Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pf fangnahme und Rückgabe der Buücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Neliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennah me eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 2 Bücl lcler: 4 Bücher: 6 Bi Bücher ——— auf 1 Monat: 1 Mr ſ 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. I. 5, 3„=. 5 Auswärtige Avonnenten“¹ haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der, Bücher auf ihre eigenen eabe und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 3. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defet⸗ Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. J r Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 1 eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß as Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4= ⸗— 3 ——————— 4 — Verloren und gefunden. Zweiter Band. Verloren und gefunden. Roman in zwei Bänden von . Theodor Mügge. 8 Zweiter Band. — Frankfurt ⁄. Verlag von Meidinger Sohn& Comp. 1859. Inhalt. Zweiter Band. Dreizehntes Kapitel Vierzehntes Kapitel Fünfzehntes Kapitel Sechszehntes Kapitel Siebenzehntes Kapitel Achtzehntes Kapitel Neunzehntes Kapitel. Zwanzigſtes Kapitel. Einundzwanzigſtes Kapitel. Zweiundzwanzigſtes Kapitel Verloren und gefunden von Theodor Mügge. Dreizehntes Kapitel. Jakob Wolf hatte am folgenden Tage wieder einen Be⸗ ſuch des alten Herrn von Feldheim. Der alte Herr ſaß auf dem Leder⸗ Sopha, und der A lgent ſtand vor ihm mit aufgeſträubter Tolle in dienſtfertiger Haltung, die Hände in einander reibend und aufmerkſam hörend, was ihm mit⸗ getheilt wurde. Herr von Feldheim war in übler Laune. Sein hohles Geſicht wurde dadurch noch ſchärfer und härter, und ſeine langſamen Augen bewegten ſich ein wenig raſcher und leb⸗ hafter. Er hatte dem Agenten erzählt, was ihm geſtern widerfahren, und ſeine langen blutloſen Lippen zitterten über das Aergerniß, während er ſich bemühte, ſo kalt als möglich darüber zu ſprechen. Jakob Wol lf drückte ſein Mit⸗ gefühl durch heftiges Ach hſelzucken und Kopfſchütteln aus, zuletzt aber ſagte er:„Es iſt ein unbeſonnener M kenſch, das wird er bleiben, ſo lange er lebt t; aber mit Willen hat er es gewiß nicht gethan, darauf verlaſſen Sie ſich.“ Mügge, Verloren und gefunden. II.. 1 „Warum ſoll ich mich darauf verlaſſen?“ fragte Herr von Feldheim unwillig. 2 Jakob Wolf hielt mit ſeiner Antwort zurück. Er wackelte nur mit dem ſchwarzen Harbuſch und fing an zu lachen. „Sie denken noch immer viel zu gut von ihm,“ ſagte der alte Herr. „Ich denke ſchlecht von ihm!“ rief der Agent,„benn warum ſollte ich gut von ihm denken? aber in dieſem Falle bin ich überzeugt, es geſchah gegen ſeinen Willen.“ „Sie müſſen alſo Gründe dafür haben.“ „Gründe?“ verſetzte Jakob Wolf mit ſeiner unbeſieg— baren Offenheit,„es reicht ein einziger Grund hin. Weil ich weiß, er wäre lieber gegen ein glühendes Eiſen gelaufen, darum glaube ich es.“ Herr von Feldheim ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er:„So wollte ich, er wäre gegen ein ſolches Eiſen gelau⸗ fen; allein ich beſorge, es könnte noch öfter geſchehen, daß meine kranken Füße an deſſen Stelle treten. Darum iſt es gut, wenn wir uns Beide davor hüten.“ „Vorſicht iſt zu allen Dingen gut,“ ſagte Jakob Wolf, der einen Scherz daraus machte.“ „Sie haben ihn lange nicht geſehen?“ fragte Herr von Feldheim, indem er ſeine müden Augen langſam aufmachte. „Ich habe lange nicht die Ehre gehabt.“ „Auch nichts von ihm erfahren?“ „Er wird leben, wie er gelebt hat.“ 4 Es entſtand eine Pauſe. Der alte Herr ſah vor ſich nieder, dann hob er abermals den Kopf auf und ſagte in ruhigem, aber entſchiedenem Tone:„Er muß fort von hier.“ „Es wäre gewiß gut,“ erwiderte Jakob Wolf. „Sie ſollen ihm den Vorſchlag dazu machen,“ fuhr Herr von Feldheim fort.„Ich will ihm ſein Gut abkaufen.“ „Das Gut Weißenſtein?“ lachte der kleine Agent.„Es gehört ihm nichts mehr davon.“ „Ich will es kaufen,“ ſagte der alte Herr,„bin ent— ſchloſſen dazu, habe es mir überlegt. Ich will Weißenſtein mit Allem, was darauf haftet, übernehmen und will ihm zwanzigtauſend Thaler zahlen, unter einer Bedingung.“ „Das iſt eine Großmuth!“ rief Jakob Wolf.„Aber was iſt die Bedingung?“ „Er ſoll das Land verlaſſen, ſoll dieſen ganzen Erdtheil verlaſſen, auswandern und ſich verpflichten, nie wieder zu⸗ rückzukehren.“ Der Agent riß ſeine vorquellenden Augen auf.„Es iſt ein Vorſchlag,“ ſagte er,„ein annehmbarer, edler Vorſchlag, damit wird geſchlichtet Alles in Güte. Ein Menſch, der nichts zu verlieren hat, braucht ſich nicht lange zu beſinnen. Aber er iſt eigenſinnig. Es iſt unerhört!“ „Hier geht er zu Grunde und macht ſich und uns Allen Schande,“ fiel Herr von Feldheim ein.„Ich will dieſem Ende vorbeugen, überdies— wie mein Anblick ihm zuwider iſt, ſo mir der ſeinige. Ich will meine Füße und mich ſelbſt 1* 4 vor ihm ſicher ſtellen, Herr Wolf,“ ſagte er, langſam lächelnd,„und will dafür jedes zuläſſige Opfer bringen. Sagen Sie ihm, daß ich fünfundzwanzigtaufend Thaler geben will, ſogleich gel will, wenn er meine Bedingungen annimmt.“ „Das iſt viel, ſehr viel!“ rief Jakob Wolf,„aber er hat Schulden, und ich glaube, er wird nicht gehen, ohne daß er ſie bezahlt.“ Herr von Feldheim beſann ſich einige Minuten lang, dann hob er den langen Kopf wieder auf und ſagte mit derſelben Gelaſſenheit:„Er ſoll Ihnen ein Verzeichniß ſeine Schulden einreichen, ſie ſollen bezahlt werden.“ „Ich bin gerührt!“ rief Jakob Wolf,„ich bin erſtaunt!“ „Es muß ſchnell geſchehen,“ fuhr der alte Herr fort, „binnen acht Tagen muß es abgemacht ſein. Sind Sie nicht ſicher, daß er meine Vorſchläge annehmen wird?“ Das Geſicht des Agenten ſah bedenklich aus.„Ich weiß nicht,“ erwiderte er,„es kann ſein, es kann aber auch nicht ſein.— Was er eigentlich im Sinne hatte, verſchwieg er, weil er nicht wußte, wie es mit den Heirathsplanen des Freiherrn ſtand, aber er fügte hinzu:„Ich habe ihn ſagen hören, daß, wenn er ſich vom Tode retten könnte durch eine Wohlthat, die er von Ihnen annähme, er lieber tauſend Mal ſterben wollte.“ „Der Unwürdige— Unbeſonnene!“ verbeſſerte ſich Herr von Feldheim mit einem verächlichen Zucken ſeiner langen Lippen und indem ſich ſeine Hand langſam zuſammenballte. Im nächſten Augenblicke aber war dieſe Aufregung vorüber, und er ſagte mit ſeiner gelaſſenen Würde:„Er wird meinen Vorſchlag annehmen, wenn er ſich inen Reſt von Verſtand und Nachdenken bewahrt hat; im Fall er jedoch ſo ver— nunftlos ſein ſollte, die Hand, welche ihn retten will, zu—⸗ rückzuſtoßen, werde ich ihn dazu zwingen.“ „Sehr gut!“ erwiderte Jakob Wolf. „Dann,“ fuhr der alte Herr fort,„werden Sie von ihm die Zahlung der beiden Obligationen von ſiebentauſend Thalern fordern. Sie werden Gelegenheit haben, wohl noch mehrere aufzukaufen, und werden es zum gerichtlichen Verfahren bringen. Weißenſtein wird ſubhaſtirt und zum Verkauf kommen, und er wird ein Bettler ſein, den man in den Schuldthurm ſperrt.“ „Man wird ſich die Mühe nicht geben und die Koſten umſonſt bezahlen,“ ſagte Jakob Wolf. „So hat er zu wählen. Läßt er es dahin kommen, ſo hat er keine Schonung zu erwarten. Sie werden ihn ver⸗ folgen bis an's Ende. Ich übergebe Ihnen dieſe Ange⸗ legenheit.“ „Ich danke für Ihr hochgeſchätztes Vertrauen, gnädiger Herr,“ antwortete Jakob Wolf, ſeine Hände reibend und mit einer ganzen Reihe tiefer Verbeugungen, aber ich muß gehorſamſt bitten, mich zurück zu ziehen.“ „Sie wollen nicht?“ fragte der alte Herr. „Ich möchte von Herzen gern, allein ich kann nicht.“ „Warum können Sie nicht?“ „Ich habe hier etwas,“ erwiderte Jakob Wolf, indem er ſeinen linken Arm krümmte und mit den fünf Fingern auf ſeine Bruſt klopfte.„Es iſt ein alter Schaden, gnä⸗ diger Herr, er läßt ſich nicht mehr curiren.“ „Wollen Sie damit ſagen,“ fragte Herr von Feldheim, „daß Ihnen Ihr Herz befiehlt, dieſem Verſchwender zu helfen?“ „Nicht zu helfen!“ rief der kleine Agent, mit beiden Armen ſolche Zumuthung abwehrend,„Gott bewahre mich davor, nur nicht zu verfolgen. Ich habe ſeinen Vater ge⸗ kannt, gut gekannt, gnädiger Herr,“ fuhr er fort,„er würde ſich im Grabe umkehren; ich kenne den jungen Herrn von jung an, und wie er iſt, leichtſinnig, verſchwenderiſch, voll großer Fehler, hat er doch auch ſein Gutes und— wenig⸗ ſtens ich, Herr v. Feldheim, ich— obwohl ich bin wenig in ſeinen Augen, ein Mann von ſchlechtem Blut, nichts als der Agent Jakob Wolf; habe ich ihm doch neulich geſagt: „Ich will nicht Der ſein, der ſeine Hand gegen Sie auf⸗ hebt,“ und er hat mir geſagt:„Wolf, Sie ſind ein grober Wolf, aber ich will dankbar ſein, ſo lange ich lebe.“ „Wenn Sie ſentimental ſein wollen,“ ſagte der alte Herr,„ſo werde ich einen Anderen finden, der das nicht iſt.“ „Richtig, gnädiger Herr!“ erwiderte Jakob Wolf. „Sie werden einen Anderen finden, und ich werde Ihnen 7 einen Anderen vorſchlagen, wenn Sie mir die Erlaubniß geben.“ Herr von Feldheim ſchien dies nicht zu beachten. Er ſtützte den Kopf in ſeine Hand und antwortete nicht.„Iſt mein Sohn nicht bei Ihnen geweſen?“ fragte er endlich. „Er iſt nicht bei mir geweſen,“ antwortete Jakob Wolf, „aber wenn ich mir erlauben darf eine Bemerkung, gnädiger Herr: Laſſen Sie in dieſer Sache den jungen Herrn nicht mitreden, der ſo voll Haß und Bitterkeit gegen ſeinen Vetter iſt.“ „Ich habe das auch nicht im Sinne,“ ſagte Herr von Feldheim,„meine Frage hat eine andere Urſache. Mein Sohn iſt im Beſitz eines Capitals, das von einem Gütchen herſtammt, welches ſeiner Mutter gehörte. Vor einiger Zeit ließ ich es verkaufen und gab ihm das Geld, um es nach ſeinem Gefallen anzulegen. Junge Leute müſſen bein Zeiten mit Geld umzugehen lernen. Ich habe noch nicht danach gefragt und mag zunächſt nicht fragen, aber ich glaube aus einer Andeutung zu entnehmen, daß er Ihren Rath darüber gehört hat.“ „Der junge Herr hat meinen Rath bis jetzt nicht in Anſpruch genommen,“ verſicherte der Agent. „Das iſt ſonderbar,“ erwiderte Herr von Feldheim. „Dann wird er bald kommen, denn ich glaube nicht, daß er lange damit zögern wird.“ „Junge Herren bringen zuweilen ihr Geld unter, ohne — 8 einen Agenten von der Börſe nöthig zu haben,“ lachte Jakob Wolf, indem er ein pfiffiges Geſicht machte. „Glauben Sie nicht, daß mein Sohn auf ſolchen Wegen iſt,“ ſagte Herr von Feldheim.„Er hat ſehr geringe Be⸗ dürfniſſe, ich möchte ſagen: er iſt zu ſehr ein Feind von unnützen Geldausgaben und zu ſtreng gegen ſich ſelbſt.“ „Es kann kommen mit Einem Male, und ehe man es denkt,“ wandte Jakob Wolf ein. „Davon iſt nichts zu beſorgen,“ erwiderte der alte Herr,„auch iſt dieſe Summe zu groß, um etwa für leicht⸗ ſinnige Vergnügungen verwandt zu werden.“ „Man kann große Summen los werden im Spiel oder bei jungen Damen!“ rief der hartnäckige Wolf. „Mein Sohn ſpielt nicht,“ ſagte Herr von Feldheim nachdrücklich, und was ſeine Neigung für junge Damen betrifft,“— ein Lächeln lief durch ſein hohles Geſicht,— „ſo glaube ich nicht, daß er zwölftauſend Thaler daran verſchwendet.“ Jakob Wolf warf den ſchwarzen Haarbuſch zurück. „Zwölftauſend Thaler!“ rief er.„Gottes Wunder!“ „So viel wird es ſein,“ verſetzte Herr von Feldheim, „wenn er Alles zuſammengehalten hat.“ „Baares Geld?“ „Meiſtentheils Bankſcheine.“ „Es iſt wunderbar! Bei Gott, es iſt wunderbar!“ ichte 2ℳ — 9 ſagte der kleine Mann, ſich ſteif aufrichtend und an die Decke ſchauend. „Was nennen Sie wunderbar?“ „Was der junge Herr damit gemacht hat.“ „Das wiſſen wir ja Beide nicht,“ erwiderte Herr von Feldheim mit ſeinem kalten Lächeln; ich hoffe, wir werden es bald erfahren.“ „Ich denke es auch.“ „Aber ich gebe Ihnen Recht, Herr Wolf, mein Sohn ſoll nichts von meinen Abſichten mit Lorberg erfahren; er würde es nicht billigen, wenn ich den Verſchwender noch— mals unterſtützte. Jung und von lebendigem Rechtsgefühl, iſt ſein Widerwille gegen dieſen unangenehmen Verwandten ſehr ſtark. Er darf alſo nichts davon wiſſen, bis Jener fortgeſchafft iſt. Wenn Sie durchaus nicht dieſe für mich ſo wichtige Sache betreiben mögen, ſo nennen Sie mir einen Mann, der die Unterhandlung nachdrücklich übernimmt.“ Jakob Wolf fuhr mit der Hand durch ſeinen Haarbuſch, wahrſcheinlich um ſich Zeit zu nehmen mit ſeiner Antwort. Dann aber ſtützte er ſich vertraulich auf die Lehne des Sophas und ſprach mit zuverſichtlichem Schmunzeln:„Ich weiß Einen, der es können wird am allerbeſten. Sie wer— den Manches dagegen einwenden, gnädiger Herr, aber es kann es Keiner beſſer thun.“ „Wen meinen Sie?“ fragte der alte Herr. „Den Hauptmann Seehauſen,“ ſagte der Agent.„Laſſen „Laſſen Sie mich ausreden, ehe Sie mich verwerfen. Herr von Lorberg kennt den Hauptmann, oder der Hauptmann kennt ihn. Sie haben Freundſchaft gemacht. Der Haupt⸗ mann kennt alle Verhältniſſe. Er iſt obenein ein Ver⸗ wandter, iſt alſo am beſten geeignet, einen Vergleich zu unterhandeln, und dabei iſt er ein gewandter Mann, ein Talent für ſchwierige Geſchäfte, ſchlau, überredend, ſchmei⸗ chelnd, in keinem Falle verlegen.“ „Und zu allen Schurkereien brauchbar,“ murmelte der alte Herr vor ſich hin. „Wie ein Jagdhund, der ſein Wild nicht losläßt!“ rief Jakob Wolf.„Für Geld erſchrickt er vor nichts, und wenn Lorberg nicht in Güte will... Aber da iſt er ja ſelbſt!“ unterbrach er ſich, indem er den Kopf aufſchnellte.„Der Herr Hauptmann Seehauſen kommt, als ob wir ihn ge⸗ rufen hätten, gerade zur richtigen Zeit.“ Es war in der That der würdige Hauptmann, der ſo eben herein trat, und beſſer konnte das Bild, das Jakob Wolf von ihm gegeben, nicht verwahrheitet werden, als durch ſeine unerwartete Erſcheinung. Ohne die geringſte Verlegenheit wandte er ſich ſogleich mit einer gewiſſen noblen Dreiſtigkeit an die beiden Herren, indem er ſich mit weltmänniſchem ⸗Anſtand verbeugte. Seine kleinen Augen blitzten unter den zuſammenge⸗ drückten Lidern, und wahr oder falſch drückte das dicke — er rief venn u bſt Geſicht einen hohen Grad von Freude über dieſes Zuſam⸗ mentreffen mit ſchmeichelnder Geſchmeidigkeit aus. „Man kann bei mir nicht ſagen: Lupus in fabula!“ lachte er in ſeiner heiſern Art aus dem Kehlkopf.„Dennoch möchte ich mit Vergnügen dieſer Wolf ſein.“ Er grinſte zärtlich den kleinen Agenten an, wandte ſich aber dann von ihm zu dem alten Herrn auf dem Sopha und hob vor Erſtaunen ſeine Arme in wagerechte Lage.„Sie ſind es, mein beſter Herr von Feldheim!“ rief er, ſich verbeugend. „Ich irre mich doch nicht! Gewiß nicht?“ „Nein,“ ſagte der alte Herr, indem er langſam und ernſthaſt den Kopf neigte. „Ich bin entzückt über dieſe unerwartete Freude,“ er⸗ widerte der Hauptmann.„Sie ſehen ſehr wohl aus, vor⸗ trefflich, ich kann wohl ſagen, daß Sie jünger geworden ſind, ſeit ich nicht die Ehre hatte, Sie zu ſehen. Und das iſt leider ſchon ziemlich lange her.“ „Ich erinnere mich nicht,“ erwiderte der alte Herr mit vornehmer Kälte, indem er nach ſeinem Hute griff. „Man vergißt mit der Zeit Menſchen und Dinge, wenn dieſe ſich nicht ſelbſt wieder in's Gedächtniß zurück⸗ rufen,“ lachte Seehauſen.„Ich preiſe dieſe Stunde, mein theurer Herr von Feldheim, wo es mir vergönnt iſt, mich Ihnen wieder zu nähern, und wenn ich recht gehört habe, ward mir ſogar das Glück zu Theil, von Ihnen erwartet zu werden.“ 8 4* 12 Ein unbeſchreiblicher Widerwille faßte den alten Herrn bei der Annäherung dieſes Mannes, den er auf's ſtärkſte verachtete und ganz vor Kurzem erſt als Vagabunden be— handelt hatte. Aehnlich einem ſolchen ſah Seehauſen auch aus. Sein Rock war allerdings nicht zerriſſen, und oben⸗ ein gab er ſich das Anſehen eines Mannes aus der beſſern Geſellſchaft, aber um ſo weniger vermochte er, den Anſtrich des Gemeinen oder Heruntergekommenen von ſich abzu⸗ ſchütteln. Er hatte ſich mit dem alten Frack herausgeputzt, den er beſaß, und ſeinen Paletot darüber gezogen, der nachläſſig an ſeinem Leibe ſchlotterte und mit Fett- und Staubflecken reichlich bedeckt war. Ebenſo ſchäbig ſah ſein Halstuch und ſeine Wäſche aus, und doch hatte er ſichtlich Sorgfalt darauf verwandt; der weiße fuſelige Kragen um ſein rothes Geſicht und die wüſten Leidenſchaften, welche ſich in dieſem mit dem Gemiſch von Schlauheit und er⸗ logener Treuherzigkeit lagerten, konnten den alten Herrn wohl zu dem Verlangen bewegen, ſich nicht mit ihm ein— zulaſſen. „Ich habe Sie nicht erwartet, Herr von Seehauſen,“ ſagte er, indem er aufſtand. „Das iſt ſchade, ſehr ſchade!“ antwortete der Haupt⸗ mann, ſüß zu ihm aufblickend.„Denn in dieſem Falle hätten ſich unſere Wünſche begegnet, es hätte eine Sym⸗ pathie ſchöner Seelen zwiſchen uns Statt gefunden.“ „Ich glaube nicht, daß dieſes der Fall ſein kann,“ ent⸗ une lie ) ſein ttlich um ſen,“ gegnete Herr von Feldheim, ohne eine Miene zu verziehen. „Somit muß ich mich Ihnen empfehlen.“ „Müſſen Sie?“ fragte Seehauſen,„das bedaure ich „ unendlich.„Sie haben mir alſo nichts zu ſagen?“ „Nein,“ ſagte der alte Herr. „Dann beſtimmen Sie mir gefälligſt eine Zeit, wo ich Sie ſprechen kann, mein beſter Herr von Feldheim, denn ich habe Ihnen Mehreres zu ſagen.“ „Ich habe ſo wenig Zeit,“ antwortete der alte Herr, „daß ich Ihrem Wunſche nicht zu auſesſihe vermag.“ „Nicht? das iſt ſehr ſchade. Beſinnen Sie ſich, viel— leicht geht es doch.“ Das lauernde Lächeln in dem dicken Geſichte, das ſich gegen ihn hin beugte, und die funkelnden kleinen Augen jagten dem alten Herrn ein eigenthümliches Gefühl ein. „Ich wüßte nicht,“ ſagte er ſtockend,„und dann“— ſich zumwendend fügte er hinzu:„ich meine auch, Herr von Seehauſen, daß wir keine Unterredung nöthig haben.“ „Doch, Herr von Feldheim, doch,“ lächelte der Haupt⸗ mann,„es betrifft eine ſehr wichtiäe Angelegenheit.“ „Vielleicht wichtig für Sie.“ „Für mich? Nicht im Geringſten! Gar nicht, wenn ich ſo ſagen darf, das heißt, wenn ich den Antheil abrechne, den ich daran nehme als Freund und Verwandter, mein lieber Couſin.“ Bei dem Namen Couſin zog der alte Herr ſeine langen 14 Lippen feſt zuſammen, und ſeine Augen ſahen ſo ſtarr auf den verwegenen Hauptmann, als wollte er ihn dafür durch⸗ bohren. Aber Seehauſen lächelte mit vollkommener Ge⸗ müthsruhe, und geſchmeidig ſich verbeugend ſagte er: „Wie Sie wollen. Ich bedaure von Herzen, wenn Sie keine Zeit haben ſollten. Es würde mir ſehr leid thun! Aber wie Sie wollen.“ Die unheimliche Empfindung kehrte bei dem alten Herrn zurück. Er überlegte einige Augenblicke, denn er fühlte ein dringendes Verlangen, zu wiſſen, was Seehauſen ihm zu ſagen habe. Es fiel ihm ein, was Jakob Wolf ge⸗ ſagt hatte, daß Lorberg mit dieſem Menſchen in intimem Verkehr ſtehe, daß er um Alles wiſſe, was jenen betreffe, und er war überzeugt, daß Seehauſen ſeinen Vertrauten verrathen wolle. „Betrifft es etwa— Familienverhältniſſe?“ fragte er. „Es könnte wohl ſein,“ verſetzte Seehauſen, bedächtig nickend. „Lorberg, wie ich vorausſetze.“ „Ich ſehe, Sie ſind auf dem richtigen Wege.“ Jakob Wolf hatte bisher ſchweigend ſeine Beobach⸗ tungen gemacht, jetzt erhob er ſeine Stimme.„Laſſen Sie ihn ſprechen, den Herrn Hauptmann, gnädiger Herr!“ rief er,„hören Sie zu, was er zu ſagen weiß. Es wird doch ſein das Beſte⸗“ Der alte Herr war längſt derſelben Meinung. Von 1 —— 15 dieſem Vagabunden ſich begleiten laſſen mochte er jedoch auf keinen Fall, ebenſo wenig mochte er ſich wieder nieder⸗ ſetzen. Er wollte Zeit haben, nochmals zu überlegen. Zudem ſchien es ihm beſſer, den Hauptmann allein zu hören, als in Gegenwart des Agenten, dem er nach deſſen Aeußerungen über Lorberg nicht mehr traute. „In einer Stunde werde ich zu Hauſe ſein,“ ſagte er. „Ich werde nicht ermangeln, Ihnen meine Aufwartung zu machen, mein beſter Couſin,“ erwiderte Seehauſen, an⸗ muthig grinſend, indem er dem alten Herrn ſeine Hand darbot. Ohne ein Zeichen, daß er dieſe bemerkte, ſah Herr von Feldheim darauf hin, dann machte er eine langſame Wen⸗ dung und ging zur Thür hinaus, ohne weiter ein Wort zu ſagen. Seehauſen ſtemmte ſeinen Arm in die Seite und wandte ſich zu Jakob Wolf um, der ſich in ſeine Höhle hinter das Gitter zurückgezogen hatte. Hier ſtand er auf ſeine Papier⸗ ſcheere geſtützt, und es war, als ob er von der verächtlichen Begegnung des alten Herrn mehr empfände, als der würdige Hauptmann. Seine vorquellenden Augen ſahen gereizt aus, er ſchüttelte den ſchwarzen Haarbuſch und rief lauter als zuträglich:„Ich ſehe nicht ein, warum er ſo hochmüthig iſt bei ſeinen Geſchäften, da er doch nöthig hat dieſe Hülfe.“ „Laſſen Sie ihn laufen,“ lachte Seehauſen heiſer aus dem Kehlkopf, indem er dem Agenten luſtig zuwinkte,„ich 16 hole ihn ein, mein lieber Wolf. Laſſen Sie ihn laufen, ſage ich, es wird gar nicht lange dauern, ſo ſind wir die beſten Freunde.“ „Es wird eine getreue Freundſchaft werden!“ ſpottete Jakob Wolf.„Wenn ich wäre in Ihrer Stelle, ich ginge nicht in ſein Haus.“ „Warum nicht?“ „Weil Sie nicht wiſſen, wie Sie wieder herauskommen.“ Der Hauptmann ſtreichelte ſich behaglich ſein Kinn. 9 den Beweis zu geben, daß ich am Leben bleibe, denn ich werde mich an Sie wenden.“ „Bemühen Sie ſich nicht zu ſehr!“ ſchrie der grobe Wolf. „Ich werde Ihre Hülfe in Anſpruch nehmen,“ fuhr Seehauſen fort. „Helfen! helfen!“ ſchrie Jakob Wolf.„Es ſteht ge⸗ ſchrieben: hilf dir ſelbſt, ſo hat dir Gott geholfen.“ „Zunächſt, mein Beſter,“ ſagte Seehauſen mit Seelen⸗ ruhe, indem er nach dem Courszettel griff,„wie ſtehen Franzoſen und Oeſterreicher? Was halten Sie vom darm⸗ ſtädter Credit und was iſt Ihre Meinung über Nordbahn? Glauben Sie, daß man ſich einlaſſen kann? Ich denke, es läßt ſich gerade jetzt ein Schlag machen.“ „Schläge kann man jeden Augenblick bekommen„“ ver⸗ ſicherte Jakob Wolf, der jetzt beinahe ebenſo voll Verachtung „Mein würdiger Freund,“ ſagte er,„ich hoffe, Ihnen bald hr war, wie der alte Herr, nur daß er nicht ſo ernſthaft aus— ſah, wie dieſer, ſondern höhniſch ſeine dicken Lippen aufwarf. Der Hauptmann ließ ſich jedoch davon ebenſo wenig ſtören.„Ich werde Franzoſen kaufen,“ ſagte er.„Dieſe Credit⸗Mobiliers ſind eine koſtbare Erfindung; in keinem Papier ſind ſolche Chancen möglich. Ich habe eine Zärt⸗ lichkeit für dieſe Papiere, beſter Freund.“ „Weil der größte Schwindel damit getrieben wird,“ erwiderte Jakob Wolf, als ſagte er etwas Artiges. „Kaufen Sie für mich. Natürlich auf Lieferung, Ultimo abzunehmen.“ „Wie viel?“ „Ich nehme Zweihunderttauſend,“ antwortete der Hauptmann, die Hand in ſeine Taſchen ſteckend, wie ein echter Börſenmann. „Sehr wohl!“ rief Jakob Wolf.„Ich will's notiren. Holen Sie gefälligſt die Deckung heraus.“ Seehauſen kehrte gelaſſen ſeine Taſchen um, welche vollſtändig leer waren.„Kaufen Sie für mich,“ ſagte er nochmals.„Wollen Sie nicht?“ „Es thut mir leid! Es paßt mir nicht!“ ſagte Jakob Wolf mit ſeinem angenehmſten Grinſen. „So,“ ſagte Seehauſen,„dann werde ich mich an andere Leute wenden, denen es beſſer paßt.“ „Thun Sie's!“ rief der Agent,„thun Sies gleich. Mügge, Verloren und„gefunden. II. 18 Halten Sie ſich nicht auf, Herr Hauptmann, damit der Auftrag nicht zu ſpät an die Börſe kommt.“ „Ach, ein guter Rath!“ lachte Seehauſen vergnüglich. „Ich werde nicht zu ſpät kommen, mein lieber Freund. Aber noch eine Frage“— er kehrte wieder um—„wo kauft man die beſten eiſernen Geldſchränke?“ Jakob Wolf grinſte unendlich beluſtigt.„Sie müſſen doch diebesſicher ſein?“ fragte er. „Das iſt die Hauptſache.“ „So kaufen Sie ſich Ihre Taſchen!“ lachte Jakob Wolf, ausgelaſſen beluſtigt.„Es iſt unmöglich, daß ein Dieb da das Geringſte findet.“ „Auch gut,“ ſprach Seehauſen, ihn zärtlich anblinzelnd. „Meine Taſchen ſollen feſthalten, was drinnen iſt, mein lieber Freund. Mit dieſem Grundſatze wünſche ich Ihnen guten Morgen.“ „Es iſt ein Habenichts, ein Lump, ein Nichtsnutz,“ ſagte Jakob Wolf, als er allein war,„aber es iſt ein großes Talent, und es iſt ſchade um ihn, daß er nicht kaufen kann die zweimalhunderttauſend Franzoſen, ich glaube, ſie wür⸗ den ſich vermehren. Aber was iſt es mit dem jungen Feld⸗ heim?“ murmelte er vor ſich hin,„was iſt's mit den zwölf⸗ tauſend Thalern und mit den Bankſcheinen?“— Er ſtützte ſich auf die Ecke ſeines Schreibpultes und fing an, ſich die Stirn zu reiben, bis er plötzlich beide Arme in die Luft — 19 ſtreckte und mit den Füßen ſtampfte:„Was geht's mich an?“ ſchrie er dabei,„was habe ich daran mir den Kopf zu zerbrechen mit Menſchen, die mir nichts einbringen? Laß ſie machen, was ſie wollen; laß ſie thun, was ſie wollen; laß ſie ſein, was ſie wollen; ich will nichts damit zu ſchaffen haben.“ Während der Agent ſich in dieſer Weiſe beruhigte, ſchlenderte der Hauptmann gemüthlich durch die Straßen und vertrieb ſich die Zeit damit, daß er vor manchen der glänzenden Gewölbe ſtehen blieb und allexlei modiſche und elegante Dinge betrachtete, mit denen ſich ſeine Gedanken beſchäftigten. Er verweilte vor einigen Schaufenſtern der größten Goldſchmiede und Juweliere und beäugelte die darin ausgeſtellten Geſchmeide ſo anhaltend, daß die Eigen⸗ thümer ihn bedenklich beobachteten. Ein großes Uhren⸗ lager hatte dieſelbe Anziehungskraft, ebenſo einige andere voll reicher Stoffe und Geräthe aller Art. Die ſchäbige Geſtalt muſterte die theuren Waaren ſo aufmerkſam, als gälte es, eine Auswahl zu treffen, und einige Male ging dies ſogar ſo weit, daß Seehauſen hineintrat und ſich nach den Preiſen erkundigte, die ihm mit zweideutigem Lächeln oder betrachtenden Blicken mitgetheilt wurden. So ſetzte er ſeinen Weg fort und langte genau nach einer Stunde auf dem ariſtokratiſchen Platze an, wo das Haus des Herrn von Feldheim ſtand. Er kannte es recht ut, und nachdem er an den Fenſtern vorüberg egangen war 1 2* 20 und nichts entdeckt hatte, trat er an die Thür und zog an dem Metallknopfe. Nach einer Minute ſprang der Drücker auf, ein alter Thürhüter ſteckte den Kopf aus der Klappe, die zu ſeinem Stübchen führte.“ „Was wollen Sie?“ fragte er ziemlich unhöflich. Der Hauptmann nahm ſehr freundlich ſeinen Hut ab, wogegen der Portier auf den Drücker trat, daß die Thür wieder aufſprang, und mit barſcher Stimme hinzufügte: „Es wird hier nichts gegeben.“ „Was bin ich für ein Dummkopf geweſen, höflich zu ſein!“ ſagte der Hauptmann zu ſich ſelbſt. Er ſetzte ſeinen Hut auf und ſah den Cerberus in ſeiner Hütte durchboh⸗ rend an.„Melden Sie mich auf der Stelle dem Herrn von Feldheim!“ ſagte er.„Ich heiße von Seehauſen.“ „Sie ſind der Herr Hauptmann von Seehauſen?“ fragte der Thürhüter noch immer ungläubig. „Der bin ich. Eilen Sie!“ „Ja ſo,“ begann der alte Mann höflicher.„Der Herr hat befohlen— aber wer konnte das denken! Ich werde ſogleich den Bedienten rufen.“ Seehauſen ging mit ſtolzen Schritten an ihm vorüber und blickte in den Hof. Ein Stallknecht beſchäftigte ſich damit, ein Paar ſchöne Pferde zu ſchirren, ein neuer Wagen wurde aus der Remiſe gezogen, ein Mädchen klopfte einige alte, aber ſehr ſchöne Teppiche aus, und in der großen rr 24 Souterainküche loderte Feuer. Im Uebrigen war das weite Haus ſchweigſam, der lange Seitenflügel ſchien gänzlich unbewohnt, Gras keimte übekall zwiſchen den Steinen hervor. Der Hauptmann ſah Alles, aber ſeine Auf⸗ merkſamkeit blieb beſonders den Pferden gewidmet, welche er mit Kennermienen betrachtete, bis er von einem Be⸗ dienten unterbrochen wurde, der ihn erſuchte, ihm zu folgen. Der Bediente trug einen blauen Rock mit breiten Silber⸗ treſſen, ſchwarze Kniehoſen und Stiefeletten. Auf den großen Knöpfen ſeines Rockes war das Wappen des Herrn von Feldheim gepreßt. Er ging durch einen langen Cor⸗ ridor voran und öffnete darin eine Flügelthür, welche in einen geräumigen Saal führte, und quer durch dieſen fort führte er den Hauptmann durch mehrere Zimmer bis zu dem, das der alte Herr zu ſeinem Empfange beſtimmt haben mußte. Vielleicht wollte er durch eine gewiſſe Pracht- und Machtentwicklung den unwillkommenen Gaſt ehrerbietiger ſtimmen; allein darin täuſchte er ſich. Der Hauptmann ſah mil Gleichgültigkeit auf dieſe hohen verſtaubten Wände, verblichenen Tapeten und veralteten Geräthe. Aus jedem dieſer Gemächer hätten allerdings faſt zwei nach neuer Manier gemacht werden können, und die Decken beſaßen koſtbare Stuccatur⸗Medaillons und Blumengewinde, die Fußböden waren getäfelt, ſogar mit eingelegter Arbeit. Seehauſen lächelte über die Raumverſchwendung und 2 22 machte allerlei andere Bemerkungen, die ſein Geſpött erregten. In dem letzten Zimmer, das dem Hauptmann geöffnet wurde, befand ſich ein zweiter Diener, ganz ſo gekleidet wie der, welcher ihn hierher geführt hatte, und mit dem Er⸗ ſuchen, einige Augenblicke zu verziehen, verſchwand dieſer in einer Seitenthür, während der andere ſich zurückzog. Der Hauptmann nickte beluſtigt vor ſich hin und trat an ein Fenſter.„Er macht es ſich ſauerehe er mich vor ſeinem hohen Antlitz erſcheinen läßt,“ murmelte er,„aber ich will es ihm bezahlen. Ich will ihn ſo demüthig machen, daß er niemals wieder wagen ſoll, mich als großer Herr zu behandeln.“ Indem er dies ſagte, öffnete ſich die Eingangsthür in der Tiefe des Zimmers, und Seehauſen ſah einen jungen Mann hereintreten, der in ſeiner Hand einen Brief hielt, welchen er ſo eben empfangen haben mußtg. Er brach dieſen haſtig auf, blickte hinein und ließ ihn mit dem Arm, der ihn hielt, niederſinken. Vor ſich hinblickend, ſagte er lang⸗ ſam und ſo deutlich, daß dem Hauptmann in der Fenſter⸗ ecke kein Wort entging:„Alſo doch— er iſt gekommen, und ich habe verloren! Alles iſt aus.“ Mit dieſen Worten drückte er das Papier zuſammen. Ein ſchmerzliches Lächeln lief über ſein blaſſes Geſicht, und es war dem Hauptmann, der ſich an die Ecke des Pfeilers drückte, als höre er einen Seufzer. Plötzlich aber ſchien er ſich zu ermuthigen. Er richtete den Kopf lebhaft auf und ſagte mit feſter Stimme:„Mag es denn ſein, komme was kommen muß!“ und eben ſo raſch entfernte er ſich. 7 „Komme, was kommen muß,“ flüſterte Seehauſen mit einem häßlichen Lachen.„Ein prächtiges Wort! Ein wahres Wort! Es kommt das Schickſal, ehe man's denkt, und ich bin ſchon da.“ Eben öffnete der eintretende Bediente die Flügelthür, machte eine Verbeugung und erſuchte den Herrn Haupt⸗ mann, einzutreten. Ohne alle Umſtände befolgte See⸗ hauſen dieſe Einladung. Es war ihm ſo wohlig zu Muthe, als ginge er in einen Auſternkeller zu einem angenehmen Frühſtück. Seine Augen blitzten voll Schelmerei auf den alten Herrn, der in einem rothen Lehnſeſſel an einem Tiſche ſaß, vor ſich auf ſchwerer altmodiſcher Silberplatte einen Silberbecher voll Chocolade, und neben dieſem einen eben ſo ſchweren Silberkorb, in welchem Bisquitſtücke lagen. Mit zwangloſer Unbefangenheit ging Seehauſen auf den alten Herrn zu, und ohne eine Spur von vermehrter Achtung redete er ihn laut und vertraulich an, während der Diener noch an der Thür verweilte. „Da bin ich,“ mein lieber Couſin,“ ſagte er.„Ver⸗ zeihen Sie, wenn ich ein wenig zu ſpät komme. Dieſes gute Haus iſt wirklich noch in ſeinem alten Zuſtande. Es läßt ſich viel daraus machen, aber es muß ganz neu ein⸗ gerichtet werden.“ . 24 „Es iſt ſo, wie ich es wünſche,“ antwortete Herr von Feldheim, indem er ſeinen Verdruß verbarg. Der Hauptmann lachte heiſer auf, und ohne eine Ein⸗ ladung abzuwarten, ſetzte er ſich auf einen Stuhl nieder, der zunächſt am Tiſche ſtand und den er noch näher zog. „Sie überlaſſen das Ihren Nachfolgern,“ ſagte er.„Wenn es Lorberg gehörte, der würde ein anderes Leben hinein⸗ bringen. Ich habe ſo eben Ihre Pferde geſehen. Sie taugen nicht viel. Die Schimmel hätten Sie kaufen ſollen, die Reichenbach Ihnen weggenommen hat.“ Herr von Feldheim antwortete nichts darauf, er nippte aus dem Becher Chocolade. Seehauſen griff in den Korb und nahm ein Stück Bisquit.„Es iſt mir zu ſüß,“ ſagte er,„aber ich danke Ihnen, mein lieber Couſin, daß Sie mir keine Chocolade angeboten haben. Ich habe ſie nie⸗ mals trinken können. Ein Glas guter Wein und etwas Kräftiges iſt für meinen nordiſchen Magen zuträglicher.“ Das hohle Geſicht des alten Herrn hatte eine röthliche Färbung angenommen; er richtete es langſam auf den un⸗ verſchämten Mann, der, begehrlich lachend, durchaus nicht davor erſchrak. „Ich pflege meine Freunde ohne Erinnerung zu be⸗ wirthen,“ begann der alte Herr,„in dieſem Falle aber...“ „Ah, ich verſtehe; Sie meinen, ich gehöre nicht zu Ihren Freunden,“ fiel Seehauſen ein.„Thut nichts! thut durchaus nichts.“ — —— 4— — 25 „Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht,“ erwiderte der alte Herr,„um mir eine Mittheilung zu machen.“ „So ſtellen wir uns auf den Geſchäfts⸗Standpunkt,“ ſagte Seehauſen.„Meinetwegen, wenn Sie es ſo wollen; ich glaubte, daß unſere Verhältniſſe uns näher bringen würden.“ „Ich wüßte nicht, welche Verhältniſſe zwiſchen mir und Ihnen beſtänden,“ erwiderte der alte Herr mit eiſiger Kälte. „Nicht?“ lächelte Seehauſen,„verzeihen Sie meinen Irrthum. Gut denn, mein beſter Herr von Feldheim, bei alledem bewahre ich meine hochachtungsvollen Gefühle.“ „Wollen Sie mir mittheilen, was Ihnen zu Dienſten ſteht?“ fragte der alte Herr. „Mir zu Dienſten? Nichts, gar nichts! Ich komme zu Ihnen, um Ihnen einen wichtigen Dienſt zu leiſten. Sie wiſſen, daß ich ein Commiſſions⸗Geſchäft betreibe.“ Er hielt inne, legte ſeine Hände zuſammen auf die Knieſpitze ſeiner übergeſchlagenen Beine und blickte den alten Herrn lauernd an. „Ich habe davon gehört,“ antwortete dieſer. „Ein ſehr mühſames Geſchäſt, ein höchſt undankbares und arbeitsvolles Geſchäft,“ fuhr Seehauſen mit einem bedauerlichen Achſelzucken fort.„Geringer Lohn, viele Verantwortlichkeit bei gewiſſenhafter Redlichkeit, die nirgend ſo nothwendig iſt.“ 26 Der alte Herr bewegte eigenthümlich ausdrucksvoll ſeine langen Lippen und preßte dieſe zuſammen, er ſagte jedoch nichts. „Leider gibt es überall Heuchler und Betrüger,“ fuhr Seehauſen fort, der dieſe Bewegung richtig auslegte,„und zweilen da, wo man es am wenigſten glaubt. Der In⸗ haber eines Commiſſions⸗Geſchäftes hat Gelegenheit, tiefe Blicke in die Menſchheit zu thuu. Zu ihm lommen Viele, die ihm ihre Geheimniſſe anvertrauen, die ihm Aufträge ertheilen und Mittheilungen machen, deren Wahrheit man abſchwören würde, wenn man nicht davon überzeugt ſein müßte.“ Der alte Herr wandte ſich nach der großen Bronze⸗ Uhr um, die auf der Marmor⸗Faſſung des Kamines ſtand. „Eine ſehr ſchöne Uhr,“ ſagte Seehauſen,„aber Ro⸗ coco, und ſo auch der Kamin, doch kommen Kamine jetzt wieder in die Mode. Ich bin gleich da, wo wir ſein wollen, theuerſter Herr von Feldheim, bitte, ſeien Sie nicht unge⸗ duldig. Sie müßten ein Commiſſions⸗Geſchäft anfangen, um geduldig zu werden, denn Sie glauben nicht, welche Geduld dazu gehört.“— Er rieb ſeine Hände ſchelmiſch zuſammen und betrachtete die gewaltſame kalte Haltung des alten Herrn mit Wohlgefallen. „Was Sie mir zu ſagen haben, muß ſehr kurz ſein,“ ſagte Herr von Feldheim,„wenn ich es erfahren ſoll.“ „Gut, ſo werde ich kurz ſein; aber ich denke nicht, daß — 27 ich nicht kurz geweſen wäre. Kürze und Beſtimmtheit iſt die Seele aller Geſchäfte.“ Die Ungeduld des alten Herrn wuchs bis zu einem krampfhaften Zuſammenziehen ſeiner Hände. Seehauſen ſtreckte ſeinen dicken Kopf geſchmeidig vor, zog ſeine Stirn in Falten und flüſterte ihm zu:„Es iſt doch Niemand im Nebenzimmer, der uns hören könnte?“ „Nein,“ ſagte der alte Herr. „So fahre ich fort. Vor einigen Tagen alſo iſt mir etwas mitgetheilt worden— eben weil ich ſtreng gewiſſen⸗ haft bin—, was für Sie von größter Wichtigkeit iſt.“ Von wem?“ fragte Herr von Feldheim, als Seehauſen aufhörte. „Das iſt— zunächſt ein Geheimniß.“ „Alſo die Sache! Was iſt es?“ „Der Commiſſions⸗Geſchäfts⸗Inhaber zuckte lächelnd die Schultern.„Geheimniſſe,“ ſagte er ſchlau lächelnd, „ſind eben ſo gut Waaren wie alle anderen Dinge. Ich kann nicht läugnen, daß dieſe Waare verkauft werden ſoll.“ „Dann kann ich keinen Gebrauch davon machen,“ er⸗ widerte der alte Herr, indem er den Reſt der Chocolade trank. „Das würde mich aufs innigſte betrüben,“ ſagte See⸗ hauſen wehmüthig.— „Sie machen eine neue Speculation auf mich, welche 28 jedoch nicht beſſer geräth, als die alten,“ fuhr Herr von Feldheim fort, indem er wiederum verächtlich mit den Lip⸗ pen zuckte. „Es iſt eine mäßige Summe,“ fiel der Hauptmann ein. „Keinen Pfennig!“ rief der alte Herr, und indem er aufſtand, ſeinen mageren langen Arm und den langen, dünnen Zeigefinger daran ausſtreckte und auf die Thür deutete, ſagte er in befehlendem Tone:„Gehen Sie!“ Seehauſen rührte ſich nicht.„Es iſt traurig,“ ſeufzte er heuchleriſch, wenn ein redliches Herz, das für einen theuren Verwandten ſchlägt, ſich verkannt ſieht. O, be⸗ mühen Sie ſich nicht weiter, ich werde Sie verlaſſen,“ fuhr er fort, da der alte Herr ſeine Hand nach dem Klingelgriff ausſtreckte,„aber der Himmel iſt mein Zeuge, ich habe das Beſte gewollt. Lorberg wird mit Vergnügen geben, was man von ihm fordert, und bald werden Sie bereuen, meine redliche Freundſchaft verkannt zu haben.“ Bei dem Namen Lorberg zuckte der alte Herr zuſam⸗ men. Seehauſen verbeugte ſich halb trotzig, halb bedauer⸗ lich vor ihm und ging nach der Thür.—„Wenn Herr von Lorberg ein ſo guter Käufer wäre,“ ſagte der alte Herr hinter ihm her,“ ſo würden Sie ihm längſt Ihr Geheimniß zugetragen haben.“ „Nein,“ antwortete Seehauſen, der an der Thür ſtill ſtand,„Sie irren ſich,„denn ich haſſe dieſen hochmüthigen leichtſinnigen Menſchen.“ „Sie haſſen ihn?“ „Ich möchte dieſem Verſchwender und unwürdigen Verwandten keinen Beiſtand leiſten, möchte Sie, mein lieber Couſin, vor Schickſalen bewahren, die Sie unfehlbar treffen müſſen.“, „Was würde mich treffen?“ fragte der alte Herr mit ungewiſſer Stimme. Seehauſen ließ den Griff an der Thür los, kehrte zu— rück und trat ihm näher. Er blickte nach allen Seiten umher, als wolle er ſich verſichern, daß Niemand es höre, dann neigte er ſich zu dem Ohre des alten Herrn und mur⸗ melte heiſer und leiſe hinein:„Ein ſchmachvoller Proceß und vielleicht— das Zuchthaus!“ Eine lange Stille folgte dieſem Gemurmel. Der alte Herr ſtand wie erſtarrt. Er wankte nicht, er ſchien zu Stein geworden und in dem Boden feſt gewurzelt. Wie eine Mumie ſah er aus, die in einem Muſeum mit offenen Augen in ihrem Kaſten an der Wand ſteht. Leblos, gelb, grau und faltig ſaß der hohle Kopf auf dem langen Halſe, und ſo erſchreckend war ſein Anblick, daß Seehauſen ſelbſt eine Art Rührung oder Beſtürzung empfand.„Beruhi⸗ gen Sie ſich, mein lieber Couſin,“ ſagte er ihn umfaſſend, „noch iſt es nicht ſo weit und ſoll mit Gottes Hülfe auch nicht dahin kommen.“ Die Umarmung ſchien das geronnene Blut des alten Herrn wieder in Bewegung zu bringen. Er ſtieß die Arme 30 des Hauptmanns zurück, als hätte eine Schlange ihn be— rührt, und that einen tiefen Athemzug.„Oeffnen Sie die Thür,“ ſagte er aus tiefer Bruſt. Seehauſen ſteckte den Kopf hinaus.„Es iſt Niemand draußen,“ ſagte er. Der alte Herr ergriff mit ſeinen Händen die hohe Lehne des Stuhls, er ſah die Silberplatte auf dem Tiſche an und fragte tonlos:„Was iſt der Preis?“ „Es iſt keine bedeutende Summe,“ antwortete See— hauſen,„für Sie eine Lappalie, aber dennoch— ich wollte, daß ich ſie verringern könnte, es geht jedoch nicht. Zwanzig⸗ tauſend Thaler!“ Das hohle, lange Geſicht des alten Herrn färbte ſich heller, und ſeine Augen erhielten einen Ausdruck von Angſt und Aerger. Seine langen Lippen fingen an zu zittern. „Unmöglich,“ flüſterte er. „Feſter Preis!“ antwortete Seehauſen wehmüthig mit den Achſeln zuckend. „Ich kann mich nicht in ſolcher Weiſe—“ begann der alte Herr, dann brach er ab und ſetzte hinzu:„Ich weiß überhaupt nicht einmal, womit Sie mir drohen, auch fürchte ich nichts, keinerlei Verleumdung.“ „Nicht?“ ſagte Seehauſen ſüß lächelnd,„nun denn, mein hochgeſchätzter Couſin, ſo laſſen Sie es dreiſt darauf ankommen, dann bin ich belogen worden, und es iſt nichts als Lug und Trug. Wer ein gutes Gewiſſen hat, kann jede nichtswürdige Anklage getroſten Muthes erwarten. V Daß Lorberg ſich darauf einläßt, iſt allerdings außer Zweifel, denn er wird Alles anwenden, nichts unverſucht laſſen, weil er Alles gewinnen kann; aber er wird ſchmäh⸗ lich zu Schanden werden, und das ſoll mir tauſend Mal lieber ſein, als dieſe zwanzigtauſend Thaler. Was will er denn beweiſen, wo ein einziger augenſcheinlicher Beweis ſogleich zur Stelle geſchafft werden kann? Ihr Sohn, haha!“— ſein heiſeres Gelächter wurde von frechen Blicken begleitet—„er kann's jeden Augenblick genügend dar⸗ thun... Ich habe eigentlich niemals daran geglaubt, beſter Couſin, aber es wurde mir auf Ehre und Seligkeit zugeſchworen, daß dieſer junge Erbe...“ „Halt!“ rief Herr von Feldheim in einem Grabestone, und ſein dünnes Haar ſchien ſich aufzuſträuben, ſeine Augen öffneten ſich, wie vor etwas Entſetzlichem.„Es iſt eine ſchandbare Verleumdung, wie ich merke, gegen meinen Sohn und gegen mich angeſponnen,“ ſagte er in abge⸗ brochenen Sätzen.„Ich habe ſie nicht zu ſcheuen, allein — ein Proceß dieſer Art— der öffentliche Scandal— meines Sohnes Ruf und Jugend...“ 1 „Sehr recht— ſehr wahr!“ unterbrach ihn Seehauſen. „Man hat Rückſichten zu nehmen.“ „Ich nehme dieſe Rückſichten,“ ſagte der alte Herr, „indem ich die von Ihnen geforderte Summe zahlen will, allein wenn man glaubt, etwa ein Syſtem daraus zu machen, um— mich auszuplündern...“ „Seien Sie ruhig, beſter Couſin, ganz ruhig,“ fiel Seehauſen ein,„ich verpflichte mich mit meiner Ehre, daß dieſe Sache für immer abgemacht iſt.“ Herr von Feldheim blieb davon unbewegt.„Es mag geſchehen, was da will,“ ſagte er,„Niemand hat von mir weiter etwas zu erwarten.“ Seehauſen grinſ'te ihn boshaft an, während er mit dem Schein größter Aufrichtigkeit und Gutmüthigkeit die widerſtrebende Hand des alten Herrn feſt hielt.„Wer da künftig Sie wie der anzapfen will,“ ſagte er,„der ſoll. es mit mir zu thun bekommen. Sehr leid thut es mir, daß ich Ihnen dieſes Mal nicht helfen kann, theuerſter Couſin. Doch Sie ſehen daran meine Freundſchaft, und ich will Ihnen dieſe noch in anderer Weiſe darthun. Ich werde Ihnen Alles mittheilen, was ich von— nun, von Ihrem Herrn Sohn oder beſſer geſagt...“ Weiter ließ ihn der alte Herr nicht reden:„Nicht ein Wort mehr davon!“ ſagte er befehlend.„Sie ſollen das Geld haben, damit begnügen Sie ſich. Ich muß bitten, über alles zu ſchweigen, was meinen Sohn betrifft.“ „Wie es Ihnen beliebt, ganz wie es Ihnen beliebt,“ erwiderte Seehauſen, geſchmeidig lächelnd.„Ich kann ſchweigen und will ſchweigen.“ Der alte Herr faßte an ſein langes Kinn und beſann ſich.„War es mir nicht,“ fuhr er fort,„als theilten Sie 4 33 mir mit, daß dieſer Lorberg— daß Sie ſeine Bekannt— ſchaft aufgegeben hätten?“ „Noch nicht ſo ganz,“ erwiderte Seehauſen, indem er berechnete, daß es vielleicht vortheilhafter für ihn ſei, dies zu behaupten.„Ich habe ihn kennen gelernt und denke, wir haben noch eine Rechnung abzumachen, ehe wir uns gänzlich auseinander ſetzen. Im Uebrigen wollte ich, er wäre ein paar Tauſend Meilen weit von mir, etwa da, wo der Pfeffer wächſt.“ „Wenn das geſchehen könnte,“ verſetzte der alte Herr, ſeine Augen langſam aufhebend, die er auf Seehauſen heftete,„ſo...“ w Seehauſen begriff ſogleich, was dieſe Beiſtimmung und dieſes So zu bedeuten hatten.„Ei freilich,“ lächelte er und aus dem Kehlkopf hervor flüſterte er ihm heiſer zu:„Es wäre das Allerbeſte, denn Sie würden— es würde alle Verleumdung von ſelbſt auf⸗ hören müſſen.“ Der alte Herr beſann ſich noch einmal, ohne eine Miene in dem hohlen Geſicht zu verziehen.„Setzen Sie ſich,“ ſagte er dann, indem er einladend ſeine Hand bewegte. „Mit Vergnügen, mein beſter Couſin; laſſen Sie uns plaudern, ich habe Zeit,“ antwortete Seehauſen. „Sie trinken gern ein gutes Glas Wein dabei?“ „Oho!“ lachte Seehauſen vertraulich,„machen Sie Mügge, Verloren und gefunden. II. 3 keine Umſtände mit mir. Ich habe nichts dagegen, wenn's auch zwei oder drei ſind. Herr von Feldheim zog an der Klingelſchnur, und es dauerte nicht lange, ſo ſaß der würdige Hauptmann bei einer Flaſche, der er ſein volles Lob zu Theil werden ließ. — Vierzehntes Kapitel. Richard von Lorberg kleidete ſich ſorgfältig an; ſein Diener hatte am Morgen eine Antwort zu der Frau Com⸗ mercienräthin getragen, in welcher er höflich anzeigte, wie unendlich erfreut er über ihre Einladung ſei, der er pünkt— lich Folge leiſten würde. Zugleich war der Diener beauf⸗ tragt worden, bei einem bekannten Kunſtgärtner vorüber zu gehen, einen Blumenſtrauß für drei Thaler binden zu laſſen und ihn ebenfalls bei der Frau Commercienräthin abzugeben. Lorberg gab dazu ſeine Karte und ſchrieb darauf an Fräulein Suſette einige Worte; die Karte war in den Strauß zu ſtecken. Als Richard dann in der weißen Binde vor den Spiegel trat, ſah er lange ſchweigend hinein. Er gehörte nicht zu den eitlen jungen Männern, wenigſtens gab er nichts auf den Ausputz ſeiner Perſon. Er wußte, daß er gut ausſah und daß ſein Schneider keine Mühe mit ihm hatte. Darum verachtete er die geckenhafte Modeſucht und lächerliche 3* Wichtigkeit, mit denen Leute ſeiner Art nicht ſelten ihren Anzug behandeln. Als er aber heute ſich betrachtete, war er verſtimmt. Es kam ihm vor, als ſei er alt geworden, als lägen ſeine Augen ihm tief im Kopfe, als ſei ſeine Stirn faltig und grob und eine Veränderung mit ihm vor⸗ gegangen, die ihn über Nacht häßlich gemacht hätte. Er hatte in dieſer Nacht wenig geſchlafen, mit ſeinen Gedanken ſich ſo ſehr beſchäftigt, daß das Bett ihm glü— hend wurde und er aufſtehen mußte; aber auch das hatte nichts geholfen. Eine ſchlafloſe Nacht kann einem jungen kräftigen Manne nicht viel anhaben, wenn er nur wohlge⸗ launt in den Morgen ſehen kann; das aber war bei Richard von Lorberg nicht der Fall. Er war am Morgen noch un⸗ ruhiger im Gemüthe als während der Nacht; wie von Fie⸗ berhitze befallen brannten ihm Kopf und Hände. Bei alledem hatte er das Billet an die Frau Commercienräthin geſchrieben, auch die Karte mit den ſüßen Grüßen an Fräu⸗ lein Suſette. Er ſagte ſich, daß er dies thun müſſe, daß er es wolle, daß nichts ihn davon abhalten könne, aber er that es indem er ſich ſelbſt verhöhnte.— Als er jetzt vor dem Spiegel ſtand, richtete ſich dieſer Hohn auch gegen ſein eigenes Fleiſch und Gebein. Seine Farbe, ſein Ausſehen, auch ſein Anzug, Alles erregte ſeinen Unwillen; endlich faßte er mit Heftigkeit die weiße Halsbinde, riß ſie ab, warf ſie in den Winkel und band eine ſchwarze um. Eben kam der Diener und brachte die Nachricht, daß der Wagen warte.„Aber, gnädiger Herr,“ ſagte er er— ſchrocken,„Sie haben ja den älteſten Rock an.“ „Sehe ich ſchlecht aus?“ ſagte Lorberg. „Wenn ich aufrichtig ſagen ſoll, gehörig ſchlecht, Herr Baron.“ „Alſo nicht zum Verlieben, Franz?“ Franz machte ein pfiffiges Geſicht und ſchüttelte den Kopf.„Gott bewahre, gnädiger Herr! Ziehen Sie den neuen Rock an.“ „Um ſo beſſer,“ antworte Richard.„Geh, mach den Wagen auf.“ „Wenn er doch nur den neuen Rock angezogen hätte!“ ſeufzte Franz, als ſein Herr fort war.„Es iſt unnatür⸗ lich, auf dieſe Weiſe ſich ins Unglück zu ſtürzen. Was ſoll denn aus uns werden, wenn wir jetzt nicht heirathen und alle unſere Mühen vergebens geweſen ſind? Von allen Seiten laufen ſie uns das Haus ein und wollen Geld haben, und das einzige Mittel dazu iſt dieſe alte Commercienräthin mit ihrer kleinen dicken Nichte. Aber er zieht nicht einmal den neuen Rock an! Es iſt wahr, murmelte Franz ſchwermüthig, es iſt ein ſchreckliches Mit⸗ tel, aber es geht doch nicht anders. Wenn wir ſie nicht kriegen, wiſſen wir nicht mehr, was wir anfangen ſollen. Davonlaufen müſſen wir, oder ſie faſſen uns. Wenn er doch nur den neuen Rock angezogen hätte! Dieſer Leicht⸗ ſinn! Dieſer unnatürliche Leichtſinn!“ 2. 38 Die Frau Commercienräthin hatte inzwiſchen ihre An⸗ ordnungen getroffen. Sie ſaß vor ihrem Schreibtiſche mit dem großen Rechenbuche, legte verſchiedene Papiere zu⸗ ſammen und obenauf ein feines Blatt, das ſie mit Zufrie⸗ denheit betrachtete und wieder faltete. Bei einem Geräuſch ſah ſie ſich um und erblickte Suſetten, welche freudig auf ſie zu hüpfte und ihre Arme ausbreitete.„Nun, liebe Tante, ſagte ſie, ich bin bereit, jetzt kann er kommen.“ Die Tante ließ die grellen Augen unwillig auf ihr ruhen. Fräulein Suſette hatte ſich anmuthig geſchmückt; einen feurig rothen Shawl um den Hals gebunden und den Blumenſtrauß, den ſie empfangen, an die Bruſt geſteckt. „Du ſiehſt wahrhaftig aus wie ein Papagey!“ rief die Frau Commercienräthin. „Eine Braut muß ein Papagey ſein,“ lachte Suſette. „Und als ob ein Kropf an Deinem Halſe ſäße!“ „Es iſt die neueſte Mode, Tante. Uebrigens ſind die Kröpfe in der Schweiz eine Schönheit. Doris trägt auch einen rothen Shawl.“ „Eine Schönheit biſt Du nicht,“ ſagte die Frau Com⸗ mercienräthin ärgerlich. „Aber liebenswürdig, Tante, über alle Maßen.“ „Binde den fatalen Shawl auf der Stelle ab und mache keine Poſſen!“ rief die Tante in ſtrengem Tone. „Es iſt eine ernſte Stunde.“ „Das kann ich nicht einſehen,“ erwiderte Suſette. 39 „Warum ſoll es eine ernſte Stunde ſein? Ernſt könnte ſie nur ſein, theure Tante, wenn ich das Gefühl hätte, meinem Unglück entgegen zu gehen; wenn Du etwa denken könnteſt, mich einem traurigen Schickſal zu überliefern; wenn ich weinen müßte über mein geheimes Leid im Herzen; wenn der Mann, dem ich meine Hand reichen ſollte, mich etwa heimlich verachtete und ich glauben müßte, es würde ſich bald genug an ihm und mir rächen.“ Die Frau Commercienräthin erhielt die gefährliche, dunkelgelbe Farbe, welche jedes Mal eintrat, ſobald ſie ſich aufregte. Die runden Augen fingen an zu blitzen, das Raubvogelgeſicht ſtreckte ſich vor. Sie legte ihre Hände auf die Stuhllehne und ſah ihre Nichte grimmig an. Suſette lachte, ihr Lachen war ſo ſtarr, wie an einer Wachsmaske. „Jetzt höre, was ich Dir befehle,“ begann die ſtolze Frau.„Ich verbitte mir von jetzt alle dieſe Narrheiten. „Verſtehſt Du?“ 8 „Ja, Tante.“ „Du kannſt vernünftig ſein, das weiß ich. Alſo ſei es.“ „Es wird zuletzt wohl nichts weiter übrig bleiben,“ ant⸗ wortete Suſette. „Bring mich nicht auf!“ rief die Tante.„Ich will nicht noch einmal den Aerger haben, den ich geſtern gehabt habe; ich will nicht mehr ſprechen von allem, was geſchehen iſt, aber jetzt hat es ein Ende damit. Ein Mädchen braucht 40 nicht ſchön zu ſein, ſie kann ihren Mann feſſeln durch an⸗ dere Eigenſchaften. Wenn er einſieht, er hat eine Frau, die er achten muß, kann er ſie nicht verachten.“ „Das Geld gibt immer Achtung!“ ſagte Suſette, indem ſie damit einen oft gehörten Ausſpruch ihrer Tante wiederholte. „Das Geld gibt Achtung, wenn's von der Klugheit be gleitet wird,“ verſetzte die Tante,„und ein kluger Mann weiß eine kluge Frau zu ſchätzen.“ „Wenn aber der Mann nicht klug iſt, Tante?“ fiel Suͤſette ein. „So muß die Frau um ſo klüger ſein,“ erwiderte die Commercienräthin ungeduldig. In dem Augenblicke hörte ſie die Klingel, und mit eini⸗ ger Haſt ſtand ſie auf und fügte hinzu:„Daß er Dich nimmt, beweiſt, daß er klug iſt, aber ich werde dafür ſor⸗ gen, daß er es bleibt. Und jetzt geh und zeige Dich ver⸗ nünftig und bleibe hier im Nebenzimmer, bis ich Dich rufe.“„ Als Suſette verſchwunden war, hob die Tante ihren Arm auf und drohte hinter ihr her:„Ich werde doch mit Dir noch fertig werden!“ ſagte ſie; jetzt will ich dem jungen Herrn da klaren Wein einſchenken.“ Der Bediente meldete den Barvn von Lorberg, und gleich darauf trat dieſer ſelbſt herein. Die Frau Commer⸗ — 41 cienräthin ging ihm entgegen, lächelte ihm zu und bot ihm die Hand. „Sie haben befohlen,“ ſagte Richard. „Ich habe gebeten,“ fiel ſie ein,„und es iſt mir lieb, Sie zu ſehen; aber ich finde, Sie ſehen heute nicht gut aus.“. „Ich habe eine etwas unruhige Nacht gehabt,“ ant⸗ wortete er nicht ohne Verlegenheit. Ihre runden Augen glänzten ihn an.„Was war es denn?“ fragte ſie.„Eine Herzensbeklemmung?“ „Sehr wahrſcheinlich,“ lächelte er. Ihre Augen glänzten noch heller, indem ſie auflachte und ihn verſtändlich und wohlgefällig anblickte.„Dafür gibt es Mittel,“ ſagte ſie.„Kommen Sie her, ſetzen Sie ſich zu mir. Ich habe allerlei mit Ihnen zu ſprechen und möchte Ihren Rath und Ihre Meinung hören.“ Er ſetzte ſich, und ſie deutete auf ihr Rechenbuch und die nebenliegenden Papiere.„Was ich für Mühe und Sorgen habe,“ begann ſie,„um Ordnung zu halten, iſt nicht zu ſagen. Ich habe das große Haus auf dem Halſe, noch ein paar Grundſtücke und mehr dazu; dabei hat's der Himmel ſo gewollt, daß ich den Gewinn gemacht habe, von dem Sie wiſſen. Letzte Woche iſt er ausgezahlt worden, gerade an dem Tage, wo Sie am Abend ſo freundlich waren, Suſetten Geſellſchaft zu leiſten. Ich habe das Geld auf die Bank gelegt, um es bei der Hand zu haben, wenn es gebraucht wird; denn es iſt möglich, daß es bald gebraucht wird, weil ich beſchloſſen habe, es ſoll Suſettens Heirathsgut ſein, und weil es mir vorkommt, als würde es nicht lange in der Bank liegen bleiben.“ Richard von Lorberg hatte dieſe Mittheilung ſchwei⸗ gend angehört, bei dem letzten Theile derſelben aber, als die Frau Commercienräthin ihn unverkennbar beziehungs⸗ voll anſchaute, verfärbte er ſich und verbeugte ſich, als wollte er beiſtimmen. „Nun reden Sie!“ rief die Dame huldvoll.„Ich habe nur dieſe Eine Nichte, wenigſtens nur die eine, die mich angeht, und die ich wie mein eigen Kind betrachte. Ich will ſie glücklich ſehen an der Hand eines Mannes, der ſie glücklich macht, und wenn ich das weiß, will ich alles thun, was ich kann, um ihr Glück zu ſichern.“ Richard von Lorberg hatte Zeit gehabt ſeine Gedanken zu ſammeln, auch war er hinlänglich vorbereitet auf das, was er ſagen wollte, nur dieſe plötzliche Entwicklung hatte ihn überraſcht. „Theuerſte Frau Commercienräthin,“ ſagte er,„Sie ertheilen mir eine Erlaubniß, die meine Hoffnung erhöht. Ich wage zu glauben, daß Sie meine Neigung bemerkten, und wenn ich— ja, wennn ich Ihnen bekennen darf...“ „Sie werden mir nichts bekennen, was ich nicht ſchon weiß,“ unterbrach ſie ihn.„Wir wollen die Vorrede abkürzen, Herr von Lorberg. Sie begehren die Hand meiner Nichte.“ 1 43 „Ja, gnädige Frau, wenn ich hoffen darf...“ „Ich gebe Sie Ihnen. Es iſt mein Wunſch!“ fiel ſie ein. „Wenn ich hoffen darf, daß Fräulein Suſette mir gern folgt,“ fuhr er fort. „Das verſteht ſich!“ ſagte die Frau Commercienräthin. „Das wollen wir gleich ſehen. Suſette!“ Er hielt ihre Hand feſt und ſagte bittend:„Noch einige Minuten hören Sie mich. Ich muß zunächſt ein Bekenntniß ablegen, um der Wahrheit die Ehre zu geben und keinen Verdacht von Täuſchung auf mich zu laden. Mein Vater hinterließ mir die Anwartſchaft auf eine reiche Erbſchaft, dagegen aber...“ „Ich weiß Alles! habe Alles erfahren! Es iſt nichts damit,“ ſchaltete ſie ein. „Mein Vermögen iſt daher...“ „Hören Sie auf!“ rief ſeine gütige Beſchützerin,„wir fragen nicht danach, aber Ihre Aufrichtigkeit freut mich um ſo mehr. Jetzt werde ich Ihnen meine Meinung ſagen. Sie haben Schulden.“ „Ja, Frau Commercienräthin.“ „Ihre Schulden werden Sie bezahlen.“ „Das iſt mein feſter Vorſatz.“ „Schreiben Sie Alles auf, es ſoll gemacht werden. Wie ſteht es mit Ihrem Gute?“ 44 „Es iſt allerdings ſehr ſchwer verſchuldet,“ ſagte Richard von Lorberg,„allein wenn Ihre Güte mich in den Stand ſetzt, das Nothwendige zu thun...“ „Ihre Frau wird die Hypotheken kaufen,“ fiel ſie ein. „Dann denke ich mein Leben gänzlich zu ändern,“ ſagte er,„ein Landmann zu werden und durch Fleiß und aus⸗ dauernde Thätigkeit manche Fehler gut zu machen.“ Die Frau Commercienräthin nickte vergnügt dazu. „Der Baron von Lorberg,“ erwiderte ſie, den Kopf auf⸗ werfend,„wohnt mit ſeiner jungen Frau im Sommer auf ſeinem Schloſſe, im Winter aber wohnt er bei mir in der Stadt, und wir machen eine glückliche Familie.“ „Ein leiſer Schauder ſchüttelte ihn, aber die Frau Commercienräthin breitete ihre Arme aus, und er fiel hin⸗ ein. Zugleich ſchrie ſie laut nach Suſetten, und Suſette war da, wo ſie ſein ſollte. „Komm her, mein liebes Kind,“ ſagte die Frau Com⸗ mercienräthin, Richard bei der Hand haltend,„hier iſt jemand, der eine Frage an Dich zu richten hat, aber die Frage iſt überflüſſig und die Antwort ebenfalls. Hier iſt der Herr von Lorberg, Dein Bräutigam!“ Was nun geſchah, ging traumartig an Richard von Lorberg vorüber. Er befand ſich in einem Sinnentaumel, der ihn halb unzurechnungsfähig machte. Suſette ſchwatzte und lachte mit ihrer Tante um die Wette, und er ſelbſt 45 machte es nicht beſſer. Es wurde von tauſend Dingen geſprochen, von Verlobung, von Hochzeit, von Einrichtun⸗ gen und Ausſtattungen, von großer Freude und großen Ueberraſchungen, von Feſten, Einladungen und Reiſen. Endlich war von der Veröffentlichung dieſes Bündniſſes die Rede, und damit kehrte einige Beſinnung bei Lorberg zurück. Das Licht verſchwand, das ihm bisher geleuchtet. In ſcheuer Erwartung verneigte er ſich, als die Tante ſich an ihn wandte und ihn anredete. „Mein lieber Lorberg,“ ſagte ſie,„oder mein lieber Neffe,“ fügte ſie wohlgefällig hinzu,„Sie werden nun allerdings am liebſten wollen, daß wir auf der Stelle die Karten ſtechen laſſen und die Verlobungsanzeige, in die Zeitungen rücken.“ „Allerdings, meine beſte— Tante,“ erwiderte Richard, „ich hoffe...“ „Dieſes Mal hoffen Sie nichts!“ verſetzte die Frau Commercienräthin in ihrer entſchiedenen Tonart.„Ich habe Ihnen einen Vorſchlag zu machen, den ich mir über⸗ legt habe. Suſette muß ſich gedulden und Sie auch, mein Herr Neffe. Zunächſt ſoll es Niemand erfahren, was hier vorgegangen iſt.“ „Aber, Tante!“ rief Fräulein Suſette erſtaunt. „Beſte Frau Tante!“ ſagte Richard mit einem Athem— zuge der Freiheit. 46 „Ich habe meine Gründe!“ antwortete die Frau Com⸗ mercienräthin,„reden Sie nichts hinein. Der Herr Neffe hat eine Reiſe auf ſein Gut nöthig, wo gewiß Vieles in dem lange nicht bewohnten Schloſſe mangelt und ſchadhaft geworden iſt, alſo in Stand geſetzt werden muß, um ſeiner jungen Frau zu gefallen. Dahin ſoll er alſo auf ein paar Wochen gehen, und gewiß gibt es auch dort anderweitig mancherlei zu hören, zu ſehen und vorzubereiten, was ihm nützlich ſein kann. Sie betonte dieſe Worte nachdrücklich und lächelte bedeutungsvoll. Richard fühlte ſich wie ein Begnadigter, und doch ſollte er heucheln. Er wandte ſich an Fräulein Suſette, aber es kam ihm vor, als leſe er in deren Augen ganz dieſelbe Heuchelei. Sie blick— ten ſich beide an wie betrübte Erben am Sarge eines Geizhalſes. „Es iſt ſehr hart, ſich unterwerfen zu ſollen,“ ſagte Richard. „Sehr hart,“ lispelte Suſette. „Wir müſſen dagegen noch einmal unſere Einwendun⸗ gen erheben.“ „Wir erheben Einwendungen, Tante.“ „Nichts davon, es bleibt dabei!“ rief die Frau Com⸗ mercienräthin.„Während dieſer Zeit treffen wir unge⸗ ſtört unſere Vorbereitungen, mein Kind. Wir ſagen den neugierigen Leuten: der Herr Baron iſt zur Jagd auf ſeinen Gütern, wir wiſſen nicht, wann er zurückkommen — 47 wird. Während deſſen machen wir unſere Einkäufe und der Herr Neffe bringt alle ſeine Affairen in Ordnung.“ Sie nickte dabei wieder ſehr bedeutungsvoll, und ihre Blicke irrten nach den Geldpapieren hin, die neben dem großen Rechenbuche lagen. „Es wird uns nichts helfen, beſte Suͤſette,“ ſagte Richard bedauerlich. „Nein, es wird uns nichts helfen,“ ſeufzte ſie. „Wir werden der gütigen Tante gehorchen müſſen.“ „Ja, wir werden gehorchen müſſen.“ „So wollen wir uns mit Hoffnungen tröſten.“ „Mit glücklichen Hoffnungen, daß ſich erfüllt, was wir wünſchen.“ Er lächelte gewaltſam dazu.„O, gewiß,“ ſagte er,„ich kehre bald zurück.“ „Und dann geben wir eine große Geſellſchaft,“ fiel die Frau Commercienräthin ein.„Niemand ſoll es ahnen; Alle ſollen überraſcht werden, wenn ich es feierlich pro⸗ clamire.“ „Doris wird erſtaunt ſein!“ lachte Suſette. „Es werden Viele erſtaunt ſein,“ rief die Tante, ſtolz den Kopf aufwerfend, aber ſie ſollen Dich alle beneiden. Du haſt Deine Wahl getroffen, mein Kind, ich habe Dir meinen Segen gegeben, Keiner ſoll darüber Bemerkungen machen. Es werden manche ſein, die ſich wundern; aber ſie ſollen ſich wundern. Reiche Leute giebts genug an der Börſe. Du ſollſt kein Börſen⸗Artikel werden.“ Es war für Richard von Lorberg nicht beſonders an⸗ genehm, dieſe Bemerkungen zu hören, allein er verſchluckte ſie, ſo gut es ging; auch waren ſie wohl gemeint, nur der Wiederſchein der hochmüthigen Gedanken ſeiner Be⸗ ſchützerin. Nach einiger Zeit wurde ein Frühſtück aufge⸗ tragen. Die Frau Commercienräthin ließ aus der tiefſten Ecke ihres Weinkellers eine Flaſche Ungarweins herauf bringen, von dem nur einige wenige Exemplare vorhanden waren, welche der ſelige Commercienrath ihr noch auf ſeinem Sterbebette dringend empfolen hatte, ſie für feſtliche Gelegenheiten aufzuſparen und nicht etwa beim Leichen⸗ geleite leichtſinnig Preis zu geben. Jetzt ließ die Tante darin das junge Paar leben, und der feurige Wein öffnete ihr das Herz zu vermehrter Vertraulichkeit. Was ſie zu keinem Menſchen in der Welt gethan, that ſie zu ihrem er⸗ wählten Neffen. Sie machte ihm Mittheilungen über ihr Vermögen, ließ ihn in ihr großes Rechenbuch ſehen, und Richard von Lorberg erblickte darin Zahlen, die ſeine kühnſten Erwartungen überſtiegen. Es war kein Zweifel, daß die Frau Commercienräthin Wittenberg ein großes Vermögen beſaß, kein Zweifel auch, daß dieſes einſt ihm zufallen werde, wenn er ſich ihr Wohlwollen zu erhalten verſtand, und ſie gab ihm Beweiſe dieſes Wohlwollens, noch ehe er ſie verließ. 49 Als ſie Suſette einen Auftrag gegeben, der dieſe ent⸗ fernte, ſteckte ſie ein Papier in die Bruſttaſche ſeines Rockes.„Das nehmen Sie mit,“ ſagte ſie,„es iſt für Sie beſtimmt. Reicht es nicht, ſo kann ſpäter mehr nachfolgen. Ich will, daß Sie mit Ihren Finanzen vor allen Dingen und zunächſt in Ordnung kommen; es ſoll Niemand von Ihnen ſagen, daß Ihre Umſtände nicht in Ordnung ſeien, und von Suſetten ſoll man auch nicht ſagen...“ „Aber theuerſte Tante,“ unterbrach er ſie,„wie ſoll ich...“ „Es iſt gut!“ rief ſie, ihr Raubvogelgeſicht vorſtreckend und ihn anleuchtend.„Sagen Sie kein Wort weiter, wir wollen Beide darüber ſchweigen. Was vorbei iſt, iſt vor⸗ bei, Sie werden künftig ein beſſerer Menſch ſein. Wenn ich das nicht wüßte, nicht ſähe, wie Sie ernſthaft und be⸗ ſonnen geworden ſind, würde ich mich bedenken müſſen, Ihnen Suſetten zu geben.“ Nach einiger Zeit empfahl er ſich mit dem Verſprechen, bald zurück zu kehren und den Nachmittag und Abend mit den beiden Frauen zu verleben:„um Suſetten zu tröſten, ſagte die Tante. Am folgenden Tage aber ſchon ſollte er reiſen, denn je eher fort, um ſo eher wieder hier, entſchied ſie.„Bleiben Sie länger, ſo werden wir unſer Geheim⸗ niß verrathen.“ „Dann werde ich reiſen müſſen,“ ſagte er zu Suſetten. Mügge, Verloren und gefunden. II. 4 „Und ich werde allein bleiben,“ klagte ſie. „Sie werden an mich denken,“ fuhr er fort. „Das werde ich zu allen Stunden!“ rief ſie mit ſo vie⸗ ler Lebendigkeit, daß er davor erſchrak. Es war ihm ſonderbar zu Muthe, als er aus dem Hauſe trat. Glück und Unglück, Hoffnung und Niedergeſchlagen⸗ heit. Erwartung und Gewißheit füllten ſeinen Kopf. Er war gegangen mit dem Muthe eines Menſchen, der ent⸗ ſchloſſen iſt, dem Schickſal, dem er nicht entgehen kann, zu trotzen, er kehrte zurück mit dem leichtſinnigen Troſt, daß er Zeit gewonnen habe, daß alſo noch nicht Alles entſchieden ſei, und daß er noch frei ſein könne, wenn er wolle; aber gleich darauf fühlte er, daß er keinen Willen mehr habe, denn er fühlte die Kette hinter ſich klirren, deren Ende die alte Frau mit dem Raubvogelgeſicht in der Hand hielt. Der Haken ſaß in ſeiner Bruſttaſche, in dem Stück Papier, das ſie ihm dort hingeſchoben. Er konnte ſich nicht enthalten, hinein zu blicken. Es war eine Anweiſung auf die Bank auf fünftauſend Thaler. Das war eine Hülfe, die ihm nothwendig war. Er konnte dieſes Papier nicht zurück geben, er konnte nicht los von dieſem Ringe, hinter dem noch andere folgten. Mit er⸗ wärmender Begier dachte er an die Zahlen, welche er in dem Rechenbuche geſehen, dachte er an die Freuden, welche ſeiner warteten, wenn die Kaſſe der Tante ſich öffnete, wenn alle ſeine Schulden getilgt ſeien, wenn Weißenſtein u n 51 ihm wieder geſichert war, wenn alle die bangen Zweifel über ſeine Zukunft nicht mehr vorhanden. Er konnte nicht los von dieſen Vorſtellungen und fühlte im Voraus etwas von der Eigenthümlichkeit des Reichthums, der ſich ver⸗ lockend vor ihm zeigte; er fühlte die Luſt am Beſitze, und doch widerſtanden ihm noch immer die Mittel, um dazu zu gelangen.— Das Benehmen der Frau Commercien räthin hatte bei aller Zärtlichkeit für ihn doch nicht wenig Demüthigendes, ſie begann bereits, ihn ganz eben ſo ab⸗ hängig von ihrer Großmuth zu betrachten, wie Suſetten; er konnte leicht vorausſehen, was in der Folge geſchehen würde. Als ſie ihm ſagte, daß man von ihm nicht glauben ſolle, ſeine Finanzen ſeien zerrüttet, und von Suſetten nicht glauben, daß ſie einen ſolchen Mann nähme, hatte er ſie raſch unterbrochen, denn er wußte, was nachfolgen würde. Ihre ganze Berechnung war ihm klar genug. Die geldſtolzen Getreide⸗, Spiritus⸗ und Börſenjobber ſollten nicht ſagen, daß Suſette ſich einen verarmten und verſchuldeten Edelmann genommen, und daß ſie ſelbſt ihr dieſen ausgeſucht habe. Er ſollte in der Stille ſeine Gläubiger abfinden, ſollte auf ſeinem Gute Ordnung ſchaffen. Es ſollte heißen, er richte ſein Schloß ein, und ſie wollten ihren Geldbeutel öffnen, um die Spötter zum Schweigen zu bringen. Ihrer eigenen Eitelkeit brachte ſie dieſe Opfer, aber ſie wurden nicht umſonſt gebracht. Die hochmüthige Frau verlangte dafür eine Herrſchaft und 4* Oberaufſicht, an welche er mit dem äußerſten Widerwillen dachte. Was er annahm, traf das Richtige, aber einen Grund der Frau Commercienräthin, ihn auf einige Zeit zu entfernen, kannte er nicht, und doch wirkte dieſer zu meiſt dabei mit. Sie hatte ihn jetzt feſtgemacht, aber er ſollte allen Anfechtungen des ſchwarzen Fräuleins entzogen werden. Er ſollte fort auf's Land, damit er ſie nicht ſähe, nicht etwa leichtſinnige Streiche machte. Sie war nicht ſicher davor und traute der ränkevollen Lehrerin noch weniger als ihm. Darum war es das Beſte, ihn zu entfernen, um ſeine Thorheit in Vergeſſenheit zu bringen. Zunächſt aber war Richard von Lorberg frei, und dieſer Gedanke überwog bei ihm alle anderen. Er wollte, was ihn bedrängte, raſch abthun, dann auf ſein Gut reiſen, dort bleiben ſo lang als möglich, alles Weitere werde ſich finden. Mit dem Leichtſinne der Jugend überließ er ſich dem Augenblicke und verſchob den Ernſt auf ſpätere Zeit. Raſch eilte er durch die Straßen, allein plötzlich wurden ſeine Schritte langſamer, als er in einiger Ent⸗ fernung vor ſich Seehauſen ſtehen ſah, der mit einer zweiten Perſon ſprach, welche keine andere war, als der Agent Jakob Wolf. Seehauſen ſchien ſehr luſtiger Laune zu ſein. Sein rothes, dickes Geſicht ſah ausnehmend gemein aus. Der Hut ſaß ihm auf einem Ohr, der ſchmutzige Paletot flat⸗ terte ſchäbig und zerriſſen um ſeine Beine. Es war zu ſpät um ungeſehen zu entkommen. Der Hauptmann hatte ſeinen Verwandten ſchon bemerkt, und wahrſcheinlich machte er den Agenten aufmerkſam, der, wie es ſchien, Seehauſen von einem Vorhaben abzuhalten ſuchte; denn er hielt ihn feſt und redete auf ihn ein. „Gut,“ ſagte Seehauſen,„ich will es auf der Stelle thun. Eine Frage ſteht frei. Iſt's nicht wahr, Vetterchen?“ Damit grinſ'te er Richard entgegen und ſtreckte ihm vertraulich eine Hand hin. In derſelben Weiſe, wie der alte Herr von Feldheim, ſchien auch Richard dieſe Be⸗ grüßung nicht zu bemerken.„Welche Frage wollen Sie an mich thun?“ redete er ihn an. „Wollen Sie Weißenſtein verkaufen?“ „Wer will es kaufen?“ „Ich will es kaufen.“ „Sie?“ fragte Lorberg, ihn betrachtend. „Gute Bedingungen,“ ſagte Seehauſen.„Alle Hypo⸗ theken übernommen, alle Schulden bezahlt, dazu ein an⸗ ſtändiges Capital in Ihre Hände, Vetterchen.“ „Wenn Sie etwas kaufen wollen, erwiderte Richard von Lorberg, der ſeine Blicke über Seehauſen gleiten ließ, „ſo gibt es, ſollte ich denken, nothwendigere Dinge.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich um, und er hörte Jakob Wolf's lautes Gelächter, aber auch Seehauſen's 4 heiſere Stimme, die hinter ihm her ſchrie:„Danke, Vetterchen, danke! Aber ich habe Ihnen noch mehr zu ſagen.“ „Ich will nichts mehr von Ihnen hören,“ erwiderte Richard indem er ſich raſch entfernte. Fünfzehntes Kapitel. Erſt zu Ende des October kehrte Lorberg von ſeiner Reiſe zurück; denn es waren aus den zwei Wochen, welche er auf ſeinem Gute zubringen wollte, mehr als noch einmal ſo viele geworden. Er fand mancherlei Beſchäftigung, die ſeine Zeit ausfüllte, denn die Frau Commercienräthin hatte vollkommen Recht, daß hier viel zu ſchaffen und zu ordnen ſein würde. Das Wohnhaus, welches Schloß genannt wurde, befand ſich in ſchlechtem Zuſtande und bedurfte meh⸗ rerer Ausbeſſerungen und Erneuerungen, um es in leidlichen Zuſtand zu ſetzen; daneben aber lernte er die uiriſczaft lichen Verhältniſſe kennen und konnte ſich durch eigenes Anſchauen von vielem unterrichten, was ihm bisher völlig fremd geblieben. Seit langer Zeit war er nicht hier geweſen, und damals war er ein leichtſinniger junger Herr, der nur Vergnüglichkeiten ſuchte, an nichts dachte, als wie er ſeinen Pächtern Geld und Vorſchüſſe abnehmen könnte, und ſich ſo raſch als möglich wieder damit entfernte. Jetzt 56 kam er mit anderen Grundſätzen, aber es war auch hier kein Geld mehr zu holen. Pacht und Gefälle waren längſt mit Beſchlag belegt, und die Pächter wußten beſſer denn viele Leute in der großen Stadt, wie übel es mit dem Herrn Baron ſtand. Das Nächſte, was Richard von Lorberg auffiel, war daher auch die geringe Achtung, mit welcher er behandelt wurde. Es half ihm ſehr wenig, daß er ſich freundlich und theilnehmend bezeigte, im Gegentheil hielt man dies für die ſicherſten Zeichen ſeiner Heruntergekom⸗ menheit, die ihn demüthig machte. Es war überall ver⸗ breitet, daß das große Gut nächſtens zum gerichtlichen Verkauf kommen würde, und einige Male kamen ſogar Leute, welche es im Voraus beſichtigten, um ſich eine Mei⸗ nung zu verſchaffen. Der Pachter des Hauptgutes, deſſen Pachtzeit im nächſten Jahre ablief, hatte jedoch ſelbſt Luſt, es zu kaufen, er war ſomit um ſo mehr bemüht, Alles aufs tiefſte herunter zu ſetzen und ein abſchreckendes Bild von dem jämmerlichen Boden und deſſen mühſamer und un⸗ fruchtbarer Beſtellung zu geben. Daß er arm gekommen und jetzt ein wohlhabender Mann geworden, verſchwieg er, um ſo mehr klagte er über ſeine Verluſte und wie er Gott danken werde, wenn er endlich von der Pacht erlöſ't ſei.— Richard hatte Gelegenheit, ein Geſpräch dieſer Art mit anzuhören, bei dem auch von ihm ſelbſt die Rede war. „Es iſt alſo gänzlich vorbei mit ihm?“ fragte der Fremde. —.j— „Alles vorbei,“ ſagte der Pachter,„Alles durchge⸗ bracht.“ „Aber was wird deun aus ihm werden?“ „Ja, was wird aus ihm werden! Wenn er Gutes thun will, kann, der das Gut kauft, ihn vielleicht aus Mitleid behalten.“ „Das wäre eine ſchlimme Zugabe!“ lachte der Fremde. „Einen ſolchen Verſchwender, der nicht arbeiten will!“ „Nun, das lernt ſich ſchon, wenn der Hunger dahinter iſt,“ meinte der Pachter.„Im Uebrigen iſt er anſtellig genug, und gut ſchießen kann er auch, als Jäger iſt er alſo immer zu gebrauchen.“ „Wenn ich in ſeiner Stelle wäre,“ ſagte der Fremde, nich ginge nach Amerika. Dahin gehören ſolche Nichts⸗ thuer, da müſſen ſie arbeiten.“ „Es wird ihm auch wohl zuletzt nichts weiter übrig bleiben,“ erwiderte der Pachter.„Die ganze Schuld hat er aber nicht. Sein Vater war auch ſo, der dachte nicht an Sparen; freilich damals war noch immer von der großen Erbſchaft die Rede, aus der nachher nichts gewor⸗ den iſt.“ Richard mochte nichts weiter hören. Mit glühendem b Geſichte ſchlich er ſich fort und lief durch Felder und Büſche, wie von der Stimme gejagt, die hinter ihm her ſchrie: Verſchwender! Elender! Fort nach Amerika!— Um ſo wirkſamer kamen darauf ſeine Entſchlüſſe, alle dieſe * 58 üblen Meinungen zu Schanden zu machen, und um ſo nachhaltiger wurde der Ernſt, mit dem er zu handeln be— gann. Von der bedeutenden Summe, mit welcher die Frau Commercienräthin ihn ausgeſtattet, war noch ein Theil in ſeinen Händen, und er wandte ihn an, um das Haus zu verbeſſern und allerlei Einrichtungen zu treffen. Der Pachter erſtaunte darüber, inzwiſchen fiel ihm ein, daß dies darum geſchehe, um beim Verkauf einen höheren Preis zu erzielen und ſo vielleicht noch zu einem Reiſegelde zu gelangen. Im Stillen aber lachte er den einfältigen Baron aus und freute ſich über dieſen Eifer, der ihm ſelbſt zu Gute kommen müßte. Richard ſetzte inzwiſchen ſeine Beobachtungen fort und war bald im Stande, zu beur— theilen, daß der Pachter bedeutenden Gewinn mache. Der Boden war größtentheils gut, und Manches konnte gethan werden, um den Ertrag bedeutend zu erhöhen. Er machte vielerlei Plane und Entwürfe, was geſchehen ſolle, ſobald Weißenſtein ihm wieder gehöre und er die nöthigen Mittel beſitze. Er fand auch einige Bücher und Schriften über die verſchiedenen Zweige der Landwirthſchaft im Hauſe, und es machte ihm Vergnügen, dieſe zu leſen und über ihre praktiſche Anwendung nachzudenken. Das Eine fügte ſich zum Anderen. Je mehr er ſich in dieſe Gedanken einlebte, um ſo mehr ſann er darauf, ſie zu verwirklichen, und dieſe Verwirklichung war kein Phantom, ſie lag in ſeiner Hand; er ſah mit jedem Tage mehr ein, welche Thorheit es ſei, .— 1 59 noch jetzt dagegen Einwendungen zu machen. Vor der Zukunft, die ſein Pachter als gewiß ſchilderte, ſah er ſich geſichert. Eine Hand voll Geld hatte die Leute umher ſchon weit höflicher gemacht und den Spott von ihren Geſichtern verſcheucht; wie dann erſt, wenn er mit voller Taſche hier einzog! Alle würden ſchnell wieder demüthig werden, und ſelbſt der Adel in der Nachbarſchaft würde ſchwerlich Umſtände machen, Suſetten mit voller Aner— kennung in ſeinen Kreiſen zu empfangen. „Weil ſie Geld hat!“ ſagte er hohnvoll lachend, und ihm fiel der würdige Hauptmann ein mit ſeinem Wahl⸗ ſpruch: Leben iſt die Hauptſache!„Ja wohl, leben iſt die Hauptſache, und ich will leben,“ ſagte er,„doch in anderer Weiſe als bisher. Mit meiner Vergangenheit habe ich für immer abgeſchloſſen, und mit meiner Zukunft will ich mich verſöhnen. Was mir vom Schickſale nicht gewährt wurde, will ich vergeſſen, was es mir gibt, will ich zum Beſten benutzen und wie ein Mann handeln— wie ein Mann, der klug iſt, wie Jakob Wolf ſagt.“ So handelte er denn als ein kluger Mann, indem er an die Frau Commercienräthin einen ziemlich ausführ⸗ lichen Brief ſchrieb, der mit vieler Liebenswürdigkeit im Ton zugleich eine klare Schilderung der Verhältniſſe gab, wie er dieſe auf ſeinem Gute gefunden. Dem guten Humor miſchte ſich auch der Ernſt bei. Er erwähnte etwas von ſeinen Vorſätzen ſowohl, als von ſeinen Hoffnungen, und 60 ſchloß dann mit der Bitte, ihm zu verzeihen, wenn er länger bleibe, als er gewollt, wobei Niemand ſo viel verlöre, als er ſelbſt. Dem Brief lag ein anderer an Fräulein Suſette bei, und dieſer hatte Richard von Lorberg bei Weitem mehr Schwierigkeiten gemacht. Er konnte ſchon den Anfang nicht finden; dann überlas er jeden Satz, und halb fertig, zerriß er ein halbes Dutzend Bogen. Endlich war er zu Ende; allein nun kam ihm das Ganze zu kalt und förmlich vor, und er begann einen anderen, über den er bald einen wüthenden Strich machte, weil er viel zu heiß gerathen war.„Lügen kann ich nicht,“ murmelte er vor ſich hin.„Ich kann ihr nichts betheuern, was mir ins Ohr ſchreit: Heuchler! Vielleicht,“ fuhr er dann vor ſich niederſehend fort,„geht es künftig beſſer. Man ſagt ja, daß in den meiſten Ehen die Liebe erſt nach der Hochzeit kommt, daß ſie im Grunde eine Gewohnheits⸗ ſache iſt.“— In dieſem Augenblicke dachte er an etwas, woran er ſich gelobt hatte, nicht mehr zu denken, und heftig aufſpringend rief er aus:„Es iſt nicht wahr! Liebe iſt ein Blitz, der plötzlich in ein Menſchenherz dringt, ſo auch in mein Herz. Aber ich war vernünftig genug, das Feuer zu löſchen, ehe es um ſich greifen konnte,— oder ſie, ſie ſelbſt hat es ausgelöſcht,“ fügte er ruhiger hinzu,„und das war wohl gethan, ich bin davon befreit.“ Die Briefe wurden abgeſchickt, und nach einiger Zeit kam Antwort. Die Frau Commercienräthin drückte ihr ————— 2 2——.— 1 ohlgefallen aus und machte einige Scherze über die neu— gierigen Fragen, welche an ſie gerichtet worden und was ſie darauf erwidert hätte.„Nehmen Sie ſich Zeit,“ ſagte ſie dann am Schluſſe,„und machen Sie alles in Ruhe ab. Wenn irgend noch etwas nöthig iſt, ſo ſagen Sie es mir, und Sie ſollen es haben. Suſette iſt mein Kind, mein Schwiegerſohn ſoll glänzend daſtehen vor der ganzen Welt. Sobald Sie wiederkommen, wollen wir allen Neugierigen die Augen aufmachen.“— Suſette hatte ebenfalls geant— wortet, aber leider in einer Weiſe, die nicht geeignet war, die Falten von ſeiner Stirn zu bringen. Der ganze Brief beſtand aus überſchwänglichen Redensarten, Klagen über ihre Einſamkeit, welche wie Spöttereien klangen. Dann gleich hinterher erzählte ſie von verſchiedenen Feſten und Ge⸗ ſellſchaften bei ihrer Couſine Doris und an anderen Orten. Hinterher folgten Mittheilungen über die neueſten Moden, welche ganz reizend jetzt zur Winter⸗Saiſon eingetroffen, eben ſo die Mittheilung, daß die herrliche Tante Erlaubniß ertheilt habe, daß ſie ſich malen laſſen ſolle, endlich die Meldung, daß ſie Sehnſucht empfinde, wie noch nie, und daß ſie ſo ungeduldig ſei, daß ſie es kaum länger aushalten könne. Zuletzt ſchrieb ſie von einem Wunder, das ſich ereignet habe, doch davon werde die Tante wohl berichten, und eigentlich müſſe man es mit eigenen Augen ſehen, um es zu glauben. Deßhalb alſo möge er bald zurückkehren und niemals vergeſſen ſeine hoffende Suſette. Von dem Wunder hatte die Frau Commercienräthin nichts erwähnt, aber daß Suſette nicht vergeſſen werde, dafür hatte ſie ſelbſt geſorgt. Richard von Lorberg be ſtrebte ſich nach Möglichkeit, ihr Angedenken von ſich abzu halten, das dieſer Brief allzu lebendig in Erinnerung ge bracht hatte. Er riß ihn in Stücke und warf dieſe in den Ofen. Dann ſah er ſtill lachend zu, wie das Feuer ſie ver⸗ zehrte, und ſagte zu ſich ſelbſt:„Ich werde mich hüten, mich damit zu quälen! In tauſend Ehen lebt man möglichſt weit von einander, warum ſoll es in der meinen anders ſein? Glücklicherweiſe bin ich beſſer geſtellt, als viele Unglück⸗ liche, die mit dem unwillkommenen Lebensgefährten Zim mer, Tiſch und Bett theilen müſſen. Wäre das der Fall, bei Gott! nichts ſollte mich dazu vermögen, denn es muß eine Hölle ſein, mit einem Weſen von widerſtrebender Natur ſo eng zuſammengeſchmiedet zu verzweifeln; allein mein Gefängniß iſt weit, ich kann es mir möglichſt bequem darin machen, alſo läßt es ſich ertragen.“ „Zwingende Nothwendigkeiten,“ fuhr er dann fort, „muß man hinnehmen, wie ſie ſind. Hiermit ſchwöre ich ab, mich weiter darum zu bekümmern. Mag ſie treiben, was ſie will, verkehrt ſein, wie es ihr beliebt. Der Eſſig,“ rief er auflachend,„der in keiner Ehe fehlen ſoll, iſt hier in etwas zu reichlichen Maße vorhanden, aber es iſt ja auch hinlänglich Zucker da, um das ſaure Gericht zu ver ſüßen.“ Noch einige Wochen hielt er es aus, dann kamen die herbſtlichen Regenſtürme, und wohl oder übel mußte er jetzt an Rückkehr denken. Die benachbarten Gutsherren hatte er nicht aufgeſucht, ein Schaamgefühl hielt ihn davon ab. Er wußte zu gut, wie man von ihm dachte, und hatte keine Luſt, Gaſtrollen zu FamilienKlatſchereien zu geben und dazu herauszufordern. Seine Einſamkeit betrachtete er als eine Buße, und obenein wurde ſie ihm nicht lang; weit eher fürchtete er ſich, ſie aufzugeben, und je näher der Tag kam, wo dieſes geſchehen mußte, um ſo unruhiger dachte er daran. Es war jedoch nothwendig, und mit dieſem Zauber⸗ worte beſchwichtigte er längſt allen Widerſpruch. Was die Tante befohlen hatte, war erfüllt, was er thun und ordnen wollte, war geordnet, es blieb jetzt nichts mehr übrig, als zurückzukehren in die Geſellſchaft der Frau Com⸗ mercienräthin. Dazu kam denn auch bald eine directe Aufforderung. Richard hatte zu verſchiedenen Malen ſeiner Gönnerin Wildſendungen in ihre Küche gemacht und dadurch einen Entſchuldigungszettel eingeſandt, indem er ſich als leiden⸗ ſchaftlicher Jäger darſtellte, der d ie eingetretene Jagdzeit, ſo viel es anging, zu benutzen ſuchte. Er hatte auch ganz richtig ſpeculirt, wenn er annahm, daß die Eitelkeit der Frau Commercienräthin dies ſehr hoch aufnehmen und ſie ſich ſehr geſchmeichelt fühlen würde, wenn ſie zu der ſtolzen 64 Couſine Reichenbach und anderen guten Leuten ſagen konnte: „Heute ſchickte mir der Baron Lorberg von ſeiner Jagd einen Rehbock und ein ganzes Dutzend Hühner.“ Aus ihrer Antwort ging die Richtigkeit ſeiner Vorausſetzung hervor. Beim letzten Male abfr ſchrieb ſie:„Laſſen Sie es für diesmal genug ſein und kommen Sie zurück. Wir wollen nun nicht länger zögern, denn ich habe jetzt meine Gründe, daß wir Ihre Verlobung recht bald öffentlich er⸗ klären. Ich erwarte Sie alſo, und Suſette ebenfalls. Was Neues ſich zugetragen hat, ſollen Sie ſelbſt ſehen und hören. Sie werden ſich wundern darüber, ich thue es auch, aber meine Meinung hat ſich nicht verändert.“ Was dieſes Neue und Verwunderungswerthe ſei, erfuhr Richard ſomit abermals nicht. Er beruhigte ſich darüber; denn was es auch ſein mochte, ſo glaubte er es immer noch früh genug zu hören. Indeß zögerte er nicht, den Willen der Frau, die über ihn zu beſtimmen hatte, zu befolgen, und er ſelbſt fühlte zuweilen ein Verlangen danach, daß ſchnell geſchehe, was geſchehen mußte;„wie ein Kranker,“ ſagte er ſich ſelbſt,„der lieber die Medicin mit Einem Male nimmt, als mit dem Theelöffel.“ So traf er in der Stadt ein, wohlgerüſtet und bereit, ſeine Rolle als ein guter Schauſpieler auszuführen. Da aber der Abend ſchon gekommen war, konnte er ſich nicht entſchließen, ſofort der Frau Commercienräthin oder Su⸗ ſetten oder Beiden ſeinen Beſuch zu machen. Sonſt hat —— 65 ein Bräutigam gewöhnlich Sehnſucht nach dem Wieder⸗ ſehen, Richard von Lorberg fühlte nichts davon. Er ent⸗ ſchuldigte ſich vor ſich ſelbſt mit vielen Einwänden, und als dieſe von anderen widerlegt wurden, beendete er ſeine Zweifel damit, daß ihm eine Vermittlung einfiel. Es fiel ihm ein, daß eine neue Oper gegeben wurde; wahrſchein⸗ lich war Suſette dort, und wenn dies der Fall, wollte er ſich ihr in dieſer großen öffentlichen Geſellſchaft zuerſt vor⸗ ſtellen. Damit entging er manchem, was ihm Furcht ein⸗ jagte; zugleich war es ein Schritt zur offenen Kundgebung ſeines Verhältniſſes, endlich eine Ueberraſchung, die gewiß auch der Tante angenehm ſein mußte. Sich ſelbſt über⸗ redend, daß dies das Beſte ſei, was er thun könne, machte er ſich auf den Weg, während der heimliche Wunſch nicht verſchwinden wollte, daß ſeine Vorausſetzungen nicht zu⸗ treffen möchten. Das Haus war ſehr gefüllt. Die Vorſtellung hatte längſt begonnen, kaum gelang es ihm, noch einen Platz zu erhalten. Bald darauf trat ein Zwiſchenact ein, und er durchmuſterte mit größerer Genauigkeit den glänzenden Damenkreis in den Logen des erſten Ranges, ohne die zu entdecken, nach welcher er ſuchte. Er verſteckte ſich und ſein Geſicht, als er einige Bekannte auf der anderen Seite bemerkte, junge Herren aus der Geſellſchaft, denen er ver— ſchwunden war und die den lange Vermißten und Wieder⸗ gefundenen gewiß in Beſchlag genommen hätten. Indem Mugge, Verloren und gefunden. II. 5 66 er ſich jedoch ihren Beobachtungen zu entziehen ſuchte, bemerkte er, daß er in einer anderen Loge Gegenſtand be⸗ ſonderer Aufmerkſamkeit geworden ſei. Ein Herr erhob ſich dort von ſeinem Platze, nahm einer Dame, die vor ihm ſaß, das große Doppelglas aus der Hand und richtete es auf ihn. Die Dame ſelbſt legte ſich in den Polſterſeſſel zurück und ſprach zu dem Herrn. Sie war ſehr reich gekleidet und geſchmückt; um den Arm, den ſie auf die Brüſtung der Loge gelegt hatte, funkelte ein breites Gold⸗ band mit einem großen Steine, über ihrem Kopf ſchwankte der koſtbare Schweif eines Paradiesvogels. Richard von Lorberg konnte ihr Geſicht nicht genau erkennen. Es ſchien jung und ſchön zu ſein; er glaubte es geſehen zu haben, ohne ſich zu erinnern, wo es geweſen. Der Herr hinter ihr trug einen Orden auf der Bruſt, ſeine weiße Halsbinde, die langen weißen Manchetten und blaßgelben Handſchuhe leuchteten aus der Dämmerung der Loge. Inzwiſchen öffnete ſich der Vorhang von Neuem, die Auf⸗ merkſamkeit richtete ſich auf die Darſtellung. Richard von Lorberg vergaß darüber und über die Dinge, welche ihn näher angingen, die Dame und ihren Begleiter; nach einiger Zeit jedoch wurde die Loge leiſe geöffnet, und der Logendiener trat herein und flüſterte ihm zu, daß ihn Jemand zu ſprechen wünſche. Als er ihm folgte, ſtand der Herr mit der weißen Binde draußen. Die Hände auf den Rücken gelegt, wandte er ſich ſo eben zu ihm um und — — 67 trat ihm näher. Ungläubig verzweifelnd vor dem, was er ſah, ſchien Richard zu erſtarren, allein der Herr breitete ſeine Arme aus, und ſeine heiſere Stimme war eine zu A wohl bekannte, um länger ſich der Wahrheit zu verſchließen. „Herzlich willkommen, mein theuerſter Vetter!“ vief er.„Wir haben Sie ſchon ſeit mehreren Tagen erwartet.“ „Seehauſen!“ antwortete Richard ganz faſſungslos in ſeinem Erſtaunen.„Sie ſind es!“ „Gewiß bin ich es,“ erwiderte der Hauptmann, ihn an der Hand fortführend.„Die Oper iſt gleich aus, und wir verlieren nichts daran. Meine Frau erwartet uns.“ „Sie war es? In der Loge gegenüber!“ „Flora erkannte Sie ſogleich. Warten Sie hier einen Augenblick.“ Er ging in die Loge. Lorberg war ſo überraſcht, daß er noch immer zu träumen glaubte. Das Eine fiel ihm ein, was Suſette von einem Wunder geſchrieben, die Tante von einer beſonderen Neuigkeit, die ihre Meinung nicht ändern könnte. Das mußte es ſein, aber wie war es möglich?! Er behielt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn 1 plötzlich ſah er Frau von Seehauſen. Wie ganz anders als damals in dem Morgenaufzuge! jetzt in Seide und Sammt, in Gold und Steinen. Er war ſo verwirrt, daß er ihre freundliche Anrede kaum erwiedern konnte. See⸗ hauſen kam ihm zu Hülfe. 68 „Geben Sie ihr den Arm, Vetterchen,“ ſagte er, die kleinen Augen vor Vergnügen zukneifend.„Geſchwind, kommen Sie, ich gehe voran.“ Er ging die Treppe hinab. Frau von Seehauſen richtete einige Fragen über ſein Befinden und ſeine Ab⸗ weſenheit an Richard; er wußte nicht, was er antwortete. Unten fanden ſie einen Bedienten mit Mänteln. Frau von Seehauſen wurde in einen Ueberwurf von Seiden⸗ plüſch eingehüllt. Dann lief der Bediente vorauf und öffnete den Schlag eines Wagens, der vor dem Eingange hielt. Bei der Miene, ſich zurückzuziehen, hielt Seehauſen ſeinen Verwandten feſt.„Nichts da, Vetterchen,“ lachte er,„Sie dürfen nicht fort! wir ſoupiren zuſammen; ein 1' paar Freunde werden unſere Geſellſchaft vermehren.— Wie gefallen Ihnen meine Pferde? Ich habe ſie von Reichenbach vor ein paar Tagen gekauft. Es ſind dieſelben Schimmel, die Feldheim zu theuer waren. Allerliebſte Thiere, he!“ Richard ſaß im Fond neben der hübſchen Couſine, die ſich ſo behaglich in die Seidenpolſter legte, als ſei ſie darin geboren. Er hatte noch immer kein Verſtändniß darüber, wie alles, was er ſah und hörte, möglich ſei, ſo daß er nur Heinzelne Worte zurückgab, die deutlich ſeine Befangenheit ausdrückten. Der Hauptmann lachte endlich luſtig dar⸗ über auf. Sein dicker, rother Kopf leuchtete wie ein Rubin aus der weißen Halsbinde. 6'p 69 „Ich ſehe es Ihnen an, Lorberg,“ grinſ'te er voll Wohl⸗ gefallen,„daß Sie geneigt ſind, an irgend eine Hexerei zu glauben; es geht aber Alles mit rechten Dingen zu.“ „Bei alledem,“ erwiderte Richard,„iſt die glückliche Veränderung der Umſtände, in welchen ich Sie finde, wunderbar zu nennen.“ „Gar nicht!“ lachte Seehauſen,„nicht im Geringſten. Geld, Vetterchen, Geld macht Alles! Ein paar glückliche Geſchäfte haben das ganze Wunder bewirkt. Hehe! der Dooctor Hellmuth fällt mir dabei ein. Der innere Werth, das iſt die Hauptſache, ſagt dieſer weiſe Philoſoph. Das Geld macht aber ohne den geringſten wirklichen Werth aus dem Bettler in einem Augenblick einen Mann, dem Alles zu Dienſten ſteht, und es iſt merkwürdig, was die Men— ſchen darüber vergeſſen können. Unſere geliebte Tante hat jetzt viel Wohlgefallen an uns, wir haben uns allgemeine Hochachtung erworben; allein Alles iſt eitel, Alles iſt nichtig, wenn der innere Werth uns nicht darüber erhebt. Wir bleiben die alten Freunde, Vetterchen, darin hat ſich nichts verändert.“ Richard erwiderte nichts darauf, er zog es vor, lieber nach Suſetten und der Commercienräthin zu fragen, und erhielt über Beide gute Nachrichten. „Sie ſind noch nicht bei ihnen geweſen?“ fragte See⸗ hauſen. 70 „Ich hielt es ſo ſpät nicht mehr für ſchicklich.“ „Suſette war heut Nachmittag bei uns,“ ſagte Frau von Seehauſen;„ſie ſieht ein wenig angegriffen aus.“ „Aufregung! Sehnſucht!“ rief der Hauptmann.„Ich denke, wir werden jetzt angenehme Zeiten erleben, mein theuerſter Richard.“ Er nickte Lorberg zu, rief aber zu⸗ gleich:„Da ſind wir ja ſchon, die Schimmel ſind capitale Läufer. Ich bin natürlich ausgezogen aus meiner alten Wohnung in der Königsſtraße, wie Sie ſehen, aber ich hoffe, dieſe wird Ihnen nicht weniger gefallen. Ich für mein Theil wäre geblieben, aber meinem Engel zu Liebe mußte ich mir einen anderen Tempel des häuslichen Glückes ſuchen.“ Der Wagen hielt in einer der neuen Straßen im Thiergarten vor einem großen, ſchönen Hauſe. Die Treppe war mit Decken belegt, von Gas⸗Candelabern erleuchtet. Eine lackirte Flügelthür führte in einen großen Corridor, und als ſie in dieſen eintraten, wurde eine innere Thür geöffnet. Aus dem Zimmer zur Rechten fiel heller Licht⸗ ſchein, und Frau von Seehauſen eilte einer Dame ent⸗ gegen, welche daraus hervortrat und ſie umarmte.„Wie ſpät kommt ihr,“ rief die Dame,„ihr laßt uns ja entſetzlich warten!“ „Verzeihe, meine theuerſte Doris, es war nicht unſere Schuld,“ erwiderte Frau von Seehauſen.„Wir hatten eine intereſſante Ueberraſchung.“ „In der langweiligen Oper? Aber Du ſiehſt ent⸗ zückend aus, ſchöne Flora!“ „In der langweiligen Oper fanden wir unſeren liebens⸗ würdigen Couſin.“ Richard hatte hinter dem breiten Rücken ſeines Vetters und dem langen Bedienten, der ſeinem Herrn den Mantel abnahm, unbeachtet zuhören können, und welche neue Ueberraſchung war es für ihn, zu ſehen, wie innig vertraut die hochmüthige Frau Reichenbach mit der verachteten Couſine war. Eben reckte der kleine Kunſtkenner von der Fonds⸗ und Kornbörſe die ſpitze Naſe und den hohen Kra⸗ gen um die Thürecke und rief dem Vagabunden, den er noch beim Feſte der Frau Commercienräthin ſo arg ver⸗ ſpottet hatte, ſpaßhaft zärtliche Grüße zu. Das Geld ändert Alles! Es iſt wunderbar, was die Menſchen darüber vergeſſen! Dieſer ſpottende Ausruf Seehauſen's hallte in Richard wieder; es war alles wahr und gewiß, was er ſah, er konnte nicht daran zweifeln. Er wurde der geiſtreichen Couſine vorgeſtellt, Herr Reichen⸗ bach ſchüttelte ihm die Hände, dann wurde er hereingeführt und mit Fragen überſchüttet. Er mußte ſich zu den Damen ſetzen und Rechenſchaft geben, wo er geweſen, was er getrie⸗ ben; aber man wußte ſchon, daß er auf ſein Gut gereiſſt, große Jagden dort gehalten und der Frau Commercien⸗ räthin artige Geſchenke an Wild zugeſandt. Herr Reichenbach neigte ſich dabei an des Hauptmanns 72 Ohr und fragte leiſe etwas hinein, was der Hauptmann eben ſo leiſe beantwortete. Herr Reichenbach fragte:„Was hat jeder Haſe ihr gekoſtet?“ und der Hauptmann ſagte darauf:„Sie hätte wenigſtens fünfhundert dafür auf dem Markte kaufen können.“ „Wann ſoll denn nun die Verlobung ſein?“ fragte Herr Reichenbach weiter, während die beiden Damen Richard von Lorberg beſchäftigten. „Wir werden es bald genug erfahren,“ antwortete See⸗ hauſen.„Die ganze Ausſtattung iſt beſtellt und gekauft. Das große Geheimniß läßt ſich nicht länger mehr ver⸗ ſchweigen.“ „Gott,“ ſagte Herr Reichenbach,„die alte Frau hat den Verſtand verloren!“ „Vielleicht bekommt ſie ihn wieder,“ lachte Seehauſen. „Wie ſo?“ fragte Herr Reichenbach, und da der Haupt⸗ mann mit den Schultern zuckte und er ſchlau genug war, zu begreifen, was in den verſchmitzten Augen ſeines Freun⸗ des geſchrieben ſtand, fügte er hinzu:„Es wäre zu wün⸗ ſchen; ich begreife überhaupt nicht, wie ſie auf dieſen Baron gekommen iſt. Nicht einmal von Kunſt verſteht er was.“ Seehauſen zog ein eigenthümliches Geſicht und ſagte ihm ins Ohr:„Wie dieſer Baron auf ſie gekommen iſt, begreife ich um ſo beſſer. Aber da kommen eben die Auüſtern, mein lieber Reichenbach, heut Abend erſt aus — — Hamburg angelangt; fettere und größere haben Sie noch nie gegeſſen.“ Herrn Reichenbach's Augen leuchteten in den Neben— ſalon, wo der Tiſch bereit ſtand, und ſeine Lippen zogen ſich kußhaft zuſammen, während er ſeine Hände begierig in einander rieb und Lorberg mit unverkennbarer Verachtung anſah. Dieſer nichtsnutzige Baron unterhielt die Damen mit ſpaßhaften Geſpenſter⸗Geſchichten, ohne die geringſte Achtung vor dem Appetit ehrlicher Leute, welche vergebens allerlei Zeichen ihrer Ungeduld gaben. Er erzählte den Damen, daß es in dem alten verfalle⸗ nen Hauſe, welches er ſein Schloß nannte, geiſterhaft um— gehe und Niemand es ſich nehmen laſſe, daß eine Ahnfrau dort ihr Weſen treibe, welche bei wichtigen Familien⸗Ereig⸗ niſſen ſich jedesmal zeige. „Iſt es denn wahr?“ lachte die geiſtreiche Couſine. „Es ſoll wahr ſein,“ erwiderte er. „Iſt ſie Ihnen nicht erſchienen?“ fragte Frau von Seehauſen. „Gewiß, in der letzten Nacht war ſie da. Als ich auf⸗ wachte, ſah ich ſie an meinem Bette ſitzen.“ „Das iſt ja fürchterlich!“ rief die geiſtreiche Couſine. „Warum erſchien ſie Ihnen?“ „Sie erſcheint nur,“ erwiderte Richard,„wenn einer ihrer Nachkommen geboren wird oder ſterben ſoll, oder 74 auch, wenn er ſich verheirathet; aber dann nur, wenn er ſich glücklich verheirathet.“ „Und da Sie ſchon geboren ſind und keine Luſt zum Sterben haben,“ ſagte Seehauſen,„ſo bedeutet es eine glückliche Heirath.“ „Das ſind auch meine Gedanken,“ lachte Richard, indem er die Blicke erwiederte, mit denen er betrachtet wurde. „Was die Geiſter verſprechen, wird immer wahr Vetterchen!“ rief der Hauptmann, zärtlich grinſend. 7. „Wir wollen darauf anſtoßen, gleich darauf anſtoßen, wie es gute, alte deutſche Sitte iſt!“ ſchrie Herr Reichen bach, der nicht länger warten konnte und ſich auf Frau von Seehauſen ſtützte, die er in den Salon führte. Lorberg folgte mit der geiſtreichen Couſine, und die kleine Geſellſchaft hielt ein luxuriöſes Mahl, bei welchem es ſehr heiter herging. Seehauſen's ſchöne Wohnung war glänzend eingerichtet, der Speiſe-Salon aufs eleganteſte decorirt. Es brannten große, reich vergoldete Lampen, von Silber war das geſammte Tiſchgeräth, das feinſte Porcellan-Geſchirr, der feinſte Damaſt in Fülle vorhan⸗ den. Richard dachte an die abgeſtoßenen Gläſer, an die Scherben und an das zerriſſene Schlaf⸗Sopha mit den ſchmutzigen Kindern. Er fragte nach dieſen. „Ihre Bonne hat ſie ſchon zu Bett gebracht,“ lächelte Frau von Seehauſen. „Morgen ſollen Sie dieſe theuren Pfänder unſeres — — 70 Glückes ſehen,“ ſagte Seehauſen.„Aber Ihr Glas, Lor⸗ berg, nehmen Sie Ihr Glas. Ich hoffe, dieſer Wein ſoll Ihnen nicht weniger gefallen, als damals. Hehe! wiſſen Sie noch, wo uns Suſette überraſchte?“ Ein allgemeines Gelächter folgte dieſer Frage nach. „Keine Ueberraſchung mehr!“ ſchrie Seehauſen dazwiſchen. „Die Ahnfrau ſoll ein glückliches Zeichen geweſen ſein, daß wir bald ein glückliches Brautpaar an dieſem Tiſche ſitzen ſehen.“ Der Humor, mit welchen Richard durch ſeine Erklä— rung über die glückliche Heirath, die ihm verheißen worden, die Anſpielungen über ſeine Reiſe, über ſeine Rückkehr und über die Freude der Frau Commercienräthin beantwortete, war trotzige Selbſtverſpottung geweſen. Er ſah, daß nichts mehr zu verheimlichen blieb, daß dieſer Kreis theurer Ver⸗ wandten vollkommen wußte, wie es ſtand, es war daher beſſer, ihnen entgegenzukommen, als länger auszuweichen. In dieſer Stimmung gab er auch jetzt ſeine Antworten; es wurde viel darüber gelacht, und die geiſtreiche Couſine brachte witzige Bemerkungen und Schlagwörter hinein, welche von den Anderen aufgefangen und weiter verarbeitet wur⸗ den. Richard ſelbſt war dabei voran. Sein Gehirn brannte, er war aufgelegt zu einer halb tollen Luſtigkeit, zum Witz, zur Ironie, zum Uebermuth, die ihn zum liebenswürdigen Geſellſchafter machten. Seehauſen's feine Weine wurden nicht geſchont; ſein Souper war köſtlich; Herr Reichen⸗ 76 bach mußte eingeſtehen, daß man es nicht beſſer bei ihm haben könnte. So vergingen die Stunden bis nach Mitternacht, bis endlich keine Ermunterung zum längeren Bleiben mehr helfen wollte. Der Wagen des Herrn Reichenbach war⸗ tete längſt vor dem Hauſe. Richard durfte nicht gehen, er wurde mitgenommen.—„Wir werden künftig eine Fa⸗ milie ſein!“ ſchrie Herr Reichenbach zärtlich, indem er ihn an ſich drückte.—„Wir werden künftig eine Familie ſein!“ lachte Lorberg auf, als er allein war;„ich werde dieſes unermeßliche Glück aber kaum ertragen können.“ Sechszehntes Kapitel. Am nächſten Morgen machte er ſeinen Beſuch bei der Frau Commercienräthin, die ihn mit aller Herzlichkeit empfing, welche ſie für ihn von Anfang an gezeigt hatte. Lorberg empfand bei ihr das Gefühl, daß ſie es gut mit ihm meine, ein Gefühl der Dankbarkeit, dem ſich ſein Herz nicht verſchloß. Was auch auf Rechnung ihrer Eitelkeit geſetzt werden mußte, welche ſelbſtſüchtige Plane und Ab⸗ ſichten ſie verfolgte, immer blieb genug übrig für die Zu— neigung, die ſie in ihrer Weiſe ihm zuwandte. Das las er in ihren Mienen und Blicken, und er erwiderte es um ſo mehr, je ſicherer er wußte, daß alle die Freundſchaft, welche ihm erſt geſtern Seehauſen und ſeine Geſellſchaft bezeigt eine leere und falſche ſei, die augenblicklich in ihrem rechten Lichte erſcheinen würde, ſobald die Umſtände dies öthig machten.— Fräulein Suſette war nicht zu Hauſe, 78 die Tante theilte ihm aber lächelnd zu ſeinem Troſte mit, daß ſie bald kommen würde, und wenn ſie jetzt nicht da ſei, ſo ſei ſie doch immer mit ihm beſchäftigt. Er konnte ſich den Sinn nicht recht erklären, aber er begnügte ſich damit, und da es genug zu beſprechen und zu berichten gab, ſo ſaß er lange Zeit neben der alten Dame, die aufmerkſam zu⸗ hörte, was er ihr darſtellte, und ihren praktiſchen Verſtand durch ihre Antworten bewies. Als er ihr mittheilte, was ihm geſtern begegnet ſei und wo und wie er Seehauſen ge⸗ funden habe, nahm ihr Geſicht den raubvogelartigen Aus⸗ druck an. „Ich habe es Ihnen nicht ſchreiben wollen,“ ſagte ſie, „denn ich weiß ſelbſt nicht, wie es gekommen iſt, aber ſo wie Sie fort waren, geſchah die Merkwürdigkeit. Woher er das Geld bekommen hat, iſt ein Geheimniß, wie viel es iſt, weiß eben ſo wenig Einer. Hat er einen Schatz ge⸗ funden oder einen Dummkopf betrogen, ich kann's nicht ſagen. Aber es ſind Manche, die da glauben, er habe wirklich große Mittel, Andere glauben's nicht, und dazu gehöre ich, denn warum ſpielt er wagehalſig an der Börſe? Angefangen hat er großartig. In drei mal vierundzwanzig Stunden war aus ihm ein reicher Mann geworden. Das heißt, was man reich nennt, ich will's nicht unterſuchen. In drei Tagen war er in ſeiner neuen Wohnung prächtig ausſtaffirt, und an der Börſe ſtand er als ein neuer König, kaufte und bezahlte und hatte gleich eine glückliche Handg 79 wie mir Reichenbach ſagte, denn er hat gewonnen und immer wieder gewonnen.“ 8„Darum hat er natürlich die Meinung derjenigen ebenfalls gewonnen, welche früher nicht ſo günſtig über ihn urtheilten,“ lächelte Richard. „Reichenbach hat ſich mit ihm eingelaſſen, ſie machen Geſchäfte,“ antwortete ſie;„Andere mögen es auch thun, ich ändere meine Meinung nicht. Wenn ich auch geſchehen laſſen muß, daß er kommt und ſeine Frau, die plötzlich eine Dame geworden iſt, der nichts gut genug ſein kann und nichts theuer genug, ich gehe nicht zu ihnen, will nichts ſehen von ihren Koſtbarkeiten.“— Sie legte ihre magere gelbe Hand auf ſeinen Arm und ſah ihn freundlich an. „Zu Ihnen habe ich Vertrauen,“ ſagte ſie,„und es bleibt Alles ſo, wie ich es angeordnet habe. So bald Sie wollen, zahle ich Ihnen aus, was Suſetten gehört. Kündigen Sie die Capitale, die auf Ihr Gut ſtehen, und wenn Sie Geld nöthig haben, ſagen Sie ein Wort, ſo wird's genug ſein.“ Richard von Lorberg erwiderte dankend, daß er ihre Güte nicht nöthig habe, und in der Fortſetzung des Ge⸗ ſpräches fügte er die Verſicherung hinzu, daß ſeine Ver pflichtungen gedeckt ſeien, was ſeiner Gönnerin Freude zu machen ſchien.* „Ich glaube es Ihnen auf Ihr Wort,“ ſagte ſie,„aber s iſt mir um ſo lieber, es zu hören, weil ſchlechte Men— esſchen ausgeſprengt haben, es müßte mein halbes Vermögen 80 koſten, um alle Ihre Schulden zu bezahlen.— Reden wir kein Wort mehr darüber. Die mir damit gekommen ſind, habe ich zum Tempel hinaus gebracht. Was ich will, das geſchieht, und da kommt Suſette, ſie hat ſich ſchon lange darauf gefreut.“ Suſette hüpfte in ſeine Arme, es war ein ſehr herz— licher Empfang. Sie hatte ſo viel zu fragen, zu lachen und zu ſcherzen, daß ſie in der nächſten Zeit nicht recht zu Athem kommen konnte.„Finden Sie denn auch,“ fragte die Frau Commercienräthin,„daß Suſette ſich ver⸗ ändert hat?“ Richard verneinte es, und Suſette ſelbſt rief fröhlich dazwiſchen:„Ich bin vielleicht ein Bißchen magerer ge⸗ worden, aber das iſt ein Vortheil; denn jedenfalls habe ich dafür an Schönheit zugenommen. Finden Sie es nicht?“ Er fand es nicht, aber er betheuerte es doch und ſagte ihr Artigkeiten, während er bemerkte, daß allerdings ihre ſonſt ſo geſunde Geſichtsfarbe einen blaſſeren Schein an⸗ genommen und ihre lebhaften Augen wie von einem Schleier umflort waren. Sie gab ſich zwar Mühe, heiter zu bleiben und allerlei übermüthige Laune zu entwickeln, allein es kam ihm, je länger er blieb, um ſo mehr ſo vor, als zwänge ſie ſich dazu. „Ich finde,“ ſagte er endlich,„wenn ich etwas finden ſoll, daß Sie ernſthafter geworden ſind.“ 4 „Sehr ſchmeichelhaft,“ verſetzte ſie.„Die Tante ſagtt — . 4 — mir alle Tage, daß mir Ernſthaftigkeit nöthig ſei. Aber,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihn ſchalkhaft anblickte,„ich finde das Gegentheil bei Ihnen, ich finde Sie ſo glücklich aus⸗ ſehend, daß ich überzeugt bin, die Ahnfrau hat Recht!“ Eine plötzliche Röthe trat in ſein Geſicht.„O,“ lachte er,„wer hat Ihnen das geſagt?“ „Ich war bei meiner Schweſter,“ erwiderte ſie,„die Tante darf nichts davon wiſſen. Schade, daß ich nicht geſtern dort ſein konnte; doch Seehauſen iſt noch immer kein Liebling hier im Hauſe, obwohl er viel achtungswerthe Eigenſchaften beſitzt.“ „Die achtungswertheſte,“ ſagte Lorberg,„iſt unſtreitig die, daß er das Wunder bewirkt hat, von dem Sie mir ſchrieben, ohne daß ich es verſtand.“ „Wunder verſteht man auch nicht,“ verſetzte Suſette, „man ſieht oder hört ſie und glaubt daran. Seehauſen hat plötzlich ein großes Vermögen erworben; nun, in unſerer Zeit iſt das kein ſo unmäßiges Wunder, wenn man klug ſpeculirt und Glück hat.“— Sie warf ihm einen eigenthümlichen ſpöttiſchen Blick zu, der ihm bis ins Mark drang, und fuhr dabei fort:„Seehauſen hat bei allen ſeinen Wunderlichkeiten einen edlen Charakter und iſt obenein ein galanter Mann, der meine Schweſter mit größter Zärtlichkeit liebt, alles thut, was ſie wünſcht. So müſſen die Männer ſein.“ „Ich werde mir das merken,“ flüſterte er lächelnd. Mügge, Verloren und gefunden. II. 6 82 „Meine Couſine Doris iſt jetzt Flora's intimſte Freundin geworden,“ fuhr Suſette fort.„Ich werde in dieſem Bunde die Dritte ſein, nicht wahr?“ Sie nickte vergnügt zu ihm auf; er konnte nichts da⸗ gegen einwenden, wenigſtens jetzt nicht; aber welche ſchöne Ausſicht! Und wie war es möglich, daß Suſette den edlen Charakter ihres Schwagers herausſtrich? Er blieb zum Mittag bei der Frau Commercienräthin und bis zum Abend. Es wurde Vieles beſprochen, endlich auch das Verlobungsfeſt. Mit ihrer gewöhnlichen Be⸗ ſtimmtheit ſetzte es die Tante auf den Dienſtag der nächſten Woche feſt. Sie hatte Alles ſchon geordnet, ihre Maß⸗ regeln getroffen, die Einzuladenden aufgeſchrieben und war noch mitten in ihren Darſtellungen, als der Hauptmann von Seehauſen gemeldet wurde. „Was will denn der jetzt?“ fragte die reizZbare Dame ärgerlich. Allein Seehauſen trat ſchon herein und nahm die Worte, welche er vernommen, ſogleich auf.„Was ich will, meine beſte Tante?“ erwiderte er ſehr freundlich und unbefangen.„Ich will Ihnen zunächſt die Hand küſſen und Ihnen meinen unterthänigſten Reſpect beweiſen, dann will ich unſeren lieben Lorberg hier umarmen und endlich um das Glück bitten, Sie alle morgen Mittags bei uns zu ſehen. Eine einfache Suppe, theuerſte Tante, gar keine Umſtände, wir ſind in Familie, keine Fremden, Alles in größter Herzlichkeit!“ 83 Die Tante ſchlug es ſehr beſtimmt ab, aber Seehauſen verdoppelte ſeine Bitten.„Sie dürfen nicht Nein ſagen,“ bat er,„Flora freut ſich unendlich darauf, ich ebenfalls, und heute war ein Glückstag, beſtes Tantchen, an welchem nichts fehlſchlagen kann. Ich komme ſo eben von der Börſe, es ging gut, ſehr gut, und die Ausſichten ſind noch beſſer.“ „Dann gratulire ich Ihnen,“ antwortete die Frau Commercienräthin,„aber zu Ihnen kommen werde ich nicht. Suſette auch nicht, und Herr von Lorberg wird die Wahl haben, ob er mit uns Suppe eſſen will oder mit Ihnen.“ Der Hauptmann ließ ſich durch dieſe Antwort nicht aus der Faſſung bringen. Er blieb höflich und vertrau⸗ lich. Ganz anders als früher, aber mit derſelben Ge⸗ ſchmeidigkeit war ſein Benehmen ein äußerſt geſchicktes. Wenn die Frau Commercienräthin auch ſagte, daß ſie noch immer dieſelbe Meinung über ihn habe, ſo wagte ſie doch nicht mehr ihn in derſelben Weiſe zu behandeln. Der Mann in dem feinen Rocke mit dem Orden daran, war doch ein anderer, als jener ſchäbige, dem ſie Almoſen ver⸗ weigerte. Jetzt hatte Seehauſen nichts zu bitten, wohl aber prahlte er mit ſeinen vollen Taſchen. In leichter Weiſe ſetzte er das Geſpräch fort, wagte von Zeit zu Zeit mitten unter ſeinen launigen Erzählungen auf den Gegen⸗ ſtand zurück zu kommen, und gab ihn erſt auf, als er ſich 6*¾ 84 wie ein überzeugte, daß die geliebte Tante feuerfeſt ſei orientaliſcher Kieſel. „Solche Gerichte, wie Sie hier finden,“ ſagte er zu Lorberg,„kann ich Ihnen allerdings nicht vorſetzen; ſo bleibt mir denn nichts weiter übrig, als guten Appetit zu wünſchen.“ Damit drückte er Suſetten die Hand, und es kam Richard vor, als flüſtere er ihr ein paar Worte zu, dann empfahl er ſich und forderte Richard auf, ihn zu be⸗ gleiten. „Habe ich Sie morgen nicht mein theuerſter Vetter, ſo will ich Sie heute feſthalten.“ 7 Lorberg ſagte ihm Dank, erklärte jedoch, noch manche Geſchäfte abthun zu müſſen, und zum ſichtlichen Wohlge⸗ fallen ſeiner Gönnerin ließ er Seehauſen allein gehen. Mit keiner Miene verrieth er, wie ermüdet er ſich von ihren Aufmerkſamkeiten fühlte, wie ſehr er den Zwang empfand, den er vergebens zu bewältigen ſtrebte, wie ſeiner Hingebung der Zug des Herzens mangelte, den er durch künſtliche Aufregung erſetzen mußte. Es gelang ihm aller⸗ dings ſo vollkommen gut, daß nicht allein die Frau Com⸗ mercienräthin ſehr zärtlich und glücklich war und Fräulein Suſette den blaſſen Schein verlor, ſondern daß er ſogar ſich ſelbſt täuſchen konnte; als er jedoch das Haus verließ und allein war, ſank ſeine Heiterkeit ſchnell auf den Ge⸗ frierpunkt, und trübſinnig verloren ſich ſeine Gedanken in 85 einen grauen Kreis, der ſehr wenig zu der hoffenden Glück⸗ ſeligkeit eines Bräutigams paßte. Mitten darin ſtieß ihn Jemand an, der raſcher ging als er, und Seehauſen's bekannte Stimme munterte ihn auf.„Verdammt lange haben Sie mich warten laſſen, Lorberg,“ ſagte er.„Was hatten Sie noch ſo viel zu ſchwatzen? Aber lauter Zärtlichkeit, lauter Wonne, he!“ „Sie können denken, daß wir viel zu ſprechen haben,“ ſagte Richard;„überdies glaubte ich Sie längſt wo anders.“ „Dann haben Sie meinen Wink nicht bemerkt,“ erwi⸗ derte Seehauſen.„Ich verlaſſe meine Freunde ſo leicht nicht und denke, wir haben auch manches vertrauliche Wort zu wechſeln. Wir wollen den Abend beiſammen bleiben. Hier ſind wir nicht weit vom Caſino. Ich bin kürzlich bei⸗ getreten, habe mein Eintrittsgeld bezahlt, laſſen Sie uns dort eſſen. Man ißt paſſabel, auch der Wein läßt ſich ohne Halsſchmerzen trinken.“ Das Caſino war ein für ſeine Theilnehmer geſchloſſenes Local, mit Leſecabinet und Reſtauration, ein Sammelplatz der beſten Art für den vornehmeren Theil des Handels und der Induſtrie, wie für die höheren Claſſen der Geſell⸗ ſchaft überhaupt. Richard ſah, daß Seehauſen ihn nicht loslaſſen wollte, er mußte ſeinen Zweck dabei haben; an⸗ dererſeits überlegte er, daß dieſe Gelegenheit zu benutzen ſei, um zu erfahren, was Seehauſen wolle und ihm 86 in beſtimmter Weiſe zu zeigen, wie er ſelbſt ſich dazu verhalte. Er nahm daher die Einladung an, und bald waren ſie an Ort und Stelle. Neben dem großen Saale befanden ſich mehrere kleine Cabinette, wo wenige Perſonen ſich ab⸗ ſchließen konnten, eines derſelben nahm Seehauſen in Be⸗ ſchlag. Wein und Speiſen gelangten bald zur Stelle und nach der nächſten Einleitung befand ſich das Geſpräch auch in vollem Gange. Seehauſen gab ſeinem theuren Ver⸗ wandten einige nähere humoriſtiſche Mittheilungen über den Umſchwung ſeiner Verhältniſſe, umſtändlicher, als es geſtern ſchon geſchehen war. Nachdem er Champagnerbeſtellt, mit der Sicherheit eines Mannes, der hier zu Hauſe iſt, ſeine Befehle ertheilt und ſeine Cigarre angezündet hatte, ſagte er lachend:„Sie müſſen außerordentlich überraſcht von unſerm Wiederſehen geweſen ſein, Lorberg; denn als wir uns trennten, konnten Sie keine Ahnung davon haben, was ſich mit mir begeben würde; dennoch war damals eben der Wendepunkt für mich gekommen.“ „Sie erinnern ſich wohl noch,“ fuhr er fort,„daß ich mit Jakob Wolf zuſammenſtand und Ihnen anbot, Weißen⸗ ſtein zu kaufen?“ „Ich erinnere mich deſſen,“ entgegnete Lorberg. „Und das Sie mir zur Antwort gaben, erſt an noth⸗ wendigere Dinge zu denken, das hieß an einen neuen Rock oder dergleichen.“ Er lachte und kniff die Augen zuſammen. „Es thut nichts,“ fuhr er fort,„keine Verwirrung, Vetter⸗ chen! Ich nahm's Ihnen nicht übel, denn Sie hatten im Grunde Recht, aber ich holte Alles noch an demſelben Tage nach. Während Sie das ſagten, hatte ich ſo viel Geld in meiner alten zerriſſenen Taſche, daß ich ſämmtliche Mode⸗ fracks in der Stadt bezahlen konnte, und Sie werden ſich noch mehr wundern, wenn Sie erfahren, von wem ich das Geld bekommen hatte. Rathen Sie es nicht?“ „Nein,“ ſagte Richard. „Ich hatte in allem Ernſt den Auftrag bekommen, Weißenſtein zu kaufen, mit Ihnen darüber zu verhandeln und auf alle Ihre Forderungen einzugehen. Und dieſen Auftrag habe ich eigentlich noch jetzt.“ „Er wird ſich jetzt eben ſo wenig ausführen laſſen,“ erwiderte Lorberg. „Verſteht ſich. Es kann keine Rede mehr davon ſein. Sie haben keinen Grund mehr dazu; damals ſchien es mir jedoch noch nicht ſo ausgemacht, ob Suſettchen im Schloſſe zu Weißenſtein wohnen würde, und, aufrichtig geſagt, Lor⸗ berg, ich glaubte eher, daß Sie geneigt ſein würden, mit beiden Händen zuzufaſſen, wenn Ihnen ſo reiche Hülfe käme.“ „Reiche Hülfe— von wem?“ fragte Richard. „Von wem? Es kann eigentlich doch nur Einer ſein, der im Stande wäre alle Ihre Schulden zu bezahlen, Weißenſtein zu nehmen wie es da iſt, und noch obenein d 88 Ihnen zwanzigtauſend Thaler oder mehr in die Hand zu drücken.“ „Die ich ihm vor die Füße ſchleudern würde,“ fiel Lorberg erröthend ein.“ „Oho! man muß Geld niemals fortwerfen, käme es auch direct vom Teufel aus der Hölle,“ lachte Seehauſen. „Er hätte noch mehr gegeben, auf mein Wort! dreißig⸗ tauſend, wenn Sie gewollt hätten. Ich weiß, wie Sie von ihm denken und wie viel Grund Sie dazu haben; aber in dieſer Sache hat er ſich nobel gezeigt.“ „Wie kamen Sie zu ihm oder er zu Ihnen?“ fragte Richard von Lorberg, indem er ſeinen Verdacht unter Gleichgültigkeit verſteckte.“ „Ich kam zu Jakob Wolf, mit dem ich ein Geſchäft hatte, und fand ihn dort. Es iſt Gemüth in ihm, wir wurden bald vertraut, und ich geſtehe es Ihnen, Vetterchen, er hat mir gefallen. Was er von Ihnen ſagte, war ge⸗ fühlvoll. Er muß fort von hier, ſagte er. Ich will ſeine Ehre retten, Alles bezahlen. Ich bin ihm Erſatz ſchuldig. Er ſoll auswandern, ſoll nach Amerika gehen, ich gebe ihm die Mittel, dort eine neue Exiſtenz zu gründen.“ Seehauſen beobachtete den Eindruck, den ſeine Mit⸗ theilung machte. Richard lächelte nachſinnend; er dachte an das Geſpräch des Pachters, der denſelben Gedanken hatte, doch weniger großmüthig war. „Es war jedenfalls ein Vorſchlag, der ſich hören ließ,“ fuhr Seehauſen fort,„und ich nahm's an, mit Ihnen zu unterhandeln, bekam ſogar ſofort ein bedeutendes Stück Geld, um Ihnen den Ernſt zu beweiſen.“ „Wirklich?“ „Aufs Wort!“ nickte Seehauſen. „Und was geſchah mit dem Gelde?“ Seehauſen grinſte äußerſt pfiffig„Zurückgegeben, verſteht ſich, ſagte er, doch vorher ein paar Tage lang für mich benutzt zu einer Speculation, die einſchlagen mußte.“ „Das Geld liegt auf der Straße, Vetterchen, man darf ſich nur bücken und es aufheben,“ fuhr er mit heiſerem Gelächter fort;„aber zunächſt muß man ein paar verſil⸗ berte Finger haben, woran es kleben bleibt. Die Finger bekam ich; in einer Woche las ich genug auf, um unter den Goldgräbern an der Börſe mich ſehen zu laſſen; ſomit danke ich Ihnen mein Glück, Alles, theuerſter Lorberg, Ihnen allein. Bei Gott! es kommt mir aus dem Herzen. Sie ſind der Urheber meines Glückes.“ Seehauſen hob ſein Glas auf, Lorberg ſtieß mit ihm an. Er gab ſeiner Dankbarkeit den wärmſten Ausdruck. Richard wußte, daß er heuchelte, doch was wahr ſei, konnte er nicht ergründen. „Es iſt abgemacht,“ fuhr Seehauſen fort,„Sie haben ſeine Hülfe nicht mehr nöthig; jetzt hilft die Tante, und es iſt beſſer, im Lande bleiben und in Suſettchens Liebes⸗ armen. Aber treue Freunde wollen wir immer ſein und bleiben, und wo ich Ihnen dienen kann, ſoll mich nichts davon abhalten. Aufrichtig will ich Ihnen beiſtehen; keine Nebenabſichten jetzt mehr, keine Geſchäftsſache etwa jetzt mehr. Ich hab's nicht mehr nöthig.“ „Wir haben es beide nicht mehr nöthig,“ ſagte Lorberg. „Ich danke Ihnen, lieber Seehauſen, und will ſo aufrichtig ſein, wie Sie es ſind. Sie wiſſen, in welcher Lage ich war, doch wie glücklich hat ſich nun Alles geändert! Ich hoffe auf eine ſehr glückliche Zukunft, mit Güte und Liebe bin ich überhäuft worden.“ „Schulden bezahlt,“ lachte Seehauſen. „Ich werde keine mehr machen. Ich werde häuslicher leben.“ „An Suſettens Seite wird's ein wonniglich Leben ſein!“ grinſte Seehauſen. „Das hoffe ich und glaube ich. Suſette iſt nicht ſchön, ich weiß, wie Sie ſelbſt darüber urtheilen, und Sie haben Recht. Aber ſie iſt gut und liebenswürdig, ich habe ihr Herz gefunden.“ „Wirklich!“ rief Seehauſen, ſpottſüchtig lachend. „Und ſie das meine.“ „Alſo Neigung entwickelt, was man Liebe nennt?“ 91 „Das iſt der richtige Name, lieber Seehauſen. Was trübe war, wird darin zum Sonnenſchein. Suſette liebt mich, und meine ganze Lebenshoffnung wendet ſich dafür ihr zu.“ Das eigenthümliche Grinſen in Seehauſen's Geſicht verſtärkte ſich noch mehr. Er ſpitzte ſeine dicken Lippen und drückte ſeine Augen zuſammen.„Es iſt wunderbar,“ ſagte er,„was die Weiber aus uns machen können, was ſie uns einbilden können, und was wir für leichtgläubige Narren ſind.“ „Was meinen Sie damit?“ „Nichts!“ lachte Seehauſen.„Alſo Suſette liebt Sie, Vetterchen? Es iſt natürlich, aber Weiber ſind ſon⸗ derbare Geſchöpfe. Ich hab's geſehen, und es iſt eine alte Geſchichte: die ſchönſten und beſten Burſche, wahre Adoniſſe, gefallen ihnen nicht, ſie hangen ſich an häßliche, hohlbäckige Kerle, Menſchen wie Windhunde, und laufen ihnen nach mit ihrer Liebe.“ „Das kommt zuweilen vor,“ antwortete Lorberg, wäh⸗ rend ein düſterer Schatten über ihn hinfuhr. Im nächſten Augenblick jedoch lachte er luſtig auf: Arioſt geleſen, Seehauſen?“ fragte er. Haben Sie den „Leſen war nie viel meine Sache. Fragen Sie meinen Engel, der lieſt Alles.“ „Arioſt erzählt auch von einer ſchönen Königin, die 92 einen häßlichen Neger ihrem jungen Gemahl vorzog, aber fie wurde belohnt dafür, wie ſich's gebührt. Der iſt ein Narr, der es ſich gefallen läßt.“ „Recht ſo, Vetterchen!“ verſetzte Seehauſen.„Es iſt unangenehm, wenn's einem paſſirt und die Liebesträume plötzlich ein Ende nehmen.“ „Dann vergißt man die alten und träumt von neuen,“ rief Richard. „Fängt ein neues Leben an und findet ein Herz, wo man beſſer aufgenommen wird, wo Sehen und Lieben gleich ein Schlag iſt.“ Lorberg nickte ihm zu. Seehauſen nahm ſein Glas und trank es aus.„Von dem ſchwarzen Fräulein haben Sie doch gehört? fuhr er dann fort. Wie heißt ſie doch?“ „Was ſoll ich von ihr gehört haben?“ „Daß die Tante ſie zum Hauſe hinaus gebracht hat.“ „Warum? weßwegen?“ Seehauſen zuckte die Achſel und grinſte dazu.„Warum? Ja, das iſt eine ſchnurrige Geſchichte. Sie ſoll einen üblen Einfluß auf Suſettchen ausgeübt, zu freie Anſichten entwickelt haben.“ „Das iſt eine alberne Erfindung!— ſcheint es mir.“ „Verſteht ſich, ein bloßer Vorwand.“— Er legte den Finger an ſeine Naſe und rollte ſeine Stirn in die Höhe. „Der eigentliche Grund,“ murmelte er,„war der, daß man . 1 — bemerkt haben wollte, daß ein gewiſſer junger Herr ſich zu ſehr für das allerdings ſehr hübſche ſchwarze Dämchen intereſſirte, gegen welches andere Leute gewaltig ab⸗ ſtachen.“ Richards Geſicht war voller Verwirrung. Er konnte ſeines Vetters liſtige Blicke nicht ertragen, die lächelnde Miene kaum beibehalten.„Das iſt komiſch!“ ſagte er den Kopf ſchüttelnd. „Verflucht komiſch von unſerer geliebten Tante, die den jungen Herrn eiligſt feſtnahm und ihn auf's Land ſchickte, um ihn vor dem ſchwarzen Feind zu bewahren.“— Er lachte auf und fuhr dann fort:„Wiſſen Sie, Richard, wie die komiſche Geſchichte ſich eigentlich entwickelte? Die Tante wollte ſie über Hals über Kopf verheirathen.“ „Wen?“ „Das gefährliche Chriſtinchen.“ „Aber ſie— ſie wollte nicht?“ „Nein, ſie wollte nicht, denn ihr gefährliches Herzchen war ſchon anderweitig untergebracht.“ Die liſtige und luſtige Art, mit welcher Seehauſen ſeinen dicken Kopf über den Tiſch ſtreckte und Richard an⸗ blinzelte, machte dieſem unverkennbar, was er meinte. „Das iſt Thorheit!“ rief er aus,„ich dachte niemals daran. Mit wem wollte die Tante das Fräulein verheirathen?“ „Mit einem Menſchen wie ein Bindfaden. Mit einem 94 blaſſen, ſchmalen Armendoctor, dem ſie großmüthig dafür ein Douceur geben wollte.“ „Der Doctor,“ fiel Richard ein,„der: ich kenne ihn!“ ſagte er. „Erzürnen Sie ſich nicht weiter,“ lachte Seehauſen, „es wurde nichts daraus. Weil's nicht zu Stande kam, wurden ſie beide transportirt und dürfen nicht wieder das Haus betreten.“ „Iſt das alles wahr?“ fragte Lorberg, ihn ſo ſtarr anſehend, als wolle er jede Lüge rächen. „Es iſt wahr und noch viel mehr wahr,“ erwiderte der Hauptmann.„Still geſeſſen, Vetterchen! wir trinken noch eine Flaſche Sect.“ „Nichts mehr,“ antwortete Lorberg, indem er aufſtand, „ich bin müde und muß ſchlafen.“ Seehauſen war gewiß, daß er ihn nicht länger halten konnte.„Mag's alſo darum ſein,“ ſagte er;„wenn Sie jedoch mehr erfahren wollen, und von Sachen, an welchen Sie vielleicht nicht weniger Antheil nehmen, ſo frühſtücken Sie morgen bei mir. Meine Frau weiß mehr davon als ich.“ Ohne eine beſtimmte Antwort zu geben, trat Lorberg aus dem Cabinet in den Saal, und plötzlich ſtand er vor dem alten Herrn von Feldheim. Seit Lorberg ihn nicht geſehen hatte, war der alte Herr, wie ihm dünkte, noch magerer geworden ſein Kopf noch länger und hohler, 4 * — ſein Gang noch wankender. Auf ſeinen Stock geſtützt, ſchlug er die müden großen Augen langſam auf und heftete ſie auf den ungeliebten Verwandten; aber dieſe Begegnung erregte in Beiden nicht ſo widerwärtige Empfindungen als früher. Es kam Richard vor, als ſei es wahr, was Seehauſen ihm mitgetheilt, als blicke der alte Herr ihn mit Theilnahme an, und bewirkte dies bei ihm eine weichere Stimmung, kam ſie aus dem Anblick der Hin⸗ fälligkeit des Greiſes, oder war ſie Folge der Dinge, welche in ſeinem Kopfe wirbelten, er empfand den Haß nicht, der ihm ſonſt überlief, weun er den Namen Feldheim hörte. Raſch ging er an dem alten Herrn hin, Seehauſen be⸗ fand ſich hinter ihm; als er umblickte, ſah er, wie der Hauptmann ſich geſchmeidig verbeugte und ſtehen blieb, während Herr von Feldheim dies nicht abwartete, ſondern ſich in den Saal wandte, ohne die geringſte Notiz davon zu nehmen. Dieſe ſtumme Scene war in einer Minute abgethan; aber Richard wußte nun gewiß, daß Seehauſen in der Freundſchaft des alten Herrn keine Fortſchritte gemacht haben konnte, daß er prahlte und log, und es that ihm wohl, dies zu wiſſen.— Seehauſen erreichte ihn draußen wieder und hing ſich an ſeinen Arm. Haben Sie ihn geſehen?“ fragte er. „Wen?“ „Den alten Feldheim.“ 96 „Ihren Freund. Er ſieht ſehr leidend aus.“ „Wie eine wandernde Mumie. Ausgedorrt wie ein Stockfiſch iſt der alte Burſche. Wer mit ihm etwas ab⸗ zumachen hat, thut gut, wenn er es bald thut, denn der Herr Sohn— he, Sie kennen ihn doch?“ „Nein.“ „Es iſt ein ſtattlicher Junge. Haben Sie ihn nicht geſehen?“ „Flüchtig geſehen und vergeſſen.“ „Es iſt recht!“ rief Seehauſen,„vergeſſen Sie ihn, Vetterchen. Was hätten Sie auch davon wenn der Sie liebte?“ „Ich könnte von dieſer Liebe keinen Gebrauch machen.“ „Eine verdammte Liebe, die uns die Taſchen umkehrt! Der Alte will wenigſtens gemüthlicher verfahren, Bei⸗ ſtand leiſten.“ „Ich brauche keinen Beiſtand,“ ſagte Lorberg, der Seehauſen nicht länger neben ſich ertragen konnte.„Gute Nacht!“ „Meinen Beiſtand allein,“ erwiderte Seehauſen, ihm die Hände ſchüttelnd;„der iſt Ihnen unter allen Um⸗ ſtänden gewiß, mein theurer Richard. Wo es ihr Wohl betrifft, ſoll mich nichts abhalten, Ihnen zu dienen; ja, wenn Sie es auch nicht wollen, nicht anerkennnen, ich thue es doch.“ 97 „Ich danke Ihnen,“ erwiderte Richard kalt, indem er ſeine Hand zurückzog. „Danken Sie mir ſpäter,“ fuhr Seehauſen fort,„ich weiß, Sie werden mir danken, und deßwegen kommen Sie morgen zu mir oder zu meinem Engel, meiner Flora. Es iſt nothwendig, daß Sie kommen; Sie müſſen es thun.“ „Was nennen Sie nothwendig?“ „Jetzt nicht, jetzt kein Wort mehr!“ ſagte Seehauſen, „Aber Sie müſſen Alles wiſſen. Es wäre ein Frevel, wenn Sie nicht Alles wiſſen ſollten. Gute Nacht, Vetter⸗ chen. Bis morgen alſo, gute Nacht!“ „Welche Lüge hat er ausgeſonnen?“ fragte Richard von Lorberg, als er den Hauptmann forteilen ſah.„Ich werde kommen, aber ich werde nichts glauben; und dennoch,“ murmelte er vor ſich hin, indem er ſeinen Weg fortſetzte,„hat er mir nicht ſchon ſchreckliche Wahr⸗ heiten erzählt, von denen ich keine Ahnung hatte?“ Die Geiſter welche der Hauptmann aufgeweckt, be⸗ gleiteten Richard mit dämoniſcher Gewalt. Sie trieben ihn bis in den entfernten Stadttheil, bis zu der ſtillen Straße, wo die wohnte, deren Namen er ſeit langer Zeit nicht mehr auszuſprechen wagte, die aber jetzt mit Einem Male wieder ſein ganzes Mitgefühl in Anſpruch nahm. Wo war ſie? Was hatte man ihr gethan? Was war aus ihr geworden? Mügge, Verloren und gefunden. II. 98 Er kehrte um, ohne die Straße zu betreten, ohne ihr Haus aufzuſuchen; ſein Gewiſſen erwachte, er durfte nicht weiter. Im heftigen Zorn über die Schändlich⸗ keiten, welche man ihr angemuthet, ballte er die Hände und murmelte leidenſchaftlich in ſich hinein: Um mich hat ſie gelitten, um mich iſt ſie beſchimpft, verjagt worden, und ich— was kann ich für ſie thun? Siebenzehntes Kapitel. Herr von Seehauſen war froh gelaunt aufgewacht. In ſeinem Schlafrock, mit blauer Seide durchſteppt und ausgeſchlagen, den petersburger Morgenſtiefeln und dem türkiſchen Shawl um den muskelvollen Hals, ging er in ſeinem ſogenannten Arbeitszimmer umher; wenigſteus ſtand hier, an der einen Seite ein großes Cylinder⸗Bureau, an der anderen ein großer eiſerner Geldſchrank. Von ſeinen früheren Gewohnheiten hatte Herr von Seehauſen die bei⸗ behalten, gleich nach dem Aufſtehen zu rauchen und ſehr ſtarken Kaffee zu trinken. So trank er denn auch jetzt dieſen belebenden Trank und rauchte ſeine Cigarre, während er Monologe ohne Worte hielt; denn was er vor ſich hin brummte, aus dem Kehlkopf murmelte, dabei diaboliſch grinſte und den dicken Kopf mannigfaltig bewegte, war nur für ihn verſtändlich. Endlich blieb er vor dem Spiegel ſtehen und ſah hinein. Er betrachtete ſich, rückte den Shawl zurecht, ſchnitt ein paar Geſichter und ſagte dann, behaglich lachend: Immer ——Q—ꝭ—Q.·:—— 100 noch ein Mann, der ſich conſervirt hat, der ein langes Leben zu führen berechtigt iſt und der auch keine Luſt ver⸗ ſpürt, nach ſeinem Ende zu ſeufzen. 3 „Aber wie die Zeit vergeht!“ rief er nach einem kurzen nachdenklichen Schweigen, indem er ſich zu der Bronceuhr auf dem Cylinder⸗Bureau umwandte.„Es vergeht Alles in dieſer Welt, mein lieber Seehauſen, Alles! und eben darum, weil Alles vergeht, muß man jede Stunde benutzen; denn je älter man wird, um ſo koſtbarer wird die Zeit, und um ſo mehr iſt es nothwendig, jeden Augenblick zu genießen und glücklich zu ſein.— Ich muß meinen Engel ſehen, das wird mein nächſter Genuß heute ſein,“ fuhr er fort und ging zu dem großen Geldſchrank, wo er den kleinen Schlüſſel herauszog und in ſeine Taſche ſteckte. Dabei ſah er den Schrank vergnüglich an, und es mußte ihm etwas einfallen. „Diebesſicher iſt er,“ ſagte er.„Sonderbarer Kerl, der alte Jakob Wolf; ein Geldſchrank iſt aber immer noch etwas Anderes, als ein Paar Taſchen! Was kann nicht alles darin liegen? Solch ein Schrank gibt Anſehen, der Credit wächſt, er hat etwas Geheimnißvolles. Der kluge Reichen⸗ bach würde mir ſchwerlich ſo viel vertrauen, wenn dieſer vortreffliche Schrank nicht wäre; aber,“ fügte er liſtig blin⸗ zelnd hinzu,„es geht damit wie mit vielen Geheinniſſen— es iſt nichts dahinter!“ Mit ſchelmiſchem Lachen wandte er ſich fort und blies den Rauch in die Luft.„Es iſt Alles Speculation in der Welt, *. und Alles iſt Rauch,“ ſagte er.„Der Eine ſpeculirt auf den Anderen, zu beklagen hat ſich Keiner. Leben wollen wir Alle! Ich muß meine Flora ſehen.“ Damit ging er durch einige Zimmer bis in das ſeiner Frau, und als er hineinſchaute, ſah er mit Vergnügen, daß ſie ſchon angekleidet war. Eine maleriſche Unordnung, nur von ganz anderer Art als in der alten Wohnung, umgab die elegante Dame. Eine Menge weiblicher Putzſtücke, Kantenkragen, Stickereien, Schmuckſachen und Hüte lagen auf Sopha, Stühlen und Tiſchen; zierliche Käſten voll Bänder und Handſchuhe ſtanden umher, welche nichts mit jenen armſeligen und unſauberen gemein hatten, die ehe⸗ mals zur Toilette der Frau von Seehauſen gehörten. „Guten Morgen, mein Engel!“ rief der würdige Hauptmann zärtlich,„Du ſiehſt allerliebſt aus. Willſt Du ſchon ſo früh Beſuche machen?“ „Gut, daß Du kommſt,“ erwiderte ſie, ihm zunickend. „Du mußt mir Geld geben!“ „Muß iſt ein bitter Kraut, mein Mäuschen, und Geld ein Artikel, von dem Du faſt zu viel verbrauchſt.“ „Es hilft Alles nichts,“ erwiderte ſie, ihm die dicken Backen ſtreichelnd.„Du biſt ja auch mein Herzensmänn⸗ chen, das ich mit keinem Anderen vertauſchen möchte.“ „Iſt's wahr?“ fragte er, ſie umfaſſend. „Zweifle nicht daran, aber zerdrücke mir die Aermel nicht.“ 192 „Du biſt mein zu aller Zeit,“ ſagte er, indem er vor ihr ſtehen blieb und ſie anſchaute.„Haſt auch treulich aus⸗ gehalten, als das blaue Kattunkleidchen einſam auf dem alten ſchwarzen Sopha lag.“ Sie drückte ihre kleine feine Hand auf ſeinen Mund. „Sprich nicht davon,“ rief ſie,„ich mag nicht mehr daran denken, nichts davon hören!“ „Alſo auch niemals wieder in den beſcheidenen Tempel unſeres Glückes zurückkehren,“ lachte er. „Lieber ſterben!“ ſagte ſie. „Sterben! pfui! leben wollen wir, mein Mäuschen. Ein anderes Bild, mein Engel. Wir müſſen Geld er⸗ werben.“ „Das thuſt Du und gibſt es mir,“ ſchmeichelte die hübſche Frau.„Ich habe Doris verſprochen, ſie abzuholen, wir müſſen einige Einkäufe machen.“ „Mein Schatz,“ ſagte Seehauſen zärtlich,„ich ver⸗ ſpreche Dir Alles, was Du haben willſt, aber zuerſt das Geſchäft; das Geſchäft geht vor. Lorberg wird in einer halben Stunde hier ſein.“ „Laß ihn nur kommen, ich werde ihn empfangen,“ nickte ſie ihm zu. „Den Doctor habe ich heute früh zu Dir bitten laſſen.“ „Es wird eine köſtliche Scene geben,“ lachte ſie.. Seehauſen drückte ſeine Augen zuſammen.„Du ſiehſt aus,“ ſagte er,„als ob es Dir Vergnügen machte.“ „Es macht mir auch Vergnügen,“ antwortete ſie.„Ich habe dieſem angenehmen Couſin nichts vergeſſen.“ „Bah!“ ſagte Seehauſen,„ſo ſind die Weiber; kalt⸗ blütig muß man handeln, ohne alle Rachſucht, wie es Hel⸗ den und Könige thun, wenn Sie ſich ihre Gegner vom Halſe ſchaffen. Wir ſind in der Nothwendigkeit, dieſen geliebten Vetter auf Reiſen zu ſchicken, aber Rache— Gott bewahre! wir wollen nur ſein Beſtes, indem wir zu— gleich unſer Wohl bedenken.“ „Du biſt einzig!“ lachte die hübſche Frau.„Du glaubſt zuletzt ſelbſt daran.“ „Allerdings glaube ich daran,“ erwiderte er mit Wärme und Nachdruck,„denn es iſt wahr und gewiß. Wenn dieſer liebe Richard Suſetten heirathet, ſo macht er ſich unglück— lich und macht Suſetten unglücklich. Es dauert kein Jahr, ſo verfällt er in Tiefſinn oder ſchießt ſich eine Kugel durch den Kopf. Auch die geliebte Tante wird unglücklich, denn ſie wird einen Theil ihres Vermögens opfern und mit Un⸗ dank und Aergerniß belohnt werden; es kann aber auch ſogar ſein, daß Alles verloren geht, daß ſie in ihrer Verblen⸗ dung dieſen Unglücklichen ihr ganzes Vermögen hinwirft und ihnen dennoch nicht hilft, denn ihnen iſt nicht zu helfen. Das dürfen wir alſo aus Menſchenliebe ſchon nicht dulden.“ „Aus reiner Menſchenliebe müſſen wir es hintertrei⸗ ben,“ fiel ſie mit komiſchem Ernſt ein. „Du mußt Deine geliebte Schweſter zu retten ſuchen,“ 104 fuhr Seehauſen fort,„es iſt eine heilige Pflicht, die Du erfüllſt; ich habe dieſelbe Pflicht gegen meinen theuren Richard. Aber Wahrheit, nichts als ſtrenge Wahrheit; keine Rache, mein Engel, keine kleinliche Selbſtſucht, ſon⸗ dern Mitleid, Thränen des Mitgefühls und der Freund⸗ ſchaft.“ „Ich werde mich bemühen, ſie zu weinen,“ lachte die hübſche Frau, ſich die Augen wiſchend. „Wir werden Alle weinen,“ ſeufzte Seehauſen weh⸗ müthig, aber wofür ſind die Thränen, mein Mäuschen, als geweint zu werden? Auch unſer edler Couſin Feldheim wird in tiefſter Trauer noch gebeugter einher wandeln, als es ſchon der Fall iſt. Er hat das kummervolle Schickſal, Alles zu beſitzen, was dieſem unglücklichen Richard gehören ſollte, und muß es leider behalten. Edelmüthig will er ihn fortſchaffen, damit er ſelbſt für immer von ſeinem ſchmerz⸗ lichen Anblicke befreit werde; allein er will ihn glücklich wiſſen in den Prairien America's, wo er als Pflanzer oder Büffeljäger ein romantiſches, freies Leben führen kann, ſtatt hier in den Banden und Qualen einer unglücklichen Ehe ſich zu verzehren. Dieſer ſchöne Gedanke hat dem edlen Herrn eine ſolche Begeiſterung eingeflößt, daß er ſo⸗ gar mir eine Belohnung von zehntauſend Thalern zuge⸗ ſichert hat, wenn ich Richard aus ſeinem Elend helfe.“ „Und was bekomme ich davon?“ fragte Frau von See⸗ hauſen. 105 „Wir müſſen es ſomit wagen,“ fuhr er fort,„und es gibt keinen anderen, beſſeren Weg, als den der liebevollen Theilnahme, der Güte, der Wahrheit und—“, er hielt inne und ſtand auf.—„Geh' in's Beſuchzimmer,“ ſagte er in einem anderen Tone,„es iſt Jemand gekommen, er muß es ſein. Ich werde ſpäter mich einfinden, unterhalte ihn gut.“ „Schicke mir die Kinder,“ ſagte ſie,„er ſoll gerührt werden.“ „Allerliebſt, Mäuschen, rühre ihn, und wenn Du Deine Rolle gut ſpielſt, ſo ſchenke ich Dir hundert Louisd'or.“ „Danke, Männchen, ich habe ſie ſicher,“ rief ſie ihm nach, als er durch eine Seitenthür entſchlüpfte. Er ſteckte den Kopf noch einmal hinein und ſagte zärtlich grinſend: „Du haſt doch den Zettel, Engel?“ „Alles bereit,“ erwiderte ſie, ihr Batiſttuch ſchwenkend. Eben trat der Bediente herein und meldete den 2 Baron Lorberg. Mit ihrem lieblichſten Lächeln trat Frau von Seehauſen in das Beſuchzimmer, wo Richard von Lorberg einige Oel⸗ bilder betrachtete, welche mit ihren breiten Goldrahmen die Wände ſchmückten; aber gewiß geſchah dies nicht mit künſt⸗ leriſcher Hingebung, denn bei dem erſten Geräuſch wandte er ſich um und ging ihr entgegen.„Willkommen, lieber Couſin,“ ſagte ſie, ihm ihre Hand bietend, die er an ſeine Lippen zog.„Setzen Sie ſich zu mir, Seehauſen muß = * 106 bald kommen, er hat jetzt ſo viele Geſchäfte, daß ich ihn oft den ganzen Tag kaum ſehe.“ „Laſſen wir ihn bei ſeinen Geſchäften,“ erwiderte er, „und bleiben wir bei den unſrigen.“ „Und worin beſtehen unſere Geſchäfte?“ fragte ſie. „Zunächſt darin, daß ich Ihnen meine Glückwünſche bringe über alles Freudige, das Sie erlebten.“ „Tauſend Dank! Ja, es iſt Großes an uns geſchehen. Aber im Grunde ſind es doch nur äußere Umwandlungen; in uns ſelbſt hat ſich nichts verändert, und das iſt gut.“ „Die inneren Umwandlungen ſind auch ungleich ſchwie⸗ riger,“ ſagte Lorberg. „Gewiß, Sie haben Recht. Man kann arm und glück⸗ lich ſein, reich werden und in Elend gerathen. Gott ſei Dank, daß ich dies nicht fürchten muß! Lieber möchte ich zu unſerem beſcheidenen Looſe zurückkehren.“ Bei dem etwas ungläubigen Blicke, mit welchem Richard ſie betrachtete, glänzten ihre Augen lebhafter. „Ja, das möchte ich!“ rief ſie mik Ueberzeugung.„Ich bin nicht unglücklich geweſen, wie wenig beneidenswerth meinen Verwandten auch meine Lage ſcheinen mochte. Ich war zufrieden mit meinem häuslichen Glück, und dies kann durch nichts erſetzt werden.“ „Wahr, ſehr wahr, beſte Couſine,“ ſagte er mit Wärme. „Es iſt doch Alles nur Flitter und Tand,“ fuhr ſie fort,„wenn wir nicht in uns glücklich und zufrieden ſind, 107 unſer Herz nicht freudig mitfühlt. Da kommen meine Kinder; Sie haben unſere Kinder noch nicht geſehen.“ Die beiden Kinder wurden von einem jener Zwiſchen⸗ dinge von Wärterin und Erzieherin hereingeführt, denen man den Namen Bonne gegeben hat. Es war ein dürres, langes Mädchen, das auf Franzöſiſch ihren Pfleglingen befahl, der Mama die Hand zu küſſen. Frau von Seehauſen dagegen breitete ihre Arme aus und rief ihre Kleinen im zärtlichen Tone zu ſich, was dieſe mit einiger Scheu befolgten. Sie mußten vor dem Couſin knixen und ihm die Hand geben, er mußte ſie loben und ſtreicheln, während die junge Mutter ſie mit ihren Lieb⸗ koſungen antrieb, ſie dann auf ihren Schooß nahm und mit ihnen lachte und küßte, ihnen zuflüſterte und ſchalkhaft drohte. Endlich wurden ſie beordert, Abſchied zu nehmen. Die Bonne ſollte mit ihnen ſpaziren gehen. Frau von Seehauſen begleitete ſie mit ihren Liebesblicken bis zur Thür und ſprang dann nochmals nach, um bei dem kleinen Mädchen niederzuknien, es noch einmal zu küſſen und ein Bändchen zuzubinden, das an dem himmelblauen Mäntel⸗ chen von Kaſchmir ſich geöffnet hatte. Dann kam ſie erhitzt und mit freudigem Geſichte zurück.“ „Welch ſchönes Bild Ihres Glückes haben Sie mir gegeben, beſte Couſine!“ ſagte Richard. „Es iſt vielleicht zu viel, aber Sie müſſen nicht darüber ſpotten,“ erwiderte ſie. ——— „Ich ſpotte nicht, ich bewundere Sie.“ „Ich kann ja nichts weiter thun, als lieben und ſorgen,“ lächelte ſie.„Seehauſen iſt noch viel zärtlicher; dieſe Kin⸗ der ſind das Band für unſere eigene Liebe. mir, lieber Couſin, es gibt kein ſtärkeres Band für das häusliche Glück; freilich aber muß dieſes ſchon vorhanden ſein, ſonſt können Kinder leicht das Unglück im Hauſe ver⸗ mehren.“ Ich werde mir alle Ihre Lehren merken,“ verſicherte 7 7 1 7 . Hülfe brauche, komme ich zu Ihnen.“ „Zu Ihrer wahren und aufrichtigen Freundin.“ „O, herzlichen Dank!“ rief er, die Hand küſſend, welche ſie ihm bot. hauſen hat mir gelobt, mein aufrichtiger Freund zu ſein.“ „Das wird er ſicherlich, denn er hängt Ihnen außer⸗ ordentlich an, lieber Couſin.“ „Ich habe Beweiſe dafür,“ antwortete Lorberg,„und werde ihm ſeine Anhänglichkeit vergelten, ſo viel ich ver⸗ mag. Ich blicke froh in die Zukunft, theure Couſine. Ihr Glück ſtärkt den Glauben in mir. Auch ich hoffe auf häus— liches, freudiges Wohlſein; meine Lebensaufgabe ſoll darin beſtehen, Suſetten glücklich zu machen.“ „Wie gut Sie ſind! Wie edel Sie denken!“ rief Frau von Seehauſen voller Theilnahme.„Es wird Ihnen ge⸗ Glauben Sie er,„und werde danach verfahren. Wenn ich Rath und „Aufrichtige Freundſchaft alſo; auch See⸗ 109 lingen, denn Sie lieben ja meine Schweſter, wenigſtens glaube ich nicht...“ „Was glauben Sie nicht?“ fragte er, als ſie ſchwieg. „Daß einer Anderen Ihr Herz gehört.“ „Nein!“ erwiderte er lebhaft, mein Herz darf keiner Anderen gehören. Suſette ſoll es allein beſitzen.“ „Dann iſt ſie zu beneiden! Ich wünſche nichts mehr, als daß ſie dies auch erkennt.“ „Liebe iſt eine Wiſſenſchaft,“ fuhr Lorberg fort,„ich werde ſie ſtudiren und Suſetten Unterricht ertheilen.“ „Liebenswürdiger, guter Couſin,“ erwiderte ſie,„wir Frauen werden mit dem Talent, zu lieben, geboren, aber die Heirathen aus Liebe gerathen bei alledem nur ſelten., Beſſer iſt es, wenn die Liebe erſt in der Ehe zum Durch⸗ bruch gelangt, und ich will Ihnen vertrauen, daß dies auch bei mir der Fall geweſen. Ich folgte meiner Mutter Rath und Willen, als Seehauſen mich zur Frau begehrte, und ſo geſchieht es den meiſten Mädchen. Man braucht den Mann, dem man ſeine Hand reicht, nicht leidenſchaftlich zu lieben, aber man muß ihm ein Herz mitbringen, das er ſich erwerben kann. Es muß kein Anderer ſchon davon Beſitz genommen haben; man muß keine Abneigung fühlen, ſich nicht zwingen laſſen. Nur keine ſolche Heuchelei, keine ſolche Falſchheit! Das iſt ſchlecht und entſetzlich!“ „Gewiß, theuerſte Couſine, das iſt grauſenhaft!“ lachte Lorberg;„keines Ihrer goldenen Worte ſoll mir verloren gehen. Aber ich muß mehr von Ihnen erfahren, denn Sie haben mich neugierig gemacht. Bringt mir Suſette nicht auch ein ganz freies Herz mit?“ „Soll ich meiner Schweſter Geheimniſſe verrathen?“ drohte Frau von Seehauſen. „Als meine Freundin, die mir Aufrichtigkeit gelobt hat.“ „Auch die aufrichtigſte Freundſchaft hat ihre Gränzen.“ „So werde ich fragen, meine vorſichtige Freundin,“ ſagte Lorberg weiter ſcherzend,„Sie haben dann nur nöthig, zu antworten. Ich weiß, daß die Tante mir ſehr gewogen iſt und zu meinen Gunſten ſehr viel gethan hat, nicht wahr?“ „Gewiß, Couſin; ſehr viel.“ „Daß ſie mich bei Suſetten dringend empfohlen hat.“ „Auch das, lieber Couſin.“ „Und in ihrer Zuneigung für mich zuletzt wohl gar ihre Wünſche ſehr beſtimmt ausgedrückt hat.“ „Was Sie nicht Alles wiſſen, Couſin!“ „Viel weiß ich nicht, doch iſt mir viel bewußt,“ ſpottete er.„Suſette ſtimmte der geliebten Tante bei.“ „Nicht ſo raſch, mein lieber Couſin.“ „Richtig, ſie machte verſchiedene Einwendungen.“ „Wiſſen Sie auch, welche Einwendungen?“ „O, es gab einen Nebenbuhler, dfr in Betracht kam.“ „Dazu war ſie zu klug. Der Nebenbuhler brachte ſich ſpäter ſelbſt in Betracht, aber die Tante machte kurzen 111 Proceß mit ihm. Suſette— ich will es Ihnen vertrauen — hatte mancherlei von Ihrem Leichtſinn gehört, Couſin.“ „Das machte ſie geltend,“ rief er vergnügt.„Ich kann es ihr nicht verdenken, es wäre mir vielleicht nicht beſſer gegangen. Aber die Tante beruhigte ſie denn ich habe die beſten Vorſätze, mich zu beſſern.“ „Wirklich?“ fragte Frau von Seehauſen. „Auf Seele und Seligkeit! Ich werde ſelten mehr lachen,“ erwiderte er mit übermüthigen Blicken.„Suſette kann unbeſorgt ſein, ich werde ein ſtiller und frommer Mann werden. Nun aber kam die Kataſtrophe mit dem Nebenbuhler. Es war eine Thorheit!“ „Eine ſehr große Thorheit.“ „Ein junger, eitler, ausgeputzter und kindiſcher Patron.“ Frau von Seehauſen ſchüttelte den Kopf.„Spotten Sie nicht ſo verächtlich über ihn,“ ſagte ſie.„Viele halten ihn, trotz ſeiner Unbehülflichkeit, für ſehr verſtändig und geiſtvoll. Und was ſeine Jugend anbelangt...“ „Es war nichts als einer der gewöhnlichen Herzens⸗ Irrthümer, wie ſie im Flügelkleide der Jugend vorkommen,“ fiel er ein. „Das mag ſein. Allein ſie wuchſen, zuſammen auf.“ „Sie wuchſen zuſammen auf?“ „Wiſſen Sie nicht, daß Hellmuth im Hauſe meines Onkels erzogen wurde?“ 112 „Hellmuth heißt er, richtig!“ ſagte Richard mit einem erſtarrten Lachen auf ſeinen Lippen. „Solche Jugendfreunde ſind oft ſehr gefährlich.“ „Dieſer ſchattenhafte Strich! dieſer demüthige Faden!“ rief Lorberg, indem er ſich an Seehauſen's Worte erinnerte. „Bei alledem hat er ſich mannhaft genug gezeigt, als er der Tante ſeine Erklärung machte.“ „Er erklärte ſich? Das muß ein luſtiger Auftritt ge⸗ weſen ſein.“ „Sehr luſtig. Sie wiſſen doch, daß die Tante ihn ver⸗ heirathen wollte. Er verſtand das unrecht, glaubte, ſie meine Suſetten, und als er die Wahrheit einſah, ſprang er auf,— nein, das ſage ich ihnen nicht, Couſin, es iſt eine zu abgeſchmackte Tollheit.“ „Je toller, je beſſer,“ erwiderte Richard fröhlich.„Ich bin in der Laune, mich köſtlich daran zu beluſtigen.“ „Alles Ernſtes forderte er ſie auf, ihm auf der Stelle zu folgen und ſich nicht— verkaufen zu laſſen“ „Verkaufen!“ das iſt prächtig von dem grauen Strich. Suſette dankte ihm doch gebührend?“ „Die Tante ließ ihr freie Wahl, zu gehen oder zu blei⸗ ben. Alſo blieb ſie. Sie blieb, denn die Tante hätte ſie jedenfalls ebenſo hinausgeworfen, wie den verliebten Doctor und die verſchmähte Braut— ein armſeliges Geſchöpf von Lehrerin, welche dazu beſtellt war.“ „Die gute, edle Tante!“ rief Richard mit bleichem ch le Geſicht, in dem alle Muskeln zuckten. Seine Stimme war ſo heiſer geworden, als wolle er Seehauſen nachahmen, er krampfte beide Hände um die Arme des Lehnſtuhls. „Sie haben ſich doch wohl ein klein wenig dabei auf⸗ geregt, Couſin,“ ſagte Frau von Seehauſen beſorgt. „Ich? Nicht im geringſten, theuerſte Couſine.“ „Ueber Suſetten dürfen Sie nicht zürnen. Sie hat ſich klug und ſchicklich benommen.“ „Sehr klug, ſehr ſchicklich! ich bin vollkommen zu⸗ frieden.“ „Sie hieß den Doctor gehen, der ihr überhaupt ver— ſprochen hatte, nicht mehr in's Haus zu kommen.“ „Auch ſeine ſpäteren Verſuche blieben jedenfalls er— folglos.“ „Er hat keinen Verſuch mehr gemacht,“ erwiderte Frau von Seehauſen, denn ſo arm er iſt, iſt er doch ſehr ſtolz. Er hat Suſetten ſeit jener Zeit nicht wieder geſehen, ſie natürlich auch ihn nicht.“ „Vergeſſen wird Alles in dieſer Welt, bis ſie ſelbſt einſt vergeſſen ſein wird.“ „Wenn man vergißt, zehrt man nicht ab,“ erwiderte die hübſche Frau.„Der arme Doctor iſt ein wahres Schat⸗ tenbild geworden, auch Suſette hat eine gedankenvolle Bläſſe davongetragen. Man kann mitleidig geſtimmt werden, wenn man ihn ſieht!“ „Sie ſehen ihn alſo?“ fragte Lorberg. Mügge, Verloren und gefunden. II. 8 114 „Er iſt unſer Arzt, ein ſehr guter, geſchickter Arzt. Neulich erſt hat er den erſten Preis in der Akademie er⸗ halten und gewiß wird er einmal ein berühmter Mann.“ „So hat er einen Wechſel auf die Zukunft in der Taſche, der Vielen fehlt,“ erwiderte Richard.„Aber wo⸗ her wiſſen Sie das Alles, beſte Couſine?“ „Suſette hat es mir erzählt. Wie Sie wohl denken können, thut ihr der verſtoßene Freund leid, und in ihrem Mitgefühl ließ ſie mir neulich ein paar Worte an ihn hier, welche ich ihm geben ſoll, wenn er kommt. Ich will ſie Ihnen zeigen.“ „Ich bin nicht neugierig,“ erwiderte er haſtig. „Sie müſſen ſie ſogar leſen, Couſin. Nachdem ich Ihnen ſo viel von dieſer Komi⸗Tragödie erzählte, müſſen Sie Alles wiſſen. Der Zettel iſt übrigens offen und kein Geheimniß.“ Sie eilte an den Damen-Schreibtiſch, der im Zimmer ſtand, nahm ein Blättchen heraus und hielt es ihm hin. „Leſen Sie ſelbſt,“ bat er,„ich will zuhören.“ „Wollen Sie? Gut, ſo hören Sie an, es ſind nur wenige Worte:„Mein lieber Freund! Ich werde Sie immer ſo nennen, auch hoffe ich, Sie werden es mir geſtatten. Ich höre, daß Sie ſehr leidend ausſehen, das Ausſehen entſcheidet nichts. Sie ſollen nicht leiden. Ein ander Mal habe ich Ihnen geſagt, warum heißen Sie Hellmuth, wenn Ihr Muth Sie verlaſſen will? Verläßt er mich 1 n ᷣ n n 115 denn etwa, die ich doch nur ein Mädchen bin und nicht Hellmuth heiße? Aber ich ſage es noch einmal, ich glaube es nicht. Denn ein kräftiger und edler Geiſt ſtärkt ſich im Kampf mit dem Leben. Im Uebrigen haben Sie mir zu⸗ geſichert, daß Ihr Vertrauen nie enden werde. Daran halte ich feſt und verbleibe Ihre Freundin Suſette.“ Frau von Seehauſen hatte kaum geendet, als der Be⸗ diente herein trat und den Doctor Hellmuth anmeldete. „Sehr willkommen!“ rief ſie aus, und Lorberg's Hand faſſend, fügte ſie hinzu:„Sie wünſchen wahrſcheinlich nicht, mit ihm zuſammen zu treffen? Alſo dort hinein in's Nebenzimmer; wir laſſen die Thür angelehnt, ſo können Sie Alles ſehen und hören.“ Er folgte ihr mechaniſch nach, und ſeine Arme ver⸗ ſchränkend, ſtand er hinter der Thür verborgen, als er Su⸗ ſettens Freund hereintreten hörte. Zu derſelben Zeit hatte auch Seehauſen einen Beſuch erhalten. Herr Reichenbach war bei ihm und befand ſich in einem ungewöhnlich aufgeregten Zuſtande. Das dürre Geſicht des kleinen Herrn hatte hektiſche rothe Flecke auf den Backenknochen, und ſeine lange ſpitze Naſe ſchien noch länger geworden zu ſein. Er ging auf und nieder, ſein Hut ſaß ihm weit hinten im Genick, beide Hände hielt er in den Seitentaſchen ſeiner Beinkleider. Es konnte keinen ſtär⸗ keren Gegenſatz zu ihm geben, als den Hauptmann, der in größter Gemüthlichkeit ſich auf dem Sopha ſtreckte, rauchte, 8* 116 einen Reſt kalten Kaffees trank und mit unverkennbarem Wohlgefallen ſeinen Freund betrachtete. „Setzen Sie ſich doch, Reichenbach,“ ſagte er.„Sie laufen umher, wie ein Iltis in ſeinem Kaſten. Wir wollen ein Glas Wein trinken.“ Herr Reichenbach ſchüttelte den Kopf. „Nicht?“ fragte Seehauſen.„Ich ſetze Ihnen etwas vor, was Sie noch nicht ſo getrunken haben.“ Herr Reichenbach ſchüttelte noch ſtärker den Kopf und wandte ſich in die andere Ecke. „Ich laſſe eine gefüllte ſtraßburger Pute holen, Rei— chenbach. Delicat! delicieuſe!“ Herr Reichenbach kam bis an den Tiſch, ſtemmte beide Arme darauf und beugte ſeine ſpitze Naſe darüber fort. „Haben Sie einen gefüllten Geldbeutel, Freundchen?“ fragte er, ſeine Augen weit aufmachend. „Bah!“ lachte Seehauſen:„Geld! Von dieſem ſchnö⸗ den Metall haben Sie ſelbſt mehr als zu viel.“ Herr Reichenbach ſteckte ſeine Hände wieder ein, ging bis an's Fenſter und kehrte um. Sein Hut ſaß noch wei⸗ ter hinten, die ſpitze Naſe ragte über den hohen Kragen fort.„Es kommt eine Kriſis,“ ſagte er vor ſich hin, eine fürchterliche Kriſis. Wir können es nicht länger halten.“ „Sie werden allerdings nächſtens fallen, wenn Sie ſich nicht bald ſetzen, würdiger Freund!“ rief ihm Seehauſen nach. n 117 Herr Reichenbach ging nach der anderen Seite und zu rück.„Bankerotte in Wien,“ murmelte er,„und noch mehr in Hamburg. Die Börſe iſt krank, ſie iſt lange ſchon krank!“ „Das iſt gut!“ nickte der Hauptmann.„Dem Patien⸗ ten muß zur Ader gelaſſen werden.“ Herr Reichenbach verzerrte ſein mageres Geſicht. „Reden Sie nicht ſo!“ ſagte er,„reden Sie nicht von Blut! Es kommt an uns. Wir können nicht weiter. Es bricht über uns zuſammen.“ „Brüche ſind höchſt unangenehme Fehler im menſch lichen Organismus,“ lachte Seehauſen,„aber wir ſind ge ſunde Leute, mein liebſter Reichenbach, Sie beſonders. Was, zum Teufel! Sie Freundchen, ein Mann von ſol— chem Schönheitsſinn, ein Kunſtkenner, ein Kriticus!“ „Schweigen Sie ſtill! ſchweigen Sie ſtill!“ ſchrie Herr Ohren zuhielt, worauf er die Hände wieder in ſeine Hoſentaſchen ſteckte. Seehauſen Reichenbach, indem er ſich beide nahm die Cigarre aus dem Munde und grinſte ihn an. „Sie ſehen wirklich maleriſch aus,“ ſagte er,„wie ein Kunſtwerk aus der beſten ägyptiſchen Zeit. Aber wie Freundchen! Meinen Sie wirklich, daß die Börſe heute flau ſein wird?“ Herr Reichenbach nickte, wodurch ſein Hut ganz in den Nacken fiel und ſeine hohe Stirn ſich entblößte. Im Uebrigen rührte er ſich nicht.„Flau, mehr als flau! faul, ganz faul!“ ſtöhnte er. 118 „So wird's ein Mordſpectakel ſein,“ lachte Seehauſen, indem er weiter rauchte.„Uebermorgen iſt Ultimo, allge⸗ meine Abrechnung.“ „Sie?“ fragte Reichenbach. „Bahl ich! Mag ſein, ich!“ Herr Reichenbach neigte ſich ihm wieder zu und ſah ihn ſtarr an.„Ich habe Geld nöthig,“ ſagte er,„habe auch von Ihnen Wechſel acceptirt, geben Sie mir die Deckung.“ „Verſteht ſich!“ rief Seehauſen vergnügt.„Wie viel war's?“ „Achttauſend für die Accepte.“ „Lumperei für Sie!“ lachte Seehauſen.„Uebermor⸗ gen iſt Verlobung. Wollen Sie Suſetten ein Geſchenk damit machen?“ „Es kann ſein,“ verſetzte Herr Reichenbach.„Ich ſage Ihnen, Freund, übermorgen wird ein Tag ſein, an den wir denken werden.“ „Sie doch nicht! Sie werden doch nicht?“ fragte der Hauptmann, ſich aufrichtend, indem er ihn anblinzelte. „Ein Millionair, ein Mann, der das ſchönſte Haus, die ſchönſte Frau und die koſtbarſten Gemälde beſitzt.“ „Laſſen Sie ſein! Schweigen Sie ſtilli rief Herr Reichenbach, ſeine Beine in die Höhe ziehend, als würde er darauf getreten.„Geben Sie das Geld her.“ „Die Kleinigkeit ſollen Sie haben,“ ſagte Seehauſen, ohne ſich zu rühren,„aber nicht heute, Freundchen, es paßt 119 mir nicht. Uebermorgen mit Vergnügen, und mehr, wenn Sie wollen.— Setzen Sie ſich endlich nieder! Was haben Sie auf dem Herzen? Meine Frau iſt eben dabei, zu Ihnen zu fahren; die beiden Damen wollen Einkäufe machen.“ Herr Reichenbach richtete ſich auf und ſtreckte die ſpitze Naſe ſtarr in die Luft. Er ſchien an andere Dinge zu denken. „Alſo iſt es richtig?“ fuhr Seehauſen fort.„Große Bankerotte in Hamburg, das wird uns Geld koſten, mir auch. Aber— wo wollen Sie hin, Reichenbach?“ Herr Reichenbach ging auf die Thür los, ohne ein Wort zu ſagen, und ſchlug ſie hinter ſich zu, ohne auf See⸗ hauſen's Ruf zu hören. Mit dem Hute im Nacken und die Hände in den Taſchen ſah ihn Seehauſen gleich darauf auf der Straße. „Ich glaube beinahe,“ ſagte er, nachdem er ihm lange nachgeblickt,„es ſteht derartig mit ihm, daß er allen Kunſt— ſinn und allen Geſchmack verloren hat. Wenn es wahr iſt, daß große Bankerotte ausbrechen, ſo könnte es ſein, daß er die Mode mitmacht. Alle Wetter! wenn ſich das be⸗ gäbe!“— Erſ ud einige Minuten in Nachdenken. Alles, was er begonne var bisher gut gegangen, allein es ſollte noch beffer gehen. das Glück ihm zugeworfen, verſchwenderiſch, wie ein ächter Glücksritter. Um ſo kecker hatte er gekauft: zwanzig Mal Er hatte weit mehr ausgegeben, als mehr, als er bezahlen konnte, wenn die Abrechnung un⸗ günſtig ausfiel.“ „Wenn er Recht hat,“ murmelte er vor ſich hin,„wo bleib’ ich?!“ Das wäre eine ſaubere Geſchichte, wenn ich...“ Er dachte den Gedanken, der ihn überkam, nicht aus. „Abwarten,“ fuhr er lachend fort,„abwarten, Freundchen, leben iſt die Hauptſache! Hat dieſer alte Narr den Kopf verloren, meinen verliere ich nicht. Je größer die Gefahr, um ſo energiſcher die Mittel, um ſo glorreicher der Sieg! Fort damit, ich werde nicht Bankerott machen!“ Er kleidete ſich eilig an und ſteckte nach einigen Minu⸗ ten den Kopf in das Zimmer, wo Richard ſtand, der durch den Spalt in der Thür den Doctor betrachtete. Das dicke Geſicht lächelte triumphirend, dann zog er ſich ebenſo leiſe zurück und wartete den Verlauf ab. Der Doctor ſaß vor Frau von Seehauſen, welche über einige der üblichen Leiden— aufgeregte Nerven, rheuma⸗ tiſche Schmerzen, Herzklopfen und Blutandrang— klagte, ß ſaß er vor der blühenden jungen Frau, als ſei der Kranke, welcher Hülfe ſuche, und es dauerte aicht lange, ſo wurden Fragen an ihn gerichtet, we ſcheinlicher machen konnten.—„Es 8 Uebeln nicht viel auf ſich?“ fragte d wie ein Arzt ſie gewöhnlich hört. Schmal und „Das will ich nicht behaupten,“ er 121 möchte Ihnen vielmehr Sorgſamkeit für Ihre Geſundheit empfehlen.“ „Was nennen Sie Sorgſamkeit, Doctor?“ „Damen von ſo zarter Conſtitution müſſen möglichſt ruhig leben, alle heftigen Aufregungen vermeiden. Die Nervenleiden, welche ſo vielfach die Hauptleiden der jetzigen Generation ausmachen, ſind größtentheils Folgen der er— ſchöpfenden Lebensweiſe ſowohl, wie der geiſtigen und kör⸗ perlichen Anſtrengungen.“ „Man wird dadurch wohl nicht blaß und mager,“ ſagte ſie lächelnd. Er lächelte ebenfalls, da er ihren Blick verſtand.„Es kann uns leicht ſo gehen, wie dem rothen Apfel,“ erwiderte er,„an welchem das ſcharfe Auge kaum den kleinen ſchwar⸗ zen Stich bemerkt; dennoch iſt dieſer ein ſehr ſchlimmes Zeichen. Die äußere Geſundheit iſt oft nur eine Hülle, unter der ein zernagter Kern verborgen liegt.“ „Und umgekehrt,“ verſetzte ſie,„unter der grauen, Be⸗ ſorgniß einflößenden Decke befindet ſich häufig ein feſtes, ſtarkes Gebäude, nicht wahr?“ „Das 12 nicht ſelten der Fall.“ eſte ccter, hoffe ich, daß dies auch Sie be⸗ BVazniſſe Ihrer Freunde keinen Grund K haben.“ Er leiſerer Stit genblick und erwiderte darauf mit „Meine Irauude, ſagen Sie? Ich danke Ihnen für dieſen ſchönen Troſt, allein in Wahrheit— ich habe niemals viele Freunde gehabt, die um mich beſorgt geweſen wären.“ „Viele Freunde hat man ſelten, wahre Freunde wenig⸗ ſtens nicht,“ fiel ſie ein.„Ich habe gehört, daß man leich— ter eine Geliebte findet, als einen Freund.“ „Das Eine dürfte ſo ſehr zu den Seltenheiten gehören wie das Andere,“ lächelte er, vor ſich nieder blickend. „Aber Sie haben Freunde, Doctor, Freundinnen ſollte ich ſagen. Ich ſage ſo und habe ein Recht, es zu thun. Eine dieſer Freundinnen bin ich ſelbſt, und was die andere Betrifft... „Ich danke meinen Freundinnen von ganzem Herzen,“ unterbrach er ſie, als wollte er ſie hindern, fortzufahren, „ich denke jedoch...“ „Sie ſollen nicht denken,“ rief Frau von Seehauſen. „Sie ſollen nicht grübeln und ſich grämen, Doctor. Ihre Freundinnen wünſchen und wollen, daß Sie Ihr Leid von Sich abthun. Ich habe eine Ermahnung für Sie hier in meiner Hand, eine Epiſtel, da iſt Leſen Sie das, oder wollen Sie nicht? Wollen Sie etwa Suſetten hören?“ Das bleiche Geſicht des Docto: ſollte ich nichts mehr von Fräuleins fragte er erröthend. „Warum nicht? Das iſt eine wunderliche Frage. gt Aber Sie haben ein edles Herz. So leſen Sie.“ Der Doctor nahm den Zettel, und als er die Augen darauf heftete, gewannen ſeine Empfindungen Sprache. 1,„Das iſt Suſettens Hand,“ ſagte er mit ſteigender Be⸗ 4 wegung.„O, ſehen Sie wohl, ſie glaubt nicht, was man ihr geſagt hat. Ich danke ihr; nein, ich leide nicht. Meine 1 Freundin! Ewig wird ſie mir theuer ſein.— Sie glaubt an mich. Ja, ſie hat Recht! die Kraft wächſt im Kampfe fte mit den Schickſalen des Lebens.“— Er ließ den Zettel i. ſinken, ſeine Augen glänzten, und ſein Geſicht war von re ihrem Ausdruck überſtrahlt. „Sagen Sie ihr, theuerſte Frau,“ begann er mit feſter 6 und ſanfter Stimme,„daß ich nie aufhören werde, ihr zu n, vertrauen. Sagen Sie ihr auch, daß ich nicht leide, daß ich den Muth zum Leben nicht verloren habe. Ich denke ur an ſie jeden Tag, und ſie ſteht vor mir mit tauſend ſchönen 4 f und guten Erinnerungen, die mich anreizen, ihrer würdiger M zu werden.“ in„Sie haben das edelſte Herz, lieber Hellmuth,“ ſagte 3 Frau von Seehauſen,„ich bewundere Sie, aber— können — Sie noch hoffen?“ 4 „Hoffen, daß ihre Freundſchaft, ihre Achtung mich be— V gleiten, ſo lange ich lebe.“ 1 V„Aber— Ihre Liebe?“ ſagte ſie mitleidig. Er ſchwieg darauf, allein das Lächeln in ſeinem Geſicht 124 wurde heller und ſeine Stimme freudiger.„Meine Liebe,“ erwiderte er endlich,„iſt nicht dadurch zerſtört, daß Suſette mir entriſſen wird. Meine Liebe bleibt mir als mein ſicheres Eigenthum. Ich weiß, daß Suſette den Verhält⸗ niſſen folgt, und ich beuge mich vor dieſen.“ „Sie machen einen Engel aus Suſetten,“ lächelte Frau von Seehauſen. „Das iſt ſie mir,“ entgegnete er.„Sie iſt mein guter Engel, der mich nie verlaſſen wird, aber auch ich— ich werde bei ihr ſein, was auch kommen möge. Glücklich möge der Mann ſie machen, dem ſie folgt; das iſt Alles, was ich wünſche.“ Er ſtand auf und verbeugte ſich.—„Uebermorgen wird Suſettens Verlobung gefeiert,“ ſagte Frau von See⸗ hauſen. „Es wird auch für mich ein feſtlicher Tag ſein,“ er⸗ widerte er, ſanft lächelnd. „Sehr gut! ſehr weiſe! mein lieber Doctor,“ rief Frau von Seehauſen.„Sie beſitzen eine über alles Lob erhabene Seelenſtärke.“— Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber ſie verſtummte vor den freudigen und innigen Blicken des Doctors. „Ich werde Suſettens Lob verdienen,“ ſagte er, ſich verbeugend, indem er Hut und Stock nahm.„Leben Sie wohl, liebe gnädige Frau, und tauſend Dank! Ich bin ſehr glücklich. Dieſes Briefchen hat mich ſehr glücklich ge⸗ el⸗ 125 macht.“— Er faltete es behutſam, legte es in ſeine Brief⸗ taſche und empfahl ſich; aber er konnte kaum die äußere Thür erreicht haben, als die hübſche Frau laut auf lachte und in Lorberg's Verſteck lief; ebenſo ſchnell war auch Seehauſen da, und Beide drangen auf Richard ein, ſpra⸗ chen zu gleicher Zeit und ſchütteten ihren Spott aus. „Was ſagen Sie dazu?“ rief Frau von Seehauſen. „Ein köſtliches Kerlchen!“ ſchrie der Hauptmann heiſer aus dem Kehlkopf. Wenn Suſette beföhle: Spring in's Waſſer! er erſäufte ſich pflichtſchuldigſt, und wenn ſie ſagte: Kauf mir den Brautkranz! er gäbe mit Freuden ſei⸗ nen letzten Pfennig dafür her.“ „Es iſt ein Phantaſt,“ ſagte Lorberg,„aber gewiß ein ſehr ehrlicher Mann.“ „Das iſt er, Vetterchen! So Einer für die Müh⸗ ſeligen und Beladenen, der nichts verehrt, als die tugend⸗ volle Rechtſchaffenheit und in Suſettchen ſeinen Engel anbetet.“ „Jeder mag die Götter anbeten, die ihn ſelig machen.“ „Religionsfreiheit! Toleranz!“ ſchrie Seehauſen.„Sie ſind ein Mann des Jahrhunderts, Vetterchen.“ „Ich wüßte nicht, was mich daran hindern ſollte.“ „Einen ſolchen Liebhaber ſeiner Frau kann ſich jeder Mann gefallen laſſen. Sie können ihn zu Ihrem Haus⸗ freund machen.“ „Warum nicht?“ ſagte Richard.„Er ſoll unſer Arzt und Suſettens Beichtvater werden. Aber wie vielen Dank bin ich Ihnen für alle dieſe Aufſchlüſſe ſchuldig, lieber Seehauſen! Was geht mich die Vergangenheit und dieſe romantiſche, phantaſtiſche Liebesgeſchichte an! Suſette iſt von der würdigen Tante geheilt worden. Der ſeelen— volle Doctor iſt glücklich, und ich bin glücklich! Was iſt mehr zu verlangen?“ In dieſer Weiſe ſprach er fort, und in einer halben Stunde mußte ſich das Ehepaar überzeugen, daß durch ihre Aufklärungen nichts für ihre geheimen Abſichten ge⸗ wonnen war. Worauf Seehauſen gerechnet hatte, daß Lorberg's Ehre ſich beleidigt fühlen ſollte, prallte gänzlich von ihm ab; ſeine Empfindlichkeit ſchien ſich zu einem Stein verhärtet zu haben. Alle Spöttereien des Haupt⸗ manns und die rührenden Anmerkungen ſeiner Gattin über die Jugendfreundſchaft Suſettens und ihre zerſtörten Hoffnungen wurden durch andere Spöttereien und rüh⸗ rende Betrachtungen beantwortet, die Heuchelei des wür⸗ digen Paares durch dieſelbe Heuchelei inniger Ergebenheit erwiedert, und erſt als Lorberg gegangen war, um in Suſettens Nähe ſich ſeines Glückes zu freuen, das er ſo beredt und hoffnungsfroh zu preiſen wußte, brach der Zorn der Getäuſchten über ihn los. Das dicke Geſicht des Hauptmanns glich einer Wetter⸗ wolke, die ſich den Schauplatz für ihre Verwüſtungen ſucht. Im Augenblick noch freudenvoll grinſend, ſank es 127 mit einem Male in grimmige Falten, und ſeine leuchten— den Augen verwandelten ſich in kleine ſtechende Puncte, die voll boshaften Hohns ſich auf ſeine geärgerte Frau hefteten. „Faß doch in Deine Taſche, Engel,“ ſagte er heiſer aus dem Kehlkopf lachend,„ob die hundert Louisd'or auch wirklich darinnen ſind.“ „Dieſer erbärmliche Menſch beſitzt keine Ehre,“ er— widerte ſie verächtlich. „Das Geld will er haben, das Geld will er nicht los— laſſen!“ murmelte Seehauſen. „Wer hätte auch denken können, daß er Suſetten liebt!“ „Gans!“ ſagte Seehauſen, ſich zu ihr niederbeugend, „biſt Du noch immer eine Gans, Engel, trotz der Seiden⸗ lappen und Golddrähte, die ich Dir umgehängt habe?“ „Dann iſt er ein abſcheulicher Heuchler! ärger als...“ „Als ich und als Du,“ fiel er mit ſeinem widerwärti⸗ gen Lachen ein,„aber warte, mein Engel, wir ſind noch nicht zu Ende. Es iſt noch nichts verloren.“ „Und meine hundert Louisd'or ſind auch nicht ver⸗ loren,“ erheiterte ſich die hübſche Frau. „Ein ſchlechter Fuchs, der nicht mehr als Ein Loch in ſeinem Bau hat,“ ſagte Seehauſen.„Ich habe noch manch Mittelchen, kann noch mehr als Eine Karte ausſpielen, ehe der letzte Trumpf kommt— Einer, der Alles ſticht!“ 128 Seine kleinen Augen zogen ſich tief zurück und funkel— ten aus einem ſchmalen Schnitt, während ſein Geſicht ſehr freundlich lächelte. Er breitete ſeine Arme aus und zog die hübſche Frau an ſich.„Leben wollen wir, mein Engel,“ ſagte er, ſie am Kinn faſſend und ihr zunickend die Hauptſache.“ leben iſt 7 1 Achtzehntes Kapitel. Am folgenden Tage hatte Seehauſen eine Unterredung mit der Frau Commercienräthin. Sie war ſehr beſchäftigt, denn ſie ließ ihre ganze Wohnung reinigen und putzen. Die Fußböden wurden blank gebohnt, neue Gardinen auf⸗ geſteckt, die Meſſingbeſchläge an den Thüren und Fenſtern glänzend abgerieben, die Teppiche, Polſter und Möbel ge⸗ bürſtet und gewiſcht. Viele Arbeiter waren damit be⸗ ſchäftigt, und die Frau Commercienräthin ſtand mitten darunter in einer weiten Jacke mit Taſchen und in ihrer großen Haube mit fliegenden Backen und Bändern, wie ein Feldherr nach allen Seiten befehlend und ordnend. Alle Thüren ſtanden offen, Seehauſen trat unangefochten hinein und befand ſich plötzlich vor der wirthſchaftlichen Tante, welche eben nicht zum angenehmſten dadurch über⸗ raſcht ſchien. Sie erwiderte ſeinen Gruß mit einer herausfordernden Muſterung.„Sie kommen eben zurecht,“ ſagte ſie,„wenn Mügge, Verloren und gefunden. II. 9 130 Sie helfen wollen; aber jetzt ſind Sie ein großer Herr geworden, der einen Bedienten braucht, wenn ein Stuhl verlangt wird.“ „Immer noch Ihr unterthänigſter Diener, verehrteſte Tante,“ erwiderte Seehauſen.„Ich komme auch heut zu Ihnen, um Ihnen dies zu beweiſen, obwohl ich weiß, iaß ſehr Sie zur Feier des ſchönen Feſtes beſchäftigt ſind, das uns morgen ſo innig erfreuen ſoll.“ Die Frau Commercienräthin muſterte ihn noch ſchärfer. „Wenn Sie etwas loben,“ begann ſie darauf,„ſo weiß ich ſchon, was dahinter folgt. Es muß wieder irgend etwas ſein, was keinem Menſchen Freude macht. Was iſt es?“ Seehauſen lächelte in ſeiner wehmüthigen Weiſe.„Ich bin leider dazu beſtimmt,“ ſagte er,„mit meinen innigſten und wärmſten Gefühlen...“ „Laſſen Sie Ihre Redensarten bei Seite,“ fiel ſie ein, „ich habe alle Hände voll zu thun. Iſt es wichtig?“ „Wenn ich dies nicht glaubte, ſo würde ich nicht wagen, Ihre freudige Thätigkeit zu ſtören.“ „So kommen Sie.“— Sie ging ihm in das ruhige Wohnzimmer voran, ſetzte ſich auf ihren Stuhl am Ofen und ſagte dann:„Was iſt es alſo?“ „Suͤſettchen iſt nicht zu Haus?“ fragte er. „Nein.“ „Mit dem geliebten Bräutigam auf einem ſüßen Spaziergange begriffen?“ . 131 1 „Sie hat Geſchäfte. Wollen Sie mir von ihm wieder Geſchichten erzählen?“ „Dieſes weniger,“ lächelte er.„Mein theurer Vetter iſt geheilt von allen ſeinen Fehlern, aber...“ „Was aber?“ „Man muß doch vorſichtig ſein,“ erwiderte Seehauſen, ſeine Stirn hochziehend.„Ich wenigſtens würde vorſichtig ſein, meine verehrteſte Tante, denn wenn ich mich eines bekannten Sprüchwortes bedienen ſoll, ſo läßt ein Wolf wohl von den Haaren, doch nicht von den Tücken.“ „Sie haben ganz Recht,“ ſagte die Frau Commercien— räthin, ihn mit den grünlichen Augen anblitzend.„Jetzt reden Sie klares Deutſch. Warum ſoll ich vorſichtig ſein?“ „Er hat noch immer Schulden, beträchtliche Schulden, obwohl...“ „Das iſt nicht wahr!“ rief ſie dazwiſchen. „Es iſt leider wahr,“ erwiderte Seehauſen wehmüthig. „Ich ſelbſt weiß von einer bedeutenden Summe.“ „Wie viel?“ „Es ſind ſiebentauſend Thaler in zwei Obligationen, wenn ſomit Suſettens Vermögen ohne Vorſicht in ſeine Hände geräth, dürften ſich leicht Dinge ereignen...“ „Wenn das wahr iſt! wenn er ſo leichtſinnig iſt,“ unterbrach ſie ihn,„ſo werde ich ihm einen Riegel vor⸗ ſchieben! Dafür ſoll geſorgt werden, Suſette ſoll ihr Geld ſicher ſtellen.“ 4 9* ☛ 132 „Was hilft Sicherſtellen?“ erwiderte er.„Eine junge Frau läßt ſich verleiten, wenn der Mann bittet und ſchmeichelt— unterſchreibt ſeine Wechſel mit, übernimmt Verpflichtungen, wirft ihm ihr Vermögen hin.“ „Was meinen Sie alſo?“ fragte die Frau Commercien⸗ räthin.“ „Wenn ich es wäre,“ ſagte Seehauſen,„ich würde mein Geld ſelbſt unter Aufſicht behalten; bezahlen, was nöthig wäre, ein Jahrgeld für Suſetten ausſetzen, aber weiter nichts. Wenn er ſie liebt, kann's ihm gleichgiltig ſein, ſogar angenehm.“ Die Frau Commercienräthin ſaß einige Augenblicke Können Sie mir die Schuldverſchreibun⸗ 770 ohne Antwort. gen verſchaffen, die Sie geſehen haben?“ fragte ſie. „Gewiß kann ich das. Ich kann ſie kaufen. Sie ſind mir angeboten.“ „Sie ſollen bezahlt werden,“ fuhr ſie fort.„Morgen will ich ſie haben und will ſie ihm präſentiren; aber vor⸗ ſichtig will ich auch ſein, das ſoll er erfahren.“ „Man kann nicht vorſichtig genug ſein,“ bekräftigte Seehauſen.„Die Verlegenheiten wachſen, wir gehen einer ſchlimmen Zeit entgegen. Die Börſe war heut in der ſchrecklichſten Verwirrung, alle Papiere fallen; Männer, von denen man es nicht denken konnte, ſind in der größten Geldverlegenheit.“ — „Sie ſind doch nicht etwa in Geldverlegenheit?“ fragte die Frau Commercienräthin. „Gott ſei Dank, ich nicht!„erwiderte er, mit Würde den Kopf ſchüttelnd. „Der Schwindel fängt alſo an, ſein Ende zu nehmen?“ rief ſie dazwiſchen. „Der Schwindel, ſehr wahr!“ nur zu wahr!„Dieſe unmäßige Begier, Geld zu gewinnen, dieſer unmäßige Credit, dieſe Wechſelreiterei, dieſer Luxus, dieſe Ver⸗ ſchwendungen, denen nichts mehr gut genug ſchien, nichts mehr theuer genug. Es iſt traurig, wie weit der Ueber⸗ muth geht, wie weit der Hochmuth geht, und wir müſſen uns darauf gefaßt machen, einen Fall zu erleben, mehr als einen Fall, aber dieſer Fall, der unſeren Gefühlen wehe thun wird, obwohl wir ſagen müſſen...“ „Wer?“ fragte die Tante, von Ahnungen erfüllt. „Was hofen Kunſtgefühle,“ ſeufzte Seehauſen,„was helfen die geiſtreichſten Gedanken!“ „Ich habe es mir gedacht!“ rief ſie, ihre Hände zu⸗ ſammen ſchlagend. „Wechſel ſind eine großartige, aber gegen alles Gefühl abgehärtete Erfindung,“ erwiderte er.„Man kann mit einem Stückchen Papier Geld machen, wie ein König oder Kaiſer; aber der Unterſchied beſteht darin, daß, wenn unſere Wechſel haufenweis proteſtirt zurückkommen, es nicht damit geht wie mit werthlos gewordenen Caſſen⸗ hielt ihn in der Hand und lächelte unbefangen, indem er 134 ſcheinen, welche die getreuen Unterthanen beliebig ver⸗ brauchen können, ſondern daß man klagt, tobt und Geld verlangt, und die gefühlloſen Gerichtsboten alles unter Siegel legen. Mag die ſchönſte Frau ſich auch die Augen darüber ausweinen, wenn ihre Ketten, ihre Ringe, alle ihre Koſtbarkeiten von ordinären Fäuſten gepackt werden, es giebt jetzt kein Mittel mehr, ſeitdem das barbariſche neue Concurs⸗Geſetz jede Menſchlichkeit abgeſchnitten hat.“ Die Frau Commercienräthin unterbrach ihn nicht. Sie fuhr wie aus tiefem Nachdenken auf, als der Be⸗ diente die Thür öffnete und den Herrn Reichenbach mel⸗ dete. Sie nickte ihm auch nur zu und ſchien kaum auf Seehauſen's Geflüſter zu hören.— Laſſen Sie ſich zu nichts überreden,“ ſagte dieſer,„ich bin darum herge⸗ kommen, Sie zu warnen. Es laufen ſo viele Wechſel auf ihn, daß er ſich nicht halten kann. Seit langer Zeit ſchon ſoll es ſchlecht mit ihm ſtehen. Ich mag es nicht mit anſehen, mein Herz thut mir weh. Darum werde ich mich... Ohne zu vollenden, war er plötzlich unſichtbar ge⸗ worden, denn in der Tiefe des Zimmers gab es einen Vorhang vor einer Niſche, und dieſer bewegte ſich noch, als Herr Reichenbach ſchon vor der Frau Commercien⸗ räthin ſtand. 8 Heute ſaß ihm der Hut nicht im Nacken, ſondern er der ernſthaften alten Dame ſich näherte.—„Alſo morgen wird's Zauberfeſt losgelaſſen,“ ſagte er in dem vertrau— lichen Tone, wie er gewohnt war. Wir haben die Ein⸗ ladung erhalten und werden dabei ſein.“ „Es wird mir Freude machen, wenn ich frohe Gäſte habe,“ antwortete ſie. „Warum ſollen wir nicht freudig ſein, mehr als jemals!“ rief Herr Reichenbach.„Es wird ein glücklicher Tag ſein, ein Feſt, wie es ſo leicht keines wieder gibt.“ „Es ſind ſchlechte Zeiten,“ ſagte ſie,„man muß ſich einrichten. Groß geht es bei mir nicht her, ich bin aus der altfränkiſchen Zeit.“ „Schweigen Sie ſtill!“ rief Herr Reichenbach, indem er die ſpitze Naſe weit aus den Kragenſpitzen vorſtreckte, wie die Schnecke aus ihrem Hauſe;„wir wiſſen es doch ſchon.“ „Was wiſſen Sie denn?“ fragte ſie. „Es iſt Verlobung! Leugnen Sie es nicht, nehmen Sie meine herzlichen Glückwünſche an.“. „Warten Sie damit bis morgen,“ fiel ſie ein.„Ich liebe es nicht, wenn man ſich in meine Angelegenheiten miſcht.“ Zu anderer Zeit hätte Herr Reichenbach ſchwerlich dieſe Abfertigung ſo ruhig hingenommen, wie er es jetzt that.„Schweigen wir alſo davon,“ lächelte er ſanftmüthig; „aber ich ſage, es iſt ein feiner Mann, den ich hochachte, und es iſt für uns alle eine Ehre, daß Sie Suſetten einen ſolchen Mann ausgeſucht haben. 1 „Ich verſtehe nicht, was Sie wollen,“ unterbrach ihn die Frau Commercienräthin.„Wenn Suſette ſich verloben wird, werden Sie es erfahren, mit wem. Mit keinem Speculanten, mit keinem, der ein feiner Mann an der Börſe iſt, mit keinem, der dort für einen Millionär gilt, deß können Sie verſichert ſein.“ Herr Reichenbach ſtreckte die ſpitze Naſe noch weiter heraus und fing an heftig zu lachen.„Nicht?“ ſagte er. „Warum denn nicht?“ Jetzt hatte ihn die Frau Commercienräthin, wo ſie ihn haben wollte.„Weil die ſogenannten Millionäre mor⸗ gen Bettler ſein können,“ antwortete ſie,„weil Niemand weiß, wie es in ihrer Taſche ausſieht, weil ich's oft genug erlebt habe, an Suſettens eigenem Vater erlebt habe, was die Millionäre für ein Ende nehmen.“ Herr Reichenbach lachte fort, aber es war, als wäre er mit dieſem Lachen gemalt worden. „In Saus und Braus leben, als gehöre die ganze Welt ihnen,“ fuhr die alte Dame fort, indem ſie ihr Ge⸗ ſicht gegen das ſeine richtete,„ohne alle Vernunft, ohne alles Nachdenken, prahlen, verſchwenden, leichtſinnige Streiche machen, und die es ihnen nicht darin gleich thun, auslachen, das gehört zu ſolchen großen Herren von der Börſe.“ jent 137 „Was wollen Sie! rief Herr Reichenbach,„hat der Commercienrath nicht auch zur Börſe gehört?“ „O!“ ſagte ſie, ſich ſtolz aufrichtend,„ich wollte, er wäre hier, er würde Ihnen ſagen, wie's der reelle Mann macht, der ſeinen Ruf an der Börſe erworben hat durch Solidität, durch Ordnung, durch Arbeit und Sparſamkeit. Der ſeinen Credit bewacht, wie ein General ſeine Ehre, der nicht ausgibt, was er nicht ausgeben kann, ſeine Frau nicht zu einem Mode⸗Journal macht, und allen Schwindel haßt, mag er heißen, wie er will.“ „Was kann man für die Zeiten!“ fiel Herr Reichen⸗ bach ein.„Die Zeiten bringen vieles mit ſich, woran man früher nicht gedacht hat.“ „Gehen Sie fort mit ſolchen Redensarten, Reichen⸗ bach!“ rief die Frau Commercienräthin,„ich bleibe bei meinen Grundſätzen. Ich gebe keinem von den modernen Geldmachern weder Suſetten noch mein Geld. Mein ſeliger Commercienrath hat mir noch in ſeinen letzten Stunden einen goldenen Rath hinterlaſſen. Gib nichts an einen Kaufmann oder Banquier, hat er mir geſagt. Mag 4 er heißen, wie er will, mag er groß ſein, wie er will, mag er bieten, was er will, gib ihm nichts!“ „Aber ein alter Freund, wenn er käme und in Ver⸗ legenheit wäre?“ fragte Herr Reichenbach lauernd. „Und wenn Sie es ſelbſt wären,“ ſagte ſie,„ich hätte nichts.“ „Wenn er aber wüßte, Sie hätten— hätten neunzig tauſend Thaler baar in der Bank liegen, und er brauchte ſie auf wenige Wochen.“ „Nichts, nichts!“ „Uen wenn er Sicherheit geben wollte? Wenn ich's wäre, Couſine Wittenberg, und ich ſagte, ich gebe mein Haus, meine Sammlungen, meine Gemälde zum Unter⸗ pfand?“ „Ich hoffe, Sie ſind es nicht,“ erwiderte ſie, ihn ſtarr anſehend,„denn es würde mir leid thun, aber Sie würden nichts von mir bekommen.“ Einen Augenblick blieb er mit dem vorgebeugten Kopf und dem ſtarren Lachen vor ihr ſitzen, dann ſtand er auf, wiſchte mit dem Taſchentuche über ſeine Stirn und ſteckte die Hände in ſeine Taſchen.„Ich bin's nicht!“ rief er, die ſpitze Naſe hinter den ſteifen Kragen zurückziehend, und wie Seehauſen ſetzte er hinzu:„Gott ſei Dank, ich bin's nicht!“ „Das iſt mir lieb,“ erwiderte ſie mit derſelben kalten Würde.„Kommen Sie morgen nicht zu ſpät.“ Er griff nach ſeinem Hute.„Gut,“ ſagte er, ver⸗ gnügt nickend,„ich werde kommen, wir wollen einen luſtigen Abend machen. Wenn ich auch nichts bei Ihnen bekommen kann, ſoll's doch an einem Hochzeits⸗Geſchenke nicht fehlen.“ Die Frau Commercienräthin blieb auf ihrem Stuhle ſitzen; ſie hielt die Hände in ihrem Schooß zuſammen⸗ lebhafter.„Ich weiß nicht, warum Sie's gethan haben gedrückt und ſchwieg ſo lange, bis ſie bemerkte, daß See⸗ hauſen wieder neben ihr ſtand. „Sie haben ſehr weiſe gehandelt, verehrteſte Tante,“ begann dieſer ſüß lächelnd, als ſie zu ihm aufblickte.„Sie haben es bewunderungswürdig gemacht.“ „Ich hab's ihm erſpart und mir,“ ſagte ſie. „Ich freue, mich, daß ich zur rechten Zeit gekom⸗ men bin.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte ſie aufſtehend. „Glauben Sie etwa, daß ich Ihnen Dank ſchuldig bin?“ „Ich verzichte auf allen Dank, beſte Tante.“ Sie faßte ihn beim Arm und blieb vor ihm ſtehen. „Ich danke Ihnen für Ihre Mühe,“ ſagte ſie;„aber be⸗ kommen hätte er auch ohne dies nichts von mir— ſo wenig wie Sie!“ Seehauſen zuckte wehmüthig die Achſeln.„Es iſt lei⸗ der ja mein Loos, verkannt zu werden,“ murmelte er. „Machen Sie keine Phraſen, keine Faxen!“ rief ſie warum Sie gekommen ſind, aber was auch Ihre Abſicht dabei war, Eines ſollen Sie wiſſen. Sehen Sie zu, daß Sie Vermögen erwerben, oder halten Sie feſt, was Sie haben; von meinem Gelde werden Sie niemals einen Pfennig bekommen.“ „Ich bin entfernt von allem Eigennutz,“ antwortete 140 Seehauſen feierlich.„Ich begehre nichts von Ihnen, theuerſte Tante.“ „Um ſo beſſer,“ erwiderte ſie.„Dem Herrn Baron werde ich Riegel und Schlöſſer anlegen, wenn's wahr iſt, was Sie behaupten; dafür erwarte ich Ihre Beweiſe. Mein Vermögen aber gehört Suſetten, ich bin's ihr ſchul⸗ dig, denn ich weiß“— ſie hielt einen Augenblick inne— „ja, ich weiß, daß ſie einen anderen lieber nähme, als den ich ihr gewählt habe. Aber ſie hat die Thorheit von ſich geworfen und vernünftig gehandelt. So wie die Ver⸗ lobung vorbei iſt, mache ich mein Teſtament und adoptire ſie als meine Tochter.— Jetzt gehen Sie, Seehauſen. Bringen Sie mir morgen die Papiere, ſo löſe ich ſie ein. Im Uebrigen wiſſen Sie jetzt, woran Sie ſind, und brauchen ſich keine Mühe mehr zu geben, mir zu ge⸗ fallen.“ „Nichts wird mich davon abhalten, Ihnen immer zu dienen, ſo ſehr ich es vermag,“ erwiderte Seehauſen ſanft⸗ müthig wie ein Lamm, indem er ſich verbeugte. Die Frau Commercienräthin verbeugte ſich auch. Sie faßte ſpaßhaft dabei ihr Kleid mit beiden Handſpitzen, aber das gelbe Raubvogelgeſicht leuchtete ihn äußerſt bos⸗ haft an. So complimentirte ſie ihn zur Thür hinaus, warf dieſe aber dann mit großer Gewalt zu und eilte mit ſolchen haſtigen Schritten zu den Arbeitern zurück, die in den vorderen Zimmern weiter wirthſchafteten, daß die znen, aron riſt, veiſe. ſchul⸗ e den 1 ſich Ver⸗ ptire uſen. 141 Bänder ihrer Backenhaube hinter ihr her flatterten. Nach wenigen Minuten hatte ſie viel zu tadeln und zu ſchelten, denn es war nicht einer, der es ihr zu Dank machen konnte und dem ſie nicht ihre Meinung zu ſagen hatte. Bisher war ſie ſo liebenswürdig geweſen, wie ſelten, jetzt fuhr ſie wie ein Sturmwind durch die Gemächer, griff ſelbſt mit an, rieb und klopfte, und ihre ſcharfe Stimme, welche nie ſehr milde klang, brachte alle Hände in die eifrigſte Bewegung. Es mußte etwas geſchehen ſein, was die Frau Com⸗ mercienräthin in ſchweren Aerger verſetzte, den ſie an ihren Leuten ausließ, welche ſich heimlich darüber in die Ohren flüſterten, was gut war, daß ſie es nicht hörte. Geraume Zeit ging es ſo fort, und es dämmerte bereits, als Fräu— lein Suſette zurückkehrte. Doch nun war es wirklich, als erſcheine ein guter Engel; denn kaum war ſie da, ſo hatte alle Noth ein Ende. Die ſtrenge Frau ſah Suſetten mit unverkennbaren Liebesblicken an und empfing ſie mit müt⸗ terlicher Zärtlichkeit.„Wir haben alles in die ſchönſte 44 Ordnung gebracht, mein liebes Kind,“ rief ſie ihr ent⸗ gegen.„Fleißig ſind wir geweſen, nun iſt es auch, wie es ſein muß; jeder that, was er konnte, das ſoll nicht ver⸗ geſſen werden.“ Mit dieſer erfreulichen Andeutung für die geſcholtenen Diener führte ſie Suſetten fort, band ihr ſelbſt den Hut ab, ſtreichelte und drückte ihre Hände, und da dieſe kalt 142 waren, ſo mußte ſie ſich an den Ofen in den Lehnſtuhl der gütigen Tante ſetzen, wo ſie mit neuen Liebesbeweiſen überhäuft wurde. Die Frau Commercienräthin ſelbſt ſetzte ſich neben ſie und hatte viel zu fragen und zu erzählen; aber Suſette ſchien die Umwandlung, welche mit ihr vor— gegangen, nicht zu begreifen, denn ihre Tante gerieth immer mehr in eine ſo weichherzige Stimmung, wie ſie dieſe nicht an ihr kannte. Das heroiſche, beſtimmte Weſen, das keinen Widerſpruch duldete, verſchmolz zu einer Milde, die etwas Rührendes hatte, weil es ſo ſelten war. Suſette hatte ihre Tante niemals klagen hören, nie hatte ſie mit ihr geſprochen, als ob ſie auch ein Herz und Schmerzen und Wünſche beſäße; ſonderbarer Weiſe öffnete ſie es jetzt ſo weit und plötzlich, daß Suſette davon tief ergriffen wurde. Mitten in den Beweiſen ihrer Liebe und Theilnahme hielt ſie dann plötzlich inne und legte nachdenklich ihre Hände zuſammen.„Was iſt es doch mit allem Menſchenleben!“ 21 ☛‿ — ſagte ſie traurig vor ſich hin.„Wenn ich zurückdenke, liegt † mein vergangenes Daſein vor mir wie ein Feld voll Dornen. Meine Sorgen waren immer größer, als meine Freude, und mein Glück hat wohl viele geblendet, aber ich— ich habe wenig davon empfunden.“ Suſette ſchmiegte ſich an ſie, ohne zu antworten, und ihre Tante fuhr, mit ſich ſelbſt ſprechend, fort:„Ich habe erfahren, was Glück zu bedeuten hat und wie es die iſtuhl veiſen ſetzte hlen; vor⸗ erieth le ſie — — 143 Menſchen beurtheilen. Der Redlichen gibt es wenige in dieſer Welt. Die meiſten ſind falſch und heucheln, und je älter wir werden, um ſo ärmer und einſamer wird's in uns.“ „O, liebe, gute Tante!“ ſagte Suſette leiſe,„ich bin bei dir.“ „Ja, mein Kind, du biſt mein einzig Gut, die einzige Seele, die ich habe auf Erden. Gott hat es ſo gewollt, er hat mir Kinder verſagt, er hat mir Herzen verſagt für meine Liebe; dafür hat er dich mir gegeben, und ich danke ihm dafür, ich preiſe ihn für ſeine Güte!— Ich war nicht mehr allein da ich dich hatte; du weißt nicht, was es heißt, allein ſein und keinen Menſchen haben, den man lieben und an den man glauben kann. Aber nun, Suſette, nun“— ſie ſchwieg einen Augenblick und fügte dann hinzu:„Was ſoll aus der alten Frau werden, wenn du von ihr gehſt?“ „Muß ich denn gehen?“ flüſterte Suſette, indem ſie ihren Kopf an die Bruſt ihrer Tante legte. „Du mußt gehen, Kind, du mußt!“ ſagte die Tante, ſie an ſich drückend.„Ich muß dich von mir laſſen, denn ich kann nicht bei dir bleiben; wer weiß, wie bald der Herr mich ruft! Das Weib muß dem Manne folgen, wir ſind beſtimmt dazu. Wir ſollen nicht ſtehen, wie der Baum auf einſamer Haide, ohne Schatten, ohne Frucht. Ich will dich nicht allein laſſen, wenn ich ſterbe, will nicht ſcheiden, ehe ich dein Glück begründet ſehe.“ 144 „Sagteſt du nicht, daß Menſchenglück meiſt Blend⸗ werk ſei?“ erwiderte Suſette. Die Tante fuhr über dieſe Antwort nicht auf, wie ſie es ſonſt gethan haben würde, ſondern ſie ſagte ſanft⸗ müthig:„Es ſoll alles geſchehen, was geſchehen kann, um Dich zu ſichern. Du ſollſt Herr über alles bleiben, was Dein iſt, und ſo lange ich lebe, werde ich ſelbſt darüber wachen.“ „Nicht das Geld macht das Glück,“ fiel Suſette ein; „Du haſt es ja ſelbſt an Dir erfahren.“ „Es iſt wahr,“ antwortete ſie,„aber glaube mir, mein Kind, Lorberg iſt ein Mann von edlen Eigenſchaften. Wüßte ich es nicht, Gott ſollte uns vor ihm behüten! Ich habe Erkundigungen eingezogen bei einem, der ihn von Jugend auf kennt, bei dem Agenten Jakob Wolf, der ein Mann von großer Redlichkeit iſt. Er iſt leichtſinnig ge⸗ weſen in Geldſachen, darin ſind viele vornehme Herren leichtſinnig, aber Wolf rühmt ſeinen Charakter.“ „Auch dabei kann eine Frau unglücklich werden,“ ſagte Suſette. 4 „Was willſt du denn mehr?“ fragte die Tante un⸗ geduldiger.„Kind, ſei verſtändig, es iſt ein Mann, wie ihn viele haben möchten. Sogar eine Ahnfrau hat er in ſeinem Hauſe,“ lachte ſie Suſetten an, um ſie zum Mit⸗ lachen zu bewegen.„Wer von allen Millionären an der Börſe kang ſagen, daß er eine Ahnfrau hätte! Du wirſt ein; 145 glücklich werden, Suſette, die Ahnfrau hat es ihm ſelbſt angezeigt.“ „Ach! liebſte Tante,“ erwiderte Suſette ſeufzend, alle Ahnfrauen in der Welt ſind nicht im Stande, Herzen zu verwandeln und Unglück zu Glück zu machen. Ich möchte Dich nicht erzürnen, ich weiß ja, daß alles, was Du thuſt, die beſten Abſichten hat; aber über unſer höchſtes Lebens⸗ glück müſſen wir doch zuletzt ſelbſt richten; und wenn es nun geſchähe, wenn ſich nicht erfüllte, was ich hoffe! Vergib mir, o, vergib mir, wenn ich Dir Kummer mache!“ — Sie warf ſich um den Hals der alten Frau, auf den ihre Thränen fielen. „Halt ein! halt ein!“ rief dieſe mit ſchwankender Stimme, und ihre großen Hände an Suſettens Kopf drückend, fuhr ſie ſort:„Ich weiß, was du geträumt haſt, ich wollte, es wäre nicht geſchehen. Denke nicht mehr daran zurück, es iſt abgemacht. Ich habe auch Schuld, ich hätte es früher hindern müſſen. Er aber hätte vernünftiger ſein ſollen, denn er mußte wiſſen, was ſich ſchickt.“ „Ich hatte mehr Schuld, als er,“ ſagte Suͤſette leiſe. „Vertheidige ihn nicht!“ fuhr die Tante fort.„Wie konnte er es wagen, der armſelige Menſch, der ſo häßlich obenein iſt, ſich ſo weit zu vergeſſen!“ „Die Liebe, beſte Tante, weiß nichts von e. ſagte Suſette.„Auch finde ich durchaus nicht.. „Schweig davon!“ unterbrach ſie die Frau Conerritn⸗ Mugoe, e, Verloren und gefunden. II. 10 *⁴ 146 räthin in dem alten ſtrengen Tone, denn die Stunde der Rührung war vorüber.—„Laß mich ſehen, was Du ein⸗ gekauft haſt, ſetzte ſie in einer Weiſe hinzu, die jeden weiteren Verſuch abſchnitt. Suſette hatte mehrere kleine Einkäufe gemacht, welche ſie aus ihrer Taſche nahm, und das Geſpräch darüber und über manche häusliche Angelegenheiten währte nun ſo lange fort, bis Lorberg kam. Er kam erwünſcht, die Tante ſowohl wie Suſette waren darüber froh. Bald auch ließ die Tante das junge Paar allein und übertrug die Sorge, Suſetten heiter zu ſtimmen, dem galanten jungen Edelmann, dem ſie ſo viele Künſte zutraute. Nach einiger Zeit ſchien es auch, als ob beide ſich um die Wette beſtrebten, die Koſten der Unterhaltung zu tragen. Die Tante hörte einige Male an der Thür, wie lebhaft ge⸗ ſprächig es herging. Solchen Liebesleuten, ſagte ſie wohl⸗ gefällig, geht der Stoff zum Schwatzen niemas aus. Sie erzählen ſich die unbedeutendſten Dinge und das albernſte Zeug mit dem größten Vergnügen und ſind entzückt davon. Er wird ihr die Liebe ſchon beibringen, die ihr noch fehlt. Unglück lacht nicht!. Bei alledem hatte die Frau Commercienräthin nicht Recht. Sie wußte nicht, daß die Lippen oft lachen, um Weh und Schmerzen um ſo dichter zu verdecken, denn ſie hatte dies niemals gethan. Nachdem vielerlei Gegenſtände zwiſchen den beiden — 147 jungen Leuten verhandelt waren, kam auch die Muſik an die Reihe. Suſette hoffte recht viel Muſik zu treiben. Sie ſprach von einem neuen Flügel, den ihr die Tante ver⸗ ſprochen, ſpottete über das alte, ehrwürdige Inſtrument, welches ihr vortrefflicher Onkel, der ſelige Commercien⸗ rath, einſt auf einer Auction gekauft hatte, behauptete dann, daß ſie auch Geſangſtunden nehmen müſſe, und hielt plötzlich inne, indem ſie ihre großen Augen auf Richard heftete. „Da fällt mir etwas ein, was Sie auch angeht,“ ſagte ſie.„Sie haben mich ja ſchon ſingen gehört.“ Er beſtätigte es. „Das war an dem Abend, wo wir allein waren,“ fuhr ſie fort.„Das heißt, allein mit Chriſtinen. Sie erinnern ſich doch noch meiner damaligen Freundin?“ „Iſt ſie Ihre Freundin nicht mehr?“ fragte Lorberg. „Es iſt etwas dazwiſchen gekommen, doch im Grunde haben wir uns nicht erzürnt, nur kommt ſie nicht mehr zu mir. Heut aber habe ich ſie geſehen. Es iſt ein talent⸗ volles Mädchen; allein ſie beſitzt wenig Anziehendes.“ „Finden Sie das?“ „Sie nicht?“ „Nein, ich finde es allerdings nicht,“ ſagte er mit Ueberwindung. „Sie iſt für Ihre Verhältniſſe zu ſtolz und rückſichts⸗ 10* 148 los,“ erwiderte Suſette,„aber ich habe ſie doch lieb und wünſche ihr alles Gute.“ „Geht es ihr nicht gut?“ fragte er. „Beſchränkt genug. Ich glaube nicht, daß ſie noch Unterricht gibt, ſie malt jetzt. Ich will ſie nächſtens auf⸗ ſuchen, ſie wohnt noch immer bei ihrer alten Freundin, wo ich ſie kennen lernte. Aber wiſſen Sie auch, daß ſie nach Ihnen gefragt hat?“ „Nach mir?“ „Sie erkundigte ſich angelegentlich und fragte dabei, ob Sie das Glück noch nach Minuten berechneten.“ „Ob ich es berechne!“ lachte er.„Ich habe gar keinen Maßſtab dafür.“ „Wo wollen wir ihn denn hernehmen?“ fragte Suſette. Die Antwort lag nahe genug, allein er gab ſie nicht. „Man muß nichts berechnen,“ erwiderte er mit derſelben Fröhlichkeit,„alle Rechnungen ſind falſch.“ „Chriſtinens Rechnung wird es auch ſo gehen,“ ſagte Fräulein Suſette,„ſie ſieht ganz danach aus.“ „Wie ſieht ſie aus?“ „Wie ein Rechenmeiſter, der an ſeinem Exempel ver⸗ zweifelt und es ſich ſehr zu Herzen nimmt.“ „Und ſie rechnete ſo ſicher auf ihr Glück,“ ſagte Lor⸗ berg, ſeine Augen weit öffnend, als blicke er in die Ferne. „Das Glück iſt überhaupt ein falſcher Wechſel, hat mein Onkel, der ſelige Commercienrath, oftmals geſagt,“ 149 fiel Suſette ein.„Wenn er am Verfallstage präſentirt wird, wird nichts gezahlt.“ „Das iſt ſehr ſpaßhaft! Am Verfallstage wird der Betrogene ausgelacht. Man muß ſich hüten, zu den Be⸗ trogenen zu gehören.“ „Lieber zu den Betrügern!“ Sie lachten beide und nickten ſich zu, und Suſette ſtreckte ihr)e Hand aus, die Richard küßte, eben als die Frau Commercienräthin hereintrat. Sie ſah es mit Ver⸗ gnügen, ließ ſich erzählen und half ihnen fröhlich ſein, ſo daß die Stunden ſchnell vergingen. Zuweilen ging es aber auch ernſthafter her. Der folgende Tag wurde be⸗ ſprochen, und endlich kurz zuvor, ehe Richard gehen wollte, kam es noch zu einer kleinen Scene, indem die Tante noch einige Winke über ihre Abſichten fallen ließ. „Es kommen ſchlimme Zeiten,“ ſagte ſie, die Narr⸗ heiten und Schlechtigkeiten werden beſtraft werden. Viele Verſchwender und leichtſinnige Menſchen, die Speculanten von der Börſe, werden mit Schimpf und Schande endigen. Es geſchieht ihnen recht, ich bedaure keinen, und wenn er mein Bruder wäre. Wer leichtſinnig iſt, hat von mir keinen Beiſtand zu erwarten; überhaupt aber muß man ſich vorſehen. So lange ich lebe, halte ich die Hand auf meine Taſche. Wenn ich nicht mehr bin, ſoll Suſette alles bekommen, und morgen, gleich nach der Verlobung, will ich mein Teſtament machen.“ 150 Richard machte eine lächelnde Bemerkung darüber, aber ſie blieb um ſo eifriger dabei.„Es iſt mein Wille ſo!“ rief ſie mit ihrer Beſtimmtheit,„daran ſoll ſich nichts ändern. Im Uebrigen wird ſich's zeigen, wie das junge Pärchen zu wirthſchaften verſteht, ſonſt ſind wir auch noch da.“ Mit dieſer ſcherzhaften Wendung ſchloß ſie ab, aber ihr Finger ſchüttelte ſich wie ein bedenkliches Fragezeichen, und der Blick, der ihn begleitete, kam aus einer anderen Tonart. Lorberg konnte die Zerrüttung, die ihn durch⸗ wühlte, kaum länger verbergen, er beeilte ſich, Abſchied zu nehmen, zu heucheln, zu ſchmeicheln, zu lügen, bis der düſtere November⸗Abend und ſein eiſiger Nebel ihm kühlend in die heißen Augen drangen. Er hatte ſich während der letzten Tage zu betäuben geſucht, hatte zu vergeſſen geſucht, hatte ſich gewaltſam aufgedrungen, was er als unabänderlich anerkannt; jetzt war es ihm, als ſäße in ſeiner Bruſt ein glühendes Eiſen, und auf ſeinen Schultern lägen, wie auf denen des heiligen Chriſtoph, alle Sünden dieſer Welt. In den Nebeln um ihn her ſah er ſeine Zukunft grau und ſternenlos. Er konnte nicht mehr, wie bisher, ſich ſelbſt verſpotten, ihm fehlte der Muth dazu. Es gab keinen Schlupfwinkel mehr für ſein Gewiſſen, und dieſes behandelte ihn mit Verachtung. Wohin er ſah, fand er Schaam, fand er Vorwürfe und die Qual der Gedanken, welche ihm ihre Zähne zeigten. 7 151 In dieſem Fieber ſeiner Unruhe ging er weiter, ohne zu wiſſen, wohin. Verwirrte Vorſtellungen jagten durch ſeinen Kopf, er konnte nichts darin feſthalten. Das Eine verdrängte das Andere; ein dunkler Strom wirbelte um ihn, aus dem er ſich nicht retten konnte; plötzlich aber lief ein Blitz darüber hin und zeigte ihm ein Ufer, und wie dem Schiffbrüchigen weckte er neue Hoffnung auf.— Gleich darauf kehrte die alte Nacht zurück, doch eben ſo ſchnell ein neuer Blitz, und mit jedem wuchs ſeine Hoffnung, mit jedem ſteigerte ſich ſeine Sehnſucht. Ein Gefühl der Ret⸗ tung überkam ihn, ein Stern ſchwebte vor ihm her, dem er folgen mußte. Nach einiger Zeit ſtand er vor dem Hauſe, wo Chriſtine Streit wohnte. Als er hinaufblickte, ſah er Licht durch die Fenſter ſchimmern; es leuchtete bis in ſein Herz und verjagte die Furcht, daß er vergebens gekommen ſei. Einige Minuten lang dachte er daran, wie er hier ſich von ihr getrennt hatte, mit dem Entſchluß, ſie auf immer zu vergeſſen, dann, als wollte er der kalten Hand entgehen, die er in ſeinem Nacken zu fühlen glaubte, trat er ſchnell hinein und freute ſich über ſeine Entſchloſſenheit.— Heute brannte ein Lämpchen oben auf der Treppe, als ſei es für ihn angezündet. Mit leichten Schritten ſtieg er die Stufen hinauf; das Dämmerlicht zeigte ihm die Thür. Horchend wartete er mit klopfendem Herzen, endlich legte er leiſe ſeine heiße Hand auf den Drücker, öffnete und ſah hinein. 152 Ein Himmelsglanz durchleuchtete ihn. Da ſaß Chri⸗ ſtine am Tiſche, in der Mitte des kleinen, warmen Zim⸗ mers. Eine Mappe mit Zeichnungen lag vor ihr, ſie hielt einen Farbenſtift in ihren Fingern und betrachtete ein Blatt, von welchem ſie zu ihm aufblickte. Im nächſten Augenblicke warf ſie beides fort, ſchlug die Mappe zu und ſtand auf.„Herr von Lorberg!“ ſagte ſie. Mit ausgeſtreckter Hand trat er zu ihr heran, in ſeiner Bewegung ohne Sprache. Seine Blicke durchirrten ihr Geſicht. O, Suſette hatte Recht; es lag ein bleicher Schatten auf dieſen feinen Linien, aber er machte ſie noch ſchöner, noch rührender. „Ich habe Sie überraſcht,“ begann er,„und zu ſolcher Stunde! Vergeben Sie mir, es mußte ſo ſein.“ „Von Freunden läßt man ſich gern überraſchen,“ er⸗ widerte ſie,„und zuweilen habe ich mich gefragt, ob ich von Ihnen wohl ganz vergeſſen ſei.“ „Sie konnten das nicht glauben,“ ſagte er. „Nein, ich glaubte es auch nicht.“ Der freudig klingende Ton durchzitterte ihn; ihre Blicke, die ſich begegneten, waren beredter, als Worte ſein können. „Auch ich habe oft an Sie gedacht,“ fuhr Chriſtine fort.„Setzen Sie ſich zu mir, ich bin allein. Meine alte Freundin beſucht ihre Freunde im Hauſe, ſo können wir ungeſtört uns unſere Schickſale mittheilen. Was mich be⸗ 153 trifft,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„ſo hat Ihnen Suſette wohl erzählt, daß ich meiner alten Leidenſchaft wieder ge⸗ folgt bin und mich fleißig mit Zeichnen beſchäftige.“ „Ich habe davon gehört,“ erwiderte er,„auch— man⸗ ches Andere, was meinen innigen Antheil für Sie, meine theure Freundin, ſteigern mußte.“ „Dank Ihnen dafür!“ lächelte ſie.„Ich bin nicht ungeſchickt und hatte einige Gelegenheit, Fortſchritte zu machen.“ „Alles, was Sie thun, iſt ſchön!“ „Nicht immer, aber ich thue mein Beſtes.“ „Und was hoffen Sie davon?“ „Mancherlei Gutes für mich. Ich will Ihnen ein paar Köpfe zeigen, welche ich aus dem Gedächtniß gezeichnet habe.“ Sie ſchlug ihre Mappe anf und zog ein Blatt her⸗ vor.„Wer iſt das?“ fragte ſie. Es war Suſette, ſehr gut getroffen, aber, wie es ihm ſchien, in der künſtleriſchen Auffaſſung allzu ſehr ver⸗ ſchönt. Er erkannte es ſogleich, allein dieſes Bild brachte plötzlich alles wieder in ſein Gedächtniß, was er vergeſſen hatte. Mit einer haſtigen Wendung blickte er nach einigen anderen Blättern, welche Chriſtine inzwiſchen hervorge⸗ zogen hatte und ihm nun ebenfalls hinhielt. Nachdenklich ruhten ſeine Augen darauf, bis er mit ſteigender Wärme ſagte:„Das ſoll ich ſein! So viele Theilnahme erweiſen Sie mir! Verdiene ich das? Habe ich nicht weit eher Strafe verdient? denn— o, daß ich es ſagen muß!— bin ich nicht Urſache der Kränkungen, die Ihnen zugefügt wurden?“ Er unterbrach ſich mit einem freudigen Ausrufe, denn das neue Blatt, das Chriſtine vor ihn hinlegte, war ſie ſelbſt.„Ich habe nichts zu vergeben,“ ſprach ſie dabei, „denn ich weiß nicht, welche Schuld Sie ſich beimeſſen.“ „Geben Sie mir ein Pfand darauf, ein Andenken!“ rief er, indem er die Zeichnung nahm. „Dann nehmen Sie dies,“ ſagte Chriſtine, auf Su⸗ ſettens Bild deutend. Er preßte ihre Hand feſt in der ſeinigen und ſchwieg einige Augenblicke, als wollte er Gewalt über ſich gewinnen. „Sie müſſen mich zunächſt hören, theure Chriſtine,“ ant⸗ wortete er dann,„ich bin zu Ihnen gekommen, um Sie darum zu bitten. Sie ſollen entſcheiden, welches Bild ich nehmen muß, ob Suſettens Bild, oder das Ihrige, oder keines.“ 4 „Das iſt ein ſeltenes Vertrauen,“ lächelte ſie.„Wo⸗ durch iſt es mir geworden? „Wodurch es Ihnen geworden iſt? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß ich es habe und daß mein letztes Hoffen daran hängt. Sie müſſen mich hören, denn Sie haben mich auf den Weg gewieſen, den ich gegangen bin. Ich habe gethan, was Sie verſtändig und recht nannten. Dieſer Faden iſt verloren gegangen, er ſchützt mich nicht mehr.“ „Und ich, meinen Sie, ſoll ihn wiederfinden?“ „Unmöglich, unmöglich!“ rief er mit ausbrechender Leidenſchaft,„ich kann nicht länger vernünftig ſein. Was kann mir noch geſchehen, das ich mehr fürchten müßte, als das Grauen vor dieſer Vernunft, als dieſe Erniedrigung vor mir ſelbſt, dieſe Gewißheit meines Unglücks!“ „Warum nennen Sie es Gewißheit?“ fragte Chriſtine. „Weil ich es vor mir ſehe, wie einen Abgrund, aus dem keine Rettung iſt. Weil ich— Suſetten nicht liebe.“ „Sie werden ſie lieben lernen.“ „Niemals! Wir wiſſen es beide; ich weiß es, mit welchem Zwange ſie mir folgt.“ „Wenn das alles ſo feſt ſteht,“ ſagte Chriſtine,„dann müſſen Sie entſchloſſen handeln.“ „Wahr!“ erwiderte er, an ſeine Stirn faſſend.„Er hat Recht!“ „Wer hat Recht?“ „Einer, der mir ſagte, man könne einer Ungeliebten Liebe und Treue ſchwören, wenn das eigene Herz leer an Liebe ſei, aber nicht...“ Er ließ es unvollendet und fügte dann ruhiger hinzu:„Sie wiſſen, was morgen ge⸗ ſchehen ſoll.“ „Ich weiß es, Herr von Lorberg.“ „Es wird nicht geſchehen.“ „Wer noch ein Morgen vor ſich hat, kann erwägen und bedenken.“ 156 „Nein, theure Chriſtine!“ rief er, ihre Hand von Neuem ergreifend,„es iſt erwogen, iſt bedacht. Sie müſſen er⸗ fahren, warum ich nicht lügen und ſchwören kann— warum ich hier bin, wohin mein Herz mich geführt hat, das beſſer wußte als alle Klugheit, was gut und recht iſt. Ich liebe Sie, Chriſtine, Sie allein, von jener Stunde an, wo wir uns fanden. Niemals— niemals kann ich Suſetten gehören!“ „Sie lieben mich!“ ſagte ſie, und ihre ſchönen, dunklen Augen öffneten ſich ſtrahlend, begleitet von einem Glück verkündenden Lächeln. Es war, als verfolgten ihre Blicke und Gedanken ein Traumbild, das ihre Seele füllte. „Zweifeln Sie noch jetzt, können Sie zweifeln?“ fragte Richard, ihre Hände an ſeine Bruſt drückend. „Nein,“ ſagte Chrtſtine,„aber— wiſſen Sie auch, was Sie thun? was zwiſchen uns liegt? wer ich bin?“ „Was frage ich danach!“ rief er in ſtolzer Heftigkeit. „Liebe mich, wie ich Dich liebe! O, Chriſtine, wollen Sie das? Wollen Sie mir folgen?“ „Ja, bis ans Ende!“ „Bis ans Ende? Mein Gott, dann iſt alles gut! Bis ans Ende, theure, theure Chriſtine, wo es auch ſein möge?“ „Wo es auch ſein möge!“ „So habe ich nichts verloren: Nein, ich bin reich, ich bin beglückt! Ich verlange nichts mehr. Hören Sie mich an, Chriſtine.“ 157 „Halten Sie ein!“ ſagte ſie.„Nicht jetzt, morgen!“ „Morgen? O, warum morgen?“ „Ich höre meine alte Freundin kommen, und zwiſchen heut und morgen liegt eine Nacht.“ „Für mich gibt es keine Nacht mehr! Ich habe nichts zu bedenken, nichts mehr fern von Ihnen zu ſuchen.“ „Wohlan! ſo mag der Tag entſcheiden, was Sie ge— funden haben.“ „Strenge Freundin, arge Freundin!“ ſagte er feufzend und lächelnd. Es iſt noch ein Bedenken in Ihrem Herzen, das überwunden werden muß.“ „Und darum ſollen Sie Geduld haben,“ erwiderte Chriſtine, bis die rechte Stunde da iſt, wo ich weiß, daß Ihre Liebe ſtark und wahr iſt.“ „Sie wollen es erproben? Iſt es das? Meine Liebe wird jede Probe halten! Was fordern Sie von mir?“ „Morgen,“ ſagte ſie,„ſollen Sie es erfahren.“ „So ſei es denn, morgen!“ rief er, ſich zu ihr nieder⸗ beugend, aber ſie wich zurück.— Eben trat die alte Frau herein. Ueunzehntes Kapitel. Der Doctor Hellmuth ſaß früh ſchon an ſeinem Ar⸗ beitstiſche, aber er arbeitete nicht. Der Dampf der Kaffee⸗ Maſchine hatte ihn längſt ſchon gemahnt, nach ihr hin zu ſchauen, er hatte jedoch keinen Blick für ihr Stöhnen und für das letzte Aufflackern der blauen Flamme. Er ſtützte ſeinen Kopf mit beiden Händen und ſah auf ein kleines Pa⸗ pier, das vor ihm aufgeſchlagen lag, während er mit leiſem Murmeln die Worte wieder und wieder las, welche darin geſchrieben ſtanden.„Sie werden heute Abend, pünktlich um ſieben Uhr, bei uns erſcheinen, lieber Hellmuth,“ las er.„Ich gebe Ihnen hiermit Ihr Verſprechen zurück, nicht eher zu kommen, als bis ich es Ihnen erlaube. Jetzt lade ich Sie ein; es erwartet Sie Ihre Freundin Suſette.“ „Sie erwartet mich,“ ſagte er leiſe ſeufzend,„wozu er⸗ wartet ſie mich? Soll ich Zeuge deſſen ſein, was dort vor⸗ geht— ſoll ich— kann es ein Triumph für ſie ſein!“ 159 Er ſtand auf und ließ das Blatt fallen, aber er nahm es gleich wieder in ſeine Hände und ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Es iſt ja unmöglich,“ rief er freudig laut,„nichts ſoll mich abhalten! da ſteht es ja:„lieber Hellmuth!“ und dort:„Ihre Freundin Suſette“.— Warum Sie mich ruft, ich weiß es nicht, allein ſie ruft mich, das iſt genug. Ich werde ſie ſehen, ſie wird es mir ſagen, und was es auch ſein möge— ja, was es auch ſein möge— es ſoll geſchehen!“ Er ging mit großen Schritten auf und ab, das Brief⸗ chen in ſeiner Hand, die Schriftzüge betrachtend. Sein bleiches Geſicht heftete ſich daran feſt, traurige Erinnerun⸗ gen überkamen ihn.„Heimlich muß ſie ſchreiben,“ ſagte r,„heimlich muß ich kommen, oder— was wird geſchehen, wenn die Tante mich ſieht? Hat ſie es erlaubt, weiß ſie davon? Ach, arme Freundin, arme Suſette!“ 14 „Arme Suſette!“ antwortete eine Stimme hinter ihm, und erſchrocken über dieſe Ueberraſchung, ſah er Seehauſen in ſeinem Zimmer ſtehen.„Ich bin's, Freundchen, ich bin's,“ fuhr der Hauptmann fort, habe Ihren Stoßſeufzer gehört, habe ſelbſt keine Ruhe mehr zu Haus gehabt, mußte ſehen, wie es Ihnen geht, ſehen, wie ich Sie tröſten kann.“ „Ich glaube wirklich, daß ich keinen Troſt nöthig habe, antwortete Hellmuth, indem er den Brief in ſeiner Taſche verbarg. „Nicht? Sie ſind ein Philoſoph, was man einen 160 Stoiker nennt, das heißt, ein Mann, der ſich nicht merken laſſen will, was in ſeinem Innern brennt, und allenfalls über die Flammen lacht. Aber, Doctor, der Teufel hole allen Stoicismus! alle Tugendſchwärmerei! Es iſt doch von jeher nichts Beſſeres geweſen, als Heuchlerkram.“ „Ich hoffe nicht, Herr von Seehauſen, daß Sie über mich Ihr Urtheil ausſprechen wollen,“ erwiderte Hellmuth. „Das will ich, ja, das will ich allerdings,“ fiel See⸗ hauſen ein.„Sie ſollen mich nicht davon abhalten, haben aber auch keinen Grund, es übel zu nehmen. Wenn Freunde nicht über uns urtheilen ſollen, wer ſoll es dann thun? Sie ſeufzen nach Suſetten, und Suſette ſeufzt nach Ihnen. Glauben Sie, daß Sie es aushalten werden?“ „Ich denke wohl,“ lächelte der Doctor. „So, Sie werden es alſo aushalten, aber wird es Suſette aushalten? Ich meine das Unglück, das ihr be⸗ vorſteht.“ „Welches Unglück meinen Sie?“ „Noch immer die Maske vor dem Geſicht!“ erwiderte Seehauſen.„Ich weiß nicht, ob Sie es Unglück nennen, wenn ein Mädchen gezwungen wird, einen Mann zu hei⸗ rathen, den ſie haßt, weil ſie einen Anderen liebt; ich weiß auch nicht, ob dieſer Andere es für Glück anſieht, eines unwürdigen Menſchen wegen grauſam, barbariſch, geradezu teufliſch behandelt zu werden.“ „Unwürdig, ſagen Sie?“ fragte Hellmuth betroffen, dem dieſes Wort allein bis ins Herz drang. „Ich ſage: unwürdig,“ fuhr Seehauſen fort,„und ich ſage es, weil ich es ſagen kann, denn ich kenne ihn genau. Aber es iſt mehr als unwürdig, niederträchtig iſt es, wenn man auf Speculation heirathet, aus Noth, um ſich vor dem Schuldgefängniß zu retten, und obenein nicht die geringſte Dankbarkeit beſitzt; nichts als Heuchelei, nichts als Gier nach dem Mammon— Falſchheit, pfui! keine Ehre vorhanden, kein Gewiſſen!“ Der Hauptmann murmelte dieſe letzten Ausſprüche langſam aus dem Kehlkopf, indem er grimmige Falten zog und den Doctor ſtarr anſah, der ohne Antwort ſeine Hände zufammen krampfte. „So iſt es,“ fuhr Seehauſen fort;„ich kann’s Suſetten nicht verdenken, wenn ſie verzweifelt, denn ſie weiß Alles, kennt Alles, weiß, was ſie zu erwarten hat.“ „Aber kann man nicht,“ rief der Doctor, indem er in ſeine Taſche faßte, wo Suſettens Brief ſtak, und dann ab⸗ brach,„die Tante...“ „Was? Die Tante? Nichts, gar nichts!“ ſagte See⸗ hauſen;„Alles vergebens, Alles verſucht, Doctor. Suſette, ich ſelbſt, aber nichts! Grobheiten, Gemeinheiten. Ver⸗ flucht! Sie kennen das. Kennen Sie es nicht? Oho, Doctor, ich denke, Sie kennen es.“ „Sie iſt ſtarrſinnig und heftig,“ antwortete Hellmuth. Mügge, Verloren und gefunden. II. 11 162 „Heftig? Ein Ungeheuer, ein Scheuſal, der Teufel ſelbſt! Ihre Eitelkeit ſchlachtet Suſetten. Das Kind ſieht elend aus, grämt ſich ab, fällt zuſammen, Alles nichts! Ich ſage Ihnen, Doctor, wenn ſie wüßte, daß Suſette mor⸗ gen ſterben müßte, heut noch ſchleppte ſie ſie an den Altar.“ „Was kann man thun? Was— was?“ fragte der Doctor in heftiger Aufregung. „Sie?“ antwortete Seehauſen, langſam den dicken Kopf ſchüttelnd. Sie können nichts thun. So wie Sie ſich blicken ließen, würde das alte Weib zur Furie. Keine Hülfe, Doctor, woher ſoll Hülfe kommen? Es wäre denn — ohol ein Mittel, das gäbe es freilich, ein Mittel, das uns Allen helfen würde. Er beugte ſich vornüber und grinſ'te den blaſſen, be⸗ trübten Mann an.„Sie verſtehen mich?“ „Was meinen Sie?“ erwiderte Hellmuth. „Sterben müßte ſie,“ murmelte Seehauſen aus dem Kehlkopf.„Plötzlich aus dieſer elenden Welt in die ewige Seligkeit verſetzt, damit ihre Tugenden belohnt werden. So wäre es gut.“ „Sie wird nicht ſobald ſterben,“ ſagte der Doctor,„denn ſie hat eine ſehr feſte Geſundheit.“ „Hat ſie,“ blitzte ihn Seehauſen an,„aber Schlag⸗ fluß, wie?“. Der Hoſpitalarzt ſchüttelte den Kopf. „Sie hat einen Hals wie ein Elephant,“ lachte See⸗ en auch Langhälſe an hauſen,„ Schlagflüſſen. ua Doctor?“ Hellmuth machte ein bejahendes Zeichen. „Alſo warum ſie nicht, fuhr Seehauſen fort,„warum kann ſie nicht auch an einem Schlagfluß plötzlich von uns genommen werden? Hätten Sie etwas dagegen, Doctor?“ „Ich könnte ſchwerlich viel dagegen haben,“ ſagte der Doctor, aber...“ „Ich auch nicht!“ rief Seehauſen.„Keiner in der ganzen Welt würde etwas dagegen haben, als mein liebens⸗ würdiger Vetter, dem die Fleiſchtöpfe Aegyptens unter der Naſe fortgenommen würden.“ Er lachte heiſer auf und ſah den Doctor an, der den Kopf auf ſeinen Arm ſtützte und ſeine blaſſen Lippen zu⸗ ſammenpreßte.„Es wäre eine Wohlthat, Doctor, für die ganze Welt eine Wohlthat, und Suſette wäre frei, ſie könnte ihren geliebten Freund nehmen; frei, Doctor! wenn dieſes elende alte Weib nicht wäre, die uns Alle mißhandelt.“ Der Doctor gab keine Antwort, Seehauſen betrachtete ihn mit ſeinen lauernden, funkelnden Augen. Langſam ſtreckte er ſeine Hand aus und legte ſie auf Hellmuth's Arm.„Doctor! habe ich Recht? Woran denken Sie? An den Schlagfluß? Es wäre eine Wonne, wie?“ „Laſſen wir das,“ ſagte Hellmuth,„wer kann ſagen.. 4* „Ich ſage es, ich!“ unterbrach ihn Seehauſen.— Er beugte ſich dicht an ihn und drückte ſeinen Arm feſter. 11* 164 „Ich ſage, es wäre ſehr traurig, wenn wir dieſe geliebte Tante heute noch verlören, dennoch würden wir uns tröſten müſſen. Hoho, Doctor, ich habe neulich einen Traum gehabt, einen merkwürdig ſonderbaren Traum, den ich Ihnen erzählen muß. Ich war bei Ihnen hier, wo ich jetzt bin, und ſaß auf dieſem Stuhle, wo ich jetzt ſitze. Mit dem Geſicht gegen das Wandſpind dort, aber vor dieſem Spinde ſtanden Sie und hielten in Ihrer Hand ein Fläſch⸗ chen mit einer Flüſſigkeit, die wie helles Waſſer ausſah und angenehm roch. Steht etwa in dieſem Spinde da ein ſolches Fläſchchen?“ „Es wäre wohl möglich,“ ſagte Hellmuth. „Ich konnte es denken, wahrhaftig, es muß dort ſtehen. Laſſen Sie mich koſten, Doctor,“ ſagte ich,„es muß ein gutes Tröpfchen ſein; aber Sie machten ein erſchrockenes Geſicht und ſagten: Bei Leibe nicht. Wenige Tropfen von dieſem Tranke reichen hin, das ſtärkſte Leben auf der Stelle zu tödten. Iſt das wahr, Doctor? Gibt' ſolche Tränkchen?“ „Es gibt Gifte, die faſt augenblicklich tödten,“ erwi— derte der Doctor. „Aber das Merkwürdige war dabei, daß Sie mir ſag⸗ ten: Es iſt kein Gift, es iſt ein Schlaftrunk. Man ſchläft danach ſo feſt ein, daß keine Macht der Welt uns wieder aufwecken kann, und doch wird der klügſte Chemiker keine 165 Spur finden, woher dieſer Schlaf kam. Iſt das auch wahr, Doctor?* „Ich habe bei meinen Unterſuchungen allerdings ein Präparat gefunden, das ſolche Wirkungen beſitzt und ſchwer im menſchlichen Körper aufzufinden iſt.“ „Haben Sie,“ murmelte Seehauſen,„haben Sie, Doctor? Wo haben Sie es?“ „In dem Schranke dort.“ „Zeigen Sie es mir.“ „Weshalb?“ „Weshalb?“ Seehauſen zogſeine breiten Lippen höhnend aus einander.„Ich möchte ein paar Tropfen von dieſer koſtbaren Eſſenz mitnehmen.“ „Sie— Sie wollen davon mitnehmen,“ flüſterte Hellmuth. Seehauſen nickte, ſeine kleinen Augen funkelten dämo⸗ niſch.„Ich habe zu Hauſe eine alte Katze,“ fuhr er dann heiſer lachend fort,„die nicht einſchlafen kann, an der will ich die gute Wirkung verſuchen.— Vorwärts, Doctor. keine Umſtände mehr!“ „Dazu ſind Sie entſchloſſen?“ fragte Hellmuth leiſe. „Sehen Sie ſich wohl vor!“ „Verdammt will ich ſein, wenn ich dabei zittere. Es iſt ein gutes Werk, Doctor; es iſt meine Sache. Her damit! das alte Thier muß ſchlafen gehen!“ Er zog den Arzt, der widerſtrebend folgte, an den 166 Schrank und forderte den Schlüſſel. Hellmuth hielt ihn zögernd in der Hand. Sein bleiches Geſicht ſchien noch ſpitziger zuſammenzuſinken, die Farbe grauer zu werden. Er warf einen langen, ernſten und angſtvollen Blick auf Seehauſen, der ſich luſtig ſchüttelte.„Ich darf es nicht thun,“ ſagte er,„und Sie... „Sie dürfen nicht? Was zum Teufel! warum dürfen Sie nicht?“ ſagte Seehauſen indem er ihn hohnvoll anblickte. „Eine alte Katze, weiter nichts! Geben Sie den Schlüſſel her, ich will mir ſelbſt nehmen, was ich brauche.— Den⸗ ken Sie derweil an Suſetten, Doktor, haben Sie nichts zu denken? Wie?“ „Sie haben Recht,“ erwiderte Hellmuth, ſeinen Kopf aufhebend,„ich muß an Suſetten denken.“ „Leben iſt die Hauptſache. Wir müſſen leben, alſo — heraus mit dem Wunderbalſam!“ Der Doctor ließ ſich nicht länger nöthigen, er ging jetzt mit der Gelaſſenheit und Ruhe zu Werke, welche ihm eigen war. Langſam, ohne ein Wort zu ſprechen, ſchloß er den Wandſchrank auf. In dem Schrank ſtanden eine große Zahl Flaſchen mit eingeſchliffenen Glasſtöpſeln. Vorſichtig nahm er mehrere heraus, um zu den hinten folgenden zu gelangen. Er wühlte in dem tiefſten Winkel umher und brachte endlich ein Fläſchchen zum Vorſchein, das eine waſſerhelle Flüſſigkeit enthielt. Es war nicht allein feſt verwahrt, ſondern überdies mit — 167 einer Lederkapſel überbunden, welche Hellmuth ſchweigend ablöſte und mit Behutſamkeit den Inhalt betrachtete. „Iſt es das rechte?“ flüſterte Seehauſen, begierig ſeine Hand ausſtreckend. „Seien Sie vorſichtig!“ warnte der Doctor.„Beugen Sie den Kopf zurück, wenn ich die Phiole öffne, Sie dürfen nichts davon einathmen, auch nichts an Ihre Finger kommen laſſen. Ich fülle Ihnen dieſes Gläschen.“ „Iſt es auch genug?“ „Genug für zehn— wie Sie ſind,“ erwiederte der Doctor mit unheimlichen Blicken. „So geben Sie her, das Ding iſt bequem, hat in der Weſtentaſche Platz. Gut, Doctor. Es leben die Schlag⸗ flüſſe! Aber noch Eins, wie wird es gebraucht? Muß es gegeben werden, wie es da iſt?“ „Wenige Tropfen, vier oder fünf, in ein Glas Waſſer.“ „Und einige mehr ſchaden nicht, wie?“ „Man ſchläft um ſo raſcher ein.“ „Gute Nacht denn!“ lachte Seehauſen heiſer auf,„aber nein! Guten Morgen, Doctor! heißt es bei uns; vergeſſen auf ewig ſoll alles ſein, was hinter dieſem Morgen liegt. Kein Wort mehr davon. Niemals eine Exinnerung. Eine verfluchte Erfindung, die Erinnerungen! Aber wie, he! Sie ſind überhaupt ein Mann von kurzen Gedanken. Da ſteht ihr Frühſtück noch unberührt.“ „Ich habe noch keine Zeit gehabt.“ 168 „So laſſen Sie es ſich jetzt um ſo beſſer ſchmecken!“ rief Seehauſen, ihm die Hand drückend, und kümmern Sie ſich um nichts weiter. Gehen Sie Ihren Geſchäften nach, ich auch. Auf Wiederſehen, Doctor! Wenn wir uns wiederſehen, werden Sie ein anderes Geſicht machen. Wie?“ „Ich hoffe, Sie ebenfalls,“ ſagte Hellmuth. „Ich? Wehmuth iſt in meinem Herzen, aber jedem geſchaffenen Weſen iſt ſein Ziel geſteckt— auch uns, Doctor, alſo...“ Er blieb mit dem grinſenden Lachen noch einen Augenblick ſtehen, dann nickte er noch einmal zu dem ſchweigenden Doctor hin, hob den Arm und den Zeigefinger drohend oder warnend auf und ging hinaus. Mit zufriedenen Mienen, den Hut in die Augen ge— drückt und ſein Geſicht in den Mantel halb verſteckt, ſchritt er die Straßen hinab.„Das ging ja beſſer, leichter als ich dachte,“ murmelte er ſpöttiſch lachend.„Was iſt die Tugend und die ſogenannte Rechtſchaffenheit der Menſchen! Man könnte koſtbare Monologe darücher halten! Thor⸗ heit, nichts als Thorheit! Selbſt dieſer Pinſel, der die Welt verachtet und ſeine erhabenen Götter anbetet, er er⸗ gibt ſich dem Teufel, wenn auch mit abgewandtem Geſicht und geſträubtem Haar, um ein Weib zu verdienen.“ „Ob er es verdienen wird— wir ſind noch nicht ſo weit,“ fügte er dann bedächtig hinzu.„Erſt mögen alle Minen ſpringen, ehe es dazu kommt. Jeder hole für ſich T n 169 ſelbſt die Kaſtanien aus dem Feuer, und ehe ich von dieſem koſtbaren Mittelchen Gebrauch mache, werde ich mich noch einige Male beſinnen, wie es der Pinſel mir an gerathen hat.“ Nach einigen Stunden öffnete der Hauptmann die Comptoirthüre Jakob Wolf's, und eben ſo wie an jenem Tage, wo er ihn zuerſt hier angetroffen, ſaß der alte Herr von Feldheim auf dem Lederſopha; auch ſtand der kleine Agent neben ihm. Es mußte zwiſchen Beiden ein vertrau liches Geſpräch Statt gefunden haben, denn Herr von Feldheim hielt Jakob Wolf's Hand in der ſeinen, und es war, als ob er ſich in großer Aufregung dabei befände. Er hörte auch nicht ſo gleich, daß die Thür geöffnet wurde, wenigſtens hörte er nicht auf, zu ſprechen.„Ich bin dazu entſchloſſen,“ ſagte er,„und wenn...4 „Da iſt er ja, der Herr Hauptmann,“ fiel Jakob Wolf ein,„und immer zur rechten Zeit; er wird uns am beſten auch diesmal benachrichtigen können.“ Seehauſen verbeugte ſich geſchmeidig.„Mit dem größten Vergnügen,“ ſagte er,„wo ich irgend dienen kann. Ich war zwei Male bei Ihnen, mein beſter Couſin, wurde aber nicht vorgelaſſen. Man berichtete mir, daß Sie un⸗ päßlich ſeien, keine Beſuche annehmen könnten.“ Das hohle Geſicht des alten Herrn wandte ſich lang⸗ ſam zu ihm hin, ohne Antwort zu geben. „Es handelt ſich darum, zu wiſſen,“ rief Jakob Wolf, 170 „ob die Verlobung des Herrn von Lorberg wirklich heut noch gefeiert wird.“ „Darüber wünſchen Sie Auskunft von mir,“ lächelte Seehauſen.„Eben deßwegen wollte ich meinen lieben Couſin beſuchen, denn dieſe Verlobung wird nicht Statt finden.“ „Wahrhaftigl ſie wird nicht Statt finden?“ ſchrie Wolf. „Sie wird doch Statt finden.“ „Nein, mein würdiger Freund,“ erwiderte Seehauſen. „Indeß wünſchte ich mit Ihnen zunächſt eine kleine Unter⸗ redung, mein beſter Couſin.“ „Was Sie mir zu ſagen haben, kann Herr Wolf auch hören,“ erwiderte Herr von Feldheim. „Kann er Alles hören?“ ſagte Seehauſen ſüß lächelnd.“ „Er kann Alles hören,“ antwortete der alte Herr. „Nun, warum nicht, Herr Wolf? So hören Sie.“ „Machen Sie Alles ab,“ ſagte der alte Herr, indem er aufſtand. „Warten Sie noch ein kleines Weilchen, theurer Couſin,“ fiel Seehauſen faſt bittend ein.„Ihre Gegen⸗ wart iſt durchaus nöthig. Ich habe alle Ihre Wünſche mit eigener Aufopferung erfüllt, ſehr viele Mühen, ſehr viele Koſten dabei gehabt, aber meine Anſtrengungen zu Ihren Dienſten haben ſich belohnt. Lorberg wird auf keinen Fall erreichen, was er erreichen möchte. Er wird ut dann gern annehmen, was Sie ihm bieten, und alle Ihre Wünſche werden ſich leicht und ſchnell erfüllen. Geben Sie mir nur jetzt die beiden Schuldſcheine über die be⸗ wußten ſiebentauſend Thaler, welche noch in Ihren Händen ſind, Herr Wolf.“ „Die Schuldſcheine ſind gedeckt und bezahlt,“ ſagte Jakob Wolf.„Baar bezahlt, ſo wahr Gott lebt! Sie kommen zu ſpät.“ „O!“ ſagte Seehauſen,„das iſt freilich etwas Anderes, aber ich komme doch nicht zu ſpät, mein würdiger Freund. Sie erinnern ſich unſerer Abrede, mein beſter Couſin, und da ich gerade heut Geld nöthig habe...“ „Ich habe kein Geld!“ fiel Herr von Feldheim ein. „Schwere Zeiten, mein beſter Couſin, ſehr ſchwere Zeiten!“ lächelte Seehauſen.„Es thut mir leid, ſo dring⸗ lich zu ſein, aber mein Wort darauf, daß dieſe Verlobung nicht Statt finden wird.“ „Mag Lorberg thun, was er will,“ ſagte der alte Herr. „Sch hindere ihn nicht daran.“ „Meinen Sie wirklich?“ lächelte Seehauſen, ich denke er wird thun, was Sie wollen.“ „Das denke ich auch! das denke ich auch!“ ſchrie Jakob Wolf, heftig mit dem ſchwarzen Haarbuſch wackelnd. „Ich bitte Sie daher, mir die Kleinigkeit zu unter⸗ zeichnen, die ich bei Ihnen ſtehen habe.“ . 172 „Ich unterzeichne nichts!“ ſagte der alte Herr. „Gewiß werden Sie ſo gefällig ſein, theurer Couſin,“ ſchmeichelte Seehauſen.„Es würde mich ſehr ſchmerzlich berühren, wenn ich gezwungen wäre— Sie werden das nicht wollen.“ Herr von Feldheim richtete ſich ſo gerade auf, als es ihm möglich war, ſetzte ſeinen Hut auf und blickte ihn kalt an.„Mein Herr,“ ſagte er verächtlich,„thun Sie, was Sie wollen, Ihre Drohungen ſind mir gleichgültig. Doch will ich Sie warnen. Hüten Sie ſich, mich ferner zu be⸗ läſtigen.“ Mit ſteifen Schritten ging er hinaus, Jakob Wolf ſprang ihm nach und öffnete die Thür; Seehauſen blieb mit verſchränkten Armen und rothem Geſicht, häßlich lachend, ſtehen.“ Als Jakob Wolf zurückkam, verſchränkte er ebenfalls ſeine Arme und ſtellte ſich dem Hauptmann gegenüber. „Es iſt eine ſchwere Zeit!“ rief er den Kopf hintenüber⸗ werfend.„Sie haben Recht! Kein Geld, kein Vertrauen, kein Credit mehr. Der Reichenbach iſt gefallen, es ſoll mehr als eine Millionen betragen und von Activen ſo gut wie nichts!“ „Er iſt verrückt!“ ſagte Seehauſen.„Was iſt mit ihm vorgegangen?“ „Wer iſt verrückt?“ ſn Dieſer Feldheim, den ich vernichten kann.“ „So vernichten Sie ihn,“ antwortete Jakob Wolf, ver⸗ gnüglich ſeine 3 reibend. „Wiſſen Sie Alles, Wolf?“ fragte der Hauptmann. „Ich weiß aichis ich will nichts wiſſen! Ich weiß nur, daß Sie von ihm nicht einen Groſchen bekommen. So gibt es einen Anderen, der beſſer bezahlt,“ lachte Seehauſen ingrimmig.„Ein Wort von mir, und Lor⸗ berg...“ Er ballte die Fauſt. „Was iſt mit dem Lorberg? Was ſoll der Lorberg? Seehauſen lachte noch lauter und Pohipoller.„War⸗ ten Sie, würdiger Freund, warten Sie,“ ſagte er, es iſt eben noch Zeit dazu, meinem lieben Vetter die Verlobungs-⸗ lichter anzuſtecken.“ „Dann müſſen Sie eilen, beſter Herr von Seehauſen, denn wir haben kurze Tage.“ „Glauben Sie,“ ſagte Seehauſen ernſthafter, indem er ſtehen blieb,„daß dieſer undankbare Feldheim wirklich keinen guten Rath annimmt?“ „Wie heißt guter Rath?“ rief der A lgent.„Ich will Ihnen geben einen ute Rath. Der Lorberg mag nehmen, wen er will, er ſegnet ihn. Alſo ſehen ſie zu, was anderweitig mit dem Geſchäft zu machen iſt.“ „Weiter haben Sie mir nichts zu geben?“ ſpottete Seehauſen. — —— — — — 174 1 „Meinen Segen ſollen Sie auch haben!“ ſchrie ihm Jakob Wolf nach.„Meinen Segen zu Ihrem Werke, denn ich hoffe aufrichtig, daß es ſoll gelingen.— Aber der eiſerne Geldſchrank wird doch leer bleiben dabei!“ ſchrie er noch lauter, denn Seehauſen warf die Thür hinter ſich zu. Zwanzigſtes Kapitel. Richard von Lorberg hatte eine große Zahl Briefe geſchrieben, die ihn lange beſchäftigten, und eben ſetzte er ſeinen Namen unter den letzten, als Seehauſen dem Diener auf dem Fuße nachfolgte, der ihn ſeinem Herrn anmeldete. Der Hauptmann hatte dadurch glücklich vermieden, was er voraus ſetzte, nämlich, daß er abgewieſen würde, und ſeines Vetters Geſicht ſah auch in Wahrheit nicht ſo aus, als ob er ihn willkommen heißen ſollte. Ein Augen⸗ blick reichte jedoch hin, um dieſen Ausdruck zu verwiſchen und mit Freundlichkeit Seehauſen's Grüße zu erwiedern. Er warf die Feder fort, ging ihm lebhaft entgegen und drückte ſeine Freude über den unerwarteten Beſuch aus. „Ich will nicht ſtören, Vetterchen, auch nicht lange auf⸗ halten,“ ſagte Seehauſen,„nur den glücklichen Bräutigam ſehen und Bericht erſtatten. Sie ſehen gut aus, Richard, beſſer als ſeit langer Zeit.“ 176 „Weil mein Glück mir aus dem Herzen bis in die Augen geſtiegen iſt,“ erwiderte Lorberg. „Iſt's wahr?“ fragte Seehauſen, ihn anblinzelnd. „Alle Wünſche erfüllt, ganz glücklich?“ „Ich wüßte nicht, was ich mir noch wünſchen ſollte.“ Seehauſen verbarg ſeinen Ingrimm unter einem fal— ſchen Grinſen, indem er zutraulich nickte und ſeine Blicke auf ein paar Reiſekoffer richtete, die in einer Ecke ſtanden. „Ich habe es immer geſagt!“ rief er, zärtlich ſeine Arme ausbreitend,„Sie werden glücklich ſein, Vetterchen, wir haben wacker dafür gearbeitet. Aber was wollen Sie mit den Koffern da? Eine Reiſe machen?“ „Ich denke eine Reiſe zu machen.“ „Heute noch?“ „Damit hat es Zeit.“ „Allein doch nicht?“ „Niemals mehr allein, meine Braut wird mich be⸗ gleiten.“ „Oho!“ lachte Seehauſen,„der Herr Baron ſingt jetzt wie Don Juan: Komm in mein Schloß mit mir „So will ich wirklich ſingen,“ erwiderte Richard, fröh⸗ lich lachend,„und zwar heute noch.“ „Es wird der hübſchen Braut ſchon gefallen,“ ſagte Seehauſen;„über ein Schloß hat ſchon manches Mädchen allen Gram vergeſſen und den Bräutigam dazu.“ 174 agle chen „Mich wird ſie nie vergeſſen! Sie liebt mich, See— hauſen.“ „Wahrhaftig?“ „Sie hat es mir ſelbſt geſagt.“ „Wann hat ſie es geſagt?“ „Geſtern Abend.“ „Alſo eine zärtliche Stunde.“ „Eine ſelige, himmliſche Stunde!“ „Und Sie, Vetterchen? ich kann's mir denken.“ „Sie können es Sich nicht denken, Seehauſen.“ „Verliebt!“ rief Seehauſen,„wie ein Jüngling von achtzehn Jahren.“ „Ich bete ſie an, ich könnte nicht ohne ſie leben!“ „Oho!“ lachte Seehauſen, und das grinſende Lachen blieb in ſeinem Geſichte ſtehen,„ſollte man es glauben!“ „Sie wollen doch nicht daran zweifeln?“ „Nein, aber verſtehen kann ich nichts. Nur ein Be⸗ denken iſt noch zu berückſichtigen.“ „Heraus mit Ihrem Bedenken!“ „Bah, es iſt nichts, aber dennoch— warum ſoll ich es Ihnen nicht ſagen? Weiber ſind anmaßend, wenn ſie wiſ⸗ ſen, ihnen gehört Alles, von ihnen kommt Alles.“ „Meine Frau wird niemals auf ihr Geld anmaßend ſein.“ „Aber die verehrte Tante, haben Sie auch an die ge⸗ dacht?“ Mügge, Verloren und gefunden. II. 12 „Wie könnte ich ſie vergeſſen!“ „Sie wird ihnen einen Riegel vorſchieben, mein luſti— ges Vetterchen, der Ihnen noch manchmal Kopfſchmerzen machen wird.“ „Es würden die erſten Kopfſchmerzen ſein, von denen ich heimgeſucht würde.“ „Unmündig wie ein Kind werden Sie ſein,“ lächelte Seehauſen.„Nichts ohne ihren Willen, keinen Groſchen. So ſteht's!“ „Wirklich, ſteht es ſo? nun, ſo kann ich um ſo ruhiger ſein.“ „Es iſt bodenlos! es iſt grenzenlos!“ rief Seehauſen, „Jakob Wolf hat Recht.“ „Worin hat er Recht?“ Seehauſen antwortete nicht. Er legte ſeine Hand auf ſei⸗ nes Vetters Schulter und ſah ſehr ernſthaft aus.„Hören Sie mich an, Richard,“ ſagte er,„ich bin zu Ihnen gekom⸗ men, um in der letzten Stunde noch Ihnen eine Mit⸗ theilung von größter Wichtigkeit zu machen.“ „Ich bin ſehr begierig darauf,“ antwortete Lorberg; „fangen Sie an, aber es muß nicht lange dauern.“ „Was ich Ihnen ſagen werde, iſt ſo gewiß wahr, wie der Himmel über uns iſt.“ „Laſſen Sie den Himmel aus dem Spiel,“ fiel Richard ein,„ſonſt glaube ich es am allerwenigſten.“ „Sie werden mir glauben müſſen,“ ſagte Seehauſen —— 179 mit Nachdruck, denn es giebt keinen zweiten Menſchen auf Erden, der es Ihnen entdecken könnte.“ „Es iſt alſo ein Geheimniß?“ „Ein für Sie höchſt wichtiges Geheimniß.“. „Und Sie wiſſen es ganz allein? Wolf weiß es nicht?“ „Nein,“ ſagte Seehauſen,„es weiß es Niemand. Ich wiederhole Ihnen nochmals, mit dieſem Geheimniß ändert ſich Ihre ganze Lage; wenn Sie wollen, können Sie alle Riegel der geliebten Tante verlachen. Sind Sie feſt ent⸗ ſchloſſen, zu thun, was Sie beabſichtigen?“ „Feſt entſchloſſen.“ „Sich heut noch zu verloben?“ „Nichts ſoll mich davon abhalten.“ „Gut, mögen Sie es thun. Ich will mich freuen, auf⸗ richtig freuen. Aber Sie ſollen unabhängig daſtehen, Richard, Sie ſollen nicht vor dem alten Weibe kriechen. Ich verſchaffe Ihnen Ihr Vermögen; Ihr rechtmäßiges Vermögen. Auf meine Ehre, es iſt ſo! ſehen Sie mich an, wie Sie wollen, es iſt ſo!“ Das ungläubige Lachen ſtarb auf Lorberg's Lippen. Seehauſen nickte ihm feierlich zu und ſagte dann zärtlich: „Ja, mein theuerſter Richard, Sie werden finden, daß ſich Alles ſo verhält, wie ich es ſage; ich habe die ſicherſten, untrüglichſten Beweiſe, daß Sie nichtswürdig betrogen wurden.“ „Betrogen, von wem? Wodurch? Was haben Sie für Beweiſe?!“ „Warten Sie einige Minuten,“ ſagte Seehauſen,„blei⸗ ben wir ruhig bei der Sache, beſter Richard. Wir ſtehen hier wiederum an der Schwelle eines Geſchäftes.“ „Sie wollen mir Ihr Geheimniß alſo verkaufen?“ „Verkaufen! Gott bewahre mich! meine Freundſchaft verkauft nichts, aber es hat mir viele Mühe gemacht, bis in die Schlupfwinkel dieſes Betruges zu dringen, und ſomit iſt es billig, daß wir einen Vergleich abſchließen. Ich mache kein Hehl daraus, Sie müſſen mir Sicherheit geben (er rieb gemüthlich ſeine Hände), es ſind Zeiten danach, Vetterchen, alſo verſtändigen wir uns.“ „Ueber Etwas, das wie eine Schurkerei ausſieht,“ ſagte Lorberg. „Schurkerei! oho, allerdings eine ſchmähliche Schur⸗ ; ℳ kerei „Wer beging ſie? Reden Sie, wenn Sie es ehrlich meinen.“ „Ich werde reden, Sie werden Alles erfahren,“ er⸗ widerte Seehauſen,„allein zunächſt, wie geſagt, verſtän⸗ digen wir uns.“ Ein Gedanke flog durch Richard's Kopf.„Es iſt doch auf jeden Fall von Feldheim die Rede?“ Seehauſen verdrehte traurig ſeine Augen.„Es iſt l ſchmerzlich, beklagenswerth, aber wahr,“ ſeufzte er. 181 „Und haben Sie denn erſt jetzt erfahren, wie ich be— leden wurde, oder wiſſen Sie es ſchon länger?“ Deis Frage ſchien dem Hauptmann unbequem zu kom⸗ men. Er lächelte wehmüthig und zuckte die Achſeln.„Ich wußte wohl Einiges, allein ich mußte abwarten, aus⸗ ſuhee Zis ſich nichts mehr aus ihn heraus preſſen ließ. Nicht wahr, mein lieber Seehauſen?“ „Wie ſo, Richard? Oho, Spaß!“ grinſte Seehauſen, indem er verſuchte, den rechten Ton zu finden.„Es iſt ein abgehärteter Schelm.“ „Wie! Sie beſchimpfen ihn, den Sie vor wenigen Tagen noch einen gutmüthigen, vortrefflichen alten Bur⸗ ſchen nannten? Ein ander Mal mehr, ich habe noch man⸗ cherlei zu thun.“ Seehauſen ſaß nachdenklich ſtill. Lorberg trat an ſei⸗ en Schreibtiſch, er ſchloß ihn zu. Die Blicke des Haupt⸗ manns begleiteten ihn. Plötzlich ſtand er auf und faßte Richard's Arm.„Ein Wort noch,“ ſagte er,„wollen Sie mir eine angemeſſene billige Sicherheit geben?“ „Nichts will ich geben.“ „Nichts? Beſinnen Sie ſich wohl. Ich liefere den alten Betrüger dafür in Ihre Hand, und wir feiern zu⸗ ſammen heut Abend eine fröhliche Verlobung.“ „Dieſe werde ich ohne dies feiern, was aber das Andere betrifft, ſo...“ 182 „Nun, ſo?“ fragte Seehauſen, als er ſchwieg. „So halte ich Sie ſelbſt für den ärgſten, abgehärteſten Schelm,“ fuhr Lorberg in heiterſter Tonart fort. „So,“ ſagte Seehauſen, ohne eine Miene zu erzieen, „das thut mir in der Seele weh; aber ich verzeihe Ihnen.“ „Sie ſind immer nachſichtig, immer gutmüthig!“ rief Lorberg mit unverhüllter Verachtung. Seehauſen ſtand überlegend, ohne ſeine wohlwollenden Mienen zu verändern.„Sie ſollen ſehen, daß ich groß⸗ müthig bin,“ ſagte er, bedächtig lächelnd,„daß meine Freundſchaft für Sie alle Rückſichten überwiegt. Wenn nun— ich ſetze den Fall— Feldheim keinen Sohn hätte? Wenn, den er dafür ausgibt, ein Mädchen wäre? Wenn das bewieſen würde, wenn die ganze Erbſchaft Ihnen ge⸗ hörte? Wäre ich dann noch...“ Er endete nicht, denn er erſchrak vor dem Ausſehen ſeines Vetters. Todtenbleich öffnete dieſer den Mund, als wollte er einen Schrei ausſtoßen, aber es kam kein Laut hervor. „Faſſen Sie ſich, Richard,“ ſagte Seehauſen.„Es iſt wahr!“ „Es iſt nicht wahr! Es iſt eine Lüge!“ „Es iſt wahr und gewiß.“ „Nein! aber wäre es ſo— ich will nicht!“ rief Lorberg mit funkelnden Augen,„nichts ſoll mich hindern, meine Vorſätze auszuführen.“ s iſt berg jeine „Bleiben Sie dabei, es macht Ihnen Ehre!“ antwortete Seehauſen würdevoll nickend.„Allein wie nun, th heuerſter Richard, was iſt mein Geheimniß werth?“ „Nichts,“ ſagte Lorberg, finſter vor ſich hinſtarrend. „Es hat gar keinen Werth für mich.“ „Es hat keinen Werth für Sie?“ „Nein. Verlaſſen Sie mich.“ „Und das ſoll mein Dank ſein?“ fragte Seehauſen mit ſteigender Wuth, da er ſich getäuſcht ſah.„Oho, wir ſind noch nicht zu Ende, Vetterchen! Alles oder nichts! Neh⸗ men Sie ſich in Acht! Es könnte leicht ſein, daß Sie nichts bekämen. Gar nichts!“ „Elender!“ rief Richard von Lorberg, indem er ihn mit furchtbaren Blicken anſah, dann ſich umwandte und das Zimmer verließ. Seehauſen legte den Knopf ſeines Stöckchens an ſeine dicken Lippen und blickte ihm nach. Ein paar Minuten vergingen, bis ſein Geſicht ſich erheiterte.„Elender?“ ſagte er,„das fordert Genugthuung. Ich will ſie mir verſchaffen.“— Er ſchwieg und horchte, aber er hörte nichts und wagte nicht, Richard zu folgen.„Welcher Wahnſinn iſt denn auch über dieſen Narren gekommen?“ murmelte er ingrimmig,„aber wart, wart!“ Mit einer zuckenden Bewegung griff er nach ſeiner Weſtentaſche und ſetzte mit tonloſem Geflüſter hinzu:„Du ſollſt ſo elend werden, wie Du es verdienſt!“ 184 Während deſſen hatte ſich Lorberg aus ſeiner Wohnung entfernt. Er ſuchte den Agenten Jakob Wolf auf; ſchon ehe Seehauſen zu ihm kam, war dies ſeine Abſicht geweſen, jetzt kamen neue Gründe dazu. Was er erfahren, war ſo überraſchend und erdrückend, ſo unglaublich und ſo über⸗ wältigend, daß überlegende Verſtändigung unmöglich ſchien. Nur Eines wankte in Richard von Lorberg nicht, und dieſe Entſchloſſenheit begleitete ihn, als er bei ſeinem ſpecula⸗ tiven Freunde eintrat, den er wie immer arbeitend antraf. „Warten Sie einen Augenblick,“ ſagte Jakob Wolf. „Es war eine ſchreckliche Börſe heut. Alles Vertrauen fort. Der Boden zittert unter den beſten Leuten.“ „Er zittert auch unter mir,“ erwiderte Richard. „Wie ſo, zittern du rief Jakob Wolf.„Vor Freude über das Glück, über die Verlobung. Aber was machen Sie für ein Geſicht? Wie ſehen Sie aus? Wie ein Sturmwind!“ „Der Sturm iſt da,“ ſagte Lorberg,„und ich fürchte, mein alter Freund, er wird mich fortwehen.“ „Wohin? In die Arme der hübſchen Braut!“ lachte Jakob Wolf.„Was wollen Sie? Wollen Sie Geld?“ „Kein Geld.“ „Gott ſei Dank!“ rief der grobe Wolf.„Sie ſteigen in meiner Achtung.“ „Wenn ich wirklich darin ſteige, Wolf, wenn Sie trotz Ihrer rauhen Weiſe mein Freund ſind...“ 185 „Habe ich es nicht bewieſen?“ ſchrie Jakob Wolf da⸗ zwiſchen. „Dann ſagen Sie mir aufrichtig die Wahrheit. Wollen Sie es?“ „Es iſt eine eigene Sache mit der Aufrichtigkeit,“ ſchmunzelte der klſeine Mann.„Doch ich will's thun.“ „Iſt es wahr, daß Feldheim, daß ſein Sohn, dieſer Knabe“— er deutete auf den Stuhl, wo Hermann von Feldheim einſt geſeſſen,—„daß es Lug und Trug iſt— daß— mit Einem Worte— daß er eine Tochter hat? Wiſſen Sie etwas davon?“ „Ich hab's geſagt, ich will aufrichtig ſein,“ erwiderte Wolf.„Ja, ich weiß davon.“ „Es iſt wahr?!“ „Ja, es iſt wahr.“ „Dann bin ich— dann hat Feldheim eine Nichts⸗ würdigkeit begangen!“ rief Richard von Lorberg mit großer Heftigkeit. „Gott helf' fiel Jakob Wolf ein.„Kommen Sie an die Börſe, ſo uns! was machen Sie für ein Geſchrei!“ werden Sie ſehen, wie da alle Tage die Leute ſich mit aller Liſt und Klugheit das Geld abnehmen.“ „Ein Verbrechen, einen Betrug hat er gegen mich be— gangen!“ „Wie ſo?“ fragte Jakob Wolf, den Haarbuſch ſchüt⸗ telnd.„Er hat Sie gar nicht betrogen, höchſtens hat er A ſich ſelbſt betrogen. Noch lebt er, noch haben Sie nichts von ihm zu fordern. Er iſt der Erbe geweſen und iſt es bis an ſein Ende.“ „Und Sie wußten das und ſchwiegen gegen mich?“ ſagte Lorberg vorwurfsvoll. „Ich ſehe nicht ein, was ich mich ſoll einlaſſen mit an⸗ derer Leute Sünden!“ ſchrie Wolf.„Im Uebrigen wußte ich es nicht, wenn ich auch einige Gedanken hatte. Erſt heute habe ich Alles erfahren, und ich ſage Ihnen, Herr Baron, Sie können Alles bekommen von ihm— Alles!“ „Der hochmüthige Mann!“ antwortete Richard,„und ein Gefühl der Genugthuung bedeckte ſein Geſicht.„Er, der mich vernichten wollte, der meinem Vater ſo viel Leid zufügte, er iſt jetzt in meiner Hand!“ D Der „Der „Was rühmen Sie ſich damit?“ ſagte Wolf. Herr Vater trug auch ſeine Schuld dabei. Wie der erſte Sohn ſtarb, lachte und ſpottete er grauſam darüber, bis die Feindſchaft in helle Flammen aufſchlug und die Herzen verkohlte.“ „O, ich begreife es,“ fiel Richard ein,„wie er gepeinigt war, als ihm dieſer— wie ſoll ich ihn nennen?— dieſes Kind geboren wurde, das alle ſeine Hoffnungen und Wünſche zu Schanden machte. Jetzt will ich ihr den Rock ausziehen, den ſie ſich angemaßt hat!“ „Und ich will Ihnen ſagen,“ ſchrie Jakob Wolf, gewal⸗ tig mit dem Harbuſch nickend,„daß man Ihnen längſt den 187 Rock ausgezogen hätte, Herr Baron, wenn dieſes vortreff⸗ liche Kind nicht geweſen wäre. Sehen Sie mich nicht ſo an,“ fuhr er fort,„als wollten Sie mich verſchlingen, ich fürchte mich nicht. Was ihre Mutter ihr hinterlaſſen hatte, hat ſie hergegeben für Sie. Von wem denken Sie, daß gekommen ſind die fünftauſend Thaler, die ich Ihnen geben mußte? Wer hat bezahlt die dreitauſend und die viertauſend für Ihre Obligationen, die ich einlöſen mußte? Wer hat dem alten Herrn von Feldheim erklärt, daß ſie hinwerfen würde Alles, was ihr nicht zukäme, ſobald ſeine Augen ſich geſchloſſen hätten? Wer hat ihn dazu beſtimmt mit Bitten und mit Thränen und mit Ernſt und großem Edelmuth, daß er heute gekommen iſt zu mir und hat zu mir geſagt: Ich kann nicht länger widerſtehen, Wolf, ich muß thun, was ſie von mir verlangt! Sprechen Sie mit ihm, ſagen Sie ihm Alles, verſchweigen Sie ihm nichts. Er ſoll haben, was ſein iſt. Ich will ihm Alles vergüten, was ich an ihm gethan habe.— Sprechen Sie mit Achtung von dieſer Tochter, und es iſt meine Ueberzeugung, bei Gott! es iſt meine Ueberzeugung, Sie werden auf Ihre Kniee fallen vor ihm und ihr aus Freude und Entzücken, daß ſie iſt eine Tochter und kein Sohn!“ Richard unterbrach ihn nicht; ſelbſtals Jakob Wolf endete, ſein wieherndes Gelächter anſtimmte und die gro— ßen Augen ſo weit vorquellen ließ, wie es ihm möglich war, ſtand er noch immer bewegungslos. In ihm arbeiteten 188 alle guten und milden Geiſter, die in einer Menſchenbruſt wohnen.“ „Iſt das Alles wahr?“ fragte er endlich mit ſanfter, feſter Stimme. „Nicht ein Wort, nicht eine Sylbe iſt falſch!“ ſchrie Wolf, indem er ſeine Hand mit der Papierſcheere aufhob. „So leben Sie wohl.“ „Wohin?“ ſchrie Jakob Wolf.„Wohin?“ „Zu ihm,“ ſagte Lorberg, indem er ſich entfernte. Jakob Wolf blieb hinter ſeinem Zahltiſch ſtehen, es war eine große Freude in ihm. Er warf die dicken Lippen auf, handirte mit beiden Händen durch den Haarbuſch, hüſtelte rechts und links durch die Luft und brach darauf in ein langes, unſtillbares Gelächter aus, das er plötzlich damit beendete, daß er mit den Füßen ſtampfte und beide Hände in ſeine Taſchen ſteckte.—„Ich weiß nicht, was das ſein ſoll!“ ſchrie er,„ich weiß nicht, wie ich mir vor⸗ komme. Was ſoll heißen das Spectakel, verdiene ich ein Procent dabei? Iſt's ein Geſchäft bei dieſer ſchlechten Zeit, wo Jeder ſoll zuſehen, daß er nicht pleite geht? Er ſoll nicht pleite gehen, er wird nicht pleite gehen, aber ich, wo bleibe ich? Ich möchte ihm nachlaufen, ich möchte dabei ſtehen, ich möchte ihn, bei Gott! an meine Bruſt drücken, es iſt mir ſo, als könnte ich meine Briefe nicht ſchreiben. Aber es iſt Alles Narrheit, alter Wolf, du biſt ein Narr geworden. Was geht's dich an, dich geht's nichts an!“ — 189 Lorberg eilte inzwiſchen durch die Straßen fort, welche im kalten Abendlichte dunkelten, doch in ihm war es licht und warm. Stolze und freudige Gedanken ſtrömten durch ſeinen Kopf, ſein Herz klopfte froher und lauter, je näher er ſeinem Ziele kam. Endlich trat er in das alte Haus ein, deſſen Thor weit offen ſtand, als ſei es für ihn ge— öffnet. Es hielt ihn Niemand auf, Niemand kam ihm ent⸗ gegen, als er die Stufen hinauf in den Corridor trat und das große Eingangszimmer öffnete. Wohlbekannt war er hier; alte Erinnerungen kamen ihm entgegen und ſchritten vor ihm her. Er ging durch den Saal unangefochten, dann zur Linken nach den Gemächern, welche Feldheim immer bewohnt hatte, ſie waren dunkel und ſtill; doch jetzt — er zog eine angelehnte Thür zurück— dort ſaß er vor ihm, den er ſuchte. Er ſaß an dem Kamin, deſſen glimmende Kohlen und Flammen ihr rothes Licht auf ihn warfen. Das hohle, ernſte Geſicht ſchaute in die Gluth, deren Schimmer durch das weite Gemach flackerte und von dunklem Schatten umſchloſſen war. Das Licht ſammelte ſich auf dem greiſen Manne, der ſeine Hände gefaltet hielt und leiſe ſeinen Kopf bewegend nach der Thür blickte. „Wer iſt da?“ fragte er. „Ich bin es,“ erwiderte Richard, ſich nähernd. Der alte Herr erſchrak nicht. Er hob das hohle Ge— ſicht auf und ſtreckte ſeine Hand aus.„Seien Sie mir ———ÿ willkommen, Herr von Lorberg,“ ſagte er, ſich neigend. „Ich habe Sie erwartet. Setzen Sie ſich zu mir.“ „Ich werde kurz ſein,“ erwiderte Richard,„ſo kurz als möglich. Zunächſt erlauben Sie mir, zu verſichern, daß ich nicht komme, um Ihren Frieden zu ſtören.“ „Laſſen Sie mich hoffen,“ antwortete der alte Herr, „daß Sie mir Frieden bringen.“ „Ich bin nicht Willens, Dinge zu berühren, welche auf immer abgethan ſind,“ ſagte Richard von Lorberg.„Ich komme allein, um eine Frage an Sie zu thuu.— Man hat mir geſagt, daß Sie Weißenſtein kaufen wollen?“ „Wollen Sie es denn verkaufen?“ fragte Herr von Feldheim. „Ja.“ „Auch jetzt noch verkaufen?“ „Ja.“ „In welcher Abſicht.“ „Ich will das Land verlaſſen.“ „Das Land verlaſſen? Haben Sie mit Wolf ge⸗ ſprochen?“ „Ja, Herr von Feldheim.“ „Und er, hat er Ihnen keine Mittheilung gemacht?“ „Er hat mir Mittheilungen gemacht,“ erwiderte Richard,„allein... Laſſen Sie uns ſchweigen,“ fuhr er fort,„meine Entſchlüſſe ſtehen feſt. Ich trete Ihnen alle Anſprüche ab, welche ich vielleicht erheben könnte. Nehmen en. — 191 Sie mein verſchuldetes Erbgut, erfüllen Sie dagegen das Anerbieten, das Sie mir machen ließen, und laſſen Sie uns in Frieden ſcheiden. „Und das iſt Ihr wohlbedachter Wille?“ „Ich werde ihn niemals ändern.“ „Aber, mein lieber Herr, mein lieber Richard,“ ſagte der alte Mann mit zitternder Stimme,„ich muß Sie ſo nennen. Ich habe Sie als Knabe oft ſo genannt und habe Sie lieb gehabt, ja, wahr und wahrhaftig lieb gehabt, ehe — ehe es anders mit uns wurde. Glauben Sie mir— glauben Sie mir— auch ich bin nicht glücklich geweſen und denke wohl, Sie können mir verzeihen, wenn ich Sie bitte, herzlich bitte!“ Er ſchloß Richard's Hand in ſeinen Händen feſt und ſah ihn flehend an. Die hinfällige Geſtalt, das ſpärliche graue Haar und das müde, hohle Geſicht, vom Schein des Feuers überſpielt, vermehrten die Rührung, welche der junge Maun empfand. „Ich habe nicht zu richten,“ ſagte er,„auch habe ich ſelbſt Vergebung nöthig. Ich werde weit fortgehen, Sie werden nichts mehr von mir vernehmen.“ D — alte Herr.„Sie ſollen bei mir bleiben. Ich will Alles as ſollen Sie nicht, es ſoll nicht geſchehen!“ rief der gut machen. Ich kann es, mein lieber Richard. Denn ich habe ja eine Tochter, und Sie...“ „Ich, Herr von Feldheim,“ fiel Lorberg ein,„ich 192 wünſche allen Segen auf das Haupt Ihrer Tochter. Sie muß ein edles, ſchönes Herz beſitzen.“ „Der Troſt meiner alten Tage! das einzige Glück, das mir geblieben!“ ſagte der alte Herr, ſeine Hände aufhebend. „Auch an ihr habe ich gut zu machen, was ich verſchuldet. O, wüßten Sie, was ſie gelitten hat und ich— auch ich! Von mir ging das nicht aus, was geſchah, es war ihrer Mutter Werk. Ihr war der Gedanke unerträglich, Ihrem Vater dieſen Triumpf zu laſſen. Sie haßte ihn, er hatte viele ſchwere Kränkungen ſich über uns erlaubt, die ſie nicht vergeben konnte. Es mußte ein Knabe ſein— die Täuſchung wurde ausgeführt, und als ſie geſchehen war, ließ ſich nichts mehr ändern. Wer konnte in die Zukunft blicken, was konnte nicht Alles geſchehen?! Aber es ge ſchah nichts. Mit welcher Noth, mit welchen Sorgen mußte das Geheimniß bewahrt werden und ſie ſelbſt— mein armes Kind! Bleiben Sie bei uns, mein lieber Richard. Bleiben Sie, damit ich zwei Kinder habe!“ „Es kann nicht ſein,“ flüſterte Lorberg bewegt, und entſchloſſen fügte er hinzu:„Laſſen Sie uns dieſe Unter⸗ redung raſch beenden. Erfüllen Sie mein Verlangen, mehr begehre ich nicht. Ich werde nicht allein gehen, Herr von Feldheim, ſondern— ich bin verbunden, innig verbun⸗ den mit einem Herzen, das mich nicht verlaſſen wird, das ich um keinen Preis der Welt aufgeben kann, das mich erwartet!“ „Es wartet hier!“ antwortete eine ſanfte, tiefklingende Stimme hinter ihm, und wie vom Blitz getroffen ſprang er auf. Vom Feuerſcheine überſtrahlt, ſtand Chriſtine in dem ſchwarzen Kleide wenige Schritte hinter ihm auf dem wei⸗ chen Teppich. „Heiliger Gott! Chriſtine!“ rief er ahnungsvoll und bangend. „Ich bin es,“ ſagte ſie,„und die Stunde iſt da. Dort ſitzt mein Vater, ich bin ſeine Tochter. Wählen Sie, Richard, lieben Sie mich noch?“ „Ewigl! ewig!“ rief er, auf ſeine Kniee ſinkend und ihre Hände faſſend.„Ich habe nichts verloren, ich habe Dich gefunden, theure, geliebte Chriſtine! Dein Vater hat einen Sohn!“ „Bei Gott!“ ſchrie Jakob Wolf zur Thür herein,„ich hab's geſagt! was hab' ich geſagt? Da liegt er ſchon auf ſeinen Knieen und dankt Gott, daß ſie iſt eine Tochter und kein Sohn!“ Er brach in ſein Gelächter aus und ſchüttelte ſich ſo heftig, daß der ſchwarze Haarbuſch gewaltig zu wackeln begann. Mügge, Verloren und gefunden. II. 13 Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Verlobungsabend brach düſter herein. Der Him⸗ mel hing voll ſchwerer Wolken, und der Wind, welcher Regenſchauer über die Fenſter jagte, ließ die Tropfen wie zahlloſe Thränen an den großen Spiegelſcheiben zurück. Es war, als ob Augen ſich dahinter öffneten, aus denen ſie gefloſſen waren und noch darin funkelten, aber es war nur der Schimmer der Gasflammeu auf der Straße und das Funkeln der hellen Lichter aus den lichtſtrahlenden Ge⸗ wölben. Auf dem Pflaſter donnerten die Wagen, und der dumpfe Lärm des fluthenden Lebens drang in die dunklen Zimmer, in denen das tiefſte Schweigen herrſchte. Es war Alles darin bereit, die Gäſte aufzunehmen, welche dieſe öden Gemächer mit Glanz und Pracht und mit ihren hei⸗ teren und glücklichen Geſichtern füllen ſollten. Die Kron⸗ leuchter waren mit Lichtern beſteckt, welche weiß durch das Dunkel ſchimmerten. Blumenvaſen und Blumen⸗ niſchen verbreiteten einen ſüßen Duft, prächtige Geräthe 11 je 195 von Kryſtall und Silber ſtanden auf verſchiedenen Tiſchen, und das Feuer im Kaminofen des Saales warf auf— flackernde Blitze durch die offenen Flügelthüren in die Nebenzimmer, als ſtrengte es ſich an, zu erfahren, wie es dort ausſähe. Die Frau Commercienräthin hatte ſich in einem dieſer Zimmer niedergeſetzt auf den Lehnſtuhl, wo ſie immer ſaß, und das Feuer, das ab und zu ſie betrachtete, ſchien jedes⸗ mal von ihrem Anblick erſchrocken zu ſein und ſich eilig wieder zurückzuziehen, als ſei es nicht geheuer in ihrer Nähe. Bei alledem war jedoch die Frau Commercien⸗ räthin geſchmückt, wie es ſelten vorkam. Ihr Kleid war vom allerſchwerſten Seidendamaſt, die Kanten daran und an⸗ dere um Aermel und Hals konnte ſo leicht Niemand bezahlen, und wenn das Feuer ihren Kopf beleuchtete, ihre Bruſt und die dreifachen Armbänder und die Ringe an ihren Fingern, funkelte es überall wie Sonnen und Sterne. Bei alledem fürchtete ſich das Feuer, denn die Frau Com— mercienräthin ſaß da, nicht wie ein Bild des Glückes und der Freude, ſondern wie eine der drei ſchrecklichen Parzen, die mit der kleinen Scheere in ihrer Hand jeden Lebens⸗ faden durchſchneiden möchte. Ihre Augen richteten ſich auf einen Punkt, ihre Lippen preßten ſich ingrimmig zu— ſammen, und ihre Hände mit den vielen Ringen krümmten ſich wie Krallen. Die Frau Commercienräthin war über viele Dinge geärgert und bekümmert, und ihre Kümmer⸗ 13* 196 niſſe nahmen jederzeit einen heftigen Charakter an.— Lorberg hatte ſich den ganzen Tag nicht blicken laſſen; ſie wußte nicht, wo er ſteckte und was das zu bedeuten hatte. Vergebens hatte ſie zu ihm geſchickt; jetzt erwartete ſie ihn mit ſteigendem Unwillen, dabei aber auch mit geheimer Angſt, welche ſie ſich ſelbſt nicht erklären konnte, weil ſie Alles, was ihr einfiel, als Unſinn verwarf. Dazu kam eine andere Angſt, welche ſie noch mehr peinigte. Suſette war ſo in ſich gekehrt und ernſthaft wie noch nie; nicht die kleinſte Spur von ihrer ſonſt oft allzugroßen Fröhlichkeit und Beweglichkeit ſchien übrig geblieben. Wie ein Automat ließ ſie um ſich und an ſich geſchehen, was da wollte, und wenn ſie ihre Augen auf die zärtliche Tante richtete, lag etwas Dämoniſches, Drohendes darin, was dieſe anſchau⸗ derte. Es war der Frau Commercienräthin unerträglich, hineinzuſehen in dies ſtarre, unbewegliche Geſicht, in welchem Unglück geſchrieben ſtand, und das kränkte und ängſtigte die ſtolze Frau mehr als Alles. War Suͤſette nicht ihr einziger Liebling auf Erden? Hatte ſie nicht alle ihre Liebe auf dies eine Weſen gehäuft? Hingen nicht alle Hoffnungen, die ihr geblieben, an dieſem undankbaren Mädchen, das ſo grauſam gefühllos in dieſen letzten Stunden vor ihr ſtand, wie ein Scheidebrief voll bitterer Anklagen. Kein ſchmeichelnd Wort, keine Liebkoſung, kein luſtiges Lachen war mit aller Liebe, mit allen Bitten aus ihr heraus zu preſſen. Die ſtrenge, gewaltige Frau ſehnte 197 ſich aber danach mit brennendem Verlangen, denn ſie brauchte dieſen Troſt. Sie wußte, wie viel Haß und Falſchheit und Lüge um ſie her ſtanden; dieſe Eine, die ſie glücklich machen wollte, ſollte ihr Alles erſetzen, und wie lohnte ſie es ihr! In dieſem Kummer miſchten ſich aber auch ihre har— ten, ſchlimmen Leidenſchaften und allerlei Aergerniß von Außen her. Die Handelskriſis war zum vollen Ausbruch gekommen, und bei der Betheiligung ihrer allermeiſten Freunde und Verwandten an dieſen Dingen konnte die Frau Commercienräthin vorausſehen, daß ihre Geſellſchaft kaum für Anderes Sinn und Gefühl haben werde, als für das große Unglück an der Börſe. Sie hatte auch mehrere Abſagebriefe von Leuten erhalten, die mit ihren Verluſten und Sorgen genug zu thun hatten; von Anderen, wenn ſie wirklich kamen, mußte ſie nichts als bange Geſichter und Klagen fürchten; von Reichenbach endlich liefen die aller⸗ ſchlimmſten Gerüchte um, und obwohl ſie nichts Gewiſſes wußte, zweifelte ſie doch gar nicht daran, daß Alles wahr ſei. Die Frau Commercienräthin hatte ſich jedoch ihre un⸗ erſchütterliche Meinung darüber bewahrt, und wie ihr jetzt einfiel, daß Reichenbach nicht abgeſagt hatte und daß er vielleicht bei ihr eintreten könnte, trotz Allem, was ihm widerfahren, krümmten ſich ihre Finger vor Aergerniß, und lauter, als es ſein ſollte, rief ſie dabei:„Ich will ihn nicht 198 haben, will ihn nicht ſehen, wenn er aber kommt, will ich mit ihm fertig werden, wie er es verdient. Mit Allen will ich fertig werden, mit Allen!“ fuhr ſie gereizt fort.„Er ſoll nicht denken der Herr Baron, daß wir uns von ihm nach Belieben behandeln laſſen. Ich will ihm ſagen, was ich von ſeiner Nachläſſigkeit denke und was Suſette—“ Sie wandte ſich um, denn ſie hörte ein Kleid hinter ſich an der Thür rauſchen.„Komm her, Suſette,“ ſagte ſie, ihren rauhen Ton in einen zärtlichen verwandelnd.„Komm her, mein liebes Kind, daß ich Dich ſehe und mich freue.“ Sie breitete ihre Arme aus, im nächſten Augenblicke aber lies ſie dieſe ſinken und ſtand auf. Couſine Doris ſtand vor ihr. „Was wollen Sie?“ fragte die Frau Commercienräthin überraſcht. „Was ich will— was ich will!“ antwortete die ſchöne Frau mit zitternder Stimme.„Ich will nichts, denn was ſollte ich wollen in meinem Unglück! Ich weiß nicht, wohin ich damit fliehen ſoll, wer mir beiſtehen ſoll. Sie kennen es,“ fuhr ſie fort,„aber ob Sie Alles wiſſen— wiſſen Sie Alles?“ „Reichenbach iſt gefallen, ich habe es gehört,“ ſagte die Frau Commercienräthin. „Erbärmlich! empörend!“ fiel die ſchöne Frau ein. „Er hat mich bis zum letzten Augenblicke ohne die geringſte 199 Kenntniß gelaſſen, wie es mit ihm ſtand; ohne jede Ahnung iſt das Unglück über mich gekommen.“ „Sie hätten nichts daran ändern können,“ ſagte die Frau Commercienräthin.„Vielleicht hoffte er auch, ſich noch zu halten.“ „Er konnte ſich nicht halten, er hat es mir geſtanden!“ rief ſie leidenſchaftlich.„Zudem haben ihn Alle verlaſſen, auf die er rechnete. Es iſt eine alte Geſchichte, daß man von Denen zuerſt verlaſſen wird, die uns am nächſten ſtehen.“ Die Frau Commercienräthin hielt an ſich, obwohl ihre grünlichen Augen zu rollen anfingen.„Man muß es ſo machen zum beſten, daß man Hülfe nicht nöthig hat,“ ſagte ſie.„Wo iſt Reichenbach?“ „Ich weiß es nicht, ich frage nicht nach ihm, ich mag ihn nicht ſehen! Nichtswürdig hat er gehandelt, unglück⸗ lich hat er mich gemacht.“ „Couſine Doris,“ antwortete die Fran Commercien⸗ räthin, ihren Kopf aufhebend,„ſo lange er im Glücke war, gab es keinen Wunſch, den er Ihnen nicht erfüllte.“ „Warum hat er es gethan!“ rief ſie, ihre Augen voll Thränen und ihr Geſicht voll Zorn.„Warum war er, der Narr in grauen Haaren, ohne Nachdenken! Elend hat er mich gemacht, ſinnlos hat er gehandelt. Gott im Himmel! dahin hat er mich gebracht.“ „Dann hätten Sie verſtändiger handeln müſſen,“ fiel 200 die ſtrenge Frau ein.„Aber Sie haben das nicht gethan. Sie haben ihm keine Vorwürfe zu machen.“ „Vertheidigen Sie ihn!“ ſagte die junge Frau.„Ich habe mich geopfert, habe meine Jugend ihm geopfert, aber b ich bin nicht Schuld an meinem Loos.“ „Seien Sie ſtille,“ unterbrach ſie die Frau Commer⸗ cienräthin.„Ich vertheidige ihn nicht wegen ſeiner Sün⸗ den, aber gegen Ihre Vorwürfe vertheidige ich ihn. Sie haben es gemacht wie er und noch ſchlimmer. Statt nach⸗ zudenken, was recht iſt, haben Sie ihn angereizt zu ſeinen Verſchwendungen, ſtatt als vernünftige Frau ihm Einhalt zu thun, gab es Nichts, was Ihnen gut genug war, Nichts, was Sie nicht haben wollten, womit Sie Anderen voran ſein wollten.“ „Das ſagen Sie mir!“ rief die ſchöne Frau, ihre Hände ringend. „Das ſage ich Ihnen, Couſine Doris, weil es wahr iſt,“ fuhr die Tante erbarmungslos fort.„Das ſage ich Ihnen, weil Sie es verdienen, weil Sie vergeſſen Ihre eigene Schuld und weil Sie vergeſſen den Platz, an den Sie gehören. Bei Reichenbach iſt jetzt Ihr Platz, um ihn aufrichten zu helfen und zu tröſten in ſeiner Angſt und Schande.“ 174 „— rief die ſchöne Frau mit einem ſchneidenden Lachen,„mein Gedächtniß iſt nicht ſo ſchwach geworden, wie Sie denken, meine beſte Tante. Ich habe nicht ver⸗ geſſen, daß Sie mich an den Platz brachten, an die Seite dieſes Mannes; daß Sie es waren, die dieſe Heirath ein⸗ fädelte, und es mir als das größte Glück prieſen, Reichen⸗ bach's Frau zu werden, obgleich Sie wußten, wie ſehr er mir zuwider war.“ „Wer waren Sie denn, daß es nicht ein Glück geweſen wäre!“ verſetzte die Frau Commercienräthin, und das Raubvogelgeſicht reckte ſich grimmig aus dem Halsband von Brillanten.„Aus dem Staube hob er Sie auf und gab Ihnen Reichthum und Ehren. Hätte er es nicht ge— than, es wäre beſſer geweſen, hätte ich ihm abgerathen, er wäre nicht dahin gekommen, wo er jetzt iſt. Sie haben es gethan mit Eitelkeit und Leichtſinn; ſie haben nicht anzu⸗ klagen, die ganze Welt wird es thun und wird ſagen: Es war ein gerechtes Schickſal, denn ſie haben es Beide ver⸗ dient und Sie zumeiſt.“ „Das werden Die ſagen,“ ſchluchzte die gedemüthigte Frau, in Thränen ausbrechend,„die ſo gefühllos ſind wie Sie.“ „Gehen Sie fort!“ ſchrie die Frau Commercienräthin, nach der Thür zeigend.„Ich will Sie nicht länger ſehen in meinem Hauſe. Ich will nicht länger hören eine Frau, die nicht weiß, was ſie ſich und mir ſchuldig iſt.“ Doris Reichenbach ſchwieg, aber ſie blieb ſtehen, trock⸗ nete mit ihrem Taſchentuche ihre Augen und ſuchte ſich zu faſſen. Nach dem heftigen Sturme trat eine Ruhe ein, 202 durch nichts unterbrochen, als durch das Gekniſter des Kaminfeuers, das Funken aufwarf, welche die beiden Frauen heller beleuchteten. „Ich gehe, Tante,“ ſagte Doris, indem ſie das Taſchen⸗ tuch von ihrem bleichen, verzweifelnden Geſicht zog,„aber meine Anklagen bleiben bei Ihnen zurück. Sie ſollen dieſe nicht ſo leicht loswerden. Sie haben mich unglücklich gemacht, ſo werden Sie auch Suſetten unglücklich machen. Den Mann, den ſie liebt, haben Sie ihr entriſſen, um ihr den aufzuzwingen, den ſie nicht mag. Aber die Strafe wird nicht ausbleiben. Suſette wird bald genug vor Ihnen ſtehen, wie ich jetzt ſtehe. Fluch auf Ihren Lippen, Elend und Tod in Ihrem Herzen. Dann denken Sie an mich; ja, dann denken Sie an mich!“ Wie lange die Frau Commercienräthin geſtanden hatte, ihre Hände um die Stuhllehne gekrampft, ihre Mienen voll Hohn und Wuth, wußte ſie nicht. Es war vielleicht nur eine Minute geweſen, aber ſie war unermeßlich lang und machte ſie ſinnlos; wie ein fürchterliches Gewicht lag etwas auf ihr, das ihr Gehirn zermalmte; ſie konnte nichts denken, nichts antworten. Als ſie aufblickte, ſah ſie Licht, und dies Licht trug Suſette in der Hand; ſie kam damit aus dem Nebenzimmer und ſetzte es auf den Tiſch. Su⸗ ſette war in vollem Anzuge und reich geſchmückt, trug Blumen in ihrem Haar und das ſchöne Geſchmeide, das die Tante ihr geſchenkt hatte. 203 Die Frau Commercienräthin holte tief Athem, ſie fühlte ſich erleichtert und ſchüttelte den Zauber ab.„Es iſt abgeſchmackt, was die elende Perſon ſagte,“ rief es in ihr, und ſie ſtreckte ihre Hände aus nach Suſetten, welche ſich ihr näherte. In dem Augenblick aber fielen ihr die ſchreck⸗ lichen Worte wieder ein: Fluch auf ihren Lippen, Tod in ihrem Herzen! und eine Angſt trieb ihr das Blut in den Kopf, als wollte er zerſpringen; es war ihr, als ſähe ſie in ein Leichengeſicht. Sie zog ihre Hände zurück. Suſette blieb vor ihr ſtehen, ohne zu fragen. Hatte ſie etwas von dem Auftritte gehört, der hier ſtattfand? Hatte ſie die Couſine Doris geſehen? Die Tante wußte es nicht; aber der Gedanke, Suſette könnte jene prophetiſchen Abſchieds— worte gehört haben, ſchnürte ihr die Kehle zu, ſie vermochte keinen Laut hervorzubringen. 3 „Ich will ihr ja alles nur mögliche Liebe und Gute thun,“ murmelte ſie vor ſich hin,„Alles, was ich kann— Alles, Alles! Und es wird Alles gut werden, denn warum ſollte es nicht gut werden? Suſette wird glücklich werden, ſie ſoll glücklich werden.— Du biſt doch wohl, mein liebes Kind?“ fragte ſie zärtlich. „Ja, liebe Tante!“ „Haſt Du noch irgend einen Wunſch, liehe Suſette, ſage es mir. Ich will Dir kaufen, was Du willſt; Du ſollſt einen pariſer Flügel haben, Du ſollſt ihn Dir aus⸗ ſuchen. Morgen kannſt Du ihn Dir ausſuchen.“ 204 „Du biſt ſo gut zu mir, beſte Tante, ſo gut!“ ſagte Suſette. „Sei nur froh, ſei nur freundlich und lache!“ fiel die Tante ein, denn es kam ihr vor, als wollte Suſette etwas hinzufügen, das ſie nicht hören wollte.„Ich weiß nicht, wo Lorberg bleibt, er muß doch gleich kommen; es muß gleich ſieben Uhr ſein. Es iſt ſonderbar, daß er noch nicht hier iſt.“ „Er wird immer noch zur rechten Zeit kommen,“ ſagte Suſette. „Da iſt er ſchon,“ rief die Frau Commercienräthin, indem ſie nach der Thür eilte; aber ihre Zufriedenheit ver⸗ ſchwand ſchnell wieder, als ſie ſah, daß es Seehauſen war. Der Hauptmann trat in weißer Weſte und Binde, den Orden an ſeinem Rocke, ganz feſtlich angethan herein und verbeugte ſich auf's artigſte. „Sie ſind es!“ ſagte die Tante.„Wo iſt Herr von Lorberg?“ „Ich glaubte ihn da zu finden, wo ein Bräutigam ſein muß,“ erwiderte Seehauſen geſchmeidig.„Inzwiſchen kam ich zeitig, um vielleicht meine Dienſte anbieten zu können, im Fall Sie, meine theuerſte Tante, dergleichen für mich hätten.“ Der Frau Commercienräthin fielen ihre Aufträge ein. „Geh, Suſette,“ ſagte ſie.„Es wird Dir gut thun, Dich auszuruhen.“ Darauf wandte ſie ſich wieder an Seehauſen und ſtreckte ihm den mächtigen Kopf entgegen.„Sie haben mir allerlei mitzutheilen, ich ſehe es Ihnen an.“ „Sie haben einen außerordentlichen Blick, die tiefſte Menſchenkenntniß,“ lächelte Seehauſen.„Allerdings iſt Einiges vorgefallen, was tief betrübend iſt. Allein was ſind wir Menſchen! Was wiſſen wir, was in der nächſten Stunde, im nächſten Augenblicke mit uns geſchieht!“ Die Frau Commercienräthin deutete dahin, wo Suſette verſchwunden war, und fragte leiſe:„Iſt etwas geſchehen, was Suſetten angeht? Iſt ein Unglück geſchehen 24 „Ich weiß nicht,“ erwiderte Seehauſen,„ob es ein Un⸗ glück genannt werden kann.“ „Haben Sie die Obligationen gekauft?“ „Meine theuerſte Tante, ich habe ſie nicht gekauft, denn ſie ſind eingelöſt worden.“ „Alſo war's erlogen!“ „Dieſes wohl nicht,“ erwiderte er ſanftmüthig;„es hat überhaupt mein geliebter Vetter großes Glück zu hoffen; denn er hat Ausſicht, das ganze große Vermögen des Herrn von Feldheim zu erben!“ „Wiel iſt der Sohn geſtorben?“ rief die Frau Com⸗ mercienräthin. „Verloren gegangen,“ ſagte Seehauſen,„nicht geſtor⸗ ben. Sterben überhaupt— wer ſtirbt gern? Und dennoch muß Jeder an ſeinen Tod denken, obwohl dieſer nichts iſt, als ein etwas zu langer Schlaf. Denn Schlaf und Tod 206 ſind ja Brüder, worüber Reichenbach eine höchſt kunſtvolle Zeichnung beſitzt oder vielmehr beſeſſen hat.“ „Was ſoll das heißen? reden Sie— Reichenbach?“ fragte ſie, aus dem Lehnſtuhl ſich aufrichtend. „Er iſt vor zwei Stunden ungefähr eingeſchlafen,“ flüſterte Seehauſen wehmüthig, indem er in ſeine weiße Binde faßte und langſam die Hand darin um ſeinen Hals bewegte.„Ein Schlagfluß, theuerſte Tante. Es thut nicht weh.“ „Gott erbarme ſich über uns!“ ſeufzte die Frau Com— mercienräthin, und ihre Hände zuſammen ſchlagend, ſank ſie in den Stuhl zurück. „Es iſt traurig an dieſem frohen Verbindungstage,“ klagte Seehauſen,„ſehr traurig, höchſt ſchmerzlich; aber Faſſung, theuerſte Tante, Faſſung! Ein wenig Waſſer. Erholen Sie ſich.“— Er ging nach dem Tiſche, auf wel⸗ chem neben dem Lichte, das Suſette dorthin geſetzt, eine Waſſerflaſche ſtand. Die Frau Commercienräthin trank viel Waſſer zu allen Tageszeiten. Seehauſen kannte ihre Gewohnheiten. Er kam mit einem(halb gefüllten Glaſe zurück und drückte in der anderen Hand etwas zwiſchen ſeinen Fingern zuſammen. „Erfriſchen Sie ſich, theuerſte Tante,“ ſagte er,„erholen Sie ſich. Trinken Sie einige Tropfen. Die Aufregung wird ſich verlieren. Dieſer unglückliche Reichenbach!— Es iſt erſchütternd, aber es wird verſchwiegen bleiben, wie Ihr 207 Kummer darüber. Machen Sie keine Umſtände, ſo...“ Die Tante trank in langen Zügen, er unterſtützte ſie, indem er das Glas feſt an ihren Mund hielt, daß ſie es völlig leeren mußte. Es wird Ihnen gut thun, ſehr gut thun.“ Ueber ſie gebeugt, ſah er ſie an, ein ſchreckliches Lachen entſtand um ſeine Lippen, und ſeine bedauerlichen Blicke in den kleinen zuſammengepreßten Augen verwandelten ſich plötzlich zu ſolchem Hohn, daß die Frau Commercienräthin ein Entſetzen wie niemals empfand. „Gehen Sie fort!“ ſagte ſie,„ich muß mich aufrichten. Ich erſticke!“ „Das wird allerdings geſchehen,“ antwortete er, ohne ſich zu rühren.„Aber was ſchadet's!“ „Was wird geſchehen?“ fragte ſie, von Grauen erfüllt. „Stillgeſeſſen!“ murmelte er ihr zu.„Du wirſt nicht wieder aufſtehen.“ „Was“— ſie packte ſeinen Arm und ſtierte in ſeine furchtbaren Augen. Ihre Sinne vergingen ihr davon.— „Was iſt mit mir?“ „Ein Schlagfluß,“ antwortete er, ſie angrinſend,„ein ſanfter, angenehmer Schlagfluß. Du wirſt kein Teſtament machen. Suſette wird nicht heirathen. Der Teufel wird Dich haben, ehe eine Minute um iſt. Biſt Du noch nicht todt, kannſt Du noch hören?“ flüſterte er ihr heiſer zu, „ſo höre. Wir werden Deine Erben ſein, ich— ich, der ſich von Dir mit Füßen treten ließ. Dafür iſt Dein Geld 208 nun mein, denn ich habe Dich vergiftet! Dein Geld iſt mein! mein!“ Die Frau Commercienräthin ſaß leblos in dem Stuhl; es war ein furchtbarer Anblick. Ihre großen grünlichen Augen ſtanden erſtarrt, ihr Mund war halb geöffnet, das gelbe, geſchminkte Geſicht hatte das Anſehen einer ſchreck— lichen Todesmaske, in welcher ein großer Künſtler Angſt, Verzweiflung, das höchſte Entſetzen, alle Qualen der To⸗ desfurcht abgebildet hat. Gelähmt an allen Gliedern, regte ſich nichts an ihr. Der Tod rann durch ihr Mark, und mit erbarmungsloſem Hohn betrachtete ſie Seehauſen. In dem Augenblick aber, wo er ihr zuflüſterte, daß ſie ver⸗ giftet ſei, ſchien das Leben noch einmal in ihr zu erwachen. Sie ſtieß einen gellenden Schrei aus und verſuchte, ſich aufzurichten. Er ſtieß ſie zurück und blickte ſcheu nach der Thür, allein er beruhigte ſich, als er den Doctor Hellmuth ſah. Es war ihm lieb, daß ſein Genoſſe ſo unerwartet ihm zur Hülfe erſchien. Auch die vergiftete Commercien⸗ räthin erkannte ihn.„Ludwig!“ ſtöhnte ſie, ihre Arme matt ausſtreckend:„ich bin vergiftet.— Hülfe!“ „Es wirkte nicht ſo raſch, wie Sie glaubten, Doctor,“ ſagte Seehauſen zu gleicher Zeit. „Sie haben ihr von dem Elixir gegeben, das Sie von mir erhielten?“ fragte Hellmuth. „Bis auf den letzten Tropfen,“ erwiderte Seehauſen, 209 indem er ſeine Hand öffnete, in welcher er das leere Fläſch⸗ chen hielt. „Dann ſeien Sie ohne Sorge,“ ſagte der Doctor, in⸗ dem er ſich zu der leidenden Frau wandte.„Sie haben nichts zu befürchten; dieſes Fläſchchen enthielt eine völlig unſchädliche Mandeleſſenz.“ Er hatte ſich neben die Tante geſtellt, hielt ihren Puls und richtete ſein ernſtes, ruhiges Geſicht auf Seehauſen, mit dem eine ſeltſame Umwandlung vorging.— In den erſten Augenblicken ſchien er zu glauben, daß der Doctor ihm mit einer Lüge helfen wolle. Er ſtreckte ſeinen dicken Kopf beifällig lachend vor, allein mit jedem Worte zogen ſich ſeine Muskeln mehr zuſammen, und aus den Zweifeln die über ihn herfielen, wurde eine Gewißheit, welche ſeinen ganzen Körper wie im Krampfe zuſammenzog.— Der Doctor hatte ihn betrogen! „Sie werden von mir doch wohl nichts Anderes ge⸗ glaubt haben,“ ſagte Hellmuth,„als daß ich Ihnen ein unſchädliches Medicament anvertrauen würde?“ Seehauſen richtete ſic auf. Der Doctor warf ihm ſelbſt den Rettungsfaden zu.—„Nichts Anderes, niemals etwas Anderes!“ r nur er,„der Himmel iſt mein Zeuge! Unſere geliebte Tante— kummervolle Nachrichten— ſie war ſehr angegriffen— mir fiel Ihr Beruhigungsmittel ein.— Vergeben Sie chver⸗ ehrteſte!“ Müugge, Verloren und gefunden. II. 14 210 Er trat einen Schritt näher, aber dieſer genügte, um die angegriffene Frau aus ihrer Theilnahmloſigkeit aufzu⸗ wecken. Ihre Mienen verzerrten ſich mit ſolchem Ent— ſetzen, als fühle ſie ſeine mörderiſche Hand ſchon wieder an ihrer Kehle. Sie klammerte ſich an den Doctor feſt und ſchrie erſtickt:„Hülfe! Ludwig, er will mich ermorden! er hat mich ermordet!“ Mit ihrem Geſchrei zugleich ließ ſich aber ein anderer Schrei im Nebenzimmer hören. Er klang hell und freudig und wurde von einem frohen langen Lachen begleitet. Es war Suſettens übermüthiges Lachen, es war ihre durch⸗ dringende Stimme, welche in die Ohren der Frau Com⸗ mercienräthin drang und ihren Lebensmuth aufrüttelte. „Mein Kind!“ rief ſie, ihre Arme ausſtreckend.„Suſette, mein Kind! wo biſt Du?“ „Hier, liebſte Tante, hier!“ antwortete Suſette.„Hier bin ich, und hier iſt Chriſtine, hier iſt Lorberg! Hier ſind wir Alle!“ Die Frau Commercienräthin blickte zu ihr auf. Suſette hielt die Freundin in ihren Armen, Richard von Lorberg ſtand hinter Beiden. „Hier iſt das Fräulein Chriſtine von Feldheim, Tante,“ ſagte Suſette.„Chriſtine Hermine iſt ſie getauft worden, wie ſie es beweiſen kann. Hermann wurde ſie ſeither oft genannt; allein ſie hat es vorgezogen, von jetzt ab immer nur Chriſtine zu heißen.“ 211 „Und dies iſt Herr Richard von Lorberg, liebſte Tante, der es vorzieht, ſtatt heute Abend bei uns zu ſpeiſen, mit ſeiner ſchönen Couſine und dem alten Papa binnen einigen Stunden in die weite Welt zu gehen. Ich glaube, an den Rhein, oder noch weiter nach Wälſchland, wo die Myrthen⸗ bäume blühen. Da dies ſein feſtes Vorhaben iſt, von welchem er ſich durch nichts, nicht einmal durch meine in⸗ ſtändigen Bitten, abhalten laſſen will, ſo können wir nichts weiter thun, als ihm die glücklichſte Reiſe wünſchen.“ Die Frau Commercienräthin hörte dies in einer Weiſe an, als verſtände ſie es nur halb. Sie wurde nicht un⸗ ruhig, nicht heftig, auch erwiderte ſie nichts. Ihre Augen ruhten fragend auf Suſetten, die ſich plötzlich über ſie warf, ſie mit ihren Küſſen bedeckte, an ihrem Stuhl nieder⸗ kniete, ihre Hände küßte und dabei rief:„Alles ſollſt Du erfahren, liebſte Tante, Alles! Er hat mich verſchmäht, ich bin ganz glücklich, daß er es gethan hat; denn wiſſen ſollſt Du, Tante, daß der einzige Mann, den ich lieb habe und dem ich angehören will, hier an Deiner Seite ſteht. Und wiſſen ſollſt Du, Tante, daß, wenn das nicht gelungen wäre, was Chriſtine und ich glaubten und hofften, ich den⸗ noch keinen Anderen gewählt hätte, als den ich liebe und der mich liebt. Darum iſt Ludwig gekommen, und darum entſcheide jetzt, liebe Tante. Verſtoße uns nicht, ſegne uns, liebe uns, o Mutter! liebe Mutter! Wir wollen Deine guten Kinder ſein.“ —— — 212 Die Frau Commercienräthin hob ihre Hände auf und legte ſie auf Suſettens Haupt, dabei ſah ſie den Hoſpital— Doctor an, wie er niemals von ihr angeſehen wurde.„Es geht nicht anders,“ ſagte ſie matt und leiſe, als wollte ſie ſich bei ſich ſelbſt entſchuldigen.„Suſette, mein geliebtes Kind, Du ſollſt glücklich ſein. Ludwig— ich weiß, was ich Ihnen ſchuldig bin, aber wo— wo iſt er?!“ Mit dieſem Ausruf ſchien die Frau Commercienräthin wieder die Frau Commercienräthin zu werden. Die mäch⸗ tige Geſtalt richtete ſich auf, das Raubvogelgeſicht ſuchte umher, die grünlichen Augen begannen zu funkeln, aber es war vergebens— Seehauſen war geräuſchlos ver⸗ ſchwunden. „Denke nicht an ihn, Mutter, liebſte Mutter!“ rief Suſette, ſie umarmend und feſthaltend, indem ſie ihr bittendes Geſicht zu ihr emporhob.„Sieh hier Deine Kinder, ſieh, alle die Dich lieben ſind bei Dir! Niemals wird der Elende Dir wieder nahen. Laß ihn bei ſeiner Schande, fort mit ihm für immer. Fort mit ihm! Ver⸗ gebung um unſeres Glückes willen! Vergebung, weil wir Alle dieſe nöthig haben!“ Während ſie ſprach, ſtand die Frau Commercienräthin ſtarr und ſtill, dann that ſie einen langen Athemzug und ſah Suſetten dabei an, bis ſie beide Hände um ſie ſchlug und mit leidenſchaftlicher Gewalt ſie an ſich drückte. Es ſchien ſie etwas zu überkommen, was ihren Zorn . 1 . 3 X 213 Schmerz und Angſt verwandelte.„Fluch auf Deinen Lippen! Elend und Tod an Deinem Herzen!“ ſchrie ſie auf.„Das hat ſie geſagt und es war mir ſo, als müſſe es wahr werden. Suſette, mein Kind, ich habe es doch gut meint, vor Gottes Thron will ich es verantworten; aber der Herr hat es nicht gewollt und ich ſtehe demüthig hier — es iſt wahr, Suſette, es iſt wahr: Vergebung haben wir Alle nöthig, darum wollen wir uns vergeben.“ „Deine Liebe that es, Deine großmüthige Liebe!“ rief Suſette. Die Frau Commercienräthin legte die Hand an ihre Stirn und ſchüttelte ihren mächtigen Kopf.„Nein,“ ſagte ſie,„meine Liebe hat es nicht gethan, aber Gott hat mich geprüft in ſchwerer Stunde. Seine Hand lag auf mir, ich habe ſie empfunden und will ſie nicht vergeſſen.— Aber ich will dankbar ſein für ſeine Strafe, ich will Dir geben den Mann, den Du liebſt, ich will ihn ehren, wie ich ihn ehren kann— doch geh' nicht von mir, Kind, ver⸗ laß nicht die alte Frau! Sage es mir, ob Du jetzt glück— lich biſt, ob kein Fluch auf Deinen Lippen iſt, kein Tod in Deinem Herzen!“ „Nimmer will ich Dich verlaſſen, nimmer!“ ſagte Suſette in Thränen ausbrechend. Der Frau Commercienräthin verging die Stimme. Sie beugte ſich über Suſetten hin und verſteckte ihr Ge⸗ ſicht, es ſollte Niemand ſehen, daß ſie weinte. Erſt nach 214 einigen Minuten hob ſie ihren Kopf wieder auf und winkte dem Doctor zu, dem ſie ihre Hand reichte und Suſettens Hand hinein legte.— Sie ſprach kein Wort dabei, erſt als ſie ſich geſammelt hatte, begann ſie mit Feſtigkeit: „Wir wollen es Alle getreulich halten, Ludwig, es ſoll uns nichts mehr trennen. Und was ich auch gethan habe, Suſette ſoll's vergüten. Es ſoll Alles geſchehen, Alles geſchehen—“ Ihre Worte verwirrten ſich, ſie ſtockte, plötzlich aber rief ſie mit Heftigkeit:„Glücklich ſollt ihr Beide werden, aber vergeben ſollt ihr mir, vergeben, Lud⸗ wig, denn ich weiß jetzt, was ich gethan habe!“ „Theuerſte Frau Commercienräthin!“ ſagte der Doc⸗ tor— ſie ließ ihn nicht weiter ſprechen. „Nehmen Sie Suſetten hin!“ rief ſie,„und meinen Segen dazu, Ludwig, das Andere wird ſich finden.“ Und jetzt erſt blickte ſie auf Lorberg und es war wieder die Frau Commercienräthin, aber ſie ſah nicht böſe aus, als ſie vor ihn trat und vor das ſchwarze Fräulein, welches er am Arme hielt. „Mein lieber Herr Baron,“ ſagte ſie,„es freut mich aufrichtig, daß Sie Ihre Wahl getroffen haben, noch ehe Sie wußten, was hier geſchah. Wär's anders gekommen, was hätten wir Beide beginnen ſollen? Aber wir wollen uns keine Vorhaltungen machen, die zu nichts helfen können.“ „Laſſen Sie mich hoffen,“ ſagte Lorberg,„daß Rie 4 215 Güte, mit welcher Sie mich beglückten, auch fernerhin mir bleibt, daß Ihre Freundſchaft mich begleitet, daß ich mich Ihnen immer mit derſelben Ergebenheit und Hochachtung nähern darf, welche ich ſo aufrichtig empfinde.“ Die Frau Commercienräthin lächelte ihn freundlich an.„Ich will' glauben,“ ſagte ſie darauf,„denn ich ſehe und fühl' es, daß es keine falſchen Worte ſind. Ich hab's auch gewußt,“ fuhr ſie fort,— plötzlich aber ſchwieg ſie ſtille und ſagte dann haſtiger:„Es hat nicht ſein ſollen, doch es iſt gut ſo und wir wollen Alle zufrieden damit ſein Es iſt zum Beſten gekommen, zum allerbeſten und unſere Freundſchaft ſoll fortbeſtehen— wenn Sie meine Freund⸗ ſchaft annehmen wollen, Fräulein Chriſtine.“ „Gewiß, Frau Commercienräthin,“ ſagte Chriſtine. „Aller Streit hat aufgehört und dankbar will ich niemals vergeſſen, was ich Ihnen ſchulde. Einen Bräutigam habe ich jetzt und Suſette läßt ſich, was ihr gehört, nicht mehr nehmen. Theure Suſette, meine treue, edle Freundin, einen Theil Deiner Liebe mußt Du mir bewahren!“ Die Frau Commercienräthin machte einen tiefen Knix, aber Suſette rief:„Du haſt ihr geholfen, Tante, wenn auch gegen Deinen Willen. Du haſt ihr den Bräutigam zugeführt, wir haben Alle redlich dabei geholfen und Gott ſei geprieſen dafür!“ Als die Tante Alles erfahren hatte, was in der Eile ihr mitgetheilt werden konnte, ſagte ſie beruhigt:„Ich bin 216 zufrieden, denn es hat ſich wunderbar gefügt!“ Und indem ſie mit Stolz ihren Kopf aufwarf, fügte ſie hinzu:„So wollen wir heut' alſo doch ein Verlobungsfeſt feiern, ein unerwartetes doppeltes. Alle werden die Augen aufſperren und nicht wiſſen, wie ihnen geſchieht.“ Gegen dieſe löbliche Abſicht der Frau Commercien— räthin hatte jedoch Lorberg Einwendungen zu machen. „Wir reiſen in wenigen Stunden,“ ſagte er.„Im Hauſe des Herrn Baron von Feldheim wird gepackt, wir haben verſprochen, ſchnell wieder dort zu ſein. Auch meine Koffer ſind in Bereitſchaft geſetzt. Freilich mit anderen Abſich⸗ ten,“ fügte er lächelnd hinzu,„aber doch zu demſelben Zwecke. Meine Verlobung mit Fräulein von Feldheim heute und hier zu veröffentlichen, ſtößt auf mancherlei Be⸗ denken und was die Ueberraſchung anbelangt, werthe Frau Commercienräthin, welche Sie Ihren Gäſten angedeihen laſſen wollen, ſo ſcheint mir dieſe noch vollſtändiger erreicht zu ſein, wenn ich dabei fehle und Sie meiner gar nicht gedenken.“ Die Frau Commercienräthin bedachte ſich und ihre Augen begannen zum erſten Male mit der alten ſtolzen Sicherheit zu blitzen.„Es iſt wahr,“ ſagte ſie,„von dem, was hier geſchah, darf die Welt nichts erfahren. Unſere Geheimniſſe müſſen wir für uns behalten; es wäre ein Feſt für alle Läſterzungen, wenn ſie erführen alle dieſe Geſchichten. So gehen Sie denn, Herr Baron Lorberg, 216 und Gott ſei mit Ihnen, Fräulein Chriſtine. Ich ſage Fräulein Chriſtine und nichts mehr, aber es kommt aus meinem Herzen, wenn ich Ihnen Heil und Segen wünſche.“ Es war ein kurzer inniger Abſchied, mit welchem Lorberg und Chriſtine ſich von ihren Freunden trennten. Die beiden jungen Mädchen hielten ſich lange umarmt und mit ihren Schmerzen miſchte ſich die freudige Gewißheit der Erfüllung ihrer höchſten Lebenswünſche, mit ihren zärtlichen Abſchiedsworten ihre Hoffnungen auf ein frohes Wiederſehen. Endlich war es vollbracht, ſie waren fort und kaum hatte ihr Wagen die Thür verlaſſen, als andere vort hielten, welche die erſten Gäſte brachten. Die Frau Commercienräthin hatte ſich ganz erholt und Niemand ſah ihr an, welchen Kummer ſie beſtanden, welche große Veränderungen in ihr vorgegangen waren. Suſette hatte die Kanten und Friſuren des Damaſtkleides, Schmuck, Blumen und Brillanten in Ordnung gebracht, nicht die kleinſte Spur von Verwirrung war übrig geblieben und Doctor Hellmuth ſtand beſcheiden am Fenſter. Seinen Hut unter dem Arm preßte er vorſichtig die gelben Handſchuh über ſeine Finger, während Suſette an ihm vorüber eilte, mit einem heimlichen triumphirenden Blicke ihn anſchauend, um die eintretenden reich geſchmückten Damen zu empfangen. Die Sorgen der Frau Commercienräthin waren zu groß geweſen, wenn ſie annahm, daß nur wenige und ver⸗ ſtimmte Gäſte ſich einſtellen würden. Ihre Räume füllten 218 ſich bald zahlreich genug, die Neugier hatte Viele hierher getrieben, welche ſonſt nicht gekommen wären, auch bewirkte das große Unglück an der Börſe, daß viele dieſer geſchäft⸗ lichen Herren ſich ſehen und hören wollten. Im Uebrigen wußten ſich manche ſchon ſicherer und ſuchten ſich zu tröſten, Andere kamen mit neuen Hiobspoſten, endlich war auch Reichenbach's jäher Tod die Urſache, welche ſie hier⸗ her trieb. Heimliche wie laute Vorwürfe und hohnvolle Bemerkungen miſchten ſich mit ernſthaften Wehklagen und ſpöttiſchen Vermuthungen, was nun aus der verſchwende⸗ riſchen, verarmten Wittwe werden ſolle. Die ſchöne Frau Doris war jedoch hier nicht zu er⸗ blicken und die Frau Commercienräthin ſprach kein Wort über ſie und ihren unglücklichen Couſin. Sobald Einer davon anfangen wollte, ging ſie fort, oder ſie machte ein Geſicht, daß jeder ſchwieg. Ebenſo vergebens ſah man ſich nach dem Hauptmann Seehauſen um. Er, mit welchem Reichenbach in letzter Zeit ſo viel verkehrte, der Glücks⸗ pilz, von dem man nicht wußte, was jetzt mit ihm geſchehen werde, dem man aber mit Freuden wünſchte, er möge dem großen Speculanten nachſtürzen und doch wieder daran zweifelte, er fehlte ebenfalls, man konnte ſomit nichts von ihm erfahren. Am wunderbarſten jedoch war es, daß endlich auch der Baron fehlte, der Bräutigam, der Mann, welcher vor allen andern hier ſein mußte. Suſette lief fröhlich umher, als fehle ihr gar nichts. Ihr Schmuck wurde 219 bewundert, ihr koſtbarer Anzug war ganz dazu gemacht, Neugier und Neid aufzuſtacheln; dabei war ſie ſo munter, ſo liebenswürdig zu Allen, ſogar zu dem Hoſpital⸗Doctor, der in ehrerbietiger Entfernung ſtand, und den ſie zuweilen aufſuchte, um mit ihm zu ſprechen. Mit jeder Stunde wurde die Geſellſchaft erwartungs⸗ voller, denn Herr von Lorberg kam noch immer nicht. Der Thee ging zu Ende, die Geſpräche verſtummten, Blicke und —+¼½ Geflüſter erfolgten. Die Frau Commercienräthin, welche wie ein Admiralſchiff unter dieſer Goldflotte umherſegelte, deſſen Signale von allen Seiten erwartet werden, wurde genau beobachtet. Man merkte ihr jedoch nichts an, als einige Haſt in den Anordnungen, als es zu Tiſche gehen ſollte, und als nun die Flügelthüren des Speiſeſaales geöffnet wurden, ſtand ſie in der Mitte des Kreiſes, warf ihre Augen nach allen Seiten umher und winkte plötzlich dem blaſſen Doctor und Suſetten, und als der Doctor gehorſam und demüthig kam, gab ſie ihm ihren Arm und ſeinen anderen Arm bot er Suſetten; ſo ſchritt er in den Saal mit den beiden Damen und nahm den Platz zwiſchen ihnen ein. Die Geſellſchaft folgte voller Erſtaunen, denn was ſollte das bedeuten! Wenn auch Reichenbach fehlte, der die Frau Commercienräthin ſo oft zu Tiſche geführt hatte, und wenn der Baron unbegreiflicher Weiſe fehlte, ſo gab es doch hier ganz andere Männer, welche Beide erſetzen konnten, als dieſer magere Armendoctor.— Die Frau 220 Commercienräthin ſchien jedoch von einer Tarantel ge⸗ ſtochen zu ſein, ſie reckte ihren langen Hals hoch in die Höhe, blickte triumphirend umher und weidete ſich an dieſer Verwunderung und an der allgemeinen Stille. Plötzlich aber ſtand ſie von ihrem Stuhle auf und ſtreckte ihre Hand aus.„Füllen Sie alle Ihre Gläſer,“ ſagte ſie,„ich will Ihnen eine große Freude mittheilen, die Sie mit uns em⸗ pfinden werden, da Sie meine lieben Freunde und Ver⸗ wandten ſind. Meine geliebte Suſette, mein Kind, meine Tochter, der Troſt meiner alten Tage, hat ſich verlobt. Sie hat einen Mann gewählt, einen edlen braven Mann, den ich liebe wie meinen Sohn. Darum habe ich ihre Wahl geſegnet. Stoßen Sie an, meine lieben Freunde, auf die jungen Verlobten, auf meiner Suſette Glück und Wohl und auf den Doctor Ludwig Hellmuth. Sie ſollen leben!“ Wie die Stühle zurückſchurrten, war Alles ſtill. Die Geſichter ſahen ſich um, als wußten ſie nicht, war das Spaß oder Ernſt. Dann erhoben ſich einige Stimmen, darauf der ganze Chor.— Suſette lag in den Armen ihres Ver⸗ lobten. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Als Seehauſen glücklich aus dem Hauſe der Frau Commercienräthin entkommen war, ſtand er auf der Straße ſtill und blickte nach den Fenſtern hinauf. Sein Geſicht glühte, der Regen ſchlug kalt hinein und lief in kleinen Rinnen daran nieder. Alle Wuth in ihm ſprühte aus ſeinen Augen und beide Arme aufhebend und die Fäuſte zuſammen⸗ ballend, murmelte er einen fürchterlichen Fluch über das alte Weib, über den Doctor und über ſich ſelbſt. Be⸗ trogen, verrathen, entehrt, in Schaam zur Schande ſtand er da und wühlte mit der Hand auf ſeiner Bruſt umher, als wollte er ſein Herz herausreißen. Allein dieſer Zuſtand währte nur einige Minuten. Er fing an zu denken und zu bedenken, und je länger er dachte, um ſo ruhiger wurde er. Er wiſchte ſich den Regen vom Geſicht und rückte ſich den Hut zurecht, dann ging er mit langſamen Schritten weiter, ſtand ſtill, blickte nochmals hinauf und wandte ſich um, indem er laut auflachte. Nach einer halben Stunde trat er in ſeine Wohnung. Frau von Seehauſen kam ihm im vollen Schmuck ent— gegen. Ein Kranz von Roſen und Goldblättern prangte in ihrem Haar, Goldſtaub flimmerte in ihren Locken; weite, zarte Gewänder funkelten und blitzten um ſie her. „Da biſt Du endlich!“ rief ſie ihm entgegen.„Es iſt die höchſte Zeit.“ „Allerdings, die höchſte Zeit,“ erwiderte er.„Biſt Du fertig, Engel?“ „Längſt, mein Männchen. Gefalle ich Dir?“ „Allerliebſt. Aber weißt Du es ſchon?“ „Was meinſt Du?“ „Allerlei,“ ſagte er, ſich in einen Stuhl ſtreckend.„Es iſt rauhes Wetter draußen, eine ganz fatale Luft, die ich nicht ertragen kann, dazu Regen.“ „Wir müſſen eilen,“ antwortete die hübſche Frau, „oder wir kommen zu ſpät.“ „Bah!“ ſagte er, ſeine Uhr herausziehend,„wir haben noch Zeit. Warte einen Augenblick, mein Engel.“— Er fing an zu lachen. „Warum lachſt Du?“ fragte ſie. „Ueber den närriſchen Reichenbach. Er hat ſich auf Reiſen begeben.“ „Das iſt eine ſchlechte Zeit dazu.“ „Allerdings, aber es reiſt jetzt Alles. Auch mein geliebter Vetter Richard reiſt noch heut mit ſeiner holden Braut.“ „Mit Suſetten?“ „Nicht doch, Du liebes Gänschen! Suſette liegt Herz an Herz mit ihrem Ludwig.“ „Aber, Seehauſen!“ rief die hübſche Frau, was ſind das für Poſſen!“ „Luſtige Poſſen, nicht wahr? Das ganze Leben iſt ein Poſſenſpiel, doch ich ſehe, Du liebſt den Spaß nicht und wirſt ernſthaft dabei. Nun denn, mein Engel, Reichenbach hat ſich aufgehängt, die geiſtreiche Frau kann wieder in ein Ladenge⸗ ſchäft gehen. Richard heirathet das Fräulein Chriſtine von Feldheim, der tugendhafte Doctor nimmt Suſetten, die Tante und ihr Geld dazu, den ganzen Trödel. Da haſt Du den Spaß. Was aber mich betrifft, theuerſte Flora, ſo ſei ohne Sorge, ich gehe nicht von Dir. Leben iſt die Hauptſache, Engell allein die Luft ſagt uns beiden hier nicht länger zu. Deine Bruſt iſt ſchwach, ſehr ſchwach.“ Schwach? nein!“ ſagte ſie verwirrt. „Schwach, erbärmlich ſchwach würde ſie ſein, wenn Du vier oder fünf Treppen hoch ſteigen ſollteſt in eine Dach⸗ kammer, und Deine Augen, mein Mäuschen, Deine ſchö⸗ nen Augen— wenn Du nähen oder waſchen müßteſt bis in die Nacht hinein— was ſollte aus ihnen werden?!“ „Großer Gott! Seehauſen, was iſt geſchehen, was haſt Du gethan?“ flüſterte ſie mit wankenden Knieen und todtenbleich. 224 „Gethan? Nichts, Engel, nichts, als ſchlechte Geſchäfte gemacht. Die beſte Speculation kann fehl ſchlagen, aber was iſt verloren? Leben iſt die Hauptſache! Wir wollen leben, die Welt iſt groß.— Hier iſt es vorbei mit uns,“ fuhr er, den ſcherzhaften Ton aufgebend, fort,„denn wer weiß, was mor⸗ gen ſchon geſchieht! Man muß ſich niemals auf morgen ver⸗ laſſen, wenn man heute thun kann, was nöthig iſt. Wir müſſen —— uns trennen, Engel, wenn Du nicht mit mir gehen willſt.“ Die junge Frau ſchlug die Hände vor ihr Geſicht und 4 fing an zu weinen.„Entſetzlich!“ weinte ſie.„Iſt denn keine Hülfe?“ „Bah!“ ſagte er,„ſchäme Dich, Du wirſt keine Noth leiden, ich habe mich vorgeſehen. Ich laſſe den Eſeln hier nichts als den leeren Geldſchrank, bezahlt iſt er überdies noch nicht. Meine Taſchen aber ſind nicht leer, Engel. Wirf den Plunder von Dir, ſuche zuſammen, was Werth hat, Alles, was Gold und Silber oder Juwelen heißt, ſonſt nichts. In einer Stunde geht der Nachtzug nach Hamburg, mit dem gehen wir.“ „Und die Kinder?“ flüſterte ſie. „Verſteht ſich, für dieſe lieben Kinder ſorgen wir als rechtſchaffene Eltern auf's beſte. Komm in mein Zimmer, ſchreib an Deine Schweſter. Du wirſt einſehen, daß es nicht anders geht; ſiehſt Du es ein? Denke Dir, wenn Du in der Dachkammer wohnteſt! Denke Dir die geliebte Tante und ihre Zärtlichkeit.“ — ſ e. 3. 8* Her M=f2. 6—2 ree.. e n 9— 8 A eeee e hr V— Aℳ S e aa 7 2 ———— 1 Colour& Grey Sorutrol Chart Se Cyan Green vellow Hed Magenta