Va⸗ ters Stoßſeufzer wegen der zahlloſen ſpitzen Steine und des fauligen Geruchs, den die Haufen Seetang verbreiten, welche die Wellen ausgeworfen hatten, ohne daß einer der vielen müßigen Schelme, die hier umherlungerten, wie er ſagte, es der Mühe werth 4 — 27ʃ— hielt, etwas zur Verbeſſerung des Weges zu thun. Jens trug den Mantel der Dame ſammt ihrer Kappe von ſchwarzem Wachstaffet über den Arm und ſtimmte in ihre Fröhlichkeit ein, während ſeine Augen Segel und Tauwerk der Schlupp muſterten und nichts ſeiner Aufmerkſamkeit zu entgehen ſchien. Bringt die Jolle heran, rief er den beiden Män⸗ nern zu, die, als ſie ihn erblicken und ſeinen Befehl hörten, ſogleich in das kleine Boot ſprangen. Plötz⸗ lich aber fühlte er ſich am Arm ergriffen und ſah, daß es Anderſen Simens war. Guten Morgen und Lebewohl zu gleicher Zeit, mein wackerer Freund, ſprach er. Ich war gewiß Dich hier zu findea. Er redete in friſiſcher Sprache, die keine Unter⸗ ſchiede der dritten Perſon kennt. Jens Uve, erwiderte derte der Freund, ſeine Hand feſt haltend, Du ſollſt uns heut nicht verlaſſen. Siehſt Du dort unten die ſchwarzen Hände des Himmels und vor Dir die wihe Köpfe in der See? ch ſehe Alles, rief Jens unbeſorgt lachend; ich ſehr was vorgeht über mir und neben mir, aber ich weiß auch, was ich unter mir habe. Ein wackres Schiffchen, dicht und drall, Hanf und Leinen in der beſten Ordnung, Ballaſt unten — 2838 und jeder Kloben feſt. Aber Menſchenkräften und Menſchenwerk iſt ein Ziel geſetzt, darüber hinaus kommen beide nicht; auch dem beſten kann es zu viel werden. Höre, Anderſen, fiel der junge Mann lebhaft ein, Du weißt gewiß, daß ich nicht die geringſte Luſt habe, mich von Haien auffreſſen zu laſſen, aber eben ſo wenig habe ich Luſt, Deine Klagetöne anzuhören, als läge im Hauſe eine Leiche und die Klageweiber ſäßen auf der Schwelle. So gut es auch gemeint iſt, ich ſage Dir, ich will heut Abend in Silt an meines Vaters Heerd ſitzen und das erſte Glas auf Dein Wohl leeren. Wärſt Du ein Anderer, der Du biſt, ſprach An⸗ derſen ohne ſich irre machen zu laſſen und auf den luſtigen Ton einzugehen, wärſt Du ein tollköpfiger Junge, der heraus will um den hungrigen Wolf kennen zu lernen, der ihm die weißen Zähne zeigt, ſo würde ich ſagen: Fahre hin und ſieh zu, daß er Dich nicht beißt. Aber Deines Vaters Sohn hat mehr zu verlieren als ſein armſeliges Leben. Auf Dir ruhen die Blicke Deines Volkes, die Hoffnun⸗ gen Deiner Freunde. Du haſt viel zu verantworten, Jens Uve, wenn Du nicht, wie ein Mann, klug überlegſt, ehe Du handelſt. — 29— Nun bei allen Geiſtern und Hexen, die jemals über Wieſen und Deiche um Mitternacht tanzten, rief Jens lachend, was ſoll ein kluger Mann nicht Alles thun.— Sieh den alten Herren dort, Ander⸗ ſen, er hat mir geſtern geſagt was klug ſei, aber daß ich hier bleiben ſoll, davon ſagte er nichts, und er iſt ein Staatsmann, ein Baron und ein Däne, drei Dinge, die ſich zu den weiſeſten in der ganzen Welt zählen. Seinetwegen und wohl mehr noch des ſchö⸗ nen Mädchens wegen, die ſo viel Muth, wie der beſte Mann hat, will ich es wagen und wenn der Wind aus meiner Mutter Schürze blieſe. Während deſſen war die Jolle ans Land geru⸗ dert und hatte das Gepäck der beiden Reiſenden auf⸗ genommen. Der Baron bezahlte die Träger und hatte ihnen ſicher reichlich gegeben, denn ſie machten frohe Geſichter. So ſind wir denn zu Ihren Dienſten, rief er dem jungen Manne zu, und haben, Gott ſei Dank! hier nichts weiter zu ſchaffen. Wenn Du es nicht um Deiner ſelbſt wegen thuſt, ſagte Anderſen mit lauter Stimme und in deutſcher Sprache, ſo thue es dieſer beiden Leute wegen. Was iſt es denn? fragte der alte Herr. Meinen Sie, daß wir nicht hinüber können. — 30— Hinüber! verſetzte Andernſen, mit einem ſchwer⸗ müthigen Ausdruck in ſeinem milden Geſicht; o ja, es iſt möglich— hinüber kommen wir Alle, früher oder ſpäter. 2 Glauben Sie, daß wirkliche Gefahr dabei iſt? fragte der Baron, die Geſichter der Umſtehenden be⸗ trachtend.. 3 Das iſt kein Wetter, um hinauszugehen, fuhr der alte Seemann fort, wenn es die Nacht über heftig geweht hat und der Wind nach Norden umſetzen will. Wenn die Schlupp nicht ſicher iſt, ſagte der Ba⸗ ron, oder vielleicht— verzeihen Sie, Herr Lornſen — auf der Inſel ſich ein Mann findet, der uns beſſer nach Huſum zu führen vermag, ſo will ich gern Vorſchläge hören. Das nicht, erwiderte Anderſen. Die Schlupp iſt ſo ſicher, wie ſie ſein kann, und wenn es einen Mann giebt, dem ich mein Leben anvertrauen möchte, ſo iſt es Jens Lornſen. Aber Alles hat ſeine Zeit und Alles ſein Ende. Der Baron war bedenklich geworden. Er ſah die Fiſcher an, die mit ihren magern Körpern und har⸗ ten Geſichtern einen Halbkreis um ihn bildeten, dann den haſtigen Zug der Wolken, das Boot und das dumpfe Stöhnen der Brandung, die es hoch aufhob * m—— — 31— und wieder nieder warf; endlich Jens, der mit unter⸗ geſchlagenen Armen ruhig vor ſich hin auf die Schlupp blickte und ſeine Tochter, welche Muſcheln aufhob und die langen Fäden des Seetangs unterſuchte. Was ſagen Sie, Herr Lornſen? rief er endlich. Ich ſage, daß dieſer wackere Mann, mein Freund Anderſen, nicht ſo ganz Unrecht hat, wenn er uns ſchwere Fahrt prophezeiht. Die See geht hoch und kann leicht noch höher gehen. Wie die Sache aber jetzt ſteht, ſcheint mir eigentliche Gefahr nicht vor⸗ handen. Wollen Sie beſſer Wetter abwarten, ſo iſt wohl möglich, daß es ſchon morgen kommt, möglich aber auch, daß es lange anhält und ärger wird. Das heißt alſo, Sie werden jedenfalls den Ver⸗ ſuch wagen? Ich denke, daß ich es wagen kann, erwiderte Lornſen mit ruhiger Sicherheit. Entſcheide Du, Lina, rief der alte Herr ſeiner Tochter zu. Die Dame warf die Muſchel fort, welche ſie be⸗ trachtete und ſagte lächelnd: da unſer Kapitän gutes Muthes iſt, warum ſollten wir ihn verlieren? Kei⸗ nem beſſeren Manne kann man ſich anvertrauen, ſagte der wackere Herr dort.— Ich bin gewiß, daß eine wirkliche Gefahr uns nicht droht, denn wenn — 32— ſie drohte würden wir Alle hier bleiben. Ein wahr⸗ haft muthiger Mann wagt nichts, was er nicht zu beſtehen glaubt. Lornſen ließ die Arme ſinken. Die kalte Ruhe ſeines Geſichts belebte ſich in einem Ausdruck der Freude.— Ohne ein Wort zu ſagen trug er ſie über die naſſen Steine in das Boot, einen Augenblick ſpäter ſaß auch der alte Herr darin. Dann drückte er dem Freunde die Hand, der noch immer ermah⸗ nende Worte ſprach und nun ſtieß er raſch von dem Steine ab und die Jolle flog über die Brandungs⸗ wellen. Reef doppelt und beſchlag Deinen Stag! ſchrie ihm der Seemann nach. Jens nickte. In derſelben Minute war er am Bord der Schlupp und half ſeinen Gäſten die kleine Treppe hinauf. Hier erſt, ſprach er, danke ich Ihnen nochmals für Ihr Vertrauen. Was dies kleine Schiff an Be⸗ quemlichkeiten bieten kann, iſt zu Ihrem Befehl. Es iſt wenig genug, aber ich hoffe noch immer, daß unſere Reiſe kurz ſein wird. Mit dieſen Worten führte er ſie in die Kajüte hinab, die geräumiger war als man vermuthen durfte.— Zwei Betten waren zu beiden Seiten in die Schiffswände eingelaſſen und vor jedem lief ein 4 — 33— breites Polſter hin. Ein Tiſchchen ſtand an der Hinterwand, neben ihm zwei große Lehnſeſſel; dar⸗ über hing ein Spiegel in Goldrahmen. Ein bunter Teppich bedeckte den Boden. Das Holzwerk war mit blankem braunem Oellack geſtrichen, ein kleiner Eiſenofen mit glänzendem Meſſinggitter hatte ſeinen Platz zwiſchen den Betten, die Wandſchränke über dieſen enthielten Porzellan, Glas und allerlei Vor⸗ räthe. Ein Schiffsbarometer, ein Sextant und einige andere Inſtrumente hingen in der Nähe der Thür, der ganze Raum war in der That behaglich, friſiſch ſauber und von oben durch ein breites vergittertes Glasfenſter beleuchtet, zugleich auch ſo hoch, daß ſelbſt die mächtige Geſtalt Jens Lornſens eben nur die Decke erreichte. Ei! rief der alte Herr ſich umſchauend, das ſieht beſſer aus, als ich dachte. Hier läßt ſich ein kleiner Sturm ſchon überdauern. Das iſt ein ſo ſchmuckes Seebot, wie ich ſelbſt keines am Sunde geſehen habe. Das beſte daran iſt, erwiderte Lornſen, daß es feſt und tüchtig iſt, und dem Steuer gehorcht, wie es ſoll. In ſolcher ſeelenloſen Maſchine wohnt den⸗ noch ein Geiſt, Herr Staatsrath, fuhr er lächelnd fort, indem er aus einem der blanken Wandſchränke 1. 3 eine Flaſche und drei Gläſer nahm. Ein Schiff iſt wie ein Volk, eine träge Maſſe, ſo lange es auf windſtillem Waſſer liegt. Es iſt ein Stück Holz an welchem Jeder nach Belieben umherarbeiten mag, und ſicher ſein kann, daß es zu allen Schlägen und Stößen ſchweigt, oder höchſtens mit einem dumpfen Seufzer antwortet. Wenn es aber hinaus ſoll in Woge und Sturm, da zeigt ſich ſeine Kraft und ſein inneres Leben. Iſt es verrottet und zerfetzt, ſind Maſten und Taue mürbe, ſeine Planken verfault und ſein Segelwerk vernachläſſigt, dann wehe den ſchlechten Schiffern. Das Schiff wird ſich nicht re⸗ gieren laſſen, es wird dem Steuer nicht gehorchen und das Ende wird ein Schiffbruch ſein. Bei dem das Schiff aber eben auch in Stücke zerbricht, ſagte der Baron, mit dem Kopfe nickend. Es kann wohl ſo ſein, ſprach Jens ernſthaft, aber um ſo mehr wehe über die, welche es dahin kommen laſſen und dem Schiffe, dem ſie Leben und Wohlfahrt danken, ſein Recht verweigern und ihm Verderben bereiten. Und was kredenzen Sie uns hier? fragte der Baron lächelnd, als Jens ihm und dem Fräulein volle Gläſer reichte.— Sollen wir auf das Wohl der Volks⸗— oder der Schiffsrechte trinken — 35.— Ich heiße Sie am Bord willkommen, erwiderte der junge Mann. Möge unſere Reiſe ſo glücklich ſein, wie Schleswigs alte Rechte wohlbegründet ſind, und mögen beide alle Hinderniſſe ſiegreich über⸗ winden. Der alte Herr ſtieß freundlich ſich verbeugend an; die junge Dame aber hielt ſeinen Arm feſt und ſagte lebhaft: Auf das gute alte Recht laß uns trin⸗ ken mit Herrn Lornſen. Möge unſere Reiſe ſo glück⸗ lich ſein, wie Schleswig glücklich war, als es Süd⸗ jütland hieß und an der Eider der deutſche Gränz⸗ ſtein ſtand. Sie ſehen wohl, Herr Lornſen, rief der alte Herr, daß wir am beſten thun, um allen Widerſpruch zu beſeitigen, einfach auf eine glückliche Reiſe zu trinken und auf das Wohl unſers jungen Kapitains, der ſo vortrefflichen alten Madeira am Bord hat. Jens ließ es ſchweigend geſchehen, und als der Höflichkeit genug gethan war, band er ſeinen Hut feſt, knöpfte ſeine Jacke zu und ſtieg aufs Verdeck hinauf, wo der Anker ſo eben gehoben war und über ihn hinweg die Schlupp an der Düne hinrauſchte. Vom Lande riefen die Fiſcher ein luſtiges Hurrah, der Baron aber ſchüttelte unten verdrießlich den Kopf und ſagte ärgerlich, in einen der Seſſel ſinkend: der 36 — 36— Menſch iſt ein ſchlimmerer Fantaſt als ich glaubte; ich wollte wir hätten uns nicht mit ihm eingelaſſen. Wir konnten keinen beſſeren Mann kennen lernen, erwiderte die Tochter. Er iſt überlegt, verſtändig, auch finde ich ihn ſehr höflich und aufrichtig. Verdammt aufrichtig! murmelte der alte Herr. Aber warum trankſt Du ſeinen albernen Trinkſpruch nicht? Es iſt ja einerlei, wie ſo ein Ding lautet. Nein, fiel ſie ein. Nicht einen Augenblick ſoll er glauben, daß wir ſeinen Behauptungen beiſtimmen oder uns fügen. Er muß wiſſen, daß wir Dänen ſind, und er wird es ſich merken für künftige Fälle, fügte ſie lächelnd hinzu. Hoho! rief der Baron, indem er eilig die Flaſche und ſein Glas auf dem Tiſch feſthielt, denn plötzlich legte die Schlupp ſich tief auf die Seite.— Die beiden andern Gläſer ſtürzten um, die Scherben klirrten am Boden.— Das iſt ein böſer Anfang, Lina, vielleicht eine Warnung. Die von Bedeutung ſein kann, ſagte ſie ſpottend, und doch ſehr natürlich iſt. In dieſem Augenblick wurde die Thür der Ka⸗ jüte von Außen geſchloſſen und einem heftigen Schla⸗ gen und Klatſchen der Segel folgte ein zweiter Stoß, 3 der das kleine Fahrzeug noch nafs drückte. 4 — 37— Was giebt es denn? rief der Baron. Warum ſperrt man uns ein und was ſoll ich mit Flaſche und Glas anfangen? Jens ſteckte den Kopf zur Thür herein. Mit einem Blick ſah er, was geſchehen war und indem er raſch die Scherben aufhob und beſei⸗ tigte, nahm er Flaſche und Glas und ſetzte ſie in die feſten Ringe, wo ſie nicht fallen konnten.— Sie werden am beſten thun, ſagte er dann, wenn Sie ſich legen. Wir ſind ſogleich an der Dünenſpitze und ha⸗ ben dann das Wetter zu beſtehen. Am liebſten wäre es mir auf das Deck zu ſtei⸗ gen, ſagte der alte Herr. Das iſt kein Aufenthalt für Sie, erwiderte der junge Mann höflich, aber entſchieden.— Die Schlupp hat keinen hohen Bord, ihre Gaffel geht tief nach unten, überdies aber wird bald ein Regen von Spritz⸗ waſſer und Wellenſchaum darüber hinfliegen.— Das ſind üble Ausſichten, rief der Baron, aber hören Sie, Herr Lornſen, könnten wir nicht dennoch— Sie können nichts, fiel Lornſen ein, als ſich einige Stunden lang ruhig und ſtill verhalten, und wenn es Ihnen möglich iſt, ſchlafen, bis wir die Dünen von St. Peter hinter uns haben. 4 Ein rauher Schrei auf dem Deck bewirkte, daß Lornſen raſch aus der Kajüte ſprang.— Wie der — 38— Wind heult, rief der alte Herr, das iſt eine liebliche Schlafmuſik. Was machſt Du denn, Lina?— Es kommt mir vor, als hätten wir beſſer gethan, auf dem verwünſchten Felſen zu bleiben. Die junge Dame hatte Lornſens Rath befolgt und eines der Betten zum Lager benutzt. Sie lud ihren Vater ein, ihrem Beiſpiele zu folgen, aber der Baron zögerte.— Es wird hoffentlich ſo arg nicht werden, ſagte er. Die Stühle ſind feſtgebunden, der Tiſch iſt angeſchraubt und wenn ich hier ſitzen bleibe, kann ich zuweilen anfſtehen. und Hülfe leiſten wo es nöthig iſt.. Aber in der nächſten Minute ſchon ward er inne, daß Aufſtehen und Hülfe leiſten ganz außer ſeiner Macht war.— Eine ungeheure Gewalt hob plötzlich die kleine Schlupp im Fluge auf und ſchien ſie in die Wolken führen zu wollen, dann aber ſtürzte ſie pfeilſchnell wieder hinunter und fiel in einen uner⸗ meßlichen Abgrund.— Der alte Herr rutſchte von dem Stuhl auf den Teppich nieder und hielt ſich mit beiden Händen an der Armlehne feſt. Er hatte ſich ziemlich wehe gethan und ſtieß einen Seufzer aus, indem er ſich aufzuheben verſuchte; ehe er jedoch damit fertig war, flog die Schlupp von Neuem hoch empor. Ein fürchterlicher Schlag ſchmetterte an ihre Planken; eine Welle fiel dumpf und ſchwer darüber hin. Das Schiff bäumte und ſchüttelte ſich, ſeine Näthe ächzten und knarrten, und mit dem losge⸗ riſſenen Stuhl rollte der Baron wie ein Ball über den Boden fort. Kommt mir zu Hülfe! ſchrie er kläglich, als er ſich hin⸗ und hergeworfen fühlte, ohne ſich ſelbſt helfen zu können. Ich werde krank, ich kann nicht in die Höhe.— Das Fräulein reichte ihm die Hand aus dem Bett und unterſtützte ihn. Mit größter Mühe und in ſtetem Fallen ergriff er endlich den Rand des Sophas und nach einigen vergeblichen An⸗ ſtrengungen gelang es ihm, ſein Lager zu erreichen. Es iſt eine Narrheit geweſen, in ſolchem Wetter zu fahren, rief er ärgerlich und erſchöpft, und es wird immer toller und fürchterlicher.— Ich ſehe nichts mehr, ich weiß nichts mehr. Gott ſteh' uns bei!— Herr Lornſen, Jens Lornſen! Kehren Sie um, zurück nach Helgoland. Der verwünſchte Wage⸗ hals iſt im Stande, uns erſaufen zu laſſen, aus bloßer Eitelkeit, weil er nicht umkehren will. Er thut es aus Rache und Hohn. Er haßt uns, weil wir ſeine verrückte Geſinnung nicht hahen, weil wir Dänen ſind.— Himmliſcher Vater! ſei uns gnä⸗ dig.— Es läuft Waſſer herein von oben, wir ge⸗ — 20— hen unter, in unſern Sünden kommen wir um.— Jens Lornſen! Es iſt ein Thier. Alle dieſe Frieſen und Schleswiger ſind zähe, eigenſinnige, deutſche Thiere, die nicht ſehen und nicht hören, keine Ver⸗ nunft annehmen, und Alles ertrotzen wollen mit ihren rohen Fäuſten. Er ſieht und hört nicht.— Sie lachen oben, die verdammten Burſchen. Iſt es möglich, ſie lachen, ſie verſpotten uns!— Ich will hinauf, Lina, ich kann den Kopf nicht auf⸗ heben, welch' fürchterlicher Zuſtand!— Nur dies eine Mal erbarme Dich, Herr, ich will nie wieder ſo dumm ſein und zu Waſſer gehen. Entſetzlich! entſetzlich! Hier wurde der alte Mann von einem heftigen Anfall der Seekrankheit unterbrochen, und in der nächſtfolgenden Zeit war es ihm unmöglich, den Mund anders zu öffnen, als zu ſchweren Seufzern und Stöhnen. Lina hatte ihm keine Antwort ge⸗ geben, ſie glaubte am beſten zu thun, ein tiefes Schweigen zu befolgen. Nach einiger Zeit wurde oben über die Fenſterwölbung ein Theertuch ge⸗ worfen. Lina fand dies ſehr erklärlich und ver⸗ nünftig. Denn durch die Fugen der Scheiben drang das Waſſer ein und durch den Druck der Sturz⸗ wellen konnte leicht eine Beſchädigung entſtehen.— — 41— Nun aber herrſchte völlige Dunkelheit in dem kleinen Raume, und ließ der Phantaſie des jungen Mäd⸗ chens freies Spiel. Sie lag mit wachen Sinnen und hörte auf jeden Ton, der durch das Brauſen des Wetters herunterſcholl.— Die wilden und un⸗ regelmäßigen Bewegungen des Schiffes ließen auf zunehmende Schwere des Wetters ſchließen. Fürchter⸗ liche Stöße ſchüttelten die Schlupp immer ſchneller und gewaltſamer, das Pfeifen und Heulen des Win⸗ des ſchien zu wachſen, das Krachen und Knarren der Planken und des Holzwerks immer wehklagender zu werden. Zuweilen war es ihr als liege ein Ster⸗ bender an ihrer Seite, dann wieder klang es, wie Hohnlachen und grauenvolles Aechzen, aber mitten durch dieſe Töne und Stimmen, die ſo unheilvoll bange, ewig lange Stunden füllten, hörte ſie oben die tiefen markigen Kommandoworte Jens Lornſens, welche eine wunderbare Beruhigung auf ſie übten. Sie konnte lächeln, wenn die Schlupp unter den Schlägen, die ſie jeden Augenblick erhielt, zitterte und ſtill zu ſtehen ſchien; ſie ſtreckte die Arme aus, wenn ſie aufwärts geriſſen wurde und mit donner⸗ ähnlichem Krachen dann in den Wogenſchwall nie⸗ derſchoß.— Wieder und immer wieder hörte ſie ſeine ruhige, gebietende Stimme und mit feſt geſchloſſenen „ — 472— Augen konnte ſie ihn ſehen, wie er am Steuer ſtand, als ſei er aus Erz geformt, wie ſein männlich⸗ſtolzes Geſicht hinaus ſah in die Waſſerwüſte, wie der kochende Giſcht von ſeinem Haar niedertropfte, und wie er dazu lachte und ſein unerſchrockener Blick den Himmel durchforſchte. Es kam ihr vor, als ſähe er zuweilen niederwärts zu ihr hin und nickte ihr tröſtend zu. Plötzlich aber fuhr ſie auf und ſtützte ſich auf den Arm.— Jens Lornſens Stimme war heftig geworden, ſeine Befehle folgten ſchnell und wurden mit großer Gewalt gegeben; der Ruf ſeiner Ma— troſen antwortete in faſt ängſtlich klingender Weiſe. Sie hörte die Segel ſchlagen, das Schiff ſchien weniger zu ſchwanken. Plötzlich aber folgte ein Pfeifen und Brauſen in der Luft, der krachende Fall eines ſchweren Körpers ſchmetterte über ihrem Kopf auf dem Deck, das zuſammenzubrechen ſchien, und dieſem Falle folgte ein wildes Geſchrei, das Unglück und Verderben ankündigte. Mit einem raſchen Sprunge war das junge Mädchen mitten im Raume und ohne ſich zu be⸗ denken eilte ſie auf die Thür los, erreichte dieſe glücklich und drückte mit aller Kraft das Schloß auf. Ein Strom kalter und feuchter Luft brach mit — 43— dem düſteren Lichte des Tages herein. Sie ſtieg einige Stufen der Treppe hinauf und warf ihre Blicke nicht ohne Schrecken auf Himmel, Schiff und Meer, auf den Kampf der Elemente, die auf dieſem uner⸗ meßlichen Tummelplatz ſich mit wüthendem Gebrüll anfielen. Aller Sonnenſchein war ausgelöſcht, der letzte blaue Streif verſchwunden. Ungeheure Wolken, ſchwarz und zackig über einander geworfen, lagen in einer langen Linie gewitterhaft ausgeſtreckt über den nord⸗ weſtlichen Horizont. Ein fahles Licht drang darunter hervor, zitterte über die düſteren Maſſen, die losge⸗ riſſen von der ſchwarzen Wand in raſender Eile vorüber flogen und verlor ſich in die Schleier von Dunſt und Nebel, welche bis aufs Meer ſich herab⸗ ſenkten.— Ein ſtoßweiſes heulendes Wehen des Sturmes trieb die Wellen zu ſchaumbedeckten Ber⸗ gen auf und ließ den erſtarrten Blick durch eben ſo tiefe, ſchreckliche Thäler irren, die mit einer gähren⸗ den, gelbgrünen Maſſe gefüllt waren.— Nichts war zu ſehen, als dieſe fluthenden, ſchäumende Köpfe, deren weiße Kämme ſich grimmig ſträubten, die kämpfend ſich aufbäumten und verſchlangen, um ſich wieder zu gebähren und mit doppelter Wuth und Ge⸗ walt über Alles hinzuſtürzen, was ſie erreichen konnten. Im nächſten Augenblick aber richtete das junge Mädchen ihr erſchrockenes Geſicht auf das Deck des Schiffs, wo ſie ſogleich erkannte, was die Urſache des Geſchreies und der Verwirrung geweſen ſei.— Der Topp der Schlupp war von einem Windſtoße gebrochen, die große Spiere war hinunter aufs Deck geſchleudert und hatte den Schlag verurſacht, den ſie gehört hatte.— Lornſen mit einem der Matroſen war in voller Arbeit aufzuräumen und eben beſchäf⸗ tigt, das große Segel noch mehr zu kürzen.— Der zweite Mann ſtand am Steuer. Die fragenden Worte, welche Lina an ihn richtete, verhallten in dem Brauſen des Windes, in dem Pfeifen und Wimmern des Takelwerks. Der Mann warf einen ernſten durchdringenden Blick auf ſie und ſah dann wieder hinaus auf den Wellentanz und auf ſeine Arbeit am Steuer, das unter ſeinen nervigen Hän⸗ den ruckte.— Unter ſeiner Kappe von Oel getränk⸗ tem Segeltuch flatterten die naſſen, langen blond⸗ rothen Haare. Schaum und Waſſer trieften von ſeiner Theerjacke, dann und wann wiſchte er mit der harten, braunen Hand die ſalzige Fluth aus Augen und Bart und rollte mit unerſchütterlichem Gleichmuth den Kautabak aus einer Backe in die andere. — 15— Die Schlupp war in Wolken von Waſſerſtaub gehüllt. So oft ſie niederrauſchte in die Tiefe, flogen von ihren Bugen unzählige Tropfen auf, aber mehr wie einmal waren es ganze Waſſerſtröme, die über das Deck hinſtürzten und wieder abfloſſen.— Der Mantel von dichtem Kamlot und der helgoländer Hut von Wachstaffet bewahrten das junge Mäd⸗ chen eben ſo wohl ziemlich gut vor der Näſſe, wie ihre geſchützte Stellung dicht hinter dem Kajütenhauſe auf der Treppe. Als ihr Auge ſich an den ſchwarzen Himmel, an das Heulen des Sturmes und an den ſchrecklichen Blick auf die Heerde der ſchäumenden Ungeheuer gewöhnt hatte, kehrte ein Lächeln in ihr Geſicht zurück.— Die unerſchrockenen Männer, welche das Schiff leiteten, fürchteten nichts; der Schaden konnte kein bedeutender ſein, in wenigen Minuten war er ganz beſeitigt und vor ihren Augen kniete Lornſen dort, ſo ruhig arbeitend und ſo heiter um ſich ſchauend, als ſei er gänzlich unbeſorgt. Plötzlich aber ſtieß ſie einen gellenden Schrei der Angſt aus. Die Schlupp ſiel von der Höhe einer Woge in ein unermeßliches Thal, und vor ihr bäumte ſich ein Waſſerberg auf, der die Spitze des abgebrochenen Maſtes weit überragte. Sie konnte nichts ſehen, als die gelbe, mit Schaumſtreifen durch⸗ — — —;;— — 46— furchte Wand des rollenden enſetzlichen Gebirges, über ihr war nur ein Stück Wolke ſichtbar, die der Deckel eines ſchwarzen Sarges zu ſein ſchien, un⸗ ter ihr die ausgehöhlte Tiefe, welche bis auf den Grund des Meeres zu reichen ſchien. Rund umher ſtiegen ſteile bewegliche Maſſen empor, die wie ge⸗ ſchmolzenes kochendes Metall ſich ausdehnten und hoch oben Reihen glänzender Zähne wetzten. Der Sturm, der über ihren Kamm fegte, hob dieſen ab und ſchleuderte ihn weit voraus; mit raſender Ge⸗ walt trieb er den ungeheuren Waſſerberg der Schlupp entgegen, und dieſe lag ihm preisgegeben, vom Winde verlaſſen, in der Tiefe des Thales und ſchien, wie das gebundene Opfer an der Schlachtbank, den To⸗ desſtoß zu erwarten. Inſtinktmäßig klammerte Lina ſich an dem Eiſen⸗ gitter feſt, das zum Hinaufſteigen an der Treppe diente. Ihr flehendes Auge traf den Mann am Steuer, der mit äußerſter Gewalt das Rad hielt und in deſſen Zügen ſich ein wildes Entſetzen malte. Wie trunken oder ergriffen von einem lähmenden Zauber, taumelte die Schlupp hinunter und ſchlin⸗ gerte mit ihrem Bug zur Seite. In wirrer Angſt wandte das junge Mädchen den Blick nach dem b V Deck zurück. Noch immer lag Jens dort und knüpfte — 4, mit der eiligſten Haſt die Reefbänder zuſammen. Jetzt wandte er den Kopf zu ihr hin und ſprang erſtaunt auf. Beſtürzung und Beſorgniß ſchienen ihn zu erfüllen, aber über ihm rollte die ungeheure Woge, um ihn lag eine Nacht des Schreckens und er ſchien es nicht zu bemerken. In dieſem Augenblick ſtieß das junge Mädchen den Schrei der Verzweiflung aus, der ſchnell erſtickte. Sie wollte ihm zuwinken; ſie ſtreckte den Arm nach ihm aus und deutete auf das Geſpenſt des Todes, das tauſend Arme nach ihm ausſtreckte, aber ihre Lippen ſchloſſen ſich. Sie ſah nichts mehr als eine undurchdringliche Maſſe, die ſchwarz wie die Nacht ſich über dem Schiff aufbäumte. Sie fühlte den Druck der Luft ſchneidend ſcharf ihr Geſicht wie mit Nadelſtichen durchbohren. Die Bänder ihres Hutes riſſen, er wurde in die Höhe gewirbelt, ihr Haar flatterte wild ihm nach; dann folgte ein Schlag, der donnernd und knirſchend die Seite der Schlupp traf. Der Boden zitterte und wankte unter ihren Füßen, eine dichte Waſſermaſſe ſtürzte über ſie hin und begrub ſie. Es war, als würde ſie aufgeho⸗ ben und getragen, als würde ſie fortgeriſſen in unermeßliche Fernen. Ihre Finger öffneten ſich, ſie — 43 wollte um ſich faſſen, ſich halten und verlor das Bewußtſein. 3. Als Lina die Augen zuerſt wieder öffnete, war ſie zweifelhaft, ob ihr Erwachen in einer anderen Welt erfolgt ſei, ober ob ſie noch auf der Erde athme und lebe. Sie fühlte kein Schwanken und Rollen des Schiffes, und doch lag ſie auf einem Lager, das dem Bett ſehr ähnlich war, auf welches ſie Lornſen ge⸗ wieſen hatte. In der Wand war es eingelaſſen, rings umher Holzwerk, deſſen offene Seite durch kleine blumige Vorhänge von Baumwollenzeug bedeckt wurde. Sie ſelbſt lag auf Matratzen mit Wolle dick ausgeſtopft, in weiße Wollendecken feſt eingehüllt. Es war ein Traum, den ſie furchtbar geträumt hatte, aber ſie war entkleidet. Wo war ihr Man⸗ tel, ihr Hut, ihre Schuhe? Ihre verſtörten Blicke flogen durch den Spalt der Vorhänge, und ſie er⸗ röthete über die Folgerungen ihrer. Gedanken, die ſich verwirrten, je mehr ſie ſich nachzudenken be⸗ 5 . — 49— mühte. Endlich war ihr ſo viel gewiß, daß ſie in einem ſchmalen Kämmerchen ſich befand. Ein Fen⸗ ſter ließ die warmen Sonnenſtrahlen herein, aber die Sonne ſtand tief, als wollte ſie untergehen; ihr röthlicher Schimmer überzitterte die gelben glänzen⸗ den Wände, welche mit Oelfarbe geſtrichen, ungemein ſauber ausſahen. Die Wände der Kajüte in der Schlupp waren braun, ſie erinnerte ſich deutlich daran; das Licht fiel dort von oben herein.— Sie war nicht mehr auf dem Schiffe; aber, gütiger Gott! wo war ſie und was war aus ihrem Vater, aus Lornſen, aus ihren unglücklichen Gefährten geworden? Ein entſetzlicher Schmerz begleitete dieſen Gedan⸗ ken, ihr Herz fing heftig an zu ſchlagen. Sie ver⸗ ſuchte, ſich aufzurichten und griff nach ihrem Kopf, der mit einem Tuche umwunden war.— Mit zit⸗ ternder Hand in immer größerer Aufregung zog ſie ein Stückchen des Vorhanges fort; aber glühend lief die Freude durch ihr Blut, als ſie ihren Vater dicht an ihrer Seite erblickte. Der alte Herr ſaß in einem großen Seſſel mit hoher Lehne. Er ſchlief den ruhigen Schlaf der Ge⸗ rechten; ganz behaglich und friedlich hatte er ſich dazu I. 4 — 50— ausgeſtreckt. Kiſſen von Seegras bildeten die Pol⸗ ſter, an welche er den Kopf lehnte; ſeine Hände la⸗ gen auf den Seitenſtützen und vor ihm ſtand ein kleiner Tiſch, der gerade ſo ausſah, als habe er vor nicht langer Zeit zur Befriedigung ſehr irdiſcher Be⸗ dürfniſſe gedient.— Ein großes Brot lag dort, da⸗ neben ſtand ein blauer Napf mit Butter, auf einem Teller zeigten ſich deutlich die Reſte eines gebratenen Fiſches, und ſeitwärts ſtand ein halbgefülltes Glas und eine Flaſche. Ich bin nich todt, flüſterte Lina, und was ich erlebte, war kein Traum. Ich lebe, rief ſie mit ſtär⸗ kerer Stimme. O Gott! mein Vater, was iſt mit mir vorgegangen? Haltet mich feſt! ganz feſt! rief der Baron ſich ermunternd, und die Augen groß aufmachend, faßte er mit den Händen umher, als wollte er etwas er⸗ greifen. O Lina! fuhr er dann fort, das iſt eine ſchreckliche Begebenheit, all' meine Tage über will ich daran denken. Haſt Du Dich erholt, mein armes Kind? Du biſt blaß, entſetzlich blaß, ich werde Dich immer ſo ſehen. Aber, was das beſte iſt, wir ſitzen jetzt im Trocknen, obwohl ich es noch immer nicht recht begreifen kann. Es ſchaukelt mir noch Alles vor den Augen, ich ſchwanke, wenn ich gehen will, 8⁸ — 51— und mein Magen hat ſich umgekehrt, vollkommen umgekehrt, denn wir haben ſämmtlich Kopf geſtan⸗ den: das Schiff, ich, Du! Es iſt ein Wunder wie es möglich war. Und Lornſen? fragte Lina, wo iſt er? Das iſt ein fürchterlicher Menſch, ſagte der alte Herr.— Das Leben ſind wir ihm ſchuldig, ich gebe es zu, aber wenn wir umgekommen wären, er hätte uns doch auf ſeinem Gewiſſen. Er iſt alſo nicht umgekommen! rief ſie, lebhafter ſich aufrichtend. Niemand iſt umgekommen, ſagte der Baron.— Da liegt die Schlupp hinter der kleinen Inſel— ich habe in meinem Leben nicht ſolch erbärmliches Ding von Inſel geſehen— der verwetterte Burſche iſt mit ſeinen beiden Gehülfen und den Hausleuten eben da⸗ bei, den Schaden auszubeſſern, den Maſt zu flicken, und neue Taue einzuziehen. Aber wo bin ich und was iſt mit mir vorgegan⸗ gen? fragte ſie erſtaunt. Du hörſt es ja, Kind, rief der alte Herr. Du biſt hier auf einem der kleinen Fleckchen Land im Meere, die ſie die Halligen nennen. Kleine Bänke von Schlamm ſind es, über welche das Meer bei jeder Fluth hingeht. Ein Paar Lehmhügel in der 4* — 52— Mitte, die Warften genannt werden, tragen die Häu⸗ ſer; auf ſolcher Warft und in ſolchem Hauſe ſind wir nun. Es iſt jammervoll anzuſehen. Und wie ſind wir hierher gekommen? Durch Gottes Wunder! rief der Baron. Eine, Welle ging über das Schiff fort in halber Maſthöhe. Die Segel wurden heruntergeſchlagen, Alles brach und fiel, Lornſen kam kaum mit dem Leben davon. — Ich hätte Luſt, Dich tüchtig auszuſchelten, fuhr er fort, wenn ich nicht weit mehr noch zu preiſen und zu ſegnen hätte.— Was hatteſt Du in dem wilden Wetter zu thun? Lornſen erreichte Dich, wie Du niederſtürzteſt; blutend und halb todt brachte er Dich auf Dein Lager, das Waſſer ſtand mehrere Fuß 3 hoch unten in der Kajüte, und ich konnte mich nicht rühren, nicht ſchreien, nicht fragen, ich war zu krank und erwartete mein Ende. Und dann, und dann! ſagte das junge Mädchen. Er lief wieder hinaus an's Steuer und ſeltſamer Weiſe wurde, wie er ſagt, der Wind gleich darauf etwas günſtiger. Unter furchtbaren Anſtrengungen gelang es endlich, in die Hever zu kommen und hier hinter der Hallig Schutz zu ſuchen. Du warſt wie todt, Lina! ich konnte es nicht faſſen, ich war em⸗ pfindungslos und ſah zu, wie er ſich mit Dir be⸗ 1 8 ſchäftigte, Decken über Dich warf, Deinen Kopf be⸗ trachtete, ein Tuch darum wand und nichts unver⸗ ſucht ließ, Dir Hülfe zu leiſten. Als wir endlich feſt lagen, wurdeſt Du in ein Boot geſchafft und der Ob⸗ hut der Frauen hier überliefert. Die haben Dich ins Bett gelegt und mich erquickt. Ich bin zerſchlagen am ganzen Körper, und dann die Angſt um Dich, mein theures Kind. Aber das iſt ein Teufelskerl, der Lornſen, von Eiſen und Stahl, und das ganze Volk hier iſt ein roͤhes, unempfindliches Volk, ohne Ge⸗ müth und Gefühl. Was ſagte Lornſen? fragte Lina. Ich glaube faſt, er hat mich ausgelacht mit mei⸗ nen Klagen, erwiderte der Baron. Hartes Wetter ſei es geweſen. Das Einzige, was er bedaure, ſei Dein Unfall, aber auch der habe nichts auf ſich.— Das Loch im Kopf bedeute nicht viel, es ſei eine bloße Schramme, weiter nichts, Du würdeſt bald wieder aufſtehen und die Reiſe fortſetzen können. Aber ich will verdammt ſein, wenn ich ſie fortſetze. Nicht einen Schritt will ich wieder auf dies ſchreck⸗ liche Meer thun. Du wirſt doch nicht hier das Ende Deiner Tage erwarten wollen? antwortete Lina lächelnd. — 54— Fort ſo ſchnell wir können! rief der alte Herr, aber nicht wieder auf die entſetzliche Schlupp. Die Thür wurde geöffnet, eine Frau in weiten Röcken und großer Mütze ſteckte den Kopf herein und ſchob langſam den ſtarken Körper nach, als ſie ſah, daß ihr Pflegling aufrecht ſaß.— In ihren groben Zügen ſchimmerte die Freude, ſie reichte dem däni⸗ ſchen Fräulein die rauhe große Hand, eilte dann hinaus und kam mit einer anderen jüngeren Frau zurück, die Thee und Milch herbeibrachte, Glück wünſchte und theilnehmende Fragen an ſie richtete.— Die natürliche Einfalt und Einfachheit der Hallig⸗ bewohner verſtand es nicht, viele Worte zu machen; ihr Leben, das ſo vielen Gefahren Trotz bot, ſah in dem, was die beiden Reiſenden beſtanden hatten, nichts ſehr Beſonderes. Ein Schiff, das von einer Sturzwelle getroffen wurde, welche allerlei Verheerung anrichtete, einen Mann über Bord ſchleuderte oder ihn verwundete, waren zu alltägliche Dinge, um große Verwunderung zu erregen. Aber die ſchöne, junge Dame, welche mit dem Tuch um die geſchwollene Stirn muthig lachen und ſcherzen konnte, die ſo freundlich und zu⸗ traulich ſprach, ſo wenig verweichlicht ſchien und nicht 1 einmal ſeekrank geworden war, floͤßte ihnen doch eine gewiſſe höhere Theilnahme ein. Als Lina ihren Willen äußerte, aufzuſtehen und ſich anzukleiden, erfuhr ſie, daß Alles, was ſie ge⸗ tragen, noch durchnäßt an der Luft zum Trocknen hänge, aber es wurde ſchnell Rath geſchafft. Die junge Frau bot ihre Feiertagskleider dem Fräulein an; der alte Herr mußte hinaus, und nun ging es an ein Schmücken und Putzen, das von Scherzen und Gelächter begleitet wurde.— Der weite rothe Rock mit gelben Säumen ließ ſich ſo eng zuſammen⸗ ziehen, daß er zum ſchlanken Wuchſe der Dame paßte, ein ſchwarzes feines Jäckchen mit vielen ſil⸗ berblanken Knöpfen beſetzt, wurde mit Hülfe der Schnurren paſſend gemacht, das weiße Buſentuch darüber geſteckt, das faltige glänzende Schürzchen von feinem Linnen mit einer rothen Schnur gebun⸗ den, und als ſie nun endlich auch ihr Haar ge⸗ kämmt und in zwei Zöpfe geflochten hatte, die weit über den Rücken ſielen, waren die Zuſchauerianen entzückt über das ſchöne Frieſenmädchen, die auf den Halligen und Inſeln nicht zum zweiten Male ſo ge⸗ funden werde. Mit dem ſchmalen weißen Tuche als Verband um den Kopf trat Lina vor den kleinen Wandſpiegel, — 36— zufrieden lächelnd über die unfreiwillige Metamor⸗ phoſe, aber ihr blaſſes Geſicht röthete ſich, als ſie den Blick durch das Fenſter warf. Ein engbegrenztes Gartengehege, wenige Schritte breit, zog ſich bis an den Rand der Warft, von welcher das Haus auf die kleine Hallig hinabſchaute. — Unten wogte langes, ſchilfiges Gras im Winde; wohl zwei Dutzend hochbeiniger Frieſenſchafe wandel⸗ ten darin umher und leckten das Salz von den harten Halmen. Seitwärts aber in einer Bucht lag die Schlupp feſt auf dem ſchwarzen Schlamm, denn die Ebbe hatte ſie faſt trocken gelegt, und weit mochte Lina's Auge über die gelben Wellen ſchweifen, die aus dem Heverſtrom in wilder Haſt dem Meere zu⸗ getrieben wurden. Doch ſie ſah von dem Allem faſt nichts, ſie ſah nur zwiſchen dem kleinen Beete an der Wandſeite Jens Lornſen, der von der Hallig eben heraufſtieg und plötzlich ſtehen blieb, weil er ſie erkannte. Durch ſeine ernſten Züge lief es wie der heiterſte Sonnenſchein. Seine klaren großen Augen hefteten ſich mit einem unausſprechlichen Ausdruck auf ſie, und nie iſt ein Schweigen beredter geweſen, nie haben Empfindungen ſich mächtiger auszudrücken vermocht, als durch die Blicke voll Rührung, Dank und Freude, — 57— mit denen er ſie betrachtete.— Die ſtolze Kälte ſei⸗ nes Weſens ſchien vor dem Feuer, das ſeine Seele erglühen machte, zu ſchmelzen, und ohne Bedenken ſchwang er ſich durch das Fenſter und ſtand, ehe ſie es ahnte, vor Lina, deren Hände er ergriff und ſo heftig drückte, daß ſie Schmerzen davon empfand. Ja, ſo bin ich, rief Lornſen mit froher Stimme, trotz meiner dreißig Jahre immer noch ungeſtüm wie ein junger Menſch, wenn mir das Herz warm wird. — Verzeihen Sie es ihm, verzeihen Sie mir, wenn ich in dieſem Augenblick an nichts denke als an mich ſelbſt.— Ich war ſo unruhig, ſo ſorgenvoll, ſo voll Bangen, und plötzlich ſehe ich allen meinen Kummer geheilt. Ich ſehe Sie, wie ich Sie nie zu ſehen hoffen durfte. In der frieſiſchen Landestracht, ſagte Lina. Die Ihnen ſo ſchön ſteht, daß Sie ſie immer tragen müßten, rief Jens. Mit der Binde um die Stirn, ſehen Sie aus wie eine der weiſen Prophe⸗ tinnen meines Volks, die untergegangen ſind mit ihm, aber nächtlich noch immer aus den Fluthen ſteigen, um eine beſſere Zukunft zu offenbaren. Ich glaube, erwiderte das junge Mädchen, daß ich froh ſein darf nicht zu den Untergegangenen zu gehören und meines Vaters Glauben theilen muß, — 58— mich dieſem fürchterlichen Meere nie wieder anzu⸗ vertrauen. Muß ich fürchten, ſagte er, daß Ihr Vertrauen auch zu mir wankend geworden iſt? O nein, verſetzte ſie, ihn anblickend. Mein Ver⸗ trauen wankt ſo leicht nicht zu dem, dem ich es ge⸗ ſchenkt habe und— fügte ſie lächelnd hinzu— auch dieſe Kinder der See, ſelbſt dieſe Frauen hier haben mir geſagt, daß Jens Lornſen der kühnſte Mann weit und breit ſei, auf welchen jeder Bedrängte feſt bauen könne. Ich denke, daß ich dies Lob nicht zurückweiſen darf, ſprach Lornſen. Niemand in der Welt ſoll je an mir zweifeln; aber, fuhr er ſanfter fort, indem er Lina von Neuem die Hand reichte, dennoch habe ich mir heut gelobt, immer auf guten Rath zu hören und niemals die warnende Stimme eines Freundes zurückzuweiſen. Der Freund in Helgoland hatte alſo doch recht, ſagte ſie. Wenn ein Unglück geſchehen wäre, an welches ich mit Schaudern denke, gab er zur Antwort, indem ſeine Blicke innig auf ihr ruhten, ich würde die Ruhe meines Lebens für immer verloren haben. Ein lautes Gelächter übertönte ſcine letzten Worte; —:.—, unmuthig zog Jens ſeine Hand zurück. Der Baron hatte die Thür aufgemacht und betrachtete ſeine Toch⸗ ter mit ſteigender Beluſtigung. Wie ſiehſt Du aus, Lina, rief er; allerliebſt, wie ein leibhaftiges Strand⸗ voigtmädchen aus Amron oder Silt. Bei meiner Ehre! Du haſt Dich nicht zu ſchämen; zu der näch⸗ ſten Maskerade in Kopenhagen mußt Du in ſolchem Anzuge erſcheinen.— Kammerherr Branden, der von den italieniſchen Fiſcherinnen ſolch Aufhebens macht, wird entzückt ſein, und unſer Vetter Holk— muß ein Sonnet darauf dichten und frieſiſche Röcke in die Mode bringen. Ich ſehe es kommen, es wird Mode werden nach den Halligen zu reiſen, um ro— mantiſche Epiſoden dort zu erleben. Davor möge der Herr uns bewahren, ſagte Jens. Warum, Herr Lornſen, warum? rief der alte Herr. Weil den romantiſchen Damen und Herren aus Kopenhagen doch zuletzt unſere frieſiſchen Röcke und unſere derbe Romantik eben ſo wenig gefallen würde, wie uns das däniſche feine Weſen. Ja das iſt wahr, ſprach der Baron.— Sieh Dir das Paradies an, Lina, es iſt zum Erſtaunen wie Menſchen hier leben können. Und dabei ſagte mir die Beſitzerin dieſes koſtbaren Grundſtücks ſo eben, daß ſie um keinen Preis wo anders wohnen möchte. 5 * — 60— — Komm, Mädchen, komm, rief er lachend, zeige Dich Deinen neuen Landsleuten, ſie ſind ganz glück⸗ lich Dich im rothen Rock zu beſitzen; vor Spitzen und Kanten aus Brüſſel würden ſie weniger Reſpect haben.— Und ich wette beinahe, es geht unſerm Freund Lornſen hier ziemlich eben ſo, fuhr er fort. Er betrachtet Dich mit wahrem Entzücken und möchte nichts lieber wünſchen als Dich immer ſo zu ſehen. IFfſſt es nicht ſo, Herr Lornſen? Gewiß, es iſt ſo, erwiderte Jens, indem er dem Baron folgte. G In dem großen, hellen Raume des Wohnhauſes war die Familie der Halligbewohner beiſammen, welche treuherzig die Spöttereien des Barons belachte und die junge Dame in ihrer frieſiſchen Sonntags⸗ tracht mit kindlichem Entzücken empfing. Ihre Augen leuchteten vor Freude über die ſchöne Kleidſamkeit ihrer Jacken und Röcke; ſie waren ſtolz darauf, wie Fürſten auf Purpurmäntel, und bewunderten ſich eigentlich ſelbſt in dem Gedanken, daß ſich nichts in der Welt damit vergleichen laſſe. Lina wurde herum geführt und mußte Alles ſehen. Die großen Kiſten mit blanken Meſſingſchilden ent⸗ hielten, was Mutter und Großmutter an Leinen ge⸗ ſpart; auf zierlichen Brettern ſtanden wohlgeordnet —— — 61— Gläſer und Taſſen, und über dem großen Heerdſtein prangten Kupfer und Zinn. An den Wänden aber hingen ein halbes Dutzend vergilbte Landſchaften, Schiffe im Meer und Bruſtbilder in ſchwarzen Rah⸗ men, und an der andern Seite ſtand das werthvollſte Stück des Hausraths, eine alte Gehäuſeuhr. Ein mächtiger Tiſch von weiß geſcheuertem Fichtenholz füllte die Mitte des Zimmers und viele ſchwere Stühle, mit Kiſſen von Seegras belegt, waren in die Ecken geſchoben.. Alles aber glänzte in Reinlichkeit. Die Dielen waren weiß, die Holzbekleidung des Zimmers grün⸗ lich angeſtrichen, jede Scheibe, jede Taſſe war ſauber geputzt, das kleinſte Ding an ſeinem Ort. Der Geiſt der Ordnung, der dieſem Volke angeſtammt iſt wie den Holländern, die einſt ihre Nachbarn waren, und von Geſchlecht zu Geſchlecht vererbt, duldet nirgend Unrath und Verwirrung; ſelbſt hier auf dieſer armen kleinen Hallig, umgeben von Näſſe, Stürmen und graublauem Meerſchlamm, hielt er wohlthuend ſeine Hände ausgeſtreckt und wehrte die bitterſten Feinde des Elends ab. Als Alles beſehen und Alles belobt war, wurde Lina hinausgeführt, das Haus und die Hallig zu betrachten. Auf dem feſten Hügel von Lehm lag es, ſtattlich und ſeltſam anzuſchauen. Der ſchmale Raum, welcher es umgab, enthielt die wenigen Blumen und Halme, welche im Schutz eines dichten Gitters blüh⸗ ten. Dann ſenkte ſich der Hügel kahl hinab in einen ebenen Grund von einigen hundert Schritten, der nach und nach ins Meer verlief.— Jetzt, wo Ebbe war, hatte ſich dies weit zurück gezogen und einen ſchwarzen Schlammgrund blos gelegt, von tiefen Rinnen gefurcht, in denen ſich das zurückgebliebene Waſſer ſammelte.— Die Kinder des Halligbewoh⸗ ners liefen darin umher, um Fiſche oder Muſcheln zu ſuchen, aber die warnende Stimme ihrer Mutter rief ſie zurück und während das junge Mädchen ihre neugierigen Blicke über den ſchauerlichen Grund und über das fernwogende unermeßliche Meer ſchweifen ließ, wurden die Schafe herbeigetrieben, die Haus⸗ genoſſen und hilfreichen Gefährten dieſer einſamen Faamilien, deren größter und einziger Schatz ſie ſind. Die Sonne lag mit ihrer rothen Kugel auf den Wellen und ſchickte ihren letzten blendenden Glanz herüber. Die Winde ſchwiegen, es fächelte mild in den langen Schilfhalmen; das Haus auf der Höhe lag im röthlichen Lichte, wie im Frieden Gottes, und die friſchen blondhaarigen Buben im Graſe ſpielend, und die nackten Arme um die geduldig wartenden 1 —— — 63— Thiere geſchlungen, konnten einem Maler für das gelungenſte Bild eines idylliſchen Stilllebens dienen. — Lina hatte lange auf der Bank am Hauſe ge⸗ ſeſſen und träumeriſch dieſen Spielen zugeſchaut. Zuweilen wandte ſie ihre Blicke zur Seite, wo die Schlupp noch immer bewegungslos lag, als könnte ſie nie wieder muthig ihre Flügel entfalten. In wei⸗ ter Ferne ſtieg ein Streifen Land aus dem Waſſer empor, ſie wußte, daß es die Inſel Pelworm war. Eine Hallig ſchwamm wie ein dunkler Punkt zwi⸗ ſchen leuchtenden Wellen, und in dem Herzen des einſamen Mädchens weckte dies Bild der Ruhe und Abgeſchiedenheit ſehnſüchtige und wehmüthige Ge⸗ fühle auf. Sie blickte ſinnend in die rothe Gluth des Abends, in die endloſe Stille, die auf Flügeln der Ewigkeit die Schöpfung einwiegte. Es war ihr, als müßte ſie immer hier wohnen; als liege dieſe kleine Inſel fern in dem unermeßlichen Ocean, und wer den Fuß darauf geſetzt, müſſe bleiben und leben und ſterben, ohne je von der Welt und ihren Sorgen wieder zu hören. Sie lächelte mit gefalteten Händen dieſem Gedanken nach, der ſich vor ihr ausdehnte und ſon⸗ derbare Bilder geſtaltete; plötzlich aber hörte ſie Lorn⸗ ſens klingende tiefe Stimme, und ſie wandte die — 64— Augen von der Sonne ab zu ihm, ihre Blicke und Gedanken fanden ein beſtimmtes Ziel. Lornſen ſtand auf der Hallig und ſprach ſcher⸗ zend mit den Kindern, die an ihm aufſtrebten. Sein heiteres Lachen und ſeine Scherze drangen zu ihr hin; das Abendlicht röthete ſein edles Geſicht, ſein Haar flatterte frei um die hohe Stirn. Es war lieblich zu ſehen, wie er Liebe und Freude weckte, und wie dieſe Kinder ſowohl, wie die alten Leute, ſo großes Vertrauen zu ihm hatten, daß Augen und Herzen aufgingen, wenn er zu ihnen ſprach. Das iſt ein Mann, der keinem weicht! hatte die Frau auf der Hallig von ihm geſagt, und leiſe flü— ſterte Lina dieſe Worte, als ſie ihn betrachtete. Nach einigen Minuten kam er herauf und grüßte ſie, indem er ſich neben ſie ſetzte und theilnehmende Fragen an ſie richtete. Ich fühle mich wieder ganz wohl, ſagte ſie, und möchte länger hier verweilen, als mir vermuthlich ge⸗ ſtattet ſein wird. In vier Stunden wird es dazu Zeit ſein, erwi⸗ derte Lornſen. Die Fluth kommt bald, der Grund wird ſchon naß. Aber die Nacht kommt auch, fiel ſie ein. Der Mond wird uns leuchten, ſagte er. Mit — G5 der erſten Morgenfrühe werden wir vor Huſum liegen, und nichts bleibt dann von allem Erlebten übrig, als die Erinnerung. Glauben Sie, daß ich ſie feſthalten werde, gab Lina zur Antwort. Ich zweifle nicht daran, erwiderte Icns. In Kopenhagen wird unter anderen Erinnerungen auch dieſe ſtürmiſche Fahrt Sie zuweilen beſchäftigen. Herr Lornſen, ſagte ſie erröthend und ſtolz, ich glaube nicht, daß Sie ſo gering von mir denken mich zu verſpotten. O nein! rief er, mit größerer Theilnahme ſie an⸗ blickend, aber welches Recht habe ich denn, um unter Ihren Erinnerungen bevorzugt zu werden? Giebt es Ihnen kein Recht, fragte Lina vorwurfs⸗ voll, daß ich Ihnen wahrſcheinlich das Leben danke? Oder wenn Sie das ablehnen, giebt Ihre Sorge für mich, Ihre Freundlichkeit, Ihre Mühe um zwei Ihnen ganz unbekannte Fremde Ihnen nicht das Recht, dauernde Dankbarkeit zu begehren?. Dauernde Dankbarkeit, ſagte Jens, iſt etwas was kein Menſch begehren darf. Aber laſſen Sie uns Freundſchaft ſchließen und laſſen Sie mir das Recht dankbarer Gegenſeitigkeit.— Wenn Ihr Ruf miich nicht warnte, hätte die Sturzwelle mich unfehl⸗ I. 5 — 66— bar ins Meer geſchleudert. Daß ich hier ſitzen, Ihre Hand faſſen, meine Augen auf Sie richten und an meine irdiſche Zukunft noch glauben kann, danke ich Ihnen. So wollen wir beide denn in unſeren Er⸗ innerungen ein treues Andenken bewahren, und wenn die Welt uns trennt, daran feſthalten, ſelbſt wenn wir uns nicht wiederſehen ſollten. Beide ſchwiegen und ſahen in die falbe Ferne, die ſich duftig verſchleierte. Nebelmaſſen ſtiegen mit wunderbarer Schnelle plötzlich überall auf. Man konnte nicht ſagen, woher ſie kamen, aber wenige Minuten reichten hin, um rund um die Hallig dichte Wolken zu legen, welche ſich über einander wälzten und immer näher rückend ihre naſſen dunklen Arme nach den einſamen Menſchen ausſtreckten. Und werden wiruns nie wiederfinden 2fragte ſie leiſe. Die Geiſter der Tiefe ſind aufgewacht, erwiderte Lornſen und geben uns Antwort.— Ich ſehe Sie kaum mehr. Ich, ein Sohn des Nebels und der Stürme, die ewig um dieſe Inſeln ſtreifen, wo ſoll ich Sie wiederfinden theure Freundin, denn mit die⸗ ſem Namen will ich Sie nennen.— Ich, der ich hier geboren bin, und hier zu leben und zu ſterben denke, wie kann ich hoffen, jemals wieder in Schmerzen und in Freuden einen Tag zu erleben, der dem 4 gleicht, den ich jetzt enden ſehe?— Die Menſchen hier im Lande haben aber jeder irgend etwas Wun⸗ derbares erlebt; faſt Jedem iſt einſt einſam in der Nacht auf den Dünen oder auf der See im wilden Kampfe mit den Elementen ein wohlthätiger Geiſt erſchienen, der ihnen ſeine Hand bot in großen Ge⸗ fahren, den ſie dafür ſegnen, von dem ſie erzählen und deſſen Geſtalt und Weſen, ihnen vorſchwebt, bis ſie ſterben.— So iſt auch mir geſchehen, ſo will ich Ihrer gedenken, Lina, und wenn Sie glücklich ſind in Ihrer fernen Heimath, wenn Ihnen Tage der Freude kommen und Tage des Sturms, dann denken Sie an Jens Lornſen, von dem Sie wenig⸗ ſtens hören ſollen, daß er Ihre Achtung verdient. Holla, Lina! rief der Baron vor der Thüre, wo biſt Du Mädchen?. Ich bin hier, Vater, erwiderte ſie. In dem dichten naſſen Qualm! ſchrie der alte Herr. Welche Thorheit und welch verwünſchtes Klima. In einem Augenblick Sonnen⸗ und Ster⸗ nenſchein, in der nächſten Minute Nacht und Schrecken. — Vo iſt Herr Lornſen? iſt er hier? Ich weiß nichts von ihm? gab ſie zur Antwort, während Lornſen noch immer ihre Hand feſt hielt. So muß er auf der Schlupp ſein, die in drei 5* Stunden mit der Fluth wieder flott werden wird, wie mich die Leute verſichern. Gott erbarm ſich über dies elende Daſein, zwiſchen Schlamm, Salzwaſſer und Nebel, aber zehn Gebete mehr, wenn wir aus den Händen des tollkühnen Burſchen ſind, der uns hierher geführt hat. Was ſollen wir nun thun, um uns unſererſeits erkenntlich zu beweiſen? Der Baron war bis auf wenige Schritte heran⸗ getreten, Lina ſtand auf, hinter ihr blieb Lornſen ſitzen. Nebel und Dunkelheit waren ſo dicht, daß der alte Herr nichts unterſcheiden konnte. Wir können, wie ich denke nichts thun, erwiderte das Fräulein, als ihn zum Beſuch nach Kopenhagen einladen. Um ihn als friſiſche Rarität dort zu zeigen, rief der Baron lachend. Für Kammerherr Branden wäre er ein allerliebſter Gegenſtand der Beluſtigung. Lieber Vater, ſagte Lina, ich halte dafür, daß Herr Lornſen alle dieſe Dutzendmännchen der Kopen⸗ hagener Salons zu Schanden macht, und ihnen ebenſowohl Achtung abnöthigt, wie dieſen armen Halligleuten. Haha! Potz Wetter! lachte der alte Herr, Du ſcheinſt Dich ſehr für ihn zu intereſſiren. Wie er es verdient, erwiderte ſie. Ich leuge es V C—— — 69— nicht, aber ich weiß, daß auch Du viel Wohlwollen für ihn hegſt. Es kommt darauf an, ob der Bär ſich putzen laſſen und tanzen lernen will, ſagte der Baron; aber komm jetzt herein, ich bin wahrhaftig ſchon bis auf die Haut naß und ganz kalt. Sie backen uns einen Eierkuchen von Möveneiern und haben den Theekeſſel friſch aufgeſetzt mit Waſſer aus der Lehmpfütze, die ihre Ciſterne bildet. Es iſt ein geſegnetes Land und geſegnete Leute. Wenn ich im Kaſino erzähle, was ich erlebt habe und genoſſen habe, wird es kein Menſch glauben wollen. Lornſen drückte ſeine Lippen widerholt auf die weiche, warme Hand, welche in ſeiner Rechten ruhte. Er fühlte den leiſen Gegendruck, und als er endlich ſeine Finger öffnen mußte, weil Lina mit dem alten Herrn ins Haus ging, hörte er mit Entzücken noch die letzten Laute ihrer klangvollen Stimme. Wie iſt mir denn geſchehen? ſagte er, die Arme durch den dichten Nebel ausſtreckend, als wolle er ſie halten.— Wäre es möglich, daß ſie mich liebt?! Es muß ſo ſein.— O! was fragt die Liebe danach, daß ich ein Frieſe bin, ſie eine Dänin iſt; daß ich Lornſen heiße, meine Wiege ein Seegraskiſſen war, die ihrige Seidenbetten und Spitzen hatte. 3 — 70— Traum! leerer Traum! rief er dann lauter, was habe ich mit ſolchen ſeltſamen Launen des Lebens zu ſchaffen.— Ich darf nichts mit ihr zu ſchaffen haben, ſetzte er ernſthaft dann hinzu, und es iſt gut, daß es ſo iſt.— Morgen fährt ſie an den Oereſund, ich nach Silt. Wir werden ſehr gute Freunde bleiben— gewiß ſehr gute Freunde— aber dieſe Minute wird nicht aus⸗ zulöſchen ſein in mir, ich werde bald wieder einmal auf dieſer Bank ſitzen und weiter träumen. Nach einiger Zeit folgte er ſeinen Schützlingen und er fand den alten Herrn in einem großen Pol⸗ ſterſeſſel am Tiſche ſitzen und neben ihm Lina, die aus den friſiſchen Röcken und Schürzen ſich ausge⸗ ſchält und, wie Baron Hammerſteen ſagte, wieder ein vernünftiges Anſehen gewonnen hatte. Ich liebe die Verkleidung nicht, ſprach der Staats⸗ rath einen lächelnden Blick auf Lornſen werfend, und ſo bin ich froh, meine Tochter in der Tracht zu ſehen, die ihr gehört. Das Fiſchermädchen kann kein lan⸗ ges Seidenkleid brauchen, aber das Fräulein muß eben ſo wenig den kurzen Friesrock anziehen. Es iſt damit gerade ſo, Herr Lornſen, als wenn Staats⸗ männer ſich herablaſſen, mit der Jugend zu ſchwär⸗ men und volksbeglückende Tiraden zu heucheln. Jeder in ſeiner Weiſe. So werde ich aber auch erfreut — 1— ſein, Sie ſelbſt einmal im Frack und Handſchuhen zu erblicken und ſtatt des nackten Halſes und des bunten Tuchs, der weißen Binde ihr Recht wider⸗ fahren zu ſehen. Ich hoffe, erwiderte Jens höflich, doch nicht ohne Spott, daß meine ſeemänniſche Ungezwungenheit, die eine üble Angewohnheit ſein mag, mir Ihre Nach⸗ ſicht nicht entziehen wird. Gewiß nicht, lieber junger Freund, rief der alte Herr, auf Reiſen muß man tolerant ſein. Man macht ja überhaupt dabei Bekanntſchaften und ſchließt Verträge, die faſt noch weniger Dauer und Inhalt haben, wie mancher diplomatiſcher Vertrag. Sie haben nur zu ſehr Recht, erwiderte Lornſen, Lina anblickend. So habe ich denn auch mit unſerem wackeren Halligwirth hier eine ſehr intime Freundſchaft ge⸗ ſchloſſen, fuhr der Baron fort, und mir von ihm ſchöne Dinge erzählen laſſen. Er hat mir unter anderen geſagt, daß die Frieſen und Schleswiger den Teufel nach dem däniſchen Könige fragen, der nichts als ihr Herzog, und wenn es nach rechten Dingen hergehe, müſſe Schleswig ſich von Dänemark trennen, ſobald kein männlicher Erbe mehr vorhanden ſei. Als ich den Mann belehrte und ihn fragte, wer 4. — 72— ihm das aufgebunden habe, gab er zur Antwort: Hört, Jens Lornſen ſagt es, und was der ſagt, iſt wahr. Dann muß ich ihm für dies Vertrauen danken, verſetzte Lornſen, den ſpottenden Blick des Baron rruhig aushaltend. Nun laſſen wir das auf ſich beruhen, ſagte der alte Herr. Da kommt die Möveneierpaſtete und hier der dampfende Theekeſſel. Ich bin begierig zu er⸗ fahren, ob die Kochkunſt mehr wahren Inhalt hat und nach meinem Geſchmack iſt, als die Politik. Der Baron aber war wirklich bald mit der Kochkunſt in hohem Grade ausgeſöhnt. Der Eier⸗ kuchen von Möveneiern war ſo locker, daß er auf ſein Wort verſicherte, er könne in Kopenhagen nicht beſſer gemacht werden, und als ein Paar friſch ge⸗ ſchoſſene Waldſchnepfen auf dem Tiſch erſchienen, die auf ihren Wanderzügen weit über alle Inſeln ſtreifen, endlich aber ein halbes Dutzend der köſtlichſten See⸗ zungen den Schluß machten, fand er, daß es doch gar nicht ſo übel ſei, auf kurze Zeit in dem Hauſe eines Frieſen auf den Halligen zu leben. Dabei fehlte es nicht an gutem Wein, den Lorn⸗ ſen aus der Schlupp holen ließ, und am Schluß des Mahls erſchien ſogar eine Büchſe mit vortreff⸗ — 73— lichen eingemachten weſtindiſchen Früchten, welche der Halligbewohner von einem Kapitän erhalten hatte, deſſen Schiff er jüngſt durch die Lyſtertiefe führte. Der alte Herr ſpitzte die Lippen und eine gewiſſe Verklärung ſaß in ſeinen Augenwinkeln. Ich hätte es niemals geglaubt, rief er, in dieſem öden Winkel der Erde ſo prächtige Dinge anzutreffen. 1 Sie könnten leicht in noch größeres Erſtaune 7 gerathen, Herr Staatsrath, ſagte Lornſen lächelnd, wenn Sie einmal nach Silt kämen zur Zeit, wo die friſiſchen Kapitäne aus Hamburg, Bremen und Hol⸗ land zurückkehren, um den Winter bei ihren Fami⸗ lien zu verleben. Da wimmelt es von Raritäten und Köſtlichkeiten aller Art aus allen Herren Län⸗ der. Der Eine iſt aus Indien wiedergekehrt, der andere aus Chili, dieſer aus Afrika, jener aus Ja⸗ maika und Jeder hat mitgebracht, was er zumeiſt für ſchön, ſelten oder behaglich hielt. Das muß ein luſtiges und merkwürdiges Leben ſein, rief der alte Herr. Ein Leben, das den Menſchen immer wieder hin⸗ austreibt auf die wilden Wellen und auf das höl⸗ zerne Roß, auf dem er raſtlos die Erde umreitet, iſt allerdings oft merkwürdig genug; aber luſtiger und ſchöner iſt es jedenfalls, ſein Haus zu beſtellen, im Schatten ſeiner Bäume zu ſitzen und in Frieden zu wohnen mit der Natur und den Menſchen. Lieber junger Freund, rief Baron Hammerſteen, ich halte von den Deutſchen nicht viel. Es iſt ein ſentimentales, träumeriſches, zu allen Schwärmereien und unpraktiſchen, luftigen Faſeleien geneigtes Volk, 4 das in Kunſt und Wiſſenſchaft zwar Einiges geleiſtet hat, aber es auch darin nie zum Gediegenen und Vollendeten bringen kann.— Ja, ſpotten Sie immer⸗ hin, fuhr er fort, als er ſah, daß Lornſens Lippen zuckten. Die Deutſchen haben eben ſo wenig einen Thorwaldſen, wie ſie einen Oehlenſchläger, Baggeſen oder einen Heiberg haben. Sie haben nur den Göthe, der allerdings artige Sachen geſchrieben hat und der Eiiszige iſt, den ich goutiren kann.„Eines ſchickt ſich nicht für Alle,“ ſagte Göthe ich nenne ihnen Göthe, weil ich denke, Sie werden ihn in Jena ſelbſt wohl geſehen haben und ihn verehren. Als Dichter gewiß, fiel Jens ein. Der Miniſter geht mich nichts an. Daß er Nichts für ſein Volk gethan, Nichts für ſein Volk gefühlt hat, ſeinen gnä⸗ digen Herrn immer aufwartete, wie und wo er konnte, und ſich das Herz gewaltſam verknöcherte, um ſeine olympiſche Ruhe nicht an das Leid der Menſchheit zu ſetzen, iſt freilich traurig genug. „Sehe Jeder, wie ers treibe, ſehe Jeder, wo er bleibe!“ rief der Baron lachend. Das iſt der ein⸗ zige deutſche Dichter, der mit der Schärfe und Klar⸗ heit eines Staatsmannes das Leben unterſucht und große Wahrheiten mit wenigen Worten ſagt.— So ſage ich Ihnen denn, Herr Lornſen, daß ich wirklich erſtaunt bin Sie in ſo großen Irrthümern befangen zu finden.—„Eines paßt ſich nicht für Alle.“ Für dieſe Inſelleute paßt das Fiſcher⸗ und Schifferleben mit ſeinen unruhigen und gefahrvollen Mühſeligkeiten. Wer hier geboren iſt und hier leben will, muß mit Fluth und Sturm kämpfen, im Schlick umherwaten, Krabben und Dorſche fangen, Möven und Strand⸗ vögel jagen. Wer das nicht will, ſehe wo er bleibe. — Die Welt iſt groß, Herr Lornſen. Höhere Na⸗ turen ſind immer Kosmopoliten, und Fiſche fangen, den Acker beſtellen, Schafen ein feineres Fell ver⸗ ſchaffen oder die beſte Butter im Lande machen, ge⸗ nügt denen nicht, die den Drang in ſich fühlen, lieber Hammer als Amboß zu ſein.— Im Uebrigen iſt dieſe Seezunge vortrefflich; bitte nehmen Sie noch ein Stück. Ich bin überzeugt, daß man in Silt ganz angenehm leben kann und verdenke es Ihnen keinesweges, Herr Lornſen, wenn Sie mit Begei⸗ 1 — 76— ſterung von der tiefen Anhänglichkeit ſprechen, welche alle Frieſen zu ihrem Vaterlande haben. Dieſe Anhänglichkeit, Herr Staatsrath, haben alle Völker, erwiderte der junge Mann. Die Dänen lieben ihr Vaterland nicht weniger, wie die Deutſchen. Ja ſo, die Frieſen und mit ihnen die Schles⸗ wiger, ſind Deutſche, rief der Baron, Sie erinnern mich immer wieder daran und ich vergeſſe es eben ſo oft, weil ich die praktiſche Ueberzeugung habe, daß dies Land hier ein Theil Dänemarks iſt und hoffentlich auch bleiben wird. Sagen Sie mir aber doch, lieber Herr Lornſen, wodurch würde dieſe arme Familie glücklicher werden, wenn plötzlich proklamirt würde, daß ihre Hallig und rund umher die Inſeln und meinetwegen ganz Schleswig bis an die Königs⸗ au, deutſch geworden wäre? Würden ihre Schafe darum doppelt ſo viel Milch geben und dreimal im Jahre Junge gebären? Oder würden die Fiſche häu⸗ figer, die Stürme geringer? Oder verwandelten ſich die Dünen und Sümpfe in fruchtbares Land? Schleswig würde zum Paradies mit Feigenbäumen und paradiſiſcher Unſchuld? Wenn Schleswig aufhört, ſein Geld und ſeine Kinder an den Sund zu ſchicken, verſetzte Jens, ſo zann es allerdings die ſchweren Laſten und Abgaben, — 77— welche jetzt auf uns drücken, bedeutend ermäßigen, zumal wenn eine gerechte Beſteuerung erfolgt, die Prioilegien und Vorzüge gewiſſer Klaſſen aufhören und diejenigen das Meiſte zahlen, die das Meiſte beſitzen. Ah ſo! rief der Staatsrath lachend, nun das iſt doch ein praktiſches Ziel der Demagogen, und heißt nicht ins Blaue hinein phantaſiren. Aber laſſen ſie das ja nicht den patriotiſchen Rittern und reichen Leuten hören, mein junger Freund, deren deutſch⸗ thümelnde Vaterlandsliebe gewaltig dadurch abge⸗ kühlt würde. Ich führe es nur an, ſagte Lornſen, um ihre Frage zu beantworten, im Uebrigen aber laſſen ſich die Empfindungen eines Volks, das ſich losgeriſſen weiß von ſeinem wahren Vaterlande, nicht mit der Krämerelle meſſen.. Ich würde nur zurückfragen, was denn die Dä⸗ nen ſagen würden, wenn ſie von Holſtein und Schles⸗ wig regiert würden; wenn man ihnen erklärte, ihr ſeid deutſche Provinzen unſeres deutſchen Staates. Eure verbrieften Rechte kümmern uns nichts, eure Schiffe ſind deutſches Eigenthum, eure Sprache und Sitten ſchafft ab, lernt deutſch, kommt nach Kiel und macht dort Examen, wenn ihr Anſtellung haben — 78= wollt. Bezahlt unſere Schulden, bemannt unſere Flotte, Rechenſchaft bekommt ihr nicht; verwenden wollen wir euer Geld, wie es uns beliebt und euch Gehorſam lehren, wenn ihr Widerſpruch wagt. Dänemark würde ſich nie einer ſolchen Schmach fügen! rief das Fräulein, als Lornſen endete. O! Poſſen, fiel der Baron ein. Wenn die Dänen wirklich in der Lage wären, wie die Herzogthümer und namentlich Schleswig; wenn ſie vierhundert Jahre lang zu ihnen gehörten und 1721 incorporirt wurden, wie dies wirklich geſchehen iſt, ſo würden ſie ihrem Schickſale folgen. Das Schlimmſte ſind die Uebertreibungen der Uebel, die beſtehen ſollen, und willige Ohren bei denen finden, die fern ſind und vom Parteiſtandpunkte aus ſich blenden laſſen. — Es wäre an der Zeit, daß verſtändige Männer ſich beſſer unterrichteten und ſtatt das Feuer zu ſchüren, in vernünftiger Weiſe zu verſöhnen ſuchten, nicht aber Irrthümer und leidenſchaftliche Entſtellun⸗ gen der Wahrheit verbreiten hülfen. Mit einem ſcharfen Blick, aber ohne die höfliche Freundlichkeit aufzugeben, ſah er Lornſen an. Die Bewohner der Hallig hatten ſich um den Tiſch ge⸗ ſammelt und hörten mit vieler Theilnahme zu. Ihre Augen ruhten auf dem Vertreter ihres Stammes, — 720— ſie betrachteten ihn mit Stolz, wie er dem däniſchen Herrn furchtlos gegenüber ſtand und für ihr gutes Recht ſeine Stimme erhob und ſie erwarteten von ihm, daß er auch jetzt nicht ſchweigen werde. Unſere Sache iſt ſo einfach, Herr Staatsrath, ſagte Lornſen, daß Entſtellungen der Wahrheit nicht von uns ausgehen können. Im Jahre 1460 haben wir durch freie Wahl den König von Dänemark, Chriſtian I. zu unſerem Landesherrn und Herzog angenommen, unter der feierlich beſchworenen Be⸗ dingung, daß die Herzogthümer nie zu Dänemark gehören und ewig zuſammen bleiben ſollten, unge⸗ theilt. Das hat man uns ſo wenig gehalten; wie man Schwedens und Norwegens Freiheiten und Rechte geachtet hat, die zu ihrer Zeit auch den däni⸗ ſchen König zu ihrem Könige gewählt hatten. Der Abſolutismus warf ſich auf uns und erdrückte unſere Selbſtſtändigkeit. Schweden riß ſich los, Norwegen hat ſpäter ſeine Freiheit erzwungen, wir ſind ge⸗ blieben. Und incorporirt worden, rief der Baron. Schles⸗ wig hat nie zu Deutſchland gehört. Aber eben ſo wenig zu Dänemark, erwiderte Lornſen. Es war ein freies Herzogthum, ein Fahnen⸗ lehen, um deſſen Beſitz lange und blutige Kämpfe — 39— geführt wurden. Schon im Jahre 1326 ward aber der Graf von Holſtein mit Schleswig belehnt und durch die Waldemariſche Konſtitution beider Länder verbunden. Dieſe Konſtitution iſt eine Erfindung, rief der Staatsrath. So ſagen die Dänen ſeit 1815, weil das Ori⸗ ginal bei Seite geſchafft wurde, erwiderte Jens. Aber was man nicht beſeitigen konnte, iſt das Doku⸗ ment von 1460.— Graf Gerhard von Holſtein wurde 1386 Herzog von Schleswig. Seit dieſer Zeit bis 1460 blieben ſeine Nachfolger im Beſitz. Leider aber, als Herzog Adolf kinderlos ſtarb, ließ das Volk in den Herzogthümern ſich verlocken, frei⸗ willig den däniſchen König als ſeinen Herzog zu wählen. Bis 1721 die Incorporation erfolgte, fiel der Staatsrath wiederum ein, hat das ſeine Richtigkeit. Die ſogenannte Incorporation von 1721, ſprach Jens lachend, war nichts als ein verunglückter Staatsſtreich, mit dem man uns die männliche Erb⸗ folge nehmen und das Königsgeſetz aufzwingen wollte. Aber unſere Rechte und Freiheiten ſtehen darum nicht minder feſt, wir können und wollen niemals — 81— Dänen werden. Volksrecht geht über Fürſtenrecht, und Volkswille dauert länger als Königswille. Herr Lornſen, ſagte der Staatsrath aufſtehend, Sie muthen mir wirklich mehr zu, als ich ertragen kann. Wahrhaftig, es iſt komiſch genug, daß ich auf dieſer kleinen Scholle im Meere ganz ernſthaft bleiben und Dänemarks Rechte auf Schleswig ver⸗ treten ſoll.— Sei im Beſitze und Du biſt im Recht! ruft Ihr deutſcher Dichter Schiller aus, deſſen revo⸗ lutionäres Treiben Ihnen gewiß mehr zuſagt wie Goethe. Nun wohl, wir ſind im Beſitz, folglich im Recht und werden es feſthalten.— Wie aber die Zeit hingegangen iſt! In ſo angenehmer Unterhal⸗ tung fliegen die Stunden wie Minuten.— Hören Sie das Brauſen draußen? Es wird wieder windig. Es iſt die Fluth, ſagte Lornſen, nach der alten Wanduhr blickend. Sie bringt den Wind mit, aber er wird uns günſtig ſein. Und wie iſt es mit unſerer Abfahrt? fragte der Baron. In einer halben Stunde werden wir die Hallig verlaſſen können. Nun das iſt erfreulich zu hören, rief der alte Herr, hoffentlich iſt das Wetter gut. 1 Lornſen öffnete die Thür der Stube. Die Lä⸗ 1. 6 G. — 32— den vor den Fenſtern waren dicht geſchloſſen, jetzt aber drang durch das trübe Licht der Lampe der glänzende Schein des Mondes herein, und draußen lag die ſternenvolle Nacht ſo klar und wolkenlos, als ſei es unmöglich, daß ſie jemals getrübt werden könnte. 3 Der Mond überglänzte das Meer, das in leuch⸗ tenden Wellen aufrollte, die wie Berge geſchmolze⸗ nen Metalls ſich hoben und ſenkten. Die Hallig war zum Theil von der Fluth überdeckt, ihr weißer Schaum ſpritzte über das Gras, und mitten zwi⸗ ſchen dieſen ſilbernen zahlloſen Gipfeln und ſchatti⸗ gen Schluchten voll Finſterniß und geheimnißvollem Grauen lag das beglänzte Haus, wie auf den Wo⸗ gen ſchwimmend, die es zu tragen ſchienen. Wenn ich das ſehe, rief der Baron, kann ich mir erſt recht denken, wie wohl zuweilen die Springfluthen bis über die Warften hinauf in die Häuſer und über dieſe fortſtürzen und Alles begra⸗ ben können. Im Jahre 1634, ſagte Lornſen, kamen in einer Nacht, am 11. Oktober, 15,000 Frieſen ums Leben. Wer übrig blieb, dem raubten die däniſchen Voigte das Eigenthum, um die Steuern und Abgaben da⸗ mit zu decken. So iſt es fortgegangen hier Jahr⸗ — 83— hunderte lang und noch in dieſem Jahre haben wir Schreckliches erlebt. Wenn Sturm ſich mit der Springfluth verbindet, ſteigt ſie zwanzig und dreißig Fuß hoch und nichts kann ihr widerſtehen.— Und was haben dieſe armen genügſamen Menſchen an Freuden für ſo viel Gefahr und Leid? Sie haben nichts als ihr Haus und das kleine fahle Grasfeld. Keinen Baum, keinen Strauch, kein ſchattiges Plätz⸗ chen. Nicht einmal der Anblick eines blauen ſchönen Meeres wird ihnen zu Theil. Es rollt ſeine trüben Wogen wild an ihnen hin und überzieht die Hallig, die es zerreißt, mit ſeinem ſchwarzen Schlamm. Dieſe ſchmutzigen Wellen meiden auch die Fiſche; ſelten iſt der Fiſchfang ergiebig, ekle Rochen und Seehunde ſind die alleinigen Bewohner, und wenn die Finger des fleißigen Mädchens von der Arbeit ausruhen, wenn am Sonntag die Freude kommen ſoll, um das harte Leben zu verſüßen, giebt kein Tanz, kein Spiel, kein Beſuch ihr Genuß. Sie ſitzt auf der Bank am Hauſe und denkt an ihren Lieb⸗ ſten, der auf fernen Meeren ſchwimmt, und an die Zeit, wann er wiederkehrt und mit ihr vereint hier wohnen wird. Und iſt dieſer Gedanke nicht ein ſüßer Troſt? er⸗ widerte Lina leiſe, die neben ihm ſtand. Iſt Verei⸗ 6 — 34— nigung mit dem geliebten Manne nicht das Höchſte, was ein Mädchen denken und vom Schickſale fordern kann? Lornſen blickte ſie bewegt an. In Liebe vereint, ſagte er, ja gewiß, darin liegt Alles, was ein Menſch zu begehren hat. Aber die ſich trennen müſ⸗ ſen, um einſam ihren Weg zu gehen. Was iſt deren Hoffnung? Zu wagen und zu gewinnen, gab ſie zur Ant⸗ wort. Wagt der junge Schiffer nichts, wenn er über die Meere zieht, um endlich Braut und Hallig zu erwerben? Das Mädchen hofft auf ihn, auf ſeine Liebe. Sie weiß, daß er kommen wird, ſie wartet gläubig und treu auf die erſehnte Stunde. Herr Lornſen, rief der Baron, der am Hauſe hingegangen war und nun zurückkehrte, die Schlupp liegt bereit, und wie ich höre, ſoll es hohe Zeit ſein, wenn wir mit der Fluth Huſum erreichen wollen.— Nimm Abſchied, Lina, und laß uns eilen. Der Abſchied war kurz. Der alte Herr konnte nur mit Mühe den armen Halligleuten ein Geſchenk aufdringen. Einige Minuten ſpäter flog das kleine Schiff aus dem Gerinn ins Meer. Gute Wünſche —V —V — 835— ſchallten ihm nach, bald war es mitten in Welle und Wind, der ſeine Segel ſchwellte. Nach einigen Stunden, als der Morgen eben zu dämmern begann, fiel der Anker dicht an der Ufer⸗ treppe im Hafen. Herr Lornſen, ſagte der Staatsrath, ich weiß, daß ich Ihnen den größten Dank ſchulde, und ich will darauf ſinnen, wie ich mir Genugthuung verſchaffen kann. Vor der Hand vergeſſen Sie nicht, daß Sie Freunde in Kopenhagen haben, denen es wohlthun wird, wenn ſie irgend etwas thun können, was Ihnen angenehm iſt. Vergeſſen Sie uns nicht, fügte das Fräulein hinzu.— Lornſen hob ſie auf das Bollwerk. Ein leiſer Druck der Hund. dann gingen ſie Beide um den kleinen Platz; die Schiffsleute trugen das Ge⸗ päck nach. Morgen wird Alles vergeſſen ſein! rief Lornſen, die Hand über ſeine Stirn ſtreichend. Morgen bin ich in Silt, der Traum iſt aus! 4. Am nächſten Morgen trat Jens in ſein väter⸗ liches Haus. Frohen Blickes und frohen Gemüths ſchien er zu ſein, als er die hohe Warft erblickte, auf welcher es zwiſchen Bäumen und blühenden Ge⸗ hegen ruhte. Hier war es nicht, wie auf der klei⸗ nen armen Hallig Südfall; hier gab es Fruchtfel⸗ der, blanke Rinder, die ſich im duftigen Graſe la⸗ gerten, eine reiche, geſegnete Marſch. Hier gab es Schutz vor den Stürmen, Dünen und Deiche gegen die Fluthen, und wenn die Kronen der Linden, die den Giebel des Hauſes umwölbten, auch kahl gefegt waren, ihr lockendes Grün bildete doch unten eine Laube, um welche Beete dunkelrother feuriger Marſch⸗ nelken und duftiger Levkoien zierlich zwiſchen Taxus⸗ hecken ſtanden. Lornſen warf einen langen, dankbaren Blick auf das Haus ſeiner Väter und die Hand nach ihm ausſtreckend, rief er: O! wohl dem Menſchen, der eine Heimath hat, ein Haus, wo die wohnen, welche er liebt, wo Arme und Lippen ihn willkommen hei⸗ ßen, wenn er wiederkehrt, wo er unter Bäumen im — 387— Schatten ausruhen kann, und wo es Herzen giebt, die Freude und Leid mit ihm theilen. Mit ſchnellen Schritten eilte er die Warft hinauf und wenige Augenblicke ſpäter war er zwiſchen Va⸗ ter und Mutter am Kafefeetiſch. Biſt wieder heim, Jens, und Alles gut, ſagte der Vater, wohlgefällig den ſtattlichen Sohn betrachtend, während deſſen Hand in der Mutter Hand ruhte. Alles gut, Vater, erwiderte er. Etwas ſchwere Fahrt, weiter nichts. Konnt' es denken, ſprach der alte Mann, bedäch⸗ tig nickend, indem er den Rauch der Pfeife ſtärker von ſich blies. Damit war in ſtiller ruhiger Weiſe der Empfang beendigt. 4 Das helle freundliche Zimmer, ganz nach frieſi⸗ ſcher Sitte, war faſt wie die Kaüüte eines großen Schiffes anzuſchauen.— Es war nicht hoch, und obwohl das Haus maſſiv aus Backſteinen erbaut war, ſteckten in dieſen die ſtarken Balken oder Stän⸗ der, welche das Dach trugen. Die Zimmerdecke von Holzwerk mit glänzend weißer Oelfarbe geſtri⸗ chen, vermehrte den Ausdruck der Sauberkeit und Wohlhabenheit des Ganzen.— Die Wände waren bis zur halben Höhe mit kleinen Porzellankacheln bekleidet, auf denen ſegelnde Schiffe und allerler — 38— Landſchaften eingebrannt waren, höher hinauf bis zur Decke waren ſie hellgelb in Oel getränkt und gefirnißt, ohne irgend ein Fleckchen, ohne Riß und Staub, ſo ſauber, als kämen ſie eben erſt aus der Hand des Malers. Ein paar große Schränke von Nußbaumholz mit Metallgriffen ſtanden im Zimmer, in der Mitte ein gewaltiger Tiſch von demſelben Material; Schilde⸗ reien hingen da und dort, eine ſchöne Secundenuhr im braunen Gehäuſe fehlte nicht, und auf dem Tiſch⸗ chen am Fenſter unter dem Spiegel lag ein mächti⸗ ges Fernrohr, halb herausgezogen, wie es Seeleute brauchen. Wir haben Dich geſtern ſchon erwartet, Jens, ſagte der alte Vater. Hanna Peterſen war bei uns den ganzen Nachmittag über. Da liegt noch das Glas, mit dem ſie auf die See ſchaute. Ich bin in Huſum geweſen, gab Jens zur Ant⸗ wort. Weit ab vom Kurs, ſprach der alte Kapitän. Hatte ein paar Paſſagiere, einen däniſchen Staats⸗ rath und ſeine Tochter von Helgoland mitgenommen, wo ſie keine Ueberfahrt fanden. So, ſagte der Alte.— Haſt geleſen, was ſie in Kopenhagen wieder wollen?— Er reichte Jens ein 343 — 89— Zeitungsblatt hin, der hinein ſah, die Stirn zu⸗ ſammenzog und es wieder fortwarf.— Daß es nichts Gutes ſein konnte, war zu denken, ſprach er. Gutes für uns kann von daher nicht kommen.— Sie wollen Dänen in Schleswig anſtellen, uns zwingen nach Kopenhagen zu gehen, um Dänen zu werden.— Das iſt ein alter Plan, Vater, aber er wird ihnen doch nicht gelingen. Um unſer Geld können ſie uns betrügen, uns die Haut abziehen und die Ohren dazu, aber Dänen werden ſie nie aus uns machen. Haſt Recht! ſprach der Kapitän. Möchteſt alſo Deinen Anker dort nicht werfen? Ich? fragte Jens und eine Röthe trat plötzlich in ſein Geſicht, ich wüßte wahrlich nichk, was ich dort zu ſchaffen hätte. Meine es auch ſo, fuhr der Alte fort. Iſt falſcher Grund, er läßt los, ehe man es denkt. Iſt aber eine Lockung für den Ehrgeiz und wer den hat, mag ſich hüten. Ich freue mich, daß Du wieder bei uns biſt, Jens, ſagte die Mutter, und denke, Du ſollſt uns ſobald nicht verlaſſen. Mutter, erwiderte der Sohn zärtlich, wo könnte ich in der Welt lieber ſein, als hier. Wenn ich fort — 90— bin, zieht es mich zurück. Ja, ich bin ein echter Frieſe, ich kann von der Scholle nicht loslaſſen auf der ich geboren wurde. Wie die Wandervögel aus dem Süden immer wieder auf ihr Neſt an der Klippe zurückkehren, ſo fühle ich die Sehnſucht nach dem alten Hauſe auf der Warft und mein ganzes Wün⸗ ſchen geht dahin, hier einſt glücklich zu ſein bis an mein Lebensende. Iſt gerade als ob man die Hanna hört, lachte die Frau, die hängt auch mit Leib und Leben an Silt feſt. Iſt ein Jahr lang in dem großen Ham⸗ burg geweſen, hat bei den mächtig reichen Ver⸗ wandten ein herrliches Leben geführt, hat es aber doch nicht aushalten können, und preiſt Gott, daß ſie wieder'in ihres Vaters Haus einſam ſitzen kann. Es iſt eine brave, liebſüße Dirne, brummte der alte Kapitän, die Rauchwolken vor ſich hinjagend. In acht Tagen muß ich zurück ſagte Jens. Ich habe zwar wenig zu thun, langweile mich und an⸗ dere Leute, muß jedoch auf dem Poſten ſein. Sollteſt die Ladung über Bord werfen, Jens, ſprach der Vater. Man muß den Anfang machen, aller Anfang iſt ſchwer, rief der Sohn; denke aber, es wird ſchon kommen. Meine Freunde in Kiel und Schleswig X— — 91— ſind thätig für mich; ſobald ſich etwas Beſſeres fin⸗ det, werden ſie mir Nachricht geben und ihren Ein⸗ fluß anwenden. Biſt der Mann nicht danach, fiel der Alte kopf⸗ ſchüttelnd ein, haſt den Herren am Sunde zu früh gezeigt, daß Du den ſchwarzen Rock angezogen haſt, ſtatt der blauen Jacke. Ei, Vater, lachte Jens, denke ich mache beiden Ehre. Gewiß thuſt Du es, ſprach die Mutter, aber was hilft denn das Jagen und Plagen mit böſem Willen und böſen Leuten.— Warum willſt nicht bei uns ſein, lieber Jens, und das Glück da außen ſuchen, wo es Dir nicht blüht? Mutter, ſagte der junge Mann, in ihre liebe⸗ vollen Augen ſchauend, die mit Innigkeit an ihm hingen, muß denn nicht ein Mann ſtreben und dem Glücke nachjagen durch die ganze, weite Welt? Biſt ja weit genug geweſen, erwiderte die Frau ſchüchtern und bittend, und biſt dreißig Jahre alt, mein Sohn, da baut der Menſch ſich gern ſein feſtes Dach, um froh darunter zu wohnen. Jens ſchüttelte leiſe den Kopf.— Ich glaube, daß es noch weit von mir iſt, und wer weiß es wo ich es finde, ſprach er mit halber Stimme. — 92— Stehſt hier darunter, rief die Mutter, den Arm um ihn legend. Iſt es denn nicht Dein Dach, Jens, wir beide ſind alt, werden wohl bald ein ander Dach finden, das feſt auf uns liegt und uns ſchirmt. So iſt es denn unſer Herzenswunſch, Dich auf feſtem Ankergrund zu ſehen, wie der Vater ſagt, und ein Wort im Ernſt darum zu reden, was ſich ſchickt.— Rede Mutter, ſagte Jens. Wie iſt es mit Hanna Peterſen? fragte ſie. Iſt es ein Mädchen nach Deinem Sinn? Alſo heirathen ſoll ich, rief Jens lachend. Ihr wollt mich feſt machen, wie man es nennt. Das beſte Gut haben die Peterſens, fuhr die Frau belobend fort, da wäre wohl Keiner, der nein ſagte, wenn er anklopfen dürfte. Und darf ich denn anklopfen, Mutter? Es iſt eine ſtolze Dirne, hätte in Hamburg blei⸗ ben und einen Handelsherrn nehmen können, der drei Schiffe in See hat. Hat auch hier ſich mehr wie Einer darum beworben. Heinrich Hilgen kann es noch nicht laſſen. Das iſt ein wackerer Mann, ſo kühn und brav wie der beſte, ſagte Jens. Aber haſt Du es nicht gemerkt, fragte Frau —r— — 93— Lornſen, daß Du ihr der Liebſte biſt? Weißt Du nicht, daß ſie Dich erwartet, wenn Du ausbleibſt und daß ſie Dich aufſucht, wenn Du fehlſt? In Wahrheit, ich habe es nicht beachtet. Alle Tage iſt ſie gekommen, als Du fort warſt. Hat auf den Stellen geſeſſen, wo Du zu ſitzen pflegſt; hat in Deinen Büchern geleſen und hinaus geſehen über die See, als wollte ſie Dich ſuchen. Nun, was meinſt dazu? rief ſie lächelnd, als Jens ſchwieg. Mutter, erwiderte er, ich habe wirklich bis jetzt, wenn ich bei Hanna war, nicht an das gedacht, was ich jetzt höre. Es iſt ein kluges Mädchen, beſonnen und von ſtillem Herzen, gewiß eine treffliche Frau im Hauſe, aber verrathen hat mir nichts daß ſie für mich paßt. 3. Geh hin und ſieh zu, ſagte die Frau. Wills thun, Mutter. Der Vater hatte bis jetzt geſchwiegen. Nun wandte er ſich um, deutete mit der Pfeifenſpitze auf einen Mann, der den Hügel der Warft herauf ſtieg und ſagte mit ſeiner ernſten Beſtimmtheit: Merk auf, Jens, fahre nach Deinem Willen, aber bring das Schiff ſicher nach Haus. Iſt ein gutes, reiches Schiff, leicht zu ſteuern, wenn man es verſteht und 1 — 94— wenn Du Hülfe brauchſt, da kommt der Mann, der das rechte Fahrwaſſer kennt. O! mein alter Freund, rief Jens aufſpringend, wie bin ich froh, Sie bei uns zu ſehen. Der große dürre Mann draußen nahm ſeinen Hut ab und grüßte freudig herein. Langes weißes Haar ſiel nach hinten gekämmt lockig auf ſeine Schul⸗ tern. Sein Geſicht war braun gebrannt von der Sonne, aber ſeine hellen, großen Augen brachten ein eigenthümliches Leuchten hinein und milderten die ſcharfen Züge. Gott zum Gruß! rief er, den Kopf zum offenen Fenſter hinein ſteckend und die großen Hände dar⸗ reichend.— Nun, Jens Lornſen, wie geht's dem Herrn Advokaten? Schönen Dank, Lorenz Leven, antwortete Jens im gleichen ſpöttiſchen Tone; ich wünſche, der Herr Paſtor befinde ſich ſo wohl wie ich. Damit hat es keine Noth, ſagte der dürre Mann ins Zimmer tretend. Der Himmel forgt für uns mit Speiſen aller Art; Fiſche giebt es im Meere, Strandvögel und Eier in Fülle, auch ſchenkt uns Gott Brod und Fleiſch, nur Wein hat er uns nicht beſchieden, kaum gutes Waſſer, um den Durſt zu löſchen. — 95— Ein liſtiger Blick aus ſeinen leuchtenden Augen lachte den alten Kapitän an, der ſein Geſiht une lachend verzog und nach dem Schrank umblickte, aus welchem die Frau ſogleich auch eine Flaſche und Glä⸗ ſer nahm, die ſie freundlich nickend füllte. Iſt eine gute alte Sitte auf Silt und bei den Frieſen, ſagte der Pfarrer, die Sitte der Gaſtfreund⸗ ſchaft, die glücklicher Weiſe den neuen Moden noch immer nicht weichen will.— Ruh' aus an meinem Tiſche, hieß es bei unſeren Vätern, wenn ein Frem⸗ der kam, und die Rochelſchüſſel ſtand immerdar auch bei dem Aermſten bereit.— Damals, fuhr er ſich zu Jens wendend fort, gab es aber noch keine Advokaten, die durch Prozeſſe über das Mein und Dein die Menſchen auspreßten und die Gemüther hart machten. Die edlen und freien Frieſen, erwiderte Jens lachend, haben aber auch niemals den Prieſtern zu fetten Pfründen geholfen oder viel Kirchen gebaut. Sie haben in Zucht und Sitte gelebt, bis die Rechtsverdreher ſie heimſuchten, rief Lorenz, und die Dänen. Sonſt war auf Silt Tanz eine Seltenheit, jetzt wird alle Wochen getanzt, trotz der Zeiten Un⸗ glück und Schande. In allen Häuſern, die da meinen, in ihnen wohne der Landesadel, muß ein Klimper⸗ — 96— kaſten ſtehen. Die Mädchen lernen Walzer und Schottiſch noch ehe ſie laufen können, und kaum giebt es eine Dirne, die nicht Sonntags in der Kirche aus⸗ ſchläft, um am Abende recht munter die Beine zu rühren. Tanz und Spiel iſt junger Herzen Freude, ſagte Jens. Es iſt mir lieb zu hören, daß es ſo luſtig zugeht. Die Ehrbarkeit aus unſeren jungen Tagen hat freilich nachgelaſſen, fiel die Mutter ein, aber Herr Lorenz Leven ſcherzt doch, wenn er alle Mädchen in einen Topf wirft. Er hat keine ausgenommen, rief Jens. Nicht einmal Hanna Peterſen, der ich es treulich berich⸗ ten will. Ol die laßt ſein, ſprach der Pfarrer, in der iſt altes edles Blut und der alte Sinn, die könnte ſelbſt einen Advokaten zur Gottesfurcht bewegen.— Da⸗ bei trank er ſein Glas aus, ſchenkte es wieder voll, brannte ſeine Pfeife an und indem er ſich in den Stuhl ausſtreckte und die Füße kreuzte, fuhr er fort: der Herr Advokat ſoll wiſſen, daß ich von Peterſens * herüber komme, und eben deswegen hierher gewandert bin, weil mir Hanna mittheilte, daß ich den abtrün⸗ nigen Jens Lornſen hier finden würde. — 97— 9 Wer nennt mich abtrünnig, Hanna oder der Herr Pfarrer? fragte Jens. Beide, erwiderte Lorenz. Iſt es nicht eine Ab⸗ trünnigkeit, da draußen auf der Geeſt zu wohnen und zu leben mitten unter Fremden, und wenn man nach Haus kommt, keinen rechten Sinn mitzubringen für die liebe Heimath und alte gute Nachbarn, ſondern einſam auf den Dünen hin und her zu laufen in Wind und Nacht, oder ſtill zu ſitzen hinter Büchern und gelehrtem Kram, und wenn es hoch kommt, plötzlich auf und davon zu fahren in die See auf Abenteuer, die, Gott weiß, welch ſchlechtes Ende nehmen. Seid zufrieden, lieber Freund Lorenz, rief der Vater, ich denke, Jens wird bald unter uns wohnen. Wird er? ſprach der greiſe Mann ſpöttiſch, ich glaube es nicht.— Seht ihn an, wie er da ſitzt und ärgerlich ſeine Lippen aufwirft. Seht wie die heftige Natur ſich auf ſeine Stirn drängt und wie ſeine Augen unruhig etwas ſuchen, was er hier nicht finden kann. Er wird es überall ſuchen in der Welt und es doch nicht entdecken. Was? rief Jens mit Heftigkeit. Frieden mit Deinem ehrgeizigen Sinn, Frieden I. 7 *— 98 in Deinem ungeſtümen Herzen, ſagte der alte Pfar⸗ rer lächelnd. Jens ſtand auf und ohne ein Wort zu ſagen ging er hinaus. 4 5 Nach einer Stunde ging der Advokat durch die Wieſengelände an hohen Deichen hin, während der Pfarrer noch immer bei ſeinen Eltern ſaß. Da und dort, in der Nähe und Ferne, wurde die Eintönig⸗ keit des tiefen, geſchützten und fruchtbaren Landes von den künſtlichen Hügeln unterbrochen, auf denen die Häuſer lagen. Man konnte ſie erkennen an dem Kranz von Bäumen und Gebüſchen, die mit ihrem Schatten ſie kühlten, während ſonſt in der Ebene kein Strauch zu entdecken war. Die Sonne beleuchtete das ſaftige Grün und reiche Erndten; ſie beglänzte die rothen Dächer, welche halbverſteckt aus dem Ge⸗ blätter ſchauten; jenſeit des Deiches aber, an welchem Jens emporſtieg, warf die See lange ſchaumige Wellen auf, die über die Strohſtickung hinrollten — 99— und in der Ferne, weit über die wüſten Dünen hin⸗ aus, welche weſtwärts einen mächtigen Wall gegen Fluthen und Stürme bilden, lag der ſtrahlende Schild des Meeres ausgeſtreckt. Der junge Mann nahm den Hut ab und ließ den friſchen Wind ſeine Stirn kühlen. Er betrachtete Land und Meer mit Freude und Stolz, bis er end⸗ lich lächelnd ſagte: Ich, ein Abtrünniger, ich, der ich mit allen Fäden meines Herzens an dieſem Lande und an meinem Volke hänge! Und doch traf mich der alte Lorenz, ich weiß nicht wo; ich konnte nichts dagegen ſagen. Es war mir, als ſei mein Leben wirklich ärgerlich und ohne Ziel, mein Sinn ver⸗ derblich und hochmüthig. Und dort, fuhr er fort, indem er auf eine ent⸗ fernte Warft blickte, welcher er rüſtig näher ſchritt, dort wohnt ſie, die mir Frieden geben ſoll.— Laßt ſehen, ob ſie es kann und ob ihr Recht habt, ihr klugen guten Leute. Bald war er auf einem Pfade, der zu dem Hauſe führte. Ueber verſchiedene breite Gräben lagen Brücken, andere überſprang er leicht; endlich ſtand er vor dem Hügel, der rings umſchloſſen von einem ſchilfi⸗ gen Waſſer, ſich breit ausdehnte, und außer dem langen niedern Wohnhauſe, noch mächtige im Viereck 3 — 100— gebaute Wirthſchaftsgebäude trug, die einen anſehn⸗ lichen Beſitz verkündigten. Solch altes Frieſenhaus auf ſeinem Hügel um⸗ ringt von Gräben und von feſten Mauern aufgeführt, iſt eine ſtattliche Burg, ſagte er, es wohlgefällig be⸗ trachtend. Freie, edle Männer haben darin gewohnt und das iſt ein beſſerer Adel, als der anderer Län⸗ der. Peter Peterſen hat mehr tapfere Ahnen aufzu⸗ weiſen, als mancher Baron, und wenn es auf Beſitz und Thaler ankommt, fügte er leiſe lächelnd hinzu, macht er ſeinem alten Stammbaum auch keine Schande. Jenſeit der Zugbrücke, die er überſchritt, war ein Thor in der Hecke, an welche ſich der Garten ſchloß, der die gewöhnlichen großen Blumenbeete enthielt.— Jens ſtrich raſch vorüber, denn ihn erwartend ſtand oben ein Mann im blauen frieſiſchen Bauernrock, klein und breitſchultrig, ſein Geſicht voll faltiger, derber Züge, aus dem die Augen gutmüthig, aber klug hervorſahen.— Er rauchte und hielt in der Hand einen langen Stock, auf den er ſich ſtützte, auch nahm er die Pfeife nicht aus dem Munde, als er die freie Hand dem Gaſt entgegenſtreckte; aber mit ſichtlicher Freundlichkeit rief er ihm zu: Nun, Jens Lornſen, iſt mir lieb, Euch zu ſehen. Seid alſo wohlauf nach Haus gekommen und habt den Weg zu Peterſens Haus nicht vergeſſen?— Meinte ſchon, würdet wieder nach Schleswig fahren, ohne uns die Ehre anzuthun. Das könnt Ihr nicht gemeint haben, Herr Pe⸗ terſen, ſagte Jens, denn ich habe es noch nie ver⸗ geſſen. Iſt wahr, ſagte Peterſen, aber die Zeiten ändern ſich. Der Bauer in Silt iſt kein Mann für vor⸗ nehme Leute und wer mit den Herren in Schleswig verkehrt, einen Baron und Staatsrath ſogar nach Haus führt, hat nicht viel Stunden übrig, um an alte Nachbarn zu denken. Kommt es da heraus, rief Lornſen lachend. Wer in aller Welt hat denn ſchon meine Geſchichte von geſtern hier erzählt? Beruhigt Euch, Jens, ſagte Peterſen ihm zu⸗ nickend. Zeitungen haben wir nicht, Kaffeehäuſer auch nicht, wo die Neuigkeiten warm aufgetiſcht werden, aber wir erfahren doch Alles. Ein Fiſcher kam geſtern von Huſum zurück, der hat den Herrn Staatsrath und das däniſche Fräulein ſelbſt geſehen, und vor einer Stunde brachte unſer Nils Eurer Mutter etwas, der hat von Euern Leuten das Uebrige erfahren. Steht es ſo, erwiderte Lornſen, ſo kann ich mich . — 102— zufrieden geben, aber was die vornehmen Herrſchaf⸗ ten, den Staatsrath und ſeine Tochter betrifft, ſo haben die keinen Theil an mir, am wenigſten aber werden ſie je bewirken, daß ich alte Freunde ver⸗ geſſe und jemals aufhöre, feſt und treu an ihnen zu hängen. Will's Gott! rief Peterſen, ich bins zufrieden. Ich will hinaus nach meinen Mähern ſehen. Bleibt bei uns, Jens, und ſprecht mit Hanna. Wo iſt ſie denn?. Hier Vater! antwortete eine klare Stimme. Eine dichte Laube, von Schminkbohnen umrankt, ſtand kaum ein Dutzend Schritte entfernt auf dem höchſten Punkte der Warft. Geht hinein, Jens, ſprach Peterſen, Ihr habt Hanna lange nicht geſehen, es wird ihr Freude machen. Ich glaube es kaum, murmelte Jens in ſich hinein, indem er dem Gebote folgte. Als er den offenen Eingang erreichte, ſaß Peter⸗ ſens Tochter vor ihm. Sie hatte ihre Arbeit in den Schooß gelegt, einen Haufen langer trockner Boh⸗ nen, die ſie aus den Hülſen löſte.— Groß und ſtark und ſtattlich, lächelte ſie ihm freundlich zu. Ihre blauen Augen glänzten in dem feuchten Glanze, der ſolche Augen ſo ſchön macht. Ein Hut von buntem Strohgeflecht deckte die Fülle ihres dunkelblonden Haars, deſſen ſtarke Flechten, von rothen Bändern durchzogen auf ihren Rücken fielen. Der rothe Rock mit gelben Säumen war frieſiſch ländlich, doch hatte die Erbtochter des reichen Beſitzers über Arme und Bruſt ein feines ſchwarzes Wollenjäckchen gezogen, und glich ſomit auf ein Haar Lina, als dieſe in Südfall Lornſens Entzücken erregte. Einige Augenblicke ſtand der junge Mann über⸗ raſcht, im raſchen Fluge ſeiner Gedanken wurde er zu Vergleichen hingeriſſen; aber was war dieſe kräf⸗ tige, volle Geſtalt gegen jene feinen ſchlanken For⸗ men, die unvergeſſen ihm vorſchwebten! Nimm es nicht übel, Jens, ſagte Hanna ihm die Hand reichend, wenn ich nicht aufſtehe und Dir ent⸗ gegen komme. Du ſiehſt, es geht nicht an. Hier iſt ein Platz, ſetze Dich zu mir und wenn Du etwa helfen willſt, ſo brauche Deine Hände. Du haſt es ſonſt wohl öfter ſchon gethan. Ich will Dir helfen, Hanna, erwiderte Lornſen halb beluſtigt, halb mißgeſtimmt über den Empfang, obwohl es lange her iſt, daß meine Hände andere Beſchäftigung fanden. Ich glaube es, rief ſie lachend, aber Du haſt es gewiß nicht verlernt. Wie lange haben wir uns nicht — 104— geſehen? Der Sommer iſt faſt vorüber. Im Früh⸗ jahr biſt Du zuletzt auf Silt geweſen. Und damals ſah ich Dich nur wenige Male, gab Lornſen zurück. Du warſt in Hamburg, bis kurz vorher, ehe ich Silt verließ. Drei Male warſt Du hier und eben ſo oft kamen wir zu Euch, erwiderte ſie. Du haſt es vergeſſen, ich habe es behalten. Am Tage Deiner Abreiſe be⸗ ſuchten wir Deine Eltern und wünſchten Dir Glück für die Heimkehr. Richtig, rief Jens lächelnd, es war ein finſtrer Regentag; wir wünſchten uns Wiederſehen im Son⸗ nenſchein. Und unſer Wunſch iſt erhört worden, fiel ſie ein, ihre freundlichen Augen auf ihn richtend.— Prächtig liegt der Tag auf Silt. Die Sonne iſt ſo warm, das Meer ſo blau, aber was haſt Du, lieber Jens? Du ſiehſt aus wie der finſtre Regentag; Deine Lip⸗ pen ſind ſo feſt geſchloſſen, Deine Stirn iſt wie ein Himmel voll Wolken. Du ſollſt froh ſein, wenn Du bei mir biſt. Ich bin auch froh, Hanna. Du haſt Dich in der Fremde recht verändert, ſagte ſie. Weißt Du damals, wie Du auf der Schule in Schleswig warſt, und ſpäter noch, als Du aus Deutſchland zurückkamſt, gab es kein freundlicheres Geſicht auf Silt, wie das Deine. Das Leben macht ernſthaft, Hanna, und ein Mann muß ja auch ernſthaft ſein. Die Frieſen ſind ein ernſtes Volk, erwiderte das Mädchen. In unſeren Einſamkeiten, und in der Stille unſeres Daſeins, im Kampfe mit der Natur, unter Arbeiten und Mühen mit der wilden See, zieht der Menſch ſich in ſein innerſtes Gehäuſe zurück, wie unſer alter Uhrmacher in Liſt ſagt; aber er braucht darum ſeinen Frohſinn nicht zu verlieren.— Ich weiß, was Dir fehlt, Jens. Nun, was fehlt mir denn? fragte er. Es geht Dir ſo ziemlich eben ſo, ſagte ſie, wie es mir in Hamburg gegangen iſt. Bei dem reichen Vetter hatte ich Nichts zu thun; die Menſchen mit ihrem Treiben waren mir unangenehm. Was ſie bewunderten, hatte keinen Reiz für mich; was mich ergötzte, machte ihnen geringes Vergnügen.— Ich fühlte eine Sehnſucht in mir nach Arbeit und Zufrie⸗ denheit, ein Unmuth plagte mich wegen Dinge, die ich nicht ändern konnte. Ich verſtand nicht und ward nicht verſtanden, und ſo geht es Dir auch, Jens. Du biſt unzufrieden. Was Du haſt, genügt Dir nicht, und was Du willſt, kannſt Du nicht erreichen. * Du haſt Recht, rief der junge Mann, den Blick lebhaft und durchdringend auf ſie richtend. Wunder⸗ bar, daß Du das weißt. Ich bin froh geworden, ſeit ich wieder hier bin, fiel Hanna ein. Und kein Wunſch nach dem reichen, bunten Leben der großen Welt iſt in Dir zurückgeblieben? Iſt ees denn nicht ſchön hier? fragte ſie lächelnd. Wir haben Alles, was ein Leben glücklich machen kann. Wir haben Arbeit und Ruhe, haben Sorge und Freude, haben Sonnenſchein und Stürme. Da draußen in Deiner großen Welt kennen und lieben mich Wenige. Hier kennen mich Alle und alle guten Menſchen ſind meine Freunde. Ich weiß, was mir jeder Tag bringt, und weiß darum meine Freuden und Gottes Güte um ſo beſſer zu ſchätzen. Und die Eintönigkeit dieſer Freuden macht Dich nicht gleichgültig? O ſagte ſie lächelnd, ich ſehe wohl, Lorenz Leve hat ſo Unrecht nicht, wenn er behauptet, der Ehrgeiz plage Dich, und von jung auf habe Deine Seele ſich mit kühnen Träumen gefüllt ein Mann zu werden, von dem die Menſchen viel und lange reden. Und wenn Lorenz Leve Recht hätte, wenn ich danach ſtrebte, mehr zu thun wie viele Andere und 4 — — 10 Kraft beſäße in Allem, was Recht iſt, voranzuſtehen, würde ich darum in Deiner Achtung verlieren? Gewiß nicht, rief Hanna und indem ſie den Kopf aufhob und mit warmen Blicken ihn betrachtete, fuhr ſie fort: Ein ſtolzer Mann, der ohne Menſchenfurcht das Rechte thut und für das Gute ſtreitet, iſt herr⸗ lich anzuſchauen. Aber, lieber Jens, Ehrgeiz und Durſt nach Ruhm und Größe haben Viele ſchon unglücklich gemacht und ganze Völker ins Verderben geſtürzt.— Es iſt eine ſchlüpfrige Bahn, wenn ich daran denke, faßt mich ein Grauen. Ich lobe mir den Mann, der in dem Kreiſe bleibt, den die Natur ihm angewieſen hat. Iſt er tüchtig und gerecht, ſo kann ſein ſtilles Wirken wohl mehr Gutes ſtiften, als auf dem großen Tummelplatze des Menſchen⸗ lebens und gewiß hat er auch mehr Freude davon, denn er ſieht ſein Wirken gedeihen, ſeine Mühen be⸗ lohnt und ſeines Lebens Zufriedenheit geſichert. Es muß auch ſolche Käuze geben, ſagte Jens mit einem ſchwachen Lächeln, indem er die Hand über ſeine Stirn deckte und ſein Haar zurückſtrich.— Weiſt Du, Hanna, daß ich nahe daran bin, den Wunſch meiner Eltern zu erfüllen, nach Silt zu ziehen, das Gut meines Vaters zu übernehmen und ein Bauer zu werden? — 108— Ich habe davon ſprechen hören, erwiderte ſie, und wenn Du es thuſt, wird wenig Zeit dazu ge⸗ hören, bis Du voran im Rathe und der erſte Mann im Lande biſt. Ich werde mein Feld bauen und meine Rüben pflanzen, rief der junge Mann mit ſpöttiſchem Aus⸗ druck. Ein großer Kaiſer hat dies für die würdigſte Beſtimmung des Menſchen erklärt, und große Dichter haben es beſungen. Deer Kaiſer und die Dichter hatten Recht, gab Hanna zur Antwort. Iſt der Frieden eines ſtillen Hauſes nicht viel mehr werth, als die Unruhe in Schlöſſern und Palläſten? Sieh hin, Jens, fuhr ſie umher blickend fort, iſt es denn nicht ſchön hier? Wo Du walteſt, ſagte er, ihre Hand ergreifend, wo der Geiſt der Ordnung liebend ſchafft, iſt es immer ſchön. Du wirſt Dein Haus auf feſte Ständer ſtellen, antwortete Hanna. Ja, ſprach er lebhaft, wenn ich es gründe, ſoll es mich ſo aufnehmen, daß ich nicht darin verzweifle. All' mein Ehrzeiz und meine Unruhe ſollen in Liebe enden, in ſtarker und treuer Liebe.— Was war und iſt es denn, was dem Menſchen in ſeines Hauſes Einſamkeit und Stille den Frieden ſcchert? Allein 1 — 109— mag er nicht darin wohnen, er muß ein Weſen ha⸗ ben, das ihn an dies Leben feſſelt, er muß Freuden haben, die ihn vergeſſen laſſen, was er für ſie aufgiebt. Was meinſt Du? fragte ſie lächelnd. Ich meine ein treues, herziges Weib, erwiderte Jens, das mit ſeiner Liebe alle Stürme zu ſänftigen und das Glück in den engen Raum des Hauſes zu bannen vermag. Hanna ließ ihm die Hand, die er feſt hielt. Das ſanfte Senken ihrer Augen wurde von einem leiſen Zittern begleitet, während das Verſtändniß beglückend ihr Geſicht belebte.— In dieſem Augenblicke rauſchte es in den Zweigen der Laube, der harte Schritt eines Mannes begleitete das Geräuſch, unmuthig wandte ſich Jens um. Es iſt Herr Heinrich Hilgen, rief Hanna. Will⸗ kommen, Herr Hilgen! Erſchreckt nicht vor dem un⸗ gewohnten Gaſt; Jens Lornſen iſt gewiß nicht aus Eurem Gedächtniß verſchwunden. Der alſo Angeredete blieb beim Eingange der Laube ſtehen. Es war ein friſcher ſchlanker Mann, ganz frieſiſch anzuſchauen, mit blondem Haar und lichten Augen, ſcharfem feſten Blick und kluger Be⸗ dächtigkeit. Es war ihm offenbar nicht ſonderlich angenehm, ſo unverhofft hier mit einem Dritten zu⸗ — 110— ſammenzutreffen, den er nicht erwartet hatte, aber nach einer augenblicklichen Stille merkte man nichts mehr davon. Er reichte Jens die Hand und ſagte zutraulich: Wie ſollte ich meinen alten Freund und Kameraden vergeſſen haben, obwohl es nur an ihm liegt; denn lange genug iſt es her, daß er mich nicht aufgeſucht hat. Sah ich Dich nicht, erwiderte Lornſen, ſo hörte ich doch von Dir, und was ich hörte war Gutes, das mich freute. Du biſt ein wackerer Mann, der es bei jedem Dinge zeigt, daß ihm das Wohl ſeiner Mitmenſchen ſo viel gilt als das eigene. Jeder thut was er kann, ſagte Hilgen indem er ſich ſetzte, und um Dein Lob Dir zurückzugeben, ſo habe ich auch von Dir nur Gutes gehört. Du hilfſt den Armen gegen die Reichen, nimmſt Dich der Ge⸗ drückten an, ſchaffſt ihnen Recht und fragſt nicht da⸗ nach, ob ſie zahlen können.— Dafür, verſetzte Jens lachend, bin ich der Armen⸗ advokat, der nicht vorwärts kommt, aber um ſo tiefere Blicke in die Verkehrtheiten und Schlechtig⸗ keiten des alten Unſinns zu thun vermag, den man Recht und Geſetz nennt. Aendere es, wenn Du kannſt, ſprach Hilgen. Legt Alle Hand ans Werk, gab Jens zur Ant⸗ wort. Das größte Unglück der Menſchen iſt ihre Trägheit, die ihr Rechtsgefühl getödtet hat und mit der ärgſten Tyrannei zufrieden iſt. Was ſchlecht iſt, ſagte Hilgen, wird wohl em⸗ pfunden, allein wer kann es beſſer machen? Ich weiß recht gut, was uns fehlt und daß die däniſche Herr⸗ ſchaft wie der Alp auf uns liegt; was hilft aber das Reden, wo es nichts fruchtet. Und doch, rief Jens, biſt Du es geweſen, der ſich hartnäckig und mehr wie einmal den Beſchlüſſen des Landvoigts widerſetzt hat. Weil er uns offenbar Unrecht that, in unſere herkömmlichen Rechte greifen wollte, erwiderte Hilgen. Weil er unſeren Handel erſchwerte, nützliche Werke des Raths hinderte und däniſch ſchalten und walten mochte. Und über die kleinen Fragen vergeßt ihr die großen, ſiel Jens ein. Ihr denkt nicht daran, daß jenſeit des Meeresarmes auch euer Vaterland liegt; daß euer Wohl von deſſen Wohl abhängt, daß ohne Stände und Vertretung des Volks, ohne Oeffentlich⸗ keit und politiſche Regſamkeit, ohne freie Preſſe und feſtes Zuſammenhalten ihr nimmermehr aus den Händen der Dänen kommen könnt. Lieber Jens, ſagte der junge Mann, ich habe — 112— immer dafür gehalten, daß jedem Menſchen das Hemd näher iſt als der Rock, und daß wenn der Sperling ein Adler werden will, ihm hier auf Silt nimmermehr die Flügel dazu wachſen.— Wir ſind ein armes, ſtilles Volk, haben viel zu thun, um unſre Deiche feſt und dicht zu halten, haben immer zu ſorgen um Felder und Vieh, Fiſchfang und Handel. — Wollen die Dänen uns weiter unterdrücken, ſo müſſen wir uns wehren ſo gut es geht, aber für allerhand Rechte zu ſtreiten, die wir nicht kennen, iſt unſere Sache nicht. Mit dieſer friedfertigen Geſinnung getreuer Unter⸗ thanen des Königs von Dänemark könnt ihr dem däniſchen Geſammtſtaat zur Zierde gereichen, rief Lornſen. O! nicht alſo, erwiderte Heinrich Hilgen. Wir ſind deutſchen Stammes, der König iſt unſer Herzog, wenn der Mannesſtamm ſtirbt, hält uns nichts mehr bei den Dänen. Das weiß Jeder, wir wollen's aber ruhig abwarten. Und womit wollt ihr denn die Trennung erzwin⸗ gen, wenn ihr bei Zeiten nicht dafür gerüſtet ſeid? Mit unſerem guten Recht! rief Hilgen, ſeine Au⸗ gen kühn aufhebend. Euer Recht, fuhr Jens fort. Ein däniſcher 2 — 113— Staatsrath ſagte mir vor wenigen Tagen, Recht ſei nichts, wenn man die Macht nicht beſäße, es geltend zu machen, und wahrhaftig er ſprach ein wahres Wort, deſſen Bedeutung euch klar genug werden wird. Wills Gott, ich ſeh es ein! ſagte der Bauer, aber was vorbereitet werden muß, dafür paſſen allein Männer wie Du einer biſt, Jens Lornſen. Du biſt ein Mann, der den Kopf hoch trägt, der ohne Furcht hintritt ſei's vor Bauer oder Fürſten, der viel ge⸗ lernt hat und es zu geben verſteht. Solche Männer muß ein Volk haben in ſchweren Zeiten, darum wundert's mich nicht, wenn Viele ſagen, Du würdeſt es weit bringen und hoch ſteigen. Vielleicht bis zum Voigt von Silt! lachte Jens. Nein, bis hinein in die deutſche Kanzelei, ja wohl bis zum Miniſter. O, Tollheit! rief Lornſen. Hör' zu, Heinrich, was ich will. König will ich werden, König in meinem Hauſe, und alle meine Unterthanen ſollen ſo zufrieden ſich ſatt eſſen, daß ſie an keinen Abfall denken. Weißt nicht, Heinrich Hilgen, ſagte Hanna, daß Jens Lornſen beſchloſſen hat, ganz bei uns zu woh⸗ L. 8 — 114— nen, ſeines Vaters Gut zu nehmen und ein Bauer zu werden. Iſt das wahr? fragte Hilgen erſtaunt. Zweifelſt Du daran? erwiderte Jens. Mit Recht, ſagte der junge Mann. Du biſt nicht dazu gemacht, um den langen Winter auf der Warft zu ſitzen, oder Deinen Acker zu beſtellen. Ich weiß, als wir Knaben waren, flogen Deine Gedanken ſchon weit über Silt hinaus, was ſollte Dich jetzt nun bewegen können, Dich aufzuzehren in einem Leben, das Du nicht ertragen wirſt. Du glaubſt es, ſagte Lornſen. Es wäre gerade ſo, rief Heinrich Hilgen lachend, als ſollte ich hinaus in die große Welt, ein Advokat oder ein Bücherſchreiber, oder gar ein Staatsmann werden, der im Rathe ſitzt. Jedes Menſchenleben hat ſeine Beſtimmung, Freund Lornſen, und ſeinen Ehrgeiz. Der meine iſt meine Demat Land, die ich erbte, in Stand zu halten, meinen Handel zu beſſern, meine Pflichten ſtill zu erfüllen; Dein Weg, Jens, geht in die Weite. Wollteſt Du Dich zwingen ihm zu entſagen, würde Unglück Dich verfolgen. Nun Hanna, ſprach Lornſen ſpottend, haben Kaiſer und Dichter noch Recht? Ich weiß nicht, was Du fragſt, gab Hilge „† 14 Antwort als Hanna ſchwieg, wenn Du aber meinſt, auch ein Kaiſer könne als Bauer glücklich ſein, ſo mag es geſchehen, wenn er die Kraft nicht mehr fühlt Kaiſer zu bleiben. Sieh unſere Schiffskapitäne, die hier auf ihren Gütern ſitzen oder vor Anker liegen, wie ſie ſagen. So lange ſie jung und rüſtig waren, trieb es ſie fort über alle Meere, und erſt als das Alter kam, blieben ſie auf der Warft hängen und können doch nimmermehr vergeſſen und abthun, was ſie geweſen ſind. So muß ein Mittel gefunden werden, um mich, jung wie ich bin, ſchon ſo weiſe zu machen, das ſtille Leben zu ertragen, rief Jens aufſtehend. Ueber⸗ lege, Heinrich, was ich thun muß, vielleicht fällt Dir etwas ein; vielleicht thut es eine Frau, die mit ihren weichen Armen mich feſthält. 1 Heinrich Hilgen ſah ihn ſtarr an, eine jähe Röthe ſchimmerte durch ſein braun gebranntes Geſicht. Eine Frau, ſagte er, ja, eine Frau kann Vieles. Sie kann einen Mann umwandeln— ich will's Dir und ihr wünſchen.. Hier wurde das Geſpräch unterbrochen, denn der Beſitzer des Hofes, Peter Peterſen, ließ draußen ſeine Stimme hören, und in der nächſten Minute trat er 8*½ — 116— herein, den Springſtock in der Hand, die Jacke, der Hitze wegen, über den Arm geworfen. Wo der Herr nicht iſt, gehts nicht, rief er, nach⸗ dem er ſeine Gäſte begrüßt hatte. Ueberall muß er ſein und Hand ans Werk legen. Der Bauer kann nie den Herrn ſpielen, erwiderte Hilgen. Haſt Recht, Heinrich, gab Peterſen zur Ant⸗ wort. Haben freilich Viele, die es ſich bequem machen, beſonders in den fetten Marſchen und auf den Grashöfen an der Eider und in den Dithmar⸗ ſchen. Sehen da die jungen Bauernſöhnenin ſeide⸗ nen Schlafröcken und Troddelmützen den Vormittag über zum Fenſter hinaus und fahren Nachmittags in der Chaiſe ſpazieren. Haben in Deutſchland ſtudirt und ſind dann auf die hohe Schule nach Paris gegangen; ſprechen Franzöſiſch wie Waſſer, reiſen zum Winter in die Stadt, können's Leben nicht ertragen auf der Warft. Langweilen ſich über⸗ all und wiſſen keine andere Freuden, als Geld ver⸗ thun und am Tiſche ſitzen, wo ihnen nichts gut ge⸗ nug iſt. Sie haben Mittel und Zeit dazu, ſagte Hilgen. Es giebt dort Manche, die hundert Tau ſend Thalii und mehr beſitzen. 4 N — 112— Bah! rief Peterſen, darauf kommt es nicht an. Giebt auch anderswo Leute, die tief in volle Ta⸗ ſchen faſſen können, wenn ſie wollen. Aber ein einfaches Leben voll Fleiß und Arbeit iſt beſſer, als ſchwelgen und müßig gehen.— Wollte es ihnen beibringen, wenn ſie mein wären, fuhr er fort, wollte ſie anders erziehen und ſie zu Bauern ma⸗ chen. Schicken die Mädchen jetzt in die Penſions⸗ anſtalten nach Hamburg, von wo ſie als Damen zurückkommen mit Seidenhüten, Handſchuhen und Locken.— Habe erſt neulich von Einem gehört, der ſeiner Tochter einen Flügel aus Paris verſchrieben hat für 800 Thaler, auf dem ſie nun den ganzen Tag ſingt und ſpielt, daß alle Hunde heulen und alle Hähne ſchreien. 3 Jens hatte ſtill zugehört, wie Einer, der ſich ſeinen Gedanken überläßt. Die Arme über ſeiner Bruſt ge⸗ kreuzt, richtete er die Augen auf Hanna, welche ihre Arbeit vollendet hatte und die Bohnen nun in einen großen Korb ſchüttete. Haſt Du keinen Unterricht in der Muſik genom⸗ men? fragte er. 1 Ich habe ess verſucht, erwiderte ſie, aber es wurde nichts daraus. Eine Singſtimme, aus der ſich etwas machen ließe, hat mir der liebe Gott nicht — 118— gegeben. Opernarien konnte und mochte ich nicht lernen, ſo iſt es denn bei dem geblieben, was ich von dem guten Lorenz Leve profitirte, und das iſt nicht weit her. Iſt genug, ſagte Peterſen, um unſern Morgen⸗ geſang zu beſtreiten. Den ſingſt Du klar und hell, wie eine Lerche, Hanna. Und dazu manches kleine Lied aus alter Zeit, wie es Fiſcher und Bauern brauchten, fügte Hilgen hinzu. Sie ſoll Eins ſingen, rief der Hofbeſitzer. Es iſt Zeit, daß wir in's Haus gehen, bei der Mit⸗ tagshitze kühl ſitzen, und an Mund und Magen denken.— Leg' auf, Mädchen, was Du haſt; zeig' uns, wie es in Deiner Vorrathskammer aus⸗ ſieht und laß den Peter Peterſen nicht zu Schan⸗ den werden. Hanna nickte ihm zu und ging davon.— Peter⸗ ſen ſetzte ſich nun zu ſeinen Gäſten und bald war er in ein lebhaftes Geſpräch mit Hilgen über die Erndte, die Korn⸗, Bohnen⸗ und Erdtoffel⸗Preiſe, über den nächſten Markt in Tondern, über jütländi⸗ ſche Schweine und über das diesjährige Gräſen des Schlachtviehes verwickelt.— Lornſen nahm keinen Theil daran, er verſtand Nichts davon. Ein Paar — 119— allgemeine Fragen wurden ihm kurz beantwortet; endlich ſtand er auf und ging zwiſchen den Blumen⸗ beeten umher, bis Hanna vor der Thür ſeinen Na⸗ men rief und ihm winkte. Was ſiehſt Du ſo ernſthaft aus, lieber Jens, ſagte ſie, und woran denkſt Du? An Dich, Hanna, und an mich. Was war es denn? fragte ſie. Ich dachte, ob es wahr ſei, was Hilgen ſagte, und ob ich es wohl je dahin bringen könnte, ein Mann zu werden nach ſeinem Geſchmack. Mußt Du denn nach ſeinem Geſchmack ſein? rief ſie lachend. Nun denn, nach Deinem Geſchmack, Hanna? Wiſſe, ſagte ſie halb leiſe und ſich zu ihm neigend, ein Mann kann Alles, was er will, und wiſſe auch, daß mein Vater der iſt, der über mich gebietet. Ich will Dich jetzt verlaſſen, erwiederte er, lebe wohl! Geh nicht, flüſterte ſie erſchrocken; Du würdeſt den Vater beleidigen. Beleidigen? Warum? Haſt Du die Sitte ſo ganz vergeſſen, rief ſie, daß man nicht gehen darf, wenn man eingeladen iſt — 120— ins Haus zu treten, wo der Tiſch bereit iſt? Wo⸗ hin willſt Du denn auch? Gleichviel wohin, rief Jens, es iſt mir, als müßte ich fort; aber Du haſt Recht, ich werde bleiben. Hanna warf einen bangen, beſorgten Blick auf ihn. Du biſt doch nicht krank? fragte ſie beſorgt. Nicht doch, erwiderte er, aber er konnte das An⸗ ſchauen nicht ertragen. Er wandte ſich fort, um die Verlegenheit zu verbergen, die er dieſem unſchuldigen Kinde gegenüber empfand und war froh, daß Peter⸗ ſen und Hilgen eben aus der Laube traten. Bald ſaßen ſie Alle an dem Tiſche, der mit mancherlei Speiſen beſetzt war, auch an Wein fehlte es nicht, und Lornſen ſchien gewaltigen Hunger zu haben, denn er miſchte ſich wenig in die Unterhaltung ſeiner Nach⸗ barn, welche fortgeſetzt über Dinge geführt wurde, die ihm geringen Antheil abnöthigten. Endlich, nachdem er über Haus⸗ und Wirth⸗ ſchaftsgeſchichten, Familienleben und Perſonen, die er wenig kannte, Langes und Breites gehört hatte, rief Peterſen, ſein Glas erhebend: Und nun ſtoßt an, Jens, auf ein Willkommen im Lande und glückliches Gedeihen. Möge Alles, was Ihr vor⸗ habt, Segen bringen, und was Ihr beginnt, im Gu⸗ ten enden! — 121— Die Gläſer klangen; Peterſen ſah lächelnd zu ſei⸗ ner Tochter hinüber, als Jens ihr etwas zuflüſterte, dann ſagte er: Nun ſing uns ein Lied, Hanna, ſinge das Lied vom treuen Uve, der ſich nach Silt ſehnt und nach dem Heerde, wo Mary den Faden ſpinnt und wartet. Ohne Widerrede ſetzte ſich Hanna an das kleine alte Klavier. Es war ein jämmerliches Ding mit ſchnarrenden dünnen Saiten, und Hanna's Stimme ohne vielen Klang und Stärke, aber das einfache Lied mit ſeiner klagenden, weichen Melodie, und das melancholiſche Ende, denn auf der wilden See ver⸗ ſinkt Uve's Schiff und nie kehrt er zurück, machte einen tiefen Eindruck. Schweigend ſaß Jens und folgte den Worten und Tönen. Es kam ihm vor, als hätte Hanna ſchön und ausdrucksvoll geſungen, und wie ſie auf⸗ hörte, ruhte ihr Blick auf ihm und es war ein Blick voll Liebe, Schmerz und Zweifel wie um Ei⸗ nen, der in's wilde Meer ſtürzen und auf ewig ver⸗ ſinken will. Bravo, Hanna! rief der Vater, haft geſungen, daß Jens ganz gerührt davon ausſieht. Aber nun, Jens, komm und ſieh mein Haus an, ob es Dir gefällt. Habe Manches neu gebaut und meinen — 122— Viehſtand groß gemacht; doch wie Hanna darin wal⸗ tet, wie ſie es ſauber hält und blank, he, das wird Dir noch beſſer behagen. Er gab ihm lachend die Hand und führte ihn hinaus. 6. Zwei Wochen war Jens Lornſen im Hauſe ſei⸗ nes Vaters und eifrig wurde von mehr als einer Seite daran gearbeitet, ihn ganz für den Plan zu ſtimmen, den man entworfen hatte, um ihn zum reichſten Eigenthümer auf der Inſel zu machen. Mit Hülfe einer jungen ſchönen Frau, die ihn liebte und deren häuslich kluges, verſtändiges Weſen ihm zur Seite ſtehen und feſſeln würde, glaubte man ge⸗ wonnenes Spiel zu haben und alle Unſchlüſſigkeit zu beſtegen. Der ſtolze und unruhige Geiſt, der in Lornſen wohnte, bedurfte offenbar Zeit, um ſich zu unterwer⸗ fen. Erregter als je, war er den verſchiedenſten Stimmungen verfallen. Bald ſah man ihn froh und 123— — ebenswürdig, mild und unbefangen, wie ein Kind ſich den Eindrücken hingeben, und Jeder, der ihm nahe kam, fühlte ſich durch ſeine Erſcheinung ſowohl, wie durch ſein Weſen in gleicher Weiſe angezogen, bald wieder fand man ihn verſchloſſen und ernſt ſich zurückziehen, und vergebens erwarteten ihn ſeine Frreunde.— Durch Körperkraft und Schöne, wie durch ſeine hohe Geſtalt ragte er weit über alle An⸗ deren hervor; durch ſeine geiſtige Tüchtigkeit, ſeinen Rath und ſeine Willensſtärke hatte er ſich Achtung erworben, und ſelbſt in ſeiner eigenen Familie wurde ihn dieſe in ſolchem Maaße zu Theil, daß eine ge⸗ „ wiſſe Scheu jeden Mund ſchloß, wenn er ernſt und ſcheu um ſich blickte. Faſt jeden Tag aber beſuchte er Peterſens Haus und bei der Verabredung, die zwiſchen den Familien geetroffen war, wurde er dort mit ſteigendem Wohl⸗ wollen empfangen. Der Vater betrachtete ihn als ſeinen Schwiegerſohn, die Tochter als ihren Bräu⸗ tigam und ohne daß das entſcheidende Wort fiel, wußte doch Jeder, daß Jens an einem beſtimmten Lage ſeinen Antrag machen und was dann geant⸗ goortet werden würde. Mit der Ruhe der Gewiß⸗ heit mochte man es abwarten, die jungen Herzen inzwiſchen ihr Spiel treiben laſſen, in der Stille — 124— aber für Alles ſorgen und überlegen, was noth⸗ wendig war. Peterſen hatte ſeine Freude, mit welchem Ernſt und welcher Verſtändigkeit Jens jedes Ding zu er⸗ greifen verſtand. Es zeigte ſich, daß er nicht allein aus Büchern viel gelernt hatte, und daß er ein küh⸗ ner Seemann ſein konnte, er redete auch vom Land⸗ bau mit Einſicht und wo er Hand anlegte, gleichſam um zu zeigen, daß er das auch könne, bewunderte man ſeine Geſchicklichkeit und ſeine Kraft, mit der es Keiner aufnahm. So vergingen die Tage, aber ohne daß es ein Menſch zu merken ſchien, wuchſen Unruhe und Zweifel in der Bruſt des jungen Mannes. Nie⸗ mand ſah, wie er zuweilen mehrmals ging und um⸗ kehrte, ehe er ſich entſchloß den Weg zu Peterſens Haus ernſtlich anzutreten. Mit gewaltſamen Ent⸗ ſchlüſſen zwang er ſich zum Nachdenken, dann kam die Lebensphiloſophie ſänftigend über ihn. Er warf die Anfechtungen fort, und wenn er bei Hanna ſaß, mit ihr ſprach, in ihre treuen großen Augen blickte, ſtrömte ihre Ruhe über ihn hin und richtete ein Bild der Zukunft vor ihm auf, das Glück verheißend ihn erwärmte. Er ſah wohl ein, daß die Stunde der Entſchei⸗ — 125— dung an ſeiner Thür ſtand und daß ſie ſelbſt un⸗ gerufen kommen werde, vom Zufall herbeigeführt, wenn die Abſicht zu lange zögere.— Unentſchloſſen hatte er ſchon mehr wie ein Mal zu der bindenden Erklärung den Mund geöffnet, und immer war der Augenblick vergangen, immer war etwas hindernd dazwiſchen getreten. Er wußte wohl, daß Hanna und Alle dies Wort erwarteten und unwillig gegen ſich ſelbſt wollte er den Zwieſpalt enden. „Ein ſchöner Tag war gekommen, wolkenlos hing der Himmel über Meer und Land, als Jens ſeines Vaters Haus verließ.— Ein Gewehr über der Schulter und die Jagdtaſche am Gürtel, nickte er ſeiner Mutter freundlich zu, die ihm nachſchaute. Wohin willſt Du? fragte die Frau. Zur Jagd, Mutter, rief er zurück, ich denke einen glücklichen Schuß zu thun. Haſt etwas Großes auf dem Korn, Jens? Einen ſeltenen Vogel, Mutter, den ich Dir mit nach Haus bringen werde. So geh mit Gott, mein Sohn, rief die Frau freudig lachend, ich merke wohl, wohinaus die Jagd geht. Bring mir Deinen Vogel, ich will ihn lieb haben und ſchmeicheln, aber ſieh wohl zu, Jens, daß ihm kein Leid geſchieht. Laß das Gewehr zu Haus. „ — 126— Warum denn, Mutter? Man ſoll mit Waffen nicht auf den Vogelfang gehen, ſoll's mit dem Stellnetz thun, um Unglück zu verhüten,— ſo ſtehts im Landrecht, ſprach die Mutter ſcherzend. 4 Prophezeie Gutes, erwiderte Jens, indem er die Warft hinabging und mit raſchen Schritten die Deiche hinauf und durch die Wieſenwege Peterſens Haus zueilte. Nach einiger Zeit aber hörte er hin⸗ ter ſich den Paß eines Roſſes und eine Stimme, die ſeinen Namen rief.— Er blickte um uud er⸗ kannte den Pfarrer Lorenz Leve, der ihn bald er⸗ reicht hatte. Wo hinaus, Jens? fragte der alte Geiſtliche. Hat der Herr Advokat ſich noch nicht beſonnen, wo⸗ her er die Gründe nehmen ſoll, um den ſchwarzen Rock mit der blauen Jacke umzutauſchen? Ich bin eben dabei die wilden Kaninchen in den Dünen und die Strandhaſen danach zu fragen, er⸗ widerte Jens. Hört, rief Leve, Ihr ſeid der unbeſonnenſte, trotz⸗ köpfigſte Frieſe, der mir jemals vorgekommen iſt. Man rühmt es dieſem Volke nach, daß es kar über die See durch allen Nebel ſieht und die Wahrheit erkennt, mag noch ſo viel Blendwerk und Flunker ſie 5 — 127— umgeben. Ihr aber habt von dem Erbtheil Eurer Väter nichts abbekommen. Warum denn nicht? fragte Jens beluſtigt. Weeill Ihr ſonſt nicht mit der Flinte auf dem Nacken umherlaufen, ſondern Beſſeres zu thun wiſſen würdet. Und was könnte der Herr Pfarrer mir Beſſeres zuweiſen? 3 Wie, Jens, ſprach der alte Mann ſpöttiſch, ſeinen kleinen Hut bei der Krempe umdrehend, das darfſt* Du fragen?— Stehſt wie der Eſel zwiſchen Heu und Stroh, um zu verhungern, weil Du nicht weißt, wohin Du beißen ſollſt.— Blitz, Strahl und Stern! Willſt ein Mann ſein, der den Kopf hoch trägt und hängſt ihn ſo tief daß die Buben Dich ans Haar faſſen können. Wer faßt mich an? gab Jens lebhaft zur Antwort. Nun, wenn es kein Anderer thut, ſo thue ich es, ſagte der Pfarrer. Kommſt mir gerade recht in den Weg, um Dich ins Gebet zu nehmen; denn ich will nicht leiden, daß etwas geſchieht, was nicht ver⸗ antwortet werden kann von Jens Lornſen, den ich von Kindesbeinen an als einen tapferen, ſtolzen Burſchen kenne. .— Und was glaubt Ihr denn, lieber alter Freund, was jetzt falſch und unrecht an mir wäre? fragte Lornſen. Höre, Jens, ſagte Lorenz Leve, ich kenne Dich beſſer wie Andere und ſehe mitten in Dein Herz hinein, als wäre ich ein Gott, während ich doch nur ein armer alter Knecht des Herrn bin.— Du biſt im Begriff, entweder etwas ſehr Dummes oder ſehr Kluges zu thun, je nachdem man es nimmt. In den Augen der Manſchen iſt aber Manches ſehr klug, was im Grunde dumm, wo nicht gar ſchlecht iſt, und umgekehrt ſchlecht und dumm, was ſehr weiſe und gut ſein kann. Und was ſieht der gottähnliche, weiſe Herr Paſtor denn mitten in meinem ſündigen Herzen? fragte Jens. Einen Kampf um Gutrs und Böſes, um Ge⸗ rechtes und Ungerechtes, rief der alte Mann und es ſoll mich wundern, wer dabei Sieger bleibt. Ich bin eben auf dem Wege, um dieſem Kampf ein Ende zu machen, ſprach Jens. Hab's gedacht, fiel der Pfarrer ein, aber laß Dir ſagen, Jens: die Stimme mit der Du das ſagſt, klingt ganz ſo, als ob's nicht wahr wäre und Du wollteſt es Dir ſelbſt nur vorreden. Nun ſag —— — 129— ich Dir, man kann die ganze Welt täuſchen, aber gegen ſich ſelbſt muß man aufrichtig ſein. Die Menſchen machen es freilich ſo und darum eben iſt ſo viel Lug und Trug auf Erden. Sagte Jeder zu ſich ſelbſt, was ich da thue iſt unrecht, iſt falſch, iſt ſchlecht, ſo würden die Könige und ihre Räthe we⸗ niger ſündigen und mancher andere Mann mit ihnen. Allein Jeder lügt ſich vor, er handle Recht, oder er müſſe ſo handeln, oder es ſei klug ſo zu handeln und daraus entſteht das Lügengewebe, das ſelbſt das Schlechteſte zu rechtfertigen weiß. Ich weiß nicht, wohinaus die Moral des Herrn Pfarrers zielt, ſprach Jens gezwungen lachend. Du weißt es wohl!, rief Lorenz, und weil Du es weißt, will ich kein Wort weiter ſprechen. Wähle, welchen Weg Du willſt. Du ſtehſt hier am Scheide⸗ wege. Dort liegt Peterſens Haus, da geht es in die Dünen hinein. Wähle zwiſchen dem friedlichen ſtillen Leben und dem unruhigen wüſten Treiben des Sandmeers, das der Sturm durchwühlt. Was Du aber auch thun magſt, wähle, daß es Dich nicht reut, und wenn es Dein Unglück nicht ſein ſoll, laß auch nicht zu, daß anderer guten Menſchen Glück dabei zu Grunde gehe. Miit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde einen I. 9 — 130— Schlag und trabte voran, ohne ſich weiter nach Lornſen umzuſchauen. Eine kurze Zeit ging dieſer noch auf dem Wege vorwärts, dann bog er ab und über die Deiche hin, weit an Peterſens Beſitz vorüber, wanderte er den mächtigen Dünen zu, die das Meer in ſeinen ewigen Kämpfen aufgethürmt hat, um ſich ſelbſt ein Ziel zu ſetzen.— Nach einiger Zeit war er im Bereich der unwirthlichen Wüſte, gegen welche der Fleiß der Menſchen ſich zu ſchützen ſucht, ſo gut es angeht. Ein paar verlaſſene Wohnungen, deren Reſte aus dem Flugſande hervorragten, bezeugten, daß einſt der belebende Athem der Natur ſich auch hierher er⸗ ſtreckt hatte, bis er ausgelöſcht worden war vom Fluche ewiger Unfruchtbarkeit. Der feine Sand lag zuſammengeweht an den verlaſſenen Mauern und rieſelte langſam durch hohle Fenſter hinein, bis er endlich alle Räume ausgefüllt hatte und nichts mehr zu erblicken war, als ein unförmiges, wellenartiges Grab. Aehnliche Hügel bildeten eine Kette, bald höher, bald niedriger, welche weithin die Küſte ein⸗ faßte. Bei jedem Windſtoß wirbelte der Sand em⸗ por, hoch in die Lüfte, kein Halm, keine Lebensſpur war zu entdecken. Langſam klomm Jens durch die öden Thäler dieſer Wüſte weiter. Die Stille des Todes herrſchte darin. Wohin ſein Fuß tief ſinkend trat, es rieſelte leiſe die Spur hinter ihm zuſammen. Dann und wann brach ein Luftſtrom von der See herein, raſchelte in den dürren Ranken, die da und dort an geſchützten tiefen Stellen ſtanden und brachte einen Vogel zum Auffliegen, der ſchweigend in die Luft ſtieg und verſchwand. Es hat etwas ſeltſam Beängſtigendes, dies uner⸗ meßliche Landmeer, wo Hügel an Hügel liegt, alle blendend weiß, alle ohne Leben und doch ſo lebendig. Wo heute ein Berg iſt, findeſt Du ihn nach wenigen Wochen kaum mehr, was ein Thal war, iſt aufge⸗ wachſen, wo eine Spitze ſich erhob, iſt ſie fortgeweht, wo Halme und Ranken ſtanden, hat der fliegende Sand ſie tief begraben. Oft aber ſind die Dünen auch feſter geworden und nach der See zu hat der menſchliche Fleiß ſie in Aufſicht genommen und hält ſie in Ordnung, um Haus und Leben zu ſchützen. Hürdengeflechte halten den Sand auf, daß er nicht fortgeführt werden kann, mit Tang und Gerüll wird er gemiſcht, damit ein mattes Grün ſeine Wurzeln darin verſchlinge, Tiefen werden ausgefüllt, um die natürtichen Bollwerke gegen die wilde See zu ver⸗ ſtärken. Als Jens eine der höchſten Dünenſpitzen . 9* erreicht hatte, ſetzte er ſich nieder und ließ ſeine Blicke lange über die feſſelnden, wunderbaren Gegenſätze der Natur ſchweifen, die ſich vor ihm aufthaten. Da lag der blendende Dünenwall lang ausgeſtreckt in ſeinem Grabesſchweigen, und ſchied das blaue Meer von der grünen ſegensvollen Marſch.— Kein Brauſen der Brandung, kein hohles Rauſchen, kein Ton unter⸗ brach die Stille. Das Meer hatte ſich weit zurück⸗ gezogen, ſo weit, daß das Auge kaum erkennen konnte, wo der weiß gekräuſelte Strich begann, der wie im Faden von Silber herüberglänzte. Es war tiefe Ebbezeit, der Grund blos gelegt und bier gerade bildeten die Dünen ein weites Becken von Hufeiſen⸗ form, das eine Bucht einſchloß, die auf eine Stunde Breite nur trockenes Land zeigte. Auf der andern Seite aber lag die Marſch grün und duftig. Das Vieh weidete in großen Schaaren darin, aus der Ferne ſtieg die Spitze eines Kirch⸗ thurms auf und in ungewiſſen Abriſſen zeigten ſich die Häuſer eines Dorfs. Schwärme von Seevögeln aller Art deckten ganze Flecke der reichen Grasebene, als wüchſen weißſchimmernde Blumen dort. Die großen Kubben und Möven flogen hin und her, Backern und Liapen und zahlloſe wilde Enten zogen da und dort hin, kamen näher und verſchwanden. Ihr Geſchrei drang von Zeit zu Zeit verhallend bis zu dem einſamen Mann, der im tiefen Nachſinnen bald auf Meer und Dünen, bald auf die ſtillen Höfe in der Marſch blickte. Ueber ſeinem Kopfe zogen zwei Seeadler lautlos ihre Kreiſe und aus dem Schooße der Sandberge ſchlüpften wilde Kaninchen, richteten ſich vor ihm auf und ſtürzten ſcheu in ihre Höhlen zurück, als ſie ihn ſprechen hörten. Alter Lorenz Leve, rief Jens nach einer langen Zeit, das meinſt du alſo, ſei die Welt, die mich er⸗ wartet?! Eine Sandwüſte, in der keines Menſchen Fuß eine Spur zurück läßt, in der nichts Gutes ge⸗ deiht; die ſchreckliche Verödung, in welcher Alles ſtirbt und nichts athmen und leben kann, als Raub⸗ vögel und ärmlich Gethier, das ihre Speiſe wird. Dort aber in der grünen Marſch, könnte ich friedlich wohnen und alt werden, beglückt mehr als Viele, geehrt und geliebt von Allen. Und wenn ich einſt todt bin, werde ich bei denen ſchlafen, die mich ge⸗ boren haben, von denen beweint, die mich Vater nannten und mein ganzes Herz erfüllten. O! welch Bild, welch Bild! und doch will ich mehr und for⸗ dere mehr!. Er ſtützte den Kopf mit beiden Händen und ſah in die ſchrankenloſe Weite, wo Himmel und Meer verſchmolzen; plötzlich aber ſprang er auf und richtete mit ſteigender Theilnahme ſeine Aufmerkſamkeit auf einen näheren Gegenſtand. Von der gegenüber lie⸗ genden Spitze der großen Bucht war ein Mann in den blos gelegten Grund des Meeres hinabgeſtiegen, der dort irgend etwas ſuchen mochte. Er war weit hinaus gelaufen und ſchien noch immer nicht ſtill⸗ ſtehen oder umkehren zu wollen. Der Narr! rief Jens, nachdem er einige Minuten lang ihn betrachtet hatte; ſieht und fühlt er nicht, daß die Fluth in der Rückkehr begriffen iſt?! Es iſt ein gewöhnliches Schauſpiel in Zeiten der Ebbe den meilenweit blosgelegten Meeresgrund von Menſchen durchirren zu ſehen, die in den Rinnen und Löchern, Krabben, Rochen und allerlei Meergeſchöpfe ſuchen.— Die Schlickläufer mit ihren Säcken, oft ſogar zu Pferde, ziehen weit hinaus, um ihr Glück zu verſuchen und kehren nicht ſelten, durch reichen Fang belohnt zurück. Zuweilen hat das Meer ſogar aus unbekannten Flötzen große Stücke Bernſtein los⸗ geeriſſen, die gut verkauft werden können, aber wehe dem Unbeſonnenen, der ſich von der rückkehrenden Fluth und dem Nebel überraſchen läßt, der häufig urplötzlich aufſteigt und das rettende Land einhüllt. 2* 7 — —— — 135 Jens beobachtete den Schlickläufer. Der Mann war ganz allein und ging im weiten Bogen um die Bucht. Zuweilen blieb er ſtehen und ſah ſich nach dem Lande um, dann ſchritt er wieder vorwärts, un⸗ terſuchte mit ſeinem Stocke den Grund, ſprang über Rinnen die ihm den Weg ſperrten und entfernte ſich ſtets weiter. Nach einiger Zeit ſchien es, als ob über den bis dahin ganz heiteren Himmel ſich ein feiner durchſich⸗ tiger Schleier ausſpannte. Die Sonne nahm ein röthliches Licht an, dann glänzte ſie wieder hell wie zuvor, um nach einigen Minuten ſich von Neuem dunkler zu färben. So eilig er konnte, lief Jens von der Dünen⸗ ſpitze herunter und an der Bucht hin, bis zu ihrem äußerſten Ende. Was er erwartete erfüllte ſich jedoch ſchneller, als er gedacht hatte. Die feinen Nebel, welche die Sonne zu umſpielen ſchienen, waren in wenigen Minuten ſo dicht geworden, daß die dunkel⸗ rothe Kugel kaum noch zu erkennen war.— Das Land hinter ihm, die Dünen und die grünen Wälle der Marſch lagen lieblich erleuchtet, der Nebel ruhte nur auf Vorland und Watten, aber er verdichtete ſich mit jedem Augenblick mehr und hüllte weit die ganze Küſte ein. b Welch ſeltſames Schauſpiel! rief der junge Mann. Wer wird es glauben von euch, die ihr ſicher im ruhigen Lande wohnt, daß wenige Minuten hinreichen, um hier wie mit Zauberei Tag in Nacht zu ver⸗ wandeln. Es fehlte nur noch, rief er erſchrocken, indem er ſeinen Fuß auf den weich werdenden Meeres⸗ grund ſetzte, daß die verrätheriſche Fluth vorzeitig zurückkehrte, wie ſie es oft thut, wenn ſie ihren grauen ſchrecklichen Bundesgenoſſen, den Nebel mit⸗ bringt,— und plötzlich hielt er inne, legte die Hand an ſein Ohr und hörte ſcharf einige Augenblicke auf ein leiſes dumpfes Stöhnen, das ein plötzlicher Wind⸗ ſtoß herbeizuführen ſchien. Er iſt verloren! ſchrie er heftig und laut, die Fluth kommt eine volle Stunde früher. Eilig lief er eine kleine Strecke in den Nebel hinein und ſchmetterte ſein Halloh dem Winde entgegen, der vom Meere hereinwehte und den Ton zurückwarf. Plötz⸗ lich aber öffnete ſich ein Spalt in dem grauen Ge⸗ birge, wie eine Gaſſe zwiſchen ſenkrechten Wänden. Jenſeit leuchtete das heitere Sonnenlicht, der Himmel war rein und blau, der Boden des Meeres lag ſo klar und trocken, als drohe nirgend Gefahr. Der Blick konnte bis in die weiteſte Ferne dringen, an deren Grenzen ein welliges dunkles Etwas ſich zu — 137— ſtrecken und zu winden begann, wie ein ungeheuerer Leviathan, der, während er ſchlief ſich in Netzen ver⸗ ſtrickte und nun erwacht, mit den Schlägen ſeiner Floſſen ſich frei zu machen ſucht. Hierher! hierher! rief Lornſen, der jetzt den Schlick läufer entdeckte, welcher ſo ſchnell er konnte, dem Lande zueilte. Er hat gute Beine, ſagte er, aber das graue Geſpenſt wirft ſchon ſeine Schlingen aus, bald genug wird es ihn feſthalten. Und während er ſprach, wälzte ſich eine Wolke hinter dem Flüchtlinge her, der wie ein gehetztes Wild ihr zu entgehen ſuchte. Von allen Seiten ſchoben ſich Nebelmaſſen über den ſchwarzen Grund, als wollten ſie ihm den Weg abſchneiden. Bald ſuchte er ihnen zu entgehen, bald brach er ſich den Pfad durch ſie hin, dann ſprang er in großen Sätzen über die Löcher, dann fiel er wieder und richtete ſich mit verzweifelnder Eile auf. Nach wenigen Minuten aber war er von den düſteren Dämpfen eingeſchloſſen, nur ſein Kopf ragte noch daraus Rrvor und wie trium⸗ phirend über den gelungenen Fang, wirbelten die bleichen Säulen, gleich ungeheuren Armen, über ihm empor und löſchten das Licht der Sonne aus. Bei dieſem Anblick ſprang Jens von der letzten Sandſcholle, auf welcher er ſtand, in die Nebelſchicht, — 138— deren Spalt noch immer geöffnet war, und ohne ſich zu bedenken, lief er durch ſie hin weit in die Watten hinaus, immer in derſelben Richtung auf den Schlick⸗ läufer los. Hinter ihm aber ſchloß ſich das Thor zu, als hätten böſe Geiſter nur darauf gewartet. Er achtete es nicht, daß ſie ihm nachjagten; ſo lange er vor ſich und um ſich ſehen konnte, ſprang er über Löcher und Gerinne, und wiederholte ſein lautes und heftiges Geſchrei ohne Aufhören, um dem Schick⸗ läufer ein Zeichen über ſeine Richtung zu geben. Endlich aber ſtand er ſtill, denn er konnte nicht weiter. Vor ihm lag eine tiefe Rinne und langſam und geräuſchslos quoll das Waſſer unter dem wei⸗ chen Sande hervor. Die Senkungen füllten ſich aus, es tropfte und rieſelte über den Boden hin, erſt kaum merklich, dann deutlich genug. Das Waſſer in den Rinnen ſchwoll und kräuſelte ſich, und um ihn ball⸗ ten ſich die Nebel ſo dunkel und dicht, daß er nur wenige Schritte weit ſehen konnte. Bald fühlte efhen die Fluth um ſeine Füße ſpielen, und wie er horchte und rief und auf Ant⸗ wort wartete, er konnte Nichts vernehmen. Ein furcht⸗ bares Schweigen lag auf dieſer grauenvollen Ebene, nur dann und wann von einem hohlen Rauſchen unterbrochen und mit jeder Minute, Zoll für Zoll, — ——.,— ——.,— — 139— kroch die Fluth höher an ihm auf, mit jeder Minute ſperrte ſie ihm den Rückweg um ſo ſicherer ab. Plötzlich hörte er in der Ferne eine Stimme, einen jammernden Hülferuf, der ſchnell verweht wurde. Nach einigen Augenblicken wiederholte ſich der Schrei, aber er ſchien aus einer anderen Richtung zu kommen. Ich kanns nicht laſſen! rief Lornſen mit dem Muthe, der allen Gefahren Trotz bietet; ich kann ein menſchliches Weſen nicht umkommen laſſen, und ſollte ich mit ihm enden müſſen. Er umging die tiefe voll⸗ gefüllte Rinne und bis ans Knie durch die ſteigende Fluth watend, drang er mit lautem Geſchrei vorwärts. Hierher! um Gottes Willen, hierher! hörte er durch den Nebel rufen. So komm mir entgegen, rief er zurück. Ich kann nicht, ſprach der Schlickläufer, vor mir liegt eine Tiefe, meine Füße ſitzen feſt, ich kann nicht fort. Jens ſtürzte ſich in das Loch, das Waſſer ging ihm bis an die Bruſt, im nächſten Augenblick ſtand er neben dem Manne und ſah in ſein entſebtes von Todesangſt erfülltes Geſicht. Hilgen! rief er, Du biſt es. Ich hätte Dir mehr Vorſicht zugetraut. Heinrich Hilgen klammerte ſeine Hände feſt an dem Helfer und ſprang dann eben ſo ſchnell von! — 140— ihm zurück. Seine ſtarren Blicke hefteten ſich for⸗ ſchend an ihn; er ſchien von einem ſinnverwirrenden Schrecken befallen, der ihm Willen und Nachdenken raubte. Ich weiß nicht wie es kam, ich hatte meine Augen nicht offen, ſtöhnte er.— Gott erbarms! wo hinaus, Jens?— Wo biſt Du hergekommen?— Biſt Du es denn? Ich bin's erwiderte Lornſen, ſei ohne Furcht, nur fort mit uns! Wohin?! rief der Andere entſetzt.— Du führſt mich falſch, was willſt Du von mir? Es iſt der Tod! Die Angſt hat Dich verwirrt, ſagte Jens Hier hinaus müſſen wir. Vor uns liegt die Rinne, jen⸗ ſeits iſt feſter Boden. Gieb wir Deine Hand und halte Dich feſt. Aber Hilgen riß ſich los und ſah ihn mit wahn⸗ ſinnigen Blicken an. Fort! ſchrie er auf, Du biſt es nicht. Du biſt mein Feind, Dich haſſe ich zumeiſt; nun ſchickt Dich der böſe Geiſt mir entgegen. Thor! gab Jens zur Antwort, der böſe Geiſt ſitzt in Dir, um Dich zu verderben. Komm, in we⸗ nigen Minuten iſt es zu ſpät. 3 Nein! rief Hilgen, fort, fort! Im Namen Gottes, weiche von mir! und raſch wandte er ſich um und lief zurück dem Meere entgegen. Aber Jens faßte .* —— — — 141— ihn um beide Arme und nun folgte ein kurzes, ſchreck⸗ liches Ringen, mitten im Nebel und Waſſer. Die beiden Männer ſtanden Bruſt an Bruſt zuſammen⸗ gepreßt, alle Sehnen geſpannt, alle Pulſe pochend, wilde Todesangſt in dem bleichen Geſicht des Einen, grimmige Entſchloſſenheit in den Mienen des Anderen, wie ſie der Wächter hat, der den Wahnſinnigen zu überwältigen ſucht, wohl wiſſend, daß er ſiegen muß, wenn er nicht ſein eigenes Leben laſſen will. Wie ein Verzweifelnder ſchlug Hilgen um ſich, endlich ſtürzten ſie beide nieder. Niemand hörte ihre Worte, Niemand den letzten furchtbaren Schrei nach Hülfe, den Hilgen ausſtieß, als er halb erſtickt von Jens aufgehoben wurde. Leblos lag er in den Armen des Mannes, auf den ſein letzter Blick mit unſäglichem Entſetzen fiel; aber ohne Zaudern nahm Lornſen den Körper auf ſeine Schulter, ſuchte nach der Rinne, die ihm allein die Richtung geben konnte und als er ſie gefunden hatte, ſprang er hinein und trug Hilgen weiter mit ungeheurer Anſtrengung. 3 Der Weg dünkte ihm unendlich lang, und mehr als einmal ergriff ihn der ſchreckliche Gedanke, daß er fehl gehe. Er ſtürzte in Löcher und hob ſich mit Mühe wieder auf, immer darauf bedacht, Hilgen'’s Leben zu erhalten. Das Waſſer reichte weit über 142— ſeinen Leib, hinter ſich vernahm er den Schlag der Wellen, die in langen Linien heranrollten. Es war ihm als hörte er in dem dichten Nebel ein entſetz⸗ liches Gelächter, Stimmen, die über ihm kreiſchend hinfuhren und deren Ton ihn durchſchauderte. Er konnte kaum mehr feſtſtehen auf den Füßen, kaum mehr vorwärts ſchreiten; ſeine Stirn bedeckte ſich mit Schweiß, ein Zittern der Schwäche lief durch den ſtarken Körper; er fühlte die Sichel der Vernichtung an ſeinem Haupt. Soll ich ſo enden! rief er mit bittrer Heftigkeit. Wäre das mein Loos und kein anderes Schickſal mir beſchieden?— Es kann nicht ſein, o Lina! Lina! wenn Du mein Schutzgeiſt biſt, ſo ſtehe mir bei! Und kaum hatte er dieſe Worte gerufen, als ein Windſtoß die Nebel zerriß und wie von Zauber her⸗ geführt der Strand vor ihm lag. Die Sonne glänzte auf den Dünen, kaum hundert Schritte hatte er noch zu thun und ſo genau war er gegangen, daß faſt an derſelben Stelle, wo er hineingeſprungen in die treu⸗ loſen Watten, er wieder das Ufer betrat. Mit einer letzten Anſtrengung trug er Hilgen noch eine Strecke hinauf, wo hinter Hürden, die den Sand zuſammenhielten, ein Heidelbeerenfeld ſich ausbreitete. Dort legte er ihn nieder und ſetzte ſich an ſeine Seite. — r — 143— Erſchöpft von ſolcher Noth lehnte er den Kopf an das Weidengeflecht, das Waſſer troff ihm aus Haar und Kleidern. Sein Geſicht war todtenbleich, er heftete ſeine Blicke nachſinnend auf den lebloſen Mann, und nichts unterbrach dieſe Einſamkeit, als das Brauſen der Fluth, die jetzt zehn Fuß hoch an den Dünen aufſchlug und die glänzenden Funken ihres Schaumes im warmen Sonnenlicht den ihr Entronnenen zürnend zuwarf. Nach einiger Zeit ſchlug Hilgen die Augen auf, ſein Blick fiel auf Jens, der die Arme über ſeine Bruſt gekreuzt an der Hürde ſaß und ihn ernſthaft betrachtete. Hilgen richtete ſich auf. Das Meer, die Düne, die Stelle, auf welcher er lag, waren ihm bekannt; ſein Geſicht füllte ſich mit freudiger Rührung, er wußte genau, was ihm geſchehen war. Du haſt mich hierher getragen, Jens? fragte er. Ja, war die Antwort. Gott vergelt' es Dir! ich kann's nicht! rief Hil⸗ gen. Es war eine Angſt, wie ich ſie nie erlebte. Err ſtreckte die Hand nach dem Freunde aus, aber Jens rührte ſich nicht. Willſt ſie nicht annehmen? fragte Hilgen betrübt. Was war's, was aus Dir ſprach? erwiderte — 144— Lornſen. Die Angſt that es nicht allein, es kam tief aus Deiner Bruſt hervor.— Warum haſſeſt Du mich, wie Du keinen Menſchen haſſeſt? Warum bin ich Dein Feind, deſſen giftige Geſtalt Dir die böſen Mächte ſandten, um Dich in's Verderben zu locken? Hilgen ſchlug die Augen nieder, er deckte ſeine Hände darauf und ſchwieg. Es trat eine Stille ein, durch nichts unterbrochen als durch den eintönigen Schrei der Seeſchwalben, die auf den Wellenſpitzen ſich wiegten. Endlich zog Hilgen ſeine Hände fort und hob ſie bittend gegen Jens auf. Seine Wimpern waren naß, ſein Geſicht roth von Scham, er rang mit ſich ſelbſt um ein Be⸗ kenntniß. Höre mich an, Jens, ich will nichts verſchweigen, ſprach er; vergiebs mir dann, wenn Du kannſt.— Seit Tagen und Wochen iſt es aus mit mir, ich bin nicht mehr, der ich war. Ich kann nicht denken, kann nichts ſchaffen; ich laufe umher mit einem Wurme am Herzen, der mich zernagt und wüſt macht.— So war ich auch heut hinausgelaufen über die Dünen hin und durch die Watten ohne zu hören und zu ſehen. Und als ich weit draußen ſtand, mein Leid tief in mir, Feuer und Haß in — 145— meiner Bruſt, war es, als ſähe ich Dich hinter mir; eben ſo wie ich Dich jetzt ſehe, Deine Arme gekreuzt, aber Hohn und Spott in Deinem Geſicht. Wohin ich blicken mochte, ich ſah Dich. Aus den ſchwar⸗ zen Rinnen ſchauteſt Du mich an, in der Luft ſchienſt Du zu ſchweben, und wie ich mich um⸗ wandte, ſtandeſt Du auf der Düne und neben Dir — eine Andere. Hanna Peterſen, ſagte Jens. Da ballten ſich meine Hände, rief Hilgen, meine Zähne klappten zuſammen, ich lief vorwärts und im⸗ mer weiter, ich wußte nicht wohin. Ein Fluch kam über meine Lippen, ein wilder Fluch über Dich, Jens, daß die hölliſchen Geiſter Dich hinausſchleifen möchten in Nebel und Sturm und an Deinen Haaren niederziehen in ihre Höhlen, wohin nie Luft und Tag kommt. Plötzlich wachte ich auf aus meiner Wuth und ſah an meinen Schuhen das Waſſer rie⸗ ſeln, und wie ich zur Sonne aufblickte, ſah ich die rothen Nebel,— da wußte ich, was kommen würde. Bald war ich mitten darin; der Tod war hinter mir, rund um mich her, plötzlich ſtandeſt Du an meiner Seite. Und Dein Gewiſſen kam über Dich, fiel Jens ein. Vergieb mir, bat Hilgen, ich werde es nimmer I. 10 ——y—— 4 — — mm—— — — 146— vergeſſen; ich wills abwerfen, was mich drückte. Wenn es Neid iſt, will ich ihn erſticken; Dein Glück will ich ſegnen, Deine Freude ſoll meine Freude ſein. Du verdienſt es, Jens, ich will es vor aller Welt bekennen. Liebſt Du Hanna Peterſen? fragte Jens. Ich hab's geglaubt, rief Hilgen, und wenn ich an ſie denke, glaub ich's wohl noch. Ehe Du hier warſt, kam's mir auch ſo vor, als hätte Anna Augen für mich.— Da ſitzt es, Jens, da trifft der böſe Feind den Fleck. Wäre er nicht gekommen, ſie hätte Dich gewählt, ruft er mir in's Ohr.— O! alles Glück der Erde über Hanna Peterſen und alles Glück über Dich, Jens. Du wirſt es können, was ſie auch ſagen mögen. Du wirſt ſie ehren, wie ich ſie geehrt hätte. Was iſt es denn mehr!— Ich werde es überwinden, und wenn Du glücklich biſt, Jens, wenn ich Hanna glücklich ſehe, wird der Frie⸗ den Gottes mit mir ſein. Du irrſt Dich, Heinrich Hilgen, gab Jens zur Antwort, indem er aufſtand. Worin irre ich? fragte der Andere. In Dir und mir, ſagte Jens.— Er reichte ihm beide Hände und half ihm auf. Geh' nach Haus, ſprach er, Du biſt naß und krank, aber morgen tritt — — 147— zu Hanna Peterſen und bring' ihr meinen Gruß und Abſchied.. Du willſt fort! ſchrie Hilgen auf, und durch ſeine Augen zuckte die Freude. Nach Schleswig hinüber, rief Jens, indem er ſeine Hand los ließ. Wenn ich übers Jahr wieder komme oder wann's ſonſt geſchehen mag, will ich mich an Deinem Glücke freuen. Raſch ſtieg er die Dünen hinauf. Von der Höhe ſah er zurück; Hilgen ſtand noch an der Stelle mit gefaltenen Händen. Er winkte ihm zu und eilte durch das Sandmeer weiter, bis er nach einer Stunde vor dem Hauſe ſeines Vaters anlangte. Da iſt er endlich! hörte er ſeine Mutter rufen, und unter der Laube trat Frau Lornſen haſtig hervor. Aber ganz erſchrocken ſtand ſie ſtill und betrachtete den Sohn, der ganz verwildert ausſah. Was iſt geſchehen, Jens? fragte ſie, ſein naſſes ſchmutziges Kleid anfaſſend. Wo biſt Du geweſen? Im Meere, Mutter. Und von Kopf zu Füßen, Waſſer, Sand und und Schlamm, rief die Frau ängſtlich. Es thut nichts, gab er zur Antwort; was naß und ſchmutzig iſt, wird morgen trocken und rein ſein. Aber wo iſt Dein Gewehr, Deine Taſche? 10 1 — 148— 3 Verloren, ich weiß es nicht, ſagte Jens, indem er bei ihr vorüber ging. Es ging heute viel ver⸗ loren, Mutter. In der Laube ſaß der Kapitän auf der einen Seite am Tiſch, auf der andern Lorenz Leve. Beide rauchten und ſahen ſchweigend auf Jens, der mit einem ſtummen Gruße zu ihnen trat und durch den andern Ausgang weiter ins Haus wollte. Und der ſeltene Vogel, Jens, den Du mit⸗ bringen wollteſt? fragte die Mutter, die ihn wieder erreicht hatte. Ich bin ein ſchlechter Jäger, antwortete er. Ich habe nichts von ihm geſehen. Hat der Herr Advokat ſich in den Dünen ge⸗ ſonnt, wo es nur Tüten und Kibitze giebt? lachte Lorenz Leve. So iſt es, alter Freund, ſprach Jens, ohne in den Ton des Scherzes zu fallen, der ſonſt zwiſchen ihnen üblich war. Sie ſehen, wie gut ich Ihren Rath befolgt habe. Habs gedacht, ſprach der Paſtor. Setzt die Möwe in ein Lerchenneſt, ſie wird nie ſingen lernen. Wird ihren wilden Flug immer wieder hinaus ins wüſte Element nehmen, denn ſie weiß nicht was es heißt, im grünen duftigen Laube wohnen. e — 149— Wart' einen Augenblick, Jens, ſagte die Mutter, als er fort wollte. Der Poſtbote hat einen Brief für Dich gebracht. Der Kapitän zog ihn aus der Taſche und reichte ihn ſeinem Sohne hin. Es war ein großes Wap⸗ penſiegel darauf. Jens kannte die Handſchrift nicht, er blieb ſtehen und brach das Siegel durch.— Nach einigen Augenblicken röthete ſich ſein Geſicht, das Blut drang hinein; man ſah, daß er lebhaft erregt wurde.— Morgen früh will ich fort, rief er dann plötzlich aus, indem er das Blatt ſinken ließ. Fort, Jens?— Wohin? Nach Kopenhagen, ſagte er, den Brief auf den Tiſch werfend, indem er ſich entfernte. Die Zurückbleibenden blickten ſich beſtürzt an.— Er will uns verlaſſen, nach Kopenhagen gehen, rief Frau Lornſen endlich, die Hände ringend. Was iſt über ihn gekommen? Der fliegende Holländer, brummte der alte Ka⸗ pitän, oder der Teufel ſelbſt, der ihn in ſolche Un⸗ tiefen treibt. Ich begreif's, ſagte der Pfarrer und wenn wir den Brief da ſtudiren, wird es klar genug ſein.— Er nahm das Schreiben auf und fing an zu leſen. „Mein lieber junger Freund“, las er, dann ſah er —— —;;— — 150— nach der Unterſchrift und ließ ſein gewöhnliches Lachen hören.— Iſt richtig! rief er, hier ſteht es: Baron von Hammerſteen„Staatsrath.“— Hab' es wohl gedacht! daß es von daher kommt und was ihm im Sinne lag, die ganze Zeit über. Glaubt es mir, Kapitän Lornſen, mit Händen und Beinen war er auf Silt, aber ſein Kopf war in Kopenhagen; das Herz brachte er nicht zu uns her. Leſet weiter, Lorenz Leve, ſagte der Kapitän. „ Nachdem wir zurückgekehrt ſind, las der Pfarrer, und der gewöhnliche Gang unſeres Lebens wieder begonnen hat, haben wir um ſo mehr Zeit uns daran zu erinnern, wie großen und vielen Dank wir Ihnen ſchulden. Es bedurfte wahrlich nicht der Mahnun⸗ gen, die meine Tochter oft an mich ergehen ließ, um mir zu beweiſen, wie ſehr und wie dauernd ich Ihnen verpflichtet bin, und wie es an mir iſt, jede Gelegenheit aufzuſuchen Ihnen dies deutlich zu machen. Sie wiſſen, Herr Lornſen, daß ich die Halligen und Inſeln ungemein lieb gewonnen habe, und welche hohe Meinung ich von den Frieſen hege. Das Souper auf Südfall wird mir eben ſo unvergeßlich ſein wie die romantiſchen Studien, welche mir Ihre Freundſchaft verſchaffte. Was ich meinen Freunden davon erzählte, trägt den Anſtrich des Wunderbaren und erregt die allgemeinſte Aufmerkſamkeit. Ich be⸗ greife vollkommen, wie ſchwer es einem Eingebornen werden muß von allen dieſen Herrlichkeiten zu laſſen, und wie tief die Liebe zur Heimath bei Ihnen wur⸗ zelt. Indeß auch das Leben will ſeine Rechte und wer das Leben im Staate für ſich gewählt hat, kann es nicht in enge Grenzen bannen. Nun wird es Ihnen bekannt ſein, lieber junger Freund, daß unſere väterlich geſinnte Regierung ſorgſam darauf bedacht iſt, die tüchtigſten und fähigſten Köpfe nach Kopen⸗ hagen zu ziehen, um ſie dort für den Staatsdienſt auszubilden und zu verwenden. Ich ſpreche Ihnen nicht von den Vortheilen, welche dies nach allen Seiten gewährt und von der ſtaatsmänniſchen Fern⸗ ſicht dieſer Beſchlüſſe. Sie ſind zu einſichtig um die Logik darin nicht genau zu erkennen und mit vollem Bewußtſein Ihre Entſchlüſſe zu faſſen.„Sehe Jeder, wo er bleibe, ſehe Jeder, wie er's treibe!“ Sie wiſſen, was wir einſt verhandelten.— Um nun zur vollen Verſtändigung zu kommen, ſage ich Ihnen nur, daß ich mit einflußreichen Freunden geſprochen, Sie empfohlen und gewiſſermaßen Bürgſchaft ge⸗ leiſtet habe. Ihre Anſtellung ae hdanſhe Kanzlei iſt geſichert. Glauben Sie daher von meinem An⸗ erbieten Gebrauch machen zu können, ſo antworten — 152— Sie nicht, ſondern kommen Sie ohne alle Zögerung hierher. Karoline iſt der Ueberzeugung, daß Sie kommen, ſo bin ich es denn auch, und in der frohen Erwartung Sie recht bald ſelbſt zu ſehen, ſpare ich mir alles Weitere auf und vereinige meine Grüße und beſten Wünſchen mit denen meiner Tochter.— Ihr treu ergebener Baron Hammerſteen.“ Prächtig geſchrieben! rief Lorenz Leve, als er den Brief beendigt hatte, klar und beſtimmt ausgedrückt und eine mächtige Zukunft an die Wand gemalt.— Däniſche Windbeutelei! murmelte der Kapitän. Sagt es nicht, Gevatter, ſagt es nicht, ſiel der Paſtor ein, Alles, was da geſchrieben ſteht, iſt wahr. — Wer ſteigen will, wer ein Mann im Staate wer⸗ den will, muß nach Kopenhagen auf die hohe Schule. Hilft der Ehrgeiz hier im Lande zu gar nichts, da drüben aber iſt er angebracht; darum laßt Jens ſeinen Weg gehen. Iſt manch' kleiner Advokat dort ſchon Graf und Miniſter geworden, hat Orden und Sterne auf ſeinen Rock geſteckt, gerade da, wo beim dummen Volke das Herz zu. ſttzen pflegt und ſtatt eine Bauerndirne heim zu⸗führen, hat ein ſtolzes Fräulein ihm die Hand grereicht. Bei dieſen Worten ſah ſich Lorenz Leve um und *8 — 153— nickte Jens zu, der raſch ſeine Kleider gewechſelt hatte und zurückgekommen war. 4 Es freut mich, ſagte er, daß Sie meinen Ent⸗ ſchluß billigen. Er iſt gefaßt, weil es ſo ſein muß. — Es thut Dir weh, Mutter, und auch der Vater ſieht ſtreng aus, aber ich kann's nicht anders.— Jeder Menſch folgt ſeiner Beſtimmung, die ſein Schickſal iſt. Ich bin nicht dafür geſchaffen, jetzt ſchon in meinem ſtillen Hauſe auf der Warft zu wohnen, in ſeinen einſamen Freuden mein Glück zu finden. So laßt mich denn gehen, bis ich mit vollem Bewußtſein erkenne, daß ich nach Silt zurück⸗ kehren muß. Wann war es denn, fragte der Kapitän, ſich zu ihm wendend, als Du mir ſagteſt, daß Dein Anker⸗ grund niemals am Oereſund ſein würde? Ich weiß, erwiderte Jens, ich hab's geſagt und ſage es noch. Aber Ihr habt den Brief geleſen, der mir eine Zukunft eröffnet, die ich nicht zurückſtoßen kann. Ich werde trotz deſſen nach Kopenhagen gehen. Und ein Däne werden! rief Lorenz Leve. Das heißt ein Mann von feiner Bildung, ein Mann im Staate, der das Gras wachſen hört. Bah! Jens, zieh die Stirn nicht zuſammen, mein Kind, Niemand weiß beſſer, als ich, wie Du denkſt und fühlſt, und Niemand verargt es Dir weniger, als ich, wenn Du Vaterland und Freunde aufgiebſt, um bei Ja⸗ kob um Rahel zu dienen. Sieh aber genau zu, daß ſie Dich nicht betrügen, daß Du die Lea nicht dafür bekommſt. Glaubt und meint was Ihr wollt, ſagte Jens ſtolz, ich kanns nicht hindern und nicht ändern; aber ich werde ein Frieſe bleiben und meinem Vaterlande nützen, ſeine Rechte ſchützen und fördern; das wird meine Aufgabe ſein. Zuvörderſt, ſprach der alte Lorenz, indem er ernſt⸗ haft den Finger an die rothe Naſe legte, lerne lis⸗ peln und Komplimente drechſeln, denn darin beſteht die Kunſt, däniſch zu reden. Doch ich ſehe, fuhr er fort, es iſt mit dem künftigen Herrn Miniſter kein Spaß zu treiben. Laßt ihn gehen, Gevatter, und gebt ihm Euren Segen. Es war ein unkluger Ge⸗ danke von Euch, ſeinen Ehrgeiz in ein frieſiſches Haus ſperren zu wollen.— Weder das Haus ge— nügt ihm, noch Hanna Peterſen. Iſt es nicht ſo, Jens? 2 Es iſt ſo, erwiderte dieſer. Hanna wird glück⸗ licher ſein ohne mich... Ich glaub's, rief der alte Mann, aber ob Du es ſein wirſt ohne ſie, das iſt die Frage. — 155— Du biſt zufrieden, Vater, wenn ich gehe? ſagte Jens. Ein Mann muß wiſſen, was er thut, erwiderte der Kapitän. Sieh zu, wie weit Du kommſt. Habe es wohl anders gemeint, aber immer iſt hier Deines Vaters Haus. Und meiner Mutter Herz, rief Jens, ihre Hände faſſend. O! mein Sohn, mir iſt ſo bang um Dich, ſagte die Frau mit naſſen Augen. Muß es denn ſein? Bedenke es nochmals, Jens. Alles, was däniſch iſt, iſt falſch. Laß Dich nicht verlocken, glaube ihnen nicht; ſie werden Dich betrügen, wie ſie uns Alle betrogen haben. Hanna iſt gut, ſie liebt Dich; denke, was wir leiden. Es muß ſein, Mutter, ſprach Lornſen. Ein Mann muß wiſſen, was er thut. Bravo!l ricf Lorenz Leve, nicht gewankt und nicht gewichen. Und nun ſtoßt an auf den Herrn Mini⸗ ſter und ſein Glück! — 156— Eine Woche ſpäter war Lornſen in Kopenhagen. — Es war ein ſchöner Tag, als das Schiff, mit dem er gekommen, an der Drei⸗Kronen⸗Batterie vor⸗ über in den Hafen fuhr. Jenſeits lagen in hellem Sonnenglanz ausgeſtreckt die gelben ſchwediſchen Kü⸗ ſten. Eine Menge Schiffe aller Art, die allen Natio⸗ nen gehörten, kamen mit vollen Segeln aus dem Sunde herauf und ſteuerten in die blauen Wellen der Oſtſee. Das Meer war von ihnen bedeckt und der wundervolle Anblick auf See und Land hatte alle Paſſagiere des Schiffes, die nach und nach meiſt von den Inſeln im Vorbeifahren aufgenommen waren, auf das Deck gelockt.— Durch die Oeffnung zwiſchen der Drei⸗Kronen⸗Batterie und den langen Linien der Feſtung konnte man tief in den Hafen ſehen, wo hinter der Zollbrücke die ungeheuren Maſten der ankernden Kriegsflotte hervorragten; der Außen⸗ hafen war dagegen ziemlich leer an Kauffahrern, aber oben auf den Baſtionen der Feſtung ſtanden viele geputzte Leute, denn dieſer ſchöne Spaziergang war der Sammelplatz der feinen Welt Kopenhagens, — 157— und unter den Bäumen hervor ſcholl Muſik dem Schiffe entgegen. Es iſt eine anerkennungswerthe Aufmerkſamkeit, die man uns erweiſt, ſagte ein junger Mann, der mit einem andern neben Lornſen ſtand. Wir werden mit Muſik empfangen, möge Ihr Aufenthalt in Ko⸗ penhagen immer reich an Harmonie ſein, mein Herr. Ich denke alles Unharmoniſche möglichſt von mir abzuwehren, erwiderte dieſer in derſelben ſcherzenden Weiſe. Sie ſind noch nie in Kopenhagen geweſen? fragte der Dritte. Ich ſehe es zum erſten Male, war die Antwort. Und wie gefällt es Ihnen? Was ich bis jetzt geſehen habe, ſagte Lornſen lachend, erregt den Wunſch, daß Alles ſo ſein möchte. Sie werden zufrieden ſein, erwiderte der junge Däne zuverſichtlich. Ich glaube, daß ſich nicht leicht eine Stadt mit Kopenhagen vergleichen kann und be⸗ daure nur, daß Sie uns nicht ſchon früher beſucht haben.— Sie verſtehen doch Däniſch? Nein, ſagte Jens. Sie verſtehen kein Däniſch! rief der junge Herr erſtaunt. Aber, mein Gott, ich denke, es beſteht ein — 158— Befehl der Regierung, daß in allen Schulen der deutſchen Provinzen Däniſch gelehrt werden ſoll. Kennen Sie die deutſchen Provinzen? fragte Lornſen. Nein, lächelte der junge Herr, ich habe mich noch nie dahin verirrt, als etwa bei einer flüchtigen Durch⸗ reiſe; allein einer meiner Verwandten iſt neulich dort geweſen. Er erzählt grauſenhafte Geſchichten von den barbariſchen Zuſtänden. Es würde gewiß recht gut ſein, antwortete Jens, wenn wir öfter aus Kopenhagen Beſuch erhielten, der es ſich angelegen ſein ließe, mit unſeren Zuſtän⸗ den bekannter zu werden. Was verlangen Sie da, rief der Däne, was könnten Sie uns denn bieten?! Im ganzen Lande iſt keine erträgliche Stadt. Schleswig iſt eine einzige lange und langweilige Gaſſe. Flensburg ein altes Neſt, das nach Stockfiſchen, Wallfiſchthran und ſchmie⸗ riger Butter ſtinkt, Kiel aber mit ſeinen langhaarigen Studenten und langbeinigen Krämern ebenſo uner⸗ träglich, wie Altona. Das übrige Land iſt voll Bauern aller Art; nirgend ein Mittelpunkt für ein geſittetes Daſein; nirgend ein Centralplatz für Bil⸗ dung. Kein Hof, der dem Adel zum Anhalt di nte, der Kunſt und Viſſenſchaft förderte, Genüſſe und Reize böte.— Wenn wir reiſen, reiſen wir nach Paris, ſehen uns ein Wenig in Deutſchland dabei um, um das langweiligſte Volk auf der Erde kennen zu lernen, beſuchen die Schweiz und Italien, und kehren über England zurück an den Sund, mit dem ſich doch nichts vergleichen läßt. Daher kommt es denn auch, daß Ihre Lands⸗ leute von ſich ſelbſt am meiſten wiſſen, von der übri⸗ gen Welt ſehr wenig, am wenigſten aber von uns Deutſchen, erwiderte Jens. Warum ſollen wir denn auch von den Deutſchen viel wiſſen? lachte der junge Herr. Was gehen uns die Deutſchen an. Wir ſind zuerſt Dänen, dann Skandinavier, dann eine Nation, die ſich mit allen anderen Nationen viel verwandter fühlt, als mit den Deutſchen.. Die Dänen nennen ſich ja ſelbſt die Franzoſen des Nordens, ſagte Lorenz ſpöttelnd. Ich denke, ſie haben ein Recht dazu, was Friſche der Empfindungen, Lebendigkeit und Schnelle des Gedankens betrifft, fiel der Däne ein. Unſere Ge⸗ ſellſchaften geben Paris nichts nach, wir haben nichts von der deutſchen Schwerfälligkeit. Aber ich höre, daß Sie wenigſtens gut deutſch ſprechen, rief Lornſen, ſtärker lachend, und wie ich — 160— weiß, ſprechen die meiſten Dänen deutſch, die auf einige Bildung Anſpruch machen. Ihre Könige ſind deutſchen Stammes, alles Wiſſen und alle Kunſt iſt aus Deutſchland gekommen, alles Leben und Streben leitet zu der großen deutſchen Nation hin und ſelbſt die Sprache iſt ein Zweig des germaniſchen Stam⸗ mes ſo gut wie die Polländiſche⸗ die vlämiſche und andere Zweige. Deer junge Herr ſah den Fremdling mit einem böſen Blicke an. Nun, wahrhaftig, gab er dann zurück, das iſt neu und wunderbar. Es mag ein Scherz ſein und als ſolchen ſehe ich ihn an; aber da Sie fremd hier ſind, mein Herr, ſo hüten Sie ſich doch davor, däniſchen Ohren dergleichen Ergötzlich⸗ keiten aufzutiſchen. Sie könnten mißverſtanden werden. Der Dritte bei dieſem Geſpräch hatte bis jetzt ruhig zugehört, nun miſchte er ſich ein und ſagte in däniſcher Sprache, die Lornſen gut genug verſtand, um den Sinn richtig zu faſſen: Was ereiferſt Du Dich um nichts, Holk. Er kommt friſch übers Waſſer mit ſeinem deutſchen Kopfe. Es iſt ganz natürlich, was er da ſagt. Wenn er eine Zeit lang bei uns iſt, wird die Sprache anders lauten. Wer iſt er denn? Du ſiehſt es ja; Einer von denen, die ſich ſträu⸗ 5. 4 4 — 161— ben Dänen zu heißen und mancherlei Recht dazu zu haben, beſonders weil Vieles faul iſt im Staate Dänemark.— Er wandte ſich zu Lornſen um und ſagte freundlich: Jeder lobt und liebt, was er beſitzt. Auch Dänemark hat manche Reize. Das grüne Seeland mit ſeinen herrlichen Buchenwäldern wird Ihnen gefallen und Kopenhagen iſt wenn keine ſchöne, doch eine gaſtliche Stadt, in der ſich gut wohnen läßt. Das ſchönſte was wir haben bleibt dies Meer, der Sund mit ſeinen prächtigen Umgebungen und ſeinen Flotten, die er täglich hier auf ſeinem ſtolzen Rücken vorüber trägt. Es würde noch beſſer ſein, wenn ein Theil dieſer Flotten den Hafen von Kopenhagen füllte, erwiderte Lornſen. Alle müſſen uns den ſchuldigen Tribut zahlen, rief Holk dazwiſchen. Dänemark iſt an Umfang aller⸗ dings kein großer Staat— wenigſtens nicht mehr ſo groß wie früher— aber er hat an Wichtigkeit nichts verloren. Wir ſind die Herren der Oſtſee; bei Helſingör darf kein Schiff vorbei, ohne beizulegen, viſitirt zu werden und den Beutel aufzuthun. Ich war vor einigen Wochen dort zum Beſuch bei Kapi⸗ tän⸗Lieutenant Klümann, der das Wachtſchiff befeh ligt. Es war lächerlich und luſtig anzuſehen, wi I. 11 162— die Kavitäne ſchimpften und fluchten, die ein paar Wochen dort lagen und auf Abfertigung warteten. Ich wundere mich nur, daß ſie nicht die Geduld verlieren, ſagte Lornſen. Die Kapitäne? lachte Holk.— Was wollen ſie denn machen?— Zuweilen verſucht es Einer wohl ſich bei Nebel und Nacht an der ſchwediſchen Küſte hin, durchzuſchleichen, aber es wird ſcharf aufgepaßt und wehe dem Narren, wenn er dem blinden und ſcharfen Schuß des Wachtſchiffes nicht ſogleich Folge leiſtet. Schiff und Ladung ſind verloren, wenn das königliche Schiff ihm nachfolgt und ihn gewaltſam zurückholt.— Sie können gar nicht denken, was dieſe Waſſerratten zuſammenfluchen, den Sund ver⸗ wünſchen, den Zoll vermaledeien, Dänemark an den Galgen bringen und ihre eigenen Regierungen mit Peſt und Tod beglücken, daß ſie die Räuberei in Helſingör dulden. Das war's auch eben, was ich meinte, ſprach Jens. Es ſoll mich wundern, wie lange die See⸗ mächte dazu ſchweigen. Was wollen die denn thun? rief Holk verächtlich. ine iſt auf die andere eiferſüchtig, aber gegen alle ſammen würde Dänemark ſein gutes Recht behaup⸗ zm. Am lächerlichſten iſt es, die Deutſchen ſchimpfen — 163— zu hören, daß ihr Handel dadurch zerſtört werde, ihre Oſtſeehäfen nicht zum Aufblühen kommen könn⸗ ten. Ich habe neulich eine deutſche Zeitung geſehen, die nach einer gelehrten Abhandlung über Deutſch⸗ lands ſogenanntes Rechts ſogar mit enormer Kühn⸗ heit Krieg und Gewalt forderte. Als ob die Dänen zum Frühſtück aufgeſpeiſt würden von unſeren ge⸗ waltigen Nachbarn, als ob Dänemark ſich dem erſten beſten Befehl gehorſamſt fügen würde. Ich ſollte doch denken, erwiderte Lornſen belu⸗ ſtigt, daß wenn auch nur England allein es wollte, der Sundzoll augenblicklich ſein Ende erreichen würde. Das würde dochterſt ein Krieg entſcheiden müſſen, ſagte der junge Mann mit vielem Ernſt. Wir haben uns vor Nelſon nicht gefürchtet, haben ihm Bewun⸗ derung abgenöthigt; ſeine Schiffe ſo zerſchoſſen, daß er nicht wußte, wie ſie über Waſſer zu halten waren und würden es gerade eben ſo wieder machen. Ich zweifle nicht an der däniſchen Tapferkeit, antwortete Jens, aber bei alledem iſt Kopenhagen erobert und die däniſche Flotte nach England gefüh worden. O! wir haben längſt eine andere, rief Holk. Ich ſehe ſie dort liegen, um, wie ſelbſt unterr tete Dänen ſagen, langſam zu verlaufen. Es kö 11* 7 — 164— viel Nützliches für das Volk mit dem Gelde geſche⸗ hen, das jährlich ins Waſſer geworfen wird. Die kalte Ruhe, mit welcher Lornſen ſeine Ant⸗ worten gab, ließ ſich durch den Unwillen ſeines Nachbars nicht erſchüttern, der eben zu einer heftigen Erwiderung ſich anſchickte, als ſein Freund ihn beim Arm ergriff und gegen die Zollbrücke deutend aus⸗ rief: Steht dort nicht Deine Couſine Hammerſteen neben Kammerherr Branden? Wahrlich, ſie ſind es beide, erwiderte Holk.— Branden iſt ſeit einiger Zeit Lina's Schatten.— Was, zum Henker! kann ſie denn aber herführen? Sie erwartet Dich vielleicht. Nein, Björning, ſie kann nicht wiſſen, daß ich auf dieſem Wege aus Fühnen komme. So bilde es Dir ein. Sie verdient es, daß Du ihretwegen Deine Phantaſie in Bewegung ſetzeſt.— Sie hat Dich erkannt und winkt mit dem Tuche, Du Glücklicher. Es iſt eine ihrer Launen, die ſchneller wechſeln, ie der Wind. O! rief der junge Mann, der Björning genannt rde, lachend aus, bei ſchönen Weibern muß man nner ſein Glück auf ihren Launen gründen. Der Anker fiel, und nach wenigen Minuten ſpran⸗ — 165— gen die drei Paſſagiere in ein Boot.— Lina ſtand auf der Ufertreppe und erwartete die Landung. Ihr lächelndes Geſicht war voll freudiger Erregtheit; ſie verſteckte es halb unter dem Sonnenſchirm und winkte dann wieder den Nahenden entgegen. Welch' Glück, theuere Lina, Dich hier zu finden rief Holk auf die Treppe ſpringend. Du auch zurück, Waldemar? erwiderte ſie. Das iſt ſchön. Aber willkommen in Kopenhagen, Herr Lornſen; wir haben Sie täglich erwartet. Waldemar ſah ſich erſtaunt um.— Das hatte er nicht vermuthet. Am nächſten Tage beſuchte Lornſen den Staats⸗ rath, der ihn mit vieler Freundlichkeit empfing. In einer der öden Straßen, die fern von der lebendigen Mitte des großen König⸗Neumarkts liegen, bewohnte der Baron ganz allein ein weitläuftiges Haus. Alles war ziemlich alterthümlich darin, aber die Stille und Größe des Gebäudes zeigte an, daß ein vornehmer und reicher Mann ſein Beſitzer ſei. Eine mächtige Treppe von Stein führte in das erſte Stockwerk, ein weiterer Korridor mit Decken belegt, leitete an einer Zimmerreihe hin, deren vergoldete Leiſten zwar nicht mehr ſo neu glänzten, wie zur Zeit der Friedriche — 166— und Chriſtiane des vorigen Jahrhunderts, wo Adel und Hof verſchwenderiſche Feſte feierten, aber ſie be⸗ zeugten in ihrer verblichenen Pracht doch immer noch, was ſie einſt geweſen waren. Endlich öffnete der begleitende Diener die Thür eines Bibliothekſaales, in welchem der geheime Staats⸗ und Konferenzrath arbeitete, der von ſeinem Tiſche aufſtehend ſogleich Lornſen entgegen kam und nach den erſten Begrüßungen und Erkundigungen dem Diener gebot, ſeiner Tochter zu ſagen, daß Herr Lornſen gekommen ſei. Ich habe Sie ſeit einigen Tagen ſchon erwartet, ſagte er, denn da Sie nicht abſchrieben, mußte ich Lina Recht geben. So ſind Sie denn alſo hier und können in Ihr Amt eintreten. Sie ſollen in der deutſchen Kanzlei arbeiten; ich habe mit dem Grafen Moltke alle Abrede genommen und werde Sie noch heut ihm vorſtellen. Lornſen ſagte ihm Dank und wie er hoffe, ſeiner Verwendungen ſich werth zu erweiſen. Kein Wort darüber, rief der Staatsrath lächelnd; ich weiß, daß ſie ein guter Kopf ſind, und gute Köpfe brauchen wir hier.— Das ſubalterne Dienen wird Ihnen freilich nicht zuſagen, aber, lieber junger Freund, zum allergrößten Theil iſt das Beamtenweſen — 1067 eine Gliederung, wo man, wie auf einer Leiter, mit der unterſten Stufe anfangen muß. Verſteht man es dann, ſo kann man ein paar Sproſſen mit einem Male überſpringen, und wer Einſehen und Glück hat, hört nicht eher auf, bis er auf der höchſten ſteht. Mit Ausnahme derer, die ſofort mit den höchſten anfangen, erwiderte Lornſen lächelnd. Freilich, allerdings! rief Hammerſteen. In mo⸗ narchiſchen Staaten muß es immer Familien geben, welche die Stützen der Throne bilden, und von Ge⸗ neration zu Generation mit vollem Rechte ihre be⸗ ſonderen Stellungen vererben. Solche verdiente Familien giebt es auch hier und aus ihnen heraus kommen die Diplomaten, die Staatsmänner, die Re⸗ gierungschefs, die Miniſter und hohen Hofämter. Aber es iſt ſonderbar, Herr Lornſen, daß die däni⸗ ſchen Diplomaten und auswärtigen Miniſter faſt nie geborene Dänen waren, ſondern immer dem holſtei⸗ niſchen Adel angehörten. Ich glaube nicht, daß Dänemark dadurch ein Schaden geſchehen iſt, meinte Jens. Fragen Sie nur die Dänen, lachte der alte Herr, Sie werden bittere Klagen darüber hören. Wenn andere echt däniſche Männer hier regiert hätten, ſagen ſie, ſo würde man längſt die deutſchen Provinzen — 168— däniſch gemacht haben, mit Leib und Seele. Man hatte das ganze vorige Jahrhundert über Zeit genug, um energiſche Maßregeln zu ergreifen. Aber die Deutſchen, die am Ruder ſtanden, hatten weder Luſt noch Willen dazu. Nicht einmal die ſchleswigſche Inkorporation wurde gehörig durchgeſetzt, beim erſten Widerſtande hielt man ein und überließ es den Nach⸗ kommen, das Recht geltend zu machen. Nun haben wir den Streit. Damals hätte ein Federſtrich die Sache abgemacht, jetzt fehlt nicht viel, ſo muß man mit Schwertern darunter ſchlagen. Der Staatsrath bemerkte den Eindruck, den dieſe letzten Worte auf Lornſen machten, er ſagte daher lächelnd: das iſt freilich für jetzt nur eine Redensart, aber ſie könnte wahr werden, wenn das Schickſal ſich hinein miſcht. Der Kronprinz Chriſtian iſt vierzig Jahre alt und ohne andern Leibeserben als den einzigen Sohn; ob dieſer jemals ſeinen Stamm fortpflanzt, läßt ſich be⸗ zweifeln. Jedenfalls ſteht der Mannesſtamm auf wenigen Augen, und wenn er erliſcht, hat die weib⸗ liche Linie nach dem Königsgeſetz die Erbfolge. In Dänemark, aber nicht in den Herzogthümern, ſagte Lornſen. Das Königsgeſetz geht uns nichts an. Nach unſerem Recht iſt die Verbindung der Herzog⸗ — 169— thümer mit dem däniſchen Staate dann gelöſt und nur die jüngeren männlichen Zweige des Hauſes, die Herzoge von Auguſtenburg und Glücksburg ſind zur Erbfolge berechtigt. Sie vergeſſen immer wieder die Inkorporation Schleswigs vom Jahre 1721, rief Hammerſteen lächelnd; aber laſſen Sie uns darüber nicht ſtreiten, Herr Lornſen. Sie werden in kurzer Zeit überzeugt ſein, daß von einer Trennung der Herzogthümer und namentlich Schleswigs, niemals die Rede ſein kann, es mag kommen, wie es wolle. Das ganze däniſche Volk ſieht Schleswig als ein däniſches Land an. Es hieße ein Stück von ſeinem Herzen reißen, wenn man es trennen wollte; ſo lange ein Arm ſich heben kann, wird es nimmer geſchehen. Ich glaube nicht, ſprach Jens, daß die Dänen darüber zu entſcheiden haben, ſondern die Landesrechte und der Volkswille in den Herzogthümern. Lieber Freund, rief der Baron ungeduldig, erin⸗ nern Sie ſich, was wir über Beſitz und Recht ſchon verhandelten. Jedenfalls werden Sie ſchon jetzt hören, mit welcher Heftigkeit in Kopenhagen Ihre ſogenann⸗ ten Landesrechte angefochten werden. Dazu kommt, daß halb Schleswig wenigſtens von däniſch ſprechen⸗ den Leuten bewohnt wird, endlich aber ſage ich noch⸗ — 170— mals: Was haben Sie denn davon, wenn wirklich der Herzog von Auguſtenburg Ihr Herzog und Lan⸗ desherr würde? Der junge Herzog iſt bekannt als Ariſtokrat und würde, als deutſcher Bundesfürſt, um kein Haar beſſer ſein, als alle übrigen Bundesfürſten. Sie ſind verſtändig, Herr Lornſen, benutzen Sie was ich Ihnen ſage. Sie finden hier einen glatten Bo⸗ den, aber auch einen dankbaren für den klugen Säe⸗ mann. Unſer alter König iſt durch ein viel geprüf⸗ tes Leben gegangen. Er iſt weiſe und gütig, ein wahrer Vater ſeiner Unterthanen und als Menſch voll der ſchönſten Tugenden. Von moderner Gleich⸗ macherei und konſtitutioneller Seligmacherei will er allerdings nichts wiſſen; alle die Teufeleien unſerer von Zeitungsſchreibern und Wühlern bearbeiteten Jugend, haben nichts gefruchtet. Man hofft auf den Kronprinzen, ſagte Jens. Wie man auf alle Kronprinzen hofft, die eine goldene Zeit für die Völker bringen ſollen, lachte der Staatsrath.— Weil Prinz Chriſtian eine Ju⸗ gendſünde zu bereuen hat, weil er in Norwegen den Ritter Bayard ſpielte und den Bauern und Fiſchern da eine Konſtitution gab, die ein paar Dutzend li⸗ ſtiger Advokaten und Profeſſoren ihm abſchwindelten und abtrotzten, darum glaubt man, daß er auch als — 171— König conſequent ſeine Irrthümer wiederholen müſſe. Lieber Freund, ein König iſt etwas Anderes als ein Kronprinz und dieſer hier— er drehte ſich ab und ſtrich mit der Hand über ſein ſpöttiſch verzogenes Geſicht— Se. königl. Hoheit, der Prinz, iſt wie ich glaube, bei aller Weichlichkeit ſeines liebevollen Ge⸗ müths doch nicht im Stande, unberechtigten Zeitfor⸗ derungen nachzugeben. Was man mir erzählt hat, fiel Lornſen ein, be⸗ rechtigt aber doch zu dem Glauben, daß der Prinz ſich gern zu denen neigt, die eine Verfaſſung für das Land fordern. Sie werden immer finden, ſagte der Staatsrath, daß ſich um einen Kronprinzen die Neuerer und Miß⸗ vergnügten ſammeln. Er iſt die aufgehende Sonne, und je weniger dieſer zu ſcheinen vergönnt iſt, um ſo mehr wartet Alles auf ihre jungen Strahlen. Wir haben hier drei Parteien. Die der alten Regierung und des Königs, wenn ich ſo ſagen ſoll; die unſerer Konſtitutionellen, welche vom Kronprinzen den zweiten Akt des norwegiſchen Drama's erwarten; endlich un⸗ ſere Skandinavier, unſere begeiſterten Studenten, Pro⸗ feſſoren, Literaten, politiſche Schwärmer nach Art der deutſchen Demagogen, die von einer Wiedergeburt der drei Reiche träumen und dem Prinzen gern Marga⸗ 0. — 172— rethens dreifache Krone auf's Haupt drücken möchten, wenn er dies dazu tief genug vor unſern Freiheits⸗ apoſteln beugt.. Ich fragte nicht, Herr Lornſen, fuhr er dann fort, zu welcher Partei Sie ſich ſchlagen werden. Eine deutſche Partei giebt es hier nicht, es müßte denn diejenige Partei ſein, die möglichſt Alles beim Alten erhalten will. Ich glaube, erwiderte Lornſen, daß ich nicht das geringſte Recht habe, irgend einer Partei hier anzu⸗ gehören. Sehr gut, ſagte Hammerſteen, und was Ihnen auch geſagt werden mag, glauben Sie mir, daß es in Ihrer jetzigen Lage das Beſte iſt, wenn Sie gar keine Meinung haben. Als Subalternbeamter iſt dies an und für ſich Ihre Pflicht. Steht man hoch und feſt, ſo kann man ſich einmiſchen; will man Carriere machen, ſo muß man vor allen Dingen ſchweigen und gehorchen und durch ſeinen Eifer ſich auszeichnen. Es iſt nicht wahr, daß nur der Sol⸗ dat zum unbedingten Gehorſam verpflichtet iſt; jeder Beamter iſt in derſelben Lage. Eine Regierung muß von ihren Beamten, wo und wer dieſe auch ſeien, anhängliche Ergebenheit fordern. Die laxe Lehre, daß ein Beamter thun könne, was er wolle, wenn — 173— er nur ſeine Geſchäfte erfülle, iſt verwerflich. Seine Pflichten gehen über die Geſchäftsſtunden hinaus, er muß zu jeder Stunde das Lied des Herrn ſingen, deſſen Brot er ißt. Alſo ſich mit Leib und Seele verkaufen? lachte Jens. Hören Sie, Herr Lornſen, erwiderte der Baron vertraulich, Alles, was ich Ihnen ſage, iſt mein gu⸗ ter Rath, und eben, weil ich glaube, daß er nicht auf ſchlechten Boden fällt, bin ich weitläuftig. In der deutſchen Kanzlei werden Sie mehr als Einen finden, der in Betreff der Rechte der Herzogthümer und über konſtitutionelle Träumereien Ihnen ſchöne Dinge auftiſcht. Glauben Sie davon, was Sie wollen, aber denken Sie immer an den altgriechi⸗ ſchen Weisheitsſpruch, daß der Menſch zwei Ohren, aber nur einen Mund hat. Sie verſtehen mich. Sie werden Gelegenheit haben, Ihre Kenntniſſe, Ihren Eifer und Ihre Geſchicklichkeit zu beweiſen. Wen Sie wollen, werden Sie bald ſteigen und in meine Hauſe mir und meinem Kreiſe immer willkomm ſein. Da kommt meine Tochter und Kammerh Branden. Ich will Sie ſogleich mit ihm bek machen; er kann Ihnen mannigfach nützlich ſein — 174— ſeine Protektion.— Protektion! das iſt auch ein b Wort, das Sie merken müſſen. Die letzten Sätze hatte er leiſe und raſch geſpro⸗ chen, während er aufſtand und Lornſen freundlich die Hand ſchüttelte. Die Thür des Bibliothekſaales war inzwiſchen von einem breitſchultrigen, kleinen Herrn geöffnet worden, der den Staatsrath mit einer Hut⸗ ſchwenkung grüßte und dann wartend ſtehen blieb, bis Lina plötzlich haſtig hereintrat und an ihm vor⸗ über ihrem Vater zueilte. Als ſie vor Lornſen ſtand, lachte ſie fröhlich auf. Meines Vaters Wunſch haben Sie erfüllt, ſagte ſie, er ſieht Sie jetzt im ſchwarzen Frack und weißer Binde, wie es ſich paßt und ſchickt ür den Mann von guten Sitten; ich aber, Herr Jens Uve Lornſen aus Silt, ſehe Sie immer noch trotz Ihrer jetzigen Verkleidung, in der Jacke und dem Südweſter am Steuer ſtehen. So helfen Sie denn rüſtig hier das Staatsſchiff lenken; wenn aber Ihre Hände ruhen ürfen, ſo kommen Sie zu uns, wir wollen uns be⸗ ühen, Ihr Heimweh zu mildern. Herr Lornſen iſt viel zu ſehr Weltmann, um anm Krankheit zu leiden, die Bauern und Hirten t, rief der Staatsrath. Ihnen, lieber Kammer⸗ aanden, ſtelle ich hier unſeren jungen Freund — 175— vor, 50 dem Sie uns ſo oft reden hörten. Ich glaube, daß ich nichts weiter zu ſeiner Empfehlung ſagen darf. Der Kammerherr war einige Schritte entfernt ſtehen geblieben und hatte, während Lina ſprach, Lornſen durch ſein goldgefaßtes Glas betrachtet.— Jetzt ließ er es fallen und trat mit Freundlichkeit heran. Er hatte viel Wohlwollendes und Gutmü⸗ thiges in ſeinem Geſicht, dazu die Höflichkeit und den Komplimentenreichthum des Mannes, der in gu⸗ ter Geſellſchaft nie an Redensarten Mangel leidet, und an Selbſtbewunderung gewöhnt iſt. Er überhäufte Lornſen mit Verſicherungen ſeiner Freude, ihn kennen zu lernen, fragte und erzählte dann rechts und links, kam von dem Einen auf's Andere, von Stadtneuigkeiten auf Hofneuigkeiten, von Kopenhagen auf Silt, von ſeinen neuen Pferden auf eine neue Tänzerin, und endete endlich mit einem ſchallenden Gelächter auf die Seeabentheuer des ar⸗ men Staatsraths und deſſen köſtliches Souper auf der Hallig. 8 Wirklich, Herr Lornſen, rief er, im nächſten Sommer begebe ich mich unter Ihren Schutz, um dieſe merkwürdigen, lieblichen Inſelchen zu beſchauen, die koſtbarſten Beſitzungen Seiner Majeſtät. Ich — 176— habe bei Hofe ſchon davon erzählt. Se. Königliche Hoheit der Kronprinz war äußerſt begierig, mehr zu hören. Sie müſſen ſich vorſtellen laſſen, es wird ſich die Gelegenheit finden. Sie ſprechen doch däniſch? In der That, nein, ſagte Lornſen; aber der Kron⸗ prinz ſpricht ſehr gut deutſch. Allerdings, ſo gut wie Se. Majeſtät der König, der ſeine deutſchen Unterthanen immer deutſch anredet. Es iſt überhaupt Niemand bei Hofe, der nicht deutſch ſpräche, aber ſeit einiger Zeit erwacht ein gerechter Nationalſtolz, der aus allen Geſellſchaften die deutſche Sprache verbannt. Herr Lornſen lebt hier unter Dänen, er wird in kurzer Zeit ein Däne ſein, lachte der Baron. Glauben Sie, daß es möglich iſt, ſeine Na⸗ tionalität abzuſtreifen? fragte Jens, in den Ton ein⸗ gehend. Ohne Zweifel, rief der alte Serr eie ſind, wie Sie ſagen, ein Deutſcher. Nun gut, die Deutſchen haben das Talent, Alles zu ſein, was ſie ſein wol— len. In Rußland werden ſie Ruſſen, in England Engländer, in Frankreich Franzoſen und in China die beſten Chineſen! Ubi bene ibi patria! Das Sprüchwort iſt für die Deutſchen erfunden. Wir — 177— haben ger viele Deutſche, die Dänen ſind vom Wirbel bis zur Zehe. Lernen Sie däniſch, Herr Lornſen, das Uebrige wird ſich finden. Eine Wolke von Unmuth lag in Lornſen's Au⸗ gen. Begleiten Sie mich, ſagte Lina, ich will Sie gleich in den Anfangsgründen unterrichten. Mein Vater und der Kammerherr kommen nach, ich habe das Frühſtück in dem Gartenſaal beſtellt. Und Mittag bleiben Sie bei uns, Herr Lornſen, fiel der Staatsrath ein; Nachmittag zeigen wir Ih⸗ nen die Stadt und machen dann eine Spazierfahrt in den Thiergarten. Ohne alle Umſtände, lieber Freund, ohne alle Umſtände.— Lornſen verbeugte ſich und folgte ſeiner Beſchützerin. 8. In wenigen Monaten war Lornſen in der deut⸗ ſchen Kanzlei als einer der fähigſten Arbeiter be⸗ kannt. Sein ernſtes Weſen, ſein gediegenes Wiſſen, 1. 12 — 178— die Schärfe ſeiner Urtheile, ſein ſtrenges Rechtsgefühl und ſein freimüthiges und feſtes Vertreten ſeiner An⸗ ſichten empfahlen ihn ſeinen Vorgeſetzten, unter denen ſich viele rechtſchaffene Männer befanden. Mit ſeinen Ueberzeugungen über die Rechte ſeines Vaterlandes brauchte er keine beſondere Vorſicht zu üben, denn die allermeiſten Mitglieder der deutſchen Kanzlei dachten darüber eben ſo, wie er ſelbſt. Aber Lornſen hatte ſich von Heinrich Hilgens Lebensregeln die gemerkt, nach welcher wo Reden nichts helfen kann, Schwei⸗ gen eine Tugend ſei. Er haßte den Abſolutismus aus tiefſter Seele, mußte ſich aber doch eingeſtehen, daß der alte König Friedrich der Sechſte zu den ehrlichen Fürſten gehörte, die perſönlich wohlwollend und menſchenfreundlich kein gewöhnliches Unrecht dulden mögen, wenn nicht etwa die Staatspolitik dabei ins Spiel kommt. Das ausgeſogene Dänemark, der Staatsbankerott, die Schuldenmaſſe, die Klagen des Volks über ſchwere Laſten und die noch größeren Klagen der Herzogthümer über das, was vorzugsweiſe auf ihre Schultern gepackt worden war, zeugten eben ſo laut gegen die heilloſe Finanzwirthſchaft, wie gegen die Politik des Königs und ſeiner Rathgeber. Es gab. Männer genug unter den Dänen, die im höchſten Grade unzufrieden mit Allem, was das Land er⸗ duldet hatte, neidiſch nach Norwegen hinüberblickten und immer noch auf eine zukünftige Wiedervereini⸗ gung hofften, wenn Dänemark die Sympathien durch eine freie Verfaſſung gewinnen könnte. Daß der Abſolutismus des alten Königs ſich an die Beiſpiele klammerte, welche Deutſchland und Ruß⸗ land gaben, daß dieſe Regierung nichts hören wollte von Grundgeſetzen und Volksrechten, daß nicht ein⸗ mal eine Finanzüberſicht zu erlangen war, regte den Unmuth bitter auf. Das alte tyranniſche Königs⸗ geſetz von 1660 beſtand noch. Es gab keine Rechen⸗ ſchaft, keinen Einblick in den Staatshaushalt, keinen Schutz gegen die Willkür; nur der Wille des Königs beſtimmte, ob Gutes oder Böſes geſchehen ſollte, aber bei alledem war der Unmuth der denkenden Koöpfe doch immer nur auf einen kleinen Kreis be⸗ ſchränkt. Kopenhagen iſt der Magen Dänemarks, ſagte Baron Hammerſteen zu Lornſen, wird der gehörig ſatt gemacht und in Stand gehalten, ſo hat es mit dem ganzen Körper nichts auf ſich. Wir haben glück⸗ licher Weiſe nur die eine bedeutende Stadt, der Geiſt der Unzufriedenheit kann ſich nirgend wo entwickeln; Kopenhagen aber hängt feſt mit Hof und König zu⸗ 12* — 180— ſammen, es iſt eine Reſidenz, die von beiden lebt. Es wird viel ausgegeben, alle Steuern fließen hier⸗ her. Der Adel, die Beamten, die Soldaten, das ganze Getriebe der Regierung iſt auf dieſen einen Punkt zuſammengedrängt. Eine Stadt, die nicht Hauptſtadt im wahren Sinne iſt, deren Reichthum und Wohlleben nicht aus andern Quellen fließt, in deren Mauern nicht durch Handel und Induſtrie ſich eine Gegenmacht entwickeln kann, iſt keine Haupt⸗ ſtadt, aus der uns Gefahr drohen könnte. Die Menſchen hier ſind eitel auf allerlei Narrenspoſſen, ſie ſind vergnügungsſüchtig und verſchwenderiſch, ſie leben von dem, was das Königthum ihnen zuwirft. Laſſen wir darum die unzufriedenen Köpfe ſchwatzen, was ihnen beliebt; im Grunde ſind ſie doch ſämmt⸗ lich gute und treue Unterthanen, die ihren König lieben, Kopenhagen für die erſte Stadt der Welt und ſich für das auserwählte Volk halten. Er lachte beluſtigt, indem er ſeine goldene Doſe durch die Finger rollen ließ. Sie machen ein ernſt⸗ haftes Geſicht, ſagte er dann, obwohl Sie nun ſeit Monaten hier leben und ſogar däniſch gelernt haben. Es geht ziemlich gut damit, auch ſprechen meine Freunde mit vieler Anerkennung von Ihnen und Ihren vortrefflichen Eigenſchaften. Ich kann Ihnen — 181— ſagen, lieber Lornſen, daß Sie Aufmerkſamkeit er⸗ regen und meine Empfehlung mir Dank eingebracht hat. Nur iminaf vondäns Wenn man in der hat man gewonnen. Ich prophezeie Ihnen, Sie werden raſch weiter kommen, benutzen Sie alle Wege. Doch nur die geraden, ſagte Lornſen. O Thorheit! antwortete der Baron. Für den Staatsmann iſt es ſo ziemlich einerlei, auf welchem Wege er nach Rom kommt. Das Ziel, Herr Lorn⸗ ſen, das Ziel iſt die Hauptſache. Und haben Sie ſchon darüber nachgedacht, welches Ziel Sie denn eigentlich hier verfolgen? Er ſah ihn mit ſeinen ſcharfen grauen Augen ſo forſchend an, daß Lornſen erröthete. Ich glaube, er⸗ widerte Jens, daß mein beſtimmtes Ziel wohl nur das Erreichbare ſein kann. Der iſt ein ſchlechter Soldat, der nicht General zu werden denkt, rief Hammerſteen. Ehrgeiz iſt die große Triebfeder in den monarchiſchen Staaten, darin ruht die Treue ihrer Diener und das Mittel zu ihrer Belohnung, bis zur Sättigung. Sich über die Menge zu erheben, Einfluß und Macht zu ge⸗ winnen, und der Erde Glück und Genüſſe theilhaft — 182— zu werden, iſt die Aufgabe für den Mann von Ver⸗ ſtand und Geiſt. Ich will Ihnen etwas ſagen, lieber Lornſen, fuhr er fort, nachdem er bedächtig eine große Prieſe ge⸗ nommen hatte, Sie ſind zur guten Stunde hierher ge⸗ kommen. Man will Ihnen wohl aus mehr als einem Grunde. Erſtens, doch das iſt Nebenſache, habe ich Sie empfohlen und thue es jederzeit; zweitens ſind Ihre Kenntniſſe und Ihr Fleiß der Beachtung werth; drittens aber ſind Sie aus Schleswig, das iſt das Beſte. Ich ſollte nicht meinen, daß mir dies zur beſon⸗ deren Empfehlung gereichte, ſagte Lornſen lächelnd. Faſſen Sie es nur richtig auf, erwiderte Ham⸗ merſteen. Sie ſind freilich nicht von Adel, was unter unſeren Verhältniſſen ſehr zu bedauern iſt, aber Sie gehören doch einer altfrieſiſchen Landesfamilie an, und da die Frieſen einmal die ſonderbare Narrheit hatten, keinen ausgeſprochenen Adel unter ſich zu dul⸗ den, erſetzt eben das alte Familienweſen dies fehlende Element. Man nimmt Sie daher hier als adlig und Sie wiſſen ja ſelbſt, daß mit jedem Offtzier⸗ patent und jeder höheren Beamtenſtellung der däni⸗ ſche perſönliche Adel ſich von ſelbſt verbindet. — 183— Ich weiß es, ohne mich daran erfreuen zu kön⸗ nen, erwiderte Jens. Das macht ihr frieſiſches Blut, lachte der Baron, aber Ehren und Standesvorzüge ſind nothwendig zum Wohle der Menſchheit. Ich würde mit Napoleon ſagen, daß es Kinder⸗ klappern ſind. Nun gut, rief Hammerſteen, mögen es denn Kin⸗ derklappern ſein, aber wie viele Kinder giebt es? So viele als Völker ſind. Man macht die Kinder da⸗ mit ſtolz und folgſam, das iſt das Beſte. Niemand hat dies ſo verſtanden, als der ſataniſche Corſe ſelbſt. Sie ſind auf den Inſeln wohl bekannt, Ihre Familie iſt geachtet, im ganzen Herzogthum haben Sie Freunde; von der Univerſität her begleitet Sie der Ruf eines kühnen und thatkräftigen jungen Man⸗ nes. Glauben Sie, daß man dies nicht weiß? Machen Sie ſich ſelbſt alle Folgerungen, fuhr er dann fort, doch ſo viel iſt gewiß, daß die Weisheit unſerer väterlichen Regierung es nicht überſieht, wie wichtig es iſt, talentvolle Männer aus den Herzog⸗ thümern zu Ehren und in Stellungen zu bringen, wo ſie dem gemeinſamen Vaterlande verſöhnend nützen können. — 184— Das heißt dem Regierungsſyſtem wie es iſt, ſagte Lornſen ſtolz. Mein junger Freund, rief Hammerſteen, nichts iſt ſeltſamer, als wenn ein Mann von Geiſt die Welt ſo haben will, wie er ſie ſich denkt. Den Ver⸗ hältniſſen Rechnung tragen, ſich ihnen anpaſſen, ſich eine Stellung geben, wo es möglich wird, einzu⸗ greifen, um Gutes zu ſtiften, entweder ſich ſelbſt, oder nach Umſtänden für Alle, das iſt die Aufgabe. Hier liegt der Weg Ihnen dazu offen. Macht, Herr Lornſen, Macht, das iſt die Sache. Schaffen Sie ſich dieſe, wo nicht, ſo bleibt nichts übrig, als in Dunkelheit zu ſterben. Macht kann in verſchiedenen Wegen erreicht wer⸗ den? erwiderte Jens. O! ich verſtehe, lachte der alte Herr. Unſere Volksbeglücker ſuchen ſie auf der anderen Seite, bei der großen Maſſe. Man macht ſich beliebt, man ſchreit und ſchreibt, man wird in den Ständeſaal gewählt, glänzt als Führer der Oppoſition, bringt die Regierung in Verlegenheit, reizt auf und reißt fort, ſtürzt die alte Herrſchaft endlich und ſteigt in den Sattel. Noch ſind wir aber nicht ſo weit, lieber Lornſen, und werden ſo bald, Gott ſei Dank, auch nicht dahin kommen. Aber was hat es denen — 185— genützt, die von dem Ungeheuer, Volksgunſt ge⸗ nannt, ſich tragen ließen? Was hat es ſelbſt den glücklichſten Uſurpatoren genützt, die ihre recht⸗ mäßigen Herren beraubten? Schmach, Kerker, Ar⸗ muth, Verfolgung und Unglück ſind ihr gerechter Lohn geworden. Völker ſind ewig undankbar, dankbar ſind nur die Fürſten. Sie ſind jung, Lornſen, Sie ſind we⸗ der durch Geburt, noch durch Beſitz beſonders be⸗ vorzugt, es giebt alſo Vieles, was ſie erwerben können. Das Leben iſt ein Rechenexempel, deſſen Schluß, wie Weiſe und Narren gleichmäßig be⸗ haupten, jedenfalls der Tod iſt. Aber was da⸗ zwiſchen liegt, die Ausfüllung des Raumes mit gül— tigen Zahlen oder Nullen, darauf kommt es an. Sie haben Alles in Ihrer Hand. Sie ſind voll Kraft und Kühnheit, ich freue mich daran; ſind ein Mann, der den Augen gefällt, der den Weibern Herzweh„macht; bedenken Sie auch dieſe Seite, mein junger Freund. Eine vortheilhafte Partie, die in ein Gewebe wichtiger Familienverbindungen führt, das giebt Stützen für einen Staatsmann. Hätte Struenſee, ſtatt einen albernen Liebesroman mit der Königin aufzuführen, Holk's oder Rantzaus Tochter oder Schweſter geheirathet, er würde weder Hand — 186— noch Kopf auf den Block des Henkers gelegt haben. Doch ich ſehe es Ihnen an, rief er lachend, Sie glauben noch an das ſelige Gefühl der Liebe, das Ihnen mehr gilt in ſeiner Unmittelbarkeit, als alle Verſtandeswahl. Wenn dieſe nur dem Ehrgeiz oder Eigennutz dienen ſoll, habe ich allerdings keine Anerkennung dafür, erwiderte Jens. Nun, das iſt kein Kapitel, woran für jetzt auch nicht von Ihnen gearbeitet werden kann, ſagte Ham⸗ merſteen. Gehen Sie zu Lina hinunter, lieber Lorn⸗ ſen, Sie werden gewiß erwartet, ich komme Ih⸗ nen nach. Lornſen traf die Tochter des Staatsraths allein. Sie ſaß am Flügel und nickte ihm entgegen, ohne ſich ſtören zu laſſen. Er ſetzte ſich in ihre Nähe und hörte lange zu. Ihr Spiel war vollendet; ſie ſang ein paar neue Opernarien, plauderte über Kunſt und Geſang und ſagte dann, plötzlich auf⸗ hörend: Was fehlt Ihnen, Lornſen? Sie ſehen be⸗ trübt aus. Sie gehören zu den Menſchen, die ihre Freude wie ihr Leid nicht verbergen können; man lieſt es in Ihren Augen, daß Ihr Geiſt durch irdend eine Laſt bedrückt iſt. Und doch täuſchen Sie ſich erwiderte er 3c — 187— habe heut aus Silt eine Nachricht erhalten, die mich freudig bewegt hat. Zwei Menſchen haben ſich dort verbunden, die mir beide lieb ſind, und an deren Glück ich von ganzem Herzen Theil nehme. Iſt es jene Hanna Peterſen, von der Sie mir erzählt haben? fragte Lina. Dieſelbe, erwiderte er. Sie hat meinen Freund Hilgen geheirathet. Und keine Spur von Eiferſucht, rief Lina, ihn forſchend anblickend, keine Reue hat Sie ergriffen? Was könnte ich zu bereuen haben? ſagte er ſtolz. Nichts erwiderte ſie und ein Blick flog über ihn hin, der in ſeinem Herzen das Blut zuſammen⸗ preßte. Sonderbar, daß wir uns in Helgoland finden mußten, mein theurer Freund. Regiert der ufaf die Welt, oder giebt es Beſtimmungen, die Schickſal der Menſchen leiten? Und wer, Lorn⸗ die wer hält die Fäden in ſeiner Hand, wer ent⸗ wirrt ſie und gebietet über das Loos der Ster⸗ lichen?! Der feſte Menſchenwille, erwiderte er. Liegt es nur daran, rief das Fräulein. Ich höre meinen Vater draußen, er würde anderer Meinung ſein; aber laßt uns ſehen, wie weit wir damit kom⸗ men können. Als Lornſen ein Jahr in der däniſchen Haupt⸗ ſtadt gelebt hatte, war er zwar kein Däne gewor⸗ den, aber er hatte ſich eingelebt in die Verhältniſſe, hatte Kreiſe und Freunde gefunden, und ſeine äußere Stellung hatte ſich weſentlich verbeſſert. Durch ſeine Befreundung mit dem Staatsrath konnte es nicht fehlen, daß auch andere Männer und Familien von Bedeutung ſich ihm näherten und daß er zu Ver⸗ bindungen gelangte, die ihm nützlich und angenehm waren.. Das Familienleben in Kopenhagen, die Freiheit des Umgangs, das freundliche Entgegenkommen und die mancherlei Vorzüge und Tugenden geſelliger und geſellſchaftlicher Bildung, welche er hier entdeckte ſagte ihm zu. Der Adel war keineswegs abge⸗ ſchloſſen und vornehm herabblickend, wie in Deutſch⸗ land, er ſaß auch nicht als verrottetes Junkerthum Jahr aus Jahr ein auf ſeinen Beſitzungen, ſondern er kam winterlich in der Hauptſtadt zuſammen und öffnete ſeine Häuſer gern jedem Manne von Wiſſen und Bildung. Lornſen fand, daß man Kunſt und Wiſſenſchaft liebe und ſchätze, daß ein gewiſſer Na⸗ tionalſtolz die Dänen antreibe, jedes Talent zu un⸗ terſtützen und zu pflegen, und daß vom Staate ſo⸗ wohl wie von den einzelnen reichen Privatmännern 189— viel geſchehe, um dem kleinen Volke einen Namen zu ſichern, es hinter andern Nationen nicht zurück⸗ ſtehen zu laſſen, ja größeren wohl den Rang ſtreitig zu machen. Es gehört das auch mit zu der däniſchen Eitel⸗ keit, hatten manche Angreifer geſagt, und allerdings hatte die Eitelkeit ihr Theil daran. Wenn ſie nur immer ſich in ſolcher Weiſe äußern wollte, ſagte Lornſen, der häufig die Dänen vertheidigte, wir könn⸗ ten damit zufrieden ſein. Wenn alle Völker auf den Kampfplätzen des Wiſſens, der Künſte, des Han⸗ dels, der Induſtrie und jeglicher Arbeit ſich um den Rang ſtritten, wenn ſie darin allein ihren Ehrgeiz und ihre befriedigte Eitelkeit ſuchen möchten, ſo hätten wir gewonnen. Solche Kämpfe veredeln die Menſchheit und ſetzen der Dummheit und Rohheit ein Ziel, an welchem jeder Fanatismus endlich ſchei⸗ tern muß. Aber die Eitelkeit war nicht allein dieſer ge⸗ fälligen Art, auch das anmaßende Dänenthum trat nicht ſelten bis zur Lächerlichkeit fratzenhaft und auf⸗ gebläht Lornſen entgegen. Er hatte bei ſeiner An⸗ kunft in Kopenhagen einen Vetter des Staatsraths, den jungen Baron Holk kennen gelernt, hatte ihn dann öfter in Hammerſteens Hauſe wiedergefunden — 190— und mehr als einmal dem Kammerjunker ſeine Ueber⸗ legenheit fühlen laſſen. Ihre Abneigung war gegenſeitig und wurde ver⸗ mehrt durch die Huldigungen, welche Holk ſeiner ſchönen Couſine widmete. Die Vertraulichkeit welche zwiſchen ihnen waltete, die Hinderniſſe, welche er Lornſen bereitete, die ſpöttiſchen Blicke und Bemer⸗ kungen, welche er gelegentlich austheilte, mußten den Unmuth größer machen, und wenn irgend Einer den Gedanken hegte, daß dieſer Bauer aus Silt, dieſer kleine Advokat aus Schleswig, ſeine Augen zu Lina zu erheben wage und Gnade vor ihr gefunden habe, ſo war es der Kammerjunker, der mit der wachſam⸗ ſten Eiferſucht beide beobachtete. Ganz anders benahm ſich der wohlwollende Kam⸗ merherr Branden, der mit jedem Tage größeres Ge⸗ fallen an Lornſen gefunden hatte und ihm überall freundliche Dienſte erwies.— Die friſche, kräftige Natur„ſeines Frieſen“ wie er ihn nannte, machte ihm Vergnügen. Er fuhr mit ihm bei ſtarkem Winde über den Sund, jagte und ritt mit ihm und erhielt Stoff für allerlei kleine romantiſche Geſchichten und Aben⸗ theuer, die er in Geſellſchaften vortragen konnte. Eines Tages, als Lornſen in Hammerſteens Haus kam, fand er Lina allein im Garten, der ſchön und — 191— groß ſich anſchloß. Sie ging auf und ab, einen prächtigen Strauß ſeltener Blumen in der Hand; ein zuſammengefaltetes Blatt lag mitten im Wege. Sie ſchien in heiterſter Laune zu ſein. 2 Sie kommen erwünſcht, Herr Lornſen, ſagte ſie, um ſich ausſchelten zu laſſen. Und wo ſind die Gründe dazu? fragte Jens. Gründe? widerholte das Fräulein, ah! Sie ſind Advokat, Sie verläugnen Ihre Natur nicht. Nun, wenn Sie Gründe haben wollen, da ſind ſie. Warum kommen Sie ſeit einiger Zeit ſeltener, als je zu uns? Warum iſt, wenn Sie kommen, Ihr ganzes Beneh⸗ men ſo höflich abgemeſſen, als wären wir eine Sa⸗ lonbekanntſchaft, und warum, insbeſondere, mein rück⸗ ſichtsvoller Herr, iſt es Ihre ergebene Dienerin, die Ihren Unwillen durch irgend Etwas, was ſie nicht weiß, in ſolchem Grade erregt haben muß, daß Sie förmlich vor ihr zu fliehen ſcheinen? Können Sie das im Ernſt behaupten, Lina? fragte er mit einem warmen Blicke. Ich kann es behaupten, erwiderte ſie, und be⸗ haupte es gegen jeden, der es zu beſtreiten wagt. Auch wenn ich dagegen ſage, daß ſelbſt in Zeiten, wo ich wenig beachtet zu werden ſchien und es mir räthlich dünkte einen entfernteren Platz einzunehmen, — 192—. meine Gedanken und meine treueſten Wünſche Ihnen immer nahe waren? Keine Ausflüchte, keine ſchönen Worte! rief das Fräulein von Hammerſteen. Es iſt wahr, wir haben uns öfter verfehlt, und wo wir uns ſahen, hatte ich die Ehre von einer Anzahl unſerer liebenswürdigſten jungen Herren umringt zu ſein, die ſich um das Ver⸗ gnügen ſtritten, mich angenehm und witzig zu unter⸗ halten.— Warum miſchten Sie ſich nicht ein? Warum kämpften Sie nicht um den Preis?— Warum ließen Sie anderen den Platz, und wandten ſich ſtolz fort, mir wohl gar die Schuld beimeſſend? Weil ich weiß, ſagte Jens, daß ich nicht in jenen Kreis gehöre. Nicht gehöre! erwiderte ſie; was verſteckt ſich hinter dieſer Beſcheidenheit? Wohin gehören Sie denn, mein feiner, rauher Herr?— Ah, Sie ziehen es vor, einſame Spaziergänge zu machen; auch hat man Sie geſehen, wie Sie mit dem verrufenen Doktor Björning verkehrten, dem entſetzlichen Wühler, Aufwiegler und Gottesläſterer in Dänemark. End⸗ lich aber, und das ſcheint Ihre Hauptaufgabe ge⸗ worden zu ſein, ſtudiren Sie den Charakter und die Paſſionen unſeres ſchöngeiſtigen, liebenswürdigen Kammerherrn Branden, abentheuern mit ihm über — 193— Land und Meer, machen Verſe im Mondſchein und bewundern ſeine romantiſchen Unterſuchungen über neapolitaniſche Fiſcherinnen und ſchweizer Milch⸗ mädchen. Ich glaubte, ſagte Lornſen lächelnd, daß wenig⸗ ſtens der arme Kammerherr etwas mehr Mitleid bei Ihnen finden würde. Wohlan, gab ſie zur Antwort, laſſen Sie uns einen Augenblick bei ihm ſtehen bleiben und ſagen Sie mir mit frieſiſcher Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit was Sie von Branden halten. Im beſten Sinne des Wortes ſage ich von ihm, daß er der gutmüthigſte Narr iſt, den ich kennen ge⸗ lernt habe. Das iſt ein Urtheil, rief Lina lachend, in welchem ſalomoniſche Weisheit ſteckt. Mein Vetter Waldemar würde ſich freuen, wenn er wüßte, daß er wenigſtens in dieſem einen Punkte mit Ihnen übereinſtimmt. Sie haben es mit Waldemar aber völlig verdorben; er hat mich und wahrſcheinlich auch viele andere gute Leute vor Ihnen gewarnt.. Ich würde mich wundern, wenn es anders wäre, gab Jens zurück. Denn wenn jener Kammerherr zum Geſchlecht der gutmüthigſten Narren zählt, ſo iſt J 13 — — 1984— dieſer Kammerjunker jedenfalls zu den Boshafteſten und Langweiligſten zu rechnen. Gott weiß es, ob Sie Recht haben erwiderte das Fräulein, ihn ſchalkhaft und ſeufzend anblickend, oder welche Verblendung aus Ihnen ſpricht. Dort liegt ein Papier im Wege. Heben Sie es auf, lieber Jens. Oeffnen Sie es, leſen Sie es und rathen Sie mir, was ich thun ſoll. Loornſen erfüllte ſchweigend ihren Willen. Nach einigen Augenblicken ließ er den Arm mit dem Papier ſinken und ſagte ruhig: Kammerherr Branden ſchickte Ihnen dieſe ſchönen Blumen und beſchwört Sie, einen ewigen Blumenpfad mit ihm vereint zu wan⸗ deln. Ich hätte es wiſſen können, er bewundert Sie faſt noch mehr, wie ſeine romantiſchen Ideale. Es iſt ein Antrag, der wohl zu bedenken wäre erwiderte Lina. Branden iſt vermögend und hat vor einigen Tagen ſeinen Onkel beerbt, der plötzlich große Güter auf ihn gebracht hat. Was ſchadet es, daß er einen gewiſſen lächerlichen Platz in der Ge⸗ ſellſchaft einnimmt, daß er der Allerweltsnarr iſt! »Er iſt gutmüthig und gefällig; es giebt ſchlimmere Narren mit und ohne Kammerherrenſchlüſſel, und da wir ein Haus machen können, an der Spitze aller 195— Thorheiten uns bewegen dürfen, wird man mich be⸗ neiden, und noch mehr bewundern. Wiſſen Sie aber, fuhr ſie lebhaft fort, indem ſie ſich zu Jens wandte, daß ich in großer Verlegenheit bin? Faſt zu gleicher Zeit mit dem duftenden Billet des guten Branden, erhielt ich den Beſuch meines Vetters Waldemar, der es ſich in den Kopf geſetzt hat, ich allein koͤnne ihn glücklich machen. Sie wiſſen, Waldemar ſchreibt Verſe, ſehr gute Verſe, in jeder Versart iſt er gewandt. Er überreichte mir daher ein zartes, allerliebſtes Gedicht. Es muß dort in der Laube liegen, wir wollen es holen. Sie müſſen es leſen. Ich verzichte darauf, fiel Lornſen ein. Sie ſind dem armen Waldemar gram, rief Lina lachend, und er iſt ſo himmliſch gut und ſanft. Es würde eine Familienheirath ſein, ich kann es nicht läugnen. Waldemars Vermögen iſt nicht ſehr be⸗ deutend, ich aber bin die einzige Tochter meines Va⸗ ters, der ſeinen Beſitz zuſammengehalten hat. Die Rechnung iſt durchaus richtig. Wie allen edlen Fa⸗ milien, liegt der Glanz und die Zukunft derſelben auch uns am Herzen. Waldemar iſt jung, Branden nahe an vierzig Jahre; Waldemar iſt ſchlank, ſchön, einnehmend, es kann nicht fehlen, daß er in kurzer 13* — 196— Zeit Carriere macht. Er wird Geſandter werden, wir können dann in Paris, London oder Wien leben. Welche glänzende, wünſchenswerthe Zukunft in Feſten und Freuden, an Höfen und an der Seite der er⸗ lauchteſten Geſellſchaft. Branden iſt Kammerherr, aber trotz ſeiner breiten Schultern und ſeines guten Appetits zu romantiſch, um als Diplomat Glück zu machen. Wir würden uns begnügen müſſen zu jagen, den Geiſer und die Vulkane in Island oder der Ab⸗ wechslung wegen, den Veſuv und den Aetna zu be⸗ ſuchen; aber jedenfalls hätte ich auch Ausſicht dann wieder einmal auf Helgolands äußerſter Felſenſpitze die Sonne ſinken zu ſehen, und wer weiß, ob wir nicht dort zuſammenträfen, um eine zweite Fahrt nach den Halligen zu machen. Um im Nebel auf der Bank von Südſall zu ſitzen, ſagte Lornſen mit leiſer Stimme. Erinnern Sie ſich, Lornſen, was Sie mir dort verſprochen haben? rief das Fräulein, indem ſie ſeine Hand ergriff und ihre Stimme plötzlich vor Bewegung zitterte. Sie wollten mein Freund ſein für alle, alle Zeit. Nun mein theurer Freund, was ſoll ich jetzt thun? fuhr ſie in dem alten ſpottenden Tone fort. Was ſoll ich dem Kammerherrn ant⸗ worten, was dem Kammerjunker? Wohin ſoll ich mich wenden mit meinem armen Herzen, oder mit meiner kleinen Hand, die Waldemar ſo ſchön beſingt? Rathen Sie mir, ſagen Sie mir, was Sie denken. Sie ſollen Herr ſein über Herz und Hand. Sie ſtanden unter einer alten, prächtigen Eiche, die in der Mitte des Gartens ihre mächtigen Aeſte und ihr reiches Geblätter über einen weiten Gras⸗ platz ſtreckte. Dieſer Baum, ſagte Lina, iſt eher geweſen, als dies Reich und dieſe Stadt. Er hat einſt mitten im Walde geſtanden. Die Nornen haben darunter geſeſſen, das heilige Feuer hat vor ihnen gebrannt, in Zauberſprüchen haben ſie die Schickſale der Menſchen geweiſſagt, ihnen Freude und Leid ver⸗ kündigt. Da ſtehen wir nun in ſeinem heiligen Schatten, und ich halte Ihre Hand, mein beſter, theurer Freund. Meine Augen hängen an Ihren Lippen, ich fordere mein Schickſal und dieſe Lippen bleiben ſtumm! Ol Lina, rief Lornſen, indem er ſie umfaßte und mit einem Blick überwältigender Liebe ſich zu ihr niederbeugte, was könnte ich ſagen, was Sie nicht wüßten? Iſt es das, flüſterte ſie, an ihn geſchmiegt, was mitten im kalten Nebel wie Feuer mich verbrannte? — 198— Daß ich Dich mehr liebe, ſagte Lornſen, wie ein Menſch Dich lieben kann, daß ich ſterben will, oder Dich beſitzen. Gütiger Gott! ich lebe nur, ſeit ich Dich kenne. Ich will mein Leben vertheidigen! Er hielt ſie in ſeinem Arme, den andern ſtreckte er ſchwörend und drohend aus. Der ſchöne ſtolze Mann, zürnend und durchglüht von den erhabenſten Gefühlen, ſtand mit göttlicher Gewalt vor ihr. Sein ſchimmerndes Haar fiel weich auf ihre Stirn, das Feuer ſeiner Augen ſchmolz in Zärtlichkeit und Frie⸗ den. Lina glaubte bis in ſeine Seele zu blicken, die ihr gehörte, und ihre Hände um ſeinen Nacken ſchlin⸗ gend, betrachtete ſie ihn mit der ganzen innigen Kraft ihrer Liebe. Von jenem erſten Tage an, wo ich Dich ſah, flüſterte ſie, wußte ich, daß wir zu einander gehör⸗ ten. O! geliebter Mann, keine Macht ſoll uns trennen. Du haſt die gewöhnliche Unterordnung des Lebens von Dir geſtoßen. Du konnteſt kein reicher Bauer in Silt ſein. Laß dem Hilgen ſein Schätzchen, in meinen Armen biete ich Dir Erſatz. Und ich, erwiderte Lornſen zärtlich und ſtolz, denke Dir Erſatz zu geben für alle Kammerherren und Barone. Ich weiß es, ſagte ſie. Du wirſt nicht eher vor — — — 199— meinen Vater treten und mich von ihm fordern, bis er gegen Deinen Rang und Deine Stellung nichts einzuwenden vermag. Ich denke und fordere nichts geringes von Dir. Alles Uebrige nehme ich auf mich. Mein Vater weiß, daß er mich nicht zwingen kann, etwas zu thun, was ich nicht mag. Ich er⸗ warte Dich, Lornſen, ich erwarte den Tag, der kom⸗ men wird, wo unſere Liebe offen hintritt in die Welt und Achtung fordert. Bis dahin, mein theurer Freund, ſei geduldig und glaube an mich. Feſt und unwandelbar! ſprach Lornſen, ihre Hände mit Küſſen bedeckend. Lina! rief die Stimme des Barons hinter dem Gebüſch. Wo biſt Du denn, Mädchen?— Kom⸗ men Sie, Kammerherr Branden, Lina muß hier ſein. Er trat hervor und fuhr lachend fort: Da ſitzt ſie ja unter dem Hexenbaum, und iſt es nicht unſer lieber Freund Lornſen, der ſich ſo ſelten macht?— Herzlich willkommen, Herr Lornſen, ich Hoffe, Sie haben ſich gut unterhalten.— Aber hüten Sie ſich vor dem Baum da, man ſagt ihm gefähr⸗ liche Zauberpoſſen nach. Am nächſten Tage, als Lornſen allein in ſeiner Wohnung war, erhielt er einen Beſuch des Staats⸗ raths, der ihn nicht wenig überraſchte. Einige Mi⸗ 9* — 200— nuten lang war er in peinlichen Vermuthungen be⸗ fangen. Herr von Hammerſteen ſetzte ſich zu ihm und ſagte, zum Fenſter hinausſchauend: Sie woh⸗ nen hier allerliebſt, mit der Ausſicht auf Hafen und Meer, ungemein friſch und geſund, das wird Sie ausſöhnen mit Kopenhagen. Nun, ich frage nicht wie Sie ſich befinden; Sie haben ſich eingelebt, ſind blühend und kräftig, aber zu einſam, wie ich meine, und wie Sie wiſſen, lautet der alte Bibel⸗ ſpruch: Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei. Was haben Sie für Nutzen daraus gezogen! lieber Lornſen? Ihre Güte, Herr Staatsrath, erwiderte Jens lächelnd, hat dafür geſorgt, daß ich die Einſamkeit nicht empfinde. Hammerſteen ſah ihn mit ſeinen dunklen Augen nachſinnend an. Es freut mich aufrichtig, wenn wir, ich und Lina dazu beigetragen haben, Sie an⸗ genehm zu beſchäftigen, aber warum ich eigentlich zu Ihnen komme, lieber Freund, hat ſeine beſondere Bedeutung, die Sie und Ihre Einſamkeit ganz be⸗ ſonders betrifft. Eine leichte Röthe ſammelte ſich auf Lornſens Stirn, er beherrſchte mit Mühe ſeine Unruhe, doch muthig ſchlug er die Augen auf und blickte den — 201— Baron offen an, denn er war entſchloſſen nicht zu lügen und nichts zu bemänteln. Ich erwarte Ihre Mittheilung, begann er, als der Baron ſchwieg. Es handelt ſich, ſagte dieſer, um eine wichtige und delikate Angelegenheit, bei der ſie mir verſprechen müſſen, durchaus aufrichtig zu ſein, was ich von Ihnen erwarten darf. Ich werde was mich betrifft Ihnen nichts ver⸗ ſchweigen, erwiderte Jens mit Feſtigkeit. So hören Sie, ſagte der Baron. Sie wiſſen, daß ſchon im Jahre 1815 die Ritterſchaft der Her⸗ zogthümer ſich für ihre ſogenannten Rechte erhob und einen Landtag begehrte, der ihr abgeſchlagen wurde. Der König beſtätigte dagegen bald darauf die Privilegien des Adels und Prälaten, was natür⸗ lich bloße Formalität war. Die Ritterſchaft bezahlte nun die Kieler Profeſſoren, namentlich einen gewiſſen Dahlmann, ihren bleibenden Sekretär, bezahlte die Miearbeiter der Kieler Blätter, Falk und Welcker, die tapfer ſchrieen und die Rechte des Adels bewie⸗ ſen; als das Alles aber in Kopenhagen nichts half, klagten die Ritter 1822 beim deutſchen Bunde um ihr Recht. Ich kenne die Geſchichte dieſer Zeit ziemlich genau, 48 — 202— fiel Lornſen ein, der mit großer Verwunderung dem Staatsrath zuhörte. Um ſo beſſer, lieber Frennd, rief dieſer, dann werden Sie auch wiſſen, daß es kam, wie es kommen mußte; daß der hohe Bund nämlich in ſeiner beſon⸗ nenen Weisheit den Klägern die Antwort ertheilte: die alte Verfaſſung Holſteins beſtehe nicht mehr in anerkannter Wirkſamkeit, ihr Geſuch ſei ſomit un⸗ ſtatthaft, ihre Pflicht aber um ſo gewiſſer, ſich als treu ergebene Unterthanen zu benehmen. Zur Schmach der Zuſtände Deutſchlands iſt aller⸗ dings eine ſolche Antwort ertheilt worden, erwiderte Jens. Die Völker mochten daran ſehen, was es heißt, weun Diplomaten über ihre Rechte zu Gericht ſitzen, im Uebrigen aber war dem Adel dieſer demüthigende Beſcheid von Herzen zu gönnen. Nicht für die Lan⸗ desrechte hatte er das Wort genommen, ſondern für ſeine Privilegien, um ſein Kaſtenweſen herzuſtellen, das Mittelalter wo möglich wieder aufzufriſchen. Der Bundestag in Frankfurt konnte nichts Geſcheuteres thun, als dieſem begehrlichen Adel ſeine Vorrechte abzuſprechen. Nun ſehen Sie, fuhr der Staatsrath fort, darauf kommt es an. Der Adel hat Aehnliches hören müſſen, was Sie da ſagen; wir wollen nicht darüber ſtrei⸗ — 203— ten, was Recht oder Unrecht darin iſt. Er hat ein Paar Jahre lang die Flügel hängen laſſen; jetzt ſind ſie ihm jedoch neu gewachſen, und ganz in der Stille wiederholt er ſeine Verſuche, um hier zum Ziele zu kommen. Der Kronprinz Chriſtian beſonders iſt ein Stern ſeiner Hoffnungen. Ihm werden allerlei Vor⸗ ſtellungen gemacht; die Treue der Herzogthümer ge⸗ rühmt, wenn der Adel dort geſtärkt eine hervorra⸗ gende, einflußreiche Stellung gewönne, wenn man ſeine Vorrechte ihm ſicherte, adlige Landtage ein⸗ führte, ihm die Vertretung des Landes überwieſe. Es wäre das ſicherſte Mittel, den allgemeinſten Unwillen hervorzurufen, erwiderte Lornſen. Ganz meine Ueberzeugung, ſagte Hammerſteen. Aber dieſe Reihe von Beſtrebungen bedarf der Ge⸗ genwirkung. Es bedarf einer klaren, ſcharfen und ſcharfſinnigen Denkſchrift, welche den Gegenſtand er⸗ ſchöpfend zerlegt und bedarf eines Mannes, der genau bekannt mit allen Verhältniſſen beweiſt, daß die An⸗ ſprüche der Ritterſchaft und Prälaten völlig unſtatt⸗ haft ſind, ſowohl vom Rechtsgeſichtspunkte aus, wie in Erwägung der Zeitverhältniſſe und des Wohls der Geſammtheit. Ich verſtehe, verſetzte Lornſen. Dieſe Denkſchrift wünſchen Sie von mir. — 204— Sie ſind der Mann dazu, fiel der Baron ein. Sie beſitzen die Kenntntß und die Geſchicklichkeit. Zeigen Sie jetzt, Lornſen, was die Intenſität Ihres Willens vermag, in wie weit Sie höheren Ideen zugänglich ſind. Sie werden dadurch diejenigen zur richtigen Erkenntniß über Sie bringen, von denen Ihre Zukunft abhängt. Ich fürchte, ſagte Jens, indem er vor ſich nieder⸗ blickte, daß meine Zukunft durch dieſen Auftrag nicht gewinnen wird. Mein Freund, ſprach Hammerſteen lächelnd, ein Staatsmann muß auch bei ſeinen erſten Schritten Talleyrands berühmtes Wort niemals vergeſſen, daß die Sprache dazu vorhanden ſei, die Gedanken zu verbergen; wenn man jedoch gewandt, vorſichtig und überlegt die Worte wählt, ſo giebt es mancherlei Fälle, wo man auch kühn und beſtimmt ſein darf. Hier haben wir einen ſolchen Fall. Sie haben nichts zu verbergen, nichts in Schleier zu hüllen; ſagen Sie vielmehr gerade heraus und mit aller Beſtimmt⸗ heit, was Sie denken. Meine Ueberzeugung? erwiderte Lornſen fragend und mit Nachdruck.. Ihre volle Ueberzeugung, ſprach der Staatsrath, doch— ohne Phraſen. Erinnern Sie ſich, Herr — 205— Lornſen, daß dieſer Auftrag durch mich Ihnen vom Könige ertheilt wird. Daß Se. Majeſtät wünſcht, der Kronprinz möge durch Sie von der ganzen Lage der Dinge genau unterrichtet werden, und da Sie ein klarer, klugrechnender, beſonnener Mann ſind— ich habe die Beweiſe dafür, ſchaltete er mit einem ſeiner eigenthümlichen ſcharfen Blicke ein— ſo wer⸗ den wir ſehen, wie Sie die Stunde benutzen, wo ſich Ihnen Thüren öffnen, durch welche nicht ſo leicht ein Unberechtigter dringt. Ich werde ſie benutzen, ſagte Jens. Sie nehmen es alſo an? fragte Hammerſteen. Ich nehme es an. Ich lobe Sie und freue mich darüber. Biegſam⸗ keit iſt eine der größten Tugenden der Menſchen. Die Hartnäckigkeit ſogenannter Charaktere iſt in Wahr⸗ heit lächerlich und verächtlich. Es giebt keine ewigen Wahrheiten, wie es keine Beſtändigkeit giebt. Was heut vertheidigt und geprieſen wird, kann morgen Verbrechen werden, wenigſtens für uns, für den Staatsmann, deſſen Kunſt es iſt, allen Verhältniſſen Rechnung zu tragen, alle, Verhältniſſe zu benutzen und ſeine Konſequenzen. daraus, zu ziehen. WDenn ſehen Sie, lieber Freund, alle diplomatiſche Kunſt beſteht darin, mit gegebenen Verhältniſſen zu rechnen — 206— und die Verhältniſſe ſo zu meiſtern, daß die Noth⸗ wendigkeit den Gegnern nichts anderes übrig äßt, als Anerkennuug. Man muß mit jeder Strömung fahren, mit jeder Möglichkeit Anker werfen, und immer neue Möglichkeiten aufſtellen wenn etwa die Wellen über die alten hinſchlagen. Wiſſen Sie, Herr Lornſen, Göthe, der vortreff⸗ liche Göthe, iſt wiederum auch hierbei ein köſtliches Vorbild. Wie ſagt er in ſeinen prachtvollen Xenien; 3 Die Feinde, die bedrohen mich, Das mehrt von Tag zu Tage ſich, Doch ſeh ich Alles unbewegt— Sie zerren an der Schlangenhaut Die jüngſt ich abgelegt. Und iſt die nächſte reif genug, Abſtreif' ich die ſogleich, Und wandle neu belebt und jung Im friſchen Götterreich. Sehen Sie, lieber Freund, das iſt das Bild des vollendeten Diplomaten. Das wärmt und erfreut! Die Schlangenhaut wird abgeſtreift, und ſchnell iſt eine andere fertig. Man wechſelt die Rollen, um ewig jung und friſch zu bleiben. Doch ich ermüde Sie, ſagte er aufſtehend. Wann wollen Sie an die Arbeit gehen? — — 207— 5 VWenn es Ihnen genehm iſt, noch heut. Je cher, je lieber, erwiderte der Staatsrath, Friſche Fiſche, gute Fiſche! man muß den Feind ſchlagen, wo man ihn findet. Was Sie etwa an Büchern und Material bedürfen, ſteht Ihnen in mei⸗ ner Bibliothek und im Archiv zu Geböot; ich ſende Ihnen auch, sub sigillo, die Petitionen und Vor⸗ ſtellungen der Ritter. Eilen Sie, ich zweifle nicht, daß der Kronprinz Sie mit ſeiner ganzen Gnade beglücken wird, auch Se. Majeſtät denkt das Beſte von Ihnen. Und nun Adieu. Aber vergeſſen Sie darüber uns nicht, lieber Lornſen. Er ſchüttelte Jens die Hand und that einige Schritte, dann wandte er ſich um und ſagte lächelnd: Ja ſo, bald hätte ich etwas vergeſſen, was Ihnen gewiß Freude machen wird. Eine wichtige Verän⸗ derung bereitet ſich in meinem Hauſe vor. Ich werde meine Tochter verheirathen. Mit wem, rathen Sie? Ich bin in der That nicht im Stande darüber zu urtheilen, verſetzte Lornſen ſo kaltblütig er konnte. Noch ſchwankt die Wage, ſprach der Baron lä⸗ chelnd, indem er ſeine Augen in Lornſens Geſicht bohrte. Es bieten ſich ein paar Partieen, bei denen ich Karolinen freie Wahl laſſe, doch heut muß ſie ſich entſcheiden. — 208— Fräulein Karoline wird ihrem Herzen folgen, ſagte Lornſen. 8 Ihrem Herzen! widerholte der Staatsrath ſpöttiſch. Meinen Sie? Das Herz iſt das wandelbarſte Ding, ein Mädchenherz ein Sack voll Thorheiten. Ich kenne jedoch Lina beſſer. Das bloße Empfindeln und in Liebesnoth dumme Streiche machen, hat keine Ge⸗ walt über ſie. Das werden Sie auch von ihr glau⸗ ben, lieber Freund, daß ſie nicht vergeſſen kann, wer ſie iſt und wohin ihr Weg geht. Einem unterge⸗ ordneten Menſchen kann Lina ſich niemals leichtſin⸗ nig verzetteln, um Schande und Reue über ſich und mich zu bringen. So bin ich denn ganz ruhig, ganz ſicher und kümmere mich nicht im geringſten um die kleinen Betiſen des Lebens. Ich überlaſſe es ihr ge⸗ troſt über ſich zu beſtimmen, ich weiß, daß ich es kann. Apropos, haben Sie Kammerherr Branden geſehen. Lornſen verneinte es. Der hat mit ſeiner Erbſchaft viel zu thun, lachte Hammerſteen. Ein trefflicher Mann voll Gemüth und Talent, und dabei jetzt ſehr vermögend, im Stande allen ſeinen Neigungen zu folgen. Geburt und Geld, lieber Lornſen, das ſind die Genien, die eines Menſchen Leben umſchweben müſſen, wenn er — 209— nach allen Kränzen die Hand ausſtrecken darf. Wo dieſe Schutzgeiſter fehlen, muß man beſcheiden ſein oder viel Glück und viel Geiſt beſitzen. Nun, kom⸗ men Sie recht bald zu uns und ſeien Sie fleißig. Als er hinaus war, legte Lornſen den heißen Kopf in ſeine Hand und blickte lange über Land und Meer, der ſinkenden Sonne nach. Laßt ſehen, rief er dann, ob ich Glück und Geiſt genug beſitze, um eure Genien entbehren zu können! Und er ergriff ein Papier und begann ſeine Arbeit. 9. Eine ganze Woche lang hatte Lornſen ſich nicht im Hauſe des Staatsraths ſehen laſſen, er war auf's eifrigſte mit der Denkſchrift beſchäftigt; als ſie jedoch vollendet war, empfing Hammerſteen eine ſaubere Ab⸗ ſchrift mit der Bitte, ſie zu leſen und ein Urtheil darüber zu fällen. Am nächſten Tage erfolgte die Antwort. Der Staatsrath erſuchte Lornſen zu ihm zu kommen und Mittags der Gaſt der Familie zu ſein, da er hoffe, ihm allerlei gute Dinge vorſetzen zu können. I. 14 — 210— Eine Wolke ſchwermüthiger ernſter Gedanken la⸗ gerte auf Lornſens Geſicht. Er hatte keine Nachricht von Lina erhalten und viel zu ſtolz, um irgend einen Verſuch zu machen, durch ſeine Annä erung auf ihre Entſchlüſſe einzuwirken, hatte er es vorgezogen nichts zu thun, was zwingend für ſie ſein könnte. Die Worte des Barons, daß Lina einem untergeordneten Menſchen ſich niemals leichtſinnig verzetteln könne, hatten ſich ihm wie in Erz eingegraben, denn keinen Augenblick zweifelte er daran, welche Bedeutung ſie haben ſollten. Er war überzeugt, daß der Baron die Scene im Garten geſehen hatte, daß er recht gut wußte, was zwiſchen ihm und Ling vorgefallen war; doch ſtatt zürnend zwiſchen zu treten, zog er ſtaats⸗ kluge Vater es vor, in ſeiner Weiſe die Karten zu miſchen. Sie ſoll nichts bereuen, murmelte Jens zum tau⸗ ſendſten Male düſter vor ſich hin, als er vor der Thür des Barons ſtand; dann wiſchte er den Ernſt von ſeiner Stirn und als er bei einem der großen Wandſpiegel vorüber ging, lachte er über ſeine treff⸗ liche diplomatiſche Vervollkommnung, denn er ſah in der That heiter und unbefangen aus, während ſein Herz in heftigen Schlägen pochte. Der große Wagen des Staatsraths ſtand ange⸗ — 211— ſpannt im Hofe. Er war eben zu Haus gekommen und empfing Lornſen, den Hut in der Hand und in Uniform, oben an der Treppe. Mein lieber Lornſen, rief er ihm entgegen, herz⸗ lich erfreut, Sie zu begrüßen. Sie ſehen mich noch mit Stern und bordirtem Rock; ich komme von Sr. Majeſtät. Geſtern Abend habe ich dem König Ihr Promemoria übergeben, er hat ſich ſogleich damit beſchäftigt; Sie wiſſen, es iſt ſeine Art, unermüdlich zu ſein und trotz ſeines Alters bis tief in die Nacht hinein zu arbeiten und zu leſen. Es iſt nun am Beſten, wenn ich Ihnen die eigenen Aeußerungen des Königs wiederhole. Wie alt iſt der Lornſen? fragte er mich. Einige dreißig Jahre, Majeſtät. Es muß viel Feuer und Leidenſchaft in dieſem Manne ſein, aber er iſt ein vortrefflicher Kopf, ein Mann von ge⸗ diegenen Kenntniſſen und großen Fähigkeiten. Die Arbeit iſt ausgezeichnet, der Kronprinz ſoll ſie leſen. Sagen Sie dem Lornſen, daß ich ihm danke und mich ſeiner erinnern werde. Wenn er etwas will, ſoll er zu mir kommen, es wird mir überhaupt an⸗ genehm ſein, ihn zu ſprechen. Sagen Sie ihm das. Der König iſt gnädig, ſagte Lornſen. Er iſt gerecht, verſetzte Hammerſteen; Ihre Arbeit iſt wirklich meiſterhaft, ſcharf, klar und überzeugend 14 — 212— — bis auf die Vertheidigung Ihrer Anſichten vom Staatsrecht der beiden Herzogthümer, fügte er lächelnd hinzu. Das iſt es, was Se. Majeſtät als Feuer und Leidenſchaft bezeichnete, doch das wird ſich geben. Die nächſte Aufgabe iſt nun die, den Kronprinzen zu intereſſiren; dazu aber wird eben jenes leiden⸗ ſchaftliche Feuer nicht wenig beitragen. Vor zwei Stunden hat er die Denkſchrift erhalten und nun machen Sie ſich darauf gefaßt, lieber Freund, ge⸗ rufen zu werden. Sie ſehen, Alles iſt jetzt wohl eingeleitet und im beſten Gange des Gelingens. Sind Sie perſönlich mit den Herrſchaften bekannt, ſo legen magiſche Schlingen ſich um Ihre Füße und tragen Sie empor zu den Göttertafeln, wo Nektar und Ambroſia bereit ſtehen. Der Eindruck, welcher dieſe Mittheilungen auf Lornſen machte, war kein ſichtbarer, dennoch aber war er bedeutend genug. Ein ehrgeiziges Feuer brannte tief in ihm und miſchte ſich mit ſeiner Liebe zu Lina. Er wußte, daß ſeine Kühnheit nur Ver⸗ zeihung finden könnte, wenn er durch Rang und Stellung dazu berechtigt werde, und ſtolz und mu⸗ thig wie er war, hob er den Kopf hoch empor, als der Staatsrath mit ſeinem feinen, beobachtenden Blicke ihn betrachtete. — 213— Ich bin zwar nicht gewöhnt, ſagte Lornſen, auf den Parquets königlicher Gemächer zu gehen, allein ich hoffe, wenn ich die Ehre habe, den König oder den Prinzen zu ſprechen, mich deſſen würdig zu be⸗ weiſen; ſollte ich auch bei Hofleuten Gegenſtand ihrer Anmerkungen werden. Dafür ſorgen Sie nicht, rief Hammerſteen lachend. Sie ſind etwas ſteif und gerade, Ihr Tritt iſt feſt, Ihre Sprache laut und tief, das Alles kann den Vorzimmern nicht gefallen. Kümmern Sie ſich aber nicht darum; Kammerlakaienmanieren ſind für ge⸗ wiſſe Geſchöpfe Gewiſſensſache; doch auch die Könige wollen zuweilen mehr und ſehen es gern, wenn man ſie menſchlich behandelt, wäre es auch nur des haut- gouts wegen, der den Appetit reizt. Der König iſt ein einfacher Mann, reden Sie mit ihm von der Leber fort, ohne zu vergeſſen, wer er iſt; der Prinz wird Ihnen ſelbſt ſchon auf den rechten Weg helfen. Aber es iſt merkwürdig, daß mir Lina faſt daſſelbe geſagt hat. Den betreßten Menſchen, die ewig zu lächeln und ſich zu bücken wiſſen, wird Lornſen nicht gefallen, ſagte ſie, doch ich bin überzeugt, daß der König ſowohl wie der Prinz ihn mit Hochachtung entlaſſen und wiederſehen werden. Dieſe gute Meinung werde ich nicht zu Schanden werden laſſen, erwiderte Jens. Sagen Sie ihr das ſelbſt, rief der Baron, oder ſagen Sie ihr nichts, gleich viel, Sie haben eine ver⸗ trauende Freundin an Lina, Herr Lornſen. Ja, was ich Ihnen neulich ſagte, von einer Partie, das bleibt unter uns. Lina hat, wie alle Mädchen, ihre Launen. Sie hat dem armen Branden erklärt, es ſei ihr un⸗ möglich jetzt ſchon ſeine Wünſche näher zu überlegen und da ein Jahr bei ihm nicht viel ausmache— er iſt zwei oder drei und vierzig, der arme Baron— ſo wollte ſie ſich und ihn prüfen. Was Waldemar betrifft, ſo iſt die Sache ernſthafter. Er iſt ſtürmi⸗ ſcher, weil er jünger iſt, und begehrlicher, weil er zu fürchten hat. Er ſoll erſt Stellung gewinnen, der Kammerjunker behagt ihr nicht. Darin hat ſie Recht; ihr ſtolzer Sinn verlangt die Höhe des Lebens. Nun, Waldemar wird Kammerherr werden und dann irgend eine ehrenhafte Sendung oder Stellung er⸗ halten. Wir werden heut mit Beiden ſpeiſen, wahr⸗ haftig es iſt hohe Zeit. Kommen Sie, lieber Lorn⸗ ſen, ich begleite Sie hinunter; wir werden, wie ich denke, die Geſellſchaft ſchon beiſammen finden. Die Freude, welche Lornſen empfand, belebte ihn im reichſten Maße. Sein Geſicht verlor den ſtillen, — 215— ernſten Ausdruck, ſeine Augen ſtrahlten in dem Glück, das ihn erfüllte; er fühlte ſeinen Körper unter dieſer Herrſchaft aller Schwere enthoben, und das Blut in ſeinen Adern brennen. So folgte er dem Baron in die Geſellſchaftssimmer, wo man allerdings auf ihre Erſcheinung ſchon wartete. 3 Außer dem Kammerherrn und Waldemar waren einige andere Damen und Herren vorhanden, alte Freunde des Hauſes, verwandte und vornehme Fa⸗ milien, unter denen der bürgerliche Lornſen, der Subalternbeamte in der deutſchen Kanzlei, als ein Eindringling erſchien, der durch eine ſeltſame Laune hierher verſetzt worden war. Es war bekannt genug, durch welchen Zufall er den Staatsrath kennen gelernt und welchen ſoge⸗ nannten Dienſt er ihm und dem Fräulein erwieſen hatte. Daß der Baron dies großmüthig zu vergel⸗ ten ſuchte, fand man gerechtfertigt, daß der friſiſche Bauer aber auch heut im engen Familienkreiſe Ein⸗ gang fand, ſchien denen, die darüber nachdachten, doch etwas weiter gegangen, als nothwendig. Waldemar warf dem Eintretenden einen feind⸗ lichen Blick zu und ſetzte dann ſein Geſpräch mit einer jungen Gräfin fort, welche neben ihm ſtand. Lina befand ſich ihm gegenüber mitten in dem Kreiſe — 216— der Geſellſchaft, von dem Kammerherrn beſchäftigt, der ſeine ganze Liebenswürdigkeit in Beſchreibung ſeiner jüngſten Reiſe auf die ererbten Güter zu ent⸗ wickeln ſuchte, wo Alles italieniſch war. Der Staatsrath hielt Lornſen bei der Hand und indem er ſeine Gäſte begrüßte, führte er ihn mitten in die Geſellſchaft. Endlich ſieht man Sie wieder, Herr Lornſen, ſagte Lina, ihm entgegentretend. Welche wichtige Arbeiten ſind es denn, die Sie uns auf ſo lange Zeit entfremden können? Niemand, erwiderte Lornſen, kann dies inniger bedauern, als ich; ich hoffe jedoch für alle meine Ver⸗ luſte mich entſchädigen zu dürfen. Da die Thüren des Speiſeſaales eben geöffnet wurden, reichte er Lina den Arm und zum nicht ge⸗ ringen Aerger und grenzenloſen Erſtaunen der Gela⸗ denen, nahm er an ihrer Seite ſo ungezwungen Platz, als gehöre er an keine andere Stelle. Die Nachricht über Lina's bevorſtehende Verlobung hatte ſich ver⸗ breitet, und dieſer kleine gewählte Kreis glaubte, daß er beſtimmt ſei, Zeuge der erſten feierlichen Ent⸗ hüllung des Familiengeheimniſſes zu ſein. Ob der Kammerherr, ob Waldemar der beglückte Bräutigam ſein würde, war das zu löſende Räthſel; welch Ent⸗ — 217— ſetzen alſo und welche Täuſchung, als der grobe, ge⸗ meine Menſch aus Silt ſich neben Lina pflanzte und keine Abweiſung erfuhr. Es war jedoch mit Lorn⸗ ſen jedenfalls eine merkwürdige Veränderung vorge⸗ gangen. Sonſt ſchweigſam und zurückgezogen, war er heut lebhaft und theilnehmend, höflich und galant. Sein Selbſtgefühl war von irgend einer mächtigen Gewalt erweckt worden, er ſchien über Nacht ein vollendeter Mann der Salons geworden zu ſein. Seine Bemerkungen waren treffend und gewandt, ſein Einfallen in die Unterhaltungen hatte immer etwas Beſtimmendes und erregte die Aufmerkſamkeit. Was er erzählte, war weder leer noch gewöhnlich und die blühende anregende Sprache, der markige Ton ſeiner Stimme paßte zu dem ſtolzen Kopf und ſeiner breiten Stirn. Auch Lina bemerkte dieſe Ver⸗ änderung ſeines Weſens, aber ſie wußte ſie zu deuten. Dann und wann ruhte ihr Blick eine Minute lang auf ihm und ihre Augen glänzten wie an jenem Morgen unter dem Hexenbaum. Sie ſah Alles, was ſich an dem Tiſche regte: die Theilnahme an dem geiſtvollen, ſchönen Mann, das leiſe lächelnde Kopfnicken ihres Vaters, der Lornſen beobachtete, die Mißgunſt, den Hochmuth Anderer, die Ungeduld und den Aerger des Kammerherrn, der gar nicht zu — 218— Wort kommen konnte, und die Blicke des Haſſes und der Verachtung, welche Waldemar auf Lornſen ſchleuderte. Das Diner dauerte lange, denn Hammerſteen liebte die Freuden der Tafel und ließ gerade heute in dieſem auserwählten Kreiſe ſeinen Koch das Treff⸗ lichſte leiſten. Ein Theil der Geſellſchaft aber war immer noch in größter Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, und ſelbſt als man im Garten⸗ ſalon den Kaffee nahm und ſich das Ende des Ta⸗ ges nahte, hoffte man immer noch auf eine Ueber⸗ raſchung, die nicht kommen wollte. Hier endlich fand Lornſen Gelegenheit, mit Lina unbemerkt Worte zu wechſeln. Ich weiß Alles, ſagte ſie. Deine Entſchlüſſe ſtehen auf Deiner Stirn, und hier iſt nichts vorge⸗ fallen, was Dich beunruhigen könnte. Ich bin ganz ruhig, erwiderte er. Geheilt von Zweifeln? fragte Lina lächelnd. Feſt vertrauend auf Deine Liebe und auf mich, flüſterte er ihr zu. Sie blickte freudig zu ihm auf. Sei ſtolz, ſagte ſie, Du verdienſt es zu ſein. Um Deinetwegen, erwiderte Jens. — 219— Um des Adels wegen, zu dem Du gehöͤrſt, gab ſie zur Antwort. Ich habe nicht gewußt, ſprach Waldemar, der näher getreten war und etwas davon gehört hatte, daß die Frieſen und Bauern auf Silt auch ihren Adel haben. Sie haben Recht, Herr Graf, erwiderte Lornſen. Was man gewöhnlich Adel nennt, Familien mit be⸗ helmten Wappen und Namen, die im Turnierbuche ſtehen, kennt man bei uns nicht. So oft die Dänen uns ſolche Ritter als Landeshauptleute und Voigte brachten, wurden ſie vertrieben und ihre Sitze zer⸗ ſtört. Die Frieſen und die Dithmarſen waren zu allen Zeiten die grimmigſten Feinde des Adels in Panzer und Wappenrock. Sie kennen die Geſchichte gewiß genau genug, um zu wiſſen, wie wenig unter⸗ thänige Ehrfurcht unſeren Bauern von jeher eigen war, und wie hartnäckig ſie bei ihren Vorurtheilen blieben, keinem adligen Herrn zu dienen und Nie⸗ mand über ſich zu dulden. Dann wundert es mich, ſagte Waldemar verächt⸗ lich, wie ihre Nachkommen ſo aus der Art geſchlagen ſind, daß ſie nach Dienſt und Unterthänigkeit weit umherſuchen. . Glücklicher Weiſe, gab Lornſen lachend zur Ant⸗ — 220— „ wort, haben auch wir das Licht der Aufklärung er⸗ halten. Die Welt, Herr Graf, iſt ſo wunderlich umgewandelt, daß der Bauer kühn um das Höchſte wirbt, und entſetzlich genug iſt es, daß er zuweilen, wie im Schachſpiel, ſelbſt Könige matt ſetzt. Man muß den Bauer nie ſo weit kommen laſ⸗ ſen, rief der junge Edelmann ſtolz. Jeder bleibe, wohin er gehört. Goldene Lehre! erwiderte Lornſen. Die Flachheit und Gemeinheit bleibe in ihrem Schlamm. Aber eines Bauern Kopf iſt hart, und mit den Köpfen hat es eine eigene Bewandtniß. Er ſah ihn ſchalkhaft an. Waldemar verſuchte es nachzukommen. Welche Bewandtniß? fragte er. Man kann ihnen nie anſehen, wie leer und hohl ſie ſind, bis man ordentlich angeklopft hat, ſagte der kecke Frieſe. Der Zorn färbte Waldemars Stirn. Lina ſand lächelnd neben ihm; er las etwas in ihren Blicken, was ihn mit Wuth und Scham erfüllte. Plötzlich ſtand der Staatsrath auf, ein Diener hatte ihm einen Brief gebracht, den er erbrach, hin⸗ einblickte und mit ſichtlicher Freude einſteckte. Ich maß unſern lieben Freunden doch zum Schluß .* des Tages eine Neuigkeit mittheilen, die Sie gewiß gern und mit Antheil hören, ſagte er. Der Graf iſt zum Kammerherrn ernannt und nun folgt die Verlobung, flüſterten die Damen. Kammerherr Branden iſt Großkreuz vom Dane⸗ brog und Hofmarſchall geworden. Sie werden ſehen, ſprach ein Anderer dem Baron ins Ohr. Ich bekomme ſoeben den Befehl des Kronprinzen, fuhr der Staatsrath fort, nach den eigenen Worten Sr. königlichen Hoheit, den geiſtreichen und talent⸗ vollen Herrn Lornſen auf morgen Abend einzuladen, zum Thee im Amalienborg⸗Palais zu erſcheinen, da Se. königliche Hoheit begierig ſind, die perſönliche Bekanntſchaft eines ſo ausgezeichneten jungen Mannes zu machen. Voller Erſtaunen blickten Alle Lornſen an. Lina hatte ihm die Hand gereicht, ihre Augen ſtrahlten ver⸗ rätheriſch ein ſüßes Geheimniß aus. — Druck von J. Blumenthal in Berlin, Adlerſtr. 9. —— ſiſſſſſnſſſſifniſſſſſſſſſſnſnnſmnneſann 6 7 8 9 11 12 13 14 15